
                               Bernhardi, Sophie

                                    Evremont

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                                Sophie Bernhardi

                                    Evremont

                                  Erster Theil

                                    Vorrede

Dieser Roman, welchen ich dem Publikum bergebe, ist die letzte Arbeit meiner
verstorbenen Schwester Sophia1, welchen sie nur wenige Jahre vor ihrem Tode
vollendete. Mein Urtheil ber dieses Werk knnte ein partheiisches scheinen, und
ich enthalte mich daher, weitluftig ber diese Composition zu sprechen, oder
ihre Vorzge auseinander zu setzen. Der unpartheiische Kenner wird ohne meine
Erinnerung einsehn, mit welchem Flei und mit welcher Liebe dieses Werk, welches
die Verfasserin so manches Jahr beschftigte, ausgefhrt ist. Wenn die Dichterin
in ihren frheren Produkten nur Traum- und Mhrchenwelt darzustellen strebte,
oder ein schnes Gedicht des Mittelalters neu erzhlte, so hat sie in diesem
Roman ihre Ansichten der Welt und der Menschen und vielfache erfahrungen
niedergelegt. Die denkwrdigsten Jahre der neuen Geschichte bilden den
Hintergrund dieses groen, mit mannichfachen, wechselnden Figuren ausgestatteten
Gemldes, und die Erzhlung, die gut angelegt ist, hebt sich aus dem klaren
Vordergrund, und das Interesse wchst mit jedem Kapitel. Die Erinnerungen eines
jeden, welcher beobachten konnte und richtig schildern kann, werden aus jener
merkwrdigen Periode ein gewisses Interesse haben, und seine Worte werden um so
eindringlicher sein, wenn ihm die Gabe verliehen ist, diese Bilder und
Ereignisse in ein mehr oder minder knstliches Gewebe einzuflechten. Eine solch
Darstellung, ergiet sie sich aus einem reichen und vollen Gemth, wird sie
nicht durch Eigensinn und Vorurtheil beschrnkt, hat, auer dem poetischen,
theilweise einen geschichtlichen Werth. Diese freie, deutsche Gesinnung
offenbart sich in diesen Blttern, die ich hier dem Publikum bergebe, mit dem
Wunsche, da die Freunde der Wahrheit, da der gebildete Leser sie nicht
unbefriedigt aus der Hand legen mgen. Auch hoffe ich, da diese Darstellung das
Andenken der Verfasserin bei ihren wohlwollenden Freunden erneuen wird, und da
ihr Name denen wird zugesellt werden, die das Schne, Edle und Gute erkannten
und es, so viel unsere geschrnkten Krfte vermgen, erstrebten.
                                                                   Ludwig Tieck.

                                       I


Im Sptherbst, wenn die Nebel schwer und feucht an den Bergen hngen, wenn die
Sonnenstrahlen nur noch matt das graue Gewlk durchdringen, und die Natur keinen
erheiternden Anblick mehr gewhrt; dann ist der Mensch am Leichtesten geneigt,
alle traurigen Erinnerungen in seine Seele zurck zu rufen, und unwillkhrlich
bildet sich so seine innere Stimmung nach den Eindrcken, die er von auen
empfngt. In den letzten Tagen des Novembers im Jahre 1806, an einem solchen
traurigen Herbstabend, sa die Grfin von Hohenthal mit ihrer Nichte, Frulein
Emilie von Stromfeld, am Theetisch, im Besuchzimmer des alten Schlosses
Hohenthal. Die hohe Gestalt der Grfin, ihre wrdige Haltung, die dunkeln
durchdringenden Augen, die edeln Formen des Gesichts lieen, obgleich durch
zunehmende Magerkeit etwas zu scharf gezeichnet, dennoch deutlich erkennen, mit
welch einem hohen Grade von Schnheit die Natur ihre Jugend geschmckt haben
mute, und noch jetzt, obgleich sie vierzig Jahre zhlte, durfte sie Anspruch
auf jene wrdevolle Schnheit machen, die oft noch lange bleibt, wenn der Reiz
der Jugend auch verschwunden ist.
    Der Zug des Schmerzes um den Mund und die blasse Gesichtsfarbe zeugten von
vergangenen Leiden, so wie die fest geschlossenen Lippen des feinen Mundes auf
einen entschiedenen Charakter deuteten. Frulein Emilie, ihre Nichte, war kaum
achtzehn Jahre alt, in der Blthe der Jugend und Schnheit, schlank, leicht,
fein gebaut, so zart, da die leiseste Bewegung des Gemths eine Vernderung
ihrer Gesichtsfarbe hervorbrachte; ihr frischer Mund lchelte mit unglaublicher
Anmuth und verrieth im Lcheln die Neigung ihres Gemths zur Heiterkeit, so wie
die groen dunkelblauen, von langen seidnen Wimpern beschatteten Augen deutlich
zeigten, da ihr auch das Leid des Lebens nicht fremd geblieben war; die reiche
Flle der schnen, glnzenden blonden Haare erhhte den Reiz dieser lieblichen
Gestalt.
    Beide Frauen saen stumm da, Emilie mit einer Handarbeit beschftigt, von
der sie von Zeit zu Zeit aufsah, um einen theilnehmenden Blick auf die Grfin zu
richten, die, in sich versenkt, Alles um sich zu vergessen schien. Es ist heute
ein trauriger Abend, unterbrach endlich Emilie das Schweigen mit ungewisser
Stimme, der Herbst kndigt sich uns recht schwermthig an; die Grfin fuhr beim
ersten Tone nach der langen Stille erschreckt zusammen, und zeigte dadurch
deutlich, da ihre Gedanken sie so sehr beschftigt hatten, da die Gegenwart
des Fruleins gnzlich von ihr war vergessen worden. Sie hrte nur halb auf
Emiliens Bemerkung, stand auf, ging ein Paar Mal durch das Zimmer und sagte dann
mit einem halb bittern, halb schmerzlichen Lcheln: An einem solchen Abende,
glaube ich, wrde auch der begeistertste Freund der schnen Natur und des
einfachen Landlebens in seiner Vorliebe ein wenig wankend werden, und sich im
Stillen wenigstens, wenn er sich schmte es laut zu gestehn, nach dem
leichtsinnigen Gerusche der Stadt sehnen, nach Gesellschaft, die er oft
langweilig genannt hat, nach Schauspiel, wenn es auch mittelmig wre und die
Forderungen der Kunst keineswegs befriedigte, kurz, nach allem Dem, was wir
immer so hochmthig sind verachten zu wollen, und was doch kein gebildeter
Mensch entbehren kann.
    Ehedem, bemerkte Emilie, war das Leben auf dem Lande heiterer, man brachte
wohl schwerlich einen solchen Abend einsam zu; mehrere Familien aus der
Nachbarschaft vereinigten sich, man lachte und scherzte die dstern Stunden
hinweg, und ehe man es dachte, war Herbst und Winter verschwunden, und der
Frhling mit allen seinen Blthen entzckte uns von Neuem. Es ist traurig, da
Ihr erster langer Aufenthalt auf dem Lande grade in eine so ungnstige Zeit
fllt. Der Krieg hat alle Menschen ngstlich gemacht, es wagt sich beinahe
Niemand heraus, und wenn sich auch eine Gesellschaft vereinigt, so fehlt doch
die ehemalige Heiterkeit.
    Die Grfin unterdrckte eine Antwort, die sie geben, oder eine Bemerkung,
die sie machen wollte, und sagte nur seufzend: ich wollte, gutes Kind, Du
knntest mich zerstreuen.
    Wrde Musik Sie vielleicht erheitern? fragte Emilie, indem sie aufstand und
sich dem Instrumente nherte. Um Gottes Willen nicht, erwiederte die Grfin, in
meiner jetzigen Stimmung wrde Musik mein Gefhl beleidigen.
    Soll ich Ihnen vorlesen? fragte Emilie ein wenig schchtern. Lesen, sagte
die Grfin mit Bitterkeit, lesen statt leben, es ist die allgemeine Meinung
unserer Zeit, wir verschleudern unser eigenes Leben, um das eingebildeter
Personen zu lesen; nun so la uns denn so thricht sein, wie alle Andern, nimm
ein Buch und lies mir vor, nur bitte ich Dich keine Poesien, la es schlichte
gewhnliche Prosa sein, woran wir uns ergtzen wollen.
    Wer sollte wohl in dieser Aeuerung, sagte Emilie lchelnd, die
leidenschaftliche Verehrerin der Poesie wiedererkennen?
    Eben weil ich die Poesie verehre, versetzte die Grfin, soll sie nicht in
meiner jetzigen Stimmung vergeudet werden. Ich vermag heute nicht Aufmerksamkeit
genug darauf zu verwenden, um die Schnheit eines Gedichtes heraus zu hren, und
in solchem Zustande ist ein Roman das Beste, was man lesen kann.
    Ich habe nicht geglaubt, sagte Emilie, da Sie auch so gering von dem Romane
dchten, wie die meisten gelehrten Recensenten, und nun, da es doch so scheint,
werde ich in meiner eignen Ansicht irre.
    Wer sagt Dir, da ich gering von dem Roman denke? fragte die Grfin; doch,
fuhr sie fort, la Deine Ansicht ber ihn hren.
    Sie wollen ber mich lachen, antwortete Emilie, und wenn es Sie erheitern
kann, will ich mich gern Ihnen so gegenberstellen, als knnte auch ich ein
Urtheil haben.
    Gar zu bescheiden, sagte die Grfin, Du weit, meine Liebe, auch das Gute
mu man nicht bertreiben.
    Emilie errthete ein wenig und sagte dann: jetzt wird es mir in der That
schwer, eine Ansicht zu entwickeln, die ich vor Kurzem noch mit so viel Klarheit
in mir hatte; aber ich dchte, die Romane wren dewegen so allgemein beliebt,
weil sie uns in der That die Gesellschaft am Meisten ersetzen; wir leben im
Kreise der Menschen, die uns dargestellt werden, wir kennen die Gegend, in der
sie leben, ihre Huser und Hausgenossen, es entwickelt sich ihr Charakter vor
uns, sie vertrauen uns ihr Glck und ihre Leiden an, und ist ein Buch beendigt,
so habe ich wenigstens das Gefhl, als ob ich aus einer Gegend abreiste, worin
ich viele Freunde und interessante Menschen zurcklasse, wo mir auch die
komischen Figuren ihr Herz entfaltet haben und so mir lieb geworden sind, und
selbst die bsartigen sich so gezeigt haben, da ich sie entweder beklagen oder
bewundern mu.
    Du sprichst von guten Romanen, sagte die Grfin, aber selbst die
mittelmigen besitzen noch Vieles von diesen Reizen, und wenn uns ein wahrhaft
elender in die Hnde fllt, der uns in gar zu langweilige oder zu schlechte
Gesellschaft versetzt, so giebt es nichts Leichteres, als sich hier
zurckzuziehen, denn nichts weiter ist nthig, als da wir das Buch wegwerfen.
Nimm denn also einen Roman und lies; la uns versuchen, ob wir uns fremde
Menschen, eine andere Gesellschaft herzaubern und darber uns selbst vergessen
knnen.
    Emilie richtete einen traurigen Blick auf die Grfin und wollte sich
entfernen, um ein Buch zu holen; die Grfin aber nahm sie bei der Hand und sagte
mit milder Stimme: Ich qule Dich, gutes Kind, durch meine heutige Laune, aber
glaube mir, es liegt mir so Manches drckend auf dem Herzen, da, wenn ich
darber sprche, Du mich bedauern und gern Geduld mit mir haben wrdest.
    Sie frchten vielleicht, sagte Emilie mit einiger Beklemmung, da die Feinde
dennoch durch die Bergschlucht dringen und uns hier beunruhigen werden, obgleich
der Onkel es fr unmglich hielt. Nicht diese Sorgen qulen mich am Meisten,
erwiederte die Grfin, obgleich ich frchte, da es mglich ist, und da, wenn
es geschieht, ein groer Theil unseres Vermgens verloren gehn kann, was doch
auch nicht gleichgltig von uns betrachtet werden darf; Emilie schwieg und die
Grfin fuhr fort: Man braucht nicht geizig zu sein, um einen groen Werth auf
ein bedeutendes Vermgen zu legen, das, indem es den Rang untersttzt, den wir
in der Welt einnehmen, unsere Unabhngigkeit sichert, und gewi hat man nur in
der Jugend die Gromuth, alle irdischen Gter zu verachten, weil man weder ihren
wahren Werth, noch ihren rechten Gebrauch kennt. Der edelste, uneigenntzigste
Mensch wird sich gedrckt fhlen, wenn Mangel an Vermgen ihn von Andern
abhngig macht.
    Emilie konnte einen leisen Seufzer nicht unterdrcken, und die tiefe Rthe,
die sich ber ihre Wangen verbreitete, verrieth der Grfin ihre Gedanken. Emilie
fhlte sich errathen, und die schne Rthe stieg bis zur reinen Stirn empor,
indem die Augen sich senkten und Thrnen darin hinter den langen Wimpern sich
verbargen. Es schmerzte die Grfin, ihre junge Freundin verwundet zu haben; sie
legte den Arm um ihre Schulter und ging so mit ihr durch das schwach erleuchtete
Zimmer, damit Emilie in der grten Entfernung von den Lichtern die Thrnen
unbemerkt in den Augen zerdrcken konnte. Ich meine, fuhr die Grfin nach einem
kurzen Schweigen fort, es wrde mir schmerzlich sein, wenn unser Vermgen so
zerrttet wrde, da der Graf gezwungen wre, die Unabhngigkeit aufzugeben, die
ihm so theuer ist, und die knnte geschehen, wenn ein feindlicher Einfall die
Gter zerstrte; doch aber noch ein anderer Kummer liegt mir auf dem Herzen, der
mich mehr als diese Sorgen qult.
    Beide Frauen waren an einem Fenster stehen geblieben und sahen in die dunkle
Nacht hinaus; ein feiner Regen schlug gegen die Fenster, die Sterne waren durch
schwarze Wolken verhllt, und kein Gegenstand lie sich drauen unterscheiden.
Ich hoffe, sagte die Grfin, wir werden allein bleiben, obgleich die Einsamkeit
mir heute sehr drckend ist, denn ich wnsche nicht, da der Graf, bei dieser
unfreundlichen Witterung, in der dunkeln Nacht den Weg ber das Gebirge zurck
machen mge. Er wollte aber nicht die Nacht in Heinburg bleiben, versetzte
Emilie. Es ist unrecht, erwiederte die Grfin mit kaum bemerklichem Lcheln, da
der gute alte Baron mit seinen unschuldigen Thorheiten ihm so sehr zuwider ist;
ich hoffe aber, er wird heute lieber einige von dessen etwas weitluftigen und
nchternen Geschichten anhren, als bei diesem Wetter den Rckweg unternehmen
wollen.
    Schimmert nicht ein Licht dort unten im Thale? fragte Emilie. Wo? rief die
Grfin.
    Dort, links vom Schlosse, erwiederte jene, mich dnkt, es bewegt sich aus
der Schlucht her, auf dem Wege, den der Onkel kommen mu.
    Die Grfin schaute aufmerksam nach der Gegend hin, und in der That bemerkte
man nun mehrere Lichter, die sich auf dem Wege um eine dunkle Masse zu bewegen
schienen. Die Dunkelheit der Nacht machte es unmglich, einen Gegenstand zu
unterscheiden, da selbst die Lichter nur matt und trbe durch den fallenden
Regen schimmerten.
    Die Grfin zog heftig die Klingel und befahl dem eintretenden Bedienten, vom
Schlosse aus mit mehreren Leuten den Lichtern entgegen zu gehn und eilig zu
berichten, Wer da komme, und ob diese unvermutheten Gste das Schlo zu besuchen
gedchten. Aengstlich blieben beide Frauen am Fenster stehen, und man bemerkte
nun bald, wie mehrere Menschen aus dem Schlosse mit Laternen dem Zuge entgegen
eilten, der sich offenbar dem Schlosse nherte. Einige Diener kehrten bald
zurck und berichteten, es sei der Herr Graf, begleitet von mehreren Bauern aus
einem nahe gelenen Dorfe, die einen Mann auf einer Bahre nach dem Schlosse
trgen.
    Bestrzt blickte die Grfin auf Emilie, wickelte sich dann in ihren Shawl
und befahl zu leuchten. Emilie folgte der Grfin; Bediente gingen mit Lichtern
voran, und so stiegen beide Frauen die groe Treppe des Schlosses hinunter; die
Flgelthren des Hauses wurden geffnet, und in demselben Augenblicke auch mit
groem Gerusch das Thor des Hofes; der Graf sprengte, begleitet von einem
Reitknechte, herein und warf sich sogleich vom Pferde, als er die Grfin
bemerkte, die im offenen Thore des Hauses stand, auf Emilie gelehnt, und hinter
beiden mehrere Bediente mit vielen Lichtern. Der untere Raum des Hauses fllte
sich bald mit der Dienerschaft des Schlosses, die Neugierde, vermischt mit
Furcht, herbei fhrte.
    Der Graf warf einem Bedienten seinen von Regen durchnten Mantel zu, trat
dann eilig zu der Grfin und sagte, indem er ihre Hand fate: Es ist nichts,
meine Liebe, das Sie beunruhigen drfte, der junge Mann ist im Walde ohnmchtig
und beinahe an seinen Wunden verblutend gefunden worden. Da ich glaubte, da wir
hier am Besten im Stande wren, ihm wirksame Hlfe zu leisten, so habe ich ihn
hieher tragen lassen. Er scheint, nach der Uniform zu urtheilen, ein
franzsischer Officier zu sein, also zur feindlichen Armee gehrig, doch kann
die kein Hinderni sein, ihm alle Hlfe zu leisten, die in unsern Krften
steht.
    Kaum hatte der Graf diese eilige Erklrung gegeben, als sich die Lichter,
welche die Frauen vom Fenster des Schlosses ans bemerkt hatten, zum Thore des
Hofes hinein bewegten. Voran ging der Schulze des Dorfes, ein junger, krftiger
Mann; er trug in einer Hand eine Laterne und mit der andern nahm er seine mit
Pelz verbrmte sonntgliche Mtze ab, um, indem er sich tief vor der Grfin
verbeugte, zugleich mit einer heftigen Bewegung den Regen davon abzuschtteln.
Mehrere Bauern trugen eine Bahre, auf der der Verwundete lag, und welche von
andern, die Laternen mit brennenden Lichtern in den Hnden trugen, umgeben war.
Auf den Befehl des Grafen wurde die Bahre mit dem Verwundeten nun durch das
offne Thor des Schlosses getragen; die Grfin zog sich an die Mauer zurck, um
den Trgern Raum zu lassen, und warf einen Blick auf den Kranken, indem er vor
ihr vorbeigetragen wurde. Er lag auf Kissen in Decken gehllt und schien vllig
leblos zu sein; so wie die Grfin die Augen auf ihn richtete, zuckte ein
schmerzlicher Schrecken durch ihren Krper; sie bedeckte die Augen mit ihrer
Hand, und der fest geschlossene Mund zeigte, da sie nach Fassung rang. Emilie
berhrte leise den Arm der Grfin und fragte theilnehmend: Ist Ihnen nicht wohl?
Es ist nichts, sagte die Grfin, indem sie ihre dunkeln Augen schnell wechselnd
auf verschiedene Gegenstnde richtete, um durch eine augenblickliche Zerstreuung
einen gewaltsamen Eindruck zu bekmpfen; dann suchten ihre Augen mit einer
gewissen Besorgni den Grafen, der aber zu sehr mit dem Kranken beschftigt war
und in diesem Augenblicke nicht auf die Frauen achtete.
    Es wurde nun schnell ein Zimmer im Schlosse bereitet; der Graf rief nach dem
Arzte des Hauses, und die Gesellschaft wurde durch den Prediger des Dorfes
vermehrt, der als ein vorsichtiger Reiter seinen Weg so langsam gemacht hatte,
da ihm sogar die Bauern, welche den Kranken trugen, vorgeeilt waren. Er ritt in
diesem Augenblicke zum Thore des Hofes ein, von einem Knechte begleitet, der ihm
eine Laterne vortrug und ihm nun den Steigbgel hielt. Langsam und bedchtig
stieg der Pfarrer ab, und sein kleines, mageres Pferd wurde von dem Knechte ohne
Weiteres nach dem Stalle gefhrt, indem der Geistliche ihm mit etwas heiserer
Stimme noch verschiedene Vorsichtsmaregeln nachrief, wenn das Pferd etwa hei
sein sollte, was sich bei dem langsamen Ritt in einer kalten, regnigten Nacht
kaum vermuthen lie; auch schien das Pferd berhaupt nicht so viel Sorgfalt zu
verdienen, noch auch sonst zu genieen, denn sein Bau und ganzes Ansehen
verrieth, da es eben sowohl zum Pflgen und jeder anderen Arbeit, als zu den
Spazierritten des Pfarrers gebraucht wurde. Nachdem der bedchtige Reiter auf
diese Weise fr sein getreues Ro gesorgt hatte, nherte er sich so eilig, als
es ihm Mantel, Ueberrock und sonstige Verhllungen seiner Person erlaubten, der
Grfin, die sich nun vllig wieder gefat hatte und den Prediger mit gewohnter
Hflichkeit bewillkommnete.
    Der Kranke war inde in ein Zimmer des untern Stockwerkes gebracht worden,
wohin der Graf, begleitet vom Arzte, folgte, und der Prediger eilte, von
Theilnahme und Neugierde getrieben, ebenfalls zu dem Verwundeten; die Grfin zog
sich nach ihrem Zimmer zurck, und Emilie ging, um der Haushlterin alle
Auftrge zu geben, die, um den Zustand des Kranken zu erleichtern, nthig waren.

                                       II


Nachdem der Arzt die Wunden des Kranken untersucht hatte, die von verschiedenen
Sbelhieben herzurhren schienen, bemerkte er, da er sie an sich nicht fr
tdtlich hielte, da ihm aber der Zustand des Kranken dennoch gefhrlich
schiene, durch die starke Verblutung sowohl, als durch seine heftige Erkltung,
da er wahrscheinlich lange hflos im Walde gelegen htte, der rauhen Jahreszeit
und der unfreundlichen Witterung Preis gegeben. In der That gab der Verwundete
nur schwache Zeichen des Lebens und schlug erst nach langer Zeit die groen
dunkeln Augen auf, doch ohne da er irgend etwas von den Gegenstnden um sich zu
bemerken schien. Der Pfarrer leistete dem Arzte alle mgliche Hlfe in der
Behandlung des Kranken und verrieth eben so viel Theilnahme fr den Verwundeten,
als Kenntni der Wundarzneikunst. Nachdem der Kranke versorgt war, und der Arzt
die nthigen Verhaltungsregeln gegeben, vor Allem verordnet hatte, da man den
Kranken auf keine Weise zum Sprechen reitzen msse, eine Verordnung, die dem
Pfarrer sehr unangenehm war, obgleich er ihre Nothwendigkeit einsah, kehrten
Alle in das Gesellschaftszimmer zurck. Die Grfin zeigte nichts von der trben
Stimmung, der sie sich berlassen hatte, als sie mit Emilie allein war, und
fragte mit Theilnahme nach dem Verwundeten.
    Der Graf unterrichtete sie von seiner gefhrlichen Lage und sagte, es wre
wohl gut, wenn Dbois die Sorge fr ihn bernehmen wollte; es wrde dem alten
Manne zwar beschwerlich sein, inde bei seiner Gutmthigkeit und Theilnahme fr
alle Unglcklichen, glaube ich, wrde er es gern thun, besonders da der
Verwundete sein Landsmann ist, der wahrscheinlich keine andere, als die
franzsische Sprache zu reden versteht und sich folglich keinem von der
Dienerschaft verstndlich machen kann. Die Grfin zog die Klingel, und der
Pfarrer sagte vorschnell: So sollten der Herr Graf ihm befehlen, die Nacht bei
dem Kranken zu wachen. Ich befehle nicht gern einem alten Manne, sagte der Graf
hflich, doch ein wenig verdrlich, der mehr aus Anhnglichkeit an uns in
meinem Hause lebt, als aus einem andern Grunde, und den ich niemals wie einen
Bedienten betrachte. Man konnte berhaupt bemerken, da sowohl der Graf, als die
Grfin ein uneingeschrnktes Vertrauen zu dem alten Dbois hatten, der die
Verrichtungen eines Kammerdieners und eines Haushofmeisters, wie es schien,
freiwillig bernahm, denn wenigstens der Graf richtete nie einen Befehl an ihn,
sondern drckte seinen Willen als Wunsch aus und lie ihn so gewhnlich durch
die Grfin an den alten Mann gelangen, der auch bei aller Ehrerbietung, die er
gegen den Grafen zeigte, doch eigentlich nur die Grfin als seine Herrschaft
betrachtete. Dem Bedienten, der auf den Ruf der Klingel eingetreten war, sagte
die Grfin, er solle Herren Dbois bitten, einen Augenblick zu ihr zu kommen.
    Der Pfarrer, ein Mann ohne feine Erziehung, der in seiner Umgebung sich zu
beherrschen nicht gelernt hatte, lie durch seine Mienen, die eine schlaue
Verwunderung ausdrckten, und durch das halbe Lcheln, mit dem er den Arzt
ansah, deutlich merken, wie sehr ihn diese Art, mit seiner Dienerschaft
umzugehen, befremdete.
    Nach wenigen Augenblicken trat der alte Haushofmeister mit einer hflichen
Verbeugung ein und hielt sich ehrerbietig nah an der Thre. Es war unmglich,
beim ersten Blicke, den man auf ihn richtete, dem alten Manne Wohlwollen und
Zutrauen zu versagen. Seine hohe Stirn zeugte von einer so einfachen Redlichkeit
des Gemths, die grauen Augenbraunen beschatteten so gutmthige Augen, die
wenigen grauen, sorgfltig gepuderten Haare erweckten Theilnahme fr sein Alter,
und eine Trauer in seinem Gesichte, die niemals verwischt wurde, obgleich er bei
jeder Rede ein wenig lchelte, verrieth mehr Tiefe des Gemths, als man bei
gewhnlichen Dienern findet. Es war bekannt, da er die franzsische Revolution
mit allen ihren Folgen verabscheute, und er dehnte diesen Abscheu auf Alles,
sogar auf die jetzige Kleidertracht aus, die, wie er meinte, auch eine Folge der
Revolution sei. Er also war der alten guten Zeit getreu geblieben, wie in seinem
Innern, so auch in seinem Aeuern, und ihn schmckte noch ein brauner Rock mit
seidenem Futter und goldgesponnenen Knpfen, wie es sich fr einen
Haushofmeister aus dieser guten Zeit ziemte. Seine Haare waren frisirt und
gepudert und hinten in einem zierlichen Haarbeutel vereinigt, er steckte, wenn
er vor seine Herrschaft trat, drei Finger seiner rechten Hand in die mit Seide
und ein wenig Gold gestickte, atlane Weste, inde er den Hut unter dem linken
Arme hielt, auch erlaubte er sich nie anders, als in seidnen Strmpfen, vor der
Grfin zu erscheinen. So belehrte er die Bedienten des Hauses, mit solcher
Ehrerbietung behandelte man ehedem seine Herrschaft und zeigte dadurch
ffentlich der Welt, da man Leuten von hoher Geburt diente, die durch ihre
edeln Eigenschaften unsere tiefste Verehrung verdienten. Aber jetzt, seufzte er
dann oft, jetzt ist freilich Alles anders, seit der unglcklichen Revolution
kmmert sich kein Diener mehr darum, von welcher Geburt seine Herrschaft ist,
auch sind ihm ihre Eigenschaften gleichgltig, Geld und Lohn wird jetzt allein
bercksichtigt. Wahrhaft gekrnkt konnte der alte Mann sein, wenn auf solche
Rede ein leichtsinniger Bedienter antwortete: Natrlich, was geht mich die
Herrschaft an, Wer am Besten bezahlt, dem diene ich am Liebsten, und mich
kmmert es wenig, was er ist oder wie er ist. Wenn er solche Antworten auf seine
wohlgemeinten Reden erhielt, dann zog er sich gewhnlich auf sein Zimmer zurck
und las Anekdoten aus der guten alten Zeit, von treuen Dienern und edeln Herren,
und Niemand wrdigte so sehr, als er, den bekannten Haushofmeister des groen
Cond, der sich in Verzweiflung selbst entleibte, weil er glaubte, er wrde den
Knig nicht so bewirthen knnen, wie es die Ehre seines Herren erforderte.
    Diesem Dbois nherte sich nun die Grfin und fragte, indem sie ihn mit
ihrem gewhnlichen durchdringenden Blick ansah, mit etwas leiser Stimme: Haben
Sie den verwundeten Officier schon gesehen? Ja, gndige Grfin, erwiederte der
alte Mann, indem er sich verbeugte, ich habe ihn gesehen. Er richtete einen
schnellen traurigen Blick auf die Grfin, indem er diese wenigen Worte sagte,
der Niemand sonst auffiel, der aber die Grfin so bewegte, da sie mit wankender
Stimme sagte: Der Graf wnscht, lieber Dbois, Sie mchten die Sorge fr den
Kranken bernehmen, wenn es Ihre Krfte und Ihre Gesundheit erlauben, das heit,
fgte sie erklrend hinzu, Sie mchten die Oberaufsicht fhren, damit ihm nichts
mangle, und da er wahrscheinlich nur franzsisch reden wird, und folglich
Niemand von der Dienerschaft ihn verstehen kann, seine Wnsche von ihm erfahren
und dann den Bedienten die nthigen Befehle geben. Ich habe den gndigen Herren
Grafen schon um die Erlaubni bitten wollen, antwortete der alte gutmthige
Mann, fr die Pflege des Kranken zu sorgen; denn, sezte er mit einem Seufzer
hinzu, wenn ich auch sonst keine Theilnahme fr ihn htte, so ist er doch ein
Franzose, zwar ein Franzose aus der jetzigen Zeit, aber doch immer ein Sohn
meines Vaterlandes, und das ist fr mich hinreichend, um fr ihn wie fr einen
eigenen Sohn zu sorgen. Ich wute, da Sie so denken, sagte der Graf, indem er
ihm freundlich auf die Schulter klopfte, und Sie erzeigen mir eine wahre
Geflligkeit dadurch, da Sie die Pflege des jungen Mannes bernehmen, denn nun
kann ich vllig sicher sein, da nichts versumt wird, und in seiner
gefhrlichen Lage alle Vorschriften des Arztes genau befolgt werden. Dieser war
nun auch hinzugetreten, und da er vernommen hatte, da Dbois die Krankenpflege
bernehmen wollte, so behandelte er ihn von diesem Augenblicke an halb als einen
Amtsgenossen, halb als einen Untergebenen; er gab ihm ohne Umstnde eine Menge
Auftrge, was er alles fr den Kranken thun sollte, und fgte bei jedem Auftrage
die Ursache hinzu, warum Dieses und Jenes geschehen msse. Dbois hrte Alles
geduldig an und blieb in seiner hflichen Fassung, doch als der Arzt endlich im
Eifer der Rede einen Knopf der atlaenen Weste fate, und indem er heftig daran
zog, ihm einschrfte, alles Sprechen des Kranken zu verhindern, wurde der alte
Mann ungeduldig, entzog sich mit einer geschickten Bewegung den Hnden des
Arztes und verlie mit einer Verbeugung das Zimmer, indem er sich kaum enthalten
konnte zu bemerken, da ehedem, vor der Revolution, auch die Aerzte besser
erzogen gewesen wren, und nur die eigene gute Lebensart ihm die Kraft gab,
diese unfeine Bemerkung zu unterdrcken.
    Der Graf wendete sich nun an den Prediger mit der Bitte, die Nacht auf dem
Schlosse zu bleiben, um ihm am andern Morgen beizustehn, den nthigen Bericht an
die Regierung ber den Verwundeten aufzusetzen; mein Beamter, sagte er, ist in
diesem Augenblicke abwesend, und ich, fgte er lchelnd hinzu, bin erst seit so
kurzer Zeit hier, da ich vllig fremd in den Geschften bin. Der Prediger war
sehr gern bereit, allen Beistand zu leisten, und nachdem auch seine Sache
abgemacht war, und man den Befehl ertheilt hatte, den Schulzen und die Bauern
auf's Beste zu bewirthen, begab sich die Gesellschaft nach dem Speisezimmer, um
sich nach den Beschwerden des Tages bei einer wohl zubereiteten Abendmahlzeit zu
erholen.
    Da wir nun ein wenig zur Ruhe gekommen sind, sagte die Grfin, so bitte ich
Sie, uns doch mitzutheilen, wo Sie den Verwundeten in so klglichem Zustande
gefunden haben.
    Sie wissen, erwiederte der Graf, da unser guter Nachbar, der Baron Lbau,
nicht mit mir ber die Grenzen unserer Besitzungen einig ist, und da ich, da
mir der Zustand der Ungewiheit im Groen, wie im Kleinen zuwider ist, und ich
Streitigkeiten verabscheue, mich entschlo, trotz der ungnstigen Witterung, mit
ihm nach der Gegend hinzureiten, um wo mglich an Ort und Stelle Alles
auszugleichen. Wir machten den Ritt mit einander, und auf einer kleinen, von
waldbewachsenen Hgeln umgebenen Flche, mitten im streitigen Grenzlande, fanden
wir den unglcklichen jungen Mann; wir entdeckten, da wir untersuchten, noch
Spuren des Lebens, ich hllte ihn in meinen Mantel und ritt nach dem nchsten
Dorfe, um Hlfe herbei zu rufen; der Herr Prediger war so gut mich zu begleiten,
wir boten den Schulzen und die Bauern auf, und eilten, so schnell es sich thun
lie, nach dem Walde zurck. Der gute Baron war inde bei dem Verwundeten
geblieben, er hatte ihn mit Hlfe des Bedienten auf eine trockene Stelle
gebracht und suchte ihn gegen den Regen so viel als mglich zu schtzen. Der
Kranke hatte die Augen einigemale aufgeschlagen, und ein dumpfes Sthnen zeigte,
da er noch lebte; der Herr Pfarrer verband in der Eile seine Wunden, wir legten
ihn auf Kissen und hllten ihn in Decken, und ich nahm meinen Mantel zurck. Als
der Verwundete auf der Bahre lag, trat der Baron davor, und indem er feierlich
um sich blickte, fragte er, wohin nun mit ihm? Es kme dem zu, fr ihn zu sorgen
und der Regierung darber zu berichten, auf dessen Grund und Boden er gefunden
worden, allein wessen ist der Grund und Boden? Ich bemerkte, da meine Wohnung
nher liege, als das Schlo des Barons, so wollte ich mich der Pflege des
Verwundeten annehmen. Sehr wohl, erwiederte der Baron, aber ohne da dadurch ein
Recht auf diesen Grund und Boden entsteht; wenn Sie es blo als eine Handlung
der Menschlichkeit und nicht als eine Posse-Ergreifung betrachten wollen, so
bin ich zufrieden, da Sie ihn fortbringen lassen. Ich gab feierlich mein Wort,
auf die Handlung kein Recht zu begrnden; der Herr Pfarrer war Zeuge unseres
Vertrags, und danach sezte sich der Zug in Bewegung. Wir hielten im Dorfe an,
der Herr Pfarrer suchte dem Kranken einige strkende Mittel einzuflen, wir
versahen uns mit Lichtern, und so erreichten wir endlich nach manchen
ngstlichen Augenblicken das Schlo.
    Und hier, rief der Arzt mit Hastigkeit, wird nun der junge Mann unter meinen
Hnden entweder genesen oder sterben.
    Eines von beiden, erwiederte der Graf, wird wahrscheinlich eintreten, doch
hoffe ich von seiner Jugend und Ihrer Geschicklichkeit das Beste.
    Es steht schlimm um ihn, bedenklich schlimm, sagte der Arzt, indem er die
Augen fest zudrckte und den Kopf auf die linke Schulter senkte. Aber warum,
fuhr er nach einem kurzen Schweigen den Pfarrer an, warum haben Sie ihn nicht
lieber in ihrem Hause behalten? Der lange, beschwerliche Weg ber das Gebirge
hat die Krfte des armen Kranken noch vollends erschpft und gewi seinen
Zustand sehr verschlimmert.
    Ich dachte, sagte der Pfarrer mit einiger Verlegenheit, da Sie hier im Hause
sind, und rztliche Hlfe das Wichtigste fr den jungen Mann ist, da es am
Besten sei, wenn er unter Ihren Augen wre.
    Nichts, nichts! rief der Arzt, Sie selbst verstehen recht viel von der
Kunst, Sie htten ihn gut pflegen knnen, Sie htten die Einsichten gehabt, alle
nthigen Mittel richtig anwenden zu knnen, es wre dem Kranken nichts bei Ihnen
abgegangen.
    Aber, sagte der Pfarrer verdrlich, Sie htten nicht so oft nach ihm sehen
knnen, und das ist doch das Wichtigste.
    Ich htte mir, rief der Arzt, mein Pferdchen satteln lassen, schnell wre
ich des Morgens bei Ihnen gewesen; was mach ich mir aus Beschwerde! Und htte
ich hier keinen Kranken gehabt, und das Wetter wre zu schlecht gewesen, so wre
ich die Nacht bei Ihnen geblieben, das htte sich Alles machen lassen, und Sie
haben immer unrecht daran gethan, den armen Menschen so weit, auf so schlechten
Wegen, bei solchem Wetter und in einem so elenden Zustande fortschleppen zu
lassen.
    Der Arzt ahnte nicht, wie sehr er den Pfarrer qulte, denn er wute nicht,
da dieser zwar hchst dienstfertig war und alle Hlfe leistete, so lange blo
seine Thtigkeit in Anspruch genommen wurde, da er sich aber augenblicklich
zurck zog, wo seine Hlfsleistungen ihm Kosten verursachten oder
Verantwortlichkeit zuziehen konnten. Als man dehalb vor seinem Hause mit dem
Verwundeten anhielt, kmpfte er in der That mit sich, ob er ihn nicht aufnehmen
sollte, denn er sah das Gefhrliche seines Zustandes wohl ein, inde die Furcht
vor Kosten und Verantwortlichkeit trug den Sieg ber seine Menschenliebe davon,
und er folgte dem Zuge mit banger Sorge, denn ihn qulte die Furcht, der Kranke
mchte unterwegs sterben, und es war ihm eben so peinlich, daran zu denken, was
auf den Fall alle seine Pfarrkinder von ihm sagen mchten, als wie sehr ihn sein
eigenes Gewissen beunruhigen wrde. Der Graf suchte den Pfarrer von den
Vorwrfen des Arztes zu erlsen, indem er erklrte, er, als der Grundherr, wrde
es nicht wohl haben zugeben knnen, da der Verwundete, der ein feindlicher
Offizier scheine, sich anderswo, als unter seinen Augen aufhielte, so lange, bis
eine Bestimmung ber ihn von der Regierung eintrfe. Der Arzt schwieg zwar einen
Augenblick, wendete sich aber gleich wieder zum Pfarrer und rief: Ich htte mir
den Kranken nicht entgehen lassen, Sie haben immer unrecht gethan!
    Nach aufgehobener Tafel zogen sich die Frauen in ihre Zimmer zurck, und der
Graf, begleitet vom Arzt und Prediger, besuchte noch einmal den Kranken; sie
fanden ihn schlafend, und Dbois berichtete, er sei in so weit zu sich gekommen,
da man ihm einige Arzneien und auch einige Nahrungsmittel habe einflen
knnen, darauf sei er eingeschlafen. Gut, sehr gut, rief der Arzt, nun gewacht,
darauf geachtet, wenn er aufwacht, dann gleich zu mir gekommen und mich gerufen,
damit wir sehen, was alsdann zu thun ist; nur den Schlaf des Kranken nicht
gestrt, der Schlaf strkt und beruhigt alle Nerven. Der Arzt hatte die
Gewohnheit, alle seine Verordnungen entweder in so abgerissenen Stzen zu geben,
oder sehr weitluftig auseinander zu setzen, wehalb dieses oder jenes geschehen
solle, und die beabsichtigte Wirkung genau zu zu beschreiben, in der Regel
wendete er aber die lezte Art, seine Verordnungen mitzutheilen, nur bei
Gebildeten an, von denen er voraussetzte, da sie ihn verstehen knnten.
    Der Graf sagte freundlich zu dem alten Haushofmeister: Sie werden doch,
lieber Dbois, nicht die Nacht aufbleiben wollen? Es wrde Sie bei Ihrem Alter
zu sehr angreifen?
    Der gndige Herr Graf bemerken, sagte der alte Mann, da ich es mir schon in
dieser Absicht bequem gemacht habe. (Er hatte einen weiten braunen Oberrock
angezogen.) Es wird mir nichts schaden, einige Nchte aufzubleiben, und ich habe
denn doch, wenn Gott den Kranken zu sich nehmen sollte, ein ruhiges Gewissen. Er
sah in diesem Augenblicke auf das bleiche Gesicht des Verwundeten und konnte
seine Thrnen nicht zurckhalten, ob er es gleich nicht schicklich fand, in
Gegenwart des Grafen zu weinen. Dieser drckte ihm gerhrt die Hand und sagte:
Sie sorgen stets so treu fr Andere und so wenig fr Sich selbst, denken Sie
daran, wie sehr es die Grfin und mich schmerzen wrde, Sie zu verlieren, und
schonen Sie sich.
    Der alte Mann hielt einen Augenblick die Hand des Grafen, und sah ihm mit
Dankbarkeit und Entzcken in die Augen. Er kam sich in diesem Augenblicke vor
wie der Diener eines hohen Frsten aus der guten alten Zeit vor der
franzsischen Revolution, dessen Treue und Ergebenheit ffentlich von seinem
Herren vor den Edeln des Reichs anerkannt wird. Der Graf drckte noch einmal
seine Hand und sagte mit groer Gte: Gute Nacht dann, lieber Dbois; schlafen
Sie wohl, meine Herren, sagte er drauf mit einer Verbeugung zum Arzt und
Pfarrer, und verlie das Zimmer. Dbois schwieg, aber seine Liebe fr den Grafen
und die Grfin wuchs diesen Abend zu einem so hohen Grade, da keine Opfer,
welche sie auch von ihm htten fordern knnen, ihm zu gro gednkt htten.
    Der Arzt bemerkte, da es noch nicht spt sei, und lud den Pfarrer ein, da
nun die Geschfte des Tages vollbracht wren, noch ein Stndchen ihm auf seinem
Zimmer bei einer Pfeife Tabak Gesellschaft zu leisten. Diese Einladung wurde vom
Pfarrer um so bereitwilliger angenommen, je mehr er sich lngst darnach gesehnt
hatte, seine gewohnte Abendpfeife in behaglicher Ruhe bei einer zwanglosen
Unterhaltung zu rauchen.

                                      III


Schon lngst war es der sehnlichste Wunsch des Pfarrers gewesen, die nhern
Familienverhltnisse des Grafen zu erfahren. Ohne bsartig zu sein, wurde er von
einem inneren Verlangen getrieben, Alles zu erforschen, was irgend einen
Menschen oder eine Familie betraf, die zu dem Kreise seiner Bekanntschaft, wenn
auch in weitester Entfernung, gehrten; ja, Manche, die ihn nher kannten,
behaupteten, seine groe Dienstfertigkeit entspringe zum Theil daher, weil sie
ihm Gelegenheit verschaffe, Manches zu erfahren, was ihm verborgen bleiben
wrde, wenn er sich nicht willig mit den Angelegenheiten vieler Menschen
beschftigte. So kam es, da er der allgemeine Rathgeber der ganzen Gegend war,
ihr Rechtsfreund, wenn die Prozesse nicht zu wichtig waren, der Arzt aller
Bauern und Beamten, die weit lieber ihm ihre Gesundheit anvertrauten, als sich
an einen wirklichen Arzt wendeten. Er hufte auf diese Weise Arbeit und
Beschwerden aller Art auf sich, und fhlte sich vollkommen belohnt, wenn seine
Klienten und Patienten alle Fragen, die er ihnen vorlegte, gewissenhaft, genau
und treu beantwortteten, dagegen konnte er aber in unbescheiden ble Laune
gerathen, wenn es sich Jemand beikommen lie, nur seine Arzneimittel oder seinen
Rath benutzen zu wollen, ohne ihm weitere Auskunft ber sich und Andere zu
geben, so wie er eine mitleidige Verachtung gegen die Wenigen empfand, die in
der That nichts zu sagen wuten, weil sie sich nicht um die Angelegenheiten
Anderer bekmmerten; einem Solchen konnte er mit wahrer Bitterkeit sagen: Es ist
unbegreiflich, wie man in der Welt mit den Menschen kann leben wollen, ohne sich
um sie zu bekmmern. Bei solchen Eigenschaften war es natrlich, da, ob er zwar
sein Amt vorschriftsmig verwaltete, und man nicht sagen konnte, da er etwas
von seiner Pflicht versumte, doch allen seinen Handlungen der geistliche
Charakter, mchte ich sagen, fehlte, und man auf der Kanzel, wie vor dem Altar
immer den Geschftsmann sah, der nun grade die Geschft abmachte, weil Zeit und
Stunde es forderten. Er fhlte die selbst und zwang sich oft, Ernst und Salbung
in seine Haltung und Mienen zu bringen, die, weil sie im vollkommenen
Widerspruche mit seinem brigen Thun und Treiben standen, ihm einen Anstrich von
Heuchelei gaben, die seiner Seele fremd war.
    Diesem Manne nun mute es hchst peinlich sein, da der Graf seit einigen
Monaten auf dem Schlosse lebte, ohne da er erfahren konnte, wehalb. Denn ihm
schien es unnatrlich, da ein Mann wie der Graf, der beinah funfzig Jahr alt
war und seit zwanzig Jahren unumschrnkter Besitzer eines groen Vermgens, der
sich in der ganzen Zeit wenig um seine Gter bekmmert, sondern immer
abwechselnd in den grten Stdten Europas gelebt hatte, nun auf ein Mal, und
zwar im Herbst, sich ohne Ursache auf eines seiner Schlsser zurckziehen
sollte. Ebenso hatte er nur dunkle Nachrichten ber die Art, wie die Verbindung
zwischen dem Grafen und der Grfin sich gebildet hatte, denn obgleich die Grfin
in Schlesien geboren war, so war sie doch im Auslande mit dem Grafen
verheirathet worden, und er wute nicht einmal recht, wo? Der Graf war der
protestantischen Kirche zugethan, dagegen war die Grfin katholisch, ja er hatte
dunkel gehrt, sie sei dazu bestimmt gewesen, sich dem Kloster zu weihen, und er
hatte nie erfahren knnen, was ihren Entschlu konnte gendert haben.
    Der einzige Bruder der Grfin hatte groe Besitzungen, die kaum zehn Meilen
von dem jetzigen Wohnorte des Grafen entfernt waren, aber auch er war seit
langer Zeit abwesend, und der Pfarrer wute nicht einmal, wo er sich aufhielt.
Der Graf und die Grfin behandelten sich gegenseitig mit groer Achtung, aber
mit einer gewissen Zurckhaltung, und es lie sich nicht bestimmen, ob sie
glcklich oder unglcklich mit einander lebten. Selbst der alte Dbois war ihm
eine rthselhafte Person, und er konnte es nicht herausbringer, wehalb er von
dem Grafen und der Grfin mit so viel Schonung, Achtung und Aufmerksamkeit
behandelt wurde.
    Diese Fragen, die er sich selbst oft vorgelegt hatte, ohne sie befriedigend
beantworten zu knnen, glaubte er, wrden ihm nun wenigstens zum Theil aufgelst
werden. Denn da der Arzt mit dem Grafen gekommen war und, wie es schien, ihn
schon eine Zeitlang auf seinen Reisen begleitet hatte, so glaubte er, da dieser
ihm ber Vieles Aufschlu geben knnte.
    Es war dem Pfarrer zu vergeben, da er so falsche Hoffnungen auf den Arzt
grndete, er hatte noch nicht Gelegenheit gehabt, ihn nher kennen zu lernen,
nur bei Kranken hatte er ihn einigemal angetroffen, die die ganze Aufmerksamkeit
des Arztes in Anspruch nahmen, und es war zwischen ihm und dem Pfarrer von
nichts die Rede gewesen, als von dem Zustande dieser Kranken. Er hatte also
nicht bemerken knnen, da der Arzt zu den unschuldigen Egoisten gehrte, die
nur sich selbst beachten und nur ihre Wissenschaft verehren, fr die also die
brigen Menschen nur in so weit bedeutend sind, als sie diese Wissenschaft an
ihnen ausben knnen. Darum war ein gefhrlich Kranker fr ihn von hchster
Wichtigkeit, der seine ganze Theilnahme in Anspruch nahm, dem er alle seine
Zeit, alle seine Gedanken widmen konnte, und fr den er eine dankbare Liebe
gewann, wenn er endlich, nachdem er sich pnklich allen Vorschriften unterworfen
hatte, genas, und durch Leben und Gesundheit zeigte, da die Wissenschaft ber
die Krankheit zu triumphiren vermag. Dagegen hatte er eine Art von Verachtung
gegen Personen, die hufig leiden, ohne sich fr eine bestimmte Krankheit zu
entscheiden und sie nach den Regeln durchzumachen, deren reizbare Seele
nachtheilig auf den Krper wirkt, und die dann, wenn der Krper dem Uebel
erliegt, das ihm die Seele zufgt, zum Arzte ihre Zuflucht nehmen. Zu diesen
Unglcklichen gehrte eigentlich die Grfin, und es war dem Arzt jedesmal
verdrielich, wenn er zu ihr gerufen wurde. Gesunde konnten in der Regel nur in
so fern darauf Anspruch machen, seine Theilnahme zu erregen, als er sie geeignet
fand, mit ihnen ber seine Wissenschaft oder ber sein Leben zu reden. Denn so
arm und eng sein Leben auch war, so hchst wichtig, bedeutend und lehrreich
erschien es ihm; der kleinste Vorfall dnkte ihm eine wunderbare Begebenheit,
die nicht verfehlen knnte, ein groes Interesse zu erregen; seine Meinungen und
Ansichten kamen ihm entscheidend vor, und er hatte keine Ahnung davon, da er
von der Welt und dem Leben gar nichts wute, denn er hielt sich sonderbarer
Weise mit allen diesen Eigenheiten fr einen Weltmann.
    Diese beiden nun saen im Zimmer des Arztes, Jeder in einer Ecke des Sophas
behaglich Taback rauchend, der Pfarrer mit dem bestimmten Plane, so viel als
mglich vom Arzte zu erfahren, und dieser im Nachdenken versunken, wie sein
Kranker auf's Beste zu behandeln sei.
    Sind Sie schon lange mit dem Herren Grafen auf Reisen? unterbrach endlich
der Pfarrer das Stillschweigen.
    Auf Reisen? erwiederte der Arzt; ich bin gar nicht mit ihm auf Reisen
gewesen, ich liebe solide Studien, das kann man auf Reisen nicht haben. Ich war
eine Zeitlang in Wien in des Grafen Hause und bin dann mit ihm hieher gereist,
wo ich mich gnzlich nieder zu lassen denke. Ja, ja! rief er lchelnd, ich will
mich hier ansiedeln, Sie htten wohl nicht gedacht, da ich hier meine Htte
bauen will.
    Die Gegend ist uerst angenehm, sagte der Pfarrer, das wrden Sie im
Frhlinge finden, jetzt kann es Ihnen freilich wenig hier gefallen.
    Ei, sagen Sie das nicht, rief der Arzt, ich bin sehr angenehm beschftigt
gewesen, so lange ich hier bin, ich habe drei so merkwrdige Kranke, da mich
die Aerzte in Wien darum beneiden wrden. Der eine, wissen Sie, ist der alte
Schmidt, bei dem ich Sie einmal antraf, wie heit er doch gleich? ich fand ihn
in dem erbrmlichsten Zustande von der Welt, als ich hier ankam, jetzt fngt er
an sich zu erholen, da es eine Freude ist ihn anzusehn; bring' ich den Menschen
den Winter durch, so sollen Sie sehen, er wird vollkommen hergestellt. Der
Leinweber, das ist wahr, der ging mir drauf, aber es war auch nichts an dem
Menschen, er hrte nicht, er folgte nicht, er wollte nach seinem Kopfe leben,
und er hat gesehn, was dabei heraus kmmt.
    Der Pfarrer wollte nichts hren von Leuten, die er in allen ihren
Verhltnissen genau kannte, und suchte dewegen das Gesprch auf andere
Gegenstnde zu lenken. Ich meine, sagte er, die Natur kann jetzt keinen Reiz fr
Sie haben, die im Frhling und Sommer hier unglaublich schn ist.
    Freilich, freilich, erwiederte der Arzt, die Natur schlummert jetzt, aber
die Studien, Herr Pfarrer, die Studien mssen uns schadlos halten, der Graf hat
auf meinen Vorschlag alle neueren medicinischen Schriften kommen lassen, die
lteren besitze ich lngst selbst, dabei wird mir der Winter verfliegen, da ich
es beklagen werde, wenn er vorbei ist.
    Sie leben wenig in der Welt, wie es scheint, bemerkte der Pfarrer. In der
Welt, antwortete der Arzt, wie sollte ich nicht? Ich lebe immerfort in der Welt,
von einem Kranken geht es zum andern, von Hohen zu Niedern, von Niedern zu
Hohen, dadurch gewinnt man Menschenkenntni, Herr Pfarrer, vor dem Arzte
versteckt man sich nicht, der Arzt ist wie der Beichtvater, er durchschaut die
innerste Seele.
    Sie haben Recht, sagte der Pfarrer, und manche Uebel knnten wohl nur der
Arzt und der Beichtvater gemeinschaftlich heilen.
    Solche Uebel sind mir zuwider, sagte der Arzt, eine reine, vernnftige
Krankheit, da wei man, was man thun soll, und wenn in solchem Falle der Krper
auf die Seele wirkt, der Kranke schwermthig, trbsinnig wird, so wei man, wie
man ihn erheitern, zerstreuen soll; man liest ihm vor, man erzhlt ihm, und ist
es so weit, da es angeht, so fhrt man ihn spazieren. Aber wo die Seele auf den
Krper wirkt, mit solchen Kranken ist gar nichts anzufangen.
    Sollte nicht die Frau Grfin eine solche Kranke sein? fragte der Pfarrer mit
schlauer Miene.
    Ei, ei! rief der Arzt erstaunt, ja beinah erschreckt, wer hat Ihnen das
verrathen? Meine Lippen sind versiegelt, ich bin stumm wie das Grab; schndlich
der Arzt, der eines Mibrauches dessen fhig ist, was er an seinen Kranken
bemerkt.
    Ich glaubte, sagte der Pfarrer, man kann es der Grfin auf den ersten Blick
ansehen, da sie nicht glcklich ist.
    Wie so? fragte der Arzt bestrzt; woran wollen Sie das bemerkt haben?
    Sie hat etwas Schwermthiges in den Augen, erwiederte der Pfarrer, ihre
Stirn ist nicht heiter, die Blsse der Gesichtsfarbe scheint die Folge von Gram
und Kummer zu sein, sie thut sich selbst Gewalt an, um an der Unterhaltung
Antheil zu nehmen; das Alles weist hin auf einen entweder durch eigene, oder
durch fremde Schuld gestrten Seelenfrieden.
    Der Arzt schwieg einen Augenblick und sagte dann: Ich glaube, die Grfin ist
ungern hier, sie scheint das Landleben zu hassen, sie ist mehr fr die groe
Welt. In der ersten Woche, die wir hier zubrachten, verlie sie beinah ihr
Zimmer nicht, und ich sah sie gar nicht. Endlich fhrte mich der Graf eines
Abends zu ihr, und ich fand sie so angegriffen, so verwandelt, da ich mich
recht entsezte. Es war mir leicht einzusehen, da Gemthsbewegungen das Alles
hervorgebracht hatten; ich sagte es ihr klar und deutlich, da sie selbst das
Beste dafr thun mte, um sich herzustellen, da meine Mittel allein nicht
wirken knnten. Sie verstand mich nicht und wollte mich nur los sein, um wieder
den ganzen Abend zu weinen, wie das solche Kranke an sich haben; aber ich sagte
ihr gerade heraus, da sie Gesellschaft brauche und sich zerstreuen msse; ich
bot ihr an, eine Parthie Schach mit mir zu spielen, dazu hatte sie mich sonst
zuweilen aufgefordert; ich meinte es aufs Beste, aber nichts war mit ihr
anzufangen, der Graf mischte sich hinein und wollte behaupten, Einsamkeit wrde
heute am Wohlthtigsten auf sie wirken. Ich bewies ihm deutlich, da er sich
irrte, und gab ihm zu verstehen, da er von der Medicin nichts wte, und knnen
Sie denken, ein so gescheiter Mann, als der Graf, wurde empfindlich und sagte
mir ganz trocken: meine Einsicht mge die bessere sein oder nicht, man msse auf
jeden Fall dem Wunsche der Grfin nachkommen.
    Mein Amtseifer verleitete mich zu sagen: Wenn es also der Wunsch der Frau
Grfin ist, ihre Gesundheit vllig zu Grunde zu richten, so mu ich als Arzt ihr
darin beistehen? Ich sah wohl, da der Graf bse wurde, aber ich war so
aufgebracht in dem Augenblick, da ich Alles aufs Spiel setzte und mich um die
Folgen nicht bekmmerte, wenn sie auch die entsetzlichsten gewesen wren. Die
Grfin sagte einige Worte englisch zum Grafen, sie wei, das verstehe ich nicht,
und auf einmal war der Graf ganz ruhig. Sie bat mich nun, den andern Morgen zu
ihr zu kommen, und versprach mir, dann eine ernstliche Kur anzufangen und Alles,
was ich verordnen wrde, gewissenhaft zu brauchen. Was blieb mir brig, ich
mute gehen, aber ich fhlte damals, lieber Herr Pfarrer, die Wahrheit der
Behauptung: da es keine Rosen ohne Dornen gibt; ich fhlte mich in einer, einem
Manne nicht geziemenden Abhngigkeit vom Grafen und bedurfte aller meiner
Philosophie, um mich ber mein Schicksal zu trsten.
    Es scheint also, bemerkte der Pfarrer, da die Grfin sehr auf den Grafen
einwirkt, da seine Ansichten sich nach den ihrigen richten, mit einem Wort, da
sie eine gewisse Herrschaft ber ihn ausbt.
    Ja, ja! rief der Arzt, das mag wohl sein, da znden Sie mir ein groes Licht
an, Herr Pfarrer, wodurch ich auf einmal die richtige Ansicht bekomme. Es ist
doch sonderbar, da ich immer in meinen wichtigsten Lebensverhltnissen mit
Frauen zusammentreffe, die ihre Mnner beherrschen.
    Ist Ihnen das schon fter begegnet? fragte der Pfarrer lchelnd.
    Auf eine hchst merkwrdige Weise ist es mir begegnet, entgegnete der Arzt,
im wichtigsten Augenblick meines Lebens ist es mir begegnet. Ich wre beinah Ihr
Amtsbruder geworden, mssen Sie wissen, ich studirte Theologie, meine
Angehrigen wnschten es, man verschaffte mir ein Stipendium, und der erste
Professor der Theologie auf der Universitt, die ich bezog, war mein Oheim. Ich
verschweige den Namen der Universitt, ich will Niemanden schaden: Sie sehen,
ich hatte brillante Aussichten. Aber ich darf wohl sagen, von der Wiege an
verfolgte mich das Unglck, vernichtete meine schnsten Trume und sthlte mich
eben dadurch zum Philosophen.
    Was begegnete Ihnen denn so Seltsames? fragte der Pfarrer mit gespannter
Neugierde.
    Denken Sie, antwortete der Arzt, ich komme an und finde meinen Oheim, den
Professor, verheirathet.
    Nun, sagte der Pfarrer lchelnd, das ist weder seltsam, noch merkwrdig,
beinah alle Professoren sind verheirathet.
    Ja, aber wie war er verheirathet, versetzte der Arzt, darauf kommt es an.
Entwrdigt hatte er sich, erniedrigt bis zur Verbindung mit seiner Haushlterin,
einer rohen Person, die von Bauern abstammte, keine Kenntnisse hatte, als was
Kochen und Waschen anbetraf, eine Gesellschafterin, die eines Gelehrten vllig
unwrdig war. Ich berwand mich, diese rohe Buerin Frau Base zu nennen, weil
ich niemals gegen die Pflichten der feinen Lebenart verstoe; ich lie mir aber
die Ueberwindung deutlich merken, die es mich kostete, um meiner eignen Wrde
nichts zu vergeben, und die rachschtige Furie verfolgte mich von dem Augenblick
an. Ich bemerkte es bald, da sie meinen Oheim ganz beherrschte und zu meinem
Nachtheil auf ihn wirkte; seine Gte fr mich hrte auf, und das Leben in seinem
Hause wurde mir sehr verbittert. Dadurch wuchs die Abneigung gegen die
Theologie, die ich immer empfunden hatte; meine Neigung zur Medicin wurde
grer, als je; auerdem erlaubte mir meine schwache Brust nicht zu predigen,
und so entschlo ich mich zu handeln wie ein Mann. Ich schrieb meinem Oheim
einen Brief, worin ich ihm alle Grnde auseinandersetzte, die meinen Entschlu
bestimmten, und nahm von der Theologie Abschied. Ich meldete ihm zugleich, ich
wnschte ihn den Abend auf seinem Studirzimmer zu sprechen, um mich mit ihm ber
meine Laufbahn zu berathen. Ich stellte mich ein zu der Stunde, die ich ihm
bestimmt hatte, aber denken Sie sich mein Erstaunen, er war abwesend, und auf
seinem Studirzimmer traf ich statt seiner die Megre, sein Weib. Er hatte die
Schwachheit gehabt, ihr mein Schreiben mitzutheilen, und sie strmte mir mit
einem Strom von Scheltworten entgegen, nannte mich unsinnig, da ich mein
Studium aufgeben wollte, fragte mich, wovon ich leben wollte, ob ich ihr zur
Last zu fallen gedchte, und was der Gemeinheit mehr war. Ich, emprt, da eine
so unwrdige Person sich ein Urtheil ber Mnner anmaen wollte, deren
Handlungen sie gar nicht fhig war, zu begreifen, sagte, indem ich meine Stimme
bedeutend erhob, mit einem Ausdruck von Wrde, der sie stutzig machte: Frau
Professorin und Frau Base, merken Sie den Spruch und wenden sie ihn auf sich an,
denn es ist darin nicht blo die Kirche gemeint, sondern alles Wrdige und Edle,
was fr Mnner und nicht fr Weiber gehrt, Mulier taceat in ecclesia, dieses
verordnete schon der Apostel Paulus.
    Nun, sagte der Pfarrer, da ihre Base vermuthlich nicht lateinisch verstand,
so ging diese Bitterkeit unschdlich vorber.
    Ich bersezte ihr, was ich gesagt hatte, rief der Arzt, aber nun war es auch
hohe Zeit, der Furie zu entrinnen, ich verlie das Zimmer meines Oheims
sogleich, und sein Haus vor Anbruch des Tages. Ich schrieb ihm aus Jena, wohin
ich nun eilte, um mit ganzer Seele Medicin zu studiren, ich erhielt aber nur
eine kurze, trockne Antwort, worin er mir meldete, da er seine Hand gnzlich
von mir abziehe, da ich mich erdreistet habe, seine Gattin mit solcher Frechheit
zu beleidigen. Was war zu thun, ich mute mich fgen, und ich kann sagen, da
ich mit geringen Mitteln die Arzneiwissenschaft wie ein Held erobert habe.
    Jedoch, wie kamen Sie mit dem Grafen in Verbindung? fragte der Pfarrer, der
gern wieder das Gesprch auf diesen Gegenstand leiten wollte, der ihm wichtiger
war, als die Lebensgeschichte des Arztes, ob er gleich auch diese nicht ohne
Theilnahme anhrte, denn es war ihm ein Bedrfni geworden, aller Menschen
Verhltnisse genau zu kennen, mit denen er irgend in Berhrung kam.
    Ich hatte es mglich gemacht, sagte der Arzt mit selbstgeflligem Lcheln,
indem ich meine eignen Studien trieb, noch so viel durch Unterricht, den ich
Andern gab, zu gewinnen, da ich nicht nur lebte, sondern auch noch ein Smmchen
ersparte, womit ich mich auf den Weg nach Wien machte, um die groen Geister der
dasigen Region kennen zu lernen. Es ging auch dort mhsehlig, aber es ging doch;
ich erreichte meinen Zweck und studirte mit Eifer. Der Graf hielt sich zu der
Zeit in Wien auf, er suchte einen geschickten jungen Arzt, der ihn auf seine
Gter begleiten sollte, man empfahl mich, und ich erndtete nun die Frchte
meines Fleies; ich kann bei einem bedeutenden Gehalte nun ein vllig
sorgenfreies Leben fhren und ungehindert mich meinem Lieblingsfach widmen.
    Der Pfarrer versuchte es einigemal, das Gesprch wieder auf den Grafen zu
lenken; inde die Phantasie des Arztes war zu sehr durch seine eigne wunderbare
Lebensgeschichte angeregt und alle Fragen, die der Pfarrer an ihn richtete, er
mochte sie wenden, wie er wollte, fhrten den Arzt immer wieder auf einen
Vorfall seiner Jugend oder Kindheit, so da nichts mehr aus ihm herzubringen
war, und der Pfarrer, verdrielich ber die geringe Ausbeute, die er gemacht
hatte, sich endlich entschlo, zu Bette zu gehen. Er verabredete noch vorher mit
dem Arzte, da sie um fnf Uhr am andern Morgen aufstehen und den alten Dbois
von seiner Krankenwache ablsen wollten.
    Nach dieser Verabredung begaben sich beide zur Ruhe, und berlieen sich den
Trumen, die ihrem Lager nahen wollten.

                                       IV


Mit dem Schlage fnf stand der Pfarrer, der in allen Geschften hchst pnktlich
war und sein ganzes Leben zum Geschft machte, vor dem Bette des Arztes und
ermahnte ihn, der Verabredung gem, aufzustehen, indem er ihm zugleich
anzeigte, da der Kaffee schon auf dem Tische stehe, wie sie es am vorigen Abend
bestellt htten.
    Der Arzt sprang auf, kleidete sich mit groer Hast an und rieth dem Pfarrer,
seine Morgenpfeife beim Kaffee zu rauchen, weil er nicht zugeben knne, da im
Zimmer des Kranken geraucht wrde. Er selbst machte das Kaffeetrinken eilig ab,
denn er hatte eine groe Begierde, den Kranken zu sehen. Nach wenigen Minuten
begaben sich beide, Arzt und Pfarrer, nach dem Krankenzimmer; sie fanden den
Verwundeten ruhig schlummernd und den alten Haushofmeister neben dem Bette
desselben in einem Lehnstuhl sitzend. Er hatte seine silbergrauen Haare mit
einer weien Nachtmtze bedeckt, Pantoffeln an den Fen, seinen weiten braunen
Ueberrock bis oben zugeknpft und las mit der Brille auf der Nase andchtig in
einem franzsischen Gebetbuche, beim Schein einer Lampe, deren Schimmer er so
gerichtet hatte, da der Kranke nicht von den Lichtstrahlen belstigt wurde.
    Nun, wie gehts, bester Herr Dubois, rief der Arzt eilig, wie geht's mit
unserm jungen Manne? Sie haben mich nicht gerufen, in der Nacht ist also wohl
nichts vorgefallen?
    Der Kranke, versetzte der Haushofmeister, erwachte aus seinem Schlummer vor
einigen Stunden, er blickte um sich und wollte sich aufrichten; es war ein
rhrender Anblick, dem armen jungen Mann fehlten die Krfte, ich bat ihn ruhig
zu sein. Wo bin ich? fragte er franzsisch. Ich gab ihm in der Krze einige
Auskunft, ich wei aber nicht, ob er mich verstanden hat; er forderte zu
trinken, und als ich seinen Wunsch befriedigt hatte, sank er wieder in
Schlummer, wie Sie ihn noch sehen.
    Es ist gut, sagte der Arzt, es ist sehr gut, indem er den Puls des
Verwundeten lange mit bedchtigen Mienen untersuchte. Jetzt, alter Freund,
knnen Sie zu Bett gehen, und wir Beide, der Herr Pfarrer und ich, wollen die
Krankenwache bernehmen.
    Wre es nicht besser, wenn ich hier bliebe? fragte der Haushofmeister; der
junge Mann hat sich vielleicht schon an meinen Anblick gewhnt, auch kann ich
mich ihm verstndlich machen.
    Meinen Sie, es knne Niemand hier franzsisch sprechen als Sie? sagte der
Arzt empfindlich; ich spreche so gut als Sie, und kann also mich dem Kranken
eben so wohl verstndlich machen. Diese letzten Worte fgte er als Beweis der
Behauptung, die sie enthielten, franzsisch hinzu, indem er zugleich alles
Nthige zum Verbande des Verwundeten auf den Tisch in Ordnung legte; da er aber
das Deutsche im hrtesten Thringer Dialekt sprach und diesen auch auf das
Franzsische bertrug, so klangen seine Worte den Ohren des geboren Parisers so
rauh, wie die Rede eines Wilden, und er sah den Arzt mit Erstaunen an, der so
unbefangen behauptet hatte, dies sei so gutes Franzsisch, als nur immer er, der
Pariser, zu sprechen vermge.
    Nun machen Sie, alter Mann, gehen Sie zu Bett, wiederholte der Arzt, Sie
mssen durchaus einige Stunden schlafen, sonst werden Sie krank, und dann fallen
Sie in meine Hnde.
    Diese letzte Aeuerung schien in der That Eindruck auf den Haushofmeister zu
machen, denn er wollte sich stillschweigend mit einer Verbeugung aus dem Zimmer
entfernen, der Pfarrer aber trat ihm in den Weg und ersuchte ihn, doch sogleich
einen Boten zu schicken und den Kreisarzt aus dem nchsten Stdtchen holen zu
lassen; das htten wir gleich gestern thun sollen, bemerkte er, es wurde aber in
der Unruhe vergessen; es ist nthig, da er den Kranken sieht, der Herr Graf
knnte sonst Ungelegenheiten haben. Dbois entfernte sich, um diesen Auftrag zu
besorgen und sich dann zur Ruhe zu begeben. Der Arzt wartete auf das Erwachen
des Kranken, und der Pfarrer fing an, den Bericht an die Regierung ber ihn
aufzusetzen. Diese Gesellschaft wurde nach einigen Stunden durch den Kreisarzt
vermehrt. Der Kranke erwachte, seine Wunden wurden von allen Dreien
gemeinschaftlich untersucht und verbunden, und auf einige Fragen, die er thun
wollte, wurde er von Allen gemeinschaftlich bedeutet, da er in guten Hnden
sei, aber sich frs Erste alles Sprechens enthalten msse, wenn er sein Leben
erhalten wolle. Die grte Ermattung des Verwundeten machte, da er sich
geduldig in Alles fgte, was ber ihn beschlossen wurde, und die fremden
Menschen, die ihn umgaben, mit ruhigem Erstaunen betrachtete.
    Nach acht Uhr vermehrte der Graf die Gesellschaft; man hatte ihm die
Gegenwart des fremden Arztes gemeldet; er begrte ihn hflich und erkundigte
sich mit vieler Theilnahme nach dem Verwundeten.
    Nachdem ihm die Aerzte und der Pfarrer berichtet hatten, was sich nach der
ruhigen Nacht, die der Kranke gehabt hatte, Gutes hoffen liee, nherte sich der
Graf dem Bette desselben. Der junge Mann richtete seine groen dunkeln Augen auf
den Grafen und schien ihn als den Herren des Hauses zu erkennen, denn er
versuchte es sich empor zu richten. Der Pfarrer aber und der Doktor Lindbrecht,
so war der Name des Hausarztes, riefen ihm zugleich zu: er solle alle
Anstrengungen unterlassen. Der Graf, der sich neben seinem Lager nieder lie,
bat ihn, indem er seine Hand fate, ruhig zu bleiben und nicht selbst durch
unnthige Anstrengungen seine Herstellung zu verzgern. Ein schwacher, kaum
merklicher Druck der Hand, womit der seinige erwiedert wurde, zeigte dem Grafen,
da ihn der Kranke verstand. Er gab ihm nun selbst Nachricht, wo er sich jetzt
befnde, und bat ihn, sein Haus so zu betrachten, als ob er im Hause seines
Vaters wre, und alle Hlfe und Dienste, die man ihm gerne leisten wolle, so
ruhig anzunehmen, als ob er sie von seinen nchsten Angehrigen empfinge.
    Trotz seiner groen Schwche richtete der Kranke einen so rhrend dankbaren
Blick auf den Grafen, da dieser sich wunderbar erweicht fhlte. Es war ihm, als
ob aus den dunkeln Augen des Kranken ein theurer, geliebter Freund zu ihm
aufblickte, auf dessen Namen er sich nur nicht gleich besinnen knne. Er
betrachtete nachdenkend das schne, edle, obwohl durch Krankheit entstellte
Gesicht des jungen Mannes, die dunkeln Haare, die sich in weichen Locken um die
hohe, khne Stirn legten, den wohlgeformten Mund; Alles dnkte ihm so bekannt,
und doch konnte seine Seele das Bild nicht finden, dem dieser Jngling glich.
    Nach einigen Augenblicken bemerkte der Graf, da unwillkhrlich alle im
Zimmer Anwesenden ihm nachahmten und den Verwundeten eben so ernsthaft
betrachteten, wie er selbst, welches den jungen Mann zu qulen schien. Er wandte
sich also an den Pfarrer mit der Bitte, ob er ihm nun behlflich sein wolle, den
nthigen Bericht an die Regierung abzufassen. Ich glaube, sagte der Pfarrer, es
wird weiter nichts nthig sein, als, was ich hier aufgesezt habe, zu
unterschreiben. Mit diesen Worten reichte er dem Grafen den fertigen Aufsatz
hin, der ihn durchlas und sich nicht enthalten konnte, innerlich zu bemerken,
da der Pfarrer wohl nicht in der brgerlichen Welt auf seiner rechten Stelle
stehe, und dadurch ein vortrefflicher Jurist verloren gegangen sei. Es herrschte
eine Genauigkeit in diesem Aufsatze, die jedem mglichen Verdru in der Zukunft
vorbeugte, und diese Genauigkeit war mit einer bewundernswrdigen Krze und
Deutlichkeit verbunden. Die Uniform des Verwundeten war beschrieben, wodurch die
Gerichte, wenn ihnen daran gelegen war, ausmitteln konnten, zu welchem
feindlichen Regiment er gehre.
    Die Zeugnisse der Aerzte waren diesem Bericht beigelegt, und der Graf hatte
in der That nichts weiter nthig, als seine Unterschrift hinzuzufgen.
    Mit groem Vergngen bemerkte der Graf die Brauchbarkeit des Pfarrers, und
der Gedanke ging schnell durch seine Seele, ob er sich nicht an ihn in manchen
Angelegenheiten wenden sollte, die er ungern gerichtlich betreiben wollte, und
wo sich ihm vielleicht in der Person des Pfarrers unvermuthet ein guter
Unterhndler darbot. Nur die vorschnelle Art desselben, sich in alle Gesprche
zu mischen, die unbescheidene Zudringlichkeit, womit er sich ber Dinge zu
fragen erlaubte, die man nicht beantworten wollte, machte den Grafen irre, und
er frchtete, ein unbescheidener Frager mchte nicht mit Bescheidenheit
schweigen knnen. Indem der Graf die dachte, ruhten seine Augen forschend auf
dem Pfarrer, der sich diesen Blick nicht erklren konnte und sich verdrielich
nach dem Arzt umsah, den er fr einen halben Narren hielt, von dem ein
vernnftiger Mensch nichts erfahren knne.
    Der Graf besann sich, dankte dem Pfarrer sehr hflich, unterschrieb den
Bericht, sendete ihn ab und nahm sich vor, den Geistlichen genauer zu beobachten
und auf eine gute Art Erkundigungen ber seinen Charakter einzuziehen, um dann
diesen Nachrichten und seinen Beobachtungen gem sein Vertrauen zu bestimmen.
    Der Pfarrer sowohl, als der fremde Arzt blieben der Mittag noch auf dem
Schlosse und verlieen es nach der Tafel, ohne da weiter etwas Erhebliches
vorgefallen wre. Es war natrlich, da sich beinah alle Gesprche um die
Begebenheiten drehten, die alle Gemther mit Sorgen erfllten. Die unglckliche
Schlacht bei Jena und ihre bekannten Folgen lieen befrchten, da sich die
Feinde auch ber diesen Theil von Schlesien verbreiten wrden; Alle glaubten,
da man es nur den engen Schluchten zu danken haben wrde, die zu dem jetzigen
Wohnorte des Grafen fhrten, wenn das Schlo von feindlichem Besuche verschont
bliebe; desto mehr war fr die andern Besitzungen des Grafen zu befrchten. Der
Pfarrer erschpfte sich in Vermuthungen, welche Veranlassung den franzsischen
Offizier knnte nach einem so einsamen Orte im Walde gefhrt haben, wie der war,
wo man den jungen verwundeten Mann gefunden hatte. Eben so war es unbegreiflich,
Wer seine Gegner gewesen sein konnten, da die vielen Wunden, die er empfangen,
bewiesen, da kein Zweikampf vorgefallen war, sondern wahrscheinlich mehrere
Gegner den Unglcklichen niedergehauen hatten. Da Spuren von Pferden bemerkt
worden waren, so lie sich vermuthen, da Reiter diese Handlung verbt und nach
dem Falle des jungen Mannes sein Pferd mit sich gefhrt hatten; denn da er
selbst mit Sporen gefunden worden, so konnte man annehmen, da auch er zu Pferde
gewesen war.
    Es lt sich nicht ausmitteln, sagte der Graf, wie die Begebenheit
zusammenhngt, wir mssen uns in Geduld fgen, bis die Brustwunden des Kranken
so weit geheilt sind, da er selbst sprechen und uns die nthigen Aufschlsse
geben kann. Der Pfarrer gab diese Nothwendigkeit mit einem Seufzer zu und
bemerkte nur: wenn der Kranke an seinen Wunden sterben sollte, so werde man
niemals den Zusammenhang erfahren. Die Grfin wendete sich erschreckt an die
Aerzte und fragte, ob sie die Wunden fr so gefhrlich hielten. Beide muten es
zugeben, da hauptschlich die groe Erschpfung den Zustand des jungen Mannes
gefhrlich mache, und da man nur durch die sorgfltigste Pflege und die Jugend
des Kranken eine ungewisse Hoffnung begrnden knne. Die schne Emilie in der
unschuldigen Regung ihres Herzens verbarg ihr Mitleid nicht und sagte mit groer
Rhrung: Ach Gott, wie traurig mu es fr eine Mutter oder Schwester sein, einen
Sohn oder Bruder in der Blthe der Jugend zu verlieren. Und wenn nun dieser
vollends hier sterben sollte, wir wissen nicht, wer er ist; wir knnen seinen
Angehrigen keine Nachricht geben, und sie haben nicht einmal den traurigen
Trost zu erfahren, da die Leiden seiner letzten Stunden in so weit gelindert
worden sind, als es in menschlichen Krften steht.
    Die Grfin, obgleich gewohnt, alle ihre Empfindungen zu beherrschen, konnte
eine schmerzliche Theilnahme nicht verbergen, und man sah es ihr an, da sie
sich erleichtert fhlte, als die Fremden das Schlo verlieen. Sie uerte, ehe
sie sich auf ihr Zimmer zurckzog, den Wunsch, den alten Dbois zu sprechen, um
ihm einige Auftrge zu geben, und der Graf versprach, ihn ihr zu schicken und
indessen selbst bei dem Kranken zu bleiben.
    Als der Haushofmeister das Zimmer seiner Gebieterin betrat, fand er sie in
heftiger Bewegung mit gefalteten Hnden, den thrnenschweren Blick zum Himmel
gerichtet, und hrte noch einige Worte eines klagenden Gebets, mit dem sie Trost
und Ruhe vom Himmel herab rufen zu wollen schien. Der alte Mann stand in seiner
gewhnlichen Stellung in der Nhe der Thre und richtete einen
schchtern-flehenden Blick auf die Grfin, die, als sie ihn bemerkte, schnell
ihre Augen trocknete, dann das Gesicht einige Minuten mit der Hand bedeckte, als
wolle sie die Spuren des Schmerzes im Verborgenen von ihrem Antlitz vertilgen.
Der treue Diener wartete, bis sie ihn anreden wrde, und endlich nherte sie
sich ihm mit erzwungener Ruhe und sagte: Ich will eine Frage an Sie thun, lieber
Dubois, die mich Ueberwindung kostet. Man hrte es ihrer Stimme an, mit welcher
Anstrengung sie sprach, es schien, da ein gewaltsam zum Herzen zurckgedrngter
Schmerz die Brust beklemmte, und ihr das Athmen und das Sprechen beinahe
unmglich machte. Sie schwieg einen Augenblick und fuhr dann mit noch leiserer,
ungewisserer Stimme fort: Haben Sie nicht an dem Verwundeten eine auffallende
Aehnlichkeit bemerkt mit - sie zitterte und schwieg; ein Blick auf den alten
Diener zeigte ihr, da er sie verstand, denn seine alten Augen fllten sich mit
Thrnen; er faltete unwillkhrlich die Hnde und neigte einigemal bejahend sein
graues Haupt. Der gewaltsam in die Brust der Grfin zurckgedrngte Schmerz
behauptete nun sein Recht und strmte in Thrnenfluthen aus ihren Augen; die
stillen Seufzer lsten sich in Klagen auf, die den Himmel der Ungerechtigkeit
beschuldigten, und der erschreckte Alte wute nicht, was er thun sollte, um
diese Strme zu beruhigen. Erschpft sank die Grfin endlich in einen Lehnstuhl
nieder. Das Feuer ihrer Augen erlosch, die bleichen Wangen wurden noch bleicher,
und die zitternden Hnde, schien es, suchten ein befreundetes Wesen. Es schien,
als wolle der Lebensfunken der unglcklichen Frau erlschen, oder wenigstens
eine tiefe Ohnmacht sich ihrer bemeistern.
    Sie fhlte ihren Zustand und suchte ihn durch die Kraft ihrer Seele zu
beherrschen, der Schmerz in ihren Zgen wurde milder, sie richtete das matte
Auge auf den alten Diener, der in stummen Thrnen ihr zur Seite stand. Lassen
Sie uns ruhig sein, guter Dbois, sagte sie mit kranker Stimme, ich wollte Ihnen
auftragen, wo mglich den Namen des jungen Mannes zu erforschen, vielleicht hat
er Papiere bei sich, die Auskunft geben, vielleicht - es ist Wahnsinn, Dbois,
was ich hoffe, ich wei es, und dennoch, ich bitte, thun Sie, wie ich Ihnen
sage. Der Alte versprach, was die Grfin von ihm forderte, und warf, ehe er sich
entfernte, einen flchtigen Blick in den Spiegel, um zu sehen, ob sein Gesicht
und seine Haltung keine Spur des Schmerzes zeigte, den er so eben mit seiner
Gebieterin getheilt hatte, und den er den Grafen nicht wollte bemerken lassen.
Bitten Sie Frulein Emilie zu mir, rief ihm die Grfin mit matter Stimme nach.
    Emilie eilte zur Grfin. Der Haushofmeister hatte ihr gesagt, sie befnde
sich nicht wohl, aber Emilie bebte zurck, als sie die Grfin erblickte, die
vllig ermattet noch im Lehnstuhl sa, und deren bleiches Gesicht noch feucht
von Thrnen war, die ihren Augen unwillkhrlich immer wieder von Neuem
entstrmten. Komm zu mir, liebe Emilie, sagte die Grfin, Du mut Geduld mit mir
haben, Du sanftes Kind, ich plage Dich mehr, als ich mir selbst verzeihe.
    Was ist Ihnen begegnet, fragte Emilie mit ngstlicher Stimme, das Sie so
erschttert haben kann? Soll ich den Onkel rufen? Soll man den Arzt kommen
lassen?
    Nein, mein Kind, sagte die Grfin matt aber bestimmt, ich will den Grafen
nicht durch meinen Zustand beunruhigen, und der Arzt kann mir nicht helfen.
    O! wte ich ein Mittel, sagte Emilie, indem sie die Hand der Grfin weinend
kte, wodurch Ihre Gesundheit und Ihre Ruhe hergestellt werden knnten.
    Befremdet sah die Grfin ihre junge Freundin an, die errthend die Augen
niedersenkte und durch ihre Verlegenheit verrieth, da sie aus Liebe und Mitleid
sich bereilt, und mehr gesagt hatte, als sie sich erlauben wollte. Wehalb
glaubst Du, da mir Ruhe des Herzens mangelt? fragte die Grfin nach kurzem
Stillschweigen.
    Emilie war zu wahr, als da sie sich nun durch halbe Antworten htte aus der
Verlegenheit ziehen knnen; auch war die Grfin zu klug, als da sie sich anders
als scheinbar durch solche Antworten wrde haben befriedigen lassen, und Emilie
wre in Gefahr gerathen, Achtung und Vertrauen ihrer Tante vllig zu verlieren,
und als eine Auskundschafterin der Handlungen und der Gedanken derselben
betrachtet zu werden; sie entschlo sich also offenherzig zu antworten, wenn sie
auch die Grfin dadurch krnken sollte. Warum antwortest Du mir nicht, fragte
diese ein wenig ungeduldig ihre junge Freundin, die noch von Rthe berzogen,
verlegen, mit niedergeschlagenen Augen vor ihr stand.
    Weil ich Sie krnken mte, wollte ich diese Frage beantworten, die meine
Unbesonnenheit veranlat hat, sagte Emilie, indem sie die schnen blauen Augen
freimthig auf die Grfin richtete.
    Sprich aufrichtig mit mir, sagte diese in mildem Tone und doch halb
mitrauisch erwartend, welche Erklrung nun folgen wrde.
    Sie sind so weit erhaben, sagte Emilie, ber Eitelkeiten und hnliche
kleinliche Leidenschaften, die manchen Frauen eine ungleiche Laune geben, Ihr
Geist ist zu gebildet, als da Sie aus Eigensinn eine solche haben knnten, und
dennoch - Emilie schwieg zgernd, - Und dennoch? fragte die Grfin, ich bitte
Dich fahre freimthig fort.
    Ich mu es, sagte Emilie, nachdem unser Gesprch diese Wendung genommen hat;
Sie haben mir so viele Gte bewiesen, da Sie mich zu ewiger Dankbarkeit
verpflichtet haben, und ich bin in Gefahr, da sie mich nun als undankbar
verabscheuen werden.
    Nein, nein, sagte die Grfin, sprich ohne Zgerung und weitere Einleitung.
    Bei der Gte Ihres edeln Herzens, bei der Gromuth Ihrer Seele, sagte
Emilie, knnen Sie dennoch in der Laune, die Sie eben beherrscht, mich oft so
schmerzlich verwunden, mit so krnkend wegwerfender Bitterkeit in manchen
Stimmungen meine Fehler rgen.
    Glaubst Du, fragte die Grfin mit erzwungenem Lcheln, da Du niemals Tadel
verdienst?
    Ich bin so thricht nicht, erwiederte Emilie sanft, aber thue ich meiner
mtterlichen Freundin Unrecht, wenn ich glaube, es wrde Gte und Liebe mir die
Bahn zeigen, die ich zu wandeln habe, und nicht Bitterkeit und krnkender Spott,
wenn Ihr Herz die schne Ruhe empfnde, die Sie so sehr verdienen? Wrden Sie
bei der Gromuth Ihrer Seele mit solcher Verachtung von der Armuth sprechen, wie
Ihre Laune es Ihnen oft gebietet, gegen das hlflose Geschpf, das einzig von
Ihrer Freigebigkeit lebt, und das Sie dadurch oft zwingen, die Nahrung, die es
Ihrer Gte verdankt, mit seinen Thrnen zu benetzen? Kann diese Bitterkeit,
diese Heftigkeit, der Stolz und die Verachtung wohl eine andere Ursache haben,
als da Ihr Herz an verborgenen Qualen leidet, Ihrer Seele der Frieden fehlt,
den ich fr Sie so oft mit Thrnen vom Himmel erbeten habe?
    Emilie schwieg erschrocken und erstaunt ber ihre Dreistigkeit, die sie sich
selbst nicht zugetraut hatte. Die Grfin hatte die Augen ernst auf ihre junge
Freundin geheftet, inde sie sprach, doch lste sich dieser Ernst bald in Liebe
und Gte auf. Du hast Recht, Emilie, sagte sie, ich habe Dir Unrecht gethan,
schuldlos bist Du oft von mir geplagt und gekrnkt worden, und Deine Sanftmuth
hat mir immer mit Liebe erwiedert. Du hast Recht, diese Ungerechtigkeit
entspringt aus einer gequlten Seele, aus einem von tausend Qualen zerrissenen
Herzen; aus Erinnerungen an Leiden, die ich nicht vertilgen kann und nicht
mittheilen will. Vergieb mir, Emilie, da ich Dir wehe gethan habe, und statt
ein Kind, das ich mir zu plagen erlaubt habe, wirst Du mir knftig eine Freundin
sein, an deren Brust ich ber meinen Kummer weinen kann; nur frage mich nie um
diesen Kummer.
    Sie breitete, indem sie die sprach, ihre Arme aus und drckte Emilie mit
Liebe an die Brust, die ihre Umarmung mit leidenschaftlicher Zrtlichkeit
erwiederte.
    Nach diesen Erklrungen bat die Grfin ihre junge Freundin, sie einige Zeit
allein zu lassen, da sie sich zu sammeln vermchte, und Emilie war verwundert,
als nach einer Stunde die Grfin im Gesellschaftszimmer zur Theezeit erschien,
zwar noch bla und matt, aber im Aeuern vollkommen ruhig. Sie nahm an allen
Gesprchen Antheil, und sprach mit Geist und Feuer ber Musik und Poesie, als
die Unterhaltung sich dahin lenkte, und bat zuletzt Emilie, viele ihrer
Lieblingslieder zu singen, wozu der Graf bereit war zu accompagniren, so da der
Abend viel heiterer zugebracht wurde, als sich nach einem so strmischen Tage
erwarten lie.

                                       V


Es waren einige Wochen vergangen seit diesen Begebenheiten, ohne da auf dem
Schlosse etwas Merkwrdiges vorgefallen wre. Der Verwundete besserte sich
langsam, aber noch immer konnte ihm nicht zu sprechen erlaubt werden, um nicht
die tiefen Wunden auf seiner Brust zu reizen. Die Nachforschungen des alten
Dbois waren fruchtlos gewesen, denn es schien, da man den jungen Mann nach
seinem Falle beraubt habe, weil eben so wenig ein Taschenbuch, als Geld oder Uhr
oder irgend eine Sache von Werth in seinen Kleidern gefunden wurde. Der Graf
hatte dem Haushofmeister aufgetragen, den jungen Mann mit Wsche, Kleidern und
Allem, was er bedrfen wrde, zu versorgen, und man mute nun abwarten, bis er
selbst Aufschlu ber sein Schicksal geben knnte. Der Pfarrer war mehreremale
auf dem Schlosse gewesen und hatte es jedesmal unbefriedigt verlassen; der
Kranke durfte nicht sprechen, der Arzt wute nichts anders, als seine
Begebenheiten, seine Erfahrungen, seine Empfindungen mitzutheilen, und die
Uebrigen wollten sich auf nichts einlassen. Alles, was der Pfarrer in Bezug auf
das Ereigni hatte in Erfahrung bringen knnen, war, da feindliche Reiterei in
der Entfernung von einigen Meilen passirt sei, was wenigstens mglicher Weise in
Beziehung mit dem Verwundeten stehen konnte, aber die Nachrichten die er darber
erhalten, waren dunkel, da sie ihm ein wandernder Krmer mitgetheilt hatte, der
sie wieder von Bauern erfahren haben wollte. Es blieb nach vielen vergeblichen
Versuchen dem Pfarrer nichts anders brig, als sich so gut wie alle Andern in
Geduld zu fgen.
    Der Baron Lbau, Erbherr auf Heimburg, wie er sich gern nennen hrte, war
ebenfalls auf dem Schlosse gewesen, um der Grfin, wie er sagte, seine
Aufwartung zu machen und sich nach dem Unglcklichen zu erkundigen, dessen
Pflege der Graf, wie er nachdrcklich bemerkte, aus Menschenliebe bernommen
habe; man flte, er wollte, indem er dem Grafen etwas Verbindliches sagte, doch
zugleich an den Grenzstreit und sein bewahrtes Recht erinnern.
    Der Baron Lbau war in seiner Jugend am Hofe gewesen und hatte sich damals
die feinsten Sitten zu eigen gemacht, Neigung fr das Landleben bestimmte ihn,
sich frh zurckzuziehn und diesem sich zu widmen; obgleich er nun aber ein
hchst thtiger Landwirth geworden war, so hatte er dessen ungeachtet nicht
seine Ansprche auf das Lob eines feinen Hofmannes aufgegeben, hatte er auch
seit mehr als dreiig Jahren diese glnzende Bhne, auf der er sich in frher
Jugend hatte versuchen wollen, nicht mehr betreten. Er dachte nicht daran, da
auch ber das Betragen die Mode herrsche, und zweifelte keinen Augenblick daran,
da, was zu seiner Zeit als fein, galant und artig angesehen worden, auch noch
jetzt so betrachtet werden msse. Er hielt sich fr einen Philosophen, weil er
das Landleben liebte, fr einen Hofmann, weil ihm auch Gesellschaft angenehm
war, fr einen Gelehrten, wenigstens fr einen sehr gebildeten Mann, weil er
einige Bcher gelesen hatte, fr einen Kunstkenner, weil er einige schlechte
Bilder und einige hchst mittelmige Kupferstiche besa, fr einen Staatsmann,
weil er alle Rechte genau inne hatte, die sich auf die Provinz, in der er lebte,
und auf seine besondern Verhltnisse anwenden lieen. Er gefiel sich in seiner
Wrde als ein bedeutender Gutsbesitzer, von dem viele andere Personen abhngig
waren. Er war bei diesen unschuldigen Thorheiten gtig, dienstfertig,
wohlwollend und dennoch weniger geliebt, als er es verdiente. Wenige Menschen
gaben sich die Mhe, seinen Charakter genau kennen zu lernen, und beinah alle
seine Nachbaren fhlten sich von ihm beleidigt und beschuldigten ihn des Mangels
an Aufrichtigkeit.
    Diesen Verdacht zog sich der gute Baron unwillkhrlich zu, denn bei seiner
leicht gereizten Phantasie machte die Gegenwart den lebhaftesten Eindruck auf
ihn, und da er so viele Neigungen in sich vereinigte, so schlo er sich allemal
unwillkhrlich mit seiner Hflichkeit und Verehrung dem Reprsentanten eines
Faches seiner verschiedenen Bestrebungen an, der in der Gesellschaft eben am
Glnzendsten erschien; so huldigte er abwechselnd dem Reichsten, dem
Vornehmsten, dem Gebildetsten, dem Klgsten, dem Knstler und dem Landwirth; und
da er den Fehler beging, den ganzen Vorrath seiner hflichen Aufmerksamkeit
immer diesem einen Begnstigten zu widmen, so geschah es ganz natrlich, da er
alle andern vernachligte und eben dadurch beleidigte. Doch gab sich diese
unangenehme Stimmung der Nachbaren selten entschieden zu erkennen, denn da von
Zeit zu Zeit jeder seiner ausschlielichen Aufmerksamkeit sich zu erfreuen
hatte, so wurden sie abwechselnd vershnt und beleidigt; nur allein mit dem
Pfarrer stand er ohne Unterbrechung in einem gespannten Verhltni, denn da der
Fall nie eintrat, da dieser in Gesellschaft dem Baron als der Reichste, der
Vornehmste, der Klgste oder der Gebildetste erschien, so wurde er alsdann
jedesmal gnzlich von ihm bersehen, und er war nur hflich gegen ihn, wenn er
mit ihm allein war, wodurch der Pfarrer, indem er es ihm als Hochmuth auslegte,
sich im Inneren sehr beleidigt fhlte. Seine Empfindlichkeit pflegte er dann
durch kurze, mit einer auffallenden Bitterkeit gegebene Antworten auszudrcken,
so oft der Baron ihn anredete; dieser dagegen setzte seiner schnden Bitterkeit
dann wieder eine so kalte Hflichkeit entgegen, da sie den Pfarrer jedesmal
aufs Neue beleidigte, und so erhielt sich in Beiden seit vielen Jahren diese
Stimmung. Der Baron glaubte es als einen Versto gegen die Hflichkeit
betrachten zu mssen, wenn er im Beisein der Grfin ber die Grenzstreitigkeit
sprechen wollte, und doch war es leicht zu bemerken, da dies Geschft ihm am
Herzen lag und ein Hauptgrund seines Besuches war. Der Graf befreite ihn von der
Qual, die er sich auferlegt hatte, darber zu schweigen, indem er selbst das
Gesprch darauf lenkte. Nachdem nun Jeder seine Rechte eine Zeitlang vertheidigt
hatte, sagte der Graf: wir wurden neulich davon abgehalten, den ganzen Theil des
Waldes zu durchreiten, ber den wir streiten, ich werde beim ersten schnen
Wetter den Ritt noch einmal unternehmen, Alles selbst betrachten, und knnen wir
auch dann nicht einig werden, so denke ich, sollten wir die Sache
Schiedsrichtern anvertrauen. Mit dieser Anordnung mute der Baron zufrieden
sein, denn es lie sich nichts Vernnftiges dagegen einwenden, und dennoch htte
er es lieber gesehen, mit dem Grafen allein zu unterhandeln. Man trennte sich
freundschaftlich nach dieser Verabredung, und der Graf versprach, sehr bald dem
Baron seine Vorschlge mitzutheilen.
    In der That lag dem Grafen daran, eine Streitigkeit, die zu Spannungen Anla
geben konnte, sobald als mglich zu beendigen. Er ritt also an einem schnen
Wintermorgen, begleitet von seinem Frster, nach der Gegend des Waldes hin; er
bemerkte, indem er die Grenzen umritt, da der Baron in der That den Anspruch,
den er machte, nicht begrnden knne, da aber fr ihn selbst der Verlust nicht
bedeutend sein wrde, wenn er sich um des nachbarlichen Friedens Willen zur
Abtretung eines Theiles von dem, was der Baron forderte, verstnde, und, indem
er bei der Stelle wieder vorbei kam, wo Beide den Verwundeten gefunden hatten,
beschlo er, dem Baron die Hlfte dessen freiwillig anzubieten, was er
schwerlich durch einen Rechtsspruch gewinnen konnte, und dann die Grenze
zwischen beiden Besitzungen durch die schne Thal zu fhren. Erfrischt,
gestrkt durch den schnen Wintertag, unter dem heitern blauen Himmel, fhlte
der Graf berhaupt mehr die Geringfgigkeit ihres Streites, als im geheizten
Zimmer, in einem beschrnkten Raume, und machte fr sich selbst die Bemerkung,
da die Menschen berhaupt eigenntziger und eigensinniger in ihren Husern als
unter freiem Himmel sind.
    Beschftigt mit diesen Betrachtungen, nherte er sich dem Dorfe und dem
Wohnhause des Pfarrers; es fiel ihm ein, denselben zum Vermittler in dieser
kleinen Streitigkeit zu whlen und vielleicht dadurch eine Veranlassung zu
finden, ihn auch in wichtigeren Fllen zu benutzen. Er hielt vor der Wohnung des
Geistlichen an, bei dem lngst Mittag vorber war, und gab sein Pferd dem
Reitknechte, der ihn begleitet hatte, indem er zugleich dem Frster nach Hause
zu reiten erlaubte. Als er die niedrige Pforte des Raumes ffnete, der das Haus
zugleich als Hof und Garten umschlo, sprangen ihm mehrere Hunde von
verschiedener Gre bellend entgegen, die von mehreren Kindern verschiedenen
Alters, die im Hofe spielten, augenblicklich zur Ruhe gebracht wurden; einige
ltere Knaben sprangen eiligst in das Haus, um die Ankunft des Fremden zu
melden, die jngern Kinder stellten ihre Schlittenfahrten auf dem Hofe ein, um
den Fremden und seine Pferde zu betrachten; der Pfarrer, der den Grafen vom
Fenster aus bemerkt hatte, kam ihm an der Thr des Hauses so hflich und
freundlich entgegen, da man es ihm ansah, er erwarte etwas Ungewhnliches von
diesem Besuche. Als der Graf nach den ersten Begrungen das Zimmer betrat,
bemerkte er den Schulzen des Dorfes, der sich vor dem gndigen Herren, so tief
er vermochte, bckte. Nu, lebe Er wohl, mein Freund, sagte der Pfarrer zu dem
Landmanne, komme Er morgen wieder, Er sieht, ich habe heute keine Zeit mehr. Der
Schulze bckte sich, indem er sich zugleich mit der linken Hand im Kopfe krazte,
und blieb zgernd an der Thre stehn.
    Wenn der Mann ein Anliegen an Sie hat, Herr Pfarrer, sagte der Graf, so
bitte ich, lassen Sie sich durch meine Gegenwart nicht stren. Wenn mir der Herr
Graf denn erlauben wollen, sagte der Geistliche sehr freundlich, und inde die
Gte haben wollen, Platz zu nehmen; er machte eine einladende Bewegung nach dem
Sopha hin, und schob mit dem Fue zugleich hlzerne Pferde, Schubkarren und
anderes Spielzeug seiner Kinder aus dem Wege, das auf dem Boden zerstreut lag.
Der Graf stieg ber ein aufgestelltes Kegelspiel hinweg, um sich in der Ecke des
Sophas niederzulassen, und der Pfarrer wendete sich kurz nach dem Landmanne um
und sagte in einem gebietenden Tone: Nun hurtig, Freund, erklre Er sich, was Er
von mir zu wissen wnscht.
    Der Schulze rusperte sich ein wenig und sagte: Nicht wahr, Herr Prediger,
Sie kennen die alte Liese Lemmerten aus Krumbach? Der Pfarrer besann sich ein
wenig und fragte: ist das nicht die Schenkwirthin? Der Schulze nickte bejahend.
Nun, was ist mit der? rief der Pfarrer, Er sieht, ich habe Eile.
    Nun, lchelte der Schulze freundlich: die hat Gott zu sich genommen. Was!
rief der Pfarrer mit Verwunderung, ist die gestorben, wie tausend habe ich denn
das nicht erfahren?
    Ja, sagte der Schulze sehr zufrieden, morgen gehn wir alle zum Begrbni,
meine alte Mutter wird sich auch aufmachen.
    Und was geht das mich an? sagte der Pfarrer, Krumbach gehrt nicht zu meiner
Kirche, was habe ich dabei zu thun?
    Nichts, Herr Pfarrer, sagte der Landmann, Sie sollen auch gar nicht zum
Begrbni kommen, ich sagte blo, ich und meine alte Mutter werden hinber
fahren.
    Was will Er denn eigentlich? fragte der Pfarrer ungeduldig. Die Erbschaft,
erwiederte der Schulze. Die Lemmerten war eine alte reiche Frau, und von meinem
Vater her mu ich erben. Nun da wnsche ich Ihm Glck, sagte der Geistliche, ich
wei, die Verstorbene mu ein bedeutendes Vermgen hinterlassen haben; der Bauer
Kielmann hat auf sein Gut und Haus von ihr fnf tausend, der Bcker Khler wei
ich auch, auch der Krmer; zehn bis zwlf tausend Thaler men da sein, sagte
der Pfarrer, nach meiner kurzen Berechnung, ohne ihr eigenes Haus und ihren Hof.
    Ja, aber sie wollen mir nichts geben, klagte weinerlich der Schulze.
    Wehalb? fragte der Pfarrer schnell, Wer will es ihm verweigern, sind nhere
Erben da?
    Nein, nein, nein! rief der Schulze, gar keine Erben sind da, das ist eben
das Unglck.
    O! spreche Er deutlich und nicht unvernnftig, sagte der Prediger scheltend.
    Nun, so lassen Sie mich doch die ganze Geschichte erzhlen, erwiederte der
Schulze im znkischen Tone. Die alte Liese Lemmerten, nun das war die Schwester
von meinem Grovater, Gott habe ihn selig, nun weiter waren keine Geschwister,
als der selige Mann und die selige Frau; nun sehn Sie, die selige Frau hatte
keine Kinder, aber mein seliger Grovater der hatte zwei Kinder, meinen Vater
und seine Schwester, nun, und die Schwester, das wei nun kein Mensch, wo die
geblieben ist, und darum soll ich die Erbschaft nicht kriegen, die Person soll
erst ausgekundschaftet werden.
    Wie wir das hrten, da sagte meine alte Mutter: Peter, - ich heie Peter -
nun Peter, sagte sie, gehe Du nur zum Herren Pfarrer, der Herr Pfarrer wei
Alles, und Deine alte Muhme mag stecken, wo sie will, so kriegt er es heraus,
und kriegt er es nicht heraus, so wird es ein Anderer gar nicht herauskriegen.
    Whrend dieses Vortrages war die alte Kinderwrterin herein gekommen und
hatte das verschiedene Spielzeug der Kinder vom Boden aufgelesen, um es heraus
zu bringen; sie hrte des Schulzen Rede mit an und mischte sich, als er geendigt
hatte, ohne Umstnde in das Gesprch. Seines Vaters Schwester, Herr Schulze,
sagte sie, das war ja Lore Breitler, die diente ja, wie ich noch ein junges Ding
war, mit mir zusammen bei der seligen Frau Baronin Schlebach auf Seizheim, ich
wei aber nicht, wo sie nachher hingekommen ist.
    Das war ja die Mutter der Frau Grfin, sagte der Pfarrer, indem er sich
schnell zum Grafen wendete, der diese Frage bejahte.
    Komme Er nach dem Begrbni wieder zu mir, sagte der Pfarrer hierauf zum
Schulzen, ich werde suchen Erkundigungen einzuziehen und werde sehen, wie ich
Ihm dienen kann.
    Der Schulze und die Kinderwrterin verlieen jetzt mit einander das Zimmer,
und setzten ihr Gesprch ber Lore Breitler und die zu hoffende Erbschaft noch
vor der Thre eine Zeitlang ziemlich lebhaft fort. Der Pfarrer aber wendete sich
zum Grafen und bat ihn noch einmal um Entschuldigung, da er sich habe durch den
Landmann abhalten lassen, ihn zu unterhalten.
    Ich konnte um so weniger verlangen, erwiederte der Graf, da Sie den
Schulzen ohne eine befriedigende Antwort von sich lieen, da ich selbst in der
Absicht zu ihnen gekommen bin, Sie um Ihren Beistand in einer Angelegenheit zu
bitten.
    Der Geistliche, aus wirklicher Dienstfertigkeit und aus Reugiede, die
Angelegenheit des Grafen zu erfahren, erbot sich mit grter Bereitwilligkeit zu
allen mglichen Diensten.
    Der Graf war im Begriff dem Pfarrer seinen Entschlu ber die
Grenzstreitigkeit mit dem Baron Lbau mitzutheilen und ihn zu ersuchen, als
Vermittler dem Baron sein Anerbieten mitzutheilen, als sich die Thre ffnete
und die Frau des Predigers die Unterhaltung unterbrach. Da man beim Pfarrer
schon lngst zu Mittag gespeist hatte, so wurde angenommen, der Graf mache einen
Nachmittags-Besuch; ihm wurde Kaffee angeboten, und man fing zugleich an,
Anstalten zum Theetrinken zu treffen; diese Aussicht bestimmte den Grafen, so
schleunig als mglich dem Pfarrer die nthigen Mittheilungen zu machen und den
gewnschten Beistand von ihm zu erbitten. Der Geistliche bekmpfte eine Zeitlang
den Entschlu des Grafen, ein Stck des Waldes abzutreten, indem er ihm
auseinandersetzte, da die Ansprche des Barons sich auf leere Einbildungen
grndeten; da er aber sah, da der Graf entschlossen war, ein kleines Opfer zu
bringen, um Weitluftigkeiten zu vermeiden, so bernahm er gern den gegebenen
Auftrag und versicherte im Voraus, da dies Anerbieten sehr bereitwillig vom
Baron wrde angenommen werden. Der Graf dankte ihm vorlufig und stand auf, um
Abschied zu nehmen. Ich fahre morgen nach Heimburg, sagte der Pfarrer, und komme
dann bermorgen zu Ihnen und bringe Ihnen die Antwort.
    Zufrieden, dies Geschft so eingeleitet zu haben, trabte der Graf heiteren
Muthes nach seinem Schlosse zurck und kam noch zeitig genug an, um zu Mittag zu
speisen.

                                       VI


Versprochener Maen fand sich der Pfarrer auf dem Schlosse ein, um die Antwort
des Baron Lbau zu berbringen, die so ausgefallen war, wie er es vorhergesagt
hatte, und schlug nun in dessen Namen vor, die Grenze in der knftigen Woche zu
fhren. Der Graf war dazu bereit, doch bemerkte der Geistliche, da sein
Betragen nicht so offen war wie sonst. Es schien ihn etwas zu beunruhigen,
worauf seine Gedanken unwillkhrlich immer wieder zurck kamen. Der Pfarrer
blieb zu Mittag auf dem Schlosse, und der Arzt machte bei Tische Mittheilungen
ber den Zustand des Kranken, die ungemein gnstig lauteten; man konnte aber
bemerken, da der Graf, so lebhaft er auch daran Theil nahm, doch nicht dadurch
erheitert wurde. Auch die Grfin schien verstimmt, und die Unterhaltung wurde
nur mhsam fortgefhrt.
    Da ich doch einmal auf Heimburg war, fing der Pfarrer nach einer Pause an,
whrend welcher Jedermann mit sich beschftigt war, so wollte ich auch gleich
versuchen, ob ich nichts fr den Schulzen thun knne, und erzhlte dort den
Todesfall der alten Schenkwirthin und auch die Verlegenheit wegen der
Ausmittelung seiner Base. Die Frau Baronin versicherte mir, fuhr er fort, indem
er sich an die Grfin wendete, ich wrde von der Frau Grfin die beste Auskunft
erhalten knnen.
    Von mir? fragte die Grfin verwundert. Sie wissen, ich bin hier wie eine
Fremde zu betrachten, wie knnte ich Auskunft ber den Schulzen oder seine Base
geben?
    Ich hatte erfahren, erwiederte der Pfarrer, da die Miterbin des Schulzen
einmal bei Ihrer seligen Frau Mutter gedient hatte, und theilte dies der Frau
Baronin mit. Da beide Huser immer in vielfachem Verkehr mit einander gestanden
haben, so hoffte ich mit Recht etwas Nheres zu erfahren. Die Frau Baronin lie
ihre alte Dienerschaft rufen, und darunter sind noch manche, die sich recht gut
der Zeit und der Person erinnern, und sie versicherten alle einstimmig, als die
Frau Grfin mit ihrer verstorbenen Frau Mutter vor einigen zwanzig Jahren nach
fremden Lndern verreist sei, htte sie diese Lore Breitler zu ihrer Bedienung
mitgenommen, und sie wrde sich also wahrscheinlich erinnern, ob sie gestorben,
oder wo sie sonst geblieben sei.
    Die Grfin schrak ein wenig zusammen, als sie den Namen hrte, und eine
feine Rthe frbte die blassen Wangen; Beides entging dem beobachtenden
Geistlichen nicht, eben so wenig, als die Bewegung in der Stimme, mit welcher
die Grfin nach einer kleinen Pause sagte: Es ist wahr, wir hatten diese Person
zu unserer Bedienung mit uns genommen, sie hat uns aber nachher verlassen, und
ich wei nicht mehr, ob sie in Frankreich oder in der Schweiz von uns gekommen
ist, auch habe ich nie wieder etwas von ihrem Schicksale erfahren.
    In welchem Jahre hat sie wohl Ihren Dienst verlassen? fragte der Pfarrer,
indem er den Blick fest auf die Grfin heftete.
    Ich vergesse so leicht Jahrzahlen, sagte die Grfin, ich kann mich in der
That nicht erinnern.
    War sie noch bei Ihnen, fragte der Pfarrer im Ton eines Polizeibeamten, der
eine Untersuchung zu fhren hat, nachdem Sie mit dem Herren Grafen vermhlt
waren?
    Nein, antwortete die Grfin mit Beklemmung, ungefhr ein halbes Jahr vorher
war sie von uns weggekommen.
    Nun, dann lt sich ja das Jahr ausmitteln, bemerkte der Pfarrer mit
unbescheidenem Lcheln, denn die Frau Grfin werden ohne Zweifel sich des Jahres
Ihrer Vermhlung erinnern.
    Es sind in diesem Herbst fnfzehn Jahre gewesen, sagte der Graf mit mehr
Stolz in Haltung und Mienen, als man gewhnlich an ihm bemerkte, da ich so
glcklich gewesen bin, mich mit der Grfin zu verbinden, und ich glaube, fuhr er
mit einem Tone der Stimme fort, der offenbar den Geistlichen in seine Schranken
zurckweisen sollte, Sie werden nun die Nachforschungen nach der Base des
Schulzen fortsetzen knnen, ohne da die Grfin ferneren Antheil daran zu nehmen
braucht.
    Der Pfarrer wurde empfindlich, doch fhlte er auch zugleich, da er selbst
zu weit gegangen war, und wollte sein Verhltni zum Grafen nicht verderben.
Emilie suchte einigemale ein Gesprch anzuknpfen, die Unterhaltung aber wollte
kein Leben gewinnen, und Jedermann athmete freier, als die Tafel aufgehoben
wurde. Die Grfin und Emilie verlieen den Saal sogleich, der Arzt entfernte
sich, um einige Kranken zu besuchen, und der Graf ging mit dem Pfarrer einige
Zeit stillschweigend im Gesellschaftszimmer auf und ab.
    Ich habe heute unsern Verwundeten noch nicht besucht, sing der Pfarrer nach
langem Schweigen an; wenn der Herr Graf erlauben, mchte ich wohl jetzt sehen,
wie er sich befindet.
    Schenken Sie mir noch einige Augenblicke, sagte der Graf mit Hastigkeit; es
war sichtbar, da er mit dem Entschlu kmpfte, dem Geistlichen eine Mittheilung
zu machen, und da es ihm schwer wurde, dem Manne sein Vertrauen zu schenken,
dessen vorschnelle, unbescheidene Art zu fragen ihn noch eben so empfindlich
verlezt hatte.
    Ich wollte Ihnen eine Sache mittheilen, sagte der Graf nach langem
Schweigen, die mir sehr am Herzen liegt; vielleicht knnte Ihr Rath und Ihre
Thtigkeit mir vielen Verdru ersparen, groe Unannehmlichkeiten von mir
abwenden; doch mte ich vorher versichert sein, da Sie sich der Mhe gern
unterzgen und vor allen Dingen das unverbrchlichste Stillschweigen beobachten
wollten.
    Die Empfindlichkeit des Pfarrers war nach dieser Einleitung vllig
verschwunden, und mit wahrer Gutmthigkeit und reger Theilnahme sagte er: So
viel in meinen Krften steht, bin ich von ganzem Herzen bereit Ihnen zu dienen,
und die Mhe, die ich dabei haben knnte, verdient gar nicht in Anschlag
gebracht zu werden; auch gebe ich Ihnen mein heiliges Wort, da, was Sie mir
auch anvertrauen mgen, in meiner Brust so sicher bewahrt ist, wie in Ihrer
eigenen. Ein Geistlicher, der nicht schweigen knnte, sezte er mit schlauem
Lcheln hinzu, wre ja der verchtlichste und der unbrauchbarste Mensch von der
Welt.
    So hren Sie denn den Grund meiner Sorgen und meiner Unruhe, sagte der Graf.
Der grte Theil meines Vermgens rhrt von einer Erbschaft meines Aeltervaters
her, die er damals gemeinschaftlich mit seinem Bruder machte; mein Aeltervater
behielt die Gter und zahlte seinem Bruder die Hlfte des Werthes aus, und es
wurde ein Dokument darber aufgesetzt, welches in dem Archiv des hiesigen
Schlosses aufbewahrt wurde mit allen andern Familienangelegenheiten betreffenden
Papieren. Vorigen Sommer nun meldete mir ein Freund nach Wien als ein Gercht,
da die von dem Bruder meines Aeltervaters abstammende Linie gesonnen sei,
Ansprche auf mein Vermgen zu machen, indem sie vorgebe, die Theilung sei nie
geschehen und ich also widerrechtlich im Besitz des ganzen Vermgens. Ich fand
die Behauptung lcherlich, da ich zu gut wute, da das Dokument vorhanden sei.
Inde die Sache war zu wichtig, als da ich sie htte Fremden anvertrauen mgen,
und ich entschlo mich selbst im vorigen Herbste hieher zu kommen. Der Ausbruch
des Krieges rief andere Gedanken und andere Sorgen hervor, und ich dachte nicht
mehr ernsthaft an die erste Veranlassung meines Hierseins. Vor einigen Wochen
erfuhr ich, da meine Gegner nur den Frieden abwarten wollen, um ihren Proze
gegen mich einzuleiten, und diese Nachrichten bestimmten mich, eine ernstliche
Nachforschung anzustellen, und denken Sie sich meine Unruhe, ich habe das ganze
Archiv durchsucht, ohne das Dokument zu finden.
    Sind Sie gewi, da es vorhanden war? fragte der Pfarrer, indem er sinnend
vor sich niederblickte.
    So gewi, als ich lebe und Ihnen die mittheile, rief der Graf.
    Das gibt einen abscheulichen Proze, sagte der Pfarrer mit nachdenklicher
Miene, und der Ausgang ist ungewi, Sie knnen ihn verlieren und zu allen Kosten
nicht nur verurtheilt werden, sondern auch zum Ersatze aller Zinsen von der
Hlfte Ihres Vermgens, die in Anspruch genommen wird. Das wrde nicht weniger
als beinahe Alles kosten, was ich besitze, sagte der Graf mit bitterem Lcheln,
und es ist keine erfreuliche Aussicht, wenn man sein ganzes Leben hindurch an
Ueberflu gewhnt war, beim herannahenden Alter Mangel und Entbehrungen
befrchten zu mssen.
    Nun, nun! so weit sind wir ja noch nicht, trstete der Pfarrer. Wenn Sie
gewi wissen, hub er nach einer Weile wieder an, da das Dokument in Ihrem
Archive war, so ist es vielleicht Ihrer Aufmerksamkeit entgangen; in so
wichtigen Angelegenheiten sucht man oft zu ngstlich, zu bereilt, und findet
darum nicht. Wollen Sie mir den Schlssel anvertrauen und mich noch einmal
nachsuchen lassen? Vielleicht bin ich glcklicher.
    Sehr gern, sagte der Graf, indem er dem Geistlichen den Schlssel reichte,
den er noch bei sich trug, denn er hatte erst diesen Morgen die Nachsuchung
geendigt. Doch, fgte er mit einem Seufzer hinzu, ich bin berzeugt, Sie werden
nichts finden.
    Wer wei, sagte der Pfarrer, indem er den Schlssel nachdenklich
betrachtete. Wenn ich nichts finde, fgte er nach einem augenblicklichen
Stillschweigen hinzu, so mu das Dokument entwendet worden sein. Haben Sie auf
Niemanden Verdacht, Wer htte in Ihrer Abwesenheit den Schlssel des Archivs?
    Der alte Lorenz, den Sie ja mssen gekannt haben, sagte der Graf. Er war
eine Art von Kastellan hier im Schlosse seit dem Tode meines Vaters, er hatte
alle Schlssel, also auch diesen; aber ich glaube nicht, da er jemals das
Archiv betreten hat.
    Hm, hm! brummte der Pfarrer, der alte Lorenz! Wer das Dokument entwendet
hat, fuhr er wie im Selbstgesprche fort, hat es unfehlbar gethan, um es den
Gegnern zu verkaufen, und es kann also der alte Lorenz nicht sein, denn htte er
es verkauft, so wrde er nicht in Geldnoth sein, und er wollte noch diese Woche
von mir borgen; das ist also kaum mglich, und doch, wer kann des Menschen Herz
ergrnden? Wehalb haben Sie den alten Mann aus Ihrem Dienste entlassen? fragte
er hastig den Grafen.
    Sie wissen, antwortete der Graf, ich kam im Herbst allein hieher. Ich hatte
die Grfin in Breslau gelassen, ich wollte erst das Schlo mit Allem versorgen,
was sie gewohnt ist und nicht entbehren kann; ich kam also, dem alten Lorenz
gewissermaen unerwartet, eines Abends allein, und da mir die Sache mit dem
Dokument am Herzen lag, forderte ich noch denselben Abend den Schlssel des
Archivs. Ich suchte die Schrift auf der Stelle, wo ich mir einbildete, da sie
liegen mute, doch machte ich mir keine Sorgen, da ich sie nicht fand, und
meinte, ich irrte mich ber den Ort, wo ich sie aufgehoben glaubte, und nahm mir
vor zu gelegenerer Zeit ordentlich zu suchen. Der alte Mann schien mir
empfindlich und verstimmt, da ich ihm die Schlssel sogleich bei meiner Ankunft
abgefordert hatte; auch schien er mir verdrlich, als er die lange Ruhe des
Schlosses gestrt sah, da in den nchsten Tagen die ganze Dienerschaft eintraf,
deren wir hier bedurften. Kurz, er bat mich, ihm zu erlauben, die Pension, die
er von Alters her hat, an einem andern Orte verzehren zu drfen, da er sich
selbst zu alt fhle, mir noch dienen zu knnen. Ich bewilligte seine Bitte gern,
und wir trennten uns zu beiderseitiger Zufriedenheit, denn wenn ihm die Unruhe
zuwider war, so war mir seine ewige Unzufriedenheit unertrglich.
    Hm, hm, brummte der Pfarrer, es ist kaum denkbar, da er das Dokument haben
sollte, und ich hoffe noch immer, ich werde es finden.
    Sie wrden mir eine groe Unruhe vom Herzen nehmen, sagte der Graf.
    Wir haben heute Mittwoch, bemerkte der Pfarrer, bis Sonnabend Nachmittag
habe ich Zeit hier zu bleiben, dann mu ich nach Hause und an meine Predigt
denken; wenn Sie mir knnten ein Zimmer in der Nhe des Archivs anweisen lassen,
so wollte ich diese Zeit dazu benutzen, um eine genaue Nachsuchung anzustellen,
ich mte aber meine Frau davon erst benachrichtigen, damit sie mich nicht
vergeblich erwartet.
    Der Graf zog die Klingel und gab dem eintretenden Bedienten die nthigen
Auftrge. Wenn der Reitknecht gesattelt hat, fgte der Pfarrer hinzu, so soll er
noch erst zu mir kommen, damit ich ihm ein Billet an meine Frau mitgeben kann.
    Nachdem diese Anordnungen getroffen und das Zimmer des Pfarrers eingerichtet
war, nahm er es in Besitz, und war so unvermuthet auf mehrere Tage ein Gast des
Schlosses geworden. Nachdem er nun an seine Frau geschrieben hatte, verfgte er
sich sogleich nach dem Archive und fing seine Nachforschungen an. Der Reitknecht
kam vor Abend mit der Antwort von der Frau Predigerin zurck und brachte
zugleich einige Wsche fr den Pfarrer, Pfeifen und einen groen Vorrath Taback
zu seinem Gebrauche mit.
    Whrend der Graf und der Pfarrer im Gesellschaftszimmer geblieben waren, und
der Erstere den Geistlichen mit seinen Verlegenheiten bekannt gemacht hatte,
hatte sich der Haushofmeister Dbois zur Grfin verfgt, um ihr Alles, was er
ber den Kranken hatte in Erfahrung bringen knnen, mitzutheilen.
    Der junge Mann war viel besser geworden, und selbst der Arzt untersagte seit
einigen Tagen das Sprechen nicht mehr gnzlich. Dbois hatte ihm also mit
Geschicklichkeit nach und nach abgefragt, wovon er glaubte, da es die Grfin zu
wissen wnschte, um aber so viel als mglich ihr jede Bewegung des Gemths zu
ersparen, hatte er die gesammelten Nachrichten aufgeschrieben und reichte der
Grfin das Blatt. Es ist besser, sagte er, wenn die gndige Frau Grfin das
Aufgeschriebene lesen, als wenn ich es mndlich vortrage, beim Sprechen knnten
leicht Erinnerungen rege werden, die Erschtterungen verursachen wrden.
    Es htte der Haushofmeister unstreitig besser gethan, an diese Erinnerungen
nicht zu erinnern, inde die Grfin beherrschte sich und nahm mit scheinbarer
Gelassenheit das Blatt aus seiner Hand. Der Name des jungen Mannes, las die
Grfin, ist Adolph St. Jlien. Adolph! wiederholte sie und eine Thrne fiel auf
das Blatt. Er ist der Sohn, fuhr sie mit zitternder Stimme fort, eines reichen
Banquiers, der vor mehreren Jahren gestorben ist; die Mutter lebt noch, und der
Sohn wnscht sehnlichst, ihr Nachricht von sich geben zu knnen. Da er in den
Rheinprovinzen erzogen ist, so spricht er beinah eben so gut Deutsch, als
Franzsisch. Er dient seit einigen Jahren in der Armee und ist Kapitain des
Regiments.
    Die Grfin schwieg und schaute lange vor sich nieder, endlich richtete sie
mit einem tiefen Seufzer die Augen auf den Haushofmeister und sagte: Es klingt
ganz so fremd, wie ich vernnftiger Weise erwarten mute; nehmen Sie Ihr Blatt
zurck, fuhr sie fort, indem sie es ihm hinreichte, und vergessen Sie meine
wahnsinnigen Hoffnungen, die ich durch nichts, durch gar nichts begrnden kann
und kaum vor mir zu entschuldigen vermag.
    Die Aehnlichkeit ist so auffallend, sagte Dbois furchtsam.
    Sie rathen mir Erinnerungen zu vermeiden, sagte die Grfin schmerzlich
lchelnd, die Sie selbst nun erregen.
    Mich zwingt die Pflicht ehrerbietig daran zu erinnern, sagte der alte Mann
schchtern. Herr St. Jlien ist jetzt in der Besserung, er wird morgen etwas
aufstehen; er wird in einiger Zeit das Zimmer verlassen knnen, und wird dann
doch natrlich wnschen, der gndigen Frau Grfin seine Dankbarkeit zu bezeugen.
Wenn nun sein Anblick -
    Ich verstehe Sie, sagte die Grfin, Sie haben Recht, ich mu meine Gedanken
schon daran gewhnen, diese Aehnlichkeit in einem mir vllig fremden Wesen zu
betrachten, um ruhig zu bleiben, oder doch zu scheinen, wenn er mir lebendig vor
Augen steht. Sein Sie ohne Sorgen, guter Dbois, fuhr sie fort, indem sie sich
ihm nherte. Hatte ich auch keinen Grund mich zu beherrschen, als nur diesen
alten Augen Thrnen zu ersparen, die schon so viele ber meine Leiden vergossen
haben, so wrde er mir hinreichend sein. Verlassen Sie mich aber jetzt, fuhr sie
gtig fort, wir sind in Gefahr uns beide zu erweichen, und wenn Sie das fr
meine Gesundheit nachtheilig finden, so kann es Ihnen bei Ihrem Alter nicht
anders als hchst schdlich sein.
    Der Haushofmeister folgte dem Winke seiner Gebieterin und schwur bei sich,
da niemals eine Knigin auf Frankreichs Throne ihre Diener edler behandelt
habe, als die Grfin ihn.

                                      VII


Der Pfarrer lebte ganz in dem Archive, er kam nur zum Abendessen zur brigen
Gesellschaft. Frhstck, Mittagessen und Thee lie er sich dort hinbringen, und
durchsuchte mit der grten Genauigkeit Alles. Endlich war die Nachforschung
geendigt, und er hatte nichts gefunden. Er sttzte sich gedankenvoll auf den
groen Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand, und bedauerte wahrhaft den
Grafen, fr den er in demselben Grade seine Freundschaft zunehmen fhlte, als er
mit seinen Geschften und Verhltnissen bekannter wurde. Willenlos zog er die
Schublade des Tisches auf, in der er noch einige Papiere bemerkte, die aber von
keiner Wichtigkeit zu sein schienen, und unter denen das Dokument gewi nicht
verborgen sein konnte, denn es waren Umschlge von Briefen, alte Recepte zu
Arzneien, kleine, zum Theil zerrissene Rechnungen. Auch der Graf hatte diese
Schublade geffnet, aber sich gleich berzeugt, da sie nichts enthalte, was
schon der Gre nach die gesuchte Schrift sein knnte, also den Inhalt nicht
weiter beachtet; der Pfarrer aber, der dergleichen Dinge grndlicher betrieb,
sezte sich noch einmal vor den Tisch nieder, entfaltete und betrachtete jedes
Blatt, und so fielen ihm zwei kleine, unordentlich zusammengedrckte Stcke
Papier in die Hnde, in denen er, als er sie entfaltete, bald einen Anfang der
Abschrift der gesuchten Urkunde erkannte. Es war deutlich, da der Abschreiber
sich beide Male verschrieben, das Papier verdrlich zusammengedrckt und in die
Schublade geworfen hatte, wo es gewi nicht hatten bleiben sollen. Freudig ber
seine gemachte Entdeckung, lie der Geistliche sogleich den Grafen rufen und
theilte ihm die gefundenen Papiere mit; der Graf erkannte die Hand des alten
Lorenz; er holte Briefe herbei, die er frher von ihm erhalten hatte, und auch
der Pfarrer berzeugte sich durch die Vergleichung, da kein Anderer, als er,
der Abschreiber der Urkunde gewesen sein knnte.
    Was ist nun zu thun? sagte der Graf. Hat er die Urkunde meinen habschtigen
Verwandten verkauft und kommt es zum Proze, so kann ich zwar durch diese
Bltter die Entwendung derselben wahrscheinlich machen, aber dann mache ich im
besten Falle den Menschen unglcklich, der meinem Vater so lange gedient hat,
und beschimpfe die Mitglieder meiner eignen Familie, die sich aus Eigennutz so
niedrige Schritte erlaubt haben.
    Ich glaube nicht, da das Dokument schon verkauft ist, sagte der Pfarrer,
nach einigem Nachdenken. Es ist klar, da der alte Schelm die Urkunde
abgeschrieben hat, und das lt sich nur auf eine Art erklren, nmlich, man hat
mit ihm unterhandelt und sich vorerst berzeugen wollen, ob er in der That im
Stande wre, eine so hchst wichtige Schrift zu berliefern. Da wir diese
Bltter hier gefunden haben, so ist es klar, da die Abschrift nicht lange vor
Ihrer Ankunft gemacht worden ist, und da der Alte gewi die Absicht gehabt hat,
alle Spuren dieser Arbeit zu vertilgen. Daher knnen Sie sich auch seine ble
Laune erklren, als Sie ihm bei Ihrer unvermutheten Ankunft sogleich die
Schlssel des Archives abforderten, und sein Gewissen trieb ihn, sich so bald
als mglich davon zu machen.
    Wohl, sagte der Graf, aber was kann ihn gehindert haben, nun, seitdem er
sich aus dem Schlosse entfernt hat, die Urkunde meinen Gegnern zu berliefern?
    Die Angst, erwiederte der Pfarrer, vor den mglichen Folgen; vielleicht auch
ist der Handel noch nicht abgeschlossen, vielleicht fordert er mehr, als man ihm
bietet. Kurz, da ich bestimmt glaube, da die Schrift vor Ihrer Ankunft nicht
verkauft war, so zweifle ich mit Recht daran, da sie es jetzt ist, denn auf den
Fall wrde er noch Geld haben, ob er gleich locker lebt, und er hat keins, denn
er hat mich noch krzlich schriftlich gebeten, ihm Geld auf seine Pension, die
er von Ihnen zieht, vorzuschieen.
    Was wollen Sie daran wenden, fragte der Pfarrer nach einer kleinen Pause, um
die Urkunde wieder zu bekommen?
    So viel Sie fr nthig halten, sagte der Graf, bin ich gern bereit zu
zahlen, um diese Geschichte auf eine anstndige und fr mich beruhigende Art zu
endigen.
    Sie lassen mir also vllig freie Hand, sagte der Pfarrer, wenn es Ihnen auch
hundert Dukaten kosten sollte?
    Ich wrde Ihnen Zeitlebens dankbar bleiben, rief der Graf, wenn Sie mich fr
ein so geringes Opfer von dieser Sorge befreien knnten.
    Das hoffe ich gewi, versicherte der Pfarrer. Ich habe zugleich, fuhr er
fort, da ich alle Papiere durchgehen mute, das Archiv fr Sie geordnet, und
wenn Sie es nun in dieser Ordnung lassen, so kann es Ihnen niemals mehr
Beschwerde machen, eine Urkunde, die Sie nthig haben, aufzufinden. Bei diesen
Worten reichte er dem Grafen ein kleines Heft, worin dieser alle Lehnbriefe,
Schenkungen, Prozesse, Familien-Abmachungen, die das Archiv enthielt, numerirt
und chronologisch geordnet fand. Wenn wir nun das Dokument vom alten Lorenz
wieder bekommen, bemerkte der Pfarrer, so brauchen wir es nur hier in diese
Rubrik einzutragen; er deutete mit dem Finger darauf.
    Der Graf konnte sich nicht der Verwunderung erwehren, da ein Mann, der in
seiner nchsten Umgebung, in seinen Wohnzimmern so wenig das Bedrfni der
Ordnung empfand, eine so musterhafte in alle Geschfte brachte. Denn wie in dem
Wohnzimmer des Pfarrers, so war ihm hier wieder, als er das Archiv betrat, das
der Geistliche nur wenige Tage bewohnt hatte, hchst widrig aufgefallen, wie der
Tabacksrauch in Wolken im Zimmer schwebte, die Pfeifen zwischen Papieren auf dem
Tische lagen und die ausgebrannte Asche derselben auf dem Boden, Kleidungsstcke
auf allen Sthlen, und von frhem Morgen her die Gerthschaften zum Kaffee
nachbarlich vereinigt mit Tellern, die noch die Ueberreste von kaltem Braten
enthielten, den sich der Geistliche hatte kommen lassen. Dagegen aber waren alle
Pergamente sowohl, als die Schrnke, worin sie aufbewahrt wurden, von Staub
gesubert; was unordentlich seit Menschenaltern durch einander gelegen hatte,
war in bestimmten Fchern geordnet, und es war dem Pfarrer nicht zu beschwerlich
gewesen, jeden Morgen um fnf Uhr aufzustehen und ununterbrochen den ganzen Tag
zu arbeiten, um die Geschft zu beendigen.
    So gewann denn der Graf die Ueberzeugung, da von dem Pfarrer, der in seiner
Umgebung weder der Ordnung, noch weniger der Zierlichkeit zu bedrfen schien,
und dem so wenig darauf ankam, ob er in der Gesellschaft liebenswrdig erschien,
doch ein Jeder, der reelle Dienste nthig habe, die die hchste Thtigkeit und
angestrengteste Arbeit erforderten, diese gewi nicht vergeblich hoffen wrde.
Er nahm sich also vor, dessen schroffes Betragen knftig milder zu beurtheilen
und keinen Ansto mehr an der wunderlichen Unordnung in seinem Hause zu nehmen.
    Der Pfarrer erbat sich die Erlaubni, den gefundenen Anfang der Abschriften
mit sich zu nehmen, und versprach dem Grafen, ihm den Erfolg seiner Untersuchung
sogleich mitzutheilen, sobald er den alten Lorenz gesprochen htte. Man trennte
sich freundlich, und der Pfarrer ritt nach Hause, um zunchst an seine Predigt
zu denken, die er den Sonntag halten mute. Als er damit fertig war, schrieb er
dem ehemaligen Kastellan des Schlosses in Erwiederung seines Gesuchs um einen
Geldvorschu, welches er frher mit Stillschweigen zu bergehen gesonnen war,
und lud ihn ein, persnlich zu ihm zu kommen, um ber dies Geschft mit ihm zu
reden. Er stellte seine Worte mit Klugheit so, da sie ihn zu nichts
verpflichteten, aber doch dem alten Lorenz alle Hoffnung gaben, das gewnschte
Darlehn zu erhalten, und er erwartete also mit Recht, diesen mit Nchstem bei
sich zu sehen.
    Er hatte sich nicht getuscht in seinen Vermuthungen, denn kaum waren drei
Tage verflossen, so hielt vor dem Eingange zu des Pfarrers Wohnung eine
Equipage, die keinen vornehmen Besuch ankndigte. Ein Mittelding zwischen Karren
und Kalesche, dessen mit Oelfarbe angestrichener Kasten schief in sehr
beschdigten Riemen hing, und dessen Thren in Ermangelung der Schlsser mit
Schnren gebunden waren, hatte ein mageres, auf allen Fen steifes und lahmes
Pferd mhsam durch die Strae des Dorfes gezogen, und dadurch dem darin
sitzenden alten Manne vollkommen Zeit gewhrt, mit heuchlerischer Freundlichkeit
auf beiden Seiten alte Bekannte zu begren, die die Kpfe verwundert aus den
kleinen Fenstern steckten.
    Der alte Lorenz - denn Niemand anders, als er war der Reisende - ffnete
eine Thre seines Wagens, indem er die befestigenden Schnre losknpfte, stieg
langsam aus und trocknete mit einem bunten Schnupftuche die Thrnen aus seinen
rothen, immer triefenden Augen, klopfte den Staub, so gut es gehen wollte, von
dem blauen, mit metallenen Knpfen versehenen Rocke und entblte sein halb
kahles, mit wenigen weien Haaren bedecktes Haupt schon, ehe er die Pforte
ffnete, die zu des Pfarrers Wohnung fhrte, wozu ihm dieser vollkommen Zeit
lie, indem er, ruhig am Fenster stehend, mit der Pfeife im Munde, alle
Vorbereitungen betrachtete, die der alte Mann machte, um anstndig vor ihm zu
erscheinen. Nicht immer war Herr Lorenz so hflich gewesen, alle Bauern zu
gren oder so besorgt, mit gehrigem Anstande vor dem Pfarrer zu erscheinen. Er
hatte viele Jahre das Schlo beinah allein bewohnt, ein gutes Gehalt bezogen,
sich des Kellers, der Grten, der Fischerei und der Wildbahn ohne Umstnde
bedient, stillschweigend unter diesen Bedingungen sich verheirathet und, nachdem
er Wittwer geworden war, zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, nachlig
genug erzogen. Er lie den Sohn die Rechte studiren, und man hatte ihn, seitdem
er die Universitt bezogen, in der Gegend seines Geburtsortes nicht mehr
gesehen. Die Tochter verlie den Vater, vorgeblich, um als Kammerjungfer zu
dienen, seitdem der Graf schon aus der Ferne den alten Lorenz beschrnkte, indem
er andern, zuverligern Personen die Verwaltung der Guts-Einknfte bertrug,
und Herr Lorenz konnte nun weder fr sich selbst seinen Tisch nach gewohnter
Weise auf Kosten des Grafen ferner besetzen, noch seine zahllosen Freunde mehr
so gastfrei bewirthen. Da ihm Gesellschaft und Gensse mancher Art zum Bedrfni
geworden waren, so suchte er auswrts, was er sich im Schlosse nicht mehr
verschaffen konnte; fing an die Schenken zu besuchen, begngte sich mit
gemeineren Getrnken und wurde in demselben Grade mit den Bauern vertrauter, als
sich seine vormalige Gesellschaft von ihm zurckzog. Natrlich war nun sein
Gehalt nicht hinreichend, seine Ausgaben zu bestreiten; so verwickelte er sich
in Schulden und fing an, als diese ihn nach und nach bedrngten, erst seine
entbehrlichen Besitzthmer, und nach und nach alle zu verkaufen, so da er
eigentlich sich schon in groer Armuth befand, als der Graf ihn aus seinen
Diensten entlie.
    In seiner frheren, glcklicheren Zeit war er von Allen, die ihn kannten,
mit einer gewissen Achtung behandelt worden, und eben auch dem Pfarrer war er
nicht immer ein unwillkommener Besuch gewesen, sondern dieser hatte ihn frher
oft freundlich an der Thre seines Hauses bewillkommnet; schon seit langer Zeit
aber war die Verhltni zwischen beiden aufgehoben, und der Geistliche nickte
diemal nur nachlig mit dem Kopfe in Erwiederung der tiefen Verbeugung, mit
der ihn der ehemalige Kastellan begrte, als er endlich das Zimmer betrat.
    Wir haben uns lange nicht gesehen, sagte der Pfarrer nach einem kurzen
Schweigen, um das Gesprch zu erffnen; wie geht's, seitdem Sie das Schlo
verlassen haben?
    Lorenz richtete die rothen Augen heuchlerisch gen Himmel, sttzte sich mit
beiden, gefalteten Hnden auf seinen knotigen Stab und sagte, indem er aus
tiefer Brust seufzte: Ach Gott! Herr Pfarrer, wie kann es einem alten,
verlassenen Manne gehen? Kinderlos, freundlos, verstoen von dem Herren, dem ich
so viele Jahre gedient habe, wie seinem Vater vor ihm, nun, Gott sei es
berlassen, ich klage Niemand an, aber ich wurde verstoen, und Auslnder,
Franzosen, Landesfeinde, die nehmen den Platz ein, der einem alten treuen Diener
gebhrte; nun, ich will nicht klagen, Gott mag richten, ihm sei es berlassen.
    Der Graf aber, erwiederte der Pfarrer, sagt, Sie selbst haben das Schlo
verlassen wollen, also sind Sie gegangen, und Niemand hat Sie vertrieben.
    Ja, ja, der Graf sagt so, fuhr Lorenz seufzend fort, aber wie ich behandelt
wurde, welches Mitrauen man mir zeigte, mir, dem alten redlichen Diener, das
sagt der Herr Graf wohl nicht. Ja, ja! arme Leute mssen schweigen und groer
Herren Unrecht leiden, das ist der Lauf der Welt, Herr Pfarrer, und ich will
nicht darber murren. Aber mein guter seliger Herr htte mir das nicht gethan,
sezte er weinend hinzu, mit meinem seligen Herren wurde alle meine Freude in
dieser Welt begraben.
    Sie haben aber doch noch manche gute Stunde erlebt, sagte der Pfarrer, nach
dem Ihr seliger Herr lange begraben war.
    Was will das sagen, seufzte Lorenz, indem er ein schelmisches Lcheln kaum
unterdrcken konnte; was ist alle irdische Lust, die man mit traurigem Herzen
geniet? Und was ist die Erinnerung an vergangene, bessere Tage, wenn man mit
Alter und Armuth kmpfen mu?
    Aber der Graf, sagte der Pfarrer, hat Ihnen ja Ihre Pension gelassen und,
wie ich gehrt habe, sogar noch zugelegt.
    Alles wahr, Herr Pfarrer, klagte Lorenz, aber was braucht ein alter
schwacher Mann nicht Alles?
    Sie knnten als ein einzelner Mann recht gut leben, sagte der Pfarrer
verweisend, wenn Sie nicht immer in den Schenken sen, wenn Trunk und Spiel
Ihnen nicht so viel kosteten.
    Lieber, lieber Gott! jammerte Lorenz mit Thrnen, wie sind deine Menschen
doch so hart. Richtet nicht, Herr Pfarrer, so werdet ihr nicht gerichtet. Wenn
ein alter Mann unter Gottes Himmel einsam wandelt, und ruht sich nach der
Ermdung aus und labt sich in seiner Ermattung durch einen Trunk, so schilt ihn
die Welt einen Sufer; wenn ein trauriger Mensch seinen Kummer zerstreuen will,
und greift in der Angst seiner Seele nach den bunten Blttern oder nach den
Wrfeln, so nennt Ihr ihn sndlich einen Spieler.
    Es lt sich wenig Gutes mehr von Ihnen hoffen, sagte der Pfarrer
ungeduldig, Sie sind ein rechter Heuchler geworden.
    Ich ergebe mich in den Willen Gottes, sagte Lorenz, ohne sich aus seinem
angenommenen Charakter herausschelten zu lassen. Ihm gefllt es, da ein alter
Mann geschmht und gescholten werden soll von denen, auf deren Beistand er
hoffte. Ich dachte Ihr Herz milder zu finden, Herr Pfarrer, sezte er mit einem
Tone hinzu, in dem ein sanfter Vorwurf liegen sollte. Ich klagte Ihnen meine
Noth, und Ihr Brief lie mich hoffen, da Sie genigt wren, sie zu lindern.
    Es ist gegen meine Grundstze, sagte der Pfarrer, Geld zu solchen Zwecken
auszuleihen, wozu Sie es verwenden wrden, wenn ich auch eine Summe brig htte.
    Des Herren Wille geschehe, sagte Lorenz; aber wozu, fgte er verdrlich
hinzu, lieen Sie mich denn dann den weiten Weg machen? Um mir eine abschlgige
Antwort zu holen? Htten Sie mir die nicht schriftlich geben knnen, ohne mir
die Zeit zu rauben, in der ich mich nach andern Mitteln htte umsehn knnen?
    Welche Mittel haben Sie denn? fragte der Pfarrer mit scheinbarer Theilnahme,
um sich aus der Noth zu helfen.
    Ich wei es nicht, sagte der alte Heuchler, Gott wird mir Wege zeigen;
vielleicht, da mein Sohn im Stande ist, mir beizustehen.
    Erhielten Sie krzlich Nachrichten von Ihrem Sohne? fragte der Geistliche
hastig.
    Nicht so ganz krzlich, antwortete Lorenz mit merklicher Verlegenheit. Wo
hlt er sich jetzt auf? strmte der Pfarrer auf ihn ein, treibt er die Rechte
noch, bekleidet er ein Amt oder hat er Aussicht, eins zu erhalten?
    Ich kenne seine Umstnde nicht ganz genau, sagte der Alte ausweichend, sein
Brief ist darber nicht deutlich, doch hat er wohl Aussicht, Gottlob, sein Brot
zu erwerben.
    Von wo aus hat er Ihnen geschrieben? fragte der Pfarrer, indem er nahe zu
dem alten Manne hintrat, eine Hand auf seine Schulter legte und ihm scharf in
die Augen sah.
    Ich habe den Ort vergessen, erwiederte Lorenz zgernd.
    Aber Ihr Sohn ist in Schlesien? fuhr der Pfarrer fort zu fragen. Der Brief
hat keinen gar weiten Weg gemacht?
    Ja, in Schlesien ist er, stotterte der Alte.
    Hm! sagte der Pfarrer, indem er seine Hand von der Schulter des alten
Snders zurcknahm, der sich dadurch sehr erleichtert zu fhlen schien. Der
Geistliche ging einige Male im Zimmer auf und ab, und blies den Rauch aus seiner
Pfeife gedankenvoll vor sich hin.
    Wenn Sie mir also nicht helfen wollen, Herr Pfarrer, fing nach einem kurzen
Schweigen der alte Lorenz wieder an, so will ich Sie Gottes Schutz befehlen und
mich wieder auf den Rckweg nach meiner armen Htte begeben.
    Ich hatte die Absicht, sagte der Pfarrer, indem er dem Alten wieder
vertraulich nher trat, noch mit Ihnen ber andere Gegenstnde zu sprechen und
Ihnen einen Weg zu zeigen, auf dem Sie vielleicht Geld erhalten knnten, ohne es
zu leihen; denn Sie wissen, geliehenes Geld macht nur eine halbe Freude, das
Wiedergeben fllt gar zu schwer.
    Man mu sich vor der Zeit darber nicht grmen, lchelte der Alte. Doch
lassen Sie hren; wenn man gar nicht fr die Erstattung zu sorgen braucht, so
ist es freilich am Besten.
    Setzen wir uns, sagte der Pfarrer, und lassen Sie uns offenherzig sprechen.
Sie sehen, wir sind allein, und was wir auch sprechen mgen, es kann keine
Folgen haben, da kein Zeuge vorhanden ist, um die Aussage, die Sie etwa machen
wollten, fr Sie bedenklich zu machen.
    Befremdet und mitrauisch sah der Alte den Pfarrer an, indem er seiner
Einladung folgte. Beide setzten sich, so da ein kleiner Tisch zwischen ihnen
war. Sie hatten, hob der Pfarrer von Neuem und etwas feierlich an, auf dem
Schlosse die Schlssel zum Archiv in Hnden, nicht wahr?
    Ich hatte viele Schlssel, sagte der Alte trotzig, so lange ich das Schlo
verwaltete, Gott wei, was sie Alles schlossen, ich habe mich nie darum
bekmmert.
    Sie sind aber doch wohl oft im Archiv gewesen? fragte der Pfarrer, indem er
ihn bedenklich anblickte.
    Wie kann ich wissen, wo ich im Schlosse gewesen bin, oder nicht, sagte
Lorenz nicht ohne Verlegenheit. Es ist wohl viel verlangt, da ein alter Diener
Rechenschaft darber ablegen soll, wo er vierzig Jahre lang seine Fe
hingesetzt hat, oder wo er in einem alten, weitluftigen Gebude nicht gewesen
ist.
    Ich begreife nicht, sagte der Pfarrer mit einem mitrauischen Blicke, wie
meine Fragen Sie so unruhig machen knnen.
    Und ich begreife noch weniger, antwortete Lorenz mit erzwungener Keckheit,
wer Ihnen ein Recht giebt, mir alle diese Fragen vorzulegen. Mich bestimmt,
erwiederte der Pfarrer mit Herablassung, vor allem das Mitleid, welches ich mit
Ihnen habe, denn mir wrde es leid thun, einen alten Mann, den ich so lange
gekannt habe, unglcklich werden zu sehen.
    Was wollen Sie damit sagen? fragte der Alte mit einiger Bestrzung.
    Der Pfarrer richtete die Augen scharf auf den vor ihm sitzenden Snder, und
sagte dann langsam und nachdrcklich: Der Graf vermit aus dem Archive eine ihm
wichtige Schrift, sie ist warscheinlich entwendet, Niemand als Sie hat vor dem
Grafen die Schlssel gehabt; auf wen kann der Verdacht fallen, als auf Sie?
    Was gehen mich die Schriften des Grafen an, sagte der Alte; ich habe sie nie
angesehen, ich habe mich nie darum bekmmert, und der Graf hat mir ja die
Schlssel abgenommen, so wie er kam; warum hat er nicht gleich gesprochen, was
will er nun von mir?
    Sie waren also niemals im Archiv, um die Schriften zu durchsuchen? fragte
der Geistliche gelassen.
    Niemals, antwortete Lorenz mit Frechheit, meine Hnde haben die alten
bestubten Dinger nicht angerhrt.
    Alter heuchlerischer Schurke! rief der Pfarrer, indem ihn die Verachtung
unwillkhrlich hinri, und zugleich zog er sein Taschenbuch hervor und zeigte
dem alten Lorenz seine angefangenen Abschriften. Sie knnen Ihre Hand nicht
ableugnen, rief er ihm drohend hinzu, und sehen Sie, Ihre Handschrift straft
Ihre Worte Lgen. Wo ist die Urkunde hingekommen, fuhr er fort, weswegen haben
Sie sie abgeschrieben?
    Ich wei es nicht, sagte der Alte zitternd und ernstlich erschrocken.
Wahrscheinlich um mich im Schreiben zu ben. Mein Gott, Herr Pfarrer, fuhr er
weinend fort, Sie werden doch einen alten Mann nicht unglcklich machen und ihn
nicht solcher Dinge beschuldigen wollen, die er nie begangen hat.
    Ich will Ihr Unglck nicht, sagte der Pfarrer, und eben so wenig der Graf.
Es trifft Sie der wahrscheinliche Verdacht, die Urkunde entwendet zu haben;
schaffen Sie sie wieder herbei, und der Graf ist bereit, die Sache zu vergessen
und Ihnen noch funfzig Dukaten zu schenken.
    Was ich nicht habe, kann ich nicht herbeischaffen, sagte Lorenz wieder
ruhiger, nachdem der Pfarrer Geld geboten hatte, Sie krnken meinen ehrlichen
Namen, Herr Pfarrer, Gott mag Ihnen die Snde vergeben.
    Der Geistliche that sich Gewalt an, um gelassen zu bleiben, er sagte aber
dennoch mit unwillkrlicher Heftigkeit: Wenn Sie nicht selbst Ihr Unglck
wollen, so handeln Sie als ein vernnftiger Mensch, vermeiden Sie die
gerichtliche Untersuchung, die Sie ins Zuchthaus fhren mte; merken Sie das
wohl. Ich sage Ihnen jetzt mein letztes Wort, der Graf giebt hundert Dukaten,
wenn die Schrift ohne gerichtliche Hlfe herbeigeschafft wird.
    Mein Gott, sagte Lorenz, die Augen zum Himmel erhebend, mein Gott, Herr
Pfarrer, wie wehe thun Sie mir altem, hflosem Manne. Sie wollen Schande auf
mein graues Haupt laden, der Herr vergebe es Ihnen. Was im Archiv gewesen ist
vor funfzig Jahren, das mu noch jetzt darin sein, aber der Graf wei nicht
Bescheid, er versteht nicht zu suchen; wenn man mich will nachsuchen lassen,
ungestrt, ganz allein, und Sie mir die hundert Dukaten zusichern wollen, so bin
ich berzeugt, ich werde die Urkunde auffinden, und Sie werden dann einsehen,
da Sie mir altem Manne Unrecht gethan haben. Der Pfarrer sah ihn einen
Augenblick schweigend an und sagte dann: Ich glaube wohl, da der Graf die
billigen wird, Sie knnen also die Nacht hier bleiben, und Morgen knnen wir
nach dem Schlosse, und Sie mgen dann Ihre Nachsuchungen anstellen.
    Nein, nein! rief der Alte ngstlich, das ist nicht mglich, ich mu heute
Abend nach Hause, aber bermorgen bin ich wieder bei Ihnen; ich habe morgen ein
dringendes Geschft.
    Der Pfarrer sah sehr wohl ein, welch ein Geschft der ehemalige Kastellan
beendigen mute, ehe er daran denken konnte, die Urkunde im Archiv aufzufinden;
er lie ihn also ungehindert fahren, nachdem die gegenseitigen Versprechungen
erneuert waren, da nmlich Lorenz das Dokument unfehlbar finden und dagegen
eben so unfehlbar hundert Dukaten erhalten wrde.

                                      VIII


Einige Tage waren verflossen, seitdem Dbois der Grfin die wenigen,
unbefriedigenden Nachrichten ber den Verwundeten gegeben hatte. Der Kranke
besserte sich fortwhrend und war endlich so weit, das Zimmer verlassen zu
knnen. Der Haushofmeister benachrichtigte die Grfin, da es der sehnlichste
Wunsch des jungen Mannes sei, ihr seine Dankbarkeit fr die Aufnahme in ihrem
Hause zu bezeigen. Sein Begehren lie sich nicht abschlagen, ohne alle Sitte zu
verletzen, und die Grfin selbst fhlte eine mit Furcht vermischte Begierde ihn
wieder zu sehen.
    Das Verhltni zwischen Emilie und der Grfin war seit der Erklrung, die
beide nher rckte, hchst freundschaftlich geworden; die Grfin war gegen ihre
junge Freundin liebreich und vertraulich; sie that sich nicht mehr den Zwang an,
mit ihr gleichgltige oder geistreiche Gesprche zu fhren, wenn trbe
Erinnerungen und qulende Gedanken ihre Seele beherrschten, und Emilie durfte
ihre Theilnahme offen zeigen, statt da sie sonst zu ihrer eigenen Qual in
solche Gesprche einstimmen mute.
    Beide Frauen saen im Theezimmer und erwarteten den Grafen, der versprochen
hatte, um diese Zeit von Heimburg zurck zu kehren, wohin ihn der Baron Lbau
dringend eingeladen hatte, und den Kapitain St. Julien, der zum ersten Male den
Frauen seinen Besuch machen wollte. Beide Mnner wurden mit Unruhe erwartet. Das
Dringende der Einladung des Barons lie deutlich merken, da etwas Wichtigeres,
als eine freundschaftliche Sehnsucht sie veranlat hatte, und St. Julien wurde
von der Grfin mit Aengstlichkeit erwartet, weil sie befrchtete, da sie sich
bei seinem Anblick nicht so, wie sie es wnschte, wrde beherrschen knnen.
    Endlich ffnete sich die Thre, und langsam nherte sich der junge Mann, den
einen Arm in der Binde tragend und sich mit dem andern auf den Haushofmeister
sttzend. Sein bleiches Gesicht, die eigefallenen Wangen, die gesenkten
Augenlieder, die kaum gertheten Lippen zeigten von groer Ermattung; aber indem
er zu sprechen begann, glhte in den dunkeln Augen, die er auf die Grfin
richtete, ein tiefes Gefhl, der bleiche Mund bewegte sich mit unendlicher
Anmuth, und der Wohllaut der schnsten mnnlichen Stimme schien erschtternd auf
die Grfin zu wirken. Es whrte einige Augenblicke, ehe sie sich zu fassen
vermochte, und Dbois richtete besorgte Blicke auf seine Gebieterin. Emilie
betrachtete mitleidig den jungen Mann, der sich mit Mhe aufrecht zu erhalten
schien. Die Grfin lste endlich die peinliche Verlegenheit, die einige
Augenblicke herrschte. Sie richtete mit Gte, aber groer Anstrengung, die
ersten Worte an den jungen Mann, indem sie sagte: Ich wei, Sie sprechen
deutsch, ich ziehe es vor, mich in dieser Sprache zu unterhalten, und Sie wrden
mich verbinden, wenn Sie nie franzsisch mit mir reden wollten. St. Julien
verbeugte sich und schwieg einige Augenblicke, der Ausdruck der Empfindlichkeit
war eine Minute sichtbar auf seinem Gesichte, er konnte nicht voraussetzen, da
die Grfin die Sprache seines Landes nicht verstehe, und ihm mute es auffallen,
da sie in Erwiederung auf sein dankbares Gefhl, das er sich auszudrcken
bemht hatte, diese Bitte an ihn richtete, die nicht freundlich klang. Ich mu
es beklagen, sagte er endlich in deutscher Sprache, da meine Landsleute sich
Ihnen so verhat gemacht zu haben scheinen, da ihre Sprache Ihnen selbst im
Munde dessen unertrglich ist, dem Sie so viele Gte erwiesen haben.
    Es ist nicht das, sagte die Grfin in lebhafter Bewegung. Ich bitte Sie,
mich nicht zu verkennen; es knpfen sich fr mich an die Land und diese Sprache
so viele se, schmerzliche und schreckliche Erinnerungen, da ich das Land
nicht wieder sehen knnte, die Sprache ungern hre und vor Allem aus Ihrem Munde
nicht vernehmen mchte. Mit groer Bestrzung sah Emilie die Grfin an, deren
Wangen wie im Fieber glhten, und deren zitternde Stimme von der Bewegung der
Seele zeugte. Bei der grten Zurckhaltung, die die Grfin gegen Jedermann
beobachtete, so da sie auch in den vertraulichsten Stunden ihr Herz niemals
ihrer jungen Freundin ffnete, mute der Zustand, in welchem sie, wie es schien,
ihr Vertrauen einem jungen Manne entgegen tragen wollte, den sie zum ersten Mal
sprach, Emilien wie ein Zustand des Wahnnsinns erscheinen; Dbois sah verlegen
vor sich nieder und St. Julien schwieg, erstaunt ber den seltsamen Empfang.
    Die Grfin fhlte, da sie sich hatte berwltigen lassen, und gewann, wie
immer, bald die Herrschaft ber ihre Empfindungen, so da sie nach kurzem
Schweigen sich mit Ruhe und Wrde an St. Julien wendete, ihm ihre Theilnahme an
dem Unglck bezeugte, das ihn zum Gast ihres Hauses gemacht hatte, und ihre
Freude darber uerte, ihn so weit hergestellt zu sehen. Sie forderte den
Haushofmeister auf, ihrem Gast alle Bequemlichkeiten zu verschaffen, die seine
Lage erheischte, und fragte hchst gtig, ob ihm seine Krfte erlaubten, Antheil
an der Gesellschaft zu nehmen. Man bemerkte zwar, da die Grfin von Neuem ein
wenig zusammenschreckte, als sie seine Stimme wieder hrte, mit der er sich die
Erlaubni ausbat, noch in Gesellschaft der Damen zu bleiben; sie blieb aber
ruhig und befahl nur, einen bequemen Lehnstuhl ihr gegen ber an den Theetisch
zu rcken, den der Kranke einnehmen mute. Sie richtete oft das Wort an ihn, um,
wie es schien, sich an den Klang seiner Stimme zu gewhnen, und forderte dann
nach einiger Zeit Emilie zum Singen auf, damit, wie sie bemerkte, St. Julien
nicht mehr gereizt wrde zu sprechen, was ihm doch schdlich sein knnte.
    Emilie gehorchte der Grfin um so lieber, als sie sich heut nicht in ihr
Betragen finden konnte; htte sie ihre Freundin nicht zu gut gekannt, so da sie
wute, wie hchst ungerecht ein solcher Argwohn sein wrde, so wrde sie sich
nicht haben enthalten knnen zu glauben, da die Grfin einen vortheilhaften
Eindruck auf den jungen Mann zu machen wnsche. St. Julien war anfangs verstimmt
und verwirrt durch die seltsame Art, mit welcher die Grfin ihre Bekanntschaft
erffnet hatte; doch fhlte er sich bald durch die Unterhaltung angezogen, so
wie durch die Gte, welche sie gegen ihn uerte, ein Wohlwollen in seiner Brust
erregt wurde, ber das er sich weder nachzudenken, noch es sich zu erklren
bemhte. Es hatte whrend des Gesprchs die Grfin des jungen Mannes
Aufmerksamkeit so gnzlich gefesselt, da er Emilien, die sich berdies nicht in
die Unterhaltung mischte, wenig beachtet hatte. Er betrachtete nun, indem sie
sich durch das Zimmer bewegte, um sich dem Instrumente zu nhern, die schlanke,
edle Gestalt, und konnte nicht umhin, die Flle der glnzenden, schnen blonden
Haare zu bewundern, die theils in Flechten aufgesteckt waren, theils in Locken
den zarten, weien Nacken umspielten; sie ffnete die frischen, rothen Lippen,
und der Ton ihrer Stimme, der silberrein aus der Brust empor stieg, traf mit
rhrender Gewalt sein Herz. Emilie hatte den seltenen Vorzug, da sie sich
whrend des Gesanges verschnte; ohne Anstrengung standen ihr die Tne in der
Hhe und in der Tiefe zu Gebote, und sie konnte sich ungestrt dem Genu an der
Musik, die sie vortrug, berlassen; darum glhte das Gefhl, das ihre Tne
auszudrcken strebten, whrend des Gesangs in ihren Augen; das Entzcken spielte
um den lieblichen Mund und frbte mit hherer Rthe die zarten Wangen.
    St. Juliens Augen waren auf die schne Sngerin geheftet. Die lieblichen
Melodien, die ihren Lippen entstrmten, durchdrangen sein Herz; die sanfte Glut
ihrer blauen Augen schien sich heier in den dunkeln Sternen der seinigen zu
wiederholen, bis die zrtlichen Accorde ein wehmthiges Gefhl hervorriefen, und
er unvermuthet eine Thrne im Auge fhlte, als er die ihrigen im feuchten Glanze
schimmern sah.
    Ueberrascht durch eine ihm neue Empfindung, beschmt durch eine zu groe
Reizbarkeit, die ihm Folge seiner Krankheit schien, blickte er whrend des
Gesanges zum ersten Mal nach der Grfin, um zu erfahren, ob er von ihr
beobachtet wrde, doch diese schien selbst in Gefhlen oder Gedanken verloren,
und schien in diesem Augenblicke nicht auf ihn geachtet zu haben. Der Gesang war
beendigt, und alle drei schwiegen noch eine Zeitlang, weil es Menschen, die
Musik fhlen und lieben, gewhnlich schwer wird, nach den himmlischen Tnen, die
eine schne Stimme im Gesange hervorgerufen hat, die Unterhaltung durch Worte
und gewhnliche Rede wieder anzuknpfen.
    Auf dem Gesichte der Grfin ruhte der Ausdruck einer unaussprechlichen Gte
und Milde, als Emilie nach dem Gesange zu ihr trat. Sie drckte die Hand ihrer
jungen Freundin, und diese, die schon durch die Musik erweicht war, wendete sich
schnell ab, um die Rhrung zu verbergen, zu der sie sich durch die Zrtlichkeit
der Grfin bewegt fhlte. Gewhnlich drckten die Zge dieser Frau eine gewisse
Entschlossenheit aus, keinem Unglck, wenigstens im Aeuern, unterliegen zu
wollen, und die Hoheit und Klte in ihrem Wesen schien Empfindungen eher
abweisen, als erwiedern zu wollen. In den wenigen Augenblicken aber, wenn sie
sich zu vergessen und einem Eindruck rcksichtlos hingegeben schien, dann
schwand Klte, Stolz, Hoheit aus ihren Mienen, wie ein Nebel vor dem heitern
Himmel, hinweg, und Liebe, Gte und Milde sprachen aus den dunkeln Augen, und
spielten als wehmthiges Lcheln um den schnen Mund. In solchen Augenblicken
schien sie viel lter zu sein, als in ihrem gewhnlichen Zustande, und doch auch
zugleich viel schner. Die Grfin hatte whrend des Gesanges ihre junge Freundin
eben so aufmerksam, als St. Julien betrachtet, und niemals war ihr die seltne
Schnheit und Anmuth dieses lieblichen Wesens so aufgefallen, als diesen Abend.
Sie erschien ihr in ihrer frischen, eben aufblhenden Jugend wie eine zarte
junge Rose, die bewutlos ihre Schnheit nach und nach dem Strahl der
Morgensonne entfaltet. Auch St. Julien war ein Gegenstand ihrer Beachtung
gewesen, und sie mute sich gestehen, da, obgleich seine Gegenwart schmerzliche
Erinnerungen in ihrem Herzen erregte, sie doch auch zugleich wohlthtig wirkte.
Sie betrachtete mit Rhrung die geliebten Zge, die in ihr das Bild eines andern
Wesens hervorriefen, und sah mit Wohlgefallen die Glut der Empfindung in den
groen braunen Augen, deren Feuer doch durch die Krankheit gemildert ward, und
er erschien ihr, ihrer frischen jungen Rose gegenber, wie eine Blthe unter
einem heierem Himmel entsprossen, noch ungewohnt der rauheren Luft, die dehalb
krank und welk noch schmachtete, und nicht die Pracht der Farben zu entfalten
vermochte.
    Diese Trume wurden unterbrochen durch den von Heimburg zurckkommenden
Grafen; er vermehrte die Gesellschaft, aber ohne die Unterhaltung durch seine
Gegenwart zu beleben; ein seltner Ernst ruhte auf seiner Stirn, und die Worte,
mit denen er St. Julien seine Freude darber bezeichnete, ihn so weit
hergestellt zu finden, da er sein Zimmer verlassen knne, erschienen diesem
kurz und kalt. Die Grfin that einige Fragen an den Grafen, die ausweichend
beantwortet wurden; St. Julien glaubte, da seine Gegenwart eine freie
Mittheilung hindere, und stand dehalb auf, um sich nach seinem Zimmer zurck zu
ziehen. Des Grafen Theilnahme kehrte wieder, als er die Ermattung des jungen
Mannes und seinen noch hlflosen Zustand bemerkte. Er bot ihm die Hand, um ihm
aufstehen zu helfen, und sagte mit etwas gezwungenem Lcheln: Da Ihre Krfte
zunehmen, und Sie sich bald wieder frei werden bewegen knnen, so werde ich
Ihnen Ihr Ehrenwort abnehmen mssen, das Schlo nicht ohne meine Einwilligung zu
verlassen, um nicht mit Ihren Landsleuten sich gegen uns zu vereinigen.
    Welch ein ohnmchtiger Feind ich sein wrde, sagte St. Julien scherzend,
bemerken Sie wohl selbst, da ich mich ohne fremden Beistand noch nicht einmal
aufzurichten vermag. In vollem Ernst, sagte der Graf zwar hflich, aber sehr
bestimmt, ich mu Sie bitten, mir Ihr Ehrenwort zu verpfnden, da Sie sich hier
bei mir vllig wie ein Kriegsgefangener betrachten, folglich ohne meine
bestimmte Einwilligung das Schlo nicht verlassen wollen; auch auf den Fall
nicht, sezte er finster hinzu, da Ihre Landsleute uns hier besuchen und Ihnen
das Anerbieten machen sollten, sie zu begleiten.
    St. Julien sah den Grafen mit Verwunderung an, bemhte sich dann, kalt und
ernst, die Hand des verwundeten rechten Armes zu erheben, um sie dem Grafen zu
reichen, und verpfndete frmlich und feierlich seine Ehre dafr, da er sich
als Gefangener betrachten und das Schlo nicht ohne Erlaubni des Grafen
verlassen wolle. Beide verbeugten sich gegeneinander und St. Julien noch
besonders gegen die Frauen; er versuchte es dann sich nach der Thr zu bewegen;
Emilie zog rasch und ngstlich die Klingel; Dbois, der im Vorzimmer gewartet
hatte, trat ein und fhrte seinen Pflegebefohlenen nach dem einsamen
Krankenzimmer zurck.
    Was ist vorgefallen? fragte die Grfin mit Besorgni, sobald der junge Mann
das Zimmer verlassen hatte; was kann Sie in dem Grade verstimmt haben?
    Ganz Schlesien ist in den Hnden der Feinde, sagte der Graf finster, alle
Festungen ergeben sich, das ganze Land ist nun eine Beute der Franzosen. Sie
mssen landeseingeborne Fhrer haben, kein Thal, keine Schlucht bleibt
verschont, und ungeheure Erpressungen drcken das ganze Land.
    Haben Sie diese beln Nachrichten durch den Baron Lbau erfahren? fragte die
Grfin.
    Ihre Wahrheit ist leider nicht zu bezweifeln, sagte der Graf, obgleich ich
sie von ihm habe. Ich fand in Heimburg mehrere Herren vom benachbarten Adel
versammelt; man wollte sich berathen, aber man sah bald ein, da man gezwungen
sein wrde, den Umstnden gem zu handeln, folglich keine Beschlsse im Voraus
fassen knne, und die Gesellschaft, die sich versammelt hatte, um zu
berathschlagen, vereinigte sich, da sie nichts Besseres thun konnte, zu einem so
kleinmthigen gemeinschaftlichen Jammern und Klagen, da ich dadurch um alle
Geduld gebracht wurde. Endlich bemerkte mir ein Herr aus der Gesellschaft, da,
wenn die Franzosen auch mir einen Besuch machen sollten, sie dann wohl ihren
Kameraden mit sich nehmen wrden, den ich ihnen so menschenfreundlich erhalten
habe. Die Physiognomie des Menschen, der diese Bemerkung machte, war so
einfltig, da ich kaum glaube, er hat etwas Boshaftes gemeint, aber ich wurde
durch sein Geschwtz daran erinnert, da ich, um hier St. Julien besser zu
verpflegen, als es im Hospital geschehen sein wrde, und um ihn nicht der Gefahr
auszusetzen, auf dem Wege dahin umzukommen, mich selbst verpflichtet habe,
sobald es von der Regierung gefordert wrde, ihn als Kriegsgefangenen zu
stellen, und nahm ihm dehalb das Ehrenwort ab, uns nicht zu verlassen, da er es
gewi bald erfhrt, da seine Freunde in der Nhe sind.
    Die Nachrichten, die der Graf den Frauen mittheilte, waren wohl geeignet,
Unruhe zu erregen, und nachdem nun Mehreres darber hin und her gesprochen war,
wurde man darber einig, da es allerdings mglich sei, auch hier von den
Feinden beunruhigt zu werden, ob man gleich frher das Gegentheil gehofft hatte.
Der Graf schlug den Frauen vor, sich wo mglich zu entfernen und sich nach Prag
zu begeben, wenn noch Wege dahin offen sein sollten. Die Grfin aber weigerte
sich bestimmt ihn zu verlassen und versicherte, da sie das Drckendste mit ihm
weit leichter, als die Ungewiheit in der Ferne ertragen wrde.
    Der Graf hatte es der Grfin ungern vorgeschlagen, ihn zu verlassen, es war
ihm ein Bedrfni, in ihrer Gesellschaft zu leben. Er hielt es aber fr seine
Pflicht, ihr die Wahl zu berlassen, ob sie an einem entfernten Orte ohne ihn
der Unruhe und mglichen Gefahr ausweichen, oder Beides mit ihm theilen wollte.
Dankbar nahm er es daher an, als sie seinen Wnschen gem entschied. Da Emilie
blieb, war die natrliche Folge vom Entschlusse der Grfin, denn diese war ihre
einzige Sttze in der freundlosen Welt, und nicht allein Dankbarkeit, sondern
auch innige Neigung fesselte sie an die Frau, die ihr seit Kurzem um so viel
theurer geworden war, und die sie von Vielen verkannt glaubte.
    Nach und nach war man, wie es immer geschieht, ruhiger geworden, nachdem man
die Gefahr von allen Seiten betrachtet hatte; man sprach ber mancherlei
Vorsichtsmaregeln, die anzuwenden wren; man entschlo sich, den grten Theil
des Silbergeschirres und alle Sachen von bedeutendem Werthe zu verbergen, um den
bevorstehenden Verlust so gering als mglich zu machen, denn man erwartete
nichts Anderes, als Raub und Plnderung, von den feindlichen Truppen.
    Emilie zitterte innerlich vor der Gefahr, doch lie sie nur wenig von der
heftigen Furcht merken, von der sie befallen war, theils, weil sie nicht fr
kindisch gehalten werden wollte, theils, weil sie besorgte, die Grfin mchte
sie von sich entfernen und irgend wohin in Sicherheit bringen wollen, wenn sie
ihre Unruhe bemerkte. Whrend solcher trben Gedanken und Gesprche war es spt
geworden, als der Arzt mit seinen gewhnlichen starken und raschen Schritten
sich dem Zimmer nherte, und ganz erhitzt eintrat.
    Nach den ersten flchtigen Begrungen rief er dem Grafen zu: Haben Sie das
Unglck schon erfahren? Die Franzosen stehen vor Breslau, das ganze Land ist in
ihren Hnden.
    Woher haben Sie die Nachricht? fragte der Graf, und Emilie heftete ihre
Augen ngstlich auf den Arzt.
    Ich war beim Herrn Pfarrer, erwiederte der Doktor Lindbrecht, da kam ein
Verwalter aus der Nhe, ich wei nicht, wie das Gut heit, ich habe mich auch
nicht darum bekmmert, wie der schlechte Mensch heit, kurz, der kam von einer
Reise aus der Gegend zurck und brachte die Nachricht. Er war selbst mit Mhe
der Gefahr entgangen, seine Pferde zu verlieren, wie er sagte. Ich wollte, er
htte sie verloren, der Schurke, und die Ohren dazu. Aber er wird sobald nicht
wieder den Herren Pfarrer besuchen, hoffe ich. Wir haben ihm beide unverholen
unsere Meinung gesagt, der Herr Pfarrer sowohl, als ich; er eilte auch zum Hause
hinaus, als wenn ihn der bse Feind vertriebe.
    Wie? sagte der Graf verwundert, weil er die Nachricht brachte, da die
Feinde vor Breslau stehen? Was konnte Sie oder den Herren Pfarrer darin
beleidigen?
    Nicht dewegen, rief der Arzt mit Heftigkeit, was gehen mich die Feinde
weiter an, nicht der Franzosen wegen, die vor Breslau stehen, sondern um des
armen Menschen Willen, den ich hier im Hause wieder herzustellen suche.
    Was sagte er denn von dem? fragte der Graf mit einiger Spannung, kannte er
ihn, wute er etwas von seinen Verhltnissen?
    Nichts wute der elende Mensch, rief der Arzt mit Erbitterung, Lgen,
Verlumdungen verbreitete er von dem Kranken, von mir, von Ihnen.
    Was konnte er sagen? fragte der Graf mit erhhter Verwunderung. Denken Sie,
rief der Arzt mit funkelnden Augen und vor Zorn glhenden Wangen, er kannte mich
nicht, er wute nicht, wer ich bin, und hatte dehalb die Frechheit, in meiner
Gegenwart zu erzhlen, bei Ihnen hier auf dem Schlosse wrde ein franzsischer
Spion unterhalten, der alle Wege auskundschaftete, der von hier aus den Feinden
alle Nachricht zukommen liee, um so durch Ihren Beistand das Land ins Verderben
zu bringen.
    Die Behauptung ist lcherlich, sagte der Graf mit Verachtung. Schndlich ist
sie, rief der Arzt. Ein Mensch, der in einem so elenden Zustande war, da er
Wochenlang nicht sprechen, ja beinah kein Glied rhren konnte, der soll ein
Spion sein. Sie, der Sie aus Menschenliebe sich dieses Unglcklichen annahmen,
sollen ihn bei sich haben, um durch ihn mit den Feinden zu unterhandeln, und
ich, der ich meine Wissenschaft, meine besten Krfte anwende, um einen Menschen
dem Rachen des Todes zu entreien, werde dafr als ein Landesverrther
betrachtet.
    Geben Sie sich zufrieden ber das unsinnige Geschwtz des Pbels;
vernnftige Menschen werden uns Allen mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen,
sagte der Graf mit scheinbarer Ruhe. Es wre aber gut, fgte er hinzu, wenn Sie
Herren St. Julien dergleichen verschwiegen, es knnte ihn aufreizen, krnken.
    Was denken Sie von mir? fragte der Arzt beleidigt, halten Sie mich fr so
roh and unwissend? Jede Krnkung mu ihm schaden, und bei seiner Jugend mu man
sich doppelt hten. Ein solcher Feuergeist knnte darauf kommen, uns keinen
Schaden zufgen und das Schlo verlassen zu wollen, ehe er hergestellt ist.
Sorgfltig mu ihm darum Alles verborgen werden, was ihn auf solche Gedanken
bringen knnte. Ich will darum meinen Zorn verrauchen lassen und dann auch
gleich sehen, wie er sich befindet.
    Die Frauen erzhlten nun dem Arzte, da der junge Mann einige Stunden in
ihrer Gesellschaft zugebracht habe, und Emilie bemerkte mit Theilnahme, da er
noch sehr schwach sei und noch ein sehr krankes Ansehen habe.
    Wenn er sich nur nicht durch zu langes Aufsitzen geschadet hat, rief der
Arzt, die Jugend kennt kein Ma, und wenn nur die Stunden angenehm hingebracht
werden, so kmmert sich so ein Kranker wenig darum, wie viele Sorgen er seinem
Arzte verursacht. Nun, ich werde gleich sehen, welche Folgen sein Besuch gehabt
hat. Er wollte sich nach dieser Erklrung entfernen, kehrte aber schnell in der
Thre wieder um und wendete sich hastig an den Grafen, der indessen nachdenkend
auf und ab gegangen war. Beinah, rief er, htte ich einen Auftrag vergessen; der
Herr Pfarrer hat mir die Briefchen fr Sie gegeben, und ich Dummkopf htte es
beinah aus Zerstreuung bei mir behalten, statt es Ihnen einzuhndigen. Er
reichte mit diesen Worten dem Grafen ein kleines Billet auf ziemlich grobem
Papier, nach des Pfarrers gewhnlicher Weise in hchster Krze, ohne alle
Zierlichkeit abgefat, ja selbst ohne Beachtung der Formen, die Hflichkeit und
Sitte sonst gewhnlich dem Menschen vorschreiben. Der wrtliche Inhalt desselben
war dieser: Statt des Titels:

                                     P. P.
Morgen um halb neun Uhr werde ich mit dem alten Lorenz bei Ihnen sein. Er wird
die Urkunde wiederschaffen. Ich bitte also, den Schlssel zum Archive und die
versprochenen hundert Dukaten bereit zu halten.
                                                                        Seefeld,
                                                                Prediger zu - -.

Der Graf war freudig berrascht durch den glcklichen und schnellen Ausgang
einer Sache, die ihm so viele Sorgen verursacht hatte, zugleich aber ein wenig
beleidigt durch die unhfliche Form, in welcher ihm dieser glckliche Ausgang
gemeldet wurde, und indem er anerkannte, welchen wichtigen Dienst ihm der
Pfarrer geleistet habe, beschlo er doch zugleich, die nchste Gelegenheit
wahrzunehmen, wenn er etwas Bedeutendes fr den Geistlichen thun knne, um sich
von der Last der Dankbarkeit zu befreien, die ihm nach des Pfarrers Gemthsart
drckend zu werden drohte.
    Der Arzt verfgte sich nun zu seinem Kranken, er fand dessen Puls
fieberhaft, seine Wunden gereizt, kurz seinen Zustand auf alle Weise
verschlimmert, und schrieb die Unglck dem zu langen Aufsitzen und einer zu
lebhaften Unterhaltung zu. Es ist ganz so, wie ich es mir gedacht habe, rief er
mehrere Male hintereinander und befahl dem alten Haushofmeister knftig darber
zu wachen, da Herr St. Julien nicht lange in Gesellschaft bleibe und in den
nchsten zwei, drei Tagen das Zimmer gar nicht verliee. St. Julien schwieg. Er
lie sich mit dem Arzte in keinen Streit ber die Ursache seines verschlimmerten
Zustandes ein, er lie sich alle seine Verordnungen gefallen und gab sehr gern
das Versprechen, sein Zimmer in den nchsten Tagen nicht zu verlassen. Wenn Sie
wollen, sagte er mit einiger Bitterkeit, so will Ihnen versprechen, Monate lang
mich hier einzuschlieen, bis zum Frieden, wenn Sie es verlangen. Gott behte,
sagte der Arzt, nur so lange, bis Ihr Puls wieder ruhig geht, bis Sie ohne
Gefahr Sich dem Vergngen der Gesellschaft berlassen knnen; dann, im
Gegentheil, werde ich Ihnen Zerstreung sehr anempfehlen, denn Sie werden
schwermthig und das darf nicht sein, das hindert die Genesung.
    Da St. Julien den Wunsch zu schlafen uerte, so zog sich der Arzt zurck,
indem er bemerkte, der Schlaf sei Balsam, den die Natur in alle Wunden trufle,
und der am Besten die gereizten Nerven beruhige. Er ging; aber St. Julien war
weit davon entfernt, die Wohlthat des Schlafes zu genieen; alle Bilder, die der
heutige Tag ihm gezeigt hatte, gingen noch einmal vor seiner Seele vorber, und
er wiederholte sich innerlich alle Worte, die zu ihm waren gesprochen worden.
Von Neuem setzte ihn der seltsame Empfang der Grfin in Erstaunen, und von Neuem
fhlte er sich von der edeln Gestalt angezogen und gerhrt von der Gte, die sie
ihm gezeigt hatte.
    Von Neuem entzckten ihn die sen Tne, die Emiliens Lippen entschwebten,
und lebendig stand sie vor dem Auge seiner Seele; er fhlte den Blick der blauen
Augen im Herzen, er sah die schlanke Gestalt in allem Reiz der anmuthigsten
Jugend, aber er fhlte auch schmerzlich die Hrte, die Klte, mit welcher der
Graf ihn zum ersten Male verwundet hatte. So bin ich denn hier nichts, klagte er
innerlich, als ein gefangener Feind, der so lange mit Schonung behandelt wurde,
als er ein Gegenstand des Mitleids war, und der, kaum dem Grabe entrissen,
Mitrauen und Zweifel erregt; so schnell ist die Theilnahme verschwunden, da
mich der Graf im ersten Augenblicke, in dem er mich auerhalb des Bettes
erblickt, mit Hrte an meine Gefangenschaft erinnert. Htten sie mich an dem
unglcklichen Tage im Walde sterben lassen, so wre ich nun frei. Er tadelte
sich selbst ber diese Gedanken und beschuldigte sich der Undankbarkeit; indem
er sich die Gte des Grafen vergegenwrtigte, blieb ihm der Gedanke hchst
qulend, da er eigentlich nackt in dessen Hause aufgenommen worden war, und er
Alles, von den dringendsten Bedrfnissen des Lebens an, bis zu den berfligen
Dingen, die ein in Wohlhabenheit erzogener Mensch so schwer entbehrt, der Gte
des Grafen verdankte, und da er diese Gte nicht mehr so unbefangen benutzen
knne, seitdem er, wie er glaubte, so unfreundlich behandelt worden war. Er
seufzte tief, und diese Seufzer und die unruhige Bewegung belehrten den
Haushofmeister, da er nicht den ruhigen Schlaf gefunden hatte, den der Arzt als
so heilsam pries.
    Der alte Dbois nherte sich behutsam dem Lager, und indem er leise den
Vorhang des Bettes aufhob, sah er zu seinem Schrecken das Gesicht des Kranken in
Thrnen gebadet. Um Gottes Willen, rief er, was ist Ihnen begegnet? Was kann Sie
so erschttern? Bedenken Sie Ihren Zustand und schonen Sie Ihr Leben. St. Julien
schmte sich seiner Schwche und sagte, indem er die Thrnen von den bleichen
Wangen trocknete: Sie sehen, lieber Dbois, die lange entkrftende Krankheit
macht mich so schwach, wie ein Kind. Ich weine, indem ich an meine Mutter denke
und mir ihren Jammer vorstelle, da sie so lange nichts von mir erfahren hat und
nach der Art, wie ich aus dem Regiment verschwunden bin, wenn diese Nachrichten
zu ihr gekommen sind, mich getdtet glauben mu.
    Dbois hatte schon einige Male versucht, das Gesprch darauf zu lenken, wie
der junge Mann im Walde gefunden worden war, und hatte von ihm zu erfahren
gewnscht, Wer ihn nach diesem eisamen Platz verlockt habe, und wehalb man ihn
habe ermorden wollen; aber immer war St. Julien diesem Gesprche ausgewichen,
und der Haushofmeister war viel zu hflich, als da er ihm eine Antwort htte
abdringen sollen. Auch die Mal bemhte er sich etwas Nheres ber diesen
Gegenstand zu erfahren. St. Julien wich nicht, wie gewhnlich, dem Gesprch aus,
sondern sagte mit milder, aber ernster Stimme: Sie haben mir so viel Gutes
erwiesen, da ich Ihnen undankbar erscheinen mu, wenn ich nicht offen mit Ihnen
spreche, aber selbst auf diese Gefahr hin mu ich ber eine Sache schweigen, die
nicht mich allein angeht, und ich bitte Sie, mich so wenig als mglich an diesen
unglcklichen Tag zu erinnern.
    Diese wenigen Worte waren hinlnglich, um die Lippen des gutmthigen,
wohlerzogenen Haushofmeisters auf ewig ber diesen Gegenstand zu schlieen, und
er wollte sich vom Lager des Kranken zurckziehen, als dieser sich aufrichtete
und ihn mit bewegter Stimme bat, einen Brief, den er ihm diktiren wollte, an
seine Mutter zu schreiben. Ich kann nicht ruhig sein, sagte der Kranke, ehe sie
nicht Nachricht von mir hat, und Sie wissen, in welchem Zustande mein Arm noch
ist, ich darf noch nicht daran denken, selbst zu schreiben. Dbois setzte seine
Brille auf, holte ein Schreibzeug herbei, legte Papier zurecht, und St. Julien
diktirte ihm einen Brief, in dem sich die zrtlichste Liebe fr seine Mutter
aussprach. Er meldete ihr, da ein unglcklicher Zufall ihn betroffen habe,
durch den er von der Armee getrennt sei, er sprach von seiner Verwundung und in
so dankbaren Ausdrcken von der groen Hlfe, die er im Hause des Grafen
gefunden, da Thrnen den Blick des Haushofmeisters verdunkelten, und er die
Brille abnehmen mute, um sich die Augen zu trocknen. Endlich, nachdem sich
Dbois wieder erholt hatte und sein Amt als Schreiber von Neuem verwalten
konnte, wurde dem Briefe noch die Bitte hinzugefgt, da die Mutter des jungen
Mannes Mittel finden mchte, ihm eine bedeutende Summe zukommen zu lassen, damit
er nicht lnger gezwungen wre, von den Wohlthaten Anderer zu leben, wie
edelmthig sie ihm auch erwiesen wrden. Dbois sah den Kranken verwundert an
und legte die Feder einen Augenblick bei Seite; da aber St. Julien noch einmal
die letzten Worte wiederholte, so schrieb der alte Mann sie gewissenhaft nieder,
indem er kaum merklich mit dem Kopfe schttelte. Als der Brief vollendet war,
lie der Kranke sich die Feder reichen, um mit hchster Anstrengung seinen Namen
zu unterschreiben, und bat dann Dbois, den Brief dem Grafen offen zu
berreichen, mit der Bitte, ihn an seine Mutter zu befrdern; denn gewi, sagte
er, kann es einem so angesehenem Manne nicht schwer fallen, ein Mittel zu
finden, die Schreiben auf irgend einem Wege nach Frankreich zu befrdern.
Dbois versprach seinen Wunsch zu erfllen, und es schien, da der Kranke nun
ruhigen Vorstellungen Raum gbe, denn sein bejahrter Freund bemerkte bald nach
diesem Gesprche, da er entschlummert war.

                                       IX


Der Graf hatte den Schlssel des Archivs sowohl, als eine Rolle mit hundert
Dukaten an Dbois abgegegeben, um sie dem Pfarrer sogleich beim Eintritte in das
Schlo einzuhndigen, und der Haushofmeister sa dewegen des andern Morgens am
Fenster und wartete auf die Ankunft des Geistlichen, um seinen Auftrag
auszurichten. Es war noch nich neun Uhr, als die kleine, leichte, aber nichts
weniger als zierliche Equipage desselben in den Hof rollte, und er selbst mit
der Pfeife im Munde abstieg und verdrielich durch das offene Thor auf den Weg
hinausschaute. Er hatte nicht lange wartend gestanden, als dieselbe Equipage,
worin Herr Lorenz den Pfarrer vor einiger Zeit besucht hatte, durch dasselbe
lahme Pferd auf den Hof geschleppt wurde, gegen welche der Wagen des Geistlichen
ein prchtiges Ansehen gewann, als nun beide neben einander hielten.
    Inde Lorenz die Schnre auflste und so die Thre seines Wagens ffnete,
hatte sich Dbois dem Pfarrer genherte und ihm Geld und Schlssel, seinem
Auftrag, gem, eingehndigt; dieser steckte beides ein und befahl dann mit
lauter Stimme, seine Pferde abzuspannen und sie nach dem Stall zu fhren,
dagegen ermahnte Lorenz den Bauer, der ihm zum Kutscher diente, sich bereit zu
halten, damit er nach wenigen Augenblicken wieder fahren knne. Wir wollen eine
halbe Stunde von hier fttern, setzte er mit leiser Stimme hinzu, dort ist eine
gute Schenke, wo wir uns auch selbst eine Gte anthun knnen. Der Bauer war es
gern zufrieden. Des Pfarrers Pferde waren abgespannt, und dieser rief nun dem
alten Lorenz zu, er solle kommen und sein Versprechen erfllen.
    Beide stiegen nun die groe Treppe hinauf, der Pfarrer mit einem Ausdruck
von Verachtung gegen Lorenz im Gesicht, und dieser mit Seufzern, die ihm die
Erinnerung erprete, wie er sonst die Schlo beinah als sein Eigenthum
betrachtet hatte; die glnzenden Tage gingen schnell vor den Augen seines
Geistes vorber, wo sonst zuweilen der Pfarrer als sein Gast auf dieser Treppe
von ihm war bewillkommnet worden, dem er nun so demthig und mit so bsem
Gewissen folgte. Sie hatten das Archiv erreicht, und der Geistliche war mit dem
ehemaligen Kastellan eingetreten, nachdem er die Thre geffnet hatte. Lorenz
blickte ihn befremdet an und sagte: Ich hatte mir ausgemacht, hier allein und
ungestrt zu suchen. Der Pfarrer verschlo gleichgltig von innen die Thr,
steckte den Schlssel zu sich und sagte dann sehr gelassen: meine Gegenwart wird
Sie nicht stren, ich werde hier ruhig am Tische sitzen bleiben und das
versprochene Geld aufzhlen, damit Sie es gleich in Empfang nehmen knnen,
sobald Sie mir die Urkunde einhndigen. Er fing dies Geschft auch sogleich an,
und die hundert Dukaten waren aufgezhlt, ehe Lorenz noch wute, was er thun
sollte, ob er auf die Entfernung des Geistlichen dringen oder in dessen
Gegenwart seine Schelmerei ausben solle. Der Glanz des Goldes, der ihm in die
Augen leuchtete, bestimmte ihn zu letzterem, und er nherte sich entschlossenen
Schrittes den Schrnken, worin die Urkunden aufbewahrt wurden, aber eine neue
Verlegenheit machte, da er gedankenvoll stehen blieb; er sah die Schrnke
aufgerumt, alle Schriften darin in der besten Ordnung, er begriff nicht, wie er
den Schein retten sollte, und sah auch keine Mglichkeit sich zurckzuziehen,
ohne vorher sein Versprechen erfllt zu haben. Ein Blick auf das funkelnde Gold,
das eben recht in den Sonnenstrahlen glnzte, die durch ein hohes Fenster grade
auf den Tisch fielen, gab ihm neuen Muth, und er nherte sich herzhafter einem
der Schrnke. Der Pfarrer bewachte mit den Augen alle seine Bewegungen. Lorenz
bltterte ein wenig in den Papieren, hob einige Pergamente auf und legte sie
wieder nieder, trat dann ein wenig von dem Schranke zurck, und sagte mit
gepreter Stimme: Ei, was liegt denn hier? Er bckte sich tief auf den Boden,
und der Pfarrer sah deutlich, wie er ungeschickt mit zitternden Hnden die
Urkunde aus dem Busen zog und dann that, als habe er sie zwischen dem Schranke
und der Wand hervorgezogen. Was finde ich hier? rief er mit erleichterter Brust
und reichte dem Pfarrer, der zu ihm getreten war, die Schrift hin.
    Der Geistliche nahm schweigend das Dokument, um es schnell durchzusehen, ob
es das Gesuchte und ob es auch vollstndig sei. Lorenz hatte sich nun vllig
gefat und sagte in seinem gewhnlichen, heuchlerischen Tone: Gott sei gedankt,
der mich das Gesuchte hat finden lassen und nicht hat zugeben wollen, da der
Name eines alten, redlichen Dieners der Verlumdung Preis gegeben wrde. Er
vergebe denen, die leichtsinnig ihre Augen nicht gehrig brauchen, und wenn sie
dann nicht finden, was sie suchen, redliche Greise verlstern.
    Der Pfarrer hatte sich whrend dieser Rede vollkommen berzeugt, da er die
Schrift in seinen Hnden hielt, an deren Besitz dem Grafen so viel liegen mute;
er faltete sie zusammen, steckte sie in den Busen, und nachdem er den Rock
sorgfltig zugeknpft hatte, sah er dem alten Snder mit Zorn und Verachtung in
die Augen, der diesen Blick nicht ertragen konnte, sondern schchtern vor sich
nieder blickte. Glauben Sie, hub der Geistliche nach einem augenblicklichen
Stillschweigen an, da ich so bldsinnig bin, mich von Ihnen tuschen zu lassen?
Glauben Sie, da ich nicht gesehen habe, wie Sie die Urkunde aus dem Busen
zogen, die sie mich nun bereden wollen, hier gefunden zu haben? Htten sie nicht
verdient, da der Graf Sie fr Ihren schndlichen Diebstahl den Gerichten
berlieferte und Sie der ffentlichen Schande Preis gbe? Knnen Sie es vor Gott
verantworten, da Sie einen Herren zu Grunde richten wollten, dessen Brod sie
funfzig Jahre gegessen haben, auf dessen Kosten Sie sich verheirathet und Ihre
Kinder erzogen haben, und der trotz Ihrer Schlechtigkeit Erbarmen mit Ihrem
Alter hat und Sie weder der Schande, noch dem Mangel Preis geben will? Denken
Sie nicht daran, alter Snder, da Ihr grauer Scheitel bald von der Erde bedeckt
im Grabe ruhen wird, da Sie dann vor Gott stehen und Rechenschaft von Ihrem
Snderleben geben mssen?
    Herr Pfarrer, stammelte der ehemalige Kastellan, wollen Sie mir Ihr Wort
brechen, wollen Sie mich zu Grunde richten?
    Nein, elender Mensch, rief der Pfarrer mit groer Verachtung, nehmen Sie Ihr
durch Diebstahl und Betrug gewonnenes Gold und eilen Sie, Sich aus dem Hause zu
entfernen, dessen Bewohnern Sie so vielen Dank schuldig sind und so schndlichen
Undank gezeigt haben. Der Geistliche ffnete die Thre, indem er diese Worte
sagte. Lorenz raffte mit gierigen und doch vor Furcht zitternden Hnden das Gold
zusammen, und war so eilig, sich zu entfernen, da er Hut und Stock verga, und
der Pfarrer ihm beides durch einen Bedienten nachschicken mute.
    Fahre nur so schnell Du kannst, flsterte Lorenz dem Bauern zu, indem er die
Thre seines Wagens zuband, nach der Schenke, nach Krumbach, ich bin ganz
schwach geworden und brauche eine Strkung. Der Bauer war gern dazu bereit, und
so schnell das lahme Pferd es vermochte, verlie der ehemalige Kastellan das
Schlo, mit dem Vorsatze, es nie wieder zu betreten.
    Der Arzt hatte den Morgen seinen Kranken besucht und ihn zwar ohne Fieber,
aber uerst mimthig und niedergeschlagen gefunden; er gab sich Mhe ihn zu
zerstreuen und sing an ihm Mancherlei aus seinem Leben, von seinen wunderbaren
Schicksalen zu erzhlen. St. Julien achtete aber nicht darauf; er erbot sich,
dem verwundeten Officier die merkwrdige Krankengeschichte eines Schneiders
vorzulesen, die in der neuesten medicinischen Zeitschrift enthalten sei, und war
erstaunt, als sich St. Julien diese Unterhaltung ziemlich trocken verbat. Er
griff zu seinem lezten Hlfsmittel und bot ihm an, eine Partie Schach mit ihm zu
spielen, aber auch dieser Versuch miglckte, denn der junge Mann versicherte,
er habe nicht die mindeste Lust zum Spielen. Was soll ich denn aber dann mit
Ihnen anfangen? sagte der Arzt, Sie werden mir meine ganze Kur verderben mit
Ihrer Schwermuth. Ueberlassen Sie mich meinem Schicksal, sagte der Kranke
verdrlich. Das geht nicht, rief der Arzt, das wre gegen meine Pflicht; ich
mu Alles thun, um Sie wieder herzustellen, und Sie hindern durch Ihre
Traurigkeit die Genesung. Ich bin nicht traurig, versicherte St. Julien mit
einem tiefen Seufzer, ich fhle mich nur schwach, und wnsche Ruhe und
Einsamkeit.
    Nachdem der Arzt noch einige Versuche gemacht hatte, den Kranken auf seine
Weise zu erheitern, die smmtlich miglckt waren, mute er ihn endlich, wie er
sagte, seinem Eigensinne berlassen, weil er noch andere Kranke zu besuchen
habe, denen er seinen Beistand auch nicht entziehen drfe. Kaum hatte er das
Zimmer verlassen, so fragte St. Julien den Haushofmeister mit einiger
Heftigkeit, ob er dem Grafen schon den Brief an seine Mutter eingehndigt, und
ob dieser ihn zu besorgen versprochen habe.
    Ich habe den Grafen seit gestern Abend noch nicht wiedergesehen, antwortete
Dbois, und kann ihn auch jetzt nicht sprechen, da er sich mit dem Herrn Pfarrer
in sein Kabinet verschlossen hat; aber verlassen Sie sich darauf, ich werde ihm
noch vor Tische Ihr Schreiben bergeben. St. Julien mute mit dieser Antwort
zufrieden sein, und Dbois sah es mit Betrbni, da er sich in dstere
Trumereien versenkte. Er versuchte es einige Male eine Unterhaltung mit dem
Kranken anzuknpfen; da dieser aber jedesmal kurz und einsylbig antwortete, so
berlie er ihn endlich seiner dstern Laune und ging, um im Vorzimmer des
Grafen zu warten, damit er diesem, sobald seine Geschfte mit dem Geistlichen
beendigt wren, den Brief berreichen knne, an dessen Absendung dem jungen
Manne so viel zu liegen schien.
    Der Graf hatte die Urkunde aus den Hnden des Pfarrers erhalten, und da
dieser selbst so viel Freude darber zeigte, das Geschft glcklich beendigt zu
sehen und den Grafen von dieser Sorge befreit zu haben, so gewann er in den
Augen desselben durch eine so freundschaftliche Gesinnung mehr, als er durch
seine kurze und unhfliche Art zu schreiben verloren hatte, und der Graf
beschlo von Neuem die guten Eigenschaften des Pfarrers gehrig zu wrdigen,
ohne sich durch die unangenehme Art, wie sie sich zu erkennen gaben, stren zu
lassen. Er entschlo sich also, ihm zu vertrauen und seinen Beistand in dieser
Sache ferner zu erbitten. Er theilte ihm den Wunsch mit, die
Familien-Verhltnisse des Verwandten, der sich zu so unwrdigen Schritten hatte
verleiten lassen, genauer zu kennen, um beurtheilen zu knnen, ob eigene
Bedrngni ihn verleitet habe, oder ob er blo durch Habsucht bestimmt worden
sei. Im letzteren Falle, schlo der Graf, habe ich den Vorsatz, jedes Verhltni
mit ihm zu vermeiden, im ersteren aber erlaubt mir meine eigene Lage, da ich
keine Kinder habe, Manches zu thun, was uns nher bringen und vielleicht uns
beide beruhigen wrde.
    Es war dem Pfarrer nicht entgangen, da der Graf seufzend die Bemerkung
gemacht hatte, da er keine Kinder habe, und er glaubte seine Vermuthung
besttigt zu finden, da er mit seiner Gemahlin nicht vollkommen glcklich
lebte. Er versprach aber seinen Beistand von ganzem Herzen und verpflichtete
sich ihm, in Kurzem genaue Nachrichten ber die Lage seines Verwandten zu
verschaffen. Es konnte dieser Auftrag dem Pfarrer nicht anders, als hchst
willkommen sein, denn bei seiner Neigung, aller Menschen Angelegenheiten zu
erforschen, strte ihn oft der Vorwurf seines eigenen Gewissens, und er konnte
sich nicht ablugnen, da eine solche Neugierde eines Geistlichen vllig
unwrdig sei, also war es ihm alle Mal eine groe Beruhigung, wenn er seiner
Neigung folgend, sich zugleich sagen durfte, da er aus Menschenliebe handle,
da er durch seine Nachforschungen Frieden stiften, kurz, etwas Lbliches
erreichen wolle. Beide verlieen also, sehr mit einander zufrieden, das Kabinet
des Grafen und fanden, als sie sich nach dem Gesellschaftszimmer begeben
wollten, im Vorgemache Dbois wartend, der mit seiner gewhnlichen Ehrerbietung
dem Grafen St. Juliens Brief reichte und ihn mit dem dringenden Wunsche des
jungen Mannes bekannt machte. Der Graf faltete ein wenig verdrlich die Stirn
und sagte: Ich werde den Brief nachher lesen, weil es Herr St. Julien wnscht,
und dann ihn selbst darber sprechen.
    Der Pfarrer uerte den Wunsch, den Kranken zu besuchen. Dbois machte ihn
aber mit dessen trauriger Stimmung bekannt, die ihn den Wunsch hatte uern
lassen, allein und ungestrt zu bleiben. Der Geistliche gab also fr diemal
seinen Vorsatz auf und verfgte sich zum Arzt, um zu erfahren, ob dieser nichts
von dem Kranken erforscht habe, das Licht geben knne ber seine schreckliche
Mihandlung an der einsamen Stelle im Walde, wo man ihn gefunden hatte. Er
verlor aber seine Zeit mit dem Arzte, denn dieser wute ihm nichts mitzutheilen,
als Krankengeschichten, die wenig Reiz fr den Pfarrer hatten, und Klagen ber
St. Juliens eigensinnige Schwermuth, die dem Arzte tausend Besorgnisse erregte.
    Unter solchen unerfreulichen Gesprchen waren die Stunden verflossen, und
die Gesellschaft versammelte sich im Speisesaale zur Mittagstafel. Wie es
natrlich war in einer so verhngnivollen Zeit, wendete sich das Gesprch bald
auf die Begebenheiten des Tages. Verschiedene Meinungen wurden aufgestellt,
manche Befrchtni und manche Hoffnung ausgesprochen, Alle aber muten sich
darin vereinigen, da die einzige Hoffnung, die man sich vernnftiger Weise
erlauben drfte, auf den Beistand der Russen gegrndet sei. Was wird nun der
alte Obrist Thalheim sagen, rief der Pfarrer, wenn er sieht, wie alle seine
Behauptungen zu Schanden werden. Wie viel tausendmal hat er versichert, da die
franzsische Macht an der Preuischen scheitern werde; da der Geist des groen
Friedrichs noch in der Armee herrsche und sie unberwindlich mache. Zwar er wird
sich jetzt wohl wenig um die Festungen kmmern, die den Franzosen bergeben
werden, da ihm bermorgen selbst Alles abgenommen wird, was er etwa noch
besitzt.
    Thalheim? fragte der Graf nachdenkend, der Name ist mir so bekannt, und ich
kann mich doch nicht gleich erinnern, auf welche Weise.
    Er selbst, erwiederte der Pfarrer, hat es frher oft erzhlt, da er ein
Freund Ihres Herren Vaters gewesen sei. Ich erinnere mich, rief der Graf, bei
dem Regiment, das in meiner Jugend in dieser Gegend in Garnison stand, diente
ein Major Thalheim, der oft und lange ein Gast meines Vaters war, und beide
lebten auf einem sehr vertraulichen Fue mit einander, sollte es derselbe sein?
Gewi, antwortete der Pfarrer, er hat es nachher bis zum Obristen gebracht und
dann seinen Abschied genommen.
    Und ist er in so bedrngten Umstnden? fragte die Grfin.
    Er ist ganz zu Grunde gerichtet, erwiederte der Pfarrer, er soll ehedem ein
artiges Vermgen gehabt haben, auch hatte er, da er sehr lange gedient hat, eine
Pension, aber erstens hat er sich sehr spt, man kann sagen im hohen Alter,
verheirathet, natrlich hat ihn die Frau nicht aus Liebe gewhlt, er dagegen
soll sie ganz thricht geliebt haben; also hat er Alles gethan, was sie wollte,
das hat ihm viel gekostet; dann bestand sein Vermgen in baarem Gelde, das hat
er bei verschiedenen Handlungshusern, die nach einander fielen, verloren;
endlich wurde er Wittwer und besa beinah nichts, als eine unmndige Tochter;
nun kam er auf den traurigen Gedanken, ein kleines Gut, eigentlich einen
Meierhof, zu pachten und verstand nichts von der Wirthschaft, doch ging es so
lange, als er zuzusetzen hatte, nun ist er den Pachtzins schuldig geblieben, und
das Gut ist ihm abgenommen, und wenn er bermorgen nicht bezahlt, so wird ihm
das Wenige, was er an Mobilien besitzt, verkauft. Der Verwalter war gestern bei
mir, der entweder das Geld empfangen oder ihm Alles, was er hat, abnehmen soll.
    Mein Gott, das ist eine entsetzliche Lage, sagte die Grfin, indem sie den
Grafen ansah.
    Hat denn Niemand Mitleid mit dem alten unglcklichen Manne, sagte Emilie,
indem sie die Augen bittend zum Grafen aufhob.
    Ich glaube schwerlich, da sich Jemand seiner annehmen wird, bemerkte der
Pfarrer, vorschieen kann ihm Niemand, denn bei den jetzigen traurigen Zeiten
wird ihm die Pension nicht ausgezahlt, die er frher hatte, wovon soll er also
wieder bezahlen, da er sonst gar nichts hat?
    Desto schrecklicher mu ja aber der Mangel sein, mit dem er kmpft,
erwiederte die Grfin.
    Gewi, antwortete der Pfarrer, aber gewisser Maen hat er es sich auch
selbst zugezogen, da sich Niemand um ihn kmmert, denn je rmer er wurde, je
stolzer wurde er auch; je mehr er verlor, je mehr zog er sich von den Menschen
zurck und wies jeden Rath ab, wurde durch jede freundschaftliche Bemerkung
beleidigt, Wer soll ihm also nun helfen, da er Niemandem vertraut hat?
    Es ist wunderbar, sagte der Graf nachdenkend, da nichts in der Welt so
selten angetroffen wird, als Vertrauen, wahres uneingeschrnktes Vertrauen,
selbst unter den edelsten Menschen, und am Seltensten, fgte er nach einer
kleinen Pause hinzu, das Vertrauen, das dem Freunde die Zerrttung unseres
Vermgens zeigen mchte. Jeder Mensch schmt sich der Armuth, und verbirgt kein
Gebrechen so ngstlich und sorgfltig als die, so lange es irgend in seinen
Krften steht.
    Die Wangen der Grfin hatten sich auffallend gerthet, als der Graf ber
Mangel an Vertrauen selbst zwischen edeln Menschen klagte, und diese Rthe war
dem beobachtenden Geistlichen nicht entgangen. Sie richtete einen
durchdringenden Blick auf den Grafen, der aber von diesem nicht bemerkt wurde,
und sie wurde wieder ruhig, da es sich deutlich erkennen lie, da der Graf
diese Bemerkung ohne Nebenabsicht gemacht hatte, und es sich besonders aus dem
Schlusse seiner Rede ergab, da ihn blo die Lage des Obristen Thalheim in
diesem Augenblicke beschftigte.
    Ich glaube, sagte sie endlich, da sich nichts so leicht erklren lt, als
das Gefhl der Scheu, womit ein Mensch dem andern seinen Mangel verbirgt.
    Ja wohl, rief der Pfarrer mit seiner gewhnlichen vorschnellen Art, es ist
eine erbrmliche Eitelkeit, fr reich angesehen sein zu wollen. Ich glaube
nicht, da die der Grund ist, erwiederte die Grfin, sondern vielmehr die
Einbildung derer, an die man sich wenden knnte, denn natrlich kann sich der
Mangel Leidende nur an Wohlhabende wenden, und die werden alle Mal ihren
glcklichen Zustand als die Folge ihrer Klugheit, ihres Fleies oder ihrer
Ordnung betrachten, und werden immer annehmen, da ihrem leidenden Bruder eine
dieser Eigenschaften oder auch alle fehlen.
    Das ist aber auch gewhnlich der Fall, fiel der Geistliche ein.
    Sie beweisen die Richtigkeit meiner Bemerkung, sagte die Grfin lchelnd.
Aus dieser Ansicht folgt nun ganz natrlich, da sich jeder Wohlhabende fr
klger hlt, als der Nothleidende ist, folglich mit der Hlfe, die er ihm
leistet, zugleich eine gewisse Vormundschaft bernimmt und von dem, der seine
Hlfe empfngt, fordert, er solle mit seinen Augen sehen, aus seinem Herzen
fhlen und nach seiner Leitung handeln. Sagen Sie selbst, kann es fr einen
Menschen etwas Schmerzlicheres geben, als wenn er die Hlfe seiner Freunde so
theuer erkaufen mu, da er gezwungen ist, seine Einsicht, seinen Willen, seine
Gefhle, seine Selbststndigkeit aufzugeben, und knnen Sie sich wundern, da
Jeder diesen traurigen Zustand so lange als mglich vermeidet? Knnten wie uns
entschlieen, mit den Augen unserer nothleidenden Freunde zu sehen, uns in ihre
Lage zu versetzen, und unsere Hlfe ihnen nach ihrer Neigung und Einsicht zu
gewhren, so da wir ihnen nur die Schwierigkeiten aus dem Wege rumen hlfen,
die sie hindern, sich frei in ihrer eignen Bahn zu bewegen, statt da wir ihnen
jetzt hchstens unter der Bedingung Beistand leisten, da wir sie in die unsrige
hinber zwingen, dann, glaube ich, wrde weder Vertrauen, noch Dankbarkeit in
der Welt so selten angetroffen werden.
    Der Geistliche verstand die Grfin nicht recht, und machte nun bei sich aus,
da sie eine Neigung zur Schwrmerei habe. Die Wort war ihm ein Trost, denn
Alles, was seiner Denkungsweise fremd war, was er nicht verstand, oder was ihm
zuwider war, bezeichnete er mit diesem Ausdrucke und betrachtete es als eine Art
von Selenkrankheit. Er endigte also das Gesprch von Wohlthtigkeit, indem er
sich an den Grafen wendete und sagte: es fllt mir eben ein, da wir heute ber
Ihre Verwandten sprechen, Ihr Vetter, der junge Graf Hohenthal, stand hier in
der Nhe mit seiner Eskadron vor dem Ausbruche des Krieges, der ritt tglich zum
alten Obristen, und beide schlugen die Franzosen wohl tausend Mal in Gedanken;
die bse Welt sagte aber, fgte er lchelnd hinzu, da der junge Nittmeister
mehr um des schnen Fruleins, als um des alten Obristen Willen so oft den Weg
machte. - Ich glaube, der Rittmeister ist der einzige Sohn seines Vaters? fragte
der Graf.
    Ich wei es nicht, sagte der Pfarrer lachend, aber da Sie es nicht wissen,
sezt mich in Verwunderung.
    Ich bin seit mehr als zwanzig Jahren, erwiederte der Graf, wenig mit meiner
Familie in Verbindung gewesen, und natrlich knnen in einem solchen Zeitraume
manche Mitglieder geboren sein, von denen ich nichts erfahren habe.
    Die Tafel wurde aufgehoben und dem Pfarrer gemeldet, da seine Pferde
angespannt seien, so wie er befohlen habe; er verlie also das Schlo, nachdem
er dem Grafen noch einmal versprochen hatte, ihm in kurzer Zeit alle Nachrichten
ber seine Verwandten zu verschaffen, die ihm wichtig scheinen knnten. Der Graf
las nun noch einmal St. Juliens Brief und verfgte sich dann zu ihm, um, wie er
versprochen hatte, selbst mit ihm ber diese Angelegenheit zu sprechen.
    Er fand den jungen Mann noch in der schwermthigen Stimmung, die sich seiner
seit dem Augenblick bemeistert hatte, als ihm der Graf erklrt hatte, er msse
sich als Gefangener betrachten; er hatte beschlossen, die im strengsten Sinne
zu thun und sein Zimmer so wenig als mglich zu verlassen, und bekmpfte mit
Schmerz die Sehnsucht' die sich ihm im Herzen regte, die Grfin und Emilie
wieder zu sehen. In seiner trben Laune bemhte er sich, Alles feindlich
auszulegen, und so glaubte er, der Graf wolle ihn von den Frauen abhalten und
habe ihn dehalb in ihrer Gegenwart mit solcher Klte behandelt. In dieser
trbseligen Stimmung beantwortete er die Frage nach seinem Befinden, die der
Graf an ihn richtete, so kurz und trocken, als es nur immer die Hflichkeit
erlaubte; der Graf aber lie sich dadurch nicht abschrecken, sondern sagte im
vterlich milden Ton, indem er seine Hand fate und sie wohlwollend drckte: Sie
sind verstimmt und ich trage die Schuld Ihrer bsen Laune, ich habe sie verlezt,
indem ich Sie mit Ihrer Lage bekannt machte, ohne die Schonung zu haben, Ihnen
zu erklren, wodurch ich gezwungen bin zu fordern, da Sie das Schlo nicht ohne
meine Einwilligung verlassen wollen.
    So trbe St. Julien auch gewesen war, so fest er sich eingebildet hatte, er
sei vom Grafen gekrnkt, beleidigt, erniedrigt worden, so schmolzen doch alle
diese Empfindungen in wenigen Augenblicken hinweg, und der vterlich milde Ton
der Stimme des Grafen rhrte sein Herz, die Gte, womit dieser sich selbst
Unrecht gab, beschmte den jungen Mann, und er errthete ber seine eigene
Undankbarkeit. Ich htte Sie daran erinnern sollen, fuhr der Graf fort, da in
diesen traurigen Zeiten des Krieges man oft selbst Schwierigkeiten findet,
einander kleine Dienste zu leisten; ich htte Sie nach den erlassenen
Verordnungen eigentlich als Kriegsgefangenen nach einer Stadt senden mssen, in
der sich eine bedeutende Besatzung befindet; Ihr Zustand erlaubte keine Reise,
und ich erhielt die Erlaubni fr Ihre Genesung zu sorgen nur dadurch, da ich
mich verflichtete, Sie, so bald es gefordert wrde und Ihre Krfte es erlauben,
vor die Behrde zu stellen, die ein Recht haben wrde, es zu verlangen. Seitdem
hat sich die Lage der Dinge gendert, damit htte ich Sie bekannt machen mssen;
das Land ist in den Hnden der Franzosen; ich mu erwarten, da ich eben so
wenig von ihrem Besuch verschont bleiben werde, als Andere, und es ist
natrlich, da Ihre Freunde und Kameraden Sie auffordern werden, ihren Fahnen zu
folgen; ich habe keine Macht es zu hindern, wenn Ihre Ehre Sie hier nicht
fesselt, und knnte also in dem Fall, wenn Sie mit den Franzosen zgen, mein
Wort nicht lsen. Wie nachtheilig die in der Folge fr mich sein wrde, werden
Sie einsehen, wenn ich Ihnen sage, da schon jetzt unsinnige Gesprche
entstehen, als ob ich mit den Feinden des Landes in Verbindung stnde, und da
Sie als der Unterhndler bezeichnet werden. Meine Ehre fordert also, da Sie
mich fr jezt nicht verlassen, und darum verzeihen Sie mir, da ich Ihnen in dem
Augenblicke so unfreundlich diese Verbindlichkeit auflegte, wo ich mich selbst
durch manche trbe Nachrichten verstimmt fhlte.
    St. Julien sah erst jezt den ganzen Umfang der Verbindlichkeiten ein, die er
gegen den Grafen hatte; tief beschmt durch sein eigenes Unrecht und doch auch
zugleich erleichtert im Herzen, blickte er errthend zum Grafen auf und sagte:
Ich habe mich betragen wie ein unverstndiger Knabe, ich fhle erst jetzt Ihre
gromthige Schonung, mit der Sie mich ber alles Harte meiner Lage hinweg
gehoben haben, und ich Thor gebe aus gekrnkter Eitelkeit der beln Laune Raum,
wenn so ernsthafte Sorgen Ihr Herz bewegen.
    Sie sind gegen sich selbst viel zu hart, sagte der Graf lchelnd. Ich wei
nicht, rief St. Julien, welch ein Gefhl Ihre Schonung und Milde wrdig
erwiedern knnte.
    Vertrauen, sagte der Graf, wahres freundschaftliches Vertrauen ist der
schnste Beweis, da unsere Freundschaft erkannt wird; darum beziehen Sie es
nicht auf Sich, wenn Sie meine Stirn zuweilen finster sehen, und lassen Sie
nicht solche Briefe schreiben, setzte er lchelnd hinzu, indem er ihm den Brief
reichte, den St. Julien errthend zurcknahm, die nichts weiter beweisen, als
da Sie mich miverstanden haben. Ich sehe ein, fuhr er ernsthaft fort, da Sie
herzlich wnschen mssen, Ihrer Mutter Nachrichten von sich zu geben, aber Sie
werden nun auch einsehen, da ich es nicht unternehmen kann, in diesem
Augenblicke Briefe nach Frankreich zu befrdern. Ich frchte aber, Sie werden
bald Gelegenheit durch Ihre Landsleute finden.
    Vergeben Sie mir mein thrichtes Betragen, sagte St. Julien, und ich will
mich gern in alles Uebrige finden.
    Beweisen Sie mir, da Sie es aufrichtig bereuen, sagte der Graf gtig
lchelnd, und lassen Sie mich wie einen Vater fr Sie sorgen, ohne da Sie sich
meinen Einrichtungen wiedersetzen.
    Welch ein Glck wre es fr mich, sagte St. Julien mit Thrnen, wenn ich
einen solchen Vater htte, der meine Jugend leitete.
    Und welch ein Glck wre es, einen Sohn zu haben, wie Dich, sagte der Graf,
indem die Empfindung ihn berwltigte und eine Thrne in seinem Auge schimmerte.
    Lassen Sie uns nun Beide vernnftig sein, setzte er nach einigen
Augenblicken hinzu, und zeigen Sie mir, da Ihre Empfindung fr mich Ihnen Ernst
ist. Sie haben von Ihrer Mutter eine Summe Geldes verlangt, es ist aber
unmglich, da Sie jetzt Ihren Wunsch erfahren oder befriedigen kann, nehmen Sie
also indessen von mir, was Sie mir ja spter ersetzen knnen. Der Graf legte mit
diesen Worten eine Rolle Gold auf den Tisch, und St. Julien fhlte, da es ein
roher Eigensinn sein wrde, wenn er sich weigern wolle, es zu empfangen. Er
dankte also einfach, aber herzlich, und nahm es als ein Darlehn an.
    Fhlen Sie sich stark genug das Zimmer zu verlassen, sagte der Graf, so
begleiten Sie mich zu unsern Damen; das wird Ihnen auf jeden Fall besser sein,
als hier einsam zu trumen, was der Arzt auch sagen mag. Freudig nahm St. Julien
die Einladung an, der Graf bot ihm selbst den Arm und beide sezten sich nach dem
Theezimmer in Bewegung zu Dbois frohem Erstaunen. Die Grfin heftete einen
wehmthigen Blick auf Beide, als St. Julien, auf den Grafen gestzt, eintrat,
und Emilie bewillkommnete sie mit unschuldiger Freude. Die Unterhaltung wurde
lebhaft, man verga die gegenwrtige Zeit, und der Graf und St. Julien schienen
sich mit jeder Minute einander mehr zu nhern, je mehr sich die Uebereinstimmung
ihrer Denkungs- und Empfindungsweise offenbarte. Kunst, Poesie und Natur waren
die ber alle Parteiinteressen erhabenen Gegenstnde des Gesprchs. Emilie
mischte sich lebhaft in die Unterhaltung und entfaltete einen Reichthum des
Geistes, einen Schatz von Kenntnissen, die den jungen Mann in Erstaunen sezten,
weil er bei ihrer einfachen, beinah schchternen Art sich zu betragen durchaus
nicht auf die Vermuthung gekommen war, da sie so unterrichtet sein knnte. Ohne
Absicht von Emiliens Seite mute er bemerken, da sie alle neuern Sprachen
verstand und die vorzglichsten Werke in allen grndlich kannte; so weit aber
war sie davon entfernt, aus Eitelkeit diese Gegenstnde zu berhren, da es ihr
bei ihrer einfachen Seele vielmehr schien, als verstnde es sich von selbst, da
jeder Mensch, der Kunst und Poesie liebe, wenigstens die Alles kennen msse,
und da St. Julien mit Feuer und Geschmack ber Manches sprach, so sezte sie
voraus, da er weit mehr gelesen habe, als sie selbst, und sezte ihn dadurch
zuweilen ein wenig in Verlegenheit, bis er endlich offenherzig gestand, da er
nur wenig Zeit bis jetzt darauf gewendet habe, sich Kenntnisse dieser Art zu
verschaffen, und da die frhe Uebung in den Waffen ihn gehindert habe, in
dieser Hinsicht seiner Neigung folgen; da er aber nun, da seine Krankheit ihm
nicht lange mehr hinderlich sein wrde, sich eifrig mit der Erlernung des
Englischen und Italienischen beschftigen wolle. Der Graf bot sich ihm als
Lehrer an, und sein Anerbieten wurde mit herzlicher Freude angenommen.
    Jeder fhlte sich wohl an diesem glcklichen Abend, die Grfin war ruhig,
beinah heiter; die Erinnerungen an vergangene Leiden schienen fr einige Stunden
aus ihrem Gedchtni gewichen zu sein; der Graf fhlte sich so heiter wie er
seit Jahren nicht gewesen war, und St. Julien konnte, indem er abwechselnd Beide
betrachtete, nicht mit sich darber einig werden, wen er seinem Herzen nher
fhlte; wenn aber seine dunkeln Augen einem Blick aus den himmelblauen der
schnen Emilie begegneten, dann schlug er sie schchtern nieder und wagte nicht
die holde Gestalt mit in dem Kreise zu begreifen, ber den er sich eben die
Frage vorgelegt hatte. Als sich das Gesprch wieder auf Musik wendete, versuchte
er es auszudrcken, wie sehr ihn Emiliens Gesang am vorigen Abend entzckt habe,
und der Graf und die Grfin forderten ihre junge Freundin auf, einige
italienische Sachen aus der lteren Zeit zu singen, um auch den heutigen Tag
wrdig zu beschlieen. Emilie sang, ohne sich zu weigern, und St. Julien gab
sich rcksichtslos den sesten Empfindungen hin; er konnte sich im Entzcken
des Hrens keine grere Glckseligkeit denken, als seine Stimme mit den
himmlischen Tnen vermischen zu drfen, die den rosigen Lippen der jungen
Sngerin entschwebten.
    Als sie geendigt hatte, versicherte der Graf und die Grfin, ihre Stimme
werde tglich schner; sie habe nie so vortrefflich gesungen, als am heutigen
Abend. St. Julien konnte sich nicht entschlieen, mit Worten ihren Gesang zu
loben, oder, wie man sich auszudrcken pflegt, ihr etwas Verbindliches darber
zu sagen, aber der dankbare, entzckte Blick, dem Emiliens Augen begegneten, als
sie sich zufllig zu ihm wendete, belehrten sie, da er nicht ohne Empfindung
zugehrt hatte.
    Sie scheinen den Gesang sehr zu lieben, fragte ihn nach einigen Minuten die
Grfin, und haben sich gewi selbst mit Musik beschftigt?
    Ein wenig, oberflchlich, antwortete St. Julien, wie beinah mit allen
Dingen, die ich bis jetzt getrieben habe; aber auch das soll besser werden,
fgte er hinzu; sobald ich wieder hergestellt bin, will ich versuchen, ob ich
meine Stimme nicht durch die Krankheit verloren habe, und wenn die nicht der
Fall ist, Musik und Gesang mit groem Eifer treiben. Singen Sie Tenor? fragte
die Grfin.
    Ja, sagte St. Julien, und man versicherte mich oft, ich habe eine recht gute
Stimme, die nur ausgebildet werden msse, dazu mangelte mir aber die Geduld.
    Ein schner Tenor, sagte der Graf, ist das seltenste und beinah das schnste
Geschenk des Himmels, und es ist eine wahre Snde, im Besitze einer solchen Gabe
zu sein, ohne sie auszubilden.
    Wie schn wre es, rief Emilie, wenn Sie erst wieder singen knnten; wir
haben hier ganz vortreffliche Musik, die leider ungebraucht liegen mu; wie
Vieles knnten wir mit einander ausfhren.
    St. Juliens Augen leuchteten und seine Wangen rtheten sich vor Freude bei
dieser Vorstellung, und er versprach eben pnktlich Alles zu thun, was seine
Genesung beschleunigen knnte, und sich streng den Vorschriften des Arztes zu
unterwerfen, als dieser herein trat und, da er St. Julien in der Gesellschaft
erblickte, aus Verwunderung drei Schritte zurck sprang: Sie sind hier! rief er
aus der Ferne mit zornig verweisenden Minen, ich wollte Sie eben in Ihrem Zimmer
besuchen und dachte Sie ruhig im Bette zu finden.
    Kommen Sie nur nher, sagte der Graf lachend, und betrachten Sie ihn
genauer, dann werden Sie finden, da es ihm hier gar nicht bel geht.
Kopfschttelnd nherte sich der Arzt und betrachtete ernsthaft den jungen Mann,
der sich des Lachens nicht erwehren konnte, als der Arzt mit komischer
Feierlichkeit, nachdem er ihn eine Zeitlang betrachtet hatte, seinen Puls
untersuchte und dann mit Heftigkeit ausrief: Sie sind der wunderlichste Kauz,
der mir noch vorgekommen ist, so lange ich die Arzneiwissenschaft ausbe.
Gestern Abend, heute Morgen ohne alle Ursache im hchsten Grade schwermthig,
Puls fieberhaft, alle Lebenskrfte herunter, die Augen ganz matt und todt, so
da Sie mir recht gefhrlich vorkamen. Heute Abend ohne Fieber, der Puls sehr
gut, die Augen heiter, lebendig, eben so ohne die mindeste Ursache.
    Die Gesellschaft, sagte der Graf lchelnd, hat ihn erheitert und so diese
wohlthtige Wirkung hervorgebracht.
    Das kann nicht sein, entgegnete der Arzt, ich wollte ihm ja heut Morgen
Gesellschaft leisten, ich gab mir alle Mhe ihn zu erheitern, aber wer sich auf
nichts einlassen wollte, das war mein Kranker.
    Ja, dann lt sich freilich seine Besserung gar nicht erklren, sagte der
Graf scherzend, die Ursache dieser Wirkung wird nicht aufzufinden sein.
    Man mu darber nachdenken, erwiederte der Arzt ganz ernsthaft; Jetzt mu
ich aber darauf bestehen, sagte er zu St. Julien, da Sie sich zur Ruhe begeben,
das zu lange Aufsitzen ist Ihnen durchaus schdlich. Fgen Sie sich den
Vorschriften des Arztes, sagte Emilie, wie Sie es versprachen, damit er Sie
recht bald wieder herstellt, und wir bald mit einander das erste Duett singen
knnen.
    Singen, rief der Arzt im hchsten, mit Unwillen vermischten Erstaunen, Sie
denken daran, zu singen? Gott behte, ich habe Ihnen kaum zu sprechen erlaubt,
von Gesang kann gar nicht die Rede sein, und wenn ich Sie auch ganz hergestellt
habe, so ist es doch mglich, da Ihre Brust schwach bleibt, und da sie sich
solche Gedanken mssen vergehen lassen.
    Dann stellen Sie mich aber nicht ganz her, sagte St. Julien mit heiterer
Laune, denn vor meiner Verwundung htte ich Tagelang singen knnen, ohne da ich
es in der Brust gefhlt htte; wenn Sie es also unternehmen, mich vollkommen
wieder herzustellen, so mssen Sie mich in diesen Zustand zurck versetzen.
    Was das fr Ansichten sind, sagte der Arzt, das beweist recht, wie wenig Sie
von der Arzneiwissenschaft verstehen. Wir wollen uns aber heut darber nicht
streiten, sondern ich will Sie auf Ihr Zimmer fhren und Ihre Wunden verbinden.
Er wollte ihm den Arm bieten, um ihn zu fhren, der Graf aber, der seine
gutmthige Ungeschicklichkeit kannte, zog die Klingel und berlieferte den
Kranken der sanften Pflege des hflichen Dubois.

                                       X


Des andern Morgens erschien der Graf nicht beim Frhstck, und man meldete der
Grfin, er habe das Schlo zu Pferde in Begleitung eines Reitknechts schon vor
einigen Stunden verlassen. Die Grfin sowohl, als Emilie vermutheten es leicht,
wohin ihn dieser frhe Ritt gefhrt hatte, und ihre Vermuthung war nicht
ungegrndet. Ein scharfer Wind wehte dem Grafen schneidend entgegen, als er am
frhen Morgen ber die Hgel trabte, und der Sonnenschein funkelte blendend auf
den Schnee, so weit sein Auge reichte; der Frost schttelte seine Glieder, und
er wnschte den Weg beendigt zu haben, aber dennoch hatte er nicht das
Unangenehmste eines Wintertages empfunden; als aber nach und nach das Blau des
Himmels von grauem Gewlk bedeckt wurde, das sich wie schwerer Nebel
niedersenkte, so da Erde und Himmel sich nicht mehr unterscheiden lieen, und,
als er nun die tieferen Grnde und Schluchten hinter sich gelassen und eine
ziemlich ausgedehnte Ebene erreicht hatte, ein scharfer Wind heulend blies, der
ihm den Schnee, der vom Himmel herabfiel, eben so entgegen trieb, wie den, der
vom Boden aufgeweht im Wirbel gedreht wurde, so, da Erde und Himmel auch in
dieser Rcksicht sich vereinigt zu haben schien: da bereute er es beinah, da er
sich selbst der unfreundlichen Witterung ausgesetzt und nicht einem Diener die
Botschaft anvertraut hatte. Herzlich erfreut war er daher, als er pltzlich
bemerkte, da er sich am Eingange eines Dorfes befand, denn der vom Himmel
herabfallende und der von der Erde aufgewehte Schnee verdickte die Luft
dermaen, da sich die nchsten Gegenstnde kaum unterscheiden lieen. Der Graf
stieg in der Schenke des Dorfes ab, um sich einigermaen zu erwrmen, und
erkundigte sich dann nach dem Meierhofe, den der Obrist Thalheim bewohnte. Der
Wirth, ein wohlbeleibter, gutmthiger Mann, gab die nthige Auskunft, indem er
den Obristen herzlich bedauerte.
    Da Gott erbarm! rief er aus, was wird der arme alte Herr anfangen, er hat
Niemanden gedrckt, aber nun drcken ihn Viele, nicht der Feind ist so schlimm
gegen uns, wie man gegen ihn ist.
    Der Graf fragte, ob das kleine Gut, das der Obrist bewohnte, weit entfernt
vom Dorfe liege? Keine halbe Viertelstunde, rief der Wirth, und ich habe schon
wollen hingehen und ihm anbieten, wenn sie ihn morgen austreiben, frs Erste
hieher zu ziehen; aber lieber Gott! so ein Herr kann nicht in einer Schenke
wohnen, und dann knnte ich ihn auch nicht immer ernhren, und wre er einmal
hier, so wrde ich ihn nicht wieder los, denn Wer wird sich die Last aufladen
wollen; alt ist er auch, und strbe er bei mir, so mte ich ihn noch begraben
lassen, und ich bin selber ein gedrckter Mann. Die schweren Zeiten, der Krieg,
die vielen Abgaben, das soll Alles aus der Schenke bestritten werden, Kinder
habe ich auch, das mu man Alles bedenken.
    Der Graf, ob er zwar auf die edelste Weise jeden Vorzug anerkannte und
niemals annahm, da die Geburt allein schon Rechte verleihen knne, war doch
keinesweges gleichgltig gegen die Vorzge der Abkunft, und ihm schauderte
innerlich vor dem Gedanken, da ein Mann von vornehmer Geburt, von guter
Erziehung, der dem Staate mit Auszeichnung gedient hatte, durch den Drang der
Umstnde so erniedrigt werden knnte, von der Wohlthtigkeit eines Schenkwirths
abhngig zu werden. Er fragte dehalb mit inniger Hast, ob er einen Boten haben
knne, der ihm als Fhrer zum Wohnort des Obristen dienen wolle? Wollen Sie dem
guten Herren Beistand leisten? fragte der Wirth hchst erfreut.
    Ich will ihn besuchen, erwiederte der Graf zerstreut. So! sagte der Wirth
mit gedehntem Tone, rief den Hausknecht mit verdrielicher Miene und gab diesem
eben so unfreundlich den Befehl, diesen Herren nach der Wohnung des Obristen zu
fhren, den er besuchen wolle.
    Der Graf hatte trotz der ungestmen Witterung den Weg bald vollendet; er
hatte sein Pferd in der Schenke gelassen und nherte sich zu Fue dem
Haupteingange eines artigen Landhauses. Nicht hier hinein! rief ihm sein Fhrer
zu, hier wohnt der Herr Verwalter jetzt; wenn Sie den alten Obristen besuchen
wollen, mssen wir von der andern Seite hinein gehen. Mit diesen Worten fhrte
er ihn durch den Hof, wo der Graf eine kleine Hinterthr des Hauses bemerkte.
Nachdem ihm der Hausknecht gesagt hatte, da diese zur Wohnung des Obristen
fhre, wurde er von dem Grafen verabschiedet, der nun die niedrige Thre ffnete
und sich in einem engen Raum befand, der eine Art Vorplatz bildete.
    Er wollte eben eine andere Thre gegenber ffnen, als er eine
lrmend-zankende weibliche Stimme vernahm, die in unangenehmen Tnen kreischte:
Was geht es mich an, ob Sie frieren oder nicht; wollen Sie Feuer haben, so
bemhen Sie sich nur selbst darum, schaffen Sie sich nur Holz an, ich werde mich
nicht mehr darum bekmmern.
    Um Gottes Willen, erwiederte eine sanfte bittende Stimme, wie kannst Du nur
jedes Wortes wegen, das mein Vater spricht, so aufgebracht sein, Du weit doch,
wie lange er Dir ein guter Herr gewesen ist.
    Was Herr, rief das zankende Weib, wollen Sie eine Herrschaft vorstellen, so
bezahlen Sie Ihre Leute, geben Sie mir, was mir zukommt an Essen, Trinken und
Lohn, dann knnen Sie sagen, da ich bei Ihnen diene.
    O Gott! bat die andere Stimme, schreie doch nicht so, mein Vater mu ja
jedes Wort hren.
    Was kmmert es mich, ob er es hrt oder nicht; er mag sich Leute suchen, die
ohne Lohn bei ihm dienen, und Hunger und Kummer mit ihm leiden, und zum Dank
sich noch mssen schelten und qulen lassen. Meinetwegen mag er erfrieren, ich
werde kein Feuer machen, und wenn Sie vom Herren Verwalter Holz haben wollen, so
mgen Sie selbst gehen und darum bitten, Sie werden noch um Manches bitten
mssen.
    Mit diesen Worten ri sie die Thre auf, die der Graf ffnen wollte, und
strmte an diesem vorbei, nachdem sie ihn einen Augenblick, ber den
unvermutheten Anblick betroffen, angestarrt hatte.
    Der Graf betrat nun den Raum, den sie eben verlassen hatte. Es war eine
kleine Kche, worin aber beinah gar kein Gerth sichtbar war, auch brannte kein
Feuer auf dem Heerde, und durch eine zerbrochene Fensterscheibe wehte ein
scharfer, kalter Wind das Schneegestber hinein. Eine jugendliche, schlanke
Gestalt lehnte sich, das Gesicht mit beiden Hnden bedeckt, an der Mauer und
schien sich nun, da sie sich allein glaubte, rcksichtslos dem Schmerz zu
berlassen. Der Graf sah, wie ihre Thrnen die feinen, von Klte gertheten
Finger benetzten, doch schien sie im Schmerz die Klte nicht zu fhlen, obgleich
nur ein leichtes Kleid von gestreifter Leinwand den schlanken Krper bedeckte.
Eine reiche Flle dunkelbrauner Haare war ohne Kunst in starken Flechten um das
zierliche Kpfchen geschlungen. Der Graf war einen Augenblick verlegen, wie er
seine Gegenwart ankndigen sollte, da er so unvermuthet Zeuge ihres Kummers
geworden war; endlich wendete er sich und machte die Thre zu, die die
hinausstrmende Magd hatte offen stehen lassen. Das Gerusch verursachte, da
die weinende Gestalt sich schnell aufrichtete, ihre Thrnen eilig trocknete, und
als sie sich zum Grafen wendete, mit erzwungener Fassung ihm entgegen trat. Der
Graf fhlte sich innig bewegt, als die schnsten braunen Augen ihn fragend
anblickten, deren Feuer durch Kummer und Thrnen zu erlschen drohte. Die reine
Stirn, der milde, wehmthige Mund, die blassen, mageren Wangen gewhrten
vereinigt ein so rhrendes Bild von Hoheit, Schmerz und Mangel, da der Graf
eines Augenblickes bedurfte, ehe er mit Fassung nach dem Obristen fragen und
sich als einen alten Bekannten desselben ankndigen konnte.
    Darf ich Sie nicht bitten, mir Ihren Namen zu nennen, erwiederte das junge
Mdchen, damit ich meinen Vater auf Ihren Besuch vorbereiten kann?
    Der Graf, der sich frchtete abgewiesen zu werden, da der Obrist in seiner
Lage so menschenscheu geworden war, sagte schnell: Erlauben Sie mir mit Ihnen
zugleich einzutreten, ich mu Ihren Vater durchaus sprechen. Therese, so hie
die Tochter des Obristen, sah den Fremden mit Furcht und Zweifel an, ob er nicht
ein Bote neuen Kummers sei, aber dennoch war sie zu schchtern, als da sie ihm
den Eintritt zu verbieten gewagt htte, und so betrat der Graf mit ihr zugleich
ein kleines Zimmer, das der Familie zum Wohnort diente, da der Verwalter schon
das brige Haus in Besitz genommen hatte. Auch das Zimmer war beinah von allem
Gerth entblt und doch der Raum darin beschrnkt; ein schmales Bett nahm die
eine Wand ein, die andere wurde durch einen Schirm bedeckt, hinter welchem ein
hnliches zu stehen schien; ein Tisch von schlechtem Holz stand unter dem
Fenster, ein Lehnstuhl von gleichem Werthe daneben; diese Dinge nebst einem
Stuhle machten den ganzen Hausrath aus. In dem Lehnsessel am Fenster sa ein
langer, hagerer alter Mann, dessen Krper eine sehr abgetragene Uniform als
Bekleidung dienen mute, in dessen Gesicht Alter und Gram tiefe Furchen gezogen
hatten, dessen wenige graue Haare ungeordnet um seine Schlfe hingen, dessen
blasse Lippen sich fest, fast krampfhaft schlossen und so auf die Gewalt
deuteten, die er sich anthat, um dem auf ihn eindringenden Elende zu begegnen.
Diese Gestalt erhob sich beim Eintritt des Grafen langsam aus dem Sessel. Es war
der Obrist Thalheim, der, indem er den Grafen mit Klte begrte, und ihn
fragend und verwundert betrachtete, zu erwarten schien, da dieser so kurz als
mglich die Ursache aussprechen wrde, die ihn zu diesem Besuch bestimmt habe.
Den Grafen machte dieser stumme Empfang verwirrt; Ich wei nicht, fing er nach
einigen Augenblicken an, ob Sie meine Zudringlichkeit entschuldigen werden, wenn
ich Ihnen meinen Namen nenne und Sie an die Freundschaft erinnere, die Sie
frher fr meinen Vater hatten. Ich bin der Graf Hohenthal.
    Der Obrist verbeugte sich schweigend und erwartete, da der Graf weiter
reden wrde. Da ich seit einiger Zeit auf meinen Gtern lebe, fuhr der Graf
fort, und es erfahren habe, da Sie sich in meiner Nhe aufhalten, so eilte ich
Ihre Wohnung aufzusuchen, um wo mglich die Freundschaft, welche Sie fr meinen
Vater hatten, auch fr mich in Anspruch zu nehmen.
    Sehr verbunden, sagte der Obrist, indem er sich abermals verbeugte. Der
Graf, von Neuem durch die Einsylbigkeit desselben in Verlegenheit gesetzt, fuhr
nach einer kleinen Pause fort: Ich beklage nur, da ich Ihren Aufenthalt so spt
erfahren habe, eben in dem Augenblicke, da Sie Ihren Wohnort verlassen wollen.
    Da ich meinen Wohnort verlassen will? wiederholte der Obrist mit bitterem
Lcheln. Er schwieg einen Augenblick, und die blassen Wangen rtheten sich nach
und nach, er suchte seine innere Wallung zu bekmpfen und fing seine Rede mit
scheinbarer Gelassenheit an, die ihn nach und nach verlie, bis er endlich dem
lange unterdrckten Schmerz die volle Gewalt ber sich einrumen mute.
    Da ich meinen Wohnort verlassen will? wiederholte er noch einmal, indem er
einen zornigen Blick auf den Grafen richtete. Es ist unmglich, fuhr er fort,
da Ihnen meine Lage unbekannt ist; wehalb wollen Sie meiner spotten? Ich habe
mich von den Menschen zurckgezogen, ich habe ihnen meinen Jammer verborgen,
weil ich mir ihren Beistand weder wollte abschlagen lassen, noch ihn um einen zu
theuern Preis erkaufen, ich habe mit meinem armen Kinde nach und nach Alles
entbehren gelernt, was uns Gewohnheit theuer machte, ja endlich auch, was das
Bedrfni heischte; uns blieb nichts mehr, um uns zu erwrmen, wir haben kaum
noch ein Mittel uns zu sttigen, und morgen wird meinem grauen Scheitel und
ihrer zarten Jugend auch noch das Obdach geraubt; dann fasse ich die Hand meines
Kindes und fhre sie hinaus, dem strmenden Winterwinde entgegen und versuche,
ob es mein Herz leichter ertrgt, sie am Wege sterben zu sehen oder die Menschen
anzuflehen, ihr ein elendes Leben zu fristen. Die Stimme des Obristen wurde
ungewi, indem er die letzten Worte sprach; man sah, da er die Thrnen
niederkmpfte, aber schnell gefat fuhr er zum Grafen gewendet ruhiger fort: Da
ich mein Elend nicht mehr verbergen kann, so habe ich es Ihnen mit wenigen
Worten ganz gezeigt. Sie sehen nun, ob ich meinen Wohnort freiwillig verlassen
will; was knnen Sie mir noch zu sagen haben? setzte er mit weicherer Stimme
hinzu, als er die Rhrung des Grafen bemerkte.
    Ich mu mich selber tadeln, erwiederte dieser, da ich nicht den rechten Ton
gefunden habe, Ihnen meine Theilnahme zu zeigen. Ich hrte allerdings von Ihrer
Lage und ich kam, Ihnen den Beistand anzubieten, den ich dem Freunde meines
Vaters schuldig zu sein glaube.
    Der Obrist sah ihn bei diesen Worte mit zweifelnden Blicken an; es schien,
als ob er es nicht wagte der Hoffnung Raum zu geben, die sich im Herzen anfing
zu regen. Therese, die in Verzweiflung still geweint hatte, hob den nassen Blick
verwundert und hoffnungsvoll zum Grafen auf, der eilig fortfuhr, um Beide zu
beruhigen. Er erffnete dem Obristen, da ein Meierhof ganz nahe beim Schlosse
Hohenthal unbewohnt sei, weil die Pachtzeit des vorigen Pchters geendigt wre,
und in diesen strmischen Zeiten sich kein anderer gefunden habe. Er bot diesen
dem Obristen zum Aufenthalt an, und, fgte er hinzu, da ich wei, da Ihre
Verlegenheit dadurch so gesteigert worden ist, da Ihre Pension in den letzten
Zeiten nicht ist ausgezahlt worden, so erlauben Sie mir, diese kleine Summe fr
meinen Knig auszulegen; es ist das Geringste, setzte er schnell hinzu, was ein
treuer Unterthan zu thun verpflichtet ist; ich werde diese Auslagen in der
Zukunft gewi zurck erhalten, und man wird mir noch danken, da ich einen
verdienten Krieger dadurch aus unwrdigen Verlegenheiten befreit habe.
    Der Obrist, der so grade und stolz mit verzweiflungsvollem Muth dem
schrecklichsten Elende hatte entgegen gehen wollen, fhlte nun seine Sehnen
erschlaffen; wie uns die durch einen heftigen Schmerz gewaltsam aufgeregten
Krfte auf einmal verlassen, wenn der Schmerz selbst von uns weicht, so machte
ihn das Gefhl der Erlsung aus seiner entsetzlichen Lage kraftlos; er sank auf
seinen Lehnsessel zurck und vermochte nicht die Thrnen zurck zu halten, die
nun in reichen Strmen ber seine gefurchten Wangen flossen; sein Auge richtete
sich nach oben, und mhsam erhob er auch die zitternden, gefalteten Hnde; die
Lippen bewegten sich stumm, wie es schien, zum inbrnstigen Danke. Die Tochter
flog herbei und warf sich mit Ungestm vor den Vater nieder; sie umarmte mit
Heftigkeit seine Knie, aber auch sie vermochte nicht zu reden. Der Greis blickte
auf sein Kind nieder, er streckte eine Hand nach ihr aus, die aber kraftlos auf
die schnen, braunen Locken des zierlichen Kpfchens herabsank; der Blick der
Liebe erstarb, den er auf die Tochter richten wollte; sein Auge schlo sich und
er sank zurck wie in die Arme des Todes. Der Graf hob erschrocken die Tochter
vom Boden auf, die nun erst den Zustand des Vaters bemerkte; Beide bemhten sich
den entkrfteten Greis ins Leben zurck zu rufen. Therese hatte ein Glas kaltes
Wasser geholt als einziges Strkungsmittel, das im Hause vorhanden war; man
besprtzte den Obristen damit, man rieb ihm die Schlfe, bis er endlich zur
grten Beruhigung des Grafen die Augen wieder ffnete, denn dieser fing im
Ernst an zu frchten, da er nicht wieder athmen wrde.
    Der entkrftete Greis blickte lchelnd bald seine Tochter, bald den Grafen
an, und schien sich nicht deutlich auf alles Vorgefallene besinnen zu knnen.
Der Graf, der seine grte Ermattung bemerkte, frchtete noch immer fr ihn und
fhrte ihn mit Hlfe der Tochter zu seinem rmlichen Lager. Der Obrist lie es
geschehen, ohne zu fragen und ohne sich zu struben, und ein wohlthtiger,
erquickender Schlummer schlo aufs Neue seine von Thrnen feuchten Augen.
    Der Graf fhlte sich wunderbar bewegt; er blickte auf den schlafenden Greis,
auf die seitwrts stehende Tochter; das rmliche Gemach, die drftige Kleidung
der Bewohner, Alles drckte hchsten Mangel aus, und dennoch schien ein so
lieblicher Frieden in diesem Augenblick in dem kleinen Raume verbreitet zu sein,
da der Graf sich unendlich wohl darin fhlte. Er setzte sich selbst auf den
Lehnsessel des Alten nieder, eine behagliche Wrme fing an sich im Zimmer zu
verbreiten, und man hrte das Feuer im Ofen knistern; die zankende Magd war
nmlich, halb von Reue, halb von Neugierde angetrieben, zurckgekehrt, und hatte
das nthige Holz verschafft und in der Stille Feuer im Ofen angezndet.
    Der Graf hatte den ziemlich weiten und beschwerlichen Weg in kalter,
unfreundlicher Witterung zurckgelegt, er fhlte sich selbst ein wenig
entkrftet, und als er auf seine Uhr blickte, mute er sich berzeugen, da er
nicht, wie er gehofft hatte, zur Mittagstafel zurck nach Hohenthal reiten
knnte. Er wendete sich also an die Tochter des Obristen mit der freundlichen
Bitte, diesen Mittag ihr Gast sein zu drfen, und bereuete die Bitte, sobald er
sie ausgesprochen hatte. Er fhlte mit Beschmung, da auch fr ihn, wie fr
alle Reiche, selbst dann wenn sie die Brder den drckendsten Mangel leiden
sehen, die Armuth etwas durchaus Fremdes und Unverstandenes geblieben sei. Seine
unbesonnene Bitte setzte die arme Therese in die peinlichste Verlegenheit; sie,
die sich gern vor ihm niedergeworfen htte, um ihn wie ein himmlisches
hlfreiches Wesen zu verehren, die gern die Hnde mit dankbaren Thrnen gebadet
htte, die so reichen Segen ber ihres Vaters lezte Lebensjahre verbreiten
wollten, und nur durch weibliche Scheu zurckgehalten wurde, hatte nun nichts,
wute nun nichts, was sie dem verehrten Gast als Erquickung anbieten konnte.
Eine dunkle Rthe berflog ihr Gesicht, sie verbeugte sich schchtern und wollte
zur Thr hinausschlpfen; der Graf aber erinnerte sich in demselben Augenblicke
des Wortwechsels, den er gehrt hatte, als er das Haus betrat, und folgte ihr
auf dem Fue. Die znkische Magd stand am Heerde in der Kche, auf dem ein
helles Feuer brannte. Der Graf befahl ihr mit ernster Stimme, das Mittagsessen
fr die Familie zu bereiten, indem er ihr zugleich versicherte, da gleich nach
Tische der Obrist sich mit ihr berechnen und ihren Lohn sowohl, als alle
rckstndigen Auslagen berichtigen wrde. Therese errieth aus dieser Anordnung,
da der Graf mit der Unverschmtheit der Magd bekannt sei, und indem ihre
Thrnen von Neuem flossen, wute sie selbst nicht, ob aus erhhter Dankbarkeit
oder Beschmung.
    Als beide nach dem kleinen Zimmer zurckkehrten, war der Obrist nach kurzem
Schlummer sehr gestrkt erwacht, und der Graf konnte mit ihm alle nthigen
Verabredungen wegen seiner knftigen Einrichtung treffen; er strengte sich an,
mit Ruhe und Fassung auf alle Vorschlge des Grafen einzugehen, weil dieser
bemht war, jeden Schein der Wohlthat zu entfernen und die Sache wie ein
Geschft zwischen Freunden zu behandeln; indessen hrte man es seiner Stimme an,
da er die Rhrung nur mit Gewalt unterdrckte; endlich aber, als der Graf die
Summe in Gold auf den Tisch gelegt hatte, die seine rckstndige Pension betrug,
und noch einmal den Obristen bat, sie so lange von ihm zu empfangen, bis die
Zeiten wieder ruhiger wrden, wo sie ihm unfehlbar von den Behrden wieder
ausgezahlt werden msse, konnte der Greis sich nicht zurckhalten, er schlo mit
leidenschaftlicher Heftigkeit den Grafen in die Arme und rief: O! Du echter Sohn
Deines Vaters, Du wahrer Erbe seines Herzens, ich bin ja nicht so hoffhrtig,
da ich es nicht erkennen sollte, wir armen bedrngten Menschen bedrfen einer
des andern, ich bin ja nicht so roh, da ich Deine Milde nicht erkennen sollte,
ich bin ja nicht so undankbar, da ich fr empfangene Wohlthat nicht danken
knnte. Ach! htte ich einen Freund gehabt, wie Dich, ich wre ja nicht zu
solchem Elende herabgesunken; htte ich einen solchen Freund in meiner Nhe
geahnet, ich wrde ihn ja um Hlfe angesprochen haben und nicht in Gefahr
gerathen sein, mit meinem armen Kinde zu verschmachten. Therese hatte sich nun
auch einer Hand des Grafen bemchtigt, die sie mit Kssen und Thrnen bedeckte.
Der Graf berlie sich seiner Rhrung und ihren Liebkosungen, weil er fhlte,
da man die Herzen gefhlvoller Menschen am schmerzlichsten verwundet, wenn man
gleichsam zu vornehm ihren Dank gar nicht annehmen will, sondern sich
unfreundlich ihrer Liebe entzieht. Die Gemther waren endlich wieder ein wenig
beruhigt worden, und man suchte sich gewaltsam zu fassen, als die Magd
hereintrat, um den Tisch fr die kleine Gesellschaft zu decken. Sie starrte
verwundert die noch auf demselben liegenden Goldmnzen an und verlie das Zimmer
augenblicklich wieder, weit bescheidener, als sie eingetreten war. Der Obrist
betrachtete nachdenklich das kleine Hufchen Goldes, und ein wehmthiges Lcheln
schwebte um seinen Mund. Auch ich, sagte er nach einem augenblicklichen
Stillschweigen, war einmal in der Lage, eine solche Summe weggeben zu knnen,
und ich darf mir das Zeugni geben, ich habe es mehr, als ein Mal, gethan; aber
dennoch mu ich gestehen, habe ich niemals das wahre Mitgefhl fr meine
leidenden Brder gehabt, weil ich das grliche Elend, das ein Mensch erdulden
kann, nicht kannte, weil ich nicht zu ahnen vermochte, von welchen Qualen eine
solche Summe uns erlsen kann. Ach! fuhr er tief seufzend fort, wenn man sein
Vermgen nach und nach schwinden sieht, wenn es endlich bis auf eine solche
Summe geschwunden ist, und wir trostlos einem drftigen Alter entgegen sehen,
dann glaubt man zu verzweifeln; wenn aber auch dieser schwache Rest sich nun
tglich vermindert und dadurch unsre Sorge vermehrt: wenn wir nichts mehr unser
nennen, als eine solche Mnze, wie glcklich dnkt uns dann der Zustand, in
welchem wir noch eine solche Summe besaen; wenn wir nun endlich mit zagender
Hand das letzte Goldstck hinreichen und es in Scheidemnze verwandeln lassen,
wie ngstlich zuckt unser Herz bei jedem Stckchen Silber, um welches wir unsern
kleinen Schatz verringern. Ach! und mit welchem Gefhl geben wir die letzte,
allerlezte kleine Mnze hin; es ist, als ob man von dem Leben schiede. Der
Obrist bedeckte sein Gesicht und konnte die Rhrung nicht beherrschen, die sich
seiner von Neuem bemeisterte. Der Graf legte sanft seine Hand auf den Arm des
alten Mannes und sagte mit milder, trstender Stimme: Lassen Sie das Vergangene
vergangen sein, lassen Sie uns muthig den Blick auf die Zukunft richten, die fr
uns Alle noch vieles Erfreuliche enthalten kann.
    Der Obrist antwortete nur durch einen Hndedruck und trocknete schnell seine
Augen, als die Magd von Neuem eintrat und noch einen Stuhl brachte, der ganz
unentbehrlich war, wenn drei Personen zu Tische sitzen sollten. Der Obrist nahm
das Gold von dem Tische hinweg, ber den ein schlechtes Tischtuch gebreitet
werden sollte, und hielt es einen Augenblick verlegen in der Hand, denn nirgends
im Zimmer war etwas, worin man diese Summe htte aufbewahren knnen; lcheld
steckte er sie endlich zu sich.
    Das rmliche Mahl war bald geendigt, und der Graf erinnerte an die nthige
Berechnung mit dem neuen Verwalter, die er gern noch beendigt sehen wollte, ehe
er sich von seinen neuen Freunden trennte. Der Obrist befahl der Magd, den Herrn
Verwalter zu ihm her zu bitten, und der Graf fing, als die Magd gegangen war,
diesen Auftrag auszurichten, eben an, mit dem Obristen zu verabreden, da er ihm
morgen die nthigen Pferde und Wagen senden wolle, um ihn in seine neue Heimath
hinberzufhren, als die Magd die Thr mit einigem Ungestm aufri und, durch
die Grobheit des Verwalters selbst wieder zur Grobheit ermuthigt, zum Zimmer
hinein rief: der Herr Verwalter hat keine Zeit hieher zu kommen, er sagt, wenn
Sie etwas mit ihm zu sprechen htten, so knnten Sie eben so leicht zu ihm, als
er zu Ihnen kommen. Eine glhende Rthe berflog das blasse Gesicht des
Obristen, und hastig wollte er sich aus seinem Sessel erheben und der Magd
folgen, die die Thren wieder zugeworfen hatte. Der Graf aber drckte ihn sanft
auf seinen Sitz zurck und sagte: Ich werde gehen und fr Sie die Berechnungen
mit dem Verwalter abschlieen. Ein dankbarer Blick Theresens belohnte den
Grafen, der das Zimmer sogleich verlie und der Tochter die Sorge berlie, den
aufgeregten Vater wieder zu beruhigen.
    Der Graf selbst war durch die Ungezogenheit emprt worden, die man sich
gegen eine Familie erlaubte, die man fr hlflos hielt, und benutzte den Gang in
der kalten Luft, um seinen Unwillen zu unterdrcken. Er mute nmlich, wie schon
bemerkt, nachdem er die Wohnung des Obristen verlassen, zur Hinterthr
hinausgehen, das ganze Haus sammt dem Hofe umkreisen, um dann durch den
Haupteingang zur Wohnung des Verwalters zu gelangen. Da kein Mensch im Hause
sichtbar war, so stand der Graf mit einiger Verlegenheit in einem gerumigen
Vorsaal und wute nicht, wohin er sich wenden sollte, um den unhflichen
Bewohner des Hauses aufzufinden; endlich bestimmte ihn ein leises Gerusch, sich
einer der verschiedenen Thren zu nhern, er klopfte an diese Thr, und herein
rief ihm eine tiefe Bastimme entgegen; der Graf ffnete und bemerkte an einem
Tische sitzend zwischen dicken Tabackswolken einen Mann von ungefhr funfzig
Jahren, dessen ansehnliche Breite und starker Gliederbau ihn sogleich als
denjenigen bezeichneten; dem die tiefe Bastimme angehrte, so wie er auch aus
einer groen Tabackspfeife die Wolken heraus blies, in die er sich selbst halb
verhllte. Bei des Grafen Eintritt schob er einen beschriebenen Bogen unter
andere Papiere, befreite mit plumpen Fingern die Kupfernase von der Brille,
betrachtete einige Augenblicke den Grafen und fragte dann ohne alle Zeichen der
Hflichkeit: Was begehrt der Herr? und gab sich so als den Herrn des Hauses
kund. Ihm gegenber sa an demselben Tische ein junger Mann von schlanker
Gestalt, zierlich nach der neuesten Mode gekleidet, das braune Haar gelockt, der
ansehnliche Backenbart gekruselt, das Auge zwar auch mit Glsern bewaffnet,
doch schien auch die mehr Mode als Bedrfni, auch verschmhte er die plumpe
Art des lteren Mannes zu rauchen, sondern erregte nur ganz kleine Dampfwolken
durch eine Cigarre, die in einer goldenen Rhre steckte. Dieser zierliche Mann
war mit Schreiben beschftigt, worin er sich durch den Eintritt des Grafen nicht
stren lie, ohne sich auch nur ein Mal nach ihm umzusehen, indem er mit weien
Fingern aus einer nach dem neuesten Pariser Geschmacke gearbeiteten goldnen
Dose, die neben ihm auf dem Tische stand, ein wenig Taback nahm; ein sehr feines
battistenes Schnupftuch neben der Dose vollendete das Bild eines hchst
zierlichen Herrn.
    Der Graf hatte einen Augenblick die beiden so hchst verschiedenen Gestalten
betrachtet und fragte dann: Wer von ihnen, meine Herren, ist der Verwalter des
Guts? Ich, erwiederte der Breite, inde der Schlanke ungestrt fortschrieb; was
verlangen Sie von mir? Ich komme, erwiederte der Graf, im Namen des Herrn
Obristen von Thalheim, um mit Ihnen seine Berechnungen abzuschlieen. Und Wer
sind Sie? fragte mit einem hmischen Seitenblick die plumpe Gestalt. Ich bin der
Graf Hohenthal, erwiederte dieser verdrielich, und ich hoffe, Sie werden keine
Schwierigkeiten dabei finden, sich mit mir im Namen des Herrn Obristen zu
berechnen, da ich von ihm beauftragt bin, jeden Rckstand sogleich zu
berichtigen. O! ganz und gar nicht, sagte der Verwalter, indem er mit plumper,
verlegener Hflichkeit die Pfeife auf den Tisch legte, den beschriebenen Bogen,
den er schon bei des Grafen Eintritt unter andere Papiere geschoben hatte, noch
tiefer verbarg und nun so eilig, als sein schwerer Krper es gestattete, ging,
um einen Stuhl fr den Grafen zu holen. Der junge Mann war ebenfalls
aufgestanden, als sich der Graf genannt hatte; er steckte scheinbar gleichgltig
seine goldene Dose und sein battistenes Schnupftuch ein, lie dann seitwrts
einen Blick an dem Grafen hinunter gleiten, nahm seine Papiere zusammen und
verlie mit einer leichten, zierlichen Verbeugung das Zimmer.
    Der Graf brachte nun sein Geschft mit dem Verwalter sehr bald in Ordnung,
dessen rohe Ungezogenheit sich in eine eben so plumpe Unterwrfigkeit verwandelt
hatte, seitdem er wute, Wer mit ihm sprach und Wer sich des Obristen annahm.
Als der Graf zu diesem zurckkam, fand er ihn abermals in einem Wortwechsel mit
der Magd. Diese war nmlich von ihrer Herrschaft bezahlt und ihr angekndigt
worden, da man ihre Dienste nur noch bis zum morgenden Tage bedrfe, und nun
zerflo sie in Thrnen darber, da sie von ihrer Herrschaft, mit der sie so
Vieles gelitten habe, verstoen werden solle.
    Der Graf rieth seinen Freunden, ihr Geschrei durch ein Geschenk zu
beendigen, durchaus aber sie nicht mit sich nach ihrem neuen Wohnorte zu nehmen.
Als endlich auch die beseitigt war, nahm der Graf von seinen neuen Freunden
Abschied, indem er sein Versprechen wiederholte, am folgenden Tage ihnen die
nthigen Equipagen zu senden. Dem Obristen und seiner Tochter war es kaum
mglich, den Grafen scheiden zu lassen, an dem sie mit der dankbarsten Liebe
hingen, der wie ein hheres Wesen sie auf ein Mal aus dem tiefsten Elende
befreit hatte. Beide hatten ihn begleitet, der Vater hielt seine rechte, die
Tochter seine linke Hand; so hatten sie die Schwelle des Hauses berschritten.
Morgen, rief der Graf, morgen sehen wir uns wieder. Wenn nur meinem Vater die
strenge Klte nicht schadet, sagte Therese leise, indem ihr thrnenschwerer
Blick auf dem weien Scheitel des Greises ruhte, dessen wenige graue Haare im
scharfen Nordwinde flatterten, und dessen abgetragene Uniform die durch Kummer
und Alter entkrfteten Glieder nicht gegen die rauhe Witterung zu schtzen
vermochte. Der Graf folgte mit seinen Augen dem Blicke der Tochter und
betrachtete dann einen Augenblick die schlanke, feine Gestalt, die selbst vor
Klte in der dnnen Kleidung zitterte; noch ein Mal fhlte er, was es auf sich
habe mit den Leiden der Armuth; kaum vermochte er seine heftige Rhrung zu
unterdrcken. Ich werde fr Alles sorgen, rief er nur der Tochter noch zu und
entzog sich mit einem herzlichen Hndedrucke eilig Beiden.
    Der Obrist und seine Tochter folgten mit den Augen ihrem Freunde so lange,
bis ein Gebsch ihn ihren Blicken entzog, und kehrten dann beruhigt, getrstet,
in dankbarer Liebe berflieend in ihr rmliches Gemach zurck. Der Graf suchte
die Schenke eilig zu erreichen und bemerkte schon von fern, wie des Wirths
rundes Gesicht ihm unendlich freundlich durch die Scheiben des kleinen Fensters
entgegenblickte; er kam auch dem Grafen schon an der Hausthr entgegen, nahm ihm
den Mantel ab und ffnete geschftig die Thre des Zimmers. Eine Tasse warmer
Kaffee, versicherte er gutmthig, wird Ew. Gnaden bei dem kalten Wetter gut
thun, ehe Sie Ihren Rckweg antreten, und sogleich nherte sich die Wirthin, um
dem Grafen dieses Getrnk in reinlichem Geschirr anzubieten. Diesem war es in
der That nach dem rmlichen Mahl eine Erquickung, und er nahm es gern an,
obgleich er sich ber des Wirths vernderte Stimmung wunderte, deren Ursache ihm
jedoch nicht lange verborgen blieb. Der Wirth lie es sich deutlich merken, da
er es schon erfahren habe, wie mild der Graf fr den Obristen gesorgt habe. Die
grobe Magd war nmlich schon frher, als der Graf in der Schenke gewesen und
hatte die groe Neuigkeit verkndigt. Da ihn der Graf nicht ber diese Sache zu
Worte kommen lie, so suchte er seinen Beifall durch erhhte Dienstfertigkeit
auszudrcken, und als der Graf endlich nach seinen Pferden rief und seine
Rechnung verlangte, htte der Wirth gern nichts genommen, und nur des Grafen
stolzes Gesicht schreckte ihn ab, doch richtete er seine Forderung uerst mig
ein, und als er das Geld empfing, beschlo er dasselbe dem ersten Armen zu
schenken, der bei ihm herbergen wrde; dann fhrte er des Grafen Pferd selbst
vor und hielt ihm den Bgel. Nun reisen Sie mit Gott, sagte er, als der Graf zu
Pferde sa, Sie haben heut ein christliches Werk gethan. Sie sind es besser im
Stande, als ich, der Segen bleibt nicht aus. Der Graf betrachtete einen
Augenblick das breite, gutmthige Gesicht des Mannes, der so herzlich froh und
dankbar aussah, als ob ihm selbst eine groe Last abgenommen wre, und trat dann
heiteren Muthes den Rckweg nach dem Schlosse Hohenthal an.

                                       XI


Die Abenddmmerung war schon eingebrochen, und noch immer erwartete die Grfin
und Emilie mit ngstlicher Ungeduld den Grafen vergeblich. Die Sorge der Frauen
war von Neuem erregt worden durch die Nachricht, die der Schulze so eben
gebracht hatte, da einzelne Reiter durch das Dorf gesprengt seien, von denen er
nicht mit Gewiheit angeben konnte, ob sie zu den feindlichen oder freundlichen
Schaaren gehrten. St. Julien verweilte noch auf seinem Zimmer, Dbois war bei
ihm beschftigt und der Arzt schon am Morgen nach Krumbach geritten, wohin er
eilig zu kommen aufgefordert worden war, um rztlichen Beistand zu leisten.
Emilie qulte sich mit der doppelten Sorge, da der Oheim auf seinem Wege auf
feindliche Truppen gestoen sei, die ihn mit fortgefhrt htten, oder da
feindliche Truppen whrend seiner Abwesenheit die Bewohner des Schlosses
bedrngen knnten, und in beiden Fllen zeigte ihr ihre Phantasie ungewisse
Bilder von Grueln, die um so qulender waren, weil sie sich nicht deutlich
bewut war, was sie eigentlich frchtete; auch die Grfin war durch die
Nachricht des Schulzen beunruhigt, doch war ihre Hauptsorge die, dem Grafen
mchte ein Unfall begegnet sein, und sie war eben im Begriff, Befehle zu
ertheilen, da man ihm auf dem Wege, den er kommen mute, entgegen reiten
sollte, als der Hufschlag eines Pferdes hrbar wurde und gleich darauf ein
Reiter in den Hof sprengte. Beide Frauen eilten zum Fenster, sie vermutheten mit
Gewiheit den Grafen, es war aber der Arzt, der gleich darauf hastig und lrmend
die Treppen heraufstieg, und mit vor Zorn und Klte gertheten Wangen das Zimmer
betrat, in dem die Frauen sich aufhielten. Man sah es dem Arzte an, da etwas
Groes seine Seele bewegte, der Zorn beherrschte ihn aber so sehr, da er nicht
sogleich durch Worte die Qual seines Herzens erleichtern konnte, und erst nach
wiederholten Fragen der Grfin und ngstlichen Bitten Emiliens strmte er
abwechselnd lateinische und deutsche Sentenzen ber die Schlechtigkeit der
menschlichen Natur aus. Nur nach langem Forschen erfuhren die Frauen die Ursache
des ungewhnlich heftigen Zornes des Arztes. Er war, als er von seinen
Krankenbesuchen hatte heimkehren wollen, in der Schenke des Dorfes gewesen, um
sein Pferd dort wieder in Empfang zu nehmen, und war bei seinem Eintritte durch
heftig streitende laute Stimmen berrascht worden, die zu seinem Erstaunen den
Namen des Grafen wiederholt nannten; hiedurch sei seine Aufmerksamkeit erregt
worden, berichtete er, und er habe mit Abscheu gehrt, wie man den Grafen
ffentlich beschuldigt habe, er stehe mit den Feinden in Verbindung. In seinem
Hause halte sich verkleidet ein bedeutender franzsischer Offizier auf und leite
von da aus die Operationen der Feinde; auch der alte Haushofmeister diene als
Spion. Er habe es deutlich bemerkt, behauptete er, da diese schndlichen
Beschuldigungen hauptschlich von einem jungen Manne in schwarzer, zierlicher
Kleidung ausgegangen waren, viele Bauern und andere in der Schenke anwesende
Personen htten ihren Abscheu durch laute Verwnschungen des Grafen kund gethan,
andere, bessere, htten den Grafen vertheidigt, diesen habe sich der Arzt
natrlich angeschlossen, es habe nicht viel dazu gefehlt, da ein blutiger
Streit entstanden wre, und Gott wei, so schlo der Arzt seinen Bericht,
welches mein Schicksal gewesen wre, wenn nicht glcklicher Weise der Baron
Lbau das Zimmer der Schenke betreten htte, auf dessen Ermahnungen die Gemther
sich beruhigten, besonders als er mit groer Herablassung den unvernnftigen
Bauern die Geschichte des verwundeten Franzosen weitlufig erzhlte. Als der
Tumult sich gelegt hatte, fuhr der Arzt fort, reiste der Baron weiter, der blo
seine Pferde hatte ein wenig ausruhen lassen, und Jederman bemerkte nun mit
Erstaunen, da der schwarz gekleidete junge Mann sich ganz still beim Eintritt
des Barons entfernt hatte. Es war weislich von ihm gehandelt, setzte der Arzt
noch hinzu, denn seine Verlumdungen wrden ihm nun bel bekommen sein.
    Die Grfin war sichtbar bestrzt ber den Bericht des Arztes, und Emilie
brach in Thrnen und Klagen aus. Ist es mglich! rief sie, da eine Handlung der
Menschenliebe absichtlich so verkannt wird; wre es glaublich, wenn wir es aus
der Ferne vernhmen, da eine so unschuldige Sache so bslich gedeutet werden
kann? Ist es nicht hchst schmerzlich, da Menschen so feindselig gesinnt sein
knnen? Wie glcklich bist Du, liebe Emilie, sagte die Grfin mit bitterem
Lcheln, da solche Erfahrungen Dich noch so tief verletzen; Du ehrst und liebst
noch die Menschen im Allgemeinen in der Unschuld Deines Herzens; glaube mir,
setzte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu, man bedarf groer eigner Tugend, um,
wenn man die Menschen kennt, nicht an der Menschheit zu verzweifeln. Gott lasse
mich niemals Erfahrungen machen, rief Emilie mit Lebhaftigkeit, die mich zu
solchen Betrachtungen zwngen. Amen! sagte die Grfin mit Ernst, von ganzem
Herzen stimme ich diesem Wunsche bei; glaube mir, fuhr sie mit Gte fort, man
erkauft solche Einsichten sehr theuer und fhlt sich nicht glcklicher durch die
erlangte Weisheit. Mich befremden dergleichen Erfindungen wenig; auch fhle ich
mich kaum durch die Bosheit, die darin enthalten ist, verletzt, obgleich die
Verlumdung einen der edelsten Menschen trifft; nur erfllt es mich mit Sorgen,
wenn ich bedenke, wie nchtheilig dergleichen Gerchte dem Grafen werden knnen.
    Nachtheil, sagte der Arzt, kann nicht mehr aus der Schlechtigkeit entstehen,
denn alle Menschen in der Schenke wurden ber die Sache aufgeklrt und werden
gewi auch Andere belehren; wenn der schwarze Bsewicht mit seinen Verlumdungen
sich noch ferner hervorwagen sollte, mit Feuereifer wird man ihm widersprechen.
    Daran zweifle ich, sagte die Grfin lchelnd, vielmehr steht zu befrchten,
da man die ganze Geschichtserzhlung des Baron Lbau in solchem Falle vergessen
wird, oder wenn man sich seiner auch erinnert, so wird er selbst als ein halber
Mitschuldiger erscheinen, wie die erhitzten Gemther jeden so betrachten werden,
der es bernimmt, den Grafen zu vertheidigen, und die wird natrlich Jedermann
zum Schweigen bewegen.
    Mich nicht, rief der Arzt mit hchster Lebhaftigkeit, mich nicht, und wenn
es mir das Leben kostet, so werde ich Jedermann zeigen, wie schndlich und wie
wahnsinnig eine solche Behauptung ist; auf mich kann der Herr Graf zhlen. Wie
ernsthaft der Gegenstand auch war, ber den man sich besprach, so zwang die
komische Heftigkeit des Arztes der Grfin dennoch ein Lcheln ab, und sie
erwiederte ihm in halb scherzhaftem Tone: ich zweifle an Ihrer Treue
keinesweges, und obgleich der Apostel Petrus den Herrn verlugnete in der Stunde
der Gefahr, und uns die deutlich die Schwche des menschlichen Herzens zeigt,
so werde ich doch auf Ihre Standhaftigkeit bauen. Mit Empfindlichkeit versetzte
der Arzt, man werde vielleicht noch einmal Gelegenheit haben, die Bemerkung zu
machen, da er nicht vergeblich die Kenntni der grten Tugenden aus
griechischen und lateinischen Autoren sich erworben habe, es knne wohl noch
kommen, da man ihm das Zeugni geben mte, da er sie auch auszuben
verstnde. Er richtete, indem er die sagte, seine kleinen blitzenden Augen
scharf auf die Grfin, die diese Bitterkeit mit ruhiger Gelassenheit hinnahm und
statt aller weiteren Erwiederung den Arzt bat, St. Julien die Sache zu
verschweigen, um ihn nicht unntz zu beunruhigen, und es ihr zu berlassen, dem
Grafen die nthige Mittheilung zu machen. Der Arzt hatte kaum jene Worte
gesprochen, als er auch schon heftig erschrak ber die gefhrliche Khnheit, zu
der ihn, wie er glaubte, sein lebhaftes Gemth hingerissen htte, und eben so
sehr war er nun erstaunt, da die Grfin seine beabsichtigte Beleidigung gar
nicht zu bemerken schien; um so bereitwilliger daher war er, das verlangte
Versprechen zu geben. Man hatte whrend dieser Gesprche die augenblickliche
Sorge fr die Sicherheit des Grafen vergessen; man hatte nicht so ngstlich auf
jeden Hufschlag gelauscht, so da ein Ausruf freudiger Ueberraschung den Grafen
bewillkommnete, als er von seinem spten Ritte heimkehrend die Gesellschaft
vermehrte. Man sah es an der ungewhnlichen Heiterkeit, mit welcher der Graf die
Frauen begrte, da er mit dem verflossenen Tage zufrieden war; sehr behaglich
fhlte er sich am Theetische im warmen, erleuchteten Zimmer nach dem
beschwerlichen Wege in Klte und Dunkelheit. Wir waren recht besorgt um Sie,
sagte Emilie, da Sie so lange ausblieben. Ich hielt mich beim Prediger auf,
versetzte der Graf, aber wo ist St. Julien? Ich dachte ihn bei Euch, meine
Lieben, zu finden; er ist doch nicht wieder krank oder melancholisch? Kann es
mir begegnen, rief der Arzt, indem er sich heftig vor die Stirn schlug, da ich
meine Pflicht versume, da ich meine Kranken nicht gehrig besuche? Mit diesen
Worten wollte er zum Zimmer hinausstrmen und stie auf St. Julien, der eben
eintreten wollte. Kaum vermochte er es, die Frauen und den Grafen zu begren,
so eilfertig bemchtigte sich der Arzt seiner, um sich in einen Strom von
Selbstanklagen und Entschuldigungen zu ergieen, die St. Julien eine Zeitlang
befremdet anhrte, ehe er begriff, was der Arzt eigentlich wollte; als er ihn
endlich verstand, beruhigte er ihn mit der Versicherung, da er sich lange nicht
so wohl gefhlt habe, als am heutigen Abend, und da Dbois den nthigen Verband
ganz nach des Arztes Vorschrift besorgt habe. Doch konnten diese trstenden
Worte die Unzufriedenheit nicht aufheben, die der Arzt mit sich selber empfand.
Ich werde es mir nie vergeben, rief er feierlich, aber es soll mir auch nicht
zum zweiten Male begegnen; strenge werde ich ber mich wachen und keine Pflicht
mehr vernachligen, und dehalb will ich auch sogleich noch Manches an
Medikamenten besorgen, die ich fr meine Kranken in Krumbach morgen nthig habe.
Kaum lie sich der Arzt bewegen, noch vorher mit der Gesellschaft Thee zu
trinken; er that es zwar endlich auf allgemeines Verlangen, wie er sich
ausdrckte, verlie aber doch sehr bald das Zimmer, um den ganzen Abend, wie er
sagte, seiner Pflicht zu leben.
    Man brachte den Abend heiter hin, aber dennoch war eine gewisse Spannung
fhlbar. Die Grfin wollte in St. Juliens Gegenwart nicht fragen, ob der Graf
etwas fr den Obristen Thalheim gethan habe. Emilie konnte ihre Unruhe nicht
beherrschen, weil ihr immer die verlumderischen Gerchte im Sinne lagen, die
ber den Grafen verbreitet wurden, und sie betrachtete mit einer gewissen
Wehmuth St. Julien, der die unschuldige Veranlassung dazu war. St. Julien fhlte
sich gedrckt, weil er bemerkte, da durch seine Gegenwart eine freie
Mittheilung in der Familie gehindert wurde, die doch Jeder zu wnschen schien;
nur der Graf war vollkommen heiter und schrieb die Spannung, die ihm nicht
entging, auf Rechnung der Neugierde, von welcher er die Frauen geqult glaubte.
St. Julien verlie bald nach der Abendtafel die Gesellschaft, und der Graf
wendete sich, als sie kaum allein waren, lchelnd zu den Frauen und sagte: Nicht
wahr, meine Lieben, heute war Euch unser liebenswrdiger Freund herzlich
beschwerlich, und Ihr habt ihn schon lange weggewnscht, um nur zu erfahren, wo
ich den ganzen Tag gewesen bin? Die Grfin lugnete nicht, da sie zu wissen
wnschte, wie er den Tag verlebt habe, ob sie gleich gar nicht darber
zweifelhaft sei, wo er ihn zugebracht habe.
    Der Graf gab eine treue Schilderung der Noth, in der er den Obristen und
seine Tochter gefunden habe, und ging leicht ber die Art hinweg, wie er ihm
Hlfe geleistet hatte; auch schilderte er mit Laune sein Zusammentreffen mit dem
plumpen Verwalter und dem zierlich gekleideten schwarzen Herrn. Die Grfin wurde
aufmerksam bei diesem Umstande und erkundigte sich genau, um welche Zeit die
Zusammentreffen stattgefunden habe, und ob Krumbach weit vom jetzigen Wohnort
des Obristen entfernt sei. Ihre Fragen erregten die Neugierde des Grafen, und
nach gegenseitigen Erklrungen und Mittheilungen waren beide darber einig, da
es wohl derselbe junge Herr gewesen sein knnte, den der Arzt in Krumbach
angetroffen habe; nur blieb es rthselhaft, was einen ganz fremden Menschen
bestimmen knne, diese Gerchte in Umlauf zu bringen. Es kann um so eher sein,
schlo der Graf, da jenen der Arzt in Krumbach getroffen hat, da er geraume
Zeit vor mir hinweg ging, und ich mich noch lange beim Prediger aufgehalten
habe. Es sind jetzt preuische Truppen hier in der Gegend, schlo der Graf; es
sind einzelne Reiter durch das Dorf gesprengt, und der Prediger hat durch genaue
Erkundigungen erfahren, da sie zu den Unsrigen gehren; die ist mir um des
Obristen Willen lieb, denn sollte er ihnen begegnen, so, hoffe ich, werden sie
ihn ruhig ziehen lassen, obgleich im Kriege das Bedrfni Freunde, wie Feinde
oft zwingt, Pferde in Beschlag zu nehmen. Emilie konnte ihre Besorgnisse nicht
verschweigen, da dem Grafen Unannehmlichkeiten aus solchen schlechten
Verlumdungen erwachsen knnten, wie sie eben erfahren hatten; auch die Grfin
stimmte ihr bei und sagte mit Zrtlichkeit: Wie wrde es mich schmerzen, wenn
Ihre besten Handlungen eine Quelle des Verdrues fr Sie wrden! Seid doch
darber ruhig, meine Lieben, sagte der Graf. Sollte mich irgend Wer zur
Rechenschaft ziehen, der ein Recht hat, es zu thun, so wit Ihr, da ich mich
vertheidigen kann; miges Geschwtz, ohnmchtige Bosheit aber lat uns
verachten, denn sonst erreichen ja die Menschen ihren Zweck und verbittern uns
das Leben. Emilie schwieg, doch fhlte sie sich durch diese Antwort des Grafen
nicht beruhigt; auch die Grfin sagte ber diesen Gegenstand nichts mehr, aber
man sah deulich, da auch ihre Besorgnisse nicht gehoben waren.
    Der Graf kam auf den Obristen zurck und eilte noch alle Auftrge zu geben,
um ihn am andern Morgen nach seinem neuen Wohnorte zu versetzen. Die Grfin
bernahm es, fr die Einrichtung des Hauses zu sorgen, und der Graf bemerkte,
die Tochter des Obristen sei ungefhr von gleicher Gre mit Emilie. So kannst
Du ja leicht, liebe Emilie, sagte die Grfin, fr die nchsten Bedrfnisse
Deiner neuen Freundin sorgen. Emilie hatte selbst schon diesen Vorsatz gefat
und errthete nun, da sie das, was sie innerlich freiwillig beschlossen hatte,
als einen Auftrag zu erfllen hatte; es schlich ein Gefhl von Traurigkeit durch
ihr Herz, das sie nicht beherrschen und sich nicht gleich erklren konnte. Man
trennte sich nach dieser genommenen Abrede bald, und als Emilie einsam in ihrem
Zimmer war, fhlte sie Thrnen ber ihre Wangen flieen, die ihrem gepreten
Herzen Luft machten.
    Was will ich denn, worber klage ich denn? sagte sie zu sich selbst; kann
denn mein undankbares Herz nicht ruhig schlagen, sich nicht befriedigt und
glcklich fhlen im Kreise der besten Menschen? Was ist es denn eigentlich, was
mich schmerzt, fuhr sie in ihrem Selbstgesprche fort, Wer hat mich denn
verletzt oder beleidigt? Nein, dachte sie seufzend, Niemand hat mich verletzen
wollen, aber empfinden mu ich es dennoch, da mir nicht ein Traum von
Selbststndigkeit, nicht ein Schatten von Eigenthum bleibt. Nicht einmal die
Freude darf ich empfinden, die der Arme hat, der dem Aermeren giebt, ich mu
Alles, selbst was mich bedeckt und kleidet, als etwas Geliehenes betrachten,
worber die Eigenthmer, sobald sie wollen, auch anders bestimmen knnen. O,
wohl, fuhr sie klagend fort, hat die Grfin recht, gnzliche Armuth ist ein
schreckliches Unglck; sie macht uns abhngig, nicht blo in unseren Handlungen,
in unseren Gedanken und Empfindungen sogar. Wie beneidenswerth, rief sie aus,
ist das Loos des armen Tagelhners gegen das meinige, die ich von scheinbarem
Reichthume umgeben bin; er darf den Erwerb eines Tages mit Zufriedenheit, ja mit
dem Gefhle eines edeln Stolzes betrachten; er hat durch seine Anstrengungen es
als sein Eigenthum errungen, frei darf er seinen Lieben oder Aermeren und
Hlfloseren davon mittheilen, und wenn dankbare Herzen um ihn schlagen, wenn
liebevolle Blicke auf ihm ruhen, so fhlt er sich befriedigt; er hat diesen
Dank, diese Liebe verdient; aber ich, was kann ich thun? Geliehenes Gut an
Andere abtreten, das mir alsdann sogleich auf das Gromthigste ersetzt wird.
Ach, es ist entsetzlich hart, fuhr sie fort, immer empfangen zu mssen, ohne
jemals geben zu knnen, und selbst die freundliche Tuschung, als ob man geben
knnte, nicht einen Augenblick festhalten zu drfen.

Niemals hatte Emilie noch ihre abhngige Lage so schmerzlich empfunden, als in
dieser einsamen Stunde; sie berlie sich rcksichtslos dem Schmerz und dem
Mitleid mit sich selber, und ihre Thrnen flossen noch einige Stunden, bis
endlich die Erschpfung einen kurzen Schlummer herbeifhrte, von dem sie wenig
gestrkt am anderen Morgen erwachte.
    Die Grfin war schon im Saale, wo man frhstckte, als Emilie eintrat. Was
fehlt Dir, Liebe, rief sie ihrer jungen Freundin entgegen, ist Dir nicht wohl?
Du bist ungewhnlich bla. Mir fehlt nichts, sagte Emilie mit schwacher,
wankender Stimme. Du bist krank, mein liebes Kind, sagte die Grfin mit groer
Zrtlichkeit, indem sie ihre beiden Hnde fate. Gewi, mir fehlt nichts,
erwiederte Emilie mit gesenkten Augen und zitternder Stimme, und, sie konnte es
nicht verhindern, die Thrnen entstrmten den sanften Augen von Neuem und
flossen ber die bleichen Wangen. Die Grfin richtete das Gesicht der weinenden
Freundin mit sanfter Gewalt empor und sagte mit mildem Ernst: Ich errathe jetzt,
was Dir fehlt, ich sah es wohl, da ich Dich gestern verletzte, aber ich konnte
nicht glauben, da ein harmlos gesprochenes Wort Dich so tief verwunden wrde.
Ich knnte mich beklagen, fuhr sie mit groer Gte fort, da Du dieser
mitrauischen Empfindlichkeit in Deinem Herzen Raum gibst, wenn ich nicht selbst
unglcklicher Weise die Gefhl in Dir erregt htte durch die Bitterkeit, der
ich mich so oft berlassen habe. La mich Dich bitten, mein theures Kind, fuhr
sie mit groer Milde fort, bekmpfe diesen Feind in Deinem Herzen, er raubt Dir
sonst jedes Glck des Lebens. Die leicht gereizte Empfindlichkeit wrde Deine
Freunde aus Vorsicht zurckhaltend machen; Du wrdest die Furcht, Dich zu
verletzen, fr Klte nehmen, und Dein Mitrauen wrde in demselben Mae
zunehmen, wie alle Verhltnisse gespannter wrden. Du wrdest es dann vielleicht
nicht Dir zuschreiben, wenn jede Heiterkeit, die inniges Vertrauen zu einander
erzeugt, aus unserm Kreise verschwunden wre, sondern Du wrdest uns mit jedem
Tage ungerechter und Dein Schicksal beklagenswerther finden.
    Knnen Sie mich fr so grnzenlos undankbar halten? fragte Emilie.
    Sprich nicht so oft von Dankbarkeit, sagte die Grfin, ich will von Dir
keine andere, als die, welche ein gutes Kind fr seine Eltern empfindet, das ist
die gefhlte, beinah bewutlose, nicht die in jedem Augenblick erkannte. Und
nun, sage mir, welche gute Tochter wrde gereizt, gekrnkt sein und eine ganze
Nacht hindurch weinen, wenn ihre Mutter ihr den Vorschlag macht, einen Theil
ihrer Kleider zu verschenken an Personen, die es bedrfen, besonders wenn die
Tochter ein Herz hat, wie Du, das sie selbst schon zu solchen Handlungen
bestimmt?
    Ich will mich nicht vertheidigen, sagte Emilie, aber ein wenig mu es mich
entschuldigen, wenn Sie daran denken, da eine Tochter Rechte hat, die ihr
andere Empfindungen geben. Wenn eine Tochter einen so willkommenen Auftrag
erfllt, so gibt sie mit der Mutter, da ich nur von dem Ihrigen mittheile.
    So habe ich es denn nicht erreichen knnen, sagte die Grfin, da Du mir in
Liebe angehrest, Du siehst unser Verhltni, ich mchte sagen, juristisch an;
sind es denn blo die Bande des Blutes, auf die sich Rechte grnden? Gibt nicht
die Liebe eben so heilige? Ich fhle, setzte sie mit einiger Bitterkeit hinzu,
ich habe einen bsen Samen in Dein Herz gestreut. Ach! rief sie mit einem
unendlich schmerzlichen Ausdruck, wenn ich nicht mehr bin, wirst Du es
vielleicht einsehen, was in mir die Erbitterung gegen Mangel und Armuth erzeugt
hat, und dann wirst Du die heutige Stunde bereuen.
    Vergeben Sie mir nur, rief Emilie, indem sie sich laut weinend in ihre Arme
warf.
    Du sprichst von Rechten, sagte die Grfin wieder mild. Wenn uns ein
unglckliches Schicksal aller anderen Hlfsmittel beraubte und uns ganz auf uns
zurckwiese, htte mir Deine Liebe nicht ein Recht gegeben, Deine jngeren
Krfte in Anspruch zu nehmen, und wrde ich Dich nicht krnken, wenn ich Hlfe
und Dienstleistungen von Dir zurckwiese, oder in diesen Zeichen Deiner Liebe
aus mitrauischer Empfindlichkeit die Spuren meiner Abhngigkeit fnde?
    O Gott! rief Emilie. Warum, fuhr die Grfin fort, willst Du mich denn
krnken und die Zeichen meiner Liebe miverstehen? Vergeben Sie mir nur,
wiederholte Emilie. Die Grfin kte sie zrtlich und sagte dann mit Gte
scherzend: Da nun die Farbe auf Deinen Wangen zurckgekehrt ist, so mache nun,
da die Spuren der Thrnen aus den Augen verschwinden, damit nicht St. Juliens
ngstliche Blicke fragen, welch ein Unheil Dir widerfahren ist; zwar in dessen
Brust httest Du gestern vielleicht ein gleichfhlendes Herz gefunden, er hat
viel von Deiner Empfindlichkeit.
    Sie spotten meiner mit Recht, sagte Emilie errthend. Nein, im Ernst,
erwiederte die Grfin lchelnd, ich wollte auch nicht, da der Graf Dich um die
Ursache Deiner Thrnen fragte, Du wrdest doch ein wenig um die Antwort verlegen
sein.
    Die Vereinigung der Gemther wurde aufs Neue zwischen beiden Frauen
befestigt und inniger als je, wie es nach jeder kleinen Strung geschah.
    Emilie konnte sich selbst nicht begreifen und verzieh es sich schwer, da
sie eine Nacht in Kummer und Thrnen hingebracht, und damit gewissermaen die
besten Menschen angeklagt hatte; und die Grfin beschlo, die Bitterkeit nie
wieder in sich aufkommen zu lassen, die, wie sie sah, so nachtheilig auf
diejenigen wirkte, die sie am zrtlichsten liebte. Sie beschlo zu vergessen,
was eine lange Vergangenheit Schmerzliches enthielt, und dieser Vorsatz wurde in
demselben Augenblicke gestrt, denn der Graf trat mit St. Julien in den Saal.
Der Anblick des jungen Mannes, der heiter lchelnd die Frauen begrte, schien
in der Grfin gewaltsam ein geliebtes Bild aus lngst verflossener Zeit
hervorzurufen, und nur mit Mhe konnte sie in den heiteren Ton der Unterhaltung
einstimmen, der heute die kleine Gesellschaft belebte.
    Nach dem Frhstck eilte Jeder die nthigen Anordnungen zu treffen, um dem
Obristen Thalheim seinen neuen Wohnort angenehm zu machen. Der Graf sendete die
erforderlichen Equipagen und mit diesen einen weiten Pelzmantel, um den alten
Mann gegen die Klte zu schtzen. Die Frauen hatten dieselbe Aufmerksamkeit fr
seine Tochter. Die Grfin sorgte nun dafr, da die nthigen Mbel nach dem eine
halbe Stunde weit entfernten Meierhofe gesandt wurden, und Dbois wurde von ihr
beauftragt, Alles zur Bequemlichkeit Erforderliche zu besorgen; er war, wie
immer, so auch hier der Vertraute der Grfin und kannte also die Lage des
Obristen; daher hie ihn sein natrliches edles Gefhl Alles vermeiden, was bei
der neuen Einrichtung als prchtig htte auffallen knnen, weil er wohl wute,
da das Gemth dessen, der Untersttzung bedarf, dadurch schmerzlich verwundet
wird, wenn die Untersttzung den Anschein von Prahlerei gewinnt; eben so
sorgfltig vermied er den Anschein von Vernachligung, und es mangelte bald in
dem freundlichen Hause nichts, was zur anspruchslosen Bequemlichkeit einer
Familie erforderlich ist. Emilie fuhr selbst mit hinber, und ordnete die Wsche
und Kleider in den Schrnken, und es wurde beschlossen, da Dbois die
Ankommenden diesen Abend erwarten sollte. Die Zimmer waren behaglich erwrmt,
ein anmuthiger Wohlgeruch schwebte durch alle, denn Dbois hatte nicht versumt,
sie mit feinem Rucherwerk zu durchruchern; ja selbst mehrere blhende
Staudengewchse hatte er aus den Treibhusern des Grafen hinber geschafft,
trotz der Schwierigkeit, sie auf dem Wege gegen die Klte zu schtzen, um damit
das Zimmer zu schmcken, welches er fr die Tochter des Obristen bestimmte.
Endlich war Alles bereit; auch fr ein einfaches Abendessen war gesorgt, und der
Haushofmeister ging mit zufriedener Miene noch einmal durch alle Zimmer, um
jedes einzeln zu betrachten, als der Wagen vorfuhr. Schnell eilte er, seiner
Schuldigkeit gem den Obristen an der Thre des Hauses zu empfangen, und schien
die wehmthige Verlegenheit nicht zu bemerken, die Vater und Tochter ergriff,
als er ihnen selbst die kostbaren Pelze abgenommen hatte, und sie nun beide in
hchst rmlicher Kleidung in dem freundlich ausgeschmckten Zimmer standen.
Frher, als nthig gewesen wre, lie Dbois das Abendessen anrichten, um die
Verlegenheit des Obristen und seiner Tochter zu beendigen, die nicht recht
wuten, wie sie sich gegen ihn benehmen sollten und noch nicht den Muth hatten,
sich als die Bewohner des Hauses zu fhlen. Das Abendessen ging still vorber
und wurde in der Spannung, in der sich Alle befanden, kaum berhrt; nur als
Dbois dem Obristen Wein eingeschenkt hatte und der edle Trank dem alten Manne
entgegen duftete, konnte er sich nicht enthalten, mit einiger Begierde das Glas
zu ergreifen und mit sichtlichem Wohlbehagen das lang entbehrte Labsal zu
schlrfen; die Wrme des Weins durchdrang seine Glieder und theilte ihm jene
Ermattung mit, die man beinah eine wollstige Empfindung nennen knnte; er lie
es daher ohne Widerrede geschehen, da der Haushofmeister ihn nach dem Zimmer
fhrte, welches er ihm zum Schlafgemach bestimmt hatte, und machte keine
Einwendungen dagegen, da Dbois fr diesen Abend das Geschft eines
Kammerdieners bernahm. Er wollte, als er zu Bett gebracht war, noch Manches
denken und in seiner Seele ordnen, aber ein lange nicht empfundenes Wohlbehagen
scheuchte alle Gedanken zurck. Er dehnte sich mit wehmthigem Entzcken auf
seinem bequemen Lager aus, er fhlte die glnzend weien feinen Betttcher und
die seidne Decke mit den Fingern an, er wollte sein heutiges Lager mit dem
gestrigen vergleichen, aber Gedanken und Gefhle gingen in dem seligen Vergessen
unter, welches der Vorbote eines erquickenden Schlafes ist.
    Therese war im Speisezimmer zurck geblieben und erwartete mit
Schchternheit Dbois Rckkunft. Die Vernderung ihrer Lage war so gro, da sie
sich betubt fhlte und dehalb noch nicht Muth zur Freude gewann; als endlich
der Haushofmeister zurck kam, schlich sie zum Lager des Vaters, der schon im
sanftesten, Schlummer ruhte; sie kte leise seine Stirn und folgte nun Dbois,
der ihr die brigen Zimmer des Hauses zeigte und ihr auch alle Schlssel
einhndigte, worauf er fr heute ehrerbietig Abschied nahm.
    Als sich Therese allein befand, hob sie die Hnde dankend zum Himmel empor,
und Thrnen des Entzckens benetzten die von langem Kummer gebleichten Wangen;
es schien ihr ein Traum, der tuschend ihre Seele umfing, und sie frchtete zu
erwachen; endlich, als sie sich gesammelt hatte, ging sie noch einmal durch alle
Zimmer und betrachtete Jedes mit ruhiger Freude; sie ffnete die Schrnke und
bemerkte mit dankbarem Erstaunen, wie gromthig und zartsinnig fr jedes
Bedrfni des Hauses gesorgt war, auch rhrte es sie bis zu Thrnen, als sie
Alles vorfand, was zur Kleidung der Frauen aus besseren Stnden gehrt.
    Nach einem strkenden Schlummer erwachte Therese am andern Morgen. Dbois
hatte fr die nthige Bedienung gesorgt; sie whlte eine einfache
Morgenkleidung, und fhlte sich bewegt und erhoben zugleich, als sie sich wieder
in Gewnder gekleidet sah, wie sie ihr in frheren Zeiten nothwendig erschienen
waren. Als sie nun ihr Zimmer verlie, fand sie Alles zum Frhstck bereitet,
und sie nherte sich leise dem Schlafgemach ihres Vaters; Alles war darin still,
und eine seltsame Angst ergriff ihr Herz, sie frchtete, die pltzliche
Umwandlung seiner Lage knne zu heftig auf ihn gewirkt haben, sie ffnete daher
behutsam die Thr des Kabinets und nherte sich leise dem Lager des
schlummernden Greises. Er lag mit gefalteten Hnden und geschlossenen Augen,
aber seine Lippen bewegten sich wie im flsternden Gebete, und zwischen den
grauen Wimpern drngten sich Thrnen ber die gefurchten Wangen, die hnliche
Tropfen in Theresens glnzenden Augen hervorriefen. Sie beugte sich ber den
alten Vater und kte mit inniger Liebe seine gefalteten Hnde. Der Greis
ffnete die noch thrnenfeuchten Augen und lchelte entzckt bei dem Anblick
seines schnen Kindes.
    Meine gute Tochter, sagte er mit bewegter Stimme, es strkt mein Herz, da
Deine Erscheinung wieder Deiner wrdig ist; la uns Gott innig dafr danken, da
wir aus dem hchsten Elende erlst sind, denn niemals habe ich Dich ohne zu
schaudern in der Tracht der hchsten Drftigkeit betrachten knnen. Der Obrist
wnschte sein Lager zu verlassen und wurde von Neuem bewegt, als er bemerkte,
mit welcher Zartheit sowohl fr seine Bedienung, als fr alles zur bequemen
Morgenkleidung eines Greises Erforderliche gesorgt war. Nach dem Frhstck
gingen Vater und Tochter durch die verschiedenen Zimmer, und bewunderten mit
dankbarer Rhrung die Anmuth und Bequemlichkeit ihrer neuen Wohnung. Endlich
lie sich der Vater im Wohnzimmer in der Ecke des Sophas nieder und zog seine
Tochter neben sich, die erschrocken zu ihm aufblickte, weil sie seine Hand
zittern fhlte und hohen Ernst ber sein Gesicht verbreitet sah.
    Mein Kind, sagte der Obrist, wir drfen unsere Pflicht nicht vergessen, wir
mssen unsern Wohlthtern unsern Dank darbringen fr so viele Gte; Du fhlst,
mein liebes Kind, fuhr er fort, indem er die Hand der Tochter ngstlich drckte,
wie schwer mir dieser Gang werden mu; so tief die Dankbarkeit in meiner Seele
ruht, so sehr ich unsern edeln Freund verehre, so wird mir altem Manne dennoch
das Frmliche in der Aeuerung meiner Dankbarkeit schwer, das mich, wie man es
auch betrachten mag, dem Bettler gleich stellt, der fr ein empfangenes Almosen
dankt. Miversteh mich nicht, fuhr er fort, als er bemerkte, da die Tochter
reden wollte, ich verkenne den Grafen nicht, aber bist Du berzeugt, da er auch
uns kennt? Ihn hat uns seine Art, wie er gegen uns handelt, vollkommen kennen
gelehrt, wir knnen mit reiner Empfindung einen so edeln Mann bewundern und eben
dewegen von ihm annehmen, was uns seine Gte bietet, aber kennt er auch uns?
Wei er, ob wir seiner Freundschaft wrdig sind? Ihn hat allein unsere Noth
bestimmt, uns wohl zu thun, und darin liegt das Peinliche unserer Lage; wir sind
ihm gegenber Arme und nicht Freunde; der Freund kann die Gter des Lebens mit
dem Freunde theilen, er wei, der Freund ist berzeugt, er wrde, wenn das
Verhltni umgekehrt wre, eben so handeln, und will nichts weiter, als die
Liebe, die innige Achtung des Freundes; aber der Arme, ach, mein liebes Kind! er
empfngt blo, und der Geber, der ihn nicht kennt, wei noch nicht, ob er jemals
seinen Schtzling in einen Freund wird verwandeln mgen; er wei nicht, ob das
Herz des Empfangenden nicht zu jeder edeln Empfindung unfhig ist, und dehalb
ist die uere Dankbarkeit, die es so schwer fllt auszuben, unerllich.
    Ich dchte, erwiederte Therese, ich knnte die Hand des Grafen mit inniger
Liebe, ohne peinliche Empfindung kssen. Auch ich, sagte der Obrist, kann seine
Hand mit zrtlicher Bewunderung drcken, aber hast Du daran gedacht, da damit
unsere Pflichten noch nicht erfllt sind? Hast Du vergessen, da er vermhlt
ist, und da wir also der Grfin einen Besuch machen mssen? Therese senkte die
Augen, ein peinliches Gefhl hob ihren Busen, der Schmerz zuckte um den schnen
Mund und sie kte schweigend die Hand des Vaters, die noch in der ihren ruhte.
Beide fhlten, da sie sich ohne Worte verstanden, denn jetzt erinnerte sich
Therese an Alles, was sie und ihr Vater frher ber die Grfin gehrt hatten,
und zwar aus einem Munde, dessen Tnen die schne Therese nicht ohne
Parteilichkeit gelauscht hatte.
    Der junge Graf Hohenthal nmlich, ein Verwandter des Grafen, war in dem
Hause des Obristen mit Wohlgefallen aufgenommen worden. So lange das Regiment,
bei welchem er als Rittmeister diente, in der Nhe stand, hatte der junge Mann
keine Gelegenheit versumt, sich dem Obristen zu nhern, und die gleichen
Ansichten ber viele Verhltnisse des Lebens, der gleiche Ha gegen Frankreich,
hatte sie bald in Freunde verwandelt, so weit die Verschiedenheit des Alters
die erlaubte. Bei der Vertraulichkeit, die sich auf solche Weise gebildet
hatte, geschah es, da der Rittmeister zuweilen seine Familienverhltnisse
berhrte und sich dann jedes Mal mit groer Bitterkeit ber die Grfin uerte.
Er hatte von ihr behauptet, da sie aus Eigennutz sich mit dem Grafen verbunden
habe, der im unrechtmigen Besitze des ganzen Vermgens der Familie sei, und
da sie in Folge dessen eine ewige Trennung von der Familie beabsichtigte;
dehalb habe sie ihren Gemahl bestimmt, sich immer in der Ferne aufzuhalten, und
ob er gleich ohne Kinder sei, habe sie ihn doch dazu vermocht, da er niemals
das Geringste fr die drftigen Mitglieder der Familie gethan habe; eben so
hatte er oftmals ihres unmigen Stolzes gedacht und ihres schroffen Betragens,
wodurch alle Verwandte vollkommen dem Grafen entfremdet wrden; ja, er hatte
erwhnt, da sie einen unvershnlichen Ha gegen ihren einzigen Bruder trge und
sich auch niemals die kleinste Annherung habe gefallen lassen, so viele
Versuche dieser Bruder auch gemacht habe, dem diese Familienzwiste hchst
schmerzlich wren. Der Rittmeister hatte zwar niemals Gelegenheit gehabt, die
Grfin kennen zu lernen, aber da er alle Nachrichten ber ihren Charakter von
seinem Vater hatte, so zweifelte er nicht an der Wahrheit derselben.
    Diese Erinnerungen waren es, welche Vater und Tochter zum ernsten Nachdenken
stimmten, und nur unter Seufzern vermochten sie zu beschlieen, sich fertig zu
machen, um einen Besuch abzustatten, der so peinlich auf ihr Gefhl wirken
konnte. Der Obrist wollte eben seiner Tochter noch einige Rathschlge ertheilen,
wie sie bei dem vermuthlich sehr stolzen Empfange der Grfin sich zu betragen
habe, als Beider Aufmerksamkeit von diesem Gegenstande abgezogen wurde durch das
lustige Gelute von Schellen, wodurch sich annhernde Schlitten ankndigten. Sie
traten zum Fenster und sahen mit Ueberraschung, da zwei Schlitten durch das
kleine Thal flogen und wenige Augenblicke daraus vor dem Hause hielten. Ein Herr
sprang aus dem einen, und sie erkannten sogleich den Grafen, der zweien Damen
die Hand bot, und alle drei waren bald eingetreten, um den Obristen und seine
Tochter zu begren. Der Graf umarmte den Obristen und sagte, indem er
freundlich dessen Hand schttelte: meine Gemahlin wollte sich selbst berzeugen,
ob nichts zu Ihrer Bequemlichkeit mangelt, und zugleich meine Nichte mit ihrer
knftigen Freundin bekannt machen. Der Obrist konnte nicht sogleich Worte
finden, er hatte sich die Grfin durchaus anders gedacht; er fand keine Spur von
Hrte und Stolz, sie behandelte ihn mit der Wrme und Achtung, wie man einen
alten Freund der Familie empfngt; sie drngte ihm nicht das Gefhl ihrer
Wohlthat durch ein zu ngstliches Fragen auf, ob Alles seinen Wnschen
entspreche, sondern verwickelte ihn mit Leichtigkeit in ein Gesprch ber
frhere Zeiten, ber den Knig Friedrich den Zweiten, fr den sie seine
Verehrung aufrichtig theilte, und hatte so bald jede Spannung aufgehoben, die
erst die Gesellschaft zu drcken schien.
    Emilie hatte bald den Weg zu Theresens Herzen gefunden; Beide hatten, ohne
den Genu des vertraulichen Umgangs mit einer jugendlichen Freundin, einsam
gelebt, und Beide verlangten daher zu sehnlich danach, sich diesen Genu zu
verschaffen, als da sie aus Zurckhaltung lange htten einander fremd bleiben
knnen. Es war leicht zu bemerken, da Therese manche Kenntni nicht hatte, die
Emilie besa; auch nicht die zierlichen Arbeiten der Frauen aus den hheren
Stnden waren ihr bekannt, denn sie hatte in ihrer drckenden Lage nicht einmal
Gelegenheit gehabt, sie zu sehen, noch weniger die Mittel, sich das Material zu
verschaffen, um solche artige Spielereien zu verfertigen. Ja, sie gestand, da
sie auch das Wenige, was sie von Musik verstanden, vergessen habe, weil das
Instrument schon lange verkauft sei, und da sie auch allen Muth zur Musik
verloren htte, und es ihr eine Snde wrde geschienen haben, die Stimme zum
Gesange zu erheben, so lange ihr Vater unter schwerem Kummer seufzte. Beide
junge Freundinnen hatten bald und eifrig verabredet, was sie mit einander
treiben und lernen wollten. Die Grfin und der Obrist waren ber die meisten
Gegenstnde ihrer Unterhaltung derselben Meinung, der Graf konnte nun, ohne
Furcht, seinen alten Freund zu verletzen, noch alle nthigen Anordnungen
treffen, und Therese sah sich, noch ehe ihre neuen Freunde schieden, an der
Spitze einer unabhngigen kleinen Haushaltung, wodurch ihr die Freude gewhrt
wurde, mit kindlicher Liebe selbst fr die Bedrfnisse und die Bequemlichkeit
ihres geliebten Vaters sorgen zu knnen.
    Die neuen Freunde besuchten nun ohne Furcht das Schlo. Man las, man machte
Musik, man tauschte seine Meinungen gegen einander aus, und der alte Obrist
machte, obwohl er alle Franzosen hate, doch von jeher mit jedem einzelnen, den
er kennen lernte, eine Ausnahme und war nun um so bereitwilliger, mit St. Julien
die zu thun, weil dieser durch seine persnliche Liebenswrdigkeit ihn ganz fr
sich einnahm, ja er verzieh ihm sogar die Bewunderung Napoleons, weil der junge
Franzose Friedrich den Zweiten ebenfalls verehrte. Fr Dbois, der mehr wie ein
Mitglied der Familie, als wie ein Diener derselben betrachtet wurde, empfand der
Obrist bald die Achtung, die sein Charakter jedermann einflte, der ihn nher
kennen lernte, und als die Grfin sich sogar entschlo, zuweilen Theil an einer
Partie L'Hombre zu nehmen, welches der Obrist mit groem Vergngen spielte, so
heiterte sich seine Seele in dieser Umgebung vllig auf, und er sagte einige Mal
seiner Tochter: Ich wrde in dem Kreise unserer Freunde vollkommen glcklich
leben, wenn sie nicht die Schwachheit htten, dem Prediger alle Ungezogenheiten
nachzusehen; selbst der alte verstndige Dbois mu zuweilen recht an sich
halten, wenn sich der kleine kecke Mensch so viel heraus nimmt, ja, ich glaube,
wenn der Graf es nicht absichtlich von Zeit zu Zeit wiederholte, da die Grfin
den Tabacksrauch durchaus nicht vertragen kann, er wrde sogar mit seiner Pfeife
in der Gesellschaft erscheinen und auch jetzt, wer wei, was geschehen knnte,
wenn nicht zum Glcke der Narr, der Doktor, da wre, zu dem er gehen und rauchen
kann.
    Auf diese Weise waren einige Wochen verflossen, Therese hatte sich vom
berstandenen Kummer erholt, ihre Wangen rtheten sich, ihre Augen gewannen ihr
eigenthmliches Feuer wieder, und wenn sie auch im Ganzen ernst blieb, so konnte
sie doch zuweilen heiter und schalkhaft lcheln. Alle Fhigkeiten, die in ihrer
Seele geschlummert hatten, begannen sich zu entwickeln, so da Emilie ber die
Fortschritte erstaunte, die ihre junge Freundin machte, und beide sich immer
inniger an einander anschlossen. Der Obrist bemerkte es nicht ohne Rhrung, wie
herrlich sich die Schnheit und alle Vorzuge seines Kindes entfalteten, da der
Druck der Armuth von diesem theuern Haupte genommen war. Er schlo die geliebte
Kind eines Abends in seine Arme, und die Augen nach oben gewendet, rief er:
Jetzt, Vater im Himmel, kann ich ruhig sterben, da ich mein Kind in Sicherheit
wei! Knnen Sie mich so krnken, da Sie vom Sterben sprechen, rief Therese
weinend, nun, da ich hoffe, da wir noch viel glckliche Tage mit einander leben
werden? Das wollen wir auch, mein Kind, sagte der Obrist; aber willst Du mir es
nicht gnnen, da ich nun mit Ruhe an mein Ende denken kann, da ich Dich sonst,
als Du schutzlos warst, mit Verzweiflung betrachtete. Du kennst nicht das Gefhl
eines Vaters, setzte er seufzend hinzu, der frchten mu, da er sein Kind
hlflos und einsam in der harten Welt zurcklassen mu. Wenn jetzt der Himmel
ber mich verfgt, gehst Du zwar weinend, aber nicht verzweifelnd vom Grabe
Deines Vaters in das Haus Deiner Freunde. Seit ich die Grfin kenne, bin ich
ber Dein Schicksal ruhig, und ich werde um so lnger leben, schlo er, indem er
lchelnd mit den Locken der Tochter spielte, weil ich mein Ende ruhig abwarten
kann.
    Es schien, als ob die Sorge, welche die Grfin fr Theresens Ausbildung
trug, sie selbst manchen Kummer vergessen lie; sie erheiterte sich sichtlich in
dem Umgange ihrer Kinder, wie sie beide junge Frauenzimmer nannte. St. Juliens
Gesundheit befestigte sich tglich mehr, und der Graf bemerkte oft, er werde
schmerzlich die Lcke in seinem Leben fhlen, wenn der endliche Friede den
jungen Mann bestimmen wrde, nach seiner Heimath zurck zu kehren. Auch der
Grfin war der junge Mann sehr lieb geworden, und nur noch zuweilen kehrte die
Bewegung wieder, die sie bei seinem ersten Anblick empfunden hatte; wenn er sie
unvermuthet anredete, oder wenn seine Augen lange auf Emilie hafteten, dann
schien er in ihrer Seele Schmerzen wach zu rufen, die sie nur mit Anstrengung
bekmpfte. In solcher Ruhe hatte die Familie einige Zeit gelebt, und wenn es
auch nicht mglich war, ohne Kummer das unsgliche Elend zu betrachten, welches
durch den Krieg ber diesen Theil von Deutschland gebracht wurde, so gab es doch
Stunden, in denen man sich einer reinen Heiterkeit hingab.
    In dieser Stimmung hatten der Obrist und seine Tochter am vorigen Abend das
Schlo verlassen; die jungen Leute hatten sich verabredet, Gthes Tasso den
folgenden Abend zu lesen. Die Grfin hatte dem Obristen versprochen, wenn es
sein knnte, seine l'Hombre-Parthie so einzurichten, da nicht der Geistliche
sein Mitspieler sein msse. Er freut sich zu gemein, versicherte der Obrist,
wenn er ein gutes Spiel hat, spielt die Karten auf burische Weise aus, macht
sehr schlechten Witz dabei und hlt sich dehalb fr einen liebenswrdigen
Spieler; gewi, wenn man ein Mitglied der guten Gesellschaft gnzlich von der
Leidenschaft fr das Spiel heilen wollte, man brauchte es nur zu zwingen,
tglich mit unserm guten Herren Prediger zu spielen. Die Grfin scherzte beim
Frhstck eben darber, da der Doktor, den sie anstatt des Geistlichen zum
Mitspieler bestimmte, den Obristen nicht besser befriedigen wrde, als man den
Galopp eines Pferdes hrte, und gleich darauf der Arzt athemlos mit glhenden
Wangen und mit Schwei bedeckt in den Saal strmte. Was giebt es? rief ihm der
Graf bestrzt entgegen. Wir sind verloren! rief der Arzt, das Schlo wird gleich
von Soldaten besetzt werden. So, sind Franzosen in der Nhe? rief der Graf,
indem er aufsprang. Nein, keine Franzosen, Preuen sind es, keuchte der Arzt.
Nun, sagte der Graf, dann sind es ja Freunde und wir haben nichts zu frchten.
    Nichts zu frchten? jammerte der Arzt; htten Sie nur die Reden gehrt, die
sie gefhrt haben; der Herr Prediger trieb mich hieher, damit Sie sich, wo
mglich, entfernen mchten, um nicht den Wirkungen der Verlumdungen zu
unterliegen.
    Der Graf sah einen Augenblick nachdenkend vor sich nieder, zog dann hastig
die Klingel und beschied Dbois eilig zu sich. Guter Dbois, redete er ihn an,
ich wei, ich kann auf Sie in jeder Lage rechnen, gehen Sie zum Kapitain St.
Julien und halten Sie ihn auf jeden Fall auf seinem Zimmer zurck, welche Unruhe
auch hier entstehen mag; sagen Sie ihm, die sei mein ausdrcklicher Wille, und
bleiben Sie zur Sicherheit bei ihm.
    Wir erwarten hier jeden Augenblick preuische Truppen, fuhr er fort, als er
sah, da der Haushofmeister ihn mit Verwunderung betrachtete; thun Sie ja, was
ich Ihnen auftrage, und weichen Sie auf keinen Fall davon ab. Er hatte den
Grafen noch nie so in Bewegung gesehen; eben wollte dieser die Frauen bitten,
sich zurck zu ziehen, als eine Eskadron in den Hof sprengte, den Fhrer an
ihrer Spitze. Die Grfin erschrak, ihr fielen die verbreiteten Gerchte ein, und
sie sah an des Grafen Anordnungen, da er Unannehmlichkeiten erwartete; sie
sttzte sich auf die Lehne eines Stuhls und erwartete mit Spannung die Dinge,
die da kommen wrden. Emilie war bla, sie ahnete dunkel, die Gruel des Krieges
wrden nun hier beginnen. Der Arzt hatte sich entfernen wollen, doch ein Blick
auf die Grfin schien in ihm eine Erinnerung hervor zu rufen; seine Seele
kmpfte offenbar mit einem groen Entschlue; auf einmal schien dieser Entschlu
gefat, er trocknete den Schwei von seinem Gesicht ab, blieb und erwartete das
ungeheure Schicksal, das ihn nach seiner Meinung jetzt treffen mute. Das
Klirren der Sporen und des nachschleppenden Sbels im Vorsaale wurde vernehmbar,
die Thren wurden mit Heftigkeit geffnet, und herein strmte ein junger
erhitzter Krieger und rief, ohne auf die Frauen zu achten: Wo ist der Herr des
Hauses?
    Ich bin der Graf Hohenthal, sagte der Graf, und Sie sind in meiner Wohnung.
    So sind Sie es also, rief ihm der Rittmeister vor Zorn glhend zu, der sein
Vaterland den Feinden verrth, Sie zeigen den Franzosen alle Vorrthe an, Sie
lassen sie durch alle Schluchten fhren, Sie halten die Spione in Ihrem Hause
verborgen; nun, da Sie so wacker fr die Feinde gesorgt haben, so werde ich auch
hier wahrlich nicht schonen; die Pferde, die meinen Leuten gefallen sind, mssen
hier ersetzt werden; Ihre Hafervorrthe nehme ich in Beschlag; meine Leute
mssen bewirthet werden, und den Spion liefern Sie freiwillig aus oder ich
brauche Gewalt.
    Der Graf bekmpfte den Zorn, der in ihm aufstieg, und sagte mit scheinbarer
Gelassenheit: Es ist jetzt nicht der rechte Augenblick, meinen Charakter gegen
Sie zu vertheidigen, ich werde mir Ihren Namen ausbitten, um die in der Zukunft
zu thun; das Unglck der Monarchie fhlen wir Alle gleich schmerzlich, und was
das Vaterland und seine Krieger von meinem Eigenthume bedrfen, steht ihnen zu
Gebote, dehalb mgen Sie meine Pferde nehmen, wie alle Hafervorrthe. Fr die
Bewirthung der braven Truppen werde ich sorgen, so gut es angeht; was steht
weiter zu Ihrem Befehl?
    Ich verlange, da Sie den hier im Hause verborgenen Spion ausliefern, sagte
der Rittmeister etwas gelassener in Folge des wrdigen Benehmens des Grafen.
    Wen bezeichnen Sie mit einer so schimpflichen Benennung? fragte der Graf.
    Den franzsischen Offizier, rief hitzig der Rittmeister, der unter dem
Vorwande einer Krankheit sich hier im Hause aufhlt.
    Unter dem Vorwande einer Krankheit? rief der Arzt, den der Graf nicht mehr
zurck halten konnte; Vorwand nennen Sie seine Krankheit? rief er noch einmal,
indem er den Kopf auf die linke Schulter senkte und die blitzenden Augen auf den
Rittmeister richtete. Mir hat er sein Leben zu verdanken, aus dem Rachen des
Todes habe ich ihn gerissen, setzte er hinzu, und ich werde, ich mu ihn und den
Herren Grafen gegen jede Verlumdung vertheidigen.
    Ich verlange die Auslieferung des Franzosen, rief der Rittmeister, was gehen
mich Ihre Narrheiten an?
    Narrheiten! schrie aufs Aeuerste beleidigt der Arzt. Gehren Sie zu den
Barbaren, die Kunst, Wissenschaft und Menschenliebe vereinigt Narrheit nennen?
Der Arzt hatte im Eifer seiner Rede alle Furcht vergessen und war dem
Rittmeister so nahe getreten, da dieser sich von Neuem gereizt fhlte und mit
funkelnden Augen dem Arzte zurief: Kommen Sie mir nicht so ungezogen nahe, wenn
ich Sie nicht zum Fenster hinaus werfen soll.
    Der Graf warf einen glhenden Blick auf den Offizier, und indem er den Arzt
mit der augenblicklichen groen Kraft des Zorns wie ein Kind bei Seite schob,
sagte er: Sie werden Niemanden zum Fenster hinauswerfen, so lange ich lebe; ber
meinen Leichnam geht der Weg, um meine Hausgenossen zu beleidigen.
    In dem Augenblicke, als der Offizier etwas Heftiges erwiedern wollte, wurde
die Thre geffnet; ein alter Wachtmeister zeigte sich, der dem Rittmeister
eifrig winkte; dieser schritt durch den Saal und ging nach kurzem Gesprch mit
dem Wachtmeister eilig nach dem Hofe hinunter.
    Die im Saale Versammelten wagten es nicht, einander anzureden, weil sie die
Zurckkunft des Offiziers jeden Augenblick erwarteten, als sie Pferdegetrappel
auf dem Hofe vernahmen und zu ihrem Erstaunen die ganze Eskadron, den Fhrer an
der Spitze, abreiten sahen.
    Was bedeutet die? fragte die Grfin nach kurzem, von Staunen erzeugtem
Schweigen.
    Das bedeutet, antwortete der Graf nachdenklich, da Franzosen in der Nhe
sind, die uns vermuthlich in grerer Anzahl ihren Besuch zudenken.

                                      XII


Der Auftritt, der eben statt gefunden hatte, war schnell vorber geflogen und
hatte alle Anwesenden, jeden auf verschiedene Weise, so sehr aufgeregt, da
Niemand Worte gefunden hatte, um eine Ansicht zu uern. Der Arzt stand noch in
der Mitte des Saales unbeweglich auf der Stelle, wo ihn der Graf im Zorn
hingeschoben hatte; man sah, da er mit dem Entschlusse kmpfte, etwas
Bedeutendes zu sagen; endlich nherte er sich dem Grafen, der in Nachdenken
versunken war, und sagte mit Haltung und unterdrcktem Gefhl: Ich mu meinem
Herzen Luft machen; ich mu meiner Empfindung Worte geben; edler Mann, verehrter
Herr Graf, Sie haben mein Leben aus einer furchtbaren Gefahr gerettet, denn wre
ich diese Hhe hinunter geflogen, wie der Barbar drohte, auf den gepflasterten
Theil des Hofes hier unter dem Fenster, so war es um mich geschehen, denn mit
solcher Gewalt htte er mich nicht werfen knnen, da ich dort den Rasen im
Fallen erreicht htte. Es war meine Pflicht, Sie gegen die Verlumdung zu
vertheidigen; ich habe auch immer geglaubt, da Sie meinen mnnlichen Charakter
gehrig wrdigen und mir nicht eine schimpfliche Feigheit im Augenblick der
Gefahr zutrauen wrden, eine Verlugnung, hnlich der des Apostel Petrus, fgte
er mit einem Seitenblicke auf die Grfin hinzu; aber ich habe nicht geglaubt,
da ich Ihrem Herzen theuer wre, da Sie Ihr Leben zu meinem Schutze wagen,
Ihre Brust zur Vormauer der meinigen machen wrden. Die letzten Worte sprach er
mit wankender Stimme und kaum beherrschter Rhrung. Diese Handlung, schlo er
endlich mit Pathos, bindet mein Geschick an das Ihrige fr jetzt und immer.
    Der Graf verstand erst nicht recht, was der Arzt wollte, denn er war zu
jener Aeuerung am Wenigsten durch ein wrmeres Gefhl fr denselben bestimmt
worden, er hatte blo sich in seinem Hausgenossen beleidigt gefhlt; als er aber
endlich den Sinn der an ihn gerichteten Rede begriff, sagte er, ber den
gutmthigen Dnkel des Arztes lchelnd: Wir sind oft nicht so bse, mein lieber
Doktor, wie Sie im Eifer von uns zuweilen glauben, aber oft auch bei Weitem
nicht so gut, wie Sie sich uns vorstellen; dehalb verdiene ich auch heut Ihren
Dank nicht.
    Bescheidenheit ist die Krone der Tugend, rief der Arzt begeistert und
verlie den Saal, um seine Kranken zu besuchen. Die gutmthige Einbildung des
Arztes hatte dazu beigetragen, die Spannung aufzulsen, in die alle durch die
eben erlebte Begebenheit versetzt waren. Lchelnd blickten sich die
Zurckgebliebenen an, und Ruhe schien wieder im Schlosse herrschen zu wollen.
    Dbois glaubte, da die Truppen den Hof verlassen hatten, da auch St. Julien
nicht mehr von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden brauchte; doch fragte
er vorsichtig erst nach des Grafen Meinung, der natrlich seine Ansicht theilte,
und bald erschien St. Julien und erschpfte sich mit dem Grafen in Vermuthungen,
um es sich zu erklren, wehalb das Schlo so eilig von den Truppen gerumt
worden sei. Des Grafen Ansicht, da Franzosen in der Nhe sein mten, wurde
bald besttigt, denn ein Reiter sprengte in den Hof, den Niemand sogleich fr
den Prediger erkannte, weil er ganz die gemchliche Art zu reiten aufgegeben
hatte und sein Thier zu vllig ungewohnten Kraftuerungen zwang. Ro und Reiter
waren ganz aus der gewhnlichen Fassung, denn da sich der Geistliche eilig herab
warf, ohne, wie sonst, fr sein Pferd zu sorgen, so fing die ohne Umstnde an,
auf dem Rasen zu weiden und zu Emiliens Schrecken die darauf angebrachten
Blumenstcke zu zertreten.
    Aus Eile keuchend trat der Prediger nach wenigen Augenblicken herein, und
jetzt, in der Unruhe seines Gemths, achtete er noch weniger, als sonst auf die
hflichen Formen des Umgangs; daher grte er kaum die im Saale versammelten
Personen und rief dem Grafen zu: Meine Frau und Kinder folgen mir nach, Sie
werden hier im Schlosse doch besser aufgehoben sein, als bei mir, die Franzosen
sind mir auf den Fersen.
    Der Graf nahm gern die Familie des Predigers bei sich auf, ob ihn gleich
selbst in diesem Augenblicke dessen Mangel an Lebensart verletzte; die groe
Familienkutsche des Geistlichen fuhr auch bald durch das Thor des Hofes, von
einigen kleineren Equipagen begleitet, die die zahlreiche Familie desselben
enthielten. Man hatte kaum fr das Unterkommen Aller sorgen knnen, und der
Prediger hatte eben seinen Entschlu ausgesprochen, fr seine Person zurck zu
reiten, um auf Ordnung zu sehen und so viel als mglich zur Erleichterung der
Bauern zu thun, als Emilie ausrief: Ach Gott! dort kommen die Feinde. Alle
Anwesenden eilten dem Fenster zu, an welchem Emilie stand, und Alle bemerkten,
da in derselben Schlucht, durch die der Graf damals vom Gebirge herab gekommen
war, als er den verwundeten St. Julien nach dem Schlosse tragen lie, ein
Funkeln von Waffen sichtbar wurde. In ngstlicher Erwartung waren Aller Blicke
dorthin gerichtet; der Geistliche bemchtigte sich eines vorhandenen Fernrohres
und theilte laut seine Bemerkung mit: Jetzt kommen sie aus der Schlucht heraus;
Wer kann sie diesen Weg gefhrt haben? Das mu ein Einheimischer sein, ein
Fremder htte ihn nie gefunden. Es sind Reiter, fuhr er fort, im Sonnenschein
sehe ich es deutlich; jetzt biegen sie hier herum; sie kommen zum Schlo; am
Ende htte ich besser gethan, meine Familie nicht hieher zu bringen. Auch
Equipagen sind in dem Zuge; Der dort mit dem groen Federbusch wird wohl der
General sein. Was? Auch eine Dame zu Pferde und ein schwarzgekleideter Herr
neben dem General? Wo soll das Alles unterkommen, und Gott wei, ob nicht schon
unterwegs Viele untergebracht sind; am Ende ist mein Haus schon voll wilder
Menschen, die mir Alles zerschlagen und verzehren, und wie soll ich nun durch
den Haufen zurck? Er sprach immer fort, das Fernrohr noch lange vor sein Auge
haltend, ob es gleich nicht mehr nthig war, denn Jedermann konnte schon lngst
ohne dessen Hlfe bemerken, wie ein bedeutender Zug Kavallerie sich dem Schlosse
nherte. Der Anfhrer ritt jetzt an der Spitze, zu seiner Rechten eine Dame in
Reitkleidern, die mit groer Sicherheit zu Pferde sa und den Kopf nach allen
Seiten hin wendete, so da der Wind mit den wallenden Federn ihres Hutes
spielte. Zur Linken des Anfhrers ritt ein junger Mann in schwarzer Kleidung,
der, als der Zug sich schon dem Baumgange nherte, der zum Schlo fhrte, sich
zurckzog, indem er sich vor dem Anfhrer ehrerbietig neigte; als er dehalb den
Hut abnahm, wurde sein dunkel gelocktes Haar sichtbar, und der Graf glaubte den
jungen Mann zu erkennen, den er damals auf dem Meierhofe bei dem Verwalter
antraf, mit dem er des Obristen Thalheims Rechnung berichtigte. Die den
franzsischen Anfhrer begleitende Dame und der junge Mann begrten einander
mit groer Vertraulichkeit, als der Letzte sich von dem Zuge trennte.
    Der Graf wendete sich jetzt nach dem Saale zurck und bemerkte, da die
Grfin bleich und bebend auf die ankommenden Feinde schaute, und Emilie sich
ngstlich an sie schmiegte. Lassen Sie uns nicht die Fassung verlieren, meine
Lieben, sagte der Graf, und eilig berathen, was nun geschehen mu. Diese, ach!
diese Truppen, sagte die Grfin mit dumpfer, kaum hrbarer Stimme; auch Dbois,
der in den Saal getreten war, schien ungewhnlich bleich und blickte ngstlich
auf die Grfin. Der Graf hatte nicht Zeit ber den Eindruck nachzudenken, den
die ankommenden Feinde auf seine Hausgenossen machten. Er rief der Grfin zu,
sich zurck zu ziehen, die stumm Emiliens Arm nahm und mit ihr hinauswankte. St.
Julien konnte nicht begreifen, wie die Annherung der Franzosen einen so
entsetzlichen Eindruck machen knne, wie er ihn an der Grfin bemerkte, wenn er
auch begriff, da sie als Feinde unwillkommen sein muten. Auch Sie bitte ich,
sagte der Graf zu ihm, frs Erste mit Dbois den Saal zu verlassen, ich und der
Herr Prediger, wir wollen die neuen Gste empfangen.
    Kaum hatte man diese wenigen Anordnungen treffen knnen, als der
franzsische General, von seinem Gefolge umgeben, die Dame zu seiner Rechten, in
den Hof einritt. Man konnte wohl bemerken, da die Feinde gut unterrichtet sein
muten, denn sie hatten den Verwalter des Guts schon in ihrer Mitte und zwangen
ihn, ihnen die fr die Pferde nthigen Vorrthe anzuzeigen; auch gab ihm der
General selbst in gebrochenem Deutsch den Befehl, die vorhandenen Pferde
auszuliefern, damit der Wagen der Dame neu bespannt werden knnte; das Schlo,
so endigte sein Befehl, nehme ich in Besitz, so lange ich hier verweile. Der
Verwalter, ein ziemlich unterrichteter Mann, stellte dem General in
franzsischer Sprache vor, da der Graf und seine Familie hier sei, so wrde
seine Excellenz doch gewi darauf Rcksicht nehmen. So lange ich hier bin, bin
ich Ihr Herr, antwortete der General ebenfalls franzsisch, und Sie haben dafr
zu sorgen, da alle meine Befehle pnktlich befolgt werden. Ihr Graf mag es
lernen, sich in dieser Zeit ohne sein Schlo und ohne seine Diener einzurichten.
Er war mit diesen Worten abgestiegen; ein Adjudant bot der Dame die Hand, und
der General rief diesem zu: Sorgen Sie zunchst fr die Zimmer von Madame. Ich
werde selbst fr mich sorgen, erwiederte die Schne mit dreistem Lcheln und
hpfte an der Hand des Adjudanten die Treppe hinauf.
    Der General stieg nun ebenfalls, langsam, von vielen Offizieren umgeben, mit
Wrde die Treppe hinauf. Der Pfarrer fhlte, wie sein Herz innerlich bebte, als
das Klirren der vielen Sporen sich dem Saale nherte. Er hatte vom Fenster aus
bemerkt, in welcher Schnelligkeit die Feinde von allen Nebengebuden und allen
Vorrthen, die sie enthielten, Besitz genommen hatten; er frchtete nun fr
sich, fr seine Familie und auch fr den Grafen und dessen Hausgenossen.
    Die Flgelthren des Saales wurden geffnet, der General trat herein und der
Graf ihm mit Anstand entgegen. Ich wei es, Herr General, da der Krieger im
Kriege oft genthigt ist, mit Hrte seine Bedrfnisse zu fordern, doch bin ich
von franzsischen Kriegern berzeugt, da sie jeden Druck vermeiden werden, den
nicht die Umstnde gebieten.
    Der General schwieg einen Augenblick und betrachtete den Grafen zweifelhaft.
Ihr Name, sagte er endlich, ist Ihr Name nicht Hohenthal? Der bin ich, sagte der
Graf und blickte nun ebenfals verwundert auf den General. Mein Gott! rief
dieser, indem er beide Arme nach dem Grafen ausstreckte, kennen Sie mich denn
nicht wieder? Es ist ja unmglich, theurer Freund, da das Andenken an mich ganz
bei Dir verlscht ist; mu ich mich denn nennen, hast Du denn alle heitern
Stunden in Paris vergessen? Clairmont! rief der Graf mit Erstaunen. Derselbe,
bester Graf, erwiederte der General, indem er ihn herzlich in seine Arme schlo.
    Wir haben uns lange nicht gesehen, sagte endlich der Graf lchelnd, Vieles
hat sich seitdem gendert, und es ist nicht leicht, in dem General Clairmont den
heitern, schlanken, tanzenden Clairmont, meinen damaligen Freund, wieder zu
erkennen, und gewi httest Du es damals wohl nicht geglaubt, da Du jemals
unter Umstnden, wie die gegenwrtigen, mein Gast sein wrdest. Gewi, gewi
nicht, sagte der General und sah sich mit einiger Unruhe nach seinem Adjudanten
um. Erlaube, sagte er drauf zum Grafen, ein kleines Dienstgeschft. Der Graf zog
sich zurck, und der General trug dem Adjudanten auf, jede Gewaltthtigkeit zu
verhindern, alle Vorrthe unberhrt zu lassen, Alles, so viel als mglich, in
die Nebengebude einzuquartieren und sich berhaupt so zu betragen, als ob sie
zum Besuch bei einem Freunde wren.
    Der Adjudant eilte, diese, den frheren so entgegen gesetzten Befehle zu
ertheilen, und der General wendete sich wieder zu dem Grafen. Htte ich nur
ahnen knnen, sagte er, da die Dein Schlo wre, mein alter Freund, so htte
ich Dich zwar besucht, aber nicht mit so ansehnlicher Begleitung, nicht auf
Kriegsfu; aber man hat Dich mir nur immer als den reichen Grafen, ohne Dich zu
nennen, bezeichnet, und da dachte ich dann, - ich dachte, man knne es sich hier
etwas bequem machen, ohne da ich nach Deinem Namen fragte.
    Der Adjudant kehrte zurck; der Befehl zu schonen war etwas zu spt
gekommen; die Vorrthe waren schon unter die Truppen vertheilt, noch etwas Wein
hatte der Adjudant retten knnen, weil man ihn zum Gebrauch des Generals zurck
gelassen hatte, und auch die Pferde des Grafen hatte er wieder nach dem Stalle
zurck fhren lassen. Die dem Prediger gehrigen hatten noch keinen Liebhaber
gefunden und waren also ebenfalls gerettet.
    Indem der General noch mit der Verlegenheit hierber kmpfte, zeigte sich
Dbois an der Thre und winkte mit ngstlichen Mienen dem Grafen. Der General
bemerkte es und fragte mitrauisch: Es giebt doch keine neue Unordnung durch
meine Leute? Und als Dbois statt aller Antwort mit den Achseln zuckte, rief er:
Reden Sie, wenn, was Sie zu sagen haben, Jemanden aus meinem Gefolge betrifft.
Wenn es Ew. Excellenz denn befehlen, sagte der Haushofmeister zgernd, so mu
ich berichten, da die gndige Frau Generalin die Zimmer der Frau Grfin und des
Fruleins in Besitz genommen und unsere Damen daraus verdrngt hat, so da Alle,
auch die Frau Predigerin, nun in das kleine Zimmer der Haushlterin zusammen
gedrngt sind, wo die Frau Grfin krank auf dem Bette liegt; ich wollte nun um
den Befehl des Herrn Grafen bitten, um zu erfahren, was zur Erleichterung und
Bequemlichkeit der Frau Grfin geschehen kann. Eine dunkle Rthe, hervorgerufen
von Scham und Zorn, verbreitete sich ber das Gesicht des Generals. Fhren Sie
mich nach dem Zimmer der Frau Grfin, rief er dem Haushofmeister zu. Voran! ich
folge Ihnen. Dbois that, wie ihm befohlen worden, und schritt voran; der
General folgte und der Graf schlo sich an, um wo mglich einen unangenehmen
Auftritt zu verhindern. Dem Prediger wre es unmglich gewesen, zurck zu
bleiben, auch wenn ihm Jemand diese Qual htte auferlegen wollen; er folgte also
ebenfalls den Uebrigen.
    Als dieser Zug das Zimmer der Grfin erreichte, fanden sie die junge Dame,
welche den General zu Pferde hieher begleitet hatte, vor dem Spiegel sitzen. Sie
hatte das Reitkleid schon ausgezogen, und hatte um den entblten Busen und die
Schultern einen durchsichtigen Musselin geworfen, der bei jeder Bewegung
enthllte, was er scheinbar verhllen sollte. Diese leichte Tracht erregte ihr
keine Verlegenheit, obgleich drei bis vier Bediente im Zimmer waren, die
Schachteln und Pappkasten aller Art herauf gebracht hatten, aus deren Inhalt
ihre Gebieterin einen reizenden Anzug whlen wollte. Die eben gebrauchte
Schminke stand noch vor ihr, und sie war damit beschftigt, einen Zweig Rosen in
ihre dunkeln Locken zu befestigen, als der General eintrat, dem sie zrtlich
entgegen lchelte. Lassen Sie mich meine Kleidung vollenden, bat sie ihn, ehe
ich Ihnen zur Tafel folge.
    Nicht hier ist Ihr Ankleidezimmer, sagte der General mit Hrte, folgen Sie
mir dahin, wo Sie hingehren; und all der Kram uns nach! rief er den Bedienten
zu. Er ergriff nach diesen Worten ziemlich unsanft die Hand seiner Freundin und
fhrte sie mit Gewalt in ihrer leichten Tracht nach dem Saale; die noch nicht
recht befestigten Rosen hingen herunter, schlugen bei dem eiligen Schritte, zu
welchem der General sie zwang, die Wangen der Schnen; die Bedienten rafften
Reitkleid, Schminke, Blumen und Schachteln unordentlich zusammen, und folgten
dem Zuge, der auf diese Weise in die Mitte des Saales gelangte, wo der General
die Hand der Dame pltzlich los lie und dem Grafen sagte: Du wirst gewi die
Gte haben, dieser Person ein Zimmer anweisen zu lassen.
    Mit ungewissen Blicken betrachtete der Graf die junge Dame und sagte: Wenn
Madame Deine Gemahlin ist, - Wenn Madame meine Gemahlin wre, so wrde sie sich
wie eine Frau von Stande zu betragen wissen.
    Die Wort klrte die Sache auf, und der Graf befahl, da man ihr im untern
Stockwerk ein Paar Zimmer anweisen sollte. Eben wollte sie, von den Bedienten,
die ihre Schachteln trugen, begleitet, den Weg dahin antreten, als der Prediger
zu ihr trat und sie folgendermaen anredete: Ich habe meinen Augen nicht trauen
wollen; ich habe es nicht fr mglich gehalten, da ich Sie unter solchen
Umstnden hier antreffen knnte. Kann man so durchaus jedes Gefhl der Scham und
Dankbarkeit verlugnen.
    Die junge Person hatte verlegen vor sich nieder geblickt; da aber jetzt
Alles auf sie einstrmte, so fand sie auf ein Mal den Muth zur Frechheit wieder,
und indem sie die Augen dreist auf den Pfarrer richtete, sagte sie: Ich wte
doch nicht, Wem ich hier so viel Dank schuldig wre; doch wohl Ihnen nicht
dafr, da Sie mich zu einer elenden Stelle haben empfehlen wollen? Der Pfarrer
wollte etwas erwiedern, aber der General, bei dem die Neigung fr seine Geliebte
wiederkehrte, so wie das Gefhl der Beschmung ber ihr Betragen verschwunden
war, machte es ihm unmglich, indem er seine Schne bei der Hand nahm und sagte:
Komm, mein Kind, ich will Dich selbst nach Deinem Zimmer fhren.
    Er verlie in dieser Absicht mit ihr den Saal, und der Graf konnte sich nun
an den Pfarrer mit der Frage wenden, Wer denn eigentlich die junge Person sei?
Mein Gott, rief dieser, Lisette ist es, des alten Schuftes, des Lorenz, Tochter.
Man fand nicht Zeit, sich zu verwundern; der Graf eilte, die Grfin wieder in
Besitz ihrer Zimmer zu setzen, wohin sie krank und matt gebracht wurde, den
Grafen dringend bittend, es zu vermeiden, da sie gezwungen wrde, den General
zu sehen, wenn er etwa darauf kommen sollte, ihr einen Besuch machen zu wollen.
    Als der Graf in den Saal zurckkehrte, fand er den General und den Prediger
darin auf und abgehend, und er hrte eben, wie der Letztere das Versprechen
empfing, da die in seinem Pfarrhause einquartierten Soldaten zurck gezogen
werden sollten. Es war sehr bald zwischen dem General und dem Grafen die alte
Vertraulichkeit der frheren Zeit erneuert worden, und der Letztere theilte dem
feindlichen Anfhrer St. Juliens Begebenheit mit, sammt den Grnden, die ihn zu
der Bitte bestimmten, den jungen Mann nicht zu nthigen, seinen Fahnen zu
folgen. Der General sah es ein, da sein Freund in Unannehlichkeiten verwickelt
werden knnte, wenn er den jungen Mann entliee und die preuische Regierung ihn
jemals wieder in Anspruch nehmen knnte; aber, schlo er seine Rede, da dieser
Fall nicht eintreten kann, so vermag ich auch Deine Besorgni nicht zu
begreifen.
    Wie verstehst Du das? fragte der Graf mit Erstaunen. Glaubst Du denn in der
That, erwiederte der General sehr gelassen, da der Kaiser Napoleon die Gromuth
so weit treiben wird, die preuische Monarchie wieder herzustellen, die schon
vernichtet ist, und da er zu diesem Behuf dem Knige Provinzen zurck geben
wird, die wir schon besitzen?
    Niemals war es dem Grafen eingefallen, da es in dem Plane des franzsischen
Kaisers liegen knnte, Preuen ganz aus der Reihe der Staaten zu tilgen, und es
erschtterte dehalb sein Innerstes, da Jemand ihm gegenber ein so ungeheures
Unglck so gelassen aussprechen konnte. Knnte ich glauben, erwiederte er dem
General, da die Entsetzliche eintreten knnte, es wrde mich zur Verzweiflung
bringen. Ich kann begreifen, da Ihr in Frankreich mit Gleichgltigkeit den
Wechsel der Regenten, den Austausch der Lnder betrachtet; Ihr habt so vielen
Wechsel erlebt; Alle Eure Einrichtungen sind noch viel zu jung und neu, als da
sie tiefe Wurzeln htten schlagen knnen; Ihr wrdet Euch ebenfalls trsten,
wenn Napoleon unterginge und die Bourbons wiederkehrten.
    Halt! rief der General, lstre den Kaiser nicht, sprich nichts
Hochverrtherisches in meiner Gegenwart; die Bourbons werden Frankreichs Boden
nie wieder betreten.
    Ich wollte nur sagen, erwiederte der Graf, da diese Begebenheit nicht
auerhalb der Grnzen der Mglichkeit liegt, und da Euer Kaiser, so hoch das
Glck ihn auch emporgehoben hat, selbst dazu beitragen kann, sie wirklich zu
machen; denn meinst Du, wenn unser Unglck so gro sein sollte, da wir die Mal
gnzlich erliegen mten, und die Macht von Ruland nicht hinreichen sollte,
Euern Sieg zu hemmen, da dann nicht ein neuer Muth eben aus der Verzweiflung
entstehen wrde? Glaube mir, Jeder wrde sein ganzes Vermgen, seine
Seelenkrfte und sein Herzensblut daran setzen, das Vaterland zu retten und auf
dessen Thron den angestammten Knig, der zu uns gehrt, wie wir zu ihm, wieder
zurckzufhren. Und wenn nun diese Hunderttausende Euch entgegentrten, die Alle
ein Gefhl, ein Gedanke begeisterte, von denen Jeder entschlossen wre, wenn es
sein mu, rhmlich zu unterliegen, aber nie von seinem Platze zu weichen, werdet
Ihr dann auch diese besiegen knnen? Und wird nicht vielleicht die Gefhl sich
aller Lnder bemeistern, die Frankreich in Fesseln hlt? Und wre es dann nicht
mglich, da der Stern, der Euch jetzt leitet, verschwnde und Ihr Eure alte
Bahn suchtet? Ich bitte Dich, sagte der General mit einem mitleidigen Lcheln,
la uns nicht ber Politik sprechen, ich darf Deine Aeuerungen nicht anhren,
die nur Dich verderben knnen, ohne uns im Mindesten zu schaden. Ich will zu
Deiner Beruhigung den jungen Mann bei Dir lassen, bis dieser Krieg geendigt ist
und der Friede, der nicht lange ausbleiben wird, uns belehrt hat, wessen Ansicht
die richtige war.
    Der Graf fhlte selbst, da es besser sei, dergleichen Gesprche zu
vermeiden, und lie St. Julien bitten, die Gesellschaft zu vermehren, indem er
zugleich die Damen entschuldigte, die durch die Krankheit der Grfin abgehalten
wrden, zu erscheinen. Dem General schien diese Einrichtung eine Erleichterung
zu gewhren, weil er sich nach dem, was vorgefallen war, der Grfin gegenber
unbehaglich gefhlt haben wrde; auch seine Begleiterin erklrte, nicht
erscheinen zu wollen, und so waren die Mnner die Mal bei der Tafel allein, und
der General benuzte die grere Freiheit, die dadurch entstand, als der Wein ihn
etwas begeisterte, zu manchen Scherzen, die die Gegenwart der Frauen unmglich
gemacht haben wrde, und es schien seine Heiterkeit zu erhhen, wenn er solche
witzige Einflle an den Geistlichen richten konnte, der nicht recht den Muth
hatte, sie abzuweisen, weil er den feindlichen General frchtete, und sich doch
empfindlich gekrnkt fhlte, da er seine geistliche Wrde so verletzen lassen
mute.
    Der Graf suchte den Pfarrer gegen die Angriffe des Generals zu schtzen,
indem er diesen an die frheren Zeiten erinnerte, die sie miteinander in Paris
verlebt hatten, und sich nach manchen Bekannten erkundigte, die damals zu ihrem
Kreise gehrt hatten. Es machte auf die Gesellschaft einen traurigen Eindruck,
da der General gleichzeitig beinah ber jeden berichtete, der ist in jener
Schlacht geblieben; der starb an seinen Wunden nach der Schlacht; den raffte
eine ansteckende Krankheit im Lager hinweg; so, da kaum zwei oder drei als
Lebende bezeichnet wurden, die smmtlich einen bedeutenden Rang in der Armee
erreicht hatten.
    Es macht mich schwermthig, rief der Graf, wie vieles Leben untergehen mu,
um die Plne eines Einzelnen zur Ausfhrung zu bringen, und da beinah Alle, mit
denen wir damals lebten, in Staub zerfallen sind, so frage ich mit Bangigkeit
nach dem Freunde, den ich wahrhaft liebte, und von dessen Schicksal ich, seit
wir uns trennten, nichts habe erfahren knnen. Was ist aus dem jungen Evremont
geworden.
    Die Heiterkeit, mit welcher der General bis jetzt ber den Tod aller
Jugendbekannten gesprochen hatte, verschwand pltzlich aus seinen Zgen, und es
schien, als ob in der Frage des Grafen ein Zauber lge, wodurch auch die Wirkung
des Weins aufgehoben wrde, denn ernst und nchtern erwiederte er: Mit dieser
Frage rufst Du den schrecklichsten Augenblick meines Lebens mir zurck, und
alles Entsetzen, welches damals meine Brust erfllte, droht mich von Neuem zu
ergreifen. Er bedeckte mit der Hand einen Augenblick seine Augen, fuhr dann
damit ber die Stirn und sagte: Traurig hat unser junger Freund geendigt, und
ich habe niemals den Zusammenhang seines Schicksals erfahren knnen. Du
verlieest Paris, als die entsetzlichen Auftritte begannen, die unsere
Revolution tglich hervorrief. Der alte Graf Evremont, der Vater unseres
Freundes, hie es um diese Zeit, sei gestorben; ein dunkles Gercht behauptete,
er sei nach der Schweiz entflohen, auch von dem Sohne wollte man behaupten, er
sei abwesend, als er pltzlich in Paris erschien und sich allenthalben
ffentlich zeigte. Er lie es sich gefallen, da ihn Niemand mehr Graf, sondern
Alle Brger Evremont nannten. Es war die Rede davon, da er bei der Armee
angestellt werden sollte, als er auf ein Mal wieder verschwand; man behauptete,
er sei emigrirt, und seine noch vorhandenen Gter wurden eingezogen, denn es
ergab sich, da Vieles verkauft war. Ich theilte die allgemeine Ansicht, da er
sich zur Condschen Armee begeben habe, und dachte in Jahren nicht weiter an
ihn.
    Die Hinrichtungen waren damals hufig in Paris, und es war die traurige
Pflicht des Dienstes, in solchen Fllen einen Platz um die Guillotine zu
besetzen; so wurde auch ich eines Morgens beordert, diese Pflicht mit meiner
Compagnie zu erfllen. Es waren mehrere unglckliche Schlachtopfer schon
gefallen; ich hatte mich von dem scheulichen Anblick abgewendet, und ich
begreife noch nicht, welche innere Macht mich zwang, mich endlich nach dem
Schaffot hinzuwenden; da grade hatte es eine edle Gestalt bestiegen, die
geisterbleich mit den dunkeln Augen in meine starrte. Ich wollte rufen:
Evremont! aber das Entsetzen fesselte die Stimme in meiner Brust; in demselben
Augenblick ertnte ein so durchdringend gellender Schrei der Verzweiflung, da
alle Zuschauer dieses grausen Schauspiels zusammenbebten und sich unwillkrlich
nach der Seite hinwendeten, von woher der Schrei ertnte; auch meine Augen
folgten der allgemeinen Richtung, und ich sah einen Augenblick zwei blendend
weie Arme nach dem Schaffot ausgestreckt, ein todtenbleiches Gesicht einer Frau
mit wahnsinnigem Ausdruck; ein zweiter Schrei ertnte, und die Gestalt sank
zurck und war mir in der Menge verloren. Als ich mich wieder nach dem Schaffot
wendete, hatte unser unglcklicher Freund geendet, und sein edles Blut strmte
dampfend hinunter. Ich gestehe Dir, sagte der General, nachdem Alle eine
Zeitlang geschwiegen hatten, an diesem Tage kam mir die Revolution, der ich
sonst mit ganzer Seele anhing, grlich vor; ich beweinte unsern Freund mit
bittern Thrnen, ich glaubte nicht, da ich, nachdem ich die erlebt hatte,
jemals wieder heiter werden knnte, und doch, was ist der Mensch mit seinen
Freuden und Schmerzen? Ich berwand die, wie vieles Andere und wurde wieder mit
dem Leben vertraut.
    Und jene unglckliche Frau? fragte der Graf mit ungewisser Stimme.
    Ich habe niemals erfahren, Wer sie war und in welcher Beziehung sie zu ihm
stand, erwiederte der General; seine Schwester aber war es nicht, fgte er
hinzu, die wrde ich erkannt haben. Dabei fllt mir ein, fuhr er lchelnd fort,
es war ja des armen Evremonts sehnlichster Wunsch, diese Schwester mit Dir zu
verbinden, und Du selbst warst ja auch damals dazu geneigt; wie hat sich denn
doch Alles anders gestaltet; oder sollte die Grfin, Deine Gemahlin vielleicht -
    Meine Gemahlin ist eine Deutsche, versetzte der Graf. Nach meiner Abreise
von Paris hatte ich bald jede Spur des unglcklichen Freundes, wie seiner
liebenswrdigen Schwester verloren; die Zeit beruhigte mich nach und nach ber
den Verlust, und als sich die Dinge schon lange anders gestaltet hatten, hegte
ich noch immer die Hoffnung, ich wrde ihn, den ich so herzlich liebte, einmal
pltzlich wieder erblicken; ja, so wie Du mir heute unvermuthet erschienst, so
trumte ich oft, wrde er mir als vermeintlicher Feind entgegentreten und mich
als herzlicher Freund in seine Arme schlieen.
    Und er wre eine willkommenere Erscheinung gewesen, sagte lchelnd der
General.
    Sei nicht ungerecht, erwiederte der Graf, und tadele es nicht, wenn das
traurige Schicksal eines Freundes mich schmerzt, den wir Beide liebten. Das ist
der Fluch der Revolutionen, fuhr er mit bewegter Stimme fort, da sie das
Edelste hinwegraffen, da sie den tugendhaftesten Brger und den gemeinsten
Bsewicht auf dieselbe Stufe des Elends schleudern, und beider Blut oft auf
gleiche Weise vergieen.
    Das ist wahr! rief der General, und sind wir denn nun nicht dem groen Geist
unendlichen Dank schuldig, der die blutige Ungeheuer fesselte, der Ruhe und
Sicherheit in alle Familien zurckkehren hie und Frankreichs Shne auf eine
Bahn des Ruhms leitete, so khn, so glnzend, wie die Geschichte kein Beispiel
bietet?
    Es wre ungerecht, sagte der Graf, eine entschiedene Gre nicht anerkennen
zu wollen, auch wenn wir sie im Feinde bewundern mssen, aber glaube mir, fgte
er lchelnd hinzu, wir alle haben noch kein Urtheil ber Napoleon; die mssen
wir der unpartheiischen Nachwelt berlassen; wir sind zu sehr in der Gegenwart
befangen; diejenigen, die er im khnen Laufe seines Glcks mit sich erhebt,
werden ihn vielleicht zu sehr bewundern, und die, die er als egoistischer Sieger
schonungslos drckt, werden ihn vielleicht zu leidenschaftlich hassen; nur die
Nachwelt wird mit Gerechtigkeit aussondern, Was wirklich gro in Euerm Helden
erscheint, und auch anerkennen, da er nicht frei von Eitelkeit und kleinlicher
Selbstsucht war.
    Du bernimmst aber doch schon jetzt die Rolle der Nachwelt, sagte der
General empfindlich, und urtheilst, ob Du gleich behauptest, da wir nicht
urtheilen knnen.
    Wir knnen uns ber diesen Gegenstand nicht verstehen, erwiederte der Graf,
indem er freundlich die Hand seines Freundes fate, jeder von uns mte seine
Lebensansichten und Erfahrungen aufgeben, wenn er zu der Meinung des Andern
bertreten sollte, darum la es uns erwarten, ob nicht auch uns die Zukunft in
dieser Hinsicht wieder nher zusammen rckt.
    Du meinst, sagte der General gereizt, wenn die Bourbons wieder ber
Frankreich herrschen, wenn alle alten Anmaungen wiederkehren, wenn - Ich meine
gar nichts, sagte der Graf ihn unterbrechend, als da wir die Zeit unseres
Beisammenseins nicht in unntzen Streitigkeiten verlieren sollten. Darin hast Du
Recht, erwiederte der General, wir wollen nichts, gar nichts mehr ber Politik
sprechen, bis nach dem Frieden, der uns vielleicht auf eine andere Weise nher
zusammenrckt, als Du vorhin meintest.
    Der Graf schwieg um den Streit zu beendigen, und St. Julien bat den General
um eine Unterredung und folgte ihm zu diesem Zwecke nach seinem Zimmer; hier
trug er ihm die Bitte vor, einen Brief an seine Mutter zu besorgen.
    Ich darf eigentlich gar nicht wissen, da Sie hier sind, sagte der General;
da Ihre Gesundheit aber noch nicht hergestellt ist, und Sie doch keinen Antheil
an den Gefechten nehmen knnen, so will ich Sie hier als krank zurcklassen und
Ihren Brief besorgen, den Sie mir morgen abgeben mssen, da wir bermorgen
weiter ziehen, um uns der groen Armee anzuschlieen. St. Julien fhlte sich
beschmt und gekrnkt, da er nicht in den Reihen der Braven fechten sollte; ihn
ngstigte der Gedanke, da der General sein Zurckbleiben fr Feigheit halten
knnte, und er setzte ihm dehalb sein ganzes Verhltni zum Grafen auseinander
und bat ihn, selbst zu enscheiden, ob er sein dem Grafen gegebenes Wort
verletzen knne.
    Der General hrte mit Rhrung St. Juliens Bericht und bewunderte aufrichtig
die edle schonende Weise, mit welcher ihm jeder denkbare Beistand war geleistet
worden. Sie wren ohne den Grafen verloren gewesen, sagte er endlich, also sind
Sie gewissermaen sein, und kein Mann von Ehre darf sein Ehrenwort verletzen;
auch bin ich berzeugt, dieser Krieg wird bald beendigt sein, dann werden Sie
uns zurckgegeben und das Leben liegt noch vor Ihnen, um sich Ruhm zu erwerben.
Aber nun erklren Sie mir, schlo er seine Rede, wie kam es, da man Sie,
getrennt von der Armee, in dieser hlflosen Lage einsam fand?
    Eine dunkle Rthe bedeckte St. Juliens Gesicht, er schwieg verlegen und
stotterte endlich: es war eine Ehrensache, ein Duell, dem ich mich nicht
entziehen konnte. Ich will nicht weiter in Sie dringen, sagte der General kalt,
die Sache scheint nicht solcher Natur zu sein, da sie sich aufrichtig
mittheilen lt. Geben Sie mir morgen Ihren Brief. Hiemit entlie er den jungen
Mann, der, aufs Tiefste verletzt, sein einsames Zimmer suchte, um den Schmerz zu
verbergen, der sein Herz zerri, da er sah, wie er von dem General verkannt
wurde, der offenbar zu glauben schien, da wenig ehrenvolle Grnde ihn zum
Schweigen bestimmten.
    Der Arzt war indessen auf dem Schlosse angekommen und berichtete, da das
Unglck viel gelinder vorber ginge, als man hatte vermuthen knnen. Anfangs,
rief er, ja Anfangs, da sah es freilich bel aus; die Franzosen kamen wthend
wie die Tigerthiere; Der forderte Wein, Jener wollte Braten und Fisch, und die
Verwirrung war grenzenlos, denn die armen unvernnftigen Bauern verstanden nicht
einmal, was ihre Gste wollten; diese nahmen ihre Zuflucht zu Prgeln, um sich
verstndlich zu machen; die Weiber fingen an zu heulen; die Kinder kreischten
dazwischen; kurz, es war ein Getse, als ob die Welt untergehen sollte. Zum
Glck war ich gegenwrtig, fuhr der Arzt mit Selbstzufriedenheit fort; ich, der
niemals seine Pflichten versumt, wenn die Erfllung derselben auch mein Leben
in Gefahr bringen sollte, ich besuchte heute wie immer meine Kranken, und auch
zu dem Schmerzenslager drang das wste Geschrei. Da ich nun franzsisch
verstehe, so konnte ich wie eine wohlthtige Gottheit zwischen Feinde und Bauern
treten; ich bewirkte, da die Franzosen ihre Forderungen herabstimmten, indem
ich ihnen die Unmglichkeit zeigte, da der Bauer nicht geben knne, was er
nicht hat; und ich erklrte den Bauern die Bedrfnisse ihrer Gste; diese hrten
auf zu prgeln, und die Weiber, statt zu heulen, deckten die Tische. Die Feinde
wurden guter Laune und die Gemther nherten sich; dabei fand es sich, da
einige Franzosen krank sind, die Feldapotheke ist aber schlecht versehen, und
der junge Arzt der Franzosen war sehr in Verlegenheit; auch hier kann ich
heilbringend dazwischen treten; ich habe, was er bedarf; ich werde ihm selbst
die nthigen Arzneien hinbringen, und er wird meinen Rath benutzen; den Bauern
aber habe ich befohlen, fr Kraftbrhen fr die Kranken zu sorgen.
    Auch dafr, sagte der Graf, wird besser hier im Schlo gesorgt werden
knnen.
    Das ist wahr, rief der Arzt, auch Feinde sind Menschen, die Wissenschaft
macht keine Unterschiede, ich mu sie wieder herzustellen suchen, und wollen sie
so undankbar sein, wenn sie durch meine Hlfe ihre Glieder wieder brauchen
knnen, sie zu unserem Schaden zu benutzen, so ist das ihre Sache, die sie
verantworten mgen.
    Der General war wieder zur Gesellschaft zurckgekehrt und hatte des Arztes
Bericht, von diesem unbemerkt, gehrt. Er verstand im Ganzen seine Mittheilung
und lchelte ber die seltsamen Geberden, womit er seine Rede begleitete. Jetzt,
rief der lebhafte Arzt, mu ich erst sehen, wie es mit Herrn St. Julien steht,
und dann zurck zu meinen Franzosen. Er wendete sich schnell und bemerkte nun,
da der General dicht hinter ihm gestanden hatte, und da er, nachdem er sich
gewendet hatte, in die Augen des feindlichen Anfhrers blickte, so sprang er vor
Schrecken, St. Juliens erwhnt zu haben, drei Schritte zurck. Ich
Unglcklicher! rief er aus, welche Unvorsichtigkeit habe ich begangen! Der
General, der ihn errieth, sagte: Beruhigen Sie sich, ich lasse Ihnen Ihren
Kranken, Sie sind ein braver Mann, wenn auch etwas sonderbar, lcherlich wrden
wir in Paris sagen, aber hier in Deutschland werden Sie vielleicht blo etwas
seltsam genannt werden.
    Der Arzt war erstaunt und emprt zugleich, da man ihn lcherlich finden
knnte, und die dunkle Rthe seines Gesichts wie seine funkelnden Augen zeigten,
da er etwas Heftiges antworten wollte; der Graf, der ihn errieth, lenkte jedoch
seinen Zorn ab, indem er ihn erinnerte, da er heute St. Julien noch nicht
besucht habe, und ihn auch bat, sich nach dem Befinden der Grfin zu erkundigen.
Der Arzt eilte hinaus, diese doppelte Pflicht zu erfllen, und der General
sagte, als er den Saal verlassen hatte, zum Grafen: Das scheint eine gutmthige
Karrikatur. Du hast Deinen Haushalt recht vollstndig auf den Fu der guten
alten Zeit eingerichtet, denn Du besitzest in diesem Deinem trefflichen Arzte,
wie es scheint, zugleich einen Hofnarren.
    Wir mssen es unsern Besiegern gestatten, sagte der Graf lchelnd, unsere
gelehrten Freunde mit Namen zu bezeichnen, wie es ihnen gut scheint, und haben
kein Recht oder wenigstens keine Macht, ihre Freimthigkeit zu beschrnken.
    Nimm es nur nicht bel, sagte der General gutmthig, da ich meine Meinung
ohne Umstnde aussprach; aber gewi mu man sich erst an die wunderlichen
Manieren Deines Arztes gewhnen, ehe man seine guten Eigenschaften gehrig
wrdigen kann, und mit einem Franzsisch ist der Mann behaftet, da ich es, in
welcher Gegend der Welt ich auch war, noch niemals barbarischer vernommen habe.
    Und grade die, sagte der Graf, ist sein Stolz. Er ist berzeugt, da er wie
ein geborner Pariser spricht; sein Ohr hrt gar keinen Unterschied.
    Nun siehst Du, erwiederte der General, Du mut seine Narrheit ja selbst
zugeben.
    Der Prediger konnte sich in der Nhe des Generals gar nicht behaglich
fhlen, und es war ihm also sehr erwnscht zu vernehmen, da die Rckkehr nach
seinem Pfarrhause ohne Gefahr zu bewerkstelligen sei; er beschlo daher, seine
Familie auf dem Schlosse zu lassen, wo er sie unter dem unmittelbaren Schutze
des feindlichen Generals am Sichersten glaubte, und kehrte mit dem Arzte nach
dem Dorfe zurck, um selbst zu sehen, wie es den Bauern erginge.
    Alles war hier in vollkommener Ruhe, die franzsischen Soldaten hatten sich
berzeugt, da die Bauern bereit waren, sie so gut als mglich zu bewirthen; da
sie die Vorrthe der Huser selbst untersucht hatten, so wuten sie, wie weit
sie ihre Forderungen ausdehnen knnten, und waren gengsamer geworden.
    Nachdem sie ihre Waffen geputzt hatten, fingen sie an, mit den Kindern zu
spielen oder ihrem Wirthe in seinen huslichen Beschftigungen zu helfen. Einige
suchten sich eine Violine und einen Ba zu verschaffen, um in der Schenke zum
Tanze zu spielen; denn die jngeren Soldaten hatten sich nicht eher zufrieden
gegeben, bis sie alle weiblichen Personen, die das Regiment begleiteten, zum
Tanze willig gemacht hatten; auch einige Mgde aus dem Dorfe waren berredet
worden, und so zog nun diese ansehnliche Schaar der Schenke zu, um den Ball zu
erffnen.
    Die Kranken fand der Arzt um Vieles besser, da sie sich durch die vom
Schlosse gesendeten Kraftbrhen und durch den guten, ebenfalls von dort
erhaltenen Wein sehr gestrkt fhlten.
    Der franzsische Arzt war dankbar fr die Arzneien, die ihm sein deutscher
Kunstgenosse mittheilte, und der Prediger lud den deutschen wie den franzsichen
Arzt ein, den Abend bei ihm zuzubringen, welches von Beiden bereitwillig
angenommen wurde.

                                      XIII


Der andere Tag ging ohne Strung und ohne merkwrdige Vorflle vorber. Den
folgenden zog der General mit seiner Schaar weiter, um sich der groen Armee
anschlieen. Das Gerusch der Waffen der Gehenden und Kommenden war
verschwunden, und eine so tiefe Ruhe und Stille senkte sich wieder auf das
Schlo nieder, als ob Krieg und Tod gar nicht in der Nhe wtheten.
    Der Graf besuchte nun den Obristen Thalheim, den er vom Schlosse entfernt
gehalten hatte, so lange die Franzosen dort die Herren waren, denn der alte
Krieger wrde nicht mit der nthigen Geduld den Anblick der bermthigen Sieger
ertragen haben. Er theilte ihm zum Troste die Nachricht mit, die sich anfing zu
verbreiten, da endlich die Russen zum Beistande erschienen seien, und man
hoffte nun mit Gewiheit, da Napoleons Macht an dem nordischen Kolo scheitern
wrde.
    Auf St. Julien schienen mancherlei Bewegungen des Gemths nachtheilig
gewirkt zu haben, denn sein Zustand fing sich an merklich zu verschlimmern;
seine Wunden entzndeten sich von Neuem, und der Arzt gerieth in Verzweiflung.
Emiliens Kummer war sichtbar, wenn der junge Mann so bleich und im Fieber
zitternd in der Gesellschaft erschien, und ihre fragenden, theilnehmenden Blicke
senkten Balsam in das verwundete Gemth des Kranken. Der Graf und die Grfin
bemhten sich liebevoll ihn aufzurichten, und Dbois verdoppelte Aufmerksamkeit
und Pflege. Selbst der Obrist Thalheim bewies dem jungen Manne aufrichtige
Theilnahme und vermied es sogar, in seiner Gegenwart die Franzosen zu
verwnschen, so da nach und nach Ruhe und Heiterkeit in seine Seele
zurckkehrte. Die Bauern hatten durch die kurze Anwesenheit der Franzosen mehr
gelitten, als man Anfangs glaubte, und der Graf mute auch hier helfend
eintreten, wenn nicht einige ganz zu Grunde gehen sollten; er selbst erwhnte
seinen eigenen Verlust nicht, ob dieser gleich nicht unbedeutend war.
    So war das Weihnachtsfest herbeigekommen, und obgleich Jeder dem Andern
kleine Geschenke bot und mit Dankbarkeit als Zeichen der Liebe empfing, so waren
doch alle Gemther zu sehr gedrckt, als da eine allgemeine Heiterkeit htte
stattfinden knnen. Die Feinde waren Herren des Landes, das von ihnen planmig
ohne Schonung benutzt wurde; die Festungen waren in ihrer Gewalt, und Niemand
konnte es sich ablugnen, da eine groe Entscheidung nahe sei, denn, mute die
Macht Rulands vor der Napoleons weichen, so war es nur zu gewi, da er ohne
Widerspruch das Schicksal des unglcklichen Landes bestimmen durfte.
    Diese traurige Stimmung wurde noch erhht, als die Nachricht von der
unglcklichen Schlacht bei Pultusk sich verbreitete; beinah aller Muth und alle
Hoffnungen wurden erschttert. Die langen traurigen Winterabende trugen dazu
bei, die Schwermuth zu erhhen. Nur mit Anstrengung vermochte man zuweilen aus
der Wirklichkeit hinweg zu flchten, und in Poesie und Musik den Trost zu
suchen, den das Leben in der Gegenwart nicht gewhren konnte.
    Endlich kam die Nachricht von einer furchtbaren Schlacht, die den 7 und 8
Februar bei Eylau geschlagen sein sollte. Das Gercht verkndigte, die Russen
wren die Sieger und Napoleons Armee nach einem frchterliche Blutbade
vernichtet. Wenn auch das menschliche Gefhl die auf Hohenthal vereinigten
Freunde zu schaudern zwang ber den grlichen Untergang so vieler Tausende, so
erhob sich in der Seele doch die lange nicht gekannte Freude; die Hoffnung regte
sich im Herzen; man glaubte wieder an die Rettung des Vaterlandes, und wenn man
auch ahnete, da noch manche Kmpfe zu bestehen sein drften, so fate man doch
Muth nach diesem ersten Pfande des wiederkehrenden Glcks. Nur St. Julien
schlich bei der allgemeinen Freude hinweg; er fhlte mit innigem Schmerz die
Niederlage der Franzosen; er zweifelte aber an der Wahrheit der Berichte, der
Sieg schien ihm gefesselt an die franzsischen Adler; er konnte sich die
Mglichkeit nicht denken, da die dreifarbige Fahne rckwrts wiche, und er
hoffte also mit Sehnsucht auf bestimmte Nachrichten, die, wie er nicht
zweifelte, diesen ersten widersprechen wrden. Aber sein Herz war getheilt, er
mute es sich gestehen, da ihm der Sieg der Franzosen keine reine Freude
gewhren wrde, weil er seine deutschen Freunde, an die ihn tausend zarte Bande
knpften, so innig schmerzen mute.
    Ueberhaupt hatte St. Julien im Umgange mit diesen Freunden das Leben anders
betrachten gelernt; er hatte mit einem gewissen Leichtsinn, wie beinah alle
jungen Leute in Frankreich, Militrdienste genommen; es schwebte ihm dunkel das
Bild des glnzenden Ruhmes vor, den er, durch Napoleons Stern geleitet, gewinnen
wollte, ein strahlender Name in der Geschichte, und als Lohn im gegenwrtigen
Leben in der Ferne der Marschallsstab von Frankreich. Er hatte sich nie gefragt,
wehalb diese Kriege gefhrt wrden und welchen Zweck sie befrdern sollten.
    Hier nun unter Frankreichs Feinden hatte er den Beistand gefunden, der ihm
das Leben rettete, und hier ffnete sich sein Herz Gefhlen, die ihm die Leben
verschnerten und ihm bis dahin fremd gewesen waren; denn wie innig er seine
Mutter auch liebte, so fhlte er doch, da er der Grfin mit grerer
Zrtlichkeit ergeben sei. Der Graf flte ihm nicht nur die Liebe ein, die er
fr einen Vater empfunden haben wrde, wenn er jemals einen Vater gekannt htte,
sondern er betrachtete ihn auch mit Bewunderung; er war ihm das Vorbild eines
vollendeten edeln Mannes, dessen kleine Schwchen selbst seinen Charakter mehr
zierten, als entstellten. Sein empfngliches Gemth ffnete sich dem Zauber, den
die Dichtkunst auf ihn bte, die er durch den Grafen in den Werken aller
Sprachen kennen lernte, und er empfand es lebhaft, welchen nie versiegenden
Quell der edelsten Gensse ein gebildeter Geist in sich trgt. Und Emilie! Schon
der Klang ihres Namens bewegte ihm das Herz in seinen Tiefen, jeder ihrer
Blicke, jedes ihrer Worte umstrickte ihn mit neuem Zauber; er fhlte die
glhendste Leidenschaft, die zrtlichste Sehnsucht in seiner Seele und wagte es
zu hoffen, da ein hnliches Gefhl sich auch in ihrem Busen entzndet htte.
    Unter diesen Umstnden war ihm der Gedanke schrecklich, die Haus, diese
Menschen je verlassen zu mssen, und doch war die, sobald der Friede
geschlossen war, unvermeidlich, und er schlo sich seinen deutschen Freunden und
vor Allen Emilie nur um so inniger an, um ber der beglckenden Gegenwart die
qulenden Sorgen fr die Zukunft zu vergessen.
    Es konnte der Grfin nicht entgehen, da zwischen St. Julien und Emilie sich
das zarteste, innigste Verhltni bildete; es erfllte die ihr Herz mit Sorgen
fr die Zukunft ihrer jungen Freunde, und dennoch wagte sie nicht mit Emilien
darber zu sprechen, weil oft eine Leidenschaft erst dadurch Macht gewinnt, wenn
man unbestimmten Gefhlen Wort und Gestalt giebt. Die jungen Leute ferner als
bisher von einander zu halten, lie sich ohne fhlbaren Zwang nicht machen, und
dieser wrde ein Mitrauen, welches keines von beiden verdiente, gezeigt haben.
Es blieb also der Grfin nichts weiter brig, als von der Zukunft, wenn auch mit
sorgendem Gemthe, zu erwarten, wie das Loos ihrer jungen Freunde sich
entwickeln wrde.
    Unter diesen verschiedenartigen Hoffnungen und Sorgen hatten die Freunde
mehrere Tage gelebt; da begann die Hoffnung, welche nach der Schlacht bei Eylau
erregt worden war, nach und nach zu sinken. Der Obrist Thalheim, der sich am
lebhaftesten gefreut hatte, wurde zuerst bedenklich, da nach diesem groen
Schlage keine Vernderung in der politischen Lage fhlbar wurde. Er fing zuerst
an den groen Sieg zu bezweifeln, und bald konnte es sich Niemand mehr
verbergen, da zwar ein groes Blutvergieen bei Eylau stattgefunden hatte, aber
da es fr keine Partei entscheidend gewesen war. Ein Schimmer von Hoffnung
erhielt sich noch; die Franzosen hatten doch auf jeden Fall einen sehr krftigen
Widerstand gefunden und nach diesem blutigen Tage keine bedeutenden Vortheile
gewonnen.
    Whrend solcher Spannung kam der Frhling heran. Die Wiesen bekleideten sich
mit zartem, frischem Grn; der wrzreiche Duft der Veilchen schwebte in den
Thlern; tausend Blumen ffneten ihre Knospen und schimmerten der wrmenden
Sonne in allen Farben entgegen; die Bche waren von den Banden gelst, mit denen
sie der Winter gefesselt hatte, und schlngelten sich wie Silberbnder durch das
frische Grn; das zarte Laub der Birken flimmerte wie duftiges Gold um die
silbernen Stmme, inde Buchen, Linden, Eichen und alle spter sich belaubenden
Bume ernsthaft da standen und die Zweige mit den schwellenden Knospen in der
lauen Luft wiegten, gleichsam als ob sie das voreilige Thun der andern tadeln
wollten.
    Noch kein Frhling hatte St. Juliens Herz mit so trunkenem Entzcken
erfllt, als dieser, und Emilie behauptete, ihn in solcher Schnheit noch nie
erlebt zu haben; auch Theresens Seele ffnete sich dem holden Zauber, und die
jungen Leute vergaen allen Kummer der Welt, wenn sie auf den nahen Bergen umher
schweiften oder durch die blhenden Thler einem klaren Bache folgten, bis er
sich mit Brausen auf die Rder einer einsam gelegenen Mhle strzte. Die lteren
Freunde genossen mit Sorgen die schnen Tage, denn trbe und schwl wie ein
Gewitter drckte die franzsische Macht das Land, und bange harrte man der
Zukunft entgegen.
    Endlich ward die Schlacht bei Friedland geschlagen, und wenige Tage danach
wurde der Waffenstillstand mit Ruland geschlossen und gleich darauf der mit
Preuen. Jetzt muten alle Hoffnungen auf eine bessere Zukunft aufgegeben
werden, denn Jedermann konnte voraussehen, da ein hchst nachtheiliger Frieden
diesem Waffenstillstande folgen werde.
    In dieser Zeit hrte der Graf mit minderer Theilnahme, als wohl sonst in
seinem Charakter lag, die Berichte des Predigers, der schon frher, wie er es
versprochen hatte, Erkundigungen ber alle Mitglieder der Hohenthalschen Familie
hatte einziehen wollen, aber durch die unruhigen Zeiten daran war verhindert
worden. Er konnte jetzt dem Grafen mittheilen, da sein Verwandter, der den
Proze gegen ihn habe einleiten wollen, in sehr bedrngten Umstnden lebe, und
da vermuthlich das so wichtige Dokument, welches der alte Lorenz entwendet
hatte, nur dadurch in die Hnde des Grafen zurckgekommen sei, weil sein Vetter
die erforderliche Summe nicht habe herbeischaffen knnen, um dem alten Lorenz
den Diebstahl zu bezahlen. Auf seine Erkundigung erfuhr der Graf ferner, da
sein feindlich gesinnter Vetter einen einzigen Sohn habe, der in der Schlacht
bei Eylau verwundet worden sei und dessen Schicksal seine Eltern mit dem
tiefsten Kummer erfllte, weil man seitdem keine Nachricht mehr von ihm habe.
    Der Graf beschlo nach diesen Nachrichten, sobald es die Umstnde erlaubten,
mit diesen fernen Mitgliedern seiner Familie in Verbindung zu treten und dann
nach der Art ihres Betragens das seinige abzumessen.
    Es war ein schner, heitrer Nachmittag in der ersten Hlfte des Juli, als
die Grfin mit St. Julien und Emilie den Obristen Thalheim besuchte, der so sehr
von den neuesten Begebenheiten niedergebeugt war, da man fr seine Gesundheit
frchten mute. Der Graf hatte noch einige Rechnungen mit seinem Verwalter
durchzusehen und versprach, den Uebrigen zu Pferde zu folgen. Eben waren seine
Geschfte beendigt, eben wollte er befehlen, sein Pferd vorzufhren, als das
Schmettern eines Posthorns, das ein vielfaches Echo in dem engen Thale weckte,
seine Aufmerksamkeit erregte. Er trat zum Fenster und bemerkte bald, wie ein
leichter, glnzender Reisewagen mit vielen Bedienten durch die Schlucht flog und
in den Baumgang einlenkte, der zu des Grafen Schlo fhrte. Der Wagen flog in
den Hof, zwei Bediente sprangen ab, um den Schlag eilfertig zu ffnen, und
heraus stieg der General Clairmont, der eilig die groe Treppe hinauf sprang
und, ehe der Graf, der ihm entgegen ging, noch die Treppe erreichte, schon in
dessen Armen lag. Ich mute Dich noch sehen, mein guter, theurer Freund, rief
der General, indem er dem Grafen herzlich die Hnde drckte; ich kann nur eine
Stunde bei Dir bleiben, ich bringe wichtige Befehle des Kaisers nach Paris, und
ich machte den kleinen Umweg mit Freuden, um Dich noch ein Mal zu umarmen.
    Der Graf dankte ihm fr seine Freundschaft, und da er nur einen so kurzen
Besuch ankndigte, so wurden sogleich einige Erfrischungen herbei geschafft, und
beide Mnner saen bald in trauliche Gesprche vertieft, zu welcher Unterhaltung
der General das Meiste in der heitersten Laune beitrug.
    Weit Du, rief er endlich, wehalb ich mit solchem Entzcken nach Paris
fliege? Es ist meiner Familie gelungen, eine Verbindung fr mich zu schlieen,
die ich schon einleitete, ehe dieser Krieg ausbrach, und jezt werden meine
Wnsche gekrnt; eine der schnsten Damen in Paris ist meine Braut, jung, reich,
liebenswrdig, talentvoll und, sezte er mit Gewicht hinzu, von altem Adel. Und
die Schne, die in Deiner Begleitung war? fragte der Graf lchelnd. Ach! rief
der General, die lustige Dirne ist fort. Ich wurde bei Eylau, wo es verdammt
hei herging, verwundet, zwar nicht bedeutend, aber ich mute doch einige Wochen
zu Bettliegen; ich vertraute der leichtsinngen Person zu sehr, sie zeigte mir
groe Liebe, bernahm meine Pflege selbst und wich nicht von meinem Lager, und
so kam es, da ich, als ich eines Morgens nach einer ruhigen Nacht erwachte und
erwartete, sie werde wie gewhnlich, mein Frhstck bereiten, erfuhr, sie sei
mit einem jungen Manne davon gegangen, der sich auch im Lager aufhielt und den
sie fr ihren Bruder ausgegeben hatte. Als ich nachsehen konnte, ergab es sich
denn freilich, da sie alles mitgenommen hatte, wozu sie hatten kommen knnen,
aber mag es sein, ich fluche ihrem Andenken dehalb doch nicht; da ich nun eine
ernsthafte Verbindung schlieen will, so htte ich sie doch von mir entfernen
mssen; und so mag sie dann immer ihren Raub als ihre Mitgift betrachten und
einen deutschen Pinsel damit beglcken.
    Es konnte nicht fehlen, da die Unterhaltung bald die Gegenstnde berhrte,
die fr Alle die wichtigsten waren, und als der Graf des Waffenstillstands
gedachte, rief der General: der Friede ist so gut wie geschlossen, und was ich
nimmermehr geglaubt htte, Preuen besteht noch. Der frhere Plan Napoleons,
diese Monarchie gnzlich aus der Reihe der Staaten verschwinden zu lassen, ist
aus persnlicher Freundschaft fr den russischen Kaiser von ihm aufgegeben
worden. Freilich, fgte er lchelnd hinzu, werdet Ihr unschdlich gemacht, die
Hauptfestungen bleiben in unsern Hnden, eine Besatzung frs Erste im Lande,
aber Ihr besteht doch als Monarchie, und das ist bei der jetzigen Lage der Dinge
etwas Groes zu nennen.
    Eine dunkle Rthe des Zorns frbte die Wangen des Grafen, der in dem
leichtsinnigen Freunde einen hhnenden Feind zu erblicken glaubte; mit Mhe
hielt er sein Gefhl zurck und sagte mit unterdrckter Stimme: Es ist auch
etwas Groes, da Preuen noch besteht, und Wer wei, was sich in der Zukunft
daraus entwickeln kann.
    Gewi, fuhr der General scherzend fort, ohne des Grafen vernderte Stimmung
zu bemerken, Manches werdet Ihr Euch jetzt mssen gefallen lassen. Napoleon
verfolgt standhaft seinen Plan, England zu verderben, und da dieses Volk am
Schmerzlichsten in seinem Handel verwundet werden kann, so mt Ihr groherzigen
Preuen dem Prohibitiv-Systeme beitreten und den Insulanern Eure Mrkte
verschlieen; daraus folgt dann freilich, da Eure alten Frauen und
Kaffeeschwestern Napoleon verwnschen werden, weil er ihre Gensse strt, aber
dieser ohnmchtige Zorn wird Frankreichs Kraft nicht erschttern.
    Gewi, sagte der Graf, wre es thricht und kindisch von uns, an so
armselige Gensse zu denken, wenn das Vaterland untergeht, und mir scheint, es
haben die denkenden Geister so triftige Grnde, so tief gefhlte Ursachen, Eures
Kaisers eisernen Scepter zu verabscheuen, da es dieser kleinlichen Dinge dazu
nicht erst bedarf. Aber auch dafr wollt Ihr sorgen, so scheint es, da auch der
arme und beschrnkte Geist jeden Tag und jede Stunde an seinen gegrndeten Ha
erinnert wird. Es ist ganz etwas anders, fuhr der Graf heftig fort, als er
bemerkte, da der General ihn unterbrechen wollte, wenn einem Volke eine
Entbehrung auferlegt wird, die zu seiner Erhaltung dient, deren Nothwendigkeit
es selbst fhlt und einsieht, und Frankreich wird vielleicht noch einmal
erfahren, welche Entbehrungen die Preuen erdulden knnen, um ihr Joch
abzuschtteln. In einem solchen Falle zu seufzen und zu klagen wre unmnnlich
und verchtlich. Aber wenn ein Fremder das Recht des Sieges schnde mibraucht,
wenn er, um unausfhrbare Plane zu verfolgen, den Armen selbst bis in seine
huslichen Einrichtungen verfolgt und drckt, so wird diesem Armen das weitere
Nachdenken erspart und sein Ha wird ohne Geistesanstrengung genhrt. So oft ein
Armer den jmmerlichen Genu eines angewhnten Getrnks entbehren mu, so oft
die Frau eines in seinen Mitteln beschrnkten Brgers daran denken mu, ihren
Tisch so zu bestellen, da sie den Zucker entbehren kann, eben so oft werden
alle diese Menschen fhlen, da ein furchtbarer Despotismus sich auf uns
gelagert hat, und es wird der unertrgliche Druck, den Willkhr und Laune gegen
das uere Leben ben, im Volke gewi einen eben so lebhaften Abscheu, einen
eben so glhenden Ha entznden, wie edlere Grnde bei dem gebildeten Theile der
Nation, und wenn Frankreichs Kaiser, wie aus einem Herzen, von allen diesen
Millionen verabscheut wird, so mu er unterliegen.
    Halt! sagte der General ernsthaft, Dein Eifer fhrt Dich zu weit und Du
bringst Dich in Gefahr, ohne Deiner Sache zu ntzen. Ich kann es mir denken,
wenn Ihr an Euerm Knig hngt, da Euer Herz mit Kummer erfllt ist. Ich sehe es
ein, da Eure National-Ehre gekrnkt ist und die knnte auch einen Franzosen
zur Verzweiflung bringen, aber wenn ich Dir so viel einrume, so gib auch Du zu,
da solche Rcksichten unsern Kaiser nicht hindern drfen, sein groes Ziel zu
verfolgen, und bedenke, da die Zeit viel zu aufgeregt ist, als da ungeahnet
Reden, wie Du sie fhrst, geduldet werden knnen; bedenke, da Du Dich dann
nicht ber Napoleon zu beklagen hast, wenn solche Unbesonnenheiten Dein Unglck
herbeifhren, und wenn, wie es scheint, fuhr er lchelnd fort, die
Kolonialwaaren zu Deiner Familienglckseligkeit nothwendig sind, so bin ich der
Mann, der Dir persnlich die Freiheit verschaffen kann, so viel davon kommen zu
lassen, da Du die Wohlthat selbst auf Deine Bauern ausdehnen kannst.
    Der Graf mute lachen, sich so wenig verstanden zu sehen; inde gab er dem
besorgten Freunde darin Recht, da die gegenwrtige Zeit mehr Vorsicht
erheische, und er versprach ihm diese Vorsicht zu ben.
    Und nun, rief der General, lebe wohl! Meine Zeit ist gemessen, empfiehl mich
Deinen Damen, deren Anblick, wie es scheint, mir versagt bleiben soll, ich mag
als Feind oder Freund erscheinen, und doch gestehe ich, ich htte gern der Frau
meine Huldigung dargebracht, die Dich Philosophen zu fesseln vermochte. Nachdem
er den Grafen mit Herzlichkeit umarmt hatte, eilte er die Treppe hinunter,
sprang in den geffneten Wagen, und dahin flog die leichte Equipage durch den
Baumgang, und bald schmetterte das Posthorn und weckte das Echo in dem engen
Thale von Neuem. Der Graf stand und schaute dem enteilenden Freunde nach, bis
sich die Tne in der Ferne verloren.

                                      XIV


Es war ziemlich spt geworden, als der Graf endlich die Wohnung des Obristen
erreichte. Man war dort schon ber sein langes Ausbleiben ngstlich geworden,
und Alle begrten ihn mit Herzlichkeit, da er in ihrer Mitte erschien. Der Graf
theilte die Ursache seiner verzgerten Ankunft mit, und die Grfin war froh, da
ein glcklicher Zufall sie begnstigt hatte, und sie, ohne da es auffallend
erschienen, die Gesellschaft des General Clairmont hatte vermeiden knnen. Der
Obrist fragte ngstlich, ob der General nichts ber den zu erwartenden Frieden
geuert habe, und als der Graf ihm nun alles mitgetheilt hatte, was ihm selbst
bekannt war, rief der alte Krieger mit gefalteten Hnden und den Blick gen
Himmel gerichtet: Gott sei gedankt, da doch wenigstens ein Kern des Vaterlandes
bleibt, aus dem sich eine neue Kraft entwickeln kann; in unserm unsglichen
Elende mssen wir den Himmel fr diese Gnade preisen. Uns bleibt doch auch unser
Knig, kein Franzose wird uns beherrschen. Ach! fuhr er mit Rhrung fort, wenn
es mglich ist, da die Verstorbenen von uns wissen, so mu es den groen
Friedrich mitten in seiner Seligkeit schmerzen, zu sehen, wie das Werk seines
Heldenmuthes und seiner Staatskunst untergeht, und durch wen? Durch dieselben
Franzosen, die er bewunderte und bei allen Gelegenheiten seinen deutschen
Unterthanen vorzog.
    Der Graf bemerkte, da er nur das Allgemeinste ber den bevorstehenden
Frieden wisse, da er aber gewi mit Opfern aller Art werde erkauft werden
mssen, und da zu befrchten sei, da, wenn die eigne Kraft zu sehr geschwcht
wrde, dann auch von Ruland fr die Zukunft nichts zu hoffen sei. Die Unglck,
rief der Obrist, mag ich gar nicht denken, ich betrachte jeden Frieden mit
Frankreich nur wie einen Waffenstillstand, um neue Krfte zu sammeln, und der
Kampf wird sich immer wieder erneuern, bis endlich der gemeinsame Feind erliegt.
    Da der Graf bemerkte, wie peinlich fr St. Julien die Unterhaltung wurde, so
suchte er die Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand zu lenken und fragte
den Obristen, ob er sich nicht freuen wrde, vielleicht nach dem Frieden den
jungen Grafen Hohenthal wieder zu sehen, da er gehrt habe, er sei frher mit
ihm bekannt gewesen? Dem Obristen fiel bei dieser Frage alles das Nachtheilige
ein, was der junge Graf so oft ber seinen Oheim und dessen Gemahlin geuert
hatte, und er antwortete daher mit Befangenheit, wohl wrde es ihn freuen, mit
dem jungen Manne wieder zusammen zu treffen, der so oft die trben Tage seiner
Einsamkeit erheitert habe. Der Graf fragte ber den Charakter seines jungen
Vetters, und obwohl der Obrist nur lobend sich ber ihn uerte, so geschah die
doch mit so vieler Zurckhaltung, da der Graf mitrauisch wurde und glaubte,
der Obrist wollte nur aus Schonung fr ihn nichts Nachtheiliges ber seinen
Verwandten sagen.
    Theresens Wangen glhten, sie konnte die Zurckhaltung ihres Vaters nicht
begreifen; sie schien ihr gar nicht mit der Wahrheit seines Charakters vereinbar
zu sein; sie wute, wie er ber den jungen Grafen dachte, und nun war sein Lob
so kalt, so gemessen, da es beinah wie Tadel klang. Ach, htte sie das Bild des
jungen Mannes entwerfen drfen, wie es in ihrer Seele lebte, der Graf wrde dann
nicht ein so gleichgltiger Zuhrer gewesen sein. Wie oft in den Stunden der
bittersten Noth hatte ihre Phantasie ihn vorgespiegelt, wie auf einmal der junge
Held erscheinen, und durch ihn alles unsgliche Elend in Glck und Freude
verwandelt werden wrde, und nun, da sie ihn mit solcher Klte mute loben
hren, schien es ihr, als ob die zrtlichen, sinnigen Augen ihres Freundes zu
ihr hinber blickten und von ihr Gerechtigkeit forderten.
    Die Gesellschaft trennte sich spt und kehrte in einer schnen, warmen,
mondhellen Nacht nach Schlo Hohenthal zurck. Hier erfuhr der Graf, da der
Prediger dagewesen sei und ihn dringend zu sprechen gewnscht habe; auch
berichtete Dbois, da der geistliche Herr versprochen habe, des andern Tages in
der Frhe wieder zu erscheinen. In der That war die Gesellschaft am andern
Morgen auch kaum versammelt, als der Pfarrer eintrat, und nach den ersten kurzen
Begrungen den Grafen bei Seite nahm und hastig ihn um die Nachrichten fragte,
die General Clairmont mitgebracht habe, dessen kurzer Besuch auf dem Schlo dem
Pfarrer schon bekannt war. Der Graf mute das schon fter Mitgetheilte
wiederholen, und weder der Prediger noch der Arzt, der auch hinzugetreten war,
konnten viel Trstliches in diesen Nachrichten finden. Der Krieg, sagte der
Prediger endlich, hat uns viel Unglck gebracht, und von dem Frieden, scheint
es, drfen wir wenig Gutes hoffen; inde wird doch wenigstens dann wieder ein
geregelter Gang der Geschfte eintreten; die Menschen werden sich doch regen und
wieder erwerben knnen, und das ist bei der jetzigen allgemeinen Noth immer
schon ein groer Trost. Ich werde dann auch wieder fr Manche etwas thun knnen,
um ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und auch unserem Schulzen hier
kann ich dann doch vielleicht zu seiner Erbschaft verhelfen, wenn alle Behrden
erst wieder in Thtigkeit sind. Recht! rief der Arzt, nicht die Sache der
Menschheit aufgegeben, durch keine Noth, durch kein Drangsal darf ein edler
Geist dahin gebracht werden, auch ich will meine Studien fortsetzen, und wenn
der Friede eintritt, werden mir doch wenigstens die Mittel dazu nicht mehr
fehlen; der Verkehr der Geister wird wieder frei.
    Der Graf bewunderte schweigend, welche Armseligkeiten die meisten Menschen
zu trsten und zu beruhigen vermgen, und durch welche unbedeutenden Gegenstnde
ihr inneres Auge von den groen Ereignissen der Zeit abgelenkt wird.
    Der vielbesprochene Friede wurde endlich bekannt, und jeder Preue konnte
nicht anders als mit heiem Schmerz die tiefe Herabwrdigung des Vaterlandes
betrachten, die in diesem Frieden lag. Er war so drckend, da es beinah wie
Spott klang, diese Uebereinkunft Friede zu nennen. Beinah unerschwingbare Summen
muten bezahlt werden, die Hauptfestungen blieben in Franzsischen Hnden, eine
Besatzung im Lande, und das Preuische Heer mute bis zur Unbedeutenheit
vermindert werden.
    Ueber die gefurchten Wangen des Obristen Thalheim flossen heie Thrnen, als
er die Bedingungen dieses Friedens las. Es ist vorbei, rief er dem Grafen zu,
Preuen ist verloren, die Bedingungen knnen nicht erfllt werden, dann haben
die Franzosen einen Vorwand und bleiben unsere Herren, und wenn durch ein Wunder
Alles sollte erfllt werden knnen, so bleibt es immer der Gromuth der Feinde
berlassen, ob sie gehen wollen, denn wir behalten keine Armeen, sie zu
vertreiben.
    Obgleich der Graf selbst niedergeschlagen war, suchte er doch seinen alten
Freund aufzurichten, indem er ihn darauf aufmerksam machte, da gerade aus
dieser Verzweiflung sich eine Kraft entwickeln knne, die Niemand noch ahnete.
Die nchste Sorge, schlo er, wird sein mssen, die Summen herbei zu schaffen,
die den raubgierigen Feinden zu zahlen sind, und die, mein theurer Freund,
frchte ich, wird noch vieles Unglck herbeifhren, denn durch diese Anstrengung
werden unzhlige Familien verarmen, und doch sind sie durchaus nothwendig, damit
die Feinde aus Berlin weichen und der Knig wieder in der Mitte seiner
Unterthanen sein kann.
    Ach mein armer Knig! rief der Obrist, wie mu sein edles Herz bluten, wenn
er all das Elend betrachtet, das auf seinen Kinder ruht, denn er liebt sein
Volk; er hat das Herz eines Vaters fr unsere Leiden, und mit welchen Schmerzen
fhlt gewi die Knigin die allgemeine Noth.
    Wir mssen, sagte der Graf, das edle Beispiel nachahmen, das unser
Knigshaus uns giebt. Der Knig hat seinen Haushalt auf's Aeuerste beschrnkt,
um die allgemeine Last so viel als mglich zu erleichtern. Wenn wir Alle uns auf
das Nothwendigste beschrnken und alles Ueberflssige zum Besten des Staats
verwenden, so lt sich hoffen, da vielleicht den drckenden Verpflichtungen
genug gethan werden kann.
    Der Obrist betrachtete den Grafen mit einem traurigen Blick, fate dann
seine Hnde und sagte mit bebender Stimme: Der Knig kann nichts mehr fr den
Einzelnen thun, es wre Wahnsinn, es noch zu hoffen; also, theurer Graf, werden
Sie niemals den kleinsten Theil aller fr mich gemachten Auslagen
zurckerhalten.
    Sind wir denn noch so kalte Freunde, sagte der Graf in dem Tone sanften
Vorwurfs, da Sie an diese Armseligkeit denken und sich darber Sorge machen?
Lassen Sie uns jetzt den Kummer ber unser Vaterland theilen, aber auch die
Hoffnung fr die Zukunft nicht ganz aufgeben.
    Die Freunde trennten sich, und obwohl der Obrist tief ber sein Vaterland
trauerte, so segnete er doch sein Geschick, das ihm einen Freund zugefhrt
hatte, der ihn mit starker Hand von dem Abgrunde zurckgezogen hatte, in welchen
er beinahe versunken wre, und dessen Liebe nun sein Alter mild schirmte.
Unwillkhrlich wurden seine Gedanken Worte, und er rief, indem er die Hand der
Tochter drckte: Ja, er handelt gegen mich wie ein liebender Sohn! Die Tochter
verstand sein Gefhl und drckte einen Ku auf die vterliche Hand.
    Wenige Tage, nachdem der Friede allgemein bekannt geworden war, erschien der
Baron Lbau auf Schlo Hohenthal, um den Grafen, seinen Nachbar, wie er sagte,
freundschaftlich zu besuchen. Man bemerkte aber bald, da mit diesem Besuche
noch eine Absicht verbunden sei, und da er das Gesprch mannigfach wendete, um
mit diplomatischer Feinheit seinem Zwecke nher zu rcken; endlich uerte er,
da doch nun der Friede dem Lande wiedergeschenkt sei, so schiene es ihm passend,
eine anstndige Freude darber zu bezeigen.
    Und aus welchem Grunde, fragte der Graf, kann uns dieser Friede erfreulich
scheinen?
    Einmal, sagte der Baron mit Verlegenheit, ist doch das Blutvergieen
geendigt, und dann, theurer Graf, bester Nachbar, die Klugheit fordert es, da
wir uns erfreut darber zeigen, da wir unsern Knig behalten. Welcher
preuische Unterthan, entgegnete der Graf, hat hierber wohl ein anderes Gefhl,
und welcher Mann von Ehre wird ein anderes bei uns voraussetzen?
    Ganz gut, sagte der Baron mit wichtiger Miene, aber leider trifft man nicht
auf lauter Mnner von Ehre. Ich mu es sagen, ob es mich gleich schmerzt, man
hat nur zu viel darber gesprochen, da Sie, mein bester Nachbar, ein heimlicher
Anhnger der Franzosen wren, des guten Herren St. Julien wegen, der bei Ihnen
im Hause lebt. Mir ist der Zusammenhang dieser Sache zu genau bekannt, ich habe
also allenthalben widersprochen, berall Ihre Partei genommen, aber was ist die
Folge davon gewesen? Nichts anderes, als da man mich fr Ihren Mitschuldigen
erklrt. Wir mssen also durchaus etwas thun, die Gemther zu vershnen, wenn
uns diese Ansicht nicht hchst nachtheilig sein soll; kurz, wir mssen ein
Friedensfest veranstalten, zuerst mag die bei Ihnen geschehen, dann bei mir.
    Ich bin gern bereit, sagte der Graf mit Heftigkeit, alle meine Nachbaren und
Freunde bei mir zu sehen, aber unmglich kann ich sie unter dem Vorwande
versammeln, als wolle ich mich mit ihnen ber einen Frieden erfreuen, der mein
Herz mit dem tiefsten Kummer erfllt.
    Thun Sie es unter welchem Vorwande Sie wollen, sagte der Prediger, der zu
der Gesellschaft hinzugekommen war, aber ich glaube selbst, da es gut ist, wenn
Sie sich Ihren Nachbarn mehr nhern, denn ich kann nicht lugnen, da die
nachtheiligen Gerchte, welche der Herr Baron erwhnte, wirklich bestehen, und
es ist das letzte Mittel, um zu zeigen, da man nichts Verdchtiges in seinem
Hause hegt, wenn man es einer groen Gesellschaft ffnet.
    Wenn es denn sein mu, sagte der Graf empfindlich, da ich, um mich von
Verdacht zu reinigen, meine Nachbarn bewirthe, so mag ein solches Reinigungsfest
in des Himmels Namen stattfinden, ich will mich nicht weigern; aber als
Freudenfest wegen dieses Friedens will ich es nicht betrachtet wissen.
    Bedienen Sie sich eines andern Vorwandes, sagte der Prediger, man wird Ihnen
auf jeden Fall dankbar sein, wenn Sie anfangen, die Gesellschaft wieder zu
vereinigen, wodurch den Menschen ein Uebergangspunkt von der langen drckenden
Traurigkeit whrend des Krieges zu neuer Heiterkeit gegeben wird.
    In einigen Tagen, sagte der Graf, fllt der Geburtstag der Grfin ein; ich
werde also an diesem Tage ein Fest veranstalten, so gut es auf Hohenthal gehen
will.
    Schn, sagte der Baron; dabei kann auf jeden Fall unter Trompetenschall die
Gesundheit des Knigs getrunken werden, der Lrm, das Jubeln dabei mu so laut
als mglich getrieben werden, um eine bedeutende Wirkung hervorzubringen. Bei
mir bleibt es ein Friedensfest, ich beabsichtige damit Mancherlei, worber ich
mich jetzt noch nicht erklren kann. Mit schlauem Lcheln entfernte sich der
Baron, nachdem er seine Absicht erreicht hatte. Der Graf hatte nur ungern
nachgegeben, ihm schien es nicht anstndig, eine laute Freude zu bezeigen bei so
viel Ursache zum Kummer; auch glaubte er, selbst die Summe, die fr ein solches
Fest aufgewendet werden mte, knne im gegenwrtigen Augenblick besser benutzt
werden; inde, da nun einmal das Versprechen gegeben war, so wurden Einladungen
weit und breit versandt. Die Grfin und Emilie ordneten mit Dbois an, wie die
Gensse dieses Festes aufeinander folgen sollten, und der alte Haushofmeister
sorgte viel zu eifrig fr die Ehre des Hauses, als da nicht durch ihn die
Wirthschafterin und die Kche gehrig in Thtigkeit gesetzt worden wren.
    Whrend der Beschftigungen des Schlachtens, Backens und aller anderen
Vorbereitungen, die ein groes Fest auf dem Lande erfordert, konnte es der Graf
nicht lassen, seinem Mimuthe dadurch Luft zu machen, da er zuweilen mit St.
Julien darber scherzte, wie mhselig diese Anstalten zur Freude wren, bei
denen doch am Ende Alles auf Essen und Trinken hinaus liefe. Der junge Mann gab
ihm Recht, und die Grfin bemerkte: Es giebt berhaupt sehr wenige
Festlichkeiten, bei denen der Genu im Verhltni zu der Mhe stnde, die die
Anstalten dazu verursachen.
    Die Aufmerksamkeit wurde auf einen andern Gegenstand gelenkt, als der
Prediger kam und dem Grafen einen Brief brachte. Ich kann es mir nicht erklren,
sagte der Geistliche, ich habe hier noch einen Brief, der ist von dem alten
Lorenz, worin er mich ersucht, ihm seine Pension, die Sie ihm auszahlen, zu
bermachen; er fgt zu diesem Zwecke auch die Quittung bei, und mit demselben
Boten kommt der Brief an Sie, und dieser Bote ist ein Bauer von dem Gute Ihres
Herren Vetters, der mir versichert, der alte Lorenz sei dort auf dem Schlo;
auch ist der Brief an Sie mit dem Hohenthalschen Wappen gesiegelt.
    Der Graf ffnete die Schreiben, und es fand sich, da es von seinem Vetter,
dem jungen Grafen, war, der ihm meldete, da er schon lange das Verlangen gehegt
habe, ihm, als seinem Verwandten, seine Hochachtung zu bezeigen, und da nun
durch die groe Reduktion der Armee er fr jetzt verabschiedet sei, so glaube
er, die Mue, die ihm dadurch geworden, nicht besser benutzen zu knnen, als
wenn er diesen lang genhrten Wunsch befriedige, und so kndigte er sich hiemit
fr einen der nchsten Tage auf Hohenthal an.
    Der Brief war mit so groer Zurckhaltung und trockner Klte geschrieben,
da er keine gute Meinung fr den Verfasser bei dem Grafen erregte, denn er
dachte: Ist es fr ihn ein so lstiger Zwang, mich zu besuchen, so htte er es
ja unterlassen knnen, da ihn Niemand dazu aufgefordert hat; macht er aber die
Reise trotz seines Widerwillens, so mu eine Absicht damit verbunden sein. Inde
verschwieg der Graf diesen Gedanken und uerte blo gegen den Prediger, da es
ihn freue, seinen jungen Vetter kennen zu lernen, der ihm seinen Besuch
ankndigte. Ich konnte nicht darauf kommen, setzte er hinzu, ihn zu unserm Feste
einzuladen, da ich nicht wute, da er schon bei seinen Eltern ist, und auch die
Entfernung zu gro ist, als da man ihn zu den Nachbaren rechnen knnte; der
Weg, den er zu machen hat, mu schon eine Reise genannt werden, und ich hoffe
dehalb, er wird sich lnger bei mir aufhalten wollen, wenn er auch noch zu
unserm Friedensfeste kommen sollte.
    Ich begreife nur nicht, was der alte Lorenz dort macht, sagte der
Geistliche. Da er kein Dokument mehr verkaufen kann, sagte der Graf mit einiger
Bitterkeit, so lassen Sie ihn treiben, was er will. Er hndigte hierauf dem
Geistlichen die halbjhrige Pension des ehemaligen Kastellans gegen dessen
Quittung ein, der darauf den Boten am andern Tage zurckzusenden versprach.
    Es war am Vorabende des groen Festes, alle Anstalten waren beendigt, und
man konnte nun dem verstndigen Dbois die Ausfhrung ruhig berlassen. Jetzt,
sagte die Grfin scherzend zu Emilie, die eben etwas erhitzt und ermdet
eintrat, fngt das Fest fr uns schon an; nun brauchen wir fr nichts mehr zu
sorgen, jetzt ruht die Brde allein auf Dbois Schultern, der das groe Werk
gewi zu unserer Zufriedenheit ausfhren wird; also setze Dich nun zu uns und
la uns einmal wieder ein vernnftiges Gesprch fhren, wozu seit gestern kein
Mensch hat kommen knnen.
    Emilie wollte eben antworten, als man einen Wagen vorfahren hrte. Um Gottes
Willen! rief St. Julien, es kommt doch wohl nicht ein voreiliger Gast schon
heute. Man eilte zu den Fenstern; der angekommene Fremde war schon ausgestiegen,
inde der leichte, kleine, mit zwei unansehnlichen Pferden bespannte Reisewagen,
der Knabe von funfzehn bis sechszehn Jahren, der zugleich Kutscher und Bedienter
zu sein schien, die Alles deutete auf keinen vornehmen Gast. Die Gesellschaft
wendete sich eben nach dem Saale zurck, als Dbois die Flgelthren ffnete und
mit ehrerbietiger Stimme in den Saal hinein rief: der Herr Graf von Hohenthal.
Der Angekndigte trat ein, und Aller Augen waren auf einen jungen Mann
gerichtet, dessen edler Anstand fr ihn htte einnehmen knnen, wenn nicht dem
schnen, ausdrucksvollen Gesichte alle Freundlichkeit und Milde gemangelt htte.
Er war bla und mager nach berstandener Krankheit und Anstrengung. Zwischen
seinen Augenbraunen ruhte ein Zug, den man htte feindlich nennen knnen, wenn
nicht die Augen einen Trbsinn ausgedrckt htten, der zuweilen bis zur wilden
Verzweiflung gesteigert schien.
    Er nherte sich dem Grafen und sagte, indem er sich mit Klte verbeugte, er
habe den Wunsch nicht unterdrcken knnen, ihm seine Aufwartung zu machen, und
sei schon so frei gewesen, ihm diesen Vorsatz in einem frheren Briefe
anzukndigen. Der Graf erwiederte eben so kalt, da es ihn herzlich freue, einen
Verwandten bei sich zu sehen, dessen Bekanntschaft er sich schon lange gewnscht
habe; er stellte ihn hierauf der Grfin vor und machte ihn mit den Hausgenossen
bekannt.
    Der Grfin verursachte das Feindliche in der Stellung, welche die beiden
Verwandten gegen einander annahmen, die grte Pein, und durch einige herzliche
Worte suchte sie sich dem jungen Manne zu nhern, auf die dieser inde zwar
hflich aber mit schroffer Klte antwortete. Vor St. Julien, als der Graf ihn
nannte, beugte er sich kaum merklich, ohne ein Wort zu sagen, der junge Franzose
erwiederte den Gru, wie er ihn empfing, und in wenigen Minuten war eine
allgemeine und grndliche Verstimmung entstanden.
    Um ein Gesprch anzuknpfen, erkundigte sich der Graf nach dem Vater seines
neuen Gastes und bedauerte, da er so viele Jahre auer aller Verbindung mit
seiner Familie gelebt habe, so da ihm alle Verhltnisse derselben fremd
geworden wren. Der junge Graf scho einen feindlichen Blick auf die Grfin und
sagte, die Trennung des Grafen sei von seinem Vater oft als ein groes Unglck
beklagt worden.
    Ich wte nicht, sagte der Graf, dem der Blick nicht entgangen war,
empfindlich, welch Unglck ich dadurch fr Verwandte herbeigefhrt htte, die
ich kaum in meiner Jugend gekannt habe. Ich fhle wohl, erwiederte sein Vetter,
da diese Erklrung nur mein Vater geben knnte, und da er sie nicht in
Gegenwart von Fremden geben wrde. St. Juliens Auge glhte, er stand auf und
wollte den Saal verlassen. Wo wollen Sie hin, mein bester St. Julien, sagte der
Graf, indem er ihm mit Zrtlichkeit die Hand bot, Sie wissen, wie lieb mir Ihre
Gesellschaft ist, warum wollen Sie uns also verlassen? St. Julien setzte sich
wieder, der junge Graf hatte die Augen zu Boden gesenkt, und es entstand ein
drckendes Schweigen.
    Die Grfin versuchte es von Neuem, das Gesprch wieder zu erffnen, aber
alle ihre Fragen wurden so einsylbig von dem jungen Grafen erwiedert, wie es der
Anstand nur irgend erlaubte. Der Graf verlor beinah die Geduld, doch da er
dachte, da das Kommen seines jungen Vetters gewi einen Zweck habe, so that er
sich selbst Gewalt an, um wo mglich diesen kennen zu lernen. Es waren nach und
nach alle Gegenstnde vergeblich berhrt worden, durch die man hoffen konnte,
ein Gesprch einzuleiten, und der Graf that nun als letztes Hlfsmittel einige
Fragen ber den Krieg.
    Ein schmerzliches, fast hhnendes Lcheln zuckte um den Mund des jungen
Grafen. Wie glcklich, sagte er, da Sie hier den Krieg nicht erlebt haben, da
Sie sich hier in Ruhe und Wohlstand von dem Kriege knnen erzhlen lassen, und
abwechselnd Freunde und Feinde bewirthen. Ich will Ihnen nur eine Geschichte aus
dem Kriege erzhlen, und Sie werden fr Ihre Ruhe dem Himmel danken. Ein junger
Offizier, mein Freund und Waffenbruder, ging mit mir zugleich zum Regiment, und
machte mich auf dem Wege mit seiner Mutter und drei liebenswrdigen Schwestern
bekannt, die auf ihrem Gute wohlhabend mit Anstand lebten. Wir hatten uns kaum
entfernt, so hrten wir, die Franzosen htten es genommen und geplndert. Mein
unglcklicher Freund erfuhr nichts von den Seinigen; bald darauf wurde das
Schlo von den Preuen genommen, welche die Noth zwang, ohne Rcksicht fr die
Bewohner die noch brigen Vorrthe zu benutzen. So zogen fnfmal abwechselnd
Feinde und Freunde hindurch, bis auch unser Korps wieder in die Nhe gedrngt
wurde. Auf dem vterlichen Boden meines Freundes zerstampften unsere Rosse die
Saaten bei einem blutigen Scharmtzel; die Feinde zogen sich zurck, aber mein
Freund sank von einer feindlichen Kugel in der Brust getroffen, auf seinem
eigenen Boden. Ich brachte den sterbenden jungen Mann in das Haus seiner Vter
und fand es de, aller Mobilien beraubt, die Fenster zerschlagen, von allen
Bewohnern verlassen; endlich entdeckte ich in einem Winkel zusammengekauert eine
weie, bleiche Gestalt, die die abgemagerte Hand erhob und mit wahnsinnigem
Lcheln auf die Leiche ihres Bruders deutete, der schon gestorben war. Es war
die jngste Schwester meines Freundes; die Mutter und die beiden lteren waren
todt, und diese durch Hunger und jede Mihandlung wahnsinnig geworden. Dies ist
der Krieg, schlo der junge Graf, von dem sich hier freilich keine Spuren
zeigen.
    Die Grfin verhllte bei dieser grlichen Geschichte das Gesicht, Emiliens
Thrnen flossen unverborgen, und auch die mnnlichen Zuhrer waren tief
erschttert. Der Graf glaubte, da die allgemeine Theilnahme, die sein Vetter
bemerken mute, diesen geneigter machen wrde sich anzunhern, aber im
Gegentheil schienen durch die erzhlte Begebenheit Gefhle in ihm erregt zu
sein, die ihn noch feindlicher stimmten. Er uerte sich in so starken
Ausdrcken ber die Franzosen, da es der Graf nicht mehr hinderte, als St.
Julien den Saal verlassen wollte, und sich selbst mit den brigen Hausgenossen
sobald als mglich zurckzog, um Gesprche mit seinem Vetter zu endigen, die zu
leidenschaftlich von diesem gefhrt wurden.

                                       XV


Whrend die Gesellschaft im Saale versammelt war, war Dbois noch fr das Fest
des folgenden Tages beschftigt, und die Anordnungen, welche er machte, fhrten
ihn durch alle Gnge des Hauses. So ging er auch an dem Zimmer vorber, in
welchem die Bedienten versammelt waren, und hrte, wie ihm ein verwirrtes Getse
von Lachen, Weinen, Schelten und Fluchen daraus entgegen tnte. Entrstet
ffnete der alte Haushofmeister die Thre, um sich nach der Ursache des
unziemlichen Lrmens zu erkundigen. Die dort Versammelten bemerkten ihn nicht
sogleich, und er sah, wie der Knabe des jungen Grafen mit funkelnden Augen und
erhitzten Wangen hinter einem Tische stand und sich mit dem Rcken gegen die
Wand lehnte; den rechten Arm hatte er erhoben und in der Hand hielt er drohend
ein blinkendes Messer. Schurken! rief er mit von Wuth entstellter Stimme, wagt
es, und der erste, der mir naht, dem stoe ich die Messer in die Brust.
Entsetzt sprang Dbois vor und rief: Um Gottes Willen, was geht hier vor? Soll
ich Mord hier im Hause erleben? Die Bedienten wichen zurck, und der Lrm
verstummte, auch der Knabe hatte den Arm sinken lassen, ob gleich die Hand noch
das Messer hielt. Junger Mensch, fuhr Dbois fort, sich zu diesem wendend, was
konnte Dich zu solcher Wildheit reizen, da Du in Deiner zarten Jugend ein
Mrder zu werden drohst? Herr, erwiderte der Knabe mit zitternder Stimme, indem
seine Wuth sich in Wehmuth auflste und die hellen Thrnen ber seine Wangen
flossen, Sie wissen nicht, wie mich diese Menschen reizten. Ich gehre nicht zu
ihnen, drum hielt ich mich abgesondert. Nun fingen sie an mich zu necken, meine
Drftigkeit zu verlachen und ber meine Kleidung ihren Spott zu treiben; da
verlor ich die Geduld und sagte ihnen, was meine ernstliche Meinung ist, da ich
lieber sterben wollte, als eine Livree tragen, wie sie, wenn sie auch noch mehr
Gold an sich htten; drauf wurden sie wthend und wollten mich schlagen, und so
kam es, da ich, um mich zu vertheidigen, - hier stockte der Knabe, seine Hand
lie das Messer fahren, und er blickte mit Beschmung vor sich nieder.
    Und wenn Du nun so unglcklich gewesen wrest, in diesem thrichten Streite
einen jener unntzen Schufte zu tdten, fragte der alte Mann, und seine blutende
Leiche lge jetzt vor Dir, wrdest Du dann nicht verzweifeln. Ich habe Unrecht,
sagte der Knabe, aber sollte ich mich denn schlagen lassen? Der Haushofmeister
wute keine Antwort zu geben, denn sein eigenes Ehrgefhl sagte ihm, da der
Knabe schwer gekrnkt worden sei, und doch wollte er keine gewaltsame Handlung
entschuldigen. Er wendete sich dehalb zu den Bedienten und sagte: Euer Betragen
werde ich dem Herrn Grafen melden, und ich bin berzeugt, da Ihr eher alle aus
seinem Dienste gejagt werdet, ehe er es duldet, da ein Gast seines Hauses, ein
Verwandter in seinem Diener beleidigt wird. Du, mein Sohn, sagte er zu dem
Knaben, komm von diesen Menschen hinweg, Du sollst in meinem Zimmer bleiben, bis
Dein Herr Deiner bedarf. Er nahm nach diesen Worten die Hand des Knaben und
fhrte ihn aus dem Bedientenzimmer hinweg.
    Das fehlte noch, sagte einer der Zurckbleibenden, da wir um des
Bettelprinzen Willen unsere Stellen verlren; aber Du, Johann, hast den Lrmen
angefangen, bekommt es uns schlecht, so gehn wir ber Dich her. Der Beschuldigte
wollte sich vertheidigen, es wurde Partie fr und wider ihn genommen, und es war
nah daran, da der Streit ernsthaft erneuert wurde, wenn nicht ein Jger, der
Vernnftigste der Gesellschaft, dringend zum Frieden ermahnt htte. Seinem Rathe
beschlo man auch einmthig zu folgen, und man wollte Dbois, ehe er am andern
Morgen den Grafen sprechen knnte, vermgen, die Sache zu verschweigen, und sich
mit dem Knaben zu vershnen suchen, damit auch dieser nicht bei seinem Herrn
sich beklage.
    Dbois hatte den Knaben auf sein Zimmer gefhrt und fragte ihn hier: Hast Du
schon zu Abend gegessen, mein Kind? Nein, sagte der Knabe, da ich mich nicht
unter die Bedienten mischen wollte, so hat mir auch Niemand etwas angeboten. Der
Haushofmeister brachte nun selbst einige kalte Gerichte und stellte auch eine
kleine Flasche Wein vor seinen neuen Gast. Der Knabe fing unter stillen Thrnen
an zu essen und trank auch ein wenig von dem ihm angebotenen Weine. Als er seine
Mahlzeit beendigt hatte, sagte Dbois: Und nun, mein Sohn, erzhle mir doch,
wehalb Du nicht zu den Bedienten zu gehren glaubst. Sie sind ein so guter
Herr, sagte der Knabe zutraulich, recht wie einem Vater knnte ich Ihnen
vertrauen, mit Ihnen kann ich gern ber alles Unglck sprechen, das ich schon
erlebt habe, so jung ich auch noch bin. Mein Vater war ein gelehrter Mann, aber
weil er in seiner Jugend nicht Geld genug hatte, so konnte er auch nicht auf
eine Universitt gehen und studieren, wie es sein Wunsch war, also konnte er
auch nicht Prediger werden und nahm eine Kantorstelle an, wobei er sich auch
recht gut stand. Es war ein schnes, groes Dorf und hie Schnau, wo wir
wohnten, ein anderes Dorf gehrte auch zu unserer Kirche, und mein Vater hatte
eine reiche Einnahme. Die Bauern ehrten ihn als einen Mann, der beinah gelehrter
war als der Prediger selber; unser Herr Pfarrer liebte meinen Vater, und Beide
waren recht groe Freunde; selbst, wenn der gndige Herr auf dem Schlosse war,
so lud er niemals den Prediger zu Tische, ohne auch meinen Vater zu bitten; so
ging Alles recht schn und gut; mein Vater unterrichtete mich sorgfltig und
sagte oft zu mir: Du, Gustav, mut Alles nachholen, was ich aus Armuth habe
versumen mssen, denn Gottlob! ich habe so viel, da ich Dich auf eine
Universitt werde schicken knnen.
    So war ich etwa zehn Jahre alt geworden, da starb meine gute Mutter, die
schon lange krnklich gewesen war. Sie knnen wohl denken, da ich sie herzlich
und lange beweinte; auch mein Vater trauerte tief ber ihren Verlust, und wir
wren vielleicht noch lnger in unserm Kummer versunken geblieben, wenn nicht
der Prediger so viel gethan htte, uns zu trsten. Nachdem ein Jahr vergangen
war, heirathete mein Vater eine Verwandte des Predigers, und ich war am
Hochzeitstage recht betrbt; denn manche alte Buerinnen hatten mir gesagt: Nun,
Musje Gustav, nun werden Seine guten Tage vorbei sein, nun kommt eine
Stiefmutter ins Haus, nun wird Alles anders gehen. Aber es war nicht so; meine
Stiefmutter war so gut, ach! so gut, wie es nur immer eine wahre Mutter sein
kann. Es wurde freilich Manches anders bei uns im Hause, aber viel besser. Meine
verstorbene Mutter hatte bei ihrer Krnklichkeit nicht mehr recht fr Alles
sorgen knnen; nach ihrem Tode hatte mein Vater sich aus Betrbni um das
Hauswesen gar nicht bekmmert, und so lebte nun Alles wieder bei uns auf; wir
hatten feinere Wsche, bessere Kleider, unser Haus wurde aufgepuzt, im Garten
prangten die schnsten Blumen; und wenn der Herr Pfarrer bei uns speiste, so
bewirtheten wir ihn eben so anstndig, wie er uns. Seine Shne waren meine
Freunde und Spielkameraden; mein Vater war mit meinem Flei zufrieden, und ich
war recht glcklich bei meinen Eltern.
    So ging es fort, bis mir ein Schwesterchen geboren wurde. Nun sagten die
bsen Weiber wieder, nun wird es aus sein, nun hat die Stiefmutter selber ein
Kind, nun wird sie sich um den Stiefsohn nicht kmmern; aber es war nicht wahr.
Ich liebte mein Schwesterchen herzlich; ach! lieber Herr, es war ein Kind wie
ein Engelchen, es war eine Belohnung fr mich, wenn es die Mutter in meine Arme
gab, und htten Sie nur die Kind gekannt, fuhr der Knabe mit Thrnen fort,
htten Sie nur gesehen, wie freundlich die dunkelblauen Augen sein konnten, wie
lieblich der rothe Mund im Lcheln die weien Zhnchen zeigte! Jeder Mensch
mute die Kind lieben, und doch sprach meine Mutter immer so, als ob es eine
besondere Tugend von mir wre, da ich mein Schwesterchen so liebte, und die
gute Mutter wurde aus Dankbarkeit dafr noch zrtlicher gegen mich.
    Sehn Sie, so gut, so glcklich war Alles, und so blieb es, bis ich beinah
funfzehn Jahre alt war; nun sagte mein Vater: Gustav, nun mut Du nach
Knigsberg auf die gelehrte Schule, und bist Du da recht fleiig gewesen und
hast alles Erforderliche gelernt, dann kannst Du dort gleich die Universitt
beziehen, und wenn Du brav und fleiig bleibst, so kann ich noch Freude und Ehre
in meinem Alter durch Dich erleben.
    Sie knnen wohl denken, da ich mit Thrnen von meinen Eltern schied, aber
doch freute ich mich auch weiter zu kommen mit meinen Studien, als es auf dem
Lande ging. Mein Vater begleitete mich selbst nach Knigsberg, und ich sah es
wohl, da er mich recht mit Stolz betrachtete, als man mich nach dem Examen
gleich nach Sekunda setzte. So trennten wir uns, und ich blieb nun einsam in
Knigsberg zurck und dachte mit Eifer zu studiren. Aber ach! das Glck war bald
zu Ende; mein Vater meldete mir nach wenigen Monaten, mein liebes Schwesterchen
sei an dem Scharlachfieber gestorben und auch die Mutter davon befallen worden.
Der Krieg war ausgebrochen, und mein Vater sagte, da er uns ganz trennen
knnte. Er befahl mir daher, die Reise nach Schnau mit einem Fuhrmanne
anzutreten, den er mir bezeichnete und von welchem er erfahren hatte, da er
eine Reise unternehmen wrde, die ihn nahe bei unserem Dorfe vorbeifhrte. Ich
gehorchte meinem Vater und war sehr bald wieder in unserm Dorfe, aber wie ganz
anders war hier Alles geworden. Die Franzosen waren schon dort gewesen, und
hatten Alles geplndert und zerstrt, das Dorf war zum groen Theile abgebrannt,
und die Bauern hatten die Huser verlassen, die noch standen. Meine Mutter fand
ich sehr krank, der Vater war ganz tiefsinnig geworden. Nun kamen die Preuen,
und verlangten Lebensmittel und Pferde, gleich darauf wurden sie von den
Franzosen vertrieben; die feindlichen Kugeln zndeten das Dorf von Neuem an, und
der Schrecken, als die Flammen wieder leuchteten, lhmte meine kranke Mutter;
nun strmten die Feinde in unser Haus und drohten, mich und den Vater
umzubringen, aber der Anblick der sterbenden Frau machte, da sie still wieder
abzogen. In derselben Nacht starb meine zweite Mutter, und mein Vater war so
betubt, da er nicht weinte und auch kein Wort sprach. Wir saen beide bei der
Leiche, inde das Feuer drauen wthete. Unser Haus stand etwas abseits und
wurde dehalb von den Flammen verschont; Niemand war von den Dorfbewohnern
dageblieben, auch der Prediger war mit seiner Familie entflohen; so waren wir
ganz verlassen. Mein Vater suchte endlich im Hause umher, und fand etwas
Abendmahls-Wein und ein kleines Brod. I das, sagte er zu mir, ich will sehen,
ob nicht irgend ein Mensch sich findet, der uns hilft die arme Frau begraben. Er
ging hinaus. Ich konnte nichts essen und legte das Brod neben mich hin; da hrte
ich auf ein Mal Flintenschsse; meine Augen richteten sich nach dem Fenster,
Feinde sprengten vorbei, gleich darauf wurde unsere Thre aufgestoen, und
Preuische Soldaten brachten meinen Vater mit Blut bedeckt herein; eine Kugel
hatte ihn durchbohrt, und er lebte nur noch, um die Hand auf meine Stirn zu
legen und mich ohne Worte zu segnen. Die Soldaten legten seine Leiche neben die
meiner Mutter, und ich warf mich nieder und kte die blutige, kalte Hand meines
Vaters. Da trat ein junger Offizier herein, und der klgliche Anblick entlockte
ihm Thrnen; er kam zu mir, richtete mich auf und suchte mir Trost
einzusprechen. Er zwang mich das Zimmer zu verlassen, und einige Weiber, die
immer bei den Soldaten sind, muten fr die Leichen sorgen. Mit Gte fragte er
mir alle meine Verhltnisse ab und sagte dann: Armes Kind, Du hast in solcher
Jugend schon ein schreckliches Unglck erfahren, und bist nun ganz hlflos und
verlassen. Diese Worte machten von Neuem meine Thrnen flieen, und ich glaubte,
das Herz wrde mir vor Schmerz brechen. Der gute Herr suchte mich zu trsten und
sagte dann: Wenn Du Niemanden hast, dem Du angehrst, so bleib bei mir, und ich
will fr Dich sorgen, so gut ich kann. Ich fhlte seine Gte, ich kte seine
Hnde und sagte ihm, da ich seine Wohlthat erkenne, aber da ich um meine
lieben Eltern immer weinen mte. Er tadelte mich nicht und sorgte nun dafr,
da die armen Eltern begraben wurden, so anstndig, als es gehen wollte; er lie
auch ein Kreuz auf ihr Grab setzen. Und ich erfuhr nun auch, da mein Wohlthter
ein Graf sei und Hohenthal hiee. Er blieb einige Tage noch im Hause, und ich
war immer um ihn; er hatte mich nun ganz kennen gelernt und sagte: Deine Eltern
haben Dir eine gute Erziehung gegeben, so bald es nur angeht, sollst Du wieder
auf die gelehrte Schule und auf die Universitt, und ich will sehen, ob ich mir
nicht einen Freund in Dir erziehen kann. Diese Worte rhrten mich tief, und ich
gelobte mir, seine Liebe zu verdienen. Endlich kam ein Befehl, mein Herr mute
mit seinen Truppen weiter rcken. Ich mu Dich mit mir nehmen, sagte er zu mir,
obgleich Krieg und Schlachten nicht fr Deine Jahre taugen, aber ich wei Dich
nirgends unterzubringen, und so knnte der Krieg uns leicht fr immer trennen.
Ich folgte also dem gtigen Herrn und erlebte an seiner Seite die frchterliche
Schlacht bei Eylau. Den zweiten Tag dieser grlichen Schlacht wirft sich ein
Trupp Franzosen auf die Bagage, bei der ich und mehrere Knaben waren, viele
wurden niedergemetzelt, andere entkamen, und so auch ich. Nebst der Furcht fr
mein Leben qulte mich auch noch der Kummer, da ich von meinem Herrn nichts
wute, auch die Sorge, da er nun Alles verloren habe, und dann erfate mich die
Angst, ob er nicht vielleicht geblieben sei und ich ihn so auf immer verloren
habe. Diese mannichfachen Gefhle qulten mich auf meiner Flucht, die ich immer
weiter fortsetzte, bis ich durch ein niedergebranntes Dorf eilte, einem einsam
stehenden Hause zu. Ich ri hastig die Thre auf und stand bald in einem groen,
leeren Zimmer, das ich sogleich fr die ehemalige Wohnung meiner Eltern
erkannte. Das Bett stand noch darin, auf dem beide Leichen gelegen hatten; der
Anblick rief meine Thrnen hervor, und ich stand schluchzend und Hnde ringend
vor dem leeren Bette, da wurde es auf einmal laut und lebendig, Degen und Sporen
klirrten, die Thre wurde geffnet, und herein getragen wurde mein lieber Herr,
ganz wie mein Vater bleich und mit Blut bedeckt. Ich schrie auf in der wildesten
Verzweiflung. Schweig, dummer Junge, rief mir ein Arzt entgegen, er ist nicht
todt. Ach! welch ein Trost war die Wort fr mich, htte der gute Mann auch noch
weit rger geschimpft, wie er nachher noch oft that, wenn ich etwas ihm nicht
recht zu machen verstand, ich wre doch niemals auf ihn bse geworden.
    Sie legten meinen lieben Herrn auf dasselbe Bett, auf dem mein armer Vater
gelegen hatte. Seine Wunden wurden untersucht und die Kugel herausgezogen, der
Arzt gab die beste Hoffnung, und die Offiziere, die ihn hieher gebracht hatten,
muten nun zu ihren Truppen zurck. Der Arzt blieb, und die Offiziere
versprachen, ihn nach einigen Tagen abzuholen. Als wir allein waren, verlangte
der Arzt, ich sollte ihm Lebensmittel verschaffen. Ich durchsuchte das ganze
Haus und fand in einem kleinen oberen Zimmer einige alte Frauen, die nach dem
Dorfe zurck gekommen waren und sich in dem einzigen Hause, welches noch stand,
eingerichtet hatten; diese nun muten Hlfe schaffen, und sie thaten es fr Geld
auch gern, und so wurde der Arzt befriedigt.
    Die Offiziere hatten mir, als man meinen Herren entkleidete, das Geld
gegeben, welches er bei sich trug, und auch seine Uhr; ich erfuhr auch von
ihnen, da sie ihn gerettet hatten, als er in ihrer Nhe, von einer Kugel
getroffen, gefallen war.
    Schon des andern Tages kamen die Offiziere zurck und brachten uns alle,
auch meinen kranken Herrn, nach einem Orte, wo ein Lazareth eingerichtet war,
und hier dauerte es lange, ehe mein armer Herr nur sprechen konnte. Endlich
erlaubte es ihm der Arzt, und seine ersten Worte richtete er an mich. Gustav,
sagte er, ich habe es wohl gesehen und gefhlt, mit welcher Liebe Du mich
pflegst, Du leistest mir alle Dienste, auch die, die sonst nur einem Bedienten
zukommen; aber, lieber Junge, die Dienste, die man dem Freunde leistet,
erniedrigen nicht, und vielleicht kann ich es Dir noch einmal vergelten. Nach
einigen Tagen fragte mein Herr: Lieber Gustav, wie viel Geld haben wir noch? Ich
zhlte die Summe und sagte sie ihm. Das ist wenig, erwiederte er seufzend, und
wir mssen vielleicht noch lange damit auskommen; rufe mir Jemanden, dem wir die
Uhr verkaufen knnen, und dann hte Dich etwas Ueberflssiges auszugeben. Ein
Jude fand sich bald, der die Uhr kaufte, und nun theilten wir das Geld sehr
sparsam ein. Es war aber doch natrlich, da ich meinen kranken Herrn nichts
wollte entbehren lassen und lieber Manches selbst entbehrte, und nun machen sich
die Schufte hier ber meinen Herrn lustig, weil er mir keine bessern Kleider
giebt. La diese elenden Menschen, mein gutes Kind, sagte Dbois mit weicher
Stimme, und endige Deine Erzhlung.
    Nun fuhr der Knabe fort: Endlich war mein Herr so weit gekommen, da wir
reisen konnten. Der Waffenstillstand wurde auch bekannt, und wir machten uns
nun, ich kann wohl sagen, recht arm auf den Weg, um zu seinen Eltern zu
gelangen. Mein Herr war so gut, da er sich ernstlich entschuldigte, wenn ich
ihn bediente. Dich hat ein Gott recht zu meinem Beistande gegeben, sagte er ein
Mal, wie wollte ich ohne Dich bestehen, da ich noch nicht gesund bin. So
erreichten wir endlich seines Vaters Schlo; aber Sie werden es nicht bel
deuten, lieber Herr, wenn ich es aufrichtig sage, da der alte Graf mir nicht
gefiel; auch sah ich wohl, da mein gtiger Herr niedergeschlagener wurde, als
er es im Felde und in Krankheit und Armuth war. Hier wurde auch eine andere
Einrichtung getroffen, und er litt es durchaus nicht mehr, da ich ihn bediente;
er nannte mich hundert Mal des Tages seinen jungen Freund oder seinen
Pflegesohn, und ich hrte es wohl, wie sein Vater ihm oft Vorwrfe machte, da
er sich durch mich eine unntze Last auf den Hals geladen habe. So a ich dort
mein Brodt mit Thrnen, aber es wurde noch schlimmer; ein alter widriger Mann
mit triefenden Augen kam dorthin, der trug dem alten Grafen Vieles vor und auch
meinem jungen Herrn; was es war, kann ich nicht sagen; aber mein Herr wurde oft
sehr aufgebracht, und ich hrte mehrere Male, wie er dem alten Grafen zuschwor,
er wrde solch Unrecht nicht dulden; dann suchte ihn der alte Graf selbst wieder
zu besnftigen und bat ihn, nicht durch Hitze Alles zu verderben und zur
Klugheit seine Zuflucht zu nehmen. Endlich kam die Nachricht, da mein Herr
verabschiedet sei; das brachte ihn vollends zur Verzweiflung. Gustav, sagte er
eines Abends zu mir, ich mu eine kleine Reise unternehmen, und ich will auf
dieser Fahrt keinen von meines Vaters Leuten mit mir nehmen, denn ich habe
bemerkt, da sie ihrer Zunge zu viel Freiheit gestatten und ber ihre Herrschaft
zu viel schwatzen. Ich konnte die nicht lugnen. Hast Du so viel Liebe fr
mich, fuhr mein guter Herr fort, da Du mir auf dieser Reise die Dienste leisten
willst, die mir Erziehung und Gewhnung unentbehrlich gemacht haben, und kannst
Du auch wohl ein Paar Pferde regieren? Ich versicherte ihm, da ich Alles
leisten wollte, und so machten wir uns auf den Weg. Mein Herr sorgte fr mich
besser, als fr sich selbst, und ich hoffte, die Reise wrde ihn erheitern. Ich
bemerkte es wohl, da er immer unruhiger wurde. Endlich, heute Morgen, hielten
wir vor einem hbschen Hause an; ich sah es wohl, wie der Graf zitterte, als er
abstieg; seine Augen und Wangen brannten, aber nach wenigen Minuten kam er
bleich wie eine Leiche zurck, bestieg still den Wagen, sprach whrend des
ganzen Weges kein Wort, und hier angekommen, hat er auch nicht an mich gedacht
und mich zum ersten Mal wie einen Bedienten vergessen.
    Der Graf mu etwas sehr Schmerzliches erfahren haben, mein lieber Sohn,
sagte der alte Haushofmeister, da er Dich so hat vergessen knnen. Weit Du denn
nicht, Wer in jenem Hause wohnte?
    Nein, sagte der Knabe, ich sagte Ihnen ja, mein Herr hat den ganzen Tag kein
Wort mit mir gesprochen.
    Ich sollte Dich nun eigentlich nicht Du nennen, mein liebes Kind, sagte
Dbois, da Du schon ein halber Student gewesen bist, aber das wirst Du einem
alten Manne, der Dir gut will, wohl erlauben.
    Wenn Sie mich Du nennen, rief der Knabe, so freut mich das, denn Sie sind
ein guter, ehrwrdiger Mann, aber von den Bedienten hier im Hause werde ich es
niemals leiden.
    Da der gute junge Graf, fuhr Dbois fort, wie Du selbst bemerkt hast, so
schon manchen Kummer zu haben scheint, so wirst Du ihm wohl das schlechte
Betragen der elenden Bedienten gegen Dich nicht erzhlen. Nein, gewi nicht,
rief der Knabe, ich wei, es wrde meinen Herrn schmerzen, und diese Menschen
sind es nicht werth, da er um ihretwillen einen trben Augenblick haben soll.
    Du bist ein braver Mensch, sagte der Haushofmeister, und da ich sehe, da
der junge Graf nicht sowohl Dein Herr, als Dein Freund und Wohlthter zu nennen
ist, so werde ich dafr sorgen, da das Verhltni hier so eingerichtet wird,
wie er es sebst bei seinem Vater gestellt hat, ich werde befehlen, da ihn einer
von den hiesigen Bedienten aufwartet.
    Nimmermehr! unterbrach der Knabe mit Heftigkeit den alten Mann; von diesen
Menschen, die ber seine Armuth gespottet haben, soll ihn Niemand anrhren, sie
wrden sich am Ende noch heraus nehmen, auch darber zu lachen, wenn nicht alle
Stcke des Anzugs meines Herren so prchtig sind, wie ihr reicher Graf
vielleicht Alles hat. Der gute Haushofmeister konnte das Gefhl nur ehren,
welches den Knaben bestimmte, den jungen Grafen selbst zu bedienen; er sagte
also: Handle darin, wie Du willst, mein Kind, aber das wirst Du mir nicht
abschlagen, da Du, so lange der junge Graf hier bleibt, bei mir wohnst und an
meinem Tische mit mir speisest. Dafr danke ich Ihnen herzlich, sagte der junge
Mensch mit Thrnen in den Augen, denn Sie knnen wohl einsehen, da ich mich
unter den Bedienten elend gefhlt htte.
    Kaum waren die letzten Worte gesprochen, als die Klingeln von allen Seiten
luteten, und die Bedienten eilten, ihre verschiedenen Herren zu bedienen. Der
Haushofmeister nahm einen Armleuchter und eilte mit dem jungen Gustav, um den
Saal zu erreichen. Die Gesellschaft trennt sich heut ungewhnlich frh, bemerkte
er noch unterwegs und kam eben zur rechten Zeit, um dem jungen Grafen
vorzuleuchten und ihn nach seinem Zimmer zu fhren.
    Der junge Graf war finster eingetreten, das gutmthige Gesicht und das
silberweie Haar des Haushofmeisters bewirkten aber doch, da er ihn hflich
entlie. Stumm lie er sich nun die Dienste seines jungen Freundes gefallen und
warf sich, rasch entkleidet, mit dem Ausdrucke der Verzweiflung auf sein Bett.
Die Thrnen stiegen dem Knaben in die Augen, als er sich anschickte das Zimmer
zu verlassen, ohne ein freundliches Wort aus dem Munde des geliebten Herrn zu
vernehmen.
    Gustav, rief dieser, als der Knabe eben gehen wollte, was wird aus Dir hier
in dem prchtigen Hause?
    Der gute alte Haushofmeister, sagte der Knabe, hat sich meiner angenommen,
ich wohne bei ihm und speise an seinem Tische. Dann ist es gut, sagte der junge
Graf, ich hatte Dich armen Jungen heute vergessen, Du wirst mir ein ander Mal
erzhlen, wie es kommt, da sie Dich trotz dem nicht unter die Bedienten
verstoen haben; heut habe ich zu vielen Kummer, heut kann ich nichts mehr
hren. Du armer Junge, setzte er mit weicher Stimme hinzu, ich dachte Dir wohl
zu thun, und Du mut so Vieles mit mir leiden. Der Knabe kte die dargebotene
Hand mit Thrnen. Nun geh nur heut und suche zu schlafen, sagte der Graf, indem
er ihm die Hand drckte; morgen, wenn wir beide geschlafen haben, wollen wir
ber Manches sprechen.
    Der Knabe ging und fand den Schlummer bald, den der junge Graf ihm gewnscht
hatte, aber Zorn, qualende Sorgen und herzzerreiender Gram hielten diesen
selbst noch lange wach, und der Morgen fing schon an zu dmmern, als endlich
auch seine Augenlieder sich senkten und der lang ersehnte Schlaf wohlthtig ihn
umfing.

                                      XVI


Als der junge Graf am andern Morgen erwachte, sah er seinen Knaben am Fenster
sitzen und mit Eifer in einem Buche lesen. Er rief ihn zu sich und fragte nach
seiner Beschftigung. Ach, lieber Herr Graf, rief der junge Mensch, ich habe
hier in dem alten Manne, dem Haushofmeister, einen wahren Schatz gefunden. Heut
Morgen, schon sehr frhe, hat er mich in die Bibliothek des Grafen gefhrt und
mir erlaubt, von den Bchern zu nehmen, was ich will; ich habe mir gleich den
Shakespeare genommen. Sie knnen es nicht glauben, welche Glckseligkeit es ist,
nach so vielen Monaten, nach einem wilden Leben, wieder ruhig bei solchem Buche
zu sitzen.
    Ich wollte, ich knnte Dir erst die Mittel verschaffen, Deine Studien
fortzusetzen, sagte der Graf, und mich bekmmert es herzlich, da sich fr jetzt
noch keine Aussicht dazu zeigt.
    Man kann ja auch fr sich studiren, sagte der Knabe trstend, und hier der
alte Mann, fuhr er lchelnd fort, hat mich ordentlich examinirt, doch er sah
bald, da ich mehr wute wie er; aber mit meiner Aussprache des Franzsischen
war er sehr unzufrieden, und er hat mir befohlen, so lange wir hier sind, immer
mit ihm in dieser Sprache zu reden, damit er mir zurechthelfen kann, und ich
nicht eine Aussprache bekomme, wie ein gewisser Doktor, der hier im Hause sein
soll, ber die alle wohlerzogenen Leute lachen mten, versicherte Dbois. Er
hat mir auch versprochen, da fr unsere Pferde gut gesorgt werden soll, und da
ich mich auf ihn verlassen kann, so kann ich den ganzen Tag, wenn Sie mich nicht
brauchen, auf seinem Zimmer sitzen und lesen, denn hier sind unermelich viele
Bcher.
    Du und Dein neuer Freund, sagte der junge Graf, Ihr scheint zu glauben, da
mein Aufenthalt hier sehr lange dauern wird, da Ihr solche Plne darauf grndet.
    Herr Dbois meint freilich, erwiederte der Knabe schchtern, da Sie eine
Zeitlang hier bleiben wrden, um einen so vortrefflichen Verwandten, wie er den
hiesigen Grafen schildert, nher kennen zu lernen.
    Das wird sich zeigen, sagte der Graf dster, indem er sich erhob, um sich
anzukleiden. Whrend dieser Beschftigung rief er sich die Ursache zurck, die
ihn hieher gefhrt habe, und da er gezwungen sei, diese schwere, drckende
Pflicht gegen seinen Vater zu erfllen. Nur kann ich es nicht auf seine Weise,
schlo er in Gedanken seine Betrachtungen; ich verstehe es nicht, eine
Begebenheit langsam herbei zu fhren; ich kann Niemanden untergraben und, wenn
er fllt, geschickt seine Stelle einnehmen, wie mir der Vater das Alles so
weitlufig auseinandergesetzt hat. Der Franzose soll aus dem Hause, und das auf
die einfachste Weise von der Welt.
    Mit diesen Gedanken beschftigt, betrat er den Saal, wo er die Hausgenossen
schon versammelt fand, auf die er einen bessern Eindruck machte, als am
vergangenen Abend. Der kurze Schlaf hatte die leidenschaftliche Spannung gelst,
die den vorigen Tag zu bemerken war, er war hflicher, wenn auch Klte und
Zurckhaltung in seinem Betragen nicht zu verkennen war, und man es wohl
bemerkte, da seine Seele sich mit andern Gegenstnden beschftigte, als denen,
die eben im Gesprch verhandelt wurden.
    Er hatte einige Mal hflich das Wort an St. Julien gerichtet, so da es
Niemandem auffallen konnte, als er ihm endlich einen gemeinschaftlichen
Spaziergang in den Garten vorschlug. Dem Grafen war es angenehm, da die beiden
jungen Mnner sich zu nhern schienen, und auch St. Julien ergriff gern die
Gelegenheit, einem Verwandten seines vterlichen Freundes nher zu treten,
dessen unhfliche Klte ihn den vorigen Tag empfindlich beleidigt hatte.
    Beide durchschritten die dem Hause zunchst liegenden Gnge des Gartens ohne
zu reden, und als St. Julien ein Gesprch anzuknpfen suchte, wurde er bald
durch die einsylbigen Antworten des jungen Grafen davon abgeschreckt. So gingen
sie stumm neben einander, bis sie einen einsamen, vom Hause ziemlich entfernten
Platz erreichten, und St. Julien fing eben an zu bemerken, da mit dem Gange in
dem Garten wohl kein harmloser Spaziergang beabsichtigt sei, als der junge Graf
auf ein Mal still stand und seinen Begleiter also anredete: Ich habe Sie
gebeten, Herr St. Julien, mich in den Garten zu begleiten, um ungestrt Ihnen
Erffnungen machen zu knnen, deren Folgen die Art bestimmen wird, wie Sie meine
Offenherzigkeit aufnehmen werden. St. Julien schwieg betroffen und erwartete mit
Spannung, wie der junge Graf in seinen Mittheilungen fortfahren wrde. Wenn von
meinem Geschick allein die Rede wre, hob dieser nach sichtbarem Kampfe von
Neuem an, so knnte es sein, da ich Ihren Plnen nicht in den Weg getreten
wre; da aber das Schicksal eines alternden Vaters, einer leidenden Mutter, die
Zukunft jngerer Schwestern auf dem Spiele steht, so sind mir dadurch Pflichten
auferlegt, die ich erfllen mu.
    St. Julien glaubte zu trumen, er begriff nicht, wie er auf die entfernteste
Weise auf das Schicksal aller dieser genannten Personen einwirken knne, und bat
den jungen Grafen, fortzufahren, damit er diesen Zusammenhang begreifen mge.
Sie knnten mich leicht verstehen, sagte der junge Graf mit Bitterkeit, ohne
weitere Auseinandersetzung, da Sie es aber selbst so wollen, so will ich Ihnen
eine gengende Erklrung geben. Das Vermgen, welches Ihr Gnner, mein Oheim,
besitzt, ist nicht so schlechterdings nach dem Rechte sein, sondern kme zum
groen Theile meinem Vater zu, dessen beschrnkte Lage ihn zwingt, den Raub in
den Hnden seines Verwandten zu lassen. Die unglckliche Heirath des Grafen hat
ihn von seiner Familie gnzlich entfernt, welche die Grfin, wie wir aus
sicherer Quelle wissen, hat und von der sie den Grafen fern hlt, damit er
nicht etwa in einer schwachen Stunde, von seinem Gewissen angeregt, der Familie
einigermaen Gerechtigkeit widerfahren lasse.
    Hier nun bt der Graf, mein Oheim, Gromuth nach allen Richtungen aus
fremden Mitteln, aber doch vorzglich gegen die Feinde des Landes, die seine
Freunde zu sein scheinen, und, schlo der Graf zornig, da die Grfin eine
Vorliebe fr Sie empfindet, die sich nicht erklren lt, und meinen schwachen
Oheim beherrscht, so wissen wir, da es im Werke ist, Ihnen das ganze Vermgen
zuzuwenden, wie Sie auch schon groe Summen empfangen haben. Dehalb wollte ich
Ihnen rathen, sich mit dem Empfangenen zu begngen und nicht einer
achtungswerthen Familie zu entziehen, was ihr wenigstens nach dem Tode des
Grafen zufallen mu, wenn sie auch leidet, so lange er lebt, und ich fordre, um
diesen Zweck zu erreichen, da Sie das Haus meines Oheims verlassen, und werde
von dieser Forderung nicht abstehen, so lange ich lebe. Ich hoffe, Sie verstehen
mich nun vollkommen.
    St. Julien war erstarrt bei dieser Rede des jungen Grafen. Ein
instinktartiges Gefhl leitete seine Hand, nach der Waffe zu greifen, die er
aber glcklicher Weise nicht an seiner Seite trug; seine Augen schienen Funken
zu sprhen, seine Wangen glhten und seine Glieder bebten vor Zorn. Blsse des
Todes folgte dieser Gluth, und den Augenblick darauf schossen die Flammen des
Zornes von Neuem in den Wangen empor; er suchte nach Worten, und seine Lippen
bebten, ohne einen Ton zu finden; endlich, ohne dem Grafen zu antworten, eilte
er mit schnellen Schritten einen Baumgang auf und ab, bis nach und nach sein
Gang ruhiger, seine Haltung gemigter wurde. Er kehrte endlich zu dem seiner
mit Verwunderung harrenden jungen Grafen zurck, und das bleiche, mit kaltem
Schweie bedeckte Gesicht des leidenschaftlichen jungen Franzosen erschreckte
selbst diesen, der ihm feindlich gegenber stand.
    Herr Graf, sagte St. Julien mit tonloser Stimme, Sie haben vermuthlich
erwartet, da nach den Mittheilungen, die Sie mir gemacht haben, kein Wort
weiter zwischen uns nthig sei, als die Bestimmung des Orts, wo wir uns beide
noch ein Mal treffen, und den nur Einer lebend verlt, und ich gestehe, da mir
die selbst ganz natrlich vorkommen wrde; da aber auch ich nicht blo mich zu
bercksichtigen habe, so mu auch von meiner Seite eine Erklrung vorangehen. Er
erzhlte ihm nun, wie der Graf ihn gefunden und aus reiner Menschenliebe in sein
Haus genommen habe. Die Erinnerung, wie zart und edel er von der ganzen Familie
behandelt worden war, fllte wieder seine Seele und lste die Bande, mit denen
Ha und Wuth sein Herz umschnrt hatten. Mit weniger Empfindung erwhnte er, wie
das Wohlwollen des Grafen fr ihn tglich zugenommen habe und wie in seiner
Seele die dankbare Verehrung tglich gewachsen sei. Die sind die Bande, rief
er, die mich an die Haus fesseln; die sind die Gefhle, die ewig
unauslschlich in meiner Seele ruhen, und wahrlich, setzte er hinzu, heute fhle
ich, da ich der Liebe des Grafen nicht unwerth bin, da das Gefhl der
Dankbarkeit mich bestimmt, so unerhrte Beleidigungen nicht sogleich auf die
einzige Art, die hier unter Mnnern von Ehre denkbar ist, zu rchen. Da die
lcherliche Verlumdung dem Grafen bekannt wurde, fuhr er fort, da man mich als
einen Kundschafter darstellen wollte, den er in seinem Hause hielte, um
Frankreich zu dienen, so nahm mir der edle Mann mein Ehrenwort ab, sein Haus
nicht ohne seinen Willen zu verlassen, damit er mich vor die Behrde stellen
kann, die sein Knig ernennen mag, um diesen Flecken von dem Namen des besten
der Menschen zu vertilgen; und Sie sehen also, sagte er bitter lchelnd, da,
wenn ich auch so feig sein wollte, mich Ihren Wnschen zu fgen, ich die nur
mit dem Willen Ihres Oheims thun knnte. Was sein Vermgen betrifft, so kann ich
nicht beurtheilen, in wiefern ihm der Besitz desselben zukommt; ich wei nur,
da er den edelsten Gebrauch davon macht. Ihre Befrchtung aber, da ich mich
als sein Erbe eindrngen wolle, ist vllig grundlos. Ich habe selbst Anspruch
auf ein groes Vermgen, und die Summen, die ich von dem Grafen als Darlehn
empfangen habe, sind in Beziehung auf sein, wie auf mein Vermgen unbedeutend,
und da ich tglich Briefe aus meiner Heimat erwarte, die mich in den Stand
setzen werden, meine Verpflichtung zu lsen, so mag die Rckzahlung alsdann
durch Ihre Hnde gehen, um Sie vllig zu beruhigen. Alles die habe ich gesagt,
schlo St. Julien, um mein Gewissen gegen den Grafen frei zu erhalten, wenn mich
ein unglckliches Schicksal zwingen sollte, seinen Verwandten beinah unter
seinen Augen zu tdten, oder wenn er ber die Leiche eines Freundes trauern mu,
dem er seine Liebe geschenkt hat; und jetzt, Herr Graf, erwarte ich, welche
Genugthuung Sie mir nach der mir zugefgten Beleidigung anbieten werden.
    St. Juliens Worte trugen das unverkennbare Geprge der Wahrheit, und
unangenehme Gefhle kmpften in der Seele des jungen Grafen. Er mute sich
gestehen, so schmerzlich ihm die als Sohn auch wurde, da nicht immer die
edelsten Beweggrnde seinen Vater leiteteten, er konnte es nicht ablugnen, da
er nicht immer der Wahrheit treu blieb, um seinen Zweck zu erreichen, und doch
hatte er keine andern Beweise fr alle seine Anschuldigungen, als die Worte eben
dieses Vaters; er erinnerte sich, da ihm dieser selbst jedes offene, gewaltsame
Unternehmen dringend widerrathen und von ihm begehrt hatte, er solle zu
Falschheiten und Verlumdungen sich herablassen, die sein ganzes Herz
verabscheute; ja er mute es sich bekennen, da der Inhalt aller Auftrge seines
Vaters eigentlich kein anderer gewesen sei, als auf jeden Fall eine Summe Geldes
von seinem Verwandten zu erhalten, um den Fall des eigenen Hauses abzuwenden.
Diese Betrachtungen drngten sich ihm auf, und er fhlte lebhaft das
Unschickliche und Unwrdige seines Betragens, und die Verlegenheit, die die in
ihm erregte, erhhte seinen Unmuth ber sich selbst. Endlich, da er die
Nothwendigkeit fhlte, eine Antwort zu geben, sagte er: Ich kann nicht lugnen,
da ich mich bereilt und auf zu wenig begrndete Angaben Ihren Charakter falsch
beurtheilt zu haben glaube; unsere Bekanntschaft ist zu neu, als da ich Sie
mchte in meinem Herzen lesen lassen, wodurch Sie vielleicht die Entschuldigung
meines Betragens fnden; ich mu es mir also gefallen lassen, wie Sie auch immer
meinen Charakter beurtheilen mgen; da ich Ihnen aber darin unbedingt Recht
geben mu, da es eine unglckliche Nothwendigkeit wre, wenn einer von uns
beiden hier unter den Augen meines Oheims bleiben mte, und meine unbesonnene
Rede ein solches Unglck mglich gemacht hat, so bitte ich Sie dieser Rede wegen
um Verzeihung, hier unter vier Augen, setzte er nachdrcklich hinzu; und wenn
Sie mit dieser Genugthuung zufrieden sind, so gewhren Sie eben so einsam die
Verzeihung, wie Sie die Beleidigung empfingen.
    Um Ihres Oheims Willen bin ich zufrieden, sagte St. Julien, und aus freiem
Antriebe sage ich Ihnen noch, da ich selbst es betreiben werde, so bald als
mglich ein Haus verlassen zu knnen, an welches sich die schnsten Empfindungen
meiner Seele knpfen, das mir aber dennoch nicht lange mehr ein Obdach gewhren
darf, weil man bei meinem hiesigen Aufenthalte mir Plne unterlegt, die nur ein
Ehrloser hegen knnte. Er verbeugte sich gegen den Grafen, und beide junge
Mnner gingen auf verschiedenen Wegen nach dem Schlosse zurck.
    St. Julien fragte sich unterweges oft, ob er recht gethan habe, nach einer
so leichten Entschuldigung eine so schwere Beleidigung zu verzeihen, und sein
Stolz wollte ihm vorspiegeln, da er sich zu willig zur Vergebung habe finden
lassen, aber sein besseres Selbst bekmpfte diese Gedanken, und er war zufrieden
mit der Selbstberwindung, die er seinem vterlichen Freunde zu Liebe gebt
hatte. Die baldige Trennung von diesem und von der Grfin, ach! und von Emilie,
die er sich selbst auferlegt hatte, fiel beklemmend auf sein Herz; aber die
glckliche Mischung seines Blutes machte, da er in der Gegenwart leicht die
nchste Zukunft verga, und so heiterte sich sein Auge auf, als Emilie ihm in
dem Saale entgegen trat und ihn scherzend aufforderte, heut an diesem groen
Tage als ein wrdiger Hausgenosse dazu beizutragen, das Fest angenehm und
lebendig zu machen, welches der Baron Lbau gewi immer ein Friedensfest nennen
wrde, so wenig der Graf die auch wollte. Ein Friedensfest, wiederholte St.
Julien lchelnd und dachte an die wenig friedliche Unterredung, die er eben im
Garten gehabt hatte.
    Man hat meinen Geburtstag vorgeschoben, sagte die Grfin, die hinzugetreten
war, aber der Baron wird es nicht gelten lassen. Mit inniger Empfindung kte
St. Julien die Hand der Grfin, indem er ihr seinen Glckwunsch darbrachte, und
lobte sich innerlich, da er einen Streit vermieden hatte, durch den dieser Tag
als ein blutiger wre bezeichnet worden.
    Die Stimmung des jungen Grafen war nicht so angenehm; er fragte sich, was er
eigentlich damit gewollt habe, da er St. Julien beleidigte. Sein Vater hatte
ihm die Nothwendigkeit vorgespiegelt, diesen zu entfernen und sich seinem Oheim
anzuschlieen, aber die Frage drngte sich ihm auf: welch ein Recht hatte Dein
Vater die zu verlangen, und wrdest Du selbst wohl jemals auch nur von Ferne
auf den Gedanken dieses Vaters eingegangen sein, wenn Dich nicht die
verzweiflungsvolle Lage desselben dazu bestimmt htte. Und wie schn, sagte er
zu selbst, wie schn habe ich die Auftrge des Eigennutzes ausgefhrt? Durch
mein grtes, entsetzlichstes Unglck, was mein Vater am Wenigsten verstehen
wrde, zur uersten Verzweiflung gebracht, komme ich hier an und soll hfliche
Reden wechseln, inde ich selbst mit meinen Hnden ein Grab aufwhlen und mich
hinein verscharren mchte, um nur von dem Leben nichts mehr zu wissen. Der Zorn
ber die verchtliche Rolle, die ich hier bernommen habe, kam hinzu, und ich
lie eigentlich Jeden meine eigne Schlechtigkeit ben; und wenn ich nun den
Franzosen erschossen htte, sagte er bitter lchelnd, das wrde unfehlbar meines
Vaters klug angelegte Plne sehr befrdert haben, das wrde meinen Oheim, der
den jungen Mann liebt, gewi bestimmt haben, dessen Mrder fr seinen Erben zu
erklren. Nein, sagte er zu sich selbst, indem er sich heftig die Thrnen von
den Wangen trocknete, nein, verlumde Du Dich nicht selbst; nein, Du wolltest
nicht morden aus Eigennutz, Du suchtest einen Zweikampf, um darin zu fallen, um
dem grlichen Elende des Lebens zu entfliehen, das Du, Thor, doch zu feig bist
freiwillig zu verlassen.
    Der junge Graf hatte gesucht, auf einem einsamen Spaziergange die nthige
Fassung wieder zu gewinnen. Ich mu ja doch, sagte er sich selbst, was mein Herz
auch leidet, heute die abgeschmackte Festlichkeit mitmachen, morgen will ich
darber nachdenken, was ich eigentlich hier will. Er kehrte also ebenfalls nach
dem Schlosse zurck und fand, da man mit der Mittagstafel schon auf ihn
wartete, denn es war beschlossen worden, heute frher zu speisen als gewhnlich,
um nicht durch die Ankunft der ersten Gste in Verlegenheit zu gerathen.
    Der Graf hatte geglaubt, sein Vetter und St. Julien wren einander nher
getreten, und er erstaunte also, als er bemerkte, da ihr Betragen gegeneinander
noch frmlicher geworden war. Sie begegneten einander hflicher als frher, aber
die Hflichkeit war von so sonderbarer Art, da jede hfliche Rede, die der Eine
an den Andern richtete, mit einer Herausforderung htte endigen knnen. Das
heutige Fest hinderte alle ernsten Mittheilungen, und der Graf nahm sich vor,
den folgenden Tag seinem jungen Vetter entweder nher zu treten oder den
peinlichen Besuch mit kurzer Art abzukrzen.
    Die Mittagstafel war aufgehoben. Der junge Graf entfernte sich, um noch
einen einsamen Spaziergang zu machen und in der Natur Trost fr sein zerrissenes
Herz zu suchen. Er fhlte sich aus tausend Grnden unglcklich, aber was ihm den
letzten Trost und alle Haltung raubte, er mute sich fragen, ob er noch seiner
eignen Achtung werth sei, nachdem er den Bitten seines Vaters nachgegeben und in
dessen Auftrgen auf Schlo Hohenthal erschienen war; er konnte durchaus nicht
begreifen, was er eigentlich hier wollte, denn Alles, was ihm sein Vater zur
Aufgabe gemacht hatte, kam ihm geradezu verchtlich und abgeschmackt vor.
    Die Damen hatten sich wegbegeben, um sich festlich zu kleiden, und St.
Julien zog sich in derselben Absicht auf sein Zimmer zurck; der Graf blieb
allein und wnschte, das Fest mchte vorber und die gewhnliche Ordnung des
Hauses wieder eingetreten sein, da rasselten mehrere Wagen in den Hof, und aus
verschiedenen Equipagen stieg der Prediger und seine zahlreiche Familie. Der
Graf entschuldigte die Damen, da sie, mit ihrer Kleidung beschftigt, die Frau
und Tchter des Predigers noch nicht empfangen knnten. Ich bin eigentlich etwas
frher gekommen, sagte der Geistliche, weil ich, noch ehe die Gesellschaft
kommt, etwas mit Ihnen zu sprechen wnsche. Der Graf fhrte den Prediger in sein
Kabinet, und die Familie desselben blieb fr's Erste sich selbst berlassen in
dem Gesellschaftszimmer, wo sie der Haushofmeister mit Kaffee bewirthen lie.
    Wissen Sie, redete der Geistliche den Grafen an, als sie allein waren, da
es mit dem Vater Ihres jungen Vetters, der sich hier aufhlt, erbrmlich steht.
Es war ein Kornhndler heute bei mir, der brachte mir die Nachricht mit. Er ist
gnzlich zu Grunde gerichtet, die Gebude auf dem Gute sind alle verfallen, sein
Viehstand ausgestorben, die Schaafheerden hat er verkauft, und jetzt bedrngt
ihn eine Zahlung, die er durchaus nicht leisten kann. In dieser Noth hat sich
der alte Schurke, der Lorenz, auf dem Schlosse eingefunden, er erbietet sich die
Summe zu schaffen, das Gut fr ein Jahr zu pachten, in welcher Zeit ihm Ihr Herr
Vetter die vorgestreckte Summe zurckzahlen mu, oder das Gut bleibt fr einen
sehr niedrigen Preis in den Hnden des Darleihers, und, der mir die Nachricht
mittheilte, meinte, der Darleiher wre der Sohn des Alten. Knnte ich nur
begreifen, wie die Menschen auf ein Mal zu so vielem Gelde gekommen? Der Graf
erzhlte dem Prediger, auf welche Art sich die Tochter des Alten von dem General
Clairmont getrennt habe, und theilte ihm auch die Vermuthung mit, die er hegte,
da der Sohn den Franzosen als Spion und Wegweiser gedient haben mchte. Jetzt
geht mir ein Licht auf, rief der Prediger, wir sahen den jungen Mann ja selbst,
der den General bis zu Ihrem Schlosse begleitete; jetzt kann ich mir Alles
erklren, auch wie die Franzosen hier so trefflich Bescheid wuten. Aber ist es
nicht abscheulich, da solche Schufte nun die Gutsbesitzer hier im Lande werden
sollen. Das mu man abzuwenden suchen, sagte der Graf, ich werde mit meinem
Vetter ber den Gegenstand zu sprechen suchen. Es ist nur schwer, fgte er
hinzu, den jungen Mann zur Mittheilung zu bewegen.
    Ich habe hier einen Brief fr ihn, sagte der Pfarrer, derselbe Kornhndler
brachte ihn mit; er ist vermuthlich von seinem Vater, denn er ist mit dem
Hohenthalschen Wappen gesiegelt; der wird wohl die traurige Geschichte
umstndlich enthalten. Wollen Sie mir die Schreiben anvertrauen, sagte der
Graf, so werde ich es morgen meinem Vetter abgeben, wir wollen heute dadurch
seine Laune nicht verderben, er ist auerdem nicht in der heitersten Stimmung.
    Das kann ich mir bei seiner Lage denken, bemerkte der Geistliche; der Vater
zu Grunde gerichtetet und er selbst verabschiedet, das mu ihn natrlich
niederdrcken.
    Der Graf hatte den Brief von dem Geistlichen empfangen und bat diesen nun,
nach dem Saale zurckzukehren, um Theil an der Gesellschaft zu nehmen.

                                      XVII


Es hatte sich schon eine zahlreiche Gesellschaft versammelt, als der Graf und
der Prediger den Saal wieder betraten, und es war in der That ein angenehmer
Anblick, eine blhende, geschmckte Jugend nach langer Trauer wieder zur
Heiterkeit und Freude vereinigt zu sehen. Einige durchschwrmten den Garten,
aber die waren nur Wenige, denn die meisten jungen Leute freuten sich
hauptschlich auf die lang entbehrte Lust des Tanzes, und die jungen Damen
wollten ihre fr den Ball eingerichtete Kleidung keiner Gefahr auf einem
Spaziergange im Freien aussetzen.
    Endlich wurden fr den ltereren Theil der Gesellschaft die Spieltische
hingesetzt, und die Musik ertnte, um der jngern Welt den Anfang ihrer Freude
zu verkndigen. Die lustigen Klnge der Klarinetten und Hrner schwebten nach
dem Garten hinunter und lockten schnell die wenigen Lustwandelnden herbei, und
viele Paare durchflogen mit leichten, von Freude beflgelten Fen den Saal. St.
Julien hatte den scherzenden Wink der Grfin verstanden, die ihm rieth, nicht
immer mit derselben Dame zu tanzen; er betrachtete es also wie eine Pflicht der
Hflichkeit, auch mit einigen andern jungen Damen zu tanzen, und nur dann erst,
wenn er die wie ein Geschft abgemacht hatte, kehrte er immer mit neuem
Entzcken zu Emilien zurck. Der Obrist Thalheim hatte fr diesen Abend kein
Spiel angenommen, er wute nicht recht, wie sich seine Tochter benehmen wrde,
die zum ersten Mal in einer so glnzenden Gesellschaft auftrat; er frchtete mit
vterlicher Eitelkeit, da sie schlecht tanzen wrde, da sie keinen andern
Unterricht in dieser Kunst erhalten hatte, als durch Emilie und St. Julien, von
denen die Sache nur wie ein Scherz war getrieben worden. Aber obgleich Therese
mit Schchternheit den Saal betrat, so fand sie sich doch bald zurecht, die Nhe
der Grfin gab ihr Muth, Sicherheit gewann sie durch den Beistand ihrer jungen
Freunde, und der zrtliche Vater sah mit Entzcken, da sie an Leichtigkeit,
Grazie und Anstand viele andere junge Tnzerinnen bertraf.
    Der Graf hatte sich gewundert, da sein Vetter immer noch in der
Gesellschaft fehlte; er hatte sogar einige Male nach dessen Zimmer geschickt, um
ihn auffordern zu lassen, Theil an der allgemeinen Heiterkeit zu nehmen, aber
jedes Mal war die Antwort zurckgekommen, da der junge Herr Graf gar nicht zu
Hause sei. Verdrlich ber diese Sonderbarkeit theilte er eben dem Obristen
mit, da sein Vetter bei ihm im Hause sei, und klagte ber dessen seltsames
Betragen. Der Obrist freute sich sehr auf das Zusammentreffen mit seinem jungen
Freunde und bedauerte nur, da er ihn noch nicht erblickte. Endlich trat der
junge Mann, sorgfltig gekleidet, in den hell erleuchteten Saal; sein Auge
schweifte ber die glnzende Gesellschaft hinweg und haftete auf der wrdigen
Gestalt eines Greises, der, in das Gesprch mit seinem Oheim vertieft, ihn nicht
sogleich bemerkte. Eine glnzend neue Uniform, die ganze fr sein Alter zwar
passende, aber mit Sorgfalt gewhlte Kleidung, deutete auf eine Wohlhabenheit,
die den jungen Grafen irre machte und sich am Wenigsten mit seinen letzten
Nachrichten vereinigen lie; aber das edle ihm so wohl bekannte Gesicht, die
dnnen Haare, die sich silberwei an die Schlfe schmiegten, lieen keine
Zweifel. Er wollte eben vortreten und den Obristen anreden, als dieser sich
umwendete und ihn erkannte. Mit vterlicher Liebe trat er dem jungen Manne
entgegen, dessen Staunen ihn verhinderte, sein Gefhl auszudrcken. Sie haben
mich hier nicht erwartet, rief mit Gutmthigkeit lchelnd der Obrist nach den
ersten Begrungen, aber kommen Sie nur, ich will Sie noch mehr in Verwunderung
setzen, Sie sollen auch meine Tochter begren. Betubt hatte der junge Graf
sich fhren lassen und stand nun vor einem reizenden Wesen, dessen schlanke
Gestalt von leichten Gewndern umschwebt, von Blumen umrankt war, und das ihm
aus heitern braunen Augen mit unschuldiger und unverhehlter Freude entgegen
lchelte. Der junge Graf stand verwirrt. Theresens Bild hatte ihn begleitet in
allen Gefahren, in allen kummervollen und in allen besseren Stunden, aber in der
Drftigkeit war sie ihm erschienen, wie er sie gekannt hatte; das Letzte, was er
von ihr erfahren, hatte ihn in Verzweiflung versenkt, ja er mute sie fr
verloren halten, und nun fand er sie hier, umgeben mit allen Zeichen des
Wohlstandes, in allem Uebrigen den versammelten Damen gleich, nur da statt der
reichen Perlen, der glnzenden Steine, mit denen die andern geschmckt waren,
eine feine venetianische Kette, das Weihnachtsgeschenk der Grfin, den schlanken
Hals bescheiden umschlang.
    Sie hier, stammelte endlich der junge Graf, wie bin ich so glcklich, Sie
hier zu finden. Setzen Sie sich zu mir, sagte Therese mit vor seliger Freude
feuchten Augen, ich will Ihnen Alles erzhlen.
    Der Graf nahm einen Stuhl neben ihr ein, und die Welt umher entschwand ihm.
Er horchte mit Entzcken auf die Tne, die den rothen Lippen begeisternd
entschwebten; das im schnen Gefhle der Dankbarkeit befeuchtete Auge blickte so
rein, so zrtlich in das seine, da er dem Zauber zu erliegen frchtete; die
Fassung wollte ihn verlassen; die Rcksicht auf die Gesellschaft entschwand ihm,
und er war nahe daran, zu den Fen des Wesens hinzusinken, das ihm wie durch
ein Wunder so verschnert, so veredelt zurckgegeben wurde, nachdem es von ihm
mit finster menschenfeindlicher Verzweiflung betrauert worden war.
    Die Grfin hatte schon lngst das Auffallende einer so langen und innigen
Mittheilung in einer groen Gesellschaft bemerkt; sie war einige Male vorbei
gegangen, aber die jungen Leute waren zu sehr mit sich beschftigt, als da sie
auf einen leichten Wink htten achten knnen. Die Grfin bot also Theresen die
Hand, als htte sie ihr etwas zu sagen, und fhrte sie, freundlich mit ihr
sprechend, von dem jungen Grafen hinweg, dessen trunkene Augen jeder Bewegung
seiner reizenden Freundin folgten.
    Die Musik spielte einen franzsischen Kontretanz, und St. Julien forderte
Theresen auf, neben der die Grfin sa, die ihrer jungen Freundin noch einige
Worte zuflsterte, worber diese wie die schnste Rose errthete, indem sie doch
zugleich liebevoll zu der Grfin auflchelte. Der junge Graf war mit seinen
Gedanken wenig bei dem Tanze, man sah es ihm an, da Gefhle seine Brust
bewegten, die er sich vergeblich zu beherrschen bemhte.
    Der Tanz war geendigt, und St. Julien hatte Theresen kaum zu ihrem Sitze
zurckgefhrt, als der junge Graf hastig zu ihm trat, seinen Arm merklich
drckte und mit bewegter Stimme ihm eilig zuflsterte: Folgen Sie mir auf einige
Augenblicke in den Garten. St. Julien war erstaunt; der heftige Druck, das
glhende Auge, die bewegte Stimme des Grafen, der schon den Saal verlassen
hatte, lieen auf eine Erneuerung der Feinschaft schlieen, und er folgte ihm
mivergngt darber, da er ihm die wenigen Stunden der Freude zu verbittern
strebte.
    Der junge Graf strmte durch die Gnge des Gartens, so da St. Julien ihn
mit Mhe erreichte, und beide standen endlich auf demselben von Gebschen
umgebenen Platze, wo sie den Morgen ihr feindliches Gesprch gefhrt hatten. Es
war eine stille, warme Nacht, der Mondschein ruhte auf dem Laube der Bume und
breitete seinen Silberschimmer ber den Rasen aus, ein Springbrunnen pltscherte
in der Nhe, und nur einzelne Tne der Musik klangen wie lockend zu ihnen vom
Schlosse herunter.
    Der Graf wendete sich hier pltzlich, und indem er St. Juliens Arme, die
dieser ber die Brust zusammen geschlagen hatte, mit beiden Hnden heftig fate,
rief er: St. Julien, ich mu reden, heute noch; mein Herz wrde sonst
zerspringen; ich knnte das Gefhl der Qual und Seligkeit nicht diese Nacht
hindurch ertragen. Nicht wahr, rief er aus, indem ihm die Thrnen ber die
Wangen strmten, es wre lcherlich, wenn Einer von uns den Andern fr feig
halten wollte, da wir Beide, jeder fr sein Vaterland, aus schmerzlichen Wunden
geblutet haben; dehalb sind fr uns solche abgeschmackte Rcksichten nichts,
und was sind alle Rcksichten gegen mein Gefhl; hier an derselben Stelle, wo
ich Sie beleidigte, bitte ich Ihnen mein Unrecht ab; hier sage ich Ihnen, da
ein wilder Schmerz mich dahin brachte, Sie gern zu verkennen, da ich einen
Zweikampf suchte, um mein Leben darin zu endigen, und hier antworten Sie mir, ob
Sie mein Gefhl mit derselben Freimthigkeit erwiedern knnen.
    Bester Graf, sagte St. Julien mit Rhrung, Sie sind so erschttert, da Ihr
Zustand mich besorgt macht, lassen Sie uns vergessen, da wir uns gegenseitig
verkannt haben, und schenken Sie mir Ihre Freundschaft.
    Freundschaft? wiederholte der Graf mild lchelnd; ja, lassen Sie uns Freunde
sein, und helfen Sie mir die Qual des Kummers und die Seligkeit des Entzckens
ertragen, die mich beide zu vernichten drohen. Sie mssen es erfahren, fuhr er
nach einem kurzen Schweigen, whrend dessen er sich gesammelt hatte, miger
fort, was mich bei meiner Ankunft hier auf dem Schlosse in jene unselige
Stimmung versetzt hatte, und wodurch jetzt mein Gefhl so gnzlich umgewandelt
worden ist, damit Sie mich nicht fr einen Thoren halten, dessen Zorn eben so
wenig, als seine Freundschaft Achtung verdienen.
    Sie mssen wissen, da ein groer Theil unseres Adels mit der Armuth kmpft,
und zu diesen Unglcklichen gehrt mein Vater. Von frhester Kindheit an hrte
ich es beklagen, da mein Oheim hier das gesammte Familen-Vermgen mit Unrecht
besitze; es wurden oft ohnmchtige Plne gegen ihn entworfen, und man
behauptete, da hauptschlich meine Tante ihn abhielte, sich mit meinem Vater in
Unterhandlungen einzulassen. Auf mich machte die Alles keinen tiefen Eindruck,
auer, da ich einen Widerwillen gegen meinen Oheim und besonders gegen meine
Tante fate. Ich nahm Militairdienste eben so wohl aus Noth, als aus Neigung;
ich lernte frh entbehren, denn mein Vater konnte mich nur wenig untersttzen,
von den jungen reichen Leuten beim Regiment zog ich mich zurck, einen Bruder
hatte ich nicht, und so lebte ich die schnsten Jahre der Jugend in tiefer
Einsamkeit des Herzens.
    Endlich lernte ich ein Wesen kennen, in noch beschrnkterer Lage, als ich
selbst, dessen zarte Schnheit, die wie eine Knospe im Erblhen war, dessen edle
Eigenschaften, die sich unter den ungnstigsten Umstnden dennoch herrlich zu
entwickeln begannen, tausend zarte Bande um mein Herz legten, und ich lernte
eine Seligkeit kennen, die ich in diesem armen Leben nie geahnet htte. Ich
erwartete von meinem Vater nichts, aber ich hoffte, da sein Gut ihm die Mittel
zur Existenz gewhren wrde, so lange er lebte. Ich war Stabsrittmeister, und es
konnte nach meiner Meinung nicht mehr lange whren, da ich eine Eskadron
bekommen mte; dann wollte ich mich mit dem holden Wesen vereinigen, in dessen
unschuldigen Augen ich zu meinem Entzcken las, da sie, vielleicht ohne es zu
wissen, auf mich die Hoffnungen ihres Lebens baute. Der Krieg begann, und ich
mute mich von meiner holden Freundin und ihrem ehrwrdigen Vater trennen. Bei
Eylau wurde ich schwer verwundet und verlor zugleich Alles, was ich an irdischen
Besitzthmern mein nennen konnte. Nach Monaten hatte ich mich in so weit erholt,
da ich reisen konnte, und nun wurde es durch den Waffenstillstand auch mglich.
Ich kam bei meinem Vater an, den ich in vielen Jahren nicht gesehen hatte, und
in den ersten Stunden schon berzeugte ich mich, da er vllig zu Grunde
gerichtet war, wozu der Krieg das Seinige beigetragen hatte. Ich war kaum einige
Tage bei meinen Eltern, als der Friede mit allen seinen Bedingungen bekannt
wurde, und in Folge der groen Reduktionen bei der Armee erhielt ich meinen
Abschied. Jetzt wurde meinem Vater die Nachricht mitgetheilt, da mein Oheim
damit umgehe, das gesammte Vermgen einem Fremden zuzuwenden. Mich erbitterte
mehr, als alles Andere, die Ungerechtigkeit gegen meinen Vater, und ich lie
mich bestimmen, die Reise hieher zu unternehmen; ich war hiezu um so lieber
bereit, da mich die grte Unruhe qulte ber das Schicksal meiner Freunde, alle
meine Briefe waren unbeantwortet geblieben, und die heieste Sehnsucht erfllte
mein Herz.
    Auf dem Wege hieher eilte ich zuerst die Unruhe meines Herzens zu endigen.
Ich wollte mich an dem Anblicke meiner Freundin strken und erfreuen; ich hoffte
selbst Rath von ihrem Vater, vor Allem aber wollte ich sie sehen und ber ihr
Schicksal beruhigt sein; so erreichte ich nach den qualvollsten Tagen der
heiesten Sehnsucht endlich ihre Wohnung. Fremde Menschen kamen mir entgegen;
ich fragte nach dem Obristen Thalheim, ein plumper breiter Mensch fragte: Meinen
Sie den vorigen Pchter? Nun ja, das war ja der Obrist Thalheim, rief ein Weib
aus einem Winkel. Der ist gnzlich hier verarmt, ergnzte nun der widrige
Mensch; vorigen Winter wurde er hinaus getrieben und wird nun wohl schon
gestorben sein. Und seine Tochter? fragte ich mit hchster Anstrengung. Gott
wei, sagte der Mensch, wo das Mdchen hingekommen sein mag; wie kann man es
wissen, da Freunde und Feinde hier durchgezogen sind. Ich wei nicht, wie ich
das Haus verlassen habe; ich wei nicht, was ich auf dem Wege hieher dachte und
fhlte. - Mit dieser Qual im Herzen kam ich hier an. Alles kam mir nun
feindselig vor, ja selbst der sichtbare Wohlstand emprte mich, denn ich dachte
an die Entbehrungen meines Vaters; mir fiel es ein, da vielleicht ein kleiner
Theil dessen, was hier berflssig ausgegeben wird, das edelste Geschpf
erhalten htte. Dunkel schwebte mir dabei vor, da ich doch meinem Vater nicht
einmal wrde ntzen knnen, und diese Gefhle brachten mich dahin, das Ende
meines Lebens zu suchen. Knnen Sie nun die Stimmung begreifen, die mich dazu
trieb, den Streit mit Ihnen zu beginnen? St. Julien drckte seine Hand, und der
junge Graf fuhr fort: Ich war nicht so verstockt, da ich nicht dennoch mein
Unrecht empfunden htte; ich war entzweit mit mir selbst; ich entzog mich den
Blicken aller Menschen und schweifte auf den Bergen umher, um in der Einsamkeit
das Gleichgewicht wieder zu finden, das meine Seele verloren hatte; die Strme
meines Busens wurden gekhlt, eine edlere Trauer ruhte mir im Herzen, und ich
beschlo schon auf meinem einsamen Spaziergange, mich nher gegen Sie zu
erklren. Mit solchen Empfindungen kehre ich zurck und finde hier, begreifen
Sie mein staunendes Entzcken, die Freundin meines Herzens mit allen Zeichen des
Wohlstandes umgeben, blhender, schner, als ich sie jemals kannte. Ihr
leuchtendes Auge go den Strahl des Friedens in meine Seele, von ihren
Purpurlippen erfuhr ich, wie sie und ihr Vater schon am Rande des
entsetzlichsten Abgrundes gestanden hatten; hier vernahm ich, welche Hand sie
erhalten, da mein Oheim wie ein edelfhlender Mensch ihr Leid getheilt, wie ein
milder Engel sie darin getrstet und wie ein helfender Gott sie mit starkem Arm
daraus errettet hatte. Ich vernahm, mit welcher schonenden Gromuth meine gtige
Tante das Werk ihres Gemahls vollendete; wie ihr edler, gebildeter Geist alle
schnen Keime zu entwickeln strebt, die in Theresens Seele ruhen; ich erfuhr,
wie die himmlische Geschpf hier nur Liebe und Freundschaft umgegeben, und sie
heben und tragen auf den Wegen des Lebens. Liebe, Bewunderung, Entzcken
durchbebten mein Herz, aber zugleich die brennende Scham ber die verchtlichen
Grnde, die mich dazu gebracht hatten, mich diesen Menschen feindlich gegenber
zu stellen. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen, ich wre zu Theresens Fen
gesunken und htte allen meinen Empfindungen Worte gegeben, wenn nicht meine
Tante das holde Geschpf in demselben Augenblicke von meiner Seite genommen
htte.
    Und nun, mein theurer Freund, sagte St. Julien, werden Sie doch gewi schon
den Entschlu gefat haben, sich mit Offenheit an Ihren Oheim zu wenden, und
werden eben so, wie ich, berzeugt sein, da Sie einen vterlich helfenden
Freund an ihm finden werden?
    Es kann nicht sein, sagte der junge Graf, da mein Oheim das Vermgen
besitzt, welches zum Theil meinem Vater zukme; sein edler Charakter wrde ihn
sonst lngst bestimmt haben, Gerechtigkeit zu ben, und mein Vater schwebt gewi
darber, wie ber vieles Andere, im Irrthume; aber es sei, wie es will, ich
werde mit meinem Oheim ber Alles sprechen, und wenigstens zwischen uns soll ein
reines Verhltni stattfinden.
    St. Julien konnte den Entschlu des jungen Grafen nur loben und erinnerte
ihn nun daran, da sie schon lange aus dem Gesellschaftssaale entfernt wren und
die leicht auffallen knnte.
    In der That hatte der Graf die Abwesenheit der beiden jungen Mnner bemerkt,
die ihm bei der feindlichen Stellung, die sie gegen einander annahmen,
mancherlei Besorgnisse erregte; um so grer war also seine Verwunderung, als
sie Arm in Arm eintraten, und ihre Blicke wie ihre ganze Haltung zeigten, da
auf ein Mal eine innige Vertraulichkeit an die Stelle feindseliger Klte
getreten war.
    Der junge Graf nherte sich seiner schnen Freundin von Neuem und fragte mit
schmeichelnden Blicken: Darf ich nicht wissen, was meine Tante Ihnen sagte, als
sie vorhin unsere Unterredung strte? Warum sollte ich Ihnen das nicht
mittheilen drfen, antwortete Therese, indem sie die groen, dunkeln Augen mit
dem Ausdrucke der reinsten Unschuld zu ihrem Freunde erhob; die Grfin sagte
mir: Ich werde gewi, mein liebes Kind, Dich nicht mit unzeitiger
Zudringlichkeit stren, wenn wir unter uns sind und lauter wohlwollende Menschen
Dich umgeben; dann kannst Du ohne Rckhalt Deinem Freunde alles mittheilen, was
ihm wichtig scheint, aber hier, jetzt unter so vielen fremden Menschen, ist es
besser, wenn Du keine so langen und angelegentlichen Unterredungen mit ihm
fhrst. Und Sie wnschen den Rath meiner Tante zu befolgen? fragte lchelnd der
Graf. Wenn es Sie nicht krnkt, wnsche ich es wohl, erwiederte Therese
aufrichtig, denn die Grfin behandelt mich so mtterlich, ihr Rath ist so wohl
gemeint, da ich ungern davon abweichen mchte.
    Da wir denn nicht viel mit einander sprechen drfen, sagte der junge Graf,
so werden Sie es mir doch gewi nicht abschlagen, mit mir zu tanzen? O gewi
nicht, rief Therese, ich habe mich schon lange darber gewundert, da Sie ganz
weggegangen waren und nicht einmal Lust bezeigten, mit mir zu tanzen. Und dahin
schwebten Beide durch den Saal zum grten Erstaunen des Grafen, der die
Verwandlung seines finstern Vetters gar nicht begreifen konnte und doch auch
sich nicht aufklren mochte, weil er eine lange vertrauliche Unterredung mit St.
Julien in dieser gemischten Gesellschaft nicht suchen wollte.
    So war unter Tanz, Spiel und heitern Gesprchen ein groer Theil der Nacht
verschwunden, und die Gesellschaft begab sich nach dem Speisesaale zur
Abendtafel. Die geschmackvolle Verzierung der Tafel, die glnzende Beleuchtung,
machten dem Haushofmeister eben so viel Ehre, als die Flle der auserlesenen
Speisen und Getrnke. Die feurigen Weine erhhten die Heiterkeit der Gste, und
auch die, welche sich bis jetzt ruhig gehalten hatten, wollten nun durch Witz
und muntere Einflle ihren Zoll zur allgemeinen Freude beitragen. Freilich
trafen nicht Alle immer das Beste, und oft erhob sich Gelchter aus ganz andern
Grnden, als der beabsichtigte, welcher es erregte; aber doch umschwebte die
Freude die Tafel. Endlich neigte sich auch diese Lust zu Ende, und der
Haushofmeister schenkte schon den perlenden Champagner ein; der Baron Lbau sah
mit ngstlichen Blicken den Grafen an, der ihn sogleich verstand, ein Glas nahm
und, indem er aufstand, mit lauter Stimme rief: Auf das Wohl unseres theuern
Landesvaters, unseres geliebten Knigs, den uns Gott lange erhalten mge! Ein
langer schmetternder Tusch von Trompeten besttigte die ausgebrachte Gesundheit,
und es war, als ob die Tne in jeder Brust das gleiche Gefhl der Liebe und
Hingebung hervorriefen, Aller Augen glnzten in Thrnen, alle Stimmen
wiederholten die Worte, und selbst der Baron Lbau, der die Sache wie eine
Frmlichkeit betrieben hatte, fand unvermuthet eine Empfindung in seinem Busen,
die auch seine Augen befeuchtete. Er hatte sich nicht auf den Grafen verlassen
und befrchtet, da in Ansehung dieses wichtigen Gesundheitstrinkens nicht die
gehrige Anordnung getroffen sein mchte, dehalb hatte er es nicht verschmht,
in einem unbeachteten Augenblicke den Haushofmeister aufzusuchen und ihm selbst
das Nthige aufzutragen, und blickte nun mit einem Gefhl von Stolz gleichsam in
die Trompetentne hinein, die er glaubte veranlat zu haben.
    Nach der Abendtafel wollten noch Einige den Tanz zu erneuern suchen, aber
auch die Lust ermdet den Menschen, und da der Tag schon wieder zu dmmern
begann, so trennte sich die ermdete Gesellschaft.

                                     XVIII


Als nach einer Ruhe von einigen Stunden der Graf sich wieder von seinem Lager
erhoben hatte, sumte Dbois nicht, aus doppelten Grnden, sogleich vor dem
Herrn zu erscheinen; zuerst wollte er erfahren, ob der Graf mit der ganzen
Anordnung des Festes zufrieden gewesen sei, und dann glaubte er, da es gut
gethan sei, wenn er ihm die Unterredung mittheilte, die er mit dem Knaben Gustav
gehabt hatte.
    Als ihn der Graf erblickte, rief er: Ei, ei, guter Dbois, sind Sie schon
aufgestanden, nach der groen Anstrengung, die Sie gestern hatten? Sie sollten
sich mehr schonen, Sie sollten daran denken, da Sie sich uns noch lange
erhalten mssen. Dbois lchelte entzckt ber diese Gte und versicherte, da
er gar keine Mdigkeit fhle, auch, fuhr er fort, stand mir der Knabe des jungen
Herrn Grafen mit so vieler Gewandheit und Einsicht bei, da ihm ein groer Theil
des Lobes gebhrt, wenn wir berhaupt Lob verdient haben.
    Alles war vortrefflich, sagte der Graf, jede Anordnung verstndig; wie lt
sich das auch von Ihnen anders erwarten; Sie haben in Paris eine so gute Schule
gehabt; und Alles war so eingerichtet, wie ich es liebe; Jeder wohl versorgt,
auch der geringste Gast beachtet, ein anstndiger Ueberflu ohne alle Prahlerei;
durch Ihre Mhe war es ein so wohlgeordnetes Fest, da ich Ihnen recht sehr
dafr danke. Gewi, sagte der Haushofmeister, ich bin innig erfreut ber die
Zufriedenheit meiner hohen Herrschaft, aber doch mu ich der Wahrheit gem
eingestehen, da ich mir ohne den lieben Knaben Gustav gar nicht in dem Grade
diese mir so theure Zufriedenheit htte erwerben knnen.
    Was ist es mit dem Knaben, fragte der Graf, denn es scheint mir, da Sie
seiner nicht ohne Absicht gedenken?
    So ist es, erwiederte Dbois und lie sich gern bereit finden, Alles, was er
von dem Knaben wute, mitzutheilen. Der Graf hrte nicht ohne Theilnahme dessen
traurige Geschichte und sagte, als sie geendigt war: Wie bereit doch ein Jeder
ist, dem Andern Unrecht zu thun; ich htte meinem finstern, kalten Vetter nicht
so viel Menschlichkeit zugetraut, und ich war sehr geneigt, das fr seinen
Charakter zu erklren, was vielleicht nur die Folge eines eben erduldeten
Unglcks sein mag. Ich hielt es dehalb fr meine Pflicht, erwiederte Dbois,
das Alles zu berichten, damit nicht vielleicht die Mitglieder eines verehrten
hohen Hauses durch Miverstndnisse noch mehr von einander getrennt werden. Sie
sind ein verstndiger Mann, sagte der Graf mit Gte, und ich habe es oft mit
Dank erkannt, da Sie alles, was zu meinem Vortheil gehrt, wie ein Freund
bercksichtigen. Die ist die Pflicht eines treuen Dieners, sagte der alte Mann
mit vor Rhrung bebender Stimme, aber nicht immer wird diese Pflicht gegen so
edle Herren ausgebt. Ich bin so dreist gewesen, fuhr er sich beherrschend fort,
dem Brschchen Gustav den Gebrauch der Bibliothek zu gestatten, ohne um Ihre
Erlaubni dazu erst nachzusuchen, wie ich htte thun sollen, aber die Geschfte
des Tages verhinderten mich, und ich hoffe, der Herr Graf verzeihen mir diese
Freiheit. Sie haben auch daran Recht gethan, mein guter Dbois, sagte der Graf,
wie ich alles, was Sie fr den unglcklichen Knaben gethan haben, nur loben
kann, und gewi werde ich es nicht unterlassen, Ihre guten Absichten mit ihm
nach besten Krften zu untersttzen. Das Wort war gesprochen, welches Dbois von
der Gromuth seines Herrn erwartet hatte, und er ging in jeder Hinsicht
befriedigt hinweg. Kaum hatte der Haushofmeister den Grafen verlassen, als St.
Julien mit ganz ungewhnlicher Heiterkeit hereintrat. Sie wollten kein
Friedensfest, rief er lachend, nachdem er den Grafen umarmt hatte, aber wenn Sie
auch dabei bleiben wollen, das gestrige Fest nicht so zu nennen, so haben Sie
doch meinen Frieden mit einem heftigen Feinde dadurch gestiftet und, setzte er
mit Herzlichkeit hinzu, ihn in meinen aufrichtigen Freund verwandelt.
    Dann wre durch eine geringe Ursache eine groe Wirkung hervorgebracht,
sagte der Graf lchelnd, aber theilen Sie mir doch mit, wie die Verwandlung sich
begeben hat, die ich schon gestern bemerkte.
    St. Julien wurde ernsthaft und erzhlte dem Grafen das ganze, anfnglich so
feindliche und dann so rhrend herzliche Benehmen des jungen Grafen; er theilte
ihm Alles mit, was er von ihm selbst erfahren hatte, und sein Zuhrer konnte
sich des Mitgefhls nicht erwehren.
    Der arme junge Mann, rief er, als St. Julien geendigt hatte, er hat Vieles
durch ein hartes Geschick erduldet und sehr Vieles durch die ungereimte
Falschheit seines Vaters, der den eigenen Sohn hintergeht, um ihn zu Schritten
zu bewegen, die ihn nur htten herabwrdigen knnen. Ich sehe das deutlicher
ein, als Sie, mein lieber Freund, und zweifeln Sie nicht, ich werde dem
Vertrauen meines Vetters so begegnen, wie ich hoffe, da es fr uns Alle
wohlthtig sein soll.
    Nur gedenken Sie meiner nicht dabei, sagte St. Julien, denn ich wei nicht,
ob unsere junge Freundschaft nicht dadurch erschttert werden knnte, wenn er
darauf kme, zu glauben, ich habe sein Vertrauen mibrauchen wollen.
    Sein Sie unbesorgt, sagte der Graf lchelnd, ich werde ja nicht den kaum
geschlossenen Frieden stren wollen.
    Die Gesellschaft versammelte sich spt zum Frhstck, und die heiteren
Erinnerungen an den gestrigen Tag wurden gehemmt und unterbrochen, weil man
bemerkte, da der junge Graf seine Gedanken auf andere, ernsthaftere Gegenstnde
richtete, und da auch sein Oheim diesen Dingen wenig Aufmerksamkeit schenkte
und hauptschlich ein Gesprch mit seinem Vetter einzuleiten suchte. Endlich
nach beendigtem Frhstck bat er diesen, ihm in sein Kabinet zu folgen, weil er
sich ber manche Gegenstnde mit ihm zu unterreden wnsche. Der junge Graf
folgte schweigend, nicht ohne peinliche Empfindungen, weil er nicht wute,
welche Wendung eine Unterredung nehmen wrde, die er wnschte und frchtete.
    Als sie allein waren, sagte der Graf: Ich glaube, mein lieber Vetter, Sie
haben es leicht bemerken knnen, da Offenheit und Freimthigkeit die Hauptzge
meines Charakters sind; ich befrchte nicht mich zu tuschen, wenn ich dieselben
Eigenschaften bei Ihnen voraussetze, es ist uns also ohne Frage beiden gleich
qulend, wenn wir eine Spannung zwischen uns erhalten, die vielleicht durch eine
offenherzige Unterredung aufgehoben werden kann. Der junge Graf fand auf diese
Anrede keine Antwort und begngte sich mit einer stummen Verbeugung. Ich will
den Anfang des Vertrauens machen, fuhr sein Oheim fort, da mich die weitere
Bahn, die ich auf dem Wege des Lebens zurckgelegt habe, vielleicht geschickter
dazu gemacht hat, diese Aufgabe zu lsen. Ich glaube mich nicht zu irren, setzte
er hinzu, wenn ich annehme, da Sie mich durch Ihren Besuch hier nicht blo
dehalb erfreuen, um die Bekanntschaft eines Verwandten zu machen, sondern da
Sie dazu auch noch durch andere Grnde bestimmt worden sind. Ich kann nicht
lugnen, sagte der junge Graf mit einer Verlegenheit, die er nicht bekmpfen
konnte, mein Vater hat mir mancherlei Auftrge gegeben, die es mir unendlich
schwer fllt auszurichten.
    Ich glaube, erwiederte ihm sein Oheim, ich kann Ihnen die Erffnung, die Sie
mir machen mssen, erleichtern, wenn ich sage, da mir im Ganzen der Inhalt
Ihrer Sendung bekannt ist. Ihr Vater beabsichtigt seit lange, Ansprche auf
einen groen Theil meines Vermgens geltend zu machen, und die Kenntni dieser
Absicht, die mir mein Rechtsfreund mittheilte, bestimmte mich hauptschlich
hieher zu kommen, wo in einer so wichtigen Angelegenheit meine Gegenwart
vielleicht unentbehrlich sein konnte.
    Ich kann nicht lugnen, sagte der junge Graf, mein Vater ist berzeugt,
bedeutende Ansprche zu haben.
    Ist es Ihnen bekannt, worauf er diese grndet? fragte der Graf.
    Mein Vater ist berzeugt, erwiederte sein Vetter, da nach dem Tode Ihres
Aeltervaters die Summe, welche Ihr Grovater dem seinigen hatte auszahlen
sollen, nie berichtigt worden ist.
    Ich kann Sie vom Gegentheil berzeugen, sagte der Graf, und Ihnen das
Dokument ber die vollstndig geleistete Zahlung vorlegen. Er reichte es ihm mit
diesen Worten hin und zog sich etwas zurck, um seinem jungen Verwandten Zeit
und Ruhe zum Lesen zu gewhren. Er beobachtete ihn whrend dieses Geschfts und
sah, wie das Gesicht des jungen Mannes whrend des Lesens erbleichte und das
Gefhl einer vlligen Hoffnungslosigkeit sich auf seinen Zgen ausdrckte. Noch
eine Zeitlang hielt er das Blatt zitternd in der Hand, und sein Auge ruhte mit
dem Ausdrucke der Verzweiflung auf den Buchstaben, die alle seine Erwartungen
vernichtet hatten. Endlich nahm er sich zusammen und gab gefat seinem Oheim die
Urkunde zurck. Es ist so, wie ich es schon frher ahnte, sagte er mit ruhiger
Stimme, es war ein Irrthum meines Vaters. Ihr Vater, rief der Graf mit
Heftigkeit und unterbrach sich selbst, er fhlte, wie hart es wre, einem Sohne
zu zeigen, wie weit sein Vater von der Bahn der Ehre abgewichen sei.
    Mein Vater, ergnzte der junge Graf, mu seinen Irrthum schleunig erfahren,
wenn auch dadurch alle seine Hoffnungen vernichtet werden; er mu es wissen, da
wir gar keine Rechte auf Ihr Vermgen haben.
    Wenn ich auch zugeben mu, erwiederte sein Oheim, da Sie diese Rechte in
der That nicht haben, hren denn dadurch nothwendig alle Hoffnungen auf? Haben
Sie, mein lieber Vetter, denn gar keine Rechte an einen Verwandten? Ueberrascht
blickte der junge Graf empor, und sein Oheim fuhr freundschaftlich fort:
    Hren Sie mich ruhig an. Ich bin in einer so glcklichen Lage geboren, da
ich von frhester Jugend an mehr hatte, als ich bedurfte, meine Neigungen waren
mehr auf geistige Gensse, als auf kostbare Vergngungen gerichtet. Die Grfin
theilte meine Lebensansichten, und so wurde es bei mir ein Grundsatz, von dem
ich niemals abwich, meine Ausgaben immer so einzurichten, da sie bedeutend
unter meinen Einnahmen blieben; durch diese Einrichtung bin ich in der Lage,
immer eine Summe bereit zu haben, die ich zum Vortheil eines Freundes verwenden
kann, und wenn ich mich auch in mancher Hinsicht ber Ihren Vater zu beklagen
habe, so wre es doch vielleicht besser gewesen, wenn ich mich ihm frher
genhert htte. Ich glaube, da selbst Sie, mein lieber Vetter, nicht einmal
ganz die Gefahr seiner Lage kennen; er ist nahe daran, sich in die Hnde eines
Menschen zu liefern, der sein gegenwrtiges Unglck und die Bedrngnisse, die in
Folge des Friedens eintreten mssen, dazu benutzen wird, um ihm sein Vermgen zu
entreien. Ich erhielt gestern diesen Brief fr Sie, es kann sein, Ihr Vater
schreibt Ihnen selbst das Nhere; lesen Sie dieses Schreiben und theilen Sie mir
dann das Nthige daraus mit, damit wir gemeinschaftlich berlegen knnen, wie
sich am Besten helfen lt. Er reichte ihm mit diesen Worten den am vorigen Tage
vom Geistlichen empfangenen Brief und entfernte sich, um seinen Vetter ungestrt
den vielleicht wichtigen Inhalt berlegen zu lassen.
    Erstaunt, bestrzt blickte der junge Graf seinem Oheim nach; mit wenigen
Worten hatte dieser seine ganze Lage gendert; er hatte es ausgesprochen, da er
die Mittel besitze, ihm zu helfen, und auch den Willen, ihm diese Hlfe zu
leisten, und die war ohne allen Prunk wie eine einfache Handlung abgemacht. Das
Leben lchelte ihm wieder entgegen, die grnzenlose Noth seines Vaters und
seiner Familie war gehoben, und Theresens Bild schwebte eilig seiner Phantasie
vorber. In diesem Gedrnge mannigfacher Empfindungen hielt er noch immer seines
Vaters unentsiegelten Brief in der Hand, und ein zuflliger Blick darauf
erinnerte ihn, da er ihn lesen msse, um seines Oheims wohlthtige Absicht
befrdern zu helfen.
    Wie ganz anders aber wirkte dieses Blatt auf die Gefhle des jungen Mannes.
Es lie sich nicht verkennen, da es in verzweiflungsvoller Stimmung geschrieben
war; in dieser Angst verrieth sein unglcklicher Vater nur zu deutlich, da er
den Sohn getuscht habe, um ihn nur berhaupt zu einem Schritte gegen den Grafen
zu vermgen; er rechnete auf dessen heftigen, reizbaren Charakter und gab ihm
viele unwrdige Mittel an die Hand, eine Summe, die er nannte, von dem Grafen
auf jeden Fall zu erpressen, indem er diese Handlungsweise ihm nur als Erfllung
der Pflichten darstellte, die der Sohn habe, das graue Haupt des Vaters vor
schmachvoller Armuth zu bewahren, die krnkelnde Mutter und die noch
unerwachsenen Schwestern gegen das eindringende Elend zu beschirmen. Wenn Du nun
auch, beschlo er die Schreiben, durch die Erfllung dieser Pflichten einige
schmerzliche Stunden mit meinem Vetter, Deinem Oheim, hinbringen mut, so
bedenke, da Du durch diese kurze Selbstberwindung von uns Allen den Jammer
eines langen kummervollen Lebens abwenden kannst.
    Der junge Graf fhlte sich durch die Schreiben vernichtet. Wie edel und
einfach war sein Oheim, ihm vertrauend, entgegen getreten; mit welcher rhrenden
Freimthigkeit hatte er die Hlfe eines Verwandten angeboten, und wie unwrdig
zeigte sich sein Vater dieser Untersttzung. Mit brennendem Schmerz senkte sich
die Ueberzeugung in seine Seele, da der alte Vater die Achtung des Sohnes nicht
verdiene; das bleiche Bild der leidenden Mutter stand rhrend vor den Augen
seines Geistes, und er verstand jetzt den schmerzlichen Zug um den
wehmthig-lchelnden Mund, und sein eignes, von heftigem Leid bengstigtes Herz
machte sich Luft durch den klagenden Ausruf: Ach, Du arme, Du unglckliche
Mutter!
    Der Graf hatte erwartet, sein Vetter wrde ihm bald folgen, um das Nthige
ber das eingeleitete Geschft zu verabreden; nachdem er aber lange vergeblich
auf ihn gewartet hatte, kehrte er nach seinem Kabinet zurck und fand dort
seinen jungen Verwandten in einem Zustande der Trostlosigkeit, der ihn
erschreckte. Was ist geschehen, lieber Vetter? rief er ihm ngstlich zu; welch
Unglck hat Ihre Familie betroffen? Der junge Graf sa an einem Tische, auf den
er die Ellbogen gesttzt hatte, um das Gesicht in die flachen Hnde zu
versenken; er erhob sein bleiches Antlitz, als er angeredet wurde, und sagte mit
zitternder Stimme: Ich verliere alles Zutrauen zu mir selber, Alles, was mir
heilig war, fngt an mir ein Irrthum zu erscheinen, und ich mchte beinah
wnschen, gar nichts Achtungswerthes im Leben mehr anzutreffen, um mich ber
mein Unglck zu trsten.
    Wie kommen Sie zu so seltsamen Gedanken? fragte der Graf. Lesen Sie die
Blatt, erwiederte sein Vetter, denn ich will Sie nicht hintergehen, wenn es mir
auch als eine Pflicht befohlen wird, Sie mssen wissen, Wem Sie Ihre Hlfe
anbieten.
    Der Graf hatte den Brief gelesen und sagte mit Gte: Sie haben zu wenig in
der Welt gelebt, mein lieber Vetter, dehalb ist Ihr Gefhl so reizbar
geblieben. Es ist gewi ein groes, tief eingreifendes Unglck, wenn ein Kind
die Einsicht bekmmt, da der Charakter seines Vaters Schwchen hat, die das
Unbedingte in der Achtung des Knaben aufheben, aber Sie sind ein Mann, Sie
mssen mit dem Gedanken vertraut sein, da die menschliche Natur berhaupt
unvollkommen ist, und mssen daher diese Unvollkommenheit auch bei Ihrem Vater
ertragen. Der junge Graf fand sich wenig durch diese Ansicht getrstet, doch
beruhigte er sich nach und nach bei dem fortgesetzten Zureden seines Oheims. Es
ist vielleicht zu Ihrer aller Glck, schlo dieser endlich, denn die mu Sie
bestimmen, die Leitung seiner Angelegenheiten nach und nach aus seinen Hnden zu
nehmen, ohne die Rcksichten zu verletzen, die Sie als Sohn ihm schuldig sind;
und wenn Sie ihn von den Geschften entfernen und jede Sorge von ihm abwenden
knnen, so wird auch manches Nachtheilige, durch die Noth Erzeugte aus seinem
Charakter schwinden.
    Man kehrte nun beruhigter zu dem Briefe zurck, und der Graf ersah daraus,
was er durch den Geistlichen schon wute, da eine bedeutende Summe sogleich
nthig sei, wenn das Vermgen seines Verwandten nicht in die Hnde des alten
Lorenz fallen sollte, und da noch andere Untersttzungen erforderlich wren, um
Ordnung in die Geschfte zu bringen. Er rieth nun seinem Vetter, selbst
zurckzureisen, mit der nthigen Summe, um nur den alten Lorenz gleich aus dem
Hause zu bringen; seinen Vater zu berzeugen, da er durch kein Mittel der
Gewalt oder List etwas erhalten knne, da aber der Graf bereit sei, aus
Freundschaft fr den Sohn jeden erforderlichen Beistand zu leisten, da aber
auch dann dieser allein fr Alles die Verantwortung bernehme und folglich die
Geschfte durch seine Hnde gehen mten.
    Der junge Graf wollte den andern Tag abreisen, um die wohlgemeinten Plne
seines Oheims in Ausfhrung zu bringen. Das ist unmglich, rief der Graf; Sie
mssen bermorgen das Friedensfest bei dem Baron Lbau mit feiern helfen, ich
habe es ihm in Ihrem Namen versprechen mssen. Und soll denn meine arme Mutter
so lange in der Angst erhalten werden? sagte sein Vetter, der den Vater nicht zu
nennen wagte.
    Das wre grausam, schreiben Sie sogleich; wir senden einen Boten, und Sie
ersparen sich zugleich die Verlegenheit, unangenehme Dinge mndlich zu sagen,
die doch berhrt werden mssen. Er fuhr nun fort seinem jungen Verwandten seine
Rathschlge zu ertheilen, die diesem eben so mild als vernnftig erschienen.
Und, schlo er, wenn Sie sich dann genaue Kenntni von Ihrer Lage verschafft
haben, dann kehren Sie zu mir zurck und bleiben wenigstens einen Monat bei mir,
damit auch wir uns genauer kennen lernen, indem wir Ihre Geschfte ordnen; und
dann wollen wir auch gemeinschaftlich fr das Fortkommen Ihres Knaben sorgen,
von dem mir der gute Dbois so viel Rhmliches gesagt hat. Der junge Graf konnte
nur einige Worte des Dankes stammeln; die heftige Rhrung machte es ihm
unmglich, Ausdrcke fr sein Gefhl zu finden, er verlie seinen Oheim, um auf
den nahgelegenen Bergen umher zu schweifen und in der freien Natur die
mannichfachen Empfindungen der Liebe, der Achtung, der wiederauflebenden
Hoffnung und des Schmerzes ber seinen Vater, die in seinem Busen strmten, zu
besnftigen. Nach einer Stunde kehrte er beruhigter zurck unb schrieb nun den
peinlichen, aber nothwendigen Brief an seinen Vater, auf den der Bote schon
wartete.
    Am Nachmittage war die Luft so mild und still, da er die Gesellschaft im
Garten versammelt fand, als er von einem Besuch, den er beim Obristen Thalheim
gemacht hatte, zurckkehrte. Der Prediger war ebenfalls gekommen, und ihm
schallte Gelchter und die streitende Stimme des Arztes aus dem Garten entgegen.
Es wird Niemand behaupten knnen, hrte er noch den Arzt empfindlich rufen, da
ich nicht die Fhigkeit htte, den Takt der Musik zu hren und mich im Tanze
danach zu richten.
    Das behauptet auch Niemand, erwiederte St. Julien, es ist blo die
Standhaftigkeit Ihres Charakters, die Sie bestimmt, sich immer auf einer Stelle
herum zu drehen. Ihre Dame mag dagegen thun, was sie will, Sie lassen sich nicht
beherrschen, und wenn die Andern den Umkreis gemacht haben und endlich Alle
wieder auf ihren Pltzen stehen, so nehmen Sie den Ihrigen mit besserem Rechte
ein, als jeder Andere, weil Sie ihn so standhaft behauptet haben.
    Sie sind ein Sptter, sagte der Arzt rgerlich, und wenn Sie nicht ein
Mensch wren, den ich aus dem Rachen des Todes errettet htte, so wrde ich
ernstlich bse werden.
    Und das wrde mich ernstlich krnken, sagte St. Julien, indem er dem leicht
vershnten Gegner freundlich die Hand bot.
    Es wre traurig, sagte die Grfin zu dem Arzt gewendet, wenn Sie das
Friedensfest des Barons in Feindschaft mit Ihrem kaum hergestellten Patienten
besuchen wollten, oder sich wohl gar durch ihn bestimmen lieen, das Tanzen
aufzugeben.
    Das werde ich nicht, rief der Arzt, es ist die Pflicht eines Jeden, zur
Unterhaltung einer Gesellschaft nach besten Krften beizutragen, die durch so
viele Mhe und Anstrengung versammelt wird.
    Und wie weise, sagte die Grfin, hat es der gute Baron eingerichtet, da er
uns zwei Tage Ruhe zwischen den Festen gnnt, denn wer vermchte die Last dieser
Freuden zu ertragen, wenn sie ohne Erholung auf einander folgten.
    Es ist das erste Mal, sagte St. Julien, da ich Gelegenheit gehabt habe, die
Zurstungen zu einer groen Gesellschaft auf dem Lande zu beobachten, und ich
habe bemerkt, da eine solche Freude sich einigermaen mit einer Schlacht
vergleichen lt; bedeutende Helden sind geblieben; ich sah, da ein
krummgehrntes, schwer hinwandelndes Rind der allgemeinen Freude sein Leben zum
Opfer bringen mute, aber doch haben die leichten Truppen am Meisten gelitten,
das Gakeln im Hhnerhofe hat sich seit der groen Katastrophe bedeutend
vermindert.
    Die grte Beschwerde, bemerkte der Graf, verursacht bei solchen
Gelegenheiten die groe Menge Pferde und verschiedenartiger Bedienten, die alle
wieder ihre Rangordnung unter einander haben, die anerkannt werden mu; die
begleitenden Kammerdiener drfen nicht mit den gewhnlichen Bedienten vermischt
werden; die Kutscher und Vorreiter trennen sich von diesen, die Kammerjungfern
wollen hher geachtet werden als die Kinderwrterinnen, die auch bei solchen
Gelegenheiten nicht fehlen, und so gibt es in den unteren Zimmern zehn
verschiedene Gesellschaften zu bewirthen, wenn sich eine in den Slen des Hauses
versammelt.
    Strend ist es mir gewesen, sagte St. Julien, da oft auf eine Dame mute
gewartet werden, wenn ein Tanz anfangen sollte, weil sie eben ihr Kind trnkte,
oder da aus den entfernten Zimmern sich zuweilen das Geschrei der Kinder
vernehmen lie, deren Bedrfni die Mutter nicht befriedigen konnte, weil die
Quadrille noch nicht beendigt war.
    Es ist eine moderne Thorheit, sagte die Grfin, da die Frauen glauben, sie
erfllen eine wichtige mtterliche Pflicht, wenn sie ihre Kinder selbst trnken.
    Wie! rief der Prediger, halten die Frau Grfin die nicht fr die erste
Pflicht einer Mutter?
    Wenn eine Mutter, erwiederte die Grfin, ihr Kind so sehr liebt, da sie ihm
die erste Nahrung durchaus selbst reichen will, so ist die weder Tugend noch
Pflicht zu nennen, die Mutter befriedigt blo ihr eigenes Gefhl; es versteht
sich, da ich hier nur von den wohlhabenden Mttern spreche, denn wenn eine arme
Frau von schwacher Gesundheit, ohne hinreichende Nahrung und Pflege, die letzten
Krfte aus Noth und Liebe aufopfert, und recht eigentlich ihr Kind ihr Leben
saugen lt, so ist die ganz etwas anders; ich spreche blo von unseren Damen,
und ich meine, wenn diese eine solche Pflicht bernommen haben, da sie sie dann
auch ganz erfllen mten.
    Nun die thun doch wohl alle Mtter, erwiederte der Prediger.
    Ich glaube, wenn eine dieser Mtter, sagte die Grfin, eine Amme bei ihrem
Kinde htte, die es sich beikommen liee, eine Nacht hindurch tanzen zu wollen,
da sie sehr unzufrieden damit sein wrde; aber, wie gesagt, es ist eine moderne
Thorheit, und es wre hart, wenn die jungen Frauen alle Lust des Lebens aufgeben
sollten, weil sie etwas unternommen haben, was sich mit dieser Lust nicht
vereinigen lt.
    Es ist wahr, rief der Arzt, die Frauen sind auf die Huslichkeit angewiesen
von der Natur, die ist ihre wahre und einzige Bestimmung.
    Das ist eine Behauptung, der sich gar nicht widersprechen lt, sagte die
Grfin, ob ich gleich berzeugt bin, da wir beide einen ganz verschiedenen Sinn
damit verbinden.
    Und ich denke, meinte der Prediger, der Begriff der Huslichkeit liee sich
leicht feststellen, und es knnte nicht schwer fallen, die Pflichten einer Frau
auseinander zu setzen, die hauptschlich in hingebender Liebe bestehen. Ich habe
es immer getadelt, da bei der Erziehung der jungen Mdchen mehr darauf gesehen
wird, da sie glnzen sollen, als da man sie zu knftigen Gattinnen bildet, die
ihre Pflicht erfllen knnten, die doch hauptschlich darin besteht, den Mann zu
beglcken.
    Ich mchte nicht gern, sagte die Grfin, einen oft gefhrten Streit von
Neuem fhren, es sind so unzhlige Bcher geschrieben worden, die davon
ausgehen, den Satz als unbestreitbar hinzustellen, da die Frauen dazu da sind,
die Mnner zu beglcken, und deren Verfasser sich nur in Rathschlgen
erschpfen, wie die am besten zu bewerkstelligen sei, da viel Muth dazu
gehrt, sich gegen die allgemeine Ansicht aufzulehnen.
    Wie! rief der Prediger, ist es mglich, an der edelsten Bestimmung des
Weibes zu zweifeln?
    Wrden Sie nicht finden, Herr Prediger, sagte die Grfin, da es eine
seltsame Anmaung wre, wenn Jemand behaupten wollte, es sei die erste und
heiligste Pflicht der Mnner, ihre Frauen zu beglcken; sie wren eigentlich nur
dazu da; und halten Sie den Schpfer fr so partheilich, da er ein Geschlecht
blo dazu erschaffen haben sollte, damit das Andere beglckt wird? Ich glaube,
da sich beide Geschlechter ergnzen, da aber beide ihre Selbststndigkeit
bewahren mssen, und der grte Fehler in der weiblichen Erziehung liegt wohl
darin, da auf diese Selbststndigkeit wenig Rcksicht genommen wird und die
armen jungen Mdchen nur fr ihre knftigen Gatten gebildet werden.
    Der Geistliche wollte die Grfin unterbrechen, aber, ohne es zu bemerken,
fuhr sie fort: Warum sollen die Talente, die Fhigkeiten und alle schnen
Eigenschaften der Seele eines jungen Mdchens nicht eben sowohl ausgebildet
werden, als die eines Knaben, schon um ihrer selbst Willen?
    Dann wrden wir also lauter gelehrte Frauen haben, bemerkte der Pfarrer mit
spttischem Lcheln.
    So wenig, erwiederte die Grfin, wie wir lauter gelehrte Mnner besitzen,
denn wo Neigung und Geistesfhigkeit nicht vorhanden ist, kann sie auch nicht
ausgebildet werden; ja ich glaube zu Ihrer Beruhigung versichern zu knnen, fuhr
die Grfin fort, da es mit sehr wenigen Ausnahmen gar keine gelehrte Frau geben
kann, so wenig wie eine Knstlerin im wahren Sinne des Worts.
    So geben also die Frau Grfin hierin doch die Ueberlegenheit des mnnlichen
Geschlechts zu? fragte der Pfarrer.
    Nicht weil ich glaube, erwiederte die Grfin, da die Fhigkeiten des einen
Geschlechts an sich grer wren, als die des andern, aber hierin, glaube ich,
entscheiden in der Natur begrndete Verhltnisse. Gewhnlich wird ein junges
Mdchen zwischen dem achtzehnten und zwanzigsten Jahre verheirathet, und ihre
Erziehung ist damit beendigt. Ein junger Mann in diesem Alter lernt eben erst
seine Seelenkrfte kennen und bildet sich selbststndig in der ihm angemessenen
Richtung aus; er whlt dann seine Studien, sucht in den Geist der Wissenschaft
einzudringen, die ihn besonders anzieht, und widmet ihr sein ganzes Leben. Eine
Frau bernimmt, indem sie sich verheirathet, wenigstens in Deutschland die
Pflicht, ihrem Hause vorzustehen, und die vielen kleinen Beschftigungen und
Sorgen zerstckeln so sehr das Leben, da an eine ernsthaftes Studium kaum mehr
zu denken ist. Mit der Geburt der Kinder treten neue Sorgen ein, und es kann
eine Frau schon von Glck sagen, wenn sie so viel Geisteskraft behlt, um sich
nicht vllig zu vernachligen. Dehalb kann auch selbst ein hervorragender
Geist unter den Frauen nur Geringeres leisten, und was wir an den
Ausgezeichnetsten unseres Geschlechts anzuerkennen haben, wird immer vornehmlich
durch Tiefe des Gefhls, durch einen scharfen beobachtenden Geist, durch ein
glckliches Gedchtni errungen sein. Wenn also auch eine Frau sich mancherlei
Kenntnisse gleichsam im Fluge erwerben kann, wenn sie auch einen richtigen Blick
fr das Leben gewinnt, wenn ihr Selbstbeobachtung manches Geheimni der
menschlichen Natur erschliet, so kann sie eine hchst interessante Erscheinung,
aber niemals eine Gelehrte sein.
    So wrde also das Clibat erfordertich sein, um eine Gelehrte
hervorzubringen, sagte der Prediger.
    Auch dann wrde mit sehr wenigen Ausnahmen nur unvollkommen der Zweck
erreicht werden, sagte die Grfin. Was dem jungen Manne so leicht wird, ist fr
eine Frau unmglich, sie knnte keine hohe Schule, keine ffentlichen Hrsle
besuchen; es mte also, da sie sich unter die Studenten nicht mischen drfte,
ihr Vermgen so bedeutend sein, da sie sich die vorzglichsten Lehrer auf
andere Weise verschaffen knnte, und dennoch wrde ein solches, in der
Einsamkeit getriebenes Studium immer unvollkommen bleiben und zur Einseitigkeit
fhren, denn sie mte den lebendigen Austausch der Gedanken mit gleich
beschftigten Freunden entbehren, durch den die Ausbildung der Mnner so sehr
befrdert wird, und alle ihre Kenntnisse heimlich erwerben, um nicht als
pedantisch und anmaend verlacht zu werden; also wre auch die ein sehr
mhevoller und unsicherer Weg. Warum die Frauen in der bildenden Kunst niemals
etwas ausgezeichnet Groes werden leisten knnen, ist, glaube ich, noch leichter
einzusehen. Ein unberwindliches Gefhl der Sittsamkeit wird das Studium der
Natur verbieten, und ich glaube, alle Knstler sind darber einig, da ihnen
die unentbehrlich ist. Bei dem Studium der Landschaft nach der Natur hindert
wieder die bedingte Freiheit, denn es kann doch nur die Stelle beobachtet
werden, wohin man in anstndiger Begleitung spazieren gehen kann. Die Gedanken,
welche die Seele auf einsamen Wanderungen nhrt, mu eine Frau entbehren, und
auch hier kann nur der Rath eines Lehrers leiten, statt da die jungen Mnner
sich gegenseitig mit einander berathen, verlachen und bewundern, und so durch
Wetteifer alle Krfte des Geistes anregen. Auch liegt in der Seele der Frauen
eine gewisse Schchternheit, die die Ausbung einer jeden Kunst hindert; ich
meine nicht die so oft uerlich gezeigte, die nicht einmal immer wahrhaft ist,
sondern diejenige, die es einer Frau unmglich macht, das Tiefste, Wahrste,
Wildeste und Grte, was ihre Seele denkt, auszusprechen. Ich halte es fr
unmglich, da eine Frau eine gewisse Jungfrulichkeit der Seele aufgeben kann,
und dehalb wird sie lieber die Tiefe ihres Geistes verhllen, als zeigen, und
eben dehalb wird ein feiner Geist bei den bedeutenden Hervorbringungen der
Frauen die Tiefe dieses Geistes vielleicht ahnen und oft bemerken, da groe
knstlerische Anlagen in ihnen nicht zu verkennen sind, aber ich zweifle, ob er
irgend eine Hervorbringung als ein vollendetes Kunstwerk wird bewundern knnen.
    Es scheint aber, sagte der Geistliche, als ob wir in einen Widerspruch
geriethen; erst, glaube ich, verlangten die Frau Grfin, da unsere Tchter wie
unsere Shne ausgebildet werden sollten, und nun geben Sie selbst zu, da die
unmglich ist.
    Ich glaube nicht, erwiederte die Grfin, da ich mit mir selbst im
Widerspruche bin, ich glaube nur den Wunsch geuert zu haben, da, so wie man
die jungen Mnner um ihrer selbst Willen erzieht, man diese Gerechtigkeit auch
gegen das weibliche Geschlecht ben sollte. Da die Erziehung an sich
verschieden sein mu, habe ich nicht lugnen wollen, und wenn ich glaube, da
keine Frau eine grndliche Gelehrte oder eine vollendete Knstlerin sein kann,
so habe ich wiederum damit nicht ausdrcken wollen, da schne Geistesanlagen
nicht so viel als mglich ausgebildet werden sollten. Es wre berhaupt zu
wnschen, da die Erziehung der Tchter ernsthafter betrachtet wrde, denn
welche Meinung auch jeder Einzelne ber die Stellung der Frauen in der Welt
haben mag, so wird man doch darin bereinkommen, da die Erziehung der Kinder
groen Theils in den Hnden der Mutter ruht, und schon dewegen sollte man diese
gehrig ausbilden, damit sie ihre Shne vernnftig erziehen knnten. Aber auch
wenn man betrachtet, wie vieler Standhaftigkeit, Selbstberwindung und Klugheit
eine Frau selbst in den gewhnlichsten Verhltnissen des Lebens bedarf, so ist
es unbegreiflich, da man alle diese Eigenschaften als Pflichten von ihnen
fordert, und zwar in einem Alter, wo den jungen Mnnern noch sehr Vieles
nachgesehen wird, und doch so wenig dafr thut, durch eine vernnftige
Ausbildung den Ernst in ihrer Seele zu erwecken, durch den allein alle diese
Eigenschaften erworben werden knnen.
    Der Geistliche schien die Gesprch mit Eifer fortsetzen zu wollen, der
Grfin aber duchte es, als habe sie sich schon zu weitluftig ber einen
Gegenstand geuert, ber den ihre Ansicht so sehr von der allgemeinen abwich,
und sie nahm gern die Gelegenheit wahr, das Gesprch zu endigen, als der Obrist
Thalheim die Gesellschaft vermehrte.

                                      XIX


Des andern Tages hatte sich der Graf mit seinem Vetter wieder in sein Kabinet
zurckgezogen, er ging mit ihm noch ein Mal alle nthigen Maregeln durch, die
zu ergreifen sein mchten, um die Gter feines Vaters zu retten, und hndigte
ihm eine bedeutende Summe theils baar, theils in Wechseln ein, um nicht blo die
dringende Zahlung leisten zu knnen, sondern auch auf unvorhergesehene Flle
gefat zu sein und nun auch, wie der Graf noch bemerkte, etwas fr den Knaben
Gustav thun zu knnen, ber dessen knftiges Schicksal die beiden Verwandten
zugleich das Nhere bestimmten.
    Nachdem diese Geschfte beendigt waren, ging der junge Graf in den Garten
hinunter, um in der Einsamkeit die mancherlei Gefhle zu ordnen, die ihn bei der
unerwarteten Gromuth seines Oheims immer wieder von Neuem bestrmten. In den
dunkeln Gngen desselben traf er St. Julien, der schwermthig darin auf und
abging, und mit Wehmuth auf einen Brief blickte, den er eben empfangen hatte und
noch in der Hand hielt. Als er den jungen Graf erblickte, reichte er ihm die
Hand und sagte: Es ist vorbei, der anmuthige Traum ist ausgetrumt, ich mu
wieder zurck in das traurige, einsame Leben.
    Was ist Ihnen begegnet? fragte der junge Graf, was kann Sie in dem Grade
traurig stimmen? Theilen Sie mir Ihr Unglck mit.
    Ich bin wohl undankbar, sagte St. Julien lchelnd, da ich die Beweise der
Liebe der zrtlichsten, besten Mutter auf eine Art empfange, da meine Freunde
sie fr ein Unglck halten mssen. Lesen Sie selbst diesen Brief und Sie werden
sehen, das, was man gewhnlich Unglck nennt, enthlt er nicht.
    Der junge Graf fing den Brief zu lesen an, und nach den zrtlichsten Klagen
einer Mutter ber die Leiden eines geliebten Sohnes, sah er bald, da sie so
groe Summen zum Gebrauche dieses Sohnes anwies, wie sie nur der Reiche mit
Gromuth bestimmen kann. Der Graf dachte an seinen frhern Streit mit St. Julien
und glaubte einen Augenblick, dieser habe ein Mittel gesucht, um ihn auf eine
etwas prahlende Weise von dem Ungrunde seiner damaligen Ansichten zu berzeugen;
doch ein Blick auf seinen Freund belehrte ihn bald, da dieser sich jetzt am
Wenigsten mit solchen Gedanken beschftigte. Er las daher den Brief weiter und
fand, da die Mutter die lebhafteste Dankbarkeit fr den Grafen und seine ganze
Familie ausdrckte; zum Schlusse bat sie den Sohn, sich nicht eher von dem
Schlosse Hohenthal zu entfernen, bis sie selbst dort erscheinen wrde, um der
grflichen Familie den Dank zu bringen, den ihr Herz so lebhaft empfnde; bis
dahin, hoffte sie, wrden auch alle Verhltnisse so geordnet sein, da der Sohn
sie alsdann nach Frankreich zurck begleiten knne.
    In der That, sagte der junge Graf, ich begreife nicht, wie dieser Brief Sie
hat traurig stimmen knnen.
    Mu ich denn nicht, rief St. Julien mit Heftigkeit, die Haus nun bald
verlassen, in dem ich zuerst das Leben habe verstehen gelernt, und den Grafen,
den ich wie einen Vater ehre, und die Grfin, die ich wie eine Mutter zrtlich
liebe, und - er schwieg, und eine brennende Rthe flammte auf seinen Wangen.
    Und Emilie, ergnzte der junge Graf lchelnd, wie wollen Sie das Gefhl des
Schmerzes bei der Trennung von ihr bezeichnen?
    Wenn Sie es denn errathen, kaltbltiger Mensch, rief St. Julien, so knnen
Sie es ja begreifen, was mich zur Verzweiflung bringt. Er strmte nach diesen
Worten hinweg und lie den Brief in den Hnden seines Freundes zurck.
    Da der junge Graf die Nothwendigkeit fhlte, einen so wichtigen Brief wieder
in den Hnden dessen zu wissen, an den er gerichtet war, so suchte er St. Julien
im Garten auf und fand ihn nach einer halben Stunde ruhiger, als er ihn
verlassen hatte; dieser nahm den Brief zurck und sagte: Diese Tage, diese
Wochen, bis meine Mutter ankmmt, sind noch mein, ich will also den Rest des
Lebens genieen.
    Ich begreife nicht, sagte der junge Graf, was Sie eigentlich zur
Verzweiflung bringt. Ich glaube nicht, da sich Emilie so gegen Sie betrgt, da
Sie von dieser Seite gar keine Hoffnung hegen drften. Ein Strahl der Hoffnung
flammte bei dieser Bemerkung in St. Juliens Augen auf, und sein Freund fuhr
fort: Da mein Oheim Sie wie einen Sohn liebt, bemerkt ein Jeder; meine Tante
bezeigt Ihnen tglich das Gefhl einer Mutter. Von Ihrer Mutter, die Sie mit
Zrtlichkeit berhuft, scheint es mir, haben Sie Widerspruch am Wenigsten zu
befrchten; also, wo liegt denn Ihr Unglck?
    Ihnen scheint Alles so klar und leicht, was mir zu entwirren so schwer
ducht, erwiederte St. Julien. Haben Sie aber nicht selbst oft gehrt, da
Emilie den Entschlu ausgesprochen hat, sich von der Grfin nicht trennen zu
wollen, und wenn ich zurck mu, wird sie mir dann nach einem Lande folgen, das
diese zu verabscheuen scheint? Der Graf selbst, so hoch ich ihn ehre, wird er
eine Verbindung mit mir gern sehen, da er doch an Deutschen Adelsvorurtheilen
etwas hngt? Und wenn Alles glcklich gehen sollte, so bleibt doch der Schmerz
unabwendbar, da ich den Grafen und die Grfin verlassen mu, und kann ich es
wissen, ob ich nicht gezwungen bin, vielleicht einmal mit dem franzsischen Heer
als Feind wiederzukehren?
    
    Zuerst denke ich, sagte der junge Graf, thun Sie am Besten, Ihre Mutter zu
erwarten und dann meinem Oheim Ihr ganzes Vertrauen zu schenken; seine
Welterfahrung und sein edles, liebevolles Gemth werden Ihre Zukunft am Besten
ordnen. Dieser Rath schien dem jungen Franzosen so vernnftig, da er ihn ohne
Einschrnkung zu befolgen beschlo und sich vornahm, die Gegenwart in
ungetrbter Heiterkeit zu genieen. Er vernahm es ungern, als ihm sein Freund
erffnete, da er gleich nach dem Feste des Baron Lbau das Schlo zu verlassen
gedenke; inde trstete ihn die Versicherung, da die Abwesenheit nicht von
langer Dauer sein wrde.
    Des folgenden Tages, als der junge Graf sich zum Feste des Baron Lbau
ankleidete und sein Knabe ihm dabei Hlfe leistete, sagte er diesem: Heute, mein
lieber Gustav, leistest Du mir diesen Dienst zum letzten Mal.
    Wie! rief der Knabe erschreckt, wollen Sie mich von sich entfernen; was habe
ich gethan, Ihre Unzufriedenheit zu verdienen?
    Nichts, mein liebes Kind, erwiederte der junge Graf, aber ich will mir nicht
mehr erlauben, Deine Liebe zu mibrauchen und Dich selbst zu erniedrigen, da die
Noth mich nicht mehr dazu zwingt. Er theilte ihm nun alle mit seinem Oheim
verabredeten Plne mit, schrieb ihm vor, wie er sich in der Zukunft zu betragen
habe, und hndigte ihm mehrere Goldstcke ein, mit dem Auftrage, durch Dbois
Beistand sich eine anstndige Kleidung dafr zu verschaffen.
    Der Knabe ging mit dem Golde in der Hand zu Dbois zurck, sobald der junge
Graf seiner Hlfe nicht mehr bedurfte; sein Gefhl war berrascht, seine
khnsten Wnsche auf ein Mal befriedigt, und die Glck schien ihm so gro, kam
ihm so unerwartet, da er noch nicht den Muth sich zu freuen finden konnte.
    Ist Dein Herr schon zur Gesellschaft in den Saal gegangen? fragte ihn
Dbois, als er eingetreten war.
    Ich habe keinen Herrn mehr, erwiederte der Knabe mit einigem Stolz, der Graf
Robert aber ist in dem Saale, und Alle werden gleich zum Baron Lbau fahren.
    Wie verstehe ich das, fragte der Haushofmeister; will der junge Graf Dich
von sich entfernen?
    Ach lieber Herr Dbois! rief der Knabe und die Thrnen flossen ihm ber die
glhenden Wangen, Alles ist jetzt anders; mein guter, lieber Herr, doch so darf
ich ihn ja nicht mehr nennen, das hat er mir streng verboten, er hat es ja mit
Ihrem Grafen verabredet, da ich wieder auf die gelehrte Schule soll, dann auf
die Universitt, damit ein rechter Gelehrter aus mir werden kann. Inde er nach
Hause reist in Geschften, soll ich hier bleiben und in der hiesigen Bibliothek
studiren; wenn er wieder kommt, will er mich selbst nach Breslau auf die
gelehrte Schule bringen, und bis dahin soll ich Sie bitten, mir fr die viele
Geld gute Kleider zu verschaffen, damit ich wie sein Freund und Pflegesohn dort
erscheinen kann, und ihn, meinen lieben Herrn, den soll ich nie mehr so nennen,
sondern Graf Robert, oder meinen Freund und meinen Beschtzer.
    Ich habe es erwartet, mein Sohn, sagte der Haushofmeister, da Dein
Schicksal diese Wendung nehmen wrde, und nun, da mein Graf sich mit seinem
Verwandten verstndigt hat, kann ich fr Dich thun, was in meinen Krften steht,
und brauche nicht mehr zu befrchten, Deinen Beschtzer dadurch zu beleidigen;
behalte also nur das Geld, mein Shnchen, es wird Dir auf der gelehrten Schule
recht angenehm sein, wenn Du gleich ein hbsches Taschengeld mitbringst, wofr
Du Dir manches anschaffen kannst, was Du vielleicht sonst entbehren mtest, und
berlasse es nur mir, Dich mit Wsche und Kleidern zu versorgen, und ich werde
es schon so einrichten, da sich der junge Graf Deiner nicht zu schmen braucht.
    Ach lieber Herr Dbois, rief der Knabe, wie gut sind Sie, wie gut sind hier
alle Menschen auf dem Schlosse! Ach! htte ich damals wohl hoffen knnen, da
ich solchen Beistand finden wrde, als unser Dorf verbrannt und mein Vater
getdtet wurde. Ach, mein guter, lieber Vater! fuhr er laut weinend fort, jetzt
knnte ich ihm nun doch wieder Ehre und Freude machen, wenn er lebte und es
sehen knnte, wie nun Alles wieder so gut wird. Ist es nicht traurig, da ich so
einsam in der Welt bin, da Niemand mit Stolz mehr auf mich blicken wird, wenn
ich mich auch noch so sehr anstrenge, kein Vater, keine Mutter, kein Bruder und
keine Schwester, Alle sind dahin, Alles ist begraben!
    Jetzt, sagte Dbois, gerhrt von dem Schmerz des Knaben, mut Du Deinem
Beschtzer Ehre zu machen streben.
    Ach! erwiederte dieser, der Graf ist so gut, so milde gegen mich, aber er
ist ein vornehmer Herr, er wird immer mein Wohlthter bleiben, es wird ihn auch
freuen, wenn ich etwas recht Tchtiges lerne, weil er glaubt, da es mir dadurch
wohl gehen mu; aber welche Ehre kann ich ihm bringen? Welchen Stolz kann er
empfinden, wenn er mich betrachtet, wenn ich auch alle Krfte anstrenge und weit
mehr als meine Kameraden leiste? Wenn Du ein recht groer berhmter Gelehrter
wirst, antwortete ihm Dbois, so da andere Gelehrte einmal Deine
Lebensgeschichte schreiben, wenn sie dann berichten, wie Du verloren gewesen
wrest und die Welt niemals Deine Kenntnisse zu ihrem Segen htte benutzen
knnen, wenn nicht der Graf Hohenthal als Dein Beschtzer aufgetreten und Dich
vom Verderben errettet htte, so da die Welt seiner Gromuth die Erhaltung
eines ausgezeichneten Geistes verdankt, glaubst Du nicht, da dann der Graf mit
Stolz auf Dich blicken wird, da Du ihm Ehre machen kannst?
    Und dann mu auch gesagt werden, rief der Knabe mit glhenden Wangen, indem
er sich in die Arme des Alten warf, wie Herr Dbois fr mich gesorgt hat, wie er
mich aus der Gemeinschaft mit den Bedienten errettet hat, und alles, alles, was
Sie fr mich gethan haben, mu erwhnt werden.
    Mache nur, da ich es recht bald erlebe, sagte der gute alte Mann, da mein
Name so ehrenvoll genannt wird, dann werde auch ich Dich mit Stolz betrachten;
aber bedenke, da Du erst noch sehr Viel lernen mut, ehe wir alle diese Freude
haben knnen.
    Daran soll es gewi nicht fehlen, rief der Knabe mit Begeisterung, das
werden Sie schon sehen, so lange ich hier bin, wie ich Tag und Nacht studiren
will. Er ging auch sogleich, aus der Bibliothek die nthigen Bcher zu holen, um
diesen lblichen Vorsatz auszufhren.
    Die Gesellschaft des Schlosses Hohenthal legte den Weg zum Baron Lbau in
groer Heiterkeit zurck, denn obgleich der Himmel bedeckt war, so war der Tag
doch mild, warm, und der Weg fhrte durch anmuthige Thler, die von klaren
Bchen durchrieselt waren. Der Blick auf die nahen Gebirge gewhrte
Mannichfaltigkeit, und das Gelute der weidenden Heerden erregte das Gefhl des
Friedens lndlicher Einsamkeit.
    Wenn ich mich auch ein wenig davor frchte, sagte die Grfin, einen groen
Theil der Nacht fr die Freuden der Geselligkeit aufopfern zu mssen, so ist es
doch, als Spazierfahrt betrachtet, ein groer Genu, den Weg durch diese Thler
zu machen.
    Man gelangte endlich auf Heimburg an, und der Baron Lbau empfing seine
Gste mit sichtbarer Freude. Er hatte befrchtet, da sie spter als die brige
Gesellschaft kamen, da irgend ein Unfall sie berhaupt verhindern wrde, ihr
Versprechen zu halten, und die wrde ihm aus vielen Grnden hchst krnkend
gewesen sein; denn erstens hielt er den Grafen fr den vornehmsten und reichsten
von allen seinen Nachbarn, dann hatte er die Absicht, dessen Fest durch das
seinige merklich zu berbieten, und endlich beabsichtigte er noch einen Plan
auszufhren, von dem er hoffte, da er ganz besonders zum Glanze seines Festes
beitragen sollte.
    Die Wolken von bler Laune also, die sich schon auf seiner Stirn gelagert
hatten, zerstreuten sich, so wie der Graf mit seiner Gesellschaft den Saal
betrat, und er wurde sehr heiter, als die Grfin und Emilie aufrichtig die
schnen Pflanzen und Blumen bewunderten, womit die Sle geschmckt waren;
verdrlich wurde er zwar wieder etwas, als einige Tropfen Regen fielen, und
trat mit sichtbarer Unruhe auf den Balkon hinaus; bald aber kehrte er beruhigt
zurck, denn der Regen lie sogleich wieder nach. Seine nheren Bekannten
schlugen nun der Gesellschaft einen Spaziergang in den Park vor. Die Damen
betrachteten ihre Kleider und wren gern zurck geblieben; da aber die ganze
Gesellschaft aufbrach, mute man sich fgen. Der Baron fhrte mit unendlicher
Selbstzufriedenheit den Zug an, leitete die Gesellschaft in der That durch
anmuthige Anlagen, die wohl befriedigt haben wrden, wenn man sie einfach, ohne
immer zum Bewundern gezwungen zu werden, htte besuchen drfen; da er selbst
aber sich bei einer jeden schnen Aussicht berrascht und entzckt zeigte, und
behauptete, da er sie jetzt zum ersten Male bemerkte, obgleich seine nheren
Bekannten diese Ueberraschung schon oft mit ihm getheilt hatten, so wurde das
Vergngen der Gesellschaft sehr vermindert. Auf dem Bache, der den Park
durchschlngelte, zeigten sich von Zeit zu Zeit Khne mit Menschen, die
beschftigt waren zu fischen. Der Baron schalt auf die Freiheit, die sie sich
genommen hatten, machte aber gegen seine Gste die Bemerkung, da die
Unverschmtheit dieser Menschen doch dazu beitrge, in die Landschaft Leben zu
bringen, und da er sich gern seine Fische stehlen liee, da dieser Umstand
seinen Gsten zufllig den angenehmen Anblick des regen Lebens in den grnen
Buchten verschaffte. Die Gste lobten die Wirkung, die die Fischerkhne machten,
und bewunderten die Gromuth des Barons, der sich den Diebstahl um der
malerischen Wirkung Willen gefallen lasse. Die Fischer lieen sich mit Ruhe
schmlen und brachten, nachdem sie ihr Geschft vollendet hatten, die Fische in
die Kche des Barons, wie es ihnen schon am vergangenen Tage war befohlen
worden. Bei der weiteren Fortsetzung des Spaziergangs gerieth der Baron auf
einmal auer sich, denn eine Heerde auserlesen schnen Rindviehes weidete an dem
Abhange eines Hgels; er beklagte sich heftig ber die Frechheit des Hters, da
er sich erlaube, die Heerde dorthin zu treiben und seine junge Anpflanzung
dadurch zu zerstren. Diejenigen unter den Gsten, die den Baron weniger
kannten, hielten seinen Zorn in der That fr ernstlich und frchteten fr den
Hter der Heerden; seine vertrauteren Bekannten aber machten ihn darauf
aufmerksam, welche schne Wirkung die weidende Heerde zwischen den grnen Bumen
mache, und diese Bemerkung beruhigte ihn sichtlich; er machte nun selbst auf die
Schnheit des Viehes aufmerksam, auf den angenehmen Eindruck, den das Gelute
der vielen Glocken mache, und unterlie es um so lieber auf die Bitte einiger
Freunde, den Hter rufen zu lassen, um ihn auszuschelten, weil er nicht wissen
konnte, ob der nicht in seiner Dummheit den erhaltenen Befehl als Entschuldigung
angefhrt haben wrde. Diese, wie der Baron behauptete, unangenehme
Ueberraschung war kaum vorber, als ein anderer Gegenstand seine ganze
Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Man hrte die Tne einer Flte, die kunstreich
genug geblasen wurde, um eine angenehme Wirkung im Freien zu machen, und bald
entdeckte man auf einem ziemlich groen Grasplatze weidende Schafe, deren Hter,
ein Knabe von etwa fnfzehn Jahren, der Virtuose war. Der Baron lie es sich
nicht merken, da er den jungen Menschen hatte unterrichten lassen, und
bewunderte die auerordentliche Gabe der Natur mit allen seinen Gsten.
    Endlich war Alles erschpft, womit der Baron berraschen und in Erstaunen
setzen zu knnen glaubte, und er fhrte seine Gste nach dem Schlosse zurck.
Man konnte wahrnehmen, da er noch einen Gast erwartete, denn seine Stirn
verdsterte sich, als er bemerkte, da whrend des langen Spaziergangs Niemand
angekommen sei. Die jungen Leute erwarteten mit Ungeduld den Anfang des Tanzes,
aber der Baron suchte die zu verschieben und zeigte lieber den Herren in der
Gesellschaft noch seine schnen Pferde, die von diesen aufrichtig bewundert
wurden.
    Da nun aber durchaus nichts mehr zu zeigen war, so lie sich der Anfang des
Balles nicht mehr verschieben, und eben wollte der Baron mit verdrlicher Miene
die nthigen Befehle dehalb geben, als noch eine Equipage vorfuhr; sichtlich
erleichtert ging der Baron dem neuen Gaste entgegen, den er fr's Erste in ein
Seitenzimmer fhrte.
    Die Grfin hatte auf diese kleine Unruhe in der Gesellschaft nicht geachtet;
sie hatte ein Gesprch mit einigen Frauen angeknpft und gab sich mit hflicher
Aufmerksamkeit der Unterhaltung hin; es berraschte sie dehalb, als der Baron
mit der Zierlichkeit der Tage seiner Jugend und mit groer Freundlichkeit,
seinen neuen Gast an der Hand, vor ihr stand. Meine theure Grfin, meine edle
Freundin, redete er sie feierlich an.
    Die Grfin war aufgestanden, ein zweifelnder Blick ruhte bald auf dem Baron,
bald auf dessen Begleiter, und sie beherrschte mit Anstrengung eine groe
Bewegung der Seele. Lassen Sie den Frieden, der unser Land beglckt, fuhr der
Baron fort, auch in die Herzen der Einzelnen dringen; gnnen Sie mir das groe
Glck, etwas dazu beizutragen, Geschwister, die so lange getrennt waren, wieder
zu vereinigen; nehmen Sie einen Bruder wieder in Ihrem Herzen auf, und
verherrlichen Sie durch eine aufrichtige Vershnung und eine herzliche Umarmung
das Fest des allgemeinen Friedens. Die Grfin hatte ihren Bruder, den sie so
unerwartet nach vielen Jahren wieder erblickte, nicht so gleich erkannt; ein
heftiges Zittern bebte durch alle ihre Glieder und eine dunkle Rthe flammte auf
ihren Wangen; ein Strahl des Zornes traf ihn aus den dunkeln Augen und ein
unendlicher Schmerz zuckte um den festgeschlossenen Mund. Als er aber, nachdem
der Baron seine Rede geendigt, wirklich mit geffneten Armen vortrat und die
Grfin an seine Brust drcken wollte, trat diese auf einmal, bleich wie Marmor,
einen Schritt zurck, die Lippen bewegten sich, aber kein Ton war vernehmbar;
matt erhob sie abwehrend beide Hnde und wre leblos zu Boden gesunken, wenn
nicht St. Julien und der junge Graf, die den Auftritt aus der Ferne beobachtet
hatten, hinzugesprungen wren und sie in ihren Armen aufgenommen htten. Der
Baron, der mit Sicherheit eine Umarmung der vershnten Geschwister erwartete,
hatte den Musikanten befohlen, so wie sie die Umarmung bemerkten, einen lang
anhaltenden Tusch zu blasen; als diese nun die Grfin in St. Juliens Armen
sahen, schmetterten Trompetentne lange und anhaltend durch den Saal.
    Der Graf war in den Seitenzimmern mit einigen Herren im Gesprch gewesen und
kehrte mit ihnen nach dem Saale zurck, um die Ursache des Trompetengetns zu
erfahren. Er sah eben die ohnmchtige Grfin in ein Nebenzimmer bringen und
eilte dieser nach. Nur halb und verworren konnte er die Ursache dieses heftigen
Auftritts erfahren; er drngte den Baron, der sich entschuldigen wollte,
unfreundlich zurck. Die Grfin sah aus wie eine Sterbende; der Arzt verlangte,
sie sollte gleich hier zu Bett gebracht werden. Mit der letzten Anstrengung
verweigerte sie die und verlangte den Wagen. Der junge Graf eilte sogleich, ihn
vorfahren zu lassen, und Alle berstanden mit groer Qual die wenigen Minuten,
bis man die Grfin in den Wagen bringen und den Rckweg nach Schlo Hohenthal
antreten konnte.
    Der Baron Lbau und seine Gste blieben erstaunt ber diese unerwartete
Strung zurck, und als man die Sprache wieder fand, vereinigten sich alle
Stimmen, die Grfin hchlich ber ihr unvershnliches Gemth zu tadeln, obgleich
die Klgeren es nicht billigen konnten, da der Baron diese Vershnung wie ein
Schauspiel, um sein Fest zu verherrlichen, angelegt hatte. Der Bruder der Grfin
sprach wenig und beseufzte nur sein Unglck, wodurch ihm jeder Versuch der
Annherung an seine Schwester seit vielen Jahren milungen sei, aber viele der
Gegenwrtigen tadelten im Stillen den letzten unschicklichen Versuch.
    Dem Baron Lbau blieb endlich nichts brig, als das Fest fortgehen zu
lassen. Der Tag begann, aber es war ihm verdrlich, da die besten Tnzer und
Tnzerinnen der Grfin gefolgt waren, denn nicht nur der junge Graf, St. Julien
und Emilie hatten das Schlo des Barons verlassen, sondern auch der Obrist
Thalheim und dessen Tochter. Inde bewegte sich die Jugend bald heiter
durcheinander, und der Baron wrde sich von seiner Verstimmung erholt haben,
wenn nicht alle Feuerrder bei dem beabsichtigten Feuerwerke versagt htten. Ein
Schwrmer fuhr unglcklicher Weise in einen Strohhaufen und zndete diesen an,
und der Baron verga alle Rcksicht fr seine Gste, aus Angst, da die nah
gelegenen Wirthschaftsgebude in Brand gerathen knnten. Ein vom Himmel
herabstrmender Regen endigte zwar bald diese Sorge, aber lschte auch zugleich
die Illumination aus, die zum Beschlusse das Fest hatte verherrlichen sollen.
    So vielen Widerwrtigkeiten mute sein Geist erliegen, und er war selbst
froh, als ein Fest nun zu Ende gefhrt war, von dem er sich so viele Wirkung
versprochen, und das doch alle seine Erwartungen getuscht hatte.

                                 Zweiter Theil



                                       I

Der Graf war mit seiner Familie auf Schlo Hohenthal angekommen, und auch der
Obrist Thalheim und seine Tochter waren dem Wagen gefolgt, weil der Zustand der
Grfin Alles beunruhigte. Auf dem Schlosse herrschte bei der unerwarteten
Zurckkunft der Herrschaft groe Verwirrung, denn die Dienerschaft hatte sich
entfernt, um ihre eigenen Vergngungen aufzusuchen, in der Ueberzeugung, da sie
die Herrschaft erst gegen den Morgen des kommenden Tages zu erwarten htten; nur
der Haushofmeister war gegenwrtig und der Knabe Gustav, der sich in Studien
vertieft hatte. Emilie und Therese entkleideten die Grfin und brachten sie zu
Bette, whrend der bestrzte Dbois ausschickte, um die weibliche Dienerschaft
zusammen zu rufen. Der Graf ging im Saale stumm auf und ab; ein finsterer
Mimuth ruhte auf seiner Stirn, und weder St. Julien noch der junge Graf wagten
das Schweigen zu unterbrechen, denn man sah wohl, da nicht allein Theilnahme an
dem Befinden der Grfin diesen Mimuth hervorrief, sondern da ihn die
Oeffentlichkeit des auf Heimburg stattgefundenen Auftritts tief verletzt hatte,
und es zeigten sich auf seinem Gesichte Spuren von einem ihm sonst fast vllig
fremden Groll, dessen Gegenstand er vielleicht selbst nicht mit Bestimmtheit
anzugeben wute.
    Als die Grfin zu Bette gebracht war, ging der Graf in ihr Schlafzimmer zu
ihr. Er fand seine Gemahlin sehr entkrftet und den Arzt eifrig beschftigt,
alle Vorkehrungen fr die Nacht zu treffen. Er hatte die Medikamente schon
bereitet, deren Gebrauch er verordnete; er gab Dbois hundert Befehle, die
dieser mit zitternder Stimme auszurichten versprach, indem er die
thrnenschweren Augen auf die Grfin richtete; er verordnete, Wer die Nacht bei
der Kranken wachen sollte, und schrfte es dringend ein, ihn sogleich zu rufen,
wenn der mindeste Zufall eintreten sollte. Die Grfin lie sich schweigend Alles
gefallen, fhlte sich aber sichtlich erleichtert, als der Arzt endlich das
Zimmer verlie.
    Der Graf trat nun an das Bett seiner Gemahlin, und indem er ihre Hand fate,
fragte er mit Theilnahme, ob sie sich besser fhle? Die dunkeln Augen der Grfin
richteten einen matten, aber forschenden Blick auf den geliebten Mann; sie las
seine Gedanken und seine Gefhle auf der umwlkten Stirn, und sagte mit kaum
hrbarer Stimme: Durch Ruhe wird mir besser werden, entziehen Sie mir nur Ihre
Liebe nicht. Sie hatte diese Worte mit bebender Stimme gesprochen, und ihre
zitternden Lippen drckten einen Ku auf die Hand des Gatten, die noch in der
ihrigen ruhte. Der Graf beugte sich berrascht nieder und kte die
leichenblasse Stirn seiner Gemahlin. Er zog sich, wie sie es wnschte, zurck,
damit sie, wo mglich, in Einsamkeit und Stille die zu ihrer Erhaltung so
nthige Ruhe fnde.
    Er konnte St. Julien und seinem Vetter, die seine Zurckkunft mit
Aengstlichkeit im Saale erwartet hatten, wenig Trstliches sagen, und Alle
trennten sich von einander und harrten mit peinlicher Unruhe dem kommenden
Morgen entgegen.
    Als der Graf seine Gemahlin verlassen hatte, winkte diese Emilien zu sich
und bat sie dafr zu sorgen, da der Obrist und Therese sich nach Hause begeben
mchten, damit nicht der alte Mann die Ruhe der Nacht entbehrte; und als Emilie
zurck kam und ihr die Nachricht brachte, da der Graf fr die Erfllung ihres
Wunsches sorgen wrde, bat die Kranke, da nun auch sie sich zur Ruhe begbe,
vorher aber alle Dienerschaft aus dem Vorzimmer entfernen mge. Du weit, mein
Kind, sagte sie mit mattem Hndedruck und hinsterbender Stimme, ich brauche nur
Ruhe, um mein Uebel zu besiegen. Emilie versprach Alles, und die Grfin bat sie
noch, die Vorhnge ihres Bettes zuzuziehen, damit weder das Nachtlicht, noch der
Strahl des kommenden Morgens ihre Einsamkeit und Ruhe stren mge. Es geschah,
wie die Kranke es verlangte, und ihre junge Freundin ging dann und befahl im
Namen der Grfin, da Jedermann das Vorzimmer verlassen und sich zur Ruhe
begeben sollte; nur Dbois winkte sie leise herbei und bat ihn zu bleiben. Er
neigte sich bejahend und zeigte auf einen Armstuhl, in welchem er die Nacht
hinbringen wollte. Sie hatte die Thr des Schlafzimmers geffnet gelassen, damit
der Alte whrend ihrer Abwesenheit auch das leiseste Gerusch hren knnte, und
ging nun hinweg, um sich von dem Putze zu befreien, den sie fr den Ball
angelegt hatte und noch immer an sich trug. Die Geschft war bald abgemacht;
sie kehrte unbemerkt zurck, um auf dem Sopha im Schlafzimmer die Nacht
hinzubringen, und rckte leise die Nachtlampe nher, um sich durch Lesen wach zu
erhalten.
    Bald aber wurde ihre Aufmerksamkeit ungetheilt auf die Kranke gerichtet,
die, sich nun vllig einsam whnend, ihrem gepreten Herzen durch Klagen und
Thrnen Erleichterung verschaffte. Habe ich nicht Alles, Alles verloren? hrte
sie diese mit leiser, zitternder Stimme zu sich selber sagen. Habe ich nicht das
Grlichste erlebt? War ich nicht am Rande des Wahnsinns und in der furchtbaren
Verzweiflung, zwangen mich nicht heilige Gefhle, dieses Mannes rettende Hand zu
ergreifen? Und nun! mu ich nun noch den letzten Halt im Leben, mu ich noch
seine Achtung, sein Vertrauen und seine Liebe verlieren? Und mu ein unwrdiges
Gaukelspiel die entsetzlichsten Bilder aus der Vergangenheit hervorrufen, um den
so mhsam errungenen scheinbaren Frieden grausam zu zerstren?
    Die Klagen gingen in rhrende Gebete um Trost ber und um Strkung, um das
Rechte thun zu knnen. Die Worte gingen endlich in einem leisen Schluchzen
unter, und nach kurzer Zeit verstummte auch dieses. Emilie nherte sich leise
dem Bette und ffnete behutsam den Vorhang; sie sah, da die Grfin aus vlliger
Entkrftung in Schlummer gesunken war, und hoffte, da die Ruhe auf jeden Fall
wohlthtig auf die Kranke wirken wrde. Emilie kehrte nun zu ihrem Buche zurck,
aber die fortwhrende Stille, die ruhigen, obwohl matten Athemzge der Grfin
beruhigten nach und nach ihr Gemth, und die Natur bte ihr Recht aus. Sie
empfand nun die Mdigkeit, die sie, durch mancherlei ngstliche Sorgen und
Anstrengungen aufgeregt, frher nicht gefhlt hatte; unwillkhrlich lehnte sich
ihr Kopf in die Kissen des Sophas zurck, die Augenlieder senkten sich ber die
glnzenden Augen; die Gegenwart entschwebte ihren Sinnen und bunte Traumbilder
umfingen ihren Geist.
    Die Grfin war nach einigen Stunden erwacht und fhlte sich etwas gestrkt;
ein langes, mit Ueberlegungen abwechselndes Gebet lie einen Entschlu in ihrer
Seele reifen, den sie schon oft gefat, aber immer nicht den Muth gehabt hatte
auszufhren. Sie ffnete die Vorhnge ihres Bettes mit schwacher, zitternder
Hand, um zu sehen, ob der Tag schon so weit vorgerckt sei, da sie ohne groe
Strung durch ihre Klingel Jemanden herbeirufen knne, und ihre Blicke fielen
auf Emilie, die, vom Schlummer gerthet, wie eine junge Rose ruhte und den
Strahl des Morgens zu erwarten schien, um alle Pracht der Schnheit zu
entfalten. Gerhrt betrachtete die Kranke die liebliche Gestalt und erkannte mit
Dankbarkeit die Liebe, die sie bestimmt hatte, den Schlaf der Nacht entbehren zu
wollen, und lchelte, wie dennoch die Natur diese Liebe berwunden habe und der
Schlummer sie mit seinen sesten Banden umfinge. Emilie, rief sie mit schwacher
Stimme und bemerkte, als ihre junge Freundin aus leichtem Schlummer aufsprang,
da auch die Thre des Schlafzimmers mit Behutsamkeit, ohne Gerusch, halb
geffnet wurde und das greise Haupt des alten Haushofmeisters sich hineinbeugte,
dessen treue Augen auf die leidende Herrin mit Liebe und Sorge blickten.
    Auch Sie, mein guter Dbois, rief die Grfin, auch Sie haben die Ruhe der
Nacht um meinet Willen verloren?
    Ich danke Gott fr die Gnade, erwiederte der alte Mann, indem die Thrnen
ber seine bleichen Wangen flossen, da er unsere geliebte Herrin erhalten hat;
was liegt an einigen Stunden Schlaf.
    Die Grfin winkte ihn zu sich und sagte gerhrt: Versprechen Sie mir jetzt
zur Ruhe zu gehen, mir ist um Vieles besser; Sie mssen es thun, damit ich mich
nicht um Ihre Gesundheit ngstige. Der alte Mann kte die ihm dargebotene Hand
der Grfin mit inniger Ergebenheit und entfernte sich, um die Ruhe zu suchen,
weil sie es wnschte.
    Emilie hatte sich dem Lager der Kranken genhert, und diese sagte nun:
Zuerst, mein liebes Kind, schaffe alle Medikamente bei Seite; Du darfst wohl
wissen, da nicht die Verordnungen des Arztes meine Uebel heilen knnen, aber
wir wollen ihn damit nicht krnken; sage nur, da ich Alles, wie er es gewollt,
gebraucht habe und ich mich viel besser fhle; da ich aber nur ruhen wolle und
durchaus Niemanden sprechen, auch ihn nicht, denn ich knnte ein Gesprch mit
ihm jetzt nicht wohl ertragen.
    Als Emilie diesen Wunsch der Grfin erfllt hatte und zu deren Lager
zurckkehrte, fand sie die Kranke sehr bewegt und blickte erschrocken in das
bleiche, mit Thrnen bedeckte Gesicht. Kehre Dich nicht an meinen Schmerz, sagte
die Grfin, indem sie mit schwacher Hand ihre junge Freundin zu sich zog, ich
habe mir selbst eine Pflicht auferlegt, und ich mu, ich will sie erfllen, wenn
auch mein Herz darber brechen sollte; wenigstens werde ich dann in Frieden mit
mir selber sterben. Emilie kniete am Bette der Grfin nieder und kte die
zitternde, magere Hand ihrer mtterlichen Freundin mit heien Thrnen. Die
Grfin streichelte die blonden Locken der Knieenden und sagte: Wir wollen uns
nicht erweichen, mein gutes Kind, ich wollte Dich bitten, einen wichtigen
Auftrag fr mich auszurichten, suche Dich also zu fassen. Emilie erhob sich und
stand da, erwartend, was die Grfin von ihr verlangen wrde. Nach einigem Zgern
beschrieb ihr diese ein Kstchen, welches sie in ihrem Schreibtische verwahrte,
und bat es ihr zu bringen. Emilie fand es bald und kehrte damit zu der Kranken
zurck, die eine Feder daran drckte, worauf der Deckel aufsprang, und es lieen
sich darin mehrere Papiere und ein kleines Bild bemerken, welches zu Emiliens
Erstaunen eine groe Aehnlichkeit mit St. Julien hatte. Die Grfin bedeckte
dieses Gemlde sogleich, nahm ein Paket Papiere heraus und lie den Deckel des
Kstchens wieder zufallen, und Niemand wrde leicht die verborgene Feder
gefunden haben, durch die es die Besitzerin zu ffnen verstand.
    Die Kranke betrachtete sinnend die Papiere in ihrer Hand und sagte dann mit
matter, aber entschlossener Stimme: Sobald der Graf aufgestanden ist, begib Dich
zu ihm und bergib ihm diese Papiere; bitte ihn, sie alsbald zu lesen und, wenn
er sie gelesen hat, zu mir zu kommen, um mich sogleich den Eindruck kennen zu
lehren, den sie auf sein Gemth gemacht haben. Bitte ihn um die Menschlichkeit,
mich nicht lnger, als es nthig ist, in der frchterlichen Qual dieser
Ungewiheit zu lassen; sage ihm, es sei mein Vorsatz gewesen, da er den Inhalt
erst nach meinem Tode erfahren sollte, aber die Ereignisse des gestrigen Tages
htten mir die Nothwendigkeit gezeigt, ihn schon jetzt damit bekannt zu machen.
Gehe nun und richte die sogleich aus, damit nicht die elende Feigheit der
menschlichen Natur mich bestimme, meinen Vorsatz wieder zu ndern. Der Graf
hatte sein Lager nach wenigen Stunden, in denen er die Ruhe vergeblich suchte,
wieder verlassen; es kmpften mancherlei Gefhle in seiner Seele; er fhlte sich
seiner Gemahlin so innig verbunden, er achtete ihren Geist, er ehrte ihren
Charakter; es war die einzige Frau, die ihm jemals eine heftige Leidenschaft
eingeflst hatte; diese hatte sie nach kurzem Widerstande durch die Verbindung
mit ihm, wie er damals meinte, auf's Schnste befriedigt. Sie hatte ihm nicht
die gleiche Leidenschaft geheuchelt, aber ihm ihre innige, zrtliche
Freundschaft versichert. Er durfte damals hoffen, in der Verbindung mit ihr ihr
Herz lebhafter zu rhren; er ahnete das Glck, eine blhende Nachkommenschaft um
sich zu sehen, und hoffte, die Mutter seiner Kinder wrde dann ihre scheue
Zurckhaltung aufgeben, und die gemeinsame Zrtlichkeit und Sorge wrde sie mit
ihm in inniger und herzlicher Liebe vereinigen. Wie ganz anders hatte sich Alles
gestaltet. Ein heimlicher Gram nagte an dem Leben seiner Gemahlin und hatte sie
verhindert, die Jahre der Jugend heiter zu genieen, und nicht einmal das hatte
seine ausdauernde Liebe errungen, da sie ihm ein Vertrauen geschenkt htte,
welches der alte sie begleitende Diener besa; er berraschte sie oft in
Thrnen, wenn er ihr Freude hatte bereiten wollen, und nichts hatte sie
vermocht, ihm den Quell der Thrnen zu zeigen, den jener alte Diener kannte. In
diesem innerlich nagenden Schmerze war sie frh verblht, und auch die Hoffnung,
einen Sohn als Sttze und Trost seines Alters heranwachsen zu sehen, war
getuscht worden, und er mute sich gestehen, da er sein ganzes Leben in
trauriger Einsamkeit des Herzens hingebracht hatte. Er fhlte mit lebhaftem
Schmerz, da etwas Fremdes, Scheidendes zwischen ihm und seiner Gemahlin stehe,
er mute es sich sagen, da, wie einig sie in allen edeln Empfindungen auch
wren, wie sehr sie sich gegenseitig schtzten und ehrten, doch die wahre innige
Vereinigung fehle, die allein das Leben beglckt.
    Es hatte ihn immer befremdet, da die Grfin jede Annherung an ihren Bruder
mit Widerwillen zurckgewiesen hatte, und tief im Herzen verletzte ihn jetzt der
Abscheu, den sie ffentlich gegen diesen gezeigt hatte; auch erfllte es ihn mit
Unmuth, wenn er daran dachte, welche Gesprche nach diesem unangenehmen
Auftritte in der Nachbarschaft entstehen wrden; er zrnte ber den Baron, der
alles Die durch seine kindische Thorheit veranlat hatte, und grollte doch auch
mit der Grfin, die eine so unnatrliche Abneigung gegen ihren einzigen Bruder
ffentlich gezeigt hatte.
    In diesen verschiedenen Empfindungen, die in seinem Busen sich nicht
ausgleichen und ordnen wollten, wurde er von seinem jungen Vetter berrascht,
der, wie es verabredet war, reisen wollte, aber vorher noch ber das Befinden
seiner Tante Erkundigungen einzuziehen wnschte. Der Graf empfing ihn
liebreicher als je, er fhlte inniger als sonst das Bedrfni, Jemanden zu
haben, der ihm angehrte, und er drang lebhaft in seinen jungen Verwandten,
sobald als mglich zu ihm zurck zu kehren. Der junge Graf, obwohl er mit
Dankbarkeit die Zuneigung erwiederte, die ihm so unverholen entgegen kam, wurde
bestrzt ber die Weichheit, die sein Oheim nicht beherrschen konnte; er
frchtete, um die Gesundheit der Grfin stehe es schlimmer, als man ihm sagte,
und er nahm sich vor, sie wo mglich vor seiner Abreise noch zu sehen. Er
verlie den Grafen, als Emilie eintrat, blieb aber im Vorzimmer, um durch diese
die Erlaubni zu erbitten, von seiner Tante Abschied zu nehmen.
    Emilie richtete den Auftrag der Grfin weinend aus. Es war ihr, als ob sie
den Willen einer Sterbenden berichtete. Der Graf empfing das Paket mit bewegtem
Gemthe und erwiederte mit unbeherrschter Rhrung, da er dem Verlangen der
Grfin genau nachkommen werde. Er verschlo sich in sein Kabinet, sobald er
allein war, um sein Wort zu erfllen.
    Als Emilie zur Grfin zurckkehren wollte, traf sie auf den jungen Grafen,
der ihr sein Anliegen vortrug; sie versprach ihm, seinen Wunsch der Grfin
mitzutheilen, machte ihm aber wenig Hoffnung zu dessen Erfllung, weil die
Kranke erklrt habe, da sie zu schwach sei, selbst den Arzt zu sprechen, und
vor allen Dingen Ruhe bedrfe. Es war also Emilien selbst berraschend, als die
Grfin nach kurzem Besinnen erklrte, da sie den jungen Grafen sehen wollte,
und Emilien bat, ihn sogleich herein zu fhren. Dieser erschrak sichtlich, als
er sich dem Lager der Kranken nherte und bemerkte, welche Verwstung eine Nacht
des Leidens hervorbringen kann. Die Grfin bat ihn, sich neben ihr Bett zu
setzen, und sagte, indem sie ihm die Hand reichte: Sie wollen uns verlassen,
mein lieber Vetter, ich wei, es ist nothwendig und Ihre Reise lt sich nicht
aufschieben; aber ich bitte Sie, eilen Sie recht bald zu uns zurck. Ich wei,
Sie haben geglaubt, da ich Ihnen den Weg zu dem Herzen des Grafen verschliee;
Sie haben mir Unrecht gethan, es ist nie so gewesen; mein Unrecht gegen Sie
besteht einzig darin, da ich mich zu selbstschtig in meinen eigenen Gram
verloren habe und dewegen nicht an die Verwandten meines Gemahls dachte; die
Unrecht bitte ich Ihnen ab. Wenn Sie zurckkommen, werden Sie mich vielleicht
besser finden, und dann, hoffe ich, werden Sie sich wohl in dem Hause
liebevoller Verwandten fhlen, und jedes Mitrauen gegen mich und den Grafen
wird schwinden. Vielleicht aber finden Sie mich bei Ihrer Rckkehr nicht mehr,
vielleicht sind dann schon alle meine Leiden geendigt; dann, mein theurer
Vetter, dann bringen Sie ein kindliches Herz fr Ihren Oheim mit und lassen Sie
ihn fhlen, da er nicht verarmt an Liebe ist, wenn auch mein Herz nicht mehr
fr ihn schlgt.
    Der junge Graf wollte antworten, aber die Wehmuth beherrschte seine Stimme.
Die Grfin schien ihm so krank, da er in der That frchtete, die seien die
letzten Worte, welche dieser Mund jemals zu ihm sprechen wrde; er beugte sich
ber ihre Hand und benetzte sie mit heien Thrnen, indem er sie kte. Lassen
Sie uns jetzt scheiden, sagte die Kranke, indem sie die Hand des jungen Mannes
schwach drckte. Ich darf nicht die letzten Krfte meines Lebens in Rhrung und
Wehmuth auflsen, ich mu mich sammeln, um wenigstens noch ein Mal meinen Gemahl
sprechen zu knnen. Nicht wahr, Ihr Versprechen habe ich, Sie werden sich mit
Liebe an sein edles Herz schlieen? Es soll die Aufgabe meines Lebens sein, rief
der junge Graf, sein Wohlwollen zu verdienen. So leben Sie nun wohl, sagte die
Kranke, vielleicht sehen wir uns wieder.
    Der Himmel kann nicht so grausam sein, erwiederte der junge Graf, er wird
uns allen Ihr theures Leben erhalten.
    So lassen Sie uns denn in dieser Hoffnung scheiden, sagte die Kranke mit
matter Stimme, und Emilie fhrte den jungen Grafen hinaus, der seine Bewegung
nicht beherrschen konnte und in seine Begleiterin drang, ihm zu sagen, welche
Hoffnung sie hege. Diese antwortete ihm nur mit Thrnen und deutete mit der Hand
nach oben, zum Zeichen, da sie nur vom Himmel Hlfe erwarte. St. Julien hatte
sich einige Mal im Vorzimmer der Grfin gezeigt, um nach ihrem Befinden zu
fragen, jetzt traf er auf den jungen Grafen, und dieser theilte ihm in heftiger
Bewegung die Unterredung mit, die er eben mit seiner Tante gehabt hatte. Beide
Freunde trennten sich hierauf mit Thrnen, und der junge Graf beschwor St.
Julien, ihm einen Eilboten zu schicken, wenn der Zustand der Grfin schlimmer
werden sollte, da er aus Rcksicht fr seine Eltern seine Reise nicht
aufschieben drfe.
    St. Julien suchte den Grafen auf, um in dessen Nhe Trost in der qulenden
Unruhe zu finden, die ihn zu zerstren drohte; dieser hatte sich in sein Kabinet
verschlossen und war fr Niemand zugnglich. Der bekmmerte junge Mann schlich
nun zu Dbois, der ihn dadurch einiger Maen aufrichtete, da er ihm vertraute,
wie die Grfin schon oft in so bedenklichem Zustande gewesen sei, da ihr aber
Gott jedes Mal die wunderbare Kraft gewhrt habe, sich durch den starken Willen
der Seele wieder zu erheben, und da er auch die Mal nicht verzage, wiewohl er
zu den Mitteln des Arztes nicht das mindeste Vertrauen habe.
    So schwach dieser Trost auch war, so ergriff ihn St. Julien doch als eine
sichere Hoffnung; er konnte den Gedanken nicht fassen, da die Grfin aus dem
Leben scheiden sollte; es schien ihm, als wrden dadurch die Wurzeln seines
eignen Daseins gestrt.
    Dbois kehrte nach dem Vorzimmer der Kranken zurck und St. Julien
begleitete ihn. Auf die leise Frage des Haushofmeisters erwiederte Emilie, die
Grfin sei ruhig, wolle aber Niemanden sprechen, als den Grafen, und auch diesen
nur, wenn er von selbst kme, rufen sollte ihn Niemand. Der junge Mann hrte die
ihm so theure Stimme, die Jederman den Eintritt versagte, er schlich also hinweg
und suchte auf einem langen einsamen Spaziergange sein klopfendes Herz zu
beruhigen.
    Der Graf hatte das Packet aus Emiliens Hnden empfangen, er hatte sich in
sein Kabinet verschlossen, um es sogleich, wie seine Gemahlin es wnschte, zu
lesen, und dennoch kam es ihm seltsam und fremd vor, da er sich mit todten
Buchstaben beschftigen sollte, in den Augenblicken, da die Krankheit des
theuersten Wesens ihm die Seele mit so lebhafter Unruhe erfllte. Warum sollte
er berhaupt lesen, was sie ihm mit wenigen Worten sagen konnte? In allen
Dingen, auch hierin, schlo er seine Betrachtungen endlich, will ich ihr meine
Liebe beweisen, ich will jedes andere Gefhl beherrschen, jeden anderen Gedanken
verbannen und thun, was sie von mir fordert. Nachdem er diesen Entschlu gefat
hatte, setzte er sich an seinen Schreibtisch, lste das Siegel, entfaltete die
Bltter und las Folgendes:

                                       II


Wenn diese Bltter in die Hnde meines Gemahls fallen, hob die Handschrift der
Grfin an, dann hat vielleicht das Herz aufgehrt zu schlagen, das ihn so innig
liebte und ehrte, und dennoch nie den Muth finden konnte, ihn in die Tiefe des
Jammers blicken zu lassen, an dem es verblutete. Ach! nur zu gewi ist es, die
erste Falschheit fhrt unsgliche Verwirrung herbei und kettet ein Unrecht an
das andere. Htte ich sprechen drfen vor unserer Verbindung, wie mein Gefhl
mich trieb, ich htte mir selbst und auch dem theuersten Freunde meines Herzens
all den Kummer erspart, der aus dem Gefhle entspringen mute, da ich ihn
fortwhrend ber mich tuschte. Htte ich auch spter geredet, so wre dann
vielleicht die Innigkeit auch eingetreten, die mir den dornenvollen Pfad des
Lebens erleichtert htte, aber die Furcht, da mein theurer Gemal das erste
Verschweigen nicht verzeihen wrde, schlo fortwhrend meine Lippen, und wir
wandelten durch meine Schuld zwar neben einander, aber nicht mit einander auf
dem Pfade des Lebens. Der tiefe Schmerz ber die Unglck und ber mein Unrecht,
wodurch es herbei gefhrt worden ist, bestimmt mich, alle erlittenen Qualen noch
ein Mal durchzufhlen und diesen Blttern meine Leiden zu vertrauen, damit sie
ein Mal, wenn auch erst nach meinem Tode, meinen Gemahl das Wesen ganz kennen
lehren, das so unglcklich an seiner Seite wandelte und ach! in der Verbindung
mit ihm so glcklich htte sein knnen, wenn sein frheres Leben sich htte
anders gestalten wollen. Sein gromthiges Herz wird dann vielleicht meine Qual
beweinen und das Verschweigen dieser Qual verzeihen.
    Ich mu, um ber mich selbst vollkommenen Aufschlu zu geben, der Jugend
meiner Eltern erwhnen. Mein Vater war in seiner Jugend ein schner Mann; er war
einer der reicheren Edelleute und seine Umgebung hielt ihn fr liebenswrdig.
Ich habe kein Urtheil darber, denn ich habe ihn in so frher Kindheit verloren,
da sein Bild nur schwach in meiner Erinnerung dmmert. Er war Protestant, und
die Aufklrung, die in der Zeit seiner Jugend sich aller ausgezeichneten
Menschen bemeisterte, ergriff auch ihn und lie ihn in aller Religion nur eine
weltliche Anstalt sehen, durch welche die Moralitt des Volks erhalten und den
Frsten das Regieren erleichtert wrde; bei diesen Gesinnungen fiel es ihm nicht
ein, da die Religion jemals ein Hinderni seiner Wnsche sein knnte, und er
berlie sich der Liebe zu meiner Mutter, ohne nur daran zu denken, da sie der
katholischen Kirche angehrte.
    Meine Mutter war von beschrnkten Eltern geboren, und ihre Erziehung wurde
durch den Beichtvater ihrer Mutter geleitet; also war es begreiflich, da sie
nur einen Weg zur Seligkeit kannte und auerhalb ihrer Kirche nur Verderben
erblickte. Mein Vater setzte seine Bewerbungen fort und fand selbst Mittel, den
einflureichen Beichtvater fr sich zu gewinnen, indem er mit jugendlichem
Leichtsinn den beschrnkten Priester hoffen lie, die Verbindung mit meiner
Mutter knne ihn wohl bestimmen, sich in den Schoo der katholischen Kirche in
der Zukunft aufnehmen zu lassen; nur jetzt, gab er zu verstehen, machten es ihm
weltliche Rcksichten unmglich, daran zu denken. Er erlaubte sich diese
Falschheit ohne Vorwrfe seines Gewissens, denn ihm war die Religion berhaupt
gleichgltig, und er betrachtete es als ein unschuldiges Mittel, seinen Zweck zu
erreichen, wenn er auf diese Weise einen Priester und durch ihn meine Mutter
hinterging.
    Es ist natrlich, da die Neigung meiner Mutter fr meinen Vater mchtig in
ihrem Herzen wuchs, da die Hoffnung sich damit verband, sein ewiges, wie sein
zeitliches Glck zu begrnden, und es ist begreiflich, da auch die Eltern bald
fr einen Plan gewonnen wurden, den der Beichtvater untersttzte. Mein Vater
htete sich den Hoffnungen auf seine Bekehrung zu widersprechen und lie alle
Schritte geschehen, ohne eine andere Ansicht ber die Religion der Kinder
auszusprechen, die aus dieser Ehe entspringen knnten, als die, welche von
seinen Schwiegereltern angenommen wurde, und diese glaubten, da die Kinder
eines Mannes, der selbst sich mit der katholischen Kirche vereinigen wollte,
nicht anders, als in den Grundsen dieser Kirche erzogen werden knnten.
    Mit dieser Falschheit von der einen und Beschrnktheit von der andern Seite
wurde die Verbindung geschlossen, und meine Mutter sah wenige Wochen nach ihrer
Vermhlung trotz der Beschrnktheit des Geistes, in der man sie hatte aufwachsen
lassen, da an eine Bekehrung meines Vaters nicht zu denken sei, und er
verwundete ihr Herz, wenn er sich schonungslos darber zu scherzen erlaubte,
durch welche Mittel er sie gewonnen habe. Die Gesellschaft meines Vaters bestand
aus jungen Leuten, die mehr oder weniger seinen Meinungen ber Religion
anhingen, und meine Mutter mute oft Gesprche anhren, von denen sie in frommer
Einfalt glaubte, ihr frevelhafter Inhalt msse das Feuer des Zornes vom Himmel
herunter auf die strflichen Hupter der Leichtsinnigen rufen.
    Mit Schmerzen sah der Beichtvater, wie grblich er sich hatte tuschen
lassen, und die Eltern der unglcklichen Frau suchten durch fromme Werke den
Himmel wegen ihres Irrthums zu vershnen. In dieser Lage der Dinge wurde die
Schwangerschaft meiner Mutter fast wie ein Unglck betrachtet, denn man
frchtete mit Recht, da auch die Kinder der katholischen Kirche wrden entzogen
werden und so auch diese Seelen verloren gehen wrden. Inde wurde es
nothwendig, diesen Gegenstand zur Sprache zu bringen, und wie man es befrchtet
hatte, lachte mein Vater nur ber die Hoffnung, da er die Erlaubni geben
wrde, seine Kinder katholisch zu erziehen. Man bediente sich selbst der List,
um ihn dazu zu vermgen, sein stillschweigend gegebenes Versprechen zu erfllen,
indem man ihm vorstellte, da ihm alle Religion gleichgltig sei, so knne er ja
leicht zugeben, da die Mutter, die sich nicht zu seinen Ansichten erheben
knne, den Trost habe, da die Kinder ihren Glauben theilten. Mein Vater stellte
die weltlichen Nachtheile dagegen auf, die seinen Kindern aus dem Bekenntnisse
der katholischen Religion erwachsen mten, und nach langem Unterhandeln konnte
endlich nur mit Mhe erreicht werden, da die Shne der Religion des Vaters, die
Tchter aber dem Glauben der Mutter folgen sollten.
    Jetzt stiegen eifrige Gebete zum Himmel empor, das Kind, welches meine
Mutter noch unter ihrem Herzen trug, mge eine Tochter sein, ganz entgegen den
gewhnlichen Wnschen der Familien, die einen Sohn eifriger als eine Tochter zu
erbitten pflegen. Auch diese Gebete erhrte der Himmel nicht, und das Entzcken
der jungen Mutter war mit Schmerz vermischt, als man ihr nach berstandener Qual
den neugebornen Sohn hinreichte. Die Freude des Vaters war laut und heftig, ein
glnzendes Fest sollte die Taufe des Neugebornen verherrlichen, und mit
innerlichem Schauder sahen Mutter und Schwiegereltern den protestantischen
Prediger die heilige Handlung verrichten. Der Beichtvater meiner Mutter trstete
sie mit dem Gedanken, da noch nichts verloren sei, weil die Taufe, in welcher
Kirche sie auch gefeiert werde, immer die gleiche Gltigkeit habe und es immer
noch in der Macht meiner Mutter stnde, die junge Seele dem wahren Heile
zuzuwenden.
    Dieser Gedanke entzndete eine neue Hoffnung in der Brust der unglcklichen
Frau und wendete ihre leidenschaftliche Liebe dem Kinde zu, dessen Seelenheil
sie gefhrdet whnte. Wenn sie in blinder Zrtlichkeit sich ganz dem Kinde
hingab, alle seine Wnsche befriedigte, selbst die, welche der verkehrteste
Eigensinn aussprach, so tuschte sie sich selbst und bildete sich ein, es
geschhe, um sich die Liebe des Sohnes um jeden Preis zu erhalten, um ihn durch
diese Liebe spter zum wahren Heil zu leiten; es entging ihr der Widerspruch,
da sie den spter leiten wollte, von dem sie sich schon als Kind vllig
beherrschen lie. Mein Vater zog das Kind ebenfalls an sich, weil er ihn mit dem
gewhnlichen Stolz der Vter als Fortpflanzer seines Namens betrachtete, und
weil er den Plnen der Mutter, die er gar wohl bemerkte, entgegen wirken wollte,
und so kam es, da dieses Kind im frhesten Alter der unumschrnkte Gebieter des
Hauses war, dessen eigensinnigste Launen auch die Bedienten als Befehle zu
betrachten sich gewhnten.
    So verwhnt war dieses Kind sechs Jahre alt geworden, und als meine Eltern
die Aussicht auf weitere Nachkommenschaft schon fast aufgeben zu mssen
glaubten, fhlte meine Mutter zum zweiten Male die Hoffnung, einem Kinde das
Dasein zu geben. War schon bei der ersten Schwangerschaft das Flehen um eine
Tochter inbrnstig gewesen, so wurden jetzt weder Gebete noch Gelbde gespart,
und meine Mutter gelobte dem Himmel, Falls er ihr eine Tochter schenken wrde,
sie dem Dienste des Himmels zu weihen, um in ununterbrochenen Gebeten die
Bekehrung des Vaters wie des Bruders zu erflehen.
    Die Mal wurden ihre frommen Wnsche erhrt, und ich Unglckliche erblickte
das Licht des Tages. Meine Mutter empfing mich mit Entzcken in ihren Armen,
aber nicht als ein Kind legte sie mich an die mtterliche Brust, sondern als ein
Shnopfer, welches sie whnte vom Himmel errungen zu haben; nicht um mein selbst
Willen widmete sie mir ihre Sorge und Pflege, sondern weil ich nun da war, um
ein ganzes Leben hindurch fr einen begnstigten Bruder zu beten. Auch mein
Vater begrte meinen Eintritt in's Leben nicht mit Liebe; er blickte mit Klte
auf mich, weil er die ihm unangenehme Verpflichtung hatte, mich in der
katholischen Kirche erziehen zu lassen, denn es ging ihm, wie vielen
Freigeistern, die ich spter kennen lernte, die alle Religion hinwegspotten
wollten und doch ihren Geist von den Fesseln nicht lsen konnten, in denen die
Sekte sie hielt, in der sie geboren waren.
    War die Feierlichkeit bei der Taufe meines Bruders gro gewesen, so wurde um
so stiller die heilige Handlung begangen, die mich auf katholische Weise zur
Christin weihte. Da mein Vater mich der Erziehung meiner Mutter und dem
Einflusse ihres Beichtvaters berlassen mute, so gewhnte er sich, mich von der
Geburt an als ein seiner nicht wrdiges Wesen anzusehen, und betrachtete um so
mehr meinen Bruder als seinen Stolz und sein Eigenthum, und so kam es denn, da
meine Erziehung von der frhesten Kindheit an ganz so eingerichtet wurde, da
ich dem Zwecke, wozu man mich bestimmte, einem Bruder das Heil zu erringen,
einst vollkommen entsprechen knnte.
    Ich war kaum fnf Jahre alt, als ein unglcklicher Sturz mit dem Pferde das
Leben meines Vaters in Gefahr brachte. Es war ihm nicht entgangen, welche Plne
meine Mutter mit mir hatte, ob er gleich nicht ahnete, da ich geopfert werden
sollte, um seine eigene wie meines Bruders Bekehrung zu erbeten; da ich aber
seinem Gefhl vllig fremd blieb und er alle Neigung allein seinem Sohne
zuwendete, so war ihm der Plan meiner Mutter in sofern lieb, als meinem Bruder
dadurch der ungetheilte Besitz des Vermgens gesichert wurde, welches durch die
Verwaltung meines Vaters bedeutend war vermindert worden. Da ihm der gefhrliche
Zustand seiner Gesundheit nicht verborgen bleiben konnte, ob er gleich von den
Aerzten noch einige Zeit nach dem unglcklichen Sturze erhalten wurde, so
richtete er sein Testament ganz zum Vortheile meines Bruders ein, und da meine
Mutter whrend seiner Krankheit einige Mal seine Bekehrung mit Hlfe des
Beichtvaters versucht hatte, so erregte die nicht nur seinen Zorn, sondern auch
die Sorge, da nach seinem Tode derselbe Eifer fr die Seele meines Bruders sich
zeigen wrde, und er ernannte einen Vormund aus der Zahl seiner Freunde, der
meinen Bruder zu sich nehmen und seine Erziehung leiten sollte, damit, wie er
unverholen uerte, der Knabe nicht durch die Mutter den Hnden der katholischen
Priester bergeben werden mchte.
    Meine unglckliche Mutter erfuhr also den doppelten Schlag des Geschickes,
da sie den Mann ihrer Liebe verlor, ohne, wie sie meinte, seine Seele gerettet
zu haben, und da gleich nach dessen Tode ihr auch der Sohn entrissen wurde, um
dessentwillen sie nur noch lebte.
    Da es nun durch die Entfernung des Knaben der trauernden Mutter unmglich
gemacht wurde, unmittelbar fr seine Bekehrung zu wirken, in welchem Gedanken
sie einen schwachen Trost beim Tode des Mannes gefunden hatte, so blieb nichts
brig, als mittelbar durch ihr und mein Gebet dahin zu wirken, und ich wurde zu
allen geistlichen Uebungen schon in dieser zarten Jugend angehalten.
    Da es wie eine ausgemachte Sache betrachtet wurde, da mein Leben dem
Dienste Gottes im Kloster geweiht sei, so hegte ich selbst auch keinen andern
Gedanken, und da meine Mutter den Einflu lebensfroher Gespielen frchtete, so
erzog sie mich in vlliger Einsamkeit; ich sah beinah nur den Beichtvater und
sie; und als Grund fr diese Zurckgezogenheit wurde ohne Hehl meine Bestimmung
zum Klosterleben angefhrt, so da ich nicht Theil nahm an den wenigen
Gesellschaften, die meine Mutter besuchte, und auch das Gesellschaftszimmer
verlie, wenn zuweilen Besuch bei uns erschien.
    Ich fgte mich ohne Zwang und ohne Klage in diese Einsamkeit; ich lebte in
Trumen, die meine Phantasie erzeugte; ich bildete mir innerlich ein
wunderbares, reiches Leben und hielt mich so fr alle ueren Entbehrungen
schadlos. Mein lebhafter Geist, der mit nichts genhrt wurde, mute alle
Beschftigung in sich selber suchen und fhrte mich oft an die Grnze des
Wahnsinnes, denn ich glaubte selbst an meine wachen Trume. Die einzige Strung
dieses einsamen, trumerischen Lebens trat ein, wenn uns mein Bruder, von seinem
Vormunde begleitet, besuchte. Der muntere Knabe verspottete die werdende Nonne,
und wenn er prahlend von der Heiterkeit seines Lebens erzhlte, so regte sich
zuweilen die Sehnsucht in meiner Brust, Theil an seiner Freude zu nehmen. Auf
meine Mutter machten diese Besuche, nach denen sie sich so heftig sehnte, jedes
Mal den traurigsten Eindruck, und unsere Gebete in der Einsamkeit wurden
verdoppelt, um eine Bekehrung zu erflehen, die immer zweifelhafter zu werden
schien.
    Mein Bruder hatte ungefhr das Alter von sechzehn Jahren erreicht, als ich
bemerkte, da sein Betragen gegen uns anders wurde. Er kam jetzt zuweilen
allein, theils weil seinem Vormunde der Aufenthalt bei uns langweilig war,
theils weil er glaubte, mein Bruder sei so befestigt in seinen religisen
Ansichten, da die Mutter keinen Einflu mehr auf ihn wrde ausben knnen.
Diese Besuche gewhrten dieser einen kaum mehr gehofften Trost; mein Bruder
spottete nicht mehr ber meine Bestimmung, ja er konnte mit Bewunderung von der
Heiligkeit eines einsamen, Gott geweihten Lebens sprechen; er lie in solchen
Stunden meine arme Mutter hoffen, da, sobald er das mndige Alter erreicht
haben wrde, er sich in den Schoo der katholischen Kirche wrde aufnehmen
lassen, und es bedurfte keiner groen Ueberredung, um die Mutter und den
Beichtvater zu berzeugen, da diese frommen Gedanken vor dem Vormunde verborgen
gehalten werden mten, damit dieser nicht den Sohn auf's Neue von der Mutter
trennte. Die arme Frau hatte sich ohne groe Kunst von dem Manne tuschen
lassen, der ihre Liebe gewann, und lie sich nun noch bereitwilliger von einem
Knaben hintergehen. Sie bemerkte es nicht, da sie diese frommen Aeuerungen
jedes Mal mit ansehnlichen Summen bezahlen mute, die mein Bruder von ihren
Ersparnissen empfing. Mein Vater hatte meiner Muter ein sehr miges Einkommen
bestimmt, da aber ihre Eltern in der Zwischenzeit gestorben waren, so hatte sie
durch die ihr zugefallene Erbschaft bedeutendere Mittel, und mein Bruder hatte
nicht so bald Kenntni von diesem Zuwachs, als er ihn fr sich benutzte, durch
eine Heuchelei, die der Beweis einer groen Schlechtigkeit gewesen wre, wenn er
diesen Kunstgriff nicht mit kindischem Dnkel fr das Zeichen eines starken
Geistes gehalten htte, der sich erlauben drfte, die Schwachheit einer bigotten
Mutter auf diese scherzhafte Weise zu benutzen.
    So hatte mein Bruder nach und nach das ganze Erbe meiner Mutter erhalten,
ehe er sein mndiges Alter erreichte, und diese fing an die Entbehrungen zu
fhlen, die sie sich aus Liebe fr diesen Sohn selbst auferlegt hatte; doch
machte ihr die keinen Kummer, denn fr mich war gesorgt, indem ich aus der Welt
schied, und sie selbst konnte dann bei dem geliebten, geretteten Sohne den Rest
des Lebens in heiliger Freude hinbringen. Ich war noch sehr jung, aber ich sah
mit Befremden die bedenklichen Mienen, die mein Bruder zu solchen Trumen
machte, wenn sie ihm mitgetheilt wurden.
    Ich war ungefhr funfzehn Jahr alt geworden, und meine Mutter fing sich an
ernstlich darber mit dem Beichtvater zu berathen, in welchem Kloster ich meine
Probezeit hinbringen sollte, als ein Brief von einer Tante meiner Mutter ankam
und unserem Leben eine neue Wendung gab. Diese Tante hatte sich mit einem
bedeutenden Vermgen, die Schnheit der Natur zu genieen, nach der Schweiz
zurckgezogen; sie war alt und kinderlos, und forderte meine Mutter auf, mit mir
zu ihr zu kommen, damit sie ihr Leben nicht unter fremden Menschen endigen
msse, und versprach zugleich, wenn meine Mutter diesen Wunsch bereitwillig
erfllen wollte, sie zu ihrer einzigen Erbin zu ernennen.
    Niemand untersttzte den Vorschlag dieser Tante eifriger als mein Bruder,
und als meine Mutter die Besorgni uerte, da er, getrennt von ihr, wieder lau
werden und seinen heiligen Vorsatz aufgeben knne, versicherte er, da er uns
nach der Schweiz folgen wrde, wo er, ohne Aufsehn zu erregen, leichter noch als
im Vaterlande die Verlangen seines eignen Herzens stillen knne. Diese
Aeuerung war entscheidend, und wir begaben uns auf die Reise zu der alten,
reichen, lebenssatten Tante, wie sie von meinem Bruder genannt wurde.
    Ich hatte unser Haus beinah niemals verlassen, meine Spaziergnge
erstreckten sich nicht weiter, als bis in unsern Garten, dessen geschorene
Hecken und regelmig abgetheilte Blumenbeete mir weiter keine Abwechselung
gewhrten, als da ich die Blumen blhen und verblhen sah, und doch hatte ich
selbst in diesem beschrnkten Raume in der Unschuld meines Herzens unsgliche
Freude genossen. Waren doch die Sommerlfte warm und lind, glnzte doch der
Himmel ber mir, dufteten mir doch die Blumen entgegen, und meine Phantasie
fllte die Gnge mit wandelnden Gestalten; wache Trume der lieblichsten Art
umfingen hufig meinen Geist in diesem Garten, und eine bunte Mhrchenwelt
umgaukelte mich.
    Die angetretene Reise nun entfhrte mich aus der engbeschrnkten, bekannten
Welt und zeigte mir zum ersten Male eine groartige Natur. Schon unsere
vaterlndischen Berge, unsere ppigen Thler und rieselnden Bche entzckten
mein Herz, und ich dachte mit Beklemmung daran, da ich von dieser herrlichen
Welt scheiden sollte und wieder hchstens in einem beschrnkten Garten wrde
verweilen drfen. Aber als wir die Schweiz erreichten, war es, als ob mein Busen
sich dehnte. Diese Seeen, diese Berge, diese Thler weckten ein Gefhl des
Lebens in mir, das mir bis dahin fremd gewesen; ich fhlte, da ich da sei um
mein selbst Willen, und konnte mich nicht mehr als ein Wesen betrachten, welches
fr Andere dahin gegeben werden drfe, und leise im Herzen regte sich mir der
Verdacht, ob mein Bruder auch solche Opfer verdiene. Mein trunkenes Auge
schweifte unersttlich ber Berg und Thal, und meine Seele sog das reinste
Entzcken in sich. Aber indem ich mit himmlischer Wonne das Leben fhlte,
welches sich so glnzend und neu vor mir ausbreitete, versprach ich mir
innerlich, leise, aber fest, eine Welt nicht zu verlassen, deren Zauber, sobald
ich ihn kennen lernte, so mchtig auf mich wirkte.

                                      III


Wir hatten Luzern erreicht, in dessen Nhe die Tante meiner Mutter ein herrlich
gelegenes Landhaus bewohnte. Mit aufrichtiger Liebe wurden wir von der mehr als
siebzigjhrigen Frau empfangen, die das nahe Ende ihres einfachen, schnen
Lebens mit Ruhe und Heiterkeit erwartete, und sich durch die Gegenwart naher
Verwandten gestrkt fhlte; aber dennoch lie sich bald bemerken, da ihre
Hoffnung nicht vollkommen befriedigt war, und da der beschrnkte Geist meiner
guten Mutter ihr die Unterhaltung nicht gewhren konnte, die sie in ihren
einsamen Stunden durch das Beisammensein mit einer Verwandten erwartet hatte.
Ihr wahrhaft frommer Sinn konnte eben so wenig damit zufrieden sein, da ich
schon vor meiner Geburt zum Opfer fr einen Andern bestimmt war, und wenn sie
die Ansichten meiner Mutter in dieser Hinsicht bekmpfte, so machte die dehalb
einen erschtternden Eindruck auf diese, weil sie keine frevelnde Freigeisterei
bei ihrer Tante voraussetzen durfte, sondern sie in allen Handlungen ihres
Lebens als fromme Katholikin verehren mute.
    Meine groe Jugend erregte die Theilnahme dieser vortrefflichen Frau, und
indem sie fr meine Bildung zu sorgen beschlo und mich dehalb mehr an sich
zog, bemerkte sie mit Schrecken eine vllig verwahrloste Erziehung, und auf die
Vorwrfe, welche sie meiner Mutter darber machte, glaubte diese gengend mit
der Frage antworten zu knnen, von welchem Nutzen mir weltliche Kenntnisse bei
meinem knftigen Aufenthalte im Kloster sein knnten, und ob sie nicht im
Gegentheil dazu dienen wrden, in mir eine Sehnsucht nach der Welt zu erregen,
die ich bestimmt sei zu verlassen. Die Tante suchte ihr die Gefahr auseinander
zu setzen, die darin liege, wenn ein so lebhafter, feuriger Geist als der meine
gar keine Nahrung erhielte und alle Hlfsquellen in der knftigen Einsamkeit nur
in sich suchen msse, worauf meine Mutter auf Beichte und Gebet als die
sichersten Sttzen der Seele hindeutete.
    Die Tante gab bald jeden Streit ber diesen Gegenstand auf und benutzte ihre
Ueberlegenheit des Geistes, um fr mich, ohne weiter zu fragen, Lehrer in allen
nthigen Wissenschaften anzunehmen, und da sie mich zugleich zu allen frommen
Uebungen anhielt, die die Kirche vorschreibt, so konnte meine Mutter keinen
Grund finden, sich einer Einrichtung zu widersetzen, von der die Tante
behauptete, da sie ihr eine erheiternde Beschftigung im Alter gewhre.
    Fr mich begann in dieser Zeit ein so glckseliges Leben, da vielleicht
durch die Trunkenheit, in der mein Geist sich befand, alle Fhigkeiten meiner
Seele erhht wurden und so die Bewunderung meiner guten Tante erregten. Meine
Mutter konnte mich hier nicht auf das Haus beschrnken, denn die Herrin
desselben begnstigte den Umgang mit Personen meines Alters, die in unserer Nhe
lebten, und die anstndige Freiheit der Sitten in der Schweiz erlaubten es uns,
auf den nahen Bergen umher zu schweifen, und mit den reinen Lften sog ich die
Krfte des Lebens in mich; mein Geist erstarkte wie meine Glieder, meine Wangen
rtheten sich, meine Augen leuchteten in der Flle des Glcks und der
Gesundheit. Die Zaubergrten der Poesie erschlossen sich um diese Zeit meinem
Geiste und bten eine nie geahnete Gewalt auf meine Seele. Meine Mutter bemerkte
mit Unruhe die Verwandlung, die mit mir vorging und die sie eine traurige
Verweltlichung nannte; die Tante war in demselben Grade darber erfreut.
    Schon ehe wir in der Schweiz angekommen waren, hatte sich zwischen meiner
Grotante und einem alten Franzosen ein freundliches Verhltni gebildet,
welches oft Beiden zum Trost gereicht hatte, der Tante in ihrer Einsamkeit und
dem Franzosen in manchen Leiden der Gegenwart.
    Herr Blainville, so nannte sich der alte Mann, hatte Frankreich verlassen
mssen, weil sein vorurtheilsfreier Geist die Anzeichen der herannahenden Strme
erkannte. Seine Stellung in der Nhe seines Monarchen hatte ihn vermocht, diesen
auf seine gefhrliche Lage aufmerksam zu machen und ihm die Mglichkeit des
Unglcks zu zeigen, welches bald furchtbar hereinbrechen sollte. Anfangs
verlacht wurde er bald angefeindet und als ein Anhnger verhater Systeme
verdchtig gemacht, und er sah seine Freiheit um seiner treuen Anhnglichkeit
Willen bedroht. Der entgegengesetzten Partei war er ebenfalls verdchtig, weil
er seinem Knige ergeben war, und so war er zu gleicher Zeit der Verfolgung des
Hofes und dem Hasse des Volkes ausgesetzt, und hatte kaum noch Zeit, durch eine
eilige Flucht einer Verhaftung zu entgehen, die sein Leben in Gefahr bringen
konnte. Bei dieser unvorbereiteten Flucht konnte er nur sehr geringe Hlfsmittel
mit sich nehmen, und er mute mit seinem Vermgen einen Sohn und eine Tochter in
Frankreich zurcklassen, fr deren Schicksal er unaufhrlich frchtete, und je
deutlicher sich in den fortschreitenden Begebenheiten der Zeit erkennen lie,
da er nur zu richtig die Uebel seines Vaterlandes voraus gesehen hatte, um so
heftiger wurde seine Unruhe, und sein Herz wurde von den qulendsten Sorgen um
das Schicksal seiner Kinder zerrissen, denn seine Phantasie spiegelte ihm die
furchtbarsten Ereignisse vor. Es konnte seiner bejahrten Freundin nicht
gelingen, ihn zu beruhigen. Eine furchtbare Revolution, pflegte er oft, wenn sie
ihm Trost einsprechen wollte, zu sagen, bricht ber mein unglckliches Vaterland
herein, und ich wei wohl, da diese in der Zukunft fr Frankreich, ja fr ganz
Europa die heilsamsten Frchte tragen kann, aber in der Gegenwart, wo alle
Leidenschaften aufgeregt sind, wird sie wthen wie ein furchtbarer Orkan, der
zwar auch die Luft reiniget, aber Wehe dem, der ihm nicht ausweichen kann.
    Endlich kam er eines Morgens mit triumphirender Miene in unser Haus, von
einem jungen Manne begleitet, welchen meine wrdige Grotante mit herzlicher
Freude als den jungen Blainville begrte. Sie wnschte dem Vater aufrichtig
Glck, da durch die Ankunft des so hei ersehnten Sohnes die Unruhe seines
Herzens beendigt sei, und fragte den jungen Mann mit Theilnahme nach seiner
Schwester. Er berichtete mit Kummer, da es ihm unmglich geworden sei, fr die
Schwester und sich Psse zu erhalten, da er gezwungen gewesen, sich ohne Pa
ber die Grenze zu schleichen, welches er nicht habe bewerkstelligen knnen,
ohne Gefahren sich auszusetzen, denen ein junges Mdchen unmglich knne
preisgegeben werden; er habe also in Paris, wo sie verborgen und in Sicherheit
leben knne, auf's Beste fr sie gesorgt, und da er selbst bald zurck msse, so
hoffe er dann vielleicht Mittel zu finden, auch sie dem Vater zuzufhren.
    Der junge Blainville schien durch meinen Anblick berrascht, und es war
nicht zu verkennen, da er sich vom ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an
mit Innigkeit mir zuwendete; sein Vater schien seine Neigung durch seinen
Beifall zu untersttzen, meine Grotante wirkte ihr nicht entgegen, und meine
Mutter schien sie Anfangs nicht zu bemerken.
    Wer jemals die Sigkeit der Momente empfunden hat, wenn zwei junge Herzen
sich gegeneinander ffnen, um sich zu vereinigen, der wird es begreifen, da es
mir schien, als ob die Sonne nur in dem Herzen ruhte, deren glnzende Strahlen
Alles um mich her beleuchteten und verschnten. Der alte wrdige Blainville
streichelte oft meine glhenden Wangen und nannte mich sein Kind, seine zweite
Tochter, den Trost seines Alters. Ich begriff nicht, warum diese Schmeichelworte
mir Thrnen entlockten, und doch war ich so selig in diesen Thrnen.
    Meine Grotante und der alte Blainville hatten jetzt hufig lange
Unterredungen mit einander, die ihre vertrauliche Freundschaft noch zu
befestigen schienen, aber ich bemerkte, da nach solchen Unterredungen die Tante
oft besorgte Blicke auf meine Mutter richtete; endlich schien diese sich an die
Gefhle ihrer Jugend zu erinnern, und sie begann die Gefahr, die ihren Plnen
drohte, zu ahnen. Sie bereute nun das ihrer Tante gegebene Versprechen, mich
nicht aus ihrer Nhe entfernen zu wollen, und wute nicht, wie sie die erfllen
und doch zugleich ihrem Gelbde treu bleiben sollte. Endlich glaubte sie durch
Aufrichtigkeit gegen Alle einem drohenden Uebel begegnen zu knnen. Sie ergriff
also die erste schickliche Gelegenheit, um in des alten, wie des jungen
Blainvilles Gegenwart zu erklren, da sie mein Leben dem Heiland geweiht und
mich dehalb fr das Kloster bestimmt habe, und von ihrer gtigen Tante hoffe,
da sie mir erlauben wrde, bald mein Probejahr anzutreten. Wie ein Donnerschlag
wirkte diese Erklrung auf den jungen Blainville. Ich sah ihn erbleichen und
hielt meine strmenden Thrnen nicht zurck, der alte Blainville sah verlegen
auf die Tante, die einen etwas zornigen Blick auf die Nichte richtete; aber
diese blickte triumphirend, wie nach einem gewonnenen Siege, umher.
    Die schne Ruhe war aus unserm Kreise gewichen, aber dennoch war nicht
erreicht worden, was meine Mutter im frommen Eifer fr ihre Kirche und aus
blinder Liebe fr meinen Bruder wollte. Ich suchte die Einsamkeit, aber nicht
blo um meinen Thrnen Luft zu machen, sondern um mich auch in dem Vorsatze zu
bestrken, mich nicht fr meinen Bruder opfern zu lassen. Ich entwarf manche
Plne, wie ich mich dem alten Herrn Blainville anvertrauen und seinen Rath
benutzen wollte, aber wenn ich mit ihm zusammentraf, konnte ich den Muth nicht
dazu finden.
    Der junge Blainville hatte bald meine einsamen Spaziergnge entdeckt, und
eine Erklrung, die vielleicht ohne die Aeuerungen meiner Mutter unsere
Schchternheit noch lange zurckgehalten htte, vereinigte nun auf das Festeste
unsere Herzen; wir gelobten uns mit allem Ungestm der Jugendliebe ewige Treue,
und hofften von der Zeit, von der Gte meiner Grotante, von dem Einflusse des
alten Blainville unser Glck; aber freilich konnten wir es uns nicht verhehlen,
da dieser niemals einem Plane seine Zustimmung geben wrde, der offenbar das
Recht einer Mutter verletzt htte; von dieser Mutter aber konnten wir weder
durch Bitten, noch durch Thrnen etwas zu gewinnen hoffen, da das vermeinte
Seelenheil eines geliebten Sohnes ihr wichtiger war, als das irdische Glck
einer wenig geliebten Tochter, und so schlossen sich alle unsere Unterredungen
mit hoffnungslosen Thrnen, und nur Eins ward jedes Mal von Neuem beschlossen,
in unserer Liebe ohne Wanken auszuharren.
    Ich hatte dem jungen Blainville meine Vermuthung anvertraut, da mein Bruder
durch eigenntzige Absichten bei seinem Handeln geleitet wrde, und da er die
Bekehrung selbst, auf die meine Mutter so inbrnstig hoffte, nur vorspiegele, um
mich in's Kloster zu verstoen und so auch noch das kleine Erbe zu behalten,
welches mein Vater mir ausgesetzt hatte, und wir beklagten um so schmerzlicher
die Blindheit der Mutter, die mich diesem Bruder opfern wollte, als unvermuthet
er selbst erschien und seine Ankunft uns zum Trost gereichte, was wir am
Wenigsten erwartet htten.
    Als die erste Freude der Bewillkommnung vorber war, erschrak meine Mutter,
ihren Sohn so verndert zu finden; die Blte der Jugend war von seinen Wangen
schon abgestreift, seine Gestalt zusammengesunken, obgleich er kaum zwei und
zwanzig Jahre alt war, und er schob die Schuld der traurigen Vernderung, die
mit ihm vorgegangen war, auf den vielen Kummer, den ihm sein Vormund verursache,
der, wie er behauptete, seine Neigung zur katholischen Religion entdeckt habe.
Er trieb die Heuchelei so weit, da wenig fehlte, und meine Mutter htte ihn fr
einen Mrtyrer des Glaubens gehalten. Der alte Blainville, der die Welt besser
kannte, als sie, vertraute der Tante nach wenigen Tagen, da ihm der junge Mann
ein leidenschaftlicher Spieler zu sein schiene.
    Es lie sich bald erkennen, da mein Bruder neue Summen von meiner Mutter zu
erhalten wnschte, und da diese so bedeutend sein muten, da sie ihre Krfte
berstiegen, denn sein Mimuth lie sich eben so wenig, als ihre Thrnen
verhehlen. Da der alte Blainville die Verhltnisse meiner Familie kannte, so gab
er seinem Sohne einen Rath, der unser Glck herbeifhrte. In Folge dieses Rathes
nmlich suchte der junge Blainville sich meinem Bruder zu nhern, er bot ihm die
Hlfe, welche die Mutter nicht gewhren konnte, und bernahm es zugleich, mich
zu verpflichten, auf mein kleines Erbe Verzicht zu leisten, wenn er die Mutter
dazu bestimmen knne, in unsere Verbindung zu willigen.
    Mit welchem frohen Erstaunen wurde mein Herz erfllt, als mein Bruder sich
mir nun liebreich nherte und den frommen Wahn der Mutter beklagte, der ohne
Schonung meine Jugend opfern wollte; er segnete den Gedanken, der ihn zu rechter
Zeit herbeigefhrt htte, um ein solches Unglck zu verhindern. Mir klangen
diese Worte in seinem Munde so fremd, da ich ihn Anfangs mit Mitrauen
betrachtete; er lchelte und sagte: wirst Du denn niemals Zutrauen zu mir
gewinnen, meine gute Schwester? Ich befrderte den Plan der Mutter, weil ich
glaubte, ein geistliches Leben sei Dein wahrer Beruf, Deine eigene Wahl; da mich
aber Blainville, der mehr Vertrauen zu mir hat, als Du, eines Besseren belehrt
hat, so werde ich die Mutter noch heute bestimmen, Eure Hnde in einander zu
fgen.
    Da ich keine Kenntni davon hatte, durch welche Mittel Blainville meinen
Bruder bestimmt hatte, unser Glck zu befrdern, so warf ich mich mit Thrnen
der Reue in seine Arme; ich gestand ihm die nachtheiligen Gedanken, die ich ber
ihn genhrt hatte; ich bat ihn dieser innerlichen Beleidigung wegen um
Verzeihung; ich berhufte ihn mit Dank und Liebe, und war unendlich beglckt,
als er mir gromthig verzieh und sich meine Liebe gefallen lie. Ich frchtete
nur noch, er wrde die Mutter nicht bestimmen knnen. La das meine Sorge sein,
erwiederte er mit einem beinah verchtlichen Lcheln.
    Er verlie mich, um die Mutter sogleich zu sprechen. Mein Herz pochte, als
ich in ihrem Zimmer Beide laut und heftig sprechen hrte, und ich erfuhr
nachher, da mein Bruder erklrt habe, er knne es nicht ertragen, da ich um
einer Einbildung Willen geopfert wrde, denn um seinen Uebertritt zur
katholischen Kirche zu erreichen, dazu bedrfe es dieses Opfers nicht, und mein
Gebet fr ihn wrde eben so krftig wirken, wenn ich auch keine Nonne, sondern
Blainvilles Gattin wrde. Er sei entschlossen, so bald er mndig geworden, zu
der katholischen Kirche berzutreten, wenn meine Mutter ihre Einwilligung zu
meiner Verbindung geben wolle, wrde aber diese verweigert, so werde er einen
feierlichen Eid leisten, als Protestant zu sterben. Diese Drohung wirkte, wie
sie sollte, und bestimmte meine Mutter, sogleich den lang genhrten Plan
aufzugeben, und sie trat an der Hand des Bruders in den Saal, um mir dessen
groe Liebe, die nur mein Glck wolle, zu verkndigen. Sie ermahnte mich, die
oft begangene Snde zu bereuen, da ich diesen edeln Bruder des Eigennutzes
beschuldigt habe, denn wre er eigenntzig, schlo sie ihre Rede, so wrde er
mich nicht bestimmt haben, Dich zu verheirathen, was ihn nthigt, Dir Dein Erbe
auszuzahlen, welches ihm geblieben wre, wenn Du den geistlichen Stand erwhlt
httest. Mein Bruder lie es geschehen, da ich ihm meine Reue noch ein Mal
bezeigte, ja er duldete es, da ich seine Hnde dankbar kte, die, wie ich
whnte, mich dem Leben zurck gaben.
    Noch denselben Abend wurde ich mit dem jungen Blainville verlobt, und in
wenigen Tagen sollte unsere Verbindung gefeiert werden. Wir waren beide viel zu
entzckt und zu sehr mit unserm Glck beschftigt, als da wir uns ber die Art
gegen einander erklrt htten, wie mein Bruder unser Wohlthter geworden war;
nur lchelte mein Verlobter, wenn ich die Liebe und Gromuth dieses Bruders
pries.
    Befremdend war es mir daher, als nach wenigen Tagen der alte Blainville mich
in sein Kabinet fhrte und mich bat, eine Schrift zu unterzeichnen, worin ich
auf jede Erbschaft meines Vaters zum Vortheil meines Bruders Verzicht leistete,
mit der Bewilligung meines knftigen Gemahls und meines Schwiegervaters. Dieser
versicherte mir, meines Bruders Verhltnisse machten die durchaus nothwendig,
auch wollte er mir sogleich die Summe ersetzen. Ich zgerte nicht zu
unterschreiben, aber die Tuschung war geendigt, ich wute nun, da nicht Liebe
fr mich meinen Bruder bewogen hatte, mein Glck zu befrdern, und ich hrte es
ohne Kummer, wie mein Schwiegervater hinzufgte, da meines Bruders schleunige
Abreise so nthig sei, da er nicht Zeuge meiner Verbindung mit seinem Sohne
wrde sein knnen, da diese um eine Woche htte aufgeschoben werden mssen, weil
der Geistliche krank geworden sei, der, wie er und meine Grotante wnschten,
den Segen ber unsere Verbindung sprechen sollte.
    In der That reiste mein Bruder nach zwei Tagen ab, nachdem er die Summe von
Blainville erhalten, die ihm dieser zugesichert hatte. Mein Schwiegervater
liebte seinen Sohn auf das Zrtlichste; er wollte nur sein Glck, und da er sah,
da die Glck ohne eine Verbindung mit mir nicht denkbar war, so that er Alles,
um sie herbei zu fhren; aber da er mchtige Feinde in Frankreich hatte, da ihm
dort noch eine Tochter lebte, um derent Willen er selbst oder der Sohn dahin
zurckkehren mute, so war Vorsicht fr ihn um so nthiger, weil er, um seine
Feinde zu tuschen, das Gercht hatte verbreiten lassen, er sei gestorben. Er
hatte also selbst einen Aufschub meiner Verbindung mit seinem Sohne veranlat,
um meinen ungeduldigen Bruder zu entfernen, dem er seinen wahren Namen nicht
anvertrauen wollte, der doch in diesem feierlichen Augenblicke genannt werden
mute. Meine Mutter, deren Verschwiegenheit er nicht vertraute, war nicht zu
frchten, denn sie selbst hatte erklrt, ihr Gefhl erlaube ihr nicht, bei
meiner Trauung gegenwrtig zu sein; da es ihre liebste Hoffnung gewesen sei,
mich als eine Braut Christi zu sehen, so knne sie mich zwar segnen, aber jede
irdische Verbindung nur beweinen.
    Zu meinem Befremden bestritt Niemand diesen Vorsatz, und als ich mit Thrnen
meine Mutter bewegen wollte, ihren Entschlu zu ndern, fhrte mich meine
Grotante hinweg und sagte: La Deine Mutter bei ihrem Entschlusse, es ist fr
Alle der beste, den sie htte fassen knnen.
    Der feierliche Tag war erschienen; die Trauung sollte in der Kirche eines
nahen Dorfes stattfinden; meine Grotante begleitete mich dahin, Blainville kam
in Begleitung seines Vaters und des Kammerdieners, den ich ihn immer wie einen
Freund hatte behandeln sehen; die waren die Zeugen, die gegenwrtig sein
sollten.
    Meine Grotante sagte mir auf dem kurzen Wege: Ich habe Dich nicht lange
allein sprechen knnen in diesen Tagen, weil ich nicht die Aufmerksamkeit Deiner
Mutter erregen wollte, und so bleibt mir nun keine Zeit, Dich gehrig
vorzubereiten, und ich mu Dich nur bitten, nicht berrascht zu sein, wenn der
Geistliche, der Euch verbindet, nicht den Namen Blainville ausspricht, den Dein
knftiger Gemahl und Dein Schwiegervater hier nur ihrer Sicherheit wegen fhren;
in ruhiger Stunde wirst Du alles Nthige von Beiden selbst erfahren, ich kann
Dich nur daran erinnern, da Du den Mann liebst und nicht den Namen, auch da
Niemand eine Tuschung beabsichtigt hat und in der gegenwrtigen schlimmen Zeit
manche Vorsicht nthig wird. Es krnkt mich, da Du in diesem wichtigen
Augenblicke durch andere Gedanken zerstreut wirst, da Du nur fromme haben
solltest; aber doch konnte ich Dich nicht ganz unvorbereitet lassen.
    Ich hatte mich noch nicht von meinem Erstaunen erholt, als unser Wagen vor
dem Eingange des Kirchhofes hielt, der die kleine Kirche umgab. Mein Verlobter
wartete hier auf mich und fhrte mich zur Kirche; mein Gemth war wunderbar
bewegt, das kleine Gefolge, die beinah heimliche Trauung, die Ungewiheit ber
den Namen meines knftigen Gemahls, Alles versetzte mich in eine so ngstliche
Spannung, da ich das Feierliche der Handlung kaum empfinden konnte und vor
Allem darauf lauschte, welchen Namen der alte, ehrwrdige Geistliche aussprechen
wrde, um den Mann, der ihn fhrte, mit mir zu verbinden, und berrascht zuckte
ich zusammen, als er ihn unter dem Namen Graf Evremont fragte, ob er mich zur
Gefhrtin seines Lebens whle.

                                       IV


Bis hieher hatte der Graf mit Spannung zwar, aber doch mit ruhiger
Aufmerksamkeit gelesen, der Name Evremont aber traf wie ein Blitzstrahl seinen
Geist, die Bltter entfielen seiner Hand, und die Erzhlung des General
Clairmont gewann in diesem Augenblicke ein furchtbares Licht.
    Er sah seinen unglcklichen Freund auf dem Schaffot; er erblickte seine
Gemahlin im Gedrnge des Volks; er sah sie die weien Arme erheben, sah den
wahnsinnigen Ausdruck des Gesichts, er hrte innerlich ihren lauten
durchdringenden Schrei und verhllte, vor entsetzlichem Schmerze laut weinend,
sein Gesicht, und, so wunderbar ist des Menschen Gemth, in diesem ungeheuern
Schmerze beklemmte doch zugleich die Beschmung seine Seele, sich seine Gemahlin
so tief erniedrigt, vermischt mit dem Volke, als die Wittwe eines Hingerichteten
zu denken. Er bedurfte eines langen Kampfes mit sich selber, ehe er so viel
Fassung gewann, da er die Bltter wieder ergreifen und diese unglckliche
Geschichte weiter verfolgen konnte. Die Erinnerung, mit welcher Pein seine
Gemahlin ihn erwarten wrde, gab ihm endlich den Muth dazu, und er kehrte zu dem
Inhalte der verhngnivollen Bltter zurck und las, wie die Grfin den Fortgang
ihrer Geschichte folgendermaen berichtete:
    Mein Schwiegervater fhrte mich als die Gemahlin seines Sohnes in sein Haus
und benutzte die erste ruhige Stunde, mir die Nothwendigkeit zu zeigen, seinen
Namen zu verschweigen. Er hatte beschlossen, seinen Sohn keiner Gefahr mehr
auszusetzen, sondern, sobald es sich thun liee, selbst nach Frankreich
zurckzukehren, um seine Tochter und sein Vermgen in Sicherheit zu bringen, und
er glaubte, er wrde diesen Plan um so gefahrloser ausfhren knnen, wenn
Niemand seinen Tod bezweifelte. Ob ich gleich sehr jung war, sah ich die
Wichtigkeit des Geheimnisses doch ein und begriff die Nothwendigkeit, alle
unsicheren Zeugen bei meiner Trauung zu entfernen. Der alte Geistliche, welcher
uns eingesegnet hatte, war der Beichtvater und Freund meines Schwiegervaters,
also war auch auf dessen Verschwiegenheit zu zhlen.
    Ich war dem Herzen meiner Mutter niemals theuer gewesen, aber seit meiner
Verheirathung behandelte sie mich vllig wie eine Fremde und richtete jeden
zrtlichen, liebevollen Gedanken ohne Hehl auf meinen Bruder, dessen Mndigkeit
sie sehnschtig herbeiwnschte, denn sie zweifelte nicht, da er dann sein
Versprechen erfllen und seine Seele, wie sie es nannte, in Sicherheit bringen
wrde. Mich krnkte diese unverdiente Klte, und die war der einzige Kummer,
der damals wie ein Schatten zuweilen den hellen Glanz meines Glckes
verdunkelte.
    Ich empfand es eine kurze Zeit, wie glcklich der Mensch sein kann, um bald
mit desto heftigerem Schmerz zu erfahren, welch furchtbares Leid das menschliche
Herz zu ertragen vermag. Mein Schwiegervater liebte mich zrtlich und uerte
oft, wenn ein Franzose Frankreich vergessen knne, so wrde er sich hier,
umgeben von unserer Liebe, vollkommen glcklich fhlen, besonders wenn er die
Tochter erst mit uns vereinigt habe; aber ach! geliebte Kinder, seufzte er dann,
der Himmel gewhrt kein reines Glck, wir sind doch immer aus unserm Vaterlande
verbannt. Der Sohn suchte ihn in solchen Stunden mit der Mglichkeit der
Rckkehr zu trsten. Es wird die Zeit einmal kommen, erwiederte er dann wohl,
Frankreich wird feine Kinder wieder zu sich rufen, aber ich werde diese Zeit
nicht mehr erleben.
    Unser stilles Glck wurde durch den Tod meiner trefflichen Grotante
getrbt; sie endigte nach einer Krankheit von wenigen Stunden wie im sanften
Schlummer ein wahrhaft frommes Leben. Gleich bei unserer Ankunft hatte sie meine
Mutter fr ihre einzige Erbin erklrt und, wie sie es versprochen hatte, ihr
Testament diesem Zwecke gem eingerichtet. Spter, als die treffliche Frau die
ungerechte Vorliebe meiner Mutter fr meinen Bruder bemerkte, wollte sie zu
meinem Vortheile eine Aenderung treffen, die jedoch immer verschoben wurde, und
so geschah es, da der Tod sie berraschte und die frhere Anordnung in Kraft
blieb. Ich beweinte die geliebte Frau, die mir mehr Mutterliebe erwiesen hatte,
als die Mutter, die mich geboren hatte; aber das zrtliche Flehen meines Gemahls
schmeichelte meinen Kummer hinweg, er erinnerte mich an die Pflichten gegen ihn,
gegen seinen Vater, und ach! an das Pfand unserer Zrtlichkeit, das noch unter
meinem Herzen ruhte und dem sich meine Seele mit dunkler, ahnungsvoller Liebe
zuneigte.
    Meine Mutter meldete meinem Bruder den Tod der Tante und forderte ihn auf,
zu kommen und ihr bei den nun eingetretenen Geschften beizustehen. Wie wir es
erwartet hatten, folgte er bereitwillig diesem Rufe, um fr meine Mutter die
Erbschaft in Empfang zu nehmen, und diese erstaunte, als die Geschft nach
einigen Wochen beendigt war, den Nachla ihrer Tante so gering zu finden, da
sie nicht auf das ihr von meinem Vater ausgesetzte Einkommen, wie es ihr Vorsatz
war, zu Gunsten meines Bruders Verzicht leisten konnte.
    Nachdem mein Bruder die Geschfte meiner Mutter geordnet hatte, verlie er
uns, um ein Jahr in Paris zuzubringen, und dann nach seiner Rckkehr wollte er
sein Vermgen aus den Hnden seines Vormundes empfangen und, wie meine Mutter
hoffte, den lang genhrten Vorsatz ausfhren, sich in den Schoo der
katholischen Kirche aufnehmen zu lassen. Wir alle sahen ihn mit Vergngen nach
dem Lande seiner Sehnsucht abreisen, denn Paris war ihm der Mittelpunkt der
Welt, das Ziel seiner glhenden Wnsche, und er hatte es bis jetzt nicht
erreichen knnen, weil ihm sein Vormund standhaft die Mittel dazu verweigerte.
    Wenige Wochen nach der Abreise meines Bruders wurde unser aller Glck
erhht, denn der Himmel schenkte mir einen Sohn, den der Grovater mit dankbaren
Thrnen gen Himmel hob, der Vater mit trunkenem Entzcken betrachtete und den
ich, in selige Freude verloren, an meinen Busen drckte. Gewi begleitet die
Liebe einer Mutter den Sohn unwandelbar durch sein Leben, aber sie wird sich mit
dem vorrckenden Alter in eine innige Freundschaft verwandeln, die wehmthige
Zrtlichkeit einer jungen Mutter aber, den rhrenden Stolz, die ahnungsvolle
Liebe, die trunkene Hoffnung auf eine glnzende Ferne, diese Gefhle kann nur
dunkel ahnen, Wer sie nicht selbst erlebt hat.
    Mein Schwiegervater hatte scheinbar zufllig den Geistlichen bei sich, der
unsere Trauung vollzogen hatte; der Arzt, ein Freund, auf dessen
Verschwiegenheit er ebenfalls zhlen konnte, erklrte, das Kind sei so schwach,
da es sogleich getauft werden msse, ehe meine Mutter eingeladen werden konnte,
der heiligen Handlung beizuwohnen, und so waren mein Schwiegervater und der Arzt
die einzigen Taufzeugen, und der neugeborne Evremont wurde in der Taufe Adolph
genannt.
    Meine Mutter schalt den Arzt unwissend, als sie das gesunde Kind erblickte,
fr dessen Leben er gezittert hatte, und der gutmthige Mann lie sich lchelnd
den Vorwurf gefallen und sagte, er danke Gott fr seinen Irrthum.
    Glck und Frieden, die seligste Ruhe umspielten mein Leben, und meine
zagende Seele strubte sich, die Erinnerung von diesem hellen Punkte meines
Daseins abzuwenden, um sich in die dunkele Tiefe grausenvoller Verzweiflung zu
versenken.
    Mein Sohn war ungefhr ein Jahr alt geworden, ich hatte ihn selbst genhrt,
denn meine eiferschtige Liebe wrde es mit Neid betrachtet haben, wenn sein
erstes Lcheln sich einem fremden Wesen zugewendet htte. Eine Aufwrterin, die
meiner Mutter aus Deutschland gefolgt war, hatte sich seit meiner Verheirathung
in meinen Dienst begeben, und diese wurde nun die treue und sorgfltige Wrterin
des Kindes. Um diese Zeit fing mein Schwiegervater an, an manchen Uebeln zu
leiden, die zwar fr ihn beschwerlich waren, aber doch nicht sein Leben zu
verkrzen drohten, und wir hielten es fr unsere Pflicht, ihm mehr als je unsere
Liebe und unsere Dienste zu weihen, um ihm sein Schmerzenslager ertrglicher zu
machen, aber eine schlimme Nachricht schreckte uns alle aus der Ruhe des Herzens
auf. Ein Freund meines Schwiegervaters hatte Frankreich neuerdings verlassen und
brachte die Kunde, da die Schwester meines Gemahls sich aus ihrem Schutzorte
habe entfernen mssen, weil ihre Beschtzer selbst, um wieder sie verhngten
Verfolgungen zu entgehen, aus Paris entflohen wren, ohne fr ihre
Schutzbefohlne zu sorgen. Die Schrecken der nahen Revolution fingen um diese
Zeit an fhlbar zu werden, das Volk fing an seinen Ha gegen den Adel thtlich
zu zeigen, schon schien seine Wuth Opfer zu fordern, und jeder, der nicht den
Muth hatte, alle in frheren Jahrhunderten erworbene Vorrechte aufzugeben,
suchte sein Haupt vor der drohenden Gefahr zu bergen. Wie viele Andere, so waren
auch die Beschtzer meiner Schwgerin entflohen, und man erfuhr in dieser Angst
um ein geliebtes Wesen nur, da eine alte Dienerin des Hauses sie bei sich in
tiefster Verborgenheit aufgenommen habe. Mein Schwiegervater war in
Verzweiflung, da seine Krankheit eine Reise unmglich machte, und es wurde nach
langem Kampfe beschlossen, da mein Gemahl zum Schutze der Schwester nach
Frankreich zurckkehren sollte. Ich erklrte, mich nicht von ihm trennen zu
wollen, aber die Vorstellungen meines Schwiegervaters, die Sorge fr meinen
Sohn, die Bitten meines Gemahls und vor Allem die Versicherung seiner baldigen
Rckkehr bestimmte mich endlich, mich dem allgemeinen Wunsche zu fgen, und
Evremont reiste, von schmerzlichen Thrnen und heien Segenswnschen begleitet,
ab.
    Ach! wie trbe wurden nun die Tage am Krankenlager meines Schwiegervaters,
dessen Zustand die Sorge um seine Kinder verschlimmerte; kaum gewhrte mir das
Lcheln der sen Unschuld, mit dem mein Sohn seine dunkeln Augen zu mir erhob,
einigen Trost! Die groe Aehnlichkeit mit seinem Vater, den ich fern und in
Gefahr wute, erprete mir Thrnen, so oft ich auf ihn blickte, und unser aller
Angst wurde erhht, als mein Bruder aus Frankreich zurckkehrte und alle
Auftritte schilderte, die schon vorgefallen waren; aber dennoch hatte ihn Paris
mit allen seinen Freuden so entzckt, da er den Vorsatz aussprach, dahin zurck
zu kehren, sobald er seine Geschfte mit seiner Vormundschaft geendigt habe.
Meine Mutter erinnerte ihn an seine Versprechungen, die ihr am Wichtigsten
waren, und er erwiederte mit frechem Scherze, den die gute Mutter nicht
verstand, Paris sei am Besten dazu geeignet, die Religion zu verndern, und sie
sollte von ihm hren, sobald er wieder dort sein wrde. Er beklagte es, da er
seinen Schwager nicht in Paris getroffen, und machte mir Vorwrfe, da ich
zurckgeblieben sei und so die Gelegenheit verloren habe, die Hauptstadt der
Welt, wie er Paris nannte, kennen zu lernen.
    Nach einem kurzen Aufenthalte bei uns verlie uns mein Bruder, dem die trbe
Einsamkeit, in der wir lebten, peinlich und langweilig war, und wir hrten nun
nichts aus Frankreich, als was uns ffentliche Bltter meldeten, denn ein
Briefwechsel wre unsicher und gefhrlich gewesen, und in vielen
verzweiflungsvollen Stunden glaubte ich, Evremont sei schon als Opfer gefallen,
und ich sah, da dieselbe Sorge an dem Leben meines Schwiegervaters nagte. Viele
gewaltsame Auftritte waren schon vorgefallen; die Bastille war erstrmt worden,
und immer kehrte mein Gemahl noch nicht zurck. Das Kind, welches er auf den
Armen der Wrterin zurck gelassen hatte, fing an seine Krfte zu entwickeln und
lernte den Namen Vater lallen, inde wir frchteten, der Vater sei ihm schon
verloren.
    In solcher Qual waren uns mehr als achtzehn Monate verstrichen und die
Hoffnungslosigkeit hatte alle Krfte unseres Geistes gelhmt. Dazu gesellten
sich andere Sorgen; die Hlfsmittel meines Schwiegervaters fingen an sich zu
erschpfen, und wir lebten einer kummervollen Ungewiheit der Zukunft in jedem
Sinne entgegen.
    Noch ein Mal leuchtete ein Strahl des Entzckens in unser dunkles Schicksal.
Wir hatten einen kummervollen Tag, wie viele vorhergehende, vollbracht und
berlegten in der Stille des Abends, welchen Gefahren Evremont vielleicht habe
erliegen mssen, als die Thr sich ffnete, und der, fr dessen Schicksal wir
noch eben frchteten, gesund und heiter hereintrat. O! Wer vermchte die
rhrende Freude zu beschreiben, mit welcher der greise Vater den in voller Kraft
der Jugend und mnnlicher Schnheit blhenden Sohn in seine Arme schlo. Wer
vermchte mein Entzcken nachzufhlen, als der langersehnte Vater an das Lager
seines Kindes trat und behutsam die rosige Wange des kleinen Schlfers kte, um
den sen Schlummer des holden Lieblings nicht zu stren. Ja noch ein Mal
umspielte die reinste Freude mein Herz, und die Thrnen meines Entzckens
vermischten sich mit den Tropfen, die Liebe und Rhrung aus den Augen des
geliebten Mannes preten.
    Als wir uns so weit gesammelt hatten, da wir seine Mittheilung vernehmen
konnten, berichtete mein Gemahl, da er Alles in Paris viel besser gefunden
habe, als wir htten hoffen drfen. Er habe dem Gerchte, da sein Vater
gestorben sei, nicht widersprochen, um mit mehr Sicherheit und Ruhe fr unser
aller Wohl sorgen zu knnen, denn wenn auch die Hofpartei jetzt zu schwach sei,
um meinem Schwiegervater zu schaden, so sei dagegen die Volkspartei viel
mchtiger geworden, die sich einbilden knnte, sie wolle in seiner Person einen
Feind ihrer Ansichten bestrafen. Er selbst hatte berall die beste Aufnahme
gefunden, und er durfte hoffen, da, wenn er schleunig zurckkehrte, man seine
Entfernung nicht erfahren und ihn also nicht auf die Liste der Emigrirten
bringen wrde. Das gesammte Vermgen wollte er dann nach und nach in Sicherheit
zu bringen suchen, wie er schon Vieles von den liegenden Grnden veruert habe
und die Summen, die er nicht gleich baar htte erhalten knnen, durch die
Anweisung an einen Freund, dem der Vater vollkommen vertrauen konnte, sicher
gestellt htte. Bedeutende Summen, die er baar mitbrachte, erhhten noch die
allgemeine Zuversicht; auch beruhigte er den alten Vater ber die
zurckgebliebene Tochter, fr deren Sicherheit ebenfalls gesorgt war.
    Fr mich war ein Schreckensklang in diesem Berichte; es wurde von meinem
Gemahl mit Bestimmtheit ausgesprochen, da er bald wieder nach Paris
zurckkehren msse, und auch mein Schwiegervater sah die als nothwendig an. Der
Gedanke an eine neue Trennung war mir frchterlich. Die Erinnerung an alle
Leiden, an die qualvolle Angst, an die Schrecknisse, welche meine Phantasie mir
vorgespiegelt hatte, erregte in mir ein solches Entsetzen, da ich nicht den
Muth hatte, alle diese Empfindungen noch ein Mal zu erleben, und ich beschlo im
Stillen, mich nicht wieder von Evremont zu trennen.
    Die Gesprche zwischen meinem Gemahl und seinem Vater berhrten in dieser
Zeit oft den Zustand uerster Aufregung, in dem sich Frankreich damals befand,
und Beide gaben zu, da inmitten aller Ausschweifungen, zu denen das Volk sich
verleiten lie, groe Krfte und herrliche Talente sich zu entwickeln begannen,
und mein Gemahl machte den alten Vater oft darauf aufmerksam, da sie von
angestammten Vorrechten nicht mehr aufzugeben brauchten, um in Frankreich
ungestrt zu leben, als sie hier freiwillig aufopferten, um unter fremdem
Himmel, vergessen, ein dunkles Dasein zu fristen.
    So zrtlich der Vater den einzigen Sohn auch liebte, so konnte dieser doch
niemals diese Seite berhren, wie behutsam er es auch that, ohne den alten
Grafen Evremont auf's Schmerzlichste zu verwunden, der sich dann wohl zu
heftigen Vorwrfen hinreien lie und meinen Gemahl beschuldigte, da auch er
sich dem allgemeinen Schwindel hingbe, und aus Verkehrtheit des Herzens sich
mit dem Pbel zu vermischen und sein edles Blut zu beschimpfen strebe.
    Wenige Gesprche reichten hin, um meinen Gemahl zu berzeugen, da die ein
Punkt sei, ber den er mit dem Vater nie seine Ansicht theilen wrde, und da es
daher besser sei, Gesprche dieser Art gnzlich zu meiden und Alles zu thun, um
der Neigung des Vaters zu entsprechen.
    So waren zwei Wochen vergangen, als mein Gemahl daran erinnerte, da er
seine Rckreise nach Frankreich antreten msse, wenn er es vermeiden wolle, da
seine Abwesenheit nicht bemerkt wrde. Mein Schwiegervater gab die
Nothwendigkeit mit einem tiefen Seufzer zu, und Evremont blickte mit dem
Ausdrucke des innigsten Schmerzes auf mich. Dieser Blick gab mir den Muth,
sogleich bestimmt zu erklren, da ich mich nicht wieder von meinem Gemahl
trennen wrde.
    Mein Schwiegervater hatte bemerkt, wie Viel ich whrend Evremonts
Abwesenheit gelitten hatte, und lobte meinen Entschlu, der meinen Gemahl mit
dankbarer Freude erfllte. Nun wurde beschlossen, wir sollten die grte
Behutsamkeit anwenden und uns den Weg offen lassen, Falls sich die Lage der
Dinge gendert htte, da wir unter dem Namen Evremont nicht aufzutreten
brauchten.
    Der Arzt meines Schwiegervaters nahm den lebhaftesten Antheil an unserer
Sicherheit und verschaffte uns Psse, worin wir als eine Schweizerfamilie,
Namens Blainville, bezeichnet wurden; und als es nun endlich zur Abreise kam,
bestand der alte Graf Evremont darauf, da sein alter erprobter Diener, der mehr
sein Freund geworden, als sein Untergebener geblieben war, uns begleiten sollte,
da seine Kenntni von Paris, seine Einsicht und Treue uns von unschtzbarem
Nutzen sein knne. Der gute Dbois trennte sich mit Thrnen von seinem
geliebten, leidenden Herrn, dessen Pflege er nun Fremden berlassen mute, aber
er erkannte es als Pflicht, bei dem gefhrlichen Unternehmen des jungen Grafen
seinen Beistand nicht zu versagen, um wo mglich das Vermgen retten zu helfen
und auch die Tochter in die Arme des Vaters zu fhren.
    Meiner Mutter mute die Ursache unserer Reise verschwiegen werden, und hatte
sie schon frher den strflichen Leichtsinn meines Gemahls bitter getadelt, der
ihn nach ihrer Meinung bestimmt htte, Vater, Gattin und Kind zu verlassen, um
sich in Paris allen Zerstreuungen hinzugeben, so konnte sie nun nicht Worte
finden, die ihr hart genug schienen, um meine Lieblosigkeit zu schelten, die nun
auch mich bestimmte, einem leichtsinnigen Gemahl zu folgen und einen leidenden
Vater zu verlassen. Sie tadelte mit heftigen Worten dessen Schwche, die ihn,
wie sie glaubte, bestimmt htte, seine Einwilligung zu einem unsinnigen
Unternehmen zu geben, und ihr Unwille stieg auf's Hchste, als sie bemerkte, da
auch Dbois mit uns gehen sollte und so der alte Mann ganz verlassen bliebe. Sie
sagte mir mit Hrte, sie habe immer geglaubt, da ich meine Pflicht gegen Gott
nicht habe erfllen wollen, da ich gegen Menschen nicht gewissenhafter sein
wrde. So schieden wir, von dem Segen meines Schwiegervaters, von seinen
eifrigen Gebeten begleitet, und von meiner Mutter mit Klte und Unwillen
entlassen.
    Wir erreichten zwar ohne Hindernisse Paris, unsere Psse wurden berall als
gltig anerkannt; aber wie ganz anders hatte sich hier Alles in dem kurzen
Zeitraume whrend meines Gemahls Abwesenheit gestaltet. Die Erbitterung und die
Zgellosigkeit des Volkes war auf's Hchste gestiegen. Der Adel wurde verfolgt,
und Wer sein Vaterland verlassen hatte, wurde als ein des Todes schuldiger
Verrther betrachtet, und auch Evremont war als ein solcher bezeichnet worden.
Die noch nicht verkauften Grundstcke waren eingezogen worden, und sein Leben
wurde bedroht. Wie segneten wir die Weisheit meines Schwiegervaters und seines
Freundes, des wohlwollenden Arztes; wir konnten uns nun als die Familie
Blainville durch Dbois Beistand eine einfache Wohnung in einer Vorstadt miethen
und lebten hier als Brger mit beschrnkten Mitteln gnzlich zurckgezogen, so
da ich von den Herrlichkeiten der Hauptstadt der Welt, wie mein Bruder sie
nannte, wenig bemerkte, und auch mein Gemahl verlie das Haus nur in der
Dmmerung, von Dbois begleitet, um die nthigen Geschfte zu besorgen. Diese
strenge Eingezogenheit wirkte nachtheilig auf die Gesundheit meines Sohnes, und
der herbei gerufene Arzt rieth uns, den Liebling unseres Herzens, der bisher
beinah immer in freier Luft gelebt hatte, auf ein Dorf zur Pflege zu geben, wie
so viele Eltern in Paris es thten, die fr die Gesundheit ihrer Kinder besorgt
wren. Er rhmte uns zu diesem Zweck eine Wittwe an, deren Gewissenhaftigkeit er
aus Erfahrung kannte.
    Mein Herz blutete bei diesen Vorschlgen und ich sah mit Thrnen auf meinen
bleichen Knaben. Der Arzt verlie uns, und Dbois stellte mir vor, da ich der
Gesundheit meines Sohnes die Opfer schuldig sei und in Gefahr geriethe, wenn
ich es nicht bringen wollte, die liebliche Kind zu verlieren; auch sei die Lage
meines Gemahls so gefhrlich, da man selbst nicht dem Arzte mit Sicherheit
einen hufigen Zutritt in unser Haus gestatten knne, ohne Unvorsichtigkeit und
Verrath frchten zu mssen.
    Ich fgte mich allen diesen Grnden, die Evremont lebhaft untersttzte, und
gab das Kleinod meines Herzens dahin. Dbois versicherte uns, da er in Paris
viel sicherer sei, als mein Gemahl, denn mehrere seiner ehemaligen Bekannten, ja
selbst einige seiner Verwandten gehrten zu den heftigsten Jakobinern und waren
als solche Magistratspersonen geworden, und sie hatten nicht so sehr alles
menschliche Gefhl verloren, da nicht ihr ehemaliger Freund und Verwandter
einigen Schutz htte finden sollen, aber ihr republikanischer Eifer ging so
weit, da er diesen nicht auf uns auszudehnen wagte.
    Ach! wie schmerzlich blutete mein Herz, als ich mein Kind in Dbois Arme
legte, es war, als ahnete ich das entsetzliche Unglck, von dem ich betroffen
werden sollte, und der alte Mann war so ergriffen von meiner heftigen Rhrung,
da er kaum vermochte, den als vernnftig erkannten Vorsatz auszufhren; doch
siegte die Sorge fr unsere Sicherheit ber sein Mitleid und er trug mein Kind
hinweg.
    Der Zustand in Paris wurde immer trber und ngstlicher. Wir wagten es
nicht, am Tage meinen Sohn zu besuchen, und es konnte nicht fehlen, da es der
Wittwe auffallend erscheinen mute, da wir jedes Mal so spt Abends das Dorf
erreichten, da wir uns begngen muten, das schlummernde Kind zu betrachten, um
uns von seinem Wohlsein zu berzeugen. Dbois warnte mich ernstlich vor der
Gefahr, die hieraus fr Evremont entspringen mute, und auch diese Besuche
durften nicht oft wiederholt werden.
    Es wre gefhrlich gewesen, die Schwester meines Gemahls als Frulein
Evremont in unser Haus zu nehmen, es wurde also die Uebereinkunft getroffen, da
sie als Kammerjungfer bei mir scheinbar in Dienst treten sollte, und als solche
lebte die schne und reizende Adele seit einiger Zeit mit uns, und theilte
unsere strenge Zurckgezogenheit; aber es ergab sich daraus eine
Unannehmlichkeit, an die wir nicht gedacht hatten. Die Dienerin, welche mich
begleitet hatte, hatte es schon sehr aufgebracht, da der kleine Adolph ihrer
Pflege entrissen worden war, und sie fand sich nun auf's Aeuerste dadurch
beleidigt, da die neue Kammerjungfer Vorzge geno, die ihr nie zu Theil
geworden waren, und welche diese nach ihrer Meinung gar nicht verdiente; auch
tadelte sie mich laut darber, da ich jetzt noch eine Dienerin angenommen habe,
da ich mein Kind nicht mehr bei mir htte, und sie doch sehr gut mit allen
Geschften allein fertig geworden sei und das Kind auch noch gewartet habe. Es
wre diese schne Einrichtung nur getroffen worden, weil wir nicht wten, wie
wir Geld genug ausgeben sollten: kurz, sie lie ber diesen Gegenstand ihrer
beln Laune freien Lauf, und es bedurfte aller Klugheit und Gutmthigkeit
Dbois, um diese huslichen Zwiste in den Schranken des Anstandes zu halten. Er
beruhigte sie zuletzt damit, da er ihr vorstellte, ich habe die junge Person zu
mir genommen, um die franzsische Sprache zu ben, und so lie sich endlich die
treue, aber herrschschtige Dienerin die Gegenwart der vornehmen Mamsell
gefallen, wie sie mit Bitterkeit die arme Adele nannte, und ihr Schelten ber
die Vermehrung unseres Hausstandes diente noch dazu, jeden mglichen Verdacht
dehalb von uns zu entfernen, denn sie hatte nur zu sehr das Bedrfni, gegen
Jedermann tadelnd darber zu sprechen und die angeblichen Grnde zu einer so
unntzen Ausgabe lcherlich zu machen.
    Uns Allen waren diese Verhltnisse peinlich und jeder sehnte sich darnach,
die Rckreise anzutreten. Wir hatten uns bis jetzt frei von Verdacht erhalten,
und selbst die Fragen, welche hin und wieder an unsere deutsche Dienerin waren
gerichtet worden, konnten uns nicht beunruhigen, denn sie konnte nichts
verrathen, weil sie uns selbst fr das hielt, wofr wir in Paris galten.
    So peinvoll waren zwei Jahre verstrichen, in welchen wir das Ungeheuerste
erlebt hatten und nur wie durch ein Wunder ungefhrdet geblieben waren. Mein
Gemahl hoffte nun, nur noch eine kurze Zeit verweilen zu mssen, um auch einen
groen Theil des Vermgens mit sich nehmen zu knnen, den ein treuer Freund
seines Vaters ihm berliefern sollte, und schon traf Dbois im Stillen alle
Anstalten zur Abreise und hatte auch Hoffnung, einen Pa fr die so genannte
Kammerjungfer zu erhalten, die ebenfalls fr eine Schweizerin angesehen werden
sollte, und ach! mit welcher Sehnsucht schlugen Aller Herzen dem Augenblicke
dieser Abreise entgegen.
    Unser einziger Vertrauter, welcher die Geldgeschfte fr meinen Gemahl
leitete, war das Haupt eines ansehnlichen Wechselhauses, und weil ihm mein
Schwiegervater in frheren Zeiten die wichtigsten Dienste geleistet hatte, blieb
er uns aufrichtig ergeben; aber so schlimm und gefahrvoll war die damalige Zeit,
da selbst er meinen Gemahl dringend bat, nie am Tage ihn in seinem Komptoir
sprechen zu wollen, weil er seinen Kassirern und Schreibern nicht das Leben
eines theuern Freundes anvertrauen mge, Falls er von einem als Graf Evremont
erkannt werden sollte. Dehalb ging mein Gemahl auch zu ihm nur in der
Abenddmmerung und sprach ihn dann nicht im Komptoir, sondern in seinem Zimmer.
    So standen die Sachen, als ein unglckliches Geschick es wollte, da mein
Bruder zum zweiten Male in Paris erschien und unserem treuen Dbois auf der
Strae begegnete; es lie sich auf seine Erkundigung nicht ablugnen, da wir
noch in Paris wren, um so weniger, da ihm meine Mutter diese Nachricht schon
mitgetheilt hatte, und eben so wenig konnte der alte Mann es vermeiden, diesen
Bruder zu uns zu fhren, wie er verlangte. Er that es mit klopfendem Herzen und
fand nur darin einige Beruhigung, da der Leichtsinnige selbst seinen Schwager
nur unter dem Namen Blainville kannte.
    Nach dem ersten Besuche meines Bruders, der uns alle in Schrecken setzte,
wurden die Anstalten zur Abreise noch eifriger betrieben, denn auer der Sorge
fr uns selbst, erfllte es uns mit Unruhe, wie er die zunehmende Schwche des
alten Evremont schilderte, und er that die ohne Schonung, weil er glaubte, da
uns diese Nachrichten keinen Kummer verursachen wrden, denn da wir, nach seiner
und meiner Mutter Ansicht, den alten Mann um unseres Vergngens Willen
leichtsinnig verlassen hatten, so setzte er keine groe Liebe fr ihn bei uns
voraus, und wir muten seufzend schweigen, um uns durch unsere Vertheidigung
nicht zu verrathen. Wir waren aber nun in unserer Zurckgezogenheit nicht mehr
die Herren unserer Zeit; meine schne Schwgerin, die reizende Adele, die mein
Bruder fr meine Kammerjungfer hielt, machte einen unwiderstehlichen Eindruck
auf ihn, und er brachte beinah alle Tage in unserm Hause zu. Bei seinen hufigen
Besuchen mute es ihm auffallen, uns immer zu Hause zu treffen, und da er eine
gewisse Vertraulichkeit zwischen Adele und meinem Gemahle zu bemerken glaubte,
so bildete er sich ein, da diesen eine unerlaubte Neigung an das Haus fesselte,
und da ich meine Zimmer kaum verliee, um die Beiden nicht unbewacht zu lassen.
Dieses eingebildete Verhltni gab ihm Gelegenheit, auf unsere Kosten witzig zu
sein, und wir muten es geschehen lassen, um ihn nicht auf die rechte Spur zu
leiten.
    Endlich schien es, da wir von dieser Qual erlst werden sollten. Mein
Bruder kndigte uns an, da er feine Abreise beschlossen habe, weil seine
Gegenwart erforderlich sei, um wichtige Geschfte in Ansehung seines Vermgens
zu beendigen. Es hatte sich ein Reisegefhrte gefunden, dem er sich anschlieen
wollte, und alle Umstnde schienen uns gnstig; er hatte schon Abschied genommen
und wollte den Nachmittag des folgenden Tages reisen.
    Wir saen am Morgen dieses unglcklichen Tages ruhig bei einander, ohne
irgend eine Ahnung einer schlimmen Zukunft, als mein Bruder bla und verstrt
bei uns eintrat. Er mute nach kurzem Zgern meinem Gemahl vertrauen, da er die
Nacht in einem jener berchtigten Spielhuser zugebracht und nicht nur alles
verloren habe, was er besa, sondern auch noch eine betrchtliche Summe schuldig
sei; der, an den er sie verloren, begleitete ihn und erwartete im Vorzimmer die
Zahlung, und er beschwor meinen Gemahl, ihn aus diesem Labyrinthe des Unglcks
zu erretten, denn in der Hitze des Spiels, aufgereizt durch seinen Verlust und
durch den in der Verzweiflung getrunkenen Wein, hatte er sich Reden erlaubt, die
sein Verderben herbeifhren konnten, wenn er nicht schleunig den noch in seinen
Hnden befindlichen Pa zu seiner Abreise benutzen knnte.
    Evremont bersah nicht nur die Gre der Gefahr, in der mein Bruder
schwebte, sondern er erkannte auch, wie nachtheilig fr uns die Verbindung mit
ihm werden knne. Alle diese Grnde bestimmten ihn, ihm eine Anweisung auf jenen
Banquier zu geben, dem er vertrauen durfte, und er hoffte, dieser wrde die
angewiesene Summe sogleich auszahlen. Unglcklicher Weise war das Bedrfni
meines Bruders so bedeutend, da aus bester Absicht der wohlwollende Freund die
Auszahlung zu verzgern beschlo, um meinen Gemahl vielleicht von einem
leichtsinnigen Schritte dadurch abzuhalten, denn die groe Eile und die
verstrte Miene meines Bruders erregten in ihm den Verdacht, die Gte meines
Gemahls mchte gemibraucht werden, und er erwiederte daher auf die dringende
Forderung der Zahlung, er msse sich erst mit dem Brger Blainville berechnen,
dann sei er bereit Zahlung zu leisten.
    Wie ein Verzweifelnder kam mein Bruder, von seinem Glubiger begleitet,
zurck und beschwor meinen Gemahl, ihn sogleich zu dem Banquier zu begleiten und
die verlangte Berechnung abzuschlieen, damit er noch diesen Tag reisen knne,
denn seiner erhitzten Einbildung schwebte Gefngni und Guillotine unaufhrlich
vor.
    Da er die Unbescheidenheit gehabt hatte, seinen Glubiger bei uns
einzufhren, so sah Evremont, da die Gefahr eben so gro sei, wenn er
entschieden darauf bestnde, die Berechnung erst am Abende vornehmen zu wollen,
als wenn er es wagte, sich ein Mal am Tage bei seinem Geschftsfreunde zu
zeigen, denn im ersten Falle knnte der ihn begleitende Glubiger meines Bruders
leicht Verdacht daraus schpfen, da mein Gemahl sich nicht am Tage zeigen
wolle. Er beschlo also den unglcklichen Gang. Der wohlwollende Banquier
richtete einen Blick des unwilligen Erstaunens auf meinen Gemahl, als er
begleitet von meinem Bruder und dessen Glubiger in seinem Komptoir erschien.
Htten Sie mir geschrieben, sagte er verdrlich, da die Sache so dringend sei,
so wrde ich mich dazu verstanden haben, die Summe noch zu zahlen. Die
Berechnung mit Ihnen kann ich jetzt nicht vornehmen, da mich andere Geschfte
drngen. Er gab seinem Kassirer Befehl, die Summe zu zahlen, und dieser that es
stillschweigend, indem er kaum auf meinen Gemahl zu achten schien.
    Wir athmeten frei, als wir meinen Bruder entfernt wuten, den Dbois hatte
abreisen sehen. Dieser gute vorsichtige Mann ging den Nachmittag desselben
Tages, um eine andere entlegene Wohnung fr uns zu suchen, da er glaubte, da es
besser sei, nach den letzten Ereignissen einen von unserem jetzigen Wohnorte
entfernten Theil von Paris aufzusuchen, wo wir wieder vllig unbekannt wren. Es
war ein schner, warmer Nachmittag; Adele war mit der deutschen Dienerin zu Fu
ausgegangen, um einige Kleinigkeiten zu kaufen und sich dabei ein wenig in der
freien Luft zu bewegen; ich war mit Evremont im seligsten Frieden allein, und
wir bildeten Plne, wie wir nun bald in ungestrter Ruhe in der Schweiz unserm
Glck und unserer Liebe leben wollten; da auf einmal wurde ein Gerusch von
vielen Tritten auf den Treppen laut, wir hrten mit Entsetzen das Getse von
Waffen; die Thr wurde aufgestoen und Polizeibeamte drngten sich, von Wachen
begleitet, in unsere friedliche Wohnung.
    Ich war betubt von dem furchtbaren Schreck; ich hrte nur dumpf, da der
Polizei-Beamte meinen Gemahl als Grafen Evremont verhaftete; dunkel wie im
Traume sah ich, da unsere Papiere versiegelt und weggenommen wurden; ich war
innerlich erstarrt, ich fhlte in diesem Augenblicke nichts; als aber der
Polizei-Beamte auch mich berhrte, um mich als seine Gefangene zu bezeichnen, da
zuckte ein so heftiger Schmerz durch meine Brust, da ich leblos niederfiel.
    Als ich die Augen wieder ffnete, sah ich meinen Gemahl nicht mehr. Die
Ungeheuer hatten ihn whrend meiner Ohnmacht von meiner Seite gerissen, und ich
hatte nicht einmal den letzten traurigen Trost, von ihm Abschied zu nehmen.
Meine furchtbare Verzweiflung rhrte selbst diese tglichen Diener der
Grausamkeit, sie suchten mich auf ihre Weise zu beruhigen und gaben mir zu
verstehen, da man mich zu Evremont fhren, da ich sein Gefngni mit ihm
theilen wrde, und dieser Gedanke machte, da ich ruhig wie ein Lamm folgte und
mich fhren lie, wohin man wollte; dunkel schwebte mir der Tod als
unvermeidlich vor, aber es lag in diesem grlichen Augenblicke ein Trost in dem
Gedanken, da wir zusammen sterben wrden. Auf der Strae vor unserer Wohnung
hielt ein Wagen; ich stieg ohne Weigerung hinein und, diese Erinnerung ist mir
noch jetzt beinah die frchterlichste, ohne an mein Kind zu denken. Mich
belehrte jetzt die Erfahrung, da es einen so gewaltsamen Schmerz geben kann,
der selbst die heiligsten Gefhle zu vernichten vermag, denn auf dem Wege nach
dem Gefngnisse fiel es mir nicht ein einziges Mal ein, da ich Mutter sei, nur
die Angst um Evremont erfllte meine ganze Seele.
    Angelangt in diesem Orte des Grausens wurde ich beinah ohne Bewutsein in
ein groes, schwach erleuchtetes Gemach gefhrt, und dumpf hrte ich mit
Schlssern und Riegeln die Thre des traurigen Aufenthalts befestigen. Meine
Augen schweiften irr umher, ich suchte die Gestalt meines Freundes und sah nur
Weiber, die sich wie dunkle Schatten vor meinen Blicken bewegten und deren
Klagen in verworrenem Getn mir unverstndlich summten. Eine weinende Stimme
erhob sich endlich lauter als die brigen und rief mit schmerzlichem Tone: Ach
meine armen Kinder! Dieses Wort gab mir Leben, um mein Unglck zu fhlen, und
Bewutsein, um seine grliche Tiefe zu erkennen. Mein Kind! rief ich in
schmerzlicher Klage, mein Sohn! mein Gemahl! und Thrnen bedeckten mein Gesicht.
    Es waren um diese Zeit die Gefngnisse in Frankreich nicht allein mit
Verbrechern angefllt. Im Volke war nach langer Unterdrckung der unbndige
Trieb nach Freiheit erwacht, dieser wurde oft mileitet und die edelsten Opfer
bluteten dem neuen Gtzen. Es waren in diesem traurigen Aufenthalte einige
Frauen, die mit wahrhafter Seelengre ihr eignes Unglck und ihren
wahrscheinlich nahen gewaltsamen Tod auf einige Zeit vergessen konnten, und das
Loos einer neuen Leidensgefhrtin zu erleichtern suchten. Man machte in einem
Winkel des Gemachs ein Lager fr mich zurecht; Jede trug von dem ihrigen dazu
bei; man suchte vor allen Dingen meine irren Gedanken auf einen bestimmten
Gegenstand zu richten, man fragte mir die Geschichte meines Leidens ab, und ohne
diesen menschenfreundlichen Beistand, den ich, von Tod und Grausen umgeben,
fand, wre ich wahrscheinlich verloren gewesen, und eine ewige Nacht des
Wahnsinns htte vielleicht meine Seele umfangen.
    Wie lange ich an diesem Orte des Schreckens verweilte, wei ich nicht. Ich
hatte nicht Besonnenheit genug, die Tage des Jammers zu zhlen; die Gefhrtinnen
meines Elends verminderten sich, ob sie die Freiheit erlangten, ob sie dem Tode
hingegeben wurden, erfuhr ich nicht, ich gab in dumpfer Verzweiflung mich selbst
verloren und wnschte den Tag herbei, an dem Frankreichs Boden auch mein
unschuldiges Blut trinken wrde, und frchtete doch zugleich seine Schrecken.
    Eines Morgens ffnete sich der Kerker und ich wurde aufgefordert, mich vor
meine Richter zu stellen. Verzweiflung und Krankheit hatten die Krfte meines
Krpers erschpft, ich begriff kaum mehr, was man von mir wollte; ich fhlte nur
noch dunkel, da jetzt der Todestag gekommen sei, und schwankte einer Leiche
hnlich dahin, wo man mich vor meine sogenannten Richter stellte. Man that
verschiedene Fragen, deren Sinn ich nicht mehr im Stande war zu begreifen. Ich
gab vermuthlich Antworten, doch wei ich nichts von ihrem Inhalte. Ich hatte nur
noch so viel Besinnung, da ich das Ganze fr eine Frmlichkeit hielt, die voran
gehen mute, ehe man mein Todesurtheil aussprche, und ich erwartete mit einer
Art von Ruhe diesen Spruch und schrak verwundert zusammen, als man mich fr
unschuldig und frei erklrte. Mit starrer Verwunderung blickte ich auf meine
Richter und blieb vor den Schranken stehen; man machte mir bemerklich, ich knne
den Gerichtssaal verlassen und es sei schicklich die zu thun, und ich blickte
trostlos umher, denn ich wute nicht, wohin ich mich wenden sollte. Da trafen
meine Augen auf das treue Antlitz Dbois, der sich zu mir drngte, meine Hand
fate und mich hinaus fhrte. Ich lie es geschehen, und als die Luft des
Himmels mich wieder anwehte, wollte ich reden, fragen; nur hier nicht, nur um
Gottes Willen jetzt nicht, sagte der redliche Mann, und ich bemerkte nun, wie
elend und abgemagert er aussah.
    Er zog mich fort, er wollte einen Platz erreichen, um einen Wagen zu finden,
da geriethen wir in ein Gedrnge von Menschen, das uns gewaltsam mit sich
fortschob. Dbois war nur mit mir beschftigt, er suchte mir Platz zu machen,
und ich, ermattet und gengstigt, hatte ein schwaches Verlangen, die Ursache des
Gedrnges zu erfahren. Ich blickte umher, mich blendete im hellen Sonnenscheine
der Glanz von Waffen, ich bemerkte, da durch diese Bewaffneten ein Raum von
Menschen frei erhalten wurde, meine Augen trafen auf eine Maschine, die auf
einer Erhhung errichtet war und deren grausamen Gebrauch ich ahnete. Menschen
standen auf dieser Erhhung, und Gott im Himmel! ich erkannte meinen Gemahl.
Einen Schrei der Angst stie ich aus, vor dem ich selber erbebte, alle Krfte
strebten hin nach dem unglcklichen Opfer, die ist das letzte, was ich von
meinem damaligen Zustande wei.

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Ich wei es nicht, wie lange ich, von Wahnsinn umfangen, mich selber und mein
Kind nicht kannte. Ich erinnere mich nur, da ich eines Morgens, nach langem
Schlaf, wie es mir schien, erwachte. Ich wollte mich erheben und fhlte zu
meinem Erstaunen meine Glieder an mein Lager befestigt, ich blickte um mich und
fand mich in einem kleinen, peinlichen Zimmer, vor dessen Fensten Weinreben sich
empor rankten, deren breite Bltter sich in der Seine wiegten, so da ihr
Schatten sich auf dem Lande bewegte. Neben dem einfachen Lager kniete ein alter
Mann, der ein Gebetbuch in den Hnden hielt und so eifrig betete, da ihm die
Thrnen ber die Wangen flossen. Ich blickte genau hin und strengte mein
Gedchtni an, um irgend etwas zu erkennen, wodurch ich an die Vergangenheit
erinnert und die Gegenwart mir deutlich wrde, denn mir war jede Erinnerung
entschwunden. Nachdem ich den betenden Mann eine Weile betrachtet hatte, schien
sich ein schwaches Licht in meinem Geiste aufzudrngen, und ich rief: Dbois!
mit matter Stimme. O! nie werde ich es vergessen, mit welchem Ausdrucke seliger
Freude der gute Mann mich ansah, wie inbrnstig er Gott dankte fr die erste
Zeichen wiederkehrender Besinnung. Ich fragte ihn, wehalb man mich so qule und
mich an mein Lager befestigt habe. Mit Thrnen winkte er eine Wrterin herbei,
und man lste meine Bande auf.
    Es erschien bald ein anderer Mann, in dem ich einen Arzt erkannte; er zeigte
sich ber meinen verbesserten Zustand sehr erfreut und versicherte, da kaum ein
Rckfall zu befrchten und man nun berechtigt sei, bei meiner Jugend das Beste
zu hoffen.
    Als wir wieder allein waren, fragte ich den alten Dbois nach meinem Gemahl,
und der Blick des Schmerzes, mit welchem er sich abwandte und stumm die Hnde
rang, gab mir Besinnung und Gefhl meines Leidens. Ich habe nie bestimmt
erfahren, welche Mittel Dbois angewendet hat, um meine Freiheit zu bewirken;
nur so viel habe ich nach und nach den Muth gehabt von ihm zu erfragen, da sich
zwei von seinen Verwandten unter den Richtern befanden, und da er es dehalb
wagen durfte, seinen Bitten noch durch andere Mittel als durch Worte Nachdruck
zu geben; aber nie hat er mir vertraut, wie gro die Opfer waren, die er fr
mein armes Leben gebracht hat. Auch fr meinen unglcklichen Gemahl hatte er
sich verwendet und Versprechungen erhalten, die ihn zu Hoffnungen berechtigten;
er hatte es sogar erlangt, ihn im Gefngni sprechen zu drfen, und dort hatte
Evremont, der sich ber sein Schicksal nicht tuschte, ihm das feierliche
Gelbde abgenommen, mich nie zu verlassen und sein Leben meinem Beistande zu
widmen. Ein neuer Aufstand des Volkes hatte die schwache Hoffnung Dbois
vernichtet; man gab alle Gefangene, die es mit dem verhaten Namen der
Aristokraten bezeichnete, Preis, und Evremont fiel mit vielen Andern.
    Die Jugend bte ihr Recht; meine Krfte begannen zurck zu kehren, und wenn
ich auch in den Gedanken an meinen Sohn keinen Trost finden konnte, so fhlte
ich doch die Pflicht, fr ihn zu leben. Ich bat also Dbois, ihn zu mir zu
bringen, weil ja nun kein Grund der Trennung mehr sei; auch verlangte ich Adele
zu sehen, und ich fhlte einen wehmthigen Trost in der Hoffnung, mit der
Schwester den Gemahl zu beweinen. Dbois suchte mich durch mancherlei
Vorstellungen von meinen Wnschen abzuleiten und ihre Erfllung weiter hinaus zu
schieben. Ich litt selbst zu sehr, als da ich gleich die Leiden des alten
Mannes bei diesen Gesprchen htte bemerken knnen; endlich aber konnte mir die
ganze Tiefe meines unermelichen Unglcks nicht lnger verborgen bleiben.
    Dbois war an jenem unglcklichen Tage nach der Abreise meines Bruders erst
spt, nachdem er eine seinen Wnschen entsprechende Wohnung gefunden hatte, in
der Absicht zurckgekehrt, uns noch denselben Abend dorthin zu fhren. Wie gro
war sein Entsetzen, als er unsere Zimmer leer fand und von dem Herrn des Hauses
unser unglckliches Schicksal erfuhr. Er dachte in diesem Augenblicke nur an
Evremont und an mich. Als er den ersten Schmerz beherrscht und die nthige
Besinnung wiedergefunden hatte, suchte er Erkundigungen darber einzuziehen,
nach welchem Gefngnisse man uns gebracht habe, und sich dann den Weg zu unserer
Befreiung zu bahnen. In diesen Anstrengungen gingen einige Wochen verloren, ehe
er nur daran dachte, sich nach meinem Sohne zu erkundigen. Von meiner Schwgerin
und der deutschen Dienerin glaubte er, da sie mit uns verhaftet wren, und so
erfuhr er von ihrem Schicksal nichts. Als der gute alte Mann nach unsglichen
Bemhungen endlich das gewisse Versprechen erhalten hatte, da man mich des
folgenden Tages unschuldig und frei sprechen wrde, eilte er nach dem Dorfe, um
meinen Sohn von seiner Pflegerin zurck zu nehmen und durch dessen Anblick mich
zu ermuntern, das Leben mit Standhaftigkeit zu ertragen. Aber ach! der bittre
Kelch des Leidens war noch nicht geleert; er mute hier erfahren, da die
Wittwe, welche meinen Sohn verpflegt hatte, vor zwlf Tagen gestorben wre, und
Niemand wute, was aus dem Kinde geworden sei, nur so viel wuten die Nachbaren
zu sagen, da sie whrend der letzten kurzen Krankheit der Wittwe kein Kind bei
ihr bemerkt hatten. Alle ferneren Nachforschungen waren vergeblich, und es
schien, als ob mit einem Schlage die ganze Familie Evremont vernichtet werden
sollte. Mit diesem neuen entsetzlichen Schmerz in der Seele erschien der gute
Dbois im Gerichtssaale, um wenigstens mich in Sicherheit zu bringen, und es
gehrte die Kraft der Religion dazu, die in seinem Herzen lebte, da er nicht
beim Anblicke des unglcklichen Endes seines geliebten Herrn den Verstand verlor
und in der Nacht des Wahnsinns, die meine Seele umgab, mich noch untersttzen
konnte.
    Der herbeigerufene Arzt war zweifelhaft gewesen, ob nach den entsetzlichen
Erschtterungen meine Vernunft jemals wiederkehren wrde, und Dbois hatte den
edelmthigen Entschlu gefat, sein Leben meiner Pflege zu weihen. Da er aber
glaubte, da er mir nicht alle Bequemlichkeiten wrde verschaffen knnen, so
wollte er sich zu dem Banquier begeben, den er als Vertrauten der beiden Grafen
Evremont kannte, um von ihm einige Summen fr meine Bedrfnisse zu erhalten.
Aber auch von hier kehrte er trostlos zurck; er konnte nur erfahren, da
wahrscheinlich der Kassirer, welcher meinem Bruder die verlangte Summe
ausgezahlt, meinen Gemahl erkannt und als ein heftiger Jakobiner unsere
Verhaftung veranlat habe; der Banquier selbst sei, sobald er diese erfahren,
mit seinen Hauptbchern und allen baaren Summen aus Paris verschwunden, um einem
hnlichen Schicksale zu entgehen.
    So waren denn alle Hoffnungen untergegangen, und Dbois brachte alles
zusammen, was er besa, verkaufte jede Sache von Werth und miethete eine kleine
Wohnung in der Vorstadt, wohin er mich fhrte, indem er mich hier fr seine
Nichte ausgab. Die Fenster unserer Zimmer gingen in den an das Haus grenzenden
Garten, und so war ich mit meinem Elende und meinem Pfleger ganz allein, und
vllig von der Welt geschieden. Dbois hatte die Behutsamkeit, mich nach und
nach mit dem ganzen Umfange meines Unglcks bekannt zu machen, und zugleich an
die Pflicht zu erinnern, die ich habe, den Rest meines Daseins dazu anzuwenden,
um dem alten Grafen Evremont den Trost zu gewhren, den er nur von mir nach dem
Verluste aller seiner Hoffnungen erwarten knne. Er gab es zu, da die die
letzte Pflicht sei, die ich im Leben zu erfllen habe, und billigte meine
Absicht, aus der Welt alsdann mich zurck zu ziehen.
    Mein groes Unglck hatte mich muthlos gemacht, und Gedanken, die frher
meine Seele von sich gewiesen haben wrde, beherrschten jetzt meinen Geist. Ich
glaubte zuweilen, da sich die Vorhersagung meiner Mutter erfllt habe, die mir
den Zorn Gottes verkndigt hatte, wenn ich ihr Gelbde unerfllt liee und mich
dem Gott entzge, dem sie mich geweiht hatte. Meine matten, kraftlosen Gedanken
kehrten immer wieder zu dieser Vorstellung zurck, und ich beschlo, so bald
mein Schwiegervater die Bahn seines traurigen Lebens geendet haben und meines
Beistandes nicht mehr bedrfen wrde, das Gelbde meiner Mutter zu erfllen. Ein
einsam gelegenes Kloster, eine enge Zelle und ein dunkles Grab waren die
Gegenstnde meiner Sehnsucht, wenn mein Herz noch Sehnsucht empfinden konnte.
    Meine Krfte waren nach und nach so weit hergestellt, da Dbois daran
denken konnte, die Reise mit mir anzutreten. Whrend meiner langen Krankheit
hatten sich die Regierungsformen in Frankreich mehrere Male gendert, aber
seinen Verwandten war es immer gelungen, Einflu zu behalten, und so wurde es
ihm mglich, die nthigen Psse fr sich und seine Nichte, die Brgerin
Blainville, herbei zu schaffen. Der letzte Rest des Vermgens des guten Alten
mute angewendet werden, um die Kosten der Reise zu bestreiten, doch empfand ich
hierber keine Unruhe, da ich glaubte, der alte Graf Evremont wrde jede Auslage
bei unserer Ankunft gromthig ersetzen.
    Ich schied also von Frankreich und ach, mit welcher Empfindung! Sein Boden
hatte das edle Blut des geliebten Mannes getrunken, und meine Augen wendeten
sich mit Abscheu und Entsetzen hinweg; und doch konnte mein Herz von diesem
verabscheuten und geliebten Boden sich nicht ganz losreien, denn lebte mir
nicht vielleicht noch hier ein verlornes Kind, dessen Spur ich vielleicht wieder
fnde, wenn ich bleiben drfte?
    Wir reisten in der Nacht ab, denn Dbois frchtete meine Erschtterung, wenn
ich die Straen von Paris wieder erblickte, und ich schied mit heien,
schmerzlichen Thrnen von der Stadt, die mein ganzes Glck vernichtet hatte. Je
nher wir dem Ziele unserer traurigen Reise kamen, um so heftiger wurde Schmerz
und Angst in meiner Brust; ich frchtete den Anblick meines greisen
Schwiegervaters, mein Unglck lag wie ein Verbrechen auf meiner Seele; ich
sollte ihm sagen: Ich komme allein, Dein Sohn ist ermordet, Dein Enkel und Deine
Tochter verloren. Ich frchtete nicht die Kraft zu besitzen, diese schwere
Pflicht zu erfllen, und ach! ich frchtete vergebens; die Milde des Himmels
hatte ihm das herbeste Leiden erspart, der Graf Evremont war gestorben, ehe eine
Kunde unseres Unglcks zu ihm hatte dringen knnen.
    Alle wichtigen Papiere hatte der Sohn in Hnden gehabt, um das Vermgen aus
Frankreich zu ziehen. Der Nachla des alten Grafen war also gering, und wurde
durch die lange Krankheit und die Beerdigung erschpft, so da Dbois keine
Hoffnung auf Ersatz hatte, aber der alte treue Mann beweinte nur seinen Herrn,
ohne an einen andern Verlust zu denken.
    Meine Mutter fand ich ganz nah dem furchtbaren Abgrunde der Armuth, in den
Alter, Schwche und Krankheit eine verlassene Wittwe versenken knnen, und meine
Seele schauderte bei ihrer kleinmthigen Verzweiflung. Die Liebe zu meinem
Bruder, die sie frher so ungerecht gegen mich gemacht, hatte sich in den
glhendsten Ha verwandelt; er hatte ihr nach und nach Alles abgenommen, und
nun, da sie keine andern Hlfsmittel mehr hatte, als das ihr von meinem Vater
ausgemachte Einkommen, zahlte er auch dieses nicht und gab die Mutter dem
bittersten Elende Preis. So lange mein Schwiegervater lebte, theilte er seine
Hlfsmittel mit meiner unglcklichen Mutter; durch seinen Tod aber war sie der
letzten Sttze beraubt, und mein Bruder schilderte ihr seine eigne schlimme
Lage, und sagte ihr bestimmt und kalt, da er nichts fr sie thun knne, und
wenn auch der alte Herr Blainville gestorben sei, so lebe ihr ja doch ein
reicher Eidam, der sie leicht zu sich nehmen und untersttzen knne. Die
Religion hatte er nicht gendert und bat die gekrnkte Mutter, ihn mit dieser
thrichten Zumuthung zu verschonen.
    In dieser Lage wendete Dbois das Letzte an, um fr unsere nchste Zukunft
zu sorgen, und schob die Ueberlegung, wie sich unser Leben gestalten sollte, fr
die nchsten Wochen zurck, indem er mich bat, mich zuerst von den Anstrengungen
der Reise zu erholen und meine Mutter in ihrer verzweiflungsvollen Stimmung
einigermaen zu beruhigen. Ich, mit dem entsetzlichsten Weh im Herzen, sollte
Ruhe und Trost gewhren, da ich selbst nur Seufzer und Thrnen hatte, aber
dennoch fand die arme unglckliche Mutter Trost in meiner Liebe, und als ob sie
ihre frhere Ungerechtigkeit gut machen wollte, wendete sie mir nun die
zrtlichste Neigung zu. Indem wir in diesem traurigen Zustande lebten, hatte
mein Bruder den Leichtsinn, Ihnen, mein theurer Graf, Briefe an seine Mutter und
an seinen Schwager zu geben, dessen Tod er nicht wute und den er wieder in der
Schweiz vermuthete, und so betraten Sie unser Haus. Ich hatte es nicht ber mich
vermocht, mein Herz zu zerreien und meiner Mutter den ganzen Zusammenhang
meiner traurigen Geschichte zu erzhlen; sie wute blo, mein Gemahl und mein
Sohn seien gestorben, und sie glaubte keine Unwahrheit zu sagen, wenn sie mich
Ihnen als die Wittwe Blainville vorstellte. Ich war es gern zufrieden, diesen
Namen zu behalten und das entsetzliche Unglck meines Lebens im Verborgenen zu
tragen, denn so konnte mich doch kein rohes Wort verletzen. Im Geheim bemhte
sich Dbois immer noch, etwas von meinem Sohn zu erfahren, aber jede Spur seines
Daseins war verschwunden.
    Ich wei es, mein theurer Freund, ich trat Ihnen bleich, wie ein Marmorbild
entgegen, mit tiefem Kummer im Herzen, voll Abscheu gegen eine Welt, die ich
mich zu verlassen sehnte, und dennoch machte die vom Schicksal vernichtete
Wesen Eindruck auf Ihre Seele und fesselte Ihr Herz. Ach! und ich erkannte mit
Dankbarkeit die zarte Aufmerksamkeit eines edeln Gemths; ich fhlte den milden
Trost der Freundschaft, und ein dmmerndes Licht fiel in meine Seele und zeigte
mir als schwachen Schatten einen fernen Reiz des Lebens. Ich wei nicht, ob
meine Mutter durch das erlittene Unglck scharfsichtiger geworden war, aber sie
bemerkte zuerst Ihre wachsende Neigung und grndete die Hoffnung ihres Alters
darauf. Ich gestehe es jetzt, mein edler Freund, mich erfllte damals der
Gedanke an jede andere Verbindung, als die ich glaubte mit dem Himmel
geschlossen zu haben, mit Entsetzen, und ich zog mich unwillkhrlich von Ihnen
zurck und brachte meine Mutter dadurch zur Verzweiflung, die sich nun um ihre
letzte Hoffnung betrogen sah. Wenn Sie ahnen knnten, was ich damals litt, Ihr
edles Herz wrde mich beklagen. Bitten, Thrnen, Vorwrfe und Verwnschungen
wendete mit wilder Leidenschaftlichkeit meine Mutter an, um mich Ihren Wnschen
geneigt zu machen, und ich mute mir gestehen, da ihr von Alter, Krankheit und
Gram geschwchter Krper diesen zerstrenden Empfindungen nicht lange wrde
widerstehen knnen.
    Ich glaube, mein theurer Freund, Sie hatten damals eine zu strenge Ansicht
von der weiblichen Wrde, und bei verschiedenen Gesprchen, die zu meiner Qual
ber die franzsische Revolution gefhrt wurden, uerten Sie sich hart ber die
Frauen, die auf irgend eine Weise daran Theil genommen hatten, und als ich ein
Mal bemerkte, da wohl ein hartes Schicksal eine Frau darin verflechten knne,
erwiederten Sie mit groer Heftigkeit, da die fr eine edle Frau ein
unermeliches Unglck sein wrde, denn ein solches mnnliches Handeln und Leiden
wrden jeden Reiz der Weiblichkeit vernichten, wie es ja auch Frauen so roh
machen kann, fgten Sie hinzu, da sie fhig sind, nachdem sie kaum den Mann
begraben haben, der auf dem Schaffot verbluten mute, einem andern die Hand zu
reichen, und ihm Zrtlichkeit und Liebe zu versprechen, da ihre Seele nur
Schauder und Entsetzen sollte fhlen knnen. Mir wrde eine solche Frau,
schlossen Sie damals, abscheulich bleiben, so lange ich lebte, und ich begreife
nicht, wie irgend ein Mann anders fhlen kann.
    Diese Worte, die vielleicht nur ein augenblickliches Gefhl Ihrer Seele,
vielleicht nur eine Verstimmung bezeichneten, haben uns beide, mein geliebter
Freund, um das reine Glck das Lebens gebracht. Ich, die ich die Plne und
Wnsche meiner Mutter kannte, betrachtete diese mit Wehmuth, denn mir schien
jetzt Alles beendigt. Ich beschlo nun, ewig ber mein Schisal gegen Sie zu
schweigen, aber mich auch entschieden von Ihnen zurckzuziehen, um nicht
Hoffnungen zu nhren, die nicht erfllt werden konnten, denn nach Ihrem eigenen
Gestndni muten Sie ja aufhren, mich zu lieben, wenn ich im Stande wre,
Ihnen die Hand zu bieten, nachdem ein entsetzliches Unglck mir den ersten
Gemahl entrissen hatte, und nur, indem ich Sie ber mich tuschte, htte ich mir
Ihre Liebe erhalten knnen.
    Ich sah die Nothwendigkeit ein, meiner Mutter das Unglck meines Lebens in
seiner ganzen Ausdehnung mitzutheilen, damit sie sich entschlsse, Hoffnungen,
die sie mit Entschiedenheit nhrte, aufzugeben. Ich erfllte diese schwere
Pflicht, deren Ausbung mich zu vernichten drohte. Meine Mutter, im Erstaunen
ber das ihr vllig Neue und Unerwartete, hatte noch die Grausamkeit, mich mit
Klagen und Vorwrfen ber die lange lieblose Schweigen zu bestrmen, und
bemerkte ihre Hrte erst, als sie mich wie sterbend vor ihr nieder sinken sah.
Jetzt erwachte ihre Liebe wieder, und die Verzweiflung, in der ich sie
erblickte, als ich wieder zur Besinnung kam, gab mir den Muth, zum Troste der
Mutter das Leben zu ertragen.
    Damals ahneten Sie nicht, mein theurer Freund, wie trstend und wie qulend
mir Ihre zrtliche Sorge whrend der Krankheit war, die mich als Folge der
strmischen Auftritte mit meiner Mutter befiel. Es konnte mir nicht mehr
verborgen bleiben, da Sie sich mit leidenschaftlicher Liebe entschieden hatten,
Ihr Geschick an das meine zu knpfen, und sobald es meine Krfte erlaubten, bat
ich meine Mutter, Sie mit der Geschichte meines Lebens bekannt zu machen.
    So willst Du mir denn hartnckig um einer Grille des Grafen Willen alle
Hoffnungen auf ein ruhiges Alter rauben? fragte meine Mutter mit Thrnen. Knnen
Sie wollen, entgegnete ich, da ich einen edeln Mann hintergehen soll? Was
nennst Du hintergehen? fragte meine Mutter. Wie Ihr Euch alle vereinigtet, mir
die Wahrheit zu verschweigen und ich nicht einmal den Namen meines Eidams
kannte, habt Ihr alle und die fromme Tante an der Spitze daran gedacht, da Ihr
mich hintergingt? Hat es Euch allen einen Seufzer, eine Thrne gekostet, mir das
Geschick meines Kindes zu verheimlichen? Und wenn Dir die damals keine Snde
schien, worin liegt denn nun das Unrecht, wenn Du dem zweiten Gemahl die
Todesart des ersten verschweigst.
    Diese seichten Grnde meiner Mutter konnten meine Empfindung nicht ndern,
aber ich fhlte, da jeder Streit mit ihr, die entschlossen war, ihre Ansicht
nicht aufzugeben, fruchtlos sein wrde, und ich wollte lieber aus ihren eignen
Gefhlen sie bekmpfen und sagte also: Die Verbindung mit dem Grafen, theure
Mutter, knnen Sie selbst ja nicht wnschen, da er Protestant ist. Ich habe
darber, sagte meine Mutter, anders denken gelernt, und obgleich ich Deinen
Bruder nicht mehr liebe, so wrde ich dennoch verzweifeln, wenn ich mir sagen
mte, ich habe ein Kind fr die ewige Verdammni geboren; kann also mein Sohn
als Protestant die Seligkeit finden, so mag die meinem knftigen Eidam, den ich
als besser und edler erkenne, noch leichter gelingen.
    Ich wollte meiner Mutter antworten, und da sie bemerkte, da ich mich ihren
Grnden nicht fgen wrde, whlte sie ein anderes sicheres Mittel. Ehe ich reden
konnte, kniete sie an meinem Lager nieder, fate meine Hnde und sagte, indem
ihre Thrnen ber die von Kummer gebleichten Wangen flossen: Wenn Du denn nicht
um Deinet Willen Deine unglckliche Geschichte verschweigen willst, mein
geliebtes Kind, so thue es um meinet Willen; in Deiner Hand liegt nicht blo das
Glck Deines eigenen Lebens, auch die Ruhe einer elenden, unglcklichen Mutter.
Zwei Kinder habe ich geboren, eines hat mein Herz zertreten und die flehende
Mutter von sich gestoen; soll ich Euch beide, soll ich auch Dich vor Gott
verklagen, da Du der verschmachtenden Mutter keine Hlfe leisten willst? Nein,
o nein! rief ich, in Jammer und Thrnen vergehend, mein Loos ruht in Ihren
Hnden, wenden Sie es, wie Sie wollen. Mit Entzcken drckte mich die Mutter an
ihre Brust und lie mich in ihre Hand einen feierlichen Eid schwren, Ihnen mein
erlebtes Unglck zu verschweigen.
    So, mein theurer Graf, wurde unsere Vereinigung geschlossen, und da ich ber
die Hauptsache zu schweigen gelobt hatte, so war es mir gleichgltig, da ich
mit Ihnen als Wittwe Blainville verbunden wurde, und meine Mutter war beruhigt,
da sie auf behutsame Erkundigungen, die sie durch ihren Beichtvater eingezogen
hatte, erfuhr, die Ehe sei vollkommen gltig, mein Familienname sei die
Hauptsache bei dieser neuen Verbindung. Meine Mutter hatte einen Augenblick den
Gedanken, meinen Bruder als Zeugen bei unserer Vermhlung einzuladen, und auch
Sie fanden es natrlich, und ich sah wohl Ihr Erstaunen, als ich mit Schauder
und Entsetzen erklrte, da ich diesen Bruder, die Quelle alles meines
Unglckes, nie wieder sehen wollte.
    So wandelten wir nun neben einander, und je mehr ich Ihr schnes Herz, Ihren
edeln Charakter kennen lernte, um so drckender wurde mir die ausgebte
Falschheit. Meine Mutter dankte mir in jeder einsamen Stunde fr das Glck,
welches sich durch die liebende Sorge des neuen Eidams ber den Rest ihrer Tage
breitete, und ihre Aengstlichkeit lie mich das Versprechen der Verschwiegenheit
jeden Tag erneuern; ja in der Sorge, die sie dafr trug, die Glck nicht wieder
zu verlieren, ging sie so weit, da sie von mir die schwrzeste Undankbarkeit
forderte und verlangte, ich sollte Dbois, diesen Retter meines Lebens, gegen
den sie selbst die grten Verpflichtungen hatte, von mir entfernen. Umsonst war
es, da ich ihr jeden Tag wiederholte, ein Wort von mir sei hinreichend, des
guten Alten Zunge auf ewig zu fesseln, sie wiederholte mir ewig: Du hast frher
Deiner Mutter nicht vertraut, und nun vertraust Du Dein und mein Glck einem
Diener.
    Mein Herz hatte zu grausame Schlge erlitten, die Kraft der Jugend war
gebrochen, es konnte kein leidenschaftliches Gefhl des Glcks mehr durch meinen
Busen zittern; mir war nur die Fhigkeit geblieben, den Schmerz auf diese Weise
zu empfinden, aber die milde Wrme einer zrtlichen Freundschaft, die sanftere
Empfindung einer grenzenlosen Verehrung erfllte meine ganze Seele, und Sie,
geliebter Freund, wrden nicht so oft schmerzlich ber die Klte meines Herzens
geklagt haben, wenn ich Ihnen in freier Hingebung, ohne Rckhalt, mein Gefhl
htte zeigen knnen; aber die schnsten Augenblicke innigen Vertrauens wurden
mir gestrt, jeder Ergu der Herzens gehemmt durch den Gedanken: er kennt Dich
nicht, er darf Dich niemals kennen, damit er Dich nicht verabscheut. Ich sah es,
Sie waren nicht glcklich in unserer Verbindung, und der nagende Schmerz darber
gab mir die Bitterkeit, die ich eben so oft gegen Andere, als gegen mich selbst
wendete; und in dem Grade, wie ich die Liebe Anderer dadurch von mir entfernte,
wurde ich unzufriedener mit mir selbst. Sie, geliebter Freund, hatten Geduld mit
allen diesen Schwchen, Sie hofften mein Herz von seinem langen Grame zu heilen,
und als meine Mutter in unsern Armen verschieden war und ihre letzten Worte uns
gedankt hatten fr die zrtliche Kindesliebe, die wir ihr bewiesen, da glaubten
Sie, mein theurer Gemahl, durch Zerstreuung auf Reisen meinen Kummer berwinden
zu knnen. Sie waren verwundert, meine Abneigung gegen Frankreich zu bemerken,
und wir gingen nach Italien. Es giebt wohl keinen Schmerz des Lebens, der sich
unter dem milden Himmel Italiens nicht gelindert fhlte. Unser eigenes reges
Dasein, unser persnliches Schicksal scheint uns kleiner da, wo eine groe
Vergangenheit jeden Augenblick ihre ernste, erhabene Sprache zu uns redet, und
ich fhle, ich wre in Italien ruhiger geworden, wenn es mglich wre, da eine
Mutter aufhren knnte, ein verlornes Kind zu beweinen.
    Ich vermochte Dbois, fortwhrend geheime Nachforschungen anzustellen, und
ich erwartete mit gleicher Unruhe das Gelingen wie das Milingen derselben, denn
wenn er nun auch das kaum denkbare Glck gehabt htte, meinen Sohn aufzufinden,
mit welcher Stirn wollte ich Ihnen mein so lange verhehltes Schicksal dann noch
vertrauen, und wrde mir nicht dieses spte, erzwungene Bekenntni noch gewisser
Ihre Liebe rauben, als ein freiwilliges vor unserer Verbindung? Und je mehr
Jahre verflossen, je ngstlicher mute ich mir die Frage wiederholen, wenn ich
nun endlich einen Sohn wiederfnde, erwachsen unter fremdem Einflusse, ob er mir
dann noch die Kindesliebe bieten knne, nach der mein einsames Herz sich sehnte,
und ob nicht vielleicht ein gespenstisches Wesen vor mir stehen wrde, durch das
Blut in seinen Adern mein eigen und durch alle Empfindungen seiner Seele mir
fremd.
    Diese nie ruhende innere Qual war der Grund, wehalb meine Gesundheit sich
nie wieder befestigte, und Sie muten die Hoffnung, Vater zu werden, aufgeben
und entbehrten um meinet Willen auch die Glck, wie beinah jede andere Freude
des Lebens, und ich mute mir gestehen, da ich mit der innigsten Neigung, mit
der zrtlichsten Freundschaft dennoch nichts anders vermocht habe, als Sie um
jede Hoffnung und um jede schne Heiterkeit des Lebens zu bringen, da Sie in
einer andern Verbindung wahrscheinlich glcklicher gewesen wren.
    Mit zitternder Hand und mit unsglichen Thrnen habe ich diesen Blttern die
ganze Tiefe meines Unglcks vertraut, und Ihr schnes Herz wird die Fehler und
Irrthmer verzeihen, die unser Leben getrbt haben, und mit Rhrung der treuen
Gefhrtin gedenken, deren innigste Neigung Sie dennoch nicht beglcken konnte,
weil das Vertrauen unseren Herzen fehlte.

                                       VI


Der Graf hatte die von seiner Gattin an ihn gerichteten Bltter nun alle gelesen
und er blieb an dem Tische sitzen, auf welchen er die Ellenbogen sttzte, das
Gesicht in beide Hnde senkend. Es strmten so viele verworrene Empfindungen
durch sein Herz, da sein Geist lange nicht Klarheit und Ruhe gewinnen konnte,
um sich darber zu erheben. Das schreckliche, unverschuldete Unglck seiner
Gemahlin erschtterte ihn bis in die innerste Seele; aber diesem Gefhle war
dennoch eine mimthige Beschmung beigesellt, wenn er sie sich im Gefngnisse
unter dem Volke oder wahnsinnig dachte. Das Schicksal des hingerichteten
Gemahls, seines eigenen Freundes, erprete ihm Thrnen, und dennoch wendete sich
seine Seele mit Widerwillen ab, wenn er die Wittwe dieses Unglcklichen als
seine Gattin denken wollte. Ein inniges Mitleid mit sich selber wurde durch die
wehmthige Betrachtung in ihm erweckt, da er in der That nie glcklich gewesen
sei und das Gefhl seines Unglcks immer im Busen getragen, aber immer betubt
habe, durch Reisen, durch Studien, durch Gesellschaften. So drngt sich mir denn
auf einmal die vernichtende Klarheit auf, dachte er innerlich, da ich mein
ganzes Leben in Wahn und Tuschung verloren habe; eine krankhafte Leidenschaft
bestimmte mich den Besitz einer Frau zu erstreben, die ich niemals wahrhaft
besessen habe, die mit jugendlicher Innigkeit einen Andern liebte, dessen Bild
noch in ihrem Herzen lebt und dessen Ende mich mit Schauder erfllt. Sie wurde
nicht Mutter, um mir Freude des Lebens und Trost im Alter zu gewhren, und ihre
mtterliche Zrtlichkeit wendet sich mit fortwhrendem Gram auf ein verlornes,
mir fremdes Wesen, das, wenn es noch lebt, vielleicht in niedrigen Verhltnissen
erwachsen, die Mutter beschimpft, die es geboren, und mich zugleich, der ich mit
dieser Frau verbunden bin. Ja ich bin sehr, sehr unglcklich, sagte er endlich
laut, und seine Thrnen trufelten zwischen den Fingern hindurch und fielen auf
die von der Hand seiner Gattin beschriebenen Bltter nieder. In dieser
kummervollen Stellung blieb der Graf eine Zeitlang sitzen, bis er endlich sich
mit mnnlicher Kraft erhob und edlere, gromthigere Empfindungen Raum in seiner
Brust gewannen. So zahle ich denn, wie jeder Andere, sagte er mit Bitterkeit zu
sich selbst, den Tribut der menschlichen Schwche; ich denke mit Selbstsucht nur
an mich; ich bemitleide nur mich und vergesse undankbar alle schnen Stunden,
die ich in dieser Verbindung durchlebte, und den Schmerz der unglcklichen Frau,
die mir endlich ihren Kummer vertraut, wie die Angst, mit welcher sie erwartet,
welchen Eindruck die Bekenntni auf mich machen wird. O! Wohl hattest Du Recht,
Du Arme, die Du meine Schwche kennst, zaghaft ein Vertrauen zurck zu halten,
das noch jetzt so verkehrte Empfindungen in meinem Busen weckt. Und knnte ich
denn, fragte er sich, noch jetzt, ohne zerstrenden Schmerz, die Verbindung mit
dieser Frau aufgeben; wrde es nicht auch mich vielleicht vernichten, wenn der
Tod sie mir entrisse? Habe ich jemals einen Menschen gekannt, der meine
Eigenthmlichkeit so verstanden, mich mit so zrtlicher Freundschaft geliebt
htte, als sie? Kann ich die Wesen aus meinem Leben hinweg denken, ohne das
Leben von allem Reize fr mich zu entblen? Und was ist es denn nun eigentlich,
was mein Herz von ihr abwenden will? Doch hauptschlich die Hinrichtung meines
unglcklichen Freundes, und der ngstigende Widerwille wird doch mir unbewut
nur dadurch erzeugt, da die Seele beschimpfende Verbrechen und ffentliche
Hinrichtung immer verbunden denken will. Aber sind nicht grade die Edelsten als
Opfer gefallen, und soll sich ein kleinliches Gefhl unverndert erhalten, wenn
ein furchtbares Geschick wie mit Meereswogen sich heran wlzt, alle Dmme, die
Sitte, Gesetz und Religion zum Schutze der Menschen errichtet haben, brausend
durchbricht und alles ihm entgegen stehende Leben verschlingt? Und hat sie denn
nicht das Ungeheuerste erduldet, setzte er mit Wehmuth hinzu, und hat sie diesen
wilden Schmerz nicht ertragen, ohne den eignen Werth zu verlieren? Blieb nicht
in ihrer Seele, neben ihrem Kummer, Raum fr jede edle Empfindung, und bin ich
klein genug, diesen wahrhaften Heldenmuth zu verkennen? Und ist es denn nicht
mglich, da noch Alles besser wird? Jetzt gehrt sie mir im vollen Vertrauen,
an meiner Brust wird ihr lange gepretes Herz nun freier schlagen, ich kann
krftiger, als sie es vermochte, die Spuren des verlornen Kindes aufsuchen,
dessen Herz vielleicht seiner Eltern wrdig ist, der alsdann auch mir ein Sohn
sein und die Tage meines Alters verschnern kann. Nein, ich bin nicht
unglcklich, schlo der Graf sein langes Selbstgesprch, und neuen Muth und neue
Hoffnung drckten seine edeln Zge aus, und mild leuchteten die noch von
Schmerzensthrnen feuchten Augen.
    Die Grfin hatte sich selbst die Pflicht auferlegt, es uerlich ruhig zu
erwarten, ob der Graf liebevoll zu ihr zurckkehren wrde, nach dem Bekenntnisse
ihres Unrechts gegen ihn. Sie hatte die Vorhnge ihres Bettes zuziehen lassen
und faltete nun zum stillen, leidenschaftlichen Gebet die Hnde, sie krampfhaft
fest in einander schlieend, und flehte inbrnstig in Gedanken um das Ende ihrer
Leiden und ihres Lebens, wenn sich das Herz des Grafen, durch ihr langes
Schweigen beleidigt, von ihr abwenden sollte. Sie hatte eine peinliche Stunde
gehabt, und rief endlich Emilie mit sterbender Stimme herbei und bat sie, im
Vorzimmer des Grafen zu erkunden, ob er noch in seinem Kabinet verschlossen sei,
aber ihn auf keinen Fall zu rufen. Emilie berichtete, der Graf sei in seinem
Kabinet und kein Laut vernehmbar. Nach einer qualvollen Vietelstunde wurde sie
mit demselben Auftrage abgesendet und kam mit derselben Antwort zurck. Der
Zustand der Grfin wurde immer beunruhigender; Fiebergluth und Leichenblsse
wechselten auf ihrem Gesichte, und die heftigen Schlge ihres Herzens hoben und
senkten die Decke ihres Lagers. Als Emilie zum fnften Male mit demselben
Auftrage abgeschickt wurde, nahm sie sich vor, den Grafen auf jeden Fall zu
sprechen, um ihn mit dem gefhrlichen Zustande seiner Gemahlin bekannt zu
machen, und eben nherte sie sich in dieser Absicht der Thre, als er sein
Kabinet ffnete. Der Graf trat heraus und fragte mit Heftigkeit: Was macht meine
Gemahlin? Sie lebt, erwiederte die weinende Emilie, aber ihr Zustand - - Er
hrte nichts mehr; das eine Wort hatte ihm genug gesagt, um ihn mit hchster
Angst nach dem Schlafzimmer der Kranken eilen zu lassen. Er schlug mit
Heftigkeit den Vorhang des Bettes zurck, und die flehenden Augen der Grfin,
ihre zitternden zu ihm emporgehobenen Hnde erfllten ihn mit der
schmerzlichsten Wehmuth. Mein theures, mein geliebtes Weib! rief er aus, indem
er sie in seine Arme schlo. So hast Du mir vergeben? sagte die Grfin mit kaum
hrbarer Stimme. Es war das erste Mal, da sie ihren Gemahl mit Du anredete, und
diese einzige Sylbe, die er sich frher so oft gesehnt hatte aus ihrem Munde zu
vernehmen, rhrte ihn nun als Zeichen vlligen Vertrauens auf's Innigste. Er
konnte in diesem Augenblicke nicht daran denken, die Gesundheit seiner Gattin zu
schonen und erregende Gesprche zu vermeiden. Die leidenschaftlichsten Ergsse
des Herzens, die zrtlichste Selbstanklage, die gromthigste Vergebung
wechselten in schnell und heftig gefhrten Gesprchen mit einander ab, und der
Arzt wrde befrchtet haben, da der schwache Faden des Lebens der so lange
leidenden Frau durch diese Erschtterungen zerreien mte. Sie ruhte auch
beinah vergehend in den Armen des Grafen, aber der Balsam des Trostes senkte
sich mild in ihre Brust. Sie blickte mit reinem Vertrauen in das treue Auge des
leidenschaftlichen Freundes, der die Bilder eines glcklichen, genureichen
Lebens vor ihr entfaltete, aber selbst in dieser Aufregung des Gemths
Besonnenheit genug behielt, keine Hoffnung erregen zu wollen, da der verlorne
Sohn noch gefunden werden knnte; denn ob er sich gleich vornahm, die eifrigsten
Nachforschungen nach ihm anzustellen, so schien es ihm doch grausam in der
Mutter Hoffnungen zu erwecken, die er vielleicht niemals erfllen knnte.
    Der innigste Bund wurde zwischen beiden Gatten in dieser Stunde geschlossen,
und die Ruhe, die an die Stelle der gewaltsamen Spannung trat, die das Herz der
Grfin bis auf diesen Augenblick gengstigt hatte, wirkte hchst vortheilhaft
auf ihre Gesundheit; sie versprach dem Grafen, sich zu schonen und, um sich fr
ihn, zu dessen Glck sie nothwendig sei, zu erhalten, den Vorschriften des
Arztes Folge zu leisten.
    Getrstet, indem er Trost ertheilte, verlie der Graf, mit sich zufrieden,
das Gemach seiner Gemahlin, nachdem er noch dem eben eingetretenen Arzte mit
zrtlicher Rhrung die hchste Sorge fr die Kranke empfohlen hatte. Im
Vorzimmer traf er Dbois, der mit ngstlicher Spannung ihm entgegen sah und ein
Wort ber den Zustand der Kranken vernehmen wollte. Dem Grafen flogen schnell,
wie er den alten Mann erblickte, alle Bilder dessen, was er gethan und gelitten,
vor den Augen des Geistes vorber, und wie ihn die treuen Augen in nie gesehener
Aufregung ngstlich betrachteten, rief er mit vor Wehmuth zitternden Lippen:
Mein guter alter Dbois! und streckte ihm die Hand entgegen, die der alte Mann
fate, um sie zu kssen; der Graf aber zog ihn heftig in seine Arme und hielt
ihn einige Sekunden fest an seine Brust gedrckt. Der Haushofmeister wute
nicht, wie ihm geschah, und er stand und sah dem Grafen noch nach, als dieser
schon lange das Zimmer verlassen hatte.
    Am andern Morgen, als alle heftig aufgeregten Empfindungen durch die Ruhe
der Nacht wieder besnftigt waren, lie der Graf den Haushofmeister zu sich
rufen und sagte ihm mit hchster Gte: Ich wei es jetzt erst, mein guter
Dbois, wie Viel ich Ihnen schuldig bin; die Grfin hat es mir vertraut, was Sie
fr sie gethan und gelitten, und da ich auer der Erhaltung ihres mir so
theuern Lebens Ihnen vielleicht noch groe Summen schuldig bin, die Sie
ausgelegt und nicht zurckerhalten haben; lassen Sie uns also darber nun
aufrichtig sprechen, damit Sie wenigstens Ihr Eigenthum nicht verlieren, wenn
wir Ihnen auch niemals Ihre Liebe und Treue vergelten knnen. Der alte Mann sah
den Grafen mit Ueberraschung an, und Thrnen traten in die gutmthigen Augen und
flossen ber die gefurchten Wangen. So ist mir denn endlich der Trost geworden,
rief er aus, da die Frau Grfin ihr Herz dem edelsten Gemahl geffnet hat, und
der lange verschwiegene Gram wird nun nicht mehr heimlich an der Wurzel ihres
Lebens nagen. Ja, gndiger Herr Graf, fuhr er fort, wir haben Viel, entsetzlich
Viel gelitten, und ich kann nicht zweifeln, da Gott in dieser furchtbaren Zeit
mein Leben nur dehalb erhalten hat, damit ich der unglcklichen Frau ntzlich
sein konnte; die ist mir gelungen, und dafr danke ich dem Himmel tglich. Was
ich damals an Geld ausgegeben, ach gndiger Herr Graf! Welches Herz htte wohl
so verworfen sein und in solchen Stunden des hchsten Jammers daran denken, oder
die armseligen Summen zhlen knnen; doch bin ich berzeugt, da die Frau Grfin
mir Alles lngst vielfach ersetzt hat, und ich habe in dieser Rcksicht nichts
zu fordern.
    Wenn Sie denn also nichts annehmen wollen, sagte der Graf gerhrt, so geben
Sie wenigstens jeden Dienst im Hause auf und leben Sie als ein Freund mit uns,
dem wir unsere Dankbarkeit werden zu beweisen streben.
    Und warum wollen der Herr Graf mir meine Funktion abnehmen? fragte der
Haushofmeister lchelnd.
    Weil ich meinen Freund nicht zum Diener erniedrigen will, sagte der Graf,
indem er die Hand des alten Mannes drckte.
    So hoch mich die Wort auch ehrt, versetzte Dbois mit groer
Bescheidenheit, so erlaube ich mir doch zu bemerken, da ich nicht einzusehen
vermag, worin meine Erniedrigung bestnde, wenn ich bei meiner gewohnten
Beschftigung bleibe. Ich glaube, es hngt von der Art ab, wie ein Geschft
betrieben wird, ob es edel oder unedel zu nennen ist, und wenn die wichtigsten
Aemter im Staate mit knechtischer Seele, blo des eigenen Gewinns wegen,
verwaltet werden, ohne den freien Antrieb der wahren Vaterlandsliebe und innigen
Verehrung fr den Monarchen, so ist derjenige, der sie ausbt, mag er uerlich
so hoch stehen, wie er will, doch ohne wahre Erhabenheit in meinen Augen; und
wenn ich voll ehrfurchtsvoller Liebe aus freiem Antriebe meines Herzens mein
Leben dem Dienste einer edeln Herrschaft widme, und wenn mein treues Auge
darber wacht, da bei Ihrem groen Haushalte Ihre Einknfte nicht verschwendet
werden und Ihnen so die Mittel bleiben, unendlich viel Gutes zu thun, so habe
ich Antheil an allem Guten und Groen, was auf diesem Wege erreicht werden kann,
und ich fhle mich durch meine Beschftigung nicht erniedrigt.
    Sie haben Recht, sagte der Graf, durch die Wahrheit in den einfachen Worten
des alten Mannes berrascht. Handeln Sie ganz, wie Sie wollen, nur versprechen
Sie mir, keine Anstrengung zu bernehmen, die Ihnen bei Ihrem Alter nachtheilig
sein knnte. Der alte Mann versprach die willig und sagte dann: die Wahrheit
meiner Ansicht ist mir durch unsern guten Gustav erst recht deutlich geworden.
Er wird gewi einmal ein ausgezeichneter Gelehrter, daran lt sich bei seinem
groen Flei gar nicht zweifeln, und er war schon ein halber Student, als sein
edler Beschtzer sich seiner annahm. Sind ihm denn dadurch seine Vorzge
genommen, da er aus freiem Antriebe seinem vterlichen Freunde alle Dienste
leistete, die dieser bedurfte, so lange ihm die Mittel fehlten, es anders
einzurichten, und mssen wir den Knaben nicht um so hher achten, der solcher
Liebe fhig war?
    Sie haben Recht, sagte der Graf, und ich freue mich, so oft ich den jungen
Menschen in der Bibliothek antreffe. Seine Bescheidenheit, sein feines Wesen
zeugen von der guten Erziehung, die er frher gehabt, und sobald mein Vetter
zurckkommt, wollen wir alle drei fr sein weiteres Fortkommen sorgen. Der
Haushofmeister fhlte sich fr alles, was er jemals gethan, durch die Wort des
Grafen mehr als belohnt, der ihn dadurch aus der Reihe der Diener empor hob und
ihn gleichsam neben sich stellte, und seine Liebe wuchs in dem Mae, wie ihm
sein verehrter Herr sein Vertrauen zuwendete, ihm erffnend, da er entschlossen
sei, dem Schicksal des jungen Evremont auf's Eifrigste nachzuforschen und, wenn
er ihn gefunden, ihn wie seinen eignen Sohn zu betrachten. Der alte Dbois gab
alles an, was nur irgend auf eine Spur fhren konnte, um den Verlorenen zu
entdecken, und zerflo beinah in Thrnen, weil er dadurch gezwungen war, alles
erlittene Unglck der Familie Evremont sich in's Gedchtni zurckzurufen. Der
Graf suchte ihn, nicht ohne eigne Rhrung, zu trsten, und Beide kamen darin
berein, da vor der Grfin alle Nachforschungen geheim gehalten werden mten,
damit sie nicht Hoffnungen Raum gbe, durch deren Nichterfllung ihr Herz um so
tiefer verwundet werden mte.
    Nach diesem langen Gesprche trennten sich Beide vollkommen befriedigt, und
der Graf eilte, sich nach dem Befinden seiner Gemahlin zu erkundigen. Die Kranke
hatte eine sanfte Ruhe genossen, und zu des Arztes Erstaunen zeigten sich alle
Spuren einer schleunigen Besserung. Die Grfin hatte in dieser ernsthaften
Krankheit, wie er meinte, allen Eigensinn verloren, sie brauchte die
vorgeschriebenen Mittel regelmig, und der Graf war so zrtlich besorgt, da er
den Arzt immer wieder angelegentlich bat, ja alle Sorgfalt fr ihre
Wiederherstellung anzuwenden. Schon den nchsten Abend hatte St. Julien den
Trost, eine Stunde am Krankenbette in Gesellschaft des Grafen, Emiliens und
ihrer Freundin Therese zubringen zu drfen, und die Kranke war zwar sehr
ermattet, aber so ruhig und heiter, wie er sie nie gesehen, und die innige
zrtliche Vertraulichkeit der beiden Gatten machte ihn nun erst darauf
aufmerksam, da frher eine gewisse Spannung zwischen ihnen geherrscht hatte.
    Die unermdete Sorgfalt des Arztes, verbunden mit der greren Ruhe des
Herzens, welche die Kranke jetzt geno, hatte bald jede Gefahr entfernt, und die
Grfin konnte nach kurzer Zeit schon tglich einige Stunden auer dem Bette
verweilen; ihre Krfte nahmen sichtlich zu, und nach dem Verlaufe von sechs
Wochen erlaubte ihr der Arzt endlich, das Krankenzimmer zu verlassen und an der
gemeinsamen Tafel zu speisen. Die war ein Fest der Liebe fr alle Hausgenossen,
und der Graf hatte zur Feier dieser erfreulichen Begebenheit den Obristen
Thalheim, seine Tochter und auch den Prediger eingeladen. Der Arzt hatte sich im
Stolz ber die Genesung der Grfin, die er ganz allein als einen Triumph seiner
Kunst betrachtete, ein fast despotisches Ansehn ber die Kranke angemat,
welches sich diese mit lchelnder Geduld gefallen lie, und so begleitete er sie
nach dem Speisesaale, wo sie von allen Anwesenden mit freudiger Rhrung, als dem
Leben wiedergegeben, begrt wurde. Bei Tische drngte sich der Arzt in ihre
Nhe, nicht, wie er versicherte, aus thrichtem Hochmuth, sondern seiner Pflicht
gem, damit er ihr die Speisen widerrathen knne, die ihm schdlich dnken
wrden; er bte aber eine so strenge Kritik, da er der Grfin beinah nichts
erlaubte zu berhren. Die Kranke hatte sich immer geduldig seinen Verboten
unterworfen, als aber die Tafel beendigt war, sagte sie scherzend: Aber, lieber
Herr Doktor, Sie sind mit mir heut eben so streng verfahren, wie der Arzt mit
dem Sancho Pansa, nachdem er endlich Gouverneur der lngst versprochenen Insel
geworden war, und bei der Wiederkehr meiner Gesundheit fllt mir diese Strenge
beinah eben so beschwerlich, als ihm.
    Niemand konnte begreifen, wehalb dieser Scherz den Arzt so heftig
beleidigte, da er mit glhendem Gesicht und halb zugedrckten Augen, die im
Zorn feurig blinkten, rief: Ich wei, es herrscht jetzt die sonderbare Mode, die
von migen Kpfen ersonnenen Narrheiten in die ernsthaftesten Angelegenheiten
zu mischen, aber niemals htte ich geglaubt, da ich mit dem wahnsinnigen Don
Quixote oder mit dem Bauer Sancho verglichen werden knnte. Vergeblich bemhte
sich St. Julien ihm deutlich zu machen, da ihn Niemand mit dem edeln Ritter
oder seinem braven Stallmeister verglichen habe, sondern mit dessen gelehrten
Arzt. Er blieb zornig und antwortete nicht mehr, bis der Graf selbst ihm ein
Glas Wein einschenkte und ihn ermahnte, an diesem schnen Tage vershnlich zu
sein und auf das Wohl der wieder hergestellten Kranken zu trinken; doch auch
jetzt folgte er zwar der Aufforderung mit allen Uebrigen, aber man sah, da er
immer noch Verdru im Herzen hegte. Der Graf erhob jetzt sein Glas, indem er
sagte: Und nun auf Ihr Wohl, liebster Herr Doktor, dessen Kunst und treuer Sorge
wir den heutigen frohen Tag verdanken. Jetzt schwanden die Wolken des Verdrues
von seiner Stirn, und er blickte wie ein siegender Held umher.
    Nachdem die Tafel aufgehoben war, trat die Grfin zu ihm und sagte: Sie
mssen mir heute, da ich mich durch Ihren Beistand so wohl und heiter fhle,
einen Scherz verzeihen und als Zeichen aufrichtiger Vershnung ein Andenken
nicht verschmhen. Sie zog einen Ring vom Finger und bot ihn dem Arzte an, der
die Brillanten, die nun an seinem Finger glnzten, mit demselben Gefhl
betrachtete, wie ein junger Offizier das erste Ehrenzeichen. Der Graf trat nun
hinzu und berreichte ihm eine sehr schn gearbeitete goldene Dose, weil der
Arzt sich seit Kurzem auch das Tabackschnupfen angewhnt hatte. Emilie nherte
sich und berreichte ihm die schnste feine Wsche, Therese bot ihm einen von
ihr selbst gearbeiteten Geldbeutel dar, und St. Julien berreichte ihm, trotz
seines, beinah zu groen Abscheus gegen alles Tabackrauchen, eine so
auerordentlich verzierte, schne Tabackspfeife, da die Geschenk des Werthes
wegen zwar ernsthaft, der Auszierung halber aber scherzhaft gemeint schien. Der
Arzt blickte in verlegener Freude umher; Stolz ber seine anerkannten
Verdienste, dankbare Rhrung ber diese ffentliche Anerkennung und auch Freude
ber den Werth der Geschenke bestrmten sein Herz dermaen, da ihm Thrnen in
die Augen traten und er nicht gleich Worte finden konnte, die ihm schicklich
dnkten, seine Gefhle auszudrcken. Er kte rasch hinter einander die Hnde
aller Damen, und in der Hast ergriff er auch einige Male die Hand eines Herrn
und wrde sie in der Blindheit seiner freudigen Eile ebenfalls gekt haben,
wenn ihm nicht ein krftiger Druck jedes Mal seinen Irrthum gezeigt htte,
wodurch denn seine Verlegenheit noch vermehrt wurde.
    Dem Prediger war es bei diesem kleinen Feste nicht entgangen, da die
frhere Spannung, die er so oft zwischen dem Grafen und seiner Gemahlin bemerkt
hatte, vllig verschwunden und an die Stelle formeller Hflichkeit eine
herzliche Innigkeit getreten war. Er sah es leicht ein, da die Krankheit der
Grfin als Folge des Zusammentreffens mit ihrem Bruder zu betrachten sei, aber
eben so wenig, wie er begreifen konnte, wodurch die Zusammentreffen so
erschtternd gewirkt habe, vermochte er einzusehen, wie durch diesen
ffentlichen Auftritt, der dem Grafen nur unangenehm sein konnte, eine grere
Herzlichkeit zwischen beiden Gatten wre herbeigefhrt worden. Er konnte sich
ruhig in Nachdenken ber die ihm unerklrliche Erscheinung versenken, denn seine
Unterhaltung wurde nicht in Anspruch genommen, weil Emilie, Therese und St.
Julien mehrere Musikstcke dreistimmig eingebt hatten und mit diesem kleinen
Koncerte die Genesung der theuern Kranken feiern wollten.
    Die Grfin er bebte zwar bei dem Tone von St. Juliens Stimme sichtbar, fate
sich aber bald und gab sich ruhig dem Genusse hin, den die zrtlichste
Anhnglichkeit ihr bereitet hatte, und gestand sich innerlich, da das Leben
noch Reiz fr sie haben knne, und da selbst der Schmerz der Erinnerung den
giftigsten Stachel verloren habe, da ein treues Herz ihn mit ihr theilte, und
sie sich nicht mehr der Verheimlichung und Falschheit schuldig wute.
    Der Abend begann schon zu dmmern und man hatte whrend der fortgesetzten
Musik das Rollen der Rder eines vorfahrenden Wagens nicht bemerkt, so da Allen
unerwartet der junge Graf Hohenthal in den Saal trat. Ein allgemeiner Ausruf der
Freude begrte den Neuangekommenen; doch wurde diese sogleich gemigt, als man
die Blsse seines Gesichts und die Kleidung tiefer Trauer wahrnahm, wodurch ein
erlebtes Unglck des neuen Gastes angedeutet wurde. Mit sichtbarem Gefhl
bezeigte dieser der Grfin seine Freude ber ihre Genesung; ein Strahl
wehmthigen Entzckens leuchtete in seinen Augen, als er Theresens Hand kte,
welche die seinige mit unverhehlter herzlicher Neigung drckte, mit gleichem
Feuer erwiederte er St. Juliens strmische Umarmung, und mit kindlichem Gefhl
die vterliche Begrung des Obristen und seines Oheims. Was macht Ihr Vater,
theurer Vetter? fragte dieser halb leise. Ich habe ihn vor wenigen Tagen
begraben, sagte der junge Graf mit vor Rhrung wankender Stimme; ich glaubte,
Sie htten die Anzeige seines Todes schon erhalten. Nein, erwiederte der Graf
mit Bestrzung, mir ist Ihr Unglck vllig fremd, und es erschttert mich um so
mehr, da es mich daran erinnert, wie nahe daran ich selbst war, den
schmerzlichsten Verlust zu erdulden.
    Jedermann fhlte, da es unschicklich sein wrde, in den Ton lauter Freude
jetzt wieder einzustimmen. Die Unterhaltung wurde also ernsthafter und die
Gesellschaft trennte sich frher, als wohl ohne die Ankunft des jungen Grafen
geschehen wre. Als dieser den Saal verlassen und sein Zimmer betreten hatte,
kam ihm ein junger Mensch entgegen, in dem er nicht eher seinen Gustav erkannte,
bis er sich laut weinend in seine Arme warf. Freudig berrascht, drngte ihn der
junge Graf von seiner Brust zurck, um ihn zu betrachten. Nein! rief er endlich
aus, nimmermehr htte ich geglaubt, da wenige Wochen einen Menschen so zu
seinem Vortheile verndern knnen; sage mir doch, wie hast Du es angefangen, da
Du whrend meiner Abwesenheit ganz das Ansehen eines jungen Kavaliers gewonnen
hast.
    Wenn das ist, sagte der junge Mensch, so kommt es wohl daher, da mir Herr
Dbois so auerordentlich gute Kleider hat machen lassen; die Frau Grfin hat
mir die feinste Wsche geschenkt, und der Herr Graf gab mir vor wenigen Tagen
diese goldene Uhr, damit ich, wie er sagte, meine Studien regelmig einrichten
knne; dabei habe ich noch alles Geld, das Sie mir schenkten. Das ist Alles ganz
gut, sagte der junge Graf, aber woher hast Du den Anstand, die vortreffliche
Haltung.
    Das kommt denn wohl, meinte sein junger Freund lchelnd, von dem lustigen
Herrn St. Julien, zu dem Herr Dbois viel von mir gesprochen hat, und der mich
nun, seit das Leben der Grfin auer Gefahr ist, tglich vexirt und mich dabei
tanzen, reiten und fechten lehrt. Ich versichere Sie, fuhr er, pltzlich in
Rhrung bergehend, fort, hier im Schlosse sind lauter vortreffliche Menschen,
die Bedienten abgerechnet; aber Herr Dbois meint, die wren beinah nirgends so
gut, wie sie oft in Bchern geschildert werden, und verzeihen Sie mir, wenn auch
Herr Dbois nicht so vornehm ist, als sie Alle, so ist er gewi einer der Besten
hier im Schlosse.
    Ich glaube es Dir, erwiederte der junge Graf, und es schmerzt mich, da ich
ihm frher Unrecht gethan habe; ich sehe, er handelt wahrhaft vterlich gegen
Dich.
    Sie haben das rechte Wort ausgesprochen, erwiederte der Jngling; wie ein
Vater sorgt er fr mich, und der Rath, den er mir giebt, ist jedes Mal so weise,
da ich blind vor Undankbarkeit sein mte, wenn ich ihn nicht befolgen wollte.
Es war hier eine trbe Zeit im Hause, so lange die Grfin so gefhrlich krank
war. Der Graf sprach mit Niemandem; Herr Dbois zehrte sich ganz ab vor Kummer;
Herr St. Julien und Frulein Emilie weinten mit einander, so oft sie sich sahen,
Herr Dbois ermahnte mich, mit ihm fr das Leben der Grfin zu beten, und ich
that es auch aus vollem Herzen und Gott verstand uns Beide, obgleich er
katholisch und ich protestantisch betete; endlich erholte sich zu unserer aller
Freude die Frau Grfin. Da sagte mir vor wenigen Tagen Herr Dbois: Der Graf
will durch ein kleines Fest die Genesung seiner Gemahlin feiern und hatte sich
vorgenommen, Dich an diesem frohen Tage zum ersten Male an seinen Tisch zu
nehmen, ich habe ihm die fr jetzt widerrathen, und ich will Dir, mein lieber
Sohn, die Grnde sagen, wehalb ich die that, damit Du siehst, da ich es wohl
mit Dir meine. Kein Mensch ist Herr seines Geschickes, wir knnen nichts thun,
als, was uns auferlegt wird, mit Anstand tragen und, indem wir verstndig unsere
Verhltnisse ordnen, die schlimmen nach und nach besiegen. Du, mein liebes Kind,
hast die Haus unter ungnstigen Umstnden betreten, die ganze Dienerschaft
beleidigte Dich, indem sie Dich fr ihres Gleichen hielt; wenn Du jetzt auf ein
Mal an der Tafel ihres Herrn speisest, so mssen sie Dich zwar bedienen, aber Du
kannst denken, mit welchem Neide und innerem Grimm, und es lt sich nicht
berechnen, welche Krnkungen Dir durch ihre Bosheit entstehen knnen. Wenn Du
uns aber jetzt verlassen hast und uns dann nach einiger Zeit als Student
besuchst, dann ist ein Zwischenraum zwischen Deiner bedrckten Lage und der
neuen Erscheinung; auch hat sich die Dienerschaft dann wohl zum Theil verndert,
Du hast schon mehr Ansprche in der Welt; dann speise an des Grafen Tafel und
ich will Dich gern selbst bedienen. Ich erschrak vor diesem Worte, denn wre es
nicht eine wahre Gottlosigkeit, wenn ich die Unverschmtheit htte, mich von
diesem ehrwrdigen Manne bedienen zu lassen? Ich sagte ihm die auch und
versicherte ihn, da ich ihm die Dienste eines Sohnes bis an mein Lebensende
leisten wrde. Er umarmte mich ordentlich gerhrt, als ob mein Gefhl etwas
Besonderes wre, und so wurde beschlossen, da, so lange ich jetzt noch hier
bleibe, ich fortfahre, bei ihm zu speisen und zu wohnen.
    Der junge Graf hatte diesen Bericht nicht ohne Rhrung vernommen und
beschlo, dem alten Manne seinen Dank fr dessen freundliche Gte zu bezeigen.
Mit groem Ernst aber untersagte er seinem jungen Freunde jede persnliche
Dienstleistung, und dieser mute es halb mit Krnkung, halb mit Stolz
betrachten, wie ein fremder Bedienter, der mit ihm gekommen war, den jungen
Grafen entkleidete, und er verlie, durch eine herzliche Umarmung beglckt,
seinen edeln Beschtzer, um ihn der Ruhe, die er bedurfte, zu berlassen.

                                      VII


Es htte zwar der junge Graf Hohenthal nach einer eiligen, etwas angreifenden
Reise der Ruhe bedurft, um so mehr, da er in der jngst vergangenen Zeit Vieles
erlebt hatte, wodurch seine Krfte erschttert waren, aber eben diese
Erfahrungen in seinem innern, wie in seinem uern Leben waren so inhaltsschwer,
da Gedanken von der wichtigsten Art und die wichtigsten Plne lange den
Schlummer von seinem Lager scheuchten, und er den Tag herbei wnschte, um eine
geheime, ernste Unterredung mit seinem Oheim zu suchen, und doch wute er nicht
bestimmt, was er ihm sagen wollte oder durfte.
    Als der junge Graf vor etwa sechs Wochen das Schlo Hohenthal mit schwerem
Herzen verlassen hatte, um zu seinen Eltern zu reisen, wurde er auf diesem Wege
von ngstigenden Sorgen und beunruhigenden Gedanken geqult, das Leben der
Grfin war in Gefahr und er hatte, wie es jedem edeln Menschen zu ergehn pflegt,
eine um so grere Theilnahme fr diese Frau gewonnen, als er ihr Unrecht gethan
und sie sogar in seiner dumpfen Verzweiflung beleidigt hatte, und es erfllte
ihn daher ihr Zustand mit lebhaftem Kummer. Auf der andern Seite beunruhigte ihn
nicht nur die Lage seiner Eltern, die ganz von dem Wohlwollen seines Oheims
abhing, sondern er mute auch mit Schmerzen daran denken, welche Schritte sein
Vater von ihm verlangt hatte, um diesen Oheim zum Beistande zu vermgen,
Schritte, die, indem er sie nur dachte, die Rthe der Scham auf seine Wangen
trieben. Endlich gesellte sich zu allen diesen Sorgen durch einen Zufall noch
eine andere, die fr den Augenblick die ngstlichste wurde. Es zerbrach nmlich
ein Rad seines Wagens, und dadurch wurde er mehrere Stunden aufgehalten. Da er
nun die Zeit seiner Reise genau berechnet hatte, so frchtete er, sein Vater
wrde schon nachtheilige Verbindungen eingegangen sein, ehe er mit der ngstlich
ersehnten Hlfe erschiene, denn er konnte sein Vaterhaus nicht an dem Abende
erreichen, welchen er als den sptesten seiner Ankunft bezeichnet hatte, sondern
erst am Nachmittage des folgenden Tages eintreffen. Er fand seine Mutter allein,
die ihm ungewhnlich bleich, mit verweinten Augen entgegen trat. Gottlob! da Du
kommst, rief sie, indem sie ihn mit Thrnen umarmte, es ist der letzte
Augenblick, wenn Du Hlfe bringst, wo sie uns ntzlich werden kann. Der junge
Graf beruhigte die leidende Mutter und fragte dann nach dem Vater. Du kommst wie
ein Engel des Trostes, erwiederte die Mutter noch immer weinend und berichtete
nun, da der alte Lorenz und sein Sohn erklrt htten, da sie noch heute
abreisen wrden, wenn das beabsichtigte Geschft nicht noch an diesem Tage zu
Stande kme, und da der Vater, voll Mitrauen gegen seinen Verwandten, alle
Hoffnung aufgegeben habe, da der Sohn nicht zur versprochenen Zeit eingetroffen
sei, und nun krank, mit Verzweiflung im Herzen, eben mit den Beiden herum fahre,
um ihnen alle Vortheile des Gutes zu zeigen, das ihnen noch diesen Abend
bergeben werden sollte.
    O, Mutter! rief der junge Graf schmerzlich bewegt, htte mein Vater sich mit
offenem, redlichem Vertrauen an seinen edeln Verwandten gewendet, niemals wre
unsere Lage so drckend geworden, da sie ihn so tief erniedrigt htte, mir
Rathschlge zu geben, die mein Gefhl mir verbietet zu wiederholen.
    Du hast Recht, sagte die trauernde Mutter, ja htte Dein unglcklicher Vater
nur die Hlfte des Scharfsinns daran gewendet, auf rechtlichen Wegen seine
Umstnde zu verbessern, den er darauf gerichtet hat, sein Schicksal durch Mittel
zu bezwingen, die ich beweinen mu, so glaube ich, wir wrden ohne Kummer unsere
Lage betrachten; aber dennoch, geliebter Sohn, beurtheile den armen Mann nicht
zu hart, denn er ist mir ein treuer Freund und Euch ein liebender Vater, und der
Kummer nagt ja eben an seinem Leben und bringt ihn vor der Zeit in's Grab, da
er nichts fr uns alle thun kann.
    Wenn uns der Vater liebt, sagte der junge Graf finster, so sollte er nicht
Handlungen begehen oder fordern, die uns zwingen, fr ihn zu errthen.
    O! still mein Kind, erwiederte die sanfte Mutter, Dein Herz schlgt noch mit
Jugendkraft, Du kannst es noch nicht wissen, wohin ein feindliches Geschick den
Menschen bringen kann. Dein Vater hat in der Jugend mit aller Gluth und Kraft
des Herzens geliebt, ihm wurde Erwiederung geheuchelt, inde seine Empfindung
verspottet und er mit dem schndesten Eigennutz betrogen wurde, und zwar durch
einen Freund, dem er sich mit ganzer Seele vertraute. Seine einzige Schwester,
bedeutend lter als er, war lngst verheirathet, als die ltern starben, und der
Schwager benutzte als Vormund das Vermgen, inde Dein Vater seine Jugend in
Drftigkeit hinbrachte, sich in Schulden verwickelte, die, als er mndig wurde,
sich so drckend zeigten, da er die Einsicht gewann, er sei genulos verarmt,
denn was ihm nach der Theilung mit seinem Schwager blieb, hatte er in
immerwhrender durch Drftigkeit und Noth erregter Herzensangst schon im Voraus
ausgegeben, und wenn seine Schulden bezahlt werden sollten, behielt er nichts
brig. Wo er sich hinwendete um Untersttzung, wurde er mit Klte, als ein
Verschwender, dem man nicht vertrauen knne, zurckgewiesen und seine Schulden,
denen seine Verwandten mit Eifer nachsprten, als Beweise gegen ihn gebraucht.
In dieser Bedrngni wendete er seine Augen auf mich und whlte, nicht aus
Liebe, sondern aus Noth, mich zur Gefhrtin seines Lebens, und hoffte durch die
einzige Tochter eines reichen Handelsherren seine gesunkenen Vermgensumstnde
wieder zu heben. Meinem Vater schmeichelte vielleicht der Gedanke, da eine
Grfin aus seinem einzigen Kinde werden solle, und da er nicht gewohnt war, die
Ansichten Anderer zu vernehmen, so befahl er mir, Deinen Vater als meinen
Brutigam zu betrachten, und bestimmte den Tag der Vermhlung. In der That fiel
es mir auch nicht ein, da ich befugt sei, Einwendungen zu machen, und der Tag
unserer Verbindung erschien und wurde auf's Glnzendste gefeiert. Es schien, als
ob Wohlstand und Glanz mit mir in unser Haus gezogen wren; mein Vater gab die
nthigsten Summen bei unserer Vermhlung sogleich und verlangte, Dein Vater
sollte nach drei Monaten ein Verzeichni einliefern von allen Schulden und allen
Bedrfnissen, dann wolle er Alles berichtigen und unsere Haushaltung, wie er
sagte, auf einem solideren Fue einrichten. Jetzt erschienen dieselben Freunde
und Verwandten, die Deinen Vater in seiner Bedrngni mit Klte abgewiesen
hatten, und wnschten ihm Glck, sie wurden unsere tglichen Gste, und
erschpften sich in Herzlichkeit und zuvorkommender Liebe; man fand mich hchst
liebenswrdig, man lobte es, da ich bei dem groen Reichthume meines Vaters
doch gar keine Ansprche mache, kurz, Dein Vater wurde noch ein Mal mit allen
Menschen vershnt und berredete sich, er habe sich geirrt und in seiner
bittern, durch die Noth erzeugten Stimmung die Menschen mit zu feindlichen
Blicken betrachtet. Aber ach! wie bald brach die scheinbare Glck zusammen. Ein
groes Handlungshaus in England fiel, und sein Sturz zog den eines
Amerikanischen und mehrerer Hamburger nach sich, mit denen mein Vater in
Verbindung stand, und er war schon zu Grunde gerichtet, ohne es zu ahnen, als er
meine Hochzeit so glnzend feierte. Er konnte den Schreck nicht berwinden und
wurde vom Schlage getroffen, als er die Nachricht seines Unglcks erhielt. Acht
Wochen nach meiner Verheirathung wurde er begraben. Jetzt wurde Alles
gerichtlich bei meinen Eltern versiegelt, und die Armuth bte dort ihre
furchtbare Gewalt, wo eben noch Glanz und Ueberflu geherrscht hatten. Mein
Vater hatte von mehreren Verwandten meiner Mutter Gelder in seiner Handlung, und
diese waren so vorsichtig gewesen, sie mit unterschreiben zu lassen, und jetzt
so schamlos, die Kleider und Wsche meiner unglcklichen Mutter verkaufen zu
lassen, um sich bezahlt zu machen, und die arme Frau wre ohne Obdach gewesen,
wenn nicht Dein Vater, der die Verbindung mit mir nur geschlossen hatte, um
Vermgen zu erlangen, ihr sein Haus und seine Untersttzung angeboten htte.
    Ach, mein Sohn! wie schnell verloren sich alle die Freunde, die Dein Vater
whrend seines kurzen Glckes besessen hatte, als meine Mutter bei uns einzog
und unsere Drftigkeit theilte. Die Besuche hrten auf, und wenn unsere
Einsamkeit zuweilen gestrt wurde, oder wenn wir gezwungen waren, Besuche zu
machen, so suchte man Gelegenheit, ber Miheirathen zu sprechen, die nie zum
Guten ausschlagen knnten; und meine sanfte Seele emprte sich, wenn ich diese
rohen Menschen, deren mangelhafte geistige Bildung ich nur bemitleiden konnte,
so reden hrte. Dein Vater aber wurde durch ein solches Betragen auf's Aeuerste
erbittert und beschlo, jedes Mittel anzuwenden, um seine Umstnde wieder zu
verbessern. Er studirte die Landwirthschaft eifrig, aber ihm mangelten die
Mittel zu den nthigen Auslagen und die besten Plne konnten dehalb nicht
gelingen. Die zog ihm den Spott seiner Nachbaren zu, die viel zu beschrnkt
waren, als da sie seine Einsichten htten beurtheilen knnen; aber die
Verlumdung that ihre Wirkung und unsere Lage wurde immer schlimmer. Mehrere
Kinder waren geboren, die unsere Sorge vermehrten. Jetzt, da die ganze Welt uns
feindlich gegenber stand, gewann Bitterkeit und Verachtung gegen die Menschen
die Oberhand in Deines Vaters Brust. Er hatte nicht die heldenmthige Kraft der
Tugend, die uns ber jedes Migeschick erhebt; und da er Ursache gefunden hatte,
die Menschen so tief zu verachten, so glaubte er auch der Selbstachtung nicht
mehr zu bedrfen. Sie beten nichts an als ihr armseliges Vermgen, pflegte er
oft zu sagen; sie werden sich von der kleinsten Summe nicht freiwillig trennen,
um ihren nchsten Verwandten vom Verderben zu erretten: so mu man sie durch
jedes Mittel der Klugheit zum Beistande zu zwingen suchen. Seine Kenntni der
Rechte wie seine Ueberlegenheit des Geistes fhrten ihn in der That auf manche
Mittel, bald von dem Einen, bald von dem Andern eine Summe als Darlehen zu
erpressen, die unsern Untergang verschob, aber es konnte nicht fehlen, da sich
nun alle, die seine Achtung niemals verdient hatten, herausnahmen, Deinen Vater
zu verachten; und ach! die allgemeine Stimme bte eine so traurige Gewalt, da
er auch die Achtung der Besseren verlor. Er wollte sich berreden, da ihm die
gleichgltig sei, aber ich sah wohl, wie der Kummer darber an seinem Leben
nagte. Meine Mutter war lngst gestorben und Dein Vater hatte uns durch alle von
ihm angewendeten Knste nur ein hchst drftiges Leben gefristet; Deine
Schwestern wuchsen, von allen Menschen zurckgesetzt, beinah ohne alle Erziehung
heran, und wir waren auf's Aeuerste getrieben, als derselbe Lorenz, der jetzt
Deines Vaters Vermgen an sich zu bringen strebt, hier erschien und, nachdem er
einige Stunden sich in's Geheim mit Deinem Vater unterredet hatte, sich wieder
entfernte. Jetzt, sagte hierauf Dein Vater mit groer Heiterkeit zu mir, jetzt
will ich meinen hochmthigen Vetter wohl zwingen, mir beizustehen; bald werde
ich die Mittel dazu in meinen Hnden haben, und Du, mein unglckliches Weib,
brauchst dann nicht mehr in Noth mit unsern armen Kindern zu vergehen. Wie
flehentlich bat ich ihn damals, auf der Bahn des Rechten zu bleiben und sich
offen, mit Vertrauen an diesen Verwandten zu wenden. Er lachte mit Bitterkeit
ber meinen Rath und fragte mich, ob wir noch nicht Demthigungen genug erfahren
htten, ob ich nach neuen lstern sei?
    Wie einen Bettler wrde er mich abweisen, sagte er, wenn ich ihn freimthig
bte, mir von seinem Ueberflusse Untersttzung zu gewhren, aber mit grtem
Danke wird er einen Theil seines Vermgens aufopfern, wenn er frchten mu, noch
weit mehr zu verlieren.
    Meine Thrnen flossen nun im Verborgenen, denn ich wute wohl, da ich
Deinen Vater zur Aenderung seiner Ansicht nicht wrde bewegen knnen. Nach
einiger Zeit erschien der alte Lorenz von Neuem und brachte ein Pergament, wofr
er eine ansehnliche Summe verlangte. Ich hrte es wohl, wie ihm Dein Vater alles
geben wollte, was sich noch an Silber oder sonst an Sachen von Werth im Hause
befand, aber die Alles betrug nur noch eine unbedeutende Summe. Auf
Verschreibungen wollte sich der Alte vollends nicht einlassen, indem er
behauptete, ein solcher Handel knne nur gegen baares Geld abgeschlossen werden.
Dein unglcklicher Vater war so in Verzweiflung, da ich glaubte, er wrde jede
Rcksicht vergessen und es versucht haben, dem alten Lorenz die Schrift, auf die
es ihm ankam, mit Gewalt zu entreien, wenn nicht in diesem Augenblicke der
Prediger gekommen wre, dem wir, wie vielen Andern, schuldig sind, und der also
hflich empfangen werden mute.
    Der alte Lorenz benutzte diesen gnstigen Augenblick, um sich zu entfernen,
und sagte mit widrigem Lcheln, da er nach einigen Wochen wieder anfragen
wollte, ob der Herr Graf seine Dienste noch wnsche. Von jetzt an zehrte Dein
Vater sich sichtlich ab in dem leidenschaftlichen und fruchtlosen Bestreben, die
Summen zusammen zu bringen, die gefordert wurden, ehe der Alte die Schrift
ausliefern wollte. Er erfuhr, da sein Verwandter den ungetreuen Kastellan
entlassen hatte, und die erregte in ihm eine lebhafte Freude, denn er hoffte
nun mit geringeren Kosten seinen Zweck zu erreichen. In der That bot ihm der
alte Lorenz die Schrift nun fr die Hlfte der frher geforderten Summe an, aber
auch seine herabgestimmte Forderung zu befriedigen war unmglich, weil er sich
nur gegen baares Geld zur Auslieferung des Verlangten verstehen wollte.
    In dieser sorgenvollen Zeit vermehrte der Krieg unser Unglck und der Friede
vollendete es, denn Du, mein geliebter Sohn, kehrtest krank und des Dienstes
entlassen zu uns zurck. Dein Vater wagte nun einen verzweifelten Versuch; er
kannte Dich zu gut, als da er es nur htte unternehmen mgen, Dir seine
Ansichten mitzutheilen, er wute, da Du dann sein Begehren nicht erfllen
wrdest, er lie Dich also glauben, Dein Oheim sei gegen uns im hchsten
Unrecht, und schickte Dich ab, eine Ausgleichung mit diesem ungerechten
Verwandten zu versuchen. Da er berzeugt war, die Schrift, durch die sich Dein
Oheim gegen seine Forderung sicher stellen konnte, sei noch in den Hnden des
alten Lorenz, so glaubte er, da jener, wenn er sie vermite, sich auf einen
Vergleich einlassen wrde, und da er es fr unmglich hielt, da der alte Lorenz
es wagen knnte, die aus dem Archive entwendete Schrift zurckzuliefern, so
erregte es in ihm eine Art von Freude, auch diesen zu berlisten und seinen
Diebstahl nun doch zu benutzen, ohne ihm etwas dafr zu bezahlen, da er sich so
unbeugsam gegen jeden Vorschlag gezeigt hatte.
    Ich weinte und betete im Stillen, Gott mge uns aus diesem Drangsal erlsen,
als der alte Lorenz von Neuem bei uns erschien, aber die Mal in ganz
vernderter Gestalt auftrat. Er versicherte auf Deines Vaters ngstliche Frage,
er habe die bewute Schrift bei sich zu Hause und sie stehe demselben unter den
frher ausgesprochenen Bedingungen zu Diensten, aber jetzt, da er durch
glckliche Unternehmungen seines Sohnes in Wohlstand versetzt sei, komme er, um
uns Dienste anderer Art zu leisten. Er kannte unsere gefhrliche Lage ganz; er
wute, welche Forderungen Deinen Vater bedrngten, und machte nun die Dir
bekannten Antrge. Dein Vater versprach ihm darauf einzugehen, wenn Deine Reise
zu Deinem Oheim, die nun beschlossen wurde, fruchtlos sein sollte. Mit
spttischem Lcheln willigte der Alte und mit hochmthigter Verachtung sein
bermthiger Sohn in diesen Vorschlag ein.
    Du reistest ab, und unsere unwrdigen Gste fingen an sich ganz wie die
Herren des Schlosses zu betragen, und ihr Uebermuth wuchs, je mehr sie bei einem
lngeren Aufenthalt die Noth bemerken muten, die uns bedrngte. Dein Vater
ertrug Alles standhaft und erwartete mit letzter Anstrengung seiner moralischen
Kraft Deine Rckkunft: da, mein geliebter Sohn, erschien Dein Bote und
vernichtete alle unsere Hoffnungen. Was Du von der gromthigen Gesinnung Deines
Oheims schriebst, glaubte Dein Vater nicht, er meinte, Du httest Dich durch
gleinerische Reden tuschen lassen; da sein Verwandter sich wieder im Besitz
der entwendeten Schrift befand, brachte ihn zur Verzweiflung, denn er sah nun
keinen Grund mehr, wehalb er uns helfen sollte, und er weinte untrstlich eine
ganze Nacht hindurch ber unsern unvermeidlichen Untergang. Am andern Morgen
machte er dem alten Lorenz Vorwrfe darber, da er die Schrift seinem
ehemaligen Herrn gegen ihre Abmachung ausgeliefert habe. Der alte Heuchler
antwortete aber mit schndlicher Dreistigkeit: Gott hat es nicht haben wollen,
mein Herr Graf, da Sie auf diese Weise wieder zu Vermgen kommen sollten, ich
bot Ihnen die Schrift erst fr vierhundert Dukaten an, dann wollte ich sie Ihnen
in Betracht Ihrer Umstnde fr zwei hundert Dukaten lassen; da Sie aber auch
darauf nicht eingehen konnten, so entschlo ich mich, sie meinem vorigen Herrn,
dessen Vater ich schon gedient hatte, und fr den ich also noch immer
Anhnglichkeit fhlte, fr hundert Dukaten zurck zu geben, und seitdem ich hier
bin, sehe ich ja auch deutlich genug, da Sie mir sogar diese geringe Summe
nicht htten zahlen knnen. Trsten Sie sich also, gndiger Herr Graf, es hat
nicht sein sollen; Sie wissen wohl, Wer da hat, dem wird gegeben werden, und Wer
da nicht hat, dem wird auch das noch genommen, was er hat; das lehrt uns selbst
das Evangelium.
    Dein Vater ertrug die Pein dieser letzten Tage in dsterem Schweigen; es kam
keine Klage mehr ber seine Lippen, nur als er gestern um Mitternacht sein Lager
suchte, drckte er meine Hand und sagte: Wir sind verloren, unser Sohn ist nicht
gekommen; bis morgen Mittag wollen die Schurken nur noch warten, Nachmittag alle
Einrichtungen des Gutes betrachten und den Abend den Kontrakt abschlieen; dann
mu ich ihnen die Wohnung hier nach wenigen Tagen berlassen und Gott wei, wo
wir unser Haupt hinlegen werden.
    Du kannst es denken, geliebter Sohn, sagte die Mutter, indem sie den jungen
Mann von Neuem umarmte, mit welcher Qual ich den heutigen Tag verlebt habe, bis
Du mir endlich wie ein Engel des Trostes erschienst.
    Knnte auch ich nur Trost in dem Allen finden, sagte der junge Graf, indem
er mit tiefem Kummer in die weinenden Augen der Mutter blickte. Ich bringe Ihnen
vollstndige Hlfe, und zwar von dem Manne, gegen den mein Vater sich mit
nichtswrdigen Gaunern vereinigte, um ihn zu betrgen. O, Mutter! knnen die
Wogen des Weltmeers diesen Flecken von dem Namen eines Edelmannes abwaschen?
    Glaube mir, erwiederte die Mutter, ich fhle sein Unrecht wie Du, aber sei
mild, bedenke sein Unglck; der alte Mann hat Alles eingebt, Vermgen,
Gesundheit, die Achtung seiner Mitbrger und seiner selbst; soll er ganz
verzweifeln, wenn er sieht, da er auch die Liebe seines Weibes und seiner
Kinder verloren hat?
    Der junge Graf schwieg und bedeckte sein Gesicht mit den Hnden, bis das
Gerusch eines vorfahrenden Wagens Beide aufschreckte. Sie trockneten schnell
die herabstrmenden Thrnen und gingen dem Vater entgegen, der, wie der Sohn mit
Schmerzen bemerkte, nur mit Mhe aus dem Wagen steigen konnte, weil seine Fe
geschwollen waren. Sein Gesicht war bleich und entstellt, er athmete schwer aus
beklemmter Brust und konnte, auf den Arm des Sohnes gesttzt, durch heftiges
Husten gehindert, nicht so schnell die Treppe ersteigen, wie seine zitternde
Eile es verlangte; er sah mit scharfen Blicken abwechselnd in die verweinten
Augen der Mutter und des Sohnes, die ihm schlimme Vorzeichen zu sein schienen.
Der alte Lorenz blickte mit lauerndem Lcheln von dem jungen Grafen auf seinen
Sohn, und dieser erwiederte den Blick des Vaters durch ein spttisches Zucken
des Mundes. Alles die entging dem alten kranken Grafen nicht, der sich um so
mehr beeilte, sein Zimmer am Arme des Sohnes zu erreichen, dessen Zorn beim
Anblicke des beinah vernichteten Vaters schwand. Sie hatten endlich die Treppe
erstiegen, und der Vater zog den Sohn in sein Kabinet und sagte, indem er noch
dessen Arm umschlossen hielt, in heftigster Angst: Sprich es nur aus, zgre nur
nicht, Du bringst nichts, wir sind verloren.
    Knnte doch dadurch Alles gut werden, sagte der Sohn, indem er beide Hnde
des Vaters fate, da ich Ihnen vollstndige Hlfe bringe. Wie war das, sagte
der Vater, indem er, durch den freudigen Schreck ermattet, sich in einen
Lehnstuhl senkte, hast Du die nthigen Summen?
    Ich habe alles erhalten, was wir brauchen, erwiederte der Sohn, und zwar
ohne Anstrengung, ohne Knste. O mein Vater, wie sehr haben wir den besten der
Menschen verkannt. La das jetzt, rief der Vater, indem ein Strahl der Freude in
seinen erlschenden Augen aufblitzte, wir wollen uns schnell die beiden Schurken
vom Halse schaffen, die mich ganz wie ihres Gleichen behandelt haben. Ach, mein
Vater! seufzte der Sohn. La alle Erklrungen, rief der Vater, wenn die Beiden
aus dem Hause sind, dann wollen wir ber Alles sprechen. Er wollte sich schnell
erheben, um die sogleich auszufhren, aber der Husten, der ihn von Neuem
berfiel, verhinderte ihn an der Ausfhrung seines Vorsatzes. Es whrte eine
halbe Stunde, ehe der Kranke sich von der Anstrengung des heftigen Hustens
erholen konnte. Ich habe mich um der Schurken Willen heute noch erkltet, sagte
er endlich, und die wird mir um so nachtheiliger, da ich schon krank war, ehe
wir in den Wagen stiegen; aber komm nur, wir wollen sie nun gleich abfertigen.
Er erreichte, auf den Arm des Sohnes gelehnt, den Saal, in dem die Mutter mit
dem alten Lorenz und dessen Sohne ein gleichgltiges Gesprch zu fhren suchte.
So krank der alte Graf sich auch fhlte, so richtete er sich doch stolz empor
und sagte mit vornehmer Hflichkeit zu den Beiden: Es thut mir leid, meine
Herren, da Sie sich so lange vergeblich bei mir aufgehalten haben, da aus
unsern frheren Plnen nichts werden kann, weil ich gesonnen bin, meinem Sohn
die Gter zu bergeben, und ich beklage nur, fgte er spttisch lchelnd hinzu,
da Sie sich heute die unntze Mhe gemacht haben, Alles in meiner Wirthschaft
zu betrachten, die Sie niemals fhren werden.
    Der alte Lorenz so wohl, als sein Sohn waren nach dieser Erklrung sichtlich
bestrzt, aber da sie fhlten, da alle ferneren Versuche vergeblich sein
wrden, ging der Sohn hinweg, um seinem Bedienten zu befehlen, die Pferde
anspannen zu lassen. Nicht eine Sylbe wurde gesprochen, um diesen Vorsatz zu
verhindern, obgleich die Abenddmmerung schon eintrat, und beide unwrdige Gste
muten sich von dem Schlosse entfernen, das sie schon wie ihr Eigenthum
betrachtet hatten.
    Gottlob! rief der alte Graf, als sie das Haus verlassen hatten, nun ist die
Luft wieder rein, aber ich fhle mich krank und ermattet, ich will mich zur Ruhe
begeben und Thee im Bette trinken, das wird mir wohl thun, und dann sollst Du,
mein Sohn, mir Alles erzhlen. Der junge Graf zog die Klingel, um einen
Bedienten herbei zu rufen, aber wie heftig er die auch in kurzen Zwischenrumen
wiederholte, so zeigte sich doch Niemand, um den Kranken zu entkleiden. Der Sohn
ging endlich selbst, um einen Diener aufzusuchen, aber seine Mhe war
vergeblich. Von der zahlreichen Dienerschaft war Niemand zu finden. Es hatte
sich in diesem Hause ein Jeder nach und nach so viele Freiheiten genommen, und
so viele Dienstleistungen von sich abzulehnen gewut, da zwar viele Menschen
darin waren, die ernhrt werden muten, aber niemand, der wahrhaft ntzlich
gewesen wre. Da man ihnen allen den Lohn schuldig bleiben mute, so fanden sie
Mittel, sich auf andere Weise bezahlt zu machen, und indem ihre Forderung jeden
Monat anwuchs, konnten sie um so trotziger bei jedem Tadel, den die Herrschaft
auszusprechen wagte, erwiedern: Zahlen Sie mir meinen Lohn aus, so verlasse ich
Ihren Dienst sogleich. Der junge Graf seufzte bei dieser fhlbaren Zerrttung
des ganzen Hauswesens, und dachte an die edle Einfachheit und Ordnung in dem
Hause seines Oheims.
    Da er seinen Zweck gnzlich verfehlte und keinen Diener fand, so kehrte er
zu seinem Vater zurck, den er im heftigen Fieberfrost zitternd fand; die Mutter
war hinunter gegangen, um Thee zu besorgen, denn auch die machte Schwierigkeit,
da es etwas frher als gewhnlich geschehen sollte. Der Zustand des alten Grafen
erregte das innigste Mitleid des Sohnes, er fhrte den alten Mann nach dem
Schlafzimmer und leistete ihm selbst die nthige Hlfe, um ihn zur Ruhe zu
bringen. Inde hatte die Mutter jemanden gefunden, der Thee besorgen wollte, und
der Kranke fhlte seinen Zustand bald merklich durch Ruhe und Wrme erleichtert.
Jetzt erzhle mir, sagte er nun zum Sohne, wie es Dir gelungen ist, Deinen Oheim
zum Beistande zu bewegen. So wie ich ihn mit unserem Bedrfnisse bekannt machte,
erwiederte der junge Mann, war er zu jeder Hlfe bereit.
    Wie! sagte der Vater in heftiger Bewegung, er schlug Dir nicht zuerst Alles
ab, er lie Dich nicht zwanzig Mal Deine Bitte wiederholen, um sich, an Deiner
Erniedrigung sich ergtzend, nach und nach etwas abpressen zu lassen?
    Nichts von allem Dem, erwiederte der Sohn; er gab mir die nthigen Summen,
um hier einigermaen Ordnung hervorzubringen, und trug mir auf, so bald als
mglich mit einer vollstndigen Berechnung unserer Bedrfnisse wiederzukehren,
damit er uns grndlich helfen knne. Und was sagte er zu meinen Ansprchen?
fragte der Kranke, indem die Rthe der Scham auf seinen Wangen brannte.
    O mein Vater, antwortete mit dem Ausdrucke hchsten Schmerzes der Sohn, er
zeigte mir, da wir keine haben, wie ich Ihnen die schon in meinem Briefe
meldete, und legte mir zur Besttigung eine Schrift vor, die Sie nicht in seinen
Hnden glaubten.
    Der Kranke wendete sich seufzend ab und antwortete nicht, worauf der Sohn
nach kurzem Schweigen seine Hand ergriff und im Tone milden Vorwurfs sagte: Sie
haben, mein Vater, in diesem Verwandten den edelsten, besten Menschen verkannt
und sich Mittel gegen ihn anzuwenden erlaubt, deren Gebrauch fr Sie selbst
schmerzlich und beschmend sein mu, und mich schon um dewillen unglcklich
macht, weil ich als Ihr Sohn, der immer mit Ehrfurcht zu Ihnen sollte reden
knnen, diese Worte des Vorwurfs aussprechen mu.
    Der Kranke wendete sich um, richtete sich mit heftiger Bewegung auf und
sagte dann nicht ohne Bitterkeit: Ich wei es aus eigner Erinnerung, da die
Jugend nichts so freigebig bietet, als Achtung auf der einen und Verachtung auf
der andern Seite, und da sie hufig in beiden Fllen Unrecht hat. Miverstehe
mich nicht, fuhr er eifrig fort, da er sah, da der Sohn antworten wollte: es
kann sein, ja ich glaube es selbst, da ich Deinem Oheim Unrecht gethan habe,
aber kann die wohl beweisen, da ich berhaupt im Irrthume gegen die Menschen
und im Unrecht gegen sie bin, wenn er eine Ausnahme von der Regel macht und Du
vielleicht unter hunderttausenden nicht noch einen finden wirst, der auf gleiche
Weise handelt? Die Menschen haben mein Herz zerfleischt, wohin ich mich wendete.
In glcklichen Tagen hat mich Betrug, Bosheit, Neid und Migunst verletzt, in
unglcklichen wurde ich durch Hrte, Spott und Verachtung gekrnkt. Ich fand
nicht eine Ausnahme, nicht einen einzigen Freund, was konnte ich denn also in
diesen Menschen lieben und achten? Glaube mir, setzte er mit milderer Stimme
hinzu, wenn die Tugend des Menschen auch nicht selbst eine Zuflligkeit ist, so
hngt sie doch fast immer von zuflligen Umstnden ab. Wre ich so glcklich
gewesen, in meiner Jugend einen wahren Freund, einen wohlwollenden Verwandten
anzutreffen, so htten sich meine Vermgensumstnde herstellen lassen, und indem
ich nach meiner Neigung ohne Sorgen htte leben knnen, htte ich auch die
gewhnliche Liebe und Achtung fr die Menschen behalten, denn ihr wahres
verchtliches Inneres htte ich dann niemals erkannt und durch die fortgesetzte
Tuschung wre ich im Frieden mit mir selbst erhalten worden. Du bist darin
glcklicher als ich, setzte er hinzu, indem er dem Sohn liebevoll die Hand
reichte, Du hast angetroffen, was ich durch Gebet und Thrnen in der Unschuld
meiner Jugend oft herbeirufen wollte, und die sogenannte Tugend in Deiner Brust
wird nicht durch ein so trbseliges, gramvolles Leben erschttert werden, wie
ich es habe erdulden mssen. Ich wei es, Du wirst, wenn Du auch Mitleid mit mir
hast, meinen Worten dennoch nicht Glauben schenken, und ich zrne Dir dehalb
nicht, ja es freut mich selbst um Deinetwillen, denn Du wirst die Achtung der
Menschen und Deiner selbst dadurch bewahren, und glaube mir, es ist ein Unglck,
dessen Tiefe Du nur schaudernd ahnden kannst, das Gefhl dieser Achtung zu
verlieren.
    Htte der Sohn auch so hart sein mgen, die Ansicht des Vaters zu bekmpfen,
die dieser sich gewissermaen zum Troste aufzustellen bemhte, so wrde die
schon durch den sich pltzlich verschlimmernden Zustand des Kranken unmglich
geworden sein. Die lange, leidenschaftliche Rede hatte den alten Grafen
angegriffen; ein heftiger Husten war die Folge, der sich mit einem Blutsturz
endigte. Die Mutter und der Sohn waren in Verzweiflung, aber der Anfall lie zu
ihrem Troste bald nach, und der Sohn verlangte nun, es sollte zum Arzte mit
grter Eile gesendet werden. Es wird nichts helfen, sagte der Kranke mit
ersterbender Stimme, und die Thrnen der Mutter besttigten seine Ansicht.
Warum, fragte der Sohn, was kann ihn hindern? Wir haben fter nach ihm
geschickt, sagte die kummervolle Mutter, aber immer vergeblich, vermuthlich weil
wir ihm einen frher geleisteten Beistand noch nicht haben bezahlen knnen. Die
Flammen des Zornes rtheten die Wangen des Sohnes, und er verstand ein schwaches
Lcheln des Kranken, das ihn an die Menschenkenntni seines Vaters erinnern
sollte.
    Ich werde selbst hinfahren und ihn gewi mitbringen, sagte der Sohn
entschlossen und verlie die Eltern, um Bediente aufzusuchen, die sich nun
endlich eingefunden hatten. Inde nach seinem Befehle ein leichter Wagen
angespannt wurde, nachdem er noch erst die Einwendungen mit einiger Heftigkeit
beseitigt hatte, die der Kutscher erheben wollte, kamen seine Schwestern von
einem Besuche beim Prediger nach Hause und begrten mit lrmender Freude den
Bruder, indem sie sich auf wilde, unordentliche Art von den hindernden Hten und
Mnteln befreiten. Er umarmte Beide herzlich, aber es war ihm nicht mglich, die
von der Sonne gebrunten Gesichter, die wenig geschonten Hnde und Arme, die
Wildheit der Gebehrden ohne Schmerz zu bemerken. Ihn erschreckten die lauten,
heftigen Stimmen und innig betrbten ihn all die Zeichen einer vernachligten
Erziehung, indem er an Therese und Emilie dachte, deren natrliche Schnheit
durch eine anstndige Haltung und edle Gebehrden gehoben wurde. Er ermahnte die
sorglosen Schwestern, leise aufzutreten und den kranken Vater nicht durch ihre
lauten Stimmen zu erschrecken. So ist der Vater krank? fragten sie ngstlich,
und die groen unschuldigen Augen schwammen in Thrnen. Habt Ihr denn das noch
nicht bemerkt, fragte der Bruder, durch die gutmthige Trauer in den
unschuldigen Gesichtern bewegt. Er ist seit einigen Tagen nicht wohl, erwiederte
die ltere Schwester, aber er sagte selbst, es htte nichts zu bedeuten. Ich
fahre jetzt zum Arzt, versetzte der Bruder, wenn ich mit ihm zurck komme, dann
werden wir hren, ob der Zustand unseres Vaters bedenklich ist. Er verlie die
Schwestern und warf sich in den Wagen, um in mglichster Eile den Beistand
herbei zu schaffen, der in diesem Augenblicke so wichtig war, da er nicht ohne
Grund die Wiederholung des Blutsturzes frchtete. Der eine Meile entfernte Arzt
war bald erreicht, inde der junge Graf wurde nur kalt von ihm empfangen, er
machte Einwendungen dagegen, mitzufahren, er verlangte, der junge Mann solle ihm
den Zustand seines Vaters schildern, so wolle er die nhigen Mittel
verschreiben. Als ihm aber von dem jungen Grafen die frher geleistete Hlfe
freigebig bezahlt und die gleiche Freigebigkeit fr den jetzigen Fall
zugesichert wurde, nderte er seine Ansicht und entschlo sich selbst
mitzufahren, um den Kranken zu sehen.
    Aus tiefster Brust seufzend, trat der bekmmerte Sohn an der Seite des ihn
begleitenden Arztes den Rckweg an. Die Bemerkungen seines Vaters beschftigten
seine Seele, und er konnte es sich nicht ablugnen, da die Empfindungsweise und
die Lebensansicht eines Jeden wenigstens zum Theil von seiner uern Lage
abhngig sei. Wie soll mein Oheim, dachte er, die Menschenverachtung meines
Vaters nur verstehn, da der verchtlichste Eigennutz sich dem Einen ohne
Rckhalt zeigt, weil er nichts glaubt gewinnen zu knnen und also nichts zu
schonen braucht, inde er sich dem Andern ewig verbirgt, weil er seiner
Befriedigung gewi ist und sich ihm auf diese Weise als Anhnglichkeit,
aufrichtige Freundschaft, Anerkennung des Verdienstes und Gott wei fr welche
Tugend verkauft.
    Der ihn begleitende Arzt ahnete nicht, da er das finstere Nachdenken des
jungen Mannes veranlat hatte, und glaubte, die Besorgni fr den Vater allein
in dessen einsylbigen Worten zu erkennen; er suchte ihm also Muth einzusprechen,
und der junge Graf wrde sein Bestreben dankbar erkannt haben, wenn er sich
nicht htte gestehen mssen, da nur der befriedigte Eigennutz die
Menschlichkeit in der Brust des Arztes erweckt habe. Der Rckweg wurde mit
derselben Schnelligkeit gemacht, die man angewendet hatte, den Arzt zu
erreichen, obgleich der Kutscher laut genug bemerkte, damit der junge Graf es
hren sollte, die Pferde wrden wohl umfallen, wenn sie den Stall erreichten, da
sie so wenig Hafer bekmen und doch bermig angestrengt wrden.
    Man hatte endlich die kleine Reise vollendet, und der Arzt fand den Kranken
zwar nicht ohne Fieber, aber doch schlummernd; auch hatte sich der Blutsturz
nicht erneuert, und er glaubte hierauf beruhigende Hoffnungen grnden zu knnen.
Der ngstliche Sohn drang hierauf in den Arzt, einige Tage zu bleiben, um den
Gang der Krankheit zu beobachten, und dieser willigte ohne Schwierigkeit ein.
    Die Blicke der Mutter waren etwas ngstlich bei diesen Einrichtungen, und
der Sohn bemerkte bei der drftigen Abendmahlzeit die Ursache dieser
Aengstlichkeit, und seine Seele wurde mit innigster Wehmuth ber die traurige
Lage seiner Eltern erfllt, als deren Opfer der Vater eigentlich fiel, und die
sich whrend seiner Abwesenheit so sehr verschlimmert zu haben schien.
    Es war von dem Arzte bekannt, da er eine gute Tafel liebte, und der junge
Graf entschuldigte die Mangelhaftigkeit des heutigen Mahles mit der Unruhe, die
des Vaters Krankheit verursacht habe. Als noch die nthigen Verordnungen fr die
Nacht gegeben waren, zog sich der Arzt in ein nahes Zimmer zurck, damit er
sogleich gerufen werden knnte, wenn ein bedenklicher Zufall eintreten sollte.
Der besorgte Sohn hie die ltere Schwester am Bette des Vaters verweilen und
winkte die Mutter hinaus, um ihr zu vertrauen, da er gleich des andern Tages
eine neue Ordnung des Hauses einzufhren gedchte. Er erkundigte sich bei der
Mutter, welche sie fr die brauchbarsten von den vielen unntzen Bedienten
hielte, und erklrte, diese fr's Erste behalten und alle andern entlassen zu
wollen. Die Mutter weinte Freudenthrnen, als sie vernahm, da der Sohn auch
dazu die Mittel von dem verkannten Oheim empfangen hatte, auch da er alle
Bedrfnisse im Hause sogleich befriedigen und die nthigen Vorrthe sogleich
anschaffen knne. Die von der Mutter genannten Bedienten wurden aufgezeichnet,
die weibliche Dienerschaft sollte ganz erneuert werden, denn von dieser,
versicherte sie, msse sie am Meisten leiden.
    Es war spt geworden, und der junge Graf warf sich in den Kleidern auf sein
Bett, weil er am frhen Morgen die Verbesserung des Hauswesens beginnen wollte.
Er stand um drei Uhr nach kurzem Schlummer zu diesem Endzweck auf und wollte
einen Diener selbst rufen, um nicht vielleicht durch das Herbeistrmen aller,
wenn er die Klingel zge, ein unntzes Getse im Hause zu erregen; doch diese
Sorge war vergeblich.
    Es war kein Mensch im Hause und auch die Stlle waren leer, und als sich
endlich ein schlaftrunkener Knabe fand, erfuhr der junge Graf auf seine
Erkundigung, da im nchsten Dorfe eine Hochzeit sei, wohin sich die ganze
Dienerschaft begeben habe, indem sie sich der Pferde zu diesem Zweck bedient
htte.
    Ein Trinkgeld machte den Knaben munter, der nun abgesendet wurde, um die
freche Dienerschaft von ihrer Belustigung abzurufen, und nach einer Stunde kamen
sie zu Fu und zu Pferde zurck, und verfgten sich mit einiger Verlegenheit auf
das Zimmer des jungen Grafen, wie es ihnen befohlen war. Auf seine Vorwrfe ber
ihre Unverschmtheit erfolgte ihre gewhnliche Antwort, da man ihnen ihren Lohn
auszahlen und sie entlassen mchte, wenn man mit ihren Diensten nicht zufrieden
sei. Als aber dem ersten, der die Wort gesprochen hatte, der Wunsch erfllt und
ihm ernstlich angedeutet wurde, binnen einer Stunde das Schlo zu verlassen,
traten die andern schchtern bei Seite, baten um Verzeihung und gelobten
ernstlich Besserung. Der junge Graf nahm nun die beabsichtigte Reinigung vor,
die frechsten Trunkenbolde wurden entlassen, und die Verabschiedeten wie die
Bleibenden bezahlt. Einem Jeden wurde sein Geschft angewiesen und ihnen
ernstlich versichert, da ein Zeichen des Ungehorsams, eine unehrerbietige Miene
ihre Verabschiedung sogleich veranlassen wrde.
    Dem Jger wurde befohlen, Wild herbei zu schaffen; Andere muten fr Fische
sorgen; aus dem nchsten Stdtchen wurde Wein und andere Bedrfnisse gebracht,
und zugleich das bei einem dasigen Juden verpfndete Silbergerth
zurckgenommen, und so wurde es mglich, zur innigen Freude der Mutter, dem
Arzte anstndige Mahlzeiten anzubieten und ihn auch in dieser Hinsicht zu
befriedigen. Im Vorzimmer wartete bestndig ein Diener, und die leiseste
Bewegung der Klingel rief ihn herbei, um die Befehle der Herrschaft ehrerbietig
zu vernehmen.
    Der Kranke war erwacht und betrachtete lchelnd die Sorgfalt, mit welcher
der Arzt sich fr seine Herstellung bemhte, die ehrerbietig aufwartenden
Bedienten, den vernderten Ton des ganzen Hauses. Nicht wahr, fragte er den Sohn
etwas spttisch, Du erkennst die Macht des Geldes? Wie war ich verlassen,
verhhnt, von den Bedienten selbst vernachlssigt; Du bringst die Zaubermittel,
und siehe die Verwandlung. Aber sage mir doch, fuhr er fort, ich habe die Nacht
daran gedacht, da Dein Oheim so bereit ist, seine Schtze mitzutheilen, so hat
wohl der junge Franzose, von dem uns der alte Lorenz erzhlte, schon
betrchtliche Summen im Voraus genommen auf die ihm fr die Zukunft bestimmte
Erbschaft.
    Ach, mein Vater! erwiederte der Sohn, indem die Erinnerung an beschmende
Auftritte seine Wangen rthete, zu welchen erniedrigenden Schritten hat mich
auch in dieser Hinsicht Ihre falsche Ansicht verleitet. Der junge Mann ist weit
davon entfernt, meinen Oheim mibrauchen zu wollen. Er ist ein edler, feuriger,
liebenswrdiger Mensch, der die Liebe des Oheims verdient und sie auf's
Zrtlichste erwiedert, aber dessen Geld nicht bedarf, davon habe ich Gelegenheit
gehabt, mich zu berzeugen; er erhielt groe Summen von seiner Mutter und wrde
sie bei der Freundschaft, deren er mich wrdigte, im Falle mein Oheim mir meine
Bitte abgeschlagen htte, mit mir getheilt haben, wenn ich mich htte
entschlieen knnen, ihn darum zu ersuchen.
    So, so, sagte der Kranke, nun und der franzsische Haushofmeister, ist der
auch so tief in Edelmuth versunken?
    Ich wei nicht, was ich Ihnen antworten soll, erwiederte der Sohn gereizt.
Ich wollte nur, wir htten hier jemanden, der so treu, so uneigenntzig, mit
wahrer Ergebenheit fr seine Herrschaft die Wirthschaft verwaltete, wie dieser
gute alte Mann, den der Oheim mit Recht nicht wie einen Diener, sondern wie
einen Freund behandelt, und der sich doch nie in diesem Verhltni berhebt, und
so nahe er seiner Herrschaft auch durch die Liebe, mit der er ihr ergeben ist,
stehen mag, sich doch uerlich immer in ehrerbietiger Ferne hlt.
    Das ist wahr, sagte der Kranke spttisch, die Hofhaltung Deines Oheims
liefert ja ein Abbild des himmlischen Paradieses; er thront ja recht in
glnzender Herrlichkeit auf seinem Schlosse, und sammelt alles Schne und Edle
um sich her. Nun und die Damen, fuhr er fort, sie sind wohl auch frei von allem
verwundenden Stolz, von aller kleinlichen Eitelkeit und Ziererei; sie verehren
wahrhaft den groen Mann und tuschen ihn nicht durch scheinheilige Lge, um ihn
zu betrgen, indem sie innerlich ber seine Anmaung lachen; nicht wahr, mein
guter Sohn, fragte er mit scheinbarer Treuherzigkeit, sie sind eben so edel,
eben so trefflich, wie alles Uebrige auf Schlo Hohenthal?
    Der Sohn konnte den Zorn ber die schnde Undankbarkeit des Vaters nicht
mehr bewltigen und war im Begriffe, etwas Heftiges zu erwiedern, als die Mutter
ihre Hand sanft auf seinen Arm legte und sagte: Du siehst, da Dein Vater sich
heut um Vieles besser befindet als gestern, da er selbst heiter werden und
scherzen kann. Der Kranke fhlte das Unziemliche seiner Reden und sagte in einer
Anwandelung von Reue: Ich fhle es ja selbst, wie vielen Dank ich Deinem Oheim
schuldig bin, durch seinen Beistand ist es mir wenigstens so gut geworden, ruhig
und mit Anstand sterben zu knnen, obgleich es mir nie so wohl geworden ist, so
zu leben; aber die langen Jahre des Duldens, des Zornes, des Kummers haben mein
Herz verhrtet und mit Bitterkeit erfllt; es wird mir dehalb nicht so leicht,
wie Du glaubst, zu den Empfindungen der Jugend zurckzukehren, die Du die
besseren nennst. Htte ich frher nur einen einzigen Menschen angetroffen, der
mir gromthige Liebe bewiesen htte, so wrde ich den Glauben an die Menschen
nicht verloren haben. Sein Auge traf, indem er die sagte, den kummervollen, von
Thrnen umschleierten Blick der Gattin; er bot ihr die Hand und sagte nicht ohne
Rhrung: Dich habe ich freilich getroffen, Du gute, treue Seele; ein Befehl
bestimmte Dich, Dein Geschick mit dem meinen zu verknpfen, und dennoch ist
Deine Liebe und Treue in unwandelbarer Sanftmuth mein eigen geblieben auf dem
langen, dornenvollen Wege des Lebens, den wir mit einander wandeln muten; aber
Deine Liebe konnte nicht mein Schicksal bezwingen, Du konntest mir keine Hlfe
bieten.
    Die Bewegung des Gemths und das viele Sprechen erregte den gefhrlichen
Husten des Kranken, so da der Arzt herbeieilte und, nachdem der Anfall vorber
war, das hufige Sprechen untersagte und vor allen Dingen Ruhe des Gemths
empfahl.
    Als die Familie wieder allein war, sagte der Kranke spttisch: Die Ruhe des
Gemths hat er mir immer ganz besonders empfohlen, und jetzt wird es mir auch
mglich, die Recept zu benutzen. Aber wenn die tglichen Sorgen des Lebens mich
niederbeugten, und ich den Meinigen weder Nahrung noch Kleider, so wie sie es
bedurften, verschaffen konnte, wenn an jedem Posttage zwanzig Mahnbriefe und
gerichtliche Verfolgungen mich ngstigten, wenn ich mich meiner Drftigkeit
wegen berall verachtet und selbst von den Bedienten vernachligt sah, wenn ich
in unserer drckenden Noth immer neue Verluste entstehen sah, weil ich sie auch
nicht durch die kleinste Auslage abwenden konnte: wie sollte ich es denn da
mglich machen, die Gemthsruhe mir anzueignen, die der gute Arzt so nothwendig
findet?
    Der Sohn bat den Vater, sich jetzt aller Sorgen zu entschlagen und, da nun
hoffentlich Alles besser gehen wrde, der Vorschrift des Arztes zu folgen und
auch das Sprechen zu vermeiden, um nicht den Husten zu reizen. Der Kranke fgte
sich willig dieser Bitte, und der Sohn verlie das Krankenzimmer nicht ungern,
weil die Denkungsart seines Vaters ihn im innersten Herzen verwundete. Er hielt
es jetzt fr seine Pflicht, das angefangene Werk zu vollenden und nach der
Anleitung seines Oheims Ordnung in alle Zweige der Wirthschaft zu bringen; er
lie also den Verwalter rufen, der willig mit ihm in alle Zweige der Verwaltung
einging und ihm mit herzlichem Bedauern alle Nachtheile zeigte, die im Laufe des
Jahres durch den Mangel aller Vorrthe und durch die Unmglichkeit, Auslagen zu
machen, hatten entstehen mssen, und der junge Graf konnte leicht berechnen, da
die Familie seines Vaters allein von dem, was auf diese Weise verloren worden
war, anstndig htte leben knnen. Der Verwalter stimmte seiner Ansicht mit
vollkommener Ueberzeugung bei und machte ihn noch auf die Nachtheile aufmerksam,
die dadurch hatten entstehen mssen, da keiner von den Beamten hatte bezahlt
werden knnen. Der junge Graf nahm hiebei Gelegenheit zu fragen, wie viel er
selbst zu fordern habe. Es ergab sich, da er seit vier Jahren keinen Gehalt
bekommen hatte, und er versicherte, er wrde dem gndigen Herrn gewi nicht
beschwerlich gefallen sein, wenn die Noth ihn nicht dazu gezwungen, und da man
gehrt habe, da die Gter verpachtet werden sollten, so habe er als Vater von
acht Kindern die Pflicht gehabt, fr diese zu sorgen. Der junge Graf verstand
ihn nicht und fragte ihn, ob er etwas von seinem Vater erhalten habe. Mein
gndiger Herr Graf, erwiederte der alte Mann, seit vier Jahren nicht einen
Heller, dehalb zwang mich die Noth und Sorge fr acht unerzogene Kinder,
unbescheiden zu sein. Es fiel dem jungen Manne wohl auf, ihn trotz der so oft
erwhnten Noth so beraus gut gekleidet zu sehen, inde da er in allen
Verhltnissen so wohl unterrichtet schien und so guten Willen zeigte, so entlie
er ihn mit der Versicherung, er wrde ihn bald in seiner Wohnung aufsuchen, um
das Nhere mit ihm zu verabreden. Er schickte ihn hinweg, um ihm nicht seinen
Geldvorrath sehen zu lassen, weil er fr's Erste nur die Hlfte seiner Forderung
zu befriedigen gedachte, denn die Berichtigung der ganzen Rechnung wrde eine zu
empfindliche Lcke in seinen kleinen Schatz gemacht haben. Er folgte also dem
Verwalter nach einer Viertelstunde und suchte ihn in seiner Wohnung auf, um die
Noth des guten Alten, von der er ihm so viel vorgesprochen, sogleich zu mildern.
    Er traf ihn mit acht sehr wohlgekleideten Kindern, die ein Privatlehrer eben
in verschiedenen Wissenschaften unterrichtete, und es drngte sich dem
verwunderten jungen Grafen die Bemerkung auf, da der gute, rechtliche
Verwalter, wie er sich selbst nannte, andere Mittel haben msse, den Aufwand
seiner Haushaltung zu bestreiten, als seinen rckstndigen Gehalt. Er konnte die
groe Verlegenheit des Alten nicht begreifen, mit der er seinen zweijhrigen
Gehalt als die Hlfte seiner Forderungen empfing, so wenig als die wiederholten
Versicherungen, da er den gndigen Herrn Grafen nicht gedrngt haben wrde,
wenn die Gter nicht htten verpachtet werden sollen.
    Wenige Stunden darauf lste sich aber dieses Rthsel. Es traf nmlich eine
gerichtliche Zuschrift an den alten Grafen ein, die Mutter und Sohn zu lesen
beschlossen, ohne sie dem Kranken mitzutheilen, um ihm unnthigen Verdru zu
ersparen. Aus diesem Schreiben nun ergab sich, da der gute alte Verwalter bei
den Behrden mit der Bitte eingekommen war, die Erndten seines Herrn zu seinem
Vortheile in Beschlag zu nehmen, bis er befriedigt sei, ehe die Gter dem
Pchter bergeben wrden.
    Der junge Graf war so aufgebracht, da er dem Verwalter sogleich das noch
rckstndige Geld auszahlen und ihn in derselben Stunde entlassen wollte; die
Mutter aber widerrieth ihm diese bereilte Maregel, und er sah selbst ein, da
es besser sei, nicht in der ersten Hitze zu handeln, sondern alle Rechnungen
genau durchzugehen, ehe er einen Mann entliee, der es verstand, vier Jahre mit
einer zahlreichen Familie anstndig ohne alle rechtlichen Einknfte zu leben.
    In solchen Beschftigungen gingen mehrere Tage hin. Der Arzt hatte das
Schlo verlassen, weil die Besserung des Kranken sichtlich fortschritt, und der
junge Graf dachte schon daran, nach Schlo Hohenthal zurck zu kehren und dem
Oheim Bericht ber Alles, was er gethan, abzustatten. Er wurde an der Ausfhrung
dieses Vorsatzes nur dadurch gehindert, da einige von seinen Kameraden, die,
wie er, verabschiedet waren, ihn besuchten und erst in behutsamen Gesprchen,
endlich mit offenem Vertrauen ihm Entwrfe und Plne mittheilten, die seine
eignen Angelegenheiten ihm klein und unbedeutend erscheinen lieen, und seine
Seele mit einer Gluth erfllten, die er vor Allem vor seinem Vater verbarg. Die
Rettung des Vaterlandes schien mglich auf dem Wege, den man ihm zeigte.
Preuens alter Kriegsruhm konnte sich erneuern, ja schner, herrlicher wieder
aufblhen, als jemals. Diese Trume konnten wirklich werden, wenn alle treuen
Herzen sich in der Stille vereinigten und dem edeln Knige, der sein Schicksal
mit erhabener Milde trug, wie dem bedrngten Vaterlande ihr Blut und Leben
weihten.
    Auch um ber diese Plne einer innigen Verbindung aller Treuen mit seinem
Oheime sich zu berathen, sehnte sich der junge Graf nach Hohenthal, und um, wie
er sich leise gestand, die lang genhrte Zrtlichkeit fr die liebensdige
Therese dem vterlichen Freunde zu vertrauen; denn bei seines Vaters
Lebensansichten und dessen feindlichem Spott ber Armuth und uneigenntzige
Liebe konnte es ihm nicht einfallen, mit seinem nchsten Anhrigen ber seine
Neigung zu sprechen.
    In dieser Stimmung erwartete er mit Sehnsucht den Arzt, um seine Meinung
ber den Kranken zu vernehmen und danach seine Reiseplne zu bilden, als dieser
eines Abends einen neuen und viel heftigeren Anfall des Blutsturzes erlitt, der
die ganze Familie in Schrecken versetzte. Der Arzt wurde herbeigerufen, der die
Mal nicht zgerte zu kommen, aber seine bedenklichen Mienen, als er den Kranken
erblickte, so wie seine viel strengern und ngstlicherern Vorschriften lieen
das Schlimmste befrchten. Er verlie das Schlo nicht mehr und widmete dem
alten Grafen alle Sorge und alle Aufmerksamkeit, aber keine menschliche Kunst
konnte die Wiederholung des Uebels verhindern, und der alte Graf deutete
sterbend auf seine weinende Frau und die jammernden Tchter, indem er matt die
Hand des Sohnes drckte, und sein Geist entschwand der krperlichen Hlle.
    Mit inniger Trauer schlo der Sohn die Augen des dahingeschiedenen Vaters
und fhrte die weinende Mutter von dem Sterbebette hinweg. Er empfahl den
Schwestern, ihren Jammer zu migen und durch verdoppelte Liebe die Mutter zu
trsten. Er selbst durfte sich keiner unthtigen Trauer berlassen, weil die
Sorge fr die Familie, deren Haupt und einzige Sttze er nun geworden war, seine
ganze Thtigkeit in Anspruch nahm. Als das Nothwendigste geordnet und die
irdischen Reste seines Vaters zur Erde bestattet waren, eilte er nach Schlo
Hohenthal, um den Rath seines Oheims in hchst wichtigen Angelegenheiten zu
vernehmen.

                                      VIII


Nach kurzem Schlummer erhob sich der junge Graf von seinem Lager, um noch vor
dem Frhstcke den Oheim aufzusuchen, den er in seinem Kabinet mit der
Durchsicht vieler Papiere beschftigt fand. Der junge Mann eilte, seinem
vterlichen Freunde Bericht darber abzustatten, wie er die Angelegenheiten
seines Vaters habe ordnen wollen, als dessen Tod sie zu seinen eigenen gemacht
habe. Er sprach mit Rhrung von seines Vaters traurigem Leben und suchte die
Ansicht des Oheims ber dessen Charakter dadurch zu mildern, da er sich zu
zeigen bemhte, wie unglckliche Verhltnisse ihn zur Menschenfeindlichkeit und
Menschenverachtung gefhrt htten. Wir thun gewi immer gut, erwiederte ihm der
Oheim, wenn wir alle Erscheinungen im ueren Leben als unsichere Zeichen des
wahren Innern betrachten und unser Urtheil ber die Menschen mild sein lassen,
wenn wir auch nicht alle ihre Handlungen zu rechtfertigen vermgen.
    Die wrde uns aber zum vllig unthtigen Dulden fhren, versetzte sein
junger Freund.
    Gewi nicht, erwiederte der Graf; denn die Milde, mit welcher ich den
Menschen betrachte, der mir Unrecht zufgen will, braucht mich noch nicht zu
bestimmen, seine Ungerechtigkeit zu erdulden, wenn ich mich auch ohne Ha
dagegen vertheidige; ja, ich kann mich ber eine emprende Handlung hchlich
erzrnen, ohne darum den, der sie ausbt, geradezu zu hassen.
    Doch glaube ich, versetzte der junge Graf, da es Verhltnisse gibt, in
denen der Ha eine wahre Tugend wird, und ich meine, es liegen uns viele Grnde
ganz nahe, die alle besseren Gemther bestimmen sollten, sich in dieser
Empfindung gegen unsere Unterdrcker zu vereinigen.
    Und warum nicht lieber in der entgegengesetzten fr unser Vaterland und
unsern edeln Knig? fragte der Graf. Oder meinen Sie, fuhr er fort, als er sah,
da sein Verwandter schwieg, da der Ha krftiger wirkt, als die Liebe?
    Nein, sagte der junge Graf, aber das ist nicht zu verkennen, da er sich
jetzt lauter ausspricht.
    Wenn die ist, erwiederte sein Oheim, so kann man ihn mit Klugheit fr edle
Zwecke benutzen, ohne ihn zu theilen.
    Zu dieser Hhe der Tugend kann ich mich nicht erheben, rief der junge Graf;
ich hasse alle Franzosen von ganzem Herzen und will meine besten Krfte daran
setzen, sie zu vernichten.
    Hassen Sie auch St. Julien und Dbois? fragte der Graf, und sein Verwandter
blickte verwirrt vor sich nieder und sagte endlich: Diese machen eine Ausnahme;
sie sind weit davon entfernt, den Druck zu billigen, den uns ihre Landsleute mit
so emprender Anmaung empfinden lassen.
    So lassen Sie uns denn, sagte der Graf, den Uebermuth, die Anmassung hassen
und alle Krfte anwenden, um von dem unwrdigen Druck, unter dem wir leiden, uns
zu befreien. Da die nicht ohne gerechten Zorn gegen die Unterdrcker geschehen
kann, ist natrlich; aber warum wollen Sie dehalb der unedeln Empfindung des
Hasses Raum in Ihrer Brust gestatten? Der Zorn kann den Menschen erheben, der
Ha wird ihn immer ungerecht machen und dehalb erniedrigen.
    Ich verstehe nicht so fein zu unterscheiden, sagte der junge Graf, ich fhle
nur, wie glhend ich Napoleon hasse, und kann mir diese Empfindung nicht
ablugnen, setzte er mit einiger Heftigkeit hinzu, obgleich ich frchten mu,
da sie mich in Ihren Augen erniedrigt.
    Der Ha, sagte der Graf, ist eine eben so wunderbare Empfindung in der Brust
des Menschen, wie die Liebe; ja Sie knnen mit dieser Gluth des Herzens gar
nicht hassen ohne eine Beimischung von Liebe und Bewunderung fr den gehaten
Gegenstand.
    Wie! rief der junge Graf berrascht, ich sollte Napoleon lieben?
    Miverstehen wir uns nicht, sagte sein Oheim. Sie erkennen ohne Zweifel
viele Vorzge des Geistes in Napoleon, Sie mssen ihn als Feldherrn oft
bewundern und als Staatsmann zuweilen achten, und es erregt eben Ihren Ha, da
er die Vorzge des Geistes und das Glck seiner Waffen mibraucht, um die Welt
mit Krieg zu verheeren, die Vlker zu unterdrcken und im Uebermuthe seines
Glckes den heiligsten Empfindungen Hohn zu sprechen. Wrden Sie in dem
allgemeinen Feinde gar nichts Achtungswerthes finden, so wrden Sie Ihr Gefhl
nicht selbst glhend nennen, sondern ein kalter, auf Verachtung begrndeter Ha
wrde Ihre Brust erfllen, und dieser wrde alles Andere eher, als eine
Begeisterung gegen den gemeinsamen Feinb hervorrufen.
    Unser Gesprch hat uns weit von dem Gegenstande abgefhrt, sagte der junge
Graf, den ich zu berhren wnschte.
    Ich glaube nicht, erwiederte sein Oheim, denn ich bezweifle nicht, mein
lieber Vetter, da Sie seit Kurzem zu einem Bunde gehren, der sich vorzglich
auf Tugend grnden will, und darum haben wir uns wohl nicht zu weit von unserm
Gegenstande entfernt, wenn wir gemeinschaftlich berlegen, welche Art von Zorn
oder Ha mit der Tugend im Bunde sein kann.
    Da sein junger Verwandter mit Bestrzung schwieg, setzte der Graf hinzu: Ich
will Ihnen kein Geheimni entreien und bin auch hiezu um so weniger berechtigt,
als ich, um jedes Miverstndni zu vermeiden, zugleich erklren mu, da ich
nach meinen Grundstzen zu keiner geheimen Gesellschaft gehren kann.
    Sie wrden sich also ausschlieen, fragte sein Verwandter mit Bestrzung,
wenn alle Edeln sich zu vereinigen strebten, um einen Zustand zu endigen, der
uns alle erniedrigt?
    Keineswegs, sagte der Graf, und ich hoffe noch den Zeitpunkt zu erleben, wo
ich es beweisen kann, da mein ganzes Vermgen und der letzte Tropfen meines
Blutes meinem Knige und meinem Vaterlande gehren; aber ich bin nicht fr
geheime Gesellschaften, obgleich ich es einsehe, da Verhltnisse eintreten
knnen, in welchen sie beinah nothwendig werden, und ich nicht so blind bin,
nicht erkennen zu wollen, wie schwer, ja beinah unmglich jetzt ein ffentliches
Zusammentreten der Guten sein wrde; das traurige Ende des unglcklichen Palm
hat uns gezeigt, wie weit die Machthaber im Stande sind zu gehen. Aber auch im
gegenwrtigen Augenblicke kann ich solche Vereinigung nur wie ein nothwendiges
Uebel betrachten.
    Es ist mir diese Ansicht um so mehr befremdend, sagte der junge Graf, als
ich die Ueberzeugung habe, da die bedeutendsten Staatsmnner entweder selbst an
dieser Verbindung Theil nehmen oder sie doch wenigstens beschtzen.
    Sie haben vielleicht eine hnliche Ansicht von der Lage der Dinge, wie ich,
erwiederte der Graf.
    Auch kann eine Verbindung kaum eine heimliche genannt werden, sagte sein
junger Verwandter, die in allen ihren Bestrebungen von den einsichtsvollsten
Staatsmnnern gekannt und gebilligt wird.
    Eben darum, erwiederte sein Oheim, wird sie, geleitet von diesen Mnnern, in
der nchsten Zeit unendlich viel Gutes leisten. Aber wenn die Drangsale der
Gegenwart vielleicht besiegt sein werden, wird sie sich dann ruhig auflsen,
wenn der angegebene Zweck erfllt ist, oder wird sie fortbestehen wollen, um
andere Zwecke, die ihr jetzt fremd sind, zu verfolgen? Die ist eine Frage, die
Sie mir nicht beantworten knnen, und die ist die Ursache, wehalb ich mich
unmittelbar nicht anschlieen und durch keinen Eid mit einer Gesellschaft
verbinden kann; auch bin ich nicht mehr jung genug, um unbedingt fremden,
unbekannten Obern folgen zu knnen, da ich seit lange gewohnt bin, nach eigener
Einsicht zu handeln.
    So wre denn die Hoffnung meiner Freunde und meine eigene auf Ihren Beistand
vergeblich? sagte der junge Graf.
    Das nicht, erwiedete sein Oheim, wenn ich auch nicht unmittelbar zu Ihrer
Verbindung gehre, so bin ich doch von ganzem Herzen bereit, jeden einzelnen
guten Zweck, den Sie zu erreichen streben und mir mittheilen wollen, damit ich
beurtheilen kann, ob auch ich ihn fr gut halte, aus allen Krften zu
untersttzen, besonders wenn Sie mir versprechen wollen, sich sogleich von
dieser Verbindung zu trennen, so bald der jetzt angegebene Zweck, die Befreiung
des Vaterlandes von den Franzosen, erreicht ist.
    Wenn das erreicht ist, sagte der junge Graf mit glhenden Wangen, wofr wir
alle bereit sind, unser Blut bis auf den letzten Tropfen zu vergieen, wenn wir
unser Vaterland vom fremden Drucke befreit sehen, wenn unser Knig wieder in der
Mitte seiner Unterthanen mit Ruhe und Sicherheit fr das Wohl Aller wachen, und
Milde und Gerechtigkeit ben kann, dann bedarf es keiner Verbrderung mehr, und
gewi kehren dann Alle wieder ruhig unter den Schutz der Gesetze zurck.
    Habe ich Ihr Wort, da wenigstens Sie so handeln werden? fragte der Graf.
Gewi, erwiederte sein Verwandter, indem er die dargebotene Hand des Oheims
ergriff. Unter solchen Bedingungen, sagte dieser, knnen Sie mich gewissermaen
als ein Ehrenmitglied Ihrer Vereinigung betrachten, deren von mir gekannte und
gebilligte Absichten ich aus allen Krften untersttzen werde, und deren
jetziges hochwichtiges Bestreben ich keinesweges verkenne.
    Es wurde ber diesen in der damaligen Zeit hchst wichtigen Gegenstand noch
Vieles gesprochen und errtert, und der Graf sagte endlich: Nachdem wir nun so
viel ber ffentliche Angelegenheiten gesprochen haben, sollten Sie mir denn
nichts ber Ihr eigenes Glck zu vertrauen haben? Der junge Graf bekannte seinem
Oheim die lang genhrte zrtliche Neigung fr die schne Therese und den
Vorsatz, ihr seine Hand anzubieten, obgleich er ihr kein glnzendes Loos
versprechen knne. Der Oheim billigte sein Gefhl fr ein zrtliches, edles
Wesen, dessen Neigung fr seinen Verwandten er lange errathen hatte. Er freute
sich ber eine Verbindung, die, wie er glaubte, Beide beglcken msse, und
schlo endlich, indem er lchelnd sagte: Und nun lassen Sie auch mich Ihnen
einen Plan mittheilen, den ich seit einiger Zeit mit stillem Vergngen innerlich
ausbilde, und der Ihr husliches Glck und Ihr ffentliches Wirken vereinigt
frdern knnte. Der junge Graf erwartete mit Spannung, was sein Oheim ihm
mittheilen wolle, und dieser fuhr fort: Sie haben, mein lieber Vetter, so vieles
Trbe im Leben erduldet, da die einigermaen in Ihren Charakter berzugehen
droht; dehalb wre es mein Rath, da Sie ein Jahr Ihres Lebens daran wendeten,
diesen Trbsinn wieder los zu werden und von der Welt etwas mehr kennen zu
lernen, als den engen Raum, auf dem Sie sich bis jetzt unter ungnstigen
Umstnden bewegt haben. Dabei knnten Sie die Gesinnungen in Deutschland mit
Behutsamkeit zu erforschen streben, vielleicht auch Verbindungen knpfen, die in
der Zukunft fr Ihre Plne dienlich wren; zugleich knnten Sie sich die
nthigen Kenntnisse von der Landwirthschaft verschaffen, einen tchtigen Mann in
diesem Fache zu Ihrem Beistande auffinden, und wenn Sie mit einem solchen nach
einem Jahre zurckkmen, dann wrde ich Ihnen meine Gter zur Verwaltung
bergeben und die Bedingungen natrlich so einrichten, da Ihnen bedeutende
Mittel bleiben, Ihre Plne zu verfolgen; dann knnten Sie Neuerungen einfhren,
ohne aufzufallen; Sie knnten die Schulen verbessern und die Jugend in den
Waffen ben, und kme die Zeit, so knnten Sie die jungen Landleute von meinen
und Ihren Gtern wohl bewaffnet und wohl gebt dem Knige zufhren, und an deren
Spitze selbst fr unser aller Wohl fechten.
    Der junge Graf war entzckt ber diesen Plan, nur betrbte es ihn, da er
sich von Neuem von seiner schnen Freundin trennen sollte. Auch fr diese, sagte
sein Oheim, ist ein Aufschub ihrer Verbindung heilsam. Das arme Kind hat so
vielen Druck des Lebens erduldet, da ihre Gesundheit darunter gelitten hat;
lassen Sie diese sich jetzt erst wieder befestigen und gnnen Sie ihr die Zeit,
unter Anleitung der Grfin ihre Bildung zu vollenden, die sie, durch ungnstige
Umstnde verhindert, frher hat versumen mssen, und die sie um so weniger
entbehren kann, da sie die Leitung eines Hauses, die Sorge fr eine entstehende
Familie ohne den Beistand einer erfahrnen Mutter bernehmen mu.
    Der junge Graf umarmte mit dankbarem Entzcken seinen gtigen Oheim und ging
freudig in dessen wohlwollende Plne ein. Es wurde nun noch beschlossen, die
Mutter des jungen Grafen und seine Schwestern in Breslau wohnen zu lassen, damit
die Erziehung der letzteren dort vollendet werden knne, und der junge Graf
sowohl, als sein Oheim faten den ernsten Entschlu, jede unntze Ausgabe zu
meiden, um den Ueberschu ihrer Einknfte zum Wohle des Vaterlandes verwenden zu
knnen. Zuletzt erinnerte noch der Graf seinen Vetter an die Nothwendigkeit, die
stattgefundene Unterredung dem Obristen Thalheim in so weit zu verschweigen, in
wie weit sie das Wohl des Vaterlandes betraf, weil bei dessen heftiger Liebe fr
den Knig und daraus entspringendem heftigem Ha gegen dessen Feinde nicht
Vorsicht genug von ihm zu erwarten war, und er also leicht, ohne es zu wollen,
in freudiger Hoffnung Dinge verrathen knne, die durchaus verschwiegen bleiben
muten.
    Von neuen entzckenden Hoffnungen erfllt erschien der junge Graf mit seinem
Oheime zum Frhstck im Saal, wo man Beide schon erwartete. Aber er konnte nicht
Theil nehmen an heiteren Gesprchen; er sehnte sich nach der Einsamkeit und
verlie dehalb die Gesellschaft bald, um auf einem langen einsamen Spaziergange
die mannigfachen Gefhle in seinem Busen gegen einander auszugleichen. Zum
ersten Mal lachte ihm das Leben in heiterem Glanze entgegen, die Sehnsucht
seiner Liebe, die er bis jetzt nur zaghaft zu nhren gewagt hatte, sollte nun
auf's Schnste befriedigt werden, und zugleich zeigte sich ihm ein Weg, seine
begeisterte Liebe fr seinen Knig und sein Vaterland thtig zu beweisen, und er
fhlte in dem Mae den persnlichen Ha in seiner Brust sich mildern, als sich
ihm die Mittel zeigten, seiner Liebe genug zu thun; so da er sich leise im
Inneren gestehen mute, da sein Oheim wohl Recht haben mge in seiner
Andeutung, da Liebe und Zorn vereinigt zu Thaten begeistern knnen, der Ha
aber eigentlich durch das Gefhl der Ohnmacht erzeugt wird. Er dachte an seinen
unglcklichen Vater, an dessen feindliche Stimmung gegen alle Menschen, und wie
auch dessen Ha aus dem Gefhle entsprungen sei, da er sich nicht aus den ihn
bedrckenden Verhltnissen loszuwinden vermge. Ach, armer Vater! seufzte er,
wenigstens darin hattest Du Recht, da sich mein Loos glcklicher gestaltet, und
da es nicht Tugend in mir ist, wenn mein Herz wrmer fr die Menschen schlgt,
als das Deine, von Allen mihandelte. Mit Beschmung dachte er daran zurck, in
welcher feindlichen Stimmung er das Haus seines Oheims das erste Mal betreten
hatte, dem er nun Alles verdanken sollte, die beglckende Befriedigung seiner
innigen Liebe und die stolze Hoffnung, die seinen Busen erweiterte und
schwellte, so oft sie in seinem Geiste Raum gewann, da er einst an der Spitze
von Braven dem gemeinsamen Feinde entgegen rcken und zur Befreiung des
Vaterlandes beitragen wrde.
    Er hatte sich, vertieft in solche Gedanken, weit vom Schlosse entfernt, ohne
es zu bemerken, und suchte nun den Rckweg durch anmuthige, enge Schluchten,
indem er dem Laufe der Bche folgte. Er erreichte endlich die Ebene wieder,
bemerkte aber, da er sich dem Garten seines Oheims von der entgegengesetzten
Seite des Schlosses her nherte. Ein Diener, der den krzeren Weg zu einer nahe
gelegenen Mhle gehen wollte, ffnete eben die Hinterthre, die auf eine mit
Bumen bewachsene Wiese fhrte, und der junge Graf benutzte die Gelegenheit, den
Garten von dieser Seite zu betreten. Wie er durch die schattigen Gnge hinging,
hrte er mit Befremden ganz in der Nhe Schsse fallen, und als er sich eilig
der Gegend nherte, woher der ihn beunruhigende Schall kam, migte er bald
seine Schritte, denn er hrte St. Juliens Gelchter und erreichte auch bald eine
kleine Ebene, die durch eine leichte Einfassung von dem brigen Garten getrennt
war, und die St. Julien zum Platze fr Waffenbungen bestimmt zu haben schien,
denn er und der junge Gustav waren eben damit beschftigt, nach dem Ziele zu
schieen, und St. Juliens Gelchter erscholl jedes Mal, so oft der junge Mensch
fehlte. Der junge Graf hielt sich nah verborgen und bemerkte, da St. Julien
meisterhaft scho, mit sicherer Hand und gebtem Auge beinah niemals fehlte, da
aber auch sein junger Freund nicht so viel Spott und Tadel verdiente, wie ihm
durch seinen wohlwollenden Lehrer zu Theil wurde. Jetzt ist genug Pulver
verdorben, hrte er St. Julien endlich sagen, jetzt zu den andern Waffen, und
die Rapiere wurden von Beiden ergriffen, und hier erndtete der Schler selbst
von seinem Meister Lob. Der junge Graf hatte der Waffenbung eine Zeitlang mit
Theilnahme zugesehen, ehe er seine Gegenwart bemerken lie. Er betrachtete mit
einem sonderbaren Gefhle den Eifer, welchen der junge Franzose anwendete,
seinem aufmerksamen Schler den Gebrauch der Waffen zu lehren, und konnte sich
nicht enthalten, schaudernd an die Mglichkeit zu denken, da dieser die
erlernten Vortheile ein Mal gegen den Lehrer selbst anwende. Ja er dachte daran,
da er selbst, wenn seine Sehnsucht erfllt werden sollte, dann auch dem Freunde
feindlich gegenber stehen msse, und betete innerlich, da nie eine
Nothwendigkeit eintreten mge, die ihn zwnge, sein Schwert gegen dessen Brust
zu richten.
    Um diesen peinlichen Gedanken los zu werden, machte er seine Gegenwart
bemerklich, indem er St. Julien rief. Dieser warf die Waffen von sich und
schwang sich mit Leichtigkeit ber die niedrige Umzunung; nun! rief er dem
Freunde zu, haben Sie die Grillen auf den Bergen gelassen, die heute Morgen Ihre
edeln Gedanken beschftigten, und kann man wieder Antworten erwarten, wenn man
Sie anredet?
    Zunchst, sagte der junge Graf, danke ich Ihnen, da Sie sich fr die
Ausbildung meines jungen Freundes bemhen.
    Ach, das thun wir gegenseitig, sagte St. Julien, Der dort ist gegen mich
gerechnet ein Gelehrter, er steht mir mit den Gaben seines Geistes bei, und ich
suche ihm das Aeuerliche beizubringen, und ich wollte nur, ihm gelnge es mit
mir so gut, wie mir mit ihm; denn betrachten Sie nur, wie er ganz das
schulmeisterliche Ansehen unter meinen Hnden verloren hat; aber auch ich mache
ihm wenigstens keine Schande, ja bei dem neulichen Konzert legte ich durch
seinen Beistand selbst Ehre ein, denn er hatte mir meine Stimme vortrefflich
eingebt.
    So verstehst Du Musik? fragte der junge Graf berrascht.
    Mein Vater war ein so gelehrter Musiker, erwiederte der junge Mensch mit
Bescheidenheit, da er Kantor an der Hauptkirche der grten Stadt htte sein
knnen, und er hat mich frh angehalten, Generalba und Kontrapunkt zu studiren;
ich hatte nur in der letzten Zeit keine Gelegenheit Musik zu ben und habe darum
die Fertigkeit im Spielen verloren.
    Das ist nicht wahr, rief St. Julien, ich habe seit einigen Tagen ein
Instrument auf meinem Zimmer und wei darum, wie gut er spielt.
    Ach lieber Herr St. Julien, sagte der junge Mensch, Sie verstehen zu wenig
von Musik, als da Sie es recht beurtheilen knnten, ob ich gut spiele.
    Der junge Graf konnte sich des Lchelns ber diese Treuherzigkeit nicht
erwehren; St. Julien aber brach in ein lautes Gelchter aus; nein, mein Lieber,
rief er, diese deutsche Aufrichtigkeit mssen Sie sich abgewhnen, wenn Sie
nicht gar zu oft gezwungen sein wollen, die durch meinen Unterricht erworbenen
Fechterknste zur Vertheidigung Ihrer Worte anzuwenden.
    Ich wollte Sie ja nicht beleidigen, sagte der junge Mensch verwirrt.
    Ich bin auch nicht beleidigt, erwiederte St. Julien, denn ich habe zu viel
Selbsterkenntni, als da ich nicht einsehen sollte, da Sie Recht haben; aber
man ist es doch in der feinen Welt nicht gewohnt, die Mngel des Nchsten so
offenherzig rgen zu hren; brigens, fuhr er, gegen den jungen Grafen gewendet,
fort, bin ich schon selbst so ehrlich gewesen, meine geringe Kenntni und sein
groes Verdienst ffentlich einzugestehen, denn ich konnte nicht das allgemeine
Lob, wie gut ich neulich meine Stimme in unserm Konzert ausgefhrt habe, ganz
allein auf meine Rechnung hinnehmen, ich entdeckte also den Damen den heimlich
mir geleisteten Beistand, und es wurde beschlossen, da der junge wrdige Mann
die Stelle eines Kapellmeisters bei unsern musikalischen Uebungen bernehmen
soll; aber er weigert sich hartnckig, wie ich auch auf ihn einrede, und er mu
doch nachgeben, denn ich habe den Damen seinen Beistand versprochen.
    Wehalb willst Du denn diese Geflligkeit nicht haben, fragte der junge Graf
den Jngling. Weil der alte gutmthige Aristokrat Dbois tausend Einwendungen
hat, rief St. Julien, die Frage an des jungen Mannes Statt beantwortend.
    Ich werde Dbois bitten, sagte der junge Graf, meiner Tante seine Ansicht
mitzutheilen; wenn sie ebenfalls seiner Meinung ist, so knnen wir weiter nichts
thun; wenn sie aber Deine Theilnahme an der Musik wnschen sollte, so wirst Du
Dich gewi nicht weigern, Deine Freunde zufrieden zu stellen. Gewi nicht, rief
der Jngling, sobald die Frau Grfin es befiehlt und Herr Dbois nichts dagegen
hat.
    In der That, sagte St. Julien lchelnd, wenn ich nicht von Natur bescheiden
bin, so wird diese Aufrichtigkeit mich doch nach und nach dahin bringen, es zu
werden. Er zeigt ganz unverhohlen, da meine Bitten nichts wiegen in der Schale,
auf der er seine Handlungen abmit.
    Dieser scherzhafte Streit wurde durch einen Bedienten unterbrochen, der St.
Julien aufsuchte, um ihm einen Brief abzugeben, der eben mit der Post gekommen
war.
    Von meiner Mutter! rief dieser freudig berrascht und verlie die Freunde,
um in der Einsamkeit die Worte der Liebe zu lesen, die eine zrtliche Mutter an
ihn richtete.
    Der junge Graf unterrichtete nun den Jngling Gustav davon, da er mit
seinem Oheim den Plan zu dessen fernerer Ausbildung verabredet habe. Fr's Erste
sollte er nach Breslau, um auf der dasigen gelehrten Schule die lange
unterbrochenen Studien fortzusetzen, und dann auf eine Universitt, die er
selbst whlen knne. Sein Beschtzer nannte ihm die fr ihn bestimmte jhrliche
Summe, die weit des dankbaren Jnglings Erwartungen bertraf. Ich werde selbst
nur noch einige Wochen hier bleiben, schlo der junge Graf, und dann eine Reise
antreten; dehalb bitte ich Dich, so lange ich jetzt hier bin, auch zu bleiben,
denn es wrde mir wehe thun, wenn Du Dich so schleunig von mir trennen wolltest.
    Bin ich denn nicht Ihr Eigenthum, rief der Jngling, indem er sich seinem
edeln Beschtzer in die Arme warf; wre ich nicht ohne Sie verloren,
wahrscheinlich im Elend umgekommen? Und nun wollen Sie mich bitten, da Sie doch
wissen, da jedes Wort, jeder Wink von Ihnen mir Befehl und Gesetz ist?
    Vergi nicht, sagte der Graf bewegt, da ich Deiner Liebe und Pflege
ebenfalls mein Leben verdanke; Verbindlichkeiten also, die wir gegen einander
haben, sind einander gleich, und Du mut Dich nicht wie einen Untergebenen,
sondern wie meinen Freund betrachten, der nur darum von mir abhngt, weil ich
lter als er und dadurch berechtigt bin, seine Schritte zu leiten.
    Diese freundliche Unterredung wurde durch St. Juliens Rckkunft
unterbrochen, der sich mit ernsten Mienen und feuchten Augen den beiden Freunden
nherte. Lesen Sie, sagte er zu dem jungen Grafen, indem er ihm den eben
erhaltenen Brief hinreichte, Sie werden sehen, das schne Leben hier ist bald
geendigt, und Gott wei, wohin mich mein Schicksal fhrt. Der junge Graf nahm
den Brief, und inde er ihn las, ging St. Julien schweigend in einem Baumgange
auf und ab.
    Die Mutter des jungen Franzosen berichtete ihm in diesem Briefe, da sie die
persnliche Bekanntschaft des Generals gemacht habe, zu dessen Regiment er
gehre, und da dieser die Geflligkeit gehabt habe, ihr zu versichern, da aus
seiner langen Abwesenheit vom Regimente kein Nachtheil fr ihn erwachsen solle,
indem sie einzig seinen gefhrlichen Wunden und der damit verbundenen Krankheit
zugeschrieben werden sollte. Der Kommandant der Festung wrde den Befehl
erhalten, ihn als einen wegen Wunden und Krankheit zurckgebliebenen
Kriegsgefangenen von der preuischen Regierung zurck zu fordern, und ihm dann
noch einen Urlaub fr zwei Monate gewhren zur vlligen Wiederherstellung seiner
Gesundheit. Nach Ablauf dieser Zeit msse er sich aber bei seinem Regimente
einfinden, dessen Bestimmung unbekannt sei, das aber vermuthlich nach Italien
gehen werde.
    Vor Ablauf dieser Zeit, schlo die Mutter, wrde sie unfehlbar auf Schlo
Hohenthal erscheinen, um seinen edeln Freunden zu danken, und in der
Gesellschaft des geliebten Sohnes nach Frankreich zurckreisen.
    Die Blicke des jungen Grafen ruhten noch ernst auf dem gelesenen Blatte, als
St. Julien wieder zu ihm trat, um den Brief zurck zu nehmen. Nicht wahr, fragte
er seinen Freund, es krnkt Sie auch, da wir sobald uns trennen sollen? Ja
wohl, sagte der junge Graf mit einem tiefen Seufzer, und Gott wei, wie wir uns
noch einmal gegenber stehen mssen.
    Sie werden doch nicht fremde Dienste nehmen wollen, um gegen uns zu fechten?
fragte St. Julien berrascht. Gewi nicht, versetzte sein Freund mit bitterem
Lcheln.
    Nun dann ist keine Gefahr vorhanden, sagte St. Julien leichtsinnig, da wir
uns gegenseitig erschlagen mten, denn Preuen kann nicht mehr wider uns,
sondern mu mit uns sein, und auf diesen Fall wren wir ja Freunde und
Waffenbrder.
    Junger Mann, erwiederte sein Freund, indem er beide Hnde auf die Schultern
des jungen Franzosen legte, ich wollte, Sie htten etwas deutsches Blut in den
Adern, dann wrden Sie ahnen, was noch alles in dem dunkeln Schooe der Zukunft
ruht; doch wozu, fuhr er, sich selbst unterbrechend, fort, sollen wir noch
Schreckbilder aus der Ferne herbeirufen, da unsere Trennung an sich betrbend
genug ist.
    Ja wohl, seufzte St. Julien; mit welchen Schmerzen werde ich von hier
scheiden. Indem er die sagte, blickte er in die Ferne, und sein Freund
bemerkte, indem er ebenfalls die Augen dahin richtete, Emilie und die Grfin,
die durch einen langen Baumgang sich dem Platze nherten, auf welchem die jungen
Mnner versammelt waren, die sogleich den Damen entgegen gingen. Der Jngling
Gustav wollte sich zurckziehen, aber St. Jlien bemerkte selbst in seinem
Schmerze dessen Absicht. Er fate dehalb seinen Arm und zwang ihn so, sich
ebenfalls den Damen entgegen zu bewegen. Emilie bemerkte den Kummer in den Augen
St. Juliens, und ihr ngstlich fragender, theilnehmender Blick wirkte zauberhaft
auf den jungen Mann. Die Wolken des Kummers schwanden und das reinste Entzcken
leuchtete aus seinen Augen. Die Grfin war heiter und fragte nach den ersten
Begrungen lchelnd: Nun, haben Sie Ihren Kapellmeister geneigt gefunden, die
ersten Proben zu Ihrem groen Koncert heut Nachmittag zu leiten?
    Er schlgt mir hartnckig allen Beistand ab, erwiederte St. Julien, wenn ihm
Dbois nicht die Erlaubni dazu ertheilt.
    Ich habe mit Dbois schon darber gesprochen, sagte die Grfin gtig; er
sieht es ein, da es eine Thorheit wre, wenn man um klglicher Rcksichten
Willen in seinem Hause nicht sein eigner Herr sein wollte.
    Nun, sagte St. Julien mit einem gutmthig schadenfrohen Blick auf Gustav,
der Sieg wre also mein, und heut Nachmittag ist trotz Dbois Weisheit die erste
Probe.
    Wenn Sie auch ber mich spotten, erwiederte der Jngling empfindlich, so
bleibe ich doch dabei, da ich nichts gegen Herrn Dbois Rath unternehmen werde.
Er ist viel zu gtig gegen mich gewesen, als da ich ohne Undankbarkeit anders
handeln knnte. Sie haben Recht, sagte die Grfin, indem sie ihm gtig die Hand
reichte, die der Jngling mit groer Ehrerbietigkeit kte. Ich achte selbst
Herrn Dbois so hoch, da ich nichts thun mchte, was ihn krnken knnte, und
ich wrde lieber auf ein Vergngen Verzicht leisten, als ihm einen Kummer
verursachen, und Herr St. Julien denkt im Grunde eben so, wie ich.
    Ja wohl, rief dieser mit inniger Empfindung, ich glaube, ich bin ihm noch
mehr Dank schuldig, als unser Freund Gustav, und mich freut es, setzte er
lchelnd hinzu, da er ihm erlaubt, die Wrde unseres Kapellmeisters anzunehmen,
denn sonst, sehe ich, htten wir doch wohl darauf Verzicht thun mssen.
    St. Julien konnte sich nicht entschlieen, die schne Heiterkeit auf
Emiliens Stirn durch die Nachricht zu trben, da er bald wrde scheiden mssen;
auch schienen ihm zwei Monate in diesem Augenblick noch ein langer Zeitraum, in
welchem jede Stunde eine neue Art von Freude brchte, so da er selbst sich den
Genu nicht trben wollte. Er beschlo aber, dem Grafen den Brief seiner Mutter
mitzutheilen, weil nun doch bald auf die Forderung des franzsischen
Kommandanten der Festung *** von der preuischen Regierung demselben die Weisung
zukommen mte, den bezeichneten Kriegsgefangenen zu stellen.
    So war also nun der Jngling Gustav, der als ein armer Knabe auf Schlo
Hohenthal angekommen war, zum Erstaunen der Bedienten, erst von ihnen
abgesondert, dann wie ein junger Edelmann gekleidet, endlich in den Saal ihrer
Herrschaft eingefhrt worden, und er nahm Theil an deren Gesellschaft und an
ihren Vergngungen. Die groe Kenntni der Musik, die er vor Allen voraus hatte,
wurde nicht blo St. Julien ntzlich, sondern auch den Damen, deren Singbungen
er besser zu leiten verstand, und den Bitten der schnen Therese gelang es
sogar, da der junge Graf sich entschlo, die fehlende Bastimme zu bernehmen;
aber freilich verursachte er bei seinem gnzlichen Mangel an musikalischer
Kenntni dem jungen Kapellmeister die meiste Beschwerde, der gerade eine Ehre
darin suchte, da sein Beschtzer sich besonders auszeichnen sollte.
    So schwanden die schnen Herbsttage dahin unter abwechselnden Spaziergngen,
Vorlesungen und musikalischen Uebungen, und der Jngling Gustav fehlte nie in
dem freundlichen Kreise, der nur durch den Prediger, den Arzt und den Obristen
vermehrt wurde, denn der Graf hatte sich von aller Gesellschaft zurck gezogen
und als Grund offen die Nothwendigkeit des Ersparens angegeben, weil das
Vaterland so vieler Opfer bedrfe, und er bemerkte oft, da es ein peinliches
Gefhl sei, sich unntze Ausgaben zu erlauben, inde, sagte er, unser erhabenes
Knigshaus ein so edles Beispiel des Entsagens giebt. Es war die gewi die
innere Empfindung des Grafen, aber er benutzte die Gelegenheit auch gern, sich
von dem Umgange mit dem benachbarten Adel zurck zu ziehen, denn es war ihm
nicht unbekannt geblieben, wie viele Gesprche ber seine Gemahlin der
unangenehme ffentliche Auftritt zwischen derselben und ihrem Bruder bei dem
Friedensfeste des Baron Lbau veranlat hatte.
    St. Julien theilte dem Grafen den Brief seiner Mutter mit, und beide Mnner
sahen seufzend ein, da die Trennung nothwendig und nah sei. Der Graf gestand
sich trauernd, da er die Lcke nicht auszufllen vermchte, die durch des
jungen Mannes Entfernung in seinem Herzen entstehen wrde, aber er verschwieg
diesen Kummer, und so waren Alle scheinbar heiter und Jeder suchte dem Andern
den Schmerz ber die nahe Trennung zu verbergen, um die letzten Stunden des
Beisammenseins in ungetrbtem Frohsinn zu genieen.

                                       IX


Es war ein schner Sonntagnachmittag im Herbste des Jahres achtzehnhundert und
sieben, als der Doktor Lindbrecht nach einem migen Spaziergange seinen Freund,
den Pfarrer, besuchte und sich an dessen Theetisch in der Ecke eines Sophas
behaglich lehnte, um aus der von St. Julien erhaltenen Pfeife den Rauch in
gelinden Wolken im Zimmer zu verbreiten. Das auffallend groe, goldne Mundstck
derselben, so wie die berladene Verzierung mit Ketten, Quasten und Schnren in
allen Farben, sagte seinem Geschmacke zu. Lchelnd betrachtete er oft den
funkelnden Brillanten an seinem Finger, nahm zuweilen aus der auf dem Tisch
stehenden goldnen Dose Tabak und zog die schon zu weit hervorstehende feine
Wsche noch ein wenig mehr heraus, indem er mit gutmthigem Hochmuth seinem
Freunde erzhlte, der Graf habe nach der Genesung der Grfin seinen Gehalt
ansehnlich vermehrt und St. Julien auer dem Geschenke zum Andenken ihn noch fr
die Heilung seiner Wunden gromthig belohnt, so da ich mich jetzt, schlo er,
fr einen reichen Mann halten und vielleicht bald an eine vernnftige Heirath
denken kann.
    Der Pfarrer ging eben im Kopfe alle seine Bekannten durch, die er vielleicht
zu dieser Verbindung empfehlen knnte, als der Schulze des Dorfes mit Gerusch
eintrat, den Sonnenschein der Heiterkeit in allen Mienen. Der krftige Landmann
bersah in der Freude das strenge Gesicht seines Seelsorgers, womit dieser den
lauten, unehrerbietigen Eintritt tadeln wollte, und rief: Gott segne Sie, Herr
Prediger! Meine Mutter hatte Recht, als sie sagte: Peter, geh Du zum Herrn
Pfarrer, der schafft Deine Base heraus, mag sie stecken, wo sie will; die Wort
der guten alten Frau ist wahr geworden, Sie haben die Base herbeigeschafft.
    In der That, fragte der Geistliche, wird sie kommen?
    Sie ist schon hier, erwiederte der Schulze freundlich, und als eine vornehme
Madame ist sie angekommen, sie wird auch gleich hier bei Ihnen sein, sie wollte
selbst mit Ihnen ber die Erbschaft sprechen. Sehen Sie, da kommt sie mit meiner
Mutter und ihrer Tochter. Der Pfarrer trat zum Fenster und auch seine Gattin kam
neugierig herbei, so wie alle Kinder; nur der Arzt blieb in philosophischer Ruhe
in seiner bequemen Lage, denn ihn regte die Neugierde wenig an, die Verwandte
eines Plebejers, eines Bauern zu sehen.
    Die Frau des Predigers lchelte ein wenig ber den berladenen und fr ihr
Alter nicht anstndigen Putz der Ankommenden, der aber doch von groer
Wohlhabenheit zeigte. Eine ziemlich wohlbeleibte Frau nherte sich mit etwas zu
weit ausgreifenden Schritten dem Pfarrhause; ihr Kleid von hellfarbiger Seide
hatte sie etwas hoch aufgehoben, um nicht im Gehen gehindert zu werden; die
blaufarbigen Bnder der Haube flatterten im Winde und mischten sich mit rothen
Rosen, die den Kopfputz verzierten. Die Mutter des Schulzen war in ihrer
sonntglichen Kleidung, und Beiden folgte ein junges, weigekleidetes Mdchen,
deren groer Strohhut ihr Gesicht nicht bemerken, aber deren sehr schlanke Form
auf groe Jugend schlieen lie. Der Pfarrer wute nicht recht, ob er den
Ankommenden wie seines Gleichen entgegen gehen oder den Eintritt der Verwandten
eines Bauern ruhig erwarten sollte. Er entschied sich fr das Letztere, doch
that es ihm alsbald leid, als er mehrere Schnre echter Perlen um den
sonnverbrannten Hals der Eintretenden bemerkte.
    Die drei Frauen hatten das Wohnzimmer des Geistlichen betreten, und die
Fremde sagte mit etwas durchdringender Stimme: Nehmen Sie es nicht bel, Herr
Prediger, da wir Ihnen beschwerlich fallen. Der Arzt hatte sich um die
Ankommenden nicht gekmmert und war, in Gedanken versunken, sitzen geblieben.
Der Ton der Stimme aber, mit welcher die wenigen Worte gesprochen wurden, zuckte
wie ein elektrischer Schlag durch alle seine Nerven, und er sprang auf und stand
nahe vor der Angekommenen, ohne da er es wute. Diese betrachtete ihn einen
Augenblick, schlug die Hnde zusammen und rief: Ist es mglich, kann es sein,
mu ich den Hasenfu hier antreffen? Der Arzt sprang beleidigt zurck. Na, sei
Er nicht bse, rief die Fremde, indem sie ihm die Hnde entgegenstreckte und
sich nicht bemhte, die Thrnen zurck zu halten, die reichlich ber ihre
vollen, braunrothen Wangen flossen; Er wird sich ja nun wohl die Hrner
abgelaufen und von einer Tante, die es gut mit ihm meint, ein Wort vertragen
gelernt haben?
    Der Arzt wute nicht recht, wie ihm geschah. Frau Base, stammelte er und
wollte die dargebotene Hand mit Hflichkeit kssen; er wurde aber wohlmeinend an
eine volle Brust gezogen, mit krftigen Armen, denen sich nicht widerstehen
lie, umschlungen und drei bis vier Mal schallend gekt, indem er die noch
immer flieenden Thrnen warm an seiner Wange fhlte. Diese unverkennbaren
Zeichen des Wohlwollens brachten auch ein Gefhl der Rhrung bei ihm hervor.
Frau Base, sagte er, Sie haben Ihren Sinn gegen mich christlich gendert.
    Er war ja ein Narr, antwortete seine Verwandte, indem sie ihre Thrnen
trocknete; er bildete sich in seinem berstudirten Kopfe ja nur dummes Zeug von
mir ein. Ich habe es immer gut mit Ihm gemeint, so wie mein alter, guter seliger
Mann.
    So ist mein Oheim gestorben? fragte der Arzt mit Bestrzung. Ja wohl,
erwiederte die Wittwe, und bis zum letzten Augenblicke seines Lebens hat er
nicht aufgehrt an Ihn zu denken, fr ihn zu sorgen, und ich kann es Ihm sagen,
wie Er von Jena weggegangen war und Niemand wute, wo Er geblieben wre, haben
wir oft bitterlich geweint und es bereut, da wir Ihn so in die Welt hatten
hinein laufen lassen, und mein Alter sagte oft: Es ist zu hart, da wir ihm
nicht geschrieben haben; der arme Mensch hat alles Vertrauen zu uns verloren,
wir htten ihm seinen Fehler vergeben sollen; wer wei, in welchem Elende er
umgekommen ist. Solche traurige Gedanken hatten wir ber ihn, und nun, Gottlob!
finde ich Ihn hier ausgeputzt wie den Grotrken.
    Der Pfarrer und seine Familie umstanden die beiden sich erkennenden
Verwandten, und es gelang dem Ersten endlich, einige Ordnung in die Gesprche zu
bringen.
    Die Frau Professorin wurde, so bald sie als solche erkannt war, eingeladen,
auf dem Sopha neben ihrem Neffen Platz zu nehmen, wogegen sie sich nicht
strubte. Das junge Mdchen in ihrer Begleitung wurde von ihr als ihre Tochter
bezeichnet und gesellte sich zu den Tchtern des Predigers, auf deren
Aufforderung sie den groen Strohhut abnahm und ein feines, blasses Gesicht mit
groen blauen Augen zeigte, die sie schchtern beinah nach jeder Bewegung auf
die Mutter richtete, die ziemlich streng das Betragen der Tochter zu regeln
schien; starke Flechten von hellblonden Haaren vollendeten das Bild des jungen
Mdchens, das im Ganzen einen angenehmen Eindruck hervorbrachte. Als diese Gste
Platz genommen hatten, sah sich der Pfarrer verlegen nach dem Schulzen und
seiner Mutter um, die er nicht zu seiner Gesellschaft zhlen und auch als
Verwandte der Fremden nicht beleidigen wollte. Sie waren aber schon bereit, sich
zurck zu ziehen; denn wenn sie auch ihre vornehmen Verwandten mit Stolz
betrachteten, so wuten sie doch, da sie sich dem Geistlichen nicht als
Gesellschaft aufdrngen konnten. Der Arzt konnte sich noch immer in das, was ihm
begegnet war, nicht recht finden, und der Prediger suchte das Gesprch auf die
Angelegenheiten und auf die Begebenheiten der Frau Professorin zu leiten. Sie
war, wie alle Leute ohne Erziehung, gleich bereit, auf Beides offenherzig und
umstndlich einzugehen, und erzhlte: Wie ich in Gieen vor funfzehn Jahren
eintraf und nach meinem Vaterlande zurckkehren wollte, beschdigte ich mich
beim Absteigen vom Wagen so stark am Fue, da ich nicht weiter konnte und
einige Wochen da bleiben mute, um das Bein zu heilen. Whrend der Zeit hatte
ich einige gute Freunde gefunden, die mir sagten, ein gewisser Professor, der
sich vor lauter Gelehrsamkeit um nichts Anders bekmmern knne, suche eine
Haushlterin, auf deren Treue er sich verlassen knne, denn er sei ein Mann von
Vermgen. Ich sagte zu mir, was willst du zu Hause machen? Das Bauernleben bist
du doch nicht mehr gewohnt und suchst dann doch wohl wieder einen Dienst, also
besser gleich hier geblieben. So geschah es dann und ich nahm die Stelle bei dem
guten alten Manne an; aber, lieber Herr Prediger, was war bei dem fr eine
Wirthschaft! Jeder bestahl ihn, Jeder betrog ihn, seine Kollegia wurden ihm
nicht bezahlt, sein Geld nahmen ihm Heuchler und Betrger ab, kurz, es ging
Alles drunter und drber. Ich konnte das nicht mit ansehen. Zu seinem Besten
zankte ich mich mit ihm alle Tage, aber es half nichts, er konnte sich nicht
ndern. Ich stellte ihm hundert Mal vor, da er auf diesem Wege ein verlorner
Mann sei, und rieth ihm, eine Frau zu nehmen, die Gewalt ber ihn habe und ihn
in Ordnung halten knne, denn ich als seine Haushlterin knne darin nichts
thun. Seine Blutsauger lachten mich nur aus, wenn ich sein Geld eintreiben
wollte; er sah Alles ein, gab mir Recht, aber konnte sich immer nicht
entschlieen. Endlich hatten wir uns ein Mal wieder tchtig gezankt und ich
sagte ihm, wenn er keine Frau nehmen wolle, so wrde ich auch nicht bei ihm
bleiben, denn ich knne die unordentliche Wirthschaft nicht lnger mit ansehen.
Da sagte der gute Mann, was brauche ich denn in der Ferne zu suchen, was mir so
nahe im Wege liegt. Wir knnen uns ja gleich selber heirathen, meine gute
Leonore, wenn es nthig ist, eine Frau zu nehmen, um Ordnung im Hause zu haben.
Ich war anfnglich ganz bestrzt ber seine Rede; wie ich es aber gehrig
berlegt, fand ich, da er ganz recht htte. Ich erkundigte mich, ob er nahe
Verwandte habe. Niemanden, sagte er, als einen Schwestersohn, der bald hieher
auf die Universitt kommen wird, um unter meiner Anleitung Theologie zu
studiren, und fr den ich wie ein Vater zu sorgen denke. Nun, dachte ich, fr
den wird es auch besser sein, wenn er zugleich eine Muttr findet, denn ich
dachte nicht, Herr Prediger, wie ich mich mit dem alten Herrn Professor zu
dessen Bestem verheirathete, da uns Gott noch Kinder schenken wrde. Na, wie
gesagt, so gethan, wir waren ein Paar, ehe der Trotzkopf dort ankam. Ich sah es
wohl, dem war die Frau Base nicht recht, nicht vornehm genug, aber ich dachte,
das wird sich schon geben; findet er nur tglich seinen Tisch gedeckt und gute
Kle in der Suppe, so wird er wohl einsehen, da sein Oheim vernnftig darin
gehandelt hat, fr eine Pflegerin im Alter zu sorgen. Aber der Mensch war wie
verhext; je mehr ich ihm Alles nach dem Munde einzurichten suchte, um so grber
wurde er und blinzte immer tckischer mit den kleinen Augen. Das bemerkte selbst
mein guter Mann, der sonst auf wenig achtete, und ich hatte oft genug zu thun,
um ihn zufrieden zu sprechen. Ich sagte ihm oft: Jugend hat keine Tugend, wenn
er mehr zu Verstande kommt, wird ihm der dumme Hochmuth vergehen. Aber es wurde
tglich schlimmer. Endlich schrieb er gar meinem Manne, da er umsatteln und auf
die Doktorei studiren wolle. Sie wissen, Herr Prediger, jeder Mensch liebt seine
Profession, und ich dachte, meinen alten Mann wrde der Schlag rhren, wie er
den Brief las, denn Der hatte schon das Versprechen erhalten, da man ihn in
eine schne Pfarre einschieben wolle, wenn er ausstudirt haben wrde. Lorchen,
sagte der gute Mann zu mir, ich frchte fr meine Gesundheit, wenn ich den
Undankbaren spreche; bernimm Du es, ihm sein Unrecht zu zeigen. Ich that das
gern fr den alten Mann und wollte dem Springinsfeld zeigen, da er sein
Stipendium und Alles verlieren mte, wenn er nicht geistlich bliebe. Aber der
war grob wie ein Kannibale und fhrte so anzgliche hebrische Redensarten, von
denen er behauptete, sie stnden in der Bibel, da mir endlich, wie er gar dem
Apostel Paulus seine Grobheit zuschieben wollte, auch die Galle berlief und ich
ihm tchtig meine Meinung sagte.
    Am andern Morgen war der Brausekopf auf und davon, und wir weinten
hinterdrein, und ich weinte noch mehr, wie meine Tochter nach wenigen Tagen
geboren wurde, denn nun konnte er nicht Gevatter stehen bei dem Kinde, wie ich
ich es immer mit seinem Oheim ausgemacht hatte. Mein guter Mann sah, wie mich
das Alles krnkte, und schrieb nach Jena an einen guten Freund, den er dort
hatte, und der richtete es so ein, da dem Neffen alle Untersttzung zukam, die
er durch uns bekommen konnte, bald als Geschenk fr eine glckliche Kur, bald
auf andern Wegen, so da wir wuten, es ginge ihm dort nichts ab. Er blieb lange
in Jena, ohne uns weiter zu schreiben, als ein Mal. Mein seliger Mann wartete
immer auf Briefe und dachte ihm dann zu vergeben; denn fr ihn schickte es sich
doch nicht, mit der Vergebung aller Grobheit dem Neffen entgegen zu kommen; wer
aber nicht schrieb, das war der bermthige Patron, und so blieb es viele Jahre,
bis man auf ein Mal meinem alten Manne meldete, der Vogel sei ausgeflogen. Er
war aus Jena verschwunden und Niemand wute, wo er geblieben war. Ich wei
nicht, fuhr die gute Frau ernsthaft, den Kopf schttelnd, fort, ob mein lieber
Vetter alle die Thrnen verdient hat, die sein guter seliger Oheim um seinet
Willen weinte. Vor zwei Jahren, wie der gute Mann sein Ende nahe fhlte, sagte
er zu mir: Lorchen, wenn Du meinen Neffen auffinden kannst, so la ihm doch aus
meinem Nachlasse die Bibliothek und die Naturaliensammlung zukommen, wenn Du es
glaubst, da unser Kind es entbehren knne. Ich antwortete ihm, unsere Marie
wrde, wenn sie die Jahre htte, wohl ohne die Bcher und all den Kram einen
guten Mann finden, und ich wollte es dem Neffen geben. Er fragte mich, ob er
darber etwas aufzeichnen solle; ich antwortete aber, da es ihm bewut sei, da
ich keine Heidin wre, und da es keiner Schreiberei bedrfe, um seinen Willen
zu erfllen. Darauf ist Sein Oheim gestorben, lieber Vetter, und er kann alles
das Zeug nun haben.
    Wie, rief der Arzt erstaunt, die ganze Bibliothek, das ganze
Naturalienkabinet?
    Alles, erwiederte seine Verwandte, die Bcher, die Steine, die ausgestopften
Vgel und andern Thiere. Es hat mir Mhe genug gekostet, alles das Vieh zu
erhalten, und Gott wei, ob nicht doch die Motten die Kreaturen gefressen htten
trotz des vielen Pfeffers und Lavendels, der daran gewandt wurde, wenn sich
nicht ein Paar von meinen Herren Kollegen der Sache angenommen htten. Sie waren
immer Freunde des Seligen gewesen und hatten auch seine Liebhabereien, und so
wurde Alles erhalten.
    In der That, sagte der Arzt gerhrt, ich erkenne die Gromuth der
werthgeschtzten Frau Base, ganz wie ich soll.
    Na, was faselt Er nun wieder von Gromuth, lieber Vetter, erwiederte seine
Verwandte gutmthig; der Selige wollte ihm das alles gnnen, also kommt es ihm
zu, und es wre schlecht von mir gewesen, wenn ich es ihm htte verderben
lassen. Er verliert so dadurch, da uns Gott ein Kind bescheert hat, aber wenn
er sich nach etlichen Jahren ordentlich auffhrt, so kann er mein Schwiegersohn
werden mit der Zeit, und dann bekommt er mehr, als ohne mich der alte Mann, sein
Oheim, nachgelassen haben wrde, nicht einmal das zu rechnen, setzte sie mit
einer stolzen Bewegung des Kopfes hinzu, was ich hier noch erbe.
    Frau Base, Ihre Gte - - stammelte der Arzt
    Na, na, das ist nur so in's Blaue gesprochen, unterbrach ihn diese. Meine
Marie hat noch lange Zeit, das braucht Ihn nicht zu binden und mich auch nicht.
    Die schlanke Marie, ein Kind von dreizehn Jahren, betrachtete neugierig den
Arzt, den ihre Mutter so ohne Umstnde als den knftigen Brutigam bezeichnete,
inde dieser, verlegen errthend, an seinem Busenstreif zupfte. Es flogen ihm
alle Vortheile dieser Verbindung schnell durch den Kopf, aber auch die ihm
hchst anstige Verwandtschaft mit Bauern, die daraus entspringen msse. Er
richtete die halb zugedrckten Augen scharf auf das junge Mdchen, deren feine
Gestalt nichts Buerisches hatte, aus deren blassem Gesicht ihn die groe
Aehnlichkeit mit dem verstorbenen Oheim rhrend ansprach. Er beschlo also zu
berlegen, zu prfen und dann wie ein Mann sein Schicksal zu bestimmen. Da er
selbst seiner vermuthlichen Braut mifallen knne, fiel ihm gar nicht einmal
ein.
    Die Base hatte durch den Gedanken an eine mgliche nhere Verbindung mit dem
Vetter eine noch lebhaftere Theilnahme fr diesen gewonnen, und fragte ohne
Umstnde nach allen seinen Verhltnissen, worauf sie lauter befriedigende
Antworten erhielt. Der Prediger mischte sich in die Gesprch und hoffte durch
die nun anwesende ehemalige Dienerin der Grfin Vieles ber deren frhere
Verhltnisse zu erfahren. Er sagte also: Da Sie, meine werthe Frau Professorin,
in Ihrer Jugend die Baronin Schlebach und ihre Tochter auf Reisen begleitet
haben, so werden Sie sich ja freuen, die Letztere hier wieder zu begren. Was!
rief die Angeredete, indem sie aus groer Ueberraschung von ihrem Sitze
aufsprang, ist die Frau von Blainville hier? Frau von Blainville, wiederholte
der Prediger verwundert, ich meine die Grfin Hohenthal, die Gemahlin des
hiesigen Gutsherrn.
    So lebt sie also und hat sich wieder verheirathet? fragte die Wittwe des
Professors. Nun, setzte sie mit Rhrung hinzu, ich mu die Gnade Gottes preisen,
da er mir auch diesen Wunsch gewhren will, sie vor meinem Ende wieder zu
sehen; ich habe mir vergebliche Mhe genug gegeben, sie wieder aufzufinden.
    Also war die Grfin schon ein Mal verehelicht, sagte der Prediger, der sich
von seinem Erstaunen nicht erholen konnte.
    Haben Sie das nicht gewut? fragte die Fremde mit einem scharfen
Seitenblicke. Nein, erwiederte der Geistliche, es ist mir berhaupt Manches
auffallend gewesen; die Familie scheint Vieles zu verschweigen, und selbst die
vertraute Dienerschaft theilt das geheimnivolle Wesen, denn der Haushofmeister
Dbois ist eben so zurckhaltend wie seine Herrschaft. So ist der gute alte
Dbois auch hier, rief die Fremde in freudiger Ueberraschung. Sie kennen ihn
also? fragte der Prediger auf's Neue. Wie sollte ich nicht, rief mit Thrnen in
den Augen die Frau Professorin, indem sie vor Verwunderung die Hnde zusammen
schlug. Du groe Gte! morgen am Tage gehe ich auf's Schlo, sie alle zu
besuchen; Du mein Heiland! das htte ich nicht gehofft, auch den guten Alten
wieder zu finden nach so vielem Unglck, er war ja schon damals alt.
    Sie werden uns ja vieles Interessante mittheilen knnen, Frau Professorin,
sagte der Geistliche sehr freundlich. Sie uerten sich verwundert darber, die
Grfin lebend zu wissen, Sie drckten sich so aus, als ob sie Ihnen verloren
gegangen wre; das klingt ja Alles recht sonderbar und knnte wohl die Neugierde
erregen. Die Befragte richtete abermals einen scharfen Blick auf den Geistlichen
und erwiederte mit der Frage: Hat Ihnen denn die Grfin das nicht alles selbst
erzhlt? Keine Sylbe, erwiederte der Pfarrer, und auch hier unserm Freunde, der
doch der Arzt des Hauses ist, sind alle Verhltnisse desselben fremd. So,
erwiederte die Frau Professorin trocken, wenn das ist, so ist es ein. Zeichen,
da die Frau Grfin darber nichts sprechen will; denn Sie, mein lieber Herr
Prediger, haben eine so dreiste Art zu fragen, da man es sich schon recht fest
vornehmen mu, wenn man ein Geheimni bei sich behalten und Ihnen verbergen
will. Ich will nun gerade nicht damit sagen, da sich das fr einen
protestantischen Geistlichen schickt. Wenn Sie katholisch wren, so wre es was
Anders, denn die haben ihren Gtzendienst und ihre Ohrenbeichte, aber wir guten
Christen brauchen Gottlob unsern Priestern nicht Alles zu sagen.
    Verlegen und empfindlich erwiederte der Pfarrer: Nach Ihrer Antwort mu ich
glauben, da Sie mir eine recht bse Absicht zutrauen, wenn ich aus Theilnahme
mich nach den Verhltnissen der Grfin erkundige.
    Nehmen Sie es mir nicht bel, erwiederte die Base des Schulzen, ich bin mein
Lebelang treu gewesen, und was die Grfin fr gut gefunden hat Ihnen zu
verschweigen, werden Sie von mir auch nicht erfahren.
    Der Geistliche war auf's Aeuerste verletzt, da diese Frau mit buerischer
Gradheit ihm seinen Fehler so treuherzig vorrckte; zugleich mute er sich
tadeln, da er sie fr zu einfltig gehalten, da er vermuthlich alles, was er
wissen wollte, htte erfahren knnen, wenn er nicht geglaubt htte, hier ohne
alle Umstnde geradezu gehen zu drfen. Er schwieg also verdrielich. Der Arzt
hatte auf diese Unterredung seines Freundes mit seiner Base wenig geachtet. Sein
eigenes Schicksal beschftigte ausschlieend seine Gedanken. Der Besitz einer
bedeutenden Bibliothek, eines ansehnlichen Naturalienkabinets beglckte sein
Herz. Er dachte daran, wie er die alles wolle hieher kommen lassen, und dabei
fiel ihm die Nothwendigkeit ein, ein eigenes Haus zu haben, wenn er seine
Schtze recht genieen wollte. An diesen Gedanken knpfte sich der andere, da
alsdann eine Frau im Hause nothwendig sein wrde, und er blinzelte so oft nach
der schlanken Marie hinber, da diese trotz ihrer groen Jugend errthete. Auf
solche Weise war die Unterhaltung den Frauen berlassen, und die Frau des
Predigers vertiefte sich mit der Base des Arztes bald in ein Gesprch ber
husliche Einrichtungen, welches immer wrmer und lebhafter wurde, je mehr beide
Frauen ihre gegenseitigen Einsichten erkannten, und man wechselte laut und
lebhaft mit Fragen und Rathschlgen ab, worauf die beiden anwesenden Mnner
nicht zu achten schienen, sondern gedankenvoll und stillschweigend Tabak
rauchten, inde die jungen Mdchen in dieser langweiligen Umgebung nicht recht
wuten, was sie mit sich anfangen sollten.
    Wie ein Sonnenstrahl durch den Nebel dmmert, so wurde die drckende
Langeweile, die sich auf die Gesellschaft zu lagern begann, ein wenig durch
einen rasch vorfahrenden Wagen zerstreut, dessen zierliche, der neusten Mode
entsprechende Form sich im hellen Mondenschein bemerken lie. Der Prediger eilte
erstaunt den neuen Gsten entgegen, denen ein gut gekleideter Diener den Schlag
des Wagens ffnete, worauf ein junger, sehr zierlich gekleideter Mann
heraussprang, dem ein alter etwas mhsam folgte. Der Herr sei gelobt, der uns so
weit gefhrt hat, sagte dieser mit heuchlerischer Stimme, und der Prediger
erkannte den alten Lorenz. Er war zweifelhaft, wie er ihn aufnehmen sollte, als
dieser mit groer Unbefangenheit auf ihn zutrat und ihm die Hand mit
Vertraulichkeit bot, die der Prediger, berrascht, nicht ausschlug. Wir fuhren
so nahe bei Ihnen vorbei, lieber Herr Prediger, begann Lorenz, da ich es nicht
unterlassen konnte, Ihnen meinen Besuch zu machen, um so weniger, da auch mein
Sohn sehr wnschte, Ihnen nach so langer Zeit ein Mal wieder seine Achtung zu
beweisen. Die Neugier, diesen Sohn zu sehen, war in dem Augenblick das
berwiegende Gefhl des Predigers, und er nthigte die Angekommenen hflich,
einzutreten. Der junge Mann nherte sich mit leichten Schritten und sicheren
Gebehrden den Frauen, um sie zu begren, und nach einigen hflichen Worten, mit
denen er seinen spten Besuch bei der Frau des Predigers entschuldigte, musterte
er mit dreistem Blicke die Gruppe der jungen Mdchen, von welchen keine seinen
besonderen Beifall zu erhalten schien. Er fuhr sich hierauf mit den weien
Fingern durch die schwarzen Locken, ordnete vor dem Spiegel ohne Umstnde seine
Halsbinde und gesellte sich zu den Mnnern.
    Der Prediger konnte sein Erstaunen weder beherrschen noch verbergen, indem
er seine neuen Gste betrachtete. Jede Spur von Armuth war verschwunden; die
feinsten Kleider trug heute der alte Lorenz statt des abgetragenen Ueberrockes,
dessen er sich noch vor Kurzem bediente. Sie waren seinem Alter angemessen, aber
doch nach der Mode; den kahlen Scheitel deckte eine knstliche Percke, und
statt des im Walde geschnittenen Stockes diente ihm jetzt ein mit einem goldenen
Knopfe versehenes Rohr als Sttze.
    Der Arzt war durch das Gerusch der Eintretenden ebenfalls aufgeregt worden,
und indem er die neu Angekommenen begrte, betrachtete er mit scharfen,
stechenden Blicken den jungen Mann, der seine groen schwarzen Augen dafr
hchst ruhig auf ihn richtete.
    Irre ich nicht, redete ihn der Arzt mit vor Zorn flammenden Wangen an, so
habe ich schon ein Mal die Ehre gehabt, Ihnen zu begegnen. Ich wte nicht,
antwortete der junge Lorenz; ich bin jetzt erst kurze Zeit wieder hier im Lande.
Indem er diese Antwort hchst gleichgltig gab, nahm er aus einer goldenen Dose
ruhig Tabak.
    Der Arzt ergriff seine eigene, viel schnere goldene Dose, und indem er
heftig auf den Deckel schlug, rief er mit funkelnden, halb zugekniffenen Augen:
Ich dchte doch, Sie mten sich erinnern, was in Krumbach vorfiel, als ich Sie
dort in der Schenke traf.
    Ich halte mich nicht anders in Schenken auf, sagte der Andere verchtlich,
als wenn auf Reisen meine Pferde Ruhe bedrfen, und so kann es wohl sein, wenn
Sie solche Orte besuchen, da Sie mich ein Mal in der in Krumbach vorhandenen
getroffen haben, denn mein Weg hat mich mehrmals durch dieses Dorf gefhrt.
    Und Sie htten ganz vergessen, sagte der Arzt, indem er nahe auf ihn zutrat,
was Sie damals alles sprachen, als ich durch mein Pflichtgefhl getrieben die
Schenke besuchte, aus Menschlichkeit, die der Arzt niemals verlugnen darf, denn
Wehe dem, der sich zu vornehm dnkt, an das Schmerzenslager zu treten, mag es
stehen, wo es will. So knnen Sie mich in Schenken und an noch niedrigeren Orten
antreffen, wenn Pflicht und Menschenliebe es mir gebieten; wenn ich aber zu
meiner Erholung unter Menschen gehe, so werden Sie mich immer in der besten
Gesellschaft finden, zu der ich gehre.
    Es ist gut, da Sie mir das sagen, antwortete der junge Lorenz gleichgltig,
denn Ihre unntze, unbegreifliche Heftigkeit wrde mich das zum Beispiel nicht
haben errathen lassen.
    Der Arzt bemhte sich nun ebenfalls gleichgltig zu sprechen und fuhr
dehalb mit schlecht unterdrckter Heftigkeit fort: Es scheint also, Sie haben
rein vergessen, was Sie damals ber den Grafen Hohenthal sprachen, ber seine
Ergebenheit gegen die Franzosen, ber den verwundeten Herrn St. Julien, dessen
Leben ich mit Mhe erhalten hatte und der ein Spion sein sollte, der arme
Mensch, der weder sprechen, noch sich rhren durfte damals; jetzt, Gottlob! ist
er hergestellt und kann sich selbst verantworten. Haben Sie das alles ganz aus
Ihrem Gedchtnisse vertilgt?
    Wenn ich damals in der That solche Ansichten hatte, erwiederte der junge
Lorenz mit unzerstrbarer Ruhe und Gleichgltigkeit, so habe ich sie gewi mit
allen, die etwas von den Verhltnissen des Grafen wuten, getheilt, und ich sehe
nicht ein, was Sie darin beleidigen kann, und wenn Sie wirklich zur guten
Gesellschaft gehren, wie Sie versichern, so werden Sie selbst einsehen, da es
nicht passend ist, mich in einem fremden Hause ber eine Ansicht, die Ihnen
unrichtig scheint, mit Heftigkeit zur Rede zu stellen. Nach diesen sehr ruhig
gesprochenen Worten lie er den kampflustigen Arzt stehen und nahm einen
gleichgltigen Antheil an dem Gesprche seines Vaters mit dem Prediger.
    Der alte Lorenz hatte dem Geistlichen schon auf seine gewhnliche
heuchlerische Weise mitgetheilt, da er ein kleines Gut fr's Erste gepachtet
habe, da er aber wohl hoffen drfe, es werde in Jahresfrist das Eigenthum
seines Sohnes werden, der fr jetzt eine Stelle als Privatsekretair bei einem
bedeutenden franzsischen Generale annehmen wrde, der mit seinen Truppen noch
so lange in Preuen verweilen wrde, bis die Kontributionen alle abgetragen
wren; und es ist die eine vernnftige Einrichtung, schlo der alte Heuchler,
und Gott mge seinen Segen dazu geben, denn mein Sohn kann dem Herrn General
ntzlich sein in tausend Fllen, weil er die Rechte studirt hat, und kann auch
wiederum manchem Freunde dienen, der die Hlfe eines Landsmannes bei dem Herrn
General brauchen sollte.
    Es entgingen die schlechten Grnde dem Pfarrer nicht, welche die Handlungen
des Sohnes wie des Vaters bestimmten, und er betrachtete den jungen Mann mit
mitrauischen Blicken, als er sich in das Gesprch mischte.
    Die Base des Arztes redete diesen an und begann ihm Mancherlei von ihrem
verstorbenen Gemahl zu erzhlen; dadurch lenkte sich die Unterhaltung ohne Zwang
auf die Bibliothek und das Naturalienkabinet, und ging endlich auf merkwrdige
Krankheitsflle ber, die dem Arzte vorgekommen waren, und die sie sich
umstndlich erzhlen lie, so da dessen ble Laune gnzlich schwand und er nach
dem Abendessen, von ihr aufgefordert, mit Vergngen diese Verwandte, die er sich
eingestand verkannt zu haben, nach Hause zu begleiten versprach. Als sie nach
einem formellen Abschiede von dem Prediger und dessen Familie, und einer kaum
merklichen Verbeugung gegen Lorenz und dessen Sohn nun den Arm ihres Neffen
gefat hatte und im hellen Mondenscheine der friedlichen Wohnung des Schulzen
zuwandelte, sagte sie gutmthig scheltend: Er hat immer noch seinen
unvernnftigen Trotzkopf, Vetter; was fing Er nur fr unntze Hndel mit einem
Menschen an, der ihn in's Unglck bringen kann? So wie ich hrte, da der alte
Vater dem Prediger ohne Scham und Scheu erzhlte, da sein Sohn ein Franzose
wird, so fing ich nur gleich mit Ihm an Allerlei zu reden und lie mir geduldig
vorerzhlen, wovon ich kein Wort verstehe, damit Er nur nicht wieder mit dem
schlechten, jungen Menschen in Zank und dadurch in Unglck gerathen sollte; aber
sei Er fr die Zukunft vorsichtig, versprech Er mir das. Sie meinen es gut mit
mir, sagte der Arzt nicht ohne Bewegung. Das habe ich immer gethan, erwiederte
seine Verwandte, und umarmte und kte ihn herzlich, da sie das Haus des
Schulzen erreicht hatten. Die schlanke Marie reichte dem Vetter die Hand, die
dieser hflich kte, worber das junge Mdchen lebhaft errthete, und die
Verwandten trennten sich in der wohlwollendsten Stimmung.
    Der Prediger hatte den Verdru, da Lorenz und sein Sohn nicht die mindeste
Anstalt machten ebenfalls aufzubrechen, und er war gezwungen ihnen ein
Nachtlager anzubieten, damit er sich selbst zur Ruhe begeben knnte, und die
wurde von Beiden wie eine Sache, die sich von selbst verstnde, angenommen.

                                       X


Der Arzt hatte am Morgen des nchsten Tages den ihm etwas beschwerlichen Auftrag
seiner Base zu besorgen, und der Grfin ihre Ankunft und ihren Besuch fr
denselben Vormittag zu melden; denn wie sehr er sich auch mit dieser Verwandten
innerlich vershnt hatte, so kostete es ihm doch Viel, seinen Hochmuth zu
besiegen, und sie als Verwandte und zugleich als die ehemalige Dienerin der
Grfin zu bezeichnen. Diese war sichtlich erschreckt und erfreut durch die
unerwartete Nachricht, und suchte, sobald sie nur Fassung gewann, den Arzt auf
eine geschickte Art ber alle beim Prediger gefhrten Gesprche auszufragen,
aber ihre Unruhe wurde nicht gehoben, denn jenes Seele war besonders davon
erfllt, wie heldenmthig er sich nach seiner Meinung dem Verrther, dem jungen
Lorenz, gegenber benommen hatte.
    Er hatte die Grfin kaum verlassen, als diese Dbois rufen lie, um ihm das
Unerwartete mitzutheilen und ihn zu bitten, die ehemalige Dienerin zuerst zu
empfangen, um ihr die nthige Schonung zu empfehlen. Der alte Mann war bereit zu
thun, wozu sein eigenes Herz ihn trieb, und er begab sich hinunter, um die
Ankommende zu empfangen, ehe sie einen Diener des Hauses sprechen konnte, denn
der Haushofmeister kannte aus frheren Zeiten ihre groe Redseligkeit und konnte
nicht wissen, ob die Vernderung ihres Standes sie zurckhaltender gemacht haben
wrde. Seine Geduld wurde auf keine lange Probe gestellt; denn kaum war eine
Viertelstunde verflossen, so nahte sich die Erwartete im hchsten Putz mit
groen Schritten. Die Tochter folgte der Mutter, denn es gelang ihrer
Anstrengung nicht, sich in gleicher Linie mit derselben zu erhalten, und kaum
hatten Beide die Schwellen des Hauses berschritten, als die Mutter, ihren alten
Freund erblickend, ihren Shawl heftig zurck warf, so da er zur Erde fiel, und
mit einem lauten Ausrufe der Freude ihn zu umarmen eilte. Dbois erwiederte
diese Zeichen der Freundschaft Anfangs mit Herzlichkeit; da aber die oft
wiederholten Umarmungen ihn beinah zu ersticken drohten, und die schallenden
Ksse ein spttisches Lcheln auf den Gesichtern einiger hinzugetretenen
Bedienten hervorriefen, so entzog er sich hflich den Armen, die ihn
umschlossen, und bat seine Freundin, erst bei ihm einzutreten, ehe sie ihren
Besuch bei der Grfin ablegte. Bereitwillig folgte die Base des Arztes dieser
Einladung, von der Tochter begleitet, die den Shawl der Mutter vom Boden
aufgehoben und ihn ihr ruhig wieder umgelegt hatte.
    Der Haushofmeister bewirthete seine Gste mit einem Frhstck, whrend
dessen er der Wittwe des Professors alles abfragte, was er zu wissen begehrte,
und ihr rathen konnte, so gelinde als mglich ihrer ehemaligen Herrschaft
mitzutheilen, was diese wissen mute. Unter Strmen von Thrnen war die
Unterredung gefhrt worden, und die geduldige Marie sa whrend ihrer langen
Dauer einsam am Fenster eines andern Zimmers, wohin sie die Mutter, nachdem sie
dieselbe mit Kuchen und Chokolade versorgt, verwiesen hatte, um ungestrt mit
ihrem alten Freunde zu sprechen.
    Endlich war das Frhstck geendigt und das Nthige verabredet; die Thrnen
wurden getrocknet, der Shawl in die gehrigen Falten gelegt, und der
Haushofmeister bot seiner Freundin den Arm, fhrte sie mit hflicher
Aufmerksamkeit die groe Treppe hinauf und geleitete sie in die Zimmer ihrer
ehemaligen Herrschaft.
    Die Grfin trat ihnen entgegen. Meine gute Freundin, rief sie, indem sie die
ehemalige Dienerin erblickte, und wollte sie umarmen; diese aber ergriff mit
Heftigkeit beide Hnde der ehemaligen Gebieterin, die sie abwechselnd mit Kssen
bedeckte und mit Thrnen berstrmte. Sobald die Grfin ihre Hnde befreien
konnte, umarmte sie die Wittwe des Professors und sagte: Wie freut es mich,
meine Liebe, Sie wieder zu sehen und nach so vielen Jahren zu finden, da die
Zeit den Antheil, den Sie an meinem Schicksal nehmen, nicht geschwcht hat.
    Mitten in ihrer Rhrung wurde die Base des Arztes empfindlich und sagte:
Millionen Thrnen habe ich um Ihretwillen geweint und gewi nicht verdient, da
Sie mich nun so fremd behandeln, und mich nicht mehr Du nennen und Leonore, wie
in frheren Zeiten so viele Jahre hindurch.
    Mein Herz ist darum nicht weniger warm, sagte die Grfin, indem sie die
Hnde der erzrnten Frau drckte, aber die mu um Ihretwillen so bleiben; auch
wrde sich Ihr Neffe, der Arzt, gekrnkt fhlen, wenn es anders wre.
    Nun ja, erwiederte besnftigt dessen Base, den Thoren kenne ich ja mit
seinem Hochmuthe. Lassen Sie uns berhaupt jetzt nicht von solchen Kleinigkeiten
sprechen, sagte die Grfin mit bewegter Stimme, meine gute Leonore. Sie kennen
mein Unglck; haben Sie mir gar nichts Trstliches zu sagen?
    Die Wittwe des Professors ward durch diese Frage auf ein Mal wieder in den
tiefsten Schmerz versenkt. O Gott! rief sie aus, was haben Sie alles leiden
mssen, und wie hat der Kummer Sie vor der Zeit alt gemacht; wie mager sind die
schnen weien Hnde geworden, und wo ist die herrliche Farbe geblieben? Blhten
Sie doch wie eine Rose, und es war ganz natrlich, da der gute Herr Blainville
so verliebt blieb, ob Sie gleich schon lange verheirathet waren.
    Meine Liebe, sagte die Grfin aus beklemmter Brust, schonen Sie mich mit
Erinnerungen, durch die Sie mich tdten knnen.
    Die Professorin weinte und sagte unter heftigem Schluchzen: Sie haben Recht,
ach! Sie haben Recht, aber ich kann den Schmerz nicht bezwingen, wenn ich Sie
ansehe.
    Reden Sie nicht von mir, sagte die Grfin mit groer Anstrengung, sprechen
Sie von dem Schicksale des unglcklichen Kindes.
    Ich wei ja nichts von dem kleinen Herrn, klagte die Wittwe des Professors
und sammelte sich endlich so weit, um, von Thrnen und Klagen unterbrochen,
ihrer ehemaligen Herrin erzhlen zu knnen, wie sich ihr Schicksal gestaltet
htte, nachdem sie die Grfin verloren. Diese, obgleich zerschmettert von dem
Worte der Dienerin, durch das ihre letzte dunkle Hoffnung verloren zu gehen
schien, bezwang dennoch ihr Gefhl und hrte mit ngstlicher Aufmerksamkeit den
Bericht, um doch vielleicht noch eine schwache Spur des Verlornen darin zu
finden.
    Ach! hob die ehemalige Dienerin ihre Wehklage an, wie war uns zu Muthe, mir
und der Mamsell Adele, als wir damals in Paris unsern Einkauf gemacht hatten und
nun ruhig nach Hause gegangen waren. Mein Gott, mein Gott! als wir die offenen
Thren erblickten, als wir ankamen, die geffneten Schrnke und die grausige
Unordnung. Ihr schner Hut lag auf dem Boden, und es hatte Jemand mit
schmutzigen Fen darauf getreten, der Wirth des Hauses stand im Wohnzimmer und
schalt uns, so wie wir ankamen, schndliche Aristokraten; ich wollte ihm
antworten, wie sich's gehrte, denn ich hatte franzsisch genug dazu in der
Gottvergessenen Stadt gelernt, aber Mamsell Adele rief heftig: Wo ist Herr
Blainville und seine Gemahlin? Herr Blainville, wiederholte pltzlich der Wirth,
von dem wei ich nichts, der Vaterlandsverrther, der verkappte Graf ist, wo er
hingehrt, im Gefngnisse. Mein Bruder, mein unglcklicher Bruder! schrie
Mamsell Adele in Verzweiflung, und wurde bleich und starr wie eine Leiche. So
gro mein Schmerz war, so ging mir doch ein Licht auf, und ich war recht bse,
da Sie mir die Sache nicht gehrig vertraut hatten, ich htte nichts verrathen
und htte den gehrigen Respekt vor Mamsell Adele haben knnen, statt, da ich
sie gergert hatte, wo ich konnte, denn ich hielt sie fr hochmthig und von
Ihnen begnstigt, und ich dachte, ich wollte sie dadurch aus dem Dienst treiben,
denn sie kam mir unnthig im Hause vor. Jetzt sah ich das alles anders ein durch
die einzige Wort, das sie im Unglcke und im Schrecken ausgesprochen.
    O mein Gott! seufzte die Grfin und bedeckte ihre berstrmenden Augen mit
den Hnden. Die rohe, aber gutmthige Erzhlerin sah, welche Schmerzen ihre
Worte erregten, und zog mit sanfter Gewalt die Hnde der ehemaligen Herrin von
den weinenden Augen derselben zurck, um sie mit Kssen und mit warmen Thrnen
zu bedecken. Weiter, meine Liebe, sagte die Grfin mit zitternder Stimme, um
Gottes Willen fahren Sie fort.
    Ja, weiter in der unglcklichen Geschichte, rief die Wittwe des Professors,
Sie wissen nicht, wie mir das Herz blutet, wenn ich an all den Jammer und
Trbsal denke. Ich wute nicht, was ich mit Ihrer armen Schwgerin anfangen
sollte, die bleich und starr da sa, ohne zu weinen, ohne zu reden, ja ohne ein
Glied zu rhren. Ich war ganz allein mit ihr, der Hausherr hatte uns wieder
verlassen, und ich wute nicht, was ich anfangen sollte, denn ich hatte nicht
den Muth, die Arme zu verlassen und einen Arzt zu rufen. Endlich brachte ich sie
doch wieder etwas zur Besinnung, sie sprang nun auf ein Mal auf, fate heftig
zitternd meinen Arm und sagte leise: Komm, wir mssen meinen Bruder aufsuchen.
Ich war bereit und wir strmten der Thre zu, ohne zu wissen wohin. In der Thre
begegnete uns ein alter Herr, den das arme Frulein Adele zu kennen schien. Mit
gerungenen Hnden fiel sie vor ihm auf die Knie und rief: Helfen Sie, retten
Sie! Der gute Mann weinte selber und sagte: zuerst mssen Sie fort von hier und
zwar sogleich, damit Sie nicht ebenfalls verhaftet werden, denn alsdann wrde es
noch schwieriger werden, etwas fr Ihren Bruder zu thun. Ich frchte, der Herr
des Hauses ist schon ausgegangen, die Anzeige zu machen, denn ich traf ihn nicht
zu Hause, dehalb lassen Sie uns eilen. Als ich diese Worte hrte, kam mir
schnell von Gott der gute Gedanke, da Ihnen nicht damit geholfen wre, wenn uns
die unmenschlichen Jakobiner einsperrten, und ich sagte also dem guten alten
Manne, der sich unserer annehmen wollte, da man Mamsell Adele gar nicht fragen
msse, denn sie sei so auer sich, da der Hausherr mit der Wache kommen wrde,
ehe sie nur begriffe, wovon die Rede sei. Der verstndige Mann sah das ein, und
wir faten jeder die arme Weinende unter einem Arm und brachten sie mit Gewalt
die Treppe hinunter in den Wagen des alten Herrn, und der Schurke, der Wirth,
behielt nichts als das leere Nachsehen, wenn er mit seinen Jakobinischen Wachen
wird angekommen sein. Wie lange wir gefahren sind, wei ich nicht, denn sowohl
ich, als unser alter Begleiter, wir waren whrend des Weges nur bemht, die arme
Mamsell Adele ein wenig zu beruhigen, aber Gott wei, es gelang uns schlecht.
Endlich hielt der Wagen vor einem kleinen Hause in der Vorstadt; der alte Herr
hie mich ausstiegen und ging mit mir in die unscheinbare Haus, das, nachdem er
drei Mal leise geklopft, geffnet und hinter uns sogleich wieder verschlossen
wurde. Eine alte Frau kam uns entgegen, und ich hrte wohl, wie mein Fhrer ihr
auftrug, fr mich auf's Beste zu sorgen, aber um Gottes Willen mich nicht
ausgehen zu lassen, weil wir alle durch meine Unvorsichtigkeit unglcklich
werden knnten. Als er mich verlassen wollte, fragte ich, was aus Frulein Adele
werden sollte. Er antwortete mir, wir drften nicht zusammen bleiben, es wre
fr uns beide sicherer, wenn Jede einen andern Zufluchtsort fnde, er sei ein
Freund ihres Hauses und sorge fr unser aller Bestes mit groer eigener Gefahr.
    Ich hatte lange genug unter den Heiden in Paris gelebt, ich konnte also wohl
einsehen, da wir behutsam sein mten, und fgte mich in mein Schicksal. Als
ich mit der guten Frau allein war, hatte ich Zeit genug, ber unser Unglck
nachzudenken, und ich brachte die ganze Nacht weinend und jammernd zu, denn nun,
da die grte Angst vorbei war, dachte ich auch an unsern kleinen Herrn. Endlich
am Abende des andern Tages kam der Herr wieder, der mich hieher gefhrt hatte,
und sagte mir, er wrde mich des andern Abends um dieselbe Zeit abholen und zu
einer deutschen Herrschaft bringen, die mich als Kammerjungfer mitnehmen und in
Frankfurt am Main zurcklassen wolle, von wo ich meine Heimath leicht erreichen
knne. Ich fragte nach Ihrem Schicksale. Er trocknete sich die Thrnen und
sagte, man msse auf Gottes Beistand hoffen, er knne mir nichts darber sagen.
Als ich nach Frulein Adele fragte, antwortete er etwas ungeduldig, er knne mir
weiter keine Nachricht geben, als nur die Versicherung, da sie auer Gefahr
sei, und ich sollte froh sein, da er auch mich in Sicherheit bringen wollte.
Ich fragte ihn, ob ich nicht noch ein Mal nach unserer Wohnung zurck gehen
knne, um meine Sachen abzuholen, die dort alle zurck geblieben waren. Er wurde
hierauf recht grob und sagte, es sei ein Zeichen groer Dummheit, da ich um der
Lumpen Willen dahin zurck zu gehen dchte. Er besnftigte sich aber bald und
befahl mir, ich sollte bis zum nchsten Abende zusammenrechnen, wie viel der
ganze zurckgelassene Kram werth sei, er wolle ihn mir baar bezahlen, ich solle
aber weder mich, noch ihn dehalb unglcklich machen. Ich war damit zufrieden
und fragte ihn nicht weiter nach unserm kleinen Herrn, denn ich dachte mir
schon, da er doch nicht aufrichtig antworten wrde. Kaum aber hatte er das Haus
verlassen, so fing ich an die alte Frau, die es bewohnte, mit Bitten und Thrnen
so lange zu bestrmen, bis sie selbst zu weinen anfing und mir zu helfen
versprach; denn da sie mich nicht recht verstand, so glaubte sie, der kleine
Herr sei mein eigenes Kind, und ich lie es geschehen, da sie es glaubte, und
gab gern zu, da sie mich fr eine leichtsinnige Dirne hielt, damit sie mir nur
helfen mchte. In aller Frhe des nchsten Morgens drckte sie mir einen Hut
tief in's Gesicht hinein, hing einen Schleier darber, gab mir einen Mantel, und
nachdem sie sich eben so angethan hatte, verlieen wir das Haus, nahmen auf dem
nchsten Platze einen Wagen und so ging es fort nach dem Dorfe. Gott, wie schlug
mein Herz auf diesem Wege, theils aus Angst, da man uns verhaften mchte,
theils aus Verlangen nach dem lieben Kinde. Wir erreichten glcklich das Dorf,
wir fanden das Haus, aber nur zu neuem Jammer. Die Pflegerin unsers kleinen
Herrn lag im hitzigen Fieber, von dem Kinde war nichts zu sehen. Die Weiber, die
die Kranke warteten, sagten mir, ein alter Herr habe am vorigen Tage das Kind
abgeholt und es zu einer Dame in einen Wagen gehoben, die nach des alten Mannes
Aussage die Mutter des Kindes gewesen sei. Ich dachte einen Augenblick, Sie
selbst htten Ihr Kind abgeholt, aber ich besann mich bald, da es nicht so sein
knnte, denn Sie wrden auch mich wieder zu sich genommen haben, wenn Sie frei
gewesen wren. Es war nun nichts weiter zu thun, als den Rckweg mit Thrnen
anzutreten und den Abend zu erwarten. Als es dunkel geworden, kam der alte Herr
richtig, wie er es versprochen. Ich hatte inde meine Rechnung fr Lohn und
Kleider gemacht, wie er es verlangt hatte. Er bezahlte mir Alles und schenkte
mir noch hundert Franken zur Reise. Da ich ihn in so gtiger Stimmung sah, so
wagte ich es, ihm mein Leid mit unserem Kinde zu vertrauen. Er wurde sehr bse
und schalt auch die alte Frau, da wir gegen seinen Befehl das Haus verlassen
hatten; als ihm diese aber, um sich zu entschuldigen, sagte, da sie meinen
Jammer und meine Thrnen nicht mehr htte mit ansehen knnen, weil ein Stein
htte durch meine Klagen bewegt werden mssen, da wurde er wieder sanftmthig
und sagte, da ich so groe Treue fr meine Herrschaft zeigte, so wolle er die
Unbesonnenheit vergeben, und brigens msse ich zu meinem Troste glauben, da
Gott ein unschuldiges Kind nicht wrde untergehen lassen, wenn ich es auch nicht
mehr bei seiner Pflegerin gefunden habe. Das war alles, was ich mit Bitten und
Flehen ber den kleinen Herrn erfuhr, und ich mute nun mit dem unbekannten
Herrn fort, der mich zu meiner neuen Herrschaft brachte, die beinah kein Wort
mit mir sprach. Mit dem frhesten Morgen ging es aus Paris hinweg. Wir reisten
Tag und Nacht, bis wir Gieen erreichten. Hier lieen sie mich zurck, und ich
hatte nicht einmal erfahren, mit Wem ich die Reise gemacht hatte. Weil ich mir
den Fu beschdigt hatte, mute ich in Gieen einige Zeit bleiben, und da fgte
es Gott, da ich an meinen alten Professor gerieth. Wie ich mit dem verheirathet
war, vertraute ich ihm unser ganzes Schicksal an, denn er war eine treue Seele
und ich dachte, er wrde vielleicht etwas auskundschaften knnen ber Ihr
Schicksal oder ber unsern kleinen Herrn. Er schrieb nun nach allen Weltgegenden
hin und hatte berall seine gelehrten Freunde, die ihm allerlei Lappalien
meldeten, was sie ihre wissenschaftlichen Forschungen nannten, aber das, was mir
am Herzen lag, forschte keiner aus. Die Schweizer schrieben ihm, der alte Herr
Blainville und Ihre Frau Mutter wren todt; von Ihnen wute man nichts, und die
Franzosen konnten von dem kleinen Herrn gar nichts ausspren, und so mute ich
mich in Gottes Willen ergeben und dachte gar nicht mehr, da ich Sie jemals
wieder sehen knnte, und hier nun schenkt mir Gott die unvermuthete Freude. Und
das bin ich doch eigentlich dem hiesigen Prediger schuldig, denn htte er nicht
in den Zeitungen bekannt machen lassen, da ich mich hier einer Erbschaft wegen
zu melden htte, so wre es mir wohl niemals eingefallen, diese Reise zu
unternehmen, und wenn mein alter Professor noch lebte, so wrde er auch nun
einsehen, da er Unrecht hatte, darber zu lachen, wenn ich mir aus den
Zeitungen nichts vorlesen lie, als solche Bekanntmachungen und Anzeigen, wo
allerlei Sachen verkauft wurden; denn, sagen Sie selbst, was geht mich Bonaparte
an, und was brauche ich noch ber die Franzosen zu hren? Die habe ich
hinlnglich kennen gelernt und den Krieg fhlt man genug, wenn er da ist, man
braucht sich nicht um den zu bekmmern, der in der Ferne gefhrt wird. Solche
Anzeigen aber haben ihren Nutzen, und man sollte nicht darber lachen, wenn
vernnftige Menschen sie lesen. Mir wird diese einfltige Neugierde, wie mein
seliger Mann meine Leserei nannte, manchen schnen Thaler einbringen, denn ich
erhalte nun dadurch die mir zukommende Erbschaft.
    Die Grfin hatte mit ngstlicher Aufmerksamkeit den Bericht ihrer ehemaligen
Dienerin vernommen, und sie fand einen schwachen Trost darin. Sie wute doch nun
bestimmt, da ihre Schwgerin sowohl, als das geliebte Kind in den
schrecklichsten Augenblicken ihres eigenen Lebens nicht umgekommen waren. Sie
konnten beide leben, und es konnte vielleicht dem Grafen gelingen, diese
schwachen Spuren zu verfolgen und die Verlornen aufzufinden. Sie dankte daher
der ehemaligen Dienerin fr die von ihr bewiesene Treue und bat sie, whrend
ihres hiesigen Aufenthaltes auf dem Schlosse zu wohnen. Die Wittwe des
Professors nahm die Anerbieten mit Dankbarkeit an und sagte: Es ist nicht
Hochmuth von mir, aber erstlich bin ich froh, wieder in der Nhe meiner
ehemaligen Herrschaft zu sein, und dann habe ich mir das Bauernleben so
abgewhnt, da ich es nicht lange bei den guten Leuten, meinen Verwandten, wrde
aushalten knnen.
    Die Grfin bat nun, sie mchte ihre Zimmer gleich in Besitz nehmen und alle
ihre Sachen nach dem Schlosse bringen lassen, damit bei der Mittagstafel sie
sich schon ganz als Hausgenossin fnde.
    Ich bemerke, rief die Professorin, Sie verlangen, ich soll an Ihrer Tafel
speisen, und als die Grfin die bejahte, fuhr sie fort: Nimmermehr werde ich
mich dazu entschlieen, und wenn ich mir auch das Bauernleben abgewhnt habe, so
habe ich doch keinen dummen Hochmuth bekommen. Sie sind lange Jahre meine
Herrschaft gewesen, das werde ich nicht vergessen. Ja, ich habe mich nicht
einmal zu der Gesellschaft der andern Professorsfrauen gehalten, wie mein
seliger Mann noch lebte, denn ich sah es recht gut, da ich ihnen zu gering war;
ich war ihnen nicht fein, nicht gelehrt genug, aber mit aller ihrer
Gelehrsamkeit hatten es ihre Mnner nicht so gut, wie mein alter lieber Mann.
Der konnte ohne Sorgen leben, brauchte sich um nichts zu kmmern und hatte doch
Alles im Ueberflu, und wenn die Herren Professoren bei uns speisten, so
gestanden sie alle aufrichtig, bei uns sei der beste Tisch. So lebten wir still
und ruhig; ich pflegte meinen Mann, und hielt mein Kind zur Kirche und Schule
an, und sorgte dafr, da meine Marie frh die Wirthschaft lernte und nicht
tausend unntze Thorheiten. Dehalb setzten die andern Professorentchter das
arme Kind auch zurck, denn mir fiel es nicht ein, da es nthig sei, da sie in
allen Sprachen Liebesbriefe zu schreiben verstehen msse; eben so wenig braucht
sie mit einem Schawl oder mit einer Trommel zu springen, oder auf allen
Instrumenten zu klimpern. Auch ist es kein Unglck, wenn sie nicht alle
Spielereien zu machen versteht, die im Grunde kein Mensch braucht, denn ich habe
gesehen, da die vornehm erzogenen Mamsellen nachher vor lauter Gelehrsamkeit
ihr Haus nicht regieren konnten und mit allen ihren feinen Arbeiten nicht
verstanden, wenn es Noth that, ein Hemd fr ihren Mann und ihre Kinder
zuzuschneiden.
    Sie mgen im Ganzen Recht haben, sagte die Grfin, obwohl ich frchte, Sie
gehen zu weit, was Ihre Tochter anbetrifft; doch Sie sind mir ein so lieber
Gast, da ich wnsche, Sie mchten sich in meinem Hause einrichten, wie es Ihnen
am angenehmsten ist.
    Wenn Sie mir das erlauben, sagte die Professorin, so werde ich bei meinem
alten Freunde Dbois speisen, und meine kleine Marie mgen Sie an Ihren Tisch
nehmen, damit sie Manieren lernt, denn da ich sie in der Zukunft mit dem Doktor
zu verheirathen wnsche und der so viel auf feine Lebensart hlt, so wre es mir
lieb, wenn sie darin nicht hinter ihren knftigen Mann zurckbliebe.
    Die Grfin lchelte, indem sie die Bitte ihrer ehemaligen Dienerin
bewilligte, und Dbois, der herbei gerufen wurde, erhielt den Auftrag, die
Zimmer im untern Stockwerk der neuen Bewohnerin anzuweisen; zugleich theilte ihm
die Grfin scherzend mit, da die Frau Professorin seine Gesellschaft der
ihrigen vorzge und an seiner Tafel zu speisen wnsche. Mit groem Ernst
erwiederte der Haushofmeister, da er die Ehre, so ihm seine Freundin erweise,
zu schtzen verstehe. Nun, nun, sagte die Wittwe des Professors, sprechen Sie
nur nicht mit so groem Respekt, wissen Sie nicht mehr, wie oft sie mich
ausgescholten haben, wie wir noch Kameraden waren.
    Die Grfin wnschte die Tochter der Professorin zu sehen, und Dbois eilte,
die stille, geduldige Marie herauf zu fhren, die whrend der langen Unterredung
zwischen ihrer Mutter und der Grfin ruhig am Fenster in Dbois Zimmer gesessen
hatte.
    Als der Haushofmeister das Zimmer verlassen hatte, trat St. Julien ein, um
ein Buch von der Grfin abzuholen, welches sie ihm am vorigen Tage versprochen
hatte. So wie die Professorin ihn erblickte, wurde sie bleich und schlug die
Hnde zusammen. Als der junge Mann die Grfin anredete, schien seine Stimme
einen hnlichen Zauber, wie sein Anblick auf die ehemalige Dienerin zu ben,
denn sie seufzte tief auf und wurde glhend roth. St. Julien, der die Bewegung
der Fremden bemerkte, ohne zu ahnen, da er sie veranlasse, glaubte, sie habe
ein Gesuch bei der Grfin, und verlie dehalb bald das Zimmer, um durch seine
Gegenwart nicht zu stren.
    Wer ist dieser junge Mann? rief die Professorswittwe auer sich, die Hnde
der Grfin ergreifend, als sie allein waren.
    So fllt Ihnen die groe Aehnlichkeit auch auf? fragte die Grfin mit
zitternder Stimme, indem Thrnen ber ihre Wangen flossen.
    Mein Gott, mein Gott! rief die Professorin bebend, es ist ja Herr
Blainville, wie er leibte und lebte, sogar das Zucken des Mundes, womit er das
Lachen unterdrckte, wie er mich in meiner Alteration bemerkte.
    Die Grfin hatte kaum noch Zeit, ihre ehemalige Dienerin mit den
Verhltnissen des jungen Mannes bekannt zu machen und sie zu bitten, von allen
Leiden, die sie mit einander erlebt htten, nichts dem Prediger anzuvertrauen,
weil es fr sie krnkend sein wrde, wenn diese Schmerzen ein Gegenstand
allgemeiner Gesprche werden sollten, und die Wittwe des Professors hatte kaum
feierlich versprochen zu schweigen, als die Tochter derselben blde und zitternd
eintrat, und sich furchtsam der Grfin nherte, um ihre Hand zu kssen, wie es
ihr frher die Mutter befohlen hatte.
    Die Grfin fhlte Mitleid mit dem armen Kinde, das, offenbar durch eine bel
angebrachte Strenge der Mutter unterdrckt, kaum zu athmen wagte. Sie sprach
gtig mit dem eingeschchterten jungen Mdchen, konnte aber doch nichts als
einzelne Sylben von ihr als Antwort gewinnen. Sie machte hierauf der Mutter den
Vorschlag, ihre Tochter ganz bei Emilie wohnen zu lassen, weil junge Mdchen
besser zu einander paten, als zu bejahrten Frauen. Die Professorin fhlte sich
geschmeichelt und gab ihre Einwilligung, worauf die Grfin Emilie zu sich bitten
lie, um ihr ihre neue Freundin vorzustellen. Diese betrachtete mit Theilnahme
das zitternde Kind, und die Wittwe des Professors sagte, nachdem sie Emilie mit
einem scharfen Blick betrachtet hatte, zur Tochter: So kannst Du denn gleich
hier bleiben; ich werde allein zu meinem Vetter, dem Schulzen, zurck gehen und
unsere Sachen herschaffen lassen, damit wir noch heute in Ordnung kommen. Die
Worte hatte sie mit Hrte und Trockenheit an die Tochter gerichtet. Hierauf trat
sie zu Emilie, fate ihre Hand und sagte, mit einer Thrne im Auge: Ich lasse
gern mein Kind bei Ihnen, Sie sehen gut und milde aus, und werden eine Waise
nicht verspotten, wenn sie auch die feinen Manieren nicht hat, die ich ihr nicht
habe geben knnen und der selige Professor auch nicht. Der gute Mann verstand
nichts von Kindererziehung, obgleich er dicke Bcher darber schrieb.
    Emilie drckte die Hand der rohen, aber guten Frau und sagte: wenn Ihre
Tochter mir Vertrauen schenken will, so werde ich sie als meine liebe Freundin
betrachten.
    
    Lieber Gott, erwiederte die Professorin, was hat so ein Kind zu vertrauen?
Das wre ja ein Unglck, wenn die schon ihre Geheimnisse htte.
    Die Grfin konnte das Lcheln ber dieses Miverstndni nicht unterdrcken
und sagte: Lassen Sie Ihre Tochter ohne alle Sorge bei uns, meine liebe
Freundin, und eilen Sie, sich Ihrem Wunsche gem einzurichten, damit ich die
Freude habe, Sie bei mir recht bald einheimisch zu sehen.
    Die Professorin ging und es lie sich bemerken, da die blde Marie nach der
Entfernung der Mutter tief aufathmete und sich sichtlich erleichtert fhlte. Sie
lie sich nun auch zum Sprechen bewegen, und obgleich sie in allen Kenntnissen
selbst fr ihr Alter zurck zu sein schien, so lie sich doch eine natrliche
Munterkeit des Geistes, ja selbst eine Anlage zur Schalkhaftigkeit nicht
verkennen, und man bemerkte deutlich, indem sie ber ihre huslichen
Einrichtungen sprach, da sie mit der von der Mutter erhaltenen Erziehung nicht
so zufrieden war, wie diese es zu verdienen glaubte, sondern es regte sich in
dem jungen Mdchen eine lebhafte Sehnsucht nach allen ihr versagten Kenntnissen,
und sie hpfte frhlig an Emiliens Hand hinweg, indem sie ihr Glck pries, sich
zum ersten Male in ihrem Leben ohne die Gegenwart der Mutter einer jungen
Freundin gegenber zu befinden.
    Die Wittwe des Professors besorgte mit gewohnter Thtigkeit ihre Geschfte
und bezog schon vor der Mittagstafel die von Dbois auf dem Schlosse fr sie
eingerichteten Zimmer. Der Haushofmeister hatte fr seine Freundin auf's Beste
gesorgt, und sie fand Alles bequem und sauber eingerichtet, auch ein zu ihrer
Bedienung bestimmtes Mdchen. Er war ihr auch beim Auspacken und Ordnen ihrer
Kleider behlflich und fhrte sie dann nach dem Zimmer, wo er fr sich und seine
Gste die Tafel hatte bereiten lassen, und wo er ihr seinen jungen Freund Gustav
vorstellte. In Eintracht setzten sich diese drei zu Tische, und heitere,
ungezwungene Gesprche wrzten das Mahl. Dbois bediente mit cht franzsischer
Hflichkeit seine Freundin, fr die er ein ungeheucheltes Wohlwollen empfand,
der junge Gustav fand sich durch das Beispiel des Haushofmeisters zu gleicher
Aufmerksamkeit bewogen, und Beider Bestrebungen wurden von der Wittwe des
Professors dankbar anerkannt. Da aber Dbois sie immer Madame anredete, so
folgte sein junger Freund auch hierin seinem Beispiele, und die verdsterte,
nachdem es einige Male geschehen war, sichtlich die Stirn der Frau Professorin.
Mit auffallendem Verdru wendete sie sich zu dem jungen Menschen und sagte mit
ziemlicher Heftigkeit: Mein lieber junger Herr, wenn mich Herr Dbois Madame
nennt, so hat das nichts auf sich, wir sind alte Freunde, auch wissen die
Franzosen nicht, was sich schickt; sie kennen keinen Unterschied und nennen
Alles gradeweg Madame, ein Fischerweib und ihre Knigin oder Kaiserin, aber ein
Deutscher mu Lebensart lernen, und daher knnen Sie mich immer nach meinem
Titel Frau Professorin nennen, denn selbst der Neid mu es meinem seligen Manne
lassen, da er ein gelehrter Professor war.
    Der junge Mann schwieg mit Bestrzung, und Dbois sagte lchelnd: Vergeben
Sie mir meinen Fehler, wertheste Freundin, wodurch unser Freund auch zum Irrthum
verleitet wurde. Ich werde mir die franzsische Unhflichkeit abgewhnen und den
Ihnen zukommenden Titel nicht mehr vergessen.
    Gott bewahre, rief seine Freundin, zwischen uns bleibt es beim Alten, aber
die Jugend mu anstndig erzogen werden, meinen Sie das nicht auch? Freilich,
freilich, sagte Dbois lchelnd, und nicht wahr, mein Sohn, fuhr er, zu Gustav
gewendet, fort, Du wirst die erhaltene Lehre nicht wieder vergessen? Der
Jngling neigte sich beistimmend, und die Heiterkeit kehrte zu der kleinen
Gesellschaft zurck, die ohne weitere verdrieliche Strung ihre Mahlzeit
beendigte. -

                                       XI


Die schchterne Marie hatte im obern Stockwerke im Speisesaale an der Tafel
Platz genommen und hielt sich ngstlich an der Seite ihrer Beschtzerin Emilie.
Sie konnte ihre Bldigkeit nicht berwinden, und wagte weder zu essen noch ein
Wort zu sprechen, so gtig sie auch von allen Seiten aufgemuntert wurde. Die
Grfin bat am Ende, Jedermann mge sie ungestrt lassen, weil diese Bldigkeit
nur durch die Zeit zu berwinden sei, wo sie sich dann von selbst verlieren
wrde. Der Arzt fhlte sich gekrnkt durch das ungeschickte Betragen seiner
Verwandtin und vermuthlichen knftigen Braut; doch trstete er sich mit dem
Gedanken, da sie eigentlich noch ein Kind sei, dessen Fhigkeiten unter seiner
Leitung ausgebildet werden knnten.
    Der Obrist Thalheim und seine Tochter, so wie der Prediger nahmen Theil an
dem Mittagsmahle, welches durch heitere, freundschaftliche Gesprche zu Mariens
Qual verlngert wurde, die erst dann wieder frei athmete, als man endlich die
Tafel aufhob.
    Emilie und Therese beschlossen nach der Tafel einen Spaziergang in den
Garten zu machen und forderten ihre neue Freundin auf, sie zu begleiten.
Herzlich froh, aus dem Saale zu entkommen, schlo sie sich gern an, und Emilie
fragte, als sie in den dunkeln Baumgngen auf und ab gingen, wewegen sie denn
unter lauter wohlwollenden Freunden so ngstlich gewesen sei. Mein Herz war aus
groer Ehrerbietung so beklommen, antwortete das unschuldige Kind. Der Graf
meint es gewi gut mit Jedermann, aber er hat so vornehme Augen, da mir bange
wurde, so oft er mich ansah; vor der Frau Grfin frchte ich mich schon weniger,
denn sie ist eine Frau, aber auch der junge Herr Graf sieht so vornehm ernsthaft
aus und dann der alte Herr Obrist so majesttisch. Wie er hat gewi der alte
Knig von Preuen ausgesehen, von dem er so viel spricht. Glauben Sie mir, ich
kam mir recht unverschmt vor, da ich mich unterstand, mit allen den Herren zu
Tische zu sitzen, und ich wei nicht, wehalb sie alle den Herrn St. Julien so
zu lieben scheinen, denn der hat doch gewi ein schlechtes Herz.
    Wie kommen Sie darauf? fragte Emilie berrascht.
    Bemerkten Sie denn nicht, erwiederte Marie, wie er immerfort meinen Herrn
Vetter, den Doktor, zum Besten hatte, und doch sagt er selbst, da er ihm das
Leben gerettet hat.
    Aber knnen Sie denn lugnen, fragte Therese, da der Doktor etwas sonderbar
in seinem Betragen ist?
    Ach! das verstehen Sie nicht, antwortete die Kleine empfindlich, das kommt
von der Gelehrsamkeit. Ich habe viele gelehrte Herren gesehen, die noch viel
sonderbarer sich betrugen, und mein seliger Vater selbst, der ein groer Mann
war, wie alle Andern sagten, sah doch auch seltsam genug aus.
    Das mssen Sie nur Herrn St. Julien deutlich machen, sagte Emilie ein wenig
spttisch; wenn er seinen Fehler einsieht, wird er ihn gewi verbessern.
    Gott bewahre mich davor, mit dem Menschen zu sprechen, rief die Kleine
erschrocken. Er wrde ja noch weit mehr Ursache finden, ber mich zu spotten,
als ber meinen armen Vetter.
    Sie sind ja sehr gegen ihn eingenommen, bemerkte Emilie. Und Sie kennen ihn
so wenig, fgte Therese hinzu, Sie wissen nicht, wie gut er ist, fragen Sie nur
Ihren Vetter selbst, ob er ihn nicht herzlich liebt.
    Das wrde wenig beweisen, sagte die Kleine mit altkluger Miene. Meine Mutter
hat es tausend Mal gesagt, je grer die Gelehrsamkeit der Herren ist, die sie
aus den Bchern haben, je einfltiger sind sie in der Welt, worin sie leben, und
dehalb wird es mein Vetter auch gar nicht bemerken, wenn ihn Herr St. Julien
verspottet. Das sehe ich besser ein, wie er, ob ich gleich noch ein Kind bin,
wie meine Mutter sagt.
    Emilie und Therese lchelten ber den Eifer ihrer jungen Gefhrtin, mit
welchem sie den Arzt vertheidigte, und waren sehr zufrieden, als die Tchter des
Predigers zum Besuch kamen, deren Alter mehr dazu geeignet war, da sich die
noch sehr junge Marie ihnen anschlieen konnte. Sie verlor auch in deren
Gesellschaft bald die groe Schchternheit, und in jugendlicher Lust berlie
sie sich mit ihnen der Freude, und die jungen Mdchen liefen um die Wette,
versteckten sich in den Hecken und tobten als glckliche Kinder umher, whrend
die lteren Freundinnen viele ernsthafte und hochwichtige Gegenstnde mit
einander besprachen. Jede hatte der Andern vertraut, wie drckend die Einsamkeit
fr sie sein wrde, wenn nun die Freunde schieden, an deren Umgang sie sich so
gewhnt htten, und Jede fhlte recht wohl, welcher Kummer dann das Herz der
Andern erfllen wrde.
    Der Graf hatte sich mit dem Obristen in sein Kabinet zurckgezogen, um ihm
auseinander zu setzen, was er fr seinen Vetter zu thun gesonnen sei, um diesem
dadurch den Weg zu bahnen, sein Glck von Therese und ihrem wrdidigen Vater zu
erbitten; denn obgleich die tiefe Leidenschaft des jungen Grafen so wenig, wie
die aufrichtige Neigung der schnen Therese den beobachtenden Freunden ein
Geheimni sein konnte, so fand es der Graf doch schicklich, dem Obristen erst
seinen Plan vorzulegen, wie das husliche Glck seines Verwandten gesichert
werden sollte, ehe dieser frmlich um die Hand der Geliebten anhielte.
    Der Obrist fand neue Ursache, die Gromuth seines Freundes zu bewundern, und
willigte im Voraus in das Glck seines Kindes.
    Der junge Graf und St. Julien waren zu Dbois hinunter gegangen, um ihren
Kapellmeister aufzusuchen, wie St. Julien den jungen Gustav nannte. Sie fanden
die Wittwe des Professors bei dem Haushofmeister; Beide saen am Kaffeetische,
aber man sah, da die Unterhaltung nicht heiter gewesen war, denn Beide hatten
viel geweint. So wie aber St. Julien eintrat, entfuhr ein Ausruf der
Verwunderund der ihre Thrnen trocknenden Frau, und sie betrachtete mit
auffallender Aufmerksamkeit den jungen Mann, der denn auch seinerseits seine
Verwunderung hierber nicht bergen konnte.
    Beide eingetretenen Freunde hatten seit einiger Zeit eine so innige
Verbindung geschlossen, da ihnen jede Frmlichkeit lstig wurde, und sie
nannten sich daher gewhnlich bei ihrem Taufnamen; dehalb sagte auch jetzt der
junge Graf, nachdem Dbois seinen Pflegesohn gerufen hatte, wie er den jungen
Gustav nannte: La uns nun gehen, Adolph, um unsere Musik gehrig einzuben.
    Heien Sie Adolph? rief die Wittwe des Professors, indem sie mit Heftigkeit
aufsprang. Ja, erwiederte St. Julien, und ich denke, die ist ein gewhnlicher
Name, den ich fhren darf, wie jeder Andere, ich begreife nicht, was darin
seltsam oder befremdend sein knnte. Die Wittwe des Professors hatte ihn whrend
dieser Rede starr angesehen, und schlug nun mit sichtlichem Erstaunen ihre Hnde
zusammen und ihre Augen flossen in Thrnen ber. St. Julien kam auf den
Verdacht, da sie an Geistesverwirrung litte, und sah Dbois befremdet an.
Dieser sammelte sich selbst mit Anstrengung und sagte mit erzwungenem Lcheln:
Meine werthe Freundin und ich, wir haben so viele gute und kummervolle Stunden
mit einander verlebt, und es knpfen sich fr uns Beide theure Erinnerungen an
den Namen Adolph, die auch mich zuweilen in Ihrer Gegenwart bewltigt haben,
dehalb werden Sie die Bewegung der Frau Professorin verzeihen.
    Ich will nicht in Ihre Geheimnisse eindringen, sagte St. Julien, den Dbois
sichtliche Bewegung ernsthaft machte. Sie haben mich nie mit Fragen belstigt,
und es ist nur billig, da ich Ihre Bescheidenheit nachahme. Er reichte dem
alten Manne freundschaftlich die Hand, verbeugte sich gegen die Wittwe des
Professors und entfernte sich mit seinen beiden Freunden.
    Als die Andern allein waren, sagte der Haushofmeister: Meine beste Freundin,
wir mssen behutsamer das Geheimni der Grfin zu bewahren suchen. Die
wehmthige Erinnerung an die Vergangenheit hat heute eine zu mchtige Herrschaft
ber uns gebt, und wir sind in unserer Betrbni unvorsichtig gewesen.
    Das mag sein, erwiederte die Professorin, aber ich lasse es mir nicht
nehmen, der Herr St. Julien sieht dem seligen Herrn Blainville hnlich, wie ein
Tropfen Wasser dem andern, und Gott wei, wie das zusammenhngt. Unsern kleinen
Herrn habe ich selbst gewartet und habe tausend Mal das kleine braune Maal unter
dem linken Auge betrachtet, das hat nun der Herr St. Julien auch, und das ist
doch wunderbar genug.
    Aber liebe Freundin, sagte Dbois, ich habe Ihnen alle Verhltnisse des
Herrn St. Julien auseinander gesetzt. Seine Mutter lebt und wird in Kurzem hier
sein, um den Sohn abzuholen.
    Das kann sein, sagte die Wittwe des Professors, aber ich habe es fter
gehrt, da, wenn man ein Kind brauchte und Gott keins gewhrte, man sich ein
fremdes verschafft hat.
    Meine theure Freundin, welchen Gedanken erregen Sie in mir, rief Dbois in
freudiger Bestrzung.
    Ich werde hier bleiben, sagte die Professorin trotzig, bis die Frau Mutter
kommt. Ich werde sehen, wie das zusammenhngt, denn so hnlich sieht ein Mensch
dem andern nicht durch Zufall.
    Sie zeigen mir eine Hoffnung, sagte Dbois, indem er die Hnde seiner
Freundin zitternd fate, die mein altes Herz nicht mehr zu hegen wagte; aber um
Gottes Willen, lassen Sie uns der Grfin nichts davon sagen; ich glaube, sie
wrde sterben, wenn wir in ihr eine Vermuthung erregten, die sich nur zu
wahrscheinlich in kurzer Zeit als nichtig erweisen wird.
    Glauben Sie nur sicher, erwiederte die Wittwe des Professors, da ich
schweigen kann, wenn ich will und wenn es mir nthig scheint. Ich rede nur, wo
ich es fr gut halte, und meinen Schreck habe ich nun auch berstanden. Ich
werde jetzt auch mit dem Herrn St. Julien ganz ruhig reden knnen und werde
meine Zeit abwarten, wenn ich es fr gut halte, hervorzutreten. Aber sagen Sie
mir doch, hat denn die groe Aehnlichkeit die Grfin auf gar keine Vermuthung
gefhrt?
    Ich glaube wohl, erwiederte Dbois, da sie beim ersten Anblicke des jungen
Mannes eine schwache Hoffnung hatte, aber da ja seine Mutter lebt, so mute sie
bald das Nichtige derselben erkennen.
    So sind die vornehmen Leute, grollte seine Freundin. Da man ein Kind
stehlen kann, ist ihr gewi noch gar nicht eingefallen. Nun ich betrachte es als
eine Fgung Gottes, da ich hieher habe kommen mssen, und ich werde mir die
Frau Mutter des Herrn St. Juliens etwas genauer betrachten, ehe der hinweg geht,
den ich fr unsern kleinen Herrn halte.
    Der Haushofmeister fing selbst an nach so bestimmten Aussprchen seiner
Freundin Hoffnungen zu nhren und ermahnte nur die lebhafte Frau zur
Behutsamkeit und Vorsicht, und Beide beschlossen, weder dem Grafen noch seiner
Gemahlin das Geringste von ihren Vermuthungen vor der Ankunft der Mutter des
jungen Mannes mitzutheilen, und dann ihr Betragen nach den Umstnden
einzurichten.
    Whrend dieser verschiedenen Unterredungen war der Prediger mit dem Arzte in
dessen Zimmer, wo Beide, whrend sie eifrig Tabak rauchten, sich darin
vereinigten, das Betragen des alten Lorenz und seines Sohnes zu tadeln, der
Prediger aber dennoch dem Arzte rieth, sich klger und mit mehr Migung als
bisher gegen Beide zu benehmen. Der Doktor Lindbrecht wollte auer sich
gerathen, da ein Geistlicher ihn, wie er es nannte, zur Falschheit ermahnen
wollte, da er mit seiner Feuerseele keinen Schurken sehen knne, ohne ihm seine
Verachtung zu zeigen, und keinen Verlumder, ohne ihn mit mnnlicher Khnheit zu
widerlegen. Der Pfarrer bewies mehr Geduld als gewhnlich gegen den Arzt, um ihm
berzeugend zu beweisen, da dieses thrichte Angreifen des jungen Lorenz nicht
allein fr ihn selbst unangenehme Folgen haben wrde, sondern auch leicht dem
Grafen nachtheilig werden knne, so lange die Franzosen noch ihre Besatzung im
Lande htten und noch immer gewissermaen die Herren spielten. Sie hrten ja
selbst, schlo er, da der elende Mensch, der junge Lorenz, sich wie mit einer
ehrenvollen Sache damit brstete, da er im Dienste eines franzsischen Generals
sei. Bedenken Sie, was daraus alles entstehen kann, wenn Sie in so offenbarer
Feindschaft mit ihm leben, da Sie ihn angreifen, wo Sie ihn treffen.
    Der Arzt sah endlich die Nothwendigkeit ein, die Glut seiner Seele zu
beherrschen, wie er sagte, und er hatte bald Gelegenheit, eine Probe seiner
Migung und Klugheit abzulegen.
    Als der Geistliche seinen widerstrebenden Freund endlich mit Mhe auf die
Bahn der Klugheit geleitet hatte, begaben sich Beide nach dem
Gesellschaftssaale, wo sie den Grafen und den Obristen schon fanden, noch in
erste Gesprche vertieft, die den Obristen, so schien es, lebhaft angeregt
hatten, denn er betrachtete mit Rhrung sein schnes Kind, als Emilie mit ihrer
Freundin Therese fast zu gleicher Zeit den Saal betrat, begleitet von Marie und
den Tchtern des Predigers, die smmtlich etwas erhitzt nach ihren lebhaften
Spielen eintraten.
    Da die jungen Mnner sich ebenfalls mit der Gesellschaft vereinigten und
kurz darauf auch die Grfin erschien, so konnte die Musik beginnen, worauf sich
heute St. Julien besonders freute, da er ein zrtliches Duett mit Emilie
vorzutragen hatte, welches auch glnzend gelang, weil die eigene Empfindung sich
den Tnen vertraute und Beide ihr unschuldiges Geheimni, welches sie sich
selbst noch nicht gestanden hatten, in fremde Worte gehllt, schwebend auf
himmlischen Tnen, ffentlich bekannten.
    Es gibt wohl wenige Menschen, auf die Musik gar keinen Eindruck macht; auch
war nicht Einer in der Gesellschaft, der sie nicht auf seine Weise empfand, aber
doch war Niemand so davon ergriffen, als die Verwandte des Arztes. Die Wangen
des jungen Mdchens glhten und die groen blauen Augen strebten vergeblich die
Thrnen zurck zu halten, die zu ihrer Angst und Qual wie Thautropfen auf Rosen
glnzten.
    Emilie nherte sich ihr nach beendigtem Gesange mitleidig, denn alle
Schchternheit, die sie im Garten bei lebhaften Spielen verloren hatte, war
zurckgekehrt in der ernsthaften vornehmen Gesellschaft. Macht Musik einen so
traurigen Eindruck auf Sie, fragte Emilie das junge Mdchen leise, da Sie Ihre
Thrnen nicht zurckhalten knnen?
    O! flsterte Marie lebhaft und leise, ich habe niemals andern Gesang gehrt,
als in der Kirche und zuweilen von Studenten auf der Strae, weil die Mutter
mich nirgends hingehen lie. In der Kirche habe ich auch so mitgesungen, wie
alle Andern, aber lieber Gott, was ist das fr ein Unterschied! Wie Sie hier
sangen, war mir zu Muthe, als ob der Himmel geffnet wre und die Engel von oben
herunter sngen. Ja gewi, ich habe es schon heute bemerkt, hier sind alle
Herrlichkeiten vereinigt in diesem Schlosse und Garten, und die Menschen darin
leben, wie die Seligen im Paradiese; durch diese Mauern dringt keine Noth, und
was Jammer und Schmerzen bedeuten, wissen Sie nicht.
    Emilie lchelte still. Sie dachte an die jammernden Gebete, die hier zum
Himmel aufgestiegen waren, an die in diesen Slen verhallten Seufzer, an die
zahllosen Thrnen, die beinah alle Bewohner schon vergossen hatten, und
entfernte sich von Marie, um nicht durch deren kindliches Gerede sich selbst zur
Wehmuth stimmen zu lassen.
    Die Stimmung der Gesellschaft vernderte sich, als ein Bote, den der Graf
nach der nchsten Stadt geschickt hatte, zurckkehrte und unter mehreren Briefen
auch ein Schreiben an den Grafen mitbrachte, worin ihm aufgetragen wurde, den
franzsischen Kapitain St. Julien ungesumt vor den Kommandanten der Festung ***
zu stellen, die Bescheinigung, da solches geschehen sei, der Behrde
einzuliefern und zugleich anzugeben, wehalb er den besagten St. Julien bei sich
behalten und auf welche Autoritt, statt ihn den Behrden einzuliefern.
    Dieses Schreiben verscheuchte die Heiterkeit, die noch eben die Gesellschaft
belebt hatte, denn es mahnte ernsthaft an die nahe Trennung, und rief auerdem
manches Ernste und Kummervolle lebendig hervor, was sich Jeder gern zu verhllen
bestrebt hatte. Die Mnner vereinigten sich, um zu berathen, was nun geschehen
msse, und indem Alles berlegt wurde, erkannte der Graf von Neuem, wie vielen
Dank er dem Prediger schuldig sei, der damals schon, als St. Julien leblos in
das Haus des Grafen gebracht wurde, mit Besonnenheit und Genauigkeit dafr
gesorgt hatte, da man gehrig antworten und sein Betragen rechtfertigen konnte.
Es wurde nach ernsthafter Berathung beschlossen, da gleich des anderen Tages
St. Julien nach der Festung *** abreisen solle, begleitet von dem Grafen und dem
Arzte, von dem Ersten, damit die fr die preuische Behrde erforderliche
Bescheinigung nicht verweigert wrde, und von dem Zweiten, damit erforderlichen
Falls ein Zeugni abgelegt werden knne, durch welches der junge Mann
gerechtfertigt wrde, so da sein Ausbleiben von seinem Regimente nicht zu
seinem Nachtheil fr eine willkhrliche Handlung ausgegeben werden knnte.
Sobald Sie die Bescheinigung vom Kommandanten erhalten haben, sagte der
Prediger, dann senden wir mit dieser die Eingabe zugleich ein, die wir machten,
um anzuzeigen, wie ein franzsischer Offizier verwundet im Walde gefunden worden
sei, nebst dem Zeugnisse der Aerzte ber seinen gefhrlichen Zustand und dem
Bescheide der Behrde, da besagter Offizier so lange unter Ihrer Obhut bleiben
knne, bis weiter ber ihn verfgt wrde, und so sind alle Unannehmlichkeiten
vermieden. Der Graf sah die wohl ein, und sein Blick trbte sich, nicht aus
Besorgni vor Unannehmlichkeiten, wie der Prediger zu glauben schien, sondern er
verdsterte sich bei dem Gedanken an die baldige unvermeidliche Trennung. Er
reichte St. Julien die Hand, die dieser zrtlich drckte, indem er schweigend
die groen dunkeln Augen abwendete, die berzustrmen drohten.
    Gustav nherte sich dem jungen Grafen, der sich still und sinnend an eine
Fenstervertiefung lehnte, und dessen umwlkte Stirn zeigte, da noch andere
Gedanken sein Gemth bewegten, und nicht allein die nahe Trennung. Emilie war
bla geworden und hatte mit der Grfin den Saal verlassen. Der Arzt war, nachdem
er vernommen hatte, da sein Zeugni bei dem franzsischen Generale vielleicht
nthig sein wrde, im Gefhle seiner Wichtigkeit einige Mal mit hastigen
Schritten im Saale auf und abgegangen, und zog sich nun in sein Zimmer zurck,
einen weitluftigen Krankenbericht aufzusetzen, den er dem Kommandanten der
Festung *** vorzulegen gedachte, um ihn zu belehren, wie grndlich und
vollkommen nach den Regeln der Kunst St. Juliens Wunden geheilt worden wren.
    So war die Heiterkeit und Freude aus dem Kreise der Freunde entflohen und
kehrte auch nicht fr diesen Abend zurck, als man sich von Neuem vereinigte.
Jeder fhlte das Bedrfni, sich ungestrt seinen Gedanken zu berlassen, und
man trennte sich dehalb frher als gewhnlich.
    Der Graf und St. Julien waren am andern Morgen in Begleitung des Arztes nach
der Festung *** abgereist, und der junge Graf, der sie zu Pferde eine Strecke
begleitet hatte, war zurckgekehrt, und wandelte einsam und traurig in den
dunkeln Baumgngen des Gartens. Sein Schtzling und Freund, der junge Gustav,
hatte sich zu ihm gesellt, und suchte ngstlich und schweigend aus den trben
Blicken seines Beschtzers dessen Kummer zu errathen. Endlich brach der Graf
Robert das Schweigen, indem er sagte: Bald wird nun hier alles auseinander
gehen, was sich so schn zusammen gefunden hat, und auch von Dir, mein guter
Junge, mu ich mich nun bald trennen.
    Sie haben es selbst gewollt, erwiederte der Jngling schchtern, ich wre
gern bei Ihnen geblieben.
    Das wre eine Thorheit gewesen, versetzte der junge Graf. Dein eigenes
Bestes fordert die Trennung, Du mut Deine Studien vollenden. Aber vergi nur
ber Deinen Studien nicht, da Du ein Vaterland hast, denke daran, da Dein
Knig Deiner vielleicht in der Zukunft bedarf, und da es die erste und edelste
Pflicht aller Mnner jedes Standes ist, ihrem Vaterlande ihren Arm zu leihen,
wenn ihn dasselbe zu seinem Schutze bedrfen sollte; kurz, gedenke aller unserer
Gesprche, die wir fhrten, wenn wir unser Vaterland beweinten, aber gedenke
ihrer in Deinem verschwiegenen Innern und lasse Dich nicht verleiten, Knaben zu
vertrauen, worber sich nur Mnner berathen sollen. Lasse Dich nicht dadurch
tuschen, da Du vielleicht denkst, ich habe ja doch auch manches Ernste mit Dir
besprochen, ohne Deine Jugend als Hinderni zu betrachten. Dich hat ein hartes
Schicksal erzogen und Dich frhe gereift; Deine Seele ist mnnlich geworden,
obwohl Du noch ein Jngling bist.
    Ich werde gewi alle Ihre Lehren in treuer Brust bewahren, erwiederte der
Jngling, und gewi nicht der letzte sein, der, wenn es gilt, dem Vaterlande
seine Dienste anbietet. Ich habe den Krieg in der Nhe gesehen, ich habe alle
Leiden erfahren, die er herbei fhren kann, und ich bin eben darum meiner um so
gewisser, wenn es einmal dazu kommt; denn mich kann nichts Unerwartetes
erschrecken und entmuthigen, und kein neuer grausenhafter Anblick kann meine
Seele verwirren, und dennoch, wenn ich hier in diesen Baumgngen friedlich mit
Herrn St. Julien auf und abgehe, so treibt mich oft der Gedanke auf ein Mal von
ihm, da er zu unsern Feinden gehrt, und heute hat es mich recht mit Kummer
erfllt, da er nun zu seinen Fahnen zurckkehrt.
    Die Ehre gebietet es, antwortete der Graf finster, er kann nicht anders.
Aber, sagte der junge Mensch ngstlich, indem er den Arm des Grafen heftig
drckte, ohne es zu wissen, wenn uns nun dieser gute, freundliche St. Julien,
der uns beide liebt, der mich selbst die Waffen brauchen lehrt, ein Mal
feindlich gegenber steht, ist es nicht wie ein Brudermord, wenn wir unser
Schwerdt auf seine Brust richten?
    Gott wird solch Zusammentreffen verhten, sagte der Graf abgewendet. Wenn es
aber doch geschhe, fragte der Jngling dringend, was wre in solchem
schrecklichen Falle unsere Pflicht?
    Uns abzuwenden und einen Brudermord zu vermeiden, sagte der Graf, wenn es
irgend mglich ist, ohne unsere Sache zu verrathen.
    Und wenn wir aus der Ferne mit unserm Geschtz ihn niederschmettern und das
Unglck erfahren, wenn wir als Sieger das Schlachtfeld behaupten? fragte der
junge Mensch mit bewegter Stimme.
    Dann beweinen wir einen gefallenen Freund, sagte der Graf mit
hervorbrechendem Schmerz. Was qulst Du mich mit diesen Vorstellungen? Das ist
es ja eben, was meine Seele ngstigt; ich habe diesen Menschen wie einen Bruder
lieben gelernt. Ich sehe es ja, welche Bande ihn an die Haus fesseln werden,
und dennoch kann er uns nicht wahrhaft angehren und das Schicksal fgt
vielleicht einmal das Grlichste. Doch, fuhr er nach einigem Besinnen fort,
diese Schreckbilder drohen noch aus so weiter Ferne, da es thricht ist, sich
diesen Sorgen jetzt schon hinzugeben.
    Als die Reise des Grafen und St. Juliens den Abend vorher beschlossen wurde,
hatte die Grfin den Obristen gebeten, mit seiner Tochter auf Schlo Hohenthal
bis zur Rckkehr der Herren zu verweilen, und dieser hatte gern ihren Wunsch
erfllt, und Therese verlie am andern Morgen Emiliens Zimmer, wo sie die Nacht
zugebracht, indem ihre Freundin sich zur Grfin begab, und wollte ungestrt im
Garten sich ihren Trumen und Hoffnungen berlassen, denn der alte Obrist liebte
sein einziges Kind zu sehr, als da er ihr seine Unterredung mit dem Grafen
htte verschweigen knnen. Sie wandelte sinnend, ein milder Ernst ruhte auf der
schnen gesenkten Stirn und ein halb wehmthiges Lcheln umschwebte die wie
Purpurrosen glhenden Lippen. Vertieft in Gedanken, hatte sie nicht auf ihren
Weg geachtet und keinen Gegenstand bemerkt, so da pltzlich der Graf Robert und
sein junger Freund vor ihr standen. Eine glhende Rthe bedeckte beim Anblick
des Grafen das edle, ausdrucksvolle Gesicht, und der Zauber der Schnheit, die
ihm nie so reizend erschienen war, fesselte die Zunge des liebenden Mannes. Der
Jngling Gustav zog sich nach den ersten Begrungen zurck, und Therese war
allein mit dem Freunde unter dem blauen Himmel, der herbstlich mild sich ber
ihnen wlbte. Der Graf fand endlich Worte, die lang gehegte innige Zrtlichkeit
seines Herzens zu enthllen, und Theresens Seele war zu einfach, das Gefhl in
ihrem Busen zu rein und edel, als da sie es dem Freunde htte verbergen mgen;
aber dennoch versagten ihr die Lippen, als sie nach Worten suchte. Die schnen
braunen Augen fllten sich mit Thrnen und blickten mit so tiefer, rhrender
Zrtlichkeit in die flehenden des geliebten Mannes, da er die holde Antwort
verstand und das liebliche Geschpf, von seliger Freude trunken, in seine Arme
schlo. Er drckte einen Ku auf den rosigen, lebenswarmen, unentweihten Mund,
und indem ihn die Schauer des Entzckens durchbebten, erschrak die unschuldige
Jungfrau vor dem neuen, unbekannten Gefhl und entwand sich sanft den
umschlingenden Armen.
    Der Graf hatte die schweigende Antwort verstanden, und fhrte die Geliebte
zum greisen Vater und bat hier um die Besttigung seines Glcks. Der Obrist
erhob die Hnde dankend zum Himmel und flehte mit lautem, freudigem Gebet um
Segen fr seine geliebten Kinder.
    Es waren die Minuten des reinsten Entzckens entschwunden, in denen der
Mensch, in hheren Empfindungen lebend, sich selbst und die Gegenwart vergit.
Die Erde trat wieder in ihre Rechte ein, und indem die irdischen Verhltnisse
wieder mit Klarheit hervortraten, wurden die Freunde an die Pflichten gegen
diejenigen gemahnt, deren Gromuth ihr Glck erst mglich machte. Der Obrist
fhrte seine Kinder selbst zur Grfin, die er mit Emilien im Saale antraf, und
machte ihr die beschlossene Verbindung bekannt. Er hatte die mit Ruhe und Wrde
thun wollen, aber ihn bewltigte die Rhrung und die Thrnen flossen ber die
vom Alter gefurchten Wangen. Ihnen und Ihrem edeln Gemahl, schlo er, danke ich
die himmlische Ruhe meiner letzten Tage und das Glck meines Kindes. Er wollte
nach diesen Worten die Hand der Grfin kssen, sie aber entzog sie ihm, um ihn
gerhrt und ehrerbietig zu umarmen. Sie sind ja unser aller Vater durch Ihr
Gefhl, sagte sie, und ich bin Ihnen Dank schuldig. Ich habe meinen Vater so
frh verloren, da mein verwaistes Herz die ehrerbietige Neigung einer Tochter
niemals empfand, bis ich sie, indem ich Ihr Wohlwollen erkannte, fhlen lernte.
    Emilie neigte sich glckwnschend gegen den jungen Grafen und drckte mit
inniger Liebe ihre Freundin an die Brust, und es durchzitterte ihren Busen ein
so wehmthiges Gefhl, indem sie die junge, glckliche Braut in ihren Armen
hielt, da sie den Saal verlie, sobald es, ohne auffallend zu sein, geschehen
konnte, um in der Einsamkeit ein Gefhl zu berwinden, das sie um so mehr
ngstigte, weil es ihr wie eine Anwandlung von Neid erschien.
    Als sie allein war, schien es ihr, als ob ein Schleier von ihrem inneren
Auge hinweggehoben sei. Sie erkannte nun mit Klarheit, was ihre dunkle Sehnsucht
schon lange angedeutet hatte. Das Leben ohne St. Julien schien ihr trbe und
de, und mit unaussprechlicher Trauer mute sie sich eingestehen, da die
nchste Zukunft ihr das Gestirn entrcken wrde, das, ihr unbewut, ihr die Bahn
des Lebens bezeichnet hatte. Frh gewhnt inde, die Schmerzen der Seele zu
besiegen, kehrte sie nach einiger Zeit zur Gesellschaft zurck, und ihre Stirn
erschien so heiter, da Niemand als die Grfin den Kummer ahnte, den ihre junge
Brust verschlo.

                                      XII


Die Reisenden hatten, um nach der Festung *** zu gelangen, mehr als eine
Tagereise zurckzulegen und erreichten den Ort ihrer Bestimmung erst den
folgenden Morgen. Nachdem sie von der Fahrt ausgeruht und sich in schickliche
Kleider geworfen hatten, begaben sie sich nach der Wohnung des Kommandanten. Im
Vorzimmer trafen sie verschiedene Personen, die alle vorgelassen sein wollten,
wie es dem Grafen schien. Ein Kammerdiener stand an der Thre, und der Graf
nherte sich ihm und bat, indem er seinen Namen nannte, ihn zu melden. Der
Kammerdiener neigte sich hflich, indem er nach einem jungen Manne blickte, der
in einer Fenstervertiefung eifrig mit Jemandem sprach. Des Grafen Augen folgten
dem Blicke und er erkannte ohne Mhe den schwarz gekleideten jungen Mann, den er
schreibend bei dem groben Verwalter angetroffen hatte, als er den Obristen
Thalheim aus unwrdigen Verhltnissen erlste. Ohne Verlegenheit nherte sich
der durch den Wink des Kammerdieners Herbeigerufene, und des Arztes blitzende
Augen begegneten den kaltblickenden dunkeln Sternen des jungen Lorenz. Ein
Ausruf der Verachtung wurde nur mit Mhe unterdrckt, denn zur rechten Zeit
fielen dem feurigen Arzte die Warnungen des Predigers ein, und er beschlo nun
mit philosophischer Standhaftigkeit und mnnlicher Wrde die Nhe eines Schurken
zu ertragen. Der junge Lorenz nherte sich, ohne den Arzt weiter zu beachten,
mit ruhiger, kalter Hflichkeit dem Grafen und fragte, ob ein dringendes
Geschft ihn zum Kommandanten fhre, da er nur in diesem Falle gemeldet werden
drfe, weil seine Excellenz sehr beschftigt sei.
    Es lag ein so vollkommenes Vergessen aller Verhltnisse in der mit
unverschmter Hflichkeit gestellten Frage, da der Graf so gut wie der Arzt
gezwungen war, sich zu beherrschen, um sich nicht durch einen Menschen verletzt
zu zeigen, der dessen unwerth schien. Jener antwortete also mit Klte, da er
darum ersuchen msse, ihn gleich zu melden, weil es allerdings dringend nthig
sei, da er seine Excellenz, den Herrn Kommandanten, sprche. Der junge Lorenz
verlie ihn, wie es dem Grafen schien, mit einer spttischen Verbeugung, die
sehr kalt erwiedert wurde, und verschwand durch die Thre, die zu dem
Kommandanten zu fhren schien.
    Wenn die Thre geffnet wurde, erwartete der Graf jedes Mal eingelassen zu
werden, aber so oft einer, der Gehr gefunden hatte, das Kabinet des
Kommandanten verlie, wurde ein anderer der Harrenden eingefhrt, und den Grafen
und seine Begleiter schien Niemand zu beachten. Der junge Lorenz erschien wieder
im Vorsaale und ging an dem Grafen vorber, ohne ihn anzureden, und dieser
konnte sich nicht berwinden, seine Verwendung noch ein Mal zu fordern. Er
erstaunte ber sich selbst, sich geduldig harrend in dem Vorsaal eines
franzsischen Generals zu finden, und nur die Liebe, welche er fr St. Julien
empfand, konnte ihn bestimmen, das Ende des sonderbaren Auftrittes ruhig zu
erwarten.
    St. Julien hatte ungeduldig umher gesehen, um einen Offizier zu erblicken,
an den man sich wenden knne, aber nur Personen, die wie Kaufleute und
Handwerker aussahen, waren als Bittende im Vorsaale, und der Kammerdiener an der
Thr, dessen Augen immer fragend auf den auf und ab gehenden Lorenz gerichtet
waren, so oft ein neuer Bittender in das Heiligthum drang.
    Endlich blieb der junge Lorenz vor dem Arzte stehen und sagte mit groer
Geringschtzung: Wenn Sie bei seiner Excellenz etwas zu suchen haben, so thun
Sie am Besten, mir Ihre Mittheilung zu machen, denn der Herr General wird sich
schwerlich mit Ihnen einlassen, und auch gegen mich, bitte ich, sich kurz zu
fassen, denn lange Auseinandersetzungen habe auch ich nicht Zeit zu hren.
    Wer sind Sie denn eigentlich hier, fragte der Arzt mit unterdrcktem Grimme,
da Sie sich in die Geschfte des Herrn Generals mischen wollen? Es gehrt eine
groe Beschrnktheit des Geistes dazu, sagte Lorenz mit groer Ruhe, es nicht
ohne Frage einzusehen, da ich hier angestellt bin; aber Sie werden doch nicht
in so hohem Grade geistig kurzsichtig sein, um es nun nicht zu begreifen, da
ich Sie die ungezogene Frage kann bereuen machen.
    Es war klar, da Lorenz, der verschiedene Male von dem Arzte war schnde
behandelt worden, ohne es rchen zu knnen, jetzt ihn veranlassen wollte, in der
Heftigkeit, die ihm eigen war, sich zu vergessen und ungebhrlich laut im
Vorsaal des Generals zu werden. Durch ein solches Vergehen hoffte er den Arzt in
so ernsthafte Unannehmlichkeiten zu verwickeln, da er alle empfangenen
Beleidigungen auf ein Mal rchen knnte. Der Graf sah den Kunstgriff gelingen
und wute nicht gleich, wie er das beabsichtigte Ungewitter abwenden sollte,
denn wenn er sich selbst entschlo, sich in das Gesprch der Beiden zu mischen,
so konnte er nicht wissen, ob der Uebermuth des jungen Lorenz nicht so weit
gehen wrde, auch ihn zu beleidigen, und er fhlte, da es seiner gleich
unwrdig sei, eine Beleidigung dieses Menschen zu rgen, wie zu ertragen. Alle
diese Gedanken flogen in einem Augenblicke mit Blitzesschnelle durch den Geist
des Grafen und er sah unruhig auf den Arzt, der kampffertig da stand, mit
glhenden Wangen und halb zugedrckten blitzenden Augen. Nur eines Wortes htte
es noch bedurft und seine Brust htte sich ohne Rcksicht des furchtbaren Zornes
entladen; da rettete ihn ein Zufall, den er oftmals whrend des Laufes seines
Lebens segnete.
    Die Thre wurde geffnet, und ein Adjudant trat in den Vorsaal und sagte
franzsisch: Der Herr General kann heute Niemand mehr hren, da andere Geschfte
seine Zeit in Anspruch nehmen, und Wer noch etwas vorzutragen hat, mag morgen um
dieselbe Stunde wieder erscheinen. Sagen Sie das deutsch, Herr Sekretair, fuhr
er zu Lorenz gewandt fort, fr diejenigen, die nicht franzsisch verstehen.
    Mit einem boshaften Blick auf den Arzt, wiederholte Lorenz, nachdrcklich
betonend, die Worte des Adjudanten, und die noch im Saale gewartet hatten,
verlieen ihn mimthig, und Lorenz hatte die Unverschmtheit, mit eimem
Ausdrucke der Verwunderung den Grafen anzusehen, so da sein Blick zu fragen
schien, was ihn nach dieser Erklrung noch bestimmen knne, zu verweilen.
    Der Graf, auf's Aeuerste darber emprt, sich auf diese demthigende Weise
abgewiesen zu sehen, wollte eben den Adjudanten anreden, zu dem auch schon St.
Julien treten wollte, als die Flgelthre geffnet wurde und der Kommandant, von
einigen Adjudanten begleitet, heraustrat. Der Graf, mit all der natrlichen
Wrde, die ihm eigen war, und mit der Hflichkeit der Gebehrden, die durch die
Erziehung und das Leben in der groen Welt erworben wird, trat dem Kommandanten
entgegen und sagte: Mein Herr General, wenn es Ihre Zeit noch irgend erlaubt, so
bitte ich Sie, mir, dem Grafen Hohenthal, und dem Kapitn St. Julien noch einen
Augenblick Gehr zu verleihen.
    Der General verbeugte sich verbindlich und fragte, zu dem Kammerdiener
gewendet: Wehalb sind die Herren nicht gemeldet? Der Kammerdiener deutete stumm
auf Lorenz, und dieser sagte ohne alle Verlegenheit: Da Ew. Excellenz befohlen
haben, die Personen nach der Reihefolge, wie sie gekommen sind, vorzulassen, und
der Herr Graf mit seinen Begleitern zuletzt kam, so glaubte ich keine Ausnahme
machen zu drfen. Es ist gut, sagte der General kurz; ich hatte Ihnen befohlen,
vorlufig die Vortrge derer zu hren, die nicht franzsisch verstehen, um Zeit
zu ersparen. Vergessen Sie nicht, da die Ihr Hauptgeschft ist. Er lud hierauf
den Grafen und St. Julien ein, ihm in sein Kabinet zu folgen, und der Arzt
schlo sich uneingeladen an, indem er einen triumphirenden Blick auf seinen
Feind Lorenz scho.
    Mit cht franzsischer Hflichkeit wurde das Geschft behandelt. St. Julien
fand nicht die Schwierigkeiten, die er befrchtet hatte. Er erhielt als
dienender Offizier seines Regiments einen Urlaub auf zwei Monate, um seine
Gesundheit zu befestigen, wie seine Mutter es ihm schon gemeldet hatte. Der Graf
empfing die fr seine Behrde wichtige Bescheinigung, und der General dankte ihm
verbindlich, da seine Menschlichkeit einen hoffnungsvollen Offizier erhalten
habe, den er damals, als er sich seiner angenommen, doch als einen Feind htte
betrachten mssen. Der Graf erwiederte, da er berzeugt sei, ein franzsischer
Krieger wrde in hnlichen Fllen eben so handeln und in dem leidenden Menschen
keinen Feind erblicken. Wenn aber die Rettung des Kapitns, fuhr er fort, als
ein Verdienst anerkannt werden mu, so darf ich mir die nicht anmaen, denn
mein Beistand wrde ihn kaum einige Stunden erhalten haben. Da er lebt und
blhend vor uns steht, haben wir nur der Geschicklichkeit und dem Eifer des
Herrn Doktor Lindbrecht zu danken. Der Graf erwhnte aus Mitleid das Verdienst
des Arztes, denn dieser stand seitwrts und drckte mit groer Verlegenheit sein
ansehnliches Manuskript an die Brust, welches er in der Nacht ausgearbeitet
hatte, um dem Kommandanten eine Uebersicht davon zu verschaffen, auf welche
Weise die Heilung St. Juliens bewerkstelligt worden sei. Er hatte die
Manuskript im Busen, um es auf den ersten Wink vorzulegen, und nun richtete
Niemand eine Frage an ihn, kein Mensch kmmerte sich um ihn und er hatte alle
seine Philosophie nthig, um diese Vernachligung des Verdienstes mit Anstand
zu ertragen.
    Der General sagte ihm nun noch einige verbindliche Worte, die sein Herz
einigermaen erquickten, und entschuldigte sich gegen den Grafen, da ihm seine
Zeit fr jetzt nicht erlaube, das Vergngen seiner Gesellschaft lnger zu
genieen, er hoffe aber ihn und St. Julien bei der Mittagstafel zu sehen. Der
Graf und sein junger Freund nahmen die Einladung an, und Alle verlieen das
Kabinet des Generals, und indem sie den Vorsaal betraten, in welchem Lorenz noch
auf und ab ging, nahmen alle drei Abschied vom General, der seine Einladung
wiederholte und sagte: Ich hoffe, mein Herr Doktor, da Sie den Herrn Grafen
begleiten werden. Ein Sonnenschein triumphirender Genugthuung verbreitete sich
ber des Arztes Gesicht, und nachdem er sich tief vor dem Generale gebckt
hatte, sah er seitwrts nach Lorenz, ohne ihn zu gren, und ging wie ein
siegender Held hinweg.
    Mit sehr verschiedenen Empfindungen nahmen die drei Freunde das Mittagsmahl
bei dem Kommandanten ein. Der Graf sowohl, als der General fhlten, da eine
freundschaftliche Annherung unmglich sei, denn obgleich der Friede geschlossen
war und die Franzosen nun als Freunde in Preuen zu stehen behaupteten, so
konnte es doch einem einsichtsvollen Manne nicht entgehen, da der Druck, den
sie fortwhrend auf das Land ausbten, sie den Preuen nicht als solche zeigen
konnte. Auch das eigne ritterliche Gefhl sagte den bessern Franzosen, da die
Preuen, nach den groen Demthigungen, die sie erlitten, sich nicht eher
aufrichtig mit ihnen vershnen knnten, bis die Schmach wieder getilgt wre. Es
war also natrlich, da der Graf und der General nur ber sehr allgemeine
Gegenstnde sprachen, und sich nur so weit nherten, wie es Mnnern von Welt die
Sitte gebietet. Der Arzt war Anfangs scheu in dieser ihm durchaus fremden
Gesellschaft und sein schroffes, seltsames Betragen wurde hier noch
auffallender, als unter schonenden Freunden; auch tadelte er sich innerlich, da
er, ohne da die Pflicht es gebot, an einer Gesellschaft Antheil nahm, deren
Dasein schon sein patriotisches Gefhl verletzte, und er wrde vielleicht den
Grafen gar nicht begleitet haben, wenn er nicht seinen Feind Lorenz htte
demthigen wollen, der am Ende der Tafel sa, wohin der Arzt nun von Zeit zu
Zeit bermthige Blicke richtete. Eine andere Furcht beunruhigte ihn noch. Er
besorgte nmlich, St. Julien werde, wie er es sich unter Freunden erlaubte, ihn
auch hier zum Gegenstande des Scherzes machen, und er wute nicht, wie er dann
seine Fassung behaupten sollte; doch sah er zu seiner groen Freude bald, wie
ungegrndet diese Besorgni war. St. Julien behandelte ihn hier unter Fremden
mit der ernsthaftesten Achtung und sprach gegen die jungen bei der Tafel
gegenwrtigen Offiziere mit lebhafter Dankbarkeit darber, wie er dem Eifer, der
Geschicklichkeit und der unermdlichen, uneigenntzigen Sorgfalt seines Arztes
und Freundes sein Dasein verdanke. Dies war genug, um die lebhaften Franzosen
seine seltsamen Manieren vergessen zu machen, und sie berschtteten den Arzt
mit lebhaften und aufrichtigen Danksagungen dafr, da er ihnen einen braven
Kameraden erhalten habe. Der berglckliche Arzt bewegte sich heftig hin und her
auf seinem Stuhle, um nach allen Richtungen hin, ber seine erfllte Pflicht
sprechend, fr das ihm bezeigte Wohlwollen zu danken. Erstaunt war er aber, da
die Franzosen sein Franzsisch grtentheils nicht verstanden, und da es ihnen
St. Julien oft wie eine fremde Sprache bersetzen mute, und zum ersten Male kam
er auf die Vermuthung, da es nicht Anmaung und Eigensinn sein mchte, wie er
frher glaubte, wenn ihm Dbois Winke ber seine Aussprache des Franzsischen
gegeben und zuletzt, da er sie nicht beachtet, nur immer Deutsch mit ihm geredet
hatte.
    St. Julien schien bei dem Anblick franzsischer Uniformen und Feldzeichen
alle andern Verhltnisse vergessen zu haben. Mit Begeisterung erfllten ihn die
Berichte von Schlachten und Siegen, an denen seine Tischgenossen Theil genommen
hatten, und er seufzte ber die Unthtigkeit, zu der er selbst inde durch seine
gefhrliche Verwundung war gezwungen worden. Er fragte nach manchen von seinen
Bekannten und Kameraden, und wenn er auch von vielen hrte, da sie in den
Schlachten geblieben waren, in denen er nicht mitgefochten zu haben beklagte, so
hatten doch auch andere militrischen Rang und Ehren erkmpft, whrend sein
eigener Ehrgeiz unbefriedigt blieb, und er betrachtete mit einer Art von Neid
ihr Loos.
    Als das Gesprch schon eine Zeit lang mit Lebhaftigkeit ber alle diese
Gegenstnde gefhrt worden war, sagte einer der Adjudanten zu St. Julien: Da Sie
doch nach so vielen von Ihren Bekannten und Kameraden sich mit Theilnahme
erkundigen, so wundert es mich, da Sie gar nicht an die drei Brder Lambertis
denken, die doch beinah Ihr Geschick getheilt htten.
    Was ist aus ihnen geworden? fragte St. Julien mit groer Bewegung. Der
lteste, erwiederte der Adjudant, ist in der Schlacht bei Friedland geblieben,
der zweite ist mit seinem Regimente nach Italien gegangen, und den jngsten, der
bei Friedland einen Arm verloren hat, habe ich vor einigen Monaten in Berlin
gesprochen; er hatte die Absicht nach Paris zu gehen. Mit seiner Gesundheit aber
stand es in Folge seiner gefhrlichen Verwundung noch so schlecht, da er bei
meiner Abreise noch in Berlin bleiben mute, um sich einigermaen zu erholen,
ehe er die weite Reise unternehmen konnte. Er theilte mir auch Ihr unglckliches
Ende mit, denn er hielt Sie fr todt.
    Und was sagte er darber, fragte St. Julien mit groer Spannung. Er erzhlte
mir, sagte der Adjudant, da Sie beim Marsche Ihres Regiments einen Abend in
heiterer Gesellschaft mit den Lambertis zugebracht, darauf des andern Morgens
etwas spt mit ihnen ausgeritten wren, und um an dem gegebenen Sammelplatze
wieder mit Ihrem Regiment zur rechten Zeit zusammentreffen zu knnen, htten Sie
einen Fhrer angenommen, der Sie auf krzeren Wegen durch das Gebirge zu fhren
versprochen habe. Dieser aber sei ein Verrther gewesen, denn er habe Sie
gnzlich vom Wege abgeleitet, und endlich wren Sie in der Einde eines sich
weit ausdehnenden Waldes auf ein kleines Detachement preuischer Truppen
gestoen, bei deren Anblick Ihr Wegweiser sogleich entflohen sei. Von den
Preuen angegriffen, htten Sie, theurer St. Julien, nach der tapfersten
Gegenwehr Ihrem Schicksale erliegen mssen, und auch Ihre Freunde, die
Lambertis, wren nahe daran gewesen, Ihr Loos zu theilen, weil sie sich, aus
mehreren Wunden blutend, schon ermattet gefhlt htten, als Hrnertne aus der
Ferne das feindliche Detachement vermuthlich zu seinem Regimente riefen, denn
ohne sich um den Todten zu bekmmern und ohne die Lebenden weiter zu bekmpfen,
wren die Feinde so eilig als mglich davon gesprengt, und den Lambertis blieb
nichts brig, als ihren gefallenen Freund zu beweinen. Der jngste Lamberti
hatte Ihre Uhr, Ihren Ring und Ihr Taschentuch zu sich genommen, um bei seiner
Rckkehr nach Frankreich Ihrer Mutter diese traurigen Zeichen von dem
unglcklichen Ende eines geliebten Sohnes zu berreichen.
    Es ist ein Glck, sagte St. Julien mit sehr bewegter Stimme, da meine Muter
anders unterrichtet ist und also, wenn der theilnehmende Bote die Zeichen meines
Todes berreicht, nicht so heftig erschttert werden kann, wie er vermuthlich
erwartet.
    Und verhlt es sich so mit der Geschichte Ihres Unglcks, wie eben erzhlt
wurde? fragte der General.
    Alles verhlt sich so, erwiederte St. Julien, der mit groer Anstrengung
seine Fassung zu behaupten strebte. Der Graf hatte whrend dieses Gesprchs St.
Julien aufmerksam beobachtet, und ihm entging es nicht, wie gewaltsam dieser
sein Gefhl niederkmpfte. Bei der letzten Antwort begegneten die Blicke des
junges Mannes denen des Grafen, und eine dunkle Rthe bedeckte augenblicklich
sein Gesicht, wodurch der Letztere berzeugt wurde, die Sache verhalte sich
anders.
    Sie lebten in groer Vertraulichkeit mit den Lambertis, begann der Adjudant
von Neuem. Ich glaube, Sie sind sogar verwandt.
    Weitluftig, sehr entfernt, erwiederte St. Julien kurz, um das Gesprch zu
endigen.
    Die Lambertis sind aber Italiener, sagte der Adjudant.
    Die Mutter meines Vaters war eine Italienerin, erwiederte der junge Mann,
und ich hoffe diesen Freunden und Verwandten noch als wieder erstandener Todter
den gebhrenden Dank fr ihre Theilnahme an meinem unglcklichen Ende
abzustatten.
    Dem Grafen entging die Zweideutigkeit dieser Antwort nicht und er fing an zu
glauben, da St. Julien ber seine beinah tdtliche Verwundung darum ein
hartnckiges Stillschweigen beobachtet hatte, um nicht Gruel und Verbrechen
seiner eigenen Familie zu enthllen. Er suchte ihn also auch jetzt von der
unangenehmen Nothwendigkeit zu erlsen, noch mehr ber diesen Gegenstand zu
sprechen, und gab der Unterhaltung durch einige zweckmige Fragen eine andere
Richtung.
    Endlich wurde die Tafel aufgehoben und die Gesellschaft trennte sich. Es war
leicht zu bemerken, da St. Juliens natrliche Heiterkeit ihn verlassen und
einem trben, ernsten Nachdenken Platz gemacht hatte. Der Graf fhlte sich
erleichtert, als er, im Gasthofe angekommen, die nthigen Befehle geben konnte,
um die Rckreise nach Schlo Hohenthal anzutreten, denn der Aufenthalt unter
franzsischen Kriegern, umringt von ihren Fahnen und Feldzeichen, beklemmte
seine Brust, und ihn verwundete tief, was St. Julien in Entzcken versetzt
hatte. Beide gaben sich also aus verschiedenen Grnden einem schwermthigen
Sinnen hin. Nur der Arzt war vollkommen heiter; er hatte den vollstndigsten
Sieg ber seinen Feind Lorenz davon getragen, der an der Tafel des Kommandanten
wenig war beachtet worden, whrend er selbst, nach seiner Meinung, die grten
Auszeichnungen genossen hatte. Er war auch der erste, der Neigung zeigte, ein
Gesprch anzufangen, als sie die Festung hinter sich hatten. Ich htte nicht
gedacht, begann der Arzt seine Rede, da die Franzosen so hflich und
liebenswrdig sein knnten, wie ich sie heute gefunden habe, und wenn sie den
Uebermuth aufgeben wollten, alle anderen Vlker zu beherrschen, so wrde ich
mich nicht weigern, sie als Kinder der civilisirten Welt, als Brder in der
groen europischen Familie zu betrachten.
    Der Graf mute bemerken, da die letzte Unterhaltung an der Tafel des
Kommandanten der Festung *** einen tiefen Schatten in St. Juliens Seele gesenkt
hatte, da selbst diese Aeuerung des Arztes seine Laune nicht erregte und er es
dem Grafen berlie, eine Antwort darauf zu geben, dessen Stimmung ebenfalls
nicht heiter genug war, um in alle Ansichten des Arztes einzugehen. Es wurden
also ziemlich stumm die ersten Meilen zurckgelegt. Je mehr sie sich aber Schlo
Hohenthal nherten, um so lebhafter fhlte St. Julien das Glck, noch zwei
Monate in dem Kreise seiner Freunde verweilen zu drfen, und die Lebhaftigkeit
des Geistes, der Frohsinn der Jugend waren zurckgekehrt, noch ehe der Wagen
durch das Thor des Schlosses rollte.
    Der Graf Robert eilte den Ankommenden entgegen, und wie einen neu gewonnenen
Freund schlo er mit groer Freude St. Julien in die Arme, denn er hatte
innerlich gefrchtet, der Kommandant der Festung *** wrde Schwierigkeiten
machen, die Rckkehr zu erlauben, und vielleicht darauf bestehen, da St. Julien
sogleich zu seinem Regiment abreisen solle. Die Grfin bewillkommnete ihn mit
sichtbarer Rhrung, und Emilie, die halb hinter derselben verborgen stand,
sendete einen Blick zrtlicher, seliger Freude zu ihm hinber, der ihm das Herz
in seinen Tiefen bewegte, und ihm schien es, als ob er jetzt es zum ersten Male
wahrhaft und mit ungemessener Dankbarkeit empfnde, wie wahr und innig er in
diesem Hause geliebt sei, wo ihn die zartesten Bande umschlossen.
    Als die ersten freudigen Begrungen vorber waren, wollte der Graf den
Frauen erzhlen, wie bereitwillig der Kommandant ihren Wunsch erfllt habe, aber
ehe er noch seinen Bericht begann, erschien der Prediger, der es wute, da die
Freunde diesen Abend zurck erwartet wrden, um so bald als mglich zu hren,
wie es bei dem feindlichen General gelungen, und zu sehen, ob St. Julien
wirklich wieder zurckgekehrt sei, woran auch er, wie der Graf Robert,
gezweifelt hatte. Die Freude und die Glckwnsche wurden bei seinem Eintritte
erneuert, aber er selbst krzte sie gern ab, um zu erfahren, was der Graf ber
seinen kurzen Aufenthalt in der Festung *** mittheilen wrde. Dieser konnte
natrlich nur die Hflichkeit und Geflligkeit des Kommandanten rhmen, der
ihnen ohne alle Schwierigkeiten die Freude gewhrt hatte, St. Julien noch zwei
Monate bei sich zu sehen, und zwar ohne Nachtheil fr den jungen Mann. Zwei
Monate schienen den jungen Leuten eine betrchtliche Zeit, und ein unbewut
schnell gewechselter Blick zwischen Emilie und St. Julien sprach ohne ihren
Willen diese Meinung aus, und erregte in jedem ein trstliches Gefhl. Der Graf
erzhlte dem Prediger die merkwrdige Ungezogenheit des jungen Lorenz, und
dieser rief hchst entrstet: So werden Sie doch dem Vater dieses bermthigen
Menschen die Pension nicht lnger zahlen, die er von Ihnen zieht?
    Und wie hinge das, was ich dem Vater versprochen habe, mit dem Betragen des
Sohnes zusammen? fragte der Graf.
    Glauben Sie denn, da er weniger schlecht und undankbar ist, als der Sohn,
erwiederte der Prediger; glauben Sie, da er Ihre Untersttzung im Mindesten
verdient oder auch jetzt nur bedarf?
    Sie haben gewi Recht, antwortete der Graf, und ich bin ganz Ihrer Meinung.
Auch gestehe ich Ihnen, htte ich diese unwrdige Familie bei meiner Ankunft
gekannt, so wie ich sie jetzt kenne, da dann meine Untersttzung wenigstens
nicht so bedeutend ausgefallen sein wrde, trotz der langen Dienstjahre, die der
Alte geltend macht. Da ich aber aus Mangel an richtiger Kenntni mein Wort
einmal gegeben habe, so kann ich mich nicht wieder zurckziehen, obwohl ich
einsehe, da der alte Lorenz nicht sowohl so viele Jahre gedient hat, wie er
sich rhmt, als vielmehr sich und seine Familie verschwenderisch hat erhalten
lassen, ohne Nutzen zu stiften, und gewi htte er dafr keine Belohnung
verdient; aber, wie gesagt, die Sache lt sich nun nicht mehr ndern und wir
mssen uns darein ergeben.
    Es ist aber rgerlich, sagte der Pfarrer, dem noch Wohlthaten zuwenden zu
sehen, der jetzt wieder mit Uebermuth wie ein reicher Mann unter uns auftritt.
Er hat das kleine Gut Schnthal gepachtet und lebt dort ganz wie ein Edelmann.
Ich war neugierig, seine Einrichtung zu sehen, und brachte ihm dehalb selbst
die vierteljhrige Pension hin, die Sie ihm zukommen lassen. Ich erstaunte, wie
auerordentlich gut er das Haus meublirt hat, und er hatte die Unverschmtheit,
mir mit seinem widrigen Lcheln zu sagen: Da jetzt so viele Edelleute in der
schweren Kriegszeit, die Gott ber uns verhngt hat, zu Grunde gehen, so kommt
man wohlfeil an alle diese Dinge, Herr Prediger, und ich kann nach Gottes
gndigem Willen in meinem Alter doch noch fhlen, da ich ein Mensch bin, so gut
wie alle die Herren. Das Geld, welches ich ihm brachte, warf er so gleichgltig
in seinen Schreibtisch, als wre es fr ihn eine ganz geringe Summe und
keineswegs eine Untersttzung, die er der Gromuth verdankt, sondern die
Bezahlung einer unbedeutenden Schuld. Mein Schreiber soll die Quittung
aufsetzen, sagte er vornehm, ich werde sie unterzeichnen, denn meine Augen
werden schwach und erlauben mir nicht mehr viel zu schreiben. Ich rgerte mich
so sehr ber sein bermthiges Betragen, da ich ihn etwas zu demthigen
beschlo und daher sagte: So wrden Sie wohl jetzt keine Urkunden mehr
abschreiben knnen, wenn sich die Gelegenheit darbte? Nein, das wrde mir nicht
mehr mglich sein, antwortete er sehr freundlich ohne alle Verlegenheit, auch
habe ich es Gottlob nicht mehr nthig, solche Arbeiten zu machen, und bin durch
Gottes Gnade so eingerichtet, bester Herr Prediger, da ich in meinem Hause nur
ber Dinge zu sprechen brauche, die mir angenehm sind. Ich wollte den alten
Snder verlassen, aber er bestand darauf, ich mute den Abend bei ihm bleiben,
und ich fand seinen Tisch auerordentlich gut besetzt. Man hat die Gottesgabe,
bemerkte er, weit billiger, als die vornehmen Herren, denn die Kenntnisse, die
ich mir in der Jugend erwarb, schtzen mich besser vor Betrug. Das kann ich
begreifen, erwiederte ich ihm, so da er die Beziehung verstehen mute.
Freilich, freilich, antwortete der Schelm ohne alle Verlegenheit, es begreift
sich leicht. Wer so lange, wie ich, in herrschaftlichen Husern lebt, macht auch
seine Studien, nur anders wie die Gelehrten, Herr Pfarrer. Bei Tische wurden
sehr gute Weine angeboten, und der Alte sagte mit unertrglicher Heuchelei: Gott
hat mir gute Kinder geschenkt, die fr ihren alten Vater sorgen. Mein lieber
Sohn hat mir einige Kisten Wein gesendet. Lieber Gott, er ist in einer Lage, wo
er das alles mit Leichtigkeit erwirbt, und er will nicht, da das schwache Licht
meines Lebens erlschen soll, und sucht dehalb die Flamme zu nhren; nun, der
Herr wird es ihm vergelten. Er sagte mir hierauf, da in der nchsten Woche
seine beiden Kinder ihn auf einige Tage besuchen wrden, um seinen siebzigsten
Geburtstag festlich zu begehen, und er lud mich so dringend dazu ein, da ich
zusagen mute. Als er mein Versprechen hatte, fing er an, wie er sagte, aus
Freude darber, unmig zu trinken, und ich verlie ihn im Zustande thierischer
Betrunkenheit und schmte mich, da ich ein solches Mahl mit einem solchen
Menschen hatte theilen knnen. Auch war ich natrlich entschlossen, sein Haus
nicht wieder zu betreten, obgleich ich gern sehen mchte, wie sich die saubere
Familie an diesem Feste gebehrden wird. Auch mchte ich wissen, wo sich seine
Tochter aufhlt, nachdem sie den franzsischen General verlassen hat, der Alte
gab darber nur ausweichende Antworten. Ist es denn nun, schlo der Prediger,
nach allem diesem nicht unertrglich, da dieser bermthige Mensch noch
Wohlthaten empfangen soll, deren Werth er so wenig erkennt?
    Sie haben Recht, erwiederte der Graf, und nur ein gegebenes Wort bestimmt
mich, eine Untersttzung fortzusetzen, die allerdings, wie ich selbst einsehe,
besser angewendet werden knnte.
    Der Geistliche konnte hierauf nichts weiter erwiedern, und wurde von der
Unterredung mit dem Grafen durch einen lebhaften Streit zwischen dem Arzte und
St. Julien abgezogen, an dem nach und nach die ganze Gesellschaft Theil nahm.
Der Arzt behauptete nmlich mit grtem Eifer, da die Franzosen in Deutschland
wren, so wre es ihre Schuldigkeit, deutsch zu lernen, und sie mten es wie
eine hfliche Geflligkeit betrachten, wenn man sich dazu verstnde, franzsisch
mit ihnen zu reden, und htten gar kein Recht, weder ber schlechte Aussprache
noch sonstige Mngel dabei zu lachen. St. Julien scherzte ber den Gedanken und
fand die Vorstellung ungemein belustigend, da also, wenn ein Feldzug erffnet
werden sollte, die erste Vorbereitung dazu durch die Sprachmeister in
verschiedenen Zungen gemacht werden mte.
    Der Graf, der sich in das Gesprch mischte, sagte: Sie wrden Recht haben,
lieber Doktor, wenn die Franzosen zu uns als Bittende, Hlfesuchende kmen; da
sie aber leider als Sieger hier sind, so knnen sie wohl erwarten, da wir
unsere Gesuche in ihrer Sprache vortragen, denn es mchte zu unserm eigenen
Nachtheil gereichen, wenn wir die nicht verstnden, und so schafft eine
Gewohnheit selbst, die mir immer so auerordentlich albern erschienen ist, doch
auch ihren Nutzen, freilich bei einer unerfreulichen Gelegenheit.
    Welche Gewohnheit? fragte der Prediger neugierig.
    Der seltsame Gebrauch, erwiederte der Graf, der seit Jahrhunderten immer
weiter um sich gegriffen hat, in den gebildeten Familien statt der Landessprache
die franzsische zu reden, und nicht etwa gegen Franzosen oder berhaupt gegen
Fremde, nein, unter sich, so da recht in ihrem Herzen eine jede Familie ihrer
Nationalitt entuert und fremd, franzsisch, zu werden sucht.
    Tadeln Sie die Kenntni und den Gebrauch fremder Sprachen, fragte St. Julien
verwundert, da Sie selbst mehrere grndlich kennen und lieben?
    Der Graf antwortete lchelnd: Kaiser Karl der Fnfte sagte, ein kluger Mann,
der vier Sprachen redet, ist so viel werth, als vier kluge Mnner, und der
Meinung bin ich auch. Aber wrden Sie sich nicht wundern, wenn in den
franzsischen Salons auf ein Mal deutsch oder englisch von allen Menschen
geredet wrde, die darauf Anspruch machen, zu den Leuten von gutem Tone zu
gehren, und Jeder die fr vornehmer hielte, als wenn er an seinem eigenen
Heerde sich der Sprache seines Landes bediente? Wrden nicht alle wahren
Franzosen ein solches antinationales Beginnen auf das Heftigste und zwar mit
Recht tadeln? Und liegt nicht der Gedanke ganz nahe, wenn ich mich immer eines
fremden Idioms bediene, um meine besten Gefhle, sinnreichsten Gedanken und
witzigsten Einflle darin auszudrcken, da die Sprache des Landes
vernachlssigt werden, roh und ungebildet bleiben mu? In Deutschland hat ein
gebildeter Mittelstand die Sprache lebendig ausgebildet, und gewi dadurch viel
zu dem Glanze und der Anmuth beigetragen, die wir neben der Tiefe und Innigkeit
bei den vorzglichsten Schriftstellern unserer Nation bewundern. Die Vornehmen
haben seit lange besser verstanden, sich franzsisch als deutsch auszudrcken.
    
    Es ist wahr, sagte St. Julien, auch die Italiener erwarten, da man in ihrem
Lande ihre Sprache mit ihnen redet, aber ich habe die immer fr Unwissenheit
gehalten.
    Zum Theil, sagte der Graf, mag es so sein. Aber noch weiter gehen in dieser
Forderung die Englnder, und gewi nicht aus Unwissenheit, sondern aus sehr zu
lobendem Nationalstolze; denn ich wenigstens begreife nicht, worauf sich die
Vaterlandsliebe am Ende sttzen kann, wenn eine Nation alles Eigenthmliche, bis
auf ihre Sprache selbst, bei sich zu vertilgen strebt. Ein Bequemlichkeit ist
inde, wie nicht zu lugnen ist, aus dieser lcherlichen Gewohnheit entstanden,
da nmlich die franzsische Sprache die geistige Scheidemnze des Lebens
geworden ist und man nur diese eine zu erlernen braucht, um sich vom Tajo bis
zur Newa und noch weiter hinaus verstndlich zu machen.
    Und das ist doch ein groer Vortheil, rief St. Julien.
    Fr die Franzosen, erwiederte der Graf; sie gewinnen dabei am Meisten,
selbst an Bequemlichkeit, denn sie brauchen sich nicht mit dem Studium einer
einzigen fremden Sprache zu bemhen, selbst nicht fr ihre diplomatischen
Unterhandlungen, denn auch diese werden in der Regel in franzsischer Sprache
gefhrt, und ich wei nicht, ob Jemand daran gedacht hat, welch ein groer
Vortheil den Franzosen schon allein dadurch zugestanden ist, da mit ihnen in
ihrer Landessprache unterhandelt wird, die ein geistreicher Mann immer besser zu
benutzen verstehen wird, wie eine fremde, wenn er sie sich auch noch so sehr zu
eigen gemacht hat.
    Aber eine Sprache mu doch bei diesen Verhandlungen angewendet werden, sagte
der Prediger, und so wrde es nicht zu vermeiden sein, da eine Nation in dieser
Rcksicht begnstigt wird.
    Ehedem, bemerkte der Graf, wurden alle Staatsgeschfte verschiedener
Nationen lateinisch verhandelt, und ich begreife nicht, wehalb die jetzt
lcherlich und pedantisch gefunden wird. Es war wenigstens Gerechtigkeit darin,
eine Sprache, die keine lebende Sprache eines Volkes mehr ist, und die folglich
alle Parteien erlernen muten, in Fllen anzuwenden, wo es so sehr darauf
ankommt, kein Uebergewicht zu gestatten.
    Das Gesprch wurde dadurch unterbrochen, da Dbois eintrat und nach einem
leisen Gesprch mit dem Grafen Robert das Zimmer mit demselben verlie. Alle,
selbst der Graf nicht ausgenommen, waren verwundert ber das Geheimnivolle in
der Art, wie der Haushofmeister den jungen Grafen abgerufen hatte, und
erwarteten mit einiger Unruhe seine Rckkehr. Nach einigen Minuten erschien er
wieder im Saale, und Ernst und Unruhe hatten sich auf seiner Stirn gelagert.
Zwei ehemalige Regimentskameraden, sagte er zu seinem Oheim, bitten mich fr
diese Nacht um Gastfreundschaft, die natrlich ich nicht ohne Ihre Erlaubni
gewhren kann, und ich komme dehalb - -
    Lieber Vetter, unterbrach ihn der Graf mit leichtem Unwillen, bedarf es noch
einer Frage, ob mir Ihre Freunde willkommen sein werden.
    So erlauben Sie mir, erwiederte sein Verwandter mit einiger Verlegenheit,
mich fr heute mit ihnen zurckzuziehen und fr die Bequemlichkeit meiner Gste
in Ihrem Hause zu sorgen, denn der eine ist nicht wohl; doch, hoffe ich, wird er
sich nach der Ruhe der Nacht erholen, und ich werde Ihnen, ehe sie weiter
reisen, Beide vorstellen knnen.
    Er verlie nach diesen Worten von Neuem den Saal, der Graf blickte ihm
verwundert nach. Der Prediger war so lebhaft aufgeregt von diesem Vorfalle und
versenkte sich in so tiefes Nachdenken darber, was dieser geheimnivolle Besuch
zu bedeuten haben knne, da er die sehr merklichen Winke des Arztes bersah,
der sich ebenfalls mit ihm zu entfernen und ihm etwas anzuvertrauen wnschte.
Der Graf konnte sich einer leichten Unruhe nicht erwehren; er vermuthete, da
dieser Besuch mit Verbindungen im Zusammenhange stehe, in die sich sein
Verwandter, wie er wute, eingelassen hatte, und er frchtete, da vielleicht
eine Unbedachtsamkeit den jungen Mann in Verantwortung bringen und ihn selbst
mit hinein ziehen knne. Er wurde also nachdenkend und still, und es gelang
endlich dem Arzte, den Prediger auf sein Zimmer zu fhren, um ein wichtiges
Geheimni in dessen Busen niederzulegen. Endlich, fing er triumphirend an,
bester Herr Prediger, kann ich Ihren lang gehegten Wunsch befriedigen und Ihnen
den vollstndigsten Aufschlu ber eine Sache geben, die Sie sich so oft
vergeblich bemht haben zu erfahren.
    Und ber welche Sache wre Ihnen die mglich? fragte der Geistliche mit
Spannung. Ueber die wunderbare Verwundung unseres guten Herrn St. Julien,
erwiederte der Arzt mit selbstgeflligem Lcheln.
    Was haben Sie darber erfahren, fragte mit Eifer der Pfarrer, und bei
welcher Gelegenheit? Sie wissen, antwortete der Arzt, ich kmmere mich nicht
sonderlich um die Angelegenheiten der Menschen, wenn sie nicht mit meiner Kunst
zusammenhngen, und ich wrde auch die Mal um meinet Willen nicht so aufmerksam
darauf gewesen sein, denn fr mich ist es die Hauptsache, da ich den jungen
Mann hergestellt habe. Wie er zu seinen Wunden gekommen, ist mir eigentlich
gleichgltig, aber die Freundschaft hat ihre Rechte. Also um Ihret Willen,
bester Freund, hrte ich genau hin und prgte mir die ganze Unterredung an der
Tafel des Kommandanten so genau ein, da ich sie Ihnen Wort fr Wort wiederholen
kann. Er that die hierauf mit groer Umstndlichkeit und fragte mit
selbstzufriedenem Lcheln, als er geendigt hatte, seinen aufmerksamen Zuhrer:
Was sagen Sie nun, habe ich nun nicht den Zusammenhang der ganzen Sache zu Ihrer
Kenntni gebracht, und bin ich gnzlich unfhig, wie Sie so oft behauptet haben,
einer Sache meine Aufmerksamkeit zu schenken, die nicht mit meiner Wissenschaft
zusammenhngt?
    Und halten Sie denn diese Erklrung fr die aufrichtige, wahre? fragte der
Geistliche etwas verchtlich. Die geringste Ueberlegung htte Ihnen ja sagen
mssen, da, wenn sich die Sache so verhielte, St. Julien keine Ursache gehabt
htte, sie uns allen so ngstlich zu verschweigen, und da er uns, wenn die der
richtige Zusammenhang der Sache wre, diese Mittheilung denselben Tag gemacht
haben wrde, an welchem Sie ihm zu sprechen erlaubten.
    Mann, Sie haben Recht! rief der Arzt, von seinem Sitze aufspringend, Sie
sind ein wahrer Macchiavell an Scharfsinn.
    Bedeutend ist in Ihrem Berichte, erwiederte der Prediger, da die erwhnten
Italiener des jungen Mannes Verwandte sind. Nun, fuhr er nach einigem Nachdenken
fort, ich gebe es noch nicht auf, der Sache auf den Grund zu kommen, so wie
manchem Geheimnivollen in diesem Hause. Sagen Sie mir doch morgen, wenn Sie
nach dem Dorfe reiten, um Ihre Kranken zu besuchen, ob die heut angekommenen
Gste auf dem Schlosse geblieben sind. Auf den Fall wrde ich doch morgen wieder
herkommen, um sie mir anzusehen. Der Arzt gab das verlangte Versprechen, und der
Pfarrer trennte sich von ihm in wohlwollender Stimmung.

                                      XIII


Es waren kaum einige Minuten verflossen, nachdem der Prediger den Arzt verlassen
hatte, und dieser fing eben an sich auszukleiden, wobei er aus tiefster Brust in
abwechselnden Tnen ghnte, als seine Thre geffnet wurde und Graf Robert zu
seinem Erstaunen bei ihm eintrat. Bester Herr Doktor, redete ihn dieser mit
verstrter Miene an, mit Angst und Sorgen habe ich gewartet, bis der Prediger
Sie verlassen hat, um Ihre Hlfe in Anspruch zu nehmen. Ich wei, Sie sind ein
verschwiegener Mann und treuer Freund.
    So weit die Welt mich kennt, sagte der Arzt, sich in die Brust werfend, wird
mir Niemand diese Eigenschaften absprechen.
    Eben darum, erwiederte der junge Graf, nehmen wir unsere Zuflucht zu Ihnen.
Einer meiner jungen Freunde ist in eine Ehrensache verwickelt, ein Duell war die
Folge, in dem er verwundet worden ist. Er scheint sehr zu leiden und weigerte
sich doch standhaft, Sie frher um Ihren Beistand zu bitten, als bis Sie allein
sein wrden, denn Verschwiegenheit ist in seiner Lage durchaus nothwendig.
    Sie knnen darauf rechnen, sagte der Arzt, der seinen Rock schon wieder
angezogen hatte, meine Lippen schweigen wie das Grab. Das ist die Pflicht des
Arztes, und Sie wissen, da ich alle meine Pflichten erflle. Nach diesen mit
groem Nachdruck gesprochenen Worten, nahm er alle chirurgischen Instrumente
zusammen, so wie alles zum Verband Erforderliche. Diese Sachen werden wir
vermuthlich brauchen, sagte er mit einem schlauen Lcheln, da Sie des Wundarztes
mehr, als des Doktors zu bedrfen scheinen.
    Er folgte nun dem jungen Grafen nach dessen Zimmer, wo sie seine beiden
Freunde und den jungen Gustav antrafen. Sie haben den jungen Menschen in Ihre
Geheimnisse eingeweiht, sagte der Arzt, indem er verwundert einen Schritt
zurcksprang; verlassen Sie sich auf seine unbedachtsame Jugend?
    Sein Sie ruhig, erwiederte der Graf, ihn hat ein hartes Schicksal frh
gereift; seiner Vorsicht drfen wir uns unbedingt vertrauen.
    Wenn das ist, sagte der Arzt, so verdient er die hchste Achtung. Aber, fuhr
er mit bedenklicher Miene fort, wenn Ihr Geheimni nicht verschwiegen bleibt, so
denken Sie daran, da Sie es mir nicht allein vertraut haben. Nach diesen Worten
nherte er sich dem Kranken, der in einem Lehnstuhle sa und sehr zu leiden
schien. Sein Gesicht war bleich wie das eines Todten, und die blauen, zuckenden
Lippen deuteten auf heftige Klte, die den ganzen ermatteten Krper zu beben
zwang. Der hat ein tchtiges Wundfieber, sagte der Arzt, zum Grafen gewandt;
sein Zustand mu sogleich untersucht werden. Er nherte sich hierauf dem Kranken
und sagte mit etwas heftiger Stimme: Und warum liegen Sie denn bei Ihrer
Ermattung nicht ordentlich ausgekleidet im Bette?
    Sein Arm ist so aufgeschwollen, sagte der junge Graf, da wir ihn nicht von
seinem Rocke zu befreien vermochten.
    Der Arzt sah, da selbst ber Hand und Finger sich eine starke Geschwulst
verbreitet hatte. Er antwortete nichts, sondern nahm aus seinem Besteck eine
Scheere und schnitt den Aermel des Rocks der Lnge nach auf. So klug htten Sie
lange sein knnen, sagte er, sich an den jungen Gustav wendend, der ihm zu
seiner Beschftigung leuchtete, weil er diese verweisenden Worte nicht an die
andern Gegenwrtigen geradezu richten und ihnen doch eine Lehre fr die Zukunft
geben wollte. Als der Verwundete von seinem beschwerlichen Kleidungsstcke
befreit war, zeigte es sich, da seine Wunden unter dem Verbande stark geblutet
hatten, und es war nicht mglich, den alten Verband ohne Schmerzen abzunehmen.
Whrend nun der Arzt hiemit beschftigt war, rief er mehrere Mal: In welchen
Hnden sind Sie gewesen? Wie haben Sie sich einem Menschen anvertrauen knnen,
der nicht einmal einen Verband aufzulegen versteht? Das ist ja rger, als ob Sie
unter die Wilden gerathen wren, denn die werden es doch noch besser verstehen,
eine Wunde zu verbinden. Der junge Graf suchte ihn zu beruhigen, indem er ihm
sagte, da sein Freund nicht htte daran denken knnen, fr seine Gesundheit zu
sorgen, indem er nur auf seine Sicherheit habe Rcksicht nehmen knnen, und
dehalb wren schon zwei Tage verflossen seit dem ersten Verbande. Wenn Sie
meinen Verband nach sechs Wochen abnehmen wollten, erwiederte der Arzt mit
Verachtung, so wrden Sie ihn immer noch in ganz anderm Zustande antreffen.
    Whrend dieser Rede war es endlich gelungen, die Wunde zu befreien, und der
Arzt heftete einen langen, bedeutenden Blick auf den jungen Grafen, indem er
einen Ausruf, der seinen Lippen entschlpfen wollte, gewaltsam zurck drngte
und dabei so wunderliche Gesichter machte, da nur der Ernst des Augenblicks so
mchtig auf seine Umgebung wirken konnte, da sich keine Spur von Lachlust
zeigte. Der Graf mochte nicht fragen, aber ihn selbst hatte der Anblick der
Wunde und der ganz blau aufgelaufene Arm belehrt, da das Uebel seines Freundes
zu den ernsthaften gehrte. Mit schonender, leichter Hand hatte der Arzt die
schlimme Wunde gereinigt und den kunstgemen Verband aufgelegt, und der Kranke
fhlte sich sehr erleichtert. Der Graf gab ihm von seiner Wsche, und der Arzt
half ihn in eine bequeme Lage auf sein Lager bringen. Auch die schien in ihm
eine wohlthtige Empfindung zu erregen. Als alles die beendigt war, fragte der
Arzt den Kranken: Was haben Sie gegessen zu Abend? Gar nichts heute den ganzen
Tag, erwiederte dieser, der mit diesen Worten zuerst das bis jetzt beobachtete
Schweigen brach. Obgleich die Stimme matt und krank war, so erkannte sie der
Arzt dennoch, und sprang im hchsten Erstaunen drei Schritte zurck und rief:
wunderbar! hchst wunderbar! Der junge Graf gerieth in den verzeihlichsten
Irrthum, da der Arzt die lange Enthaltsamkeit seines Freundes so lebhaft
bewunderte, und sagte daher: Die heftigen Schmerzen haben den Armen gehindert,
an Nahrung zu denken. Ach was! rief der Arzt, ich dachte jetzt nicht an
Lebensmittel; aber was mich erschtterte, davon ist jetzt nicht Zeit zu reden.
Jetzt mu ich als Arzt, als Menschenfreund handeln. Ihr Freund mu durchaus
einige leichte, strkende Nahrung haben, dehalb wird es nthig sein, Dbois
gewissermaen in unser Geheimni zu ziehen. Er ist ein braver Mann, ob er gleich
ein Franzose ist, wie wir ja berhaupt einige achtungswerthe Subjekte von dieser
Nation kennen gelernt haben; und er ist sehr dienstfertig, obgleich er hier im
Hause sehr verwhnt wird. Man mu sich an ihn wenden, damit er Ihrem kranken
Freunde etwas Kraftbrhe verschafft, denn er darf nicht lnger ohne Nahrung
bleiben. Sie htten mir die nur mit wenigen Worten auftragen drfen, sagte der
junge Gustav empfindlich. Herr Dbois ist der menschenfreundlichste Mann von der
Welt und wird gewi sogleich aus dem Bett aufstehen, um herbei zu schaffen, was
Sie bedrfen. Nach diesen Worten ging der junge Mensch hinweg, und der Arzt
beobachtete noch eine Zeit lang den Kranken; dann sing er an, seine auf dem
Tische ausgebreiteten Instrumente sorgfltig zu reinigen und einzupacken, und er
hatte die Geschft noch nicht geendigt, als der Jngling schon wieder eintrat
und eine Schale Kraftbrhe fr den Kranken selber brachte. Der Arzt eilte, um
diesen im Bette aufzurichten und, whrend er die dargebotene Nahrung nahm, zu
untersttzen. Der Kranke fhlte die wohlthuende Wirkung der Nahrung, die er zu
sich genommen, und senkte sein Haupt unmittelbar darauf zum Schlaf auf die
Kissen nieder.
    Der Arme! sagte Graf Robert, er hat zwei Nchte ohne Ruhe, gepeinigt von
Sorgen, zu Pferde zugebracht, und diesen ganzen Tag ohne Nahrung, weil die
Schmerzen der schlecht verbundenen Wunde zu heftig wurden.
    Wir wollen nun sehen, sagte der Arzt, wie es morgen sein wird. Ich werde
nicht eher kommen, als bis Sie mich rufen, damit ich nicht unntz seinen Schlaf
stre, denn Ruhe bedarf Ihr Freund vor allen Dingen. Sobald er aber erwacht ist,
zgern Sie keinen Augenblick mich zu rufen. Nach diesen Worten ging der Arzt
hinweg, um sich ebenfalls zur Ruhe zu begeben, deren Bedrfni er auch zu fhlen
begann.
    Der Graf Robert schlief wenig in dieser Nacht. Der ngstliche Zustand seines
verwundeten Freundes hatte keinen andern Gedanken bis jetzt Raum gegeben, als
nur solchen, die dazu dienten, dessen Schmerzen zu erleichtern. Jetzt aber, in
der Stille der Nacht, berlie er sich dem Nachdenken. Er wute noch nicht,
welche Mittheilungen ihm beide Freunde zu machen htten, und er wnschte den
Morgen herbei, um sowohl den Zusammenhang des Unglcks, welches den einen
betroffen, zu erfahren, als auch zu der Kenntni zu gelangen, welche Art von
Beistand sie eigentlich von ihm erwarteten. Der Verwundete, sein ehemaliger
Regimentskamerad, ein Herr von Wertheim, war entschlummert; der Andere, welcher
gleichfalls bei demselben Regimente mit dem Grafen gedient hatte und ein Baron
Lehndorf war, warf sich unruhig auf dem Lager umher, und der Graf hrte seine
tiefen Seufzer, und er bemerkte, da sein bekmmerter Gast erst in einen
unruhigen Schlummer fiel, als schon der Morgen zu dmmern begann. Endlich
behauptete die Natur ihr Recht und auch die Augen des Grafen Robert waren
geschlossen. Ein sanfter Schlummer ruhte auf den Augenliedern der drei Freunde,
als der Arzt mit leisen Schritten, von Gustav begleitet, in das Zimmer schlich.
Er hatte sich gewundert, da ihn noch Niemand gerufen hatte, und wunderte sich
nun noch mehr, hier noch Alles in sanften Schlaf versenkt anzutreffen. Er
nherte sich behutsam dem Lager des Kranken und betrachtete ihn aufmerksam. Wenn
Sie nun, wendete er sich trstend zu Gustav, dieses jugendliche, bleiche Gesicht
betrachten, dem der Kummer unverkennbar seine Zge aufgedrckt hat, wenn Sie
diesen wehmthigen Mund ansehen, werden Sie wohl glauben, da diese Gliedmaen
und Lineamente dem rohesten Menschen angehren? Verwundert und zweifelnd sah der
Jngling den Arzt an. Ich wei, was ich sage, rief dieser, durch die zweifelnde
Miene seines Zuhrers beleidigt, die nthige Vorsicht vergessend, und der Kranke
schlug die blauen Augen auf, und zugleich ermunterten sich die andern Schlfer.
Nun, wie geht es heute, fragte der Arzt den Verwundeten; es thut mir leid, da
ich Ihre Ruhe gestrt habe.
    Wunderbar, erwiederte der Verwundete mit tiefer, wohltnender Stimme, vor
deren Klang aber der Arzt ein wenig zurckbebte, wunderbar hat Ihre Hlfe und
die Ruhe der Nacht meine Schmerzen gelindert, und ich fhle, da ich aufstehen
kann, ohne meine Krfte anzustrengen. Erst wollen wir Ihren Arm betrachten,
sagte der Arzt, dann wird es sich zeigen, ob Sie aufstehen knnen. Der Verband
wurde abgenommen und der Arzt berzeugte sich bald, da der schlimme Anschein am
vorigen Abend ihn getuscht habe, der wahrscheinlich daher entstanden war, weil
der junge Mann seine Krfte mehr angestrengt hatte, als die menschliche Natur
erlaubt, denn er hatte, ohne zu ruhen, seine Reise zwei Tage und zwei Nchte zu
Pferde fortgesetzt. Dadurch war die Wunde gereizt und das heftige Wundfieber
erregt worden, auch mochte der schlechte Verband das Uebel vermehrt haben. Sie
knnen aufstehen, sagte der Arzt gleichgltig, nachdem er den neuen Verband
aufgelegt hatte. Es ist gar keine Gefahr, da Sie den Arm verlieren knnten, wie
es mir gestern schien, und man kann auch heute ein vernnftiges Wort, wie ein
Mann zum Manne, mit Ihnen reden, ohne da ein einsichtsvoller Arzt die
Erschtterung Ihrer Nerven zu sehr befrchten mu.
    Die Augen aller Anwesenden waren mit dem Ausdrucke des hchsten Erstaunens
auf den Arzt gerichtet, denn Niemand begriff, was auf diesen Eingang folgen
sollte.
    Ja, ja, meine Herren, sagte dieser, indem er mit Selbstgefhl umherblickte,
Sie sehen mich an und Ihre Mienen drcken Verwunderung ber meine Rede aus, aber
Sie, mein junger verwundeter Herr, dessen Name ich nicht die Ehre gehabt habe zu
erfahren, obgleich wir nun zum zweiten Male bei einer merkwrdigen Gelegenheit
zusammentreffen, was wre denn nun aus Ihnen geworden, Wer htte hier Ihre
Wunden verbinden sollen, wenn Sie mich, wie Sie vor einigen Monaten
beabsichtigten, zum Fenster hinaus geworfen htten? Nach einem solchen Sturze
htte ich wahrscheinlich Niemandem mehr meine Hlfe angedeihen lassen knnen,
und Falls ich mich auch vollkommen erholt htte, so wei ich doch nicht, ob
meine Philosophie mich so stark gemacht haben wrde, dem hlfreiche Hand bieten
zu knnen, der seine Hnde feindlich und gewaltthtig an mich gelegt htte. Da
dieses Unglck vermieden ist, haben Sie nur dem Herrn Grafen zu verdanken.
    Der Arzt htte seine Rede noch viel lnger fortsetzen knnen, denn alle
Zuhrer waren so erstaunt, da Niemand daran dachte, ihn zu unterbrechen. Als er
endlich schwieg, trat der Graf Robert zu ihm und sagte, indem er ihm sanft die
Hand auf die Schulter legte: Bester Doktor, reden Sie im Fieber?
    Keineswegs, erwiederte der Arzt, indem er sich der Berhrung entzog. Der
Kranke wei auch recht gut, da dem nicht so ist, denn seinem Gedchtnisse wird
es nicht entschwunden sein, da er hier mit seinen Heerschaaren anrckte und
statt hflich, wie es dem Freunde ziemte, seinen Bedarf fr Rosse und Mnner zu
fordern, das Schlo gewissermaen mit Sturm zu nehmen dachte, und friedliche,
wissenschaftlich gebildete Einwohner, die sich nicht Landesverrther wollten
schelten lassen, zum Fenster hinaus zu werfen drohte.
    Wie, rief der Kranke, indem er sich erhob; so bin ich hier unter dem Dache
des Franzosenfreundes?
    Sie sind unter dem Dache des edelsten Mannes, meines Oheims, erwiederte Graf
Robert mit Ernst.
    Wie ist es denn? sagte der verwundete Herr von Wertheim, dieser Arzt spricht
ja doch, als ob ich im Hause des Mannes wre, von dem damals angezeigt wurde,
da er whrend des ganzen Krieges einen franzsischen Offizier bei sich habe,
mit dem er in der grten Vertraulichkeit lebe.
    Den habe ich hier, den franzsischen Offizier, rief der Arzt mit glhenden
Wangen und funkelnden Augen, und Sie knnen ihn sehen. Vollkommen habe ich ihn
hergestellt, gesund und blhend kann ich ihn zeigen, und so gut kann es Ihnen
auch werden, wenn Sie sich vernnftig betragen.
    Der Graf eilte den Arzt zu unterbrechen, dessen steigende Hitze unangenehme
Auftritte zu veranlassen drohte, wie er auch in seinem Eifer gnzlich verga,
da er den Kranken zu schonen habe. Diesem theilte nun der besonnenere Freund
St. Juliens Verhltnisse in diesem Hause mit, und migte die aufbrausende Hitze
des Arztes am Besten dadurch, da er, nachdem er den traurigen Zustand
beschrieben, in welchem der junge Franzose im Hause seines Oheims aufgenommen
wurde, es rhmend anerkannte, da er nur durch die Geschicklichkeit des Arztes
lebe und seiner Familie zurckgegeben werden knne.
    Wenn dem so ist, erwiederte Herr von Wertheim, und wie knnte ich daran
zweifeln, da ich von Ihnen, theurer Freund, die Aufklrung erhalte, so habe ich
in thrichter Hitze Ihren Oheim sehr beleidigt; ja, ich gestehe, ich habe mich
so vergessen, da nur allein die Verzweiflung, die in meinem Herzen tobte, mich
einigermaen entschuldigen kann. Sie wissen es selbst, wo wir uns zeigten,
gewahrten wir den Untergang unseres Vaterlandes. Feigheit und Verrath zerrissen
das Herz unseres Knigs und seiner Getreuen, und es ist begreiflich, da die
Verlumdung Eingang fand. Aus diesen Grnden, hoffe ich, wird mir Ihr Oheim
vergeben, und Sie werden auch Ihren Freund, den Herrn Doktor, bewegen, mir seine
Verzeihung zu bewilligen.
    Als Christ, rief der leichtvershnliche Arzt mit feierlicher Stimme, als
Christ habe ich Ihnen lngst vergeben; als Mensch verzeihe ich Ihnen jetzt und
als Arzt, fgte er hinzu, indem er die Augen halb zudrckte und schalkhaft
blinzelte, denke ich feurige Kohlen auf Ihr Haupt zu sammeln, und das wird mir
nicht schwer werden, denn Ihre Verwundung wird mir nicht so viel Noth machen,
wie die des armen St. Julien. Sie haben nur durch die Vernachligung so viel
gelitten, aber er war in einem traurigen Zustande, und stolz schlgt das Herz in
meiner Brust, so oft ich ihn ansehe, denn ohne mich wrde er lngst im Grabe
ruhen und knnte alle die Possen nicht treiben, mit denen er uns belustigt, aber
auch mich zuweilen rgert.
    Nachdem die Vershnung erfolgt war, frhstckte der Arzt in bester
Freundschaft mit den drei Herren und eilte dann seine Kranken zu besuchen, so
wie sein dem Prediger gegebenes Versprechen zu erfllen und ihm zugleich das
wunderbare Zusammentreffen mit einem Manne zu vertrauen, dessen feindselige
Gesinnung einst seinem Leben Gefahr gedroht hatte; doch wollte er dessen
Verwundung, wie er es gelobt hatte, pflichtmig verschweigen.
    Als der Arzt die Freunde verlassen hatte, wurden alle Gesichter ernster. Der
Graf Robert erwartete die Mittheilung, die ihm gemacht werden sollte, und seine
Gste fhlten die Nothwendigkeit zu reden.
    Sie sehen uns hier bei Sich, theurer Freund, begann der Baron Lehndorf, in
einem traurigen, ungewissen Zustande.
    La mich reden, unterbrach der junge Wertheim den Sprechenden, die Erwhnung
aller traurigen Umstnde, die berhrt werden mssen, wrde Dich noch mehr als
mich verletzen, wie ich Dein Gemth kenne. Der Baron schien dem Freunde gern das
Recht der Rede einzurumen und lehnte sich still, mit bekmmerter Miene in den
Sessel zurck.
    Es ist keine Schande, arm zu sein, begann der Herr von Wertheim, denn die
zuflligen Gaben des Glcks bestimmen nicht den Werth des Menschen; dehalb sage
ich es ohne Errthen, da meine Jugend und Gesundheit mein einziges Vermgen
waren, denn die sehr verschuldeten Gter meiner Familie sind schon mehrere
Geschlechter hindurch das Erbe einer andern Linie, und meine Vorfahren hatten
sich rhmlich, wenn auch nicht prchtig, durch Kriegsdienste und Staatsmter
erhalten. Meinen Vater hatte ich frh verloren, und meine sehr krnkliche Mutter
lebte mit meiner Schwester von einer kleinen Pension sehr beschrnkt, so da ich
selbst zuweilen noch einen Theil meines migen Gehaltes anwenden mute, um
ihren kmmerlichen Haushalt zu untersttzen. Mit meinem Freunde Lehndorf verband
mich frh eine brderliche Neigung, und die zunehmenden Jahre steigerten diese
bis zur innigsten Freundschaft, die sich in jeder Stunde unseres Lebens treu
bewies. Der junge Mann sprach diese Worte mit bewegter Stimme, indem er seinem
Freunde die Hand reichte, und fuhr dann mit ruhigerem Tone fort: Lehndorf war in
einer besseren Lage als ich. Er war allein, und ein kleines Erbe untersttzte
ihn so lange, bis er hoffen durfte, eine Eskadron zu bekommen, er geno also
seine Jugend ohne drckende Sorgen. Es konnte bei unserer Vertraulichkeit nicht
fehlen, da er meine Schwester kennen lernte. Ihre Jugend und Liebenswrdigkeit
machten Eindruck auf das Herz meines Freundes, und sie schien eine Empfindung zu
theilen, von der wir hofften, da sie unser Lebensglck erhhen wrde. Es ward
bestimmt, sobald Lehndorf eine Eskadron bekme, da alsdann der Segen der Kirche
ein glckliches Paar vereinigen und mir den zum Bruder weihen sollte, den ich
lngst als solchen liebte. Von heftiger Bewegung ergriffen sprang der Baron
Lehndorf von seinem Sitze auf und eilte einige Mal hastig durch das Zimmer.
Nachdem er sich gesammelt hatte, fuhr sein Freund also fort: So standen die
Sachen, als der Krieg ausbrach. Welche unglckliche Wendung er nahm, ist
bekannt. Die Pension meiner Mutter wurde nicht ausgezahlt, und ich traf meine
Familie in der grten Armuth, als ich mit meinem Freunde zurckkehrte, der
durch den unglcklichen Frieden so wie ich verabschiedet war. Jetzt schienen
alle Hoffnungen zertrmmert und wir htten dem grten Elende erliegen mssen,
wenn mein Freund nicht gromthig den Rest seines kleinen Erbes mit uns getheilt
htte.
    Lehndorf machte eine ungeduldige Bewegung. Warum willst Du mich zwingen zu
verschweigen, rief sein Freund, was die Wahrheit zu bekennen fordert, und was
ich Dir eben so einfach und treu geboten htte, wie Du mir, wenn die
Verhltnisse die umgekehrten gewesen wren? Zum Grafen gewendet fuhr er darauf
fort: Das Liebesglck meines Freundes mute verschoben werden bis zu einer
besseren Zeit, die wir alle nicht aufgeben konnten zu hoffen. Meine Schwester
gelobte die zrtlichste Treue, und unsere Sorgen richteten sich auf die nchste
Zukunft. Sie selbst nahmen Theil an der innigen Verbindung deutsch gesinnter
Freunde, und kennen die Verpflichtungen und den edeln Zweck unserer Vereinigung.
Also knnen Sie denken, da wir nicht zgerten, als mir und meinem Freunde der
Auftrag wurde, einige ehemalige Kameraden, die so wie wir verabschiedet und in
Unthtigkeit lebten, zu prfen und wo mglich fr unseren edeln Zweck zu
gewinnen. Wir eilten den Wunsch unserer Brder zu erfllen und lebten daher nah
an zwei Monate entfernt von unseren Lieben. Ein feindliches Schicksal wollte,
da whrend dieser Zeit ein franzsisches Regiment, welches bis jetzt zur
Besatzung gehrt hatte, von einem anderen abgelst wurde, und da der Obrist des
einrckenden seine Wohnung in dem Hause nahm, wo auch meine Mutter und Schwester
in strenger Zurckgezogenheit ein Paar Zimmer im Hinterhause bewohnten. Der
Obrist hatte eine deutsche Frau, oder wenigstens galt sie dafr, denn ihre
gemeinen Sitten haben mir Zweifel ber die Art der Verbindung erregt, in welcher
sie mit dem Obristen lebte. Diese suchte, unter dem Vorwande, da ihr als einer
Deutschen der Umgang mit deutschen Frauen ein Trost sei, die Bekanntschaft
meiner Mutter, und es gelang ihr durch manche kleine Dienstleistungen leicht,
eine schwache, krnkliche Frau fr sich zu gewinnen, so wie sie die unerfahrene
Jugend meiner Schwester benutzte, um diese ganz in ihren Kreis hinber zu
ziehen. Als ich und mein Freund nach mhevollen, nur halb gelungenen Geschften
zurckkehrten, und die kleine Wohnung betraten, wohin mich kindliches und
brderliches Gefhl, und meinen Freund die Sehnsucht einer innigen, treuen Liebe
zog, berraschte uns, da wir unvermuthet erschienen, ein seltsamer Anblick.
Meine Schwester stand vor uns in reizender Blthe der Jugend und Schnheit,
geschmckt mit allem Tand, den die Mode fordert, um auf einem Balle zu glnzen.
Ein Schrei des Schreckens entfuhr dem unglcklichen Geschpf, so wie sie uns
erblickte, und meine schwache Mutter suchte ihre Verlegenheit zu berwinden, um
die nthige Auskunft zu geben; so erfuhren wir, ein Ball, den der Obrist gebe,
sei die Veranlassung des festlichen Putzes. Die deutsche Frau des franzsischen
Kriegers habe die Einwilligung meiner Mutter erbeten, die ihrer armen einsamen
Tochter doch auch nicht hartherzig jede Lust des Lebens habe verweigern wollen.
Und als ich fragte, Wer denn den Tand bezahlt habe, der meine Schwester
umflatterte, erfuhr ich, da dieser der Frau Obristin gehre, die meine
Schwester so lieb gewonnen habe, da sie Alles mit ihr zu theilen wnsche. Sie
knnen wohl denken, wie tief ich die zehnfache schmhliche Erniedrigung empfand,
da meine entartete Schwester bereit war, mit den Feinden ihres Vaterlandes im
Tanze sich zu vereinigen, gegen die ihr Bruder und ihr Brutigam jeden
Augenblick mit Freuden gekmpft haben wrden, auch den letzten Tropfen ihres
Herzblutes nicht sparend, um sie von der Erde zu vertilgen, und da die Tochter
eines Edelmannes sich nicht schmte, um die zu knnen, den nichtigen Putz aus
den Hnden derselben Feinde zu empfangen, die ihr Vaterland zertreten und
beraubt hatten, um nun mit diesem Raube eine prahlerische, entehrende Gromuth
zu ben. Ich sagte meiner Mutter und Schwester alles, was mein emprtes Gemth
mir eingab, und nur meinem Freunde gelang es mich zu besnftigen, indem er um
Schonung fr die Geliebte bat. Es versteht sich, da aller Putz sogleich
zurckgesendet werden mute, und meine unvermuthete Ankunft diente als
Entschuldigung dafr, da meine leichtsinnige Schwester nicht auf dem Balle
erschien. Aber ich hatte die Krnkung zu erfahren, da es nicht das erste Mal
war, da meine Mutter und Schwester sich geneigt gezeigt hatten, solchen
Einladungen zu folgen, und ich mute erfahren, da letztere auf frheren Bllen,
ungestrt durch einen mrrischen Bruder, hatte glnzen und Beifall gewinnen
knnen. Mit scheinbarer Demuth hatte sie meine heftigen Verweise hingenommen;
sie war bla und still. Ich verbot allen Umgang mit den Franzosen auf's
Strengste und glaubte, da mir pnktlich Folge geleistet werden wrde. Gegen
meinen Freund verhielt sie sich leidend und lie sich seine Zrtlichkeit eben
nur gefallen, und er machte mir Vorwrfe, indem er behauptete, meine heftige Art
zu tadeln habe einen tiefen, schmerzlichen Eindruck auf das zarte Gemth meiner
liebenswrdigen Schwester gemacht. Auch die Mutter meinte, so gar gro knne das
Versehen nicht sein, da ja ihre Tochter nicht die einzige deutsche Dame sei, die
auf den Bllen des Obristen getanzt habe. Da ich Mutter und Schwester nach
wenigen Tagen wieder verlassen mute, um noch unausgefhrte Auftrge zum Besten
unserer Verbindung zu besorgen, so lie ich mich, im Vorgefhle der nahen
abermaligen Trennung, leichter vershnen, und der Friede in unserer kleinen
Familie war hergestellt. Als ich nach wenigen Tagen mit meinem Freunde von Neuem
abreisen mute, forderte ich von meiner Schwester das Versprechen, sich whrend
unserer Abwesenheit fern von den Feinden des Vaterlandes zu halten und keiner
leichtsinnigen Lust nachzugeben. Sie reichte mir ohne zu antworten die Hand,
indem ihre Augen von Thrnen berflossen. Ich hielt das fr ein feierliches
Versprechen, und nachdem ich meiner Mutter meine Wnsche ernstlich an's Herz
gelegt, reiste ich mit meinem Freunde ruhig dahin, wohin unsere Bestimmung uns
fhrte. Wir fhlten uns beide unbehaglich in der Ferne, mein Freund in dem
Verlangen, das Gemth meiner Schwester wieder vllig mit sich auszushnen, denn
ihm schien es, als ob meine Strenge ihre Liebe zu ihm vermindert habe, und ich,
weil ein dunkles Gefhl mir sagte, da diese Schwester einer anderen Aufsicht,
als der einer zu schwachen Mutter, bedrfe. Wir eilten also beide nach wenigen
Wochen zurck, wenn auch mit manchen Sorgen im Herzen, doch ohne Ahnung des
Jammers, der uns erwartete. Wir fanden die Mutter allein, verzweifelnd, dem Tode
nah, die Schwester war verschwunden. Als unsere starre Verzweiflung so weit
nachlie, da wir nach den nheren Umstnden fragen konnten, erfuhren wir, den
Tag nach unserer Abreise habe der Bruder des Obristen ebenfalls die Stadt
verlassen, um nach Paris und von dort zu einem Regimente an der spanischen
Grnze zu gehen; in der folgenden Nacht sei meine Schwester verschwunden. Ein
zurckgelassener Brief an die Mutter erklrte mit all den Redensarten, die jetzt
so hufig gemibraucht werden, sie sei durch eine unwiderstehliche Leidenschaft
zu diesem Schritte gezwungen worden. Ein Kstchen, worin sie manche
Kleinigkeiten aufhob, war vermuthlich im Drange dieser Leidenschaft vergessen
worden, denn darin fanden sich mehrere Briefe, die den Gegenstand ihrer Neigung
bezeichneten, dem die Unglckliche das Glck des Lebens, die Ehre ihrer Familie
und das Herz des edelsten Mannes geopfert hatte. Es war niemand anders als der
Bruder des Obristen, und einige deutsche Billets von der Hand der Frau oder
Geliebten des Obristen belehrten uns, da sie das Ganze geleitet hatte.
    Mit diesen Briefen in der Hand lieen wir uns beim Obristen melden. Wir
wollten von ihm den Weg erfahren, den sein Bruder genommen, um ihn zur
Rechenschaft zu ziehen und die Unglckliche ihrem Verderben zu entreien. Er
wollte die Sache leicht franzsisch nehmen und gab ausweichende Antworten. Als
mein Freund heftig und dringend wurde, sagte er lachend, fr so unritterlich und
unbrderlich wrden wir ihn doch nicht halten, da er selbst uns seinem Bruder
nachsenden wrde, um ihm sein Glck zu entreien. Als ich mit Heftigkeit von der
Genugthuung sprach, die der erlittene Schimpf fordere, sagte er kaltbltig, er
sei bereit, diese im Namen seines Bruders zu geben. Ich nahm ihn beim Worte und
der nchste Tag wurde zur blutigen Entscheidung bestimmt. Mein gromthiger
Freund lie den kleinen Rest seines Vermgens beinah ganz in den Hnden der
kranken, ihre Schwachheit zu spt bereuenden Mutter und sehnte sich statt
meiner, von der Kugel des Franzosen zu sterben. Ich bestand auf meinem Recht, er
war mein Sekundant. Wir trafen am andern Morgen mit unserm Feinde zusammen;
seine Kugel streifte mir den Arm und ri eine groe Wunde hinein, ich aber traf
meinen Gegner, wie wir glauben mssen, tdtlich, denn er blieb leblos in den
Armen seines Sekundanten, der uns wohlmeinend zur Flucht antrieb, und mein
Freund ri mich besinnungslos hinweg.
    Herr von Wertheim schwieg. Tiefer Ernst lag auf der Stirn des Grafen, und
Lehndorf bedeckte sein Gesicht mit der Hand, den Arm auf die Lehne des Sessels
sttzend. Nach kurzem Schweigen fuhr Wertheim fort: Alle unsere Handlungen nach
der Flucht meiner Schwester waren in schmerzlicher Verzweiflung rasch auf
einander gefolgt und Keiner hatte an einen bestimmten Plan verstndig denken
knnen. Wir fanden uns also auf der Landstrae mit sehr wenigem Gelde und den
Kleidern, die wir an uns trugen. Wir spornten unsere Pferde an und wuten nicht
wohin. So geriethen wir zufllig in ein Dorf und erfuhren, da es zu Ihren
Gtern gehre und da wir dem Herrenhause ganz nahe wren. Ich blieb in der
Schenke, whrend Lehndorf einen kurzen Besuch bei Ihrer Mutter machte, um nach
Ihnen zu fragen. Hier erfuhr er Ihren Aufenthalt und die gab unserer Flucht
eine bestimmte Richtung. Ich war schlecht verbunden, aber wir eilten
dessenungeachtet vorwrts, ohne weder uns, noch unseren Pferden die nthige Ruhe
zu gewhren, und diese erlagen der Anstrengung. Zwei Stunden von hier muten wir
sie zurcklassen, und ich machte, obwohl zum Tode ermattet, trotz meiner
Schwche, den Rest des Weges mit meinem Freunde zu Fu, und so kamen wir gestern
bei Ihnen an, mit dem Plane, nach einiger Ruhe, dem Rathe und dem Troste eines
Freundes gem, uns zu dem Korps von Schill zu begeben, um, wenn er uns nicht
anders brauchen kann, als Gemeine unter ihm zu dienen, denn in diesem geht dem
Vaterlande eine neue Sonne auf, und ich hoffe, wir werden Groes durch ihn
erleben.

                                      XIV


Wertheim schwieg, und der Graf Robert sagte: Sie zweifeln wohl keinen Augenblick
daran, da ich alles aufbieten werde, was in meinen Krften steht, um Ihre Plne
zu befrdern, aber ich glaube, lieber Wertheim, Sie werden einige Tage ruhen
mssen, ehe Sie daran denken knnen, weiter zu reisen, und die erfllt mich mit
Sorgen, denn wenn der Obrist wirklich geblieben ist, so mu man Verfolgung
befrchten, und wie leicht knnen Sie hier entdeckt werden.
    Im Grunde, sagte Wertheim finster, liegt mir wenig am Leben, und mein Freund
Lehndorf ist gesund. Schaffen Sie ihm also die Mittel fortzukommen, damit mir
wenigstens der Trost bleibt, wenn ich untergehen mu, da er lebt, um vielleicht
in der Zukunft an der Rache Theil zu nehmen und den Feind bestrafen zu helfen,
der uns, nachdem er unser Vaterland in den Staub getreten, unsere Ehre gekrnkt
hat, durch seine Satelliten unsere Brute und Schwestern rauben und, so wie die
ffentliche Ehre verletzt ist, auch die Familienehre mit Hohnlachen zu Grunde
richten lt.
    Der Baron Lehndorf erklrte sich bestimmt, da er den Freund nicht verlassen
wrde, und der Graf bat den Verwundeten, es zu erlauben, da er seinem Oheim die
Geschichte seines Unglcks mittheile, da ja doch nur durch ihn in seinem Hause
krftiger Beistand zu erlangen sei. Nur schwer lie sich Wertheim berreden,
seine Einwilligung zu dieser Mittheilung zu gewhren, denn sein von Natur
heftiges und durch das ffentliche sowohl, als sein eignes Unglck erbitterte
Gemth war schwer von einmal empfangenen Eindrcken zu heilen, und was auch der
Graf Robert sagen mochte, er schwieg dster dazu, und verlor den Verdacht und
Widerwillen gegen den Oheim seines Freundes nicht ganz. Endlich berstimmt und
berredet, mute er die verlangte Einwilligung geben, und Graf Robert begab sich
zu seinem Oheim, um das Beste seines dstern, ungestmen Freundes zu berathen.
    Der Graf beklagte den jungen Mann und war um so mehr zur Hlfe bereit, da er
dem Staate einen krftigen Krieger zu erhalten wnschte. Doch entschied er
dahin, da jede Maregel aufgeschoben werden msse, bis der Arzt zurck sei, um
seine Meinung zu hren, wie bald der Verwundete sich neuen Anstrengungen
unterwerfen knne. Es ward also beschlossen, um jede Neugierde der Bedienten zu
unterdrcken, die bei etwaigen Nachforschungen nachtheilig werden knnte, zu
verbreiten, der junge Mann sei durch einen Sturz mit dem Pferde verletzt worden
und msse sich hier im Hause etwas erholen, ehe er weiter nach Warschau reisen
knne, wie seine Absicht sei; und um allen Schein des Geheimnisses zu vermeiden,
sollten die beiden Fremden der Familie des Grafen vorgestellt werden und in
diesem Kreise scheinbar gleichgltig leben, bis der Arzt die Abreise erlauben
wrde. Der Graf Robert hatte es Anfangs zu erwhnen vermieden, da der Herr von
Wertheim derselbe sei, durch dessen ungestme Hitze sein Oheim schon ein Mal war
beleidigt worden. Er wollte erst die Untersttzung desselben fr den jungen Mann
in Anspruch nehmen und ihm dann dessen aus Vaterlandsliebe entstandenen Migriff
bekennen. Im Eifer des Gesprchs aber verga er diesen Vorsatz und hatte seinen
Oheim verlassen, ohne ihm diesen Umstand zu vertrauen.
    Zu seinem Freunde zurckgekehrt, fand er bei diesem den grten Widerwillen
sich zu fgen, denn auf der einen Seite hielt ihn Scham und Verlegenheit zurck,
sich einer Familie zu zeigen, bei der sein erstes Auftreten keinen
vortheilhaften Eindruck konnte zurckgelassen haben, und dann war sein Mitrauen
gegen den Grafen, welches er freilich dem Verwandten desselben nicht zeigen
durfte, keineswegs gehoben. Endlich mute er einsehen, da er, da sein bses
Schicksal ihn zwang, gerade in diesem Hause Gastfreundschaft zu empfangen,
wenigstens jetzt die Hflichkeit ben mte, die sowohl die Sitte, als seine
eigene Sicherheit forderte. Er lie es also geschehen, da der Graf Robert
sowohl ihn, als seinen Freund Lehndorf mit Wsche und Kleidern anstndig
versorgte, woran bei ihrer bereilten Flucht Keiner gedacht hatte, um dem Grafen
und seiner Familie vorgestellt werden zu knnen. Als sie den Saal in dieser
Absicht betraten, fiel es dem jungen Grafen ein, da er es vergessen habe,
seinen Oheim darauf vorzubereiten, da er in der Person des Herrn von Wertheim
keinen Unbekannten begren wrde, und er befrchtete unangenehme Folgen dieser
Vergelichkeit.
    Es war nicht zu verkennen, da ein Schatten von Unmuth ber das Gesicht des
Grafen flog, als sein Blick dem des ihm vorgestellten Verwundeten begegnete. Die
leise Hoffnung, da er ihn nicht wieder erkennen wrde, verlie den jungen Mann,
Verlegenheit und Scham frbten sein Gesicht mit dunkler Rthe, und drohten ihn
aller Fassung zu berauben.
    Der Graf hatte bald das in ihm aufsteigende Gefhl besiegt und sagte
hflich, wenn auch mit einiger Klte: Da ich das Vergngen habe, Herr von
Wertheim, Sie bei mir zu sehen, so mu ich glauben, da Sie Ihre Ansichten ber
mich, die Sie bei unserm ersten Zusammentreffen so unverholen uerten, gendert
haben, und diese stillschweigende Erklrung ist mir im gegenwrtigen Augenblicke
gengend, um jedes Miverstndni zwischen uns aufzuheben. Der junge Mann wollte
antworten, aber er strebte vergeblich danach, Worte zu finden, so da der Graf,
mit seiner Verlegenheit Mitleid fhlend, ihn, ohne weitere Antwort zu erwarten,
mit seinem Freunde den Damen vorstellte.
    Der Grfin gegenber, war der Zustand des jungen Mannes ebenfalls peinlich,
denn die Erinnerung stieg in ihm auf, wie er dieselben Frauen damals im Saale
getroffen und sie keines Grues, kaum eines Blickes werth gehalten habe, als er
im Schmerz ber das ffentliche Unglck mit zu groer Rohheit den Grafen als
Landesverrther behandelte. Er konnte also nur mit Mhe auf die Theilnahme, die
ihm die Grfin ber seinen Unfall bezeigte, einige hfliche Worte antworten und
war froh, als sich der Obrist Thalheim, der sich ebenfalls in der Gesellschaft
befand, seiner bemchtigte und ihn in ein Gesprch ber die letzten Gefechte,
ber die beinah gnzliche Auflsung der preuischen Armee und ber den Druck der
Franzosen verwickelte.
    Der Arzt war von seinen Krankenbesuchen zurckgekommen und man begab sich
zur Tafel; aber die Stimmung war nicht so unbefangen, wie gewhnlich. Die neuen
Gste nahmen nur mit Zurckhaltung an den Gesprchen Theil, und des Grafen
Hflichkeit war frmlicher und klter, als man es an ihm gewohnt war. St. Julien
hatte sich mit unbefangener Heiterkeit der Gesellschaft angeschlossen, aber die
beiden Freunde des jungen Grafen wrden es wie einen Verrath an ihrer heiligen
Sache betrachtet haben, wenn sie den Scherz eines Franzosen belchelt htten,
wenn auch ihr Herz nicht von so frischen Wunden geblutet htte, wie die nach
der Entfhrung der Schwester und Braut der Fall war. Es zog sich also bald nach
aufgehobener Tafel Jedermann zurck, und der Graf erkundigte sich bei dem Arzte,
ob er es fr mglich halte, da der junge Wertheim seine beabsichtigte Reise
fortsetze.
    Da der Arzt sah, da der Graf im Geheimni sei, so gestand er offen, der
junge Mann msse wenigstens zwei Tage ruhen, wenn die Wunde sich nicht auf's
Neue heftig entznden solle, in welchem Falle der Kranke in Gefahr sei, den Arm
zu verlieren. Der Graf richtete seinen Plan demgem ein und lie seinen Vetter
zu sich bitten. Es wurde nun beschlossen, da der junge Gustav noch diesen
Nachmittag mit einem leichten Jagdwagen und zwei guten Pferden aus dem Stalle
des Grafen unter dem Vorwande abreisen solle, da der Graf Robert diese leichte
Equipage als ein Geschenk fr seine Schwestern nach seinem Gute sende. Der junge
Mensch sollte aber statt dorthin zwei Poststationen nach Warschau machen und
dort in einer Schenke die Ankunft der Reisenden erwarten, denen er Wagen und
Pferde zu ihrem Fortkommen zu berlassen habe. Er selbst solle denn ein
Reitpferd einhandeln und damit zurckkehren. Die Reisenden sollten ffentlich
auf dem Wege nach Warschau von Schlo Hohenthal abreisen und von der
bezeichneten Station ab ihren Weg nach Berlin, oder wohin sie sonst wollten,
richten, und man hoffte durch diese Einrichtung sowohl die Verfolger irre zu
fhren, als auch den Verdacht des Beistandes und der Mitwissenschaft von den
Bewohnern von Hohenthal abzulenken. Der Graf Robert theilte seinen Freunden den
entworfenen Plan mit, die, damit zufrieden, dankbar die Frsorge des Freundes
erkannten, nur htten sie gewnscht, sogleich abreisen zu knnen; die
Verzgerung zweier Tage schien ihnen peinvoll. Der Graf Robert bat den jungen
Gustav in Gegenwart seiner Gste um die Geflligkeit, diesen Auftrag zu
bernehmen, weil es unmglich sei, sich in einer so ernsthaften Sache jemandem
zu vertrauen, auf dessen Verschwiegenheit man nicht mit Sicherheit rechnen
knne. Der Jngling bemerkte mit Dankbarkeit das Bestreben seines beschtzenden
Freundes, eine falsche Meinung seiner Gste ber ihn von ihm abzuwenden, und als
er bereitwillig den Auftrag seines Freundes zu vollziehen versprach, berhufte
ihn dieser mit Danksagungen, in die der Verwundete sowohl, als der Baron
Lehndorf herzlich einstimmten, und der Jngling trat nach dem verabredeten Plan
sogleich die Reise an.
    Mit schmerzlichen Empfindungen hatte sich der junge Wertheim aus dem
Gesellschaftssaale der Grfin zurckgezogen. Er fhlte grollend die Klte, mit
welcher der Herr des Hauses ihn behandelte, und konnte sie doch innerlich nicht
tadeln, denn mit Beschmung mute er sich gestehen, da sein frheres Betragen
ihn nicht berechtigte, eine liebevolle Aufnahme zu fordern, und indem er
gezwungen war, unter so drckenden Verhltnissen Hlfsleistungen in diesem Hause
zu empfangen, die vielleicht sein Leben erretteten, betrachtete er St. Julien
mit Unmuth und bemhte sich gewissermaen, einen Verdacht gegen den Grafen in
seiner Seele fest zu halten, um sich nur nicht sein Unrecht in seiner ganzen
Gre eingestehen zu mssen. Traurig blickte er also auf den zierlichen Wagen,
auf die schnen muthigen Pferde nieder, mit denen eben der Jngling Gustav
abreiste, zum Abschiede noch freundlich hinauf grend, worauf ihm Graf Robert
noch mit zrtlicher Besorgni Warnungen zurief, die der junge Mensch lchelnd
beantwortete, indem er aus dem zierlichen Kabriolet mit sicherer Hand die edeln
Rosse lenkte und wie im Fluge den Hof verlie.
    Trbe schlichen die Stunden vorber, der Herbst war schon weit vorgerckt,
feuchte Nebel senkten sich hernieder und die Natur bot dem bekmmerten Gemthe
keinen Trost, so da nur gesellige Vereinigung Aufheiterung gewhren konnte. St.
Julien kam, um die Freunde zu einer solchen Vereinigung einzuladen. Er machte
dem Grafen Robert Vorwrfe, da er den jungen Gustav hatte abreisen lassen. Wir
werden uns auerdem bald genug trennen mssen, sagte er, Du httest doch gewi
einen andern finden knnen, der Deine Auftrge zu erfllen im Stande wre. Auch
die Damen sind bse, da Du unsern lieben Kapellmeister entfernt hast, und es
wird ohne ihn schlecht mit der Musik gehen, und Du, nimm es nicht bel, Du
bedarfst ihn am meisten. Er kehrt ja in wenigen Tagen wieder, sagte der Graf
lchelnd.
    Lieber Freund, erwiederte St. Julien ernsthaft, wenn man nur noch wenige
Wochen zu leben hat, dann sind einige Tage viel. Du weit, wir mssen uns bald
trennen, und Gott wei, wohin dann mich das Schicksal fhrt. Es scheinen sich
neue Gewitter im Sden zusammen zu ziehen, und mir blutet das Herz, wenn ich
denke, da wir, die wir hier so glckliche Tage mit einander leben, uns nun
trennen und vielleicht niemals wiedersehen, denn wer kann mit Bestimmtheit
wissen, ob ich aus den Kmpfen, die sich zu entwickeln drohen, lebend
wiederkehre.
    Der Graf Robert drckte schweigend die Hand des jungen Mannes, indem er
liebevoll in die dunkeln Augen blickte, die mit Zrtlichkeit auf ihn gerichtet
waren, und der junge Wertheim sagte in der bereilten Hoffnung, da sich
vielleicht ein Krieger von Napoleons Sache abtrnnig machen liee: Wenn Sie Ihre
deutschen Freunde so lieben, wie Ihre Worte zeigen, warum verlassen Sie denn
nicht die Sache des Weltunterdrckers und ersparen Sich einen Schmerz, den ich
natrlich finde, und die spte Reue, zum Verderben der Welt mitgewirkt zu haben?
    Beleidigt blickte St. Julien auf, doch die Flamme des Zornes verschwand, als
sein Auge auf das bleiche Gesicht des Verwundeten sich richtete, und er
erwiederte lchelnd: Es wre unpassend, wenn ich in diesem Augenblicke Gewicht
auf den Ruhm legen wollte, der die franzsischen Waffen umgiebt, und der allein
hinreichend wre, Frankreichs Krieger an ihren groen Feldherrn zu fesseln; aber
ich frage Sie, Herr von Wertheim, wenn ich so glcklich wre, von Ihnen sehr
geliebt zu werden, ob Sie in dieser Neigung, wie mchtig sie auch wre, einen
Grund finden knnten, Ihren Knig, Ihr Vaterland, Ihre Sache zu verlassen, wenn
sich alle Braven um Ihre Fahnen sammeln? Auch denken meine deutschen Freunde zu
gut von mir, fuhr er etwas empfindlich fort, als da sie einen solchen Schritt
je auch nur fr mglich gehalten htten.
    Ein allgemeines Schweigen folgte auf diese Worte, die nicht dazu dienten die
Gemther einander zu nhern, und der Graf Robert erinnerte endlich, da es Zeit
sei, sich in den Saal zu begeben, wohin ihn alle drei Freunde etwas mimthig
begleiteten. Die Hausgenossen waren schon versammelt, und man nahm um so lieber
zur Musik seine Zuflucht, da sich ein heiteres Gesprch diesen Abend nicht
wollte durchfhren lassen, weil Keiner recht mit sich und dem Andern zufrieden
war.
    Whrend des ersten Quartetts trat der Prediger ziemlich geruschvoll in den
Saal, und man sah es ihm an, da er mit Ueberwindung den Schlu der Musik
erwartete, weil er etwas auf dem Herzen hatte, das ihm wichtiger als alle Musik
der Welt schien, und sein Bestreben, sich dem Grafen zu nhern, war so
auffallend, da selbst Emilie whrend des Gesanges sich dadurch gestrt fhlte
und dem Ende zueilte, ohne wie sonst mit innerer Lust alle Kunst des Vortrages
zu entfalten und ihr Gefhl in Tnen sich wiegen zu lassen.
    Man hatte auch kaum geendigt, als die auffordernde Miene des Geistlichen den
Grafen nthigte aufzustehen und sich ihm zu nhern, worauf dieser ein scheinbar
gleichgltiges Gesprch anknpfte, indem er mit dem Grafen durch den Saal ging
und dann, wie er glaubte, unbemerkt ihn hinweg nach einem entlegenen Zimmer
fhrte. Als sie die erreicht hatten, ging der Prediger einige Mal auf und
nieder, und der Graf brach endlich das Schweigen, indem er sagte: Sie haben
vermuthlich etwas zu berichten, das nicht angenehmer Natur ist, denn sonst
wrden Sie, Herr Prediger, nicht so lange mit der Mittheilung zgern.
    Wenigstens sonderbar ist es, erwiederte der Geistliche, und ich befrchte,
Sie werden von mir glauben, da ich mich in Ihre Familienangelegenheiten
einzumischen suche, und doch konnte ich es, vermge meines Amtes, nicht
ablehnen, da ich ersucht wurde, meine Krfte anzuwenden, um Frieden zu stiften
und wo mglich zu vereinigen, was so lange schon unnatrlich entzweit ist.
    Wie verstehe ich das? fragte der Graf mit finstrer Stirn.
    Ich will es zugeben, sagte der Geistliche mit so mildem Tone, wie er ihn nur
von seiner scharfen Stimme erzwingen konnte, da der Bruder Ihrer Frau Gemahlin
Unrecht gegen seine Schwester gebt hat. Er gesteht die selbst ein mit
herzlicher Reue, aber sollen dehalb Geschwister einander ewig zrnen? Beten wir
nicht tglich: Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben. Und soll die ein
leeres Wort bleiben, bei dem unsere Herzen nichts empfinden?
    Lassen wir das, Herr Prediger, sagte der Graf kurz und finster; ich bitte
Sie, diese Seite nie mehr zu berhren.
    Der Graf wollte nach diesen Worten zur Gesellschaft zurckkehren, der
Prediger aber hielt ihn zurck, und indem er den Ton des Seelsorgers fallen
lie, sagte er im Tone des Geschftsfreundes: Gnnen Sie mir noch einen
Augenblick, ich habe meine Pflicht gethan, indem ich die Vershnung der
Geschwister versuchte, worauf ich nie gekommen wre, wenn ich nicht den
bestimmten Auftrag dazu htte.
    Und Wer, fragte der Graf, mischt sich in meine Familienangelegenheiten? Wer
kann Ihnen einen solchen Auftrag gegeben haben?
    Wer anders, erwiederte der Pfarrer lchelnd, als der, dem die Vershnung am
Meisten am Herzen liegt.
    Wie, rief der Graf mit Erstaunen, der Baron Schlebach?
    Ihr Herr Schwager, ja, versetzte der Pfarrer mit schlauem Lcheln.
    Niemals, erwiederte der Graf mit Heftigkeit, darf er auch nur die leiseste
Annherung erwarten; und ich kann die Hartnckigkeit, mit der er darauf besteht,
nicht achten. Ich bitte Sie, ihm die so deutlich zu machen, da er es einsehen
mu. Whlen Sie dazu Worte, welche Sie wollen, nur befreien Sie mich und seine
arme Schwester von einer Zudringlichkeit, die fr uns unertrglich ist.
    Hren Sie mich, sagte ernsthaft der Geistliche, den die groe Heftigkeit des
Grafen in Verwunderung setzte. Es ist ganz unmglich, da Sie den Baron
Schlebach nicht sprechen; Sie wrden dadurch Auftritte veranlassen, die Ihnen,
wie ich Sie kenne, im hchsten Grade widrig sein wrden.
    Wie kommen Sie mit diesem Menschen in Verbindung? sagte der Graf noch immer
sehr entrstet. Ohne mein Zuthun, erwiederte der Pfarrer. Der alte Lorenz
brachte ihn heute zu mir, indem er zu mir mit seiner gewhnlichen Heuchelei
sagte, da ich von Gott dazu bestimmt sei, die Irrenden auf den rechten Weg zu
leiten, so habe er dem Herrn Baron gerathen, sich an mich zu wenden, damit er
den Frieden seiner Seele wieder gewnne und in Eintracht mit seiner Familie
leben knne, denn ihm nage es das Herz ab, wenn er sehen msse, wie seinen
verehrten Freund, den Herrn Baron, der Kummer darber verzehre, da sich
diejenigen, die Gott ihm so nahe gestellt habe, so fern von ihm hielten. Der
Baron sprach weniger von Gott zu mir, sondern sagte mir blo, Herr Lorenz habe
ihm versichert, da ich der Freund Ihres Hauses sei, und da mein Amt es mir zur
Pflicht mache, die Gemther der Menschen zu vershnen, so werde ich, wie er
hoffe, gewi auf das Bereitwilligste ihm eine Unterredung mit Ihnen auszuwirken
suchen, die vielleicht eine Vershnung zwischen lang getrennten Geschwistern
herbeifhren knne, um so mehr, da er bereit sei, jedes Unrecht gegen seine
Schwester einzugestehen und sie dehalb um Verzeihung zu bitten. Die alles
wurde sehr hflich gesagt, aber er fgte hinzu: Sagen Sie meinem Schwager, da
ich ihn durchaus sprechen mu, und wenn er eine Unterredung, die ich, wie Sie
selbst sehen, mit Vorsicht einleite, nicht bewilligen will, so bin ich
entschlossen, nach Schlo Hohenthal zu gehen, um ihn aufzusuchen, und er kann
meinen Anblick nur dann vermeiden, wenn er den nchsten Verwandten seiner
Gemahlin mit Gewalt von seiner Schwelle treiben lt.
    Was kann der Mensch von mir wollen? rief der Graf entrstet, welch neues
Unglck will er durch seine Gegenwart hervorrufen?
    Bewilligen Sie ihm die Unterredung, sagte der Pfarrer besnftigend. Ich habe
ihn gebeten die Nacht bei mir zu bleiben, dann kann er morgen frh hieher
kommen, und Sie sprechen ihn erst allein und bestimmen, ob er sich Ihrer Frau
Gemahlin nhern soll.
    Hieher nicht, rief der Graf noch immer sehr aufgeregt, hierher darf er nicht
kommen, die Grfin darf ihn nicht in ihrer Nhe ahnen. Der unglckliche Frevler,
er kennt nicht einmal den Umfang seiner Schuld. Der Graf schwieg pltzlich, denn
mitten in seiner Leidenschaftlichkeit bemerkte er den aufmerksam lauernden Blick
des Predigers, der zu erwarten schien, da im Drang verschiedener schmerzlichen
Empfindungen der Graf jede Zurckhaltung aufgeben und ihm die Quelle der Leiden
zeigen wrde, die er oftmals in einer Familie wahrgenommen hatte, die von auen
so glcklich schien.
    Ein kurzes Schweigen war entstanden. Endlich sagte der Geistliche, ein wenig
ber die getuschte Hoffnung verstimmt: So sprechen Sie ihn bei mir, wenn Sie
ihn hier nicht sehen wollen, denn, glauben Sie mir, sprechen mssen Sie ihn
durchaus, wenn nicht rgerliche Auftritte entstehen sollen.
    Nach einigem Nachdenken sagte der Graf mit ruhiger Fassung: Ich nehme
dankbar Ihr Anerbieten an und bitte Sie die Sache so zu leiten, da der Grfin
die Nhe ihres Bruders wo mglich verschwiegen bleibt. Auch ich htte gern ein
Zusammentreffen vermieden, das nicht erfreulich sein kann; inde auch solche
Dinge gehren zu den Brden des Lebens, die ein Mann mu ertragen knnen.
    Der Prediger gelobte von seiner Seite Verschwiegenheit, doch bemerkte er
gegen den Grafen, da der Baron mit dem alten Lorenz gekommen sei, der um so
weniger eine Zusammenkunft, die er eingeleitet habe, verschweigen wrde, wenn er
wte, da man die wnsche. Der Graf gab ihm Recht, und Beide wunderten sich
darber, da der Baron mit dem Alten in einer Vertraulichkeit lebe, die
unziemlich genannt werden konnte, da ihn nur niedrige Grnde bestimmt haben
konnten, sich einem Trunkenbolde vertraulich zu nhern, von dem er durch
Erziehung und Bildung und Grnde aller Art entfernt gehalten werden sollte.
    Der Graf kehrte jetzt mit dem Prediger scheinbar ruhig zu der Gesellschaft
zurck und sagte, indem er dem ngstlichen Blicke der Grfin begegnete, mit
heiterem Lcheln: Der Herr Prediger hatte mir Mancherlei ber die Gemeinde
mitzutheilen; aber nicht wahr? setzte er hinzu, indem er ihm die Hand bot, wir
werden gemeinschaftlich alle Uebel abwenden. Gewi, antwortete der Pfarer
lchelnd, das Schwerste haben Sie ja schon gethan.
    Die Grfin, die durch die lange Abwesenheit ihres Gemahls und des Predigers
beunruhigt worden war, glaubte nach diesem heiteren, gleichgltigen Gesprch,
da nichts Bedeutendes vorgefallen sein knnte, und wollte sich der Unterhaltung
wieder hingeben, aber es war diesen Abend kein Leben in die Gesellschaft zu
bringen. Der Graf war innerlich mit der Unterredung beschftigt, die am
folgenden Tage Statt finden sollte. Die Gste des Grafen Robert waren, von
Kummer und Mitrauen gedrckt, zu keiner harmlosen Theilnahme an der
Unterhaltung zu bewegen, so da man zuletzt zu den Karten seine Zuflucht nahm,
womit der Prediger besonders zufrieden war.
    Da der Baron Lehndorf, sein Freund Wertheim und der Prediger die Parthie des
Obristen Thalheim machten, so redete der Pfarrer den Verwundeten oftmals an und
nthigte ihn die verabredete kleine Fabel zu wiederholen, da er nmlich mit dem
Pferde gestrzt sei und sich den Arm beschdigt habe, welcher Unfall ihn
genthigt, das Vorwort seines Freundes zu benutzen, um die Gastfreundschaft hier
in Anspruch zu nehmen, wo er zugleich so glcklich gewesen sei, den Beistand des
Herrn Doktors fr seinen Arm benutzen zu knnen. Und davon haben Sie mir nichts
gesagt, sagte der Prediger, indem er einen scharfen Blick auf den Arzt richtete,
der dem Spiele zusah. Der berraschte Freund wurde roth und sprang einen Schritt
zurck, drckte dann die Augen zu und sagte, vor Verlegenheit blinzelnd: Es ist
eine unbedeutende Beschdigung, es war nicht der Mhe werth darber zu sprechen.
    Der Prediger erwiederte nichts weiter, richtete aber noch einige
gleichgltige Fragen ber das franzsische Militair an den Baron Lehndorf und
seinen Freund, und spielte ruhig seine Parthie zu Ende. Nach dem Abendessen nahm
er den Arzt am Arme und schlug ihm vor, noch eine Pfeife Tabak in seinem Zimmer
zu rauchen, welches dieser nicht ablehnen konnte, und so trennte sich die
Gesellschaft, weil ein Jeder sich danach sehnte, sich seinen Gedanken ungestrt
berlassen zu knnen.
    Nachdem der Prediger im Zimmer des Arztes mit groer Gelassenheit seine
Pfeife in Ordnung gebracht, gestopft und angezndet hatte, lud er seinen Freund
ein, seinem Beispiel zu folgen, woran dieser noch nicht gedacht hatte, denn ihm
war heute die Aussicht, da der Geistliche noch lange knne bei ihm verweilen
wollen, nicht angenehm, weil er sich gern losmachen und seine Pflicht erfllen
wollte; denn die Wunde des Herrn von Wertheim mute noch verbunden werden, und
er wollte den jungen Mann nur ungern noch lnger die Ruhe der Nacht entbehren
lassen.
    Also, fing der Prediger das Gesprch an, den Rauch aus seiner Pfeife in die
Hhe blasend, der Herr von Wertheim ist mit dem Pferde gestrzt und dadurch ist
er verwundet worden?
    Unbedeutend, erwiederte der Arzt, er wird bald hergestellt sein und seine
Reise fortsetzen knnen.
    Und nach Warschau will er? fragte der Prediger weiter.
    So hre ich, sagte sein ngstlich werdender Freund.
    Lieber Doktor Lindbrecht, erwiederte hierauf der Geistliche lchelnd, Sie
haben durchaus kein Talent zum Lgen. Das mssen Sie besser lernen, wenn Sie
mich hintergehen wollen. Ich will Ihnen jetzt sagen, wie die Sache
zusammenhngt. Ihr Kranker ist im Duell mit einem franzsischen Obristen
verwundet worden, der noch bler weggekommen ist, denn an seinem Aufkommen wird
gezweifelt, und der Divisions-General hat der Gemahlin des Obristen versprochen,
den Mrder desselben auf's Nachdrcklichste zu verfolgen, dewegen thun Sie gut,
wenn Sie Ihrem Patienten rathen, seine Genesung nicht hier abzuwarten, und Sie
mssen den Ruhm ihn herzustellen schon einem Andern berlassen.
    Der Arzt betrachtete seinen Freund mit weit geffneten Augen, blieb eine
Zeit lang sprachlos vor Erstaunen und rief dann: Sie haben einen Dmon, der Sie
lehrt in die Tiefe eines jeden Geheimnisses zu blicken, denn auf gewhnlichen
Wegen knnen Sie unmglich Alles erfahren.
    Sie sehen, ich habe meine Nachrichten, erwiederte der Prediger
selbstgefllig lchelnd, und Sie sehen auch, da das zuweilen nicht so bel ist,
denn man kann unbesonnenen Leuten dienen, wenn man wohl unterrichtet ist.
    Noch stand der Arzt in Staunen verloren ber die unbegreifliche Klugheit
seines Freundes, als die Thre geffnet wurde und der Graf Robert eintrat, der
mit einiger Verlegenheit den aufgeregten Arzt und den gelassen rauchenden
Prediger betrachtete. Sie sehen nach, hob der Letztere schalkhaft lchelnd an,
ob Sie unsern Freund, den Doktor, noch nicht allein finden, damit er die Wunden
des Herrn von Wertheim endlich verbinde.
    Nicht ich, rief der Arzt heftig vorspringend und die Hand auf die Brust
legend, nicht ich habe den Verrath begangen. Er wei unser Geheimni, aber,
welcher Dmon es ihm verrathen, ist mir unbekannt.
    Sein Sie ruhig, sagte der Prediger ernsthaft, und gebehrden Sie sich nicht
so wunderlich. Ich habe von Reisenden zufllig erfahren, da ein franzsischer
Obrist von einem verabschiedeten preuischen Offizier schwer verwundet worden
ist.
    Also lebt der Obrist, rief der Graf in freudiger Ueberraschung, jede
Zurckhaltung aufgebend. Er lebte noch vorgestern, erwiederte der Geistliche.
Die Aerzte sollen aber sein Aufkommen bezweifeln und der Divisions-General die
heftigste Verfolgung der Flchtlinge beabsichtigen. Dehalb rathe ich Ihnen,
Ihre Freunde so bald als mglich fortzuschaffen und nicht eine Minute lnger,
als es nthig ist, zu zaudern.
    Der Graf dankte dem Prediger und eilte, seinem Oheime die Nachrichten, die
er eben erhalten hatte, mitzutheilen, worauf Dbois gerufen wurde, der alsbald
wieder die Zimmer des Grafen verlie, um Postpferde fr den folgenden Morgen um
fnf Uhr zu bestellen. Der Arzt hatte die Wunde des Kranken eben verbunden, als
der Graf Robert zu diesem eintrat, ihm die Nothwendigkeit anzuzeigen, schon den
andern Morgen zu reisen. Wertheim war mit dieser Anordnung zufrieden, denn er
fhlte sich gedrckt unter dem Dache des Grafen. Der Arzt theilte ihm hierauf
noch, ehe er sich zurckzog, die nthigen Verhaltungsregeln fr die Reise mit,
versprach auch um vier Uhr die Wunde noch ein Mal zu verbinden und kehrte dann
zum Prediger zurck, den er noch rauchend auf seinem Zimmer fand, und der nun
auch mit dem bermthigen Rathe von ihm schied, in der Zukunft das unntze
Bestreben ihm etwas zu verheimlichen aufzugeben.

                                       XV


In der Dmmerung des Morgens hielt eine schlechte Postchaise auf dem Hofe und
der Baron Lehndorf bestieg sie mit seinem Freunde, nachdem dieser aus den Hnden
des Arztes befreit war, der die Mal seinen Verband noch sorgfltiger als
gewhnlich aufgelegt hatte, damit die Anstrengung der Reise die Wunde so wenig
als mglich erhitzen mge. Ein kleiner Mantelsack war gepackt worden, der die
nthigsten Gegenstnde enthielt, mit denen der Graf Robert die scheidenden
Freunde versorgte. Eine Summe Geldes hatte er ihnen ebenfalls eingehndigt, die
ihre nchste Zukunft sicherte, und ob sie ihm gleich herzlich dankten, so
empfingen sie doch seine Hlfe ohne Beschmung, da er zu ihrer Verbrderung
gehrte und es die Pflicht eines jeden Mitbruders war, aus allen Krften die
Glieder des Bundes zu untersttzen, die eben Hlfe bedurften.
    Da die Freunde aus sicheren Quellen wuten, da Schill in Berlin erwartet
wurde, so beschlossen sie, sich ebenfalls dahin zu begeben, und der Graf Robert
hatte ihnen versprochen, dort wieder mit ihnen zusammen zu treffen, da auch er
zunchst die Hauptstadt besuchen wollte und die Abreise dahin immer nur
verzgert hatte, weil er sich vor dem Schmerze der Trennung frchtete. Die
beiden scheidenden Freunde hatten beinah die ganze Nacht dazu angewendet, ihn zu
berreden, sich ebenfalls, wie sie es beschlossen hatten, an Schill
anzuschlieen. Der Graf aber war dem seinem Oheim gegebenen Worte treu
geblieben, dem er feierlich versprochen hatte, nichts bereilt zu beschlieen
und jedes Unternehmen vorher streng zu prfen, ehe er sich zur Theilnahme bereit
zeigte. Dehalb blieb er standhaft dabei, den Freunden zu versichern, da er,
wenn ihm in der Nhe Alles so sicher und vortheilhaft fr die gute Sache
erscheinen sollte, wie es ihnen in der Ferne vorkme, dann keinen Anstand nehmen
wrde, sich mit ihnen zu vereinigen.
    Diese sehr bedingte Zusicherung war den Freunden keineswegs angenehm und sie
beklagten in dieser Rcksicht ihren zu kurzen Aufenthalt auf Schlo Hohenthal,
weil sie meinten, der Graf Robert wrde ihrer Ansicht haben weichen mssen, wenn
sie Zeit gehabt htten fter auf den Gegenstand zurck zu kommen. Doch trsteten
sie sich damit, da in Berlin der Anblick der Schaar begeisterter Krieger, die
den heldenmthigen Anfhrer umgab, auch die Seele des klteren Freundes
entznden und ihn bestimmen wrde, durch einen khnen Entschlu in ihre Mitte
einzutreten.
    Die Grfin wunderte sich ber die schnelle Abreise seiner Freunde, als der
Graf Robert sie ihr beim Frhstck anzeigte. Doch fand sie es natrlich, da der
Herr von Wertheim einen Aufenthalt zu verlassen eilte, der ihm unangenehme
Erinnerungen aufdrngte, und sie beklagte nur, da vielleicht seine Gesundheit
durch die zu groe unntze Eile leiden knne.
    Der Graf meinte, in der Jugend habe man viele Lebenskraft und knne groen
Beschwerden Trotz bieten. Er selbst knne die Abreise der beiden Freunde nur
loben und wrde an ihrer Stelle eben so gehandelt haben.
    Man fand nichts Ungewhnliches darin, als nach dem Frhstck der Graf sein
Pferd zu satteln befahl, weil er dem Prediger einen Besuch machen wollte, mit
dem er, wie er sagte, manche die Gemeinde betreffende Gegenstnde zu berathen
habe, und die Grfin ahnte nicht, als sie ihm nachblickte, indem er von dem Hofe
hinunter ritt, welcher Zusammenkunft er entgegen eilte.
    Im Hause des Predigers war er schon mit Ungeduld erwartet worden, denn dem
Hausherrn wurden seine Gste beraus lstig, weil der alte Lorenz unter dem
Schirme seines vornehmen Freundes den Prediger mit einer beleidigenden
Vertraulichkeit qulte, die dieser nicht zurckzuweisen verstand und sich auch
nicht geneigt fhlte zu ertragen. Er eilte also dem Grafen, so wie er ihn
erblickte, vor die Thr seines Hauses entgegen und bewillkommnete ihn mit
herzlicher Freude.
    Der Graf erwiederte diese freundliche Begrung in merklicher Spannung, und
die Eile, mit welcher er eintrat, zeigte deutlich, da er die ihn erwartende
peinliche Unterredung so bald als mglich zu beendigen wnschte. Als er das
Wohnzimmer des Pfarrers erreicht hatte, trat ihm der Baron Schlebach mit
verbindlicher Freundlichkeit entgegen und wollte ihn mit der Vertraulichkeit
eines Verwandten umarmen. Der Graf wich diesem Zeichen der Freundschaft durch
eine hfliche, kalte Verbeugung aus und sagte, indem er einen strengen,
verchtlichen Blick auf den alten Lorenz richtete: Da Sie mich wahrscheinlich
allein und ungestrt zu sprechen gewnscht haben, so denke ich, bitten wir beide
den Herrn Prediger, da er Ihrem Begleiter einen schicklichen Ort, Sie zu
erwarten, anweiset; er wird uns diese Geflligkeit nicht abschlagen, da er schon
so gtig gewesen ist, uns die Zimmer fr eine kurze Zeit zu berlassen und hier
eine Zusammenkunft zu gestatten, die Ihnen unvermeidlich scheint.
    Der Baron fgte sich dem Wunsche des Grafen, und der alte Lorenz hatte in
der Gegenwart des Letzteren nicht den Muth, seine Unverschmtheit fortzusetzen.
Er verlie also das Zimmer, und auch der Prediger fhlte, da er der Unterredung
zwischen den beiden, sich so seltsam gegenberstehenden Verwandten schicklicher
Weise nicht beiwohnen knne; auch er verlie also das Gemach, obwohl mit
zgerndem Schritte, indem seine natrliche Neugierde ihn wie ein Magnet
festhalten zu wollen schien.
    So waren denn nun die beiden Verwandten allein, und ein fragender Blick des
Grafen lud den Baron zum Sprechen ein, der noch immer lchelnd schwieg, weil er,
wie es schien, die rechten Worte suchte, um diese seltsame Unterredung zu
erffnen. Der Graf hatte also Zeit ihn zu betrachten und sich zu erinnern, da
der Baron in der Blte der Jugend ein auffallend schner Mann gewesen war. Jetzt
hatte freilich die Zeit und mehr vielleicht noch ein unregelmiges Leben die
herrliche Gestalt zerstrt; aber immer noch leuchteten dem Grafen die schnen
dunkeln Augen entgegen, die ihn an seine Gemahlin erinnerten, obwohl ein
wilderes Feuer darin brannte. Die hohe, freie Stirn wurde durch die
Beweglichkeit der Augenbraunen verunstaltet, und das sliche Lcheln, welches
den feinen Mund fortwhrend umschwebte, gab diesem einen Zug von spttischer
Falschheit; aber dennoch machte noch jetzt die Persnlichkeit des Barons einen
angenehmen Eindruck, der durch seine schne, weiche und doch mnnliche Stimme
erhht wurde, als er endlich zu sprechen begann, so wie die edeln Gebehrden eine
gute Erziehung und das Leben in der feinen Welt bewiesen.
    Es ist wohl seltsam, hob der Baron mit scheinbarer Freimthigkeit an, da
ich heute zum ersten Male das Glck habe, Ihnen als Verwandter gegenber zu
stehen, obgleich Sie schon so lange mit meiner einzigen Schwester verbunden sind
und man glauben sollte, da nach dieser Verbindung unser natrliches Verhltni
zu einander das, in dem Brder gegen einander stehn, wre.
    Es drngt sich uns im Leben, erwiederte der Graf, oft die Erfahrung auf, da
wir uns den Banden, welche die Natur zu knpfen scheint, dennoch entziehen
mssen, wie beklagenswerth uns auch diese Nothwendigkeit erscheinen mag.
    Aber ist es mglich, sagte der Baron mit einschmeichelndem Lcheln, da
meine Schwester einen Groll so lange nhren kann, da die vernnftigere Ansicht
des Gemahls nicht im Stande sein sollte, ihn zu besiegen? Ich kann nicht
glauben, da sie einen so hohen Werth auf einige Summen legen sollte, die ich,
ich gestehe es, von ihrem ersten Gemahl empfing und bei dem besten Willen nicht
zurck geben konnte.
    Wenn meine Gemahlin, versetzte der Graf mit hflicher Klte, Grnde hat,
jede Annherung zu vermeiden, und lieber das lieblose Urtheil der Welt ber sich
ergehen lt, die sie schonungslos genug tadelt, da sie dem Wunsche des
einzigen Bruders entgegen in dieser Zurckgezogenheit beharrt, so kann ich Ihnen
wenigstens die Versicherung geben, da diese Grnde nicht so niedriger Art sind.
    Sollte denn also ihr Herz, sagte der Baron mit den weichsten Tnen seiner
sanften Stimme, sich auf immer feindlich gegen mich geschlossen haben, weil sie
glaubt, da ich freventlich, unkindlich unsere arme Mutter Preis gegeben habe?
Ach, knnte sie sich nur entschlieen mich zu hren, sie wrde dann auch die
gewi milder beurtheilen und mein Unglck vielleicht beklagen, wenn ich es auch
durch Leichtsinn selbst veranlat haben sollte.
    Meine Gemahlin, antwortete der Graf, hat jeden Anspruch darauf, Ihre
Handlungen zu beurtheilen, lngst aufgegeben, und wenn sie sich auer dem
Bereiche schmerzlicher Erinnerungen zu halten wnscht, so ist die, um den
Frieden ihres Lebens zu bewahren, nothwendig, ohne von feindlichen Gesinnungen
zu zeugen.
    Sie gewhren mir einen groen Trost, sagte der Baron mit scheinbarer
Herzlichkeit, indem er dem Grafen die Hand bot, die dieser, wenn er nicht
geradezu beleidigen wollte, nehmen mute; denn Sie geben mir die Versicherung,
da ich von meiner Schwester nicht gehat bin, und so darf ich denn nun mit
grerer Zuversicht die Hoffnung einer endlichen Vershnung hegen.
    Ich bitte Sie, entgegnete der Graf mit groem Ernst, jeden Gedanken an eine
Annherung gnzlich aufzugeben. Hat das Leben Ihrer Schwester den geringsten
Werth fr Sie, so werden Sie sich dieser Nothwendigkeit um so eher fgen, wenn
ich Ihnen sage, da Sie auf das Haupt dieser Unglcklichen ein Schicksal geladen
haben, vor dem Sie vielleicht selbst schaudern wrden, wenn Sie es in seinem
ganzen Umfang kennen sollten. Wenn Sie aber trotz dieser Erklrung annhernde
Schritte noch fr angemessen halten, so mu ich noch hinzufgen, da ich solche
wie eine offenbare Feindseligkeit gegen mich betrachten wrde, der ich auf
gleiche Weise dann begegnen mte.
    So wre diese Hoffnung vorber, sagte der Baron seufzend, und ich scheide
vllig verarmt im Herzen aus meinem Vaterlande. Sie sehen nur mein Unrecht, aber
nicht meine Schmerzen. Sie wollen Ihre Gemahlin vor unangenehmen Eindrcken
bewahren und beachten es nicht, wenn Sie das Herz des Bruders zerreien. Doch es
sei, Sie ahnen nicht das Gefhl der Verzweiflung, mit dem ich von Ihnen scheide,
da ich in der Hoffnung kam, das Herz meiner geliebten Schwester zu rhren, und
durch diese Vershnung nicht blo diese wieder zu gewinnen glaubte, sondern auch
einen edeln Verwandten, einen brderlichen Freund. Alle diese Trume sind
vernichtet und ich mu freudlos, wie ich es begann, das traurige Leben enden.
    Beide schwiegen eine Zeit lang, endlich sagte der Graf: Da die Absicht, aus
welcher Sie diese Zusammenkunft wnschten, nicht erreicht werden kann, so werden
Sie selbst es am Besten finden, wenn wir nun friedlich scheiden, da ich nicht
glaube, da Sie mir noch sonst etwas zu sagen haben knnen.
    Freilich, sagte der Baron, indem er wie aus tiefem Sinnen auffuhr, scheiden
mssen wir, und ich kann Ihnen nichts mehr sagen. Und doch, fuhr er, wie sich
besinnend, fort, warum sollte ich jetzt nicht ber ein Geschft wie ein Edelmann
zum andern mit Ihnen sprechen knnen, obgleich es meine Absicht war, auch die
freundlich und liebevoll, wie es zwischen Verwandten sich ziemt, zu behandeln.
    Ich stehe zu Befehl, sagte der Graf mit hflicher Klte.
    Sie wissen, erwiederte der Baron, anmuthig lchelnd, da unser Vaterland so
gut wie vernichtet ist und da die ungeheuern Lasten, die jeden einzelnen
bedrcken, der nicht unermelich reich ist, wie Sie, schon viele kleinere
Gutsbesitzer vermocht haben, ihr Eigenthum dem Staate gnzlich zu berlassen,
weil es nicht mglich war die Forderungen dieses Staates zu befriedigen.
    Ich wei, antwortete der Graf seufzend, da das Grundeigenthum beinah allen
Werth verliert, weil der Druck der Abgaben nicht gemildert werden kann, so lange
die Franzosen im Lande bleiben.
    Nun, dann mchte er noch ziemlich lange anhalten, sagte der Baron mit
schlauem Blick, und selbst Ihr groer Reichthum knnte am Ende nicht ausreichen.
    Mein Reichthum ist bei Weitem nicht so gro, wie Sie zu glauben scheinen,
erwiederte der Graf trocken. Ich habe seit vielen Jahren von meinen Einknften
jhrlich etwas zurckgelegt, und diese so ersparten Summen setzen mich nun in
den Stand, die nothwendigen Forderungen des Vaterlandes zu befriedigen, ohne
mein Vermgen zu zerstren, wie es andere, minder Beglckte leider mssen.
    Das ist es ja, was ich meine, versetzte der Baron mit etwas spttischem
Lcheln. Sie haben mit bewunderungswrdiger, ja mit beneidenswerther Vorsicht
die sieben fetten Khe benutzt und knnen nun gromthig die sieben magern
ernhren.
    Ich wei nicht, sagte der Graf empfindlich, ob das Gesprch, wie wir es
jetzt fhren, die Einleitung eines Geschftes sein kann, und ob es nicht besser
wre zu scheiden, ohne uns gegen einander zu verstimmen?
    Ich denke, erwiederte der Baron, da Sie mir, ehe wir uns trennen, noch das
Zeugni geben werden, da ich wenigstens mein Schicksal mit Gleichmuth trage,
denn auch ich bin einer der minder Beglckten, die ihr Eigenthum aufgeben
mssen, um das wankende Vaterland zu untersttzen, und ich wollte nach der
gelungenen Vershnung Ihnen als Ihr Freund und nchster Verwandter meine Gter
zum Verkauf anbieten. Da die Vershnung leider gnzlich milungen ist, so biete
ich Ihnen den Handel an, wie ein Edelmann dem andern.
    Sie wissen wohl selbst, sagte der Graf, da es im gegenwrtigen Augenblicke
beinah unmglich ist, Gter zu kaufen, weil nicht allein die Aufbringung der
Kaufsumme Verlegenheit hervorbringt, sondern weil man dadurch die Last der
Abgaben so steigert, da man davon erdrckt werden mu; also werden Sie es
natrlich finden, wenn ich jeden Antrag der Art ablehne.
    Ich wei nicht, erwiederte der Baron hflich, ob Sie nicht diese
abschlgliche Antwort zurcknehmen, wenn Sie die Sache von allen Seiten berlegt
haben werden. Jedermann wei, da Sie Ihr groes Vermgen zu dem edeln Zwecke
benutzen, alle Hlfsbedrftige zu untersttzen, da Sie bei dieser lblichen
Menschenliebe nicht einmal darauf Rcksicht nehmen, ob sie Freunden oder Feinden
Ihres so hoch von Ihnen verehrten Vaterlandes zu Theil wird. Jedermann wei, da
ich als der einzige Bruder Ihrer Gemahlin mich seit lange fruchtlos bemhe in
der Jugend entstandene Irrungen mit meiner Schwester auszugleichen. Welch ein
seltsames Licht mte es auf diese Schwester und auch auf Sie werfen, wenn Ihre
feindliche Stimmung gegen mich, deren Grund Niemand begreift, so weit ginge, da
Sie mich allein die Hlfe nicht finden lieen, die sonst Jedermann bei Ihnen
findet. Auch glaube ich, knnte es Sie bestimmen auf den Handel einzugehen, da
ich, wenn er zu Stande kommt, gesonnen bin, diese Gegend gnzlich zu verlassen,
wodurch Sie gesichert wren, da nicht wieder rgerliche Auftritte Statt finden
knnten, wenn ich zufllig mit meiner Schwester zusammentrfe.
    Sie stellen Grnde auf, sagte der Graf mit Bitterkeit, die mit siegender
Gewalt alle Einwendungen lhmen und die mich in der That geneigt machen, Ihren
Forderungen zu gengen, wenn es meine Krfte erlauben.
    Ich dachte es wohl, erwiederte der Baron verbindlich, da ich mich nicht
vergeblich an Sie gewendet haben wrde. Wir knnen einen Tag festsetzen, wenn
wir uns in Breslau treffen wollen, wo wir unser Geschft beendigen knnen. Doch
mu ich bitten, diese Zusammenkunft nicht lnger als eine Woche aufzuschieben,
weil ich sonst in anderen Plnen gehindert wrde, und mu Sie noch ersuchen, die
Bedingung einzugehen, eine Summe sogleich auf Abschlag der Zahlung zu
entrichten.
    Wie, sagte der Graf, eh ich die Gter kenne, ehe mir einmal der Kaufpreis
genannt ist?
    Ich gestehe, sagte der Baron lchelnd, da diese Bedingung etwas von der
allgemeinen Regel abweicht, aber bedenken Sie, die Umstnde sind auch nicht die
gewhnlichen. Ein Verwandter macht Ihnen diesen Vorschlag, der sich entfernen
will und dem Sie dann vielleicht nie im Leben mehr begegnen.
    Die entscheidet, sagte der Graf. Unter dieser Bedingung bin ich bereit auch
auf diese Forderung einzugehen, wenn sie meine Krfte nicht bersteigt, denn ich
setze voraus, Sie wissen den Werth Ihrer Bedingung zu schtzen, und ich frchte,
Sie haben Ihre Forderung dem gem eingerichtet.
    Ich werde die Genugthuung haben, sagte der Baron mit einschmeichelnder
Stimme, da Sie mich bescheidener finden, als Sie vermuthen. Ich habe einem
Freunde tausend Thaler zu bezahlen, der seine Rechte seinem Vater bertragen
hat, dem alten Herrn Lorenz, der mich hieher begleitet hat, um das Geld sogleich
zu empfangen, und ich mu dehalb auf die Abzahlung dieser Summe dringen, weil
sonst leicht eine mir nachtheilige Spannung zwischen mir und meinem Freunde
entstehen knnte.
    Und Sie nennen diesen Menschen Ihren Freund? fragte der Graf mit Erstaunen.
    Warum nicht? erwiederte der Baron lchelnd. Wollte ich hier bleiben, so
knnte vielleicht aus dieser freundschaftlichen Verbindung manche Verlegenheit
fr mich entstehen, aber da wir beide nach der spanischen Grnze gesendet
werden, wo unser Vortheil gemeinschaftlich sein wird, und wo uns Niemand kennt,
so knnen die hiesigen engherzigen Rcksichten keinen Einflu auf mich ben, um
so mehr, da die Franzosen alles andere eher aufgeben werden, als das Gefhl
einer ursprnglichen Gleichheit; daher wrde es mir selbst keinen Nachtheil
bringen, wenn auch die Herkunft meines Freundes bekannt wrde.
    Ich habe den Franzosen niemals so sehr Unrecht thun mgen, sagte der Graf,
zu glauben, da sie die Gleichheit, welche sie verlangen, so verstanden wissen
wollen, da sie keine moralische Unterschiede annhmen. Doch, fuhr er mit einem
kalten Blick auf den Baron fort, ich habe hier kein Urtheil zu fllen.
    Sie meinen, entgegnete dieser lchelnd, der moralische Unterschied zwischen
mir und dem werthen Herrn Lorenz mchte nicht bedeutend sein, denn ich wette,
Sie halten uns beide fr ein Paar Taugenichtse.
    Ich habe schon bemerkt, sagte der Graf, da ich kein Urtheil ber Sie habe.
Nach der spanischen Grnze wollen Sie, fragte er hierauf, also mu ich
vermuthen, Sie nehmen franzsische Dienste, und so knnte es sich fgen, da Sie
selbst einmal gegen Ihr Vaterland gebraucht wrden.
    Wie die Sachen jetzt stehen, antwortete der Baron, lt es sich kaum
vermuthen, denn die Preuen, welches Sie mein Vaterland nennen, ist zu eng, zu
nothwendig mit Frankreich verbunden, als da sein Adler nicht immer mit dem
franzsischen fliegen sollte. Aber selbst, wenn es anders wre, so knnte die
mein Handeln nicht bestimmen. Wie oft haben Preuen gegen Oesterreicher, Sachsen
und Andere gefochten, die sich doch wohl Deutsche nennen mssen und die folglich
zu dem deutschen Vaterlande gehren, denn so enge Grenzen werden Sie doch Ihrer
Vaterlandsliebe nicht stecken wollen, da Sie alles, was auerhalb Preuen
liegt, Fremde und Feindesland nennen wollen. Wenigstens wrden Sie, wenn Sie
die thten, in seltsame Verlegenheiten gerathen. Sie mten dann mit
feindlichen Augen selbst die betrachten, die Sie noch im vorigen Jahre mit
Bruderliebe umfat haben als die Shne des gemeinsamen Vaterlandes, die
Einwohner der abgetretenen Provinzen nmlich.
    Der Baron schwieg. Da aber der Graf nicht antwortete, fuhr er fort: Sie
nehmen vermuthlich die Grnzen des Vaterlandes bis zum Rhein an. Ich gehe etwas
weiter; ich berschreite den schnen Flu und finde mit Weltbrgersinn berall
mein Vaterland, so weit die Civilisation reicht.
    Die ist ein Gegenstand, sagte der Graf kalt, ber den sich nicht streiten
lt. Jedermann folgt darin seiner Ansicht, und es wrde zu weit von dem Zwecke
unserer Zusammenkunft abfhren, wenn wir gegen einander unsere Meinungen
entwickeln wollten.
    Der Baron folgte bereitwillig diesem Wink, und es wurde festgesetzt, da
beide Herren sich nach vier Tagen in Breslau treffen wollten, um den
beabsichtigten Handel abzuschlieen, und da der Graf tausend Thaler dem Pfarrer
bergeben wollte, der sie gegen die gehrige Quittung dem alten Lorenz abzugeben
habe. Der Graf hatte sich zu diesem Opfer entschlossen, um einen Verwandten zu
entfernen, dessen Nhe nur unheilbringend sein konnte. Er hatte aber den
Vorsatz, in Breslau einen Rechtsgelehrten zu Rathe zu ziehen und nur dann den
Kauf der Gter in der That abzuschlieen, wenn er berzeugt sein knnte, da
sein unwrdiger Verwandter ihm nicht neue Nachtheile bereitete. In diesem Falle
wollte er die ihm abgedrungene Summe lieber verlieren.
    Als das Geschft so weit beendigt war, wollte der Graf sogleich nach Schlo
Hohenthal zurckkehren. Der Baron aber hielt ihn mit hflichen Gesprchen
zurck, ohne sich durch die kurzen Antworten, welche er erhielt, abschrecken zu
lassen, und ein mit allen Verhltnissen Unbekannter htte nach der Art, wie die
Unterredung gefhrt wurde, schlieen mssen, da beide Verwandte eigentlich im
besten Einverstndni lebten, und da der Baron mit liebenswrdiger
Gutmthigkeit sich bestrebte, die ble Laune eines geachteten Verwandten zu
verscheuchen. Der Graf erfuhr auf diese Weise gegen seinen Willen, da der Baron
ein genauer Freund des Obristen sei, der durch den Herrn von Wertheim war
verwundet worden, da er durch diesen mit dem Divisions-General in Verbindung
gekommen sei, welcher bedeutenden Einflu in Paris habe, so da es ihm nicht
schwer gefallen wre, dem Baron so wie dem jungen Lorenz eine Anstellung bei der
Armee zu verschaffen, die nach der spanischen Grnze geschickt werden solle.
Doch erklrte sich der Baron ber die Natur dieser Anstellung nicht genauer, und
der Graf konnte aus dem Zusammenhange leicht errathen, da der Baron auf die
erste Sprosse der Leiter des Glcks, die er ersteigen wollte, durch die
sogenannte Gemahlin des Obristen erhoben worden war, in welcher der Graf, ohne
seinen Scharfsinn anzustrengen, die Tochter des alten Lorenz erkannt haben
wrde, wenn auch der Prediger nicht schon lngst durch unumwundene Fragen die
Sache auer allen Zweifel gesetzt htte. Endlich gelang es dem Grafen, sich von
dem Baron loszumachen und die wohlgemeinten Einladungen des Predigers zu
beseitigen, und er eilte aus der Nhe eines Menschen hinweg, dessen
Gefhrlichkeit er schon in der einzigen Unterredung, die er nach vielen Jahren
mit ihm gehabt, gengend erkannt hatte, und ihm duchte das Opfer von tausend
Thalern unbedeutend, wenn dadurch die Ueberzeugung erkauft werden knnte, da er
den Bruder seiner Gemahlin nie wieder sehen werde. In diesen Gedanken und
Betrachtungen erreichte er seine Wohnung, wo er andere Nachrichten fand, die,
wie er auch dagegen kmpfte, niederschlagend auf ihn wirkten.

                                      XVI


Als der Graf vor seiner Wohnung vom Pferde stieg, kam ihm St. Julien entgegen,
in dessen Augen noch leichte Spuren von Thrnen waren, obgleich der lchelnde
Mund dem Gefhle widersprechen zu wollen schien, welches diese
Schmerzenszenszeichen hervorgerufen hatte. Er hielt einen Brief in der Hand und
sagte: In wenigen Tagen wird meine Mutter hier sein, um Ihnen ihren Dank
darzubringen und mich mit sich hinwegzufhren. Die Lippen des jungen Mannes
zitterten, indem er diese Worte sprach. Er kmpfte mit der Wehmuth, doch
pltzlich berwltigte ihn sein Gefhl, er lie den Thrnen freien Lauf und
rief, indem er den Grafen mit Heftigkeit umarmte: Werde ich Sie und Alle jemals
wiedersehen? Und werde ich den Schmerz der Trennung ertragen knnen? Der Graf
drckte mit inniger Rhrung den jungen Mann an seine Brust und sagte mit mhsam
beherrschtem Schmerz: So nah ist also die unglckliche Stunde? Er fate darauf
den Arm St. Juliens und Beide gingen in das Zimmer des Grafen, wo er, wie es St.
Julien wollte, den Brief las, den dieser von seiner Mutter erhalten hatte. Wir
mssen uns die Trennung noch nicht so denken, sagte er endlich. Ihre Mutter wird
sich bewegen lassen, so lange bei uns zu verweilen, bis die Zeit Ihres Urlaubs
geendigt ist.
    Gewi, sagte St. Julien, wird meine Mutter mit Freuden diesen Wunsch
erfllen; aber auch diese Zeit wird vergehen und endlich kommt der Augenblick
doch, der den Schmerz der Trennung herbeifhrt.
    Endlich, sagte der Graf, ja freilich endlich naht die Stunde der Trennung,
und trennt uns nichts anders, so naht doch endlich der Tod und zerreit auch die
festesten Bande. Darum ist jeder Tag des Glckes in unserm armen, kurzen Leben
ein unendlicher Gewinn.
    Beide Mnner betraten in wehmthiger Stimmung den Saal, wo sie die Frauen
und den Grafen Robert beisammen fanden, denen die baldige Ankunft der Mutter St.
Juliens mitgetheilt wurde. Der Schmerz in den Augen der Grfin war nicht zu
verkennen, und Emilie verlie den Saal, weil sie die Thrnen nicht zurckhalten
konnte, die an den langen, goldenen Wimpern zitterten. Stumm reichte der Graf
Robert seinem Freunde die Hand, die dieser mit Innigkeit drckte.
    Der Graf verlie seine vom Gefhl der nahen Trennung schmerzlich berhrten
Freunde und begab sich zu der Wittwe des Professors, wo er den Haushofmeister
Dbois fand. Dieser gutmthige alte Mann hatte nach und nach die Ueberzeugung
seiner Freundin Herrschaft ber sich gewinnen lassen, und glaubte beinah mit
Gewiheit mit ihr, da St. Julien der geraubte Sohn der Grfin sei. Der Graf
hatte fter die gewesene Dienerin ber alle Umstnde befragt, und er mute
wenigstens zugeben, da die Sache mglich sei. Er hatte die Mglichkeit so oft
erwogen, da sie auch ihm zuletzt wahrscheinlich wurde. Er hatte sich lngst
gestanden, da es eben die groe Aehnlichkeit mit seinem ehemaligen Freunde, dem
Grafen Evremont, gewesen sei, die ihn zu dem jungen Manne, so wie er ihn
erblickte, wunderbar hingezogen hatte. Er theilte auch die der Professorin mit;
aber, schlo er, diese Aehnlichkeit kann ein Spiel der Natur sein, wie wir fter
Gelegenheit haben es zu bemerken.
    Ich wei nicht, rief die Wittwe des Professors, ob die Natur ein so dummes
Spiel macht, da nicht blo die Aehnlichkeit da ist, sondern auch das kleine
braune Maal unter dem linken Auge, das ich tausend Mal an unserm kleinen Herrn
betrachtet habe. Ich wollte es dem Kinde wegbeizen lassen, aber die Frau Grfin
war zu ngstlich und gab es nicht zu. Ich kann es gar nicht begreifen, wie die
vornehmen Leute so blind aus lauter Klugheit sind. Wie ist es mglich, da die
Frau Grfin ihr Kind nicht an diesem Zeichen erkennt.
    Sie bezeichnen Herrn St. Julien, sagte der Graf, mit so groer Bestimmtheit
als den Sohn meiner Gemahlin, und in wenigen Tagen wird die Mutter des jungen
Mannes hier sein, und alle Tuschungen werden schwinden.
    Lat sie nur kommen, rief die Professorin, indem sie die Hnde
zusammenschlug, lat sie nur kommen, ich will ihr schon Fragen vorlegen. Die
Frau Grfin ist immer sanft wie ein Lamm gewesen; sie wre im Stande und liee
sich mit schnen Reden ihren Sohn zum zweiten Male stehlen. Aber mir soll sie
Antwort geben, die franzsische Madam, ich werde sie nicht so ziehen lassen, und
wenn sie auch ihren groen Buonaparte mitbrchte, so liee ich mich doch nicht
einschchtern.
    So ernsthaft dem Grafen die Sache erschien, so konnte er doch ein Lcheln
ber den Eifer seiner Verbndeten nicht unterdrcken. Er theilte nun ihr und
Dbois mit, da er gezwungen sei, auf einige Tage zu verreisen, und bat Beide,
wenn die Mutter des jungen Mannes whrend seiner Abwesenheit kommen sollte,
Alles genau zu beobachten und auf keinen Fall eine bereilte Abreise vor seiner
Rckkunft zuzugeben, unter welchem Vorwande man sie auch vielleicht verlangen
sollte, aber auch mit allen entscheidenden Schritten, die zu Entdeckungen fhren
knnten, bis zu seiner Rckkunft zu warten, damit Alles mit so viel Schonung fr
die Grfin als mglich eingeleitet werden knne. Beide versprachen ihm pnktlich
zu gehorchen, und die Wittwe des Professors sagte: Sie sehen, da ich schweigen
kann, das ist nur ein einfltiges Gerede, wenn die Mnner immer darauf sticheln,
da die Weiber nicht schweigen knnen. Ist es mir der Mhe werth, so wei ich
meine Zunge wohl zu bndigen. Sie sehen, ich lebe hier Wochenlang und es brennt
mir tglich auf dem Herzen, wenn ich sehe, wie kummervoll die Frau Grfin den
jungen Mann betrachtet. Ich mchte ihr gerne sagen: So ffnen Sie doch die
Augen, wischen Sie die Thrnen daraus hinweg, damit sie hell werden, und umarmen
Sie das beweinte Kind, damit der nutzlose Jammer endlich endigt. Aber Sie haben
mir so viel vernnftige Grnde angefhrt, da ich immer schweige und das Elend
ruhig ansehe.
    Der Graf dankte ihr fr ihre Standhaftigkeit und versicherte, da er
berhaupt nicht so nachtheilige Meinungen in Betreff der Klugheit und
Zurckhaltung der Frauen hege, und da ihr Beispiel auch jeden andern eines
Besseren belehren msse, und verlie mit Dbois die durch so freundliche Worte
hochbeglckte Frau, um mit diesem noch nhere Verabredungen zu treffen fr den
Fall, da St. Juliens Mutter whrend seiner Abwesenheit eintreffen sollte.
Dieser ahnte nichts von den feindlichen Anstalten, die gegen eine Frau getroffen
wurden, die sich ihm stets als eine zrtliche Mutter gezeigt hatte. Er sehnte
sich mit dankbarer Liebe nach dem Augenblicke, in welchem sie ihn in die Arme
schlieen wrde, und sein inniger Schmerz entstand nur aus der Ueberzeugung, da
diesem glcklichen Augenblicke die Trennung von zrtlich und leidenschaftlich
geliebten Wesen folgen mte.
    Der Graf hatte seine Reise nach Breslau angetreten und traf dort nun einen
Tag frher ein, als er den Baron erwarten durfte. Er wollte diese Zeit dazu
benutzen, um den Rath eines Rechtsgelehrten ber den vorgeschlagenen Kauf frher
zu nehmen, ehe er sich weiter gegen den Verkufer erklrte. Doch war seine
Vorsicht in sofern vergeblich, weil der Baron ebenfalls den Entschlu gefat
hatte, einen Tag vor der verabredeten Zusammenkunft in Breslau zu sein, um den
Rath eines Rechtsgelehrten zu benutzen, und das Schicksal wollte, da Beide sich
an denselben wendeten und schon in der ersten Stunde nach ihrer Ankunft
zusammentrafen. Da der Baron sehr zu verkaufen wnschte und der Graf, nachdem er
sich genau ber Alles unterrichtet hatte, einsah, da er wenigstens keinen
groen Verlust zu befrchten habe, so war der Handel bald abgeschlossen. Der
Graf bernahm alle auf den Gtern ruhenden Schulden, und der Baron empfing noch
eine Summe baar, die er, wie er lchelnd bemerkte, mit Weisheit anlegen wollte,
und theilte dem Grafen die willkommene Nachricht mit, da er in drei Tagen sein
Geburtsland zu verlassen und seiner Bestimmung entgegen zu eilen denke.
    Gegen seinen Wunsch war der Grundbesitz des Grafen so um eine bedeutende
Herrschaft vermehrt worden, und er kehrte nur halb zufrieden nach Schlo
Hohenthal zurck. Denn wenn es ihm auch erfreulich war, nun auf die Entfernung
eines Verwandten rechnen zu drfen, dessen Gegenwart seiner Gemahlin so
schmerzlich werden konnte, so fhlte er doch, wie sehr seine Sorgen in der
verhngnivollen Gegenwart durch diesen neu erworbenen Grundbesitz vermehrt
wrden. Es war ihm nicht entgangen, da die Grfin sich zum Theil eben dehalb
von allem Umgange mit den Nachbarn zurckgezogen hatte, um der Gefahr eines
zweiten schmerzlichen Zusammentreffens mit einem Bruder auszuweichen, der nur
unheilbringend auf ihr Leben eingewirkt hatte, und er hoffte mit Recht, da ihr
die Nachricht, die er mitzutheilen hatte, erfreulich sein wrde. Er hatte den
kurzen Aufenthalt in Breslau auch dazu benutzt, fr den jungen Gustav zu sorgen.
Auch sein Vetter sollte reisen, und er sah ein, da die Einsamkeit drckend
werden mte, wenn man sich noch ferner von den Nachbarn zurckhalten wollte.
    In diesen mannigfachen Betrachtungen hatte der Graf die Reise zurckgelegt
und erreichte ziemlich ermdet Schlo Hohenthal, denn der Sptherbst des Jahres
achtzehn hundert und sieben war eingetreten. Die feuchte, kalte Luft
durchschauerte den Grafen und er sehnte sich nach der wrmenden Flamme des
Kamins. Mit bekmmerter Miene eilte ihm der Haushofmeister entgegen. Gottlob,
da Sie, gndiger Herr, kommen, rief er ihm zu, ich bin in einer tdtlichen
Verlegenheit.
    Was ist vorgefallen? fragte der Graf ngstlich.
    Ein zweiter Brief der angeblichen Mutter des Herrn St. Julien, erwiederte
der alte Mann, ist angekommen, und sie verlangt, er soll ihr bis zum nchsten
Stdtchen entgegen kommen. Wie kann man die verhindern?
    Es ist besser, wir machen keinen Versuch die zu hindern, sagte der Graf
nach einem Augenblicke des Nachdenkens. St. Julien kann nicht so von uns
scheiden, auch wenn es von ihm gefordert wrde, und auch sonst ist die, selbst
wenn Ihre Vermuthung gegrndet wre, nicht wahrscheinlich; denn unmglich kann
seine Mutter den Verdacht ahnen, den wir hegen. Mir scheint es, da sie den Sohn
nicht zuerst unter fremden Menschen wiedersehen will, und dieser Wunsch ist
natrlich. Dehalb befehlen Sie, da Pferde und Wagen bereit gehalten werden,
damit der junge Mann morgen fahren kann, sobald er es wnscht, und lassen Sie
uns das Uebrige geduldig erwarten.
    Der Haushofmeister war es gewohnt sich in Ehrfurcht der Ansicht des Grafen
zu fgen, aber die Mal schien ihm zu viel auf dem Spiele zu stehen, und als der
Graf die Treppe hinauf stieg, eilte er zu seiner Freundin, der Professorin, um
ihr die Gefahr mitzutheilen, in der sie schwebten, den auf's Neue zu verlieren,
den sie sich beide gewhnt hatten als den Sohn der Grfin zu denken. Die
ehemalige Dienerin zrnte ber den Leichtsinn des Grafen und whlte nicht mit zu
ngstlichem Zartsinn die Worte, um diesen Zorn auszudrcken. Doch beruhigte sie
sich nach einigem Nachdenken durch die Vorstellung, da der Graf wenigstens
darin Recht habe, wenn er meinte, die Kinderruberin, wie sie ohne Umstnde St.
Juliens Mutter nannte, knne doch nicht wissen, da jemand im Schlosse sei, der
ihr Recht an diesen Sohn sich erlauben wrde zu prfen, und sie rieth dem
Haushofmeister, mit guter Manier darauf zu sehen, da der junge Mann nicht
seinen Urlaubsschein oder andere Papiere mitnhme, auf die er sich einen Pa
verschaffen knnte. Dbois versprach, so viel es die Bescheidenheit erlaubte,
darauf zu achten.
    Der Graf fand seine Hausgenossen aufgeregt durch die Nachricht der nahen
Ankunft einer Frau, in deren Gegenwart sich eines Jeden Lage verndern mute.
Der schwermthige Blick der Grfin haftete auf St. Julien. Es wurde ihr heute
zum ersten Male recht klar, wie schwer es ihr werden wrde, die Rechte einer
Andern anzuerkennen, denn sie fhlte, wie innige mtterliche Gefhle sie selbst
fr den jungen Mann im Herzen hegte. Emilie und St. Julien suchten sich zu
nhern und wagten doch einander nichts zu sagen. Der Obrist ging im Saale auf
und ab, und wiederholte von Zeit zu Zeit, ein braver Soldat msse seiner Fahne
treu bleiben unter allen Umstnden, und die Festigkeit eines Mannes zeige sich
nicht blo in der Schlacht, sondern vorzglich dann, wenn es darauf ankme,
Gefhle des Herzens zu besiegen. Graf Robert und Therese waren in das Vorgefhl
der eigenen Trennung verloren, und die Ankunft des Grafen erheiterte die Mienen
nur auf kurze Zeit.
    So war der Abend ziemlich traurig verstrichen. Am andern Morgen zeigte sich
Dbois bei St. Julien geschftig, um den Rath seiner erfahrnen Freundin zu
befolgen, aber zu seiner groen Beruhigung nahm der junge Mann gar nichts mit
sich und wrde in seiner kummervollen Zerstreuung selbst seine Brse vergessen
haben, wenn sie ihm der Haushofmeister nicht gereicht htte.
    Heute Abend bin ich zurck, sagte er, indem er dem alten Manne freundlich
die Hand reichte. Dann verlie er das Zimmer, eilte mit leichtem Schritte die
Treppe hinunter, warf sich hastig in den Wagen, der schnell dahin rollte und,
wie es Dbois in diesem Augenblicke schien, das Glck des Hauses entfhrte.
    Der Tag verstrich den Schlobewohnern langsam, in peinvoller Stimmung des
Gemths. Der Graf konnte sich die Ungerechtigkeit nicht ablugnen, die darin
lag, da eine Frau mit feindlichen Gefhlen von einer Familie erwartet wurde,
der sie sich aus reinster Dankbarkeit nhern wollte. Doch konnte er eben so
wenig, als die Andern die Gefhl besiegen, und er empfand jetzt, da er viel
fester daran glaubte, als er sich frher hatte gestehen wollen, da der von
Allen geliebte junge Mann der seiner Gemahlin geraubte und von ihr so innig
geliebte Sohn sei. Die Grfin, deren Seele keinen Gedanken mehr vor dem Grafen
verbarg, hatte ihm lngst bekannt, da die groe Aehnlichkeit St. Juliens mit
dem Grafen Evremont, an den sie selbst die Stimme des jungen Mannes fortwhrend
erinnere, ihr Herz in die se Tuschung eingewiegt habe, die knne ihr Sohn
sein, da sie dehalb Mutterliebe fr den jungen Mann fhle und seine Abreise
ihr lebhaften Schmerz erregen wrde. Emilie sagte nichts, aber der kummervolle
Blick und die blassen Wangen verriethen ohne Worte ihr Gefhl.
    In solcher Stimmung war es natrlich, da jeder von den Hausgenossen die
Einsamkeit suchte, und der Graf Robert ritt zu dem Obristen Thalheim, wo, wie er
es sich bewut war, seine schne Braut ihn mit reiner, unschuldvoller
Zrtlichkeit erwartete.
    Der Arzt bemerkte kaum, da etwas Ungewhnliches in der Familie vorging.
Alle Gedanken und Empfindungen, die nicht seiner Wissenschaft geweiht waren,
richtete er mit seiner gewohnten Heftigkeit und unschuldigen Selbstliebe auf
seine junge Verwandte, die mit ungeheuchelter Bewunderung seiner groen
Gelehrsamkeit ihn aufrichtig verehrte und es nicht duldete, da Jemand in ihrer
Gegenwart ber seine seltsamen Manieren scherzte, denn ihr schien diese
Seltsamkeit von groer Gelehrsamkeit unzertrennlich, und sie sprach fr ihr
Alter mit groem Ernst und tiefem Gefhl ber den edeln Beruf eines Arztes, der
sich gromthig ganz der leidenden Menschheit weiht, keine Stunde eigentlich fr
sich lebt, sondern jeden Augenblick bereit sein mu, sein Dasein fr Andere zu
benutzen, und den selbst Gefahr des Lebens nicht davon abschrecken darf, seinen
Beruf zu erfllen. Der Arzt war viel zu eitel, als da er in solchen
Schilderungen nicht sein Bild erkannt haben sollte, und sein Herz entzndete
sich fr die junge Verehrerin mit zrtlicher Liebe. Die Wittwe des Professors
freute sich stillschweigend darber, da Alles sich nach ihren Wnschen zu fgen
schien, und ihr Wohlwollen fr den Arzt mehrte sich tglich, obgleich sie
stndlich schalt und belehrte, und diese Anmaung, die ihm frher im Hause
seines Oheims so unertrglich schien, da er sich, um ihr zu entgehen, einem
ungewissen Schicksale Preis gab, dnkte ihm nun das Zeichen mtterlicher
Sorgfalt, und er gewhnte sich daran, nichts ohne den Rath und die Einwilligung
einer Frau zu thun, deren Einflu er frher mit bitterem Hasse entflohen war.
Auch an diesem Tage lie sie ihn gleich nach der Mittagstafel zu sich rufen und
sagte: Mein lieber Vetter, es wre vernnftig, wenn Sie zu dem Prediger ritten
und diesen Abend bei ihm blieben; denn erfhrt er, da heute eine fremde Frau
hier ankommt, so sehen wir ihn sicher auch bald bei uns, um nur gleich im ersten
Augenblicke die Fremde zu betrachten und ihren ganzen Lebenslauf auszuforschen.
    Was kann es schaden, erwiederte gleichmthig der Arzt, wenn man ihm diese
Unterhaltung gnnt?
    Ich will das nicht haben, rief die Professorin heftig. Es schickt sich
nicht, da einer, der nicht zur Familie gehrt, im ersten Augenblicke
gegenwrtig ist, wenn eine solche Bekanntschaft gemacht wird.
    Freilich, sagte der Arzt, ich habe es lngst bemerkt, unser guter Prediger
wird leicht zu groer Wibegierde aufgeregt und ist in solchen Fllen nicht
immer delikat.
    Was geht mich seine Delikatesse an, erwiederte die Professorin, das ist die
Sache seiner Frau, die hat fr seinen Tisch zu sorgen. Ich will nur nicht, da
er heute die Familie stren soll, und haben Sie nicht gesehen, wie vernnftig
der Graf Robert ist, der schon lange davon geritten ist. So klug, denke ich,
kann mein Vetter auch sein.
    Sie haben Recht, wertheste Frau Base, sagte der Arzt, und ob ich gleich
heute ein besonderes Studium vorhatte, so will ich es doch bis morgen
aufschieben, und heut den ganzen Abend mit dem Prediger Whist oder Boston
spielen, und Falls wir ganz allein sind, auch Schach, denn man mu sich seinen
Freunden aufopfern.
    So war nun Alles nach der Meinung der Professorin gehrig vorbereitet, um
die ankommende Feindin mit scharfen Blicken zu beobachten, und sie und Dbois
horchten mit Herzklopfen auf jedes Gerusch. Aber die Dmmerung war lngst
eingebrochen, die Lichter in allen Zimmern angezndet und noch immer hrte man
keinen Wagen rollen, und die Furcht fing sich allmlig an zu regen, da man St.
Julien nicht mehr wiedersehen wrde. Nicht blo der Haushofmeister und seine
Freundin erwarteten mit so ngstlicher Ungeduld den jungen Mann und seine
Mutter; auch der Graf und seine Angehrigen theilten die peinliche Unruhe, die
in dem Mae sich steigerte, wie die Finsterni zunahm.
    St. Julien hatte die kleine Reise, die ihn seiner Mutter entgegen fhrte,
mit getheilter Empfindung angetreten, und er machte sich selbst bittere Vorwrfe
darber, da sein Herz nicht mit reiner Freude erfllt war. Je nher er aber dem
Orte kam, wo, wie er wute, ihn die erwartete, deren mtterliche Liebe ihn so
treu auf dem Pfade seines Lebens begleitet hatte, je mehr traten alle andern
Empfindungen in den Hintergrund seiner Seele zurck, und mit inniger, lebhafter
Zrtlichkeit schlo er die geliebte Mutter in seine Arme.
    Nach einer so langen Trennung war es natrlich, da der Tag unbemerkt
entfloh, und es war schon vllig dunkel geworden, als der Wagen mit den beiden
Reisenden auf den Hof des Schlosses Hohenthal rollte und die Spannung aller
Erwartenden lste.
    Die Grfin erbleichte. Sie fate den Arm der nicht minder bewegten Emilie
und verlie mit dieser den Saal, um in einer kurzen Einsamkeit die gehrige
Fassung zu gewinnen, die Fremde mit anstndiger Ruhe zu begren. Der Graf eilte
den Ankommenden mit Hflichkeit entgegen. St. Julien hatte so eben seine Mutter
aus dem Wagen gehoben, und der Graf bot ihr den Arm, indem er sich ihr als den
Herrn des Hauses nannte und das Glck pries, sie bei sich zu begren. Sie
wollte, indem der Graf sie die Treppe hinauf fhrte, von ihrer Dankbarkeit
reden, aber die Stimme versagte ihr und eine heftige Rhrung erlaubte nur
einzelne Tne. Endlich in den Saal angelangt, schlug sie den Schleier zurck,
der ihr Gesicht bedeckte, und der Graf blickte in die schnsten schwarzen Augen,
die von Thrnen funkelten. Der rothe Mund lchelte halb schalkhaft, halb
wehmthig und zeigte zwei Reihen Zhne wie Perlen. Die durch die Reise und durch
ein lebhaft aufgeregtes Gefhl hher glhenden Wangen gaben dem Gesicht fr
einen Augenblick den Reiz entschwundener Jugend zurck, und den Grafen
berraschte die Aehnlichkeit mit St. Julien in diesem Gesicht und noch eine
andere, die ihn verrwirrte und fr einen Augenblick der Sprache beraubte.
    Die Fremde sagte endlich mit noch immer flieenden Thrnen: So hat mir die
Zeit denn in der That so bel mitgespielt, da kein Zug der Erinnerung zu Hlfe
kommen will, und ich mu mich Ihnen, Graf Hohenthal, nennen.
    Der Ton der Stimme rhrte eine Saite in des Grafen Brust, die lngst nicht
mehr geklungen hatte. Er wollte antworten, als die Grfin eintrat, und mit Ruhe
und Anstand sich der Fremden nherte, um sie zu begren. Beide Frauen standen
sich einen Augenblick gegenber, beide wollten reden, aber beide verstummten und
starrten sich zweifelnd in die Augen. Adele! rief endlich die Grfin mit
sterbendem Tone und bebenden Lippen - Ccilie! erwiederte die Fremde mit dem
lauten Rufe der Freude, und beide Frauen lagen sich in den Armen und umschlossen
sich so fest, als ob diese Bande der Liebe sich nie wieder lsen sollten.
    Der Graf zog sich bescheiden etwas zurck. Ihm hatte dieser eine Laut die
Bewegung seines eigenen Herzens erklrt, und mit Blitzesschnelle durchflog ihn
der Gedanke, da nun auch St. Juliens Aehnlichkeit mit dem Grafen Evremont
erklrt sei, und indem er eine ihm so lieb gewordene Tuschung aufgeben mute,
senkte sich ein Schatten tiefer Traurigkeit in seine Seele.
    O! rede, rede, geliebte Freundin, sagte endlich die Grfin mit zitternder
Stimme. Halte ich Dich wirklich lebend in meinen Armen, und sehe ich Dich nach
so langen schmerzensvollen Jahren blhend und glcklich? Ohne Grund sind um Dich
so viele Thrnen geflossen. Heiter, gesund, eine glckliche Mutter, so sehe ich
Dich wieder. Darum, fuhr die Grfin fort, indem sie mit mattem Lcheln auf St.
Julien deutete, zog mich mein Herz zu diesem Menschen; ohne es zu wissen, liebte
ich Deinen Sohn.
    Meinen Sohn? fragte die Freundin lachend, indem ihre Thrnen heftiger
strmten. Besinne Dich doch, gedenke der Zeit, in der wir zusammen lebten.
Berechne die Jahre seit unserer Trennung, kann er wohl mein Sohn sein?
    Und Wessen ist er denn? fragte die Grfin kaum hrbar, mit glhenden Wangen
und strahlenden Augen, indem sie beide Hnde der Freundin krampfhaft drckte.
Und hast Du denn, erwiederte diese laut weinend, Deinen armen Adolph gnzlich
vergessen?
    Meinen - wiederholte die Grfin mit schwindendem Bewutsein - meinen, meinen
Sohn! rief sie laut, wie zu neuem Leben erwachend, und streckte dem jungen Manne
beide Arme entgegen. Der Graf und St. Julien hatten sich unwillkhrlich, whrend
des kurzen Gesprchs, den beiden Frauen genhert, und ob der Letztere gleich den
Zusammenhang der gehrten Worte nicht begriff, so zog ihn doch sein Gefhl vor
der Grfin nieder, die ihn schnell mit der bernatrlichen Kraft, die auf einen
Augenblick eine heftige Bewegung der Seele uns gibt, von ihren Knieen emporri,
und die Mutter ruhte an der Brust des Sohnes und benetzte seine Wangen mit ihren
Thrnen. Doch pltzlich lie sie den Sohn, fiel mit rascher Bewegung vor der
Freundin nieder und kte deren Hnde, ohne da diese der strmischen Gewalt der
Liebe zu wehren vermochte. Du hast ihn mir erhalten! rief sie aus, Du gibst ihn
mir zurck, so, ganz so, wie ich ihn in meinen Trumen sah. Er kann meine Liebe
fhlen und verdienen, er ist, ja er ist mein Sohn. Erschpft senkte sich das
Haupt der Grfin. Der Graf hob sie vom Boden auf und fhrte sie zu einem
Lehnsessel, in den sich die von der Kraft des Augenblicks nun verlassene Frau
senkte, indem sie mit matter Stimme, doch mit seligem Lcheln die Freundin, die
noch ihre Hnde hielt, fragte: Und nun sage mir, wie ist er mein?
    Glaubst Du mir denn nicht ohne Erklrung? sagte mit liebevollem Blicke und
zrtlicher Stimme die treue Freundin. Sollen denn in diesem Augenblicke seliger
Freude alle Schmerzen der Vergangenheit erneuert werden, und willst Du an diesen
Gefhlen untergehen, jetzt, da das Leben mit neuem Reize Dir lchelt? Ich will
Dir morgen alle Auskunft geben, die Du verlangen kannst, nur schone Dich heute.
    Der Graf hatte St. Julien mit inniger Zrtlichkeit umarmt und sagte: Ich
habe Dich immer geliebt, wie mein eigenes Kind. Jetzt mache ich meine
Vaterrechte an den Sohn meiner Gattin geltend. Mein theurer Vater, rief der
junge Mann, indem er sich von Neuem in die Arme des Grafen warf. Meine geliebte
Mutter, sagte er mit zrtlicher Stimme, indem er sich eilig aus den ihn
umfangenden Armen befreite und die Knie wieder vor der Grfin beugte, ihre Hnde
mit zitternden Lippen kte und mit berstrmenden Thrnen benetzte. So hat mein
Herz mich nicht betrogen, es lie mich die heiligen Bande ahnen, die hier mich
fesseln. Er blickte auf und sah in die feuchten, glnzenden Augen der Frau, die
er bis jetzt fr seine Mutter gehalten hatte, und die sich nun wehmthig
lchelnd ber ihn beugte. Habe ich denn nun keinen Anspruch auf Liebe mehr?
fragte sie den jungen Mann mit zrtlichem Vorwurfe. Tilgt ein Augenblick mein
Bild aus Deinem Herzen?
    Welch ein Ungeheuer mte ich sein, wre die mglich! rief St. Julien,
indem er aufsprang und mit eherbietiger Liebe Madame St. Julien umarmte. Aber,
fuhr er fort, vollenden Sie Ihre Wohlthat und sagen Sie mir, durch welches Band
ich Ihnen angehre.
    Der unglckliche Graf Evremont, Dein Vater und der erste Gemahl Deiner
Mutter, war mein Bruder, sagte die zrtliche Adele, und ihre Thrnen flossen dem
schmerzlichen Andenken.
    Der Graf wollte eben bitten, den schmerzlichen Erinnerungen heute nicht Raum
zu geben, als ein anderer Gegenstand die Aufmerksamkeit Aller auf sich zog.
Dbois hatte sich, von lebhafter Theilnahme angetrieben, in der Nhe des Saales
gehalten; eben so seine Freundin, die Professorin. Beide hatten sehr verstndig
beschlossen, nur in der Nhe zu bleiben, um so bald als mglich das Ergebni
einer Zusammenkunft zu erfahren, die ihnen fr das Glck einer Familie so
wichtig schien, der sie so innig ergeben waren. Aber Beide hatten nicht die
Kraft ihrem Vorsatze treu zu bleiben. Sie nherten sich unmerklich den
geffneten Thren des Saales und waren so Zeugen eines Auftritts, der ihr eignes
Herz in seinen Tiefen bewegte. Der bescheidene Dbois erhielt sich in
ehrerbietigem Schweigen, obgleich seine alten Augen berflossen und die Thrnen
ihm unbewut die gefurchten Wangen berstrmten. Die ehemalige Dienerin aber
schob ihn mit einer ziemlich heftigen Bewegung bei Seite, und indem ihre Thrnen
auf den glhenden Wangen funkelten, rief sie: Nun, Gott sei gepriesen, da sich
Alles aufklrt! Ich habe es ja immer gesagt, da der junge Herr unser kleiner
Adolph ist. Wie sollte ich ihn denn nicht erkannt haben, da ich ihn gewartet
habe und er mir so lieb war, als wre es mein eignes Kind! Na, fuhr sie fort,
indem sie dem berraschten jungen Manne die Hand reichte, Sie haben mich rein
vergessen, Sie wissen nichts mehr davon, da ich Ihnen, Vater und Mutter zum
Trotz, allen Willen erfllte, aber das vergebe ich Ihnen, denn Sie waren noch zu
klein, als man Sie auf das Dorf brachte. Sie knnen von mir nichts wissen.
    Trume ich, fragte Adele die Grfin, oder ist diese Frau die deutsche
Dienerin, die mit uns in Paris war?
    Die Grfin wollte antworten, aber die Wittwe des Professors kam ihr zuvor,
indem sie sagte: Freilich bin ich es, und wren Sie damals so vernnftig
gewesen, mir zu sagen, Wer Sie waren, so htte ich Ihnen alle die Drangsale
nicht angethan, die Sie mir gewi noch nicht vergeben haben.
    Ach! schon lngst von ganzem Herzen, meine liebe Freundin, sagte mit
liebreichem Lcheln die Frau, die nun St. Juliens Tante genannt werden mu. Ich
wute ja, da der Widerwille gegen mich nur aus Liebe fr meine theure Schwester
entstand, und biete Ihnen zum Zeichen aufrichtiger Vershnung die Hand. Die
Professorin trat befriedigt zurck, und die schnen Augen der freundlichen Adele
begegneten Dbois verklrten Blicken. Mit Heftigkeit fate sie die Hand der
Grfin und sagte: Die Vergangenheit tritt mir hier lebendig entgegen. Die
ehrwrdige graue Haupt, dieses treue Auge, das gutmthige Lcheln ruft auf das
Lebhafteste in mir das Andenken an den guten vterlichen Freund Dbois hervor.
    Und wer als er, erwiederte die Grfin, indem sie den Alten herbei winkte,
knnte denn so selig befriedigt zu uns hinber blicken.
    So wird es mir so wohl, sagte Adele und fate die Hand des beschmten
Greises, diesem vterlichen Freunde noch danken zu knnen, dessen Liebe und
Treue unermdet wachte, um jede Gefahr von uns zu wenden, und dessen alte Augen
gewi unzhlige Thrnen ber unser Geschick vergossen haben.
    Es ist zu viel, sagte der alte Mann, von Rhrung berwltigt. Die Seligkeit
ist zu gro fr meine Krfte. Der Graf und St. Julien eilten, den Wankenden zu
untersttzen, doch das tief in ihm wohnende Gefhl der Ehrfurcht gab ihm bald
wieder die Kraft sich zu erholen. Er entzog sich den ihn sttzenden Armen und
sagte, indem er mit dem Ausdruck inniger Liebe in des jungen Mannes Auge
blickte: Ich habe die hchste Freude erlebt, deren der unvollkommene Mensch
fhig ist. Jetzt mag der Herr ber mich gebieten. Er zog sich nach diesen Worten
aus dem Saale zurck, und seine Freundin, die Professorin, die ihn erwartet
hatte, fate seinen Arm und fhrte ihn auf sein Zimmer.
    Die im Saale versammelte Familie verga noch oft den Vorsatz, diesen Abend
an nichts Trauriges zu denken. Hundert Fragen berhrten kummervolle Gegenstnde
und wurden nur halb beantwortet. Zrtliche Liebkosungen hemmten die
hervorbrechenden Thrnen, und man trennte sich endlich, ohne das liebevolle
Verlangen befriedigt zu haben, das Jeder empfand, das Schicksal des Andern zu
erfahren, weil es zu deutlich war, da die Grfin durchaus der Ruhe und Erholung
bedurfte.
    St. Julien schlich nach Dbois Gemach. Sein klopfendes Herz fand keine Ruhe.
Der alte Mann mute ihm noch alles Unglck eines Vaters mittheilen, den er nie
gekannt, und dessen Schicksal er als ein fremdes zuweilen gleichgltig hatte
erwhnen hren. Dbois entlastete sein eigenes Herz, indem er einem Andern die
Schmerzen zeigte, die er so lange einsam getragen, und fhlte sich beglckt in
der Liebe, die der Sohn eines verehrten Herrn ihm bewies.
    Schon dmmerte der Morgen, als sich Beide trennten, und auch St. Julien
fhlte, da er der Erholung bedrfe. Ein sanfter Schlummer umfing ihn nach den
strmenden Empfindungen des Tages und flte ihm neue Kraft ein fr ein bewegtes
Leben.

                                 Dritter Theil



                                       I

Wer eine Zeit lang auf dem Lande gelebt hat, wird die Erfahrung gemacht haben,
da es zwar krftigen Geistern gelingen kann, sich selbst von der Sucht frei zu
erhalten, ohne Schonung alle Verhltnisse seiner Bekannten zu durchdringen, da
es aber ganz unmglich ist, die Forschungslust Anderer zu hemmen. Die genaue
Kenntni des Vermgens eines Jeden wie aller Umstnde des Lebens wird den
Nachbaren in weitem Umkreise Bedrfni, und unter dem Scheine treuherziger
Theilnahme dringen sie mit geradezu gestellten Fragen in die tiefsten Wunden des
Herzens ein. Der feinere Weltmann fhlt mit leisem Takte sogleich die Grnze,
die nicht berschritten werden soll, und wenn auch seine Schonung nicht aus
Milde entspringt, sondern nur dem, was man gewohnt ist, Sitte und guten Ton zu
nennen, seinen Ursprung verdankt, so wirkt sie doch wohlthtiger, als das
Benehmen der Landbewohner, die den, der mit edler Zurckhaltung seine Schmerzen
verhllt, einen verschlossenen Charakter nennen, und sich gleichgltig und
mitrauisch von ihm wenden, weil er seine tiefsten, heiligsten Gefhle, die
nicht verstanden werden knnen, nicht Preis geben mag, damit der Miggang der
Seele Beschftigung finde.
    Diese schon oft gemachte Erfahrung mute der Graf von Neuem machen. Es war
nicht mglich, da die Vorflle in seinem Hause nicht htten bekannt werden
sollen, und die unerhrten Begebenheiten regten die ganze Nachbarschaft auf. Nur
Wenige hatten seit Kurzem dunkel vernommen, da die Grfin schon frher vermhlt
gewesen und sich als Wittwe mit dem Grafen verbunden htte; denn der Prediger,
von dem die dunkle Nachricht herrhrte, hatte selbst nichts weiter darber
erfahren knnen, als was er aus dem Munde der Professorin in ihrer ersten
Ueberraschung vernommen hatte. Jede sptere an dieselbe gerichtete Frage ber
diesen Gegenstand war kurz abweisend und mehr als verdrlich beantwortet
worden. Selbst der Bruder der Grfin hatte sich auf keine Erklrung der nhern
Umstnde eingelassen und die dehalb an ihn gerichteten Fragen nur einsylbig
beantwortet, so da diese erste Verbindung der Grfin zu allerlei seltsamen
Gerchten Veranlassung gab, denn es fiel Niemandem ein, da man erlebte
Schmerzen mit undurchdringlichem Schleier knne verhllen wollen, um sie nicht
zum Gegenstande gleichgltiger Gesprche zu machen, sondern man nahm mit der
gewhnlichen Lieblosigkeit miger Menschen an, da nur nachtheilige Umstnde
denen verschwiegen werden knnten, die sich alle fr die Freunde des Hauses
erklrten.
    Diese Ansicht war in der ganzen Gegend umher die allgemeine geworden, als
man auf einmal das hchst Seltsame erfuhr, die Grfin habe aus frherer Ehe
einen Sohn, und da die Entdeckung des Sohnes mit frheren Gerchten in
Verbindung gebracht wurde, so lautete die sich allgemein verbreitende Nachricht,
ein bekannter franzsischer Spion sei als der Sohn der Grfin erkannt worden,
und da man meinte, da ein Spion nur ein sehr niedriger Mensch sein knne, so
erklrte man die fr einen Umstand, der einen finstern Schatten auf die frhere
Verbindung der Grfin werfe, und die alles eigentlich ohne bse Absicht,
sondern nur, um durch eine seltsame Begebenheit die einer langweiligen Ruhe
hingegebene Seele lebhaft anzuregen. Es vereinigte sich also um diese Zeit im
weiten Umkreise von Hohenthal keine Gesellschaft, die nicht diesen Gegenstand
verhandelt htte, und da Jedermann die Sache etwas anders erzhlte, als er sie
vernommen hatte, so war sie endlich in dem Munde der Letzten so seltsam und
abentheuerlich geworden, da die, von welchen die ersten Nachrichten ausgegangen
waren, die lebhafteste Freude ber die neuen Aufklrungen dessen, was ihnen in
der Sache dunkel geblieben war, empfanden.
    Es konnte unter solchen Umstnden nicht fehlen, da tglich neugierige
Besucher auf Schlo Hohenthal erschienen, die, die innigste Theilnahme
vorgebend, mit Fragen auf den Grafen und die Grfin eindrangen, deren ruhige
Beantwortung eben so viel Standhaftigkeit erforderte, wie man bedarf, um eine
schmerzhafte Operation mit Gelassenheit zu ertragen. Um diesem sich tglich
erneuerndem Uebel auszuweichen, nderte der Graf den frher entworfenen
Lebensplan und schlug seiner Gemahlin vor, den Winter in Berlin zuzubringen. Mit
Freuden wurde dieser Vorschlag von der Grfin angenommen, die noch mehr als der
Graf durch die sich stets vermehrenden Wogen des ffentlichen Geschwtzes litt.
Von der lebhaften Adele, die sich im Winter auf dem Lande langweilte, konnte nur
eine freudige Einwilligung erwartet werden, und der Graf beredete den Obristen
Thalheim leicht, sich der Gesellschaft anzuschlieen, denn er wollte den Greis,
der nur mit ihm und seinen Hausgenossen umging, nicht der trben Einsamkeit
berlassen.
    Die Anstalten zur Abreise waren bald getroffen. Der Graf Robert war ber
diesen Entschlu hchst erfreut, und bis zum Entzcken wurde diese Freude
gesteigert, als er erfuhr, da auch seine schne, zrtlich geliebte Braut Theil
an dieser Reise nehmen wrde. Auch die Professorin wollte ihre Rckreise
antreten, aber nur, um im Frhlinge zurckzukehren und dann ihr Leben in ihrer
geliebten Heimath zu beschlieen. Sie hatte die gemachte Erbschaft dazu
angewendet, ein groes Bauerngut in des Grafen Herrschaft zu kaufen. Dieser
hatte die Gut von allen Diensten und Abgaben befreit, und angrnzende Felder
und Wiesen hinzugefgt, so da es nun eine ganz artige Besitzung bildete. Die
Professorin eilte nach ihrem ehemaligen Wohnsitze zurck, um ihr sich dort
befindendes Vermgen zusammen zu bringen, mit dem sie im Frhlinge wiederkehren
und die Kosten bestreiten wollte, um ein neues bequemes Haus an einer schnen
Stelle, am Abhange eines Hgels zu erbauen, der sich, mit dem schnsten Grn
bekleidet, sanft hinab senkte, bis ein klarer Bach seinen Fu mit kleinen,
kruselnden Wellen umspielte. Die Professorin war um so mehr fr den gewhlten
Platz eingenommen, weil es ihr bekannt war, welche trefflichen Forellen der
kleine muntere Bach enthielt. Der Graf wies alles nthige Bauholz und die fr
das neue Haus erforderlichen Steine an, und erhhte noch ansehnlich den Gehalt
des Arztes, so wie er ihm das vollkommene Jagdrecht zur groen Freude der
Professorin gestattete, denn wenn diese ihren Neffen auch nicht fr einen
sonderlichen Jger hielt, so hoffte sie doch mit Recht wohl andere zu finden,
die die Kche gehrig mit Wildpret versorgen wrden.
    Nach allen diesen Einrichtungen glaubte der Graf immer noch nicht genug
gethan zu haben, um den Arzt zu belohnen, dessen groe Sorgfalt, wie er
berzeugt war, St. Juliens Leben erhalten hatte. Die Grfin berredete ihre
ehemalige Dienerin leicht, den Weg ber Berlin zu nehmen und die Tochter whrend
des Winters in einer dasigen Erziehungsanstalt zu lassen, damit diese etwas mehr
von den feineren weiblichen Beschftigungen lernte, als die Mutter bis jetzt fr
gut gehalten hatte ihr beibringen zu lassen. Auch der Arzt war mit dieser
Anordnung zufrieden, ob er sich gleich nur mit Schmerzen von seiner knftigen
Braut und deren Mutter trennen konnte, nur durch die Hoffnung getrstet, da der
nchste Frhling ihm nicht nur Beide zurckbrchte, sondern auch die Bibliothek
und das Naturalienkabinet seines verstorbenen Oheims. Er nahm sich vor, sich
diesen Winter ganz den Studien zu widmen, um den Schmerz der Trennung zu
besiegen und, um sich zu erholen, mit dem einzigen ihm bleibenden Freunde, dem
Prediger, den Plan des Hauses zu entwerfen, welches nach seiner Meinung alle
Forderungen des Geschmacks und der Bequemlichkeit befriedigen sollte. Da der
Graf dem Schlogrtner befohlen hatte einen groen Obst-und Gemsegarten auf dem
neuen Gute anzulegen, so fhrte die lebhafte Phantasie des Arztes ihm tausend
reizende Bilder der Zukunft vor, wie er im Schlafrocke neben seiner jungen,
zrtlichen Frau in einer Weinlaube seines Gartens sitzen und Kaffee trinken
wrde, oder er sah sich, mit dem Prediger Tabak rauchend, zwischen seinen hohen
Kornfeldern wandern und bewunderte schon jetzt im Geiste den reichen Segen der
goldnen Aehren, indem er mit stolzen Schritten in seinem Zimmer auf und ab
wandelte, und den Rauch aus der Pfeife, die er wirklich rauchte, vor sich
hinblies. Das sind idealische Trume, rief er dann wohl, indem er sich mit der
Hand rasch die kurzgelockten Haare durcheinander whlte. Aber kann irgend ein
Mensch hoffen, da die Trume seiner Sehnsucht erfllt werden, so bin ich es,
denn mein Glck steht mir so nahe, da ich es mit den Hnden erreichen kann, und
wahrlich, meine Welterfahrung wird es nicht vorberfliehen lassen, sondern
sicher ergreifen und festhalten.
    So von allen Seiten befriedigt hatte man sich getrennt. Der junge Gustav war
von dem Grafen nach Breslau gesandt worden, wo er noch ein Jahr bleiben sollte,
um dann auf die Universitt, die er sich selbst whlen wrde, abzugehn. Dbois,
der den Jngling vterlich liebte, hatte ihm beim Abschiede noch ein
ansehnliches Geschenk aufgezwungen, ob er gleich mit Allem berflssig versorgt
war, denn auch der Graf Robert hatte ihn mit allen Beweisen herzlicher
Freundschaft entlassen. So war nun Schlo Hohenthal, wo sich eben noch so viel
Leben geregt hatte, auf einmal de und verlassen, und nur aus den Zimmern des
Arztes schimmerte dem Wanderer ein einsames Licht entgegen, das aber wie ein
freundlicher Stern dem Hlfe Suchenden leuchtete, denn je mehr der Wohlstand und
die Zufriedenheit des Arztes zunahmen, je mehr fhlte er sich verpflichtet,
seine Wissenschaft, die er als die Quelle seines Glcks betrachtete, zum Heile
seiner Mitmenschen anzuwenden, und wenn er auch tglich hochmthiger wurde in
der Ueberzeugung seines anerkannten Werths, so hinderte ihn dieser unschuldige
Hochmuth doch nicht, tglich zugleich milder und wohlwollender zu werden.
    Der Graf war mit seiner Familie und seinen Freunden in Berlin angelangt, und
hier versprach er der noch immer liebenswrdigen Adele, ihre und St. Juliens
Angelegenheiten ordnen zu helfen, ehe sie die Rckreise mit diesem nach
Frankreich antreten msse. Denn wie sich auch das Schicksal des jungen Mannes
gewendet hatte, so fiel es doch Niemandem ein, da er anders handeln knne, als
zu seinem Regimente zurckzukehren.
    Schon in Hohenthal hatte die Grfin, nachdem die strmische Bewegung der
Seele sich gemildert hatte, die durch Entdeckungen entstehen mute, welche die
tiefsten Gefhle des Herzens aufregten, alle nthige Auskunft ber die Erhaltung
ihres Sohnes empfangen.
    An jenem unglcklichen Tage, so hatte die Schwester des Grafen Evremont ihre
Erzhlung begonnen, als Dich, geliebte Schwester, und meinen theuern Bruder
unerwartet ein entsetzliches Schicksal traf, kehrte ich ruhig, nachdem unsere
kleinen Geschfte abgemacht waren, mit unserer Leonore nach unserer Wohnung
zurck. Ich sage Dir nichts von dem Jammer und der Verzweiflung, die hier meine
Seele erfllten. Ich dachte nicht an mich, ich wollte zu Euch, und wre gewi
ohne den Freund und Retter, der mir wie ein Bote des Himmels erschien, ebenfalls
ein Opfer der Grausamkeit geworden, die sich damals Vaterlandsliebe nannte.
    Der Chef des Handlungshauses, dem mein Vater und mein Bruder mit so groem
Recht ihr Vertrauen schenkten, erschien, und wurde mein und Adolphs Retter. Ich
war von Angst und Schrecken so betubt, da ich ihm willenlos folgte. Ich
bemerkte kaum, da er Leonore von mir trennte, und ahnte nicht, welcher Gefahr
der gute Mann sich aussetzte, um die letzten Ueberreste des Hauses Evremont zu
schtzen. Erst spter erfuhr ich, was ich Dir jetzt im Zusammenhange mittheile.
Er mochte vielleicht selbst einige Hoffnung hegen, da mein armer Bruder
gerettet werden knnte. Vielleicht aber tuschte er mich auch nur mit dieser
Hoffnung, damit ich ohne Widerstand mich seinen Maregeln fgte. Genug, er
brachte mich in eine entlegene Vorstadt, wo ein schon bejahrter Mann, sein
Freund und Verwandter, Herr St. Julien, das Hinterhaus eines ansehnlichen
Gebudes bewohnte. Hier erfuhr ich, da mein Erretter sein Haus verlassen hatte,
um nicht wieder dahin zurckzukehren. Er hatte die Abwesenheit seines ersten
Buchhalters benutzt, desselben, den er im Verdacht hatte, meines Vruders Unglck
veranlat zu haben, und von dem er glaubte, da er das Komptoir nur verlassen
habe, um ihn selbst der Regierung als einen Feind des Vaterlandes zu bezeichnen.
Die kurze Zeit, die dem alten Manne blieb, war von ihm benutzt worden, alle
Wechsel und baar vorrthigen Summen mit sich zu nehmen, so wie die Hauptbcher
seiner Handlung und wichtige von meinem Bruder bei ihm niedergelegte Papiere. Er
hatte einen Miethkutscher genommen, den er, ehe er unsere Wohnung erreichte, mit
einem andern vertauschte. Die that er noch zwei Mal, ehe wir die abgelegene
Wohnung seines Freundes erreichten, der, obwohl nicht vorbereitet auf unsern
Empfang, uns dennoch liebreich und bereitwillig bei sich aufnahm.
    Ich bemerkte bald, da beide Freunde sich ohne allen Rckhalt mit einander
besprachen, und spter vertraute mir Herr St. Julien, da Beide gegen mich die
bestimmte Hoffnung, meinen Bruder und Dich zu retten, nur darum ausgesprochen
hatten, um mich vor gnzlicher Verzweiflung zu bewahren, da sie selbst aber
Euch beide als verloren beweint htten.
    Es schien den Freunden zu gefhrlich, sich in Paris selbst verborgen halten
zu wollen, und die Abreise nach dem Elsa, der Heimath des Herrn St. Julien, der
groe Fabriken in der Nhe von Straburg hatte, wurde beschlossen. Ein Zufall
begnstigte unsere Flucht. Ein alter Komtoirdiener des Herrn St. Julien war
Wittwer, und seine einzige, ohne mtterliche Leitung erwachsene Tochter hatte
vor mehreren Jahren den trostlosen Vater verlassen und sich in Paris einem
verchtlichen Leben hingegeben, um augenblickliche Befriedigung eitler Lust zu
finden. Da aber ein solches Leben der Schande auch dem Wechsel unterworfen ist,
so war die leichtsinnige Tochter des redlichen Mannes in Krankheit und Armuth
gerathen, und hatte sich in dieser trostlosen Lage an das Herz des Vaters
gewendet. Wohl selten wird ein Vater die flehende Stimme des verirrten Kindes
ohne Rhrung vernehmen, und auch der alte Armand eilte, Liebe und Vershnung im
Herzen, in Begleitung des Herrn St. Julien nach Paris, den ein Handelsgeschft
dahin fhrte.
    Der Vater nahm die kranke Tochter und ihren Sohn, den lebenden Zeugen ihrer
Verirrung, bei sich auf. Kein Vorwurf krnkte die ungerathene Tochter. Der alte
Vater drckte das schuldlose Kind mit Liebe an seine Brust. Durch Sorgfalt und
zrtliche Pflege kehrte die Gesundheit der leichtsinnigen Laurette bald zurck,
die Spuren der Verwstung, die Armuth und Krankheit angerichtet hatten,
schwanden allmlig, und der zu gute Vater fand in der wieder aufblhenden
Schnheit der Tochter Entschuldigung fr ihre Fehler. Herrn St. Juliens
Geschfte waren beendigt, und da die Gesundheit der Tochter Armands hergestellt
war, so hatte man Psse zur Reise genommen, die auf den nchsten Tag bestimmt
war. Armand hatte noch einige nthige Vorkehrungen hiezu getroffen und kehrte,
von Geschften ermdet, nach seiner Wohnung zurck, als er hier statt der
Tochter einen Brief fand, in dem sie ihm meldete, da es ihr unmglich sei,
Paris zu verlassen und unter seinen Augen zu leben, da jeder milde Blick, den er
auf sie richte, ihr Herz wie ein Dolchstich durchbohre und es daher fr beide
besser sei, wenn sie sich diesen peinlichen Empfindungen und ihm den Anblick
ihrer Schande entzge.
    Es war nur zu wahrscheinlich, da die neu aufblhende Schnheit der
leichtsinnigen Laurette Bewunderer herbei gezogen hatte und da sie von Neuem
sich ihrem frheren Leben hingab. Der Vater war in Verzweiflung, und er erklrte
Herrn St. Julien, da er Paris nicht mit ihm verlassen knne, weil er
entschlossen sei, die Spuren seiner unglcklichen Tochter aufzusuchen und alles,
was vterliche Liebe und Gewalt vermge, anzuwenden, um sie ihrem strflichen
Leben zu entreien.
    Dieser Umstand, der eine Stunde vor unserer Ankunft Herrn St. Julien mit
Verdru erfllt hatte, wurde nun von beiden Freunden als ein glcklicher Zufall
betrachtet. Mein Erretter sollte unter dem Namen Armand Herrn St. Julien
begleiten, und ich mit unserm Adolph als Laurette und ihr Sohn, wie sie in dem
Pa angegeben waren, den Herr St. Julien schon in Hnden hatte, und beide
Freunde freuten sich herzlich, da die Beschreibung der Person dieser
leichtsinnigen Dirne auf mich angewendet werden knne, und so bot mir die
Schande des verchtlichen Lebens einer Fremden Schutz in der traurigen Zeit, wo
Tugend und Ehre mich nicht htten schirmen knnen.
    Ich wurde bei diesen Verhandlungen nicht um meine Einwilligung gefragt,
indem man sie voraus setzte, und in der That, es wre unvernnftig gewesen, ein
Rettungsmittel von sich zu weisen, das sich so unvermuthet darbot. Auch war ich
so betubt von Angst und Kummer, da ich unfhig war zum Denken und Ueberlegen.
Der erste matte Strahl der Freude und Hoffnung durchzuckte mein Herz, als ich
vernahm, da ich Adolph mit mir nehmen, da ich mich nicht mehr von ihm trennen
sollte.
    Wir erreichten den Wohnort des Herrn St. Julien und lebten abwechselnd auf
einem angenehmen Landsitze und in Straburg. Du kannst wohl denken, da ich die
beiden Freunde mit unablssigen Fragen ber Euer Geschick bestrmte. Ach! und
endlich, geliebte Ccilie, konnte mir das Traurigste nicht verborgen bleiben.
Ich erfuhr meines unglcklichen Bruders Ende und von Dir nichts.
    Ich wei nicht, wie lange ich mich der trostlosesten Verzweiflung hingab.
Ich wei nur, da endlich die Jugendkraft ber die Krankheit siegte, die meinem
Leben drohte, und da ich, als erstes Zeichen des Bewutseins, Adolph in meine
Arme schlo und mit Thrnen berstrmte. Als ich wieder einigen Antheil an der
Auenwelt nahm, bemerkte ich, da Herr St. Julien um Vieles blsser, lter und
hinflliger geworden war, und diese Wahrnehmung erschreckte mich. Es drngte
sich mir die ganze Hlflosigkeit meiner Lage auf, wenn ich auch ihn verlieren
sollte. Ich fragte nach seinem Freunde und erfuhr, da er whrend meiner langen
Krankheit gestorben sei. Viele nach einander folgende traurige Berichte von
Hinrichtungen ihm nahe verwandter Personen hatten ihn schon auf's Krankenlager
geworfen, und als er das gleiche Ende seines letzten Neffen erfuhr, hatte ein
Schlagflu sein kummervolles Leben geendigt.
    Es konnte mir nicht entgehen, da Herr St. Julien es mit Ungeduld erwartete,
da die Aerzte mich fr vllig genesen erklren mchten, um eine Unterredung mit
mir zu fhren, die er nicht mehr glaubte aufschieben zu drfen und von deren
ernstem Inhalt er nachtheilige Folgen frchtete, so lange meine Gesundheit noch
wankend wre. Ich kam ihm in seinem Verlangen entgegen, weil ich immer noch
hoffte, wenigstens von Dir etwas Trstliches zu erfahren, und er zgerte nicht
mehr, mich mit meiner Lage bekannt zu machen und mir seine Wnsche mitzutheilen,
die nur mein Wohl beabsichtigten. Der wrdige Mann hatte keine Mittel
verabsumt, um Nachrichten von Dir zu erhalten, und er hatte durch seine
Nachforschungen nur erfahren, da ich auch meinen Vater zu beweinen habe, der
sein kummervolles Leben in der Schweiz geendigt hatte. Du warst spurlos
verschwunden, und von allen Wesen, denen ich liebend angehrte, blieb mir
nichts, als Dein und meines Bruders Kind, das mit unschuldiger Heiterkeit zu
meinen Fen spielte und mit kindlichem Lcheln mich seine Mutter nannte,
whrend ihm unbewut die Strme des Unglcks ber sein schuldloses Haupt
hinwegzogen.
    Herr St. Julien betrachtete die furchtbare Revolution, die mit entsetzlicher
Gewalt alle Blten unseres Lebens zu Boden schlug, mit den Augen eines Brgers.
Er schauderte vor den Strmen Blutes, die tglich flossen, aber er glaubte,
groe Mibruche htten diese entsetzlichen Reibungen hervorgebracht, und
hoffte, unsere Nachkommen wrden die Frchte unserer Leiden genieen. Er hielt
sich fr berzeugt, da der Adel mit allen seinen Vorrechten und ehrgeizigen
Trumen fr immer aus Frankreich verschwunden sei, und glaubte dehalb mir
keinen Nachtheil zuzuziehen, wenn er mir seine Hand anbte, um mir als
franzsischer Brgerin den Schutz unsers Vaterlandes zuzusichern. Der edle Mann
sagte mir mit bescheidenen, aber bestimmten Worten, da sein Verhltni zu mir
das eines Vaters bleiben wrde, und da nicht die selbstschtigen Absichten
eines thricht verliebten Greises ihn leiteten, sondern da er mein Wohl vor
Augen habe. Er sagte mir, da er die bestimmte Ueberzeugung habe, nicht mehr
lange leben zu knnen, und da ich dann als seine Wittwe mit Anstand meine
Unabhngigkeit bewahren oder eine andere Wahl treffen knne, da ich aber als
Frulein Evremont schutzlos tausend Gefahren ausgesetzt sei, und noch weniger
fr Adolph sorgen oder ihn schtzen knne.
    Ich sah die Wahrheit alles Gesagten ein und empfing mit Dankbarkeit und
Rhrung die Hand des edeln Greises und man nannte mich Madame St. Julien. Als
auf diese Weise meine Rechte in seinem Hause festgestellt waren, legte mein
gromthiger Freund mir alle unsern Adolph betreffende Papiere vor, den er
zugleich adoptirt hatte. Was von dem Vermgen unsers Vaters hatte gerettet
werden knnen, war in seinen Hnden, und er sicherte mir und Adolph bald nach
unserer Verbindung nicht nur die, sondern auch noch sein betrchtliches
Vermgen. Ich machte ihn darauf aufmerksam, da die vielleicht eine
Ungerechtigkeit gegen seine Verwandten sei, aber er antwortete mir mit einem
bittern, schmerzlichen Lcheln, alle seine Angehrigen htten fr das Vaterland
ihr Blut verspritzt, theils auf dem Felde der Ehre, theils unter dem Messer der
Guillotine, so da ihm nur einige sehr entfernte Verwandte, die kaum auf diese
Benennung Anspruch machen knnten, in Italien geblieben wren, die ihr
schlechter Charakter von seinem Herzen geschieden haben wrde, auch wenn sie ihm
nher stnden. Meine Bitten vermochten den lebensmden, gebeugten Greis dennoch,
diesen ein bedeutendes Legat auszusetzen, und nun glaubte ich mit ruhigem
Gewissen in liebevoller Dankbarkeit die Beweise seiner Gromuth fr mich und
Adolph annehmen zu knnen.
    Die Ahnung der Nhe seines Todes hatte meinen edeln Beschtzer nicht
getuscht. Wenige Monate nach unserer Verbindung entschlummerte er in meinen
Armen sanft zur ewigen Ruhe, und wie einen zweiten Vater beweinte ich ihn
kindlich mit heien Thrnen. Mein gromthiger Freund hatte vor seinem Tode alle
seine Geschfte so geordnet, da ich mit Hlfe eines erfahrnen Buchhalters sie
noch eine Zeitlang fortfhren, und mich dann nach und nach zurckziehen konnte.
Ich folgte mit Gewissenhaftigkeit allen Vorschriften, die er hinterlassen hatte,
und fand mich dadurch nach zwei Jahren im Besitze eines Vermgens, ber dessen
Gre ich selbst erstaunte. Nachdem ich den Schmerz ber den Verlust meines
edeln Freundes berwunden hatte, wendete sich alle leidenschaftliche Liebe,
deren mein Herz noch fhig war, unserm Adolph zu. Du kannst wohl denken, da
sich manche Bewerber der jungen, reichen Wittwe nahten, aber sei es, da meine
Liebe zu Adolph jede andere Neigung unmglich machte, oder da mein Herz nach so
vielen harten Schlgen des Schicksals berhaupt nicht mehr fhig war, gerhrt zu
werden, genug, die Jugend verschwand, ohne da ich mich auch nur ein Mal
versucht gefhlt htte, meine Freiheit aufzuopfern, und Adolph ist meine einzige
Leidenschaft geblieben.
    Es ist natrlich, da dieser Bericht nicht hatte ohne Unterbrechung gegeben
werden knnen. Viele zrtliche und schmerzliche Erinnerungen machten, da die
Freundinnen sich oft weinend umarmten, und da sie erst wieder Zeit bedurften,
um sich zu erholen, ehe sie eine Unterhaltung fortsetzen konnten, deren Inhalt
fr Beide so wichtig war. Ich htte wohl gewnscht, schlo endlich, ihre Thrnen
trocknend, Adele, da ich Adolph, der mich allein an das Leben fesselte, von der
Gefahr einer kriegerischen Laufbahn htte zurckhalten knnen, aber es machten
die theils die jetzigen Einrichtungen unseres Vaterlandes, theils das Blut der
Evremonts, das in seinen Adern fliet, unmglich, denn er hatte kaum das
erforderliche Alter erreicht, als er sich in die Reihen der Krieger drngte, und
ich hielt es unter solchen Umstnden fr das Beste, Alles, was ich vermochte,
anzuwenden, um ihn zu empfehlen, damit er so bald als mglich zum Offizier
befrdert wrde. Die geschah auch trotz seiner groen Jugend sehr bald, und ihm
war wenigstens die Bahn erffnet, sich Ehre zu erwerben, wenn ich auch
fortwhrend fr sein Leben zittern mute.
    Die Dankbarkeit, welche die Grfin fr die Schwester des Grafen Evremont
empfinden mute, erhhte die frhere Neigung, und beide Frauen schlossen sich
eng an einander in inniger Freundschaft, die dadurch noch fester wurde, da
Beider Zrtlichkeit sich in demselben Gegenstand begegnete. Adolph St. Julien
pries sein Geschick, das ihm zwei Mtter gegeben hatte, die er beide mit
herzlicher Liebe empfing.
    Der Graf hatte es gern bernommen, die Geschfte seiner Freunde ordnen zu
helfen, und er fand es natrlich, da die Tante das zarte Gefhl fr Recht zu
befriedigen suchte und dem Neffen das Erbe seines Vaters einzuhndigen wnschte.
Er stand ihr also in diesen Auseinandersetzungen bei, und indem er in Berlin die
Papiere durchging, die sie zu diesem Behuf mitgebracht hatte, fielen ihm auch
die Zeugnisse der Geburt des jungen Mannes in die Hnde, und er machte die
Wittwe des Herrn St. Julien darauf aufmerksam, da es auch gerecht sei, da
dessen Adoptivsohn den so lange gefhrten Namen ablege und den ihm durch die
Geburt zukommenden fhre. Es war ihm nicht schwer, die Schwester des Grafen
Evremont zu berzeugen, da bei der Wendung, die die ffentlichen
Angelegenheiten Frankreichs genommen hatten, die fr den jungen Mann
vortheilhaft sei, um so mehr, da nicht nur dort ein neuer Adel entstand, sondern
Napoleon unverkennbar die alten Familien um sich zu sammeln suchte, und man so
in der Ferne hoffen konnte, den jungen Mann wieder als Grafen anerkannt zu
sehen; eine Hoffnung, die weder dem Grafen selbst, noch der Wittwe St. Juliens
gleichgltig war, denn wie der Mensch auch meint sein Herz gereinigt und sich
ber Vorurtheile erhoben zu haben, so lassen sich doch Gefhle, die von
frhester Kindheit an ihm unbewut genhrt werden und mit ihm gewachsen sind,
wohl verlugnen, sie gnzlich auszurotten aber ist er niemals im Stande.
    Der Graf war weit davon entfernt, irgend ein drckendes Vorrecht des Adels
erneuert zu wnschen, aber er konnte sich nicht ablugnen, da er den jungen
Mann, den er vterlich liebte und dem er, als dem Sohne seiner Gemahlin, alle
Rechte eines leiblichen Sohnes einrumen wollte, Graf Evremont zu nennen
wnschte, und er meinte, wenn nur der erste Schritt geschehen sei und er den
Namen seines Vaters fhrte, so stnde der Anerkennung des alten Adels eigentlich
nichts mehr entgegen, die ja in Deutschland erfolgen mute, selbst wenn sie
Napoleon nicht bewilligen sollte, weil die vorhandenen Dokumente die Rechte des
jungen Mannes an diesen Titel klar bewiesen, denn da der geliebte Sohn sich auf
deutschen Boden zurckziehen sollte, sobald die Ehre es erlaubte, war gleich
nach der Erkennung in Hohenthal von allen Seiten beschlossen worden.

                                       II


St. Julien empfing mit Dankbarkeit sein vterliches Erbe und bat den Grafen, es
gemeinschaftlich mit seiner Tante zu verwalten. Der Frhling nherte sich, und
da der Urlaub des jungen Mannes ebenfalls beendigt war, so durfte er nicht
lnger zgern, und die Trennung, die seinem Herzen so schwer wurde, mute
erfolgen.
    Der Graf suchte die Standhaftigkeit seiner Familie zu erhalten und vor Allem
die Grfin zu schonen, indem er darzustellen suchte, da wenigstens keine Gefahr
fr den geliebten Sohn fr die nchste Zeit zu befrchten sei, weil man von
Portugal, wohin sich die Truppen wahrscheinlich richten wrden, keinen
bedeutenden Widerstand erwarten drfe. Die Grfin fhlte, da der Graf die Sache
selbst anders betrachtete, als er sie zu ihrer Beruhigung darzustellen wnschte,
und fand dehalb keinen Trost in seinen Worten.
    In den schnen Augen der sanften Emilie entdeckte man oft Spuren von
Thrnen, und ihre sonst von einer zarten Rthe angehauchten Wangen wurden
tglich bleicher. St. Julien suchte seit lange ein einsames Gesprch mit ihr,
und er bereute hundert Mal, da er den Aufenthalt auf dem Lande nicht besser
benutzt hatte, der ihm tglich die Gelegenheit dazu bot, die er in Berlin lange
vergeblich herbei wnschen mute. Er wollte sich nicht trennen, ohne aus dem
Munde der Geliebten das Wort zu vernehmen, welches nach seinem Gefhle ber das
Glck seines Lebens entscheiden mute, und die Wort wollte er selbst vernehmen
und nicht der Bewerbung eines Andern verdanken, und nur dann, wenn Emilie ber
sein Glck entschieden htte, wollte er es seinen Freunden mittheilen.
    Endlich fand sich der lang herbeigesehnte Augenblick. Der Graf war mit den
andern Damen ausgefahren und wurde erst in einigen Stunden zurckerwartet.
Emilie, die seit einiger Zeit die Einsamkeit suchte, um sich ungestrt ihren
Trumen und ihrer Trauer hingeben zu knnen, war unter dem Vorwande eines
leichten Unwohlseins gern zurckgeblieben, und St. Julien, der ihre Absicht bei
der Mittagstafel erfuhr, zog sich ebenfalls von der Gesellschaft zurck.
    Er fand die Geliebte, wie er es wnschte, allein. Die bei seinem Eintritt
getrockneten Thrnen und die Rthe ihrer Wangen zeigten ihre innere Bewegung.
Vor der dunkeln Glut seines Auges senkten sich schchtern die milden,
dunkelblauen seiner Freundin, und nach schwachem Widerstreben ruhten ihre
zitternden Hnde in den seinen. Ihr Ohr trank die se Melodie seiner Worte, und
sie berauschte ihr Herz mit seligem Entzcken. Die Glut seines Gefhls ffnete
ihm das schne, von jungfrulicher Zaghaftigkeit verhllte Herz, und lie ihn
entzckt die Tiefe und Flle ihrer zrtlichen Neigung ahnen. Die Stunden
verschwanden dem glcklichen Paar wie Minuten, und als der Graf mit seiner
Gesellschaft zurckkehrte, belehrte ihn der leuchtende Blick St. Juliens und die
hochrothen Wangen Emiliens, da eine Erklrung zwischen Beiden Statt gefunden
hatte, die er und die Grfin lange erwartet, der sie aber nicht hatten
vorgreifen wollen.
    Da Niemand den Wnschen der Liebenden entgegen war, so wurde ihre Verlobung
noch denselben Abend geschlossen, und da man glaubte, da die Angelegenheiten in
Portugal bald beendigt sein wrden, und hoffte annehmen zu drfen, da die
Vermittlung Napoleons in der Angelegenheit der spanischen Knigsfamilie ohne
Blutvergieen eintreten knne, so wurde von allen Seiten beschlossen, da die
Verbindung St. Juliens mit der schnen Emilie dann sogleich geschlossen werden
sollte.
    Freilich seufzte der junge Mann ber diesen Aufschub, aber er sah ein, da
nun, da er mit der Erklrung aus seltsamer Zaghaftigkeit so lange gezgert
hatte, die Zeit nicht mehr hinreichte, um vor seiner Abreise die nthigen
Vorbereitungen zu einer ehelichen Verbindung zu treffen. Dann wnschte er eben
so, wie der Graf, diese unter dem Namen Evremont zu schlieen, und da er in
seiner Regimentsliste als St. Julien eingetragen war, so konnte er sich nicht
eher anders nennen, bis eine Anerkennung von Napoleon und in Folge dessen eine
Umschreibung ausgewirkt worden war. Es blieb also fr alle Theile nichts anders
brig, als den Schmerz des Aufschubs und der Trennung zu ertragen.
    Der lang gefrchtete Augenblick war endlich erschienen. Die Grfin entlie
die weinende Adele aus ihren Armen und drckte mit krampfhafter Heftigkeit den
Sohn an die Brust. Des Grafen Wangen waren bleich und er bemhte sich vergeblich
die Thrnen zurckzuhalten, als Adele zu ihm trat und ihm im stummen Schmerz die
Hand reichte. Das dunkle, kummervoll auf ihn gerichtete Auge lie ihn ahnen, da
in der Tiefe der Seele die Neigung nicht ganz erstorben sei, die, wie er
glaubte, einst ihr Herz fr ihn empfunden hatte. Emilie hatte ihr Gesicht
verhllt und lehnte sich trostlos an die Ecke des Sophas. Endlich ri sich St.
Julien aus den Armen der Mutter los, umschlang noch ein Mal die beinah
ohnmchtige Geliebte und strmte mit dem Grafen hinaus. Im Vorzimmer traf er auf
Dbois, der die Familie nach Berlin begleitet hatte.
    Liebevoll richtete der alte Mann die Augen auf St. Julien. Er wollte reden,
aber die Wehmuth versagte ihm die Sprache. Der junge Mann drckte den Greis mit
Heftigkeit an die Brust, und kte die von Alter und Gram gefurchten Wangen,
dann strzte er mit dem schmerzhaften Ausruf: Ach mein Vater! in die Arme des
Grafen. Muthig, mein Sohn! sagte der Graf mit bebenden Lippen, standhaft, wir
sehen uns wieder! Auch Adele war hinzugetreten und reichte sprachlos, weinend
Dbois die Hand, die dieser mit zitternden Lippen kte und mit heien Thrnen
benetzte. Alle stiegen die Treppe hinunter. Noch ein Mal umarmte der Vater den
geliebten Sohn, noch ein Hndedruck, noch ein letzter Blick - und dahin rollte
der Wagen und war bald den Blicken des Grafen entschwunden, der langsam, allein
und kummervoll, die Treppe wieder hinauf stieg und sich zu den trostlos
weinenden Frauen verfgte.
    Die Zeit besiegte endlich auch die Heftigkeit dieses Schmerzes. Er hatte
sich in stille Trauer verwandelt, und leise schlich sich die Hoffnung in die
verwundeten Herzen. Die Phantasie machte sich aus der Gegenwart los und zeigte
in naher Zukunft schimmernde Bilder des Glcks.
    So hatte nach mehreren Tagen die Familie die uere Ruhe wieder gewonnen,
und jeder Posttag wurde nun ein Festtag, denn jeder brachte Briefe voll inniger
Liebe und zrtlicher Freundschaft von den Reisenden. Aber endlich wurde auch
diese Mittheilung von Seiten St. Juliens seltener, denn als er sein Regiment
erreicht hatte, machten die militrischen Bewegungen desselben einen
regelmigen Briefwechsel unmglich.
    Der Graf hatte indessen von dem Prediger einen Brief erhalten, der
mancherlei Gedanken in ihm erregte. Der Pfarrer theilte ihm nmlich mit, da er
einen Brief von dem Baron Schlebach, dem Bruder der Grfin, erhalten, den dieser
aber nicht selbst geschrieben habe, sondern, da er durch eine heftige
Erschtterung des Gemths gefhrlich erkrankt sei, habe schreiben lassen. In
diesem Briefe sagte der Baron, da er sich an den Prediger wende, damit dieser
dem alten Lorenz die Nachricht eines Unglcks auf eine gelinde Art beibringen
mge, das der alte Mann doch erfahren msse und aus dem Munde des Predigers am
besten erfahren knne, der durch den Trost der Religion den nothwendigen Schmerz
zu lindern vermge. Das bezeichnete Unglck selbst wurde auf folgende Art
dargestellt. Es habe sich hufig ereignet, da sie auf ihrer Reise nach der
spanischen Grnze mit ebenfalls sich dahin begebenden franzsischen Truppen
zusammengestoen wren, und es wre nicht zu vermeiden gewesen, da die
Offiziere der verschiedenen Corps nicht oft Spielgesellschaften veranstaltet
htten, woran sowohl der Baron, als auch sein Freund Lorenz htten Theil nehmen
mssen. Bei einer solchen Gesellschaft, wo viel Geld hin und her sei verloren
worden, habe sich ein heftiger Streit erhoben, in den unglcklicher Weise sein
Freund wre verwickelt worden. Ein Duell wre von den erhitzten Gemthern als
das einzige Mittel betrachtet worden, die verletzte Ehre zu reinigen, und dieses
habe eine so unglckliche Wendung genommen, da sein Freund, von einer Kugel
durchbohrt, nicht weit von Bayonne geblieben sei. Dieser Unglcksfall habe ihn
selbst, den Baron, so erschttert, da er schwer erkrankt sei. Dehalb eile er
eine traurige Pflicht zu erfllen, ehe es vielleicht durch sein Ende unmglich
wrde, damit er sich nicht sterbend den Vorwurf zu machen habe, da der alte
Vater auch das ihm zukommende Erbe noch verlre, nachdem er schon so unglcklich
gewesen sei, den Sohn zu verlieren, da der Nachla des verschiedenen Sohnes doch
wenigstens dazu dienen knne, dem Greise die Beschwerden des Alters zu
erleichtern. Der Baron hatte diesem Briefe das von dem alten Lorenz selbst
verfertigte Verzeichni der Sachen, die der Sohn mitgenommen hatte, in
beglaubigter Abschrift beigefgt. Da es unmglich sei, diese Sachen selbst zu
senden, hatte der Baron, wie er anzeigte, die Garderobe zu verkaufen befohlen,
die Ringe aber, Uhren, Dosen, Brillanten und so weiter, von kunstverstndigen
Mnnern nach ihrem wahren Werthe abschtzen lassen, weil er sie, Falls er leben
bleiben sollte, zum Andenken an seinen Freund zu behalten wnsche. Auch hierber
waren die nthigen Zeugnisse beigelegt, nebst der fr den vollen Werth dieser
Kleinodien erkannten Summe. Ebenfalls folgte die baare Summe dessen mit, was der
Sohn, wie es dem alten Lorenz bekannt war, als Reisegeld mitgenommen hatte. Die
ganze betrchtliche Summe war dem Prediger in Wechseln bermacht worden, und der
alte Lorenz war nun ein wohlhabender Mann und der Geistliche fragte an, ob der
Graf unter diesen Umstnden noch immer die ihm frher bewilligte Pension wolle
auszahlen lassen, da der Alte einen so schlechten Gebrauch von dem ihm auf eine
so traurige Weise zugefallenen Vermgen mache, und sich nach einer kurzen Trauer
ber den Verlust des Sohnes ganz dem Trunke ergeben habe, also eine fernere
Untersttzung weder bedrfe noch verdiene, und jetzt gerade eine durch viele
Unglcksflle herabgekommene Familie, die er dem Grafen nher bezeichnete, durch
den wrdigen Gebrauch der fr den alten Lorenz bestimmten Summe dem Elende
entrissen werden knne.
    Der Graf wies eine Summe an zur Untersttzung der von dem Prediger
empfohlenen Familie, aber zu dessen groem Verdru entschied er zugleich, da
dem alten Lorenz, den der Prediger seiner groen Schlechtigkeit wegen
verabscheute, die Pension unter jeder Bedingung ausgezahlt werden msse.
    Der Graf verlor sich in Nachdenken ber den Brief des Predigers. Es schien
ihm gar nicht dem Charakter seines Schwagers, des Barons zu entsprechen, mit so
viel zrtlicher Schonung und Rcksicht gegen den alten Lorenz zu verfahren.
Vielmehr erlaubte er sich zu denken, da der Baron, theils aus Leichtsinn,
theils aus Gleichgltigkeit gegen alle menschlichen Gefhle, es natrlicher
gefunden haben wrde, ber den ganzen Vorfall zu schweigen, die vorhandenen
Summen zunchst zu verbrauchen, und es ruhig der Zeit und dem Zufall zu
berlassen, den Vater von dem Verluste seines Sohnes zu benachrichtigen. Dieser
Brief nun zeigte eine gewisse Aengstlichkeit den Alten zufrieden zu stellen, und
fernere Nachforschungen und Fragen abzuwenden. Auch die Empfindsamkeit des
Barons war dem Grafen sehr befremdend. Es schien ihm nicht glaublich, da dessen
durch ein langes Spielerleben verhrtetes Herz eine so zrtliche Neigung fr den
jungen Lorenz knne gefat haben, da dessen Tod ihm eine gefhrliche Krankheit
zuziehen knne, und es dnkte ihm unmglich, da man, wenn man die Krfte
besitze, einen so langen und besonnenen Brief zu diktiren, nicht auch so viel
Kraft noch haben sollte, um wenigstens seinen Namen selbst zu unterschreiben,
Falls man nicht durch Lhmung oder Verwundung daran verhindert wrde, und doch
waren diese Hindernisse in dem Briefe nicht angegeben. Je mehr der Graf ber
alle diese Umstnde nachdachte, um so zweifelhafter wurde ihm die Wahrheit aller
angegebenen Thatsachen, und es stieg die Vermuthung in ihm auf, die Sache knne
sich umgekehrt verhalten, der Baron knne im Duell geblieben sein, und der junge
Lorenz, von Hochmuth verleitet, sich dessen Papiere angeeignet haben und als
Baron fortzuleben wnschen. Die angenommen lie sich auch das Uebrige erklren.
Es wurde ihm dann leicht, seinem Vater zu bermachen, was er selbst besessen
hatte, wenn er sich in Besitz dessen setzte, was der Baron mitgenommen, dem ja
der Graf selbst ansehnliche Summen ausgezahlt hatte. Auch lag die Vermuthung
nahe, da das Duell ber dessen Gewinn im Spiele entstanden sein knne, und es
war erklrt, wehalb der angebliche Baron die eigenhndige Unterschrift
vermieden hatte. Je mehr der Graf ber diese Umstnde nachdachte, um so
wahrscheinlicher wurde ihm seine Vermuthung; doch beschlo er gnzlich darber
zu schweigen und der Zeit die Aufklrung zu berlassen.
    Es war indessen der Frhling des Jahres achtzehn hundert und acht
eingetreten. Der Graf, seine Familie und Freunde lebten mehr sich selbst, als
der Gesellschaft. Der Graf konnte die damals herrschenden Ansichten und die
daraus entspringenden Hoffnungen nicht theilen, und wie hoch er auch den
Heldenmuth Schills achtete, so glaubte er doch, da die Rettung des Vaterlandes
unmglich durch die schwachen Krfte erreicht werden knne, die sich um den
sammeln knnten, in dem die Berliner mit lauter Begeisterung den Erretter und
Befreier ahneten. Doch wie wenig er auch die allgemein ausgesprochene Hoffnung
fr die nchste Zeit theilte, so zeigten sich dem aufmerksamen Beobachter doch
so viele Spuren von wahrer Kraft und Vaterlandsliebe, da wenigstens die
Hoffnung fr die Zukunft nicht in seiner Brust erstarrte und er um so lieber in
der Gegenwart schwieg, weil derjenige, welcher der Begeisterung der Berliner zu
widersprechen wagte, beinah wie ein Landesverrther betrachtet wurde.
    Dem Obristen Thalheim war es unmglich, dieselbe Migung zu beobachten.
Ihm, als einem alten Militr aus der Schule Friedrich des Zweiten, schien es an
Wahnsinn zu grnzen, da alle jungen Leute eine Stimme ber kriegerische
Operationen und ber die Verwaltung des Staates haben wollten. Ihm schien es die
einzig mgliche Verwaltungsart, da der Knig und seine Minister ber Krieg und
Frieden bestimmten, dann ein Heer ordneten und dessen Leitung erfahrenen
Offizieren bertrgen. Alles, was dabei vom Volke ausgehen sollte, erschien ihm
wie Rebellion, und er verkndigte oft, da alle Gruel der franzsischen
Revolution eintreten mten, wenn den lauten Aeuerungen der Brger und vor
Allen der Jugend nicht Einhalt gethan wrde.
    Es war vergeblich, da der Graf ihn darauf aufmerksam machte, wie der
auerordentliche Druck, unter welchem das Vaterland seufze, auch
auerordentliche Mittel nothwendig mache, und wie man, wenn man knftig hoffen
wolle, durch die Hlfe Aller das beinah unmglich Scheinende zu erreichen, auch
die Stimmen Aller hren msse. Aus Achtung fr den Grafen schwieg dann wohl der
Obrist, aber er zeigte bei nchster Gelegenheit seinen Abscheu nur um so lauter.
    Unter solcher Umstnden war es natrlich, da ihm der Aufenthalt in Berlin
unertrglich wurde, und er sehnte sich nach der Stille des Landlebens und nach
einer Umgebung zurck, die mehr Rcksicht auf sein Alter nahm und, wenn sie auch
seine Ansichten nicht immer theilte, ihm doch nicht mit so groer Heftigkeit
widersprach, wie er es sich zu seiner Verwunderung in Berlin von ganz jungen
Leuten mute gefallen lassen.
    Der Graf Robert hatte sich mit Eifer der Landwirthschaft gewidmet, und es
war zu bemerken, da er die Angelegenheiten des Vaterlandes etwas aus den Augen
verlor und jeden Tag mit zrtlicher Sehnsucht die blhenden Wangen, die
leuchtenden Augen und die schlanke Gestalt seiner Braut betrachtete, die
ebenfalls von seinen Blicken zu leben schien und in unverkennbarer Zrtlichkeit
das Glck des Daseins nur an seiner Seite empfand.
    Die Briefe St. Juliens waren seltener geworden. Man erwartete jedoch, da
die ffentlichen Angelegenheiten sich so wenden wrden, da man bald ihn
wiederzusehen hoffen drfte, denn man glaubte Napoleon wrde mit dem Vortheile
zufrieden sein, der ihm daraus erwachsen mute, da die auf's Aeuerste
aufgeregten Leidenschaften der spanischen Knigsfamilie ihn zum Vermittler und
Schiedsrichter aufriefen, und dadurch in eine Stellung brachten, wodurch Spanien
mit allen seinen Krften von ihm abhngig wurde. Aber das Unerhrte war
geschehen. Der Held, der Sieger in so vielen Schlachten hatte mit unwrdiger
List ein Netz ausgespannt, das zugezogen wurde, als alle Glieder der kniglichen
Familie in den verderblichen Kreis gelockt waren. Und der Ruhm der franzsischen
Adler war befleckt, sie, die triumphirend ber so vielen Schlachtfeldern
geschwebt hatten, bewegten sich nun in einem durch unwrdige List errungenen
Lande.
    Htte Napoleon nicht mit zu groer Geringschtzung auf die Menschen und in
Folge dessen auf die ffentliche Meinung herabgesehn, so htte er vielleicht
einen fr seinen Ruhm und wahren Vortheil so nachtheiligen Schritt unterlassen,
ber den nur ein Gefhl der Mibilligung und des Abscheues in Aller Herzen
lebte, und der selbst die an Anbetung grnzende Verehrung verminderte, die bis
dahin alle seine Truppen fr ihn gehegt hatten.
    Diese allgemeine Wirkung war auch in St. Juliens Briefen bemerklich; denn ob
er sich wohl mit Behutsamkeit ausdrckte, indem er die Besetzung Spaniens
meldete, so war doch eine groe Klte fhlbar, die bei seiner frheren warmen
Begeisterung fr Napoleon um so mehr auffiel und dem Grafen Veranlassung zu
manchen Betrachtungen gab.
    Die Mal war der Obrist Thalheim mit den lauten Aeuerungen des Unwillens
der Berliner zufrieden. Die harten Urtheile der jungen Leute ber Napoleon und
seine Regierung schienen ihm weder vorlaut noch unziemlich, und die strksten
Aeuerungen ber diesen Gegenstand wurden in der Stadt als die Aussprche des
Obristen Thalheim bekannt, so da der Graf, besorgt wegen der mglichen Folgen,
ihn eines Morgens zur Behutsamkeit ermahnen wollte und sich dehalb auf sein
Zimmer begab. Er fand den alten Mann wehmthig, halb unwillig nachdenkend, und
Therese, in deren Augen sich Spuren von Thrnen zeigten, schlpfte nach der
ersten Begrung des Grafen hinaus. Dieser verga den Zweck seines Besuchs, in
der Besorgni, da dem Freunde etwas Unangenehmes begegnet sein mchte, und
suchte mit Behutsamkeit den Grund des Kummers zu erforschen, der Vater und
Tochter sichtlich bewegte. Der Obrist schien verlegen, weil er die Worte nicht
finden konnte, die ihm schicklich dnkten, ein Gesprch einzuleiten, welches er
doch offenbar wnschte. Endlich sagte er: Scheint es Ihnen jetzt nicht auch,
lieber Graf, als ob wir nun, da sich Napoleons Macht immer weiter ausdehnt, alle
Hoffnung aufgeben mten, von dem Drucke befreit zu werden?
    Wenigstens fr die nchste Zeit, erwiederte der Graf seufzend, glaube ich
kaum, da wir uns erfreulichen Hoffnungen berlassen drfen.
    Und kann es wohl, fragte der Obrist weiter, jetzt einen wahren Genu
gewhren, Deutschland oder berhaupt die Lnder Europas zu durchreisen, und
berall dieselbe drckende Herrschaft des Fremden anzutreffen, berall den
schnden Uebermuth seiner Beamten zu finden, und im Grunde als den einzigen
Gewinn seiner Reisen die Ueberzeugung nach Hause zu bringen, da alle Nationen
ihre Selbstndigkeit verloren haben?
    England mten wir doch ausnehmen, bemerkte der Graf lchelnd.
    Nun ja, sagte der Obrist verdrlich. England ist dadurch geschtzt, da
Napoleon es nicht erreichen kann. Aber glauben Sie mir, wre nicht das Meer sein
Schutz, es wrde eben so wie alle Uebrigen sich der franzsischen Macht beugen,
denn hat nicht Preuen erliegen mssen? Sind nicht die in der Schule Friedrichs
erzogenen Krieger berwunden? Welche Nation ist also sicher, wenn er sie
erreichen kann?
    Der Graf wollte den Verdru des Obristen nicht noch steigern; er antwortete
also auf diese Frage nichts, und der alte Krieger fuhr nach einem kurzen
Schweigen fort: Ich wollte nur sagen, ob es nicht besser sei, fr jetzt die
ffentlichen Angelegenheiten so viel wie mglich aus den Augen zu lassen, weil
man doch auf keine Weise wohlthtig eingreifen kann, und sich auf einen stillen,
abgelegenen Fleck mit seiner Familie zurckzuziehen, um im Genusse des
huslichen Glckes einigermaen Trost fr alles ffentliche Ungemach zu finden.
    Gewi, sagte der Graf, wre die weise von dem gehandelt, dem Niemand
feindlich diese einfachsten, natrlichsten Gensse strt.
    Ich sehe ein, erwiederte der Obrist mit Verlegenheit, da Sie es vorziehen
mssen, sich auf einige Zeit von Ihrem paradiesischen Landsitz zu trennen, denn
das neugierige Geschwtz rund umher mu Ihnen verdrielich gewesen sein, aber
ich, halten Sie mich nicht fr undankbar, lieber Graf, ich sehne mich aus dem
Gerusch der Stadt hinweg. Ich kann nicht annehmen, da ich noch lange lebe.
Betrachten Sie mein graues Haar und Sie werden mir Recht geben, und mir, dem
sich dem Grabe zuneigenden Greise scheint es strflich, Glck und Genu des
Lebens noch verschieben zu wollen, und von der ungewissen Zukunft zu erwarten,
was sich uns so freundlich in der Gegenwart bietet.
    Der Graf sah den Obristen verwundert an, weil er nicht begriff, wohin die
Gesprch fhren sollte. Der Greis nahm die Hand des Freundes, die er mit
Zrtlichkeit drckte, und sagte mit weicher Stimme: Warum wollen Sie den Sohn
von mir entfernen, den sich mein Herz gewhlt hat? Warum wollen Sie ihn in die
Ferne senden, von dem ich mich mit dem schmerzlichen Gefhl trennen wrde, da
ich ihn wahrscheinlich nicht wiedersehe? Warum wollen Sie meiner Tochter den
Trost versagen, wenn sich die Augen des Vaters auf immer schlieen, aus denen
des Freundes Muth zu gewinnen, das Leben und seine Schmerzen zu ertragen?
    Ich glaubte, sagte der Graf, nicht gegen Ihre oder meines Vetters Wnsche zu
handeln, indem mein Rath ihm seinen Lebensplan vorzeichnete. Die geringste
Einwendung von seiner Seite wrde mich bestimmt haben, auf seine Ansicht
einzugehen, dehalb, gestehe ich, befremdet mich unser Gesprch ein wenig. O!
theurer Freund, rief der Obrist, indem er die Hand des Grafen heftig drckte und
Thrnen seine grauen Wimpern netzten, halten Sie es denn fr so leicht,
Einwendungen gegen den zu machen, dessen gromthige Liebe sich nur mit unserem
Glck beschftigt? Ist es denn nicht natrlich, da ein Wort, ein Zeichen von
Ihnen uns alle zum schweigenden Gehorsam bestimmt, da wir ja nur Ihnen, Ihrer
Liebe allein alles verdanken, was uns das Leben an Glck und Genu noch bieten
kann?
    Dann wre die Liebe Tyrannei, sagte der Graf etwas unwillig, und Sie wrden
meine Freundschaft zu theuer erkaufen, wenn Sie dafr alle Selbststndigkeit
hingeben wollten. Aber mir schien die heftige Vaterlandsliebe meines Vetters so
gro, da ich befrchtete, sie knnte in manchen Stunden ber die zartere
Neigung seines Herzens die Herrschaft gewinnen, und ich hielt es dehalb fr
wohlgethan, beide Empfindungen so viel als mglich in Einklang zu bringen. Auf
diese Ansicht grndete sich vorzglich mein Rath.
    Sie haben gewi oft die Erfahrung gemacht, sagte der Obrist lchelnd, da,
wenn das menschliche Herz eine Zeitlang mit gleicher Macht zwei Leidenschaften
gehegt hat, dann pltzlich die eine so gewaltig wird, da sie die andere auf
lange gnzlich unterdrckt. Dieser oft schon eingetretene Fall hat sich
erneuert, und die heieste Sehnsucht Ihres Vetters richtet sich auf meine
Tochter, deren zrtliche Neigung sich so unschuldig offenbart, da sie Ihnen
nicht hat entgehen knnen.
    Aber warum, rief der Graf, schweigt mein Vetter ber die alles gegen mich,
da ein Wort von ihm hinreichend ist, um mich fr seine Wnsche zu bestimmen.
Dieser Mangel an Vertrauen, ich gestehe es, beleidigt mein Gefhl.
    Sie haben unrecht, sagte der Obrist mit einiger Heftigkeit. Sie wissen es
nicht, wie Sie bis zur Anbetung beinah von den jungen Leuten geliebt werden, und
ich finde es natrlich, da sie ihre Wnsche beherrschen und ihr Leben nach der
besseren Einsicht eines gromthigen, erfahrnen Freundes ordnen wollen, und
glauben Sie denn, da ich ein Wort gesprochen htte, wenn blo von der Sehnsucht
der Liebenden die Rede wre? Vor denen breitet sich das Leben noch weit und
herrlich aus, und ein kurzer Aufschub ihres Glcks enthlt fr sie am Ende eben
so viel Sigkeit als Qual. Aber ich, theurer Graf, ich mu geizen mit den
Stunden irdischen Glckes, und soll es mglich sein, da das wunderbare Gefhl
noch mein Herz berhrt, einen Enkel in den Armen zu halten, so mu ich selbst
aus dem Wege rumen, was der Verbindung meines Kindes entgegen steht.
    Unwillkhrlich richtete sich das Auge des Grafen auf das silberweie Haupt
des Greises, der ihm gutmthig lchelnd gegenberstand, und er sagte, indem er
die Hand desselben innig drckte: Nicht eine Stunde will ich ein Glck
verzgern, dessen hohen Werth fr Sie ich wohl erkenne, und ich sehe wieder ein,
da das Gefhl beinah immer sicherer leitet, als Ueberlegung und Berechnung.
    Ich wute es wohl, sagte der Obrist, da es nur ein Wort kosten wrde, um
Sie unsern Wnschen geneigt zu machen, aber eben darum wurde es mir schwer, die
Wort zu sprechen.
    Lieber alter Freund, sagte der Graf lchelnd, es ist ja Ihre Angelegenheit
und nicht meine. Es ist ja also natrlich, da Sie darin bestimmen und nicht
ich.
    Sie wollen, erwiederte der Obrist, jede Erinnerung daran abweisen, da unser
aller Glck nur allein Ihr Werk ist; aber um so lebendiger werden wir es fhlen.
    Der Graf gab dem Gesprch eine heitere Wendung, indem er mit dem Obristen
berlegte, wie bald die Verbindung seiner Tochter mit dem Grafen Robert gefeiert
werden knnte, und begab sich hierauf zu den Frauen, um ihnen mitzutheilen, da
die beabsichtigte Reise seines Vetters aufgegeben und dagegen seine
Verheirathung beschlossen sei.
    Die Grfin sowohl als Emilie, die sich mehr, als sie zeigen wollten, dem
Kummer um St. Julien berlieen, fanden Zerstreuung ihres Grams, indem sie sich
eifrig mit der Ausstattung ihrer jungen Freundin beschftigten, und mit
zrtlicher Liebe und gromthiger Freundschaft alles darin vereinigten, wodurch
das husliche Leben edel und zierlich gestaltet werden kann.
    Die glhende Dankbarkeit des Grafen Robert zeigte seinem Oheim, wie schwer
das Herz des jungen Mannes den lngeren Aufschub seines Glcks ertragen htte,
und Therese drckte mit beredtem Schweigen und seligen Thrnen ihre Freundin
Emilie an die klopfende Brust, und empfing mit glhendem Errthen und
niedergeschlagenen Augen die reichen Geschenke der Grfin.
    Der Graf hatte mit seinem Vetter alle nthigen Verabredungen getroffen. Ein
erfahrner Landwirth hatte sich verbindlich gemacht, den Letzteren zu begleiten
und mit ihm gemeinschaftlich die groen Besitzungen des Oheims, wie seine
eigenen, zu verwalten. Dabei sollte nicht verabsumt werden, die jungen
Landleute in der Vaterlandsliebe zu erhalten und in den Waffen zu ben, um in
einer besseren Zukunft, die Beide in der Ferne zu erblicken glaubten, von ihren
gesammten Krften Gebrauch zu machen.
    Schnell waren die wenigen Wochen verflogen, die zu den Vorbereitungen einer
ehelichen Verbindung erforderlich waren, und der Tag, der das Glck der
Liebenden befestigen sollte, war erschienen. Emilie hatte ihre Freundin edel und
einfach geschmckt, und Aller Augen richteten sich bewundernd auf die schlanke
Gestalt der holden Braut, als sie an der Hand des Vaters, der seine Rhrung
nicht bekmpfen konnte, in den Saal trat. Es schien, als ob erst an diesem Tage
die Schnheit der Jungfrau sich in ihrer ganzen Herrlichkeit entwickelt habe,
und die leuchtenden Augen des Grafen Robert zeigten, da er sein Glck erkannte.
Kein lautes Fest bezeichnete mit unpassendem Getse die Vereinigung der Herzen,
die in ihrer innigen Empfindung dadurch nur verletzt worden wren. Auch gesellte
sich mancher ernste Gedanke zu dem Gefhl des Glcks. Der Obrist wute, da er
nicht lange mehr das glckliche Loos seines Kindes betrachten, da er sich nicht
lange mehr der Liebe der Tochter erfreuen wrde, und seine Gedanken richteten
sich, mitten im Gefhl des Glcks, auf ein dunkles Grab und mit erhhter
Zuversicht ber die Grab hinaus. Der Graf dachte daran, da sein Name nur in
den Nachkommen seines Vetters fortleben werde, und da St. Julien, dessen Liebe
ihm Ersatz fr alles, was er entbehrte, gewhren solle, von Gefahren umringt
sei, die er sich nicht verhehlte, wenn er sie auch seiner Gemahlin verschwieg.
Die Grfin theilte trotz dieses Schweigens seine Sorgen, und fragte sich mit
stiller Angst und Wehmuth, ob sie wohl je den Tag erblicken wrde, an welchem
sie dem Sohne die Geliebte so festlich geschmckt entgegen fhren knne, und ihr
Auge ruhte mit zrtlicher Trauer auf Emilie, die, in Thrnen lchelnd, die
glckliche Freundin umarmte.

                                      III


Es waren einige Tage nach der Verbindung des jungen Grafen verflossen und das
neue Ehepaar sowohl, als der alte Vater schickten sich an, nach Schlo Hohenthal
abzureisen, denn es war verabredet worden, da sie dort wohnen sollten, weil von
allen Gtern des Grafen die die anmuthigste Lage hatte und das Schlo selbst
vollkommen darauf eingerichtet war, eine Familie in sich aufzunehmen und ihr
alles zu gewhren, was zur Bequemlichkeit des Lebens gehrt. Der Graf Robert
wollte auch seiner Mutter vorschlagen, mit den Schwestern bei ihm zu wohnen, und
er hoffte dann dieser guten, geduldigen Frau, die vom Leben beinah nichts, als
das Leiden kennen gelernt hatte, wenigstens das herannahende Alter zu versen,
denn er wute, Therese wrde ihr eine liebevolle Tochter sein. Auch zweifelte er
nicht daran, da die junge Gattin in allen ihr neuen Verhltnissen Rath und
Hlfe bei der sanften, erfahrnen Frau finden wrde. Auf die Ausbildung der
Schwestern konnte der Umgang mit Therese nur vortheilhaft wirken, und so sollte
Schlo Hohenthal, welches eine Zeitlang ernst und schweigend auf dem Hgel
geruht hatte, von wo aus es das liebliche Thal beherrschte, von Neuem ein
heiteres, bewegtes Leben in sich aufnehmen.
    Die Unvollkommenheit alles irdischen Glckes wird dem Menschen dann am
Fhlbarsten, wenn seine liebsten Wnsche befriedigt werden, denn es gibt keine
Freude ohne die herbe Beimischung des Schmerzes, und in das Lcheln des
Entzckens fliet die Thrne der Wehmuth. Diese Wahrheit erfuhr die junge,
glckliche Gattin. Denn wenn ihre Phantasie in lieblichen Trumen das schne
Leben der nahen Zukunft auf Schlo Hohenthal ausbildete und sie unbewut die
glnzenden Bilder des Glckes anlchelte, so fhlte sie in demselben Augenblick
die warmen Thrnen auf ihren Wangen, denn um die Glck zu erreichen, mute sie
die Grfin und Emilie verlassen, und dieser Gram breitete einen leichten
Wolkenschatten ber den heiteren Himmel ihrer Zukunft.
    Ehe noch die Abreise der Neuvermhlten erfolgt war, traf ein Brief des
Predigers aus Hohenthal ein, der sich ernstlich ber den Arzt beschwerte und den
Grafen bat, ihm nicht die Schuld davon beizumessen, da der Bau des Hauses auf
dem Gute desselben noch nicht begonnen wre, obgleich der Sommer schon groen
Theils verstrichen sei. Er habe zwar versprochen die Leitung dieses Baues zu
bernehmen, jedoch natrlich nur in so weit, als seine Kenntnisse dazu
ausreichten. Er habe also einen Ri entworfen, wonach das Gebude grer und
bequemer als das Pfarrhaus htte werden knnen, aber der Hochmuth des Arztes sei
damit nicht zufrieden, er wolle durchaus, da sein knftiger Wohnsitz ein
kleines Schlo werden solle, und bestehe vor allen Dingen auf einem auf Sulen
ruhenden Balkon. Ueber diesen Gegenstand sei so viel hin und her gestritten
worden, da man die Zeit darber verloren habe und er, der Prediger, sich nun
genthigt sehe, sein Versprechen zurckzunehmen, da er sich nicht darauf
einlassen knne, Palste erbauen zu lassen, weil so weit seine Kenntnisse nicht
reichten und er auch nicht nothwendig fnde, weder fr den Arzt, noch fr dessen
knftige Schwiegermutter, da sie Palste bewohnten. Eine groe Empfindlichkeit
gegen den Arzt war in diesem Schreiben nicht zu verkennen, und der Prediger
erwhnte es kaum, da seinen eigensinnigen Freund oft das lange Ausbleiben
seiner knftigen Schwiegermutter beunruhige, um so mehr, da er keine Briefe von
ihr erhielte, welches doch, wie der Geistliche mit Bitterkeit bemerkte, nicht zu
verwundern sei, denn diese Dame, ob sie gleich jetzt einen Palast mit einem
Balkon bewohnen sollte, werde gewi noch so viel von ihrem frheren demthigeren
Stande an sich haben, da ihr das Schreiben als eine unntze Beschftigung
erschiene. Der Graf sah aus diesem Briefe deutlich, da der tgliche ungestrte
Umgang zwischen dem Arzte und dem Geistlichen nachtheilig auf Beide gewirkt
hatte, und da sie sich wahrscheinlich fr ihr ganzes Leben entzweien wrden,
wenn nicht bald ein Anderer vermittelnd dazwischen trte. Es war ihm also auch
aus diesem Grunde angenehm, da sein Vetter dahin zurckkehrte, von dem er
hoffen durfte, da er die kleinen Feindseligkeiten in der Hohenthaler
Gesellschaft noch im Keime unterdrcken werde. Er lie einen Ri eines artigen
Landhauses mit einem auf Sulen ruhenden Balkon anfertigen, und sein Vetter, der
auch mehr als der Geistliche durch seine mathematischen Kenntnisse dazu geeignet
war, versprach den Bau desselben zu leiten. Nach zwei Tagen war die Abreise der
Neuvermhlten und des Obristen festgesetzt, als man durch die Ankunft der Frau
Professorin berrascht wurde. Obgleich gewandt in Geschften und auch nicht
durch weibliche Schchternheit in der Ausfhrung gehindert, hatte sie doch mehr
Hindernisse gefunden bei dem Bemhen, das nachgelassene Vermgen ihres
verstorbenen Mannes zusammenzubringen, als sie vermuthet hatte. Jetzt war nun
Alles glcklich beendigt und ihr Gesicht strahlte vor Freude, als sie ihre
Tochter erblickte, die sich eben bei der Grfin befand, und vernahm, da auch
der junge Graf mit seiner Gemahlin nach der geliebten Heimath zurckkehren
wolle. Kaum geringer war die Freude der Tochter, denn wenn auch der Aufenthalt
in Berlin vortheilhaft auf ihre Sitten und Bildung gewirkt hatte, so sehnte sie
sich doch herzlich nach dem freieren Leben in der Natur. Die Herrlichkeiten der
Hauptstadt, ob sie sie gleich mit der heiteren Unbefangenheit eines Kindes
geno, hatten keinen so tiefen Eindruck auf ihr Gemth gemacht, da sie ihr
dadurch Bedrfni des Lebens geworden wren, und die zierlichen jungen Mnner,
die zuweilen den Kreis ihres Umgangs berhrten, waren nicht glcklicher, denn
sie stellte unaufhrlich Vergleichungen zwischen ihnen und ihrem Vater und
Brutigam an, und gewi wrden die jungen Herren auf's Hchste berrascht
gewesen sein, wenn sie beide Personen gekannt und gewut htten, da diese
Vergleichungen zu ihrem Nachtheil ausfielen. Die junge Marie betrachtete die
liebenswrdige Jugend mit einiger Geringschtzung. Sie vertraute ihrer Freundin
Therese, zu der sie ein besonderes Vertrauen hatte, zuweilen, die jungen,
zierlichen Herren, die so viel Sorgfalt auf ihre Haarlocken und Halsbinden
verwendeten, nach allen Wohlgerchen der Erde dufteten, sich immer einem Spiegel
gegenber zu halten suchten, schienen ihr oft verkleidete Mdchen, und sie kme
zuweilen in Versuchung, ihnen zur Unterhaltung eine weibliche Arbeit anzubieten,
wenn sie die groe Langeweile bemerkte, die auf ihren Gesichtern ruhte, und sie
berzeuge sich nur dann wieder, da diese geputzten Wesen keine Mdchen wren,
wenn sie auf einmal mit groer Heftigkeit ber die Nothwendigkeit sich zum
Kriege zu erheben sprchen und Buonaparte vom Throne stoen wollten; hchst
lcherlich aber kme es ihr alsdann wieder vor, wenn sie mit derselben
Heftigkeit fr oder wider eine Schauspielerin stritten, und die gleiche
leidenschaftliche Begeisterung fr die eine oder andere an den Tag legten, die
sich in den nchst vorhergehenden Gesprchen fr ihren Lieblingshelden Schill
offenbart htte. Ja, schlo sie ihre Bemerkung, ich glaubte, alle diese fr das
Vaterland Begeisterten wrden nun mitziehen und die Thaten ausfhren helfen, die
sie fr nothwendig erklren; aber mir scheint, sie sind alle hier geblieben.
    Therese scherzte mit dem angenehmen Kinde zuweilen ber ihre groe Abneigung
gegen die jungen Herren und fragte, ob sie denn gar nichts an dem Arzte
auszusetzen fnde?
    O, ich bin nicht so blind, erwiederte die Kleine dann ernsthaft. Ich sehe es
wohl, da ihm die Kleider nicht so gut sitzen, wie den hiesigen jungen Herren,
und wenn ich seine Frau bin, werde ich es ihm abgewhnen, da er beim Tanze so
hoch mit einwrts gebogenen Knieen springt, oder noch besser, er unterlt das
Tanzen ganz, denn es kleidet ihn nicht und er kmmert sich dabei nicht um den
Takt. Aber ist es denn nicht natrlich, da er diese Knste nicht so gut zu
machen versteht, wie die hiesigen jungen Herren, die, wie es scheint, nichts
Anders zu thun haben? Kann er seine Aufmerksamkeit auf solchen Tand richten, da
er Tag und Nacht studirt, wie er den Menschen, die an irgend einem Gebrechen
leiden, helfen knne. Gewi sind schon Viele durch ihn gesund geworden und
glcklich, und blicken ihm dankbar und freundlich entgegen, wenn sie ihn kommen
sehen, ohne darauf zu achten, wie er seine Fe setzt, und das, denke ich, ist
mehr werth, als alle die Possen, die man hier in der Stadt treibt.
    Therese htete sich in solchen Fllen der Ansicht ihrer jungen Freundin zu
widersprechen, denn da die Tochter eben so entschieden, wie die Mutter, eine
Verbindung mit dem Arzte als das Ziel ihres Lebens betrachtete, so wre es ein
Unglck gewesen, wenn das junge Mdchen ihren Geschmack fr uere Vorzge des
mnnlichen Geschlechts verfeinert htte.
    Der Graf theilte der Frau Professorin die Zwistigkeit zwischen ihrem
knftigen Schwiegersohne und dem Geistlichen mit, und indem er ihr die
Veranlassung dazu sagte, zeigte er ihr zugleich den Ri des knftigen
Wohnhauses, den er hatte entwerfen lassen, und bat sie, so lange im Schlosse zu
wohnen, bis sein Vetter, der junge Graf, diesen Bau wrde ausgefhrt haben.
    Mit leuchtenden Augen betrachtete die Wittwe des Professors den Plan des
Hauses, den ihr der Graf erklrte, und je mehr sie die Zweckmigkeit und
Bequemlichkeit der Einrichtungen erkannte, je hher stieg ihr Entzcken, bis
sich zuletzt die Freude in dankbare Rhrung auflste, und die groen auf das
Papier niederstrmenden Tropfen die Zeichnung zu verderben drohten. Ja, sagte
sie endlich, zum Grafen gewendet, Sie handeln gegen alle Menschen, wie einer,
der hoch ber ihnen steht, aus dessen Herz nur Wohlwollen, aus dessen Hnden nur
Segen kommt, und Gott verzeihe mir meine Snden, ich fhle eine Art Andacht,
wenn ich an Sie denke. Wren alle hohen, groen Edelleute in Frankreich so
gewesen, wie Sie sind, die Revolution htte gar nicht kommen knnen, denn Wer
htte dann wohl Hand an einen Edelmann legen mgen, und Buonoparte mte es sich
dann vergehen lassen, uns zu drcken und alles, was ihm einfllt, uns zu
verbieten.
    Der Graf wollte das Gesprch ablenken und sagte lchelnd: Es freut mich, da
Ihnen der Plan zum Hause gefllt, und noch grere Freude wird es mir machen,
wenn ich Sie erst darin besuchen kann.
    Nun, rief die Professorin entzckt, wenn Sie mir die Ehre erweisen, so werde
ich Sie bei mir so aufnehmen, da Sie meine Dankbarkeit erkennen werden, und in
dem schnen Hause, fuhr sie fort, indem sie die Hand auf die Zeichnung legte,
werde ich das knnen. Mein Vetter, bemerkte sie, indem sie den Ri von Neuem
betrachtete, ist ein hochmthiger Mensch, da wei ich von Alters her; aber
warum sollen wir denn keinen Balkon haben? Das sehe ich denn doch auch nicht
ein. Von dem Prediger ist es doch auch nur Neid, wenn er sich dem widersetzt. Er
will nicht, da wir es besser haben sollen, als er, und wenn Sie es uns gnnen,
warum sollen wir dann das Gute nicht genieen? Mag er sich rgern, wie er will;
ich freue mich selber auf den Balkon, ich kann da oben sitzen wie auf einem
kleinen Thurme und von der einen Seite einen groen Theil der Wirthschaft
bersehen, und ich lugne auch nicht, da es mir angenehm ist, wenn mein Vetter,
der Schulze, sieht, was aus seiner Muhme geworden ist. Der nimmt gewi den Hut
schon auf dem Hofe ab, wie vor dem herrschaftlichen Schlosse, wenn er zu uns
kommen will und die Gebude erblickt.
    Die Zuhrer der Professorin waren zu gutmthig, als da das Lcheln auf
ihren Gesichtern etwas Anderes als Wohlwollen ausgedrckt htte. Man gnnte es
der ehemaligen treuen Dienerin, da sie auf ihre Weise glcklich war, und der
Graf Robert nahm sich sogar vor, ihr noch manche angenehme Ueberraschung zu
bereiten, da er bemerkte, da sie nicht ganz unempfindlich gegen Anmuth und
Zierlichkeit war, wie er frher geglaubt hatte. In dieser wohlwollenden Stimmung
wurde die Reise nach Hohenthal von allen Personen angetreten, die ihre
Bestimmung dahin fhrte, und dem Grafen, der Grfin und Emilie wurde die
Einsamkeit fhlbar, nachdem sie den Schmerz des Abschiedes berstanden hatten.
    Auf Schlo Hohenthal dagegen regte sich Leben und Thtigkeit. Der Graf
Robert hatte seine Mutter von seiner Abreise aus Berlin benachrichtigt, und er
hatte die Freude, sie den Tag nach seiner Ankunft auf Schlo Hohenthal mit den
Schwestern zu begren. Der Obrist hatte nichts gegen den Plan einwenden wollen,
den in reiner Freude eines dankbaren Sohnes der Graf Robert entworfen hatte, mit
der Mutter vereinigt zu leben. Aber er frchtete im Stillen fr das Glck seines
Kindes, denn er hatte im Laufe seines langen Lebens die Erfahrung gemacht, da
selten die Mutter des Mannes die junge Gattin desselben mit Liebe betrachtet;
ja, da oft, je mehr der Sohn selbst von der Mutter geliebt wird, um so
deutlicher eine seltsame Abneigung gegen dessen Gattin sich zeigt, die sich
nicht anders erklren lt, als, da eine eigenschtige Neigung eiferschtig die
Liebe des Sohnes ausschlieend auf sich lenken mchte. Er wurde daher angenehm
berrascht, als er bald gewahr wurde, da in dieser sanften, demthigen Frau
seine Tochter nicht nur eine Mutter, sondern er selbst eine treue Freundin
gewann, die ihm die Beschwerden des Alters zu erleichtern und die letzten Jahre
seines Lebens zu verschnern suchte.
    Da auch diese Besorgni verschwunden war, die ihn auf der Reise gengstigt
hatte, so fhlte der Greis sich vollkommen glcklich. Wie ein Patriarch thronte
er im Lehnsessel in der Mitte seiner Lieben. Jeder suchte ihm seine Liebe und
Achtung zu beweisen, Niemand reizte ihn durch Widerspruch, wie er ihn in Berlin
erfahren hatte, denn der Arzt, der sogleich pflichtgem die Sorge fr seine
Gesundheit bernahm, untersagte es allen Hausgenossen, durch lebhafte Anregungen
die schwachen Lebenskrfte des sich dem Grabe zuneigenden Greises zu zerstren,
dessen Tage auf diese Weise im sesten Frieden der Seele und in aller
Behaglichkeit eines sorgenlosen Lebens dahin schwanden. Und kam der Abend, der
ihm jedes Mal die Sehnsucht nach einer l'Hombre-Partie brachte, so fehlten seine
bestndigen Mitspieler, der Prediger und der Arzt, niemals, und wurde ja einer
von ihnen durch seinen Beruf ein Mal abgehalten, so nahm die Mutter des Grafen
Robert willig die Karten und verkrzte dem Greise die Stunden durch seine
gewohnte Unterhaltung.
    Der Prediger und der Arzt hatten sich durch die Vermittelung des Grafen
Robert leicht mit einander vershnt und betraten von Neuem den Pfad der ihnen
zum Bedrfni gewordenen Freundschaft. Der Prediger war geneigt, die
Zwistigkeiten mit dem Freunde zu vergessen, denn er fhlte sich im Grunde in
allen Verhltnissen des Lebens durch seinen klaren Verstand und richtigen Blick
so sehr ber den Arzt erhaben, da er alles, was er dessen Thorheit nannte,
ruhig verachtete, und der Arzt war zu glcklich, als da er ein feindliches
Gefhl im Herzen htte bewahren knnen.
    Er betrachtete mit Entzcken die gnzliche Vernderung, die der Aufenthalt
in Berlin mit dem Aeueren seiner Braut hervor gebracht hatte. Ein schchternes,
bldes, sich oft linkisch benehmendes Kind war hingegangen, und eine junge Dame
kam zurck, die sich in Kleidern nach der letzten Mode ohne Zwang bewegte, ohne
Verlegenheit an allen Gesprchen Theil nahm und wenigstens eine oberflchliche
Kenntni der Literatur verrieth, und dennoch ruhten, trotz aller dieser
erlangten Vorzge, die blauen Augen noch mit derselben Theilnahme auf ihm, wie
frher, und wie zerstreut er auch war, so hrte er doch, da der Klang ihrer
Stimme gefhlvoller war, wenn sie mit ihm sprach, als wenn sie ihre Worte an
Andere richtete. Das, ihm neue, beseligende Gefhl des Glcks, geliebt zu
werden, gab seinem ganzen Wesen eine Weichheit, die ihn mehr, als je, geneigt
machte, alles zu verzeihen, wodurch er sich beleidigt glaubte. Selbst abgesehen
von dieser glcklichen Stimmung, wie htte er nicht vershnlich sein sollen, -
er trug ja einen vollkommenen Sieg ber den Prediger davon, - sein knftiges
Wohnhaus wurde mit einem Balkon gebaut und die ganze Einrichtung desselben viel
schner, als er es htte ersinnen knnen. Er hatte schon im Frhlinge einen
Theil seines Gartens mit auslndischen Struchern und Gewchsen bepflanzen
lassen, von denen ihn Bcher, die er zu diesem Behufe angeschafft, lehrten, wie
sie behandelt werden mten, wenn sie in unserm Klima gedeihen sollten, und er
nannte den Raum, auf dem diese Gewchse vereinigt waren, seinen botanischen
Garten. Aber freilich gewhrte dieser einen traurigen Anblick; denn da der Arzt
den Grtner in der Behandlung der Pflanzen unterrichtete und durchaus darauf
bestand, da sie ganz nach seiner Vorschrift gewartet werden sollten, so gingen
die meisten aus, welches der Grtner ganz natrlich fand, der sich oft uerte,
wenn der Arzt die Sache nur ihm berlassen und den armen Pflanzen Ruhe gnnen
wollte, so wrde sie Gott eben so gut wachsen lassen, wie andere unter seiner
Pflege befindliche im Treibhause des Schlosses. Die Milingen seiner Anlage
hatte den Arzt oft verdrlich gemacht und ihn dem Spotte des Predigers
ausgesetzt. Aber nun richtete er die kleinen scharfen Augen im Gefhle des
Sieges auf den spottenden Freund, denn es hatte ihm nur ein Wort gekostet und
der Graf Robert hatte ihm versprochen, ein Treibhaus mit dem neuen Gebude zu
verbinden, und die Pflanzen aller Himmelsstriche konnten dann durch den
geschickten Grtner des Schlosses gezogen werden.
    Mit dem Gefhle inniger Dankbarkeit berrechnete der Arzt oft sein Glck.
Ein anstndiges Auskommen; eine junge, schne, ihn schwrmerisch liebende Braut;
ein prchtiges, einem adlichen Wohnsitze hnliches, schon im Entstehen
begriffenes Haus, daran ein Treibhaus und ein botanischer Garten, darin eine
Bibliothek und ein Naturalienkabinet; fr alle Gensse des Leibes und Geistes
also auf alle Weise gesorgt; dabei geachtet von seiner Umgebung, glcklich in
seinen Launen. Dankend hob er nach solchen Betrachtungen die Hnde zum Himmel
empor; die kleinen Augen glnzten in Thrnen seliger Rhrung, und er versprach
sich selbst, sein Glck wrdig zu genieen, und bescheiden und dankbar zu
bleiben.
    Die Frau Professorin hatte freiwillig die Fhrung des Haushalts im Schlosse
bernommen, weil der thtigen Frau Beschftigung Bedrfni war. Aber sie
bemerkte oft, da die Abwesenheit Dbois nur zu sichtbar sei, denn die Ordnung,
die Ruhe, der Anstand und das vornehme Wesen, welches er zu erhalten verstehe,
werde nie ganz ohne ihn erreicht werden, - eine Anerkennung, die den alten Mann
entzckt haben wrde, wenn er sie htte vernehmen knnen.
    So wohl und glcklich fhlten sich alle Bewohner des Schlosses Hohenthal,
whrend die eigentlichen Besitzer manchem Kummer im Herzen Raum gaben.

                                       IV


Nach der Abreise ihrer geliebten Freunde wurde die dadurch entstehende Lcke in
der grflichen Familie in Berlin sehr fhlbar, und der Trbsinn wurde
gesteigert, weil keine Nachrichten von St. Julien eintreffen wollten. Es war nur
zu deutlich, da die Freude der Spanier ber einen Herrscher aus Napoleons
Geschlecht nicht so gro war, als dessen Bulletins der Welt verknden wollten,
und die Sorge um den Sohn und Geliebten senkte sich schmerzlich in die Brust der
einsamen Freunde. Jeder suchte den Andern zu schonen und wollte dehalb seine
Sorgen nicht bekennen, aber der verschwiegene Gram nagte sichtlich an Aller
Herzen. Wie ein elektrischer Schlag zuckte daher die Freude durch jede Brust und
lhmte fr einen Augenblick die Kraft der Glieder, als endlich ein groes Paket
eintraf, welches auer den Briefen voll zrtlicher Liebe fr die Mutter und
glhendem Gefhl fr die Braut noch eine Art von Tagebuch fr den Grafen
enthielt, worin sich auf jeder Seite das kindliche Gefhl eines guten Sohnes
aussprach und welches zugleich eine kurze Darstellung der Begebenheiten in
Spanien enthielt, so weit sie ohne Gefahr fr den Schreiber und Empfnger
berhrt werden durften. Nachdem er die weltgeschichtlichen Begebenheiten, die
unter seinen Augen sich ereignet, flchtig angedeutet hatte, sagte er unter
Anderem: Bald nach des Knigs Joseph glnzendem Einzuge in die neue Hauptstadt
seines Reiches, wurde ich von Vittoria mit Depeschen an ihn gesendet und ich
lugne nicht, da ich gern die Gelegenheit ergriff, die sich dort neu
gestaltende Welt in der Nhe zu sehen, und ein poetisches Gefhl lie es mich
hchst reizend denken, an den Ufern des Manzanares zu wandeln, obgleich es mir
bekannt war, da die Lage der Hauptstadt in Ansehung ihrer malerischen und
poetischen Umgebung weit hinter der anderer Stdte des Reichs zurck steht.
    Ich fand den Knig Joseph von einem glnzenden Hofe umgeben, der freilich
zum groen Theil aus Franzosen bestand. Aber es ist auch nicht zu lugnen, da
viele vorzgliche Geister sich ihm anschlieen, die durch seinen Einflu und
Napoleons mchtige Hlfe die Fesseln des Geistes abzuwerfen hoffen, unter deren
Druck Spanien so lange schmachtet, so da die edelsten Krfte einer groherzigen
Nation seit lange einer groen Theils unwrdigen Geistlichkeit zur Befriedigung
eigenschtigen Verlangens dienen. Ja, der aufgeklrte Theil der Geistlichkeit
selbst seufzt nach der Erlsung von diesem Joche. Um so sorgfltiger aber sucht
der bei Weitem grere Theil derselben den beschrnkten Sinn des Volkes vor
jedem eindringenden Lichtstrahle zu bewahren, denn sie fhlen natrlich, da die
Wurzel ihrer Macht erschttert werden mu, wenn das Volk aufhrt zu glauben, da
Seligkeit und Verdammni unmittelbar in den Hnden der Priester ruht. Wir werden
also nicht blo den Kampf zu bestehen haben, der durch ein verwundetes
Nationalgefhl erregt ist, sondern unser furchtbarster Feind ist der Fanatismus,
den die Priester zu ihrem eigenen Vortheile sowohl, als zu Gunsten Ferdinands im
Volke erregen, und durch alle Mittel, die ihnen zu Gebote stehen, strken und
nhren.
    Diese Betrachtungen drngten sich mir auf, so flchtig auch nur die
Beobachtungen waren, die ich anstellen konnte, denn kaum hatte ich am Morgen
meine Depeschen abgegeben und mich dem Knige vorstellen lassen, der mich mit
groer Huld empfing, als ich auch schon von so vielen Bekannten umringt und in
so viele Zerstreuungen verwickelt wurde, da mir keine Zeit zu ernsten
Beobachtungen blieb. Als die Seele aller Gesellschaften hrte ich einen
liebenswrdigen deutschen Baron allenthalben nennen, der sich dem Hofe des
Knigs angeschlossen hatte, und von diesem selbst als ein geistreicher und
unterrichteter Mann, und angenehmer Gesellschafter besonders ausgezeichnet
wurde. Auch bei den Damen hatte dieser Fremde viel Glck, und eine reiche,
vornehme und schne Frau, die der Knig selbst oft mit seinem Besuch beehre,
habe sich ganz offen fr ihn erklrt, hie es, so da man erwartete, die groe
Neigung werde Beide zu einer ehelichen Vereinigung bestimmen und der Knig werde
dann den aus einem alten Geschlecht abstammenden Deutschen mit sehr bedeutenden
Ehrenstellen bekleiden.
    Da ich diesen gefeierten Mann von allen Seiten als ein Ideal der
Liebenswrdigkeit preisen hrte, so wurde endlich meine Neugierde erregt und ich
fragte nach seinem Namen. Viele wuten diesen gar nicht. Er war ihnen blo als
der liebenswrdige deutsche Baron bekannt oder als Don Fernando. Endlich nannte
ihn mir ein besser Unterrichteter als Baron Schlebach, und mir fiel ein, da ein
solcher ja unser Verwandter sein msse, weil ja die auch der Name meiner Mutter
ist, und ich beschlo mich mit ihm bekannt zu machen.
    Der Tag war mir unter mannichfachen Zerstreuungen verschwunden und am Abend
war Cirkel bei Hofe, wo auch ich erscheinen mute. Es war eine glnzende
Versammlung, die sich vereinigte, und es htte mir wohl mancher der Anwesenden
wichtig sein knnen, wenn nicht meine Aufmerksamkeit auf einen einzigen
Gegenstand wre gelenkt worden. Dort steht der deutsche Baron, flsterte mir ein
Bekannter zu. Meine Augen folgten dem Winke der seinigen und trafen auf einen
Blick, dessen Schrfe und Klte mir ein bekanntes Bild hervorriefen, das ich
doch nicht festzuhalten vermochte. In dem Augenblicke redete der Knig den Baron
freundlich an, und das anmuthige Lcheln des in der That schnen Mundes
verbreitete einen eigenen Reiz ber das blasse, von dunkelm Haar umlockte
Gesicht. Die Klte und Schrfe schwand aus den dunkeln Augen, und die schlanke,
reichgekleidete Gestalt erhhte den angenehmen Eindruck, und doch wurde, indem
der Knig sich von ihm wendete und er zurcktrat, ein gemeiner Hochmuth in
seinen Mienen und Gebehrden sichtbar, der auf einmal meinem Gedchtnisse zu
Hlfe kam und mich an den Sekretair des Kommandanten der Festung * * *
erinnerte, der uns damals so bermthig behandelte, und den Sie mir als den Sohn
eines Ihrer ehemaligen Beamten bezeichneten. Ich wollte mich eben diesem
unbekannten Verwandten nhern, als der Knig mich erblickte und mich an meine
Stelle fesselte, indem er sich mir nherte und auch mich durch eine freundliche
Anrede auszeichnete. Die Unterhaltung hatte einige Minuten gewhrt. Als sich der
Knig darauf zu Andern wendete, suchten meine Blicke den Baron vergebens. Ich
wei nicht, hinter welche Gruppe er sich zurckgezogen hatte, denn spt erst,
als der Cirkel sich auflste, sah ich ihn noch einen Augenblick, indem er mit
vielen Andern die Appartements verlie, und zwar in solcher Entfernung, da ich
eine in den kniglichen Slen unschickliche Eile htte anwenden mssen, um ihn
zu erreichen.
    Meine Neugierde war durch diese kleinen Umstnde erhht worden, und ich lie
mich bei der Dame seines Herzens des andern Tages vorstellen, einer schlanken,
edel gebauten Spanierin, deren dunkle, gebietende Augen eine Glut ausstrmten,
die entzcken oder erschrecken mute. Sie lud mich mit aller liebenswrdigen
Gastfreundschaft der Spanier ein, an ihren Abendgesellschaften Theil zu nehmen,
und versicherte mir, da ich in diesen Kreisen manchen Mann antreffen wrde, der
der Stolz seines Vaterlandes sei, wie auch manchen bedeutenden Fremden. Ich
dankte fr ihre gtige Einladung, indem ich sie annahm, und sie erwiederte, da
sie jedem Franzosen mit Vergngen ihr Haus ffne, weil sie von dem franzsischen
Einflu hoffe, da er Spanien von dem geistigen Druck befreien werde, unter
welchem es so unwrdig schmachte. Ich machte die schne, fr ihr herrliches
Vaterland mit Recht begeisterte Dame darauf aufmerksam, da sich doch ein
krftiger Widerstand und zwar nicht blo vom Volke aus gegen unsere Einwirkung
zu offenbaren anfange. Das ist unser Unglck, sagte sie schmerzlich seufzend.
Der Stolz der Spanier weist die fremde Hlfe zurck und wrde das unermeliche
Unglck beweinen, das daraus entspringen mte, wenn die Versuche gelingen
sollten, sich dem fremden Einflusse zu entziehen, denn die ganze Masse des
Volkes wird von der Geistlichkeit in den Fesseln des dumpfen Aberglaubens
gehalten, und es wird diese Kette, die es in seiner Blindheit fr sein Heil und
seinen Ruhm hlt, bis auf den letzten Blutstropfen mit der Tapferkeit chter
Spanier vertheidigen, und viel zu gering ist die Zahl der Einsichtsvollen, das
Bessere Erkennenden, als da sie nicht der Masse erliegen mten. Dehalb
bedrfen wir der fremden Hlfe, um das murrende Volk wider seinen Willen zu
seinem Heile zu leiten, und wenn uns dafr die Flche des jetzigen Geschlechts
treffen, so wird der Segen des knftigen diese Last wieder von uns nehmen. Ich
fand mich berufen, politische Streitfragen mit der schnen Dame zu errtern, und
verabschiedete mich in der schnen Hoffnung, die Bekanntschaft eines mir etwas
rthselhaften Verwandten bei ihr zu machen.
    Es war natrlich, da ich noch denselben Abend von der Erlaubni Gebrauch
machte und den glnzenden Kreis vermehrte, der sich um die schne Frau
versammelte. Aber wenn ich am Morgen die gebietende Hoheit ihrer Miene bewundert
hatte, die doch auf eine wunderbare Weise mit Zrtlichkeit und selbst Schalkheit
gemischt war, so lag am Abend Schmerz und Trauer unverkennbar auf der edeln
Stirn; der Mund zwang sich zum Lcheln, um die freundlichen Reden der Gste zu
beantworten; aber selbst die Lcheln hatte einen schmerzlichen Ausdruck. Ich
gestehe inde, da ich keinen lebhaften Antheil an dem sichtbaren Kummer der
schnen Frau nahm, meine Augen suchten in dem glnzenden Kreise den deutschen
Baron und suchten ihn vergeblich.
    Endlich richteten einige nhere Bekannte die Frage gerade zu an die Dame des
Hauses, wie es komme, da man den liebenswrdigen Don Fernando diesen Abend
vergeblich erwarte. Es schien, seine liebenswrdige Freundin hatte nur diese
Frage erwartet, um ohne Rckhalt den Schmerz ihres Busens zu entfesseln. Sie
theilte den Freunden mit, da er sie noch diesen Morgen vollkommen gesund
besucht habe; kurz nachdem Sie mich verlassen hatten, sagte sie, indem sie sich
an mich wendete. Ich theilte ihm meine Freude ber meine Bekanntschaft mit Ihnen
mit, und er schien lebhaften Antheil daran zu nehmen, aber bald darauf wurde er
von heftigem Schwindel befallen. Er fuhr nach Hause, und nun erfahre ich auf
meine Erkundigungen, da er ernstlich krank ist und das Bett vielleicht in
mehreren Tagen nicht verlassen kann.
    Die ganze Gesellschaft bewies die lebhafteste Theilnahme fr Don Ferdinand,
und Jeder versicherte, ihn des andern Morgens besuchen zu wollen, um sich von
seinem Befinden zu unterrichten. Ich war nicht der letzte, der diesen Entschlu
fate, denn ich wollte die Zweifel, die immer lebendiger in mir aufstiegen, auf
jeden Fall aufzuklren suchen.
    Ich sumte also nicht, mich in Begleitung eines Bekannten, der mich
vorstellen sollte, nach seiner Wohnung zu verfgen, sobald es am andern Morgen
die Schicklichkeit erlaubte, zu einem Kranken einzudringen. Aber meine Hoffnung
wurde getuscht, denn wir wurden an der Thre hflich mit dem Bescheide
abgewiesen, da Don Fernando sich so bel befnde, da er Niemand empfangen
knne. Drei Tage nach einander setzte ich hartnckig meine Belagerung fort.
Endlich gab ich die fruchtlose Bemhung auf, in der Meinung, da der Kranke doch
endlich wieder sichtbar werden msse. Nach einigen Tagen aber wurde mir
angezeigt, da ich meine Depeschen beim Minister in Empfang nehmen und meine
Rckreise nach Vittoria antreten knne. Ich zgerte natrlich nicht, meine
Pflicht zu erfllen, und war in derselben Stunde bereit, abzureisen, als mir der
Knig melden lie, ich mge meine Abreise bis zum andern Tage verschieben, weil
er mir den Morgen um neun Uhr noch einige Auftrge selbst ertheilen wolle. Ich
mute diesem Befehle gehorchen, und ich hatte am andern Morgen die Auftrge des
Knigs vernommen, die es ihm besser duchte, mir mndlich zu vertrauen, als sie
in Depeschen mitzutheilen, deren Befrderung immer unsicher ist, weil es tausend
Mglichkeiten giebt, sie dem Ueberbringer zu entreien, da im Gegentheile ein
Mann von Ehre die ihm anvertrauten Dinge wenigstens mit in sein Grab nimmt, ohne
sie zu verrathen, wenn selbst Tod oder Gefangenschaft ihn hindern sollte, sie
gehrigen Orts mitzutheilen. Der Knig hatte mich sehr freundlich, sehr
wohlwollend entlassen, und ich dachte in diesem Augenblick am Wenigsten an
unsern sich rthselhaft verbergenden Verwandten, als ich im Vorsaale pltzlich
auf ihn stie und wir uns ganz nahe gegenber standen, indem er in demselben
Augenblick durch eine Thre in den Saal trat, whrend ich mich durch dieselbe
entfernen wollte. Er war bei meinem Anblick sichtbar berrascht, doch hatte er
im Augenblick seine Fassung wieder gewonnen und schien eben so schnell den
Entschlu gefat zu haben, mir nicht mehr ausweichen zu wollen, da die, ohne
sehr auffallend zu handeln, nicht mehr geschehen konnte. Die alles war die
Sache eines Augenblicks, und ich wollte ihn eben anreden, als sein gutes
Geschick ihn abermals und vielleicht auf immer von mir erlste, denn indem ich
ihn anreden wollte, winkte ein Kammerherr des Knigs ihn in die inneren Zimmer
desselben hinein. Sichtbar beruhigt schlpfte der Verlegene mit einer leichten
Verbeugung bei mir vorbei, um dem ihn befreienden Winke zu folgen, und ich trat
meine Reise nach Vittoria an, ohne etwas Nheres von diesem rthselhaften Baron
erfahren zu haben.
    Als der Graf diese Mitteilung St. Juliens aufmerksam gelesen hatte, wurde
ihm seine frhere Vermuthung zur Gewiheit, da nmlich in jenem dem alten
Lorenz gemeldeten Duell nicht dessen unwrdiger Sohn, sondern der Baron
geblieben sei, dessen Name nun von dem jungen Lorenz benutzt worden sei, um sich
in Verhltnisse zu drngen, die ihm auf andern Wegen wahrscheinlich unerreichbar
geblieben wren. Der Graf berlegte, ob es nicht seine Pflicht sei, Schritte zu
thun, um einen Betrug zu enthllen, der vielleicht eine liebenswrdige Frau zur
Beute eines Abendtheurers machte, denn die war doch eine ausgemachte Sache, da
dieser Don Fernando der Bruder seiner Gattin nicht war, wenn er selbst nicht der
junge Lorenz sein sollte. Um aber ganz sicher zu gehen und Niemanden ohne Noth
zu beleidigen, beschlo er auf jeden Fall vorher genaue Erkundigungen
einzuziehen, ob etwa noch ein anderer Baron Schlebach lebe und sich in Spanien
aufhalte, der Grfin aber nichts davon zu sagen, da er berzeugt sei, der
Bruder, dessen Rckkunft sie zuweilen frchtete, ruhe schon lngst im Grabe.
    Die Sorge um den geliebten Sohn schob bald jede andere Betrachtung in den
Hintergrund der Seele zurck, denn in Spanien entwickelten sich Kmpfe und
Gefahren, die fr sein Leben tglich zittern lieen, und wenn die Freude das
Herz auf kurze Zeit bewegte und die Augen entzckt auf den Zgen der geliebten
Hand ruhten, so wandelte die Betrachtung gar bald die Tropfen der Freude in
Zhren der Wehmuth, denn wenn sich auch die Eltern und die Geliebte an diesen
Briefen erfreuten, die heitere Gesundheit und zrtliche Liebe athmeten, so war
doch schon ein langer Zeitraum seit ihrer Abfassung verstrichen und in dieser
langen Zeit konnten Gefechte genug vorgefallen sein, die das theure Leben
gefhrdet hatten. So nahte der Winter trbe und traurig. Der Herbst hatte die
Hoffnung gewhrt, da wenigstens die dumpfe Ruhe des drckenden Friedens in
Deutschland bestehen knne, aber auch diese Hoffnung war entschwunden und
Oestreich rstete sich zum erneuerten Kampfe. Napoleon entwickelte eine
bewundernswrdige Thtigkeit. In kurzer Frist war ein sieggewohntes Heer
vereinigt, und das traurige Schauspiel sollte sich erneuern. Deutsche sollten
wieder gegen Deutsche kmpfend erblickt werden, und die deutsche Erde sollte von
Neuem das Blut der eigenen Kinder trinken und in ihrem Schooe die Leichen ihrer
von deutscher Hand erschlagenen Shne verbergen.
    Nicht alle franzsischen Truppen hatten aus Spanien hinweg gezogen werden
knnen, aber unter denen, die an den Rhein beordert waren, befand sich das
Regiment, in welchem St. Julien diente, und Eltern und Geliebte hatten
wenigstens den Trost, ihn sich nher zu wissen.
    Niemals war die Hoffnung so allgemein, so lebendig gewesen, als nach
Oesterreichs Kriegserklrung; vielleicht nur, weil der Druck, unter welchem die
Vlker seufzten, immer lstiger, ihr Unglck immer schmerzlicher wurde. Aber wie
dem auch sei, es konnte dem Beobachter nicht entgehen, da es nur einer
siegreichen Schlacht bedurft htte, und ein groer Theil Deutschlands htte sich
schon damals dem sterreichischen Heere wider Napoleon angeschlossen; aber die
Schlachten gingen verloren, und unaufhaltsam, wie ein reiender Strom, drangen
Napoleons Heere vorwrts.
    Alle Hoffnungen, die man damals auf Oesterreich setzte, gingen unter, und
auch die laut mit Frankreich Krieg verlangende Berliner Jugend verstummte, denn
ihr Held, in dem sie den Erretter, den Befreier Deutschlands zu sehen whnte,
war gefallen, mit Heldenmuth zwar, aber fr sein Vaterland vllig nutzlos, und
die Ueberreste seiner tapfern Schaar, die nicht so glcklich waren, entfliehen
und sich verbergen zu knnen, fielen einem Feinde in die Hnde, der sie nicht
mit gromthiger Schonung behandelte, sondern sie das hrteste Schicksal
erdulden lie.
    Wer auch von Schills gewagtem Unternehmen nicht die Hoffnungen hegte, die
seine lauten Bewunderer aussprachen, mute dennoch das unglckliche Ende eines
Mannes schmerzlich beklagen, der Gutes und Groes wollte, aber seine Zeit
miverstand und dehalb der Zeit vorgriff.
    Die Grfin und Emilie lebten in dieser Zeit in qualvoller Angst. Dem Grafen
selbst bangte fr den geliebten Sohn, und alle Grnde, die er anfhrte, um die
Frauen zu beruhigen, verloren ihre Kraft, weil man zu deutlich fhlte, da er
die Hoffnungen, die er erregen wollte, nicht theilen konnte. Auch Dbois ging
trostlos umher. Der letzte Sprling des Hauses Evremont! seufzte er oft fr
sich; Herr erhalte ihn, setzte er jedes Mal hinzu, indem er die gefalteten Hnde
flehend zum Himmel erhob. Jedes Zeitungsblatt erhhte die peinliche Unruhe der
Familie; beinah ein jedes enthielt Nachrichten von Gefechten und Schlachten, und
man wute, St. Juliens Regiment focht in den meisten, und von ihm selbst
gelangte keine Nachricht zu der trauernden Familie. Endlich war der
Waffenstillstand geschlossen und es lie sich voraussehen, da der Friede auf
denselben folgen wrde, und zwar ein Friede, der Napoleons Macht nur noch hher
heben und das unglckliche Deutschland noch tiefer niederdrcken mute. Diese
Ueberzeugung verbreitete eine schmerzliche Trauer ber Deutschland, die auch der
Graf empfand, aber die pltzlich gemildert wurde und der hchsten Freude im
Kreise dieser Familie Raum gab, denn ein Paket von St. Julien traf ein und
meldete nach allen berstandenen Gefahren, bis auf eine leichte Verwundung,
seine vollkommene Gesundheit. Zugleich theilte er die Nachricht mit, da er zum
Obristen ernannt worden sei, beklagte aber, da er in dieser unruhig bewegten
Zeit noch nicht habe Mittel finden knnen, die Anerkennung des Namens Evremont
zu bewirken. Sein Brief war im Taumel der Siegesfreude geschrieben, denn nur
Frankreichs Ruhm und sein eigner, den er noch zu erreichen hoffte, hatten ihm
vorgeschwebt, indem er schrieb; und er dachte nicht daran, welchen schneidenden
Gegensatz sein Gefhl zu der schmerzlichen Trauer seiner Freunde ber ihr
Vaterland bilden mute. Die Frauen sahen ber die Ausdrcke jugendlicher
Begeisterung hinweg; sie suchten in St. Juliens Briefen nichts, als Zeichen
fortdauernder Liebe, zrtlicher Treue, und fhlten nach langer Zeit
schmerzlichen Grams und zerstrender Angst Ruhe und Hoffnung im beseligten,
zrtlich bewegten Herzen. Des Grafen Freude war nur in den ersten Augenblicken
rein. Er fhlte es in den nchsten Minuten schmerzlich, da Mnner doch nur dann
ganz in Liebe verbndet sein knnen, wenn ihre heiligsten Interessen dieselben
sind, und er wnschte sehnlicher als je, St. Julien bewegen zu knnen,
Frankreich zu verlassen und sich als Brger deutscher Erde zu betrachten; diese
recht im Genusse des Sieges und des Ruhmes geschriebenen Briefe aber lieen ihn
frchten, da der junge Mann schwer zu bewegen sein drfte, eine Laufbahn
aufzugeben, die seinem Ehrgeize so viele Befriedigung versprach. Man
beantwortete St. Juliens Schreiben sogleich und der lang gestrte Briefwechsel
wurde nun wieder regelmig fortgefhrt.
    Noch war die Freude in allen Herzen lebendig, als der Graf von Neuem
lchelnd die Bemerkung machte, da der Mensch im Gefhle des hohen Glcks oder
eines groen Unglcks zunchst an sich denkt, und da dann alles andere, was er
sein Hchstes und Heiligstes immerwhrend genannt hat, in den Hintergrund tritt
und nur erst wieder beachtet wird, wenn die Freude oder das Leid, welches uns
persnlich trifft, durch Zeit und Gewohnheit gemildert wird. Der Graf in seinem
milden Sinne fand diese Empfindungsweise menschlich und natrlich, und meinte,
wir wren noch weit von schnder Selbstsucht entfernt, wenn wir auch die ersten
Augenblicke des Glcks oder des Kummers ungetheilt uns selbst widmeten, sobald
wir nur dann wieder auch auf andere Menschen und ihre Schmerzen uns besnnen.
Sein Vetter aber, der Graf Robert, hatte mit strengerem Sinn oft gegen ihn den
Ruhm der Spartanertugend bewundernd anerkannt und behauptet, ein chter Sohn des
Vaterlandes werde dessen Unglck und Erniedrigung auch im hchsten eigenen
Glcke stets empfinden; ja, er hatte behauptet, da es fr ihn gar kein Glck
geben knne, das im Stande wre, sein Herz so ganz zu erfllen, da er seines
Vaterlandes nicht gedchte, und nun hielt der Graf einen Brief von ihm in der
Hand, in dem er ihm mit dem hchsten Entzcken die Geburt eines Sohnes meldete
und des trauernden Vaterlandes mit keiner Sylbe gedachte. Ja, man fhlte es
diesem Schreiben an, da alle brigen Verhltnisse der Welt dem Herzen des
Vaters gleichgltig schienen, der den neugebornen Sohn in seinen Armen hielt,
und dessen zrtlich geliebte Gattin die Schmerzen und Gefahren der Geburt
glcklick berstanden hatte. Der Graf fand diese reine, ungetheilte Freude
natrlich, aber er nahm sich doch vor, seinen Vetter darauf aufmerksam zu
machen, da er nun nie mehr von der menschlichen Natur erwarten drfe, als was
er selbst geleistet habe.
    Auch der Obrist Thalheim hatte mit zitternder Hand dem Grafen sein Glck
gemeldet, und er sowohl als der Graf Robert baten ihn, mit seiner Familie der
Taufe des Neugebornen beizuwohnen, und diese Bitte verstrkte der Graf Robert
dadurch, da er seinem Oheim vorstellte, wichtige die Verwaltung der Gter
betreffende Geschfte machten eine mndliche Unterredung durchaus nothwendig.
    Der Graf theilte den Damen die empfangenen Nachrichten mit, und freudige
Theilnahme bewegte Aller Herzen. Auf die Frage aber, ob sie ihn nach Hohenthal
begleiten wollten, folgte ein ernstliches Bedenken. Die Grfin bemerkte, da es
ihr schwer fallen wrde, sich wieder allen neugierigen Fragen des Geistlichen
und der Nachbaren auszusetzen, und Emilie sagte leise und errthend, da dann
auch wieder der regelmige Briefwechsel, der kaum mit St. Julien eingeleitet
wre, gestrt werden msse, wenn man sich von Berlin, wohin nun alle Briefe
gerichtet wrden, entfernen wollte. Es wurde also bestimmt, da nur der Graf
allein nach Hohenthal reisen sollte, von den besten Wnschen der
Zurckbleibenden begleitet. Er meldete seinem Vetter diesen Beschlu nebst dem
Tage seiner Ankunft.
    Auf den dritten Tag nach dem Empfange dieses Briefes war die Abreise nach
Hohenthal festgesetzt, und in dieser Zwischenzeit war eine emsige Geschftigkeit
der Frauen bemerklich, und als der Tag der Abreise erschien, erstaunte der Graf
ber die Menge der Schachteln, Kartons und Krbchen, die er mitnehmen sollte,
welche die Geschenke fr die junge Mutter und den Neugebornen enthielten, die
die Freundinnen sendeten. Ich bin doch oft, sagte der Graf lchelnd, mit Frauen
gereist und habe es immer unwahr gefunden, wenn sie beschuldigt werden, so
unermelich viele kleine Bedrfnisse in kleinen Behltern mit sich zu fhren,
da sich das Reisen mit ihnen leicht in eine Qual verwandeln knne, und nun soll
ich allein reisen, und werde zum ersten Mal so mit Schachteln und Krben
umgeben, da es nur Dbois Genie mglich sein wird, die alles so zu ordnen, da
noch ein vllig erwachsener Mensch Raum daneben im Wagen findet.
    Ist es nicht ungerecht, sagte die Grfin lchelnd, die kleine Beschwerde
nicht ertragen zu wollen? Hat uns nicht selbst, wie wir das Leben bewutlos und
hlflos betraten, die liebende Sorge zrtlicher Freunde begrt? Liegt nicht
etwas Rhrendes darin, wenn wir uns vorsorgend um ein neugebornes Wesen
beschftigen, so da alles bereit ist, dessen es in der Zukunft in seiner
Hlflosigkeit bedarf? Ich wenigstens kann mir nichts Traurigeres denken, als
wenn der Mensch schon beim Beginne seines Lebens Liebe und Theilnahme entbehrt.
    Wohl, sagte der Graf ernsthaft, ich werde dem Neugebornen die Geschenke
berbringen und ihm nichts von dem entziehen, was sein aufdmmerndes Leben
verschnern soll und ihn doch oft nur qult, indem Mutter und Amme ihn mit
Dingen zu putzen streben, die er gar nicht zu wrdigen versteht.
    Dbois hatte whrend dieser Unterredung Alles geordnet, und der Graf fand zu
seiner eigenen Verwunderung fr Alles hinreichenden Raum in dem vorgefahrnen
Wagen, der ihn bald aus dem Gesichtskreise der Frauen entfhrte und den Bergen
entgegen rollte, die den alten Sitz seiner Ahnen umgaben.

                                       V


In Hohenthal herrschte die reinste Freude. Mit lautem Entzcken wurde der Graf
bei seiner Ankunft von seinem ihm entgegen eilenden Vetter begrt, und an der
Thre des Saales empfing ihn der Obrist, der ihm auch hatte entgegen gehen
wollen, aber seine vom Alter geschwchten Krfte waren nicht mehr hinreichend
zur eiligen Bewegung. Er streckte dem Grafen die zitternden Arme entgegen, der
gleich bei der Begrung bemerkte, da der Greis in dem letzten Jahre, seit er
ihn nicht gesehen, sich mit starken Schritten dem Grabe genhert habe, und ein
Blick auf den Arzt, der sich im Saale befand und von dem Obristen unbemerkt
leise die Schultern zuckte, besttigte die schnell gemachte Bemerkung. Der Graf
sendete der jungen Mutter alle mitgebrachten Geschenke und lie ihr seine
Ankunft melden, weil er durch keine Ueberraschung ihre Gesundheit in Gefahr
bringen wollte. Der Arzt bernahm vorsichtig selbst die Anmeldung, und der Graf
erneuerte gegen den Obristen seine freudigen Glckwnsche. Der Herr hat mir
alles gegeben, sagte der Greis, um was ich in ngstlichen Stunden inbrnstig
flehte; mein Kind ist erhalten und Gott hat ihr einen Sohn geschenkt, an dem sie
so viel Freude und Trost erleben mge, wie sie mir selber gewhrt hat. Er hatte,
indem er diese Worte sagte, die vor Alter zitternden Hnde gefaltet und richtete
den thrnenfeuchten Blick nach oben. Der Graf betrachtete gerhrt die hinfllige
Gestalt, und Graf Robert, der den Blick verstand, drckte mit trauriger Miene
die Hand seines Oheims. Der Arzt kam zurck und meldete, die junge Frau Grfin
sei zum Empfange des Herrn Oheims bereit, und die Mnner begaben sich nach den
inneren Zimmern. Es war dem Grafen wunderbar zu Muthe, als er das ehemalige
Schlafzimmer seiner Gemahlin betrat, und mit annmuthiger Gebehrde und
holdseligem Lcheln die liebliche Therese, den neugebornen Sohn in den Armen,
ihm entgegentrat. Sie wollte ihn anreden, doch die heilige Rhrung der ersten
Mutterliebe machte, da ihr die Stimme versagte. Sie reichte ihm das Kind
entgegen und der Graf, von Gefhl berwltigt, neigte sich herab und drckte
einen leichten Ku auf die unschuldige Stirn des dem Leben bewutlos entgegen
schlummerden neuen Brgers der Erde. Indem seine Lippen das zarte Kind
berhrten, zuckte das schmerzliche Gefhl durch seine Brust, da der Himmel ihm
das hchste menschliche Glck versagt habe, und er wendete sich ab, um die
Gefhl nicht bemerken zu lassen. Der Graf Robert wollte seinen Sohn der Mutter
aus den Armen nehmen, weil er jede Anstrengung fr sie noch fr zu angreifend
hielt, aber die Frau Professorin trat hervor und vereitelte seine Absicht. Es
geht nicht an, sagte sie ziemlich trocken, da Sie mit dem Kinde so viel herum
handthiren. Blo dehalb sind die ltesten Kinder so oft nervenschwach, weil die
jungen Eltern mit ihnen wie mit einem Spielzeuge umgehen. Ein Kind mu vor allen
Dingen Ruhe haben und in den ersten sechs Wochen seines Lebens nichts anderes
thun, als Nahrung nehmen und schlafen, dann werden gesunde Menschen daraus.
Whrend dieser Rede hatte sie den Neugebornen zur Ruhe in sein Bettchen
gebracht, und nun erst richtete sie ihre tiefste, ehrerbietigste Verbeugung an
den Grafen, die dieser hflich erwiederte, ohne inde sein begonnenes Gesprch
mit der Mutter des Grafen Robert abzubrechen, der er sich, inde die Frau
Professorin sprach, hatte vorstellen lassen. Diese schchterne, sanfte Frau
hatte ihr Leben ohne alle Freude verblhen sehen; ihre Jugend war im Hause ihrer
Eltern aus Mangel an Liebe traurig dahingeschwunden, Ihr Vater dachte nur an
Handel und Gewinn, und nur sein Stolz verband sie mit dem Grafen, den er weder
achtete, noch liebte. Im Hause ihres Gatten war ihr Leben eine Kette von
Bekmmernissen und Krnkungen, die theils aus Mangel, theils aus dem Hochmuth
der Freunde und Verwandten ihres Gatten, theils aus dessen eigenem Charakter
entsprangen, den sie nicht achten konnte, obwohl sie sich ihren Gemahl zu lieben
zwang. Armuth nthigte sie, sich von dem Sohne zu trennen, den sie mit
Leidenschaft liebte, und die vernachligte Erziehung ihrer Tchter zu beweinen,
deren traurige Zukunft sich gar nicht berechnen lie. Diese ganze drckende Last
der Schmerzen war nun von ihr genommen, aber ihr Herz zitterte noch lange in den
Nachwehen der Leiden, als sie schon tglich Gott mit Thrnen fr die glckliche
Wendung ihres Schicksals dankte. Nach langen kummervollen Jahren war sie nun der
peinvollen Sorgen der Armuth entledigt, und sah sich und die Ihrigen mit allen
Zeichen der Wohlhabenheit umgeben. Der Sohn, den die Abwesenheit seit den
Kinderjahren ihr entfremdet hatte, war ihr von Neuem mit inniger Liebe
zugewendet, die sich tglich mehrte, je mehr er das reine, liebevolle Gemth der
Mutter erkannte. Seine Gattin hatte sich ihr ganz in Zrtlichkeit hingegeben,
und die verwilderten Tchter hatten das knabenhafte Toben lngst mit den
besseren Sitten sich entwickelnder Jungfrauen vertauscht. Der alte Obrist
endlich hing mit dankbarer Freundschaft an dieser liebreichen Frau und sagte
oft, indem er ihre Hand drckte: Wenn ich sterbe, ist mein Kind darum noch nicht
verwaist, denn ihr bleibt eine Mutter, wenn der Vater scheidet. Dieses ruhige,
sich in sanftem Wechsel kaum merklich bewegende Leben schien ihr nun von Neuem
bedroht. Sie hatte die Ankunft des Grafen gefrchtet, auf die sich alle brigen
Glieder der Familie freuten, denn es schien ihr kaum mglich, da ein reicher,
vornehmer Mann ohne die Anmaung auftreten sollte, die ihr schon bei minder
begterten und minder ausgezeichneten Mitgliedern der Familie ihres verstorbenen
Gatten so drckend geworden war. Sie war in dieser Meinung bestrkt worden, denn
sie hatte sich herabgelassen, die Base des Arztes ber die Persnlichkeit des
Grafen auszufragen, weil sie sich gescheut hatte, diese Fragen an die Mitglieder
der Familie zu richten, und diese hatte in ihrer Beschreibung vor Allem die
stolze, vornehme Haltung des Grafen hervorgehoben. Sie rstete sich also mit
Geduld und beschlo mit Sanftmuth die Anmaungen des Wohlthters ihrer Kinder zu
ertragen. Um so angenehmer wurde sie also berrascht, als der Graf zwar mit
aller Feinheit der Sitten, die durch das Leben in der groen Welt erworben wird,
sich ihr nherte, aber sie vor Allen mit der Hflichkeit und Achtung behandelte,
die aus dem Gefhl entspringt und einen wohlwollenden Charakter bezeichnet. Bald
fand sich also der Graf nur von dankbaren, liebenden Freunden umringt, und er
bemerkte mit Vergngen auch den jungen Gustav, der die Ferien der Universitt
benutzt hatte, um seinen gromthigen Freund und Beschtzer, den Grafen Robert,
zu besuchen. Auch mit diesem Jngling war eine groe Vernderung vorgegangen. Er
hatte sich mnnlicher ausgebildet und eine gewisse Aengstlichkeit im Betragen
abgelegt, die durch das Drckende seiner frheren Verhltnisse entstanden war.
Er nahm jetzt seine Stelle in der Gesellschaft mit anstndiger Bescheidenheit
ein; auch nannte ihn Niemand mehr Gustav, sondern nach seinem Familiennamen
Herrn Thorfeld.
    Der Prediger hatte sich bald nach des Grafen Ankunft auf dem Schlosse
eingefunden, und es wurde verabredet, da die Taufe des Neugebornen am andern
Tage Statt finden sollte. Da der Graf nicht lange im Kreise seiner Freunde
verweilen wollte, so fhlte Niemand die Neigung, die wenigen Stunden des
Beisammenseins durch geruschvolle Gesellschaften zu verkmmern, und dewegen
sollte die Taufhandlung nicht durch laute, prunkende Feste verherrlicht werden,
sondern die im Schlosse versammelten nchsten Verwandten schienen den jungen
Eltern die wrdigsten Taufzeugen.
    Man versammelte sich des andern Tages im Saale des Schlosses. Der Obrist
erschien in der Uniform mit dem von Friedrich dem Zweiten erhaltenen Orden pour
le merite, und seine Gestalt erschien in der vollen Kleidung noch hinflliger.
Der Prediger sa abgesondert, sich zur Rede, die er beabsichtigte, sammelnd.
Alles zur Feierlichkeit Erforderliche war geordnet, und die Taufhandlung sollte
beginnen. Man reichte dem Obristen seinen neugebornen Enkel. Er wollte ihn in
den Armen empfangen, aber die vor Alter und Rhrung zitternden Glieder versagten
ihm dem Dienst. Er deutete auf den Grafen und eilte mit bebenden Hnden die
Thrnen zu trocknen, deren er sich schmte, weil er fhlte, da die
Kraftlosigkeit des Alters eben so viel Antheil an ihnen hatte, als die Rhrung
der Liebe. Der Neugeborne wurde Walther genannt, nach seinem wrdigen Grovater.
Die Feierlichkeit war beendigt; die mannigfaltigen in den Herzen aller
Theilnehmer angeregten Empfindungen schwanden nach und nach, und gaben einer
ruhigen Heiterkeit Raum, die es gestattete, da sich das Gesprch auch auf
Geschfte richtete. Der Prediger verlie nach der Mittagstafel das Schlo. Die
Schwche des Obristen erforderte Ruhe, deren die junge Mutter ebenfalls
bedurfte, und der Graf schlug seinem Vetter einen Spaziergang vor, den dieser
benutzen wollte, um den Oheim zugleich mit den Verbesserungen in der
Bewirthschaftung bekannt zu machen. Ihr Weg fhrte die beiden Verwandten auch zu
dem Besitzthume des Arztes und seiner Base. Der Bau war schon weit
fortgeschritten. Der Graf lobte den etwas vernderten Plan, den das Treibhaus
nthig gemacht hatte, das nach des Arztes heftigem Wunsche mit dem Hause in
Verbindung stehen sollte. Er lchelte, als er die Anlage zu dem Balkon bemerkte,
der so viele Streitigkeiten veranlat hatte, und rieth dann seinem Vetter
ernsthaft, den Bau des Hauses so sehr als mglich zu beschleunigen, damit er
bald mglichst die Frau Professorin aus dem Schlosse auf eine freundschaftliche
Weise entfernen knne. Denn Sie werden bemerken, setzte der Graf hinzu, da der
sanfte Charakter Ihrer Mutter und die schchterne Jugend Ihrer Gemahlin der
wohlmeinenden Herrschsucht dieser Frau zu viel Raum geben, und dehalb die
Verhltni, wenn es noch lange fortbesteht, am Ende sich nothwendig auf eine
unangenehme Weise auflsen mu.
    Der Graf Robert sah die Richtigkeit dieser Bemerkung um so mehr ein, da ihm
mehr als ein Mal die rcksichtslose Dreistigkeit dieser Frau unangenehm gewesen
war, die um so schroffer hervortrat, da sie nicht mehr durch den Grafen und
seine Gemahlin in Schranken gehalten wurde, und fr die brigen Mitglieder der
Familie nicht die gleiche Ehrfurcht empfand; da sie sich nun bewut war, da sie
es wohl meinte, und immer das Gute und Verstndige wollte, so kmmerte sie sich
wenig darum, in welcher Form sie ihre Meinung ausdrckte.
    Der Graf Robert fhlte sich heiter befriedigt durch die Anerkennung des
Oheims, der allen Bestrebungen seines Vetters, die Bewirthschaftung der Gter zu
verbessern, vollkommene Gerechtigkeit widerfahren lie, und die Verwandten
setzten ihren Weg fort, alles Geschehene und alles noch Erforderliche
besprechend. Es war ein heiterer, milder Herbsttag, und auch der herannahende
Abend behielt den milden, sommerlichen Charakter. Die beiden Freunde beschlossen
den Rckweg ber die nahen Hgel zu nehmen und schlugen dehalb einen Fupfad
ein, der bei einer einsamen, in einem engen Thale liegenden Mhle vorbeifhrte.
Als sie ber die schmale Brcke des Mhlbachs schreiten wollten, blieben Beide
unwillkhrlich stehen. Die scheidende Sonne vergoldete das enge Thal, und des
Abendhimmels Purpur und Gold spiegelte sich auf dem brausenden, schumenden
Mhlbach, der seinen funkelnden Schaum eilig hinunterstrzte und erst spter als
dunkelblaue Fluth, den blumigen Ufern schmeichelnd, sich durch das Thal
schlngelte. Beide Freunde gaben sich den Eindrcken des schnen Abends hin, und
die Erinnerung an die Mhen des Lebens entschwand ihrem Gedchtni. Sie
erstiegen die waldbewachsenen, noch reich belaubten Hgel und lchelten, wie ein
durch die Tritte der Wanderer aus dem hohen Grase aufgescheuchtes Reh an ihnen
vorber sprang und sich im Fliehen mit klugen Augen nach den vermeintlichen
Feinden umschaute. Sie gingen weiter, und ein nahes Rauschen im seitwrts
liegenden dichten Gebsch erregte in ihnen die Vermuthung, da ein zweites Wild
dem ersten folgen wrde. Sie blieben stehen, ihre Blicke auf das Gebsch
gerichtet. Die Zweige desselben wurden auseinander gebogen und eine drre Hand
streckte sich hindurch. Ein bleiches Gesicht, das dunkles, verwildertes Haar und
Bart noch bleicher erscheinen lie, zeigte sich und stierte mit dunkeln,
glanzlosen Augen die beiden Verwandten an. Die bleichen, dnnen Lippen bewegten
sich, doch blieb es ungewi, ob sie zum Lcheln oder Reden die in dem
abgemagerten Gesicht sehr lang erscheinenden Zhne entblten. Spuren einer
Uniform zeigten sich in den Lumpen, die den vorgestreckten Arm bedeckten. Der
Graf starrte die Bild menschlichen Elends mit Entsetzen an; der Graf Robert
aber rief, nachdem er noch einen Augenblick mit hchster Spannung die
Erscheinung betrachtet hatte, die Hnde zusammenschlagend: Heiliger Gott! es ist
Wertheim! Der Genannte bejahte durch eine Senkung des Kopfes mit beinah
wahnsinnigem Lcheln. Graf Robert sprang auf ihn zu. Einen Bissen Brodt, sagte
er mit hohler, wie aus dem Grabe klingender Stimme, und auch fr jenen, wenn es
noch Zeit ist. Der jngere Graf und sein Oheim waren durch das Gebsch gedrungen
und warfen einen Blick des Entsetzens auf die mit scheulichen Lumpen nur
unvollkommen bedeckten Glieder des als Wertheim Erkannten. Dieser deutete auf
einen bewegungslos im Grase liegenden Gegenstand. Die Grafen wollten sich diesem
nhern. Er wird todt sein, sagte Wertheim dumpf; es ist Lehndorf. Um Gottes
Willen, einen Bissen Brodt!
    Ich werde Hlfe schaffen, rief der Graf Robert und wollte in Verzweiflung
fortstrzen. Bleiben Sie hier bei Ihren Freunden, sagte sein Oheim, ihn
zurckhaltend, ich wei hier in der Nhe Hlfe.
    Der Graf eilte auf einem Fupfade quer durch den Wald und erreichte bald die
versteckt liegende, einsame Htte eines Waldwchters. Der Bewohner selbst war in
den Forst gegangen, und nur sein Weib und ein Knabe von etwa zwlf Jahren waren
im Hause. Der Graf erforschte dringend und eilig, zum Erstaunen des Weibes,
welche Nahrung die Htte bieten knnte, und entraffte ihren Hnden einen Krug
Milch, den er dem Knaben gab, indem er ihm eilig zu folgen befahl. Er wollte
schon die Htte verlassen, als er sich besann, dem Weibe ein Geschenk gab und
ihr befahl, so eilig als mglich einen kleinen Wagen zu bespannen und damit auf
der nahe gelegenen Stelle des Waldes zu erscheinen, die er ihr bezeichnete und
die sie sehr wohl kannte.
    Der Graf schritt so hastig voran, da der Knabe, der den Milchkrug in Hnden
hatte, ihm kaum zu folgen vermochte, und so erreichten sie, ganz erhitzt, sehr
bald den Platz, wo der Graf Robert mit Todesangst die Rckkehr seines Oheims
erwartete.
    Es war die letzte Kraftanstrengung gewesen, mit welcher Wertheim sich den
beiden Verwandten zu nhern gesucht hatte. Er war dem Grafen Robert in die Arme
gesunken, so wie dessen Oheim, um Hlfe zu suchen, enteilte. Ich sterbe, hatte
er kaum hrbar hervor gechzt, als der bekmmerte Freund ihn sanft auf den Boden
niedersenkte. Ein leises Sthnen des andern Elenden zeigte, da auch dieser noch
lebe. Der Graf Robert brachte Reisig zusammen, breitete seinen Mantel darber
und suchte nun beide unglckliche Freunde in eine bequemere Stellung zu bringen,
indem sie neben einander mit den Kpfen auf dieser Erhhung ruhten. Das
kraftlose Aechzen der Verschmachtenden zerri sein Herz. Mit entsetzlicher Angst
erwartete er die Rckkehr des Oheims, denn er frchtete, jeder Augenblick knne
der letzte der Leidenden sein.
    Endlich erschien der Graf, selbst sehr erhitzt, und ihm folgte mit von der
Eile glhendem Antlitz der Knabe. Die matten Blicke der Sterbenden richteten
sich dem Retter entgegen. Der Graf nahm den Krug aus den Hnden des Knaben, der
mit weit geffneten Augen die Schreckbilder menschlichen Elends anstarrte. Er
neigte sich zu Wertheim, dessen vor Begierde zitternde Lippen sich dem Rande des
Kruges nherten, den die abgemagerten Hnde mit krampfhafter Gewalt umspannten
und nicht wieder lassen wollten. Der Graf, der das Gefhrliche des Uebermaes
nach langer Entbehrung kannte, brach mit Gewalt die Finger des gierig
Schlrfenden aus einander und wendete sich zu dem Leidensgefhrten desselben,
der in kaum vernehmbaren Tnen ber die Selbstsucht des Freundes klagte. Als
auch dieser erquickt war, sendete der Graf den Knaben dem Fuhrwerk entgegen, das
auch nicht lange ausblieb. Die beiden Unglcklichen wurden auf den mit Stroh
gefllten kleinen Leiterwagen gehoben, mit den Mnteln der Grafen bedeckt und
Graf Robert begleitete die Fuhrwerk, das sich auf den Waldwegen nur langsam
fortbewegen konnte, inde sein Oheim auf Fupfaden voran eilte, um den Arzt von
dem Geschehenen zu benachrichtigen und die Aufnahme der Kranken im Schlosse
vorzubereiten.

                                       VI


Nach den ersten Ausrufungen des Erstaunens ergriff der Arzt schnell einige
strkende Mittel, die er gleich anzuwenden gedachte, und wollte den Kranken
entgegen eilen, doch pltzlich blieb er stehen, betrachtete mit blinzelnden
Augen den Grafen und sagte: Vor Allem mu ich fr Sie sorgen, das ist das
Dringendste. Ich bin gesund, sagte der Graf, ich bedarf keiner Hlfe. Sie sind
furchtbar erhitzt, erwiederte der Arzt, und Sie sind in dem Alter, wo
Schlagflsse anfangen das Leben auch des Gesundesten zu bedrohen. Ueberlassen
Sie mich nur meinem Schicksale, sagte der Graf lchelnd, mein Blut wird sich von
selbst wieder abkhlen. Nein, rief der Arzt mit Heftigkeit, und Thrnen
funkelten in den kleinen Augen, nie wrde ich es mir verzeihen, htte ich meine
Pflicht gegen Sie versumt, und wie knnte je mein Gewissen sich wieder
beruhigen, wenn durch meine Nachligkeit das Leben eines erhabenen
Menschenfreundes, des Schpfers meines Glcks, auch nur um eine Stunde verkrzt
wrde?
    Der Graf fhlte sich bewegt durch die Liebe des Arztes, wenn sie sich auch
auf eine etwas wunderliche Weise kund that. Er lie sich also dessen
Verordnungen gefallen, und bald fhlte er, da seine Pulse wieder regelmig
schlugen, und das Blut nicht mehr gewaltsam zum Kopfe und zum Herzen drngte.
    Der Arzt hatte, ehe er den Kranken entgegen eilte, seiner Base einen Wink
gegeben, die sich sogleich mit Mgden und Bedienten in laute Thtigkeit
versetzte, um das fr die Kranken bestimmte Zimmer mit allen erforderlichen
Bequemlichkeiten zu versehen.
    Die Dmmerung des Abends hatte schon die Gegend rings umher in tiefe
Schatten gehllt, als das elende Fuhrwerk, auf dem die Kranken lagen, von dem
Grafen Robert und dem Arzt begleitet, das Schlo erreichte. Mhsam wurden die
beinah Leblosen vom Wagen gehoben, und sie empfanden eine schmerzliche Wollust,
als sich die entkrfteten Glieder nach so harten Entbehrungen zum ersten Mal
wieder auf ein bequemes Lager streckten. Der Arzt war von heftiger Rhrung
ergriffen, als er die beinah vernichteten, in widrige Lumpen schmachvoll
gehllten Gestalten betrachtete. Wie gro kann das menschliche Elend sein! rief
er klagend. Hier ist die grte Vorsicht nthig, und Gott! wie werde ich den
alten Dbois vermissen! Er ist zwar ein eigensinniger, hochmthiger Mann, der
sich auf seine Aussprache des Franzsischen viel zu viel einbildet, aber einen
trefflicheren Krankenwrter habe ich niemals kennen gelernt. Und Wer wird nun
diese hier bewachen, da sie meine Vorschriften genau befolgen, woran doch ihr
Leben hngt.
    Nun, nun, rief die Frau Professorin, ich will den Herrn Dbois nicht
lstern, aber ich werde doch wohl auch im Stande sein, Kranke zu pflegen, und
ich will den sehen, der mir was Bses nachredet, wenn ich diese Christenliebe an
jungen Mnnern ausbe.
    Der Arzt war hoch erfreut, da seine Base sich zu diesem Dienste erbot, und
er dankte ihr mit einer Innigkeit, als habe sie ihm die grte Wohlthat
erwiesen. Na, was sind das nun fr Weitluftigkeiten, sagte die gutherzige Frau
barsch, um ihre Rhrung zu verbergen. Was geschehen mu, das darf man mir nur
sagen, und ich bin gewi, da sich Keiner unterfangen wird, um ein Haar breit
davon abzuweichen.
    Der Arzt war nun beruhigt. Seine Mittel strkten die Kranken sichtlich, und
er konnte schon am folgenden Tage ein strkendes warmes Bad wagen, wodurch
zugleich die Spuren des Elends von den Unglcklichen abgewaschen wurden, die nun
wieder das Ansehen von zur besseren Gesellschaft gehrigen Menschen gewannen.
Nach einigen Tagen der aufmerksamsten Behandlung schienen auch ihre geistigen
Fhigkeiten zurckzukehren, denn sie gaben zusammenhngende Antworten auf die an
sie gerichteten Fragen, und der Arzt verkndete mit lauter Freude, da er Beide
mit Hlfe seiner Base wieder herzustellen hoffe, die fr die Befolgung seiner
Vorschriften eben so eifrig, wenn auch nicht eben so sanft, wie Dbois, sorge.
    Der Graf Robert hatte whrend dieser Zeit viel mit seinem Oheim ber die
Sicherheit seiner Freunde gesprochen, die ihm gefhrdet schien, da sie zu den
Truppen Schills gehrten, die so unglcklich endeten. Der Graf suchte ihn zu
beruhigen, indem er ihm vorstellte, da die preuischen Behrden gewi keinen
Eifer anwenden wrden, die Theilnehmer an dieser Unternehmung auszuspren, wenn
sie ihnen nicht bestimmt als solche angezeigt wrden, da es also nur der
Klugheit bedrfe, jede Theilnahme der Unglcklichen an Schills Plnen vorsichtig
zu verschweigen und fr die migen Nachbarn, die nicht ermangeln wrden, mit
Fragen einzustrmen, eine wahrscheinliche Fabel zu ersinnen, um ihren klglichen
Zustand gengend zu erklren.
    Der Arzt hatte den Prediger gleich den nchsten Tag in der Bewegung seines
Gemths mit dem traurigen Zustande bekannt gemacht, in welchem die beiden jungen
Edelleute, ehemalige preuische Offiziere, nach dem Schlosse waren gebracht
worden, und jener erschien sogleich, um das Wie und Warum zu erfahren, und als
ihm der Graf Robert mit einiger Verlegenheit antwortete, die Kranken wren noch
so schwach, da man sie nicht um ihr Geschick befragen knne, und da es
berhaupt menschlicher sein wrde, schmerzliche Erinnerungen aus ihrem Gemthe
zu entfernen, als durch Fragen zu erregen, erwiederte der Prediger verdrlich
und spttisch: So wird es uns damit vielleicht gehen, wie mit der Begebenheit
des Herrn St. Julien, der beinah in demselben Zustande in die Schlo gebracht
wurde, und niemals hat man die Veranlassung seines Unglcks erfahren.
    Des Grafen Wangen rthete der Zorn. Sie wissen, Herr Prediger, sagte er mit
einiger Heftigkeit, wie nah mit mir der Obrist St. Julien verbunden ist, und
wenn ich die Grnde ehre, die ihn bestimmen, ber diesen Gegenstand zu
schweigen, so dchte ich, die knnte eine Regel fr alle meine Freunde sein.
    Der Prediger fhlte, er war zu weit gegangen. Ein verdrliches Schweigen
herrschte im Saale. Endlich begann der Geistliche von Neuem: Beinah htte ich es
vergessen, Ihnen mitzutheilen, da der alte Lorenz einen so schndlichen
Gebrauch von dem ihm durch des Sohnes Tod zugefallenen Vermgen gemacht hat, da
ich glaube, er wird bald wieder in drckender Armuth sein.
    Woher schlieen Sie das? fragte der Graf gleichgltig.
    Weil mir diesen Morgen ein jdischer Handelsmann einen Brief von ihm
brachte, in dem er mich ersuchte, Sie dahin zu vermgen, ihm eine schriftliche
Zusicherung der Pension auszustellen, die Sie ihm bewilligt haben, wie er
schreibt, um Lebens und Sterbens Willen, wie mir der Israelit vertraute, damit
er sie diesem verkaufen knne. Man wendete sich an mich, fgte der Prediger
hinzu, weil man nicht wute, da Sie sich jetzt gerade hier befinden. Ich rieth
dem jdischen Kaufmann, sich mit diesem Gesuch gerade an Sie zu wenden, und ich
zweifle nicht, da er bald auf dem Schlosse erscheinen wird.
    In der That wurde, nachdem kaum eine Viertelstunde verflossen war, Herr
Moses gemeldet, der dem Grafen des alten Lorenz Gesuch vortrug, mit der
Versicherung, da er aus Menschenliebe bereit sei, dem Greise die Pension
abzukaufen und ihm den Ertrag einiger Jahre voraus zu bezahlen; obgleich es
mglich sei, da der Alte frher strbe und er sich Verlust dadurch zuzge, so
wollte er es auf die Gefahr hin wagen, damit nur der Greis nicht des Obdachs
beraubt wrde, denn er knne sich bei diesen schweren Zeiten, bei den drckenden
Abgaben ohne diese Untersttzung nicht im Besitze des Gutes erhalten.
    Der Graf erwiederte auf die lange Rede des menschenfreundlichen Israeliten,
da ihm die leid thue. Da aber die dem alten Lorenz von ihm bis jetzt
ausgezahlte Pension ein freiwilliges Geschenk sei und er sich die Freiheit
vorbehalten wolle, es ihm nach Umstnden zu geben oder zu entziehen, so sei er
nicht geneigt, sich schriftlich eine Verbindlichkeit aufzulegen und eine
Handlung der Gte in eine Pflicht zu verwandeln. Nach dieser Erklrung empfahl
sich Herr Moses, nachdem er geuert hatte, da er sich unter solchen Umstnden
auf kein Geschft mit dem alten Manne einlassen knne.
    Nachdem er den Saal verlassen hatte, sagte der Graf: Wie ist es nur mglich,
da der alte heillose Snder in der kurzen Zeit, seit er das Erbe seines Sohnes
empfing, so viel Geld ausgegeben hat?
    Es thut mir leid es sagen zu mssen, erwiederte der Prediger etwas kalt,
weil er des Grafen frhere Heftigkeit noch nicht hatte vergessen knnen, da ihm
nicht blo die schlechte Gesellschaft von seinem Gelde geholfen hat, sondern
auch die sogenannte gute. Der unselige Alte hat sich der Vllerei und dem Spiele
ergeben, und manche haben es nicht verschmht, groe Summen von ihm zu gewinnen,
die recht bedeutende Ansprche in der Welt zu machen gewohnt sind. Aber gedenken
Sie ihm nun Ihre Untersttzung zu entziehen, da er wieder in Noth gerth, die
Sie ihm zukommen lieen, wie er ihrer nicht bedurfte?
    Keineswegs, sagte der Graf; da ich aber voraussehe, da die bald seine
einzige Hlfsquelle sein wird, so will ich sie ihm erhalten; denn htte ich ihm
die Mglichkeit gegeben, seinen knftigen Unterhalt zu verkaufen, so, glaube
ich, wrde die seinen Fall kaum einige Monate hingehalten haben.
    Das ist sehr wahrscheinlich, sagte der Prediger, und es wre gut, da man
ihn, wenn er alles Uebrige verloren hat, gewissermaen unter Aufsicht nhme,
denn die ewige Trunkenheit hat seine Verstandeskrfte geschwcht, ihn unfhig
gemacht, sich selbst zu regieren, ja, er ist vllig kindisch geworden. Denken
Sie nur, er lie sich von Leuten, die ihn verspotteten, berreden, ein Bad zu
besuchen, dort den groen, vornehmen Gutsbesitzer zu spielen, sich zu lauter
Edelleuten zu drngen und Summen an diese zu verlieren, welche bei den jetzigen
drckenden Verhltnissen einen viel Reichern als ihn htten zu Grunde richten
mssen. Der Graf zuckte verchtlich mit den Schultern, und es lie sich nicht
unterscheiden, ob die dem alten Lorenz oder den erwhnten Edelleuten galt. Im
Laufe des Gesprchs verabredete er mit dem Prediger, der seine gute Laune nach
und nach wieder gewann, da, wenn der Alte so weit sein wrde, da er nichts
mehr, als die Untersttzung des Grafen bese, er alsdann bei rechtlichen Leuten
untergebracht werden sollte, die sich anheischig machten fr alle seine
Bedrfnisse zu sorgen, und die ihre Entschdigung aus den Hnden des Geistlichen
erhalten sollten, der alsdann nur den Ueberrest dem alten Lorenz zur beliebigen
Verwendung einhndigen wrde; und so ist dem alten Schuft, schlo der Pfarrer
seine Vorschlge, ein weit besseres Loos gesichert, als er verdient.
    Wenn wir streng sein wollen, sagte der Graf lchelnd, so ist die mit
wenigen Ausnahmen wohl bei allen Menschen der Fall.
    Sie scheinen die Ansichten der strengen Theologen zu theilen, sagte der
Prediger, die den Menschen fr so verderbt halten, da alles ihn umringende
Elend immer noch nicht seine Bosheit und Schlechtigkeit hinreichend bestraft.
    Ich spreche nicht von Ereignissen, erwiederte der Graf, die, unabhngig vom
Menschen, das Geschlecht desselben bedrohen, gegen die man sich nicht
vertheidigen kann, weil sie, uns unerreichbar, jeden Kampf unmglich machen, und
wo freilich oft bei vollkommener Unschuld ein unermeliches Unglck erduldet
werden mu. Aber im Ganzen werden Sie doch zugeben, da sich unser Schicksal aus
unserm Charakter entwickelt, und wenn wir am Abend unseres Lebens den Lauf
desselben berdenken, glaube ich, werden wir zugeben mssen, da unsere
Thorheiten, Schwchen und Irrthmer uns noch weit mehr Kummer bereiten, uns noch
in eine schlimmere Lage htten versetzen knnen, wenn die nicht ein gtiges
Geschick zu unserem Besten abgewendet htte.
    Die Gesprch wurde durch den Grafen Robert unterbrochen, der seinem Oheim
meldete, es sei Zeit, wenn er den kriegerischen Uebungen der jungen Landleute
beiwohnen wollte, sich auf den den dazu bestimmten Platz zu begeben, weil man
sich dem Grafen zu Ehren versammelt habe, obgleich es heute kein Sonntag sei.
Der Graf war bereit seinem Vetter zu folgen und der Prediger bat spttisch um
die Erlaubni die Herren zu begleiten, und man bemerkte an der verdrlichen
Art, wie der Graf Robert diese Begleitung annahm, da sie ihm keineswegs
angenehm war.
    Wir haben hier recht ein Bild von dem Zustande Frankreichs, sagte der
Prediger noch immer spttisch, zum Grafen gewendet, wie es war, als die erste
Begeisterung seine Jugend vereinigte zum Kampfe gegen die ganze Welt. Eben so
drngen sich die jungen Landleute hier herum zu den Waffenbungen, und selbst
Wer Anfangs ber die Begeisterung lachte, die Ihr Herr Vetter unter Ihren
Unterthanen verbreitete, ward nach und nach von der Krankheit ergriffen, und
statt des ehemaligen sonntglichen Kegelspiels beschftigt Exerciren und
Marschiren weit und breit die kampflustige Jugend, wie gesagt, ganz wie in der
Periode der Begeisterung in Frankreich.
    Und haben Sie vergessen, sagte der Graf ernsthaft, was Frankreich damals in
dieser Begeisterung Unglaubliches vollbrachte? Und sollte es nicht mglich sein,
da das, was jetzt wie eine thrichte Spielerei erscheint, noch einmal ntzlich
wre? Ueberrascht blickte der Pfarrer dem Grafen in die Augen. Es schien, er
wollte mit Begierde darin einen tieferen Sinn der Rede lesen. Der Graf aber fuhr
ruhig fort: Und wenn diese kriegerischen Uebungen auch zu nichts weiter fhren,
so machen sie doch die jungen Leute gewandter, und schon das ist Gewinn.
    Man hatte unter diesen Gesprchen den zur Waffenbung bestimmten Platz
erreicht, und der Graf bemerkte den jungen Gustav Thorfeld, der mit groem Eifer
die Landleute einbte, und mit Vergngen sah der Graf, da er das, was er sich
zu lehren bestrebte, selbst in hchster Vollkommenheit zu ben verstand.
    Wenige Mnner verlieren ganz die Neigung zu kriegerischer Thtigkeit, denn
nur in der Brust weniger erstirbt das Gefhl gnzlich, da es des Mannes Beruf
ist, sein Vaterland zu vertheidigen, seinen Heerd zu beschtzen. Auch der Graf
also berlie sich mit Lebhaftigkeit der Theilnahme an diesen Uebungen, und in
seinen Augen leuchtete die Hoffnung, da sich aus geringen Keimen viel Gutes fr
die Zukunft entwickeln knne.
    Man war noch nicht lange auf dem Uebungsplatze versammelt, als man den
Hufschlag von Pferden vernahm, und bald zeigten sich drei Reiter, von denen der
eine voraus ritt, und dem die beiden andern in bunter Kleidung folgten, ber die
man einen Augenblick in Ungewiheit blieb, ob es kriegerische Uniformen waren
oder der phantastische Putz, den Kunstreiter anzulegen pflegen. Bald klrten
sich die Zweifel auf. Der Baron Lbau nahte und stieg ab, um den Grafen auf's
Herzlichste zu begren.
    Ich dachte es wohl, sagte er lchelnd, da ich Sie wenigstens hier auf dem
Uebungsplatze finden wrde, wenn Sie es auch verschmhen, Ihre alten Freunde und
Nachbaren zu besuchen.
    Der Graf entschuldigte sich mit der kurzen Dauer seines diemaligen
Aufenthalts und mit den vielen dringenden Geschften, die in dieser kurzen Zeit
alle abgemacht werden mten.
    Da Sie Theilnahme fr unsere kriegerischen Uebungen beweisen, erwiederte der
Baron selbstgefllig lchelnd, so mssen Sie doch wenigstens einem Manoeuvre
beiwohnen, das morgen auf meinem Marsfelde Statt finden wird, denn es ist doch
billig, da Sie auch meine Truppen in Augenschein nehmen, da die ganze Sache,
die jetzt so allgemein mit Eifer getrieben wird, von mir ausgeht; denn ich
machte Ihren Herrn Vetter zuerst darauf aufmerksam, wie vortheilhaft es sein
wrde, wenn man die jungen Leute abhielte, sich Sonntags in den Schenken zu
versammeln, wo der Trunk oft zu Raufereien fhrte, und da es in unserer
jetzigen Zeit eine Wohlthat sei, wenn sie mit den Waffen umzugehen wten, um im
Nothfalle sich und die Ihrigen beschtzen zu knnen. Der Graf sah seinen Vetter
an, der das Lachen mit Mhe unterdrckte. Der Baron aber fuhr mit groer
Behaglichkeit fort: Versprechen Sie mir morgen zu kommen. Ihr Herr Vetter kennt
den Weg zu meinen Uebungspltzen, und ich gebe Ihnen mein Wort, Sie sollen eine
Kavallerie sehen, die auch den Kenner befriedigen wrde. Die Leute haben Pferde,
deren sich ein Prinz nicht schmen drfte; Sie knnen hier eine Probe davon
sehen. Er deutete bei diesen Worten auf die beiden bunten Leute, die ihn
begleitet hatten, und bezeichnete sie auf diese Weise als Kavalleristen, die zu
seiner Miliz gehrten.
    Beide Grafen hatten Mhe ernsthaft zu bleiben, versprachen aber den Baron zu
befriedigen und seinem Manoeuvre des andern Tages beizuwohnen, worauf er sich,
in seiner gutmthigen Thorheit beglckt, nach dem herzlichsten Abschiede von
ihnen trennte.
    Auf dem Rckwege nach dem Schlosse, nachdem sie sich von dem Prediger
getrennt hatten, erzhlte der Graf Robert seinem Oheim, da, nachdem er
angefangen habe die jungen Leute unter demselben Vorwande, den der Baron ihnen
als seine Grnde aufgestellt habe, zu Waffenbungen zu versammeln, der Baron mit
lebhaftem Eifer sogleich gestrebt habe ihn zu berbieten, indem er dem Fuvolke
eine uniformirte Reiterei beigefgt habe, die aus zehn bis zwlf Mann seines
Hofgesindes bestnde, die freilich alle schne Pferde aus des Barons Stllen
ritten. Die Hauptkunst bei ihren Manoeuvres bestnde aber darin, sagte er, die
Pferde zu schonen, die auf keine Weise erhitzt oder angestrengt werden drften,
so da alle Evolutionen im ruhigsten Schritt ausgefhrt werden mten.
    Der Graf lachte und sagte, die Thorheit des guten Barons, die gewi in der
Gegend den meisten Lrm verursacht, ist sehr ntzlich, denn sie dient dazu, die
Aufmerksamkeit von Andern ab und auf ihn zu lenken, und die Manoeuvres auf
seinem Marsfelde werden keine Art von Mitrauen erregen.
    So ist es, erwiederte der Graf Robert, weil er selbst so weit davon entfernt
ist, einen hheren Zweck zu ahnen. Wenn sich franzsische Officiere in der Nhe
befinden, so ladet er sie jedes Mal feierlich ein, um sie darauf aufmerksam zu
machen, welche trefflichen Hlfstruppen sie aus den preuischen Landen im Fall
des Bedrfnisses zu erwarten htten, seit auf seine Veranlassung an mehreren
Orten Waffenbungen Statt fnden, und also knftig statt vorher ungeschickter
Rekruten nun vllig eingebte Streiter ausgehoben werden knnten.
    Die Sache ist unter den Franzosen ein Gegenstand des Scherzes, und wenn
junge Officiere gegenwrtig sind, so bemerken sie leicht seine Schwachheit fr
seine Kavallerie, und er ist mehr als ein Mal dadurch gengstigt worden, da
diese sich dann zu Kommandeurs seiner Kavallerie aufwerfen und sie Bewegungen
machen lassen, die ganz von dem sanften Schritte der Gewohnheit abweichen.
    So dient er doch auch dem Vaterlande, sagte der Graf, und wenn es einmal
Ernst wird, so wird derselbe Ehrgeiz, der jetzt thricht erscheint, ihn auch zu
ernsten Anstrengungen vermgen.
    Man erreichte das Schlo und beide Grafen besuchten die Kranken, deren
Zustand sich sehr verbessert hatte und die der Arzt auer Gefahr erklrte. Das
bleiche Gesicht des Herrn von Wertheim rthete sich flchtig, als er den Grafen
erblickte. Es ist eine eigene Strafe meiner Rohheit, sagte er mit bewegter
Stimme, da ich Ihnen mehr als ein Mal Schutz, Rettung meines Lebens und
Untersttzung verdanken mu, die man nur mit Widerstreben aus der Hand des
vertrautesten Freundes empfngt, und aus der gromthigen Hand eines beleidigten
Mannes nicht anders als mit tiefer Beschmung empfangen kann.
    Vergessen Sie doch endlich eine jugendliche Unbesonnenheit, sagte der Graf
gtig, die ohne Ihre Erinnerung mein Gedchtni mir nicht zurckgerufen htte,
und denken Sie nur daran, da Ihre und Ihres Freundes Gesundheit wieder
hergestellt werden mu.
    Der Baron Lehndorf wagte die Frage, ob sie sich im Schlosse Hohenthal wohl
als gesichert betrachten knnten, und der Graf erkundigte sich nun nach ihrem
Verhltnisse zu Schill und nach den nheren Umstnden ihres Unglcks.
    Beide Freunde waren tief erschttert, als sie an das unglckliche Ende ihres
hochverehrten Anfhrers erinnert wurden, doch beherrschte der Baron Lehndorf
zuerst seine Rhrung und sagte, da sie Schill als Freiwillige und als Freunde
gefolgt wren, und ihre Namen sich in keiner Liste befnden, die man htte
auffinden knnen.
    Dann begreife ich nicht, sagte der Graf, wie Sie sich nicht mit einiger
Behutsamkeit sogleich hieher gewendet haben.
    Die schreckliche Niederlage bei Stralsund, sagte Wertheim, hatte uns aller
Mittel beraubt, uns zu zeigen. Wir besaen nichts als die Uniform, die wir an
uns trugen, und einige Silbermnzen von unbedeutendem Werth. Es stand also nicht
in unserer Gewalt, die Kleidung abzulegen, die uns kenntlich machte, und wir
verbargen uns am Tage in Wldern und Smpfen, um dem Schicksale unserer
Gefhrten zu entgehen, von denen wir zuweilen von unserm Verstecke aus einzelne
von den feindlichen Truppen Eingefangene bemerkten, die einem schmhlichen Loose
entgegengefhrt wurden. Wir hatten die Absicht uns dennoch, trotz der Gefahr
hieher zu wenden. Da wir aber nur bei Nacht wandern konnten, so verirrten wir
uns oft und erkannten nach langer Anstrengung zuweilen dieselben Orte wieder,
von wo wir vor mehreren Tagen ausgegangen waren. Da wir uns nur die
allernothwendigste Nahrung erlauben durften, so wurden unsere Krfte erschpft,
und doch mute auch diese Nahrung noch beschrnkt werden, denn wir hatten bald
gar keine Mittel mehr. Zwei Tage, ehe Sie uns fanden, war es uns schon nicht
mehr mglich, ein wenig Brodt von den Bauern einzuhandeln, denn wir hatten auch
nicht das kleinste Stck Geld brig. Wir versuchten es, uns durch Beeren und
Wurzeln zu ernhren, und wir wren gewi verloren gewesen, htte der Zufall Sie
nicht zu unserem Beistande herbei gefhrt.
    Der Graf Robert umarmte seine Freunde in heftiger Bewegung, und sein Oheim
wendete sich ab, um seine Rhrung zu verbergen. Er sagte den beiden jungen
Mnnern, da er hoffe, sie seien auf Schlo Hohenthal in vollkommener
Sicherheit, da er aber zu ihrer Beruhigung noch nhere Erkundigung einziehen
wolle.
    Da die Erzhlung der Geschichte ihres Unglcks die Kranken sehr aufgeregt
hatte, so rieth ihnen der Graf dringend, den Schlummer zu suchen, damit sie
nicht, wie er lchelnd hinzufgte, sich den Tadel des Arztes und ihrer strengen
Wrterin zuzgen.
    Er fhrte darauf den Grafen Robert mit sich hinweg und sagte: Ich bin
vollkommen berzeugt, da beide junge Mnner ohne Gefahr hier bleiben knnen,
wenn es nicht verrathen wird, da sie mit Schill in Verbindung waren. Dehalb
mssen wir auf eine bestimmte Erklrung des jmmerlichen Zustandes sinnen, in
dem wir sie fanden, denn glauben Sie mir, der Prediger wird nicht mit
allgemeinen Antworten zufrieden sein. Und wenn er auch thte, als wre er es, so
wird er so viele mitrauische, spttische Winke fallen lassen, da er unfehlbar
Argwohn erregen wird, und doch mchte ich auch ungern ihm das Geschick Ihrer
Freunde aufrichtig vertrauen, denn er wrde die Vertrauen zwar um keinen Preis
mibrauchen, sie unglcklich zu machen, aber er wrde dadurch ein solches
Uebergewicht erlangt zu haben glauben, da er Ihnen, bester Vetter, oft
unertrglich lstig sein wrde.
    Der Graf Robert, der die Menschen nicht immer so milde betrachtete, wie sein
Oheim, und der daher dem Prediger nicht sonderlich geneigt war, sah die Wahrheit
des Gesagten ein. Nach langer Berathung kamen die beiden Verwandten berein, dem
Prediger zu vertrauen, die beiden jungen Mnner htten sich nach Frankreich
gewagt, um das Schicksal der Schwester des Einen und der ehemaligen Braut des
Andern zu erforschen, und wren auf den franzsischen Obristen gestoen, mit dem
Wertheim das Duell der Schwester wegen gehabt habe. Die eingeleitete Verfolgung
habe die jungen Mnner zur Flucht genthigt und sie gezwungen, sich ngstlich zu
verbergen. Dadurch wren ihnen die Hlfsmittel ausgegangen und sie endlich in
den klglichen Zustand gerathen, worin man sie gefunden. Da das franzsische
Regiment abgelst war, gab der Fabel einige Wahrscheinlichkeit, und da der
Pfarrer bei seiner Neugierde im Grunde leichtglubig war, so lie sich hoffen,
er wrde die Unwahrscheinlichkeiten in dieser Erzhlung bersehen. Der Graf
Robert bernahm es, seine Freunde davon in Kenntni zu setzen, auf welche Weise
ihre Erscheinung auf dem Schlosse erklrt wrde, damit sie im Stande wren, die
Fragen gehrig zu beantworten, die der Geistliche unfehlbar an sie richten
wrde.
    Der groe Tag war erschienen, an welchem das glnzende Manoeuvre des Baron
Lbau Statt finden sollte. Er hatte alles gethan, um die Waffenbung des Grafen
Robert zu bertreffen, den er mit einigem Verdru als seinen Rebenbuhler
betrachtete, ohne zu bedenken, da er niemals auf die Idee gekommen wre,
Beschftigungen der Art anzuordnen, wenn ihm nicht die Einrichtungen des Andern
dadurch, da sie das Streben ihn zu bertreffen in ihm weckten, eine Anregung
gegeben htten.
    Als die beiden Grafen erschienen, bemerkten sie eine Batterie von Kanonen,
die ein Mittelding zwischen Scherz und Ernst, ein Spielwerk fr Erwachsene
genannt werden konnten. Mit leuchtendem Gesicht machte der Baron sie darauf
aufmerksam, und er hatte die Genugthuung, da der Graf alle seine Plne lobte.
Die Batterie wurde genommen und die Kavallerie auf den schnen Pferden entschied
im bedchtigen Schritt, wie es angeordnet war, den Sieg.
    Es ist so kindisch, sagte der Graf Robert, als sie sich von dem entzckten
Baron getrennt hatten, da man nicht einmal darber lachen kann.
    So ist es doch auch harmlos, erwiederte der Graf, und wird Niemand
verletzen. Es liegt in jedes Menschen Seele eine gewisse poetische Sehnsucht,
aus dem alltglichen Leben heraus zu treten, etwas Besonderes vorzustellen. Sie
offenbart sich schon bei dem Kinde in der Neigung zu Verkleidungen. Bei
Niemandem von meinen Bekannten habe ich aber diese Sehnsucht so gro gefunden,
als bei unserm guten Baron. Sie werden die in jeder kleinen Geschichte
bemerken, die er erzhlt, und ich habe mir oft gedacht, wenn er Talent genug zur
Darstellung bese und seine Phantasie dadurch befriedigen knnte, da er
Novellen und Romane schriebe, so wrde er im gemeinen Leben der Wahrheit nher
bleiben.
    So wre also, rief der Graf Robert lachend, ein Lgner im Grunde nur ein
verunglckter Dichter?
    Warum wollen Sie es nicht so milde betrachten? erwiederte sein Oheim, da
zudem in jedem Menschen, auch in dem edelsten, sich eine kleine Neigung fr
diese Schwche findet.
    Es ist wahr, sagte Graf Robert, ich mchte wohl den Menschen sehen, der sich
rhmen knnte, nie die Unwahrheit gesagt zu haben, und es ist mir lieb, wenn ich
mich knftig einmal auf so etwas ertappen sollte, da ich zu meiner Beruhigung
wei, da ich mich nur der Neigung zur Dichtkunst berlasse, indem ich sndige.
Sie knnen uns ja gleich diese Gerechtigkeit wiederfahren lassen, sagte sein
Oheim, denn haben wir nicht gleichfalls ein feindliches Komplott gemacht, um den
Prediger zu hintergehen? Das ist Noth, rief der Graf Robert, aber nicht freie
Neigung zur Dichtkunst.
    Da der Graf seine Abreise auf den andern Tag festgesetzt hatte, wollte er,
nachdem sie das Schlo wieder erreicht hatten, noch den Abend von dem Obristen
Abschied nehmen, um den Greis nicht am andern Morgen in seiner Ruhe zu stren.
    Als der Obrist sich bald nach zehn Uhr entfernen wollte, um die Vorschriften
des Arztes nicht zu bertreten, der die Ruhe vor Mitternacht unerllich fr ihn
fand, schlo ihn der Graf mit Rhrung in die Arme, um ihm Lebewohl zu sagen. Er
fhlte den Freund in seinen Armen vor Altersschwche zittern, und sein Auge
ruhte wehmthig auf dem nur noch sprlich von silberweien Haaren bedeckten
Scheitel. Das leuchtende Auge des Greises traf den von einer Thrne
verschleierten Blick des Grafen. Sie fhlen, sagte der Greis mit seligem
Lcheln, da wir uns hienieden nicht mehr wieder sehen werden. Und Sie sprechen
die wie eine Hoffnung aus? fragte der Graf mit sanftem Vorwurf.
    Mein theurer Freund, erwiederte der Obrist, indem er beide Hnde des Grafen
fate, wenn Sie durch die reizendsten Thler lustwandeln, ber Berge schweifen,
die Ihnen die schnsten Aussichten, immer neue Ueberraschung gewhren, und Sie
setzten diesen Genu unaufhaltsam fort, kommt nicht endlich die Stunde, wo auch
das schnste Thal nicht mehr zum Weiterschreiten lockt, wo die ermdeten Glieder
sich nach Ruhe sehnen, und Sie sinken hin und lassen der menschlichen Natur ihr
Recht angedeihen. Ein solcher mder Wanderer bin ich. Ein groer Theil meiner
Bahn war rauh und dornenvoll. Sie versetzten mich in ein reizendes Thal, aber
ich kann die Reise nicht fortsetzen; ermdet sehnen sich meine Glieder nach
Ruhe. Wir werden uns hier nicht wieder sehen, schlo der ehrwrdige Alte,
empfangen Sie den letzten Dank und den Segen eines liebenden Vaters.
    Mit inniger Rhrung umarmten sich die Freunde noch ein Mal und trennten sich
mit dem Gefhle, da sie wahrscheinlich zum letzten Mal liebende Worte
gewechselt hatten.

                                      VII


Der Graf hatte von allen Freunden am Abend Abschied genommen und wollte des
andern Morgens sehr frh das Schlo unbemerkt verlassen; als er aber in dieser
Absicht den Saal betrat, fand er den Arzt, der ihn erwartete, um jetzt noch
frmlich Abschied zu nehmen, da er den vorigen Abend etwas war bersehen worden.
Der Graf reichte ihm die Hand und sagte: Ich danke Ihnen, da Sie mir noch
Gelegenheit geben, eine Frage an Sie zu richten, deren Beantwortung mir sehr am
Herzen liegt. Was halten Sie von dem Zustande unseres alten Freundes?
    Der Arzt drckte die Augen zu, senkte den Kopf auf die linke Schulter, sah
dann den Grafen blinzelnd an und erwiederte: Wenn das Oel verzehrt ist, mgen
wir dann die Lampe noch so sorgsam hten, sie wird doch erlschen, und hier ist
das Lebensl ausgebrannt, und nur schwach glimmt noch die matte Flamme; der
leichteste Windhauch wird sie verlschen.
    Erhalten Sie mir den wrdigen Greis so lange als mglich, sagte der Graf mit
bewegter Stimme. Er wollte sich nun entfernen, aber sein Vetter Robert trat ein,
um ihm zu sagen, da er ihn einige Meilen begleiten und dann zu Pferde
zurckkehren wolle. Der Oheim hatte eben diese Begleitung dankbar angenommen,
als auch die Damen erschienen, um den geehrten Verwandten noch ein Mal zu
umarmen; nur der Obrist kam nicht; ihn fesselte Altersschwche an sein Lager, wo
er den Schlummer gewhnlich erst gegen Morgen fand. Der Graf tadelte liebevoll
die ihn umringenden Freunde, da sie ihr Wort nicht gehalten und sich der Ruhe
entzogen hatten. Er entri sich mit sanfter Gewalt ihren Armen und traf, als er
eilig die Treppe hinunter stieg, auf Gustav Thorfeld, der auch noch ein Wort des
Abschiedes von dem edeln Manne gewinnen wollte. Der Graf reichte ihm freundlich
die Hand und lud ihn ein, die nchsten Ferien zu benutzen, um einen Theil
Deutschlands zu durchreisen und dann auch ihn zu besuchen, da, wo er sich eben
aufhalten wrde. Ein Strahl von Freude zuckte ber des Jnglings Antlitz bei der
Vorstellung einer genureichen Reise. Ich werde sorgen, da Ihnen die Mittel
nicht fehlen, sagte der Graf gtig, indem er mit seinem Vetter den Reisewagen
bestieg.
    Es war ein khler Herbstmorgen. Die Natur hatte sich in wenigen Tagen
auffallend verndert; sie hatte den sommerlichen Charakter verloren. Das Laub
der Bume welkte und fiel ab, und die Waldung wurde dadurch lichter, obgleich
ein neuer Reiz entstand, indem die Bume, nachdem ihr Laub das frische Grn
verloren, in verschiedenen Farben prangend, von der Morgensonne beschienen
funkelten. Beide Reisende saen eine Zeit lang schweigend neben einander;
endlich sagte der Graf: Sie blicken so tiefsinnend vor sich nieder, lieber
Vetter; was kann Sie in so ernste Gedanken versenken?
    Ich dachte, sagte der Graf Robert, indem er bewegt die Hand des Oheims
drckte, wie viel Segen ein edler Mensch um sich verbreiten kann, und wie er
dann im Kreise der durch ihn Glcklichen durch Liebe herrscht wie ein
unumschrnkter Monarch; wie alles das, was an den Hfen der Frsten gespielt
wird, um der Etikette zu gengen, oder aus Eigennutz, oder aus lcherlicher
Eitelkeit, hier der Abdruck wahrer Empfindungen ist; denn Wer in ihrem kleinen
Knigreiche, theurer Onkel, fuhr er sich zum Lcheln zwingend fort, ist nicht
beglckt, wenn Sie ein freundliches Wort an ihn richten? Wer fhlt sich nicht
gekrnkt, wenn Sie ihn bersehen? Wer ringt nicht danach, Ihr beiflliges
Lcheln zu gewinnen, und Wer ist nicht stolz darauf, wenn er Ihnen durch
unbedingten Gehorsam seine Verehrung und Ergebenheit beweisen kann? Nein gewi,
schlo er, die Menschen sind nicht so gefhllos, wie man oft von ihnen
behauptet; sie erkennen gern einen edeln Geist an und beugen sich willig seiner
Ueberlegenheit.
    Ich will nicht zur Unzeit den Bescheidenen mit Ihnen spielen, erwiederte der
Graf. Ich will Ihnen zugeben, da ich mich nicht fr bse halte, da ich
berzeugt bin, das Beste zu wollen, da ich zuweilen im Stande bin, Andere auf
die rechte Bahn des Lebens zu leiten. Ich will es eingestehen, da mein Herz
bewegt wird von fremder Noth, und da mein Geist dann eifrig auf Mittel denkt,
sie zu vermindern. Aber, theurer Vetter, alle diese Eigenschaften wrden nicht
im Stande sein, mir mein kleines Knigreich, wie Sie es nennen, zu bilden, wenn
mir der Himmel nicht ohne mein Zuthun ein bedeutendes Vermgen gewhrt htte.
Wre ich arm, fuhr der Graf fort, indem er die Hand seines Vetters drckte, dann
wrde ich zufrieden sein, einen Freund zu finden, der mein Herz verstnde und
meinen Charakter unter allen Umstnden richtig wrdigte, und ich wrde unter den
brigen Menschen verkannt, einsam und vergessen, ja von denen, die sich meiner
erinnerten, um eben der Eigenschaften Willen, die Sie jetzt erheben, getadelt
und verachtet umhergehen.
    Unwillig zuckte die Hand des Grafen Robert in der seines Oheims. Getadelt,
verachtet und verfolgt - fuhr dieser mit Nachdruck fort; denn eben die
Eigenschaften, die man jetzt anerkennt, wrden mich wahrscheinlich hindern ein
Vermgen zu erwerben; denn nicht alle Mittel wrden mir gleich sein, um diesen
Zweck zu erreichen, und da ich niemals meine Seele zur Verehrung des Geldes
gewhnen knnte, so wrde ich auch nie den gehrigen Eifer erlangen, um es
zusammen zu hufen. Dabei wrde mein ganzes Leben ein stillschweigender Tadel so
vieler Andern sein, den ich durch keine Annehmlichkeit zu mildern vermchte, die
wir durch unser Vermgen so leicht unsern Bekannten verschaffen, und sie knnten
dann nicht denken wie jetzt, wenn ich unwillkhrlich strengere Grundstze
aussprche: Er hat gut reden, wre seine Lage so beschrnkt wie die unsere, so
wrde er eben so denken wie wir, so wrde mir denn Niemand meine abweichende
Lebensansicht verzeihen wollen. Die Mildesten wrden sie fr Thorheit erklren,
die Hrteren mich fr einen kopflosen, verschrobenen Menschen halten.
    Sie haben so oft meine Hrte getadelt, sagte sein Vetter mit dem Ausdrucke
des Erstaunens, wenn ich ein Urtheil ber die Menschen aussprach, und nun mu
ich Ihre Ansicht weit hrter finden und in der Tiefe Ihrer Seele eine
Menschenverachtung, die mich erschreckt.
    Nicht der ist milde, erwiederte der Graf, der in der Tuschung lebt, die
Menschen im Allgemeinen fr trefflich hlt und aus diesem Gesichtspunkte
handelt. Nur dessen Herz darf so genannt werden, der die Menschen kennt und
ihnen verzeiht, und indem er die Fehler Anderer einsieht, sich zugleich der
eigenen Schwche bewut ist und es sich eingesteht, da vielleicht am Meisten
der Stolz der Seele ihn aufrecht erhlt, der ihm den Willen gibt, sich nicht zu
beugen. Freilich wird ein Solcher in vielen Fllen, wenn er Andern beisteht,
sich nur selbst befriedigen; aber ist er so glcklich, nur einen Freund zu
besitzen, den er wahrhaft ehren kann, so wird ihn die doch vor der schlimmsten
Selbstsucht bewahren, und er wird sich das Bild einer edleren Menschheit dennoch
zu erhalten wissen.
    Der Graf hatte mit lebhafter Bewegung gesprochen, und die Freunde hatten,
ehe sie vermutheten, die erste Post erreicht, wo sie sich trennen wollten. Der
Graf Robert schied von seinem Oheim mit erhhter Empfindung, denn er hatte die
Einsicht gewonnen, da nicht ein leicht erregtes Gefhl diesen zu gromthigen
Entschlieungen bestimmte, sondern da ein entschiedenes Wollen einer wahrhaft
edeln Seele seine Handlungen leitete. Und dennoch hat er Unrecht, sagte er zu
sich selber. Ich habe oft einzelne Menschen zu hart beurtheilt; seine unbillige
Hrte aber trifft die Menschen im Allgemeinen, und er drfte nur um sich
blicken, um seinen Irrthum zu erkennen, denn wie viele treffliche Menschen haben
sich um ihn her versammelt. Und wren diese alle so trefflich, fragte er sich
betroffen weiter, wenn er sie nicht zu sich herauf bildete, und knnte er das in
dem Grade ohne die Hlfe seines groen Vermgens? Ja ich selbst, fuhr er mit
Beschmung in seinen Betrachtungen fort, was wre aus mir geworden, der ich in
finsterm Grimm ihn zu bestrmen kam, wenn seine Lage ihn gezwungen htte, nur
sein Recht gegen mich zu behaupten? Htte ich ihn wohl jemals richtig wrdigen
und verstehen knnen, wenn ich trostlos von ihm htte scheiden mssen? Wrde ich
mich nicht mit kaltem Ha von dem Manne abgewendet haben, den ich jetzt mit
Zrtlichkeit liebe und verehre? Es ist gewi, fuhr der junge Mann seufzend in
seinen Gedanken fort, es ist leider gewi, nicht blo unsere Gefhle, auch
unsere Tugenden hngen von Zufllen ab. Wenige ragen wie mein Oheim aus der
Menge hervor, und einen wie weiten Weg habe ich noch vor mir, ehe ich ihn
erreiche. Aber er hat Recht, mit Beschmung mu ich es eingestehen, der reiche
Schatz seines Geistes und seines Herzens wrde unerkannt von der Erde wieder
verschwinden, wenn die Gter des Glcks nicht die Dollmetscher seiner edeln
Seele wrden. Mit solchen Gedanken beschftigt erreichte der Graf Schlo
Hohenthal, whrend sein Oheim sich immer weiter davon entfernte und die Residenz
bald mglichst zu erreichen wnschte, wo er mit Sehnsucht erwartet wurde.
    Als der Graf seine Reise zurckgelegt hatte und in Berlin eingetroffen war,
wurden ihm nach den ersten freudigen Begrungen und theilnehmenden Fragen
mehrere whrend seiner Abwesenheit angekommene Briefe eingehndigt. Zwei von
diesen Schreiben erregten seine besondere Aufmerksamkeit. Das eine von St.
Julien, in dem er meldete, da der Abschlu des Friedens tglich zu erwarten
sei, und da er alsdann leicht Urlaub erhalten knne, um sich mit den theuern
Eltern und der zrtlich geliebten Braut wieder auf einige Zeit zu vereinigen.
Der andere Brief war von einem Rechtsanwald aus Mnchen, der dem Grafen meldete,
da in den furchtbaren Schlachten bei Aspern und Wagram, in denen die Baiern fr
Napoleon fochten, mehrere entfernte Mitglieder seiner Familie geblieben wren,
so da von dem im sdlichen Deutschland lebenden Zweige derselben Niemand mehr
vorhanden sei, als eine Wittwe, die bei der durch die vielen Todesflle
eingetretenen Erbschaft gleiche Rechte mit ihm habe, und in deren Namen er sich
der Theilung wegen an den Grafen wende. Der Nachla bestehe, wie der
Rechtsgelehrte meldete, in einem am Rheine gelegenen Gute und einigem baaren
Vermgen. Da aber die Miterbin als eine Wittwe sich bei den gegenwrtigen
unruhigen Zeiten nicht gern mit einem Grundbesitz befassen wolle, so schlug ihr
Rechtsfreund dem Grafen vor, nach billiger Uebereinkunft das Gut zu behalten,
und lud ihn ein, entweder selbst zu diesem Behufe nach Mnchen zu kommen oder
Jemandem seine Vollmacht in dieser Angelegenheit zu bersenden.
    Es ist furchtbar, seufzte der Graf, wie verheerend diese ewigen Kriege
wirken, ganze Geschlechter werden ausgerottet. Er theilte seiner Gemahlin die
empfangenen Nachrichten mit, und Beide entschieden sich, die Reise nach Mnchen
anzutreten und den geliebten Sohn dorthin zu bescheiden, weil der Graf glaubte,
da er von dort, durch einen eng mit Napoleon befreundeten Hof, leichter Mittel
finden wrde, die Anerkennung des Namens Evremont fr St. Julien zu bewirken,
als von Berlin, wo er sich nicht mit einem Gesuche an die franzsischen
Machthaber wenden durfte, ohne einen gehssigen Schein auf sich zu laden. Die
Grfin sah die Triftigkeit seiner Grnde ein; ihr Herz schlug dem Sohne entgegen
und aus Emiliens Augen leuchtete seliges Entzcken, als sie vernahm, wie bald
sie St. Julien wieder zu sehen hoffen durfte; und eine sanfte Rosengluth brannte
verschnernd auf ihren Wangen, als der Graf bemerkte, da doch dieser Frieden
vielleicht so lange dauern wrde, als unerllich nothwendig wre, um zwei
Liebende zu vereinigen. Sollen wir denn ewig vor der Erneuerung des
Blutvergieens uns ngstigen? fragte die Grfin. Kann man einen Friedensschlu,
wie er jetzt eintreten wird, anders als wie einen Waffenstillstand betrachten?
entgegnete der Graf. Die Frauen seufzten ber die trben Aussichten, aber
dennoch wich der Kummer der gegenwrtigen freudigen Hoffnung. Der alte Dbois
schien sich zu verjngen. Mit Eifer wurden die Anstalten zur Reise durch ihn
betrieben, und aus den Augen des Greises leuchtete ein Strahl der Freude bei dem
Gedanken, da er den jungen Grafen Evremont wiedersehen sollte, denn er erlaubte
sich nie St. Julien anders zu nennen seit seiner Erkennung.
    Der Graf hatte St. Julien nach Mnchen beschieden. Die Grfin hatte ihrer
Adele den gefaten Entschlu gemeldet. Dbois war mit den Vorbereitungen zur
Reise fertig. Kein Theilnehmer an derselben lie sich eine Verzgerung zu
Schulden kommen, und so gelangte die Familie in kurzer Zeit nach Mnchen, wo
bald nach ihnen Adele eintraf und wo man, um das Glck der Vereinigung
vollkommen zu genieen, nur noch auf St. Julien hoffte, der Wien nicht ohne
Urlaub verlassen durfte, den er mit hchster Ungeduld erwartete.
    Die Auseinandersetzung der Erbschaft wegen, welche die erste Veranlassung
zur Reise nach Mnchen gegeben hatte, war in wenigen Tagen beendigt, weil bei
der Denkungsart des Grafen jede Schwierigkeit leicht gehoben wurde, indem er
weit davon entfernt war, seine Miterbin, eine nicht sehr bemittelte Wittwe,
irgend bedrcken zu wollen. Es wurde ihrem Wunsche gem die Vereinigung
getroffen, da der Graf das Gut am Rheine behielt und ihr noch eine Summe zu dem
baaren Nachlasse des gemeinschaftlichen Verwandten hinzuzuzahlen sich
verpflichtete, sobald alle Rechtsformen beobachtet sein wrden, die, um ihn in
den Besitz zu setzen, erforderlich wren. Der Graf nahm sich vor, das neu
erworbene Gut so bald als mglich in Augenschein zu nehmen und, wenn er die Lage
so reizend fnde, wie sie ihm beschrieben wurde, wenigstens einen Theil des
Jahres dort zu wohnen.
    Eben hatte der Graf die letzten Geschfte mit dem Anwalde seiner Miterbin
abgeschlossen, und er nahm den Rckweg zu seiner Wohnung durch den Schlogarten
der Residenz, wo die warme Mittagssonne Lustwandelnde vereinigte, denn wenn
Mnchen auch seiner hohen Lage und der Nachbarschaft der Gebirge wegen ein
wechselndes, im Ganzen nicht angenehmes Klima hat, und man im frhen Herbst und
spten Frhling Klte und Schnee zuweilen ertragen mu, so macht doch seine
sdliche Lage, da dafr oft im November noch so schne warme Tage eintreten,
da man sich nach Italien versetzt glaubt. Ein solcher warmer Novembertag lockte
den Grafen unter die hohen, unbelaubten alten Kastanienbume des Schlogartens,
und er bemerkte, da wie ihn auch viele Andere die warme Mittagssonne
herbeigezogen hatte.
    Der Blick des Grafen schweifte ber die verschiedenen lustwandelnden oder im
Gesprch verweilenden Gruppen, und es machte einen betrbenden Eindruck auf ihn,
da er beinah Niemanden bemerkte, der nicht Trauer trug, wie sein Herz ihm
sagte, um einen in den Schlachten des letzten Krieges gefallenen Verwandten. Die
Wenigen, die nicht in Trauer gehllt waren, machten keinen heiteren Eindruck,
denn es waren verstmmelte, zum Theil noch schwer an ihren Wunden leidende
Krieger, die hier in der warmen Herbstsonne Erquickung nach grausamen Leiden
suchten. So haben nun wieder Deutsche gegen Deutsche gewthet, dachte der Graf
seufzend; so vertilgen sie sich gegenseitig von der heimathlichen Erde und
bringen Trauer ber verwandte Geschlechter. Sein Schritt war, ohne da er es
bemerkte, langsam geworden und sein Blick senkte sich kummervoll zu Boden, als
er pltzlich aufschrak, weil eine Hand von hinten sanft seine Schulter berhrte.
Er wendete sich und blickte in das ihm freundlich entgegen lchelnde Gesicht des
General Clairmont. Der Graf war freudig berrascht, und nach den ersten
herzlichen Begrungen fragte sein Freund lchelnd: Was hat Dich so
philosophisch gestimmt, da Du, in tiefe, ernste Gedanken versenkt, Deine
Freunde nicht bemerkst? Ich ging bei Dir vorber, ohne von Dir beachtet zu
werden, und ich redete Dich nicht gleich an, weil ich einen Augenblick
zweifelte, ob dieser sinnende Philosoph wohl mein Freund Hohenthal sein knne,
den ich hier nicht erwartete.
    Es ist wohl natrlich, sagte der Graf, da mich die Folgen Eurer Siege
ernsthaft stimmen. Bemerke alle diese Trauerkleider um uns her, die ohne Zweifel
um Verwandte getragen werden, die von deutschen Hnden fr Eure Sache fielen.
    So ist nun einmal der Krieg, erwiederte der General nachlig. Doch was
fhrt Dich aus Deinen anmuthigen Bergen hieher? Etwa nur das Verlangen diese
Betrachtungen anzustellen?
    Ein nahe mit ihnen zusammenhngender Grund, sagte der Graf. In Euern
Schlachten ist ein Verwandter von mir geblieben, der hier einheimisch war und
dessen Erbe ich geworden bin.
    So fhrt das Ueble immer das Gute herbei, sagte der General leichtsinnig.
Sein Freund wendete sich verletzt ab. Nun, sei mir nur nicht bse, fuhr der
General lchelnd fort; Du weit, ich habe mich niemals zu Deiner sublimen Moral
erheben knnen, und ich denke in meinem mir so oft von Dir vorgeworfenen
Leichtsinn, da es doch keine so grliche Sache sein kann, der Erbe eines
Verwandten zu werden, den man vielleicht gar nicht oder doch nur wenig gekannt
hat.
    Der Graf lie das Gesprch ber diesen Gegenstand fallen, denn er wute, da
sein Freund seine Art zu denken in manchen Fllen, und so auch hier, nicht
verstand. Es konnte nicht fehlen, da die Unterhaltung bald eine Wendung nahm,
wodurch sie die Begebenheiten der Zeit berhrte und der General bemerkte bei
dieser Gelegenheit: Jetzt hoffe ich, wird Dein Herz in sofern wenigstens sich
kummerfreier fhlen, als nun nicht mehr Deutsche gegen Deutsche fechten werden,
dieser Frieden stellt uns hierber vollkommen sicher. Alle kleineren Staaten
Deines Dir so theuern Vaterlandes sind mit Napoleon auf's Engste verbunden;
Preuen wird durch die Umstnde dazu gezwungen, und Oesterreich wird sich jetzt
aufrichtig mit uns vereinigen.
    Die Verbindungen der Staaten unter einander, erwiederte der Graf, knnen nie
wie Privatfreundschaften betrachtet werden. Sie sind so lange aufrichtig, bis
ein hheres Interesse andere Forderungen macht.
    Was willst Du damit sagen? fragte der General. Weit Du nicht, da die
Tochter des sterreichischen Monarchen Kaiserin von Frankreich wird?
    Auch Familienbande, antwortete der Graf, sichern dem Bunde der Staaten keine
ewige Dauer. Erinnere Dich, als es Euer Ludwig der Vierzehnte durchsetzte,
seinen Enkel auf Spaniens Thron zu erheben, da rief er auch in der Trunkenheit
der Freude ber das gelungene Werk: Jetzt giebt es keine Pyrenen fr Frankreich
mehr. Nun, Du weit, die Pyrenen sind dessenungeachtet geblieben.
    Jetzt aber, sagte der General mit Stolz, jetzt ist diese Scheidewand fr
Frankreich gesunken. Spanien ist unser.
    Ihr kmpft aber doch in diesem Euern Spanien noch mit abwechselndem Glck,
versetzte der Graf.
    Was folgt daraus? rief sein Freund unmuthig.
    Da sich die Pyrenen dennoch wieder fr Euch erheben knnen, sagte der
Graf.
    Einen Augenblick flammte der Zorn in den Augen des Generals, indem er den
Grafen anblickte, doch der scharf geklemmte Mund, der eben etwas Heftiges
aussprechen wollte, schwieg. Die Spannung des Gesichts lste sich, die eben noch
zornigen Augen begegneten freundlich dem edeln Blicke des Grafen, der Mund, der
eben beleidigen wollte, lchelte anmuthig, und nachdem der General seinen Freund
in dieser wohlwollenden Stimmung noch einen Augenblick betrachtet hatte, brach
er in ein lautes Gelchter aus. Habe ich jemals einen Menschen unerschtterlich
standhaft in seinen Ansichten gefunden, sagte er endlich, so bist Du es. Du
wirst noch ein Mrtyrer Deines Glaubens werden, fgte er ernsthaft hinzu.
    Ich wei nicht, wie es geschieht, sagte der Graf ebenfalls lchelnd, ich
habe mir sonst nie ber diese Gegenstnde Unbesonnenheiten vorzuwerfen, ich wei
meine Ansichten zurckzuhalten und zu verbergen; so wie ich Dich aber erblicke,
zolle ich der Thorheit diesen Tribut und bekmpfe Deine Ansichten unntzer
Weise, indem ich die meinigen eben so zwecklos zu vertheidigen suche. Ich kann
mir keinen Grund fr diese Schwachheit angeben, fuhr er fort, wenn er nicht
darin zu suchen ist, da mir die Erinnerung der Jugend mit allen ihren
Vorrechten und ihrem rcksichtslosen Vertrauen nahe tritt, wenn ich Dich
erblicke, und ich mache eben diese Vorrechte geltend.
    Der General, der seinen Arm in den des Freundes gelegt hatte, drckte diesen
leise als Zeichen freundlicher Erwiederung.
    Wirst Du lange in Mnchen bleiben? fragte endlich der Graf, nachdem Beide
eine Zeitlang geschwiegen hatten.
    Nein, erwiederte sein Freund. Ich komme jetzt von Paris, wohin ich mich nach
dem Waffenstillstande gern senden lie, und kehre nun nach Wien zurck, wohin
ich mancherlei Nachrichten zu berbringen habe, und ich verweile auch hier nicht
ohne Grund. Doch werde ich morgen reisen, und ich denke, sagte er
freundschaftlich zum Grafen gewendet, wir trennen uns heut so wenig als mglich.
Dem Grafen fiel pltzlich ein, da sich ihm nicht leicht eine bessere
Gelegenheit bieten wrde, die Anerkennung des Namens Evremont fr St. Julien zu
bewirken, und doch machten manche Umstnde es ihm schwer, dem General sein
Anliegen zu vertrauen. Es war mglich, da sich sein Freund, wenn er ihn damit
bekannt machte, da er mit der Wittwe des Grafen Evremont verbunden sei, sich
der weiblichen Gestalt erinnerte, die er bei der Hinrichtung des unglcklichen
Freundes erblickt hatte, und es lag so nahe, dann in dieser die Gemahlin des
Grafen zu vermuthen. Alle diese Vorstellungen peinigten ihn, und er konnte zu
keiner Entschlieung kommen, und beide Freunde wandelten eine Zeitlang
schweigend auf und ab. Ich erkenne Dich heute nicht wieder, fing endlich der
General das Gesprch von Neuem an. Was hast Du nur, das Dich in so ernste, in so
ungleiche Stimmungen versetzt?
    Der Graf hatte indessen seine Zweifel bekmpft. Jedes Bedenken mute aus
Rcksicht fr den geliebten Sohn berwunden werden, und er sagte dehalb
entschlossen: Ich wnschte, da Du Dich in einer Angelegenheit, die mir sehr am
Herzen liegt, bei Napoleon fr mich verwenden mchtest, und ich wei nicht
recht, wie ich sie Dir vortragen soll.
    Aha! rief der General lachend, mu sich Deine Spartaner-Tugend beugen?
Bedarfst Du der Gewaltigen der Erde? Nun freilich kann ich mir denken, da Du
einen schweren Kampf mit Deinen Grundstzen bestehen mut, ehe Du solche
Bekenntnisse ablegst.
    Es ist nicht das, sagte der Graf, aber um Dich in den Stand zu setzen mir
beizustehen, mu ich Dich mit Einzelnheiten bekannt machen, die mich in mehr als
einer Hinsicht schmerzlich berhren, und da die Mittheilungen sind, die sich
nicht im Freien machen lassen, und ich Dich frher davon in Kenntni zu setzen
wnsche, ehe ich Dich in meine Wohnung einlade, so bitte ich Dich, mich in die
Deine zu fhren.
    Der General war bereit dazu, und beide Freunde wollten den Schlogarten
verlassen, als der Blick des Generals auf einen Krieger fiel, der eine Dame, die
er am Arme fhrte, los lie und die Hand an den Hut legte, um den General
militrisch zu begren. Dieser Krieger mochte einige vierzig Jahre zhlen;
seiner Haltung mangelte die franzsische Zierlichkeit einigermaen; sein stark
gebruntes, mageres Gesicht deutete auf viele berstandene Beschwerden, und wenn
seine Kleidung eher beschrnkte Umstnde als Ueberflu erkennen lie, so war das
Kreuz der Ehrenlegion auf seiner Brust ein Beweis seines Muthes. Die Dame, die
sich in seiner Begleitung befand, mochte schn gewesen sein, aber die
erschlafften Gesichtszge bewiesen eben so wie der freche Blick, da sie das
Leben zu sehr benutzt hatte; die hoch aufgetragene Schminke konnte den Schein
blhender Jugend nicht mehr hervorrufen, so wie der auffallende Putz nicht
Wohlhabenheit lgen konnte. Die beschmutzten Bnder und verblichenen Blumen, mit
denen die schwarzen Locken berladen waren, verkndigten wohl die Ansprche, die
noch gemacht wurden, aber zeigten auch deutlich, da sie nicht mehr befriedigt
werden konnten.
    Wie geht es, Kapitn? redete der General den Krieger an. Sind Sie von Ihren
Wunden wieder hergestellt?
    Dem Himmel sei Dank, erwiederte der Angeredete, ich kann bald wieder
eintreten in die Reihen der Braven.
    Der Kaiser wird Sie belohnen, sagte der Genral, ich kann das beste Zeugni
Ihres Muthes bei Landshut ablegen, und ich hoffe Sie bald als Obristen zu
begren, denn leider sind sehr viele brave Kameraden geblieben.
    Nur Ihnen, mein General, verdanke ich es, erwiederte der Kapitn, da ich
meine Laufbahn nicht als Sergeant beschlossen habe, denn die Zeiten sind auch
bei uns vorber, wo man sich ohne Beschtzer empor arbeiten konnte.
    Sind Sie vermhlt? fragte halb leise der General, der schon ein paar Mal den
Blick zu der Dame hatte hinber streifen lassen, die in des Kapitns Begleitung
gekommen war, und die nun sichtlich verdrlich darber, da Niemand ihre
Gegenwart zu bercksichtigen schien, seitwrts stand.
    Sie begreifen, mein General, sagte der Kapitn verlegen lchelnd. Madame
bernahm es, mich whrend meiner langen Krankheit zu verpflegen, und sie ist so
gtig, sich meines Namens zu bedienen, weil - weil die in vielen Fllen fr
zwei in Freundschaft lebende Personen bequem ist. Sie verstehen wohl, wie ich
das meine?
    Vollkommen, entgegnete der General mit spttischem Lcheln, indem er sich
eben von seinem Kriegsgefhrten trennen wollte, als die vernachlssigte Schne,
die ihren Zorn nicht lnger unterdrcken konnte, ihm nher trat und, indem sie
ihm mit groer Dreistigkeit in die Augen blickte, sagte: Sie wissen aus eigener
Erfahrung, General, wie liebevoll ich einen Leidenden zu verpflegen verstehe,
und ob meine Sorgfalt nicht Dank und Anerkennung verdient.
    Gewi, gewi, sagte der General, ohne den spttischen Ausdruck des Gesichts
zu mildern. Ich habe den Werth Ihrer Zuneigung vollkommen wrdigen gelernt, und
vor Allem hat mich die zarte Schonung berrascht, die mir den Schmerz des
Abschiedes ersparte und zugleich alle Hindernisse des leichteren Fortkommens mir
aus dem Wege rumte.
    So gro die Frechheit der Tochter des alten Lorenz auch war, die sich in der
Begleiterin des Kapitns nicht mehr verkennen lie, so schwieg sie doch einen
Augenblick bestrzt und sagte dann mit weniger dreister Stimme: Ich glaube,
meine Aufopferung fr Sie htte eine bessere Belohnung verdient.
    Ich zweifle nicht, erwiederte der General lchelnd, da ich die selbst
wrde geglaubt haben; da es Ihnen aber gefiel, den Werth dieser Aufopferung
selbst zu bestimmen, so habe ich Ihr Urtheil fr richtiger als das meine
gehalten.
    Nach einer leichten Verbeugung fate der General von Neuem den Arm des
Grafen, um sich eilig mit ihm zu entfernen. Der Kapitn schien sein Verhltni
zu seiner Freundin selbst zu leicht zu nehmen, als da er durch die Art, wie der
General mit ihr sprach, htte beleidigt sein sollen. Im Gegentheil blickte er
diesem mit wohlwollendem Lcheln nach, als er sich entfernte, und sagte, indem
er seiner Begleiterin den Arm bot: Ein braver Mann der General, ein wahrer
Ehrenmann, ohne auf den Zorn zu achten, der in den Augen seiner Freundin
funkelte.
    Als die beiden Freunde die Wohnung des Generals erreicht hatten, sagte
dieser: Vor allen Dingen mut Du mir nun versprechen, diesen Mittag mein Gast zu
sein. Gern, erwiederte der Graf, wenn Du mir erlaubst, meine Damen davon zu
benachrichtigen, damit ich nicht vergeblich erwartet werde.
    Ist Deine Gemahlin mit Dir in Mnchen? fragte der General, nicht angenehm
berrascht, denn sein Zusammentreffen mit der Tochter des alten Lorenz erinnerte
ihn daran, wie er mit dieser auf Schlo Hohenthal erschienen war, und er mute
es sich gestehen, da er dadurch unmglich die Achtung der Grfin gewonnen haben
knne. Der Graf hatte die Frage des Freundes bejahend beantwortet und der Grfin
einige Worte geschrieben. Der General zog die Klingel, auf deren Ruf ein
Bedienter in bertrieben reicher Livree erschien, der zum Ueberbringer des
Blatts bestimmt wurde. Der Graf sah dem davon eilenden Boten gedankenvoll
lchelnd nach, und der General, der einen Tadel seines Geschmacks in Bezug auf
die zu reiche Livree frchtete, fragte etwas gespannt: Was fllt Dir an dem
Burschen so auf? Der Wechsel der Dinge, antwortete der Graf. Ich wei die Zeit,
wo eine so reiche Livree dem Herrn dieses Burschen als einem entschiedenen
Aristokraten zur Guillotine geholfen htte.
    Tempi passati, sagte der General ghnend. Von Menschenrechten ist nicht mehr
die Rede. Der Ruhm, der Glanz der franzsischen Nation, das ist jetzt der
Gedanke, der Alle mit Begeisterung erfllt.
    Es ist eine eigene Ideenverbindung, bemerkte der Graf lchelnd, da Du an
die Menschenrechte denkst, wenn ich die Guillotine erwhne.
    Nun, Du mut doch zugeben, erwiederte sein Freund, da die verruchte
Maschine zu der Zeit am thtigsten war, wo am Meisten von den Menschenrechten
geredet wurde. Doch la uns nicht wieder in die Politik gerathen; la uns, wie
in vergangenen Zeiten, in harmloser Heiterkeit uns zu Tische setzen, und dann
theile mir Dein Verlangen mit.
    Der Graf hatte gegen diese Anordnung seines Freundes nichts einzuwenden und
er folgte ihm zur Tafel, wo der General einer schwelgerischen Mahlzeit alle
Gerechtigkeit widerfahren lie und ber die Migkeit des Grafen mit in dem
Grade erhhter Munterkeit scherzte, wie der reichlich genossene Wein seine
Lebensgeister immer mehr anregte. Endlich, als der Pfropfen der
Champagnerflasche sprang und der schumende Wein in den Glsern perlte, sagte
er: Nun, alter Freund, sprich es aus, was begehrst Du, was soll ich fr Dich bei
unserm Kaiser auswirken?
    Es ist mir unmglich, sagte der Graf, Dir meine Wnsche bei der Flasche
mitzutheilen, denn ich mu Dich, damit Du mir gefllig sein kannst, mit zu
ernsthaften Gegenstnden bekannt machen.
    So la uns denn ernste Gegenstnde ernst behandeln, sagte der General, indem
er sich mit dem Freunde von der Tafel erhob und ihn in ein anderes Zimmer
fhrte. Es wurde dem Grafen schwer, die nthige Mittheilung zu beginnen, weil er
bei einem ihm an sich peinlichen Gegenstande die Weinlaune des Freundes
frchtete. Aber diese Besorgni war ungegrndet, denn so wie der Graf den Namen
Evremont nannte, war jede Spur der ausgelassenen Heiterkeit verschwunden, die
der General bei Tafel gezeigt hatte, und er hrte alles, was der Graf ihm
mittheilte, mit der ernstesten Aufmerksamkeit und innigsten Theilnahme an. Was
Du wnschest, sagte er endlich, als der Graf schwieg, ist eine Kleinigkeit, die
der Kaiser ohne Frage sogleich gewhren wird. Dafr knnte ich mich verbrgen,
aber Du wirst es mir vergeben, da das Erstaunen ber das wunderbare Schicksal,
das Dich zum Gemahl von Evremonts Wittwe machte, alle meine Sinne fesselt. Armer
Evremont! rief er klagend, und doch, fuhr er erheitert fort, habe ich Recht,
jedes Bse bringt sein Gutes. Unser unglcklicher Freund wurde eigentlich das
Opfer seines Vaters, das kannst Du nicht lugnen, bei aller Liebe, die der alte
Herr fr ihn hatte; aber die Unglck hat Dein Glck herbeigefhrt durch die
Verbindung mit seiner liebenswrdigen Wittwe, und da Du ihren Sohn ganz als den
Deinen betrachten willst, daran thust Du recht, und nur Gewinn wird Dir dabei zu
Theil, denn ich sage Dir, er ist einer der bravsten Offiziere in der Armee und
Du kannst noch die Ehre erleben, Dich den Vater eines Marschalls von Frankreich
zu nennen.
    Der Graf bemhte sich nicht seinem Freunde auseinander zu setzen, wehalb er
diese Ehre nicht zu genieen wnschte. Er begngte sich, ihm fr das bestimmte
Versprechen zu danken, welches er gegeben hatte, diesem geliebten Sohne die
Rechte seines wahren Namens wieder zu verschaffen, und lud ihn nun ein, den
Abend bei ihm zuzubringen und ihm zu erlauben, ihn mit der Grfin bekannt zu
machen. Miverstehe mich nicht, sagte der General zgernd, wenn ich Dich bitte,
diese Ehre zu verschieben, bis ich sie lnger genieen kann, als es die Mal
mglich wre. Du weit, in welcher Begleitung ich auf der Burg Deiner Vter
erschien. Unter Mnnern hat die nichts zu sagen, bei Feinden auch nicht, wo man
wie ein Ungewitter vorberzieht und keine Achtung erwecken, kein wohlwollendes
Andenken zurcklassen will. Aber bei der Gemahlin meines Freundes ist die eine
andere Sache. Kann ich mich knftig des Umganges in Deinem Hause lnger erfreuen
und durch ein fortgesetztes anstndiges Betragen die beln Eindrcke wieder
auslschen, so wirst Du mich dankbar Deiner Einladung folgen sehen. Aber jetzt
auf eine halbe Stunde hinzugehen, gleichsam um die Frau Grfin mit dreister
Stirn daran zu erinnern: Hier ist der Mann, der sich in Ihrem Hause so unklug
auffhrte, und mich dann gleich wieder zu empfehlen, nein, verzeih, das geht
ber meine Krfte.
    Der Graf bekmpfte die Grnde seines Freundes nicht mehr, als es die
Hflichkeit forderte. Ihm selbst war es angenehm, ihn der Grfin nicht, ohne sie
darauf vorbereitet zu haben, vorzustellen, denn mit welcher Dankbarkeit er es
auch anerkannte, da sein Freund mit der Feinheit eines Mannes von Welt es nicht
auf die fernste Weise bemerken lie, da er errathe, die weibliche Gestalt, die
er bei der Hinrichtung Evremonts bemerkt habe, mge die Grfin gewesen sein, so
wrde doch schon jeder neugierige Blick, den vielleicht, sich unbeachtet
glaubend, der General auf seine Gemahlin gerichtet htte, den Grafen tief
verwundet haben. Er folgte also der Einladung des Generals, noch einige Stunden
der Freundschaft zu weihen, bis diesen Geschfte abriefen, die er noch mit den
Ministern vor seiner Abreise nach Wien hatte.
    Beide Freunde fhlten durch diesen mit einander verlebten Tag die Gefhle
ihrer Jugend neu belebt und trennten sich mit herzlicher gegenseitiger
Zuneigung.

                                      VIII


Es waren mehr als zwei Jahre verflossen, seit der Graf mit seinem Freunde
Clairmont in Mnchen zusammen getroffen war; lngst war dessen Versprechen
erfllt, St. Julien war als Evremont anerkannt und fhrte schon lange diesen
Namen. Das Glck, den geliebten Sohn zu umarmen, war genossen und schon lange
wieder entschwunden. Napoleons heftig bewegte Seele gestattete seinen Kriegern
keine lange Waffenruhe, und es hatte die Verbindung der Liebenden beschleunigt
werden mssen, wenn sie nicht die Qual der Trennung von Neuem erdulden sollten.
Die reizende Emilie war in Mnchen mit dem schnen Sohne der Grfin vereinigt
worden, und wenige Tage darauf mute der Graf, schmerzlich seufzend, das
beglckte Paar entlassen, und die bittersten Thrnen benetzten von Neuem die
Wangen der einsamen Mutter. Die Grfin erkannte jetzt erst, wie viel ihr Emilie
gewesen war, als sich auch diese von ihrem Herzen losri, um dem geliebten
Gemahle zu folgen, der neuen Gefahren entgegen eilte, denn seine Bestimmung war,
sich mit den Truppen zu vereinigen, die noch immer auf Spaniens Boden kmpften
und den ungestrten Besitz des schnen Landes der neuen Dynastie nicht erringen
konnten. Die schchterne Emilie folgte den Truppen, soweit es sich thun lie, um
so viel als mglich in der Nhe des geliebten Gemahls zu bleiben. Nur selten
wurden die Eltern durch Nachrichten erfreut, weil die ewigen Bewegungen der
Heere keinen regelmigen Briefwechsel gestatteten, und die Phantasie war
geschftig, Bilder von tausend mglichen Gefahren zu erzeugen, und oft schon
wurde Evremont verzweiflungsvoll als ein Gestorbener beweint.
    Da die Stimmung der Grfin sie bewog, die Gesellschaft zu meiden, so hatte
der Graf sein neues Erbe, das Gut am Rhein, bezogen, damit die ngstliche,
kummervolle Mutter in der schnen Natur den Trost fnde, den ihr die
Gesellschaft nicht gewhren konnte.
    Nach langem Schweigen waren endlich wieder sehr versptete Briefe von
Evremont und seiner Gattin eingetroffen. Beide meldeten den zrtlichen Eltern
ihr neues Glck, und Evremont konnte nicht Worte finden, sein Entzcken
auszudrcken. Emilie, die angebetete Emilie hatte ihm einen Sohn geboren und
alle Gefahren glcklich berstanden, die ein Leben jedes Mal bedrohen, wenn ein
anderes aus ihm sich entwickeln soll. Er selbst hatte neue Lorbeeren ohne Wunden
errungen und konnte sich des ungetrbtesten huslichen Glckes erfreuen. Emilie
selbst schrieb wenig, weil jede Bewegung des Gemths noch vermieden werden
mute; aber die wenigen Worte ihrer Hand zeigten, wie ganz selig sie sich als
Mutter fhlte und wie zrtlich liebend ihre Seele sich an den beglckten Gatten
schlo.
    Lange fand in dem Herzen des Grafen und seiner Gemahlin keine andere
Empfindung Raum, als eine zrtliche, wehmthige Freude ber ihr erhhtes Glck,
und besonders empfand die Grfin eine schmerzliche Sehnsucht nach dem Anblick
des neugebornen Kindes. Man berechnete, da es nun schon einige Monate alt sein
msse, weil die Briefe, die sein Dasein meldeten, lange zurckgehalten worden
waren, ehe sie ihre Bestimmung erreicht hatten.
    Endlich war diese wichtigste Familienbegebenheit so vielfach mit immer
erneuerter Freude besprochen worden, da die Seele gewissermaen befriedigt war,
und der Graf hatte nun auch das besonders an ihn gerichtete Paket des Sohnes
gelesen, das in Form eines Tagebuches die bedeutendern Vorflle bei der Armee,
so weit die zu wagen war, berichtete.
    Der Graf folgte mit gespannter Aufmerksamkeit dem Gange der Begebenheiten,
an denen Evremont Antheil genommen hatte, bis seine Aufmerksamkeit von den
groen weltgeschichtlichen Ereignissen abgelenkt wurde, indem sein Sohn einen
Gegenstand berhrte, der seine Phantasie in den Kreis seines brgerlichen Lebens
zurckfhrte.
    Ich zog, so schrieb Evremont, an der Spitze meines Regiments durch ein
anmuthiges Thal, das sich zwischen baumbewachsenen Hgeln hinschlngelte. Der
Himmel war ber uns dunkelblau, wie ein unermelicher Sapphir, ausgespannt, kaum
regten sich gelinde Lfte. Nichts unterbrach die Stille der Natur, als das
sanfte Pltschern eines silberhellen Baches, der zwischen blhenden Ufern flo.
Mir schien es, als sei die ruhige Thal von den Menschen vergessen und blhe
hier still fr sich in ungekannter Schnheit, und es dnkte mir fremd und
seltsam, da ich hier mit kriegerischem Getse ber den ruhigen Busen der Erde
zog. Meine Trumerei und die tiefe Ruhe um uns her wurde auf einmal durch den
Knall von kleinem Gewehrfeuer unterbrochen, den ein vielfaches Echo in den
Bergen wiederholte, und es schien mir, als liee sich ein fernes Jammergeschrei
schwach unterscheiden. Da unter den jetzigen Umstnden in diesem herrlichen
Lande Vorsicht die erste Tugend ist, die man sich aneignen mu, so zog auch ich
mit doppelter Vorsicht weiter durch das enge Thal, und ich hatte so sehr allen
Sinn fr die noch eben empfundene Schnheit desselben verloren, da ich eifrig
das Ende zu erreichen wnschte. Inde nherte ich mich an der Spitze meines
Regiments dem Platze, wo eben gekmpft worden war, indem wir um einen Hgel
bogen, hinter welchem sich das Thal etwas weiter ausbreitete, und der erste
Blick berzeugte mich, da keine Gefahr zu berstehen sei, ob sich mir gleich
ein trauriger Anblick darbot.
    Es waren Reisende, die nur eine schwache Bedeckung hatten, von Guerillas
berfallen worden, und sollten eben geplndert und getdtet werden, als der
Anblick meiner berlegenen Macht diese bewog, sich eilig zurckzuziehen und die,
die sie sich zu Opfern ausersehen hatten, ihrem Schicksale zu berlassen.
    Als ich dem Orte nher kam, wo der Ueberfall Statt gefunden hatte, bemerkte
ich zwischen umgeworfenen Wagen eine stehende Dame, die ihre Hnde krampfhaft
auf der Brust zusammengepret hatte, und mit dem Ausdrucke hchster Angst und
des heftigsten Schreckens die starren Blicke gedankenlos in die Weite richtete.
Ich wollte meinen Augen nicht trauen, als ich in dieser Dame diejenige wieder
erkannte, der ich mich in Madrid hatte vorstellen lassen, um die Bekanntschaft
eines rthselhaften Verwandten zu machen. Als ich mich berzeugt hatte, da
keine Tuschung mich verblende, stieg ich vom Pferde und nherte mich der
Gengstigten. Ich fate, indem ich Sie anredete, ihre Hand, um sie aus der
Erstarrung zu erwecken. Ein schner Blick aus den dunkeln Augen traf mich bei
der Berhrung, doch schien sie sich bei meinem Anblick einigermaen zu beruhigen
und deutete mit der linken Hand, indem ich ihre Rechte hielt, auf einen
Gegenstand, den mir ein umgeworfener Wagen verbarg. Ich nherte mich und sah
denselben jungen Mann, den man in Madrid Don Fernando nannte, schwer verwundet
auf dem Rasen liegen. Er rchelte dumpf aus der verletzten Brust, und bei jedem
Athemzuge quoll von Neuem das Blut hervor, das den Rasen rings um ihn frbte.
Ich bog mich entsetzt zu ihm nieder, ich wei nicht, ob er mich kannte, aber er
wendete scheu den Blick von mir ab. Ich erkannte die Nothwendigkeit
augenblicklicher Hlfe. Der Regimentsarzt war schnell herbei gerufen, und ich
fhrte die Dame hinweg, bat sie in einiger Entfernung zu ruhen whrend des
nothwendigen Verbandes, und lie ihr eine Bedeckung zu ihrer Sicherheit.
Stillschweigend lie sie sich alle meine Anordnungen gefallen, und ich kehrte zu
dem Verwundeten zurck, um Zeuge eines seltsamen Auftritts zu sein.
    Ein alter wrdiger Unteroffizier hatte den Tadel seiner Kameraden nicht
geachtet und sich vor einiger Zeit mit einer Frau verheirathet, die mehrere
Officiere nach einander zur Geliebten gehabt hatten. Diese nun folgte als
Marketenderin dem Regimente, und da bei dem Verbande des Verwundeten Leinenzeug
erforderlich war, wurde sie herbei gerufen, um wo mglich damit auszuhelfen. Sie
erschien und schaffte bereitwillig herbei, was sie vermochte, und wollte nun
auch bei dem Verbande selbst Hlfe leisten. Als sie sich, um die zu knnen, zu
dem Verwundeten niederbeugte, starrte sie diesen einen Augenblick an und rief
dann mit allen Zeichen eines lebhaften Schmerzes: Jakob, Bruder Jakob, mu ich
Dich so wiedersehen? Der Verwundete richtete einen matten Blick auf die Gestalt,
deren kreischender Ton ihn erweckt hatte, und wendete dann mit unverkennbarem
Widerwillen sein Gesicht hinweg.
    Diese Bewegung des zum Tode Verwundeten lie die, die ihn als Bruder
erkannte, alle Gefahren vergessen, denen sein Leben Preis gegeben war, und sie
ergo sich in Strmen von Scheltworten, worin sie ihm vorwarf, da sein Hochmuth
sie zu Grunde gerichtet habe, indem er ihre Schnheit immer benutzt habe, um
sich Wege zu bahnen, und da nun ein um seinet Willen gnzlich verlornes Leben
nun sein schnder Undank ihr so vergelte, da er sie im letzten Augenblicke
seines Daseins nicht anerkennen wolle.
    Der junge Mann schien unter diesem Strome von Scheltworten furchtbar zu
leiden, und seine Augen suchten ngstlich einen Gegenstand, dessen Dasein er
offenbar frchtete. Ich duldete diesen Ergu des Zornes nur so lange, als meine
Ueberraschung mich verstummen lie. Sobald ich mich davon erholt hatte, befahl
ich dem Unteroffizier seine scheltende Gattin hinwegzufhren, und da im Kriege
auch eine Marketenderin gehorchen mu, so wurde meinem Befehle zur sichtbaren
Erleichterung des Verwundeten Folge geleistet. Die hinweggefhrte scheltende
Schwester hatte sich im Zorneseifer der deutschen Sprache bedient, und so war
sie von Niemandem als von mir und dem unglcklichen Bruder verstanden worden.
Inde hatte sich die Dienerschaft der Reisenden wieder gesammelt, die vor den
Guerillas die Flucht genommen hatte; auch einige Schfer und Landleute hatten
sich eingefunden, denen vielleicht diejenigen nicht fremd waren, die ihre Beute
beim Anblicke der berlegenen Macht verlassen hatten. Mit dem Verbande war man,
so gut es sich thun lie, zu Stande gekommen, und ich sah mich nun verlegen um,
weil ich nicht wute, was ich mit dem Unglcklichen beginnen sollte. Ein alter
Schfer trat zu mir, dessen weies Haar und ehrwrdiges Gesicht jedes Mitrauen
zu widerlegen schienen, das in meiner Seele htte aufsteigen knnen. Er rieth
mir, den Verwundeten ber einen der Berge tragen zu lassen, zu dem ein Fupfad
hinauffhrte, und er versicherte mir, wir wrden in einer halben Stunde ein Dorf
erreichen und dort bei dem menschenfreundlichen Geistlichen allen mglichen
Beistand finden. Er ist nicht wie Viele seines Gleichen, setzte der Greis mit
Bedeutung hinzu; wenn ein Leidender seiner Hlfe bedarf, so fragt er nicht, fr
welche Sache er streitet. Ich verstand den Wink. Die Landleute bereiteten aus
Baumzweigen eine Bahre, um den Verwundeten zu tragen. Die Reisewagen waren
wieder aufgerichtet und sollten auf dem Fahrwege dasselbe Dorf zu erreichen
suchen, wozu sie, wie man versicherte, einige Stunden brauchen wrden. Einen
Theil meiner Leute gab ich diesen als Bedeckung mit, andere sollten uns zu Fu
begleiten, und den Rest des Regiments sendete ich mit der Marketenderin nach dem
Orte voraus, wo ein Rasttag gehalten werden sollte.
    Als ich alle diese Anordnungen getroffen hatte, nherte ich mich dem Orte,
an dem ich die Dame verlassen hatte. Zwei Kammerfrauen, die sich hinter Hecken
whrend des Ueberfalls verborgen, hatten sich zu ihr gefunden und schienen ihr
Beistand zu leisten, denn in dem Schooe der einen ruhte das bleiche Haupt der
Gebieterin, von dem sich die glnzend schwarzen Locken und Flechten in
Verwirrung bis auf den Rasen herabsenkten, inde die andere ihr wohlriechende
Essenzen vorhielt. Als ich mich dieser Gruppe nherte, erhob sich die Dame mit
mehr Kraft, als ich ihr zugetraut hatte, und indem sie mir mit Anstrengung
entgegen wankte, fragte sie mit bleichen, bebenden Lippen: Lebt mein Gemahl? Da
ich so eben die unzweifelhafte Ueberzeugung bekommen hatte, da der verwundete
junge Mann, wie Sie, mein theurer Vater, schon lange werden vermuthet haben,
Niemand anders sei als der Sohn Ihres ehemaligen Dieners, des alten Lorenz, so
verwirrte mich die Frage, und ich schwieg einen Augenblick. Die Dame wurde
sichtlich bleicher, und indem sie mit beiden Hnden meinen Arm fate und ihn
krampfhaft drckte, rief sie in hchster Angst: Sprechen Sie es aus, er lebt
nicht mehr, und, Gott! fuhr sie fort und richtete den Blick mit dem Ausdrucke
des tiefsten Schmerzes nach oben, o Gott! ich habe ihm nicht vergeben! Fassen
Sie sich, erwiederte ich und brachte so viel Ruhe als mglich in meine Stimme;
er lebt, aber ich kann Ihnen nicht verhehlen, da sein Zustand mir nicht
gefahrlos scheint. Gelobt sei die heilige Mutter Gottes! rief sie und zog ihre
Hnde zurck, die meinen Arm noch immer hielten. Ich theilte ihr nun mit, da
der Verwundete ber den nahen Berg getragen werde, um ein Kirchdorf eher zu
erreichen, und fragte sie, ob sie sich Krfte genug zutraute, den Weg einer
halben Stunde zu Fu mit mir zu machen, oder ob sie es vorzge, das Dorf auf dem
Fahrwege zu erreichen und so etwas spter einzutreffen. Sie whlte ohne Bedenken
das Erste und sagte, indem sie sich zitternd an meinen Arm lehnte, ihre Krfte
seien vllig wieder hergestellt. Wir setzten uns sogleich in Bewegung, und auch
die Kammerjungfern schlossen sich uns an. Wir bemerkten bald, da die jungen
Landleute, den Verwundeten tragend, sich schon den Berg hinaufbewegten, und wir
eilten, so sehr es die Krfte meiner Begleiterin gestatteten, ihnen zu folgen.
    Mit einiger Beschwerde war der Weg bald zurckgelegt, und der wrdige
Geistliche, den einige voraneilende Landleute schon von dem Unglck unterrichtet
hatten, kam uns am Eingange des Dorfes entgegen, und bot sein Haus und alles,
was er vermge, den Reisenden freundlich an. Wir erreichten bald seine
bescheidene Wohnung, und ein altes Mtterchen, seine Haushlterin, empfing uns
in reinlicher Kleidung eben so freundlich als ihr Herr. Der Verwundete wurde
sogleich in ein kleines schon fr ihn bereitetes Zimmer gebracht, und wie ein
Sterbender, bleich mit mattem Blick, fast bewegungslos, von der Bahre gehoben
und auf ein reinliches Lager gesenkt. Der erste nur flchtig angelegte Verband
mute jetzt verbessert werden, und als der Unglckliche alle diese
unvermeidlichen Qualen berstanden hatte, irrten seine Blicke im Zimmer umher,
als ob er Jemanden suche, den er schmerzlich vermisse. Ich errieth ihn und eilte
seine Gemahlin aufzusuchen, die der Geistliche in ein anderes Zimmer gefhrt und
der Vorsorge der Haushlterin berlassen hatte, inde er selbst sich bemhte,
alles herbei zu schaffen, was zur Erleichterung des Kranken dienen konnte. Ich
fand die Dame mit ihren Kammerfrauen im eifrigen Gebet vor einem
Muttergottesbilde auf den Knieen liegen; sie erhob sich bei meinem Anblick, und
ihr groes schwarzes Auge blickte mir ngstlich fragend entgegen. Ich fragte
sie, ob sie jetzt, da der Verband gehrig angelegt sei, ihren Gemahl besuchen
wolle. Sie nahm schweigend meinen Arm und ich fhrte sie an das Lager des
Kranken. Ein Strahl der Zrtlichkeit dmmerte auf im erloschenen Auge des
Verwundeten; kraftlos bemhte er sich die Hand zu erheben und sie der Gattin
entgegen zu strecken. Da lste sich die Starrheit ihrer Zge; die glnzenden
Augen wurden feucht, und Thrnen trufelten wie Perlen ber die bleichen Wangen;
sie senkte sich auf ein Knie neben das Lager des Leidenden, fate mit ihren
beiden Hnden dessen dargebotene Hand und prete sie mit leidenschaftlichem
Ausdruck an ihren Busen, indem sie rief: Ich vergebe Euch, Don Fernando, wie der
Himmel mir in meinen letzten Stunden vergeben mge. Ein schwaches, seltsames
Lcheln zuckte um den Mund ihres Gatten, indem die Dame fortfuhr: Ja, und ich
bete inbrnstig zu Gott und allen Heiligen, da der Himmel Euch erhalten, und
die gnadenreiche Mutter Euch zum Heile und mir zum Trost Euern Sinn ndern mge.
    Da ich fhlte, da jeder Zeuge den beiden Gatten lstig sein msse, verlie
ich das Zimmer und fhrte den Wundarzt mit mir hinaus. Wir betraten beide den
kleinen Garten des Pfarrers, und ich fragte ihn, was er von dem Zustande des
Verwundeten halte? Er zuckte die Achseln und erwiederte: Er wird die Nacht nicht
berleben, und es wre gut, wenn ihn der Pfarrer darauf vorbereitete, damit,
wenn er noch Verfgungen zu treffen hat, die kostbare Zeit nicht verloren geht.
Ich hrte mit Schrecken diese bestimmte kaltbltige Zusicherung eines Mannes,
dessen gebter Blick sich schwerlich tuschen konnte. Ich werde ihn mit keinem
Verbande mehr qulen, fgte er hinzu, denn es ist vllig unntz; auch werde ich
ihm nicht untersagen zu sprechen, denn sein Schweigen knnte sein Leben
hchstens einige Stunden verlngern, die keinen Werth fr ihn haben knnen, und
er hat vielleicht noch Anordnungen zu treffen, die sein Gewissen beruhigen oder
fr seine Familie werthvoll sein knnen. Ob mich gleich die tiefe Ruhe emprte,
mit welcher der Wundarzt alles die aussprach, so sah ich doch das Vernnftige
seines Verfahrens ein und kehrte zu dem Kranken zurck, bei dem ich seine Gattin
und den Pfarrer antraf. Es schien, als ob er mich mit Sehnsucht erwartet htte,
denn er lie, so wie er mich erblickte, die Hand seiner Gattin los, die er auf
seine verletzte Brust gedrckt hielt, und gab durch Zeichen zu verstehen, da er
mit mir allein zu sein wnsche. Der Pfarrer verlie mit der Dame das kleine
Gemach, und ich setzte mich neben das Lager des Leidenden hin. Es schien, als
suche er Kraft ein Gesprch zu beginnen, das ihm nothwendig duchte und ihm doch
in jedem Sinne qulend zu werden drohte. Ich suchte seinen Zustand zu
erleichtern, und indem mir die Worte des Wundarztes einfielen, begann ich das
Gesprch und sagte: Sie werden mich gewi nicht fr so roh halten und glauben,
da ich Sie auch nur auf die entfernteste Weise beleidigen wolle, wenn ich
einige Fragen an Sie richte ber einen Gegenstand, ber den, wie es scheint, Sie
selbst sich mitzutheilen wnschen. Ich verbinde mit diesen Fragen keine andere
Absicht, als Sie das Sprechen so viel als mglich vermeiden zu lassen, denn Sie
brauchen meine Fragen nur durch Zeichen zu beantworten, und eben so wird ein
Zeichen mich davon belehren knnen, wenn Sie diese Erklrungen berhaupt zu
vermeiden wnschen. Erwartungsvoll richtete der junge Mann die dunkeln Augen auf
mich, und ich fuhr fort, indem ich meiner Stimme einen so sanften Ton gab, als
ich nur vermochte: Nicht wahr, Sie sind der Sohn des alten Lorenz, des
ehemaligen Kastellans des Grafen Hohenthal? Ein schmerzhaftes Gefhl machte die
blassen Lippen beben, aber der Verwundete gab ein bejahendes Zeichen. Und der
Baron, fragte ich weiter, dessen Namen Sie fhren, ist bei Bayonne im Duell
geblieben, und Sie benutzten seine Papiere? Auch diese Frage wurde bejahend
beantwortet. Ich habe Ihre Schwester entfernt, fuhr ich fort, um der Dame, die
Ihre Gemahlin ist, unntzen Kummer zu ersparen, der durch eine rohe
Zudringlichkeit htte veranlat werden knnen. Ein dankbarer Blick belohnte mich
fr diese Aufmerksamkeit. Haben Sie mir aber nichts fr diese Schwester
aufzutragen? fragte ich weiter. Er deutete auf ein Kstchen, das auf einem
kleinen Tisch neben dem Bette stand. Ich ffnete es auf sein Verlangen; er
deutete auf eine schwere Brse voll Goldstcken. Wollen Sie, da ich ihr diese
Summe einhndigen soll? Er bejahte auch die. Ich nahm die Brse zu mir und
versprach diese Pflicht zu erfllen. Und nun, sagte ich, wie soll ich es
beginnen, um meine Fragen so einzurichten, da mir ein Zeichen andeuten kann,
was ich, um Ihre Wnsche zu erfllen, fr Ihre Gemahlin thun soll? Wie kann ich
dieser Pflicht gengen und Ihre Brust dabei schonen?
    Die Schonung ist unntz, sagte er mit leiser Stimme, ich wei, da ich
sterben mu, und ich habe die wenigen Lebenskrfte, die mir noch bleiben, fr
edlere Gegenstnde bewahren wollen. Ich beobachtete durch die Fenster Ihr
Gesprch mit dem Wundarzte, und ich sah es Ihren und seinen Mienen an, da ich
sterben mu. Ich wollte Hoffnungen aussprechen, die ich selbst nicht hegte. Ein
Zeichen der Ungeduld legte mir Stillschweigen auf, und der Kranke fuhr mit
Anstrengung fort: Wenn ein Richter ber den Sternen lebt, wenn der Gebrauch, den
wir hier von unserem Dasein machten, unsere Zukunft dort bestimmt, so wird das
Wesen, das wir anbeten, unsern wahren Werth wgen und nicht wie ein
Polizeioffiziant dieser armen Erde Untersuchungen anstellen, ob wir es gewagt
haben, einen andern als den uns zukommenden Namen zu fhren, um ein solches
Vergehen zu bestrafen. Eine solche Furcht kann mich nicht beunruhigen,
gleichgltig erscheint mir der Unterschied der groen und unbedeutenden Namen,
eine Kinderei, die bald fr mich ganz geendigt sein wird; aber versprechen Sie
mir alle Vorsicht anzuwenden, damit meine Gemahlin nie ber diesen Gegenstand
aufgeklrt werde. Sie hat mich sehr geliebt, mit hchster Leidenschaft, fuhr er
fort, aber doch nicht so sehr, da der kastilianische Stolz die Neigung nicht
berwunden haben wrde, wenn sie nicht berzeugt gewesen wre, sich mit einem
der ltesten Freiherrn des rmischen Reiches zu verbinden, und sie wrde vllig
elend werden, wenn Sie ihr den unschdlichen Wahn rauben wollten. Er sah
verlangend nach mir auf. Ich reichte ihm die Hand und gelobte auch die, und ich
glaube ich habe mir nichts dabei vorzuwerfen. Warum sollte ich das Herz einer
unschuldigen Frau durchbohren, um sie ber einen Irrthum aufzuklren, der
Niemandem in der Welt Nachtheil zuziehen kann. Ein unverkennbarer Ausdruck der
Dankbarkeit leuchtete matt in den verlschenden Augen des Verwundeten. Nachdem
er wieder einige Krfte gesammelt hatte, fuhr er fort: Auch ich habe diese Frau
auf's Innigste geliebt - eine schwache Rthe frbte auf einen Augenblick die
bleichen Wangen - aber freilich sah ich auch die Gefhl anders an, als die
heftige, leidenschaftliche Frau. Ich glaubte, fr den geliebten Gegenstand sei
jedes Opfer ohne Ausnahme mglich, und hielt mich fr berechtigt, alle zu
erwarten, die es in meinen Plnen liegen knnte zu fordern. Die Irrungen, die
hiedurch zwischen uns entstanden, straften mich fr diese falsche Ansicht
schrecklich; doch auch die ist vorbei. Mir bleibt noch eine Pflicht zu
erfllen. Rufen Sie den Pfarrer und den Alkalden des Orts herbei, und setzen Sie
in ihrer Gegenwart spanisch und franzsisch eine Erklrung auf, da alle
Wechselbriefe, die sich in meiner Chatoulle befinden, das unbestreitbare
Eigenthum meiner Frau sind, ob sie gleich auf meinen Namen gestellt sind, und
ich werde die letzten Krfte daran wenden, die Blatt zu unterschreiben. Eilen
Sie aber, ehe es zu spt wird, und wenn ich todt bin, schaffen Sie meine Frau
sicher nach Frankreich hinber.
    Die lange Rede hatte die Krfte des Kranken erschpft und mich erschreckte
sein schwaches Husten. Ich rief den Wundarzt eilig; doch ging der Anfall die
Mal vorber, ohne sein Leben zu endigen, und ich eilte den Alkalden
herbeizuschaffen, um der Frau, die bald Wittwe sein wrde, wenigstens ihr
Eigenthum nach dem Tode des Mannes zu sichern. Auch die Geschft wurde
rechtsgltig geendigt, und ich richtete den Kranken behutsam in meinen Armen
auf, damit seine zitternde Hand die Urkunde unterzeichnen knnte. Ganz erschpft
lehnte er sich auf die Kissen zurck, nachdem er die vollbracht hatte, und
sagte mir dann in deutscher Sprache: Da ich, um meine Frau zu heirathen, zur
katholischen Religion bergetreten bin, so wnsche ich noch zu beichten, damit
die Arme ber mein Ende sich beruhigen kann. Ich theilte den Anwesenden seinen
Wunsch mit, der der Gattin des Kranken sehr zum Trost zu gereichen schien, und
wir lieen ihn mit dem Geistlichen allein, dessen liebevolle Ermahnungen selbst
auf diesen Menschen einen tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen, denn der
Ausdruck seines Gesichtes war milder, als wir auf sein Verlangen alle zu ihm
zurckkehrten. Er nahm von uns Abschied, erinnerte mich noch ein Mal an mein
Versprechen und blieb mit seiner Gattin allein.
    Die Unterredung zwischen beiden Gatten scheint eine leidenschaftlichere
Wendung genommen zu haben, als fr den Zustand des Kranken heilsam war, denn sie
waren nicht lange allein, als ein durchdringender Schrei der Frau uns bewog nach
dem Krankenzimmer zu eilen. Als wir eintraten, bemerkten wir sogleich, da nun
das Ende des jungen Mannes nicht mehr zu verzgern war. Seine Wunden hatten sich
geffnet und das Blut quoll unaufhaltsam hervor; ein schwaches, rchelndes
Husten erneuerte immer wieder sein Strmen. Die Frau lag auf den Knieen neben
dem Bette des Sterbenden und klagte sich laut in den leidenschaftlichsten
Ausdrcken als die Mrderin desselben an.
    Der Wundarzt nherte sich ihr mit gutmthiger Rohheit, und sagte ihr kalt
und trocken: Sein Sie darber ruhig; schon vor mehreren Stunden habe ich es dem
Herrn Obristen gesagt, da Ihr Gemahl die Nacht nicht berleben knne und da
jeder Versuch, sein Leben zu erhalten, vergeblich sein wrde. So roh mir diese
Worte klangen, so schienen sie doch einen Trost fr die Frau zu enthalten, denn
sie wurde ruhiger, gefater. Sie richtete einen mitleidigen Blick auf den
Sterbenden und faltete ihre Hnde, um fr seine Seele zu beten. Die Augen des
Verwundeten hatten Glanz und Licht verloren; matt griff seine Hand auf der
Bettdecke umher. Die Frau errieth ihn und fate die suchende Hand. Ein tiefes
Rcheln folgte und das Leben, das er vielleicht nie wrdig gebraucht hatte, war
dem Unglcklichen entflohen.
    Ich war in diesen Stunden so vielfach aufgeregt worden, da ich meine
Pflicht fr mein Regiment etwas aus den Augen verloren hatte, und jetzt, indem
ich mich darauf besann, wute ich nicht, wie ich meine Versprechungen mit diesen
Pflichten vereinigen sollte. Ich empfahl die Wittwe dem Pfarrer, die ich zwar
betrbt, aber doch viel gefater fand, als ich es erwartet hatte, und eilte nach
dem Sammelplatze meines Regiments, mit dem Versprechen, vielleicht noch diesen
Abend wiederzukehren.
    Als ich den Ort erreicht hatte, wo ein Rasttag gehalten werden sollte,
berraschte mich angenehm der Befehl, drei Tage hier zu verweilen, um ein
anderes Regiment zu erwarten, das sich mit dem meinigen vereinigen sollte. Ich
brauchte die Vorsicht, dem Manne der Marketenderin streng zu befehlen, seine
Frau nicht aus den Augen zu lassen, und ich fgte diesem Befehle die
Versicherung hinzu, da die Folgsamkeit freigebig belohnt werden sollte.
    Hierauf kehrte ich beruhigter zu dem Pfarrer zurck, der schon alle
vorbereitenden Anstalten zu der Beerdigung zu treffen begann, die am folgenden
Tage Statt finden sollte. Das Glck war mir gnstiger, als ich hoffen durfte,
denn wenige Stunden nach der Beerdigung zog ein franzsisches Regiment durch die
Gebirge, das nach Frankreich beordert war und dessen Obristen ich als einen sehr
achtbaren Mann kannte. Ihm durfte ich die Wittwe empfehlen, und ich war
berzeugt, da sie unter seinem Schutze Frankreich sicher erreichen wrde. Es
blieb mir nun nichts brig, als sie mit der Nothwendigkeit der baldigen Abreise
bekannt zu machen. Sie nahm meine Erklrung mit Ruhe auf und sagte, sie sei
bereit ihrem Schicksale zu folgen und ihr Vaterland auf immer zu verlassen, das
sie nie wieder wohlwollend aufnehmen wrde. Sie bemerkte die Verwunderung,
welche diese Worte in mir erregten, und sagte: Ich bin Ihnen, Obrist, so viel
Dank schuldig, da es mir eine Pflicht scheint, Ihnen manche Aufklrungen zu
geben, ohne die Sie vielleicht mein verletztes Gefhl nicht begreifen knnten
und das Unglck meines Lebens nicht einzusehen vermchten. Sie haben es in
Madrid leicht bemerken knnen, fuhr sie fort, mit welcher Glut der Seele ich Don
Fernando liebte, denn ich war unabhngig und brauchte eine Neigung, die ich fr
anstndig und edel hielt, nicht zu verbergen. Noch heftiger, schien es, flammte
die Glut der Liebe in Don Fernandos Seele, und wir schlossen einen Bund, der,
wie ich hoffte, uns beide beglcken sollte. Sie wissen, da ich der
franzsischen Partei aus der reinen Ueberzeugung ergeben war, da nur durch sie
das Wohl meines Vaterlandes zu erreichen mglich sei. Auch diese Ansicht schien
Don Fernando zu theilen. Wir waren vereinigt, und wenige Wochen waren
hinreichend, um den Schleier vor meinen Augen zu zerreien. Ich mute es bald
erkennen, da ihn nicht ein hohes Interesse fr die Fortschritte menschlicher
Veredlung nach Spanien gefhrt hatte, er scherzte ber meine Begeisterung und
glaubte, da wir so innig verbunden waren, nicht mehr nthig zu haben, mir seine
wahre Ansicht zu verbergen. Sein Vortheil bestimmte ihn allein; er wollte bei
der Verwirrung, die die verschiedenen Parteien erregten, gewinnen; er wollte
steigen, und das allgemeine Unglck sollte ihm dazu helfen, die hchsten Stufen
der Ehre zu erreichen. Er hatte gehofft, die durch franzsischen Einflu zu
erlangen, doch wurde ihm die zweifelhaft bei dem abwechselnden Glck, womit in
Spanien gekmpft wurde. Er suchte sich also der entgegengesetzten Partei
vorsichtig zu nhern, ohne es mit der franzsischen verderben zu wollen, und
hoffte so auf jeden Fall seinen Zweck zu erreichen.
    Abscheu und Verzweiflung erfllten meine Seele, als ich diesen Charakter in
ihm erkannte, und dennoch gab es Stunden, wo die Tuschung zurckkehrte und das
Gefhl der Liebe von Neuem meine Brust belebte, wo mich der thrichte Wahn
ergriff, ich knne die Herz vielleicht lutern, diese Seele auf eine edlere
Bahn leiten; aber bald sollte fr mich auch die letzte Tuschung verschwinden.
Einen Augenblick schwieg die schne Kastilianerin, eine tiefe Rthe glhte auf
ihren Wangen und die Flamme des Zornes brannte in den dunkeln Augen bei der
Erinnerung erlittener Schmach. Nach kurzem Schweigen fuhr sie mit unterdrckter
Bewegung fort: Nicht blo mein Vermgen wollte er benutzen, um seine ehrgeizigen
Plane zu erreichen, sondern mich selbst. Ich sollte ihm dazu dienen, die
Machthaber aller Parteien zu fesseln, zu blenden - doch genug ber meine
Erniedrigung, die jedes Band der Seele zwischen uns lste, ohne die Fesseln
zerreien zu knnen, die mich unauflslich an seine Person schmiedeten. Ich
glaubte nun, ich htte den Kelch des Elends bis auf die Hefen geleert, aber zu
diesem im Herzen nagenden Unglck drngte sich noch ein Leiden von auen herein.
Die Intriguen Don Fernandos waren nicht mit Feinheit geleitet, sie wurden von
allen Seiten durchschaut, und wir wurden bei der franzsischen Partei ein
Gegenstand der Verachtung. Der Hof war uns so gut als verboten, und mein Haus,
das Sie als den Sammelplatz der glnzendsten Gesellschaft gekannt haben, war
eine Einde. Die Gegner der Franzosen betrachteten uns mit dem reinsten, ganz
unverhehlten Abscheu und wir wurden wie Verpestete gemieden. Unter solchen
Umstnden fand ich es natrlich, da Don Fernando Spanien verlassen wollte, und
ich weigerte mich nicht ihm nach Italien zu folgen, das er mir als knftigen
Aufenthaltsort vorschlug. Er hatte sich gleich nach unserer Verbindung mit
liebender Zudringlichkeit der Verwaltung meines Vermgens bemchtigt, und in der
Stimmung, in der sich meine Seele nun befand, achtete ich zu wenig auf die Gter
des Lebens. Aber ein wahrhaftes Entsetzen ergriff mich, als ich nach unserer
Abreise aus Madrid durch ihn selbst erfuhr, da er alle eingezogenen Gelder auf
seinen Namen hatte stellen lassen und da ich also in eine Abhngigkeit von ihm
gerathen war, die mich beinah zu seiner Sklavin machte. Er machte mich mit der
grten Ruhe mit dieser Einrichtung bekannt und sagte lchelnd, er habe diese
Vorsicht beobachtet, damit die Grillen, die mein Herz von ihm entfernt htten,
mich niemals bestimmen knnten, mich gnzlich von ihm zu trennen, und damit er,
wie es ihm seiner ruhigeren Vernunft wegen gebhre, Herr meines Schicksals
bleiben knne und meine leidenschaftliche Seele nie das seine zu bestimmen
vermchte. Im Innersten emprt machte ich ihm die bittersten Vorwrfe ber diese
niedrige Art zu handeln, und es entschlpfte meinen Lippen die Aeuerung, da
ich schon lange bemerkt habe, da ich von ihm betrogen sei, da ich an sein
groes Vermgen in Deutschland nicht glaube, weil er so eifrig bemht sei sich
das meinige anzueignen. Die Erfahrung meines Lebens, erwiederte er ruhig, hat
mich vorsichtig gemacht. Durch den Gemahl meiner Schwester, den Grafen
Hohenthal, wurde ich in frher Jugend aus einer ruhigen, sorglosen Lage
gedrngt, und er hat es zu verantworten, wenn dadurch ein Schatten auf meinen
Charakter fllt, da ich nun vielleicht zu ngstlich jedes Besitzthum, das mir
erreichbar wird, mir zu sichern strebe, denn durch seine Schuld habe ich frh
mit dem Migeschick kmpfen mssen und in den Jahren der Jugend, die dem Genu
htten geweiht sein sollen, habe ich die Bitterkeit des Lebens erfahren.
    Es war mir hchst berraschend zu sehen, da ein Mensch so sehr ein Lgner
gegen sich selbst werden kann, und es lag zugleich etwas Komisches darin, wie er
die Wahrheit, da Sie, mein theurer Vater, einem Sie unverschmt beraubenden
Bedienten in seinem frechen Beginnen Einhalt thaten, in seine Erfindungen
hinber spielte, durch die er sich fr Ihren nahen Verwandten ausgab. Mich
berwltigte der Eindruck des Komischen und ein unwillkhrliches Lcheln zuckte
mir um die Lippen.
    Die Dame schwieg verwundert und beleidigt einen Augenblick, und eilte dann
sichtlich ihre Erzhlung zu beendigen. Aehnliche Gesprche, sagte sie, hatten
wir oft auf der Reise, und nicht immer hielt ich die Ausbrche meines Zornes
zurck, und eben hatte ich Don Fernando betheuert, da ich ihm nie vergeben, und
fortan nur Ha und Abscheu gegen ihn empfinden wrde, da mein Fluch seine
Sterbestunde belasten solle, als wir berfallen wurden und nur durch Ihren
Beistand einem noch schrecklicheren Loose entrannen.
    Wir schwiegen nun beide verlegen. Endlich sagte die Dame mit etwas trockenem
Tone: Da ich vielleicht in meinem Vertrauen zu weitluftig geworden bin, so
bitte ich Sie die zu verzeihen und zugleich mir so viel Wohlwollen zu beweisen,
als zu einiger Erwiederung meines Vertrauens gehrt. Sagen Sie mir aufrichtig,
fuhr sie lebhaft fort, was konnte Sie zum Lachen reizen, als ich erwhnte, wie
es Don Fernando rechtfertigen wollte, da er auf eine so unwrdige Weise mich
gnzlich von sich abhngig gemacht hatte?
    Gewi lachte ich nicht, sagte ich mit Verwirrung. Nun, worber lchelten Sie
denn? fragte die Wittwe ungeduldig. Da Ihr Gemahl Ihnen ein so gnzlich
falsches Bild von dem Grafen Hohenthal entworfen hat, sagte ich endlich, um nur
etwas zu sagen. Wie, Sie kennen den Grafen Hohenthal? rief sie hchst
verwundert. Die Grfin ist meine Mutter, sagte ich in der Ueberraschung.
Erstaunt lie die Dame die Arme sinken und rief, indem sie mir starr in die
Augen blickte: So war ja Don Fernando Ihr Oheim? Ich lchelte und schwieg. Wie
kommt es dann, fuhr sie fort, da Sie Ihre Verwandschaft nicht schon in Madrid
geltend machten? Da ich in Frankreich erzogen wurde, so hatte ich keine
Gelegenheit meinen Oheim kennen zu lernen, und ich wollte mich erst berzeugen,
ob der nun Verstorbene dieselbe Person sei, fr die ich ihn hielt, ehe ich mich
ihm zu erkennen gab. Sie erinnern sich aber vielleicht, da eine Krankheit, die
ihn damals berfiel, mich meine Absicht verfehlen lie.
    Die Wittwe sah mich mit einem durchdringenden Blicke an. Sie fhlte die
Zweideutigkeit meiner Antwort und sagte endlich, indem sie die flache Hand auf
ihre Stirn legte: Ich will nicht weiter in Sie dringen; ich selbst habe Don
Fernandos Charakter so kennen gelernt, da ich mir denken kann, wie seine
Verwandten Grnde haben konnten, sich von ihm zurckzuziehen. Wehalb soll ich
noch einen Schmerz mehr auf meine Seele laden durch die Kenntni von Dingen, die
mir vielleicht besser verschwiegen bleiben. Als ich auf diese Bemerkung schwieg,
sagte sie nach einigen Augenblicken: Gnnen Sie mir den Vorzug, mich als Ihre
Verwandte zu betrachten, wenn wir im Leben wieder zusammentreffen sollten. Da
meine Lebensplne jetzt nur von mir allein abhngen, so habe ich nicht die
Absicht nach Italien zu gehen, wenigstens fr jetzt nicht. Eine Verwandte, die
mit mir erzogen wurde und meine schwesterliche Liebe mit Innigkeit erwiederte,
lebt in Frankreich in der Nhe von Bordeaux, wohin sie dem Gemahl folgte. Zu ihr
will ich, und will dort in Ruhe und Abgeschiedenheit mein Herz zu heilen, und
mein Gewissen zu beruhigen suchen.
    Ihr Gewissen? fragte ich befremdet.
    Ja, mein Gewissen, erwiederte sie, denn ich qule mich mit inneren
Vorwrfen, da ich Don Fernandos Leben, wenn auch nur um Stunden, verkrzt habe.
Ich wollte ihm in unserer letzten Unterredung mein ganz vershntes, ihm vllig
vergebendes Herz zeigen, weil ich glaubte, die sei, um sein Gewissen zu
beruhigen, nothwendig. Er unterbrach mich aber, indem er mir sagte, ich mchte
erlauben, da er seine letzten Gedanken auf wichtigere Gegenstnde richtete,
denn es sei ein Irrthum von mir, wenn ich glaube, da ich ihm so viel zu
verzeihen habe; wir wren auf dem Wege unseres Lebens nur durch verschiedene
Ansichten geleitet worden, und die sei Alles. Ich verga in diesem Augenblicke
die Nhe seines Todes. Der Schmerz ber mein durch ihn zu Grunde gerichtetes
Leben berwltigte mich, und tief emprt darber, da er nicht einmal eine
Ahnung von seinem grlichen Unrecht zu haben schien, lie ich mich zu einer
Leidenschaftlichkeit verleiten, die ihn in seinen letzten Augenblicken nicht
schonte, und der Strom meiner Vorwrfe wurde nur durch den Strom des Blutes
gehemmt, der aus seinen Wunden drang.
    Mein Bekannter, der Obrist, dessen Schutz ich die Wittwe empfohlen hatte,
unterbrach unsere Unterredung, indem er kam, unhflich, daran zu erinnern, da
er mit seinem Regimente aufbrechen msse. Eilig war Alles zur Abreise geordnet,
und ich trennte mich nicht ohne Theilnahme von einer Frau, deren Lebensglck ein
Elender gewissenlos zertrmmert hatte.
    Auf dem Rckwege zu meinem Regimente drngte sich mir die Betrachtung auf,
wie falsch wir oft ber die Menschen urtheilen, wenn wir bei ihnen
Gewissensqualen ber Handlungen voraussetzen, die wir als abscheulich erkennen.
Ich habe im kurzen Laufe meines Lebens schon manchen ruhig sterben sehen, von
dem seine Bekannten behaupteten, seine Handlungen wrden in der Stunde seines
Todes schwer auf seiner Seele lasten. Die Unglcklichen erkennen ja ihr Unrecht
nicht; die Verblendung verlt sie ja auch im letzten Augenblicke nicht. Sie
halten ihre Schlechtigkeit fr Klugheit, ihre Hartherzigkeit fr Vernunft und
mnnlichen Charakter, den schndesten Geiz fr eine achtungswerthe Sparsamkeit,
und haben so fr jeden Fehler den Namen einer Tugend bereit, unter dem die Snde
recht mit Liebe gehegt wird. Wrde denn nicht auch jeder Mensch eilen, ihn
schndende Makel von sich zu thun, wenn er sie als solche erkennte? Aber das ist
unsere unglckliche Verblendung, da wir unsere schlimmsten Fehler fr unsere
besten Tugenden halten.
    Als ich das Standquartier meines Regiments erreichte, bemerkte ich, da das
erwartete, welches sich mit dem meinigen vereinigen sollte, schon eingetroffen
war, und da nun kein Grund zum Verweilen mehr vorhanden war, so wurde
beschlossen am andern Morgen aufzubrechen, und wir verlieen eine Gegend, die
mir gewissermaen merkwrdig geworden war. Erst nachdem einige Tagesmrsche
zurckgelegt waren, lie ich die Marketenderin und ihren Gatten rufen. Das
Gesicht der Frau zeigte deutlich, wie bel sie mit mir zufrieden war, da ich
sie gleichsam in Gefangenschaft unter der Aufsicht ihres Mannes mehrere Tage
erhalten hatte, und ich hatte Grund zu vermuthen, da er das Recht des Mannes
der Frau zu befehlen durch sehr ernsthafte Mittel hatte mssen geltend machen,
ehe sie sich ihm zu gehorchen bequemte. Ich machte sie nun mit dem Tode ihres
Bruders bekannt und verste die Nachricht dadurch, da ich ihr das ihr
bestimmte Erbe einhndigte. Die schwere mit Dublonen gefllte Brse verfehlte
ihre Wirkung nicht. Sie trocknete die Thrnen und sagte, es sei doch grausam von
mir, da ich ihr jetzt erst den Tod ihres einzigen Bruders anzeigte, der doch in
seinen letzten Augenblicken ihrer noch liebevoll gedacht habe, und nun, da wir
schon so weit entfernt wren, knne sie nicht einmal den Trost haben, sein Grab
mit ihren Thrnen zu benetzen. Ich entschuldigte mein Verfahren, so gut ich
vermochte, ohne ihr zu sagen, da ich sie gerade von solchen Beweisen ihrer
Zrtlichkeit hatte abhalten wollen, denn ich bin sehr berzeugt, da der
sogenannte Don Fernando mit diesem Namen gestorben ist, ohne dem Pfarrer in
seiner letzten Beichte das demthige Bekenntni abzulegen, da er der Sohn des
alten Lorenz und der Bruder der Marketenderin sei, und der gutmuthige,
beschrnkte alte Mann wrde sich mit Gewissenszweifeln darber geqult haben,
da er einem so verhrteten Snder die vollstndige Absolution gewhrt hatte und
ein christliches Begrbni mit allem Prunke, den seine kleine Kirche bieten
konnte, wenn er diesen Umstand erfahren htte. Die Schwester des Verstorbenen
nahm meine Entschuldigung kalt auf; der Unteroffizier, ihr Gatte, aber sagte
lchelnd: Ich habe Sie, mein Obrist, niemals hart gefunden; im Gegentheil, Ihre
Milde erkennt das ganze Regiment dankbar an; wenn Sie also die Mal fr nthig
gefunden haben, eine Ausnahme zu machen und sich gegen meine Frau hart zu
zeigen, so mssen Sie dazu wichtige Grnde haben, die uns weiter nichts angehen.
So sehe ich die Sache an, und damit kann sich meine Frau ebenfalls beruhigen.
Was aber die Erbschaft anbetrifft, fuhr er fort, indem er die Brse aus den
Hnden seiner Gattin nahm und sie wohlgefllig in seiner braunen Hand wiegte, so
gestehe ich, da sie mich freut, denn dieses Geld soll unserm kleinen Eugen zu
Gute kommen. Ich habe die Ueberzeugung, fgte er hinzu, indem er die funkelnden
Augen auf mich richtete, da Niemand im Regimente meinen Muth bezweifelt; ich
stand immer mit den Braven und wrde es weit in der Armee gebracht haben, wenn
nicht die Armuth meiner Eltern es ihnen unmglich gemacht htte, auch nur die
geringste Sorgfalt auf meine Erziehung zu wenden. Jetzt habe ich die Mittel in
Hnden meinen Sohn so gut unterrichten zu lassen, wie den Sohn eines Generals,
und wir knnen es noch erleben, sagte er freudig lchelnd, indem er seiner
Gattin derb auf die Schulter schlug, unsern Eugen als General kommandiren zu
sehen. Das denke ich, so oft ich ihn in seinem Korbe schreien hre, und mich
qulte nur die Sorge, woher ich die Mittel zu seiner Erziehung nehmen sollte;
doch jetzt, Dank meinem verstorbenen Schwager, bin ich von dieser Unruhe
befreit. Nach diesen Worten fhrte der brave Soldat seine Gattin hinweg, und mir
traten bald so viele ernsthafte Sorgen entgegen, die die Erinnerung an diese
Begebenheit in den Hintergrund meiner Seele zurckdrngten, da ich nur jetzt,
indem ich Ihnen schreibe, dieselbe wieder lebhaft in mein Gedchtni zurckrufe.
    Evremont ging nun wieder zu den ffentlichen Begebenheiten ber, die er
fortfuhr dem Grafen zu berichten, in wie weit er selbst eine handelnde Person
dabei war, bis zu dem Augenblicke, wo er Gelegenheit fand seine groen Pakete
abzusenden.

                                       IX


Es war ein schner, heiterer Frhlingstag des Aprils achtzehnhundert und zwlf,
als der Graf Hohenthal in dem Pavillon seines Gartens sa und gedankenvoll
hinaus schaute. Wolkenleer glnzte das reine Blau des Himmels, die sommerlich
warme Sonne spielte mit blinkenden Lichtern in den Wogen des Rheins. Die Bume
wiegten theils noch schwellende Knospen, theils schon entfaltete Blthen an den
schlanken Zweigen, die Wohlgerche der Kruter und der frhen Blumen schwebten
in der Luft. Die Aurikeln hatten ihre vielfarbigen Augen geffnet und ergtzten
duftlos durch ihre bescheidene Schnheit. Von den Hhen der Berge schauten die
Ueberreste alter Schlsser, die Zeichen entschwundener Macht, herab, an die
Vergnglichkeit aller irdischen Dinge ernsthaft mahnend, und die Lerche wirbelte
ihren heitern Gesang trstend aus der reinen Hhe herab. Doch es schien nicht,
als ob der Graf den Reiz des erwachenden Frhlings beachtete. Die Stirn in die
flache Hand gelehnt und den Arm auf die Lehne des Sessels gesttzt, schaute er
hinaus in das glnzende, tnende, blhende Leben, doch der wehmthige Zug des
Mundes, der ernste Blick der Augen zeigten, da seine Seele sich mit trben
Gegenstnden beschftigte.
    Die Grfin war eingetreten, ohne von ihm bemerkt worden zu sein. Sie
betrachtete ihren in tiefes Sinnen verlornen Gemahl, und ein leiser Seufzer
entrang sich der beklemmten Brust. Der Graf bemerkte sie und reichte ihr
liebevoll die Hand. Theilnehmend forschte die Grfin nach der Ursache seines
tiefen, finstern Sinnes. Finster, antwortete der Graf, waren meine Gedanken wohl
nicht, aber ich gestehe, ernst und wehmthig. Ich mu es oft bedenken, fuhr er
fort, wie wir beglckt sind vor Millionen Menschen, wie viele tausend Augen sich
mit Neid auf uns richten mgen, und doch, wie wenige glckliche Stunden hat uns
die Leben geboten? Schlgt nicht stndlich unser Herz in ngstigenden Sorgen?
Haben wir nicht immer gehofft, nun solle das Leben beginnen, und werde in der
nchsten Zukunft das wahre Glck eintreten, und mit diesem ngstlichen Hoffen
auf die Zukunft ist in der Pein der Gegenwart das Leben verschwunden, und wir
haben es in lauter Anstalten zum Leben verloren. Wenn die nun unser Loos ist,
wie beklagenswerth mu das Geschick des Armen sein, der alle diese Pein duldet
und noch durch heftige Anstrengungen in bitteren Sorgen die Mittel herbei
schaffen mu, sich in der klglichen Gegenwart zu erhalten.
    Die Thrnen trufelten ber die Wangen der Grfin, indem sie sagte: Das
Geschick gewhrt die guten Stunden wie ein Karger, den seine Gabe, nachdem er
sie kaum gegeben, gereut, und der sie dem Armen mit rauher Hand sogleich wieder
entreit. Auch ich, setzte sie hinzu, betrachte mit Wehmuth den Frhling, die
erwachende Natur. Wie vieles ist dahin, das nicht mehr erwachen wird, und ich
lugne nicht, der Gedanke an meinen Bruder erfllt meine Seele mit Schmerz. Wie
oft habe ich in der Verhrtung meines Herzens gefrchtet, er mchte wiederkehren
und sein Anblick wrde mich verletzen - und der war schon Staub, dessen Dasein
ich frchtete. Ach! wie gering ist die Tugend des Menschen! Knnen wir doch
immer nur wahrhaft vergeben, was uns nicht tief und wahrhaft verletzte; aber die
ewig schmerzlich blutenden Wunden unseres Herzens verzeihen wir nicht! Der
gemeine Rachschtige verfolgt seinen Beleidiger und strebt ihm wo mglich noch
mehr Bses zuzufgen, als er durch ihn erlitten hat. Wir verzeihen mit dem
Munde, wir thun, wenn wir knnen, unsern Beleidigern Gutes und gefallen uns in
der Gromuth unserer Gefhle, ohne wahrhaft zu vergeben; denn nie wird uns der,
von dem wir uns tief verletzt fhlten, wieder das sein knnen, was er uns vor
der Beleidigung war, und wir bereuen unsere Hrte nur dann, wenn der Gegenstand
derselben Staub ist.
    Ich glaube, wir haben uns gegen diesen Bruder nichts vorzuwerfen, sagte der
Graf mild trstend. Wir haben ihm unsern Umgang versagt, den er unfehlbar zu
nicht lblichen Zwecken wrde mibraucht haben, und unsere Liebe, die doch der
nur fordern kann, dessen Herz fhig ist, sie zu empfinden. Was mich aber heute
besonders in trbes Sinnen versenkte, fuhr er fort, ist die Nachricht, die
dieser Brief mir brachte, da unser alter Freund, der Obrist Thalheim, sein
Leben in den Armen seiner Kinder sanft geendigt hat. Er reichte nach diesen
Worten der Grfin den Brief. Sie las mit inniger Theilnahme, wie sanft der Greis
zu der letzten Ruhe in den Armen seiner Kinder entschlummert war, und wie er ihr
und dem Grafen seinen vterlichen Segen kurz vor dem Hinscheiden gesendet habe,
und wie er Beiden seine dankbare Liebe versichern lie, von der er die
zuversichtliche Hoffnung ausgesprochen hatte, da sie ber das Grab hinber
reichen wrde.
    Mge unser Ende so sanft sein, sagte die Grfin, indem sie, die Thrnen
trocknend, ihrem Gemahle das Blatt zurckreichte. Mgen wir einst, wie er, unser
Leben in den Armen unserer Kinder beschlieen. Der Graf wendete sich ab, um sein
kummervolles Gesicht zu verbergen. Beide Gatten schwiegen; Keiner wollte die
Sorgen aussprechen, die sein Herz zernagten, denn Keiner wollte den Kummer in
der Brust des Andern erwecken. Seit den letzten Nachrichten von Evremont waren
abermals Monate verflossen. Mehrere Gefechte in Spanien waren vorgefallen, und
kein Wort seiner Hand hatte die ngstlichen Eltern ber sein Geschick beruhigt,
und nun strmte die groe franzsische Armee in furchtbaren Massen ber den
Rhein, einem Feinde entgegen, den in seinem eigenen Lande zu bekmpfen, den
Franzosen selbst noch vor Kurzem ein abentheuerlich vermessenes Unternehmen
gednkt haben wrde; und alle die Tausende, die vorber zogen, ahneten nicht,
wie sehnschtige Blicke oftmals den langen Reihen folgten. Niemand brachte Kunde
von dem geliebten Sohne.
    Das trbe Sinnen der bekmmerten Eltern wurde auf einen Augenblick durch das
Rasseln eines Reisewagens unterbrochen, der eilig vorber flog und ihren Blicken
bald entzogen wurde durch eine Beugung, die die Strae hinter dem Garten des
Grafen machte. Das vorige sorgenvolle Schweigen war wieder eingetreten, wurde
aber bald von Neuem durch freudig rufende Stimmen unterbrochen. Der Graf und
seine Gemahlin sahen zugleich auf und richteten den Blick auf einen Baumgang,
der zu dem Pavillon fhrte, in dem sich Beide befanden. Eine junge Frau flog mit
leichten Schritten durch diesen Baumgang; der Wind spielte mit dem
zurckgeworfenen Schleier, so da das leichte Gewebe in den Lften flatterte. In
der Ferne zeigten sich noch andere Personen, die sich mit langsamen Schritten
nherten. Ehe noch der Graf oder die Grfin eine Vermuthung ber die
Herbeieilende uerten, lag diese schon mit schlagendem Herzen, mit glhenden
Wangen und seligen Thrnen in den Armen der Grfin. Emilie! stammelte diese in
der Ueberraschung des Entzckens und sank aus Freude entkrftet auf einen
Sessel, als die junge Frau sich aus ihren Armen ri, um den Grafen mit demselben
zrtlichen Ungestm zu umschlingen. Inde hatten sich auch die brigen Personen
genhert und Emilie verlie schnell den Grafen, nahm aus den Armen der Wrterin
ein schlafendes Kind und legte es in den Schoo der Grfin, inde sie selbst vor
ihr nieder kniete. Mit bebenden Hnden erhob die Grfin das schne, wie ein
schlummernder Engel ruhende Kind und drckte zrtlich leise ihre Lippen auf den
rosigen Mund, auf des Knbleins unschuldige Stirn, inde ihr unbewut die
heiligen Tropfen entzckender Rhrung niederthauten. Der Graf entri mit einer
Bewegung ungestmer Liebe seiner Gemahlin das Kind, hob es in seinen Armen empor
und berlie sich ohne Rckhalt dem Gefhle der hchsten Freude. Ach! wie so
reich an seligen Genssen dnkte in diesem Augenblick denen das Leben, die noch
vor wenigen Minuten die drftigen Freuden kurzer Stunden beklagten.
    Das Kind war durch die heftigen Liebkosungen erwacht und erhob in nicht
melodischen Tnen seine klagende Stimme. Zwei Personen drngten sich hinzu, um
es aus den Armen des Grafen zu empfangen, die Wrterin und der alte vor Freude
zitternde Dbois. Dem Letztern gelang es, sich des Kindes zu bemchtigen, indem
er zum ersten Male in seinem Leben alle Scheu und Ehrerbietung vor denen bei
Seite setzte, die er seine Herrschaft nannte und von denen er wie ein Glied der
Familie betrachtet wurde. Es ist mein Recht, sagte er, indem er die Wrterin
wegdrngte; es ist der vierte Graf Evremont, dem ich dienen werde, und der
dritte, den ich in meinen Armen halte. Er entfernte sich etwas mit dem Kinde,
indem er Segen und Gebete ber dasselbe sprach, und berlie es nur dann erst
der Wrterin, als die immer strker sich erhebenden Klagetne desselben ihm die
Nothwendigkeit weiblichen Beistandes bewiesen. Inde war eine Frau zur Grfin
getreten, die, indem sie den Schleier zurckschlug, in Thrnen lchelnd sagte:
Seid Ihr denn im Glcke so selbstschtig geworden, da Ihr auer Euch Niemanden
bemerkt? Adele! rief die Grfin und prete die schwesterliche Freundin an ihre
Brust.
    Als der erste Sturm des Entzckens vorber war, heftete die Grfin einen
ngstlichen Blick auf Emilie, indem sie halb leise fragte: Und Adolph? Er kmmt,
jauchzte Emilie. Morgen zieht sein Regiment durch diese Gegend, morgen wird er
hier sein!
    Der Taumel der Freude legte sich endlich, und als man einige Stunden
beisammen gewesen war, hatte man sich so weit verstndigt, da die Eltern nun
wuten, das Regiment des Sohnes sei ebenfalls in Bewegung nach Ruland, er habe
Emilien die Bitte abgeschlagen, ihm in diese unwirthbaren Lnder zu folgen, und
bestimmt, da sie den Ausgang des Kampfes bei seinen Eltern erwarten solle, und
auch ihre liebevolle Tante habe sich an sie zu diesem Zwecke angeschlossen, weil
sie hoffte, das Leid der neuen Trennung und die damit verknpften Sorgen
leichter mit den Freunden vereinigt zu ertragen.
    Ein leichter Schatten trbte den hellen Glanz der Gegenwart bei dem
Gedanken, da Evremont dazu bestimmt war, an einem Kampf Antheil zu nehmen, den
man sich nicht anders als hchst gefahrvoll denken konnte. Inde die Gegenwart
war zu schn, und sie trug mit ihrem Glck und ihrer Freude den Sieg davon ber
die bangen Sorgen fr die Zukunft, die sich eindrngen wollten.
    Der nchste Tag erschien und mit ihm, um das Maa des Glcks zu fllen,
Evremont. Wie ganz anders leuchtete dem Grafen der Frhling nun entgegen, dessen
Pracht er am vorigen Morgen kaum beachtet hatte, als er am Arme des geliebten
Sohnes unter seinen Blthenbumen wandelte. Mit vterlichem Stolz bemerkte er
die Vernderung, die mit Evremont seit ihrer letzten Trennung vorgegangen war.
Sein Krper hatte sich mnnlicher ausgebildet, die Stimme tnte etwas tiefer aus
der schn gewlbten Brust, die Augen waren befehlender geworden, die Wangen
gebrunter und etwas magerer, inde alle Anmuth der Jugend und die liebevollste
Zrtlichkeit um den edel geformten Mund schwebte, dessen rothe Lippen im
herzgewinnenden Lcheln die schnsten Zhne entblten.
    Zwei kurze Tage des Glcks waren den Freunden gegnnt. Nie hatte der Graf
seine leidenschaftliche Zrtlichkeit fr Evremont so ohne Rckhalt gezeigt, als
in diesen beiden Tagen, und es war ein rhrender Anblick, wie innig der junge
Krieger die Liebe erwiederte und mit kindlicher Unterwrfigkeit vereinigte.
Endlich fhrte der Morgen des dritten Tages den Schmerz der Trennung herbei. Der
Graf, der sonst immer zur Fassung ermahnt hatte, war die Mal ohne Fassung. Er
fhrte den Sohn in den Garten hinaus, und dort mit ihm allein, drckte er ihn
lange und schmerzlich an die Brust. Mein Sohn, sagte er endlich mit vor Angst
unterdrckter Stimme, mein theurer Sohn, ich frchte, wir sehen uns nicht
wieder.
    Mein Vater, rief der Sohn erschreckt, Gort wird Sie uns erhalten; Ihr Alter
ist noch nicht so weit vorgerckt, Sie sind gesund. O! um Gottes Willen,
erwecken Sie mir solche Angst nicht; Sie sind ein Segen ihrer Umgebung, und der
Himmel wird Sie zum Wohle der Menschen erhalten.
    Der Graf widersprach ihm nicht. Er wollte ihm nicht sagen, da er an seinen
Tod nicht gedacht hatte und da ihn diese Vorstellung auch nicht mit solcher
Angst erfllen wrde. Er lehnte schweigend die Stirn an des Sohnes Heldenbrust
und berlie sich ohne Rckhalt seinem Schmerz, der sich in heien Thrnen
ausstrmte.
    O mein Vater! sagte Evremont, indem er mit inniger Liebe den Grafen
umschlang und sich dann vor ihm auf ein Knie senkte, geben Sie mir Ihren Segen
auf den Pfad mit, den ich nun wandeln mu, denn ich frchte, er wird rauh und
dornenvoll sein. Der Graf legte seine Hand auf das Haupt des jungen Mannes,
inde seine betenden Lippen und sein nach oben gerichteter Blick den schnsten
Segen des Himmels fr die theure Haupt erflehten; dann kte er mit langem
Drucke Evremonts Stirn und ri den bis zu Thrnen bewegten Krieger heftig empor.
La uns wie Mnner scheiden, sagte er dann entschlossen, und nicht mit unserm
Jammer Deine Mutter tdten.
    Als der Graf und Evremont zu der Familie zurckkehrten, wurde dem letztern
gemeldet, da Alles zum Aufbruch bereit sei. Die schmerzliche Trennung war nicht
mehr zu verschieben. Mit tiefbewegter Seele zog Evremont an der Spitze seines
Regimentes hinweg, und in Thrnen aufgelst blieb seine trostlose Familie
zurck.
    Wie schwere, dunkle Wolken das Blau des Himmels bedecken und die leuchtende
Sonne verhllen, so lastet der Schmerz auf der Seele des Menschen; aber wenn die
dunkeln Wolken ihre Wasser ergossen haben, wenn ein frischer Wind die Nebel
zerstreut, dann freut sich die Erde von Neuem der goldnen Sonne und das reine
Blau des Himmels erglnzt von Neuem. In Thrnen lst der Mensch seinen Schmerz
auf, nothwendige Thtigkeit zerstreut den Nebel des Kummers, und wir erstaunen
oft selbst, da unsere Schmerzen sich lindern und Hoffnung von Neuem uns
trstend entgegen lcheln kann, und wir mssen uns dann gestehen, wandelbar sind
alle Gefhle der menschlichen Brust.
    Diese Bemerkungen theilten sich einander die Glieder der Familie des Grafen
mit, als der leidenschaftliche Schmerz der Trennung nach einigen Tagen schwieg
und die Hoffnung leise trstend in alle Herzen schlich.
    Die Frauen beschftigten sich fast ausschlieend mit dem Kinde, und es wurde
auf die Nahrung, Kleidung und Gesundheit des Kleinen eine Sorgfalt gewendet, die
er gar nicht zu schtzen verstand. Das erste Aufdmmern von Gedanken, von
Besinnung erregte in seinen Angehrigen Entzcken. Der Graf lchelte ber die
Treiben, und doch konnte man bemerken, da er oft zu dem Kinde schlich und
versuchte, ob es ihn noch nicht erkenne. Oft kte er die dunkeln Augen und die
rosigen Lippen dieses kleinen Abdrucks seines Vaters und eilte, die Rhrung zu
verbergen, die ihn zu bewltigen drohte. Dbois versicherte, da der kleine Graf
ihn schon verstnde; die sei auch natrlich, da er nur franzsisch mit ihm
rede, und er zweifle gar nicht, da die auch die erste Sprache sein wrde, die
der junge Herr sprechen wrde.
    Noch hatte die Familie die grten Leiden nicht erfahren, die der Schoo der
dunkeln Zukunft fr sie in sich hegte. Evremont erfllte sein Wort. Er gab
regelmig Nachricht und man folgte ihm in Gedanken ber den Niemen. Nach jedem
bei dem weiteren Vordringen bestandenen Gefechte stiegen die innigsten
Dankgebete zum Himmel empor, denn glcklich hatte der junge Held sie alle
bestanden und nicht einmal eine leichte Verwundung erschwerte ihm die
Mhseligkeiten des Kampfes. In dieser Abwechslung von Freude, die jeder Brief
erregte, und von Angst, wenn man bedachte, was alles vorgefallen sein knnte,
seit er geschrieben, war der Sommer entschwunden, und der Herbst, so reizend in
der Gegend, wo der Graf lebte, erhhte die Beschwerden dort, wo sein Sohn
kmpfte, fr eine Sache, der der Vater nach seinen Ansichten keinen glcklichen
Fortgang wnschen durfte, und whrend doch auch der Gedanke an das Milingen des
berkhnen Unternehmens ihn des Sohnes wegen mit Furcht erfllen mute. Es
lastete also zwiefach drckend die Sorge, welche Wendung wohl dieser Krieg
nehmen werde, auf seiner Seele. Blieben die Franzosen auch in diesem Kampf
Sieger, so war auf lange Zeit jede Hoffnung zur Befreiung Deutschlands
verschwunden, und wurden sie dort im hohen Norden vernichtet, welch Schicksal
theilte dann sein Sohn?
    Diese Gedanken, die dem Grafen immer wiederkehrten und die selbst der
Anblick des heiteren, schnen, sich schnell entwickelnden Kindes nicht
zerstreuen konnte, raubten ihm die milde, gleichmige Stimmung, die sonst in
jedem Kummer ihn zur Sttze und zum Troste seiner Familie machte, und er war
viel allein, um nicht durch seinen Trbsinn den Kummer der Andern zu erhhen.
    Jetzt erfuhr man durch die Zeitung, da eine groe, furchtbare Schlacht bei
Borodino geschlagen war, worin sich die Franzosen Sieger nannten und in deren
Folge Moskau in ihre Hnde fallen mute. Ein zwiefaches Entsetzen erregte diese
Nachricht in dem Grafen. War dann auch Ruland verloren? Und was war in dieser
entsetzlichen Schlacht aus Evremont geworden? Denn von ihm trafen keine
Nachrichten ein.
    Aber noch ein Mal sollte der Balsam des Trostes die gengstigten Herzen
erquicken. Ein Courier, der nach Paris eilte, ein Bekannter Evremonts, erfllte
sein dem Freunde gegebenes Versprechen. Er machte einen unbedeutenden Umweg und
stieg einen Augenblick bei dem Grafen ab, um den bekmmerten Eltern ein Paket
von der Hand des geliebten Sohnes zu bergeben und zu versichern, da er ihn
gesund verlassen habe, ob die gleich beinah ein Wunder zu nennen sei, weil er
sich rcksichtslos allen Gefahren des furchtbarsten Kampfes ausgesetzt habe.
    In Evremonts Briefen war der Eindruck nicht zu verkennen, den die neuesten
Ereignisse auf seine Seele gemacht hatten. Sie waren ernst, und kein Strahl der
jugendlichen Heiterkeit leuchtete darin, womit er sonst von berstandenen
Gefahren sprach. Nach der Erwhnung des Kampfes bei Borodino sagte er: Ich habe
viele Schlachten mitgefochten und habe den Tod in den Reihen der Krieger wthen
sehen, aber niemals bin ich Zeuge so entsetzlichen Blutvergieens gewesen, und
ob wir gleich Sieger sind, so glaube ich doch, da, wenn wir noch fter hnliche
Schlachten erleben sollten, selbst das groe Genie des Kaisers nicht hinreichen
wrde, um Mittel aufzufinden, bei so groen Opfern, wie solche Siege sie
erfordern, nicht unterzugehen.
    In mir, fuhr er fort, wurden whrend der Schlacht und nach dem Kampfe, auer
der Theilnahme an dem allgemeinen Leiden, noch Empfindungen erregt, die einen so
tiefen Eindruck auf mein Gemth gemacht haben, da ich mich seitdem ernster
fhle und da es mir wenigstens jetzt noch scheint, als ob die Heiterkeit der
Jugend dadurch auf immer in meiner Seele untergegangen sei. Der Kampf hatte
schon einige Stunden gewhrt, die feindlichen Kugeln streckten ganze Reihen
nieder. Ein Regiment in der Nhe des meinigen war beinah vernichtet, als es den
Befehl erhielt, sich mit meinen Truppen zu vereinigen und unter meiner Anfhrung
weiter zu kmpfen. Der einzige brig gebliebene Offizier fhrte mir den
schwachen Rest seiner Mannschaft zu, und indem er sich mir nherte, um meine
Befehle zu vernehmen, und ich, indem ich sie ihm geben wollte, ihn anblickte,
erkannten wir uns beide und erblichen in demselben Augenblick, er vielleicht aus
Schrecken, wie er mich erblickte, ich aus Abscheu und Entsetzen, denn es war
Lamberti, der in Gemeinschaft mit seinen Brdern mich hatte ermorden wollen, mit
denen er mich wahrscheinlich in der Ueberzeugung verlassen hatte, da ich
wirklich todt sei, als Ihre Menschenliebe, mein theurer Vater, den schwach
glimmenden Funken des Lebens in meiner Brust bewahrte, wie Sie mich, nachdem
Jene entflohen, im Walde in Schlesien fanden. Wir starrten uns beide einige
Augenblicke schweigend an. Endlich fate ich mich und sagte ihm: Wir haben uns
vielleicht ber die Vergangenheit gegen einander zu erklren, doch ist dazu
jetzt nicht der Augenblick; Sie sind mir zugeordnet und wir bekmpfen heute in
Eintracht den gemeinschaftlichen Feind. Er beugte sich ohne weitere Antwort und
vernahm eben so stumm meine Befehle, die ich kaum noch Zeit zu ertheilen hatte,
als unsere gemeinschaftlichen Regimenter zu einem neuen Angriff beordert wurden.
Wir strmten von Neuem auf die Feinde, und ich hatte Gelegenheit zu bemerken,
wie dieser Lamberti mit Lwenkhnheit allen Gefahren Trotz bot, und ich mute
wenigstens den unbeugsamen Muth eines Menschen bewundern, den ich sonst alle
Ursache hatte zu verabscheuen. Zuletzt in der Hitze des Gefechtes hatte ich ihn
aus den Augen verloren und ich mute ihn fr todt oder verwundet halten, und
konnte, da der Kampf bis zum Abend fortwthete, nicht weiter an ihn denken.
Endlich endigte die Nacht das mrderische Gefecht; die Russen zogen sich zurck
und wir blieben Herren des blutigen Feldes. Nach einer kurzen Erholung, als kaum
der Morgen dmmerte, fhrten mich Dienstgeschfte nach der Gegend des
Schlachtfeldes zurck. Meine entsetzten Augen suchten den grlichen Anblick zu
vermeiden, ich bog mit meinen Begleitern etwas seitwrts, wir wollten ein
kleines Gebsch umreiten, als ein Ton unser Ohr traf, der uns alle zugleich
erbeben machte. Es war ein menschliches Geheul; aber wenn das Wehklagen der
Verwundeten, die nicht alle zugleich versorgt werden konnten, schon
herzzerreiend war, so drckte sich in diesem Tone eine so grliche
Verzweiflung aus, da sich die Haare unseres Hauptes empor strubten. Nach
kurzem Besinnen nherten wir uns dem Orte, woher die Tne kamen, und fanden im
Gebsch Lamberti so grlich verstmmelt, da mein Herz erkranken wrde, wenn
ich es beschreiben wollte. Gott wei, da bei diesem entsetzlichen Anblick jedes
andere Gefhl als das des Mitleids aus meiner Brust schwand. Ich nherte mich
dem Unglcklichen, und wollte ihm Trost und Hlfe bringen. Mit wahnsinniger
Verzweiflung blickte er mir in die Augen und rief: Kommst Du Dich daran zu
weiden, da ich verdammt bin? Ja wisse es, schon Einer ist zum Abgrunde der
ewigen Qual hinunter gefahren, zur Strafe, da wir Dir Dein armseliges Leben
rauben wollten. Mein Bruder starb ohne Vergebung der Snden und ist ewig
verloren, und auch ich mu so schrecklich ben. Unglcklicher, ich vergebe Dir
von ganzem Herzen, sagte ich auf's Heftigste bewegt. Mir hilft Deine Vergebung
nicht, rief er in hchster Verzweiflung, Du hast kein Recht mir meine Snden zu
vergeben; ich habe nicht meine Missethat gebeichtet, mir fehlt die Absolution
des Priesters. Meine Kraft strmt aus allen meinen Wunden, und der Trost der
Kirche lindert nicht meine Qual. Ich athme das Leben aus und die Seele fhrt zum
Abgrunde hernieder!
    Ich fhlte wohl, da es vergeblich sein wrde, ihm in seinen letzten
Augenblicken andere Begriffe von der Gnade Gottes beibringen zu wollen, als die
ihn durch sein ruchloses Leben begleitet hatten. Wie die meisten Italiener war
er fest berzeugt, da er ohne Vergebung der Snden durch den Mund eines
Priesters ewig verloren sei. Ich erinnerte mich, da ich einen polnischen
Geistlichen bemerkt hatte, der franzsisch redete und die fromme Pflicht
ausbte, den Sterbenden Trost zuzusprechen. Ich bat den mit Verzweiflung
Ringenden sein Gemth zu beruhigen, weil ich mich bemhen wolle, ihm geistlichen
Trost zu verschaffen, und lie einige meiner Begleiter bei ihm, denn sein
Zustand war so schrecklich, da ihn Niemand aufheben, ja da man ihn kaum
berhren konnte, und er mu eine ungewhnliche Lebenskraft besessen haben, da
er nicht schon geendet hatte, ehe wir ihn fanden. Ich war glcklich genug den
Geistlichen nicht sehr weit von dem Orte zu treffen, wo Lamberti lag, und ich
fhrte ihn von einem Todten hinweg, dessen letzte Augenblicke er erleichtert
hatte, zu einem Sterbenden, dessen Seele schwarze Thaten belasteten. Als
Lamberti den Priester in meiner Gesellschaft erblickte, milderte sich der
Ausdruck der Verzweiflung in seinen Zgen; der fromme Vater aber schauderte, als
er den verstmmelten Krieger erblickte. Ich entfernte mich mit meinen Begleitern
so weit, da Lamberti, ohne von uns gehrt zu werden, seine Beichte ablegen
konnte, die der Geistliche selbst abkrzte, denn es war deutlich, da sein Ende
nahe war. Ich sah aus der Ferne, wie er dem Sterbenden Absolution und Segen
ertheilte, worauf er sich dem Orte nherte, wo ich ihn erwartete. Thrnen
glnzten in den Augen des Geistlichen, als er mir sagte: Kommen Sie und sprechen
Sie es jetzt aus, da Sie dem Unglcklichen den beabsichtigten Mord vergeben,
damit seine Seele in Frieden scheiden mge. Ich zgerte nicht und wurde von
Wehmuth berwltigt, als ich in den nun ruhigen Zgen des bleichen Gesichtes den
Ausdruck wiedererkannte, der frher mein Herz zur Liebe bewegt hatte. Alle
niederen Leidenschaften waren nun geschwunden. Vergib mir jetzt, Adolph, sagte
er mit demselben weichen Tone der Stimme, der frher mein Herz traf, und fge
Deine Verzeihung der Vergebung der Snden hinzu, womit Christi Stellvertreter
mein Herz erleichtert hat. Du bist gesund und glcklich, und sieh, ich bin hart
gestraft fr den versuchten Mord. Die letzten Worte sprach er schon mit
schwindender, dahinsterbender Stimme. Antonio! rief ich mit dem wahrsten Gefhl,
ich vergebe Dir von ganzem Herzen. O! mchtest Du leben, da ich Dich davon
berzeugen knnte. Ein mattes Lcheln schwebte um den blassen Mund. Er versuchte
es vergeblich die Hand zu mir zu erheben, ein dumpfes Rcheln tnte aus der
schwer athmenden Brust, ein leichtes Zucken berflog das Gesicht, und das Dasein
des Unglcklichen war geendigt. Als er gestorben war, lie ich den Leichnam
aufheben, um ihn zu beerdigen, wobei der Priester, so weit es sich auf der
Stelle thun lie, alle frommen Gebruche beobachtete. Nachdem auch diese Pflicht
erfllt war, fragte ich den Geistlichen, ob ihm Lamberti nicht die Ursache
vertraut htte, wehalb er und seine Brder mir nach dem Leben getrachtet
htten, zu einer Zeit, wo sie mir die innigste Freundschaft bewiesen. Der gute
Vater sagte mir, da er alle nheren Errterungen vermieden habe, um den
Sterbenden noch mit dem Troste der Kirche strken zu knnen, weil er es erkannt
habe, da das Leben des Snders nur noch wenige Minuten whren konnte. Ich mute
mich also beruhigen und werde es nun wahrscheinlich niemals erfahren, was
Menschen, die mir so oft die zrtlichste Freundschaft schwuren, bestimmen
konnte, so grausam und treulos gegen mich zu verfahren. Es ist gewi, da der
Anblick eines Schlachtfeldes, wo der Tod eben so furchtbar gewthet hat, uns das
Leben des Einzelnen nicht so bedeutend erscheinen lt, und wir wrden uns
selbst als engherzig und kleinlich verachten mssen, wenn in solchen
Augenblicken Beleidigungen, die wir erfahren haben, Verrath, der an uns gebt
wurde, uns so wichtig erschiene, wie in friedlichen Stunden in unsern ruhigen
Husern; und so war es auch ohne Zweifel meine wahrste Empfindung, die die
aufrichtigste Vershnung mit dem sterbenden Lamberti aussprach, und doch fhle
ich nun bestimmt, da ich ruhiger geworden bin und der Anblick seines Leidens
mich nur noch in der Erinnerung bewegt, da ich ihm mit dem besten Willen nicht
Wort halten knnte und alles, was ich, lebte er noch, fr ihn thun mchte, wrde
doch gewissermaen Heuchelei sein, denn das Zutrauen, die Liebe und Achtung
gegen ihn sind auf ewig in meiner Brust vernichtet, so da auch die wahrste Reue
sie nicht wieder in mir zu wecken vermchte. Diese Betrachtungen sind
niederschlagend, denn sie belehren mich, da die edelsten Empfindungen eben so
flchtig durch unsere Brust ziehen, wie die engherzigen, selbstschtigen, und
da der Mensch einer gromthigen Erhebung ber alle seine Schwchen nur in
einzelnen Augenblicken fhig ist.
    Noch viele hnliche Betrachtungen enthielten Evremonts Briefe, die von einer
ernsten Stimmung seiner Seele zeugten, und die Worte der Liebe, die er sonst
voll freudiger Hoffnung aussprach, klangen die Mal wehmthig, so da dieses
Schreiben nach der ersten Freude die Familie des Grafen in eine trbe Stimmung
versetzte, die in demselben Mae zunahm, als sich die Zeit ausdehnte, in der sie
ohne alle Nachricht blieben. Moskau war in Napoleons Hnde gefallen, ohne da
eine Sylbe von Evremont seine Freunde ber sein ferneres Schicksal beruhigt
htte. Eine drckende Schwle lag auf allen Gemthern, whrend Napoleon in der
alten Hauptstadt Rulands weilte. Endlich ward ein Rckzug angetreten, den so
schauderhaftes Elend begleitete, da die Herzen derer erbebten, die die
unermelichen Leiden in der Ferne vernahmen, durch die ein so groes Heer
vernichtet wurde.
    Jetzt erfuhr die Grfin, da es noch neue Qualen fr sie gab, deren
furchtbaren Schmerz sie in ihrem leidenschweren Leben nicht kennen gelernt
hatte. Sie wagte nicht zu hoffen, da der schrecklichste Tod, der so viele
Tausende dahin gerafft, ein ihr so theures Haupt verschont haben wrde. Die
Angst prete ihr Herz zusammen, und dennoch wagte sie nicht die Qual
auszusprechen, die sie erlitt, denn es schien ihrer peinlich gereizten
Phantasie, sie knne den Sohn dadurch tdten, wenn sie nur die Mglichkeit
seines Todes aussprche. Zuweilen zeigten ihn ihr fieberhafte Trume lebend, und
ihre Seele bebte schaudernd vor dem Anblick zurck, den ihr solche Trume boten.
Das bleiche, starre Antlitz des geliebten Sohnes blickte dann mit Todesschmerz
auf die verzweifelnde Mutter, und die von dem Elend verwstete Gestalt erschien
ihr in einer schmhlichen Erniedrigung, die dem Zustande des jungen Wertheim und
seines Freundes glich, wie ihn der Graf beschrieben hatte, als sie dem Tode nahe
von dem Grafen auf seinen heimischen Bergen gefunden wurden. Auch der Graf
versank in dstre Schwermuth. Alle Versuche, Nachrichten ber Evremont
einzuziehen, waren vergeblich gewesen, und die Furcht, da das blhende Leben
des geliebten Sohnes unter dem rauhen Himmel Rulands erloschen sei, wurde
beinah Gewiheit in seiner Seele. Aber auch er schwieg ber seinen Gram, er
wollte nicht den letzten Funken der Hoffnung in dem Herzen seiner Gattin tdten.
Doch oftmals verschleierten Thrnen sein Auge, die er nicht unterdrcken konnte,
wenn er den kleinen Adalbert, Evremonts Sohn, auf seinen Knieen hielt, und aus
dem kleinen Gesicht das dunkle Auge des Vaters ihn sinnig anblickte, und
rosenrothe Lippen in Evremonts herzgewinnendem Lcheln die milchweien Zhnchen
entblten.
    So tief bekmmert Emilie auch war, so geno sie dennoch das schne Vorrecht
der Jugend, lebendig zu hoffen in jedem Drangsal des Lebens. Oft zwar benetzte
sie mit heistrmenden Thrnen das liebliche Kind, das dann mit ihr zu weinen
begann, ohne ihren Kummer begreifen zu knnen; aber fter noch sprach sie dem
Kleinen vor, wie schn Alles umher sein wrde, wenn der Vater erst zurck kme,
und der Kleine lallte lchelnd, an ihren Busen gelehnt, den Namen Vater und
erfllte das Herz der Mutter mit wehmthigem Entzcken.
    Die schwesterliche Freundin der Grfin, die zrtliche Adele, war mit ihr
vereinigt geblieben, und sie war die einzige, die standhaft an Evremonts
Erhaltung glaubte und durch die Zuversicht, mit der sie seine Rckkunft
erwartete, oft dazu beitrug, den Muth der Andern wieder zu beleben, wenn er ganz
ersterben wollte.
    So war ein trber Winter vergangen, und die Wendung, die die ffentlichen
Angelegenheiten genommen hatten, lenkte wenigstens zuweilen die Gedanken des
Grafen von seinem persnlichen Kummer ab. Preuens Knig rief die waffenfhige
Jugend auf, sich um ihn zu versammeln, und wie ein elektrischer Schlag traf
dasselbe Gefhl alle Herzen. Nun sollte wirkend in's Leben treten, was lange
vorbereitet war und der Graf erfuhr, da auch sein Vetter, der Graf Robert, die
bewaffneten und wohlgebten jungen Landleute seinem Knige zugefhrt habe, und
da ihn seine Freunde, Wertheim und Lehndorf, auf diesem rhmlichen Zuge
begleiteten.
    So eifrig die Deutschen sich gegen Napoleon zu vereinigen strebten, eben so
groe Thtigkeit entwickelte aber auch er, und mit dem neuen Frhlinge strmte
ein neues franzsisches Heer ber den Rhein, und harte Kmpfe entflammten stets
von Neuem den Muth der Krieger, und mit angstvoller Spannung erwarteten die
Vlker die Entscheidung ihres Geschicks.

                                       X


Endlich war der entscheidende Schlag gefallen. Die groe, blutige, folgenreiche
Schlacht bei Leipzig war geschlagen. Die Franzosen muten der von
Vaterlandsliebe erregten Begeisterung weichen und wurden ber den Rhein
zurckgedrngt. Doch ehe sie diesen Strom erreichen konnten, mute Napoleon noch
ein blutiges Gefecht bestehen, wo Tapferkeit mit Tapferkeit sich ma, und
endlich sahen die deutschen Vlker ihren Boden von fremden Bedrckern befreit,
und im Taumel der Siegesfreude vergaen sie willig die schweren Opfer, die sie
fr diese Befreiung dargebracht hatten.
    Seit dem letzten Kampfe bei Hanau fielen noch tglich kleine Gefechte vor
mit versprengten franzsischen Truppen, die noch nicht ber den Rhein zurck
gekonnt hatten, und viele dieser kleinen Corps wurden von den Deutschen weit
seitwrts gedrngt, und muten oft mit einer berlegenen Macht kmpfen und
zuweilen fast untergehen, ehe sie einen Punkt fanden, wo sie durch erkaufte
Schiffer oder andere Mittel ber den Rhein nach Frankreich zurck gelangen
konnten. Auch in der Nhe des Landsitzes, wo der Graf Hohenthal mit seiner
Familie lebte, hallten oft die Berge den Donner des Geschtzes zurck, und als
dieser endlich schwieg, hrte man doch noch tglich kleines Gewehrfeuer, oft
ganz in der Nhe des friedlichen Wohnsitzes. Unter solchen Umstnden fand es der
Greis Dbois angemessen, alle Pforten und Thore wohl verschlossen zu halten, und
es war sein strenger Befehl, Niemandem, der klopfen mchte, zu ffnen, ohne ihn
vorher zu rufen, damit er erst vernehmen knne, ob Freund oder Feind Einla
begehre. In den ersten Tagen des Novembers war die Familie des Grafen wieder
gengstigt worden, weil man gegen Abend ganz in der Nhe hatte schieen hren,
und Dbois hatte an diesem Tage seine Vorsicht verdoppelt. Die Dmmerung des
Abends wich beinah der Dunkelheit der Nacht; ein leichter Nebel schwebte ber
dem Rhein und deckte die Hupter der gegenber liegenden Berge. Die Familie des
Grafen war in einem Saale versammelt, dessen bis auf den Boden reichende Fenster
nach dem Garten zu gingen. Die milde Luft lockte zuweilen ein Mitglied derselben
hinaus auf eine kleine Terrasse, die lngs den Fenstern hinlief, und wenn die
Thre zu diesem Zweck geffnet wurde, strmte der Duft von Reseda und spt
blhenden Blumen in den Saal, wo ein schwaches Kaminfeuer brannte. Der Antheil,
den Alle an der Befreiung Deutschlands nahmen, erfllte doch, wie lebhaft er
auch sein mochte, nicht so ganz ihr Herz, da nicht auch die Trauer ber den
abwesenden Sohn und Gatten, ber dessen Schicksal ein dsteres Schweigen ruhte,
Raum darin behalten htte, und so wechselten Gesprche ber die nchsten
Hoffnungen des Vaterlandes und ber Evremont mit einander abwechselnd ab, und
obgleich nichts vorgefallen war, was die Sorge ber sein Geschick htte lindern
knnen, so schlich doch die Hoffnung leise in jedes Herz; denn es ist ein im
Gefhl ruhender Glaube, da eine glckliche Begebenheit ein Unterpfand sei,
durch das uns das Schicksal verbrge, da sich nun Alles zu unserm Heile
gestalten werde.
    Diese friedlichen Gesprche wurden pltzlich durch ein lautes Klopfen an die
uere Pforte unterbrochen. Der Einla Begehrende schien ungeduldig, denn er
wiederholte nach kurzen Zwischenrumen lauter und heftiger die Schlge mit dem
metallenen Klopfer an das Thor, so da der Schall weit durch die Nacht tnte.
    Dbois, in dem diese Zeichen der Ungeduld Besorgni erregten, nherte sich
in Begleitung des Grtners und eines starken, breitschultrigen Bedienten dem
Thore, und gab dem Grtner den Auftrag zu fragen, Wer drauen sei und Einla
begehre, und er hoffte, da dessen tiefe Bastimme dem etwaigen Feinde Achtung
einflen wrde, indem er daraus schlieen werde, da wehrhafte Mnner vorhanden
wren, die das Haus gegen eine geringe Anzahl zu vertheidigen im Stande wren.
Um Gottes Willen macht doch auf, rief eine etwas kreischende Stimme in Thringer
Mundart von drauen, und gebt christlichen Menschen eine vernnftige Antwort.
Ueberrascht horchte Dbois auf diese Tne; doch wollte er seinem Ohre nicht
trauen und befahl dem Grtner leise, noch ein Mal zu fragen, wie viel Personen
Einla begehrten. Fr jetzt bin ich allein, lautete die ungeduldige Antwort, und
ich begehre nichts von Euch, als da Ihr mir aus Menschenliebe gegen gute
Bezahlung einen Boten verschafft, der mich und meine Begleiter, die wenige
Schritte von mir sind, nach dem Wohnorte des Grafen Hohenthal fhrt.
    Alle Zweifel waren bei dem wrdigen Haushofmeister verschwunden. Mit
freudiger Eile wollte er selbst den schweren eisernen Riegel zurckschieben,
doch seine schwachen zitternden Hnde verursachten nur eine unntze Verzgerung,
da drngte der starke Bediente ihn hinweg und schob mit unbedeutender
Anstrengung das Eisen zurck, worauf sich das Thor ffnete und der Auenstehende
das silberweie Haupt des Greises erblickte. Dbois, werther alter Freund, rief
er in freudiger Ueberraschung, indem er den Haushofmeister mit solcher Gewalt in
seine Arme schlo, da der entkrftete Alte nur mhsam die Worte an seiner Brust
keuchte: Bester Herr Doktor, gewi ich bin entzckt, aber Sie werden mich
ersticken. Erschrocken lie der Arzt, denn es war Niemand anders als der wrdige
Doktor Lindbrecht, den Greis pltzlich aus seinen Armen los, der in Folge dieser
unerwarteten Befreiung beinah zu Boden getaumelt wre, und streckte ihm die Hand
entgegen. Dbois senkte seine schmale Hand in die krftige des Arztes und
empfand einen Druck der Freundschaft, der ihm Thrnen des Schmerzes aus den
Augen prete. Doch berwund der hfliche Franzose die neue Ungemach und
erwiederte das Zeichen der Liebe so stark er es vermochte.
    Ist die der Wohnsitz des Grafen? fragte endlich der Arzt, nachdem er sich
von seiner freudigen Ueberraschung erholt hatte. Gewi, erwiederte Dbois, und
den Herrn Grafen wird Ihre unvermuthete Ankunft hchlich erfreuen. Ich komme
nicht allein, versetzte der Arzt mit listigem Lcheln; ich komme mit Freunden
und auch mit Feinden, und sehen Sie, alter Freund, da sind sie schon. Ich war
nur voran geeilt, weil ich hier Licht erblickte, wollte die nthigen
Erkundigungen einziehen und fand mich unvermuthet im Hafen. Mit einem krftigen
Schlage auf die Schulter verlie er den Alten und eilte den Ankommenden
entgegen. Obgleich Dbois den Sinn der Rede des Arztes nicht verstanden hatte,
so war er doch berzeugt, da keine Gefahr zu besorgen sei, und erwartete also
im offenen Thore neugierig die Ankommenden, denen der Arzt schon von fern
entgegen rief: Nur hieher, hier ist das Land der Verheiung, hier ist der
Wohnort des Grafen. Eine dunkle Masse nherte sich und Dbois vernahm deutlich
das Klirren der Schwerter, und seine Besorgnisse erwachten von Neuem. Endlich
konnte man die Ankommenden unterscheiden. Ein junger Mann schwang sich vom
Pferde und Dbois, der von einer freudigen Ueberraschung zur andern berging,
fand sich in den Armen Gustav Thorfelds, den er in dem jungen Krieger erkennen
mute. Auch der Graf Robert drckte die Hand des vor Freude weinenden Alten, der
endlich, nachdem er sich ein wenig erholt hatte, Alle einzutreten bat und dem
Grafen die Freude zu gewhren, einen theuern Verwandten zu umarmen und werthe
Freunde zu begren.
    Noch einen Augenblick gewartet, rief der Arzt, dort kommt unser Gefangener.
Haben Sie einen franzsischen Gefangenen in Ihrem Gefolge, fragte Dbois mit
Theilnahme. Freilich, freilich, sagte der Arzt, wir kommen nicht mit leeren
Hnden, und, fuhr er fort, indem er die kleinen Augen halb zudrckte und den
Greis listig lchelnd anblinzelte, strengen Sie einmal Ihren Scharfsinn an, und
errathen Sie, Wen wir bringen. Dbois dachte flchtig an Evremont, aber
berzeugte sich sogleich, da die unmglich sei, und sagte daher seufzend: Wie
kann ich wissen, wer von den Franzosen in Ihre Hnde gerathen ist. Wer anders,
antwortete der Arzt, als der General, der sich damals auf Schlo Hohenthal so
viele ungebhrlichen Freiheiten herausnahm, bis es sich ergab, da er ein alter
Freund des Grafen war. Wie, der General Clairmont? rief Dbois erstaunt.
Derselbe, sagte der Arzt, und hier ist der junge Held, der ihn gefangen genommen
hat und dem er sein Leben verdankt. Durch einen Schlag auf Thorfelds Schulter
bezeichnete er diesen als den Gegenstand seines Lobes.
    Whrend dieses kurzen Gesprchs hatte sich ein Wagen unter der Bedeckung von
einigen Kriegern genhert, der in den Hof fuhr. Mhsam stieg der General
Clairmont ab, wobei ihn der Graf Robert und Thorfeld untersttzten. In Folge
eines starken Blutverlustes war er sehr bleich und ermattet; den Arm trug er in
der Binde. Er erkannte Dbois sogleich und bat ihn, ihm ein ruhiges Zimmer
anzuweisen, wo er sich erholen knne, und den Grafen zu bitten, ihn erst morgen
sprechen zu wollen, weil er sich heute zu entkrftet fhle. Dbois eilte mit
gewohnter Gutherzigkeit diese Wnsche zu erfllen, und der Graf Robert sendete
die militairische Bedeckung nach dem Dorfe zurck, wo seinen brigen Truppen die
Nachtquartiere angewiesen waren, und Alle setzten sich in Bewegung, um den
Grafen freudig zu begren.
    Das verworrene Getse im Hofe, das sich nun auch im Hause verbreitete,
begann die Familie des Grafen zu beunruhigen. Der Graf hatte einige Male die
Klingel gezogen, um von den Bedienten Auskunft zu erhalten. Da aber die
Neugierde alle um die Ankommenden versammelt hatte, so erschien Niemand auf den
Ruf der Glocke, und als nun auch im Vorzimmer ein lautes Gerusch von
Eintretenden und klirrenden Sporen entstand, eilte der Graf mit einiger
Bestrzung auf die Thre zu, indem sie sich eben ffnete und der Graf Robert mit
inniger Freude seinen Oheim zu umarmen eilte. Kaum von seiner angenehmen
Ueberraschung etwas zu sich selbst gekommen, bemerkte der Graf den jungen
Thorfeld, der bescheiden seitwrts stand. Er wollte ihn eben freundlich
begren, als er daran durch den Arzt verhindert wurde, der sich vordrngte und
in doppelter Hinsicht das Erstaunen des Grafen erregte. Er hatte es nicht
erwartet, da sich der Doktor Lindbrecht von seiner Braut trennen und an dem
Kriege gegen Frankreich Theil nehmen wrde; dehalb setzte es ihn in Erstaunen,
ihn in der Gesellschaft seines Vetters zu erblicken, aber mehr noch, als sein
Erscheinen selbst, erregte die Art, wie er auftrat, die allgemeine Verwunderung.
Der Krieg, die Gefahren der Schlachten hatten einen ganz neuen Menschen aus dem
Arzte gemacht. Er hatte es angemessen gefunden, den feinen Weltton, in dessen
Besitze er zu sein vermeinte, mit den freieren Sitten des Soldaten zu verbinden,
wie er sich berhaupt ein kriegerisches Ansehen zu geben gesucht hatte. Ein
ansehnliches Schwert hatte er um seine Hften gegrtet, einen Stutzbart hatte er
sich wachsen lassen; sein von der Luft gebruntes Gesicht trug er mit einer ihm
sonst fremden Dreistigkeit emporgerichtet, und die alles machte einen so
berraschend komischen Eindruck, da selbst der Graf, wie ernst er auch in der
letzten Zeit immer gestimmt war, sich des Lchelns nicht erwehren konnte. Dabei
erhob der Arzt seine Stimme jetzt mehr, als frher, wodurch sie oft in ein
unangenehmes Kreischen berging; er trat fester auf als ehedem und hatte es
nicht ungern, wenn Schwert und Sporen bei jeder Bewegung klirrten.
    Es waren endlich viele eilige Fragen von allen Seiten beantwortet worden.
Der Graf hatte erfahren, da sein Vetter ganz in seiner Nhe ein kleines Gefecht
mit einem franzsischen Haufen bestanden hatte, der ihm seitwrts in den
Schluchten, die die Berge bildeten, entkommen war, da er sich whrend dieses
Gefechtes von Thorfeld getrennt gefunden, aber bald durch schnell aufeinander
folgende Schsse wieder auf seine Spur gefhrt worden sei, und eben, als er
hinzugekommen, habe sich ein hitziges Gefecht siegreich fr seinen jungen Freund
geendigt, der das Leben eines franzsischen Generals dabei gerettet, den eben
Wertheim in der Wuth des Kampfes habe niederhauen wollen. Der General, der in
Folge starken Blutverlustes beinah ohnmchtig gewesen sei, habe sich ihm hierauf
ergeben, und, schlo der Graf Robert seinen Bericht, nachdem die kunstfertige
Hand unsers heldenmthigen Arztes seine Wunden verbunden hatte, schafften wir
einen Wagen und brachten unseren Gefangenen hieher unter Ihr gastliches Dach,
weil wir um so mehr eine freundliche Aufnahme fr ihn hofften, da wir Ihnen in
seiner Person einen alten Freund zu fhren.
    Wer ist es? fragte der Graf, von Neuem in Verwunderung gesetzt.
    Wer wird es sein, rief der Arzt, sich mit der Antwort vordrngend, als der
unbescheidene Mann, der mit seiner lustigen Begleiterin damals das ganze Schlo
Hohenthal in Besitz nahm, der mir geradezu in's Gesicht lachte wegen meiner
franzsischen Aussprache. Ei! er dachte damals nicht, da ihm mein Anblick noch
einmal so trstlich sein wrde.
    Wie, Clairmont! rief der Graf. Derselbe, erwiederte sein Vetter. Da ihn der
Arzt erkannte und wir die Absicht hatten, Sie, bester Oheim, auf diese Nacht zu
besuchen, so brachten wir ihn hieher, wo er hoffen darf, allen Beistand zu
finden, den er bedarf.
    Der Graf wollte seinen Freund sogleich besuchen; da man ihm aber mittheilte,
da der General diesen Abend allein zu bleiben wnsche, um sich zu erholen, so
fgte er sich in den Willen seines Freundes und berlie es Dbois, fr dessen
Bequemlichkeit zu sorgen. Doch befolgte er den Wink des Arztes und schickte nach
einem geschickten Wundarzte, denn der Doktor Lindbrecht erklrte, da er morgen
mit den Truppen weiter rcken wrde und also fr den General nichts weiter thun
knne, als am nchsten Morgen den Verband erneuern, denn seine Pflicht rufe ihn
hinweg.
    Die durch vielfache Ueberraschungen erregte unruhige Bewegung der Gemther
hatte sich gelegt. Die Freunde freuten sich ruhiger des kurzen Beisammenseins,
und auch die Frauen nahmen Theil an den Gesprchen. Man erfuhr nun, da der Graf
Robert auf dem Marsche begriffen sei, um mit einer Abtheilung preuischer
Truppen sich zu vereinigen, da er hoch erfreut gewesen, als er erfahren, da
die ihm anbefohlne Richtung nah bei des Grafen Wohnsitz vorbeifhre, da er
seine Einrichtungen so getroffen, da er einige Stunden frher htte eintreffen
knnen, wenn das Gefecht nicht einen Aufenthalt verursacht htte.
    Die Gesellschaft sa endlich ruhig um den Kamin und Thorfeld hatte sich des
schnen Kindes bemchtigt, dessen Aehnlichkeit mit Evremont, den er aufrichtig
liebte, ihn innig bewegte; doch hielt ihn seine Bescheidenheit zurck, nach dem
Freunde zu fragen, der ihm auf Schlo Hohenthal so viel Wohlwollen bewiesen
hatte. Aus seinen Armen nahm der Graf Robert den kleinen Adalbert, und indem er
ihn herzlich kte, pries er laut seine auffallende Schnheit, worber die
Mutter aus innerer Freude sanft errthete. Der Kleine hatte nicht die
gewhnliche Bldigkeit der Kinder; er wuchs unter Erwachsenen auf und war es
gewohnt, fremde Gesichter zu sehen. Als aber auch der Arzt ihn an sich ri und
ihn mit halb geschlossenen Augen anblinzte, dann einen heftigen Ku auf seine
Wange drckte, wobei der scharfe Bart ihn unsanft berhrte, da verzog sich der
liebliche Mund des Knaben zum Weinen und er streckte die kleinen Arme Hlfe
suchend nach der Mutter aus.
    Der Graf konnte seine wehmthigen Gefhle nicht beherrschen; er dachte mit
Schmerzen an Evremont, als er dessen Sohn von allen Freunden geliebkoset sah. Er
war aufgestanden und trat auf die Terrasse hinaus, um sich unbemerkt seinem
Kummer zu berlassen. Sein Vetter folgte ihm und fragte in leisem, ngstlichem
Tone: Haben Sie Nachrichten von Adolph, bester Onkel? Seit der Schlacht von
Borodino keine, antwortete der Graf, indem er die Hand des Verwandten heftig
drckte. Ich frchte, setzte er mit beinah versagender Stimme hinzu, ich
frchte, wir werden nie mehr Rachrichten von ihm hren. Um Gottes Willen, hegen
Sie nicht solche Gedanken, rief sein Vetter im wahrsten Mitgefhl; der Himmel
erhlt ihn Ihnen gewi. Es wre zu hart, wenn Sie, theurer Onkel, der Sie so
viel Glck und Segen um sich verbreiten, so schmerzlich verwundet werden
sollten. La uns davon schweigen, sagte der Graf sich ermannend, ich zeige
seiner Mutter und Gattin nie meinen Schmerz; ich spreche zu ihnen immer nur von
Hoffnungen, die ich oft selbst nicht mehr den Muth habe zu hegen. Aber Du kannst
es der Mutter ansehen, ihr Leben hngt an diesem zarten Faden; die Gewiheit,
da der Sohn dahin ist, fhrt auch ihren Tod herbei.
    Es ist wahr, sagte der Graf Robert, ich finde die Tante sehr verndert. Wir
haben vielen Kummer in dieser Zeit erduldet, antwortete der Graf seufzend, indem
er mit dem Vetter in den Saal zurck trat, wo er den Arzt mit auffallend lauter
Stimme sprechen hrte.
    Die Grfin hatte sich whrend der Abwesenheit beider Grafen nach der Familie
des Predigers erkundigt, und zur Verwunderung der Frauen hatte diese Frage den
Arzt in so heftigen Zorn versetzt, da die kleinen Augen funkelten und die
gebrunten Wangen sich dunkel rtheten. Ich werde nie mehr ohne Zorn an meinen
ehemaligen Freund denken, hatte er eben heftig geantwortet, und als er den
Grafen wieder eintreten sah, wendete er sich sogleich an diesen und rief: Denken
Sie, Herr Graf, welch ein schnes Beispiel von Vaterlandsliebe unser Herr
Prediger gegeben hat! Ich machte ihm den sehr vernnftigen Plan, er solle uns
als Feldprediger in diesen heiligen Kampf begleiten. So lange er die Sache fr
Scherz hielt, ging er darauf ein, und da er mit verstellter Ernsthaftigkeit
darber sprach, so glaubte ich seinen trgerischen Worten. Denken Sie sich mein
zrnendes Erstaunen; als es nun zum Aufbruch kam, und ich ihm dieses bekannt
machte und ihn aufforderte, sich uns anzuschlieen, da antwortete mir der
Schalk, indem er die dnnen Lippen zu einem spttischen Lcheln verzog: Sind Sie
denn so thricht gewesen im Ernst zu glauben, da ich meine Gemeinde verlassen
werde? Ich war ganz erstarrt ber diese Falschheit, nahm mich aber zusammen und
sagte: Auch ich habe hier gleichsam eine Gemeinde, an die meine Pflicht mich
bindet. Es kann sein, da whrend meiner Abwesenheit Mancher meine Hlfe
entbehren und darunter leiden wird, die ist ein mglicher Fall: aber mich ruft
die Pflicht dahin, wo ich, wie ich gewi kann, Hunderten, ja vielleicht
Tausenden ntzlich sein werde. Eben so ist es mit Ihnen. Ein bejahrter
Amtsbruder, dem man nicht mehr zumuthen darf, die Beschwerden eines Feldzuges zu
theilen, der mag Ihre hiesigen Pflichten mit versehen; darum auf! rsten Sie
sich, und folgen Sie wie ein Mann dem Ruf der Ehre! Sind Sie denn ganz besessen
von Ihrer Thorheit? antwortete er mit beiiger Grobheit auf meine wohlgemeinte
Rede. Knnte ich es vor meiner zahlreichen Familie verantworten, wenn ich sie
wie ein Unsinniger verlassen wollte? Da der Arzt im Laufe seiner Erzhlung immer
heftiger wurde, so suchte der junge Thorfeld ihn zu unterbrechen, der sichtlich
bei der Anklage des Predigers litt, und sagte: Aber zu bercksichtigen ist es
doch gewi, wenn ein Vater fr eine zahlreiche Familie zu sorgen hat.
    Weil Sie in die Tochter verliebt sind, antwortete der Arzt ohne schonende
Rcksicht, so wollen Sie Ihre falsche Ansicht zur allgemeinen erheben. Der junge
Mann schwieg errthend, und der Arzt fuhr triumphirend fort: Was hat das
Vaterland mit seiner groen Anzahl Kinder zu schaffen, und htten sie nicht alle
ntzlich beschftigt werden knnen? Die erwachsenen Shne htten mit in's Feld
rcken mssen und die jngeren htten mit den Tchtern Charpie bereiten knnen,
wie ich diese heilsame Einrichtung mit meiner Braut und knftigen
Schwiegermutter getroffen habe. Die Stimme des Arztes wurde sanfter, als er
dieser Personen gedachte, und er fuhr zwar mit Selbstgefhl, aber mit einer Art
von Wehmuth fort: und habe ich denn nicht grere Opfer gebracht, als ich ihm
zumuthete? Ich habe eine schne Braut verlassen, die in Schmerz bei unserer
Trennung vergehen wollte, aber doch mit Stolz auf mich blickte, da ich im
Stande war, das Vaterland selbst meiner Liebe vorzuziehen. Meine Verwandte und
knftige Schwiegermutter weinte, da sie im Schluchzen die Sprache verlor, und
winkte mir noch tausend Gre vom Balkon unseres Hauses herab, so lange wir uns
sehen konnten. Alle meine Studien mssen unterbleiben, ausgenommen die
praktischen, die ich tglich an Verwundeten mache, die mir unter die Hnde
kommen, und vergeblich ist meine Bibliothek in schnster Ordnung aufgestellt.
Mein botanischer Garten wird in meiner Abwesenheit zu Grunde gehen. Den Jammer
kann ich mir schon denken, denn die gute Frau, meine Base, versteht nichts
davon, und der Schlogrtner wird nachlssig werden, wenn er sich selbst
berlassen bleibt. Und was wre vergangen oder verloren, wenn der Prediger mit
uns gezogen wre, wie es seine Pflicht war? Wrde er nicht Alles wieder gefunden
haben, wie er es verlie? Und ist es nicht unendlich schwerer, sich von einer
Braut als von einer Frau zu trennen?
    Das kommt auf die Ansicht an, sagte der Graf besnftigend. Und wenn Sie auch
darin Recht haben, da es im Allgemeinen nur ein Vorwand der Selbstsucht ist,
die keine Opfer bringen will, wenn die Pflichten fr die Familie vorgeschoben
und als ablehnende Antworten die Redensarten gebraucht werden: ich bin meiner
Familie diese Rcksicht schuldig, oder, ich kann die vor meiner Familie nicht
verantworten, so mssen Sie doch auch bedenken, da nicht Jedermann mit solchem
Heldenmuth geboren wird, da es ihm, wie Ihnen, mglich ist, der Pflicht jedes
Opfer zu bringen.
    Der Arzt wurde durch die Anerkennung seines Verdienstes besnftigt, und die
wenigen Worte des Grafen, die ihm schmeichelhaft waren, machten ihn mehr zur
Vershnung mit dem Prediger geneigt, als alle Versuche Thorfelds, der den
Geistlichen zu vertheidigen und so die Vereinigung der alten Freunde zu bewirken
suchte; und als der Graf im Laufe des Gesprchs noch die Bemerkung machte, da
eine Gemeinde, die von ihrem Prediger verlassen sei, Gefahr laufe, moralisch zu
verwildern, so gab der Arzt zu, da sein Freund andere Pflichten zu erfllen
habe als er, und die Vershnung ward in seinem Gemthe beschlossen. Unter andern
kleinen Begebenheiten, die der Arzt bei der nun ruhiger fortgesetzten
Unterhaltung erwhnte, theilte er auch die Nachricht mit, da der alte Lorenz
wenige Tage vor seiner Abreise vllig kindisch gestorben sei, und fragte, ob der
Pfarrer nicht die schuldige Anzeige gemacht habe. Der Graf erwiederte, da er
seit der ersten Bewegung der Truppen gar keine Briefe erhalten habe, und man
ging leicht ber das Ende eines Menschen hinweg, der durch sein Leben weder
Achtung noch Theilnahme verdient hatte.
    Adele fragte den Arzt, warum er sich so kriegerisch gerstet habe, da doch
sein Beruf selbst auf dem Schlachtfelde nur friedlich und heilbringend sei.
Meine Absicht ist, erwiederte der Angeredete, Wunden zu heilen und, wenn ich es
vermeiden kann, keine zu schlagen, aber, setzte er hinzu, indem er stolz um sich
blickte und den Griff seines Schwertes fate, es ziemt sich in Zeiten der
Gefahr, da der Mann gewaffnet ist, und mu es sein, so werde ich mein Leben
theuer verkaufen.
    So sehr es dem Arzte mit diesen Gefhlen Ernst war, so hatte doch sein
ganzes Thun etwas so Komisches, da, als er nach seiner Meinung wie ein Held in
der Mitte seiner Freunde stand, Niemand eines leichten Lchelns sich erwehren
konnte.
    Die vorgerckten Stunden der Nacht erinnerten endlich Alle an die
Nothwendigkeit einen kurzen Schlummer zu suchen, denn mit dem frhesten Morgen
mute der Graf Robert mit seinen Begleitern aufbrechen, um zur gehrigen Zeit an
dem ihm bestimmten Vereinigungspunkte einzutreffen, und man trennte sich mit
erneuerten Gefhlen der Freundschaft und des Wohlwollens.
    Am andern Morgen war der Arzt der erste, der sich vom Lager erhob, und
nachdem er den fremden Wundarzt geweckt hatte, der in der Nacht angekommen war,
fhrte er ihn zum General Clairmont und lie ihn in seiner Gegenwart den Verband
um dessen verwundeten Arm erneuern, um sich von seiner Geschicklichkeit zu
berzeugen. Als das Geschft zu seiner Zufriedenheit beendigt war, fragte der
General finster: Werden Sie mit Ihren Freunden heute noch weiter rcken? In
einer halben Stunde, antwortete der Arzt. So empfehlen Sie mich dem jungen
Grafen und seinem Freunde, und entschuldigen Sie es, so gut Sie vermgen, da
ich sie nicht vor ihrer Abreise zu sehen wnsche. Es ist nicht Mangel an
Achtung, fuhr der General fort, als er die Verwunderung des Arztes bemerkte, es
ist meine finstere Stimmung, die mich eine vllige Einsamkeit wnschen lt,
dehalb entschuldigen Sie mich, ohne Jemanden zu beleidigen.
    Der Arzt versprach seinen Auftrag auf die beste Art auszurichten, und der
General fuhr fort: Da ich gromthigen Feinden in die Hnde gefallen bin, so
besitze ich die Mittel Ihnen ein Andenken anzubieten. Er reichte dem Arzte einen
werthvollen Ring, und auf dessen ablehnende Gebehrden setzte er hinzu:
Beleidigen Sie mich nicht, indem Sie diese Kleinigkeit ausschlagen; ich will Sie
nicht damit belohnen. Es soll Sie dieser Ring nur erinnern, wenn Ihnen andere
Franzosen in die Hnde fallen, da ich Sie bitte, diese eben so menschlich als
mich zu behandeln. Der General hatte die letzten Worte mit bewegter Stimme und
abgewendetem Gesicht gesprochen, und der Arzt nahm den Ring mit dem gromthigen
Gefhl, einen besiegten Feind nicht krnken zu wollen. Er erhob seine Stimme, um
dem General zu versichern, da jeder Hlfsbedrftige aufhre sein Feind zu sein.
Doch eine unmuthige Gebehrde des franzsischen Kriegers verschlo ihm die
Lippen, und er entfernte sich, als dieser kurz und trocken sagte: Und nun leben
Sie wohl, Herr Doktor, und berlassen Sie mich der Ruhe, die ich vielleicht noch
durch einige Stunden Schlaf finde.
    Auf dem Gange vor den Zimmern des Generals konnte sich der Arzt nicht
enthalten, die blinkenden Steine des Ringes zu betrachten und zu berechnen, wie
er sie zum Schmuck fr seine Braut verwenden wolle, als er in diesen angenehmen
Gedanken durch Dbois gestrt wurde, der ihn hier erwartet hatte, um ihm
dieselbe Bitte fr die verwundeten Franzosen an's Herz zu legen, die der General
mit einem so ansehnlichen Geschenk begleitet hatte. Aber, lieber alter Freund,
rief der Arzt halb beleidigt, was qulen Sie sich und mich mit so unntzen
Sorgen? Ich habe Ihnen ja den Beweis, wie ich handle, recht eigentlich in die
Hand gegeben; ich habe Ihnen ja einen verwundeten Franzosen selbst in's Haus
gebracht, nachdem ich auf's Beste fr ihn gesorgt hatte. Sie haben sich also
selbst davon berzeugen knnen, wie gromthig ich unsere heillosen Feinde
behandle. Dafr wird Gott Sie segnen, sagte Dbois mit bewegter Stimme, denn
wenn der Krieg auch ein nothwendiges Uebel ist, so ist die Grausamkeit doch
gewi nie zu entschuldigen. Der Arzt reichte dem Greise zum Abschiede die Hand
und drckte dabei dessen Hand so heftig, da er den Schmerz wieder von Neuem
aufregte, der sich bei dem alten Manne seit der nachdrcklichen Begrung des
vorigen Abends noch nicht aus diesem Gliede verloren hatte.
    Als sich der Arzt von Dbois getrennt hatte, suchte diesen der junge
Thorfeld auf, um in der Stille von seinem vterlichen Freunde Abschied zu
nehmen. Der alte Mann hatte den jungen Krieger nicht mehr Du nennen wollen und
ihn mit Sie angeredet; doch Gustav Thorfeld forderte alle Rechte der Liebe
zurck, und man sah, da es dem Greise erfreulich war, sich wie ein Vater geehrt
zu fhlen und das Verhltni frherer Vertraulichkeit zu erneuern. Ich kann es
nicht tadeln, sagte er beim Abschiede dem jungen Mann, da Du Dein Vaterland zu
vertheidigen strebst; aber bedenke, da Frankreich das meinige ist, wenn Du
seinen Boden betreten solltest, und sorge dafr, da Deine Krieger menschlich
verfahren. Thorfeld versprach die um so bereitwilliger, da sein eigenes Gefhl
ihn aufforderte, Schonung zu ben, wo es sich irgend mit seiner Pflicht
vereinigen liee.
    Der Graf Robert hatte von den Frauen Abschied genommen, die noch kaum Zeit
gefunden hatten, alle Fragen nach seiner Gattin und seinen Kindern an ihn zu
richten, die ihnen am Herzen lagen. Er umarmte noch ein Mal seinen Oheim, der
ihn in den Hof begleitete, wo die Pferde hielten, reichte dem alten Dbois
freundschaftlich die Hand und schwang sich in den Sattel. Ihm folgte Thorfeld,
der mit derselben Leichtigkeit zu Pferde sa, inde der Arzt etwas mehr Mhe
verwenden mute, um sein Thier zu besteigen, wobei ihm besonders das groe
Schwert hinderlich war. Die begleitenden Diener folgten, und bald hatte der Graf
Alle aus den Augen verloren, und der kurze Aufenthalt der Freunde dnkte den
Bewohnern des Hauses wie ein Traum, als dieselbe Stille nun wieder in den Slen
und Zimmern herrschte, die auf kurze Zeit so erfreulich war unterbrochen worden.

                                       XI


Es waren einige Stunden seit der Abreise der kriegerischen Freunde verflossen,
als sich der Graf nach dem Zimmer des Generals begab und, indem er freundlich an
dessen Lager trat, ihn lchelnd fragte: Willst Du mich noch lnger von Deinem
Angesicht verbannen? Die Frage kann nicht Dein Ernst sein, antwortete der
General, indem er sich auf seinem Lager empor richtete und dem Grafen die Hand
des gesunden Armes bot. Er zwang sich zum Lcheln, indem er hinzusetzte: Sehr
verschieden von dem ersten Male siehst Du mich jetzt zum zweiten Mal unter
Deinem Dache. Da die mglich sein knnte, wrde ich noch vor Kurzem nicht
geglaubt haben.
    Der Graf hatte whrend dieser Rede seinen Freund genauer betrachtet, und er
erstaunte ber die groe Vernderung, die er bemerken mute. Auffallend alt war
der General in den wenigen Jahren geworden, und die Heiterkeit, die sonst
unzerstrbar in seinen Augen glnzte und um seine Lippen spielte, war durch eine
finstere Schwermuth verdrngt worden, die dem Gesichte einen fr den Grafen
fremden Ausdruck gab. Auf die mit einiger Bitterkeit ausgesprochene Bemerkung
des Generals erwiederte der Graf, um dessen trbe Stimmung zu mildern, da der
Krieg so manchen Wechsel des Geschicks herbei fhre, da man sich eigentlich
ber keinen wundern drfe. Der General schwieg unmuthig und fragte endlich: Sind
Deine siegenden Freunde weiter gezogen?
    Sie sind alle abgereist, antwortete der Graf. Aber vergib, fuhr er fort, ich
kann es nicht mit dem ritterlichen Charakter eines franzsischen Kriegers
vereinigen, da Du so finster grollend einen glcklichen, tapferen Feind
betrachtest. Du hast weder meinen Vetter noch seinen Freund sehen wollen, die
doch, wie Du zugeben mut, nur ihre Pflicht erfllten, indem sie Dich
bekmpften, und ich gestehe Dir, da es mich befremdet, zu sehen, da Du
Feindschaft bewahrst, wenn der Kampf geendigt ist, denn das ist gegen alle mir
bekannte franzsische Sitte.
    Du beurtheilst mich ganz falsch, sagte der General; ich mte eine lange
Geschichte erzhlen, um Dich darber aufzuklren. Es ist das Tragische des
Krieges, da gerade die bravsten Leute sich gegenseitig erschlagen, denn die
Feigen suchen sich in Sicherheit zu bringen. Man gewhnt sich an solche
Erschtterungen wie an jede andere und achtet den braven Feind, der unsere
braven Kameraden vernichtet; aber zuweilen ist ein solcher Fall mit so
schmerzlichen Nebenumstnden verbunden, da man doch, wenn es mglich ist, den
Anblick des Gegners meidet, wo man nur friedlich mit ihm zusammen treffen darf
und ihm noch obendrein verpflichtet ist.
    Es trat ein neues Schweigen ein. Der Graf hielt die Hand seines Freundes und
betrachtete ihn stumm, denn er mochte nicht durch eine Frage, die zudringlich
htte erscheinen knnen, das Gesprch wieder erneuern. Endlich begann der
General wieder die Unterredung, indem er sagte: Wenn ich Dir die letzten
Ereignisse meines Lebens mittheile, wirst Du es natrlich finden, da ich
ernster gestimmt bin als frher.
    Der Graf drckte die Hand des Freundes zum Zeichen, da er bereit sei zu
hren, und dieser fuhr fort: Du weist, da ich mich in Paris verheirathet hatte.
Ich besa eine junge, schne, reiche und liebenswrdige Frau, und die wre ein
groes Glck gewesen, wenn uns Napoleon verstattet htte, ein solches Glck zu
genieen; aber bald in Spanien, bald in Deutschland und im hohen Norden kmpfend
lebte ich getrennt von meiner Gattin, und das kurze, flchtige Beisammensein,
das die Umstnde zuweilen erlaubten, diente nur dazu, den Schmerz der Trennung
zu schrfen. Indem ich mir bewut war ein groes Vermgen zu besitzen, mute ich
Entbehrungen erdulden, die zu schauderhaft sind, um sie zu wiederholen; und
nicht allein in meiner Brust entstand ein Unwillen ber Kriege, deren Zweck wir
nicht einzusehen vermochten, sondern die Stimmung wurde ziemlich allgemein in
der Armee, besonders, als der entsetzliche Rckzug aus Moskau angetreten werden
mute. Die furchtbarste Klte, der schauderhafteste Mangel wthete mehr als der
Feind in unseren Schaaren, und der Einflu dieses Elends war so mchtig, da
alle Bande der Ordnung und des Gehorsams sich auflsten. In diesem Zustande war
jedes Gefecht fr uns verderblich, und als endlich der Uebergang ber die
Beresina mglich wurde, drngte sich Alles ohne Ordnung hinzu, Heil und Rettung
am jenseitigen Ufer hoffend. Auch ich, zu Fu, in Lumpen gehllt, auf mein
Schwert wie auf einen Stab gelehnt, drngte mich der Brcke zu, um hinber zu
gelangen, und hielt mich vorsichtig in der Mitte des Menschenstroms, um nicht,
wie viele Andere, seitwrts in den Flu gedrngt zu werden und in den Wogen zu
versinken. Die furchtbare Klte, mit dem Mangel vereinigt, hatte jedes andere
Gefhl als die dumpfe Sehnsucht, sich selbst zu erhalten, in der Brust der
Menschen ersterben lassen, und auch ich dachte nur an mich und sah mit wahrhaft
thierischer Fhllosigkeit Viele in den Strom sinken. Endlich traf ein
kreischender Ton mein Ohr, der mir bekannt klang, wie rauh und scharf das Elend
auch die Stimme gemacht haben mochte, die ihn klagend ausstie. Ich blickte
unwillkhrlich nach der Seite hin, von woher er schallte, und meine Augen trafen
auf ein Weib, die mhsam in der Menge den Durchgang zu erkmpfen strebte und ein
Kind hoch empor hielt, um es im Gedrnge gegen Verletzung zu sichern. Die
Unglckliche konnte, umringt von Menschen, nicht bemerken, da sie gerade nach
dem Flusse hingedrngt wurde. Die Vorderen strzten hinein und erhoben ein
Klagegeschrei. Sie wendete den Kopf, um wo mglich die Ursache zu ersphen, die
sie von ihrem Standpunkte aus nicht entdecken konnte, und ihre Augen trafen auf
mich. An diesen dunkeln, glnzenden Augen, die als letzte Spur der Schnheit ihr
geblieben waren, erkannte ich die Arme. Tausend Mal hatte ich diese Augen
gekt, tausend Mal hatten die sen, halb schalkhaften, halb zrtlichen Blicke
ein warmes Gefhl in meiner Brust erregt und mein Herz heftiger schlagen machen,
und nun erblickte ich sie im hchsten Elend und in augenscheinlicher Todesangst
wieder. Denn obgleich, als die Vorderen in den Flu strzten, sich ein Geschrei
des Entsetzens erhob und die Nchsten zurck zu drngen versuchten, so war die
Masse der Folgenden, die die Gefahr nicht erkannten und immer meinten, sie
drngten auf die Brcke zu, zu gro; immer mehr muten ihrem Schicksal erliegen,
und auch die Unglckliche, die in diesem Augenblicke meine ganze Theilnahme
erregte, war ihrem Verderben nah. Sie bemerkte jetzt die Gefahr und ein
furchtbarer Schrei tnte zu mir herber. Ich wei nicht, ob sie mich in dieser
Angst erkannte, aber mir schien es, als richte sie den Ruf um Hlfe an mich, und
ich wei noch nicht, wie es geschah, ich stand in demselben Augenblicke an ihrer
Seite. Ich wollte sie vom Ufer des Flusses zurckreien und fate in der bis zur
frchterlichsten Angst gesteigerten Theilnahme ihr Kind, das sie in demselben
Augenblicke loslie, indem sie vorwrts gedrngt wurde in den nassen Tod. Sie
richtete noch einen letzten Blick flehender Zrtlichkeit auf mich - und die
Wogen rissen sie hinweg.
    Der General schwieg eine kurze Zeit und fuhr dann mit bewegter Stimme fort:
Es schien, als ob die das letzte Opfer sein sollte, das in den Wogen unterging.
Man kam zur Besinnung; die Nachstrebenden erkannten die Gefahr, und es gelang
mir mit dem Kinde mich zurck zu kmpfen und die Brcke zu erreichen. Kaum hatte
sie mein Fu berhrt, als ein Mann sich herbeidrngte, mit allen Zeichen der
Verzweiflung wild um sich blickte und in fast heulendem Tone schrie: Mein Weib!
mein Kind! mein armes Weib! mein unglcklicher Sohn! Er erblickte endlich das
Kind in meinen Armen, ri es an sich und rief mit erlschender Stimme: Wo, wo
ist mein Weib? Ich vermochte nicht zu antworten und deutete stumm auf den Strom.
Er erbleichte wie ein Sterbender; doch kehrte nach einigen Augenblicken das Blut
in seine Wangen zurck; er schlug heftig auf seine Brust und sagte mit
mnnlicher Stimme: Ertrage auch das, mein Herz! Er kte hierauf das Kind und
sagte: Jetzt, Eugen, mut Du mein einziger Trost sein. Es schien, als ob er, das
Kind in den Armen, alle mnnliche Kraft der Seele und des Krpers wieder
gewonnen htte. Er drang, mir Bahn brechend, wie ein Verzweifelnder vorwrts,
und wir erreichten das jenseitige Ufer.
    Ich will Dir nicht, fuhr der General nach einigem Schweigen fort, eine
Beschreibung von dem Elende machen, das wir auf diesem ganzen unglcklichen
Rckzuge erdulden muten. Der Soldat, dessen Kind ich gerettet hatte, schlo
sich an mich an, und ich gestehe Dir, ohne ihn wre ich im Elende verschmachtet.
Die Verhltnisse, in denen er aufgewachsen war, hatten ihn sinnreicher als mich
gemacht, Mittel aufzufinden, um unser Dasein zu fristen. Als wir uns zum ersten
Male wieder geordneten Truppen anschlossen und er erfuhr, da er einem Generale
die Erhaltung seines Kindes verdankte, wurde dadurch seine Anhnglichkeit noch
gesteigert, und er war mir mit wahrhafter Schwrmerei ergeben. Ich sorgte jetzt
fr ihn und es ging uns einige wenige Tage besser; aber als auf diesem
unglcklichen Rckzuge alle Hoffnungen untergingen, da brach von Neuem ein Elend
auf uns herein, das ich vergeblich zu beschreiben versuchen wrde, und ich mu
es wie ein Wunder betrachten, da sowohl ich, als er und das Kind den deutschen
Boden erreichten. Durch bermige Anstrengungen gelang es dem Braven, unser
Dasein zu fristen, und durch Entbehrungen aller Art bis zum Tode ermattet,
trugen wir abwechselnd sein Kind, denn es war nicht mehr mglich uns ein Pferd
zu verschaffen; die beklagenswerthen Geschpfe waren lngst vernichtet. Als wir
den deutschen Boden erreicht hatten, beschlossen wir uns einige Tage Ruhe zu
gnnen, und die Bequemlichkeiten, die der elende Gasthof eines kleinen
Stdtchens an der polnischen Grnze bot, dnkten uns kstlich. Mein braver
Soldat hatte sich auf kurze Zeit entfernt und das vor Hunger weinende Kind bei
mir zurckgelassen; jedoch er kehrte bald zurck mit Wein und allen guten Dingen
beladen, die in dem kleinen Orte zu erreichen waren. Ich betrachtete ihn mit
Erstaunen; doch der Reiz einer so lang entbehrten guten Mahlzeit brachte alle
anderen Empfindungen zum Schweigen und erst, nachdem wir alle gesttigt waren,
fragte ich meinen Unglcksgefhrten, woher er die Mittel zu nehmen gedenke, um
solchen Aufwand zu bestreiten. Listig lchelnd verriegelte er die Thr unsers
schlechten Zimmers von innen, ergriff dann ein Messer und trennte die Nthe
seiner in Lumpen verwandelten Kleider auf, und zu meinem Erstaunen wurden
mehrere Goldstcke sichtbar. Als er sein Geschft beendigt hatte, legte er das
Geld vor mir auf den Tisch und sagte, indem eine Thrne in seinem khnen Auge
glnzte: Auch die verdanken wir der guten Frau, der Mutter meines Kindes. Du
glaubst nicht, wie tief mich diese einfachen Worte erschtterten. Ich mu mir
jetzt zwar sagen, da die Unglckliche auch ohne mich vielleicht ein
leichtsinniges Geschpf geworden wre; aber lugnen kann ich mir nicht, da ich
sie auf die Bahn des Verderbens gefhrt habe, und die ich mit Hohn behandelte,
als ich sie das letzte Mal sprach, reichte mir nun gleichsam aus ihrem nassen
Grabe die Mittel zum Leben. Die Noth des Augenblickes besiegte jedes andere
Gefhl; das Gold gewhrte uns nun Mittel um Frankreich zu erreichen, denn die
schwachen Reste meiner Regimenter frher zu treffen, durfte ich nicht hoffen, da
sich alle Ordnung aufgelst hatte und Jeder fortzukommen suchte, wie er konnte.
Jetzt, da wir uns wieder gekleidet hatten und bequemer reisten, erfuhr ich von
meinem treuen Begleiter, da er in Evremonts Regiment als Unteroffizier gedient
habe, und da er dessen Vorsorge die Mittel verdanke, die uns so wohl zu Statten
kamen, weil er seiner Gattin die Geld als Erbschaft von einem hartherzigen
Bruder verschafft habe.
    Der Graf hatte mit hchster Spannung die Erzhlung seines Freundes gehrt.
Schon lange war es ihm gewi, da der Begleiter des Generals derselbe
Unteroffizier sei, dessen Evremont in seinen Berichten aus Spanien gedachte.
Jetzt aber, da sein Freund den Namen des betrauerten Sohnes aussprach, hielt er
sich nicht mehr zurck und unterbrach die Erzhlung mit dem heftigen Ausrufe: Um
Gottes Willen, sage mir, was wute Dein Begleiter von meinem Sohne? Wenig,
erwiederte der General; sein ganzes Regiment war kurz vor dem Uebergange ber
die Beresina aus einander gesprengt worden, und der brave Soldat hatte seinen
tapferen Obristen seitdem gnzlich aus den Augen verloren. Doch war er, so lange
er etwas von ihm wute, unerwartet glcklich ohne Wunden geblieben, trotz der
Khnheit, mit welcher er sich allen Gefahren aussetzte, und, was noch mehr sagen
will, ohne erfrorne Glieder, und er ist wahrscheinlich in russische
Gefangenschaft gerathen. Es lag ein Trost fr den Grafen in diesen drftigen
Nachrichten und er hinderte den Fortgang der Erzhlung nicht, die sein Freund
wieder begann. Wir erreichten endlich Paris, sagte er mit einem tiefen Seufzer,
und hier erwartete mich neuer Jammer. Ich betrat mein Haus und fand es verdet.
Meine Gattin, die ich in der Hoffnung zurckgelassen hatte, mir zum zweiten Mal
Vaterfreuden zu gewhren, war durch die Geburt einer todten Tochter so
angegriffen worden, da sie wenige Tage danach starb, und man schrieb die
Unglck der immerwhrenden Angst um mein Schicksal zu. Man brachte mir meinen
Sohn, dessen lchelndes Gesicht einen seltsamen Gegensatz gegen die
Trauerkleider bildete, in die man das kleine Geschpf gehllt hatte. Ich hob
meinen kleinen Napoleon zu mir empor, und indem ich ihn kte, wiederholte ich
unwillkhrlich die Worte des braven Soldaten und sagte: Ertrage auch das, mein
Herz; Du mein Sohn mut knftig mein einziger Trost sein. Mein Begleiter stand
neben mir, und seine eigenen Worte aus meinem Munde rhrten ihn bis zu Thrnen.
    Gab uns der Kaiser nicht Zeit, um uns zu erfreuen, so gewhrte er uns auch
keine, um verlorne Gter zu betrauern, und die Bildung des neuen Heeres, das dem
Feinde entgegengestellt werden mute, entri auch mich meinem Kummer. Ich sorgte
in Paris fr meinen Sohn, und indem ich seine Erziehung nach bester Einsicht
ordnete, gab ich ihm den Sohn des Unteroffiziers, des braven Bertrand, zum
Gespielen und befahl, ganz dieselbe Sorgfalt der Pflege und Erziehung auf dessen
Kind wie auf das meine zu wenden. Diese Anordnung fesselte die treue Seele noch
inniger an mein Geschick und er ward mir ganz das, was der alte Dbois Dir ist,
nur, mchte ich sagen, nach Art eines Soldaten, da im Gegentheile Dein alter
Freund immer den wrdigen Hofmann zu spielen sucht.
    Wir waren wieder ber den Rhein gegangen, wir kmpften wieder, wenn auch
blutige, doch glckliche Schlachten, und die stolze Hoffnung hatte uns nicht
verlassen, unsere Macht in ihrer ganzen Ausdehnung wieder herzustellen. Da
endeten endlich die unglcklichen Tage bei Leipzig diese ehrgeizigen Trume und
der Kaiser mute nach Frankreich zurck. Bei Hanau mute noch ein Mal gekmpft
werden, und unter den kleinen Abtheilungen, die von der Hauptarmee
hinweggedrngt wurden, war auch ich mit einem Theile meines Corps. Der alte
Bertrand wich nicht von meiner Seite; er hatte in kleinen Gefechten mehrmals
mein Leben gerettet, und wenn ich ihn ermahnte, sich nicht so tollkhn in alle
Gefahren zu strzen, so sah er mich mit glnzenden Augen an und sagte: Was habe
ich zu frchten? Sie haben mein Kind gerettet, Sie erziehen meinen Knaben, wie
Ihren Sohn; Napoleon und Eugen, unter diesen mit Ruhm bedeckten Namen werden
knftig unsere Kinder fechten. Alles die danke ich Ihnen und Ihnen gehrt bis
zum letzten Tropfen mein Blut. Ich stand oft beschmt vor diesem braven
Soldaten; er hielt meine Handlungen fr den Ausflu hochherziger Menschenliebe,
er ahnete nicht, welches Band mich frher an seine Gattin gefesselt hatte, und
ich fhlte mich gegen ihn einer fortwhrenden Falschheit schuldig. Mein kleines
Corps war nach und nach zusammengeschmolzen, wir hatten mehrere Gefechte
bestanden, Viele waren geblieben und Viele hatten mich verlassen, um, wie sie
vermochten, ber den Rhein zurckzukehren; und so geschwcht wurden wir gestern
von Preuen angegriffen, an einer Stelle, wo die Wege in zwei verschiedene
Bergschluchten fhrten. Ein Theil meiner kleinen Macht wurde von mir
hinweggedrngt, und ich wurde mit den Wenigen, die mich umringten, heftig von
den Feinden bedrngt. Der brave Bertrand sah unsere Kameraden fallen, er sah
mein Blut flieen und kmpfte mit einer Erbitterung, die ihn nicht mehr auf die
Stimme der Vernunft hren lie. Ein junger Offizier forderte uns auf uns zu
ergeben; statt der Antwort fhrte Bertrand, der sich zwischen uns geworfen
hatte, einen wthenden Streich auf die Brust des jungen Mannes, und dieser - ich
wei, es war Gegenwehr, ich wei, er konnte nicht anders, aber es ist
entsetzlich - er hieb meinen alten Freund nieder, so nahe vor mir, da das treue
Blut auf meine Kleider spritzte und sich mit dem meinigen vermischte, das so
heftig aus meinen Wunden flo, da mir die Krfte entschwanden. Der brave
Bertrand starb sogleich. Die Wunde, die sein Leben endigte, war mit jugendlich
krftiger Hand zu tief geschlagen, als da er lange daran htte leiden knnen;
ein halb lchelnder zrtlich stolzer Blick traf mich noch und schien zu sagen:
Siehst Du, da ich nicht prahle, all mein Blut habe ich fr Dich vergossen. Mir
wurde es dunkel vor den Augen, und nur wie im Traume bemerkte ich, da ein Eisen
ber mir funkelte, und wie aus der Ferne hrte ich, da eine rauhe Stimme rief:
So fahre auch Du zur Hlle! Zurck Wertheim! rief der junge Offizier, der meinen
Freund getdtet hatte, sie sehen, er kann sich nicht vertheidigen, und sein
Schwert schlug die Waffe, die ber meinem Haupte blinkte, zurck. Die alles war
die Sache weniger Augenblicke. Ergeben Sie sich mir, sagte der junge Mann darauf
zu mir; Sie sehen, Sie knnen nicht mehr fechten. Ich reichte ihm meine Waffen
und sank ermattet zu Boden. Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich unter den
Hnden eines Mannes, dessen Gesicht mich an ferne Zeiten erinnerte. Seine Hand
war sanfter, als seine rauhe Zunge, denn inde er mit schonender Sorgfalt meine
Wunden verband, verletzte seine kreischende Stimme mein Ohr mit barbarischem
Franzsisch, und doch begreife ich nicht das wunderbare Gefhl; ich fhlte mich
so schwach durch Trauer, Schmerz und Blutverlust, ich kam mir so verloren vor,
und diese rauhen Tne berhrten verletzend und trstend mein Ohr. Es stieg in
meiner Seele bei ihrem Klange das Bild Deiner Bume, Deines Hauses auf, und Dein
edles Antlitz blickte mich trstend an durch die dunkle Verwirrung meiner
Gedanken hindurch.
    Der General schwieg und heftete den traurigen Blick auf eine stark mit Blut
befleckte Uniform, die ber der Lehne eines Stuhles hing. Endlich sagte er
seufzend: Das Uebrige weit Du; ich bin nun hier, und finde Liebe und Beistand
bei Dir. Trost wird vielleicht die Zukunft gewhren.
    Der Graf war selbst zu bewegt, als da er es htte versuchen sollen, die
Gefhle seines Freundes durch die gewhnlichen Trostgrnde zu bekmpfen, und
vielleicht trug seine wahre Theilnahme mehr dazu bei, dessen Gemth wieder zu
erheben, als es Worte vermocht htten. Da die Wunde des Generals nicht
gefhrlich war und nur der starke Blutverlust seine groe Entkrftung veranlat
hatte, so hatte er sich nach einigen Tagen in so weit erholt, da er sein Lager
verlassen durfte, und der Graf beredete ihn, wenigstens einige Stunden des Tages
in der Gesellschaft der Frauen zu verleben. Seitdem so viele ernste Sorgen den
Grafen beunruhigten, war die Furcht in seiner Seele schwcher geworden, da sein
Freund seine Gemahlin wieder erkennen mchte, und seit ihr Gemahl alle ihre
Schmerzen kannte, hatte sich die scharfe Reizbarkeit der Grfin verloren, und da
sie wenigstens den Sohn wieder gewonnen hatte, so erbebte sie nicht mehr vor dem
Klange der franzsischen Sprache.
    Viel leichter als frher konnte also der General Clairmont ein Mitglied des
Kreises werden, der sich tglich im Saale um die Grfin versammelte, und ob
gleich durch die letzten Ereignisse seines Lebens seine Stimmung ernster
geworden war, als sie es ehedem zu sein pflegte, so lie sich nicht verkennen,
welche Gewalt auf ihn, wie auf alle Franzosen, der Umgang mit Frauen ausbte. Es
whrte nicht lange, so wachte ein schwaches Verlangen wieder in ihm auf, witzig,
heiter, geistreich in diesem liebenswrdigen Kreise zu erscheinen, und da von
Seiten der Frauen Alles versucht wurde, um seinen Kummer zu zerstreuen, so
kehrte nach und nach Gesundheit, und mit ihr grere Ruhe des Gemths in die
Seele des Generals zurck, wodurch die Heilung seiner Wunden sichtlich
erleichtert wurde.
    Durch die Bemhung den Freund zu erheitern wurde der Graf und seine Familie
mehr von dem eigenen Kummer abgezogen, und Emilie machte sich oft ernsthafte
Vorwrfe darber, wenn sie auf die Bitte des Generals sang, da die Musik die
gewohnte Macht auf ihre Seele ausbte und die Sorge auf kurze Zeit aus ihrem
Herzen verdrngte. Adele, die nie den Muth gehabt hatte, an Evremonts Rckkehr
zu zweifeln, und der die drftigen Nachrichten, die der General geben konnte,
eine Besttigung ihrer Hoffnung waren, tadelte die liebende, zrtliche Emilie
ernstlich ber solche Selbstanklagen und behauptete, da ihre Liebe fr Evremont
weit erfreulicher sein wrde, wenn sie sich durch dieselbe bestimmen liee, auf
ihre Schnheit und Gesundheit zu achten, und alle vom Himmel verliehenen
Fhigkeiten auszubilden, damit, wenn er nach unendlichen Mhseligkeiten endlich
zurckkehrte, sie ihm jugendlich froh, mit ihrem schnen Kinde an der Hand,
entgegen eilen knnte, und ihn durch neu erworbene Kenntnisse und durch erhhte
Ausbildung frherer Fhigkeiten auf's Angenehmste zu berraschen vermchte. Die
Grfin war wenigstens zum Theil derselben Meinung und sagte oft: Ich fhle, da
wir besser thun wrden, uns fr Evremont zu erhalten, als da wir uns aus Gram
um ihn zerstren, der ihm nicht helfen kann, und der ihm, wenn wir daran
untergehen, bei seiner Wiederkehr neuen Jammer bereitet. Aber ich bin zu schwach
geworden, ich kann nicht mehr ausben, was ich als vernnftig erkenne, meine
Seele hat die Jugendkraft verloren.
    Der General Clairmont konnte oft lange den kleinen Adalbert auf den Knieen
schaukeln und ihm von seinem braven Vater erzhlen. Das frh entwickelte Kind
ergtzte ihn durch unschuldige Fragen, die mehr Geist verriethen, als sonst bei
Kindern von so zartem Alter gewhnlich ist. Ob wohl mein Napoleon auch so klug
sein wird! rief dann der General. Mir schien es immer, als ob der kleine Eugen
des armen Bertrand mehr Geist verriethe, als mein eigener Sohn.
    Tage und Wochen waren entschwunden, und der General, dessen Wunden beinahe
geheilt waren, fhlte sich tglich einheimischer in der Familie seines Freundes.
Ja, er wrde heiter geworden sein, wenn Frankreichs Geschick nicht den Frieden
seiner Seele getrbt htte; aber Frankreich war in Gefahr, seinen Ruhm
verdunkelt zu sehen, den Ruhm, wofr das Blut so vieler Tausende geflossen war.
Bei dem Gedanken daran kehrte ein finsterer Mimuth in sein Herz zurck, und als
mit dem Beginne des neuen Jahres die Verbndeten ber den Rhein schritten und
den Krieg auf Frankreichs Boden fhrten, da grnzte seine Stimmung an
Verzweiflung, und ob er gleich hoffte, da jeder Franzose fhlen wrde wie er,
und da jeder Bewohner des schnen Landes den geliebten Boden bis auf den
letzten Blutstropfen vertheidigen wrde, so machte ihn doch seine eigene
Ohnmacht trostlos, und er fand es schmachvoll, aus der Ferne zusehen zu mssen
und nicht um die theuersten Gter mitkmpfen zu drfen. Dabei bildete er sich
ein, die Freude ber die fr Frankreich unglcklichen Ereignisse auf der Stirn
des Grafen zu lesen, und so zog er sich heimlich grollend zurck und war beinah
immer in seinen Zimmern allein. Da auf diese Weise der Zweck, wehalb man
zerstreuende Unterhaltungen veranlat hatte, nicht mehr erfllt wurde, so
behauptete die herzzernagende Sorge wieder ihr Recht und schien jede Hoffnung
erdrcken zu wollen. So ngstlich prete sie Aller Herzen zusammen, so trbe und
schwer lastete sie auf jedem Sinn, und das Jahr achtzehnhundert und vierzehn
begann sehr dster fr die trauernde Familie.

                                      XII


Es war ein heiterer Wintertag in der ersten Hlfte des Januars. Die Familie des
Grafen war ohne den General, der in seinem Zimmer einsam mit dem Schicksale
grollte, im Saale beim Frhstck versammelt. Der Graf sprach von den
Fortschritten der Verbndeten in Frankreich und las einen Brief seines Vetters,
des Grafen Robert, vor, den dieser Gelegenheit gefunden hatte dem Oheim zu
senden, und aus dem sich ergab, da die Stimmung in Frankreich gar nicht so
allgemein fr den Kaiser wre, wie es der Gereral auf's Hitzigste zu versichern
pflegte. Diese friedliche Unterhaltung wurde unterbrochen, indem Jemand mit
Heftigkeit die nach dem Vorzimmer fhrende Thr aufri.
    Die Schwche des Alters hatte den Haushofmeister vermocht, darauf Verzicht
zu leisten, seine Herrschaft beim Frhstck zu bedienen, denn er mute lnger
ruhen, als es sich mit diesem Geschft vereinigen lie. Nichts konnte ihn aber
dahin bringen, da er nicht die wenigen Ueberreste seiner silberweien Haare
jeden Abend in Papilloten gelegt, und am andern Morgen gehrig frisirt und
gepudert htte, um alsdann im stattlichsten Anzuge gegen Mittag vor der Grfin
zu erscheinen, ihre Befehle zu vernehmen. Wie sehr muten also alle Anwesenden
erstaunen, als sie Dbois erblickten, der mit einem ihm fremden Ungestm die
Thre aufri und dessen Anblick bewies, da er das Werk, sein wrdiges Haupt mit
einer anstndigen Frisur zu schmcken, erst halb vollendet habe, denn nur die
rechte Seite war in gewohnter Ordnung; ber dem linken Ohre aber flatterten noch
die Papilloten, die seine wenigen Haare gefesselt hielten. Auch trug er noch
seinen Morgenrock und erschien in gelben Pantoffeln. Das Ungewhnliche dieses
Anblicks wurde noch durch die unnatrlich funkelnden Augen des Greises und die
tiefe Rthe seiner Wangen erhht. Erschrocken waren alle Anwesenden
aufgestanden, und der Graf trat dem alten Manne besorgt entgegen, der nicht
sprechen konnte und um dessen Lippen ein ngstigendes Lcheln schwebte. Endlich
keuchte er mhsam hervor: Nachrichten, Nachrichten von unserm Grafen! Wo? durch
Wen? tnte es von allen Lippen, und Alle umringten den Greis, der auf die Thr
deutete. Der Graf strmte nach dem Vorzimmer und fhrte gleich darauf einen
jungen Husarenoffizier in russischer Uniform in den Saal. Lebt er? Ist er
gesund? Nicht verstmmelt? Haben Sie ihn gesehen? so tnten die Fragen, ihn
betubend, rund um den jungen Mann. Ich habe, sagte er endlich, fr Sie, Herr
Graf, Briefe von Herrn Evremont.
    Vom Grafen Evremont, verbesserte Dbois laut, der sich etwas erholt hatte,
aber noch nicht so sehr, da er das Unschickliche seiner Kleidung htte bemerken
knnen.
    So lebt mein Sohn! sagte die Grfin mit bebender Stimme und drngte sich zu
dem jungen Krieger. O! sprechen Sie, wo lebt mein Sohn, und ist er gesund?
Werden wir ihn mit reiner Freude in unsere Arme schlieen?
    Der junge Mann, den, wie es schien, die vornehme Umgebung und alle die
Anzeichen des Reichthums, die er vielleicht mit Evremont in seinen jetzigen
Verhltnissen niemals in Verbindung gedacht hatte, etwas in Verwirrung setzten,
sagte: Wenn es derselbe ist, von dem ich Ihnen Briefe bringe, der lebt, und ich
habe ihn gesund bei meinen Eltern verlassen. Er ging hierauf nach dem Vorzimmer
zurck und brachte ein versiegeltes Paket, das er dem Grafen reichte. Alle
drngten sich hinzu, auch Dbois; Alle erkannten sogleich die Zge der geliebten
Hand. Ein allgemeiner Ausruf der Freude entschwebte allen Lippen. Der Graf hielt
seine Thrnen nicht zurck und sagte: Sie sind uns ein Bote des Himmels, Sie
bringen nach jahrelangen Leiden Trost und Ruhe meiner kummervollen Familie.
    Die Grfin fate mit ihren bebenden Hnden die Hand des jungen Mannes und
sagte fast schluchzend: Im Hause Ihrer Eltern lebt mein Sohn? O! wenn Sie nach
berstandenen Gefahren zu Ihrer Familie zurckkehren, dann wird Ihre Mutter
fhlen, welchen Trost Sie mir heute gebracht haben. Emilie hob ihr schnes Kind
empor und sagte, indem sie die Thrnen ungehindert flieen lie, die wie Perlen
ber die in erhhter Farbe brennenden Wangen flossen: Sieh, Adalbert, dieser
Herr bringt Nachricht von Deinem Vater. Der Kleine miverstand die Mutter, und
indem er die zarten kleinen Arme um den Nacken des jungen Mannes schlang und mit
den rothen Lippen, wie mit frischen Rosen, die gebrunten Wangen des fremden
Kriegers berhrte, fragte er: Bringst Du meinen Vater mit?
    Vom Gefhle der Rhrung berwltigt, zog der junge Mann das Kind von den
Armen der Mutter, und dessen schne Augen kssend, sagte er: Wie sprechend sieht
er seinem Vater hnlich! Das Kind, das die Frage, die es eben gethan, schon
wieder vergessen hatte, spielte ruhig an der Brust des Fremden mit den sich
vielfach kreuzenden Schnren an dessen Uniform, die seine ganze Aufmerksamkeit
erregte.
    Der Sturm des Entzckens legte sich endlich. Der bermig quellende Strom
der Freude flo sanfter, und Dbois bemerkte mit Entsetzen, wie sehr er durch
seine unanstndige Kleidung die gewohnte Ehrerbietung gegen die grfliche
Familie verletzt habe. Er entfloh beschmt, um seinen Anzug eilig zu vollenden.
    Der fremde Offizier machte endlich eine Bewegung sich zu entfernen, doch die
ganze Familie bestrmte ihn mit Bitten diesen Tag zu bleiben. Er gestand, da er
zwei Nchte gereist sei, um seinem Freunde Evremont Wort halten zu knnen und
dessen Briefe selbst zu berreichen, da er aber nun einiger Ruhe bedrfe und
dann schleunig aufbrechen msse, um zur bestimmten Zeit bei dem General
einzutreffen, der ihn nach Petersburg gesendet habe und zu welchem er nun
zurckkehre. Der Graf berechnete die Zeit, und versprach fr Courierpferde zu
sorgen und eine ziemliche Strecke ihn durch eigene Pferde zu befrdern, und so
lie es sich machen, da der junge Mann bis zum andern Morgen bleiben konnte.
Dbois, der nun vllig gekleidet und gehrig gepudert wieder eingetreten war,
bernahm mit groer Freude den Auftrag, fr die Bequemlichkeit des Fremden zu
sorgen, und es versteht sich, da er diese Pflicht auf's Beste erfllte.
    Als der junge Offizier sich entfernt hatte, um einige Ruhe zu genieen,
ergriff ein Jeder die fr ihn bestimmten Briefe, um nur Einiges flchtig zu
lesen, und sich vorlufig von Evremonts Wohl und der Fortdauer seiner Liebe zu
berzeugen. Der Graf besonders konnte das an ihn gerichtete Schreiben nicht so
bald beendigen, da es den ganzen Lauf der Begebenheiten enthielt, die den
Schreiber seit der Schlacht bei Borodino betroffen hatten. Man beschlo also,
die alles in seinem ganzen Umfange gemeinschaftlich nach der Abreise des
Fremden zu lesen, um gegen den, der so hoch beglckende Nachrichten gebracht
hatte, die Erfllung der Gastfreundschaft nicht zu versumen.
    Auf seine Erkundigungen erfuhr der Graf, da sein Gast in einen sanften,
tiefen Schlaf versunken war. Er befahl ihn nicht zu stren, da der junge Krieger
dieser Erholung vor Allem zu bedrfen schien, und begab sich zu dem General
Clairmont, um ihm die Freude mitzutheilen, die so eben die Familie beglckte.
Gott sei gelobt, da er lebt! rief der General, den eigenen Trbsinn bei dieser
Nachricht vergessend. Ich gestehe Dir, fuhr er fort, ich habe oft im Stillen
gefrchtet, wir wrden nie wieder von ihm hren, und mochte nur meine Furcht
nicht zeigen, um Euch nicht die Hoffnung zu nehmen, die Ihr, wie es mir schien,
aller Wahrscheinlichkeit zuwider hegtet.
    Willst Du nun nicht wieder Theil an der Gesellschaft nehmen? fragte der
Graf; willst Du nicht den jungen Mann selbst ber Evremont sprechen?
    Nein! rief der General verdrlich nach kurzem Schweigen. Ich will den
Russen nicht sehen. Nun eilen sie alle nach Frankreich, und meinen dort leicht
Lorbeeren zu gewinnen und unsern Ruhm zu verdunkeln; ich mag solchen anmaenden
Menschen gar nicht sprechen. Morgen, wenn er abgereist ist, dann theile mir aus
Evremonts Briefen alles mit, was nicht allein fr die Familie gehrt, und Du
wirst sehen, da ich mich Euers Glckes freuen kann; aber heute erlaube mir
allein zu bleiben. Der Graf, der die Freiheit seiner Gste nicht zu beschrnken
wnschte, fgte sich in den Willen seines Freundes, und als er diesen nach
einiger Zeit verlie und in den Saal zurckkehrte, fand er die Gesellschaft dort
versammelt und den fremden Krieger durch den kurzen Schlaf gestrkt, von den
Frauen umringt, die alle verlangten, er solle von Evremont erzhlen, und ihn
dehalb mit tausend Fragen bestrmten. Der junge Mann wute eigentlich nichts
weiter zu sagen, als da er als Courier nach Petersburg gesendet worden, und da
ihm die Zeit bestimmt sei, in welcher er wieder bei seinem General eintreffen
msse, und man ihn in Petersburg sehr schnell wieder abgefertigt, so habe er
durch angestrengte Eile es so einrichten knnen, da ihm Zeit geblieben sei,
einen kurzen Besuch auf zwei Tage bei seinen Eltern zu machen, deren Gter in
unbedeutender Entfernung von der Strae lgen, die er habe verfolgen mssen.
Hier habe er Evremont als Hausgenossen gefunden, indem ihn sein Vater als
Kriegsgefangenen bei sich aufgenommen habe. Den Abend vor seiner Abreise habe
ihn der liebenswrdige, von der ganzen Familie geliebte junge Mann dringend
gebeten, ein Paket an den Grafen Hohenthal zu besorgen, und da er sich berzeugt
habe, da sein Weg ihn nahe bei dessen Schlosse vorbeifhren msse, so habe er
sich entschlossen, das Paket, an dessen Befrderung dem Hausgenossen seiner
Eltern so viel zu liegen schien, selbst zu besorgen, obgleich ihm dieser nicht
gesagt, da er der Sohn des Hauses sei.
    Die Frauen waren ber diese Zurckhaltung Evremonts sehr erstaunt. Den
Grafen, der das an ihn gerichtete Schreiben flchtig durchgesehen hatte, schien
sie weniger zu befremden; er sagte nur lchelnd: Die Umstnde, unter welchen
mein Sohn das Haus Ihres wrdigen Vaters betrat, wrden vielleicht Zweifel an
seiner Wahrheitsliebe erregt haben, wenn er sich Obrist und den Sohn eines
Grafen htte nennen wollen. Ich habe sein Schreiben noch nicht ganz gelesen,
aber ich glaube nach dem, was ich schon daraus ersehen habe, da wir nie im
Stande sein werden, die ganze Schuld der Dankbarkeit gegen Ihre Familie
abzutragen. Der junge Mann schwieg etwas verwirrt; er mochte es nicht sagen, da
ihm whrend des kurzen Aufenthalts im Hause seiner Eltern Evremonts Dasein
vllig unbedeutend vorgekommen war, da er kaum ein Wort mit ihm gewechselt habe
und nur beim Abschiede erst aufmerksam auf ihn geworden sei, als dieser ihn so
dringend gebeten, ein groes Paket Briefe an einen deutschen Grafen zu besorgen,
und da Neugierde mehr als Theilnahme ihn bestimmt habe, selbst der Ueberbringer
zu sein, indem er zu erfahren gehofft habe, in welchem Zusammenhange Evremont
mit diesem Grafen stehe, ohne da er irgend erwartet habe, ihn als Sohn des
Grflichen Hauses bei dieser Gelegenheit kennen zu lernen.
    Der Tag verschwand, den man dem Gaste so angenehm als mglich zu machen
strebte, und am folgenden Morgen fhrten ihn des Grafen schnellste Pferde seiner
Bestimmung entgegen. Der General, der den Fremden hatte abreisen sehen, erschien
nun sogleich und erinnerte den Grafen an sein gestriges Versprechen, ihm alles
ber Evremont mitzutheilen, was die Theilnahme des Freundes erregen knne. Der
Graf, der die Bltter schon durchgesehen hatte, war bereit sie vorzulesen, da
sie Evremont, wie er oft that, in franzsischer Sprache geschrieben hatte.
    Evremont beschrieb seinen Eltern den Einzug der Franzosen in Moskau, wie sie
in ihren Erwartungen sich getuscht gesehen htten, als sie die beinah gnzlich
von den Einwohnern verlassene Stadt betraten, den furchtbaren Brand und den noch
furchtbarern Rckzug. Mein Regiment, fuhr er in seinem Berichte fort, war
gnzlich auseinander gesprengt und vernichtet, ehe wir die Beresina erreichten.
Der Mangel, die Klte rafften Tausende hin, und die Ueberlebenden dachten nur
daran weiter rckwrts zu kommen, ohne mehr dem Befehle ihrer Officiere zu
gehorchen. Der alte Bertrand, der Schwager des jungen Lorenz, hatte sich treu
mit einem kleinen Haufen an mich angeschlossen; er glaubte mir Dank schuldig zu
sein fr manche kleine Dienste, die ich ihm geleistet, um mein hartes Verfahren
gegen seine Gattin in Spanien wieder gut zu machen. Diese, die uns als
Marketenderin folgte, gewhrte mir nun viele Erleichterung durch die wenn auch
geringen Vorrthe, die sie fr ihren Mann und ihr Kind zu bergen gewut hatte,
und die die Familie bereitwillig mit mir theilte. Aber auch diese kleine
Milderung der Beschwerden sollte bald fr mich aufhren. Wir wurden eines Abends
in der Dunkelheit von Kosacken berfallen und da wir, vor Klte erstarrt, nicht
fechten konnten, so suchte Jeder den Feinden, wie er vermochte, zu entkommen.
    Ich irrte die Nacht auf einer unermelichen Ebene umher; ein scharfer Wind
hob den Schnee vom Boden auf und wirbelte ihn in der Luft umher, vom Himmel
senkten sich gleiche Massen nieder, die sich mit den vom Boden emporgewirbelten
vereinigten. Bei jedem mhsamen Schritt sanken die Fe bis an die Kniee in den
Schnee, der den Boden Ellenhoch bedeckte, so da es schien, als ob alle
Lebendigen von der Erde verschwunden und ich einsam den furchtbar aufgeregten
Elementen Preis gegeben sei, denn der Wind wurde immer klter und schneidender,
und die dnne Uniform konnte mich gegen die Ungemach nicht schtzen. Alle meine
Besitzthmer wie meine Dienerschaft waren zerstreut, verloren, und ich hatte vor
wenigen Tagen auf einer eiligen Flucht vor den Feinden selbst den Mantel
zurcklassen mssen, den ich in einer rauchenden Htte abgelegt hatte, die mir
ein augenblickliches Obdach gewhrte, um ihn am Feuer und Rauch zu trocknen. In
diesem trostlosen Zustande fhlte ich nur noch dunkel die Nothwendigkeit, mich
fortwhrend zu bewegen, wenn ich mein Leben erhalten wolle. Mit hchster
Anstrengung setzte ich meine Wanderungen fort, selbst vllig erblindet, denn der
Wind trieb mir den Schnee in's Gesicht; dieser blieb an den Augenliedern hngen,
die sogleich zufroren. Endlich waren meine Krfte erschpft; trotz der groen
Klte bemeisterte sich eine unwiderstehliche Schlfrigkeit meiner, und ich
glaube, ich wrde nach wenigen Minuten niedergesunken sein und wrde, wie so
viele Tausende, mein Leben durch die Gewalt der furchtbaren Elemente verloren
haben, wenn nicht eine rauhe Hand die meine ergriffen und mich in eine kleine
Htte gezogen htte, der ich mich, ohne es in meiner Blindheit zu bemerken,
genhert hatte. Die groe Hitze in der Htte lie den Schnee schmelzen, mit dem
mein Gesicht bedeckt war, und meine Augen ffneten sich. Ich erkannte, da ich
mich unter Kosacken befand, die hier die Nacht zugebracht zu haben und der Klte
drauen eine gleiche Hitze in ihrer Htte entgegensetzen zu wollen schienen.
Dieser pltzliche Wechsel der Luft betubte mich vollends, und ich sah die
Gestalten sich nur wie Schatten in dem in der Htte verbreiteten Rauch bewegen.
Der Anfhrer dieses kleinen Trupps bemerkte es vielleicht, da ich dem Tode nahe
war. Er trat zu mir, schttelte meine Hand, und das braune, kriegerische Gesicht
blickte mich gutmthig an; er sprach einige Worte, die mich vermuthlich
ermuntern sollten; ich verstand aber seine Gebehrden besser; er reichte mir
nmlich eine Flasche hin und deutete an, ich solle trinken. Ich that es und
fhlte, wie die Wrme des Getrnks wohlthtig auf mich einwirkte, zugleich aber
meine Mdigkeit sich erhhte. Auf einige Worte ihres Anfhrers hatten zwei
Kosacken mir die vllig durchnte Uniform ausgezogen. Sie bekleideten mich mit
einem gemeinen Soldatenmantel und setzten mir eine hnliche Mtze auf. Ich lie
Alles mit mir geschehen, ich war vllig betubt und willenlos; ich wei nur
noch, da ich auf einen fr mich bereiteten Haufen Stroh sank und in einen so
tiefen Schlaf fiel, da ich nichts mehr vernahm, was in der Htte vorging.
    Ich mochte mehrere Stunden geschlafen haben, als ich durch heftiges Rtteln
aus diesem todtenhnlichen Zustande erweckt wurde. Man deutete mir an, da wir
weiter ziehen mten, und reichte mir grobes Brod, gesalznes Fleisch und
gemeinen Branntwein als Frhstck. Ich verschlang diese drftige Nahrung und sah
mich dann vergeblich nach meiner Uniform um; sie war verschwunden, zugleich
vermite ich meine Uhr, mein letztes Besitzthum von Werth, und die wenigen
Goldstcke, die ich bei mir getragen hatte. Ich sah also wohl, da mein tiefer
Schlaf von den behenden Kosacken nicht unbenutzt gelassen war. Da ich aber den
Kriegsgebrauch kannte, so erhob ich keine vergebliche Klage und bequemte mich,
in der demthigen Kleidung eines gemeinen franzsischen Soldaten mit meinen
Ueberwindern, die sich im Uebrigen aber menschlich zeigten, den Weg in eine
trostlose Gefangenschaft anzutreten.
    Ein kurzer Schimmer von Hoffnung leuchtete mir noch ein Mal. Wir stieen auf
einen Theil eines franzsischen Regimentes. Die Kosacken wurden angegriffen,
sprengten nach ihrer Art zu fechten sogleich aus einander und entflohen einzeln
mit Blitzesschnelle dem berlegenen Gegner, und ich blieb in der Gewalt der
Franzosen. Ehe ich aber noch Gelegenheit finden konnte, mich mit dem Officier zu
erklren, stieen wir auf neue Feinde, und nach einem kurzen Gefecht, in welchem
der Officier blieb, geriethen wir in deren Gewalt, und meine Befreier waren
meine Mitgefangenen geworden.
    Ich will nichts von dem Elende erwhnen, das ich auf den endlosen Mrschen
erdulden mute, ehe wir das Armeecorps erreichten, dem das uns fhrende Regiment
zugeordnet war. Ich verdankte es der Kraft der Jugend, da ich diese
Mhseligkeiten berstand, denen die meisten meiner Unglcksgefhrten unterlagen.
Endlich war die traurige Ziel erreicht, und die wenigen noch lebenden
Gefangenen, die der Obrist des russischen Regimentes, das uns genommen hatte,
vorstellen konnte, wurden einer groen Anzahl zugesellt, die nach dem Innern des
Reiches gefhrt werden sollte. Hier traf ich Franzosen, Deutsche, Italiener und
Spanier im bunten Gemisch, aber Alle in gleichem Elend. Unsere Namen wurden hier
flchtig verzeichnet, und da meine hchst armselige Erscheinung in der zu Lumpen
gewordenen Kleidung eines gemeinen Soldaten, htte ich die Wahrheit angegeben,
meine Glaubhaftigkeit verdchtig gemacht haben wrde, so nannte ich mich blo
Evremont, Officier des Regimentes, das ich gefhrt hatte. Aber auch die konnte
bei der unglaublich groen Anzahl Gefangener, die stndlich eingebracht wurden,
nicht weiter beachtet werden. Da ich nur mein Wort dafr hatte und meine
Erscheinung dem widersprach, auch unter den gegenwrtigen Gefangenen Niemand
war, der mich kannte, so traf mich das Loos, als gemeiner Soldat mit einer
Anzahl, worunter wenige Franzosen waren, meist Italiener, einen Weg anzutreten,
dessen ich mich mit Schauder erinnern werde, so lang ich lebe.
    Unsere Nahrung war der Masse nach zwar hinreichend, aber von der grbsten
Art, so da sich meine Natur dagegen strubte und ich beinahe dem Hunger
unterlag, und ich gestehe, da ich, menn wir durch kleine Stdte zogen, in
welchen Bcker wohnten, die schlechte Waizenbrote zum Verkauf ausgelegt hatten,
alle Kraft der Seele aufbieten mute, um meine Hand nicht danach auszustrecken,
und mich hielt nur die Furcht vor den schimpflichen Folgen davon zurck, denn
auch in diesem Elende blieb mir das Gefhl, da ich Ihnen, meine verehrten
Eltern, meiner angebeteten Emilie und meinem geliebten Knaben ein makelloses
Leben schuldig sei, und da ich keine Handlung begehen drfe, worber mir so
theure Wesen jemals errthen mten.
    So, in tglich zunehmender Noth, hatten wir die Ostseeprovinzen erreicht,
und mehrere der unglcklichen Gefangenen waren so entkrftet, da sie auf
Schlitten fortgebracht werden muten, um in der nchsten Stadt, wo Lazarethe
eingerichtet waren, zur Pflege abgegeben zu werden. Die Furcht vor einem
hnlichen Schicksale vermochte mich alle Krfte aufzubieten, um meinen Weg zu
Fu fortsetzen zu knnen, und das Unglck der Kranken erleichterte selbst ein
wenig den Zustand der Gesunden, denn das Bedrfni Pferde zu haben, um die
Hlflosen fortzuschaffen, hatte die Einrichtung nothwendig gemacht, da die an
der Strae wohnenden Edelleute die nthigen Pferde zu stellen verpflichtet
wurden, und so zogen wir von einem Edelhofe zum andern, indem in jedem neue
Pferde bereit gehalten wurden, die die Kranken wieder bis zum nchsten brachten,
und ich mu es dankend rhmen, wie bereitwillig die Menschenliebe die Noth des
Augenblicks zu lindern strebte. Freilich war der wohlthtige Beistand mehr
meinen Gefhrten als mir zu Theil geworden, denn ich konnte mich nicht
hinzudrngen, um meinen Theil von den Lebensmitteln, die uns gereicht wurden, zu
erhalten. Da mich die Gefangenen selbst fr einen gemeinen Soldaten hielten, so
glaubten sie mir keine Rcksicht schuldig zu sein, und da die Noth den von Natur
selbstschtigen Menschen noch selbstschtiger macht, so rafften die Andern Alles
an sich, ohne daran zu denken, da ich beinah verschmachtete.
    Trotz dieser groen Noth hatte ich oft Gelegenheit zu bemerken, da das im
Allgemeinen feine und gebildete Aussehen der meisten Edelleute einen seltsamen
Gegensatz zu der Rohheit bildet, in die die ursprnglichen Bewohner des Landes,
die jetzigen Bauern, versenkt sind, so da man sich weit weg aus Europa versetzt
fhlt, wenn man sie betrachtet, und seltsam berrascht wird, wenn man in dieser
Umgebung zierliche Frauen, schne Frulein und gebildete Mnner, die smmtlich
franzsisch reden, sich bewegen sieht. Mir wurde spter dieses Rthsel gelst,
denn ich hatte Gelegenheit zu bemerken, wie viel eine jede Familie fr die
Erziehung ihrer Kinder thut, und wie jeder Vater, der es irgend vermag, seine
Shne auf Reisen sendet, um ihnen eine Wohlthat zu gewhren, die er auch selbst
genossen hat. Dadurch ist ein gewisser Anstand im Betragen fast allen Familien
eigen, der den Fremden angenehm anspricht. Die Ursache dieses anstndigen,
milden Betragens war mir zur Zeit meiner traurigen Wanderung nicht klar, aber
ich sollte die wohlthtigen Wirkungen desselben erfahren.
    Ich hatte durch fast bermenschliche Anstrengung mich immer aufrecht
erhalten; aber meine Krfte waren durch lange Entbehrungen aller Art so
geschwcht, da ich mit mir kmpfte, ob ich mich nicht sollte sinken und
fhllos, besinnungslos dem neuen Elende eines Lazareths entgegenschleppen
lassen, als wir auf einem Edelhofe aufgestellt wurden und hier warten sollten,
bis die nthigen Pferde herbeigeschafft wrden. Der Besitzer des Gutes, ein Mann
von mittleren Jahren, nherte sich uns mit seinem Verwalter und betrachtete
unser Elend mit mitleidigen Blicken. Er sagte dem Verwalter einige Worte, der
darauf in's Haus ging, und redete die nchsten Gefangenen franzsisch an, und
als er die Italiener bemerkte, diese auch italienisch.
    Mit lrmender Freude ward er sogleich von denen umringt, die die laute ihres
schnen Vaterlandes in so weiter Ferne vernahmen. Inde war die Gemahlin des
Gutsbesitzers auch herab gekommen; sie redete uns freundlich an, und eine Magd
trug ihr einen Korb voll wollener Strmpfe nach, die sie unter uns vertheilte,
denn das mitleidige Auge dieser Frau hatte sogleich unsere hchst mangelhafte
Fubekleidung bemerkt. Schne Kinder umringten das wrdige Paar, in dessen Augen
Thrnen des Mitgefhls glnzten. Die Italiener besonders drngten sich strmisch
heran, um die Gaben den schnen Hnden zu entreien. Ich lehnte mich seitwrts
an die kalte Mauer, denn ich konnte mich beinahe nicht mehr aufrecht erhalten.
Die Dame bemerkte mich, und vielleicht durch mein bleiches Ansehen gerhrt,
nherte sie sich mir, um mir ihre Gabe zu reichen, die ich dankbar empfing. Der
Verwalter erschien nun wieder und der Herr des Guts lud uns ein in's Haus zu
treten, um uns zu erwrmen und uns durch eine einfache Mahlzeit zu erquicken.
Alle drngten sich herbei und so auch ich, den die uerste Noth dazu trieb, so
gut ich es vermochte. O! meine theuersten Eltern, wie kstlich dnkte mir nach
so langer Entbehrung reinlich bereitete Suppe, die ein mrrischer Koch in
Schsseln von grobem Thon vor uns hinstellte, indem er uns hlzerne Lffel dazu
reichte. Er zhlte, indem er mit seinem groen Messer Jeden berhrte, laut seine
ihm unwillkommenen Gste und theilte das uns bestimmte Fleisch, ohne Rcksicht
auf einladende Sauberkeit, in eben so viele Theile, als Personen vorhanden
waren.
    Die Wirthschafterin reichte Jedem mit verdrielicher Miene ein Glas
Branntwein aus demselben Glase. Alles das strte nicht die Lust des Genusses,
und htte ich nach der Mahlzeit meine ermdeten Glieder zum erquickenden
Schlummer ausstrecken drfen, so wrde ich mich in dem Augenblicke glcklich
gefhlt haben. Doch die Pferde waren bereit und wir muten scheiden. Ich hatte
bemerkt, da der Gutsbesitzer vor unserer Mahlzeit ernsthaft mit seiner Gemahlin
sprach, wobei mich Beide betrachteten. Jetzt nherte er sich mir wieder und
fragte, wo wir gefangen genommen wren. Nachdem ich auf seine Frage geantwortet,
nahm ich die Gelegenheit wahr, ihm fr die Gte, die er uns bewiesen, zu danken.
Es schien mir, als ob er gern das Gesprch mit mir fortgesetzt htte, doch der
Unteroffizier, der uns fhrte, erinnerte, da es Zeit sei aufzubrechen, und ich
verlie mit Schmerz einen Ort, wo ich nach langem Leiden die erste Erquickung
gefunden hatte, nachdem ich dem menschenfreundlichen Gutsbesitzer noch meinen
Namen gesagt hatte, den er zu wissen begehrte.
    Erwrmt und gesttigt fate ich von Neuem den Entschlu, mich so lange als
mglich aufrecht zu erhalten, um der Gefahr, in's Lazareth zu kommen, zu
entgehen, und es war auf unserm zweiten Tagesmarsche, den ich mit hchster
Anstrengung als Gesunder machte, als ich den Gutsbesitzer, der uns so wohl
aufgenommen hatte, bei uns vorbeifahren sah. Er grte uns freundlich, und ich
wei nicht, was ich mir daraus Gutes vorhersagte, aber sein Anblick richtete
meinen Muth auf und ich erreichte die Stadt als Gesunder, wo unser ferneres
Schicksal entschieden werden sollte. Wir waren auf dem Markte aufgestellt, und
sahen nicht ohne schmerzliche Empfindungen uns von den Einwohnern mit Neugierde
betrachtet, und erwarteten mit Aengstlichkeit die Entscheidung, wohin wir nun
mit kraftlosen Schritten wandern sollten. Ich blickte mit Betrbni auf das
Haus, wo der Obere der Polizei wohnte, der unsere weitere Versendung zu besorgen
hatte, als sich die Thr desselben ffnete und der mir so wohlbekannte
Gutsbesitzer an der Seite dessen heraustrat, der unser Schicksal zunchst zu
bestimmen hatte. Mein wohlwollender Bekannter nherte sich mir und fragte mich,
ob ich etwas dagegen htte, wenn er mir den Vorschlag machte, das Ende des
Krieges als sein Hausgenosse zu erwarten und indessen die Verpflichtung zu
bernehmen, seine Kinder in der franzsischen Sprache und, worin ich sonst
vermchte, zu unterrichten, vor Allem aber bestndig franzsisch mit ihnen zu
sprechen, damit sie sich die nationale Aussprache ganz eigen machen knnten. Ich
ging mit Freuden auf sein Anerbieten ein, und in wenigen Minuten war die Sache
zwischen ihm und dem Obern der Polizei abgemacht, und ich folgte zum groen
Aerger der Italiener, um die sich Niemand bemhte, dem wohlwollenden Manne,
dessen Hausgenosse ich werden sollte. Die wenigen Franzosen unter den Gefangenen
waren bald auf eine hnliche Art wie ich selbst untergebracht, und nur die
unglcklichen Italiener und Spanier wurden weiter gesendet. Mein neuer
Beschtzer kaufte mir zu allererst einen Mantel, der, obwohl nichts weniger als
fein, mir dennoch hchst erfreulich war, denn ich konnte nun die erstarrten
Glieder erwrmen, auch in dem Gasthofe, wo er selbst abgestiegen war, mich durch
eine anstndige Mahlzeit strken, und den andern Tag sa ich neben ihm im
Schlitten, von wrmenden Decken geschtzt, und flog schnell und bequem den Weg
nach seinem Gute zurck, den ich so kummervoll und mhevoll vor wenigen Tagen
gewandert war.
    Im Hause meines Beschtzers angelangt, fand ich die wohlwollendste Aufnahme.
Der lang entbehrte Besitz eines freundlichen, anstndig mblirten Zimmers
erfreute mein Herz; ein reinliches, bequemes Lager lockte mich an, doch wurde
ich dieses Genusses erst durch ein Bad wrdig, das man mir, die Nothwendigkeit
erkennend, sogleich bereitete. Die zarte Vorsorge der Gebieterin des Hauses lie
es mir auch an Wsche nicht mehr mangeln, und da von meinen Kleidungsstcken
durchaus keines brauchbar war, brachte man mir fr's Erste einen Schlafrock
meines Beschtzers. In diesem so sehr verbesserten Zustande war ich doch einige
Tage ein Gefangener auf meinem Zimmer, bis der Schneider des Gutes, ein
Eingeborner des Landes, der die Bedienten des Hauses kleidete, seine Kunst zu
meinem Besten ausgebt hatte. Da ich nicht mit ihm sprechen konnte, mute ich
mich seiner Willkhr berlassen, doch wren Erinnerungen auch berflssig
gewesen; er kannte nur einen Schnitt der Kleider, den er seit Jahren fr alle
Bedienten des Hauses benutzte. Der Stoff, aus dem mein neuer Anzug verfertigt
wurde, war zwar von feinem Gespinnst, ein Fabrikat des Hauses, worin ich nun
lebte, doch aus Mangel an Kenntni und den nthigen Vorkehrungen so schlecht
bereitet, da er nur in der Ferne eine Aehnlichkeit mit Tuch hatte. Auf gleiche
Weise wurde meine Fubekleidung durch einen Eingebornen besorgt, und um das Werk
zu vollenden, schnitt einer der Bedienten, der die Geschft bei seinen
Kameraden besorgte, mein Haar, das auf den mhseligen langen Mrschen vllig
verwildert war, auf eine Weise zurecht, da ich vor mir selbst erschrak, als ich
mich im Spiegel erblickte. Und nun war ich fhig, der Familie des Hauses
vorgestellt zu werden.
    Nennen Sie mich nicht undankbar, verehrte Eltern. Ich erkannte mit dankbarer
Seele die wohlthtige Verbesserung meiner Lage, aber ich stand dennoch betrbt
vor dem Spiegel und betrachtete mich mit einem erzwungenen Lcheln, durch das
ich mich selbst aufzurichten strebte. Ich mute daran denken, da ich sonst nur
die feinsten, ausgewhltesten Zeuge fr wrdig hielt meinen Leib zu bedecken,
und da die vorzglichsten Kleiderknstler in Paris oft noch von mir getadelt
wurden und mich nicht zufrieden stellen konnten. Meine Haut durfte nur Battist
oder hchstens die feinste hollndische Leinwand berhren, und ich gestehe, ich
war nicht frei von Eitelkeit in Bezug auf mein vorzglich schn gelocktes Haar,
und ich hielt Wohlgerche fr ein unentbehrliches Bedrfni des Lebens, und nun
- wie demthig umhllt, ja, wie lcherlich entstellt blickte mich mein Bild aus
dem Spiegel an, mir allen Muth benehmend, mich vor den Frauen zu zeigen.
    Der Graf hatte viele Stellen dieses langen Schreibens mit bewegter Stimme
gelesen. Die Thrnen der zuhrenden Frauen waren hufig geflossen; auch der
General, der den kleinen Adalbert auf den Knieen hielt, hatte oft mit Mhe die
Rhrung zurckgehalten, die in ihm die Theilnahme an Evremonts Geschick erregte;
aber jetzt schien er mit einer andern Empfindung zu kmpfen, die er einige
Augenblicke mit Anstrengung unterdrckte; doch pltzlich brach er in ein
herzliches, langes, lautes Gelchter aus.
    Der Graf sah seinen Freund bei diesem unerwarteten Ausbruche der Heiterkeit
verwundert an. Die Frauen richteten zornige Blicke auf ihn, und die sanfte
Emilie sagte, indem sie unwillig ihre Thrnen trocknete: Ist es mglich, da die
Kunde von so groen Leiden, von der traurigen Lage eines Freundes irgend ein
Gefhl von Heiterkeit erregen kann?
    Werthe Freunde, sagte der General, die Thrnen trocknend, die ihm sein
heftiges Gelchter erpret hatte, sein Sie nicht undankbar, und verschonen Sie
mich mit Vorwrfen und zornigen Blicken. Der Himmel wei, wie oft ich im Stillen
fr Evremonts Schicksal gezagt habe, und wie herzlichen Antheil sich an seinen
Gefahren und Leiden nehme, deren Gre nur der beurtheilen kann, der mit
demselben Ungemache gekmpft hat. Aber er lebt, er ist gesund, unverstmmelt
weder durch den Feind, noch durch das noch feindlichere Klima, die Gefahren, die
ihn noch weiterhin in seiner Gefangenschaft htten treffen knnen, sind
abgewendet, gegen den furchtbarsten Mangel, dem er noch htte erliegen knnen
und dem Tausende erliegen werden, schtzt ihn der Aufenthalt in einer achtbaren
Familie, wohin Du, alter Freund, ihm auf's Schnellste die grten Summen senden
kannst, was Du auch nicht unterlassen wirst; die ist ein Glck, so gro, so
ernsthaft, da Euer Dank dafr nicht feurig genug zum Himmel emporsteigen kann.
Aber nun seid auch gerecht und vergnnt mir, da alle Gefahr und auch alle
eigentliche Noth fr ihn vorber ist, das Lcherliche seiner Lage zu fhlen.
Knnen Sie es lugnen, fuhr er fort, indem er sich an Emilie wendete, da unser
Freund die grten Gedanken in seiner Seele hegen konnte und zugleich daneben
doch auch ernsthaft daran dachte, wie er sein Halstuch nach der Mode knpfen
sollte? Wollen Sie behaupten, da das weiche, dunkle, schn gelockte Haar ihm
nie eine angenehme Beschftigung gewhrt habe? Und nun ist es gefallen unter der
plumpen Scheere eines Bauern. Achtete er nicht beinah ngstlich darauf, in
seinem Anzuge die Sitte des Tages zu beobachten? Er war die Zierde der
Gesellschaften, und die bewutlose Gefhl gab ihm die liebenswrdige Sicherheit
des Betragens, die gleich weit von kindischer Schchternheit entfernt ist, wie
von ungezogener Anmaung. Er war der Spiegel der Mode, alle jungen Herren, die
auf guten Ton Anspruch machten, suchten sich ihm hnlich zu gestalten, und nun,
wie sehr sind alle diese Vorzge fr den Augenblick verdunkelt! Aber beruhigen
Sie sich, meine Freunde; die groen Geldsummen, die Sie senden werden, erreichen
ihn bald. Dann wird er die demthige Hlle eines Kinderlehrers abwerfen und, wie
die Sonne aus verschleierndem Nebel, zum Erstaunen seiner Umgebung glnzend
hervortreten.
    Es konnte Niemand umhin sich einzugestehen, da der General nicht mit
Unrecht Evremont der kleinen Schwchen beschuldigte, deren er gedachte. Sie
waren aber so eng mit allen liebenswrdigen Eigenschaften seines Charakters
verwebt, da Niemand sie hinweg gewnscht htte, und das unwillkhrliche Lcheln
auf allen Gesichtern zeigte dem Freunde, da man die Wahrheit seiner Bemerkungen
anerkannte. Dieser hob den kleinen Adalbert von seinen Knieen auf, kte ihn
herzlich und rief: Ich sage Dir, mein Junge, werde so gut, so brav wie Dein
Vater, so edel, so mild, so treu in der Freundschaft und so gromthig wie er,
dann will ich Dir erlauben, Dich noch sorgfltiger zu putzen, wie er selbst,
wenn es mglich ist.
    Diese Unterbrechung hatte die tiefe Rhrung der Familie gemildert, und man
vernahm in ruhiger Stimmung, indem man zuweilen auch ein Lcheln sich erlaubte,
die weiteren Klagen Evremonts, die der Graf vortrug. Ich wendete mich von dem
Spiegel ab, schrieb Evremont weiter, und schritt einige Mal im Zimmer auf und
ab, um den unangenehmen Eindruck zu besiegen, den mein Bild in demselben auf
mich gemacht hatte; dann fate ich den Muth mich den Damen vorzustellen.
    Des andern Tages, nun vllig hergestellt von allen erduldeten Beschwerden,
begann ich mit Eifer mein Geschft. Ich unterrichtete die Kinder in allen
Dingen, worin ich Unterricht zu ertheilen vermochte. Ich lehrte nicht nur
franzsisch, sondern auch Zeichnen, Geschichte und Erdbeschreibung, und
unterrichtete die Knaben in der Mathematik. Die dankbaren Eltern erkannten um so
mehr meine Bemhungen an, als sie, wie sie glaubten, ein so vorzgliches Loos
getroffen hatten. Denn in allen Nachbarhusern waren ebenfalls kriegsgefangene
Franzosen; da diese aber grtentheils waren, was ich schien, nmlich gemeine
Soldaten, so konnten sie weder Sitten, noch irgend eine Wissenschaft lehren, und
ich mute oft lchelnd bemerken, da sich durch Einige sogar die provinziellen
Dialekte unsers schnen Frankreichs zu verbreiten anfingen. Auf diese Art fhlte
ich mich bald heimisch bei den guten Menschen, in deren Hause ich lebte, und sie
behandelten mich bei sich wie ein Glied ihrer Familie. Anders war die freilich
in der Gesellschaft, wo ich vllig bis zum Nichts herabsank, denn die Edelleute,
zu denen sich die Prediger gesellten, bildeten eigentlich die Gesellschaft. Die
verschiedenen Hofmeister und Lehrer waren nur gegenwrtig, ohne dazu zu gehren,
und von diesen sonderten sich die Deutschen wieder ab, die natrlich Anspruch
darauf machten, Gelehrte zu sein, und dehalb mit groer Geringschtzung auf die
Franzosen herab sahen, die sie ohne Ausnahme fr gemeine Soldaten hielten. Den
Frauen nhert man sich in Gesellschaften nur beim Tanze, und da es meinem Gefhl
zu sehr widersprach, mit fremden Frauen zu tanzen, inde meine angebetete Emilie
vielleicht brennende Thrnen des bittersten Kummers ber mein Schicksal
vergiet, und da ich auerdem vermeiden wollte, da man den Wunsch uern
mchte, ich solle die Kinder auch in dieser Kunst unterrichten, weil ich in
meiner abhngigen Lage keinen Wunsch, der geuert wurde, ablehnen durfte, so
lugnete ich hartnckig, da ich zu tanzen verstehe, und obwohl man die von
einem Franzosen lange nicht glauben wollte, hrte man doch endlich auf mich
aufzufordern, an einem Vergngen Theil zu nehmen, das keins fr mich sein
konnte.
    Er hat Recht, unterbrach der General abermals die Vorlesung, er hat Recht.
Da er ernsthafte Wissenschaften zu lehren sucht, in einer Abhngigkeit, die er
aus ehrenvollen Grnden erduldet, kann ihn nie beschmen; aber ewig
unauslschlich lcherlich und krnkend wrde es mir sein, wenn ich mir einen der
bravsten Offiziere der groen Armee denken mte mit russischen Kindern nach
einer armseligen Geige herumspringend, um ihnen Knste zu lehren, womit sie in
ihren Gesellschaften glnzen sollen.
    So geschah es, fuhr der Graf aus Evremonts Briefen fort, da ich mich nie so
vllig einsam fhlte, wie in den Gesellschaften, die sich hier auf dem Lande
bildeten, und ich sehnte mich herzlich nach dem spt beginnenden Frhlinge, um
einigen Ersatz fr alles, was ich entbehre, in der Natur zu finden. Doch auch
diese bietet hier Genu mit karger Hand. Die Gegend wenigstens, in der ich lebe,
ist so vllig flach, da man den kleinsten Hgel ganz ernsthaft einen Berg
nennt, und das Auge schweift, irgend einen Punkt suchend, an den es den Blick
fesseln mchte, ermdet ber unermeliche Kornfelder, die oft nur der Horizont
begrnzt. Man bekommt ein ngstigendes Gefhl der Trockenheit, weil man mehrere
Meilen fahren kann, ohne das kleinste Wasser zu erblicken, und trifft man
endlich auf einen Bach, so fliet er trge zwischen flachen Ufern, und ist im
Sommer mit Schilf und Binsen bewachsen. Die ist im Allgemeinen der Charakter
des Landes, und dennoch lieben dessen Bewohner hier die Natur mehr, als ich es
an den Bewohnern der glcklichsten Gegenden bemerkt habe. Man kann sagen, sie
feiern jeden schnen Tag, den ihnen der hier strenge Himmel etwa gewhrt; sie
benutzen jeden Platz an einem dieser Flsse oder der kleinen Seen im Lande, um
anmuthige Grten zu bilden. Ja, sie wandeln zu diesem Zwecke die unwirthbarsten
Smpfe um und ringen mit unglaublichen Anstrengungen der widerspenstigen Natur
ein kleines Fleckchen ab, um ihre Sehnsucht nach einer anmuthigen Umgebung zu
befriedigen. In solchen kleinen Paradiesen kann man es zuweilen vergessen, da
man so hoch im Norden lebt; nur mu der unter den Blthenbschen Wandernde sich
hten, da sich sein Auge nicht ber die Umzunung hinaus verirrt, sonst wird
ihn die Oede rund umher daran erinnern.
    Da ich nun hier, meine theuern Eltern, trotz der Gte, die ich erfahre, ein
hchst trauriges Leben fhre, werden Sie begreifen, in drckender Abhngigkeit,
von der Gesellschaft eigentlich ausgeschlossen, zurckgestoen von der rauhen
Natur, ohne alle Nachricht von allen mir theuern Wesen, und durch die
ffentlichen Nachrichten fr mein Vaterland mit Recht besorgt! Ich lugne nicht,
da ich mich oft mit aller Anstrengung ermannen mu, um den Kummer, den ich im
Herzen trage, denen nicht zu zeigen, die ihn weder verstehen noch theilen
knnten, denn sehr begreiflich sind hier viele Dinge, die mich betrben, eine
Ursache zur Freude.
    Es war mir ein Trost, in einsamen Stunden diese Zeilen an meine Familie zu
richten, ohne da ich wute, wie sie bis zu Ihnen, geliebte Eltern, gelangen
sollten. Nach Jahren hatte ich gestern das erste Mal wieder das Gefhl lebhafter
Freude. Der lteste Sohn des Hauses, in dem ich lebe, berraschte seine Eltern
und Geschwister auf seinem Rckwege zur Armee mit einem kurzen Besuche. Er hat
mir sein Ehrenwort gegeben dafr zu sorgen, da diese Briefe sicher in Ihre
Hnde kmen, mein theurer Vater, und ich betrachte nun meine Noth als geendigt.
Evremont fgte noch Vieles hinzu fr jedes einzelne Glied der Familie, welches
der Graf nicht angemessen fand dem Generale mitzutheilen, und er endigte die
Vorlesung, die Alle mit so inniger Theilnahme angehrt hatten.

                                      XIII


Das Schreiben Evremonts hatte die schmerzliche Trauer in der Familie des Grafen
geendigt. An die Stelle der qulenden, alle Lebenskrfte verzehrenden Angst trat
die wohlthtige Sehnsucht der Liebe, die zwar innig die Vereinigung mit dem
Geliebten herbei wnscht, aber, wenn das Schicksal zgert diese zu gewhren, die
Stunden des Erwartens dadurch verst, da sie alle dem Streben gewidmet werden,
den schnen Augenblick, wenn er endlich eintritt, auf alle Weise zu
verherrlichen. Der Graf hatte leicht Mittel gefunden, da er Evremonts Aufenthalt
kannte, ihm solche Summen zu bersenden, da von einer abhngigen Lage nun bei
ihm nicht die Rede mehr sein konnte, und da das ganze Land von Feinden gereinigt
war, so konnte ein regelmiger Briefwechsel eintreten, der ein groer Trost fr
Alle wurde. Emilie hatte nun Gemthsruhe genug den wohlgemeinten Rath ihrer
Tante zu befolgen, und sie theilte ihre Zeit zwischen der Sorge fr ihren Sohn,
den sie schon zu unterrichten anfing, und eigenen Studien und Musik. Die
wohlwollende Adele rief oft triumphirend: Hatte ich nicht Recht, da ihn der
Himmel zu unserm Troste erhalten wrde und war nun nicht all die furchtbare
Angst unnthig? Sie liebte Evremont mit der Zrtlichkeit einer Mutter; sie hatte
oft verzweiflungsvoll fr ihn gezagt, aber sie war nun herzlich froh, mit gutem
Gewissen die Last der Traurigkeit abwerfen und sich ihrer angebornen Heiterkeit
berlassen zu drfen. Der Graf gewann den Gleichmuth der Seele wieder, denn er
durfte den Schlag des Schicksals nicht mehr befrchten, den er sich bewut war
nicht ertragen zu knnen, und die Grfin, die sich dem Grabe sichtlich zugeneigt
hatte, kehrte, gestrkt durch die innere Ruhe, noch ein Mal auf den Weg des
Lebens zurck. Selbst die Krfte des alten Dbois schienen sich zu verjngen, da
er den jungen Grafen, wie er Evremont nannte, in Sicherheit wute; es entzckte
ihn, da der gtige Herr auch seiner in dem langen Schreiben gedachte, und er
widmete nun dem kleinen Grafen, wie er den kleinen Adalbert nannte, doppelte
Aufmerksamkeit und hatte wenigstens selbst eben so viel Freude daran, als er in
Evremont dadurch zu erregen hoffte, da der Kleine so reines Franzsisch sprach,
da kein Pariser etwas daran zu tadeln gefunden haben wrde, ein Verdienst,
welches sich der alte Haushofmeister ganz allein zuschrieb.
    Jeder Fortschritt, den die verbndeten Truppen in Frankreich machten,
erhhte die Zufriedenheit der Familie des Grafen, denn jeder fhrte die Hoffnung
des endlichen Friedens nher. Eine ganz andere Wirkung hatten diese Fortschritte
auf das Gemth des General Clairmont. Er hatte gehofft, Frankreich wrde der
gesammten Macht Europas widerstehen und so auf eigenem Boden den in der Ferne
verlornen Ruhm wiedergewinnen. Ihn entzckte daher jeder Vortheil, den die
Franzosen erkmpften, und er erklrte es fr eine Verwegenheit der Verbndeten,
da sie sich nach Paris wendeten, denn er sagte ihren gewissen Untergang vor
dieser Stadt voraus, deren gesammte Bevlkerung, wie er behauptete, die Waffen
gegen den eindringenden Feind ergreifen wrde. Als nun der entscheidende Schlag
gefallen war, Paris in seinen Mauern die fremden Heere aufnahm, grnzte seine
Stimmung an Verzweiflung, und als bald darauf Napoleons Abdankung und die
Zurckberufung der Bourbons erfolgte, schlo er sich zwei Tage in sein Zimmer
ein, ohne selbst dem Grafen Zutritt zu verstatten, der so gern den Freund
beruhigt htte.
    Als endlich der General wieder in der Gesellschaft erschien, war er bleicher
und ernster als gewhnlich. Ich werde Dich nun bald verlassen, sagte er dem
Grafen, indem er ihm die Hand reichte. Die Erinnerung an Deine Freundschaft, an
den langen Aufenthalt in Deinem Hause wird mir um so wohlthtiger sein, da ich
Deinem Beispiel folgen und mich auf meine Gter zurckziehen werde.
    Wie kommen Sie zu dem Entschlu? rief Adele unbedachtsam. Wie oft haben Sie
behauptet, in Frankreich knne man nur in Paris leben, wenn man das Leben mit
allen seinen Vorzgen genieen wolle.
    Paris ist nichts mehr fr mich, rief der General mir aufflammendem Unwillen.
Welchen Reiz knnte Paris fr mich noch haben, wo Alles danach strebt, ein
ruhmvolles Leben zu vergessen oder als ein Verbrechen zu behandeln, wo selbst
jedes Zeichen vertilgt werden soll, das an eine so nahe Vergangenheit erinnert,
da sie beinah noch Gegenwart ist. Nein! rief er, indem er die dreifarbige
Kokarde vom Hute nahm, nie werde ich dieses Zeichen gegen das weie Band
vertauschen; und darf ich es nicht mehr ffentlich erheben, so soll es auf
meinem Herzen ruhen, so mag es mit mir begraben werden. Er wendete sich ab, um
das Gesicht, auf dem Zorn und Rhrung mit einander kmpften, zu verbergen.
    Wie ist es mglich, sagte der Graf in besnftigendem Tone, da die Farbe
eines Bandes Dich so leidenschaftlich erregen kann? Du sprichst nicht, wie Du
denkst, sagte der General nach kurzem Schweigen, whrend dessen er den Freund
zrnend angesehen hatte. Bleibt das ein bloes Band, woran sich tausend
Erinnerungen der Ehre, der Begeisterung, des Entzckens nach berstandenen fast
unglaublichen Gefahren knpfen? Htte man uns ein Zeichen nicht lassen sollen,
unter dem Frankreichs Name unter allen Himmelsstrichen verherrlicht wurde? Nein,
nimmermehr wird der, der dem khnen Adler unter Egyptens heien Himmel und nach
Rulands Wsteneien folgte - - doch, ich vergesse, unterbrach er sich selbst mit
Bitterkeit, ich vergesse, da ich mit Dir rede, dessen Seele an alten
eingesogenen Vorurtheilen hngt; der in Ereignissen, die auer aller
menschlichen Berechnung lagen, mit Selbstzufriedenheit die richtige Berechnung
seiner Weisheit erkennen, und der triumphirend mich daran erinnern wird, da ja
nun Alles so gekommen ist, wie er es vorhergesagt, der nun selbstgefllig in
tiefe Einsicht verwandeln wird, was damals nur ein eigensinniges Festhalten
veralteter Meinungen war.
    Und fhlst Du nicht, sagte der Graf mit Milde, wie sehr Du mir unrecht
thust, indem Du ein so treffliches Bild von mir entwirfst? Ich habe nichts
vorhergesagt, ja ich gestehe, da ich nicht erwartet habe, Ereignisse zu
erleben, wie sie jetzt eingetreten sind, und wenn ich in frheren Zeiten
glaubte, da sie nicht auer dem Kreis der Mglichkeit lgen, so hatte mich die
Geschichte anderer Lnder bewogen die anzunehmen und keineswegs eigensinniger
Dnkel. Und wenn ich dem Himmel von Herzen dafr danke, mein Vaterland von dem
Drucke der franzsischen Uebermacht befreit zu sehen, so richte ich dehalb den
Blick nicht feindlich nach Frankreich hinber, und sollte der Traum, den ich
jetzt hege, denn nicht eben so wohl wie der frhere in Erfllung gehen knnen?
Sollten nicht beide Nationen, statt einander feindlich zu vertilgen, ihre
gegenseitigen Vorzge anerkennen? Sollte nicht ein friedlicher Wetteifer
eintreten knnen in der Ausbildung jeder Kunst und jeder Wissenschaft des
Lebens? Und sollten nicht beide statt einander feindlich zu berauben, nun lieber
durch gegenseitigen Austausch zu gewinnen suchen? Der Ha, der sich jetzt noch
durch die aufgeregten Leidenschaften ausspricht, wird sich bald verlieren. Die
Deutschen sind zu geneigt fremdes Verdienst anzuerkennen, als da sie nicht bald
wieder auch das franzsische gehrig wrdigen sollten, und den Franzosen,
erlaube es mir zu sagen, wird das erlebte Unglck eben so heilsam sein, wie
einem in Reichthum, Glck und Gesundheit bermthigen jungen Manne ein Schlag
des Schicksals zuweilen wohlthut. Es wird Euch bescheidener machen und die Idee
wird bei Euch Zugang finden, da es auch auerhalb Frankreich noch etwas
Bedeutendes und Wissenswerthes geben kann, da auch die Bestrebungen anderer
Nationen Achtung verdienen, und eine engere und edlere Verbindung wird sich so
zwischen Euch und Euern Nachbaren bilden, als wenn Ihr sie durch die Gewalt der
Waffen unterdrcktet.
    Der General war zu sehr mit seinen eigenen Gefhlen beschftigt, als da er
die Worte des Freundes htte genau beachten knnen. Er hrte nur im Allgemeinen
die wohlwollende Gesinnung heraus, und mehr dem Gange seiner Gedanken folgend,
als dem Grafen antwortend, sagte er: Es ist wahr, im Gefolge der Revolution
waren emprende Gruel. Das edelste Blut vergo man, der Menschlichkeit Hohn
sprechend, in Strmen, aber gestehe es, viele groe Gedanken wurden auch
ausgesprochen und faten unmerklich Wurzel in jedes Menschen Brust, und wenn Du
zurckblickst, wie weit alle Staaten sowohl, als einzelnen Menschen von der
Stelle aus weiter geschritten sind, wo sie vor dieser Revolution standen, so
wirst Du zugeben mssen, da sie, wenn sie auch wie ein furchtbar zerstrendes
Gewitter ber die Lnder schritt, doch auch wie dieses Spuren des Segens
zurckgelassen hat. Napoleon bndigte dieses Ungeheuer, aber mit ungemessenem
Ehrgeiz opferte er den khnsten Plnen wieder das edelste Blut in Strmen, und
doch fand Frankreich Trost in dem Ruhme, der seinen Namen unter den fernsten
Himmelsstrichen verherrlichte. Jetzt hat nun wieder das strmende Blut vieler
Tausende den Boden der Lnder gerthet, um die Vergangenheit zurckzufhren, und
welcher Segen wird uns fr diese Opfer?
    Die Segnungen des Friedens, sagte der Graf, den Euer schnes Frankreich
sowohl bedarf, wie alle europischen Lnder. Wir mssen erst erwarten,
erwiederte der General, was dieser Frieden fr Folgen haben wird, ehe wir seine
Segnungen preisen. Ich werde mich auf jeden Fall zurckziehen und in ruhiger
Mue fr die Erziehung meiner beiden Knaben sorgen. Armer Bertrand! fuhr er
seufzend fort, unser Napoleon und Eugen werden diese Namen nicht von Neuem
verherrlichen, wie Du hofftest, denn Gott wei, ob man ihnen nicht die Namen
selbst als Verbrechen anrechnen wird.
    Wenige Tage nach dieser Unterredung schied der General von seinem Freunde,
und Beide trennten sich nicht ohne Rhrung, denn wie verschieden auch oft ihre
Ansichten waren, so fand doch Jeder in dem Andern so viele Vorzge anzuerkennen,
da die gegenseitige Achtung das in der Jugend geknpfte Band der Freundschaft
nur dauernder und fester machte, und schon den folgenden Tag, als der General
franzsischen Boden berhrte, dachte er: Sollte es denn nicht mglich sein, da,
wie ich Hohenthal liebe und achte, obgleich er ein Deutscher und von den Grillen
dieser Nation nicht frei ist, und wie er mich liebt, obgleich er meine besten
Eigenschaften fr Thorheiten eines Franzosen hlt, eben so einst beide Vlker in
aufrichtiger Freundschaft einander gegenberstnden? Diese friedlichen
Gesinnungen wurden jedoch bald aus der Brust des franzsischen Kriegers
verscheucht, indem er den feindlichen Truppen begegnete, die so gleichgltig auf
franzsischem Boden wandelten, als wre es gar nichts Besonderes fr sie, sich
hier als Sieger zu bewegen, und es gereichte ihm nur die zu einigem Troste, da
alle wenigstens auf dem Wege waren Frankreich zu verlassen.
    Unter den rckkehrenden Kriegern war auch der Graf Robert und seine Freunde,
und wenige Tage, nachdem der General das Haus des Grafen verlassen hatte, wurde
dieser auf's Angenehmste durch die Ankunft seines Vetters berrascht, der die
Mal in Begleitung aller seiner Freunde kam, denn auch Wertheim und der Baron
Lehndorf kehrten nach Deutschland mit ihren Truppen zurck, und natrlich mit
ihnen der Arzt und Gustav Thorfeld.
    Die Freude Aller wurde erhht, als sie erfuhren, da Evremont lebe, und da
man nun, da alle Kriegsgefangenen frei gegeben wurden, seine baldige Rckkehr
erwarten drfe. Der Graf bemerkte mit Wohlgefallen, da das scheue, finstere
Wesen Wertheims sich verloren hatte, und da seine Sitten milder, als sonst
erschienen. Der Graf Robert lste dem Oheim die Rthsel, indem er ihm die
glckliche Vernderung mittheilte, die in der ganzen Lage des jungen Mannes
eingetreten sei. Durch eine weitluftige Verwandte war ihm eine Erbschaft
zugefallen, und zwar hatte ihn diese zum einzigen Erben eingesetzt und die
entlaufene Schwester gnzlich ausgeschlossen. Die Vermgen setzte ihn in den
Stand, das kleine Gut kaufen zu knnen, welches der Graf frher dem Obristen
Thalheim eingerumt hatte; und wenn er sich nun dazu entschlieen wolle, die
dem jungen Manne zu berlassen, so knne er, bemerkte der Graf Robert, dessen
Lebensglck begrnden, denn alsdann sei er entschlossen, sich dort
niederzulassen und sich mit der ltesten Schwester des Grafen zu verbinden,
indem Beide, von gegenseitiger Neigung bestimmt, die sehnlichst wnschten.
    Da Sie, mein lieber Vetter, erwiederte der Graf, Hohenthal als Ihr knftiges
Eigenthum betrachten mssen, so ist es mehr Ihre, als meine Sache, und ich gebe
im Voraus zu jeder Einrichtung, die Sie dort treffen, meine Einwilligung.
    Der Graf gab es nicht zu, da sein Vetter sich in Danksagungen ergo, indem
er scherzend bemerkte, da er noch zu lange zu leben hoffe, als da er jetzt
schon Dank fr ein Erbe verdiene, das er erst so spt zu berlassen gedenke, und
er fhrte bald seinen Vetter auf das Schicksal seines Freundes zurck. Wodurch
er vllig zur Milde gestimmt wurde, fuhr der Graf Robert in Beziehung auf
Wertheim fort, war, da, als wir nicht weit von Paris in ein artiges Landhaus
einquartirt wurden, er in der Besitzerin seine entflohene Schwester erkannte,
die hier mit ihrem Gatten, der, in Spanien schwer verwundet, zum Dienst
untauglich wurde, in glcklicher Ehe lebte. Drei schne, in Gesundheit blhende
Kinder umgaben die Paar, und die Vershnung war bald gemacht, da Wertheim seine
Schwester als Gattin dessen fand, der sie entfhrt hatte, und da man ihn
versicherte, da der franzsische Offizier sie in Deutschland schon frmlich
geheirathet haben wrde, wenn man nicht berzeugt gewesen wre, der Bruder werde
die nicht zugeben und im Gegentheil darauf bestehen, da die Schwester dem
Baron Lehndorf ihr bereilt, blo um seinen Wunsch zu erfllen, gegebenes Wort
halten solle, wodurch sie sich fr ihr ganzes Leben hchst unglcklich gefhlt
haben wrde. Da Wertheim sich gestehen mute, da er allerdings so gehandelt
haben wrde, und da Lehndorf ber den Verlust der frheren Braut lngst durch
die Hoffnung getrstet war, sich mit meiner jngeren Schwester zu verbinden, so
war die Vershnung von allen Seiten leicht, und Wertheim, der es frher fr die
Aufgabe seines Lebens hielt, diesen Franzosen von der Oberflche der Erde zu
vertilgen, schied als dessen aufrichtiger Freund von ihm. Er hatte nmlich die
Schwester mit dem Tode ihrer gemeinschaftlichen Verwandtin bekannt gemacht, ohne
ihr zu sagen, wie feindlich die sie auch im Tode vom Mitgenusse ihres Vermgens
ausgeschlossen habe, deren Geiz ihr und der Mutter, als sie noch lebte, auch in
der dringendsten Noth selbst die krglichste Untersttzung versagt hatte. Mein
Freund wollte also, fuhr der Graf Robert fort, sein Erbe mit der Schwester
theilen, doch deren Gemahl gab die nicht zu, indem er dem Bruder seiner Gattin
bewies, wie sein Vermgen bedeutend genug sei, da er leicht diesen Zuwachs
entbehren knne, und nach einem gegenseitigen Kampfe der Gromuth blieb mein
Freund der einzige Besitzer dss Vermgens, indem er gern als Gabe des
Wohlwollens den Vortheil annahm, den ursprnglich nur der Ha ihm hatte zuwenden
wollen. Der Baron Lehndorf, berichtete der Graf Robert weiter, hat bei unserer
Rckkehr die sichere Aussicht auf eine sehr gute Anstellung bei dem Forstwesen,
wodurch er ebenfalls in die Lage kommt, einen Hausstand begrnden zu knnen, was
er in Vereinigung mit meiner jngeren Schwester zu thun beabsichtigt.
    So haben Sie ja bei Ihrer Rckkehr, bemerkte der Graf lchelnd, die Aussicht
auf eine Reihe von Festen, auf viele frhliche Hochzeiten.
    Gewi, gewi, rief der Arzt, der mit seinen groen Sporen im Saale
umherklirrte. Sobald ich zurckkehre, wird das groe, das heilige Fest begangen.
Alle meine Gedanken richten sich nach der Heimat; das Bild meiner geliebten
Braut folgte mir berall, und ich habe selbst in Frankreich mancherlei Tand fr
sie eingekauft, um sie damit zu schmcken, und auch fr meine Schwiegermutter,
die sich eigentlich noch lieber putzt und bunter kleidet, als es sich, wie mich
bednken will, fr ihr Alter ziemt. Aber unschdlichen Thorheiten giebt der
Weise nach, und besser zu viel Schmuck an den Bewohnern und im Hause, als da
die Grazien darin fehlen sollten.
    Man gab dem Arzte, der diese Rede mit groer Selbstzufriedenheit gehalten
hatte, von allen Seiten Recht, und die Frauen verlangten die Geschenke zu sehen,
die er fr die Braut und Schwiegermutter bestimmt hatte, um, wie sie sagten,
seinen Geschmack zu bewundern. Der gutmthige Arzt, der auf Alles eitel war,
wurde durch diese Aufforderung erfreut und brachte nur zu gern alle Gegenstnde
zum Vorschein, die er, wie er sagte, in Frankreich rechtlich eingehandelt und
nicht, wie ihm die von Manchem bekannt sei, ohne weitere Zahlung an sich
gebracht habe; und die Frauen rhmten scherzend jedes Stck und lobten den
zarten Sinn des glcklichen Arztes, der, die Vorliebe seiner Schwiegermutter fr
alles Bunte kennend, ihren Geschmack beinah auf eine bertriebene Weise zu
befriedigen gesucht hatte. -
    Die Freunde blieben einige Tage bei dem Grafen, der sich ernstlich fr den
jungen Thorfeld zu verwenden versprach, um ihm eine Stelle als Justizamtmann in
der Nhe von Hohenthal zu verschaffen, deren Besitz er so heftig wnschte, wie
der Arzt auf seine Weise mit feinem Scherz bemerkte, um in der Nhe zu bleiben
und sich gegen Eingriffe in seine Eigenthumsrechte auf das Herz der Tochter des
Predigers zu bewahren. Der junge Mann schwieg errthend, und es lie sich also
annehmen, da der oft wiederholte Scherz des Arztes nicht grundlos war.
    Die Grfin bemerkte whrend dieser Zeit gegen den Grafen Robert, da es
wunderbar sei, wie verschieden Glck und Unglck auf verschiedene Charaktere
wirke. Viele Menschen, sagte sie, werden durch Unglck erzogen. Es macht sie
ernster, milder, theilnehmender gegen Andere, wenn sie selbst die Schmerzen
kennen gelernt haben, mit denen die Leben uns verfolgt. Andere macht dagegen
das Unglck hart, strrisch und roh, wie wir die an Ihrem Freunde Wertheim
bemerken muten, und nur das Glck vermag diese zu erziehen, ihren Charakter
edler, ihre Sitten milder zu machen. Graf Robert errthete, denn er erinnerte
sich daran, da auch er zu denen gehrte, die das Glck edler gebildet hatte,
und da sein erstes Auftreten im Hause seines Oheims keinen vortheilhaften
Begriff von seinen Sitten erregt haben konnte. Er sagte endlich verlegen:
Auffallender ist es noch, wie sehr der unaussprechliche Ha gegen Frankreich und
gegen Franzosen in der Brust meines Freundes gemildert ist, seitdem er in dem
Entfhrer seiner Schwester deren rechtmigen Gemahl und einen braven,
achtungswerthen Mann kennen gelernt hat.
    Es ist berhaupt schwer, bemerkte der Graf, genau zu bestimmen, in wie weit
sich Persnlichkeit in unsere Gefhle mischt, wenn wir das Vaterland lieben oder
dessen Feinde hassen, und ich glaube, wenn wir recht scharf sondern wollten,
wrde nicht immer so viel Tugend brig bleiben, wie man in neuester Zeit in
diesen Empfindungen zu suchen gewohnt ist.
    Whrend des Aufenthaltes der Freunde beim Grafen gewann der Graf Robert den
kleinen Adalbert so lieb, da er im Scherze behauptete, er msse noch einst
durch eine Verbindung mit seinem jngst gebornen Tchterchen sein Sohn werden,
und er wiederholte diesen Scherz so oft, da man leicht bemerken konnte, wie der
Wunsch sich ganz ernsthaft in seiner Seele ausbildete.
    Die Heiterkeit des Beisammenseins wurde den Freunden nur auf Augenblicke
getrbt, wenn sie daran dachten, da Evremont in ihrem Kreise fehle, und jedes
Mal, indem sie ber seine Abwesenheit seufzten, stieg zugleich ein Dankgebet zum
Himmel empor dafr, da er ihnen erhalten war.
    Endlich war der Augenblick der Trennung erschienen, und wenn auch ein Gefhl
der Wehmuth Alle beim Abschiede ergriff, so eilten doch der Graf Robert und
seine Freunde mit freudigem, hochklopfendem Herzen ihren heimathlichen Bergen
zu, denn Jeder wute, da ihn dort ein sehnschtiges Herz erwartete und
zrtliche Blicke ihn begren wrden. Der alte Dbois wollte seinen Sohn, wie er
den jungen Thorfeld nannte, nicht entlassen, ohne ihm ein Geschenk aufzudringen,
worin der junge Mann mit Rhrung von Neuem die vterliche Liebe des Greises
erkannte. Der Arzt verhehlte sein Gefhl hchster Glckseligkeit beim Abschiede
nicht. Ich werde, rief er, indem er sich die Thrnen der Rhrung abtrocknete,
die ihn zugleich bewltigte, den Lohn aller der Opfer empfangen, die ich dem
Vaterlande gebracht habe. Die erhhte Liebe und Achtung meiner Braut wird meine
Anstrengungen belohnen, und die Lorbeern werden mich ehren, die ich im Kriege
gewann, nicht indem ich Menschen tdtete, sondern indem ich manchen braven Mann
erhielt.
    Es ist wahr, sagte der Graf Robert, mit wahrer Tollkhnheit wagte sich der
Doktor jedes Mal auf das Schlachtfeld, wenn kaum der Feind sich zurckzog, und
die Kugeln noch herber und hinber flogen; wie ein Geier auf seine Beute
strzte er sich auf die Verwundeten, und Viele danken ihr Leben und die
Erhaltung ihrer Glieder nur der schnellen Hlfe, die er ihnen durch diesen Muth
gewhrte, und da unter den Geretteten mancher bedeutende Mann ist, so glaube
ich, da diese seltene Tapferkeit eines Arztes noch durch eine Auszeichnung
belohnt werden wird.
    Das eiserne Kreuz, sagte der Arzt, indem er sich sehr in die Brust warf und
dadurch einige Aehnlichkeit mit einem indianischen Hahne gewann, das eiserne
Kreuz kann mir nicht entgehen, wenn man nicht ganz ungerecht gegen mich sein
will.
    Endlich trennte man sich, und der kleine Adalbert vermite noch einige Tage
den Grafen Robert und Thorfeld schmerzlich, die sich so viel mit ihm
beschftigt, da sie die lebhafteste Zuneigung des Kindes gewonnen hatten.

                                      XIV


Das Leben war auf dem Landsitze des Grafen nach der Abreise der Freunde wieder
in seine gewohnten Gleise zurckgekehrt. Die Tage verstrichen gleichmig unter
ernsten Beschftigungen, oder im Genusse der Natur, der Poesie und Musik, und
dieser einfache Gang des Lebens wurde nur durch erhhte Heiterkeit unterbrochen,
wenn Briefe von Evremont eintrafen. Man hatte nun nichts mehr fr ihn zu
frchten, seine Lage nicht mehr zu beklagen; also gewhrten seine Briefe reine
Freude, nur mit der kleinen Beimischung von Schmerz, da die sehnschtige
Erwartung immer noch getuscht wurde; er konnte immer noch nicht seine Abreise
aus Ruland melden. Obgleich es bekannt war, da die kriegsgefangenen Franzosen
ohne Schwierigkeit Erlaubni erhalten sollten, nach Frankreich zurckzukehren,
so war es doch natrlich, da bei der weiten Ausdehnung der russischen Provinzen
manche Zgerung fr viele Einzelne eintrat, und Evremont besonders wollte nun
bei seiner Abreise doch einen Pa erhalten, in dem sein wahrer Rang in der
franzsischen Armee verzeichnet wre. Er hatte sich zum Theil in dieser Absicht
nach Petersburg begeben, weil er dort mit Gewiheit hoffen konnte, mehrere
Franzosen anzutreffen, denen er persnlich bekannt wre, und die also sein
Gesuch untersttzen knnten. Aber auch in der kaiserlichen Residenz mute er
seinen Aufenthalt lnger ausdehnen, als er wnschte, ehe er sein Ziel erreichen
konnte, und er schrieb seinen Freunden ber diese merkwrdige Stadt:
    Wer Petersburg sieht, wird sich des Staunens nicht erwehren knnen ber das
Ungeheure, was menschliche Anstrengung in wenig mehr als hundert Jahren
hervorzubringen vermochte. Wenn man die demthige Htte besucht hat, die sich
Peter der Erste errichtete, von wo aus er sein Riesenwerk leitete, und wirft
dann einen Blick auf die unermelichen Straen, auf die kolossalen Pallste, die
seitdem entstanden sind, oder auf die herrliche Einfassung der majesttischen
Newa, und die groartigen, reich verzierten Thore und Gitter des Sommergartens,
so kann sich die Phantasie nicht daran gewhnen, sich die alles als krzlich
entstanden zu denken. Betrachtet man die ungeheuern Sulen aus Granit, jede aus
einem einzelnen Block und wie Edelgestein polirt, die in der Kasanschen Kirche
prangen, so darf man diese Werke dreist mit den Werken der Rmer vergleichen,
und htte immer ein richtiger Geschmack diese ungeheuern Krfte geleitet, da
wir eben so wohl den edeln Styl der Baukunst immer bewundern knnten, wie den
groen Kraftaufwand, so wre Petersburg beinah ein Wunder zu nennen, aber nicht
zu lugnen ist es, da sich dem Beschauer oft ein Gefhl aufdrngt, das ihn
zwingt, eine solche Verwendung so ungeheurer Krfte zu beklagen. Auch war es
mir, nachdem das erste Anstaunen dieser Schpfung vorber war, strend, das
lebendig-frohe Gewhl anderer Stdte zu vermissen. Die Straen sind so
unermelich lang und breit, da sie immer leer scheinen; die Pltze sind so
gro, da sich Alles darauf verliert, und ich wei nicht, ob es vielleicht aus
diesem Grunde war, da die Statue Peters des Ersten nicht den Eindruck auf mich
machte, den ich erwartete. Sie sieht in dieser Umgebung klein aus, und selbst
der Felsen, auf dem sie steht, kann nicht Bewunderung in dem Beschauer erregen,
wenn er es nicht wei, da dieser ungeheure Granitblock aus Finnland hieher
versetzt wurde, denn hier, wo er jetzt steht, sieht er bei Weitem nicht so gro
aus, wie ich ihn mir nach Beschreibungen dachte. Einigermaen mag der Sommer
Schuld sein an dem todten Ansehn, das jetzt Petersburg hat, weil dann Alles
eilt, fr diese wenigen Monate die reizenden Landhuser zu beziehen, die die
Stadt von allen Seiten umgeben, und in der That, hier kann man es ganz
vergessen, da man im Norden lebt. Diese verschwenderische Pracht von Blumen und
blhenden Stauden entzckt das Auge; die sich auf dem Wasser schaukelnden, bunt
geschmckten Gondeln rufen sdliche Bilder in unserer Seele hervor. Die
schattigen Baumgnge gewhren anmuthige Khlung bei dem Brande der Sonne und
schtzen gegen die rauhen Winde, die tckisch oft auf einmal an den Norden
erinnern. Ist man so glcklich, an einem schnen Tage denn auch die nur in
Ruland einheimische Hornmusik im Freien zu hren, so mu auch der
eigensinnigste Kritiker gestehen, da die groe Kaiserstadt und ihre Umgebung
die edelsten Gensse zu gewhren vermag. Ich habe niemals Instrumentalmusik
gehrt, die auf mich einen so tiefen, unerklrlichen Eindruck gemacht htte. Es
ist ein lebendiges aus Menschen zusammengesetztes Instrument, das wir hier
hren. Jeder blst nur einen Ton auf einem der an Gre verschiedenen Hrner,
und wenn auch diese Musik ihrer Natur nach wohl nur dazu geeignet ist, ernstere
Sachen in gedehnten Tnen vorzutragen, so ist es doch auf's Hchste zu
bewundern, wie die Menscheninstrument eingebt ist, denn sie machen die
schnellsten Lufe auf und ab mit einer Genauigkeit, die an's Unglaubliche
grnzt. Nachdem mir diese Musik den hchsten Genu gewhrt hatte, drngte sich
mir doch ein schmerzliches Gefhl auf, denn es drckte mich hart, den Menschen
in dem Grade zur Maschine erniedrigt zu sehen.
    Noch ergreifender aber und unendlich erhabener ist der Eindruck, den die
russische Kirchenmusik auf jeden Menschen hervorbringen mu, dessen Seele fr
solche Eindrcke berhaupt empfnglich ist. Bekanntlich verbannt der strenge
griechische Ritus alle Begleitung der Instrumente, auch verbietet dieselbe
Strenge bei Besetzung des Soprans sich der Hlfsmittel zu bedienen, die die
lateinische Kirche gestattet, also wird die Diskantstimme von Knaben gesungen,
die fr die Kapelle zu diesem Behufe ausgewhlt werden. Die Seele wird getroffen
und das Herz in seinen Tiefen bewegt, wenn diese gttlich schnen Stimmen sich
himmelan schwingen, darum, weil eine so se Kindesunschuld in ihnen tnt, das
man unwillkhrlich an die den Thron Gottes umschwebenden Engel denken mu.
Freilich, wenn der Gesang verstummt ist und die Bewegung des Herzens sich
beruhigt hat, behauptet dann der alte Fehler des Menschen, immer urtheilen und
vergleichen zu wollen, sein Recht, und ich mute mir gestehen, als ich die
Kapelle verlassen hatte, da die lateinische Messe kunstreicher ausgebildet ist,
auch liegt die Ursache, warum die so ist, glaube ich ganz nahe. Da nmlich die
Oberstimme in der griechischen Kirche immer von acht- oder zehnjhrigen Knaben
gesungen werden mu, so kann nie ein Virtuose die echte Kunst des Gesanges oder
die ganze Tiefe des religisen Gefhls darin entfalten, alle andern Stimmen
mssen mit bescheidener Migung behandelt werden, damit die Oberstimme nicht
unterdrckt wird; dehalb bewegt die rhrende Unschuld in diesem himmlischen
einfachen Gesange vorzglich das Herz, wenn wir bei der kunstreicher gebildeten
lateinischen Messe oft noch Gelegenheit haben, die groe Virtuositt einzelner
Snger zu bewundern. Vielleicht wrden diese Betrachtungen meinen griechischen
Christen viel zu weltlich dnken, denn ich glaube, es fllt nur wenigen ein, den
Gesang in der Kirche als Kunst zu betrachten; es scheint ihnen blo unerllich
zum Gottesdienst zu gehren. Ueberhaupt, glaube ich, hat die Kunst hier noch
wenig Eingang gefunden, obgleich die Kaiserstadt viele herrliche Kunstwerke
besitzt. Kunstgenu ist hier ein Luxus, den sich nur Wenige erlauben, keineswegs
ein Bedrfni der Seele. Dehalb durchwandert man die Sle, in denen die
Kunstschtze sich befinden, beinah immer einsam, und auch ich habe mir nur einen
flchtigen Ueberblick zu verschaffen gesucht, freilich aus andern Grnden. Die
Kunstwerke sind so zahlreich, die Sammlungen so groartig, da ich nicht lange
genug hier verweilen kann, um einigermaen mit Nutzen sehen und das Gesehene im
Gemth ordnen zu knnen. Schon allein die Sammlung geschnittener Steine ist so
gro, da ein Studium dazu erforderlich ist, um sie einigermaen kennen zu
lernen, und ich habe mich whrend meines Hierseins oft darber gewundert, da
bis jetzt so wenig ber Petersburg und seine Kunstschtze geschrieben worden
ist, wodurch der Fremde einigermaen geleitet werden knnte.
    Da ich also auf ein Studium der hier befindlichen Kunstwerke mich nicht
einlassen kann, so gewhrt es mir ein groes Vergngen, die Stadt nach allen
Richtungen zu durchstreifen, und wenn ich auf diesen Wanderungen in der Nhe
groartiger Pallste noch hin und wieder armselige Huser erblicke, so stellt
sich mir dadurch die noch nicht lange entschwundene Zeit neben die Gegenwart,
und die riesenmige Kaiserstadt mit ihren endlosen Straen, ungeheuern Pltzen
und kolossalen Gebuden ist, glaube ich, kein bles Bild des ganzen Rulands
berhaupt, dessen schnelle Entwickelung erst knftige Geschlechter ganz
unparteiisch werden bewundern knnen. Bin ich von diesen Wanderungen und den
Betrachtungen, die ich anstelle, ermdet, dann schiffe ich mich auf einer Gondel
ein, und die majesttische Newa trgt das leichte Schiffchen auf ihrem
glnzenden Rcken; nach dem Takte der Ruderschlge gleitet das Fahrzeug dahin,
und ich umkreise die blhenden Inseln, die sich mit ihren Blumen, Bumen und
freundlichen Husern in der silberhellen, sie umfangenden Newa spiegeln. Fllt
mir dann ein, da die Duften und Blhen, dieser dunkle Baumschatten, diese
schwebenden Gondeln nur wenige Monate das Auge entzcken, und den greren Theil
des Jahres alles die unter Schnee und Eis begraben liegt, so kann ich mir
denken, da es mir wie die Zaubereien in den Mrchen der Tausend und Eine Nacht
erscheinen wrde, wenn ich nach einem hiesigen endlosen Winter alle diese Pracht
fr eine kurze Zeit auf einmal neu entstehen she, denn die Natur mu hier
eilen, wenn sie etwas leisten will, und der Frhling wird beinah ganz
bergangen; die drren Bume sind in wenigen Tagen belaubt, und der Winter geht
beinah unmittelbar in den Sommer ber.
    Alle uerten nach dieser Beschreibung, da es ein groer Genu sein msse,
Petersburg zu sehen, und der Graf machte im Scherze den Vorschlag, dorthin zu
reisen und Evremont abzuholen - ein Gedanke, aus dem vielleicht Ernst geworden
wre, wenn man nicht htte befrchten mssen Evremont zu verfehlen, der leicht
schon abgereist sein konnte, ehe seine Freunde die Kaiserstadt erreichten.
    Unter diesen Erwartungen verschwand der Herbst und der Winter. Evremont fand
mehr Schwierigkeiten, als er geglaubt hatte. Sein Aufenthalt in Petersburg
dehnte sich in die Lnge, Napoleon landete unerwartet in Frankreich, ehe er nach
Deutschland zurckgekehrt war, und seine Freunde besorgten, da die Wendung, die
die ffentlichen Angelegenheiten nun nahmen, vielleicht auf's Neue seine
Rckreise verzgern drfte.
    Evremonts letzte Briefe hatten gemeldet, da er endlich seine Psse, so wie
er es wnschte, erhalten habe und nun Petersburg verlassen wrde, um noch auf
wenige Tage nach dem Hause zurckzukehren, das ihn so wohlwollend aufgenommen
htte und dessen menschenfreundlichen Besitzern er gewi die Erhaltung seines
Lebens zu verdanken habe - eine Wohlthat, die er jetzt erst nach ihrem ganzen
Umfang zu schtzen begann, da sich das Leben mit allen seinen Reizen von Neuem
vor ihm ausbreitete. Die waren die letzten Nachrichten, die man von Evremont
erhalten hatte, und die, wie sie eintrafen, die ganze Familie in Entzcken
versetzten. Sein Schweigen nun gab Allen die traurige Ueberzeugung, da er neue
durch die eingetretenen Umstnde veranlate Hindernisse gefunden haben msse.
    In solchen traurigen Betrachtungen saen die Glieder der Familie an einem
schnen Sommerabend bei einander im Saale des Hauses. Die Thren nach dem Garten
waren geffnet und der Duft der Blumen strmte in den Saal; aus dem Garten hrte
man den Gesang der Nachtigall und das Pltschern des Springbrunnens. Jeder sa
in Schweigen versenkt, halb auf diese Tne lauschend, halb seinen kummervollen
Gedanken hingegeben. Eine Bewegung in den nchsten Zimmern erregte endlich die
Aufmerksamkeit, und indem Alle die Augen dahin richteten, erblickten sie
zugleich Evremont, der hineinstrmte und abwechsend, ohne zu sprechen, Vater,
Mutter, Gattin und seine gtige Tante an die Brust drckte. Thrnen der Freude
erstickten Anfangs alle Worte, und als diese erste Erschtterung vorber war,
machte sich Evremont Vorwrfe darber, seinen Lieben seine Ankunft nicht vorher
gemeldet zu haben, denn seine Mutter und selbst der Graf waren auf das Heftigste
von der Bewegung der Seele ergriffen. Doch die Erschtterung der Freude wirkt
selten schdlich, und als sich die Eltern ein wenig erholt hatten, blickten
seine Augen suchend umher. Emilie verstand den Blick, sprang eilig nach dem
Garten hinaus und kehrte nach wenigen Augenblicken zurck, Adalbert an ihrer
Hand, den sie dem entzckten Vater zufhrte. Evremont konnte nicht aufhren
abwechselnd seinen Knaben, seine Gattin und seine Eltern zu liebkosen; er
tadelte sich selbst, in Thrnen lachend, ber seinen kindischen Ungestm und
begann doch stets von Neuem. Seine Familie hielt ihn in den Armen und blickte
ihm wie selig trumend in die Augen. Man konnte kaum daran glauben, da der
lange Schmerz der Sehnsucht nun wirklich endlich gelst sei, und es vergingen
einige Tage, ehe man sich mit dem Gefhle der Gewiheit des Glcks recht
vertraut gemacht hatte.
    Nachdem endlich die strmische Bewegung in jeder Brust gemildert war,
nachdem alle Fragen erschpft und alle Antworten gegeben, und selbst Dbois
befriedigt war, dem Evremont alle die Liebe und Achtung bewies, die der Greis
verdiente, und fr die liebende Aufmerksamkeit den innigsten Dank sagte, die er
seinem Knaben gewidmet, fanden ruhigere Gesprche Statt, und die Blicke der
Mnner richteten sich auf die ffentlichen Angelegenheiten. Aber ehe noch die
wichtige Frage zwischen Vater und Sohn entschieden war, ob es Evremonts Pflicht
sei oder nicht, sich den franzsischen Kriegern anzuschlieen, war die Schlacht
bei Waterloo geschlagen, und Napoleons zweite Abdankung machte jeden Streit
hierber berflssig.
    Der neue Friedensschlu war fr Frankreich drckender als der erste, und
indem Evremont darber trauerte, da seinem Vaterlande Provinzen entrissen
wurden, lag ein trstendes Gefhl darin, da sein Interesse nicht mehr von dem
seiner Eltern verschieden war, denn seine Gter jenseits des Rheins, die er
fortan unter preuischer Regierung besitzen sollte, machten ihn wie den Grafen
zum Brger dieses Staates.
    Evremont hatte das Leben in so vielfacher Gestalt kennen gelernt, da er,
obwohl noch jung, dem ffentlichen Antheile daran gern entsagte, und sich und
seiner Familie zu leben beschlo - ein Entschlu, der Emilien in Entzcken
versetzte und von den Eltern hchlich gebilligt wurde, und nur Adele, ob sie
gleich erfreut war, alle Gefahr fr den geliebten Neffen geendigt zu wissen,
empfand es doch schmerzlich, da sie die still genhrte Hoffnung, Evremont noch
einst als franzsischen Marschall zu sehen, aufgeben sollte. Der Graf machte sie
auf die Unmglichkeit aufmerksam, als preuischer Unterthan in der franzsischen
Armee zu dienen. Ja, ja, bemerkte sie seufzend, ich sehe es ein, das sind die
traurigen Folgen von Frankreichs Unglck.
    Es war noch eine kurze Trennung Evremonts von der Familie nothwendig. Er
mute nach Paris reisen, um seinen frmlichen Abschied aus der franzsischen
Armee sich auszuwirken, den er leicht zu erhalten hoffte, da alle Krieger, die
unter Napoleon gefochten hatten, nur zu bereitwillig von der neuerdings
zurckgekehrten Regierung entlassen wurden. Aber diese Reise verzgerte sich,
weil er sich nicht entschlieen konnte, nach so langer Abwesenheit seine Familie
sogleich wieder zu verlassen, und weil er seinen Aufenthalt in Paris auf so
kurze Zeit zu beschrnken dachte, da er selbst nicht Emilie bereden mochte ihn
zu begleiten, denn wenn er auch die Absicht hatte, da sie Paris und Frankreich
sehen sollte, so wollte er die doch aufschieben, bis Frankreich erst wieder
mehr Ruhe und Wrde erlangt htte und also auch mehr Genu gewhren knnte.
    Es verzgerte sich also Evremonts Abreise von Woche zu Woche, und die
Zgerung selbst wurde immer drckender, weil die Nothwendigkeit, sich endlich zu
einer unangenehmen Handlung zu entschlieen, tglich dringender wurde. In dieser
Zwischenzeit trafen Briefe aus Hohenthal ein, an denen sich Jeder auf
verschiedene Weise erfreute. Die Schwestern des Grafen Robert waren an Wertheim,
dem das kleine Gut unter sehr billigen Bedingungen berlassen war, und an
Lehndorf, der die gewnschte Anstellung erhalten hatte, verheirathet, und auch
der Arzt hatte seine Verbindung auf's Glnzendste gefeiert, wobei seine
Schwiegermutter alle Kunst des Backens und Kochens entfaltet hatte, um die Gste
gehrig zu bewirthen, und, ber die Maen erhitzt durch die bernommene
Anstrengung, bei der Bewirthung in ihrem bunten Pariser Putz eine seltsame
Erscheinung gewhrt hatte.
    Die Freude des Arztes war aufs Hchste gesteigert worden, weil er wirklich
das eiserne Kreuz vor seiner Hochzeit erhielt und es an diesem Ehrentage an
einem mglichst langen Bande an der Brust tragen konnte. Mit Uebermuth hatte er
auf den Prediger geblickt, indem er zwischen den Fingern das Ehrenzeichen hin
und herbewegte, und ihm gesagt: Sie htten es auch haben knnen, wenn Sie
vernnftigem Rathe Gehr gegeben htten und uns gefolgt wren, um sich wie wir
dem Dienst des Vaterlandes zu weihen. Dieser Uebermuth des Arztes htte beinah
eine unangenehme Strung veranlat, indem die Antwort des Predigers, der seiner
Empfindlichkeit Raum gab, nicht so gemigt ausfiel, als seiner geistlichen
Wrde, besonders an diesem Tage, angemessen war. Ueberhaupt theilte sich der
groe Kreis der Gesellschaft in und um Hohenthal seit diesen mannigfachen
Verbindungen oft in zwei kleinere, wovon der eine sich um den Grafen Robert
vereinigte, whrend in dem andern der Prediger und der Arzt einander, oft nicht
ohne Heftigkeit, den Vorrang streitig zu machen suchten. Der Arzt grndete seine
Ansprche auf die Wissenschaft, sein Haus mit dem Balkon, seinen botanischen
Garten, seine Verdienste und vor Allem auf das eiserne Kreuz, und wurde dabei
auf's Lebhafteste von seiner Schwiegermutter untersttzt. Der Prediger fhlte
die Ueberlegenheit seines Geistes; er war so gewohnt den Arzt zu bersehen, und
dieser hatte seine geistige Ueberlegenheit so lange stillschweigend anerkannt,
da nun dem Geistlichen die Anmaung seines Freundes wie eine Rebellion
erschien, die er durch alle Mittel beienden Witzes und schneidender Verachtung
zu unterdrcken strebte, indem er durchaus sich nicht darein finden konnte, da
der Arzt seit seinem Feldzuge ein anderer Mann geworden war. Nicht selten wurde
die Spannung zwischen Beiden so gro, da der Graf Robert vermittelnd dazwischen
treten mute, um die Vershnung zu bewirken, die inde niemals schwer zu
bewerkstelligen war, weil beide Freunde zu sehr fhlten, wie sehr sie einander
bedurften. Von den verschiedenen Nachrichten, die diese Briefe enthielten,
erregte die, die den jungen Thorfeld betraf, Evremonts Theilnahme am
Lebhaftesten, denn er hatte den jungen Mann in frheren Zeiten aufrichtig
liebgewonnen, und so freute es ihn denn nun, da auch er hoffen durfte, die
Wnsche seines Herzens erfllt zu sehen, denn er hatte die ersehnte Anstellung
erhalten und es lie sich erwarten, da er nchstens auch seine Verbindung mit
der Tochter des Predigers melden wrde.
    Endlich ermahnte der Graf selbst Evremont an die nothwendige Reise, und die
ganze Familie wurde auf's Hchste berrascht, als, nachdem der Tag der Abreise
festgesetzt war, der alte Dbois erschien und den jungen Herrn Grafen um die
Ehre ersuchte, ihn begleiten zu drfen. Alle vereinigten sich den alten Mann zu
bewegen einen Plan aufzugeben, den er bei seinem hohen Alter nur mit groer
Beschwerde ausfhren knne.
    Ich kann es nicht, erwiederte der Greis, ich mu die heimathliche Luft
wieder athmen; ich mu die Sehnsucht so vieler Jahre befriedigen und meine
Gebeine dem geliebten Boden lassen.
    Wie, rief die Grfin erschreckt, Sie wollen uns ganz verlassen? Was haben
wir Ihnen gethan, Dbois, da Sie uns diesen Kummer erregen wollen?
    O meine gtige, meine gndige Herrschaft, erwiederte der alte Mann in
Thrnen, diese Frage knnte mein Herz zerreien, denn sie scheint mich des
Undanks zu beschuldigen, wenn sie nicht ein neuer Beweis Ihrer Gte wre. Lnger
als zwanzig Jahre habe ich in alle Gebete, die ich an Gott richtete, die
inbrnstige Bitte eingeschlossen, es mge der ewigen Weisheit gefallen, meinen
rechtmigen Herrn und Knig auf Frankreichs Thron zurckzufhren. Der Herr hat
mein Gebet und das Gebet von Millionen erhrt. Der achtzehnte Ludwig hat den
Sitz seiner Vter eingenommen, und wird Segen und Glck ber unser Frankreich
verbreiten. Ich habe Niemanden angefeindet, der anders dachte als ich. Ich
konnte mein Vaterland verlassen, whrend es in den Zuckungen der Revolution sich
selbst bis zur Unkenntlichkeit entstellte, aber nun, da Glck und Frieden mit
dem rechtmigen Knig wiederkehrt, nun zieht es mich gewaltsam zurck und ich
mu franzsische Luft athmen, ehe ich sterbe.
    Man sah bald ein, da es unmglich sein wrde, den Greis zurckzuhalten,
ohne ihn auf's Schmerzlichste zu krnken und vielleicht dadurch sein Leben zu
verkrzen. Es blieb also nichts brig, als dafr zu sorgen, ihm die Reise so
bequem zu machen, als nur irgend mglich wre, und Evremont ordnete alles
Nthige mit so zrtlicher Rcksicht an, als ob es sein greiser Vater sei, der
ihn begleiten wolle. Die ganze Familie trennte sich mit Thrnen von dem wrdigen
Alten, den am Meisten die Thrnen und lauten Klagen des kleinen Adalbert
bewegten, und lange, nachdem der Wagen, der die Reisenden hinwegfhrte, schon
aus den Augen der nachblickenden Freunde verschwunden war, konnte die Grfin
sich nicht davon berzeugen, da Dbois in der That ihr Haus habe verlassen
knnen.
    Evremont hatte mit seinem Gefhrten Paris bald erreicht, wo er vor allen
Dingen seinen Zweck so bald als mglich zu erreichen suchte, denn die glnzende
europische Hauptstadt bot in diesem Augenblicke wenig Erfreuliches fr ihn dar.
Als Krieger schmerzte ihn die Erniedrigung, in der er Frankreich erblicken
mute, und das traurige Ende bewunderter Feldherren zerri sein Herz. Die
Schritte der Regierung konnte er als Brger nicht billigen, und die
Gesellschaft, die sich in heftig einander bekmpfende Parteien theilte, gewhrte
ihm keine Erholung. War es nun schon an Evremont zu bemerken, da ihn der
Aufenthalt in Paris nicht befriedigte, so klagte Dbois laut ohne Rckhalt
darber, wie sehr er sich in allen seinen Erwartungen getuscht fhle. Er fand
weder die begeisterte Freude des Volks darber, da ihm sein rechtmiger Knig
wiedergegeben worden war, die er erwartet hatte, noch die Milde und Politur der
Sitten, von der er berzeugt gewesen war, da sie mit diesem Knige wiederkehren
wrde, noch von Seiten der Regierung ein ernsthaftes Streben, die Wnsche der
Nation zu befriedigen, und die Art, wie die Religion nach Frankreich
zurckkehrte, konnte den von Natur milden und edeln Geist des Greises am
Wenigsten befriedigen. Die heftig streitenden Parteien, die er allenthalben
traf, verletzten sein Gefhl fr Schicklichkeit, und nachdem er jeden Tag
mivergngter geworden war, berraschte er Evremont eines Abends mit der
Erklrung, da er den andern Morgen nach dem sdlichen Frankreich abreisen
werde, um sich nach einigen entfernten Verwandten zu erkundigen, die sich
dorthin zurckgezogen haben sollten. Evremont konnte ihn von diesen
Nachforschungen nicht zurck halten und mute mit Betrbni den Greis scheiden
sehen, denn er hatte gehofft ihn zu bewegen, mit ihm nach dem deutschen Ufer des
Rheins zurckzukehren, und war durch das sichtliche Mifallen seines alten
Freundes an dem jetzigen Zustande der Dinge in Paris in dieser Hoffnung bestrkt
worden, und nun mute er ihn zu seinem Kummer gnzlich aus den Augen verlieren.
    Um sich von diesen und andern unangenehmen Eindrcken durch Zerstreuung zu
erholen, war er in eins der glnzenden Kaffeehuser getreten, wo er eine
zahlreiche Gesellschaft fand, die, wie die damals gewhnlich geschah, laut die
Begebenheiten des Tages beurtheilte und die Schritte der Regierung auf's
Heftigste tadelte. Evremont bemerkte bald, da er sich an einem Versammlungsorte
der leidenschaftlichsten Bewunderer und Anhnger Napoleons befand, und nur der
aufgeregte Zustand dieser Mnner machte es erklrlich, wie ihnen entgehen
konnte, was dem Unbefangenen sogleich auffiel, da viele Mitglieder der
Gesellschaft, die am Heftigsten sich zu ereifern schienen, im Grunde nur da
waren, um die brigen zu beobachten.
    Kaum hatte Evremont einige Augenblicke hier verweilt und von dem
dienstfertigen Aufwrter eine Erfrischung gefordert, als er von mehreren
Anwesenden bemerkt wurde, die ihn erkannten, und als einen Mitgenossen
entschwundenen Ruhms und vorbergegangener Gefahren begrten. Es waren die
verabschiedete Offiziere, die unter Napoleon mit ihm in Spanien gedient hatten.
Zu ihnen gesellten sich mehrere Spanier, die damals die Partei der Franzosen
ergriffen und dem Knig Joseph gedient hatten, und die nun nach der Rckkehr des
Knigs Ferdinand sich den Verfolgungen im Vaterlande entziehen und unter
Frankreichs Himmel Schutz fr ihr Leben suchen muten. Die gegenseitige
Wiedererkennung war von manchem Ausrufe der Ueberraschung und der Freude
begleitet. Erinnerungen an mit einander bestandene Gefahren und kleine
Abentheuer, wie ein solcher Krieg sie bietet, folgten diesen, und einige Spanier
erinnerten ihn daran, da sie ihn im Hause der Wittwe Don Fernandos kennen
gelernt htten, und in dem so fortgefhrten Gesprch erfuhr Evremont, da diese
schne Wittwe sich mit einer Verwandten gegenwrtig in Paris befinde und da ihr
Haus wieder, wie frher in Madrid, der Versammlungspunkt einer glnzenden
Gesellschaft sei. Er lie sich ihre Wohnung sagen und entfernte sich, so bald es
sich thun lie, aus diesem lauten Kreise, weil er bemerkte, da er seinerseits
ein Gegenstand der Aufmerksamkeit der beobachtenden Mitglieder geworden war.
    Ein gemischtes Gefhl von Theilnahme und Neugierde trieb ihn an, noch
denselben Morgen einen Besuch bei Don Fernandos Wittwe zu machen. Er hrte, als
er gemeldet wurde, einen Ausruf der Freude, und als er eintrat, kam ihm die
schne Wittwe mit allen Zeichen freudiger Ueberraschung entgegen und begrte
ihn herzlich als einen Verwandten, worauf sie ihn ihrer Freundin vorstellte, die
ebenfalls Wittwe geworden war und noch die Trauer fr ihren verstorbenen Gatten
trug, und als Evremont auch diese begrt hatte und sich nun im Saale umsah,
bemerkte er den General Clairmont, der ihm herzlich die Hand drckte, und ihm
zum Genusse der Freiheit und wiedergewonnenen Lebensfreude Glck wnschte. Doch
was fhrt Sie hieher? fragte der General im Laufe des Gesprchs. Ich dchte,
Paris knnte Ihnen jetzt nichts bieten, was Sie aus den Armen Ihrer Freunde,
worunter wunderschne Arme sind, ber den Rhein zu uns hinber locken knnte.
    Evremont theilte ihm die Ursache seines Hierseins mit, und der General
sagte: Sie haben Recht sich vllig zurckzuziehen, auch ich habe es gethan. Als
unser Stern noch ein Mal aufleuchtete, hoffte ich, er wrde von Neuem seine
khne Bahn durchlaufen, und schlo mich ihm mit vielen tausend braven Herzen an;
seit er aber bei Waterloo sich neigte und alsdann auf St. Helena sank, halt ich
ihn fr vllig untergegangen, und wenn selbst durch ein Wunder Napoleon noch ein
Mal erschiene, wrde ich mein Schicksal nicht mehr an das seinige schlieen.
Seine ersten Erfolge waren so glnzend, da er die Mitwelt in Erstaunen
versetzte und sie blendete, seine zweiten grnzten an's Wunderbare und rissen
alle Herzen mit ihm fort, gnstige Erfolge eines dritten Erscheinens aber halte
ich fr unmglich, und da ich gewi wei, da ich ihm nicht mehr dienen kann, so
will ich auch meine Ruhe nie wieder aufgeben, ob ich gleich nicht so
philosophisch durch den langen Aufenthalt bei Ihrem Vater, meinem alten Freunde
Hohenthal, geworden bin, wie ich glaubte, denn ich habe die Einfrmigkeit des
Landlebens nicht lange ertragen knnen, und ich denke, ich werde meine beiden
Knaben in Paris noch besser als in der Einsamkeit erziehen knnen.
    Da Evremont durch den Grafen das Ende des alten Bertrand und seiner Gattin
kannte, fr die er lebhafte Theilnahme behalten hatte, weil er sich dankbar
erinnerte, wie sehr sie sich bemht hatten, selbst an Allem Mangel leidend ihm
die Beschwerden des Rckzuges zu erleichtern, so uerte er gegen den General
seine Freude darber, da der verwaiste Knabe in ihm einen gromthigen
Beschtzer gefunden htte.
    Lassen wir die Gromuth beiseit, sagte der General. Sie wissen, was mir der
alte Bertrand war, aber Sie wissen nicht, da ich seine Frau frher unter andern
Verhltnissen kannte.
    Doch, sagte Evremont lchelnd, ich erinnere mich der schnen Dame recht
wohl, die damals in Ihrer Begleitung war, als Sie siegreich in Schlo Hohenthal
einzogen, wo ich in der Zeit ein demthiger Gefangener war, und ich habe nicht
ohne Erstaunen erst spter erfahren, da dieselbe Marketenderin - -
    Lassen wir die alles, sagte der General, ihn ernsthaft unterbrechend; mir
thun alle diese Erinnerungen nicht wohl. Genug, Sie sehen, da es mir aus vielen
Grnden wohlthut, Bertrands Knaben mit dem meinigen zu erziehen, und Sie knnen
beide hier sehen, wenn Sie wollen. Die Verwandte unserer Freundin hat zwei
Kinder, und da die Wittwe Don Fernandos oder die Baronin Schlebach Kinder sehr
liebt, ohne selbst Mutter zu sein, so werden meine beiden Knaben oft hieher
gefhrt als Spielgesellen der andern, und sie sind jetzt eben hier. Auf
Evremonts Aeuerung, da es ihm Freude machen wrde, die Kinder zu sehen, die
der General der Baronin, wie sie hier genannt wurde, mittheilte, erschienen die
beiden Knaben, und Evremont wurde berrascht durch die khnen Augen Bertrands,
mit denen dessen Sohn ihn anblitzte, und durch die groe Aehnlichkeit des
brigen Gesichts mit dem Sohne des alten Lorenz.
    Ist es nicht ein sonderbares Spiel der Natur, sagte die Baronin, sich an
Evremont wendend und den Knaben unter Liebkosungen in ihre Arme schlieend, wie
sehr die Kind Don Fernando hnlich sieht?
    Evremont htte ihr die Aehnlichkeit leicht erklren knnen, doch schwieg er
darber, und lobte nur die Schnheit und den klugen Blick des Knaben, und
verrieth auch spter dem General nicht, in welchem Zusammenhange die Kind mit
dem Gemahle der Dame stehe, die sich fr Evremonts Verwandte hielt, denn er
traute diesem nicht Zurckhaltung genug zu, um ein Geheimni, das ihm vielleicht
komisch dnken wrde, ernsthaft zu verschweigen.
    Es lie sich leicht bemerken, da die Wittwe Don Fernandos ein zrtliches
Andenken fr ihn im Herzen bewahrte, trotz alles von ihm erduldeten Unrechts,
und sie wute es Evremont Dank, da er Gefhle des Unwillens und der Verachtung,
die sie ihm damals verrieth, als sie in Folge der krzlich empfangenen Eindrcke
noch ihr volles Leben in ihrer Seele hatten, die nun aber die Zeit abgeschwcht
hatte, nicht weiter berhrte - eine Schonung, die Evremont gebt haben wrde,
wenn ihn auch nicht die Zrtlichkeit, mit der sie den ihm hnlichen Knaben
liebkosete, htte bemerken lassen, da ihr das Andenken des Gemahls noch theuer
war.
    Der Sohn des Generals schien die Sorgen des Vaters zu rechtfertigen, denn er
verrieth in der That nicht so viel Geist und Feuer als sein ihm in allen Dingen
berlegener Spielgeselle, und den sanften Charakter, der sich in dem Kinde
aussprach, schien der Vater nicht gehrig zu wrdigen.
    Es waren alle Gemther noch zu sehr durch die neuesten Umwlzungen in
Frankreich aufgereizt, als da eine Gesellschaft lange htte beisammen sein
knnen, ohne da sich das Gesprch auf die Ereignisse des Tages gerichtet htte.
Der Tod des Marschalls Ney war damals das allgemeine Gesprch. Mit Thrnen in
den Augen sprach der General von der Hinrichtung des von ihm bewunderten Helden,
und alle Aeuerungen, die Evremont hier ber diese traurige Begebenheit hrte,
waren weit von jeder vernnftigen Migung entfernt, und er selbst sprach, durch
sein Gefhl und das Beispiel hingerissen, seinen Schmerz darber ohne Rckhalt
aus. Endlich brach er auf, nachdem er der Wittwe Don Fernandos das Versprechen
hatte geben mssen, das Recht eines Verwandten zu benutzen und ihr Haus whrend
seines Aufenthaltes in Paris tglich zu besuchen. Der General Clairmont war mit
ihm gegangen und forderte ihn auf diesen Tag ganz mit ihm zu verleben, und
Evremont war bereit, den Wunsch des alten Freundes seines Vaters zu erfllen. Im
Laufe des mannichfach wechselnden Gesprchs, das unter beiden Kriegsgefhrten
whrend des Tages Statt fand, bemerkte Evremont scherzend, der General sei so
einheimisch im Hause der Baronin, da die Hoffnung nicht ganz unbegrndet
erscheine, ihn noch dort als den Herrn des Hauses zu begren. Nein Freund, das
ist nichts, sagte der General. Trotz aller Liebe, die Don Fernandos Wittwe noch
fr den verstorbenen Gemahl uert, scheint sie doch durch ihn die Ueberzeugung
gewonnen zu haben, da die Bande der Ehe keine Fesseln aus Rosen sind, und ich,
betrachten Sie mich, mein Haupt ist kahl geworden und die brig gebliebenen
Haare beginnen schon stark zu ergrauen. Nein Freund, fr mich ist es nicht mehr
Zeit an Liebe und Ehe zu denken, fr mich ist die Zeit der Freundschaft den
liebenswrdigen Frauen gegenber eingetreten, und diese Meinung scheint die
Baronin auch zu hegen.
    Evremont mute in der That bemerken, da der General sehr alt geworden war,
und da die Beschwerden des Krieges diesen Zustand frher herbeigefhrt hatten,
als es die verlebten Jahre mit sich brachten. Und dennoch versicherte der
General, da er an dem heutigen Tage ungemein heiter und lebendig gewesen sei,
weil ihn die Freude, einen so braven Kriegsgefhrten und den Sohn seines alten
Freundes wieder zu sehen, auerordentlich aufgeregt habe. Auch ihm mute
Evremont, als sie sich endlich trennten, das Versprechen geben, mit ihm whrend
seines Aufenthaltes in Paris so oft als mglich zusammen zu sein.

                                       XV


Der vergangene Tag hatte in Evremonts Seele vielfache Erinnerungen lebhaft
aufgeregt. Der oft erwhnte Tod des Marschalls Ney hatte die Trauer ber den
Fall dieses Helden schmerzlich erneuert, und er beschlo in der Stille am frhen
Morgen die Stelle zu besuchen, wo das bravste Herz, von Kugeln durchbohrt,
aufgehrt hatte zu schlagen. Er war dehalb am andern Morgen sehr frh allein
ausgegangen, um, von Niemandes Auge bemerkt, sein Herz zu befriedigen und im
Geheim diese stille Todtenfeier zu begehen. Er hatte den Garten Luxemburg
erreicht und nherte sich der Stelle, wo der Boden das Blut des Helden
getrunken, dessen khne Seele sich auch im letzten Augenblicke nicht verlugnet
hatte. Als Evremont sich dem verhngnivollen Platze nherte, bemerkte er, da
ihm Jemand in gleich liebevoller Erinnerung zuvorgekommen war. Er sah auf der
Stelle, wo der Marschall gefallen war, einen Mann in abgetragener Uniform
knieen; eine Hand hatte das Gesicht bedeckt, und Evremont bemerkte, da der
linke Arm dem Krieger fehlte, der hier das Andenken seines Feldherrn verehrte.
Er wollte sich zurckziehen, um den Knieenden nicht zu stren und zu
berraschen. Das geringe Gerusch aber, das diese Bewegung verursachte, traf das
Ohr des Knieenden, der Evremonts Annherung nicht vernommen hatte. Die das
Gesicht verdeckende Hand sank herab, ein mageres, sehr bleiches Gesicht erhob
sich; dunkel glhende, tief liegende Augen starrten Evremont an, der einen
Schritt zurcksprang und dem das einzige Wort: Lamberti! von den Lippen floh.
Kommst Du endlich, Adolph, sagte der so Angeredete, ohne sich von den Knieen zu
erheben, mit sanfter Stimme. Lange, fuhr er fort, habe ich diesen Augenblick
erwartet und meine Seele darauf bereitet; ich werde Dir nicht widerstreben, und
wenn Du auch keinen Zeugen wider mich aufzustellen hast. Ich werde das
Verbrechen nicht lugnen, und ich wrde mein Leben auch auf dem Schaffot freudig
von mir werfen, wenn es meiner armen Mutter verborgen bleiben knnte, ach! und
ihr, der Unglcklichen - - er schwieg und die magere Hand bedeckte von Neuem
seine Augen.
    Wenn ich auch, sagte Evremont, nachdem er sich von seiner Bestrzung erholt
hatte, Gefhle der Rache htte nhren knnen, so wrden sie doch hier aus meinem
Busen schwinden, wo sich unsere Herzen wenigstens noch in einer Empfindung
begegnen. Er wollte sich zurckziehen; doch der Knieende erhob sich nun und
sagte, indem das glhende Auge auf Evremont ruhte: Und wre es mglich, knntest
Du vergeben, hier, wo das Blut des Helden flo, den wir beide verehrten?
    
    Ich habe schon lngst ein Verbrechen verziehen, dessen Ursache ich nie habe
entrthseln knnen, sagte Evremont.
    O Gott! rief der verstmmelte Lamberti in Thrnen, womit habe ich elender
Snder Deine Gnade verdient? Du nimmst die Last seines Fluches von meiner Seele,
nicht ohne Sakrament und Beichte werde ich sterben, denn ich beichte die
grliche Missethat tglich, und mich, mich Unwrdigen allein, rettet die ewige
Gnade von dem Pfuhl der Verdammni, in die meine unglcklichen Brder beide
gesunken sind, beide ohne Beichte dahin gegangen, beide ewig verloren.
    In Evremonts Seele hatten verschiedene Empfindungen mit einander gekmpft.
Er hatte das Wort frherer brderlicher Vertraulichkeit, womit Lamberti ihn
anredete, nicht erwiedern mgen und scheute sich doch auch, ihn durch das
entschiedene Zurckweisen dieser Vertraulichkeit zu krnken. Jetzt aber bte der
Anblick des so vllig zerknirschten Snders volle Gewalt ber sein Herz; und nur
gromthigen Empfindungen Raum gebend, sagte er mit milder Stimme: Du qulst
Dich ohne Grund, Francesco, Dein Bruder Antonio ist nicht ohne Beichte
gestorben. Ich selbst habe den Priester auf dem Schlachtfelde von Borodino, wo
er verstmmelt lag, zu ihm gefhrt, und meine Verzeihung und die Vergebung
seiner Snden haben seinen Tod erleichtert, den er kmpfend wie ein Held fand.
    Und Du, rief Lamberti, und Du hast diese Gromuth an Deinem Mrder gebt? O!
so krne Dein Werk, nimm die grliche Last von der Seele einer verzagenden
Mutter, die alle ihre Kinder fr die Verdammni geboren zu haben glaubt. Sie
wrde mir nicht glauben, fuhr er flehend fort, sie wrde meinen, da ich mir
die alles, unser Zusammentreffen hier, in Fiebertrumen eingebildet habe, die
freilich oft meine Seele verwirren. O komm! rief er, als er sah, da Evremont
noch zgerte. O komm! Du hast einem Deiner Mrder in der Stunde des Todes den
Priester zugefhrt und seine Seele gerettet, Du hast dem andern verziehen, o
komm nun auch, ein Bote des Himmels, und trste die schuldlose Mutter.
    Wohl, sagte Evremont, ich will auch die thun, um Deiner Seele den Frieden
zurck zu geben, der Dir nur zu sehr mangelt, zeige den Weg, ich folge Dir. Ein
Blick staunender Dankbarkeit belohnte ihn fr den gromthigen Entschlu. Beide
verlieen den Garten und ein mitrauischer Gedanke flog durch Evremonts Seele,
als sein Fhrer ihn in eine entfernte Vorstadt fhrte, und sie ihren Weg durch
enge, krumme und schmutzige Straen nahmen. Knnte er, der mich schon ein Mal
ermorden wollte, dachte er, nicht auch jetzt einen verruchten Plan entwerfen und
mich in irgend einem abgelegenen Winkel vielleicht den Hnden seiner Genossen
berliefern, und ich verschwnde von der Erde, ohne da eins der mir theuern
Wesen die Ursache dieses Verschwindens ahnen knnte, denn diese Unvernunft wird
mir Niemand zutrauen, da ich meinem Mrder freiwillig in seine Hhle folge.
Seine Schritte wurden durch diese Gedanken unwillkhrlich zgernd und langsam,
und Lamberti blickte mit dem Ausdrucke des tiefsten Schmerzes auf seinen
Begleiter und sagte: Ich sehe es, Dich gereut Dein gromthiger Entschlu, ich
fhle nur zu wohl, da ich Dein Mitrauen und nicht Deine Gte verdiene.
    Ich hege kein Mitrauen, sagte Evremont, in dem ein Blick auf die
Jammergestalt Beschmung ber seine Besorgni hervorrief, aber ich fhle mich
seltsam ermdet; ist Deine Wohnung noch weit? Wir sind zur Stelle, antwortete
Lamberti, indem er vor einem schmalen, hohen Hause stehen blieb und die Klingel
zog, um Einla zu begehren. Nachdem sie eine Zeit lang gewartet hatten, ffnete
ein altes, schmutziges Weib die Thre, und Evremont folgte seinem Fhrer endlose
Stufen vieler Treppen hinauf, und er bereitete sein Herz auf den Anblick des
tiefsten, von Unordnung, Unsauberkeit und dem ganzen scheulichen Gefolge der
Armuth begleiteten Elends vor. Er wurde also um so angenehmer berrascht, als,
nachdem sie endlich die Hhe erstiegen hatten, die Thre der Wohnung seines
Begleiters sich ffnete und sie in ein kleines, aber uerst reinliches Zimmer
traten, dessen schlechte Mbel in geflliger Weise geordnet waren und aus dem
ein angenehmer Wohlgeruch den Eintretenden entgegen strmte, der durch einige
blhende Pflanzen, die auf dem einzigen schmalen Fenster im Gemache standen,
verbreitet wurde. In der Nhe des Fensters sa ein Mdchen, welches ber die
Jugend hinaus, und vielleicht durch Kummer noch mehr verblht war, als durch die
Macht der Jahre; vor ihr auf dem Tische stand ein Carton mit knstlichen Blumen,
und sie war eben damit beschftigt, noch andere zu vollenden, die unter ihren
geschickten Hnden eine treue Nachahmung der Natur wurden. Nachdem sie Lamberti
mit Theilnahme und Evremont mit Anstand gegrt hatte, fuhr sie mit ihrer
Beschftigung fort, und Lamberti ging, nachdem er seinen Begleiter gebeten hatte
hier zu verweilen, in ein anderes noch kleineres Gemach, nherte sich einem
Bette, dessen Vorhnge man in dem vorderen Zimmer bemerken konnte, und fragte
mit leiser Stimme: Schlfst Du, meine gute Mutter?
    Wie knnte ich schlafen, antwortete eine matte, kranke Stimme, wenn ich
bemerke, da Du die Nchte ohne alle Ruhe hinbringst, wenn die Qualen Deiner
Seele Dich vor Tage aus dem Hause treiben und ich wei, da Du Dich in
schrecklichen Buen abmarterst und doch nicht retten kannst, was ewig verloren
ist, ja ich noch frchten mu, da Du im Wahnsinne der Verzweiflung Dein Leben
selber endest und dann alle meine Kinder auf ewig verloren sind?
    Mutter, sagte Lamberti, mir ist heute ein Bote des Himmels erschienen, er
hat meiner Seele Frieden gebracht und wird auch die Deinige beruhigen. Der, den
ich ermorden wollte, hat mir vergeben, und er ist hier, Dir zu bezeugen, da
auch Antonio wie ein Christ mit seinem Gotte vershnt gestorben ist. Ja, er
selbst hat ihm vergeben und auch selbst den Priester zu ihm gefhrt, der die
Last der Snde von seiner Seele genommen hat.
    Redest Du im Fieber? rief die Mutter. Groer Gott! ist schon eingetreten,
was ich so lange befrchtete, hat sich der Wahnsinn Deines Geistes bemchtigt?
    Nein, gute Mutter, sagte Lamberti, der seine Thrnen nicht mehr zurck
halten konnte, er ist hier, er wird an Dein Lager treten und meine Worte
bekrftigen. Wo? rief die Mutter, wo? Hilf mir, da ich mich erhebe, da ich zu
seinen Fen um Vergebung fr meine sndigen Kinder flehe, da ich ihm Dank fr
eine Gromuth sage, die sich nicht oft auf Erden findet.
    Das im vorderen Zimmer sitzende Mdchen hatte bei dem Anfange der
Unterredung zwischen Mutter und Sohn still fort gearbeitet, und ihre Thrnen auf
ihren Busen niederflieen lassen. Beim Fortgange derselben erhob sie den
feuchten Blick zu Evremont; auf den ersten Laut der Mutter aber, der Beistand
forderte, flog sie in das kleine Nebenzimmer, und bald erschien, auf ihren und
Lambertis Arm gesttzt, eine reinlich gekleidete Alte, die sichtlich an der
Gicht litt und sich ohne Sttze nicht wohl bewegen konnte. Lat mich, sagte sie
zu den sie Fhrenden, lat mich jetzt, da ich die Kniee dieses gromthigen
Mannes umschlinge und ihn anflehe, mir zu wiederholen, was Du, mein
unglcklicher Sohn, mir verkndetest, damit ich mich von der Wahrheit Deiner
Worte berzeuge. Sie wollte sich zu Evremonts Fen werfen; er gab es jedoch
nicht zu, sondern sttzte sie mit seinen Armen, fhrte sie zu dem einzigen im
Zimmer befindlichen Lehnsessel und wiederholte ihr alles, was sie beruhigen
konnte.
    Knnen Sie bei der Mutter Gottes und ihrem gekreuzigten Sohne schwren,
fragte die Alte, da Sie derselbe sind, gegen den meine Shne ein so
schreckliches Verbrechen ausben wollten, da alle Ihre Worte wahr sind, und da
Sie aufrichtig und von Herzen vergeben? Halb unwillig ber die Mitrauen legte
Evremont die Finger auf ein Krucifix, auf welches die Alte deutete und das auf
einem kleinen Betaltare unter einem mit knstlichen Blumen umkrnzten
Muttergottesbilde lag, und sagte: Ich schwre es auf die uns allen heilige
Zeichen des Kreuzes, da meine Worte wahr sind und meine Vergebung aufrichtig
ist.
    So verzeihen Sie auch meine letzte Forderung noch, sagte die Alte mit
hervorbrechenden Thrnen. Eine Gromuth, wie Sie sie zeigen, ist so selten in
unserer sndigen Welt, in den rachgierigen Herzen der Menschen, da mich nur
eine feierliche Versicherung ganz beruhigen konnte. Ach! Sie wissen nicht, fuhr
sie fort, indem sie den thrnenden Blick und die zitternden, gefalteten Hnde
zum Himmel erhob, welche Folterqualen Sie von unser aller Herzen nehmen. Da ich
wei, da mein Sohn Antonio wie ein Christ gestorben ist, so darf ich ja hoffen,
da auch Camillo vielleicht noch diese Gnade Gottes vor seinem Ende gefunden
hat, und Francescos Seele wird nun ruhiger werden, und wir werden alle die
Trbsale des Lebens geduldiger tragen, und allen diesen Segen bringen Sie in die
Htte der Armen. Es kann fr diese Handlung eines wahren, Gott ergebenen
Christen die reinste Vergeltung nicht ausbleiben.
    Wenn Du glaubst, sagte Evremont, sich an Lamberti wendend, da ich irgend
eine Vergeltung verdiene, so klre mich darber auf, was Dich und Deine Brder
so feindlich gegen mich stimmen konnte zu einer Zeit, wo ich mich Euch mit Liebe
und jugendlichem Vertrauen ohne Rckhalt hingab, und Ihr mir diese Empfindungen
zu erwiedern schient.
    Ich will es, rief Lamberti mit einem tiefen Seufzer, ich will Dir die ganze
furchtbare Tiefe der menschlichen Seele zeigen, die Liebe und Verbrechen
zugleich hegen, und im Gefhle der Freundschaft auf Mord sinnen kann.
    Nein, ich will es, sagte die Mutter, ich will Dein Verbrechen nicht
beschnigen, aber Du sollst Dich nicht hrter anklagen, als es diese That allein
schon thut. Damit Sie den ganzen Zusammenhang dieser Begebenheit einsehen, fuhr
sie zu Evremont gewendet fort, mu ich auf mein eigenes Leben zurckgehen.
    Meine Eltern waren arme rechtliche Leute, und wir lebten in einer Vorstadt
von Florenz, wo wir dadurch reichlichen Unterhalt fanden, da ein Jeder bemht
war, so viel seine Krfte erlaubten zu erwerben. Mein Vater trieb einen kleinen
Handel, meine Mutter verstand das Flechten der feinen, so beliebten Strohhte,
und ich selbst war dafr bekannt, die schnsten Blumen auf's Knstlichste
nachzubilden. So flo unser Leben ruhig dahin, unsere migen Wnsche vermochten
wir zu befriedigen und beneideten Niemanden. Ich war ungefhr siebzehn Jahr alt
geworden, als ein Herr Lamberti in Florenz erschien und nicht weit von unserer
Behausung seine Wohnung nahm. Die Nachbaren, die mit ihm in Berhrung kamen,
konnten seine Freigebigkeit nicht genug rhmen; seine Heiterkeit und gute Laune
bezauberte Jedermann, und die Mdchen waren entzckt von seiner schnen Stimme
und seiner Kunstfertigkeit auf der Guitarre. Das Gercht verbreitete von ihm, er
sei aus dem Rmischen und habe sich von dort zurckgezogen, weil, einiger freien
Aeuerungen ber Religion wegen, er Verfolgungen von der geistlichen Regierung
zu erdulden gehabt habe, die ihn so ernstlich bedroht htten, da er es
vorgezogen, sein Vaterland zu verlassen.
    Es whrte nicht lange, so suchte er mit meinem Vater in Verbindung zu
kommen, der sich in der Gesellschaft des heitern, vielerfahrnen Mannes
wohlgefiel, und bald war Herr Lamberti der Freund unseres Hauses, den Jeder
schmerzlich vermite, wenn er einmal eine Stunde ber die gewohnte Zeit seines
Erscheinens ausblieb. Mir konnte nicht entgehen, da ich der Magnet war, der ihn
herbei zog. Meine Eltern bemerkten es eben so wohl, und da der erfahrne Mann die
Neigung wohl erkannte, die er mir einzuflen gewut hatte, und von meinen
Eltern keine Hindernisse zu besorgen waren, so hielt er um meine Hand an, die
ihm mit Freuden bewilligt wurde. In unserer Nachbarschaft wurde mein glnzendes
Glck, wie man diese Heirath nannte, mit Neid gepriesen. Ich fhlte mich in der
That selbst glcklich und hatte nichts dagegen, als mir mein Gatte ankndigte,
er habe einen Grundbesitz in einem kleinen Orte in den Appeninen erworben. Ich
wrde ihm mit Freuden dahin gefolgt sein, wenn nicht der Kummer darber, da ich
mich von meinen Eltern trennen mute, diese Freude getrbt htte. In der That
sah ich sie auch nach dieser Trennung nicht mehr wieder, denn ein bsartiges
Nervenfieber raffte im folgenden Jahre Beide hinweg.
    In unserem neuen Wohnorte hatte mein Gatte unser Haus fr die dasige Gegend
kostbar eingerichtet, so da es den Neid mancher Einwohner erregte, whrend
andere sich uns mit einer Art von Ehrerbietung nherten, und es schmeichelte
mir, da diese smmtlich meinem Gatten bei allen Gelegenheiten unbedingt zu
gehorchen schienen. Zuweilen besuchten uns hier auch Fremde, von denen mir
Lamberti sagte, da es seine Bekannten aus frheren Zeiten wren, und die er mir
bald als reisende Kaufleute, bald als Officiere nannte. Ich bemerkte wohl, da
sie viele geheime Gesprche mit einander fhrten, aber ich glaubte, es sei die
Pflicht einer Frau, da nicht eindringen zu wollen, wo ihr Gatte ihre Theilnahme
nicht wnschte. Oft auch entfernte sich Lamberti nach einem solchen Besuche eine
Zeitlang aus der Gegend, und immer kehrte mit ihm neuer Ueberflu in unsere
Wohnung zurck. Bald sagte er mir, er habe einen glcklichen Handel gemacht,
bald, er habe einen Proce oder im Lotto gewonnen, und ich bewunderte sein
auerordentliches Glck und dankte Gott mit kindlicher Einfalt fr den reichen
Segen.
    Ich hatte meinem Gatten nach und nach drei Shne geboren. Die Knaben wuchsen
heran und vor allen war Camillo der Liebling des Vaters, denn er behauptete in
dessen wilder und rauher Gemthsart, die mir Thrnen des bittersten Kummers
ausprete, die knftige Sttze des Hauses zu erblicken. Ich wurde, nachdem ich
drei Shne geboren hatte, nicht wieder Mutter, und da sich mein Herz nach einer
Tochter sehnte, nahm ich mit Lambertis Bewilligung meine gute Lucretia als
elternlose Waise zu mir und erzog sie mit mtterlicher Liebe. Bald lie es sich
bemerken, da sie und Francesko die zrtlichste Neigung verband. Um die Zeit
kurz vor der franzsischen Revolution suchte uns in unserer entlegenen Ortschaft
ein Herr St. Julien auf, der in Handelsgeschften eine Reise nach Italien
gemacht hatte, und da ihm in Frankreich keine Verwandten lebten, suchte er diese
weitluftigen Vettern auf, die mit ihm durch seine Mutter, eine Italienerin und
geborne Lamberti, im entfernten Grade verwandt waren. Er freute sich der
krftigen Jugend meiner Shne und wollte ihren Vater bestimmen, ihm einen zu
berlassen, der die Handlung bei ihm lernen und nach seinem Tode seine Geschfte
fortsetzen knne.
    Mit seltsamem Lcheln antwortete Lamberti auf diesen gtigen Vorschlag, da
er ihm selbst einen Sohn nach Paris bringen werde, und da er hoffe, er werde
sich noch vorher von dessen Brauchbarkeit berzeugen. Der gute Herr St. Julien
machte uns allen vor seiner Abreise bedeutende Geschenke, denn er hatte groe
Summen und viele Juwelen bei sich.
    Es war nichts Auffallendes darin, als Lamberti eine Stunde nach der Abreise
des Herrn St. Julien ebenfalls aufbrach und die Mal seinen Lieblingssohn
Camillo mit sich nahm, denn er hatte verschiedene Male gegen mich geuert, da
ein Geschft, welches ihm groen Gewinn versprche, dringend seine Abwesenheit
fordere, und da er seine Abreise nur verschiebe, um einen geehrten Verwandten
nicht frher zu verlassen, als bis dieser gesonnen sei seine Reise fortzusetzen.
    Nach einer Abwesenheit von drei Tagen kam Lamberti ungemein heiter und mein
Sohn Camillo in ausgelassener Frhlichkeit zurck. Mein Gatte sagte mir, da
seine Geschfte sich weit ber seine Erwartung zu seinem Vortheile gewendet, so
habe er mir ein bedeutendes Geschenk mitbringen wollen, und berreichte mir bei
diesen Worten einen kostbaren Ring, den ich im ersten Augenblicke mit Freuden,
im zweiten mit Entsetzen betrachtete. Gott! rief ich aus, wie kommst Du zu
diesem Ringe? Er gehrte ja dem guten Herrn St. Julien. Wie kann die sein?
fragte Lamberti verwirrt, indem er die Farbe vernderte, was inde damals noch
keinen Argwohn in mir erregte; woran willst Du die erkennen? Es ist kein
Zweifel, erwiederte ich. Der gute Mann zeigte mir einige Juwelen und mir gefiel
die Fassung dieses Ringes ungemein. Ich wrde ihn Ihnen zum Andenken schenken,
sagte der treffliche Mann, wenn ihn nicht meine Mutter getragen htte, zu deren
Andenken ich ihn bewahre und deren Haar er enthlt. Er drckte auf diesen
kleinen Punkt hier, und siehst Du, fuhr ich fort, wie jetzt hob sich der
mittlere Stein, und siehst Du, hier ist das wenige graue Haar eingeschlossen.
Nimmermehr htte er diesen Ring freiwillig weggegeben; er ist gewi in die Hnde
schndlicher Ruber gefallen und vielleicht gar von ihnen unbarmherzig
erschlagen worden.
    Warum nicht gar, sagte Lamberti unwillig und setzte gleich darauf ruhig
hinzu: Wenn dem aber so ist, wie Du sagst, so mu der Ring zu seinem Eigenthmer
zurck, an den ich sogleich dehalb schreiben werde. Gebe Gott, da er lebt,
sagte ich weinend, indem mein Gatte das Kleinod aus meinen Hnden zurcknahm. Du
bist eine Thrin, sagte dieser mit Hrte zu mir, nicht jeder wird erschlagen,
dem die Last des Reichthums etwas erleichtert wird. Er verlie mich hierauf und
winkte seinen Sohn Camillo mit sich hinweg, dessen spttisches Lcheln mir in
diesem Augenblicke durch's Herz schnitt. Seit der Zeit strmte ich oft mit
Fragen auf Lamberti ein, ob er keine Nachricht von Herrn St. Julien habe, bis er
mir endlich mrrisch antwortete: Hre auf mich um des alten Spiebrgers Willen
zu qulen; er lebt gesund und wohl in Frankreich, und ist dort so reich, da er
den kleinen Verlust hier in Italien leicht verschmerzen kann.
    Also ward er doch wirklich von Rubern angefallen? rief ich bestrzt.
    Das hat ja meine kluge Mutter gleich beim Anblick des schnen Ringes
errathen, sagte Camillo lachend, und zu meinem Erstaunen stimmte der Vater in
das Gelchter ein. Es war berhaupt seit dieser Zeit eine Vernderung in unserem
Hause eingetreten. Der Vater gab den Shnen mit Verschwendung alles, was sie
begehrten, um jede thrichte Leidenschaft der Jugend zu befriedigen, und meine
beiden lteren Shne berlieen sich allen Ausschweifungen, wozu die Jugend nur
zu geneigt ist, und vielleicht wurde von hnlichen Vergehen Francesko nur durch
die Liebe zu meiner sanften Lucretia zurckgehalten. Dabei brachte der Vater
seinen Lieblingssohn Camillo in eine solche Stellung gegen seine Brder, da er
vllig ihr Herr wurde, und er wute diese Herrschaft durch Klugheit und durch
seinen khnen Geist fortwhrend zu behaupten. Auf allen Reisen des Vaters
begleitete ihn nur Camillo, und ich bemerkte bald, da diejenigen Nachbarn, die
den Vater zu verehren schienen, dem Sohne beinah die gleiche Achtung bewiesen.
    Der Strom der franzsischen Revolution breitete sich auch ber andere Lnder
aus, und meine Shne sowohl als ihr Vater wurden von dem allgemeinen Schwindel
ergriffen. Mit Entzcken sah der nun alternde Vater, wie alle seine Shne die
Waffen ergriffen, und rief: Recht, meine Kinder, sucht Euer Glck, wo es jetzt
Viele finden, ich bin noch rstig genug, hier unserm Geschft allein
vorzustehen. Ehe sich meine Shne mit den republikanischen Truppen vereinigten,
zu denen sie nun gehrten, hatte sich Lamberti mit meinem Sohne Camillo lange
eingeschlossen, und sie hatten, wie es schien, ernste und wichtige Unterredungen
mit einander. Francesko benutzte diese Zeit mir seine Empfindung mitzutheilen,
und er und Lucretia legten in meine Hand das Gelbde ab, fr das ganze Leben
einander anzugehren.
    O! welche Hoffnungen, unterbrach sich die Mutter der Lambertis weinend,
tuschten damals meine liebende Seele! Ich sah meine Shne, durch ihren Muth
emporgehoben, im Geiste in hohen kriegerischen Ehren; ich sah meinen Francesko,
den Liebling meines Herzens, in bedeutendem Range sich mit der schnen Lucretia
verbinden, und sah mich als die glckliche Ahnfrau knftiger Geschlechter. Ja
sie war eine Schnheit, fuhr die Alte fort, als sie bemerkte, da Evremonts
Blick zu dem still arbeitenden Mdchen hinberstreifte, der Kummer hat diese
Blte schnell gebrochen, aber sie war damals eine blhende Schnheit.
    Evremont bemerkte jetzt erst das griechische Profil und die edeln Formen des
Kopfes, wodurch so viele Florintinerinnen ausgezeichnet sind, und die
Beschmung, die sie bei Erwhnung ihrer vergangenen Schnheit empfand, zauberte
diese auf einen Augenblick zurck, denn die funkelnden, halb niedergeschlagenen
Augen, die glhenden Wangen zeigten flchtig dem Beobachter, was sie in der
Blte der Jugend gewesen sein mute.
    Meine Shne hatten uns verlassen, fuhr die Alte fort, und ich und Lucretia
lebten sehr einsam, denn Lamberti war oft abwesend und kehrte nicht immer so
heiter zurck wie frher, ja es entfuhren ihm zuweilen Klagen ber die
Nichtswrdigkeit feiger Schurken, die ihre Zunge bei dem Anblicke des Todes
nicht fesseln knnten und ihre Freunde, denen sie Treue gelobt, dadurch in
Gefahr brchten. Zugleich bemerkte ich, da viele von unsern Nachbarn ihren
Wohnort verlieen, indem sie behaupteten, sie knnten anderswo auf eine
vortheilhaftere Art sich ansiedeln. Auch Lamberti uerte oft, es wrde ihm in
den Gebirgen zu einsam, er wolle nach Florenz oder nach Mailand ziehen, um so
mehr, da er vom Kirchenstaate ausgehende Verfolgungen auch hier zu befrchten
habe. Um die Zeit hatte er erfahren, da Herr St. Julien geheirathet und einen
Sohn seiner Gemahlin aus erster Ehe adoptirt habe, dem er sein ganzes Vermgen
zuwenden wolle. Diese Nachricht versetzte ihn in unglaubliche Wuth und er
fluchte dem Verwandten, der seine rechtmigen Erben auszuschlieen dchte. Ich
machte ihn vergeblich darauf aufmerksam, da unsere Verwandschaft mit Herrn St.
Julien so entfernt sei, da sie kaum diesen Namen verdiene, und wenn wir auch
ganz nahe Verwandte wren, so bleibe er ja doch immer Herr seines Vermgens und
knne es zuwenden, Wem er wolle. Ich hoffe, erwiederte Lamberti, Camillo wird
Mittel fr alles die finden. Um ihn zu besnftigen sagte ich, der gute alte
Mann bewies uns und besonders den Kindern so viel Wohlwollen, da er sie gewi
nicht bergehen wird, wenn er auch sein Hauptvermgen seinem adoptirten Sohne
zuwendet.
    O! diese reichen Brger, antwortete mir Lamberti hierauf mit Bitterkeit,
entziehen dem alles Wohlwollen, der ein wenig dreist von ihrem Ueberflu
fordert. Aber wir sind Herrn St. Julien ja nie zur Last gefallen, bemerkte ich.
    Sprich nicht ber Dinge, die Du nicht beurtheilen kannst, sagte Lamberti
rauh und verlie mich, um an Camillo zu schreiben, der schon Officier geworden
war und gemeldet hatte, da auch seine Brder dieselbe Auszeichnung in Kurzem zu
erwarten htten.
    Als Lamberti seinen Brief abgesendet hatte, verlie er mich, um wieder eine
seiner gewhnlichen Reisen anzutreten, die mich, ich konnte mir nicht erklren
wehalb, zu beunruhigen anfingen, und ich blieb mit Lucretia ganz allein. Nach
einigen Tagen in der Dmmerung des Abends hielt ein unbekannter Gebirgsbewohner
mit einem kleinen mit Maulthieren bespannten Wagen vor unserer Thr, und als wir
heraustraten, sahen wir mit Entsetzen das todtenbleiche Antlitz Lambertis. Er
hemmte durch einen Wink den Schrei, der unsern Lippen entfliehen wollte.
    Macht keinen unntzen Lrm, sagte er leise, helft mir in's Haus. Der
Fuhrmann stand uns bei, den Schwerverwundeten hineinzutragen, und als wir ihn
auf's Bett in eine bequeme Lage gebracht hatten, eilte, ohne ein Wort weiter zu
sprechen, der Fuhrmann mit seinem Wagen davon.
    Der Anblick der dringenden Gefahr hemmte meine Klagen und Thrnen, und ich
wollte einen Wundarzt rufen.
    La das, sagte Lamberti, es ist berflig, ich fhle, ich sterbe, la mir,
Lucretia, unsern Pater rufen. Lucretia eilte den Geistlichen herbei zu rufen,
und wenige Stunden darauf gab Lamberti seinen Geist auf, nachdem er mich vorher
dringend ermahnt hatte, alle Papiere, die ich finden wrde, zu verbrennen, weil
sie mir zu nichts helfen, sondern mich nur in Verlegenheit bringen und auf sein
Andenken Schande hufen knnten. Ich versprach die, aber im Schmerze ber das
Verscheiden meines Gatten dachte ich nicht daran, bis mich der Geistliche
ernsthaft erinnerte, den letzten Willen des Verstorbenen zu erfllen. Ich ging
also an die Geschft, whrend der Geistliche und Lucretia alles zur Beerdigung
Nthige besorgten, und als ich die Papiere verbrennen wollte, belehrte mich ein
zuflliger Blick darauf, da diese Briefe smmtlich in Zeichen geschrieben
waren, die ich nicht zu entrthseln verstand. Ein einziger italienisch
geschriebener Brief fiel mir in die Hnde. Er war von Herrn St. Julien, und das
zrtliche Andenken, das ich dem wohlwollenden Manne bewahrt hatte, vermochte
mich einen Blick darauf zu werfen. Gleich nach den ersten Worten, die ich las,
war meine Aufmerksamkeit schmerzlich gefesselt. Dieser Brief war kurz nach Herrn
St. Juliens Besuch bei uns, nach seiner Rckkehr in sein Vaterland, an Lamberti
gerichtet. Er schrieb ihm darin, da er trotz der Dunkelheit der Nacht sehr wohl
die Ruber erkannt habe, die ihm im Einverstndnisse mit dem Postillon sein Geld
und seine Juwelen in der Lamberti unfehlbar bekannten Bergschlucht abgenommen
htten, da er es wie eine Gnade des Himmels betrachten msse, da er in diesem
furchtbaren Augenblicke so viel kalte Ueberlegung gehabt htte, einzusehen, da
er die Erkennen nicht verrathen drfe, weil sonst das blanke Eisen, mit dem der
junge Bsewicht ihn fortwhrend bedroht habe, sich unfehlbar in sein Herz
gesenkt haben wrde, um ihm den Verrath unmglich zu machen. Ich will die
Gerichte nicht zur Rache anrufen, schlo der Brief, aber nur noch bemerken, da
diejenigen, die sich auf Gefahr meines Lebens einen Theil meines Eigenthums
angemat haben, nie mehr das Geringste von mir erwarten drfen und sich also
jede Reise zu mir ersparen knnen, weil ich keine Schlange in meinem Busen
erwrmen und keinen Ruber in mein Haus nehmen werde.
    Ein schreckliches Licht ging mir in diesem Augenblicke auf, und der
Geistliche fand mich in Thrnen gebadet, den unglcklichen Brief in der Hand. Er
nahm ihn, sah ihn flchtig durch und warf ihn zu den brigen in's Feuer. Euer
Gatte, sagte er mir dann, hat mir gebeichtet und die Vergebung seiner Snden
empfangen; schadet Euch nun nicht selbst und thut, wie er weislich rieth, denn
Ihr mt in Kurzen eine Haussuchung besorgen, da ihn die Obrigkeit auf die
Angabe einiger Genossen vielleicht fr das Haupt der Ruber halten wird, die die
Gebirge unsicher machen, und dehalb ist es gut, wenn nichts gefunden wird, was
diese Meinung besttigen knnte. Ich war zu sehr durch schmerzliche Empfindungen
betubt, als da ich diesen Rath htte befolgen knnen. Der Geistliche also
verbrannte selbst alles noch Uebrige, ohne noch einen Blick darauf zu werfen,
und eilte mit Lambertis Beerdigung, die so feierlich als mglich vollzogen
wurde.
    Wenige Tage danach rckten Soldaten, von Gerichtspersonen begleitet, in den
Ort unseres Aufenthalts ein. Die verlassenen Huser der Lamberti ergebenen
Nachbarn wurden durchsucht und auch das unsrige. Da aber gar nichts Verdchtiges
gefunden wurde, und meine und Lucretiens Unschuld einleuchtend war, der Pfarrer
auch die Verwundung Lambertis, die sein Ende herbeigefhrt hatte, verschwieg, so
entfernte sich alles Drohende bald wieder aus unserem Gesichtskreise.
    Aber nicht lange genossen wir die traurige Ruhe, die uns geworden war. Die
uere Stille, in der ich meine Tage durchlebte, wurde durch die ganz Italien
erobernden Franzosen unterbrochen, und bei einem kleinen Gefechte wurden mehrere
Huser des Ortes, wo wir lebten, angezndet, und auch unser Haus und unsre Habe
wurden ein Raub der Flammen. Der oft wiederholte Schrecken wirkte nachtheilig
auf meine Gesundheit und die Gicht lhmte meine Glieder. In diesem traurigen
Zustande wendete ich mich mit Lucretia nach Florenz, wo sie durch ihre
geschickte Arbeit die Kosten unseres Unterhaltes bestritt. Von meinen Shnen
empfingen wir wenig Untersttzung; denn obwohl Herr St. Julien die Gromuth
gehabt hatte, ihnen dennoch bei seinem Tode eine ansehnliche Summe zu
hinterlassen, so hatten doch die lteren Brder nach ihrer wilden Weise zu leben
bald alles, was sie besaen, ausgegeben, dem jngeren Bruder aber hatten sie
keine Rechenschaft darber abgelegt, und Francesko, der seit des Vaters Tode
nichts hatte als seinen Gehalt, konnte uns nur sprlich untersttzen.
    In dieser Lage der Dinge schwanden die Jahre dahin, bis auch Sie
Kriegsdienste nahmen, und das Unglck wollte, da Sie den Umgang mit meinen
Shnen nur zu eifrig suchten, deren falsche Freundschaftsbezeigungen Ihr
argloses Herz verlockten.
    Nein! rief Francesko Lamberti, sie war nicht falsch diese Freundschaft. Ich
liebte Dich wahrhaft, auch Antonio war Dir ergeben, und selbst Camillo konnte
Deinen offenen, wohlwollenden Charakter nicht verkennen. Es ist ein prchtiger
Junge, sagte er oft, Schade, da er so bald sterben mu. Wir lachten ber einen
solchen Ausspruch, da Du gesund und blhend warst, und die Gefahren des Krieges
Dich nicht mehr bedrohten, als uns. Nun, Ihr werdet sehen, sagte dann Camillo in
seiner gewhnlichen herrischen Weise, da seine Tage gezhlt sind.
    Endlich nahte jener verhngnivolle Tag in Schlesien. Wir wuten, Camillo
hatte Dich eingeladen, ihn mit uns zu verleben, und wir freuten uns aufrichtig
Deiner Gesellschaft. Camillo miethete einen Wegweiser, mit dem er eine lange,
ernsthafte Unterredung hatte. Nachdem die alles geschehen war, redete er uns
ungewhnlich ernst und feierlich an, und sagte, er habe von unserm verstorbenen
Vater den Auftrag, ein uns zugefgtes groes Unrecht fr uns unschdlich zu
machen. Er habe feierlich die Verpflichtung bernommen fr das Wohl der Familie
zu sorgen, weil der Vater ihn als den, der am Fhigsten dazu sei, erkannt habe;
er brauche aber jetzt unsern Beistand, um die zu vermgen, und er fordere uns
auf, ihm in dieser Angelegenheit, die zu unser aller Bestem gereiche,
vollkommenen Gehorsam zu leisten. Wir waren es von Kindheit an gewhnt, unter
seiner Herrschaft zu stehen, so da wir die, ohne uns zu bedenken, versprachen.
Er nahm eine Reliquie, die er am Halse trug, hervor und lie uns einen
furchtbaren Eid darauf schwren, ihm blind zu gehorchen und, was er befehlen
wrde, so lange er lebe, selbst in der Beichte zu verschweigen. Ich zgerte
einen Augenblick, doch das Beispiel Antonios ri mich hin, und wie er, leistete
ich den entsetzlichen Eid. Darauf setzte unser Bruder Camillo das vermeintliche
Unrecht, das uns unser Oheim St. Julien zugefgt habe, auseinander, und ich wei
nicht, ob er wirklich selbst getuscht war oder ob er uns tuschen wollte. Er
versicherte durch einen Rechtsgelehrten den Inhalt des uns nachtheiligen
Testaments zu kennen, worin bestimmt sein sollte, da, wenn Du, Adolph, ohne
Erben strbest, wir drei Brder in Deine Rechte treten sollten. Ihr seht also
ein, schlo Camillo, da Adolph sterben mu, so leid es mir auch thut, denn ich
wrde ihn lieben, wenn sein Dasein nicht das unsere verkmmerte, und ich tdte
ihn ohne Ha der Pflicht der Selbstvertheidigung gem, wie den Feind, der mir
im Felde gegenber steht. Ich schauderte vor diesem Vorsatze zurck, doch
Antonio, dem knftiger Reichthum lockender als knftige Seligkeit dnkte, ging
sogleich darauf ein. Ich warf mich meinen Brdern zu Fen. Memme, riefen Beide,
Du weit, was Du geschworen hast, und lieen mich mit der Verzweiflung ringend
auf dem Boden liegen. Du kamst, Adolph; arglos liefertest Du Dich Deinen Mrdern
aus. Meine Brder bewachten mich. Ich htte Dir kein Zeichen geben knnen, wenn
ich es auch gewagt htte, den entsetzlichsten Eid zu verletzen, den je eines
Menschen Zunge gesprochen hat. Du fragtest mit Theilnahme nach der Ursache
meines blassen, verstrten Aussehens. Meine Brder gaben Dir die Antwort, da
ein kalter Brief meiner Braut, der nchstens eine frmliche Zurcknahme ihres
Wortes erwarten liee, mich so trbe stimme, und Camillo sagte, mir bedeutend
zuwinkend, da der feurige Wein meine gesunkenen Lebensgeister erheben wrde. Du
selbst zwangst mit gutmthiger Zudringlichkeit mir mehr Wein auf als gut war,
bis sich endlich mein Herz in dem Grade verhrtete, da ich dachte: Nun, wenn er
selbst es nicht besser haben will, so mag es denn sein.
    Man hatte auch Dir selbst nur zu viel Wein aufgenthigt, und als wir nun
endlich aufbrechen muten, saest Du nicht so sicher wie sonst zu Pferde. Der
Bauer fhrte uns, wie Camillo mit ihm verabredet hatte. Man machte Dich glauben,
wir schlgen einen krzeren Weg ein, um nach der Versptung mit unsern Truppen
zur rechten Zeit in dem Versammlungsorte zusammen zu treffen. Wir hatten eine
einsame Stelle im Walde erreicht. Der Fhrer verschwand und Camillo gab das
verhngnivolle Zeichen. Wie ein Wthender, mit Thrnen in den Augen und
Zhneknirschen ri ich Dich von hinten mit der linken Hand vom Pferde; es wurde
mir dunkel vor den Augen und in Verzweiflung fhrte ich Streiche nach Dir, mit
denen ich mein eigenes Herz zerfleischte. Ich sah nichts mehr, bis ich Camillos
Stimme hrte, der rief: Es ist genug, er ist dahin! Ich war betubt, beinah
bewutlos; meine Brder faten die Zgel meines Pferdes und rissen mich hinweg.
Spter hrte ich, Du seist aufgesprungen und habest Dich auf's Aeuerste
vertheidigt. Davon habe ich nichts gesehen und es klang mir wie Tne aus weiter
Ferne, wie meine Brder sich unterredeten, Deinen Muth lobten und es beklagten,
da Du uns im Wege habest stehen mssen.
    Wir muten dem Feinde entgegen gehen, und ich hatte nicht Zeit mich den
Qualen des Gewissens zu berlassen. Die allererste Kugel, die auf einem
Streifzuge der Feind zu uns hinber sendete, ri mir den linken Arm hinweg, der
Dich vom Pferde gerissen hatte. Schleunige Hlfe rettete mein Leben, und als ich
vllig zur Besinnung gekommen und der Verband gehrig geordnet war, besuchte
mich Camillo und sagte: Du bist zum Dienste unbrauchbar geworden, armer Bruder;
um so wohlthtiger wird Dir nun unseres alten Oheims Vermgen sein. Gedenke
stets des mir geleisteten Eides, und da Du nun, wenn Du geheilt bist, nach
Frankreich zurckgehst, so kannst Du der Wittwe unseres Oheims den Tod ihres
Sohnes melden. Er theilte mir hierauf das Mhrchen mit, das ich der
unglcklichen Frau fr Wahrheit verkaufen sollte. Ich bat ihn, mich mit diesem
Auftrag zu verschonen. Er rief mir den Eid des blinden Gehorsams in's Gedchtni
zurck und sagte zrnend: Ich wrde Dich, bebende Memme, nicht zu diesem
Geschft erwhlen, wenn es nicht sehr gut wre, da die Mutter das Ende ihres
Sohnes durch einen von uns erfhre, die wir dabei zugegen waren, und Du, fuhr er
halb spottend fort, kannst ihr ja sagen, Du habest den Arm in seiner
Vertheidigung verloren, und die gute Frau wird alle Zeichen Deiner Gewissensqual
fr zrtliche Theilnahme an dem Geschick ihres Lieblings halten. Er gab mir
Deine Uhr und Dein Taschentuch, um es der Mutter einzuhndigen und verlie mich.
Noch denselben Abend blieb er in der Schlacht.
    Mein frchterlicher Eid zwang mich trotz seinem Tode seinen letzten Befehl
zu erfllen, und nach meiner gnzlichen Heilung, die mich lange in Berlin
aufhielt, machte ich mich, von Reue und Gram erfllt, nach Frankreich auf. Ich
bergab Deiner Mutter die Pfnder Deines Todes und erzhlte das wohl eingebte
Mhrchen. Aber von ihr erfuhr ich zu meiner Freude und zu meiner Bestrzung, da
Du wie durch ein Wunder gerettet lebest und in Sicherheit seist. Hier erfuhr ich
auch zufllig, da wir, wenn auch unsere Gruelthat gelungen wre, sie doch
vllig zwecklos ausgebt haben wrden, denn unser Oheim, mit Recht wider uns
aufgebracht, hatte durch sein Testament seiner Wittwe die einzige Beschrnkung
in der Verfgung ber seinen Nachla auferlegt, da er uns durch keinen
denkbaren Fall, der eintreten knne, jemals zufallen drfe.
    Ueberzeugt nun, da Du uns, sobald es die Umstnde erlaubten, zu blutiger
Rechenschaft ziehen wrdest, bereitete ich mein Gemth auf diesen Augenblick
vor, und als ich spter von rckkehrenden, wie ich verstmmelten Kriegsgefhrten
erfuhr, Du widersprchest dem von Camillo ersonnenen Mhrchen nicht, so glaubte
ich, Du schwiegest blo, weil Dir die Beweise wider uns mangelten, und als ich
nun endlich auch Antonios Ende erfuhr, und nun meine Seele durch Beichte und
Bue erleichtern durfte, legte ich mein furchtbares Geheimni auch auf meiner
Mutter Herz, die mit der liebevollen Lucretia hieher gekommen war, wo ich
kmmerlich vom halben Sold lebte, um das Leben eines Snders zu erleichtern.
Seit der Zeit habe ich mich auf Deinen Anblick vorbereitet und den Entschlu
gefat, durch ein vollkommenes Gestndni Dir jeden nthigen Beweis gegen mich
zu liefern; seit der Zeit lebe ich nur der Reue und Bue.
    Ja und einer so furchtbaren Bue, sagte die Mutter klagend, da meine letzte
Hoffnung darber schwindet. Wir hatten sein Unglck erfahren und seine weinende
Braut, meine brave Lucretia, sagte: Um so mehr bedarf er einer treuen
Begleiterin durch das Leben, die ihn sein Unglck vergessen lehrt. Wir kamen
nach Paris, und das Bekenntni seines Verbrechens erfllte das Herz des armen
Mdchens mit Schauder. Sie rang mit Thrnen und Gebet vor Gott und der heiligen
Jungfrau, und sagte: Wenn er sich selbst verabscheut, wenn die Menschen ihn
meiden, Wer soll ihn nach und nach mit sich selbst und mit Gott vershnen, wenn
nicht die treue Freundin seiner Jugend? Aber er legte sich so harte Buen auf,
da sie seine Seele immer zaghafter machten, und finster entfernte er sich von
der Liebe und berlieferte sich gnzlich der Qual, der Geielung und jeder
Marter. Sein strenges Fasten zehrt jede Lebenskraft auf und fhrt ihn an den
Rand des Grabes, und ich, die ich mich lange eine glckliche Gattin eines
geachteten Mannes whnte und mich endlich als die Genossin eines Rubers fand,
die die stolze Mutter dreier in Jugendkraft blhender Shne war, verlor zwei
davon, kaum wurde mir der letzte verstmmelt erhalten, und dieser letzte wird
vor mir, die ich krank und elend bin, in's Grab sinken und meine arme Lucretia
wird zum Lohne ihrer endlosen Liebe einsam vergehen, wenn sie endlich auch die
Mutter, die ihr Flei ernhrt, begraben haben wird.
    Das schweigende Mdchen erhob sich jetzt, und indem sie zum ersten Male die
Lippen ffnete, sagte sie, ruhig um sich blickend: Ich schme mich meiner treuen
Neigung nicht und ich lugne sie nicht. Ein verchtlicher Bsewicht wird gewi
das Herz des Weibes, das ihn aus Tuschung liebte, von sich entfernen, wenn sie
ihren Irrthum erkennt. Aber was bleibt dem Menschen auf dieser armen Erde, wenn
das Herz seiner Lieben ihm nicht bleibt, die das seinige vollkommen kennen und
es wissen, wie vieler schnen Empfindungen es noch fhig ist, wenn der schwache
Mensch sich auch zu einem Verbrechen hat hinreien lassen. Ich will, fuhr sie
fort, Franceskos That nicht beschnigen, ich erkenne in ihr ein groes
Verbrechen, das die Gesetze der Menschen mit dem Tode bestrafen, aber Gott, der
die Tiefen seines Herzens kennt, wird sie ihm dennoch vergeben, und so bleibt
auch meine Liebe ihm selbst im Tode treu, denn ist er auch ein Verbrecher, er
ist kein Bsewicht, und wenn ihn Alles verlt, so wird mein Herz ihm noch
Trost, meine Seele noch Achtung bieten.
    Nicht ohne Rhrung sagte Evremont, sich an Francesko wendend: Du siehst die
Milde der ewigen Liebe abgespiegelt in einer Menschenbrust, aber wie uns dieser
Anblick auch innig bewegt und uns zur Ehrerbietung zwingt, glaubst Du nicht, da
Gottes Liebe dennoch milder ist, als die auch der besten Menschen? Darum ermanne
Dich Francesko und gelobe mir Eins. Er bot dem reuigen Snder die Hand, die
dieser heftig ergriff, in demselben Augenblicke schmerzlich zusammenzuckend. Was
hast Du wieder? fragte Evremont mit edler Ungeduld.
    Es schmerzt und entzckt mich, sagte Francesko, da Deine reine, gromthige
Hand so arglos in der Mrderhand ruht, die feindlich Dein edles Herz zu treffen
suchte. La das, antwortete Evremont, ihm die Hand schttelnd, und antworte mir,
willst Du mir geloben, was ich von Dir fordere?
    Ich will, sagte Francesko, und Gott sei mein Zeuge, ich will es noch treuer
halten, als meinen freventlichen Eid.
    So gelobe mir, sagte Evremont feierlich, Dir selbst zu vergeben, wie ich Dir
von ganzem Herzen verzeihe. Gelobe mir Deine knftige Bue nur in Werken der
Liebe zu ben und es zu unterlassen, Dich selbst zu martern, damit Du den Deinen
ein Trost sein und ihre Leiden mindern kannst, statt ihren Jammer zu vermehren.
Gelobst Du mir die?
    Ja, ich gelobe es Dir, sagte Francesko mit hervorbrechenden Thrnen; Du hast
in dieser Stunde die Qualen der Hlle von meiner Seele genommen, und ich werde
mir wieder ein Mensch unter Menschen und nicht mehr ein ausgestoener Verbrecher
scheinen.
    Evremont trat zu dem Tische, an dem das Mdchen gearbeitet hatte, und indem
er zwei schne Rosen nahm, sagte er zu ihr: Nicht wahr, Sie geben mir diese, da
ich sie meiner Gattin als ein Andenken an eine schne Stunde bringe? Lucretia
neigte bejahend das Haupt, denn sie vermochte vor Rhrung nicht zu sprechen, und
Evremont verlie, von den Segenswnschen der Familie begleitet, die enge
Wohnung, worin nun lauter beruhigte Gemther zurck blieben.
    Auf der Strae angelangt nahm Evremont den ersten Miethwagen, der ihm
aufstie, weil er durch die Labyrinth von Straen nicht nach seiner Wohnung
zurckgefunden haben wrde, und im Fahren berlegte er, was sich fr Francesko
thun liee, denn ihm selbst irgend eine Untersttzung anzubieten und so sein
Gefhl auf's Tiefste zu verletzen, vermochte er nicht. Er dachte an den General
Clairmont und eilte noch denselben Morgen zu ihm, um ihm seine Wnsche
vorzutragen, die der alte Freund seines Vaters gern zu erfllen bereit war, dem
er nur sagte, da er sich eben erst nach einer langen Zwistigkeit mit Francesko
vershnt habe und ihm dehalb nicht selbst Hlfe anbieten mge.
    Es kommt nur darauf an, sagte der General, da ich, ohne da es auffllt,
mit Lamberti zusammentreffen kann; das Uebrige wird sich machen, denn wenn ich
auch selbst jetzt nicht dienen mag, so denken doch nicht alle ehemalige
Kameraden wie ich, und ich habe unter den jetzigen Machthabern Freunde genug,
die einen armen verstmmelten Krieger ehrenvoll anzustellen vermgen, und wenn
Ihre Gabe durchaus verschwiegen bleiben soll, so steht es mir doch frei, eine
Summe hinzuzufgen, damit ich mich nicht gnzlich mit fremden Federn schmcke.
    Eine Gelegenheit mit Francesko zusammen zu treffen, ohne ihn aufsuchen zu
mssen, bot sich schon des andern Tages dar. Das in Paris neu gewordene
Schauspiel der Einkleidung einer Nonne lockte viele theils andchtige, theils
neugierige Zuschauer nach der Kirche, wo die Ceremonie Statt fand. Unter den
letztern war der General Clairmont mit Evremont, und unter den ersteren Lamberti
und die ihn begleitende Lucretia, die sich aufrichtig an der Handlung erbauten.
Evremont hatte dem General den bleichen, abgezehrten Lamberti gezeigt, und als
Jedermann die Kirche verlie, wurde dieser freundlich von dem General angeredet,
der ihm auf die ungezwungenste Weise darber Vorwrfe machte, da er einen alten
Kriegsgefhrten nicht aufgesucht habe. Er forderte ihn auf, die wieder gut zu
machen und gleich diesen Mittag bei ihm zu speisen, und als der Angeredete
zgerte diese Einladung anzunehmen, sagte er: Sie werden Niemanden bei mir
finden als Ihren Freund, den Obristen; wir wollen uns ohne Zwang der vergangenen
Tage erinnern. Er reichte ihm hierauf eine Karte mit seiner Adresse und sagte:
Ich verlasse mich darauf, da Sie kommen. Verwirrt verbeugte sich Francesko und
nahm so die unerwartete Einladung an.
    Bei der Tafel konnte der General leicht das Gesprch auf die vielen
Vernderungen, die jetzt in allen Zweigen der Staatsverwaltung vorfielen,
wenden, und mit Geschicklichkeit erforschte er, wohin sich die Wnsche seines
Gastes richteten, und sagte endlich: Ich zweifle gar nicht, da ich Ihnen eine
solche Anstellung werde verschaffen knnen. Nach der Tafel fhrte er ihn in sein
Kabinet und zwang ihm eine Summe Geldes auf, die die ersten Einsichtungen
erfordern wrden und die er ihm in spteren Zeiten wiedererstatten knne. Mit
freundlicher Gewalt setzte der General die durch und duldete weder Ablehnen,
noch Widerspruch. Was ist es denn Groes, sagte er, ein verabschiedeter Krieger
steht dem andern bei, das ist in der Ordnung. Als Beide in den Saal
zurckkehrten, wo sie Evremont gelassen hatten, trat Lamberti zu diesem, der
sich an ein Fenster lehnte, und sagte: Ich verdanke Dir auch die alles, ich
wei es wohl, der General ist zwanzig Mal an mir vorber gegangen und hat mich
nicht erkannt. Ich wei wohl, Wer nun die Erinnerung an mich in ihm aufgefrischt
hat, und ich ahne, was fr einen Zusammenhang es mit seiner Freigebigkeit hat;
aber ich habe Deine Vergebung empfangen, Deine Hand hat in der meinen geruht, Du
hast mich mit mir selbst vershnt und mehr als ein Herz vom bittersten Schmerze
erlst. Nach allen diesen grten Wohlthaten, die ein Mensch dem andern erweisen
kann, wie sollte ich nun nicht noch die kleinere auch von Dir empfangen knnen?
    Mit sich selbst zufrieden verlie Evremont die Wohnung des Generals, und er
hatte die Beruhigung, noch ehe er Paris verlassen konnte, zu erfahren, da es
dem alten Freunde seines Vaters in der That leicht geworden sei, sein Wort zu
erfllen, denn er hatte Lamberti in wenigen Tagen eine Anstellung verschafft,
die ihn mit seiner Familie an die spanische Grenze fhrte und ihm dort ein
anstndiges Einkommen sicherte, und da sein Gemth, von den Schmerzen der Reue
geheilt, zum Frieden des Lebens zurckkehrte, so erfuhr Evremont spter, da die
ihm so innig ergebene Lucretia ihr Schicksal noch fester mit dem seinen
verbunden und ihm nach langer Treue ihre Hand vor dem Altar gereicht hatte.
    Endlich war auch Evremonts Geschft in Paris geendigt. Er hatte seinen
Abschied erhalten und eilte mit liebevollem Herzen ber den Rhein in die Arme
seiner ihn sehnschtig erwartenden Freunde zurck.

                                      XVI


Mit der hchsten Freude wurde Evremont von seiner Familie begrt, die ihn nun
erst ganz als den ihrigen betrachtete, da seine Verbindung mit Frankreich
aufgelst war, inde er selbst ber diesen Grund der Freude seufzte, denn ihn
schmerzte es, da er Frankreich nicht mehr sein Vaterland nennen sollte; doch
ging diese Trauer unter den schnsten Empfindungen des Glcks im Kreise der
Seinen bald vorber, und der Strom des Lebens schien nun einen ruhigen Gang
zwischen blumigen Ufern nehmen zu wollen und nicht mehr ber wilde Klippen zu
schumen. Die Stunden theilten sich zwischen Beschftigungen und Vergngungen;
Plne zu kleinen Reisen wurden entworfen, so wie zur Verschnerung der Umgebung,
und man gedachte bei diesen friedlichen Beschftigungen oft des alten Dbois,
dessen eigensinnige Entfernung die ganze Familie beklagte. Es sollten nach den
Verschnerungsplnen, die der Graf und Evremont entworfen hatten, auf dem groen
Hofe, der nach der Strae zu gewendet vor dem Eingange des Hauses lag, groe
Pflanzungen von Bumen, blhenden Struchern und Blumen angelegt werden,
zwischen denen hindurch ein Weg fr die Wagen frei gelassen werden sollte, so
da dieser Hof knftig zur Zierde des Hauses dienen knnte, und die ganze
Familie war auf demselben versammelt, wo der Graf und Evremont eben nach ihrem
Plane die verschiedenen Pltze ihrer Bestimmung gem abstecken lieen. Man
hatte mit Theilnahme dieser Arbeit zugesehen, bis ein auf den Hof rollender
Wagen die Aufmerksamkeit Aller auf den Ankommenden lenkte. Die leichte von zwei
Postpferden gezogene Equipage hielt vor dem Eingange des Hauses, und hinaus
schauten unter weien Augenbrauen die freundlichen Augen Dbois. Ein allgemeiner
Ausruf der Freude bewillkommnete den zurckkehrenden Greis. Aller Hnde
streckten sich ihm entgegen und auch die Bedienten eilten, die Theilnahme ihrer
Herrschaft nachahmend, herbei; doch Evremont drngte sie zurck und er selbst
bot dem Greise die Hand zur Sttze, der mhsam aus dem Wagen stieg, sich
entzckt in dem freudigen Kreise umschaute und dann sagte: Hier ist mein
Frankreich, ich habe es jenseits des Rheins nicht gefunden.
    Wie im Triumph wurde der alte Mann in's Haus gefhrt und er konnte seine
Rhrung nicht bewltigen, als Adalbert an seinem Halse hing, die von Alter
gebleichten und gefurchten Wangen mit den frischen Rosenlippen zrtlich kte,
und sagte: Endlich habe ich Dich alten Papa Dbois wieder, nun darfst Du nicht
wieder fort, und ich hoffe, Du hast mir schne Sachen aus Deinem Frankreich
mitgebracht. Ja wohl habe ich das, sagte der Alte, die Thrnen von den grauen
Wimpern trocknend, das wollen wir alles nachher auspacken.
    Man bemerkte jetzt erst einen zehn- bis zwlfjhrigen Knaben, der dem alten
Dbois gefolgt war und nun, verlegen an der Thr stehend, mit den groen
schwarzen Augen im Saale umher blickte. Dbois erinnerte sich jetzt auch seiner.
Er machte sich von Adalbert los, nherte sich ehrerbietig dem Grafen und sagte:
Ich habe vielleicht das Vorrecht eines alten Dieners gemibraucht, indem ich mir
die Freiheit genommen habe, diesem edeln Hause einen neuen Diener zuzufhren.
Ich habe mich dieser hlflosen Waise angenommen und glaube ihn um so sicherer
Ihrem Schutze empfehlen zu drfen, als ich diesen selbst im Hause des alten
Grafen Evremont fand, der mich als hlflosen Knaben bei sich aufnahm und mich
zum Diener seines Sohnes, meines seligen Herrn, bestimmte. So, dachte ich,
knnte nun dieser Knabe seinem Urenkel, dem kleinen Grafen, dienen, wozu ich ihn
selbst noch anleiten kann, wenn Sie ihn Ihres Schutzes wrdigen.
    Wen Sie, guter Dbois, sagte der Graf, fr wrdig Ihres Beistandes halten,
der ist mir ein willkommener Hausgenosse, und es freut mich, wenn ich fr Ihren
Schtzling etwas thun kann.
    Die arme Kind, sagte Dbois, hat bei seiner Geburt schon die Mutter
verloren. Der Vater ist bei den Verfolgungen der Protestanten krzlich
umgekommen, und es wagte Niemand aus Furcht vor den Geistlichen, die im
sdlichen Frankreich ihr Wesen treiben und sich Missionre nennen, sich des
armen Kindes anzunehmen, das, den Ermahnungen seines sterbenden Vaters
gehorchend, seinem Glauben treu bleiben und nicht zur katholischen Kirche
bertreten wollte. Die Geistlichkeit dort wollte ihn mit Gewalt in ein Kloster
bringen, um, wie sie sagten, seine Seele zu retten, und die wre auch wirklich
geschehen, wenn ich mich nicht zum Erstaunen aller dasigen Einwohner seiner
angenommen htte. Um mich und ihn den Verfolgungen zu entziehen, gegen die mich
auch mein graues Haar nicht geschtzt haben wrde, beschleunigte ich unsere
Abreise, denn mich hielt nichts mehr in Frankreich zurck. Alle, die mir durch
die Bande des Blutes jemals angehrt hatten, waren theils in der blutigen
Revolution, theils in den furchtbaren Kriegen umgekommen, und Frankreich selbst
ist durch die unglckliche Revolution so entstellt worden, da es seinen alten
liebenswrdigen Charakter nicht wieder gewinnen kann, und der Knig selbst will
das Alte auf eine Weise, da es gar nicht mehr das Alte wird. Doch Gott behte
mich davor, da ich meinen rechtmigen Knig tadeln sollte. Aber an die Stelle
der Irreligiositt, die whrend der Revolution mein Herz erschreckte, soll nun
eine Religionsunduldsamkeit treten, von der ich nicht glaube, da sie Gott
gefllig sein kann. Ich hoffe, fuhr der alte Mann mit Wrme fort, als ein chter
Katholik zu sterben, aber ich habe so viel Tugend bei Andersglaubenden gefunden,
da ich nicht befrchten kann, Gott werde sie verstoen, wenn sie auch in
manchen Punkten irren sollten, und dehalb kann ihm die Verfolgung nicht
wohlgefllig sein.
    Der Graf lobte die milde Frmmigkeit des alten Mannes und versprach fr das
Fortkommen des mitgebrachten Knaben zu sorgen. Als Dbois sein Zimmer betrat,
rhrte es ihn von Neuem, hier Alles in der Ordnung zu finden, wie er es
verlassen hatte, als wenn seine Rckkehr tglich wre erwartet worden, und als
er sich von der Reise etwas erholt hatte, mute er dem Dringen Adalberts
nachgeben und die fr ihn mitgebrachten Geschenke auspacken. Sehen Sie, sagte
der alte Mann bei jedem Stck, das er dem neugierig zuschauenden Kinde
vorzeigte, die ist franzsisches Spielzeug, die sind franzsische Farben, hier
sind franzsische Bilderbcher, die sind franzsische Confituren, und als alle
Herrlichkeiten vorgezeigt waren, deutete er auf den fremden Knaben, der bei dem
Auspacken geholfen hatte, und sagte: Und die ist Ihr franzsischer
Kammerdiener. Der groe Nachdruck, den der Alte auf das Franzsische legte,
bewirkte, da Adalbert seine groen Augen mit einer Art von Ehrfurcht auf den so
Bezeichneten richtete, die sich jedoch bald verlor, als der Angekommene sein
Schulgenosse, sein Spielgefhrte und sein Aufwrter zugleich wurde, und in
keinem dieser Verhltnisse die Achtung aus den Augen setzte, die dem jungen
Grafen gebhrte, eine Sache, worauf Dbois streng hielt, denn er behauptete, das
knftige Glck seines Zglings beruhe darauf, da er seine Herrschaft mit einem
religisen Gefhl verehre, denn alsdann wrde es ihm nicht mglich sein, seine
Pflichten anders als mit Ergebenheit und strenger Rechtlichkeit zu erfllen, und
wie sehr eine edle Herrschaft die anerkenne, lehre sein eignes Beispiel.
    Dbois hatte den heftigen Wunsch befriedigen wollen, sein altes, geliebtes
Frankreich wiederzusehen, was vielleicht nie so da gewesen war, wie seine
liebende Sehnsucht in der Ferne es sich gedacht hatte, und kehrte, in seiner
Erwartung getuscht, zu seinen wohlwollenden Freunden zurck, die er seine
Gebieter nannte. Aber das Frankreich seiner Einbildung hegte er immer noch mit
gleicher Liebe in seiner Seele und hoffte mit Zuversicht, da es als hchste
Vollendung menschlicher Einrichtungen sichtbar auf Erden erscheinen wrde, wenn
die Gemther sich nur erst vllig von den Erschtterungen erholt haben wrden,
die die vielen Vernderungen veranlat htten. Der Graf besttigte seine Meinung
in so weit, da er die Ansicht aussprach, es sei unmglich, da so viel Blut
vergeblich geflossen sei, und da nicht endlich die Frchte aller gebrachten
Opfer die Welt mit ihrem Segen erfreuen sollten.
    So ging das Leben nun einen gleichmigen und stillen Gang fort. Dbois
machte es zu seiner Hauptbeschftigung, Adalbert zu vergngen und dabei fr die
Reinheit seiner Aussprache des Franzsischen zu wachen. Es erfreute ihn, da
Evremont franzsisches Obst pflanzte, und sein Auge entzckte jede seltene
Pflanze, die der Graf aus Frankreich erhielt, weil sie ja frher in dem
geliebten vaterlndischen Boden gewurzelt hatte. Die Freunde scherzten jetzt
zuweilen ber die sonderbare Richtung, die der Charakter des alten Mannes nahm,
denn es schien sich eine Neigung zum Geize zu offenbaren, die Niemand in seiner
Seele geahnet hatte, denn ihn erfreute sichtlich nichts so sehr, als immer neue
Geldsummen zusammen zu bringen, und man gab auch dieser Schwche nach, und Jeder
schenkte ihm bei allen Gelegenheiten baares Geld, das in dem Greise die hchste
Freude erregte, obgleich Jedermann berzeugt war, da er es zu gar nichts
benutzen knne.
    Auf diese Weise war ein Jahr seit der Ankunft des Alten verstrichen, und
Evremont beschftigte sich an einem schnen Frhlingsmorgen mit seinem Sohne im
Pavillon des Gartens, als der franzsische Knabe mit erhitzten Wangen und in
Thrnen schwimmenden Augen eilig eintrat. Was giebt es, Francois? fragte
Evremont bestrzt.
    Ach Gott! gndiger Herr Graf, sagte der Knabe, der alte Herr Dbois ist so
roth im Gesicht und spricht so seltsam. Schnell erhob sich Evremont und eilte
mit seinem Sohne, der sich ihm an die Hand hngte, in Dbois Gemach. Der Greis
lehnte sich auf die Kissen seines Lagers; seine Augen glnzten unnatrlich und
seine Wangen brannten in dunkler Rthe. Wie geht es Ihnen, guter Dbois? redete
Evremont ihn an. Der Alte erhob den glnzenden Blick zu ihm und streckte die
brennende, zitternde Hand ihm entgegen. Da sind Sie ja, gndiger Herr, sagte er
lchelnd aus keuchender Brust, und o Gott! ich Snder habe in so schrecklichen
Trumen gelitten, wahrhaft strfliche Trume, fuhr er flsternd fort. Ich
bildete mir ein, Ihr edles Haupt - nein es ist gegen die Ehrfurcht, das Bild
eines so freventlichen, schrecklichen Traumes durch Worte in's Leben zu rufen -
aber bei Gott! ich sah in einer entsetzlichen Stunde Ihr edles Blut flieen, und
die furchtbare Bild hat meine Sinne verwirrt, da ich alter Thor in
Verzweiflung Ihr Ende beweinte.
    Evremont wendete sich mit Schmerz ab, denn er wute, der Kranke redete im
Fieber von seinem Vater, fr den er ihn in diesem Augenblicke hielt.
    Dbois, sagte Adalbert klagend, was sprichst Du denn fr wunderliche Worte,
Niemand kann ja begreifen, was Du meinst.
    Ach! sagte der Kranke freudig, da ist ja auch der kleine Graf Adolph! Wie
sich der Mensch doch unntz qulen kann! Den hielt ich fr verloren und wagte
die der unglcklichen Mutter erst gar nicht zu sagen, die durch den
schrecklichen Tod des Gemahls ganz verwirrt war, und der lange weder Vernunft
noch Religion Trost gewhren konnte. Nun Gottlob! nun wird ja alles Leiden
aufhren.
    Ja wohl, seufzte Evremont; ich frchte, fr Dich endet alles irdische Leid
wie alle irdische Freude. Er lie Diener bei dem Greise zurck und ging nun
eilig einen Arzt herbei zu schaffen, der auch bald erschien und mit Achselzucken
bemerkte, da das schwache Fieber des Alten leicht gehoben werden knne, da er
aber das hchste Ziel des menschlichen Lebens erreicht habe und dehalb
schwerlich von diesem Krankenlager wieder erstehen werde. Diese Nachricht
verbreitete allgemeine Trauer in der grflichen Familie. Wie es der Arzt
vorhergesagt hatte, wich das Fieber den angewendeten Mitteln leicht und der
Kranke begehrte, vllig zur Besinnung gekommen, einen katholischen Priester, um
zu beichten und die letzten Sakramente seiner Kirche zu empfangen. Die Grfin
hatte diesen Wunsch vorausgesehen, und der Geistliche war schon im Hause. Er
konnte sich also auf den ersten Wunsch des Kranken sogleich zu ihm verfgen und
verlie ihn nach einer Stunde, wahrhaft erbaut von der reinen Frmmigkeit des
sterbenden Greises.
    Als Dbois wieder allein war, lie er den Grafen zu sich bitten und ihm
sagen, er wnsche ihn allein zu sprechen. Der Graf eilte auf die Bitte des
Kranken herbei und fand ihn ohne Fieber; der Glanz der Augen war erloschen und
die nach unten gedehnten Gesichtszge des Greises deuteten auf sein nahes Ende.
Ich wnsche meine letzten Worte an Sie zu richten, sagte er zu dem Eintretenden
mit schwacher Stimme.
    Sie knnen sich wieder erholen, lieber Dbois, sagte der Graf nicht ohne
Bewegung.
    Das denken Sie selbst nicht, erwiederte der Kranke mit schwachem Lcheln,
und ich bin zur Reise gerstet in unser ewiges Vaterland. Ich habe meine Snden
gebeichtet, und ich hoffe, Gott wird mir die Schwachheit vergeben, da ich den
Prediger in Hohenthal niemals leiden mochte und selbst in der Ferne nur mit
Widerwillen an ihn dachte, denn sein dreistes Fragen ohne Schonung und Achtung,
sein feindliches, schneidendes Absprechen und sein hochfahrendes Wesen gegen
Niedere entschuldigt einigermaen diese Abneigung, und ffentlich angefeindet
habe ich ihn nie; ich habe nur dem nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen, was
Sie seine guten Eigenschaften nannten. Der Graf mute wehmthig lcheln, da der
alte Mann noch im Tode nicht die Abneigung gegen den Prediger berwinden konnte,
die er gegen ihn empfunden hatte, so lange er ihn kannte. Doch was reden wir von
ihm, fuhr der Kranke fort. Sie wissen es, Herr Graf, ich habe immer die
jakobinische Gleichmacherei verabscheut und auf Erden mit Ehrerbietung den Rang
anerkannt, worin der Herr die Menschen hat lassen geboren werden; aber vor Gott,
sagt unser Herr und Heiland Jesus Christus, sind wir alle gleich, und nur unsere
Tugenden werden dort gewogen. Bald werde ich vor Gottes Thron stehen, ich kann
mich schon als abgeschieden von der Erde betrachten. So gnnen Sie es mir, nun
noch vor meinem Hinscheiden Ihre Hand wie die Hand eines Freundes in der
meinigen zu fhlen, nicht wie die des herablassenden Heren in der des durch
seine Gunst beglckten Dieners, und vergnnen Sie mir die Ehrfurcht bei Seite zu
setzen, die ich Ihnen immer bewiesen, wie es meine Pflicht war, so lange ich dem
Leben angehrte, und lassen Sie mich die Liebe unverhohlen zeigen, die ich fr
Sie und die Ihrigen hegte. Wie ein Vater habe ich die Grfin geliebt, besonders
seit ihrem Unglck, aber ich will ihre weiche Seele schonen, darum bringen Sie
ihr meinen Abschied und meinen Segen. Sagen Sie ihr, mein irdischer Dienst sei
geendet, aber ich strbe in der Hoffnung, da es mir vergnnt sein wird, am
Throne Gottes fr Sie alle zu beten, und nehmen Sie die Schrift, die unter
meinem Hauptkissen verborgen ist. Sie enthlt meinen letzten Willen; versprechen
Sie mir dafr zu sorgen, da er erfllt wird. Der Graf nahm die Schrift, wie es
der Greis verlangte, und sagte, indem er die erkaltende Hand fate und innig
drckte: Es soll alles erfllt werden, was Sie verordnen, wrdiger alter Freund.
Sie wissen selbst, fuhr er mit Bewegung fort, wir alle haben Sie wie einen Vater
geliebt; Sie bestanden darauf, sich einen Diener zu nennen, wir haben Sie wie
einen Freund geehrt, Sie wissen es, guter Dbois, wir hegten keine anderen
Gefhle fr Sie.
    Mit mildem Lcheln neigte der Alte bejahend das Haupt, und es schien dem
Grafen, als ob er dadurch in eine unbequeme Lage gerathen sei und dehalb
schwerer athmete. Er richtete ihn also sanft in seinen Armen empor, um diese
Lage zu verbessern. Ein Blick unendlicher Liebe lohnte ihm aus den erlschenden
Augen; und als der Graf das wrdige Haupt des Greises auf die Kissen zurck
lehnte, war das Leben entflohen.
    Mit der frommen Empfindung eines liebenden Sohnes drckte der Graf die
erstarrten Augen zu und wehrte seinen Thrnen nicht, die auf das erkaltete
Antlitz niederflossen.
    Ist denn dieser Hauch das Leben? fragte er sich. Mu die Herz nun in Staub
zerfallen, das so eben noch liebend fr mich schlug? Wohin ist der Geist
entflohen, der noch so eben seine Gedanken mir mittheilte? Das Auge ist starr
und eingesunken, das so wohlwollend auf alle Menschen blickte, und unempfindlich
ist die Hand, die vor wenig Augenblicken den Druck der Liebe erwiederte. O,
welche Welt von Empfindungen schlo diese nun erstarrte Hlle in sich! Wie
qulend, wie entzckend und wie nichtig ist das Leben!
    Der Graf ermannte sich. Er traf die nthigen Anordnungen fr die Leiche und
ging, um seiner Familie den Verlust bekannt zu machen, der sie eben betroffen.
Alle zollten dem wrdigen Greise Thrnen, aber natrlich war es auch, da der
Schmerz mild war bei dem sanften Ende eines Greises, der das hchste Lebensziel
erreicht hatte.
    Nach der Beerdigung ffnete der Graf in Gegenwart einer Gerichtsperson das
Testament des Verstorbenen, und alle Mitglieder der Familie wurden von Neuem zu
Thrnen bewegt, als es sich ergab, da der dahin geschiedene Greis auch hierin
noch sein liebevolles Gemth auf das Rhrendste geoffenbart hatte. Alle
Ersparnisse eines langen Lebens, alle Geschenke, die er in der letzten Zeit mit
kindischer Freude empfangen hatte, waren zusammengehuft, und er ernannte den
Grafen Adalbert Evremont zum Universalerben dieses kleinen Schatzes und stellte
es seiner Gromuth anheim, Gustav Thorfeld und dem Knaben Francois ein Geschenk
daraus zuzuwenden, wobei sie sich in der Zukunft des Verstorbenen erinnern
knnten.
    Evremont ehrte das Andenken und den Willen des Greises, und nahm dessen
Vermchtni fr seinen Sohn an; aber der Graf sicherte als Geschenk dem Knaben
Francois die eine Hlfte der Summe zu und sendete die andere Hlfte als letztes
Geschenk des verstorbenen Dbois an Gustav Thorfeld, von dem man schon seit
einiger Zeit wute, da er mit der Tochter des Predigers verbunden war, und
dessen neuen Hausstand die Erbe sicherer begrndete.
    Der Prediger hatte bei der Verbindung seiner Tochter mit dem Justizamtmann
Thorfeld erwartet, in der Person seines Eidams knftig einen Verbndeten gegen
die Anmaungen seines rebellischen Freundes, des Arztes, zu finden, aber er fand
sich unangenehm getuscht, denn der junge Mann schlo sich innig an seinen
frhesten Beschtzer, den Grafen Robert, an und zog auch seine Gattin in diesen
Kreis hinber, und der Prediger frchtete nicht mit Unrecht, da er endlich dem
Arzte wrde unterliegen mssen, der an seiner Schwiegermutter in allen seinen
Anmaungen eine so krftige Sttze hatte.
    Die Grfin befriedigte ihr Gefhl. Sie lie dem wackern verstorbenen Greise
ein einfaches, in edelm Style gearbeitetes Denkmal setzen, und beide grfliche
Familien in Hohenthal und am Rhein lebten fortan in ungetrbtem Frieden, und die
Zukunft nur kann darber belehren, ob der so oft geuerte Wunsch des Grafen
Robert in Erfllung gehen und eine glckliche Heirath beide Familien in eine
zusammen schmelzen wird. Wenigstens wird diese Hoffnung dadurch unterhalten, da
beide Kinder, von denen man die Vereinigung erwartet, eine groe Neigung gegen
einander uern, die bei jedem Besuche, den sich die Familien wechselseitig in
Schlesien und am Rheine abstatten, sich zu erhhen scheint.

                                    Funoten


1 Vereheliche Frau von Knorring.

