
                                 Mundt, Theodor

                   Madonna. Unterhaltungen mit einer Heiligen

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                                 Theodor Mundt

                                    Madonna

                       Unterhaltungen mit einer Heiligen

                              Posthorn-Symphonie.

                                   Unterwegs.

Ich will mir selbst etwas blasen! Jetzt fange ich an, es zu glauben, da von
einer allgemeinen Tonlosigkeit dies unser Zeitalter ergriffen sein mu, denn
auch die deutschen Postillons lassen jetzt ihr schmetterndes Mundstck ungenutzt
und schlfrig herunterhngen, und jeder sagt mir mimuthig, ihm sei das Horn
verstopft. Auf meiner ganzen Reise durch Deutschland habe ich noch keinen
vernnftigen Schwager gehabt, der mir und dem lauschenden Waldecho ein lustiges
herzerfrischendes Trarara! Trara! Trara! zum Besten gegeben htte. Ihnen ist das
Horn verstopft. Und ein Postillon ist doch kein deutscher Schriftsteller. Wovor
frchten sich denn die Postillons? Ist es die Censur? Sind es die groen
demagogischen Untersuchungen? Mein Gott, ich will mir selbst etwas blasen!
    Blase, blase, wilder Sturm! knnte ich, wie Knig Lear, zu diesem Herzen
sagen, das mir hier unter dem Reisemantel schlgt, und lacht und weint, und
wieder lacht. Und warum sollte es nicht auch lachen? Die hohe Nacht drauen ist
schn, wenn auch stumm, und die Sterne sind hell, wenn auch fern, und meine
Liebe ist s, wenn auch unerreichbar. Ich will mir etwas blasen, und meinen
schlaflos sich tummelnden Gedanken, whrend die brige Reisegesellschaft
schnarcht, das Mundstck aufsetzen, das mein deutscher Landsmann dort, eben der
tonlose Postillon, vor Faulheit nicht brauchen kann. Meine Reisehoffnung und
meine Weltunlust sollen sich hier in einem schmetternden Chor noch bei aller
Nacht miteinander unterreden. Erlaubte Zeitansichten werden einen gedmpften Ba
dazwischen brummen. Eine herrliche Musik kann das geben, gleich dem sanften
harmonischen Chor von Knoblauch und Zwiebeln, den der berhmte Julius Csar
Scaliger wirklich in einer seiner Komdien - die Gott alle selig haben mge! -
auftreten und in wahrhaft duftigen Rhythmen sich aussprechen lie. Es sollte
dies nur eine beiende Nachahmung sein des beienden Zeitsptters Aristophanes
und seiner Chor-Wolken und Chor-Frsche, und ich mchte Den sehen, der noch
heutzutage ein glcklicherer Nachahmer des Aristophanes zu sein wagen knnte,
als der berhmte Julius Csar Scaliger. Unsere Zeit gebiert zwar tglich
tausendfachen Stoff fr einen doppelten Aristophanes, aber - - das Horn ist
verstopft - - Schwager, Schwager, la Dir Dein Horn reinigen! - - es ist
verstopft, und statt des keckbeflgelten Gttersohnes Aristophanes qukt uns ein
jmmerlicher Scaliger aus unserer eignen Brustrhre heraus. -
    Trara! Trarara! man mu reisen. Es lt sich heuer nichts Vernnftigeres
thun, als auf die Reise gehen, besonders wenn man keine Heimath hat im eignen
Vaterlande. Nicht Heimath, nicht Weib, nicht Kind, nicht Haus, nicht Heerd,
nicht Ruhe, nicht Rast, nicht Andacht, nicht Hoffnung - ein windschiefes Leben.
Noch mehr bedauere ich Den, dem wohl sein kann in seinen heimathlichen Zustnden
heut, der eingesessen und zahmgesessen ist, und nicht jeden Augenblick sein
Bndel geschnrt hat, um abtrollen und ausmarschiren zu knnen. Die Treue gegen
die Scholle gilt nichts mehr, wenn die Scholle leibeigen macht den Geist. Man
kokettire nur nicht mit der Treue, damit man sich selbst nicht untreu werde,
denn ohne groe Treulosigkeiten geht es einmal im Leben und in der Geschichte
nie ab. Die Vlker verlassen ihre alte Liebe, und suchen sich neue Gesetze, und
durch die ganze Welthistorie geht ein Klagen und Weinen tausend verlassener
Geliebten, und es kmmert die Vlker nicht. Und des Menschen Herz, wenn es sich
an ein Bild gehngt hat, mu sich blutig reien, wenn die Scheidung kommt
zwischen dem Herzen und seinen Bildern, denn es mu geschieden sein! Aber Vieles
bleibt sttig und wird nur immer fester, hat es in der sich fortbewegenden Idee
sein Leben und sein Herz, und so sage ich: was sich bewegt, das ist ewig! Und
was ewig ist, bewegt sich. Siehe, was still steht und sich fertig wchst, ist
nur das Vergngliche an Krper und Seele der Menschen und der Staaten. Nur der
schlechte Theil an uns wird ein weiser Greis, nur das sterbliche Stck Leben
setzt sich am Ende zur Ruhe und kndigt sich als einen stabil gewordenen
Organismus an. Die Jugend wird nie klug, darum lebt der junge Mensch immer
weiter, und dieser ewig junge Mensch ist die ewige Geschichte. Und die Liebe
wird nie fertig, darum bewegt sie sich von Geist zu Geist herber und hinber
mit dieser starken Sehnsucht. Die innere Bewegung ist die wahre Treue der Liebe,
an dieser webt sie sich msig in alle Ewigkeit fort, und kennt eine andere
nicht. Du, wir lieben uns, weil sich unsere Geister mit und zu einander bewegen.
Du, Du, wir knnen nicht anders, weil Deine innerste Bewegung meine ist, und
meine Deine, und so bewegen wir uns, indem wir uns lieben. Du, Du, wir sind
jung, weil wir bewegen und lieben, und wir sind nicht weise, deshalb bewegen wir
uns ewig. Du, Du, ich bin Dir ewig treu, weil Deine Bewegung meine ist, und erst
wann Du mir das einmal anthtest und zu mir sagtest: alter, kluger, weise
gewordener und fertiger Mann! und ich zu Dir sagte: alte, kluge, weise
gewordene und fertige Frau! dann wrde es mit unserer Liebe vorbei sein, und
der treuloseste Mensch bin ich! Du, Du, ich bin Dir ewig treu! Du, Du, nimm Dich
in Acht, es ist das Prinzip der Bewegung! - - -
    Es war wahrhaftig in der letzten Zeit nicht mehr recht auszuhalten, und ich
bin nur froh, da ich hier auf dem Postwagen sitze. Wie leicht wird der Mensch
froh! Er strzt sich aus Ennui in Ennui, und freut sich dabei der Abwechselung,
die ihn von einem in das andere hinbergeleitet. Das Stdtchen, in dem ich so
lange Quartier gemacht hatte, wre eine schne Station fr einen guten ruhigen
Menschen gewesen, der Zeit hat, sich zu verheirathen. Es waren die Freunde und
die Freundinnen hier hbsch gerathen, und Jeder brachte seinen Scherz und Ernst
an, und die Einen erzhlten den Andern, was die Andern lngst wuten. So ging
die Zeit hin, und ich mute aus meinen jungen unschuldigen Schriften vorlesen,
die sich zu meinem Erstaunen hier bei einem Leihbibliothekar gefunden hatten,
und das war mein erster Aerger. Die eine Freundin meiner Bcher - htte ich doch
nie etwas geschrieben! - war besonders daran Schuld, und brachte mich auf die
Reflexion, da man die Frauen, selbst die geistvollsten und begabtesten, doch
fast nie, auch im hchsten Schwunge, den man ihnen giebt, von ihrem nchsten
huslichen Kreise, von Vettern und Cousinen, ganz abzufhren vermag. Wenn ich
ihr meine besten Sachen lese, sucht sie bei jeder Gestalt, die ich ihr vorfhre,
immer erst nach einer ihr persnlich bekannten herum, um sie damit in Verbindung
zu bringen, und es dauert wahrhaftig nicht lange, so hat sie auch in der
Erinnerung schon irgend einen ihrer Vettern in Astrachan oder Neufundland
erwischt, dem die Figur meiner Dichtung auf's Haar hnlich sehen soll. Da
klatscht sie sich vor Freuden darber in die kleinen Hnde, ruft mir mit dem
anmuthigsten Gebieterton zu: nur weiter! und scheint sich jetzt erst recht fr
die Vorlesung zu interessiren. Das halte ein Anderer aus, mich hat ein blasses
Grauen deswegen berschlichen. Gleich den andern Tag schon wollte ich fort, und
mir Extrapostpferde bestellen. Die Vettern aus Astrachan und Neufundland haben
mir die ganze Novellenpoesie verleidet, und ich wei nicht, ob ich frs Erste
fortfahren werde, in diesem Genre zu arbeiten. Aber ist es denn nicht so
natrlich, da die Frauen berall nach Familien-Aehnlichkeiten suchen, auch in
der Kunst? Sie wollen es sich gern berall gleich huslich machen, und verrathen
so auch in der Kunst ihren wahrlich liebenswrdigen Huslichkeitstrieb. Und mir,
dem unhuslich gesinnten Autor, stand es ja frei, davon zu laufen.
    Mit dem Freunde hatte ich noch meine grere Noth, und wir mochten uns gar
nicht vereinigen, weil er meinen Schlafrock nicht leiden konnte. Es emprte ihn
nmlich jedesmal, so oft er zu mir kam, und mich im Schlafrock, oder auch nur
ohne Halsbinde, auf meinem Zimmer antraf, und sein Verdru darber malte sich
ordentlich in seinen Gesichtsmuskeln aus. Dies belustigte mich erst, und rgerte
mich dann, weil ich auch ein Narr war. Soll man aber einem Deutschen seinen
Schlafrock mignnen? Oder besitzt er nicht schon pedantischen
Anstndigkeitsgeist und kleinlichen Sauberkeitssinn hinlnglich, um ihn auch
noch zu nthigen, da er sogar seinen traulichen Laren gegenber nur in
Hflichkeits-Uniform sich zeige? Nein, mein Freund, Ihretwegen htte ich nur den
ganzen Tag en parure dasitzen mgen, um Sie immer gewrtigen zu knnen. Sie
sehen, es ist meines Bleibens hier lnger nicht. Ich mu fort, und mu
weiterreisen. Sie haben mich an einer empfindlichen Seite meiner Neigung, ja
meiner Studien angegriffen. Denn schon lngst gehrte es zu meiner Passion und
Lieblingswissenschaft, die Schlafrcke in Deutschland zu beobachten und zu
studiren. Und nichts war mir immer erfreulicher, als wenn ich auf meiner Reise
die groen Mnner, die ich besuchte, in ihrem Schlafrock antraf. Mein einziges
Tagebuch, das ich mir ber die sogenannten groen Mnner Deutschlands gefhrt,
bestand darin, mir anzunotiren, wen ich im Schlafrock gefunden, und wen nicht.
Der einer orientalischen Priestertracht hnlich sehende Schlafrock Schelling's,
in dem er jedem Besuchenden feierlich entgegenschreitet, ist in der ganzen Welt
berhmt, und der aristotelische Hegel lie sich in seinem Schlafpelz sogar in
Kupfer stechen. Schiller dichtete seine feurigsten Tragdien bei Nacht im
Schlafrock, und Friedrich Schlegel verkaufte an seinen Bruder Wilhelm Schlegel
einige tiefsinnige Ideen, die er gerade zu viel hatte, fr eine warme
Nachtjacke, welche ihm gerade fehlte und dieser besa. Wilhelm Schlegel trgt
den Orden der Franzsischen Ehrenlegion auch auf seinem Schlafrock aufgeheftet,
und der alte Musus schreibt einmal an Nicolai, da er gern sein ganzes
Dichtertalent fr einen guten Brenpelz hingeben wolle, indem er vielleicht
meinte, da Nicolai, um ihm zu helfen, nur irgend einem Brenhuter aus der
Allgemeinen deutschen Bibliothek das Fell abziehen zu lassen brauche. Genug, Sie
sehen ein, mein Freund, die Schlafrcke und die Brenpelze haben eine groe
Rolle in Deutschland gespielt. Warum wollen Sie Ihre Wuth allein gegen den
meinigen auslassen? - -
    Und nun blase muthig vorwrts, Du mein ungeduldigstes Posthorn, Du mein
Herz! La Dich hren in freudigen Sprngen, stimme eine gute Weise tief in mir
an, und werde leicht, da Du mir so lange zu schwer warst. Bitte um Wanderglck
zum stillen Nachthimmel empor, und klinge und klage Dein: Gott behte mich! in
das unendliche Universum hinaus. Du hast es nthig: Gott behte mich! Gott
behte mich, in den Wldern und auf den Bergen, in den Stdten und Drfern, bei
den Menschen und Unmenschen, bei den Hassenden und Liebenden, bei den
Streitenden und bei den Friedfertigen! Gott behte mich, da ich jetzt glcklich
durch das Schwarzburg-Rudolstdtische reise, ohne zum Legationsrath gemacht zu
werden! Gott behte mich vor den vielen Merkwrdigkeiten, die in groen und
kleinen Stdten, in Museen und Schlssern, in Palsten und Rumpelkammern, zu
besehen sind! Gott behte mich vor dem Anblick zu vieler Ruinen, er strke mich
gegen das Ausgelebte, befestige mich fr das Neue, und mildere den Spott in mir
gegen das Alte! Er mache einen Menschen aus mir, der leben kann!
    Ja, leben will ich gern und mir mit den Menschen aller Orten zu schaffen
machen. Ich will umherlaufen auf den Straen, und mir die hbschen und hlichen
Gesichter, die mir begegnet sind, aufschreiben. Ich will auf den Drfern
spazierengehen und in kleinen Stdten ber Nacht bleiben, um die stillen
Herzschlge eines armen abgeschiedenen Lebens zu belauschen, und nachzusehen,
wie es der Weltgeschichte in den Bauerhtten und auf den Wirthshausbnken
hinterm Bierkruge ergeht. Ich will dem Deutschen Bauer zureden, da er Abends
regelmig die Zeitungen liest, und der Deutschen Buerin, die ihr gesundes Kind
an der blhenden Brust stillt, will ich sagen, da sie den Jungen nicht blo fr
den Pflug geboren hat, sondern fr ein menschlich gefhltes und berechtigtes
Dasein. In der nchsten kleinen Stadt will ich mich erkundigen, was die
aufgeweckte Schneidertochter jetzt aus der Leihbibliothek liest, und ob die
Stadtpfeifer, als die Julirevolution noch Mode war, niemals die Marseillaise
geblasen haben auf der Ressource? Und in groen Residenzstdten werde ich
ebenfalls nur Das aufsuchen, was die Menschen angeht und aus alten und neuen
Zeiten her an sie erinnert. Wie sie in den Theatern lachen, in den Kirchen
beten, auf der Promenade sich reprsentiren, und in ihren Gesellschaften sich
langweilen, soll mir wahres Vergngen machen. Wie sie von nichts zu reden
wissen, was ihre wichtigsten Nationalinteressen betrifft, werde ich in
gespannter Aufmerksamkeit mit anhren; denn Das, wovon ein Volk nicht spricht,
schildert es oft schrfer, als Das, wovon es spricht.
    Schne Gegenden werde ich nie beschreiben, und ich glaube, mir fehlt fast
der Sinn dafr, wenigstens die Begeisterung. Der Horizont dieser gegenwrtigen
Zeit ist zu bewlkt, als da man weit ausschauen knnte von den Bergen in die
Thler und die silbernen Strme entlang, und auf die Kuppeln und Thrme der
fernen schnen Stdte. Das harmlose unschuldige Gemth ist fort, das mit
Landschaften und Gegenden sich freute, und ich suche es vergeblich in mir, und
finde nichts, als da ich kein Jean-Paulischer Jngling mehr bin. Die Deutschen
knnen nicht leiden, da Jemand offen ist, und so werden mich auch meine
nchsten Deutschen Freunde, deren ich so manche und liebe habe, jetzt schelten,
wenn ich ihnen bekenne, wie vor den schnsten Naturgegenden das Herz mir oft
kalt und bange schlgt. Ja, der Sinn ist fort, der mit Bumen und Struchern
einen guten idyllischen Umgang hatte, wie das Kind umgeht mit seinen Kameraden,
den weien Lmmchen auf der Wiese. Diese rauschenden Wlder, diese
ernstgestalteten Felsen, dies naive Leben der Pflanzen und Blumen, dies Neigen
und Grnen der Pappel, der Eiche, der dstern Fichte, diese hochwachsenden
Felder, diese Triften und diese Flchen, diese Hgel und diese Tiefen, dies
Blhen und Lachen, dies Klagen und diese heimliche Verstimmung, wie es von
Wechsel zu Wechsel schleichend durch die Natur hingeht, Alles dies sieht und
spricht mich an, wie eine Schaar gefallener Engel aus der trumerischen
Frhperiode des Menschengeschlechts. Die Menschen hatten lange in und mit der
Natur gelebt, und hatten versucht, ob sie sich zu etwas bilden knnten, indem
sie trumten. Sie trumten am Wasserfall und in der romantischen Bergschlucht
und auf der Hirtenflur ihr erstes morgenrothes Dasein hin, und die rieselnden
Bche, an denen sie lagen und schlummerten, flossen hell und klar; aber des
Menschen Seele war unklar, und aus dem natrlichen Traum des Lebens wachte kein
Glck geistiger Wahrheit auf. Sie konnten sich nicht bilden, indem sie trumten.
Da wurden sie unruhig, und ihre Flur langweilte sie, und ihr Wald machte ihnen
Grausen. Sie legten die Axt an den grnen Baum, da seine Wurzel erseufzte, und
hieben ihm den Schmuck der Bltter herunter, und machten sich eine Lanze aus dem
grnen Baum, oder ein Ackergerth. Die Einen arbeiteten im Schwei ihres
Angesichtes, und die Andern zogen in den Krieg, und Keiner hatte mehr Ruhe und
Frieden. Alle wurden in dem erwachten Drang menschlicher Unruhe zum ersten Mal
historisch. An der Unruhe der Geschichte bildeten sie sich merkwrdig aus, und
singen an, nach den hchsten Gtern des Lebens immer strmischer zu trachten.
Die alten grnen Wlder rauschten vergeblich mit ihren Friedenstrumen hinter
ihnen drein. Und so geht es noch tglich den einzelnen Menschen und den
einzelnen Vlkern. Auch den Deutschen liegt es in Gedanken, einmal historisch zu
werden, aber die Einen knnen noch immer nicht den Werther, die Andern den Faust
nicht vergessen, und das idyllische Naturelement hlt sie gebunden. Die Lyrik
der Individualitt schwcht ab und verdrngt die Geschichte in der Nation.
Goethe hatte schon selbst aus der Naturlyrik Werthers einen strebsamen Wilhelm
Meister hervorgehen lassen, den sein Drang von dem grnen Wald weg auf die
Formen des brgerlichen Lebens wies, um an denen sich zu bilden, aber es war das
brgerliche Leben des achtzehnten Jahrhunderts, und die Deutschen kannten weiter
keine nationellen und ffentlichen Interessen, als das Theater. Darum ist die
ganze deutsche Bildung, die im Wilhelm Meister erlangt wird, nur noch eine
Theaterbildung, und das Leben ist Reprsentation in guter Gesellschaft. Aber die
Subjectivitt war wenigstens frei geworden von der Naturlyrik, und statt des
Umganges mit schwirrenden Kfern und spielenden Wrmern im Grase ist der Umgang
mit Menschen, selbst mit Salonsmenschen, doch immer etwas ntze. Aber die Natur
war indessen bei Goethe und bei den Deutschen aus dem schwrmerischen Gemth in
die geistigere Speculation zurckgetreten, und hatte in dem Ersteren den Faust
erzeugt, unter den Letzteren die Naturphilosophie. Nun hatte das kranke Deutsche
Herz den grnen Wald berwunden, nachdem die Natur ernstbetrachtetes Object der
Wissenschaft geworden. So zeigt Goethe selbst in dem Stufengang seiner Werke die
ursprnglichsten Bildungsstufen des deutschen Geistes auf, aber eben nur die
Stufen unserer ganz ursprnglichen und embryonischen Entwickelung, auf denen er
deshalb am wenigsten das deutsche Dichten schon erschpfen oder auch nur zur
Vollendung bringen konnte. Und in den Wahlverwandtschaften schrieb er noch ein
Werk ber die allgemeinsten Bindungen und Wechselwirkungen menschlicher
Verhltnisse, indem er dabei sogar wieder an die elementare Natur anknpfte.
Eine so abstracte und deshalb graue Dichtung ist nie geschaffen worden, als
diese, in der Goethe zeigen wollte, wie die allgemeinen Naturgesetze der
Anziehung und Abstoung aus der Physik und Chemie auf den Menschen sich anwenden
und bis in seine Stube und sein Herz hinein ihn verfolgen. In diesem Romane trat
die Natur nun schon ganz ohne alles lyrische Bltterrauschen auf, sie war
nacktes physikalisches Gesetz geworden, und der Poet des Werther, der damals das
Pathos der Naturempfindung gefeiert, hatte jetzt eine kalte Physik des
menschlichen Herzens gedichtet. Aber ein anderer hochbegabter Poet hatte
mittlerweile Rckschritte eingefhrt. Durch Tieck und dessen Jugendlyrik war der
deutschen Dichtung und Gesinnung wieder eine unnatrliche Wendung gegeben
worden, unnatrlich, weil mit dem Natrlichen wieder geliebugelt wurde. Die
alten grnen Wlder sollten wieder im Menschen zu reden anfangen. Werther wurde
ein Minnesnger, die einfache Naturlyrik Goethe's schlug in eine knstlichere
Naturromantik um, und statt der naiv plaudernden Lotte saen hinter der
Geisblattlaube alte Mhrchen, und nickten mit den sternengekrnten Huptern, und
erzhlten hundertjhrige Geschichten voll von Liebe und Wunder. Der Schauplatz
war derselbe geblieben und doch ganz verndert worden. Was im Werther
metaphysischer gewesen war, wurde hier poetischer und bildlicher, und die
Gefhle und Schmerzen, die hinter der Frhlingslandschaft gelauert hatten,
setzten sich in leichtere Elfen und Kobolde und in ein luftigeres Morgen- und
Abendroths-Spectakel um. Aber es war im Grunde nur eine brillante Variation
jener ohnmchtigen Naturstimmung, die den Deutschen so nachtheilig ist. Die
Deutschen konnten sich auch an der Waldromantik nicht bilden. Und Tieck selbst
brauchte einen Zwischenraum vieler Jahre, in denen er ganz schwieg, ehe er in
den Novellen seinen schnsten Ton anzuschlagen und darin aus Lebensproblemen
eine chte und gesunde Poesie zu schaffen vermochte, weshalb nichts
lcherlicher, als wenn seine Freunde, besonders die unkritischen Berliner, noch
immer den Waldlyriker am hchsten in ihm feiern.
    Wie gesagt, selbst vor der schnsten Gegend empfinde ich es, da auch ich
kein Werther und kein Wald-Lyriker mehr bin, und es regt sich Bosheit in mir
genug dazu, da ich auch allen meinen Landsleuten gern das letzte Stck
Naturidylle aus dem fhlenden deutschen Herzen schneiden mchte. Nur die frische
freie Gotteslust brauchen wir unerllich, um die starken Brustschlge unserer
neuen Thaten darin gesund ausathmen zu lassen. In unserem Unruhigwerden und in
unserm Historischwerden nehme uns Gott nie die frische freie Luft, damit es eine
unbeengte Freude der Bewegung werde! Aber das lchelnde Kind in der Wiege kt
der Mann noch einmal, nachdem er unruhig und historisch geworden, und zieht dann
hinaus und kann sich durch den schnen Sugling doch nicht abhalten lassen von
den Schlachten. Die Natur ist das lchelnde Kind in der Wiege, sie ist der erste
Sugling an den Brsten der Schpfung. So seht die unmittelbare Unschuld des
Lebens auf den Wiesen trumen. Aber der Mensch, dieser eilige Sohn der Zukunft,
kann seine Zeit nicht hinbringen, um ihr Wiegenlieder zu singen. Nachdem er
seine sentimentale Frhlingsperiode berwunden, betritt er, an Hoffnungen gro,
das Feld der Geschichte, und erweitert seine Landschaftsstudien zu Weltstudien.
Besonders heutzutage hat man gar keine Zeit, man hat Kopf und Hnde voll zu
thun, um sich und Andere zu verstehn, und die wenigen Geschichtsstunden, die uns
das Leben noch giebt, recht fleiig zu nutzen; und wenn ich auf die schnen
Gegenden polemisire, so geschieht es wahrhaftig meistens nur aus dem Mangel an
Zeit. Da wollten mich die guten Freunde in W. den ganzen Vormittag umherfhren,
um mir die herrlichen Grten in der Umgegend zu zeigen. Ein ganzer Vormittag!
Man denke, ein ganzer Vormittag! Und was ist ein Garten? Gewissermaen nur ein
Toilettenstck der Natur! Ich trieb mich also lieber auf der Strae umher, sah
die Wachtparade aufziehn und beschaute mir die vielen deutschen Gesichter der
umstehenden Menschen, eines nach dem anderen. Ein solches Gesicht ist gar nicht
zu verkennen, wie das deutsche; und doch in jeder Stadt ein andersgebildeter
Schlag davon! Zehn Gesichter gerade fing ich auf aus dem Haufen, die mir theils
merkwrdig, theils lcherlich waren, und ich beschrieb sie mir nachher in meinem
Tagebuche und war mit der Ausbeute zufrieden. Auerdem gerieth ich noch beim
muthigen Klang der Trommeln, Pfeifen und Hrner auf politische Gedanken ber
Krieg und Frieden, und in Streit mit einem jungen Menschen, der an der Table
d'hte mein Nachbar war, und die Meinung behauptete, da an den zum Fidibus
gewordenen spanischen Papieren ein allgemeiner Vlkerkrieg sich entznden wrde.
In Summa, ich hatte etwas erlebt, da ich in der Stadt geblieben war. Unterde
hatten meine Freunde fr mich den Kuckuck angerufen, und nannten mich einen
radicalen Stadtphilister, als sie wiederkamen. Und ich schttelte ihnen als eben
so vielen liebenswrdigen Naturphilistern derb die Hnde.
    Die Alten haben vor schnen Landschaften nie geweint, und Herodot, der erste
groe Reisebeschreiber, wei nur von den Menschen und ihren Sitten gut zu
erzhlen. Nichts Herrlicheres, als zu sehen, wie in der antiken Welt das
Menschliche so nahe an den Menschen gerckt stand, und wie sich dasselbe im
Staat als der hchsten Lebensform begrnzte und zusammenschlo, ein glcklicher
Himmel ber glcklichen Huptern. Sie waren human, weil sie politisch waren, und
sie waren politisch, weil sie religis waren, und religis, weil politisch. Und
so hing Alles im Groen bei ihnen zusammen. Das Menschliche, das sie im Staat so
frei und krftig aus sich herausgebildet hatten, verhinderte da die magischen
Schatten des Waldes sie nicht lockten, und die Natur ihnen nicht rief, sich an
ihre Brust zu strzen. Sie waren jede Stunde zu glcklich, um mit der Lerche des
Morgens zu schwrmen und mit der Nachtigall Abends zu klagen. Das Unglck geht
am liebsten hinaus ins Grne und unter die Einsamkeit der wehenden Bume, das
Unglck oder die spielende Kinderunschuld. Die Kinder und die Zerrissenen, beide
stehen dem Naturelement am nchsten, und beide wrden darin verloren gehen, wenn
es nicht ein Strkeres gbe als das Naturelement, nmlich den historischen Trieb
in die werdende Welt- und Vlker-Zukunft, die Alle aufreizt, sich zu bilden, zu
bewegen und zu vershnen. Und die Deutschen waren nie unglcklicher, nie
innerlich zerrissener, als zur Zeit ihrer Natursentimentalitt und
Landschaftsempfindsamkeit im Leben und Dichten.
    Ich moderner Deutscher bin auch um ein gut Theil glcklicher, seitdem ich
nicht mehr im Monbijou-Garten von Berlin spazieren gehe. Ich rufe: Menschen!
Menschen! und noch einmal Menschen! Ein Knigreich fr Menschen! Mit schnen
Gegenden umgehn, kann ich allenfalls auch in meiner Stube, und habe ziemlich
genug Phantasie dazu. Denn nachdem ich in der lieben schnen Gotteswelt manche
gesehn, kann ich mir fast alle denken, und bringe sie mir, ehe ich des Morgens
zu schreiben anfange, oft zu Dutzenden beim Zumfensterhinaussehen in meiner
Einbildungskraft hervor. Ich denke mit die mannigfachsten Gruppirungen von Wald,
Berg, Flu, Baum, Himmel und Thal, und giee dann ber diese meine migen
Landschaftsgedanken einen groartig beleuchtenden Sonnen- Auf- oder Untergang
aus. So rufe ich mir, mag es Winter oder Sommer sein, die herrlichste und
entfernteste Natur in meine Nhe, und kann, wenn ich will, meine literarischen
Siebensachen am hohen Meere oder in einem italienischen Pomeranzenwldchen
schreiben. Der Natur lt sich immer eine schne Decoration abgewinnen, aber die
Menschenwelt kommt nicht, wenn und wo man sie ruft. Zu den Menschen mu man
hinaus, man mu sie aufsuchen in Sturm und Wetter, in Schneegestber und
Regengssen, man mu mit ihnen reden und lachen, leben, und leiden, und wenn man
sie sieht, kennt man sie noch nicht. Wenn man mit ihnen spricht, versteht man
sie noch nicht. In der Natur ist Alles einfach, und ihre reichsten Gestaltungen
bestehen doch nur aus den einfachsten Combinationen. Es ist immer der Wald, der
Fels, der Berg, der See, die Wolke, nur hierhin oder dorthin anders gestellt,
und im Norden zu andern Schildereien vermalt, als im Sden. Darum kann ich mir
schne Gegenden denken, wenn ich des Morgens auf die Strae hinaussehe, ich
brauche nur zu combiniren. Mit den Menschen bringe ich's nicht so weit, wenn ich
zu Hause bleibe. Ein Mensch lt sich nicht combiniren, er ist die sich selbst
bewegende Macht, und zugleich treiben ihn die Geister. Er gestaltet sich von
innen und macht oft ein verstecktes Wesen mit sich selbst. Und wenn ein groer
Weltentdecker alle Welttheile eines Menschenherzens entdeckt htte, wrde er
noch jeden Augenblick aus dessen Untiefen neue Inseln emporschieen sehn, und
nicht immer glckliche; neue Inseln, mit fremden Pflanzen, Blumen, Gefhlen und
Launen bedeckt. Den Frhling kenne ich; er ist maigrn und himmelblau. Der
Menschen Gesichter habe ich noch lange nicht ausgelernt. Der Mensch hat alle
Tage ein anderes Gesicht, und wei kaum selbst, wie er eigentlich aussieht. Ich
habe ihn verwundert angesehn, wenn er liebte und hate, wenn er eine Frau nahm
und seine Mutter begrub. Ich will ihm nachlaufen, wenn er begeistert ist, eine
Frstin einholt, Revolutionen veranstalten will und sich knechtisch geberdet.
Ich will mich zu ihm in den Wagen setzen, wenn er auf Reisen geht, ich will mit
ihm anstoen, wenn er seinen Wein trinkt, ich will seiner Tochter den Hof
machen, wenn sie artig ist. Nur fort! Nur fort! Nur vorwrts, Schwager! -
    - Ich habe fr heut genug geblasen! Die Landstrae wird hell, der Morgen
zertheilt die Gewlke, setzt sich mit grauschattirten Gliedern mitten auf die
Wiese hin, und wartet, wie ein gefhlvoller Jngling, dem Sonnenaufgang
entgegen. Nur das fllt mir noch ein, da der Umgang mit der Natur bei weitem
wohlfeiler ist, als der mit Menschen. Wer blo schner Gegenden willen auf die
Reise geht, braucht offenbar nicht halb so viel Geld, als der wegen Menschen
sich in die Welt hinausstrzt. In schnen Gegenden trinkt man Milch, und nimmt
ein lndliches Mahl zu sich, und der Buerin schenkt man nicht, wie der
Sngerin, einen Shawl zu dreiig Ducaten. Im Walde kostet's kein Entre, seine
Empfindungen hat man alle umsonst, und von der Landluft wird man schlfrig, da
man schon vor zehn Uhr Abends ins Bett gehen mu. Da hat man gar nicht Zeit
dazu, viel Geld auszugeben, und ich erinnere mich nie, in Geners Idyllen etwas
von Thalern, Groschen und Pfennigen gelesen zu haben. Auch vom Werther erfhrt
man nicht, ob er Geld gehabt oder nicht; es kommt in dieser Richtung gar nichts
darauf an. Er trieb sich entweder im Walde umher, oder ging frh schlafen. Wenn
man mehr mit Menschen umgeht, hat man schlaflose Nchte, und wacht oft, bis der
Hahn krht, und auch der andere Tag geht verloren. Unsere Leidenschaften wollen
in Festkleidern spazieren gehen und sich nur in Purpur und Seide vor den Leuten
zeigen. Unsere Thorheit zieht sich einen kostspieligen Tressenrock an, und
unsere Liebe gegen den Bruder und gegen die Schwester verlernt zu rechnen. Amor
ist Schatzmeister und wirft das Geld und das Herz dazu mit vollen Hnden auf die
Strae. Ein Volksjubel rauscht auf, das Geld verfliegt, das Herz zuckt und
blutet, und hat doch etwas gelernt. Die Existenz wird theurer, je mehr der
Mensch selbst auf dem Spiele steht. So mu es aber auch gerade sein, man darf
nicht anders leben. Mit dem Leben mu man nicht knausern, man mu es mit
freigebigem Herzen verschtten, man mu es aus allen Adern bluten lassen, damit
es strmt und sich ergiet. Man mu von ganzem Herzen leben, man mu es sich
etwas kosten lassen, sein Inwendigstes, um zu erfahren, wie viel das Leben werth
sei. Man mu sich mit Inbrunst ausleben, und dann mit Inbrunst sterben. Und
Deinen Leidenschaften nimm ihre stolzen Purpurkleider nicht vor der Zeit; la
sie etwas erleben und alt werden, und ziehe einen alten Feuerwein der
Lebenspoesie aus ihnen ab. Und Deiner jungen Thorheit reie nicht zu frh den
kostspieligen Tressenrock herunter; la sie tanzen und den Tag nutzen und durch
gravittische Sprnge der Eitelkeit Dir einen guten Humor machen, an dem Du noch
als alter kluggewordener Mann zu lachen hast. Am allerwenigsten aber wehre
Deiner Liebe die genialen Rechnenfehler. In der hheren Analyse, Freund, wird
wieder eingebracht, was die gewhnliche Reguladetri verloren und vergeudet
geglaubt hat. Gieb aus Alles was Du hast, wo Du liebst; sei es nun, da Du die
Kunst liebst oder Dein Mdchen oder die Wissenschaft oder Dein Vaterland. Der
Poesie gieb Deine schnsten Tage und frage nichts danach! Deinem Mdchen gieb
die angewandte Poesie auf den Mund und frage nichts danach! Der Wissenschaft
gieb allen Deinen Ernst, und Dein Vaterland befreie, sollte es Dein Tod auch
sein, und frage nichts danach! Frage nichts danach und gieb Alles aus, was Du
hast, damit Dir Dein Herz leicht werde. Spare nichts, nicht in Gedanken, nicht
in Geld, nicht in Liebe, nicht in Scherz, nicht in Ernst. Auch betrogen zu
werden, gehrt mit zum Leben. Frage nichts danach, und gieb Alles aus was Du
hast, wo Du liebst! Und Du mut mit Menschen umgehen, damit Du lieben kannst. -
    Jetzt will ich aufhren zu blasen. Die konomischen Vortheile aus dem
Umgange mit der Natur werden also meinen Reisefinanzen ebensowenig zugutekommen,
als meinen Tagebuchsblttern die sentimentalen. Zwar habe ich einige kranke
spanische Papiere bei mir, denen ich nach Dem, was ich von dem Banquerott-System
des Grafen Toreno gehrt, wohl eine lndliche Kur zu ihrer Erkrftigung wnschen
knnte. Aber frage nichts danach! Frage nichts danach, und gieb Alles aus, was
Du hast, zum stehenden Cours, auch die spanischen Papiere. Auch betrogen zu
werden gehrt mit zum Leben. Frage nichts danach, und gieb zum stehenden Cours
Deine Papiere aus. Ich werde mir um die spanische Politik nicht noch graue Haare
wachsen lassen, da sie mir schon der deutschen wegen auszugehen anfangen. -
    Trara! Trara! Da ist die bhmische Grnze! Glorreiches Peterwalde, Du willst
nachsehen, ob ich keine Contrebande mit mir im Koffer fhre. Guter, biedrer
Oesterreicher, nicht in meinem Koffer suche die Contrebande. Ich frage nichts
danach! Ich frage nichts danach! - -

                      Bhmische Drfer, Wlder und Bder.


Schne slawische Jungfrau, Bhmen, mit den langen dunkeln Haaren und dem wilden
trumerischen Blick, wie geht es Dir seit Jahrhunderten hinter Deinen Bergen?
Reizende Slawin, mir thut das Herz weh, wenn ich an Dich gedenke, und ein
gutmthiger Deutscher, bin ich gekommen, um ber Dein tiefdunkles Weltschicksal
mit Dir zu klagen. Zu etwas Groem hatte Dein Genius Dich ausersehen, mit edeln
Gaben Deine Art geschmckt, tapfern und stolzen Sinn in Dir aufwachsen lassen,
muthiges Streben in die Ferne in Deiner Brust entzndet, und doch bist Du ber
ein gewhnliches sterbliches Loos der Geschichte nicht hinausgekommen. Du hast
Unglck gehabt. Glck und Unglck giebt es auch in der Geschichte, glckliche
und unglckliche Naturells unter den Vlkern. Aber Du lachst und siehst mich
leichtsinnig an. Ja, ich wei, ich wei, Du hast Alles vergessen, leichtsinnige
Slawin! Deine groen Hoffnungen ehemaliger Zeiten, der damals an Dich ergangene
Ruf der Weltgeschichte, Deine Vergangenheit und Deine Zukunft, kmmern Dich
wenig mehr. Du kannst lachen und lustig sein, und bist auch, nachdem Du Dich
aufgegeben, reizend in Deiner flatterhaften Ueppigkeit. Seitdem Du Dich
aufgegeben, hast Du schne Bder angelegt, hbsche Gste von nah und fern dazu
geladen, und das lustige Leben und Treiben der eleganten Welt klingt und jubelt
jetzt ber Deine ernsten feierlichen Hhen und Gauen hin. Die bhmischen Bder
waren freilich schneller und leichter in Flor gekommen, als die Reformation, an
deren groes Bauwerk Du damals die erste hochherzige Hand gelegt, o Bhmen! und
an Deinem sonst fr die Fremden so ungeselligen Heerd sammeln sich jetzt alle
Nationen und trinken aus Deinen Quellen und tauchen sich in Deine Wasser, in
Deinem Karlsbad und Marienbad, in Deinem Teplitz und Egerbrunnen. Und in dem
herrlichen Prag, der erstgeborenen Universitt der Deutschen, wo Dein Hu lebte
und lehrte, und das erste Morgenroth Aufklrung ber Deutschland ausgestrahlt
war, da ist die hinreiende Ueppigkeit Deiner historischen Selbstvergessenheit
noch mehr zu Hlfe gekommen. Reichthum, Pracht, Genu, ausgebildetster Reiz
jeder Lebensform, se Hingebung an den Augenblick, unwiderstehliche Schnheit
feuriger Frauen - wer denkt zurck oder vorwrts? So ergiebt sich ein
ausgezeichneter Mann, den Unglck berall zurckgestoen, seine Talente zu
brauchen, seinen Geist geltend zu machen, am Ende dem Becher und den Weibern,
und wird in aller Verlorenheit zuletzt lustig. -
    Es ist seltsam, wenn ein ganzes Volk ein schlechtes Gedchtni hat. Die
Bhmen haben Alles vergessen. Das sieht man in ihren Stdten und auf ihren
Gassen, und an den hlzernen bemalten Heiligenbildern, die auf ihren Landstraen
stehen. Wenn ich als Schulknabe etwas nicht begreifen konnte, und man mich
schalt, hie es immer: das sind Dir bhmische Drfer, fauler Kopf! Und ich
fing mir an ganz fabelhafte Vorstellungen von den bhmischen Drfern zu machen,
als den dmonischen Wohnsitzen der Gtter der Unwissenheit und der Barbarei, und
fand am Ende sogar einen Trost darin, die Schuld auf die Dmonen der bhmischen
Drfer zu schieben, wenn meines Geistes Fassungskraft trge geworden war. Und in
Bhmen geht es noch immer gerade so her, wie damals in meinem jungen faulen
Kopf; es stt immer und berall auf seine bhmischen Drfer. Nur die
merkwrdige Schnheit der Frauen, mit ihren wunderbaren dunkelglnzenden Augen
und der ganz eigenthmlich geschnittenen Gesichtsbildung, welche jede Bhmin von
den hchsten bis zu den niedrigsten Stnden als solche verrth, ist fr den
Wandrer eine sprechende Kunde, welch' ein herrlicher und ursprnglich schner
Schlag Menschen aus dem alten Stamm der Czechen hier noch blht. Der bhmische
Mann selbst hat nichts Poetisches mehr an sich, als seine unverlorene
volksthmliche Liebe zur Musik, die auch in der rmlichsten Lehmhtte Virtuosen
macht. Jeder Bauer hat sein Horn, auf dem er in seiner ernsthaften und
feierlichen Weise mehrere Stunden des Tages blst, und diese sen,
weichgeschliffenen melancholischen Tne, die unvermuthet hier und dort aus einem
Busch aufklagen, wie wilde Vgel, sprechen sein ganzes beklommenes Herz aus, und
schmettern und tanzen und kosen und weinen, und wissen nicht zu sagen, wie und
warum ihnen so wehe ist.
    Eben so nationell, als die Liebe zur Musik, ist auch in Bhmen die Liebe zum
Betteln. Wer nichts Anderes thun mag, geht auf die Landstrae betteln, oder
musicirt. Nicht blo die dringende Armuth zieht betteln, auch aus bloem
Zeitvertreib, aus Fremdenha, oder meinetwegen aus Romantik, belagern die
bhmischen Landbewohner in den verzerrtesten Gestalten und mit dem
widerwrtigsten Geheul den vorbeifahrenden Postwagen. Aber allerdings ist die
Armuth und Verkommenheit unter dieser Bevlkerung schreiend, denn Bhmen zhlt
innerhalb seiner Grnzen gegen zwlftausend Drfer, Bhmische Drfer! Unterde
aber, whrend der Bhme betteln geht oder musicirt, steht die schne Bhmin mit
ihren kecken dunkeln Augen vor der niedrigen Hausthr; man knnte sie in dem
groben Tuch, das sie wie einen Schleier dicht um ihr Haupt gehllt trgt, fr
eine bende Nonne halten, die ehemals zu viel geliebt hat, und mit welcher
heien, fast leidenschaftlichen Inbrunst schlgt sie nicht auch ihre Kreuze
gegen den Schutzpatron, der dort auf hohem Gerst am Wege steht, aber mit
welcher Inbrunst lt sie sich nicht auch von dem scherzenden Wandrer kssen!
Und so ist denn Bhmen noch immer das Land der Musik, der Heiligen, der Bettler,
der schnen Frauenaugen und der bhmischen Drfer. Und ich werde traurig, wenn
ich an die bhmische Geschichte denke! - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Aber reise nur in die bhmischen Bder und sei lustig! Auch Du hast manchen
heimathlichen Gram an Dir zu zerstreuen, manche kranke Stelle Deiner
Erinnerungen zu meiden, manchen deutschen Schmerz zu bezwingen. In den
bhmischen Bdern ist es lustig, whle Dir Teplitz und Carlsbad, und die
schnste Gesellschaft wei ich da. Oder bist Du ganz und gar Hypochonder, so
komm erst mit mir in die bhmischen Wlder, und ich will Dir etwas erzhlen,
worber Du lachen sollst. Einen literarhistorischen Spa.
    Kennst Du die bhmischen Wlder nicht mehr, die Schrecken Deiner frhen
Jugend? Wie oft hat Deine an ihrem eignen Grauen sich weidende Knabenphantasie
in ihren tiefsten Schluchten sich bang genistet, wie oft bist Du in Dir
zusammengeschauert bei jedem raschelnden Blatt des Baumes, bei jedem pfeifenden
Laut im Gebsch, bei jedem Schu, der das ferne Waldecho weckte, und wenn in dem
verlorensten Gehlz die Feuer aufflackerten, und die Mnner mit den wilden,
kecken, braunen Gesichtern dichtgedrngt umhersaen, wie hrbar schlug Dir Dein
Herz, und wie httest Du sie gern allesammt fr Helden gehalten, wenn sie so mit
Sieg und Beute beladen in ihre beneidenswerthen Hhlen zurckkehrten! Denke doch
daran, denke doch daran, da Deutschland dem Bhmerlande nicht blo die Anfnge
der Reformation verdankt, sondern auch - - die deutschen Ruber-Romane!!
    Wenn ich mich in trben Stunden zu lachen machen will, denke ich an die
deutschen Ruber-Romane. Die bhmischen Wlder und die deutschen Ruber-Romane
haben in groer Sympathie zu einander gestanden, und das possierliche
Knollengewchs der letztern hat sich immer am liebsten in dem unheimlichen
Dickicht der ersteren geborgen und aufgehalten, Nachdem in frheren Zeiten der
bekannte Mnch Jurick und seine Brder es sich hatten angelegen sein lassen, um
Gottes willen die Wildni zu lichten, und die Wlfe aus den bhmischen Wldern
vertrieben worden waren, kehrten die deutschen Romanschreiber schaarenweise in
dieselben ein, und verlegten hieher den romantischen Schauplatz fr die
Abenteuer ihrer wildgewordenen Phantasie. Diese Romanschreiber hatten es in der
Mitte der civilisirten Welt nicht mehr aushalten knnen. Der Stoff war ihnen
ausgegangen an den Kaffeetischen und in den reinlich mit Sand bestreuten
Familienzimmern ihres Jahrhunderts, die ewige keusche Liebe, wie sie im Reifrock
und mit den saubern seidenen Strmpfen auftrat, wurde auf die Lnge fatal fr
einen strebenden Geist, und bei dieser brgerlichen Zahmheit aller Verhltnisse
konnte nichts Heroisches noch Tragisches aufkommen in den achtziger Jahren des
achtzehnten Sculums. Auerdem herrschte in der ganzen Zeit die weitverbreitete
Meinung, als befinde man sich in einem bertrieben vorgerckten Culturzustand,
und sei in Gefahr, durch allzureiende Fortschritte der Civilisation von der
einfachen gesunden Natur, die damals ber Alles ging, sich zu entfernen. Unter
diesem Vorschub der ffentlichen Meinung zogen nun die deutschen Romanschreiber
in den dicken, dunkeln, struppigen Bhmerwald, und schwuren Rache der allzu weit
vorgerckten Cultur, und suchten sich einen Ruberhauptmann. In den bhmischen
Wldern wurde es lebendig, herrliche, krftige Naturmenschen, deren freier Sinn
den Druck der Gesetze und den Zwang der Civilisation nicht zu erdulden vermocht,
paten jetzt dem reichen Kaufmann am Hohlweg auf, und schne Grafentchter
wurden als Ruberbrute von dannen geschleppt, und muten ebenfalls das
allgemeine Verderben des Culturzustandes miteinsehn und die Wirthschaft fhren
in den Mordhhlen, und der Verleger zog noch vor der Ostermesse eine zweite
Auflage davon ab. Willkommen, willkommen, Spiegelberg, in den bhmischen
Wldern! So la Dich doch zu Brei zusammendrcken, lieber Herzensbruder Moritz!
Ach, Moritz Spiegelberg! Naht ihr euch wieder, himmlische Gestalten? O, o,
edler, groer Schiller, auch Du hast Deinen Tribut an die bhmischen Wlder
abgetragen, und mit welchem Aufwand Deiner zgellos schumenden Jugendkraft! Als
wir wilden Jungen einmal Komdie spielten, gab ich, obwohl ich gar nicht dazu
pate, Deinen Karl Moor, und wute es Dir Dank, als ich deklamiren konnte, da
ich meinen Leib nicht pressen solle in eine Schnrbrust, noch meinen Willen
schnren in Gesetze, denn das Gesetz habe zum Schneckengang verdorben, was
Adlerflug geworden wre, und das Gesetz habe noch keinen groen Mann gebildet,
aber die Freiheit brte Kolosse und Extremitten aus! O ihr finstern Schatten
des unsichern Bhmerwaldes! Mit welchen Gedanken bin ich bei euch
vorbeigefahren, als ihr die schwermthigen Wipfel zu mir herberneigtet! Seht
da, Schiller! Auch bei ihm war es ein Ueberdru an dem geregelten
Civilisationszustande, der seine junge Naturkraft in die bhmischen Wlder
getrieben hatte, seinen Geist unter die Ruber. Aber des bermthigen Genies
Aufstand gegen die Formen der Cultur rchte sich bei Schiller bald in der
Reflexion, die seine umherschweifenden Krfte und Triebe gefangen nahm, und die
Reflexion strzte sich zuerst auf das Ideale, und was Karl Moor in den Wldern
und unter den Rubern gewesen war, wurde der Marquis Posa in der Welt der
Ideale, derselbe gesetzlose Schwrmer, nur nach den zwei verschiedenen Polen des
Lebens hin. Und spter, nachdem Schiller die bhmischen Wlder lange vergessen
hatte, blutete noch der Marquis Posa stark in ihm nach, und der Civilisation,
der er frher die frische Naturwildni keck gegenbergehalten hatte, widmete er
jetzt schne tiefe lyrische Klagen, wenn sie sich an den Idealen seines Herzwehs
nicht aufrichten wollte.
    Ist es nicht seltsam und abermals seltsam, da ein Trieb im Menschen fr die
Cultur kmpft, ein Trieb wider sie streitet? So jubelt der Ansiedler von
Massachusetts, wenn er die Axt und die Flamme an den finstern Urwald legt, um
ihn fr Wohnung und Acker zu lichten, und in demselben Augenblick, wo die alten
hohen Bume strzen und brennen, und die vielhundertjhrigen Dryaden seufzend
und schreiend entfliehn, fhrt auch ihm ein banger Schmerz ber die Seele, das
Auge wird ihm na, und er wei nicht, wird er sich zum Heil oder Unheil die
Wildni bebauen? Und wem geht es nicht so, da er sich aus dem hellglnzenden
Gesellschaftszimmer, wo die groe Civilisation alle Vortheile bequemen Genusses
und feiner Geselligkeit um einen Tisch gereiht hat, pltzlich in die entlegenste
Wste fortwnscht, und den uncultivirten Sohn der Sandsteppe beneidet, der unter
freiem Himmel sein Weib umarmt, und seinen Kindern einen jungen Bren zum
Spielkameraden mit nach Hause bringt, und sich mit seiner schnen kalten
Tischnachbarin nicht herumzuqulen braucht in einem trivialen geistreichen
Gesprch? Mich wenigstens beschleicht, bei all meiner soliden Liebe zur Cultur,
die mich an die Gesellschaft, an Menschen und an Bcher nur zu sehr fesselt,
doch oft eine unbndige Passion fr die Wildni, oder ich mache mir zum
Mindesten nichts daraus, da ich mich cultivire. Es mu schn sein, eine
Zeitlang unter einem uncivilisirten Volke zu leben, und wenn die Lapplnder nur
erst einen Buchhandel htten, um, was ich schreibe, drucken und mir bezahlen zu
knnen, so nhme man dort die nchste Sommersaison wahr, und schriebe in
lppischer Ruhe ber Staatsverfassung, Weltverbesserung und Zeitpolitik, denn im
Lappenthum herrscht die grte Freiheit der Presse, und weder ein Lappe noch ein
Lump hat etwas dagegen, wenn man auffallende Gedanken hat. Es kommt mir auch so
vor, als fingen manche Richtungen dieser Zeit bereits an, ins Lppische
auszuwandern, um nur harmlos fortleben zu knnen, und so genieen die deutschen
Schriftsteller, welche nothgedrungen das Schicksal ihres Schreibpapiers theilen
mssen, nur aus Lappen und Lumpen zu bestehn, statt aus krftigen und freien
Gedanken, bereits die oben angedeuteten Freuden der Nichtcivilisation. Diese
Freuden lassen sich noch in einem andern Sinne zu reellen Vortheilen verdoppeln.
Denn wie manche leidige Gewohnheiten und manche leidige Tugenden, mit denen die
Cultur uns wie mit einem steifen Sonntagsaufputz behngt, wrden wir uns wieder
wegcultiviren, wenn es nur erst Mode geworden wre, da die schne Welt, statt
in den Bdern, in irgend einer soliden Barbarei einige Sommermonate verlebte.
Zuerst wrden wir uns da die allzu groe Hflichkeit zu unserm wahren Nutzen
wieder abgewhnen. Denn wozu soll Hflichkeit gegen Barbaren? Wozu Complimente
und schne Redensarten gegen das Barbarische und mitten in der tiefsten
Barbarei? Traun, wir lieen uns allmlig darauf ein, dreist von der Leber
wegzusprechen, und bten nicht mehr um Verzeihung, wenn wir anderer Meinung
sind, als unser Herr Nachbar. Auch unsere ausschweifende Gutmthigkeit lieen
wir ber die Klinge springen, wenn unsere weichen Sitten sich durch etwas
erkleckliche Barbarei wieder gekrftigt htten. Frwahr, mssen wir uns nicht
oft schmen, da wir doch gar zu erstaunlich gutmthig sind? Manche finden den
Menschen von Natur bse, ich finde ihn zu gutmthig. Was ertragen, was dulden
wir nicht Alles, mit wem gehen wir nicht um, gegen wen sind wir nicht
freundlich? Diesen faden Schwtzer hren wir an, und machen ihm noch einen
verbindlichen Diener dazu, und jagten ihn doch gern aus dem Hause. Unter diesen
Menschen sitzen wir still, und lassen uns etwas vorsingen und vorerzhlen, und
sprechen traulich hin und her, und ab und zu, und mchten doch unser fremdes,
kaltes Herz, das nicht bei ihnen lebt, wie einen versteinernden Fluch
dazwischenwerfen in ihre gleinerischen Kreise. Aber wir thun es nicht, es
knnte einen Auflauf geben. Eine splendide Gutmthigkeit heit uns immer Frieden
halten mit der Unausstehlichkeit unserer Nchsten, und unsere Tugend gebietet
uns, der Langenweile die Hnde zu kssen. O Himmel, was gbe ich darum, wenn ich
manche Tage ein rechter Barbar sein knnte, ein unverantwortlicher Barbar! Meine
Vernunft sollte schon immer im Stillen verantwortlicher Minister meiner Barbarei
bleiben. Dann wrde ich erst recht aus Herzensgrunde und mit dem edelsten Feuer
fr die Civilisation zu arbeiten und zu schreiben im Stande sein!
    Aber folge nur, Gutmthiger, der Mode, und reise in die Bder! In die
bhmischen Bder. Hier schleppt die Civilisation ihren ganzen Unrath und ihre
ganze Eleganz zusammen, und kehrt an die Quellen der Natur zurck, um alle
mgliche Uebel der Gesellschafts-Cultur darin abzubaden. Die abgeglttete
Bildung geht in ein Steinbad, um anzufrischen den Lapidarstil des guten Tons.
Die Koketterie nimmt Schlangenbder, der Pietismus sucht sich ein Schwefelbad
aus als Symbol des Hllenpfuhles, und die Speculation steigt in die Judenbder.
Die Liederlichkeit lt sich ein Schlammbad bereiten. Die Blindheit des
Jahrhunderts wscht sich an der Augenquelle im Spitalgarten zu Teplitz, und die
Unterleibsbeschwerden der Zeit, die sich bei dem gelhmten Prinzip der Bewegung
keine Motion fr die Gesundheit machen drfen, trinken einen die Verdauung
befrdernden Mineralbrunnen. Wohl bekomm's! Wohl bekomm's! - -

                                    Madonna.


- In Teplitz wollte es mir anfangs nicht behagen. Gewisse Gesichter, die ich auf
den Straen und in den Stuben von Berlin zurckgelassen zu haben glaubte,
begegneten mir hier unerwartet auf allen Spaziergngen wieder. Ich glaubte, ich
sei behert mit Berliner Gesichtern, nahm einen Wagen und fuhr nach Dux, wo
Casanova gelebt und die Memoiren seiner weltberhmten Liederlichkeit
niedergeschrieben hatte.
    Dux ist eines der schnsten Schlsser im ganzen Bhmenlande, und sein
jetziger Besitzer, der Graf Franz Adam von Waldstein und Wartenberg, ist ein
sehr gebildeter und menschenfreundlicher Mann, der sich ein Vergngen daraus
macht, seine bedeutenden Sammlungen und Kunstschtze dem Fremden zu ffnen. Er
hat sich durch ein greres, lateinisch geschriebenes Werk ber die ungarischen
Pflanzen Verdienste um die Botanik erworben, und eine auf den Hhen der
Karpathen gedeihende Pflanze rhmt sich, nach ihm den Namen zu fhren
Waldsteinia. Was will man mehr auf dieser Erde? Einer Pflanze seinen Namen zu
geben, ist weit klger, als ihn auf Bcher zu setzen oder in Marmor und Erz zu
graben. Die Pflanze erneut Dein Gedchtni tausendfltig in allen folgenden
Jahren, aber die Kinder unserer Liebe, unsere Bcher, lassen uns doch am Ende
kinderlos sterben, und pflanzen unsere Namen nicht fort, weil sie vergehen.
Vergehen, vergehen, in alle Winde!
    Von den Sammlungen sah ich nichts nher an, als die altdeutschen Bilder und
Basreliefs, die in der That Merkwrdiges und Seltenes darbieten, und in der
reichhaltigen Bibliothek, in deren Khle ich mich von der drauen sengenden
Hitze erholte, ohne auch nur ein Buch aufzuschlagen, dachte ich wieder an
Casanova, der hier Bibliothekar gewesen war. Gern htte ich mit dem Grafen ein
Gesprch darber angefangen und seinen erlauchten Vorfahren gepriesen, da er
einem so genialen Manne eine Freisttte bei sich gewhrt fr seine letzten
Lebensjahre, aber, sonderbar genug, ich fhlte, da ich schon hoch errthete,
ehe ich nur den Namen Casanova ber die Lippen gebracht hatte. Seitdem mir eine
geistreiche Dame, deren Tugend ich fr so fest gehalten, da ich ihr die
wahrhaft genievollen Memoiren Casanovas in der Ausfhrlichkeit des Originals zu
lesen anempfahl, verchtlich den Rcken zugekehrt hatte, wurde ich immer roth,
wie eine Klosterjungfrau, die hinter dem Sprachgitter einen Mann erblickt, wenn
ich in Gesellschaft auf diesen groen Weltabenteurer zu sprechen komme.
    Um die Gedanken an Casanova loszuwerden, ging ich endlich in die Kirche, wo
ich gewi hoffen durfte, auf bessere zu gerathen. Ich sah ein schnes
Altarblatt, Mari Verkndigung darstellend, wenn ich mich recht besinne, von
Peter Brandel gemalt. Der zuvorkommende Kirchendiener wollte mir auch die
heilige Garderobe der kostbaren Megewnder zeigen, an denen diese Kirche durch
die Frmmigkeit ihrer grflichen Stifter vorzglich reich geworden ist, aber ich
gewahrte durch das Fenster zum Glck meinen Kutscher, den ich bestellt hatte,
nach Neu-Ossegg zu fahren.
    Ein erbrmlicher Weg, auf dem man jeden Augenblick die Rippen zu brechen
frchtet, fhrt ungefhr eine Stunde weit von Dux zu der am Fue des Strobnitz-
und Spitzenberges gelegenen schnen Cisterzienser-Abtei Ossegg, wo man bei den
freundlichen und unterrichteten Mnchen immer einer guten Aufnahme gewi ist.
Als ich die Kuppeln des herrlich gelegenen Klosters von fern erblickte, stiegen
wehmthige und doch gewaltige Gedanken in mir auf, und diese weltfreie
Einsamkeit und Abgeschiedenheit that so vertraulich mit meinem Herzen, als htte
ich sie lngst gekannt und gewnscht. Und doch war es noch lange nicht so weit
mit diesem Herzen gekommen, da ich zu ihm htte sagen knnen, wie Hamlet zu
seiner Ophelia: go to a nonery! Nein, geh' in kein Kloster, mein Herz! Und wenn
die Cisterzienser Dich bekehren wollen, so sage nur: Du bist ein Weltkind, und
kannst die strenge Regel nicht vertragen. Sage auch, Du machst Dir aus dem
heiligen Bernhard nichts, und in Deiner Zelle wird eine weltliche Heilige
verehrt, die Fleisch und Blut hat, und lachende Augen. Gott gr' Dich, schne
Cisterzienser-Abtei Ossegg! Du nimmst einen unruhigen Geist in Deinen
friedfertigen Mauern auf.
    Indem ich so in die Ferne starrte, drangen pltzlich seltsam murmelnde
Stimmen zu mir herber, die sich immer deutlicher nherten und starker wurden.
Halb Geheul, halb Gesang, aber in den miklingendsten Tnen, wlzte es sich ber
den Feldweg heran, und bald konnte man unterscheiden, da es eine Prozession
war, welche wahrscheinlich die Landleute aus dem Dorfe Ossegg an dem heutigen
Festtage veranstaltet hatten. Denn es fiel mir ein, es war heut ein
Madonnen-Fest, und Mari Heimsuchung wurde von der glubigen katholischen
Christenheit gefeiert. Jetzt war der fromme Zug zu uns herangekommen, Kinder,
junge Mdchen und Alte schritten, mit zerknirschter Stimme andchtige Lieder
absingend, in geordneten Reihen vorber, und ein Knabe trug die wehende Fahne
voran, auf der das Muttergottesbild in buntgemalten Kleidern prangte. Ohne es zu
wollen, mute ich den guten Leuten ein groes Aergerni bereiten, indem ich,
seit meiner Geburt an protestantische Sitten gewhnt, und auerdem von einem
andern berraschenden Anblick pltzlich gefesselt, es ganz auer Acht lie, da
ich schicklicherweise vor der Madonnenfahne den Hut htte abziehen mssen. Aber
ich kehrte mich nicht an die scheuen und grollenden Seitenblicke, die mir hier
und dort begegneten, da meine Augen unter diesen frommen Gestalten von einem
Gegenstand getroffen worden waren, der mich zu wundersam und bedeutsam berhrte.
Unter der wallfahrtenden Jugend, die der Jungfrau Maria lobsang, ging auch ein
junges Mdchen vorber, ganz verschieden von allen brigen, an Tracht, Gesicht,
Wuchs und Gestalt, an Sitte und Anstand. Sie gehrte offenbar ihrem Wesen nach
nicht in diese Reihen, von denen sie sich durch ihre ganze Art so auffallend
unterschied, und das Anziehende ihrer Erscheinung lag fr mich in jenem Etwas
des ganzen Menschen, das sich eben so wenig beschreiben lt, als der Duft der
Rose, oder der einem Jeden eigenthmliche Seelenzug im Auge. Ihr Gesicht gehrte
zu denen, mit denen man ein ganzes Leben beisammen sein mchte und knnte, oder
die man gleich beim ersten Begegnen schon Jahre lang gekannt und in sich
getragen zu haben meint; und es fehlte nicht viel, so htte ich, in Gedanken
vertieft, vor diesem Mdchen den Hut gezogen, den ich unhflich genug vor der
Madonna hatte sitzen lassen. Die Sterne haben ein gewisses Verhltni zu
einander, die Planeten suchen und finden sich auf ihren kreisenden Bahnen, und
drcken ihre groen Wahlverwandtschaften in Sonnensystemen aus. Der Stern sucht
den Stern seiner Liebe, und ein menschliches Gesicht ist kein minder glcklicher
Himmelskrper. Lache nur, Gustav! Ich glaube auch an ein groes Sonnensystem der
menschlichen Gesichter. Diese und jene gehren zusammen, und bilden, Blick an
Blick hngend, wie Stern an Stern, miteinander ein Sonnensystem, das, wie alle
Systeme, etwas Ausschlieendes hat. Denn Du merkst und weit gleich, ob dies
Gesicht, dem Du begegnest, Dir in Dein Sonnensystem gehrt, und gegen viele arme
Gesichter bist Du ein strenger Systematiker, und rufst und grest sie nicht,
wenn sie an Dir vorbergehen, und ihr schwingt euch niemals um eine Sonne. Eine
strenge Systematik der Neigung!
    Dies bhmische Mdchen mute mir wahrlich in mein Sonnensystem gehren, denn
ich konnte ihr nicht genug nachblicken und nachdenken. Da sie ein bhmisches
Mdchen war, verriethen die Augen und die Nase, zwei untrgliche Kennzeichen an
jeder Bhmin, und doch hatte sie wieder in ihrer Weise, sich zu tragen, etwas
Fremdartiges oder wenigstens Vornehmeres, als ihre brigen
Wallfahrtsgenossinnen. Sie hatte weder, wie man sonst oft an den Landmdchen
sieht, den Kopf ganz in das zu einer Kappe verschlungene Tuch eingehllt, noch
trug sie die eigenthmliche bhmische Kappenhaube, die sich von den ltesten
Zeiten her nationell auf die Tchter des Landes vererbt hat, und nicht selten
mit kostbaren Stickereien, Spitzenbestzen und den im Nacken flatternden
Bandschleifen einen stattlichen Schmuck der Schnen abgiebt. Meine
Systemverwandte hatte sich ein feines, weies, stdtisches Hubchen, das sie
einfach zierte, auf die braunen Locken gesetzt, und schaute daraus mit ihren
scharfen, dunkeln, sen, seltsamen Augen bedeutsam hervor. Sie sah bla aus,
sie schien nicht glcklich zu sein. Auch glaubte ich zu bemerken, da sie nicht
mitsang mit den Uebrigen, sondern schweigend in dem geruschvollen Zuge
fortging, dem sie gewissermaen nur nothgedrungen gefolgt zu sein schien. Hatte
sie ihrer Madonna gar nichts zu sagen und zu singen? Oder hatte sie ihr schon
tiefere Geheimnisse des Herzens zu beichten, die sich nicht so vor aller Welt
und auf offener Strae heraussingen lieen? Noch lange sah ich ihr nach, bis in
der Ferne der letzte Ton der andchtig kreischenden Stimmen verklang. War es die
jungfruliche Madonna selber gewesen, die in rhrender Mdchenschnheit unter
die Frommen des Landes herabgestiegen? - -
    Der alte silberhaarige Laienbruder, der mich durch das Kloster der
Cisterzienser geleitete, hatte nie einen glubigern Hrer und Schauer in den
geheiligten Rumen seiner Abtei umhergefhrt. Ich war in einer Stimmung, in der
ich ihm geradehin Alles glaubte, was er von Wundern der Heiligen wute, und
selbst die Wandgemlde in den Kreuzgngen sahen mich wie wahre Meisterstcke der
Malerkunst an. Einige dieser Bilder, Heiligengeschichten aller Art vorstellend,
berraschten mich in der That durch Ausdruck und Lieblichkeit der Composition;
sie schienen erst krzlich frisch aufgemalt zu sein, und die Namen ihrer ersten
Urheber waren vergessen worden.
    Die Stiftskirche selbst, so wie der Convent, sind auerordentlich schn und
prachtvoll, und bieten berall Anblicke der Kunst und Denkmler einer
sinnreichen Frmmigkeit dar. Nachdem frher Rudolph von Habsburg und spter die
Hussiten diese Abtei gnzlich zerstrt hatten, und sie darauf zwei Jahrhunderte
lang in Schutt und Trmmern niedergelegen, erhob endlich im siebzehnten der
Schutzpatron der Cisterzienser sein heiliges Haupt wieder, das er so lange,
wahrscheinlich in bekmmerten Gedanken ber die Reformation, hatte hngen
lassen. Er baute sich Stift und Convent wieder von Grund aus, herrlicher als
jemals, richtete die verlassenen Altre auf, zndete die Weihkerzen an und die
erloschen gewesene ewige Lampe, und streckte die hohe Kuppel gegen die Wolken
aus, um sich im Lande wieder umzuschaun. Was sah der heilige Bernhard? Er mute
wahrhaftig noch den Pulverdampf sehen und riechen knnen, der von der Schlacht
am weien Berge ber den Hhen des Bhmerlandes wirbelte, und diesen noch nicht
verzogenen Dampf roch der heilige Bernhard gern im Dunstkreise der Bhmen. So
wurde dies Kloster in seiner jetzigen Gestalt das schnste und prchtigste,
welches die Zeit nach der Reformation hat wieder erstehen sehen, und ich lasse
meinen Kopf darauf, es wre nicht wieder erbaut worden, wenn man nicht bei Prag
am weien Berge eine Schlacht geschlagen htte. Ich setzte mich in einen mit
geschnitztem Tfelwerk herrlich ausgelegten Chorstuhl auf den Platz eines der
guten Mnche, und sttzte meinen Kopf auf die gelben Bltter seines groen
lateinischen Gebetbuches, das aufgeschlagen auf seinem Pulte lag, und lie meine
Augen und Gedanken in der wunderschnen Kirche umherschweifen. Woran dachte ich?
Gott wei es. An den heiligen Bernhard, wie er den Pulverdampf von der Schlacht
beim weien Berge als eine den Glauben strkende Prise in die Nase zog? An die
Madonna, die mir gerade am Tage ihrer Heimsuchung in einer so glnzenden
Jungfrauengestalt am Wege begegnet war?
    Da fhlte ich, da mich der alte Laienbruder sacht auf die Schulter klopfte,
um mich ins Refectorium zu fhren. Ein Refectorium in einem Kloster hat von
jeher einen groen Reiz gehabt, und wenn es wahr ist, da Noth beten lehrt, so
mu es doch nicht minder wahr sein, da Beten einen gesunden Appetit verursacht.
Dies lt sich aus der Geschichte des Mnchthums aller Zeiten beweisen, und der
Speisesaal einer frommen Abtei hat daher gewissermaen ein psychologisches
Interesse. Man wird klarer ber den vielbesprochenen, dichten Zusammenhang von
Leib und Seele, wenn man sieht, wie leibliches und geistliches Bedrfni sich
hier die Schwesterhnde reichen, und in unserer abstracten Zeit, wo Einem
mitunter zu Muthe ist, als sei man schon aus der Haut gefahren, und schlottere
nur noch so mit den Knochen um seine ins Absolute eilende Seele herum, ich sage,
in dieser abstracten Zeit mu es wahrhaft wohlthuend und trstlich sein, einen
tchtigen Embonpoint in seiner vollen Glorie zu erblicken, und dabei denken zu
knnen oder zu mssen, da sich der Segen des Herrn hier einen sichtbaren Tempel
seines leibhaften Wohlgefallens geschaffen. Ich betrat deshalb mit einer
gewissen Ehrfurcht diese Halle, auf der noch die von dem heutigen Mittagsmahl
zurckgebliebenen Geister frommer Bratengerche weilten, und wie Ossian seinen
obwohl auf der Wolke sitzenden Vater Fingal doch deutlich an Wesen und Gestalt
erkannt, so glaubte auch ich noch aus der fliegenden Geruchswolke einen
verewigten Kapaun herauszuschmecken. Ich kmpfte die Anwandlungen einer zu stark
in mir rege werdenden Andacht gewaltsam zurck, und schritt neidisch an der
langen weigedeckten Speisetafel vorber, die, wenn ich recht gehrt, zu
sechsundfunfzig Gedecken eingerichtet war, denn so gro ist die Anzahl der
Mnche dieses Klosters. Eine kleine Betkanzel an der Wand fehlte natrlich
nicht, was mich aber besonders berraschte, war ein Billard, das im Hintergrunde
des Saales stand, und zur Bewegung und Unterhaltung der Cisterzienser-Mnche
diente. Offenbar ein moderner Fortschritt der klsterlichen Regel, doch sollte
es mich wundern, da es noch keine Heilige giebt, die Caroline heit, ob nicht
eine frmliche Heiligsprechung Carolinens nchstens zu gewrtigen?
    Beim Herausgehen schweifte mein Blick noch einmal ber die schne weie
Speisetafel, als ich zu meinem Erstaunen - man denke sich! - was gewahrte? Ein
Paquet Zeitungen lag hinter einem Brotkorb verborgen. Zeitungen! Zeitungen!
Zeitungen in einem Cisterzienser-Kloster! Welche Riesenprogresse der Cultur!
Welch ein rapides Umsichgreifen der Aufklrung! Unwillkrlich entfuhren mir
diese Ausrufungen, als ich mit der Hast eines Jgers, der ein Wildpret
geschossen, darauf zustrzte und zuerst an der Gazette de France anprallte. Sie
ist nicht meine Freundin, und ich schob sie mit einem behutsamen Compliment zur
Seite. Aber auch die Allgemeine Zeitung lag da, und da man auf der Reise oft
Wochenlang die Zeitungen versumt, so setzte ich mich an den Tisch, um ein wenig
darin zu blttern. Zugleich gefiel ich mir in der groartigen Idee, in einem
Kloster Politik zu treiben, und ich nahm mir vor, im nchsten Wirthshause
Phantasieen eines zeitungsliebenden Klosterbruders zu schreiben, in der die
Klster und die Politik einen gemeinschaftlichen Hieb von mir bekommen sollten.
Denn wahrhaftig, entweder mit den Klstern oder mit der Politik mu es weit
gekommen sein! Ist die Politik in unsern Tagen wirklich so bedeutend geworden,
da sich schon die Klster auf sie verlegen mssen, um ihre Existenz so auf
zeitgemerem Grunde fortzubauen, so hat auch die Politik bereits gesiegt, und
um der Klster Existenz ist es geschehen. Mu aber im Gegentheil die deutsche
Politik, wie es scheint, aus unglcklicher Liebe ins Kloster gehn, um sich von
der Welt, deren Licht sie kaum erblickt hat, schon wieder zurckzuziehn, so ist
dadurch die Nothwendigkeit einer Aufrechthaltung der Klster in heutigen Zeiten
bewiesen, und man setzt seiner unglcklichen Liebe die Kapuze auf, und heit sie
beten gehn. Die Staatsverfassungen nehmen den Schleier, und die
Volksreprsentation schreibt in einer Stiftsbibliothek alte Handschriften der
Klassiker ab. Der Geist der neuen Zeit bekennt sich zum Clibat und zeugt keine
Kinder. Die nationelle Oeffentlichkeit verkriecht sich in eine Nonnenzelle und
lt sich vor keinem Menschen sehen. Schade, schade um die schne Nonne! So
schn, so jung, eine Nonne! Dies Alles, und noch weit mehr, will ich, wenn im
nchsten Wirthshause keine Gensdarmen sind, in der Doppel-Phantasie eines
zeitungsliebenden Klosterbruders und eines klosterliebenden Zeitungsbruders
auseinandersetzen. -
    Aber nein! wer wird es glauben, wer htte das gedacht! Indem ich nur so mit
den Augen ber die Bltter der Allgemeinen Zeitung hinfahre, stoe ich gerade
auf den Artikel, welcher die Aufhebung der Klster in Portugal durch Dom Pedro
meldet! Seltsames Ohngefhr! Ungeheueres Schicksal! Und diese Bltter mssen
gerade hier liegen, auf dieser Stelle, in einem Cisterzienser-Refectorium, wo
ein Billard steht und Zeitungen gelesen werden! Und gerade in demselben
Augenblick, in dem ich mich selbst in einem der schnsten und angesehensten
Klster befinde! Dom Pedro! Dom Pedro! Hast Du mir diese schneidende Ironie zu
Gefallen gethan? -
    Ich sprang auf, drckte dem Laienbruder aus Barmherzigkeit noch einen
Zwanziger mehr in die Hand, als er sonst bekommen htte, wenn Dom Pedro die
Klster nicht aufgehoben, und verlie dann in der aufgeregtesten Stimmung das
Cisterzienser-Kloster Neu-Ossegg. -
    Ich ging in das Dorf hinein, um mir in irgend einer der Htten ein Glas
Milch zu meiner Erfrischung geben zu lassen. Die Gluth der Sonnenhitze hatte
sich mit dem nhernden Abend noch nicht gekhlt, und die stillen, unbewegten
Lfte trugen ordentlich schwer an dem heien Athem, mit dem sie gefllt waren.
Es war ein ngstlicher, und doch schner Tag. Der Vgel Lied irrte gedmpft oben
in den Wipfeln der Bume, und meine Brust hob sich wechselweise und fhlte sich
gepret. Aber die meisten Htten der Ossegger, an die ich mit dem Klpfel
schlug, wurden leider dem anklopfenden Wandrer nicht aufgethan, und ich
erinnerte mich an die Madonna-Wallfahrt, welche den grten Theil der
Bevlkerung hinausgelockt haben mochte. Die Madonna selbst war mir noch nicht
aus den Gedanken gekommen.
    Endlich fand ich gerade vor einer der ansehnlichsten Htten Gehr, und die
ffnende Magd belehrte mich, da ich in des Herrn Schulmeisters Haus getreten.
Ich verlangte ohne Weiteres diesen groen Gelehrten zu sprechen, da ich auch die
Dorfnotabilitten dieser Gegend nicht bergehen durfte.
    Er sa ganz im Winkel seines ziemlich freundlich aufgeschmckten Zimmers in
einem hochgepolsterten Lehnstuhl, ein groer, mrrischer, runzliger Alter, mit
einem bigotten grollenden Gesicht, wie man sie sonst nur tiefer in Bhmen hinein
anzutreffen pflegt. Die Fe waren ihm in Kissen verpackt, und es schien, da er
am Podagra heftige Schmerzen zu leiden hatte. Er hielt ein Amulet zwischen den
Hnden, wahrscheinlich eine sehr kostbare Reliquie, die er unaufhrlich zum
Munde fhrte und inbrnstig kte.
    Meine Begrung erwiederte er kaum, obwohl er sich ber mein Eintreten zu
wundern schien. Dann schlug er einige Male ein Kreuz gegen mich, und blickte
wieder starr vor sich hin, ohne im Mindesten auf mich zu achten, und kte
seinen in Gold gefaten Reliquienknochen.
    Ich glaubte nie ein steiferes und unempfindlicheres Gtzenbild auf
bhmischen Heerstraen gesehen zu haben. Ein Schauer wandelte mich an, und es
kam mir vor, als sei ich, ein Kind der Zeit, vor den alten Saturnus getreten, um
von ihm verschlungen zu werden. Denn Saturnus verschlingt noch immer seine
Kinder, und seine liberalsten wie seine legitimsten Shne schluckt er doch am
Ende alle in den groen Magen hinunter. Nur die Justemilieus sind ihm bislang
noch mitten in der Kehle stecken geblieben.
    Ich sagte endlich zu diesem bhmischen Saturn, ich sei ein friedfertiger
Stubengelehrter aus Berlin, und wollte mir die Ehre geben, einen Collegen in ihm
kennen zu lernen.
    Er sah mich gro an, rckte ein wenig an seinem Sammetkppchen, wies dann
auf seine eingewickelten Fe und kte wieder den Reliquienknochen. Er schien
sich mit dieser Geberde entschuldigen zu wollen, da er seines Podagras wegen
nicht aufstehen und mich bewillkommnen knne. Dies war doch schon eine
Annherung.
    Ich fragte, ob er vielleicht zufllig die Analecta Monasterii Ossecensis von
dem unsterblichen Schoettgenius, die in Dresden 1750 in Quarto herausgekommen,
besitze? Ich sei eben in diesem Kloster gewesen, und wnschte jetzt alle Klster
dieser Zeit aus ihren Quellen zu studiren.
    Er schttelte abwehrend und etwas murmelnd sein Haupt.
    So besitzen Sie vielleicht das werthvolle und seltene Buch von Czerwenka:
Splendor et gloria domus Waldsteinianae, das ebenfalls in Quarto zu Prag 1673
erschienen ist? Ich bin eben in Dur gewesen, und wnschte jetzt alle
Aristokratieen dieser Zeit aus ihren Quellen zu studiren.
    Er schttelte abermals sein graues, von Alter, Sorgen und Amtsverrichtungen
gebeugtes Haupt.
    So besitzen Sie vielleicht ein frisches Glas Milch, mein Herr, in Ihrem
Haushalt, um einem dankbaren Reisenden, den die Sonnenhitze ganz auer sich
gebracht hat, damit zu bewirthen?
    Da schlug er dreimal mit der Faust auf den neben ihm stehenden Tisch, da
Alles krachte und sogar die Fensterscheiben erzitterten. Ich begriff nicht,
wodurch ich seinen Zorn so erregt haben konnte.
    Es war dies aber nur ein, wie es schien, in seinem Staatshaushalt
gewhnliches Signal gewesen, das die Stelle einer Klingel ersetzte. Denn bald
auf dieses Zeichen trat die ziemlich hbsche Magd ins Zimmer, um die Befehle des
alten Schulregenten zu gewrtigen.
    Ein Glas Milch fr den Herrn! brummte er ihr zu, in einem Ton und mit einer
Stimme, die nicht gern gaben.
    Ich lie mich aber dadurch nicht irre machen, setzte mich in der ihm
gegenber befindlichen Ecke des Zimmers nieder, und nahm von der lchelnden Magd
die dargereichte Erquickung mit Dank und Lob an.
    Ich schlrfte die vortreffliche Milch und schwieg. Eine tiefe Stille
herrschte rings um uns her.
    Es ist recht schn in Dux! hrte ich es dann auf Einmal murmeln. Ich sah
mich erschrocken um. Wirklich, der Alte hatte es zu mir gesagt. Oho, am Ende
schwatzt er doch gern, und hat Lust, sich in ein ehrsames Gesprch mit mir
einzulassen.
    In Dux ist es recht schn! antwortete ich, und sah freundlich zu ihm
hinber.
    Er sah wieder freundlicher, als sonst, zu mir herber. Dann trat von neuem
eine Pause ein.
    Endlich schien er das Schweigen nicht lnger mehr aushalten zu knnen. Es
sind viele Merkwrdigkeiten in Dux! sagte er. Dabei kte er seinen
Reliquienknochen.
    Es ist sehr merkwrdig in Dux! entgegnete ich.
    Haben Sie denn auch auf dem zweiten Schlohofe das Bassin gesehen, welches
der erlauchte und hochberhmte Albrecht von Waldstein, Herzog zu Friedland, aus
eroberten schwedischen Kanonen hatte gieen lassen? fragte er, zu meinem
Erstaunen, weiter.
    Wahrhaftig, der Mann konnte reden. Er spricht jetzt ordentlich in
zusammenhngenden Stzen, fngt berhaupt an, liebenswrdig zu werden, und
beschmt mich, da ich ihn so sehr verkannt hatte.
    Ach, mein Herr, sagte ich, auf dem Schlosse Dux ist es mir ganz sonderbar
gegangen. Statt an den groen Herzog von Friedland zu denken, statt manche
andere historische Merkwrdigkeiten mit Andacht zu betrachten, statt in den
schnen englischen Park lustwandelnd mit meinen Gefhlen spazieren zu gehen,
dachte ich nur immer - stellen Sie sich vor! - ich konnte meine Gedanken gar
nicht davon abbringen - - ich dachte immer nur -
    Nun, ins Henkers Namen, woran dachten Sie denn? fuhr der heftige Alte
heraus.
    Ich dachte an - - Casanova! sagte ich kleinlaut.
    Casanova? fragte er verwundert, und war wieder gleichgltig geworden. Ich
kenne ihn nicht.
    Wie? rief ich lebhaft aus, und sah ernst zu ihm hinber, Sie kennen den
berhmten Jean Jacques Casanova de Seingalt nicht!
    War er ein guter Katholik? fragte er.
    Ja, mittelbar. Sein Katholicismus war der Weltgenu; eine groartige
Leidenschaft fr das Leben war seine Religion und seine alleinseeligmachende
Kirche, und wurde ihm dazu. Religis in Weltliebe, weise im Leichtsinn,
philosophisch in der Frivolitt, frivol aus Philosophie, ein Wrfelspieler mit
den Formen des Lebens, ein Eingeweihter in die Tiefen des Daseins, ein
Abenteurer und ein Denker, in der Wollust und in der Wissenschaft gleich gelehrt
und grndlich das ist die Devise, welche ich unter das Bild dieses Jean-Jacques
setzen mchte, der ohne Zweifel die merkwrdigste Figur des geselligen Lebens
seines Jahrhunderts war.
    Der Alte kte stillschweigend seinen Reliquienknochen.
    Man knnte Jean Jacques Casanova den umgekehrten Jean Jacques Rousseau
nennen, fuhr ich fort, und zugleich beide Extreme in diesen Naturen sich wieder
berhren sehn. Rousseau, ein geistiger Wollstling, durchschwelgte mit dem
feinsten Nerventher seiner Seele das ganze Reich der Schnheit, das auf den
Hhen menschlicher Trume und Ideale blht, und an der Schwelgerei des Geistes
nahmen unvermerkt auch seine Sinne lebendigen Antheil. Er strzte sich in das
hohe Meer einer mchtig wogenden Geistigkeit, und blieb mit sophistischem
Lcheln auf einer grnen Insel der Sinnlichkeit sitzen. Casanova, ein krftiger
Sohn derber Wirklichkeit, wollte nur die schnen, reichen Formen der Welt
genieen, und des Krperlebens vollschwellende Reize sahen ihn schon frh mit
trunkenen Augen begehrlich an. Mit Keckheit und Grazie griff er nach Allem, was
ihn lockte, in der Nhe und in der Ferne; er trank sich satt und bersatt an den
weien Brsten der Sinnlichkeit, und unvermerkt nahm an der Schwungkraft der
Sinne auch sein Geist lebendigen Antheil. Er hatte mit den starken Fhlhrnern
seiner Sinne ausgegriffen nach allen Blthenstellen der sichtbaren Welt, und war
mit tiefsinnigem Erstaunen in einem Wunderblumenkelch geistiger Reflexion sitzen
geblieben. Er hatte sich an das Sichtbare weggeworfen, und im Unsichtbaren
wiedergefunden. Er fing an zu denken, zu philosophiren. Die Weltsnden wurden
Gedankenstoff. Der Weltmensch war transcendent geworden. Beide Jean-Jacques
schlugen nach den entgegengesetzten Polen ihres Wesens um, und doch, welcher
Kenner der menschlichen Natur wird zweifeln, da diese Antipolaritt eine
Verwandtschaftlichkeit, mithin eine Berhrung der Extreme ist!
    Der Alte hatte schon wieder seinen Reliquienknochen gekt. Er sagte, da er
mich durchaus nicht verstehe. Ich sollte ihm einige nhere Umstnde ber den
Mann angeben.
    Da er mich durchaus nicht verstand, so konnte ich mich wohl, ohne zu
errthen, noch lnger mit ihm ber Casanova unterhalten.
    Dieser auerordentliche Mann, fuhr ich fort, ist mein vielfltiges Studium,
meine Bewunderung und mein Nachdenken gewesen. Eine verdchtige Prderie unseres
Zeitalters hat mit moralisirender Wegwerfung von seinen Memoiren gesprochen, und
die Polizei ist der Prderie zu Hlfe gekommen, und hat in diesem und jenem
deutschen Staat das merkwrdigste aller Bcher verboten. Ein hherer Standpunkt
der Betrachtung bleibt dem Unbefangenen noch immer nicht benommen. In seinen
Lebensbekenntnissen ist nichts Absichtliches, nichts auf Wirkung, Beifall oder
Gunst Berechnetes; sie sind ihren hauptschlichsten Bestandtheilen nach aus
lauter krniger Wirklichkeit einfach zusammengesetzt. Casanova schien sie kaum
selbst fr den Druck bestimmt zu haben, und durch einen Zufall geriethen sie,
viele Jahre nach seinem Tode, in die Hnde eines deutschen Buchhndlers, der das
franzsisch geschriebene Manuscript fr einen Spottpreis erkaufte, und nachher
Tausende damit gewonnen hat. Sie brechen gegen das Ende fragmentarisch ab, und
den Mittheilungen des geistreichen Frsten von Ligne danken wir den Aufschlu
ber des Venetianers sptere Lebensverhltnisse. Sind jedoch seine Memoiren nur
zur Unterhaltung erfunden, erlogen, so bleibt Casanova als Erfinder und Lgner,
und als nach dem Leben treffender Charakterzeichner seiner Zeit und seiner
Zeitgenossen, noch immer einer der grten Schriftsteller, die je erfunden und
gelogen haben. Sind aber seine Memoiren, was ich glaube, wahr (das heit: in dem
durch Goethe bekannt gewordenen Sinne selbstbiographischer Wahrheit und
Dichtung), sind sie wahr, und hat der wunderbare Mensch alles dies wahrhaftig
erlebt, was er mit seiner bezaubernden Feder wie aus raschen Erinnerungen
glnzend hinwirft, so ist er der grte Weltmann, den das moderne Zeitalter hat
geboren werden sehn! Etwas Auerordentliches bleibt immer an ihm.
    Der Alte schlug hier wieder dreimal mit der Faust auf den Tisch, so da ich,
obgleich an dieses Zeichen schon gewhnt, erschrocken innehielt. Er befahl aber
nur, mir von neuem ein Glas Milch vorzusetzen, wahrscheinlich damit meiner
Apologie die Kehle nicht trocken werden mchte. Mit grerer Aufmerksamkeit zu
ihm hingewandt, fuhr ich fort, mich auszusprechen.
    Den grten Weltmann neuerer Zeiten habe ich ihn genannt, und mchte ihn
zugleich einen Ritter nennen. Einen Ritter des Weltlebens, einen Ritter und
einen Sieger. In einer unchevaleresken Zeit, in einer trgen brgerlichen Epoche
seines Jahrhunderts, war er der Mann der Avantre, der auf dem Schauplatz des
ganzen civilisirten und uncivilisirten Europa mit der siegenden Macht der
Persnlichkeit erschien, berall sogleich der Mittelpunkt der interessantesten
Beziehungen wurde, als Held des Tages sich der Meinungen und der Gemther
bemchtigte, und die Rolle, die er bernommen, jedesmal auf eine ritterliche
Weise zu Ende brachte. Die Blthe der Mannhaftigkeit, die mit krftigen
Siegerarmen jedes Genusses ungestraft sich versichert, ging zu einer sonnigen
Gestalt in ihm auf. Lebensmuth, Eitelkeit, Leidenschaft und Wibegierde waren
die windschnellen Rosse, die ihn schnaubend und mit verhngten Zgeln durch die
ganze Welt von dannen trugen, ohne da er mitten im Rasen und Strmen jemals die
edle Haltung des Reiters verloren htte. So ist er mir immer wie eine in der
Klarheit des Weltmanns ausgeshnte Mischung von Don Juan und Faust vorgekommen!
Die Kritiker haben in neuerer Zeit viel von der Verwandtschaftlichkeit beider
Mythen gesprochen, whrend ich dabei immer an Casanova gedacht, der als der
Weltmann beider Richtungen dasteht, und mit der Klugheit und Sicherheit eines
solchen dieser Polaritt, die ihn hin und her zieht, Herr wird, ohne, wie Don
Juan und Faust, mit einer tragischen Zerstrung seiner Natur zu endigen. Ich
habe schon frher angedeutet, wie der Weltmensch in Casanova transcendent wird;
und wo die transcendente Hhe der Don Juan-Mythe anhebt, auf der sie mit
Geisterflgeln in die andere Sphre des Daseins hinberschlgt, brauche ich
nicht erst auseinanderzusetzen. Wie aber Jean Jacques Rousseau damit endigt,
womit Jean Jacques Casanova angefangen hat, so greift auch die Mythe von Faust
mit einer schneidenden Zuckung in den Don Juan hinber, und ber den dunkeln
Tiefen des Geistes, aus denen der Sehnsuchtsschmerz einer ganzen Menschheit
heraufklagt, tummeln sich mit Carnevalsleichtsinn die lachenden Sinne. Casanova
aber war eine feste Gestalt der Welt, eine auf dem Grunde seiner Zeit sich
ausprgende Figur, ein Mann der Wirklichkeit. Er war zu sehr ein Mann klarer und
scharfer Wirklichkeit, als da er an jene geheimnivollen mythisch-diabolischen
Elemente des Daseins jemals htte verfallen knnen. Er lebte den Don Juan von
ganzem Herzen aus sich heraus, aber er war zu klug und gewandt, zu krftig und
geistig vornehm, um damit zugleich das Gut seiner Seele an den Teufel zu
verschleudern. Er besa Ironie genug, um sich ber den Teufel zu stellen, den er
in einem fortwhrenden Respect gegen sich erhielt. Die Weltsnden wurden ihm
Gedankenstoff, wie ich gesagt habe. Aber dieser Gedankenstoff trieb ihn in die
philosophische Speculation, in die Metaphysik und Mystik, die Chemie und
Alchemie, und zuletzt sogar in die Kabbala hinein, wovon einige seiner
Schriften, die er noch selbst hatte drucken lassen, hinlngliche Proben abgeben.
Und so ward auf der andern Seite seines Don Juan in ihm der Faust mchtig. Doch
dieser Mythus hatte wieder nicht tief genug in seinem Herzen geblutet, um ihn
verzweifeln zu lassen. Auch der Faust konnte ihn nicht an den Teufel
berliefern. Der Mann der Wirklichkeit war wieder zu klug und zu stark, um sich
die Kabbala ber den Kopf wachsen zu lassen, und das Stckchen Voltairescher
Atheismus, mit dem sich sein Witz zuweilen Bewegung machte, und mit dem er es im
Grunde nie ernstlich gemeint, vermochte ihn vollends nicht um seine Seeligkeit
zu bringen, weil Casanova am Ende doch noch witziger war, als Voltaire. Aber wie
Faust in die Tiefen des Weltgeistes hineingestrebt hatte, wie er liebesbrnstig
nach Vereinigung und Einheit mit demselben gerungen, so kann man von Casanova
sagen, da er, gleich einem indischen Gott, der sich in tausendfache Formen der
Weltmaterie verwandelt, so alle nur mglichen Gestaltungen und Wandlungen der
ueren Weltformen an sich erlebt und mit denselben eins gewesen ist. Kaum ein
Stand, ein Weltverhltni, eine Beziehung der menschlichen Gesellschaft, worin
man nicht Casanova eine Zeitlang heimisch und angesessen erblickt. In seiner
Jugend war er Rechtsgelehrter gewesen, hatte ber Testamente geschrieben, und,
obwohl der Sohn einer umherabenteuernden Schauspielerin, in den vornehmsten
Gesellschaften und bei den schnsten Damen Venedigs Glck gemacht. Dann fing er
auf Einmal an zu predigen, bahnte sich Aussichten zu den hheren geistlichen
Wrden, machte dumme Streiche, und wurde Soldat. Hierauf abwechselnd Militair,
Glcksritter, Spieler, Gelehrter, Musiker, Wunderdoctor, diplomatischer Agent,
Freund und Gesellschafter der ausgezeichnetsten und berhmtesten Personen seiner
Zeit, lebte und handelte er in diesen Eigenschaften bald in Deutschland, bald in
Frankreich, bald in Konstantinopel, bald in Paris, bald in Rom, bald in
Petersburg, in Riga und in der Schweiz, in Warschau und in Neapel, in Madrid und
London, und sollte in Berlin sogar zum Director der Kadetten-Anstalt gemacht
werden, was er nicht einmal annahm. Wo er wollte, sehen wir ihn in der
glnzendsten Gesellschaft sich bewegen, mit den merkwrdigsten Mnnern auf
vertrautem Fue umgehn, die sachkundigsten Gesprche fhren; und wo er nicht
wollte, ist er nicht minder interessant, wenn er der spanischen
Schuhmachertochter in die Messe nachschleicht, oder wenn es ihm auf Einmal
einfllt, in Venedig als armer Violinspieler zu leben und in nachdenklicher
Einsamkeit seine Geige zu streichen. Dann gefiel er sich wieder in
philologischen Beschftigungen, bersetzte die Iliade des Homer in italienische
Stanzen, trieb Politik und Geschichte, war Alterthumsforscher, und vertauschte
die Reize junger Frauen mit den Reizen alter Bcher. Seine Belesenheit war
unglaublich, und er hatte mindestens eben so viel Bcher aller Sprachen gelesen,
als Mdchen aller Nationen geliebt, und wie er sich fr die Schnheiten des
weiblichen Geschlechts eine eigene mhsame Geschmackslehre, gebildet, so hatte
er auch in der Aesthetik selbst manche neue Entdeckung gemacht, und z.B. in
seiner Uebersetzung des Erebillon'schen Radamist zuerst den franzsischen
Alexandriner in die italienische Sprache eingefhrt. Er besa ein ungeheueres
Gedchtni, und wute die meisten Dichter seiner Nation auswendig; er war ein
groer Mathematiker und stellte tiefsinnige Calcls der hhern Analyse an. Mit
den Waffen in der Hand geschickt, auf dem Kampfplatz und in Ehrensachen muthig
und unerschrocken, dort Mars und hier Adonis an den Toilettentischen der Damen,
im Ballsaal graziser Tnzer, im Laboratorium erfahrener Chemiker, auf der
Landstrae Ehrenretter bedrngter Frauenzimmer, im Walde Schatzgrber, am
Schmelztiegel Goldmacher, in den magischen Kreisen der Kabbala Eingeweihter, an
der Pharaobank ein unberwindlicher Feldherr, wer zweifelt noch, da in ihm das
perpetuum mobile der menschlichen Physik gefunden worden sei? Am meisten aber
ist an ihm dies zu bewundern, da er sich selbst nie zum Ekel geworden. Doch die
Strke seines Geistes, die Frische seiner Organe, die Dauer seines Charakters im
Wechsel der Formen, das krftige Selbstbewutsein bei aller scheinbaren
Selbstverlorenheit, hielten in ihm eine immer glckliche Harmonie des Daseins
aufrecht. Denn nachdem er auf dem Schlosse Dux bei dem Grafen von Waldstein, der
Casanovas Goldmacherwissenschaft zu benutzen gedachte, endlich einen erwnschten
Ausruhepunkt seiner Irrfahrten gefunden, dachte er an sein vergangenes Leben
nicht mit Reue zurck, sondern mit Liebe und ernsthafter Betrachtung. Er bereute
sein Leben nicht, sondern er schrieb es auf, wie er es gelebt hatte, und malte
einen romantischen Sumpf, und lie oben die Sterne darber leuchten. In ernster
Beschftigung mit den Wissenschaften wurde er alt, und starb, von ihm kann man
wohl sagen: lebenssatt, erst zu Anfang dieses Jahrhunderts. Den Achtzigern nahe,
hatte er ein biblisches Alter erreicht und einen glnzenden Beweis fr die
epikurische Behauptung geliefert, da Lebensgenu das Leben erweitert und
strkt, statt es abzuschwchen. Der fleiige Meusel hat seine Schriften
verzeichnet. - - -
    Ich hielt hier inne, und sah mich nach meinem Zuhrer um. Er sa noch immer
mit den eingewickelten Fen, und seinem Reliquienknochen, da, und schien mir
mit verwunderlicher Aufmerksamkeit gefolgt zu sein. Ich wartete erst ein wenig,
ob er nicht etwas sagen wrde, und stand dann auf, um mich zu empfehlen. Es war
unterde Abend geworden, dmmernde Schatten fielen in des Schulmeisters kleines
Zimmer, und drauen im Thal mute der Sonnenuntergang Khle gebracht haben. Ich
machte also meinem versteinert dasitzenden Saturn einen Diener, bedauerte ihn
seines Podagras wegen, das er fr sein Theil gewi nicht einem zu starken
Lebens- und Weltgenu schuldete, und griff dann nach der Thr. Nun winkte er mir
mit der Hand, zu bleiben, und sagte, ich mchte ihm doch das Alles ein wenig
aufschreiben, wovon ich so viel geredet. Es schien ihn also doch interessirt zu
haben.
    Da ffnete sich hinter meinem Rcken die Thr, deren Klinke ich noch in der
Hand hielt. Guten Abend, Vater! sagte eine schne helltnende Mdchenstimme. Es
war mir, als mte ich diese Stimme schon irgendwo gehrt haben, ich blickte
mich berrascht um. Aber seltsam, nicht den Klang dieser Stimme hatte ich schon
vernommen, wohl aber das liebliche blasse Gesicht des Mdchens schon gesehn, dem
sie angehrte. Kein Wunder aber, da man den Gegenstand, der uns erst durch das
Auge lieb und bedeutsam geworden, auch in sich gehrt zu haben und durch das
Gehr wiederzuerkennen glaubt. Denn man denke sich: es war meine Madonna!
    Ich trat mit einem unwillkrlichen Ausdruck des Erstaunens einige Schritte
zurck. Und aus der Bewegung, die sie machte, als sie meiner ansichtig wurde,
schien mir ebenfalls hervorzugehen, da ich ihr bekannt sei.
    Also sie die Tochter dieses alten Saturns? Madonna ein Kind der Zeit! Und
sie war keine Heilige, die nur am heutigen Feiertage zur Belohnung der Frommen
sich auf diese Erde niedergeschwungen? Diese wunderbaren trunkenen Augen
gehrten einer fhlenden Sterblichen an? Und dieses feine, von Geist und
Empfindung berschattete Antlitz, diese sinnende weie Stirn, die mit tieferem
Leid und Lust menschlichen Seelenlebens vertraut schien, diese zartbewegten
Glieder der jungfrulichen Gestalt sollten in einer niedrigen Schulmeisterhtte
ihre Heimath haben?
    Unmglich! Ich sage, unmglich! Sie begrte mich mit einem so sichern,
weltgebildeten Anstand, sie war, obwohl sie schchtern den Kopf senkte, wie ein
trauerndes Blumenglckchen, doch so wenig verlegen, da ich es ihr gegenber
fast zu sein schien. Sie nthigte mir Ehrfurcht ab, sie war gewohnt, gehuldigt
zu werden.
    Der alte Vater war sehr unfreundlich gegen sie. Du bist lange ausgeblieben,
Maria! schalt er in seinem brummenden Ton.
    Maria! nannte er sie. Ich wurde immer verwirrter in meiner erhitzten
Einbildungskraft. Madonna! Maria! Und wie hnlich sah sie der von Rafael
gemalten Madonna del Giardino, wenn man die Augen abnimmt. Rafael hatte schne
heilige Augen jener Madonna gegeben, die Augen dieser Maria waren weltlich.
Weltlich, welttrunken, weltgro. Wahrhaftig, ich wute es nicht, welchen Augen
der Vorzug gegeben werden msse.
    Und nun stelle man sich vor, da ich durch Casanova so sehr in die Gunst des
Alten gekommen war! Er lud mich nmlich ein, bei ihm zum Abendbrot zu bleiben.
Am Fest von Mari Heimsuchung sollte ich ein frugales christlich katholisches
Abendbrot, wie er sich ausdrckte, bei ihm nicht verschmhen. Maria wurde von
ihm ausgescholten, da sie nicht schon Licht angezndet, da es dunkel sei. Sie
entfernte sich, mehr gegen mich als gegen den Vater um Entschuldigung bittend,
mit einer anmuthigen Bewegung aus dem Zimmer.
    Ich sa wieder bei ihm allein, und wute nicht, was ich sagen sollte. Ihn zu
fragen, ob er wirklich diese herrliche Tochter gezeugt, hatte ich nicht den
Muth. Von etwas anderem, als von ihr zu sprechen, hatte ich nicht die Lust.
    Er bat nur immer, mit ihm vorlieb zu nehmen.
    Bald erschien sie wieder, mit einem Licht in der Hand, und beleuchtete sich
selbst einen Augenblick lang in den lieblichsten Reflexen. Nun traf sie lchelnd
Anstalt, den kleinen Tisch zu unserer Abendmahlzeit zu decken. Sie besorgte
Alles selbst, und wute sich mit dem Kleinsten eine zierliche Beschftigung zu
machen. Ich fand den beneidenswerth, dem auf diese Weise der Hausstand gefhrt
wrde, und begriff nicht, wie man in der bestndigen Nhe einer so
wunderthtigen Erscheinung, deren warmes Incarnat gewi mehr Heilkraft in sich
haben mute, als ein ganzer Reliquienknochen, am Podagra leiden konnte.
    Jetzt war Alles bereit. Der Tisch wurde vor den Alten, der sich nicht von
seinem Platze bewegte, hingeschoben, und Maria und ich nahmen jeder zu beiden
Seiten von ihm Platz. Vorher sprach sie jedoch stehend das Abendgebet, und mit
einem Ton der Stimme, der mich mehr als Alles befremdete, was ich bisher in
diesem Hause wahrgenommen. Es ist wahr, das Gebet bestand aus den hergebrachten
berlieferten Floskeln, und Maria, man sah und hrte es ihr an, konnte schner
beten aus ihrem eigenen Herzen heraus. Daher lag im zitternden Ausdruck ihrer
Worte, whrend sie sprach, bald etwas schneidend Wehmthiges, bald etwas erhaben
von innen her sich Aufschwingendes. Ihre schwankende Stimme klagte bald, bald
zrnte sie ber ihren eigenen Text, bald gewann sie wieder Flgel von der
geheimsten Seele her, und bat rhrend und lieblich zu ihrem Gott aufwrts, da
er doch nur Alles mge gut sein lassen. Dann wurde die betende Stimme wieder
rauh, sie schien zu grollen ber ein allzu eisernes Mdchenschicksal, und
erstarb endlich leise und wie vor sich selbst erschrocken in einem halb
verschwiegenen Seufzer. In dieser Bewegung, welche das Mdchen so pltzlich
ergriffen, war sie ganz roth geworden, und der schne Busen arbeitete mit den
heftigsten Schlgen auf und nieder. Als sie geendet, warf sie einen scharfen,
sphenden Blick, den ich wohl zu verstehen glaubte, auf den Vater hin, der aber
ruhig mit gefalteten Hnden dem gewhnlichen Sinn des Textes gefolgt war. Lange
dauerte es jedoch, ehe sie, mir gegenbersitzend, die vorige Freiheit ihres
Wesens wiedergewann. Nur schienen wir, da ich ihr verstehend in die Augen
blickte, von diesem Moment an, ohne es uns gesagt zu haben, vertrauter,
bekannter.
    Das Abendessen war wirklich ein christlich katholisches. Eine vortreffliche
Mehlspeise, wie man sie nur in katholischen Lndern zubereitet findet, wrde
jedem Andern, als mir, vorzglich behagt haben. Ich aber konnte meine Augen und
Gedanken nicht von dem auffallenden Wesen dieses Mdchens abbringen. Wir
schienen alle mit etwas Anderem beschftigt, als mit dem gegenwrtigen
Augenblick, und das Gesprch schlich wie eine stockende Stubenuhr, welche der
eilenden Stunde ihre schwerflligen Gewichte an die Ferse hngt. Nur einzelne
Blitze fuhren oft lebhaft zwischen uns auf. Und hierin war gerade Maria stark,
da sie, unter unsern abgerissenen Bemerkungen, Einzelnes unabsichtlich
hinzuwerfen wute, was in einen tieferen Zusammenhang ihres Geistes
hineinblicken lie. Sie steckte kleine Feuerzeichen der Laune auf und deutete
damit die Gluth einer ganzen Seele an. Sie streute einen zuflligen Witz aus,
und verrieth daran eine sorgfltige Bildung. Nur war sie nicht in der Lage, sich
ganz gehen lassen zu knnen. Es drckte etwas in dieser Atmosphre auf sie, das
die freie Entfaltung ihres eignesten Wesens niederhielt. Und der gute Alte, was
that er? Warum sprach er kein Wort? Dachte er noch immer verwundersam nach ber
Casanova? Seine Sprosser, die drauen vor den Fenstern in ihren Kfigen hingen,
begannen schon gewaltig in das Nachtdunkel hinein zu schlagen. Auf diese machte
er uns endlich aufmerksam, und wir horchten beide still, und dachten nicht an
die Sprosser.
    Mir fing an Manches klar zu werden, und ich glaubte mir dies Verhltni
zwischen Vater und Tochter nach und nach zu entrthseln. Sie hatte unter andern
schnern Umstnden ihre ber diese Htte hinausgehende Erziehung genossen, und
war jetzt, wer kann wissen durch welche Wendung ihres jungen Geschicks, an die
Pflege des alten, mrrischen und ihr vllig fremden Vaters gefesselt. Was frher
gttlich frei gewesen, auserkoren fr das heitere Glck gebildeter Umgebungen,
hatte wieder unter das niedrige Dach sorgenvoller Beschrnkung heimkehren
mssen. Was sich ausgedehnt hatte in Lust und Liebe, in zarten reinlichen Formen
des Daseins, in Glorie gottgeflliger Frauenschnheit, war wieder unter harte
Bande der Nothdurft gelegt, an die kalte, freudlose Alltglichkeit, ohne Genu
und ohne Blthen, geschmiedet worden. Ich verstand es, ich verstand es! Nicht
zum ersten Mal begegnet mir solch ein Leben, dem die Blthen und die Sterne
genommen sind. Ja, es gibt viele Wesen, die ganz ohne Sterne leben mssen. Ein
Leben ohne Sterne, ohne Duft, ohne Grn, ohne Laub, ohne Flu in der Nhe, ohne
Abendgold in der Ferne. Alles wird ihnen abgeschnitten; es rauscht nichts um sie
her, es spiegelt sich nichts bei ihnen; kein Strauch wirft ihnen ein
Myrtenblttchen ins Haar. Und gerade weibliche Naturen sind es am hufigsten,
welche man an ein solches Leben ohne Sterne verbannt findet, sie, denen sonst
die Seele dazu gegeben ist, immer einen Himmel in sich frei zu haben. Aber das
husliche Leben engt sich ber ihnen zusammen, die stillen Wnde des
Familienzimmers drcken nieder auf ihre Brust. Eine fromme Pflicht bindet sie an
eine abgeschiedene Alltglichkeit, Pflegerinnen am Sorgenstuhl der
menschenfeindlichen Alten, Wrterinnen in der verhllten, verdunkelten
Krankenstube, versumen sie jedesmal die Stunde, wann drauen ein Frhling
aufbricht, und der goldene Mdchenmuthwille lt allmlig die Vogelschwinge
sinken. Sie wehren sich kaum, weil sie immer noch heimlich hoffen, denn des
Weibes Geduld ist deshalb so stark, weil sie einen so groen Schatz an Hoffnung
im Busen nhrt. Dann, in spielender Wehmuth, binden sie wohl dem fortflatternden
Schmetterling ihrer Jugend heimlich ein rothes Fdchen unter die Flgel, als
Symbol ihrer verborgen gebliebenen Lieblingswnsche, und meinen, ihn daran
wiederzuerkennen, wenn er einmal wieder zu ihnen heimfliegen sollte, in irgend
einem Sptsommer besserer Zeiten. Nun stehen sie einmal an einem schnen Tage
frh auf, sie haben das kmmerliche Leben ganzer Wochen und Monate vergessen,
drauen lockt der Schmelz des Morgens zu neuen Freuden des Daseins, alte Trume
werfen sich ihnen jubelnd ans Herz, sie begreifen nicht, warum sie nicht
glcklich sein sollten. Und sie ffnen das Fenster, und stehen lange, und der
Schmetterling fliegt ihnen nicht heim ins Fenster, und das rothe Fdchen ist
nirgend zu sehn. Und sie treten vor den Spiegel, und eine abgeblhte Gestalt
blickt ihnen entgegen, die sie sonst nicht gekannt haben, und eine bleiche Wange
sagt ihnen, da sie alt geworden sind vor der Zeit. Sie knnten noch jung sein,
wenn sie gelebt htten. Aber sie haben nicht gelebt, sie haben nicht leben und
nicht lieben drfen, denn die alte Tante war tglich und stndlich krank, und
nur ein Vertrocknungsproze unfruchtbarer Jahre ist an ihren holden Knospen
vorbergegangen. Nun lassen sich Einige von innen her sterben, Andere trstet
die Religion und das Andachtsbuch. -
    Ich wei nicht, es mute etwas Melancholisches in der ganzen Atmosphre
dieser Stube liegen, denn ich sah in meinen Gedanken schon das holdseelige
Geschpf, welches mir gegenber sa, hinwelken an diesem Dorfhttenleben, an
diesem freudlosen, sie nicht verstehenden Vater, an dieser Einsamkeit und
Verlorenheit eines verkmmerten Daseins. Aber sie war noch so blutjung, und so
blutwarm in diesen ersten raschen Pulsen der Jugend, da ihre Hoffnungen gar
nicht gezhlt, ihre Zukunft nicht gemessen werden konnte. Ich sprang auf, und
rief, mich selbst vergessend: Ein Madonnengesicht verbleicht nicht so bald!
    Sie war ebenfalls aufgestanden, und ich glaubte sie ber meine Worte lcheln
zu sehn, und doch schimmerte zugleich etwas wie eine Thrne in ihrem Auge. Dann
zeigte sie, als ich wieder nher zu ihr trat, auf den Vater, der, es war seine
gewhnliche Zeit, in dem Lehnsessel eingeschlafen lag. Sie winkte mir mit der
Hand Stille zu, und traf, mit Hlfe der herbeigerufenen Magd, Anstalt, den Alten
in sein Schlafkabinet zu bringen.
    Dann trat sie wieder heraus, sichtlich erheitert und erleichtert. Sie schien
freier, leichtbewegter, ja ihre Gestalt schien mir grer und gehobener
geworden. Sie trat vor mich hin, als wenn sie mir etwas sagen wollte, doch sie
schwieg wieder, und wiegte das Haupt mit stillem Sinnen.
    Ich forderte sie auf, einen Spaziergang in den Garten zu machen. Der
aufgegangene Mond schimmerte hell ber den Bumen und Gestruchen, die Nacht war
frisch, anmuthig und verschwiegen.
    Sie willigte ohne Zgern ein, zutraulich hing sie ihren Arm in den meinigen.
Sie war nicht zaghaft, sie besa einen selbststndigen Muth, den Jeder geehrt
haben wrde. Aber sie war so hei, da sie das verhllende Umschlagetuch wieder
abnahm und zurcklie. -

                             Madonna del Giardino.



                                Maria im Garten.

Im Garten waren die schnsten Puncte, von denen aus man die ganze Gegend in der
Mondbeleuchtung htte berschauen knnen. Hier malerische Berghhen, mit
Schlssern, Ruinen, Seen, Drfern, dort hinten kahle Basaltfelsen, die
sogenannten Borschen, welche die abenteuerlichen Hupter zu uns herbersteckten.
Aber wir waren, indem ich sie durch die von den Mondscheinflocken berflogenen
Gnge hinfhrte, mit ganz abweichenden Gesprchen beschftigt.
    Was werden Sie von mir denken, bemerkte sie lchelnd, da ich mich nicht
frchte, um diese nchtliche Stunde spazieren zu gehn?
    Vom hohen Nachthimmel steigen die Heiligen zu uns herunter, sagte ich. Die
schtzen uns vor allem Bsen. Vertrauen, Andacht, Begeisterung,
Mittheilungslust, erwachen in der heimlichen Stille der Nacht. Das sind die
Heiligen, die ich meine. Unter ihren Fittigen lt sich ein gutes Gesprch
fhren. Sie glauben doch an die Heiligen?
    Ich bin eine Katholikin, erwiederte sie.
    Und heute ist ein Madonnenfest, fugte ich hinzu. Der heiligen Maria danke
ich Ihre Bekanntschaft. Wer sollte heut nicht an die Heiligen glauben? Ich bin
fortan der Maria dienstbeflissenster Anbeter.
    Und lieen doch vor ihrem geweihten Fahnenbilde den Hut sitzen, mein Herr!
sagte Maria, ablenkend, mit ernsthaftem Nachdruck.
    Diese Snde meiner Zerstreuung war gro genug, erwiederte ich, und doch zu
entschuldigen. Ging denn nicht unter den Wallfahrtenden ein wunderbares
Madonnengesicht mit, das ich fr das einzig chte halten zu mssen glaubte? Das
auf der Fahne gemalte sah nur wie eine wahnsinnige Kammerjungfer zu ihr aus. Ich
gerieth also mit meinem Gru in Verwirrung, da ich berhaupt noch ein Laie im
Heiligendienst bin.
    Ein Sptter sind Sie, mein Herr! sagte sie, und verwischte doch ein
verstohlenes Lcheln mit dem Schnupftuch.
    Dies Madonnengesicht, fuhr ich fort, mute mich um so mehr in Verwirrung
setzen, da es, feierlich still, wie der Heiligen Art zu sein pflegt, an dem
lauten Treiben der brigen Frommen kaum einen Antheil verrieth. In sich selber
Gttliches sinnend, schritt das herrliche, glnzende Bild an mir vorber, und
lie dem Staunenden ein unruhiges Herzklopfen zuruck, das nun immer nachfragt,
wer und was diese Erscheinung gewesen. Warum sang Madonna nur nicht mit? Gewi
hat sie doch eine schne Stimme? Oder ist sie eine aufgeklrte Heilige, welche
die Prozessionen nicht mehr liebt?
    Sie stand still, und sah mich mit bittenden, innigen, ausdrucksvollen Augen
an. Eine innere Bewegung der Seele schien ber sie gekommen. Ihre Wange hatte
sich hochroth gefrbt, in ihren Blicken schimmerte es wehmuthig, und doch
spiegelte sich darin zugleich etwas wie kecker Trotz. Dann sagte sie,
weitergehend, und ihren Arm fester auf den meinigen druckend: Spotten Sie nicht
auf Kosten der Heiligen eine arme Irdische aus! Ach, wenn Sie wten, was mir
diese Heiligen schon fr Thrnen gekostet haben, und wie sehr ich hier fr
unheilig gelte. Ja, ja, ich bin ein gottloses Mdchen in einem frommen Lande,
und - bei einem frommen Vater! setzte sie kaum horbar hinzu.
    Dann lchelte sie halb, halb htte sie weinen mgen. Ihre Stimme schwankte
und klagte wieder, wie vorher beim Tischgebet, gleich einer Trauerblume im
Abendwinde. Ich befragte sie, meine ungeduldige Theilnahme nicht lnger
zuruckhaltend, um ihre Lebensgeschichte, und was diese in der Frhe der Jugend
fr schwere Schicksale auf ein so schnes Haupt gelegt.
    Meine Biographie ist ein Meisterstck schneidender Krze, sagte sie. Ein
groer Schriftsteller wrde sie in einen einzigen ironischen Satz
zusammendrngen knnen. In den Aesthetiken wurde man sie als Beispiel brauchen,
wie aus den einfachsten Gegenstzen ein tragischer Witz entsteht. In den
Sprachlehren wrde sie als Redefigur dienen, wie Schmucklosigkeit und Armuth an
zierenden Beiwrtern oft die schrfsten Wirkungen hervorbringen. Ich aber bin
ein armes, ungebildetes, der Darstellungsgabe nicht mchtiges Mdchen. Ich wurde
vielleicht Jahre lang darber plaudern, wenn mein weitschweifiges Leid erst zu
erzhlen anfinge. Nein, nein, lassen Sie mich schweigen ber mich, mein
unbekannter Freund! Sehen Sie mich fr ein bizarres Abenteuer Ihrer Reise an.
Ihre Freunde zu Hause werden es zweideutig nennen, wenn Sie ihnen knftig davon
erzhlen. Lachen Sie knftig selbst einmal von Herzen ber das taktlose
Dorfmdchen, das sich einem Fremden zu nchtlichem Spaziergang an den Arm hngt,
und das sich Ihrem Gesprch aufdrngt, weil es mit seinen nchsten, fahlen
Umgebungen das ganze Jahr ber kein Wort zu sprechen wei.
    Sie lie bei diesen Worten, die sie mit leidenschaftlicher Hast ausgestoen,
meinen Arm fahren, eilte einige Schritte von mir fort, und streckte sich, mit
lautem Schluchzen ihr Haupt verhllend, auf eine Bank nieder, die unter einem
Hollundergebsch am Wege stand. Ich folgte ihr, setzte mich zu ihr, und ergriff
des seltsamen Mdchens Hand, ihr trstliche Worte zuzusprechen versuchend. Sie
lie ihre warmen, zitternden Finger lange in den meinigen, duldete, da ich sie
drckte und an die Lippen fhrte, und nachdem sie wie in sich selbst verloren
dagesessen, richtete sie, mit einer zuckenden Bewegung, sich wieder empor, und
fuhr sich, wie besinnend, mit der Hand ber die Stirn.
    Ich verderbe Ihnen die schne Nacht, sagte sie, sich die Augen trocknend.
Sie sind vielleicht zu sanfteren Empfindungen aufgelegt, und ich werfe meinen
wilden Trbsinn ungeschickt zwischen Ihre Mondscheintrume. O, ich verlerne in
dieser Verlassenheit hier alle Weltsitte, allen besseren Ton des Umgangs! Es mag
unausstehlich sein, mit mir umzugehn. Nicht wahr, mein Herr?
    So sagte sie schneidend, und ich hatte nicht viel Mhe, ihr bemerklich zu
machen, wie wenig ich an dem Mondschein und an meinen Trumen verloren. Und da
solche Leidenschaft ihres Schmerzes mir dennoch kein Rthsel sei, wurde ihr
ebenfalls ans Herz gelegt.
    Nun, so will ich Ihnen denn auch zur Abwechselung etwas Lustiges von mir
erzhlen, begann sie wieder mit erhhter Stimme. Nicht mein Leben, nein, nicht
mein armes, junges, kurzes Leben! Sie sollen lachen, Freund, sie sollen lachen!
Denken Sie, mein guter Vater hat mir ein Pensum aufgegeben, weil ich so
unwissend und gottlos bin. In dieser ganzen Woche habe ich nichts weiter thun
drfen, als die Namen und Beschftigungen aller Heiligen in der gesammten
katholischen Christenheit auswendig zu lernen. Heut Abend, nachdem ich zu
unserer heiligen Mutter Gottes gewallfahrtet, sollte ich darin examinirt werden,
und Ihr Besuch, Ihre Gegenwart, mein Herr, hat meine strenge Prfung
wahrscheinlich nur bis auf den morgenden Tag verschoben.
    Ihr fruherer Ernst klrte sich dabei allmlig zu einer Heiterkeit auf, und
ich mute wirklich lachen, soviel Piquirtes und Wehmuthiges auch noch darin lag.
Ich suchte sie damit zu trsten, da es in einer vielwissenden Zeit gar nicht
darauf ankomme, wenn man auch noch die Heiligen alle in sein Gedchtni
schliee, denn, nach der Lehre der speculativen Philosophie lgen Wissen und
Glauben himmelweit auseinander, und sie brauche deshalb noch nicht an die
Heiligen zu glauben, wenn sie auch sie auswendig wisse. Ich selbst hatte, da man
so vielerlei treibt, wohl auch in den alten Heiligengeschichten fruher Manches
gelesen, und schlug ihr vor, da wir ein vorbereitendes Examinatorium
gemeinschaftlich anstellen wollten.
    Die heilige Ottilia behutet die Augen, begann ich, und sah ihr dabei tief in
die Gluth der ihrigen hinein, vor deren Feuer es in der That der Hut einer
Heiligen bedurfte.
    Der heilige Florian waltet im Feuer, sagte sie, ernsthaft einfallend, als
htte es wirklich noch eines Schutzpatrons gegen das von ihr ausstrahlende Feuer
nthig.
    Die heilige Katharina beschtzt die Mhlen der Menschen, fuhr ich fort,
damit ihr inneres Rderwerk, gewissermaen ihr Herz, nicht in Brand gerth, wenn
es in zu heftigen Schlgen um seine Achse getrieben wird.
    Die heilige Ccilia schenkt uns die Musik, fiel sie sanft und feierlich ein,
als lge ihr daran, das pochende Rderwerk, von dem ich gesprochen, in eine
Concertharmonie bereinstimmender Tne zu bringen.
    Der heilige Antonius hilft das Verlorene suchen, sagte ich weiter, um sie
daran zu erinnern, da sich ihres Lebens verlorenes Glck noch immer durch einen
Schutzpatron wiederfinden lassen werde. Hier erwiederte sie lebhaft den Druck
meiner Hand.
    Dann nachdenklich an den Fingern zhlend, fiel sie wieder ein: Die heilige
Agatha behtet den weiblichen Busen, damit er sich nicht einnehmen lt von den
trglichen Worten der Schmeichler und falschen Freunde. Hier rckte sie weit von
mir ab, an die andere Ecke der Bank, und wandte ihr Gesicht seitwrts.
    Der heilige Rochus ist gut gegen die Pest, rief ich ihr mit dem strksten
Balaut meiner Stimme nach. Er mu angerufen werden, wenn die Pest des
Mitrauens sich in die Gemther schleicht.
    Die heilige Apollonia strkt und schrft die Zhne! sagte sie, mit einer
kecken Wendung wieder nher rckend, als frchte sie sich gar nicht vor mir,
denn da die natrlichen Waffen ihres Geschlechts ihr gut gerathen waren, zeigte
die glnzende Perlenreihe ihres Mundes an, als sie ihn jetzt zum lauten Lachen
ffnete.
    Der heilige Uldaricus verjagt die Muse, sagte ich, wenn sie mit ihren
weien Zhnchen gefhrlich zu werden ansangen.
    Der heilige Nepomuk weist einem den Weg ber Straen und Brcken, erwiederte
sie. Man ruft ihn an, wenn man seiner losen Reden wegen fort und davon gejagt
wird.
    Der heilige Wendelin behutet die Lmmer, entgegnete ich. Das unschuldige
Lamm, das verfolgt wird, geht bei ihn klagen.
    Der heilige Christoph bewacht das Geld, sagte sie. Er wird angerufen in
zweifelhaften Fllen, wo man falsche Mnze von der chten nicht unterscheiden
kann.
    Und nun hatte ich wahrhaftig keinen einzigen Heiligen mehr in meinem
Gedchtni, mit dem ich ihr auf ihre letzte Bemerkung htte dienen knnen, und
ich mute ihr in unserm Heiligen-Duett schon diese triumphirende Schlucadenz
lassen. Es war aber merkwrdig, sie zu sehen, wie mit ihrer schmerzlichen
Stimmung, mit der sie noch vor Kurzem gekmpft, so schnell der holdeste
Muthwille hatte wechseln knnen. So bricht durch die bittersten Thrnen der
Jugend oft rasch ein unverwstlicher Reichthum an Frohsinn wieder aus.
    Sie sehen, im Heiligendienst bleiben Sie hinter mir zurck! nahm sie wieder
das Wort. Mein guter Vater - bei dessen Erwhnung zuckte sie immer unwillkrlich
- wird sich morgen einmal freuen ber seine sonst so ungerathene Tochter. Aber
was werden Sie sagen, da ich auch die Reliquien alle, welche Kaiser Karl IV.
auf seinem Schlosse Carlstein besessen, habe auswendig lernen mssen mit meinem
widerspenstigen Gedchtni!
    Da bedauerte ich sie. Denn damit war ich freilich nie geplagt worden. Ich
hatte zwar von dem Reliquien-Schlosse gehrt, das dieser fromme und in so vieler
Hinsicht hochverdienstliche Kaiser und Bhmenknig eigens zur Aufbewahrung
seines Heiligen-Museums erbauen lassen, aber meine Kunde von seinen Sammlungen
hatte sich bisher nur auf den Fetzen aus der gyptischen Finsterni beschrnkt,
den er wirklich in Carlstein aufbewahrt haben soll.
    Sie nahm eine gelehrte Miene an, und sagte mit einem komischen Seufzer: Das
genaue Verzeichni dieser weltberhmten Reliquien-Sammlung befindet sich hinter
der bhmischen Chronik (Kronyka czeska) des Wenceslaus Hagek a Liboczan, einem,
allen Heiligen sei es geklagt, gerade hundert Pfund schweren Folianten, aus dem
es sich diese armen Augen haben auflesen mssen, vielleicht gar zur Strafe, da
sie frher in so viele Romane geblickt. Lassen Sie mich von den Achseln, Zhnen,
Kinnbacken, kleinen Fingern und groen Zehen, Hemden, Schuhsohlen,
Strumpfzwickeln und Brustlatzen aller der Mrtyrer, Apostel und Patrone
schweigen. Ich schaudere vor mir selbst ber diese ganze Glieder-Anatomie, die
ich davon in meinem unschuldigen Kopfe beherbergen mu, und Nachts habe ich
unruhige Trume, und nichts als Knochen und Skelette der Heiligen hre ich
rasseln in meiner gengstigten Phantasie. Denken Sie, neulich erschien mir die
abgezogene Haut St. Matthi, des Apostels, die sich ebenfalls auf Carlstein
befunden, und daher auch in meinem Gedchtni lebt, im Schlaf, und drohte mir,
da auch mir noch in meinen jungen Jahren nchstens die Haut abgezogen werden
solle, wenn ich mich nicht zu einer besseren Christin bekehrte, und meine
leichtsinnigen Hoffnungen, die ich auf die bunten Freuden dieser Welt gesetzt,
fahren liee. Doch ich will Ihnen lieber von den Heiligthmern unserer Jungfrau
Maria erzhlen, von denen das Verzeichni in der That seltene und rhrende
Schtze auffhrt. In der naiven Sprache dieses Chroniken-Registers heit es
folgendermaen: In einem silbernen vergldeten Ldlein ist der wehrden
Jungfrawen Schlayers ein Stck; im selben Kstlein ist noch ein Stck vom
Schlayer, darinnen die Mutter des Herrn unterm Kreutze gestanden, als ihr
liebster Sohn daran geheftet gewesen, aus dessen heylichsten Leichnamb drei
Blutstropfen auff ihren Kopff gefallen, und sind auff diesen Schlayer, bi auff
Dato, so schn, als wann es diese Stunde geschehen; allda ist auch ein Stck
Wachs aus der Kertzen, so bei ihrem Tode gebrandt. - - Aber ich darf Ihre
unglubigen Ohren, mein Herr, wohl nicht mit solchen Aufzhlungen ermden. Doch
mu ich Ihnen sagen, da Sie vorher meine Andacht zur Madonna in Zweifel gezogen,
da mein Herz, wie andere Gedanken es auch oft haben mag, doch am meisten mit
Liebe und Hingebung an ihr mildes Bild sich hngt. Soll denn gar nichts
Katholisches an einem bhmischen Mdchen sein? Nein, nein, die Madonna schenkt
mir sanfte Trume, wenn ich zu ihr gebetet habe. Und an ihren Schleier mit den
drei Blutstropfen drcke ich alle Abend, so oft ich weinend schlafen gehe, in
Gedanken die nassen Augen, und dies groe Symbol beglckt auch mich armes
Mdchen, und kann mich sogar vershnen mit den brigen Abgeschmacktheiten, zu
denen frommer Unverstand mich zwingt. Und nun still, still! Ich vergesse, da
Sie Protestant sind, da Sie protestiren werden auch gegen mein Fnkchen
katholische Andacht! Nun, sein Sie nur Protestant, sein Sie Protestant! Wie oft,
wie oft habe ich in meinem stillen Kmmerlein ausgerufen: O knnte auch ich es
sein! -
    Das leidenschaftliche Mdchen war bei diesen Worten wieder ganz ernst
geworden, und in mir knpften sich die weitgehendsten Gedanken an. Unterde
vernderte sich um uns und ber uns die Scene. Hinter dunkel aufgethrmten
Wolken ging der Mond unter, es wurde finster, strmisch, die Nachtwinde bliesen
stark, und wetterleuchtende Blitze spalteten von Zeit zu Zeit mit feurigen
Schweifen den mitternchtlichen Horizont. War es zur Strafe unserer Snden?
Sollten mit dem Zorn des Wetters die Frevel unseres Gesprchs ber die Heiligen
gercht werden? Wir hatten ja nur Selbstbekenntnisse gethan. Sinnend und
schweigend sahen wir beide eine Zeitlang in die dster wogende Nacht hinein.
Maria schmiegte sich enger an mich, sie sagte, sie liebe den Sturm, wenn er zu
ihren betrbten Gedanken Musik mache. Sie knne noch nicht ins Haus zurckgehn,
in ihr Gefngni, ihren Sorgenkfig. Sie wollte, der groe Nachthimmel wlbe
sich einmal zu einem Sarg ber ihr zusammen, dann mchte sie gern darin ruhn und
nichts mehr wnschen, aber nur nicht lebendig begraben sein hinter den
Breterwnden ihrer Stube. Ihr habe Gott ein rastloses Herz gegeben, frei zu
sein. Ich mchte sie nehmen, wie sie sei, in all ihrer Rthselhaftigkeit, und
ihr etwas sprechen und erzhlen zur Fortscheuchung der bangen Stunden dieser
Nacht.
    Ich erwiederte, ich htte ihr viel zu sagen. Und die gelegene Stunde dazu
sei da. Ganze Reihen an Betrachtungen seien durch die Heiligen und die Madonna
ber mich gekommen, und der Mitternacht und ihr wolle ich gern davon
vorphilosophiren. Die Mitternacht mache ein ernstes Gesicht dazu, und Sie wecke
die Begeisterung auf mit ihren Augensternen. Der Madonnenschleier mit den drei
schnen heiligen Blutstropfen hnge drben am Saum der trauernden Nacht, und
flattere hoch in den klagenden Winden, und strecke sich wallend aus ber die
weite, seufzende Erde, und winke uns Ehrfurcht zu vor den Bildern, an welche der
Menschen Herz sich hngt. Und die Erde trume um uns her, und die Trume gingen
irrend auf und nieder durch die Lfte, und die bsen Geister zitterten in den
Grsern, und ein groer Drang in der Brust brenne nach Wahrheit. Und die
Wahrheit gehe einen Kampf ein mit den Bildern, und der Madonnenschleier
zerreie, und die Blutstropfen verblichen vor dem hellen Morgenstrahl, und die
aufgegangene Sonne winke uns Ehrfurcht zu vor der Wahrheit, an welche der
Menschen Vernunft sich hngt. Hiervon la uns ausgehen, Maria!
    Sie drckte mir schweigend die Hand, sie deutete auf ihr schlagendes Herz,
das an diese Dinge in qulender Unruhe schon so oft seinen Frieden verloren.
    Der Engel Gabriel klopfte an die Thr einer Jungfrau, die hie Maria! fuhr
ich fort. Er war von Gott gesandt, und sie war die holdseeligste und seste im
ganzen Lande, und wenn man ihre Schnheit leuchten sah an ihren Gliedern, mute
man fhlen, da Gott mit ihr sei. Und der Engel sprach zu ihr: Der heilige,
Geist wird ber Dich kommen, und die Kraft des Hchsten wird Dich berschatten.
Darum auch das Heilige, das von Dir geboren wird, wird Gottes Sohn genannt
werden! Da erschrak die Jungfrau, denn sie wute noch von keinem Manne, aber
sie glaubte, und bald verstand sie. Ihre Seele erhob den Herrn, der weibliche
Stolz regte sich, und wie ein beglcktes Weib sich freut, so freute sie sich,
da sie von nun an seelig gepriesen sein wrde von allen Kindeskindern. Lieblich
lchelte sie bei den Ahnungen einer groen Zukunft, und wie eine kaum
herangewachsene Braut, die den Welternst ihres lteren Geliebten noch nicht
begreift, kindlich tndelt mit dem scharfen Schlachtschwert an seiner Seite, so
lag das ernste Geheimni einer unendlichen Weltumwandlung spielend an der
Jungfrau Busen, und sie hegte es mit mdchenhafter Zrtlichkeit, wie eine
Maienknospe. In der stillen Ueberschattung des Hchsten hatte sie den Gott in
sich empfangen, und sie hatte mit einem Kinderku an der Ueberschattung sich
satt gesogen. Sie war Jungfrau geblieben, denn das Wort hatte sie befruchtet,
und das Wort war es gewesen, das Fleisch wurde aus unberhrtem Schoo der
Jungfrau. Denn aus jungfrulicher Blthe mute der Gott einer neuen Weldordnung
sich aufrichten, er, der ein reines, neues und jungfruliches Zeitalter des
Geschlechts auf die Erde brachte. So ruhte Gottes Unschuld an sen
Mdchenbrsten, und trank von der unbefleckten Magd die Milch des irdischen
Lebens, aus der er Mensch wurde. Um des Menschen Sohn zu fein, hatte er sich aus
dem Schoo des Weibes gewunden, und sich an ihren Busen gelegt, aber das Weib
hatte an der Ueberschattung Gottes gehangen, und das Wort war zeugend in die
unbewute Unschuld gedrungen, und darum wurde das Heilige, das von ihr geboren
worden, Gottes Sohn genannt. Die jungfruliche Unbewutheit, in die das
Bewutfein Gottes gestiegen war, hatte den Gottmenschen geboren, denn das
menschliche Bewutfein, das nur der Begriff seiner selbst ist, aber nicht der
Begriff Gottes, htte keinen christlichen Gott sich erzeugen knnen. Darum war
es eine Unbewute, eine Jungfrau, eine unmittelbare Offenbarung, aus welcher
Gott hervortrat in die Thler der Erde. Durch diesen Gedanken der nothwendigen
Unbewutheit habe ich mir die Nothwendigkeit der Virginitt, der
Jungfrulichkeit und der unbefleckten Empfngni der Madonna bewiesen. Durch das
menschliche Bewutsein waren die heidnischen Gtter gezeugt worden, aber in
Jupiter und Apoll war eben nur menschliches Bewutsein, und ihre Altre strzten
zusammen, und der Olymp des menschlichen Bewutseins fiel. Die Welt wurde
finster, und war ohne Gott. Sie philosophirte, sie speculirte, sie baute
Systeme, sie grndete Geheimlehren, aber kein Gott und kein Glck schien hinein.
Da regte es sich im Schoo einer Unbewuten, einer Jungfrau. Die hie Maria, und
hatte von der ganzen Welt noch nichts gewut. Sie war schn und lieblich am
frhen Morgen ihres Lebens, aber sie wute von nichts. Sie war wie eine Blume
auf dem Felde, die nach dem Licht sich aufrichtet, aber nicht wei, warum? In
ihrem Stdtchen hatte man nie etwas von Philosophie gehrt, und ihre Nachbarn
lebten und starben mit der Stunde. Aber mit den Unbewuten ist Gott, denn er
freut sich an ihrer Frische. Er giet keinen neuen Most in einen alten Schlauch,
sondern er schafft sich einen neuen. Das alte Weltbewutsein war in tausend
unseelige Trummer auseinandergegangen, und siehe, an die unbewute Unschuld
knpft sich die neue Weltordnung an. Die Unbewute, die Jungfrau, trgt unter
ihrem reinen Herzen den Erlser. Die Unbewute, die Jungfrau, wird von der Kraft
des Hchsten berschattet. So werden spter unter den Vlkern nur die neuen,
unbewuten, jungfrulichen Germanen auserkoren, um die erlsende Lehre des
menschlich gebornen Gottes in der Weltgeschichte siegreich zu machen. Alles wird
auf einen reinen und neuen Stamm gepfropft. Die Jungfrulichkeit ist die hchste
Macht aller Weltentwickelung, das erste Gesetz in der Geschichte. - -
    Maria bat fortzufahren, und legte in der Aufmerksamkeit des Zuhrens ihren
Arm vertraulich ber die Schulter des Redenden. Ringsumher begnstigte die
wieder ruhig gewordene Nacht den Gedanken.
    Die Madonna stand weinend am Kreuze, und auf ihren Schleier sprtzten die
Blutstropfen des Sohnes. Er aber sprach zu ihr: Siehe, Weib, das ist Dein Sohn!
Und von dieser Stunde an ging die Mutter mit dem Sohne in die Weltgeschichte
ber. Die Menschen wollten Bilder haben, denn ihnen wird bange vor dem reinen
Geist. Sie wollten schne Bilder hineinstellen in ihr kahles Dasein, und erhoben
die Madonna in aller Glorie der Verherrlichung auf den Purpurthron ihrer
Andacht. Die Jungfrau grndete den Olymp der christlichen Mythologie. Es war
rhrend, an sie zu denken, und wessen Herz ri es nicht hin, wenn die
jungfruliche Mutter der Christenheit vor ihn trat in seine Anschauung. Eine
Mutter, eine Jungfrau, die zwei Blthenpuncte des Menschlichen! Und sie
schenkten ihr schne Kleider, von Gold und Silber schwer, und hingen schimmernde
Juwelen um ihren Lilienhals, und wer den kostbarsten Diamant hatte, steckte ihn
opfernd an der Madonna Busen. Es wurde durch sie die geistige Erhabenheit der
neuen Religion nher hinangerckt an die alte Freundlichkeit der menschlichen
Gewohnheit. Und so wurde der Madonnendienst wichtig in frhen Jahrhunderten.
Wessen Seele in das Unsichtbare nicht hineingriff, der betete das Sichtbare an
in der milden Gestalt einer Jungfrau, und war doch gewi, da diese Gestalt
zusammenhing mit dem unsichtbaren Geiste. Maria wurde die Vermittlerin, sie
wurde die Frbitterin am Kreuze. Gott war die Wahrheit, und die Madonna war das
Bild. Das Bild schien sanft wie der Abendstern in die Augen der Frommen, und die
Wahrheit schnitt wie eine scharfe Sonne in den Grund der tiefsten Tiefen hinein.
Es war die mythische Zeit des Christenthums, und die Frommen klammerten sich an
das Bild, und wandten sich an die Sanftmuth des Abendsterns. In der Jungfrau
knpfte sich wieder das Unbewute in stillen schonenden Uebergngen an das
gttliche Bewutsein an. Das Bild zeigte mit seiner vielverheienden Miene auf
die Wahrheit hin. Die Glorie der Jungfrau predigte von der Menschlichkeit des
Gottes. Alles nahm sich heimlicher und traulicher aus fr die Frommen, und die
Gewalt des offenbarten Geistes, die hinter diesen Zeichen wogte, konnte sie
nicht mehr blenden. Zum Ueberflu wurde der christliche Olymp nun bald noch
vollstndiger besetzt, damit der Geist, der auf Erden erschienen war, von der
Schrfe der Geistigkeit verliere und in die Milderung der Bilder getaucht werde.
So reihten sich die Heiligen und die Mrtyrer in langen Schaaren um den
Purpurthron der Madonna. Sie wurden so sehr zu mythologischen Figuren, da sie,
gleich den Gttern der antiken Welt, Begriffe bezeichneten, in den Naturkrften
walteten, und als Schutzpatrone besonderer Lebensverrichtungen gedacht waren.
Jene Heiligen, welche die Augen, Ohren, Nasen, Brste, die Felder und Huser,
die Grten und Wiesen behteten, waren nichts mehr, als die Dryade, die im
Wachsthum des Baumes seufzt, oder Priapus, der die natrliche Fruchtbarkeit
frdert. Nun vervielfltigten sich durch diese Halbgtter die Bilder. Und die
Knste kamen, von dem reichen Stoff gelockt, und bemchtigten sich mit
Begeisterung ihrer Gegenstnde. Die Knste stehen zwischen dem Bild und der
Wahrheit in der Mitte. Sie sind die herber und hinbergehende Sehnsucht
zwischen beiden, und zugleich eine cht menschliche Befriedigung dieser
Sehnsucht. Sie bilden eine naive Harmonie der Unbewutheit und der Bewutheit in
ihren groen Erfindungen aus. Der Geist lt sich voll Liebe gehen in diesen
schnen Formen, er offenbart sich in diesen Farben, und sein Unsichtbares geht
fhlbar hindurch durch diese Lichter und Schatten. Aber er ist nicht der Geist
als solcher, sondern er spricht aus der bunten milden Form zu Dir. Und die
Formen schwellen, sie dehnen und runden sich, und Engelshnde scheinen all diese
Lieblichkeit gebaut zu haben. Aber es ist nicht die Lust der Form, sondern die
Form hat sich an Gott berauscht, und ist in ihm seelig geworden. Die Malerei
wurde die christlichste unter den Knsten, und die erste Kunst des
Christenthums, weil sie diese Aufgabe ihrer Zeit am grosinnigsten lste. Rafael
sah die Modonna in seinem Geist, und vertiefte sich in ihre Bedeutung, und malte
sie, wie noch Keiner sie gedacht hatte. Rafael war der Erste, der den
Katholizismus zu idealisiren begann. In seinen Bildern ist katholische Andacht,
Glanz und Mystik, aber protestantische Klarheit und Gedankenerhellung zugleich.
Seine Gesichter deuten alle wie im Geiste weissagend in die Zukunft hinein. Er
ist der grte Maler, denn er malte das Ideale aus dem Mythus heraus, und
stillte durch die zarteste Form den Drang der Wahrheit im Bilde. In diesem
Rafael ist etwas Prophetisches, etwas Welthistorisches, das ihn so bedeutsam in
das Zeitalter der Reformation hineinstellt. Der katholische Mythus tritt
gelutert und reformirt in Rafael auf, und zeigt in dieser Blthe seiner
Darstellung, in welcher der mchtig werdende Gedanke den Fittig hebt, auf die
hchste und letzte Stadie des christlichen Bilderdienstes hin. Man vergleiche
nur seine Madonnen mit denen der andern Maler, und werde gewahr, wie er immer
aus der hchsten und tiefsinnigsten Idee seine Gestaltengebung geschpft hat.
Ich will jetzt nicht von seiner Madonna del Giardino in Wien reden, an die ich
heut schon auf andere Weise so merkwrdig erinnert worden bin. Am meisten steht
mir in diesem Augenblick die groe Sixtinische Madonna vor Augen, zu deren Fen
ich ebenso lange in Anschauen versunken liegen mchte, als die kleinen Engel,
die so gedankenvoll zu ihr hinaufblicken. Andere Maler haben mit mehr oder
minderem Glck in der Jungfrau mit dem Kinde die stolzbeglckte Mutter, die
mtterliche Hoheit, das Nimbusreiche, das Strahlende hervorgehoben, und zu den
meisten dieser Bilder denkt man sich sogleich und unwillkrlich eine katholische
Kirche dazu, von deren Wnden und Kreuzgngen sie die Vorstellung sich kaum
abzutrennen vermag. Rafael hat in seiner Madonna immer am entschiedensten das
Jungfruliche gebildet, und zwar das Jungfruliche in der tieferen, religisen
und welthistorischen Bedeutung, auf die ich vorhin gewiesen habe. Dadurch hat er
das Verschmte, das Se, und dann das allgewaltige mtterliche Glck, das ihr
im Kinde zu Theil geworden, keineswegs zu schaffen vernachlssigt. Er hat mit
gttlichem Pinsel das Liebliche und das Tiefsinnige ineinandergemalt, und jener
Tiefsinn der Jungfrulichkeit ist wohl nirgend so zum vollendeten Bilde
geworden, als man an der Sixtina in Dresden sieht. Ich wei nicht, ist es das
Hohe, das Erhabene, das Gedankenschwere, oder ist es das Jungfruliche, das
Reine und Schlanke, das Mdchenhafte, was mein Herz vor diesem Bilde
niederwirft. Die vom Geist berschattete Mutter Gottes und die zarte,
unschuldige Magd sind gleicherweise ausgedrckt in diesen Zgen, in diesen
Blicken, in diesem wunderbaren Krper. Die schwebende Bewegung der Gestalt, der
gottesehrfrchtige Ernst der Augen, ziehen die Gedanken in das Unendliche und
Unsichtbare aufwrts, und die se Leiblichkeit bindet sie wieder an die Anmuth
der Form als an ihre irdische Grnze. Das Mdchen zieht von der Gttin ab, und
die Gttin von dem Mdchen. Und so ist alles menschliche Denken. Die Idee fat
sich in ihrer tiefsten Geistigkeit, und wird doch gern wieder Leib, und mu es
werden, weil fr den Lebenden ein so seltsamer Zauber auf dem Irdischen ruht.
Und das Kind der Welt ist von diesem jungfrulichen Leib geboren worden! Wie
therisch, wie vergeistigt, wie verklrt ist dieser Leib in allen seinen Formen,
da man sieht, ein groes Weltgeheimni leuchtet aus der feinen Durchsichtigkeit
dieser Glieder heraus! Bei diesem Bilde fllt mir kein Kreuzgang einer
katholischen Kirche ein, in dem ich es mir denken mte. Rafael hat hier, wie
immer, fr die unsichtbare Kirche gemalt. Seine Bilder sind Weltbilder, er ist
ein Weltmaler. Was die groen Helden der Geschichte mit dem Schwert verfochten,
was die Dichter und die Weisen im Sinne gehabt, hat Rafael mit Farben
geschrieben. Die Weltfreiheit des Gedankens. - -
    La uns nun, holde Maria, auch die andern Knste in ihrem Madonnendienst
belauschen! Wir sind einmal im Zuge, wir haben uns weit in Betrachtungen
verloren. Es wird spt, aber Du bist ein freies Mdchen, und wachst mit Deinen
sinnenden Augen gern in die Geisterstunde hinein, und ich verehre Dich! Die sich
verstehen, sind fr einander geboren, und fragen beide nicht nach Zeit und
Stunde. Die gemeine Ordnung der Dinge berhrt nicht Die, welche frei und muthig
sind im Geiste. Ich habe immer im Stillen meine grte Schadenfreude daran
gehabt, wenn ich die Regel der Verhltnisse verachten konnte. Und Du bleibst bei
mir, schnes, freies, geniales Mdchen! Die Mitternacht ruht schwer und trge
ber unsern Huptern, die Eule schreit drben auf dem Kirchthurm, aber helle,
wachsame Gedanken gehen auf und ab auf Deiner holdseeligen Stirn.
    Die Kunst des Katholizismus war die Malerei, aber die andern Knste konnten
sich nicht emporschwingen an dieser Aufgabe. Die Musik stimmte zwar erhabene
Tne an, und fhrte groe und herrliche Stcke auf zu Ehren der Kirche, aber sie
blieb, ihrer Natur nach, ganz in bigott katholische Gefhle verloren, und konnte
daher wegen dieser Einseitigkeit ihrer Andacht nicht dazu gebraucht werden, an
jener welthistorischen Aufgabe der Vershnung zwischen Bild und Wahrheit, Mythus
und Gedanken, mitzuarbeiten. Die katholische Kirchenmusik blieb mit ihren
zerknirschten Empfindungen in den Mythus versunken, whrend die Malerei in ihrer
hchsten Blthe ihn zu idealisiren unternahm. Gehrte Rafael der Welt, so waren
Palestrina und Marcello nur fromme Shne ihrer Kirche. Ihre Psalmen und
Motetten, ihre Messen und Cantilenen, rauschten von der Orgel, und klagten und
jubelten durch den hohen Dom, aber hinter ihnen waren die Kirchthren
zugeschlagen, und nur fern von drauen hrte man die Strmung des Lebens.
Rafaels Altarbltter dehnen sich hinaus ber die Bogenwlbung, unter der sie
ruhen, sie sprengen das Dach und die Kuppel, und machen Dir oben den blauen
Himmel frei und eine weitblickende Fernsicht. Die Musik der Messe macht Dich
orthodox, wenn Du es noch nicht bist. Ihr mythischer Ernst nimmt Deine Seele
gefangen, die Heiligkeit der Tradition braust mit Posaunenklngen dazwischen,
und auf s verlockenden Saiten wird ein gefhrlicher Friede des Herzens Dir
angeboten. So haben noch bis in die neuesten Zeiten Cciliens tnende Engel die
meisten Proselyten gemacht. Und was that die Poesie, diese Gttin, als sie
katholisch war? Sie hat ein ungeheueres Gedicht hervorgebracht, die gttliche
Komdie des Dante, von dem ich hier nicht reden will, weil es unter andern
Gesichtspunkten zu betrachten, denn der katholische Mythus ist in dem Geist
dieses gigantischen Dichters speculativ geworden. Nicht zu weltfreien Formen
idealisirt, wie in Rafael, nicht in dunkler Inbrunst des Gefhls ausklingend,
wie in Palestrina, hat bei Dante der Katholizismus, um sich auf einen tieferen
und reicheren Lebensgrund zu stellen, vielmehr fremde Elemente in sich
aufgenommen, und mit scholastischer Philosophie und antiken Formen sich
gemischt. Am meisten kirchlich blieb die katholische Poesie in den Autos des
Calderon, und ber dem Haupt dieses spanischen Dichters drckte sich die Decke
der Kirche am Ende so eng zusammen, da er auf seinem Todbette alle die
wunderschnen weltlichen Dramen bereute, die er gedichtet, und die noch heut
seinem Namen einen lieblichen Klang unter uns geben. Aber das Kirchenlied lie
in seinen herrlich tnenden lateinischen Rhythmen manche rhrende Laute hren,
und dichtete das tiefbewegte Stabat mater, das noch immer fr jedes andchtige
Herz einen hinreienden Schwung hat. In wie kindlich frommen Weisen hat hier
nicht die Andacht zu der Madonna Worte gefunden. Sie steht vor dem Kreuz des
Sohnes, die Thrnen strzen ihr ber die blasse Wange herab. Das Todesschwert,
das die heiligen Glieder durchdrungen, ist auch tief in ihre Seele gefahren, und
der Schmerz der ganzen Menschheit zuckt durch die Brust der gebenedeiten Mutter.
Da schleicht sich die Andacht der Glubigen leise an ihre Seite, und schmeichelt
sich bittend zu ihren groen Schmerzen hinan. Die menschliche Andacht will mit
der Madonna weinen, sie will mit ihr am Kreuze stehn und mit der Knigin der
Jungfraun die unstillbare Klage vereinigen. Sie will gern Theil haben an den
Qualen, die vom Kreuze ausgehn, und sie fleht, da die Hochgebenedeite den
Menschenseufzer unter den ihrigen mische, damit er aus ihrem Munde in den Himmel
komme. Eine wunderbare, durchdringende Beredtsamkeit spricht aus diesen
klagenden und flehenden Tnen, und dazu haben die kurzen Verse und einfachen
Reime der lateinischen Sprache eine Naivett ber diese Andacht ausgegossen, die
noch herzergreifender wirkt.
    Ich kann es singen! sagte Maria. Wenn sich der blutige Madonnenschleier in
meine Trume webt, flstert auch oft diese Melodie, die dem Freunde bekannt sein
wird, durch meine Seele. O, o, ich bin ja auch eine Katholikin!
    Sie schwieg, eine kleine Pause lang. Dann berraschte sie mich durch die
herrlichste Stimme. Bebend, seufzend, hingerissen, in Erdenqual verloren, und
dann doch wieder groartig, abgemessen, ruhig, mit einer himmlischen
Ueberzeugung, sang sie, mehr recitirend, die ersten Strophen.

Stabat mater dolorosa
Juxta crucem lacrymosa
Dum pendebat filius,
Cujus animam gemeatem,
Contristantem et dolentem
Pertransivit gladius.

O quam tristis et afflicta
Fuit illa benedicta
Mater unigeniti,
Quae moerebat et dolebat,
Et tremebat, cum videbat
Nati poenas inclyti.

    Hier stockte, hier zgerte und zitterte ihre Stimme, und sie wollte nicht
weitersingen. Ihre Tne waren mit einer seltsamen Gewalt durch die stille Nacht
hingeklungen. Mir selbst waren sie aufs Herz gefahren, und ich fhlte mich wie
betroffen, ich wei nicht warum. Ich stand unruhig auf, und sie hing sich wieder
an meinen Arm, und ging schweigend mit mir fort durch die finstern Gartengnge.
Es war mir lieb, da sie nicht weitergesungen, denn in die Stimme dieses
Mdchens hatte sich pltzlich ein dunkler, zweischneidiger Schmerz
hineingewlzt, der Alles in mir aufzurhren drohte, was jemals von Metaphysik
und Verzweiflung durch meinen jungen, an der Welt hngenden Geist gegangen war.
Maria hatte, indem sie sang, den Versuch machen wollen, sich innerlich von der
Welt loszusagen, die so arm und blthenlos fr sie geworden war. Sie hatte, so
schien es mir, sich ganz hingeben wollen an diese religise Inbrunst, die mit
dem Liede von ihren Lippen flo, um nun fr immer Ruhe zu haben von den Strmen
und Wnschen des Lebens. Sie hatte sich mitten unter diesen Tnen inwendig
Gelbde abgerungen, Alles zu lassen, was der begehrliche Sinn noch von des
Lebens trgerischen Schtzen gehofft. Aber ihre Seele war darin unterwegs stehen
geblieben, und hatte nicht weiter gekonnt. Sie mute noch unendliche Lust an der
Welt in ihren verborgensten Gedanken entdeckt haben, und war vor sich selbst
erschrocken, wie sehr sie am Leben hing. Ihr Gesang, auf dessen Flgeln sie sich
an die Seite der Madonna hatte flchten wollen, und unter den sanftverhllenden
Schatten des Kreuzes, war abgerissen in todesschmerzlichen Zuckungen. Er seufzte
diesem Frieden noch einmal, aber vergeblich nach, und erstarb dann auf ihrem
Munde, und verklang in die Nachtlfte. Sie gab den Frieden am Busen der Madonna
auf, den Frieden und das gemeinschaftliche Tragen des Leides, darum schwieg sie,
aber sie hatte und sah noch nichts, was sie sich dafr htte schenken knnen aus
dem Reichthum des Lebens heraus. Darum verstummte sie ermattet. Zerrissen,
zerrissen war das Lied von der mater dolorosa tief in der strebenden Seele.
    Hier und da waren aus dem verworrenen Dunkel der Wolken helle Sterne
aufgetaucht, und standen, den Himmel ber uns erweiternd, wie beruhigende
Zeichen ber unsern Huptern da. Wir wandelten lautlos fort, und ich wagte noch
nicht, sie nach den geheimen Bewegungen ihrer Seele zu fragen.
    Dann sagte sie halblaut, um nur unsere ngstliche Stille zu unterbrechen,
warum ich noch nichts von der katholischen Baukunst bemerkt, welche die
schnsten Kirchen hervorgebracht, die sich nur fr die Wohnsttte der Andacht
denken lieen?
    Diese Gegenstnde alle, erwiederte ich, haben mir pltzlich eine solche
Bangigkeit erregt, da ich sie nicht weiter verfolgen mag. Die wilden
Nachtgespenster, Mdchen, schleichen sich mit ihnen in unsere Seele! Auch greift
die Baukunst der sogenannten gothischen Kirchen tiefer und umfassender in den
Sinn des ganzen modernen Lebens ein, als da sie in irgend einer engeren
Bedeutung dem Katholizismus angehren sollte. Von der katholischen Sculptur
aber, welche die Heiligen und die Madonna an den Heerstraen und in den
Waldkapellen in dieser, wie mich dnkt, keineswegs anbetungswrdigen Gestalt
aufgerichtet hat, will ich vollends nichts sagen. Ich darf Deine Gedanken und
Deine Phantasie nicht noch mehr qulen, Maria! Armes Kind, Du sollst Deine
heitern und muthigen Lebenshoffnungen noch nicht ins Grab legen, und sollst
nicht zagen, wenn Du der Welt mehr angehrst als den Heiligen und ihren Bildern.
In jener Sculptur haben die Bilder, an welche der Frommen Herz sich hngt,
bereits ihre ausartendste Verzerrung erlitten. Von dem Bilde ist die Schnheit
gewichen, der Mythus ist in die hlichsten Formen verkrppelt. Die katholische
Sculptur deutet den Verfall des katholischen Bilderdienstes an, denn wo keine
chte Kunst mehr ist, ist auch keine Wahrheit da. Die Sculptur ist die letzte
der katholischen Knste, und noch tglich ist sie geschftig, neue Bilder und
Leiber der Heiligen in Holz oder Stein auszuhauen. Aber es ist, als htte sie
den Muth nicht mehr, dem hellen Tag unserer Zeit ins Angesicht diese Leiber und
Bilder mit der hchsten Weihe der Kunst zu schmcken. Die Hand zittert ihr
kraftlos, weil die Wahrheit bereits so mchtig geworden in dieser Zeit, und das
Bild gerth ihr jetzt so schlecht, da man es ihm gleich ansehen mu, es sei nur
ein Gtze. Das Bild zeigt nicht mehr auf die Wahrheit hin, der Mythus hat den
Gedanken verloren. Das Geschlecht hat sich verndert, und ist sehr ernst
geworden und sehr vernnftig. Zeichen und Wunder sind grere und mchtigere
geschehen in den Umwlzungen der Zeit, als in alten Heiligengeschichten. Die
Wahrheit hat sich von der Magie der Bilder, in die sie verzaubert war, befreit
und losgerissen, und hat sich alleinherrschend um Leben und Tod auf den Zenith
der Menschheit hinaufgekmpft. Die Besten wissen nichts mehr davon, da etwas in
ihnen klinge von der Wunderpoesie des Madonnenschleiers. Die Madonna ist in die
schne Vergangenheit der Bilder zurckgetreten, sie lebt am herrlichsten in den
Gemlde-Gallerieen, und hat ihre tiefste Bedeutung in der Mythe. Christus aber
schreitet als der Geist der Fortentwickelung durch die Geschichte, und die
Religion bildet sich im Geist und in der Wahrheit in die Welt hinein. Die Welt
wird arm an Zauber der Mythe, aber sie erhebt sich durch ideelle Einheit, an der
sie reicher wird, zu einem Ganzen. Sie ist nicht mehr der abgefallene Engel
heut, noch der Gegensatz des Geistes, sondern der Geist hat sich in ihr
niedergelassen, und hat Htten in ihr gebaut. Alles wird weltlich in unserer
Zeit und mu es werden, selbst die Religion. Denn es kann nichts Heiligeres mehr
geben, als das Weltliche, nichts Geistlicheres, als das Weltliche. Alles hat
jetzt eine und dieselbe Geschichte, und was eine Geschichte hat, gehrt Gott an,
mag es nun in einem Kloster wohnen oder liegen auf dem Schlachtfeld. Nachdem
diese Gegenstze des Weltlichen und des Geistlichen gefallen, haben die Vlker
freiere und groartigere Weltbildung unter sich heimisch gemacht. Die Welt
trauert und krankt nicht mehr an einer unklaren Sehnsucht, sie entfaltet sich
thatkrftig in sich selbst, und vollzieht so das Hchste. Alles, Alles ist
Weltgeschichte, es kann kein gottwohlgeflligeres Leben geben. Man arbeitet,
kmpft und stirbt fr seine Zeit, man ist heiter mit ihren Thorheiten und ernst
mit ihren Bestrebungen, und hat einen heiligen Wandel gefhrt. Die Zeit, in der
wir leben und wirken, gibt uns die Weihe, sie ist unsere Frbitterin und
Vermittlerin vor Gottes Thron, und eines andern Heiligen bedrfen wir nicht
dazu, wenn wir geirrt haben. Mrtyrer sind wir uns selbst genug mit unserem
Herzen. Was ist denn heilig? Ich kann mir nichts Anderes darunter denken, als
da Gottes ganze Welt in Blthe steht, und sich entwickelt. Mit dem Heiligen ist
es mir immer eigen gegangen, da ich es nicht anders habe begreifen knnen. Ich
mu im Grunde ein sehr profanes Gemth haben, jedem Geistlichen gegenber. Aber
trste Dich, Maria! Mit mir trste Dich! Wahrlich, wahrlich, ich sage Dir, Du
kannst keine grere Heilige auf Erden sein, als wenn Du eine Weltliche bist!
Schnes Mdchen, ich erwhle Dich zu meiner Heiligen, damit Du nicht zu sehr
verzagst an Dir! Ich gre Dich als meine Heilige, eine Weltheilige! Ich ksse
Dich!
    Sie sank mir von selbst in die Arme. Zrtlichere Lippen hatte ich nie
gekt, und doch vermischten sich mit der Gluth dieses Kusses heie Thrnen, die
ihr aus den schmerzlich glnzenden Augen strzten. Dann richtete sie sich still
auf, und ruhte einen Augenblick ihr Haupt an mir, und sagte, ihr ganzes Herz
htte ich errathen. Ihr Herz mit ihren Schwchen und Wnschen, mit all der
geheim nistenden Qual. Dann ri sie sich ganz los von mir, und sagte, ihr sei
doch nicht zu helfen. Sie ging mit heftigen Schritten auf und nieder, und die
leichte feenhafte Gestalt zeigte sich in dem rhrendsten Zauber ihrer
Bewegungen. Sie sah unendlich reizend aus, der Schmerz hatte, eine liebliche
Unordnung ber ihr Wesen verbreitet. Sie weinte in sich hinein, da sie eine
Verlorene und Verstoene sei aus der Welt!
    Wie kann man verloren sein, mute ich ihr erwiedern, wenn man jung ist, und
eine Weltheilige? Die Welt hat Dich nicht ausgestoen, sie will nur, da Du Dich
wieder zurechtfinden sollst in ihr. Sie ist gro und weit. Sie ist gut und
gttlich.
    Ich habe sie genossen, sie hat mich gelockt und verfhrt! klagte sie. Und
sie lockt mich noch immer. Sie ist schn, und lt mir keine Ruhe! - Sie
versprach mir, von ihrem Leben Alles aufzuschreiben, und auf wenigen Blttern
mir Alles zu geben, wann wir uns wiedershen. Ob wir uns wiedershen?
    Dies erinnerte mich, da wir uns trennen muten. Wir hatten die Zeit schnell
mit diesen unruhigen Nachtgesprchen hingebracht. Ich fragte halb lchelnd, halb
schmerzlich, ob sie mit mir gehen wolle in die weite Welt hinaus? Wir wollten
gut zusammen wandern durch die weite Welt!
    Die Welt ist gro und weit, die Welt ist gut und gttlich! wiederholte sie,
auflchelnd, meine Worte. Ach! sagte sie dann, zusammenzuckend, ich ginge gern
als Jockey verkleidet mit auf die Reise, wenn ich nur hinwegkommen knnte aus
des Vaters dumpfer Htte, und von diesen bhmischen Heiligenbildern, die mich
bedrckend ansehn, da ich hier nicht athmen kann, und die auf mich
herabzustrzen drohen, wenn ich sie angstvoll gre!
    Laut schluchzend strzte sie auf mich zu, und ich fing sie erschrocken in
meinen Armen auf. Dann schien ihr selbst bange darber zu werden, da sie sich
so unverholen ausgesprochen.
    Es ist Schade, da ein wandernder deutscher Schriftsteller keinen Jockey
brauchen kann. Hilf Himmel! wie bunt wirrt und zerrt sich das Leben
durcheinander in der Bedrngni der Gemther.
    Wir sehen uns wieder! Maria! Maria! ich mu fort, und wir sehen uns wieder!
Gott behte Dich, meine Weltheilige! Glck schiee reich an Dir auf, und bringe
Dir noch den Genu der schnsten Tage! Von jeder Reisestation aus will ich an
Dich schreiben, wie es in der Welt hergeht, und wie ich dort und hier, fern und
nah, es finde!
    Wie jener Bischof, welcher dem Bettlerknaben wenigstens seinen Segen
schenkte, der ihm geringer als Hellerwerth zu stehen kam, wollte ich, gleich
einem chten Deutschen, ihr wenigstens etwas schreiben, da ich vom Glck der
Welt ihr sonst nichts zu schenken hatte.
    Diesen Schriftstellersegen nahm sie an, und ich versprach ihr feierlich, ihr
alle meine Tagebcher zu schicken. Darin sollte ihr nichts verschwiegen werden.
Sie sollte miterleben, wie der Strom der Welt meine junge Brust zertheilt.
    Dann, sagte sie, msse ich auch ganz aufrichtig gegen sie sein. Sich selbst
belchelnd, fgte sie hinzu: sie sei sehr neugierig hier in ihrer groen
Einsamkeit, wie es die Welt drauen weiter treibe. An Tugenden wie an Lastern
der Menschen wisse sie hohes Interesse zu nehmen, sie verstehe lngst das Leben
wie ein Buch zu lesen. Ich solle selbst die verbotenen Stellen darin mit
sympathetischer Tinte fr sie zeichnen. Sie sei noch immer lstern auf Alles,
was Leben heit. Sie sei eine solche Nrrin, da sie jedes Sumpfblmchen, wenn
es nur im Freien gewachsen, an ihr Herz drcken knne. Ich sollte sie den
Jubelschrei der Volksfeste, die Trauermusik der Leichenzge, die groen
Spectakelstcke von Liebe und Ha, die Maskenblle des Wahns und die Fackeltnze
der Leidenschaft, bis in ihr Dorf spielen, hren, sehen, empfinden lassen! Ob
ich ihr denn auch wirklich Alles und Jedes, selbst das Bedenklichste, schreiben
wolle, was der Wandel der Tage bringe? Denn die Gefahr gehre mit zum Leben.
    Was die Augen sehen, was die Gedanken aufnehmen, was das heie Blut in
Wallung treibt, wie der unruhige Sinn sich irrt und freut, woran der Verstand
sich belehrt und das Herz sich verwundet, solle sie Alles haben, gelobte ich.
Sie werde mit mir ber die ganze Welt weinen und lachen, sich wundern und sich
die Finger verbrennen. Unter der Bedingung, da ich mit gleicher schonungsloser
Aufrichtigkeit ihre Biographie erhielte!
    Sie nickte, und floh mit einem Abschiedsku aus meinen Armen. Dann schlug
sie den Rckweg ein durch die Gnge des Gartens. Ich folgte ihr schweigend.
    Wir nherten uns dem kleinen Hause, das in seiner dstern Stille wie
ausgestorben dalag. An der Thr reichte sie mir noch einmal die Hand, und sagte
ernst: Es gibt fr mich doch kein Glck mehr. Gute Nacht! Gute Nacht! Lieber
Freund! Lieber Fremdling! Gute Nacht!
    Dann schlich sie sich leise weinend ins Haus.
    Ich eilte, wie von rastlosen Herzschlgen getrieben, ins Freie. In
nchtlicher Wanderung wurde noch vor Anbruch des Morgens Teplitz wieder
erreicht. -

                               An meine Heilige.



                         I. Mein Philister in Teplitz.

- Noch einen Tag in Teplitz will ich Dir beschreiben, meine Madonna, ehe ich den
Eilwagen nach Prag besteige. Es ist ein Sonntag, und das ist gerade die rechte
Beleuchtung fr einen Badeort, um alles Schne und Hliche in seiner besten
Toilette zu erblicken. Komm nur Schlag 11 Uhr mit mir in den anmuthigen
Schlopark, wo vor dem Gartensaale des jungen Frsten Clari allsonntglich ein
Concert im Freien gegeben wird, welches zum Versammlungspunct des ganzen
badenden und nicht badenden Teplitz dient. Nur falle Dir nicht ein, wie mir,
frher auszugehn, um auf der Promenade, oder etwa gar in der Kirche, schon
interessante Figuren Dir aufzufangen. Die Promenade ist leer, und nur hier und
da kommt Dir ein schwererer Kranker, der gebadet hat, verhllt und auf seinem
Rollstuhl entgegengefahren. Und wenn Du die Frommen zu schauen liebst, o
Madonna, so suche sie nicht, wie ich, in der schnen Schlokirche. Ich hatte
gern einmal sehen wollen, wie ein Badegast oder eine Badegastin betet, aber es
war fast gar nichts zu hren und zu sehen von eleganter Welt vor Petri Pforte.
Gott wei, was die Eleganten noch fr Gtter haben neben ihm! Aber warte nur bis
11 Uhr, warte nur bis 11 Uhr! Dann werde ich die Brille aufsetzen, und Dir die
ganze Flora zeigen. Bis dahin frhstcken wir noch im Gasthof, und lesen die
Zeitung, oder blttern in der Badeliste. Oder sprechen wir von Politik, mein
Kind!
    Ja, hre, liebe Heilige, mir ist eingefallen, da ich ein schlechter Preusse
sein mte, wenn es mir gar nicht in Teplitz gefiele! Es mu mir also durchaus
hier gefallen, denn Alles ist hier Preussisch und Berlinisch, man mag hinsehen,
wohin man will. Ganz Teplitz ist eine preussische Provinz, und meine
Vaterlandsliebe braucht hier ordentlich strkende Bder, wenn ich ber die
Straen gehe. Unser Knig, welcher bekanntlich alle Sommer hier zubringt, wird
von der smmtlichen hiesigen Bevlkerung, die mit einem wahren
Herzensenthusiasmus an seiner ehrfurchtgebietenden Erscheinung hngt, nur immer
geradezu der Knig genannt, und so sind wir Berliner alle natrlich wie zu
Hause. Auch preussisches Militair jeder Art sieht man hier viel, denn der
unermdlich wohlthuende Sinn des Knigs hat selbst fr gemeine Soldaten, die
erkrankt sind, einen Fonds angewiesen, aus dem sie in die Bder von Teplitz
geschickt werden. Und so mssen mich mehrere Soldaten vom Alexander-Regiment
sogar an die Strae erinnern, wo ich in Berlin wohne, weil in deren Nhe die
Alexander- ist. Kurz, nichts fehlt, um mir den Berliner einzutrnken, und ich
darf es mir nicht einmal merken lassen, da ich verzweifele. Ich mu ordentlich
wie ein dankbar vergngter Berliner thun. Und der reiche jdische Banquier aus
der neuen Friedrichstrae, der mit seiner hbschen Frau hier ist, hat mich
seinen jungen geistreichen Landsmann genannt, und wir sind Dreie zusammen
gegangen auf den Schlackenberg, und haben bewundert die sperbe Aussicht. Itzig
&amp; Comp. ist auch dagewesen, und hat gesagt, der Tempelhofer Berg bei Berlin
sei doch besser. Hat Itzig Sohn geschrieen aus Leibeskrften, wie ein gebildeter
Berliner so wenig Natursinn haben knne. Hat Itzig Vater es bekrftigt, da doch
der Tempelhofer Berg bei Berlin besser sei, weil er sich leichter steigen lasse
zu Fu. Haben sie alle gelacht ber den Witz. Bin ich fortgeschlichen wie ein
frierendes Windspiel.
    Straen und Huser erinnern mich hier auch an Preussen. Alles ist so
freundlich, so abgeputzt, so neu, so reinlich, wie ein jungfrulicher Staat. Ein
jungfrulicher Staat, der eine gewisse Schamhaftigkeit hat, sich ganz zu
entfalten. Und seltsam, da kommen mir gleich noch andere Beziehungen, die fr
Preuen auf diesem Teplitz ruhen, ins Gedchtni, zum Theil als Erklrung jener
Schamhaftigkeit! In Teplitz, in einem Badeort, wurden gewissermaen die ersten
Grundsteine zu der fr jeden Patrioten so ernsthaften Wahlverwandtschaft
zwischen Ruland, Preussen und Oesterreich aufgerichtet. Denn diese Mchte
hatten schon nach der Schlacht bei Culm am 30. August 1813 ihre Hauptquartiere
nach Teplitz verlegt, um es fr die vielen Bedrngnisse, welche diese Stadt
erlitten, zu entschdigen, und unterzeichneten daselbst im September desselben
Jahres jene Allianz-Tractate, die damals fr die Befreiung Deutschlands von so
groen Folgen wurden. Und ich bin wahrhaftig unschuldig daran, wenn es hier
Jemand einfallen sollte, den Ton auf Damals zu legen. Was in aller Welt geht
mich die Betonung meiner Stze an? In diesem accentlosen deutschen Leben habe
ich lngst den Muth verloren, auf die rechte Stelle den Ton zu setzen, wo ich
wohl mchte! Die Lehre, mit Accent und Nachdruck zu sprechen, ist eine
gefhrliche Wissenschaft, und sie wird Einem abgewhnt in der Spiebrgerprosa
unserer Redefreiheit. Ein mattes Leben, seine Aussprache ohne Accente! Da kann
kein Schulmeister helfen!
    So komm denn, Heilige, lieber in den Schlogarten! Zeit ist es jetzt.
Mdchen, Mdchen, es ist doch eine schne Welt, - nmlich die, welche sich dort
in den bunten Hten und flatternden Schleiern, im weien Kleid und
durchsichtigen Busenflor, mit den Phantasielocken und Backenbrten, mit dem
englischen Frack und den franzsischen Pantalons, ber den Platz am Brunnen
hinbewegt. Sie biegen alle in das hohe Portal des Schlosses ein, und wir mssen
ihnen nach. Ich hre schon aus der Ferne einige tchtige Grundstriche der
Bageige, die Musik im Park hat begonnen. Wir mischen uns in das Gedrnge, wir
theilen muthig, wie geschickte Schwimmer, den glnzenden Strom, im Vorbereilen
manchen schnen Arm streifend. Nun sind wir in der groen Allee, in der sich
Alles in wogenden Gruppen auf und niederbewegt, die vornehmsten und reizendsten
Gestalten, hchste Welt und anmuthigstes Volk aller Art, Elegantes im Groen,
Elegantes im Kleinen. Auerordentlich gut und zahlreich ist besonders die
Damen-Vegetation gerathen. Ein unbersehbares Beet strahlender Blumen, frischer
und gemachter Rosen. Sie nehmen mehr als Dreiviertel des ganzen Gesichtskreises
ein, und wrden die Sonne verdunkeln, wenn sie nicht hinter Wolken untergegangen
wre. Man hat eine auserlesene Flora und Fauna fast aller Nationalitten in
einem bunten Festbouquet beisammen.
    Dem Concert kehrt man bald den Rcken, bald sucht man es wieder auf. Man
lt sich bald auf den Seitenbnken unter hbscher, selbstgewhlter Gesellschaft
nieder, bald schiebt man sich in der Mitte der Allee unter auf und nieder
wandelnden Reihen fort, und folgt diesem oder jenem Augenstern, der in unser
Sonnensystem zu passen scheint. Wahrlich, so viel schne Mdchengesichter sieht
man nur in einem Badeort, der gewissermaen ein Bazar so mancher
Frhlingserstlinge ist, auf einen Punct versammelt, obwohl sonst Teplitz an
Eleganz und Reichthum der Toilette zurckstehen mu gegen die brigen bhmischen
Bder. Dies ist jedoch nur Ergebni der preussischen Einfachheit, zu welcher der
hier verweilende Hof den Ton angiebt.
    Wir sehen uns noch ein wenig die Damen an. Jene Englnderin mit ihrer
therischen Taille erkennst Du gleich heraus. Ein hochgewachsenes, fast
durchsichtiges Bild schwebt sie mit ihren schlanken Schritten an dem Arm eines
menschenfeindlichen, in einen langen, gelben, vorn ganz zugeknpften Ueberrock
gekleideten Lords vorber. Sie blickt wenig umher, das blasse feine Gesicht ist
meist in etwas gleichgltiger Ruhe auf die Spitze ihrer kleinen Fe gerichtet.
Ihre ganze Gestalt ist heller, klarer Krystall, aber ohne farbige Sonnenreflexe.
An ihren Bewegungen verrth sich dort die Franzsin, mit der kleinen zierlichen
Figur, dunkelm Teint, starker Gesichtszeichnung und den bedeutend blickenden
Augen. Sie geht frei und lchelt sieggewohnt; ihre Blicke beherrschen den ganzen
Umkreis der ihr begegnenden Gesichter. Sie wei unaufhrlich etwas zu sprechen
zu ihren Begleiterinnen, sie scheint Esprit zu haben, und macht Bemerkungen. Und
das dort ist eine schne Jdin aus Berlin, reizend in dem gewissermaen
geklrten Orientalismus, der ihre eigenthmlich geschnittenen Gesichtszge
frbt, mit ppigen, lebensvollen Formen. Ein interessanter Schlag, sehr hufig
in Berlin, und in dieser anmuthigen Klrung der Formen Abrahams gewissermaen
die dortige halbe Emancipation des Judenthums ausdrckend. Denn die ganze
Emancipation mte nothwendig entweder rein christliche, oder wieder durchaus
stockjdische Formen geschaffen haben. Jetzt aber erhebe den Blick zu jener
polnischen Grfin, die dort im vollen Glanz und Zauber ihrer Nationalitt aus
der sie umgebenden Damengruppe hervorragt. Sie ist ganz Polin, die originelle
sarmatische Natur kann sich in den feurig sprhenden Bewegungen dieser Gestalt
keinen Augenblick verlugnen. Die groen blauen Augen rollen umher und suchen
ein Ziel; das Zucken und scharfe Ziehen um den schnen, stolzen Mund scheint
jeder Annherung zu spotten, und doch verrth ein wunderbar blitzender
Gesichtszug, da die Polin genial und hingegeben in der Liebe ist, wie keine
andere Frau. Und wer ist die kleine Unschuld, die auf jener Bank so tief
verschleiert dasitzt? Ein hbsches, gutes, deutsches Mdchen. Sie sieht aus, als
htte sie sich an frommen Erbauungsschriften, an den Glockentnen von Strau,
und den Stunden der Andacht, etwas schwindschtig gelesen. Den Schleier aber hat
sie heut nicht aus ascetischer Frmmigkeit heruntergelassen. Die Badekur scheint
eine bunte Schrfe auf ihrem nicht uninteressanten Gesicht hervorgelockt zu
haben, und daher dieser Nonnenschleier. Auch die Frommen drfen sich der
Weltklugheit gar nicht schmen. -
    Alles wre inde schon gut, und ich wollte mich mit noch einmal so groer
Lust unter diese frohbewegten Reihen mengen, wenn ich nur allein wre. Ja, ich
mu Dir nur gestehen, Madonna, ich bin nicht allein. Es luft mir immer Jemand
nach, ein unausstehlicher Reisegefhrte, den ich schlechterdings hier nicht
loswerden kann. Es ist der leibhafte und absolute Philister, der sich in Gestalt
eines Postsecretairs aus Wittenberg an meine Fersen gehangen hat. Einen
langweiligeren, miserableren Menschen sahst Du nie, und, denke Dir, er liebt
mich. Ich bin mit ihm von Dresden hieher gefahren, und nun drngt er mir
unaufhrlich seine Gesellschaft auf, weil er sich allein nicht getraut, sich die
Stadt zu besehen. Er will berall mit mir gehen, ich soll berall mit ihm, denn
der deutsche Philister ist ngstlich, sobald er unter Menschen gerth, die zwei
Augen und eine Nase haben. So ist er wie ein Kind, und doch wieder wie ein
Teufel der Langenweile, und ich knnte mich todt ber ihn lachen, wenn mir nicht
unheimlich wrde vor der bewundernswrdigen Oede seiner Gestalt. Stelle Dir
einen langen, noch um zwei Kopfgren mich berragenden Jngling vor, mit einem
selbstgeflligen Blick, einen Jngling, der einen hellblauen Frack mit
bernatrlich groen Messingknpfen, dazu ein Paar weie, grobe
Leinwandsbeinkleider von ungeheuerer Weite, die einen Faltenwurf werfen, wie ihn
kein Phidias nachmeieln wrde, und auf dem Kopfe einen weien Quker trgt. In
diesem Auszuge mu ich mit ihm gehn, o Heilige! und der eleganten Welt von
Teplitz mich prsentiren. Und wenn er so mit seinen groen Plumpstiefeln, die
immer so unverschmt unter ihm knarren, da uns die nervenschwachen Damen schon
frchterliche Blicke zugeworfen haben, wenn er so in dieser fragwrdigen
Erscheinung an meiner Seite hinschreitet, ist mir in meiner Angst ordentlich zu
Muthe, als ginge unser ganzes philisterhaftes deutsches Wesen, zu einer
allegorischen Figur ausgeknetet, in Person eines Wittenberger Postsecretairs mit
mir spazieren. Ich fange auch schon an, ihn wirklich fr eine Allegorie zu
halten, deshalb schone ich ihn noch, denn sonst wre, bei Gott, entweder die
Bizarrerie oder die Gutmthigkeit, da ich ihn ertrge, zu verdammenswrdig an
mir! Dennoch suche ich ihm zu entwischen, so oft ich kann, und jage mich
ordentlich mit ihm umher durch Teplitz, aber der Philister mu etwas von dem
weltbekannten Ueberall und Nirgends besitzen, denn wo ich nur um eine Ecke
herumbiege, steht er vor mir, und wenn ich ins Concert oder Theater gehe, hat er
sich schon unter der Thr an meinen Arm gehngt. Er hlt mich fr einen Doctor
der Medizin, und glaubt vielleicht, da ich ihn von einem alten Schaden curiren
knne, an dem er zu leiden scheint, deshalb besonders mag er so anschmieglich an
mich sein. Jetzt hat er sich, Gott sei es geklagt, auch im Schlogarten
pltzlich wieder zu mir gesellt. Er marschirt wacker neben mir her, schwenkt mit
einer Art von lcherlicher Majestt seinen langen Oberleib, und tritt mir bei
Gelegenheiten einmal mit seinen groen, stolpernden Beinen auf die Fe,
wahrscheinlich um mich aufmerksam zu machen auf diese oder jene vorbeiwandelnde
Schnheit. Wenigstens nehme ich es so an, weil er sich nie enschuldigt. -
    Nun aber habe ich dem Philister einen rechten Streich gespielt. Mehrere hohe
Personen vom Hofe sind gekommen, und es ist ein groes Gedrnge der Neugierigen
und Schauenden um dieselben entstanden. Da habe ich den Philister mitten
hineingestoen, und bin ihm unter der Menge unvermerkt wieder entlaufen. Whrend
er jetzt steht und sich den Hof ansieht, eile ich weit weg mit freier athmendem
Herzen, ich wische mir den Angstschwei von meiner Stirn, und wandle auf
leichter beflgelten Sohlen dem Ende der Allee zu, wo ich einige hchst
interessante Gestalten ins Auge gefat habe. Es ist - ja, Heilige! es ist - eine
schne Kokette, die mir dort, am Arm zweier andern Damen, so merkwrdig und vor
allen auffallend erschienen ist! Ich begebe mich, aus alter astronomischer
Beobachtungslust, in den gefahrvollen Dunstkreis dieses feuerstrahlenden
Kometen.
    Ich mu sie eine Kokette nennen, aber sie ist die grte, die genialste, die
ich jemals sah. Sie ist eine bewundernswrdige Virtuosin ihrer selbst. Eine
Virtuosin ihrer selbst, sage ich, denn sie wendet eine Kunst und Begeisterung
daran, um sich selbst zu spielen, und sie spielt so ausgezeichnet, da man sie
bei jeder Bewegung herausrufen mchte. Sieh nur, wie sie geht, wie sie blickt,
wie sie stillsteht, wie sie die Hand aufhebt, wie sie die gedankenleichte
Gestalt davontrgt, wie sie dem lebhaften Gesprch sich bald zu- bald abwendet,
bald eine Locke im Nacken zurechtdrckt, bald sinnend ein flatterndes Band durch
die Finger gleiten lt. Keine Muskel regt sich an ihr unwillkrlich, jede
Miene, jede Handbewegung ist eine Rolle, die sie mit Feinheit und Grazie
ausstudirt hat. Und ber all' diese bewute Absicht der Erscheinung hat die
Macht des Talents doch den Zauber einer gewissen bewutlosen Unbefangenheit
ausgegossen. Sie hat die ausgerechnete Mathematik der Theile zur tnenden Musik
eines Ganzen verschmolzen, und ber das abgezimmerte Fcherwerk der
ausgeklgelten Regel den freien Leichtsinn einer geistreichen Zerstreutheit
gehaucht. So mu jeder gute Knstler seine Absichten verstecken. Und sie ist
Schauspielerin und Knstlerin ihrer selbst, ich habe es gesagt, aber um die
Illusion zu erhhen, mu auch die Seele selbst mitspielen, und mu mitreden und
mitzaubern. Denn die allergrte Verfhrung ist doch eine Seele. Dies kannst Du
an ihr sehen zu Deiner Verwunderung. Ihre Seele ist bildende Knstlerin geworden
in ihren Gliedern, und lchelt, wie eine triumphirende Gttin, durch die
irdische Schnheit der Gestalt hindurch. Dem Philosophen, welcher die
Selbstkenntni als die hchste Weisheit gepredigt, htte ich es gewnscht, diese
Kokette zu sehn. Die hatte es am weitesten gebracht in dieser Wissenschaft. Sie
kannte sich selbst aus dem Grunde, denn sie wute Alles an sich zu gebrauchen
und auftreten zu lassen, was der Mensch, diese Fleischwerdung nach Gottes
Ebenbild, Reizendes hat. Ihre Augen, ihre Blicke, ihr Umsehn, ihr Oeffnen des
Mundes zum Lachen, wobei sie mit unbeschreiblicher Anmuth die kleinen weien
Kunstwerke ihrer Zhne zeigt, Alles verrth die wohlangewandteste
Selbsterkenntni, und zugleich einen mildthtigen Sinn, indem sie Jedem der
Vorbergehenden aus dem reichen Fllhorn ihres Ueberflusses eine Augenweide
spendet.
    Auch ich bin, mit der Ironie eines stummen Bettlers, schon mehreremal an
dieser holden Geberin vorbergegangen, und habe mir manches berraschende
Almosen geholt. Es ist ein Schauspiel, ihren groen, sicher blickenden Augen zu
folgen, wie sie von einem Gegenstand auf den andern hinschwrmen, keinen zu
versumen und keinen zu beachten scheinen, und doch jeden anziehn. Bald schaut
sie freundlich lchelnd, dann, sobald Du den Blick erwiederst, sieht sie Dich
finster und befremdet an, und ergiebt sich einer schnen Verwirrung. Nun
schnell, wie ein zndender Blitz, zu einem ganz entfernten Gegenstande
hinschweifend, lt sie an diesem die Augen allmlig wieder heiter werden, und
wirft dann am Ende diese neue Erheiterung doppelt beglckend auch auf Dich
zurck. Wahrhaftig, ich liebe eine Kokette. Sie ist Rossinische Musik, und
steigt aus dem Champagnerschaum des Lebens, wie Venus aus der Meeresschumung,
in Glanzgestalt empor. Sie ist eine Abart der Musik, aber doch Musik. Ich liebe
entweder eine Frau, wie ich sie mir denke, wnsche, und kenne, oder ich liebe
eine Kokette. Aus der soliden und musiklosen Langenweile des hausbackenen
Mittelschlags steigt nimmer eine Anadyomene auf.
    Dann ging ich weiter, und verlie diesen Kometen, der in der That einen
ganzen Schweif brennender Blicke hinter sich herzog. Ich frchtete, wenn ich zu
lange an einem Ort verweilte, da mich mein Philister doch unversehens wieder am
Rockscho erfassen wrde. Ich hing mich daher an den Arm eines andern Bekannten,
eines Hauptmann v.B., der mir hier unvermuthet begegnet war. Ein stattlicher,
angenehmer Mann, den ich in Dresden in einem Klubb von Schngeistigen - Gott,
knnte man doch gegen dies Wort ein Vomitiv einnehmen, um es aus der deutschen
Sprache loszuwerden - kennen gelernt, und der auch unter einem andern Namen
groe und kleine Schriften herausgegeben hat. Er unterhielt mich lange vom
Verfall der Literatur, von Mangel an Anerkennung, vom Epikureismus des Alles
genieenden und Alles wieder vergessenden Publikums, und dergleichen mehr, was
man von jedem mittelmigen deutschen Schriftsteller bis zur Abgeschmacktheit
hrt. Ich that, als sei mir das ganz etwas Neues, als wisse ich gar nichts
davon, und fragte ihn ordentlich genau aus, was man denn in der Welt munkele von
dem Verfall der deutschen Literatur. Ich selbst sei ein literaturliebender
Einsiedler, der orthodox an Wiedergeburt glaube, sowohl in sich selbst, als in
der Seele seiner liebsten Freunde. Ich wisse wahrhaftig nicht, was man in der
Welt munkele. Da gerieth er in Feuer, und erzhlte mir, da von einem seiner
Werke nur zwlf Freiexemplare ins Publikum gekommen wren. Wie soll man da
wirken? setzte er hinzu. Es mu an der Ursache liegen, sagte ich. Keine Wirkung
ohne Ursache, keine Ursache ohne Wirkung. Uebrigens kann man in Deutschland auf
zwlf Freiexemplare zwei tausend Leser rechnen.
    Dann bat ich ihn um Gotteswillen, von deutscher Literatur abzubrechen. Er
bot mir an, mich seiner Frau vorzustellen, die ihm mit zwei andern Damen
vorausgegangen sei, und die er suche. Ich war artig genug, um auf ihre
Bekanntschaft begierig zu sein; aber wer schildert meine fast schreckenerregende
Ueberraschung, als er mich aufmerksam machte, da sie uns eben entgegenkomme.
Denn keine Andere war es, als die groe und schne Virtuosin ihrer selbst, deren
knstlerische Bewegungen ich vorher so genau belauscht hatte. Wir standen still,
und es knpfte sich bald ohne Verlegenheit ein Gesprch an. Sie hatte Geist,
denn eine chte Kokette mu auch Geist haben. Nur war es sonderbar, da sich die
Unterhaltung, nachdem die ersten zuflligen Wendungen abgethan, pltzlich wieder
auf deutsche Literatur lenkte. Denn auf die Frage, wie sie sich in Teplitz
gefalle, sagte sie, da ihr hier nichts als Jean Paul gefalle, den sie den
ganzen Tag lese und hier zuerst vollstndig kennen gelernt habe. Guter Gott,
Jean Paul Friedrich Richter! Ich gratulirte ihr zu dieser Badelektre. In der
That, eine Badelektre. Sonnenstaubbder der Gefhle, Jean Paulsche Schriften.
Das ganze Herz badet sich und kann schwimmen lernen auf seinen Fluthen. Ich
sagte ihr, da mir Bder nie gut bekmen, und da ich deshalb auch seit vielen
Jahren schon keinen Jean Paul gelesen htte. Mein Arzt sei ein Liberaler und
habe mir angerathen, einmal eine Zeitlang alles Baden in den deutschen Gefhlen
einzustellen, um glcklicher und freier zu werden. Jean Paul bleibe darum doch
ein groer Dichter, wenn ich ihn auch nicht lese. Sie lchelte, und schlug ihre
Augen so reizend zum Himmel auf, da mir war, als se auf ihrer Iris ein
sternenheller Jean Paul'scher Gedanke. Er stand ihr schn, dieser Gedanke, und
ich rckte mit unwillkrlicher Ehrfurcht an meinem Hut. Dann bedauerte sie mein
Herz, da ihm die Bder nicht gut bekmen. Ich sagte, ich msse es trocken
halten, das sei mir besser. Da entstehe erst Feuersgefahr, bemerkte sie,
lautlachend. Der trockene Zunder lodere am besten. Nun mute ich ihr Recht
geben, wenn die Feuersgefahr so nahe wre, wie mir jetzt. -
    O Kokette! O Jean Paul lesende Kokette! Lebe wohl! Meine Heilige hat jetzt
genug von Dir gehrt. Ich fliehe Deine verlockende Iris, auf der Jean Paulsche
Gedanken sitzen! Der Jean Paul Deiner Augen, und die zwlf Freiexemplare Deines
Gemahls, haben die ganze herzerweichende Melancholie der literarischen Germania
wieder in mir aufgefrischt. Lebe wohl! Und dort, ja wahrhaftig, dort kommt auch
schon mein Philister, ich erkenne ihn von weitem an seinem groen weien Quker.
Er kommt, um mich wieder einzufangen, ich Unglcklicher kann mich ihm gar nicht
entwinden. Er lchelt mir schon aus der Ferne zu, er blickt ordentlich
wohlgemuth, denn er hat den Hof gesehen. Gr Dich Gott, Du vielgetreuer
Philister! -
    Der Philister nahm mich in der That jetzt unter den Arm, und stolperte,
obwohl ich mich noch ein wenig strubte, mit mir von dannen. Ich mte durchaus
den Hof sehen, suchte er mir begreiflich zu machen. So trat ich mit ihm in den
dichtgeschaarten Kreis, welcher sich um die hchsten Herrschaften gebildet
hatte. Der Knig, freundlich und mild aussehend, wie immer in Teplitz, hatte
sich mitten unter den Kurgsten auf einer Bank niedergelassen. Neben ihm saen
zu beiden Seiten die vor kurzem angekommene Knigin von Wrtemberg, und deren
erhabene Schwester. Dieser zunchst sah man die Frstin von Liegnitz, diese
schne, anziehende, sonnenklare Gestalt, die den Augen wie Himmelblau wohlthut.
Und mehrere andere Sonnen und Sterne erster und zweiter Gre schimmerten umher
und dazwischen, und manches berhmte Haupt, das Welten entdeckt und Systeme
ausgebrtet, neigte und beugte sich hier als schmiegsamer Trabant und
Nebenplanet. Auch Alexander von Humboldt, welcher den Knig diesmal ins Bad
begleitet, ebenso gro als Hofmann wie als Naturforscher, stand, dienstgefllig
lchelnd, in diesem Kreise. Es war eine interessante Kour im Freien, und die
Spazierengehenden bewegten sich vor dieser Gruppe unermdlich auf und ab, und
konnten sich nicht satt schauen. -
    Ich hielt es endlich fr Zeit, zu Mittag zu essen, und ging mit dem
Philister in meinen Gasthof zurck. Hier hatte ich eine Zeitlang vor ihm Ruhe,
weil er nicht mit an der Tabled'hte speiste, wo er sich wahrscheinlich genirte,
sondern allein auf seinem Zimmer sein Diner nach der Charte abhielt. Und jetzt,
Heilige, la Dir gengen, wenn ich Dir blo sage, da ich es mir vortrefflich
schmecken lie und auch in ziemlich guter Nachbarschaft sa. Die Kche wird zwar
in Prag erst ausgezeichnet, wo sie sich zur Kunst erhebt, aber wer, wie ich
Norddeutscher, nur ein Dilettant in der Gutschmeckerei ist, konnte auch
allenfalls an diesem Diner seine Freude haben. Schenke mir nur Deinen Segen zu
meiner Mahlzeit, liebe Heilige! -
    Nach dem Mittagessen machte ich in langsamer Beschaulichkeit meine mille
passus durch die Gassen der Stadt. Ueberall flogen glnzende Equipagen, mit Herr
und Dame, oder sogenannte Gesellschaftswagen, mit einer buntgemischten
Uebervlkerung an Bord, zu Lust-, Wall- und Irrfahrten an mir vorber. Die
hellstrahlende Sonne warf ber alles Leben und Treiben einen festlichen Schein,
und der Himmel zeigte ein Feiertagsgesicht und lachte aus wolkenlosen Hhen. Ich
schlenderte noch lange einsam umher, und fing endlich an, mich ber den schnen
Sonnenschein zu langweilen und melancholisch zu machen. Wer wei nicht, da auch
der Sonnenschein melancholisch machen kann? Whrend eine einzige Menschenseele,
die Dein gehrt, unter Sturm und Ungewittern Dich heiter erhlt. Die liebe
Seele, die mein gehrt, ist aber weit von mir entrckt, nicht blo durch
rtliche Fernen, sondern durch Lebensfernen. Nicht durch Raum, nicht durch Zeit,
nicht durch Glck, sondern durch das Verhltni. Nicht durch Sinn, nicht durch
Geist, sondern durch die Form. Nicht durch das Herz, nicht durch das Auge,
sondern durch die Hand. Nicht durch den Gedanken, sondern durch die Regel. Nicht
durch das Verstndni, sondern durch das Bekenntni. Nicht durch Nein, sondern
durch das Ja. Nicht fr die Ewigkeit, aber fr das Leben. Siehst Du, Heilige,
wie mich der Sonnenschein melancholisch machen kann?
    Da klopfte mir pltzlich Jemand von hinten auf die Schulter. Ueberall habe
ich Sie gesucht; wo stecken Sie denn? wurde ich mit grober Stimme angeredet.
    Das war mein Philister. Er hatte sein Opfer nur zu gut wieder gepackt. Ich
aber wurde rgerlich, da er mich gestrt, denn ich war gerade im Begriff
gewesen, eine Elegie, zu der ich sonst so selten komme, in mir fertig zu
dichten. Ich beschlo endlich, Rache an ihm zu nehmen, und indem ich es ihm
zusagte, mit ihm spazieren zu gehen, bog ich bei der Kreuz-Kapelle, der wir uns
jetzt nherten, geradewegs in den Kirchhof ein. Wie alte Frauen Sonntag
Nachmittags zu ihrem Vergngen auf den Gottesacker hinausgehn, mit Brille,
Gesangbuch und einem Stck Kaffeekuchen im Pompadour, so wollte ich auch meinen
Philister, mit dem ich mir gar nicht mehr anders zu helfen wute, nach derselben
Analogie hierher unter die Grber spazieren fhren. Vielleicht gelang es mir,
ihn hier auf den Kirchhof abzusetzen. Er wanderte auch gutwillig mit, und ich
bedeutete ihm noch zum Ueberflu, da ein Kirchhof eigentlich die grte
Merkwrdigkeit in der Welt sei. Daher ein Reisender, wie er, durchaus auf den
Kirchhof msse.
    Er sagte kein Wort, und folgte mir mit einem sonderbaren Gesicht zwischen
den grnen Schlummersttten der Todten hindurch. Ein leiser Wind schien in den
trauernden Laubgehngen Wiegenlieder zu flstern, und durch dichte
Cypressenbsche streute die Sonne ein gedmpftes, trumerisches, grnliches
Licht ber die Grber aus. Ich setzte mich auf einen khlen Grabstein, und lie
einen Augenblick das groe Gefhl der Ruhe, das hier ringsher aus gebrochenen
Herzen keimte, ber mich kommen. Der Philister war stehen geblieben, und las die
Inschrift eines Denksteins, der mir gerade gegenber aufgerichtet war.
    Und welchen Edlen nennt die Urne, damit wir seiner Asche ein andchtiges
requiescat in pace zurufen? fragte ich.
    Der Philister las mit seiner lauten, trockenen Stimme den Namen: Johann
Gottfried Seume, gestorben am 13. Juni 1810.
    Ach, Seume! Guter, ehrlicher, deutscher Seume! Htte ich doch fast diese
Merkwrdigkeit von Teplitz vergessen, da Deine irdischen Gebeine, gewi recht
ermdet von Deinem groen Spaziergang nach Syrakus, hier sich ausruhen! Und ein
Zufall und ein Philister mssen mich erst darauf bringen, an Dein Grab zu
wallfahrten, und Deiner zu denken. Ich kenne Dich, ich kenne Dich! Schon als
Knabe, Du alte, wackere Haut, hat mir Dein Spaziergang nach Syrakus viel
Vergngen gemacht, ich bin mit Dir gewandert und mit Dir eingekehrt, habe die
Schuhe mit Dir zerrissen, und Dein Vesperbrot am Wege mit Dir getheilt. Seume,
es hat mir gut, sehr gut geschmeckt. Und es htte nicht viel gefehlt, so wre
ich meinen Eltern davongelaufen, um gleich Dir, wie ein frischer
Handwerksbursche, mit Rnzel und Knotenstock, nach Syrakus zu pilgern, und in
jeder Kneipe, wo Du bernachtet, das Schenkmdchen zu fragen nach Seume. Du
warst ein gttlicher Kerl, am liebsten mchte ich Dich einen Burschen nennen!
Solche Burschen, wie Du, versteht unser heutiges Zeitalter nicht mehr, dazu ist
es zu salonsmig dumm geworden. Du, ganz das Widerbild eines Salonsmenschen,
ich gbe etwas darum, wenn ich Dich htte kssen knnen. O durchaus ein Mensch,
wie ich sie liebe. Und was habe ich herzlich gelacht ber Deine nrrische
Liebhaberei an dem langweiligen Theokrit! Aber es war recht von Dir, da Du
Deiner Laune folgtest! Guter, guter Bursche, herzlieber Sonderling, spahafter
Grillenfnger, biedrer Menschenfeind, weichherziger Timon! O durchaus ein
Mensch, wie ich sie liebe. Ein Bursche, ein Student bliebst Du zeitlebens. Ein
Kernbursche, ein Weltbursche, der immer den Wanderstab in der Hand hat, von
einer Erdenstation auf die andere geworfen wird, nichts als vorbergehendes
Wirthshauslabsal und Strohlagerruhe im Leben findet, aber berall etwas sieht
und lernt, manchen grnen Zweig sich an die Mtze steckt, und mit starkem Herzen
und rstigem Pilgerschritt immer weiter zieht, ohne Heimath und Ruhe, nur
zuweilen mit einer verstohlenen Thrne im Auge.
    Aber hre, etwas Philister warst Du doch! Und es ist sonderbar, da mir
gerade der Philister Dein Grab gezeigt hat. Du warst ein Weltbursch mit dem
Weltpilgerstab, ich lasse Dir als Mensch groe Gerechtigkeit widerfahren. Aber
Alles, was Du geschrieben und gedichtet, riecht etwas stark nach dem Bettelsack,
den Dir das Schicksal schon frh auf Deine Schulter geladen. Nimm es mir nicht
bel, wer kann dafr? Du warst ein Poet, der seine Begeisterung bei Kartoffeln
und einem Heringskopf abfertigte, und Dein Apoll wiegte sich immer erst lange
auf olympischen Tabakswolken hin und her, ehe er in der ungeheizten Stube warm
werden konnte. Dieser uralte Bettelsack des deutschen Literatenlebens war Dir
aber beinahe zu Deiner andern Natur geworden, und Du fhltest Dich glcklich und
traulich in ihm. Er war Dir ans Herz gewachsen, Du renommirtest mit ihm, und
schmecktest Dir am Ende eine Art spiebrgerliche Romantik heraus. Du httest
ihn zuletzt um keinen Preis mehr vertauschen mgen mit einem ritterlichen Wams.
Und was mich am meisten von Dir gergert, ist Das, was Du ber den Aufstand in
Warschau von 1794 als Augenzeuge geschrieben! Du, der Du auf dem Boden in einer
alten Tonne versteckt saest, als die Polen drauen strmten, wie konntest Du es
wagen, die Nationalitt dieser Revolution zu beschimpfen, und jene Polen nur als
einen zusammengerotteten Haufen von Elenden in Deiner Brochre zu schildern?
Zwar standest Du in russischen Diensten, aber Du warst doch Seume, der deutsche
Mann! Geh', geh', la mich nicht daran denken! Lieber suche ich Dich nachher in
der Gschenschen Druckerei in Grimma auf, wo Du als ehrsamer Corrector aus
Wielands und Klopstocks Werken die Druckfehler herausstrichest. Druckfehler
konntest Du besser beurtheilen, als Polen. Hier habe ich Dich wieder gern, ich
sehe Dich ordentlich sitzen in Deinem Eifer, und wie ein strenger Moralist auf
correcten Lebenswandel der schwarzen Lettern dringen. Nur Dich selbst konntest
Du nicht corrigiren, und Deine alte Wanderunruhe strte Dich bald wieder auf. Du
sagtest: Ade, Herr Gschen! nahmst den Knotenstock, zogest Dir die Schuhe an,
und machtest Dich eines Morgens auf, um nach Syrakus zu gehen. Du wolltest blo
dahin, um einmal an Ort und Stelle Deinen Lieblingsdichter, den Theokrit, zu
lesen. Lcherlicher Kerl, um den Theokrit sich die Stiefeln zu zerreien! Aber
wenn Du nur wandern, wandern, wandern konntest! Dann war Dir recht; und Du
verstandest es vortrefflich. Dazu drckt Dich Deine groe Lebenseinsamkeit nie,
Du starkes Beduinenherz! Schne Frauen verfhren Dich nicht, und Deine
Grundstze erlauben Dir nicht, sie zu verfhren. Nur ein Kind sollst Du Dir oft
gewnscht haben, das sich in treuer Neigung an Dein vereinzeltes Dasein lehne,
und ich habe gehrt, da Du einmal ausgerufen: Ich mchte wohl von einem
gesunden Bauermdchen einen Jungen haben, wenn es nicht wider meine Grundstze
wre! Das nenne ich Grundstze haben. O Mann von Grundstzen, Du hast Dir das
Leben sauer werden lassen! Dir mu nachher recht wohl geworden sein in Deiner
Gruft, wo jetzt Dein lngst verfallener Staub vor mir liegt. Deine Jugend wurde
Dir durch Werber gestohlen, die Dich bis nach Amerika in Kriegsdienste
schleppten, und wenn Du von den Strapazen des Tages einmal ausruhtest, machtest
Du Dir kein anderes Vergngen, als in Deiner Kasematte Horaz und Virgil zu
lesen, und den Theokrit. Immer und immer nur Theokrit! Seume, ich glaube, der
Theokrit hat Dich ruinirt, und aus Deinem Leben diese solide Philisteridylle
gemacht. Ging aber Deine Jugend verloren, so stieg auch ber dem harten
Mannesalter keine wrmende Sonne mehr auf. Kein Blthenschauer, kein
Liebesstern, kein unverhoffter Segen, kein Geld und kein Glck, kein Reichthum
und keine Flle, kein Schimmern und kein Strahlen. Viel trockenes Brot, viel
kalte Kche, und viel Theokrit. Deine ganze Bescheerung. Nur das Wandern hattest
Du noch, durch Stadt und Land, das Wandern und die Lust an der freien Luft, das
konnte Dir Keiner nehmen. Groer Spaziergnger, ich scheide doch mit Liebe und
Achtung von Deinem Hgel. Schlummere sanft fort, Du hast viel gepilgert. Und
wenn ich Dir keine bessere Standrede gehalten, so schreibe die Schuld dem
Philister zu, der dort vor mir steht, und mich durch seine Nhe verstimmt hat. -
-
    Hiermit sprang ich auf, und entfernte mich mit eiligen Schritten von dem
Kirchhof. Der Philister, der sich meine letzte Anspielung wenig zu Herzen zu
nehmen schien, wieder hinter mir drein. So gelangten wir, nachdem ich mich noch
eine Zeitlang auf zwecklosen Kreuz- und Querzgen mit ihm umhergetummelt,
endlich ins Theater, wo ein zusammengerhrtes Quodlibet von Ballet, Oper und
dramatischem Ennui gegeben wurde. Ein sogenanntes Mixtum Compositum, das dem
liederlich zerstreuten Theatersinn, der auf nichts Ganzes mehr zusammengehalten
werden kann, am angenehmsten und natrlichsten entspricht.
    Es war sehr leer in dem kleinen Hause, der eigentliche Flor der schnen Welt
fehlte. Ehe der Vorhang aufgezogen wurde, sah ich mir den neben mir sitzenden
Philister noch einmal recht genau an, ob er auch wirklich ein Mensch sei. Ich
fragte ihn, warum er denn eigentlich reise, da das Reisen doch so viele
Beschwerlichkeiten mit sich bringe. Er antwortete mir, er gedchte zu heirathen.
Da wolle er sich vorher noch einmal die Welt ansehn. Das fand ich allerliebst,
und mute so laut darber lachen, da sich das ganze Parterre nach uns umsah. O
Welt! Welt! Welche Magie mu in dem Begriffe Welt liegen, welcher hinreiende
bacchische Taumel mu von dem Begriffe Welt ausgehen, da selbst ein Philister,
ehe er heirathet und das Haus hinter sich zumacht, sich noch einmal die Welt
ansehen will!
    Jetzt hob die Vorstellung an. Schauspieler, wie Schauspielerinnen, eine aus
den verschiedenartigsten Bestandtheilen zusammengeraffte Truppe, sprachen und
handelten gleich erbarmungswrdig und verstandlos. Man gab auch wenig Acht auf
sie, und die Theilnahme des Publikums begann sich erst zu regen, als die beiden
anmuthigen Schwestern Amiot auftraten, um ein lndliches Pas de Deux zu tanzen.
Schne, saftvolle, sinnliche Gestalten, ein gaukelndes, glhendes Leben in den
runden Wellen der Glieder! In diesem Augenblick wurde auch der Knig auf seinem
Platze gesehen. Er war eben ins Theater getreten, und mit ihm Alexander von
Humboldt, der zu seiner Seite Platz nahm. Die beiden reizenden Sylphiden
verdoppelten nur ihren Eifer, und wie blumentrunkene Libellen hoben sich die
schlanken Beine und Fe auf und nieder, und schienen sich in ihrem sen Rausch
oft ganz zu vergessen. Ein weites Feld fr den Naturforscher erffnete sich, und
wenn auch hier fr einen Humboldt nicht gerade ein Chimborasso zu ersteigen war,
so gab es doch noch immer Anla genug, da ein groer Naturgelehrter sich hier
an Hhenbestimmungen, Lngenmessungen und dergleichen, versuchen konnte. Denn
immer hher und hher flogen die trunkenen Libellen, in das feurige Spiel der
Bewegungen flossen tausend verborgene Reize ber, die Erdenhlle verstob fast
vor dem entzckten Auge, man sah die hellen Geister transparent, man war
erstaunt, auer sich, man klatschte, und machte dem gepreten Busen Luft in
einem enthusiastischen Bravo. Die Mdchen hatten in der That auerordentlich
getanzt, sie hatten bewiesen, da der menschliche Krper ein Zauberer, alle
Glieder Liebesgtter sein knnen, und ich erfuhr, da ihnen der Knig nachher
seinen besonderen Beifall darber zu erkennen gegeben! -
    Hier la mich abbrechen, Heilige! Ich will mich jetzt von der Seite des
Philisters fortschleichen, und noch vor Schlu der Vorstellung in den Gasthof
zurckkehren, um meine Sachen einzupacken. Der Philister darf nicht wissen, da
ich morgen mit dem Frhesten nach Prag reise, weil er mit mir wollte. Von Allem
aber, was mir sonst noch in Teplitz begegnet, und von einem glnzenden Ball, den
der Frst Clari noch in derselben Nacht gegeben, und dem ich zugesehen, wirst Du
in meiner groen Reisebeschreibung, die ich knftig einmal drucken lassen werde,
etwas erfahren. Bis dahin gedulde Dich, Du liebes heiliges Madonnengesicht!
Liebe Weltheilige, bete auch recht fleiig fr mich, denn mir ahnt, da ich noch
in groe Anfechtungen gerathen werde! Und wo bleibt Deine Selbstbiographie? - -

Dank! Dank! Als ich nach Hause kam, fand ich Dein zierliches Couvert, und darin
die Bltter von Deiner Hand. Ja, ja, Du bist eine groe Heilige mit Deiner
weltlichen Seele. Habe ich Dir nicht gesagt, da Alles, was eine Geschichte hat,
Gott angehrt? Und Dein Leben hat seine tiefbedeutende Geschichte. Jede Sylbe
darin ein heier, rother Tropfe Blut aus geffnetem Herzen. Jedes Wort eine
schneidende Wahrheit des Daseins. Den heimlichsten Athemzug Deiner Seele habe
ich darin behorcht, und viel gelernt und viel genossen. Du hast etwas erlebt in
der Welt, Du bist eine Heilige! Gott gre Dich, Du weltliche Seele! Dank! Dank!
- - -

                      Bekenntnisse einer weltlichen Seele.


So wenig hat wohl nie ein Kind von sich selbst gewut, als ich bis in mein
neuntes Jahr. Frhere Erinnerungen sind mir fast gar nicht brig geblieben, und
nur eines einzigen bestimmten Gefhls erinnere ich mich sehr deutlich. Dies war,
da mich Vater und Mutter gar nicht liebten, und mir nie ein Vergngen machten.
Und noch eine Aeuerung ist mir im Gedchtni geblieben, denn welches Mdchen
wrde so etwas nicht behalten? Nmlich, da einst der Pfarrer uneres Orts sagte,
er habe noch nie ein Kind so hbsch lachen gesehn, wie mich. Es ist seltsam, da
manches Wort, das wir als Kind in der ungewissen Dmmerung unserer Sinne nur wie
aus weiter Ferne ber uns hren, wie ein Blitz in uns einschlgt, und, ich
glaube, noch auf dem Sterbebette uns wieder einfallen kann. Diese Aeuerung, da
ich hbsch lachen konnte, habe ich nie vergessen. Ich mu also doch schon auf
meine eigene Hand viel gelacht haben, ungeachtet mir meine harten Eltern nie
Vergngen machten. Aber der freundliche Pfarrherr schenkte mir auch ein
Rothkehlchen, das ich sehr lieb hatte, mit dem ich viel sprach und mich freute.
Es durfte auch nicht oft aus der Stube gehen, sowie ich, und mute sich in
seinen jungen Tagen damit abgeben, Fliegen zu fangen, sowie ich Sorgen. Ich half
ihm redlich Fliegen fangen, und es half mir seinerseits, durch seine
possirlichen Sprnge, ber die ich herzlich lachen mute, mir die Sorgen zu
verscheuchen. Nur die Dummheit konnte ich ihm nie vergeben, da er sich die
Flgel hatte stutzen lassen, und wenn ich ihn mir auf die Hand stellte, und ihn
vor mir aufrichtete, setzte ich ihn ordentlich deshalb zur Rede. Htte ich
Flgel, dachte ich, nie sollten sie mir die stutzen. Ich flge gerade mitten ins
Leben hinein, ber alle die finstern bhmischen Berge hinweg, hinter denen ich
geboren bin. Aber das Rothkehlchen wetzte sich den Schnabel, und schien sich mit
seinen grellen nrrischen Augen ber mich lustig zu machen.
    Ich hatte, ich wei nicht mehr wo, etwas vom Leben gehrt oder in meiner
Bilderfibel gelesen, denn ich konnte schon lesen. Ich stellte mir unter diesem
rthselhaften Worte etwas vor, das weder in meinem bhmischen Dorfe zu Hause
ist, noch von dem Vater oder Mutter eine Ahnung htten. Etwas ganz
auerordentlich Liebreiches und Angenehmes, das hinter den Bergen zu haben wre.
Nie ging ich ins Bett, ohne beim Abendgebet daran zu denken, und jedesmal bat
ich den lieben Gott von ganzem Herzen um Leben. So that ich in meinem thrichten
Sinn auch beim Morgengebet. Mein Vater durfte nichts davon wissen, weil er mich
sonst geschlagen htte. Freilich wute ich auch selbst nicht, um was ich bat,
aber es war mir doch unbeschreiblich s, immer auf ein so ahnungsvolles Wort
meine Hoffnung zu setzen. Es war wie eine geheime Liebschaft, welche die
Kinderseele mit der Zukunft fhrte, und oft jauchzte es in mir auf, wenn ich mir
lebhaft vorstellte, was Alles hinter den Bergen sein msse. Entweder hinter dem
groen Milleschauer oder dem ernsten Erzgebirge dachte ich mir das Leben
verborgen. Ich stand oft stundenlang, und wartete ab, bis die Sonnenscheibe
hinter diesen Berggipfeln untersank.
    So stand ich auch einstmals am Fenster, als ich pltzlich hinter mir die
Worte hrte, da ich nach Dresden solle. Ich sah mich erschrocken um, und die
Thrnen strzten mir vor Ueberraschung aus den Augen. Der Vater hatte einen
Brief in der Hand, und die Mutter sah ihm, mit lang vorgestrecktem Hals, lesend
ber die Schulter. Endlich erfuhr ich, da eine reiche Tante in Dresden mich als
ihr Kind anzunehmen wnsche, und da sich nichts Vortheilhafteres fr mein Glck
finden lassen knne. Ich hrte zum ersten Mal etwas von Dresden, und fragte,
indem alle Sehnsucht in mir losbrach, ob es hinter dem Milleschauer liege, wo
auch das Leben sei? Dann wolle ich mit Freuden hingehn. Ich wurde ber meinen
Vorwitz ausgescholten, und nur die Mutter, die etwas milder war, lchelte, und
nahm mich auf den Schoo, und machte mir die Zpfchen zurecht, damit ich hbsch
ausshe, wann ich nach Dresden kme. Der Vater ging aus dem Zimmer, um seine
Schulstunden abzuhalten, und sagte kein Wort. Ich lie mir doch im Stillen die
Hoffnung nicht nehmen, da ich in Dresden das Leben finden wrde.
    In dieser Hoffnung sah ich vergngt zu, wie meine wenigen Sachen eingepackt
wurden. Nur der Abschied von meinem Rothkehlchen, das ich nicht mitnehmen
durfte, war mir schwer, und ich weinte bittere Thrnen. Es betrug sich aber so
unempfindlich bei unserer Trennung, da ich es endlich laufen lie, und noch in
der Thr zu ihm sagte: fange Du nur Deine Fliegen; ich will von jetzt an keine
Sorgen mehr fangen, denn ich gehe nach Dresden ins Leben! Dann kam der Vater mit
seinem langen Rohrstock aus der Schule, und ich mute zu ihm Adieu sagen. Er hob
mich mit beiden Armen, ohne sich zu bcken, in einer steifen Stellung zu sich
empor, betrachtete mich mit hintenbergebeugtem Kopf eine Zeitlang ernsthaft,
kte mich einmal auf die Stirn und stellte mich wieder herunter an den Boden.
Darauf schenkte er mir ein Amulet, segnete mich, und befahl mir, von dem
strengen katholischen Glauben nie einen Finger breit zu weichen. Ich verstand
ihn nicht, und versprach, da ich in Dresden Alles thun wolle. Die Mutter fiel
mir um den Hals, und schluchzte, und sagte, da sie mich noch einmal als groe
Dame wiedersehen wrde. Sie starb einige Jahre darauf.
    Indem ich in den Wagen gesetzt wurde, nahm ich mir in meinen geheimen
Gedanken vor, den ganzen Schatz meiner Liebe, den ich bisher an das Rothkehlchen
verschleudert, nun auf die hellblinkende Zukunft, der ich entgegenging, zu
bertragen. Ein rieselnder Schauer durchlief mich, indem ich mich in die
unbestimmte Ferne hineinzutrumen suchte, und die Haare strubten sich mir
ordentlich vor geheimnivoller Erwartung empor. Noch heut ist mir dieses
seltsame Gefhl in aller seiner Lebhaftigkeit gegenwrtig. Da fing der Wagen an
fortzurollen, ich sah die Eltern noch einmal am Fenster stehen, und jetzt
berfiel mich pltzlich eine frher nie gekannte, starke Empfindung fr ihre
Gestalten. Ich streckte die Hnde nach ihnen aus, ich begann zu weinen, ich rief
Vater und Mutter, und der liebe Klang dieser Namen fiel zum ersten Mal mit einer
sen Beklemmung auf mein Herz. Aber der Wagen rollte immer weiter, ich war
allein in die Welt hinausgeschickt.
    Nur eine alte Frau sa neben mir, in einer groen, schwarzen Enveloppe, die
von der Tante abgesandt worden war, um mich zu geleiten. Nachdem wir einen
halben Tag gefahren waren, wurde es wunderschnes Wetter, und ich wute mich nun
vor Lustigkeit gar nicht zu lassen. Der Sonnenschein lachte mich an, die grnen
Thler breiteten sich meinen Trumen wie ein hoffnungsfarbener Teppich unter,
die Hupter der Berge waren pltzlich freundlicher und mannigfaltiger geworden,
als in unserm Bhmen, und ein schner, heller Strom begegnete uns oft, den wir
bald durchschneiden, bald zur Seite liegen lassen muten. Dann ging es eine
steile Anhhe hinauf, die man den Nollendorfer Berg nannte. Hier wurde einen
Augenblick Halt gemacht, und ich mute von hier aus die Augen noch einmal
zurckwenden auf Bhmen, das wie ein gesegnetes Wunderland, mit unzhligen in
das Himmelblau verflieenden Bergspitzen, vor unsern Blicken ausgebreitet lag.
Es verflo Alles vor meinen Augen, so rhrte mich diese Aussicht, die ich mit
meiner noch unentwickelten Vorstellungskraft natrlich nur wie ein unklares
Mhrchen mit Herzensschauern aufnehmen konnte. Endlich schlief ich, von aller
der Aufregung ermdet, ein, und erwachte nicht eher, als bis ich gegen Abend den
Wagen ber das Straenpflaster rasseln hrte. Da hie es, da wir in Dresden
angelangt wren, und ich war Kind genug, mir vor Freuden in die Hnde zu
klatschen.
    Die Tante sa auf dem Sopha, eine kleine, sehr starkbeleibte Frau, mit
freundlichen, blitzenden Augen. Sie wute mich gleich durch ihren beraus
zrtlichen Empfang fr sich einzunehmen, obwohl ich mir eigentlich gestehen
mute, da ich mich vor ihren freundlichen Augen frchtete. Es fiel mir unsere
Katze dabei ein, wenn sie mir liebkoste, und ich dann nachher mit einer blutigen
Hand fortschlich. Aber ich verfolgte diesen Gedanken nicht weiter. Es wurden mir
gleich am andern Morgen schnere Kleider angezogen, als ich bisher weder
getragen, noch berhaupt gesehen, und ich schlug die Hnde ber den Kopf
zusammen, als ich ans Fenster trat und auf die Strae hinunterschaute. Wir
wohnten in einem schnen groen Hause in der Schlogasse, und konnten noch den
schrg gegenberliegenden Altmarkt mit seinem bunten, heitern Treiben aus unsern
Fenstern bersehen. Diesen ganzen Tag war ich fast gar nicht vom Fenster
fortzubringen, und wollte auch nichts essen. Ich sah mir nur immer die hbschen,
geputzten Leute an, die stattlichen Herren und die zierlichen Damen, die
Equipagen und Reiter, die Soldaten mit schallenden Trommeln und Pfeifen, die
Ausrufer, die Karrenschieber, die Kufer und Verkufer, die da unten alle, wie
es schien, blo zu ihrem Vergngen vorberspazierten. Und wir selbst wohnten in
herrlichen, mit Tapeten, Seide und Purpurstoffen ausgeschmckten Zimmern. So
hatte ich mir auf meinem bhmischen Dorfe das Leben nicht gedacht. Es war Alles
reicher, wie ich es mir vorgestellt, und doch wieder auch um Vieles rmer; aber
Das, was fehlte, wute ich noch gar nicht zu nennen, es war wie in mir selbst
verhllt und eingewickelt. Ich lief zur Tante hin, und htte ihr gern gesagt,
wie mir Alles gefiele, und doch etwas fehle. Aber sie sa in einer Ecke des
Kanapees, und las in einem schn eingebundenen Buche, das einen goldenen Schnitt
hatte. Ich getraute mir nicht, sie zu fragen, doch fiel mir in meiner Thorheit
ein, ob vielleicht in dem schnen Buch stehen mchte, was mir da drauen fehle.
Es waren lauter Gedichte gewesen, in denen sie gelesen hatte, wie ich nachher
bei Tische auf mein naseweises Andringen von ihr erfuhr. Bei Tische fiel mir
sonst noch auf, da nicht gebetet wurde, und ich von selbst wollte nicht
anfangen. Auch schlug die Tante nie ein Kreuz, und als ich ihr mein Amulet
zeigte, lachte sie mich dermaen aus, da ich es vor Unwillen unter die alten,
von Hause mitgebrachten Kleider warf, die ich hier hatte ablegen mssen.
    Seit dieser Zeit aber hatte ich eine groe Sehnsucht nach schnen Bchern,
und ich folgte mit Lust und Liebe, als ich nun fleiig zum Lernen angehalten
wurde. Ich fhrte jetzt ein beneidenswerthes Leben, und war ber die Maen
glcklich. Meine Lehrer kamen und gingen, ich erfuhr viel Neues, wurde in allen
Dingen unterrichtet, und erfreute mich besonders an meinen ersten Versuchen in
der Musik, die mir zur Zufriedenheit Aller gelangen. So gingen die Tage wie
stiller, sinniger Wellenschlag vorber, und Abends war es mir leid, wenn ich
mich zu Bette legen mute, so sehr gefiel mir Alles, was ich that und trieb. Ich
hatte mein eigenes, kleines Zimmer, in dem ich mir Jedes einrichten und stellen
durfte, wie ich es wollte, und so konnte ich zugleich an meiner Umgebung den
Haushaltungstrieb befriedigen, der ein Mdchen so gern beschftigt. Ich
schmckte mir mein Fenster mit Blumentpfen, die ich nach einer gewissen Ordnung
gruppirte, und meine Wnde mit Bildern, welche ich geschenkt bekam. Vor meiner
kleinen Ottomane stand immer ein rundes Tischchen, auf dem Bcher aufgeschlagen
lagen, und zwar waren es jedesmal Gedichte aus der Bibliothek der Tante, welche
ich so zur Schau legte. Ich hatte groe Ehrfurcht vor Gedichten, und wenn mich
so zuweilen das Nachdenken beschlich, glaubte ich in meiner Einfalt, da meine
Erziehung, von der ich immer die Lehrer sprechen hrte, dann beendigt wre, wann
ich die Gedichte alle wrde verstehen knnen. Auch fiel mir, als ich einmal in
der Abenddmmerung auf dem Sopha sa, der Gedanke ein, da ich, obwohl nun schon
fast zwlf Jahr geworden, doch bis jetzt noch gar nicht recht gewut habe, was
Leben sei? Jetzt wei ich es, setzte ich in meiner kindischen Zuversicht hinzu,
und legte den Finger altklug an die Nase. Das Leben ist Lernen, und wenn man
ausgelernt hat, wird das Leben Genieen. Ich freute mich, da mir das
eingefallen war, und legte den Kopf trumend hintenber, und geheime, lockende,
dunkel reizende Bilder von einer Zeit, wo das Leben aus Genu bestehen wrde,
zogen mit einer unverstandenen Ahnung durch meine Seele. Als ich aus diesen
Trumereien erwachte, war es Nacht um mich geworden, aber ich empfand mein Blut
in einer strmischen Wallung, die Wangen waren mir von Rthe und Hitze wie
berglht, der Kopf schmerzte mich, das Herz klopfte in pochenden Schlgen, und
eine halb se, halb drckende Beklemmung schien sich wie ein unbefriedigtes
Verlangen ber meine ganze Brust gelegt zu haben. Ich fing an zu weinen, und
lchelte gleich wieder darauf. Schon seit einiger Zeit war ich manche
Vernderungen an mir gewahr geworden, die mich bald befremdeten, bald erfreuten.
Ich wurde grer, und unter dem Kinderkleide hob sich wie ein Drang junger
Knospen mein Busen. In den Musikstunden mute ich pltzlich Altstimme singen.
    Die Tante bekmmerte sich sonst wenig um mich. Sie sah viele Gesellschaft
bei sich, von der ich jedoch noch entfernt blieb, und nur Gelchter und Gerusch
derselben, Klingen der Glser und Klappern der Tassen, tnte zuweilen in mein
verborgenes Stbchen herber. Etwas mu ich jedoch jetzt erwhnen, von dem ich
eigentlich schon frher htte sprechen sollen, wenn es nicht meiner Zunge schwer
wrde, hier die zgernden Laute zusammenzufgen. Schon seit meinem ersten
Eintritt in dies Haus hatte ich fter einen schnen, vornehmen Mann gesehen, der
von Zeit zu Zeit die Tante besuchte, und mir, dem Kinde, dann jedesmal eine
besondere Aufmerksamkeit widmete. Gleich am andern Tag nach meiner Ankunft aus
Bhmen war er gekommen, um sich nach mir zu erkundigen, als schiene er um mein
ganzes Schicksal gewut zu haben, und die Tante hatte mich ihm, nachdem ich
geputzt und geschmckt worden war, mit einer Art von triumphirendem Wohlgefallen
gezeigt. Er kte mich immer, und zwar so lange, da ich es nicht leiden konnte,
und mich mit Unwillen und Fustampfen ihm entri, denn ich konnte sehr heftig
werden. Auch brachte er mir jedesmal kostbare Geschenke aller Art, die ich
hastig nahm, weil ich nach solchen Dingen ein groes Gelst hatte. Ehe ich es
dachte, kam er jetzt, und ich erschrak immer vor ihm. Wenn ich fortgehen wollte,
begegnete er mir auf der Treppe, und ich mute wieder mit ihm hinauf; wenn ich
zur Tante ins Vorderzimmer ging, um zum Fenster hinauszusehen, (denn mein
Stbchen ging nach hinten,) war er unversehens auch da, und ich mute mich ihm
auf den Schoo setzen, so sehr ich mich strubte. Die Tante lie Alles
geschehen, und schalt mich nachher derb aus, wenn ich gegen den Herrn Grafen -
denn so wurde er von ihr genannt - nicht recht freundlich und schmeichlerisch
gewesen war. Oft kam er auch auf mein Zimmer, wann ich unterrichtet wurde, und
hrte aufmerksam zu, und gab den Lehrern manche Winke ber Das, was sie mit mir
vornehmen sollten. Dies war das Einzige, was mir an ihm gefiel, obwohl es mir
auch rthselhaft duchte. Aber es schien ihm viel daran gelegen zu sein, da ich
die feinste und sorgfltigste Ausbildung erhielte, ich sah nicht ein warum? Er
war ein groer hochgewachsener Mann in den mittlern Jahren, mit immer lchelnden
Gesichtszgen, etwas verzogenen Mundwinkeln, blassen Wangen, und einem
funkelnden Ordensstern auf dem Rock. Ich mochte ihn nicht leiden, und als Grund
dazu wute ich noch kaum etwas Anderes, als das Gefhl, da er mir meine
unbefangene Kinderfreiheit beschrnkte.
    Auerdem war noch in der letzten Zeit ein junger Theologe, Namens
Mellenberg, in unser Haus gezogen, dem die Leitung meines Unterrichts anvertraut
wurde. Er war hlich, finster, einsylbig, und bekmmerte sich um nichts als
seine Bcher, weshalb auch der Graf ein unbedingtes Vertrauen in ihn zu setzen
schien. Sein dsteres, in sich versunkenes Wesen hatte dennoch etwas sehr
Anziehendes fr mich, und da er sich zugleich groe Mhe mit mir gab, so lernte
ich bei ihm viel und in wenigen Stunden mehr als bei allen frhern Lehrern. Er
war Protestant, und belehrte mich zuerst ber die Verschiedenheit beider
Glaubensformen, die mir augenblicklich sehr berzeugend einleuchtete. Diese
Ueberzeugung, die ich gewann, erffnete mir zugleich einen freieren Blick ber
die Weltgeschichte und deren Fortschritte, da mir bis dahin, wie jedem Mdchen,
alles historische Interesse ziemlich fremd geblieben war. Doch schrfte mir
Mellenberg ein, da ich unsere Unterredungen ber diese Gegenstnde geheim
halten msse, da er nur den Auftrag habe, die neueren Sprachen mit mir zu
treiben. Dies gab dem Verhltni zu ihm in meiner Vorstellung einen noch
greren Reiz, da nun etwas Geheimes zwischen uns obwaltete, in dem und durch
das wir uns verstanden. Ich wurde aus ganzem Herzen Protestantin, fhlte mich
klar, frisch und gesund dabei, und wenn ich an den lieben Gott dachte, geschah
es mit einem lebensfrohen Muth, wie niemals. Um so schmerzhafter drckte es
mich, da ich nchstens, wie mir die Tante angekndigt hatte, durch den Bischof
eingesegnet werden sollte auf den katholischen Glauben. Denn obgleich die Tante,
wie ich wohl gemerkt hatte, gar keine Religion besa, so ging fie doch alle
Sonntage um 11 Uhr nach der Schlokirche in die Messe. Mit lautem Weinen klagte
ich dies meinem protestantischen Candidaten. Er aber wehrte meine Arme, die ich
in der Leidenschaft des Schmerzes um seinen Hals schlingen wollte, langsam und
errthend von sich ab, und verwies mich an die Macht Gottes, die Alles zum
Besten lenke. Mich verdro seine Klte, da ich geglaubt hatte, in einem
innigeren Verhltni mit ihm zu stehn, und obwohl ich ihm nicht gram werden
konnte, nahm ich mir doch vor, ihm nchstens etwas zum Tort zu thun. Ich bewies
mich nmlich jetzt dem Grafen, der immer fter und fter kam, freundlicher und
anhnglicher als je, ungeachtet da sein Benehmen gegen mich von Tag zu Tag
seltsamer und auffallender wurde, und meinte damit den guten Mellenberg zu
krnken, whrend ich doch selbst nur davon litt, und heimlich manche Nacht
durchweinte.
    Jetzt trat pltzlich eine Wendung in meinen Ansichten und Schicksalen ein,
die, wie ich bei allen Begegnissen des Lebens bemerkt habe, gleichsam mit dem
Hauch einer einzigen Stunde, welche die entscheidende ist, herbeigeweht zu
kommen schien. Ich war vierzehn Jahre alt geworden, und sah schon wie ein vllig
aufgeblhtes Mdchen aus, denn das heiere Wachsthum meiner Seele und meiner
Sinne mochte auch mein Aeueres frher gezeitigt und in die Flle der Gestalt
hervorgetrieben haben. Der Graf, mich mit einem ganz besonderen Blick
betrachtend, vor dem ich blutroth wurde, hatte mir an diesem Tage ein
wunderschnes Kleid geschenkt, und mir dabei viele Schmeicheleien gesagt, da
ich meinen Ohren kaum traute. Es war mir in der letzten Zeit nur zu klar
geworden, da ich ganz auf seine Kosten gepflegt und gebildet wurde, denn die
Tante, gegen deren Lebensweise mich bei nherer Beobachtung ein immer
widerwilligeres Mistrauen beschlich, besa kein eigenes Vermgen, wie ich bald
erfuhr. Zuweilen war es mir in meinen Gedanken, als wenn ich in einen
entsetzlichen Abgrund hinunterspringen mte, vor dessen bodenloser Tiefe und
Schwrze mir jeder Nerv bis in den Tod erbebte, aber an diesem meinem
Geburtstage erfate mich auf Einmal ein ungeheuerer Leichtsinn in meinem
innersten Herzen, es war ein Moment, ich wute nicht, wie mir geschah, und mein
ganzes Denken flog pltzlich, wie von rosigen Sommerwolken fortgetragen, in eine
an endlosen Freuden, Blthen, Farben und Tnen reiche Ferne hinaus. Als der Graf
fortgegangen war, lachte und sang ich, und beeilte mich, das neue, aus den
kostbarsten Stoffen gewhlte Kleid, das mir auerordentlich gefiel, anzulegen.
Die Tante war mir dabei behlflich, und sagte zugleich, da es nun, da ich so
schn und gro geworden, Zeit sei, mich in die Welt einzufhren, wie sie sich
ausdrckte. Ich horchte auf, wie nach einem seltsamen, goldenen Klang, der mir
in die Seele ziehen wollte, und stellte mich dann vor den Spiegel, aus dem mir
meine ganze geschmckte Gestalt in blendender Ueberraschung entgegenstrahlte.
Dieser Blick in den Spiegel traf mich wie ein verwirrender Zauber. Es war mir,
als besnne ich mich jetzt auf mich selbst, da ich bisher eigentlich noch gar
nicht gelebt htte. Ich seufzte, und der Spiegel berthaute sich von dem Hauch
meines Mundes. Da schienen, indem ich noch trumend stand, aus der berzogenen
Flche des Glases holde Genien, verlockende Gestalten, zu mir herauszusteigen,
sie hatten die Hnde voll bunter Blumen und die Augen voll lockender Gefhle,
sie steckten mir eine groe, volle, rothe Rose zwischen die schlagende Brust.
Zusammenfahrend, wischte ich schnell den Spiegel wieder ab, und lachte laut, als
ich keine Geister, sondern nur den Glanz meiner Jugend darin sah. Dieser
Augenblick aber war das fr mich, was fr die Gespenstermhrchen die
Mitternachtstunde ist. Sie mssen diesen Moment abwarten, ehe der Zauber in
ihnen wirksam werden kann. Und so war es, als htte ich gerade an diesem Tage
und in diesem Augenblick in den Spiegel sehen mssen, um seitdem pltzlich
andern Sinnes zu werden. Der Spiegel, der jetzt mein Freund wurde, war der
Magier gewesen, der mich verzaubert hatte.
    Von nun an zeigte sich die Tante fter mit mir auf Spaziergngen, in
Gesellschaften und im Theater, auf Bllen, Concerten und bei andern ffentlichen
Gelegenheiten. Es wurde, wie es schien, Alles hervorgesucht, um mir Vergngen zu
machen, und meine Sinne in einen bestndigen Taumel zu wiegen. Von Vergngen
hatte ich ja schon immer getrumt, und danach mit Herzklopfen verlangt, und nun
konnte ich den ganzen Flitter von dem vollen Goldstrom der Welt wegschpfen, wie
und wo ich nur wollte. Kein Wunsch blieb mir versagt, jeder Gegenstand, den ich
gern htte erhaschen mgen, war auch schon mein, und ich war unerfahren und
zugleich leidenschaftlich genug, um mich sogar an Alltglichkeiten zu
berauschen. Jede Promenade im Mittagssonnenschein, auf der ich den
Vorbergehenden auffiel, war mir ein festliches Ereigni, und ich konnte nachher
vor Freuden ordentlich in der Stube herumhpfen. Nur dmpfte es einigermaen
mein aufjauchzendes Temperament, wenn ich einmal zufllig daran dachte, da ich
diese neue feiertgige Lust, die ich am Leben kennen gelernt hatte, dem Grafen
verdanken sollte. Dann war ich einige Tage traurig und von trben Ahnungen
geplagt, bis er mich durch ein neues Geschenk wieder heiter machte. Seinen
Liebkosungen hatte ich mich brigens noch immer standhaft widersetzt, und mit
einer Entschlossenheit, vor der ich nachher selbst erschrak, denn was mein
Gefhl zuletzt am meisten gegen ihn emprt hatte, war die Bemerkung, da er sich
nie ffentlich mit uns zeigte, sondern uns nur immer ganz im Geheimen zu
besuchen schien. Dagegen hatte die Tante mit mehreren Familien Umgang, zu denen
ich gefhrt wurde, und wo es Feste, Landpartieen, Krnzchen und
Tanzgesellschaften in Ueberflu gab. Ich tanzte auerordentlich gern, und war
immer auf dem Platze und die gesuchteste Tnzerin. Der Tanz kam mir wie eine
festliche Dithyrambe zu Ehren einer Gttin vor. Sonst gefielen mir alle diese
Menschen nicht, mit denen mich die Tante in Berhrung brachte. Sie erschienen
mir einfltig, ungebildet, seelenlos, unsittlich und doch ohne Leidenschaft,
verworfen und doch ohne Verzweiflung, leichtsinnig und doch ohne Genialitt,
trbseelig und doch ohne Melancholie, mithin ohne jedes menschliche Interesse.
Ich schauderte zuweilen unwillkrlich vor diesem Blick in die
Menschenverhltnisse, aber dennoch lie ich mich nicht nchtern machen aus
meiner selbstvergessenen Trunkenheit, die mich wie ein rascher Wirbeltanz von
einer Stelle zur andern bewegte. Und die Tante sagte in ihrer allerliebsten
fetten Naivett, das seien die Freuden der groen Welt, wenn wir spt um
Mitternacht aus einem Pickenick von reichen Kaufmannsshnen und jungen
heirathslustigen Offiziers-und Beamtentchtern nach Hause kehrten. Dann warf ich
mich erschpft und seufzend in einen Stuhl, und betrachtete mir beim Auskleiden
noch einmal meinen schimmernden Putz, und lie mein Geschmeide und meine Juwelen
durch die Finger gleiten. Ich betete nicht mehr zu Gott, den ich als kleines
bhmisches Mdchen so hei um Leben angerufen hatte. Also statt des Lebens hatte
ich jetzt die groe Welt, wie es die Tante genannt, gefunden. Welt, Welt, groe
Welt, ist das Leben? Doch ich dachte jetzt ber nichts genau, und flatterte nur,
mochte es Welt oder Leben sein, das ich mit meinen flchtigen Sohlen berhrte.
Auch konnte ich um diese Zeit fast den ganzen Rossini vom Blatte singen.
    Ich mu doch auch wieder ein Wort von Mellenberg sagen. Obwohl ich fast
keinen Unterricht mehr bei ihm nahm, blieb er doch immer noch in unserm Hause,
da er sehr arm war und die Tante ihm wenigstens die freie Wohnung gelassen
hatte. Er schien mir, seitdem ich mich so in diese glnzenden Zerstreuungen
gestrzt hatte, heimlich zu zrnen, und doch war es anfnglich von mir nur aus
Trotz geschehen, weil ich mich in meiner Zuneigung zu ihm - der ersten
wahrhaften, die seit der Trennung von meinem Rothkehlchen in mein Herz gekommen
war - geirrt zu haben glaubte. Ach wo war Rothkehlchen, wo war Bhmen, wo waren
die abendrothen Gipfel des groen Milleschauers? Dennoch schien es mir auch
wieder, als thte ich Mellenberg Unrecht, wenn ich ihm eine von Bchern und
Wissen erkltete Seele zuschrieb. Obgleich er mich vermied und ich ihn, so
betrachtete er mich doch zuweilen, wenn wir uns begegneten, mit einem seltsam
schmerzlichen und theilnehmenden Blick, der tief in mich hineinfuhr und nachher
lange in mir haften blieb. Dann konnte er ordentlich schn aussehen, wann er
mich so anblickte, und sein edles, ernstes, tiefliegendes Auge beleuchtete sein
ganzes Gesicht mit einer stillen, sinnreichen Anmuth. Ueber den Protestantismus
hatten wir nie wieder gesprochen. Diese klaren Ausstrahlungen meines erwachten
Selbstbewutseins waren fr jene Zeit ganz in mir verdunkelt worden. Htte er
daran wieder angeknpft, so wrden wir uns wieder inniger genhert haben, und zu
meinem Heil. Aber er war stumm, verschlossen, und hatte nicht den freien und
kecken Muth der Seele, welcher einem Mdchen sonst immer als das
Liebenswertheste am Manne erscheint. Und einmal kam mir sogar der wunderliche
Gedanke ein, wie ein so edler, begabter junger Mann, als er, in einem so
schlechten Hause, wie dem unsrigen, zu bleiben vermochte! Ich schrak ordentlich
zusammen, als mir dieser Gedanke klar zu werden anfing. Ich dachte, wenn ich ein
Mann wre, wollte ich fortlaufen, und mich lieber in eine Bodenkammer bei einer
armen Weberfamilie einmiethen, als hier bleiben! Hier, wo ein zweideutiges Weib
der raffinirten Unterhaltung eines Grafen Opfer erzieht. Und am andern Morgen
war immer Alles wieder vergessen, was ich gedacht hatte.
    Inzwischen mu ich noch bemerken, wie ich schon frher, gleich nach dem
Anheben meiner groen innern und uern Verwirrung, durch den Bischof die
Firmelung auf den alleinseeligmachenden Glauben erhalten hatte, obwohl, whrend
ich sie empfing, Etwas in mir war, was dagegen protestirte. Ich ging nun fter
mit der Tante in die Messe, oder auch allein, und so sehr mich auch diese
feierliche musikalische Mystik theilweise anlockte und zuweilen wie mit
Wunderkerzen in meine horchende Seele hineinleuchtete, so ging ich doch nie mit
einem befriedigten Gefhl aus der Kirche weg, sondern war betubt, ermattet,
muthlos. Zudem bemerkte ich, da sehr Viele nur kamen, um die beiden
italienischen Castraten singen zu hren, und diese letzteren waren es gerade,
die mir eigentlich Alles verleideten und meine Andacht verdarben. Meine ganze
physische Natur wurde nmlich emprt und aufgeregt, sobald der unendlich weiche,
lauliche, wollstig hingeschlrfte, bald weibisch aufkreischende, bald in
gedmpften Mitteltnen sich lchelnd kitzelnde, bald brnstig zitternde, bald in
banger Lust klagende und sich verhauchende Ton dieser Snger an mein Ohr fiel,
und auf meine Nerven zu wirken anfing. Dieses empfindliche Mibehagen ging
einigemal sogar in Krmpfe und Anflle von Ohnmacht bei mir ber, und ich mute
aus der Kirche fortgetragen werden. Das weibliche Gefhl mu es berhaupt
verletzen, einen Castraten zu sehn, der fr einen Mann blo lcherlich, fr eine
Frau aber immer nicht anders, als unertrglich und beleidigend sein kann.
Dagegen wurde mir jedesmal wohl, wenn ich von der Kirchentreppe heruntertrat und
die herrliche Aus- und Fernsicht ber die schne freundliche Elbe, mit den
dahinterliegenden, weit in den blauen Horizont sich verlierenden Gegenden, vor
mir erblickte. Diese Aussicht verlor nie ihren aufheiternden Reiz fr mich, so
oft ich mich auch darin erging, und wenn ich allein nach Hause kehrte, machte
ich jedesmal einen Umweg und stieg die breiten steinernen Stufen zur Brhlschen
Terrasse hinauf, dort oben unter den schattengebenden Alleen langsam und mit oft
verweilenden Umblicken hinwandelnd. Da lag unten zur Seite die lange prchtige
Elbbrcke auf ihren hohen Pfeilern und Bgen, drben jenseit der Elbe kamen vom
Linckeschen Bade die verlorenen Klnge eines Morgenconcerts herber, und rings
um mich her ging in eleganten Gruppen und Gestalten das Gedrnge der schnen
Welt Dresdens an mir vorbei. Solche Spaziergnge geno ich mit harmloser Lust.
Die Gesichter der Dresdener hatten im Ganzen eine gewisse Geflligkeit fr mich,
sie sind fast immer fein, wei und nett, wenn auch ohne Ausdruck, gebildet, und
obwohl man ihnen im Durchschnitt weder Gemthlichkeit noch Gutmthigkeit
zuschreiben kann, so ersetzen sie diese doch oft durch eine, ich mchte sagen,
technische und hbsch zugeschnitzte Freundlichkeit. -
    Jetzt ereigneten sich einige Vorflle, die mein Schicksal zeitigen halfen.
Ich fhlte nmlich, da unwiderstehliche Leidenschaften in mir rege geworden
waren, mehr in der allgemeinen heien Strmung meiner Natur, als da sie noch
einem besondern Gegenstande gegolten htten, am allerwenigsten aber Dem, welcher
sie durch absichtliche, knstliche und immer dringender werdende Mittel in mir
hervorzulocken suchte. Es war ein mchtig lodernder Funke, den die Kraft meiner
Phantasie aus den berschwenglichen Formen des reichen Lebens sich
herausgeschlagen und zndend in mein Blut geworfen hatte, und dieses trieb nun
strkere Wellen zu dem Herzen hinauf, welches erbangend und berwltigt nirgend
Befriedigung und Frieden fr sich ersah. Wenn ich zuweilen spt aus einer
geruschvollen Gesellschaft, einem aufregenden Ball nach Hause kam, fand ich
Niemand mehr zu beneiden, als den stillen, fleiigen, sinnigen Mellenberg. Er
sa dann immer noch in tiefer Mitternacht auf seinem Zimmer, das in einer andern
Ecke des Hofgebudes dem meinigen gegenber lag, und hatte Licht. Ich konnte ihm
gerade in die Stube sehn, jede seiner Bewegungen belauschen, auf jedes Blatt
Papier, das er beschrieb, mit hinblicken. Wahrhaftig, zuerst war es dann das
Gefhl eines groen Neides, das in mir aufstieg, wenn ich ihn so vor seinem
Arbeitstisch dasitzen sah. Ich hatte die Zeit wild hingebracht, und nach Glck
und Vergngen mich matt und mde gejagt, und er war in wohlthuender Ruhe bei
seinen Bchern zu Hause geblieben. Der Friede msiger Gedankenvertiefung
lchelte auf seiner gewlbten Stirn. Ich sah lange, lange zu ihm hinber. Den
dunkellockigen Kopf in die Hand gesttzt, machte er sich mit groen Bchern zu
schaffen, in denen er bald ganz versunken Seite fr Seite umschlug und las, bald
auf einem neben ihm liegenden Zettel etwas daraus notirte, oder wieder andere
Bcher herbeiholte und darin etwas nachbltterte. So trieb er es unermdlich bis
ein, zwei Uhr, und mein Neid vermischte sich bald mit einer innern Ehrfurcht fr
seine stille Beschftigung, und die Ehrfurcht ging mir ins Herz ber und weckte
darin allmlig eine leise Flamme. Zugleich dachte ich daran, wie gleichgltig
ich ihm im Grunde zu sein schien, und dies reizte meine ganze
Mdchenempfindlichkeit, nicht gegen ihn, sondern heimlich fr ihn, auf. Ich lag
gewhnlich schon im Bett, whrend ich mich damit unterhielt, ihm drben
zuzusehen. Er konnte in mein Zimmer nicht hineinblicken, weil ich gleich,
nachdem ich die Vorhnge wieder heruntergelassen, das Licht lschte, und er
selbst, wie berhaupt nachlssig in allem Aeuern, war auch darin unvorsichtig,
da er die Gardine vor seinem Fenster nie zusammenzog. Dann, wenn sein Licht ihm
auszubrennen drohte, legte er Alles bei Seite, und begann sich zu entkleiden.
Doch hier mu ich errthend abbrechen. -
    Der Sommer des Jahres 1830 war herangekommen. Es war ein schner heller Tag,
als der Graf uns die Einladung zu einer Landpartie zuschickte, das erste Mal,
da er uns dabei mit seiner Gegenwart zu beehren gedachte. Mit peinigenden
Ahnungen setzte ich mich in den Wagen, die freie, reine, himmelblaue Luft wehte
mich vergeblich an, und ich konnte mich heut zu dem sorglosen Leichtsinn, der
ber der Natur schwebte, nicht stimmen. Ich war melancholisch, wie Appiani in
Emilia Galotti. Der Graf gesellte sich erst eine gute Strecke vor dem Thore zu
uns. Er war zu Pferde und ritt in lebhaften Gesprchen, die er immer anzuknpfen
verstand, neben dem Wagen her. Er war ohne Zweifel ein sehr gebildeter Mann, und
ich mute mir oft gestehen, da ich ihn heimlich bewunderte, wenn er sprach und
erzhlte; aber das ngstigende Verhltni, in dem ich zu ihm stand oder zu dem
ich vielmehr noch gezwungen werden sollte, nthigte mich, jede Beipflichtung
auch des Verstandes fr ihn zu unterdrcken. Denn nichts verfehlt mehr seinen
Endzweck auf ein jugendliches, scharf wahrnehmendes Herz, als die zur Schau
getragene Absicht. Nur das Unabsichtliche verfhrt und verlockt uns am
wirksamsten. Und doch verdanke ich seinen Absichten die sorgfltige Erziehung
und Bildung, die ich geno, obwohl ich, bei nherer Ueberlegung, ihm keine
Dankbarkeit dafr schulden zu drfen glaubte. Denn ich war selbst nur als Mittel
dabei gedacht, und nur fr den grern Reiz seiner Unterhaltung hatte er klug
gerechnet, wenn er es vorzog, sich lieber ein gebildetes Schlachtopfer zu
erwhlen, als ein unverstndiges Werkzeug, das keine geistigere Wirkung empfand
und wiedergab. So sollte, was ich Schnes und Gutes lernte und mir aneignete,
nur die Koketterie eines Putzes sein, womit ich mich, um ihm mehr zu gefallen,
behing, aber Gott lenkte es anders, da die Gaben des Geistes, die nur wie
Blumenbltter ber den Abgrund meines Verderbens hingebreitet werden sollten,
vielmehr Wurzel schlugen in meiner eigenen Seele, und frei und stark machten
meinen Willen, um in der Welt nur dem innersten Trieb und Zug meines Gefhls zu
gehorchen. Und wenn ich auch bald an diesem meinem eigenen Gefhl mich verirrte
und sank, so mu es doch, glaube ich, weniger Schande bringen, durch sich
selbst, durch das inwendige und unwiderstehliche Schicksal unserer Brust,
gefallen und gescheitert zu sein. Ich bin keck und frei genug, die Augen noch
dreist und harmlos aufzuschlagen, wenn mich die Sdwinde meiner eigenen
Leidenschaft verschlagen haben an gefahrvolle Klippen; ich bin dann noch ein
Kind meines Willens, ein Kind meines Schicksals, und ein Kind meines Gottes.
Aber fremder Leidenschaft widerwillig gefallen zu sein, ist eine Beschimpfung
des ganzen Daseins, gegen die nichts Anderes mehr als Lucretia's Tod hilft. Ich
war in der letzten Zeit oft auf die Dresdener Gallerie gegangen, und hatte mir
mit stillem Zucken die Lucretia angesehen, die in dem letzten Zimmer, nicht weit
von der Sixtinischen Madonna, ganz oben hngt.
    Aber ich vergesse in diesem Hinundherreden ber meine Lebenswirren ganz, von
unserer Landpartie zu erzhlen. Wir fuhren nach Plauen, das zu den reizendsten
Umgegenden Dresdens gehrt. Der liebliche Plauensche Grund, mit der schumenden
Weiseritz, die sich hier durch hohe Felsen ihre Bahn bricht, machte einen
wohlthuenden Eindruck auf mich, und erleichterte zuerst wieder meine
Vorstellungen. Ich konnte immer entsetzlich bald Alles vergessen, was mich
drckte, selbst im Angesicht der Gefahr. Ich wurde heiter, nahm den dargebotenen
Arm des Grafen an, ging lachend und hpfend an seiner Seite, und sang auf sein
Begehren sogar die tanti palpiti. Ich war im Stande, mir einzubilden, wenn ich
wollte, da er mein wahrer Freund sei, mit dem ich ganz gut sein msse. Auch
bezeigte er sich jetzt durchaus unbefangen, soda ich meinen Argwohn
zurckdrngte. Nur die Figur der Tante rgerte mich zuweilen, wenn sie mir mit
ihren listigen, freundlichen, vielsagenden Augen bedeutungsvolle Blicke zuwarf.
Wir hatten Wagen und Pferde im Dorfe gelassen, und spazierten zu Fu weiter bis
zu den Steinkohlenwerken. Der Graf erzhlte mir manches Lehrreiche ber den
Grubenbau, und ich hrte mit Aufmerksamkeit zu. Auch besahen wir die
Dampfmaschinen. Dann kehrten wir nach Plauen zurck, wo wir Abendbrot aen und
uns gut unterhielten, und erst spt am Abend langten wir wieder in Dresden an.
    Meine frhliche Laune trbte sich, als ich sah, da der Graf vor unserer
Wohnung mit abstieg und uns hinausbegleitete. Ich fhlte, da ich zitterte, und
mein Blut stieg mir in dunkelrother Wallung ins Gesicht. So seltsam war mir noch
nie zu Muthe gewesen, und als ich ins Zimmer trat, erschien mir Alles wie
verndert. Es dnkte mich, als htte ich frher weit wo anders gewohnt, und kme
zum ersten Mal in dies Gemach, um hier die unglcklichste Stunde meines Lebens
zu erleiden. Ich sah mich betroffen um, und wirklich, das Zimmer, in das man uns
gefhrt hatte, war mir in seiner ganzen Einrichtung neu. In der Ecke stand ein
groer Amor von Bronze, mit einer brennenden Fackel in der Hand, und beleuchtete
mir durch diese auf magische Weise das ngstigend geheimnivolle Gemach. Ich war
wie im Traum, und halb besinnungslos lie ich mich von dem Grafen, der mich mit
raschen Arm umfate, zu ihm auf die Ottomane ziehen. Diese war in Form eines
Himmelbettes mit rothen seidenen Vorhngen, die sich aus den goldenen Klauen
eines Greifs falteten, berdeckt, und sie drohten eben rauschend ber mich
zusammenzuschlagen, als ich, pltzlich mich besinnend, mich aufri, und in
wilder Bewegung fast einen Tisch umstrzte, der mit Wein und Confecten vor uns
gestanden. Ich machte einige Schritte durch das Zimmer, whrend der Graf, nach
seiner Art lchelnd, sitzen blieb und mir einige begtigende Worte zurief. Es
war im Zimmer ein seltsamer starker Duft, wie von abgebranntem Rucherwerk, der
mich noch mehr drckte, so da ich das Fenster aufri. Die Tante war nirgend zu
sehn und zu hren. Drauen auf der nchtlichen Strae lag ein beneidenswerther,
ungetrbter Friede, und kaum ging mehr ein Mensch vorber, kaum lie sich noch
ein Gerusch vernehmen.
    Was soll das Alles? fragte ich endlich mit ermuthigter Stimme, und wandte
mich wieder zu dem Grafen ins Zimmer zurck.
    Indem er mich von neuem an sich zu ziehen suchte, sagte er, heut sei die
schne Feier unseres Bndnisses. Er nannte mich ein wunderliches Kind, und
fragte, warum ich mich so frchte. Ich sei jetzt zu einer holden Braut
herangewachsen. Jede Blthe habe ihren Augenblick, wo sie sich pltzlich wie auf
sich selbst besinne, da sie Blthe geworden sei. Von diesem Augenblick an
beginne ihr der Genu ihres Seins. Heut sei dieser Augenblick.
    Nein! Nein! rief ich aus allen Krften, und wand mich gewaltsam aus seinen
Armen. Nein! Nein! schrie ich, da die Wnde erdrhnten, da mir das Herz im
Busen fast sprang.
    Er hielt meine beiden Hnde fest, und hob sie an seinen Mund empor. Er kte
sie lange, und ich fhlte durch meine Finger das elektrische Feuer seiner Lippen
rieseln. Ich zog sie, als htte ich sie an einer Flamme versengt, zurck, und
verhllte mir damit in tiefster Scham die Augen. Ich weinte.
    Er trat vor mich hin, und umfate mich so unwiderstehlich, da ich glaubte,
er habe ein Netz ber meine Glieder geworfen. Er war sanft und stark, mild und
gewaltig zugleich, wie er mich umschlungen hielt, und ich wagte mich nicht zu
regen. Ich hrte auf zu weinen, und sah ihn mit stillen ruhigen Augen an. Seine
Blicke begegneten den meinigen so nahe, da sie mich wie verzehrende Blitze
trafen. Doch ich hielt seine Blicke aus, ich erwiederte sie immer noch mit
stillen ruhigen Augen. In diesem Moment erfuhr ich zuerst in mir, da es eine
Macht des Mannes gebe, die unserer Natur weit berlegen sei. Er kam mir schn
vor in der Glorie des Mannes, wie noch nie, und ich dachte, da mich nichts mehr
retten knne, als Bitten. Da beschlo ich, ihn unendlich zu bitten, und
flsterte ihm viele, gute, flehende, schmeichelnde Worte ins Ohr, da er mich
nur eine einzige Minute lang freilassen mchte. Ich knne nicht mehr athmen. Nur
eine einzige Minute lang.
    Er lie mich los, und ich seufzte laut auf, als ich von ihm floh. Ich eilte
zur Thr, ergriff die Klinke, und fand sie verschlossen. Ich ging auf und ab,
und empfand jetzt erst, da eine unbeschreibliche Angst in meinem Herzen poche.
Da fielen meine Augen auf ein Klavier, das, an der Wand stehend, noch nicht von
mir bemerkt worden war. Es war ohne Zweifel ein neues Geschenk von ihm, die
Tasten standen offen, ein Musikblatt lag auf dem Notenpult. In meiner Verwirrung
war ich davor stehen geblieben, und griff, wie in krampfhafter Betubung, einige
Tne auf dem klangreichen Instrument. Dann schrie ich entsetzt auf, als htte
ich etwas Unrechtes begangen.
    Bravo! Bravo! rief eine Stimme hinter mir. Ich sah mich um, es war der Graf.
Er hatte einen vollgeschenkten Becher in der Hand, der schumende Wein perlte
und duftete mir daraus entgegen. Er hielt mir den Becher mit freundlichem Wort
an die Lippen, und ich lie Alles mit mir geschehen, ich sog in langen durstigen
Zgen die strkende Labung tief in mich hinein, als knne mir das helfen. Er
freute sich, und kte mir dabei die Stirn, whrend ich trank.
    Nun glaubte er meinen ganzen Starrsinn berwunden und fhrte mich in sanfter
Umschlingung wieder zum Kanapee. Ich aber fhlte pltzlich einen neuen glhenden
Muth in mir gewachsen, und dachte, da es jetzt nur auf mich ankme, ihn zu
brauchen, und anzuwenden alle Strke meines Willens. Er zog mich auf seinen
Schoo nieder, und legte mit schmeichelnder Bewegung meinen Kopf auf seine
Schulter. Das Tuch war mir vom Nacken geglitten, ich empfand selbst, wie hei
ich war, und fragte nicht danach. Ich lag mit dem Kopf auf seiner Schulter, und
dachte ber etwas nach, ich wei selbst nicht, ber was. Ich fhlte sein Herz
hrbar an mir schlagen, und es kam mir der Gedanke ein, da wir beide nie
zusammengehrten. Weil ich ihm jetzt so nahe war, empfand ich die ungeheuere
Trennung zwischen uns um so berzeugender, um so schneidender. Jetzt erst, auf
seinem Schoo, wo er mich ganz gewonnen zu haben meinte, sah ich es deutlich
ein, wie fern ich ihm war. Fern, fern, ewig fern, und weit auseinander. Sein
dicht an meiner Wange gehender Athem fing mir an abscheulich zu werden. In
meiner auf- und niederwogenden Brust regte es sich wie ein groer heldenmthiger
Ha. Ich richtete mich langsam von ihm auf, und sah ihn an. Er hatte meine
Busenschleife ergriffen, und zog sie auf, soda mir das Gewand
voneinanderschlug. Ich dachte an Lucretias Dolch, wie er ihren schneeweien
Busen durchschnitten, ich fate mich noch einmal in meiner ganzen
Entschlossenheit zusammen, es zuckte in meiner Hand, und ich schlug mit allen
Krften nach seiner Wange, als fhrte ich ein Schwert der Rache. Dann war ich
aufgesprungen, rannte ans Fenster, schrie laut um Hlfe auf die Gasse hinaus,
und wollte mich hinunterstrzen. Darauf wieder zurck durch das Zimmer, noch
einen flchtigen, zitternden Blick auf ihn, der erblat und halb ohnmchtig vor
Schreck und Zorn dasa, dann griff ich mit aller Gewalt an die Thr, sie wich
aus dem Schlo, und ich eilte, auf athemloser Flucht, mit der Geberde einer
Wahnsinnigen, die Treppe hinab.
    Unversehens war ich in den Hof getreten, der khle Nachtwind schlug mit
feuchten Flgeln mein heies Gesicht, und brachte mich zuerst wieder zur
Besinnung. Ich stand still, Alles war ruhig, nichts bewegte sich. Ich richtete
die Augen zum Himmel auf, wo einige Sterne in dunkler Gluth brannten. Da fielen
meine Blicke auch auf zwei erleuchtete Fenster des Hofgebudes. Es war
Mellenbergs Zimmer, er war es, der Gute, der Verstndige, der wieder, wie sonst,
auch diese spte, unglckliche Nacht mit seinem Flei durchwachte. Seine Gestalt
trat vor meine Seele, ich sehnte mich unbeschreiblich nach ihm, ich wollte von
ihm Trost und Frieden. Pltzlich war mir jedoch, als hrte ich vorn im Hause
gehn und sprechen, es kam die Treppe herunter, ich glaubte die Stimme des Grafen
zu unterscheiden, die Tante auch, beide in einem heftigen Wortwechsel, immer
nher und nher, dann Licht, und mein Name wurde genannt. Nun whnte ich mich
verfolgt, und sah keine andere Rettung mehr vor mir, als die Hoftreppe
hinaufzuflchten. Geradezu war Mellenbergs Zimmer, ich strze hinein, und noch
ehe er, von seinem Tisch aufsehend, mich gewahr geworden, habe ich schon hinter
mir die Thr verriegelt. Dann springe ich mit weit geffneten Armen auf den
Erschrockenen zu, um mich an seine Brust zu werfen, in seinen Schutz zu geben.
Ich sagte es mir mit einer unendlichen Innigkeit und Genugthuung, da er der
einzig Redliche im ganzen Hause sei. Unter den Schirm seiner Redlichkeit wollte
ich meinen Schmerz, mein Unglck, den Bruch meiner Verhltnisse, stellen. Er
sollte mir rathen, mir Mittel angeben, und auf Hlfe fr mich denken. Er war
klug und gut. Ich deutete ihm Alles an, soviel ich konnte und mir mein Gefhl
erlaubte. -
    Und hier htte ich wohl Grund, den Faden dieser Selbstbekenntnisse
abzubrechen, wenn ich nicht auch die schonungsloseste Aufrichtigkeit gelobt
htte. Vielleicht ist es auch gut, da man Alles sagt, fr sich und fr die
Andern. Denn vor sich und vor den Andern kann man sein Herz nur rechtfertigen,
wenn man es ganz und offen erschliet, und ein offenes Herz, mit allen seinen
Strudeln und Untiefen, ist ein Schauspiel fr Gtter. Daher schme ich mich
nicht, die Wahrheit aufzuzeichnen, weil sie die Wahrheit ist. Die Feder zittert
mir blo hinundher in der Hand. Und auf das Wort Wahrheit, das ich da
hingeschrieben, fllt mir eine groe Thrne. Ja, ich schme mich der Wahrheit
nicht. Ich habe immer gehrt, da die Wahrheit endlich zum Gedicht werde,
nachdem sie mit ihren herben Stoffen in den Luterungsflammen der Bue
geschmolzen. Wohlan denn, mein Gedicht!
    Ich hatte mich schutzsuchend an die Seite des Jnglings geschmiegt, und
dachte gar nicht daran, wie ich aussah. Das Haar hing mir aufgelst und
flatternd herunter, der Busen war mir halb entblt, und alle Theile des
Gewandes hatten sich in dieser beispiellosen Verworrenheit verschoben. Er schien
unschlssig, ob er mich fliehen, ob er mich aufnehmen solle. Dann drckte er
mich mit einem glhenden Blick an sich, sein Antlitz verschnte sich mit einer
hohen Rthe, wie ich es noch nie an ihm gesehen hatte. In seine Augen trat der
lodernde Funke des Mitgefhls hervor, nach dem ich immer bei ihm gesucht und
geforscht. Er griff nach meiner Hand, ich fhlte, da die seinige bebte zwischen
meinen Fingern, und dann fhrte er mich zu seinem in der Ecke stehenden Sopha.
Ich folgte ihm gern, gern. Wie einfach, wie arm, wie drftig war hier Alles in
seinem kleinen Gemach, und doch, wie traulich und beruhigend wehte mich zugleich
Jegliches daraus an. Ich htte um Alles in der Welt gewnscht, da ich ganz
glcklich gewesen wre, um mich recht mit ihm freuen zu knnen. Ich htte ihm zu
Fen sinken mgen. Er sah so freundlich, so unschuldig, so heilig, und doch so
liebesinnig aus in diesem Augenblick heut.
    Wir saen nebeneinander auf dem Sopha. Ich legte meinen Kopf erschpft auf
seine Schulter, und athmete schwer. Hier war ich sicher, hier vermutheten meine
Feinde mich nicht. Keine Nachstellung traf mich hier in der stillen Werkstatt
des Fleies. Das sprlich flackernde Licht erhellte kaum den heimlichen Winkel,
in dem wir aneinander ruhten. Er sagte, er habe Alles lngst geahnt, gewut, da
es so kommen wrde. Er habe im Stillen ber mich geklagt, und doch nichts zu
thun vermocht. Darber sei ihm das Herz zerrissen, und er habe sich stumm
zurckgezogen in seine liebesarme Einsamkeit.
    Ich wei, da mir nicht zu helfen ist! sagte ich mit leiser, gefater
Stimme. An mir ist Alles verloren, ich sehe nicht mehr ein noch aus. In der
Ferne kein Ziel, in der Nhe kein Anker. Hoffnungslos, grundlos. Doch still
davon, Freund! La uns gar nicht mehr daran denken, wie unglcklich ich bin. Nur
zwei Minuten lang, zwei schne Minuten lang la mich noch an Deiner Schulter
ohne Gedanken ruhen. Ich bin matt, ich bin wundgejagt, ich will an gar nichts
denken. Nur still, still! Ganz still! La mich genug haben an diesem einzigen
Augenblick Deiner Gegenwart, wenn mich auch mein Schicksal bald zum Aufbruch
mahnt. Ich meine, dieser Augenblick sei mein ganzes Leben, und weiter brauche
ich nicht. Hre, la mich auch an mein Schicksal nicht denken. La mich an gar
nichts denken. Nur still, still! Ganz still! Und weit Du denn, wie sehr ich Dir
Freund bin? Doch still! Ach, vom Kinderherzen ging es in das grer werdende
Mdchenherz ber, wie lieb Du mir bist. O still, still! Lieb in Gestalt und
Wesen, im Sinnen und Handeln, im Reden und im Schweigen. La mich bei Dir
bleiben, bei Dir und Deinen Bchern. Sprich nicht von liebesarmer Einsamkeit.
Hier ist es gut. Still will ich an Dir ruhen. Still, still, still!
    So plauderte ich zu ihm hin, meinen Schmerz ersterben lassend in ser
Sehnsucht. Er sagte, ihm sei das Glck wie eine Knigin der Nacht aufgeblht.
Wer knne ihn schelten, wenn er an das Wunder ihrer Blthe glaube. Denn in der
Liebe sei seine Seele wunderglubig. Er frage nicht, wie es dauern werde und ob.
Er liebe mit seiner ganzen Seele, mit seinem ganzen Glauben, mit seinem ganzen
Ernst und seinem ganzen Leichtsinn. Nie habe er zu trumen gewagt, was jetzt
Leben geworden. Und zum Leben fhle er sich erwacht, nachdem er es lange an
todtes Wissen verloren. Nachdem er lange kaum um sich hergeblickt in der Welt,
habe sie sich ihm pltzlich bevlkert, und ein Liebesauge zu ihm aufgeschlagen.
Er sei unbegreiflich beglckt.
    Es war das erste Mal, da ich ihn so glhend reden hrte, und das bewegte
mich tief. Ich sah ihn mit meinen besten und zrtlichsten Blicken an, und aus
der selbstvergessenen Ruhe, in die ich mich noch eben in halber Verzweiflung
eingewiegt, begann wieder eine heie Unruhe in meiner Brust zu entlodern. Er
spielte mit seiner Hand in meinen aufgebundenen Haarflechten. Doch war er
schchtern und zart, kindlich und zurckhaltend, da ich mich vor ihm schmte.
    Ich fhlte eine solche Wallung bis in die Stirn, da es mich nicht mehr an
seiner Seite lie. Es war mir, als hrte ich seinen auf und niedergehenden Athem
inwendig in meinem Herzen zum zweiten Mal schlagen, und als drcke sich die Nhe
seiner Gestalt so fest und unwiderstehlich in mich ein, da ich mich selbst
darber ganz und gar verlieren mte. Da wurde mir ngstlich, ich sprang auf,
und durchma, von einer wilden Hast getrieben, mit raschen Schritten das Zimmer.
Er blieb sitzen, und sah mir tief sinnend nach, als kmpfe er noch mit
Wirklichkeit oder Traum unserer Scene.
    Auf dem Fuboden standen und lagen viele Bcher umher, es waren die stillen
Mitbewohner des kleinen Gemaches. Ein groer, breiter Foliant erhob sich dicht
neben dem Arbeitstisch, und ich setzte mich endlich, um auszuruhen, auf die
starke, feststehende Schaale des Buches. So saen wir uns lchelnd gegenber,
ich fern von ihm, nur mit den Blicken einander erreichbar. Wir sprachen nichts,
eine groe Stille herrschte rings um uns her. Drauen die spte
Mitternachtstunde, die vom Thurm erklang, hatte uns nichts zu sagen, wir waren
nur vertieft in den Moment unsres Beisammenseins. Ich htte gern wieder neben
ihm gesessen. Ich sehnte mich nach ihm. Das Roth auf meiner Wange mochte sich
noch rther entflammen. Da ergriff ich ein Buch, das neben mir auf der Erde lag,
und bltterte, um mein Gesicht darin zu verbergen. Nachher bemerkte ich erst,
da es Hebrisch war, was ich so dicht an meine Wange hielt. Schnell schleuderte
ich es wieder von mir, wie aus Gespensterfurcht vor diesen entsetzlichen
Schriftzeichen, und sprang dann lachend auf, und stellte mich wieder vor den
guten theuern Freund hin, mit bereinandergeschlagenen Armen, die Hand
nachdenklich betrachtend an das Kinn gelehnt. Unsere Augen trafen mit einem
khner sich begegnenden Feuer zusammen, und lieen sich nicht wieder los. Er
hatte mich leise an seine Brust gezogen. Auf dem Tisch verlosch das Licht, das
sonst nur vor dem arbeitsamen Flei niederbrannte. Heut verlosch es - -
    Doch nichts will und darf ich mehr sagen. Erst spt schlich ich mich, halb
bewutlos, wieder fort, um mein eignes Zimmer zu erreichen. Es gelang mir, und
ohne mich vor Erschpfung aller meiner Sinne auskleiden zu knnen, sank ich dem
tiefsten Schlaf in die Arme.
    Als ich am andern Morgen erwachte, schien bereits die helle Sonne auf mein
Bett. Alles war still um mich her, und indem ich mich nachsinnend aufrichtete,
war es mir, als htte ich mein ganzes Gedchtni fr den gestrigen Tag verloren.
Ich sprang rasch auf, mir war wunderbar wohl zu Muthe, bis in mein innerstes
Wesen hinein. In allen Theilen meiner Natur fhlte ich mich erquickt und
gehoben, und mich dnkte, als riesele in mir ein frischer Strom von Leben durch
jede Ader hin. Ich kam mir auf Einmal aufgeblhter, entwickelter vor, voller in
meinen Formen und reicher in meinen Gedanken, und, neben einer unendlich
wohlthuenden, warmen Stimmung meiner physischen Natur, empfand ich eine tiefe,
ruhige, befriedigte Heiterkeit in der Brust, wie ich mich ihrer nie erinnern
konnte. Es war mir, als htte ich jetzt erst einen krftigen Blick ins Leben
gewonnen. Alles schien an mir klarer, bestimmter, herausgetretener, gerundeter
geworden, Alles hatte Ton, Klang und Duft in mir von innen und auen. Ich war
mehr geworden, diese Ueberzeugung drngte sich mir lchelnd auf. Kein harmloses
Mdchen, kein unschuldiges Kind mehr, aber gewachsen und erwachsen, gereift und
gezeitigt. So seltsam war meine Sinnesart, da ich, in diesem Moment an gar
nichts Anderes denkend, mich nur unbeschreiblich glcklich pries. Ja, das eigene
Wonnegefhl, das tief aus mir herausschlug, berwltigte mich so sehr, da ich
mich nicht halten konnte, ich sank auf mein Knie nieder, und betete, was ich so
lange nicht gethan hatte, zu Gott. Seit jenen guten Kinderworten, mit denen ich
ihn um das Leben gefleht, das ich mir noch weit hinter den bhmischen Bergen
gedacht, hatte ich nicht aus so voller und hingebender Seele gebetet. Ich betete
und dankte, da er mich nicht verlassen, und da ich fhle, wie er mit mir sei,
und sein geistbeflgelnder Hauch mich im Innersten durchdringe, selbst bis in
Fleisch und Blut hinein. Er mge mich glcklich fhren und leiten durch das
groe Labyrinth der Welt. So lange mir gut und frhlich zu Muthe sei, wolle ich
immer glauben, da ich Alles, was ich auch gethan, recht und mit seinem Willen
gethan. So sei ich. Ich sei eine weltliche Seele. Ein Kind der Welt. Und durch
die Welt empfnde ich ihn, meinen Gott, heraus. Ich knne nicht anders. Jetzt
sei mir wohl, sehr wohl. Dank, Dank und Amen! -
    Als ich aufstand, fhlte ich, da meine Gedanken, allmlig wieder nchtern
werdend, zu den Bildern des vorigen Tages in scharfer Erinnerung zurckkehrten.
Nur an Mellenberg dachte ich noch einmal mit solchem sen Zug der
Anhnglichkeit und Zugehrigkeit, da ich mich wie durch geheimnivolle Fesseln
an ihn gebunden empfand. Dann aber verdunkelte und verschttete sich pltzlich
in mir Alles durch die schreckenerregendsten Vorstellungen. Meine Verhltnisse
in diesem Hause, was sollte aus ihnen und was aus mir werden! Ich frchtete, da
ich gestern meine bisherige sorglose Lage auf immer verndert und zerstrt
htte, und zugleich wnschte ich es. Denn wie konnte ich anders gegen den Grafen
handeln! Es emprte mich, an ihn und an die Tante zu denken, und neben der
zagenden Besorgni fr meine Zukunft regte sich in mir zugleich der Zorn. Dann
schttelte es mich wieder, wenn ich in die Ferne dachte, mit Grauen und Angst.
    Niemand lie sich blicken, und ich war entschlossen, heut allein auf meinem
Zimmer zu bleiben, es werde auch wie es wolle. Endlich brachte mir die
Aufwrterin mein Frhstck, und ich fragte weder nach der Tante, noch wurde mir
etwas von ihr gesagt. Ich kleidete mich um, setzte mich nieder, und wollte erst
zeichnen, dann lesen. Nichts gelang mir, und ich vermochte nicht, meine
Anschauungen auf einen bestimmten Gegenstand zu fesseln. Die Kreide zitterte mir
in der Hand, die Buchstaben verschwammen mir vor den Augen, und Alles, was ich
anrhrte, benetzte sich bald mit Thrnen. So ging die schne helle Stimmung, mit
der ich diesen Morgen erwacht war, bald in immer versunkenere Schmerzen ber,
und wich dem nher und nher heraufziehenden Schicksal dieses Tages, welcher der
entscheidende fr mich werden sollte.
    Indem ich so sa und an den Bildern meiner eigenen Phantasie mich
abngstigte, dann wieder hin und her dachte, um meine Gedanken zu zerstreuen,
fiel mir pltzlich ein, da heut ein Festtag sein msse, ber den ich schon
frher viel in den Zeitungen gelesen. Freilich kein Festtag fr mich. Es war die
Jubelfeier der augsburgischen Confession, welche in dieses Jahr und auf diesen
Tag fiel, und ber deren festliches Begehen man aller Orten sprechen gehrt
hatte. Es war in der letzten Zeit davon um so mehr die Rede gewesen, und deshalb
auch zu meinen, oft mitten im Wirrwarr Manches erlauschenden Ohren gedrungen,
weil, wie man sagte, die Protestanten in Dresden zu manchem drckenden Argwohn,
welcher sie eine Beeintrchtigung ihrer Glaubensrechte besorgen lie, damals
Anla gefunden. Ich erinnerte mich jetzt, da es mir wohlthat, auf andere
Vorstellungen zu kommen, aus meinen frheren Geschichtsstunden bei Mellenberg
deutlich des ganzen Herganges, den die Reformation genommen, und wodurch eine
lebhafte Gedchtnisfeier jener augsburgischen Confession fr die Anhnger dieser
Kirchenpartei so bedeutend werden mute. Da aber die Feier in Dresden
keineswegs mit solchem Glanz vor sich gehen werde, als es dieser historischen
Bedeutung wrdig gewesen, hatten die Protestanten, die sich in ihrer Stellung zu
der herrschenden katholischen Partei nichts weniger als in ihrem Rechte
glaubten, gefrchtet. Mir fiel manches Wort wieder ein, was Mellenberg in unsern
damaligen Unterhaltungen ber diesen Gegenstand gesagt. Ich wiederholte mir
ordentlich Alles, soweit ich es noch im Gedchtni hatte, um jetzt alle andern
Gedanken nur immer weiter von mir zu scheuchen. Zugleich war es mir s, weil es
mit Mellenberg zusammenhing. Bald aber dachte ich blo an ihn selbst, und jedes
brige Bild verwischte sich dagegen in mir.
    Da klopfte es leise an meine Thr, und ein kleiner Knabe brachte mir einen
versiegelten Brief. Ich griff hastig danach, denn ich war berzeugt, ich wei
nicht warum, da er von Mellenberg sein msse. Ich steckte ihn rasch in den
Busen, und entfaltete ihn erst, nachdem der Knabe fortgegangen, denn es war mir,
als lge ein groes Geheimni hinter seinem Siegel verborgen. Endlich las ich
mit Entsetzen, ohne daran glauben zu knnen, die folgenden Worte: Arme
Freundin! Ich habe ein groes Unrecht an Dir begangen. Dies treibt mich von Dir,
und treibt mich in den Tod. Arme Freundin! Ich habe ein groes Unrecht an meinem
Gott begangen. Nur ihm und seiner Erkenntnis hatte ich in stetem Forschen und
Trachten mein Dasein gelobt. Dies Gelbde und mit ihm der Gottesfriede meines
Lebens ist gebrochen. Die irdischen Gedanken sind nun ber meine Andacht
hergestrzt, und fangen an, mein dem Himmel geweihtes Herz zu verwildern. Ich
fhle, da ich seit der gestrigen Nacht nicht mehr beten kann. Lebe wohl! Ich
will und darf nicht mehr leben. Gott behte und schtze und erleuchte Dich! Mir
wird er drben verzeihen, denn ich mu vor seinem Thron erscheinen. Lebe wohl!
Lebe wohl! Arme Freundin! -
    Ich wei nicht, wie lange ich diese Zeilen anstarrte, aber es wurde mir so
schwer, ihren Sinn zu begreifen und in mich aufzunehmen, da sie mich anfnglich
ganz kalt lieen. Dann setzte sich mein Schrecken in eine dumpfe Betubung um,
in der ich mehrere Stunden verharrte. Durch ein Gerusch wurde ich zuerst wieder
erweckt. Es war meine Aufwrterin, welche mir, auf mein am Morgen gegebenes
Gehei, den Tisch deckte und das Mittagessen auftrug. Ich lie Alles stehen, und
nahm nur den Brief, um ihn noch einmal zu lesen. Dann ergo sich meine Brust in
ein langes, unendliches Weinen, das nicht aufhren und nachlassen wollte.
    Ich wute nicht, was ich beginnen sollte. Nicht einmal getraute ich mir,
mich von meinem Zimmer zu entfernen, wie ein banges Kind, das im Dunkeln keinen
Schritt zu thun wagt. Es schien mir, als msse drauen etwas Entsetzliches sich
zusammengerottet haben, wie eine Verschwrung wider mich, aus der ich mit meinem
Leben nicht wieder entkommen wrde. Und zugleich fhlte ich in diesem Augenblick
- fast strkte mich die Wahrnehmung - wie sehr mir noch immer das Leben lieb
sei. Ich sa den ganzen Nachmittag, und es wurde Abend. Zuweilen schmeichelte
ich mir sogar mit der Vorstellung, da nur ein Augenblick der Hypochondrie, wie
ich wohl frher hinundwieder ihn davon befallen gesehn, ihn diesen Brief
schreiben lie, ohne da es in der Wirklichkeit zu dem Schrecklichen kme, das
darin angedeutet wurde.
    Endlich, als die Abenddmmerung mein Zimmer immer mehr verdunkelte, und die
Einsamkeit um mich her banger und unertrglicher wurde, ergriff mich ein
unbeschreibliches Zagen. Ich konnte es nicht mehr allein mit mir aushalten, und
beschlo, die Tante aufzusuchen, um zu sehen, was vorgehe, was beschlossen
worden, was mir bevorstehe. Langsam schlich ich durch den Gang hin, welcher mein
Zimmer von den ihrigen trennte, Alles war still und lautlos, und das ganze Haus
kam mir wie verlassen und ausgestorben vor. In den vorderen Zimmern fand ich
Niemand, und von der Gasse herauf schlug ein dumpfer, ungewhnlicher Lrmen an
mein Ohr. Ich erbebte in meinem Innersten, ich war krampfhaft gespannt auf das
Entsetzlichste, das sich, wie ich berzeugt war, irgendwo jetzt ereignet haben
mte. Ich eilte in die Kche, und erfragte von einer halbtauben Magd mit groer
Anstrengung so viel, da die Tante bereits seit Mittag das Haus verlassen und
noch nicht wieder zurckgekehrt sei. Drben auf dem Altmarkt aber wre ein
Volksaufruhr ausgebrochen. Ich sprang rasch wieder nach vorn, ri die Fenster
auf, und blickte auf die Strae hinunter. Eine dichtgedrngte wogende Menge
bewegte sich in schwarzen Massen auf und nieder, man konnte nichts
unterscheiden, und Alles flo in einem wilden Geschrei, mit einem hohlen, gleich
Gespenstern durch die Gassen laufenden Gemurmel ineinander. Von dem Markt schien
ein heller Lichterschimmer herber. Da erdrhnte die Lrmtrommel, da ich vor
Schrecken aufschrie, und mir nach dem Herzen greifen mute. Ich whnte meiner
Tage und der ganzen Welt Ende herangekommen, meine ungewisse Angst lie mich die
ungeheuersten Schrecknisse glauben. Hier allein vermochte ich nicht zu bleiben,
ich fhlte bei weitem mehr Muth dazu, mich unten in die Nhe des dichtesten
Getmmels zu wagen. Mein verzweifelter Entschlu trieb mich hinunter. Ich warf
rasch einen Shawl ber, und strzte die Treppe hinab. Vor der Thr blieb ich
stehen, und eine Schaar dort versammelter Menschen nahm mich alsbald, ehe ich es
gewahr wurde, in ihre Mitte. Niemand merkte auf mich, und ich suchte mir aus den
verworrenen Reden der Leute zu entnehmen, was vorgegangen sein mchte. So viel
verstand ich, da das Volk durch die Nichtachtung, welche die obern Behrden dem
heutigen kirchlichen Fest bewiesen, zuerst in Aufregung gerathen war. Es hatte
sich auf dem Markt versammelt, der fast ringsum feierlich erleuchtet worden, und
auf dem nur das Rathhaus dunkel und ohne ein festliches Zeichen blieb. Wilder
Ausruf erscholl von allen Seiten, und die gereizte Stimmung steigerte sich immer
mehr. In einem Hause waren Luthers und Melanchthons Bildnisse an den Fenstern
ausgestellt, und zugleich hatte man in der Nhe desselben, man wute kaum woher,
Spottlieder vernommen, welche die erhitzte Menge auf ihre Glaubenshelden bezog.
Nun hrte man Verwnschungen gegen die Katholischen ausstoen, den Anhngern des
Protestantismus aber ein Lebehoch bringen, whrend Andere Hand anlegten, die
Thr eines Hauses, gegen dessen Bewohner man einen besondern Argwohn gefat
hatte, gewaltsam zu sprengen. Der Aufruhr war nicht mehr zu bndigen, die
einschreitende Polizei erwies sich ohnmchtig in allen von ihr ergriffenen
Mitteln. So wuchs die Verwirrung, ein endloses Gedrnge war entstanden, man
schob sich in taumelnden Gruppen hin und her, und ein banges Grauen begann sich
aller Gemther zu bemchtigen.
    Indem ich so stand, und auf die wste Volksmasse hinblickte, fing ich fast
an, meine eigenen Schmerzen zu vergessen. Da theilte sich, links von der
Schlogasse her, die Menge, und es schien ein neuer Auflauf entstanden zu sein.
Bald nherte sich ein abgesonderter Zug von Leuten, dem berall Platz gemacht
wurde. Die Vorbergehenden sagten, man bringe einen jungen Menschen, der sich in
die Elbe gestrzt habe. Man knne noch hoffen, ihn wieder ins Leben
zurckzurufen, da er kurz nach der That aufgefunden worden sei. Ich schauderte
im tiefsten Innern zusammen, mein Bewutsein verdunkelte sich. Noch ein Blick
des Entsetzens auf den nher kommenden Zug, dann verloren sich meine Sinne, ich
wute nicht mehr, wo ich war. Ich fhlte mich wie fortgetragen, der Strom des
Gedrnges hatte mich ergriffen. Von allen Seiten stie und schob man mich, und
ich wurde so aus meinem ohnmchtigen Zustande allmlig wieder emporgerttelt.
Doch sah ich nicht um mich her, ich lie mich mit geschlossenen Augen immer
weiter tragen und drngen. Zuweilen blitzten Lichter, Fackeln, seltsame Schimmer
aller Art, durch die Finsterni meiner Augen. Dann war wieder einen Augenblick
lang Alles still und dunkel, und ich wiegte mich mit Ergebenheit der
Verzweiflung in der schwarzen Nacht, die mich umrauschte. Nun zogen Soldaten mit
klirrendem Gewehr an mir vorber, ich wurde Jegliches gewahr und sah doch nicht.
Dann merkte ich wieder, wie ich in das wildeste Gewhl fortgerissen wurde. Ueber
den Markt war ich lngst hinweggefhrt, und das ganze Ziehen, Drngen, Treiben
und Stoen wurde immer rascher, tosender, gefahrvoller. Es war mir, als se ich
auf einer Meereswelle, ein armes, verlorenes Kind, das Schiffbruch gelitten.
Dann kam es mir wieder vor, als befinde sich die ganze Menschheit auf einer
groen Flucht, weil sie es auf der Erde nicht mehr aushalten knne, und ich
Einzelne, die den allertiefsten Schmerz davongetragen, zog mit, nicht wissend,
wohin. Doch ich freute mich, da es weiter und weiter, und immer vorwrts ging,
und das war mir klar, da ich nie wieder zurck knne und wolle. Hinter mir lag
es, wie Todesschauer, wie ein giftspeiender Drache, der an alles Gut und Glck
meines Lebens die Kralle gelegt. Und neben mir und um mich her drngte es mich
mit immer gewaltsamerer Eile fort, als kme etwas darauf an, da ich gerettet
wrde. Da fiel mir auf Einmal, mitten in dieser seltsamsten Verwirrung, die
Gestalt meines Vaters ein. Ach, wie lange hatte ich nicht an ihn gedacht, wie
war ich, seit jener Kinderfurcht, mit der ich ihm nur angehrte, ihm entrckt
und entwachsen! Und doch dnkte es mich, als gewinne ich in diesem Augenblick
der Gefahr und des Gedrnges, wo ich wie im Wirbelwind ohne Rath und Trost
umhergetrieben wurde, an ihm ein festes Bild, an das ich mich halten und fassen
knne. Was war mir denn noch brig geblieben von den Bildern des Lebens? Jedes
war zerstrt, ausgelscht, eingeschert. Ich hatte keine einzige Gestalt mehr in
der weiten Wste der Zukunft, an die ich durch Gefhl oder Natur gewiesen war,
als die des Vaters. O es mu etwas ungeheuer Groes sein, wenn ein Mdchen einen
Vater hat, der ihre Liebe und ihre Hlfe ist! Und wie mochte es dem alten Vater
ergehn? So wogten meine Vorstellungen mit dem mich hin und her drehenden Gewhl
auf und nieder.
    Endlich fhlte ich, wie ich allmlig dem verworrensten Getmmel entzogen
wurde. Schon fernab hinter mir verbrausten die wilden Stimmen des auseinander
stiebenden Aufruhrs. Eine kalte Zugluft wehte mich an, ich blickte umher, und
fand mich schon in einer einsamen Gasse. Mein Entschlu war gefat, und zur
Ausfhrung desselben trat mir pltzlich ein hoher Muth in die Seele. In Dresden
konnte ich nicht bleiben, ich mute fort nach Bhmen, zu den alten geliebten
grnen Bergen, in mein altes bhmisches Dorf, in die Htte des Vaters. Ich
befand mich am entlegensten Ende der Pirnaischen Gasse, und eilte, ohne
Aufenthalt, dem Thore zu. Ich gedachte nicht, da die spte Nacht heraufzog, da
ich leicht bekleidet, da ich ermattet, erschpft und hlflos war. Mit schnellen
Schritten zog ich ber die de, finstere Landstrae hin. Ich hatte eine solche
innere Zuversicht auf meinen Plan gesetzt, da er mich, je weiter ich ging, zu
beleben und zu erkrftigen begann. Nicht schreckten mich die Gespenster der
nchtlichen Haide, nicht die drohenden Schatten des Wolkenhimmels, nicht die
schwarzen Gestalten der Bume und Strucher, nicht die in mein Ohr suselnden
und in mein Haar schlagenden Winde. Mit einer mir selbst unbegreiflichen Kraft
legte ich, ohne zu rasten, ohne mich umzublicken, die ungeheuersten Strecken
Weges zurck. Ich lief wie eine Pilgerin, welche die Bue ber Stock und Stein
treibt, und die in allen Mhsalen der Flucht ein Heil findet. Endlich, nachdem
ich viele Stunden gegangen, sank ich mit vllig aufgelsten Gliedern vor der
Schwelle einer Bauerhtte zusammen. Ich konnte nicht weiter, mein Athem ging mir
aus in der Brust. Es war noch Licht in der Htte, und auf mein Seufzen kam die
alte Bauerfrau heraus. Sie legte mich in ein groes hohes Bette, in dem mich bis
gegen Morgen ein fast todhnlicher Schlaf umfing. Aber ich fhlte mich
unbeschreiblich danach erquickt, und meine gesunde tchtige Natur erwies sich
hier in den entscheidendsten Augenblicken von einer siegenden Strke. Von der
Bauerfrau erfuhr ich, da ich mich hier nur noch eine halbe Stunde von Pirna
entfernt befinde. Ich hielt es selbst kaum fr glaublich, da mich in der
vorigen Nacht mein fliehender Fu so weit getragen hatte. Der Frau erzhlte ich
eine Geschichte, die sie glaubte. Ihr Mann fuhr diesen Morgen nach Tetschen, und
nahm mich auf seinem Wagen mit. So gelangte ich wieder nach Bhmen. Von Tetschen
ging ich zu Fu ber grne Feldwege langsam in mein Dorf zurck. Jauchzende
Thrnen, mcht' ich fast sagen, entstrzten mir, als ich unser kleines Haus
wieder erkannte. Den Vater fand ich sehr krank und alt. Er konnte sich gar nicht
auf mich besinnen. Und noch heut ist es kaum, als she er in mir eine Tochter. -
    Doch ich will jetzt jedes weitere Ausmalen unterlassen. Es fehlt mir auch
von nun an aller Muth der Farben dazu. Diese Bltter zu schreiben, hat mir
ohnehin schon viele Mhe und viele Ueberwindung gekostet, und dann mu ich doch
am Ende mit Wehmuth sehen, da sie eigentlich gar kein Resultat liefern. Mich
hat Gott als eine der unverwstlichen Naturen geschaffen, die ihre Hoffnungen
auf das Leben nie aufgeben knnen, selbst nach der Strandung aller ihrer Gter
nicht. Und so sitze ich jetzt hier in einer gnzlich verlorenen und vereinsamten
Existenz auf meinem Dorfe, und pflege meinen armen kranken Vater mit so viel
Liebe, als ich kann und als er versteht. Schon mehreremal hat die Schwalbe neue
Frhlinge gebracht, und im Herbst hat der Kranich meine Wnsche mitgenommen in
ferne Lnder. Bald lache, bald weine, bald spotte ich, und kann den Sonnenschein
nicht fahren lassen aus meinen Gedanken. Ich kann mich an kein unbesonntes
Dasein gewhnen. Darum hoffe ich und hoffe, ich hoffe mit einer wahren
Leidenschaft. Denn alle die Seiten, die mein bisheriges Schicksal in mir
anrhrte, sind noch ungelst geblieben in meiner jungen Brust. Noch immer falte
ich die Kinderhnde zu Gott, als mte ich ihn um das Leben bitten. Und wenn ich
an Mellenbergs abgeschiedene Gestalt denke, schlagen ernstredende Stimmen in mir
empor, die von unverstandener Liebe und von unverstandener Religion sprechen. Er
hatte meine Liebe nicht verstanden, und ich seine Religion nicht. Zuweilen kommt
mir dann auch ins Gedchtni zurck, wie er mir damals den protestantischen
Glauben zu erklren unternahm, und es ist mir dann, als warte diese Klarheit,
zugleich mit einem zuknftigen Glck, noch in schner Ferne auf mich.
Unverstandene Liebe. Unverstandene Religion. Ist das nicht unendlich viel, was
noch gelst werden mu? Darum hoffe ich. Ich hoffe, ich hoffe! O Gott! O Leben!
- -

                               An meine Heilige.



                                   II. Prag.

                  Katholizismus, Legitimitt, Wiedereinsetzung
                                 des Fleisches.

- Unter allen Stdten, die ich geschaut, gefllt mir, Libussa, Deine Stadt! Sie
gefllt mir, denn sie ist nicht von Menschenhnden gemacht. Sie ist ein Kind der
Geschichte. Hier ist lauter Architektur der Geschichte, wohin das
ehrfurchtergriffene Auge auch blickt, und bei jedem Schritt, der mich durch die
ernste Erhabenheit dieser Straen und Huserreihen weiter fhrt, berrascht mich
die Geschichte Bhmens mit groen Erinnerungen. Fast in der Mitte ihres Landes
gelegen, steht diese Hauptstadt wie ein Product der Geschichte ihres Volkes da,
und einzelne Ereignisse und ganze Perioden der Nation haben sich an diesem und
jenem Stadttheil angebaut und festgesiedelt in Stein und Mauer, in Erz und
Eisen. Kein Kunstmuseum der Vergangenheit, wie Rom, neigt Prag das ruhig stolze
Haupt aller Orten nur ber cht nationales Leben seiner alten Zeit hin, und
weist mit einem stumm melancholischen Zug auf die einstige Gre einer mchtig
strebenden Bevlkerung zurck. Welch' eine Reihe von hochgebauten Husern,
groartigen Palsten, unzhligen Thrmen und Kirchen, volkbelebten Gassen und
Straen! Welche Mrkte und Pltze, mit hohen Bogengngen, kunstgeformten
steinernen Brunnen, glnzenden Gewlben und Lden! Und dabei nicht, wie in
Berlin und Mnchen, den Maurermeister oder Baumeister zu kennen, der dies und
jenes Haus gemacht und gezimmert hat, sondern in dem erhebenden Gedanken
hinzuschreiten, da hier die historische Entfaltung eines gesammten Volkes
thtig gewesen ist, um ein Ganzes, eine Stadt, eine Stadt im wahrsten und
hchsten Sinne des Wortes, hervorzubringen, entstehen zu lassen! Denn eine Stadt
ist und mu noch etwas ganz Anderes sein, als blo eine geordnete Masse von
Husern.
    Und doch, bei allem diesem reichen Leben der Stadt, bei allen diesen
genulustigen Gesichtern der Menschen, welche heimliche Trauer weht mich an aus
den Straen von Prag! Ich wei nicht, bin ich es, der melancholisch ist, oder
ist es Prag? Sind es die dunkeln Geister der Vorzeit, welche mit bangem Schritt
durch die Gasse wandeln? Sitzt der faule Wenzel noch auf dem Thron, und
verbreitet um sich her bleiche Schrecken? Brennen die Hussiten wieder eine
katholische Kirche nieder, haben sich neue Kmpfe um Glauben, Recht, Verfassung
und Satzung entsponnen? Warum wird es zuweilen auf Einmal so still, so
ngstlich, so nachdenklich in Prag? Horch, da klirrt ein Fenster. Es wird doch
kein katholischer Reichsrath herausgeworfen werden, wie zu der Hussiten Zeiten!
Nein, es ist eine schne Pragerin, die ihre Blumentpfe begiet. Schne, schne
Pragerin, Du machst Deinem Lande, Deinem Volke Ehre! Ein Volk, das so schne
Mdchen hat, kann und darf und wird nie untergehen. Es ist gar nicht mglich.
    Doch ehe wir in die Huser und Stuben hineingehn und mit den Gesichtern
Bndnisse und Vertrge schlieen, la uns noch einmal die Stadt anschaun, liebe
Heilige! Komm, komm, ich wei, Du ziehst gern in der Welt herum. Nachdem ich
Deine Bekenntnisse gelesen, ist meine Sehnsucht zu Dir noch strker und inniger
gewachsen. Ich habe Dich verstanden, und bin Deiner Seele an manchem Kreuzweg
begegnet, an dem auch ich stand, und bald gebetet, bald geflucht habe. Du aber
hast wie eine weibliche Seele gehandelt und geduldet, und bist dabei schn
geblieben. Aus mir hat Gott einen Mann gemacht, und ich bin bei weitem ruchloser
ins Zeug der Welt hineingefahren. Doch haben mich mitten in meiner Ruchlosigkeit
gute und weit ins Leben blickende Gedanken berrascht. So geht es aber allen den
strebenden Geistern der heutigen Zeit, sie lernen viel aus dem Fleisch der Welt.
Und das Fleisch und die Welt werden fr den Kundigen immer durchsichtiger, denn
darin hat sich Gott offenbart. So sei mir denn noch einmal ganz aus tiefstem
Herzen gegrt, Du weltliche Seele. Ich bin es, wie Du. Eine weltliche Seele,
die oft an Gott denkt, und an die Geschichte. Warum bist Du nicht bei mir, und
warum reisen wir nicht zusammen, da ich Dir verwandt und Du mir? Ich habe mein
Lebelang einen ungestillten Drang nach verwandten Seelen gehabt, weil ich mich
immer so langweile in aller Gesellschaft. So komm denn, ich will denken, Du bist
hier! Ich denke gern an Dein weltliches Marienbild, o Maria, Madonna! Komm, ich
will Dir Prag zeigen, hier ist viel, worber wir noch mit einander zu sprechen
haben. In Prag ist viel Welt, viel Fleisch und Blut, viel Geschichte, und fr
Gott sind viele Kirchen, wenn auch nur alleinseeligmachende, gebaut.
    Von der Neustadt aus, in der ich mich eingemiethet habe, la Dich durch den
alterthmlichen Pulverthurm, dem wir nur im Vorbeigehn unsere Ehrfurcht
beweisen, die stattliche Zeltnergasse entlang, und noch ber manche Strae der
Altstadt fort, zuerst bis zur Brcke von mir fhren! Deine Dresdener Brcke,
ber die Du nach der Messe oft spaziert bist, kann sich mit dieser, die den
heiligen Nepomuk selber trgt, nicht vergleichen, und auch die Elbe nicht mit
der inselreichen Moldau, welche hier zu beiden Seiten in breiter Strmung vor
dem Auge hinwallt. Nun sieh Dich um, rechts und links, whrend wir schnell ber
die Brcke gehn, und diesmal, schau! lfte ich auch den Hut vor dem heiligen
Nepomuk mit seinen Sternen, denn seitdem ich damals, mehr aus Liebe, als aus
Grobheit, Deine Madonna nicht grte, habe ich schon etwas gelernt in
katholischen Landen. Und nun sind wir auf der Kleinseite, der Wiege Prags, und
oben vor Dir erblickst Du den erhabenen Hradschin, wo die Knige Bhmens
thronten und jede Thurmspitze in eine graue Vorzeit hineinragt. Diesmal fhre
ich Dich jedoch weder in das Schlo, noch in die uralte Domkirche, noch in das
Haus von Loretto, noch auf die Sternwarte Tycho Brahe's. Unser Weg ist weit und
beschwerlich in der Hitze, aber Du bist gut zu Fu, und so steigen wir, trotz
der Mittagsglut der Sonne, hoch oben hinauf auf den Laurentiusberg, wo ich das
ganze vielgethrmte Prag Dir zu Fen legen will. Wir gehen immer die Mauer
entlang, und gelangen endlich zu einem Hhepunct dieses felsigen Petrin, wo wir
pltzlich tief unter uns Alles schner, reicher, zauberhafter wiederfinden, als
wir es verlassen hatten. Nmlich die Stadt in der malerischen Perspective aller
ihrer Theile, ein wunderbares Lebensbild, das aus dem fernen Erdenthal die Augen
zu uns emporschlgt, die Hnde zu uns heraufstreckt.
    Hier oben haben wir den hchsten Standort, von dem wir den ganzen Umkreis
bis weit hinaus ber Bhmens Grnzen beherrschen, erreicht. Zu Hupten den
Hochziehenden Wolkenhimmel mit blauem und weiem Geder, und hinten an den
Sumen des Horizonts die ferngelagerten Reihen der Gebirge, die wie Riesenadler
mit lang ausgreifenden Fittigen in den Lften verschweben. Aber werfen wir aus
unserer Abgeschiedenheit die Blicke dahin, wo wir in seinen angewiesenen Grnzen
menschliches Leben und Bewegen zurckgelassen haben. Ein wogendes, blitzendes
Meer von Dchern, Thrmen, Kuppeln, Palsten breitet sich dort unten ber den
grnenden Kessel der Moldau in pittoresk hingeworfenen Gruppen aus, und
dazwischen schlngelt sich theilend der helle Faden des Stroms, immer frohen
Laufes, bald gekrmmt, bald eben vorwrts eilend, bald lautaufrauschend gegen
seine Wehre, hindurch. Je lnger Du hinblickst, je mehr tritt Harmonie in das
reiche, mannigfaltige Gemlde, und die Haufen der Huser theilen sich, und die
Straen ziehen schne Linien der Ordnung durch die dichten Massen des Steins.
Immer deutlicher, immer ausgearbeiteter, immer nher scheinen die Bilder, es ist
Dir, als mtest Du hineinschauen in die Huser, und whrend eine groe,
feierliche Stille ber dem ganzen Panorama ruht, meinst Du doch reden und
flstern zu hren dort unten auf der Brcke, die von Menschen nie leer wird, und
auf ihren weitgewlbten Bogen majesttisch sich wiegt. Das ist Prag, das ist
Prag! es giebt keine andere Stadt, die eine hnliche Malerei des Anblicks dem
Auge, dem Gefhl, gewhrt. Vielfarbig schimmernd im Glanz der Dcher,
vielgestaltig sich dehnend in allen Formen und Manieren seiner Bauwerke,
hochaufflatternd mit seinen unzhligen Thurmspitzen und Kuppeln, liegt es vor
Dir wie ein im bunten Gestein ausgehauenes Mhrchen, auf dessen ernsthafte
Anmuth der Sonnenstrahl des Tages herabfllt. Goldene Trume, finstere und
heitere Erinnerungen, schweres Verhngni, alter Fluch, glorreiche That, Segen
Gottes, und dunkler Dmon der Geschichte, schweben hin und her mit
Geisterflgeln ber ihrem Dunstkreis. Sorgen und Leichtsinn, Melancholie und
Genu, Leidenschaft und Phlegma, Ueppigkeit und Trauer, prgen sich aus auf dem
Gesicht dieser Slawin! Das ist Prag, die geweissagte Stadt, wie im achten
Jahrhundert Libussa sie im Geist aufsteigen gesehn, als Seherkraft die Frstin
ergriffen hatte mit groen Bildern. Und indem ich hier hoch oben stehe, still
und einsam, nur von scharfgehenden Lften umrauscht, ist es mir, als kme ein
Sehergeist auch ber mich, und zge meine Blicke zurck in fernverflossene
wunderbare Zeiten. Libussa erscheint mir, von der ich in alten Chroniken viel
gelesen, und ihre holde Fabelgestalt mahnt mich heut wie eine Wirklichkeit. Dort
drben, dort drben auf dem ernsten felsigen Wysserad, den wir von hier
erschauen knnen, und wo die gewandte Moldau tiefer sich eindrngt in das steile
Ufer, dort drben lag ja ihr altes Schlo Libin. Und es ist mir, als schlgen
die Pforten krachend auseinander, und heraustritt die ernste kluge Frstin, mit
eilig bewegtem Schritt, denn die Begeisterung hat sich ihrer bemchtigt. Es ist
ein gluthheier Sommer, schwer hngt die Augenwimper ber dem trumenden,
vielbedeutenden Auge. Libussa setzt sich auf einen hohen, breiten Felsen, und
die Schaar ihrer Dienerinnen drngt sich bangerwartend um sie her, und auch
Przemysl, der Stammvater so vieler tapfern Frsten, steht da und harrt andchtig
auf Auge und Mund seines weissagenden Gemahls. Und Libussa sprach: Ich sehe eine
Stadt, deren Ruhm bis an den Himmel reicht. Dreitausend Schritte von hier im
Walde, nchst der Moldau, wo das Bchlein Brusky hineinfllt, sehe ich eine
Stadt emporsteigen aus meinen Gedanken. Und dort gehet hin, wo ein Mann die
Schwelle zu einem Haus zimmert, und dort beginnt zu bauen an der Stadt meiner
Gedanken. Und Praha sollt ihr sie nennen, Praha, die Schwelle, denn sie wird die
Schwelle sein des Ruhmes und der Herrlichkeit der Bhmen! - So sprach die
Frstin, und reckt mit der Hand prophetisch hinaus in die Ferne, und erhebt sich
von ihrem Sitz, und schreitet langsam durch die jubelnden Reihen ihres Gefolges
zurck in ihr Schlo Libin. Und krachend schlgt wieder die Pforte hinter ihr
zusammen. -
    Da liegt sie jetzt still hingeschmiegt zu meinen Fen, die Schwelle des
Bhmenruhmes, wie das Volkslied so oft sie nennt. Da liegt der Gedanke Libussas,
es war der Mhe werth, ihn auszufhren. Libussa mu schnere Gedanken gehabt
haben, als ich. Aus meinen Gedanken wird hchstens ein deutsches Buch, nie eine
That, am allerwenigsten aber eine Hauptstadt. Ich gbe etwas darum, wenn ich
auch einmal aus meinem Haupt eine Stadt machen knnte, eine Hauptstadt. Wenn aus
allen meinen Ideen lieber Huser, aus meinen Bildern Palste, aus meinen
Gefhlen Straen und Brcken, aus meinem Verstand ein Marktplatz, aus meiner
Vernunft eine Verfassung, aus meiner Melancholie eine Kirche, aus meiner Bosheit
ein Gesellschaftssalon, aus meiner Phantasie ein Liebestempel, aus meiner
Lebenserfahrung ein Theater, aus meinem Humor ein Volksgarten, aus meiner
Reflexion ein schiffbarer Strom wrde, dann htte die Welt doch etwas davon, und
sie sollte sich verwundern, was sie davon htte! Wahrhaftig, manche Menschen
tragen ganze Stdte in ihrem Kopf, aber sie knnen und drfen sie nur nicht
bauen. Sie mssen sie mitsammt den Dachzinnen und Thurmspitzen, die schon aus
ihnen hervorwollten, wieder in sich hinunterschlucken, und nur abgerissene
Giebelstcke, halbe Stockwerke und zerbrochene Fenstergesimse drfen sie von
sich geben in elenden Bchern, die unter Censur gedruckt werden. Darum verachte
ich alle meine Bcher, die ich heut und morgen schreibe, weil es keine Stdte
sind, in denen ein ganzes Volk zu Heil und Lust sich ansiedeln kann. Es sind nur
Nothbrcken in die Zukunft hinein. Vielleicht gelingt es einmal, eine ganze
ffentliche Stadt zu bauen, und dann wird die deutsche Literatur erst eine
Weltliteratur werden. Libussa, ich beneide Dich! Alle deutschen Dichter beneiden
Dich ganz ungeheuer! Du hattest einen Gedanken, und der Gedanke wurde eine groe
Stadt, des Nationalruhmes Schwelle. Ein deutscher Dichter hat einen Gedanken,
und aus dem Gedanken wird eine sechs Treppen hoch von dem Gerusch der Welt
entfernte Studirstube. Man mu sich immer erst die Beine ablaufen, ehe man so
hoch hinaufkommt, denn es steht nicht mitten im Leben darin. O Libussa! Es mu
anders mit uns werden. Die Welt und das Fleisch mssen wieder eingesetzt werden
in ihre Rechte, damit der Geist nicht mehr sechs Treppen hoch wohnt in
Deutschland. Wenn Geist und Welt sich ganz vershnt und durchdrungen haben, dann
bricht die Ordnung des neuen Lebens an, fr das wir jungen Geschlechter, ich und
Der und Jener, zu kmpfen und zu schaffen geboren sind. Dann erst haben wir die
Poesie unsres Daseins erreicht. Wehe Dem unter uns, der jetzt schon seine Verse
fr etwas hlt. O Libussa! O Libussa! Dann baue auch ich eine groe Stadt, aus
meinen Gedanken!
    Doch still, still! Wo gerathe ich hin hier oben auf dem Laurentiusberg! Noch
einmal will ich mit meinen Blicken weit in die Ferne streifen, ich will mein
Herz daran starken, Bilder der Ferne einzufangen. Und es ist ein wunderbarer,
herrlicher, nie sttigender Anblick, hier sich wieder und wieder umzuschaun,
bald in das gestaltvolle Prag hinein, bald in die blaue Himmelsweite der Gegend.
Mit einer groartigen Perspective hat hier die Natur ihre Landschaftsmalereien
ersonnen, sie ist besser daran, als die Zeit und die Schriftsteller mit ihren
Perspectiven. Sie kann mir hier selbst das Riesengebirge zeigen, das ich dort
hinten mit deutlich geformten Gliedern erkenne, wie es eine zackige Schneespitze
keck in die trge ruhende Wolke taucht. Und links und rechts, und vor und hinter
mir, hundert andere duftumflossene Bergeshupter, wie eine ehrwrdige
Patriarchenfamilie, mit langen silbernen Brten zwischen den Wolken hingelagert.
Die einen still und sanftgezeichnet, wie junge Lmmer mit weiem Vlie, die
andern ernsthaft und feierlich, wie weltverachtende Propheten, diese, mit den
hochemporgehobenen Nebelgesichtern, dunkelschattig und kopfschttelnd, wie
philosophische Menschenfeinde, jene, mit den feuchten Wimpern, die auf die
eisige Wange herniederthauen, zu dem Himmel hinauf schluchzend, wie uraltes Weh
des Universums. Rings im Kreise stehen sie um mich her, diese Berge, und schauen
mich gro an, und es ist, als htte mir Jeder etwas zu sagen. Bald wie gebannte
Gtter, bald wie verzauberte Menschen, bald wie fremde seltsame Thiere neigen
sie ihr Antlitz zu mir herber. Dann scheint es wieder, als hllten sie sich
tiefer und tiefer in den wallenden Schleier, der ihnen Kopf und Busen
graugesponnen umfliet, und als wollten sie sich grollend zurckziehen vor der
Welt in unsichtbare Regionen. Das ist ein Frieden und eine Schwermuth, eine
Erhabenheit und ein banges Schweigen, eine Wildheit und eine Andacht, welches um
diese Berggipfel spielt, das sich gar nicht beschreiben lt, und doch wie mit
tausend Zungen in die Lfte hineinredet. Wie ungebndigte Genies, welche die
Flachheit der Erde noch nicht hat hinabzwingen knnen in die Ebene, stehen sie
alle da, und machen mir viel zu denken, ich wei selbst nicht was.
    Und willst Du Dein Auge nun wieder in der Nhe wohlthuend ansiedeln - denn
die weite Ferne schmerzt auch, so wie sie erhebt - so la es auf die grnen
Hhen fallen, welche den Rcken der Stadt schmcken und schirmen. Da ist vor
allen der Zizkaberg den Du Dir anschauen mut, bei dem mir jedoch die
Historienmalerei, die auf ihm ruht, bedeutender ducht, als die
Landschaftsmalerei, welcher er in der Gegend hier dient. Die Historienmalerei,
die auf ihm ruht, hat tief in Blut gemalt, Blut in Blut, mit fanatischen
Schwerterstreichen. Die gruelvollsten Tage der Hussitenkriege schweben wie
kreischende Gespenster ber seiner Anhhe. Oder blicke noch einmal zu dem
hochwrdigen Hradschin hinauf, und zhle die stolze Pracht seiner Kirchen,
Klster und Schlsser, ermi staunend den Bau der alten Knigsburg der Bhmen,
und bewundere die gothische Herrlichkeit des Domes zu St. Veit, an dem
verschiedene Zeiten gebildet haben. Oder la das Auge nun, an den beiden
Brckenthrmen der Kleinseite vorber, ber die Moldaubrcke fort, in die
buntbewegte Altstadt hineingehn, und suche die Thrme zu unterscheiden, die sich
da wie eine ehrfurchterregende Gemeinde erheben. Vor allen streckt die
altvterliche Teynkirche, grauen Jahrhunderten entstammend, die beiden
hochragenden Thrme ihrer Kuppel wie gottanrufende Hnde zum Himmel empor. Und
horch! es klingt und lutet, und ein gedmpfter Ton der Glocken irrt in
halbverlorenen Schwingungen auch zu unserer abgeschiedenen Hhe aufwrts. Ist es
die groe Glocke der Teyn, welche an unser Ohr fllt? eine berhmte Glocke, die
auch in der Geschichte Klang und Namen erworben. Und immer lauter verstrkt sich
der fromme Klang, welcher muthig durch die Lfte hinschwebt, und sein tnendes
Gefieder, hoch ber der Stadt, in die blaue Wolke trgt. Immer mehrere Kirchen
fangen an, da unten zu luten, mein Herz bewegt sich, und unser Belvedere hier
oben wird uns zum Gottesdienst. Nun steige ich hinunter, nachdem ich Dir nur
noch zwei Thrme der Neustadt gezeigt, die dort in betrachtenswerthen Gestalten
zu uns aufschauen. Der Franziskaner mit der breiten Brust, alle umstehenden
berragend, und St. Katharina, in zarter jungfrulicher Bildung, wie eine junge
Nonne, die fromm und schn zugleich. Fromm und schn zugleich, das liebe ich,
denn da kommt Gott und Welt zusammen, das suche ich. Und nun nimm noch einmal
rhrenden Abschied mit einem einzigen ganzen Blick von Allem ringsum, was Herz
und Auge gefangen genommen hatte mit groartigen Wundergemlden. Dann steigen
wir stillsinnend den Laurentiusberg wieder hinab. -
    Nachdem wir flchtig in der freundlichen Hasenburg, die uns noch in
ziemlicher Berghhe hier begegnet, eingesprochen und uns erfrischt haben,
schreiten wir allmlig wieder der Nhe der Stadt zu. Wenn ich lange im Freien
und im Angesicht der grnen Natur verweilt, tritt mir alles Stdtische jedesmal
als ein wohlthuendes und krftigendes Element neu entgegen. Dann mchte ich
immer eine umgekehrte Elegie dichten, wie Schiller, wenn er in seinem
Spaziergang die Entfernung von der Stadt feiert, und mit hochtnenden Gren
dem Laude zueilt. Whrend er sich dort glcklich preist in runden Hexametern,
da er

endlich entflohn des Zimmers Gefngni,
Und dem engen Gesprch,

und sich dann freudig in den grnenden Wald und auf den Berg mit dem rthlich
strahlenden Gipfel rettet, mchte ich nun, wie gesagt, den umgekehrten
Spaziergang dichten, welcher der Stadt zueilt, und den wohnlichen Zimmern der
Menschen, und nach einem lieben Gesicht und traulichem Gesprch sich sehnt. Und
je lnger ich jetzt bergab wandre, rstig zuschreitend auf das vor mir liegende
Prag, je mehr quillt mir wieder meine Stadtelegie, und so ganz unversehens, aus
dem Herzen heraus. Wie ein abenteuerliches Phantom hat Schiller die Stadt hinter
sich zurckgelassen, deren beweglich wirkendes, die tausendfach genutzten Krfte
des Menschen zusammenfassendes Leben er zwar sinnreich auszumalen wei, das sich
ihm aber zugleich, mitten in der Ausmalung, wieder zu einem Alles
verschlingenden und vergiftenden Ungeheuer verzerrt, vor dem er sich nur in die
Arme der Natur zu flchten vermag. Und dann trstet er sich mit der Sonne
Homers, die noch immer unter demselben Blau uns lache. Ich habe mich in meinem
ganzen Leben noch nicht mit der Sonne Homers trsten knnen. In dieser Hinsicht
hatte ich es mit dem stdtebauenden Saitenspiel Amphions. Der schlug die Harfe
gewaltig an, und dann kamen auf den Klang die Steine von selbst herbeigelaufen,
um eine mchtige Stadt zu bauen. Eine Stadt! Eine Stadt! Ich liebe die
stdtebauende Muse, welche den Nomadentrieb des menschlichen Lebens einordnet in
feste Grnzen der beglckenden Harmonie.
    Sei mir gegrt, o Stadt, mit den rthlich strahlenden Dchern! Sei mir,
Sonne, gegrt, welche sie lieblich bescheint! Mir wird wohl, wenn ich das immer
nher kommende Gerusch, welches hinter Deinen Mauern stndlich whlt und
arbeitet, in seiner bedeutsamen Geschftigkeit vernehme. Das ist der Mensch mit
seinen Bestrebungen, mit seinen Hoffnungen und seinen Wnschen, mit seinen
erfindenden und erwerbenden Hnden, welche sich dort in der drangvollen Eil des
Daseins bewegt und tummelt! Das ist der Mensch, der laut wird, in der Angst des
Tages, im Jubel der Stunde, in der Athemlosigkeit der Gegenwart! Das ist der
Mensch, wie er sich einrichtet und abfindet, wie er sich wehrt und ringt mit den
Mchten seines Daseins, wie er pocht und hmmert, zhlt und rechnet, webt und
zimmert, sich nie genug thun kann, und immer auf die unsichere Welle des
Augenblicks sein Liebstes hingiebt! Das ist der Mensch, mit seinem frohen
Gesicht, mit seiner ungeheuern Geduld, mit seinem tragischen Schicksal, mit
seinen ironischen Gegenstzen, mit seinem zehrenden Herzen, das immer Wunden
hat, sei es aus Liebe oder Ha! Aus allen seinen Bedrfnissen und Bedrngnissen,
Gewohnheiten und Tugenden, Freuden und Talenten, aus seinem Wissen und Streben,
hat er sich da eine Stadt gemacht, das umzunte Schlachtfeld seiner Bestimmung.
Ein ehrwrdiger Ort, vom Verhngni gezeichnet, ist ein Schlachtfeld. Ein
ehrwrdiger Ort, vom Verhngni gezeichnet, ist eine Stadt. Drauen im Walde, wo
das schattige Laubwerk mich gern zum Einsiedler machen mchte, oder oben auf den
Bergen, oder unten im quellenreichen Grund der lachenden Thalnymphe, mag die
Unschuld wohnen. Ich kenne sie nicht. Ich habe sie lngst in frhen
Jugendstrmen verloren. Nach dem Sndenfall gingen die Menschen hin, und bauten
sich Stdte. Nicht der Fluch Gottes vertrieb sie aus dem Paradiese, sondern ihre
Schuld strzte sie vorwrts in die Weltgeschichte. Sie sonderten sich in
Vlkerstmme, und bauten Stdte. Das Bewutsein ihrer Schuld machte sie
gelehrig, und sie trieben allerlei Knste und Gewerbe, Beschftigungen der Hand
und des Geistes. In ihrer Schuld drngten sie sich an einander, und diese sannen
darauf, das Leben zu verschnern, und jene studirten es, und trachteten, wie sie
es begreifen knnten. So wohnten sie alle bei einander, jeder an einem andern
Ende mit der Schuld des Lebens beschftigt, und schlossen einen Verein zur
gemeinsamen Shne des Daseins. Sie mehrten sich, und ihre Stdte blhten, denn
der Eifer und Drang der Menschen war gro und unendlich, er reichte bis an den
Himmel und bis an das verlorene Paradies zurck.
    In das Schuldgetmmel der Stdte strze ich mich. Da sind meine Freunde und
meine Brder. Oeffne mir deine Thore, sorgenbeladene Stadt, bald mische ich mich
wieder in dein heies Gedrnge, in deine kampfesmuthigen Reihen. Im Gedrnge
finde ich wohl, was ich liebe und was ich strebe, im Gedrnge neben andern
Herzen trstet sich mein Herz. Wald und Berg sinken immer ferner hinter mir
zurck, und die Schauer der Wildni, die unheimlich ber mein Haar hinstreichen,
verkehren sich mehr und mehr in freundliche Ansiedelung stdtischer Gewohnheit.
Vor der Stimme der Unschuld, die in der Natur suselt, wird mir bange. In der
Natur blht das verlassene Paradies der Menschen noch verstohlen fort, es lauert
still in der geheimen Seele des Baumes, aber die Menschen sind weggezogen in die
Stdte. Darum duften die Blumen oft Schwermuth aus, und das ganze Wachsthum der
Natur netzt sich im Thau der Thrnen, wenn der Mensch lauschend davorsteht. Doch
er kann in dieses Paradies nicht wieder zurck, er mu es jetzt auf der andern
Seite der Schpfung erobern.
    Die Stadt hat ihn in die rauschenden Wirbel der That hineingeschleudert, er
hat sich brauchen und nutzen gelernt, und aus seinem Funken, der in ihn gelegt
war, ist eine lodernde Flamme emporgeschlagen. Die Stadt wlbt das heimische
Dach der Htte ber seinem Haupte, und schliet ihn fest an die warme Brust der
Erde, damit er wei, wo er steht, um vom sichern Boden aus den Himmel zu
erwerben. In der Htte ist Platz fr eine ganze Welt, hier beherbergt er in
stiller Zelle die zuknftige That und den unermdlichen Willen, hier htet er
seine Liebe und seine Verzweiflung, hier wohnt er mit seinen Plnen, seinen
Gedanken, seinen Scherzen und seinen Gttern. Wie das Haus vor den Elementen, so
schtzt ihn der Freund und das Weib vor den Schrecken der Einsamkeit; die Liebe
schtzt ihn gegen Selbstsucht, der Ha gegen Gleichgltigkeit, der Hunger gegen
Langeweile, die Thorheit gegen Altklugheit, die Eitelkeit gegen
Selbstverachtung, das unbefriedigte Herz gegen Ermattung des Strebens. Damit der
Mensch den Menschen kennen lerne, in Art, Tauglichkeit und Hoffnungen seines
Wesens, haben sie neben einander ihre Htten aufgerichtet in den Stdten. Vor
der Natur verliert sich der Mensch in das Element, in der Stadt gibt er sich an
die Menschen hin, und findet in den Andern, in ihrem Irrthum und in ihrer
Wahrheit, sich selbst wieder, aus ihrer Verzerrung setzt er sich seine Harmonie
zusammen. Die Stadt ist der Pantheonstempel menschlicher Zustnde, vor dessen
Altar drei heilige Priester stehen, welche den Bund der Gemeinde geweiht und
bekrftigt haben. Diese drei sind: das Recht, die Treue und die Sitte. Wo
Menschen zusammen sind, und zu einem Verein sich gesellen, gibt es auch Recht,
Treue und Sitte. Das ist das Groe an jeder menschlichen Gesellschaft, da sie
ohne diese drei nicht zu bestehen vermag, sondern von selbst sie wie nothwendige
Blthen aus ihrem Schoo erzeugt. Ja, in der Stadt, wo Menschen sind, suche ich
Recht, Treue und Sitte, und ich finde sie, mitten unter ihren Leidenschaften,
ich finde sie, wie Edelsteine im schwarzen Schachte. Wenn Menschen sich an
Menschen drngen, im Trieb des Daseins, wenn ihr Wollen und ihr Knnen wchst in
der Gemeinschaft, wird ihnen in der Brust zugleich das Recht wach, das die
Gesetze schreibt fr Wollen und Knnen. Unrecht liegt nicht in der menschlichen
Natur, denn sie mchte nur allzugern Jedes ausgleichen und vershnen, selbst den
Teufel. Das Recht ist der verstndige Kopf des ganzen Gliedervereins, in dem Ma
und Gleichgewicht des brigen Krpers sich zusammengeschlossen halten. Und die
Treue ist die Hand, welche der Mensch dem Menschen gibt, und woran sie sich
fassen ber der Woge des Tages, whrend das Leben schumend mit ihnen
fortstrzt. Und die Sitte ist das Auge, mit dem sie sich gegenseitig anblicken.
Das Auge ist die Jungfrauschaft der Seele, und wenn es sich zu Dir aufschlgt,
und Du tief in seinen Grund schauest, wird Dir heilig zu Muthe. Weil die
Menschen sich in die Augen sehen, haben sie Ehrfurcht vor einander, und fr
Jeden liegt in dem Andern ein leises Geheimni da, das er achten mu. Die
Ehrfurcht der Augen ist die Sitte, sie ist ein zartes Geheimni, wie der Blick.
Wie dieser, trifft sie auf den feinsten Zusammenhang des Lebens, und spricht ihn
aus. Wenn die Treue der Hand die Menschen an einander bindet in
festverschlungenen Gruppen, so giet das Auge der Sitte holdseeliges Licht der
Schnheit aus ber den Bund. Die Hand, die vielgefurchte, an der Arbeit des
Tages oft erprobte, immer in den Stoffen des Lebens whlende, sie ist wichtig
fr menschliches Sein und Thun. Sie schliet Vertrge, bejaht mit ihrem Druck
die Bndnisse der Liebe, schwrt mit emporgehobenen Fingern zu Gott, sagt guten
Tag und guten Weg zu den Nachbarn und zu den Freunden. Die Hand gehrt den
Nothwendigkeiten des Lebens an, aber das Auge ist ein freies Strahlen von
Poesie. Die Sitte ist die Poesie der menschlichen Gesellschaft, sie ist der Adel
der Form, die Verklrung der Gewohnheit, die Juwelenfassung des Umgangs, und die
Ehrwrdigkeit der Ueberlieferung. Und der Kopf sieht ernsthaft darein, und lt
sich durch nichts bestechen, und durch nichts beugen, wenn er Recht hat. Das
Recht ist der Mathematiker des Lebens, es urtheilt streng nach dem Buchstaben,
und mit genau Winkel an Winkel, Gre an Gre ab. Aber das genau gemessene
Leben wre todt, wenn nicht das Auge hineinlchelte, und die Hand es
zusammenhielte. Und so bewegen sich die Menschen mit Kopf, Hand und Auge, und
ihr Dasein steht in Flor, und ihre Stdte regen sich, und tragen Frucht und
Blume. Und so verbinden sich die Menschen mit Recht, Treue und Sitte, die, wie
das Weichbild ihrer Stdte, einen heiligen Kreis um ihr Zusammenleben schlieen.
Das ist die Freiheit der Stdte, das ist der Gottesfrieden der Huser!
    Mgen die Stdte blhen und gesegnet sein, ich liebe die Stdte! Ich liebe
Stdte und Huser.
    Stdte, Huser, Straen, Brcken, und das Volk dazu, welche groartige
Malerei fr einen Menschenfreund! Keine Naturmalerei, mit ihren Abendrthen und
Purpurwolken und allem Farbenschmelz der Thler, keine Elegie und keine Hymne
der Landschaft, reicht an dies hochdramatische Schauspiel der Stdte hinan. Komm
nher, Stadt, und empfange den Wandrer in Deinen zutraulich winkenden
Ringmauern. Nimm ihn auf recht in die Mitte der menschlichen Gewohnheit, und la
ihn Alles sehen und schmecken, wie der Mensch es treibt. Ich will mich an die
Welt Deiner Gesichter hingeben, und den Schpfer loben, wann mir eines gefllt.
Ich will Deine Knstler verehren, mit Deinen Gelehrten reden, Deine Frauen
lieben, und in Deinen Kirchen an die unsichtbare Kirche denken. Ich will auf
Deinen Mrkten etwas kaufen, an Deinen Tischen essen, unter Deinen Dchern
ruhen, und in Deinen Gesellschaften lachen und lauschen. Ich will jeden Moment
an Deinem Thun und Treiben wichtig achten, denn jeder Moment an einer Stadt kann
welthistorisch sein.
    Sei mir jetzt in der Nhe gegrt, meine Stadt! Der Spaziergang, von meinem
Berg herunter, ist zu Ende, und mit einigen Schritten gelange ich nun schnell an
den Fu der Moldau, denn ich bin den umgekehrten Weg hinabgestiegen. Jetzt sehen
wir uns Stirn an Stirn, Du herrliche Stadt, und indem ich hiermit meinen
antischillerischen Spaziergang beschliee, segne ich noch einmal, als
begeistertes Stadtkind, die stdtebauende Muse Amphions! -
    Nun stelle ich mich auf die Moldaufhre, und der Fhrmann, ein rechtes
bhmisches Gesicht, bringt mich in dem langsam abgemessensten Takt hinber.
Indem wir die Breite des schnen Stroms durchschneiden, kann ich Dir noch im
Vorbeigehn seine beiden Inseln zeigen, die sich dort, den Pragern vielbesuchte
Lustorte, aus der Welle erheben. Das ist rechts die anmuthige, mit dichten
Schattengngen duftiger Kastanien und Linden besetzte Schtzeninsel, und ihr
gegenber, gleich an der Stadt, die kleinere Frberinsel, deren hohe Pappeln
Khlung und Frische verbreiten. Sie sind noch leer von Spaziergngern, und die
schne Welt pflegt sich erst spter einzufinden, wann sich die Gluth der Sonne
gemildert hat, denn gegen nichts ist der Prager empfindlicher, als gegen
Sonnenschein. So gehen wir ein ander Mal hin, wenn Leute da sind. -
    Und heut kann ich nichts mehr schreiben, Du Gute, Heilige! Ich hatte Dir
noch Vieles aufzeichnen wollen, wie Du aus der Ueberschrift dieser Bltter
ersiehst. Vielleicht morgen. Denn ich reise erst in acht Tagen weiter nach Wien.
Ich kann heut nicht mehr schreiben, mir wird traurig zu Muthe. Das Herz thut mir
auf Einmal weh, und meine Schreibfeder kann und darf es nicht sagen. Darum
schleudere ich sie weit weg von mir, diese Sclavin, und sage nur noch: Gott
befohlen! - - -

                                   III. Prag.


                  Katholizismus, Legitimitt, Wiedereinsetzung
                                 des Fleisches.

- Was jetzt kommt, Heilige, da bitte ich Dich, es Dir nicht etwa als eine
Lobhudelei anzunehmen. Denn ich will und mu noch einmal ber die bhmischen
Mdchen sprechen, von denen sich wahrhaftig ein eigenes Buch schreiben liee, so
reichhaltig ist dieser Gegenstand. Wer knnte in Prag leben, ohne zu einem
solchen Buche, dessen schnste Stellen gewi kein Censor streichen wrde,
sorgfltige Studien zu machen. Du aber bist eine Heilige! Deshalb mach' ein
erhabenes Gesicht dazu, wo ich allzu unverschmt lobe und sehe. Ich mu loben
und sehen, und Du kannst Dir immer noch etwas Anderes dabei denken, als ich
sage. Aber soviel sage ich Dir, da sogar der alte seelige Campe in seiner
Reisebeschreibung von Braunschweig bis Carlsbad und Bhmen nicht aufhren
kann, die auerordentlichen Vorzge der schnen und gutmthigen Pragerinnen zu
preisen. Und das war Campe, ein Mann von Grundstzen, der aus Philosophie
Wassersuppe a, nur der Pdagogik wegen reiste, einen plschenen
Jelngerjelieberfrack und Schuhe mit groen silbernen Schnallen trug, und
wohlerzogenes Blut hatte. Als kleiner Junge, wo ich mir fr ein paar Dreier von
einer alten Frau Bcher borgte, las ich diese Reisebeschreibung, und wei noch
recht gut, wie es mir damals auffiel und Nachdenken machte. Ich konnte den Campe
nicht begreifen, der mich in einem anderen Buch vor dem Umgang mit dem
weiblichen Geschlecht so sehr gewarnt hatte, da ich mir einmal die kleine
Nachbarstochter genau ansah, ob sie wirklich ein so gefhrlich Ding sei? Jetzt
bin ich ein groer Mensch geworden, schreibe selbst Bcher fr ein paar Dreier,
habe heies Blut, und begreife den Campe. Campe, Campe, ja Campe hat meine Augen
zuerst auf die Schnheit der Pragerinnen hingelenkt, und in die weltberhmte
Tugend dieses soliden Mannes, dieses reellen Kindervaters und Pdagogen,
wahrhaftig, in seine Tugend hlle ich mich, indem ich in diesen glhenden
Himmelstrich reizender Formen mich wage. Campe, dieser zuverlssige Mann, soll
Alles verantworten, was mir hier begegnet ist, und an ihn wende man sich, wenn
mir Einer Vorwrfe machen will ber die Folgerungen, die ich aus meinen in Prag
regegewordenen Betrachtungen jetzt oder bald ziehen werde.
    Das sind hier Tchter des Landes, die im wahrsten Sinne diesen Ehrennamen
verdienen. Nationale Schnheiten, denen an scharfgezeichneter Eigenthmlichkeit
keine andere Brgerin einer deutschen Stadt sich vergleichen lt. Das
langweilige Geschlecht der Berlinerinnen mag anziehen durch Tugend, Tournre,
Vorzge einer feinen und schlanken Gestalt; die sinnliche Wienerin durch
lebhaftes Augenspiel, groartige Grundstze, brennbare Lebensstoffe von Kopf bis
Fu; die leichtgeartete Mnchnerin durch ein regelmig gebildetes, sinnig
lauschendes Gesicht, das einem Stieler zum Meisterwerk sitzen konnte; die
niedliche, naive Schwbin durch freundlich zuthtiges, Alles gerade
heraussagendes, convenienzloses Wesen; die kleine heirathslustige Leipzigerin
durch selbstgefllige Zierlichkeit, Freigebigkeit des Blickes, redseelig
plauderndes Mundwerk; die groe farrenugige Hamburgerin durch irdische Frische,
Reichthmer der Natur, und derbe Resultate des good eating. Die Pragerin zieht
vor Allen an, weil sie eine Pragerin ist, ein bhmisches Mdchen. Durchfliege
mit entzcktem Blick die Schwesterreihe dieser Gesichter, von denen jedes dem
andern hnlich sieht, und frage, wem Du den Preis zuerkennen sollst, ob der
reizenden Mutter oder der reizenden Tochter? Denn der Nationaltypus dieser
ausgezeichneten Bildung hat zugleich ein so dauerndes und erhaltendes Leben in
sich, da er oft noch bis in das hhere Frauenalter hinein wunderbar fortblht.
Die Gestalt ist selten gro und hervorragend, aber fast immer von einer ppigen
Poesie des Ausdrucks, die mit rund geschwungener Wellenlinie Hals, Nacken, Busen
und Hften in lieblicher Flle zeichnet. In langem, weichem, dichtem Gelock
umfliet das schne Haupthaar, oft blond, fter kastanienbraun, die zrtliche
Schlfe, und die etwas blasse Wange erhht in einem anmuthigen Oval den feinen
Glanz des Gesichtes. Das am hufigsten gesehene blaue Auge strahlt ein dunkles
Feuer von sich, und lt in eine brennende Tiefe schauen, aus der Muth, Seele,
Andacht und Liebe leuchtend auftauchen. Es sprht etwas Katholisches aus diesem
dunkel flammenden Blick der Pragerinnen, und zugleich so viel Sinnengluth; es
ist eine frivole Mystik, welche das Auge zu uns emporschlgt, und das unsere,
Blick um Blick, gefangen hlt. Wie gothisch wlbt sich der Blick dieser Augen;
auch schwimmt um die trunkene Bewegung der Iris ein leiser Heiligenschein, ich
kann es nicht lugnen. Es ist mir, als gingen sie alle in die Messe, whrend ich
sie da hinwandeln sehe, reich geschmckt, in bezaubernder Haltung der
lebenstrahlenden Glieder. Und ich folge ihnen bis an die Kirchthr, und ihr Auge
trifft mich im Umwenden noch einmal, wie ein versengender Blitz, und ich wei
nicht, soll ich mit ihnen beten gehn, und die Messe hren, und meine Sinne erst
in frommer Musik berauschen, dann im dreisten Glck der Liebe! Wer nie einer
Pragerin tief in die Augen gesehn, wei nicht, was Mystik ist und was
Sinnlichkeit; er hat nie ein Gedicht gelesen, das in Flammen der Erde spielt und
an Sternen des Himmels sich sonnt. Die feingeformte Nase, fast immer ein
zierlicher Adlertypus, welcher die nationelle Gleichfrmigkeit der Gesichter
hervorbringt, vermehrt die liebliche Keckheit des Ausdrucks, die den
Physiognomieen eigen, und der Ernst bei aller Anmuth, welcher die Gestalt
umschwebt, zaubert ein dunkelgesttigtes Colorit ber ihr ganzes Wesen hin, das
von einer heimlichen Gluth durchwrmt ist. So zeigt sich Flle und Energie des
Lebens, Rundung und Harmonie der Formen, sinnlicher Schmelz und poetische
Leidenschaft, krftiger und gesunder Drang der Natur, ein Dasein fr den Genu
geschaffen, aber ohne krnkelnde Sehnschtigkeit, sondern muthig und sieghaft im
Herauskehren seiner Blthe.
    Es ist ein freibewegtes, gestaltvolles Leben hier, und im raschen Glck und
Wechsel der Stunde herrscht die Gunst, die berall gesucht und berall gefunden
wird. Diese schne Gunst wetteifert jetzt fast in der entgegengesetzten Sphre
mit der frheren Grausamkeit, welche die bhmischen, Mdchen gegen die Mnner
ausbten, und wodurch sie eigentlich welthistorisch geworden sind, und es kommt
mir wie eine Rache der Geschichte vor, da die Pragerinnen jetzt so voll von
beglckender Freundlichkeit und zrtlicher Laune fr unser Geschlecht sind. Ja,
es ist eine Rache der Geschichte, und mitten auf der Promenade, unter hundert
lockenden und blhenden Frauengestalten, fiel mir heut der blutige bhmische
Mgdekrieg ein, der die Frauen gegen die Mnner ins Feld fhrte, und nichts
anderes, als eine gnzliche Vertilgung der letzteren vom Erdboden zum Endzweck
hatte. Ich mute lachen, und auf jedem hbschen bhmischen Gesicht, das mir nun
begegnete, sphte ich nach, ob sich nicht zu einer kriegerischen
mnnerfeindlichen Wlasta Anlagen zeigten. Aber dieser Stamm mu hier ganz
ausgestorben sein, und wieviel ich auch umherschwrmte auf den Gassen oder wohin
mich meine Bekanntschaften fhrten, berall sah ich zwar Kriegserklrungen aus
diesen dunkelschnen Augen schimmern, aber hinter solchen Vorpostengefechten der
Blicke lauerte doch immer schon ein glnzender Friedenstractat. Ich malte mir
den bhmischen Mgdekrieg in meinen Gedanken immer weiter aus, und mute immer
mehr lachen. Dann wollte ich zu Egon Ebert gehen, ihm einen Besuch machen, und
ihn fragen, warum er in seiner Wlasta den bhmischen Mgdekrieg so sentimental
verhunzt habe? Ein humoristisches Heldengedicht, oder eine historisch-komische
Novelle htte er aus diesem Stoff machen sollen, aber nichts Lyrisch-Heroisches
 la Egon Ebert. Ich wollte ihm auch sagen, da die jungfruliche Wlasta ein
schner wilder Lwe sei mit langer goldener Mhne, aber kein exemplarisches
Stickermdchen, das sich aus einer Leihbibliothek einen gefhlvollen Schwung
zusammengelesen hat. Aber es ist schlimm, sehr schlimm, einem Poeten die
Wahrheit zu sagen, und ich blieb deshalb unterwegs zu ihm, da ich von der Hitze
groen Durst hatte, in einem Weinhause sitzen. Hier war es khl, und ich dachte
wieder an den bhmischen Mgdekrieg, merkwrdig dadurch, da er schon im grauen
achten Jahrhundert der keckste Versuch zur Emancipation der Frauen war, der in
der Geschichte der modernen Zustande sich aufweisen lt, und der damals in
muthigen Amazonenthaten sich hervorwagte, whrend in den letzten Zeiten diese
Frage nur auf halbphilosophische, theoretisirende und St. Simonistische Weise in
der Welt hin und her schwankt.
    Ich beschlo, um mich fr die Langeweile des Egon Ebert'schen Mgdekriegs zu
rchen, mir selbst einen zu Papiere zu bringen, so wie ich ihn mir wenigstens
denke. Ich ging zu einem Dominikaner, mit dem ich bekannt geworden war, und
borgte mir aus der Bibliothek des Kapitels den Hagek, mit welchem ich dann
zurck in meinen Gasthof wanderte. Nachdem ich es mir bequem gemacht, (auch in
Prag kennt und bt man schon die Wienerische Gewohnheit, in bloen Hemdsrmeln
dazusitzen) und nachdem ich ungefhr eine Stunde in meiner alten geschwtzigen
Quelle gelesen, schrieb ich, mit blichem Anruf der epischen Muse, Folgendes
nieder:

                             Bohemiconymphomachia.

    Libussa sa wie eine Prophetin auf dem Thron der Bhmen, und nachdem sie die
Macht in den Stdten, die Kraft in dem Volke, und das Gold und Silber in den
Bergen vorhergesagt hatte, legte sie sich nieder an die Erde, um zu sterben.
Zuvor berief sie noch einmal alle ihre Jungfrauen, eine schne Reihe weinender
Mdchen, die ihr treu gedient hatten in Leid und Freude, und sie segnete und
beschenkte sie reichlich, und ihr glnzendes Auge ruhte zum lngsten und
bedeutsamsten auf diesen schmerzlich stummen Jungfrauen, bis es brach. Selbst
Przemysl, der Herzog, welcher betrbt in der Ecke stand, war ihr nicht so theuer
gewesen, als diese ihre Dienerinnen, mit denen sie wie mit zarten weien
Blthenzweigen ihr ernstsinnendes Leben sich geschmckt hatte. Sie hatte sie in
allen Knsten unterrichten und in der herrlichsten Bildung erwachsen lassen, und
die Mdchen waren schn und stolz geworden, wie die Sonne, und hell und klug wie
der Tag. Sie klagten laut, und schlugen sich an die blasse Wange und an die
blhende Brust, und benetzten mit heien Thrnenstrmen die Fe der Frstin. Am
strksten weinte ein hohes schlankes Mdchen, mit langem blondem Haar, das in
ppiger Flle der Locken ihr ber die Schulter flo. Sie hie Wlasta, und hatte
leuchtende Augen wie Sterne, und ein Antlitz wie Frhlingspracht. Libussa hatte
dieser ihrer Lieblingin die Hand gereicht, und Wlasta wollte sie nun nicht mehr
loslassen, so todeskalt sie geworden war. Und alle klagten und weinten, und das
Volk drauen, das zusammengelaufen war, heulte und schrie. Sogar der verstndige
Przemysl, der noch nie geweint hatte, feuchtete seine Wimper mit einer
Wittwerthrne, denn er sa nun allein auf dem Herrscherstuhl des Landes.
Verschieden aber waren die Stimmen der Bhmen, die sich drauen vor des
Schlosses Wallen im unruhigen Getmmel durcheinandermischten. Etliche
wehklagten, da es um Bhmen nun geschehen sei, und etliche frohlockten, da das
Weiberregiment ein Ende habe, und Andere erinnerten an ein altes Wort, welches
ein vornehmer Czeche der Libussa selber spottend ins Gesicht gesagt, da Weiber,
die lange Haare htten, aber einen kurzen Verstand, besser zum Weben und Spinnen
taugten, als zum Richten ber Mnner. Und Wlasta hob sich zornig empor, als der
rohe Volkswitz in ihrem erhabenen Schmerz sie strte, und aus ihrem groen
rollenden Auge schossen dunkle Blitze der beleidigten Seele hervor. Denn schne
Seelen emprt am heftigsten ein schlechter Witz. Darauf verrichtete sie den
Todtendienst bei ihrer unsglich geliebten Herrin, und that ihr ein kstliches
Gewand an, und gab ihr fnf Silbergroschen in die Hand, um sie dem unbekannten
Gott dort unten zu opfern. Denn das Heidenthum lag noch mit finsterer Gewalt
ber diesen trefflichen Gemthern.
    Nachdem nun Libussa vor den Thoren ihres Schlosses Libin begraben worden,
kam der verwittwete Frst Przemysl allmlig auf den Gedanken, da es doch gut
sei, keine Frau zu haben. Er fhlte sich uerst behaglich, und begann sich in
seinen Gemchern den ganzen Tag zu pflegen. Frher war er ein ehrbarer
Ackersmann gewesen, der seine Felder bestellte und die Ochsen am Pfluge trieb,
als Libussa, vom Wahrsagegeist ergriffen, sich ihn zum Mann prophezeite. Denn
obwohl ihrer Macht nichts fehlte, und sie mit allen Geistern in Verbindung
stand, so fehlte ihr doch ein Mann. Und sie nahm ihn, und machte ihn zum Herzog,
und er setzte sich mit aller Ruhe an ihre Seite auf den Czechenthron. Bald aber
mute er einsehn, welche Qual es mit sich bringe, eine geistreiche Frau zu
besitzen. Er konnte gar nicht mitreden, wenn sie zu philosophiren anfing, und so
oft sie in Begeisterung gerieth, machte er ein dummes Gesicht dazu, und
geberdete sich wie ein geschlagener Mann. Es graute ihm vor den Augen, wenn die
Seherkraft ber sie kam, und es wurde ihm unheimlich, da er eine so kluge Frau
hatte. Wenn er nach seiner Weise ein vernnftiges Wort zu ihr sagen wollte, sa
sie in tiefen Gedanken und hrte ihn nicht. Er konnte nicht begreifen, wie man
Gedanken haben knne, und wurde im Geheimen seines Lebens berdrssig. Er lie
Alles geschehn, wie sie es wollte, und bekmmerte sich um nichts mehr, aber der
Meth schmeckte ihm nicht, und die Jagd machte ihm nicht mehr Freude. Es war ihm
immer, als mte er sich vor seiner Frau geniren in Allem, was er that. Er
verwnschte die geistreichen Weiber, und frchtete sich doch zugleich sehr. Wenn
sie ihn zuweilen mit ihren schnen tiefen Augen anstrahlte, kam er sich selbst
ganz einfltig vor, und wute nichts dazu zu sagen. Er wre davongelaufen, htte
er sie nicht als eine Zauberin gekannt, deren Gewalt sich ber Alles erstreckte.
Jetzt aber war ihm wohl. Er schaukelte sich vergngt auf dem purpurnen
Thronsessel, auf dem sie sonst neben ihm gesessen, und merkte, da er weit
bequemer sitzen konnte. Er lie seinen Freund Hinchvoch zu sich kommen. Mit dem
schwatzte er sich aus, und sie tranken ein Fa Meth zusammen, und rauchten eine
Pfeife Taback. Sie sprachen von lauter langweiligen Dingen, und Przemysl freute
sich zum ersten Mal wieder, da er ein ruhiges, gewhnliches, alltgliches
Gesprch fhren konnte, bei dem er nicht viel zu reden brauchte. Denn Hinchvoch
hatte keinen Geist. Zuletzt aber befahl Przemysl dem Hinchvoch, da er
unverzglich die ganze Budecer Mdchenanstalt aufheben solle. Dies war die
preiswrdige Anstalt, in welcher die Jungfrauen der Libussa erzogen, gepflegt
und zu allen Tugenden und Vorzgen gebildet wurden. Przemysl befahl, da diese
Mdchen zerstreut und zu ihren Eltern zurckgebracht werden sollten. Denn es sei
gefhrlich, das muthwillige Geschlecht der Mdchen viel lernen zu lassen. Es
wrden geistreiche Weiber daraus. Hier zuckte es ihm, und er sah sich scheu nach
der Ecke des Zimmers um, ob Niemand dort stehe. Dann fuhr er fort und sagte: nun
geh', mein lieber Hinchvoch, und fhr' es schleunig aus, wie ich Dir gerathen!
Und Hinchvoch ging hin, und that es gern, denn er hatte keinen Geist.
    Und nun, o epische Muse, lse mir die Homerische Zunge, damit ich, des
groen Unglcks wrdig, beschreiben und schildern kann, wie, gleich der
Trojerinnen beklagenswerther Schaar, als sie aus dem brennenden Ilion
davonzogen, jetzt diese bhmischen Mdchen, reich an Zahl, und jede schn und
jede der Liebe und der Thrnen werth, in langsam stummen Reihen sich
fortbewegten, nachdem sie ausgetrieben, und die Thren ihrer treugeliebten
Pensionsanstalt hinter ihnen geschlossen worden waren! Sie wuten nicht wohin,
und irrten wie eine Heerde zerstreuter Lmmer auf und ab, und das Volk hhnete
sie in den Straen. Man verlachte sie, und sagte: wo ist nun euere Herrin, vor
der wir uns beugen muten, und vor euch zugleich? Seht, das Blatt hat sich
gewandt, und ihr, die ihr so hoch hinauswolltet, habt weder Wohnung jetzt, noch
Schutz und Schirm. Nun kehret in eurer Vter Htten an den Spinnrocken zurck,
und stellt euch zu eurer Frau Mutter vor den Kamin, und helft kochen und fegen!
Was habt ihr mit den Knsten zu schaffen und mit der Wahrsagung und mit der
Wissenschaft der Pflanzen und Kruter. Ihr seid armer Leute Kind. Geht! Geht!
    Die Welt lag dunkel da vor den Blicken der armen Mdchen, und sie sahen in
der Nhe und in der Ferne nichts, was sie trsten knnte. In ihrer Eltern
niedrige Huser zurckzukehren, davor entsetzten sie sich alle, denn der alte
Vater und die alte Mutter verstanden der Tchter adliches und freigebildetes
Wesen nicht mehr. Sie hatten des Lebens gttliche Freiheit geathmet, und ihr
Herz emprte sich, wenn sie der huslichen Sclaverei ihres Geschlechts
gedachten. Des gemeinen Volkes Reden verachteten sie, denn sie waren jung und
muthig, und fhlten edlen Stolz in der Groes sinnenden Seele. Die hohe Wlasta
aber trat mitten unter sie, und versammelte sie alle um sich her, und hie sie,
ihr folgen. Dann eilte das schne kecke Mdchen mit hastigen Schritten voran,
und die brigen, die ihr gern vertrauten, zogen der Fhrerin nach, nicht
wissend, was diese in ihrem oft erprobten Geist bewege. Und Wlasta beeilte sich
immer strker, denn sie war geschwind wie ein Reh, bis sie und ihre Jungfrauen
der Menschen Huser und Gesichter verlassen hatten. Sie schritt vor den Andern
her, wie eine Knigin, und Haar und Busen flogen ihr wunderbar vor Wuth und
Schmerz. Sie war die Schnste und Strkste unter Allen, und die hochgebauten
Glieder waren wei und frisch und gewaltig, wie ein sprudelnder Bergquell.
Heldenmthig und herausfordernd in ihrem Wesen, war sie doch freundlich und
glnzend an Gestalt, und wenn man sie in rascher Bewegung dahinschweben sah,
leuchtete sie von Kraft und Anmuth, von Hoheit und ser Lieblichkeit zugleich.
Sie hatte etwas Kriegerisches in ihrer Natur, und doch einen friedenschlieenden
Zug um die schwellenden Lippen. Sie trat wie eine Siegerin auf, wann sie den
schlanken Fu setzte, und wild blickte ihr holdes Auge, wie auf einen Feind. Und
in alle Wildheit mischte sich doch die weiche Jungfrulichkeit ihres
Mdchenwesens. So war sie die Erste ihrer Gespielinnen, und alle liebten und
ehrten die Wlasta, der Keine glich.
    Die Jungfrauen traten jetzt in khlende Waldesschatten, und erreichten den
Berg Widowle, auf dessen grnem Gipfel vertrauliche Einsamkeit lag. Hier befahl
Wlasta den Mdchen, sich zu lagern, und sie selbst, in ihrer Unruhe, blieb vor
ihnen stehen, und sagte: Ihr lieben Gespielen, hieher habe ich euch gefhrt,
damit wir ber unsere Bedrngni, die zu den Gttern klagt, uns berathen knnen.
O ihr trefflichen Mdchen, gibt es wohl ein hheres Gut, als die Freiheit? die
Freiheit, welche Luft und Himmel und Bewegung und Leben und Alles ist. Die
Freiheit, an deren Busen ihr gro und schn geworden seid, von der ihr die Milch
der Erkenntni getrunken und die Frucht eurer untadlichen Bildung geerntet habt.
Die Freiheit, in deren Schoo allein Sitte, Tugend, Liebe, Tapferkeit und
Glauben an die Gtter gedeihen. Und mit unserer Frau Libussa ist uns auch unsere
Freiheit gestorben. Nicht in uns und in unsern Gemthern ist sie gestorben,
sondern in den wankelmthigen und unedeln Meinungen der Mnner. Libussa wollte
unser Geschlecht erlsen, sie hatte ihm die Freiheit bestimmt, denn nur in der
Freiheit knnen wir unser Wesen erheben auf eine hhere und schnere Stufe der
Achtung. Libussa beherrschte das Land, und die Mnner gehorchten ihr, und an uns
bildete sie, wie sie das Frauengeschlecht in seiner knftigen Unabhngigkeit und
Geisteserweckung sich dachte. Libert pour toutes les fammes! das war der
Grundsatz, theure Freundinnen, in dem wir erzogen wurden. Ich hoffe, wir machen
alle unserer groen Bildnerin keine Schande. Freiheit, Freiheit, Freiheit fr
uns Alle! Denn da dieser geistlose Herzog Przemysl unser Geschlecht verachtet,
und ein arger Feind unserer liebsten Hoffnungen ist, habe ich schon, als unsere
hochseelige Frstin noch lebte, ahnungsvoll in meinem Geist erschaut. Und seinen
Sohn, den ihm Libussa geboren, wird er gewilich dazu anhalten, da er unserer
noch viel weniger achtet. Auf also, auf, ihr Jungfrauen der Libussa! Es gilt
einen Entschlu zu fassen, da wir und unser Geschlecht nicht schmhlicher
Dienstbarkeit, die uns droht, anheimfallen! Das Weib mu frei sein, sonst ist es
verachtungswrdig, denn zur Freiheit haben die Alles wohlbedenkenden Gtter
nicht blo den Mann erschaffen! Die Freiheit ist berall und in jedem Herzen,
das Flgel hat, um sich ber das Gemeine zu erheben!
    Hier endete die herrliche Wlasta ihre Rede, und lie sich mit einem lauten,
brustzersprengenden Seufzer unter einen Baum sinken. Dann sttzte sie das
schne, gedankenvolle Haupt in die Hand, und sa lange, von einem wunderbaren
Tiefsinn umfangen, da. Die Andern schwiegen bange, und es war still und heimlich
wie in einer Kirche. Alle blickten nur mit scheuen Augen auf die tiefsinnig
gewordene Jungfrau hin, und es war ihnen, als mten sie noch bedeutsam
geheimnivollen Worten aus ihrem Munde entgegenlauschen. Der Wind flsterte mit
dster raschelnder Zunge ber ihnen in den Wipfeln der uralten Eichen, ein
gromchtiger Adler flog mit verworrenem Geschrei auf aus einem Spaltenri des
Berges, tiefhngende Wolken verfinsterten die Fernsicht, es wurde eine seltsame
magische Dmmerung ringsher um die nher an einander geschmiegten Mdchen. Da
rief Stratka, eine liebliche Brnette, pltzlich: Sehet, es ist ber Wlasta der
Geist Libussas gekommen, der Geist der Weissagung!
    Und Wlasta streckte die Hand aus, und das strahlende Gesicht umflog eine
dunkle trunkene Rthe. Sie setzte sich hoch aufrecht, es schien Allen, als sei
das wunderbare Mdchen grer und ihre ganze Gestalt leuchtender geworden. Dann
wies sie mit dem Finger in die Ferne, und sprach: Ich sehe die Zukunft. Dort
hinten steigt sie in schwankender Gestaltenreihe aufwrts, und wlzt sich bis zu
mir heran, und beginnt mit meinem Geist vertrauliche Gesprche. Die Sterne ber
mir fangen an golden zu erglnzen, wie in schner Mainacht, und Libussa sitzt
gro in den Wolken, und reicht mit ihrer Hand von oben bis tief in mein Herz.
Sie schreibt die Schrift der Sterne eifrig in meine Gedanken ein, und ich halte
sbewegt still, wie wenn ein Gott mich berhrte. Und die Schrift der Sterne ist
es, die mich lesen lt, was die hinten schwankende Zukunft bedeutet. Und Wald
und Strom, und Vogel und Blume, und Luft und Licht werden lebendig, und reden
ein Wort mit, und ich kann Alles verstehen, was ist und kommen wird. Ich sehe
und verstehe groes Unheil, immerwhrende Kriege, gespaltene Meinungen,
himmelstrmende Verzweiflung, philosophischen Jammer und politische
Leidenschaft, jedem Jahrhundert seine Seuche und jedem Menschenherzen seinen
Todesschmerz. Und bebend frage ich die Geister der Zukunft um unser Geschlecht,
ob es frei sein wird? Und seht, seht, seht, es treten aus dem Nebelglanz der
Ferne seltsame Gestalten vor mich hin. Unser eigenes Schicksal kann ich nicht
erkennen, denn der Geist darf sich nicht selber schauen, das verwehrt das
Verhngni. Aber ich hre Waffen an mein Ohr schlagen, und die Blthe meines
Busens zwingt sich wie in einen eisernen Kriegspanzer, und eine breite Wunde
bohrt sich bis in mein Leben hindurch. Nun sehe ich schnere Jahre herankommen,
ein lyrisches Zeitalter der Frauen spriet auf. Die Poesie schmckt sie, die
Minne verherrlicht sie, und das Ritterthum holt seinen Dank aus ihren
huldspendenden Hnden. Auf dem Sller blinkender Schlsser stehen sie freundlich
da, und begeistern durch ihren Anblick zum Sieg in der Schlacht, zur Sitte im
Leben, und zur Ehre im Wandel. Aber das Zeitalter der Minne macht das Weib nicht
frei. An Haus und Heerd und an die Stille des Zwingers gebannt, berlt sie des
Lebens freie Bewegungen den Mnnern. Dann sehe ich fromme Gesichter meines
Geschlechts, betende Jungfrauen in dunkeln Zellen, verzckte Mdchen, welche die
Gewalt eines Gottes ergriffen haben mu. Alles groe Versuche des Weibes, sich
zu befreien, und ber das gemeine Alltagsloos ihrer Bestimmung sich zu erheben
zu hherer Erleuchtung des Geistes. Aber auch die Mystik und die beschauliche
Klosterzelle macht das Weib nicht frei. Es verliert sich in Gott, und berlt
des Lebens freie Bewegungen den Mnnern. Und ich sehe eine liebliche Jungfrau,
die erst die Lmmer im Thal weidete, dann, vom Geist gerufen, den Helm auf ihr
Haupt setzte, und gegen die Feinde des Vaterlandes in die Schlacht zog. Sie will
zeigen, da das Weib auch ein Vaterland habe, und Alle folgen jauchzend dem
Mdchen aus Orleans, und siegen unter ihren jungfrulichen Bannern. Aber dann
naht das alte schwarze Verhngni unseres Geschlechts, und es ruht ein Fluch auf
der That, weil sie ein Weib vollbracht hat. Sie knnen es nicht glauben, da das
Weib vom Vaterlandsgeist getrieben wird, und verbrennen die Zauberin. Das Weib
hat kein Vaterland, sie knnen es dem hohen Mdchen aus Orleans nicht glauben.
Auch die Vaterlandsbegeisterung macht das Weib nicht frei, und es berlt die
Freiheit der ffentlichen Bewegung den Mnnern.
    Jetzt sehe ich eine Kirchenversammlung von groen und gelehrten Mnnern, wo
eigens untersucht und mit den genauesten Grnden und Gegengrnden gestritten
wird, ob die Frauen Menschen seien? Dann dringt mein Auge weiter und weiter
durch den Schleier der Jahrhunderte, und ich gewahre milde Zeiten des
Familienglcks auf den Gesichtern unseres Geschlechts. Ich sehe ein husliches
Stubenleben, ein brgerliches Zeitalter der Menschen, in dem die Frauen viel
gelten; sie stricken, nhen, schenken den Thee ein, und sprechen angenehm. Mir
wird klglich dabei zu Muthe, und ich wende den Blick auf Andere hin, und sehe
bcherschreibende Weiber, mit Gelehrsamkeit und Knsten sich abgebende holde
Mgdlein, wieder groe Versuche, das Weib zu befreien. Aber das Familienglck,
das brgerliche Zeitalter und das Bcherschreiben machen unser Geschlecht nicht
frei. Es mu noch immer des Lebens freie Bewegungen den verhaten Mnnern
berlassen. Nun fhrt mich mein Geist fern gegen den Norden hin, und ich sehe
einen Mann in seiner Studirstube sitzen, der schreibt eifrig und sieht
gedankenvoll aus. Ich wei nicht, ich mu den Mann lieben, es ist mir, als
schriebe er mir meine Gedanken auf, und die Gedanken unserer Frau Libussa. Er
heit Hippel, und er schreibt ber die brgerliche Verbesserung der Weiber, und
ber die Ehe. Er will, da das Weib ein Vaterland haben solle, und eine Stelle
im Staat, und seinen schnen Theil an aller Freiheit der ffentlichen Bewegung.
Er ist der Erste unter allen Mnnern, in dem der groe Gedanke Libussas wieder
hervortaucht, denn kein Gedanke geht im Meer der Zeiten verloren. Und o, o,
seht, wie mir der Geist nun hilft, die Erscheinungen zu verknpfen. Da zieht es
mich hin weit in eine andere Gegend, und ich schaue eine mchtige Stadt, die
heit Paris, und eine Strae, die wird die Strae Taitbout genannt. Dort ist ein
Saal, in dem Mnner mit langen Brten versammelt sind, die eine besondere
Weisheit unter sich verabredet haben, die heit der Saint-Simonismus. Sie tragen
eine weie, hinten zugeknpfte Weste, weie Beinkleider, eine blaue Jacke, und
Kopf und Busen sind ihnen ganz entblt. Sie sehen nrrisch aus, und sprechen
ber die Weiber. In ihrer Mitte sitzt Einer mit Namen Enfantin, der sich den
obersten Vater der Simonisten nennt, und neben ihm steht ein leerer Stuhl, auf
dem das freie Weib noch erwartet wird, damit sie, sobald sie erscheine in der
Welt, sich gleich setzen knne. Alle Anstalten zu ihrem Empfange sind gemacht,
und ihre Unabhngigkeit vom Manne ist ausgesprochen. Was Libussa gedacht, was
Hippel geschrieben, wollen die Simonisten endlich ausfhren. L'lvation de
l'pouse au niveau de l'poux! so hallt es wieder aus dem Munde des obersten
Vaters, der das freie Weib sucht. Es gibt eine gesellschaftliche Person, das ist
nicht mehr der Mann allein, sondern Mann und Frau, und alle Geschfte des Lebens
werden daher paarweise verrichtet. Dieses Paaren ist die Ehe, und in ihr nimmt
die Frau Antheil an den Geschften des Mannes. So wirkt sie zugleich fr den
Staatsdienst mit, und kann, wie Libussa und Hippel ausdrcklich gewollt, Aemter
bekleiden. Der khne Vater Enfantin aber hebt die Freiheit des Weibes noch ber
die Ehe hinaus, und erklrt die Ehe nicht fr geschlossen. Ein so freies Weib
aber will sich gar nicht finden lassen, und darum sehe ich hier und dort
Simonisten hinauswandern in den Orient, um das freie Weib da zu suchen. Und es
entsteht eine groe Verwirrung ber die neue Lehre, in der doch Wahrheiten
ruhen, an denen ich alle Jahrhunderte arbeiten gesehen. Schriftgelehrte erheben
sich, um die Wahrheiten zu reinigen von den Schlacken, aber es scheint, als
knne lange Keiner das Wort dazu finden. Aber das freie Weib - doch - ah! - -
    Hier hielt die herrliche Wlasta inne, und der Geist der Weissagung schien
von dem schnen Munde gewichen. Das Haupt sank ihr ermattet auf die Brust herab,
und die Wange, die noch eben von dunkler prophetischer Rthe geglht hatte,
berzog sich wieder mit einer feinen Blsse. Sie lehnte sich seufzend an die
Schulter ihrer Busenfreundin Stratka, und fragte leise: was habe ich euch
gesagt?
    Du hast uns die Zukunft unseres Geschlechts enthllt! riefen Alle
einstimmig, und sprangen auf, und umringten sie ehrerbietig und traurig.
    Mir ist das Herz wehe, ich wei nichts mehr, was ich gesagt! sthnte Wlasta.
Ein wunderbarer Traum umhllte mir mit tausendfarbigen Bildern die Schlfe.
Jetzt mchte ich weinen, und kann nicht sagen, warum? Das erste Mal ist es, da
ihr die wilde frhliche Wlasta betrbt seht bis in den Tod. Ihr aber, lieben
Gespielen, lasset die Gedanken an die ferne Zukunft, denn es bringt den
Sterblichgeborenen nur Schaden, in den Spiegel der knftigen Gestaltungen zu
lauschen. Denket an euer und unser allernchstes Unglck. An euch ist es nun,
zum Heil einen Rathschlu zu fassen. Wlastislawa wird zu allem Ja sagen, was ihr
beschlieet, denn sie selbst ist traurig und gedankenlos, und das tapfere Herz
ist ihr wie zerbrochen.
    Da trat die schmachtende Stratka in die Mitte der Jungfrauen, und es war wie
ein linder Westhauch, wann sie sich bewegte. Sie war als die Zweite und
Trefflichste nach der Wlasta geachtet, und Alle waren ihr gut, denn sie sah
lieblich und bescheiden aus, und hatte Augen, wie zwei stille Vergimeinnichts.
Die sprach, indem sie ihre Hand ausstreckte gegen die noch am Boden sitzende
Wlasta: O Wlastislawa, du hochherzige, tugendreiche und adlichgesittete
Jungfrau, wir wissen Alle, da Du nichts Anderes denkest noch trachtest, als
unsere Freiheit und Ehre, und die unseres ganzen Geschlechts. Welche wre, die
Dich nicht darum zum Allerhchsten priese! Aber, ich bitte Dich, Du
Tugendreiche, was hilft uns armen Mdchen die Freiheit, wenn wir keine Mnner
haben? Schickte nicht unsere hohe Frau Libussa selbst auf das Feld hinaus, und
lie sich einen Mann holen? Und als sie ihn zum Mann gehabt, wurde ihre Freiheit
und ihre Ehre um nichts desto geringer. Wissen wir denn nicht, wie sie den
Przemysl und das ganze Czechenland mit ihrem Rath und ihrer Klugheit regiert
hat? In der Ehe erscheint erst das freie Weib, von dem Du uns prophezeiht hast,
aber ich bin der Meinung, ihr lieben Gespielen, da, um das freie Weib
erscheinen zu lassen, die gewhnlichen Begriffe der Ehe erst mssen umgewandelt
werden. Dies, ja dies sei unser Werk! Vor allen Dingen mssen wir Frauen
Wahlrechte bekommen. Ich will von diesen Wahlrechten jetzt nur insoweit reden,
da wir uns die Mnner selbst whlen drfen, sowie Libussa den Ehegemahl
erwhlet, welcher ihr gefallen, und worein das ganze Land willigen mute. Denn
die Frau mu zuerst durch den selbstndigen Willen frei werden. Ohne den Willen
gibt es keine Freiheit, und ohne die Freiheit keine Liebe, und ohne die Liebe
kein Glck. Darum nun, auf da wir allesammt die Freiheit erwerben, rathe ich
alles Ernstes, da Du, o Wlasta, mchtest zum Herzog Przemysl senden, und ich
will zum Hinchvoch senden, ob diese beide nicht wollten unsere Mnner werden?
Denn sobald sie nun, als die Vornehmsten, einwilligen, so wird sich alsdann auch
unserer Aller Freiheit anfangen, und die Budecer Mdchenanstalt soll wieder in
ihre alte Blthe kommen. Verachten sie aber unser Begehr, so hat dann endlich
die Rache der geschmhten Mgdefreiheit eine Ursache an allen diesen Mnnern.
Willigen sie jedoch ein, so wird dadurch das Wahlrecht fortan immer unserm
Geschlecht gewonnen sein. Denn die freie Frau ist souverain, sie spreche, wer
der Mann ihrer Liebe sein soll! Sie spreche offen, denn sie darf reden! Ach,
Wlasta, mir ist, als fhrte mich auch der Geist der Prophezeihung, wie Dich, bis
in eine ferne simonistische Zukunft der Zeiten. Ja, das freie Weib ist
souverain, sie entscheide, sie spreche, denn sie darf reden! Und das Glck der
freien Liebe ist s! -
    So sprach die schmachtende Stratka, und warf ihre lieblichen, lauschenden
Augen mit einem fragenden Blick im Kreise der Gespielen umher. Die Jungfrauen
aber waren von ihrer Rede alle wie begeistert, sie sahen freundlich und
erheitert aus, und riefen mit den schnsten Stimmen, in einem lauten Chor, da
es sich anhrte, wie Jubelhymne morgenfrischer Lerchen, sie riefen alle: Das
freie Weib ist souverain, sie entscheide, sie spreche, denn sie darf reden! Und
das Glck der freien Liebe ist s!
    Und das Glck der freien Liebe ist s! wiederholte die schmachtende Stratka
noch einmal, und hpfte liebkosend zu der groen ernstsinnenden Wlasta hin.
    Diese erhob sich jetzt vom Rasen, und schlug schwermthig die Augen zu den
Freundinnen auf. Dann sagte sie zu der Stratka: O du sanftherzige, tugendreiche
und adlichgesittete Jungfrau, von wannen kommt Dir dieser vortreffliche Rath,
der mir und allen beisitzenden Mgdlein so gar wohl gefllt? So thuet denn, wie
ihr beschlieet!
    Weiter sagte sie nichts, die schne nachdenkende Wlasta, und die Andern
beeilten sich, aus ihrer Mitte vier erlesene Jungfrauen auszuwhlen, die zum
Przemysl und Hinchvoch abgesandt wurden. Sie whlten vor allen die beredtsame
Budeslawka mit den klugen braunen Augen, dann die kleine naive Wuschemila, die
ernsthafte, tiefsinnige Hrawka und die lammfromme, stille Pietisyla. Diese
zogen, von den Uebrigen tausendmal gesegnet, aus gen des Herzogs Burg, whrend
die Andern mit qulender Neugier zurckblieben. -
    Przemysl und Hinchvoch saen wieder bei einander vor einem Fa Meth, und
bekmmerten sich um die ganze Welt nicht. Sie zechten um die Wette, und lieen
nicht einmal Jemand leben, denn das incommodirte sie zu sehr. Sie schwitzten
ordentlich vor Langerweile, weil sie nichts mitsammen zu reden wuten, aber es
war ihnen dennoch heimlich wohl dabei. Denn Hinchvoch hatte keinen Geist, und
Przemysl liebte den Geist nicht. So vertrugen sie sich beide vortrefflich, und
gaben sich die Hand, nie wieder von einander zu lassen. Man mu das Leben
nutzen, sagte Przemysl, den das Getrnk schlfrig machte.
    Die Zeit ist kostbar, entgegnete Hinchvoch, und streckte sich aus, um zu
schlafen.
    Nur Eines noch, rief Przemysl, und ermannte sich.
    Auch mir fllt noch Etwas ein, entgegnete Hinchvoch.
    Was denn? fragte Przemysl.
    Nichts! entgegnete Hinchvoch.
    Ich meine das Heirathen, sagte Przemysl.
    Ja, sagte Hinchvoch.
    Niemals werde ich wieder heirathen, rief Przemysl.
    Wer htte Zeit zum Heirathen! seufzte Hinchvoch.
    Meine Zeit ist mir zu lieb, und meine Freiheit! sagte Przemysl.
    Gib Dich doch nicht mit solchen Gedanken ab! sagte Hinchvoch, rgerlich
werdend, denn ihn schlferte sehr.
    Ich mu auf meine Freiheit halten! rief Przemysl, auffahrend.
    Wenn Du nur eine einzige Lehre von mir annehmen wolltest! sagte Hinchvoch.
    Welche denn? fragte Przemysl.
    Da sich Alles in der Welt von selbst versteht! ghnte Hinchvoch.
    Wie meinst Du das? fragte Przemysl aufmerksam.
    Ich meine, wie htte man Zeit und Ruhe, zu schlafen, wenn sich nicht Alles
in der Welt von selbst verstnde! explizirte Hinchvoch.
    Ich verstehe Dich nicht, erklre Dich deutlicher, sagte Przemysl dringend.
    La erst noch ein Fa Meth holen, sagte Hinchvoch.
    Soll geschehen! rief Przemysl, und es war alsbald durch den Diener
herbeigeschafft.
    Nun, sagte Hinchvoch, nachdem er noch einmal getrunken, da sich Alles in
der Welt von selbst versteht, ist klar. Zum Beispiel, da du frei bist, versteht
sich von selbst. Ebenso, da Du nicht mehr heirathen wirst! Was machst Du Dir
also Gedanken darber! Die Zeit ist kostbar. La uns schlafen! -
    Mir wird Angst bei Dir! sagte Przemysl. Du fngst an geistreich zu werden.
Ich dachte, Du httest keinen Geist. Und siehe, mein Haar strubt sich empor,
und es ist mir, als kme der neuerdings Mode gewordene Geist der Weissagung auch
ber meine Seele. Ja, ja, Hinchvoch, ich bitte Dich um Alles in der Welt, ich
sehe die Zukunft vor meinen Blicken aufsteigen. Ich schaue eine Periode des
Menschengeschlechts, wo Alle geistreich sind. Es ist das glorreiche neunzehnte
Jahrhundert, in dem jeder Ladendiener geistreich werden wird. Man wird einem
Menschen nichts Schlechteres mehr nachsagen knnen, als da er geistreich ist,
und berall, wo man hinhrt, wird die Rede sein von geistreichen Jnglingen, von
geistreichen Frauen, von geistreichen Berliner Banquiershnen, und Keiner wird
mehr ein Kleid machen lassen bei einem Schneider, wenn der Schneider nicht
geistreich ist. Die Recensenten, wenn sie weiter nichts mehr zu sagen wissen,
werden das Wort Geistreich zum Schimpfwort brauchen, und diese klgliche Periode
wird damit endigen, da sich die Geistreichen alle unter einander mit Haut und
Haaren auffressen. Ich sehe schreckliche Dinge, die da kommen werden, Keiner
sagt mehr zum Andern guten Morgen, ohne dabei geistreich zu sein. Keiner it
mehr ruhig sein Butterbrot, ohne eine geistreiche Bemerkung dabei zu machen.
Kein Spitzbube wird gehngt, ohne ein geistreiches Gesicht dabei zu schneiden.
Kein Mann prgelt mehr seine Frau, ohne geistreiche Motive dazu zu haben. Alles
wird sich geistreich motiviren, und es wird kein gesunder Discours, bei dem man
sich bequem ausruhen kann, mehr zu Stande kommen. Diese klgliche Periode und
ihr klgliches Ende habe ich prophezeiht. Ich bin dazu ausersehen vom
Verhngni. O Hinchvoch, Hinchvoch, halte mich, mir wackelt der Kopf und ich
kann nicht wieder zu mir kommen, mir schwinden die Sinne!
    Er sank in die Arme seines getreuen Hinchvoch zurck, und dieser rttelte
und schttelte ihn, bis die Kraft der Weissagung wieder von ihm wich. Dann sahen
sich beide ganz erstaunt an, und reichten sich gerhrt die Hnde. Sie schwuren,
da sie nie wieder ein Gesprch mit einander fhren wollten, an dem sie sich
erhitzen knnten, da heut um ein Haar ihre Freundschaft auf dem Spiele gestanden
htte. In diesem Augenblick trat ein Diener in den Saal, und meldete, da eine
Gesandtschaft von vier Jungfrauen drauen stnde, die etwas Wichtiges an den
Herzog Przemysl und den Reichsobersten Hinchvoch auszurichten htten.
    Die Jungfrauen wurden eingelassen, und schritten mit schchterner Geberde,
die beredte Budeslawka an ihrer Spitze, vor die Beiden hin. Budeslawka erhob
ihre helltnende Stimme, und begann zuerst, mit gesenkten Augen, von dem
heiligen und allen Vlkern stets ehrwrdig gewesenen Beruf des weiblichen
Geschlechts zu sprechen. Sie nannte die Frauen die Ordnerinnen und Hterinnen
des Lebens, und erinnerte, klagend und triumphirend zugleich, an der Libussa
mchtigen Geist, welche dieses hochemporblhende Reich zuerst eingerichtet, und
in seinen Grundvesten geschaffen, geordnet, zusammengehalten habe. Dann ging
sie, muthiger werdend, und mit durchdringenden Blicken aufschauend, zu der
Behauptung ber, da kein Reich, kein Staat, kein Volk ohne der Frauen
mitwirkende Hlfe, ohne ihren Alles im Gleichgewicht erhaltenden Sinn, bestehen,
gedeihen knne. Sie fgte, leiser betonend, hinzu, da sie und alle ihre
Schwestern drauen auf dem Berge Widowle entschlossen seien, nur am Altar des
Vaterlandes ihre Lebenspflichten zu ben, und Wlasta und Stratka, ihrer
Schnheit und Tugend wegen allberhmte Jungfrauen, htten entschieden, die
Ersten zu sein, welche dem allgemeinen Besten des Staates sich opferten. Sie
bten beide ihre Hand dar, Jene dem Przemysl, Diese dem Hinchvoch, um mit ihnen
vereint im Bunde der Ehe Antheil zu haben an dem Wirken und Verrichten der
Mnner. Dies gben sie durch diese Abgesandtschaft offen und frei zu erkennen,
denn die Frau sei souverain, sie drfe reden! Nun sei es an Przemysl und
Hinchvoch, so wrdigen Jungfrauen wrdige Antwort zu ertheilen.
    Budeslawka schwieg und trat, sich verneigend, wieder einige Schritte zurck,
whrend Przemysl und Hinchvoch sich vor Verwunderung nicht zu lassen wuten. Sie
begaben sich endlich beide in ein anliegendes Kabinet, um sich dort miteinander
zu berathen.
    Ein seltsamer Fall! sagte Przemysl.
    Ich dchte, man fragte die Gelehrten! sagte Hinchvoch.
    Was Gelehrten! rief Przemysl entrstet aus. Wir mssen ihnen auf der Stelle
eine abschlgliche Antwort geben.
    Das mssen wir, aber ohne allen Aufwand von Redekunst! sagte Hinchvoch.
    So antworte Du! sagte Przemysl.
    Nein, antworte Du! sagte Hinchvoch. Du bist der Herzog.
    Eben weil ich der Herzog bin, sagte Przemysl, befehle ich Dir, zu antworten.
    Ja so, sagte Hinchvoch. Ich werde mir etwas ausdenken, was Keine beleidigen
und Keine erfreuen kann.
    Hierauf gingen sie wieder in den Saal zurck, und Hinchvoch nherte sich den
Jungfrauen, und sagte, sich die Hnde reibend, nach einigem Besinnen: Ihr
liebwerthen und schnen Jungfrauen, wenn sich einmal der unvorhergesehene Fall
ereignen sollte, da dem Przemysl und dem Hinchvoch die Wlasta und die Stratka
gefielen, so knnte es wohl geschehen, was ihr uns ansinnet. Da man aber nicht
wissen kann, wann dieser Fall eintreten mchte, so lat euch bis dahin Gutes
gerathen sein, und thut, wie die andern Mgde im Lande, und spinnet und
stricket, nhret euch redlich und betet zu den Gttern. Denn was seid ihr
Besseres? Aber gedenkt auch zu euerm Trost daran, da sich bisweilen selbst
unvorhergesehene Flle ereignen.
    Nach dieser Rede entlie er die Jungfrauen, die alle in schweigendem Zorn
von dannen gingen. Sie schlichen betrbt einher, wie geschorene Lmmer, und
getrauten sich kaum einander selbst anzusehen. Sie sprachen kein Wort zusammen
auf dem ganzen Rckwege, und nicht einmal ein Seufzer schlich sich aus der
gepreten Brust hervor. Als sie so in stummer Reihe bei dem Berg Widowle
anlangten, kamen ihnen die andern Mdchen schon von fern fragend
entgegengesprungen. Aber Budeslawka winkte ernst mit der Hand, und bedeutete
sie, still zu sein. Dann erzhlte sie mit einer Stimme, die wie gemessenes
Grabgelute klang, welche schnde Antwort den Jungfrauen zugetheilt worden sei.
    Als Wlasta dies hrte, warf sie sich lautschreiend an die Erde nieder, und
brllte wie eine Lwin, welche des Jgers Schu ins Herz getroffen. Sie
zerraufte sich das wunderschne Haar, und jammerte, da sie diese Schande nicht
berleben werde. Die schmachtende Stratka weinte blo helle Thrnen, und fate
ihre Freundin in die Arme, um sie an ihrem Busen zu trsten. Aber Wlasta wollte
von keinem Trost hren, sie schlug bald auf mit donnernden Tnen einer
wuthentbrannten Seele, bald wimmerte sie in sich hinein wie eine sterbende
Nachtigall. Dann ward sie ganz still, whrend sich die andern Jungfrauen in
schmerzlicher Theilnahme um sie her drngten.
    Nachdem sie eine Zeitlang so gelegen, ihr herrliches Antlitz der Erde
zugekehrt, erhob sie sich pltzlich wieder, und stellte sich aufrecht in ihrer
strahlenden Gestalt vor die Freundinnen hin. Ihre Augen leuchteten, wie zuckende
Blitze, in ihrem hochgehobenen Arm bewegte sich, wie zum Kampf, die emprte
Muskelkraft. Auf, auf, zur Rache, ihr Schwestern! rief sie aus. Zur Rache an
allen Mnnern! Kein einziges dieser Ungeheuer darf am Leben bleiben, so lange
wir bhmischen Mgde walten in diesem Lande! Zur Rache, zu den Waffen! Jede
suche sich ihre Waffe, damit wir gerstet sind! Schlaget todt, schlaget todt,
jeden Mann schlagt todt! Zu den Waffen, zu den Waffen! Jetzt will ich euch sagen
vom freien Weibe, was es ist! Das freie Weib ist die Amazone, die gegen die
Mnner sicht! Die Amazone, mit Schwert und Bgen und Pfeil, ein freies Weib! Sie
ist unabhngig, sie streitet fr ihre Freiheit gegen die Mnner! Darum auf, zur
Rache, zu den Waffen! Die Amazone, mit Schwert und Bogen und Pfeil, ein freies
Weib!
    Da jubelten und jauchzten alle die bhmischen Jungfrauen, und im ganzen
Kreise hallte und schallte es, da der Berg erzitterte: Zur Rache, zu den
Waffen! Die Amazone, mit Schwert und Bogen und Pfeil, ein freies Weib!
    Und sie ordneten sich in Schaaren, und beschlossen, noch in derselbigen
Nacht die Veste Motol zu strmen, um sich darin zu verschanzen. Wlasta, der
Mgde hochherzige Fhrerin - - -

                                      * *
                                       *

- Doch hier, o Heilige, mu ich wahrlich abbrechen! Vielleicht schreibe ich Dir
den Rest ein anderes Mal auf, vielleicht auch nicht. Du mut bedenken, ich sitze
im Wirthshause. Und wer hat in den Wirthshusern dieses Lebens Zeit und Ruhe,
ein Kunstwerk zu schaffen? Ich mindestens nie, mit meiner flatterhaften Muse,
die so wenig reelles Sitzfleisch jetzt hat. Also gehe ich lieber spazieren, da
ich einmal auf der Reise bin.
    Ich habe Dir jedoch wenigstens die Exposition zu dem bhmischen Mgdekrieg
gegeben, wie ich ihn mir denke, und ich wundere mich recht, da alle bisherigen
Bearbeiter dieser Geschichte, sowohl der an manchen lyrischen Schnheiten reiche
Karl Egon Ebert, als auch van der Velde in seiner bekannten Novelle, die
eigentlichen Motive dazu, wie ich sie aufgefat, so ganz verkannt haben. Du mut
Dir nun aber weiter denken, wie sich aus diesem khnen Beginnen der Mgde der
blutigste Krieg entsponnen, welcher einige Jahre lang das ganze Land verheerte;
wie allmhlig alle Frauen im gesammten Reiche Partei ergriffen wider ihre
Mnner, und den ffentlichen Kampf der Jungfrauen durch kleines husliches
Gewehrfeuer untersttzten; wie alle Morgen Mnner, welche die Oberherrschaft des
Weibes nicht anerkannten, ermordet im Bette gefunden wurden; wie die
kriegerischen Jungfrauen, nachdem sie sich lange auf der Veste Motol verschanzt,
sich endlich ein eignes Schlo erbauten, das berhmte Schlo Diewin (von
diewicze, die Jungfrauen), weil es ganz von jungfrulicher Hand erstanden, und
kein Mann auch nur einen Stein zu seinem Bau getragen; wie in diesem Mgdeschlo
die Jungfrauen einen eignen Staat errichteten, und sich in allen ritterlichen
und mnnlichen Knsten, bald mit dem Speer, bald mit dem Bogen, bald zu Ro,
bald zu Fu, beherzt und geschickt bten und ausbildeten; wie von Przemysl und
seinen Schaaren das Schlo Diewin vergeblich belagert und bekriegt wurde; wie
die Mgde viele und herrliche Jnglinge des Landes, unter dem trgerischen
Versprechen ihrer Gunst, zu sich auf das Schlo lockten, und dort mit
schmhlicher List ermordeten und verstmmelten; wie Alles, was einen Bart hatte
im Reich, endlich in die allergrte Verzweiflung gerieth; wie Przemysl einen
ordentlichen Landtag wider die Weiber ausschrieb; wie die furchtbar schne
Wlasta sich als die Knigin des Reiches anzusehen begann, und eine neue
Landordnung, ein eigentliches Amazonen-Edikt, verfate, wonach jedem Knaben, der
im Lande geboren worden, der Daumen an der rechten Hand abgeschnitten, das
rechte Auge aber ausgestochen wrde, damit er zu jeder Kriegsthat unfhig sei,
wonach ferner jedem Mgdlein, das geboren worden, die rechte Brust mit einem
glhenden Eisen abgebrannt werden solle, damit sie ihr nicht wachsen und sie im
Spannen des Bogens verhindern knne, wonach auch die Mnner nur den Ackerbau
betreiben, die Jungfrauen aber im Felde streiten sollten mit den Feinden, und
wonach endlich eine Jungfrau Den, der ihr wohlgefiele, zum Manne zu nehmen die
Macht htte, und berhaupt alle Freiheit, welche sonst ein ungerechtes Schicksal
den Mnnern zugewiesen, fr sich gewnne. Dann wirst Du jedoch auch sehen, wie
diese ethisch-gesellschaftliche Revolution, in welcher sich das freie Weib als
Amazone constituirte, zuletzt einen entsetzlich tragischen oder vielmehr sehr
gewhnlichen Ausgang nahm. Denn als die Mnner jene neue Landordnung der Wlasta
gehrt, erschraken sie so sehr und so gewaltig, da sie sich nun aus allen
Theilen des Landes zusammenrotteten, und mit der letzten Kraft ihres Muthes, auf
Leben und Tod, einen Sturm unternahmen auf das Mgdeschlo Diewin. Nach einer
frchterlichen Schlacht bethtigte sich endlich das biblische Wort: Er soll Dein
Herr sein! und die Jungfrauen, die nicht durch das Schwert fielen, wurden
geheirathet, und gelobten Treue und Gehorsam, und ein sanftes Gemth. - -
    Doch genug davon! Ich wnschte wohl, da ein junger talentvoller Dichter
diesen Stoff einmal nach meinen Ansichten, wie ich sie in der Exposition
angedeutet, bearbeiten mchte! Du lieber Gott, wer doch heut den Frieden dazu
htte, talentvoll zu sein! Aeuern Frieden und Heiterkeit ringt man sich wohl
ab, aber die geheim in mir ziehenden schmerzhaften Gewitter lassen der Seele
doch selten Ruhe, da sie an fremde Stoffe mit ihrer innern Werdelust sich
hingebe!
    Auch manches Sonstige, was ich schon das vorige Mal berhren wollte, mu ich
wieder auf meine nchsten Bltter versparen. Ich bringe jetzt Alles nur in
einzelnen Stcken zu Stande. Es ist einmal ein zerstckeltes Leben in dieser
Zeit, und das Herz hngt sich mit seinen Sympathieen an diese Zeit. Darum ist es
auch zerstckelt. Mein Herz freut sich seiner Fragmente, und erschrickt
ordentlich vor der Harmonie, als wre der Welt Ende dann da. Was soll ich auch
mit der Harmonie! Ich bin nicht fr sie geboren.
    Nimm vorlieb, Du Heilige! -

                                   IV. Prag.


                  Katholizismus, Legitimitt, Wiedereinsetzung
                                 des Fleisches.

- Zwei Dinge sind es, welche auf den gemthlichen und gesellschaftlichen
Charakter der Prager besonders einwirken, nmlich die Musik und das Bier. Der
nationelle Sinn fr Musik, der in Prag fortdauernd mit groer Kunstliebe
gepflegt wird, begunstigt eben so sehr eine gewisse Sanftmuth und Zrtlichkeit
der hiesigen Sitten, als das vortreffliche Bier, der zweite Musengott der
Bevlkerung, ein mildes Phlegma, eine gedmpfte Gemthlichkeit in den Umgang
bringt. Auch die schwermthige Stille, die hier auf den Straen herrscht,
scheint es mir zuweilen zu sagen, da ich unter einer biertrinkenden Bevlkerung
weile, der das knstliche Gebru aus Malz und Hopfen ber Alles gilt, sogar ber
die edleren Gaben des genialen Mannes Bacchus. Das Prager Bier, das in den
hiesigen Felsenkellern so auerordentlich gut und khl erhalten wird, besitzt in
der That, bei einem eigenthmlich wohlthuenden Geschmack, so substanzreiche
Theile, da es einmal ein Kenner mit Recht ein flssiges Brot nannte. Und als
solches wird es auch hier vielfltig genossen, da man sogar schon des Morgens
mit Bier frhstcken sieht, und die ganze Atmosphre Prags schien mir bestndig
so bierdurstig, da ich das, was ich sonst fr eine Barbarei gehalten haben
wrde, an mir selbst erlebte. Ja, so bin ich, Heilige! da alle Sympathieen, die
es nur in der Welt geben kann, augenblicklich auf mich einwirken. Ist das nicht
die alte lcherliche Vielseitigkeit an mir? Aber nun denke Dir, was es auf das
Temperament eines Volkes fr Einflu haben mu, wo ein so starkes und schweres
Bier zum Lieblingsgetrnk geworden. Doch der Prager geniet sein Bier selten
ohne - Musik. Aus den niedrigsten Bierhusern schallt Dir Harfe, Flte, Geige,
Trompete oder Trommel, fast zu jeder Tageszeit, entgegen, und so wiegt sich die
sanfte Biermelancholie schnell in eine weiche Musiksymphonie hinber, die am
Ende sogar in die Fe tritt, und die Schwere des Phlegmas zu einem rasch sich
drehenden Tanz bewegt.
    Doch ich merke jetzt erst, da ich eine seltsame Einleitung gewhlt habe, um
mich heut mit Dir zu unterhalten. Denn wahrlich von ganz anderen Dingen habe ich
mir vorgenommen, Dir zu sprechen. Ich wollte Dir von der vertriebenen
franzsischen Legitimitt, die droben auf dem hohen Hradschin ihren Wohnsitz
aufgeschlagen, erzhlen. Es ist bald vier Uhr, und um diese Zeit hrt Karl der
Zehnte in der Schlokirche die Messe.
    Wie schaffen? fragt die niedliche freundliche Kellnerin, indem sie sich
mit einem wohlgelungenen Knix vor mich hinstellt.
    Ich schaffe heut nichts, als einen Fiaker. Der Regen giet in Strmen
herunter, die Straen schwimmen, und ich mu hinauf zu dem erhabenen Dom von St.
Veit.
    Es waren bald Anstalten getroffen, um mich fortzubringen. Ich trat in den
bedeckten Sulengang, und durch die Kirchthr, und hatte noch Zeit, den
merkwrdigen Eindrcken, welche gothische Bauwerke immer auf die Stimmung und
das Gemth hervorbringen, mich zu berlassen. Das auf hohen gothischen Bogen
getragene Schiff der Kirche, die auf mchtigen Wandpfeilern ruhenden
Kreuzgewlbe, die vielen in ehrwrdiger Pracht schimmernden Kapellen und Altre,
die stille andchtige Reihe der Betsthle; groe historische Denkmler,
ehrfurchterregend in ihrem Alter und in ihrer Kostbarkeit; auf ihren Grbern
schlafende, in Stein gehauene Knige, Heilige, Mrtyrer und Wundertter;
wunderbare Wandbilder, bedeutsame Inschriften, seltsam zierliches Schnitzwerk,
bunte Malerei auf dem flimmernden Zwielicht der hohen Fenster; reicher
Kirchenschatz der Metropolitane, Silber, Edelgestein und Vergoldung berall;
Ballustraden, Baldachine, Kruzifixe, Weihgefe und silberne Lampen; und zu
allen diesem Einzelnen die ganze, in vielfache Ecken auslaufende Halle, mit
ihrem geheimnivollen Dunkel, das zuweilen pltzlich von den aus Thren und
Fenstern hereinbrechenden Tageslichtern durchblitzt wird, und mit der luftig
schwebenden hohen Decke, zu der das Auge in staunender Verwunderung sich
verliert; dieser Anblick und dieser Eindruck ist so gemthserregend, da man
lange bei sich nachdenkt, ohne zu wissen, worber, und doch wiederholt er sich
fast bei jeder gothischen Kirche auf die hnliche Weise. Die historische
Ehrwrdigkeit dieses alten Domes, der, schon oft dem Sturm der Zeiten verfallen,
sich immer wieder, wenn auch nie mehr ganz vollstndig in ehemaliger Pracht,
erhoben, mchte noch dazu beitragen, die heiligen Schauer zu vermehren, die beim
ersten Futritt, den man vom Eingang aus auf den tiefer liegenden Marmorboden
setzt, die Seele ergreifen. Etwas Unendliches scheint sich vor Dir aufzuthun,
wenn Du die ehrfrchtigen Blicke durch die unbegrnzte Tiefe der Kirche hinirren
lssest, es ist Dir, als ffne sich die weite, geheimnivolle, dunkle Zukunft
des nach gttlichem Ebenbild geschaffenen Menschengeistes. Und doch ist diese
Unendlichkeit der Anschauung, die an Dich herantritt und in die Du alle Deine
Gedanken tauchen mchtest, sie ist nur die Unendlichkeit der architektonischen
Perspective, die der gothischen Baukunst eigenthmlich ist. Diese Perspective in
das Unbegrnzte und Jenseitige, an der sich in vergangener Epoche der
sehnschtige Geist des Christenthums zu diesem khnen Schwung der Bauformen
erhoben, regt mich jedoch mehr auf zu Gedanken, als da sie mich mit einem
festen Gedanken beglckte. Es ist eine sinnliche Unendlichkeit, die darin auch
in ihrer Wirkung Aehnliches mit der Musik hat, da sie mehr Gedankenstimmungen
erzeugt, als reine Gedanken zult. Diese Baukunst ist die in trunkenen Formen
aufschwebende Andacht, die zu dem Unbegreiflichen betet, und so verbindet sie
sich als das nebenstehende und verwandte Element mit der Kirchenmusik, um die
Mystik des katholischen Gottesdienstes hervorzubringen. Der Katholizismus ist
die Religion der Kirche, er bedarf der Kirche zu seinem Glauben und zu seiner
Andacht. Unter freiem Himmel, wo blo die helle Luft der Gotteswelt scheint und
tagt, knnte er nicht bestehen, denn die heiligen Handlungen, die sein eigenstes
Wesen ausmachen, sind an die Halle der Kirche, an Altar und Kapelle, an
Megewand, Betstuhl und Wachskerze gefesselt. Er bedarf der Baukunst der
sichtbaren Kirche, der Dmmerung der Bogengnge, der Vertiefung der
Kreuzgewlbe, um alle seine absichtsvollen und knstlichen Wirkungen zu
erreichen, um in der Charwoche bald durch pltzlich bewerkstelligte Finsterni,
bald durch wieder aufglimmende Helle der heiligen Bedeutung der
Erlsungsgeschichte eine Illusion fr die Sinne zu schaffen. Er bedarf der
sichtbaren Kirche, um Katholizismus zu sein. Es ist gerade wie mit der
Legitimitt; die bedarf des sichtbaren Thrones, um Legitimitt zu sein. Sie
bedarf der Herrscherpracht unter goldenem Baldachin, um zu herrschen; sie bedarf
der Sulen des Knigspalastes, um die Macht des Bestehenden auch den Sinnen
anzudeuten. Sie bedarf des Scepters und des Reichsapfels in der Hand, um die
Heiligkeit der Ueberlieferung, auf der sie ruht, zu bezeichnen; sie bedarf aller
durch Jahrhunderte geweihten Insignien ihrer Hoheit, um zu zeigen, da sie ber
der Gemeinde, ber dem Volke steht, und nicht aus demselben hervorging.
    Doch was rede ich von der Legitimitt? Ich bin ja gekommen, um sie zu sehen.
Die Vesper hat bereits begonnen, aber das knigliche Oratorium oben ist noch
immer leer, und meine Augen sphen vergeblich nach Karl dem Zehnten. Die Kirche
ist mit manchen andern Neugierigen meiner Art gefllt, die sich flsternd und
erwartungsvoll in den Gngen auf und nieder bewegen. Es ist ein seltsames Leben
in der schon halb verdunkelten Kirche, und ich irre unter lauter unbekannten und
fremdartigen Gestalten umher. Hier und da hre ich franzsische Laute an mein
Ohr dringen. Nun heit es, Karl X. der arme kranke Verbannte, werde heut nicht
erscheinen, und die romantisch hochherzige Dchesse de Berry ist in Brandeis.
Dagegen meldet der Kirchendiener, da der Herzog und die Herzogin von Angoulme
und der Herzog von Bordeaux zu sehen sein werden. In der That befanden sich
diese drei Mitglieder der vertriebenen Knigsfamilie auf einem Umzuge durch die
Kirche begriffen, um mehrere Schtze und Reliquien-Kostbarkeiten der reichen
Metropolitane in nheren Augenschein zu nehmen. Eben kamen sie den Gang
herunter, um sich in die Wenzelkapelle zu begeben. Sie schritten dicht an mir
vorber, und ich wei nicht, mich berfiel es auf Einmal, als wre ich im Grunde
meines Herzens ein Stocklegitimer, denn ich machte der Herzogin von Angoulme,
auf deren cht bourbonischem Gesicht der hchste Ausdruck von Trauer geschrieben
stand, mit der tiefsten und ehrerbietigsten Verneigung Platz. Frchte jedoch
nichts von mir, es war lediglich die Ehrfurcht vor dem Unglck. Heiterer sah der
Herzog von Angoulme aus, und schien sich den resoluten Muth, der ihn in
mannigfach mignstigen Schicksalen seines Lebens stets ausgezeichnet, auch
jetzt noch bewahrt zu haben. Den kleinen Duc de Bordeaux hatte ich noch nicht
genau gesehen, und ich folgte daher dem Zuge nach der berhmten, dem heiligen
Wenzel gewidmeten Kapelle dieser Kirche. Die St. Wenzel-Kapelle, die sich gleich
rechts vom Haupteingange befindet, ist die reichste an alten merkwrdigen
Reliquien, Denkmlern und heiligen Erinnerungen. Sie war von Anwesenden ganz
angefllt, und es herrschte eine eigene, ngstliche, drckende Stille, whrend
die verbannte Familie vor dem Altar stand, und sich von dem Priester die aus
mehreren Kstchen und Schrnken hervorgeholten Kostbarkeiten und Heiligthmer
vorzeigen lie. Der kleine Herzog von Bordeaux hat ein hbsches, kluges,
verstandvolles Gesicht, mit einer sehr gemigten Bourbonicitt der Nase, dazu
etwas Keckes und in die Zukunft Blickendes in seinem Auge, was, zugleich mit
einer Beimischung von leiser, noch knabenhafter Trauer, ihm einen hchst
interessanten Ausdruck gab. Ich mu gestehen, seine Erscheinung, die ich mir
anders gedacht, gefiel mir ganz auerordentlich, und ich hatte mich dicht in
seine Nhe gedrngt, um ihn recht beobachten zu knnen. Hinten in der Ecke der
Kapelle standen zwei alte weibrtige Franzosen zusammengekauert, allem Anschein
nach mitausgewanderte, begeisterte Legitime, die den kleinen Duc, den einzig
brig gebliebenen Gegenstand ihrer Hoffnungen, das einzig sichtbare Pfand der
wiederherzustellenden Legitimitt Frankreichs, mit leuchtenden Augen unverwandt
betrachteten. Ich sah bald auf diese alten merkwrdigen Henriquinquisten hin,
die von dem Anblick ihres letzten Bourbonen ordentlich trunken schienen, bald
auf den jungen, hoffnungsvollen Henri selbst, der sich von der Herzogin von
Angoulme erst dazu am Arm stoen lie, um eine ihm von dem Priester
vorgehaltene Reliquie zu kssen. Ich nahm das fr ein gutes Zeichen, und obwohl
ich in Frankreich nicht zu den Legitimen gehren wrde, freute ich mich doch von
Herzen ber den Duc de Bordeaux, und die alten Henriquinquisten. Der eifrigste
Reliquien-Ksser war der Herzog von Angoulme, welcher auf manche Gegenstnde
dieser heiligen Ueberlieferung drei bis viermal die Lippen heftete, und gar
nicht davon ablassen konnte. Als sie die Kapelle verlieen, kte er noch mit
wahrer Inbrunst den an der Thr derselben befindlichen berhmten Ring, woran
sich, wie mir der gutwillige Kirchendiener erzhlte, der heilige Wenzel, als er
zu Altbunzlau von seinem Bruder ermordet wurde, noch in der letzten Todesangst
angehalten haben soll.
    Die Scene war zu Ende, und die versammelte Menge begann sich allgemach
wieder zu zerstreuen. Ich schritt noch langsam in den Kreuzgngen auf und
nieder, und konnte mich noch nicht von dieser wunderbaren Kirche trennen, die
jetzt, wo die groen Schatten der Dmmerung von den hohen ernsten Pfeilern
herabflossen, am mchtigsten meine Einbildungskraft und meine Gedanken in
Bewegung setzte. Ich hatte den Herzog von Bordeaux, die Hoffnung der
Legitimitt, gesehen, und er hatte mir gefallen. Ich hatte bemerkt, wie er nur
widerwillig einige heilige Gegenstnde kte, und hatte mich darber gewundert,
weil ich den Katholizismus immer fr die Religion der Legitimitt gehalten.
Dennoch hatte es mir auch wieder gefallen. Jetzt wurden so weitgehende
Betrachtungen ber diese Dinge in mir rege, da ich zu dem heiligen Veit
ausdrcklich flehte, er mchte mich noch so lange hier in der vertraulich
einsamen Halle seines Domes lassen, bis ich mich recht zur Genge in meinen
auftauchenden Vorstellungen ergangen htte.
    Dann wurde wieder die Lust grer in mir, mich an irdischen Gestalten zu
zerstreuen, statt in gefhrliche Gedanken mich einzulassen. Ich lief rascher in
den Gngen hin und her, da meine Tritte durch die ganze Wlbung wiederhallten.
Hier und da traf ich noch vor einem Altar oder Heiligenbild der Kirche Betende
und Knieende an, darunter einige schngebildete Frauen, die meine Aufmerksamkeit
auf sich zogen. Der inbrnstige Ausdruck der Andchtigen in den katholischen
Kirchen hatte schon oft meine Bewunderung erregt, vornehmlich bei den
Pragerinnen, die zugleich nicht verfehlen, alle Lieblichkeit ihrer Gestalt dabei
anschaulich zu machen. In der anmuthigsten Stellung sieht man sie, den Kopf tief
auf den Busen heruntergeneigt, wie selbstvergessen in ihrer Frmmigkeit
dastehen, whrend zugleich die dadurch hervortretende Rundung des schnsten
Nackens an ein blhendes weltliches Element erinnert. Und nachdem sie still und
zierlich gebetet, machen sie zuletzt dem Bild ihres Patrons, vor dem sie
gestanden, noch einmal eine gefllige, gracise Verbeugung, und entfernen sich
dann mit einem allerliebsten Knix aus der Kirche. Das nenne ich gute Lebensart
in der Religion. Frwahr, man ist auch dem lieben Gott einige gute Lebensart
schuldig, und wenn man vor ihm betet, mag es nicht gleichgltig sein, ob man es
in anstndigen und schnen Formen thut, oder mit plumpen und ungebildeten
Manieren. Der Katholizismus ist die Religion der schnen Lebensart vor Gott, die
Religion der glnzenden Formen in der Andacht. Es gab einmal einen gewissen
Pietismus, der in ein hchst vertrauliches, ich mchte sagen
brgerlich-familires Verhltni mit dem lieben Gott gerathen war. Dies war die
Spenersche Hauspostillen-Zeit, die Morgen- und Abendsegen-Periode in der
Theologie. Diese Frommen - und ich mag nicht untersuchen, wieviel es ihrer noch
heutzutage gibt - diese dachten sich den lieben Gott nicht anders, als einen
alten guten Papa auf dem Grovaterstuhl in Schlafrock und Pantoffeln, mit dem
sie sich Abends, selbst bis auf die Nachtjacke entkleidet, bequem und ohne
Umstnde unterhalten konnten. Sie sprachen mit ihm Sachen aus der Wirthschaft,
rechneten ihm ihre tglichen Ausgaben und Einnahmen vor, baten ihn um Zuschu,
wo es mangelte, und gelobten ihm, da sie sich vor Ostern keinen neuen Rock
machen lassen wollten. Gott war wie ein Armenvorsteher gedacht, die ganze Welt
als Spital angesehen, und der Fromme wand sich wie ein geduldiger Hospitalit von
Tag zu Tag hin mit seinem pietistischen Krankensppchen. Es war ein erbrmliches
Leben, eine bettelhafte Wirthschaft im Reiche Gottes. Der Katholizismus htte
einen solchen Pietismus nie erzeugen knnen, sondern es war vielmehr die erste
Folge des Protestantismus, welcher die romantischen Formen der Religion
zertrmmert hatte, ohne da jene Zeit noch die Kraft besessen, die verloren
gegangene Hoheit der Kirche durch die grere Hoheit des Geistes zu ersetzen.
Daher das spiebrgerliche Verhltni zu Gott, in dem dieser Pietismus sein Heil
suchte, und worin fast alle geistige Natur des hchsten Wesens in den bloen
Eigenschaften eines mildthtigen Familienvaters zu Grunde ging.
    Der Katholizismus, diese Religion der schnen Form, hat dagegen immer etwas
Edles und Adliges, etwas Anstandsvolles in seiner Andacht behalten. Die Kirche
wird zum Thronsaal des Allerheiligsten, dem lieben Gott werden hohe feierliche
Wachskerzen angezndet, und der Priester legt prchtige Galla an, und wei
tausend Verneigungen zu machen, wenn er sich vor den Altar stellt. Glcklein
klingen, die strahlende Monstranz wird vorgezeigt, und die umstehende Schaar der
Glubigen strzt anbetend auf ihr Knie nieder, oder verbeugt sich tief, mit
einem huldigenden Grue. Alles trgt den Charakter einer festlichen Versammlung,
und die Frmmigkeit befolgt streng alle Gesetze des Ceremoniells und der
Convenienz. Mediener in Tressenrcken eilen geschftig auf und nieder, es geht
zu wie in einem frstlichen Salon. Manchen Heiligenbildern rings umher sind
kostbare Schmucke umgehangen, hier und da hat eine Madonna einen Orden bekommen.
Es herrscht die grte Haltung in der Gemeinde, Jeder ist wie von der
ehrfurchtgebietenden Gegenwart des Heiligen erfllt, und Gott steht in Glorie
unter seinen Schaaren, die ihm als einem sichtbaren Knig huldigen. Im
Katholizismus ist Gott als der sichtbare Knig der Welt gedacht, und die Kirche
als Sule und Sessel seines Thrones. Darum geht der Katholik in die stndlich
offenstehende Kirche, wenn er zu Gott seine Seele aufrichten will, und der
innere Geheimdienst des Geistes, in dem nur die Gedanken knieen und beten gehen,
ohne da sie nthig htten, die Kirche zu suchen, liegt ihrer Gottesverehrung
fern und fremd. Darum wird aber in der katholischen Kirche Gott als dem Knig
gedient, und nicht Gott als dem Geist. Dem Katholizismus liegt ein
royalistisches Element zu Grunde, und indem sich dazu die Heilighaltung der
Tradition und die Stabilittsidee der Kirche gesellt, macht es sich von innen
heraus und durch sich selbst anschaulich, wie Katholizismus und Legitimitt sich
immer in die Hnde gearbeitet haben.
    Fr den Katholizismus wie fr die Legitimitt gibt es deshalb keine Gesetze
der Bewegung. Sie sind unvernderlich in ihrem Wesen, und whrend sich Alles in
der Geschichte um sie her bewegt, knnen sie Geschichte und Bewegung nicht
anders ansehn, als fr einen Abfall von ihrem eigensten Dasein. Dennoch kenne
ich auch Bewegungsmnner im Katholizismus. Ich denke an Anton Gnther in Wien,
einen ausgezeichneten Mann, dessen persnliche Bekanntschaft fr mich von groer
Bedeutung war. Gnther hat den tiefsinnigen Strom der Speculation als
Bewegungsidee in das Bestehende der Kirche hineingeleitet, und sogar die
Tradition auf eine philosophische Grundlage geschoben, soda sie nicht mehr
einzeln und abgetrennt dasteht von einer geistigen Wurzel. Dadurch hat er den
Katholizismus bewegt. Ich nenne Gnther einen Bewegungsmann des Katholizismus,
denn wo Geist ist, da wird Bewegung. Und sein reicher poetischer Genius hat
einen die veralteten Formen berdeckenden Blthenschauer ausgestreut, und selbst
der Humor kommt ihm zu Hlfe, um einen frischen Jugendzauber hervorzulocken, und
aus verfallenem Gemuer grnes, duftiges Gestruch zu treiben. Aber es ist
dennoch Alles vergeblich. Gnthers Verdienst wrde welthistorisch sein, wenn es
nicht so ganz unhistorisch wre. Denn die Bewegung des Katholizismus war schon
die Reformation. So bleibt denn einem Geist, wie Gnther, nichts weiter brig,
als vermittelnde Tendenzen einzuschlagen, die er auch bereits in seinem letzten
Symboliker auf eine merkwrdige Weise begonnen. Auf seinem eignen Grund und
Boden ist der Katholizismus nicht zu bewegen, wenn er Katholizismus bleiben
soll. Ein legitimer Thron, der bewegt wird, wird erschttert. Die erschtterte
Legitimitt kann nur durch neues Leben und neue Gesetze wieder befestigt werden.
So geht es auch den Bewegungsmnnern der Legitimitt selbst, die allen Parteien
nur in einer zweideutig schillernden Stellung gegenberstehen. Es gibt auch
Bewegungsmnner mitten in der Legitimitt. Einen solchen nenne ich
Chateaubriand. Wie viel hat er nicht fr die Bewegung gewirkt, selbst indem und
whrend er fr das Bestehende kmpfte! Solche Geister treibt die eigene Unruhe
ihrer Kraft sogar wider Willen vorwrts, da sie nirgends Frieden und Heimath
haben, bis ihre Kraft endlich in der Auflsung des Gegensatzes durch den
Gegensatz mit zerrieben wird.
    Auch an den seltsamen Abb de la Mennais denke ich, und an seine Paroles
d'un Croyant! Ein wie verschiedener Mann von Gnther, und doch haben beide, als
Mnner des katholischen Fortschritts, viel Aehnliches mit einander gemein! Ja,
ich glaube, da Gnther sich den frheren Schriften von La Mennais anfnglich
angeschlossen hat, wenn er auch die Paroles, ber die ich ihn jedoch nie
sprechen gehrt, schwerlich anders als verdammen wird. Denn der Jacobinismus in
der Theologie, dem sich La Mennais in dieser listig berechneten Schrift
hingegeben, ist der sittlich edlen und geistig reinlichen Natur eines Gnther
durchaus entgegengekehrt. Er, der Schpfer des speculativen Katholizismus, will
eine wissenschaftliche Bewegung, welche die Parteien des Glaubens in der Idee
der Wissenschaft vermitteln und vereinbaren soll. La Mennais aber predigt einen
religisen Radikalismus, einen frommen Straenaufruhr, so unglaublich auch immer
eine solche Zusammenstellung klingen kann. Aber wer wei, was noch alles fr
Wortformen, fr pikante Zusammenwrfelungen von Adjectiven und Substantiven
nthig werden, um das, was die Zeit immer bunter in einander bergreifen lt,
zu bezeichnen, denn auch in die Sprache schlgt die Bewegung schneidend ein. Und
La Mennais predigt zu den Ouvriers, zu den Tagelhnern, zu den
Handwerksgesellen, er fhrt eine demagogische Andacht in den Schenken und
niedrigeren Weinhusern ein, und bewaffnet die gefhrlichste Klasse des Volkes
mit giftig scharfen Sentenzen. Die Worte eines Glubigen sind mehr aus kirchlich
politischer, als aus religiser Bedeutung anzusehen. Es ist ein politischer
Feldzug auf dem Gebiet der Kirche, mit einem groen, zum Theil einzigen Talent
der Form ausgefhrt. In Frankreich war diese Erscheinung lngst zu erwarten, und
ich wundere mich, da sie nicht schon frher sich da gezeigt hat. Der Abb de la
Mennais, nach vorhergegangener Excommunication kaum wieder zu Gnaden angenommen
vom heiligen Vater, mute es sein, der abermals durch eine mit dem grten und
salbungsvollsten Ernst versponnene Intrigue gewaltiges Aergerni erregte vor dem
pbstlichen Stuhl. Aber in Frankreich war der Katholizismus lange der Bewegung
verfallen, in Frankreich, das die ersten Kriegsheere gegen die Legitimitt auf
den Schauplatz der Geschichte gestellt hat. Sobald sich dies Volk bestimmt in
dem Gedanken gefat hatte, da es das Volk der Bewegung sei fr die neueren
Zeiten, wurde es ihm nothwendig, den Begriff der Staatsreligion aufzuheben im
Lande. Der Katholizismus, die Religion der Legitimitt, konnte nicht mehr
Religion sein des an die Bewegung hingegebenen Staates. So wurde die Idee der
Aufhebung der Staatsreligion zuerst unter den Franzosen lebendig, aus keinem
andern Grunde aber, als weil diese Staatsreligion der Katholizismus war. Denn in
dem auf hnlichen politischen Institutionen beruhenden England, wo die
herrschende Kirche die protestantische ist, bleibt der Begriff der
Staatsreligion bis jetzt noch erhalten.
    Mir gefiel der kleine Herzog von Bordeaux. Er zgerte etwas, den ihm
vorgehaltenen Reliquienknochen zu kssen. Und der Herzog von Bordeaux ist noch
ein Kind. Gehrt ein Kind auch schon der Stabilitt an? Ich dchte, das
muthigste Prinzip der Bewegung schlummert im Kinde, durch die neugepflgte Seele
des Kindes geht ungeduldig der Blthendrang der Bewegung. Ein Unterpfand des
Fortschrittes, ein Kind! Das Kind will und mu wachsen und werden, mit hellen
Augen sieht es Alles aus dem Gesichtspunct der Zukunft an, und die Welt ist ihm
noch die ganze Zukunft. In der Gegenwart nicht festgewurzelt, von der
Vergangenheit nicht zurckgehalten, gibt es sich lchelnd an die Entwickelung
hin, und zerstrt in aller Unschuld alte Gesetze, indem es auf den neuen wie ein
junger Gott sich wiegt. Die Hoffnung weht um seinen lockigen Scheitel, die
Sehnsucht dehnt Brust und Glieder aus zu schwellenden Formen, und die innere
Wrme des Daseins macht eine knospende Gestalt des Frhlings aus ihm. Das Kind
bricht auseinander in Blthe, es wei nicht wie. Der Segen der allgemeinen
Entfaltung hat sich gleich befruchtendem Himmelsthau ber die Empfnglichkeit
seines Wesens ergossen. Darum denke ich mir gern in einem eingefleischt
legitimen und absolutistischen Reiche pltzlich ein unschuldiges, unmndiges
Kind auf den Thron, und es ist merkwrdig, wie mir die neueste Tagesgeschichte
diese meine cht historische Schadenfreude verwirklicht. Zwar nicht meinen
kleinen Herzog von Bordeaux, dessen kluges Knabengesicht mir so wohlgefallen,
hat sie auf den franzsischen Thron gesetzt, um ihn fr die Bewegung zu
erziehen, und so in ihm das Vergangenheitsrecht der Legitimitt mit dem jungen
Recht der Zukunft zu verschmelzen. Aber seht, in Spanien, dieser uralten dunkeln
Sttte des zwischen Katholizismus und Legitimitt geschlossenen Schwesterbundes,
in Spanien schaukelt sich ein kleines frisches Mgdlein in der Wiege, und diese
Wiege, an der im Lande frher nicht gesehene Engel sitzen, ist der
castilianische Thron. Und rings umher im Reiche, welche Vernderung, ja, welches
Schicksal! Ist es Spanien, ist es wirklich das seit langen Jahren geschichtlich
todte Spanien, das jetzt einzig nur in den freien und neuen Institutionen sich
beglckt, gesichert und erlst dnken kann? Ein holdes Kind schlft in der
Wiege, und das Volk gewinnt Muth, zu erwachen. Die Partei des Kindes ist die
liberale, denn sie sieht das Kind an, und denkt bei ihm an die Werdefreiheit der
Zukunft. Und das Kind trumt auf seinem Wiegenthron ruhig hin von fernen
Morgenrthen, und wenn es einst die grer gewordenen Augen um sich her
aufschlgt, wird es die Sonne der Freiheit ber Spanien heraufgefhrt sehen, und
unter diesem Sonnenschein, von dem es getrumt, dann herrschen. Aber noch wird
Isabella blutige und kriegerische Tage an ihr Ohr schlagen hren, ehe die
Bewegung der Freiheit den Segen des Friedens bringt. Denn in Spanien, weil es
katholisch ist, wirkt jede Spaltung auch als eine religise, und die Legitimitt
lt sich nicht erschttern, ohne auch dem Katholizismus ein Grab zu graben.
Unabsehbar sind daher noch die Mittel der innern Beruhigung, und ich glaube, da
Spanien vorerst nichts Wirksameres zu ergreifen hat, als Frankreich in der
Aufhebung der Staatsreligion zu folgen. Und nun sehet auch hin auf die
altherrliche Nachbarin Spaniens, das von Camons gesungene Portugal! Abermals in
einem von Legitimitt und Katholizismus verwsteten Lande ein Kind auf dem
Thron, wenn auch schon fast eine Jungfrau! Aber an der Sache des Kindes Maria da
Gloria entspann sich der Kampf und die Bewegung der nationalen Freiheit. Und
wieder ein Thron, der nicht anders als unter den freien und neuen Einrichtungen
sich fr gesichert halten kann, ein Thron uralter Legitimitt, an die Blthe
eines jungen Mdchens gefesselt, die nur durch die Macht der Bewegung Knigin
sich nennt, die im Begriff steht, mit einem Frsten aus Napoleonischem Stamme
sich zu vermhlen. Wunderbare Romandichtung der Geschichte! Wer hatte etwas
Aehnliches sich ausdenken knnen! Doch whrend die Freiheit in Portugal
aufblht, verhllt der Katholizismus trauernd sein Haupt, nachdem ihm der kluge
Dom Pedro eine tdtliche Wunde geschlagen. So sind diese beiden alten
Legitimitten des westlichen Europas von der Bewegung ergriffen. O Legitimitt,
wo wohnst Du noch, wo habe ich Dich in Deiner ursprnglichen Reinheit und festen
Kraft, und in nationaler bereinstimmung mit dem Geist des Volkes selbst, noch
zu suchen? Ich wei kein Land, in dem sich die Legitimitt reiner,
ursprnglicher und unvermischter erhalten htte, als in dem streng katholisch
gebliebenen Oesterreich. Und ich hre, da sich der unglckliche Karl der Zehnte
jetzt fr immer in Oesterreich ankaufen wird, nachdem er die Hoffnung
aufgegeben, je wieder auf franzsischen Boden zurckzukehren. Die alte Austria
steht noch fest, sie hat eine reiche und groartige Aristokratie, wie wenig
andere Lnder, und das Volk hat Ehrfurcht vor der Aristokratie, wie kein anderes
Volk. Kann es dauerhaftere Verheiungen fr die Stabilitt geben? Selbst in
England ist der Toryismus bereits fr untergraben anzusehn, whrend die
sterreichische Aristokratie ihren ganzen unversehrten Glanz noch erhalten, ja
immer strahlender und mchtiger sich erhebt. Daher gibt es fast keine einzige
zweideutig schillernde Richtung im sterreichischen Staat, nirgend liegen
verschiedenartige und entgegengesetzte Elemente im Kampf, woraus eine Bewegung
ihren Anfangspunct nehmen knnte, und diese patriarchalische Einheit der
Zustnde, die fernab von der brigen europischen Civilisation steht, verbrgt
noch auf unabsehbare Jahre die Legitimitt. Und da ich von dem Kampf
verschiedenartiger Elemente gesprochen, fllt mir noch das Schlo des Grafen
Czernin ein, das ich hier in Prag mit Verwunderung gesehn. Dies ist vielleicht
das einzige Grafenschlo im ganzen Lande, in welchem demokratische Bestandtheile
ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben. Ein herrlicher, in dem groartigsten Styl
erbauter Palast, aber er steckt voll von pbelhaftem Radicalismus. Aus den hohen
Fenstern hngt an hlzernen Stangen zerlumpte Wsche zum Trocknen heraus, und
durch das colossale Portal geht nichts als armseeliges Bettlergesindel, in
schmutzigen und drftigen Gestalten, aus und ein. Ist das nicht ein Contrast
verschiedenartiger Elemente in einem erhabenen Aristokratenschlo? Doch der Graf
hat es um Gottes willen gethan. Mildthtigen Sinnes, hat er den Armen und
Bedrftigen seinen ganzen Palast zum Wohnen berlassen. Aber diese groartige
Verschmelzung von Aristokratie und Radicalismus hat etwas ungemein
Ueberraschendes und Nachdenkliches. Zugleich freut man sich darber. Ich wrde
mich auch freuen, wenn einmal eine Knigstochter aus altem Hause einen wegen
demagogischer Umtriebe relegirten Studenten aus purem Mitleid heirathen wollte!
    Doch wo bin ich hingerathen? Oder wo bin ich? In den abenddunkeln Gngen von
St. Veit irre ich noch, dem Anschein nach ein in sich selbst versunkener
Frommer, auf und nieder, und von drauen hre ich den starken Regen auf die
Steine herabschlagen. Ich erbange und werde unruhig in dem einsamen
menschenentleerten Dom, dessen hohe Sulen, wie alte Mystiker mit schwarzen
Brten, sich immer schauerlicher in die wachsende Dmmerung einspinnen. Meine
bestndige Sehnsucht nach den Gestalten dieser Welt befllt mich mit
unverholener Wehmuth, und es brechen pltzlich in meiner Brust die Schleusen
unstillbarer Schmerzen auf. Kein Laut wird um mich her wach; nur hier und da
noch eine einzelne Gestalt, an einem Pfeiler lehnend, oder mit leiser Bewegung
an mir vorbeischwebend. Die Perspective ins Jenseitige, die zuvor an der
gothischen Baukunst dieses Domes meinen Gedanken sich aufgethan, wird jetzt auf
Einmal zu einem groen Gefhl der Trauer tief in mir innen. Das ferne Jenseitige
hilft mir nicht, und das nahe Diesseitige kann mir nicht gengen. Und Christus
sagt, sein Reich sei nicht von dieser Welt, und doch ist er zu uns gekommen, und
ist selber Welt geworden. Gott hat sich aus Liebeslust ins Fleisch getaucht, und
das Fleisch dieser Welt ist geheiligt worden, indem es Gott wurde. So blht
Gottes Reich berall auf der Erde, aber es ist dennoch, wie Christus verkndet,
nicht von dieser Welt, das heit: nicht von der Welt, wie sie als das von der
Jenseitigkeit abgetrennte und in sich verlorene Diesseits hier dasteht. Das
Diesseits, welches ohne das Jenseits ist, trgt aber noch den ganzen uralten
Fluch des Fleisches auf seinem ungesegneten Haupte, sowie die Erde, welche ohne
die Sonne finstrer Klumpen der Materie wre, ohne sie auch keine Wendepuncte der
Bewegung htte, um sich durch Schwingung zu erhalten, und durch Licht und Farbe
zu wrmen und zu kleiden. Und die Sonne, mit ihren Alles bewegenden
Weltstrahlen, bewegt auch den Klumpen, und der groe Gott mit seinem Alles
liebenden Geist hat auch das Fleisch geliebt. Den erhabenen Bund zwischen Gott
und Welt hat Christus geflochten, das Jenseits ist in das Diesseits eingestrmt,
und der alte Fluch des Fleisches ist der Segnung gewichen. Nur die Stabilitt
des Klumpens, nur die Legitimitt des Fleisches, mchte ich sagen, ist es,
welche ein unheilvolles Zerwrfni zwischen Welt und Geist unterhalten kann.
Denn sobald das Reich des Fleisches sich als ein legitimes abschliet und auf
den Thron der Erde sich setzt, ohne die freie Bewegung des Gedankens in sich
einzulassen, tritt es blo als die Ruchlosigkeit der weltlichen Form auf, die
sich in sich selbst vernichten und verdammen mu. Aber der Gedanke, wenn er der
chte und freie, und nicht der abstracte ist, hat auch ein erhabenes Verlangen
danach, in das Fleisch hineinzuscheinen, ohne das er nicht ist, und dann
durchleuchtet er den irdischen Klumpen, der durch seinen Lichtathem hell wird
und rein. Die antike heidnische Welt war nichts als das legitime und stabile
Reich des Fleisches, und darum das Zeitalter der Plastik. Auch ihre Gtter
wurden Fleisch und stiegen in menschlichen Formen und Bildern hernieder, aber
nicht wie Christus Fleisch geworden war. Diesen Gttern wurden menschliche
Formen gegeben, weil sie nichts als menschliche Gedanken waren, aber sie
erschienen dennoch als die erste Prophezeihung der Offenbarung Gottes im
Fleische. Doch es war nur die Schnheit des Fleisches, zu der es die ganze
antike Weltanschauung brachte, und die auch Form ihrer Religion wurde. Daher die
Aufgabe dieses Menschenalters, die Schnheit hervorzubringen, und eine seelige
Harmonie des Krperlebens an ihren Zustnden auszubilden. Eine Aufgabe, die nun
auch das Christenthum in einer hheren und umfassenderen Bedeutung berkommen
hat. Denn wird sich nicht endlich auf seiner Grundlage in einem tieferen Sinne
ein harmonischer Bildungszustand des Menschen entwickeln, in dem Welt und Geist
sich in einer krftig zusammenwirkenden Einheit mit einander bewegen und durch
Ueberwindung ihrer alten Trennung ein unendliches Glck grnden?
    Warum bin ich also traurig? Warum ergreift mich diese pltzliche Wehmuth,
und lhmt mir die Freudigkeit meiner Gedanken? Die gothische Dmmerung von St.
Veit ist es, und die Perspective in das Jenseitige, die meine Seele erbangen
macht und Seufzer meinem Herzen entlockt. Nun fliehe ich die spte Einsamkeit
dieser melancholischen Kirche, mein Fu durcheilt, wie von Gespenstern
getrieben, den finstern Kreuzgang, und die hohe Pforte schlgt langsam in einem
einfrmigen Takt hinter mir zu. Da bin ich entschlpft. Wieder hinaus in die
Welt! Die helle, strahlende, brennende, drngende, farbige, strmende,
unaufhaltsame Welt! Es hat aufgehrt zu regnen. Die Sonne ist blitzend
aufgegangen mit erneuten Flammen an dem blauen lchelnden Firmament. -
    Und fr heut sei zufrieden mit mir! Ich will und kann diese Dinge, die mich
schon seit einigen Jahren unaufhrlich beschftigen, jetzt nicht weiter
ausdenken. Aber Du magst Dich nur gefat machen, da ich bei der nchsten
Gelegenheit wieder darauf kommen und nicht ablassen werde, diese Gedanken mit
Dir durchzusprechen und ins Klare zu bringen. Zu Dir, meine Heilige, rede ich
gern davon, und Du weit doch, warum? Aber meine Ansichten ber die sogenannte
Wiedereinsetzung des Fleisches, wie ich sie Dir heut und frher schon
angedeutet, drucken zu lassen, knnte ich mich nie entschlieen. Wie sehr wrden
mich Diejenigen miverstehen, die berhaupt nicht verstehen! Und doch wre es
unserer Zeit, wie keiner anderen, hchst nothwendig, darber auf's Reine zu
kommen. Ich sage mit Absicht, auf's Reine! Freilich gibt es auch Reine, denen
nicht Alles rein ist. Nun, Jedes auf gut Glck! Was liegt auch am
Miverstndni? Ich finde im Gegentheil, da es zu wenig Miverstndnisse
heutzutage gibt, und daher die viele klare Langeweile, an der unsere
Zeitgenossen leiden. Deshalb glaube ich, man macht sich verdient um die
Bewegung, wenn man sich recht tief dem Miverstande preisgibt. -
    Bleibe Du mir nur gut, o Heilige! - Und Du! Du! an die ich immer denke! Du!
Du! - Du weit doch - - -

                               An meine Heilige.



                                    V. Wien.

                    Pilatus wscht seine Hnde in Unschuld.

- Seit acht Tagen wiederhole ich mir nun alle Morgen, wann ich aufstehe, das:
Auch ich in Wien! und doch habe ich noch keine Zeile an Dich darber zu Papiere
gebracht. In die unendliche Lebenslust, wie sie hier in schaumenden Bechern
ausgeschenkt wird, mag ich mich wohl fr eine Zeitlang strzen, aber es ekelt
mich nachher an, etwas davon aufzuschreiben oder gar Betrachtungen darber zu
machen. Es ist eben der Genu der Stunde, die nichts als Stunde sein will und
kann. Und den guten, tandelhaften, kindischen, liebenswrdigen Wiener mag ich,
so lange ich einmal hier bin, gern leiden, obwohl ich nicht fr das Leben mit
ihm umgehen knnte, eben so wenig als fr immer in einer ganz an den Augenblick
verlorenen Stadt wohnen, in der man am Ende nur durch eine verzweiflungsvolle
Ascese wieder zu sich selbst kme. Dieses an den Augenblick Verlorensein ist
jedoch nicht der historische Trieb, der sich in Paris stndlich auf der Gasse
herumtummelt, in der eiligen Begier, vom laufenden Strom der Tagesgeschichte und
der ffentlichen Bewegung mit erfat zu werden. Wien will nichts als panem et
Circenses, und hat keine andern historischen Triebe, als zum Sperl, zum Strau,
in den Prater, in den Augarten, zu Lanner und Morelly, in den Volksgarten und
zur Promenade am Graben und Kohlmarkt. Danach luft und rennt es athemlos, darum
schmckt und trgt es sich im festlichen Prunke, und die Dreivierteltakte eines
Strau fllen die Weltgeschichte eines ganzen Tages aus. Darum nichts heut von
allen diesen Herrlichkeiten, die mich zwar berauscht, aber auch noch nicht
einmal zu einem Epigramm begeistert haben. Doch wird es gewi noch kommen, und
meine nchsten Bltter an Dich sollen Dir eine kindisch frohe und mitfhlende
Beschreibung aller dieser Wienerischen Lustbarkeiten liefern. Auch von der
herrlichen, wunderbar groartigen Stephanskirche, vor der ich noch immer in
staunender Ehrfurcht vorbergehe, und von der Aussicht ber die Stadt, welche
ihr alle brigen an Hhe berragender Thurm gewhrt, rede und schildere ich Dir
heut nichts, gute Madonna! Ich bin jetzt nicht aufgelegt zum Schildern und zum
Beschreiben, und ich knnte denken, ich wre krank, so schreit mein Herz in mir,
wie eine zersprungene Saite.
    Ich fuhr am heutigen Morgen in die schne Vorstadt Mariahilf, um die
Esterhazysche Gemlde-Gallerie zu besuchen. Und davon la Dir jetzt erzhlen,
liebe Heilige! Dies trifft mit der Stimmung meiner Seele zusammen, und hat auch
in die Deinige etwas hineinzureden.
    Ich war ganz allein in den schnen, regelmig nach der Schulen Ordnung
abgeheilten Slen. Diese Gallerie ist besonders reich an spanischen Malern, von
denen sie groe und seltene Schtze besitzt, aber nachdem ich nur erst eine
flchtige Ueberschau durch die Reihen dieser Schule gehalten, blieb ich vor
einem ungeheuern Bilde des Niederlnders Rembrand stehen, vor dem ich wie
eingewurzelt verweilen mute, und nicht wieder mich abzuwenden vermochte. Dies
Bild traf mich wie ein Schlag auf die Brust, und es war, als gernne mir das
Herzblut und als stiegen Thrnen in meine Augen, die des Daseins ganzen Schmerz
ausweinten. Mit wankender Stimme bat ich den Aufseher, mir doch dies Bild aus
der Wand herauszuschrauben, damit seine dunkelbrunlichen Tne in eine noch
schrfere Erhellung gegen das Licht sich mir rckten. Er that es, und nun traf
es mich blitzend klar, nun traf es mich mit seiner ganzen niederschmetternden
Gewalt und berirdischen Hoheit. Nun stellte ich mich bald hier, bald dort hin
vor das Bild, und hielt die Hand vor die Augen, und griff an mein zuckendes,
scheu zurckbebendes Herz. Wer hat nicht von diesem Bilde gehrt? Es ist
Christus vor Pilatus, und Pilatus wscht seine Hnde in Unschuld!
    Pilatus wscht seine Hnde in Unschuld! O, es ist ein ungeheuerer
Weltgedanke, der da in diese stille erhabene Gruppe sich zusammengedrngt hat!
Und der Maler hat mit einem tiefsinnigen Ernst die ganze Gre des Moments in
sich durchempfunden, und ein mchtiger Geist der Erfindung ist in seinen
schpferischen Pinsel gestrmt. Der gebunden stehende Gott vor dem irdischen
Richter! Diese Gestalt des Christus ist die merkwrdigste; sie ist
unvergleichlich und unbeschreibbar. In dem krftig gedrungenen Krper, in der
herausgehobenen Strke der gefesselten Glieder, liegt ein heimlich gewaltiges
Bewutsein des Gottes, das sich nur selbst verschweigt, aber zugleich berstiegt
sein Antlitz ein unendlicher Gedanke der Trauer, die es ausspricht, da der Gott
seine Stunde und sein Schicksal erfllt. Die groe welterschtternde Frage: cur
deus homo? strmt hier gewaltsam auf die bang betrachtende Seele ein. Und der
Blick gleitet hinber auf den Knecht, welcher den gebundenen Gott festhlt. Dies
Gesicht des Knechtes hat der Maler vortrefflich erdacht, und nicht minder darin
die Gre seiner Anschauung ausgedrckt. Es ist die nichtsahnende Dummheit, die
auch von Gott erschaffen ist, damit Einer da sei, der in der Welttragdie die
Bedientenrollen versehe. Die Dummheit dieses Knechtsgesichtes ist darum nichts
desto weniger tragisch; sie gehrt eben in die Tragdie hinein. Die
welthistorische Bedeutung der Dummheit ist hier von Rembrand mit einer
schneidenden Klte und Ruhe des Pinsels ausgemalt. Der Knecht hlt den Gott,
damit der Gott nicht etwa entlaufe. Fest hlt der Knecht den Gott, und doch ist
der Gott keinem ferner und unerreichbarer, als ihm. Mahnender tritt die
Empfindung der gttlichen Nhe den Pilatus an. Sein wehmthig edles Gesicht,
whrend er sich das Wasser ber die Hnde schtten lt, ist sehr schn, und ihn
berkommt eine Ahnung von Dingen, die er nicht zu begreifen noch zu bewltigen
vermag. Aber er mu das irdische Recht vollstrecken, und er trstet sich mit der
Pflicht. Dort hat die Dummheit dieser Welt den Gott gebunden, und hier wscht
die Pflicht dieser Welt ihre Hnde in Unschuld. Da ist der Gott verrathen, und
jetzt gedenkt man daran, wie sein Reich nicht ist von dieser Welt. Aber durch
Pflicht und Dummheit mu der menschgewordene Gott in den Tod strzen, denn er
will das ganze Loos des Menschlichen theilen, weil er Fleisch geworden ist.
Dadurch hat er dann wieder das Fleisch dieser Welt geheiligt. Und doch wscht
Pilatus seine Hnde in Unschuld!
    Cur deus homo? diese Frage machte mich immer ernster, diese Frage machte mir
tieftraurige Gedanken. Ich ging mit zagenden Schritten vor dem Bilde auf und ab,
und schaute bald hinauf zu seinen gewaltigen Gegenstnden, bald schlug ich die
Augen wie geblendet nieder. In der ganzen Welt lag von Uranfang her eine
unendliche Zerrissenheit ausgeset, seufzte ich! Gott wohnte im Himmel, und die
Menschen wohnten auf der Erde, und das war die ursprngliche Weltanschauung, es
gab eine andere nicht. Durch diese Weltanschauung blitzte jedoch immer die
seltsame Ahnung einer lngstvergangenen Einheit des Menschengeschlechts mit Dem,
nach dessen Ebenbilde es erschaffen worden, hindurch. Daher in den Urgeschichten
aller Vlker der wunderbare Frhsonnentraum des Paradieses. Und durch jede Brust
ging nun das ewige Ziehen und Bewegen nach der Einheit, sie war der
Universalschmerz des gesammten Geschlechts. Der Schmerz ist der Vater aller
Bewegung, und der Schmerz trieb die Menschen, in allen Zustanden sich
herumzuwerfen, es war der Schmerz um die wiedergesuchte Einheit. Der Schmerz um
die Einheit machte die Geschichte. Aber es war ein seltsames Schicksal, wie
wenig Einheit gewinnen konnte der Mensch. In seinem Herzen walteten nichts als
feindlich getrennte Mchte, und sein Haupt umschwrmten wie unglckbedeutende
Vgel seine zwietrchtigen Wnsche. Was er heute geliebt, mute er morgen
hassen, und der eine Theil seines Daseins wute von dem anderen Theil nichts,
oder stand kriegfhrend gegen ihn auf. Es lagen zwei Welten in ihm auseinander
in schreiender Spaltung, von denen die eine Abscheu trug vor der andern, und
Gott und Welt, Himmel und Erde, Geist und Fleisch, blickten sich aus
unabsehbaren Fernen ohne Liebe und ohne Vershnung an. Wer der Freiheit
nachstrebte, fiel der Knechtschaft des Fleisches in die Arme, und wer in der
Knechtschaft schmachtete, weinte laute Thrnen um Freiheit des Geistes. Ein
ohnmchtiger Groll seufzte durch die ganze Existenz, und die dstre Melancholie
des im Fleisch versunkenen Aegyptens und die in Verzweiflung endigende
Heiterkeit des an der Kunstverschnung des Fleisches bildenden Griechenlands
mischten als die beiden Hauptelemente die Weltgeschichte. Und es war, als htte
Gott im Himmel nicht lnger Ruhe, so sehr erbarmte ihn der Welt, die aus eigener
Vernunft ihn nicht finden konnte. Er kam in die Welt, und die Welt hat ihn nicht
begriffen. Er trat in das Fleisch, und mute sterben. Er wurde Mensch, und ward
mit Ruthen gegeielt bis aufs Blut. Mit einem Todesku hatten Gott und Welt sich
umschlungen, und die Erde drhnte und zitterte, und es war ihr, als mte sie
vergehen in die Ewigkeit hinein an dieser Umarmung. Aber sie verging nicht, und
in den Wehen durchdrang sie der Geist der Liebe, und sie sog den neuen
Lebenskeim begierig und tief ein in ihren Schoo. Doch man sah sie daran nicht
glcklich und heiter werden, und des Christenthums erste Jahrhunderte waren
finster. Gott und Welt hatten sich in Christus umarmt, und nun hoffte ich in
meinen Gedanken, die alte Zerrissenheit mte verschmerzt, sie mte Einheit
geworden sein. Da schaue ich umher und schaue zurck, und finde Welt und Gott
nur feindlicher getrennt sich gegenber, als frher, wo die griechische
Kunstansicht sie wenigstens zu einer ueren Lebensplastik verschmolzen, und den
Fluch des Fleisches durch seelige Formen beschwichtigt hatte. Ich erschrecke bis
in die innerste Stelle meines Herzens, und wei Das nicht zu deuten und Jenes
nicht anzunehmen, was jetzt mir emporsteigt in unruhigen Gedanken. Ich wei mich
nicht darein zu finden, da die Welt nicht glcklich sein soll und ohne Einheit!
Zu einer krftig und sicher ber die Erde schreitenden Einheit dehnt sich mein
ganzer Organismus mit geschwungenen Nerven und zugleich mit stolzer Ruhe des
Bewutseins aus. Gott und Welt haben beide in mir eine groe Lust der
Befriedigung, und ich fhle mich stark genug, beiden ihre Lust in mir zu lassen.
Nicht schwinde unter mir, Welt! Nicht strze ber mir zusammen, Himmel! Nicht
zerfliee in das Unendliche, du mein junger Geist! nicht verliere und entleere
dich im Endlichen, du genulustige Form! Und Ihr ruft mir entgegen: ich sei kein
Christ! Und ich sinne nach, um Euch und mir es unwiderleglich zu sagen, da ich
ein Christ bin, wenn Gott und Welt sich in meiner Menschenbrust zusammenfinden!
    Aber nein! nein! ich will jetzt von diesen Gedanken abspringen, und
tiefverschleiert liegen lassen, was Jedem in der Heimlichkeit des Herzens
unbewut aufschieen mu!
    Und jetzt eilte ich in ein anderes Zimmer der Gallerie, ich verlie den
Christus vor Pilatus. Nach Bildern derber Sinnlichkeit suchte ich, um mich nicht
an mich selbst und an mein Denken zu verlieren. Ich wollte mich zerstreuen, denn
mein Geist fhlte sich von trben Lebenserinnerungen umschattet. Und wie oft gab
ich mich nicht an die bloe glnzende und glhende Form der Erscheinung hin,
wenn mir Angst wurde in meinen Gedanken! Eine nackte Diana von Floris, ebenfalls
einem niederlndischen Maler, die im nchsten Zimmer hing, und zu der ich
hinstrzte, that mir noch kein Genge. Wie gemein waren diese Formen des
Fleisches, wie wenig Reiz fand ich an dieser phantasielosen Zeichnung
menschlicher Krperschnheit, an diesen zu hartgeformten Schenkeln, an diesem
blthenleeren Busen. Ich wandte mich mit Ekel davon ab. Ich ging zu den
Italienern, zu der sitzenden Venus von Titian. Schner, lieblicher, zarter,
weicher, geistig gehobener, poetisch duftiger, sah ich das Fleisch noch nie
gemalt. Wie ein Gedicht lag der menschliche Krper vor meinen Augen da, ich
seufzte, und andchtig und still wurden alle meine Gefhle. Ich habe groe
Ehrfurcht vor dem menschlichen Krper, denn die Seele ist darin! Und ich trachte
nach der Einheit von Leib und Geist, darum bete ich auch an die Schnheit, und
ein heiliger Anblick ist sie mir. Siehe, ich suchte nach Bildern derber
Sinnlichkeit, und vor Titian's Venus wurde mir wieder heilig zu Muthe, und ein
harmonischer Klang zog sich vershnend durch meine ganze Stimmung. Nicht mit
frivolen Augen schaue auf des Weibes chte Schnheit hin, sondern den guten und
heilerweckenden Gedanken hnge nach, zu denen der Gottesfrieden dieser Formen
dich erhebt! Himmel, in welche Zauberwelt von ser Gestaltung ist mein
froherschrockener Blick gedrungen, und was das Leben der Erscheinung heit,
studire ich in trunkener Vertiefung. Titian, erhabener Meister, groer Poet der
Menschenform, lieblicher Schwan, der die geheimnireiche Musik des Krpers
austnt, Dir danke ich! Und wie danke ich Dir! Diese Venus predigt Weisheit zu
mir her, wie eine gottgewaltige Philosophie, die mich mir selbst lehrt! Venus,
aus den Tiefen des Meeres emporgestiegen, und in die herrschende Schnheit der
Gestalt geboren, zum Sieg und zum Glck! Die Tiefe verlangte nach der Gestalt,
und den formlosen Abgrund der Schpfung wandelte die Begierde an nach der
Erscheinung, und es wirbelte oben der Meeresschaum in gewaltiger Sehnsucht, da
es war, als msse er sich formen. Die frohlockenden Sonnenfunken schlugen vom
Himmel her rufend und zndend in die Schumung, und die Tiefe unten drngte vom
Abgrund herauf mit unwiderstehlicher Inbrunst. Da lchelte es aus der Emprung
hervor, wie ein niegesehenes Gesicht, und schlug zwei wunderbare Augen auf, und
streckte zwei lilienweie Arme aus, und ordnete sich in die sanftschwellende
Harmonie des Leibes. Die Gestalt war geboren, und die Tiefe hatte ihre Ruhe
gefunden. Die Schnheit stieg mit verschmten Wangen an das Ufer der Erde. Venus
wurde von den Dichtern und den Weisen und von den Gttern verehrt. Und sie war
die Anadyomene der Tiefe.
    Leben! Erscheinung! Gestalt! Wie drngt sich Alles danach, was ist! wie
strmen alle Elemente auf diesen Frieden, wie strmt die ganze Unendlichkeit auf
diese Grnze zu! Und auch ich bin ein Wesen, das erschienen ist, ich bin ein
Krper, der erscheint! Ich bin Fleisch geworden, und die Tiefe in mir drngt
nach Licht, und das Licht schimmert sehnsuchtshell in die Finsterni. Ich, der
ich eine Erscheinung bin, ich bin die Einheit von Licht und Finsterni, denn
sonst knnte ich nicht erscheinen. Licht gibt es nicht ohne Finsterni, und
Finsterni nicht ohne Licht, ohne beide aber keine Farbe und kein Bild. Ich bin
ein Bild der Welt, und zwei Verschiedenheiten sind in mir in die Einheit
vergangen, sonst wre ich nicht Bild, und freute mich nicht meiner Erscheinung.
Ich fhle mich als ein Ganzes in meiner Trennung, und ich fluche Dir, Ascet, der
du mich wieder auflsen willst in meine getrennten Bestandtheile! Ja, ich fluche
der Trennung von Geist und Leib, von Diesseits und Jenseits, denn ich fhle mich
ein Eines! Ich bin eine gesunde Weltnatur, ich bin ein Concretes, und fasse mich
als einen krftigen Organismus zusammen, so lange ich mit ruhiger
Pflichterfllung ber die Erde schreite. In mir ist Diesseits und Jenseits, in
mir ist Licht und Finsterni. Und hier sage ich mir wieder, da das Licht nicht
ist ohne die Finsterni, und die Finsterni nicht ohne das Licht. Der Geist ist
nicht ohne den Krper, und der Krper ist nicht ohne den Geist, sondern beide in
einander sind das Bild, als das ich erscheine. Darum bin ich gesund, ich bin
heiter, weil ich ein Bild bin, und ich wrde krank sein, wie ganze Jahrhunderte
krank waren, wenn ich auseinanderfiele in Geist und Leib, in Diesseits und
Jenseits! Gott im Himmel knnte mir nicht helfen, denn ich habe mich aus der
Bewegungslinie des Werdens herausgehoben, sobald ich mich abtrenne von der
Verbundenheit, in die mich Gott selbst gefgt. Ich kann nicht mehr werden, weil
ich auch aus Gott herausgetreten bin, wenn ich heraustrete aus mir selbst. Die
Trennung von Fleisch und Geist ist der unshnbare Selbstmord des menschlichen
Bewutseins.
    Und doch, wie viele Jahrhunderte solcher Zerwrfnisse des ganzen Geschlechts
rollen sich auf vor meinen Blicken, selbstmrderische Jahrhunderte, wo der
Mensch seine Pflicht und seine Andacht darin suchte, das Dasein nur als ein
Zersplittertes zu fassen! Das Christenthum, durch das Gott in die Welt gekommen,
war es aber gerade, das diesen Zwiespalt zwischen Gott und Welt aufbrachte und
immer unheilbarer befestigte. Jene Zeiten der christlichen Ascetik brachten den
Begriff der Weltentsagung hervor, und die Kasteiung und Geielung des Fleisches
sollte zu Gott fhren, der jenseits der Welt angebetet wurde. Diese gottlose
Verzerrung des Christenthums war jedoch die reine Lehre nicht selbst, sondern
eben die aus dem Miverstand der Zeiten geborene Caricatur, in welche sich der
ausgetriebene Teufel des Fleisches noch einmal hineinzuretten versuchte. Denn in
der Zerwrfni wirkt gerade der Teufel am mchtigsten, und daher die heimlichen
Laster, in welche das der Welt sich gegenberstellende Mnchthum ebendehalb
verfiel. Aber wie falsche Propheten seid ihr gewesen, ihr Saint-Simonisten, wenn
ihr verkndigt habt, das Christenthum sei ausgelebt und bedrfe euerer
Umgestaltung, weil es noch lehre, da das Reich Gottes nicht sei von dieser
Welt. Zwar hat die rligion st.-simonienne das unendliche Verdienst, zuerst
wieder darauf hingewiesen zu haben, da die Welt in Gott sei, und Gott in der
Welt, und ich habe mich gergert, da einer meiner Bekannten, Veit, in seinem
Buche ber den St. Simonismus diese Lehre von der Wiedereinsetzung des Fleisches
so flach und ohne alle tiefere und welthistorische Beziehung zu nehmen vermocht
hat. Dennoch aber sind der St. Simonisten religise Meinungen verdammenswrdig,
weil durch ihre Lehre von der Materie, die Alles ist und auch Gott, nur ein
heidnischer Pantheismus herauskommt, und selbst die Religion zur Industrie wird,
weil die Welt zu einem Verarbeitungsartikel der Technik wird. Falsche Propheten
seid ihr gewesen, ihr St. Simonisten! sage ich. Denn wenn ihr predigt, Gott sei
Geist und Fleisch, so betet den menschgewordenen Gott in Christus an! Eure mit
unreinen Schlacken gemischte Lehre ist im Christenthum lngst und ursprnglich
als etwas Reines und in eine groe Zukunft Hineindeutendes enthalten. Ich meine,
da ich an eine Perfectibilitt des Christenthums glaube, ja da ich sie wei an
mir selbst. Das Christenthum bedarf keiner knstlichen Umgestaltung, keiner
systematischen Revolutionen, aber es ist fhig einer Entwickelung bis in alle
Ewigkeit der Zeiten hinein. Aus den Kirchen, aus den Klstern, aus dem
Kmmerlein der Betenden, hat sich das Christenthum in die Geschichte hinein
entwickelt, und steht nicht mehr wie eine abgelegene Zelle der Andacht, in die
man sich vor dem Gerusch der Welt flchten knne, da. Das Christenthum ist
Geschichte geworden, es ist nicht mehr blo ein Asyl der Armen und Kranken,
sondern es hat sich zu einem Welttempel der Vlker ausgebaut. So erfllt es die
Bedeutung, da Gott in die Welt gekommen ist, immer mehr und mehr, denn diese
Verweltlichung Gottes durch das Christenthum war nicht blo ein einmaliger und
abgeschlossener Akt der Gnade, sondern eine unendlich sich wiederholende
Emanation. Diese unendlich fortdauernde Weltwerdung Gottes ist die
Entwickelungsfhigkeit in der Geschichte, und so ist Gott in der Geschichte ein
sich entwickelnder Gott. Und darum erweist sich das Christenthum, das sich aus
der Kirche in die Geschichte hinein entwickelt, auch an allen fortwandelnden
Bewegungen der Weltzustande immer betheiligt und mitleidend, ja es bringt
dieselben hervor und wird zugleich von ihnen hervorgebracht. So kann und wird
das Christenthum, gleichwie es frher die Religion der Disharmonie war, und eine
Spaltung der Lebenszustnde begnstigte, nun auch eine harmonische
Bildungsepoche der Vlker, die sich von allen Seiten mchtig vorbereitet, nhren
und tragen, ja erzeugen. Denn in einer Zeit, wo Geist und Welt gleich gewaltig
geworden sind und beide in den Strom einer Geschichte zusammenflieen, lt sich
nicht mehr feindlich trennen, was fr die Verbindung geschaffen ist. Und das
Geschlecht fat sich echt menschlich zusammen in der gesunden Einheit seiner
gttlichen und weltlichen Bestimmung, und vollbringt mit Freude und Ruhe die
Thaten des Lebens. Mit Freude, mit Ruhe, denn Gott ist Welt geworden!
    Die starre Lehre eines groen deutschen Philosophen vom Diesseits ist aber
nicht die meinige. Zwar ist es ein bedeutender und hoch anzuschlagender Zug in
der Hegel'schen Philosophie, da auch sie, gleich dem St. Simonismus,
gewissermaen die Wiedereinsetzung des Fleisches gepredigt und dem Diesseits,
das frher nur als das Inhaltsleere gedacht wurde, seinen Inhalt zurckzugeben
getrachtet hat. Aber durch diese Philosophie wird dann auch sogleich ein
legitimes Reich des Gedankens auf Erden gestiftet, und das Diesseits ist ein
Abgeschlossenes, es ist das System. Alles, was sich gegen die Legitimitt eines
Systems sagen lt, mu auch gegen das Hegel'sche Diesseits, oder was dasselbe
ist: gegen seine Weltanschauung, gesagt werden. Es ist das Diesseits der sich
selbst bewegenden Idee, die nur sich selbst zu ihrem Ziele und Endpuncte hat, es
ist das Diesseits ohne Jenseits, das Diesseits ohne Zukunft, das Diesseits, das
mit dem Begriff anfngt und mit dem Begriff aufhrt, das Diesseits, das fertig
wird, nachdem es sich construirt hat. Sein Diesseits ist nicht die gestillte
Sehnsucht, es ist das sehnsuchtslose Leben, das keine Wnsche hat als sich, und
darum diesseitig ist, weil es sonst nicht sich htte. So war es mir immer
merkwrdig zu sehen, wie Hegel das Sonnensystem erklrte, indem er seine ganze
Weltanschauung, dieses in sich selbst abgesperrte Diesseits, scharf darin
ausdrckte. Nicht die Sonne war ihm der eigentliche Mittelpunct des Systems,
obwohl um diese die brigen Krper sich bewegen, sondern die Erde mute es sein,
die er als den wahren geistigen Mittelpunct des Sonnensystems begriff.
Nothwendig, die Erde! Denn der Gedanke, der sich nur in seinen Begriff fat,
ertrgt die Abhngigkeit nicht, da er um ein Anderes sich bewege, weil das
Andere nur fr ihn da ist, damit er sich daran hervorbringe oder durch den
Gegensatz sich beleuchte. Er selbst aber, der Gedanke, er ist er selbst allein,
wie von sich Richard III. sagt. Und in ein vollendetes System knnte die
Weltanschauung nie gebracht werden, wenn sie nicht an dem sich selbst bewegenden
Diesseits die Mglichkeit ihrer fertigen Systementwickelung erhielte.
    Dies Diesseits mag ich nicht, welches ohne das Jenseits ist! Dies Diesseits
ohne Bild, ohne Farbe, ohne Sonne! Ich meine zwar nicht, da die Hegelsche
Philosophie insofern ohne das Jenseits ist, als verhielte sie sich in einer
leeren Abstraction zu demselben. Das der absoluten Philosophie vorzuwerfen,
knnte nur der Unverstand thun. Aber das Jenseitige in ihr, welches der Gedanke
ist, hat in dem System ein diesseitiges Reich gegrndet und die Bewegung des
Geistes darin geschlossen, whrend doch Gott selbst, als er in die Welt sich
tauchte, die fortdauernde Weltwerdung seiner selbst in alle Zukunft hinein frei
lie. So ist alles Jenseitige in dem System aufgezehrt, und in dem Begriff zu
einem Diesseitigen geworden, eine Verdiesseitigung, welche dann eben die
Construction des Absoluten ist. Ein solches Diesseits, welches das aufgezehrte
Jenseits ist, kann sich aber nicht mehr fortbewegen, weil es in der That bereits
aus der Geschichte herausgetreten, ja ein Schlupunct der Menschengeschichte
wre. Es ist, wie gesagt, ein stabil gewordenes, ein legitimes Reich des
Gedankens, das keine Zukunft hat. Daher die Ungewiheit ber die Unsterblichkeit
der Seele in dieser Philosophie. Und ist ein System, welches das Jenseitige in
sich abschliet durch Verdiesseitigung des Absoluten, ist diese versteinerte
Gegenwart ohne Zukunftshimmel nicht ein Diesseits ohne Jenseits? Denn die
Einheit des Daseins, welche durch dies System des Diesseits hergestellt und
begnstigt zu werden scheint, ist doch nur eine erknstelte Einheit des
Begriffs, die auf Erden nicht leben und nicht sterben kann und sich nie in eine
thatkrftige Bildung des Geschlechts umzusetzen vermag. Und wenn ich an eine
Einheit des Daseins mit erhobenem Herzen denke dann ist es jene thatkrftige
Harmonie der Menschheit, jene befriedigte und befriedigende Lebensstrke, die,
dem Alterthum vergnnt, auch der modernen Welt wiedererrungen werden mu. Es hat
im Gegentheil die Hegelsche Philosophie durch ihr Diesseits wieder eine Trennung
und Spaltung im Leben gegrndet. Denn weil sie ohne das Jenseits ist, hlt sie
die Sehnsucht nach demselben um so schmerzlicher wach, da man sich nicht
zufriedengeben kann bei ihrer Verdiesseitigung des Jenseitigen. Wie knnte man
sich zufriedengeben, da die Zeit und die Geschichte uns noch tglich mahnen? Wie
knnte man sich zufriedengeben, da das Jenseitige, unbekmmert um seine feste
Verabsolutirung im System, noch mit tausend neuen Weltahnungen und
Zukunftsverheiungen in uns hineinredet, und wer wollte zu beweisen vermgen,
da die Wahrheit so sehr die Eine und Unvernderliche ist, da nicht noch immer
neue Wahrheiten geboren werden, welche die Idee der Wahrheit selbst unaufhrlich
bewegen, in Fluth bringen, umgestalten? Wer hat es nicht erlebt da aus Ahnungen
und aus Verheiungen, da selbst aus Trumen die Wahrheit wird? Wer darf das
berhren, was mit Ahnungen und Verheiungen, was selbst mit Trumen in ihn
hineinredet? Wer, der nicht todt ist, darf sich zufriedengeben mit dem Tod, und
mit der Todesnacht ohne milden Mond der Unsterblichkeit?
    Und dennoch, dennoch strze ich mich mit aller Inbrunst der Lebenslust in
das Diesseits, ich empfinde mich jauchzend und mit des Bewutseins Strke als
ein diesseitiges Geschpf. Das Jenseits soll mein Diesseits nicht aufzehren, und
das Diesseits nicht mein Jenseits, sondern ich will sie beide, wie sie sich in
einander hineinbewegen, in diesem Menschenherzen tragen, so lange es schlgt!
Ihre Ineinanderbewegung in mir soll einen festen Organismus hervorbringen, einen
muthigen Sohn der Welt, der sich auf die Woge der Erde setzt, um in die
unendliche Zukunft einzustrmen. An die Woge hlt er sich fest, von der Woge
lt er sich treiben, er schaukelt sich an ihrem Busen und erfrischt sich
genieend an ihrem Wasser. Aber in seine Segel blst schwellend und leitend ein
gewaltiger Geist, der von Anfang her weht, und der mchtiger ist als er und als
die Woge. Ich gebe mich an das Diesseits hin, welches das Bild hat, und zugleich
den Geist; den Geist und zugleich das Bild!
    O ihr Philosophen, was euch fehlt, ist das Bild! Tollkhner
Studirstubengedanke eines Weisen, ein Diesseits zu construiren, das blo der
Geist ist, ein Diesseits, das Logik geworden, und eine Logik, die Diesseits
geworden! Ihr Philosophen, setzet das Bild in seine Rechte ein, und dann erst
wird die Wahrheit des Lebens in ihrer vollgereiften Blthe erscheinen! Wir sind
Kinder dieser Welt! Der Geist verlangt nach dem Bilde, die Tiefe entbrennt in
Sehnsucht nach der Gestalt! Ich kmpfe fr die Wiedereinsetzung des Bildes!
    Um der Schwachen willen werde ich knftig, wenn ich einmal ffentlich ber
diese hochwichtige Sache sprechen sollte, nie mehr von der Wiedereinsetzung des
Fleisches reden! Das Fleisch, in das Bild erhoben, erweist sich auch darin schon
als das veredelte und geklrte Element, und als die Durchleuchtung des Geistes,
der im Bilde Fleisch geworden ist. Ueberdie ist, wenn ich nicht irre, Fasttag
heut in der katholischen Christenheit, und so enthalte man sich, wie billig,
endlich des Fleisches, von dem ich schon gar zu viel gesagt. Ich kmpfe fr die
Wiedereinsetzung des Bildes!
    Und hier denke ich daran, o Heilige, wie ich damals, um stille Mitternacht,
in Deinem Garten mit Dir ber die Bilder gesprochen, und ber die Wahrheit dazu!
Es war ein so seltsames Gesprch, da Manche es fr erdichtet, oder was solchen
Leuten dasselbe ist, fr erlogen halten werden, wenn ich es einmal, der leidigen
Gewohnheit unserer Sitten gem, drucken lassen sollte! Jetzt aber, Heilige,
meine ich nicht die Wiedereinsetzung der Bilder, wenn ich des Bildes
Wiedereinsetzung meine!
    Ich meine nicht die von der Idee abgetrennten Bilder, das Bunte der
Einzelnheit, aus dem erst Idee werden soll! Diese Herrschaft der Bilder, dieser
Bilderdienst der Formen, ist ja vergangen und bereits wie ausgetilgt aus der
modernen Weltanschauung, die auf den Geist der Wahrheit gewiesen und gerichtet
ist. Und wie lange wird der Katholizismus seine Bilder noch halten knnen, ohne
die verfallenen zu restauriren, zu restauriren durch die Idee, sonder welche
kein Bild der Welt mehr bestehen kann! Ein Vorfrhling der neueren Vlkercultur
war es gewesen, als die Weltanschauung in die blhende Einzelnheit der Bilder
noch versunken lag, aber dunkelstrmisch und unsicher, wie alle Vorfrhlinge.
Und die Bilder bewegten sich ber die Erde wie kosende Liebesgtter, und die
Welt war leichtsinnig und froh, und das Leben lag bewutlos wie ein trumendes
Kind an der Brust der Elemente, denn Alles war noch Element, und der
Bilderdienst war eine elementarische Epoche des Geistes. Allmlig aber wird die
Welt immer wieder weise in der Idee, nachdem sie eine Zeitlang in den Bildern
leichtsinnig und bewutlos gewesen ist. Denn die Bilder, diese Naturelemente der
Wahrheit, ermatten auch zuletzt an ihrem eigenen flatterhaften Flgelschlag, und
werden berdrssig des fahrenden und abenteuerlichen Lebens, das sie fhren
mssen in bunter Weltzerstreuung. Sie werden bla, wenn sie in die Tiefe des
Grundes niederschauen, dem sie ursprnglich angehren, und sobald die Bilder in
ihren eigenen Grund niedergeschaut haben, hren sie auf Bilder zu sein, denn sie
sind die Wahrheit geworden. Dann treten die Weltperioden des Bewutseins in die
Geschichte ein, das ernst wie ein erhabenes Unglck ber die Vlker und die
Menschen kommt. Da entstehen Zeiten der innern Beschauung, wo Alles still ist
und wo kein Vogel singt und kein scherzender Zephyr durch den unbewegten
Luftkreis zu gehen wagt. Die Geschichte des Menschengeistes scheint still zu
stehen, und sich selbst anzusehen in groer Bewunderung, da sie den Gedanken
hervorgebracht hat. Sie denkt den Gedanken, und ihr ist nicht wohl und nicht
wehe, sie ist nicht traurig und nicht heiter, denn sie hat den Begriff gefunden.
Sie ist Begriff geworden, wozu sollte sie traurig und wozu heiter sein? Sie ist
der mit sich selbst eine Begriff, und die Traurigkeit und die Heiterkeit gehrt
dem Reich der Bilder an, aus denen der Begriff geworden ist, welcher alles Wohl
und Wehe in sich berwunden. Aber diese Periode, ungeachtet ihrer
Weltgerichtsmiene, ist auch nur eine Uebergangs-Periode, zum Trotz und zum
Schrecken Denen, welche einen Abschlu, eine Endepoche darin gefunden whnten!
An diese Uebergangsperiode ist dann bereits das Hegelsche System als ein solches
Culminations-System des sich selbst denkenden Gedankens, als die Lehre der
nackten Wahrheit, verfallen, oder es ist vielmehr das eigentliche System dieser
Uebergangsperiode selbst, und als solches welthistorisch.
    Ich nenne den sich selbst denkenden Gedanken eine Uebergangs-Periode blo
der menschlichen Cultur. Nicht damit enden wird die Menschheit, sondern damit
anfangen wird sie, die Erneuerung der Lebenszustnde darauf zu grnden. Und die
neue Bildungsepoche knpft sich mit solcher Nothwendigkeit an jenen
Uebergangspunct an, als die Dichtung mit der Wahrheit, und die Wahrheit mit der
Dichtung, die Schnheit mit der Weisheit und die Weisheit mit der Schnheit,
nothwendig zusammenhngt. Aber wann sich die Wahrheit von der Schnheit
losgerissen hat, kann sie selbst nicht lange ausdauern in der unheimlichen
Verlorenheit dieser Trennung, und es wird eine Weltaufgabe daraus, die Schnheit
wiederzusuchen!
    Immer, wenn die Cultur gewisse Endpuncte erreicht hat, beginnt sie sich
selbst umzubiegen, und indem sie sich zurckbildet in ihren Grund, aus dem sie
geworden, erzeugt sie auf diesem Wege das Neue, das noch nicht dagewesen war. So
mu der Begriff, der aus den Bildern geworden ist, wieder in die Bilder
zurcktreten, und die Idee zaubert sich, um ihre hchste Bedeutung zu vollenden,
noch in die Gestalt um, mit der sie jetzt Eines wird, whrend sie frher das
Andere war zu ihr. Dies ist die Wiedereinsetzung des Bildes, das nun auf
geistigem Grunde sicher und herrlich sich ausmalt, und als glnzendes
Wahrzeichen mit der Verheiung in die Geschichte tritt, da zwischen Geist und
Welt das diesseitige Leben die Harmonie errungen. Das Bild hat den Geist, und
der Geist hat das Bild, und das Diesseits hat die Einheit und die Kraft. Der
nackte Begriff vermochte die Einheit nicht zu grnden, denn ich traf bei ihm
gerade auf den Punct, wo er vielmehr die Spaltung im Leben festhlt. Des Bildes
Schnheit aber ist jetzt eine reiche und unendliche, denn der ganze Reichthum
des Erkannten, den der Menschengeist in seinen Tiefen aufgehuft, ist
emporgestiegen in die Glorie dieser Schnheit. Die Weisheit, an welcher die Zeit
so schwer und seufzend trug, wie ein Greis an der Last seiner Jahre, wandelt
sich in neue Gtterjugend um, und hebt leichte Flgel bei tiefem Herzen. Nun
snftigt sich die Strenge des Bewutseins in jene gttliche Unbewutheit, die
doch Alles wei, und die Das schon ist, was sie wei. Nun wird der
frhlingfarbene Reiz des Unmittelbaren wieder hergestellt, und das Unmittelbare
wiegt und schaukelt sich auf den goldenen Lebenswegen, und wei und hat sich
doch als ein Vermitteltes, das seelig feststeht. Nun mu die Reflexion wieder
zur krftig hinlebenden Natur werden, und was mit der Wurzel tief in das Innere
schlgt, mu von auen lachend und leichtsinnig wie Strauch und Blume blhn.
Dies, dies ist die Einheit von Sein und Denken! Und so fhrt uns die gewaltig
treibende Hoffnung einer Epoche zu, wo Philosophie und Poesie nicht nur
vershnt, sondern Eines geworden sind! Gebe Gott, gebe Gott, da wir Strebenden
es noch alle erleben! Und wann die Kraft des Diesseits, in der wir uns so muthig
zusammenfassen, einmal zerreit in unserer Seele, dann wollen wir von ganzem
Herzen sterben! Denn der Tod zerbricht zwar wieder die Einheit von Krper und
Geist, aber zugleich besiegt er das ganze Weltverhltni von Form und Inhalt.
Das Diesseits ist das Verhltni von Form und Inhalt, und die Unsterblichkeit
dieses Verhltnisses ist der Geist, welcher die Einheit war von Form und Inhalt.
Und nachdem das Verhltni von Inhalt und Form in den Geist aufgegangen, welcher
der unsterbliche ist, gibt es nur Eines, welches der Geist ist. Der Geist ist
sich selbst Form geworden, und diese hchste Einheit ist der Tod. Es ist die
Einheit des Reiches Gottes, von der die Einheit des Diesseits nur ein
abgeschattetes Ebenbild war, sowie der ganze Mensch nach dem Ebenbilde Gottes
erschaffen. - - -
    Und nun seid still, ihr meine unruhig gewordenen Gedanken! Ihr weit
ausgelaufenen Betrachtungen, kehret in die vertrauliche Gewohnheit der nchsten
Nhe, in den Schoo dieser Gegenwart, zurck!
    Und was wirst Du dazu sagen, o Heilige, da ich Dir das Alles so
aufgeschrieben, als mtest Du es genau wissen! O meine Heilige, o Weltheilige!
Ich habe ja auch jetzt nichts als beweisen wollen, da Du eine Weltheilige bist!
    Kind, Kind, die Welt ist heilig, und wre das Lebenselend auch noch so gro!
Noch einmal gre ich mit entzckten Augen Titian's Venus, und neige mich tief
vor der goldnen Blthe der Erdenschnheit! Dann wandele ich weiter durch die
Gallerie, und suche nach Schnheit! - -
    Ich kam in die Zimmer der Spanier, schritt auf und nieder vor manchen
herrlichen Werken, und bewunderte die Eigenthmlichkeit dieser Meister in
Colorit und Zeichnung, die mir bisher noch sehr unbekannt gewesen war. Dann
blieb ich pltzlich mit bereinandergeschlagenen Armen vor einer Madonna stehen,
der Aehnliches ich noch nie geschaut hatte. Es war die Madonna des Sevilla.
Jeder Sturm in mir schwieg, meine ganze Seele wurde sanfte Wehmuth, die wie eine
Abendrthe still und spielend durch mein Inneres leuchtete.
    Dieser spanische Maler hat die groe Idee gehabt, seiner Madonna
schwermthige Augen zu geben, wie man es sonst nie sieht.
    Sie blickt trauernd, aber scharf und geistvoll, mit groen kecken Augen zum
Himmel, whrend das Christuskind mit dem aus der einen Falte des Gewandes
herausschwellenden schonen Busen spielt. Die irdische Schnheit des Busens, und
die heitere Unschuld des Christuskindes contrastiren wundersam mit dem tiefen
Bewutsein des ganzen Lebenselendes, das in die Zge der Madonna gelegt ist. Das
Kind scheint fast nichts davon zu wissen, es wiegt sich harmlos in der
Morgenfrhe seines Daseins. Aber eben dieses Lebenselend, welches das Kind zu
erlsen geboren ward, ist in der Mutter zum Bewutsein geworden und mit Tiefsinn
ausgedrckt. Schn, gro, erhaben ist dieser Gedanke! Was das Kind nicht zu
wissen scheint, wei die Mutter, nmlich da der Jammer des Daseins ungeheuer
ist, und da der alte Fluch des Lebens schreiend zum Himmel klagt! Und darum,
weil dies trauernde Weib das erlsungsbedrftige Dasein so in sich durchfhlt,
hat sie auch das Kind der Erlsung in ihrem Schoo getragen. Denn dies ist das
Kind, welches in die Welt gekommen ist, um die Welt zu heiligen! Dies ist das
Kind, nach dem das ganze Lebenselend schreit und seufzt! Dies ist das Weltkind,
das die Vershnung bringt, der Mittler, welcher den Segen spricht ber die
Formen der Erde! Und dies heitre Kind, dies Kind der Weltschmerzen, wie s und
unbefangen spielt es mit der Brust der Mutter! Und die von den Weltschmerzen
ganz durchdrungene Mutter, wie lieblich in aller Trauer und wie hold in allem
Wehe ist zugleich ihr Gesicht, ihre Wange! Milde Thrnen mchte man weinen, man
mchte jauchzen und man mchte klagen! - - - -

                               Madonna schreibt.


- -1 und so kommt es, da ich jetzt so ganz unerwartet aus Mnchen schreibe.
    Hoffentlich sehen wir uns nun bald, da ich fr immer hier bleiben werde bei
meinen neuen Verwandten und Beschtzern, und da der reiselustige Freund auch
nach Mnchen kommen will! Wie sehr freue ich mich auf dies Wiedersehen, auf
diese lngst herbeigewnschte Begegnung, in der ich nicht mehr als das seltsame,
eckige, von der Leidenschaft des Unglcks hingerissene Mdchen erscheinen werde,
wie damals auf meinem bhmischen Dorfe, wo der Freund ein wunderliches
Reiseabenteuer an mir erlebte. Ach, wie vieles hat sich seitdem verndert, wie
vieles hat sich zugetragen, auer mir und in mir! Ich bin glcklicher geworden!
Ich bin ein frohes, ausgeshntes Geschpf, froh mit den Menschen und froh mit
Gott, froh mit meinem ganzen Leben! Froh mchte ich auch nun einmal mit dem
Freunde sein, mit dem ich so gern Gefhl um Gefhl, und Wort um Wort wechsele!
    Und mein armer Vater, der nach einem finstern selbstqulerischen Leben durch
einen finstern Tod so pltzlich fortgerafft wurde, sprach noch in seinen letzten
Lebensstunden viel von Dir! Er hatte den Casanova nie vergessen knnen, und
staunte noch immer still in sich ber das Unbegreifliche und Ungeheuere, was Du
ihm davon vorerzhlt haben mut. In seinen unruhigen Trumen phantasirte er
davon, schlafend und wachend nannte er den Namen. Auch hoffte er noch immer, da
Du einmal eines Abends unversehens wieder in unsere Stube treten wrdest, um ihm
ber Manches, wonach er Dich fragen wollte, Auskunft zu ertheilen. So schied er
endlich in einem vllig bewutlosen Zustande ab, der gute arme freudlose Mann,
und ich weinte herzliche Thrnen an seinem Hgel, den ich noch selbst mit dem
hoffnungsvollen Grn bekleiden half. Er hatte mich nie, vielleicht auch nicht
ein einziges Mal in seinem Leben geliebt, und ich schauerte recht in meiner
innersten Seele zusammen, wenn ich daran gedachte. Und doch kam ich mir nun noch
einsamer und verlassener in der Welt, ja trostloser vor, seitdem ich nicht mehr
fr ihn zu sorgen, mich nicht mehr vor ihm zu ngstigen, mich nicht mehr gegen
ihn zu verstellen hatte. Mein Verhltni zu ihm war immer das der innern Furcht
gewesen, aber jetzt empfand ich es, wie in der Furcht auch die Liebe eine
heimliche, leise wrmende Stelle gehabt. So kann uns etwas genommen werden, was
wir selbst kaum besessen zu haben glauben.
    Wie mein Schicksal dann sich wandte, wie ich, eine lebenslustige Pilgerin,
mein bhmisches Dorf wieder verlie, wie ich die bisher mir fremdgebliebenen
Verwandten gefunden und hier in Mnchen von den besten, herrlichsten Menschen in
einem schnen huslichen Kreise aufgenommen worden bin, - dies Alles scheint mir
noch selbst ein Wunder, wenn nicht ein Traum. Doch die fortgesetzten
Bekenntnisse der weltlichen Seele kann und mag ich wenigstens nicht schreiben!
Ich bin bei weitem zu glcklich dazu, um viel zu schreiben. Ein Weib hat wenig
Talent zum Schreiben und zum Darstellen von der Natur erhalten, und nur, wenn es
recht unglcklich ist, wird es etwas Besonderes hervorzubringen und zu leisten
verstehn. Nur ein Weib, das unglcklich ist, sollte schreiben. Dieser Gedanke
wurde mir neulich an den Briefen der Rahel, die ich gelesen habe, recht
deutlich. Sie war eine groe Unglckliche, und ebendehalb gro als Weib, weil
sie unglcklich war, und sie schrieb den erhabenen Geist ihres Unglcks ab in
ihren Briefen, und schrieb Briefe, wie sie kein Weib je geschrieben hat.
    Darum will ich Dir die fortgesetzten Bekenntnisse der weltlichen Seele, Du
daran theilnehmender Freund, erzhlen! Erzhlen kann ich, aber nur nicht
schreiben. Meine Lebensgeister alle sind wieder ungeduldig geworden, und halten
es nicht lange aus auf dem Papier. Mndlich! Mndlich! Und komm recht bald her,
lieber Freund! Wir knnten uns auch vielleicht in Salzburg treffen, wohin ich in
vierzehn Tagen mit meinen Verwandten eine Partie unternehmen werde. Es wre
schn, und ich knnte mich dann zeigen, wie mein neuer Lebensmuth auf den Bergen
herumspringt und bis in die blauen Wolken hineinklettert.
    Soll ich Dir noch hier von Mnchen etwas sagen? Du wirst es ja sehen oder
hast es vielleicht frher schon gesehn. Die neue Stadt ist schn, reinlich,
festtglich, prchtig, und man kann hier recht gewahr werden, wie eine hbsche
Residenzstadt durch Hndewerk gemacht wird. Alles ist hier gemacht, aber schn
gemacht, und mir fiel sogleich zum Gegensatz die Beschreibung ein, welche Du mir
von dein alten, auf seiner Vergangenheit ehrwrdig getragenen Prag damals
gesandt. Mnchen, wie es jetzt im Werden begriffen ist, steht blank da auf dem
ebenen Boden der Gegenwart, und hat fast gar keine Vergangenheit, an die es
mahnte oder sich knpfte. Und das ist mir lieb, und darum lebe ich doppelt gern
in seinen Mauern. Denn auch ich mag mich gern als losgetrennt von der
Vergangenheit ansehn, ich mag nicht zurckblicken in die Vergangenheit, in der
ich schwarze und grliche Bilder meines Daseins begraben habe. Ich habe viele
Ursache, das Vergangene vergangen, ja verblichen sein zu lassen. So wird mir
denn wohl hier in diesem vergangenheitslosen Mnchen. Neue Huser, neue Palste,
neue Museen, ja neue Straen erstehen hier unaufhrlich rings um mich, und ich
freue mich wie ein Kind an allen diesen Neubauten, da ich jubelnd darber die
Hnde zusammenschlagen mchte. Ich freue mich, da immer wieder etwas Neues
gebaut werden kann, und es ist mir, als wrden auch schon in meinem Herzen ganz
neue Huser und neue Straen angebaut auf dem alten, frisch umgegrabenen
Fundamente. Die Baulust ist gro in meinem Herzen, Grundstcke sind im Ueberflu
da, und ich knnte noch Freiwohnungen an die Armen, die ganz ohne Liebe leben
mssen, darin vermiethen! - -
    Ich bin glcklicher geworden! Bei einem Mdchenherzen kommt viel darauf an,
ob es glcklich ist oder nicht. Ein Mann, denke ich, kann vielleicht des Glcks
ganz entbehren, und in der rastlosen Begeisterung seines Strebens und Arbeitens
dennoch zu einer ihm gemen Bildung und Befriedigung krftig gedeihen. Ein
Weib, ich habe es gefhlt, mu durch Unglck immer aus seinen Fugen gerissen
werden. Es wird entweder grer, als ihm die Natur zu sein bestimmt hat, oder es
wird hlicher und verliert seine besten Eigenschaften in der Unschnheit, der
es anheimfllt. Dein bhmischer Mgdekrieg, Freund, hat mich emprt. Und Du
konntest boshaft genug sein, Deine eigenen Ansichten ber die Bestimmung unseres
Geschlechts dabei zu verschweigen. Wlasta aber, wie Du sie Dir gedacht hast, ist
mir ein wahres tragisches Exempel des verfehlten weiblichen Berufs. Siehst Du,
ich hasche nach Glck! Unser Geschlecht hat ein durchaus sthetisches Naturell,
und die Aesthetik unsres Herzens verlangt nach einem blauen, heitern, sonnigen
Himmel, um gegen das Licht gekehrt, schne Farben und Formen entwickeln zu
knnen. Diese Aesthetik ist unsre Schwche so gut, wie sie unser Vorzug ist!
Keine schne Kunst aber vermag ohne eine von innen heraus geschaffene Begrnzung
zu bestehn, und wer wei nicht, da auch die ganze schne Kunst unsres
Frauenlebens nur in der Begrnzung liegt! In der Begrnzung siedeln wir unser
Glck an, in der Begrnzung finden und erfllen wir unsern Beruf, in der
Begrnzung sind wir fr uns und fr die Andern ein harmonisches, in sich
befriedigtes Gebild. Diese Reflexionen - verzeih' das Reflectiren, denn es
gehrt mit zu der Begrnzungs-und Einfriedigungs-Kunst unseres Geschlechts! -
sind mir der einzige Trost gegen Deinen bhmischen Mgdekrieg, der, wie gesagt,
mich wahrhaft emprt hat.
    Ich bin glcklich, und ich bin fromm! Ja, ich bin auch fromm! Ich glaube,
ein Frauenherz kann und darf fromm sein, und auch hier will ich den Mnnern gern
die Ueberlegenheit des Geistes einrumen, eines Geistes, der auch in der
Andachtslosigkeit und in der Lostrennung von einem bestimmten religisen
Bekenntni sich noch immer eigenthmlich und selbstndig zu gestalten vermag.

Vor drei Tagen erlebte ich hier eine schne rhrende Scene, die fr mein ganzes
Leben Eindrcke in mir gegrndet hat. Vor dem Karlsthor auf dem gerumigen
Karlsplatz steht die hiesige protestantische Kirche, ein schnes einfaches
Gebude, das erst neu errichtet und vor Kurzem fr den evangelischen
Gottesdienst eingeweiht worden ist. Hier sollte ein junges katholisches Mdchen,
das zu dem protestantischen Glauben bergetreten, in einer feierlichen
ffentlichen Handlung zu demselben eingesegnet werden.

Es war gerade ein Madonnen-Tag, Freund! O denke Dir, ein Madonnen-Tag! Mari
Himmelfahrt war es, und auf den Straen in Mnchen, die sonst so menschenleer
erscheinen, sah man ein reges und bewegliches Treiben geputzter, frhlicher und
spazierengehender Leute. Die Sonne schien in hellen blitzenden Strahlen ber
Huser und Wege, die ganze Bevlkerung war in einer freudigen Erregung auf den
Fen. Dieser Tag wird in hiesigen Gegenden mit besonderen Volkslustbarkeiten
gefeiert.
    Auch ich hatte mich, zu einer stillern Feier, festlich geschmckt. Wie eine
Braut, hatte ich mir ein ganz weies Kleid angelegt und einen schlichten weien
Schleier in das Haar geflochten. Ich fuhr mit meinen Verwandten nach der
protestantischen Kirche vor dem Karlsthor. Ein kleines, schnes Madonnenbild,
das ich noch bis jetzt in einem goldenen Medaillon nur als Schmuck getragen,
hatte ich an demselben Morgen abgelegt, aber mit einem Ku. Jetzt berfiel mich
ein tiefes Zagen, als ich vor der Kirche ausstieg, und doch brach zugleich eine
geheime Freude in mir los. Mit bewegter Seele betrachtete ich das dem freien
Glauben geheiligte Gebude, dessen anspruchslose, freundlich zuwinkende Bauart
zugleich den edelsten Gesetzen der Kunst gengte.
    Das Mdchen, das ihr neues Bekenntni an dieser heiligen Sttte ablegen
wollte, stand vor dem Altar. Ein groer, tiefer Ernst schien es ihr mit ihrem
Vorhaben, und nachdem sie die erste Schchternheit und Scheu berwunden, sich
als den Gegenstand der rings um sie versammelten Menge zu sehn, blickte sie mit
ruhigem Bewutsein und hellen, klaren Augen um sich her. Sie betrachtete mit
besonderer Freude den Ort, an dem sie sich befand, die Rume, die in ihrer
hehren Stille, in ihrer schmucklosen Weihe das trostbedrftige Kind so
freundlich umgaben. O wie wohlthuend sind die hellen Rume einer
protestantischen Kirche fr ein nach Klarheit sich sehnendes Gefhl, das bisher
in den Dmmerschauern katholischer Kapellen und vor der unverstndlichen Sprache
des Hochamts sich seiner eigenen Andacht nie ohne eine peinigende Bangigkeit
bewut werden konnte! Wie drckt schon die erhabene, edle Einfachheit dieser
Wlbungen, Bgen und Mauern den Charakter eines Gottesdienstes aus, in dein
nicht die Phantasie, sondern das Wort in der Andacht gepflegt werden soll, das
die Seele befreiende, lsende, erweckende, verstndigende Wort! Die
protestantischen Kirchen sind die Kirchen des Wortes, des Wortes Gottes! Wie
kann man Gott besser dienen, als durch das Wort, da Gott das Wort ist!
    Und der ehrwrdige, wohlsprechende Geistliche erhob seine Stimme, die in
schner Vernehmlichkeit die Halle durchtnte, und die ganze versammelte Gemeinde
lauschte in geruschloser Aufmerksamkeit dem rhrenden, gehaltvollen Sinn seiner
Predigt. Es war eine heilige Stille in der Kirche, da man jeden Athemzug, jeden
aufsteigenden Seufzer ringsum hren konnte. Jetzt aber beugte das Mdchen,
lngst dieses wichtigen Augenblicks harrend, ihre Knie auf die Stufe des Altars
nieder, um ihr Bekenntni zu sprechen - -
    Doch, wozu, wozu, Freund, kleide ich die schnsten Gefhle meines Lebens,
aus Furcht, da sie Dir zu weich erscheinen mchten, in das Bild einer fremden
Scene?
    Brauche ich es Dir noch zu sagen: dies Mdchen war ich! - - -
                                                                          Maria.

                                    Funoten


1 Bruchstcke aus einem Originalbriefe.


                         Nachwort zu dem ganzen Buche.

Die allverbreitete Gewohnheit, schlechte Vorreden zu schreiben, mag auch die
schlechte Nachrede entschuldigen, die ich nun noch zuguterletzt diesem Buche,
als einem Buche, zu halten habe. Indem ich die gute Nachrede billigerweise der
Welt berlasse, behalte ich mir, als redlicher Herausgeber, blo die schlechte
vor, und hoffe, da diese Bescheidenheit Jedermann rhren wird.
    Das Schlechteste aber, was ich diesem Buche vor Allem nachreden kann, ist,
da es durchaus unvollendet erscheint, und da Niemand daraus klug werden wird,
der erst aus Bchern klug werden will. Wie kann es auch anders sein? Der
Verfasser, ein vagabundirender deutscher Schriftsteller, (- und was soll die
heimathlose deutsche Literatur Besseres thun, als vagabundiren? -) hat diese
Skizzen, soweit sie von ihm herrhren, sammt und sonders in Wirthshusern
geschrieben, einige auf einem rippenbrechenden Postwagen sich ausgedacht, andere
in Wind und Wetter auf der Landstrae getrumt. Sollte aus solchem von der Luft
dieser Zeit selbst zusammengeblasenen Stoff Das, was man im gemeinen Leben ein
Buch nennt, werden, so mochte es eines sein, das alle sthetisch frommen
Kunstrichter in Ansehung von Gattung, Form und Art, unter die sie es
klassifiziren knnten, zum Teufel wnschen mssen. Und ich bete nur zu Gott -
denn auch die armen Bcher dieser Welt haben ihren lieben Gott, der ihrer waltet
- da nicht noch andere fromme Richter, als blo die sthetisch frommen
Kunstrichter, zu einer Ueberantwortung an den leidigen Teufel das von mir in
bester Absicht Herausgegebene verurtheilen mchten. Der Teufel ist zwar
heutzutage nicht mehr frchterlich, nachdem ihm die moderne Gesellschaft
(sonderbar, da ich, aus bloer Zerstreuung der Feder, statt moderne immer
schreiben mchte modernde!) feine Sitten beigebracht, nachdem ihn die
Justemilieu-Regierungen zu einem Staatsknstler ausgebildet, nachdem ihn die
Philosophen in ein System gepackt, und die Poeten, seine Dutzbrder, eine
sogenannte neue Poesie aus ihm abgeleitet haben. Aber, aufrichtig gestanden, ich
mchte doch lieber blo gegen die militairfromm gerittene Aesthetik des
literarisch deutschen ancien rgime, an dem alle guten Kpfe dieser Zeit lngst
das Kpfen verdient htten, angesndigt haben, als gegen den Frieden jener guten
Seele, die bisher an dem Glck der Ueberlieferung traulich festgehalten und
durch die hergebrachten Formen in Staat, Kirche, Leben und
Gesellschaftsgesittung seelig geworden ist! Doch, du gute Seele, wenn du dem
Teufel berantworten willst dies Buch, oder vielmehr die Luft dieser Zeit, aus
der es den Verfasser in den Wirthshusern und auf den Landstraen angeflogen, du
gute Seele, dann bedenke doch, da, wie gesagt, auch ein Buch seinen Gott hat!
    Und ihr Richter, wie wollt ihr dies Buch taufen, da es doch nun einmal ein
christlich erzeugtes Buch ist, und als solches, wie jedes gute Kind, Namen und
Taufe zu erhalten verdient? Wollt ihr ihm die Nothtaufe eines Romans geben, es
mit dem Unschuldsnamen der Novelle benennen? Helft mir bei Zeiten aus dieser
Verlegenheit da der Setzer stndlich auf das Titelblatt wartet! Oder besser, wir
zerbrechen uns lieber alle durchaus nicht den Kopf damit. Ich erklre mit
feierlicher Resignation, da es eigentlich gar kein Buch ist, das ich
herausgebe, sondern blo ein, Stuck Leben, das sich, wie Schlangenhutung, auf
diesen zerstreuten Blttern abgelst hat. Macht also nicht so viele Umstnde mit
einem Stck Leben! Seht zu, ob ihr es brauchen knnt, ob nicht, und taugt es
euch zu keinem Dinge, so lat es laufen, wie einen jungen Menschen, mit dem sich
vor der Hand noch nichts Solides anfangen lt. Lat es laufen, lat es laufen!
Es luft gern, denn es liebt die Bewegung!
    Ja, wollt ihr ihm durchaus einen Bchernamen geben, so nennt es ein Buch der
Bewegung! Nicht blo, weil es der vagabundirende Verfasser auf Reisen
geschrieben hat, sondern weil wirklich alle Schriften, die unter der Atmosphre
dieser Zeit geboren werden, wie Reisebcher, Wanderbcher, Bewegungsbcher
aussehen. Die neueste Aesthetik wird sich daher gewhnen mssen, diesen Terminus
ordentlich in Form Rechtens in ihre Theorieen und Systeme aufzunehmen. Die Zeit
befindet sich auf Reisen, sie hat groe Wanderungen vor, und holt aus, als
wollte sie noch unermeliche Berge berschreiten, ehe sie wieder Htten bauen
wird in der Ruhe eines glcklichen Thals. Noch gar nicht absehen lassen sich die
Schritte ihrer befriedigungslosen Bewegung, wohin sie dieselben endlich tragen
wird, und wir Alle setzen unser Leben ein an ihre Bewegung, die von Zukunft
trunken scheint. Und daher das Unvollendete dieser Bewegungsbcher, weil sie
noch blo von Zukunft trunken sind, und keiner Gegenwart voll!
    Diese Skizzen werden hoffentlich noch fortgesetzt werden, da die darin
unternommene Bewegung der Fortsetzung bedarf. Ich erstaunte, als sie mir der
Verfasser, mit dem ich manches Glas Wein zusammen getrunken, bergab, einen
solchen Zusammenhang bis in die anscheinendsten Zuflligkeiten hinein darin zu
entdecken, nmlich den Zusammenhang jenes Umwlzungsprozesses, der sich heut
vornehmlich in der ethischen Gesinnung der Zeit vorbereitet und durchfhrt. Ich
bin und war immer der Meinung, da die gestrte Bewegung der Politik in unsern
Tagen in die rastlos durch die Gemther fortgehende und nicht unterdrckbare
Bewegung der Gesinnung mit allen ihren Hoffnungen und Wnschen einstweilen
bertreten und auf diesem allgemeinen Grunde des Fortschritts doch endlich ihrer
groten Erfolge gewi werden kann. Denn wenn die Politik nothgedrungen in die
Gesinnung zurcktritt, wird die Gesinnung, nachdem sie ihre innere Umgestaltung
aus sich vollbracht hat, allmlig wieder in die uere Politik, und dann
unwiderstehlich, hinbertreten! Und wer empfindet nicht das Ziehen und Zucken
einer ethischen und gesellschaftlichen Umgestaltung eben so scharf und eben so
gewaltig in seinem einzelnen Menschenherzen, als es das ganze Weltherz jetzt
durchbebt? Wer kann noch auf Wirkung hoffen, wenn er nicht auf die Gesinnung zu
wirken unternimmt?
    Mgen die Papiere des Reisenden, und die seiner Heiligen dazu, als Bltter
und Bilder aus der ethischen Stimmung dieser Tage, so, wie sie nun sind,
hingenommen werden! Gerade so, wie sie jetzt sind, habe ich sie herausgegeben. -
- -
                                                                      Th. Mundt.
