
                                 Gutzkow, Karl

                             Wally, die Zweiflerin

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                                  Karl Gutzkow

                             Wally, die Zweiflerin

 - Des Friedens Wund' ist Sicherheit,
 Sorglose Sicherheit; doch weiser Zweifel
 Wird Leuchte der Vernunft, des Arztes Sonde,
 Der Wunde Grund zu prfen.
                                                                     Shakespeare


                                  Erstes Buch

                                       1

Auf weiem Zelter sprengte im sonnengolddurchwirkten Walde Wally, ein Bild, das
die Schnheit Aphroditens bertraf, da sich bei ihm zu jedem klassischen Reize,
der nur aus dem cyprischen Meerschaume geflossen sein konnte, noch alle
romantischen Zauber gesellten: ja selbst die Draperie der modernsten Zeit fehlte
nicht, ein Vorzug, der sich weniger in der Schnheit selbst als in ihrer
Atmosphre kundzugeben pflegt. Welche natrliche und ihr doch so vollkommen
gegenwrtige Koketterie auf einem Tiere, von dem sie wahrscheinlich selbst nicht
wute, da es blind war! Wally gab sich das Ansehen, als wre sie mit ihrer
Situation verschwistert; aber nichts ist so reizend, als wenn durch irgendeine
fast gelungene Affektation, durch die ganze Haltung eines innerlich mehr
reflektierten wie angebornen Wesens einige kleine Lichtritzen schimmern und fr
den Mann, welcher sie sehen kann, die versteckten Erleichterungen einer sich
einbohrenden Neigung werden. Aber von den zahlreichen Kavalieren, welche Wally
umgaben, sahe diese kleinen Lcken der Furcht edler Weiblichkeit niemand. Jene,
die Lcken der Furcht, kannte vielleicht der Jockei, der auch wute, da die
weie Stute blind war. Aber die brigen hingen nur wie der Eisenfeilstaub am
Magnet, wie die Nachahmung am Genie, wie das Ordinre am Wunderbaren.
    Am Wege schritt, wie es beim Temperamente sich von selbst versteht, im
Zweivierteltakte Csar, ein Mann, der imstande war, eine solche Gruppe wie die
vorbeisprengende im Nu zu bersehen und jede darin waltende Figur so zu
isolieren, da er sie alle verarbeitete und an seiner eigenen Individualitt
zerrieb. Kennt ihr diese genialen Charaktere, welche durch ihr Schweigen immer
mehr ausdrcken, als wenn sie reden, die nur ihr rollendes, siegendes Auge in
die Gesellschaft bringen drfen und jede Persnlichkeit darin absorbieren in
eine Huldigung, die ihnen wird ohne ihr Verlangen? Csar stand im zweiten
Drittel der zwanziger Jahre. Um Nase und Mund schlngelten Furchen, in welche
die frhe Saat der Erkenntnis gefallen war, jene Linien, die sich von dem
lieblichsten Eindrucke bis zu dmonischer Unheimlichkeit steigern knnen. Csars
Bildung war fertig. Was er noch in sich aufnahm, konnte nur dazu dienen, das
schon Vorhandene zu befestigen, nicht zu verndern. Csar hatte die erste
Stufenleiter idealischer Schwrmerei, welche unsre Zeit auf junge Gemter
eindringen lt, erstiegen. Er hatte einen ganzen Friedhof toter Gedanken,
herrlicher Ideen, an die er einst glaubte, hinter sich: er fiel nicht mehr vor
sich selbst nieder und lie seine Vergangenheit die Knie seiner Zukunft
umschlingen und sie beten: Heilige Zukunft, glhender Moloch, wann hr' ich auf,
mich mir selbst zu opfern? Csar begrub keine Toten mehr: die stillen Ideen
lagen so weit von ihm, da seine Bewegungen sie nicht mehr erdrcken konnten. Er
war reif, nur noch formell, nur noch Skeptiker: er rechnete mit
Begriffsschatten, mit gewesenem Enthusiasmus. Er war durch die Schule hindurch
und htte nur noch handeln knnen; denn wozu ihn seine toten Ideen machten, er
war ein starker Charakter. Unglckliche Jugend! Das Feld der Ttigkeit ist dir
verschlossen, im Strome der Begebenheiten kann deine wissensmatte Seele nicht
wieder neu geboren werden; du kannst nur lcheln, seufzen, spotten und die
Frauen, wenn du liebst, unglcklich machen!
    Csar, wie er einsam wandelte, fhlte, da er weinen sollte, und lachte, um
die Trnen zu vertreiben.
    Da flog Wally mit ihren Begleitern an ihm vorber. Sie schlug mit ihrer
Gerte in die Seiten des schnen, aber blinden Gaules (sie wute es wahrhaftig
nicht!) - ein sonderbarer Glanz klang durch die Luft, und zu Csars Fen lagen
fnf kostbare Ringe.
    Sie muten an der Reitgerte gesteckt haben.
    Wally sah, was der Unbekannte am Wege aufnahm; sie machte Miene anzuhalten;
aber als der Fremde mit der Zurckgabe zgerte, blickte sie bs und trieb ihren
Schimmel weiter. Die Kavaliere hatten nichts gesehen.
    Csar aber, da er die Reiterin sogleich aus den Augen verlor, mute sich auf
alles besinnen. Er gefiel sich darin, an eine alte Sage zu glauben, an die
Prinzessin im Walde, und sich selbst mit irgendeinem Zauber in Verbindung zu
bringen.
    Er steckte die Ringe zu sich und hatte sie wieder vergessen, wie er
innerhalb der Stadt war.

                                       2


Ein gewisser Regierungsprsident gab einen beinahe lndlichen Ball. Wally und
Csar sahen sich hier. Csar hatte in einem Anfalle guter Laune die fnf Ringe
ber seine Handschuhe gezogen. Wally frug ihn, wie er darauf kme?
    Weil meine rechte Hand, antwortete er, beim Tanzen immer ungeschickt ist.
Die Ringe verhindern sie, von dem glatten Rcken der Tnzerinnen abzugleiten.
    Wally lie ihn stehen: dieser junge Mann mifiel ihr. Aber sie fhlte, da
sie sich zerstreuen msse, und tanzte mit Vorliebe. Sie wurde erhitzt, verfolgte
Csar und sahe, da er die Ringe wieder fortgenommen hatte.
    Sie wollte sie wiederhaben und rief einem ihrer Employs, einem
blondhaarigen Referendr, der eine kleine Schrift ber das Unzeitgeme
politischer Garantien geschrieben hatte. Sie setzte ihm die Lage der Dinge
auseinander.
    Ich bin gewohnt, sagte sie, fr jeden Monat im Jahre einen andern Anbeter
zu haben, und ich nehme niemanden an, der sich nicht durch einen Ring in meine
Gunst einkauft. An meinem Finger will ich die Ringe nicht: ich trage sie an
meiner Reitgerte und mache mir ein Vergngen daraus, wenn ich von Juli zu Juli
ins Bad reise und armen prehaften Leuten sie alle zwlf nacheinander in die
heien Sprudelbecher werfe.
    Darauf erklrte sie ihm, wie sie fnf davon verloren htte, und verlangte,
da sie ihr wieder zuhanden, das heit zur Reitgerte, kmen.
    Der junge Mann, welcher ber das Unzeitgeme politischer Garantien
geschrieben haue, versprach sein mglichstes und redete Csar an.
    Csar betrachtete ihn und besann sich auf den Verfasser der kleinen
Broschre. Sie verstehen sich darauf, sagte er dann, als St. Georg gegen die
Ungetme der Zeit zu kmpfen. Die Ringe der Dame passen zu meinem Schuppenleibe:
ich stehe als Lindwurm zu Ihren Diensten!
    Wie versteh' ich das? fragte der junge Mann, welcher ber das Unzeitgeme
politischer Garantien geschrieben hatte.
    Csar lie ihn stehen. Der Bote wagte nicht, unverrichteter Sache zu Wally
zurckzugehen; eben tanzte sie, sie hatte seine Abweisung glcklicherweise nicht
bemerkt.
    Der junge Mann half sich: er wute, von wem die fnf Ringe kamen: vier von
seinen Freunden, die mit ihm teils auf dem Stadtamte fungierten, teils auf das
nchste militrische Avancement warteten; einer gehrte ihm, denn Wallys Sonne
stand zufllig whrend dieses Monats in seinem Zeichen. Die Sache wurde
unvermeidlich ein Ehrenhandel; aber er war perfid genug, dem Gegner das Spiel
fnffach zu erschweren. Csar bekam noch an demselben Abend fnf Ausforderungen
ins Ohr geflstert.
    Er nickte lchelnd zu jeder; fr den folgenden Morgen war alles anberaumt,
aber er entfernte sich frh.
    Wally tanzte bis in die Nacht. O welch ein Glck, sich mit dem faden
Mittelgut in ewig gleichen Kreisen herumzudrehen!

                                       3


Es war schon um die eilfte Vormittagsstunde des folgenden Tages, als Wally unter
den Hnden ihres Kammermdchens sa und ihr Haar flechten lie. Sie hatte einen
kleinen Tisch vor sich gerckt, worauf die Erzeugnisse der neuesten Literatur
lagen. Natrlich kamen sie frisch aus dem Buchladen; anstndige Leute lesen
nicht aus Leihbibliotheken.
    Sie bltterte in dem jngsten Musenalmanach von Schwab und Chamisso. Diese
guten Waldsnger, sprach sie vor sich hin, nehmen sich die Freiheit, sehr
ennuyant zu sein. Wenn uns die Reime nicht in einer Art von melodischer Spannung
hielten, die Monotonie der Gefhle und Anschauungen wre tdlich. Ich ziehe
Prosa vor. Heines Prosa ist mir lieber als Uhland und sein ganzer Bardenhain.
    Sie griff nach Heines Salon, zweiter Band. Willst du Philosophie
studieren, Aurora? fragte sie ihr Kammermdchen: Hier sind all die gelehrten,
bemoosten Karpfen der deutschen Philosophie mit Frhlingspetersilie und Vanille
zubereitet. Man sollte die Bonbons in Aphorismen aus Heines Salon einschlagen.
Welch gesunkenes Volk mssen die Franzosen sein, da sie gerad auf der Stufe in
den Wissenschaften stehen, wo in Deutschland die Mdchen.
    Einige Schriften vom jungen Deutschland lagen zur Hand, von Wienbarg, Laube,
Mundt. Wienbarg ist zu demokratisch: ich habe nie gewut, da ich vom Adel
bin, sagte sie; aber mit Schrecken denk' ich daran, seit ich diesen Autor
lese. Laube scheint den Adel nicht abschaffen, sondern berflgeln zu wollen.
Doch bleibt es arg: er ist zudringlich. Er gibt sich in seinen Schriften das
Ansehen, als kenne er jede seiner Leserinnen und verlange von ihr eine
Hingebung, um die er nicht einmal bittet. Mundt goutier' ich nur halb: denn er
wird, je mehr er sich selbst klarzuwerden scheint, fr andere immer
unverstndlicher. Verstehst du, Aurora?
    Aurora hatte etwas in den Mund bekommen und mute abscheulich husten. Wally
lachte.
    Unter den Bchern lag zuletzt die neueste Lieferung der Carlsruher
Bilderbibel, auf welche Wally abonniert hatte.
    Wie sonderbar doch das Christentum auf Velinpapier aussieht! sagte sie zu
sich selbst. Dienen diese Kupfer zu etwas anderem, als die Aufmerksamkeit noch
mehr von dem heiligen Buche abzulenken! Siehe, da steht ein Druckfehler! Ein
umgekehrter Buchstabe! Es ist hbsch, in der Bibel Irrtmer zu entdecken.
    Wally sahe nur auf das ure, auf den Einband, dann las sie etwas. Sie las
einige Verse, ein halbes Kapitel und fragte ihr Mdchen, wann sie zuletzt in der
Kirche gewesen wre?
    Aurora war nicht frivol: sie war vor vier Wochen dagewesen.
    Wally las, ohne zu hren. Dann fragte sie: Warum bist du so still?
    Aurora war nicht mehr im Zimmer: Wally blickte sich scheu um und las weiter.
Ihr Auge haftete stier auf den Buchstaben: sie schlug eine Seite nach der andern
um: dann lehnte sie sich zurck, eine Trne stand in ihrem Auge. Sie sah mit
einem flehenden, verzweifelnden Blick auf den kleinen Tisch, der so viel
Widersprechendes friedlich umschlo. Sie sttzte den Kopf auf die Lehne ihres
Sessels; es war Sonntag. Die Glocken luteten, aus der nahen Kirche brausten die
Tne der Orgel herber. Wally war in Trnen aufgelst. Kann man dem Himmel ein
schneres Opfer bringen? Diese Trnen flossen aus dem Weihebecken einer
unsichtbaren Kirche. Die Gottheit ist nirgends nher, als wo ein Herz an ihr
verzweifelt.
    Aurora kam zurck. Es war Besuch im Gesellschaftszimmer. Wally htte absagen
mssen; aber sie war willenlos. Sie fand die Ritter von den fnf Ringen, einige
von ihnen leicht verwundet.
    Wally erschrak, als sie von dem Vorfalle hrte. Csar war am Arme blessiert.
Aber schon die Nachricht, da keine Gefahr vorhanden sei, richtete sie auf; und
wie in der menschlichen Seele Schmerz und Freude sich ergnzen und das
Linderungsmittel des einen bels auch alle brigen Sorgen heilt, die mit ihm in
keiner Verbindung standen, so wandte sie sich teilnehmend dem Gesprche zu. Es
war fade, wie immer; aber verzeihlich der Tageszeit wegen. Man soll vor Tische
von keinem Menschen verlangen, da er geistreich sei.
    Wally konnte lachen und lachte bermig.

                                       4


Beide sahen sich eine Woche spter. Wally hatte nicht das Herz, von dem Vorfalle
zu sprechen. Aber es whrte nicht lange, so sprachen sie ber den Mut.
    Sie wollte wissen, ob der Mutige die Gefahr absichtlich verkleinere oder
geringer achte, ob der Mut noch whrend der Gefahr daure oder nur das Vorspiel
der Gefahr sei. Csar sagte, er habe nie ber den Mut nachgedacht, bese ihn
auch nicht hinreichend dafr. Wally brannte der Vorfall auf den Lippen; aber sie
hielt an sich und lchelte blo.
    Ich glaube, sagte Csar, da es Menschen gibt, deren Mut darin besteht,
da sie die Gefahr gar nicht sehen. Das sind diejenigen, welche als die
vorzugsweise Mutigen berall gefrchtet werden: auf den Universitten jene
unverschmten Knaben, die gegen jedermann die Hand in die Seite stemmen und von
Verachtung und Malice bersprudeln; unterm Militr diejenigen, welche ihren
Sbel gern so hngen, da sie ihn hinter sich klirren hren. Man kann aber
sagen, da wenn diese Menschen Einbildungskraft genug htten, die Gefahr zu
sehen, sie die verzagtesten sein wrden. Der Besonnene ist von Natur niemals
mutig. Er folgt nur den Rcksichten und ist unerschrocken, weil die Sache einmal
nicht zu ndern ist.
    Wally fand diese uerungen durchaus nicht so liebenswrdig, wie sie gewohnt
war, dergleichen von ihren mnnlichen Umgebungen zu hren. Es war in ihrem
innerlichen Urteile etwas, was einen guten Schein hatte. Sie vermite an Csar
den Reiz der Natrlichkeit. Seine Reflexion zog an, befriedigte aber das
Temperament nicht. Nichtsdestoweniger traf sie sehr gut die Gedankenreihe
Csars, indem sie fortfuhr: Ich glaube fast. Sie halten die Tugend fr eine
Berechnung?
    Die Tugend nicht, entgegnete Csar; aber alles, was man gern fr Instinkt
anzusehen gewohnt ist. Unsre Handlungen sollen berechnet sein, unsre
Empfindungen sind es. Ich erinnere Sie nur an das Unbequeme mancher Empfindung,
mit der wir gern kokettieren, die uns aber in gewissen Zeiten recht zur Unzeit
kmmt.
    Sie sind ohne Natur, sagte Wally.
    Ich bin ohne Verstellung, fiel Csar ein.
    Ohne Verstellung? Jeder Satz in Ihren Theorien scheint von Ihren zuflligen
Zwecken abhngig zu sein.
    Csar mute lcheln; er hatte etwas gesagt, was er nicht meinte.
    Glauben Sie, fragte er, da es in der Liebe eine Hflichkeit gibt?
    Das versteh' ich nicht.
    Csar blickte finster und wollte abbrechen.
    Was ist Ihnen? fragte Wally.
    Ich denke, Sie vermeiden, ber einen Zustand zu sprechen, den Sie
vielleicht nicht zu kennen vorgeben.
    Halten Sie mich fr eine Nrrin? fragte Wally, erst bs, dann aber hellte
sich ihr Antlitz zu einer Liebenswrdigkeit auf, die Csarn fast einen
Augenblick zu verwirren schien.
    Nehmen Sie nur an, sagte er, wie unzeitig und unbequem man werden kann,
wenn man seinen Leidenschaften immer den natrlichen Raum lt. Ich verspreche
zum Beispiel einer Dame, sie einen Tag um den andern zu besuchen. Was heit das?
Sie ist einen Tag um den andern in der Spannung, wo sie glaubt, beglcken zu
knnen. Ihre Gedankenreihen werden immer einen Tag berschlagen, einen Tag, wo
sie nicht untreu, aber ohne Rapport und Illusion ist. Man kann nicht unhflicher
sein als an diesem Tage, der berschlagen werden sollte, der fr die Liebe gar
nicht da ist, seine Braut zu berraschen.
    Wally lachte laut auf. Jetzt hielt sie Csarn fr einen Narren und fragte
ihn, welche Frau ihm diese Gestndnisse gemacht habe.
    Csar war kein Pedant, er lachte mit, fuhr aber fort: Ich versichre Sie, es
ist nichts abscheulicher als das Ungeschickte und Unbequeme. Der Instinkt mag
hier manche ble Empfindung hintertreiben; aber sicher geht allein die
Combination der Psychologie. Ich mchte um alles in der Welt zu einer gewissen
Zeit, unter gewissen Umstnden von der Freundschaft kein Opfer, von der Liebe
keine Zrtlichkeit verlangen. Mit unsrer rohen Natrlichkeit sind wir immer
gewohnt zu bertreiben; in nichts sind wir aber bertriebener als in unsern
Forderungen. Ist es erhrt, was der Enthusiasmus nicht alles in den gefhlvollen
Beziehungen der Geschlechter oder in der Freundschaft zu entdecken glaubte! Wer
kann das alles leisten! Wer kann so unhflich sein, alle diese Leistungen in
Anspruch nehmen? Sagen Sie!
    Ich habe vergessen, Rumohr zu lesen, antwortete Wally.
    Rumohr! sprach Csar; Rumohr hatte vielleicht Anstand, aber nicht Geist
und Mut genug, eine Schule der Hflichkeit zu schreiben. Rumohr glaubt an seine
Vorschriften und scheut sich doch, die meisten davon anders als in einem
gewissen Helldunkel zu geben. Rumohr glaubte, er msse sich immer noch eine
Hintertr offenlassen, um nicht fr einen Fant zu gelten. Auch ist dieser Mann
so sehr in die Klassizitt verrannt, da er alle Tugenden und Untugenden des
Altertums aufzhlt, aber ein wichtiges, modernes Laster ganz mit Stillschweigen
bergeht, ein Laster, wofr die Alten gar keinen Ausdruck hatten. Rumohr konnte
davon nicht sprechen, weil er selbst darin ganz verstrickt ist. Dies ist die
Langeweile. Aber was Rumohr? Es gibt eine weit tiefere Hflichkeitstheorie,
welche auf sthetischen und moralischen Prinzipien zu gleicher Zeit beruht. Soll
ich ihren Grundsatz nennen? Lassen Sie aus einem christlichen Gebote nur einen
Buchstaben weg. Raten Sie!
    Wally wurde rot: nicht des Rtsels wegen, sondern des Christentums.
    Csar ergnzte sich selbst und sagte: Lebe deinen Nchsten wie dich selbst!
Sei Egoist, ohne deinen Nachbar zu verwunden! Wenn ich mich in die innersten
Falten Ihrer Seele (Falten! Ihre junge Seele! Aber die Seele ist immer alt, der
Teil der jahrtausendjhrigen Urseele und Weltseele, der in uns wohnt), wenn ich
mich in sie versetze, so bin ich gewi, immer die Wirkungen zu veranlassen, die
ich eine Minute vorher schon bestimmen kann. Sie hren mich nicht mehr. Es ist
wahr, ich habe zu laut gesprochen.
    Der gute Csar mit seinen langweiligen Theorien! Er mochte wunder glauben,
wie zart er die Fibern des menschlichen Herzens anatomiere; und hatte schon
lngst seine Widersacherin innerlichst verletzt. Er wute dies nicht und schmte
sich, so theoretisch debattiert zu haben. Um die Sache war es ihm gar nicht zu
tun. Er hatte berhaupt nur zwei Steckenpferde, auf denen er sich heireiten
konnte, die Verachtung der Musik und die Strenge der Erziehung. Diese beiden
Fragen interessierten ihn, weil sie das Nchste berhrten, das Zimmer des
Nachbars gleichsam, weil die Musik sich gern in der Gesellschaft breitmacht und
ber Erziehung so viel Empfindsames gefaselt wird. Er pointierte die Verachtung
der Musik, um die jungen Damen (welche, wenn man von ihnen Gedanken verlangt,
mit Musik antworten) ihre Leere fhlen zu machen: in der Erziehung aber den
Stock, um sich das Geschwtz ber Kinder, das Prsentieren der lieben Kleinen,
die Koketterie mit seiner Einzigen oder seinem jngsten Balge vom Leibe zu
halten. Auf alles brige lie es Csar ankommen. Fr Himmel, Hlle, Erde und was
drin, drauf und drunter ist, nahm er nur Interesse, um sich zu unterhalten oder
eine hbsche Wendung darber zu haben.
    Warum ist Csar kein Schriftsteller geworden? Er wrde ein vortrefflicher
Dialektiker sein, immer gute Gedanken haben und jedenfalls einen glnzenden Stil
schreiben.

                                       5


Wir sind noch in derselben Gesellschaft, wo ber Herrn von Rumohr so abfllig
geurteilt wurde. Wally ist nur hingebender und Csar erschpfter geworden. Er
war im Zuge, links und rechts seine zusammenhanglosen Einflle auszustreuen und
grade im Gegensatz zu seiner Hflichkeitstheorie alle Welt zu verwunden. Die
Hauptunterhaltung hatte der lange blonde Mann an sich gerissen, welcher ber das
Unzeitgeme politischer Garantien geschrieben hatte. Mit ihm korrespondierte
ein Justizrat, welcher anonymer Verfechter von verschiedenen Lehrbchern zur
Kenntnis des Allgemeinen Landrechts war oder doch sein sollte. Beide zitierten
sich wechselseitig als Autoritten, der Junge den Alten der Carrire wegen: der
Alte den Jungen, weil er wute, da der Nachruhm in den Hnden derer liegt, die
nach uns leben. Csar war auf der Folter: er ahnte, da sie ausschweifen
wollten, da sie auf dem Wege waren, zur schnen Literatur berzugehen.
    Wirklich? zitterte er fr sich hinein. Wahrlich! Ja, sie mssen - Oh -.
Csar war aufgesprungen.
    Er wollte fort. Wally frug ihn, was er htte?
    Der Justizrat, Mitglied einer Liedertafel, das heit eines Vereins, wo man
ber Tafel die schlechten Compositionen eines Zelter und anderer zu singen
pflegte, rief: Ist es nicht auffallend, da auch nicht ein einziger aus der
neuen Schule in Deutschland sich auf Musik versteht. Wie schn hat Tieck die
italienische Musik in seinen Sonetten charakterisiert! Wie treffend drckt er in
seinem Vorspiel zum Gestiefelten Kater oder zur Verkehrten Welt, ich wei nicht,
das Wesen der verschiedenen Instrumente aus! Wie hat die ganze romantische
Schule in der Musik gelebt!
    Und Hoffmann, rief eine ltliche Dame, die ihrem Teint nach mit Napoleon
verwandt sein konnte.
    Und Hoffmann!, fielen alle ein.
    Ja, rief der Justizrat, Hoffmann, der mein Kollege war!
    Csar sagte ruhig: Ich wei nicht, worin der Zusammenhang der Literatur und
der Instrumentation liegen sollte. Goethe scheint mir auch ohne den Kontrapunkt
verstndlich zu sein.
    Aber der Justizrat hatte das Wort: Man hat noch immer gefunden, da
irgendeine Beschftigung, welche dem Dichter sonst noch teuer und lieb war,
recht hbsch das Wesen seiner eigenen Poesie ausdrckte. Ich rede von Homer und
Ossian nicht, Mnnern, die mehr Musiker als Dichter waren; aber Goethe arbeitete
in Pappe, wenn ich nicht irre. Schiller war Compagnie-Chirurgus. Nun sehen Sie,
das ist prosaisch genug; sagen Sie mir von allen neuen Autoren einen, der ein
gutes Urteil ber Musik htte? Es ist Mangel einer gewissen Saite in der Seele,
da es ganz unmglich ist, die Namen Menzel, Brne, Heine usw. mit irgendeiner
musikalischen Verrichtung zusammenzubringen.
    Die Lrmtrommel! hie es irgendwo. Man beklatschte den Einfall und nannte
ihn witzig. Aber recht hatte der Justizrat; auch Csar, wenn er sagte: Was kann
empfehlenswerter fr die Richtung sein, welche unsre ersten Geister nehmen? Alle
frhere Literatur bildete sich im Interesse irgendeiner vereinzelten Kunst oder
Tendenz: die Lessing-Goethische Zeit im Interesse der Antike: die Romantik im
Interesse der Malerei: die Phantastik im Interesse der Musik. Erst in unsern
Tagen sammelt die Literatur ihre Vorposten, die sich in die fremden Feldlager
ganz verloren hatten, und zieht sie in den Kern ihrer Krfte zurck, um aufs
neue zu bestimmen, welches ihr Zweck ist. Ich glaube, da sich die Literatur
ausdehnen wird auf andre Felder, um sie zu befruchten; aber wahrlich, mein Herr,
auf die Musik nicht!
    Bis hierher sprach Csar so richtig, da es unntz gewesen wre,
Unterschriften darauf zu sammeln. Das Folgende schien zweifelhafter: Was soll
berhaupt die Musik? Diese klingende Mathematik? In der Erziehung sind die
geometrischen Kpfe meist die dicksten und hrtesten, und in den groen Musikern
habe ich immer Leute gefunden, die, obschon sie immer mit Schlsseln umgehen,
doch ber nichts Aufschlu geben knnen. Die Musik ist eine ganz sinnliche
Kunst. Wenn Sie dem Otaheiter einen Trauermarsch von Spontini vorspielen, mein
Herr, glauben Sie, da er weinen wird? Er wird springen und seine Kokosschale
vor Lebenslust bis auf die Hefe leeren. Musik ist absolut nichts: die Bildung
legt erst das hinein, was wir darin zu finden glauben. Wenn ich bei irgendeinem
Musikstck ein solcher Narr bin, an die Unsterblichkeit der Seele zu glauben, so
verbinden zu gleicher Zeit Sie damit einen Begriff, welcher vielleicht der
entgegengesetzte ist. Wenn Sie bei einer Symphonie von Beethoven an einen
gotischen Dom denken, so dachte der Komponist an das Giebeldach einer
Bauerhtte. Nein, mein Herr, die Musik wird aufhren, zu den Knsten gerechnet
zu werden. Nhert sich die Musik in der Oper nicht schon immer mehr der
rhetorischen Deklamation? Ist die Sprache, das volle, tnende, menschliche Wort
nicht unendlich hher als der unnatrliche Gebrauch einer ganz im tiefsten
Schlunde versteckten zuflligen Fertigkeit? Ich bitte Sie, berlegen Sie das,
mein Herr!
    Hier war keine Verstndigung mehr mglich. Was sind Hunderttausende in der
Welt ohne das bichen Fortepiano, was sie spielen knnen! Es war, als htte
einer gesagt, die Frauen sollten keine Gigotrmel mehr tragen. Was wren diese
schmalen Brste, diese gedankenlosen Kpfe ohne Gigots, ohne Pianoforte! Und
doch strafte man Csarn nicht durch Stillschweigen, ging nicht wie wegen eines
Tollen zur Tagesordnung ber, sondern schrie auf und rief das Gefhl, den
Himmel, die Moralitt zu Hlfe, um einen Ketzer zu bekehren. Der blonde
Unzeitgeme war so glcklich, die Frage in das Gebiet der Politik
hinberzuspielen und aus der Musik eine Sache des Staates zu machen. Hierber
schwieg Csar.
    Ihn verdro nichts mehr als das Warmwerden. Er wute zu gut, da die Adler
niemals in der Flche horsten. Warum Niagaradonner, wo Knallerbsen gengen? Er
gab sich willig dem Spotte Wallys hin, die viel zu leichtsinnig war, auf
dergleichen Debatten etwas zu geben, zu eitel, um eine allgemeine Unterhaltung
interessant zu finden, und die berdies weder sang noch spielte. Wally hatte
Ideen, aber nur momentan; sie verschmhte es, die Geistreiche zu scheinen, weil
sie wute, da sie schn war. Flchtig waren ihre Bewegungen, liebenswrdig,
ohne Pedanterei ihre Capricen. Csar fhlte das und badete sich in dem
oberflchlichen Schaume, den Wally von den Ideen nur gelten lie. Csar hatte
recht, sie fr unfhig zur Spekulation zu halten. Er nahm sie wie ein
humoristisches Capriccio der animalischen Natur.
    Beide spotteten im Vertrauen ber sich, ber alle. Was sie sprachen als
Sprechenswertes, waren Raketen, die sie sich einander zuwarfen. Warum brechen
Sie ber Politik ab?
    In Athen durfte kein Volksredner auftreten, der nicht verheiratet war.
    Was Sie gelehrt sind! Ich bin es auch: in Kreta durfte niemand Gesetze
geben, der nicht einen Strick um den Hals hatte.
    Das ist dasselbe Gesetz: Die Athener wollten eigentlich auch sagen, der
keinen solchen Strick am Halse habe.
    Wie unanstndig!
    Wally!
    Wally lachte: es war ein hbscher, vertraulicher Ton, in dem ihr Csar
drohte. Was machen Sie mit Leuten, die Ihnen gefallen? fragte sie ihn, ohne zu
wissen, was sie fragte.
    Alles, nur nicht ihre Bekanntschaft.
    Das ist auffallend! Doch knnen Sie recht haben.
    Wonach beurteilen Sie die Menschen, Wally?
    Nach ihren Werken! - O Gott, nein; dies wre ja albern geantwortet, wie im
Katechismus. Sagen Sie?
    Nach dem, was sie sind?
    Nein, nach dem, was sie imstande wren.
    O Wally, Sie sind liebenswrdig! Woran wrden Sie denken, wenn Sie jemanden
prfen wollten, der zu lieben wre?
    An die auerordentlichen Flle.
    Csar schwieg. Diese Antwort war zu ernst. Er betrachtete die fnf Ringe,
die er ber seinen Handschuhen trug, und fragte dann: Sie reisen ins Bad?
    In acht Tagen.
    Sie werden den Rhein sehen?
    Von Mainz bis Kln.
    Von Mainz bis Dsseldorf. Sie drfen einen Besuch bei den Malern und bei
Immermann nicht unterlassen.
    Lge Dsseldorf in Thringen, es wrde ein zweites Weimar werden.
    Sind die Ufer in der Tat so reizend?
    Gefllig sind sie und da schn, wo Sie etwas von Rhrung einflieen lassen
in Ihre Betrachtung.
    Das versteh' ich nicht.
    Das Schne, Wally, ist immer das berraschende. Ich bin ursprnglich kalt
gegen alles, was in Deutschland fr schn ausgegeben wird. Am Lurleyfelsen, wo
der Rhein sich wie ein See verengt, wo Flinten abgeschossen und Waldhrner
geblasen werden, um die Echos, von denen die Handbcher sprechen, zu beweisen:
da werden Sie durch diese Zurstungen zur Wehmut bermannt werden. Ihr blondes,
bescheidenes Deutschland, dem Sie nichts zutrauten, nicht einmal das Echo des
Lurley, wird Sie rhren, und bei einer flieenden Trne werden Sie sich gestehen
mssen, da der Rhein in der Tat ein schner Strom ist.
    Sie wollen sagen, die Natur sprche nur zu uns, je nachdem unser Auge und
Herz sie ansieht.
    Ich stand in dem Klner Dome. Sie kennen das zerrissene Prinzip unserer
Zeit, nichts anzunehmen, was vielleicht richtig ist, aber von Leuten proklamiert
wurde, die uns widerstehen. Der Enthusiasmus der einen erkltet immer die
andern. Ich wollte den Klner Dom ironisch betrachten und mute weinen, da ich
ihn sahe, ber das Unvollendete der Idee, ber die dnnen Hammerschlge der
Ausbauer, welche durch die mchtigen Rume picken, ber mich selbst, der sein
Herz knstlich verhrtet und zu einer gemachten Empfindungslosigkeit
herabgestimmt hatte.
    Die Dampfschiffe fahren zu schnell.
    Sie fahren zu langsam und sind fr das Auge ermdend. Der Gedanke einer
feurigen, ber das Wasser kriechenden Schildkrte steht vor unsrer
Einbildungskraft, und wir sind einmal daran gewhnt, das Kriechen fr langsam zu
halten.
    Ein sonderbares Bild! Worber nur meine Tante so lacht?
    Ihre Tante ist eine Spinne, die ber den Ozean kriecht.
    Wieso?
    Sie spekuliert in Papieren.
    Sie spricht ber Politik: ich verstehe nichts davon.
    Verstnden Sie davon, so glichen Sie einem Schmetterling, der sich in die
gaserleuchtete Verwirrung eines Salons verflogen hat.
    Schmetterlinge sind zu Gleichnissen verbraucht.
    Wie die Unsterblichkeit selbst.
    Wally errtete. Sie blickte auf Csars frivoles Lcheln und nahm dies
Lcheln fr eine Gewiheit, die sie erschrecken machte.
    Wir shen uns nicht wieder? fragte sie beklommen.
    Gesetzt, nur die Guten shen sich, antwortete Csar, so lt die Tugend
so viel Nuancen brig, da nichtsdestoweniger im Jenseits eine Mannigfaltigkeit
entstnde, die in seiner nchsten Nhe zu haben Gott kein Vergngen machen
wrde. Ja, wir selbst wrden uns weigern, alle die zu lieben, welche im Leben
ehrliche, aber oft die langweiligsten Menschen waren. Ich wei aber nicht, wie
aus einem langweiligen Menschen pltzlich ein interessanter Engel werden
knnte.
    Sie sind kein Christ?
    Glauben Sie, da Christus von den Toten auferstanden ist?
    O Gott, lassen Sie, ich kann darber nicht nachdenken. Ich-
    Sie stockte. In ihrem Auge sprach sich ein zerreiender Schmerz aus. So
hatte sie Csar noch nicht gesehen. Sie erhob sich unruhig und war fr diesen
Abend verschwunden. Csar begriff hievon nichts. Er war so leichtsinnig, an
alles zu denken, nur nicht an die Religion. Aber Wally hatte ihn entzckt.
Soweit Menschen dieser Art noch lieben knnen, war Csar auer sich. Er folgte
Wally ohne Aufenthalt.

                                       6


Wallys Tante litt an nervsen Reizungen und Abspannungen, an Herzklopfen, beln,
fr welche die rzte unter den nassauischen Bdern das tristeste, Schwalbach,
empfehlen. Wally konnte in Wiesbaden und Ems tanzen, aber in Schwalbach mute
sie der alten Dame die Zeitungen und Kurszettel vorlesen (die Frau spekulierte
wahrhaftig in Papieren!); in Schwalbach mute sie so manchen huslichen Dienst
bernehmen, den man bald von sich abwlzen wrde, wenn man nicht das Vergngen
htte, in einem Bade zu leben.
    Sie hatte dies wunderbare Nassau erreicht, diese unterirdische Kche
Hygieas, mit ihren Gebirgskesseln, in denen die heilsamen Quellen sieden und
dampfen. Von ppiger Natur kann bei einem Lande nicht die Rede sein, das von
Alaun und Schwefel unterminiert ist und in der Ernte immer einen Monat zu spt
kmmt. Zwerghaft sind die Bume auf den Hgeln: aber reizende Perspektiven
ffnen sich zahlreich in die weiten Tler. Nichts ist hier schner als die
mannigfachen Schattierungen des grnen Kleides der Natur. Man steht an der
morsch zerbrckelnden Mauer einer hohen Strae und sieht kleines Gestruch
zunchst zu seinen Fen; dann tiefer einen Wald, der sich mit den schwrzesten
Tinten in die tiefste Spalte des Tales verliert und in einem dumpfen Murmeln, in
dem Rieseln eines Waldbaches zu enden scheint; dort aber erhebt sich wieder der
Blick die grne Alpenmatte entlang, welche am andern Ende des Tales
aufwrtssteigt. Auf dem frischen, ppigen Teppich weidet das Auge, bis sich die
Sehkraft in jenen dunkeln Kranz von Fichten verliert, welcher den uersten
Horizont umsumt. Ist das nicht viel fr ein Land, wo die Natur sich an
gekochtem Wasser erfrischen mu? Das Land hnelt der Schwbischen Alb. Auch
sprechen die Leute mit schwbischem Accent.
    Wally hat fr solche Bemerkungen keinen Sinn: ich fhre sie auch nur an, um
durch Wallys Mngel ihre Besitztmer anzudeuten. Sie ist ohne Schwrmerei fr
die Natur, ohne Sinn fr Blumen, welche sie zerkaut, wenn sie ihr in die Hand
kommen. Sonne, Mond und Sterne gehen ihre Bahnen, ohne von Wally bemerkt zu
werden. Jedermann wird bereit sein, sie gefhllos zu nennen, und ihr dennoch
Unrecht tun. Wallys unaussprechlicher Reiz ist ihre Natrlichkeit. Sie gibt
sich, wie sie ist, und hat die Tugend, alles beim rechten Namen zu nennen. Sie
war sehr unglcklich, in Schwalbach leben zu mssen.
    Doch traf sich alles besser, als man erwartet hatte. Das allmhliche
Herunterkommen der Romantik erschlafft die bisher angespannten Nerven der
Nationen. Es waren Deutsche genug da, die an Hoffmanns Tode litten, Franzosen
genug, welche die blen Folgen von Victor Hugos ruhendem Federkiel sprten. Sie
alle wollten Reiz. Die spanische Krisis war vielen in den Unterleib geschlagen
und hatte Hypochondrie erzeugt. Stahlbder sind sehr anzuraten. Es war gedrngt
in all den Hfen, Goldnen Ketten, Gasthfen zu den beiden Indien. Wally wohnte
im Kaisersaal.
    Eines Tages stand sie an einem Orte, den sie vorzglich liebte, am grnen
Tische. Sie hazardierte im Pharo. Sie gewann; sie gewann immer; vielleicht weil
Dreistigkeit auch das einzige Geheimnis im Spiele ist. Noch ist es mir
unerklrlich, wie die schchternsten Weiber sich an Dinge wagen, an welche die
mutigsten Mnner immer mit einer Art von Zaghaftigkeit herangehen. Sie sind die
ersten, wo es gilt, einen Turm zu besteigen, auf einem schwindelnden Wege zu
gehen, Pistolen abzuschieen, mit einem Eskamoteur in Korrespondenz zu treten,
auf Vexiersthle und an die Elektrisiermaschine sich zu stellen. Namentlich wird
sich auf diese letzten Dinge oft der mutigste Mann nicht einlassen. Warum die
Frauen?
    Weil sie gewohnt sind zu herrschen? Weil man ihnen genug sagt, da ihrer
Schnheit nichts widerstehen knne? Wally spielte in der Tat, weil es ihr schon
zur andern Natur geworden war, in jeder Lage zu gewinnen.
    Pltzlich wird sie unruhig. Sie verliert. Ihr Glck strzt zusammen. Sie
fhlt, da ihr ein Dmon entgegentritt und ratet auf Csar. Sie wute, da ihr
alles Widerwrtige nur von einem Manne kommen konnte, der sie beunruhigte und
der sie vielleicht zu lieben anfing. Wally blickte um sich; Csar stand in einer
Ecke, grte stumm, bot ihr den Arm und fhrte sie in die Zimmer ihrer Tante
zurck, einer Dame, welche er einst mit einer Spinne verglichen hatte, die ber
das Weltmeer kreucht.

                                       7


Ein Gewitter in Schwalbach ist immer eine Katastrophe; aber sie geht vorber.
Noch gefhrlicher ist es, wenn der Himmel jene weinerliche Laune hat, da er von
der grauen Wolkendecke unaufhrlich einen nassen Staub trpfeln lt. Dann kann
man in Schwalbach am besten alle jene bel bekommen, fr welche sein Stahlwasser
so gut sein soll. Ist man nicht melancholisch, so wird man es erst. Wally weinte
den ganzen Tag vor Ungeduld. Sie wollte nach Wiesbaden; aber ihre Tante bestand
darauf, da ihr die spanische Krisis im Unterleibe se. Der Geheimerat Fenner
von Fenneberg, der Arzt der Saison, warf sich gegen jede Unbesonnenheit ins
Mittel. Wally wollte Sterben vor Langerweile. Ihr werdet sagen, sie mu schlecht
erzogen worden sein. Gewi, das war sie.
    Csar bot alles auf, ihr die trbe Zeit zu verkrzen. Er erzhlte ihr
Beobachtungen aus Schwalbach, die gar nicht verdienen, bergangen zu werden,
z.B. folgende: Haben Sie noch nichts vom tollen Brbel gehrt? Das tolle Brbel
steht den ganzen Tag vom frhen Morgen bis in die spte Nacht an der
Hinterpforte des Gasthofes zu den beiden Indien, die auf die Landstrae nach Ems
hinausfhrt, und spht in die Extraposten, welche den Berg herunterkommen. Sie
ist von einem etwas gedrckten Wuchse und hat matte Augen; aber ihre
Gesichtsbildung ist im hchsten Grade einnehmend, die Haut von der ganzen Feine
und Weie, welche zu blondem Haare gehrt, um blonde Mdchen ertrglich zu
machen. Der Reiz Brbels wrde noch weit mehr hervortreten, wenn die fixe Idee,
welche sie beherrschen soll, ihr nicht den an Wahnwitzigen so unheimlichen
Ausdruck und die eigentmliche Verrckung aller Bewegungen gbe. Und woran
leidet sie? An zwei verunglckten Saisons. In der ersten soll sie der Gegenstand
irgendeiner eleganten Herablassung gewesen sein, die glcklicherweise ohne
Folgen blieb. Sie fiel einem jungen Manne in die Augen, der sie dann drei Monate
lang nicht aus seinen Hnden lie und vielleicht gar mit ihr ber Vorurteile der
privilegierten Stnde, ber die allgemeine Stimmberechtigung der Liebe und
morganatische Ehen philosophiert hat. Er versprach, im nchsten Jahre
wiederzukommen. Einen langen Herbst und Winter, einen ganzen Frhling hindurch
war Brbel glcklich und das frommste Mdchen in Schwalbach. Sie war die erste
und letzte in der Kirche, die freundlichste zu aller Welt. Die Migung in einem
Glcke, das ihre Krfte berstieg (nmlich das Wiedersehen war fr sie schon ein
grenzenloses Glck: wie leicht wird es Gott, seine Geschpfe selig zu machen!).
Diese Migung stand ihr ungemein schn, wie die Leute sagen, die aus ihrer
jetzigen Verwirrung das Vorangegangene herausgelockt haben. Da kam die zweite
Saison. Brbel stand an der Gartentr der beiden Indien. Ein groer Reisewagen,
turmhoch bepackt, mit sechs Pferden bespannt, glitt am Hemmschuh bedchtig die
Hhe herab. Vorn und rckwrts Bediente, Kammerzofen, Bologneser Hunde, ein
Papagei, ein Geschwtz und Gekrchz, das eine ganz neue Welt in das alte
Schwalbach zu bringen schien. Brbel stand auf den Zehen, blickte in den offenen
Schlag und stie einen entsetzlichen Schrei aus. Sie hatte die untreue
Herablassung gesehen, wie sie die Hand eines jungen reizenden Weibes kte. Es
war des jungen Paares erste Badereise, gleich nach der Hochzeit. Das sahe auch
Brbel sogleich ein, nachdem sie wieder zur Besinnung gekommen war, denn noch
war sie nicht nrrisch; aber sie wurde es; schon durch die Ungewiheit, das
Herumlaufen, Fragen, Erkundigen, Abgewiesenwerden durch impertinente Bedienten,
durch die Scham, den Mann am Brunnen und auf der Promenade zu sehen und ihm
nicht zu Fen fallen zu drfen. Sie war den Winter ber ganz still. Mit dem
Frhjahr wurde sie unruhig, holte immer tiefere Seufzer, schttelte viel den
Kopf, und nun steht sie seit dem ersten Mai zu jeder Stunde des Tages hinter den
beiden Indien und mu immer mehr erkranken, schon am Sonnenstich. Sie sieht in
jede Kutsche und schmt sich, wenn man ihr Geld zuwirft. Sie ist fr alle
Schwalbacher Bettler der Lockvogel oder der mit Honig ausgefllte Stock, um die
wilden Almosenbienen zu fangen. Sie ist die unschuldige Heilige, die stumm fr
sie alle bittet und nichts davon hat als immer tiefern Wahnsinn.
    Oh, ich bitte Sie, erzhlen Sie Geschichten, die sich runden und einen
Schlu haben! fiel Wally ein mit der ganzen Fhllosigkeit, die sie allein schon
charakterisieren wrde, wenn sie dieselbe nicht mit allen Frauen gemein htte,
wo es sich um die Herzensleiden irgendeiner ihrer Schwestern handelt. Sie sind
dabei alle kalt, eine gegen die andere.
    Den Schlu mssen wir abwarten, sagte Csar, erschrocken ber Wallys
Phlegma. Er htte sie aufgegeben, wenn sie als Phnomen nicht seine Neugier
reizte. Auch wrde er sich Vorwrfe gemacht haben, Wally nachgereist zu sein,
wre diese Mhe vergebens gewesen. Er dachte in der Tat daran, bei ihr zu
irgendeinem Ziele zu gelangen.

                                       8


Nach einiger Zeit teilten sich die Wolken ber dem Tale. Es war mglich, ins
Freie zu treten. Csar und Wally stiegen die Strae nach Ems hinauf. An der Tre
der beiden Indien stand das stille Brbel und betrachtete sie beide mit einem
wehmtig-rhrenden Blicke. Wally blieb kalt dabei; er konnte das nicht
begreifen.
    Ich will Ihnen, Wally, sagte er, eine andre Geschichte erzhlen, die sich
in unsrer Nhe begibt und in der Tat schon eine Art Schlu hat. Glauben Sie
nicht, da ich die Demokratie so weit treibe und auf Entdeckungen in den Htten
ausgehe. Die Schwalbacher bilden sich ein, ihre Gste unterhalten zu mssen, und
so erfuhr ich etwas, was wrdig gewesen wre, von Hoffmann bearbeitet zu werden.
Sie kennen die nassauischen Soldaten, Wally! Sie haben ber Brust und Schulter
gelbe Bandeliere, was fr ein preuisches Auge kurios lt. Die Artillerie ist
schner, aber hren Sie von einem Tambour bei jener Infanterie. Der junge Mensch
stand in Wiesbaden und soll ein Meister auf seinem Instrumente gewesen sein.
Niemand in der nassauischen Armee schlug wie er die Reveille mit solcher
Fertigkeit. Seine Wirbel sollen den Turbillons geglichen haben, welche bei
Feuerwerken aufsteigen, nur da er imstande war, eine Viertelstunde lang die
Schlgel in dieser tremulanten Bewegung zu erhalten. Namentlich aber gelang ihm
jenes hbsche Stakkato auf der Trommel, das mit Wirbeln untermischt die
Erschtterung des Kalbfells pltzlich hemmt und einen ganz abbrechenden Ton,
einen Ton ohne alles Echo hervorbringen mu. Sie sehen, welch einen Schatz das
Haus Nassau an diesem Tambour hatte. Unglcklicherweise verliebte sich aber der
militrische Knstler, und in ein Mdchen, das zwar den Wert der Armee zu
schtzen wute, auch den der Musik, aber einem Trompeter von der Artillerie
schon den Vorzug gegeben hatte. Hier mute eine Rivalitt eintreten, welche der
Liebe ebensosehr galt wie der Kunst.
    Der Tambour verzweifelte nicht; indessen war er zu bescheiden. Er fhlte,
wie sein Instrument, diese monotone Rhythmik, hinter der Trompete zurckstand.
Sein Gegenstand war die Tochter eines Wiesbader Brgers, eines Mannes, den man
durch Auszeichnungen ehren konnte. Und wie zeichnete ihn der Trompeter aus! Wenn
er des Abends in des gehofften Schwiegervaters Grtchen sa, siehe, dann setzte
er das silberne Mundstck an die glnzende Trompete und blies den Parademarsch
Frisch auf, Kameraden!, alle Walzer, von denen des Kursaals an bis zu dem
Zweitritt der Kirchweih. Das erfreute die Herzen dieser Menschen. Die Nachbarn
sammelten sich: sie lauschten, sie klopften an die Gartentr, sie kamen herein
und tanzten auf dem grnen Rasen. Der Schwiegervater hatte den ganzen Abend die
Nachtkappe zu lften und war unbeschreiblich geehrt. Und wenn der Trompeter mit
seinen lustigen Stcken Feierabend machte und sie alle aus dem Grtchen muten,
um in der Finsternis die Beete nicht zu verderben, dann blieb er mit der Tochter
noch allein und blies ihr Arien der Schwrmerei vor, Schne Minka, Mich fliehen
alle Freuden, mit sterbenden, gedmpften und wie durch Zugwind gehauchten Tnen,
bis alles still wurde. Der Tambour hrte diese Szenen tglich und verging vor
Wehmut. Er war eine sanfte, echt deutsche Heimwehnatur, voller Empfindung und
Ehrgefhl. Jede Nacht badete er sich in Trnen und schlug die Morgenreveille mit
matten Hnden. Das Feuer seiner Augen erlosch. Er fluchte seinem Instrumente,
fluchte der Artillerie und ihren Trompeten. Was hatte er an seiner Trommel!
diesem dummen Lrmkasten, bei dessen Tnen sich die Gebildeten der Nation das
Ohr zuhalten, dieser Klangmaschine, die, wie man mich in meiner Kindheit
berredete, nur dazu da ist, auf dem Schlachtfelde das Geschrei der Verwundeten
zu bertuben! Zum Unglck gab es Augenblicke, wo der Tambour nichtsdestoweniger
auf sein Instrument eiferschtig wurde. Ist es nicht das wohlttigste
Instrument, schlufolgerte er, wenn es den Menschen anzeigt, wo Feuer
ausgebrochen ist, um welche Zeit das Tor geschlossen wird; kann es rhrendere
Tne geben als die dumpfen Wirbel beim Begrbnisse eines meiner Kameraden! Bei
der Erinnerung an den Tod strzten ihm die Trnen aus den Augen, von jenseits
drang die Trompete seines glcklichen Nebenbuhlers herber, ach! diese freudigen
Tne durchschnitten grausam seine zitternde Seele. So schwand er hin und wurde
immer mehr das blasse Bild der Resignation. Er dachte nur an den Tod und sagte
oft, wenn er nicht kme, so msse er selbst sich ihn geben. Damit ging er lange
um und weinte viel, sooft er beim Abendmahl und in der Kirche war. Aber es half
nichts: die Liebe zermalmte sein Herz, die Eifersucht vernichtete seinen Stolz,
statt ihn zu erheben. Noch einmal richtete er sich eines Abends auf, wo alles
still war, am Tage vor der Hochzeit der Trompeterbraut, und setzte sich dicht
unter ihr Fenster auf einen Stein. Zwischen den Fen hielt er die Trommel
eingespannt und begann sie in der Stille der Nacht, wo alles schlief, so
schwermutsvoll und sanft zu rhren, da es lange whrte, bis mehr darauf
achteten, wie das Mdchen oben in der Kammer. Sie hrte diese Serenade, sie
wute alles, denn sie hatte den Tambour gekannt, ihn bevorzugt, ehe die Trompete
kam. Sie zitterte unter der Bettdecke, denn es klang wie zum Grab so hohl unterm
Fenster. Aber die Tne hoben sich, die Schlgel wurden dringender, die
abgestoenen Punkte folgten Schlag auf Schlag: sie mute aufspringen vor
Entsetzen; die ganze Strae schien zu grollen und die Steine dumpf
aneinanderzuschlagen. Man rief: Feuer! Sie ri das Fenster auf. Drauen war
alles still; der Tambour war nirgends zu sehen; auch beim Appell nicht. Man
schiffte seine Trommel bei Mainz an der Rheinbrcke auf: ihn selber einen Tag
spter auf der nmlichen Stelle.
    Wally hatte von dieser Erzhlung erwartet, da sie in einer Beziehung mit
Schwalbach stnde, und allem, was auf diese Erwartung keine Rcksicht nahm, nur
eine oberflchliche Aufmerksamkeit geschenkt. Sie blickte Csar mit ruhigem Auge
an und fragte kalt, was in dieser Geschichte mit Schwalbach zusammenhinge? Csar
fand diese Frage natrlich und legte sie sich nicht so emprend aus, als sie
ursprnglich war.
    Diese Historie, fuhr er fort, ist mehre Jahre alt. Der Trompeter
heiratete die Tochter des Wiesbader Brgers, nahm seinen Abschied und zog nach
Schwalbach, wo er die Direktion der Musiken fr die Saison zu bernehmen pflegt.
Aber seine Frau leidet seit jener traurigen Katastrophe ihres verschmhten
Liebhabers an einem unheilbaren bel. Htten die rzte nicht schon zuweilen
hnliche Beobachtungen gemacht, so wrde man versucht sein, hier an einen Spuk,
an eine Rache des gespenstischen Tambours zu glauben. Die Frau des Trompeters
hrt Tag und Nacht ein dumpfes Murmeln an ihrem Ohr, das sich zu verschiedenen
Zeiten steigert und ihr wie der Ton einer Trommel vorkommen mu. Nachts schreckt
sie aus dem Schlaf auf, zeigt mit stierem Blick auf die Tr, wo sie den blassen,
kleinen Mann mit seinem Instrumente zu erblicken glaubt; sie hat nicht Ruhe, wie
tief sie sich auch in die Kissen des Bettes hineinwhlt. Die rzte nennen dies
eine unnatrlich prponderierende Kraft des Gehrsinnes und knnen sich auf die
gleichzeitige Tatsache berufen, da alle brigen Sinne der Frau allmhlich
schwinden und der bermig hervorbrechenden Gehrskraft zu weichen scheinen.
Dabei ist sie abgefallen und bleich, ihr uerer Krper verringert sich immer
mehr: ich sahe sie, es ist eine ganz absorbierte Erscheinung, die Grausen
erregt. Sie selbst hat den festen Glauben an die Rache des Tambours, oder wie es
diese Leute nennen, da er im Grabe keine Ruhe habe. Sie versicherte mich, da
das Gespenst ihr berallhin folge, in Kche, Boden und Keller; ja auf dem Wege,
selbst im Walde sahe sie ihn oft, den Toten, wie er leibhaftig vor ihr stehe,
die kleine, bleiche Figur, mit der Trommel auf dem weien Schurzfell und
dieselben gelbledernen Bandeliere um die Schultern gehngt, welche uns Preuen
so fatal sind. Die rzte wissen, da die Frau bald sterben mu an totaler
Nervenentkrftung. Ich glaub' es. Gott, da steht sie!
    Wo? schrie Wally auf.
    Csar lachte. Es war ein Scherz; aber sie hatte ihn bel aufgenommen und
lie sich mit der bittersten Laune ber seine Spe und abenteuerlichen
Erzhlungen aus.
    Gehen Sie mit Ihren Trommeln und Trompeten! Womit Sie sich doch alles
abgeben! sagte sie mrrisch, empfahl sich und wandte sich allein dem Kaisersaal
zu, wo sie wohnte.

                                       9


Diese Szene war bald vergessen. Auf die regnerischen Tage folgten mit dem
Sonnenscheine tausend Aufforderungen der Natur, ihre Reize zu genieen. Bis in
die entfernteste Umgegend trugen Esel und kleine Gefhrte den weiblichen Teil
der Gesellschaft, welche als die Crme der Saison sich zusammengefunden hatten.
Wally war eine sprhende Girandole von Freude und Ausgelassenheit. Sie bildete
den wahren Mittelpunkt der Gesellschaft, so aber, wie es Wasserknste gibt, wo
man nur hier zu drcken braucht, um auf der entgegengesetzten Seite berall
lustige Fontnen springen zu lassen. Csar war verschlossen und reflektierte
viel. Dem Beobachter konnte es nicht entgehen, wie tief sich Wally in seine
Neigungen eindrckte. Wenn es nicht Liebe war, die ihn trieb, so war es die
Aufgabe, die sich seine Eitelkeit gestellt hatte, Wally, diese Ungezhmte und
Unbndige, berwunden zu haben. Htet euch, ihr Frauen! Die Liebe der meisten
Mnner ist nichts als eine Huldigung, welche sie sich selbst bringen.
    Der Rhein sollte das Ziel einer Spazierfahrt sein, der sich eine groe
Anzahl von Badgsten angeschlossen hatte. Wally war noch vor diesem Ziele zu
sehr ermdet, als da sie weiterkonnte. Sie blieb bei einem der Bedienten
zurck, um die nachkommenden Wagen abzuwarten. So trennte sie sich unbemerkt von
der Gesellschaft, so da Csar, der auf Abwegen dem Zuge nachgeritten war,
erstaunte, sie allein zu finden. Er sprang vom Pferde und gab es dem Bedienten.
Wally und Csar gingen voran.
    Der Verfhrung eines grnen Rasenplatzes mitten im Walde widerstanden sie
nicht. Whrend der Wagen und Csars Pferd auf der Strae hielten, gingen sie dem
einladenden Ruheorte entgegen und setzten sich auf abgesgte Baumrmpfe nieder.
Es lag etwas Mechanisches in diesen Bewegungen, als wenn eine Verabredung
stattgefunden htte, und doch schwiegen beide. Sie sprachen noch immer nichts,
auch als sie beide mit gesttztem Haupte sich gegenbersaen.
    Seit einiger Zeit sind Sie auf mich erzrnt, Csar! sagte dann Wally.
    Ein Lcheln, das man kennen mu, um zu wissen, da es nur die Maske eines
tieferen Schmerzes ist, flog ber ihre Mienen. Das Lcheln Csars konnte
Beistimmung oder Verwunderung sein. Er war klug genug, sie darber im unklaren
zu lassen.
    Ihre Geschichten haben mich kaltgelassen, fuhr sie fort.
    Daran dachte Csar nicht mehr; aber er sagte: Hab' ich sie denn verfat?
    Nach einer Pause seufzte Wally tief auf, schlug ihren Blick zu Boden und
begann eine Perspektive in ihr Inneres zu geben, die Csar neu war, an ihr
zumal, und die ihn entzckte. Ich mu mich, ich mu die Frauen hassen, sagte
sie still; von Natur sind wir grausam, und zu den Gefhlen, welche wir zu
uern wohl unter Umstnden fhig wren, haben wir ursprnglich nur die bloen
Anlagen. Glauben Sie es, Csar, die Frauen gedeihen nur durch die Mnner. Sie
selber wren imstande, sich untereinander zu zerfleischen. Niemand kann bei dem
Elende der Menschen, bei Krieg, Erdbeben, ffentlichem und Privatunglck
empfindungsloser sein als die Frauen. Verstehen Sie mich recht, solange wir
alleinstehen. Was wir von Gefhl ursprnglich haben, das ist mehr Schauer als
Bewutsein, mehr tierische Furcht als Reflexion einer edlen Seele. Ach, ich
zittre oft vor einer Empfindungslosigkeit, die ich nicht zu heilen wei!
    Aber woher die sptere Metamorphose der Frauen? fragte Csar, erstaunt
ber die Wahrheit, welche sich in Wallys Antlitze ausdrckte.
    Sie stockte: sie blickte ihn an. Er erriet und sank zu ihren Fen.
    Solange diese Situation stumm war, konnte sie zwischen beiden wohl empfunden
sein; als aber Wally nach einem Worte suchte, wies sie ihn zurck.
    Ihm war es recht; denn die Reflexion schlug ihn in den Nacken und hatte ihn
unwillkrlich aufgerissen, da er auf nichts in seinem Herzen Vorbereitetes stie
und ihm jede Situation fatal war, in der er sich selbst nicht htte beobachten
knnen.
    Sie saen beide wieder auf ihren Baumstmmen. Doch war es eine warme
Stimmung, die sich ihrer bemchtigt hatte, in der sie wenn auch ber nichts
entscheiden, dennoch ber alles unterhandeln konnten.
    Wally verhehlte nicht, da die Zauberrute, welche die im Herzen des Weibes
schlummernden Gefhle erst wecke, die Liebe sei. Csar ergriff ihre Hand und
sagte: Wir sind fr die Illusion beide nicht gemacht. Eine Mcke wrde uns
stren, wollten wir zu den Sternen beten. Jede Aufwallung, bei der wir nur einen
Augenblick unsre Manieren nicht in der Hand htten, wrde uns lcherlich
scheinen. Helfen wir uns beide! Eine kurze bereinkunft kann uns auf die Stufe
versetzen, welche uns alle jene Glckseligkeit gewhrt, die wir durch
Zurckhaltung, Scham, natrliches oder kokettes Wesen niemals erreichen. Wally!
Wally!
    Jetzt lag Csar zu Wallys Fen, wahrhaftig, ohne Bewutsein, von einem
ungeheuchelten Gefhle bermannt. Aber was warf ihn nieder? Nicht die Liebe,
sondern der Gedanke an eine Humanittsfrage, die niemanden von euch fremd ist:
der Gedanke an jene Augenblicke, wo wir, berdrssig der konventionellen Formen
des Lebens, zu aller Welt herantreten mchten und ihr zurufen: O warum dies
Gehuse von Manieren, in welches du Sprde dich zurckziehst? Warum diese
Verhllung des Menschen in und an dir? Warum Zurckhaltung, du, mein Bruder, du,
meine Schwester, da du doch gleichen Wesens mit mir bist, eine Hand wie ich zum
Drucke, einen Mund wie ich zum Kusse hast? Ach, wie seh' ich rings um mich her
eine so reife Ernte von Liebe und Schnheit! Warum zgern bis auf Jahre, da ich
sie breche? Warum nicht das Entzcken, da wir alle Menschen sind, schwach und
stark, sterblich und unsterblich! Diese unsichtbaren Barrieren, welche die
Menschen trennen, welche auch den Jngling vom Mdchen trennen, mssen fallen;
denn ich kenne dich, dein alles, dein Gehen und Stehen, deine Schwchen und
Tugenden: siehe! hier ist meine offne Brust, hier schlgt mein Herz, ich bin
nichts, was noch etwas anderes wre, als es ist, nichts, was du fr etwas
anderes halten drftest. Weib, in deinen Augen, in den Formen deines Krpers
bist du berreif zur Liebe; und wenn ich dich heut zum ersten Male sahe, so
pflckt' ich dich, denn wir sind die Kinder eines und desselben Planeten, ich
Mensch wie du, beide alternd, beide den Tod frchtend, beide elend. Was weichst
du mir aus?
    Wally zerflo in Trnen. So fast hatte Csar zu ihr gesprochen, und sie
fhlte das Entzcken, statt eines Weibes Mensch zu sein. Sie zitterte bei dieser
echt philanthropischen Vorstellung, welche, wenn sie allgemein wrde, die Welt
durchaus umgestalten und ihre schwierigen Fragen im Nu lsen mte. Sie lie die
Umarmung Csars zu: nicht, weil sie ihn liebte, oder aus Egoismus, aus Stolz,
einen Mann berwunden zu haben, sondern weil sie sich als das schwache Glied der
groen Wesenkette fhlte, die Gott erschaffen hat, weil sie wute, da sie ja
vor der Wahrheit und Natur ganz nackt und blo und mitleidswrdig war, weil sie
zuletzt glaubte, da diese heien Ksse, welche Csar auf ihre Lippen drckte,
allen Millionen glten unterm Sternenzelt.
    Sehet da eine Szene, wie sie in alten Zeiten nicht vorkam! Hier ist
Raffiniertes, Gemachtes, aus der Zerrissenheit unsrer Zeit Gebornes: und was ist
die Wahrheit Romeos und Juliettens gegen diese Lge! Was ist die egoistische
Geschlechtsliebe gegen diesen Enthusiasmus der Ideen, der zwei Seelen in die
unglcklichsten Verwechselungen werfen kann! Ich zittre vor einem Jahrhundert,
das in seinen Irrtmern so tragisch, in seinem Fluche so anbetungswrdig ist.

                                       10


Die bereinkunft der Liebe zwischen Wally und Csar mute ihren Verhltnissen
ein neues Kolorit geben. Wir frchten, da die Farben allmhlich erbleichen
werden. Aber noch sind sie hell und frisch; noch liegt auf Wallys Antlitz der
melancholische Schatten jener entzckenden Verirrung, in Csars Mienen die
Resignation und Selbstzufriedenheit, welche selbst blasierte Charaktere und
verwitternde Natrlichkeiten ergreifen kann, wenn der immer durstige Becher
ihrer Wnsche einmal voll ist bis an den Rand der Erfllung. Das Wiederfinden
eines Jugendfreundes untersttzte Csars reflektierende Persnlichkeit, sich in
einer Welt zu halten, in welcher er sich seit einiger Zeit gefiel.
    Waldemar hie der neue Ankmmling, ein Mann, der einst blhend und schn
war, in der Residenz zu Wallys Anbetern gehrte, dann heiratete und trotz der
glnzendsten Verhltnisse zu keiner Freude kam, da seine Gattin an unheilbaren
beln siechte. Die Stimmung dieses Mannes teilte sich seinen Umgebungen mit,
erst auch Csar, verlor sich aber an diesem in dem Augenblick, als sie fr ihn
durch folgende gemischte Anekdote einen Grund bekam.
    Seit Waldemars Ankunft im Bade hatte sich nmlich das stille Brbel von den
beiden Indien zurckgezogen. Ihr Betragen gegen ihn lie keinen Zweifel, da
dieser Mann die Ursache ihrer Geistesverwirrung gewesen war. Sie verfolgte
Waldemar, wo er sich nur blicken lie, und weinte oft auf dem Wege, wenn er in
zahlreicher Gesellschaft vorberging. Jedermann kannte den Zusammenhang dieser
tragischen Komdie, doch wollten nicht alle glauben, was Waldemar versicherte,
da er sich dieses Mdchens durchaus nicht entsinne, nie mit ihr ein Wort
gewechselt und auch im vorigen Jahre zum ersten Male Schwalbach besucht habe.
Csar aber glaubte diesen Versicherungen; denn Waldemar war eine treue Seele,
die niemanden betrben konnte, noch weniger aber wre eine Unwahrheit ber seine
Zunge gekommen. Er nahm den Wahnsinn Brbels von der lcherlichen Seite und
suchte Waldemar zu trsten. Ja, diesem melancholischen Manne fehlte nur noch
eine neue Ursache seiner Schwermut!
    Wally befand sich in einer Stimmung, die ihr den Verkehr mit beiden Mnnern,
der immer gewisse Grenzen und Nuancen hatte, recht zum Genu machte. Einst
wollte sie in einem Garten zu ihnen unbemerkt herantreten, whrend beide Freunde
unter einem Boskett von verwelkenden Rosen sich unterhielten; da sie aber hrte,
da ihr Gesprch religise Saiten aufgezogen hatte, so frchtete sie, etwas zu
verstimmen, und blieb unwillkrlich in einer Weite stehen, da ihr von dem
Gesprochenen nichts entging und sie dabei doch ungesehen blieb. Sie fhlte das
Miliche dieser Situation in einem Augenblicke nicht, wo alle ihre Seelenfden
Gespinste zu schieen begannen, in die sie sich immer tiefer verstrickte, wo es
einer Untersuchung ber die Religion galt.
    Htt' ich einen greren Wirkungskreis, sagte Waldemar, vielleicht
gelnge es mir dann, den Unmut meiner Seele zu zerstreuen, wie auf jenen Bergen,
auf welchen viel Waldleben herrscht, Tannen rauschen und die Natur in einer
steten Bewegung ist, die Nebel sich leichter zerstreuen. Ich bin ein kahler
Hgel, jedem Windzuge offen und von jeder Wolke gleich bis tief unter die Augen
bedeckt. Nach ideellen Schutzwehren such' ich ebenso vergebens. Die Politik ist
nur imstande, meine Schwermut zu vermehren, und die Religion hat man mir durch
meine Erziehung verleidet.
    Wer wird auch, entgegnete Csar, bei blen Stimmungen Hlfe von der
Religion erwarten! Religion ist das Produkt der Verzweiflung: wie kann sie die
Verzweiflung heilen?
    Sie sollte es wohl; jede Religion soll es, welche die Miene der Offenbarung
annimmt, sagte Waldemar. Echte Religion ist positive Heilkraft; aber gleicht
das Christentum nicht einer Latwerge, die aus hundert Ingredienzien
zusammengekocht ist? Meine Vernunft sagt mir, auch ohne Hahnemanns Organon, da
die Krankheiten immer einfache und nur die Symptome zusammengesetzt sind, da
die Natur fr jede ihrer Abnormitten eine medizinische Rektifikation im simpeln
Zustande hat und da in einer Mixtur von Heilkrften eine Kraft die andere
aufhebt. Die unerhrte berladenheit des Christentums aus traditionellen,
historischen und biblischen Ursachen macht aber, da es fr den Schmerz der
Seele ganz ohne Wirkung ist. Eines seiner Dogmen strt das andre.
    Ein Krampf schnrte Wallys Brust zusammen. Sie wankte ohnmchtig fort, bis
jener Referendar, der ber das Unzeitgeme der politischen Garantien
geschrieben hatte, ihren Arm ergriff und sie zu Waldemar und Csar fhrte, von
denen er den ersten gesucht hatte.
    Waldemar! rief er: was Sie glcklich sind! Ein Ehegatte, und noch bringen
sich Ihretwegen die Frauen um.
    Was wollen Sie damit? fragte Waldemar.
    Sie mssen nicht erschrecken, sagte jener; aber Ihr verlassenes Brbel
ist tot. Sie ging gestern den ganzen Tag um Schwalbach herum, sich ein Grab zu
suchen, blieb dann noch lange bei den beiden Indien, wankte darauf mechanisch
fort bis an das Schlo Nassau, wo sie sich von der eisernen Hngebrcke
hinabgestrzt hat. An der linken Seite von hier, da, wo der Brunnen auf der
Brcke steht, soll sie noch mehre Stunden gesessen haben, wie die Leute
versichern, die sie dort sahen. Die Gerichte von dort schicken diesen Ring mit,
der an dem Finger des Mdchens sich befand. Ich hab' ihn hier.
    Waldemar erblate. Mein Gott! schrie er. Dieser Ring-
    Csar sprhte auf: Wie? rief er; Waldemar, du httest dennoch -
    Ja, bemerkte der dritte: ich kenn' ihn. Sie trugen diesen Ring vor mehren
Jahren, Waldemar.
    Wally trat hinzu und nahm den Ring. Sie betrachtete ihn und gab mit
unpassender Heiterkeit die Erklrung:
    Waldemar, Sie gaben mir vor drei Sommern diesen Ring. Ist eine Verheiratung
dem Gedchtnisse so schdlich?
    Aber wie kam die Unglckliche zu dem Ringe, den alle Welt als ein Pfand
meiner treulosen Versicherungen auslegen wird? fragte Waldemar mit bleichen
Lippen, die doch wieder sprechen konnten, nachdem er sich auf die Huldigungen
besann, die er einst Wally gebracht hatte.
    Ich hatte die Gewohnheit, sagte Wally, die Ringe meiner Verehrer jhrlich
im Bade zurckzulassen, indem ich sie in die Becher, die am Sprudel stehen, warf
und diese dann armen Leuten oder Kindern zu trinken gab. So ist die Nrrin wohl
zu dem Geschenke gekommen.
    Gut erfunden! flsterte der Referendr, dem im Augenblick auch sein
Ehrenhandel mit Csar einfiel. Wally blickte etwas stolz: man kann durchaus
nicht sagen, warum, und reichte dem Menschen ihren Arm.
    Waldemar sa in tiefes Nachsinnen versunken. Wie wunderbar war der
Zusammenhang dieses unglcklichen Ereignisses! Man konnte versucht werden, an
eine magnetische Einwirkung zu glauben. Wer erklrte ihm, wie ein Ring eine
Neigung veranlassen konnte zu einem Manne, den man nie gesehen! Wie kam es, da
die Arme, gleich als sie ihn zum ersten Male sahe, ihn als den Eigentmer des
Ringes erkannte, den sie liebte und mit einer wirklichen Person verwechselte! Er
ging tief bekmmert in seine Wohnung und berredete seine kranke Gattin, mit ihm
sogleich den Schauplatz so unheimlicher Begebenheiten zu verlassen.
    Was aber empfand Csar bei dem Ereignisse? Nicht das Ereignis selbst, nicht
den Schmerz seines Freundes, sondern nur eines, was ihn schon oft bei
Vergleichung des Todes mit dem Leben interessiert hatte. Das arme Brbel war vor
ihrem Ende unruhig in dem Flecken herumgewankt und hatte den Tod gesucht, der
ihr notwendig schien. Sie war bis nach der eisernen Brcke gelaufen, um den
Trster ihrer Leiden zu finden. Ist es beim Selbstmorde eine unsichtbare Hand,
die die Kehle zuschnrt? Geht man wahnsinnig, ohne Bewutsein in den Tod, wie
die Mcke in das brennende Licht strzt? Oder ist man bei etwa vorhandener
Kraft, sich noch als nachdenkend zu fhlen, schon so mit dem Tode verschwistert,
da jener weitere Akt des Selbstmordes nur die Publikation eines Befehles wird,
der schon abgemacht und im stillen ausgefhrt ist? Darber sann Csar nach und
konnte sich vor Schmerz nicht fassen, als er bei dem Verfolgen von Brbels
Benehmen nur darauf zurckkam, da die Furcht vor dem Tode doch immer das
Ursprngliche und bis zum schwindenden Bewutsein das
    Letzte sei. Die Unzulnglichkeiten der Erhabenheit, sagte er, die Furcht vor
dem Tode, der Schmerz, nicht wie Brutus, der alte und der junge, tten, nicht
wie Cato sterben zu knnen, die Bitte des Prinzen von Homburg, ihn leben zu
lassen: das ist das Tragische unsrer Zeit und ein Gefhl, welches die
Anschauungen unsrer Welt von dem Zeitalter der Schicksalsidee so schmerzlich
verschieden macht. Sie wollte sterben und lief einen ganzen Tag, einen Weg von
sechs Stunden, um den Tod zu finden, den sie herzlich suchte und den sie
frchtete!
    So war Csar.

                                       11


Jenes feste und przise Benehmen, das Wally bei der Aufklrung ber den Ring
gezeigt hatte, war nur durch die Situation hervorgerufen worden. Auch wird sich
niemals ein Weib bei der Leidenschaftlichkeit einer andern enthalten knnen,
sich aufzuschnellen und miachtend auf die fremde Verirrung herabzusehen. Diese
Stimmung war aber nur eine vorbergehende.
    Die Erklrung, welche Waldemar ber das Christentum abgab, hatte auf ihre
Seele wie die Berhrung eines kranken Zahnes gewirkt. Glaubt ihr, Wally habe
nach einem Mittelpunkte ihres Lebens gesucht? Wahrlich nicht. Nirgends lagen
etwa zerstreute Bruchstcke von Gedanken, die sie gern verbunden htte.
Unmittelbar und zufllig war ihr ganzes Leben: nur im Religisen stand sie oft
wie ein Wanderer auf der Landstrae, der den Weg verfehlt zu haben glaubt, sich
in der Gegend umblickt und mit seinem Ortssinne sich zu orientieren sucht. Es
war ein ganz bewutloses Sinnen, ein trumerisches Fhlen, dem sie sich tastend
und anpochend hingab. Von einer Reflexion, einer zusammenhngenden Untersuchung
konnte bei Wally nicht die Rede sein. Sie litt an einem religisen Tick, an
einer Krankheit, die sich mehr in hastiger Neugier als in langem Schmerze
uerte. Sie war wie in einem Zimmer, das sich pltzlich mit Rauch fllt und wo
man sich nicht anders helfen kann, als an das Fenster zu springen, es
aufzureien und mit einem unmigen Gestus nach frischer Luft zu haschen.
    Wally wute selbst nicht, was alles zusammentraf, sie nachdenklicher als je
zu machen. Sie hatte zum ersten Male einige Beobachtungen ber ihren Zustand in
eine zusammenhngende Kette aufgereiht. Sie war vor ihren Gedanken nicht scheu
zurckgeschreckt, sondern hatte sie diesmal scharf ins Auge gefat. In einem
Brief an eine Freundin suchte sie ihrer Angst Luft zu machen.
    Der Brief war vielleicht vollendet. Sie wagte nicht, was sie hatte, wieder
durchzulesen. Auch verzweifelte sie whrend des Schreibens, ihn abzusenden. Sie
zerri ihn.
    Einige Minuten blickte sie die Reste an; dann ordnete sie mechanisch, was
davon noch vor ihr lag. Die Linien und Buchstaben paten zusammen. Jetzt erst
las sie ihn, wo sie gleichsam wute, da er ihr nichts mehr schaden knne.
    Meine teure Antonie, hatte sie geschrieben, Deine geschmackvollen Muster,
das sehr hbsche Diadem, was aber wohl zu meinem Haare nicht stehen wird, auch
die englischen Nadeln und die neuen Touren zum Cotillon hab' ich bekommen. Ich
danke Dir, Antonie! Verzeih mir nur, da ich nicht jetzt auch mit all dem
Entzcken davon spreche, das ich wirklich ber Deine Geflligkeit und die
Gegenstnde derselben empfunden habe. Du glaubst nicht, in welcher wunderlichen
Stimmung ich heute bin. Und heute mute ich doch schreiben - morgen wrd' es
schon besser sein. Nur eins sage mir, Antonie, hast Du wohl in Deinem Leben
einen frohen, recht frohen Augenblick gehabt? Ich besinne mich vergebens auf
einen; denn es ist doch immer eine peinliche Unruhe und Hast, von der wir
getrieben werden, eine ngstlichkeit, von welcher die Mnner keine Vorstellung
haben. Zuweilen erschreck' ich vor dieser pflanzenartigen Bewutlosigkeit, in
welcher die Frauen vegetieren, vor dieser Zuflligkeit in allen ihren Begriffen,
in ihrem Meinen und Frwahrhalten. Der Augenblick ist der Urheber unsrer
Handlungen und die Vergelichkeit die Richterin derselben. Ach, Antonie, ich
beschwre Dich! Nimm diese Klagen nicht als die Frucht eines regnerischen Tages;
oh - ich leide an einem Schmerze, der unheilbar ist, da ich ihn gar nicht zu
nennen wei. Das rennt, luft, springt, lacht, singt, weint, zankt - nun sage
mir um des Himmels willen, was steckt dahinter? Was ist der Kern dieser
spiralfrmig fortkreiselnden Unruhe? Die Mnner sind glcklich, weil man an sie
Anforderungen macht. Das Ma ihrer Handlungen ist der Beifall oder der Nutzen,
den sie damit gewinnen. Auch dies sage, warum wir den Faust nicht lesen sollen?
Die Schilderung jener Zweifel, die eines Menschen Brust durchwhlen knnen,
macht uns vertraut mit ihnen und die Wirkung derselben fr uns weniger
gefhrlich. Aber ich fhl' es, da sich in jedes Menschen Herzen innere Gedichte
entwickeln, eine ganze Historie von Wundern, die wir zu erklren verzweifeln,
Gedichte, in denen wir selbst der von den Gttern verfolgte, geneckte,
scheiternde, irrende Ulysses sind. Das ist alles halb, siehst Du. Es ist noch
immer nicht das, was ich sagen mchte und nicht sagen kann. Liebe Antonie, das
ist der Fluch: man verlangt nichts von uns, man will gar nichts, es kmmt gar
nichts drauf an. Auch dies noch: wir haben einen Ideenkreis, in welchen uns die
Erziehung hineinschleuderte. Daraus drfen wir nun nicht heraus und sollen uns
nur mit Grazie wie ein gefangenes Tier an dem Eisengitter dieses Rondells
herumwinden. Diese Gefangenschaft unserer Meinungen - ach, war Spreu fr den
Wind! Rechte will ich in Anspruch nehmen, fr wen? fr was? O Antonie, ich habe
nichts, was wert wre, gedacht: ich will gar nicht sagen, gemeint oder
gesprochen zu werden. Ich drcke an den Begriffen, die mir zu Gebote stehen;
aber sie sind elastisch und geben immer nach und gehen immer wieder zurck. So
glaub' ich, kommen auch die Revolutionen, wenn die Menschen so viel Mhe haben,
an ihrer Stirn hin- und herfahren und ihre welke Begriffstyrannei gern strzen
mchten mit etwas, was sie suchen, aber nicht finden knnen. Dann schaffen sie
sogar Gott ab, nmlich, weil sie ihn wahrhaftig nicht verstehen. Es ist auch
schwer, Antonie! Die Schpfung - schon gut; aber woher? womit? warum? Der
Mensch, der Affe, der Polyp, die Sinnpflanze, das Moos, der Stein, der Kristall,
das Wasser, die Luft, der Wind, nichts: wo ist Gott? Oder wollt ihr nicht den
Weg des Wassers gehen: so geht den des Feuers! Der Vulkan, das Licht, die Wrme,
die Elektrizitt, der Magnetismus: wie kann Gott in der Voltaschen Sule
stecken?
    Hier mute Wally laut auflachen bei all ihrem Schmerz und Unglck. Der
komische Konflikt der Schulweisheit mit ihrer Melancholie, die Vergleichung
Gottes und jenes kleinen Professors der Physik, der sie mit Papinianischen
Tpfen, Herobrunnen und Luftpumpen so tief in die Natur hatte sehen lassen
wollen, ob er gleich selbst nur ein Auge hatte, das waren zu drollige
Erinnerungen. Sie zuckte mitleidig mit sich selbst ber sich selbst die Achsel
und ging Csar entgegen, der viel ungereimtes Zeug mit ihr zu sprechen hatte.

                                       12


Ein Begegnis, das Wally kurze Zeit darauf erlebte, machte den ersten Abschnitt
in ihrem Leben. Es schien, als knnte sie in ihrem jetzigen Aufenthalte die
Heiterkeit nicht wiedergewinnen, welche ihrem Charakter entsprach. Ein Umstand
aber veranlate bald die Abreise von Schwalbach.
    Wally war eines Abends spt und unmutig zu Bett gegangen. Die Lampe brannte
noch auf ihrem Tische; aber sie konnte nicht schlafen. Ihr Blut war in
fieberhafter Aufregung. Sie warf sich unruhig hin und her, aber ihre Sinne
wollten sich nicht lsen.
    Da sprang sie auf, setzte sich an den Tisch und fing all die Mittel zu
prfen an, welche die Leute anraten, um in gleichmige Bewegung des Bluts zu
kommen. Sie zhlte die zwlf Glockenschlge an der Kirchturmuhr, sie zhlte das
Einmaleins her, von vorn und hinten, deklamierte das einzige Gedicht, welches
sie bei ihrem schlechten Gedchtnis auswendig wute: Eine kleine Biene flog
emsig hin und her und sog. Nichts half. Da erblickte sie auf dem Tisch die
Anordnungen, welche sie neulich gemacht hatte, um an ihre Freundin zu schreiben.
Sie ergriff die Feder und schrieb:
    Meine teure Antonie, Deine geschmackvollen Muster, das sehr hbsche Diadem,
was aber wohl zu meinem Haare nicht stehen wird, auch die englischen Nadeln und
die neuen Touren zum Cotillon hab' ich erhalten. Ich danke Dir, liebe Antonie!
Verzeih mir nur -
    Abscheulich! rief sie aus und trat an das Fenster. Der Mond beleuchtete
hier und dort einen Teil des engen Tales und seiner Umgebungen. Er war mit
Wolken bedeckt, die aber nicht eilten, sondern schwer auf ihm hafteten. Es wehte
kein Wind. In sanfter, nchtlicher Stille ruhte die malerische Natur. Ein
tannenschwarzer Bergrcken begrenzte auf der einen Seite die ovale Rundung des
schlummernden Tales. Nirgends die Ahnung eines menschlichen Wesens.
    Wally hllte sich in einen leichten Nachtberwurf. Ihr Zimmer lag zur ebnen
Erde. Mit einem Tritte war sie drauen im Freien. Ohne mehr zu wollen, als die
Hitze ihres Blutes abkhlen, stieg sie zur linken Hand die Strae hinauf, dann
wieder hinunter zum Alleesaal hin. Sie wird nur einige Schritte unter den Bumen
auf und ab gehen.
    Als sie ein weniges weitergekommen war, vernahm sie ein sonderbares
Gerusch, welches man fr das Seufzen einer schwankenden Pappel htte halten
knnen, wre ein starker Wind gegangen. Sie erschrak, wie diese Laute sich immer
deutlicher als Gesthn und schmerzliche Klage zu erkennen gaben. Es war wie das
Jammern eines Verwundeten, der sich frchtet, durch bergroen Schmerzausdruck
des Mundes vielleicht die brennenden Leiden seines Schadens desto strker zu
machen.
    Wally blieb betroffen stehen. Ihr siedendes Blut gerann, und die Fieberhitze
wich einer kalten Erstarrung, in die der Schreck ihre Glieder versetzte.
    Sie sahe, da sich im Hintergrunde der Allee etwas bewegte, das auf sie
heranzukommen schien. Die Angst hatte sich ihrer Seele so sehr bemchtigt, da
sie nicht einmal wagte zu entfliehen. Wie angewurzelt blieb sie stehen und
wankte nur, als eine menschliche Figur immer nher trat, mechanisch hinter einen
Baum, von dem sie glaubte, da er ihr Schutz gewhren knne.
    Ein Weib kam mit hnderingenden Gebrden. Sie wandte sich oft gespenstisch
um und suchte etwas, was man nicht sehen konnte, von sich abzuwehren. Dann fuhr
sie mit einer grauenerregenden Vehemenz und sie begleitendem Geheul in die
Gegend ihres Kopfes, als wolle sie etwas bedecken oder irgendeinen bergroen
Schmerz stillen. Wally zitterte.
    Jetzt stand die Unglckliche, welche nicht im Fieber zu sein, sondern das
volle Bewutsein zu haben schien, dicht vor ihr. Wally sahe, wie sie schwankte
und zu Boden strzte. Mit einem frchterlichen Geschrei whlte das entsetzliche
Weib ihren Kopf in den losen Sand und rang, ihre Hnde gleichsam zu
vervielfltigen, um den Kopf von allen Seiten bedecken zu knnen. Dabei sthnte
sie wieder und sahe sich, wie tief sie auch den Kopf in den Sand hineingewhlt
hatte, um und fuhr mit einem grlichen Schrei auf, als htte sie einen Geist
erblickt, bis sie ohnmchtig und besinnungslos in dieser grlichen Lage
verstummte.
    Wally wagte nicht, einen Laut von sich zu geben. Als das Wesen sich
beruhigte, versuchte sie aufzutreten, ob man sie auch nicht hren knne, wagte
dreistre Schritte und floh, als sie eine Strecke weit von der Szene entfernt
war, der sie hatte beiwohnen mssen. Sie fror an allen Gliedern, als sie auf
ihrem Lager sich gebettet hatte, und schlief ein aus Furcht.
    Am folgenden Morgen betrieb sie die Abreise. Die Tante zgerte. Unter
keiner Bedingung! rief Wally; ich bin eines Ortes mde, der mich umbringen
mu. Das war ein frchterlicher Ausdruck; die Tante war diese Wendungen nicht
gewohnt. Sie entsetzte sich und reiste ab.
    Als Csar sie beide an den Wagen begleitete, erzhlte er ihnen noch, da die
Frau des Trompeters an der gespenstischen Trommelmusik ihres Ohres diese Nacht
gestorben sei. Sie sei vor Unruhe aus dem Hause gerannt, habe nachts die ganze
Stadt durchirrt, um den grauenhaften Tnen zu entfliehen, und sei in der Allee
gefunden worden, wie sie mit dem Kopf in den Sand gewhlt dagelegen.
    Wally winkte mit der Hand, da er schweigen solle.
    Csar aber glaubte, da sie ihn zum Abschied gre; die Pferde zogen an,
und, den Spruch des groen Rmers parodierend, sagte er zu dem Fahrzeuge: Du
trgst Csar und sein Glck!


                                  Zweites Buch

                                       1

Der Sommer reifte zur Ernte. Aus seinen letzten Fden spann sich ein Herbst voll
Kelterlust. Die Astern sammelten noch einmal alle Farben der schnen
Vergangenheit, dann starb die Natur, und was zurckblieb, legte den Frostreif
und Nebelflor der Trauer an. Die Strme gerannen, die Wolken zerrieben sich zu
Schneeflocken. Der Winter kam in seinen Pelzschuhen angeschlichen und klopfte
mit Weihnachtsfreuden an die Reifblumen der Fenster an.
    Wally wirbelte sich in einer Lust, die sie so zauberhaft zu regeln verstand.
Was Religion! Was Weltschpfung! Was Unsterblichkeit! Rot oder blau zum Kleide,
das ist die Frage. Ob's besser ist, die Haare zu tragen  la Madeleine oder sie
zusammenzukmmen zu chinesischem Schopfe? Tanzen - vielleicht auch Sprchwrter
auffhren - oh, nur gering ist die Zahl der Vergngungen, welche im Verhltnis
zur zunehmenden Civilisation nicht mehr lcherlich sind: so sehr gering! falls
man sich selbst so viel liebt, nicht Karten zu spielen, jene melancholischen
Spiele Albions und der nordamerikanischen Yankees, wenn man noch wie Mendelssohn
philosophisch und kantisch genug ist, fr den Scherz keinen Ernst und fr den
Ernst keinen Scherz aufzuwenden!
    Aber eine Unterhaltung ist unerschpflich; ein Spiel unermdlich. Das ist
die Koketterie. Wally hatte damit alle Hnde und alle Mienen voll zu tun.
Knstliche und natrliche Launen waren die Zahlen, mit welchen sie ihre
Umgangsexempel zusammensetzte. Wally lie die ganze Welt wie elastische Figuren
auf dem Resonanzboden ihrer Einflle springen. Sie spielte die kaprizisen
Melodien zu allen diesen Bewegungen, welche sie lachen machten. Was wollte sie
auch mehr? Sie wollte nicht einmal den Ruf davon, die Neigungen ihrer Umgebungen
so unbertrefflich eskamotieren zu knnen. Sie tat alles ohne Stolz, ohne
Absicht, ohne Bewutsein. Sie war bezaubernd!
    Csar war die Balancierstange dieser Equilibres. Er rektifizierte wie
irgendein chemisches Natron alle die barocken Konfusionen, welche Wally
anrichtete. Csar fiel dabei bald hier-, bald dorthin, in jenem ersten Bilde. In
diesem letzten nahm Wally bald grere, bald kleinere Portionen von ihm. Er
fehlte aber nie, und diese perspektivische Verschiebung bald zu einer Gunst von
einer Linie, bald zu einer von zwei Zollen oder drei, hielt ihn in der Spannung,
welche Mnner allein zu fesseln imstande ist. Es ist mglich, da Csar Wally
liebte, wenigstens war sie ihm eine Vertraute geworden. Er htte sie vielleicht
einem andern abtreten knnen; aber von ihr sich trennen, das konnte er nicht.
Und doch! Vielleicht! Wir sind Scharlatane, wir knnen alles!
    Es war auf einem glnzenden Balle, der am Hofe gegeben wurde. Csar, der
nicht tanzte, weil die Prinzessinnen zugegen waren und es ihn beleidigt haben
wrde, wenn sie ihm durch ihre Kammerherrn die herkmmlichen Aufforderungen
geschickt htten, zog sich zurck. Wally beachtete ihn nicht. Er nahm das
leicht. Er wute, da Wally weit entfernt war von der gewhnlichen Ansicht
deutscher Mdchen, dem Tanze eine sinnliche Bedeutung oder die Bedeutung
irgendeiner Gunst unterzulegen; er wute, da sie diejenigen liebte, mit denen
sie nicht tanzte. Und doch war sie heute aufgeregter als jemals. Das nahm ihn
wunder und verstimmte ihn. Als Wally zu ihm trat, sprach sie: Ich habe Sie
suchen mssen. Wo stecken Sie? Ich mu Ihnen etwas sagen.
    Sie standen in einem der entlegeneren Zimmer. Und was?
    Ich werde den sardinischen Gesandten heiraten; aber wir sprechen uns noch!
    Damit war sie verschwunden.
    Csar eilte nach Hause. Er hatte durchaus nichts, was ihn drckte, und doch
entschlo er sich, eine kleine Reise zu machen. Er war sehr unruhig den ganzen
Tag, mehre Tage. Er machte die Reise. Er notierte, zeichnete, schrieb viel
Briefe. Er wrde sich vortrefflich zerstreut haben, wenn ihm nicht aus jedem
Baum, aus jedem Echo zugeklungen wre: Aber wir sprechen uns noch! Dies Aber!
machte ihn verwirrt; denn es klang wie eine so schwrmerische, trumende Liebe,
da er geglaubt hatte, den letzten lechzenden Seufzer, das kaum gelispelte
felicissima notte einer Italienerin zu hren. Sind das schon die Wirkungen der
sardinischen Gesandtschaft? sagte er lchelnd und kehrte hbsch beruhigt in die
Residenz zurck.
    Er hatte bald darauf von Wally die Einladung zu einem vertrauten Gesprch.

                                       2


Am Tage, wo die Unterredung mit Wally stattfand, htte man bei Csar nicht ahnen
knnen, mit welcher Katastrophe er schlieen wrde. Csar schien die ganze
Beruhigung zu besitzen, welche man von seinem Charakter erwarten durfte.
Hchstens lieen sich jene forcierten Scherze, mit welchen er um sich warf,
vermuten, da irgendein Gefhl wie ein Ereignis bei ihm im Anzuge war, dem er zu
entgehen wnschte. Diese Scherze sind immer die berm Meere kreisenden Mwen,
welche den Sturm ankndigen.
    Wenn er einem Freunde begegnete, der auf dem Stadtgericht arbeitete, so frug
ihn Csar: Was hast du jetzt unter Hnden?
    Ehescheidungen - hie es.
    Also noch immer schlechte Ehen?
    Schlechte Wahlen vor der Hochzeit, Leichtsinn -
    Ganz richtig; erklrte dann Csar. Es ist ein Unglck, wenn man sieht,
mit welchem Leichtsinn die Ehen geschlossen werden. Der Besitz einer kleinen
Aussteuer lockt den Handwerker, ein Frauenzimmer zu heiraten, welches er gar
nicht liebt. Der Staat sollte niemals die Ehe brgerlich vollziehen lassen, bis
nicht ein Kind vorhanden ist, welches das Dasein der Liebe vorher ausweisen
mu.
    Der junge Mann vom Stadtgerichte lchelte zu diesem Vorschlage. Csar ging
und begegnete einem andern Freunde.
    Du bist verliebt, sagte er ihm; aber Antonie ist arm.
    Es war dieselbe Antonie, an welche Wally einst schreiben wollte.
    Antonie ist arm! hie die weinerliche Besttigung. Siehe, was zu tun
wre! schlug Csar vor. Das Heiraten durch die Zeitungen greift um sich. Aber
man ist erst einen Schritt weit gekommen, wenn die Frauen durch Zeitungen nur
Mnner bekommen. Der zweite Schritt wre, da sie durch die Zeitungen auch zu
Vermgen kmen. Die Mdchen sollten sich durch ein Lotto ausspielen. Sie sollten
die Mnner auffordern, Aktien auf ihren Besitz zu nehmen, Aktien, meinetwegen
eine jede zu fnfhundert Talern. Hundert Lose dieser Art geben eine Summe von
50000 Talern. Die Wahrscheinlichkeit, da unter hundert ich - du - er gewinnen,
ist sehr gro: man gewinnt ein Weib, ein reiches Weib, ein schnes Weib. Denn um
eine Schne mu es sich handeln, der Nebengewinne wegen, welche in
Zugestndnissen mancher Art an diejenigen bestehen mssen, welche sich mit
Aufopferung von fnfhundert Talern der seligen Chance aussetzten, Mann einer
schnen Frau und Besitzer zuflliger 50000 Taler zu werden. Mein Lieber, das
heit die Gesellschaft revolutionieren.
    Jener hatte nur an Antonie gedacht; Csar an nichts, als sie scheiden.
    Der Abend kam heran. Die Tr zu Wallys Gemchern ffnete sich. Beide saen
sich stumm gegenber. Csar, der von Wally nicht erwartet hatte, da sie sich in
ein schwrmerisches schwarzes Kleid werfen wrde: Wally, welche nach einem
Blicke in Csars Mienen geizte, der verzeihend, warm und siegend auf sie wirkte.
    Liebenswrdig war es von diesem grenzenlosen Leichtsinn, da er Trnen am
Auge hngen hatte. Csar schwamm in Entzcken. Er war auf eine Komdie gefat
und fand eine tragische Szene, die ihn erschtterte. Alles, was sie sprachen,
war nur, um den Erklrungen, die sie sich machen wollten, zu entgehen. Csar
mochte in seiner Eitelkeit bertreiben; Wallys Bescheidenheit lag wohl nur
darin, da sie glaubte, Csar um Verzeihung bitten zu mssen. Alles brige aber
dichtete seine Phantasie hinzu.
    Sie hielten ihre Hnde ineinander und sprachen recht eifrig ber Dinge, auf
welche gar nichts ankam in ihrer Lage. Sie sprachen von der Erfindung des
Schiepulvers, vom Gesetz der Schwere, vom Kompa und der Magnetnadel, worber
sie schnell abbrachen, um nur immer wieder auf Neues zu kommen. So verrann die
Zeit, aber das Entzcken Csars stieg. Wallys Hand nahm er und legte sie sanft
auf die Lehne des Sofas, um sie als Kopfkissen zu brauchen. Sie lchelte dazu
und warf ihm das ganze Polster ihres elastischen Krpers, sich selbst in aller
ihrer Anmut nach. Sie hielt ihn umschlungen, whrend sie unwillig glaubte, da
er es tte. Ihre nur leis' aufgesteckten Locken nestelten sich los und kten
Csars brennende Wangen. Die langen Augenwimpern senkten sich majesttisch sanft
auf die blulichen Ultramarinringel, welche unter dem Auge so viel Leidenschaft
verraten. Dieses Herablassen des Vorhangs, dieser Fensterladenschlu der
Weiblichkeit, diese Verhllung ist das reizende Gegenteil dessen, was sie
scheint, weil sie nur allmhliche Entwaffnung ist. Es ist das Sinken des Tages,
der aufsteigende Stern, dessen feuchte Strahlen die Kronen der Blumen auflockern
und die Kelche erschlieen, whrend die Kelche zu schlafen scheinen. Csar
umarmte Wally mit glhendem Entzcken und rief aus: O Wally, ich will nicht
grausam sein! Ich eile allem zuvorzukommen, was sich auf deiner Lippe zu Tode
ngstigt und gern sprechen mchte. Ich dringe nicht auf den Besitz dieses
gttlichen Leibes, dessen Seele mich stets umhauchen wird. Aber - o Gott! -
    Was ist? Csar! Sprich! Fordre! Alles, alles!
    Csar sann und war wie von einem unbekannten Gefhle ergriffen. Er strich
mit der Hand ber seine Stirne und sagte dann leise mit sanften und zrtlichen
Worten zu Wally: Sie werden reisen: ich auch. Wir werden uns in vielen Jahren
nicht wiedersehen. Da gibt es ein reizendes Gedicht des deutschen Mittelalters,
der Titurel, in welchem eine bezaubernde Sage erzhlt wird. Tschionatulander und
Sigune beten sich an. Sie sind fast noch Kinder: ihre Liebe besitzt die ganze
Naivett ihrer jugendlichen Torheit. Ich spreche nicht von Tschionatulanders
Tod, weder vom treuen Hunde, der aus der Schlacht die tragische Botschaft
bringt, nicht von Sigunens Klage, wie sie den Leichnam des Geliebten im Arme
haltend unterm Baume sitzt, wo Parzifal an ihr vorberkmmt im Walde, nicht von
dem Edelstein unserer deutschen mittelalterlichen Dichtkunst. Nur jener Zug ist
so meisterhaft schn, wo Tschionatulander, als er in die Welt hinausmu und sein
treues Windspiel klug zu den beiden Liebenden hinaufsieht, Sigunen anfleht um
eine Gunst-
    Csar stockte und sprach dann leise, mit fast verhaltenem Atem: da Sigune,
um durch ihre Schnheit ihn gleichsam fest zu machen, wie der magische Ausdruck
der alten Zeit ist, um ihm einen Anblick zu hinterlassen, der Wunder wirkte in
seiner Tapferkeit und Ausdauer - da Sigune - in vollkommener Nacktheit zum
vielleicht - ewigen Abschiede sich ihm zeigen mge.
    Wally betrachtete Csar einen Augenblick. Dann erhob sie sich stolz und
verlie, ohne ein Wort zu sprechen, das Zimmer. An ihre Rckkehr war nicht zu
denken.
    Csars Antlitz zeigte einen schmerzhaften Ausdruck. Er hatte das Hchste
bewiesen, dessen seine Seele fhig war, die kindlichste Naivett, eine rhrende
Unschuld in einer Forderung, die emprend war; aber die Scham, die erst in ihm
aufglhte, verschwand vor seinem Stolze, so edel und rein erschien er sich.
    Sie ist ohne Poesie, sie ist albern, ich hasse sie! stie er heftig
heraus, trat zornig mit dem Fue auf, lauschte und verlie, da er nichts als den
Schlag der Pendeluhr im Nebensaale vernahm, mit unwillkrlichem Gerusch das
Zimmer und das Hotel. Er schwur, es niemals wieder zu betreten.
    Sie hat nicht mich, sie hat die Poesie beleidigt. Sie ekelt mich an! rief
er und malte sich Wally mit den grlichsten Farben, da es ihm keine Freude
machen mute, noch an sie zu denken. Wenn sie ihm noch einfiel, so geschah es
nicht, ohne da er mit dem Fue etwas von sich stie.

                                       3


Inzwischen rckte Wallys Vermhlung heran. Sie gestand sich oft und selbst ihren
Umgebungen, da es ihr wre, als wrde ein unsichtbares Netz, das sie aber
fhle, immer enger angezogen, und da es ihr bald zum Ersticken sein mte.
Alles, was man nur brachte, um die Atmosphre recht duftend und verfhrerisch zu
machen, drckte ihren Atem noch mehr zusammen; sie ging wie Gretchen im Faust
und lftete Fenster und Tren, da Mephistopheles im Zimmer es so schwl gemacht
hatte.
    Noch grer war aber die Unruhe in ihrem Innern. Sie brauchte gern
physikalische Gleichnisse und verglich sich mit dem Gefhl eines lebenden
Wesens, das man in die Glocke einer Luftpumpe setzt; mit dem Vogel, dem es von
innen und auen bei entzogener Luft weh wird. Ach, sie konnte Csar nicht
vergessen: sie konnte jene begeisterte Miene des Freundes nicht vergessen, jene
unschuldige Seligkeit, die sie an ihm noch nie gekannt hatte und die er damals
zeigte, als sie einige aus seinen zuckenden Lippen schleichende Worte mit so
pedantischer, altkluger Entrstung aufnahm. Schon im nchsten Augenblicke, als
sie gegangen war, war sie sich mit ihrer Tugend recht abgeschmackt vorgekommen.
    Wally fhlte bald, da Csar an das Unsittliche seines Antrags im Momente
nicht gedacht hatte. Sie machte sich den Vorwurf, diese berlegung an dem Manne
nicht abgewartet zu haben. Auch mute sie sich gestehen, da Csar ihr
vielleicht nie das Prekre der Situation eingerumt haben wrde. Jetzt wute
sie, worin der ganze Zauber liegt. Sie fhlte, da das wahrhaft Poetische
unwiderstehlich ist, da das Poetische hher steht als alle Gesetze der Moral
und des Herkommens. Sie fhlte auch, wie klein man ist, wenn man der Poesie sich
widersetzt. Ach, das qulte sie, untergeordnet zu sein und weniger unschuldig im
Grunde als die Poesie, die Menschen braucht und schildert!
    Wally schlug die rhrende Geschichte nach, die ihr Csar erzhlt hatte. Sie
weinte mit Sigunen, sie kostete die Unschuld, die in dem Verlbnis der beiden
Liebenden des Gedichtes lag, allmhlich immer tiefer. Es liegt in der Schnheit
der Natur eine gttliche Gewalt, die bezaubert. Wally beugte und wand sich mit
all ihren schnen Grundstzen und den Lehren, die sie ihrer Erziehung, ja selbst
ihrer vernnftigen berlegung verdankte, vor dem Ideale des Naturschnen. Sie
ging noch weiter. Sie gab die Natur auf, sie hielt sich an die Kunst, an das
Gebilde der Phantasie, das in sich abgerundet und hier so richtig gezeichnet war
wie jeder logische Zirkel ihrer tugendhaften Entschlsse. Sie kam sich
verchtlich vor, seitdem sie fhlte, da sie fr die hhere Poesie kein
Gegenstand war. So konnte es nicht mehr fehlen, da sie sich bald selbst dazu
machte.
    Wie oft war sie Csarn begegnet! Er blickte stolz! Er hatte eine Moral, die
ber der ihren war! Er konnte das Auge erheben, das Ideale hub es in ihm! Wally
konnte nicht stolz sein, an ihr schien die Reihe der Scham zu sein. Sie
frchtete sich vor Csar. Ihre ganze Tugend war armselig, seitdem sie ihm
gleichsam gesagt hatte, die Tugend knne nur in Verhllungen bestehen, die
Tugend knne nicht nackt sein. Csar hatte an ihr den poetischen Reiz verloren.
Er bersah sie.
    Ob es wohl Menschen gibt, dachte Csar eines Tages bei sich selbst, welche
die Literatur und das, was dem Leben durch sie an schnen Elementen und
Staffagen gegeben wird, fr eine Tyrannei und eine despotische Willkr der
Dichter und Knstler halten? Wr' ich selbst Autor, so wrde mich dieser Gedanke
erschrecken. Ich wrde die Gleichgltigkeit, die Dummheit der Masse immer mit
einer Strafe verwechseln, welche ich als Autor fr die Zudringlichkeit meiner
Schpfungen mit Recht einernte. Ich wrde zittern, wenn von Bchern die Rede
kmmt, und wrde immer gewrtig sein, da jemand auftrte und die Literatur in
die Kategorie von Warenartikeln stellte, von Ellen- oder Kolonialwaren, die man
nimmt oder stehenlt, je nach Bedrfnis. Ich brauche die Schnheit nicht!
Frchterlich, wenn von Homer und Ossian die Rede wre! Ich brauche nicht einmal
die Bestrebungen um das Schne, wenn von einem Erstlingsversuche die Rede wre!
Ja, es gibt Menschen dieser Art, welche die Poesie fr eine Zumutung halten,
Geldmenschen, Aristokraten, manche Knige, auch Frauen, besonders wenn sie schn
sind und sie deshalb glauben, der Bildung berhoben zu sein!
    Csar dachte dabei gewi nicht an Wally; denn welch' ein Unterschied ist es,
fr das Auerordentliche sich interessieren und dem Auerordentlichen sich als
Staffage unterlegen! Er hatte aber in dem Augenblick einen Brief von Wally in
der Hand.
    Ich habe Sie beleidigt, schrieb sie ihm; Sie wissen es ja, Csar, da der
Mutlose immer der Ausfallendste ist.
    Wissen Sie noch, wie wir ber Mut stritten? Welch' eine Zeit, wo Sie sich um
fnf Ringe, die Sie mir noch immer nicht wiedergegeben haben, mit fnf Menschen
schieen konnten! Morgen um zehn Uhr abends besuchen Sie das Hotel des
sardinischen Gesandten. Sie werden von Auroren, die Sie dort erwartet, an einen
Ort gefhrt werden, den Sie nicht verlassen drfen. Schwren Sie mir, hinter dem
Vorhang, den Sie zehn Minuten nach zehn gtigst zurckziehen wollen, nicht
hervorzutreten! Csar, schwren Sie mir! Ich schme mich vor Ihnen, da ich
Scham hatte. Verantworten Sie es einst! Vor Gott! Vor Gott! Aber ich liebe hei,
ewig, unaussprechlich! Wally Und an Wallys Hochzeitstage zeichneten die
Unsichtbaren ein reizendes Gemlde, ein Gemlde in altem Stil, zart, lieblich
wie die saubern Farbengruppen, welche sich auf dem sammetweichen Pergamente
goldener Gebetbcher des Mittelalters finden.
    Rings, wie Rahmen und noch hineinrankend in die Szene, Epheu und Weinlaub.
Auf den sten sitzen Paradiesvgel in wunderbarem Farbenspiel, auf den breiten
Blttern der Arabesken schlummern Schmetterlinge, in den Kelchen der Blumen
saugen Bienen. Oben schwebt der Vogel Phnix, der fulose Erzeuger seiner
selbst; unten blicken die spitzschnbligen Greifen und hten das Gold der Fabel.
Bezaubernd und mrchenhaft ist die Verschlingung aller dieser Figuren. Es ist
wie ein Traum in den tausend Nchten und der einen. Zur Rechten des Bilds aber
im Schatten steht Tschionatulander im goldenen, an der Sonne funkelnden
Harnisch, Helm, Schild und Bogen ruhen auf der Erde. Der Mantel gleitet von des
jungen Helden Schulter, seine Locken wallen ppig, wie von einem Westhauche
gehoben. Das Auge staunt; ein Entzcken lhmt die Zunge. Zur Linken aber
schwillt aus den Sonnennebeln heraus ein Bild von bezaubernder Schnheit:
Sigune, die schamhafter ihren nackten Leib enthllt, als ihn die Venus der
Medicis zu bedecken sucht. Sie steht da, hlflos, geblendet von der Torheit der
Liebe, die sie um dies Geschenk bat, nicht mehr Willen, sondern zerflossen in
Scham, Unschuld und Hingebung. Sie steht ganz nackt, die hehre Gestalt mit
jungfrulich schwellenden Hften, mit allen zarten Beugungen und Linien, welche
von der Brust bis zur Zehe hinuntergleiten. Und zum Zeichen, da eine fromme
Weihe die ganze ppigkeit dieser Situation heilige, blhen nirgends Rosen,
sondern eine hohe Lilie sprot dicht an dem Leibe Sigunens hervor und deckt
symbolisch, als Blume der Keuschheit, an ihr die noch verschlossene Knospe ihrer
Weiblichkeit. Alles ist ein Hauch an dem Auge, ein stummer Moment, selbst in dem
klugen Auge des Hundes, der die Bewegungen verfolgt, welche der Blick seines
Herrn macht. Das Ganze ist ein Frevel; aber ein Frevel der Unschuld.
    So stand Sigune einen zitternden Augenblick; da umschlang sie rcklings der
sardinische Gesandte, der seine junge Frau suchte. Es war ein Tropfen, der in
den Dampf einer Phantasmagorie fllt und sie in Nichts auflst. Die Vorhnge
fielen zurck, und Tschionatulander wankte nach Hause. Der Gesandte ahnte
nichts. Tiefes Geheimnis.

                                       4


Als Wally mit ihrem Manne nach Paris gekommen war, atmete sie auf. Sie war froh,
sich von einer ganz verfehlten Stellung befreit zu sehen. Sie wute, da sie in
Paris noch immer den strmischen Bewegungen irgendeiner Neigung ausgesetzt sein
konnte, da ihre eheliche Treue mit weit gefhrlicheren Lockungen wie in der
Heimat wrde herausgefordert werden; allein sicher war sie jetzt vor den
Zumutungen der Genialitt, vor dem verwirrenden Benehmen Csars, vor Mnnern,
welche zu poetisch sind, um ganz nach der Mode, und zu modisch, um ganz nach der
Poesie zu leben. In Paris siegte sie, wenn sie wollte, noch immer durch die sehr
einfachen Knste der Koketterie. Nur die Situationen sind es, welche dem Leben
der Pariser Frauen eine besondere Originalitt geben.
    Die Zeit, in welcher Wally mit ihrem Manne nach Paris kam, war bei Anfang
des Aprilprozesses.
    Wenn man glauben wollte, da die Julirevolution in den Sitten der hhern
Pariser Welt eine nderung veranlat htte, welche gleichsam dem Ernste der Zeit
htte entsprechen sollen, so verkennt man den Charakter der Franzosen. Die alte
Revolution, welche eine Strafe der Frivolitt zu sein schien, rottete die
Frivolitt doch selbst nicht aus. Die alte politische und gesellschaftliche
Verfassung wurde gestrzt, aber die Manieren erhielten sich. An dem Besitztume
klebte etwas, was sich nicht von ihm trennen lie; in den Reichtmern, welche
kaum den Tod der einen veranlat hatten, lag ein Zauber, der auch die wieder
verwirrte, welche die neuen Herren derselben wurden. Den Leichtsinn tilgte die
Guillotine nicht.
    Die neueste Revolution hatte zu den alten Elementen des Pariser Lebens neue,
zu zwei Aristokratien, der bourbonischen und bonapartistischen, noch eine dritte
gesellt, die Aristokratie der Banquiers. Mehr als je wurde das Geld der Hebel
des gesellschaftlichen Mechanismus, seitdem eine Klasse in den Vorgrund trat,
mit der es in dieser Rcksicht schwer war zu wetteifern. Weil die Pariser das
Geld nicht anhufen, sondern es als Mahlschatz immer wieder aufschtten und von
dem Winde umtreiben lassen, so wird jede Lebensuerung dort in den metallischen
Strom mit hineingerissen. Dieser Strom ist es, welcher die entsetzlichsten
Verheerungen in der Moralitt und Freundschaft anrichtet. Sein Ebben und Fluten
macht Leben und Tod. Er ergiet sich frei, offen, vor allen Augen, nicht einmal
unterirdisch. Er wlzt seine goldschumenden Wogen durch die Sle und kleinsten
Gemcher. Man ist in Paris immer in der Nhe des Geldes, weniger dessen, was man
besitzt, als dessen, wovon man nicht genug haben kann und das man unter allen
Umstnden sich zu verschaffen sucht. Daraus entstehen die meisten tragischen und
komischen Konflikte der Pariser Gesellschaft.
    Wally hatte keine Meditationen ntig, um ber diese Dinge ins reine zu
kommen. Sie verstand sie bald, da die Begegnisse selbst zu deutlich sprachen und
dichterische Erfindungen, Schriften wie die von Balzac, sie hinreichend
besttigten. Wally philosophiert nicht, das wissen wir lngst. Sie wird Paris
nicht wie ein Phnomen nehmen, sondern wie eine Erfahrung, ber die man erst
reflektiert, nachdem sie erlebt ist. Sie wird sich in den dichtesten Strudel der
Vergngungen werfen. Sie wird den Becher der Lust und der Gedankenlosigkeit bis
tief auf die Neige leeren. Sie wird jede Minute Leben benutzen, die sie nur
verwenden kann, und kme sie einst zurck von Paris, wird sie von Paris nichts
zu erzhlen wissen. Wally gehrte bald zu den glnzendsten Erscheinungen auf dem
Theater des Tages und der Nachrede.
    Wenn wir im folgenden mehr ein Verhltnis schildern wollen, das in Wallys
Hause und in ihrer Verwandtschaft sich entwickelte, so ist es deshalb, um
einesteils ber ihren Mann eine Ansicht zu haben, andernteils, um nichts zu
unterlassen, was zuletzt doch berichtet werden mte, weil es eine entscheidende
Folge hatte. Wally beherrschte andere Kreise mit derselben siegreichen
Gewandtheit. Sie hatte ein groes Stck an dem Netz zu weben bernommen, welches
ber Paris ausgebreitet ist und so viel Ehrgeiz, Eifersucht, Tragdie und Idylle
in seinen Maschen festhlt. Sie war eine fleiige Bundesgenossin des groen
Feldzuges gegen Natur, Wahrheit, Tugend und Vlkerfreiheit, welcher mit dem
Leben der Groen fast immer zusammenfllt; ein Feldzug, dessen Gefahr von den
Freuden seiner kleinen Siege im Ernst doch berboten wird.
    Je weniger diese Katastrophe zunchst mit der Seelenrichtung in Wally
zusammenhngt, die uns veranlate, sie zum Gegenstand einer poetischen
Darstellung zu machen, desto mehr trgt sie bei, die Draperien zu bestimmen, auf
deren Grunde sich die wahrhafte Originalitt Wallys sprechender zeichnete. Indem
Wally Szenen erlebt, welche mit ihrer Krankheit nicht in der entferntesten
Berhrung liegen, indem sie von einem Gedankenreiche losgetrennt ist, das sie
selbst in sich aufgeregt hatte; mu auch der Kontrast desselben spter nur desto
tiefer in ihr Herz schlagen. Wally wandelt sorglos am Rande eines Abgrundes.

                                       5


Eines Morgens hatte Wally soeben die Besuche einiger ihrer Verehrer entlassen
und lachte noch ber die Eitelkeit der jungen Mnner, welche gestorben wren vor
rger, wenn sie ihrer neuen Gilets, ihrer Reitpeitsche und Lorgnette keine
Erwhnung getan htte, als sie im Nebenzimmer ein lautes Sprechen hrte, das
immer nher kam und dann pltzlich mit Gewalt unterdrckt wurde, gleichsam als
wrde jemand, der sich ihrem Zimmer nahen wollte, mit Heftigkeit zurckgehalten.
Nachdem die hierauf eintretende Stille anzudeuten schien, da eine Verstndigung
dem Besuche hatte vorangehen mssen, ffnete sich strmisch die Tr, und ein
junger Mann trat an der Hand ihres Gatten herein, der ihr in dem Ankmmling
seinen lngst aus dem Piemontesischen erwarteten Bruder Jeronimo vorstellte.
    Wahrhaftig, ich habe mich nicht getuscht, rief der junge Italiener.
Ihren Anblick, Madame, sog ich gestern in der Oper drei volle Stunden lang ein.
Ich war kaum in Paris angelangt, als mich der Zufall in die Vorstellung der
Cenerentola fhrt und in die reizendste Perspektive, welche ich je gehabt habe.
Madame, Sie saen in einer Loge, von der ich nicht wute, da sie die meines
Bruders war. Sie trugen blaue Seide, weie Tllstreifen, einen roten Schal und
Marabouts in dem Haar?
    Ihr Gedchtnis mu weite Taschen haben, sagte Wally, wenn sie am Morgen
noch die Toilette der Damen angeben knnen, die Sie am Abend vorher bei den
Italienern bezaubert haben, wie der in dieser Rcksicht bei den jungen
Enthusiasten bliche Ausdruck ist.
    Madame, es sollen viele eine gute Toilette gemacht haben, sagt man. Ich
sahe nur Sie. Viele werden sie machen, ich werde nur Sie sehen. Wenn ich die
Sprache eines Dichters fhren knnte, dann wrd' ich erst die Ausdrcke haben,
welche Ihrer wrdig sind. Ja, ich mu dies elende Wort bezaubern adoptieren und
meine Gefhle hinter der armseligen Wendung verstecken, da ich Sie versichre,
Ihre Schnheit kann niemals vom Knstler getroffen werden; denn mte er nicht
erblinden in der Anschauung solcher Reize, Madame?
    Ich schme mich, mein Herr, sagte Wally, Ihnen ein Wort empfohlen zu
haben, das sie lernen sollten, um bald in die Gesellschaft der jungen
Enthusiasten einzutreten; denn ich sehe, da Sie schon Meister sind in diesen
allerliebsten bertreibungen, die man um so lieber hrt, je weniger Grund sie
haben!
    Sie weichen mir aus, Madame; Sie vergessen, wenn Sie glauben, meine Liebe
kme Ihnen ungelegen, da Widerstand die Liebe verdoppelt. Sie haben die Wahl.
Es ist wie mit den Sibyllinischen Bchern; aber umgekehrt: immer mehr Liebe,
aber doch immer nur die gleiche Summe.
    Hier machte der Gesandte, der das Zimmer schon verlassen hatte, ein Gerusch
nebenan und zwang beide jungen Leute, einen Moment darauf hinzuhren. Wally
mute ber die etwas steifen Antrge ihres Schwagers lachen. Sein Feuer hatte
mehr von dem russischen Spiritus. Fr einen Italiener schien er ihr zu viel
Worte zu machen.
    Setzen wir uns aber, sagte sie freundlich, mein lieber Jeronimo. Wir
wollen versuchen, wie wir uns arrangieren. Es gilt nur, da man sich
verstndigt. Wollen Sie meine Farbe tragen? Wollen Sie ins Wasser springen, wenn
ich behaupte, es sei nicht tief? Wollen Sie sich mit halb Paris schlagen, wenn
ich die Caprice habe, Ihnen Dinge in den Mund zu legen, die Sie ber die
Herzogin von Breteuil, die Grfin Allan, die Vikomtesse von Hericourt geuert
htten? Sie sehen, welche Arbeiten sich Ihnen auferlegen lassen, wenn Sie
Herkules genug wren, sich in Dejanira zu verlieben.
    Bezaubernd, Madame, entzckend! Wie liebenswrdig!
    Und wenn wir auf dem Fue hinken, womit der Liebhaber geht: so nehmen Sie
den andern, den Fu der Verwandtschaft, auf dem wir stehen. Ich glaube in der
Art wohl, da Sie ermden knnen, Jeronimo, aber niemals, da Sie fallen.
    Die Tr ffnete sich. Die Vikomtesse von Hericourt trat ein. Sie war eine
jener niedlichen Schwtzerinnen, an denen nichts hbscher ist als eine
perennierende Begleitung ihrer Stimme mit einer luftpumpenden Bewegung aus der
Brust heraus. Sie seufzte bei jeder Periode aus der innersten Tiefe her, und da
sie es lchelnd tat und mit glnzendem Auge, bekam dadurch ihr Ausdruck eine
hinreiende Gewalt, da man sich die Triumphe dieser Frau erklren konnte.
    Jeronimo blieb aber bei aller dieser Grazie kalt. Er sprang nicht, wie junge
Narren von fashionablem Tone mit Recht tun, wo es sich darum handelt, zwischen
zwei schnen Frauen das Gleichgewicht zu erhalten, von einer zur andern ber,
sondern bi in seine Handschuhe, verlegen und nur Wally fixierend, die sein
Benehmen nur als Affektation eines bertriebenen Eindrucks auslegen konnte.
    Die Vikomtessa hatte so viel mitzuteilen, zu klagen, zu weinen, zu lachen,
da Jeronimo sich mit ihr zu gleicher Zeit entfernte. Er war stumm bis auf den
letzten Augenblick geblieben. Die ganze Gelufigkeit, mit der er begann, war
gehemmt. Sie wute nicht, wie sie diesen Charakter nehmen sollte. Er ist ein
Russe, dachte sie unwillkrlich. Aber sie besann sich auf die Russen ihrer
Bekanntschaft, auf welche dennoch keines der Merkmale Jeronimos passen wollte;
denn die Russen, immer begierig, sich elegant und zivilisiert zu zeigen und den
Juchtengeruch durch Bisam, eine Unanstndigkeit also durch die andere zu
verdecken, affektieren berall gegen Damen eine ekelhafte Liebenswrdigkeit,
springen von einer zur andern und ben sich in sen Grimassen. Jeronimo mute
also doch ein Italiener sein.
    Am Abend kam Jeronimo in die Loge des sardinischen Gesandten. Wally hrte
ihm gern zu; er hatte Ansichten ber Musik und viel biographische Notizen ber
die italienischen Komponisten. Doch alles war flchtig; denn eine Dame kmmt im
Theater nicht zur Ruhe. Keine Meinung, die unter den Liebhabern verbreitet ist,
ist so falsch als die von der Gunst, welche das Theater der Neigung gewhre. Man
wird sein Idol neben sich haben, man wird stundenlang mit ihm flstern knnen;
das ist gewi; aber das Idol wird auch immer zerstreut sein und hinter jeder
aufgehobenen Lorgnette einen Mann vermuten, der mit dem Seufzenden neben ihr die
Vergleichung aushlt oder ihn wohl bertrifft in der Huldigung, die er ihr
schenkt. Jener Satz gilt nur bei der Sentimentalitt, welche nicht hrt und
nicht sieht, oder bei jenen kleinen Geschpfen, die ber ein geschenktes
Freibillet glcklich sind und alles, was das Theater an Illusionen bietet, fr
die Schpfung und die Bekanntschaft ihres Anbeters halten.
    Als Wally nach Hause begleitet war von ihrem Schwager und ihn noch einige
Zeit bei sich gesehen hatte, zog sie sich in ihre Gemcher zurck. Es klopfte.
Der sardinische Gesandte trat mit einem Armleuchter in ihr Schlafkabinett. Sie
erstaunte; denn solche Besuche waren ganz gegen die Verabredung.
    Was ist? fragte sie gedehnt.
    Liebes Kind, sagte ihr Gatte; mein Bruder-
    Ihr Bruder ist sehr langweilig.
    Er liebt dich; aber hre nicht auf ihn. Was ich ihm auch vorstellen mag, es
ist, wie wenn man Feuer pltzlich ins Wasser wirft; aber hre nicht auf ihn. Ich
war in meinen Briefen unvorsichtig. Er liebt dich wie eine Nebelgestalt, die man
sich aus Tuschungen zusammensetzt und die man sonderbarerweise jede Nacht
wieder vor sein Bett zaubern kann. Er schwrmte mit der Luft, er -
    Was will ich das?
    Hre nicht auf ihn! Eh' er dich sahe und Nizza nicht verlassen durfte,
irrte er in den Wldern und warf Blumen in die Flsse. Seine Neigung ist so
stark, da er jede Lebensfunktion seines Krpers mit dem deinigen verwechselt,
da er -
    Lassen Sie!
    Hre nicht auf ihn! Warum ist Cupido nur blind? Er ist auch taub, sag' ich
oft zu Jeronimo, weil er nicht hrt. Sollten seine Sinne verzaubert sein?
    Oh, Sie werden zum Schwtzer: ich glaube gar, Sie machen Verse.
    Wie ich dich liebe, Wally! Kind, diese Schere auf dem Tisch nehm' ich als
eigne Parze meines eignen Geschickes und schneide eine deiner himmlischen
Locken, um sie mit verstohlenen Kssen zu bedecken, wenn ich dich selbst nicht
habe. Gute Nacht, Wally: vergi ihn, hre nicht auf ihn!
    Was sollte Wally denken? Der Gesandte hatte ihr eine Locke genommen. Welche
Zrtlichkeit! Zu dieser Stunde, wo sie ihn nie sah. Sie erbleichte, denn jetzt
war ihr dieser Mann erst im Lichte eines Gatten erschienen. Welch ein Bild! Ein
Narr! Eine schwerfllige Gestalt! Ein Ungetm, das einen falschen Bart trug! Ein
Geizhals, der selbst an Worten sparte und nie umsonst redselig war! Eine
hlflose Phantasmagorie, die ein Licht in der Hand hielt und vor ihr stand,
leibhaftig, als htte sie einen Mann in den Vierzigen vor sich gesehen! Sie
wischte an ihrem Antlitz, das er berhrt hatte. Sie lftete das Bett, um es von
den unkeuschen Worten zu reinigen, die hineingefallen waren, denn es stand
offen. Sie begriff jetzt erst die Lage, in der sie sich befand, da sie seit
vier Monaten an einen Mann verheiratet war, den sie nicht kannte. Sie msse
fliehen! schrie es unhrbar in ihr auf, und erst als sie ber die Mittel, diese
Torheit zu begehen, nachdachte, schlief sie ein.

                                       6


Am folgenden Morgen bot sich Wally sogleich eine Ursache zur Verstimmung an, als
wenn sie die Erinnerung des gestrigen Abends nicht gehabt htte. Sie hrte im
Nebenzimmer das zufllige Gesprch zweier Leute ihrer Bedienung, die sich ber
den Geiz und die Geldspekulationen der Herrschaft beklagten. Sie staunte ber
das konomische Talent ihres Mannes, der mit Milch gehandelt und Bier gebraut
haben wrde, wenn er in Paris zufllig die Anstalten dazu gehabt htte. Nach
jedem Diner lie der Gesandte die Weinreste zusammengieen und fhrte seine
Bedienten selbst an, wie sie von den Leuchtern die Kerzen nehmen und sie zum
Lichtgieer tragen muten, der sie gegen brauchbares Wachs eintauschte. Wally
verstand viel zu wenig von solchen Dingen, als da sie ihnen eine rechte
Wrdigung htte geben knnen. Sie fhlte ein allgemeines Mibehagen ihrer Seele,
das sie verhinderte, diesmal das Lcherliche an dem Geize ihres Mannes zu
entdecken. Es war eine gefhrliche Stimmung, in der sie an Csar schrieb.
    Als sie den Brief beendet hatte und sah, wie nur Kleinigkeiten der Pariser
Konversation, satirische Bagatellen und viel Albernheiten aus ihrer Feder
geflossen waren, da hatte sie bessre Laune bekommen. Sie freute sich, in Csar
einen Mann gefunden zu haben, bei dem der Ernst sich hinter so vielem Scherz
verstecken durfte, der nicht pedantisch war und vom Gefhl keine berflutungen
verlangte. Das Gefhl war einmal da, nicht in Gestalt einer das Herz
betreffenden Empfindung, sondern in Gestalt einer Tatsache, der sich keine
andere Auslegung als die einer Neigung geben lie. Wally liebte jetzt Csar
wahrhaftig, ohne sich darber ein Gestndnis zu machen. Sie hatte sich ihm auf
ewig durch jene mystische Szene verpflichtet. Und doch war es weder Scham, was
sie an ihn fesselte, noch der Gedanke, ihn besitzen zu wollen. So viel Unschuld
bei so vieler Freiheit!
    Als Jeronimo zu ihr eintrat, konnte sie mit Lachen seinen heien
Liebesbewerbungen zuhren, so heiter war sie. Jeronimo machte eine Miene, als
wre ihm ein groes Glck widerfahren, als htte, er ein Unterpfand, das ihn
gegen Wallys Scherze sicherte. Sie sagte ihm: Wie tief sind wir doch schon in
den Wahnsinn der Liebe versunken! Bart, Kleidung, alles seh' ich heute an Ihnen
vernachlssigt! Sie gleichen jenen Shakespeareschen Liebenden in seinen
Lustspielen, die so jmmerlich von dem Schmerz ihrer Brust verzehrt sind und, je
verliebter sie werden, desto lnger ihre schwarze Wsche tragen. Und vor acht
Tagen sahen wir uns zum ersten Male.
    Vor sechs Monaten, entgegnete Jeronimo.
    Wie, Sie kennen mich lnger?
    Lnger, als Sie leben, Madame! Ich kannte Sie schon, als Sie nur noch ein
Gedanke waren, der im Schoe Gottes schlummerte. Meine Liebe zu Ihnen ist nur
die Erinnerung eines alten Glckes. Diese schwellenden Lippen, diese jetzt so
sprde Brust: ich wei es, ich habe sie schon einmal gekt, ich habe sie schon
einmal umarmt.
    Fabelhafte Dinge mu ich hren, Jeronimo. Was wrde die Vikomtesse von
Hericourt denken, wenn Alfred Jardinier, dieser brgerliche, aber liebenswrdige
Anbeter, ihr solche Dinge sagte.
    Lasen Sie Plato, Madame?
    Nein!
    Die Seelen meiner Person und der Ihrigen, Wally, sollen einem Scho
entsprossen sein. Die Bilder und Urtypen unsrer Persnlichkeit kannte schon die
Ewigkeit, und was wir Liebe nennen, ist nur ein Tribut, den wir unsrer
Vergangenheit, unserm Gedchtnisse und unsern frher eingegangenen
Verpflichtungen schuldig sind.
    Sie werden mich berreden wollen, da Sie urweltliche Rechte auf mich
haben; da Sie diese Hand, welche Sie mir fr eine Zrtlichkeit viel zu heftig
drcken, schon vor der Sndflut besessen haben. Sie tun Unrecht, eine so kleine
Frau, wie ich bin, in die groen Hallen der Philosophie einfhren zu wollen.
    Was Philosophie, Wally! Im Schoe Gottes trugen Sie einst dieselben gelben
Pantoffeln, mit welchen Ihr Fu noch jetzt so reizend kokettiert.
    Mit all Ihrer Philosophie sind Sie doch im Irrtum ber die gelben
Pantoffeln. Es sind Schuhe, mein Herr; ich erwarte nun von Ihnen, da Sie sie zu
binden versuchen. Machen Sie es ordentlich, und vernachlssigen Sie mir knftig
lieber den Plato als Ihre Toilette, die ganz geschmacklos ist.
    Whrend die Situation, die jetzt folgte, noch nicht beendigt war, trat ein
Diener ein und zeigte an, das Cabriolet Jeronimos sei vorgefahren. Sie nahm
ihren Schal, klagte viel darber, da er mit nichts umzugehen wisse, und stieg,
sich auf ihn sttzend, die Treppe hinunter. Jeronimo fate selbst die Zgel des
Pferdes und lenkte das gebrechliche Fahrzeug mit einer Ungeschicklichkeit, die
Wally nicht erschreckte, da sie davon nichts verstand. Sie fuhren durch die
Boulevards. Jeronimo wollte fahrend sprechen. Er hrte nicht auf, den Scho
Gottes im Mund zu haben. Wally hielt ihm diesen wahnsinnigen Mund zu; er bersah
sein Pferd und rannte bei der Porte St. Martin so heftig in die Kutschen der
Schauspielerinnen hinein, die vor der Tr des Theaters, wo eben Probe war,
hielten, da seine Bemhungen, sich herauszuwickeln, vergeblich wurden. Die
Peitsche brauchte er nur zu seinem Migeschick. Das Pferd bumte sich und hob
die Gabel des kleinen Wagens so hoch, da die beiden darinnen rcklings
berfielen und Gefahr liefen, aus ihrem Sitze herausgeschleudert zu werden. Hier
mute ein Unglck geschehen.
    Wally verlor einen Augenblick lang die Besinnung. Als sie wieder im
Zusammenhang der schrecklichen Szene war, sahe sie den Wagen aus jener
Verwirrung herausgefhrt und das Pferd von einem Manne beschwichtigt, in welchem
sie zu neuem Schreck Csar erkannte. Gott, jetzt fiel es ihr ein, sie hatte ihn
schon zwei-, dreimal heute an dem Rande der Boulevards gesehen. War er es
gewesen, so konnte die Rettung kein Wunder sein. Er mute sie verfolgt und den
Augenblick der ntigen Hlfe wahrgenommen haben.
    Jeronimo staunte, wie er bei der weiten Fahrt statt Vorwrfe von Wally nur
Scherz und Lachen vernahm. Er stotterte Bitten heraus, die sie nicht verstand.
Sie war auer sich vor Entzcken. Jeronimo wute sich nichts zu erklren und
eilte, ihrem Wunsche nachzukommen. Sie wollte nach ihrer Wohnung zurck.
    Wally stand den ganzen Vormittag wie auf Kohlen. Sie kam nicht vom Fenster,
weil sie jede Minute hoffte, Csar an dem Torwege zu sehen. Sie nahm mechanisch
an der Mittagstafel teil, ging nicht ins Theater; aber Csar kam nicht. Jetzt
erst fiel es ihr ein, da sie sich getuscht haben konnte, und rief einem ihrer
Leute, den sie unverzglich zu Herrn von Werther, dem preuischen Gesandten,
schickte, um ber ihren Anblick Gewiheit zu haben.
    Der Bote brachte die vernichtende Nachricht, Csar htte sich seit lnger
als vier Wochen in Paris aufgehalten und habe seinen Pa zur Abreise bereits
zurckgenommen.
    Wally blieb stumm vor Schmerz. Sie hielt das erblate Haupt auf der
krampfhaften Hand gesttzt und gerann in Eis statt in Trnen. Womit hatte sie
diese Demtigung verdient! Sie kannte Csar genug, um zu wissen, wie dieses
Betragen mit seinem Wesen zusammenhing. Ach! auch dies nicht ganz so wunderbare,
wozu Csar es machen wird, Begegnen an der Porte St. Martin, sagte sie vor sich
hin, wird er wie eine Romanenepisode nehmen, um sein ewiges Selbstennui, seine
hypochondrische Qulerei damit zu wrzen und aufzustutzen.
    Wally seufzte tief auf und durchma mit Verzweiflungsschritten ihr Zimmer.
Es schien ihr der herbste Schlag, der sie treffen konnte. Das Gehen machte sie
ruhiger. Sie setzte sich, und jetzt erst konnte sie weinen.
    Womit verdient' ich das? war ein erstickter Ton ihrer Stimme. Woran dachte
sie jetzt! Was hatte sie alles getan, um ihm eine Liebe zu zeigen, an die er, an
die sie nicht glaubte und die sich doch so unvertilgbar in ihre Herzen
eingenistet hatte! Womit verdient' ich das? Unglckliche Wally! Was hattest du
nicht dem Egoismus eines Mannes geopfert? Du gabst ihm deine Seele, deine
Gedanken, deine Scham, alles, was du auer dem armseligen Stand der Verheiratung
hattest; und dies alles dem Egoismus, dem Lcheln, vielleicht dem Verrat? Oh,
das wre entsetzlich, schrie sie auf; dem Verrat? Das nicht, Wally! Aber sein
Herz ist kalt, er lebt nur von Gefhlen, die er raffinieren und filtrieren kann,
er trotzt gegen sich selbst; du bist die Leiche, die er mit Fen tritt. Wally!
Wally! Ihr Blick fiel auf den noch offenen Brief, den sie an ihn geschrieben
hatte. Welches Vertrauen, welche Harmlosigkeit! Wie treue, kindische Worte! Wie
alles so selig, so unbewut verbrecherisch, so s in etwas, was zuletzt immer
eine bertretung ihrer Pflicht war! Sie hatte ihm alles gegeben! Sie weinte;
ihre Gedanken schwammen fort auf ihren nassen Augen, ihr Bewutsein sank hin in
eine allgemeine Erschpfung, in eine Ohnmacht, die von einem hitzigen Fieber
abgelst wurde. Sie sollte erst nach langer Zeit von diesem Schmerze erwachen.

                                       7


Drei Wochen hindurch war der Wchter: Bewutsein vom Tore der Vernunft
verschwunden. Die Gedanken Wallys waren freigegeben, das Dach stand offen, jedes
Auge konnte in das glhende Hirn hineinsehen und die Verwirrung der Ideen mit
seinen Blicken verfolgen. Da lagen sie alle, die wie ein Kapital angelegten
Eindrcke der Vergangenheit, ohne die lachenden, frhlichen Zinsen des Umgangs
und des Bewutseins zu tragen; nackte Leiber, die des bunten Gewandes der Rede
ermangelten, Ideenembryone, so grulich anzusehen wie die Infusorien, die man
durch Vergrerungsglser in einem Wasserglase unterscheidet. Die Erinnerungen,
Ideen und Ideenschatten jagten sich untereinander und gingen wahnwitzig
lcherliche Bundsgenossenschaften ein und fraen sich untereinander auf wie
Ungetme, denen die Gestalt, die Schnheit, die Freiheit des Willens und das
Wort fehlt. So lag Wally drei Wochen.
    Als sie zum ersten Male die Augen mit Bewutsein aufschlug, erblickte sie
Auroren und fragte nach allem, was seither geschehen wre. Diese junge
berlinische Schwtzerin schlug die Hnde zusammen, setzte sich die Mtze der
Verwunderung auf und hatte viel von Wallys fieberhaften Phantasiestcken zu
erzhlen. Wally fhlte sich stark zu hren, auch stark, sich zu erinnern. Sie
wute deutlich, wer die Schuld ihres bels trug; sie ging auch bald wieder bei
diesem Gedanken in die Nebel zurck und sprach von einem Manne, der sie
gerettet, aber nicht besucht hatte.
    Aurora sprach von Jeronimo. Sie schilderte seine Verzweiflung. Er hielte
sich fr den Urheber von Wallys Leiden, er verliee das Haus nicht und wrde
durch nichts aufgehalten, Augenblicke, wo Wally schliefe, zu benutzen und in ihr
Zimmer zu dringen.
    Wer? fragte Wally.
    Jeronimo!
    Es gehrte noch Anstrengung dazu, da Wally wieder wute, warum sie nach
Jeronimo gefragt hatte. Sie verga es und rumte Aurorens Schwatzhaftigkeit das
Feld. Diese tummelte sich weidlich darauf. Sie kam immer wieder auf den
Italiener zurck, bis er selbst kam und an Wallys Bett niederkniete. Wally sahe
ihn, aber sie erkannte ihn nicht.
    Jeronimo stand bleich und hager da. Seine Wangen waren eingefallen und
abgezehrt. Die Augen blickten starr und mit einem unheimlichen Feuer. Sein
ueres war gnzlich vernachlssigt. Htte man nicht annehmen mssen, da ihn
die Trauer verhinderte, Sorgfalt auf sich zu verwenden, so wrde man zu dem
Glauben gezwungen gewesen sein, seine Erscheinung sei die Folge der Armut. Er
sprach italienisch; Aurora verstand nichts davon, zu seinem Glcke; denn htte
sie es verstanden, wie wrde es ihr entgangen sein, da Jeronimos Reden einen
bedenklichen Geisteszustand verrieten?
    Wally verstand wohl die wahnwitzigen Worte an ihrem Bett, aber sie wute
nicht, von wem sie kamen. Und htte sie es gewut, so wrde sie sogleich auf den
Zustand reflektiert haben, den sie soeben von sich selbst erfahren hatte. In der
Tat, sie verwechselte auch den Wahnsinn, den sie hrte, mit dem, welcher sie
selbst beherrschte, und flehte unhrbar, ihr nichts zuzurechnen von der
Verwirrung, die aus ihrem bewutlosen Haupte entsprang. Jeronimo kte ihre
Hand. Sie erkannte ihn nicht, als er wie ein Gespenst von ihrem Lager
fortschlich.
    Benutzen wir den Augenblick, wo der Faden unsrer Erzhlung gehemmt ist durch
das Schicksal ihrer Heldin, die sonderbare Erscheinung Jeronimos und das
Verhltnis zu seinem Bruder nher zu erklren. Jeronimo ist eine widerliche
Strung dieses Berichts. Wallys unbertreffliche Originalitt, das bunte
Farbenspiel ihrer Laune verdiente wahrlich nicht, von so fratzenhaften
Verrckungen menschlicher Gefhle und Verhltnissen, wie wir sie kennenlernen
werden, paralysiert zu werden.
    Luigi und Jeronimo hieen die beiden Brder, welche uns bis jetzt nur in so
nebelhaften Umrissen erschienen sind. Jener war der ltere, dieser der jngre;
beide an Jahren so verschieden wie an Gestalt und Gemtsrichtung. Luigi ein
praktischer Egoist, Jeronimo ein exzentrischer Schwrmer, dort das drohende
Extrem der Bosheit, hier des Wahnsinns. Beide Brder hatten zu gleichen Teilen
ein groes Vermgen geerbt; aber verschiedenartig war der Gebrauch, den sie
davon machten; Luigi geizte, Jeronimo verschwendete. Luigi traf in Jeronimos
sanfter Gemtsstimmung keinen Widerstand, als er ihm bei den Verschleuderungen
seinen Rat anbot und sich fr bereit erklrte, die Verwaltung seines Vermgens
zu bernehmen. Die Verantwortlichkeit machte Luigi schlecht. Immer im Harnisch
gegen Jeronimos Unbesonnenheiten, lngst gewohnt, ihn wie ein Zuchtmeister
seinen Gefangenen zu behandeln, immer in der Illusion, da er das Gute, Noble
und Ehrliche tte, whrend er doch nur das Kluge und Ntzliche tat, nahm er
seine eigne Verfahrungsweise wie etwas Notwendiges und gewhnte sich daran,
Dinge als sein Eigentum zu betrachten, fr welche er zuletzt wirklich einstehen
mute. Diese Verwechselung war leicht gemacht und artete in dezidierte
Schlechtigkeit aus. Es galt nicht mehr, da Luigi fr all die Torheiten, die
Jeronimo beging und unschdlich machen mute, sich schadlos halten wollte, da
er durch die Verwendungen, die er berall versuchte, als Jeronimo ins Gefngnis
geworfen wurde wegen Karbonarismus, ein Recht ber des jngern Bruders Leib und
Leben zu haben sich berredete, sondern bald wurde es Ziel und Plan bei ihm,
einen Menschen, dem nicht zu helfen war, gnzlich zu unterdrcken und das
Vermgen an sich zu ziehen, welches Jeronimo noch besa und mglicherweise auf
irgendeine seiner flchtigen Neigungen vererben konnte.
    Von einer neuen Torheit, die Jeronimo beging, wute Luigi erst kaum, wie er
sie behandeln sollte. Er hatte ihm von Wally geschrieben, von ihrer Jugend und
Schnheit.
    Jeronimo bat ihn, nichts von ihren Reizen zu bergehen. Luigi fhrt in
seinen Entzckungen fort, und Jeronimo schwrt ihm in einem Briefe, da Wally
nur fr ihn bestimmt wre. Lcherlicher Einfall! sagte Luigi, als er am Tage
seiner Hochzeit diesen Brief empfing. Aber Jeronimo hrte in seinen Grillen
nicht auf. Er drohte, noch in Haft befindlich, die er sich durch eine
unbesonnene Ttung zugezogen hatte, mit dem uersten. Die Idee schien fix bei
ihm geworden zu sein. Es ist nicht unmglich, da man in ein Bild sich verlieben
kann. Arme Wally! Mute deine glatte, stille, liebliche Seele, dein nchternes,
von allem Exzentrischen abseites Leben in solche Strudel gerissen werden?
    Luigi wute, da sein Bruder nach Paris kommen wrde. Er hatte ein Mittel
gegen ihn und scheute sich nicht, da er sahe, welchen Eindruck Wally auf
Jeronimo machte, es in Anwendung zu bringen. Was war ihm Wally? Welche Gensse
gewhrte sie ihm? Und doch war er nicht so niedrig, sie an seinen Bruder
gleichsam verkaufen zu wollen; er war mehr bs als gemein, mehr europisch
schlecht als italienisch ordinr. Er wollte Jeronimos Neigung im Schach erhalten
und davon Gewinste ziehen. Sein Geiz sahe mit Schrecken, wie des Bruders
Vermgen in den durstigen Sand der Pariser Vergngungen und Ausschweifungen
verrinnen wrde. Er sahe schon tausend Arme geffnet, tausend Zrtlichkeiten als
Falle gelegt, er zitterte vor dem weiten Meere, dessen Abgrund bald Jeronimos
Erbe verschlingen mute. Er wollte es retten. Er wollte es absorbieren, erst,
wie er glaubte, um es zu bewahren, dann, um es nie wieder herauszugeben. Wally
mute zu diesem Zwecke dienen. Ihre Koketterie mute Jeronimo fesseln und
unglcklich machen. Luigi arbeitete planmig, um das Hirn des Bruders zu
verrcken. Er brachte Gre, Zrtlichkeiten, Locken und zwang den Glcklichen,
von Wally sich immer wieder enttuschen zu lassen. Jeronimo war schwach, ein
Kind, eine tote Hand seines Vermgens. Luigi eignete sich alles zu. Wer kann
zweifeln, da Wally imstande war, durch ihre unzhligen kleinen
Charakterlosigkeiten einen Mann zu vernichten? Sie tat es, ohne darum zu wissen.
Sie wurde unbewut das Werkzeug einer nichtswrdigen Intrigue.

                                       8


Jeronimo hatte frher eine glnzende Wohnung besessen, jetzt mute er sich
einschrnken. Er trat in Paris mit all dem Glanze auf, der der Wiederschein
seines Vermgens war; jetzt hatte ihn eine unglckliche Leidenschaft so gebeugt,
da er nicht einmal das Schmerzliche seiner gegenwrtigen Lage empfand. Er
dmmerte in seiner Idee hin. Er gab alles seinem Bruder, seitdem er keine
Bedrfnisse mehr kannte. Sein ganzes Vermgen wurde Luigi verschrieben.
Zuweilen, am frhsten Morgen, wenn noch keine Seele auf der Strae war, besuchte
ihn dieser und stieg die vier Treppen hinauf, ber denen Jeronimo wohnte. Denn
er wollte nicht, da sein Bruder irgendeinen Groll gegen ihn fate. Er gab sich
immer das Ansehen, als sorgte er vterlich fr den Verlassenen, als bewahre er
ihm seine Glcksgter, die in seiner trben Seelenstimmung ihm doch eine Last
sein wrden. So hatte er auch eines Morgens bedchtig an die Tr der kleinen
Kammer gepocht, welche Jeronimo bewohnte. Er trat hinein und fand seinen Bruder
lang ausgestreckt auf einem schlechten Bett, dessen er sich als eines Sofa
bediente. An den kahlen Wnden hingen einige schlechtgemalte Heiligenbilder. Auf
den Kissen rings lagen die zerstreuten Bestandteile einer ganz mangelhaften
Toilette; auf dem Tische einige Bcher, die mit Staub bedeckt waren und deshalb
ahnen lieen, da Jeronimo noch aus sich selbst Trost und Unterhaltung schpfen
konnte.
    Als Luigi eintrat, sprang sein verlassener Bruder auf, grte mit einer
mechanischen Hflichkeit, fr welche er selbst keinen Grund wute, rumte
schnell einen Stuhl ab und schob ihn zurck, um seinem Besuche Platz zu machen.
    Ist sie wohl? war seine erste Frage. Luigi bejahte sie mit dem Lcheln
eines Mannes, der hier gleichsam sagen wollte: Es hngt alles von dir ab! oder:
Du kannst Vorteil davon ziehen!
    Aber Jeronimo war nicht so starken Glaubens. Sie liebt mich nicht! rief er
aus, sie ist grausam und kalt! Man sieht, da ein solches Herz nur im Norden
geboren werden konnte.
    Was hngst du auch, mein Sohn! entgegnete Luigi, dieser Grille nach?
Warum sich einer Leidenschaft hingeben, welche ohne alle innere Begrndung ist
und die nur dazu dient, dein ganzes Leben zu verwirren?
    Sie lt mich nicht mehr vor!
    Du zwingst sie dazu; denn Sie liebt mich von Herzen. Was richtest du an! Du
bist in der glnzendsten Lage, bist reich, jung, hast eine ausgesuchte Bildung;
warum entziehst du dich der Gesellschaft? Warum diese schlechte Wohnung, die
dich um deine Annehmlichkeiten und mich um meinen Kredit bringt? Warum dieser
vernachlssigte Aufzug, welcher eher dem eines Industrieritters und
Bankeruttiers gleicht als dem Range und dem Geiste, den du besitzest?
    Du bist sehr boshaft, Bruder! sagte Jeronimo, den ein Vernunftfunke
durchleuchtete. Wenn ich mich vernachlssige, so bist du schuld daran, meine
Liebe wahrlich nicht, welche nur dazu dient, das Unglckliche meiner Lage mich
weniger herb fhlen zu lassen. Wer spiegelt mir die Ungeheuern Verluste vor, die
mein Vermgen soll erlitten haben?
    Ungerechte Beschuldigung!
    O sieh, Luigi! ich blicke tief in dein Inneres. Dein Geiz ist die
Triebfeder deiner Schlechtigkeit. Du hast dir immer das Ansehen gegeben, mein
Beschtzer zu sein, und wahrlich, du machtest dich vortrefflich dafr bezahlt.
Ich wrde wahrhaftig keine deiner ehrlosen Intriguen zugeben, Mann, wenn ich mir
Besonnenheit und Festigkeit des Willens in meiner jetzigen Lage erhalten htte.
    So ungerecht sprichst du zu einem Bruder, der fr dich sorgt, Jeronimo? Der
niemals in dieses verfluchte Schmutznest tritt, ohne von den Geldrollen in
seiner Tasche einen schweren Tritt zu haben. Wann komm' ich leer? Ich biete dir
alles an: ich beschwre dich anzunehmen. Auch jetzt: siehe! nimm! aber wache
ber deine Ausdrcke, die mein Herz verwunden und der Welt Veranlassung zu einem
falschen Urteil geben knnen.
    Oh, damit schlferst du dein Gewissen ein, mit diesen Geldrollen, welche
hier liegen und von mir nicht geachtet werden, weil ich keine Bedrfnisse mehr
habe! Man hat gut von Reichtmern zu einem Manne reden, der das Gelbde der
Armut ablegte. Was frchtest du wohl mehr, Prahler, als meine erwachende
Lebenslust? Sie kann niemals kommen, Glcklicher! Du siehst mich dem Tode
entgegenreisen und hoffest, bald der Sorge um einen Menschen enthoben zu sein,
von dem ich selbst gestehe, da er fr menschliche Berhrungen und das im Dasein
Gewhnliche kein Kettenglied mehr ist. Du aber warst es, der mich um Wally
betrogen hat.
    Lenk' ich die Neigungen dieser schwer zu zgelnden Frau?
    O Mensch, Bruder, du warst auch als Gatte schlecht genug, mir Hoffnungen zu
machen.
    Verchtlicher! rief Luigi und sprang vom Sitze auf.
    Oh, setze sie vor dein kahlgewaschenes Antlitz, die Maske der Entrstung!
Dein Weib mute der Blitzableiter meiner gewitterdrohenden Neigungen und der
Hagelwetter werden, welche mein Vermgen ruinieren konnten. Dein Geiz sah alles
vorher. Ein teuflisches Spiel hast du mit mir getrieben. Zu den Beleidigungen
fgtest du noch meine Entnervung, meine Unfhigkeit, mich fr sie zu rchen,
hinzu!
    Und das sagte Jeronimo mit Recht. Denn wie richtig er auch das Benehmen
seines Bruders, diese Manier, ihn zu beobachten und in der Hand zu haben,
durchschaute, so war er doch in seiner Willenskraft wie gelhmt. Eine
unerwiderte Neigung hatte ihn zu Boden geworfen. Er war keines Entschlusses
fhig, wenn sein Bruder so schlecht handelte, ihm wieder eine neue Hoffnung zu
machen. So lchelte Luigi auch hier, nahm die Geldrollen und lie, indem er sie
einsteckte, wie zufllig die Schleife eines blauen Damenkleides aus ihr
herausfallen. Jeronimo fing sie auf und prete sie an seine Lippen. Sie war von
Wally, ein Raub in derselben Art, wie ihn ihr Gatte oft mit verstellten
Zrtlichkeiten beging. Whrend Jeronimo im Entzcken dieses Besitzes schwelgte,
fand Luigi Mue, sich ohne Gerusch zu entfernen.
    Als er dicht bei seinem Hotel war, ffnete sich die Tr desselben, und einer
seiner Bedienten trat heraus, ohne ihn zu bemerken. Ein junger Mann sprang auf
den flchtigen Burschen zu, hielt ihn an und fragte ihn dringend, indem er etwas
durch Geld belohnte, was noch kommen sollte: Ist die Grfin zu Hause?
    Ich glaube nicht.
    Sei aufrichtig: ich mu es wissen!
    Sie ist bei der Vicomtesse von Hericourt.
    Dort kann ich sie nicht sprechen. Sie war krank?
    Wer? Die Grfin? Freilich; sie ist vor einer Woche vom hitzigen Fieber
genesen.
    Gerechter Gott! Wie lebt sie denn im Hause? Hat sie viel Vergngungen?
    Sie wissen wohl, hierin lt sie sich nichts entgehen. Sie glauben, Herr
Baron, ich kenne Sie nicht? Wie oft waren Sie bei der Grfin, als ich noch mit
ihr Mange ritt.
    Du kennst mich? Sage ihr nicht, da du mich gesehen hast: morgen aber
hilfst du mir, sie ohne Zeremoniell und weitlufige Anmeldung sprechen zu
knnen!
    Der Gesandte sah dem forteilenden Fremden nach. Er erkannte ihn als einen
Deutschen, dem er frher begegnet sein mute. Der Bediente gab ihm den Namen an;
doch hatte er nie gewut, da dieser mit Wally in einer Verbindung gestanden
htte. Er trat in sein Hotel.

                                       9


Am folgenden Morgen, als Wally sich noch in den ersten Umrissen ihrer Toilette
befand und im neusten Hefte der Revue de Paris bltterte, wo sie durch die
Schwrmereien eines franzsischen Gelehrten ber deutsche Zustnde, die er aber
falsch verstanden hatte, sehr belustigt wurde, ri eine unangemeldete Hand die
Tr ihres Zimmers auf und strzte mit einem freudigen Grue zu Wallys Fen.
    Sie war bleich vor Schrecken, als sie es dulden mute, da Csar sie
strmisch in seine Arme schlo und ihre Hand mit seinen Kssen bedeckte. Meine
Wally! war der einzige Ausruf, der ber seine bewegten Lippen dringen konnte.
Wally zitterte vor Schrecken und Freude. Auch sie konnte keinen Ausdruck finden.
    So saen sie sich eine Weile stumm gegenber; aber ihre Blicke sprachen mit
feurigen Zungen und hatten tausend Dinge zu gleicher Zeit zu fragen und
mitzuteilen. Dein Tschionatulander! sprach dann Csar mit holdseliger Ironie.
Wally errtete und barg ihr glhendes Antlitz vor Scham an seine Brust.
    Sie mssen mir diesen strmischen Angriff verzeihen! fuhr dann Csar fort.
Ich habe viel bei Ihnen gutzumachen und will es durch Dinge, welche fr Sie von
Wert sind.
    Sie haben vor zwei Monaten mir das Leben nur gerettet, um es mir zu
nehmen! sagte Wally.
    Ich wollte Sie nicht besuchen. Ich vermied Sie. Warum?
    fragen Sie mich! Ich wei es nicht. War ich stolz, beleidigt? Nein: es war
lcherlich; aber Sie kennen mich, Wally, wie schwierig ich zu behandeln bin. Ich
lasse immer auf eine Liebenswrdigkeit zehn unertrgliche Torheiten kommen.
    Liebenswrdigkeiten! Unertrglich! Torheiten! Oh, alles, wie sonst - mein
Csar!
    Meine Wally! Aber Sie schweben in einer unvermeidlichen Gefahr, aus der ich
Sie retten mu. Ihr guter Ruf ist bedroht. Sie verdanken das Ihrem Manne. Welche
Leute kommen in Ihr Haus?
    Wally hatte nicht viel Gehr fr diese Worte, fr den Inhalt nicht, nur fr
den Schall, den sie an Csars Munde verfolgte. Wenn die Wrterbcher es
erlauben, sich so auszudrcken, so wollte sie ihn nur sprechen, nicht reden
hren.
    Nein, in der Tat, Wally! Wer ist dieser Jeronimo? Alle Welt spricht davon.
Es ist unmglich, da Sie Anteil an dieser Intrigue haben. Sie kmmt allein auf
Rechnung Ihres Mannes.
    Wally lchelte nur und weidete sich an dem Anblick.
    Nein, bezaubernd sind Sie, Wally! grollte Csar mit komisch-weinerlicher
Stimme; aber so hren Sie doch und gehen Sie auf etwas ein, das Sie
interessiert.
    Csar mute sie wecken, mit Kssen wecken aus ihrem Rausche. Er mute Auge
an Auge, Stirn an Stirn legen, jeden Zug in Wallys Antlitz bannen, um sie in
seiner Gewalt zu haben und seinen Worten Eingang zu verschaffen. Wally tat noch
immer nichts, als in einer gewissen gemachten Abwesenheit von unten herauf mit
einer halben Wendung ihres Kopfes, mit klugen und verdchtigen Augen an ihn sich
hinaufschmiegen und das kssen, was sie grade traf, Auge, Mund, Nasenflgel. Man
mu lieben, um diesen malerischen Gestus der Zrtlichkeit zu verstehen.
    Wally!
    Csar!
    Wer ist Jeronimo?
    Ein Narr.
    Der Bruder Ihres Mannes?
    Der Bruder meines Mannes.
    Er liebt Sie.
    Er liebt mich.
    Er ist wahnwitzig.
    Er ist wahnwitzig.
    O, Wally! Wally!
    Was soll ich nur? Warum inquirieren Sie mich?
    Man behauptet, Jeronimo wrde mit Vorspiegelungen von Ihnen hingehalten,
whrend Ihr Mann die Zeit benutzt, seinen eigenen Bruder auszuziehen.
    Aus der Komdie! Ein Roman von Eugene Sue, Balzac, Victor Hugo; was soll
ich lesen? Raten Sie mir: ich verwildre ganz, Csar.
    Keine Fabel, nein! Im Hotel des sardinischen Gesandten plndert man die
unglcklichen Liebhaber.
    Und die glcklichen, Csar, sind langweilig.
    Und die glcklichen Liebhaber, Wally, wollen nicht, da ihr Idol ein
Gegenstand der allgemeinen Beschimpfung ist.
    Wer beschimpft mich?
    Ihr Mann!
    Nun, so mssen Sie mich wieder reinwaschen.
    Das will ich; aber -
    Aber -
    Geben Sie mir Aufschlsse, Data, Erklrungen. Wer ist Jeronimo? Was will
er? Was hat er? Ahnten Sie nichts? Teilen Sie die Schuld Ihres Mannes?
    Gott, so hren Sie auf, Csar. An diesen Sachen nehm' ich keinen Teil. Ich
habe ja an Ihnen genug, Csar; ich lasse Sie nicht. Reden Sie von der
Vergangenheit, von Ihren Lebensschicksalen, von unsern Freunden. Kein andres
Wort, oder ich verlasse Sie im Augenblick.
    Csar begriff diese Grillen nicht. Verdiente er, so geliebt zu werden!
    Nun dann! sagte er lachend und rgerlich zugleich und begann, auf die
Themata einzugehen, welche Wally entzckten. Bis zur Mittagszeit konnten sie
ber diese Dinge sprechen, ja noch in der Loge des Theaters, und nach dem
Theater bis tief in die Nacht hinein.

                                       10


Endlich hatte Wally den Zusammenhang ihrer huslichen Verhltnisse erfahren.
Csar war unermdlich, den Ruf seiner Freundin wiederherzustellen und die
ffentliche Meinung ber sie zu berichtigen. Sie dankte ihm dafr nicht einmal;
denn sie lebte gar nicht in bezug auf diese unwrdigen Dinge, weil sie weder von
ihnen eine Vorstellung hatte noch sie fr wert einer Aufmerksamkeit hielt, die
grer gewesen wre als die vollstndige Erschpfung ihres Verhltnisses zu
Csar.
    So verflossen einige fr sie unersetzliche Tage. Wally duldete nicht, da
irgend etwas sie im Genusse derselben strte. Sie gab sich wenigen Besuchen
preis. Die meisten wies sie ab, vor allen die Anmeldungen Jeronimos, den sie in
seinen Leiden mit einer entsetzlichen Grausamkeit behandelte. Sie trat alles mit
Fen, was nicht in unmittelbarer Beziehung auf Csar stand.
    Sie mssen mich ber diesen Unglcklichen anhren, sprach Csar einst zu
ihr. Er glaubt Rechte auf Sie zu haben und behauptet, da Sie um den Preis
seines Vermgens die seine wren.
    Wally lachte hierber, dann aber sagte sie rgerlich: Was soll ich aber
tun? Ich bin dieser Verhandlungen mde, da mir meine Lage unertrglich wird. Es
kmmt so weit, da ich jedes Mittel ergreife, Paris zu verlassen.
    Was tut Ihr Mann? Was sagt er Ihnen? Will er denn alles geschehen lassen?
    Was geschieht denn? Gtiger Himmel, so schenken Sie den Narrheiten der Welt
nicht fortwhrend Ihr Ohr. Ich bin fr Sie ohne Tadel und bedarf nicht mehr,
weil ich nur Ihnen gefallen will. O Gott! Ist je zu einem Manne so gesprochen
worden?
    Sie verwirren meinen Kopf, Wally!
    Gewi: denn der meinige ist unfhig, noch im Zusammenhange zu denken.
Wollen Sie etwas Entscheidendes tun?
    Nun?
    Befreien Sie mich aus dieser Lage! Ich gehe mit Ihnen aus Paris und kehre
niemals zurck. In der Einsamkeit will ich wohnen, selbst wenn Sie mich
verbergen mten. Hier ist die Luft verpestet. Sagen Sie alles meinem Manne. Er
ist ein Pinsel, der gar keine Rechte auf mich hat. Fort! Gehen Sie noch jetzt
hinber zu ihm.
    Als Csar mit dem Gesandten allein war, sagte er zu ihm: Mein Herr, Sie
vernachlssigen den Ruf und die Ruhe Ihrer Frau.
    In welcher Eigenschaft sagen Sie mir dies? fragte der Gesandte.
    Als Bevollmchtigter und Beauftragter Ihrer Frau, als Freund des Hauses,
dem sie angehrt, als Teilnehmer an Wallys Lebensschicksalen, die sie betreffen,
als betrfen sie mich selbst, zuletzt - wenn auch nur - als Beschtzer eines
Wesens, das unschuldig ist und nicht die Kraft hat, sich von einer Intrigue
loszusagen, in welche sie wider ihren Willen verwickelt wurde.
    Sie scheinen von den Verhltnissen meiner Frau mehr zu wissen als ich
selbst. Doch will ich ihre Mitteilungen abwarten, um mich zu irgend etwas
bestimmen zu lassen.
    Dann werden Sie freies Spiel haben, mein Herr! Wally lebt nicht mit dem,
was um sie vorgeht.
    Dann scheint es, als bauten Sie ihr eine neue Welt.
    Ja, Sie knnen so sagen, wenn Sie darunter verstehen, da ich die alte
einreien werde. Was knnen Sie tun, um Ihrem Bruder seinen Verstand
wiederzugeben und die Reichtmer desselben, welche Sie sich das Ansehen geben,
mit Ihrer Gattin zu teilen? Sie wagten es, eine himmlisch reine Seele zu
beschmutzen. Sie wagten es, das Leben eines Bruders methodisch zu untergraben.
Gegen das letzte werden die Gesetze auftreten, gegen das erste aber Gesinnungen,
die sich weder widerlegen noch bestechen lassen.
    Aber auch gegen diese tugendhaften Gesinnungen wird es Gesetze geben; denn
Sie wissen, da diese Art Tugend nicht berall am Orte ist.
    Die Gesetze werden zu spt kommen.
    Wie sollten sie von Ihnen vereitelt werden?
    Durch die Entfhrung Ihrer Frau, die Brandmarkung Ihres Namens, durch die
Aufhebung jeder ehrlichen Gemeinschaft mit Ihnen, durch tausend Vorsprnge,
welche die Ehrlichkeit vor einem Manne voraus hat, der mit dem guten Namen
seiner Frau das Vermgen eines Bruders kauft, der zur einen Seite die Menschen
bel berchtigt, zur andern wahnsinnig macht. Wahrhaftig, ich schwre Ihnen -
    Der Gesandte trat scharf auf Csar zu und hintertrieb hiedurch das, was
dieser sagen wollte, er stie einige Drohungen aus und verlie dann mit einem
gemachten Stolze das Zimmer. Csar wollte ihm nach, aber die Tr war ins Schlo
gefallen.
    Als er in die Zimmer Wallys zurckkam und er hrte, da sie im Bade sei,
verlie er unmutig ber die verlorne Mhe das Hotel. Seine Ausdauer war
erschpft. Er war nahe daran, jetzt alles so kommen und so gehen zu lassen, wie
es ging. Aber noch an demselben Abende sollte eine Schlukatastrophe den Knoten
durchhauen.
    Jeronimos Seelenzustand war unheilbar zerrttet. Es war ihm nur noch eine
Kraft geblieben, die gefhrlichste fr seinen unzurechnungsfhigen Zustand, die
Kraft, Entschlsse zu fassen und sie um so eher ins Werk zu setzen, weil ihn
nichts in seinen Combinationen strte. Jeronimo war fast ein Bild des Todes. Das
dunkle Feuer seines Auges hatte sich selbst verzehrt, ein Bschel dnner Haare
deckte den kahlen Scheitel. In Regen und Frost stand er vor den Fenstern seiner
unglcklichen Neigung, die ihn von sich wies und den ganzen Herbst und Winter
mit ihm nicht gesprochen hatte. Dabei versagte er sich das Notwendigste. Er
schien verhungern zu wollen. Da ihn aber die Langsamkeit dieser Todesart
peinigte, so whlte er eine schnellere. Nur darum handelte es sich noch bei ihm,
wie er vor den Augen Wallys sterben sollte.
    Es war an demselben Tage, wo Csar mit dem Gesandten gesprochen hatte, als
sich in der Nachtdmmerung eine blasse Gestalt von ihrem Lager erhob, nach einem
Pistol griff und sich an den erleuchteten Husern der Pariser Straen dicht
unter den ersten Stockwerken entlangschlich. Es war ein wenig Schnee gefallen.
Die Straen waren leer, oder doch hatte alles, was auf ihnen war, Eile, sie
wieder zu verlassen. Nirgends brannten Laternen. Der Kalender hatte Mondschein.
    Jeronimo stand endlich vor dem Hotel seines Bruders. Man sah es, da dieses
Haus kein Sitz der Freude war. Nur hie und da war ein Fenster erleuchtet.
Jeronimo sphte nach dem, welches zu Wallys Schlafkabinett gehrte. Er sah es,
doch war es noch finster. Wally mute aus dem Theater schon zurck sein. Einige
falsche Akkorde auf dem Klavier drangen zu dem Ohr des Unglcklichen. Jeden
andern, dessen Geist nicht schon in wahnsinnige Erstarrung bergegangen war,
htten diese Tne dem Leben wiedergegeben. Jeronimo hatte keine Empfindung als
fr das, welches mit seinem Tode und einer Art von Rache zusammenhing. Er tat
nichts, als den Hahn seines Pistols zurcklegen.
    Jetzt schwiegen die Tne, welche nur in einem Anfalle von Zerstreuung und
zuflliger Leere des Bewutseins angeschlagen schienen. Das Schlafkabinett
Wallys erhellte sich. Jeronimo zitterte, denn nah erkannte er zwei Gestalten,
welche an den Gardinen des Fensters zuweilen wegrauschten. Bald war es nur noch
dieselbe, die zuweilen wiederkehrte. Es mute Wally sein.
    Jeronimo wollte nicht anders, als sie im Auge haben. Der Zufall war grausam
genug, hier alles zu erleichtern. Vom Vorsprung des Parterrefensters war er bald
auf das eiserne Gerst einer Laterne. Die Einschnitte an der Wand des Hauses
untersttzten ihn. Er schwang sich auf, griff mit zuckender Hand an das Fenster
und fate so viel vom Holze, da er bequem aufgerichtet einige Minuten lang
stehen konnte; er stand noch lnger; denn in so frchterlichen Augenblicken
ermdet der Krper nicht und kann das Unglaubliche leisten.
    Wally blieb drinnen an einen Pfeiler ihres Bettes gelehnt. Sie war noch
nicht ganz entkleidet; nur was an Schnren und Bndern ihre Kleider
zusammenhielt, das war gelst und machte, da sie in einer malerischen, die
Sinne verlockenden Situation dastand. Sie war sehr indifferent in ihrem Gemte,
wie es schien, und griff nach einem Buche, nach einem deutschen Buche, um sich
in Paris einzuschlfern. Da strte sie ein Gerusch am Fenster. Sie sieht auf
und erblickte durch die angelaufenen Scheiben die ganz undeutlichen Umrisse
einer menschlichen Gestalt. Sie eilt hinzu, wischt so viel von dem Tau des
Fensters ab, um ein grlich verzerrtes Antlitz wahrzunehmen, das im Nu beim
Knall eines Pistols zerschmettert ist. Sie stt einen entsetzlichen Schrei aus:
der Schu machte das Haus lebendig. Man eilt von allen Seiten herbei, dringt in
Wallys Zimmer; denn hier hatte man den Schu gehrt. Man tritt in das Kabinett
und findet Wally bewutlos am Boden liegen. Die Scheiben sind zerschmettert, und
blutige Teile eines zersprungenen Schdels liegen auf dem Fuboden.
    Wally hatte sich bald erholt. Sie besann sich auf alles; sie hatte Jeronimo
in dem Augenblicke, als das Pistol blitzte, erkannt; niemand zgerte, ihre
Vermutung zu besttigen, als man den hinuntergestrzten Leichnam besichtigte und
dem Bruder des Gesandten in ein Antlitz leuchtete, das nicht mehr da war. Aber
welch ein tiefer Abgrund ist das weibliche Herz! Wally tobte wie eine
Bacchantin. Sie lief, sie schrie, sie ri die Zimmer ihres Gatten auf, der
nirgends zu finden war. Sie verbot unter jeder Bedingung, den entsetzlichen
Leichnam in das Haus zu tragen. Wre Jeronimo nicht tot gewesen, jetzt htte sie
ihn umbringen knnen. Sie rief nach Csar. Bedienten eilten fort; man traf ihn
nicht. Sie schickte zwei-, dreimal. Zuletzt lie sie ihm sagen, da er am
folgenden Morgen um sechs Uhr reisefertig in ihrem Hotel eintreffen sollte.
    Hier war kein Besinnen, kein Abraten mehr mglich. Alles mute Hand anlegen,
um ihre Sachen zu ordnen und das Ntigste auf den Reisewagen zu packen, der
unter den Torweg gezogen wurde. Die Post wurde zur Minute bestellt. Wally war
wie verzaubert. Sie befahl, majesttisch, kalt, nordisch, wie eine
Alleinherrscherin Moskoviens. Bis tief in die Nacht war sie mit diesen
Zurstungen beschftigt.
    Sie hatte in halbem Schlummer gelegen, als sie in der Frhe aufwachte. Das
blutige Ereignis hatte sie vergessen; nur ihr Entschlu beschftigte sie. Csar
erschien, ganz verstrt. Sie blickte ihn forschend an, sie befahl. Er begriff
nichts, er frug nicht, er folgte willenlos. Unten im Torweg war alles noch um
den Wagen beschftigt, sie zitterte vor rger, da hier noch nicht alles
beendigt war. Sie dachte gar nicht daran, bei Menschen, welche sie nie
wiedersehen wollte, einen angenehmen Eindruck zu hinterlassen. Csars Blick fiel
auf eine Blutspur, die von auen sich in den Torweg und wieder hinauszog. Er
wagte nicht zu fragen, so erschreckte ihn dies. Wally schien alles zu wissen,
und wie leichtsinnig trat sie ber das kaum getrocknete Blut, das hie und da mit
zersplitterten Knochen vermischt war!
    Erst als sie beide im Wagen saen und die Barriren von Paris im Rcken
hatten, teilte ihm Wally das Geschehene mit. Csar schauderte.


                                  Drittes Buch

                                Wallys Tagebuch

 Es ist zu spt, das Leben ihres Bluts
 Ist tdlich angesteckt, und ihr Gehirn,
 Der Seele zartes Wohnhaus, wie sie lehren,
 Sagt uns durch seine eitlen Grbeleien
 Das Ende ihrer Sterblichkeit vorher.
                                                                     Shakespeare

Die Einsamkeit meiner jetzigen Lebensweise zwingt mich, den Kreis, in welchem
ich mich bewege, nun doch auch in allen seinen Teilen auszufllen. Wie beglckt
mich Csars Liebe! Ich will aber nicht ungerecht sein gegen die Auenwelt und
mich wenigstens schriftlich mit ihr beschftigen, soweit sie ein Recht dazu hat.
Viele verdienen es, da ich auf sie achte: nicht alle. Csar sagt mir, ich wre
egoistisch gegen die Welt, er nennt mich sogar grausam. Er meint es gewi damit
aufrichtig. Ich will mich auch mit den andern beschftigen; aber schriftlich:
tglich will ich drei Vormittagsstunden darauf verwenden. Tglich -

Ob ich das Vorige ausstreiche? Fnfmal hab' ich gegen meinen Vorsatz gesndigt,
und multipliziere ich die drei vergessenen Stunden mit den fnf vergessenen
Tagen, so tat ich's fnfzehnmal. Ich schreibe ungern, denn ich denke viel
schneller, als mein bleierner Stil folgen kann. Csar sagte mir, man msse die
Menschen in ihrem ganzen Wesen anatomieren. Dadurch lerne man und vergnge sich.
Csar hat immer recht.
    Ich will einige meiner alten Freundinnen zu schildern suchen. Ich
vernachlssige alle; wenn ich sie sehe, zeig' ich ihnen, was ich von ihnen
schrieb und da ich sie doch liebe. Ich will Delphinen charakterisieren, sie ist
so verschieden von mir.
    Delphine gefllt, ohne schn zu sein. Man kann ihr nicht einmal einen
ausgezeichneten Wuchs zugestehen, nur ihre Haltung, ihr schwebender Gang kann
den Mann veranlassen, auf sie zu achten. Sie trgt sich mit erstaunenswerter
Einfachheit. Ihr Haar ist gescheitelt; ein weier Kantenstrich, wie man ihn
unter Hten trgt, hebt diese Einfachheit zu dem lieblichsten Eindruck. Wei und
hellblau stehen ihr gut; eine rote Schleife auf der Brust gibt dieser Monotonie
der Toilette eine lachende Auffrischung. Delphine hat einen kleinen Fu. Sie
geht sehr schn. Das will viel sagen! Das Blaue in Delphinens Auge ist nicht
rein, es ist mit zu viel Wei gemischt. Fr die Augenbrauen ist eine schne
Wlbung da; aber sie ist nicht stark aufgetragen; dieser Reiz verschwindet. Sie
hat einige hbsche Gewohnheiten. So fat sie z.B. oft mit der linken Hand in die
Gegend der Stirn, ffnet sie, schliet mit dem Daumen und dem Zeigefinger einen
Kreis und beginnt diesen Kreis allmhlich zu ffnen, indem sie aus der
Trnendrse des linken Auges zurckfhrt, das ganze Auge umkreist und die
ffnung der beiden Finger wieder schliet am Ende des Auges. Diese sonderbare
Bewegung erfolgt mit Blitzesschnelle und ist deshalb so hinreiend, weil sie
immer mit einer Erregung ihrer Seele zusammenhngt. Der grte Zauber in
Delphinens Erscheinung kmmt aber von ihrer eigentmlichen Seelenstimmung her.
Diese mu man, um kurz zu sein, sentimental nennen; obschon der Ausdruck sie
nicht ganz erschpft. Besser wrde man sagen, sie ist musikalisch gestimmt. Denn
Musik drckt ihr ganzes Wesen aus: und zwar nach jener einseitigen Richtung hin,
wo die Musik nur Wollust der Empfindung ist. Fr plastische Gestaltenschpfung
in der Musik, soweit die Musik diese erreichen kann, fr Opern im franzsischen
Geschmack, kurz, fr das Dramatische in der Musik ist sie nicht. Die Richtung
ihrer Seele ist lyrisch. Alles, was sie mit einem wunderlieblichen Organe
spricht, nimmt den Ausdruck des Zarten, Schonenden und Bittenden an. Bittend
sind die meisten Tne ihres Lautregisters. Nichts kann hinreiender sein als
dies flehende, mit einer gewissen lchelnden und doch schmerzlichen Selbstironie
hervorgebrachte: O Gott!, womit sie so vieles begleitet, was sie spricht. O
Gott! Dieser Ausdruck soll ihr ewiges berwundensein, ihre Hingebung an die
Menschheit, an die sie glaubt, ausdrcken. Wer knnte widerstehen, wo solche
Tne anschlagen! Delphine ist so willenlos, da sie die Beute jeder
prononcierten Absicht wird. Mit liebenswrdiger Naivett gestand sie mir einst:
Sie wrde jeden lieben, der sie liebt. Oh, wie ntig ist es, bei einer solchen
Willensschwche, da sie in die Hut eines Mannes kmmt, der so viel geistiges
Leben besitzt, um sie ganz durchstrmen zu knnen mit seiner eignen
Willenskraft! Delphine liebte unglcklich, mehrmals; aber sie ist so unentweiht,
ihre frheren Zrtlichkeiten sind so wenig sichtbar in ihrem Benehmen, da sie
dem Manne immer noch als kaum erschlossene Knospe erscheinen mu. Delphine
besitzt uerlich die Reize nicht, einen Mann auf die Lnge zu fesseln, aber wer
sie einmal, sei es aus Liebe oder Illusion, eroberte, der wird sie nie verlassen
knnen, weil ihre Hlflosigkeit, ihre Hingebung entwaffnet. Vielleicht arbeitet
sie noch mehr an ihrem Geiste. Sie hlt einige Minuten lang die Dialektik eines
blo verstndigen logischen Gesprchs aus; aber dann kann sie es nur fortsetzen,
wenn es entweder auf einen gemtlichen und Gefhlston bergeht oder auf einen
bestimmten vorliegenden Fall, den sie erlebt hat. ber einen Fall, den man ihr
blo erzhlt, kann sie nicht urteilen, weil sie alle Menschen fr gut hlt und
alle nach sich selbst richtet. Delphine sollte viel lesen. Sie liest, aber
fragmentarisch. Sie ist reich, sie sollte sich durch vielfache Lektre darin zu
bilden suchen, was ber die Musik und das bloe Gefhl hinausliegt. Ihr Organ
macht, da sie schn, ihre keusche Seele, da sie fast alles richtig liest. Ich
hrte sie Gretchen im Faust lesen, so wahr und hold, wie es der Peche in Wien
und Hffert in Braunschweig kaum gelingen mchte. Csar mu ihr Bcher geben.
Was er wohl ber sie urteilt! Er ist ihr diametral entgegengesetzt und sagte mir
doch einmal: er msse jede lieben, die ihn liebe, und wrde auch jeder treu sein
in seiner Art. Bei ihm ist das Egoismus, bei Delphinen Schwche. Sie knnen sich
aber nicht begegnen. Delphine ist eine Jdin.

Ich habe das gestern nur so hingeworfen, da Delphine eine Jdin ist. Aber
welche eigentmliche Richtung mute dies ihrem Wesen geben! Sie wurde unter sehr
glnzenden Verhltnissen erzogen. Das Judentum in seinem Schmutz, mit seinen
Zeremonien und Priestern nahte sich ihr niemals. Sie findet keine Reue darin,
irgendeines der jdischen Gebote zu bertreten, von welchen sie den grten Teil
gar nicht kannte. Wie originell ist doch ein Mdchen, das den ganzen
Bildungsgang christlicher Ideen nicht durchmachte und doch auf einer Stufe
steht, welche ganz Gefhl ist, und das so viel Liebenswrdigkeit entwickelt!
Delphine kann von der Religion nur wenige Nachrichten haben, einen weiblichen
Gottesdienst gibt es in ihrem Glauben nicht, eine husliche Verehrung kmmt in
Form von Zeremonien, Gesang oder sonst einer Weise nicht vor, die Konfirmation
ist unter uns den Juden nicht erlaubt - wie auffallend ist dies alles, und doch
hat man es dicht neben sich!
    Glcklich ist Delphine zu nennen, denn niemals wird ihr die Religion
irgendeine ngstlichkeit verursachen. Ein gewisses unbestimmtes Dmmern des
Gefhls mu fr sie schon hinreichend sein, die Nhe des Himmels zu spren. Sie
braucht jene Stufenleiter von positiven Lehren und historischen Tatsachen nicht,
die die Christin erst erklimmen mu, um eine Einsicht in das Wesen der Religion
zu bekommen. Wir sind weit schwieriger in diesem Betracht gestellt und sollten
im Grunde, wenn die Religion die Tugend befrdert, weit weniger tugendhaft als
die Juden sein; denn unsere Religion ist ein so hoher Mnster, da man ihn zwar
ersteigen, aber nicht zu jedem Sims, zu jedem Vorsprunge, zu jedem Seitenturme
gelangen kann. Eins aber bemerk' ich, was charakteristisch ist. Niemals knnt'
ich als Christin ber meine Religion zu Delphinen sprechen und sie eine
Verzweiflung ber meinen Glauben blicken lassen. Es ist dies eine Scham und ein
Stolz, welcher unvertilgbar in uns niedergelegt ist und die uns nicht verlassen
wrde, selbst wenn vom Christentum alles in uns morsch geworden ist.
    Fr christliche Mnner, welche widerspenstig gegen den Katechismus sind, mu
die Liebe einer Jdin von besonderm Reize sein. Sie nehmen hier weder
Bigottismus noch eine Zerrissenheit wie die meinige in den Kauf, sondern weiden
sich an der reinen, ungetrbten, natrlichen Weiblichkeit, an einem sinnlichen
Schmelz der Liebe, welcher die der Christinnen bei weitem bertreffen soll. Bei
einer Jdin reduziert sich alles einseitig auf ihre Liebe, Rcksichten tauchen
nirgends auf: ihre Liebe ist ganz pflanzenartiger Natur, orientalisch, wie
eingeschlossen in das Treibhaus eines Harems, der alles erlaubt, jedes Spiel,
jede weibliche (aber wollstig-ergreifende) Gedankenlosigkeit, alles, alles:
darum schwillt Delphine von Liebe. Das Segel ihres Herzens ist niemals schlaff,
sondern immer aufgeblht, rund und voll, immer auf rauschender Fahrt.
    Csar entdeckt, glaub' ich, in der Liebe zu Jdinnen noch einen andern Reiz.
Er hat eine ganz heillose Ansicht von der Ehe und will die letztere durchaus
nicht als ein Institut der Kirche gelten lassen. Das Sakrament der Ehe ist nach
seiner Theorie die Liebe, nicht des Priesters Segen. Wie glcklich wrde Csar
sein, wenn er je heiratete, es ohne kirchliche Zeremonie tun zu drfen!
    Eine Ehe zwischen einer Jdin und einem Christen kann zwar nicht bei uns,
aber in andern Lndern geschlossen werden; natrlich ist dies eine Ehe ohne den
christlichen oder jdischen Priester; es ist eine rein zivile Ehe vor den
Gerichten, ein Akt der geselligen bereinkunft. Ich glaube fast, Csar knnte
deshalb seine Neigung zu Delphinen ins uerste treiben. Schon bemerk' ich, wie
eifrig er sie sucht.

Wie leichtsinnig bin ich gestern ber die Abgrnde meines Denkens hingewandelt!
Ohne weiteres konnt' ich mich damit beruhigen, diese Zweifel an meinem Glauben
hinzunehmen als etwas, das ich mir lngst selbst gestanden habe, und doch wei
ich aus meinem frhern Leben, wie unglcklich ich war, da ich ber diese Dinge
nichts zu denken wagte. Oh, wie mchtig ist der Liebe Zauber! Ein mnnliches
Herz, das uns liebt, ist der Wchter aller unsrer Gedanken und mu die stille
Verantwortung dessen tragen, was in der Seele des Weibes Snde und Emprung ist.
Wie sicher fhl' ich mich, selbst im Entsetzlichsten, wenn ich nur die warme
Hand meines Freundes drcken darf! Er nimmt alles auf sich: er ist heiter und
lchelt und frchtet nichts.

Wenn ich jetzt schon nicht ohne Zagen sehe, wie Csar sich Delphinen immer mehr
nhert, wenn ich mir die grausame Wirkung denke, die ein Verhltnis zwischen
beiden in mir Unglckseligen hervorbrchte: was mu dann kommen, wenn ich die
Trmmer sehe, welche sich in meiner Seele aufgehuft haben! Die Unruhe, ber die
Religion eine Ansicht zu haben, peinigt mich mehr als sonst. Sie hat eine
solche, jetzt zur Not gedmmte Gewalt ber mich, da ich glauben mu, die
Wegnahme dieses Dammes der Liebe bringt eine berflutung in mir hervor, welche
selbst den Schmerz ber Csars Verlust mit fortschwemmt. Ich lebe und sterbe mit
Csar. Leben kann ich nur mit Csars Liebe. Sterben mu ich, nicht weil Csar
imstande war, eine andre mir, ein Mdchen einer Frau (ob er es wohl wei, eine
Unberhrte einer Unberhrten) vorzuziehen, sondern weil dann alles in mir
zusammensinkt. Gott, ich glaube, fast brauch' ich Csar nur, um mich zu
beschftigen und meinen Gedanken eine unschdliche Richtung zu geben. Er kmmt.

Nur die Erkenntnis ist das Schwere. Das Dasein Gottes selbst bezweifeln hiee
den gegenwrtigen Zustand meines Innern fortleugnen. Wrd' ich diese Mhe haben,
wenn es nicht in Wahrheit einen Gott gbe! Das Resultat des Atheismus war auch
nie ein andres, als da er in ein System berging und zuletzt selbst eine
Religion wurde. Konnt' es aberglubigere und bigottere Atheisten geben, als
Chaumette, Anacharsis Cloots und Momoro waren!

Der Atheismus eine Religion! Eine Ironie, die man satanisch nennen mchte! In
einer Reisebeschreibung las ich, da einer der ersten Gottesleugner der
Revolution, Billaud-Varennes, nachdem er auf seiner Flucht erst von der Dressur
azorischer Papageien gelebt hatte, dann in Amerika Priester wurde, unter
Indianer kam und zuletzt von ihnen als gttliches Wesen verehrt wurde, er, der
Gott geleugnet hatte!

Diese satanischen Ironien reizen mich. Sollte es mglich sein, da es noch einst
im Himmel einen Gottesdienst gibt! Das Christentum (man lese nur die Offenbarung
Johannis) gefllt sich in diesem lcherlichen Widerspruch, als wenn Gott vor
sich selber Weihrauch streuen msse. Er etabliert im Himmel eine vollendete
Kirche mit Chren der Seligen und Altren, auf welchen die Cherubim thronen.
Goethe benutzte diese Maschinerie fr die Kanonisierung seines Faust.
    Aber was jag' ich nach solchen Bemerkungen! Sie haben freilich lindernde
Kraft, aber ich schme mich, aus meinem Schmerze Tatsachen heraufzuwhlen und
mich selbst als einen Gegenstand meiner Leiden zu betrachten.

Wir sollen Gott frchten und lieben! Dies eine Gebot untergrbt meine Ruhe; denn
ich kann es weder befolgen noch mich anklagen deshalb, weil ich es nicht tue.
Wir sollen Gott zrnen, heit das Gebot meiner Weltansicht, welche eine
unglckliche ist und freilich sich nicht damit zufriedengibt, da jhrlich vier
Jahreszeiten kommen und man im Frhjahr Erdbeeren it, welche mit Zucker und
Milch ein so vortreffliches Surrogat der Vanille sind. Es ist im Grunde nicht
viel, was wir besitzen auf Erden. Wir werden geboren oft in den elendesten
Verhltnissen. Wir kriechen tierisch auf dem Boden und werden nur allmhlich
aufgerichtet, wie Schlinggewchs an das Spalier der Bildung. Not, Mhsal
verfolgt uns berall; selten ein Genu, der nicht durch eine Anstrengung erkauft
ist. Wir haben so viel mit der Materie zu kmpfen. Wir wlzen einen Stein wie
Sisyphus den Berg hinauf; warum mssen wir es tun? Der Fluch, nicht der Segen
der Gtter begleitet uns. Warum sind wir? Oh, knnt' ich mir irgendeinen
erweislichen Grund vorstellen, warum diese Planeten im Weltsysteme irren, warum
wir auf unserm Planeten so armselig und hlflos kriechen mssen? Was bezweckte
Gott damit? War dies eine Grille von ihm? Was kmmt darauf an, ob das Gute oder
Bse in der Weltordnung produziert wird? Ich bin so unglcklich. Ich wei
hierauf keine Antwort.
    Die Fhigkeit, Fragen aufzuwerfen, lie Gott bei der Schpfung oder bei der
ewigen Schpfung, bei unsrer Geburt, ohne die entsprechende Fhigkeit, auch
Antwort darauf zu geben. Diese Halbheit einer Gabe ist so feindselig. Gott
duldete es, da der Glaube an ihn die Tagesordnung der Geschichte wurde; er
duldete es, da noch heute der Atheismus wie das grte Verbrechen von den
Vlkern behandelt wird. Nun, ich denke an Gott; aber warum gab er uns nicht die
Fhigkeit, ihn begreifen zu knnen? Verlangt er die Folgen, warum lie er mich
ohne die Voraussetzungen? Alle Nationen kommen darin berein, da man von Gott
nichts wissen knne. Dann wei ich auch nicht, warum sie an ihn glauben. Oder es
darf mich niemand tadeln, wenn ich denke, die Existenz Gottes anzunehmen war
eine ganz uerliche, politische und polizeiliche bereinkunft der Vlker. Denn
warum haben wir halbe Vernunft, halbe Erkenntnis, halben Geist? Warum zu allem
nur die Elemente? Und wir sind so vermessen und bauen auf diesen trben Boden
Systeme, welche den Schein der Vollendung tragen und uns mit Verpflichtungen
willkrlich belasten!
    Und zuletzt der Tod! Dieser Schrecken des Tods! Die Krankheit mit ihrer
unsglichen Hlflosigkeit! Das allmhliche Verschwinden des Bewutseins! Und
dies alles nicht einmal so entsetzlich als das Zunehmen an Jahren. Jetzt bin ich
zwanzig Jahre: welche Empfindungen werd' ich haben, wenn ich vierzig, fnfzig
bin und es nun heit: noch zehn, noch fnf sind die Wahrscheinlichkeit! Dies ist
eine so folternde Grausamkeit des Schicksals, ein solcher Fluch der menschlichen
Natur, da ich mich nie entschlieen kann, das Gebot der Gottesliebe zu
befolgen. Man gab uns einiges, und das meiste wurde uns versagt. Das einzige,
was wir in seiner ganzen Vollkommenheit zu besitzen scheinen, ist die Fhigkeit,
unsern unglcklichen Zustand zu begreifen und alle die Dinge zu nennen, welche
wir vermissen sollen.

Ich habe mir ein merkwrdiges Buch verschafft, von dem ich einmal durch Csar
hrte: die Fragmente des Wolfenbttler Ungenannten, welche Lessing
herausgegeben hat. Es liegt viel Puderstaub auf dem Buche, viel altfrnkisches
Wesen; aber das hab' ich abgewischt und mir von meiner Lektre eine ganz moderne
Vorstellung gemacht. Der Verfasser soll ein ehemaliger Hamburger Arzt, Reimarus,
gewesen sein. Die vollstndige Prfung des Christentums steht in einem
Glasschranke auf der Hamburger Bibliothek. Sie wollen das Buch nicht
herausgeben. Sie frchten, da aus dem vergilbten Papiere jener Kritik Motten
fliegen, die das Christentum selbst anfressen. Warum Lessing nur sagt, da der
Verfasser jener Fragmente Schmidt heie!

Die Fragmente nehmen meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Ihr nchterner,
leidenschaftsloser Ton erschreckt das Gewissen nicht. Ich lese in der besten
Laune. Wie der Autor die Bibel zerfleischt, wie er in den glattgescheitelten
Mienen jener Fischer und Zllner, welche das Christentum predigten, den Schalk
entdeckt, denselben Schalk, den der gottselige Pietismus so oft im Nacken fhrt!
Und doch jammert mich's jener kindlichen, mrchenhaften Sage, die der Autor mit
so vieler Gelehrsamkeit vernichtet! Nur eines bestimmt mich, ihm beizupflichten,
der Hinblick auf das, was uns umgibt, auf unsre Priester, auf - ach! wie hngt
das alles zusammen! Aus jenem kleinen christlichen Senfkorn ist ein ganzes
Senfpflaster geworden, das der gesunden Vernunft die brennendsten Blasen zieht!
    Ganz mnnlich werden meine Ausdrcke!

Und doch knnen die Fragmente nicht befriedigen. Sie deuten auf eine
Naturreligion, mit deren Voraussetzungen sich die heutige wissenschaftliche
Bildung kaum noch begngen wrde. Die Frage mu hher liegen. Sie dringt dort
nicht in das Innre der Christuslehre ein, sie hlt sich nur an deren historische
Offenbarung. Ich suche Trost. Wo? Wo?

Ich war gefat auf diese Eisesklte, mit der mir Csar seinen Entschlu anzeigt.
Was ich vermutete, ist eingetroffen. Delphinens Situation reizt ihn. Er wird um
ihre Hand bitten. Die Eltern sind ohne Vorurteile, und ich werde ihn verloren
haben. Ich bin ruhig. Ich habe keine Trnen fr diesen Verlust. Ich bin in einer
frchterlichen Seelenstimmung. Ist dies nicht ein neuer Fluch des Himmels? Oh,
jetzt sind mir die Blitze des Schicksals willkommen, denn die Donner, welche
ihnen nachrollen, wecken mich immer mehr aus der dumpfen Betubung meiner
Gedanken. Ich mu Licht haben, Aufschlu, Einsicht! Ich denke an Csar nicht
mehr. Ich will wissen, erkennen. Warum? Wozu? Oh, das sah' ich alles voraus.

Ich bin krank, ich fhl' es. Sollte das auf ein Zunehmen deuten? Ist auch im
Geistigen wie im Krper Wachstum eine Krankheit?

Glckliche Naivett der vergangenen Zeiten! Ich komme von einer Ausstellung
alter Gemlde. Auf vielen, die Transfigurationen und Glorien der Heiligen
vorstellen, sah' ich Engel, welche die Geige spielten. Dies wrde mir weniger
auffallend gewesen sein, wenn sie es nicht nach Noten getan htten.
    Und doch gleicht die Malerei selbst, die Kunst, diese Lcherlichkeit aus.
Die Poesie wrde es nicht knnen. Die Poesie hat diese Einfachheit nicht; sie
wrde solche Anomalien immer nur als Travestie geben.
    Und wie entwrdigt sie sich, wenn sie es tut! Man sollte den Spott ber das
Heilige, das Whlen der Mistkfer in duftenden Blumen, bitter verfolgen, auch
die Freigeister sollten es; sie, die alle Sorge tragen mssen, nicht mit den
Spttern verwechselt zu werden.

Es wrde mir viel leichter werden, den gttlichen Begriffen mit Sicherheit
nachzuhngen, wenn ich vom Nichts eine Vorstellung festhalten knnte. Aber dies
ist unmglich. Ich habe schon frh an dieser Verzweiflung gelitten. Ich wollte
schon als Kind mir zuweilen alles wegdenken, was ich sahe und denken konnte,
Europa, Asien, Afrika, die ganze Erde, den Himmel, alle Schpfung, und dann war
es immer, als strzt' ich von einer unermelichen Hhe ins Leere hinunter und
fiel ohne Aufenthalt. Fast mcht' ich sagen, ich bin seither mit Eindrcken
beladener, und es wrde mir schwieriger sein als ehemals, eine solche
Vorstellung des Nichts zu fixieren. Ach das hohle, weite Chaos, diese dumpfe
Leere, worin das Nichts unsichtbar schlummert! Und Gott, der dieses Nichts
selbst ist, nmlich dasselbe Nichts, das spter doch ein Etwas wurde! Gott, der
in dem Nichts ist und doch wiederum auch in dem Etwas nicht sein soll, weil dies
die Welt selbst vergttern heien wrde! Der pantheistische Gedanke widerstrebt
mir, und ich glaube, Frauen werden ihn niemals hegen knnen, weil sie durch sich
selbst schon gewohnt sind, alle Dinge in aktive und passive einzuteilen. Wir
werden immer anthropomorphische Ideen haben; das Christentum untersttzt uns
darin. Die Vorstellung eines ber uns thronenden Werkmeisters ist ein Bedrfnis,
das unsere Phantasie immer geltend machen wird. Jedes andre, ach, alles, alles
ist uns verschlossen.

Csar wird in Lndern wohnen, wo das franzsische Recht herrscht. Er ist
glcklich, sich ohne die Kirche verheiraten zu drfen. Eine brgerliche
Verbindung wird zwischen ihm und Delphinen stattfinden. Wenn er nur meinen
Zustand schonte! Aber er kennt ihn nicht. Wte er, wie mich seine leichte
Manier ber die Religion so tief verwundet! Das Peinlichste ist dies, da er
sich fter das Ansehen gibt, als lieen sich einige Wahrheiten sogar im
christlichen Glauben unumstlich beweisen. Dann tut er's und beginnt ber die
schwierigsten Punkte Entwickelungen, welche er mit ernster Miene durchfhrt und,
wenn er zu Ende ist, fr phantastischen Witz erklrt. So begann er neulich
folgende Auseinandersetzung der christlichen Lehre von der Dreieinigkeit, eines
Begriffes, den ich noch gar nicht anrhrte, weil ich mit seinen Prmissen noch
nicht im reinen bin. Er sagte: Die bloe Vaterschaft Gottes ist relativ, sie ist
unerkennbar oder, wie Jakob Bhme gesagt hat, ein dunkles Tal. Licht und
Erkenntnis kmmt erst durch den Sohn. Beide drfen nicht isoliert gedacht
werden, ihre Ergnzung, ihre Wechselseitigkeit ist der Heilige Geist. Gott als
das bloe Alles oder das bloe Nichts ist unerkennbar. Gott mu sich etwas
gegenberstellen, einen Schatten seiner selbst, er mute sich negieren aus
seiner Ruhe heraus und schuf die Natur. Die Natur ist nicht Gott, denn dann
mte die Natur ein Zustand sein. Nein, die Natur ist eine Ttigkeit Gottes, und
alles in Gott Ttige, auf die Auenwelt Bezgliche, ist in ihm das Englische.
Die Engel sind die Herolde des gttlichen Willens, und ihre Zahl ist so
unendlich, wie, fast mchte man sagen, die Atome der Welt. Die Engel wohnten
ursprnglich in Gott; denn seine Ttigkeit ist seinem Sein immanent. Darum
muten die Engel auch gut sein ursprnglich. Luzifer aber emprt sich, Luzifer,
der Lichtbringer, der die Finsternis erhellt. Dies Empren ist eine Ttigkeit
Gottes, das heit Gott wird das Gegenteil seiner selbst, Gott wird Satan. Ja,
die Natur ist Teufel, dieselbe Natur, welche fr Gott durchaus nicht vorhanden
ist, da sie nur sein Atem ist. Die Natur vor Gott ist so, als wre sie nicht.
Vor Gott gibt es auch einen Teufel, als gb' es ihn nicht. Je hher bei dem
einen oder andern das philosophische Bewutsein ist, desto weniger existiert fr
ihn auch der Teufel. Im Christentum ist der Teufel ideell gnzlich ausgetrieben,
denn Gott sonderte die menschliche Individualitt von der Natur ab und gab
dieser in seinem Sohne eine eigne Offenbarung. Gott wollte den Widerspruch
seiner selbst durch sich selbst strafen und an sich seinen eigenen Proze ben
lassen. Er wurde gekreuzigt, und es herrscht hinfort nicht mehr Gott, nicht mehr
Satan, nicht mehr der Mensch, nicht mehr die Natur, sondern das Reich des
Geistes, der Freiheit und der Wahrheit.
Was hatt' ich nun von dieser Improvisation! Mit einer Art von komischem
Atheismus schlo Csar seine mystische Deduktion, welche Menschen von grerer
Einbildungskraft, als ich besitze, viel Beruhigung gewhren mag. Ich soll schon
an den Sohn glauben und bin noch mit dem Vater unbekannt.

Ich habe mich drei Wochen lang tglich in Vergngungen berauscht. Ich mute der
Welt zeigen, da ich Csars Entfernung ertragen kann, ich mute es mir selbst
zeigen. Aber es erquickt mich nichts mehr. Csars Liebe war die schnste
Zerstreuung meiner unglcklichen Seelenstimmung. Ich sinke immer tiefer in Nacht
und Verzweiflung. Man erkennt mich nicht wieder. Oft bin ich so von Wehmut
aufgelst, da ich in die Kammer strze, wo die Erinnerungen meiner ersten
Kindheit aufbewahrt liegen. Ich rumte auf in der Verwirrung, um mich zu
zerstreuen. Ein Stilett fiel mir in die Hand. Wie mag das hierhergekommen sein?

Ich glaube, Csar mte sich schmen, noch zu leben, wenn er keine Auskunft
geben kann. Seine Scherze verdecken nur eine berzeugung, die vielleicht
folgerichtig ist. Ich habe ihm geschrieben, sie auch mir zu geben. In Heidelberg
mu ihn mein Brief treffen; er wird sich sogleich hinsetzen, um mir, ich hab'
ihm die Hand aufs Herz gelegt und ihn feierlichst beschworen, seine ernsthafte
Meinung ber Religion und Christentum zu sagen. Ich zittre, wenn seine
Darstellung einluft.
    Das Stilett gehrte meinem Bruder, der in demselben Alter gestorben ist, in
welchem ich mich jetzt befinde.

Csar sagte mir oft, als Kind hab' er sich fortwhrend damit gengstigt, da er
keines natrlichen Todes sterben wrde. Die Katastrophe des jungen Sand htte zu
seiner Zeit alle jungen Kpfe auf den Gedanken gebracht, da sie ihnen auch
einst abgeschlagen wrden. Keiner, sagte er, glaubte so wrdig zu sein wie Sand,
und keiner glaubte deshalb auch, auf einen milderen Tod rechnen zu drfen als
Sand. Er gestand mir mit eisigem Grauen, da er oft stundenlang heimlich mit
entbltem Halse gesessen und sich in die Illusion des Schafotts hineingedacht
habe, da ihm die Trnen geflossen seien aus Verzweiflung, so sterben zu mssen.
Es war immer ein wehmtiges, liebes Lcheln, das bei solchen Gestndnissen auf
seinen Lippen lag. O Gott! ich vergess' ihn nicht. Fr alles brauch' ich ihn. Er
soll mir zu allem Beweise geben!

Ich lese das Buch Rahel, aber nur in Bruchstcken. Viel davon auf einmal
verwirrt den Kopf; nicht deshalb, weil das Buch absolut schwer wre, sondern
relativ schwer ist es in Beziehung auf Rahel, die sich das Denken so schwer
machte. Ich glaube, da diese Frau unter Denken verstanden hat, die Dinge immer
von der verkehrten Seite anfassen oder doch von der entgegengesetzten gegenber
dem gewhnlichen Wege. Sie grbt sich wie ein Maulwurf in die Ideen ein und
bezeichnet dann und wann ihre Resultate durch kleine aufgeworfene Hgel, die
nichts sagen, nmlich nichts Positives, die nur Wahrzeichen sind, da hier etwas
war, was wie ein Gedanke war und was so leicht wieder vergessen ist! Wie reich
ist diese Frau an Philosophie und objektiver Vergelichkeit! Man hat so wenig in
ihrem Buche, und doch glaubt man, wenn man es zuschlgt, alles zu haben. Darin
seh' ich recht, wie nur die Mnner imstande sind, zu produzieren, auch Gedanken.

Bettina!- Spielerei - alte Gedanken; nur klassische, neue Formen. So sprechen,
gehen, laufen, essen, trinken, schlafen, handeln - wie es einem gerad' einfllt?
Ich konnt' es einmal; jetzt nicht mehr. Bettina hatte so lange freien Willen,
sich ein Gesetz zu schaffen; und nun so alt und noch immer kein Gesetz! Ihr Buch
ist ungereimte Poesie. Ein freies Weib ist nur ertrglich mit Spekulation.

Wieder wie Jakob einen Zug aus dem Rahelbrunnen getan. Aber es ist immer nur
Lea, die man erhlt, niemals Rahel. Rahel sitzt hinter den zweimal sieben Jahren
und flicht ihren Freiern Krbe. Man glaubt eine Priesterin mit Weissagung in ihr
zu finden und wird doch von ihr nur angeregt oder vielmehr nur herausgerissen
aus dem alten Kreise seiner Vorstellungen. Es ist furchterregend, eine Frau die
Gegenstnde so dmonisch-linkisch anfassen zu sehen. Will sie es nur anders
machen als die andern? Oder wurde ihr diese Originalitt angeboren? Sie gibt
nirgends nach, sie ist rastlos in ihren Bestrebungen, die verschiedenen Seiten
der Wahrheit zu entdecken, und konnte nicht anders enden als entweder in einem
Wahnsinn, der sich mit der Bewegung im Tretrade vergleichen lt, oder als
Anhngerin des Pietismus. Man ist in keiner Situation bertubter als beim
Untertauchen. Pietismus aber ist die Fhigkeit, leben zu knnen, selbst wenn man
Wasser im Ohre hat.

Dieser ruhige, verstndige Ton, in welchem ich mich oft tagelang erhalten kann,
wird mir oft so unheimlich, da ich vor mir selbst erschrecke. Sollte es
Menschen geben knnen, die wie Vernnftige sprechen und doch wahnsinnig sind?
Csar erzhlte mir einst eine Geschichte, die er wahrscheinlich wie vieles
dergleichen nur seiner Einbildungskraft verdankt. Sie pat auf meinen Zustand.
Kann ich sie noch?
    Es war um die zwlfte Stunde, als Alfred von seinem Lager auffuhr und ber
das matte Flackern der Lampe erschrak, die er zu lschen vergessen hatte. Eine
Zeitlang sa er mit halbaufgerichtetem Krper - -
    Wrtlich seine Worte wiederzugeben ist schwer. Ich suche in meinen Papieren,
vielleicht find' ich die Geschichte, die er mir einst, von seiner eigenen Hand
geschrieben, schenkte.

Hier ist sie:
    Es war um die zwlfte Stunde, als Alfred von seinem Lager auffuhr. Noch
flackerte die Lampe, welche er zu lschen vergessen hatte, und zog, wie sie
grer oder schwcher wurde, wolkige Kreise an den Wnden seines Zimmers. Eine
Zeitlang sa er mit halbaufgerichtetem Krper im Bette und verfolgte dies
gespenstische Spiel an den stummen Wnden. Er suchte nach einem Gegenstand fr
dies Bild: er mute an die Welt denken, welche drauen schlummerte, und dachte
zuerst an Julien.
    Meine Julie! sprach er still vor sich hin und erhob sich dann etwas
feierlich und mechanisch von seinem Bette. Er hrte die Uhr picken, die auf dem
Tische vor dem Spiegel stand. Er sahe sich selbst im Spiegel mit bleichen,
geisterhaften Zgen und mit Augen, welche wie geschlossen schienen. Dann sa er
auf dem Sessel vorm Bett und hatte sich, ohne es zu wollen, angekleidet.
    Ich werde vor Juliens Fenster gehen und den Vorhang wegheben! flsterte er
vor sich hin, aber nur wie zum Scherz, denn Julie wohnte im dritten Stock. Doch
ging er.
    Die Straen waren still und de. Man sieht auf ihnen niemand, auch Alfreden
nicht. Wo geht er nur? Aber es ist dunkel, der Mond liegt hinter Wolken, man
kann Alfred nicht sehen. Alfred stand vor dem Hause Juliens, ja, er htte
schwren mgen, da er vor ihrem Fenster stand, das im dritten Stocke lag.
    Es ist nicht mglich, flsterten seine Gedanken; sie wohnt im dritten
Stock; obschon ein kleines Vordach vor dem Fenster liegt, das Moos und Hauslauf
anzusetzen pflegt. Die arme Julie! Ich werde fleiiger sein, sie mu knftig im
zweiten Stock wohnen!
    Jetzt war es Alfred, als drckte er an dem Fenster; aber es widerstand. Es
war ihm, als klopfte er; aber hinter dem weien Rouleau brach sich der Schall.
Er mute lcheln ber seine lebhafte Einbildungskraft.
    Wie! dachte er, wenn du ins Haus trittst, die zwei Stiegen
hinaufschleichst und an ihre Kammertr pochtest.
    Aber dann mute er durch des Nachbars Haus, das ihm offenzustehen schien,
mute ber den Garten-und Hofzaun klettern und von dort einzudringen suchen.
    Und das alles gelang vortrefflich. Er stand jetzt gleichsam hher als
Juliens Wohnung war, was er sich nicht erklren konnte. Da blendete ihn ein
Lichtstrahl; ein schnurrender Laut lie sich hren. Julie hatte das Rouleau
aufgezogen, sie stand im Nachthubchen und mit bloen Schultern am Fenster, das
sie ffnete.
    Alfred war nun dicht vor ihr. Was ist ihr nur? dachte er; sie erschrickt,
sie ffnet den Mund, als wollte sie um Hlfe rufen; was zitterst du, mich zu
erkennen, Julie?
    Alfred! schrie es durch die stille Nachtluft. Alfred aber lag unten mit
zerschmettertem Krper auf dem Pflaster der Strae. Alfred war ein Nachtwandler.
Julie glaubte nichts gesehen zu haben, als Alfred tot war. Sie legte sich wieder
in ihr weies, weiches Bett und trumte von ihm. Am Morgen erfuhr sie alles. Sie
lebt noch, aber kmmerlich; die Trnen zehren sie auf.

Csar hat noch immer nicht geschrieben; doch wird sein Brief desto ausfhrlicher
sein. Einstweilen hab' ich etwas Beruhigung erhalten durch eine Maxime, die
empfehlenswert ist. Das luftige Traumbild des Somnambulismus hat mich gestern
darauf gebracht. Nmlich, man nehme einen recht hohen Standpunkt, einen
kosmischen oder planetarischen, wie ich ihn nennen mchte. Man tue und lasse
nichts, ohne sich im Zusammenhang der Weltordnung zu fhlen. Ich denke, wo ich
gehe und stehe, an die Beziehungen der brigen Himmelskrper zur Erde und
abstrahiere von allem, was ber diesem kleinen Erdball geschieht, auf das
Universum, das niemand leugnen kann. Und nicht blo im allgemeinen, sondern ganz
im Detail, wie man it und schlft. Bei jedem Spaziergange richt' ich den Blick
gen Himmel und forsche in dem blauen Meere nach den versunkenen Sternen, die die
Nacht erst sichtbar macht. Ich fhle, wie die Erde unter meinen Fen kreist und
ich gleichsam nur auf ihr stationiert bin, sonst aber dem Allgemeinen angehre.
Wie vielen Stolz das gibt! Ich habe jetzt einen Begriff von der Ruhe des Weisen.
Ihn kann nichts erschttern, denn er hrt die Planeten rauschen und fhlt sich
als Glied einer groen Wesenkette. Oh, vielleicht ist noch Hlfe fr mich! Ich
fange an, mir die Mglichkeit einer zufriedenen Stimmung zu denken.

Jetzt wei ich, wie in Indien die Bonzen ihre Bungen mglich machen. Die
Abstraktion hebt ihren Stolz; aber sie wrden es nicht aushalten knnen, wenn
nicht die Erde fr sie gleichsam verschwnde und sie nichts brigbehielten als
den gestirnten Himmel und das Gefhl der groen Wesenkette. Ich mte in die
Einsamkeit ziehen. Wenn mich nur eines nicht verfolgte! Nmlich die Natur und
das Grn. Das Siderische und Tellurische im Menschen bekmpfen sich, und wer
poetische Stimmungen hat, wird immer der Erde unterliegen. Das Meer, Gebirge und
Strme wirken noch immer siderisch auf uns; denn sie sind das Rckgrat und die
groen Zellgewebe der Erde und veranschaulichen die Kugel. Aber das Peinigende
ist die stille Nachbarschaft der Blume, die Bescheidenheit der Idylle, die
kleine Existenz mit ihren Kornhrenkrnzen und Abendglocken und alles, was so
nahe zu unserm Herzen spricht, die Offenbarung Gottes, die wir flstern zu hren
glauben, diese groe Tatsache, die entweder Tuschung oder Wahrheit und in
beiden Fllen unenthllbar ist. Das Irdische fat uns wie im Strudel und reit
uns hinunter in den bodenlosen Abgrund, von wo keine Wiederkunft.

Ich las nun alles, was ich schrieb, und zittre, da ich kaum geschrieben habe,
was ich wollte. Eines ist auch ganz unmglich, geschrieben zu werden: die
Verzweiflung und das Grliche. Nmlich jene grausamen, blutsaugenden Trume,
die mich wachendes Auges berfallen und mich hinausstoen in eine hohnlachende,
von grlichen, unnennbaren Dingen drapierte Welt. Wie combinier' ich! Was fr
Dinge kommen mir vor die Augen! Ich zittre, whrend mein Puls ganz richtig und
medizinisch schlgt. Mu ich sterben, was verbrach ich, da mir Raben erscheinen
mssen? Ich sehe eine schwarze Halle und einen weiten Sarg. Ein Rumpf fllt von
der Decke, wo eine ffnung, hinunter in den Sarg, und den nachstrzenden Kopf
greift unser Arzt auf. Oben mu das Schafott sein. Der Mann drckt das blutige
Haupt strmisch auf den rauchenden Krper, pat Fuge auf Fuge, Ader auf Ader und
legt einen Silberreifen um die gierig zusammenklaffenden Fleischrnder beider
Teile. Er dreht sich um, und Leben, galvanisches Leben regt sich in dem Krper,
und der Leichnam erhebt sich, ein blasser, schner Jngling, und schleicht zur
Pforte hinaus. Dort, dort - eine grne Flur - ein Mdchen, das Rosen bricht und
im Schatten der Allee ausruht. Ein bleiches, gespenstisches Bild schleicht zu
ihr heran, spricht nicht, sondern lchelt. Sie umarmt ihn, sie scherzt, sie
lacht; er hat auf sich warten lassen, er sei untreu, er gehe zu Doris, er gehe
zu Galathee, du Lieber! Und sie kt seinen blassen Mund. - Oh, rchelt er,
drcke nicht! Doch sie hrt nicht, sie drckt, der Reifen springt - Herr
Jesus, was geht mit mir vor! -

Hier brach Wallys Tagebuch auf lngre Zeit ab. Sie bekam inzwischen das ihr von
Csar versprochene Glaubensbekenntnis. Es war in das Tagebuch eingeheftet und
lautete folgendermaen.

                   Gestndnisse ber Religion und Christentum


Ich will ber den Glauben der Vlker sprechen. Aus dem melancholischen Schweigen
des Heidelberger Schlosses hol' ich mir abendlich die Geheimnisse jener frommen
Naturreligion, fr die ich glhe. Alles Historische aber, was ich zu fixieren
habe, knpf' ich an jene kleine Herberge jenseits des Neckar an, wo Luther auf
der Reise nach Worms sein Frhstck zu berichtigen vergessen haben soll, ein
Frhstck, das der Protestantismus dem Katholizismus so teuer hat bezahlen
mssen.
    Religion ist Verzweiflung am Weltzweck. Wte die Menschheit, wohin ihre
Leiden und Freuden tendieren, wte sie ein sichtbares Ziel ihrer Anstrengungen,
einen Erklrungsgrund fr dies wirre Durcheinander der Interessen, fr die
Tapezierung des Firmaments, fr die wechselnde Natur, fr Frost, Hitze, Regen,
Hagel, Blitz und Donner, sie wrde an keinen Gott glauben. In progressiver
Entwicklung folgt hieraus dreierlei: der natrliche Ursprung der Religion, die
Accomodation der gttlichen Begriffe an den jedesmaligen Bildungsgrad und
zuletzt die Unmglichkeit historischer Religionen bei steigender Aufklrung.
    Dem Begriffe Offenbarung lt sich vielleicht eine philosophische Unterlage
geben, pantheistischer Art; aber im herkmmlichen theologischen Sinne ist die
Offenbarung eine Verflschung der Natur und der Geschichte. Eine saubre
Insinuation, sich Gott als Priester zu denken, der im schwarzen Talare zu dem
ersten Menschenpaar hinzugetreten wre und ihm Unterricht gegeben htte in
glaublichen und unglaublichen Dingen! Sie machen aus Gott einen Souvern, einen
Patriarchen, einen Geistlichen. Sie lassen Gott in sehr unvollkommnen Sprachen
reden, zu Zeiten, wo es an stilistischer Vollkommenheit noch berall fehlte.
Niemand war in diesen anthropomorphistischen Konsequenzen einer supernaturellen
Offenbarung kecker als die Apostel Jesu; denn: alle Schrift von Gott eingegeben
heit: in der Lehre von der Inspiration Gott zum Mitschuldigen aller der
Solcismen und inkorrekten Konstruktionen machen, welche sich im griechischen
Texte des Neuen Testamentes finden. Gewisse Kapitel gibt es in den dogmatischen
Systemen unsrer Theologen, die sich besser fr Grimms Kindermrchen oder
Tausend und eine Nacht schicken wrden. Dazu gehren die kriminalisch
strafbaren Dogmen von der Offenbarung und Inspiration.
    Je naiver die Vlker sind, desto sinnlicher und uerlicher ihre Begriffe
vom Weltzwecke: je gebildeter jene, desto geheimnisreicher diese. Die
Verwechselung endlicher und unendlicher Ursachen der Weltregierung lag nahe, und
so kam es, da das Altertum so viel Historisches in Mystisches, Mystisches
wieder in Himmlisches verwandelte. Der Naturmensch versteht die Welt nur so
weit, wie sein Auge reicht. Alles, was ber den Sehkreis seiner sinnlichen
Vorstellungen hinausliegt, scheint ihm die erklrende Veranlassung der
Unerklrlichkeiten zu sein, die ihn in nchster Nhe umgeben. Daher die
zahllosen Details im Glauben der alten Vlker: daher die bertreibungen der
Phantasie, das Ungeheure in Zahlen und Formbildungen. Die alten Religionen sind
so ausschweifend wie alles, was man, ich sage nicht, nicht kennt, sondern wie
alles, das man noch nicht gesehen hat. In diesen Unfrmlichkeiten Entstellungen
alter berlieferungen zu finden, einfache, aber tiefsinnige Keime einer
urweltlichen Offenbarung oder auch nur eines heiligen, frommen und simpeln
Zeitalters: das heit, von einer kindischen Ansicht, die wir schon erwhnten,
nur eine ernsthafte Anwendung machen.
    Das klassische Altertum hatte den schnsten Ausdruck fr das religise
Prinzip der alten Welt: Religion ist alles, was man entweder selbst nicht ist
oder nicht kennt. Die Griechen, mit ihren stlichen Ahnen und deren
architektonischen Vorstudien der vollendeten heidnischen Idee, die Griechen
setzten die Religion in die Kunst, sie setzten sie in das, was im Ungewissen
immer das Gewisse ist, in das Ma aller Dinge, in den Menschen. Man konnte eine
einseitige Idee nicht schner ausdrcken und konnte doch zu gleicher Zeit nicht
tiefer sinken. Wenn die Menschheit nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen ist, so
war sie jetzt da wieder angekommen, von wo sie ausging. Wir werden uns, solange
die Erde kreist, in Zirkeln bewegen. Hier war ein Zirkel, dessen Anfang sich in
sein Ende zurckbog.
    Wre das Heidentum ohne Kultus gewesen, warum htte die Menschheit nicht an
ihm Genge finden sollen? Aber die Priester der Religionen pflegen immer
diejenigen zu sein, welche ihre Religionen selbst untergraben. Knnten sich die
Religionen von Gebruchen, uerlichkeiten, von der Zudringlichkeit ihrer
berufenen und verordneten Diener frei erhalten, so wrden sie eine lngere Dauer
in Anspruch nehmen drfen. Das Heidentum war Poesie und bildende Kunst, war
Veredlung der Sinnlichkeit, war Gestaltung der rohen Materie; Julian, der
Apostat, fhlte es wohl, da die Gtter Griechenlands einen Mann von Geschmack
befriedigen konnten. Das Heidentum war tolerant. Es war die friedfertigste
Religion von der Welt, solange sie nicht ntig hatte, um ihre Existenz zu
kmpfen. Das Heidentum wurde blutig, verfolgungsschtig, ich mchte sagen,
christlich erst da, als ein sonderbarer Aberglauben zur Aufwiegelung der Vlker
gepredigt wurde, als sich gleinerische Frmmler in die Gemcher der Frstinnen
schlichen und eine Gottesherrschaft, eine Religion, die nicht Friede, sondern
das Schwert brachte, eine politische Revolution zu verbreiten suchten. Der
Ursprung dieses Ereignisses kam aber auf folgendes zurck.
    In Juda, einem sehr barocken Lande, trat ein junger Mann namens Jesus auf,
der durch eine bedenkliche Verwirrung seiner Ideen auf den Glauben kam, er sei
schon seinen Vorfahren als Befreier der Nation, der er angehrte, verkndigt
worden. Jesus war aus Nazareth gebrtig, unehelichen Ursprungs, Stiefsohn eines
braven Zimmermanns namens Joseph. Jesus beschftigte sich viel mit den Schriften
der jdischen Literatur, reiste, unterrichtete sich und strebte mit edler
Selbstberwindung nach einer stoischen Sittenreinheit. Jesus fhlte, da eine
Mission an sein Herz pochte. Es war ihm, als mte er einen Auftrag erfllen,
ber den er zeit seines Lebens nicht im klaren war. Er adoptierte den Glauben an
einen verheienen Knig, der seine eitle Nation zur Herrscherin der Welt machen
wrde: er erschrak aber selbst vor dieser bermtigen Verheiung, welche einer
wahren Idee Gottes gnzlich unwrdig war. Jesus wute selbst da noch nicht,
wohinaus, als er die ersten unbesonnenen Schritte getan, als er seinen Freund
Johannes auf Kundschaft und Prfung der Menge vorausgesandt hatte; er wurde
Rabbi, ein erlaubter Volkslehrer, er nahm Schler zu sich, er predigte Bue und
gottseligen Wandel, predigte das reine, das Urjudentum des Moses, er nannte sich
Messias und stritt nirgends gegen die falsche Auslegung seiner Absicht, nirgends
gegen die Begriffe, welche man in Juda mit dem Messias verband. Nicht einmal
des rmischen Joches erwhnte Jesus; er scheint gefhlt zu haben, da der
Messias nur eine theologische Bedeutung haben knne, und richtete doch seine
Invektiven gegen die politische Verfassung in Jerusalem, gegen den hohen Rat und
gegen Priester, die er einer zu ihrem Frommen falschen Auslegung der alten
Bcher bezchtigte. Inzwischen mehrte sich die Unruhe, Jesus zog mit Tausenden
durch das Land, hielt einen gewaltsamen Einzug in Jerusalem, vergriff sich
ttlich an dem Tempel, dem Nationalheiligtume der Juden, und fiel als ein Opfer
seiner falschen Berechnung und innerlichen Unklarheit. Er hatte dem trgen Volke
Energie zugetraut: es verlie ihn wie Thomas Mntzern, als er keine Wunder tun
konnte, wie zahllose Revolutionre alter und neuer Zeit, da sie die Hlfe nicht
brachten, die sie versprachen. Jesus wurde gekreuzigt. Mein Gott, warum hast du
mich verlassen? rief er und starb. Jesus war nicht der grte, aber der edelste
Mensch, dessen Namen die Geschichte aufbewahrt hat.
    Dies ist der historische Kern eines Ereignisses, aus welchem sptere Zeiten
ein episches Gedicht machten mit Wundern und einer ganz fabelhaften
Gttermaschinerie. Eine kleine Anekdote wurde welthistorisch. Die franzsische
Revolution hinterlie eine Menge von politischen Wahrheiten, welche im Ansehen
geblieben sind, selbst wenn jene weniger glcklich vonstatten gegangen wre. So
kam es auch, da die verunglckte Revolution des Schwrmers Jesu etwas
zurcklie, was zuletzt eine Religion wurde. Sollte hier zum ersten Male ein
kleines, zuflliges Faktum den Ansto zu einer groen Bewegung gegeben haben?
Nein, die Folgen jener Historie mgen so umfassend gewesen sein, wie sie es
waren, so kann davon nichts auf die Naivett der Historie selbst zurckfallen.
Jesus war in Rcksicht auf den jdischen Messiasglauben nicht der rechte
Messias, sondern ein falscher, so gut wie Theudas, Judas Galilus und Bar
Kochba. In Rcksicht auf die Weltgeschichte war er desgleichen nicht mehr; nur
da seine Anhnger zufllig von der Zeit, von dem unsinnigen Heidenritus, von
der Sucht des Geheimnisses profitierten. Das Ereignis, das allen den folgenden
Begebenheiten und Revolutionen zum Grunde lag, steht an und fr sich betrachtet
auf keiner hhern Stufe als die Lebensumstnde des Pythagoras, Zoroaster oder
Sokrates.
    Jesus war Jude. Er dachte nicht daran, eine neue Religion zu stiften. Es war
bei ihm weder von einer Aufhebung noch von einer Erluterung des Judentums die
Rede. Er sagte selbst, da er nicht gekommen sei, das Gesetz aufzulsen, sondern
zu erfllen; ein Ausdruck, der freilich im griechischen Texte mehr sagt als das
bloe: Befolgen, aber nicht ber den Begriff eines vollkommnen, in allen seinen
Bezgen verstandenen Judentums hinausgeht. Da war auch nicht eine einzige neue
Lehre, welche Jesus brachte. Enthllte er tiefer die Geheimnisse Gottes? Nein,
er kennt nur jenen pdagogischen Gott des Judentums. Waren seine Andeutungen
ber die Unsterblichkeit neu? Sie waren es, der dunkeln und zweifelhaften Lehre
des Alten Testaments gegenber: aber seit dreihundert Jahren glaubten die Juden
an die Fortdauer nach dem Tode aus eignem Antriebe: die Phariser hatten daraus
das Feldgeschrei ihrer Parteimeinung gemacht. Was blieb demnach im Munde Jesu
brig? Eine Moral, welche allerdings veredelnde Kraft hat, aber nie mehr gibt
und geben will als das lautre Judentum. Die Moral Jesu hlt sich immer dicht bei
den Gebruchen des Zeremonialgesetzes und ist nur darin charakteristisch, da
sie fr den uern Ritus innerlich entsprechende Gesinnungen forderte. Jesus
lehrte: Liebe deinen Nchsten wie dich selbst! So lehrte schon Moses; aber der
Stifter einer neuen Religion mute sagen: Liebe deinen Nchsten mehr als dich
selbst! Daraus schliet man, da Jesus eine Person war, die einzig und allein
der Geschichte, keineswegs aber der Religion oder Philosophie angehrte.
    Trichter Glaube, das Neue Testament fr die Grundlage einer Religion
anzusehen, fr ein Buch, das geschrieben worden wre, um symbolischen Wert zu
haben! Der Kanon ist nichts als die erste Erscheinung des Christentums. Das
Christentum selbst liegt darber hinaus: das heit, vage Begriffe ber ein
gescheitertes historisches Ereignis wurden von Mnnern herumgetragen, die dabei
beteiligt gewesen waren. Die Apostel hatten die Fhigkeit nicht gehabt, eine
Begebenheit zu verstehen, welche mit sich selbst in Widersprchen lag; sie
konnten sich nur der Wirksamkeit nicht entschlagen, welche eine so bedeutende
Persnlichkeit wie die ihres Lehrers auf sie ausbte: sie glaubten seinen
dreisten Behauptungen, da er der Messias wre, und fanden bei der Verbreitung
dieser Ansicht darin eine Untersttzung, da Jesus seine baldige Wiederkunft
versprochen hatte. So entspann sich ein romantisches Truggewebe von Wundern,
subjektiven, die Jesus verrichtet habe, objektiven, die an ihm selbst geschehen
wren. Die Apostel bersahen, wie sehr die Mehrzahl dieser Wunder, welche eher
auf einen Eskamoteur als auf einen Propheten schlieen lassen (ich erinnere nur
an die Fabel von dem Stater im Leibe eines Fisches), das gttliche Geprge ihrer
Erzhlungen verwischte. Ja, sie wuten nicht einmal, wieviel sie moralisch
wagten, alle ihre Behauptungen wechselseitig ohne Prfung anzunehmen. Denn das
Altertum war berall auf das Auerordentliche hin gerichtet und konnte sich
keine groe Begebenheit ohne Abweichungen von dem natrlichen Laufe der Dinge
erklren. Auffallend bleibt es indessen, da die Apostel selbst im Neuen
Testamente so wenig scharf und przis als Verbreiter der Lehre Jesu auftraten,
da erst andere meist ein Amt bernahmen, was ihnen vor allen zukam. Htten sie
wirklich den Leichnam Jesu gestohlen? Dann klnge dies Stillschweigen fast wie
bses Gewissen. Hierber mag ich nichts entscheiden: nur dies scheint fest, da
die Apostel Menschen von borniertem Verstande waren, da sie berhaupt viel
hnlichkeit mit unsern Theologen hatten und da es zuletzt nicht ohne typische
Vorbedeutung war, wenn neben der Krippe Jesu gleich ein Ochs und ein Esel
standen.
    Diejenigen unter den Anhngern Jesu, welche, ich sage nicht, logische
Schlsse machen, doch wenigstens begreifen konnten, wie z.B. der von den
Theologen gern zu einem tiefsinnigen Philosophen gestempelte Paulus, befolgten
in der Stiftung einer neuen Sekte den dreisten Gang, da sie in Jesu nur die
Neuerung anerkannten. Sie rissen seine Erscheinung als etwas Isoliertes vom
Gesetze los. Sie machten aus polizeilichen Differenzen ihres Lehrers mit der
Synagoge absichtliche, dogmatische, religionsstiftende. Eine bermtige Exegese,
welche die Stellen des Alten Testamentes in einem strflich verkehrten Sinne auf
Jesus bezog, mute ihre Absichten untersttzen. Jesus wurde ein Wundertter, und
er machte als solcher unter den Heiden ein Glck, das Apollonius von Tyana auch
gehabt htte, wre ihm der Jude Jesus nicht in der Zeit zuvorgekommen. Die
geringe Philosophie, die hinzukam, alle diese Mrchen zu erklren und in einen
dogmatischen Zusammenhalt zu bringen, waren die Unterscheidungen zwischen
physischer und psychischer Natur, zwischen Fleisch und Geist, zwischen dem
Gesetz und der Freiheit. Wahrlich, eine Religion mute diese Einfachheit haben,
um so um sich zu greifen, wie es das Christentum tat!
    Das Christentum ist eine Religion der Persnlichkeit. Moses war doch nur der
Sendling Gottes, Muhamed Allahs Prophet, sie lieen sich keine gttliche Ehre
erweisen! Sehet hier eine Religion, deren unwillkrlicher Stifter von einigen
verworrenen Kpfen mit Gott selbst verwechselt wurde, eine Religion, die nichts
fr ihren Gegenstand und alles fr ihren ersten Priester tut! Jede allgemeine,
jede Weltreligion mu unabhngig von irgendeinem Namen sein, und im Christentum
ist man heute noch nicht einig, welche Ehre Gott, welche Jesu gebhrt. Welch ein
Glaube! Wir sind nicht ohne Poesie, wir schwrmen gern, weil wir in jedem Hauche
der Natur einen Ku der Gottheit whnen, und wrden recht unglcklich sein, wenn
wir nicht zuweilen auf unsern herben Lebenswein ein Rosenblatt der Illusion
legen drften, ein Rosenblatt, das uns in den Mund kmmt und zu trinken hindert
und das wir doch nicht missen mchten. Aber hier berschreitet eine Zumutung die
Linie des Ertrglichen. Das Christentum wurzele nicht in Jesu Lehre, sondern in
seinem Leben: nicht die Liebe sei es, sagen sie, die er im Abendmahle eingesetzt
habe, sondern sein Fleisch und Blut, seine eigne Persnlichkeit, die nun
immerdar solle gegessen und getrunken werden. Auf die individuellen Begegnisse
eines unglcklichen Menschen wird eine Religion gebaut, eine Dogmatik, die sich
nicht um die Worte seines Mundes kmmert, sondern seine Futapfen als
Paragraphenzeichen nimmt, seine Ngelmale als Kapiteleinschnitte: kurz, das
Christentum ist eine Religion, die auf eines Menschen krperlichen Verrichtungen
und Leiden gegrndet ist, eine Religion, die das objektive Evangelium eines
Menschen predigt. Armer Rabbi von Nazareth! Statt da sie weinen sollten ber
dein wehmtiges Schicksal, freuen sie sich deines Todes und haben ihn lachendes
Mutes im Munde! Die Kreuzigung Jesu wird gar nicht mehr historisch
nachempfunden; sondern da alles in des unglcklichen Mannes Leben typisch und
als Notwendigkeit gedeutet wird, so geht die Teilnahme und das Mitleiden
gleichgltig an dem Schmerze vorber und sieht am Karfreitage immer nur Ostern,
bei einem Sterbenden eine grausame Hand, die ihm das Kissen unterm Kopfe
wegzieht, damit er schneller sterbe, damit er schneller auferstnde! Das
Kruzifix ist eine Zierat geworden, die man im Ohre hngen hat.
    Die groe, imponierende Gewalt des Christentums liegt in seiner
welthistorischen Ausdehnung. Nicht, da ich dieser Lehre die Umgestaltung
Europas zuschriebe, nicht, da ich so ungerecht gegen Gott wre und behauptete,
er habe ohne die verworrenen Ideen einiger palstinensischer Fischer und
Teppichfabrikanten die Welt nicht auf diesen Gipfel der Kultur bringen knnen:
nein, schon dadurch wird die christliche Idee geschwcht, da sich die
germanischen Vlker fr sie interessierten und ihre eigne welthistorische
Prdestination in jene Lehre legten und das Christuskind als Christoffel durch
das Weltmeer trugen. Das einzige, was mich an das Christentum kettet, ist ein
magischer, mit Blut beschriebener Kreis; jene schreckhaften Verfolgungen, denen
der neue Glaube ausgesetzt war, jene Hekatomben, die das Christentum dem
Heidentum opfern mute, die Mnner, Weiber, Kinder, die zu Tausenden hingemordet
wurden - ah, das pret an die Kammern des Gehirns: die Fibern des Nachdenkens
ziehen sich zitternd in ihren Versteck: das brennt und schmerzt, wenn man Sinn
fr Historie, Sinn fr die Leiden der Menschheit hat. Nur jener Blutstrme wegen
bin ich gewissermaen Christ, weil meine Religion die des Schmerzes und mein
Kultus der Mut ist. Ich wrde nicht raten, eher ein neues Bekenntnis abzulegen,
ehe man nicht im Begriffe und in der Lage ist, dafr dasselbe auszustehen, was
das alte Bekenntnis gekostet hat.
    Bis hieher konnte noch von einem Christentum die Rede sein. Als der Begriff
Kirche erfunden war, als Konzilien und Wrdentrger eingesetzt wurden, da hatte
sich die Lehre Jesu in eine neue Art von Heidentum verwandelt, in Mythologie auf
der einen, Aristotelismus auf der andern Seite. Zwischen beiden wucherte die
Mystik, keine ursprnglich christliche Pflanze, sondern
arabisch-jdisch-kabbalistisches Gewchs, das in der Philosophie als Platonismus
wieder zum Vorschein kam. Das Christentum, insofern es von Priestern und Mnchen
reprsentiert wurde, war auch nicht einmal eine Religion mehr, sondern nur noch
Vorwand einer politischen Tendenz des Zeitalters. Die Hierarchie umgrtete sich
mit dem Schwerte und fluchte wie ein Landsknecht. Das Christentum war nun doch
ein Reich von dieser Welt geworden. Der tote Rabbi Jesus drehte sich im Grab um:
er hatte sich gercht. Wann gab es eine Religion, die in tausend Jahren mit so
disparaten Anomalien sich uern konnte? Der Islam ist zwlfhundert Jahre alt,
und noch weht die grnseidne Fahne des Propheten wie damals, als er aus der
Wste zog. Man hatte Jesus zum Stifter einer Religion machen wollen. Jesus hatte
sich gercht. Die falsche Auslegung seiner Mission war gescheitert.
    Luther versuchte noch einmal, das lecke Schiff einer imaginren Mglichkeit
zusammenzufgen. Ein Bergmannssohn aus Thringen stieg in das Bergwerk des
Christentums hinab, durchhmmerte die oberen Flzschichten der Tradition und
holte aus den tieferen Erzgngen hervor, was er fr reines, silbernes und
goldenes Christentum hielt. Es war eine khne Neuerung, die sich aus dem
Wittenberger Flachlande, aus der Gegend von Kroppstdt und Treuenbrietzen, die
ganz so aussieht wie der gesunde Menschenverstand, entwickelte. Tausende sagten
sich von dem rmischen Heidentume los, das mit der Seelen Seligkeit einen
Aktienhandel durch ganz Europa etabliert hatte. Die Wittenberger Reformation war
ein groer Fortschritt der Menschheit, wenn es gro ist, wie Herr Tholuck getan
haben soll, in Rom von den antiken Gtterstatuen zu sagen: Es sind schne
Gtzen! Darum handelte es sich: die Menschheit von einem religisen Mechanismus
zu befreien, zu gleicher Zeit aber auch auf dreihundert Jahre die Kunst, die
Literatur, die Schnheit aller vergangenen Zeiten und die Schnheit der Ewigkeit
zu derogieren. Das ist kein Unglck, wenn es von einem groen Glcke ersetzt
worden wre. Fr das Christentum geschah in der Reformation alles, fr die
Wahrheit und den gesunden Menschenverstand und die Naturreligion aber nichts.
    An zwei Begriffen siechte gleich anfangs die Reformation: an einem, den sie
nicht abschaffte, an der Kirche; und an einem, den sie neu erfand, am
Evangelium.
    Biblisches Christentum! Was heit das? Ein Christentum erfinden, das sich
grndete auf falscher Exegese, schlechten kritischen Hlfsmitteln, auf
Interpolationen und frommen Betrgereien, auf einer ungestrten und sorglosen
Verbindung des Alten und Neuen Testamentes, endlich aber auf jener heillosen
Verwechselung zwischen dem Kanon als einer Richtschnur des Christentums, statt
da der Kanon, wie wir zeigten, nur erste Erscheinung, die ganz prekre und
subjektiv berall beanstandete Erscheinung des Christentums war. Der
Protestantismus bekam seine symbolischen Bcher, welche die Lehrer beschwren
muten, seine Katechismen, den groen und den kleinen, nach welchen die
Unmndigen an einen Glauben geschmiedet wurden, dem sie schon als Suglinge
durch die Taufe willenlos sich hingeben muten. Was mu ich glauben? Ich mu
glauben, da Gott die Welt erschaffen hat - als wenn ein Gott, der sich in so
endlichen Werken, wie die Erde ist, ausspricht, ein Gott, der zugibt, da etwas
auer ihm ist, ohne er selbst zu sein, als wenn ein Gott, der Raum und Zeit
erschaffen hat, um aus Laune irgendeinen kleinlichen Weltzweck zu erfllen, um
durch die Dauer zu tun, was ihm ja im Nu gelingen knnte, um unglckliche, von
Zweifeln zerfleischte, halb tierische, halb menschliche Menschen auf einem
gewissen Erdballe, in einem gewissen Deutschland, hier in dieser ganzen Misere
herumkriechen zu lassen, als wenn ein solcher Gott jemals meinem philosophischen
Bewutsein entsprechen knnte! Aber was Philosophie? Wir reden nicht von
Philosophie: ich verga, da wir ber einige Ammenmrchen und poetische Grillen
sprechen. Ich mu glauben, da Christus sei ein eingeborner Sohn Gottes, von
einer Jungfrau geboren, niedergefahren zur Hlle und wieder auferstanden - Nein,
auch dies ist nicht der Kern des Christentums. Was soll ich glauben? Da
Christus ist unser Mittler, da er im Abendmahl persnlich assistiert als
Fleisch und Blut im Brot und Weine, da er uns rechtfertigt durch die Gnade, da
die Erbsnde, an die ich als Psycholog und Menschenkenner faktisch glaube,
theologisch zu erklren sei, zum groen Teile aber eine Dogmatik, welche auf
jedes einzelne Glied im Krper des Rabbi Jesus gegrndet ist. Der Katholizismus
war sinnlicher Gtzendienst mit polytheistischer Frbung. Der Protestantismus
wurde mystischer Gtzendienst mit einer Beschrnkung auf einen Gott, der aber
drei Hypostasen hatte. Wittenberg und der Sand waren Schuld, da diese Lehre
immer flacher, uerlicher und znkischer sich ausbildete. Aus dem Evangelium,
der Bibelmanie und den symbolischen Bchern setzte sich zuletzt das kncherne
Skelett der Orthodoxie zusammen, eine Gestalt, die statt des Herzens einen
ledernen Beutel, statt des Gehirns eine Anhufung schwammartiger Stoffe zu
tragen hat.
    Das zweite Unglck des Protestantismus war die Beibehaltung des Begriffes
der Kirche und die unterlassene Ausgleichung desselben mit dem Begriffe:
Gemeine. Hier trat frh ein Schwanken ein, das auf der einen Seite das Extrem
der englischen Hochkirche und auf der andern das qukerische Extrem der
allgemeinen Priesterschaft erzeugte. Das Luthertum an und fr sich selbst nahm
frh eine servile Richtung. Es stritt fr das gttliche Recht der Frsten
ebensosehr, wie es seine eignen Satzungen in ein legitimes, unantastbares Gewand
zu kleiden suchte. Thomas Mntzer schalt mit Recht auf Luther, den Papst von
Wittenberg. Das Territorialsystem war die Folge der Schmeichelei. Die Kirche
blieb etwas Ganzes, der Glaube wurde nicht an die stille Kammer des Herzens als
seinen Tempel verwiesen, sondern die Kirche reprsentierte wie ehemals. Die
Geistlichen regieren untereinander. Sie scheinen eine Monarchie fr sich zu
bilden und ducken sich auerdem unter der politischen Souvernitt, so da es
noch heutiges Tages nicht entschieden ist, wie weit sich die kirchliche
Autoritt als Landeshoheit erstreckt, wie weit man wagen darf, Agenden zu
verfassen und sie mit militrischer Gewalt, wie in den Schlesischen Dragonaden
geschehen ist, in Wirksamkeit zu setzen. Hier ist alles vag, hoffrtig,
augendienerisch, despotisch und erfllt das Herz des Biedermannes mit den
schmerzlichsten Gefhlen.
    Die deistische Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts konnte deshalb dem
Christentum keinen merklichen Abbruch tun, weil sie bald zu frivol, bald zu
witzig war. Der unsittliche Reformator macht nirgends Glck. Der Witz ist einer
so groartigen Institution wie das Christentum gnzlich unangemessen. Die naive
Einfachheit kindlicher und glaubensfreudiger Seelen pariert alle Nadelstiche
Voltaires, eines Mannes, den man fr einen Schneider halten mchte, so furchtsam
und eitel war er. Das Christentum fordert andere Waffen heraus, berhaupt keine
Waffen, die nur fr den Krieg taugen, sondern solche, welche sich an einen Stiel
stecken lassen, positiv und schaffend werden und die Erde zur neuen Saat
auflockern. Das achtzehnte Jahrhundert, der mephistophelische Geist der
abstrakten Verneinung hauchte mit dem ersten Seufzer aus, der auf der
Revolutionsguillotine ausgestoen wurde. Die Negation der Revolution war schon
eine schpferische.
    Die Flgel meiner Seele schlagen freudiger, weil ich die Morgenrte (ach!
die blutige Morgenrte) der neuen Schpfung sich am Himmel malen sehe. Aber noch
halte mich zurck, du strmischer Genius des Jahrhunderts; noch einmal wurde in
Deutschland der Versuch gemacht, zu einem trostreichen Resultate ber die
wunderbaren Begebenheiten in Palstina zu gelangen. Die Welt seufzt in ihrer
Achse ob der strmischen Bewegung. Wie glcklich wren wir alle, wenn wir in den
Trumen unsrer Jugend uns ewig wiegen drften und uns keine Unruhe der Seele von
den Spielen der Unschuld verscheuchte!
    Die Kantische Philosophie schien unsern Vtern nach langem Schlafe ein
wunderbares Erwachen. Noch nie ist eine Entdeckung mit so reinem Enthusiasmus
empfunden worden. Die Kantische Philosophie war Kritizismus: sie war ohne
Geheimnisse; aber sie schien den Schlssel der Geheimnisse zu besitzen. Frher
wurde sie auf die Offenbarung und das Christentum angewandt: aber die
Konsequenzen, welche sich hier durch sie ergaben, waren von der
entgegengesetztesten Art. Der Rationalismus hielt sich an die Unmglichkeit, das
Ding an sich zu erkennen; der Supernaturalismus an die Vermutungen, welche
hinter dem Dinge an sich liegen konnten. Das Ding an sich war ebensosehr negativ
wie mystisch positiv: das weite Chaos der Zweifel lag in ihm ebensogut wie das
Chaos der Gefhle. Diese beiden Prinzipien ber Christentum machten fnfzehn
Jahre in Deutschland die Tagesordnung aus. Es war ein Streit um den Anfang eines
Zirkels. Der Rationalismus, der von Gott behauptete, da man vieles von seinem
Wesen wisse, manches aber noch unerrtert zu lassen habe, begann mit dem
Bestimmten und hrte mit dem Unbestimmten auf. Der Supernaturalismus, der aus
seinen Ahnungen ein System, aus seinen Ungewiheiten eine Dogmatik schuf, fing
mit dem Unbestimmten an und hrte mit dem Gegenteile auf. So war der Streit ohne
des Endes Mglichkeit. Niemand trat aus dem Zirkel heraus. Sie walzten ihre
Debatten herum und erschpften sich in Konzessionen praktischer und
theoretischer Art. Mischgattungen drngten sich zwischen die Extreme:
Damenprediger, welche das Christentum mit Gemlden verglichen, wo die Konturen
dem Rationalismus, die Farben dem Supernaturalismus angehren mten:
Professoren der Theologie, die das Urchristentum wollten;
Generalsuperintendenten, welche die Perfektibilitt des Christentums lehrten.
Andre, wie Schleiermacher, adoptierten die Dogmatik, wenn ihre Lehrstze sich
gemtlich als Seelenzustnde bettigten. Mit einem Worte, sie mochten so
freidenkerisch verfahren wie immer; so ri doch niemand den Vorhang der Lge
weg. Auf der Kanzel gaben sie niemals jenen Glauben preis, den sie auf dem
Katheder anatomisch zergliederten. berall trifft man auf Diakone und
Konsistorialrte dieser Art, welche sich wie jesuitische Aale theoretisch winden
und hin- und herstruben, praktisch aber sich immer wieder in ihren
homiletischen Schleim verstecken.
    Schelling und Hegel, jener von katholischer, dieser von protestantischer
Seite, stellten den letzten Versuch an, die Philosophie mit der Offenbarung in
Einklang zu bringen. Schelling bertrug allerhand Analogien des Naturprozesses
auf die Geheimnislehren des Christentums: er wute Opfer, Menschwerdung usf.
durch witzige Bilder von seiten der Phantasie annehmlich zu machen. Hegel
sttzte sich auf den Geschichtsproze, auf die innerlichen Ruhemomente seiner
metaphysischen Logik, deren ganzes Schema allein schon den Begriff der Trinitt
ausdrckte. Hegels Philosophie scheint mir auch wahrlich die einzige, die
imstande ist, das Christentum zu beurteilen. Ihr Standpunkt ist der historische.
Sie bringt einen Schematismus in die Begebenheiten, welcher den innern und
uern Sinnen wohltut. Wodurch ist auch das Christentum eine so imposante
Erscheinung? Durch seine historische Stellung. Hegel hat die Verschiedenheit der
Zeiten immer vortrefflich charakterisiert und das Eigentmliche des Christentums
darin gefunden, da sich logische und historische Begriffe daran akkommodieren
lassen. Aber mehr gelang ihm nicht. Seine Philosophie des Christentums konnte
nur da erst anfangen, als die Entwicklung der christlichen Lehre zu Ende war.
Hegels Mastab ist berall die Vergangenheit. Seine Erklrungen sind typischer
Art, seine Philosophie ist eine Auslegung. Schelling und Hegel stehen an der
Spitze jenes christlichen Dilettantismus, der aus knstlerischen Interessen sich
mit verstopftem Ohre in eine grundlose Flut versenkt. Das Christentum selbst mu
dabei seinen Kredit verlieren, wenn nur noch Dichter, Grbler, Knstler,
verzweifelte und polizeilich beaufsichtigte Menschen sich fr die Erklrung
seiner Satzungen interessieren. Der gesunde Teil der Menschheit wird in eine
andere Strmung des strmenden Weltgeistes gerissen werden.
    Unser Zeitalter ist politisch, aber nicht gottlos. Wie gern verbnde es die
Freiheit der Vlker mit dem Glauben an die Ewigkeit! Aber unchristlich ist unser
Zeitalter, denn das Christentum scheint sich berall der politischen
Emanzipation in den Weg zu stellen. Daher jene merkwrdigen Erscheinungen,
welche die neuere Zeit auf dem Gebiete, man wei nicht, soll man sagen, der
Politik oder der Religion hervorgebracht hat. berall Sektengeist,
Religionsstifter, Religionen auf Aktien, Religionen auf Subskription, jede
Religion, nur kein Christentum. Man spricht von Priestern, von einer Theokratie,
von Gottesdienst, nur nichts Christliches. Es ist erstaunenswert, da diese
Dinge in Frankreich auftauchen, in einem Lande, das fr Europa die Mission der
Freiheit hat, in einem Lande, das in der neuern Geschichte fr alle Fragen der
Kultur die Initiative bernommen zu haben scheint. Wir reden hier vom St.
Simonismus und den Worten eines Glubigen.
    In diese beiden Bekenntnisse ist zuerst die Anerkennung der politischen
Tendenz des Jahrhunderts niedergelegt. Man hat hier die Unverschmtheit
vermieden, welche die hungernden Arbeiter auf das himmlische Brot des ewigen
Lebens anweist. Die Religion der Entsagung mag fr Jahre passen, wo die Ernte
nicht geraten ist; aber wo Flle und Verschwendung rings ihre Feste feiern, da
murrt die Menschheit ber eine Religion, welche immerfort an das Sichschicken,
an die Demut, an den Ratschlu Gottes appelliert. Von dieser Seite des
Christentums berhaupt, die sich dem Zeitgeiste entgegenstellt, kann nicht mehr
die Rede sein. Der Unterschied zwischen den beiden Bekenntnissen ist der, da
der St. Simonismus das Christentum antiquiert und durch einige materielle
Philosopheme nebst kirchlichen, freilich dem alten Glauben entnommenen
Institutionen zu ersetzen sucht, die Worte eines Glubigen dagegen auf den
demokratischen Ursprung des Christentums zurckgehen und unverhohlen eine
republikanische Tendenz desselben aussprechen. Der St. Simonismus will den Staat
von der Kirche, die Worte eines Glubigen wollen die Kirche vom Staate
befreien. Jener weist auf die Zukunft, diese auf die Vergangenheit. Beide aber
krnkeln an hnlichen Gebrechen: der St. Simonismus an der Philosophasterei: La
Mennais am Katholizismus. Wie soll man in der Krze ber beide Tendenzen
urteilen? Beide sind keine Revolutionen, aber sie sind Symptome. Der St.
Simonismus verrt ein Bedrfnis der Menschheit: die Worte eines Glubigen
suchen es zu befriedigen, aber sie befriedigen es nur zur Hlfte.
    Ich habe die Tatsachen der Vergangenheit verfolgt und breche da ab, wo
alles, was nun kommen mu, nicht so von mir vorgezeichnet werden kann, sondern
in die Hand der Zeitgenossen gegeben ist. Lasset mich an einem Orte innehalten,
den wir selber auszufllen haben, bei jenen weien Blttern der Geschichte, die
hinfort von uns beschrieben werden sollen!
    Ich hre drauen ein simultanes Glockengelut: katholische und
protestantische Tne. Es ist Pfingsten, ein Fest, wo man zwar nicht mehr
pltzlich wie einst in Jerusalem gut Englisch, Spanisch und Sanskrit lernt, was
mir sehr lieb wre: wo aber der Heilige Geist auf alle Welt ausgegossen wurde.
Wir leben in der Zeit des Heiligen Geistes, von dem Christus selber sagt, da er
uns in alle Wahrheit fhren und freimachen wrde. So scheint es sogar jener Mann
gewut zu haben, da die Geschichte immerdar ihre eigne Autoritt bleibt, da
der Weltgeist rastlos wirkt und in uns schafft und die Wahrheit zuletzt nur der
Gottesdienst im Tempel der Freiheit ist. Wir werden keinen neuen Himmel und
keine neue Erde haben; aber die Brcke zwischen beiden, scheint es, mu von
neuem gebaut werden.

Es schlug Mitternacht, als Wally das saubergeschriebene Heft durchlesen hatte.
Die Wachskerze war tief heruntergebrannt, ihre Augen glhten, sie hatte Trnen
ntig, um den heien Brand zu lschen. Aber die Trnen kamen nicht. Sie sa da,
versteinert wie Niobe, der man das Liebste und Teuerste wegschiet. Rings war
alles grauenhaft still, nur der Uhrpendel schwang sich unterm Glase hin und her
und zhlte die Minuten, die den Geistern auf Erden zu wandeln vergnnt waren.
Wally lebte nur in den Worten, die sie gelesen hatte, und flsterte sich zu:
Ich sterb' auch mit ihnen. Dann ergriff sie mechanisch den kleinen Kerzenrest,
der noch brannte, und schritt in ihr Schlafgemach, einen finstern, dmonischen
Schatten werfend.

Noch sechs Monate hielt Wally ein Leben aus, dessen Sttze weggenommen war. Sie,
die Zweiflerin, die Ungewisse, die Feindin Gottes, war sie nicht frmmer als
die, welche sich mit einem nicht verstandenen Glauben beruhigen? Sie hatte die
tiefe berzeugung in sich, da ohne Religion das Leben des Menschen elend ist.
Sie ging nun damit um, dem ihrigen ein Ende zu machen.
    Je unerschtterlicher sich dieser Gedanke bei ihr festgesetzt hatte, desto
mehr suchte sie ihn uerlich zu verbergen. Sie zeigte sogar, je gewisser sie
mit sich selbst wurde, eine heitre Unbefangenheit, die die Rckkehr ihrer
frhern Laune hoffen lie.
    Sie war viel auf ihrem Zimmer allein, weinte und rang; aber beten konnte sie
nicht. Sie warf sich wohl oft verzweifelnd auf die Knie, aber wie eine eherne
Mauer stand es vor ihr, wenn sie flehend die Hand ausstreckte. Sie schrieb noch
einzelne ihren Seelenzustand verratende Aphorismen in ihr Tagebuch; die meisten
bewegten sich um den Gedanken des Todes. An der Ursache desselben hatte sie
nichts mehr, was sie in sich ndern konnte. Eine Stelle, welche man spter im
Buche fand, war ganz mit Trnen durchnt. Man konnte das an der geronnenen
Dinte und dem zerknitterten Papiere sehen. Sie hie:

O Jesus! Nie warst du mir teurer als trnenvergieend im Garten von Gethsemane!
Jesus! Du batest Gott, da er den Kelch dieses herben Todes mchte an dir
vorbergehen lassen, du, du, der die Welt verndert hat! Und die Jnger
schliefen. Sie achteten deiner flehenden Stimme nicht, da sie mit dir wachten,
da sie mit dir weinten auf dem lberge. Ach, um mich schlafen sie alle, und
niemand kennt den Schmerz, der mich verzehrt, niemand wacht mit mir, niemand
betet fr mich!

Es war an einem trben und regnerischen Herbsttage. Die Kastanien prasselten von
den Bumen. Der Wind schlug die Regenschauer an die nassen Fenster. Alles in der
Natur schien zu Grabe zu gehen. Wally sa einsam in ihrem Zimmer. Eine Uhr lag
neben ihr. Neben der Uhr ein rotes Tuch, das einen unsichtbaren Gegenstand
bedeckte.
    Eine Stunde verrann nach der andern. Um die sechste dunkelte es. Man brachte
ihr Licht. Sie winkte stumm mit der Hand, als man nach ihren Befehlen fragte.
    Sie trat ans Klavier und schlug einige Akkorde an. Es schlug sieben Uhr.
    Dann setzte sie sich und schrieb einige Zeilen:

Ich mu sterben, denn hassenswert schien' ich mir, wenn ich mich durch die Welt
schliche und mir selbst verbergen wollte, was ich leide. Wir erkennen Gott
nicht. Nun und nimmer mehr. Das tragische und der Menschheit wrdige Schicksal
unsers Planeten wre, da er sich selbst anzndete und alle, die Leben atmen,
sich auf den Scheiterhaufen der brennenden Erde wrfen. Alle mten sie sich
opfern - aus Ha gegen den Himmel; opfern, wie man Rechnungen verdirbt, die ohne
den Wirt gemacht werden. Alle! Alle! Dann wre das Problem gelst, und Gott
mte eilen, sich neue Menschen, neue Sklaven zu schaffen. Barbarischer Mord der
Vlker untereinander, glaubt ihr, werde das Ende der Dinge sein? Die
wiedererwachende Roheit der Natur? Hynen, die sich untereinander zerfleischen,
sind euch der Zweck der Geschichte? Grlicher Gedanke! Prophezeihung, wrdig
eines Henkers! Sie werden sterben, aber sie werden alle den Dolch in ihre eigene
Brust senken und eine groe Kette der Freundschaft schlieen, die Menschen! Sie
werden sich fassen alle an ihrer Hand und mit der Rechten den Sto vollbringen
und noch im Tode sich mit ihren Kssen bedecken. Sie werden sterben, weil sie
reif sind, weil sie das Hchste erreichten in Wissenschaft und Kunst, weil sie
alle ineinandergerechnet der Gottheit gleichkommen. Aber die Gottheit sitzt
hinter einem Vorhange und verbirgt nach wie vor ihr sprdes Antlitz und zgert,
zu kommen und sich zu enthllen. Was haben wir ihr getan?

Es schlug acht Uhr. Sie war in eine Aufregung gekommen, welche fr ihren
Entschlu nicht pate. Was ist Sturm, Ungewitter, Herbst, was selbst der Schmerz
der Seele und des Herzens, wenn der Geist seine Gedanken aufrttelt und die
Denkkraft ihre Fhlfden ausschiet? Das Denken erhlt den Mut, den man am
Wissen verliert. Wally war so nahe daran, ihre Verirrung zu fhlen. Aber sie war
ein weibliches Herz, das nicht so leicht vergit, was es einmal wollte, und in
sich selbst kein groes Register von Entschlieungen hat, wo sie whlen knnte.
Sie fiel in den alten Schmerz zurck.
    Um neun Uhr griff sie noch einmal nach der Feder und schrieb:

Lebet wohl! Alle! Alle! Armselig war mein Leben; wie klein, wie nichtig alle die
Beziehungen meiner Jugend! Und das war wohl des Todes wert; denn ich bin nichts,
nur Staub, nur Vernichtung. Mein Leben ist unntz. Gret sie alle, gret den
Frhling des kommenden Jahres, wo ich tot sein werde und keines Vogels Ruf mich
wieder wecken wird. Ich danke euch allen, die mich liebten, und Dir, Dir, Csar;
allen! Allen!

Sie mute noch viel geweint haben. Auch diese Zeilen waren verronnen in nasse
Punkte. Sie mute dann den Sto vollbracht haben mit jenem Dolche, der ihrem
toten Bruder gehrte.
    Man fand sie auf dem Bette ausgestreckt. Das Licht stand zu ihren Hupten.
Sie hatte mit beiden Hnden den in das rote Tuch gewickelten und darin auch von
ihr whrend des Stoes gelassenen Dolch in ihr Herz gedrckt und lag da, nicht
lchelnd und ruhig, wie wohl in andern Fllen hier getroffen ist, sondern mit
krampfhafter Verzerrung ihres schnen Antlitzes und einem Ausdrucke der
Verzweiflung in den starren Augen, der erschrecken machte.
    Sie wurde mit Geprnge bestattet. Die, welche am Grabe standen, beweinten
nicht sie selbst, sondern nur ihre Jugend.

                           Wahrheit und Wirklichkeit


Man kann den Zufall verdammen, man kann selbst berzeugt sein, da in allem, was
geschieht, eine konsequente Offenbarung der Gottesidee liegt; und doch wrde
niemand zu behaupten wagen, da alles, was geschieht, alles, was wir als
geschehen beobachten knnen, etwas andres sei als die zuflligen uerlichkeiten
jener offenbarten Gottesidee. Ich glaube, da alles gut ist, was geschieht;
glaube aber nicht, da eben nur das geschehen kann, was geschieht. Unendlich ist
das Reich der Mglichkeit, jenes Schattenreich, das hinter den am Lichte der
Begebenheiten sichtbaren Erscheinungen liegt. Es gibt eine Welt, die, wenn sie
auch nur in unsern Trumen lebte, sich ebenso zusammensetzen knnte zur
Wirklichkeit wie die Wirklichkeit selbst, eine Welt, die wir durch Phantasie und
Vertrauen zu combinieren vermgen. Schale Gemter wissen nur das, was geschieht;
Begabte ahnen, was sein knnte; Freie bauen sich ihre eigne Welt.
    Zwei Garantien der unsichtbaren Welt sind die Religion und die Poesie. Jene
schliet das Reich der Mglichkeit auf, um zu trsten; diese, weil sie die
Wirklichkeit erklren will. Beide beruhen auf Tuschungen, nur ist die Poesie
glcklicher, weil sie die Wahrscheinlichkeit fr sich hat. Es ist leichter, an
ein Gedicht als an den Himmel glauben. Die Ereignisse des Gedichtes sind oft die
heimlichen Erklrungsmotive der Wirklichkeit, die Schpfungen des Autors haben
die Analogie fr sich und die Erde; aber der Himmel schwebt in der Luft und ist
trotz aller Philosophie ohne Mastab, wie Gott selbst.
    Die Geschichte der Poesie zeigt, wie sich in ihr von jeher Wahrheit und
Wirklichkeit gestritten haben. Jene Gemter, welche wir die schalen nannten,
entschieden sich fr die Wirklichkeit, die freien fr die unsichtbare Wahrheit,
die begabten, die empfnglichen, die sogenannten Leute von Geschmack, Bildung
und Erziehung fr das Mittlere zwischen beiden, fr die Wahrscheinlichkeit. Und
so ist es noch. Bei jeder neuen Dichtung fragen die einen: Wo geschah dies?,
die andern: Sollte dies geschehen knnen? Nur die freien Gemter entscheiden,
ohne zu fragen, weil sie es fhlen, da das, was nicht geschieht, immer noch
wahr ist, selbst wenn es nicht geschehen kann.
    Alles, was die Wirklichkeit kopiert, ist fr die Masse. Diese Gattung der
Poesie erhebt sich von der untersten Stufe der Genremalerei bis zu den Romanen
von Walter Scott und Bulwer, bis zu den Dramen Ifflands und Kotzebues. Nur hell,
blank und geschliffen mu diese Literatur sein, weil sie der Wirklichkeit
gegenber ein Spiegel ist, der sie treu aufft und wiedergibt. Fr die schalen
Gemter ist nichts genialer, als sie selbst zu zeichnen, wie sie sind: ihre
Tante, ihre Katze, ihren Schal, ihre kleinen Sympathien, ihre Schwachheiten. Was
haben wir von euern Grillen, von euern Erfindungen, die in der Luft schweben?
Gebt uns uns selbst, dem Egoismus den Egoismus! Es gibt Kritiker und
Literatoren, die sich nur fr das Kopieren der Wirklichkeit enthusiasmieren
knnen. Das Wahrscheinliche ist bei ihnen schon eine Konzession. England hat von
jeher diese Art der poetischen Darstellung bevorzugt, Deutschland ist
systematisch genug bearbeitet worden, hierin nachfolgen zu mssen. Die alte
Literatur steht bei uns versteinert da in Tempeln und in Walhallen, die mittlere
war keines Schusses Pulver wert, die neue hat nur noch ein schwankendes und
kaltes, von Politik und spekulativer Trgheit ganz darniedergehaltenes Publikum.
Darauf kmmt alles zurck: Man will von der Literatur keine Anstrengung haben;
die Literatur soll niemanden mehr eine unruhige Nacht machen, sie schildert, sie
portrtiert, sie stillt die Leselust mit Historie und Bulwer. Die Poesie ist
jetzt Selbstbefruchtung. Die Wirklichkeit nhrt sich von ihrem eignen
brgerlichen, berquellenden Fette.
    Menschen, die schon eine Stufe hher stehen, sind mit der Wahrscheinlichkeit
zufrieden. Sie wollen nur einige Voraussetzungen, die den Boden der Wirklichkeit
berhren; das brige berlassen sie der Combination und Phantasie. Dies sind die
gemtlichen Leser, die sich durch poetische Schpfungen in einen sanften
Halbschlummer wiegen lassen, die die Bcher nach der Elle konsumieren. Es mu
ihnen nichts zu nahe und nichts zu ferne liegen. Schwebend zwischen Himmel und
Erde, ganz willenlos hingegeben den Capricen des Dichters, freuen sie sich
zuletzt, da nun alles, was sie gelesen haben, doch entweder nicht wahr ist oder
im entgegengesetzten Falle immer sehr wahrscheinlich bleibe.
    Die Wahrheit selbst ist unsichtbar und liegt niemals in dem, was wirklich
ist. Die poetische Wahrheit ist schpferisch. Sie baut mit den geheimsten Fden
der menschlichen Seele, sie combiniert nicht, wie der Staat, die Familie, die
Religion, die Sitten und das Herkommen combinieren, sondern revolutionr. Die
poetische Wahrheit offenbart sich nur dem Genius. Dieser lauscht niedergestreckt
auf den Boden der Wirklichkeit und hrt, wie in den innersten Getrieben der
Gemter eine embryonische Welt mit keimendem Bewutsein wchst. Wer auf seine
Entwickelung lauscht, mu sich oft gestehen, da ganze Gedichte in ihm sich
zusammenreimen aus Motiven, welche die Auenwelt niemals anerkennen wrde. Dies
sollte nicht auch Wahrheit sein? Dies sollte den Dichter nicht entzcken? Die
Alten und die Mittleren schufen in dieser Weise nicht: aber die Modernen werden
es. Ihre Historien sind nicht die Sage oder Geschichte, sondern die Ideen, die
im Schoe der still wirkenden und schaffenden Gottheit schlummern. Die Welt, wie
sie ist, wird ihren Gebilden nicht entsprechen; diese werden dem nchternen
Vorwurfe der Unwahrheit und Unwahrscheinlichkeit ausgesetzt sein. Aber noch
immer ging das Genie seinem Jahrhunderte voraus.
    Zwei Tatsachen mcht' ich aus obigem folgern: die beide weniger literarisch
als historisch sind.
    Wenn man in Anschlag bringt, da entschieden schon in der franzsischen
Literatur, ohne alle Widerrede auch bei uns allmhlich eine Poesie der ideellen
Wahrheit und reellen Unwirklichkeit sich zu entfalten beginnt, wenn man diese
Frauengebilde betrachtet, welche die Phantasie der jetzigen begabteren Dichter
erfindet, diese originellen Situationen und allem Herkommen widersprechenden
Sitten; sollte man diese Erscheinung nicht fr beziehungsreich halten fr unser
zuknftiges Leben, fr die Existenz in der Wirklichkeit, fr die weite Unterlage
der Masse und des allgemeinen Glaubens? Es ist wahr, die Dichter fangen an, auf
immer luftigeren Bahnen zu wandeln: sie schaffen sich ihre eignen Welten mit
Thronen, die ihre Phantasie erbaute, mit Richtersthlen, die ihre eigne
Gesetzgebung haben, mit einem Gottesdienst, dessen
    Priester nur noch die kleine Gemeinde selbst ist. Es baut sich eine Wahrheit
der Dichtung auf, der in den uns umgebenden Institutionen nichts entspricht,
eine ideelle Opposition, ein dichterisches Gegenteil unsrer Zeit, das einen
zweifachen Kampf wird zu bestehen haben, einmal einen gegen die Wirklichkeit
selbst als konstituierte Macht mit physischer Autoritt, sodann einen gegen die
Poesie der Wirklichkeit, welche so viel Dichter und so viel Kritiker fr sich
hat.
    Dies ist ein Symptom unsrer Zeit, aus dem wir bis jetzt noch keinen weitern
Schlu ziehen wollen als einen, der vielleicht auerhalb der Literatur liegt,
den ich aber nicht verschweigen will, weil jedes, was die Menschheit ehrt, auf
den Lippen des Enthusiasten brennt. Man verwirft mit Recht das Experimentieren
mit der Menschheit, aber man geht darin weiter, als man darf, ohne die
Menschheit zu beleidigen. Wir frchten uns, den Zeitgenossen etwas zu entziehen,
wovon wir uns einbilden, da es zu ihrem Leben ntig ist. Wir glauben an die
Institutionen in Sitte, Meinung und politischer Einrichtung wie an die
unerllichen Lebensbedingungen der Jahrhunderte. Als wenn die Menschheit keine
innern Quellen htte! Als wenn sie unterginge, wenn ihr sie aus dieser ganzen
Sndflut ihrer Existenz pltzlich nackt und noch triefend auf den Ararat
versetztet! Als wenn die Menschheit nicht immer die erste sein wird, die sich
hilft, und diejenige, welche fr sich den besten Rat wei! Sie zucken die
Achseln wie unvorsichtige rzte, sie frchten fr das Leben des Patienten und
quacksalbern an den alten Schden herum; aber nehmt der Menschheit ein Bein ab:
sie wird sich ein neues machen; nehmt ihr, um nur eines, was unmglich scheint,
zu nennen, z.B. das Christentum: glaubt ihr, da sie untergehen wird? Nehmt ihr
eure Gesetzbcher, eure Verfassungen - nehmt ihr zuletzt das, worauf gleichsam
alles ankommen soll, nehmt ihr euch selbst! - und die Menschheit wird
fortbestehen. Sie wird alles ertragen und durch Felsen vom strksten Granit noch
immer einen Weg finden, der sie zu ihrem Ziele fhrt.
