
                               Arnim, Bettina von

                      Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                               Bettina von Arnim

                      Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

                                 Seinem Denkmal

                                  Erster Teil

                              Dem Frsten Pckler

 Haben sie von deinen Fehlen
 Immer viel erzhlt,
 Und frwahr, sie zu erzhlen
 Vielfach sich geqult.
 Htten sie von deinem Guten
 Freundlich dir erzhlt,
 Mit verstndig treuen Winken
 Wie man Bess'res whlt:
 O gewi! Das Allerbeste
 Blieb uns nicht verhehlt,
 Das frwahr nur wenig Gste
 In der Klause zhlt. -

                                                            (Weststlicher Divan
                                                           Buch der Betrachtung)

Es ist kein Geschenk des Zufalls oder der Laune, was Ihnen hier dargebracht
wird. Aus wohlberlegten Grnden und mit freudigem Herzen biete ich Ihnen an,
das Beste was ich zu geben vermag. Als Zeichen meines Dankes fr das Vertrauen,
was Sie mir schenken.
    Die Menge ist nicht dazu geeignet, die Wahrheit, sondern nur den Schein zu
prfen; den geheimen Wegen einer tiefen Natur nachzuspren, das Rtselhafte in
ihr aufzulsen ist ihr versagt, sie spricht nur ihre Tuschungen aus, erzeugt
hartnckige Vorurteile gegen bessere berzeugung und beraubt den Geist der
Freiheit, das vom Gewhnlichen Abweichende in seiner Eigentmlichkeit
anzuerkennen. In solchen Verwirrungen waren auch meine Ansichten von Ihnen
verstrickt, whrend Sie aus eigner Bewegung, jedes verkleinernde Urteil ber
mich abweisend, mir freundlich zutrauten: Sie wrden Herz und Geist durch mich
bereichern knnen, wie sehr hat mich dies beschmt! - Die Einfachheit Ihrer
Ansichten, Ihrer sich selbst beschauenden, selbstbildenden Natur, Ihr leiser
Takt fr fremde Stimmung, Ihr treffendes fertiges Sprachorgan; sinnbildlich
vieldeutig in melodischem Stil innere Betrachtung wie uere Gegenstnde
darstellend, diese Naturkunst Ihres Geistes, alles hat mich vielfltig ber Sie
zurechtgewiesen und mich mit jenem hheren Geist in Ihnen bekannt gemacht, der
so manche Ihrer uerungen idealisch parodiert.
    Einmal schrieben Sie mir: Wer meinen Park sieht, der sieht in mein Herz. -
Es war im vorigen Jahr in der Mitte September, da ich am frhen Morgen, wo eben
die Sonne ihre Strahlen ausbreitete, in diesen Park eintrat; es war groe Stille
in der ganzen Natur, reinliche Wege leiteten mich zwischen frischen
Rasenpltzen, auf denen die einzelnen Blumenbsche noch zu schlafen schienen;
bald kamen geschftige Hnde, ihrer zu pflegen, die Bltter, die der Morgenwind
abgeschttelt hatte, wurden gesammelt und die verwirrten Zweige geordnet; ich
ging noch weiter an verschiedenen Tagen und zu verschiedenen Stunden nach allen
Richtungen, so weit ich kam, fand ich dieselbe Sorgfalt und eine friedliche
Anmut, die sich ber alles verbreitete. So entwickelt und pflegt der Liebende
den Geist und die Schnheit des Geliebten, wie Sie hier ein anvertrautes Erbteil
der Natur pflegen. Gern will ich glauben, da dies der Spiegel Ihres tiefsten
Herzens sei, da es so viel Schnes besagt; gern will ich glauben, da das
einfache Vertrauen zu Ihnen nicht minder gepflegt und geschtzt sei als jede
einzelne Pflanze Ihres Parks. Dort hab ich Ihnen auch aus meinen Briefen und dem
Tagebuch an Goethe vorgelesen, Sie haben gern zugehrt; ich gebe sie Ihnen jetzt
hin, beschtzen Sie diese Bltter wie jene Pflanzen, und so treten Sie abermals
hier zwischen mich und das Vorurteil derer, die schon jetzt, noch eh sie es
kennen, dies Buch als unecht verdammen und sich selbst um die Wahrheit betrgen.
    Lassen Sie uns einander gut gesinnt bleiben, was wir auch fr Fehler und
Verstoe in den Augen anderer haben mgen, die uns nicht in demselben Lichte
sehen, wir wollen die Zuversicht zu einer hheren Idealitt, die so weit alle
zufllige Verschuldungen und Miverstndnisse und alle angenommene und
herkmmliche Tugend berragt, nicht aufgeben. Wir wollen die mannigfaltigen
edlen Veranlassungen, Bedeutungen und Interesse, verstanden und geliebt zu
werden, nicht verleugnen, ob andre es auch nicht begreifen, so mag es ihnen ein
Rtsel bleiben.

    Im August 1834

                                                                   Bettina Arnim

                                    Vorrede


Dies Buch ist fr die Guten und nicht fr die Bsen.
    Whrend ich beschftigt war, diese Papiere fr den Druck zu ordnen, hat man
mich vielfltig bereden wollen, manches auszulassen oder anders zu wenden, weil
es Anla geben knne zu Mideutungen. Ich merkte aber bald, man mag nur da guten
Rat annehmen, wo er der eignen Neigung nicht widerspricht. Unter den vielen
Ratgebern war nur einer, dessen Rat mir gefiel; er sagte: Dies Buch ist fr die
Guten und nicht fr die Bsen; nur bse Menschen knnen es bel ausdeuten,
lassen Sie alles stehen, wie es ist, das gibt dem Buch seinen Wert, und Ihnen
kann man auch nur Dank wissen, da Sie das Zutrauen haben, man werde nicht
mideuten, was der gute Mensch nie miverstehen kann. - Dieser Rat leuchtete
mir ein, er kam von dem Faktor der Buchdruckerei von Trowitzsch und Sohn, Herrn
Klein, derselbe, der mir Druck und Papier besorgte, Orthographiefehler
korrigierte, Komma und Punkt zurechtrckte und bei meinem wenigen Verstand in
diesen Sachen viel Geduld bewies. Diese seine ausgesprochne Meinung bestrkte
mich darin, da ich den bsen Propheten und den ngstlichen Ansichten der
Ratgebenden nicht nachgab. Wie auch der Erfolg dieses Rates ausfallen mag, ich
freue mich seiner, da er unbezweifelt von den Guten als der edelste anerkannt
wird, die es nicht zugeben werden, da die Wahrheit eines freudigen Gewissens
sich vor den Auslegungen der Bsen flchte. -
    Auch dem Herrn Kanzler von Mller in Weimar sage ich Dank, da er auf meine
Bitte sich bemhte, trotz dem Drang seiner Geschfte, meine Briefe aus Goethes
umfassendem Nachla hervorzusuchen, es sind jetzt achtzehn Monate, da ich sie
in Hnden habe; er schrieb mir damals: So kehre denn dieser unberhrte Schatz
von Liebe und Treue zu der reichen Quelle zurck, von der er ausgestrmt! Aber
eins mchte ich mir zum Lohn meiner gemess'nen Vollziehung Ihres Wunsches und
Willens wie meiner Enthaltsamkeit doch von Ihrer Freundschaft ausbitten. -
Schenken Sie mir irgendein Blatt aus dieser ohne Zweifel lebenswrmsten
Korrespondenz; ich werde es heilig aufbewahren, nicht zeigen noch kopieren
lassen, aber mich zuweilen dabei still erfreuen, erbauen oder betrben, je
nachdem der Inhalt sein wird; immerhin werde ich ein zweifach liebes Andenken,
einen Tropfen gleichsam Ihres Herzbluts, das dem grten und herrlichsten
Menschen zustrmte, daran besitzen. - Ich habe diese Bitte nicht befriedigt,
denn ich war zu eiferschtig auf diese Bltter, denen Goethe eine ausgezeichnete
Teilnahme geschenkt hatte, sie sind meistens von seiner Hand korrigiert, sowohl
Orthographie als auch hie und da Wortstellung, manches ist mit Rtel
unterstrichen, anderes wieder mit Bleistift, manches ist eingeklammert, anderes
ist durchstrichen. - Da ich ihn nach lngerer Zeit wiedersah, ffnete er ein
Schubfach, worin meine Briefe lagen, und sagte: Ich lese alle Tage darin.
Damals erregten mir diese Worte einen leisen Schauer. Als ich jetzt diese Briefe
wieder las, mit diesen Spuren seiner Hand, da empfand ich denselben Schauer, und
ich htte mich nicht leichtlich von einem der geringsten Bltter trennen mgen.
Ich habe also die Bitte des Kanzler von Mller mit Schweigen bergangen, aber
nicht undankbar vergessen; mge ihm der Gebrauch, den ich davon gemacht habe,
beides, meinen Dank und meine Rechtfertigung, beweisen.

                        Briefwechsel mit Goethes Mutter



                               Liebste Frau Rat!

                                                                 Am 1. Mrz 1807

Ich warte schon lange auf eine besondere Veranlassung, um den Eingang in unsere
Korrespondenz zu machen. Seitdem ich aus Ihrem Abrahamsscho, als dem Hafen
stiller Erwartung, abgesegelt bin, hat der Sturmwind noch immer den Atem
angehalten, und das Einerleileben hat mich wie ein schleichend Fieber um die
schne Zeit gebracht. Wie sehr bejammere ich die angenehme Aussicht, die ich auf
der Schawell zu Ihren Fen hatte, nicht die auf den Knopf des Katharinenturms,
noch auf die Feueresse der ruigen Zyklopen, die den goldnen Brunnen bewachen;
nein! die Aussicht in Ihren vielsagenden feurigen Blick, der ausspricht, was der
Mund nicht sagen kann. - Ich bin zwar hier mitten auf dem Markt der Abenteuer,
aber das kstliche Netz, in dem mich Ihre mtterliche Begeistrung eingefangen,
macht mich gleichgltig fr alle. Neben mir an, Tr an Tr, wohnt der Adjutant
des Knigs; er hat rotes Haar, groe blaue Augen, ich wei einen, der ihn fr
unwiderstehlich hlt, der ist er selber. Vorige Nacht weckte er mich mit seiner
Flte aus einem Traum, den ich fr mein Leben gern weiter getrumt htte, am
andern Tag bedankt ich mich, da er mir noch so fromm den Abendsegen vorgeblasen
habe; er glaubte, es sei mein Ernst, und sagte, ich sei eine Betschwester,
seitdem nennen mich alle Franzosen so und wundern sich, da ich mich nicht
drber rgere; - ich kann aber doch die Franzosen gut leiden.
    Gestern ist mir ein Abenteuer begegnet. Ich kam vom Spaziergang und fand den
Rothschild vor der Tr mit einem schnen Schimmel; er sagte: es sei ein Tier wie
ein Lamm, und ob ich mich nicht draufsetzen wolle? - Ich lie mich gar nicht
bitten, kaum war ich aufgestiegen, so nahm das Lamm Reiaus und jagte in vollem
Galopp mit mir die Wilhelmshher Allee hinauf, ebenso kehrte es wieder um. Alle
kamen totenbla mir entgegen, das Lamm blieb pltzlich stehen, und ich sprang
ab; nun sprachen alle von ihrem gehabten Schreck; - ich fragte: Was ist denn
passiert? - Ei, der Gaul ist ja mit Ihnen durchgegangen! - So! sagt ich,
das hab ich nicht gewut. - Rothschild wischte mit seinem seidnen Schnupftuch
dem Pferde den Schwei ab, legte ihm seinen berrock auf den Rcken, damit es
sich nicht erklten solle, und fhrte es in Hemdrmel nach Haus; er hatte
gefrchtet, es nimmermehr wiederzusehen. - Wie ich am Abend in die Gesellschaft
kam, nannten mich die Franzosen nicht mehr Betschwester, sie riefen alle
einstimmig: Ah l'hrone!
    Leb Sie wohl, ruf ich Ihr aus meiner Traumwelt zu, denn auch ber mich
verbreitet sich ein wenig diese Gewalt. Ein gar schner (ja ich mte blind
sein, wenn ich dies nicht fnde), nun, ein feiner, schlanker brauner Franzose
sieht mich aus weiter Ferne mit scharfen Blicken an, er naht sich bescheiden, er
bewahrt die Blume, die meiner Hand entfllt, er spricht von meiner
Liebenswrdigkeit; Frau Rat, wie gefllt einem das? - Ich tue zwar sehr kalt und
unglubig, wenn man indessen in meiner Nhe sagt: Le roi vient, so befllt
mich immer ein kleiner Schreck, denn so heit mein liebenswrdiger Verehrer.
    Ich wnsche Ihr eine gute Nacht, schreib Sie mir bald wieder.
                                                                         Bettine

                           Goethes Mutter an Bettine


                                                                Am 14. Mrz 1807

Ich habe mir meine Feder frisch abknipsen lassen und das vertrocknete Tintenfa
bis oben vollgegossen, und weil es denn heute so abscheulich Wetter ist, da man
keinen Hund vor die Tr jagt, so sollst Du auch gleich eine Antwort haben. Liebe
Bettine, ich vermisse Dich sehr in der bsen Winterzeit; wie bist Du doch im
vorigen Jahr so vergngt dahergesprungen kommen? - Wenn's kreuz und quer
schneite, da wut ich, das war so ein recht Wetter fr Dich, ich braucht nicht
lange zu warten, so warst Du da. Jetzt guck ich auch immer noch aus alter
Gewohnheit nach der Ecke von der Katharinenpfort, aber Du kommst nicht, und weil
ich das ganz gewi wei, so kmmert's mich. Es kommen Visiten genug, das sind
aber nur so Leutevisiten, mit denen ich nichts schwtzen kann.
    Die Franzosen hab ich auch gern - das ist immer ein ganz ander Leben, wenn
die franzsische Einquartierung hier auf dem Platz ihr Brot und Fleisch
ausgeteilt kriegt, als wenn die preuische oder hessische Holzbck einrcken.
    Ich hab recht meine Freud gehabt am Napoleon, wie ich den gesehen hab; er
ist doch einmal derjenige, der der ganzen Welt den Traum vorzaubert, und dafr
knnen sich die Menschen bedanken, denn wenn sie nicht trumten, so htten sie
auch nichts davon und schliefen wie die Sck, wie's die ganze Zeit gegangen ist.
    Amsiere Dich recht gut und sei lustig, denn wer lacht, kann keine Todsnd
tun.
    Deine Freundin
                                                                Elisabeth Goethe

Nach dem Wolfgang frgst Du gar nicht; ich hab Dir's ja immer gesagt: wart nur
bis einmal ein andrer kommt, so wirst Du schon nicht mehr nach ihm seufzen.

                                   Frau Rat!


                                                                Am 20. Mrz 1807

Geh Sie doch mit Ihren Vorwrfen; - das antwort ich Ihr auf Ihre Nachschrift,
und sonst nichts.
    Jetzt rat Sie einmal, was der Schneider fr mich macht. Ein Andrieng? -
Nein! Eine Kontusche? - Nein! Einen Joppel? - Nein! Eine Mantille? - Nein! Ein
paar Boschen? - Nein! Einen Reifrock? - Nein! Einen Schlepprock? - Nein! Ein
Paar Hosen? - Ja! - Vivat - jetzt kommen andre Zeiten angerckt - und auch eine
Weste und ein berrock dazu. Morgen wird alles anprobiert, es wird schon sitzen,
denn ich hab mir alles bequem und weit bestellt, und dann werf ich mich in eine
Chaise und reise Tag und Nacht Kurier durch die ganzen Armeen zwischen Feind und
Freund durch; alle Festungen tun sich vor mir auf, und so geht's fort bis
Berlin, wo einige Geschfte abgemacht werden, die mich nichts angehn. Aber dann
geht's eilig zurck und wird nicht eher haltgemacht bis Weimar. O Frau Rat, wie
wird's denn dort aussehen? - Mir klopft das Herz gewaltig, obschon ich noch bis
zu Ende April reisen kann, ehe ich dort hinkomme. Wird mein Herz auch Mut genug
haben, sich ihm hinzugeben? - Ist mir's doch, als stnd er eben vor der Tr! -
Alle Adern klopfen mir im Kopf; ach wr ich doch bei Ihr! - Das allein knnt
mich ruhig machen, da ich sh, wie Sie auch vor Freud auer sich wr, oder
wollt mir einer einen Schlaftrunk geben, da ich schlief, bis ich bei ihm
erwachte. Was werd ich ihm sagen? - Ach, nicht wahr, er ist nicht hochmtig? -
Von Ihr werd ich ihm auch alles erzhlen, das wird er doch gewi gern hren.
Adieu, leb Sie wohl und wnsch Sie mir im Herzen eine glckliche Reis. Ich bin
ganz schwindlig.
                                                                         Bettine

Aber das mu ich Ihr doch noch sagen, wie's gekommen ist. Mein Schwager kam und
sagte, wenn ich seine Frau berreden knne, in Mnnerkleidern mit ihm eine weite
Geschftsreise zu machen, so wolle er mich mitnehmen und auf dem Rckweg mir
zulieb ber Weimar gehen. Denk Sie doch, Weimar schien mir immer so entfernt,
als wenn es in einem andern Weltteil lg, und nun ist's vor der Tr.

                                Liebe Frau Rat!


                                                                  Am 5. Mai 1807

Eine Schachtel wird Ihr mit dem Postwagen zukommen, beste Frau Mutter, darin
sich eine Tasse befindet; es ist das sehnlichste Verlangen, Sie wieder zu sehen,
was mich treibt, Ihr solche unwrdige Zeichen meiner Verehrung zu senden. Tue
Sie mir den Gefallen, Ihren Tee frh morgens draus zu trinken, und denk Sie
meiner dabei. - Ein Schelm gibt's besser, als er's hat.
    Den Wolfgang hab ich endlich gesehen; aber ach, was hilft's? Mein Herz ist
geschwellt wie das volle Segel eines Schiffs, das fest vom Anker gehalten ist am
fremden Boden und doch so gern ins Vaterland zurck mchte.
    Adieu, meine liebe gute Frau Mutter, halt Sie mich lieb.
                                                                Bettine Brentano

                           Goethes Mutter an Bettine


                                                                 Am 11. Mai 1807

Was lt Du die Flgel hngen? Nach einer so schnen Reise schreibst Du einen so
kurzen Brief, und schreibst nichts von meinem Sohn, als da Du ihn gesehen hast;
das hab ich auch schon gewut, und er hat mir's gestern geschrieben. Was hab ich
von Deinem geankerten Schiff? Da wei ich soviel wie nichts. Schreib doch, was
passiert ist. Denk doch, da ich ihn acht Jahre nicht gesehen hab und ihn
vielleicht nie wieder seh, wenn Du mir nichts von ihm erzhlen willst, wer soll
mir dann erzhlen? - Hab ich nicht Deine alberne Geschichten hundertmal
angehrt, die ich auswendig wei, und nun, wo Du etwas Neues erfahren hast,
etwas Einziges, wo Du weit, da Du mir die grte Freud machen knntest, da
schreibst Du nichts. Fehlt Dir denn was? - Es ist ja nicht bers Meer bis nach
Weimar. Du hast ja jetzt selbst erfahren, da man dort sein kann, bis die Sonne
zweimal aufgeht. - Bist Du traurig? - Liebe, liebe Tochter, mein Sohn soll Dein
Freund sein, Dein Bruder, der Dich gewi liebt, und Du sollst mich Mutter heien
in Zukunft fr alle Tg, die mein sptes Alter noch zhlt, es ist ja doch der
einzige Name, der mein Glck umfat.
    Deine treue Freundin
                                                                Elisabeth Goethe

Vor die Tasse bedank ich mich.

                               An Goethes Mutter


                                                                 Am 16. Mai 1807

Ich hab gestern an Ihren Sohn geschrieben; verantwort Sie es bei ihm. - Ich will
Ihr auch gern alles schreiben, aber ich hab jetzt immer so viel zu denken, es
ist mir fast eine Unmglichkeit, mich loszureien, ich bin in Gedanken immer bei
ihm; wie soll ich denn sagen, wie es gewesen ist? - Hab Sie Nachsicht und
Geduld; ich will die ander Woch nach Frankfurt kommen, da kann Sie mir alles
abfragen.
    Ihr Kind
                                                                         Bettine

Ich lieg schon eine Weile im Bett, und da treibt mich's heraus, da ich Ihr
alles schreib von unserer Reise. - Ich hab Ihr ja geschrieben, da wir in
mnnlicher Kleidung durch die Armeen passierten. Gleich vorm Tor lie uns der
Schwager aussteigen, er wollte sehen, wie die Kleidung uns stehe. Die Lulu sah
sehr gut aus, denn sie ist prchtig gewachsen, und die Kleidung war sehr passend
gemacht; mir war aber alles zu weit und zu lang, als ob ich's auf dem
Grempelmarkt erkauft htte. Der Schwager lachte ber mich und sagte, ich she
aus wie ein Savoyardenbube, ich knnte gute Dienste leisten. Der Kutscher hatte
uns vom Weg abgefahren durch einen Wald, und wie ein Kreuzweg kam, da wut er
nicht wohinaus; obschon es nur der Anfang war von der ganzen vier Wochen langen
Reise, so hatt ich doch Angst, wir knnten uns verirren und kmen dann zu spt
nach Weimar; ich klettert auf die hchste Tanne, und da sah ich bald, wo die
Chaussee lag. Die ganze Reise hab ich auf dem Bock gemacht; ich hatte eine Mtze
auf von Fuchspelz, der Fuchsschwanz hing hinten herunter. Wenn wir auf die
Station kamen, schirrte ich die Pferde ab und half auch wieder anspannen. Mit
den Postillons sprach ich gebrochen Deutsch, als wenn ich ein Franzose wr. Im
Anfang war schn Wetter, als wollt es Frhling werden, bald wurd es ganz kalter
Winter; wir kamen durch einen Wald von ungeheuren Fichten und Tannen, alles
bereift, untadelhaft, nicht eine Menschenseele war des Wegs gefahren, der ganz
wei war; noch obendrein schien der Mond in dieses verdete Silberparadies, eine
Totenstille - nur die Rder pfiffen von der Klte. Ich sa auf dem Kutschersitz
und hatte gar nicht kalt; die Winterklt schlgt Funken aus mir; - wie's nah an
die Mitternacht rckte, da hrten wir pfeifen im Walde; mein Schwager reichte
mir ein Pistol aus dem Wagen und fragte, ob ich Mut habe loszuschieen, wenn die
Spitzbuben kommen, ich sagte: Ja. Er sagte: Schieen Sie nur nicht zu frh.
Die Lulu hatte groe Angst im Wagen, ich aber unter freiem Himmel, mit der
gespannten Pistole, den Sbel umgeschnallt, unzhlige funkelnde Sterne ber mir,
die blitzenden Bume, die ihren Riesenschatten auf den breiten mondbeschienenen
Weg warfen - das alles machte mich khn auf meinem erhabenen Sitz. - Da dacht
ich an ihn, wenn der mich in seinen Jugendjahren so begegnet htte, ob das nicht
einen poetischen Eindruck auf ihn gemacht haben wrde, da er Lieder auf mich
gemacht htte und mich nimmermehr vergessen. Jetzt mag er anders denken, - er
wird erhaben sein ber einen magischen Eindruck; hhere Eigenschaften (wie soll
ich die erwerben?) werden ein Recht ber ihn behaupten. Wenn nicht Treue -
ewige, an seine Schwelle gebannt, mir endlich ihn erwirbt! So war ich in jener
kalten hellen Winternacht gestimmt, in der ich keine Gelegenheit fand, mein
Gewehr loszuschieen, erst wie der Tag anbrach, erhielt ich Erlaubnis
loszudrcken; der Wagen hielt, und ich lief in den Wald und scho in die dichte
Einsamkeit Ihrem Sohn zu Ehren mutig los, indessen war die Achse gebrochen; wir
fllten einen Baum mit dem Beil, das wir bei uns hatten, und knebelten ihn mit
Stricken fest; da fand denn mein Schwager, da ich sehr anstellig war, und lobte
mich. So ging's fort bis Magdeburg; przis sieben Uhr abends wird die Festung
gesperrt, wir kamen eine Minute nachher und muten bis den andern Morgen um
sieben halten; es war nicht sehr kalt, die beiden im Wagen schliefen. In der
Nacht fing's an zu schneien, ich hatte den Mantel ber den Kopf genommen und
blieb ruhig sitzen auf meinem freien Sitz; am Morgen guckten sie aus dem Wagen,
da hatte ich mich in einen Schneemann verwandelt, aber noch eh sie recht
erschrecken konnten, warf ich den Mantel ab, unter dem ich recht warm gesessen
hatte. In Berlin war ich wie ein Blinder unter vielen Menschen, und auch
geistesabwesend war ich, an nichts konnt ich teilnehmen, ich sehnte mich nur
immer nach dem Dunkel, um von nichts zerstreut zu sein, um an die Zukunft denken
zu knnen, die so nah gerckt war. Ach, wie oft schlug es da Alarm! - pltzlich,
unversehens, mitten in die stille Ruhe, ich wute nicht von was. Schneller, als
ich's denken konnte, hatte mich ein ser Schrecken erfat. O Mutter, Mutter!
denk Sie an Ihren Sohn, wenn Sie wte, sie sollte ihn in kurzer Zeit sehen, sie
wr auch wie ein Blitzableiter, in den alle Gewitter einschlgen. - Wie wir nur
noch wenig Meilen von Weimar waren, da sagte mein Schwager, er wnsche nicht den
Umweg ber Weimar zu machen und lieber eine andre Strae zu fahren. Ich schwieg
stille, aber die Lulu litt es nicht; sie sagte: Einmal wr mir's versprochen
und er mte mir Wort halten. - Ach Mutter! - das Schwert hing an einem Haar
ber meinem Haupt, aber ich kam glcklich drunter weg.
    In Weimar kamen wir um zwlf Uhr an; wir aen zu Mittag, ich aber nicht. Die
beiden legten sich aufs Sofa und schliefen; drei Nchte hatten wir durchwacht.
Ich rate Ihnen, sagte mein Schwager, auch auszuruhen; der Goethe wird sich
nicht viel draus machen, ob Sie zu ihm kommen oder nicht, und was Besondres wird
auch nicht an ihm zu sehen sein. Kann Sie denken, da mir diese Rede allen Mut
benahm? - Ach, ich wute nicht, was ich tun sollte, ich war ganz allein in der
fremden Stadt; ich hatte mich anders angekleidet; ich stand am Fenster und sah
nach der Turmuhr, eben schlug es halb drei. - Es war mir auch so, als ob sich
Goethe nichts draus machen werde, mich zu sehen; es fiel mir ein, da ihn die
Leute stolz nennen; ich drckte mein Herz fest zusammen, da es nicht begehren
solle; - auf einmal schlug es drei Uhr. Und da war's doch auch grad, als htte
er mich gerufen, ich lief hinunter nach dem Lohnbedienten, kein Wagen war da,
eine Portechaise? Nein, sagt ich, das ist eine Equipage frs Lazarett. Wir
gingen zu Fu. Es war ein wahrer Schokoladenbrei auf der Strae, ber den
dicksten Morast mute ich mich tragen lassen, und so kam ich zu Wieland, nicht
zu Ihrem Sohn. Den Wieland hatte ich nie gesehen, ich tat, als sei ich eine alte
Bekanntschaft von ihm, er besann sich hin und her und sagte: Ja, ein lieber
bekannter Engel sind Sie gewi, aber ich kann mich nur nicht besinnen, wann und
wo ich Sie gesehen habe. Ich scherzte mit ihm und sagte: Jetzt hab ich's
herausgekriegt, da Sie von mir trumen, denn anderswo knnen Sie mich unmglich
gesehen haben. Von ihm lie ich mir ein Billett an Ihren Sohn geben, ich hab es
mir nachher mitgenommen und zum Andenken aufbewahrt; und hier schreib ich's Ihr
ab. Bettina Brentano, Sophiens Schwester, Maximilianens Tochter, Sophie La
Roches Enkelin wnscht Dich zu sehen, l. Br., und gibt vor, sie frchte sich vor
Dir, und ein Zettelchen, das ich ihr mitgebe, wrde ein Talisman sein, der ihr
Mut gbe. Wiewohl ich ziemlich gewi bin, da sie nur ihren Spa mit mir treibt,
so mu ich doch tun, was sie haben will, und es soll mich wundern, wenn Dir's
nicht ebenso wie mir geht. Den 23. April 1807
                                                                             W.

Mit diesem Billett ging ich hin, das Haus liegt dem Brunnen gegenber; wie
rauschte mir das Wasser so betubend - ich kam die einfache Treppe hinauf, in
der Mauer stehen Statuen von Gips, sie gebieten Stille. Zum wenigsten ich knnte
nicht laut werden auf diesem heiligen Hausflur. Alles ist freundlich und doch
feierlich. In den Zimmern ist die hchste Einfachheit zu Hause, ach so
einladend! Frchte dich nicht, sagten mir die bescheidnen Wnde, er wird
kommen und wird sein, und nicht mehr sein wollen wie Du , - und da ging die Tr
auf, und da stand er feierlich ernst und sah mich unverwandten Blickes an; ich
streckte die Hnde nach ihm, glaub ich, - bald wut ich nichts mehr, Goethe fing
mich rasch auf an sein Herz. Armes Kind, hab ich Sie erschreckt, das waren die
ersten Worte, mit denen seine Stimme mir ins Herz drang; er fhrte mich in sein
Zimmer und setzte mich auf den Sofa gegen sich ber. Da waren wir beide stumm,
endlich unterbrach er das Schweigen: Sie haben wohl in der Zeitung gelesen, da
wir einen groen Verlust vor wenig Tagen erlitten haben durch den Tod der
Herzogin Amalie. Ach! sagt ich, ich lese die Zeitung nicht. - So! - Ich
habe geglaubt, alles interessiere Sie, was in Weimar vorgehe. - Nein, nichts
interessiert mich als nur Sie, und da bin ich viel zu ungeduldig, in der Zeitung
zu blttern. - Sie sind ein freundliches Kind. - Lange Pause - ich auf das
fatale Sofa gebannt, so ngstlich. Sie wei, da es mir unmglich ist, so
wohlerzogen da zu sitzen. - Ach Mutter! Kann man sich selbst so berspringen? -
Ich sagte pltzlich: Hier auf dem Sofa kann ich nicht bleiben, und sprang auf.
- Nun! sagte er, machen Sie sich's bequem; nun flog ich ihm an den Hals, er
zog mich aufs Knie und schlo mich ans Herz. - Still, ganz still war's, alles
verging. Ich hatte so lange nicht geschlafen; Jahre waren vergangen in Sehnsucht
nach ihm - ich schlief an seiner Brust ein; und da ich aufgewacht war, begann
ein neues Leben. Und mehr will ich Ihr diesmal nicht schreiben.
                                                                         Bettine

                                                                  September 1807

Frau Rat, so oft mir was Komisches begegnet, so denk ich an Sie, und was das fr
ein Jubel und fr eine Erzhlung sein wrde, wenn Sie es selbst erlebt htte.
Hier, in dem traubenreichen Mildeberg, sitze ich bei meinem Herrn Schwab, der
ehmals bei unserm Vater Schreiber war und uns Kinder alle mit seinen Mrchen
grogezogen hat. Er kann zum wenigsten so gut erzhlen wie Sie, aber er
schneidet auf und verbraucht Juden- und Heidentum, die entdeckte und unentdeckte
Welt zur Dekoration seiner Abenteuer; Sie aber bleibt bei der Wahrheit, aber mit
so freudigen Ausrufungszeichen, da man wunder denkt, was passiert ist. Ich habe
das Eichhrnchen, was Sie mir mitgab, im groen Eichenwald ins Freie gesetzt, es
war Zeit - die fnf Meilen, die es im Wagen fuhr, hat es groen Schaden gemacht,
und im Wirtshaus hat es ber Nacht dem Brgermeister die Pantoffel zerfressen.
Ich wei gar nicht, wie Sie es gemacht hat, da es Ihr nicht alle Glser
umgeworfen, alle Mbel angenagt und alle Hauben und Tocken beschmutzt hat. Mich
hat's gebissen, aber im Andenken an den schnen stolzen Franzosen, der es auf
seinem Helm vom sdlichen Frankreich bis nach Frankfurt in Ihr Haus gebracht
hat, hab ich ihm verziehen. Im Wald setzte ich's auf die Erde, wie ich wegging,
sprang es wieder auf meine Schulter und wollte von der Freiheit nichts
profitieren, und ich htt's gern wieder mitgenommen, weil mich's lieber hatte
als die schnen grnen Eichbume. Wie ich aber in den Wagen kam, machten die
andern so groen Lrm und schimpften so sehr auf unsern lieben Stubenkameraden,
da ich's in den Wald tragen mute. Ich lie dafr auch lange warten; ich suchte
mir den schnsten Eichbaum im ganzen Wald und kletterte hinauf. Da oben lie
ich's aus seinem Beutel, - es sprang gleich lustig von Ast zu Ast und machte
sich an die Eicheln, unterdessen kletterte ich hinunter. Wie ich unten ankam,
hatte ich die Richtung nach dem Wagen verloren, und obschon ich nach mir rufen
hrte, konnte ich gar nicht unterscheiden, wo die Stimmen herkamen. Ich blieb
stehen, bis sie herbeikamen, um mich zu holen; sie zankten alle auf mich, ich
schwieg still, legte mich im Wagen auf drei Selterskrge unten am Boden und
schlief einen herrlichen Schlaf, bis bei Mondschein, wo der Wagen umfiel, ganz
sanft, da niemand beschdigt ward. Eine nubraune Kammerjungfer flog vom Bock
und legte sich am flachen Mainufer in romantischer Unordnung grade vor das
Mondantlitz in Ohnmacht; zwei Schachteln mit Blonden und Bndern flogen etwas
weiter und schwammen ganz anstndig den Main hinab; ich lief nach, immer im
Wasser, das jetzt bei der groen Hitze sehr flach ist, alles rief mir nach, ob
ich toll sei, - ich hrte nicht, und ich glaub, ich wr in Frankfurt wieder
mitsamt den Schachteln angeschwommen, wenn nicht ein Nachen hervorgeragt htte,
an dem sie haltmachten. Ich packte sie unter beide rme und spazierte in den
klaren Wellen wieder zurck. Der Bruder Franz sagte: Du bist unsinnig,
Mdchen, und wollte mit seiner sanften Stimme immer zanken; ich zog die nassen
Kleider aus, wurde in einen weichen Mantel gewickelt und in den zugemachten
Wagen gepackt. -
    In Aschaffenburg legte man mich mit Gewalt ins Bett und kochte mir
Kamillentee. Um ihn nicht zu trinken, tat ich, als ob ich fest schlafe. Da wurde
von meinen Verdiensten verhandelt, wie ich doch gar ein zu gutes Herz habe, da
ich voll Geflligkeit sei und mich selber nie bedenke, wie ich gleich den
Schachteln nachgeschwommen, und wenn ich die nicht wiedergefischt htte, so
wrde man morgen nicht haben mit der Toilette fertig werden knnen, um beim
Frst Primas zu Mittag zu essen. Ach! sie wuten nicht, was ich wute, - da
nmlich unter dem Wust von falschen Locken, von goldnen Kmmen, Blonden, in
rotsamtner Tasche ein Schatz verborgen war, um den ich beide Schachteln ins
Wasser geworfen haben wrde mit allem, was mein und nicht mein gehrte, und da,
wenn diese nicht drin gewesen wr, so wrde ich mich ber die Rckfahrt der
Schachteln gefreut haben. In dieser Tasche liegt verborgen ein Veilchenstrau,
den Ihr Herr Sohn, in Weimar in Gesellschaft bei Wieland, mir heimlich im
Vorbergehen zuwarf. - Frau Mutter, damals war ich eiferschtig auf den Wolfgang
und glaubte, die Veilchen seien ihm von Frauenhand geschenkt; er aber sagte:
kannst du nicht zufrieden sein, da ich sie dir gebe? - Ich nahm heimlich seine
Hand und zog sie an mein Herz, er trank aus seinem Glas und stellte es vor mich,
da ich auch draus trinken sollte; ich nahm es mit der linken Hand und trank und
lachte ihn aus, denn ich wute, da er es hier hingestellt hatte, damit ich
seine Hand loslassen sollte. Er sagte: Hast du solche List, so wirst du auch
wohl mich zu fesseln wissen mein Leben lang. Ich sag Ihr, mach Sie sich nicht
breit, da ich Ihr mein heimlichstes Herz vertraue; - ich mu wohl jemand haben,
dem ich's mitteile. Wer ein schn Gesicht hat, der will es im Spiegel sehen, Sie
ist der Spiegel meines Glcks, und das ist grade jetzt in seiner schnsten
Blte, und da mu es denn der Spiegel oft in sich aufnehmen. Ich bitte Sie,
klatsch Sie ihrem Herrn Sohn im nchsten Brief, den Sie gleich morgen schreiben
kann und nicht erst eine Gelegenheit abzuwarten braucht, da ich dem
Veilchenstrau in der Schachtel in khler Mondnacht nachgeschwommen bin, wohl
eine Viertelstunde lang, so lang war es aber nicht, und da die Wellen mich wie
eine Wassergttin dahingetragen haben, - es waren aber keine Wellen, es war nur
seichtes Wasser, das kaum die leichten Schachteln hob; und da mein Gewand
aufgebauscht war um mich her wir ein Ballon. Was sind denn die Reifrcke seiner
Jugendliebschaften alle gegen mein dahinschwimmendes Gewand! Sag Sie doch nicht,
Ihr Herr Sohn sei zu gut fr mich, um einen Veilchenstrau solche Lebensgefahr
zu laufen! Ich schlie mich an die Epoche der empfindsamen Romane und komme
glcklich im Werther an, wo ich denn gleich die Lotte zur Tr hinauswerfen
mchte. Ihr Herr Sohn hat einen schlechten Geschmack an dem weien Kleide mit
Rosaschleifen. Ich will gewi in meinem Leben kein weies Gewand anziehen; grn,
grn sind alle meine Kleider.
    Apropos, guck Sie doch einmal hinter Ihren Ofenschirm, wo Sie immer die
schn bemalte Seite gegen die Wand stellt, damit die Sonne ihn nicht ausbleicht;
da wird Sie entdecken, da das Eichhrnchen der Ofengttin groen Schaden getan
hat, und da es ihr das ganze Angesicht bla gemacht hat. Ich wollt Ihr nichts
sagen, weil ich doch das Eichhrnchen gegen Ihren Befehl an den Ofenschirm
gebunden hatte, und da frchtete ich, Sie knnte bs werden, drum hab ich's Ihr
schreiben wollen, damit Sie in meiner Abwesenheit Ihren Zorn kann austoben
lassen. Morgen geht's nach Aschaffenburg, da schreib ich Ihr mehr. Mein
Schawellchen soll die Lieschen ausklopfen, damit die Motten nicht hineinkommen,
lasse Sie ja keinen andern drauf sitzen, adje, Fr. Rat, ich bin Ihre untertnige
Magd. -

                               An Frau Rat Goethe


Frau Rat, Sie hat eine recht garstige Hand, eine wahre Katzenpfote, nicht die,
mit der Sie im Theater klatscht, wenn der Schauspieler Werdi wie ein Mlleresel
dahertrappst und tragisches Schicksal spielen will, nein, sondern die
geschriebene Hand ist hlich und unleserlich. Mir kann Sie zwar immer so
undeutlich, wie Sie will, schreiben, da ich ein albernes Ding bin; ich kann's
doch lesen, gleich am ersten groen A. Denn was sollte es sonst heien? Sie hat
mir's ja oft genug gesagt; aber wenn Sie an Ihren Herrn Sohn schreibt von mir,
befleiige Sie sich der Deutlichkeit; die Mildeberger Trauben hab ich noch
herausgekriegt, die Sie in chaldischen und hebrischen Buchstaben verzeichnet
hat, ich werde Ihr eine ganze Schachtel voll bestellen, das htt ich auch
ohnedem getan. Der Herr Schlosser hat mir brigens nichts Besondres in Ihrem
Brief geschrieben. Ich kann das auch nicht leiden, da Sie sich die Zeit von ihm
vertreiben lt, wenn ich nicht da bin, und ich sag Ihr: lasse Sie ihn nicht auf
meiner Schawelle sitzen, er ist auch so einer, der Laute spielen will und
glaubt, er knne auf meiner Schawelle sitzen, und Sie auch, wenn Sie ihn so oft
sieht, so bild't Sie sich ein, er wr besser als ich; Sie hat so schon einmal
geglaubt, er wr ein wahrer Apoll von Schnheit, bis ich Ihr die Augen aufgetan
habe, und die Fr. Rat Schlosser hat gesagt, da, wie er neugeboren war, so habe
man ihn auf ein grnes Billard gelegt, da habe er so schn abgestochen und habe
ausgesehen wie ein glnzender Engel; ist denn Abstechen eine so groe Schnheit?
Adieu, ich sitze in einer Raufe, wo die Kuh den Klee herausfrit, und schreibe;
schreib Sie das nicht an Ihren Sohn; das knnte ihm zu toll vorkommen, denn ich
selbst, wenn ich denke: ich fnde meinen Schatz im Kuhstall sitzen und zrtliche
Briefe an mich schreiben, ich wei auch nicht, wie ich mich benehmen sollte.
Doch sitze ich hier oben aus lauter Verzweiflung, und weil ich mich versteckt
habe, und weil ich allein sein mchte, um an ihn zu denken. Adieu Fr. Rat.

Wir haben gestern beim Primas zu Mittag gegessen, es war Fasttag; da waren
wunderliche Speisen, die Fleisch vorstellten und doch keins waren. Da wir ihm
vorgestellt wurden, fate er mich am Kinn und nannte mich kleiner Engel,
liebliches Kind; ich fragte, wie alt er denn glaubt, da ich sei? Nun, zwlf
Jahre allenfalls. Nein, dreizehn, sagte ich. Ja, sagte er, das ist schon
alt, da mssen Sie bald regieren.

                              (Die Antwort fehlt)

                                                                         Winckel

Liebe Frau Rat! - Alles, was ich aufgeschrieben habe, das will ich Ihr vorlesen;
Sie kann selbst sich berzeugen, da ich nichts hinzugesetzt habe und das blo
geschrieben, was meine Augen Ihr aus dem Mund gesogen haben, nur das kann ich
nicht begreifen, da es aus Ihrem Mund so gescheit lautet, und da meine Feder
es so dumm wiedergibt; da ich nicht sehr klug bin, davon geb ich hufige
Beweise. Also das kann ich wohl zugeben, da Sie zu den Leuten sagt, Sie
wnscht, sie wren alle so nrrisch wie ich; aber sag Sie ja nicht, ich sei
klug, sonst kompromittiert Sie sich, und der Wirt in Kassel an der groen
Rheinbrcke kann den Gegenbeweis fhren. Es war so langweilig, bis unsere ganze
Bagage an der Douane untersucht war, ich nahm den Mckenpltscher und verfolgte
ein paar Mcken, sie setzten sich an die Fensterscheiben, ich schlug zu, die
Scheibe flog hinaus und mit ihr die Mcken in die goldne Freiheit, ber den
groen stolzen Rhein hinber; der Wirt sagte, das war dumm; und ich war sehr
beschmt.
    Ach Fr. Mutter! Was ist hier in dem Langenwinkel fr ein wunderlich Leben;
das soll schne Natur sein und ist es auch gewi, ich hab nur keinen Verstand,
es zu erkennen. Eh meine Augen hinber auf den Johannisberg schweifen, werden
sie von ein paar schmutzigen Gassen in Beschlag genommen und von einem langen
Feld raupenfriger Zwetschen- und Birnbume. Aus jedem Gaubloch hngen
Perlenschnre von getrockneten Schnitzeln und Hutzeln; der Lohgerber gegen uns
ber durchdampft alle Wohlgerche der Luft; alle fnf Sinne gehren dazu, um
etwas in seiner Schnheit zu empfinden, und wenn auch die ganze Natur noch so
sehr entzckend wr und ihr Duft fhrte nicht auch den Beweis, so wr der Proze
verloren.
    Die Orgel klingt auch ganz falsch hier in der Kirche. Man mute von Fr. bis
Winckel reisen, um eine so grobe Disharmonie zu Ehren Gottes auffhren zu hren.
    Leb Sie recht wohl.
                                                                         Bettine

Unser Kutscher wird Ihr eine Schachtel mit Pfirsich bringen, verderb Sie sich
nicht den Magen, denn der ist nicht gttlich und lt sich leicht verfhren.
    Wir waren am letzten Donnerstag mit den beiden Schlossers bis Lorch. Man
fuhr auf dem Wasser, Christian Schlosser glaubte die Wasserfahrt nicht vertragen
zu knnen und ging den Weg zu Fu; ich ging mit ihm, um ihm die Zeit zu
vertreiben, aber ich hab's bereut. Zum erstenmal hab ich ber den Wolfgang mit
einem andern gesprochen wie mit Ihr, und das war eine Snde. Alles kann ich wohl
vertragen von ihm zu hren, aber kein Lob und keine Liebe; Sie hat Ihren Sohn
lieb und hat ihn geboren, das ist keine Snde, und ich lasse mir's gefallen:
aber mehr nicht; die andern sollen nur keine weitere Prtensionen machen. Sie
frgt zwar, ob ich ihn allein gepachtet habe? - Ja, Fr. Rat, darauf kann ich Ihr
antworten. Ich glaub, da es eine Art und Weise gibt, jemand zu besitzen, die
niemand streitig machen kann; diese b ich an Wolfgang, keiner hat es vor mir
gekonnt, das wei ich, trotz allen seinen Liebschaften, von denen sie mir
erzhlt. - Vor ihm tu ich zwar sehr demtig, aber hinter seinem Rcken halte ich
ihn fest, und da mte er stark zappeln, wenn er los will.
    Fr. Rat! - Ich kenne die Prinzen und Prinzessinnen nur aus der Zauberwelt
der Feenmrchen und aus Ihren Beschreibungen, und die geben einander nichts
nach; dort sind zwar die schnsten Prinzessinnen in Katzen verwandelt, und
gewhnlich werden sie durch einen Schneider erlst und geheiratet. Das berleg
Sie doch auch, wenn Sie wieder ein Mrchen erfindet, und geb Sie diesem Umstand
eine moralische Erluterung.
                                                                         Bettine

                              (Die Antwort fehlt)

Ich habe freilich einen Brief vom Wolfgang hier im Rheingau erhalten, er
schreibt: Halte meine Mutter warm und behalte mich lieb. Diese lieben Zeilen
sind in mich eingedrungen wie ein erster Frhlingsregen; ich bin sehr vergngt,
da er verlangt, ich soll ihn lieb behalten; ich wei es wohl, da er die ganze
Welt umfat; ich wei, da ihn die Menschen sehen wollen und sprechen, da ganz
Deutschland sagt: unser Goethe. Ich aber kann Ihr sagen, da mir bis heute die
allgemeine Begeistrung fr seine Gre, fr seinen Namen noch nicht aufgegangen
ist. Meine Liebe zu ihm beschrnkt sich auf das Stbchen mit weien Wnden, wo
ich ihn zuerst gesehen, wo am Fenster der Weinstock, von seiner Hand geordnet
hinaufwchst, wo er auf dem Strohsessel sitzt und mich in seinen Armen hlt; da
lt er keinen Fremden ein, und da wei er auch von nichts als nur von mir
allein. Frau Rat! Sie ist seine Mutter, und Ihr sag ich's: wie ich ihn zum
erstenmal gesehen hatte, und ich kam nach Haus, da fand ich, da ein Haar von
seinem Haupt auf meine Schulter gefallen war. Ich verbrannte es am Licht, und
mein Herz war ergriffen, da es auch in Flammen ausschlug, aber so heiter, so
lustig wie die Flammen in blauer, sonnenheller Luft, die man kaum gewahr wird,
und die ohne Rauch ihr Opfer verzehrt. So wird mir's auch gehen: mein Leben lang
werde ich lustig in die Lfte flackern, und die Leute werden nicht wissen, woher
sich diese Lust schreibt; es ist nur, weil ich wei, da, wenn ich zu ihm komme,
er allein mit mir sein will und alle Lorbeerkrnze vergit.
    Leb Sie wohl und schreib Sie ihm von mir.

                           Goethes Mutter an Bettine


                                                      Frankfurt, am 12. Mai 1808

Liebe Bettine! Deine Briefe machen mir Freude, und die Jungfer Lieschen, die sie
schon an der Adresse erkennt, sagt: Fr. Rat, da bringt der Brieftrger ein
Plsier. - Sei aber nicht gar zu toll mit meinem Sohn, alles mu in seiner
Ordnung bleiben. Das braune Zimmer ist neu tapeziert mit der Tapete, die Du
ausgesucht hast, die Farbe mischt sich besonders schn mit dem Morgenrot, das
berm Katharinenturm heraufsteigt und mir bis in die Stube scheint. Gestern sah
unsre Stadt recht wie ein Feiertag aus in dem unbefleckten Licht der Alba.
    Sonst ist noch alles auf dem alten Fleck. Um Deinen Schemmel habe keine Not,
die Liese leidet's nicht, da jemand drauf sitzt.
    Schreib recht viel, und wenn's alle Tag wr, Deiner wohlgeneigten Freundin
                                                                          Goethe

                                   Frau Rat!


                                                                    Schlangenbad

Wir sind gestern auf Mllereseln geritten, weit ins Land hinaus ber Rauenthal
hinweg. Da geht's durch bewaldete Felswege, links die Aussicht in die
Talschlucht und rechts die waldige emporsteigende Felswand. Da haben mich dann
die Erdbeeren sehr verlockt, da ich schier um meinen Posten gekommen wr, denn
mein Esel ist der Leitesel. Weil ich aber immer Halt machte, um die Erdbeeren zu
pflcken, so drngte die ganze Gesellschaft auf mich ein und ich mute tausend
rote Beeren am Wege stehen lassen. Heute sind's acht Tage, aber ich schmachte
noch danach, die gespeisten sind vergessen, die ungepflckten brennen mich noch
auf der Seele. Eben drum wrde ich's ewig bereuen, wenn ich versumte, was ich
das Recht habe zu genieen, und da braucht Sie nicht zu frchten, da ich die
Ordnung umstoe. Ich hng mich nicht wie Blei an meinen Schatz, ich bin wie der
Mond, der ihm ins Zimmer scheint, wenn die geputzten Leute da sind und die
vielen Lichter angeznd't, dann wird er wenig bemerkt, wenn die aber weg sind
und das Gerusch ist vorber, dann hat die Seele um so grere Sehnsucht, sein
Licht zu trinken. So wird auch er sich zu mir wenden und meiner gedenken, wenn
er allein ist. - Ich bin erzrnt ber alle Menschen, die mit ihm zu tun haben,
doch ist mir keiner gefhrlich bei ihm, aber das geht Sie alles nichts an. Ich
werde doch nicht die Mutter frchten sollen, wenn ich den Sohn lieb hab? -

                                   An Bettine


                                                           Frankfurt, am 25. Mai

Ei Mdchen, Du bist ja ganz toll, was bild'st Du Dir ein? - Ei, wer ist denn
Dein Schatz, der an Dich denken soll bei Nacht im Mondschein? - Meinst Du, der
htt nichts Bessers zu tun? - Ja proste Mahlzeit. Ich sag Dir noch einmal: alles
in der Ordnung, und schreib ordentliche Briefe, in denen was zu lesen steht. -
Dummes Zeug nach Weimar schreiben; - schreib, was Euch begegnet, alles
ordentlich hinter einander. Erst wer da ist, und wie Dir jeder gefllt, und was
jeder an hat, und ob die Sonne scheint, oder ob's regnet, das gehrt auch zur
Sach.
    Mein Sohn hat mir's wieder geschrieben, ich soll Dir sagen, da Du ihm
schreibst. Schreib ihm aber ordentlich, Du wirst Dir sonst das ganze Spiel
verderben.
    Am Freitag war ich im Konzert, da wurde Violoncell gespielt, da dacht ich an
Dich, es klang so recht wie Deine braune Augen. Adieu, Mdchen, Du fehlst
berall Deiner Frau Rat.

                                   Frau Rat!


Ich will Ihr gern den Gefallen tun und einmal einen recht langen deutlichen
Brief schreiben, meinen ganzen Lebensaufenthalt in Winckel.
    Erst ein ganzes Haus voll Frauen, kein einziger Mann, nicht einmal ein
Bedienter. Alle Lden im Haus sind zu, damit uns die Sonne nicht wie unreife
Weinstcke behandelt und garkocht. Das Stockwerk, in dem wir wohnen, besteht aus
einem groen Saal, an das lauter kleine Kabinette stoen, die auf den Rhein
sehen, in deren jedem ein Prchen von unserer Gesellschaft wohnt. Die liebe
Marie mit den blonden Haaren ist Hausfrau und lt fr uns backen und sieden.
Morgens kommen wir alle aus unseren Gemchern im Saal zusammen. Es ist ein
besondres Plsier zu sehen, wie einer nach dem andern griechisch drapiert
hervorkommt. Der Tag geht vorber in launigem Geschwtz, dazwischen kommen
Bruchstcke von Gesang und Harpegge auf der Gitarre. Am Abend spazieren wir an
den Ufern des Rheins entlang, da lagern wir uns auf dem Zimmerplatz; ich lese
den Homer vor, die Bauern kommen alle heran und hren zu; der Mond steigt
zwischen den Bergen herauf und leuchtet statt der Sonne. In der Ferne liegt das
schwarze Schiff, da brennt ein Feuer, der kleine Spitzhund auf dem Verdeck
schlgt von Zeit zu Zeit an. Wenn wir das Buch zumachen, so ist ein wahres
politisches Verhandeln; die Gtter gelten nicht mehr und nicht weniger als andre
Staatsmchte, und die Meinungen werden so hitzig behauptet, da man denken
sollte, alles wr gestern geschehen, und es wr manches noch zu ndern. Einen
Vorteil hab ich davon: htt ich den Bauern nicht den Homer vorgelesen, so wte
ich heut noch nicht, was drin steht, die haben mir's durch ihre Bemerkungen und
Fragen erst beigebracht. - Wenn wir nach Hause kommen, so steigt einer nach dem
andern, wenn er mde ist, zu Bette. Ich sitze dann noch am Klavier, und da
fallen mir Melodien ein, auf denen ich die Lieder, die mir lieb sind, gen Himmel
trage. Wie ist Natur so hold und gut. Im Bett richte ich meine Gedanken dahin,
wo mir's lieb ist, und so schlafe ich ein. Sollte das Leben immer so fortgehen?
- Gewi nicht.
    Am Samstag waren die Brder hier, bis zum Montag. Da haben wir die Nchte am
Rhein verschwrmt. George mit der Flte, wir sangen dazu, so ging's von Dorf zu
Dorf, bis uns der aufgehende Tag nach Hause trieb. - Fr. Mutter, auf dem
prchtigen Rheinspiegel in Mondnchten dahingleiten und singen, wie das Herz
eben aufjauchzt, allerlei lustige Abenteuer bestehen in freundlicher
Gesellschaft, ohne Sorge aufstehen, ohne Harm zu Bette gehen, das ist so eine
Lebensperiode, in der ich mitten inne stehe. Warum lasse ich mir das gefallen? -
wei ich's nicht besser? - und ist die Welt nicht gro und mancherlei in ihr,
was blo des Menschengeistes harrt, um in ihm lebendig zu werden? - Und soll das
alles mich unberhrt lassen? - Ach Gott das Philistertum ist eine harte Nu,
nicht leicht aufzubeien, und mancher Kern vertrocknet unter dieser harten
Schale. Ja, der Mensch hat ein Gewissen, es mahnt ihn, er soll nichts frchten,
und soll nichts versumen, was das Herz von ihm fordert. Die Leidenschaft ist ja
der einzige Schlssel zur Welt, durch die lernt der Geist alles kennen und
fhlen, wie soll er denn sonst in sie hineinkommen? - Und da fhl ich, da ich
durch die Liebe zu Ihm erst in den Geist geboren bin, da durch Ihn die Welt
sich mir erst aufschliet, da mir die Sonne scheint, und der Tag sich von der
Nacht scheidet. Was ich durch diese Liebe nicht lerne, das werde ich nie
begreifen. Ich wollt, ich s an seiner Tr ein armes Bettelkind, und nhm ein
Stckchen Brot von ihm, und er erkennte dann an meinem Blick, wes Geistes Kind
ich bin, da zg er mich an sich und hllte mich in seinen Mantel, damit ich warm
wrde. Gewi er hie mich nicht wieder gehen, ich drfte fort und fort im Haus
herumwandeln, und so vergingen die Jahre und keiner wte, wer ich wre, und
niemand wte, wo ich hingekommen wr, und so vergingen die Jahre und das Leben,
und in seinem Antlitz spiegelte sich mir die ganze Welt, ich brauchte nichts
andres mehr zu lernen. Warum tu ich's denn nicht? - Es kommt ja nur darauf an,
da ich Mut fasse, so kann ich in den Hafen meines Glckes einlaufen.
    Wei Sie noch, wie ich den Winter durch Schnee und Regen gesprungen kam, und
Sie fragt: Wie lufst Du doch ber die Gasse? Und ich sagte, wenn ich die alte
Stadt Frankfurt nicht wie einen Hhnerhof traktieren sollte, so wrd ich nicht
weit in der Welt kommen, und da meinte Sie, mir sei gewi kein Wasser zu tief
und kein Berg zu hoch; und ich dachte damals schon: ja, wenn Weimar der hchste
Berg und das tiefste Wasser ist. Jetzt kann ich's Ihr noch besser sagen, da
mein Herz schwer ist und bleiben wird, so lang ich nicht bei ihm bin, und das
mag Sie nun in der Ordnung finden oder nicht.
    Adieu leb Sie recht wohl. Ich werd nchstens bei Ihr angerutscht kommen.

                               An Goethes Mutter


                                                            Winckel, am 12. Juni

Ein Brief von Ihr macht immer gro Aufsehen unter den Leuten; die mchten gern
wissen, was wir uns zu sagen haben, da ich ihnen so unklug vorkomme. Sie kann
getrost glauben, ich werd auch nie klug werden. Wie soll ich Klugheit erwerben,
mein einsamer Lebenslauf fhrt nicht dazu. Was hab ich dies Jahr erlebt? - Im
Winter war ich krank; dann macht ich ein Schattenspiel von Pappendeckel, da
hatten die Katze und der Ritter die Hauptrollen, da hab ich nah an sechs Wochen
die Rolle der Katze studiert, sie war keine Philosophin, sonst htt ich
vielleicht profitiert. Im Frhjahr blhte der Orangenbaum in meinem Zimmer; ich
lie mir einen Tisch drum zimmern und eine Bank, und in seinem duftenden
Schatten hab ich an meinen Freund geschrieben. Das war eine Lust, die keine
Weisheit mir ersetzen konnte. Im Spiegel gegenber sah ich den Baum noch einmal
und wie die Sonnenstrahlen durch sein Laub brachen; ich sah sie drben sitzen
die Braune, Vermessene; an den grten Dichter, an den Erhabenen ber alle zu
schreiben. Im April bin ich frh drau gewesen auf dem Wall und hab die ersten
Veilchen gesucht und botanisiert, im Mai hab ich fahren gelernt mit zwei Pferd,
morgens mit Sonnenaufgang fuhr ich hinaus nach Oberrad, ich spaziert in die
Gemsfelder und half dem Grtner alles nach der Schnur pflanzen, bei der
Milchfrau hab ich mir einen Nelkenflor angelegt, die dunkelroten Nelken sind
meine Lieblingsblumen. - Bei solcher Lebensweise, was soll ich da lernen, woher
soll ich klug werden? - Was ich Ihrem Sohn schreib, das gefllt ihm, er verlangt
immer mehr, und mich macht das selig, denn ich schwelge in einem berflu von
Gedanken, die meine Liebe, mein Glck ausdrcken, wie es Ihm erquicklich ist.
Was ist nun Geist und Klugheit, da der seligste Mensch, wie ich, ihrer nicht
bedarf? -
    Es war voriges Jahr im Eingang Mai, da ich ihn sah zum erstenmal, da brach
er ein junges Blatt von den Reben, die an seinem Fenster hinaufwachsen, und
legt's an meine Wange und sagte: Das Blatt und deine Wange sind beide wollig;
ich sa auf dem Schemel zu seinen Fen und lehnte mich an ihn, und die Zeit
verging im stillen. - Nun, was htten wir Kluges einander sagen knnen, was
diesem verborgnen Glck nicht Eintrag getan htte; welch Geisterwort htte
diesen stillen Frieden ersetzt, der in uns blhte? - O wie oft hab ich an dieses
Blatt gedacht, und wie er damit mir die Stirne und das Gesicht streichelte, und
wie er meine Haare durch die Finger zog und sagte: Ich bin nicht klug; man kann
mich leicht betrgen, du hast keine Ehre davon, wenn du mir was weismachst mit
deiner Liebe. - Da fiel ich ihm um den Hals. - Das alles war kein Geist, und
doch hab ich's tausendmal in Gedanken durchlebt und werde mein Leben lang dran
trinken wie das Aug das Licht trinkt; - es war kein Geist, und doch berstrahlt
es mir alle Weisheit der Welt; - was kann mir sein freundliches Spielen
ersetzen? - was den feinen durchdringenden Strahl seines Blicks, der in mein
Auge leuchtet? - Ich achte die Klugheit nichts, ich habe das Glck unter anderer
Gestalt kennen lernen, und auch was andern weh tut, das kann mir nicht Leid tun,
und meine Schmerzen, das wird keiner verstehen.
    So hell wie diese Nacht ist! Glanzverhllt liegen die Berg da mit ihren
Rebstcken und saugen schlaftrunken das nahrhafte Mondlicht. - Schreib Sie bald;
ich hab keinen Menschen, dem ich so gern vertraue, denn weil ich wei, da Sie
mit keinem andern mehr anbindet und abgeschlossen fr mich da ist, und da Sie
mit niemand ber mich spricht. - Wenn Sie wt, wie tief es schon in der Nacht
ist! Der Mond geht unter, das betrbt mich. Schreib Sie mir recht bald.
                                                                         Bettine

                                                            Winckel, am 25. Juni

Frau Rat, ich war mit dem Franz auf einer Eisenschmelze, zwei Tag mut ich in
der engen Talschlucht aushalten, es regnete oder vielmehr nte fortwhrend, die
Leute sagten: Ja das sind wir gewohnt, wir leben wie die Fisch, immer na, und
wenn einmal ein paar trockne Tage sind, so juckt einem die Haut, man mchte
wieder na sein. Ich mu mich besinnen, wie ich Ihr das wunderliche Erdloch
beschreibe, wo unter dunklen gewaltigen Eichen die Glut hervorleuchtet, wo an
den Bergwnden hinan einzelne Htten hngen und wo im Dunkel die einzelnen
Lichter herberleuchten und der lange Abend durch eine ferne Schalmei, die immer
dasselbe Stckchen hren lt, recht an den Tag gibt, da die Einsamkeit hier zu
Haus ist, die durch keine Geselligkeit unterbrochen wird. Warum ist denn der Ton
einer einsamen Hausflte, die so vor sich hinblst, so melancholisch langweilig,
da einem das Herz zerspringen mcht vor Grimm, da man nicht wei, wo aus noch
ein; ach wie gern mcht man da das Erdenkleid abstreifen und hochfliegen weit in
die Lfte; ja, so eine Schwalbe in den Lften, die mit ihren Flgeln wie mit
einem scharfen Bogen den ther durchschneidet, die hebt sich weit ber die
Sklavenkette der Gedanken, ins Unendliche, das der Gedanke nicht fat. -
    Wir wurden in gewaltig groe Betten logiert, ich und der Bruder Franz, ich
hab viel mit ihm gescherzt und geplaudert, er ist mein liebster Bruder. Am
Morgen sagte er ganz mystisch: Geb einmal acht, der Herr vom Eisenhammer hat
ein Hochgericht im Ohr; ich konnt's nicht erraten; wie sich aber Gelegenheit
ergab ins Ohr zu sehen, da entdeckt ich's gleich, eine Spinne hatte ihr Netz ins
Ohr aufgestellt, eine Fliege war drin gefangen und verzehrt, und ihre Reste
hingen noch im unverletzten Gewebe; daraus wollte der Franz das versteinerte
langweilige Leben recht deutlich erkennen, ich aber erkannte es auch am
Tintefa, das so pelzig war und so wenig Flssiges enthielt. Das ist aber nur
die eine Hlfte dieses Lochs der Einsamkeit. Man sollt's nicht meinen, aber geht
man langsam in die Runde, so kommt man an eine Schlucht. Am Morgen, wie eben die
Sonne aufgegangen war, entdeckte ich sie, ich ging hindurch, da befand ich mich
pltzlich auf dem steilen hchsten Rand eines noch tieferen und weiteren
Talkessels, sein samtner Boden schmiegt sich sanft an die ebenmigen Bergwnde,
die es rund umgeben und ganz beset sind mit Lmmer und Schafen; in der Mitte
steht das Schferhaus und dabei die Mhle, die vom Bach, der mitten durchbraust,
getrieben wird. Die Gebude sind hinter uralten himmelhohen Linden versteckt,
die grade jetzt blhen, und deren Duft zu mir heraufdampfte und zwischen deren
dichtem Laub der Rauch des Schornsteins sich durchdrngte. Der reine blaue
Himmel, der goldne Sonnenschein hatte das ganze Tal erfllt. Ach lieber Gott,
s ich hier und htete die Schafe und wte, da am Abend einer km, der meiner
eingedenk ist, und ich wartete den ganzen Tag, und die sonneglnzenden Stunden
gingen vorber, und die Schattenstunden mit der silbernen Mondsichel und dem
Stern brchten den Freund, der fnd mich an Bergesrand ihm entgegenstrzend in
die offne Arme, da er mich pltzlich am Herzen fhlte mit der heien Liebe, was
wr dann nachher noch zu erleben? Gr Sie Ihren Sohn und sag Sie ihm, da zwar
mein Leben friedlich und von Sonnenglanz erleuchtet ist, da ich aber der
goldnen Zeit nicht achte, weil ich mich immer nach der Zukunft sehne, wo ich den
Freund erwarte. Adieu leb Sie wohl. Bei Ihr ist Mitternacht eine Stunde der
Geister, in der Sie es fr eine Snde hlt, die Augen offen zu haben, damit Sie
keine sieht; ich aber ging eben noch allein in den Garten durch die langen
Traubengnge, wo Traube an Traube hngt vom Mondlicht beschienen, und ber die
Mauer hab ich mich gelehnt und hab hinausgesehen in den Rhein, da war alles
still. Aber weie Schaumwellen zischten, und es patschte immer ans Ufer, und die
Wellen lallten wie Kinder. Wenn man so einsam nachts in der freien Natur steht,
da ist's, als ob sie ein Geist wr, die den Menschen um Erlsung bte. Soll
vielleicht der Mensch die Natur erlsen? Ich mu einmal darber nachdenken;
schon gar zu oft hab ich diese Empfindung gehabt, als ob die Natur mich jammernd
wehmtig um etwas bte, da es mir das Herz durchschnitt, nicht zu verstehen,
was sie verlangte. Ich mu einmal recht lang dran denken, vielleicht entdeck ich
etwas, was ber das ganze Erdenleben hinaushebt. Adieu, Fr. Rat, und wenn Sie
mich nicht versteht, so denk Sie nur, wie Ihr noch immer in Ihren jetzigen Tagen
ein Posthorn, das Sie in der Ferne hrt, einen wunderlichen Eindruck macht,
ungefhr so ist mir's auch heute.
                                                                         Bettine

                                   An Bettine


                                                          Frankfurt, am 28. Juli

Gestern war Feuer am hellen Tag hier auf der Hauptwach, grad mir gegenber, es
brannte wie ein Blumenstrau aus dem Gaubloch an der Kathrinenpfort. Da war mein
best Plsier die Gassenbuben mit ihren Reffs auf dem Buckel, die wollten alle
retten helfen, der Hausbesitzer wollt nichts retten lassen, denn weil das Feuer
gleich aus war, da wollten sie ein Trinkgeld haben, das hat er nicht geben, da
tanzten sie und wurden von der Polizei weggejagt. - Es ist viel Gesellschaft zu
mir kommen, die wollten alle fragen, wie ich mich befind auf den Schreck, und da
mut ich ihnen immer von vorne erzhlen, und das ist jetzt schon drei Tg, da
mich die Leut besuchen und sehen, ob ich nicht schwarz geworden bin vom Rauch.
Dein Melinchen war auch da und hat mir ein Brief gebracht von Dir, der ist so
klein geschrieben, da ich ihn hab mssen vorlesen lassen, rat einmal von wem? -
    Die Meline ist aber einmal schn, ich hab gesagt, die Stadt sollt sie malen
lassen und sollt sie auf dem Ratsaal hngen, da knnten die Kaiser sehen, was
ihre gute Stadt fr Schnheiten hat. Deine Brder sind aber auch so schn, ich
hab meiner Lebtag keine so schne Menschen gesehen als den George, der sieht aus
wie ein Herzog von Mailand, und alle andern Menschen mssen sich schmen mit
ihren Fratzengesichtern neben ihm. - Adieu und gr auch die Geschwister von
Deiner Freundin
                                                                          Goethe

                                   An Bettine


Da kommt der Fritz Schlosser aus dem Rheingau und bringt nur drei geschnittne
Federn von Dir und sagt: er htt geschworen, da er mir keine Ruh lassen will,
ich mt schreiben, wer's gewesen ist, der Deinen Brief gelesen hat. - Was hat's
denn fr Not, wer sollt's denn gewesen sein? - In Weimar ist alles ruhig und auf
dem alten Fleck. Das schreiben die Zeitungen schon allemal voraus, lang eh es
wahr ist, wenn mein Sohn zu einer Reis Anstalt macht, der kommt einem nicht mit
der Tr ins Haus gefallen. Da sieht man aber doch recht, da Dein Herz Deinem
Kopf was weismacht. Herz, was verlangst du? - Das ist ein Sprichwort, und wenn
es sagt, was es will, so geht's wie in einem schlechten Wirtshaus, da haben sie
alles, nur keine frische Eier, die man grad haben will. Adieu, das hab ich bei
der Nachtlamp geschrieben.
    Ich bin Dir gut
                                                                Katharina Goethe

Das htt ich bald vergessen zu schreiben, wer mir Deinen Brief gelesen hat, das
war der Pfarrer Hufnagel, der wollt auch sehen, was ich mach nach dem Schreck
mit dem Feuer, ich sagt: Ei, Herr Pfarrer, ist denn der Kathrine-Turm grad so
gro, da er mir auf die Nas fllt, wenn er umstrzt? - Da hat er gesessen mit
seinem dicken Bauch im schwarzen Talar mit dem runden weien Kragen in doppelten
Falten, mit der runden Stutzperck und den Schnallenschuh auf Deiner Schawell,
und hat den Brief gelesen, htt's mein Sohn gesehen, er htt gelacht.
                                                                Katharina Goethe

Frau Mutter, ich danke Ihr fr die zwei Brief hintereinander, das war einmal
gepflgt, recht durch schweres Erdreich, man sieht's, die Schollen liegen
nebenan, wie dick; gewi, das sind der Lieschen ihre Finger gewesen, mit denen
Sie die Furchen gezogen hat, die sind recht krumm, was mich wundert, das ist,
da ich Ihr so gern schreib, da ich keine Gelegenheit versum, und alles, was
mir begegnet, prf ich, ob es nicht schn wr ihr zu schreiben, das ist weil ich
doch nicht alles und fortwhrend an den Wolfgang schreiben kann, ich hab ihm
gesagt in Weimar: wenn ich dort wohnte, so wollt ich als nur die Sonn- und
Feiertg zu ihm kommen und nicht alle Tag, das hat ihn gefreut; so mein ich, da
ich auch nicht alle Tag an ihn schreiben darf, aber er hat mir gesagt: Schreib
alle Tag, und wenn's Folianten wren, es ist mir nicht zu viel, aber ich selbst
bin nicht alle Tag in der Stimmung, manchmal denke ich so geschwind, da ich's
gar nicht schreiben kann, und die Gedanken sind so s, da ich gar nicht
abbrechen kann, um zu schreiben, noch dazu mag ich gern grade Linien und schne
Buchstaben machen, und das hlt im Denken auf, auch hab ich ihm manches zu
sagen, was schwer auszusprechen ist, und manches hab ich ihm mitzuteilen, was
nie ausgesprochen werden kann; da sitz ich oft Stunden und seh in mich hinein
und kann's nicht sagen, was ich seh, aber weil ich im Geist mich mit ihm
zusammen fhl, so bleib ich gern dabei, und ich komme mir vor wie eine
Sonnenuhr, die grad nur die Zeit angibt, solang die Sonne sie bescheint. Wenn
meine Sonne mich nicht mehr anlchelt, dann wird man auch die Zeit nicht mehr an
mir erkennen; es sollte einer sagen ich leb, wenn er mich nicht mehr lieb hat;
das Leben, was ich jetzt fhr, davon hat keiner Verstand, an der Hand fhrt mich
der Geist einsame Straen, er setzt sich mit mir nieder am Wassersrand, da ruht
er mit mir aus, dann fhrt er mich auf hohe Berge; da ist es Nacht, da schauen
wir in die Nebeltale, da sieht man den Pfad kaum vor den Fen, aber ich geh
mit, ich fhl, da er da ist, wenn er auch vor meinen leiblichen Augen
verschwindet, und wo ich geh und steh, da spr ich sein heimlich Wandeln um
mich, und in der Nacht ist er die Decke, in die ich mich einhlle, und am Morgen
ist er es, vor dem ich mich verhlle, wenn ich mich ankleide, niemals mehr bin
ich allein, in meiner einsamen Stube fhl ich mich verstanden und erkannt von
diesem Geist; ich kann nicht mit lachen, ich kann nicht mit Komdie spielen, die
Kunst und die Wissenschaft, die lasse ich fahren; noch vor einem halben Jahr, da
wollt ich Geschichte studieren und Geographie, es war Narrheit. Wenn die Zeit,
in der wir leben, erst recht erfllt wr mit der Geschichte, so da einer alle
Hnde voll zu tun htt, um nur der Geschichte den Willen zu tun, so htt er
keine Zeit, um nach den vermoderten Knigen zu fragen, so geht mir's, ich hab
keine Zeit, ich mu jeden Augenblick mit meiner Liebe verleben. Was aber die
Geographie anbelangt, so hab ich einen Strich gemacht mit roter Tinte auf die
Landkart. Der geht von wo ich bin bis dahin, wo es mich hinzieht, das ist der
rechte Weg, alles andre sind Irr- und Umwege. Das ganze Firmament mit Sonne,
Mond und Sterne gehren blo zur Aussicht meiner Heimat. Dort ist der fruchtbare
Boden, in den mein Herz die harte Rinde sprengt und ins Licht hinaufblht.
    Die Leute sagen: Was bist du traurig, sollt ich vergngt sein? - Oder dies
oder jenes? - Wie pat das zu meinem innern Leben? Ein jedes Betragen hat seine
Ursache, das Wasser wird nicht lustig dahin tanzen und singen, wenn sein Bett
nicht dazu gemacht ist. So werd ich nicht lachen, wenn nicht eine geheime Lust
der Grund dazu ist; ja ich habe Lust im Herzen, aber sie ist so gro, so
mchtig, da sie sich nicht ins Lachen fgen kann, wenn es mich aus dem Bett
aufruft vor Tag und ich zwischen den schlafenden Pflanzen bergauf wandle, wenn
der Tau meine Fe wscht und ich denk demtig, da es der Herr der Welten ist,
der meine Fe wscht, weil er will, ich soll rein sein von Herzen, wie er meine
Fe vom Staub reinigt; wenn ich dann auf des Berges Spitze komme und bersehe
alle Lande im ersten Strahl der Sonne, dann fhl ich diese mchtige Lust in
meiner Brust sich ausdehnen, dann seufz ich auf und hauch die Sonne an zum Dank,
da sie mir in einem Bild erleuchte, was der Reichtum, der Schmuck meines Lebens
ist, denn was ich sehe, was ich verstehe, es ist alles nur Widerhall meines
Glckes.
    Adieu, lt Sie sich den Brief auch vom Pfarrer vorstudieren? - Ich hab ihn
doch mit ziemlich groen Buchstaben geschrieben. Hat dann in meinem letzten
Brief etwas gestanden, da ich so einen heien Durst hab, und da ich
mondschtig bin, oder so was? - Wie kann Sie ihm denn das lesen lassen? Sie
wirft ihm ja seinen gepolsterten Betschemel um, in seinem Kopf. Die Bettine hat
Kopfweh schon seit drei Tage, und heut liegt sie im Bett und kt ihrer Frau Rat
die Hand.

                                   An Bettine


Werd mir nicht krank, Mdchen, steh auf aus Deinem Bett und nimm's, und wandle.
So hat der Herr Christus gesagt zum Kranken, das sag ich Dir auch, Dein Bett ist
Deine Liebe, in der Du krank liegst, nimm sie zusammen und erst am Abend breite
sie aus, und ruhe in ihr, wenn Du des Tages Last und Hitze ausgestanden hast. -
Da hat mein Sohn ein paar Zeilen geschrieben, die schenk ich Dir, sie gehren
dem Inhalt nach Dein.
    Der Prediger hat mir Deinen Brief vorgerumpelt wie ein schlechter Postwagen
auf holperigem Weg, da schmeit alles Passagiergut durcheinander; Du hast auch
Deine Gedanken so schlecht gepackt, ohne Komma, ohne Punkt, da, wenn es
Passagiergut wr, keiner knnt das seinige herausfinden; ich hab den Schnupfen
und bin nicht aufgelegt, htt ich Dich nicht so lieb, so htt ich nicht
geschrieben, wahr Deine Gesundheit.
    Ich sag allemal, wenn die Leut fragen, was Du machst: sie fngt Grillen, und
das wird Dir auch gar nicht sauer, bald ist's ein Nachtvogel, der Dir an der Nas
vorbeifliegt, dann hast Du um Mitternacht, wo alle ehrliche Leute schlafen,
etwas zu bedenken, und marschierst durch den Garten an den Rhein in der kalten
feuchten Nachtluft, Du hast eine Natur von Eisen und eine Einbildung wie eine
Rakett, wie die ein Funken berhrt, so platzt sie los. Mach, da Du bald wieder
nach Haus kommst. Mir ist nicht heuer wie's vorige Jahr, manchmal krieg ich
Angst um Dich, und an den Wolfgang mu ich stundenlang denken, immer wie er ein
klein Kind war und mir unter den Fen spielte, und dann wie er mit seinem
Bruder Jacob so schn gespielt hat, und hat ihm Geschichten gemacht; ich mu
einen haben, dem ich's erzhl, die andern hren mir alle nicht so zu wie Du; ich
wollt wirklich wnschen, die Zeit wr vorbei und Du wrst wieder da.
    Adieu, mach, da Du kommst, ich hab alles so hell im Gedchtnis, als ob's
gestern passiert wr, jetzt kann ich Dir die schnsten Geschichten vom Wolfgang
erzhlen, und ich glaub, Du hast mich angesteckt, ich mein immer, das wr kein
rechter Tag, an dem ich nichts von ihm gesprochen hab.
                                                           Deine Freundin Goethe

                                Liebe Frau Rat!


Ich war in Kln, da hab ich den schnen Krug gekauft, schenk Sie ihn Ihrem Sohn
von sich, das wird ihr besser Freud machen, als wenn ich Ihr ihn schenkte. Ich
selbst mag ihm nichts schenken, ich will nur von ihm nehmen.
    Kln ist recht wunderlich, alle Augenblick hrt man eine andre Glocke
luten, das klingt hoch und tief, dumpf und hell von allen Seiten untereinander.
Da spazieren Franziskaner, Minoriten, Kapuziner, Dominikaner, Benediktiner
aneinander vorbei, die einen singen, die andern brummen eine Litanei, und wenn
sie aneinander vorbeikommen, da begren sie sich mit ihren Fahnen und
Heiligtmern und verschwinden in ihren Klstern. Im Dom war ich grade bei
Sonnenuntergang, da malten sich die bunten Fensterscheiben durch die Sonn auf
dem Boden ab, ich kletterte berall in dem Bauwerk herum und wiegte mich in den
gesprengten Bgen.
    Fr. Rat, das wr Ihr recht gefhrlich vorgekommen, wenn Sie mich vom Rhein
aus in einer solchen gotischen Rose htte sitzen sehen; es war auch gar kein
Spa; ein paarmal wollte mich Schwindel antreten, aber ich dachte: sollte der
strker sein wollen wie ich? - Und expre wagt ich mich noch weiter. Wie die
Dmmerung eintrat, da sah ich in Deutz eine Kirche mit bunten Scheiben von innen
illuminiert, da tnte das Gelut herber, der Mond trat hervor und einzelne
Sterne. Da war ich so allein, rund um mich zwitscherte es in den
Schwalbennestern, deren wohl Tausende in den Gesimsen sind, auf dem Wasser sah
ich einzelne Segel sich blhen. Die andern hatten unterdessen den ganzen
Kirchbau examiniert, alle Monumente und Merkwrdigkeiten sich zeigen lassen. Ich
hatte dafr einen stillen Augenblick, in dem meine Seele gesammelt war, und die
Natur, auch alles, was Menschenhnde gemacht haben und mich mit, in die
feierliche Stimmung des im Abendrot glhenden Himmels einschmolz. - Versteh Sie
das oder versteh Sie es nicht, es ist mir einerlei. Ich mu Sie freilich mit
meinen bersichtigen Grillen behelligen, wem sollt ich sie sonst mitteilen!
    Das ist auch noch eine Merkwrdigkeit von Kln; die Betten, die so hoch
sind, da man einen Anlauf nehmen mu, um hineinzukommen; man kann immer zwei,
drei Versuche machen, ehe einer glckt; ist man erst drin, wie soll man da
wieder herauskommen? Ich dachte, hier ist gut sein, denn ich war mde, und hatte
mich schon den ganzen Tag auf meine Trume gefreut, was mir die bescheren
wrden; da kam mir auch auf ihrem goldnen Strom ein Kahn beladen und geschmckt
mit Blumen aus dem Paradies entgegen, und ein Apfel, den mir der Geliebte
schickte, den hab ich auch gleich verzehrt.
    Wir haben am Sonntag so viel Rumpelkammern durchsucht, Altertmer,
Kunstschtze betrachtet, ich hab alles mit groem Interesse gesehen. Ein Humpen,
aus dem die Kurfrsten gezecht, ist schn, mit vier Henkel, auf denen sitzen
Nymphen, die ihre Fe im Wein baden, mit goldnen Kronen auf dem Kopf, die mit
Edelsteinen geziert sind; um den Fu windet sich ein Drache mit vier Kpfen, die
die vier Fe bilden, worauf das Ganze steht; die Kpfe haben aufgesperrte
Rachen, die inwendig vergoldet sind, auf dem Deckel ist Bacchus von zwei Satyrn
getragen, er ist von Gold und die Satyrn von Silber. So haben auch die Nymphen
emaillierte Gewande an. Der Trinkbecher ist von Rubinglas, und das Laubwerk, was
zwischen den Figuren sich durchwindet, ist sehr schn von Silber und Gold
durcheinander geflochten. - Dergleichen Dinge sind viel, ich wollt Ihr blo den
einen beschreiben, weil er so prchtig ist, und weil Ihr die Pracht wohlgefllt.
    Adieu, Frau Rat! - Zu Schiff kamen wir herab, und zu Wagen fuhren wir wieder
zurck nach Bonn.
                                                                         Bettine

                                   Frau Rat!


                                                                         Winckel

Ich will nicht lgen: wenn Sie die Mutter nicht wr, die Sie ist, so wrd ich
auch nicht bei Ihr schreiben lernen. Er hat gesagt, ich soll ihn vertreten bei
Ihr und soll Ihr alles Liebe tun, was er nicht kann, und soll sein gegen Sie,
als ob mir all die Liebe von Ihr angetan war, die er nimmer vergit. - Wie ich
bei ihm war, da war ich so dumm und fragte, ob er Sie liebhabe, da nahm er mich
in seinen Arm und drckte mich ans Herz und sagte: Berhr eine Saite und sie
klingt, und wenn sie auch in langer Zeit keinen Ton gegeben htte. Da waren wir
still und sprachen nichts mehr hiervon, aber jetzt hab ich sieben Briefe von
ihm, und in allen mahnt er mich an Sie; in einem sagt er: Du bist immer bei der
Mutter, das freut mich; es ist, als ob der Zugwind von daher geblasen habe, und
jetzt fhl ich mich gesichert und warm, wenn ich Deiner und der Mutter gedenke;
ich hab ihm dagegen erzhlt, da ich Ihr mit der Schere das Wachstuch auf dem
Tisch zerschnitten hab, und da Sie mir auf die Hand geschlagen hat und hat
gesagt: Grad wie mein Sohn - auch alle Unarten hast du von ihm! -
    Von Bonn kann ich nichts erzhlen, da war's wieder einmal so, da man alles
empfindet, aber nichts dabei denkt; wenn ich mich recht besinne, so waren wir im
botanischen Garten, grad wie die Sonn unterging; alle Pflanzen waren schon
schlaftrunken, die Siebenberg waren vom Abendrot angehaucht, es war khl, ich
wickelte mich in den Mantel und setzt mich auf die Mauer, mein Gesicht war vom
letzten Sonnenstrahl vergoldet, besinnen mocht ich mich nicht, das htt mich
traurig gemacht in der gewaltigen verstummten Natur. Da schlief ich ein, und da
ich erwachte (ein groer Kfer hat mich geweckt), da war's Nacht und recht kalt.
Am andern Tag sind wir wieder hier eingetroffen.
    Adieu, Fr. Rat, es ist schon so spt in der Nacht, und ich kann gar nicht
schlafen.
                                                                         Bettine

                                   An Bettine


                                                                   21. September

Das kann ich nicht von Dir leiden, da Du die Nachte verschreibst und nicht
verschlfst, das macht Dich melancholisch und empfindsam, wollt ich drauf
antworten, bis mein Brief ankm da ist schon wieder ander Wetter. Mein Sohn hat
gesagt: was einem drckt, das mu man verarbeiten, und wenn er ein Leid gehabt
hat, da hat er ein Gedicht draus gemacht. - Ich hab Dir gesagt, Du sollst die
Geschichte von der Gnderode aufschreiben, und schick sie nach Weimar, mein Sohn
will es gern haben, der hebt sie auf, dann drckt sie Dich nicht mehr.
    Der Mensch wird begraben in geweihter Erde, so soll man auch groe und
seltne Begebenheiten begraben in einem schnen Sarg der Erinnerung, an den ein
jeder hintreten kann und dessen Andenken feiern. Das hat der Wolfgang gesagt,
wie er den Werther geschrieben hat; tu es ihm zulieb und schreib's auf.
    Ich will Dir gern schreiben, was meine arme Feder vermag, weil ich Dir Dank
schuldig bin; eine Frau in meinem Alter, und ein junges feuriges Mdchen, das
lieber bei mir bleibt und nach nichts anderm frgt, ja das ist dankenswert; ich
hab's nach Weimar geschrieben. Wann ich ihm von Dir schreib, da antwortet er
immer auf der Stell; er sagt, da Du bei mir aushltst, das sei ihm ein Trost. -
Adieu, bleib nicht zu lang im Rheingau; die schwarzen Felswnde, an denen die
Sonne abprallt, und die alten Mauern, die machen Dich melancholisch.
                                                        Deine Freundin Elisabeth

Der Moritz Bethmann hat mir gesagt, da die Stal mich besuchen will; sie war in
Weimar, da wollt ich, Du wrst hier, da werd ich mein Franzsisch recht
zusammennehmen mssen.

                               An Goethes Mutter


Diesmal hat Sie mir's nicht recht gemacht, Frau Rat; warum schickt Sie mir
Goethes Brief nicht? - Ich hab seit dem 13. August nichts von ihm, und jetzt
haben wir schon Ausgang September. Die Stal mag ihm die Zeit verkrzt haben, da
hat er nicht an mich gedacht. Eine berhmte Frau ist was Kurioses, keine andre
kann sich mit ihr messen, sie ist wie Branntwein, mit dem kann sich das Korn
auch nicht vergleichen, aus dem er gemacht ist. So Branntwein bitzelt auf der
Zung' und steigt in den Kopf, das tut eine berhmte Frau auch; aber der reine
Weizen ist mir doch lieber, den set der Semann in die gelockerte Erd, die
liebe Sonne und der fruchtbare Gewitterregen locken ihn wieder heraus, und dann
bergrnt er die Felder und trgt goldne hren, da gibt's zuletzt noch ein
lustig Erntefest; ich will doch lieber ein einfaches Weizenkorn sein als eine
berhmte Frau, und will auch lieber, da Er mich als tgliches Brot breche, als
da ich ihm wie ein Schnaps durch den Kopf fahre. - Jetzt will ich Ihr nur
sagen, da ich gestern mit der Stal zu Nacht gegessen hab in Mainz; keine Frau
wollt neben ihr sitzen bei Tisch, da hab ich mich neben sie gesetzt; es war
unbequem genug, die Herren standen um den Tisch und hatten sich alle hinter uns
gepflanzt, und einer drckte auf den andern, um mit ihr zu sprechen und ihr ins
Gesicht zu sehen; sie bogen sich weit ber mich; ich sagte: Vos adorateurs me
suffoquent, sie lachte. - Sie sagte, Goethe habe mit ihr von mir gesprochen;
ich blieb gern sitzen, denn ich htte gern gewut, was er gesagt hat, und doch
war mir's unrecht, denn ich wollt lieber, er sprch mit niemand von mir; und ich
glaub's auch nicht, - sie mag nur so gesagt haben; - es kamen zuletzt so viele,
die alle ber mich hinaus mit ihr sprechen wollten, da ich's gar nicht lnger
konnte aushalten; ich sagt ihr: Vos lauriers me psent trop fort sur les
paules. Und ich stand auf und drngt mich zwischen den Liebhabern durch; da
kam der Sismondi, ihr Begleiter, und kt mir die Hand, und sagte, ich htte
viel Geist, und sagt's den andern, und sie repetierten es wohl zwanzigmal, als
wenn ich ein Prinz wr, von denen findet man auch immer alles so gescheit, wenn
es auch das Gewhnlichste wr. - Nachher hrt ich ihr zu, wie sie von Goethe
sprach; sie sagte, sie habe erwartet, einen zweiten Werther zu finden, allein
sie habe sich geirrt, sowohl sein Benehmen wie auch seine Figur passe nicht
dazu, und sie bedauerte sehr, da er ihn ganz verfehle; Fr. Rat, ich wurd zornig
ber diese Reden (das war berflssig, wird Sie sagen), ich wendt mich an
Schlegel und sagt ihm auf deutsch: Die Frau Stal hat sich doppelt geirrt,
einmal in der Erwartung, und dann in der Meinung; wir Deutschen erwarten, da
Goethe zwanzig Helden aus dem rmel schtteln kann, die den Franzosen so
imponieren; wir meinen, da er selbst aber noch ein ganz andrer Held ist. - Der
Schlegel hat unrecht, da er ihr keinen bessern Verstand hierber beigebracht
hat. Sie warf ein Lorbeerblatt, womit sie gespielt hatte, auf die Erde; ich trat
drauf und schubste es mit dem Fu auf die Seite und ging fort. - Das war die
Geschicht mit der berhmten Frau; hab Sie keine Not mit ihrem Franzsisch,
sprech Sie die Fingersprach mit ihr und mache Sie den Kommentar dazu mit ihren
groen Augen, das wird imponieren; die Stal hat ja einen ganzen Ameisenhaufen
Gedanken im Kopf, was soll man ihr noch zu sagen haben? Bald komm' ich nach
Frankfurt, da knnen wir's besser besprechen.
    Hier ist's sehr voll von Rheingsten; wenn ich morgens durch den dicken
Nebel einen Nachen hervorstechen seh, da lauf ich ans Ufer und wink mit dem
Schnupftuch, immer sind's Freunde oder Bekannte; vor ein paar Tagen waren wir in
Notgottes, da war eine groe Wallfahrt, der ganze Rhein war voll Nachen, und
wenn sie anlandeten, ward eine Prozession draus und wanderten singend, eine jede
ihr eigen Lied, nebeneinander hin; das war ein Schariwari, mir war angst, es
mcht unserm Herrgott zu viel werden; so kam's auch: er setzte ein Gewitter
dagegen und donnerte laut genug, sie haben ihn bertubt, aber der gewaltige
Regengu hat die lieben Wallfahrer auseinandergejagt, die da im Gras lagen, wohl
Tausende, und zechten; - ich hab grad keinen empfindsamen Respekt vor der Natur,
aber ich kann's doch nicht leiden, wenn sie so beschmutzt wird mit Papier und
Wurstzipfel und zerbrochnen Tellern und Flaschen, wie hier auf dem groen grnen
Plan, wo das Kreuz zwischen Linden aufgerichtet steht, wo der Wandrer, den die
Nacht berrascht, gern Nachtruhe hlt und sich geschtzt glaubt durch den
geweihten Ort. - Ich kann Ihr sagen, mir war ganz unheimlich; ich bin heut noch
kaputt. Ich seh lieber die Lmmer auf dem Kirchhof weiden als die Menschen in
der Kirch; und die Lilien auf dem Feld, die, ohne zu spinnen, doch vom Tau
genhrt sind, - als die langen Prozessionen drber stolpern und sie im schnsten
Flor zertreten. Ich sag Ihr gute Nacht, heut hab ich bei Tag geschrieben.
                                                                         Bettine

Kostbare Pracht- und Kunstwerke, in Kln und auf der Reise dahin gesehen und fr
                       meine liebste Fr. Rat beschrieben


Geb Sie Achtung, damit Sie es recht versteht, denn ich hab schon zweimal
vergeblich versucht, eine gutgeordnete Darstellung davon zu machen.
    Ein groer Tafelaufsatz, der mir die ganze Zeit im Kopf herumspukt, und den
mir deucht im groen Bankettsaal der kurfrstlichen Residenz gesehen zu haben;
er besteht aus einer ovalen, fnf bis sechs Fu langen kristallenen Platte,
einen See vorstellend, in Wellen sanft geschliffen, die sich gegen die Mitte hin
mehr und mehr heben und endlich ganz hoch steigen, wo sie einen silbernen Fels
mit einem Throne umgeben, auf welchem die Venus sitzt; sie hat ihren Fu auf den
Rcken eines Tritonen gestemmt, der einen kleinen Amor auf den Hnden
balanciert; rundum spritzt silberner Schaum, auf den hchsten Wellen umher
reiten mutige Nymphen, sie haben Ruder in Hnden, um die Wellen zu peitschen,
ihre Gewande sind emailliert, meistens blablau oder seegrn, auch gelblich; sie
scheinen in einem bermtigen jauchzenden Wassertanz begriffen; etwas tiefer
silberne Seepferde, von Tritonen gebndigt und zum Teil beritten; alles in
Silber und Gold getrieben mit emaillierten Verzierungen. Wenn man in den hohlen
Fels Wein tut, so spritzt er aus Rhrchen in regelmigen feinen Strahlen rund
um die Venus empor und fliet in ein verborgenes Becken unter dem Fels; das ist
die hohe Mittelgruppe. Nher am Ufer liegen bunte Muscheln zwischen den Wellen
und emaillierte Wasserlilien; aus ihren Kelchen steigen kleine Amoretten empor,
die mit gespanntem Bogen einander beschieen, zwischendurch flchten Seeweibchen
mit Fischschweifen, von Seemnnchen mit spitzen Brten verfolgt und an ihren
Schilfkrnzen erhascht oder mit Netzen eingefangen. Auf der andern Seite sind
Seeweibchen, die einen kleinen Amor in der Luft gefangen halten und ihn unter
die Wellen ziehen wollen, er wehrt sich und stemmt sein Fchen der einen auf
die Brust, whrend die andere ihn an den bunten Flgeln hlt; diese Gruppe ist
ganz kstlich und sehr lustig; der Amor ist schwarz von Ambra, die Nymphen sind
von Gold mit emaillierten Krnzen. Die Gruppen sind verteilt in beiden
Halbovalen, alles emailliert mit blau, grn, rot, gelb, lauter helle Farben;
viele Seeungeheuer gucken zwischen den kristallnen Wellen hervor mit
aufgesperrten Rachen; sie schnappen nach den fliehenden Nymphen, und so ist ein
buntes Gewirr von lustiger glitzernder Pracht ber das Ganze verbreitet, aus
dessen Mitte der Fels mit der Venus emporsteigt; am einen Ende der Platte, wo
sonst gewhnlich die Handhabe ist, sitzt etwas erhaben gegen den Zuschauer der
berhmte Zyklop Polyphem, der die Galatee in seinen Armen gefangen hlt; er hat
ein groes Aug auf der Stirn, sie sieht schchtern herab auf die Schafherde, die
zu beiden Seiten gelagert ist, wodurch die Gruppe sich in einen sanften Bogen
mit zwei Lmmern, welche an beiden Enden liegen und schlafen, abschliet.
Jenseits sitzt Orpheus, auch gegen die Zuschauer gewendet; er spielt die Leier,
ein Lorbeerbaum hinter ihm, auf dessen ausgebreiteten goldnen Zweigen Vgel
sitzen; Nymphen haben sich herbeigeschlichen mit Rudern in der Hand, sie
lauschen; dann sind noch allerlei Seetiere bis auf zwei Delphine, die auf beiden
Seiten die Gruppe wie jenseits in einem sanften Bogen abschlieen; sehr hbsch
ist ein kleiner Affe, der sich einen Sonnenschirm von einem Blatt gemacht hat,
zu Orpheus Fen sitzt und ihm zuhrt. - Das ist, wie Sie leicht denken kann,
ein wunderbares Prachtstck; es ist sehr reich und doch erhaben; und ich knnte
Ihr noch eine halbe Stunde ber die Schnheit der einzelnen Figuren
vorschwtzen. Gold und Silber macht mir den Eindruck von etwas Heiligem; ob dies
daher kommt, weil ich im Kloster immer die goldnen und silbernen Megeschirre
und den Kelch gewaschen habe, den Weihrauchkessel geputzt und die Altarleuchter
vom abtrufelnden Wachs gereinigt, alles mit einer Art Ehrfurcht berhrt habe?
Ich kann Ihr nur sagen, da uns beim Betrachten dieses reichen und knstlichen
Werkes eine feierliche Stimmung befiel.
    Jetzt beschreib ich Ihr aber noch etwas Schnes, das gefllt mir in der
Erinnerung noch besser, und die Kunstkenner sagen auch, es habe mehr Stil; das
ist so ein Wort, wenn ich frage, was es bedeutet, sagt man: Wissen Sie nicht,
was Stil ist? - Und damit mu ich mich zufrieden geben, hierbei hab ich's aber
doch ausgedacht. Alles groe Edle mu einen Grund haben, warum es edel ist: wenn
dieser Grund rein ohne Vorurteil, ohne Pfuscherei von Nebendingen und Absichten,
die einzige Basis des Kunstwerks ist: das ist der reine Stil. Das Kunstwerk mu
grade nur das ausdrcken, was die Seele erhebt und edel ergtzt und nicht mehr.
Die Empfindung des Knstlers mu allein darauf gerichtet sein, das brige ist
falsch. In den kleinen Gedichten vom Wolfgang ist die Empfindung aus einem Gu,
und was er da ausspricht, das erfllt reichlich eines jeden Seele mit derselben
edlen Stimmung. In allen liegt es, ich will Ihr aber nur dies kleinste zitieren,
das ich so oft mit hohem Genu in den einsamen Wldern gesungen habe, wenn ich
allein von weitem Spazierwege nach Hause ging.

Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung fllest:
Ach, ich bin des Treibens mde,
Was soll all der Schmerz und Lust? -
Ser Friede!
Komm, ach komm in meine Brust.

Im Kloster hab ich viel predigen hren, ber den Weltgeist und die Eitelkeit
aller Dinge, ich habe selbst den Nonnen die Legende jahraus jahrein vorgelesen,
weder der Teufel noch die Heiligen haben bei mir Eindruck gemacht, ich glaub,
sie waren nicht vom reinen Stil; ein solches Lied aber erfllt meine Seele mit
der lieblichsten Stimmung, keine Mahnung, keine weise Lehren knnten mir je so
viel Gutes einflen; es befreit mich von aller Selbstsucht, ich kann andern
alles geben und gnne ihnen das beste Glck, ohne fr mich selbst etwas zu
verlangen; das macht, weil es vom reinen edlen Stil ist. So knnte ich noch
manches seiner Lieder hersetzen, die mich ber alles erheben und mir einen Genu
schenken, der mich in mir selber reich macht. Das Lied: Die schne Nacht, hab
ich wohl hundertmal dies Jahr auf sptem Heimweg gesungen:

Luna bricht durch Busch und Eichen,
Zephyr meldet ihren Lauf,
Und die Birken streun mit Neigen
Ihr den schnsten Weihrauch auf.

Wie war ich da glcklich und heiter in diesem Frhjahr, wie die Birken whrend
meinem Gesang rund um mich her der eilenden Luna wirklich ihren duftenden
Weihrauch streuten. Es soll mir keiner sagen, da reiner Genu nicht Gebet ist.
Aber in der Kirche ist's mir noch nimmer gelungen, da hab ich geseufzt vor
schwerer Langenweile, die Predigt war wie Blei auf meinen Augenlidern. O je, wie
war mir leicht, wenn ich aus der Klosterkirche in den schnen Garten springen
konnte, da war mir der geringste Sonnenstrahl eine bessre Erleuchtung als die
ganze Kirchengeschichte.
    Das zweite Kunstwerk, welches ich Ihr beschreibe, ist ein Delphin aus einem
groen Elefantenzahn gemacht; er sperrt seinen Rachen auf, in den ihm zwei
Amoretten das Gebi einlegen; ein andrer, der auf dem Nacken des Delphins sitzt,
nimmt von beiden Seiten den Zaum; auf der Mitte des Rckens liegt ein goldner
Sattel mit einem Sitz von getriebener Arbeit, welches Laubwerk von Weinreben
vorstellt; inmitten desselben steht Bacchus von Elfenbein; ein schner, zarter,
schlanker Jngling mit goldnen Haaren und einer phrygischen Mtze auf; er hat
die eine Hand in die Seite gestemmt, mit der andern hlt er einen goldnen
Rebstock, der unter dem Sattel hervorkommt und ihn mit schnem, feinem Laub
berdacht; auf beiden Seiten des Sattels sind zwei Muscheln angebracht wie
Tragkrbe, darin sitzen zwei Nymphen von Elfenbein in jedem und blasen auf
Muscheln; die breiten Flofedern, so wie der Schwanz des Fisches sind von Gold
und Silber gearbeitet; unmittelbar hinter dem Sattel schlngelt sich der Leib
des Fisches aufwrts, als ob er mit dem Schweif in die Lfte schnalze; auf dem
Bug desselben sitzt ein zierliches Nymphchen und klatscht in die Hnde; dieses
kommt etwas hher zu stehen und sieht ber die Gruppe des Bacchus herber; die
Flofedern des Schweifes bilden ein zierliches Schattendach ber der Nymphe; der
Rachen des Fisches ist inwendig von Gold; man kann ihn auch mit Wein fllen, der
dann in zwei Strahlen aus seinen Nstern emporspringt; man stellte dieses
Kunstwerk bei groen Festen in einem goldnen Becken auf den Nebentischen auf.
Dieses ist nun ein Kunstwerk vom erhabenen Stil, und ich kann auch sagen, da es
mich ganz mit stummer heiliger Ehrfurcht erfllte. Noch viele dergleichen sind
da; alles hat Bezug auf den Rhein, unter andern ein Schiff von Zedernholz, so
fein gemacht, mit schnen Arabesken; ein Basrelief umgibt den Oberteil des
Schiffes, auf dessen Verdeck die drei Kurfrsten von Kln, Mainz und Trier
sitzen und zechen; Knappen stehen hinter ihnen mit Henkelkrgen. Dies hat mir
nicht so viel Freud gemacht, obschon viel Schnes daran ist, besonders die
Glcksgttin, die am Vorderteil des Schiffes angebracht ist.
    Ich beschreib Ihr noch einen Humpen, das ist ein wahres Meisterstck und
stellt eine Kelter vor. In der Mitte steht ein hohes Fa, das ist der
eigentliche Humpen; auf beiden Seiten klettern in zierlichen Verschlingungen
Knaben hinauf mit Butten voll Trauben ber die Schultern von Mnnern, um an den
Rand zu gelangen und ihre Trauben auszuschtten; in der Mitte, als Knopf des
Deckels, der etwas tief in den Rand des Humpens pat, steht Bacchus mit zwei
Tigern, die an ihm hinanspringen; er ist im Begriff, die Trauben, deren gehufte
Menge mit einzelnen Ranken dazwischen, den Deckel bilden, mit den Fen zu
keltern. Die Knaben, die von allen Seiten herberreichen, um ihre Gefe mit
Trauben auszuleeren, bilden einen wunderschnen Rand; die starken Mnner am Fu
der Kelter, die die kleinen Knaben auf ihre Schultern heben und auf mannigfache
Weise heraufhelfen, sind ganz auerordentlich herrlich, nackt, einem oder dem
andern hngt ein Tigerfell ber dem Rcken, sonst ganz ungeniert. Am Humpen
sieht man auf einer Seite das Mainzer Wappen, auf der andern das von Kln.
    Der ganze Humpen steht auf einem Aufsatz, der wie ein sanfter Hgel
gestaltet ist; auf diesem sitzen und liegen Nymphen im Kreis; sie spielen mit
Tamburinen, Becken, Triangel, andre liegen und balgen sich mit Leoparden, die
ihnen ber die Kpfe springen; es ist gar zu schn. - Das hab ich Ihr nun
beschrieben, aber htte Sie es erst gesehen, Sie wrde vor Verwunderung laut
aufgeschrieen haben. Was berfllt einem nur, wenn man so etwas von
Menschenhnden gemacht sieht? Mir rauchte der Kopf, und ich meinte in der
trunkenen Begeistrung, ich werde keine Ruhe finden, wenn ich nicht auch solche
schne Sachen erfinden und machen knne. Aber wie ich hinauskam und es war Abend
geworden und die Sonne ging so schn unter, da verga ich alles, blo um mit den
letzten Strahlen der Sonne meine Sinne in dem khlen Rhein zu baden.
    Eine Mutter gibt sich alle erdenkliche Mhe, ihr kleines unverstndiges
Kindchen zufriedenzustellen, sie kommt seinen Bedrfnissen zuvor und macht ihm
aus allem ein Spielwerk; wenn es nun auf nichts hren will und mit nichts sich
befriedigen lt, so lt sie es seine Unart ausschreien, bis es mde ist, und
dann sucht sie es wieder von neuem mit dem Spielwerk vertraut zu machen. Das ist
grade, wie es Gott mit den Menschen macht, er gibt das Schnste, um den Menschen
zur Lust, zur Freude zu reizen und ihm den Verstand dafr zu schrfen. - Die
Kunst ist ein so schnes Spielwerk, um den unruhigen, ewig begehrenden
Menschengeist auf sich selbst zurckzufhren, um ihn denken zu lehren und sehen;
um Geschicklichkeit zu erwerben, die seine Krfte weckt und steigert. Er soll
lernen, ganz der Unschuld solcher Erfindung sich hingeben und vertrauen auf die
Lust und das Spiel der Phantasie, die ihn zum Hchsten auszubilden und zu reifen
vermag. Gewi liegen in der Kunst groe Geheimnisse hherer Entwicklung
verborgen; ja ich glaub sogar, da alle Neigungen, von denen die Philister
sagen, da sie keinen ntzlichen Zweck haben, zu jenen mystischen gehren, die
den Keim zu groen, in diesem Leben noch unverstndlichen Eigenschaften in unsre
Seele legen; welche dann im nchsten Leben als ein hherer Instinkt aus uns
hervorbrechen, der einem geistigeren Element angemessen ist. -
    Die Art, wie jene in Gold und Silber getriebene Kunstwerke aufgestellt sind,
ist auch zu bewundern und trgt sehr dazu bei, dieselben sowohl in ihrer Pracht
mit einem Blick zu berschauen, als auch ein jedes einzelne bequem zu
betrachten. Es ist eine Wand von schwarzem Ebenholz mit tiefen Kassetten, in der
Mitte der Wand eine groe, in welcher das Hauptstck steht, auf beiden Seiten
kleinere, in denen die anderen Kunstwerke, als: Humpen, Becher usw. usw. stehen.
An jeder Kassette hebt sich durch den Druck einer Feder der Boden heraus und
lt das Kunstwerk von allen Seiten sehen.
    Noch eines Bechers gedenke ich von Bronze, eine echte Antike, wie man
behauptet: und man mu es wohl glauben, weil er so einfach ist und doch so
majesttisch. Ein Jngling: wahrscheinlich Ganymed, sitzt nachlssig auf einem
Stein, der Adler auf der Erde zwischen seinen Knieen breitet beide Flgel aus,
als wolle er ihn damit schlagen, und legt den ausgestreckten Kopf auf des
Jnglings Brust, der auf den Adler herabsieht, whrend er die rme emporhebt und
mit beiden Hnden ein herrliches Trinkgef hlt, was den Becher bildet. Kann
man sich was Schneres denken? - Nein! Der wilde Adler, der ganz
leidenschaftlich den ruhigen Jngling gleichsam anfllt und doch an ihm ausruht,
und jener, der so spielend den Becher emporhebt, ist gar zu schn, und ich hab
allerlei dabei gedacht. Eine andre Wand will ich Ihr noch beschreiben und dann
zu Bette gehn, denn ich bin mde; stell Sie sich ein goldnes Honigwaben vor, aus
dem die ganze Wand besteht, lauter achteckige goldne Zellen, in jeder ein andrer
Heiliger, zierlich, ja wahrhaft reizend in Holz geschnitzt mit schnen Kleidern
angetan, in bunter Farbe gemalt; in der Mitte, wo die Zelle fr den Bienenweisel
ist, da ist Christus, auf beiden Seiten die vier Evangelisten, dann rund umher
die Apostel, dann die Erzvter, endlich die Mrtyrer, zuletzt die Einsiedler.
Diese Wand habe ich in Oberwesel als Hauptaltar in der Kirche aufgestellt
gesehen; es ist keine Figur, die man nicht gleich als schnes naives, in seiner
Art eigentmliches Bild abmalen knnte. Adieu, Frau Rat, ich mu abbrechen,
sonst knnte der Tag herankommen ber meinem Extemporieren.
                                                                         Bettine

                                   An Bettine


                                                             Fr. 7. Oktober 1808

Die Beschreibung von Deinen Prachtstcken und Kostbarkeiten hat mir recht viel
Plsier gemacht; wenn's nur auch wahr ist, da Du sie gesehen hast, denn in
solchen Stcken kann man Dir nicht wenig genug trauen. Du hast mir ja schon
manchmal hier auf Deinem Schemel die Unmglichkeiten vorerzhlt, denn wenn Du,
mit Ehren zu melden, ins Erfinden gertst, dann hlt Dich kein Gebi und kein
Zaum. - Ei, mich wundert's, da Du noch ein End finden kannst und nicht in einem
Stck fortschwtzst, blo um selbst zu erfahren, was alles noch in Deinem Kopf
steckt. Manchmal mein ich aber doch, es mt wahr sein, weil Du alles so
natrlich vorbringen kannst. Wo solltest Du auch alles herwissen? - Es ist aber
doch kurios, da die Kurfrsten immer mit Fisch und Wassernymphen zu tun haben;
auf der Krnung hab ich in den Silberkammern auch solche Sachen gesehen, da war
ein Springbrunnen von Silber mit schnen Figuren, da sprang Wein heraus, der
wurde zur Pracht auf die Tafel gestellt. Und einmal hat der Kurfrst von der
Pfalz ein Fischballett auffhren lassen, da tanzten die Karpfen, prchtig in
Gold und Silberschuppen angetan, aufrecht einen Menuett. Nun, Du hast das alles
allein gesehen, solche Sachen, die man im Kopf sieht, die sind auch da und
gehren ins himmlische Reich, wo nichts einen Krper hat, sondern nur alles im
Geist da ist.
    Mach doch, da Du bald wieder herkommst. Du hast den ganzen Sommer
verschwrmt, mir ist es gar nicht mehr drum zu tun mit dem Schreiben, und ich
hab Dich auch solange nicht gesehen, es verlangt mich recht nach Dir.
    Deine wahre Herzensfreundin
                                                                          Goethe

                               An Goethes Mutter


Frau Rat, den ganzen Tag bin ich nicht zu Haus, aber wenn ich an Sie schreib,
dann wei ich, da ich eine Heimat habe; es ist die Zeit, da die Leut
Feldgtter im Weinberg aufstellen, um die Sperlinge von den Trauben zu
scheuchen; heut morgen konnt ich nicht begreifen, was fr ein wunderbarer Besuch
sich so frh im Weingarten aufhalte, der mir durch den dicken Nebel schimmerte;
ich dachte erst, es wr der Teufel, denn er hat einen scharlachroten Rock und
schwarze Unterkleider und goldpapierne Mtze; und am Abend in der Dmmerung
frchtete ich mich dran vorbeizugehen und zwar so sehr, da ich wieder umkehrte
und nicht bis ans Wasser ging, wie ich jeden Abend tue; und wie ich wieder im
Zimmer war, da dachte ich, wenn mich jemand Liebes dort hinbestellt htte, so
wrd ich wohl nichts von Furcht gesprt haben; ich ging also noch einmal und
glcklich an dem Lumpengespenst vorbei, denn dort wartet ja wohl etwas Liebes
auf mich; die stille weit verbreitete Ruhe ber dem breiten Rhein, ber den
brtenden Weinbergen, wem vergleiche ich die wohl als dem stillen ruhigen Abend,
in dem mein Andenken ihm einen freundlichen Besuch macht und er sich's gefallen
lt, da das Schifflein mit meinen kindischen Gedanken bei ihm anlande. Was ich
in so einsamer Abendstunde, wo die Dmmerung mit der Nacht tauscht, denke, das
kann Sie sich am besten vorstellen, da wir es tausendmal miteinander besprochen
haben, und haben so viel Ergtzen dabei gehabt. Wenn wir miteinander zu ihm
gereist kmen, das denk ich mir immer noch aus. - Damals hatte ich ihn noch
nicht gesehen, wie Sie meiner heien Sehnsucht die Zeit damit vertrieb, da Sie
mir seine freudige berraschung malte und unser Erscheinen unter tausenderlei
Vernderungen; - jetzt kenne ich ihn und wei, wie er lchelt und den Ton seiner
Stimme, wie die so ruhig ist und doch voll Liebe, und seine Ausrufungen, wie die
so aus dem tiefen Herzen anschwellen, wie der Ton im Gesang; und wie er so
freundlich beschwichtigt und bejaht, was man im Herzensdrang unordentlich
herausstrmt; - wie ich im vorigen Jahr so unverhofft wieder mit ihm
zusammentraf, da war ich so auer mir und wollte sprechen und konnte mich nicht
zurechtfinden; da legt er mir die Hand auf den Mund und sagt: Sprech mit den
Augen, ich versteh alles; und wie er sah, da die voll Trnen standen, so
drckt er mir die Augen zu und sagte: Ruhe, Ruhe, die bekommt uns beiden am
besten; - ja, liebe Mutter, die Ruhe war gleich ber mich hingegossen, ich
hatte ja alles, wonach ich seit Jahren mich einzig gesehnt habe. - O Mutter, ich
dank es Ihr ewig, da Sie mir den Freund in die Welt geboren, - wo sollt ich ihn
sonst finden! Lach Sie nicht darber, und denk Sie doch, da ich ihn geliebt
hab, eh ich das Geringste von ihm gewut, und htt Sie ihn nicht geboren, wo er
dann geblieben wr, das ist doch die Frage, die Sie nicht beantworten kann.
    ber die Gnderode ist mir am Rhein unmglich zu schreiben, ich bin nicht so
empfindlich, aber ich bin hier am Platz nicht weit genug von dem Gegenstand ab,
um ihn ganz zu bersehen; - gestern war ich da unten, wo sie lag; die Weiden
sind so gewachsen, da sie den Ort ganz zudecken, und wie ich mir so dachte, wie
sie voll Verzweiflung hier herlief und so rasch das gewaltige Messer sich in die
Brust stie, und wie das tagelang in ihr gekocht hatte, und ich, die so nah mit
ihr stand, jetzt an demselben Ort, gehe hin und her an demselben Ufer, in sem
berlegen meines Glckes, und alles und das Geringste, was mir begegnet, scheint
mir mit zu dem Reichtum meiner Seligkeit zu gehren; da bin ich wohl nicht
geeignet, jetzt alles zu ordnen und den einfachen Faden unseres Freundelebens,
von dem ich doch nur alles anspinnen knnte, zu verfolgen. - Nein, es krnkt
mich und ich mache ihr Vorwrfe, wie ich ihr damals in Trumen machte, da sie
die schne Erde verlassen hat; sie htt noch lernen mssen, da die Natur Geist
und Seele hat und mit dem Menschen verkehrt und sich seiner und seines
Geschickes annimmt, und da Lebensverheiungen in den Lften uns umwehen; ja,
sie hat's bs mit mir gemacht, sie ist mir geflchtet, grade wie ich mit ihr
teilen wollte alle Gensse. Sie war so zaghaft; eine junge Stiftsdame, die sich
frchtete, das Tischgebet laut herzusagen; sie sagte mir oft, da sie sich
frchtete, weil die Reihe an ihr war; sie wollte vor den Stiftsdamen das
Benedicite nicht laut hersagen; unser Zusammenleben war schn, es war die erste
Epoche, in der ich mich gewahr ward; - sie hatte mich zuerst aufgesucht in
Offenbach, sie nahm mich bei der Hand und forderte, ich solle sie in der Stadt
besuchen; nachher waren wir alle Tage beisammen, bei ihr lernte ich die ersten
Bcher mit Verstand lesen, sie wollte mich Geschichte lehren, sie merkte aber
bald, da ich zu sehr mit der Gegenwart beschftigt war, als da mich die
Vergangenheit htte lange fesseln knnen; - wie gern ging ich zu ihr! Ich konnte
sie keinen Tag mehr missen, ich lief alle Nachmittag zu ihr; wenn ich an die Tr
des Stifts kam, da sah ich durch das Schlsselloch bis nach ihrer Tr, bis mir
aufgetan ward; - ihre kleine Wohnung war ebner Erde nach dem Garten; vor dem
Fenster stand eine Silberpappel, auf die kletterte ich whrend dem Vorlesen; bei
jedem Kapitel erstieg ich einen hheren Ast und las von oben herunter; - sie
stand am Fenster und hrte zu und sprach zu mir hinauf, und dann und wann sagte
sie: Bettine, fall nicht; jetzt wei ich erst, wie glcklich ich in der
damaligen Zeit war, denn weil alles, auch das Geringste, sich als Erinnerung von
Genu in mich geprgt hat; - sie war so sanft und weich in allen Zgen wie eine
Blondine. Sie hatte braunes Haar, aber blaue Augen, die waren gedeckt mit langen
Augenwimpern; wenn sie lachte, so war es nicht laut, es war vielmehr ein sanftes
gedmpftes Girren, in dem sich Lust und Heiterkeit sehr vernehmlich aussprach; -
sie ging nicht, sie wandelte, wenn man verstehen will, was ich damit
auszusprechen meine; - ihr Kleid war ein Gewand, was sie in schmeichelnden
Falten umgab, das kam von ihren weichen Bewegungen her; - ihr Wuchs war hoch,
ihre Gestalt war zu flieend, als da man es mit dem Wort schlank ausdrcken
knnte; sie war schchtern-freundlich und viel zu willenlos, als da sie in der
Gesellschaft sich bemerkbar gemacht htte. Einmal a sie bei dem Frst Primas
mit allen Stiftsdamen zu Mittag; sie war im schwarzen Ordenskleid mit langer
Schleppe und weiem Kragen mit dem Ordenskreuz; da machte jemand die Bemerkung,
sie she aus wie eine Scheingestalt unter den andern Damen, als ob sie ein Geist
sei, der eben in die Luft zerflieen werde. - Sie las mir ihre Gedichte vor und
freute sich meines Beifalls, als wenn ich ein groes Publikum wr; ich war aber
auch voll lebendiger Begierde es anzuhren; nicht als ob ich mit dem Verstand
das Gehrte gefat habe, - es war vielmehr ein mir unbekanntes Element, und die
weichen Verse wirkten auf mich wie der Wohllaut einer fremden Sprache, die einem
schmeichelt, ohne da man sie bersetzen kann. - Wir lasen zusammen den Werther
und sprachen viel ber den Selbstmord; sie sagte: Recht viel lernen, recht viel
fassen mit dem Geist, und dann frh sterben; ich mag's nicht erleben, da mich
die Jugend verlt. Wir lasen vom Jupiter Olymp des Phidias, da die Griechen
von dem sagten, der Sterbliche sei um das Herrlichste betrogen, der die Erde
verlasse, ohne ihn gesehen zu haben. Die Gnderode sagte, wir mssen ihn sehen,
wir wollen nicht zu den Unseligen gehren, die so die Erde verlassen. Wir
machten ein Reiseprojekt, wir erdachten unsre Wege und Abenteuer, wir schrieben
alles auf, wir malten alles aus, unsre Einbildung war so geschftig, da wir's
in der Wirklichkeit nicht besser htten erleben knnen; oft lasen wir in dem
erfundenen Reisejournal und freuten uns der allerliebsten Abenteuer, die wir
drin erlebt hatten, und die Erfindung wurde gleichsam zur Erinnerung, deren
Beziehungen sich noch in der Gegenwart fortsetzten. Von dem, was sich in der
Wirklichkeit ereignete, machten wir uns keine Mitteilungen; das Reich, in dem
wir zusammentrafen, senkte sich herab wie eine Wolke, die sich ffnete, um uns
in ein verborgenes Paradies aufzunehmen; da war alles neu, berraschend, aber
passend fr Geist und Herz; und so vergingen die Tage. Sie wollte mir
Philosophie lehren, was sie mir mitteilte, verlangte sie von mir aufgefat und
dann auf meine Art schriftlich wiedergegeben; die Aufstze, die ich ihr hierber
brachte, las sie mit Staunen; es war nie auch eine entfernte Ahnung von dem, was
sie mir mitgeteilt hatte; ich behauptete im Gegenteil, so htt ich es
verstanden; - sie nannte diese Aufstze Offenbarungen, gehht durch die sesten
Farben einer entzckten Imagination; sie sammelte sie sorgfltig, sie schrieb
mir einmal: Jetzt verstehst Du nicht, wie tief diese Eingnge in das Bergwerk
des Geistes fhren, aber einst wird es Dir sehr wichtig sein, denn der Mensch
geht oft de Straen; je mehr er Anlage hat durchzudringen, je schauerlicher ist
die Einsamkeit seiner Wege, je endloser die Wste. Wenn Du aber gewahr wirst,
wie tief Du Dich hier in den Brunnen des Denkens niedergelassen hast und wie Du
da unten ein neues Morgenrot findest und mit Lust wieder heraufkmmst und von
Deiner tieferen Welt sprichst, dann wird Dich's trsten, denn die Welt wird nie
mit Dir zusammenhngen. Du wirst keinen andern Ausweg haben als zurck durch
diesen Brunnen in den Zaubergarten Deiner Phantasie; es ist aber keine
Phantasie, es ist eine Wahrheit, die sich nur in ihr spiegelt. Der Genius
benutzt die Phantasie, um unter ihren Formen das Gttliche, was der
Menschengeist in seiner idealen Erscheinung nicht fassen knnte, mitzuteilen
oder einzuflen; ja Du wirst keinen andern Weg des Genusses in Deinem Leben
haben, als den sich die Kinder versprechen von Zauberhhlen, von tiefen Brunnen;
wenn man durch sie gekommen, so findet man blhende Grten, Wunderfrchte,
kristallne Palste, wo eine noch unbegriffne Musik erschallt und die Sonne mit
ihren Strahlen Brcken baut, auf denen man festen Fues in ihr Zentrum spazieren
kann; - das alles wird sich Dir in diesen Blttern zu einem Schlssel bilden,
mit dem Du vielleicht tief versunkene Reiche wieder aufschlieen kannst, drum
verliere mir nichts und wehre auch nicht solchen Reiz, der Dich zum Schreiben
treibt, sondern lerne mit Schmerzen denken, ohne welche nie der Genius in den
Geist geboren wird; - wenn er erst in Dich eingefleischt ist, dann wirst Du Dich
der Begeistrung freuen, wie der Tnzer sich der Musik freut.
    Mit solchen wunderbaren Lehren hat die Gnderode die Unmndigkeit meines
Geistes genhrt. Ich war damals bei der Gromutter in Offenbach, um auf vier
Wochen wegen meiner schwankenden Gesundheit die Landluft zu genieen; auf welche
Weise berhrten mich denn solche Briefe? - Verstand ich ihren Inhalt? - Hatte
ich einen Begriff von dem, was ich geschrieben hatte? Nein; ich wute mir so
wenig den Text meiner schriftlichen Begeistrungen auszulegen, als sich der
Komponist den Text seiner Erfindungen begreiflich machen kann; er wirft sich in
ein Element, was hher ist als er; es trgt ihn, es nhrt ihn, seine Nahrung
wird Inspiration, sie reizt, sie beglckt, ohne da man sie sinnlich auszulegen
vermchte, obschon die Fhigkeiten durch sie gesteigert, der Geist gereinigt,
die Seele gerhrt wird. So war es auch zwischen mir und der Freundin: die
Melodien entstrmten meiner gereizten Phantasie, sie lauschte und fhlte
unendlichen Genu dabei und bewahrte, was, wenn es mir geblieben wr, nur
strend auf mich gewirkt haben wrde; - sie nannte mich oft die Sibylle, die
ihre Weissagungen nicht bewahren drfe; ihre Aufforderungen reizten mich, und
doch hatte ich eine Art Furcht; mein Geist war khn und mein Herz war zaghaft;
ja ich hatte ein wahres Ringen in mir; - ich wollte schreiben, ich sah in ein
unermeliches Dunkel, ich mute mich auch uerlich vom Licht entfernen; am
liebsten war mir, wenn ich die Fenster verhing und doch durchsah, da drauen
die Sonne schien; ein Blumenstrau, dessen Farben sich durch die Dmmerung
stahlen, der konnte mich fesseln und von der innern Angst befreien, so da ich
mich verga, whrend ich in die schattigflammenden Blumenkelche sah und Duft und
Farbe und Formen gleichsam ein Ganzes bildeten; Wahrheiten hab ich da erfahren,
von denen ich ausging in meinen Trumereien und die mir pltzlich den gebundenen
Geist lsten, da ich ruhig und gelassen das, was mir ahndete, fassen und
aussprechen konnte; - indem ich den Blumenstrau, der nur durch eine Spalte im
Fensterladen erleuchtet war, betrachtete, erkannte ich die Schnheit der Farbe,
das bermchtige der Schnheit; die Farbe war selbst ein Geist, der mich
anredete wie der Duft und die Form der Blumen; - das erste, was ich durch sie
vernahm, war, da alles in den Naturgebilden durch das Gttliche erzeugt sei,
da Schnheit der gttliche Geist sei im Mutterscho der Natur erzeugt; da die
Schnheit grer sei wie der Mensch, da aber die Erkenntnis allein die
Schnheit des freien Menschengeistes sei, die hher ist als alle leibliche
Schnheit. - O ich brauchte mich hier nur in den Brunnen niederzulassen, so
knnte ich vielleicht wieder sagen alles, was ich durch die Gesprche mit der
Farbe und den Formen und dem Duft des Blumenstraues erfuhr; ich knnte auch
noch mehr sagen, was wunderlich und wunderbar genug klingt; ich mte frchten,
es wrde nicht geglaubt oder fr Wahnsinn und Unsinn geachtet; - warum soll
ich's aber hier verhehlen? Der's lesen wird, dem wird es einleuchten, er hat oft
die wunderbaren Phnomene des Lichtes beobachtet, wie sie durch Farbe und
zufllige oder besondere Formen neue Erscheinungen bildeten. - So war's in
meiner Seele damals, so ist es auch jetzt. Das groe und scharfe Auge des
Geistes war vom innern Lichtstrahl gefangen genommen, es mute ihn einsaugen,
ohne sich durch selbstische Reflexion davon ablsen zu knnen; der Freund wei
ja, was dieses Gebanntsein im Blick auf einen Lichtstrahl - Farbengeist - fr
Zauberei hervorbringt, und er wei auch, da der Schein hier kein Schein ist,
sondern Wahrheit. -
    Trat ich aus dieser innern Anschauung hervor, so war ich geblendet; ich sah
Trume, ich ging ihren Verhltnissen nach, das machte im gewhnlichen Leben
keinen Unterschied, in dies pate ich ohne Ansto, weil ich mich in ihm nicht
bewegte; aber ohne Scheu sag ich es meinem Herrn, der den Segen hier ber sein
Kind sprechen mge: ich hatte eine innre Welt und geheime Fhigkeiten, Sinne,
mit denen ich in ihr lebte; mein Auge sah deutlich groe Erscheinungen, so wie
ich es zumachte; - ich sah die Himmelskugel, sie drehte sich vor mir in
unermelicher Gre um, so da ich ihre Grenze nicht sah, aber doch eine
Empfindung von ihrer Rundung hatte; das Sternenheer zog auf dunklem Grund an mir
vorber, die Sterne tanzten in reinen geistigen Figuren, die ich als Geist
begriff; es stellten sich Monumente auf von Sulen und Gestalten, hinter denen
die Sterne wegzogen; die Sterne tauchten unter in einem Meer von Farben; es
blhten Blumen auf, sie wuchsen empor bis in die Hhe; ferne goldne Schatten
deckten sie vor einem hheren weien Licht, und so zog in dieser Innenwelt eine
Erscheinung nach der anderen herauf; dabei fhlten meine Ohren ein feines
silbernes Klingen, allmhlich wurde es ein Schall, der grer war und
gewaltiger, je lnger ich ihm lauschte, ich freute mich, denn es strkte mich,
es strkte meinen Geist, diesen groen Ton in meinem Gehr zu beherbergen;
ffnete ich die Augen, so war alles nichts, so war alles ruhig, und ich empfand
keine Strung, nur konnte ich die sogenannte wirkliche Welt, in der die andern
Menschen sich auch zu befinden behaupten, nicht mehr von dieser Traum- oder
Phantasiewelt unterscheiden; ich wute nicht, welche Wachen oder Schlafen war,
ja zuletzt glaubte ich immer mehr, da ich das gewhnliche Leben nur trume, und
ich mu es noch heute unentschieden lassen und werde nach Jahren noch daran
zweifeln; dieses Schweben und Fliegen war mir gar zu gewi; ich war innerlich
stolz darauf und freute mich dieses Bewutseins; ein einziger elastischer Druck
mit der Spitze der Fuzehen - und ich war in Lften; ich schwebte leise und
anmutig zwei, drei Fu ber der Erde, aber ich berhrte sie gleich wieder und
flog wieder auf, - und schwebte auf die Seite, von da wieder zurck; so tanzte
ich im Garten im Mondschein hin und her, zu meinem unaussprechlichen Vergngen;
ich schwebte ber die Treppen herab oder herauf, zuweilen hob ich mich zur Hhe
der niedern Baumste und schwirrte zwischen den Zweigen dahin; morgens erwachte
ich in meinem Bett mit dem Bewutsein, da ich fliegen knne, am Tag aber verga
ich's. - Ich schrieb an die Gnderode, ich wei nicht was, sie kam heraus nach
Offenbach, sah mich zweifelhaft an, tat befremdende Fragen ber mein Befinden,
ich sah im Spiegel: schwrzer waren die Augen wie je, die Zge hatten sich
unendlich verfeinert, die Nase so schmal und fein, der Mund geschwungen, eine
uerst weie Farbe; ich freute mich und sah mit Genu meine Gestalt, die
Gnderode sagte, ich sollte nicht so lang mehr allein bleiben, und nahm mich mit
in die Stadt; da waren wenig Tage verflossen, so hatte ich das Fieber; ich legte
mich zu Bett und schlief, und wei auch nichts, als da ich nur schlief: endlich
erwachte ich und es war am vierzehnten Tag, nachdem ich mich gelegt hatte; indem
ich die Augen ffnete, sah ich ihre schwanke Gestalt im Zimmer auf- und abgehen
und die Hnde ringen; aber Gnderode, sagt ich, warum weinst Du? Gott sei
ewig gelobt, sagte sie, und kam an mein Bett, bist Du endlich wieder wach,
bist Du endlich wieder ins Bewutsein gekommen? - Von der Zeit an wollte sie
mich nichts Philosophisches lesen lassen, und auch keine Aufstze sollte ich
mehr machen; sie war fest berzeugt, meine Krankheit sei davon hergekommen; ich
hatte groes Wohlgefallen an meiner Gestalt, die Blsse, die von meiner
Krankheit zurckgeblieben war, gefiel mir unendlich; meine Zge erschienen mir
sehr bedeutend, die grogewordenen Augen herrschten, und die anderen
Gesichsteile verhielten sich geistig leidend; ich fragte die Gnderode, ob nicht
darin schon die ersten Spuren einer Verklrung sich zeigten.
    Hier hab ich abgebrochen und hab viele Tage nicht geschrieben; es stieg so
ernst und schwer herauf, der Schmerz lie sich nicht vom Denken bemeistern; ich
bin noch jung, ich kann's nicht durchsetzen, das Ungeheure. Unterdessen hat man
den Herbst eingetan, der Most wurde vom laubbekrnzten Winzervolk unter
Jubelgesang die Berge herabgefahren und getragen, und sie gingen mit der
Schalmei voran und tanzten. O Du - der Du dieses liest, Du hast keinen Mantel so
weich, um die verwundete Seele drin einzuhllen. Was bist Du mir schuldig? - Dem
ich Opfer bringe wie dies, da ich Dich die Hand in die Wunden legen lasse. -
Wie kannst Du mir vergelten? - Du wirst mir nimmer vergelten; Du wirst mich
nicht locken und an Dich ziehen, und weil ich kein Obdach in der Liebe habe,
wirst Du mich nicht herbergen, und der Sehnsucht wirst Du keine Linderung
gewhren; ich wei es schon im voraus, ich werd allein sein mit mir selber, wie
ich heut allein stand am Ufer bei den dstern Weiden, wo die Todesschauer noch
wehen ber den Platz, da kein Gras mehr wchst; dort hat sie den schnen Leib
verwundet, grad an der Stelle, wo sie's gelernt hatte, da man da das Herz am
sichersten trifft; o Jesus Maria! -
    Du! Mein Herr! - Du! - Flammender Genius ber mir! Ich hab geweint; nicht
ber sie, die ich verloren habe, die wie warme frhlingbrtende Lfte mich
umgab; die mich schtzte, die mich begeisterte, die mir die Hhe meiner eignen
Natur als Ziel vertraute; ich hab geweint um mich, mit mir; hart mu ich werden
wie Stahl, gegen mich, gegen das eigne Herz; ich darf es nicht beklagen, da ich
nicht geliebt werde, ich mu streng sein gegen dies leidenschaftliche Herz; es
hat kein Recht zu fordern, nein, es hat kein Recht; - Du bist mild und lchelst
mir, und Deine khle Hand mildert die Glut meiner Wangen, das soll mir gengen.
    Gestern waren wir im laubbekrnzten Nachen den Rhein hinabgefahren, um die
hundertfltige Feier des Weinfestes an beiden Bergufern mitanzusehen; auf
unserem Schiff waren lustige Leute, sie schrieben weinbegeisterte Lieder und
Sprche, steckten sie in die geleerten Flaschen und lieen diese unter whrendem
Schieen den Rhein hinabschwimmen; auf allen Ruinen waren groe Tannen
aufgepflanzt, die bei einbrechender Dmmerung angezndet wurden; auf dem
Museturm, mitten im stolzen Rhein ragten zwei mchtige Tannen empor, ihre
flammenden durchbrannten ste fielen herab in die zischende Flut, von allen
Seiten donnerten sie und warfen Raketen, und schne Struer von Leuchtkugeln
stiegen jungfrulich in die Lfte, und auf den Nachen sang man Lieder, und im
Vorbeifahren warf man sich Krnze zu und Trauben; da wir nach Hause kamen, so
war's spt, aber der Mond leuchtete hell; ich sah zum Fenster hinaus und hrte
noch jenseits das Toben und Jauchzen der Heimkehrenden, und diesseits, nach der
Seite, wo sie tot am Ufer gelegen hatte, war alles still, ich dacht, da ist
keiner mehr, der nach ihr frgt, und ich ging hin, nicht ohne Grausen, nein, mir
war bang, wie ich von weitem die Nebel ber den Weidenbschen wogen sah, da wr
ich bald wieder umgekehrt, es war mir, als sei sie es selbst, die da schwebte
und wogte und sich ausdehnte; ich ging hin, aber ich betete unterwegs, da mich
Gott doch schtzen mge; - schtzen? - Vor was? Vor einem Geist, dessen Herz
voll liebendem Willen gewesen war gegen mich im Leben; und nun er des irdischen
Leibs entledigt ist, soll ich ihn frchtend fliehen? - Ach, sie hat vielleicht
einen bessren Teil ihres geistigen Vermgens auf mich vererbt seit ihrem Tod.
Vererben doch die Voreltern auf ihre Nachkommen, warum nicht die Freunde? - Ich
wei nicht, wie weh mir ist! - Sie, die freundlich Klare, hat meinen Geist
vielleicht beschenkt. Wie ich von ihrem Grab zurckkam, da fand ich Leute, die
nach ihrer Kuh suchten, die sich verlaufen hatte, ich ging mit ihnen; sie
ahndeten gleich, da ich von dort her kam, sie wuten viel von der Gnderode zu
erzhlen, die oft freundlich bei ihnen eingesprochen und ihnen Almosen gegeben
hatte; sie sagten, sooft sie dort vorbeigehen, beten sie ein Vaterunser; ich hab
auch dort gebetet zu und um ihre Seele, und hab mich vom Mondlicht reinwaschen
lassen, und hab es ihr laut gesagt, da ich mich nach ihr sehne, nach jenen
Stunden, in denen wir Gefhl und Gedanken harmlos gegeneinander austauschten.
    Sie erzhlte mir wenig von ihren sonstigen Angelegenheiten, ich wute nicht,
in welchen Verbindungen sie noch auer mir war; sie hatte mir zwar von Daub in
Heidelberg gesprochen und auch von Creuzer, aber ich wute von keinem, ob er ihr
lieber sei als der andre; einmal hatte ich von andern davon gehrt, ich glaubte
es nicht, einmal kam sie mir freudig entgegen und sagte: Gestern hab ich einen
Chirurg gesprochen, der hat mir gesagt, da es sehr leicht ist, sich
umzubringen, sie ffnete hastig ihr Kleid und zeigte mir unter der schnen
Brust den Fleck; ihre Augen funkelten freudig; ich starrte sie an, es ward mir
zum erstenmal unheimlich, ich fragte: Nun! - Und was soll ich denn tun, wenn Du
tot bist? - O, sagte sie, dann ist Dir nichts mehr an mir gelegen, bis dahin
sind wir nicht mehr so eng verbunden, ich werd mich erst mit Dir entzweien. -
Ich wendete mich nach dem Fenster, um meine Trnen, mein vor Zorn klopfendes
Herz zu verbergen, sie hatte sich nach dem andern Fenster gewendet und schwieg;
- ich sah sie von der Seite an, ihr Auge war gen Himmel gewendet, aber der
Strahl war gebrochen, als ob sich sein ganzes Feuer nach innen gewendet habe; -
nachdem ich sie eine Weile beobachtet hatte, konnt ich mich nicht mehr fassen, -
ich brach in lautes Schreien aus, ich fiel ihr um den Hals und ri sie nieder
auf den Sitz und setzte mich auf ihre Knie und weinte viel Trnen und kte sie
zum erstenmal an ihren Mund und ri ihr das Kleid auf und kte sie an die
Stelle, wo sie gelernt hatte das Herz treffen; und ich bat mit schmerzlichen
Trnen, da sie sich meiner erbarme, fiel ihr wieder um den Hals und kte ihre
Hnde, die waren kalt und zitterten, ihre Lippen zuckten, sie war ganz kalt,
starr und totenbla und konnte die Stimme nicht erheben; sie sagte leise:
Bettine, brich mir das Herz nicht; - ach, da wollte ich mich aufreien und
wollte ihr nicht wehtun; ich lchelte, weinte und schluchzte laut, ihr schien
immer banger zu werden, sie legte sich aufs Sofa; da wollt ich scherzen und
wollte ihr beweisen, da ich alles fr Scherz nehme; da sprachen wir von ihrem
Testament; sie vermachte einem jeden etwas; mir vermachte sie einen kleinen
Apoll unter einer Glasglocke, dem sie einen Lorbeerkranz umgehngt hatte; ich
schrieb alles auf; im Nachhausegehen machte ich mir Vorwrfe, da ich so
aufgeregt gewesen war; ich fhlte, da es doch nur Scherz gewesen war oder auch
Phantasie, die in ein Reich gehrt, welches nicht in der Wirklichkeit seine
Wahrheit behauptet; ich fhlte, da ich Unrecht gehabt hatte und nicht sie, die
ja oft auf diese Weise mit mir gesprochen hatte. Am andern Tag fhrte ich ihr
einen jungen franzsischen Husarenoffizier zu mit hoher Brenmtze; es war der
Wilhelm von Trkheim, der schnste aller Jnglinge, das wahre Kind voll Anmut
und Scherz; er war unvermutet angekommen; ich sagte: Da hab ich Dir einen
Liebhaber gebracht, der soll Dir das Leben wieder lieb machen. Er vertrieb uns
allen die Melancholie; wir scherzten und machten Verse, und da der schne
Wilhelm die schnsten gemacht zu haben behauptete, so wollte die Gnderode, ich
sollte ihm den Lorbeerkranz schenken; ich wollte mein Erbteil nicht geschmlert
wissen, doch mut ich ihm endlich die Hlfte des Kranzes lassen; so hab ich denn
nur die eine Hlfte. Einmal kam ich zu ihr, da zeigte sie mir einen Dolch mit
silbernem Griff, den sie auf der Messe gekauft hatte, sie freute sich ber den
schnen Stahl und ber seine Schrfe; ich nahm das Messer in die Hand und probte
es am Finger, da flo gleich Blut, sie erschrak, ich sagte: O Gnderode, Du
bist so zaghaft und kannst kein Blut sehen, und gehest immer mit einer Idee um,
die den hchsten Mut voraussetzt, ich hab doch noch das Bewutsein, da ich eher
vermgend wr, etwas zu wagen, obschon ich mich nie umbringen wrde; aber mich
und Dich in einer Gefahr zu verteidigen, dazu hab ich Mut; und wenn ich jetzt
mit dem Messer auf Dich eindringe - siehst Du, wie Du Dich frchtest? - Sie zog
sich ngstlich zurck; der alte Zorn regte sich wieder in mir unter der Decke
des glhendsten Mutwills; ich ging immer ernstlicher auf sie ein, sie lief in
ihr Schlafzimmer hinter einen ledernen Sessel, um sich zu sichern; ich stach in
den Sessel, ich ri ihn mit vielen Stichen in Stcke, das Rohaar flog hier und
dahin in der Stube, sie stand flehend hinter dem Sessel und bat, ihr nichts zu
tun; - ich sagte: Eh ich dulde, da Du Dich umbringst, tu ich's lieber selbst.
Mein armer Stuhl! rief sie. Ja was, dein Stuhl, der soll den Dolch stumpf
machen. Ich gab ihm ohne Barmherzigkeit Stich auf Stich, das ganze Zimmer wurde
eine Staubwolke; so warf ich den Dolch weit in die Stube, da er prasselnd unter
das Sofa fuhr; ich nahm sie bei der Hand und fhrte sie in den Garten in die
Weinlaube, ich ri die jungen Weinreben ab und warf sie ihr vor die Fe; ich
trat darauf und sagte: So mihandelst Du unsre Freundschaft. - Ich zeigte ihr
die Vgel auf den Zweigen, und da wir wie jene, spielend, aber treu
gegeneinander bisher zusammengelebt htten. Ich sagte: Du kannst sicher auf
mich bauen, es ist keine Stunde in der Nacht, die, wenn Du mir Deinen Willen
kund tust, mich nur einen Augenblick besinnen machte; - komm vor mein Fenster
und pfeif um Mitternacht, und ich geh ohne Vorbereitung mit Dir um die Welt. Und
was ich fr mich nicht wagte, das wag ich fr Dich; - aber Du? - Was berechtigt
Dich mich aufzugeben? - Wie kannst Du solche Treue verraten, und versprich mir,
da Du nicht mehr Deine zaghafte Natur hinter so grausenhafte prahlerische Ideen
verschanzen willst. - Ich sah sie an, sie war beschmt und senkte den Kopf und
sah auf die Seite und war bla; wir waren beide still, lange Zeit. Gnderode,
sagte ich, wenn es ernst ist, dann gib mir ein Zeichen; - sie nickte. - Sie
reiste ins Rheingau; von dort aus schrieb sie mir ein paarmal, wenig Zeilen; -
ich hab sie verloren, sonst wrde ich sie hier einschalten. Einmal schrieb sie:
Ist man allein am Rhein, so wird man ganz traurig, aber mit mehreren zusammen,
da sind grade die schauerlichsten Pltze am lustaufreizendsten: mir aber ist
doch lieb, den weiten gedehnten Purpurhimmel am Abend allein zu begren, da
dichte ich im Wandeln an einem Mrchen, das will ich Dir vorlesen; ich bin jeden
Abend begierig, wie es weiter geht, es wird manchmal recht schaurig und dann
taucht es wieder auf. Da sie wieder zurckkam und ich das Mrchen lesen wollte,
sagte sie: Es ist so traurig geworden, da ich's nicht lesen kann; ich darf
nichts mehr davon hren, ich kann es nicht mehr weiter schreiben: ich werde
krank davon. Sie legte sich zu Bett und blieb mehrere Tage liegen, der Dolch
lag an ihrem Bett; ich achtete nicht darauf, die Nachtlampe stand dabei, ich kam
herein: Bettine, mir ist vor drei Wochen eine Schwester gestorben; sie war
jnger als ich, Du hast sie nie gesehen; sie starb an der schnellen Auszehrung.
- Warum sagst Du mir dies heute erst, fragte ich. - Nun, was knnte Dich dies
interessieren? Du hast sie nicht gekannt, ich mu so was allein tragen, sagte
sie mit trocknen Augen. Mir war dies doch etwas sonderbar, mir jungen Natur
waren alle Geschwister so lieb, da ich glaubte, ich wrde verzweifeln mssen,
wenn einer strbe, und da ich mein Leben fr jeden gelassen htte. Sie fuhr
fort: Nun denk'! Vor drei Nchten ist mir diese Schwester erschienen; ich lag
im Bett und die Nachtlampe brannte auf jenem Tisch; sie kam herein in weiem
Gewand, langsam, und blieb an dem Tisch stehen; sie wendete den Kopf nach mir,
senkte ihn und sah mich an; erst war ich erschrocken, aber bald war ich ganz
ruhig, ich setzte mich im Bett auf, um mich zu berzeugen, da ich nicht
schlafe. Ich sah sie auch an und es war, als ob sie etwas bejahend nickte; sie
nahm dort den Dolch, hob ihn gen Himmel mit der rechten Hand, als ob sie mir ihn
zeigen wolle, legte ihn wieder sanft und klanglos nieder; dann nahm sie die
Nachtlampe, hob sie auch in die Hhe und zeigte sie mir, und als ob sie mir
bezeichnen wolle, da ich sie verstehe, nickte sie sanft, fhrte die Lampe zu
ihren Lippen und hauchte sie aus; denk nur, sagte sie voll Schauder,
ausgeblasen; - im Dunkel hatte mein Auge noch das Gefhl von ihrer Gestalt; da
hat mich pltzlich eine Angst befallen, die rger sein mu, als wenn man mit dem
Tod ringt; ja, denn ich wr lieber gestorben, als noch lnger diese Angst zu
tragen.
    Ich war gekommen, um Abschied zu nehmen, weil ich mit Savigny nach Marburg
reisen wollte, aber nun wollte ich bei ihr bleiben. Reise nur fort, sagte sie,
denn ich reise auch bermorgen wieder ins Rheingau. - So ging ich denn weg. -
Bettine , rief sie mir in der Tr zu, behalt diese Geschichte, sie ist doch
merkwrdig! Das waren ihre letzten Worte. In Marburg schrieb ich ihr oft ins
Rheingau von meinem wunderlichen Leben; - ich wohnte einen ganzen Winter am Berg
dicht unter dem alten Schlo, der Garten war mit der Festungsmauer umgeben, aus
den Fenstern hatt ich eine weite Aussicht ber die Stadt und das reich bebaute
Hessenland; berall ragten die gotischen Trme aus den Schneedecken hervor; aus
meinem Schlafzimmer ging ich in den Berggarten, ich kletterte ber die
Festungsmauer und stieg durch die verdeten Grten; - wo sich die Pfrtchen
nicht aufzwingen lieen, da brach ich durch die Hecken, - da sa ich auf der
Steintreppe, die Sonne schmolz den Schnee zu meinen Fen, ich suchte die Moose
und trug sie mitsamt der angefrornen Erde nach Haus; - so hatt ich an dreiig
bis vierzig Moosarten gesammelt, die alle in meiner kalten Schlafkammer in
irdnen Schsselchen auf Eis gelegt mein Bett umblhten; ich schrieb ihr davon,
ohne zu sagen, was es sei; ich schrieb in Versen: mein Bett steht mitten im
kalten Land, umgeben von viel Hainen, die blhen in allen Farben, und da sind
silberne Haine uralter Stmme, wie der Hain auf der Insel Cypros; die Bume
stehen dicht gereiht und verflechten ihre gewaltigen ste; der Rasen, aus dem
sie hervorwachsen, ist rosenrot und blagrn; ich trug den ganzen Hain heut auf
meiner erstarrten Hand in mein kaltes Eisbeetland; - da antwortet sie wieder in
Versen: Das sind Moose ewiger Zeiten, die den Teppich unterbreiten, ob die
Herrn zur Jagd drauf reiten, ob die Lmmer drber weiden, ob der Winterschnee
sie decket, oder Frhling Blumen wecket; in dem Haine schallt es wieder, summen
Mckchen ihre Lieder; an der Silberbume Wipfel, hngen Trpfchen Tau am Gipfel;
in dem klaren Trpfchen Taue, spiegelt sich die ganze Aue; du mut andre Rtsel
machen, will dein Witz des meinen lachen!
    
    Nun waren wir ins Rtsel geben und lsen geraten; alle Augenblick hatt ich
ein kleines Abenteuer auf meinen Spazierwegen, was ich ihr verbrmt zu erraten
gab; meistens lste sie es auf eine kindlich-lustige Weise auf. Einmal hatte ich
ihr ein Hschen, was mir auf wildem einsamen Waldweg begegnet war, als einen
zierlichen Ritter beschrieben, ich nannte es la petite perfection und da es mir
mein Herz eingenommen habe; - sie antwortete gleich: Auf einem schnen grnen
Rasen, da lie ein Held zur Mahlzeit blasen, da flchteten sich alle Hasen; so
hoff ich, wird ein Held einst kommen. Dein Herz, von Hasen eingenommen, von
diesen Wichten zu befreien und seine Gluten zu erneuen; - dies waren
Anspielungen auf kleine Liebesabenteuer. - So verging ein Teil des Winters; ich
war in einer sehr glcklichen Geistesverfassung, andre wrden sie berspannung
nennen, aber mir war sie eigen. An der Festungsmauer, die den groen Garten
umgab, war eine Turmwarte, eine zerbrochne Leiter stand drin; - dicht bei uns
war eingebrochen worden, man konnte den Spitzbuben nicht auf die Spur kommen,
man glaubte, sie versteckten sich auf jenem Turm; ich hatte ihn bei Tag in
Augenschein genommen und erkannt, da es fr einen starken Mann unmglich war,
an dieser morschen, beinah stufenlosen himmelhohen Leiter hinaufzuklimmen; ich
versuchte es, gleitete aber wieder herunter, nachdem ich eine Strecke
hinaufgekommen war; in der Nacht, nachdem ich schon eine Weile im Bett gelegen
hatte und Meline schlief, lie es mir keine Ruhe; ich warf ein berkleid um,
stieg zum Fenster hinaus und ging an dem alten Marburger Schlo vorbei, da
guckte der Kurfrst Philipp mit der Elisabeth lachend zum Fenster heraus; ich
hatte diese Steingruppe, die beide Arm in Arm sich weit aus dem Fenster lehnen,
als wollten sie ihre Lande bersehen, schon oft bei Tage betrachtet, aber jetzt
bei Nacht frchtete ich mich so davor, da ich in hohen Sprngen davoneilte in
den Turm; dort ergriff ich eine Leiterstange und half mir, Gott wei wie, daran
hinauf; was mir bei Tage nicht mglich war, gelang mir bei Nacht in der
schwebenden Angst meines Herzens; wie ich beinah oben war, machte ich Halt; ich
berlegte, wie die Spitzbuben wirklich oben sein knnten und da mich berfallen
und von der Warte hinunterstrzen; da hing ich und wute nicht hinunter oder
herauf, aber die frische Luft, die ich witterte, lockte mich nach oben; - wie
war mir da, wie ich pltzlich durch Schnee und Mondlicht die weitverbreitete
Natur berschaute, allein und gesichert, das groe Heer der Sterne ber mir! -
So ist es nach dem Tod, die freiheitstrebende Seele, der der Leib am
angstvollsten lastet, im Augenblick, da sie ihn abwerfen will; sie siegt endlich
und ist der Angst erledigt; - da hatte ich blo das Gefhl, allein zu sein, da
war kein Gegenstand, der mir nher war als meine Einsamkeit, und alles mute vor
dieser Beseligung zusammensinken; - ich schrieb der Gnderode, da wieder einmal
mein ganzes Glck von der Laune dieser Grille abhnge; ich schrieb ihr jeden
Tag, was ich auf der freien Warte mache und denke, ich setzte mich auf die
Brustmauer und hing die Beine hinab. - Sie wollte immer mehr von diesen
Turmbegeistrungen, sie sagte: Es ist mein Labsal, Du sprichst wie ein
auferstandner Prophet! - Wie ich ihr aber schrieb, da ich auf der Mauer, die
kaum zwei Fu breit war, im Kreis herumlaufe und lustig nach den Sternen sehe,
und da mir zwar am Anfang geschwindelt habe, da ich jetzt aber ganz keck und
wie am Boden mich da oben befinde, - da schrieb sie: Um Gotteswillen falle
nicht, ich hab's noch nicht herauskriegen knnen, ob Du das Spiel bser oder
guter Dmonen bist. - Falle nicht, schrieb sie mir wieder, obschon es mir
wohlttig war, Deine Stimme von oben herab ber den Tod zu vernehmen, so
frchtete ich nichts mehr, als da Du elend und unwillkrlich zerschmettert ins
Grab strzest; - ihre Vermahnungen aber erregten mir keine Furcht und keinen
Schwindel, im Gegenteil war ich tollkhn; ich wute Bescheid, ich hatte die
triumphierende berzeugung, da ich von Geistern geschtzt sei. Das Seltsame
war, da ich's oft verga, da es mich oft mitten aus dem Schlaf weckte und ich
noch in unbestimmter Nachtzeit hineilte, da ich auf dem Hinweg immer Angst
hatte und auf der Leiter jeden Abend wie den ersten, da ich oben allemal die
Beseligung einer von schwerem Druck befreiten Brust empfand; - oben, wenn Schnee
lag, schrieb ich der Gnderode ihren Namen hinein und: Jesus nazarenus rex
judaeorum als schtzenden Talisman darber, da war mir, als sei sie gesichert
gegen bse Eingebungen.
    Jetzt kam Creuzer nach Marburg, um Savigny zu besuchen. Hlich wie er war,
war es zugleich unbegreiflich, da er ein Weib interessieren knne; ich hrte,
da er von der Gnderode sprach, in Ausdrcken, als ob er ein Recht an ihre
Liebe habe; ich hatte in meinem von allem ueren Einflu abgeschiednen
Verhltnis zu ihr frher nichts davon geahndet und war im Augenblick aufs
heftigste eiferschtig; er nahm in meiner Gegenwart ein kleines Kind auf den
Scho und sagte: Wie heit Du? - Sophie. Nun, Du sollst, solange ich hier
bin, Karoline heien; Karoline gib mir einen Ku. Da ward ich zornig, ich ri
ihm das Kind vom Scho und trug es hinaus, fort durch den Garten auf den Turm;
da oben stellte ich es in den Schnee neben ihren Namen, und legte mich mit dem
glhenden Gesicht hinein und weinte laut, und das Kind weinte mit, und da ich
herunter kam, begegnete mir Creuzer; ich sagte: Weg aus meinem Weg, fort. Der
Philolog konnte sich einbilden, da Ganymed ihm die Schale des Jupiters reichen
werde. - Es war in der Neujahrsnacht; ich sa auf meiner Warte und schaute in
die Tiefe; alles war so still - kein Laut bis in die weiteste Ferne, und ich war
betrbt um die Gnderode, die mir keine Antwort gab; die Stadt lag unter mir,
auf einmal schlug es Mitternacht, - da strmte es herauf, die Trommeln rhrten
sich, die Posthrner schmetterten, sie lsten ihre Flinten, sie jauchzten, die
Studentenlieder tnten von allen Seiten, es stieg der Jubellrm, da er mich
beinah wie ein Meer umbrauste; - das vergesse ich nie, aber sagen kann ich auch
nicht, wie mir so wunderlich war da oben auf schwindelnder Hhe, und wie es
allmhlich wieder still ward und ich mich ganz allein empfand. Ich ging zurck
und schrieb an die Gnderode; vielleicht finde ich den Brief noch unter meinen
Papieren, dann will ich ihn beilegen; ich wei, da ich ihr die heiesten Bitten
tat, mir zu antworten; ich schrieb ihr von diesen Studentenliedern, wie die gen
Himmel geschallt htten und mir das tiefste Herz aufgeregt; ja ich legte meinen
Kopf auf ihre Fe und bat um Antwort und wartete mit heier Sehnsucht acht
Tage, aber nie erhielt ich eine Antwort; ich war blind, ich war taub, ich
ahndete nichts. Noch zwei Monate gingen vorber - da war ich wieder in
Frankfurt; - ich lief ins Stift, machte die Tr auf: siehe da stand sie und sah
mich an; kalt, wie es schien; Gnderod, rief ich, darf ich hereinkommen? -
Sie schwieg und wendete sich ab; Gnderod, sag nur ein Wort und ich lieg an
deinem Herzen. Nein, sagte sie, komme nicht nher, kehre wieder um, wir
mssen uns doch trennen. - Was heit das? - So viel, da wir uns ineinander
geirrt haben und da wir nicht zusammengehren. - Ach, ich wendete um! Ach,
erste Verzweiflung, erster grausamer Schlag, so empfindlich fr ein junges Herz!
Ich, die nichts kannte wie die Unterwerfung, die Hingebung in dieser Liebe,
mute so zurckgewiesen werden. - Ich lief nach Haus zur Meline, ich bat sie
mitzugehen zur Gnderode, zu sehen, was ihr fehle, sie zu bewegen, mir einen
Augenblick ihr Angesicht zu gnnen; ich dachte, wenn ich sie nur einmal ins Auge
fassen knne, dann wolle ich sie zwingen; ich lief ber die Strae, vor der
Zimmertr blieb ich stehen, ich lie die Meline allein zu ihr eintreten, ich
wartete, ich zitterte und rang die Hnde in dem kleinen engen Gang, der mich so
oft zu ihr gefhrt hatte; - die Meline kam heraus mit verweinten Augen, sie zog
mich schweigend mit sich fort; - einen Augenblick hatte mich der Schmerz
bermannt, aber gleich stand ich wieder auf den Fen; nun! dacht ich, wenn das
Schicksal mir nicht schmeicheln will, so wollen wir Ball mit ihm spielen; ich
war heiter, ich war lustig, ich war berreizt, aber Nchten weinte ich im
Schlaf. - Am zweiten Tag ging ich des Wegs, wo ihre Wohnung war, da sah ich die
Wohnung von Goethes Mutter, die ich nicht nher kannte und nie besucht hatte;
ich trat ein. Frau Rat, sagte ich, ich will Ihre Bekanntschaft machen, mir
ist eine Freundin in der Stiftsdame Gnderode verloren gegangen, und die sollen
Sie mir ersetzen. - Wir wollen's versuchen, sagte sie, und so kam ich alle
Tage und setzte mich auf den Schemel und lie mir von ihrem Sohn erzhlen und
schrieb's alles auf und schickte es der Gnderode; - wie sie in's Rheingau ging,
sendete sie mir die Papiere zurck; die Magd, die sie mir brachte, sagte, es
habe der Stiftsdame heftig das Herz geklopft, da sie ihr die Papiere gegeben,
und auf ihre Frage, was sie bestellen solle, habe sie geantwortet: Nichts. -
    Es vergingen vierzehn Tage, da kam Fritz Schlosser; er bat mich um ein paar
Zeilen an die Gnderode, weil er ins Rheingau reisen werde und wolle gern ihre
Bekanntschaft machen. Ich sagte, da ich mit ihr brouilliert sei, ich bte ihn
aber, von mir zu sprechen und achtzugeben, was es fr einen Eindruck auf sie
mache. - Wann gehen Sie hin , sagte ich, morgen? - Nein, in acht Tagen. -
O gehen Sie morgen, sonst treffen Sie sie nicht mehr; - am Rhein ist's so
melancholisch, sagte ich scherzend, da knnte sie sich ein Leid's antun; -
Schlosser sah mich ngstlich an. Ja ja, sagte ich mutwillig, sie strzt sich
ins Wasser oder ersticht sich aus bloer Laune. - Frevlen Sie nicht, sagte
Schlosser, und nun frevelte ich erst recht: Geben Sie acht, Schlosser, Sie
finden Sie nicht mehr, wenn Sie nach alter Gewohnheit zgern, und ich sage
Ihnen, gehen Sie heute lieber wie morgen und retten Sie sie von unzeitiger
melancholischer Laune; - und im Scherz beschrieb ich sie, wie sie sich
umbringen werde, im roten Kleid, mit aufgelstem Schnrband, dicht unter der
Brust die Wunde; das nannte man tollen bermut von mir, es war aber bewutloser
berreiz, indem ich die Wahrheit vollkommen genau beschrieb. - Am andern Tag kam
Franz und sagte: Mdchen, wir wollen ins Rheingau gehen, da kannst Du die
Gnderode besuchen. - Wann? fragte ich - Morgen, sagte er; - ach, ich
packte mit bereile ein, ich konnte kaum erwarten, da wir gingen; alles, was
mir begegnete, schob ich hastig aus dem Weg, aber es vergingen mehrere Tage und
es ward die Reise immer verschoben; endlich, da war meine Lust zur Reise in
tiefe Trauer verwandelt, und ich wr lieber zurckgeblieben. - Da wir in
Geisenheim ankamen, wo wir bernachteten, lag ich im Fenster und sah ins
mondbespiegelte Wasser; meine Schwgerin Toni sa am Fenster; die Magd, die den
Tisch deckte, sagte: Gestern hat sich auch eine junge schne Dame, die schon
sechs Wochen hier sich aufhielt, bei Winckel umgebracht; sie ging am Rhein
spazieren ganz lang, dann lief sie nach Hause, holte ein Handtuch; am Abend
suchte man sie vergebens; am andern Morgen fand man sie am Ufer unter
Weidenbschen, sie hatte das Handtuch voll Steine gesammelt und sich um den Hals
gebunden, wahrscheinlich, weil sie sich in den Rhein versenken wollte, aber da
sie sich ins Herz stach, fiel sie rckwrts, und so fand sie ein Bauer am Rhein
liegen unter den Weiden an einem Ort, wo es am tiefsten ist. Er ri ihr den
Dolch aus dem Herzen und schleuderte ihn voll Abscheu weit in den Rhein, die
Schiffer sahen ihn fliegen, - da kamen sie herbei und trugen sie in die Stadt.
- Ich hatte im Anfang nicht zugehrt, aber zuletzt hrt ich's mit an und rief:
Das ist die Gnderode! Man redete mir's aus und sagte, es sei wohl eine andre,
da so viel Frankfurter im Rheingau wren. Ich lie mir's gefallen und dachte:
grade, was man prophezeie, sei gewhnlich nicht wahr. - In der Nacht trumte
mir, sie kme mir auf einem mit Krnzen geschmckten Nachen entgegen, um sich
mit mir zu vershnen; ich sprang aus dem Bett in des Bruders Zimmer und rief:
Es ist alles nicht wahr, eben hat mir's lebhaft getrumt! Ach, sagte der
Bruder, baue nicht auf Trume! - Ich trumte noch einmal, ich sei eilig in
einem Kahn ber den Rhein gefahren, um sie zu suchen; da war das Wasser trb und
schilfig, die Luft war dunkel und es war sehr kalt; - ich landete an einem
sumpfigen Ufer, da war ein Haus mit feuchten Mauern, aus dem schwebte sie hervor
und sah mich ngstlich an und deutete mir, da sie nicht sprechen knne; - ich
lief wieder zum Schlafzimmer der Geschwister und rief: Nein, es ist gewi wahr;
denn mir hat getrumt, da ich sie gesehen habe, und ich hab gefragt: Gnderode,
warum hast Du mir dies getan? Da hat sie geschwiegen, hat den Kopf gesenkt und
hat sich traurig nicht verantworten knnen. - Nun berlegte ich im Bett alles
und besann mich, da sie mir frher gesagt hatte, sie wolle sich erst mit mir
entzweien, eh sie diesen Entschlu ausfhren werde; nun war mir unsre Trennung
erklrt; auch da sie mir ein Zeichen geben werde, wenn ihr Entschlu reif sei;
- das war also die Geschichte von ihrer toten Schwester, die sie mir ein halb
Jahr frher mitteilte; da war der Entschlu schon gefat. - O ihr groen Seelen,
dieses Lamm in seiner Unschuld, dieses junge zaghafte Herz, welche ungeheure
Gewalt hat es bewogen, so zu handeln? - Am andern Morgen fuhren wir bei frher
Zeit auf dem Rhein weiter; - Franz hatte befohlen, da das Schiff jenseits sich
halten solle, um zu vermeiden, da wir dem Platz zu nahe kmen, aber dort stand
der Fritz Schlosser am Ufer, und der Bauer, der sie gefunden, zeigte ihm, wo der
Kopf gelegen hatte und die Fe und da das Gras noch niederliege, - und der
Schiffer lenkte unwillkrlich dorthin, und Franz bewutlos sprach im Schiff
alles dem Bauern nach, was er in der Ferne verstehen konnte, und da mut ich
denn mit anhren die schauderhaften Bruchstcke der Erzhlung vom roten Kleid,
das aufgeschnrt war, und der Dolch, den ich so gut kannte, und das Tuch mit
Steinen um ihren Hals, und die breite Wunde; - aber ich weinte nicht, ich
schwieg. - Da kam der Bruder zu mir und sagte: Sei stark, Mdchen. - Wir
landeten in Rdesheim; berall erzhlte man sich die Geschichte; ich lief in
Windesschnelle an allen vorber, den Ostein hinauf eine halbe Stunde bergan,
ohne auszuruhen; - oben war mir der Atem vergangen, mein Kopf brannte, ich war
den andern weit vorausgeeilt. - Da lag der herrliche Rhein mit seinem smaragdnen
Schmuck der Inseln; da sah ich die Strme von allen Seiten dem Rhein zuflieen
und die reichen friedlichen Stdte an beiden Ufern und die gesegneten Gelnde an
beiden Seiten; da fragte ich mich, ob mich die Zeit ber diesen Verlust
beschwichtigen werde, und da war auch der Entschlu gefat, khn mich ber den
Jammer hinauszuschwingen; denn es schien mir unwrdig, Jammer zu uern, den ich
einstens beherrschen knne.

                            Briefwechsel mit Goethe


Mit Flammenschrift war innigst eingeschrieben
Petrarcas Brust, vor allen andern Tagen,
Karfreitag. Ebenso, ich darf's wohl sagen,
Ist mir Advent von Achtzehnhundertsieben.

Ich fing nicht an, ich fuhr nur fort zu lieben
Sie, die ich frh im Herzen schon getragen,
Dann wieder weislich aus dem Sinn geschlagen,
Der ich nun wieder bin ans Herz getrieben.

Petrarcas Liebe, die unendlich hohe,
War leider unbelohnt und gar zu traurig,
Ein Herzensweh, ein ewiger Karfreitag;

Doch stets erscheine, fort und fort, die frohe,
S, unter Palmenjubel, wonneschaurig,
Der Herrin Ankunft mir, ein ew'ger Maitag.




                                   An Goethe


                                                        Kassel, den 15. Mai 1807

Liebe, liebe Tochter! Nenne mich fr alle Tage, fr alle Zukunft mit dem einen
Namen, der mein Glck umfat; mein Sohn sei Dein Freund, Dein Bruder, der Dich
gewi liebt usw.
    Solche Worte schreibt mir Goethes Mutter; zu was berechtigen mich diese? -
Auch brach es los wie ein Damm in meinem Herzen; - ein Menschenkind, einsam auf
einem Fels, von Strmen umbraust, seiner selbst ungewi hin- und herschwankend,
wie Dornen und Disteln um es her - so bin ich; so war ich, da ich meinen Herrn
noch nicht erkannt hatte. Nun wend ich mich wie die Sonnenblume nach meinem Gott
und kann ihm mit dem von seinen Strahlen glhenden Angesicht beweisen, da er
mich durchdringt. O Gott! Darf ich auch! - Und bin ich nicht allzu khn?
    Und was will ich denn? - Erzhlen, wie die herrliche Freundlichkeit, mit der
Sie mir entgegenkamen, jetzt in meinem Herzen wuchert? - alles andre Leben mit
Gewalt erstickt? Wie ich immer mu hinverlangen, wo mir's zum erstenmal wohl
war? - Das hilft alles nichts; die Worte Ihrer Mutter! - Ich bin weit entfernt,
Ansprche an das zu machen, was ihre Gte mir zudenkt, - aber diese haben mich
geblendet; und ich mute zum wenigsten den Wunsch befriedigen, da Sie wissen
mchten, wie mchtig mich die Liebe in jedem Augenblick zu Ihnen hinwendet.
    Auch darf ich mich nicht scheuen, einem Gefhl mich hinzugeben, das sich aus
meinem Herzen hervordrngt wie die junge Saat im Frhling; - es mute so sein,
und der Same war in mich gelegt; es ist nicht mein vorstzlicher Wille, wenn ich
oft aus dem augenblicklichen Gesprch zu Ihren Fen getragen bin; dann setze
ich mich an die Erde und lege den Kopf auf Ihren Scho, oder ich drcke Ihre
Hand an meinen Mund, oder ich stehe an Ihrer Seite und umfasse Ihren Hals; und
es whrt lange, bis ich eine Stellung finde, in der ich beharre. Dann plaudre
ich, wie es mir behagt; die Antwort aber, die ich mir in Ihrem Namen gebe,
spreche ich mit Bedacht aus: Mein Kind! Mein artig gut Mdchen! Liebes Herz!
Ja, so klingt's aus jener wunderbaren Stunde herber, in der ich glaubte von
Geistern in eine andre Welt getragen zu sein; und wenn ich dann bedenke, da es
von Ihren Lippen so widerhallen knnte, wenn ich wirklich vor Ihnen stnde, -
dann schaudre ich vor Freude und Sehnsucht zusammen. O wieviel hundertmal trumt
man und trumt besser, als einem je wird. - Mutwillig und bermtig bin ich auch
zuweilen und preise den Mann glcklich, der so sehr geliebt wird; dann lcheln
Sie und bejahen es in freundlicher Gromut.
    Weh mir! Wenn dies alles nie zur Wahrheit wird, dann werd ich im Leben das
Herrlichste vermissen. Ach, ist der Wein denn nicht die seste und
begehrlichste unter allen himmlischen Gaben? Da wer ihn einmal gekostet hat,
trunkner Begeistrung nimmer abschwren mchte. - Diesen Wein werd ich vermissen,
und alles andre wird mir sein wie hartes geistloses Wasser, dessen man keinen
Tropfen mehr verlangt, als man bedarf.
    Wie werd ich mich alsdann trsten knnen! - Mit dem Lied etwa: Im Arm der
Liebe ruht sich's wohl, wohl auch im Scho der Erde? - Oder: Ich wollt, ich
lg und schlief zehntausend Klafter tief. - Ich wollt, ich knnte meinen Brief
mit einem Blick in Ihre Augen schlieen; schnell wrde ich Vergebung der
Khnheit herauslesen und diese noch mit einsiegeln; ich wrde dann nicht
ngstlich sein ber das kindische Geschwtz, das mir doch so ernst ist. Da wird
es hingetragen in rascher Eile viele Meilen; der Postillon schmettert mit vollem
Enthusiasmus seine Ankunft in die Lfte, als wolle er frohlockend fragen: Was
bring ich? - Und nun bricht Goethe seinen Brief auf und findet das unmndige
Stammeln eines unbedeutenden Kindes. Soll ich noch Verzeihung fordern? - O, Sie
wissen wohl, wie bermchtig, wie voll sen Gefhls das Herz oft ist, und die
kindische Lippe kann das Wort nicht treffen, den Ton kaum, der es widerklingen
macht.
                                                                Bettine Brentano

                                   An Bettine


                 im Brief an seine Mutter eingelegt von Goethe.

Solcher Frchte, reif und s, wrde man gern an jedem Tag genieen, den man zu
den schnsten zu zhlen berechtigt sein drfte.
                                                                 Wolfgang Goethe

Liebe Mutter, geben Sie dies eingesiegelte Blttchen an Bettine und fordern Sie
sie auf, mir noch ferner zu schreiben.

                                   An Goethe


                                                                      Am 25. Mai

Wenn die Sonne am heiesten scheint, wird der blaue Himmel oft trbe; man
frchtet Sturm und Gewitter, beklemmende Luft drckt die Brust, aber endlich
siegt die Sonne; ruhig und golden sinkt sie dem Abend in den Scho.
    So war mir's, da ich Ihnen geschrieben hatte; ich war beklemmt, wie wenn ein
Gewitter sich spren lt, und ward oft rot ber den Gedanken, da Sie es
unrecht finden mchten, und endlich ward mein Mitrauen nur durch wenig Worte,
aber so lieb gelst. Wenn Sie wten, wie schnelle Fortschritte mein Zutrauen in
demselben Augenblick machte, da ich erkannte, da Sie es gern wollen! - Gtiger,
freundlich gesinnter Mann! Ich bin so unbewandert in Auslegung solcher
kstlichen Worte, da ich schwankte ber ihren Sinn; die Mutter aber sagte: Sei
nicht so dumm, er mag geschrieben haben, was er will, so heit es, Du sollst ihm
schreiben, so oft Du kannst, und was Du willst. - Ach, ich kann Ihnen nichts
anders mitteilen, als blo was in meinem Herzen vorgeht. O drft ich jetzt bei
ihm sein, dacht ich, so glhend hell sollte meine Freudensonne ihm leuchten, wie
sein Auge freundlich dem meinigen begegnet. Ja wohl, herrlich! Ein Purpurhimmel
mein Gemt, ein warmer Liebestau meine Rede, die Seele mte wie eine Braut aus
ihrer Kammer treten ohne Schleier und sich bekennen: O Herr, in Zukunft will
ich Dich oft sehen und lang am Tage, und oft soll ihn ein solcher Abend
schlieen.
    Ich gelobe es, dasjenige, was von der ueren Welt unberhrt in mir vorgeht,
heimlich und gewissenhaft demjenigen darzulegen, der so gern teil an mir nimmt,
und dessen allumfassende Kraft den jungen Keimen meiner Brust Flle
befruchtender Nahrung verspricht.
    Das Gemt hat ohne Vertrauen ein hartes Los; es wchst langsam und drftig,
wie eine heie Pflanze zwischen Felsen; so bin ich, - so war ich bis heute, -
und diese Herzensquelle, die nirgend wo ausstrmen, konnte, findet pltzlich den
Weg ans Licht, und paradiesische Ufer im Balsamduft blhender Gefilde begleiten
ihren Weg.
    O Goethe! - Meine Sehnsucht, mein Gefhl sind Melodien, die sich ein Lied
suchen, dem sie sich anschmiegen mchten. Darf ich mich anschmiegen? - Dann
sollen diese Melodien so hoch steigen, da sie Ihre Lieder begleiten knnen.
    Ihre Mutter schrieb wie von mir: da ich keinen Anspruch an Antworten mache;
da ich keine Zeit rauben wolle, die Ewiges hervorbringen kann; so ist es aber
nicht: meine Seele schreit wie ein durstiges Kindchen; alle Zeiten, zuknftige
und verflossene, mchte ich in mich trinken, und mein Gewissen wrde mir wenig
Bedenken machen, wenn die Welt von nun an weniger von Ihnen zu erfahren bekme
und ich mehr. Bedenken Sie indes, da nur wenig Worte von Ihnen ein greres Ma
von Freude ausfllen werden, als ich von aller spteren Zeit erwarte.
                                                                         Bettine

Die Mutter ist sehr heiter und gesund, sie trinkt noch einmal soviel Wein wie
vor'm Jahr, geht bei Wind und Wetter ins Theater; singt in ihrem bermut mir
vor: Zrtliche getreue Seele, deren Schwur kein Schicksal bricht.

                                   Extrablatt


Wir fhren Krieg, ich und die Mutter, und nun ist's so weit gekommen, da ich
kapitulieren mu; die harte Bedingung ist, da ich selbst Ihnen alles erzhlen
soll, womit ich's verschuldet habe, und was die gute Mutter so heiter und launig
ertragen hat; sie hat eine Geschichte daraus zusammengesponnen, die sie mit
tausend Plsier erzhlt; sie knnte es also selbst viel besser schreiben, das
will sie nicht, ich soll's zu meiner Strafe erzhlen, und da fhl ich mich ganz
beschmt.
    Ich sollte ihr den Gall bringen und fhrte ihr unter seinem Namen den Tieck
zu; sie warf gleich ihre Kopfbedeckung ab, setzte sich und verlangte, Gall solle
ihren Schdel untersuchen, ob die groen Eigenschaften ihres Sohnes nicht durch
sie auf ihn bergegangen sein mchten; Tieck war in groer Verlegenheit, denn
ich lie ihm keinen Moment, um der Mutter den Irrtum zu benehmen; sie war gleich
in heftigem Streit mit mir und verlangte, ich solle ganz stillschweigen und dem
Gall nicht auf die Sprnge helfen; da kam Gall selbst und nannte sich; die
Mutter wute nicht, zu welchem sie sich bekehren solle, besonders da ich stark
gegen den rechten protestierte, jedoch hat er endlich den Sieg davongetragen,
indem er ihr eine sehr schne Abhandlung ber die groen Eigenschaften ihres
Kopfes hielt; und ich hab Verzeihung erhalten und mute versprechen, sie nicht
wieder zu betrgen. Ein paar Tage spter kam eine gar zu schne Gelegenheit,
mich zu rchen. Ich fhrte ihr einen jungen Mann aus Straburg zu, der kurz
vorher bei Ihnen gewesen war; sie fragte hflich nach seinem Namen; noch eh er
sich nennen konnte, sagte ich: Der Herr heit Schneegans, hat Ihren Herrn Sohn
in Weimar besucht und bringt Ihr viele Gre von ihm. Sie sah mich verchtlich
an und fragte: Darf ich um Ihren werten Namen bitten? Aber noch ehe er sich
legitimieren konnte, hatte ich schon wieder den famsen Namen Schneegans
ausgesprochen; ganz ergrimmt ber mein grobes Verfahren, den fremden Herrn eine
Schneegans zu schimpfen, bat sie ihn um Verzeihung, und da mein Mutwill keine
Grenzen habe und manchmal sogar ins Alberne spiele; ich sagte: Der Herr heit
aber doch Schneegans. O schweig, rief sie, wo kann ein vernnftiger Mensch
Schneegans heien! Wie nun der Herr endlich zu Wort kam und bekannte, da er
wirklich die Fatalitt habe so zu heien, da war es sehr ergtzlich, die
Entschuldigungen und Beteuerungen von Hochachtung gegenseitig anzuhren; sie
amsierten sich vortrefflich miteinander, als htten sie sich jahrelang gekannt,
und beim Abschied sagte die Mutter mit einem heroischen Anlauf: Leben Sie recht
wohl, Herr von Schneegans, htte ich doch nimmermehr geglaubt, da ich's ber
die Zunge bringen knne! -
    Nun, da ich's geschrieben habe, erkenne ich erst, wie schwer die Strafe ist;
denn ich hab einen groen Teil des Papiers beschrieben, ohne auch nur ein
Wrtchen von meinen Angelegenheiten, die mir so sehr am Herzen liegen,
anzubringen. Ja, ich schme mich, Ihnen heute noch was anders zu sagen, als nur
meinen Brief mit Hochachtung und Liebe abzuschlieen. Aber morgen, da fange ich
einen neuen Brief an, und der hier soll nichts gelten.
                                                                         Bettine

                                   An Goethe


                                                                         3. Juni

Ich habe heut' bei der Mutter einliegenden Brief an Sie abgeholt, um doch eher
schreiben zu drfen, ohne unbescheiden zu sein. Ich mchte gar zu gern recht
vertraulich kindisch und selbst ungereimt an Sie schreiben drfen, wie mir's im
Kopf kme - Darf ich? Z.B., da ich verliebt war fnf Tage lang, ist das
ungereimt? - Nun, was spiegelt sich denn in Ihrer Jugendquelle? - Nur
hineingeschaut; Himmel und Erde malen sich drin; in schner Ordnung stehen die
Berge und die Regenbogen und die blitzdurchriss'nen Gewitterwolken, und ein
liebend Herz schreitet durch, hherem Glck entgegen; und den
sonnedurchleuchteten Tag krnzet der heimliche Abend in Liebchens Arm.
    Drum sei mir's nicht verargt, da ich fnf Tage lang verliebt war.
                                                                         Bettine

                                  Goethe an B.


                                                                        10. Juni

Der Dichter ist manchmal so glcklich, das Ungereimte zu reimen, und so wr es
Ihnen zu gestatten, liebes Kind, da Sie ohne Rckhalt, alles was Sie der Art
mitzuteilen haben, ihm zukommen lieen. Gnnen Sie mir aber auch eine nhere
Beschreibung dessen, der in fnftgigem Besitz Ihres Herzens war, und ob Sie
auch sicher sind, da der Feind nicht noch im Versteck lauert. Wir haben auch
Nachrichten von einem jungen Mann, der, in eine groe Brenmtze gehllt, in
Ihrer Nhe weilt und vorgibt, seine Wunden heilen zu mssen, whrend er
vielleicht im Sinne hat, die gefhrlichsten zu schlagen.
    Erinnern Sie sich jedoch bei so gefahrvollen Zeiten des Freundes, der es
angemessener findet, Ihren Herzenslaunen jetzt nicht in den Weg zu kommen.
                                                                              G.

                         Lieber Goethe! Lieber Freund!


                                                                        14. Juni

Heute hab ich mit der Mutter Wahl gehalten, was ich Ihnen fr einen Titel geben
darf; da hat sie mir die beiden freigelassen, - ich hab sie beide
hingeschrieben; ich seh der Zeit entgegen, wo meine Feder anders dahintanzen
wird, - unbekmmert, wo die Flammen hinausschlagen; wo ich Ihnen mein
verborgenes Herz entdecke, das so ungestm schlgt und doch zittert. Werden Sie
mir solche Ungereimtheiten auch auflsen? - Wenn ich in derselben Natur mich
wei, deren inneres Leben durch Ihren Geist mir verstndlich wird, dann kann ich
oft beide nicht mehr voneinander unterscheiden; ich leg mich an grnen Rasen
nieder mit umfassenden Armen und fhle mich Ihnen so nah wie damals, wo Sie, den
Aufruhr in meinem Herzen zu beschwichtigen, zu dem einfachen Zaubermittel
griffen, von meinen Armen umfat, so lange mich ruhig anzusehen, bis ich von der
Gewiheit meines Glckes mich durchdrungen fhlte.
    Lieber Freund! Wer drfte zweifeln, da das, was einmal so erkannt und so
ergriffen war, wieder verloren gehen knne? - Nein! - Sie sind mir nimmer fern.
Ihr Geist lchelt mich an und berhrt mich zrtlich vom ersten Frhlingsmorgen
bis zum letzten Winterabend.
    
    So kann ich Ihnen auch das Liebesgeheimnis mit der Brenmtze fr Ihren
leisen Spott ber meine ernste Treue auf das beschmendste erklren. - Nichts
ist reizender als die junge Pflanze in voller Blte stehend, auf der der Finger
Gottes jeden frischen Morgen den zarten Tau in Perlen reihet und ihre Bltter
mit Duft bemalt. - So blheten im vorigen Jahr ein paar schne blaue Augen unter
der Brenmtze hervor, so lchelten und schwtzten die anmutigen Lippen, so
wogten die schwanken Glieder, und so schmiegte sich zrtliche Neigung in jede
Frage und Antwort und hauchten in Seufzern den Duft des tieferen Herzens aus,
wie jene junge Pflanze. - Ich sah's mit an und verstand die Schnheit, und doch
war ich nicht verliebt; ich fhrte den jungen Husaren zur Gnderode, die traurig
war; wir waren jeden Abend zusammen, der Geist spielte mit dem Herzen, tausend
uerungen und schne Modulationen hrte und fhlte ich, - und doch war ich
nicht verliebt. - Er ging, - man sah, da der Abschied sein Herz bedrngte.
Wenn ich nicht wiederkehre, sagte er, so glauben Sie, da die kstlichste
Zeit meines Lebens diese letzte war. - Ich sah ihn die Stiegen hinabspringen,
ich sah seine reizende Gestalt, in der Wrde und Stolz seiner schwanken Jugend
gleichsam einen Verweis geben, sich aufs Pferd schwingen und fort in den
Kugelregen reiten, - und ich seufzte ihm nicht nach. Dies Jahr kam er wieder mit
einer kaum vernarbten Wunde auf der Brust; er war bla und matt und blieb fnf
Tage bei uns. Abends, wenn alles um den Teetisch versammelt war, sa ich im
dunkeln Hintergrund des Zimmers, um ihn zu betrachten, er spielte auf der
Gitarre; - da hielt ich eine Blume vors Licht und lie ihren Schatten auf seinen
Fingern spielen, - das war mein Wagstck, - mir klopfte das Herz vor Angst, er
mchte es merken; da ging ich ins Dunkel zurck und behielt meine Blume, und die
Nacht legte ich sie unters Kopfkissen. - Das war die letzte Hauptbegebenheit in
diesem Liebesspiel von fnf Tagen.
    Dieser Jngling, dessen Mutter stolz sein mag auf seine Schnheit, von dem
die Mutter mir erzhlte, er sei der Sohn der ersten Heigeliebten meines
geliebten Freundes, hat mich gerhrt.
    Und nun mag der Freund sich's auslegen, wie es kam, da ich dies Jahr Herz
und Aug fr ihn offen hatte, und im vorigen Jahre nicht.
    Du hast mich geweckt mitten in lauen Sommerlften, und da ich die Augen
aufschlug, sah ich die reifen pfel an goldnen Zweigen ber mir schweben, und da
langt ich nach ihnen.
    Adieu! In der Mutter Brief steht viel von Gall und dem Gehirn; in dem
meinigen viel vom Herzen.
    Ich bitte, gren Sie den Doktor Schlosser in Ihren Briefen an die Mutter
nicht mehr mit mir in einer Rubrik; es tut meinem armen Hochmut gar zu weh.
                                                                         Bettine

Dein Kind, dein Herz, dein gut Mdchen, das
den Goethe ber alles lieb hat und sich mit
seinem Andenken ber alles trsten kann.


                                   An Goethe

                                                                        18. Juni

Gestern sa ich der Mutter gegenber auf meinem Schemel, sie sah mich an und
sagte: Nun was gibt's? - Warum siehst du mich nicht an? - Ich wollte, sie
solle mir erzhlen; - ich hatte den Kopf in meine Arme verschrnkt. Nein,
sagte sie, wenn Du mich nicht ansiehst, so erzhl ich nichts; und da ich
meinen Eigensinn nicht brechen konnte, ward sie ganz still. - Ich ging auf und
ab durch die drei langen schmalen Zimmer, und so oft ich an ihr vorberschritt,
sah sie mich an, als wolle sie sagen: Wie lang soll's dauern? - Endlich sagte
sie: Hr! - Ich dchte, Du gingst. - Wohin? fragte ich. - Nach Weimar zum
Wolfgang, und holtest dir wieder Respekt gegen seine Mutter. Ach Mutter, wenn
das mglich wr! sagte ich und fiel ihr um den Hals und kte sie und lief im
Zimmer auf und ab. Ei, sagte sie, warum soll es denn nicht mglich sein? Der
Weg dahin hngt ja aneinander und ist kein Abgrund dazwischen; ich wei nicht,
was dich abhlt, wenn du eine so ungeheure Sehnsucht hast; - eine Meile
vierzigmal zu machen ist der ganze Spa, und dann kommst du wieder und erzhlst
mir alles. -
    Nun hab ich die ganze Nacht von der einen Meile getrumt, die ich vierzigmal
machen werde; es ist ja wahr, die Mutter hat recht, nach vierzig durchjagten
Stunden lg ich am Herzen des Freundes; es ist auf dieser Erde, wo ich ihn
finden kann, auf gebahnten Wegen gehet die Strae, alles deutet dorthin, der
Stern am Himmel leuchtet bis zu seiner Schwelle, die Kinder am Weg rufen mir zu:
Dort wohnt er! - Was hlt mich zurck? - Ich bin allein meiner heien
Sehnsucht Zeuge, und sollte mir's nicht gewhren, was ich bitte und flehe, da
ich Mut haben mge? Nein, ich bin nicht allein, diese sehnschtigen Gedanken -
es sind Gestalten; sie sehen mir fragend unter die Augen: wie ich mein Leben
verschleifen knne, ohne Hand in Hand mit ihm, ohne Aug in Aug in ihrem Feuer zu
verglhen. - O Goethe, ertrag mich, nicht alle Tage bin ich so schwach, da ich
mich hinwerfe vor Dir und nicht aufhren will zu weinen, bis Du mir alles
versprichst. Es geht wie ein schneidend Schwert durch mein Herz, da ich bei Dir
sein mchte; - bei Dir, und nichts anders will ich, so wie das Leben vor mir
liegt, wei ich nichts, was ich noch fordern knnte, ich will nichts Neues
wissen, nichts soll sich regen, kein Blatt am Baum, die Lfte sollen schweigen;
stille soll's in der Zeit sein, und Du sollst ausharren in Gelassenheit, bis
alle Schmerzen an Deiner Brust verwunden sind.

                                                                        19. Juni

Gestern abend war's so, lieber Goethe; pltzlich ri der Zugwind die Tr auf und
lschte mir das Licht, bei dem ich Dir geschrieben habe. - Meine Fenster waren
offen, und die Plne waren niedergelassen; der Sturmwind spielte mit ihnen; - es
kam ein heftiger Gewitterregen, da ward mein kleiner Kanarienvogel aufgestrt -
er flog hinaus in den Sturm, er schrie nach mir, und ich lockte ihn die ganze
Nacht. Erst wie das Wetter vorber war, legt ich mich schlafen; ich war mde und
sehr traurig, auch um meinen lieben Vogel. Wie ich noch bei der Gnderode die
griechische Geschichte studierte, da zeichnete ich Landkarten, und wenn ich Seen
zeichnete, da half er Striche hineinmachen, da ich ganz verwundert war, wie
emsig er mit seinem kleinen Schnabel immer hin und her kratzte.
    Nun ist er fort, gewi hat ihm der Sturm das Leben gekostet; da hab ich
gedacht, wenn ich nun hinausflg, um Dich zu suchen, und km durch Sturm und
Unwetter bis zu Deiner Tr, die Du mir nicht ffnen wrdest - nein, Du wrst
fort; Du httest nicht auf mich gewartet, wie ich die ganze Nacht auf meinen
kleinen Vogel; Du gehest andern Menschen nach, Du bewegst Dich in andern
Regionen; bald sind's die Sterne, die mit Dir Rcksprache halten, bald die
tiefen abgrndlichen Felskerne; bald schreitet Dein Blick als Prophet durch
Nebel und Luftschichten, und dann nimmst Du der Blumen Farben und vermhlst sie
dem Licht; deine Leier findest Du immer gestimmt, und wenn sie Dir auch
frischgekrnzt entgegenprangte, wrdest Du fragen: Wer hat mir diesen schnen
Kranz gewunden? - Dein Gesang wrde diese Blumen bald versengen; sie wrden
ihre Hupter senken, sie wrden ihre Farbe verlieren, und bald wrden sie
unbeachtet am Boden schleifen.
    Alle Gedanken, die die Liebe mir eingibt, alles heie Sehnen und Wollen kann
ich nur solchen Feldblumen vergleichen; - sie tun unbewut ber dem grnen Rasen
ihre goldnen Augen auf, sie lachen eine Weile in den blauen Himmel, dann
leuchten tausend Sterne ber ihnen und umtanzen den Mond und verhllen die
zitternden, trnenbelasteten Blumen in Nacht und betubenden Schlummer. So bist
Du Poete ein vom Sternenreigen seiner Eingebungen umtanzter Mond; meine Gedanken
aber liegen im Tal, wie die Feldblumen, und sinken in Nacht vor Dir, und meine
Begeisterung ermattet vor Dir, und alle Gedanken schlafen unter Deinem
Firmament.
                                                                         Bettine

                               Goethe an Bettine


                                                                        18. Juni

Mein liebes Kind! Ich klage mich an, da ich Dir nicht frher ein Zeichen
gegeben, wie genureich und erquickend es mir ist, das reiche Leben Deines
Herzens berschauen zu drfen. Wenn es auch ein Mangel in mir ist, da ich Dir
nur wenig sagen kann, so ist es Mangel an Fassung ber alles, was Du mir gibst.
    Ich schreibe Dir diesen Augenblick im Flug; denn ich frchte da zu
verweilen, wo so viel berstrmendes mich ergreift. Fahre fort, Deine Heimat bei
der Mutter zu befestigen; es ist ihr zu viel dadurch geworden, als da sie Dich
entbehren knnte, und rechne Du auf meine Liebe und meinen Dank.
                                                                              G.


                                   An Goethe

                                                          Frankfurt, am 29. Juni

Wenn ich alles aus dem Herzen in die Feder flieen lie, so wrdest Du manches
Blatt von mir beiseite legen, denn immer von mir und von Dir, und einzig von
meiner Liebe, das wr doch nur der bewute ewige Inhalt. Ich hab's in den
Fingerspitzen und meine, ich mte Dir erzhlen, was ich nachts von Dir getrumt
habe, und denk nicht, da Du fr anders in der Welt bist. Hufig hab ich
denselben Traum, und es hat mir schon viel Nachdenken gemacht, da meine Seele
immer unter denselben Bedingungen mit Dir zu tun hat; es ist, als solle ich vor
Dir tanzen, ich bin therisch gekleidet, ich hab ein Gefhl, da mir alles
gelingen werde, die Menge umdrngt mich. - Ich suche Dich, dort sitzest Du frei
mir gegenber; es ist, als ob Du mich nicht bemerktest und seiest mit anderem
beschftigt; - jetzt trete ich vor Dich, goldbeschuhet, und die silbernen rme
hngen nachlssig, und warte; da hebst Du das Haupt, Dein Blick ruht auf mir
unwillkrlich, ich ziehe mit leisen Schritten magische Kreise, Dein Aug verlt
mich nicht mehr, Du mut mir nach, wie ich mich wende, und ich fhle einen
Triumph des Gelingens; - alles, was Du kaum ahnest, das zeige ich Dir im Tanz,
und Du staunst ber die Weisheit, die ich Dir vortanze, bald werf ich den
luftigen Mantel ab und zeig Dir meine Flgel und steig auf in die Hhen; da freu
ich mich, wie Dein Aug mich verfolgt; dann schweb ich wieder herab und sink in
Deine umfassenden Arme; dann atmest Du Seufzer aus und siehst an mir hinauf und
bist ganz durchdrungen; aus diesen Trumen erwachend, kehr ich zu den Menschen
zurck wie aus weiter Ferne; ihre Stimmen schallen mir fremd und ihre Gebrden
auch; - und nun la mich bekennen, da bei diesem Bekenntnis meiner Traumspiele
meine Trnen flieen. Einmal hast Du fr mich gesungen: So lat mich scheinen,
bis ich werde, zieht mir das weie Kleid nicht aus. - Diese magischen Reize,
diese Zauberfhigkeiten sind mein weies Kleid; ich flehe auch, da es mir
bleibe, bis ich werde, aber Herr: diese Ahnung lt sich nicht bestreiten, da
auch mir das weie Kleid ausgezogen werde, und da ich in den gewhnlichen des
alltglichen gemeinen Lebens einhergehen werde, und da diese Welt, in der meine
Sinne lebendig sind, versinken wird; das, was ich schtzend decken sollte, das
werde ich verraten; da, wo ich duldend mich unterwerfen sollte, da werde ich
mich rchen; und da, wo mir unbefangne kindliche Weisheit einen Wink gibt, da
werd ich Trotz bieten und es besser wissen wollen; - aber das Traurigste wird
sein, da ich mit dem Fluch der Snde belasten werde, was keine ist, wie sie es
alle machen; - und mir wird Recht dafr geschehen. - Du bist mein Schutzaltar,
zu Dir werd ich flchten; diese Liebe, diese mchtige, die zwischen uns waltet,
und die Erkenntnis, die mir durch sie wird, und die Offenbarungen, die werden
meine Schutzmauern sein; sie werden mich frei machen von denen, die mich richten
wollen.
                                                                       Dein Kind

                                   An Goethe


Vorgestern waren wir im Egmont, sie riefen alle: Herrlich! Wir gingen noch
nach dem Schauspiel unter den mondbeschienenen Linden auf und ab, wie es
Frankfurter Sitte ist, da hrt ich tausendfachen Widerhall. - Der kleine Dalberg
war mit uns; er hatte Deine Mutter im Schauspiel gesehen und verlangte, ich
solle ihn zu ihr bringen; sie war eben im Begriff, Nachttoilette zu machen, da
sie aber hrte, er komme vom Primas, so lie sie ihn ein; sie war schon in der
weien Negligjacke, aber sie hatte ihren Kopfputz noch auf. Der liebenswrdige
feine Dalberg sagte ihr, sein Onkel habe von oben herber ihre freudeglnzenden
Augen gesehen whrend der Vorstellung, und er wnsche sie vor seiner Abreise
noch zu sprechen, und mchte sie doch am andern Tag bei ihm zu Mittag essen. Die
Mutter war sehr geputzt bei diesem Diner, das mit allerlei Frstlichkeiten und
sonst merkwrdigen Personen besetzt war, denen zulieb die Mutter wahrscheinlich
invitiert war; denn alle drngten sich an sie heran, um sie zu sehen und mit ihr
zu sprechen. Sie war sehr heiter und beredsam, und nur von mir suchte sie sich
zu entfernen. Sie sagte mir nachher, sie habe Angst gehabt, ich mge sie in
Verlegenheit bringen; ich glaube aber, sie hat mir einen Streich gespielt, denn
der Primas sagte mir sehr wunderliche Sachen ber Dich, und da Deine Mutter ihm
gesagt habe, ich habe einen erhabenen sthetischen Sinn. Da nahm er einen
schnen Englnder bei der Hand, einen Schwager des Lord Nelson, und sagte:
Dieser feine Mann mit der Habichtsnase, der soll Sie zu Tisch fhren, er ist
der schnste von der ganzen Gesellschaft, nehmen Sie vorlieb; der Englnder
lchelte, er verstand aber nichts davon. Bei Tisch wechselte er mein Glas, aus
dem ich getrunken hatte, und bat mich um Erlaubnis, daraus zu trinken, der Wein
wrde ihm sonst nicht schmecken; das lie ich geschehen, und alle Weine, die ihm
vorgesetzt wurden, die go er in dies Glas und trank sie mit begeisterten
Blicken aus; es war eine wunderliche Tischunterhaltung; bald rckte er seinen
Fu dicht an den meinigen und fragte mich, was meine liebste Unterhaltung sei;
ich sagte, ich tanze lieber, als ich gehe, und fliege lieber, als ich tanze, und
dabei zog ich meinen Fu zurck. Ich hatte meinen kleinen Strau, den ich
vorgesteckt hatte, ins Wasserglas gestellt, damit er nicht so bald welken solle,
um ihn nach Tisch wieder vorzustecken, er frug: Will you give me this? Ich
nickte ihm, er nahm ihn, daran zu riechen und kte ihn; er steckte ihn in Busen
und knpfte die Weste darber zu und seufzte, und da sah er, da ich rot ward. -
Sein Gesicht bergo sich mit einem Schmelz von Freundlichkeit; er wendete es zu
mir, ohne die Augen aufzuschlagen, als wolle er mich auffordern, seine
wohlgefllige Bildung zu beachten; sein Fu suchte wieder den meinen, und mit
leiser Stimme sagte er: Be good, fine girl. - Ich konnte ihm nicht
unfreundlich sein, und doch wollte ich gerne meine Ehre retten; da zog ich das
eine End meines langen Grtels um sein Bein und band es geschickt an dem
Tischbein fest, ganz heimlich, da es niemand sah; er lie es geschehen, ich
sagte: Be good, fine boy. - Und nun waren wir voll Scherz und Witz bis zum End
der Tafel, und es war wirklich eine zrtliche Lust zwischen uns; und ich lie
ihn sehr gern meine Hand an sein Herz ziehen, wie er sie kte. -
    Ich hab meine Geschichte der Mutter erzhlt, die sagt, ich soll sie Dir
schreiben, es sei ein artig Lustspiel fr Dich, und Du wrdest sie allein schn
auslegen; es ist ja wahr, Du! Der es wei, da ich gern den Nacken unter Deine
Fe lege, Du wirst mich nicht schelten, da ich der Khnheit des Englnders,
der gern mit meinem Fu gespielt htte, keinen strengeren Verweis gab. - Du, der
die Liebe erkennt und die Feinheit der Sinne, o wie ist alles so schn in Dir;
wie rauschen die Lebensstrme so krftig durch Dein erregtes Herz und strzen
sich mit Macht in die kalten Wellen Deiner Zeit und brausen auf, da Berg und
Tal rauchen von Lebensglut, und die Wlder stehen mit glhenden Stmmen an
Deinen Gestaden; und alles, was Du anblickst, wird herrlich und lebendig. Gott,
wie gern mcht ich jetzt bei Dir sein! Und wr ich im Flug, weit ber alle
Zeiten und schwebte ber Dir: ich mte die Fittiche senken und mich gelassen
der stillen Allmacht Deiner Augen hingeben.
    Die Menschen werden Dich nicht immer verstehen, und die Dir am nchsten zu
stehen behaupten, die werden am meisten Dich verleugnen; ich seh in die Zukunft,
da sie rufen werden: Steiniget ihn! Jetzt, wo Deine eigne Begeistrung gleich
einem Lwen sich an Dich schmiegt und Dich bewacht, da wagt sich die Gemeinheit
nicht an Dich.
    Deine Mutter sagte letzt: Die Menschen sind zu jetziger Zeit alle wie
Gerning, der immer spricht: Wir brigen Gelehrten, und ganz wahr spricht; denn
er ist brig. -
    Lieber tot als brig sein! Ich bin es aber nicht, denn ich bin Dein, weil
ich Dich erkenne in allem. - Ich wei, da, wenn sich auch die Wolken vor dem
Sonnengott auftrmen, da er sie bald wieder niederdrckt mit glnzender Hand;
ich wei, da er keinen Schatten duldet als den er unter den Sprossen seines
Ruhmes sich selber sucht. - Die Ruhe des Bewutseins wird Dich berschatten; -
ich wei, da, wenn er sich ber den Abend hinwegbeugt, so erhebt er wieder im
Morgen das goldne Haupt. - Du bist ewig. - Drum ist es gut mit Dir sein.
    Wenn ich abends allein im dunklen Zimmer bin und des Nachbars Lichter den
Schein an die Wand werfen, zuweilen auch Streiflichter Deine Bste erleuchten,
oder wenn es schon still in der Stadt ist, in der Nacht; hier und dort ein Hund
bellt, ein Hahn schreit; - ich wei nicht, warum es mich oft mehr wie menschlich
ergreift; ich wei nicht, wo ich vor Schmerz hin will. - Ich mchte anders als
wie mit Worten mit Dir sprechen; ich mchte mich an Dein Herz drcken; - ich
fhl, da meine Seele lodert. - Wie die Luft so frchterlich still ruht kurz vor
dem Sturm, so stehen dann grade meine Gedanken kalt und still, und das Herz wogt
wie das Meer. Lieber, lieber Goethe! - Dann lst mich eine Rckerinnerung an
Dich wieder auf; die Feuer- und Kriegszeichen gehen langsam an meinem Himmel
unter, und Du bist wie der hereinstrmende Mondstrahl. Du bist gro und herrlich
und besser als alles, was ich bis heute erkannt und erlebt hab. - Dein ganzes
Leben ist so gut.

                                   An Bettine


                                                                Am 16. Juli 1807

Was kann man Dir sagen und geben, was Dir nicht schon auf eine schnere Weise
zugeeignet wre; man mu schweigen und Dich gewhren lassen; wenn es Gelegenheit
gibt, Dich um etwas zu bitten, da mag man seinen Dank mit einflieen lassen fr
das viele, was unerwartet durch Deine reiche Liebe einem geschenkt wird. Da Du
die Mutter pflegst, mchte ich Dir gern aufs herzlichste vergelten; - von
dorther kam mir der Zugwind, und jetzt, weil ich Dich mit ihr zusammen wei,
fhl ich mich gesichert und warm.
    Ich sage Dir nicht: Komm! Ich will nicht den kleinen Vogel aus dem Neste
gestrt haben; aber der Zufall wrde mir nicht unwillkommen sein, der Sturm und
Gewitter bentzte, um ihn glcklich unter mein Dach zu bringen. Auf jeden Fall,
liebste Bettine, bedenke, da Du auf dem Weg bist, mich zu verwhnen.
                                                                          Goethe

                                   An Goethe


                                            Wartburg, den 1. August in der Nacht

Freund, ich bin allein; alles schlft, und mich hlt's wach, da es kaum ist,
wie ich noch mit Dir zusammen war. Vielleicht, Goethe, war dies das hchste
Ereignis meines Lebens; vielleicht war es der reichste, der seligste Augenblick;
schnere Tage sollen mir nicht kommen, ich wrde sie abweisen.
    Es war freilich ein letzter Ku, mit dem ich scheiden mute, da ich glaubte,
ich msse ewig an Deinen Lippen hngen, und wie ich so dahin fuhr durch die
Gnge unter den Bumen, unter denen wir zusammen gegangen waren, da glaubte ich,
an jedem Stamme msse ich mich festhalten, - aber sie verschwanden, die grnen
wohlbekannten Rume, sie wichen in die Ferne, die geliebten Auen, und Deine
Wohnung war lngst hinabgesunken, und die blaue Ferne schien allein mir meines
Lebens Rtsel zu bewachen; - doch die mut auch noch scheiden, und nun hatt ich
nichts mehr als mein hei Verlangen, und meine Trnen flossen diesem Scheiden;
ach, da besann ich mich auf alles, wie Du mit mir gewandelt bist in nchtlichen
Stunden und hast mir gelchelt, da ich Dir die Wolkengebilde auslegte und meine
Liebe, meine schnen Trume, und hast mit mir gelauscht dem Geflster der
Bltter im Nachtwind; der Stille der fernen weit verbreiteten Nacht. - Und hast
mich geliebt, das wei ich; wie Du mich an der Hand fhrtest durch die Straen,
da hab ich's an Deinem Atem empfunden, am Ton Deiner Stimme, an etwas, wie soll
ich's Dir bezeichnen, das mich umwehte, da Du mich aufnahmst in ein inneres
geheimes Leben, und hattest Dich in diesem Augenblick mir allein zugewendet und
begehrtest nichts, als mit mir zu sein; und dies alles, wer wird mir's rauben? -
Was ist mir verloren? - Mein Freund, ich habe alles, was ich je genossen. Und wo
ich auch hingehe - mein Glck ist meine Heimat.
    Wie die Regentropfen rasseln an den kleinen runden Fensterscheiben, und der
Wind furchtbar tobt! Ich habe schon im Bett gelegen und hatte mich nach der
Seite gewendet und wollte einschlafen in Dir, im Denken an Dich. - Was heit
das: im Herrn entschlafen? Oft fllt mir dieser Spruch ein, wenn ich so zwischen
Schlaf und Wachen fhle, da ich mit Dir beschftigt bin; - ich wei genau, wie
das ist: der ganze irdische Tag vergeht dem Liebenden, wie das irdische Leben
der Seele vergeht; sie ist hier und da in Anspruch genommen, und ob sie sich's
schon verspricht, sich selber nicht zu umgehen; so hat sie sich am End durch das
Gewebe der Zeiten durchgearbeitet, immer unter der heimlichen Bedingung, einmal
nur Rcksprache zu nehmen mit dem Geliebten, aber die Stunden legen im
Vorberschreiten jede ihre Bitten und Befehle dar; und da ist ein bermchtiger
Wille im Menschen, der heit ihn allem sich fgen; den lt er ber sich walten,
wie das Opfer ber sich walten lt, das da wei, es wird zum Altar gefhrt. -
Und so entschlft die Seele im Herrn, ermdet von der ganzen Lebenszeit, die ihr
Tyrann war und jetzt den Zepter sinken lt. Da steigen gttliche Trume herauf
und nehmen sie in ihren Scho und hllen sie ein, und ihr magischer Duft wird
immer strker und umnebelt die Seele, da sie nichts mehr von sich wei; das ist
die Ruhe im Grabe; so steigen Trume herauf jede Nacht, wenn ich mich besinnen
will auf Dich; und ich lasse mich ohne Widerstand einwiegen; denn ich fhle, da
mein Wolkenbett aufwrts mit mir steigt! -
    Wenn Du diese Nacht auch wachgehalten bist, so mut Du doch einen Begriff
haben von dem ungeheuren Sturm. Eben wollte ich noch ganz stark sein und mich
gar nicht frchten; da nahm aber der Wind einen so gewaltigen Anlauf und klirrte
an den Fensterscheiben und heulte so jammernd, da ich Mitleid sprte, und nun
ri er so tckisch die schwere Tre auf, er wollte mir das Licht auslschen; ich
sprang auf den Tisch und schtzte es, und ich sah durch die offne Tr nach dem
dunklen Gang, um doch gleich bereit zu sein, wenn Geister eintreten sollten; ich
zitterte vor herzklopfender Angst; da sah ich was sich bilden, drauen im Gang;
und es war wirklich, als wollten zwei Mnner eintreten, die sich bei der Hand
hielten; einer wei und breitschultrig, und der andre schwarz und freundlich;
und ich dachte: das ist Goethe! Da sprang ich vom Tisch Dir entgegen und lief
zur Tr hinaus auf den dunklen Gang, vor dem ich mich gefrchtet hatte, und ging
bis ans Ende Dir entgegen, und meine ganze Angst hatte sich in Sehnsucht
verwandelt; und ich war traurig, da die Geister nicht kamen, Du und der Herzog.
- Ihr seid ja oft hier gewesen zusammen, Ihr zwei freundlichen Brder.
    Gute Nacht, ich bin begierig auf morgen frh; da mu sich's ausweisen, was
der Sturm wird angerichtet haben; das Krachen der Bume, das Rieseln der Wasser
wird doch was durchgesetzt haben.

                                                                    Am 2. August

Heute morgen hat mich die Sonne schon halb fnf Uhr geweckt; ich glaub, ich hab
keine zwei Stund geschlafen; sie mute mir grade in die Augen scheinen. Eben
hatte es aufgehrt mit Wolkenbrechen und Windwirbeln, die goldne Ruhe breitete
sich aus am blauen Morgenhimmel; ich sah die Wasser sich sammeln und ihren Weg
zwischen den Felskanten suchen hinab in die Flut; gestrzte Tannen brachen den
brausenden Wassersturz, und Felssteine spalteten seinen Lauf; er war
unaufhaltsam; er ri mit sich, was nicht widerstehen konnte. - Da berkam mich
eine so gewaltige Lust - ich konnte auch nicht widerstehen: ich schrzte mich
hoch, der Morgenwind hielt mich bei den Haaren im Zaum; ich sttzte beide Hnde
in die Seite, um mich im Gleichgewicht zu halten, und sprang hinab in khnen
Stzen von einem Felsstck zum andern, bald hben bald drben, das brausende
Wasser mit mir, kam ich unten an; da lag, als wenn ein Keil sie gespalten htte
bis an die Wurzel, der halbe Stamm einer hohlen Linde, quer ber den sich
sammelnden Wassern.
    O liebster Freund! Der Mensch, wenn er Morgennebel trinkt und die frischen
Winde sich mit ihm jagen und der Duft der jungen Kruter in die Brust eindringt
und in den Kopf steigt; und wenn die Schlfe pochen und die Wangen glhen und
wenn er die Regentropfen aus den Haaren schttelt, was ist das fr eine Lust!
    Auf dem umgestrzten Stamm ruhte ich aus, und da entdeckte ich unter den
dickbelaubten sten unzhlige Vogelnester, kleine Meisen mit schwarzen Kpfchen
und weien Kehlen, sieben in einem Neste, Finken und Distelfinken; die alten
Vgel flatterten ber meinem Kopf und wollten die jungen tzen; ach, wenn's
ihnen nur gelingt, sie gro zu ziehen in so schwieriger Lage; denk nur: aus dem
blauen Himmel herabgestrzt an die Erde, quer ber einen reienden Bach, wenn so
ein Vgelchen herausfllt, mu es gleich ersaufen, und noch dazu hngen alle
Nester schief. - Aber die hunderttausend Bienen und Mcken, die mich
umschwirrten, die all in der Linde Nahrung suchten; - wenn Du doch das Leben mit
angesehen httest! Da ist kein Markt so reich an Verkehr, und alles war so
bekannt, jedes sucht sein kleines Wirtshaus unter den Blten, wo es einkehrte;
und emsig flog es wieder hinweg und begegnete dem Nachbar, und da summten sie
aneinander vorbei, als ob sie sich's sagten, wo gut Bier feil ist. - Was
schwtze ich Dir alles von der Linde! - Und doch ist's noch nicht genug; an der
Wurzel hngt der Stamm noch zusammen; ich sah hinauf zu dem Gipfel des stehenden
Baumes, der nun sein halbes Leben am Boden hinschleifen mu, und im Herbst
stirbt er ihm ab. Lieber Goethe, htte ich meine Htte dort in der einsamen
Talschlucht, und ich wr gewhnt, auf Dich zu warten, welch groes Ereignis war
dieses; wie wrd ich Dir entgegenspringen und von weitem schon zurufen: Denk
nur unsere Linde! - Und so ist es auch: ich bin eingeschlossen in meiner Liebe
wie in einsamer Htte, und mein Leben ist ein Harren auf Dich unter der Linde;
wo Erinnerung und Gegenwart duftet und die Sehnsucht die Zukunft herbeilockt.
Ach lieber Wolfgang, wenn der grausame Sturm die Linde spaltet und die ppigere,
strkere Hlfte mit allem innewohnenden Leben zu Boden strzt und ihr grnes
Laub ber bsem Geschick wie ber strzenden Bergwassern trauernd welkt und die
junge Brut in ihren sten verdirbt; o dann denk, da die eine Hlfte noch steht,
und in ihr alle Erinnerung und alles Leben, was dieser entspriet, zum Himmel
getragen wird.
    Adieu! Jetzt geht's weiter; morgen bin ich Dir nicht so nah, da ein Brief,
den ich frh geschrieben, Dir spt die Zeit vertreibt. - Ach lasse sie Dir
vertreiben, als wenn ich selbst bei Dir war: zrtlich!
    In Kassel bleib ich vierzehn Tage, dort werd ich der Mutter schreiben; sie
wei noch nicht, da ich bei Dir war.
                                                                         Bettine

                                   An Bettine


War unersttlich nach viel tausend Kssen
Und mut mit Einem Ku am Ende scheiden.
Bei solcher Trennung herb empfundnem Leiden
War mir das Ufer, dem ich mich entrissen,

Mit Wohnungen, mit Bergen, Hgeln, Flssen,
So lang ich's deutlich sah, ein Schatz der Freuden.
Zuletzt im Blauen blieb ein Augenweiden
An fern entwichnen lichten Finsternissen.

Und endlich, als das Meer den Blick umgrenzte,
Fiel mir's zurck ins Herz, mein hei Verlangen,
Ich suchte mein Verlornes gar verdrossen.
Da war es gleich, als ob der Himmel glnzte,
Mir schien, als wre nichts mir, nichts entgangen,
Als htt ich alles, was ich je genossen.

                                     -----

Ein Strom entrauscht umwlktem Felsensaale,
Dem Ozean sich eilig zu verbinden;
Was auch sich spiegeln mag von Grund zu Grnden,
Er wandelt unaufhaltsam fort zu Tale.

Doch strzt sich Oreas mit einem Male,
Ihr folgen Berg und Wald in Wirbelwinden
Herab zur Flut, Behagen dort zu finden,
Und hemmt den Lauf, begrenzt die weite Schale.

Die Welle sprht und staunt zurck und weichet
Und schwillt bergan, sich immer selbst zu trinken.
Gehemmt ist nun zum Vater hin das Streben.

Sie schwankt und ruht zum See zurckgedeichet.
Gestirne spiegelnd sich, beschaun das Blinken
Des Wellenschlags am Fels, ein neues Leben.

Deine fliegenden Bltter, liebste Bettine, kamen grade zu rechter Zeit, um dem
Verdru ber Dein Verschwinden in etwas zu steuern. Beiliegend gebe ich Dir
einen Teil derselben zurck; Du siehst, wie man versucht, sich an der Zeit, die
uns des Liebsten beraubt, zu rchen und schne Minuten zu verewigen. Mge sich
Dir der Wert darin spiegeln, den Du fr den Dichter haben mut.
    Sollte Dein Vagabondenleben noch lnger dauern, so versume nicht von allem
Nachricht zu geben; ich folge Dir gerne, wo Dich auch Dein dmonischer Geist
hinfhrt.
    Ich lege diese Bltter an die Mutter bei, die Dir sie zu freundlicher Stunde
senden mag, da ich Deine Adresse nicht genau wei. - Lebe wohl und komme Deinen
Verheiungen nach.
    Weimar, den 7. August 1807
                                                                          Goethe

                                   An Goethe


                                                     Kassel, den 13. August 1807

Wer kann's deuten und ermessen, was in mir vorgeht? - Ich bin glcklich jetzt im
Andenken der Vergangenheit, als ich kaum damals in der Gegenwart war; mein
erregtes Herz, die berraschung bei Dir zu sein, dies Kommen und Gehen und
Wiederkehren in den paar Tagen, das war alles wie eindringende Wolken an meinem
Himmel; er mute durch meine zu groe Nhe zugleich meinen Schatten aufnehmen,
so wie er auch immer dunkler ist, wo er an die Erde grenzt; jetzt in der Ferne
wird er mild, hoch und ganz hell.
    Ich mchte Deine liebe Hand mit meinen beiden an mein Herz drcken und Dir
sagen: wie Friede und Flle ber mich gekommen ist, seitdem ich Dich wei.
    Ich wei, da es nicht der Abend ist, der mir jetzt ins Leben hereindmmert;
o wenn er's doch wre! Wenn sie doch schon verlebt wren die Tage und meine
Wnsche und meine Freuden, mchten sie sich alle an Dir hinauf bilden, da Du
mit berdeckt wrst und bekrnzt, wie mit immergrnem Laub.
    Aber so warst Du, wie ich am Abend allein bei Dir war, da ich Dich gar
nicht begreifen konnte; Du hast ber mich gelacht, weil ich bewegt war, und laut
gelacht, weil ich weinte, aber warum? Und doch war es Dein Lachen, der Ton
Deines Lachens, was mich zu Trnen rhrte, so wie es meine Trnen waren, die
Dich lachen machten, und ich bin zufrieden und sehe unter der Hlle dieses
Rtsels Rosen hervorbrechen, die der Wehmut und der Freude zugleich entsprieen.
- Ja, Du hast recht, Prophet: ich werde noch oft mit leichtem Herzen Scherz und
Lust durchwhlen, ich werde mich mde tummeln, so wie ich in meiner Kindheit
(ach, ich glaub es war gestern!) mich aus bermut auf den blhenden Feldern
herumwlzte und alles zusammendrckte und die Blumen mit den Wurzeln ausri, um
sie ins Wasser zu werfen, - aber auf sem, warmem, festem Ernst will ich
ausruhen, und der bist Du, lachender Prophet. -
    Ich sag Dir's noch einmal: wer versteht's auf der weiten Erde, was in mir
vorgeht, wie ich so ruhig in Dir bin, so still, so ohne Wanken in meinem Gefhl;
ich knnte, wie die Berge, Nchte und Tage in die Vergangenheit tragen, ohne nur
zu zucken in Deinem Andenken. Und doch, wenn der Wind zuweilen von der ganzen
blhenden Welt den Duft und Samen zusammen auf der Berge Wipfel trgt, so werden
sie auch berauscht so wie ich gestern; da hab ich die Welt geliebt, da war ich
selig wie eine aufsprudelnde Quelle, in die die Sonne zum erstenmal scheint.
    Leb wohl, Herrlicher, der mich blendet und mich verschchtert. - Von diesem,
steilen Fels, auf den sich meine Liebe mit Lebensgefahr gewagt hat, ist nicht
mehr herunterzuklettern, daran ist gar nicht zu denken, da brch ich auf allen
Fall den Hals.
                                                                         Bettine

Und so weit hatte ich gestern geschrieben, sa heute morgen auf dem Sessel und
las still und andchtig in einer Chronik, ohne mich zu bewegen, denn ich wurde
dabei gemalt, so wie Du mich bald sehen sollst, - da brachte man mir das blaue
Kuvert, ich brach auf und fand mich darin in gttlichem Glanz wiedergeboren, und
zum erstenmal glaubte ich an meine Seligkeit. Was will ich denn? Ich begreif's
nicht; Du betubst mich, jeder kleine Lrm ist mir zuwider; - wr's nur ganz
still in der Welt, und ich brauchte nichts mehr zu erfahren nach diesem einen
Augenblick, der mich schmerzt und nach dem ich mich immer zurcksehnen werde. -
Ach! Und was will ich denn mit Dir? - Nicht viel; Dich ansehen oft und warm,
Dich begleiten in Dein stilles Haus, Dich ausfragen in migen Stunden ber Dein
frheres und jetziges Leben, so wie ich Dein Angesicht ausgefragt habe ber
seine frhere und jetzige Schnheit. - Auf der Bibliothek, da konnte ich nicht
umhin, mich zu Deiner jungen Bste aufzuschwingen und meinen Schnabel wie eine
Nachtigall dran zu wetzen; Du breiter voller Strom, wie Du damals die ppigen
Gegenden der Jugend durchbraustest und jetzt eben ganz still durch Deine Wiesen
zogst; ach, und ich strzte Dir Felssteine vor; und wie Du wieder Dich
auftrmtest; wahrlich, es war nicht zu verwundern; denn ich hatte mich tief
eingewhlt.
    O Goethe! - Der Gott da oben ist ein groer Dichter, der bildet Geschicke,
frei im ther schwebend, glanzvoller Gestalt. Unser armes Herz, das ist der
Mutterscho, aus dem er sie mit groen Schmerzen geboren werden lsset; das Herz
verzweifelt, aber jene Geschicke schwingen sich aufwrts, freudig hallen sie
wieder in den himmlischen Rumen. - Deine Lieder sind der Samen, er fllt ins
wohlvorbereitete Herz, - ich fhl's, mag sich's wenden, wie es auch will, frei
von irdischer Schwere wird es als himmlisches Gedicht einst aufwrts sich
schwingen, und dem Gott da oben werden diese Schmerzen und diese Sehnsucht und
diese begeisterten Schwingungen Sprossen des jungen Lorbeers weihen, und selig
wird das Herz sein, das solche Schmerzen getragen hat.
    Siehst Du, wie ich heute ernsthaft mit Dir zu sprechen versteh? - Ernster
als je: und weil Du jung bist und herrlich und herrlicher wie alle, so wirst Du
mich auch verstehen. - Ich bin ganz sanft geworden durch Dich; am Tage treib ich
mich mit Menschen, mit Musik und Bchern herum, und abends, wenn ich mde bin
und will schlafen, da rauscht die Flut meiner Liebe mir gewaltsam ins Herz. Da
seh ich Bilder, alles, was die Natur Sinnliches bietet, das umgibt Dich und
spricht fr Dich; auf Hhen erscheinst Du; zwischen Bergwnden in verschlungnen
Wegen ereile ich Dich, und Dein Gesicht malt Rtsel, lieblich zu lsen. - Den
Tag, als ich Abschied nahm von Dir, mit dem einen Ku, mit dem ich nicht schied,
da war ich morgens beinah eine ganze Stunde allein im Zimmer, wo das Klavier
steht; da sa ich auf der Erde im Eck und dachte: Es geht nicht anders, Du mut
noch einmal weinen, und Du warst ganz nah und wutest es nicht; und ich weinte
mit lachendem Mund; denn mir schaute das feste grne Land durch den trbsinnigen
Nebel durch. - Du kamst, und ich sagte Dir recht kurz (und ich schrnkte mich
recht ein dabei), wie Du mir wert seist.
    Morgen reise ich nach Frankfurt, da will ich der Mutter alle Liebe antun und
alle Ehre, denn selig ist der Leib, der Dich getragen hat.
                                                                         Bettine

                                   An Goethe


                                                                   Am 21. August

Du kannst Dir keinen Begriff machen, mit welchem Jubel die Mutter mich aufnahm!
Sowie ich hereinkam, jagte sie alle fort, die bei ihr waren. Nun, ihr Herren,
sagte sie, hier kommt jemand, der mit mir zu sprechen hat, und so muten alle
zum Tempel hinaus. Wie wir allein waren, sollte ich erzhlen, - da wut ich
nichts. Aber wie war's, wie Du ankamst? - Ganz miserabel Wetter; vom Wetter
will ich nichts wissen; - vom Wolfgang, wie war's, wie du hereinkamst? Ich kam
nicht, er kam; - nun wohin? - In den Elefanten, um Mitternacht drei Treppen
hoch; alles schlief schon fest, die Lampen auf dem Flur ausgelscht, das Tor
verschlossen, und der Wirt hatte den Schlssel schon unterm Kopfkissen und
schnarchte tchtig. - Nun, wie kam er denn da herein? - Er klingelte
zweimal, und wie er zum drittenmal recht lang an der Glocke zog, da machten sie
ihm auf. - Und du? - Ich in meiner Dachstube merkte nichts davon; Meline lag
schon lange und schlief im Alkoven mit vorgezognen Vorhngen; ich lag auf dem
Sofa und hatte die Hnde berm Kopf gefaltet und sah, wie der Schein der
Nachtlampe wie ein groer runder Mond an der Decke spielte; da hrt ich's
rascheln an der Tr, und mein Herz war gleich auf dem Fleck; es klopfte, whrend
ich lauschte, aber weil es doch ganz unmglich war in dieser spten Stunde und
weil es ganz still war, so hrt ich nicht auf mein ahnendes Herz; - und da trat
er herein, verhllt bis ans Kinn im Mantel, und machte leise die Tr hinter sich
zu und sah sich um, wo er mich finden sollte; ich lag in der Ecke des Sofas ganz
in Finsternis eingeballt und schwieg; da nahm er seinen Hut ab, und wie ich die
Stirne leuchten sah, den suchenden Blick, und wie der Mund fragte: Nun, wo bist
du denn? da tat ich einen leisen Schrei des Entsetzens ber meine Seligkeit, und
da hat er mich auch gleich gefunden.
    Die Mutter meinte, das wrde eine schne Geschichte geworden sein in Weimar.
Der Herr Minister um Mitternacht im Elefanten drei Treppen hoch eine Visite
gemacht! - Ja wohl ist die Geschichte schn! Jetzt, wo ich sie hier berlese,
bin ich entzckt, berrascht, hingerissen, da mir dies all begegnet ist, und
ich frag Dich: welche Stunde wird so spt sein in Deinem Leben, da es nicht
Dein Herz noch rhren sollte? - Wie Du in der Wiege lagst, da konnte kein Mensch
ahnen, was aus Dir werden wrde, und wie ich in der Wiege lag, da hat mir's
keiner gesungen, da ich Dich einst kssen wrde.
    Hier fand ich alles auf dem alten Fleck; mein Feigenbaum hat Feigen gewonnen
und seine Bltter ausgebreitet; mein Grtchen auf dem groen Hausaltan, der von
einem Flgel zum andern reicht, steht in voller Blte, der Hopfen reicht bis ans
Dach, in die Laube hab ich meinen Schreibtisch gesetzt; da sitze ich und schreib
an Dich und trume von Dir, wenn mir der Kopf trunken ist von den
Sonnenstrahlen; ach, ich lieg so gern in der Sonne und lasse mich recht
durchbrennen.
    Gestern ging ich am Stift vorbei, da klingelte ich nach frherer Gewohnheit,
und da lief ich nach dem kleinen Gang, der nach der Gnderode ihrer Wohnung
fhrt. Die Tr ist noch verschlossen, es hat noch niemand wieder den Fu ber
die Schwelle gesetzt; ich kte diese Schwelle, ber die sie so oft geschritten
ist, um zu mir zu gehen und ich zu ihr. - Ach, wenn sie noch lebte, welch neues
Leben wrde ihr aufgehen, wenn ich ihr alles erzhlte, wie Wir in jenen
Nachtstunden so still nebeneinander gesessen haben, die Hnde ineinander gefgt,
und wie die einzelnen Laute, die ber Deine Lippen kamen, mir ins Herz drangen.
Ich schreib Dir's her, damit Du es nie vergessen sollst. Freund, ich knnte
eiferschtig sein ber Deine Anmut; die Grazien sind weiblich, sie schreiten vor
Dir her, wo Du eintrittst, da ist heilige Ordnung, denn alles Zufllige selbst
schmiegt sich Deiner Erscheinung an. - Sie umgeben Dich, sie halten Dich
gefangen und in der Zucht, denn Du mchtest vielleicht manchmal anders, aber die
Grazien leiden's nicht, ja diese stehen Dir weit nher, sie haben viel mehr
Gewalt ber Dich als ich.
    Der Primas hat mich auch einladen lassen, wie er hrte, da ich von Weimar
gekommen; ich sollte ihm von Dir erzhlen. Da hab ich ihm allerlei gesagt, was
ihm Freude machen konnte. Dein Mdchen hatte sich geputzt, es wollte Dir Ehre
machen, ja ich wollte schn sein, weil ich Dich liebe, und weil es die Leute
wissen, da Du mir gut bist; ein rosa Atlaskleid mit schwarzen Samtrmeln und
schwarzem Bruststck, und ein schner Strau duftete an meinem Herzen, und
goldne Spangen hielten meine schwarzen Locken zurck. Du hast mich noch nie
geputzt gesehen; ich kann Dir sagen, mein Spiegel ist freundlich bei solcher
Gelegenheit, und das macht mich sehr vergngt, so da ich geputzt immer sehr
lustig bin. Der Primas fand mich auch hbsch und nannte die Farben meines
Kleides prjug vaincu. Nein, sagte ich, Marlborough s'en va-t-en guerre,
qui sait quand il reviendra. - Le voil de retour, sagte er und zog meinen
Englnder hervor, der vor drei Wochen mit mir bei ihm zu Mittag gegessen hatte;
nun mute ich wieder neben ihm sitzen beim Souper, und er sagte mir auch
englisch allerlei Zrtlichkeiten, die ich nicht verstehen wollte, und worauf ich
ihm verkehrte Antworten gab, so war ich sehr lustig; wie ich spt nach Hause
kam, da duftete mein Schlafzimmer von Wohlgeruch, und da war eine hohe Blume,
die diesen Duft ausstrmte, die ich noch nie gesehen hatte, eine Knigin der
Nacht; ein fremder Bedienter, der nicht deutsch sprechen konnte, hatte sie fr
mich gebracht; das war also ein freundliches Geschenk vom Englnder, der in
dieser Nacht noch abgereist war. Ich stand vor meiner Blume allein und
beleuchtete sie, und ihr Duft schien mir wie Tempelduft. - Der Englnder hat's
verstanden, mir zu gefallen.
    Der Primas hat mir noch Auftrge gegeben; ich soll Dir sagen, da wenn Dein
Sohn kommt, so soll er ihn in Aschaffenburg besuchen, wohin er in diesen Tagen
abreist. - Da er aber erst zu Ostern kommt, so wird der Primas wieder hier sein.
                                                   Dein Kind kt Dir die Hnde.

Die Mutter lt mich heut rufen und sagt, sie habe einen Brief von Dir, und lt
mich nicht hineinsehen und sagt, Du verlangst, ich soll dem Dux schreiben, ein
paar Zeilen, weil er die Artigkeit gehabt hat, fr die umgestrzte Linde zu
sorgen, und das nennst Du in meine elegischen Empfindungen eingehen. - Liebster
Freund, ich kann nicht leiden, da ein andrer in meine Empfindung eingehe, die
ich blo zu Dir hege; da treib ihn nur wieder heraus; und sei Du allein in mir
und mache mich nicht eiferschtig.
    Dem Dux aber sage, was meine Devotion mir hier eingibt: da es ein andrer
hoher Baum ist, fr dessen Pflege ich ihm danke, dessen blhende ste weit ber
die Grenzen des Landes in andre Weltteile ragen und Frchte spenden und
duftenden Schatten geben. Fr den Schutz dieses Baumes, fr die Gnadenquelle,
die ihn trnkt, fr den Boden der Liebe und Freundschaft, aus welchem er
begeisternde Nahrung saugt, bleibt mein Herz ihm ewig unterworfen, und dann dank
ich ihm auch noch, da er der Wartburger Linde nicht vergit. -

                                   An Bettine


                                                                 Am 5. September

Du hast Dich, liebe Bettine, als ein wahrer kleiner Christgott erwiesen, wissend
und mchtig, eines jeden Bedrfnisse kennend und ausfllend; - und soll ich Dich
schelten oder loben, da Du mich wieder zum Kinde machst? Denn mit kindischer
Freude hab ich Deine Bescherung verteilt und mir selbst zugeeignet. Deine
Schachtel kam kurz vor Tische; verdeckt trug ich sie dahin, wo Du auch einmal
gesessen, und trank zuerst August aus dem schnen Glase zu. Wie verwundert war
er, als ich es ihm schenkte! Darauf wurde Riemer mit Kreuz und Beutel beliehen;
niemand erriet, woher? Auch zeigte ich das knstliche und zierliche Besteck; -
da wurde die Hausfrau verdrielich, da sie leer ausgehen sollte. Nach einer
Pause, um ihre Geduld zu prfen, zog ich endlich den schnen Gewandstoff hervor;
das Rtsel war aufgelst und jedermann in Deinem Lobe eifrig und frhlich.
    Wenn ich also das Blatt noch umwende, so hab ich immer nur Lob und Dank da
capo vorzutragen; das ausgesuchte zierliche der Gaben war berraschend.
Kunstkenner wurden herbeigerufen, die artigen Balgenden zu bewundern - genug, es
entstand ein Fest, als wenn Du eben selbst wiedergekommen wrst. - Du kommst mir
auch wieder in jedem Deiner lieben Briefe und doch immer neu und berraschend,
so da man glauben sollte, von dieser Seite habe man Dich noch nicht gekannt;
und Deine kleinen Abenteuer weit Du so allerliebst zu drehen, da man gern der
eiferschtigen Grillen sich begibt, die einem denn auch zuweilen anwandeln; blo
um das artige Ende des Spaes mit zu erleben. So war es mit der launigen Episode
des Englnders, dessen ungeziemendes Wagnis den Beweis fr sein schnes
sittliches Gefhl herbeifhren mute. Ich bin Dir sehr dankbar fr solche
Mitteilungen, die freilich nicht jedem recht sein mgen; mge Dein Vertrauen
wachsen, das mir so viel zubringt, was ich jetzt nicht mehr gerne entbehren mag;
auch ein belobendes Wort mu ich Dir hier sagen fr die Art, wie Du Dich mit
meinem gndigsten Herrn verstndigt hast. Er konnte nicht umhin, auch Dein
diplomatisches Talent zu bewundern; Du bist allerliebst, meine kleine Tnzerin,
die einem mit jeder Wendung unvermutet den Kranz zuwirft. Und nun hoffe ich bald
Nachricht, wie Du mit der guten Mutter lebst, wie Du ihrer pflegst, und welche
schne vergangne Zeiten zwischen Euch beiden wieder auferstehen.
    Der lieben Meline Mtzchen ist auch angekommen. Ich darf's nicht laut sagen,
es steht aber niemand so gut als ihr. Freund Stollens Attention auf dem blauen
Papier hat Dir doch Freude gemacht. Adieu, mein artig Kind! Schreibe bald, da
ich wieder was zu bersetzen habe.

                                   An Goethe


                                                               G., 17. September

Freundlicher Mann! Du bist zu gut, Du nimmst alles, was ich Dir im heiteren
bermut biete, als wenn es noch so viel Wert habe; aber ich fhl's recht in
Deinem freundlichen Herabneigen, da Du mir gut bist wie dem Kind, das Gras und
Kruter bringt und meint, es habe einen auserlesenen Strau zusammengesucht; dem
lchelt man auch so zu und sagt: Wie schn ist dein Strau, wie angenehm duftet
er, er soll mir blhen in meinem Garten, hier unter mein Fenster will ich ihn
pflanzen; und doch sind es nur wurzellose Feldblumen, die bald welken. Ich aber
sehe mit Lust, wie Du mich in Dich aufnimmst, wie Du diese einfachen Blumen, die
am Abend schon welken mten, ins Feuer der Unsterblichkeit hltst und mir
zurckgibst. - Nennst Du das auch bersetzen, wenn der gttliche Genius die
idealische Natur vom irdischen Menschen scheidet, sie lutert, sie enthllt, sie
sich selbst wieder anvertraut, und so die Aufgabe, selig zu werden, lst? Ja,
Goethe, so machst Du die Seufzer, die meine sehnende Liebe aushaucht zu
Geistern, die mich auf der Strae der Seligkeit umschweben; ach, und wohl auch
meiner Unsterblichkeit weit voraneilen.
    Welch heiliges Abenteuer, das unter dem Schutze des Eros sich khn und stolz
aufschwingt, kann ein herrlicher Ziel erreichen, als ich in Dir erreicht habe!
Wo Du mir zugibst mit Lust: Gehemmt sei nun zum Vater hin das Streben. - O glaub
es: nimmer trink ich mich satt an diesen Liebesergieungen; ewig fhl ich von
brausenden Strmen mich zu Deinen Fen getragen, und in diesem neuen Leben, in
dem meine Glckssterne sich spiegeln, vor Wonne untergehn.
    Diese Trnen, die meine Schrift verblassen, die mcht ich wie Perlen
aufreihen und geschmckt vor Dir erscheinen und Dir sagen: vergleiche ihr reines
Wasser mit Deinen andern Schtzen, und dann solltest Du mein Herz schlagen hren
wie am Abend, wo ich vor Dir kniete.
    Geheimnisse umschweben Liebende, sie hllen sie in ihre Zauberschleier, aus
denen sich schne Trume entfalten. Du sitzest mit mir auf grnem Rasen und
trinkst dunklen Wein aus goldnem Becher und gieest die Neige auf meine Stirn.
Aus diesem Traum erwachte ich heut voll Freude, da Du mir geneigt bist. Ich
glaube, da du teil an solchen Trumen hast; da Du liebst in solchen
Augenblicken; - wem sollte ich sonst dies selige Sein verdanken, wenn Du mir's
nicht gbst! - Und wenn ich denn zum gewhnlichen Tag erwache, dann ist mir
alles so gleichgltig, und was mir auch geboten wird, - ich entbehre es gern; ja
ich mchte von allem geschieden sein, was man Glck nennt, und nur innerlich das
Geheimnis, da Dein Geist meine Liebe geniet, so wie meine Seele von Deiner
Gte sich nhrt. Ich soll Dir von der Mutter schreiben; - nun, es ist wunderlich
zwischen uns beschaffen, wir sind nicht mehr so gesprchig wie sonst, aber doch
vergeht kein Tag, ohne da ich die Mutter seh. Wie ich von der Reise kam, da
mut ich die Rolle des Erzhlens bernehmen, und obschon ich lieber geschwiegen
htte, so war doch ihres Fragens kein Ende, und ihrer Begierde mir zuzuhren
auch nicht. Es reizt mich unwiderstehlich, wenn sie mit groen Kinderaugen mich
ansieht, in denen der gengendste Genu funkelt. So lste sich meine Zunge und
nach und nach manches vom Herzen, was man sonst nicht leicht wieder ausspricht.

                                                                   Am 2. Oktober

Die Mutter ist listig, wie sie mich zum Erzhlen bringt, so sagt sie: Heute ist
ein schner Tag, heut geht der Wolfgang gewi nach seinem Gartenhaus, es mu
noch recht schn da sein, nicht wahr, es liegt im Tal? - Nein, es liegt am
Berg, und der Garten geht auch bergauf, hinter dem Haus da sind groe Bume von
schnem Wuchs und reich belaubt. - So! Und da bist Du abends mit ihm
hingeschlendert aus dem rmischen Haus? - Ja, ich hab's Ihr ja schon
zwanzigmal erzhlt; - so erzhl's noch einmal. Hattet ihr denn Licht im Haus?
- Nein, wir saen vor der Tr auf der Bank, und der Mond schien hell. - Nun!
Und da ging ein kalter Wind? - Nein, es war gar nicht kalt, es war warm, und
die Luft ganz still und wir waren auch still. Die reifen Frchte fielen von den
Bumen, er sagte: da fllt schon wieder ein Apfel und rollt den Berg hinab; da
berflog mich ein Frostschauer; - der Wolfgang sagte: Muschen, du frierst', und
schlug mir seinen Mantel um, den zog ich dicht um mich, seine Hand hielt ich
fest, und so verging die Zeit; - wir standen beide zugleich auf und gingen Hand
in Hand durch den einsamen Wiesengrund; - jeder Schritt klang mir wieder im
Herzen, in der lautlosen Stille, - der Mond kam hinter jedem Busch hervor und
beleuchtete uns, - da blieb der Wolfgang stehen, lachte mich an im Mondglanz und
sagte zu mir: Du bist mein ses Herz', so fhrte er mich bis zu seiner Wohnung
und das war alles. - Das waren goldne Minuten, die keiner mit Gold aufwiegen
kann, sagte die Mutter, die sind nur dir beschert, und unter Tausenden wird's
keiner begreifen, was dir fr ein Glckslos zugefallen ist; ich aber versteh es
und geniee es, als wenn ich zwei schne Stimmen sich singend Red und Antwort
geben hrte ber ihr verschwiegenstes Glck.
    Da holte mir die Mutter Deinen Brief und lie mich lesen, was Du ber mich
geschrieben hast, da es Dir ein groer Genu sei, meine Mitteilungen ber Dich
zu hren; die Mutter meint, sie knne es nicht, es lg in meiner Art, zu
erzhlen, das Beste.
    Da hab ich Dir nun diesen schnen Abend beschrieben.
    Ich wei ein Geheimnis: wenn zwei miteinander sind und der gttliche
    Genius waltet zwischen ihnen, das ist das hchste Glck.
                                                      Adieu, mein lieber Freund.

                                   An Goethe


Ach frage nur nicht, warum ich schon wieder ein neues Blatt vornehme, da ich Dir
doch eigentlich nichts zu sagen habe? - Ich wei freilich noch nicht, womit
ich's ausfllen soll, aber das wei ich, da es doch zuletzt in Deine lieben
Hnde kommt. Drum hauch ich's an mit allem, was ich Dir aussprechen wrde, stnd
ich selbst vor Dir. Ich kann nicht kommen, drum soll der Brief mein ungeteiltes
Herz zu Dir hinbertragen, erfllt mit Genu vergangner Tage, mit Hoffnung auf
neue, mit Sehnsucht und Schmerz um Dich; da wei ich nun keinen Anfang und kein
Ende.
    Von heute mag ich Dir nun gar nichts vertrauen, wie soll ich loskommen vom
Wnschen, Sinnen und Whnen; wie soll ich Dir mein treues Herz, das sich von
allem zu Dir allein hinberwendet, aussprechen? - Ich mu schweigen wie damals,
als ich vor Dir stand, um Dich anzusehen. Ach, was htt ich auch sagen sollen? -
Ich hatte nichts mehr zu verlangen1.
    Gestern waren viele witzige Kpfe im Haus Brentano beisammen, da wurden
unter andern gymnastischen Geistesbungen auch Rtsel aufgegeben, da waren sehr
geschickte Einflle, und wie die Reihe an mich kam, da wut ich nichts. Wie ich
in der Verlegenheit mich umsah, und kein Gesicht, das mir einen befreundeten,
verstndlichen Ausdruck hatte, da erfand ich dies Rtsel. Warum die Menschen
keine Geister sehen? - Keiner konnte es raten, ich sagte: Weil sie sich vor
Gespenster frchten. - Wer? - Die Menschen? Nein, die Geister. - Ja, so
grausamlich kamen mir diese Gesichter vor und so fremd und unverstndlich, aus
denen nichts zu mir sprach wie aus Deinen geliebten Zgen, vor denen sich die
Geister gewi nicht frchten; nein, es ist Deine Schnheit, da die Geister mit
Deinen Mienen spielen, und dies ist der unwiderstehliche Reiz fr den Liebenden,
da der Geist ewig Dein Gesicht umstrmt. Sonntag, ganz allein im einsamen
groen Haus, alles ist ausgefahren, geritten und gegangen, Deine Mutter ist vor
dem Bockenheimer Tor im Garten, weil heute die Birnen geschttelt werden von dem
Baum, der bei Deiner Geburt gepflanzt wurde.
                                                                         Bettine

                                   An Bettine


Du bist ein feines Kind, ich lese Deine lieben Briefe mit innigem Vergngen und
werde sie gewi immer wieder lesen mit demselben Genu. Dein Malen des Erlebten
samt aller innern Empfindung von Zrtlichkeit und dem, was Dir Dein witziger
Dmon eingibt, sind wahre Originalskizzen, die auch neben den ernsteren
Beschftigungen ihr hohes Interesse nicht verleugnen, nimm es daher als eine
herzliche Wahrheit auf, wenn ich Dir danke. Bewahre mir Dein Vertrauen und lasse
es womglich noch zunehmen. Du wirst mir immer sein und bleiben, was Du bist.
Mit was kann man Dir auch vergelten als nur, da man sich willig von allen
Deinen guten Gaben bereichern lt. Wieviel Du meiner Mutter bist, weit Du
selbst, ihre Briefe flieen in Lob und Liebe ber. Fhrst Du so fort, den
flchtigen Momenten guten Glckes lieblicher Denkmale der Erinnerung zu widmen:
ich stehe Dir nicht dafr, da ich mir's anmaen knnte, solche geniale
lebensvolle Entwrfe zur Ausfhrung zu bentzen, wenn sie dann nur auch so warm
und wahr ans Herz sprechen.
    Die Trauben an meinem Fenster, die schon vor ihrer Blte und nun ein zweites
Mal Zeugen Deiner freundlichen Erscheinung waren, schwellen ihrer vollen Reife
entgegen, ich werde sie nicht brechen, ohne Deiner dabei zu gedenken, schreibe
mir bald und liebe mich.
                                                                              G.

                                   An Goethe


                                                                 Am 11. November

Mit nchstem Postwagen wirst Du einen Pack Musik erhalten, beinah alles
vierstimmig, also fr Dein Hausorchester eingerichtet. Ich hoffe, da Du sie
nicht schon besitzest; bis jetzt ist es alles, was ich in dieser Art habhaft
werden konnte. Gefllt sie Dir, so schick ich nach, was ich noch auftreiben
kann; auf meine Wahl mut Du Dich nicht dabei verlassen, ich richte mich nur
nach dem Ruf dieser Werke und kenne das wenigste. Musik imponiert mir nicht,
auch kann ich sie nicht beurteilen; ich verstehe den Eindruck nicht, den sie auf
mich macht, ob sie mich rhrt, ob sie mich begeistert; nur das wei ich, da ich
keine Antwort darauf habe, wenn ich gefragt werde, ob sie mir gefalle. Da knnte
einer sagen, ich habe keinen Verstand davon, - das mu ich zugeben, allein ich
ahne in ihr das Unermeliche. Wie in den andern Knsten das Geheimnis der
Dreifaltigkeit sich offenbart, wo die Natur einen Leib annimmt, den der Geist
durchdringt und der mit dem Gttlichen in Verbindung ist; so ist es in der
Musik, als wenn die Natur sich hier nicht ins sinnlich Wahrnehmbare herabneige,
sondern da sie die Sinne reizt, da sie sich mitempfinden ins berirdische.
    Wenn man von einem Satz in der Musik spricht und wie der durchgefhrt ist,
oder von der Begleitung eines Instruments und von dem Verstand, mit dem es
behandelt ist, da meine ich grade das Gegenteil, nmlich, da der Satz den
Musiker durchfhrt, da der Satz sich so oft aufstellt, sich entwickelt, sich
konzentriert, bis der Geist sich ganz in ihn gefgt hat. Und das tut wohl in der
Musik; ja alles, was den Erdenleib verleugnet, das tut wohl. Ich habe einen sehr
ausgezeichneten Musiker zum Lehrer, wenn ich den frage, warum? - so hat er nie
ein Weil zur Antwort, und er mu gestehen, alles in der Musik ist himmlisches
Gesetz, und dies berzeugt mich noch mehr, da in der Berhrung zwischen dem
Gttlichen und Menschlichen keine Erluterung stattfinde. Ich habe hier eine
freundliche Bekanntschaft mit einer sehr musikalischen Natur; wir sind oft
zusammen in der Oper, da macht sie mich aufmerksam auf die einzelnen Teile, auf
das Durchfhren eines Satzes, auf das Einwirken der Instrumente; da bin ich denn
ganz perplex, wenn ich solchen Bemerkungen nachgehe; das Element der Musik, in
dem ich mich aufgenommen fhlte, stt mich aus, und dafr erkenne ich ein
gemachtes, dekoriertes, mit Geschmack behandeltes Thema. Ich bin nicht in einer
Welt, die mich aus der Finsternis ins Licht geboren werden lt, wie damals in
Offenbach, wo ich in der Gromutter Garten auf grnem Rasen lag und in den
sonnigen blauen Himmel sah, whrend im Nachbarsgarten Onkel Bernhards Kapelle
die ganze Luft durchstrmte und ich nichts wute, nichts wollte, als meine Sinne
der Musik vertrauen. Damals hatte ich kein Urteil, ich hrte keine Melodien
heraus, es war kein Schmachten, kein Begeistern fr Musik, ich fhlte mich in
ihr, wie der Fisch sich im Wasser fhlt. - Wenn ich gefragt wrde, ob ich damals
zugehrt habe, so knnte ich's nicht eigentlich wissen, es war nicht Zuhren, es
war Sein in der Musik; ich war viel zu tief versunken, als da ich gehrt htte
auf das, was ich vernahm.
    Ich hin dumm, Freund, ich kann nicht sagen, was ich wei. Gewi, Du wrdest
mir Recht geben, wenn ich mich deutlich aussprechen knnte, und auf andre Weise
wirst Du am wenigsten sie verstehen lernen. - Verstehen, wie der Philister
verstehet, der seinen Verstand mit Konsequenz anwendet und es so weit bringt,
da man Talent nicht vom Genie unterscheidet. Talent berzeugt, aber Genie
berzeugt nicht; dem, dem es sich mitteilt, gibt es die Ahnung vom Ungemessenen,
Unendlichen, whrend Talent eine genaue Grenze absteckt und so, weil es
begriffen ist, auch behauptet wird.
    Das Unendliche im Endlichen, das Genie in jeder Kunst ist Musik. - In sich
selbst aber ist sie die Seele, indem sie zrtlich rhrt; indem sie aber sich
dieser Rhrung bemchtigt, da ist sie Geist, der seine eigne Seele wrmt, nhrt,
trgt, wiedergebrt; und darum vernehmen wir Musik, sonst wrde das sinnliche
Ohr sie nicht hren, sondern nur der Geist; und so ist jede Kunst der Leib der
Musik, die die Seele jeder Kunst ist; und so ist Musik auch die Seele der Liebe,
die auch in ihrem Wirken keine Rechenschaft gibt; denn sie ist das Berhren des
Gttlichen mit dem Menschlichen, und auf jeden Fall ist das Gttliche die
Leidenschaft, die das Menschliche verzehrt. Liebe spricht nichts fr sich aus,
als da sie in Harmonie versunken ist; Liebe ist flssig, sie verfliegt in ihrem
eignen Element; Harmonie ist ihr Element.

                                                                 Am 17. November

Lieber Goethe, halte meine wunderlichen Gedanken dem wunderlichen Platz zu gut,
wo ich mich befinde; ich bin in der Karmeliterkirche, in einem verborgnen Winkel
hinter einem groen Pfeiler; da geh ich alle Tage her in der Mittagsstunde, da
scheint die Herbstsonne durchs Kirchenfenster und malt den Schatten der
Weinbltter hier auf die Erde und an die weie Wand, da seh ich, wie der Wind
die bewegt und wie eins nach dem andern abfllt; hier ist tiefe Einsamkeit, und
die Menschen, die ich hier zur ungewhnlichen Stunde treffe, die sind gewi da,
um an ihre Toten zu denken, die hier begraben sein mgen. Hier am Eingang ist
die Gruft, wo Vater und Mutter begraben liegen und sieben Geschwister; da steht
ein Sarg ber dem andern. Ich wei nicht, was mich in diese groe dstre Kirche
lockt; fr die Toten beten? - Soll ich sagen: Lieber Gott im Himmel, heb doch
diese Verstorbenen zu dir in den Himmel? - Die Liebe ist ein flssig Element,
sie lst Seele und Geist in sich auf, und das ist Seligkeit. - Wenn ich hier in
die Kirche gehe, an der Gruft vorbei, die meine Eltern und Geschwister deckt, da
falte ich die Hnde, und das ist mein ganzes Gebet.
    Der Vater hat mich zrtlich geliebt, ich hatte eine groe Gewalt ber ihn;
oft schickte mich die Mutter mit einer schriftlichen Bitte an ihn und sagte:
La den Vater nicht los, bis er Ja sagt, - da hing ich mich an seinen Hals und
umklammerte ihn, da sagte er: Du bist mein liebstes Kind, ich kann nicht
versagen.
    Der Mutter erinnere ich mich auch noch, ihrer groen Schnheit; sie war so
fein und doch so erhaben und glich nicht den gewhnlichen Gesichtern; Du sagtest
von ihr, sie sei fr die Engel geschaffen, die sollten mit ihr spielen. Deine
Mutter hat mir erzhlt, wie Du sie zum letztenmal gesehen, da Du die Hnde
zusammenschlugst ber ihre Schnheit, das war ein Jahr vor ihrem Tod; da lag der
General Brentano in unserm Haus an schweren Wunden; die Mutter pflegte ihn, und
er hatte sie so lieb, da sie ihn nicht verlassen durfte. Sie spielte Schach mit
ihm, er sagte: Matt! Und sank zurck ins Bett; sie lie mich holen, weil er
nach den Kindern verlangt hatte - ich trat mit ihr ans Bett, - da lag er bla
und still; die Mutter rief ihn: Mein General! Da ffnete er die Augen, reichte
ihr lchelnd die Hand und sagte: Meine Knigin! - Und so war er gestorben.
    Ich seh die Mutter noch wie im Traum, da sie vor dem Bett steht, die Hand
dieses erblaten Helden festhlt und ihre Trnen leise aus den groen schwarzen
Augen ber ihr stilles Antlitz rollen. Damals hast Du sie zum letztenmal
gesehen, und Du sagtest voraus, da Du sie nicht wiedersehen wrdest. Deine
Mutter hat mir's erzhlt, wie Du tief bewegt ber sie warst. Wie ich Dich zum
erstenmal sah, da sagtest Du: Du gleichst deinem Vater, aber der Mutter
gleichst du auch, und dabei hast Du mich ans Herz gedrckt und warst tief
gerhrt, das war doch lange Jahre nachher.
    Adieu.
                                                                         Bettine

Von den Juden und den neuen Gesetzen ihrer Stdtigkeit hat Dir die Mutter schon
Meldung getan; alle Juden schreiben seitdem; der Primas hat viel Vergngen an
ihrem Witz. - Alle Christen schreiben ber Erziehung; es kommt beinah alle Woche
ein neuer Plan von einem neuverheirateten Erzieher heraus. Mich interessieren
die neuen Schulen nicht so sehr als das Judeninstitut, in das ich oft gehe.

                                   An Bettine


                                                      Weimar, den 2. Januar 1808

Sie haben, liebe kleine Freundin, die sehr grandiose Manier, uns Ihre Gaben
recht in Masse zu senden. So hat mich Ihr letztes Paket gewissermaen
erschreckt, denn wenn ich nicht recht haushlterisch mit dem Inhalt umgehe, so
erwrgt meine kleine Hauskapelle eher daran, als da sie Vorteil davon ziehen
sollte. Sie sehen also, meine Beste, wie man sich durch Gromut selbst dem
Vorwurf aussetzen knne; lassen Sie sich aber nicht irre machen. Zunchst soll
Ihre Gesundheit von der ganzen Gesellschaft recht ernstlich getrunken und darauf
das Confirma hoc Deus von Jomelli angestimmt werden, so herzlich und
wohlgemeint, als nur jemals ein salvum fac Regem.
    Und nun gleich wieder eine Bitte, damir wir nicht aus der bung kommen.
Senden Sie mir doch die jdischen Broschren. Ich mchte doch sehen, wie sich
die modernen Israeliten gegen die neue Stdtigkeit gebrden, in der man sie
freilich als wahre Juden und ehemalige kaiserliche Kammerknechte traktiert.
Mgen Sie etwas von den christlichen Erziehungsplnen beilegen, so soll auch das
unsern Dank vermehren. Ich sage nicht, wie es bei solchen Gelegenheiten
gewhnlich ist, da ich zu allen geflligen Gegendiensten bereit sei, doch wenn
etwas bei uns einmal reif wird, was Sie freuen knnte, so soll es auch zu Ihnen
gelangen.
    Liebstes Kind, verzeih, da ich mit fremder Hand schreiben mute. ber Dein
musikalisches Evangelium und ber alles, was Du mir Liebes und Schnes
schreibst, htte ich Dir so heute nichts sagen knnen, aber la Dich nicht
stren in Deinem Eigensinn und in Deinen Launen, es ist mir viel wert, Dich zu
haben, wie Du bist, und in meinem Herzen findest Du immer eine warme Aufnahme.
Du bist ein wunderliches Kind, und bei Deiner Ansiedlung in Kirchen knntest Du
leicht zu einer wunderlichen Heiligen werden, ich gebe Dir's zu bedenken.
                                                                          Goethe

                                   An Goethe


Wer drauen auf der Taunusspitze wr und die Gegend und ganze liebe Natur von
Schnheit zu Schnheit steigen und sinken she abends und morgens, whrend sein
Herz so mit Dir beschftigt wr wie meins, der wrde freilich auch besser sagen
knnen, was er zu sagen hat. Ich mchte so gern vertraulich mit Dir sprechen,
und Du verlangst ja auch, ich soll Eigensinn und Laune Dir preisgeben.
    Du kennst mein Herz, Du weit, da alles Sehnsucht ist, Wille, Gedanke und
Ahnung; Du wohnst unter Geistern, sie geben Dir gttliche Wahrheit. Du mut mich
ernhren, Du gibst alles zum Voraus, was ich nicht zu fordern verstehe. Mein
Geist hat einen kleinen Umfang, meine Liebe einen groen, Du mut sie ins
Gleichgewicht bringen. Die Liebe kann nicht ruhig werden, als wenn der Geist ihr
gewachsen ist; Du bist meiner Liebe gewachsen; Du bist mild, freundlich,
nachsichtig; lasse mich's fhlen, wenn mein Herz sich nicht im Takt wiegt, ich
versteh Deine leisen Winke.
    Ein Blick von Deinen Augen in die meinen, ein Ku von Dir auf meinen Mund
belehrt mich ber alles; was knnte dem auch wohl noch erfreulich scheinen zu
lernen, der wie ich, hiervon Erfahrung hat. - Ich bin entfernt von Dir, die
Meinen sind mir fremd geworden, da mu ich immer in Gedanken auf jene Stunde
zurckkehren, wo Du mich in den sanften Schlingen Deiner Arme hieltest, da fang
ich an zu weinen; aber die Trnen trocknen mir unversehens wieder: er liebt ja
herber in diese verborgene Stille, denke ich, und sollte ich mit meinem ewigen
ungestrten Sehnen nach ihm nicht in die Ferne reichen? Ach vernimm es doch, was
Dir mein Herz zu sagen hat, es fliet ber von leisen Seufzern, alle flstern
Dir zu: mein einzig Glck auf Erden sei Dein freundlicher Wille zu mir. O lieber
Freund, gib mir doch ein Zeichen2, Du seist meiner gewrtig. Du schreibst, da
Du meine Gesundheit trinken willst, ach ich gnne sie Dir, lasse keinen Tropfen
brig, mchte ich mich selber doch so in Dich ergieen und Dir wohl bekommen.
    Deine Mutter erzhlte mir, wie Du kurz, nachdem Du den Werther geschrieben,
im Schauspiel gesessen und wie Dir da anonym ein Billet sei in die Hand gedrckt
worden, darin geschrieben war: Ils ne te comprendront point, Jean Jacques. Sie
behauptet, ich aber knne immer zu jedem sagen: Tu ne me comprendras point,
Jean Jacques, denn welcher Hans Jacob wird Dich nicht miverstehen, oder Dich
gelten lassen wollen? - Sie sagt aber, Du Goethe, verstndest mich, und ich
gelte alles bei Dir.
    Die Erziehungsplane und Judenbroschren werd ich mit nchstem Posttag
senden. Obschon Du nicht zu allen geflligen Gegendiensten bereit bist, aber
doch mir schicken willst, was reif ist; so denke doch, da meine Liebe Dir
brennende Strahlen zusendet, um jede Regung fr mich zu ser Reife zu bringen.
                                                                         Bettine

                                   An Goethe


Was soll ich Dir denn schreiben, da ich traurig bin und nichts neues
Freundliches zu sagen wei? Lieber mcht ich Dir gleich das weie Blatt
schicken, statt da ich's erst mit Buchstaben beschreibe, die doch immer nicht
sagen, was ich will, Du flltest es zu Deinem Zeitvertreib aus, machtest mich
berglcklich und schicktest es an mich zurck, wenn ich denn den blauen
Umschlag sehe und ri ihn auf: neugierig eilig, wie die Sehnsucht immer der
Seligkeit gewrtig ist, und ich lese nun, was mich aus Deinem Mund einst
entzckte: Lieb Kind, mein artig Herz, mein einzig Liebchen, klein Muschen, die
sen Worte, mit denen Du mich verwhntest, so freundlich mich beschwichtigend;
- ach! mehr wollt ich nicht, alles htt ich wieder, sogar Dein Lispeln wrde ich
mitlesen, mit dem Du mir leise das Lieblichste in die Seele ergossen und mich
auf ewig vor mir selbst verherrlicht hast3. - Da ich noch an Deinem Arm durch
die Straen ging, ach wie eine geraume Zeit dnkt mir's, da war ich zufrieden,
alle Wnsche waren schlafen gegangen, hatten wie die Berge Gestalt und Farbe in
Nebel eingehllt; ich dachte, so ging es, und weiter, ohne groe Mhseligkeit
vom Land in die hohe See, khn und stolz, mit gelsten Flaggen und frischem
Wind. - Aber Goethe, feurige Jugend will die Sitten der heien Jahreszeit, wenn
die Abendschatten sich bers Land ziehen, dann sollen die Nachtigallen nicht
schweigen: singen soll alles, oder sich freudig aussprechen; die Welt soll ein
ppiger Fruchtkranz sein, alles soll sich drngen im Genu, und aller Genu soll
sich mchtig ausbreiten, er soll sich ergieen wie grender Most, der brausend
arbeitet, bis er zur Ruhe kommt, untergehen sollen wir in ihm wie die Sonne
unter die Meereswellen, aber auch wiederkommen wie sie. So ist Dir's geworden,
Goethe, keiner wei, wie Du mit Gott vertraut warst und was fr Reichtum von ihm
erlangt hast, wenn Du untergegangen wrst im Genu.
    Das seh ich gerne, wenn die Sonne untergeht, wenn die Erde ihre Glut in sich
saugt und ihr die feurigen Flgel leise zusammenfaltet und die Nacht durch
gefangen hlt, da wird es still auf der Welt, die Sehnsucht steigt so heimlich
aus den Finsternissen empor; ihr leuchten die Sterne so unerreichbar berm
Haupt, so unerreichbar, Goethe!
    Wenn man selig sein soll, da wird man so zaghaft, das Herz scheidet zitternd
vom Glck, noch ehe es den Willkommen gewagt; - auch ich fhl's, da ich meinem
Glck nicht gewachsen bin. Welche Allbefhigung, um Dich zu fassen! - Liebe mu
eine Meisterschaft erwerben, das Geliebte besitzen wollen, wie es der gemeine
Menschenverstand nimmt, ist nicht der ewigen Liebe wrdig und scheitert jeden
Augenblick am kleinsten Ereignis. - Das ist meine erste Aufgabe, da ich mich
Dir aneigne, nicht aber Dich besitzen wolle, Du Allbegehrlichster!
    Ich bin doch noch so jung, da es sich leicht entschuldigen lt, wenn ich
unwissend bin. Ach, fr Wissenschaft hab ich keinen Boden, ich fhl's, ich
kann's nicht lernen, was ich nicht wei, ich mu es erwarten, wie der Prophet in
der Wste die Raben erwartet, da sie ihm Speise bringen. Der Vergleich ist so
uneben nicht: durch die Lfte wird meinem Geist Nahrung zugetragen, - oft grade,
wenn er im Verschmachten ist.
    Seitdem ich Dich liebe, schwebt ein Unerreichbares mir im Geist; ein
Geheimnis, das mich nhrt. Wie vom Baum die reifen Frchte fallen, so fallen
hier mir Gedanken zu, die mich erquicken und reizen. O Goethe, htte der
Springquell eine Seele, er knnte sich nicht erwartungsvoller ans Licht drngen,
um wieder emporzusteigen, als ich mit ahnender Gewiheit mich diesem neuen Leben
entgegendrnge, das mir durch Dich gegeben ist, und das mir zu erkennen gibt,
da ein hherer Lebenstrieb den Kerker sprengen will, der nicht schont der Ruhe
und Gemchlichkeit gewohnter Tage, die er in brausender Begeisterung
zertrmmert. Diesem erhabenen Geschick entgeht der liebende Geist nicht, so
wenig der Same der Blte entgeht, wenn er einmal in frischer Erde liegt. So fhl
ich mich in Dir, Du fruchtbarer gesegneter Boden! Ich kann sagen, wie das ist,
wenn der Keim die harte Rinde sprengt, - es ist schmerzlich; die lchelnden
Frhlingskinder sind unter Trnen erzeugt.
    O Goethe, was geht mit dem Menschen vor? Was erfhrt er, was erlebt er in
dem innersten Flammenkelch seines Herzens? - Ich wollte Dir meine Fehler gern
bekennen, allein die Liebe macht mich ganz zum idealischen Menschen. Viel hast
Du fr mich getan, noch eh Du von mir wutest, ber vieles, was ich begehrte und
nicht erlangte, hast Du mich hinweggehoben.
                                                                         Bettine

                                   An Goethe


                                                                      Am 5. Mrz

Hier in Frankfurt ist es na, kalt, verrucht, abscheulich; kein guter Christ
bleibt gerne hier; - wenn die Mutter nicht wr, der Winter wr unertrglich, so
ganz ohne Hltnis, - nur ewig schmelzender Schnee! - Ich habe jetzt einen
Nebenbuhler bei ihr, ein Eichhrnchen, was ein schner franzsischer Soldat als
Einquartierung hier lie, von dem lt sie sich alles gefallen, sie nennt es
Hnschen, und Hnschen darf Tische und Sthle zernagen, ja es hat selbst schon
gewagt, sich auf ihre Staatshaube zu setzen und dort die Blumen und Federn
anzubeien. Vor ein paar Tagen ging ich abends noch hin, die Jungfer lie mich
ein mit dem Bedeuten, sie sei noch nicht zu Hause, msse aber gleich kommen. Im
Zimmer war's dunkel, ich setzte mich ans Fenster und sah hinaus auf den Platz.
Da war's, als wenn was knisterte, - ich lauschte und glaubte atmen zu hren, -
mir ward unheimlich, ich hrte wieder etwas sich bewegen und fragte, weil ich's
gern aufs Eichhrnchen geschoben htte: Hnschen bist du es? Sehr unerwartet
und fr meinen Mut sehr niederschlagend antwortete eine sonore Bastimme aus dem
Hintergrund: Hnschen ist's nicht, es ist Hans, und dabei ruspert sich der
ubique malus Spiritus. Voll Ehrfurcht wag ich mich nicht aus der Stelle, der
Geist lt sich auch nur noch durch Atmen und einmaliges Niesen vernehmen; - da
hr ich die Mutter, sie schreitet voran, die kaum angebrannte, noch nicht
volleuchtende Kerze hinterdrein, von Jungfer Lieschen getragen. Bist du da?
fragte die Mutter, indem sie ihre Haube abnimmt, um sie auf ihren nchtlichen
Stammhalter, eine grne Bouteille, zu hngen. Ja, rufen wir beide, und aus dem
Dunkel tritt ein besternter Mann hervor und fragt: Frau Rat, werd ich heut
abend mit Ihnen einen Specksalat mit Eierkuchen essen? Daraus schlo ich denn
ganz richtig, da Hans ein Prinz von Mecklenburg sei; denn wer htte die schne
Geschichte nicht von Deiner Mutter gehrt, wie auf der Kaiserkrnung die jetzige
Knigin von Preuen, damals als junges Prinzessinnenkind und ihr Bruder der Frau
Rat zusahen, wie sie ein solches Gericht zu speisen im Begriff war, und da dies
ihren Appetit so reizte, da sie es beide verzehrten, ohne ein Blatt zu lassen.
Auch diesmal wurde die Geschichte mit vielem Genu vorgetragen und noch manche
andre, z.B. wie sie den Prinzessinnen den Genu verschaffte, sich im Hof am
Brunnen recht satt Wasser zu pumpen, und die Hofmeisterin durch alle mgliche
Argumente abhlt, die Prinzessinnen abzurufen, und endlich, da diese nicht
darauf Rcksicht nimmt, Gewalt braucht und sie im Zimmer einschliet. Denn,
sagte die Mutter, ich htte mir eher den rgsten Verdru ber den Hals kommen
lassen, als da man sie in den unschuldigen Vergngungen gestrt htte, das
ihnen nirgendwo gegnnt war als in meinem Hause; auch haben sie mir's beim
Abschied gesagt, da sie nie vergessen wrden, wie glcklich und vergngt sie
bei mir waren. - So knnte ich Dir noch ein Paar Bogen voll schreiben von allen
Rckerinnerungen!
    Adieu, lieber Herr! - Die Frau gr ich, Riemers Sonett kracht wie neue
Sohlen; er soll meiner Geschfte gewrtig sein und seinen Diensteifer nicht
umsonst gehabt haben.
    Gelt, ich mach's grade wie Dein Liebchen, schreibe, kritzele, mach
Tintenkleckse und Orthographiefehler und denk, es schadet nichts, weil er wei,
da ich ihn liebe, und der Brief, den Du mir geschrieben, war doch so artig und
zierlich abgefat, das Papier mit goldnem Schnitt! - Aber, Goethe, erst ganz
zuletzt denkst Du an mich! Erlaub, da ich so frei bin, Dir einen Verweis zu
geben fr diesen Brief, fasse alles kurz ab, was Du verlangst, und schreib's mit
eigner Hand, ich wei nicht, warum Du einen Sekretr anstellst, um das
berflssige zu melden, ich kann's nicht vertragen, es beleidigt mich, es macht
mich krank; im Anfang glaubt ich, der Brief sei gar nicht an mich, nun trag ich
doch gern solch einen Brief auf dem Herzen, solange bis der neue kommt, - wie
kann ich aber mit einer solchen fremden Sekretrhand verfahren? Nein, diesmal
hab ich Dich in meinem Zorn verdammt, da Du gleich mit dem Sekretr in die alte
Schublade eingeklemmt wurdest, und der Mutter hab ich gar nicht gesagt, da Du
geschrieben hattest, ich htte mich geschmt, wenn ich ihr diesen Perckenstil
htte vortragen mssen. Adieu, schreibe mir das einzige, was Du zu sagen hast,
und nicht mehr.
                                                                         Bettine

                                   An Goethe


                                                                     Am 15. Mrz

Nun sind's beinahe sechs Wochen, da ich auch nur ein Wort von Dir gehrt habe,
weder durch die Frau Mutter noch durch irgendeine andre Gelegenheit. Ich glaube
nicht, da, wie viele andere sind, Du auch bist, und Dir durch Geschfte und
andere Wichtigkeiten den Weg zum Herzen versperrst; aber ich mu frchten, da
meine Briefe Dir zu hufig kommen, und mu mich zurckhalten, was mich doch
selig machen knnte, wenn es nicht so wr und ich glauben drfte, da meine
Liebe, die so anspruchslos ist, da sie selbst Deinen Ruhm vergit und zu Dir
wie zu einem Zwillingsbruder spricht, Dich erfreut. Wie ein Lwe mcht ich fr
Dich fechten, mcht alles verderben und in die Flucht jagen, was nicht wert ist,
Dich zu berhren; mu um deinetwillen die ganze Welt verachten, mu ihr um
deinetwillen Gnade widerfahren lassen, weil Du sie verherrlichst, und wei
nichts von Dir! Sag nur, ob Du's zufrieden bist, da ich Dir schreibe? - Sag
nur: Ja, du darfst! Wenn ich nun in etlichen Wochen, denn da haben wir schon
Frhling hier, ins Rheingau gehe, dann schreib ich Dir von jedem Berg aus; bin
Dir so immer viel nher, wenn ich auer den Stadtmauern bin, da glaub ich
manchmal, mit jedem Atemzug Dich zu fhlen, wie Du im Herzen regierst, wenn es
recht schn ist drauen, wenn die Luft schmeichelt, ja wenn die Natur gut und
freundlich ist wie Du, da fhl ich Dich so deutlich. - Aber was soll ich mit
Dir? - Du selbst hast mir nichts zu sagen; in dem Brief, den Du mir schriebst,
den ich zwar so lieb habe wie meinen Augapfel, da nennst Du mich nicht einmal,
wie Du gewohnt warst, grad als ob ich Deiner Vertraulichkeiten nicht wert wre.
Ach, es geht ja von Mund zu Herzen bei mir! Ich wrde nichts von Schatz und Herz
und Ku veruern, und wenn ich auch am Hungertuch nagen mte. In der
Karmeliterkirche hab ich im Herbst allerlei geschrieben, Erinnerungen aus der
Kindheit, - sie fielen mir immer ein, wenn ich dahin kam, und doch war ich blo
hingekommen, um ungestrt an Dich zu denken! Jede Lebenszeit geht mir in Dir
auf, ich denke mir die Kinderjahre, als ob ich sie mit Dir verspiele, und wachs
empor und whne mich geborgen in Deinem Schutz und fhle stolz mich in Deinem
Vertrauen, und da regt sich's im Herzen vor heier Liebe, da such ich Dich, wie
soll ich Ruhe finden? - An Deiner Brust nur, umschrnkt von Deinen Armen. - Und
wrst Du es nicht, so wr ich bei Dir; aber so mu ich mich frchten vor aller
Augen, die sind auf Dich gerichtet, ach, und vor dem stechenden Blick, der unter
Deinem Kranz hervorleuchtet4!
    Auer Dir erscheinen mir alle Menschen wie einer und derselbe, ich
unterscheide sie nicht, ich begehr nicht nach dem ungeheuren allseitigen Meer
der Ereignisse. Der Lebensstrom trgt Dich, Du mich, in Deinen Armen durchschiff
ich ihn, Du trgst mich bis zum Ende, nicht wahr? - Und wenn es auch noch
tausendfache Existenzen gibt, ich kann mich nicht hinberschwingen, bei Dir bin
ich zu Hause, so sei doch auch zu Hause mit mir, oder weit Du etwas Besseres
als mich und Dich im magischen Kreis des Lebens?
    Unlngst hatten wir ein kleines Fest im Hause wegen Savignys Geburtstag.
Deine Mutter kam mittags um zwlf und blieb bis nachts um ein Uhr, sie befand
sich auch den andern Tag ganz wohl darauf. Bei der Tafel war groe Musik von
Blase-Instrumenten, auch wurden Verse zu Savignys Lob gesungen, wo sie so tapfer
einstimmte, da man sie durch den ganzen Chor durchhrte. Da wir nun auch Deine
und ihre Gesundheit tranken, wobei Trompeten und Pauken schmetterten, so ward
sie feierlich vergngt. Nach Tische erzhlte sie der Gesellschaft ein Mrchen,
alles hatte sich in feierlicher Stille um sie versammelt. Im Anfang holte sie
weit aus, das groe Auditorium mochte ihr doch ein wenig bange machen; bald aber
tanzten alle rollefhigen Personen in der grotesken Weise aus ihrem groen
Gedchtniskasten auf das phantastischste geschmckt, es wurden noch allerlei
kleine Szenen aufgefhrt, dann trat eine junge spanische Tnzerin auf, die mit
Kastagnetten sehr schn tanzte. Dieses grazise Kind gibt hier beim Theater
Vorstellungen, ich hab Dir von ihr noch nicht gesagt, da sie mich seit Wochen
in einem stillen Enthusiasmus erhlt, und da ich oft denke, ob denn Gott was
anders will, als da sich die Tugend in die reine Kunst verwandle, da man
nmlich nach den Gesetzen einer himmlischen Harmonie die Glieder des Geistes mit
leichtem Enthusiasmus rege und so mit anmutigen Gebrden die Tugend ausdrcke,
wie jene den Takt und den Sinn der Musik. Nach dem Souper tanzte man, ich sa
etwas schlfrig an der Seite Deiner Mutter, sie hielt mich umhalst und hatte
mich lieb wie den Joseph; ich hatte dazu auch einen roten Rock an. Man hat
einstimmig beschlossen, es solle nie ein Familienfest gegeben werden ohne die
Mutter, so sehr hat man ihren guten Einflu empfunden; ich hab mich gewundert,
wie schnell sie die Herzen gewinnen kann, blo weil sie mit Kraft geniet und
dadurch die ganze Umgebung auch zur Freude bewegt.
    Die Deinen gre ich herzlich, ich habe nicht vergessen, was ich fr Deine
Frau versprach; nchstens wird alles fertig sein, nur die Frau von Sch. mute
ich schndlicherweise vergessen mit dem Tuch! Nun was ist zu tun? Mein Minister,
denk ich, bekommt hier eine schne Negotiation. Gelt, ich mibrauch Deine
Geduld? - Guter! Bester! Dem mein Herz ewig dient.
    Dein Sohn wird sein Bndel bald schnren; - nur nicht zu fest! Denn ich will
ihm bei der Durchreise noch einen Pack guter Lehren mitgeben, die er auch noch
mit einschnren mu. Mein Bruder George hat ein kleines Landhaus in Rdelheim
gekauft, Du mut es kennen, da Du selbst den Plan dazu gemacht und mit Basset,
der jetzt in Amerika wohnt, den Bau besorgtest. Ich freu mich gar sehr ber
seine schnen Verhltnisse, ich meine, Dein Charakter, Deine Gestalt und Deine
Bewegungen spiegeln sich in ihnen. Wir fahren beinah alle Tage hinaus, gestern
stieg ich aufs Dach; die Sonne schien so warm, es war so hell, man konnte so
recht die Berge im Scho der Tler liegen sehen. O Jammer, da ich nicht fliegen
kann! Was ntzt es all, da ich Dich so lieb hab? - Jung, krftig und stolz bin
ich in Dir; - ich mag's nicht auslegen, die Welt schiebt doch alles Gefhl in
ihr einmal gemachtes Register, Du bist ber alles gut, da Du meine Liebe
duldest, in der ich berglcklich bin. Wie das Weltmeer ohne Ufer ist mein
Gemt, seine Wellen tragen, was schwimmen kann; Dich aber hab ich mit Gewalt ins
tiefste Geheimnis meines Lebens gezogen und walle freudebrausend dahin ber der
Gewiheit Deines Besitzes.
    Wenn ich mich sonst im Spiegel betrachtete und meine Augen sich selbst so
feurig anschauten und ich fhlte, da sie in diesem Augenblick htten
durchdringen mssen, und ich hatte niemand, dem ich einen Blick gegnnt htte,
da war mir's leid, da alle Jugend verloren ging, jetzt aber denk ich an Dich.
                                                                         Bettine

                                   An Goethe


                                                                     Am 30. Mrz

Kleine unvorhergesehene Reisen in die nchsten Gegenden, um den Winter vor
seinem Scheiden noch einmal in seiner Pracht zu bewundern, haben mich
abgehalten, sogleich meines einzigen und liebsten Freundes in der ganzen Welt
Wunsch zu befriedigen. Hierbei sende ich alles, was bis jetzt erschienen, auer
ein Journal, welches die Juden unter dem Namen Sulamith herausgeben. Es ist sehr
weitlufig; begehrst Du es, so send ich's, da die Juden es mir als ihrem
Protektor und kleinen Nothelfer verehren. Es enthlt die verschiedensten Dinge,
kreuz und quer; besonders zeichnen sich die Oden, die sie dem Frstprimas
widmen, darin aus; ein groes Gedicht, was sie ihm am Neujahrstag brachten,
schickte er mir und schrieb: Ich verstehe kein Hebrisch, sonst wrde ich eine
Danksagung schreiben, aber da fr die kleine Freundin der Hebrer nichts zu
verkehrt und undeutsch ist, so trage ich ihr auf, in meinem Namen ein
Gegengedicht zu machen. - Der boshafte Primas! - Ich hab ihn aber gestraft! Und
gestern im Konzert sagte er mir: Es ist gut, da die Juden nicht ebensoviel
Heldengeist als Handelsgeist haben, ich wr am End' nicht sicher, da sie mich
in meinem taxischen Haus blockierten. -
    Whrenddem bin ich im Odenwald gewesen und bin auf des Gtz altem Schlo
herumgeklettert, ganz oben auf den Mauern, wo beinah kein menschlicher Fu mehr
sich sttzen kann; ber Mauerspalten, die mich doch zuweilen schwindeln machten,
als immer im Gedanken an Dich, an Deine Jugend, an Dein Leben bis jetzt, das wie
ein lebendig Wasser fortbraust. Weit Du? - Es tut so wohl, wenn einem das Herz
so ganz ergriffen ist. Wie ich mich drehe und wende, so spiegelt sich mir im
Gemt, was ich im Hinterhalt habe und was mir wie ein seliger Traum nachgeht,
und das bist Du!
    Dort war es wunderschn! Ein ungeheurer Turm, worauf ehemals die Wchter
saen, um die Frankenschiffe in dem kleinen Mildeberg zu verknden mit
Trompetensto. Tannen und Fichten wachsen oben, die beinah halb ber seine Hhe
hervorragen.
    Zum Teil waren die Weinberge noch mit Schnee bedeckt; ich sa auf einem
abgebrochenen Fensterbalken und fror, und doch durchdrang mich heie Liebe zu
Dir, ich zitterte vor Angst hinunterzustrzen, und kletterte doch noch hher,
weil mir's einfiel, Dir zu lieb wollt ich's wagen. So machst Du mich oft khn;
es ist ein Glck, da die wilden Wlfe aus dem Odenwalde nicht herbeikamen, ich
htte mich mit ihnen balgen mssen, htte ich Deiner Ehre dabei gedacht; es
scheint Unsinn, aber so ist's. - Die Mitternacht, die bse Stunde der Geister,
weckt mich; ich leg mich im kalten Winterwind ans Fenster; ganz Frankfurt ist
tot, der Docht in den Straenlaternen ist im Verglimmen, die alten rostigen
Wetterfahnen greinen mir was vor, und da denk ich: ist das die ewige Leier? -
Und da fhl ich, da dies Leben ein Gefngnis ist, wo ein jeder nur eine
kmmerliche Aussicht hat in die Freiheit: das ist die eigne Seele. - Siehst Du,
da rast es in mir; ich mchte hinauf ber die alten spitzen Giebeldcher, die
mir den Himmel abschneiden; ich verlasse das Zimmer, eile ber die weiten Gnge
unseres Hauses, suche mir einen Weg ber die alten Bden, und hinter dem
Sparrwerk ahne ich Gespenster, aber ich achte ihrer nicht; da suche ich die
Treppe zum kleinen Trmchen, wenn ich endlich oben bin, da seh ich aus der
Turmluke den weiten Himmel und friere gar nicht; da ist mir's, als msse ich die
gesammelten Trnen abladen, und dann bin ich am andern Tag so heiter und so
neugeboren, ich suche mit List nach einem Scherz, den ich ausfhren mchte; und
kannst Du mir glauben? Das alles bist Du.
                                                                         Bettine

Die Mutter kommt oft zu uns, wir machen ihr Maskeraden und alle mgliche
Ergtzlichkeit; sie hat unsere ganze Familie in ihren Schutz genommen, ist
frisch und gesund.

                                   An Bettine


Die Dokumente philanthropischer Christen- und Judenschaft sind glcklich
angekommen, und Dir soll dafr, liebe kleine Freundin, der beste Dank werden. Es
ist recht wunderlich, da man eben zur Zeit, da so viele Menschen totgeschlagen
werden, die brigen aufs beste und zierlichste auszuputzen sucht. Fahre fort,
mir von diesen heilsamen Anstalten, als Beschtzerin derselben, von Zeit zu Zeit
Nachricht zu geben. Dem braunschweigischen Judenheiland ziemt es wohl, sein Volk
anzusehen, wie es sein und werden sollte; dem Frsten Primas ist aber auch nicht
zu verdenken, da er dies Geschlecht behandelt wie es ist, und wie es noch eine
Weile bleiben wird. Mache mir doch eine Schilderung von Herrn Molitor. Wenn der
Mann so vernnftig wirkt, als er schreibt, so mu er viel Gutes erschaffen.
Deinem eignen philanthropischen Erziehungswesen aber wird berbringer dieses,
der schwarzugige und braunlockige Jngling, empfohlen. Lasse seine vterliche
Stadt auch ihm zur Vaterstadt werden, so da er glaube, sich mitten unter den
Seinen zu befinden. Stelle ihn Deinen lieben Geschwistern und Verwandten vor und
gedenke mein, wenn Du ihn freundlich aufnimmst. Deine Berg-, Burg-, Kletter- und
Schaurelationen versetzen mich in eine schne heitere Gegend, und ich stehe
nicht davor, da Du nicht gelegentlich davon eine phantastische Abspiegelung in
einer Fata Morgana zu sehen kriegst.
    Da nun von August Abschied genommen ist, so richte ich mich ein, von Haus
und der hiesigen Gegend gleichfalls Abschied zu nehmen und baldmglichst nach
dem Karlsbader Gebirge zu wandeln.
    Heute um die elfte Stunde wird confirma hoc Deus gesungen, welches schon
sehr gut geht und groen Beifall erhlt.
    Weimar, den 3. April 1808
                                                                              G.

                                   An Goethe


Wir haben einen nakalten April, ich merk's an Deinem Brief, - der ist wie ein
allgemeiner Landregen; der ganze Himmel berzogen von Anfang bis ans Ende; Du
besitzest zwar die Kunst, in kleinen Formenzgen und Linien Dein Gefhl ahnen zu
lassen, und in dem, was Du unausgesprochen lt, stiehlt sich die Versicherung
ins Herz, da man Dir nicht gleichgltig ist; ja ich glaub's, da ich Dir lieb
bin, trotz Deinem kalten Brief; aber wenn Deine schne Migung pltzlich zum
Teufel ging und Du bliebst ohne Kunst und ohne feines Taktgefhl, so ganz wie
Dich Gott geschaffen hat in Deinem Herzen, ich wrde mich nicht vor Dir
frchten, wie jetzt, wenn ein so khler Brief ankommt, wo ich mich besinnen mu,
was ich denn getan habe.
    Heute schreibe ich aber doch mit Zuversicht, weil ich Dir erzhlen kann, wie
Dein einziger Sohn sich hier wohl und lustig befindet; er gibt mir alle Abend im
Theater ein Rendezvous in unserer Loge; frhmorgens spaziert er schon auf den
Stadttrmen herum, um die Gegend seiner vterlichen Stadt recht zu beschauen;
ein paarmal hab ich ihn hinausgefahren, um ihm die Gemsgrtnerei zu zeigen, da
grade jetzt die ersten wunderbarlichen Vorbereitungen dazu geschehen, wo jeder
Staude ihr Standort mit der Richtschnur abgemessen wird, und wo diese fleiigen
Grtner mit so groer Sorgfalt jedem Pflnzchen seinen Lebensunterhalt anweisen;
auch ans Stallburgsbrnnchen hab ich ihn gefhrt, auf die Pfingstwiese, auf den
Schneidewall; dann hinter die schlimme Mauer, wo in der Jugend Dein Spielplatz
war; dann zum Mainzer Trchen hinaus; auch in Offenbach war er mit mir und der
Mutter, und sind gegen Abend bei Mondschein zu Wasser wieder in die Stadt
gefahren; da hat unterwegs die Mutter recht losgelegt von all Deinen Geschichten
und Lustpartien; und da legte ich mich am Abend zu Bett mit trunkner Einbildung,
was mir einen Traum eintrug, von dem die Erinnerung mir eine Zeitlang Nahrung
sein wird. Es war, als lief ich in Weimar durch den Park, in dem ein starker
Regen fiel; es war grade alles im ersten Grn, die Sonne schien durch den Regen.
Als ich an Deine Tr kam, hrt ich Dich schon von weitem sprechen; ich rief, -
Du hrtest nicht, - da sah ich Dich auf derselben Bank sitzen, hinter welcher im
vorigen Jahr die schne breite Malve noch spt gewachsen war, - gegenber lag
auch die Katze wie damals, und als ich zu Dir kam, sagtest Du auch wieder:
Setze Dich nur dort ben zur Katze, wegen Deinen Augen, die mag ich nicht so
nah. - Hier wachte ich auf, aber weil mir der Traum so lieb war, konnt ich ihn
nicht aufgeben; ich trumte fort, trieb allerlei Spiel mit Dir und bedachte
dabei Deine Gte, die solche Zutraulichkeit erlaubt. - Du! der einen Kreis des
Lebendigen umfasset, in dem wir alle Dein Vertrauen in so mchtigen Zgen schon
eingesogen haben. Ich frchte mich manchmal, die Liebe, die rasch in meinem
Herzen aufsteigt, wenn auch nur in Gedanken vor Dir auszusprechen; aber so ein
Traum strzt wie ein angeschwollner Strom ber den Damm. Es mag sich einer
schwer entschlieen, eine Reise nach der Sonne zu tun, weil ihn die Erfahrung,
da man da nicht ankommt, davon abhlt; - mir gilt in solchen Augenblicken die
Erfahrung nichts, und so scheint mir denn, Dein Herz zu erreichen in seinem
vollen Glanze, nichts Unmgliches.
    Molitor war gestern bei mir; ich las ihm die Worte ber ihn aus Deinem
Briefe vor, sie haben ihn sehr ergtzt; dieser Edle ist der Meinung, da, da er
einen Leib fr die Juden zu opfern habe und einen Geist ihnen zu widmen, beide
auch recht ntzlich anzuwenden; es geht ihm brigens nicht sehr wohl, auer in
seinem Vertrauen auf Gott, bei welchem er jedoch fest glaubt, da die Welt nur
durch Schwarzkunst wieder ins Gleichgewicht zu bringen ist. Er hat gro
Vertrauen auf mich und glaubt, da ich mit der Divinationskraft begabt bin; brav
ist er und will ernstlich das Gute; bekmmert sich deswegen nicht um die Welt
und um sein eigen Fortkommen; ist mit einem Stuhl, einem Bett und mit fnf
Bchern, die er im Vermgen hat, sehr wohl zufrieden.
    Adieu, ich eile Toilette zu machen, um mit Deiner Mutter und Deinem Sohn zum
Primas zu fahren, der heute ihnen zu Ehren ein groes Fest gibt; - da werd ich
denn wieder recht mit dem Schlaf zu kmpfen haben; diese vielen Lichter, die
geputzten Leute, die geschminkten Wangen, das summende Geschwtz, haben eine
narkotische unwiderstehliche Wirkung auf mich.
                                                                         Bettine

                               An Frau von Goethe


                                                                     Am 7. April

Erinnern Sie sich noch des Abends, den wir bei Frau von Schopenhauer zubrachten,
und man eine Wettung machte, ich knne keine Nhnadel fhren? - Ein Beweis, da
ich damals nicht gelogen habe, ist beikommendes Rcklein; ich hab es so schn
gemacht, da mein Talent fr weibliche Handarbeit ohne Ungerechtigkeit doch
nicht mehr im Zweifel gezogen werden kann. Betrachten Sie es indessen mit
Nachsicht, denn im stillen mu ich Ihnen bekennen, da ich meinem Genie beinahe
zuviel zugetraut habe. Wenn Sie nur immer darin erkennen, da ich Ihnen gern so
viel Freude machen mchte, als in meiner Gewalt steht.
    August scheint sich hier zu gefallen; das Fest, welches der Frstprimas der
Gromutter und dem Enkel gab, beweist recht, wie er den Sohn ehrt. Ich will
indessen der Frau Rat nicht vorgreifen, die es Ihnen mit den schnsten Farben
ausmalen wird. August schwrmt in der ganzen Umgegend umher; berall sind
Jugendfreunde seines Vaters, die von den Hhen da und dort hindeuten und
erzhlen, welche glckliche Stunden sie mit ihm an so schnen Orten verlebten;
und so geht es im Triumph von der Stadt aufs Land und von da wieder in die
Stadt. - In Offenbach, dem zierlichsten und reinsten Stdtchen von der Welt, das
mit himmelblauseidenem Himmel unterlegt ist, mit silbernen Wellen garniert und
mit blhenden Feldern von Hyazinthen und Tausendschnchen gestickt; da war des
Erzhlens der Erinnerungen an jene glckliche Zeiten kein Ende.
    Beiliegende Granaten hab ich aus Salzburg erhalten; tragen Sie dieselben zu
meinem Andenken.
                                                                         Bettine

Einliegende Bcher fr den Geheimen Rat.

                                   An Bettine


                                                      Weimar, den 20. April 1808

Auch gestern wieder, liebes Herz, hat sich aus Deinem Fllhorn eine reichliche
Gabe zu uns ergossen, grade zur rechten Zeit und Stunde, denn die Frauenzimmer
waren in groer berlegung, was zu einem angesagten Fest angezogen werden
sollte. Nichts wollte recht passen, als eben das schne Kleid ankam, das denn
sogleich nicht geschont wurde.
    Da unter allen Seligkeiten, deren sich meine Frau vielleicht rhmen mchte,
die Schreibseligkeit die allergeringste ist: so verzeihe Du, wenn sie nicht
selbst die Freude ausdrckt, die Du ihr gemacht hast. Wie leer es bei uns
aussieht, fllt mir erst recht auf, wenn ich umherblicke und Dir doch auch
einmal etwas Freundliches zuschicken mchte. Darber will ich mir nun also
weiter kein Gewissen machen und auch fr die gedruckten Hefte danken, wie fr
manches, wovon ich noch jetzt nicht wei, wie ich mich seiner wrdig machen
soll. Das wollen wir denn mit bescheidenem Schweigen bergehen und uns lieber
abermals zu den Juden wenden, die jetzt in einem entscheidenden Moment zwischen
Tr und Angel stecken und die Flgel schon sperren, noch ehe ihnen das Tor der
Freiheit weit genug geffnet ist. -
    Es war mir sehr angenehm, zu sehen, da man den finanzgeheimertlichen,
jakobinischen Israelssohn so tchtig nach Hause geleuchtet hat. Kannst du mir
den Verfasser der kleinen Schrift wohl nennen? Es sind treffliche einzelne
Stellen drin, die in einem Pldoyer von Beaumarchais wohl htten Platz finden
knnen. Leider ist das Ganze nicht rasch, khn und lustig genug geschrieben, wie
es htte sein mssen, um jenen Humanittssalbader vor der ganzen Welt ein fr
allemal lcherlich zu machen. Nun bitte ich aber noch um die Judenstdtigkeit
selbst, damit ich ja nicht zu bitten und zu verlangen aufhre.
    Was Du mir von Molitor zu sagen gedenkst, wird mir Freude machen; auch durch
das letzte, was Du von ihm schickst, wird er mir merkwrdig, besonders durch
das, was er von der Pestalozzischen Methode sagt.
    Lebe recht wohl! Hab tausend Dank fr die gute Aufnahme des Sohns und bleibe
dem Vater gnstig.
                                                                              G.

                                   An Goethe


Die Stdtigkeits- und Schutzordnung der Judenschaft wird hierbei von einer edlen
Erscheinung begleitet; nicht allein, um Dir eine Freude zu machen, sondern weil
dies Bild mir lieb ist, hab ich's von der Wand an meinem Bett genommen, an dem
es seit drei Tagen hing, und seine Schnheit dem Postwagen anvertraut; Du sollst
nur sehen, was mich reizen kann. Hng dies Bild vor Dich, - schau ihm in diese
schnen Augen, - in denen der Wahnsinn seiner Jugend schon berwunden liegt,
dann fllt es Dir gewi auf, was Sehnsucht erregt. - Dies Unwiederbringliche,
was nicht lang das Tagslicht vertrgt und schnell entschwindet, weil es zu
herrlich ist fr den Mibrauch. - Diesem aber ist es nicht entschwunden, es ist
ihm nur tiefer in die Seele gesunken; denn zwischen seinen Lippen haucht sich
schon wieder aus, was sich im erhellten Aug nicht mehr darf sehen lassen. - Wenn
man das ganze Gesicht anblickt: - man hat's so lieb - man mcht mit ihm gewesen
sein, um alle Pein mit ihm zu dulden, um alles ihm zu vergten durch
tausendfache Liebe, - und wenn man den breiten vollen Lorbeer erblickt, scheinen
alle Wnsche fr ihn erfllt. Sein ganzes Wesen, - das Buch, was er an sich
hlt, macht ihn so lieb; htt ich damals gelebt, ich htt ihn nicht verlassen.

    August ist weg; ich sang ihm vor: Sind's nicht diese, sind's doch andre,
die da weinen, wenn ich wandre, holder Schatz, gedenk an mich. Und so wanderte
er zu den Pforten unseres republikanischen Hauses hinaus; hab ihn auch von
Herzen umarmt, zur Erinnerung fr mich an Dich; weil Du mich aber vergessen zu
haben scheinst und mir nur immer von dem Volk schreibst, welches verflucht ist,
und es Dir lieb ist, wenn Jacobson heimgeschickt wird, aber nicht, wenn ich
heimlich mit Dir bin, so schreib ich's zur Erinnerung fr Dich an mich, die Dich
trotz Deiner Klte doch immer liebhaben mu - halt, weil sie mu.
    Dem Primas hte ich mich wohl, Deine Ansichten ber die Juden mitzuteilen,
denn einmal geb ich Dir nicht recht, und hab auch meine Grnde; ich leugne auch
nicht, die Juden sind ein heihungriges, unbescheidenes Volk; wenn man ihnen den
Finger reicht, so reien sie einem bei der Hand an sich, da man um und um
purzeln mchte; das kommt eben daher, da sie so lang in der Not gesteckt haben;
ihre Gattung ist doch Menschenart, und diese soll doch einmal der Freiheit
teilhaftig sein, zu Christen will man sie absolut machen, aber aus ihrem engen
Fegfeuer der berfllten Judengasse will man sie nicht herauslassen; das hat
nicht wenig berwindung der Vorurteile gekostet, bis die Christen sich
entschlossen hatten, ihre Kinder mit den armen Judenkindern in eine Schule zu
schicken, es war aber ein hchst genialer und glcklicher Gedanke von meinem
Molitor, frs erste Christen- und Judenkinder in eine Schule zu bringen; die
knnen's denn miteinander versuchen und den Alten mit gutem Beispiel vorgehen.
Die Juden sind wirklich voll Untugend, das lt sich nicht leugnen; aber ich
sehe gar nicht ein, was an den Christen zu verderben ist; und wenn denn doch
alle Menschen Christen werden sollen, so lasse man sie ins himmlische Paradies,
- da werden sie sich schon bekehren, wenn's ihnen gefllig ist.
    Siehst Du, die Liebe macht mich nicht blind, - es wr auch ein zu groer
Nachteil fr mich, denn mit sehenden Augen bin ich alles Schnen inne geworden.
    Adieu, kalter Mann, der immer ber mich hinaus nach den Judenbroschren
reicht; ich bitte Dich, steck das Bild an die Wand mit vier Nadeln, aber in Dein
Zimmer, wo ich das einzige Mal drin war und hernach nicht mehr.
                                                                         Bettine

                                   An Bettine


Du zrnst auf mich, da mu ich denn gleich zu Kreuz kriechen und Dir recht
geben, da Du mir den Proze machst ber meine kurzen kalten Briefe, da doch
Deine lieben Briefe, Dein lieb Wesen, kurz alles, was von Dir ausgeht, mit der
schnsten Anerkenntnis mte belohnt werden. Ich bin Dir immer nah, das glaube
fest, und da es mir wohler tut, je lnger ich Deiner Liebe gewi werde. Gestern
schickte ich meiner Mutter ein kleines Blttchen fr Dich; nimm's als ein bares
quivalent fr das, was ich anders auszusprechen in mir kein Talent fhle, sehe
zu, wie Du Dir's aneignen kannst. Leb wohl, schreib mir bald, alles was Du
willst.
                                                                          Goethe

Der durchreisende Passagier wird Dir hoffentlich wert geblieben sein bis ans
Ende. Nehme meinen Dank fr das Freundliche und Gute, was Du ihm erzeigt hast. -
Wenn ich in Karlsbad zur Ruh bin, so sollst Du von mir hren. Deine Briefe
wandern mit mir; schreib mir ja recht viel von Deinen Reisen, Landpartien, alten
und neuen Besitzungen; das lese ich nun so gern.
    Weimar, den 4, Mai 1808

                  Sonett, im Brief an Goethes Mutter eingelegt


Als kleines art'ges Kind nach Feld und Auen
Sprangst du mit mir so manchen Frhlingsmorgen.
Fr solch ein Tchterchen, mit holden Sorgen
Mcht ich als Vater segnend Huser bauen!

Und als du anfingst in die Welt zu schauen,
War deine Freude husliches Besorgen.
Solch eine Schwester! und ich wr geborgen:
Wie knnt ich ihr, ach! wie sie mir vertrauen!

Nun kann den schnen Wachstum nichts beschrnken;
Ich fhl im Herzen heies Liebestoben,
Umfa ich sie, die Schmerzen zu beschwichtgen?

Doch ach! Nun mu ich dich als Frstin denken:
Du stehst so schroff vor mir emporgehoben;
Ich beuge mich vor deinem Blick, dem flchtgen.


                                   An Goethe

Ist es Dir eine Freude, mich in tiefer Verwirrung beschmt zu Deinen Fen zu
sehen, so sehe jetzt auf mich herab; so geht's der armen Schfermaid, der der
Knig die Krone aufsetzt; wenn ihr Herz auch stolz ist, ihn zu lieben, so ist
die Krone doch zu schwer; ihr Kpfchen schwankt unter der Last, und noch
obendrein ist sie trunken von der Ehre, von den Huldigungen, die der Geliebte
ihr schenkt.
    Ach, ich werde mich hten, ferner zu klagen oder um schn Wetter zu beten,
kann ich doch den blendenden Sonnenstrahl nicht vertragen. Nein, lieber im
Dunkel seufzen, still verschwiegen, als von Deiner Muse ans helle Tageslicht
gefhrt, beschmt, bekrnzt; das sprengt mir das Herz. Ach, betrachte mich nicht
so lange, nimm mir die Krone ab, verschrnke Deine Arme um mich an Deinem Herzen
und lehre mich vergessen ber Dir selber, da Du mich verklrt mir
wiederschenkst.
                                                                         Bettine

                                   An Goethe


                                                                      Am 20. Mai

Schon acht Tage bin ich in der lieblichsten Gegend des Rheins, und konnte vor
Faulheit, die mir die liebe Sonne einbrennt, keinen Augenblick finden, Deinem
freundlichen Brief eine Antwort zu geben. - Wie lt sich da auch schreiben! Die
Allmacht Gottes schaut mir zu jedem Fenster herein und neigt sich anmutig vor
meinem begeisterten Blick.
    Dabei bin ich noch mit einem wunderbaren Hellsehen begabt, was mir die
Gedanken einnimmt. Seh ich einen Wald, so wird mein Geist auch alle Hasen und
Hirsche gewahr, die drin herumspringen; und hr ich die Nachtigall, so wei ich
gleich, was der kalte Mond an ihr verschuldet hat.
    Gestern Abend ging ich noch spt an den Rhein; ich wagte mich auf einen
schmalen Damm, der mitten in den Flu fhrt, an dessen Spitze von Wellen
umbrauste Felsklippen hervorragen; ich erreichte mit einigen gewagten Sprngen
den allervordersten, der grade so viel Raum bietet, um trocknen Fues drauf zu
stehen. Die Nebel umtanzten mich; Heere von Raben flogen ber mir, sie drehten
sich im Kreis, als wollten sie sich aus der Luft herablassen; ich wehrte mich
dagegen mit einem Tuch, das ich ber meinen Kopf schwenkte, aber ich wagte
nicht, ber mich zu sehen, aus Furcht, ins Wasser zu fallen. Wie ich umkehren
wollte, da war guter Rat teuer; ich konnte kaum begreifen, wie ich hingekommen
war; es fuhr ein kleiner Seelenverkufer vorber, - dem winkte ich, mich
mitzunehmen. Der Schiffer wollte zu der weien Gestalt, die er trocknen Fues
mitten auf dem Flusse stehen sah, und die die Raben fr ihre Beute erklrten,
kein Zutrauen fassen; endlich lernte er begreifen, wie ich dahin gekommen war,
und nahm mich an Bord seines Dreibords. Da lag ich auf schmalem Brett, Himmel
und Sterne ber mir; wir fuhren noch eine halbe Stunde abwrts, bis wo seine
Netze am Ufer hingen; wir konnten von weitem sehen, wie die Leute bei hellem
Feuer Teer kochten und ihr Fahrzeug anstrichen.
    Wie leidenschaftslos wird man, wenn man so frei und einsam sich befindet wie
ich im Kahn; wie ergiet sich Ruh durch alle Glieder, sie ertrnkt einem mit
sich selbsten, sie trgt die Seele so still und sanft wie der Rhein mein kleines
Fahrzeug, unter dem man auch nicht eine Welle pltschern hrte. Da sehnte ich
mich nicht wie sonst meine Gedanken vor Dir auszusprechen, da sie gleich den
Wellen an der Brandung anschlagen und belebter weiter strmen; ich seufzte nicht
nach jenen Regungen im Innern, von denen ich wohl wei, da sie Geheimnisse
wecken und dem glhenden Jugendgeist Werksttte und Tempel ffnen. Mein Schiffer
mit der roten Mtze, in Hemdrmeln, hatte sein Pfeifchen angezndt; ich sagte:
Herr Schiffskapitn, Ihr seht ja aus, als htt die Sonne Euch zum Harnisch
ausglhen wollen ; - Ja, sagte er, jetzt sitz ich im Khlen; aber ich fahre
nun schon vier Jahre alle Reisende bei Bingen ber den Rhein, und da ist keiner
so weit hergekommen wie ich. Ich war in Indien; da sah ich ganz anders aus, da
wuchsen mir die Haare so lang. - Und war in Spanien; da ist die Hitze nicht so
bequem, ich hab Strapazen ausgestanden; da fielen mir die Haare aus, und ich
kriegte einen schwarzen Krauskopf. - Und hier am Rhein wird's wieder anders: da
wird mein Kopf gar wei; in der Fremde hatt ich Not und Arbeit, wie es ein
Mensch kaum ertrgt; und wenn ich Zeit hatte, konnte ich vierundzwanzig Stunden
hintereinander schlafen, - da mocht es regnen und blitzen unter freiem Himmel.
Hier schlaf ich nachts keine Stunde; wer's einmal geschmeckt hat auf offner See,
dem kann's nicht gefallen, hier alle Polen und rothaarigen Hollnder ber die
Gosse zu fahren, - und sollt ich den ganzen Rhein hinunterschwimmen auf meinen
dnnen Rippen, so mu ich fort aus einem Ort, wo's nichts zu lachen gibt und
nichts zu seufzen. - Ei, wo mchtet Ihr denn hin? - Da, wo ich am meisten
ausgestanden habe, das war in Spanien; - da mcht ich wieder sein, und wenn's
noch einmal so hart herging! - Was hat Euch denn da so glcklich gemacht? -
Er lachte und schwieg, - wir landeten; ich bestellte ihn zu mir, da er sich ein
Trinkgeld bei mir hole, weil ich nichts bei mir hatte; er wollte aber nichts
nehmen. Im Nachhausegehen berlegte ich, wie mein Glck ganz von Dir ausgeht;
wenn Du nicht wrst im langweiligen Deutschland, so mcht ich wahrhaftig auch
auf meinen dnnen Rippen den unendlichen Rhein hinabschwimmen. Unsere Gromutter
hat uns oft so erhabene Dinge gesagt von Deutschlands groen Geistern, aber Du
warst nicht dabei, sonst htt ich mich vor Dir gehtet, und Du wrst meiner
Begeisterung verlustig gewesen. Im Einschlafen fhlte ich mich noch immer
gewiegt in ser, gedankloser Zerstreuung, und es war mir, als hab ich Dir groe
Dinge mitzuteilen, von denen ich glaubte, ich drfe nur wollen, so werde sie der
Mund meiner Gedanken aussprechen; jetzt aber, nach ausgeschlafnem Traumleben,
wei ich nichts, als mich Deinem Andenken, Deiner freundlichen Neigung aufs
innigste anzuschmiegen; denn wrst Du mir nicht, ich wei nicht, was ich dann
wr; aber gewi: unstt und unruhig wrde ich suchen, was ich jetzt nicht mehr
suche.
                                                                       Dein Kind

Wie ist mir, lieber einziger Freund! Wie schwindelt mir, was willst Du mir
sagen, - Schatz! kstlicher! von dem ich alles lerne tief in der Brust, der mir
alle Fesseln abnimmt, die mich drcken, der mir winkt in die Lfte, in die
Freiheit.
    Das hast Du mir gelehrt, da alles, was meinem Geist eine Fessel ist, allein
nur drckende Unwissenheit ist; wo ich mich frchte, wo ich meinen Krften nicht
traue, da bin ich nur unwissend.
    Wissen ist die Himmelsbahn; das hchste Wissen ist Allmacht, das Element der
Seligkeit; solange wir nicht in ihm sind, sind wir noch ungeboren. Selig sein
ist frei sein; ein freies, selbstndiges Leben haben, dessen Hhe und
Gttlichkeit nicht abhngt von seiner Gestaltung; das in sich gttlich ist, weil
nur reiner Entfaltungstrieb in ihm ist; ewiges Blhen ans Licht und sonst
nichts.
    Liebe ist Entfaltungstrieb in die gttliche Freiheit. Dies Herz, das von Dir
empfunden sein will, will frei werden; es will entlassen sein aus dem Kerker in
Dein Bewutsein. Du bist das Reich, der Stern, den es seiner Freiheit erobern
will. Liebe will allmhlich die Ewigkeit erobern, die wie Du weit, kein Ende
nehmen wird.
    Dies Sehnen ist jenseits der Atem, der die Brust hebt; und die Liebe ist die
Luft, die wir trinken.
    Durch Dich werd ich ins unsterbliche Leben eingehen; der Lebende geht ein
durch den Geliebten ins Gttliche, in die Seligkeit. Liebe ist berstrmen in
die Seligkeit.
    Dir alles sagen, das ist mein ganzes Sein mit Dir; der Gedanke ist die
Pforte, die den Geist entlt; da rauscht er hervor und hebt sich hinber zur
Seele, die er liebt, und lt sich da nieder und kt die Geliebte, und das ist
Wollustschauer: den Gedanken empfinden, den die Liebe entzndet.
    Mge mir dies se Einverstndnis mit Dir bewahrt bleiben, in dem sich unser
Geist berhrt; dies khne Heldentum, das sich ber den Boden der Bedrngnis und
Sorge hinweghebt, auf himmlischen Stufen aufwrtsschreitend, solchen schnen
Gedanken entgegen, von denen ich wei, sie kommen aus Dir.

                                  Goethe an B.


                                                                      Am 7. Juni

Nur wenig Augenblicke vor meiner Abreise nach Karlsbad kommt Dein lieber Brief
aus dem Rheingau; auf jeder Seite so viel Herrliches und Wichtiges leuchtet mir
entgegen, da ich im voraus Beschlag lege auf jede prophetische Eingebung Deiner
Liebe; Deine Briefe wandern mit mir, die ich wie eine buntgewirkte Schnur
auftrle, um den schnen Reichtum, den sie enthalten, zu ordnen. Fahre fort,
mit diesem lieblichen Irrlichtertanz mein beschauliches Leben zu ergtzen und
beziehende Abenteuer zu lenken; - es ist mir alles aus eigner Jugenderinnerung
bekannt wie die heimatliche Ferne, deren man sich deutlich bewut fhlt, ob man
sie schon lange verlassen hat. Forsche doch nach dem Lebenslauf Deines
hartgebrannten Schiffers, wenn Du ihm wieder begegnest; es wre doch wohl
interessant zu erfahren, wie der indische Seefahrer endlich auf den Rhein kmmt,
um zur gefhrdeten Stunde den bsen Raubvgeln mein liebes Kind abzujagen.
Adieu! Der Eichwald und die khlen Bergschluchten, die meiner harren, sind der
Stimmung nicht ungnstig, die Du so unwiderstehlich herauszulocken verstehst;
auch predige Deine Naturevangelien nur immer in der schnen Zuversicht, da Du
einen frommen Glubigen an mir hast.
    Die gute Mutter hat mir sehr bedauerlich geschrieben, da sie diesen Sommer
Dich entbehren soll; Deine reiche Liebe wird auch dahin versorgend wirken, und
Du wirst einen in dem andern nicht vergessen.
    Mchtest Du doch auch gelegentlich meinen Dank, meine Verehrung unserm
vortrefflichen Frsten Primas ausdrcken, da er meinen Sohn so ber alle
Erwartung geehrt und der braven Gromutter ein so einziges Fest gegeben. Ich
sollte wohl selbst dafr danken, aber ich bin berzeugt, Du wirst das, was ich
zu sagen habe, viel artiger und anmutiger, wenn auch nicht herzlicher vortragen.
    Deine Briefe werden mir in Karlsbad bei den drei Mohren der willkommenste
Besuch sein, von denen ich mir das beste Heil verspreche. Erzhle mir ja recht
viel von Deinen Reisen, Landpartien, alten und neuen Besitzungen, und erhalte
Dich mir in fortdauerndem lebendigem Andenken.
                                                                              G.

                                   An Goethe


                                                                     Am 16. Juni

Hier sind noch tausend herrliche Wege, die alle nach berhmten Gegenden des
Rheins fhren; jenseits liegt der Johannisberg, auf dessen steilen Rcken wir
tglich Prozessionen hinaufklettern sehen, die den Weinbergen Segen erflehen,
dort berstrmt die scheidende Sonne das reiche Land mit ihrem Purpur, und der
Abendwind trgt feierlich die Fahnen der Schutzheiligen in den Lften und blht
die weitfaltigen weien Chorhemden der Geistlichkeit auf, die sich in der
Dmmerung wie ein rtselhaftes Wolkengebilde den Berg hinabschlngeln. Im
Nherrcken entwickelt sich der Gesang; die Kinderstimmen klingen am
vernehmlichsten; der Ba stt nur ruckweise die Melodien in die rechten Fugen,
damit sie das kleine Schulgewimmel nicht allzuhoch treibe, und dann pausiert er
am Fu des Berges, wo die Weinlagen aufhren. Nachdem der Herr Kaplan den
letzten Rebstock mit dem Wadel aus dem Weihwasserkessel bespritzt hat, fliegt
die ganze Prozession wie Spreu auseinander, der Kster nimmt Fahne, Weihkessel
und Wadel, Stola und Chorhemd, alles unter den Arm, und trgt's eilends davon,
als ob die Grenze der Weinberge auch die Grenze der Audienz Gottes wr, so fllt
das weltliche Leben ein, Schelmenliedchen bemchtigen sich der Kehlen, und ein
heiteres Allegro der Ausgelassenheit verdrngt den Bugesang, alle Unarten gehen
los, die Knaben balgen sich und lassen ihre Drachen am Ufer im Mondschein
fliegen, die Mdchen spannen ihre Leinwand aus, die auf der Bleiche liegt, und
die Bursche bombardieren sie mit wilden Kastanien; da jagt der Stadthirt die
Kuhherde durchs Getmmel, den Ochs voran, damit er sich Platz mache; die
hbschen Wirtstchter stehen unter den Weinlauben vor der Tr und klappen mit
dem Deckel der Weinkanne, da sprechen die Chorherren ein, und halten Gericht
ber Jahrgnge und Weinlagen, der Herr Frhmener sagt nach gehaltener
Prozession zum Herrn Kaplan: Nun haben wir's unserm Herrgot vorgetragen, was
unserm Wein nottut: noch acht Tage trocken Wetter, dann morgens frh Regen und
mittags tchtigen Sonnenschein, und das so fort Juli und August! Wenn's dann
kein gutes Weinjahr gibt, so ist's nicht unsre Schuld.
    Gestern wanderte ich der Prozession vorber, hinauf nach dem Kloster, wo sie
herkam. Oft hatte ich im Aufsteigen Halt gemacht, um den verhallenden Gesang
noch zu hren. Da oben auf der Hhe war groe Einsamkeit; nachdem auch das
Geheul der Hunde, die das Psalmieren obligat begleitet hatten, verklungen war,
sprte ich in die Ferne; da hrte ich dumpf das sinkende Treiben des scheidenden
Tags; ich blieb in Gedanken sitzen, - da kam aus dem fernen Waldgeheg von
Vollratz her etwas Weies, es war ein Reiter auf einem Schimmel; das Tier
leuchtete wie ein Geist, sein weicher Galopp tnte mir weissagend, die schlanke
Figur des Reiters schmiegte sich so nachgebend den Bewegungen des Pferdes, das
den Hals sanft und gelenk bog; bald in lssigem Schritt kam er heran, ich hatte
mich an den Weg gestellt, er mochte mich im Dunkel fr einen Knaben halten, im
braunen Tuchmantel und schwarzer Mtze sah ich nicht grade einem Mdchen
hnlich. Er fragte, ob der Weg hier nicht zu steil sei zum Hinabreiten, und ob
es noch weit sei bis Rdesheim. Ich leitete ihn den Berg herab, der Schimmel
hauchte mich an, ich klatschte seinen sanften Hals. Des Reiters schwarzes Haar,
seine erhabene Stirn und Nase waren bei dem hellen Nachthimmel deutlich zu
erkennen. Der Feldwchter ging vorber und grte, ich zog die Mtze ab, mir
klopfte das Herz neben meinem zweifelhaften Begleiter, wir gaben einander
wechselweise Raum, uns nher zu betrachten; was er von mir zu denken beliebte,
schien keinen groen Eindruck auf ihn zu machen, ich aber entdeckte in seinen
Zgen, seiner Kleidung und Bewegungen eine reizende Eigenheit nach der andern.
Nachlssig, bewutlos, naturlaunig sa er auf seinem Schimmel, der das Regiment
mit ihm teilte. - Dorthin flog er im Nebel schwimmend, der ihn nur allzubald mir
verbarg; ich aber blieb bei den letzten Reben, wo heute die Prozession in
ausgelanem bermut auseinandersprengte, allein zurck: ich fhlte mich sehr
gedemtigt, ich ahnete nicht nur, ich war berzeugt, dies rasche Leben, das eben
gleichgltig an mir vorbergestreift war, begehre mit allen fnf Sinnen des
Kstlichsten und Erhabensten im Dasein sich zu bemchtigen.
    Die Einsamkeit gibt dem Geist Selbstgefhl; die duftenden Weinberge
schmeichelten mich wieder zufrieden.
    Und nun vertraue ich Dir schmucklos meinen Reiter, meine gekrnkte
Eitelkeit, meine Sehnsucht nach dem lebendigen Geheimnis in der Menschenbrust.
Soll ich in Dir lebendig werden, genieen, atmen und ruhen, alles im Gefhl des
Gedeihens, so mu ich, Deiner hheren Natur unbeschadet, alles bekennen drfen
was mir fehlt, was ich erlebe und ahne; nimm mich auf, weise mich zurecht und
gnne mir die heimliche Lust des tiefsten Einverstndnisses.
    Die Seele ist zum Gottesdienst geboren, da ein Geist in dem andern
entbrenne, sich in ihm fhle und verstehen lerne, das ist mir Gottesdienst - je
inniger: je reiner und lebendiger.
    Wo ich mich hinlagere am grnenden Boden, von Sonne und Mond beschienen, da
bist Du meine Heiligung.
                                                                         Bettine

                                                                     Am 25. Juni

Du wirst doch auch einmal den Rhein wieder besuchen, den Garten Deines
Vaterlands, der dem Ausgewanderten die Heimat ersetzt, wo die Natur so
freundlich gro sich zeigt; - wie hat sie mit sympathetischem Geist die
mchtigen Ruinen aufs neue belebt, wie steigt sie auf und ab an den dstern
Mauern und begleitet die verdeten Rume mit schmeichelnder Begrasung und
erzieht die wilden Rosen auf den alten Warten und die Vogelkirsche, die aus
verwitterter Mauerluke herablacht! Ja, komm und durchwandre den mchtigen
Bergwald vom Tempel herab zum Felsennest, das ber dem schumenden Bingerloch
herabsieht, die Zinnen mit jungen Eichen gekrnt; wo die schlanken Dreiborde wie
schlaue Eidechsen durch die reiende Flut am Museturm vorbeischieen. Da stehst
Du und siehst, wie der helle Himmel ber grnenden Rebhgeln aus dem
Wasserspiegel herauflacht, und Dich selbst auf Deinem kecken eigensinnigen
basaltnen Ehrenfels inmitten abgemalt, in ernste, schaurig umfassende Felshhen
und hartnckige Vorsprnge eingerahmt; da betrachte Dir die Mndungen der Tale,
die mit ihren friedlichen Klstern zwischen wallenden Saaten aus blauer Ferne
hervorgrnen, und die Jagdreviere und hngenden Grten, die von einer Burg zur
andern sich schwingen, und das Geschmeide der Stdte und Drfer, das die Ufer
schmckt.
    O Weimar, o Karlsbad, entlat mir den Freund! Schlie Dein Schreibpult zu
und komm hier her, lieber als nach Karlsbad; das ist ja ein Kleines, da Du dem
Postillon sagst: links statt rechts; ich wei, was Du bedarfst, ich mache Dir
Dein Zimmer zurecht neben meinem, das Eckzimmer, mit dem einen Fenster den Rhein
hinunter und dem andern hinber; ein Tisch, ein Sessel, ein Bett und ein dunkler
Vorhang, da die Sonne Dir nicht zu frh hereinscheint. Mu es denn immer auf
dem Weg zum Tempel des Ruhms fortgeleiert sein, wo man so oft marode wird?
    Eben entdeckte ich den Brieftrger, ich sprang ihm entgegen, er zeigte mir
auch von weitem Deinen Brief, er freute sich mit mir und hatte auch Ursache
dazu, er sagte; Gewi ist der Brief von dem Herrn Liebsten!
    Ja, sagte ich, fr die Ewigkeit! Das hielt er fr ein melancholisches
Ausrufungszeichen.
    Die Mutter hat mir auch heute geschrieben, sie sagt mir's herzlich, da sie
mir wohl will, von Deinem Sohn erhalte ich zuweilen Nachricht durch andre, er
selbst aber lt nichts von sich hren.
    Und nun leb wohl, Dein Aufenthalt in Karlsbad sei Dir gedeihlich, ich segne
Deine Gesundheit; wenn Du krank wrst und Schmerzen littest, wrde ich sehr
mitleiden; ich hab so manches nachfhlen mssen, was Du wohl lngst verschmerzt
hattest, noch eh ich Dich kannte.
    Die drei Mohren sollen Deine Wchter sein, da sich kein fremder Gast bei
Dir einschleiche und Du Dir kein geschnitzeltes Bild machst, dasselbige
anzubeten. La Dir's bei den drei Mohren gesagt sein, da ich um den Ernst
Deiner Treue bitte, erhalte sie mir unter den zierlichen, migen Badenymphen,
die Dich umtanzen, die Nadel mit dem Gordischen Knoten trag an Deiner Brust,
denk daran, da Du aus der Flle meiner Liebe keine Wste des Jammers machen
sollst, und sollst den Knoten nicht entzweihauen.
    Dem Primas hab ich geschrieben in Deinem Auftrag, er ist in Aschaffenburg,
er hat mich eingeladen, dorthin zu kommen; ich werd auch wahrscheinlich mit der
ganzen Familie ihn besuchen, da kann ich ihm alles noch einmal mitteilen. Ich
werde Dir Nachricht darber geben.
    Nun ksse ich Dir zum letztenmal Hand und Mund, um morgen einen neuen Brief
zu beginnen.
                                                                         Bettine

                                   An Goethe


                                                                      Am 5. Juli

Wenn ich Dir alle Ausflge beschreiben sollte, liebster Herr, die wir von unserm
Rheinaufenthalt aus machen, so blieb mir keine Minute brig zum Schmachten und
Seufzen. Das wr mir sehr lieb, denn wenn mein Herz voll ist, so mcht ich's
gerne vor Dir berstrmen lassen; aber so geht's nicht: hat man den ganzen Tag
im heien Sonnenbrand einen Berg um den andern erstiegen, alle Herrlichkeiten
der Natur mit Hast in sich getrunken wie den khlen Wein in der Hitze, so mchte
man am Abend den Freund lieber ans Herz drcken und ihm sagen, wie lieb man ihn
hat, als noch viele Beschreibung von Weg und Steg machen. Was vermag ich auch
vor Dir, als nur Dich innigst anzusehen! Was soll ich Dir vorplaudern? - Was
knnen Dir meine einfltigen Reden sein?
    Wer sich nach der schnen Natur sehnt, der wird sie am besten beschreiben,
der wird nichts vergessen, keinen Sonnenstrahl, der sich durch die Felsritze
stiehlt, keinen Windvogel, der die Wellen streift, kein Kraut, kein Mckchen,
keine Blume am einsamen Ort. Wer aber mitten drinnen ist und mit glhendem
Gesicht oben ankommt, der schlft, wie ich, gern auf dem grnen Rasen ein und
denkt weiter nicht viel, manchmal gibt's einen Sto ans Herz, da seh ich mich um
und suche, wem ich's vertrauen soll.
    Was sollen mir all die Berge bis zur blauen Ferne, die blhenden Segel auf
dem Rhein, die brausenden Wasserstrudel! - Es drckt einem doch nur, und - keine
Antwort, niemals, wenn man auch noch so begehrend fragt. -

                                                                      Am 7. Juli

So lauten die Stoseufzer am Abend, am Morgen klingt's anders, da regt sich's
schon vor Sonnenaufgang und treibt mich hinaus, wie einer lngst ersehnten
Botschaft entgegen. Den Nachen kann ich schon allein regieren, es ist mein
liebstes Morgengebet, ihn listig und verstohlen von der Kette zu lsen und mich
hinber ans Ufer zu studieren. Allemal mu ich's wieder von neuem lernen, es ist
ein Wagstck, mit Mutwill begonnen, aber sehr andchtig beschlossen; denn ich
danke Gott, wenn ich glcklich gelandet bin. Ohne Wahl belaufe ich dann einen
der vielen Strahlenwege, die sich hier nach allen Seiten auftun. Jedesmal
lauscht die Erwartung im Herzen, jedesmal wird sie gelst, bald durch die
allumfassende Weite auf der Hh, durch die Sonne, die so pltzlich alles aus dem
Schlaf weckt; ich klimme herab an Felswnden, reinliches Moos, zierliches
Flechtwerk bekleiden den Stein, kleine Hhlen zum Lager wie gegossen, in denen
verschnauf ich, dort zwischen dunklen Felsen leuchtet ein helleres Grn: krftig
blhend, untadelig, mitten in der Wste find ich die Blume auf reinlichem Herd,
einfache Haushaltung Gottes; inmitten von Bltenwnden die Opfersttte feierlich
umstellt von schwanken priesterlichen Nymphen, die Libationen aus ihren
Kelchkrglein ergieen und Weihrauch streuen und wie die indischen Mdchen
goldnen Staub in die Lfte werfen. - Dann seh ich's blitzen im Sand; ich mu
hinab und wieder hinauf, ob's vielleicht ein Diamant ist, den der Zufall ans
Licht gebracht hat. Wenn's einer wr, ich schenkte ihn Dir, und denk mir Deine
Verwunderung ber das Kleinod unserer rheinischen Felsen. Da lieg ich am
unbeschatteten Ort mit brennenden Wangen und sammle Mut, wieder
hinberzuklettern zur duftenden Linde. Am Kreuzweg, beim Opferstock des heiligen
Petrus, der mit groem Himmelsschlssel ins vergitterte Kapellchen eingesperrt
ist, ruh ich aus auf weichem Gras und such vergebens, o Himmel! an deinem
gewlbten Blau das Loch, in das der Schlssel passen knnte, da ich heraus
mchte aus dem Gefngnis der Unwissenheit und Unbewutheit; wo ist die Tr, die
dem Licht und der Freiheit sich ffnet? - Da ruschelt's, da zwitschert's im
Laub, dicht neben mir unter niederem Ast sitzt das Finkenweibchen im Nest und
sieht mich klglich an.
    Das sind die kleinen allerliebsten Abenteuer und Mhseligkeiten des heutigen
Tags. Heimwrts machte ich die Bekanntschaft der kleinen Gnsehirtin, sie
strahlte mich von weitem an mit ihren zollangen schwarzen Augenwimpern, die
andern Kinder lachten es aus und sagten, alle Menschen hielten sich drber auf,
da es so lange Wimpern habe. Es stand beschmt da und fing endlich an zu
weinen. Ich trstete es und sagte; Weil dich Gott zur Hterin ber die schnen
weien Gnse bestellt hat und du immer auf freier Wiese gehest, wo die Sonne so
sehr blendet, so hat er dir diese langen Augenschatten wachsen lassen. Die
Gnse drngten sich an ihre weinende Hterin und zischten mich und die lachenden
Kinder an, knnt ich malen, - das gb ein Bild!
    Gut ist's, da ich nicht viel von dem wei, was in der Welt vorgeht, von
Knsten und Wissenschaften nichts versteh, ich knnte leicht in Versuchung
geraten, Dir darber zu sprechen, und meine Phantasie wrde alles besser wissen
wollen, jetzt nhrt sich mein Geist von Inspirationen. - Manches hr ich nennen,
anwenden, vergleichen, was ich nicht begreife, was hindert mich, danach zu
fragen? - Was macht mich so gleichgltig dagegen? Oder warum weiche ich wohl gar
aus, etwas Neues zu erfahren? -

                                                                Am frhen Morgen

Ein Heer von Wolken macht mir heute meine frhe Wanderung zu Wasser, dort drben
die Ufer sind heute wie Schatten der Unterwelt schwankend und schwindend; die
Turmspitzen der nebelbegrabenen Stdte und Ortschaften dringen kaum durch, die
schne grne Au ist verschwunden. - Es ist noch ganz frh - ich merk's! Kaum
kann es vier Uhr sein, da schlagen die Hhne an, von Ort zu Ort in die Runde bis
Mittelheim, von Nachbar zu Nachbar; keiner verkmmert dem andern die Ehre des
langen Nachhalls, und so geht's in die Ferne wie weit! Die Morgenstille
dazwischen wie die Wchter der Moscheen, die das Morgengebet ausrufen.
Morgenstund hat Gold im Mund, schon seh ich's glnzen und flimmern auf dem
Wasser, die Strahlen brechen durch und sen Sterne in den eilenden Strom, der
seit zwei Tagen, wo es unaufhrlich giet, angeschwollen ist.
    Da hat der Himmel seine Schleier zerrissen! - Nun ist's gewi, da wir heute
schn Wetter haben, ich bleibe zu Hause und will alle Segel zhlen, die
vorberziehen, und allen Betrachtungen Raum geben, die mir die ferne, allmhlich
erhellende Aussicht zufhrt. Du kennst den Flu des Lebens wohl genau und weit,
wo die Sandbnke und Klippen sind, und die Strudel, die uns in die Tiefe ziehen,
und wie weit der jauchzende Schiffer mit gespanntem Segel, mit frischem Wind
wohl kommen wird, und was ihn am Ufer erwartet.
    Wenn Dir's gefllt, einen Augenblick nachzudenken ber den Eigensinn meiner
Neigung und ber die Erregbarkeit meines Geistes, so mag Dir's wohl anschaulich
sein, was mir unmndig Schiffenden noch begegnen wird. O sag mir's, da ich
nichts erwarten soll von jenen Luftschlssern, die die Wolken eben im Saffran-
und Purpurfeld der aufgehenden Sonne auftrmen, sag mir: dies Lieben und
Aufflammen, und dies trotzige Schweigen zwischen mir und der Welt sei nichtig
und nichts!
    Ach der Regenbogen, der eben auf der Ingelheimer Au seinen diamantnen Fu
aufsetzt und sich bers Haus hinberschwingt auf den Johannisberg, der ist wohl
grad wie der selige Wahn, den ich habe von Dir und mir. Der Rhein, der sein Netz
ausspannt, um das Bild seiner paradiesischen Ufer darin aufzufangen, der ist wie
diese Lebensflamme, die von Spiegelungen des Unerreichbaren sich nhrt. Mag sie
denn der Wirklichkeit auch nicht mehr abgewinnen als den Wahn; - es wird mir
eben auch den eigentmlichen Geist geben und den Charakter, der mein Selbst
ausspricht wie dem Flu das Bild, das sich in ihm spiegelt.

                                                                        Am Abend

Heute morgen schiffte ich noch mit dem launigen Rheinbegeisterten Niklas Vogt
nach der Ingelheimer Au, seine enthusiastischen Erzhlungen waren ganz von dem O
und Ach vergangner schner Zeiten durchwebt. Er holte weit aus und fing von da
an, ob Adam hier nicht im Paradiese gelebt habe, und dann erzhlte er vom
Ursprung des Rheins und seinen Windungen durch wilde Schluchten und einengende
Felstale, und wie er da nach Norden sich wende und wieder zurckgewiesen werde,
links nach Westen, wo er den Bodensee bilde und dann so krftig sich ber die
entgegenstellenden Felsen strze; ja, sagte der gute Vogt ganz listig und
lustig, man kann den Flu ganz und gar mit Goethe vergleichen. Jetzt geben Sie
acht: die drei Bchlein, die von der Hhe des ungeheuren Urfelsen, der so
mannigfaltige abwechselnde Bestandteile hat, niederflieen und den Rhein bilden,
der als Jnglingskind erst sprudelt, das sind seine Musen, nmlich Wissenschaft,
Kunst und Poesie, und wie da noch mehr herrliche Flsse sind: der Tessin, der
Adda und Inn, worunter der Rhein der schnste und berhmteste, so ist Goethe
auch der berhmteste und schnste vor Herder, Schiller und Wieland; und da, wo
der Rhein den Bodensee bildet, das ist die liebenswrdige Allgemeinheit Goethes,
wo sein Geist von den drei Quellen noch gleichmig durchdrungen ist, da, wo er
sich ber die entgegenstauenden Felsen strzt: das ist sein trotzig berwinden
der Vorurteile, sein heidnisch Wesen, das braust tchtig auf und ist
tumultarisch begeistert; da kommen seine Xenien und Epigramme, seine
Naturansichten, die den alten Philistern ins Gesicht schlagen, und seine
philosophischen und religisen Richtungen, die sprudeln und toben zwischen dem
engen Felsverhack des Widerspruchs und der Vorurteile so fort, und mildern sich
dann allmhlich; nun aber kommt noch der beste Vergleich: die Flsse, die er
aufnimmt: die Limmat, die Thur, die Reu, die Ill, die Lauter, die Queich,
lauter weibliche Flsse, das sind die Liebschaften, so geht's immer fort bis zur
letzten Station. Die Selz, die Nah, die Saar, die Mosel, die Nette, die Ahr; -
nun kommen sie ihm vom Schwarzwald zugelaufen und von der rauhen Alp, - lauter
Flujungfern: die Elz, die Treisam, die Kinzig, die Murg, die Kraich, dann die
Reus, die Jaxt; aus dem Odenwald und Melibokus herab haben sich ein paar
allerliebste Flchen auf die Beine gemacht: die Wesnitz und die Schwarzbach;
die sind so eilig: was giltst du, was hast du? - Dann fhrt ihm der Main ganz
verschwiegen die Nid und die Krftel zu; das verdaut er alles ganz ruhig und
bleibt doch immer er selber; und so macht's unser groer deutscher Dichter auch,
wie unser groer deutscher Flu; wo er geht und steht, wo er gewesen ist und wo
er hinkommt, da ist immer was Liebes, was den Strom seiner Begeistrung
anschwellt.
    Ich war berrascht von der groen Gesellschaft; Vogt meinte, das wren noch
lange nicht alle; der Vergleiche waren noch kein Ende: Geschichte und Fabel,
Feuer und Wasser, was ber und unter der Erde gedeiht, wute er passend
anzuwenden; ein Rhinozerosgerippe und versteinerte Palmen, die man am Rhein
gefunden, nahm er als Deine interessantesten Studien bezeichnend. So belehrte er
mich und prophezeite, da Du auch bis ans Ende, wie der Rhein, aushalten
werdest, und nachdem Du wie er, alle gesttigt und genossen, sanft und gemachsam
dem Meer der Ewigkeit zuwallen werdest; er schrieb mir das Verzeichnis aller
Flsse auf und verglich mich mit der Nidda; ach wie leid tut mir's, da nach
dieser noch die Lahn, die Sayn, die Sieg, die Roer, die Lippe und die Ruhr
kommen sollen!
    Adieu! Ich nenne diesen Brief die Epistel der Spaziergnge; wenn sie Dir
nicht gefallen, so denk, da die Nidda keine Goldkrner in ihrem Bett fhrt wie
der Rhein, nur ein bichen Quecksilber.
    Sei mir gegrt bei den drei Mohren.
                                                                         Bettine

                                   An Bettine


                                                                     Am 15. Juli

Zwei Briefe von Dir, liebe Bettine, so reich an Erlebtem, sind mir kurz
nacheinander zugekommen; der erste, indem ich im Begriff war, das Freie zu
suchen. Wir nahmen ihn mit und bemchtigten uns seines Inhalts auf einem
wohlgeeigneten bequemen Ruhepunkt, wo Natur und Stimmung, im Einklang mit Deinen
sinnig heiteren Erzhlungen und Bemerkungen, einen hchst erfreulichen Eindruck
nicht verfehlten, der sich fortan durch den gordischen Knoten signalisieren
soll. Mgen die Gtter diesen magischen Verschlingungen geneigt sein und kein
tckischer Dmon daran zerren! An mir soll's nicht fehlen, Deine Schutz- und
Trutzgerechtsame zu bewahren gegen Nymphen und Waldteufel.
    Deine Beschreibung der Rheinprozession und der flchtigen Reitergestalt
haben mir viel Vergngen gemacht, sie bezeichnen wie Du empfindest und empfunden
sein willst; lasse Dir dergleichen Visionen nicht entgehen und versume ja
nicht, solche vorberstreifende Aufregungen bei den drei Haaren zu erfassen,
dann bleibt es in Deiner Gewalt, das Verschwundene in idealischer Form wieder
herbeizuzaubern. Auch fr Deine Naturbegeisterungen, in die Du mein Bild so
anmutig verstrickst, sei Dir Dank, solchen allerliebsten Schmeicheleien ist
nicht zu wehren.
    Heute morgen ist denn abermals Deine zweite Epistel zu mir gelangt, die mir
das schne Wetter ersetzte. Ich habe sie mit Mue durchlesen und dabei den Zug
der Wolken studiert. Ich bekenne Dir gern, da mir Deine reichen Bltter die
grte Freude machen; Deinen launigen Freund, der mir schon rhmlichst bekannt
ist, gre in meinem Namen und danke ihm fr den gromtigen Vergleich; obschon
ich hierdurch mit ausgezeichneten Prrogativen belehnt bin, so werd ich diese
doch nicht zum Nachteil Deiner guten Gesinnung mibrauchen; liebe mich so fort,
ich will gern die Lahn und die Sayn ihrer Wege schicken.
    Der Mutter schreibe, und lasse Dir von ihr schreiben; liebet Euch
untereinander, man gewinnt gar viel, wenn man sich durch Liebe einer des andern
bemchtigt; und wenn Du wieder schreibst, so knntest Du mir nebenher einen
Gefallen tun, wenn Du mir immer am Schlu ein offnes, unverhohlnes Bekenntnis
des Datums machen mchtest; auer manchen Vorteilen, die sich erst durch die
Zeit bewhren, ist es auch noch besonders erfreulich, gleich zu wissen, in wie
kurzer Zeit dies alles von Herzen zu Herzen gelangt. Das Gefhl der Frische hat
eine wohltuende, raumverkrzende Wirkung, von welcher wir beide ja auch Vorteil
ziehen knnen.
                                                                              G.

                                   An Goethe


                                                                     Am 18. Juli

Warst Du schon auf dem Rochusberg? - Er hat in der Ferne was sehr Anlockendes,
wie soll ich es Dir beschreiben? - So, als wenn man ihn gern befhlen,
streicheln mchte, so glatt und samtartig. Wenn die Kapelle auf der Hhe von der
Abendsonne beleuchtet ist und man sieht in die reichen grnen, runden Tler, die
sich wieder so fest aneinander schlieen, so scheint er sehnschtig an das Ufer
des Rheins gelagert mit seinem sanften Anschmiegen an die Gegend und mit den
gegltteten Furchen die ganze Natur zur Lust erwecken zu wollen. Er ist mir der
liebste Platz im Rheingau; er liegt eine Stunde von unserer Wohnung; ich habe
ihn schon morgens und abends, im Nebel, Regen und Sonnenschein besucht. Die
Kapelle ist erst seit ein paar Jahren zerstrt, das halbe Dach ist herunter, nur
die Rippen eines Schiffgewlbes stehen noch, in welches Weihen ein groes Nest
gebaut haben, die mit ihren Jungen ewig aus und ein fliegen, ein wildes Geschrei
halten, das sehr an die Wassergegend gemahnt. - Der Hauptaltar steht noch zur
Hlfte, auf demselben ein hohes Kreuz, an welches unten der heruntergestrzte
Christusleib festgebunden ist. Ich kletterte an dem Altar hinauf; um den
Trmmern noch eine letzte Ehre anzutun, wollte ich einen groen Blumenstrau,
den ich unterwegs gesammelt hatte, zwischen eine Spalte des Kopfes stecken; zu
meinem grten Schrecken fiel mir der Kopf vor die Fe, die Weihen und Spatzen
und alles was da genistet hatte, flog durch das Gepolter auf, und die stille
Einsamkeit des Orts war Minuten lang gestrt. Durch die ffnungen der Tren
schauen die entferntesten Gebirge: auf der einen Seite der Altknig, auf der
andern der ganze Hunsrck bis Kreuznach, vom Donnersberg begrenzt; rckwrts
kannst Du so viel Land bersehen als Du Lust hast. Wie ein breites Feiergewand
zieht es der Rhein schleppend hinter sich her, den Du vor der Kapelle mit allen
grnen Inseln wie mit Smaragden geschmckt liegen siehst; der Rdesheimer Berg,
der Scharlach- und Johannisberg, und wie all das edle Gefels heit, wo der beste
Wein wchst, liegen von verschiedenen Seiten und fangen die heien
Sonnenstrahlen wie blitzende Juwelen auf; man kann da alle Wirkung der Natur in
die Kraft des Weines deutlich erkennen, wie sich die Nebel zu Ballen wlzen und
sich an den Bergwnden herabsenken, wie das Erdreich sie gierig schluckt, und
wie die heien Winde drber herstreifen. Es ist nichts schner, als wenn das
Abendrot ber einen solchen benebelten Weinberg fllt; da ist's, als ob der Herr
selbst die alte Schpfung wieder angefrischt habe, ja als ob der Weinberg vom
eignen Geist benebelt sei. - Und wenn dann endlich die helle Nacht heraufsteigt
und allem Ruh gibt, - und mir auch, die vorher wohl die Arme ausstreckte und
nichts erreichen konnte; die an Dich gedacht hat; - Deinen Namen wohl hundertmal
auf den Lippen hatte, ohne ihn auszusprechen - mten nicht Schmerzen in mir
erregt werden, wenn ich es einmal wagte? - Und keine Antwort? Alles still? - Ja
Natur! wer so innig mit ihr vertraut wr, da er an ihrer Seligkeit genug htte!
- Aber ich nicht! - Lieber, lieber Freund, erlaub's doch, da ich Dir jetzt
beide Hnde ksse; zieh sie nicht zurck, wie Du sonst getan hast.
    Wo war ich heut nacht? - Wenn sie's wten, da ich die ganze Nacht nicht zu
Hause geschlafen habe und doch so sanft geruht habe! - Dir will ich's sagen; Du
bist weit entfernt, wenn Du auch schmlst, - bis hierher verhallt der Donner
Deiner Worte.
    Gestern abend ging ich noch allein auf den Rochusberg und schrieb Dir bis
hierher, dann trumte ich ein wenig und wie ich mich wieder besann und glaubte,
die Sonne wolle untergehen, da war's der aufgehende Mond; ich war berrascht,
ich htte mich gefrchtet, - die Sterne litten's nicht; diese Hunderttausende
und ich beisammen in dieser Nacht! - Ja, wer bin ich, da ich mich frchten
sollte, zhl ich denn mit? - Hinunter traute ich mich nicht, ich htte keinen
Nachen gefunden zum berfahren; die Nacht ist auch gar nicht lang jetzt, da legt
ich mich auf die andere Seite und sagte den Sternen gute Nacht; bald war ich
eingeschlafen, - dann und wann weckten mich irrende Lftchen, dann dacht ich an
Dich; so oft ich erwachte, rief ich Dich zu mir, ich sagte immer im Herzen:
Goethe sei bei mir, damit ich mich nicht frchte; dann trumte ich, da ich
lngs den schilfigen Ufern des Rheins schiffe, und da, wo es am tiefsten war,
zwischen schwarzen Felsspalten, da entfiel mir Dein Ring; ich sah ihn sinken,
tiefer und tiefer, bis auf den Grund! Ich wollte nach Hilfe rufen, - da erwachte
ich im Morgenrot, neubeglckt, da der Ring noch am Finger war. Ach Prophet! -
deute mir diesen Traum; komm dem Schicksal zuvor, la unserer Liebe nicht zu
nahe geschehen, nach dieser schnen Nacht, wo ich zwischen Furcht und Freude im
Rat der Sterne Deiner Zukunft gedachte5. Ich hatte schon lngst Sehnsucht nach
diesem sen Abenteuer; nun hat es mich so leise beschlichen, und alles steht
noch auf dem alten Fleck. Keiner wei, wo ich war, und wenn sie's auch wten, -
knnten sie ahnen, warum? - Dort kamst Du her, durch den flsternden Wald, von
milder Dmmerung umflossen, und wie Du ganz nahe warst, das konnten die mden
Sinne nicht ertragen, der Thymian duftete so stark; - da schlief ich ein, - es
war so schn, alles Blte und Wohlgeruch. Und das weite grenzenlose Heer der
Sterne, und das flatternde Mondsilber, das von Ferne zu Ferne auf dem Flu
tanzte, die ungeheure Stille der Natur, in der man alles hrt, was sich regt;
ach, hier fhle ich meine Seele eingepflanzt in diese Nachtschauer; hier keimen
zuknftige Gedanken; diese kalten Tauperlen, die Gras und Kruter beschweren,
von denen wchst der Geist; er eilt, er will Dir blhen, Goethe; er will seine
bunten Farben vor Dir ausbreiten; Liebe zu Dir ist es, da ich denken will, da
ich ringe nach noch Unausgesprochenem. Du siehst mich an im Geist, und Dein
Blick zieht Gedanken aus mir; da mu ich oft sagen, was ich nicht verstehe, was
ich nur sehe.
    Der Geist hat auch Sinne; so wie wir manches nur hren, oder nur sehen, oder
nur fhlen: so gibt's Gedanken, die der Geist auch nur mit einem dieser Sinne
wahrnimmt; oft seh ich nur, was ich denke, oft fhle ich's; und wenn ich's hre,
da erschttert mich's. Ich wei nicht, wie ich zu diesen Erfahrungen komme, die
sich nicht aus eigner berlegung erzeugen; - ich sehe mich um nach dem Herrn
dieser Stimme; - und dann meine ich, da sich alles aus dem Feuer der Liebe
erzeuge. Es ist Wrme im Geist, wir fhlen es; die Wangen glhen vom Denken, und
Frostschauer berlaufen uns, die die Begeistrung zu neuer Glut anfachen. Ja,
lieber Freund, heute morgen, da ich erwachte, war mir's, als htte ich Groes
erlebt, als htten die Gelbde meines Herzens Flgel und schwngen sich ber
Berg und Tal ins reine, heitre, lichterfllte Blau. - Keinen Schwur, keine
Bedingungen, alles nur angemene Bewegung, reines Streben nach dem Himmlischen.
Das ist mein Gelbde: Freiheit von allen Banden, und da ich nur dem Geist
glauben will, der Schnes offenbart, der Seligkeit prophezeit.
    Der Nachttau hat mich gewaschen; der scharfe Morgenwind trocknete mich
wieder; ich fhlte ein leises Frsteln, aber ich erwrmte mich beim Herabsteigen
von meinem lieben samtnen Rochus; die Schmetterlinge flogen schon um die Blumen;
ich trieb sie alle vor mir her, und wo ich unterwegs einen sah, da jagte ich ihn
zu meiner Herde; unten hatte ich wohl an dreiig beisammen, - ich htte sie gar
zu gerne mit ber den Rhein getrieben, aber da haspelten sie alle auseinander.
    Eben kommt eine Ladung Frankfurter Gste; - Christian Schlosser bringt mir
einen Brief von der Mutter und Dir, ich schliee um zu lesen.
                                                                       Dein Kind

Lieber Goethe! Du bist zufrieden mit mir und freust Dich ber alles, was ich
schreibe, und willst meine goldne Halsnadel tragen; - ja tu es, und lasse sie
ein Talisman sein fr diese glckerfllte Zeit. Heute haben wir den 21.

                                   An Goethe


                                                                            Caub

Ich schreibe Dir in der kristallnen Mitternacht; schwarze Basaltgegend, ins
Mondlicht eingetaucht! Die Stadt macht einen rechten Katzenbuckel mit ihren
geduckten Husern, und ganz bepelzt mit himmelstrubenden Felszacken und
Burgtrmmern; und da gegenber schauert's und flimmert's im Dunkel, wie wenn man
der Katze das Fell streicht.
    Ich lag schon im Bett unter einer wunderlichen Damastdecke, die mit Wappen
und verschlungenen Namenszgen und verblichnen Rosen und Jasminranken ganz starr
gestickt ist; ich hatte mich aber drunter in das Dir bekannte Fell des
Silberbren eingehllt. Ich lag recht bequem und angenehm und berlegte mir, was
der Christian Schlosser mir unterwegs hierher alles vorgefaselt hat; er sagt, Du
verstehst nichts von Musik und hrst nicht gern vom Tod reden. Ich fragte, woher
er das wisse; - er meint, er habe sich Mhe gegeben. Dich ber Musik zu
belehren; es sei ihm nicht gelungen; - vom Tod aber habe er gar nicht
angefangen, aus Furcht, Dir zu mifallen. Und wie ich eben in dem alleinigen,
mit groen Federbschen verzierten Ehebett darber nachdenke, hr ich drauen
ein Liedchen singen in fremder Sprache; so viel Gesang - - so viel Pause! - Ich
springe im Silberbr ans Fenster und gucke hinaus, - da sitzt mein spanischer
Schiffsmann in der frischen Mondnacht und singt. Ich erkannte ihn gleich an der
goldnen Quaste auf seiner Mtze; ich sagte: Guten Abend, Herr Kapitn, ich
dachte, Ihr wrt schon vor acht Tagen den Rhein hinab ins Meer geschwommen. Er
erkannte mich gleich und meinte, er habe drauf gewartet, ob ich nicht mit wolle.
Ich lie mir das Lied noch einmal singen; es klang sehr feierlich, - in den
Pausen hrte man den Widerhall an der kleinen scharfkantigen Pfalz, die inmitten
umdrngender schwarzer Felsgruppen mit ihren elfenbeinernen Festen und silbernen
Zinnen ganz ins Mondlicht eingeschmolzen war. -
    Lieber Goethe, ich wei nicht, was Dir der Schlosser ber Musik demonstriert
hat mit seiner verpelzten Stimme, - aber httest Du heute nacht mit mir dem
fremden Schiffer zugehrt, wie da die Tne unter sich einen feierlichen Reigen
tanzten; wie sie hinberwallten an die Ufer, die Felsen anhauchten und der leise
Widerhall in tiefer Nacht so s geweckt, trumerisch nachtnte; der Schiffer,
wie er aus verschmachteter Pause wehmtig aufseufzt, in hohen Tnen klagt und
aufgeregt in Verzweiflung hallend ruft nach Unerreichbarem und dann mit erneuter
Leidenschaft der Erinnerung seinen Gesang weiht, in Perlenreihen weicher Tne
den ganzen Schatz seines Glckes hinrollt; - - O und Ach! haucht, - lauscht, -
schmetternd ruft; - wieder lauscht - und ohne Antwort endlich die Herde sammelt,
in Vergessenheit die kleinen Lmmer zhlt: eins, zwei, drei, und wegzieht vom
verdeten Strand seines Lebens, der arme Schfer. - Ach, wunderbare Vermittlung
des Unausprechlichen, was die Brust bedrngt; ach Musik! -
    Ja, httest Du's mit angehrt, mit eingestimmt httest Du in die Geschicke;
mitgeseufzt, - mitgeweint, - und Begeistrung htte Dich durchzckt, und mich,
lieber Goethe, - die ich auch dabei war, - tiefbewegt, - mich htte der Trost in
Deinen Armen ereilt.
    Mir sagte der Schiffer gute Nacht, ich sprang in mein groes Bett unter die
damastene Decke, sie knarrte mir so vor den Ohren; - ich konnte nicht schlafen,
- ich wollte stilliegen; - da hrte ich in den gewundenen Sulen der Bettstelle
die Totenwrmchen picken; eins nach dem andern legte los, wie geschftige
Gesellen in einer Waffenschmiede. -
    Ich mu mich schmen vor Dir; - ich frchte mich zuweilen, wenn ich so
allein bin in der Nacht und ins Dunkel sehe; es ist nichts, aber ich kann mich
nicht dagegen wehren; dann mcht ich nicht allein sein, und blo darum denke ich
manchmal, ich msse heiraten, damit ich einen Beschtzer habe gegen diese
verwirrte angstvolle Gespensterwelt. Ach Goethe! - nimmst Du mir das bel? - Ja,
wenn der Tag anbricht, dann bin ich selbst ganz unzufrieden ber solche alberne
Verzagtheit. - Ich kann in der Nacht gehen im Freien und im Wald, wo jeder
Busch, jeder Ast ein ander Gesicht schneidet; mein wunderlicher der Gefahr
trotzender Mutwille bezwingt die Angst. - Drauen ist es auch was ganz andres, -
da sind sie nicht so zudringlich; man fhlt das Leben der Natur als ewiges
gttliches Wirken, das alles und einem selbst durchstrmt; - wer kann sich da
frchten? - Vorgestern auf dem Rochus in tiefer Nacht allein, da hrte ich den
Wind ganz von weitem herankommen; - er nahm zu in rascher Eile, je nher er kam,
und dann grade zu meinen Fen senkte er die Flgel sanft, ohne nur den Mantel
zu berhren, kaum, da er mich anhauchte, mute ich da nicht glauben, er sei
blo gesendet, um mich zu gren? - Du weit es doch, Goethe, Seufzer sind
Boten; Du sest allein am offnen Fenster, am spten Abend, und dchtest und
fhltest die letzte Begeisterung fr die letzte Geliebte in Deinem Blut wallen;
- dann unwillkrlich stt Du den Seufzer aus, - der macht sich augenblicklich
auf den Weg und jagt, - Du kannst ihn nicht zurckrufen.
    Irrende Seufzer nennt man, die aus unruhiger Brust, aus verwirrtem Denken
und Wnschen entspringen; aber ein solcher Seufzer aus mchtiger Brust, wo die
Gedanken, in schner Wendung sich verschrnkend, auf hohen Kothurnen die
taugebadeten Fe in heiligem Takte bewegen, von schwebender Muse geleitet; -
ein solcher Seufzer, der Deinen Liedern die Brust entriegelt, - der schwingt
sich als Herold vor ihnen her, und meine Seufzer, lieber Freund! - zu Tausenden
umdrngen sie ihn.
    Heute nacht nun hab ich mich grausam gefrchtet, - ich sah nach dem Fenster,
wo es hell war, - ich wr so gern dort gewesen! Ich war auf mein fatales
Erblager aus dem vorigen Jahrhundert, in dem Ritter und Prlaten schon mgen
ihren Geist ausgehaucht haben und ein Dutzend kleiner Meister vom Hammer, alle
emsig, pochten und pickten, fest gebannt. Ach, wie sehnt ich mich nach der
khlen Nachtluft. - Kann man so nrrisch sein? - Pltzlich hatte ich's
berwunden, ich stand mitten in der Stube. Auf den Fen, da bin ich gleich ein
Held, es soll mir einer nah kommen, - ach, wie pochten mir Herz und Schlfe; die
vierzehn Nothelfer, die ich aus alter Gewohnheit vom Kloster her noch
herbeirief, sind auch keine Gesellschaft zum Lachen, da der eine seinen eignen
Kopf, der andre sein Eingeweide im Arm trgt und so weiter. Ich entlie sie alle
zum Fenster hinaus. Und du magischer Spiegel, in dem alles so zauberisch
widerscheint, was ich erlebe, was war's denn, was mich beseligte? - Nichts! -
Tiefes Bewutsein, Friede atmen, - so stand ich am Fenster und erwartete den
anbrechenden Tag. -
                                                                         Bettine

                                                                     Am 24. Juli

ber Musik lasse ich Dich nicht los. Du sollst mir bekennen, ob Du mich liebst,
Du sollst sagen, da Du Dich von ihr durchdrungen fhlst. Der Schlosser hat
Generalba studiert, um ihn Dir beizubringen, und Du hast Dich gewehrt, wie er
sagt, gegen die kleine Sept, und hast gesagt: Bleibt mir mit eurer Sept vom
Leibe, wenn ihr sie nicht in Reih und Glied knnt aufstellen, wenn sie nicht
einklingt in die so bndig abgeschlonen Gesetze der Harmonie, wenn sie nicht
ihren sinnlich natrlichen Ursprung hat so gut wie die andern Tne, - und Du
hast den verdutzten Missionar zu Deinem heidnischen Tempel hinausgejagt und
bleibst einstweilen bei Deiner lydischen Tonart, die keine Sept hat. - Aber Du
mut ein Christ werden, Heide! - Die Sept klingt freilich nicht ein, und ohne
sinnliche Basis; sie ist der gttliche Fhrer, Vermittler der sinnlichen Natur
mit der himmlischen; sie ist bersinnlich, sie fhrt in die Geisterwelt, sie hat
Fleisch und Bein angenommen, um den Geist vom Fleisch zu befreien, sie ist zum
Ton geworden, um den Tnen den Geist zu geben, und wenn sie nicht wr, so wrden
alle Tne in der Vorhlle sitzenbleiben. Bilde Dir nur nicht ein, da die
Grundakkorde was Gescheuteres wren als die Erzvter vor der Erlsung, vor der
Himmelfahrt. Er kam und fhrte sie mit sich gen Himmel, und jetzt, wo sie erlst
sind, knnen sie selber erlsen, - sie knnen die harrende Sehnsucht
befriedigen. So ist es mit den Christen, so ist es mit den Tnen: ein jeder
Christ fhlt den Erlser in sich, ein jeder Ton kann sich selbst zum Vermittler,
zur Sept erhhen und da das ewige Werk der Erlsung aus dem Sinnlichen ins
Himmlische vollbringen, und nur durch Christum gehen wir in das Reich des
Geistes ein, und nur durch die Sept wird das erstarrte Reich der Tne erlst und
wird Musik, ewig bewegter Geist, was eigentlich der Himmel ist; sowie sie sich
berhren, erzeugen sich neue Geister, neue Begriffe; ihr Tanz, ihre Stellungen
werden gttliche Offenbarungen; Musik ist das Medium des Geistes, wodurch das
Sinnliche geistig wird - und wie die Erlsung ber alle sich verbreitet, die von
dem lebendigen Geist der Gottheit ergriffen, nach ewigem Leben sich sehnen: so
leitet die Sept durch ihre Auflsung alle Tne, die zu ihr um Erlsung bitten,
auf tausend verschiednen Wegen zu ihrem Ursprung, zum gttlichen Geist. Und wir
arme Menschen sollten uns gengen lassen, da wir fhlen: unser ganzes Dasein
ist ein Zubereiten, Seligkeit zu fassen, und sollten nicht warten auf einen
wohlgepolsterten aufgeputzten Himmel, wie Deine Mutter, die da glaubt, da dort
alles, was uns auf Erden Freude gemacht hat, in erhhtem Glanz sich wieder
finde; ja sogar behauptet, ihr verblichnes Hochzeitskleid von blagrner Seide
mit Gold- und Silberblttern durchwirkt und scharlachrotem Samtberwurf werde
dort ihr himmlisches Gewand sein, und der juwelene Strau, den ein grausamer
Dieb ihr entwendet, sauge schon jetzt einstweilen das Licht der Sterne ein, um
auf ihrem Haupt als Diadem unter den himmlischen Kronen zu glnzen. Sie sagt:
Fr was wr dies Gesicht das meinige, und warum sprche der Geist aus meinen
Augen diesen oder jenen an, wenn er nicht vom Himmel wr und die Anwartschaft
auf ihn htte? Alles was tot ist, macht keinen Eindruck; was aber Eindruck
macht, das ist ewig lebendig. Wenn ich ihr etwas erzhle, erfinde, so meint
sie, das sind alles Dinge, die im Himmel aufgestellt werden. Oft erzhle ich ihr
von Kunstwerken meiner Einbildung. Sie sagt: Das sind Tapeten der Phantasie,
mit denen die Wnde der himmlischen Wohnungen verziert sind. Letzt war sie im
Konzert und freute sich sehr ber ein Violoncell; da nahm ich die Gelegenheit
wahr und sagte: Geb Sie acht, Frau Rat, da Ihr die Engel nicht so lang mit dem
Fidelbogen um den Kopf schlagen, bis Sie einsieht, der Himmel ist Musik. Sie
war ganz frappiert, und nach langer Pause sagte sie: Mdchen, du kannst recht
haben.

                                                                          Am 25.

Was mache ich denn, Goethe, meine halben Nchte verschreib ich an Dich; gestern
frh im Nachen, da schlief ich, wir fuhren bis St. Goar und trumte ber Musik,
und was ich Dir gestern abend halb ermdet und halb besessen niedergeschrieben
habe, ist kaum eine Spur von dem, was sich in mir aussprach, aber Wahrheit liegt
drinnen; es ist eben ein groer Unterschied zwischen dem, was einem schlafend
der Geist eingibt, und dem, was man wachend davon behaupten kann. Ich sage Dir,
ich hoffe in Zukunft mehr bei Sinnen zu sein, wenn ich Dir schreibe; ich werde
mich migen und alle kleine Zge sammeln, unbekmmert ob sie aus einer
Anschauung hervorgehen, ob sie ein System begrnden. Ich mchte selbst gerne
wissen, was Musik ist, ich suche sie, wie der Mensch die ewige Weisheit sucht.
Glaube nicht, da, was ich geschrieben habe, nicht mein wahrer Ernst sei, ich
glaube dran, grad weil ich's gedacht habe, obschon es der himmlischen Genialitt
entbehrt und man ordentlich erkennt, wie ich froh war, mich vor meinem zrnenden
Dmon, da ich ihn so schlecht verstand, hinter den goldnen Reifrock Deiner
Mutter verbergen zu knnen. - Adieu! Gestern abend ging ich noch spt in der
schnen blhenden Lindenallee im Mondschein am Ufer des Rheins, da hrte ich's
klappen und sanft singen. Da sa vor ihrer Htte unter dem blhenden Lindenbaum
die Mutter von Zwillingen, eins hatte sie an der Brust, und das andre wiegte ihr
Fu im Takt, whrend sie ihr Lied sang; also im Keim, wo kaum die erste
Lebensspur sich regt, da ist Musik schon die Pflegerin des Geistes, es summt ins
Ohr und dann schlft das Kind, die Tne sind die Gesellen seiner Trume, sie
sind seine Mitwelt; es hat ja nichts - das Kind, ob es die Mutter auch wiege, es
ist allein im Geist; aber die Tne dringen in es ein und fesseln es an sich, wie
die Erde das Leben der Pflanze an sich fesselt, und wenn Musik das Leben nicht
hielt, so wrde es erkalten, und so brtet Musik fort, von da an, wo der Geist
sich regt, bis er reif, flgge und ungeduldig hinausstrebt nach jenseits, und da
werden wir's wohl auch erfahren, da Musik die Mutterwrme war, um den Geist
unter der Erdenhlle auszubrten. Amen.

                                                                          Am 26.

Dies heimliche Ergtzen, an Deiner Brust zu schlafen: - denn dies Schreiben an
Dich nach durchlaufner Tagsgeschichte ist ein wahres Trumen an Deinem Herzen,
von Deinen Armen umschlungen, ich freu mich immer, wenn wir in die Herberge
einziehen und es heit: Wir wollen frh zu Bett, denn wir mssen auch frh
wieder heraus; der Franz jagt mich immer zuerst ins Bett, und ich bin auch so
mde, da ich's kaum erwarten kann; ich werfe in Hast die Kleider ab und sinke
vor Mdigkeit in einen tiefen Brunnen, da umfngt mich das Waldrevier, durch das
wir am Tag geschritten waren, das Licht der Trume blitzt durch die dunklen
Wlbungen des Schlafs. - Trume sind Schume, sagt man, ich hab eine andre
Bemerkung gemacht, ob die wahr ist? - Allemal die Gegend, die Umgebung, in der
ich mich im Traum fhle, die deutet auf die Stimmung, auf das Passive meines
Gemts. So trum ich mich jetzt immer in Verborgenes, Heimliches; es sind Hhlen
von weichem Moos bei khlen Wassern, verschrnkt von blhenden Zweigen; es sind
dunkle Waldschluchten, wo uns gewi kein Mensch findet und sucht. Da wart ich
auf Dich im Traum, ich harre und sehe mich um nach Dir; ich gehe auf engen,
verwachsenen Wegen hin und her und eile zurck, weil ich glaub, jetzt bist Du
da; dann bricht pltzlich der Wille durch, ich ringe in mir, Dich zu haben, und
das ist mein Erwachen. Dann frbt sich's schon im Osten, ich rcke mir den Tisch
ans Fenster, die Dmmerung verschleiert noch die ersten Zeilen; bis ich aber das
Blatt zu Ende geschrieben habe, scheint schon die Sonne. Ach, was schreib ich
Dir denn? - Ich hab selbst kein Urteil drber, aber ich bin allemal neugierig,
was kommen wird. La andre ihre Schicksale bereichern durch schne Wallfahrten
in's gelobte Land, la sie ihr Journal schreiben von gelehrten und andern
Dingen, wenn sie Dir auch einen Elefantenfu oder eine versteinerte Schneck
mitbringen, - darber will ich schon Herr werden, wenn sie sich nur nicht in
ihren Trumen in Dich versenken wie ich. La mir die stille Nacht, nimm keine
Sorgen mit zu Bett, ruh aus in dem schnen Frieden, den ich Dir bereite, ich bin
ja auch so glcklich in Dir! Es ist freilich schn, wie Du sagst, sich in dem
Labyrinth geistiger Schtze mit dem Freund zu ergehen; aber darf ich nicht
bitten fr das Kind, das stumm vor Liebe ist? Denn eigentlich ist dieses
geschriebene Geplauder nur eine Nothilfe - die tiefste Liebe in mir ist stumm:
es ist, wie ein Mckchen summt um Deine Ohren im Schlaf, und wenn Du nicht wach
werden willst und meiner bewut sein, dann wird Dich's stechen. - Sag, ist dies
Leidenschaft, was ich Dir hier vorbete? - O sag's doch; - wenn's wahr wre, wenn
ich geboren wr, in Leidenschaft zu verflammen, wenn ich die hohe Zeder wr auf
dem die Welt berragenden Libanon, angezndet zum Opfer Deinem Genius, und
verduften knnte in Wohlgerchen, da jeder Deinen Geist einsge durch mich;
wenn's so wr, mein Freund, da Leidenschaft den Geist des Geliebten entbindet,
wie das Feuer den Duft! - und so ist es auch! Dein Geist wohnt in mir und
entzndet mich, und ich verzehre mich in Flammen und verdufte, und was die
aussprhenden Funken erreichen, das verbrennt mit; - so knackert und flackert
jetzt die Musik in mir, - die mu auch herhalten zum lustigen Opferfeuer; sie
will nur nicht recht znden und setzt viel Rauch. Ich gedenke hier Deiner und
Schillers; die Welt sieht Euch an wie zwei Brder auf einem Thron, er hat so
viel Anhnger wie Du; - sie wissen's nicht, da sie durch den einen vom andern
berhrt werden; ich aber bin dessen gewi. - Ich war auch einmal ungerecht gegen
Schiller und glaubte, weil ich Dich liebe, ich drfe seiner nicht achten; aber
nachdem ich Dich gesehen hatte, und nachdem seine Asche als letztes Heiligtum
seinen Freunden als Vermchtnis hinterblieb, da bin ich in mich gegangen; ich
fhlte wohl, das Geschrei der Raben ber diesem heiligen Leichnam sei gleich dem
ungerechten Urteil. Weit Du, was Du mir gesagt hast, wie wir uns zum erstenmal
sahen? - Ich will Dir's hier zum Denkstein hinsetzen Deines innersten Gewissens,
Du sagtest: Ich denke jetzt an Schiller, indem sahst Du mich an und seufztest
tief, da sprach ich drein und wollte Dir sagen, wie ich ihm nicht anhinge, Du
sagtest abermals: Ich wollte, er wr jetzt hier. - Sie wrden anders fhlen,
kein Mensch konnte seiner Gte widerstehen, wenn man ihn nicht so reich achtet
und so ergiebig, so war's, weil sein Geist einstrmte in alles Leben seiner
Zeit, und weil jeder durch ihn genhrt und gepflegt war und seine Mngel
ergnzt. So war er andern, so war er mir des meisten, und sein Verlust wird sich
nicht ersetzen. Damals schrieb ich Deine Worte auf, nicht um sie als
merkwrdiges Urteil von Dir andern mitzuteilen; - nein, sondern weil ich mich
beschmt fhlte. Diese Worte haben mir wohlgetan, sie haben mich belehrt, und
oft, wenn ich im Begriff war, ber einen den Stab zu brechen, so fiel mir's ein,
wie Du damals in Deiner milden Gerechtigkeit den Stab ber meinen Aberwitz
gebrochen. Ich mute in aufgeregter Eifersucht doch anerkennen, ich sei nichts.
Man berhrt nichts umsonst, sagtest Du, diese langjhrige Verbindung, dieser
ernste tiefe Verkehr, der ist ein Teil meiner selbst geworden; und wenn ich
jetzt ins Theater komme und seh nach seinem Platz, und mu es glauben, da er in
dieser Welt nicht mehr da ist, da diese Augen mich nicht mehr suchen, dann
verdriet mich das Leben, und ich mchte auch lieber nicht mehr da sein.
    Lieber Goethe, Du hast mich sehr hochgestellt, da Du damals so kstliche
Gefhle und Gesinnungen vor mir aussprachst. Es war zum erstenmal, da jemand
sein innerstes Herz vor mir aussprach, und Du warst es! - Ja Du nahmst keinen
Ansto und ergabst Dich diesen Nachwehen in meiner Gegenwart; und freilich hat
Schiller auf mich gewirkt, denn er hat Dich zrtlich und weich gestimmt, da Du
lange an mir gelehnt bliebst und mich endlich fest an Dich drcktest!
    Ich bin mde, ich habe geschrieben von halb drei bis jetzt gegen fnf Uhr;
heute wird's gar nicht hell werden - es hngen dicke Regenwolken am Himmel, da
werden wir wohl warten bis Mittag, eh wir weiterfahren. Du solltest nur das
Getmmel von Nebel sehen auf dem Rhein, und was an den einzelnen Felszacken
hngt! Wenn wir hier bleiben, dann schreib ich Dir mehr heute nachmittag, denn
ich wollte Dir von Musik sagen, von Schiller und Dir, wie Ihr mit der
zusammenhngt - das bohrt mir schon lange im Kopf.
    Ich bin mde, lieber Goethe, ich mu schlafen.

                                                                        Am Abend

Ich bin sehr mde, lieber Freund, und wrde Dir nicht schreiben, aber ich seh,
da diese Bltter auf dieser wunderlichen Kreuz- und Querreise sich zu etwas
Ganzem bilden, und da will ich doch nicht versumen, wenn auch nur in wenig
Zeilen, das Bild des Tages festzuhalten: lauter Sturm und Wetter, abwechselnd
ein einzelner Sonnenblick. Wir waren bis Mittag in St. Goarshausen geblieben,
und haben den Rheinfels erstiegen; meine Hnde sind von Dornen geritzt, und
meine Kniee zittern noch von der Anstrengung, denn ich war voran und whlte den
krzesten und steilsten Weg. Hier oben sieht es so feierlich und dster aus:
eine Reihe nackter Felsen schieben sich gedrngt hintereinander hervor, mit
Weingrten, Wldern und alten Burgtrmmern gekrnt; und so treten sie keck ins
Flubett dem Lauf des Rheins entgegen, der aus dem tiefen stillen See um den
verzauberten Lurelei sich herumschwingt, ber Felsschichten hinrauschend,
schumt, bullert, schwillt, gegen den Riff anschiet und den berbrausenden Zorn
der schumenden Fluten wie ein echter Zecher in sich hineintrinkt.
    Da oben sah ich bequem unter der schtzenden Mauer des Rheinfels die
Nachkommenden mit roten und grnen Parapluies mhsam den schlpfrigen Pfad
hinaufklettern, und da eben der Sonne letzter Hoffnungsstrahl verschwand und ein
tchtiger Gu dem Gebet um schn Wetter ein End machte, kehrte die naturliebende
Gesellschaft beinah am Ziel verzagt wieder um, und ich blieb allein unter den
gekrnten Huptern. Wie beschreib ich Dir diese erlebte Stunde mit kurzem Wort
treffend? Kaum konnte ich Atem holen, - so streng und gewaltig. Ach, ich bin
glcklich! Die ganze Welt ist schn, und ich erleb' alles fr Dich.
    Ich sah still und einsam in die tobende Flut, die Riesengesichter der Felsen
schchterten mich ein; ich getraute kaum den Blick zu heben; - manche machen's
zu arg, wie sie sich berhngen und mit dem dstern Gestruch, das sich aus
geborstener Wand hervordrngt; die nackten Wurzeln, kaum vom Stein gehalten, die
hngenden Zweige schwankend im reienden Strom; - es wurde so finster, - ich
glaubte, heute knne nicht mehr Tag werden. Eben berlegte ich, ob mich die
Wlfe heute nacht fressen wrden, - da trat die Sonne hervor und umzog, mit
Wolken kmpfend, die Hhen mit einem Feuerring. Die Waldkronen flammten, die
Hhlen und Schluchten hauchten ein schauerliches Dunkelblau aus ber den Flu
hin; da spielten mannigfaltige Widerscheine auf den versteinerten Gaugrafen, und
eine Schattenwelt umtanzte sie in flchtigem Wechsel auf der bewegten Flut;
alles wankte, - ich mute die Augen abwenden. Ich ri den Efeu von der Mauer
herab und machte Krnze und schwang sie mit meinem Hakenstock, mit dem ich
hinaufgeklettert war, weit in die Flut. Ach, ich sah sie kaum, - weg waren sie!
Gute Nacht! -

                                                                          Am 27.

Goethe, guten Morgen! Ich war frh um vier Uhr bei den Salmenfischern und habe
helfen lauern, denn sie meinen auch: Im Trben ist gut fischen, aber es half
nichts, es wurde keiner gefangen. Einen Karpfen hab ich losgekauft und Gott und
Dir zu Ehren wieder in die Flut entlassen.
    Das Wetter will sich nicht aufklren; eben schiffen wir ber, um auf dem
linken Ufer zu Wagen wieder nach Hause zu fahren, ich htte gar zu gern noch ein
paar Tage hier herumgekreuzt.

                                   An Bettine


                                                                  3. August 1808

Ich mu ganz darauf verzichten, Dir zu antworten, liebe Bettine; Du lt ein
ganzes Bilderbuch herrlicher, allerliebster Vorstellungen zierlich durch die
Finger laufen; man erkennt im Flug die Schtze, und man wei, was man hat, noch
eh man sich des Inhalts bemchtigen kann. Die besten Stunden bentze ich dazu,
um nher mit ihnen vertraut zu werden, und ermutige mich, die elektrischen
Schlge Deiner Begeistrungen auszuhalten. In diesem Augenblick hab ich kaum die
erste Hlfte Deines Briefs gelesen und bin zu bewegt, um fortzufahren. Habe
einstweilen Dank fr alles; verknde ungestrt und unbekmmert Deine Evangelien
und Glaubensartikel von den Hhen des Rheins, und la Deine Psalmen herabstrmen
zu mir und den Fischen; wundre Dich aber nicht, da ich, wie diese verstumme. Um
eines bitte ich Dich: hre nicht auf, mir gern zu schreiben; ich werde nie
aufhren, Dich mit Lust zu lesen.
    Was Dir Schlosser ber mich mitgeteilt hat, verleitet Dich zu sehr
interessanten Exkursionen aus dem Naturleben in das Gebiet der Kunst. Da Musik
mir ein noch rtselhafter Gegenstand schwieriger Untersuchung ist, leugne ich
nicht; ob ich mir den harten Ausspruch des Missionrs, wie Du ihn nennst, mu
gefallen lassen, das wird sich erst dann erweisen, wenn die Liebe zu ihr, die
jetzt mich zu wahrhaft abstrakten Studien bewegt, nicht mehr beharrt. Du hast
zwar flammende Fackeln und Feuerbecken ausgestellt in der Finsternis, aber bis
jetzt blenden sie mehr, als sie erleuchten, indessen erwarte ich doch von der
ganzen Illumination einen herrlichen Totaleffekt, so bleibe nur dabei und sprhe
nach allen Seiten hin.
    Da ich nun heute bis zum Amen Deiner reichen inhaltsvollen Bltter gekommen
bin, so mchte ich Dir schlielich nur mit einem Wort den Genu ausdrcken, der
mir daraus erwchst, und Dich bitten, da Du mir ja das Thema ber Musik nicht
fallen lt, sondern vielmehr nach allen Seiten hin und auf alle Weise
variierst. Und so sage ich Dir ein herzliches Lebewohl; bleibe mir gut, bis
gnstige Sterne uns zueinander fhren.
                                                                              G.

                                   An Goethe


                                                                      Rochusberg

Fnf Tage waren wir unterwegs, und seitdem hat es unaufhrlich geregnet. Das
ganze Haus voll Gste, kein Eckchen, wo man sich der Einsamkeit htte freuen
knnen, um Dir zu schreiben.
    Solang ich Dir noch zu sagen habe, so lang glaub ich auch fest, da Dein
Geist auf mich gerichtet ist wie auf so manche Rtsel der Natur; wie ich denn
glaube, da jeder Mensch ein solches Rtsel ist, und da es die Aufgabe der
Liebe ist zwischen Freunden, das Rtsel aufzulsen; so da ein jeder seine
tiefere Natur durch und in dem Freund kennenlerne. Ja Liebster, das macht mich
glcklich, da sich allmhlich mein Leben durch Dich entwickelt, drum mcht ich
auch nicht falsch sein, lieber mcht ich's dulden, da alle Fehler und Schwchen
von Dir gewut wren, als Dir einen falschen Begriff von mir geben; weil dann
Deine Liebe nicht mit mir beschftigt sein wrde, sondern mit einem Wahnbild,
was ich Dir statt meiner untergeschoben htte. - Darum mahnt mich auch oft ein
Gefhl, da ich dies oder jenes Dir zulieb meiden soll, weil ich es doch vor Dir
leugnen wrde.
    Lieber Goethe, ich mu Dir die tiefsten Sachen sagen; sie kommen eigentlich
allen Menschen zu, aber nur Du hrst mich an und glaubst an mich und gibst mir
in der Stille recht. - Ich habe oft darber nachgedacht, da der Geist nicht
kann, was er will, da eine geheime Sehnsucht in ihm verborgen liegt, und da er
die nicht befriedigen kann; zum Beispiel, da ich eine groe Sehnsucht habe bei
Dir zu sein, und da ich doch nicht, wenn ich auch noch so sehr an Dich denke,
Dir dies fhlbar machen kann; ich glaube, es kommt daher, weil der Geist
wirklich nicht im Reich der Wahrheit lebt und er also sein eigentliches Leben
noch nicht wahrmachen kann, bis er ganz aus der Lge heraus in das Reich der
Offenbarung bergegangen ist; denn die Wahrheit ist ja nur Offenbarung, und dann
wird sich ein Geist auch dem andern zu offenbaren vermgen. Ich mchte Dir noch
anderes sagen, aber es ist schwer, mich befllt Unruh, und ich wei nicht wohin
ich mich wenden soll; ja, im ersten Augenblick ist alles reich, aber will ich's
mit dem Wort anfassen, da ist alles verschwunden, so wie im Mrchen, wo man
einen kostbaren Schatz findet, in dem man alle Kleinode deutlich erkennt, will
man ihn berhren, so versinkt er, und das beweist mir auch, da der Geist hier
auf Erden das Schne nur trumt und noch nicht seiner Meister ist, denn sonst
knnte er fliegen, so gut wie er denkt, da er fliegen mchte. Ach wir sind
soweit voneinander! Welche Tr ich auch ffne und sehe die Menschen beisammen,
Du bist nicht unter ihnen; - ich wei es ja, noch eh ich ffne, und doch mu ich
mich erst berzeugen und empfinde die Schmerzen eines Getuschten; - sollte ich
Dir nun auch noch meine Seele verbergen? - oder das, was ich zu sagen habe,
einhllen in Gewand, weil ich mich schme der verzagten Ahnungen? - Soll ich
nicht das Zutrauen in Dich haben, da Du das Leben liebst, wenn es auch noch
unbehilflich der Pflege bedarf, bis es seinen Geist mitteilen kann? - Ich habe
mir groe Mhe gegeben mich zu sammeln und mich selbst auszusprechen; ich hab
mich vor dem Sonnenlicht versteckt, und in dunkler Nacht, wo kein Stern leuchtet
und die Winde brausen, da bin ich in die Finsternis hinaus und hab mich
fortgeschlichen bis zum Ufer; - da war es immer noch nicht einsam genug, - da
strten mich die Wellen, das Rauschen im Gras, und wenn ich in die dichte
Finsternis hineinstarrte und die Wolken sich teilten, da sich die Sterne
zeigten, - da hllte ich mich in den Mantel und legte das Gesicht an die Erde,
um ganz, ganz allein zu sein; das strkte mich, da ich freier war, da regte es
mich an, das, was vielleicht keiner beachtet, zu beachten; da besann ich mich,
ob ich denn wirklich mit Dir spreche, oder ob ich nur mich von Dir hren lasse?
- Ach Goethe! - Musik, ja Musik! Hier kommen wir wieder auf das heilige Kapitel,
- da hren wir auch zu, aber wir sprechen nicht mit, - aber wir hren, wie sie
untereinander sprechen, und das erschttert uns, das ergreift uns; - ja sie
sprechen untereinander, wir hren und empfinden, da sie eins werden im
Gesprch. - Drum, das wahre Sprechen ist eine Harmonie, ohne Scheidung alles in
sich vereint; - wenn ich Dir die Wahrheit sage, so mu Deine Seele in meine
berflieen, - das glaub ich.
    Wo kommen sie her, diese Geister der Musik? - Aus des Menschen Brust; - er
schaut sich selber an, der Meister; - das ist die Gewalt, die den Geist zitiert.
Er steigt hervor aus unendlicher Tiefe des Inneren, und sie sehen sich scharf
an, der Meister und der Geist, - das ist die Begeistrung; - so sieht der
gttliche Geist die Natur an, davon sie blht. - Da blhen Geister aus dem
Geist; sie umschlingen einander, sie strmen aus, sie trinken einander, sie
gebren einander; ihr Tanz ist Form, Gebild; wir sehen sie nicht - wir
empfinden's und unterwerfen uns seiner himmlischen Gewalt; und indem wir dies
tun, erleiden wir eine Einwirkung, die uns heilt. - Das ist Musik.
    O, glaub gewi, da wahre Musik bermenschlich ist. Der Meister fordert das
Unmgliche von den Geistern, die ihm unterworfen sind, - und siehe, es ist
mglich, sie leisten es. - An Zauberei ist nicht zu zweifeln, nur mu man
glauben, da das bermchtige auch im Reich der bermacht geleistet werde, und
da das Hchste von der Ahnung, von dem Streben desjenigen abhnge, dem die
Geister sich neigen. Wer das Gttliche will, dem werden sie Gttliches leisten.
Was ist aber das Gttliche? - Das ewige Opfer des menschlichen Herzens an die
Gottheit: - dies Opfer geht hier geistigerweise vor; und wenn es der Meister
auch leugnet, oder nicht ahnt, - es ist doch wahr. - Erfat er eine Melodie, so
ahnet er schon ihre Vollkommenheit, und das Herz unterwirft sich einer strengen
Prfung, es lt sich alles gefallen, um dem Gttlichen nherzukommen; je hher
es steigt, je seliger; und das ist das Verdienst des Meisters, da er sich
gefallen lasse, da die Geister auf ihn eindringen, ihm nehmen, sein Ganzes
vernichten, da er ihnen gehorcht, das Hhere zu suchen unter ewigen Schmerzen
der Begeistrung. Wo ich das alles, und einzig, was ich gehrt habe, war Musik.
Wie ich aus dem Kloster kam nach Offenbach, da lag ich im Garten auf dem Rasen
und hrte Salieri und Winter, Mozart und Cherubini, Haydn und Beethoven. Das
alles umschwrmte mich; ich begriff's weder mit den Ohren noch mit dem Verstand,
aber ich fhlte es doch, whrend ich alles andre im Leben nicht fhlte; das
heit, der innere, hhere Mensch fhlt es; und schon damals fragte ich mich:
Wer ist das, der da gespeist und getrnkt wird durch Musik, und was ist das,
was da wchst und sich nhrt, pflegt und selbstttig wird durch sie? - Denn ich
fhlte eine Bewegung zum Handeln; ich wute aber nicht, was ich ergreifen
sollte. Oft dachte ich, ich msse mit fliegender Fahne voranziehen den Vlkern;
ich wrde sie auf Hhen fhren ber den Feind, und dann mten sie auf mein
Gehei, auf meinen Wink hinunterbrausen ins Tal und siegend sich verbreiten. Da
sah ich die roten und weien Fhnlein fliegen und den Pulverdampf in den
sonneblendenden Gefilden; da sah ich sie heransprengen im Galopp - die
Siegesboten, mich umringen und mir zujauchzen; da sah und fhlte ich, wie der
Geist in der Begeistrung sich lst und zum Himmel aufschwingt; die Helden, an
den Wunden verblutend, zerschmettert, selig aufschreiend im Tod, ja und ich
selbst hab es mit erlebt, - denn ich fhlte mich auch verwundet und fhlte, wie
der Geist Abschied nahm, gern noch verweilt htte unter den Palmen der
Siegesgttin und doch, da sie ihn enthob, auch gern sich mit ihr aufschwang. Ja,
so hab ich's erlebt und anderes noch: wo ich mich einsam fhlte, in tiefe wilde
Schluchten sah, nicht tief - untief; unendliche Berge ber mir, ahnend die
Gegenwart der Geister. Ja, ich nahm mich zusammen und sagte: Kommt nur, ihr
Geister, kommt nur heran; weil ihr gttlich seid und hher als ich, so will ich
mich nicht wehren. Da hrte ich aus dem unsglichen Gebraus der Stimmen die
Geister sich losreien; - sie wichen voneinander - ich sah sie aus der Ferne in
glnzendem Fluge mir nahen; durch die himmlische blaue Luft verdufteten sie ihre
silberne Weisheit, und sie neigten sich in den Felsensaal herab und strmten
Licht ber die schwarzen Abgrnde, da alles sichtbar war. Da sprangen die
Wellen in Blumen in die Hhe und umtanzten sie, und ihr Nahen, ihr ganzes
Sprechen war ein Eindringen ihrer Schnheit auf mich, da meine Augen sie kaum
faten mit allem Beistand des Geistes - und das war ihre ganze Wirkung auf mich.
    O Goethe! Ich knnte Dir noch viele Gesichte mitteilen; ja ich glaub's, da
Orpheus sich umringt sah von den wilden Tieren, die in ser Wehmut aufsthnten
mit den Seufzern seines Gesangs; ich glaub's da die Bume und Felsen sich
nahten und neue Gruppen und Wlder bildeten, denn auch ich hab's erlebt; ich sah
Sulen emporsteigen und wunderbares Geblk tragen, auf dem sich schne Jnglinge
wiegten; ich sah Hallen, in denen erhabene Gtterbilder aufgestellt waren;
wunderbare Gebude, deren Glanz den Blick des stolzen Auges brachen; deren
Galerien Tempel waren, in denen Priesterinnen mit goldnen Opfergerten wandelten
und die Sulen mit Blumen schmckten, und deren Zinnen von Adlern und Schwanen
umkreist waren; ich sah diese ungeheuren Architekturen mit der Nacht sich
vermhlen, die elfenbeinernen Trme mit ihren diamantnen Lazuren im Abendrot
schmelzen und ber die Sterne hinausragen, die im kalten Blau der Nacht wie
gesammelte Heere dahinflogen und, tanzend im Takt der Musik und um die Geister
sich schwingend, Kreise bildeten. Da hrte ich in den fernen Wldern das Seufzen
der Tiere um Erlsung; und was schwrmte alles noch vor meinem Blick und in
meinem Wahn. - Was glaubte ich tun zu mssen und zu knnen; welche Gelbde hab
ich den Geistern ausgesprochen; alles, was sie verlangten, hab ich auf ewig und
ewig gelobt. Ach Goethe, das alles hab ich erlebt in dem grnen goldgeblmten
Gras. Da lag ich in der Spielstunde und hatte die feine Leinwand ber mich
gebreitet, die man da bleichte, ich hrte oder fhlte mich vielmehr getragen und
umbraust von diesen unaussprechlichen Symphonien, die keiner deuten kann; da
kamen sie und begossen die Leinwand; und ich blieb liegen und fhlte die Glut
behaglich abgekhlt. Du wirst gewi auch hnliches erlebt haben; diese
Fieberreize, ins Paradies der Phantasie aufzusteigen, haben Dich auf irgendeine
Weise durchdrungen; sie durchglhen die Natur, die wieder erkaltet - etwas
anders geworden, zu etwas anderm befhigt ist. An Dich haben die Geister Hand
gelegt, in's unsterbliche Feuer gehalten; - und das war Musik; ob Du sie
verstehst, oder empfindest; ob Unruhe oder Ruhe Dich befllt; ob Du jauchzest
oder tief trauerst; ob Dein Geist Freiheit atmet oder seine Fesseln empfindet; -
es ist immer die Geisterbasis des bermenschlichen in Dir. Wenn auch weder die
Terz noch die Quint Dir ein Licht aufstecken, wenn sie nicht so gndig sind,
sich von Dir beschauen und befhlen zu lassen, so ist es blo, weil Du
durchgegangen bist durch ihre Heiligung, weil die Sinne, gereift an ihrem Licht,
schon wieder die goldnen Fruchtkrner zur Saat ausspreuen. Ja, Deine Lieder sind
die sen Frchte, ihres Balsams voll. Balsam strmt in Deiner dithyrambischen
Wollust! Schon sind's nicht mehr Tne - es sind ganze Geschlechter in Deinen
Gedichten, die ihre Gewalt tragen und verbreiten. - Ja, das glaub ich gewi, da
Musik jede echte Kunsterscheinung bildet und sich freut, in Dir so rein
wiedergeboren zu sein. - Kmmere Dich nicht um die leeren Eierschalen, aus denen
die flgge gewordenen Geister entschlpft sind; - nicht um die Terz und die
Quint und um die ganze Basen- und Vetterschaft der Dur- und Mollton- arten, -
Dir sind sie selber verwandt; Du bist mitten unter ihnen. Das Kind fragt nicht
unter den Seinigen: Wer sind diese, und wie kommen sie zueinander? Es fhlt
das ewige Gesetz der Liebe, das es allen verbindet. - Und dann mu ich Dir auch
noch eins sagen: Komponisten sind keine Maurer, die Steine aufeinanderbacken,
den Rauchfang nicht vergessen, die Treppe nicht, nicht den Dachstuhl, und die
Tr nicht, wo sie wieder herausschlpfen knnen, und glauben, sie haben ein Haus
gebaut. - - Das sind mir keine Komponisten, die Deinen Liedern ein artig Gewand
zuschneiden, das hinten und vorne lang genug ist. O Deine Lieder, die durchs
Herz brechen mit ihrer Melodie; wie ich vor zehn Tagen da oben sa auf dem
Rheinfels, und der Wind die starken Eichen bog, da sie krachten, und sie
sausten und brausten im Sturm, und ihr Laub, getragen vom Wind, tanzte ber den
Wellen. - Da hab ich's gewagt zu singen; da war's keine Tonart - da war's kein
bergang - da war's kein Malen der Gefhle oder Gedanken, was so gewaltig mit in
die Natur einstimmte: es war der Drang eins mit ihr zu sein. Da hab ich's wohl
empfunden, wie Musik Deinem Genius einwohnt! Der hat sich mir gezeigt, schwebend
ber den Wassern, und hat mir's eingeschrft, da Dich ich liebe. - Ach Goethe,
la Dir keine Liedchen vorlallen und glaube nicht, Du mtest sie verstehen und
wrdigen lernen; ergib Dich auf Gnad und Ungnad; leide in Gottesnamen
Schiffbruch mit Deinem Begriff; - was willst Du alles Gttliche ordnen und
verstehen, wo's her kommt und hin will? Siehst Du, so schreib ich, wenn ich
zgellos bin und nicht danach frage, ob's der Verstand billigt. Ich wei nicht,
ob es Wahrheit ist; mehr als das, was ich prfe; aber so mcht ich lieber
schreiben, ohne zu befrchten, da Du wie andre mich schweigen hieest; was
knnt ich Dir alles sagen, wenn ich mich nicht besinnen wollte! Bald wrde ich
Herr werden, und nichts sollte sich mir verbergen, was ich halten wollte mit dem
Geist, - und wenn Du einstimmtest und neigtest Dich meinem Willen, wie der
Septakkord sich der Auflsung entgegendrngt, dann wr's, wie die Liebe es will.

                                                                      Rochusberg

Ich kann oft vor Lust, da jetzt die selige einsame Stunde dazu ist, nicht zum
Schreiben kommen. Hier oben, im goldnen Sommer an die goldne Zukunft denken, -
denn das ist meine Zukunft: Dich wiedersehen; schon von dem Augenblick an, wo Du
mir die Hand zum Abschied reichst und zu verstehen gibst, es sei genug der
Zrtlichkeit, - da wende ich in Gedanken schon wieder um zu Dir. Darum lache ich
auch mit dem einen Auge, whrend ich mit dem andern weine.
    Wie selig, also Dich zu denken, wie geschwtzig wird meine Seele in jedem
kleinen Ereignis, aus dem sie hofft, den Schatz zu heben.
    Mein erster Gang war hier herauf, wo ich Dir den letzten Brief schrieb, ehe
wir reisten. Ich wollte sehen, ob mein Tintenfa noch da sei und meine kleine
Mappe mit Papier. Alles noch an Ort und Stelle; ach Goethe, ich habe Deine
Briefe so lieb, ich habe sie eingehllt in ein seidnes Tuch mit bunten Blumen
und goldnem Zierat gestickt. Am letzten Tag vor unserer Rheinreise, da wute ich
nicht wohin mit, mitnehmen wollte ich sie nicht, da wir allesamt nur einen
Mantelsack hatten; in meinem Zimmerchen, das ich nicht verschlieen konnte, weil
es gebraucht wurde, mochte ich sie auch nicht lassen, ich dachte, der Nachen
knnte versinken und ich versaufen, und dann wrden diese Briefe, deren einer um
den andern an meinem Herzen gelegen hat, in fremde Hand kommen. Erst wollte ich
sie den Nonnen in Vollratz aufzuheben geben; - es sind Bernhardinerinnen, die,
aus dem Kloster vertrieben, jetzt dort wohnen, - nachher hab ich's anders
berlegt. Das letztemal habe ich hier auf dem Berg einen Ort gefunden; unter dem
Beichtstuhl der Rochuskapelle, der noch steht, in dem ich auch immer meine
Schreibereien verwahre, hab ich eine kleine Hhle gegraben und hab sie inwendig
mit Muscheln vom Rhein und wunderschnen kleinen Kieselsteinchen ausgemauert,
die ich auf dem Berge fand; da hab ich sie in ihrer seidnen Umhllung
hineingelegt und eine Distel vor die Stelle gepflanzt, deren Wurzel ich
sorgfltig mitsamt der Erde ausgestochen. Unterwegs war mir oft bange; welcher
Schlag htte mich getroffen, htte ich sie nicht wiedergefunden, mir steht das
Herz still; - sieben Tage war schlecht Wetter nach unserer Heimkehr; es war
nicht mglich, hinberzukommen; der Rhein ist um drei Fu gestiegen und ganz
verdet von Nachen; ach, wie hab ich's verwnscht, da ich sie da oben
hingebracht hatte; keinem mocht ich's sagen, aber die Ungeduld hinberzukommen!
Ich hatte Fieber aus Angst um meine Briefe, ich konnte mir ja erwarten, der
Regen wrde irgendwo durchgedrungen sein und sie verderben; ach, sie haben auch
ein bichen Wassernot gelitten, aber nur ganz wenig, ich war so froh, wie ich
von weitem die Distel blhen sah, da hab ich sie denn ausgegraben und in die
Sonne gelegt; sie sind gleich trocken, und ich nehm sie mit. Die Distel hab ich
zum ewigen Andenken wieder festgepflanzt. - Nun mu ich Dir auch erzhlen, was
ich hier oben fr eine neue Einrichtung gefunden, nmlich oben im Beichtstuhl
ein Brett befestigt und darauf einen kleinen viereckigen Bienenkorb. Die Bienen
waren ganz matt und saen auf dem Brettchen und an dem Korb. Nun mu ich Dir aus
dem Kloster erzhlen. Da war eine Nonne, die hie man Mere celatrice, die hatte
mich an sich gewhnt, da ich ihr alle Geschfte besorgen half. Hatten wir den
Wein im Keller gepflegt, so sahen wir nach den Bienen; denn sie war
Bienenmutter, und das war ein ganz bedeutendes Amt. Im Winter wurden sie von ihr
gefttert, die Bienen saugten aus ihrer Hand ses Bier. Im Sommer hingen sie
sich an ihren Schleier, wenn sie im Garten ging, und sie behauptete, von ihnen
gekannt und geliebt zu sein. Damals hatte ich groe Neigung zu diesen Tierchen.
Die Mere celatrice sagte, vor allem msse man die Furcht berwinden, und wenn
eine stechen wolle, so msse man nicht zucken, dann wrden sie nie stark
stechen. Das hat mich groe berwindung gekostet, nachdem ich den festen Vorsatz
gefat hatte, mitten unter den schwrmenden Bienen ruhig zu sein, befiel mich
die Furcht, ich lief, und der ganze Schwarm mir nach. Endlich hab ich's doch
gelernt, es hat mir tausend Freude gemacht, oft hab ich ihnen einen Besuch
gemacht und einen duftenden Strau hingehalten, auf den sie sich setzten. Den
kleinen Bienengarten hab ich gepflegt, und die gewrzigen dunklen Nelken
besonders hab ich hineingepflanzt. Die alte Nonne tat mir auch den Gefallen, zu
behaupten, da man alle Blumen, die ich gepflanzt hatte, aus dem Honig
herausschmecke. So lehrte sie mich auch, da, wenn die Bienen erstarrt waren,
sie wieder beleben. Sie rieb sich die Hand mit Nesseln und mit einem duftenden
Krutchen, welches man Katzenstieg nennt, machte den groen Schieber des
Bienenhauses auf und steckte die Hand hinein. Da setzten sie sich alle auf die
Hand und wrmten sich, das hab ich oft auch mitgemacht; da steckte die kleine
Hand und die groe Hand im Bienenkorb. Jetzt wollt ich's auch probieren, aber
ich hatte nicht mehr das Herz; siehst Du, so verliert man seine Unschuld und die
hohen Gaben, die man durch sie hat.
    Bald hab ich auch den Eigentmer des Korbes kennen lernen; indem ich am
mitten Berg lag, um im Schatten ein wenig zu faulenzen, hrt ich ein Getrappel
im Traumschlummer, das war die Binger Schafherde nebst Hund und Schfer; er sah
auch gleich nach seinem Bienenkorb; er sagte mir, da er noch eine Weile hier
weide, da hab ihm der volle blhende Thymian und das warme sonnige Pltzchen so
wohl gefallen, da er den Schwarm junger Bienen hier herauf gepflanzt habe,
damit sie sich recht wohl befinden, wenn sie sich dann mehren sollten und den
ganzen gegitterten Beichtstuhl einnehmen, wenn er bers Jahr wiederkme, so
solle es ihm recht lieb sein.
    Der Schfer ist ein alter Mann; er hat einen langen grauen Schnurrbart, er
war Soldat und erzhlte mir allerlei von den Kriegsszenen und von der frheren
Zeit; dabei pfiff er seinem Hund, der ihm die Herde regierte. Von verschiedenen
Berggeistern erzhlte er auch, das glaube er alles nicht, aber auf der
Ingelheimer Hhe, wo noch Ruinen von dem groen Kaisersaal stehen, da sei es
nicht geheuer; er habe selbst auf der Heide im Mondschein einen Mann begegnet,
ganz in Stahl gekleidet, dem sei ein Lwe gefolgt; und da der Lwe Menschen
gewittert, so habe er frchterlich geheult; da habe der Ritter sich umgekehrt,
mit dem Finger gedroht und gerufen: Bis stille, frevelicher Hund! - da sei der
Lwe verstummt und habe dem Mann die Fe geleckt. Der Schfer erzhlte mir dies
mit besonderm Schauer, und ich schauderte zum Plsier ein klein bichen mit; ich
sagte: Ich glaube wohl, da ein frommer Schfer sich vor dem Hter eines Lwen
frchten mu. Was? sagte er, ich war damals kein Schfer, sondern Soldat und
auch gar nicht besonders fromm; ich freite um ein Schtzchen und war
herbergegangen nach Ingelheim um Mitternacht, um Tr und Riegel zu zwingen;
aber in der Nacht ging ich nicht weiter; ich kehrte um. - Nun, fragt ich,
Euer Schtzchen, das hat wohl umsonst auf Euch gewartet? - Ja, sagte er, wo
Geister sich einmischen, da mu der Mensch dahinten bleiben. - Ich meinte, wenn
man liebe, brauche man sich vor Geistern nicht zu frchten und knne sich grade
dann fr ihresgleichen achten; denn die Nacht ist zwar keines Menschen Freund,
aber des Liebenden Freund ist sie.
    Ich fragte den Schfer, wie er sich bei seinem einsamen Geschft die Zeit
vertreibe in den langen Tagen; - er ging den Berg hinauf, die ganze Herde hinter
ihm drein, ber mich hinaus, er kam wieder, die Herde nahm wieder keinen Umweg;
er zeigte mir eine schne Schalmei - so nannte er ein Hautbois mit silbernen
Klappen und Elfenbein zierlich eingelegt; er sagte: Die hat mir ein Franzose
geschenkt, darauf kann ich blasen, da man es eine Stunde weit hrt; wenn ich
hier auf der Hhe weide und seh ein Schiffchen mit lustigen Leuten drben, da
blas ich; in der Ferne nimmt sich die Schalmeie wunderschn aus, besonders wenn
das Wasser so still und sonnig ist wie heute; das Blasen ist mir lieber wie
Essen und Trinken. Er setzte an und wendete sich nach dem Tal, um das Echo
hren zu lassen; nun blies er das Lied des weissagenden Tempelknaben aus Axur
von Ormus mit Variationen eigner Eingebung; die feierliche Stille, die aus
diesen Tnen hervorbricht und sich mitten im leeren Raum ausdehnt, beweist wohl,
da die Geister auch in der sinnlichen Welt einen Platz einnehmen; zum wenigsten
ward alles anders: Luft und Gebirge, Wald und Ferne, und der ziehende Strom mit
den gleitenden Nachen waren von der Melodie beherrscht und atmeten ihren
weissagenden Geist; - die Herde hatte sich zum Ruhen gelagert; der Hund lag zu
des Schfers Fen, der von mir entfernt auf der Hhe stand und die Begeistrung
eines Virtuosen empfand, der sich selbst berbietet, weil er fhlt, er werde
ganz genossen und verstanden. Er lie das Echo eine sehr feine Rolle darin
spielen; hier und da lie er es in eine Lcke einschmelzen, dann wiederholte er
die letzte Figur, zrtlicher, eindringender; - das Echo wieder! - Er ward noch
feuriger und schmachtender; und so lehrte er dem Widerhall, wie hoch er's
treiben knne, und dann endigte er in einer brillanten Fermate, die alle Tler
und Schluchten des Donnersbergs und Hunsrcks widerhallen machte. Er zog blasend
mit der Herde um den Berg. - Ich packte meine Schreibereien auf, da die
Einsamkeit doch hier oben aufgehoben ist, und schlenderte noch eine Weile bei
gewaltigem Abendrot mit dem Schfer in weisen Reden begriffen, hinter der weien
Herde drein; er entlie mich mit dem Kompliment, ich sei gescheuter als alle
Menschen, die er kenne; dies war mir was ganz Neues, denn bisher hab ich von
gescheuten Leuten gehrt, ich sei gnzlich unklug; ich kann aber doch dem
Schfer nicht unrecht geben; ich bin auch gescheut und habe scharfe Sinne.
                                                                         Bettine

                                                               Winkel, 7. August

Gestern hab ich meinen Brief zugemacht und abgeschickt; aber noch nicht
geschlossen. - Wtest Du, was mich bei diesen einfachen Erzhlungen oft fr
Unruhe und Schmerzen befallen! - Es scheint Dir alles nur so hingeschrieben, wie
erlebt, ja! - Aber so manches seh ich und denke es, und kann es doch nicht
aussprechen; und ein Gedanke durchkreuzt den andern, und einer nimmt vor dem
andern die Flucht, und dann ist es wieder so de im Geist wie in der ganzen
Welt. Der Schfer meinte, Musik schtze vor bsen Gedanken und vor Langerweile;
da hat er recht, denn die Melancholie der Langenweile entsteht doch nur, weil
wir uns nach der Zukunft sehnen. In der Musik ahnen wir diese Zukunft, da sie
doch nur Geist sein kann und nichts anderes, und ohne Geist gibt es keine
Zukunft; wer nicht im Geist aufblht, wie wollte der leben und Atem holen? -
Aber ich habe mir zu Gewaltiges vorgenommen, Dir von Musik zu sagen; denn weil
ich wei, da ihre Wahrheit doch nicht mit irdischer Zunge auszusprechen ist. So
vieles halte ich zurck, aus Furcht, Du mchtest es nicht genehmigen, oder
eigentlich, weil ich glaube, da Vorurteile Dich blenden, die Gott wei von
welchem Philister in Dich geprgt sind. Ich habe keine Macht ber Dich, Du
glaubst Dich an gelehrte Leute wenden zu mssen; und was die Dir sagen knnen,
das ist doch nur dem hheren Bedrfnis im Wege; o Goethe, ich frchte mich vor
Dir und dem Papier, ich frchte mich aufzuschreiben, was ich fr Dich denke.
    Ja, das hat der Christian Schlosser gesagt: Du verstndest keine Musik, Du
frchtest Dich vor dem Tod und habest keine Religion, was soll ich dazu sagen? -
Ich bin so dumm wie stumm, wenn ich so empfindlich gekrnkt werde. Ach Goethe,
wenn man kein Obdach htte, das vor schlechtem Wetter schtzt, so knnte einem
der kalte lieblose Wind schon was anhaben, aber so wei ich Dich in Dir selber
geborgen; die drei Rtsel aber sind mir eine Aufgabe. Ich mchte Dir nach allen
Seiten hin Musik erklren, und fhl doch selbst, da sie bersinnlich ist und
von mir unverstanden; dennoch kann ich nicht weichen von diesem Unauflsbaren
und bete zu ihm: nicht, da ich es begreifen mge; nein, das Unbegreifliche ist
immer Gott, und es gibt keine Zwischenwelt, in der noch andere Geheimnisse
begrndet wren. Da Musik unbegreiflich ist, so ist sie gewi Gott; dies mu ich
sagen, und Du wirst mit Deinem Begriff von der Terz und der Quint mich
auslachen! Nein, Du bist zu gut, Du lachst nicht; und dann bist Du auch zu
weise; Du wirst wohl gerne Deine Studien und errungenen Begriffe aufgeben gegen
ein solches, alles heiligende Geheimnis des gttlichen Geistes in der Musik. Was
lohnte denn auch die Mhe der Forschung, wenn es nicht dies wre! Nach was
knnen wir forschen, was bewegt uns, als nur das Gttliche! - und was knnen Dir
andere, die Wohlstudierten, Besseres und Hheres darber sagen; - und wenn einer
dagegen was aufbringen wollte, - mte er sich nicht schmen? Wenn einer sagen
wollte: Musik sei nur da, da der Menschengeist sich darin ausbilde? - Nun ja!
wir sollen uns in Gott bilden. Wenn einer sagt, sie sei nur Vermittlung zum
Gttlichen, sie sei nicht Gott selbst! Nein, ihr falschen Kehlen, euer eitler
Gesang ist nicht gttlich durchdrungen. Ach, die Gottheit selbst lehrt uns den
Buchstaben begreifen, damit wir gleich ihr aus eignem Vermgen im Reich der
Gottheit regieren lernen. Alles Lernen in der Kunst ist nur dazu, da wir den
Grund der Selbstndigkeit in uns legen, und da es unser Errungenes bleibe.
Einer sagte von Christus, da er nichts von Musik gewut habe; dagegen konnte
ich nichts sagen; einmal wei ich seinen Lebenslauf nicht genau, und dann, was
mir dabei einfiel, kann ich nur Dir sagen, obschon ich nicht wei, was Du dazu
sagen wirst. Christus sagt: Auch euer Leib soll verklrt werden! Ist nun Musik
nicht die Verklrung der sinnlichen Natur? - Berhrt Musik nicht unsere Sinne,
da sie sich eingeschmolzen fhlen in die Harmonie der Tne, wie Du mit Terz und
Quint berechnen willst? - Lerne nur verstehen, - Du wirst um so mehr Dich
wundern ber das Unbegreifliche. Die Sinne flieen in den Strom der
Begeisterung, und das erhht sie. Alles, was den Menschen geistigerweise
anspricht, geht hier in die Sinne ber; drum fhlt er sich auch durch sie zu
allem bewegt. Liebe und Freundschaft, kriegerischer Mut und Sehnsucht nach der
Gottheit - alles wallt im Blut; das Blut ist geheiligt; es entzndet den Leib,
da er mit dem Geist zusammen dasselbe wolle. Das ist die Wirkung der Musik auf
die Sinne; das ist die Verklrung des Leibes; die Sinne von Christus waren
eingeschmolzen in den gttlichen Geist, sie wollten mit ihm dasselbe; er sagt:
Was ihr berhrt mit dem Geist wie mit den Sinnen, das sei gttlich, denn dann
wird euer Leib auch Geist. Siehst Du, das hab ich ungefhr empfunden und
gedacht, da man sagte, Christus habe nichts von Musik gewut.
    Verzeihe mir, da ich so mit Dir spreche, gleichsam ohne Basis, denn mir
schwindelt, und ich deute kaum an, was ich sagen mchte, und vergesse alles so
leicht wieder; aber wenn ich in Dich das Zutrauen nicht haben sollte, Dir zu
bekennen, was sich in mir aufdringt, wem sollte ich's sonst mitteilen! -
    Diesen Winter hatte ich eine Spinne in meinem Zimmer; wenn ich auf der
Gitarre spielte, kam sie eilig herab in ein Netz, was sie tiefer ausgespannt
hatte. Ich stellte mich vor sie und fuhr ber die Saiten; man sah deutlich, wie
es durch ihre Gliederchen drhnte; wenn ich Akkord wechselte, so wechselten ihre
Bewegungen, sie waren unwillkrlich; bei jedem verschiedenen Harpege wechselte
der Rhythmus in ihren Bewegungen; es ist nicht anders, - dies kleine Wesen war
freudedurchdrungen oder geistdurchdrungen, solang mein Spielen whrte; wenn's
still war, zog sie sich wieder zurck. Noch ein kleiner Geselle war eine Maus,
der aber mehr der Vokalmusik geneigt war; sie erschien meistens, wenn ich die
Tonleiter sang; je strker ich den Ton anschwellen lie, je nher kam sie; in
der Mitte der Stube blieb sie sitzen; mein Meister hatte groe Freude an dem
Tierchen; wir nahmen uns sehr in acht, sie nicht zu stren. Wenn ich Lieder und
abwechselnde Melodien sang, so schien sie sich zu frchten; sie hielt dann nicht
aus und lief eilend weg. Also die Tonleiter schien diesem kleinen Geschpfchen
angemessen, die durchgriff sie, und wer kann zweifeln: bereitete ein Hheres in
ihr vor; diese Tne, so rein wie mglich getragen, in sich schn, die berhrten
diese Organe. Dieses Aufschwellen und wieder Sinken bis zum Schweigen nahm das
Tierchen in ein Element auf. Ach Goethe, was soll ich sagen? - es rhrt mich
alles so sehr, ich bin heute so empfindlich, ich mchte weinen; wer im Tempel
wohnen kann auf reinen heiteren Hhen, sollte der verlangen hinaus in eine
Spitzbubenherberge? - Diese beiden kleinen Tierchen haben sich der Musik
hingegeben; es war ihr Tempel, in dem sie ihre Existenz erhht, vom Gttlichen
berhrt fhlten, und Du, der sich bewegt fhlt durch das ewige Wallen des
Gttlichen in Dir, Du habest keine Religion? Du, dessen Worte, dessen Gedanken
immer an die Muse gerichtet sind, Du lebtest nicht in dem Element der Erhhung,
der Vermittelung mit Gott. - Ach ja: das Erheben aus dem bewutlosen Leben in
die Offenbarung, das ist Musik.
                                                                     Gute Nacht.

                                                     Karlsbad, den 28. Juli 1808

Ist es wahr, was die verliebten Poeten sagen, da keine sere Freude sei, als
das Geliebte zu schmcken, so hast Du das grte Verdienst um mich. Da ist mir
durch die Mutter eine Schachtel voll der schnsten Liebespfel zugekommen, an
goldnen Ketten zierlich aufgereiht; schier wren sie in meinem Kreise zu
Zankpfeln geworden. Ich sehe unter diesem Geschenk und der Anweisung dabei eine
Spiegelfechterei verborgen, die ich nicht umhin kann zu rgen, denn da Du listig
genug bist, mich mitten im heien Sommer aufs Eis zu fhren, so mchte ich Dir
auch meinen Witz zeigen, wie ich auch unvorbereitet und unverhofft mit
Geschicklichkeit diese Winterfreuden zu bestehen wage; ich werde Dir nicht
sagen, da ich keinen lieber schmcken mchte wie Dich, denn schmucklos hast Du
mich berrascht, und schmucklos wirst Du mich ewig ergtzen. Ich hing die
Perlenreihe chinesischer Frchte zwischen den geffneten Fensterflgeln auf, und
da eben die Sonne drauf schien, so hatte ich Gelegenheit, ihre Wirkung an diesen
balsamartigen Gewchsen zu beachten. Das brennende Rot verwandelte sich da, wo
die Strahlen auflagen, bald in dunklen Purpur, in Grn und entschiedenes Blau;
alles von dem echten Gold des Lichtes gehht; kein anmutigeres Spiel der Farben
habe ich lange beobachtet, und wer wei, zu welchen Umwegen mich das alles
verfhren wird; zum wenigsten wrde der Schwanenhals, von dem die Dir gehorsamen
Schreibefinger der Mutter mir melden, schwerlich mich zu so entschiedenen
Betrachtungen und Reflexionen veranlat haben; und so hab ich es denn Deinem
Willen ganz angemessen gefunden, mich so dran zu erfreuen und zu belehren, und
ich hte vielmehr meinen Schatz vor jedem lsternen Auge, als da ich ihn der
Wahl preisgeben sollte. Deiner gedenk ich dabei und aller Honigfrchte der
Sonnenlande, und ausgieen mcht ich Dir gerne die gesamten Schtze des Orients,
wenn es auch wre, um zu sehen, wie Du ihrer nicht achtest, weil Du Dein Glck
in anderem begrndet fhlst.
    Dein freundlicher Brief, Deine reichen Bltter haben mich hier bei einer
Zeit aufgesucht, wo ich Dich gerne selbst auf- und angenommen htte. Es war eine
Zeit der Ungeduld in mir; schon seit mehreren Posttagen sah ich allemal den
freundlichen Postknaben, der noch in den Schelmenjahren ist, mit spitzen Fingern
Deine wohlbeleibten Pakete in die Hhe halten. Da schickte ich denn eilig
hinunter, sie zu holen, und fand meine Erwartung nicht betrogen; ich hatte
Nahrung von einem Posttag zum andern; nun war sie aber zweimal vergeblich
erwartet und ausgeblieben. Rechne mir's nicht zu hoch an, da ich ungeduldig
wurde; Gewohnheit ist ein gar zu ses Ding. - Die liebe Mutter hatte aus einer
brigens sehr lblichen konomie Deine Briefe gesammelt und sie der kleinen
Schachtel beigepackt, und nun umstrmt mich alles - eine andere Gegend, ein
anderer Himmel, Berge, ber die auch ich gewandert bin; Tler, in denen auch ich
die schnsten Tage verlebt und trefflichen Wein getrunken habe; und der Rhein,
den auch ich hinuntergeschwommen bin, in einem kleinen, lecken Kahn. Ich habe
also ein doppeltes Recht an Dein Andenken; einmal war ich ja dort, und einmal
bin ich bei Dir und vernehme mit beglckendem Erstaunen die Lehren Deiner
Weisheit wie auch die so lieblichen Ereignisse, denn in allen bist Du es, die
sie durch ihre Gegenwart verherrlicht.
    Hier noch eine kleine wohlgemeinte Bemerkung, mit Dank fr das Eingesendete,
die Du demjenigen, den es angeht, gelegentlich mitteilen mgest: ob ich gleich
den Nifelheimischen Himmel nicht liebe, unter welchem sich der..... gefllt, so
wei ich doch recht gut, da gewisse Klimaten und Atmosphren ntig sind, damit
diese und jene Pflanze, die wir doch auch nicht entbehren mgen, zum Vorschein
komme. So heilen wir uns durch Renntiermoos, das an Orten wchst, wo wir nicht
wohnen mchten, und, um ein ehrsameres Gleichnis zu brauchen, so sind die Nebel
von England ntig, um den schnen grnen Rasen hervorzubringen.
    So haben auch mir gewisse Aufschlinge dieser Flora recht wohl behagt. Wre
es dem Redakteur jederzeit mglich, dergestalt auszuwhlen, da die Tiefe
niemals hohl und die Flche niemals platt wrde, so liee sich gegen ein
Unternehmen nichts sagen, dem man in mehr als einem Sinne Glck zu wnschen hat.
Gre mir den Freund zum schnsten und entschuldige mich, da ich nicht selbst
schreibe.
    Wie lang wirst Du noch im Rheinlande verweilen? - Was wirst Du zu der Zeit
der Weinlese vornehmen? Mich finden Deine Bltter wohl noch einige Monate hier,
zwischen den alten Felsen, neben den heien Quellen, die mir auch diesmal sehr
wohlttig sind: ich hoffe, Du wirst mich nicht vergeblich warten lassen, denn
meine Ungeduld zu beschwichtigen, alles zu erfahren, was in Deinem Kpfchen
vorgeht, dafr sind diese Quellen nicht geeignet.
    Meinem August geht es bis jetzt in Heidelberg ganz wohl. Meine Frau besucht
in Lauchstdt Theater und Tanzsaal. Schon haben mich manche entfernte Freunde
hier brieflich besucht; mit andern bin ich ganz unvermutet persnlich
zusammengekommen.
    Ich habe so lange gezaudert, daher will ich dies Blatt gleich fortschicken
und schlage es an meine Mutter ein. Sage Dir alles selbst, wozu mir der Platz
hier nicht gegnnt ist, und lasse mich gleich von Dir hren.
                                                                              G.

                                                                    Am 8. August

berall wo es gut ist, das mu man zu frh verlassen; - so war es mir wahrlich
gut bei Dir, drum mut ich Dich zu frh verlassen.
    Ein guter lieber Aufenthalt ist fr mich, was das fruchtbare Land einem
Schiffer ist, der eine unsichre Reise vorhat, er wird Vorrat einsammeln, soviel
ihm Zeit und Mittel erlauben. Ach, wenn er auf der einsamen weiten See ist, wenn
die frischen Frchte schwinden, das se Wasser! - er sieht kein Ziel vor sich;
- wie sehnsuchtsvoll wird die Erinnerung ans Land. - Jetzt geht mir's auch so;
in zwei Tagen mu ich den Rhein verlassen, um mit dem ganzen Familientro in
Schlangenbad zusammenzutreffen. Ich war indessen nicht immerwhrend hier, sonst
htte Dich schon lange wieder eine Epistel von mir erreicht; viele Streifereien
haben mich abgehalten: die Reise in die Wetterau, von welcher ich Dir hier ein
Bruchstck beilege. Den Primas hab ich in Aschaffenburg besucht, er meint immer,
ich habe die Kinderschuhe noch nicht ausgetreten, und begrt mich, indem er mir
die Wangen streichelt und mich herzlich kt. Diesmal sagte er: Mein gutes,
liebes Schtzchen, wie Sie frisch aussehen, und wie Sie gewachsen sind! - Ein
solches Betragen hat nun eine zauberische Wirkung auf mich; ich fhlt mich ganz
und gar, wie er mich ansah, und betrug mich auch, als ob ich nur zwlf Jahre alt
sei, ich erlaubte mir allen Scherz und gnzlichen Mangel an Hochachtung, unter
solchen zweifelhaften Umstnden trug ich ihm Deine Auftrge vor. Sei nur nicht
bestrzt, ich kenne Dein wrdevolles Benehmen mit groen Herren und habe Dir als
Botschafter nichts vergeben, ich hatte mir einen schriftlichen Auszug aus dem
Brief an Deine Mutter gemacht und legte ihm denselben vor und die Zeile, wo Du
geschrieben hast: die Bettine soll sich doch alle Mhe geben, dies auf eine
artige Weise vom Primas herauszulocken, die hielt ich mit der Hand zu; nun
wollte er grade sehen, was da unten verborgen sei; ich machte vorher meine
Bedingungen, er versprach mir das kleine Indische Herbarium, es ist in Paris,
und er wollte noch denselben Tag drum schreiben. Was die Papiere des Propst
D'ume anbelangt, so hat er sehr interessante wissenschaftliche Sachen, die er
Dir alle verspricht, die Korrespondenz mit... gibt er nicht heraus, ich soll nur
sagen, Du habest es nicht verdient, und er werde diese Briefe als einen
wichtigen Familienschatz aufbewahren und als ein Muster von feurigen Ausdrcken
bei der hchsten Ehrerbietung. Ich wei nicht, was mich befiel bei dieser Rede,
ich fhlte, da ich rot ward, da hob er mir das Kinn in die Hhe und sagte: Was
fehlt Ihnen denn, mein Kind, Sie schreiben wohl auch an Goethe?! - Ja, sagte
ich, unter der Obhut seiner Mutter. So, so, das ist ganz schn, kann denn die
Mutter lesen? - Da mut ich ungeheuer lachen, ich sagte: Wahrhaftig, Euer
Hoheit haben's erraten; ich mu der Mutter alles vorlesen, und was sie nicht
wissen soll, das bergeh ich. - Er brachte noch allerlei Scherzhaftes vor und
frug, ob ich Dich Du nenne, und was ich Dir alles schreibe? - Ich sagte, des
Rhythmus halber nenne ich Dich Du, und eben habe ich seine Dispensation einholen
wollen, um schriftlich beichten zu drfen, denn ich wolle Dir gern beichten; er
lachte, er sprang auf (denn er ist sehr vif und macht oft groe Stze) und
sagte: Geist wie der Blitz! Ja, ich gebe Ihnen Dispensation und ihm - schreiben
Sie es ihm ja, - geb ich Macht, vollkommen Abla zu erteilen, und nun werden Sie
doch mit mir zufrieden sein? - Ich hatte groe Lust, ihm zu sagen, da ich
nicht mehr zwlf Jahr, sondern schon eine Weile ins Bltenalter der Empfindung
eingerckt sei; aber da hielt mich etwas ab: bei seinen lustigen Sprngen fiel
ihm seine kleine geistliche violettsamtne Mtze vom Kopf; ich nahm sie auf, und
weil mir ahnete, sie wrde mir gut stehen, so setzte ich sie auf. Er betrachtete
mich eine Weile und sagte: Ein allerliebster kleiner Bischof! Die ganze
Klerisei wrde hinter ihm dreinlaufen, - und nun mochte ich ihm den Wahn nicht
mehr benehmen, da ich noch so jung sei, denn es kam mir vor, was ihn an einem
Kind erfreuen drfe, das knne ihm bei einer verstndigen Dame, wie ich doch
eine sein mte, als hchst inkonvenabel erscheinen. Ich lie es also dabei und
nahm die Snde auf mich, ihm was weisgemacht zu haben, indem ich mich dabei auf
die Kraft des Ablasses verlasse, den er Dir bermacht.
    Ach, ich mchte Dir lieber andere Dinge schreiben, aber die Mutter, der ich
alles erzhlen mute, qulte mich drum, sie meint, so was mache Dir Freude und
Du hieltest etwas drauf, dergleichen genau zu wissen; ich holte mir auch einen
lieben Brief von Dir bei ihr ab, der mich dort schon an vierzehn Tage erwartete,
und doch mcht ich Dich ber diesen schmlen. Du bist ein koketter, zierlicher
Schreiber, aber Du bist ein harter Mann; die ganze schne Natur, die herrliche
Gegend, die warmen Sommertage der Erinnerung, - das alles rhrt Dich nicht; so
freundlich Du bist, so kalt bist Du auch. Wie ich das groe Papierformat sah,
auf allen vier Seiten beschrieben, da dacht ich, es wrde doch hier und da
durchblitzen, da Du mich liebst; es blitzt auch, aber nur von Flittern, nicht
von leisem beglckendem Feuer. Oh welcher gewaltige Abstand mag sein zwischen
jener Korrespondenz, die der Primas nicht herausgeben will, und unserm
Briefwechsel; das kommt daher, weil ich Dich zu sehr liebe und es Dir auch
bekenne, das soll eine so nrrische Eigenheit der Mnner sein, da sie dann kalt
sind, wenn man sie zu sehr liebt.
    Die Mutter ist nun immer gar zu vergngt und freundlich, wenn ich von meinen
Streifereien komme; sie hrt mit Lust alle kleine Abenteuer an, ich mache denn
nicht selten aus klein gro, und diesmal war ich reichlich damit versehen, da
nicht nur allein Menschen, sondern Ochsen, Esel und Pferde sehr ausgezeichnete
Rollen dabei spielten. Du glaubst nicht, wie froh es mich macht, wenn sie recht
von Herzen lacht. Mein Unglck fhrte mich grade nach Frankfurt, als Frau von
Stal durchkam, ich hatte sie schon in Mainz einen ganzen Abend genossen, die
Mutter aber war recht froh, da ich ihr Beistand leistete, denn sie war schon
preveniert, da die Stal ihr einen Brief von Dir bringen wrde, und sie
wnschte, da ich die Intermezzos spielen mge, wenn ihr bei dieser groen
Katastrophe Erholung ntig sei. Die Mutter hat mir nun befohlen, Dir alles
ausfhrlich zu beschreiben; die Entrevue war bei Bethmann-Schaaf, in den Zimmern
des Moritz Bethmann. Die Mutter hatte sich - ob aus Ironie oder aus bermut,
wunderbar geschmckt, aber mit deutscher Laune, nicht mit franzsischem
Geschmack, ich mu Dir sagen, da, wenn ich die Mutter ansah, mit ihren drei
Federn auf dem Kopf, die nach drei verschiedenen Seiten hinschwankten, eine
rote, eine weie und eine blaue - die franzsischen Nationalfarben, welche aus
einem Feld von Sonnenblumen emporstiegen -, so klopfte mir das Herz vor Lust und
Erwartung; sie war mit groer Kunst geschminkt, ihre groen schwarzen Augen
feuerten einen Kanonendonner, um ihren Hals schlang sich der bekannte goldne
Schmuck der Knigin von Preuen, Spitzen von altherkmmlichem Ansehen und groer
Pracht, ein wahrer Familienschatz, verhllte ihren Busen, und so stand sie mit
weien Glachandschuhen, in der einen Hand einen knstlichen Fcher, mit dem sie
die Luft in Bewegung setzte, die andre, welche entblt war, ganz beringt mit
blitzenden Steinen, dann und wann aus einer goldnen Tabatiere mit einer Miniatur
von Dir, wo Du mit hngenden Locken, gepudert, nachdenklich den Kopf auf die
Hand sttzest, eine Prise nehmend. Die Gesellschaft der vornehmen lteren Damen
bildete einen Halbkreis in dem Schlafzimmer des Moritz Bethmann; auf purpurrotem
Teppich in der Mitte ein weies Feld, worauf ein Leopard, - sah die Gesellschaft
so stattlich aus, da sie wohl imponieren konnte. An den Wnden standen schne
schlanke indische Gewchse, und das Zimmer war mit matten Glaskugeln erleuchtet;
dem Halbkreis gegenber stand das Bett auf einer zwei Stufen erhabenen Estrade,
auch mit einem purpurnen Teppich verhllt, an beiden Seiten Kandelaber. Ich
sagte zur Mutter: Die Frau Stal wird meinen, sie wird hier vor Gericht des
Minnehofs zitiert, denn dort das Bett sieht aus wie der verhllte Thron der
Venus. Man meinte, da drfte es manches zu verantworten geben. Endlich kam die
Langerwartete durch eine Reihe von erleuchteten Zimmern, begleitet von Benjamin
Constant, sie war als Corinna gekleidet, ein Turban von aurora- und
orangefarbner Seide, ein ebensolches Gewand mit einer orangen Tunika, sehr hoch
gegrtet, so da ihr Herz wenig Platz hatte; ihre schwarzen Augenbrauen und
Wimpern glnzten, ihre Lippen auch, von einem mystischen Rot; die Handschuh
waren herabgestreift und bedeckten nur die Hand, in der sie das bekannte
Lorbeerzweiglein hielt. Da das Zimmer, worin sie erwartet war, so viel tiefer
liegt, so mute sie vier Treppen herabsteigen. Unglcklicherweise nahm sie das
Gewand vorne in die Hhe, statt hinten, dies gab der Feierlichkeit ihres
Empfangs einen gewaltigen Sto, denn es sah wirklich einen Moment mehr als
komisch aus, wie diese ganz im orientalischen Ton berschwankende Gestalt auf
die steifen Damen der tugendverschwornen Frankfurter Gesellschaft losrckte. Die
Mutter warf mir einige couragierte Blicke zu, da man sie einander prsentierte.
Ich hatte mich in die Ferne gestellt, um die ganze Szene zu beobachten. Ich
bemerkte das Erstaunen der Stal ber den wunderbaren Putz und das Ansehen
Deiner Mutter, bei der sich ein mchtiger Stolz entwickelte. Sie breitete mit
der linken Hand ihr Gewand aus, mit der rechten salutierte sie mit dem Fcher
spielend, und indem sie das Haupt mehrmals sehr herablassend neigte, sagte sie
mit erhabener Stimme, da man es durchs ganze Zimmer hren konnte: Je suis la
mre de Goethe.. Ah, je suis charme, sagte die Schriftstellerin, und hier
folgte eine feierliche Stille. Dann folgte die Prsentation ihres geistreichen
Gefolges, welches eben auch begierig war, Goethes Mutter kennenzulernen. Die
Mutter beantwortete ihre Hflichkeiten mit einem franzsischen Neujahrswunsch,
welchen sie mit feierlichen Verbeugungen zwischen den Zhnen murmelte, - kurz,
ich glaube, die Audienz war vollkommen und gab einen schnen Beweis von der
deutschen Grandezza. Bald winkte mich die Mutter herbei, ich mute den
Dolmetscher zwischen beiden machen; da war denn die Rede nur von Dir, von Deiner
Jugend, das Portrt auf der Tabatiere wurde betrachtet, es war gemalt in
Leipzig, eh Du so krank warst, aber schon sehr mager, man erkennt jedoch Deine
ganze jetzige Gre in jenen kindlichen Zgen, und besonders den Autor des
Werther. Die Stal sprach ber Deine Briefe und da sie gern lesen mchte, wie
Du an Deine Mutter schreibst, und die Mutter versprach es ihr auch, ich dachte,
da sie von mir gewi Deine Briefe nicht zu lesen bekommen wrde, denn ich bin
ihr nicht grn; sooft Dein Name von ihren nicht wohlgebildeten Lippen kam,
berfiel mich ein innerlicher Grimm; sie erzhlte mir, da Du sie amie in Deinen
Briefen nenntest; ach, sie hat mir's gewi angesehen, da dies mir sehr
unerwartet kam; ach, sie sagte noch mehr. - Nun ri mir aber die Geduld; - wie
kannst Du einem so unangenehmen Gesicht freundlich sein? - Ach, da sieht man,
da Du eitel bist. - Oder sie hat auch wohl nur gelogen! - Wr ich bei Dir, ich
litt's nicht. So wie Feen mit feurigen Drachen, wrd ich mit Blicken meinen
Schatz bewachen. Nun sitz ich weit entfernt von Dir, wei nicht, was Du alles
treibst, und bin nur froh, wenn mich keine Gedanken plagen.
    Ich knnte Dir ein Buch schreiben ber alles, was ich in den acht Tagen mit
der Mutter verhandelt und erlebt habe. Sie konnte kaum erwarten, da ich kam, um
alles mit ihr zu rekapitulieren. Da gab's Vorwrfe; ich war empfindlich, da sie
auf ihre Bekanntschaft mit der Stal einen so groen Wert legte; sie nannte mich
kindisch, albern und eingebildet, und was zu schtzen sei, dem msse man die
Achtung nicht versagen, und man knne ber eine solche Frau nicht wie ber eine
Gosse springen und weiterlaufen; es sei allemal eine ausgezeichnete Ehre vom
Schicksal, sich mit einem bedeutenden und berhmten Menschen zu berhren. Ich
wute es so zu wenden, da mir die Mutter endlich Deinen Brief zeigte, worin Du
ihr Glck wnschest, mit diesem Meteor zusammenzustoen, und da polterte denn
alle ihre vorgetragene Weisheit aus Deinem Brief hervor. Ich erbarmte mich ber
Dich und sagte: Eitel ist der Gtterjngling; er fhrt den Beweis fr seine
ewige Jugend. - Die Mutter verstand keinen Spa; sie meinte: ich nehme mir zu
viel heraus, und ich soll mir doch nicht einbilden, da Du ein anderes Interesse
an mir habest, als man an Kindern habe, die noch mit der Puppe spielen; mit der
Stal knnest Du Weltweisheit machen; mit mir knnest Du nur tndeln. Wenn die
Mutter recht htte? - Wenn's nichts wr mit meinen neu erfundnen Gedanken, von
den ich glaubte, ich habe sie alleine? - Wie hab ich doch in diesen paar
Monaten, wo ich am Rhein lebe, nur blo an Dich gedacht! - Jede Wolke hab ich um
Rat gefragt, jeden Baum, jedes Kraut hab ich angesprochen um Weisheit; und von
jeder Zerstreuung hab ich mich abgewendet, um recht tief mit Dir zu sprechen. O
bser, harter Mann, was sind das fr Geschichten? Wie oft hab ich zu meinem
Schutzengel gebetet, da er doch fr mich mit Dir sprechen soll, und dann hab
ich mich still verhalten und die Feder laufen lassen. Die ganze Natur zeigte mir
im Spiegel, was ich Dir sagen soll; wahrhaftig, ich habe geglaubt, alles sei von
Gott so angeordnet, da die Liebe einen Briefwechsel zwischen uns fhre. Aber Du
hast mehr Vertrauen in die berhmte Frau, die das groe Werk geschrieben hat sur
les passions, von welchen ich nichts wei. - Ach glaub nur, Du bist vor die
unrechte Schmiede gegangen; Lieben: das allein macht klug.
    ber Musik hatte ich Dir auch noch manches zu sagen; es war alles schon so
hbsch angeordnet; erst mut Du begreifen, was Du ihr alles schon zu verdanken
hast. - Du bist nicht feuerfest. Musik bringt Dich nicht in Glut, weil Du
einschmelzen knntest.
    So nrrisch bin ich nicht, zu glauben, da Musik keinen Einflu auf Dich
habe. Da ich doch glaube an das Firmament in Deinem Geist, da Sonne und Mond
samt allen Sternen in Dir leuchten, da soll ich zweifeln, da dieser hchste
Planet ber alle, der Licht ergiet, der ein Gewaltiger ist unserer Sinne, Dich
nicht durchstrme? Meinst Du dann, Du wrst der Du bist, wenn es nicht Musik
wre in Dir? - Du solltest Dich vor dem Tod frchten, da doch Musik ihn auflst?
Du solltest keine Religion haben, da doch Musik in Dich die Anbetung pflanzt?
    Horch in Dich hinein, da wirst Du in Deiner Seele der Musik lauschen, die
Liebe zu Gott ist: dies ewige Jauchzen und Wallen zur Ewigkeit, das allein Geist
ist.
    Ich knnte Dir Sachen sagen, die ich selbst frchte auszusprechen, obschon
eine innere Stimme mir sagt, sie sind wahr. Wenn Du mir bleibst, so werd ich
viel lernen; wenn Du mir nicht bleibst, so werde ich wie der Same unter der Erde
ruhen, bis die Zeit kommt, da ich in Dir wieder blhe.
    Mein Kopf glht; ich hab mich whrend dem Schreiben herumgestritten mit
Gedanken, deren ich nicht mchtig werden konnte. Die Wahrheit liegt in ihrer
ganzen Unendlichkeit im Geist, aber sie im einfachsten Begriff zu fassen, das
ist so schwer, ach, es kann ja nichts verloren gehen. Wahrheit nhrt ewig den
Geist, der alles Schne als Frchte trgt, und da es schn ist, da wir einander
lieben, so wolle die Wahrheit nicht lnger verleugnen.
    Ich will Dir lieber noch ein bichen von unserm Zigeunerleben erzhlen, das
wir hier am Rhein fhren, den wir so bald verlassen werden, und wer wei, ob ich
ihn wiederseh! - Hier, wo die Frhlingslfte balsamisch uns umwehen, la einsam
uns ergehen; nichts trenne Dich von mir! - und auch nicht die Frau von Stal:
    Unsre Haushaltung ist allerliebst eingerichtet; wir sind zu acht Frauen,
kein mnnliches Wesen ist im Haus; da es nun sehr hei ist, so machen wir's uns
so bequem wie mglich, zum Beispiel sind wir sehr leicht gekleidet, ein Hemd und
dann noch eins, griechisch drapiert. Die Tren der Schlafzimmer stehen nachts
offen; - je nachdem eins Lust hat, schlgt es sein Nachtlager auf dem Vorgang
oder an sonst einem khlen Ort auf; im Garten unter den Platanen, auf der
schnen, mit breiten Platten gedeckten Mauer liegend, dem Rhein gegenber den
Aufgang der Sonne zu erwarten, hab ich schon ein paarmal zu meinem Plsier
Nchte zugebracht; ich bin eingeschlafen auf meinem schmalen Bett; ich htte
knnen hinunterfallen im Schlaf, besonders wenn ich trume, da ich Dir
entgegenspringe. Der Garten liegt hoch, und die Mauer nach jenseits geht tief
hinab, da knnte ich leicht verunglcken; ich bitte Dich also, wenn Du meiner
gedenkst im Traum, halte mir die schtzenden Arme entgegen, - damit ich doch
gleich hineinsinke; denn alles ist doch nur ein Traum! - Am Tage geht's bei
uns in groer Finsternis her; alle Lden sind zu im ganzen Hause, alle Vorhnge
vorgezogen; frher machte ich morgens weite Spaziergnge, aber das ist bei
dieser Hitze nicht mehr mglich; die Sonne beizt die Weinberge, und die ganze
Natur seufzt unter der Brutwrme. Ich gehe doch jeden Morgen zwischen vier und
fnf Uhr heraus mit einem Schnikermesser und hole frische khle Zweige, die ich
im Zimmer aufpflanze. Vor acht Wochen hatte ich Birken und Pappeln, die glnzten
wie Gold und Silber, und dazwischen dicke duftende Struer von Maiblumen. Wie
ein Heiligtum ist der Saal, an den alle Schlafkabinette stoen; da liegen sie
noch in den Betten, wenn ich nach Hause komme, und warten, bis ich fertig bin;
dann haben die Linden und Kastanien hier abgeblht, und himmelhohes Schilf, das
sich oben an der Decke umbiegt, mit blhenden Winden umstrickt; und die
Feldblumen sind reizend, die kleinen Grasdolden, die Schafgarbe, die
Johannisblume, Wasserlilien, die ich mit einiger Gefahr fische, und das ewig
schne Vergimeinnicht. Heute hab ich Eichen aufgepflanzt; hohe ste, die ich
aus dem obersten Gipfel geholt. Ich kletterte wie eine Katze; die Bltter sind
ganz purpurrot und in so zierlichen Struern gewachsen, als htten sie sich
tanzend in Gruppen verteilt.
    Ich sollte mich scheuen, Dir von Blumen zu sprechen; Du hast mich schon
einmal ein bichen ausgelacht, und doch ist der Reiz gar zu gro; die vielen
schlafenden Blten, die nur im Tod erwachen, das trumende Geschlecht der
Wicken, die Herrgottsschckelchen, Himmelsschlssel mit ihrem sanften
freundlichen Duft - sie ist die geringste aller Blumen. Wie ich kaum sechs Jahr
alt war, und die Milchfrau hatte versprochen, mir einen Strau Himmelsschlssel
mitzubringen, da ri mich die Erwartung schon mit dem ersten Morgenstrahl aus
dem Schlaf im Hemdchen ans Fenster; wie frisch waren die Blumen! Wie atmeten sie
in meiner Hand! - Einmal brachte sie mir dunkle Nelken in einen Topf
eingepflanzt; welcher Reichtum! - Wie war ich berrascht von der Gromut! -
Diese Blumen in der Erde - sie schienen mir ewig ans Leben gebunden, es waren
mehr, als ich zhlen konnte; immer fing ich von vorne an; ich wollte kein
Knspchen berspringen; wie dufteten sie! Wie war ich demtig vor dem Geist, den
sie ausstrmten! - Ich wute ja noch wenig von Wald und Flur, und die erste
Wiese im Abendschein eine unendliche Flche frs Kinderauge, mit goldnen Sternen
berset; - ach, wie hat Natur aus Liebe es dem Geist Gottes nachahmen wollen. -
Und wie liebt er sie! - Wie neigte er sich herab zu ihr fr diese Zrtlichkeit
ihm entgegenzublhen! - Wie hab ich gewhlt im Gras und hab gesehen, wie eins
neben dem andern sich hervordrngt. Manches htte ich vielleicht bersehen bei
der Flle, aber sein schner Name hat mich mit ihm vertraut gemacht, und wer sie
genannt hat, der mu sie geliebt und verstanden haben. Das kleine
Schfertschchen zum Beispiel - ich htte es nicht bemerkt, aber wie ich seinen
Namen hrte, da fand ich's unter vielen heraus, ich mute ein solches Tschchen
ffnen, und fand es gefllt mit Samenperlen. Ach, alle Form enthlt Geist und
Leben, um sich auf die Ewigkeit zu vererben. Tanzen die Blumen nicht? - Singen
sie nicht? - Schreiben sie nicht Geist in die Luft? - Malen sie nicht sich
selbst ihr Innerstes in ihrem Bild? - Alle Blumen hab ich geliebt, eine jede in
ihrer Art, wie ich sie nacheinander kennen lernte, und keiner bin ich untreu
geworden, und wie ich ihre Muskelkraft entdeckte: das Lwenmulchen, wie es mir
zum erstenmal die Zunge aus seinem samtnen Rachen entgegenstreckte, als ich es
zu krftig anfate. - Ich will sie nicht alle nennen, mit denen ich so innig
vertraut wurde, wie sie mir jetzt im Gedchtnis erwachen; nur eines einzigen
gedenk ich, eines Myrtenbaums, den eine junge Nonne dort pflegte. Sie hatte ihn
Winter und Sommer in ihrer Zelle; sie richtete sich in allem nach ihm; sie gab
ihm nachts wie tags die Luft, und nur so viel Wrme erhielt sie im Winter, als
ihm nottat. Wie fhlte sie sich belohnt, da er mit Knospen bedeckt war! Sie
zeigte mir sie, schon wie sie kaum angesetzt hatten; ich half ihn pflegen; alle
Morgen fllte ich den Krug mit Wasser am Madlenenbrnnchen; die Knospen wuchsen
und rteten sich, endlich brachen sie auf; am vierten Tag stand er in voller
Blte; eine weie Zelle jede Blte, mit tausend Strahlenpfeilen in ihrer Mitte,
deren jeder auf seiner Spitze eine Perle darreicht. Er stand im offenen Fenster,
die Bienen begrten ihn. - Jetzt erst wei ich, da dieser Baum der Liebe
geweiht ist; damals wut ich's nicht; und jetzt verstehe ich ihn. - Sag: kann
die Liebe ser gepflegt werden, als dieser Baum? - Und kann eine zrtliche
Pflege ser belohnt werden, als durch eine so volle Blte? - Ach, die liebe
Nonne mit halb verblhten Rosen auf den Wangen, in Wei verhllt, und der
schwarze Florschleier, der ihren raschen zierlichen Gang umschwebte; wie aus dem
weiten rmel des schwarzen wollenen Gewands die schne Hand hervorreichte, um
die Blumen zu begieen! Einmal steckte sie ein kleines schwarzes Bhnchen in die
Erde, sie schenkte mir's und sagte, ich solle es pflegen; ich werde ein schnes
Wunder daran erleben. Bald keimte es und zeigte Bltter wie der Klee; es zog
sich an einem Stckchen in die Hh wie die Wicke mit kleinen geringelten Haken;
dann bracht es sparsame gelbe Blten hervor, aus denen wuchs so gro wie eine
Haselnu ein grnes Eichen, das sich in Reifen brunte. Die Nonne brach es ab
und zog es am Stiel auseinander, in eine Kette von zierlich geordneten Stacheln,
zwischen denen der Same von kleinen Bohnen gereift war. Sie flocht daraus eine
Krone, setzte sie ihrem elfenbeinernen Christus am Kruzifix zu Fen und sagte
mir, man nennt diese Pflanze Corona Christi.
    Wir glauben an Gott und an Christus, da er Gott war, der sich ans Kreuz
schlagen lie; wir singen ihm Litaneien und schwenken ihm den Weihrauch; wir
versprechen heilig zu werden und beten, und empfinden's nicht. Wenn wir aber
sehen, wie die Natur spielt und in diesem Spiel eine Sprache der Weisheit
kindlich ausdrckt; wenn sie auf Blumenbltter Seufzer malt, ein O und Ach, wenn
die kleinen Kfer das Kreuz auf ihren Flgeldecken gemalt haben und diese kleine
Pflanze eben, so unscheinbar, eine mit Sorgfalt gehegte knstliche Dornenkrone
trgt; wenn wir Raupen und Schmetterlinge mit dem Geheimnis der Dreifaltigkeit
bezeichnet sehen, dann schaudert uns, und wir fhlen, die Gottheit selber nimmt
ewigen Anteil an diesen Geheimnissen; dann glaub ich immer, da Religion alles
erzeugt hat, ja da sie selber der sinnliche Trieb zum Leben in jedem Gewchs
und jedem Tier ist. - Die Schnheit erkennen in allem Geschaffenen, und sich
ihrer freuen, das ist Weisheit und fromm; wir beide waren fromm, ich und die
Nonne; es werden wohl zehn Jahr sein, da ich im Kloster war. Voriges Jahr hab
ich's im Vorberreisen wieder besucht. Meine Nonne war Priorin geworden, sie
fhrte mich in ihren Garten, - sie mute an einer Krcke gehen, sie war lahm
geworden, - ihr Myrtenbaum stand in voller Blte. Sie fragte mich, ob ich ihn
noch kenne; er war sehr gewachsen; umher standen Feigenbume mit reifen Frchten
und groen Nelken, sie brach ab, was blhte, und was reif war, und schenkte mir
alles, nur der Myrte schonte sie; das wute ich auch schon im voraus. Den Strau
befestigte ich im Reisewagen; ich war wieder einmal so glcklich, ich betete,
wie ich im Kloster gebetet hatte; ja selig sein macht beten!
    Siehst Du, das war ein Umweg und etwas von meiner Weisheit; sie kann sich
freilich der Weltweisheit, die zwischen Dir und Deiner amie Stal obwaltet,
nicht begreiflich machen; - aber das kann ich Dir sagen: ich habe schon viele
groe Werke gesehen von zhem Inhalt in schweinsledernem Einband; ich habe
Gelehrte brummen hren, und ich habe immer gedacht, eine einzige Blume msse all
dies beschmen, und ein einziger Maikfer msse durch einen Schneller, den er
einem Philosophen an die Nase gibt, sein ganzes System umpurzeln.
    Pax tecum! Wir wollen's einander verzeihen, ich, da Du einen Herzens- und
Geistesbund mit der Stal geschlossen hast, worber, der Prophezeiung Deiner
Mutter nach, ganz Deutschland und Frankreich die Augen aufreien wird, denn es
wird doch nichts draus: - und Du, da ich so aberwitzig bin, alles besser wissen
und mehr als alle Dir gelten zu wollen, denn das gefllt Dir. - Heute geh ich
noch einmal auf den Rochusberg; ich will sehen, was die Bienen machen im
Beichtstuhl, ich nehme allerlei Pflanzen mit, die in Scherben eingesetzt sind,
und auch einen Rebstock; die grab ich dort oben ein; die Rebe soll am Kreuz
hinaufwachsen; in dessen Schutz ich eine so schne Nacht verschlafen habe; am
Beichtstuhl pflanz ich Kaiserkronen und Jelngerjelieber, Deiner Mutter zu
Ehren; - vielleicht, wenn mir's ums Herz ist, beicht ich Dir da oben, da ich zum
letztenmal dort sein werde; um doch den Abla des Primas in Wirkung zu setzen;
aber ich glaube wohl, ich habe nichts Verborgnes mehr in mir; Du siehst in mich
hinein, und auer dem ist nichts in mir zu finden.
    Den gestrigen Tag wollen wir zum Schlu noch hierher malen, denn er war
schn. Wir gingen mit einem irrefhrenden Wegweiser durch eine Talschlucht einen
Flu entlang, den man die Wisper nennt, wahrscheinlich wegen dem Rauschen des
Wassers, das ber laute platte Felssteine sich windet und in den Lcken schumt
und flstert. Auf beiden Seiten gehen hohe Felsen her, auf denen zerfallene
Burgen stehen, mit alten Eichen umwachsen. Das Tal wird endlich so enge, da man
gentigt ist, im Flu zu gehen. Da kann man nicht besser tun, als barfu und
etwas hochgeschrzt von Stein zu Stein zu springen, bald hben, bald drben am
Ufer sich forthelfen. Es wird immer enger und enger hoch ber uns; die Felsen
und Berge umklammern sich endlich; die Sonne kann nur noch die Hlfte der Berge
beleuchten; die schwarzen Schlagschatten der bergebogenen Felsstcke
durchschneiden ihre Strahlen; aus der Wisper, die kein ganz unbedeutender Flu
ist - sie rauscht mit ziemlicher Gewalt - stehen erhhte Felsplatten wie harte,
kalte Heiligenbetten hervor. Ich legte mich auf eins, um ein wenig auszuruhen;
ich lag mit dem glhenden Gesicht auf dem feuchten Stein; das strzende Wasser
beregnete mich fein, die Sonnenstrahlen kamen sans rime et raison quer durch die
Felsschichten, um mich und mein Bett zu vergolden; ber mir war Finsternis;
meinen Strohhut, den ich schon lngst mit Naturmerkwrdigkeiten angefllt hatte,
lie ich schwimmen, um die Wurzeln der Pflanzen zu trnken; - wie wir
weiterkamen, drngten die Berge sich nesterweise aneinander, die nur dann und
wann von schroffen Felsen geschieden wurden. Ich wr gar zu gern
hinaufgeklettert, um zu sehen, wo man war; es war zu schroff, die Zeit erlaubte
es nicht, dem gescheuten Wegweiser waren alle Sorgen auf dem Gesichte gemalt; er
versicherte jedoch, da er keine im Herzen hege; es wurde khl in unserer engen
Schlucht; so khl war mir's auch innerlich; wir trippelten immer vorwrts.
    Das Ziel unserer Reise war ein Sauerbrunnen hinter Weienthurn, der in einer
wsten Wildnis liegt. Wir hatten alle Umwege der Wisper gemacht; der kluge
Wegweiser dachte, wenn wir uns von der nicht entfernten, mten wir endlich das
Ziel erreichen, da die Wisper an dem Brunnen vorberfhrt, und so hatte er uns
auf einen Weg gefhrt, der wohl selten von Menschen betreten wird. Da wir dort
ankamen, erleichterte er seine Brust durch ein Heer von Seufzern. Ich glaub, der
frchtete sich nicht allein vor dem Teufel, sondern vor Gott und allen Heiligen,
da sie ihn wrden zur Rechenschaft ziehen, weil er uns ins Verderben gestrzt
habe; - kaum waren wir angekommen, so schlug die Kuckucksuhr in der einsamen
Htte bei dem Brunnen und mahnte an den Rckweg. Es war acht Uhr! Zu essen war
nichts, auch kein Brot, nur Salat mit Salz ohne Essig und l. Eine Frau mit zwei
Kindern wohnte da; ich frug, von was sie lebe; sie deutete mir in die Ferne auf
den Backofen, der zwischen vier majesttische Eichen auf einem freien Platz in
voller Glut stand. Ihr kleines Shnchen schleppte eben ein Reiserbndel hinter
sich heran; sein Hemdchen hatte noch rmel, die Hinterwand und den Knopf vom
Kragenbund, mit dem es befestigt war; vorne war es weggerissen; seine
Schwesterpsyche wiegte sich quer ber einen Block auf einem langen Backschieber,
auf dem als Gegengewicht die zu backenden Brote lagen; ihr Gewand bestand auch
aus einem Hemd und aus einer Schrze, die sie um den Kopf befestigt hatte, um
die Haare vor dem Verbrennen zu bewahren, wenn sie in den Ofen guckte und die
Reiser anlegte. Wir gaben der Frau ein Geldstck; sie frug wieviel es wr; da
sahen wir, da es nicht in unserer Macht war, sie zu beschenken, denn sie war
zufrieden und wute nicht, da man mehr brauchen knne, als man bedrfe.
    Ich marschierte also wieder links um, ohne auszuruhen, und kam nachts um ein
Uhr zu Hause an; in allem war ich zwlf Stunden unterwegs gewesen und durchaus
nicht ermdet. Ich stieg in ein Bad, das mir bereitet war, und setzte ein
Flasche Rheinwein an und lie es so lange herunterglucken, bis ich den Boden
sah. Die Zofe schrie und dachte, es knne mir schaden im heien Bad, allein ich
lie mir nicht wehren; sie mute mich ins Bett tragen; ich schlief sanft, bis
ich am Morgen durch ein wohlbekanntes Krhen und Nachahmen eines ganzen
Hhnerhofs vor meiner Tr geweckt wurde.
    Du schreibst: meine Briefe versetzen Dich in eine bekannte Gegend, in der Du
Dich heimatlich fhlst; versetzen sie Dich denn auch zu mir? - Siehst Du mich in
Gedanken, wie ich mit langem Hakenstock auf die Berge klettere, und siehst Du in
mein Herz, wo Du Dich von Angesicht zu Angesicht erblicken kannst? Diese Gegend
mcht ich Dir doch am alleranschaulichsten machen!
    Noch acht Wochen werd ich wohl in allerlei Gegenden herumstreifen, im
Oktober mit Savigny erst auf ein paar Monate nach Mnchen und dann nach Landshut
gehen, wenn es der Himmel nicht anders fgt. -
    Ich bitte Dich, wenn Du Dich meiner mit der Feder erbarmen solltest, um zu
strafen oder zu lohnen, so adressiere gleich nach Schlangenbad ber Wiesbaden;
ich werde drei Wochen dort bleiben. Schickst Du den Brief an die Mutter, so
wartet sie auf eine Gelegenheit; und ich will lieber einen Brief ohne Datum, als
da ich am Datum erkennen mu, da er mir vierzehn Tage vorenthalten ist.
    Der Mutter schreib ich alles, was unglaublich ist; obschon sie wei, was sie
davon zu halten hat, so hat es doch ihren Beifall, und fordert mich auf, ihr
immer noch mehr dergleichen mitzuteilen; sie nennt dies meiner Phantasie Luft
machen.
                                                                         Bettine

                                   An Bettine


                                                         Karlsbad, am 21. August

Es ist noch die Frage, liebste Bettine, ob man Dich mehr wunderlich oder
wunderbar nennen kann; besinnen darf man sich auch nicht; man denkt endlich nur
darauf, wie man sich gegen die reiende Flut Deiner Gedanken sicher zu stellen
habe; la Dir daher gengen, wenn ich nicht ausfhrlich Deine Klagen, Deine
Forderungen, Fragen und Beschuldigungen beschwichtige, befriedige, beantworte
und ablehne; im ganzen aber Dir herzlich danke, da Du mich wieder so reichlich
beschenkt hast.
    Mit dem Primas hast Du Deine Sache klug und artig gemacht. Ich habe schon
ein eigenhndiges Schreiben von ihm, worin er mir alles zusichert, was Du so
anmutig von ihm erbettelt hast, und mir andeutet, da ich Dir alles allein zu
verdanken habe, und mir noch viel Artiges von Dir schreibt, was Du in Deinem
ausfhrlichen Bericht vergessen zu haben scheinst.
    Wenn wir also Krieg miteinander fhren wollten, so htten wir wohl gleiche
Truppen; Du die berhmte Frau, und ich den liebenswrdigen Frsten voll Gte
gegen mich und Dich. - Beiden wollen wir die Ehre und den Dank nicht versagen,
die sie so reichlich um uns verdienen, aber beiden wollen wir auch den Zutritt
verweigern, wo sie nicht hingehren, sondern nur strend sein wrden, nmlich
zwischen das erfreulichste Vertrauen Deiner Liebe und meiner warmen Aufnahme
derselben. - Wenn ich auch Deine Antagonistin in der Weltweisheit in einer nur
zuflligen Korrespondenz amie nenne, so greife ich damit keineswegs in die
Rechte ein, die Du mit erobernder Eigenmacht schon an Dich gerissen hast. Ich
bekenne Dir indessen, da es mir geht wie dem Primas: Du bist mir ein liebes,
freundliches Kind, das ich nicht verlieren mchte, und durch welches ein groer
Teil des ersprielichsten Segens mir zufliet. Du bist mir ein freundliches
Licht, das den Abend meines Lebens behaglich erleuchtet, und da gebe ich Dir, um
doch zustande zu kommen mit allen Klagen, zum letzten Schlu beikommendes
Rtsel; an dem magst Du Dich zufrieden raten.
                                                                          Goethe

                                    Charade


Zwei Worte sind es, kurz, bequem zu sagen,
Die wir so oft mit holder Freude nennen,
Doch keineswegs die Wesen deutlich kennen,
Wovon sie eigentlich den Stempel tragen.
Es tut gar wohl, an schn beschlonen Tagen
Eins an dem andern kecklich zu verbrennen,
Und kann man sie vereint zusammen nennen,
So drckt man aus ein seliges Behagen.
Nun aber such ich ihnen zu gefallen
Und bitte mit sich selbst mich zu beglcken;
Ich hoffe still; doch hoff ich's zu erlangen:
Als Namen der Geliebten sie zu lallen,
In Einem Bild sie beide zu erblicken,
In Einem Wesen beide zu umfangen.

Es findet sich noch Platz und auch noch Zeit, der guten Mutter Verteidigung hier
zu bernehmen; ihr solltest Du nicht verargen, da sie mein Interesse an dem
Kinde, was noch mit der Puppe spielt, heraushebt, da Du es wirklich noch so
artig kannst, da Du selbst die Mutter noch dazu verfhrst, die ein wahres
Ergtzen dran hat, mir die Hochzeitfeier Deiner Puppe mit dem kleinen
Frankfurter Ratsherrn schriftlich anzuzeigen, der mir in seiner Allongepercke,
Schnabelschuhen und Halsschmuck von feinen Perlen im kleinen Plschsessel noch
gar wohl erinnerlich ist. Er war die Augenweide unserer Kinderjahre, und wir
durften ihn nur mit geheiligten Hnden anfassen. Bewahre doch alles sorgfltig,
was Dir die Mutter bei diesen Gelegenheiten aus meiner und der Schwester
Kindheit mitteilt; es kann mir mit der Zeit wichtig werden.
    Dein Kapitel ber die Blumen wrde wohl schwerlich Eingang finden bei den
Weltweisen wie bei mir; denn obschon Dein musikalisches Evangelium etwas
hierdurch geschmlert ist (was ich doch ja nicht zu versumen bitte im nchsten,
recht bald zu erwartenden Brief), so ist es mir dadurch ersetzt, da meine
frhsten Kinderjahre sich mir auf eine liebliche Weise darin abspiegeln, denn
auch mir erschienen die Geheimnisse der Flora als ein unmglicher Zauber.
    Die Geschichte des Myrtenbaums und der Nonne erregt warmen Anteil; mge er
vor Frost und Schaden bewahrt bleiben! Aus voller berzeugung stimme ich mit Dir
ein, da die Liebe nicht ser gepflegt kann werden als dieser Baum, und keine
zrtliche Pflege reichlicher belohnt, als durch eine solche Blte.
    Auch Deine Pilgrimschaft im rauschenden Flu mit der allerliebsten Vignette
der beiden Kinder gibt ein ergtzliches Bild und Deinen Rheinabenteuern einen
anmutig abrundenden Schlu.
    Bleib mir nun auch hbsch bei der Stange und gehe nicht zu sehr ins Blaue;
ich frchte so, da die Zerstreuungen eines besuchten Badeorts Deine idealen
Eingebungen auf dem einsamen Rochus verdrngen werden; ich mu mich darauf
gefat machen, wie auch auf noch manches andere, was Dir im Kpfchen und Herzen
spuken mag.
    Ein bichen mehr Ordnung in Deinen Ansichten knnte uns beiden von Nutzen
sein; so hast Du Deine Gedanken, wie kstliche Perlen, nicht alle gleich
geschliffen, auf losem Faden gereiht, der leicht zerreit, wo sie denn in alle
Ecken rollen knnen und manche sich verliert. -
    Doch sage ich Dir Dank und dem lieben Rhein ein herzliches Lebewohl, von dem
Du mir so manches Schne hast zukommen lassen. Bleibe Dir's fest und sicher, da
ich gern ergreife, was Du mir reichst, und da so das Band zwischen uns sich
nicht leicht lsen wird.
                                                                          Goethe

                                                                      Rochusberg

Ich hatte mir's vorgenommen, noch einmal hier heraufzugehen, wo ich in Gedanken
so glckliche Stunden mit Dir verlebt habe, und vom Rhein Abschied zu nehmen,
der in alle Empfindungen eingeht und der grer, feuriger, khner, lustiger und
berirdischer als alle ist; - ich komme um fnf Uhr nachmittags hier oben an;
finde alles im friedlichen Sonnenlicht, die Bienen angesiedelt, von der
Nordseite geschtzt durch die Mauer; Beichtstuhl und Altar stehen gegen Morgen.
Meine Pflanzen hab ich alle eingesetzt mit Hilfe des Schiffsjungen, der sie mir
heraufbringen half; die Rebe im Topf, welche schon an sechs Fu hoch ist und
voll Trauben hngt, hab ich am Altar zwischen eine gebrochne Steinplatte
gesetzt; den Topf hab ich zerschlagen und die Scherben leise abgenommen, damit
die Erde hbsch an den Wurzeln bleibt; es ist eine Muskatellerart, die sehr
feine Bltter hat; dann hab ich ihn am Kreuz auf dem Altar festgebunden; die
Trauben hngen grade ber den Christusleib; - wenn er schn einwchst und
gedeiht, da werden sich die Menschen wundern, die hier oben herkommen; des
Schfers Bienen im Beichtstuhl mit dem Geiblatt, das ihn umzieht, und das Kreuz
mit Trauben. Ach, so viele Menschen haben groe Palste und prchtige Grten; -
ich mchte nur diese einsame Rochuskapelle haben und da alles so schn
fortwchse, wie ich's eingepflanzt habe; - vom Berg hab ich mit den Scherben die
Erde losgegraben und an die Rebe gelegt, und zweimal hab ich unten am Rhein den
Krug gefllt, um ihn zu begieen; es ist wohl zum letztenmal, da er Rheinwasser
trinkt. - Jetzt, nach beendigtem Werk, sitz ich hier im Beichtstuhl und schreib
an Dich; die Bienen kommen alle hintereinander heim; sie sind schon ganz
eingewohnt; - knnt ich einziehen in Dein Herz mit jedem Gedanken, so gefhlig,
so s summend wie diese Bienen, beladen mit Honig und Blumenstaub, den ich von
allen Feldern zusammentrage, und alles heimbringe zu Dir - nicht wahr? -

                                                                   Am 13. August

Alles hat seine Zeit! sprech ich mit dem Weisen, ich habe die Reben ihre
Bltter entfalten sehen; ihre Blte hat mich betubt und trunken gemacht; nun
sie Laub haben und Frchte, mu ich Dich verlassen, du stiller, stiller Rhein!
Noch gestern Abend war alles so herrlich; aus der dunklen Mitternacht trat mir
eine groe Welt entgegen. Als ich von meinem Bett aufstand in die khle
Nachtluft am Fenster, da war der Mond schon eine halbe Stunde aufgegangen und
hatte die Wolken alle unter sich getrieben; er warf einen fruchtbaren Schein
ber die Weinberge; - ich nahm das volle Laub des Weinstocks, der an meinem
Fenster hinaufwchst, in Arm und nahm Abschied von ihm; keinem Lebendigen htte
ich den Augenblick dieser Liebe gegnnt; wr ich bei Dir gewesen, - ich htte
geschmeichelt, gebeten und gekt.

                                                        Schlangenbad, 17. August

Nur das sei mir gegnnt! - Und ach, es wird mir nicht leicht, es auszusprechen,
was ich will, wenn mich manchmal der Atem drckt, da ich laut schreien mchte.
    Es berfliegt mich zuweilen in diesen engbegrenzten Gegenden, wo die Berge
bereinander klettern und den Nebel tragen und in den tiefen khlen Tlern die
Einsamkeit gefangen halten, ein Jauchzen, das wie ein Blitz durch mich fhrt. -
Nun ja! - Das sei mir gegnnt: da ich dann mich an einen Freund schliee, - er
sei noch so fern, - da er mir freundlich die Hand aufs klopfende Herz lege und
sich seiner Jugend erinnere. - O wohl mir, da ich Dich gesehen hab! Jetzt wei
ich doch, wenn ich suche und kein Platz mir gengt zum Ausruhen, wo ich zu Haus
bin und wem ich angehre.
    Etwas weit Du noch nicht, was mir eine liebe Erinnerung ist, obschon sie
seltsam scheint. - Als ich Dich noch nie gesehen hatte und mich die Sehnsucht zu
Deiner Mutter trieb, um alles von Dir zu erforschen, - Gott, wie oft hab ich auf
meinem Schemel hinter ihr auf die Brust geschlagen, um meine Ungeduld zu
dmpfen. - Nun: - wenn ich da nach Hause kam, so sank ich oft mitten im Spielen
von Scherz und Witz zusammen; sah mein Bild vor dem Deinen stehen, sah Dich mir
nah kommen, und wie Du freundlich warst auf verschiedene Weise und gtig, bis
mir die Augen vor freudigem Schmerz bergingen.
    So hab ich Dich durchgefhlt, da mich das stille Bewutsein einer
innerlichen Glckseligkeit vielleicht manche strmische Zeit meines Gemts ber
den Wellen erhalten hat. - Damals weckte mich oft dieses Bewutsein aus dem
tiefen Schlaf; ich verprate denn ein paar Stunden mit selbsterschaffnen Trumen
und hatte am End, was man nennt, eine unruhige Nacht zugebracht; ich war bla
geworden und mager; ungeduldig, ja selbst hart, wenn eins von den Geschwistern
zur Unzeit mich zu einer Zerstreuung reizen wollte; dachte oft, da, wenn ich
Dich jemals selbst sehen sollte, was mir unmglich schien, so wrde ich
vielleicht viele Nchte ganz schlaflos sein. - Da mir nun endlich die Gewiheit
ward, fhlte ich eine Unruhe, die mir beinah unertrglich war. - In Berlin, wo
ich zum erstenmal eine Oper von Gluck hrte (Musik fesselt mich sonst so, da
ich mich von allem losmachen kann), wenn da die Pauken schlugen, - lache nur
nicht - schlug mein Herz heftig mit; ich fhlte Dich im Triumph einziehen; es
war mir festlich wie dem Volk, das dem geliebten Frsten entgegenzieht, und ich
dachte: in wenig Tagen wird alles, was Dich so von auen ergreift, in Dir selber
erwachen! - Aber da ich nun endlich, endlich bei Dir war: - Traum, jetzt noch, -
wunderbarer Traum, - da kam mein Kopf auf Deiner Schulter zu ruhen, da schlief
ich ein paar Minuten nach vier bis fnf schlaflosen Nchten zum erstenmal.
    Siehst Du, siehst Du! - Da soll ich mich hten vor Lieb, und hat mir nie
sonst Ruhe geglckt; aber in Deinen Armen da kam der lang verscheuchte Schlaf,
und ich hatte kein ander Begehren; alles andere, woran ich mich angeklammert
hatte und was ich glaubte zu lieben, das war's nicht; - aber soll keiner sich
hten oder sich um sein Schicksal kmmern, wenn er das Rechte liebt; sein Geist
ist erfllt, - was ntzt das andere! -

                                                                         Den 18.

Wenn ich nun auch zu Dir kommen wollte, wrde ich den rechten Weg finden? Da so
viele nebeneinanderher laufen, so denk ich immer, wenn ich an einem Wegweiser
vorbergehe, und bleibe oft stehen und bin traurig, da er nicht zu Dir fhrt;
und dann eil ich nach Hause und meine, ich htte Dir viel zu schreiben! - Ach,
ihr tiefen, tiefen Gedanken, die ihr mit ihm sprechen wollt, - kommt aus meiner
Brust hervor! Aber ich fhl's in allen Adern, ich will Dich nur locken, ich
will, ich mu Dich nur sehen.
    Wenn man bei der Nacht im Freien geht und hat die Abendseite vor sich: am
uersten Ende des dunkeln Himmels sieht man noch das letzte helle Gewand eines
glnzenden Tags langsam abwrts ziehen - so geht mir's bei der Erinnerung an
Dich. Wenn die Zeit noch so dunkel und traurig ist, wei ich doch, wo mein Tag
untergegangen ist.

                                                                         Den 20.

Ich habe selten eine Zeit in meinem Leben so erfllt gehabt, da ich sagen
knnte, sie sei mir unvermerkt verstrichen; ich fhl nicht, wie andere Menschen,
die sich amsieren, wenn ihnen die Zeit schnell vergeht; im Gegenteil, es ist
mir der Tag verhat, der mir vergangen ist, ich wei nicht wie. Von jedem
Augenblick bleibe mir eine Erinnerung tief oder lustig, freudig oder
schmerzlich, - ich wehre mich gegen sonst nichts als nur gegen nichts. Gegen
dies Nichts, das einen beinah berall erstickt!

                                                                         Den 22.

Vorgestern war ein herrlicher Abend und Nacht; ganz mit dem glnzenden frischen
Schmelz der lebhaftesten Farben und Begebenheiten, wie sie nur in Romanen gemalt
sind, so ungestrt; der Himmel war beset mit unzhligen Sternen, die wie
blitzende Diamanten durch das dichte Laub der blhenden Linden funkelten; die
Terrassen, welche an dem Berg hinaufgebaut sind, an dessen Fu die groen
Badehuser liegen (die einzigen im engen Tal), haben etwas sehr Festliches und
Ruhiges durch die Regelmigkeit ihrer Hecken, die auf jeder Terrasse ein
Boskett von Linden und Nubumen umgeben; die vielen Quellen und Brunnen, die
man unter sich rauschen hrt, machen es nun gar reizend. Alle Fenster waren
erleuchtet, die Huser sahen wunderbar belebt unter dem dunklen einsamen Wald
des bersteigenden Gebirges hervor. - Die junge Frstin von Baden sa mit der
Gesellschaft auf der untersten Terrasse und trank den Tee; bald hrten wir
Waldhrner aus der Ferne; wir glaubten's kaum, so leise, - gleich antwortete es
in der Nhe; dann schmetterte es ber uns im Gipfel; sie schienen sich
gegenseitig zu locken, rckten zusammen, und in milder Entfernung entfalteten
sie die Schwingen, als wollten sie himmelwrts steigen, und immer senkten sie
sich wieder auf die liebe Erde herab; - das Geplauder der Franzosen verstummte,
ein paarmal hrte ich neben mir ausrufen: Dlicieux! - Ich wendete mich nach
dieser Stimme: ein schner Mann, edle Gestalt und Gesicht, geistreicher
Ausdruck, nicht mehr jung, bebndert und besternt; - er kam mit mir ins Gesprch
und setzte sich neben mich auf die Bank. Ich bin nun schon gewohnt, fr ein Kind
angesehen zu werden, und war also nicht verwundert, da mich der Franzose cher
enfant nannte; er nahm meine Hand und fragte, von wem ich den Ring habe? - Ich
sagte: Von Goethe. Comment de Goethe? - Je le connais; und nun erzhlte er
mir, da er nach der Schlacht bei Jena mehrere Tage bei Dir zugebracht habe, und
Du habest ihm einen Knopf von seiner Uniform abgeschnitten, um ihn als Andenken
in Deiner Mnzsammlung zu bewahren; ich sagte: und mir habest Du den Ring zum
Andenken gegeben und mich gebeten, Dich nicht zu vergessen. - Et cela vous a
remu le coeur? - Aussi tendrement et aussi passionnement que les sons, qui se
font entendre l haut! Da fragte er: Et vous n'avez rellement que treize
ans? - Du wirst wohl wissen, wer er ist, ich habe um seinen Namen nicht
gefragt.
    Sie bliesen so herrlich in den Wald hinein und mir zugleich alle weltliche
Gedanken aus dem Kopf; ich schlich mich leise hinauf, so nah als mglich und
lie mir's die Brust durchdrhnen; recht mit Gewalt. - Der Ansatz der Tne war
so weich, sie wurden allmhlich so mchtig, da es unwiderstehliche Wollust war,
sich ihnen hinzugeben. Da hatte ich allerlei wunderliche Gedanken, die
schwerlich bei dem Verstand die Maut passiert htten; es war, als lg das
Geheimnis der Schpfung mir auf der Zunge. Der Ton, den ich lebendig in mir
fhlte, gab mir die Empfindung, wie durch die Macht seiner Stimme Gott alles
hervorgerufen, und wie Musik diesen ewigen Willen der Liebe und der Weisheit in
jeder Brust wiederholt. - Und ich war beherrscht von Gefhlen, die von der Musik
getragen, durchdrungen, vermittelt, verndert, vermischt und gehoben wurden; ich
war endlich so in mich versunken, da selbst die spte Nacht mich nicht vom
Platz brachte. Das Hofgeschwirr und die vielen Lichter, von deren Widerschein
die Bume in grnen Flammen brannten, sah ich von oben herab verschwinden;
endlich war alles weg; kein Licht brannte mehr in den Husern; ich war allein in
der khlen himmlischen Ruhe der Nacht; ich dachte an Dich! Ach, htten wir doch
beisammen unter jenen Bumen gesessen und bei dem Rauschen und Pltschern der
Wasser miteinander geschwtzt!

                                                                   Am 24. August

Immer noch hab ich Dir was zu erzhlen; den letzten Abend am Rhein ging ich noch
spt ins nchste Dorf mit Begleitung; als ich am Rhein hinschlenderte, sah ich
von ferne etwas Flammendes heranschwimmen; es war ein groes Schiff mit Fackeln,
die zuweilen das Ufer grell erleuchteten; oft verschwanden die Flammen;
minutenlang war alles dunkel; es gab dem Flu eine magische Wirkung, die sich
mir tief einprgte als Abschlu von allem, was ich dort erlebt habe.
    Es war Mitternacht, - der Mond stieg trb auf; das Schiff, dessen Schatten
in dem erleuchteten Rhein wie ein Ungeheuer mitsegelte, warf ein grelles Feuer
auf die waldige Ingelheimer Aue, an der sie hinsteuerten, hinter welcher sich
der Mond so mild bescheiden hervortrug und allmhlich sich in die dnne
Nebelwolke wie in einen Schleier entwickelte. - Wenn man der Natur ruhig und mit
Bedacht zusieht, greift sie immer ins Herz. Was htte Gott meine Sinne inniger
zuwenden knnen? - Was mich leichter von dem Unbedeutenden, was mich drckt,
lsen knnen? - Ich schme mich nicht, Dir zu bekennen, da Dein Bild dabei
heftig in meiner Seele aufflammte. Wahr ist's: Du strahlst in mich, wie die
Sonne in den Kristall der Traube, und wie diese kochst Du mich immer feuriger,
aber auch klarer aus.
    Ich hrte nun die Leute auf dem Schiff schon deutlich sprechen und zur
Arbeit anrufen; sie ankerten an der Insel, lschten die Fackeln; - nun wurde
alles still bis auf den Hund, der bellte, und die Flaggen, die sich in der
frischen Nachtluft drehten. - Nun ging auch ich nach Haus zum Schlafen, und wenn
Du's erlaubst, so legte ich mich zu Deinen Fen nieder, und es belohnte mich
der Traum mit Liebkosungen von Dir, wenn's nicht Falschheit war.
    Wer wollte nicht an Erscheinung glauben! Beglckt mich doch die Erinnerung
dieser Trume noch heute! Ja sag: was geht der Wirklichkeit ab? - O ich bin
stolz, da ich von Dir trume; ein guter Geist dient meiner Seele; er fhrt Dich
ein, weil meine Seele Dich ruft; ich soll Deine Zge trinken, weil mich nach
ihnen drstet; ja, es gibt Bitten und Forderungen, die werden erhrt.
    Nun wehr Dich immer gegen meine Liebe; was kann Dir's helfen? - Wenn ich nur
Geist genug habe! - Dem Geist stehen die Geister bei.
                                                                         Bettine

                                                                   Am 30. August

Ich ffne das Siegel wieder, um Dir zu sagen, da ich Deinen Brief vom 10. seit
gestern abend in Hnden habe, und habe ihn fleiig studiert. - O Goethe, Du
sagst zwar, Du willst keinen Krieg fhren, und verlangst Friede, und schlgst
doch mit dem Primas wie mit einer Herkuleskeule drein. Mutz mir doch den Primas
nicht auf! - Wenn ich's ihm sagte, er sprnge Decken hoch und verliebte sich in
mich - aber Du bist nicht eiferschtig. Du bist nur gtig und voll Nachsicht.
    Deine Charade hab ich schlaftrunken ans Herz gelegt, aber geraten hab ich
sie nicht; - wo htt ich Besinnung hernehmen sollen? - Mag es sein, was es will,
es macht mich selig; ein Kreis liebender Worte, - so unterscheidet man auch
nicht Liebkosungen, man geniet sie und wei, da sie die Blten der Liebe sind.
- Ach, ich mchte wissen was es ist:

Ich hoffe still; - doch hoff ich's zu erlangen,
Als Namen der Geliebten sie zu lallen.

Was hoffst Du? - sag mir's und wie soll die Geliebte Dir heien? Welche
Bedeutung hat der Name, da Du mit Entzcken ihn nur zu lallen vermagst? -

In Einem Bild sie beide zu erblicken,
In Einem Wesen beide zu umfangen.

Wer sind die beide? Wer ist mein Nebenbuhler? In welchem Bild soll ich mich
spiegeln? - und mit wem soll ich in Deinen Armen verschmelzen? - Ach, wie viele
Rtsel in einem verborgen, und wie brennt mir der Kopf; - nein, ich kann es
nicht raten; es will nicht gelingen, mich von Deinem Herzen loszureien und zu
spekulieren.

Es tut gar wohl, an schn beschlonen Tagen
Eins an dem andern kecklich zu verbrennen.
Und kann man sie vereint zusammen nennen,
So drckt man aus ein seliges Behagen.

Das tut Dir wohl, da ich an Dir verglhe, an schn beschlonen Tagen, wo ich
den Abend in Deiner Nhe zubringe, und mir auch.

Und kann man uns vereint zusammen nennen,
So drckt man aus mein seligstes Behagen.

Du siehst, Freund, wie Du mich hinberraten lt in die Ewigkeit; aber das
irdische Wort, was der Schlssel zu allem ist, das kann ich nicht finden.
    Aber Deinen Zweck hast Du erlangt, da ich mich zufrieden raten solle, ich
errate daraus meine Rechte, meine Anerkenntnis, meinen Lohn und die Bekrftigung
unsers Bundes, und werde jeden Tag Deine Liebe neu erraten, verbrenne mich
immer, wenn Du mich zugleich umfangen und spiegeln willst in Deinem Geist und
vereint mit mir gern genennt sein willst.
    Wenn Dir die Mutter schreibt, so macht sie den Bericht allemal zu ihrem
Vorteil, die Geschichte war so. Ein buntes Rckchen, mit Streifen und Blumen
durchwirkt, und ein Flormtzchen, mit silbernen Blmchen geschmckt, holte sie
aus dem groen Tafelschrank und zeigte sie mir als Deinen ersten Anzug, in dem
Du in die Kirche und zu den Paten getragen wurdest. Bei dieser Gelegenheit hrte
ich die genaue Geschichte Deiner Geburt, die ich gleich aufschrieb. Da fand sich
denn auch der kleine Frankfurter Ratsherr mit der Allongepercke! - Sie war sehr
erfreut ber diesen Fund und erzhlte mir, da man sie ihnen geschenkt habe, wie
ihr Vater Syndikus geworden war. Die Schnallen an den Schuhen sind von Gold, wie
auch der Degen und die Perlenquasten am Halsschmuck sind echt; ich htte den
kleinen Kerl gar zu gern gehabt. Sie meinte, er msse Deinen Nachkommen
aufbewahrt bleiben, und so kam's, da wir ein wenig Komdie mit ihm spielten.
Sie erzhlte mir dabei viel aus ihrer eignen Jugend, aber nichts von Dir; aber
eine Geschichte, die mir ewig wichtig bleiben wird, und gewi das Schnste, was
sie zu erzhlen vermag.
    Du erfreust Dich an der Geschichte des Myrtenbaums meiner Fritzlarer Nonne,
er ist wohl die Geschichte eines jeden feurig liebenden Herzens. Glck ist nicht
immer das, was die Liebe nhrt, und ich hab mich schon oft gewundert, da man
ihm jedes Opfer bringt, und nicht der Liebe selbst, wodurch allein sie blhen
knnte, wie jener Myrtenbaum. Es ist besser, da man Verzicht auf alles tue,
aber die Myrte, die einmal eingepflanzt ist, die soll man nicht entwurzeln - man
soll sie pflegen bis ans Ende.
    Alles, was Du verlangst, hoff ich Dir noch zu sagen, Du hast recht vermutet,
da mir die Zerstreuung hier viel rauben wrde, aber Dein Wille hat Macht ber
mich, und ich hoffe, er soll Feuer aus dem Geist schlagen. Die Herzogin von
Baden ist fort, aber unsre Familie samt anhngenden Freunden ist so gro, da
wir ganz Schlangenbad bervlkern. Adieu, ich schme mich meines dicken Briefs,
in dem viel Unsinn stecken mag. Wenn Du nicht frei Porto httest, ich schickte
ihn nicht ab.
    Von der Mutter hab ich die besten Nachrichten.
                                                                         Bettine


                                  Zweiter Teil

                                   An Goethe

Da ich Dir zum letztenmal schrieb, war's Sommer, ich war am Rhein und reiste
spter mit einer heiteren Gesellschaft von Freunden und Verwandten zu Wasser bis
Kln; als ich zurckgekommen war, verbrachte ich noch die letzten Tage mit
Deiner Mutter, wo sie freundlicher, leidseliger war als je. Am Tag vor ihrem Tod
war ich bei ihr, kte ihre Hand und empfing ihr Lebewohl in Deinem Namen. Denn
ich hab Dich in keinem Augenblick vergessen; ich wute wohl, sie htte mir gern
Deine beste Liebe zum Erbteil hinterlassen.
    Sie ist nun tot, vor welcher ich die Schtze meines Lebens ausbreitete; sie
wute wie und warum ich Dich liebe, sie wunderte sich nicht darber. Wenn andre
Menschen klug ber mich sein wollten, so lie sie mich gewhren und gab dem
Wesen keinen Namen. Noch enger htte ich damals Deine Knie umschlieen mgen,
noch fester, tiefer Dich ins Auge fassen und alle andre Welt vergessen mgen,
und doch hielt dies mich ab vom Schreiben. Spter warst Du so umringt, da ich
wohl schwerlich htte durchdringen knnen.
    Jetzt ist ein Jahr vorbei, da ich Dich gesehen habe, Du sollst schner
geworden sein, Karlsbad soll Dich erfrischt haben. Mir geht's recht hinderlich,
ich mu die Zeit so kalt hinstreichen lassen ohne einen Funken zu erhaschen, an
dem ich mir eine Flamme anblasen knnte. Doch soll es nicht lange mehr whren,
bis ich Dich wiederseh; dann will ich nur einmal Dich immer und ewig in meinen
Armen festhalten.
    Diese ganze Zeit hab ich mit Jacobi beinah alle Abende zugebracht, ich
schtze es immer als ein Glck, da ich ihn sehen und sprechen konnte; aber dazu
bin ich nicht gekommen, - aufrichtig gegen ihn zu sein, und die Liebe, die man
seinem Wohlwollen schuldig ist, ihm zu bezeigen. Seine beiden Schwestern
verpallisadieren ihn, es ist empfindlich, durch leere Einwendungen von ihm
abgehalten zu werden. Er ist duldend bis zur Schwche und hat gar keinen Willen
gegen ein paar Wesen, die Eigensinn und Herrschsucht haben, wie die Semiramis.
Die Herrschaft der Frauen verfolgt ihn bis zur Prsidentenstelle an der
Akademie, sie wecken ihn, sie bekleiden ihn, knpfen ihm die Unterweste zu, sie
reichen ihm Medizin, will er ausgehn, so ist's zu rauh, will er zu Hause
bleiben, so mu er sich Bewegung machen. Geht er auf die Akademie, so wird der
Nimbus geschneutzt, damit er recht hell leuchte: da ziehen sie ihm ein Hemd von
Batist an mit frischem Jabot und Manschetten und einen Pelzrock mit prchtigem
Zobel gefttert, der Wrmkorb wird vorangetragen, kommt er aus der Sitzung
zurck, so mu er ein bichen schlafen, nicht ob er will; so geht's bis zum
Abend in fortwhrendem Widerspruch, wo sie ihm die Nachtmtze ber die Ohren
ziehen und ihn zu Bette fhren.
    Der Geist, auch unwillkrlich, bahnt sich eine Freisttte, in der ihn nichts
hindert zu walten nach seinem Recht, was diesem nicht Eintrag tut, wird er gern
der Willkr andrer berlassen. Das hat die Mutter oft an Dir gepriesen, da
Deine Wrde aus Deinem Geist fliee, und da Du einer andern nie nachgestrebt
habest; die Mutter sagte, Du seist dem Genius treu, der Dich ins Paradies der
Weisheit fhrt, Du genieest alle Frchte, die er Dir anbietet, daher blhen Dir
immer wieder neue, schon whrend Du die ersten verzehrst. Lotte und Lene aber
verbieten dem Jacobi das Denken als schdlich, und er hat mehr Zutrauen zu ihnen
als zu seinem Genius, wenn der ihm einen Apfel schenkt, so fragt er jene erst,
ob der Wurm nicht drin ist.
    Es braucht keinen groen Witz, und ich fhle es in mir selber gegrndet: im
Geist liegt der unauslschliche Trieb, das berirdische zu denken, so wie das
Ziel einer Reise hat er den hchsten Gedanken als Ziel; er schreitet forschend
durch die irdische Welt der himmlischen zu, alles was dieser entspricht, das
reit der Geist an sich und geniet es mit Entzcken, drum glaub ich auch, da
die Liebe der Flug zum Himmel ist.
    Ich wnsch es Dir, Goethe, und ich glaub es auch fest, da all Dein
Forschen, Deine Erkenntnis, das, was die Muse Dir lehrt, und endlich auch Deine
Liebe vereint Deinem Geist einen verklrten Leib bilden, und da der dem
irdischen Leib nicht mehr unterworfen sein werde, wenn er ihn ablegt, sondern
schon in jenen geistigen Leib bergestrmt. Sterben mut Du nicht, sterben mu
nur der, dessen Geist den Ausweg nicht findet. Denken beflgelt den Geist, der
beflgelte Geist stirbt nicht, er findet nicht zurck in den Tod. -
    Mit der Mutter konnte ich ber alles sprechen, sie begriff meine Denkweise,
sie sagte: Erkenne erst alle Sterne und das letzte, dann erst kannst Du
zweifeln, bis dahin ist alles mglich.
    Ich habe von der Mutter viel gehrt, was ich nicht vergessen werde, die Art,
wie sie mir ihren Tod anzeigte, hab ich aufgeschrieben fr Dich. Die Leute
sagen, Du wendest Dich von dem Traurigen, was nicht mehr abzundern ist, gerne
ab, wende Dich in diesem Sinne nicht von der Mutter ihrem Hinscheiden ab, lerne
sie kennen, wie weise und liebend sie grade im letzten Augenblick war und wie
gewaltig das Poetische in ihr.
    Heute sag ich Dir nichts mehr, denn ich sehne mich, da dieser Brief bald an
Dich gelange; schreib mir ein Wort, meine Zufriedenheit beruht darauf. In diesem
Augenblick ist mein Aufenthalt in Landshut; in wenig Tagen gehe ich nach
Mnchen, um mit dem Kapellmeister Winter Musik zu studieren.
    Manches mchte man lieber mit Gebrden und Mienen sagen, ach besonders Dir
hab ich nichts Hheres zu verknden, als blo Dich anzulcheln.
    Leb wohl, bleib mir geneigt, schreib mir wieder, da Du mich lieb hast, was
ich mit Dir erlebt habe, ist mir ein Thron seliger Erinnerung. Die Menschen
trachten auf verschiedenen Wegen alle nach einem Ziel, nmlich glcklich zu
sein, wie schnell bin ich befriedigt, wenn Du mir gut und meiner Liebe ein
treuer Bewahrer sein willst.
    Ich bitte die Frau zu gren, sobald ich nach Mnchen komme, werde ich ihrer
gedenken.
    Landshut, den 18. Dezember 1808
    Dir innigst angelobt
                                         Bettine Brentano, bei Baron von Savigny

                               An Frau von Goethe


Gerne htte ich nach dem Beispiel der guten Mutter mein kleines Andenken zum
Weihnachten zu rechter Zeit gesendet; allein ich mu gestehen, da Milaune und
tausend andre Fehler meines Herzens mich eine ganze Weile von allem freundlichen
Verkehr abhielten. Die kleine Kette war Ihnen gleich nach dem Tode der Mutter
bestimmt. Ich dachte, Sie sollten diese whrend der Trauer tragen, und immer
verschob ich die Sendung, zum Teil weil es mir wirklich unertrglich war, auch
nur mit der Feder den Verlust zu berhren, der fr mich ganz Frankfurt zu einer
Wste gemacht hat. - Das kleine Halstuch hab ich noch bei der Mutter gestickt
und hier in den migen Stunden vollendet.
    Bleiben Sie mir freundlich, erinnern Goethe in den guten Stunden an mich,
ein Gedanke von ihm an mich ist mir eine strahlende Zierde, die mich mehr
schmckt und ergtzt als die kstlichsten Edelsteine. Sie sehen also, welchen
Reichtum Sie mir spenden knnen, indem Sie ihn bescheidentlich meiner Liebe und
Verehrung versichern. Auch fr ihn hab ich etwas, es ist mir aber so lieb, da
ich es ungern einer gefahrvollen Reise aussetze. Ich mache mir Hoffnung, ihn in
der ersten Hlfte dieses Jahres noch zu sehen, wo ich es ihm selbst bringen
kann. Erhalten Sie sich gesund und recht heiter in diesem kalten Winter. Meine
Schwachheit, Ihnen Freude machen zu wollen, behandeln Sie wie immer mit gtiger
Nachsicht.
    Mnchen, 8. Januar 1809
                                                                         Bettine

                                   An Goethe


Andre Menschen waren glcklicher als ich, die das Jahr nicht beschlieen
durften, ohne Dich gesehen zu haben. Man hat mir geschrieben, wie liebreich Du
die Freunde bewillkommnest. -
    Seit mehreren Wochen bin ich in Mnchen, treib Musik und singe viel bei dem
Kapellmeister Winter, der ein wunderlicher Kauz ist, aber grade fr mich pat;
denn er sagt: Sngerinnen mssen Launen haben, und so darf ich alle an ihm
auslassen; viel Zeit bringe ich am Krankenlager von Ludwig Tieck zu, er leidet
an Gicht, eine Krankheit, die allen bsen Launen und Melancholie Audienz gibt;
ich harre ebenso wohl aus Geschmack wie aus Menschlichkeit bei ihm aus; ein
Krankenzimmer ist an und fr sich schon durch die groe Ruhe ein anziehender
Aufenthalt, ein Kranker, der mit gelanem Mut seine Schmerzen bekmpft, macht es
zum Heiligtum. Du bist ein groer Dichter, der Tieck ist ein groer Dulder, und
fr mich ein Phnomen, da ich vorher nicht gewut habe, da es solche Leiden
gibt; keine Bewegung kann er machen ohne aufzuseufzen, sein Gesicht trieft von
Angstschwei, und sein Blick irrt ber der Schmerzensflut oft umher wie eine
mde gengstigte Schwalbe, die vergeblich einen Ort sucht, wo sie ausruhen kann,
und ich steh vor ihm verwundert und beschmt, da ich so gesund bin; dabei
dichtet er noch Frhlingslieder und freut sich ber einen Strau
Schneeglckchen, die ich ihm bringe, sooft ich komme, fordert er zuerst, da ich
dem Strau frisch Wasser gebe, dann wische ich ihm den Schwei vom Gesicht ganz
gelinde, man kann es kaum, ohne ihm weh zu tun, und so leiste ich ihm allerlei
kleine Dienste, die ihm die Zeit vertreiben, Englisch will er mich auch lehren,
allen Zorn und Krankheitsunmut lt er denn an mir aus, da ich so dumm bin, so
absurd frage und nie die Antwort verstehe, auch ich bin verwundert; denn ich hab
mit den Leuten geglaubt, ich sei sehr klug, wo nicht gar ein Genie, und nun
stoe ich auf solche Untiefen, wo gar kein Grund zu erfassen ist, nmlich der
Lerngrund, und ich mu erstaunt bekennen, da ich in meinem Leben nichts gelernt
habe.
    Eh ich von Dir wute, wut ich auch nichts von mir, nachher waren Sinne und
Gefhl auf Dich gerichtet, und nun die Rose blht, glht und duftet, so kann
sie's doch nicht von sich geben, was sie in geheim erfahren hat. Du bist, der
mir's angetan hat, da ich mit Schimpf und Schand bestehe vor den Philistern,
die eine Reihe von Talenten an einem Frauenzimmer schtzenswert finden. Das
Frauenzimmer selbst aber ohne diese nicht.
    Klavier spielen, Arien singen, fremde Sprachen sprechen, Geschichte und
Naturwissenschaft, das macht den liebenswerten Charakter, ach und ich hab immer
hinter allem diesem erst nach dem gesucht, was ich lieben mchte; gestern kam
Gesellschaft zu Tieck, ich schlich mich unbemerkt hinter einen Schirm, ich wr
auch gewi da eingeschlafen, wenn nicht mein Name wr ausgesprochen worden, da
hat man mich gemalt, so da ich mich vor mir selber frchten mte; ich kam auch
pltzlich hervor und sagte: Nein, ich bin zu abscheulich, ich mag nicht mehr
allein bei mir sein. Dies erregte eine kleine Konsternation, und mir machte es
viel Spa. - So ging mir's auch bei Jacobi, wo Lotte und Lene nicht bemerkt
hatten, da ich hinter dem groen runden Tisch sa, ich rief hervor mitten in
ihre Epistel hinein: Ich will mich bessern. Ich wei gar nicht, warum mein
Herz immer jauchzt vor Lust, wenn ich mich verunglimpfen hre, und warum ich
schon im voraus lachen mu, wenn einer mich tadelt: sie mgen mir aufbrden die
allerverkehrtesten Dinge, ich mu alles mit Vergngen anhren und gelten lassen.
Es ist mein Glck; wollte ich mich dagegen verteidigen, ich km in des Teufels
Kche; wollte ich mit ihnen streiten, ich wrde dummer wie sie. Doch diese
letzte Geschichte hat mir Glck gebracht. Sailer war da, dem gefiel's, da ich
Lenen dafr beim Kopf kriegte und ihr auf ihr bses Maul einen herzlichen
Schmatz gab, um es zu stopfen. Nachdem Sailer weg war, sagte Jacobi: Nun, die
Bettine hat dem Sailer das Herz gewonnen. Wer ist der Mann? fragte ich. Wie!
Sie kennen Sailer nicht, haben ihn nie nennen hren, den allgemein gefeierten
geliebten, den Philosophen Gottes, so gut wie Plato der gttliche Philosoph
ist? - Diese Worte haben mir von Jacobi gefallen, ich freue mich unendlich auf
den Sailer, er ist Professor in Landshut. Whrend dem Karneval ist hier ein
Strom von Festen, die einen wahren Strudel bilden, so greifen sie ineinander; es
werden wchentlich neue Opern gegeben, die meinen alten Winter sehr im Atem
erhalten, ich hr manches mit groem Anteil, wollt ich ihm sagen, was ich
dadurch lerne, er wrde es nicht begreifen. Am Rhein haben wir ber Musik
geschrieben, ich wei nicht mehr was; ich hab Dir noch mehr zu sagen, Neues, fr
mich Erstaunungswrdiges, kaum zu fassen fr meinen schwachen Geist, und doch
erfahre ich's nur durch mich selbst. Soll ich da nicht glauben, da ich einen
Dmon habe, der mich belehrt, ja es kommt alles auf die Frage an, je tiefer Du
fragst, je gewaltiger ist die Antwort, der Genius bleibt keine schuldig; aber
wir scheuen uns, zu fragen, und noch mehr die Antwort zu vernehmen und zu
begreifen, denn das kostet Mhe und Schmerzen; anders knnen wir nichts lernen,
wo sollten wir's herhaben, wer Gott fragt, dem antwortet er das Gttliche.
    Auf den Festen, die man hier Akademien nennt - Maskenblle, in der Mitte ein
kleines Theater, worauf pantomimische Vorstellungen gegeben werden von Harlekin
Pierrot und Pantalon - hab ich den Kronprinzen kennengelernt; ich habe eine
Weile mit ihm gesprochen, ohne zu wissen, wer er sei, er hat etwas zusprechendes
Freundliches und wohl auch originell Geistreiches; sein ganzes Wesen scheint
zwar mehr nach Freiheit zu ringen, als mit ihr geboren zu sein; seine Stimme,
seine Sprache und Gebrden haben etwas Angestrengtes wie ein Mensch, der sich
mit groem Aufwand von Krften an glatten Felswnden hinaufhalf, eine zitternde
Bewegung in den noch nicht geruhten Gliedern hat. Und wer wei, wie seine
Kinderjahre, seine Neigungen bedrngt oder durch Widerspruch gereizt wurden, ich
seh ihm an, da er schon manches berwinden mute, und auch, da sich Groes aus
ihm entwickeln kann; ich bin ihm gut, ein so junger Herrscher in der Vorhlle,
wo er leiden mu, da sich jede Zunge ber ihn erbarmt; seine gute Mnchner, wie
er sie nennt, sind ihm nicht grn; ja wartet nur, bis er mndig ist, entweder er
beschmt euch alle, oder er wird's euch garstig eintrnken.

                                                                   Am 31. Januar

Dem wunderbaren Frhlingswetter konnte ich nicht widerstehen, der warme mailiche
Sonnenstrahl, der das harte eisige Neujahr ganz zusammenschmolz, war
berraschend, es hat mich hinausgetrieben in den kahlen, englischen Garten, ich
bin auf alle Freundschaftstempel, chinesische Trme und Vaterlandsmonumente
geklettert, um die Tiroler Bergkette zu erblicken, die tausendfach ihre
gespaltnen Hupter gen Himmel ragt; auch in meiner Seele kannst Du solche groe
Bergmassen finden, die tief bis in die Wurzel gespalten sind, kalt und kahl ihre
hartnckige Zacken in die Wolken strecken. Bei der Hand mcht ich Dich nehmen
und weit wegfhren, da Du Dich besinnen solltest ber mich, da ich Dir in
Deinen Gedanken aufginge als etwas Merkwrdiges, dem Du nachsprtest, wie zum
Beispiel einem Intermaxilarknochen, ber den Du Dein Recht in so eifriger
Korrespondenz gegen Soemering behauptest, sag mir aufrichtig, werde ich Dir nie
so wichtig sein als ein solcher toter Knochen? - Da Gott alles wohlgefgt habe,
wer kann das bezweifeln! Ob Du aber Dein Herz wohl mit meinem verschrnkt
habest, dagegen erheben sich bei mir zu manchen trben Stunden Zweifel, von
schweren Seufzern begleitet. Am Rhein hab ich Dir viel und liebend geschrieben,
ja ich war ganz in Deiner Gewalt, und was ich dachte und fhlte, war, weil ich
im Geiste Dich ansah, nun haben wir eine Pause gemacht beinah vier Monate, Du
hast mir noch nicht geantwortet auf zwei Briefe.
    Es liegt mir an allem nichts, aber daran liegt mir, da ich um Dich nicht
betrogen werde; da mir kein Wort, kein Blick von Dir gestohlen werde, ich hab
Dich so lieb, das ist alles, mehr wird nicht in mich gehen, und anders wird man
nichts an mir erkennen, und ich denke auch, das ist genug, um mein ganzes Leben
den Musen als ein wichtiges Dokument zu hinterlassen; darum vergeht mir manche
Zeit so hart und kalt wie dieser harte Winter, darum blht's wieder und drngt
von allen Seiten wieder ins Leben. - Darum ht ich oft meine Gedanken vor Dir.
Diese ganze Zeit konnte ich kein Buch von Dir anrhren. Nein, ich konnte keine
Zeile lesen, es war mir zu traurig, da ich nicht bei Dir sein kann. Ach, die
Mutter fehlt mir, die mich beschwichtigte, die mich hart machte gegen mich
selber, ihr klares feuriges Auge sah mich durch und durch, ich brauchte ihr
nicht zu gestehen, sie wute alles, ihr feines Ohr hrte bei dem leisesten Klang
meiner Stimme, wie es um mich stehe; o sie hat mir manche Gegengeschichte zu
meiner Empfindung erzhlt, ohne da ich sie ihr wrtlich mitteilte, wie oft hat
ein freudiges Zurufen von ihr alle Wolken in mir zerteilt, welche freundliche
Briefe hat sie mir ins Rheingau geschrieben; Tapfer! - rief sie mir zu; sei
tapfer, da sie dich doch nicht fr ein echtes Mdchen wollen gelten lassen, und
sagen, man knne sich nicht in dich verlieben, so bist du die eine Plage los,
sie hflich abzuweisen, so sei denn ein tapferer Soldat, wehr dich dagegen, da
du meinst, du mtest immer bei ihm sein und ihn bei der Hand halten, wehr dich
gegen deine eigne Melancholie, so ist er immer ganz und innigst dein und kein
Mensch kann dir ihn rauben.
    Solche Zeilen machten mich unendlich glcklich, wahrhaftig ich fand Dich in
ihr wieder, wenn ich nach Frankfurt kam, so flog ich zu ihr hin; wenn ich die
Tr aufmachte, wir grten uns nicht, es war als ob wir schon mitten im Gesprch
seien. Wir zwei waren wohl die einzig lebendigen Menschen in ganz Frankfurt und
berall, manchmal kte sie mich und sprach davon, da ich in meinem Wesen sie
an Dich erinnere, sie habe auch Dein Sorgenbrecher sein mssen. Sie baute auf
mein Herz. Man konnte ihr nicht weismachen, da ich falsch gegen sie sei, sie
sagte: Der ist falsch, der mir meine Lust an ihr verderben will; ich war stolz
auf ihre Liebe.
    Wenn Du nun nicht mehr auf der Welt wrst! Ach, ich wrde keine Hand mehr
regen. Ach, es regen sich so viel tausend Hoffnungen und wird nichts draus. Wenn
ich nur manchmal bei Dir sitzen knnte eine halbe Stunde lang; - da wird
vielleicht auch nichts draus; mein Freund!! -

                                                                   Am 3. Februar

In den wenig Wochen, die ich in Landshut zubrachte, hab ich trotz Schnee und Eis
nah und ferne Berge bestiegen, da lag mir das ganze Land im blendendsten Gewand
vor Augen; alle Farben vom Winter gettet und vom Schnee begraben, nur mir
rtete die Klte die Wangen; - wie ein einsames Feuer in der Wste, so brennt
der einzige Blick, der beleuchtet und erkennt, whrend die ganze Welt schlft.
Ich hatte so kurz vorher den Sommer verlassen, so reich beladen mit Frucht. - Wo
war's doch, wo ich den letzten Berg am Rhein bestieg? - In Godesberg; warst Du
da auch oft? - Es war bald Abend, da wir oben waren; Du wirst Dich noch
erinnern, es steht oben ein einziger hoher Turm, und rund auf der Flche stehen
noch die alten Mauern. Die Sonne in groer Pracht senkte einen glhenden Purpur
ber die Stadt der Heiligen; der Klner Dom, an dessen dornigen Zierraten die
Nebel wie eine vorberstreifende Schafherde ihre Flocken hngen lieen, in denen
Schein und Widerschein so fein spielten, da sah ich ihn zum letztenmal; alles
war zerflossen in dem ungeheuren Brand, und der khle ruhige Rhein, den man
viele Stunden weit sieht, und die Siebenberge hoch ber den Ufergegenden.

    Im Sommer, in dem leidenschaftlichen Leben und Weben aller Farben, wo die
Natur die Sinne als den rhrendsten Zauber ihrer Schnheit festhlt; wo der
Mensch durch das Mitempfinden selbst schn wird: da ist er sich selbst auch oft
wie ein Traum, der vor dem Begriff wie Duft verfliegt. - Das Lebensfeuer in ihm
verzehrt alles; den Gedanken im Gedanken, und bildet sich wieder in allem. Was
das Aug erreichen kann, gewinnt er nur, um sich wieder ganz dafr hinzugeben;
und so fhlt man sich frei und keck in den hchsten Felsspitzen, in dem khnsten
Wassersturz, ja mit dem Vogel in der Luft, mit dem man in die Ferne zieht, und
hher mit ihm steigt, um frher den Ort der Sehnsucht zu erblicken. Im Winter
ist's anders, da ruhen die Sinne mit der Natur, nur die Gedanken graben, wie die
Arbeiter im Bergwerk, heimlich in der Seele fort. - Darauf hoffe und baue auch
ich, lieber Goethe, jetzt, wo ich empfinde, wie de und mangelhaft es in mir
ist: da die Zeit kommen werde, wo ich Dir mehr sagen und Dich mehr fragen kann.
Einmal wird mir doch einleuchten, was ich zu wissen fordere. Das deucht mir der
einzige Umgang mit Gott, nmlich die Frage um das berirdische; und das scheint
mir die einzige Gre des Menschen, diese Antwort zu empfinden, zu genieen.
Gewi ist die Liebe auch eine Frage an Gott, und der Genu in ihr ist eine
Antwort von dem liebenden Gott selbst.

                                                                      4. Februar

Hier im Schlo, welches man die Residenz heit und siebzehn Hfe hat, ist in
einem der Nebengebude ein kleiner einsamer Hof, in der Mitte desselben steht
ein Springbrunnen: Perseus, der die Medusa enthauptet, in Erz von einem
Rasenplatz umgeben; ein Gang von Granitsulen fhrt dahin; Meerweibchen, von Ton
und Muscheln gemacht, halten groe Becken, in die sie ehemals Wasser spien,
Mohrenkpfe schauen aus der Mauer, die Decke und Seiten sind mit Gemlden
geziert, die freilich schon zum Teil heruntergefallen sind, unter andern Apoll,
der auf seinem Sonnenwagen sich ber die Wolken bumt und seine Schwester Luna
im Herunterfahren begrt; der Ort ist sehr einsamlich, selten da ein
Hofbedienter quer durchluft, die Spatzen hrt man schreien, und den kleinen
Eidechsen und Wassermuschen seh ich da oft zu, die im verfallnen Springbrunnen
kampieren, es ist dicht hinter der Hofkapelle; manchmal hre ich am Sonntag da
auch das hohe Amt oder die Vesper mit groem Orchester; Du mut doch auch
wissen, wo Dein Kind ist, wenn's recht treu und fleiig an Dich denkt. Adieu,
leb recht wohl, ich glaub gewi, da ich dieses Jahr zu Dir komme und vielleicht
bald, denk an mich, wenn Du Zeit hast, so schreib mir, nur da ich Dich so fort
lieben darf, mehrere von meinen Briefen mssen verlorengegangen sein, denn ich
hab vom Rhein aus noch mehrmals an Dich geschrieben.
    Die Frau bitte ich herzlich zu gren, ich wei nicht, ob eine kleine
Schachtel, die ich ihr unter Deiner Adresse schickte, verlorengegangen ist.
    Mnchen, 5. Februar
                                                                         Bettine

Meine Adresse ist Landshut bei Savigny.

                               Verehrte Freundin!


Empfangen Sie meinen Dank fr die schnen Geschenke, welche ich von Ihnen
erhalten habe, es hat mich auerordentlich gefreut, weil ich daraus ersah, da
Sie mir Ihr Wohlwollen fortdauernd erhalten, um das ich noch nicht Gelegenheit
hatte, mich verdient zu machen.
    Ich war nun acht Wochen in Frankfurt, die Ihrigen alle haben mir viel Gutes
erzeugt, ich wei wohl, da ich dies alles der groen Liebe und Achtung, die man
hier fr die verstorbene Mutter hegte, zu danken habe; doch hab ich Ihre
Gegenwart sehr vermit, Sie haben die Mutter sehr geliebt, und ich hatte auch
verschiedene Auftrge vom Geheimen Rat an Sie, von denen er glaubte, da Sie
dieselben gerne bernehmen wrden; ich habe nun alles so gut wie mglich selbst
besorgt in diesen traurigen Tagen. Alles, was ich von Ihrer Hand unter den
Papieren der Mutter fand, hab ich gewissenhaft an die Ihrigen abgegeben; ich
fand es sehr wohlgeordnet mit gelben Band zugebunden und von der Mutter an Sie
berschrieben.
    Sie machen uns Hoffnung auf einen baldigen Besuch, der Geheime Rat und ich
sehen diesen schnen Tagen mit Freuden entgegen, nur wnschen wir, da es bald
geschehe, da der Geheime Rat wahrscheinlich in der Mitte des Monat Mai wieder
nach Karlsbad gehen wird.
    Er befindet sich diesen Winter auerordentlich wohl, welches er doch den
heilsamen Quellen zu danken hat. Bei meiner Zurckkunft kam er mir ordentlich
jnger vor, und gestern, weil groe Cour an unserm Hof war, sah ich ihn zum
erstenmal mit seinen Orden und Bndern geschmckt, er sah ganz herrlich und
stattlich aus, ich konnte ihn gar nicht genug bewundern, mein erster Wunsch war,
wenn ihn doch die gute Mutter noch so gesehen htte; er lachte ber meine groe
Freude, wir sprachen viel von Ihnen, er trug mir auf, auch in seinem Namen zu
danken fr alles Gtige und Freundliche, was Sie mir erzeugen, er hat sich
vorgenommen, selbst zu schreiben und meine schlechte Feder zu entschuldigen, mit
der ich nicht nach Wunsch ausdrcken kann, wie wert mir Ihr Andenken ist, dem
ich mich herzlich empfehle.
    Weimar, am 1. Februar 1809
                                                                     C.v. Goethe

                                   An Bettine


Du bist sehr liebenswrdig, gute Bettine, da Du dem schweigenden Freunde immer
einmal wieder ein lebendiges Wort zusprichst, ihm von Deinen Zustnden und von
den Lokalitten, in denen Du umherwandelst, einige Nachricht gibst; ich vernehme
sehr gern, wie Dir zumute ist, und meine Einbildungskraft folgt Dir mit
Vergngen sowohl auf die Bergeshhen als in die engen Schlo- und Klosterhfe.
Gedenke meiner auch bei den Eidechsen und Salamandern.
    Eine Danksagung meiner Frau wird bei Dir schon eingelaufen sein, Deine
unerwartete Sendung hat unglaubliche Freude gemacht, alles ist einzeln bewundert
und hochgeschtzt worden. Nun mu ich Dir auch schnell fr die mehreren Briefe
danken, die Du mir geschrieben hast, und die mich in meiner Karlsbader
Einsamkeit angenehm berraschten, unterhielten und teilweise wiederholt
beschftigten, so waren mir besonders Deine Explosionen ber Musik interessant,
so nenne ich diese gesteigerten Anschauungen Deines Kpfchens, die zugleich den
Vorzug haben, auch den Reiz dafr zu steigern.
    Damals schickte ich ein Blttchen an Dich meiner Mutter, ich wei nicht, ob
Du es erhalten hast. Diese Gute ist nun von uns gegangen, und ich begreife wohl,
wie Frankfurt Dir dadurch verdet ist. - Alles, was Du mitteilen willst ber
Herz und Sinn der Mutter und ber die Liebe, mit der Du es aufzunehmen
verstehst, ist mir erfreulich. Es ist das Seltenste und daher wohl auch das
Kstlichste zu nennen, wenn eine so gegenseitige Auffassung und Hingebung immer
die rechte Wirkung tut; immer etwas bildet, was dem nchsten Schritt im Leben
zugut kommt, wie denn durch eine glckliche bereinstimmung des Augenblicks
gewi am lebendigsten auf die Zukunft gewirkt ist, und so glaub ich Dir gern,
wenn Du mir sagst, welche reiche Lebensquelle Dir in diesem Deinen Eigenheiten
sich so willig hingebenden Leben versiegt ist; auch mir war sie dies, in ihrem
berleben aller anderen Zeugen meiner Jugendjahre bewies sie, da ihre Natur
keiner andern Richtung bedurfte als zu pflegen und zu lieben, was Geschick und
Neigung ihr anvertraut hatten; ich habe in der Zeit nach ihrem Tode viele ihrer
Briefe durchlesen und bewundert, wie ihr Geist bis zur sptesten Epoche sein
Geprge nicht verloren. Ihr letzter Brief war ganz erfllt von dem Guten, was
sich zwischen Euch gefunden, und da ihre spten Jahre, wie sie selbst schreibt,
von Deiner Jugend so grn umwachsen seien; auch in diesem Sinn also wie in allem
andern, was Dein lebendiges Herz mir schon gewhrt hat, bin ich Dir Dank
schuldig.
    Wilhelm Humboldt hat uns viel von Dir erzhlt. Viel, das heit oft. Er fing
immer wieder von Deiner kleinen Person zu reden an, ohne da er so was recht
Eigentliches zu sagen gehabt, woraus wir denn auf ein eignes Interesse schlieen
konnten. Neulich war ein schlanker Architekt von Kassel hier, auf den Du auch
magst Eindruck gemacht haben.
    Dergleichen Snden magst Du denn mancherlei auf Dir haben, deswegen Du
verurteilt bist. Gichtbrchige und Lahme zu warten und zu pflegen.
    Ich hoffe jedoch, das soll nur eine vorbergehende Bung werden, damit Du
Dich des Lebens desto besser und lebhafter mit den Gesunden freuen mgest.
    Bring nun mit Deiner reichen Liebe alles wieder ins Geleis einer mir so lieb
gewordenen Gewohnheit, lasse die Zeit nicht wieder in solchen Lcken
verstreichen, lasse von Dir vernehmen, es tut immer seine gute und freundliche
Wirkung, wenn auch der Gegenhall nicht bis zu Dir hinberdringt; so verzichte
ich doch nicht darauf, Dir Beweise ihres Eindruckes zu liefern, an denen Du
selbst ermessen magst, ob die Wirkung auf meine Einbildungskraft den
Zaubermitteln der Deinigen entspricht. Meine Frau, hr ich, hat Dich eingeladen,
das tue ich nicht, und wir haben wohl beide recht. Lebe wohl, gre freundlich
die Freundlichen und bleib mir Bettine. Weimar, den 22. Februar 1809
                                                                              G.

                                   An Goethe


Wenn Deine Einbildungskraft geschmeidig genug ist, mich in alle Schlupfwinkel
von verfallenem Gemuer, ber Berg und Klfte zu begleiten, so will ich's auch
noch wagen, Dich bei mir einzufhren; ich bitte also: komm, - nur immer hher, -
drei Stiegen hoch - hier in mein Zimmer, setz Dich auf den blauen Sessel am
grnen Tisch, mir gegenber; - ich will Dich nur ansehen, und - Goethe! - folgt
mir Deine Einbildungskraft immer noch? - Dann mut Du die unwandelbarste Liebe
in meinen Augen erkennen, mut jetzt liebreich mich in Deine Arme ziehen; sagen:
So ein treues Kind ist mir beschert, zum Lohn, zum Ersatz fr manches. Es ist
mir wert dies Kind, ein Schatz ist mir's, ein Kleinod, das ich nicht verlieren
will. - Siehst Du? - Und mut mich kssen; denn das ist, was meine
Einbildungskraft der Deinigen beschert.
    Ich fhr Dich noch weiter; - tritt sachte auf in meines Herzens Kammer; -
hier sind wir in der Vorhalle; - groe Stille! - Kein Humboldt, - kein
Architekt, - kein Hund, der bellt. - Du bist nicht fremd; - geh hin, poch an -
es wird allein sein und herein! - Dir rufen. Du wirst's auf khlem, stillem
Lager finden, ein freundlich Licht wird Dir entgegenleuchten, alles wird in Ruh
und Ordnung sein, und Du willkommen. - - Was ist das? - Himmel! - Die Flammen
ber ihm zusammenschlagend! - Woher die Feuersbrunst? - Wer rettet hier? - Armes
Herz! - Armes notgedrungenes Herz. - Was kann der Verstand hier? - Der wei
alles besser und kann doch nichts helfen, der lt die Arme sinken.
    Kalt und unbedeutend geht das Leben entweder so fort, das nennt man einen
gesunden Zustand; oder wenn es wagt auch nur den einzigen Schritt tiefer ins
Gefhl, dann greifen Leidenschaften brennend mit Gewalt es an, so verzehrt
sich's in sich selber. - Die Augen mu ich zumachen und darf nichts ansehen, was
mir lieb ist. Ach! Die kleinste Erinnerung macht mich ergrimmen in sehnendem
Zorn, und drum darf ich auch nicht immer in Gedanken Dir nachgehen, weil ich
zornig werde und wild. - Wenn ich die Hnde ausstrecke, so ist's doch nur nach
den leeren Wnden, wenn ich spreche, so ist's doch nur in den Wind, und wenn ich
endlich Dir schreibe, so emprt sich mein eigen Herz, da ich nicht die leichte
Brcke von dreimal Tag und Nacht berfliege und mich in sester, der Liebe ewig
ersehnter Ruhe zu Deinen Fen lege.
    Sag, wie bist Du so mild, so reichlich gtig in Deinem lieben Brief; mitten
in dem hartgefrornen Winter sonnige Tage, die mir das Blut warm machen; - was
will ich mehr? - Ach, so lang ich nicht bei Dir bin, kein Segen.
    Ach, ich mchte, sooft ich Dir wieder schreibe, auch wieder Dir sagen: wie
und warum und alles; ich mchte Dich hier auf den einzigen Weg leiten, den ich
einzig will, damit es einzig sei und ich nur einzig sei, die so Dich liebt und
so von Dir erkannt wird.
    Ob Liebe die grte Leidenschaft sei und ob zu berwinden, versteh ich
nicht, bei mir ist sie Willen, mchtiger, unberwindlicher.
    Der Unterschied zwischen gttlichem und menschlichem Willen ist nur, da
jener nicht nachgibt und ewig dasselbe will; unser Wille ber jeden Augenblick
fragt: Darf oder soll ich? - Der Unterschied ist, da der gttliche Wille
alles verewigt und der menschliche am irdischen scheitert; das ist aber das
groe Geheimnis, da die Liebe himmlischer Wille ist, Allmacht, der nichts
versagt ist.
    Ach, Menschenwitz hat keinen Klang, aber himmlischer Witz, der ist Musik,
lustige Energie, dem ist das Irdische zum Spott; er ist das glnzende Gefieder,
mit dem die Seele sich aufschwingt, hoch ber die Ansiedelungen irdischer
Vorurteile, von da oben herab ist ihr alles Geschick gleich. Wir sagen, das
Schicksal walte ber uns? - Wir sind unser eigen Schicksal, wir zerreien die
Fden, die uns dem Glck verbinden, und knpfen jene an, die uns unselige Last
aufs Herz legen; eine innere geistige Gestalt will sich durch die uere
weltliche bilden, dieser innere Geist regiert selbst sein eigen Schicksal, wie
es zu seiner hheren Organisation erforderlich ist.
    Du mut mir's nicht verargen, wenn ich's nicht deutlicher machen kann, Du
weit alles und verstehst mich und weit, da ich recht habe, und freust Dich
drber.
    Gute Nacht! - Bis morgen gute Nacht, - alles ist still, schlft ein jeder im
Haus, hngt trumend dem nach, was er wachend begehrt, ich aber bin allein wach
mit Dir. Drauen auf der Strae kein Laut mehr - ich mchte wohl versichert
sein, da in diesem Augenblick keine Seele mehr an Dich denkt, kein Herz einen
Schlag mehr fr Dich tut, und ich allein auf der weiten Welt sitze zu Deinen
Fen, das Herz in vollen Schlgen geht auf und ab; und whrend alles schlft,
bin ich wach, Dein Knie an meine Brust zu drcken, - und Du? - Die Welt
braucht's nicht zu wissen, da Du mir gut bist.
                                                                         Bettine

                                   An Goethe


                                                           Mnchen, 3. Mrz 1809

Heut bricht der volle Tag mit seinen Neuigkeiten in meine Einsamkeit herein, wie
ein schwer beladener Frachtwagen auf einer leichten Brcke einbricht, die nur
fr harmlose Spaziergnger gebaut war. Da hilft nichts, man mu Hand anlegen und
helfen, alles in Gang bringen; auf allen Gassen schreit man Krieg, die
Bibliothekardiener rennen umher, um ausgeliehene Manuskripte und Bcher wieder
einzufordern, denn alles wird eingepackt. Hamberger, ein zweiter Herkules - denn
wie jener die Stallungen der zwanzigtausend Rinder, so mistet er die Bibliothek
von achtzigtausend Bnden aus und jammert, da alle geschehene Arbeit umsonst
ist. Auch die Galerie soll eingepackt werden; kurz, die schnen Knste sind in
der rgsten Konsternation. Opern und Musik ist Valet gesagt, der erlauchte
Liebhaber der Prima Donna zieht zu Felde; die Akademie steckt Trauerampeln aus
und bedeckt ihr Antlitz, bis der Sturm vorbei, und so wr alles in stiller mder
Erwartung des Feindes, der vielleicht gar nicht kommt. Ich bin auch in Grung,
und auch in revolutionrer. - Die Tiroler, mit denen halt ich's, das kannst Du
denken. Ach, ich bin's mde, des Nachbars Flte oben in der Dachkammer bis in
die spte Nacht ihr Stckchen blasen zu hren, die Trommel und die Trompete, die
machen das Herz frisch.
    Ach htt ich ein Wmslein, Hosen und Hut, ich lief hinber zu den
gradnasigen, gradherzigen Tirolern und lie ihre schne grne Standarte im Winde
klatschen.
    Zur List hab ich groe Anlage, wenn ich nur erst drben wr, ich knnte
ihnen gewi Dienste leisten. Mein Geld ist all fort, ein guter Kerl, ein
Mediziner, hat eine List erfunden, es den gefangnen Tirolern, die sehr hart
gehalten sind, zuzustecken. Das Gitter vom Gefngnis geht auf einen den Platz
am Wasser, den ganzen Tag waren bse Buben da versammelt, die mit Kot nach ihnen
warfen, am Abend gingen wir hin, unterdessen einer neben der Schildwache
ausrief: Ach, was ist das fr ein Rauch in der Ferne, und indem diese sich
nach dem Rauch umsah, zeigte der andere den Gefangenen das blinkende Goldstck,
wie er es in Papier einwickelte und dann mit Kot eine Kugel draus machte. Jetzt
pa Achtung, rief er, und warf's dem Tiroler zu, so gelang es mehrmals; die
Schildwache freute sich, da die bsen Jungen so gut treffen konnten.
    Du kennst vielleicht oder erinnerst Dich doch gesehen zu haben einen Grafen
Stadion, Domherr und kaiserlicher Gesandter, von seinen Freunden der schwarze
Fritz genannt, er ist mein einziger Freund hier, die Abende, die er frei hat,
bringt er gern bei mir zu, da liest er die Zeitung, schreibt Depeschen, hrt mir
zu, wenn ich was erzhle, wir sprechen auch oft von Dir; ein Mann von kluger
freier Einsicht, von edlem Wesen. Er teilt mir aus seiner Herzens- und
Lebensgeschichte merkwrdige Dinge mit, er hat viel aufgeopfert, aber nichts
dabei verloren, im Gegenteil ist sein Charakter hierdurch frei geworden von der
Steifheit, die doch immer mehr oder weniger den Platz freiwilliger Grazie
einnimmt, sobald man mit der Welt in einer nicht unwichtigen Verbindung ist, wo
man sich zum Teil auch knstlich verwenden mu; er ist so ganz einfach wie ein
Kind und gibt meinen Launen in meiner Einsamkeit manche Wendung. Sonntags holt
er mich ab in seinem Wagen und liest mir in der kniglichen Kapelle die Messe;
die Kirche ist meistens ganz leer, auer ein paar alten Leuten. Die stille
einsame Kirche ist mir sehr erfreulich, und da der liebe Freund, von dem ich so
manches wei, was in seinem Herzen bewahrt ist, mir die Hostie erhebt und den
Kelch - das freut mich. Ach, ich wollt, ich wte ihm auf irgendeine Art
ersetzt, was ihm genommen ist.
    Ach, da das Entsagen dem Begehren die Waage hlt! - Endlich wird doch der
Geist, der durch Schmerzen gelutert ist, ber das Alltagsleben hinaus zum
Himmel tanzen.
    Und was wr Weisheit, wenn sie nicht Gewalt brauchte, um sich allein geltend
zu machen? - Jedes Entsagen will sie ja lindernd ersetzen, und sie schmeichelt
Dir alle Vorteile ihres Besitzes auf, whrend Du weinst um das, was sie Dir
versagt.
    Und wie kann uns das Ewige gelingen, als nur wenn wir das Zeitliche dran
setzen?
    Alles seh ich ein und mchte alle Weisheit dem ersten besten Ablakrmer
verhandeln, um Absolution fr alle Liebesintrigen, die ich mit Dir noch zu haben
gedenke.

                                                                        11. Mrz

Ach, wenn mich die Liebe nicht hellsehend machte, so wr ich elend, ich seh die
gefrornen Blumen an den Fensterscheiben, den Sonnenstrahl, der sie allmhlich
schmilzt, und denke mir alles in Deiner Stube, wie Du auf- und niederwandelst,
diese gefrornen Landschaften mit Tannenwldchen und diese Blumenstcke sinnend
betrachtest. - Da erkenne ich so deutlich Deine Zge, und es wird so wahr, da
ich Dich sehen kann; unterdessen geht die Trommel hier unter dem Fenster von
allen Straen her und ruft die Truppen zusammen.

                                                                        15. Mrz

Staatsangelegenheiten vertraut man mir nicht, aber Herzensangelegenheiten, -
gestern abend kam noch der liebe katholische Priester, das Gesprch war ein
trumerisch Gelispel frherer Zeiten; ein feines Geweb, das ein sanfter Hauch
wiegt in stiller Luft. Das Herz erlebt auch einen Sommer, sagte er, wir
knnen es dieser heien Jahreszeit nicht vorenthalten und Gott wei, da der
Geist reifen mu wie der goldne Weizen, ehe die Sichel ihn schneidet.

                                                                        20. Mrz

Ich bin begierig, ber Liebe sprechen zu hren, die ganze Welt spricht zwar
drber, und in Romanen ist genug ausgebrtet, aber nichts, was ich gern hren
will. Als Beweis meiner Aufrichtigkeit bekenne ich Dir: auch im Wilhelm Meister
geht mir's so, die meisten Menschen ngstigen mich drin, wie wenn ich ein bs
Gewissen htte, da ist es einem nicht geheuer innerlich und uerlich, - ich
mchte zum Wilhelm Meister sagen: Komm, flchte Dich mit mir jenseits der Alpen
zu den Tirolern, dort wollen wir unser Schwert wetzen und das Lumpenpack von
Komdianten vergessen, und alle Deine Liebsten mssen denn mit ihren
Prtensionen und hheren Gefhlen eine Weile darben; wenn wir wiederkommen, so
wird die Schminke auf ihren Wangen erbleicht sein, und die flornen Gewande und
die feinen Empfindungen werden vor Deinem sonneverbrannten Marsantlitz
erschaudern. Ja, wenn etwas noch aus Dir werden soll, so mut Du Deinen
Enthusiasmus an den Krieg setzen, glaub mir, die Mignon wr nicht aus dieser
schnen Welt geflchtet, in der sie ja doch ihr Liebstes zurcklassen mute, sie
htte gewi alle Mhseligkeiten des Kriegs mit ausgehalten und auf den rauhen
Alpen in den Winterhhlen bernachtet bei karger Kost, das Freiheitsfeuer htte
auch in ihrem Busen gezndet und frisches, gesnderes Blut durch ihre Adern
geleitet. - Ach, willst Du diesem Kind zulieb nicht alle diese Menschen zuhauf
verlassen? - Die Melancholie erfat Dich, weil keine Welt da ist, in der Du
handeln kannst. - Wenn Du Dich nicht frchtest vor Menschenblut: - hier unter
den Tirolern kannst Du handeln fr ein Recht, das ebensogut aus reiner Natur
entsprungen ist, wie die Liebe im Herzen der Mignon. - Du bist's, Meister, der
den Keim dieses zarten Lebens erstickt unter all dem Unkraut, was Dich
berwchst. Sag, was sind sie alle gegen den Ernst der Zeit, wo die Wahrheit in
ihrer reinen Urgestalt emporsteigt und dem Verderben, was die Lge angerichtet
hat, Trotz bietet? -
    O, es ist eine himmlische Wohltat Gottes, an der wir alle gesunden knnten,
eine solche Revolution: er lt abermals und abermals die Seele der Freiheit
wieder neugeboren werden.
    Siehst Du, Meister, wenn Du heute in der sternhellen kalten Nacht Deine
Mignon aus ihrem Bettchen holst, in dem sie gestern mit Trnen um Dich
eingeschlafen war; Du sagst ihr: Sei hurtig und gehe mit, ich will allein mit
Dir in die Fremde ziehen; o, sie wird's verstehen, es wird ihr nicht
unglaublich vorkommen, Du tust, was sie lngst von Dir verlangte, und was Du
unbegreiflich unterlassen hast. Du wirst ihr ein Glck schenken, da sie Deine
harten Mhen teilen darf; bei Nacht auf gefahrvollen Wegen, wo jeder Schritt
tuscht, da wird ihr Scharfblick, ihre khne Zuversicht Dich sicher leiten
hinber zum kriegbedrngten Volk; und wenn sie sieht, da Du Deine Brust den
Pfeilen bietest, wird sie nicht zagen, es wird sie nicht krnken wie die Pfeile
des schmeichelnden Sirenenvolks; sie wird rasch heranreifen zu dem khnen
Vertrauen, mit einzuklingen in die Harmonie der Freiheitsbegeisterung. Und wenn
Du auch im Vordertreffen strzen mut, was hat sie verloren? - Was knnte ihr
diesen schnen Tod ersetzen, an Deiner Seite vielleicht? - Beide Arm in Arm
verschrnkt, lgt Ihr unter der khlen gesunden Erde, und mchtige Eichen
beschatteten Euer Grab; sag, wr's nicht besser, als da Du bald ihr feines
Gebild den anatomischen Hnden des Abb berlassen mut, da er ein knstliches
Wachs hineinspritze?
    Ach, ich mu klagen, Goethe, ber alle Schmerzen frherer Zeit, die Du mir
angetan, ich fhl mich jetzt so hilflos, so unverstanden wie damals die Mignon.
- Da drauen ist heute ein Lrm, und doch geschieht nichts, sie haben arme
Tiroler gefangen eingebracht, armes Taglhnervolk, was sich in den Wldern
versteckt hatte; ich hr hier oben das wahnsinnige Toben, ich habe Lden und
Vorhnge zugemacht, ich kann's nicht mit ansehen, der Tag ist auch schon im
Scheiden, ich bin allein, kein Mensch, der wie ich menschlich fhlte. Diese
festen, sicheren, in sich einheimischen Naturen, die den Geist der Treue und
Freiheit mit der reineren Luft ihrer Berge einatmen, die mssen sich durch die
kotigen Straen schleifen lassen von einem biertrunkenen Volk, und keiner tut
diesem Einhalt, keiner wehrt seinen Mihandlungen; man lt sie sich versndigen
an den hheren Gefhlen der Menschheit. - Teufel! - Wenn ich Herrscher wr, hier
wollt ich ihnen zeigen, da sie Sklaven sind, es sollte mir keiner wagen, sich
am Ebenbild Gottes zu vergreifen.
    Ich meine immer, der Kronprinz msse anders empfinden, menschlicher, die
Leute wollen ihn nicht loben, sie sagen: er sei eigensinnig und launig, ich habe
Zutrauen zu ihm, er pflegt den Garten, den er als Kind hatte, noch jetzt mit
Sorgfalt, begiet die Blumen, die in seinen Zimmern blhen, selbst, macht
Gedichte, holperig, aber voll Begeisterung, das alles sagt mir gut fr ihn.
    Was wohl ein solcher fr Gedanken hat, der jeden Gedanken realisieren
knnte? - Ein Frst, dessen Geist das ganze Land erhellen soll? - Er mte
verharren im Gebet sein Leben lang, der angewiesen ist, in tausend andern zu
leben, zu handeln.
    Ja, ob ein Knigssohn wohl den heiligen Geist in sich erweckt, da der
regiere statt seiner? - Der Stadion seufzt und sagt: Das Beste ist, da, wie
die Wrfel auch fallen, der Weg zum Himmel immer unversperrt bleibt fr Knig
und Untertan.

                                                                        25. Mrz

Ich habe keinen Mut und keinen Witz, ach htt ich doch einen Freund, der
nchtlich mit mir ber die Berge ging.
    Die Tiroler liegen in dieser Klte mit Weib und Kind zwischen den Felsen,
und ihr begeisterter Atem durchwrmt die ganze Atmosphre. Wenn ich den Stadion
frage, ob der Herzog Karl sie auch gewi nicht verlassen werde, dann faltet er
die Hnde und sagt: Ich will's nicht erleben.

                                                                        26. Mrz

Das Papier mu herhalten, einziger Vertrauter! - Was doch Amor fr tckische
Launen hat, da ich in dieser Reihe von Liebesbriefen auf einmal mich fr Mars
entznde, mein Teil Liebesschmerzen hab ich schon, ich mte mich schmen, in
diesem Augenblick sie geltend machen zu wollen; und knnt ich nur etwas tun, und
wollten die Schicksalsmchte mich nicht verschmhen! Das ist das Bitterste, wenn
man ihnen nichts gilt, wenn sie einem zu nichts verwenden.
    Denk nur, da ich in dem verdammten Mnchen allein bin. Kein Gesicht, dem zu
trauen wr; Savigny ist in Landshut, dem Stadion schlagen die Wellen in diesem
politischen Meeressturm berm Kopf zusammen, ich seh ihn nur auf Augenblicke,
man ist ganz mitrauisch gegen mich wegen ihm, das ist mir grade lieb, wenn man
auch hochmtig ist auf den eignen Wahnsinn, so soll man doch ahnen, da nicht
jeder von ihm ergriffen ist. Heute morgen war ich drauen im beschneiten Park
und erstieg den Schneckenturm, um mit dem Fernrohr nach den Tiroler Bergen zu
sehen, wte ich Dein Dach dort, ich knnte nicht sehnschtiger danach sphen.
    Heute lie Winter Probe halten von einem Marsch, den er fr den Feldzug
gegen Tirol komponierte, ich sagte, der Marsch sei schlecht, die Bayern wrden
alle ausreien und der Schimpf auf ihn fallen. Winter zerri die Komposition und
war so zornig, da sein langes Silberhaar wie ein vom Hagel getroffenes
hrenfeld hin- und herwogte. Ach, knnte ich doch andere Anstalten auch so
hintertreiben wie den Marsch.
    Jacobi habe ich in drei Wochen nicht gesehen, obschon ich ihm ber seinen
Woldemar, den er mir hier zu lesen gab, einen langen Brief geschrieben habe; ich
wollte mich ben, die Wahrheit sagen zu knnen, ohne da sie beleidigt, er war
mit dem Brief zufrieden und hat mir mancherlei darauf erwidert, wr ich nicht in
das heftige Herzklopfen geraten wegen den Tirolern, so wr ich vielleicht in
eine philosophische Korrespondenz geraten und gewi drin stecken geblieben; dort
auf den Bergen aber nicht, da htt ich meine Sache durchgefochten.
    Schelling seh ich auch selten, er hat etwas an sich, das will mir nicht
behagen, und dies Etwas ist seine Frau, die mich eiferschtig machen will auf
Dich, sie ist in Briefwechsel mit einer Pauline G. aus Jena, von dieser erzhlt
sie mir immer, wie lieb Du sie hast, wie liebenswrdige Briefe Du ihr schreibst
usw., ich hre zu und werde krank davon, und dann rgert mich die Frau. - Ach,
es ist auch einerlei, ich kann nicht wollen, da Du mich am liebsten hast, aber
es soll sich niemand unterstehen, seine Rechte mit mir zu messen in der Liebe zu
Dir.
                                                                         Bettine

                                   An Goethe


                                                                       10. April

Die Sonne geht mir launig auf, beleuchtet mir manches Verborgne, blendet mich
wieder. Mit schweren Wolken abwechselnd zieht sie ber mir hin, bald strmisch
Wetter, dann wieder Ruh.
    Es ebnet sich nach und nach, und auf dem glatten Spiegel, hell und glhend,
steht immer wieder des liebsten Mannes Bildnis, wankt nicht, warum vor andern
nur Du? - Warum nach allen immer wieder Du? Und doch bin ich Dir werter mit all
der Liebe in der Brust? - - frag ich Dich? - Nein, ich wei recht gut, da Du
doch nichts antwortest, - und wenn ich auch sagte: Lieber, geliebter einziger
Mann.
    Was hab ich alles erlebt in diesen Tagen, was mir das Herz gebrochen, ich
mchte meinen Kopf an Deinen Hals verstecken, ich mchte meine Arme um Dich
schlingen und die bse Zeit verschlafen.
    Was hat mich alles gekrnkt, - nichts hab ich gehabt in Kopf und Herzen als
nur immer das mchtige Schicksal, das dort in den Gebirgen rast. Warum soll ich
aber weinen um die, die ihr Leben mit so freudiger Begeisterung ausgehaucht
haben? - Was erbarmt mich denn so? - Hier ist kein Mitleid zu haben als nur mit
mir, da ich mich so anstrengen mu, es auszuhalten.
    
    Will ich Dir alles schreiben, so vertrume ich die Zeit - die Zeit, die auf
glhenden Sohlen durchs Tirol wandert; so bittere Betrbnis hat mich
durchdrungen, da ich's nicht wage, die Papiere, die in jenen Stunden
geschrieben sind, an Dich abzuschicken.

                                                                       19. April

Ich bin hellsehend, Goethe, - ich seh das vergone Blut der Tiroler
triumphierend in den Busen der Gottheit zurckstrmen. Die hohen gewaltigen
Eichen, die Wohnungen der Menschen, die grnen Matten, die glcklichen Herden,
der geliebte gepflegte Reichtum des Heldenvolks, die den Opfertod in den Flammen
fanden, das alles seh ich verklrt mit ihnen gen Himmel fahren, bis auf den
treuen Hund, der, seinen Herrn beschtzend, den Tod verachtet wie er.
    Der Hund, der keinen Witz hat, nur Instinkt, und heiter in jedem Geschick
das Rechte tut. - Ach htte der Mensch nur so viel Witz, den eignen Instinkt
nicht zu verleugnen.

                                                                       20. April

In all diesen Tagen der Unruh, glaub's Goethe, vergeht keiner, den ich nicht mit
dem Gedanken an Dich beschliee, ich bin so gewohnt, Deinen Namen zu nennen,
nachts, eh ich einschlafe, Dir alle Hoffnung ans Herz zu legen, und alle Bitten
und Fragen in die Zukunft.
    Da liegen sie um mich her, die Papiere mit der Geschichte des Tags und den
Trumen der Nacht, lauter Verwirrung, Unmut, Sehnsucht und Seufzer der Ohnmacht;
ich mag Dir in dieser Zeit, die sich so geltend macht, nichts von meinem
bedrftigen Herzen mitteilen, nur ein paar kleine Zuflle, die mich
beschftigen, schrieb ich Dir auf, damit ich nicht verleugne vor Dir, da ein
hheres Geschick auch mir Winke gab, obschon ich zu unmndig mich fhle, ihm zu
folgen.
    Im Mrz war's, da leitete mir der Graf M..., bei dessen Familie ich hier
wohne, eine wunderliche Geschichte ein, die artig ausging. Der Hofmeister seines
Sohnes gibt ihn bei der Polizei an, er sei sterreichisch gesinnt und man habe
an seinem Tisch die Gesundheit des Kaisers getrunken, er schiebt alles auf mich,
und nun bittet er mich, da ich auf diese Lge eingehe, da es ihm sehr
nachteilig sein knne, mir aber hchstens einen kleinen Verweis zuziehen werde,
sehr willkommen war mir's, ihm einen Dienst leisten zu knnen, ich willige mit
Vergngen ein; in einer Gesellschaft wird mir der Polizeiprsident vorgestellt,
unter dem Vorwand meine Bekanntschaft machen zu wollen, ich komme ihm zuvor und
schtte ihm mein ganzes Herz aus, meine Begeisterung fr die Tiroler, und da
ich aus Sehnsucht alle Tage auf den Schneckenturm steige mit dem Fernrohr, da
man heute aber eine Schildwache hingepflanzt habe, die mich nicht
hinaufgelassen; gerhrt ber mein Zutrauen, kt er mir die Hand und verspricht
mir, die Schildwache wegzubeordern, - es war keine List von mir, denn ich htte
wirklich nicht gewut, mich anders zu benehmen, indessen ist durch dieses
Verfahren der Freund wei gebrennt und ich nicht schwarz.
    Ein paar Tage spter, in der Karwoche, indem ich abends in der Dmmerung in
meinem Zimmer allein war, treten zwei Tiroler bei mir ein, ich bin verwundert,
aber nicht erschrocken. - Der eine nimmt mich bei der Hand und sagt: Wir
wissen, da du den Tirolern gut bist und wollen dich um eine Geflligkeit
bitten; es waren Papiere an Stadion und mndliche Auftrge, sie sagten mir
noch, es wrde gewi ein Augenblick kommen, da ich ihnen Dienste leisten knne,
es war mir so wunderlich, ich glaubte, es knne eine List sein, mich
auszuforschen, doch war ich kurz gefat und sagte: Ihr mgt mich nun betrgen
oder nicht, so werd ich tun, was ihr von mir verlangt; der Tiroler sieht mich
an und sagt: Ich bin Leibhusar des Knigs, kein Mensch hat Arges gegen mich,
und doch hab ich nichts im Sinn als nur, wie ich meinen Leuten helfen will, nun
hast du mich in Hnden und wirst nicht frchten, da ein Tiroler auch ein
Verrter sein knne.
    Wie die Tiroler weg waren, war ich wie betubt, mein Herz schlug hoch vor
Entzcken, da sie mir dies Zutrauen geschenkt haben; am andern Tag war
Karfreitag, da holte mich der Stadion ab, um mir eine stille Messe zu lesen. Ich
gab ihm meine Depeschen und erzhlte ihm alles, uerte ihm voll Beschmung die
groe Sehnsucht, da ich fort mchte zu den Tirolern; Stadion sagt, ich soll
mich auf ihn verlassen, er wolle einen Stutzen auf den Rcken nehmen und ins
Tirol gehen, und alles, was ich mchte, das wolle er fr mich ausrichten, es sei
die letzte Messe, die er mir lesen werde, denn in wenig Tagen sei seine Abreise
bestimmt. Ach Gott, es fiel mir schwer aufs Herz, da ich so bald den lieben
Freund verlieren sollte.
    Nach der Messe ging ich aufs Chor, Winter lie die Lamentation singen, ich
warf ein Chorhemd ber und sang mit, unterdessen kam der Kronprinz mit seinem
Bruder, das Kruzifix lag an der Erde, das beide Brder kten, nachher umarmten
sie sich; sie waren bis an den Tag entzweit gewesen ber einen Hofmeister, den
der Kronprinz, weil er ihn fr untauglich hielt, von seinem Bruder entfernt
hatte; sie vershnten sich also hier in der Kirche miteinander, und mir machte
es groe Freude, zuzusehen. Bopp, ein alter Klaviermeister des Kronprinzen, der
auch mir Unterricht gibt, begleitete mich nach Hause, er zeigte mir ein Sonett,
was der Kronprinz an diesem Morgen gedichtet hatte; schon da er diesen
Herzensdrang empfindet, bei Ereignissen, die ihn nher angehen, zu dichten,
spricht fr eine tiefere Seele; in ihm waltet gewi das Naturrecht vor, dann
wird er auch die Tiroler nicht mihandeln lassen; ja, ich hab eine gute
Zuversicht zu ihm; der alte Bopp erzhlt mir alles, was meinen Enthusiasmus noch
steigern kann. Am dritten Feiertag holte er mich ab in den englischen Garten, um
die Anrede des Kronprinzen an seine versammelte Truppen, mit denen er seinen
ersten Feldzug machen wird, anzuhren; ich konnte nichts Zusammenhngendes
verstehen, aber was ich hrte, war mir nicht recht, er spricht von ihrer
Tapferkeit, ihrer Ausdauer und Treue, von den abtrnnigen, verrterischen
Tirolern, da er sie, vereint mit ihnen, zum Gehorsam zurckfhren werde, und
da er seine eigne Ehre mit der ihrigen verflechte und verpfnde usw. Wie ich
nach Hause komme, whlt das alles in mir, ich sehe schon im Geist, wie der
Kronprinz, seinen Generalen berlassen, alles tut, wogegen sein Herz spricht,
und dann ist's um ihn geschehen. So ein bayrischer General ist ein wahrer
Rumpelba, aus ihm hervor brummt nichts als Bayerns Ehrgeiz; das ist die grobe,
rauhe Stimme, mit der er alle besseren Gefhle bertnt.
    Das alles wogte in meinem Herzen, da ich von dieser ffentlichen Rede
zurckkam, und da kein Mensch in der Welt einem Herrscher die Wahrheit sagt, im
Gegenteil nur Schmeichler ihnen immerdar recht geben, und je tiefer sich ein
solcher irrt, je gewaltiger ist in jenen die Furcht, er mge an ihrer
bereinstimmung zweifeln; sie haben nie das Wohl der Menschheit, sie haben nur
immer die Gunst des Herrn im Auge. Ich mute also einen verzweifelten Schritt
tun, um den Tumult der eignen Lebensgeister zu beschwichtigen, und ich bitte
Dich im voraus um Verzeihung, wenn Du es nicht gutheien solltest.
    Erst nachdem ich dem Kronprinzen meine Liebe zu ihm, meine Begeisterung fr
seinen Genius, Gott wei in welchen Schwingungen, ans Herz getrieben habe,
vertraue ich ihm meine Anschauung von dem Tirolervolk, das sich die Heldenkrone
erwirbt, meine Zuversicht, er werde Milde und Schonung da verbreiten, wo seine
Leute jetzt nur rohe Wut und Rachgierde walten lassen, ich frage ihn, ob der
Name Herzog von Tirol nicht herrlicher klinge, als die Namen der vier Knige,
die ihre Macht vereint haben, um diese Helden zu wrgen? Und es mge nun
ausgehen wie es wolle, so hoffe ich, da er sich von jenen den Beinamen der
Menschliche erwerben werde; dies ungefhr ist der Inhalt eines vier Seiten
langen Briefs, den ich, nachdem ich ihn in heftigster Wallung geschrieben (da
ich denn auch nicht davor stehen kann, was alles noch mit untergelaufen), mit
der grten Kaltbltigkeit siegelte und ganz getrost in des Klaviermeisters
Hnde gab, mit der Bedeutung: es seien wichtige Sachen ber die Tiroler, die dem
Kronprinz von groem Nutzen sein wrden. -
    Wie gern macht man sich wichtig, mein Bopp purzelte fast die Stiegen herab,
vor bergroer Eile dem Kronprinzen den interessanten Brief zu berbringen, und
wie leichtsinnig bin ich, ich verga alles. Ich ging zu Winter, Psalmen singen,
zu Tieck, zu Jacobi, nirgends stimmt man mit mir ein, ja alles frchtet sich,
und wenn sie wten, was ich angerichtet habe, sie wrden mir aus Furcht das
Haus verbieten, da seh ich denn ganz ironisch drein und denke: seid ihr nur
bayrisch und franzsisch, ich und der Kronprinz wir sind deutsch und tirolisch,
oder er lt mich ins Gefngnis setzen, dann bin ich mit einem Male frei und
selbstndig, dann wird mein Mut schon wachsen, und wenn man mich wieder loslt,
dann geh ich ber zu den Tirolern und begegne dem Kronprinzen im Feld, und
trotze ihm ab, was er so mir nicht zugesteht.
    O Goethe, wenn ich sollte ins Tirol wandern und zur rechten Zeit kommen, da
ich den Heldentod sterbe! Es mu doch ein ander Wesen sein, es mu doch eine
Belohnung sein fr solche lorbeergekrnten Hupter; der glnzende Triumph im
Augenblick des bergangs ist ja Zeugnis genug, da die Begeisterung, die der
Heldentod uns einflt, nur Widerschein himmlischer Glorie ist. - Wenn ich
sterbe, ich freue mich schon darauf, so gaukle ich als Schmetterling aus dem
Sarg meines Leibes hervor, und dann treffe ich Dich in dieser herrlichen
Sommerzeit unter Blumen, wenn ein Schmetterling Dich unter Blumen vorzieht und
lieber auf Deiner Stirn sich niederlt und auf Deinen Lippen als auf den
blhenden Rosen umher, dann glaube sicher, es ist mein Geist, der auf dem
Tiroler Schlachtfeld freigemacht ist von irdischen Banden, da er hin kann, wo
die Liebe ihn ruft.
    Ja, wenn alles wahr wrde, was ich schon in der Phantasie erlebt habe, wenn
alle glanzvollen Ereignisse meines innern Lebens auch im uern sich spiegelten,
dann httest Du schon groe und gewaltige Dinge von Deinem Kind erfahren, ich
kann Dir nicht sagen, was ich trumend schon getan habe, wie das Blut in mir
tobt, da ich wohl sagen kann, ich hab eine Sehnsucht, es zu verspritzen.
    Mein alter Klaviermeister kam zurck, zitternd und bleich: Was hat in den
Papieren gestanden, die Sie mir fr den Kronprinzen anvertrauten, sagte er,
wenn es mich nur nicht auf ewig unglcklich macht, der Kronprinz schien
aufgeregt, ja erzrnt whrend dem Lesen, und wie er mich gewahr wurde, hie er
mich gehen, ohne wie sonst mir auch nur ein gndiges Wort zu sagen. - Ich mute
lachen, der Klaviermeister wurde immer ngstlicher, ich immer lustiger, ich
freute mich schon auf meine Gefangenschaft, und wie ich da in der Einsamkeit
meinen philosophischen Gedanken nachhngen wrde, ich dachte: dann fngt mein
Geschick doch einmal an, Leben zu gewinnen, es mu doch einmal was draus
entstehen; aber so kam es wieder nicht, ein einzigmal sah ich den Kronprinz im
Theater, er winkte mir freundlich; nun gut: acht Tage hatte ich meinen Stadion
nicht gesehen, am 10. April, wo ich die gewisse Nachricht erhielt, er sei in der
Nacht abgereist, da war ich doch sehr betrbt, da ich ihn sollte zum letztenmal
gesehen haben, es war mir eine wunderliche Bedeutung, da er am Karfreitag seine
letzte Messe gelesen hatte; - die vielen zurckgehaltenen und verleugneten
Gefhle brachen endlich in Trnen aus. In der Einsamkeit da lernt man kennen,
was man will, und was einem versagt wird. Ich fand keine Lage fr mein ringendes
Herz, mde geworden vom Weinen, schlief ich ein, bist Du schon eingeschlafen,
mde vom Weinen? - Mnner weinen wohl so nicht? - Du hast wohl nie geweint, da
die Seufzer noch selbst im Schlaf die Brust beschweren. So schluchzend im Traum
hr ich meinen Namen rufen; es war dunkel, bei dem schwachen Dmmerschein der
Laternen von der Strae erkenne ich einen Mann neben mir in fremder
Soldatenkleidung, Sbel, Patrontasche, schwarzes Haar, sonst wrde ich glauben,
den schwarzen Fritz zu erkennen. - Nein, du irrst nicht, es ist der schwarze
Fritz, der Abschied von dir nimmt, mein Wagen steht an der Tr, ich gehe eben
als Soldat zur sterreichischen Armee, und was deine Freunde, die Tiroler,
anbelangt, so sollst du mir keine Vorwrfe machen oder du siehst mich nie
wieder, denn ich gebe dir mein Ehrenwort, ich werde nicht erleben, da man sie
verrate, es geht gewi alles gut, eben war ich beim Kronprinzen, der hat mit mir
die Gesundheit der Tiroler getrunken und dem Napoleon ein Pereat gebracht, er
hat mich bei der Hand gefat und gesagt: Erinnern Sie sich dran, da im Jahr
Neune im April, whrend der Tiroler Revolution, der Kronprinz von Bayern dem
Napoleon widersagt hat, und so hat er sein Glas mit mir angestoen, da der Fu
zerschellte; ich sagte zu Stadion: Nun bin ich allein und hab keinen Freund
mehr, er lchelte und sagte: Du schreibst an Goethe, schreib ihm auch von mir,
da der katholische Priester auf dem Tiroler Schlachtfeld sich Lorbeern holen
will, ich sagte: Nun werde ich keine Messe so bald mehr hren; - und ich
werde so bald auch keine mehr lesen, sagte er. Da stie er sein Gewehr auf und
reichte mir die Hand zum Abschied. Den werd ich gewi nicht wiedersehen. Kaum
war er fort, klopfte es schon wieder, der alte Bopp kommt herein, es war finster
im Zimmer, an seiner Stimme erkenne ich, da er freudig ist, er reicht mir
feierlich ein zerbrochnes Glas und sagt: Das schickt Ihnen der Kronprinz und
lt Ihnen sagen, da er die Gesundheit derjenigen daraus getrunken hat, die Sie
protegieren, und hier schickt er Ihnen seine Kokarde als Ehrenpfand, da er
Ihnen sein Wort lsen werde, jeder Ungerechtigkeit, jeder Grausamkeit zu
steuern. - Ich war froh, herzlich froh, da ich nicht kleinlich und zaghaft
gewesen war, dem Zutrauen zu folgen, was der Kronprinz und alles, ja auch selbst
das Widersprechendste, was ich von ihm erfahren habe, mir einflte; es war sehr
freundlich von ihm, da er mich so gren lie, und da er nicht meine
Voreiligkeit von sich wies; ich werd es ihm nicht vergessen, mag ich auch noch
manches Verkehrte von ihm hren; denn unter allen, die ihn beurteilen, hat gewi
keiner ein so gutes Herz als er, der es sich ganz ruhig gefallen lt. Ich wei
auch, da er eine feierliche Hochachtung vor Dir hat und nicht wie andere
Prinzen, die nur im Vorberstreifen einen solchen Geist berhren wie Du, nein,
es geht ihm von Herzen, wenn er Dich einmal sieht und Dir sagt, da er sich's
zum grten Glck schtze.
    Ich habe noch viel auf dem Herzen, denn ich habe Dich allein, dem ich's
mitteilen kann. Jeder Augenblick erregt mich aufs neue, es ist als ob das
Schicksal dicht vor meiner Tre seinen Markt aufgeschlagen htte; so wie ich den
Kopf hinausstecke, bietet es Plunder, Verrat und Falschheit feil, auer die
Tiroler, deren Siegesjubel durch alle Verleumdung und Erbitterung der Feinde
durchklingt, aus deren frisch vergonem Blut schon neue Frhlingsblumen
sprieen, und die Jnglinge frisch jeden Morgen von den nebelverhllten
Felszacken dem gewissen Sieg entgegentanzen.
    Adieu, Adieu, auf meine Liebe weise ich Dich an, die hier in diesen Blttern
nur im Vorberstreifen den Staub ihrer ppigen Blte aus den vollen Kelchen
schttelt.
                                                                         Bettine

Friedrich Tieck macht jetzt Schellings Bste, sie wird nicht schner als er,
mithin ganz garstig, und doch ist es ein schnes Werk. -
    Da ich in Tiecks Werksttte kam und sah, wie der groe, breite, prchtige,
viereckige Schellingskopf unter seinen fixen Fingern zum Vorschein kam, dacht
ich, er habe unserm Herrgott abgelernt, wie er die Menschen machte, und er werde
ihm gleich den Atem einblasen, und der Kopf werde lernen A - B - sagen, womit
ein Philosoph so vieles sagen kann.

                                   An Bettine


Man mchte mit Worten so gerne wie mit Gedanken Dir entgegenkommen, liebste
Bettine; aber die Kriegszeiten, die so groen Einflu auf das Lesen haben,
erstrecken ihn nicht minder streng auf das Schreiben, und so mu man sich's
versagen. Deinen romantisch-charakteristischen Erzhlungen gleichlautende
Gesinnungen deutlich auszusprechen. Ich mu daher erwarten, was Du durch eine
Reihe von Briefen mich hoffen lt, nmlich Dich selbst, um Dir alles mit Dank
fr Deine nie versiegende Liebe zu beantworten.
    Erst in voriger Woche erhielt ich Dein Paket, was der Kurier in meiner
Abwesenheit dem Herzog bergab, der es mir selbst brachte. Seine Neugierde war
nicht wenig gespannt, ich mute, um nur durchzukommen, Deine wohlgelungenen
politischen Verhandlungen ihm mitteilen, die denn auch so allerliebst sind, da
es einem schwer wird, sie fr sich allein zu bewahren. Der Herzog bedauert sehr,
da Du im Interesse anderer Mchte bist. -
    Ich habe mich nun hier in Jena in einen Roman eingesponnen, um weniger von
allem bel der Zeit ergriffen zu werden, ich hoffe, der Schmetterling, der da
herausfliegt, wird Dich noch als Bewohner dieses Erdenrunds begren und Dir
beweisen, wie die Psychen auch auf scheinbar verschiednen Bahnen einander
begegnen.
    Auch Deine lyrischen Aufforderungen an eine frhere Epoche des Autors haben
mir in manchem Sinne zugesagt, und wchse der Mensch nicht aus der Zeit mehr
noch wie aus Seelenepochen heraus, so wrd ich nicht noch einmal erleben, wie
schmerzlich es ist, solchen Bitten kein Gehr zu geben.
    Deine interessanten Ereignisse mit dem hohen Protektor eigner feindlicher
Widersacher macht mich begierig, noch mehr und auch von andrer Seite von ihm zu
wissen, zum Beispiel knntest Du mir die Versuche und Bruchstcke seiner
Gedichte, in deren Besitz Du bist, mitteilen, mit Vergngen wrde ich ihn in dem
unbefangnen Spiel mit seiner jungen Muse beobachten.
    Die Gelegenheiten, mir sicher Deine Briefe zu schicken, versume ja nicht,
sie sind mir in dieser armen Zeit uerst willkommen. Auch was der Tag sonst
noch mit sich bringt, berichte, von Freunden und merkwrdigen Leuten, Knsten
und philosophischen Erscheinungen; da Du in einem Kreis vielfach aufgeregter
Geister bist, so kann Dir der Stoff hier nicht ausgehen.
    Mchten doch auch die versprochnen Mitteilungen ber die letzten Tage meiner
Mutter in diesen verschlingenden Ereignissen nicht untergehen, mir ist zwar
mancherlei von Freunden ber sie berichtet, wie sie mit groer Besonnenheit alle
irdischen Anordnungen getroffen; von Dir aber erwarte ich noch etwas anders, da
Dein liebender Sinn ihr ein Denkmal setze, in der Erinnerung ihrer letzten
Augenblicke. Ich bin sehr in Deiner Schuld, liebes Kind, mit diesen wenigen
Zeilen, ich kann Dir nur mit Dank bezahlen fr alles, was Du mir gibst, geben
mchte ich Dir das Beste, wenn Du es nicht schon unwiderstehlich an Dich
gerissen httest.
    Der schwarze Fritz ist mir auch unter diesem Namen ein guter Bekannter, und
die schnen Zge, die Du von ihm berichtest, bilden ein vollkommnes Ganze mit
dem, was eine befreundete Erinnerung hinzubringt. Du hast wohl recht zu sagen,
da, wo der Boden mit Heldenblut getrnkt wird, es in jeder Blume neu
hervorspriee, Deinem Helden gnne ich, da Mars und Minerva ihm alles Glck
zuwenden mgen, da er so schnem an Deiner Seite entrissen zu sein scheint.
    17. Mai 1809
                                                                              G.

                                   An Goethe


                                                                         18. Mai

Der Kronprinz von Bayern ist die angenehmste unbefangenste Jugend, ist so edler
Natur, da ihn Betrug nie verletzt, so wie den gehrnten Siegfried nie die
Lanzenstiche verletzten. Er ist eine Blte, auf welcher der Morgentau noch ruht,
er schwimmt noch in seiner eignen Atmosphre, das heit: seine besten Krfte
sind noch in ihm. Wenn es so fort ginge und da keine bsen Mchte seiner
Meister wrden? - Wie gut hatten's doch jene Ritter, die von geneigten Feen mit
krftigen Talismanen versehen wurden, wenn sie zwischen feurigen Drachen und
ungeschlachten Riesen nach dem tanzenden Wasser des Lebens oder nach goldnen
Liebespfeln ausgesandt waren und eine in Marmor verwnschte Prinzessin, so rot
wie Blut, so wei wie Schnee, schn wie das ausgespannte Himmelszelt ber dem
Frhlingsgarten, als ihrer Erlsung Lohn ihnen zuteil wurde. - Jetzt ist die
Aufgabe anders: die unbewachten Apfelbume hngen ihre fruchtbeladenen Zweige
ber den Weg, und Liebchen lauscht hinter der Hecke, um den Ritter selbst zu
fangen, und diesem allem soll er entgehen und sein Herz der Tugend weihen, die
keine Jugend hat, sondern eine gruliche Larve, so da man vor ihr Reiaus
nehmen mchte; la belle et la bte, la bte ist die Tugend und la belle ist die
Jugend, die sich von ihr soll fressen lassen; da ist's denn kein Wunder, wenn
die Jugend vor der Tugend Reiaus nimmt, und man kann ohne geheime parteiliche
Wnsche nicht Zeuge von diesem Wettrennen sein. - Armer Kronprinz! Ich bin ihm
gut, weil er mit so schnem Willen hinbergeht zu meinen Tirolern, und wenn er
auch nichts tut, als der Grausamkeit wehrt, ich verlasse mich auf ihn.
    Gestern bin ich zum erstenmal wieder eine Strecke weit ins Freie gelaufen,
mit einem kaprizisen Liebhaber der Wissenschaften und Knste, mit einem sehr
guten gehorsamen Kinde seiner eignen Launen, eine warme lebendige Natur, breit
und schmal, wie Du ihn willst, dreht sich schwindellos ber einem Abgrund herum,
steigt mit Vergngen auf die kahlen Spitzen der Alpen, um nach Belieben in den
Ozean oder ins Mittellndische Meer zu speien, macht brigens wenig Lrm. Wenn
Du ihn je siehst und nach dieser Beschreibung erkennst, so ruf ihn nur Rumohr,
ich vermute, er wird sich nach Dir umsehen. - Mit diesem also hat meine
unbefangne Jugend gewagt, sich das Ziel einer anderthalb Stunden weiten Reise zu
setzen, der Ort unserer Wallfahrt heit Harlachingen, auf franzsisch Arlequin.
Ein heier Nachmittag, recht um melancholische Blicke in Brand zu stecken.
    Wir verlassen den grnen Teppich, schreiten ber einen schmalen Balken auf
die andere Seite des Ufers, wandern zwischen Weiden, Mhlen, Bchen weiter; -
wie nimmt sich da ein Bauer in roter Jacke aus, gelehnt an den hohen Stamm des
edlen populus alba, dessen feine ste mit kaum entspronen Blttern einen
sanften grnen Schleier, gleichsam ein Frhlingsnetz niederspinnen, in welchem
sich die tausend Kfer und sonstige Bestien fangen, scherzen und ganz lieblich
haushalten. Jetzt! Warum nicht? - Da unter dem Baum ist genugsam Platz, seinen
Gedanken Audienz zu geben, der launige Naturliebhaber lt sich da nieder, das
Dolce farniente summt ihm ein Wiegenliedchen in die Ohren, die Augenlider
sinken, Rumohr schlft. Natur hlt Wache, lispelt, flstert, lallt, zwitschert.
- Das tut ihm so gut; trumend senkt er sein Haupt auf die Brust; jetzt mcht
ich dich fragen, Rumohr, was ich nie fragen mag, wenn du wach bist. Wie kommt's,
da du ein so groes Erbarmen hast und freundlich bist mit allen Tieren, und
dich nicht kmmerst um das gewaltige Geschick jenes Bergvolks? Vor wenig Wochen,
wie das Eis brach und der Flu berschwoll, da setztest Du alles dran, eine
Katze aus der Wassersnot zu retten. Vorgestern hast du einen totgeschlagnen
Hund, der am Wege lag, mit eignen Hnden eine Grube gemacht und mit Erde
bedeckt, obschon Du in seidnen Strmpfen warst und einen Klaque in Hnden
hattest. Heute morgen hast du mit Trnen geklagt, da die Nachbarn ein
Schwalbennest zerstrten trotz deinen Bitten und Einreden. Warum gefllt dir's
nicht, deine Langeweile, deine melancholische Laune zu verkaufen um einen
Stutzen, du bist so leicht und schlank wie eine Birke, du knntest Stze tun
ber die Abgrnde, von einem Fels zum andern, aber faul bist du und furchtbar
krank an Neutralitt. - Da steh ich allein auf der Wiese, Rumohr schnarcht, da
die Blumen erzittern, und ich denk an die Sturmglocke, deren Gelut so
frchterlich in den Ohren der Feinde erklingt, und auf deren Ruf alle mit
Trommeln und Pfeifen ausziehen, ob auch die Strme brausen, ob Nacht oder Tag, -
und Rumohr, im Schatten eines jungbelaubten Baumes, eingewiegt von scherzenden
Lftchen und singenden Mckchen, schlft fest; was geht den Edelmann das
Schicksal derer an, denen keine Strapaze zu hart, kein Marsch zu weit ist, die
nur fragen: Wo ist der Feind? - Dran, dran, fr Gott, unsern lieben Kaiser und
Vaterland!! - Das mu ich Dir sagen, wenn ich je einen Kaiser, einen
Landesherrn lieben knnte, so wr's im Augenblick, wo ein solches Volk im
Enthusiasmus sein Blut fr ihn verspritzt; ja, dann wollt ich auch rufen: Wer
mir meinen Kaiser nehmen will, der mu mich erst totschlagen, aber so sag ich
mit dem Apostel: Ein jeder ist geboren, Knig zu sein und Priester der eignen
gttlichen Natur, wie Rumohr.
    Die Isar ist ein wunderlicher Flu. Pfeilschnell strzen die jungen Quellen
von den Bergklippen herab, sammeln sich unten im felsigen Bett in einen
reienden Strom. Wie ein schumender Drache mit aufgesperrtem Rachen braust er
hben und drben, ber hervorragende Felsstcke verschlingend her, seine grnen,
dunklen Wellen brechen sich tausendfach am Gestein, und schumend jagen sie
hinab, sie seufzen, sie lallen, sie sthnen, sie brausen gewaltig. Die Mven
fliegen zu Tausenden ber den Wassersturz und netzen die Spitzen ihrer scharfen
Flgel; - und in so karger Gegend, schauderhaft anzusehen, ein schmaler Steg von
zwei Brettern, eine Viertelstunde lang, schrg in die Lnge des Flusses. - Nun,
wir gingen, keine Gefahr ahnend, drber hin, die Wellen brachen sich in
schwindelnder Eile auf dem Wehr unter dem zitternden Steg. Auer da die Bretter
mit meiner Leichtigkeit hin- und herschwankten und Rumohrs Fu zweimal
durchbrach, waren wir schon ziemlich weit gekommen, ein dicker Brger mit der
Verdienstmedaille auf der Brust kam von der andern Seite, keiner hatte den
andern bemerkt, aneinander vorbeizukommen war nicht, einer mute umdrehen.
Rumohr sagt: Wir mssen erst erfahren, fr was er die Medaille hat, darauf
soll's ankommen, wer umkehrt. Wahrhaftig ich frchtete mich, mir war schon
schwindlig, htten wir umkehren mssen, so war ich voran, whrend die losen
Bretter unter meinen Fen schwankten. Wir erkundigten uns ehrerbietigst nach
der Ursache seines Verdienstes: - er hatte einen Dieb gefangen. Rumohr sagte:
Dies Verdienst wei ich nicht zu schtzen, denn ich bin kein Dieb, also bitt
ich umzukehren, der verwunderte dicke Mann lie sich mit Rumohrs Beihilfe
umkehren und machte den Weg zurck.
    Unter einem Kastanienbaum lie ich mich nieder, trumend grub ich mit einem
Reis in die Erde. Rumohr jagt mit Stock und Hut die Maikfer auseinander, die
wie viele Flintenkugeln uns umschwirrten beim Nachhausegehen in der Dmmerung. -
Nah an der Stadt auf einem grnen Platz am Ufer steht die Statue des heiligen
Johann von Nepomuk, der Wassergott; vier Laternen werfen einen frommen Glanz auf
ihn, die Leute knien da nacheinander hin, verrichten ihr Gebet, strt keiner den
andern, gehen ab und zu. Die Mondsichel stand oben; - in der Ferne hrten wir
Pauken und Trompeten, Signal der Freude ber die Rckkunft des Knigs; er war
geflohen vor einer Handvoll waghalsiger Tiroler, die wollten ihn gefangen haben,
warum lie er sich nicht fangen, da war er mitten unter Helden, keine bessere
Gesellschaft fr einen Knig; umsonst wr's nicht gewesen, der Jubel wrde nicht
gering gewesen sein, von Angesicht zu Angesicht htte er vielleicht bessere
Geschfte gemacht, er ist gut, der Knig, der mu sich auch fgen ins eiserne
Geschick der falschen Politik. - Die Stadt war illuminiert, als wir hineinkamen,
und mein Herz war bei dem allen schwer, sehr schwer, wollte gern mit jenen
Felssteinen in die Tiefe hinabrollen, denn weil ich alles geschehen lassen mu.
Heut haben wir den 18. Mai, die Bume blhen, was wird noch alles vorgehen, bis
die Frchte reifen. Vorgestern glhte der Himmel ber jenen Alpen, nicht vom
Feuer der untertauchenden Sonne, nein, vom Mordbrand; da kamen sie in den
Flammen um, die Mtter mit den Suglingen, hier lag alles im schweigenden
Frieden der Nacht, und der Tau trnkte die Kruter, und dort verkohlte die
Flamme den mit Heldenblut getrnkten Boden.
    Ich stand die halbe Nacht auf dem Turm im Hofgarten und betrachtete den
roten Schein und wute nicht, was ich davon denken sollte, und konnte nicht
beten, weil es doch nichts hilft, und weil ein gttlich Geschick grer ist als
alle Not, und allen Jammer aufwiegt. -
    Ach, wenn sehnschtiger Jammer beten ist, warum hat dann Gott mein heies
Gebet nicht erhrt? - Warum hat er mir nicht einen Fhrer geschickt, der mich
die Wege hinbergeleitet htte? - Ich zittere zwar vor Furcht und Schrecken ber
allen Greuel, den man nimmer ahnen knnte, wenn er nicht geschehen wr, aber die
Stimme aus meinem Herzen hinber zu ihnen bertubt alles. Das Schlo der
blinden Tannenberge haben sie verrterisch abgebrennt; Schwatz, Greise, Kinder,
Heiligtmer; ach, was soll ich Dir schreiben, was ich nimmermehr selbst wissen
mchte, und doch haben die Bayern selbst jubelnd sich dessen gerhmt, so was mu
man tragen lernen mit kaltem Blut und mu denken, da Unsterblichkeit ein ewiger
Lohn ist, der alles Geschick berbietet. -
    Der Knig fuhr, da wir eben in die Stadt kamen, durch die erleuchteten
Straen, das Volk jauchzte, und Freudentrnen rollten ber die Wangen der harten
Nation; ich warf ihm auch Kuhnde zu, und ich gnn ihm, da er geliebt ist. -
Adieu, hab Dein treues Kind lieb, sag ihm bald ein paar Worte.
                                                                         Bettine

                                   An Goethe


                                                                      Am 22. Mai

Heute morgen zu meiner berraschung erhielt ich Deinen Brief. Ich war gar nicht
mehr gefat darauf, schon die ganze Zeit schreibe ich meine Bltter als ein
verzweifelter Liebhaber, der sie dem Sturmwind preisgibt, ob der sie etwa
hintrage zu dem Freund, in den mein krankes Herz Vertrauen hat. So hat mich denn
mein guter Genius nicht verlassen! Er durchsauset die Lfte auf einem schlechten
Postklepper, und am Morgen einer Nacht voll weinender Trume erblick ich
erwachend das blaue Kuvert auf meiner grnen Decke.
    So tretet denn, ihr steilen Berge, ihr schroffen Felswnde, ihr kecken,
racheglhenden Schtzen, ihr verwsteten Tale und rauchenden Wohnungen
bescheiden zurck in den Hintergrund und berlat mich einer ungemessenen
Freude, die elektrische Kette, die den Funken von Ihm bis zu mir leitet, zu
berhren, und unzhligemal nehm ich ihn in mich auf, Schlag auf Schlag, diesen
Funken der Lust. - Ein groes Herz, hoch ber den Schrecken der Zeit, neigt sich
herab zu meinem Herzen. Wie der silberne Faden sich niederschlngelt ins Tal
zwischen hinabgrnenden Matten und blhenden Bschen (denn wir haben ja Mai),
sich unten sammelt und im Spiegel mir mein Bild zeigt, so leiten Deine
freundlichen Worte hinab zu mir das schne Bewutsein, aufbewahrt zu sein im
Heiligtum Deiner Erinnerungen, Deiner Gefhle; so wag ich's zu glauben, da
dieser Glaube mir den Frieden gibt. -
    O, lieber Freund, whrend Du Dich abwendest vor dem Unheil trber Zeit, in
einsamer Hhe Geschicke bildest und mit scharfen Sinnen sie lenkest, da sie
ihrem Glck nicht entgehen, denn sicher ist dies schne Buch, welches Du Dir zum
Trost ber alles Traurige erfindest, ein Schatz kstlicher Gensse, wo Du in
feinen Organisationen und groen Anlagen der Charaktere Stimmungen einleitest
und Gefhle, die beseligen, wo Du mit freundlichem Hauch die Blume des Glcks
erweckst und in geheimnisvoll glhenden Farben erblhen machst, was unser Geist
entbehrt. - Ja, Goethe, whrend diesem hat es sich ganz anders in mir gestaltet.
- Du erinnerst Dich wohl noch, da die Gegend, das Klima meiner Gedanken und
Empfindungen, heiter waren, ein freundlicher Spielplatz, wo sich bunte
Schmetterlinge zu Herden ber Blumen schaukelten, und wie Dein Kind spielte
unter ihnen, so leichtsinnig wie sie selber, und Dich, den einzigen Priester
dieser schnen Natur, mutwillig umjauchzte, manchmal auch tiefbewegt allen Reiz
beglckter Liebe in sich sammelnd zu Deinen Fen in Begeisterung berstrmte.
Jetzt ist es anders in mir, dstere Hallen, die prophetische Monumente
gewaltiger Todeshelden umschlieen, sind der Mittelpunkt meiner schweren
Ahnungen; der weiche Mondesstrahl, der goldnen Birke Duft dringen da nicht ein,
aber wohl Trume, die mir das Herz zerreien, die mir im Kopf glhen, da alle
Adern pochen. Ich liege an der Erde am verdeten Ort und mu die Namen ausrufen
dieser Helden, deren schauerliches Geschick mich verwundet; ich seh ihre Hupter
mit Siegeslorbeern geschmckt, stolz und mchtig unter dem Beil niederrollen auf
das Schafott. Ach Gott, ach Gott! welch lauter Schrei der Verzweiflung
durchfhrt mich bei diesen einbilderischen Trumen. Warum mu ich verzagen, da
noch nichts verloren ist? - Ich hab ein Fieber, so glht mir der Kopf. Auf dem
tonnenfrmigen Gipfel des Kofels, Speckbachers Horst, der schlaflos, keiner
Speise bedrfend, mit besserer Hoffnung beflgelt, leicht wie ein Vogel schwebt
ber dem Augenblick, da es Zeit ist. Auf dem Brenner, wo Hofers unwandelbarer
Gleichmut die Geschicke lenkt, die Totenopfer der Treue anordnet. Am Berge Isel,
wo der Kapuziner den weien Stecken in der Hand, alles erratend und vorbeugend,
sich allen voranwagend, an der Spitze des Landvolks, siegbewut ber die Saaten
niederjagt ins Tal. Da seh ich auch mich unter diesen, die kurze grn und weie
Standarte schwingend, weit voran auf steilstem Gipfel, und der Sieg brennt mir
in den Gliedern, und da kommt der bse Traum und haut mit geschwungener Axt mir
die feste Hand ab, die niederstrzt mitsamt der Fahne in den Abgrund, dann ist
alles so de und stumm, die Finsternis bricht ein und alles verschwunden, nur
ich allein auf der Felswand ohne Fahne, ohne Hand, verzeih's, da ich so rase,
aber so ist's.
    Heute morgen noch mein letzter Traum, da trat einer zu mir auf dem
Schlachtfeld, sanft von Gesicht, von gemessenem Wesen, als wr es Hofer; der
sagte mitten unter Leichen stehend zu mir: Die starben alle mit groer
Freudigkeit. In demselben Augenblick erwachte ich unter Trnen, da lag Dein
Brief auf dem Bett.
    Ach, vereine Dich doch mit mir, Ihrer zu gedenken, die da hinstrzen ohne
Namen, kindliche Herzen ohne Fehl, lustig geschmckt wie zur Hochzeit mit
goldnen Struern, die Mtzen geziert mit Schwungfedern der Auerhhne und mit
Gemsbrten, das Zeichen tollkhner Schtzen. Ja! Gedenke ihrer; es ist des
Dichters Ruhm, da er den Helden die Unsterblichkeit sichere!

                                                                         6. Juni

Gestern, da ich Dir geschrieben hatte, da war die Sonne schon im Untergehen, da
ging ich noch hinaus, wo man die Alpen sieht, was soll ich anders tun? Es ist
mein tglicher Weg, da begegne ich oft einem, der auch nach den Tiroler Alpen
spht. An jenem spten Abend, ich glaub es war in der Mitte Mai, wo Schwatz
abbrannte, da war er mit auf dem Turm, da konnte er sich gar nicht fassen, er
rang die Hnde und jammerte leise: O Schwatz! O liebes Vaterland! - Gestern
war er wieder da und ergo mit Freudebrausen den ganzen Schatz seiner
Neuigkeiten vor mir. Wenn's demnach wahr ist, so haben die Tiroler am
Herz-Jesu-Fest (den Datum wute er nicht) den Feind berwltigt und ganz Tirol
zum zweitenmal befreit. Ich kann nicht erzhlen, was er alles vorbrachte, Du
wrdest es so wenig verstehen wie ich; Speckbachers Witz hat durch eine Batterie
von Baumstmmen, als ob es Kanonen wren und durch zusammengebundne Flintenlufe
den Knall nachahmend, den Feind betrogen, gleich drauf die Brcke bei Hall
dreimal gestrmt und den Feind mitsamt den Kanonen zurckgetrieben, die Kinder
dicht hinterdrein; wo der Staub aufwirbelte, schnitten sie mit ihren Messern die
Kugeln aus und brachten sie den Schtzen. Der Hauptsieg war am Berg Isel, dem
Kapuziner ist der Bart weggebrennt. Die namhaften Helden sind alle noch
vollzhlig. Handbillett haben sie vom Kaiser mit groen Verheiungen aus der
Flle seines Herzens. Wenn's auch nicht alles wahr wird, meinte mein Tiroler, so
war's doch wieder ein Freudentag frs Vaterland, der aller Aufopferung wert ist.
    Vom Kronprinz hab ich kein Gedicht; ein einziges, was er am Tag vor seinem
Auszug in den Krieg machte, an Heimat und die Geliebte, zeigte mir der alte
getreue Pantalon, er will's unter keiner Bedingung abschreiben. Eine junge Muse
der Schauspielkunst besitzt deren mehrere, der alte Bopp hat ihr auf meine Bitte
drum angelegen, sie suchte danach unter den Theaterlumpen und fand sie nicht,
sonst htten sie zu Diensten gestanden, meinte sie, der Kronprinz wrde ihr
andere machen.
    Gold und Perlen hab ich nicht, der einzige Schatz, nach dem ich gewi allein
greifen wrde bei einer Feuersbrunst, sind Deine Briefe, Deine schnen Lieder,
die Du mit eigner Hand geschrieben, sie sind verwahrt in der roten Sammettasche,
die liegt nachts unter meinem Kopfkissen, darin ist auch noch der
Veilchenstrau, den Du mir in der Gesellschaft bei Wieland, so verborgen
zustecktest, wo Dein Blick wie ein Sperber ber allen Blicken kreiste, da
keiner wagte aufzusehen. - Die junge Muse gibt es auf, die Opfer, die der
Kronprinz ihr in Dichterperlen gereiht zu Fen legte, unter dem Wust von
falschem Schmuck und Flitterstaat wiederzufinden, und doch waren sie im
Zauberhauch der Mondnchte bei dem Lied der Nachtigall erfunden, Silb um Silbe;
Klang um Klang aufgereiht. Wer Silb um Silbe die nicht liebt, nicht diesen
Schlingen sich gefangen gibt, der mag von Himmelskrften auch nicht wissen, wie
zrtlich die von Reim zu Reim sich kssen.
    Deine Mutter werde ich nicht vergessen, und sollt ich auch mitten im
Kriegsgetmmel untergehen, so wrde ich gewi noch im letzten Moment die Erde
kssen zu ihrem Andenken. Was ich Dir noch Merkwrdiges zu berichten habe, ist
schon aufgeschrieben, im nchsten Brief wirst Du es finden, dieser wird schon zu
dick, und ich schme mich, da ich Dir nichts Wichtiges zu schreiben habe und
doch nicht abbrechen kann. Geschwtz! - ich wei ja, wie's ging in Weimar, da
sagt ich auch nichts Gescheutes, und doch hrtest Du gern zu.
    Vom Stadion wei ich gar nichts, da mu ich kurzen Proze machen und ihn
verschmerzen, wer wei, ob ich ihn je wieder seh.
    Jacobi ist zart wie eine Psyche, zu frh geweckt, rhrend; wr es mglich,
so knnte man von ihm lernen, aber die Unmglichkeit ist ein eigner Dmon, der
listig alles zu vereiteln wei, zu was man sich berechtigt fhlt; so mein ich
immer, wenn ich Jacobi von Gelehrten und Philosophen umgeben seh, ihm wr
besser, er sei allein mit mir. Ich bin berzeugt, meine unbefangnen Fragen, um
von ihm zu lernen, wrden ihm mehr Lebenswrme erregen, als jene alle, die vor
ihm etwas zu sein als notwendig erachten. Mitteilung ist sein hchster Genu; er
appelliert in allem an seine Frhlingszeit, jede frisch aufgeblhte Rose
erinnert ihn lebhaft an jene, die ihm zum Genu einst blhten, und indem er
sanft durch die Haine wandelt, erzhlt er, wie einst Freunde Arm in Arm sich mit
ihm umschlungen in kstlichen Gesprchen, die spt in die laue Sommernacht
whrten, und da wei er noch von jedem Baum in Pempelfort, von der Laube am
Wasser, auf dem die Schwne kreisten, von welcher Seite der Mond hereinstrahlte
auf reinlichem Kies, wo die Bachstelzchen stolzierten; das alles spricht sich
aus ihm hervor, wie der Ton einer einsamen Flte, sie deutet an: der Geist weilt
noch hier; in ihren friedlichen Melodien aber spricht sich die Sehnsucht zum
Unendlichen aus. Seine hchst edle Gestalt ist gebrechlich, es ist, als ob die
Hlle leicht zusammensinken knne, um den Geist in die Freiheit zu entlassen.
Neulich fuhr ich mit ihm, den beiden Schwestern und dem Grafen Westerhold nach
dem Staremberger See. Wir aen zu Mittag in einem angenehmen Garten, alles war
mit Blumen und blhenden Struchern berset, und da ich zur Unterhaltung der
gelehrten Gesellschaft nichts beitragen konnte, so sammelte ich deren so viel,
als mein Strohhut fate. Im Schiff, auf dem wir bei herannahendem Abend wohl
anderthalb Stunden fahren muten, um das jenseitige Ufer wieder zu erreichen,
machte ich einen Kranz. Die untergehende Sonne rtete die weien Spitzen der
Alpenkette, und Jacobi hatte seine Freude dran, er deployierte alle Grazie
seiner Jugend, Du selbst hast mir einmal erzhlt, da er als Student nicht wenig
eitel auf sein schnes Bein gewesen, und da er in Leipzig mit Dir in einen
Tuchladen gegangen, das Bein auf den Ladentisch gelegt, und dort die neuen
Beinkleidermuster drauf probiert, blo um das Bein der sehr artigen Frau im
Laden zu zeigen; - in dieser Laune schien er mir zu sein; nachlssig hatte er
sein Bein ausgestreckt, betrachtete es wohlgefllig, strich mit der Hand drber,
dann wenige Worte ber den herrlichen Abend flsternd, beugte er sich zu mir
herab, da ich am Boden sa und den Scho voll Blumen hatte, wo ich die besten
auslas zum Kranz, und so besprachen wir uns einsilbig, aber zierlich und mit
Genu in Gebrden und Worten, und ich wute es ihm begreiflich zu machen, da
ich ihn liebenswrdig finde, als auf einmal Tante Lenens vorsorgende
Bosheitspflege der feinen Gefhlskoketterie einen bsen Streich spielte; ich
schme mich noch, wenn ich dran denke; sie holte eine weie langgestrickte
wollne Zipfelmtze aus ihrer Schrzentasche, schob sie ineinander und zog sie
dem Jacobi weit ber die Ohren, weil die Abendluft beginne rauh zu werden, grade
in dem Augenblick als ich ihm sagte: Heute versteh ich's recht, da Sie schn
sind, und er mir zum Dank die Rose in die Brust steckte, die ich ihm gegeben
hatte. Jacobi wehrte sich gegen die Nachtmtze, Tante Lene behauptete den Sieg,
ich mochte nicht wieder aufwrts sehen, so beschmt war ich. - Sie sind recht
kokett, sagte der Graf Westerhold, ich flocht still an meinem Kranz, da aber
Tante Lene und Lotte einstimmend mir gute Lehren gaben, sprang ich pltzlich auf
und trappelte so, da der Kahn heftig schwankte, um Gotteswillen wir fallen!
schrie alles, ja, ja! rief ich, wenn Sie noch ein Wort weiter sagen ber
Dinge, die Sie nicht verstehen. Ich schwankte weiter, haben Sie Ruh, es wird
mir schwindlig. - Westerhold wollte mich anrhren, aber da schwankte ich so,
da er sich nicht vom Platz getraute, der Schiffer lachte und half schwanken,
ich hatte mich vor Jacobi gestellt, um ihn nicht in der fatalen Mtze zu sehen,
jetzt, wo ich sie alle in der Gewalt hatte, wendete ich mich nach ihm, nahm die
Mtze beim Zipfel und schwenkte sie weit hinaus in die Wellen; da hat der Wind
die Mtze weggeweht, sagte ich, ich drckte ihm meinen Kranz auf den Kopf, der
ihm wirklich schn stand, Lene wollt es nicht leiden, die frischen Bltter
knnten ihm schaden. Lasse ihn mir doch, sagte Jacobi sanft, ich legte die Hand
ber den Kranz. Jacobi, sagte ich: Ihre feinen Zge leuchten im gebrochnen
Licht dieser schnen Bltter wie die des verklrten Plato. Sie sind schn, und
es bedarf nur eines Kranzes, den Sie so wohl verdienen, um Sie wrdig der
Unsterblichkeit darzustellen; ich war vor Zorn begeistert, und Jacobi freute
sich; ich setzte mich neben ihn an die Erde und hielt seine Hand, die er mir
auch lie, keiner sagte etwas, sie wendeten sich alle ab, um die Aussicht zu
betrachten, und sprachen unter sich, da lachte ich ihn heimlich an. Da wir ans
Ufer kamen, nahm ich ihm den Kranz ab und reichte ihm den Hut. - Das war meine
kleine Liebesgeschichte jenes schnen Tages, ohne welche der Tag nicht schn
gewesen sein wrde; nun hngt der Kranz verwelkt an meinem Spiegel, ich bin
seitdem nicht wieder hingegangen, denn ich frchte mich vor Helenen, die aus
beleidigter Wrde ganz stumm war und mir nicht Adieu sagte; so mag denn Jacobi
freundlich meiner gedenken, wenn ich ihn nicht wieder sehen sollte, dieser
Abschied kann ihm keinen unangenehmen Eindruck in der Erinnerung lassen, und mir
ist es grade recht, denn ich mchte doch nicht Kunst genug besitzen, den vielen
Fallstricken und bsen Auslegungen zu entgehen, die jetzt wahrscheinlich im Gang
sein mgen. Adieu, nun hab ich Dir auf alle Artikel Deines lieben Briefes
geantwortet und Dir mein ganzes Herz ausgeschttet. Versicherungen meiner Liebe
gebe ich Dir nicht mehr, die sind in jedem Gedanken, im Bedrfnis, Dir alles ans
Herz zu legen, hinlnglich beurkundet.
    7. Juni
                                                                         Bettine

                                   An Goethe


                                                                        16. Juni

Gott lasse mir den einzigen Wunsch gedeihen, Dich wieder zu sehen, und zgere
nicht allzulang. Soeben vernehme ich, da jemand von meiner Bekanntschaft nach
Weimar geht. Das blst die Asche von der Glut, mich hlt's, da ich von hier aus
die Tiroler Berge sehen kann, sonst nichts. Es martert mich alle Tage, nicht zu
wissen, was dort vorgeht; ich kme mir vor wie ein feiger Freund, wenn ich mich
dem Einflu, den die Nhe des bedrngten Landes auf mich hat, entziehen wollte;
wahrhaftig, wenn ich abends von meinem Schneckenturm die Sonne dort untergehen
sehe, da mu ich immer mit ihr.
    Wir haben schon seit Wochen schlecht Wetter. Nebel und Gewlk, Wind und
Regen und schmerzliche Botschaft wird indessen durch Dein Andenken wie durch
einen Sonnenstrahl erhellt. - Beinah vier Wochen hab ich nicht geschrieben, aber
ich hab Dich diese ganze Zeit ber bedacht, mit Gedanken, Wort und Werken, und
nun will ich's gleich auseinandersetzen: es ist auf der hiesigen Galerie ein
Bild von Albrecht Drer, in seinem achtundzwanzigsten Jahre von ihm selbst
gemalt; es hat die grazisesten Zge eines weisheitsvollen, ernsten, tchtigen
Antlitzes; aus der Miene spricht ein Geist, der die jetzigen elenden
Weltgesichter niederkracht. Als ich Dich zum erstenmal sah, war es mir
auffallend und bewegte zugleich zu inniger Verehrung, zu entschiedener Liebe,
das sich in Deiner ganzen Gestalt aussprach, was David von den Menschen sagt:
ein jeder mag Knig sein ber sich selber. So meine ich nmlich, da die Natur
des inneren Menschen die Oberhand erringe ber die Unzuverlssigkeit, ber die
Zuflle des ueren, daraus entstehe die edle Harmonie, das Wesen, was sowohl
ber Schnheit hinaus ist als der Hlichkeit trotzt. So bist Du mir erschienen,
die geistige Erscheinung der Unsterblichkeit, die der irdischen vergnglichen
Meister wird. Obschon nun Drers Antlitz ein ganz anderes ist, so hat mich doch
die Sprache seines Charakters mchtig an die Deinige erinnert, ich habe mir's
kopieren lassen. - Ich hab das Bild den ganzen Winter ber auf meinem Zimmer
gehabt und war nicht allein. Ich hab mich viel in Gedanken an diesen Mann
gewendet, hab Trost und Leid von ihm empfunden, bald war's mir traurig zu
fhlen, wie manches, worauf man doch in sich stolz ist, zugrunde geht vor einem
solchen, der recht wollte, was er wollte; bald flchtete ich mich zu diesem Bild
als zu einem Hausgott. Wenn mich die Lebenden langweilten, und da ich Dir's
recht sage: mein Herz war in manchen Stunden so tief von dem reinen Scharfblick
gerhrt, der aus seinen edlen Augen dringt, da er mir mehr im Umgang war als
ein Lebender. Dieses Bild nun hatte ich eigentlich fr Dich kopieren lassen, ich
wollte Dir's als einen Sachwalter meiner Herzensangelegenheiten senden, und so
verging Woche um Woche, immer mit dem festen Entschlu, es die nchstfolgende
abzusenden, ohne da ich es je dazu bringen konnte, mich davon zu trennen. Mein
lieber Goethe, ich hab noch weniges gesehen in der Welt, sowohl von Kunstwerken
als sonst, was mich herzlich interessierte. Daher wr wohl meiner kindischen Art
zu verzeihen. Das Bild kann ich nun nicht mehr von mir lossagen, so wie man sich
von einem Freund nicht mehr lossagen kann. Dir aber will ich's schicken, meinem
geliebtesten von allen. Doch, wie es das Schicksal fhrt, soll es nicht in andre
Hnde kommen, und sollte der Zufall es von Dir trennen, so msse es wieder in
meine Hnde kommen. Ich hoffte, die ganze Zeit es selbst bringen zu knnen,
indessen ist gar keine Wahrscheinlichkeit in diesem Augenblick, wenn ich nicht
stets auf die kommende Zeit hoffte, so wrde ich verzweifeln, Dich bald
wiederzusehen; allein, da nach der Zukunft immer wieder eine ist, das hat schon
manchen Menschen alt gemacht. - Du bist mir lieb ber alles, in der Erinnerung
wie in der Zukunft; der Frhling, den Deine Gegenwart in mir erschaffen hat,
dauert; denn schon sind zwei Jahre um, und noch hat kein Sturm ein Blttchen vom
Ast gelst, noch hat der Regen keine Blte zerstrt, alle Abend hauchen sie noch
den sen Duft der Erinnerung aus; ja wahrhaftig kein Abend ist bis jetzt zum
Schlafen gekommen, da ich Dich nicht bei Namen gerufen und der Zeit gedacht, da
Du mich auf meinen Mund gekt, mich in Deinen Arm genommen, und ich will stets
hoffen, da die Zeit wiederkehre. Da ich Dir nichts in der Welt vorziehe, so
glaub ich's auch von Dir. Sei Du so alt und klug wie ich, la mich so jung und
weise sein wie Du, und so mchten wir fglich die Hand einander reichen und sein
wie die beiden Jnger, die zwei verschiednen Propheten folgten in einem Lehrer.
    Schreib mir, wie Du glaubst, da ich das Bild ohne Gefahr schicken knne,
aber bald. - Wenn Du mir keine Gelegenheit angeben kannst, so werde ich selbst
schon eine finden. Hab niemand lieber wie mich; Du, Goethe, wrst sehr
ungerecht, wenn Du andre mir vorzgst, da so meisterlich, so herrlich, Natur
mein Gefhl Dir verwebt hat, da Du das Salz Deines eignen Geistes in mir
schmecken mut.
    Wenn kein Krieg, kein Sturm und vorab keine verwstende Zeitung, die alles
bildende Ruhe im Busen strte, dann mchte ein leichter Wind, der durch die
Grashalmen fhrt, der Nebel, wie er sich von der Erde lst, die Mondessichel,
wie sie ber den Bergen hinzieht, oder sonst einsames Anschauen der Natur einem
wohl tiefe Gedanken erregen; jetzt aber in dieser beweglichen Zeit, wo alle
Grundfesten ein rechtes Krachen und Gliederreien haben, da will sie keinem
Gedanken Raum gestatten, aber das, woran ein Freund teilgenommen, da man sich
auf seinen Arm gesttzt, auf seiner Schulter geruht hat, dies einzige tzt tief
jede Linie der Gegenstnde ins Herz, so wei ich jeden Baum des Parks noch, an
dem wir vorbergegangen, und wie Du die ste der Zuckerplatane niederbogst und
zeigtest mir die rtliche Wolle unter den jungen Blttern und sagtest, die
Jugend sei wollig; und dann die runde, grne Quelle, an der wir standen, die so
ewig ber sich sprudelt, bul, bul, und Du sagtest, sie rufe der Nachtigall, und
die Laube mit der steinernen Bank, wo eine Kugel an der Wand liegt, da haben wir
eine Minute gesessen, und Du sagtest: Setze Dich nher, damit die Kugel nicht
in Schatten komme, denn sie ist eine Sonnenuhr, und ich war einen Augenblick so
dumm, zu glauben, die Sonnenuhr knne aus dem Gange kommen, wenn die Sonne nicht
auf sie scheine, und da hab ich gewnscht, nur einen Frhling mit Dir zu sein,
hast Du mich ausgelacht; da fragte ich, ob Dir dies zu lang sei; ei nein,
sagtest Du, aber dort kommt einer gegangen, der wird gleich dem Spa ein Ende
machen; das war der Herzog, der grad auf uns zukam, ich wollte mich verstecken,
Du warfst Deinen berrock ber mich, ich sah durch den langen rmel, wie der
Herzog immer nher kam, ich sah auf seinem Gesicht, da er was merkte, er blieb
an der Laube stehen, was er sagte, verstand ich nicht, so groe Angst hatte ich
unter Deinem berrock, so klopfte mir das Herz, Du winktest mit der Hand, das
sah ich durch Deinen Rockrmel, der Herzog lachte und blieb stehen; er nahm
kleine Sandsteinchen und warf nach mir, und dann ging er weiter. Da haben wir
nachher noch lang geplaudert miteinander, was war's doch? - nicht viel Weisheit,
denn Du verglichst mich damals mit der weisheitvollen Griechin, die den Sokrates
ber die Liebe belehrte, und sagtest: Kein gescheutes Wort bringst Du vor, aber
Deine Narrheit belehrt besser, wie ihre Weisheit, - und warum waren wir da
beide so tief bewegt? - da Du von mir verlangtest mit den einfachen Worten:
Lieb mich immer, und ich sagte: Ja. - Und eine ganze Weile drauf, da nahmst
Du eine Spinnwebe von dem Gitter der Laube und hingst mir's aufs Gesicht, und
sagtest; Bleib verschleiert vor jedermann und zeige niemand, was Du mir bist.
- Ach! Goethe, ich hab Dir keinen Eid der Treue getan mit den Lippen, die da
zuckten vor heftiger Bewegung und keine Worte kannten; ich erinnere mich gar
nicht, da ich mit Selbstbewutsein Dir die Treue zugesagt htte, es ist alles
mchtiger in mir wie ich, ich kann nicht regieren, ich kann nicht wollen, ich
mu alles geschehen lassen. Zwei einzige Stunden waren so voll Ewigkeit; einen
einzigen Frhling verlangte ich damals, und jetzt meine ich kaum, da ich diesen
bewltigen knne mein ganzes Leben lang, und mir klopft das Herz jetzt ebenso
vor Unruh, wenn ich mich in die Mitte jenes Frhlings denke. Ich bin am Ende des
Blattes, und wr's nicht gar zu sehr auf Dich gesndigt, so mcht ich ein neues
anfangen, um so fort zu plaudern; ich liege hier auf dem Sofa und schreibe den
Brief auf einem Kissen, deswegen ist er auch so ungleich. Da sie doch alle
vergehen, wenn ich zu Dir sprechen will, diese Gedanken, die so ungerufen vor
mir auf- und niedertanzen, von denen Schelling sagt: es sei unbewute
Philosophie.
    Lebe wohl! So wie die vom Wind getragne Samenflocke auf den Wellen hintanzt,
so spielt meine Phantasie auf diesem mchtigen Strom Deines ganzen Wesens und
scheut nicht, drin unterzugehen; mchte sie doch! welch seliger Tod! -
Geschrieben am 16. Juni in Mnchen an einem Regentag, wo zwischen Schlaf und
Wachen die Seele nach Wind und Wetter sich bequemte.
                                                                         Bettine

Bleib ihr gut, schreib ihr bald und gr die Deinen.

                                   An Bettine


In zwei Deiner Briefe hast Du ein reiches Fllhorn ber mich ergossen, liebe
Bettine, ich mu mich mit Dir freuen und mit Dir betrben und kann des Genusses
nimmer satt werden. So lasse Dir denn gengen, da die Ferne Deinen Einflu
nicht mindert, da Du mit unwiderstehlicher Gewalt mich den mannigfachen
Einwirkungen Deiner Gefhle unterwirfst, und da ich Deine bsen wie Deine guten
Trume mittrumen mu. Was Dich nun mit Recht so tief bewegt, ber das verstehst
Du auch allein Dich wieder zu erheben, hierber schweigt man denn wie billig und
fhlt sich beglckt, mit Dir in Befreundung zu stehen und Anteil an Deiner Treue
und Gte zu haben; da man doch Dich lieben lernen mte, selbst wenn man nicht
wollte.
    Du scheinst denn auch Deine liebenswrdige despotische Macht an verschiednen
Trabanten zu ben, die Dich als ihren erwhlten Planeten umtanzen. Der
humoristische Freund, der mit Dir die Umgegend rekognosziert, scheint wohl nur
durch die Atmosphre der heien Junitage dem Schlaf zu unterliegen, whrend er
trumend das anmutige Bild Deiner kleinen Person rekognosziert, da mag es ihm
denn freilich nicht beikommen, da Du ihn unterdessen dahin versetzen mchtest,
wo Dein heroischer Geist selber weilt.
    Was Du mir von Jacobi erzhlst, hat mich sehr ergtzt, seine jugendlichen
Eigenheiten spiegeln sich vollkommen darin; es ist eine geraume Zeit her, da
ich mich nicht persnlich mit ihm berhrt habe, die artige Schilderung Deiner
Erlebnisse mit ihm auf der Seefahrt, die Dein Mutwille ausheckte, haben mir
hnliche heitere Tage unseres Umgangs wieder zurckgerufen. Zu loben bist Du,
da Du keiner authentischen Gewalt bedarfst, um den Achtungswerten ohne
Vorurteil zu huldigen. So ist gewi Jacobi unter allen strebenden und
philosophierenden Geistern der Zeit derjenige, der am wenigsten mit seiner
Empfindung und ursprnglichen Natur in Widerspruch geriet und daher sein
sittliches Gefhl unverletzt bewahrte, dem wir als Prdikat hherer Geister
unsere Achtung nicht versagen mchten. Wolltest Du nun auf Deine vielfach
erprobte anmutige Weise ihm zu verstehen geben, wie wir einstimmen in die wahre
Hochachtung, die Du unter Deinen liebenswrdigen Koboldstreichen verbirgst, so
wre dies ganz in meinem Sinne gehandelt.
    Dein Eifer, mir die verlangten Gedichte zu verschaffen, verdient
Anerkenntnis, obschon ich glauben mu, da es Dir ebenso darum zu tun ist, den
Gefhlen Deines Generalissimus nher auf die Spur zu kommen als auch meine
Wnsche zu befriedigen, glauben wir indessen das Beste von ihm bis auf nheres;
und da Du so entschieden die Divinitt des schpferischen Dichtervermgens
erhebst, so glaube ich nicht unpassend beifolgendes kleine Gedicht vorlufig fr
Dich herausgehoben zu haben aus einer Reihe, die sich in guten Stunden
allmhlich vermehrt, wenn sie Dir spter einmal zu Gesicht kommen werden, so
erkenne daran, da, whrend Du glaubst, mein Gedchtnis fr so schne
Vergangenheit wieder anfrischen zu mssen, ich unterdessen der sesten
Erinnerung in solchen unzulnglichen Reimen ein Denkmal zu errichten strebe,
dessen eigendste Bestimmung es ist, den Widerhall so zarter Neigung in allen
Herzen zu erwecken.
    Bleibe mir schreibend und liebend von Tag zu Tag beglckender Gewohnheit
treu.
                                                                              G.

Jena, den 7. Juli 1809

Wie mit innigstem Behagen,
Lied, gewahr ich deinen Sinn;
Liebevoll scheinst du zu sagen,
Da ich ihm zur Seite bin.

Da er ewig mein gedenket,
Seiner Liebe Seligkeit
Immerdar der Treuen schenket,
Die ein Leben ihm geweiht.

Ja, mein Herz, es ist der Spiegel,
Freund, worin du dich erblickt,
Diese Brust, wo deine Siegel
Ku auf Ku hereingedrckt.

Ses Dichten, lautre Wahrheit,
Fesselt mich in Sympathie!
Rein verkrpert Liebesklarheit
Im Gewand der Poesie.6


                                   An Goethe

Kein Baum khlt so mit frischem Laub, kein Brunnen labt so den Durstigen, Sonn
und Mondlicht und tausend Sterne leuchten so nicht ins irdische Dunkel, wie Du
leuchtest in mein Herz. Ach, ich sage Dir: einen Augenblick in Deiner Nhe zu
sein hlt so viel Ewigkeit in sich, da ein solcher Augenblick der Ewigkeit
gleichsam einen Streich spielt, indem er sie gefangen nimmt, zum Scherz nur, er
entlt sie wieder, um sie wieder zu fangen, und was sollte mir auch in Ewigkeit
noch fr Freude geschehen, da Dein ewiger Geist, Deine ewige Gte mich in ihre
Herrlichkeit aufnehmen.
    Geschrieben am Tag, da ich Deinen letzten Brief empfangen.
    Das Gedicht gehrt der Welt, nicht mein, denn wollt ich es mein nennen, es
wrde mein Herz verzehren.
    Ich bin zaghaft in der Liebe, ich zweifle jeden Augenblick an Dir, sonst wr
ich schon auf eine Zeit zu Dir gekommen; ich kann mir nicht denken (weil es zu
viel ist), da ich Dir wert genug bin, um bei Dir sein zu drfen.
    Weil ich Dich kenne, so frchte ich den Tod, die Griechen wollten nicht
sterben ohne Jupiter Olymp gesehen zu haben, wie viel weniger kann ich die
schne Welt verlassen wollen, da mir prophezeit ist von Deinen Lippen, da Du
mich noch mit offnen Armen empfangen wirst.
    Erlaube mir, ja fordere es, da ich dieselbe Luft einatme wie Du, da ich
tglich Dir unter die Augen sehe, da ich den Blick aufsuche, der mir die
Todesgtter bannt.
    Goethe, Du bist alles, Du gibst wieder, was die Welt, was die traurige Zeit
raubt; da Du es nun vermagst mit gelanem Blick reichlich zu spenden, warum soll
ich mit Zutrauen nicht begehren? Diese ganze Zeit bin ich nicht mehr ins Freie
gekommen, die Gebirgsketten, die einzige Aussicht, die man von hier hat, waren
oft von den Flammen des Kriegs gertet, und ich habe nie mehr gewagt, meinen
Blick dahin zu wenden, wo der Teufel ein Lamm wrgt, wo die einzige Freiheit
eines selbstndigen Volkes sich selber entzndet und in sich verlodert. Diese
Menschen, die mit kaltem Blut und sicher ber ungeheure Klfte schreiten, die
den Schwindel nicht kennen, machen alle andere, die ihnen zusehen, von ihrer
Hhe herab schwindlig; es ist ein Volk, das fr den Morgen nicht sorgt, dem Gott
unmittelbar grade, wenn die Stunde des Hungers kommt, auch die Nahrung in die
Hand gibt; das, wie es den Adlern gleich, auf den hchsten Felsspitzen ber den
Nebeln ruht, auch so ber den Nebeln der Zeit thront, das lieber im Licht
untergeht, als im Dunkeln ein ungewisses Fortkommen sucht. O Enthusiasmus des
eignen freien Willens! wie gro bist du, da du allen Genu, der ber ein ganzes
Leben verbreitet ist, in einen Augenblick zusammenfassest, darum so lt sich um
einen solchen Moment auch wohl das Leben wagen; mein eigner Wille aber ist, Dich
wiederzusehen, und allen Enthusiasmus der Liebe wird ein solcher Moment in sich
fassen, und darum begehre ich auch auer diesem nichts mehr.
    Von den Kuffsteiner Belagerungsgeschichten mchte ich Dir manches erzhlen,
was dem Dux gewi Freude machen wrde, und was auch verdiente, verewigt zu
werden; allein zu sehr wird eine ernste Teilnahme an dem echten Heroismus
mihandelt durch Betrug aller Art, und das macht auch, da man lieber gar nicht
hinhorcht, als da man das Herz durch Lgen sich schwer machen lt. - Das Gute,
was die Bayern als wahr passieren lassen, daran ist nicht zu zweifeln, denn wenn
sie es vermchten, so wrden sie gewi das Gelingen der Feinde leugnen.
Speckbacher ist ein einziger Held, Witz, Geist, kaltes Blut, strenger Ernst,
unbegrenzte Gte, durchsichtige, bedrfnislose Natur; Gefahr ist ihm gleich dem
Aufgang der Sonne; da wird ihm Tag, da sieht er deutlich was not tut; und tut
alles, indem er seinen Enthusiasmus beherrscht, er denkt auf seine Ehre und auf
seine Verantwortung zugleich, er richtet alles durch sich allein aus, die
Befehle der Kommandanten und seine eigne wohlberechnete Plne; und auch noch was
der Augenblick erheischt; unter dem Kanonenfeuer der Festung verwstet er die
Mhlen, erbeutet das Getreide und lscht die Haubitzen mit dem Hut; keinen
gefahrvollen Plan berlt er einem andern, die kleine Stadt Kuffstein steckte
er selbst in Brand mitten unter den Feinden; eine Schiffbrcke der Bayern macht
er flott. In einer strmischen Nacht, im Wasser bis an die Brust, hlt er aus
bis zum Morgen mit zwei Kameraden, wo er noch die letzten Schiffe unter einem
Hagel von Karttschen flott macht. - List ist seine gttlichste Eigenschaft, den
verwilderten Bart, der ihm das halbe Gesicht bedeckt, nimmt er ab, verndert
Kleidung und Gebrde, und so verlangt er den Kommandanten der Festung zu
sprechen, man lt ihn ein, er macht ihnen was weis von Verrat und errt
unterdessen alles, was er wissen will, in dieser groen Gefahr, mit noch zwei
andern Kameraden, ist er keinen Augenblick verlegen, lt sich beleuchten,
untersuchen, zutrinken und endlich, vom Kommandanten bis zum kleinen Pfrtchen,
zu dem sie hereingekommen waren, begleitet, nimmt er treuherzig Abschied.
    Alle diese Mhen und Aufopferungen werden indessen zunichte gemacht durch
die Unzuverlssigkeit von sterreich, das berhaupt ist, als knne es keinen
glcklichen Erfolg ertragen, und frchte sich vor seinem groen Feind, einst
diese Siege verantworten zu mssen, und so wird es auch noch kommen, es wird
noch den groen Napoleon um Verzeihung bitten, da man ihm die Ehre erzeigt, ihm
ein Heldenvolk entgegenzustellen; ich breche ab, zu gewi ist mir, da auf Erden
allem Groen schlecht vergolten wird.
    Vor drei Wochen hat man ein Bild, eine Kopie von Albrecht Drers selbst
verfertigtem Portrt, an Dich abgeschickt; ich war grade auf einige Tage
verreist und wei also nicht, ob es wohl eingepackt und ob die Gelegenheit, mit
welcher es ging, exakt ist, Du mut es der Zeit nach jetzt bald in Hnden haben,
schreib mir darber, das Bild ist mir sehr lieb, und darum mut ich Dir's geben,
weil ich mich selbst Dir geben mchte.
    Selbst in dem kalten Bayernlande reift alles nach und nach, das Korn wird
schon gelb, und wenn die Zeit auch keine Rosen hier bricht, so bricht sie doch
der Sturm, und falbe Bltter fliegen schon genug auf dem nassen Sandboden; wann
wird denn eine gtige Sonne die Frchte an meinem Lebensbaum reifen, da ich
ernten kann Ku um Ku? - Einen Weg geh ich alle Tage, jede Staude, jedes
Grschen ist mir auf diesem bekannt, ja die Sandsteinchen im Kiesweg hab ich mir
schon betrachtet. Dieser Weg fhrt nicht zu Dir, und doch wird er mir tglich
lieber, wenn mich nun einer gewohnt wrde, zu Dir zu tragen, wie wrden da
Blumen und Kruter erst mit mir bekannt werden, da mir stets das Herz pochte
bis an Deine Schwelle, und allen Liebreiz htte auf diesem Weg jeder Schritt.
    Vom Kronprinz wei ich Gutes, er hat mit den Gefangenen, die man hart
behandelte und hungern lie, zu Mittag gegessen. Die Kartoffeln waren gezhlt,
er teilte treulich mit ihnen, seitdem werden sie gut bedient, und er hat ein
scharfes Auge darauf; das hab ich durch seinen getreuen Bopp, der die
ausfhrliche Erzhlung mit etlichen Freudentrnen begleitete. Sein kaltes Blut
mitten in Gefahren, seine Ausdauer bei allen Mhen und Lasten werden auch noch
anderweitig gerhmt, und immer ist er dabei bedacht, nutzlosen Grausamkeiten
vorzubeugen; das war von ihm zu erwarten, aber da er diese Erwartung nicht
zuschanden gemacht hat, dafr sei er gelobt und gesegnet.
    Einliegendes Kupfer von Heinze wirst Du wohl erkennen, ich hab's von
Smmering erhalten und zugleich den Auftrag, um Dein Urteil darber zu bitten,
er selbst findet es gleichend, aber nicht in den edelsten Zgen; ich sage: es
hat eine groe hnlichkeit mit einem Bock, dies liee sich noch rechtfertigen.
    Tieck liegt noch immer als Kranker auf dem Ruhebettlein, ein Zirkel
vornehmer und schner Damen umgibt sein Lager, das pat zu gut und gefllt ihm
zu wohl, als da er je vom Platz rckte.
    Jacobi befindet sich ganz leidlich, Tante Lene schreit zwar, sein Kopf tauge
nichts, der, sowie er etwas Philosophisches schreiben wolle, ihn schmerze,
zusamt den Augen; wenn nun auch der Kopf nichts taugt, so war doch sein Herz
sehr lebendig aufgeregt als ich ihm vorlas, was Du fr ihn geschrieben hast; ich
mute es ihm abschreiben, er meinte, da er keine so freundliche Frsprache bei
Dir habe, wie Du bei ihm, so msse er wohl selbst Dir schriftlich danken,
einstweilen schickt er beikommende Rede ber Vernunft und Verstand.
                                                                         Bettine

Kln, wo ich vorm Jahr so frhlich war, der launige Rumohr hat's hingekritzelt,
er geht hier so ganz vertrglich mit der Langenweile um, und bejammert mit
aufrichtigem Herzen die Zeit, die wir miteinander am Rhein zubrachten.
    Hier spielt der Wind schon manches falbe Laub von den sten und mir die
kalten Regentropfen ins Gesicht, wenn ich frhe, wo noch kein Mensch des Weges
geht, durch die feuchten Alleen des englischen Gartens wandre, denn die langen
Schatten am frhsten Morgen sind mir bere Gefhrten als alles, was mir den
ganzen Tag ber begegnet.
    Da besuche ich alle Morgen meinen alten Winter; bei schnem Wetter
frhstckt er in der Gartenlaube mit der Frau, da mu ich immer den Streit
zwischen beiden schlichten um die Sahne auf der Milch. Dann steigt er auf seinen
Taubenschlag, so gro wie er ist, mu er sich an den Boden ducken, hundert
Tauben umflattern ihn, setzen sich auf Kopf, Brust, Leib und Beine; zrtlich
schielt er sie an, und vor Freundlichkeit kann er nicht pfeifen, da bittet er
mich: o pfeifen Sie doch; so kommen denn noch Hunderte von drauen
hereingestrzt mit pfeifenden Schwingen; gurren, rucksen, lachen und umflattern
ihn; da ist er selig und mchte eine Musik komponieren, die grad so lautet. Da
nun Winter ein wahrer Kolo ist, so stellt er ziemlich das Bild des Nils dar,
der von einem kleinen Geschlecht umkrabbelt wird, und ich als Sphinx neben ihm
kauernd, einen groen Korb voll Wicken und Erbsen auf dem Kopf. Dann werden
Marcellos Psalmen gesungen, eine Musik, die mir in diesem Augenblick sehr
zusagt, ihr Charakter ist fest und herrschend, man kann sie nicht durch Ausdruck
heben, sie lt sich nicht behandeln, man kann froh sein, wenn die Kraft
ausreicht, welche der Geist dieser Musik fordert. Von hherer Macht fhlt man
sich als Organ bentzt, Figur und Ton von Harmonie umkreist und bedingt
auszusprechen. So ist diese kunstgerechte gewaltige Sprache idealischer
Empfindung, da der Snger nur Werkzeug, aber mitdenkend, mitgenieend sich
empfindet, und dann die Rezitative, das Ideal sthetischer Erhabenheit, wo
alles, sei es Schmerz oder Freude, ein tobend Element der Wollust wird.
    Wie lange haben wir nichts ber Musik gesprochen, damals am Rhein, da war's,
als msse ich Dir den gordischen Knoten auflsen, und doch fhlte ich meine
Unzulnglichkeit, ich wute nichts von ihr, wie man auch vom Geliebten nichts
wei, als nur, da man in ihn verliebt ist. Und jetzt bin ich erst gar ins
Stocken geraten, alles mcht ich gern aussprechen, aber in Worten zu denken, was
ich im Gefhl denke, das ist schwer; - ja, solltest Du's glauben? - Gedanken
machen mir Schmerzen, und so zaghaft bin ich, da ich ihnen ausweiche, und
alles, was in der Welt vorgeht, das Geschick der Menschen und die tragische
Auflsung macht mir einen musikalischen Eindruck. Die Ereignisse im Tirol nehmen
mich in sich auf wie der volle Strom allseitiger Harmonie. Dies Streben
mitzuwirken ist grade wie in meinen Kinderjahren, wenn ich die Symphonien hrte
im Nachbarsgarten und ich fhlte, man msse mit einstimmen, mitspielen, um Ruhe
zu finden; und alles Zerschmetternde in jenen Heldenereignissen ist ja auch
wieder so belebend, so begeistigend, wie dies Streiten und Gebaren der
verschiedenen Modulationen, die doch alle in ihren eigensinnigen Richtungen
unwillkrlich durch ein Gesamtgefhl getragen, immer allseitiger, immer in sich
konzentrierter in ihrer Vollendung sich abschlieen. - So empfinde ich die
Symphonie, so erscheinen mir jene Heldenschlachten auch Symphonien des
gttlichen Geistes, der in dem Busen des Menschen Ton geworden ist himmlischer
Freiheit. Das freudige Sterben dieser Helden ist wie das ewige Opfern der Tne
einem hohen gemeinsamen Zweck, der mit gttlichen Krften sich selbst
erstreitet; so scheint mir auch jede groe Handlung ein musikalisches Dasein; so
mag wohl die musikalische Tendenz des Menschengeschlechts als Orchester sich
versammeln und solche Schlachtsymphonien schlagen, wo denn die genieende,
mitempfindende Welt neu geschaffen, von Kleinlichkeit befreit, eine hhere
Befhigung in sich gewahrt.
    Ich werde mde vom Denken und schlfrig, wenn ich mir Mhe gebe, der Ahnung
nachzugehen, da wird mir angst, ja ich mchte die Hnde ringen vor Angst um
einen Gedanken, den ich nicht fassen kann. Da mcht ich mit einem Ausdruck Dir
hingeben Dinge, denen ich nicht gewachsen bin, und da schwindet mir alle
Erkenntnis, langsam wie die untergehende Sonne, ich wei, da sie ihr Licht
ausstrmt, aber sie leuchtet mir nicht mehr.
    Denken ist Religion, frs erste Feueranbeten, wir werden einst noch weiter
schreiten, wo wir mit dem ursprnglich gttlichen Geist uns vereinen, der Mensch
geworden und gelitten hat, blo um in unser Denken einzudringen; so erklre ich
mir das Christentum als Symbol einer hheren Denkkraft, wie mir denn berhaupt
alles Sinnliche Symbol des Geistigen ist.
    Nun, wenn auch die Geister sich mit mir necken und nicht fangen lassen, so
erhlt dies mich doch frisch und ttig, und sie haben mir auf den Weg gestreut
gleich einem auserwhlten Ritter der Tafelrunde gar mannigfach Abenteuer auf
holperigem Pfad, bekannt bin ich worden mit den drren Geistern der Zeit, mit
Ungeheuern verschiedener Art, und wunderbar haben mich diese Besessenen in ihr
trumerisch Schicksal gezogen. Aber nicht hab ich erblickt wie bei Dir, da von
heiliger Leier mir frisches Grn entgegenglnzte, und nicht hrt ich wie bei
Dir, dem unter den Fen silbern der Pfad tnt, als der auf Straen Apollos
wandelt. Da denk ich mit verschlossenen Augen, wie ich gewohnt war, mit Dir
lchelnd des Herzens Meinung zu wechseln, den eignen Geist in der Seele fhlend.
Deine Mutter sagte mir manchmal von vergangner Zeit, da wollt ich nicht zuhren
und hie sie schweigen, weil ich grad eben mich in Deine Gegenwart trumte.
    Franz Bader, der nach seiner Glasfabrik in Bhmen gereist ist, hat mir beim
Abschied beigepackte Abhandlungen fr Dich gegeben und mich zugleich gebeten,
Dich seiner innigsten Achtung zu versichern, er hat mir dabei mancherlei aus
seinem Leben erzhlt, wie er in Schottland zum Beispiel gar gefahrvolle Reisen
gemacht, in einem winzigen Nachen, mit Deinem Egmond, im Meer zwischen Klippen
und Inseln hin und her geworfen, wie er mit den Meerkatzen fechten mssen, wie
Nacht und Sturm ihm alle Lebensgeister ausbliesen und er mitten in der Not nur
immer Deine Bcher zu retten gesucht. Siehst Du! so treibt's Dein Geist auf
allen Pfaden, zu Land wie zu Wasser, und er zieht von der Quelle an fort mit dem
Strom, bis wo er sich ergiet, und so ziehen mit die noch fremden Ufer, und die
blaue Ferne sinkt neigend zusammen vor Deiner Ankunft. Und es sehen die Wlder
Dir nach, und die vergoldende Sonne schmckt die Bergeshhen zu Deinem Empfang;
es feiern aber im Mondglanz Dein Andenken die Silberpappel und die Tanne am Weg,
die Deiner Jugend reine Stimme gehrt.
    Gestern erhielt ich Dein Bild, eine kleine Paste in Gips, aus Berlin, es
gleicht, was hilft's, ich mu nach Dir verlangen.
    Noch ein gyptisches Ungeheuer ist mir hier auf Bayerns feuchtem Boden
begegnet, und nicht wundert mich, da seine trockne sandige Natur hier verfault,
es ist Klotz, der von den Geistern der Farbe verfolgte und gepeinigte, endlich
ihrer Gewalt erliegend, sein fnfundzwanzigjhriges Werk endet. gyptisch nenne
ich ihn, weil erstens sein Antlitz, wie von glhenden Harzen geschmiedet,
zugleich eine ungeheure Pyramide darstellt, und zweitens, weil er in
fnfundzwanzig Jahren mit auerordentlicher Anstrengung sich nicht vom Platze
gearbeitet hat. Ich habe aus christlicher Milde (und zugleich um Dir, als
welcher nach Klotzens Aussage einer Entschuldigung bedrfte, Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen) sein ganzes Manuskript angehrt. Nun kann ich mich
freilich mit was ich von ihm erlernt, nicht breit machen, ich war mit Rtseln
umstrickt, die durch seine Reden nur noch verwickelter wurden, und er war
ngstlich auf seiner Hut, da ich ihm nicht eins seiner Geheimnisse erschnappte,
um es Dir zu bertragen, er mchte gern mit Dir selber hierber sprechen, am
meisten klagte er, da Du ihm auf einen demtigen, aufrichtigen Brief keine
Antwort gegeben, ich aber trstete ihn damit, da Du mir auf einen bittenden,
liebenden Brief auch keine Antwort gegeben, und so war es gut. - Ich kann dem
armen Mann nicht begreiflich machen, da er die Perlen mit den Kleien gemischt,
und da wahrscheinlich beides zusamt von den Schweinen gefressen wird. Du aber
knntest hier gewi Gutes stiften, wenn Du Dich ber seine Entdeckungen mit ihm
einlassen wolltest. Beikommende Tabelle hab ich ihm fr Dich abgeluchst, sie
gefllt mir so wohl, da ich sie wie ein schnes Bild betrachte.
    Jetzt hab ich noch eine geringe Frage, aber sie gilt mir viel, denn sie soll
mir eine Antwort eintragen: hast Du Albrecht Drers Bildnis, welches schon vor
sechs Wochen von hier abging, erhalten? - wo nicht, so bitte ich, lasse doch in
Weimar bei den Fuhrleuten nachfragen.
    Es geht hier eine Sage unter dem Volk, es werde bald eine Erscheinung sein,
die soll Wahlverwandtschaften heien und von Dir in Gestalt eines Romans
ausgehen. Ich habe einmal einen fnf Stunden langen, saueren Weg nach einem
Sauerbrunnen gemacht, er lag so einsam zwischen Felsen, der Mittag konnte nicht
zu ihm niedersteigen, die Sonne zersplitterte tausendfach ihre Strahlenkrone an
dem Gestein, alte drre Eichen und Ulmen standen wie die Todeshelden drum her,
und Abgrnde, die man da sah, waren keine Abgrnde der Weisheit, sondern dunkle,
schwarze Nacht, mir wollt's nicht behagen, da die himmlische Natur solche
Launen habe, der Atem wurde mir schwer und ich hatte das Gesicht ins Gras
gewhlt. Wenn ich aber diese Wahlverwandtschaften dort an der Quelle wte, gern
wollt ich den schauerlichen, unheimlichen Weg noch einmal machen, und zwar mit
leichtem Schritt und leichtem Sinn, denn erstens dem Geliebten entgegengehen
beflgelt den Schritt, und zweitens mit dem Geliebten heimgehen ist der
Inbegriff aller Seligkeit.
    9. September 1809
                                                                         Bettine

                                   An Bettine


Ihr Bruder Clemens, liebe Bettine, hatte mir bei einem freundlichen Besuche den
Albrecht Drer angekndigt, so wie auch in einem Ihrer frheren Briefe desselben
gedacht war. Nun hoffte ich jeden Tag darauf, weil ich an diesem guten Werk viel
Freude zu erleben gedachte, und wenn ich mir's auch nicht zugeeignet htte, es
doch gern wrde aufgehoben haben, bis Sie gekommen wren, es abzuholen. Nun mu
ich Sie bitten, wenn wir es nicht fr verloren halten sollen, sich genau um die
Gelegenheit zu erkundigen, durch welche es gegangen, damit man etwa bei den
verschiedenen Spediteurs nachkommen kann, denn aus Ihrem heutigen Briefe sehe
ich, da es Fuhrleuten abgeliefert worden. Sollte es inzwischen ankommen, so
erhalten Sie gleich Nachricht.
    Der Freund, welcher die Klner Vignette gezeichnet, wei, was er will, und
versteht mit Feder und Pinsel zu hantieren, das Bildchen hat mir einen
freundlichen guten Abend geboten.
    Franz Badern werden Sie schnstens fr das Gesendete danken. Es war mir von
den Aufstzen schon manches einzelne zu Gesicht gekommen. Ob ich sie verstehe,
wei ich selbst kaum, allein ich konnte mir manches daraus zueignen. Da Sie
meine Unart gegen den Maler Klotz durch eine noch grere, die Sie mir verziehen
haben, entschuldigt, ist gar lblich und hat dem guten Mann gewi besonders zur
Erbauung gedient. Die Tafel ist wohlbehalten angekommen, so angenehm auch der
Eindruck ist, den sie auf das Auge macht, so schwer ist sie doch zu beurteilen;
wenn Sie ihn daher bewegen knnen, den Schlssel zu diesem Farbenrtsel
herzuleihen, so knnte ich vielleicht durch eine verstndige und gegrndete
Antwort mein frheres Versumnis wieder gutmachen.
    Wieviel htte ich nicht noch zu sagen, wenn ich auf Ihren vorigen lieben
Brief zurckgehen wollte? Gegenwrtig nur so viel von mir, da ich mich in Jena
befinde, und vor lauter Verwandtschaften nicht recht wei, welche ich whlen
soll. Wenn das Bchlein, das man Ihnen angekndigt hat, zu Ihnen kommt, so
nehmen Sie es freundlich auf, ich kann selbst nicht dafr stehen, was es
geworden ist.

                                Mit eigner Hand:

Nimm es nicht bel, da ich mit fremder Hand schreibe, die meine war mde, und
ich wollte Dich doch nicht ohne Nachricht lassen ber das Bild, suche ihm doch
ja auf die Spur zu kommen, fahre fort, an mich zu denken und mir etwas von
Deinem wunderlichen Leben zu sagen, Deine Briefe werden wiederholt gelesen mit
vieler Freude, was Dir auch die Feder darauf erwidern knnte, es wre doch immer
weit entfernt von dem unmittelbaren Eindruck, dem man sich so gern hingibt,
selbst wenn es Tuschung wr, denn wer vermag bei wachenden Sinnen zu glauben an
den Reichtum Deiner Liebe, den man als Traum aufzunehmen wohl am besten tut. -
Was Du zum voraus ber die Wahlverwandtschaften sagst, ist prophetischer Blick,
denn leider geht die Sonne dster genug dort unter. Suche doch ja dem Albrecht
Drer auf die Spur zu kommen. Lebe recht wohl.
    Jena, den 11. September 1809
                                                                          Goethe

Heute bitt ich wieder einmal um Verzeihung, liebe Bettine, wie ich es schon oft
htte tun sollen. Ich habe Dir wegen des Bildes vergebene Sorge gemacht, es ist
in Weimar wirklich angekommen, und nur durch Zufall und Vernachlssigung kam die
Nachricht nicht an mich herber. Nun soll es mich bei meiner Rckkehr in Deinem
Namen freundlichst empfangen und mir ein guter Wintergeselle werden, auch so
lang bei mir verweilen, bis Du zu mir kommst, es abzuholen. La mich bald wieder
von Dir vernehmen. Der Herzog grt Dich aufs beste, einiges mu ich ihm auch
diesmal aus Deinem schnen Fruchtkranz von Neuigkeiten zukommen lassen. Er ist
Dir mit besonderer Neigung zugetan, und besonders was die Schilderung von
Kriegsszenen anbelangt, teilt er vollkommen Deine enthusiastische An- und
Umsichten; erwartet aber auch nur ein tragisches Ende. August kommt Anfang
Oktobers von Heidelberg zurck, wo es ihm ganz wohlgegangen ist. Auch hat er
eine Rheinreise bis Koblenz gemacht. Lebe meiner gedenk. Jena, den 15. September
1809
                                                                              G.

                                                                   26. September

Wie ein Sperling kam mir Dein Brief vom 11. September auf den Schreibtisch
geflogen; zuletzt hast Du zwar ein kleines Dompfaffenstckchen dran gehngt von
besonderer Teilnahme, allein ich lasse mir nichts weismachen, das war nach der
alten Drehorgel gepfiffen. Httest Du mich lieb, unmglich knntest Du von
Deinem Sekretr einen Brief abschnurren lassen wie ein Paternoster, er ist ein
Philister, da er so was schreibt und Dich selbst dazu macht, ich kann mir auch
gar nicht vorstellen, wie Du es mit ihm anstellst; sprichst Du ihm denn den
Inhalt Deines Briefs vor, oder gibst Du ihm Deine Gedanken so im Rummel, da er
sie nachher reihenweis nebeneinander aufschichte? -
    Verliebt bist Du, und zwar in die Heldin Deines neuen Romans, und das macht
Dich so eingezogen und so kalt gegen mich, Gott wei, welches Muster Dir hier
zum Ideal diente; ach Du hast einen eignen Geschmack an Frauen, Werthers Lotte
hat mich nie erbaut, wr ich nur damals bei der Hand gewesen, Werther htte sich
nicht erschieen drfen, und Lotte htte sich gergert, da ich ihn so schn
trsten konnte.
    So geht mir's auch im Wilhelm Meister, da sind mir alle Frauen zuwider, ich
mchte sie alle zum Tempel hinausjagen, und darauf hatte ich auch gebaut, Du
wrdest mich gleich liebgewinnen, wenn Du mich kennenlerntest, weil ich besser
bin und liebenswrdiger wie die ganze weibliche Komitee Deiner Romane, ja
wahrhaftig, das ist nicht viel gesagt, fr Dich bin ich liebenswrdiger, wenn
Du, der Dichter, das nicht herausfinden willst? fr keinen andern bin ich
geboren; bin ich nicht die Biene, die hinausfliegt, aus jeder Blume Dir den
Nektar heimbringt? - und ein Ku! meinst Du, der sei gereift wie die Kirsche am
Ast? - nein, ein Umschweben Deiner geistigen Natur, ein Streben zu Deinem
Herzen, ein Sinnen ber Deine Schnheit strmt zusammen in Liebe; und so ist
dieser Ku ein tiefes unbegreifliches Einverstndnis mit Deiner unendlich
verschiedensten Natur von mir. O versndige Dich nicht an mir und mache Dir kein
geschnitzeltes Bild, dasselbige anzubeten, whrend die Mglichkeit Dir zuhanden
liegt, ein wunderbares Band der Geisterwelt zwischen uns zu weben.
    Wenn ich mein Netz aufzog, so willkrlich gewebt, so khn ausgeworfen, im
Gebiet des Unbekannten, ich brachte Dir den Fang, und was ich Dir auch bot, es
war der Spiegel des menschlich Guten. Die Natur hat auch einen Geist, und in
jeder Menschenbrust empfindet dieser Geist die hheren Ereignisse des Glcks und
des Unglcks, wie sollte der Mensch um sein selbst willen selig sein knnen, da
Seligkeit sich in allem empfindet und keine Grenze kennt? So empfindet sich
Natur selig im Geist des Menschen, das ist meine Liebe zu Dir, und so erkennt
der Menschengeist diese Seligkeit, das ist Deine Liebe zu mir: geheimnisvolle
Frage und unentbehrliche Antwort.
    Genug! lasse mich nicht vergebens bei Dir angeklopft haben, nimm mich auf
und verhlle mich in Dein tieferes Bewutsein.
    Dein zweiter Brief ist auch hier, der mir das glckliche Einfangen des
vagabundierenden Kunstwerkes meldet, mge es Dir bei Deiner Heimkehr
einleuchten; es ist ein Gesicht, zwar nur ein gemaltes, aber unter tausend
lebendigen wird Dir kein so durchdringender Blick begegnen, der hat sich
angesehen, hat sich sein tiefstes Herz abgefragt und auf die Leinwand gemalt,
da es Rechenschaft gebe von ihm den nachkommenden Geschlechtern als der Wrdige
unter den Besten.
    Vom Welttheater auf den Felsspitzen ist nur zu melden, da sie gut
balancieren. Am 3. September, am Geburtstag Deines gndigsten Herrn und
Freundes, hat ganz Tirol mit allen Glocken gelutet und Te Deum gesungen; es ist
grade Platz genug dort, da von allen Seiten Heldentaten dargestellt werden, die
so khn sind, so himmelanstrebend wie die Felszacken, von denen sie ausgehen,
und bald so tief vergessen sein werden wie die tiefen Klfte, in denen sie ihre
Feinde begraben, entschieden Genaues erfhrt man nicht; das Groartige wird so
viel wie mglich verketzert und verheimlicht; in diesen letzten Wochen hat sich
Steger hervorgetan, auch ein allseitiges Genie, der sich selber als ein Geschenk
Gottes betrachten kann fr seine Landsleute. Von Deinem Musensohn, dem
Kronprinzen, sind Briefe hier, ber Begebenheiten melden sie nichts, er ist
gesund und dichtet, auch mitten in dem Tumult des Schicksals, das beweist, da
er sich in diesem Element nicht fremd fhlt; weiter wei ich nichts, das Gedicht
bekam ich nicht zu lesen, ich htte es Dir sehr gern als Probe gesendet, man
frchtet, es mchte mich zu tief ergreifen, sonderbar! Ich knnte mein ganzes
Herz ttowieren, Namenszeichen und Andenken einbrennen lassen, und doch blieb es
so gesund und frisch dabei als ein gesunder Handwerksbursch, so geht's, wenn man
Freunde hat, die sich um einen kmmern, sie beurteilen einem verkehrt und
mihandeln einen danach, das nennen sie Anteil nehmen, und dafr soll man sich
noch bedanken: ich habe mir nun ein apartes Plsier gemacht und ein schnes
Miniaturbild des jungen Knigsohns an mich gebracht, das betracht ich zuweilen
und bete ihm im Geist vor, wie es mit ihm werden soll; aber, aber! es ist dafr
gesorgt, da die Bume nicht im Himmel wachsen, sag ich mit Dir; es hat gute
Wege mit Weltherrschern, da die ihre Macht nicht gewahr werden und ihrer
Fhigkeiten nicht Meister.
    Rundum in der Gegend ist der Typhus ausgebrochen, durchmarschierende Truppen
haben ihn mitgebracht, ganze Familien sterben auf dem Lande einer einzigen
Nachteinquartierung nach; es raffte schon die meisten Lazarettrzte weg, gestern
hab ich einen jungen Mediziner, der sich freundlich an mich attaschiert hatte,
verabschiedet, er heit Janson, er ging nach Augsburg ins Lazarett, um dort
einen alten Lehrer, der Frau und Kinder hat, abzulsen, dazu gehrt auch
groartiger Mut. Auch in Landshut, wo Savignys sind, fhrt der Tod seinen Karren
triumphierend durch alle Straen, und besonders hat er mehrere junge Leute,
ausgezeichnet an Herz und Geist, die sich der Krankenpflege annahmen,
weggerafft, es waren treue Hausfreunde von Savigny; ich werde nchstens
hingehen, um bse und gute Zeit mit auszuhalten. Denn ich sag allen politischen
Ereignissen Valet, was hilft alles Forschen, wenn man betrogen wird und alle
aufgeregten Gefhle nutzlos sich verzehren mssen. Adieu, ich bin Dir nicht
grn, da Du Deinen Sekretr an mich hast schreiben lassen. Es braucht nur wenig
zu sein zwischen uns, aber nichts Gleichgltiges, das ttet das flchtige Salz
des Geistes und macht die Liebe scheu. Schreibe bald und mache wieder gut.
                                                                         Bettine

                                   An Bettine


Deinen Vorwrfen, liebste Bettine, ist nicht auszuweichen, da bleibt nichts
brig als die Schuld zu bekennen und Besserung zu versprechen, um so mehr, da Du
mit den geringen Beweisen von Liebe, die ich Dir geben kann, zufrieden bist;
auch bin ich nicht imstande, Dir das von mir zu schreiben, was Dir am
interessantesten sein mchte, dagegen Deine lieben Briefe so viel Erfreuliches
gewhren, da sie billig allem andern vorgehen; sie bescheren mir eine Reihe von
Festtagen, deren Wiederkehr mich immer aufs neue erfreut.
    Gern geb ich Dir zu, da Du ein weit liebenswrdigeres Kind bist wie alle,
die man Dir als Geschwister an die Seite zu stellen versucht wird; eben darum
erwart ich von Dir, da Du ihnen zugute halten werdest, was Du vor ihnen voraus
hast. Verbinde nun mit solchen schnen Eigenschaften
    auch die, immer zu wissen, wie Du mit mir dran bist; schreibe mir, was Dir
deucht, es wird jederzeit aufs herzlichste aufgenommen, Dein offenherziges
Plaudern ist mir eine echte Unterhaltung, und Deine vertraulichen Hingebungen
berwiegen mir alles. Lebe wohl, bleibe mir nah und fahre fort, mir wohl zu tun.
    Jena, 7. Oktober
                                                                          Goethe

                                                        Landshut, am 24. Oktober

Das Reich Gottes steht in der Kraft zu jeder Zeit und an allen Orten, dies habe
ich heute bemerkt bei einer hohlen Eiche, die da stand in der Schar wilder hoher
Waldpflanzen mchtig gro, und ihre Jahrhunderte zhlte, ganz abgewendet vom
Sonnenschein. Wolfsstein ist bei drei Stunden von hier, man mu ber manchen
Stiegelhupfer, kommt allmhlich aufwrts zwischen Tannen und Fichten, die ihre
breiten ste im Sand schleifen. Dort stand vor vielen hundert Jahren ein
Jagdschlo von Ludwig dem Schnen, Herzog in Bayern, dessen sonderliche Lust
war, in Nebel und Abenddmmerung herumzuschweifen, da war er einstmals abwrts
gegangen und hatte ihn die Dunkelheit heimlich noch an eine Mhle gefhrt, das
Wasser hrte er brausen und das Mhlenrad gehen, sonst war alles still, er rief,
ob ihn niemand hre, die Mllerin, die gar schn war, wachte auf, zndete ein
Kienholz an und kam vor die Tr gegangen, da war der Herzog gleich verliebt, da
er sie beim Schein der Flamme sehen konnte, und ging mit ihr ein, blieb auch bis
am frhen Morgen. Er suchte sich aber einen heimlichen Weg, wie er wieder zu ihr
kommen mge. Er verga ihrer nicht, aber wohl verga er der Mark Brandenburg,
die er verlor, darum, da er auf nichts achtete als nur auf die Liebe; eine
Ulmenallee, die zur Mhle fhrt vom Schlo aus, und die er selbst pflanzte,
steht noch; daran sieht man, da die Bume wohl alt werden, aber die Liebe
nicht, sagte einer von unserer Gesellschaft, da wir durch die Allee gingen. Und
darum hat der Herzog nicht unrecht, da er die Mark Brandenburg um die Liebe
gab, denn diese ist immer noch da und ist dumm, aber in der Liebe geht man umher
wie im Frhling, denn sie ist ein Regen von sammetnen Bltenblttern, ein khles
Hauchen am heien Tag, und sie ist schn, bis sie am End ist. Gbst Du nun auch
die Mark um die Liebe? - es wrde mir nicht gefallen, wenn Du Brandenburg lieber
httest wie mich.

                                                                  Am 23. Oktober

Der Mond scheint weit her ber die Berge, die Winterwolken ziehen herdenweis
vorber. Ich habe schon eine Weile am Fenster gestanden und zugesehen, wie's
oben jagt und treibt. Lieber Goethe, guter Goethe, ich bin allein, es hat mich
wieder ganz aus den Angeln gehoben und zu Dir hinauf! wie ein neugeboren
Kindchen, so mu ich diese Liebe pflegen zwischen uns; schne Schmetterlinge
wiegen sich auf den Blumen, die ich um seine Wiege gepflanzt habe, goldne Fabeln
schmcken seine Trume, ich scherze und spiele mit ihm, jede List versuch ich um
seine Gunst. Du aber beherrschst es mhelos, durch das herrliche Ebenma Deines
Geistes; es bedarf bei Dir keiner zrtlichen Ausbrche, keiner Beteuerungen.
Whrend ich sorge um jeden Augenblick der Gegenwart, geht eine Kraft von Dir aus
des Segens, die da reicht ber alle Vernunft und ber alle Welt.

                                                                  Am 22. Oktober

Ich fange gern hoch oben am Blatt an zu schreiben, und endige gern tief unten,
ohne einen Platz zu lassen fr den Respekt; das malt mir immer vor, wie vertraut
ich mit Dir sein darf; ich glaub wahrhaftig, ich hab's von meiner Mutter geerbt,
denn alte Gewohnheit scheint's mir, und wie das Ufer den Schlag der Wellen
gewhnt ist, so mein Herz den wrmeren Schlag des Blutes bei Deinem Namen, bei
allem, was mich daran erinnert, da Du in dieser sichtbaren Welt lebst.
    Deine Mutter erzhlte mir, da, wie ich neugeboren war, so habest Du mich
zuerst ans Licht getragen und gesagt, das Kind hat braune Augen, und da habe
meine Mutter Sorge getragen, Du wrdest mich blenden, und nun geht ein groer
Glanz von Dir aus ber mich.

                                                                  Am 21. Oktober

Es geht hier ein Tag nach dem andern hin und bringt nichts, das ist mir nicht
recht; ich sehne mich wieder nach der Angst, die mich aus Mnchen vertrieben
hat, ich habe Durst nach den Mrchen von Tirol, ich will lieber belogen sein als
gar nichts hren; so halte ich doch mit ihnen aus und leide und bete fr sie.
    Der Kirchturm hat hier was Wunderliches, sooft ein Domherr stirbt, wird ein
Stein am Turm geweit, da ist er nun von oben bis unten wei geplackt.
    Indessen geht man an schnen Tagen hier weit spazieren mit einer
liebenswrdigen Gesellschaft, die sich an Savignys menschenfreundlicher Natur
ebenso erquickt wie an seinem Geist. Salvotti, ein junger Italiener, den Savigny
sehr auszeichnet, hat schne Augen, ich sehe ihn aber doch lieber vor mir
hergehen als ins Gesicht; denn er trgt einen grnen Mantel, dem er einen
vortrefflichen Faltenwurf gibt, Schnheit gibt jeder Bewegung Geist; er hat das
Heimweh, und obschon er alle Tage seinen vaterlndischen Wein durch den
bayerischen Flusand filtriert, um sich zu gewhnen, so wird er tglich blasser,
schlanker, interessanter, und bald wird er seine Heimat aufsuchen mssen, um ihr
seine heimliche Liebe einzugestehen; so wunderliche Grillen hat Natur, zrtlich,
aber nicht berall dieselbe, demselben.
    Ringseis, der Arzt, der mir den Intermaxillarknochen sehr schn prpariert
hat, um mir zu zeigen, wie Goethe recht hat, und viele freundliche Leute sind
unsre Begleiter, man sucht die steilsten Berge und die beschwerlichsten Wege,
man bt sich aufs kommende Frhjahr, wo man eine Reise in die Schweiz und Tirol
vorhat; wer wei, wie's dann dort aussehen wird, dann werden die armen Tiroler
schon seufzen gelernt haben.
    Heute Nacht hab ich von Dir getrumt, was konnte mir Schneres widerfahren?
- Du warst ernsthaft und sehr geschftig und sagtest: ich solle Dich nicht
stren. Das machte mich traurig, da drcktest Du sehr freundlich meine Hand auf
mein Herz und sagtest: Sei nur ruhig, ich kenne Dich und wei alles, da wachte
ich auf; Dein Ring, den ich im Schlaf an mich gedrckt hatte, war auf meiner
Brust abgebildet, ich pate ihn wieder in die Abbildung und drckte ihn noch
fester an, weil ich Dich nicht an mich drcken konnte. Ist denn ein Traum
nichts? - Mir ist er alles; ich will gern die Geschfte des Tages aufgeben, wenn
ich nachts mit Dir sein und sprechen kann. O sei's gern im Traum, mein Glck,
Du.

                                                                  Am 19. Oktober

Auch hier hab ich der Musik ein Lustlager aufzuschlagen gewut, ich hab mir eine
Kapelle von sechs bis acht Sngern errichtet, ein alter geistlicher Herr,
Eixdorfer (behalte seinen Namen, ich werde Dir noch mehr von ihm erzhlen), ein
tchtiger Brenjger und noch khnerer Generalbaspieler, ist Kapellmeister. An
Regentagen werden in meinem kleinen Zimmer die Psalmen von Marcello aufgefhrt,
ich will Dir gern die schnsten davon abschreiben lassen, wenn Du sie selbsten
nicht hast, schreib nur ein Wort drum, denn die Musik ist einzig herrlich und
nicht gar leicht zu haben. Auch die Duetten von Durante sind schn, das Gehr
mu sich erst daran gewhnen, ehe es ihre harmonische Disharmonie bndigen mag,
eine Schar gebrochner Seufzer und Liebesklagen, die in die Luft wie ein irrendes
Verhallen abbricht; drum sind sie aber auch so gewaltig, wenn sie recht gesungen
werden, da man sich immer wieder neu in diesen Schmerzen verschmachten liee.
Man hatte indessen ein barbarisches Urteil ber diese und Marcello gefllt, ich
wurde bizarr genannt, da ich tglich zweimal, morgens und abends, nur diese
Musik singen lie. Nach und nach, wie jeder Snger seinen Posten verstehen
lernte, gewann er auch mehr Interesse. - Auf Apolls hohen Kothurnen schreiten,
mit Jupiters Blitzen um sich schleudern, mit Mars Schlachten liefern,
Sklavenketten zerbrechen, den Jubel der Freiheit ausstrmen, bacchantische Lust
ausrasen, mit dem Schild der Minerva die anstrmenden Chre zusammendrngen,
ihre Evolutionen ordnend schtzen, das sind so einzelne Teile dieser Musik, an
denen ein jeder die Kraft seiner Begeisterung kann wirksam machen. Da ist denn
auch kein Widerstand; Musik macht die Seele zu einem gefhligen Leib, jeder Ton
berhrt sie; Musik wirkt sinnlich auf die Seele, wer nicht so erregt ist im
Spiel wie in der Komposition, der bringt nichts Gescheites hervor; die
scheinheiligen, moralischen Tendenzen seh ich so alle zum Teufel gehen mit ihrem
erlogenen Plunder, denn nur die Sinne erzeugen in der Kunst wie in der Natur,
und Du weit das am besten.

                                                                  Am 18. Oktober

Von Klotzens Farbenmartyrtum hab ich Dir noch Rechenschaft zu geben; es ist
nichts mit ihm anzufangen, ich habe zum Teil mit Langerweile, aber doch auch mit
Teilnahme mein Ohr seinem fnfundzwanzigjhrigen Manuskript geliehen, mich
mhsam durchgearbeitet und mit Verwunderung entdeckt, da er sich selbst in
hchst prosaischem Wahnsinn hinten angehngt hat; nichts hab ich besser
verstanden als dies eine: Ich bin Ich, und beim Lichte besehen, hat er sich
durch hufiges Hineinsinnen endlich selbst in drei grobe, schmutzige Stoffarben
verwandelt. Nachdem ich eine wahre Marter bei ihm ausgestanden hatte, besonders
durch sein schauerliches Gesicht, so konnt ich nach endlich beendigten Kollegien
nicht mehr ber mich gewinnen, ihn zu besuchen, und kam mir eine seltsame
Furcht, wenn ich ihn auf der Strae witterte. Bei Sonn- und Mondenschein strzt
er auf mich los, ich suche zu entweichen, ach, vergebens, die Angst lhmt meine
Glieder, und ich falle in seine Hnde. Nun fing er an, sein System von Grund aus
in meine Seele einzukeilen, damit ich den Unterschied von Goethes Ansicht ja
recht auffasse; auch lud er mich ein, um mir seine Lichttheorie auf franzsisch
vorzulesen, er bersetzte das Ganze, um es der Pariser Akademie zu bergeben; da
nun ein Dmon in mir dem allen entgegenarbeitet, was sich als Wirklichkeit
behauptet, keine Form veredelt, alles Poetische leugnet oder hchst gleichgltig
berbaut oder zertrmmert, so hab ich ihm durch meine groen Lgen, Parodien und
Vergleichsammlungen wiederum das Leben, das ganz erstarren wollte, auf etliche
Zeit gefristet.
    Ich meinte, da ich durch sein Prisma sah in den schwarzen Streif und alles
sah, was er wollte, da der Glaube die Geburt und sichtliche Erscheinung des
Geistes sei und eine Befestigung seines Daseins; denn ohne ihn schwebt alles und
gewinnt keine Gestalt und verfliegt in tausend Auswegen, so auch, wenn ich
zweifle und nicht glaube, so verfliegt mir auch Dein schnes Andenken, und ich
habe nichts.

                                                                  Am 17. Oktober

Um etwas bitte ich, Du darfst mir's nicht abschlagen, man kann nmlich whrend
der Lebzeit nicht genug sammlen der Dinge, die die Einsamkeit des Grabes
versen, als da sind: Schleifen, Haarlocken der Geliebten usw.; meine Liebe zu
Dir ist zu gro, als da ich Dir ein Haar krmmen mchte, viel weniger eins
abschneiden, denn Dein Haar gehrt zu Dir, und Du bist ein Ganzes, das meine
Liebe sich zugeeignet hat, und will auch nicht ein Haar an Dir missen. - Gib mir
Dein Buch - lasse es schn einbinden in eine freundliche Farbe, in Rot etwa;
denn das ist eine Farbe, in der wir uns oft begegneten, und dann schreibe mit
eigner Hand vorne hinein: Bettine oder Schatz usw. - dies Buch schenk ich Dir.

                                                                  Am 16. Oktober

Zwei Briefe erhielt ich von Dir ber Drers Bildnis, Du mut mir aber auch
Nachricht geben, ob es unbeschdigt angekommen, und ob es Dir gefllt? - Sag
mir, was Du Lobenswertes daran findest, damit ich's dem sehr armen Maler
wiedersagen kann. Ich habe jetzt noch obendrein gehufte Korrespondenzen mit
jungen Aufschlingen der Kunst, einem jungen Baumeister in Kln, ein Musiker
von achtzehn Jahren, der bei Winter Komposition studiert, reich an schnen
Melodien, wie ein silberner Schwan, der in hellblauer Luft mit ausgespannten
Flgeln singt. Der Schwan hat einen verflixt bayerischen Namen, er heit
Lindpaintner, doch sagt Winter, er wird diesen Namen zu Ehren bringen. Ein
junger Kupferstecher, der bei He in Mnchen studiert. Beiliegendes radiertes
Blttchen ist von ihm, es ist der erste Abdruck, noch verwischt und unzart, auch
ist das Ganze etwas dster und nach dem Urteil anderer zu alt, indessen scheint
mir's nicht ganz ohne Verdienst, er hat es ohne Zeichnung gleich nach der Natur
aufs Kupfer gearbeitet; wenn Dir's gefllt, so schick ich ein reineres,
besseres, mit mehr Sorgfalt gepackt, das kannst Du an Dein Bett an die Wand
stecken. - All diesen Menschen sprech ich nun in verschiedner Art Trost zu, und
ist mir eine angenehme Wrde, als ihr kleines Orakel von ihnen beraten zu
werden, ich lehre sie nun ihre fnf Sinne verstehen; wie da aller Dinge Wesen
in ihnen fliegt und kriecht, wie Duft der Lfte, wie Kraft der Erde, wie Drang
der Wsser und Farben des Feuers in ihnen leben und arbeiten, wie die wahre
sthetik im hellen Spiegel der Schpfung liege, wie Reif, Tau und Nebel,
Regenbogen, Wind, Schnee, Hagel, Donner und die drohenden Kometen, die
Nordscheine usw. einen ganz andern Geist herbeiziehen. Der Gott, der den Winden
Flgel anbindet, der wird sie ihrem Geist auch anbinden.

                                                                  Am 15. Oktober

Merkst Du denn nicht, da mein Datum immer zurck, statt vorwrts geht? - Ich
habe mir nmlich eine List ausgesonnen; da die Zeit mich immer weiter trgt und
nie zu Dir, so will ich zurckgehen bis auf den Tag, wo ich bei Dir war, und
dort will ich stehen bleiben und will von dem: In Zukunft und: Mit der Zeit und:
Bald gar nichts mehr wissen, sondern dem allen den Rcken kehren, ich will der
Zukunft ein Schlo vor die Tr legen und somit Dir auch den Weg versperren, da
Du nirgends als zu mir kannst.
    Schreib mir ber die Musik, damit ich sie schicken kann, wenn Du sie nicht
hast, ich schicke so gern etwas, dann bitte ich an die Frau meinen lieblichsten
Gru, des Sohns gedenke ich auch, Du aber schreib mir an einem hellen Tag; ich
bilde mir immer ein, da ich Dir unter vielem das Liebste sei. Als Deine Mutter
noch lebte, da konnte ich mich mit ihr drum besprechen, die erklrte mir aus
Deinen paar flchtigen Zeilen alles; ich kenne ja den Wolfgang, sagte sie,
das hat er mit schwebendem Herzen geschrieben, er hlt Dich so sicher in seinen
Armen wie sein bestes Eigentum. - Da streichelte mich diese Hand, die Deine
Kindheit gepflegt hatte, und sie zeigte mir zuweilen noch manches aus dem
ehmaligen Hausrat, wo Du dabei gewesen warst. Das waren Lieblichkeiten.
                                                                         Bettine

Morgen geh ich wieder nach Mnchen, da werde ich den liebenswrdigen Prsidenten
wiedersehen. In der diesjhrigen ffentlichen Sitzung der Akademie ist eine sehr
schne Abhandlung ber die ehmalige Geschichte des Salzwesens zu Reichenhall
gelesen worden. Sie hatte das eigne Schicksal, jedermann zu ennuyren, wenn mein
Brief dies Schicksal mit ihr teilt, so lese ihn immer um des Zwangs, den ich mir
angetan, auch von was anderm als meiner ewigen Liebe zu sprechen.

                               Goethe an Bettine


                                                    Weimar, den 3. November 1809

Wie knnte ich mich mit Dir, liebe Bettine, wollen in Wettstreit einlassen, Du
bertriffst die Freunde mit Wort und Tat, mit Geflligkeiten und Gaben, mit
Liebe und Unterhaltung; das mu man sich denn also gefallen lassen und Dir
dagegen so viel Liebe zusenden als mglich, und wenn es auch im Stillen wre.
    Deine Briefe sind mir sehr erfreulich, knntest Du ein heimlicher Beobachter
sein, whrend ich sie studiere, Du wrdest keineswegs zweifeln an der Macht, die
sie ber mich ben; sie erinnern mich an die Zeit, wo ich vielleicht so nrrisch
war wie Du, aber gewi glcklicher und besser als jetzt.
    Dein hinzugefgtes Bild ward gleich von Deinen Freunden erkannt und
gebhrend begrt. Es ist sehr natrlich und kunstreich, dabei ernst und
lieblich. Sage dem Knstler etwas Freundliches darber und zugleich: er mge ja
fortfahren, sich im Radieren nach der Natur zu ben, das Unmittelbare fhlt sich
gleich, da er seine Kunstmaximen dabei immer im Auge habe, versteht sich von
selbst. Ein solches Talent mte sogar lukrativ werden, es sei nun, da der
Knstler in einer groen Stadt wohnte oder darauf reiste. In Paris hatte man
schon etwas hnliches. Veranlasse ihn doch, noch jemand vorzunehmen, den ich
kenne, und schreibe seinen Namen, vielleicht gelingt ihm nicht alles wie das
interessante Bettinchen, frwahr, sie sitzt so treulich und herzlich da, da man
dem etwas korpulenten Buche, das brigens im Bilde recht gut komponiert, seine
Stelle beneiden mu. Das zerknillte Blttchen habe ich sogleich aufgezogen, mit
einem braunen Rahmen umstrichen, und so steht es vor mir, indem ich dies
schreibe, sende ja bald bessere Abdrcke.
    Albrecht Drer wre ganz glcklich angekommen, wenn man nicht die unselige
Vorsicht gehabt htte, feines Papier obenauf zu packen, das denn im Kleide an
einigen Stellen gerieben hat, die jetzt restauriert werden. Die Kopie verdient
alle Achtung, sie ist mit groem Flei und mit einer ernsten, redlichen Absicht
verfertigt, das Original mglichst wiederzugeben. Sage dem Knstler meinen Dank,
Dir sag ich ihn tglich, wenn ich das Bild erblicke; ich mchte von diesem
Pinsel wohl einmal ein Portrt nach der Natur sehen.
    Da ich das Wort Natur abermals niederschreibe, so fhle ich mich gedrungen
Dir zu sagen: da Du doch Dein Naturevangelium, das Du den Knstlern predigst,
in etwas bedingen mchtest; denn wer liee sich nicht von so einer holden
Pythonisse gern in jeden Irrtum fhren. Schreibe mir, ob Dir der Geist sagt, was
ich meine. Ich bin am Ende des Blatts und nehme dies zum Vorwand, da ich
verschweige, was ich zu sagen keinen Vorwand habe. Ich bitte Dich nur noch durch
bersendung Durantischer und Marcellischer Kompositionen abermals lieblich in
meinem Hause zu spuken.
    In diesen Tagen lie sich eine Freundin melden, ich wollt ihr zuvorkommen
und glaubte wirklich Dir entgegenzugehen, da ich die zweite Treppe im Elefanten
erstieg, aber es entwickelte sich ein ganz ander Gesicht aus der Reisekapuze,
doch ist mir's seitdem angetan, da ich mich oft nach der Tr wende, in der
Meinung, Du kommst, meinen Irrtum zu berichtigen; durch eine baldige ersehnte
berraschung wrde ich mich auch noch der in meiner Familie altherkmmlichen
prophetischen Gabe versichert halten, und man wrde sich mit Zuversicht auf ein
so erfreuliches Ereignis vorbereiten, wenn der bse Dmon nicht grade eingebt
wr, zuvrderst dem Herzen seine tckischsten Streiche zu spielen; und wie die
zartesten Blten oft noch mit Schnee gedeckt werden, so auch die lieblichste
Neigung in Klte zu verwandeln, auf so was mu man denn immer gefat sein, und
es ist mir zum warnenden Merkzeichen, da ich dem launigen April, obschon im
Scheiden begriffen, Deine erste Erscheinung verdanke.
                                                                          Goethe

                                   An Goethe


                                                        Mnchen, den 9. November

Ach, es ist so schauerlich mit sich allein sein, in mancher Stunde! Ach, so
mancher Gedanke bedarf des Trostes, den man doch niemand sagen kann, so manche
Stimmung, die geradezu ins Ungeheure, Gestaltlose hinzieht, will verwunden sein.
Hinaus ins Kalte, Freie, auf die hchsten Schneealpen mitten in der Nacht, wo
der Sturmwind einem anbliese, wo man dem einzigen einengenden Gefhl der Furcht
hart und keck entgegentrte, da knnte einem wohl werden, bilde ich mir ein.
    Wenn Dein Genius eine Sturmwolke an dem hohen, blauen Himmel hintrgt und
sie endlich von den breiten, mchtigen Schwingen niederschmettern lt in die
volle Blte der Rosenzeit, das erregt nicht allgemeines Mitleid; mancher geniet
den Zauber der Verwirrung, mancher lst sein eignes Begehren drin auf, ein
dritter (mit diesem ich) senkt sich neben die Rose hin, so wie sie vom Sturm
gebrochen ist, und erblat mit ihr und stirbt mit ihr, und wenn er dann wieder
auflebt, so ist er neu geboren in schnerer Jugend - durch Deinen Genius,
Goethe. Dies sag ich Dir von dem Eindruck jenes Buchs: die Wahlverwandtschaften.
    Eine helle Mondnacht hab ich durchwacht, um Dein Buch zu lesen, das mir erst
vor wenig Tagen in die Hnde kam. Du kannst Dir denken, da in dieser Nacht eine
ganze Welt sich durch meine Seele drngte. Ich fhle, da man nur bei Dir Balsam
fr die Wunde holen kann, die Du schlgst;
    denn als am andern Morgen Dein Brief kam mit allen Zeichen Deiner Gte, da
wute ich ja, da Du lebst, und auch fr mich; ich fhlte, da mir der Sinn mehr
gelutert war, mich Deiner Liebe zu wrdigen. Dies Buch ist ein sturmerregtes
Meer, da die Wellen drohend an mein Herz schlagen, mich zu zermalmen. Dein Brief
ist das liebliche Ufer, wo ich lande und alle Gefahr mit Ruhe, ja sogar mit
Wohlbehagen bersehe.
    Du bist in sie verliebt, Goethe, es hat mir schon lange geahnt, jene Venus
ist dem brausenden Meer Deiner Leidenschaft entstiegen, und nachdem sie eine
Saat von Trnenperlen ausgeset, da verschwindet sie wieder in berirdischem
Glanz. Du bist gewaltig, Du willst, die ganze Welt soll mit Dir trauern, und sie
gehorcht weinend Deinem Wink. Aber ich, Goethe, hab auch ein Gelbde getan; Du
scheinst mich freizugeben in Deinem Verdru, lauf hin, sagst Du zu mir, und
such dir Blumen, und dann verschliet Du Dich in die innerste Wehmut Deiner
Empfindung, ja, das will ich, Goethe! - Das ist mein Gelbde, ich will Blumen
suchen, heitere Gewinde sollen Deine Pforte schmcken und wenn Dein Fu
strauchelt, so sind es Krnze, die ich Dir auf die Schwelle gelegt, und wenn Du
trumst, so ist es der Balsam magischer Blten, der Dich betubt; Blumen einer
fernen fremden Welt, wo ich nicht fremd bin, wie hier in dem Buch, wo ein
gieriger Tiger das feine Gebild geistiger Liebe verschlingt; ich verstehe es
nicht, dieses grausame Rtsel, ich begreife nicht, warum sie alle sich
unglcklich machen, warum sie alle einem tckischen Dmon mit stacheligem Zepter
dienen; und Charlotte, die ihm tglich, ja stndlich Weihrauch streut, die mit
mathematischer Konsequenz das Unglck fr alle vorbereitet. Ist die Liebe nicht
frei? - Sind jene beiden nicht verwandt? - Warum will sie es ihnen wehren, dies
unschuldige Leben mitund nebeneinander? Zwillinge sind sie; ineinander
verschrnkt reifen sie der Geburt ins Licht entgegen, und sie will diese Keime
trennen, weil sie nicht glauben kann an eine Unschuld; das ungeheure Vorurteil
der Snde impft sie der Unschuld ein. O, welche unselige Vorsicht.
    Weit Du was? Keiner ist vertraut mit der idealischen Liebe, jeder glaubt an
die gemeine, und so pflegt, so gnnt man kein Glck, das aus jener hheren
entspringt oder durch sie zum Ziel gefhrt knnte werden. Was ich je zu gewinnen
denke! es sei durch diese idealische Liebe; sie sprengt alle Riegel in neue
Welten der Kunst, der Weissagung und der Poesie; ja, natrlich, so wie sie in
einem erhabneren Sinn nur sich befriedigt fhlt, so kann sie auch nur in einem
erhabneren Element leben.
    Hier fllt mir Deine Mignon ein, wie sie mit verbundnen Augen zwischen Eiern
tanzt. Meine Liebe ist geschickt, verlasse Dich ganz auf ihren Instinkt, sie
wird auch blind dahintanzen und wird keinen Fehltritt tun.
    Du nimmst teil an meinen Zglingen der Kunst, das macht mir und ihnen viel
Freude. Der junge Mensch, welcher mein Bildchen radiert hat, ist aus einer
Familie, deren jedes einzelne Mitglied mit groer Aufmerksamkeit an Deinem
Beginnen hngt; ich hrte den beiden lteren Brdern oft zu, wie sie Plne
machten, Dich nur einmal von weitem zu sehen; der eine hatte Dich aus dem
Schauspiel gehen sehen, in einen groen grauen Mantel gehllt, er erzhlte es
mir immer wieder. - Wie mir das ein doppelter Genu war! - Denn ich war ja
selbst an jenem Regentag mit Dir im Schauspiel gewesen, und dieser Mantel
schtzte mich vor den Augen der Menge, wie ich in Deiner Loge war, und Du
nanntest mich Muschen, weil ich so heimlich verborgen aus seinen weiten Falten
hervorlauschte;
    ich sa im Dunkel, Du aber im Licht der Kerzen, Du mutest meine Liebe
ahnen, ich konnte Deine se Freundlichkeit, die in allen Zgen, in jeder
Bewegung verschmolzen war, deutlich erkennen; ja, ich bin reich, der goldne
Pactolus fliet durch meine Adern und setzt seine Schtze in meinem Herzen ab.
Nun sieh! - Solch ser Genu von Ewigkeit zu Ewigkeit, warum ist der den
Liebenden in Deinem Roman nicht erlaubt? - Oder warum gengt er ihnen nicht? -
Ja, es kann sein, da ein ander Geschick noch zwischen uns tritt, ja, es mu
sein; da doch alle Menschen handeln wollen, so werden sie einen solchen
Spielraum nicht unbenutzt lassen; la sie gewhren, la sie sen und ernten, das
ist es nicht; - die Schauer der Liebe, die tief empfundnen, werden einst wieder
auftauchen; die Seele liebt ja; was ist es denn, was im keimenden Samen
befruchtet wird? Die tief verschlone noch ungeborne Blte, diese, ihre Zukunft,
wird erzeugt durch solche Schauer; die Seele aber ist die verschlone Blte des
Leibes, und wenn sie aus ihm hervorbricht, dann werden jene Liebesschauer in
erhhtem Gefhl mit hervorbrechen, ja, diese Liebe wird nichts anderes sein als
der Atem jenes zuknftigen himmlischen Lebens, drum klopft uns auch das Herz,
und der Atem regiert das unbegreifliche Wonnegefhl; bald schpft er mit tiefem
Seufzer aus dem Abgrund der Seligkeit, bald kann er mit Windesschnelle kaum
alles erfassen, was ihn gewaltig durchstrmt. Ja, so ist es, lieber Goethe, ich
empfinde jede Minute, in der ich Deiner gedenke, da sie die Grenze des
irdischen Lebens berschreitet, und die tiefen Seufzer wechseln unversehen mit
den raschen Pulsen der Begeisterung; ja, so ist es, diese Schauer der Liebe sind
der Atem eines hheren Lebens, dem wir einst angehren werden, und das uns in
diesen irdischen Beseligungen nur sanft anblst.
    Nun will ich wieder zu meinem jungen Knstler zurckkehren, der einer der
liebenswrdigsten Familien angehrt, deren alle sehr hoch begabten Mitglieder so
jung schon jetzt weit ber ihre Zeit hinausragen. Ludwig Grimm, der Zeichner,
machte schon vor zwei Jahren, da er noch gar wenig bung hatte, aber viel
stillen vergrabenen Sinn, ein Bildchen von mir; fr mich hat es Bedeutung, es
hat Wahrheit, aber kein Geschick frs uere, wenig Menschen finden es daher
hnlich; auch hat mich noch niemand ber der Bibel eingeschlafen gesehen, im
roten Kleide in der kleinen gotischen Kapelle, mit den Grabsteinen und
Inschriften rund umher, ich eingeschlafen ber der Weisheit Salomonis. Lasse es
einrahmen als Lichtschirm und denke dabei, da, whrend er Dein Abendlicht in
stille Dmmerung verwandelt, ich trumend einer Hellung nachsphe, die den
feurigliebendsten der Knige erleuchtet.
    Des jungen Knstlers Charakter ist brigens so, da das brige Gute, was Du
fr ihn sagst, nicht anwendbar ist; er ist furchtsam, ich habe ihn mit List erst
nach und nach zahm gemacht, ich gewann ihn dadurch, da ich mit Lust ebenso Kind
war wie er; wir hatten eine Katze, mit der wir um die Wette spielten, in einer
unbewohnten Kche kochte ich selbst das Nachtessen; whrend alles beim Feuer
stand, sa ich daneben auf einem Schemel und las; wie es der Zufall wollte war
ich gekleidet, gelagert, drapiert. - Mit groem Enthusiasmus fr den gnstigen
Zufall machte er Skizzen nach der Natur und litt nicht, da ich auch nur eine
Falte nderte, so brachten wir eine interessante kleine Sammlung zusammen, wie
ich gehe und stehe und liege; in die umliegende Gegend ist er gereist, wo schne
anziehende Gesichter sind, er brachte allemal einen Schatz von radierten
Blttchen mit, mit schner Treue, fr das Gemtliche, nachgeahmt; das einfache
Evangelium, was ich ihm predige, ist nichts anders, als was dem Veilchen der
laue Westwind zuflstert. Dadurch wird's nicht in Irrtmer gefhrt werden.
Beiliegende radierte Blttchen nach der Natur werden Dich erfreuen.
    Der Musiker ist mein Liebling, und bei diesem knnte ich schon eher in
meinen Kunstpredigten ber die Schnur gehauen haben; denn da hole ich weiter
aus, und hier schenke ich Dir nichts; es geht nchstens wieder ber Dich her, Du
mut das berstrmende unbegriffne Ahnungsgefhl wunderbarer Krfte und ihrer
mystischen Wirkungen in Dich aufnehmen, nchstens werde ich tiefer Atem holen
und alles vor Dir aussprechen. Sehr sonderbar ist es, auch einen Architekten
lernte ich frher schon kennen, der in Deinen Wahlverwandtschaften unverkennbar
erscheint; er verdient es durch frhere enthusiastische Liebe zu Dir. Er machte
damals einen Plan zu einem sehr wunderbaren Haus fr Dich, das auf einem Felsen
stand und mit vielen erznen Figuren, Springbrunnen und Sulen geziert war.
    Wieviel htte ich Dir noch zu sagen auf ein herrlich Wort aus Deinem Brief,
es wird sich aber von selbst beantworten, oder ich bin nicht wert, da Du so
viel Herablassung an mich vergeudest. Oft mcht ich Dich ansehen, um Dir Glck
in die Augen zu tragen und wieder auch Glck daraus zu saugen, darum hre ich
auch jetzt auf zu schreiben.
                                                                         Bettine

                                   An Goethe


Die Welt wird mir manchmal zu eng. Was mich drckt? Es ist der Waffenstillstand,
der Friede mit allen schauerlichen Folgen, mit aller verruchten Verrterei der
Politik. Die Gnse, die mit ihrem Geschrei das Kapitol einst retteten, lassen
sich ihr Recht nicht streitig machen, sie allein fhren das Wort.
    Aber Du, freundlicher Goethe! Sonnenschein! Der auch mitten im Winter auf
den beschneiten Hhen liegt und in mein Zimmer guckt. - Ich hab mir des Nachbars
Dach, das morgens von der Sonne beschienen ist, als ein Zeichen von Dir gesetzt.
    Ohne Dich wr ich vielleicht so traurig geworden als ein Blindgeborner, der
von den Himmelslichtern keinen Begriff hat. Du klarer Brunnen, in dem der Mond
sich spiegelt, da man die Sterne mit hohler Hand zum Trinken schpft; Du
Dichter, Freier der Natur, der, ihr Bild in der Brust, uns arme Sklavenkinder es
anbeten lehrt.
    Da ich Dir schreibe, ist so sonderbar, als wenn eine Lippe zur andern
sprche. Hre, ich habe Dir was zu sagen, ja ich hole zu weit aus, da sich doch
alles von selbst versteht, und was sollte die andere Lippe darauf antworten? Im
Bewutsein meiner Liebe, meiner innigsten Verwandtschaft zu Dir schweigst Du. -
Ach, wie konnte doch Ottilie frher sterben wollen? - O, ich frage Dich: ist es
nicht auch Bue, Glck zu tragen, Glck zu genieen? - O Goethe, konntest Du
keinen erschaffen, der sie gerettet htte? - Du bist herrlich, aber grausam, da
Du dies Leben sich selbst vernichten lt; nachdem nun einmal das Unglck
hereingebrochen war, da mutest Du decken, wie die Erde deckt, und wie sie neu
ber den Grbern erblht, so muten hhere Gefhle und Gesinnungen aus dem
Erlebten erblhen, und nicht durfte der unreife jnglinghafte Mann so entwurzelt
weggeschleudert werden, und was hilft mich aller Geist und alles Gefhl in
Ottiliens Tagebuch? Nicht kindlich ist's, da sie den Geliebten verlt und
nicht von ihm die Entfaltung ihres Geschicks erwartet, nicht weiblich ist's, da
sie nicht blo sein Geschick beratet; und nicht mtterlich, da sie ahnen mu die
jungen Keime alle, deren Wurzeln mit den ihrigen verwebt sind, da sie ihrer
nicht achtet und alles mit sich zugrunde richtet.
    Es gibt eine Grenze zwischen einem Reich, was aus der Notwendigkeit
entsteht, und jenem hheren, was der freie Geist anbaut; in die Notwendigkeit
sind wir geboren, wir finden uns zuerst in ihr, aber zu jenem freien werden wir
erhoben. Wie die Flgel den Vogel in die Lfte tragen, der unbefiedert vorher
ins Nest gebannt war, so trgt jener Geist unser Glck stolz und unabhngig in
die Freiheit; hart an diese Grenze fhrst Du Deine Lieben, kein Wunder! Wir
alle, die wir denken und lieben, harren an dieser Grenze unserer Erlsung; ja
die ganze Welt kommt mir vor wie am Strand versammelt und einer berfahrt
harrend durch alle Vorurteile, bse Begierden und Laster hindurch zum Land, da
einer himmlischen Freiheit gepflegt werde. Wir tun unrecht zu glauben, dazu
msse der Leib abgelegt werden, um in den Himmel zu kommen. Wahrhaftig! Wie die
ganze Natur von Ewigkeit zu Ewigkeit sich vorbereitet, ebenso bereitet sich der
Himmel vor, in sich selbsten, in der Erkenntnis eines keimenden geistigen
Lebens, dem man alle seine Krfte widmet, bis es sich von selbst in die Freiheit
gebre, dies ist unsere Aufgabe, unsere geistige Organisation, es kommt drauf
an, da sie sich belebe, da der Geist Natur werde, damit dann wieder ein Geist,
ein weissagender sich aus dieser entfalte. Der Dichter (Du Goethe) mu zuerst
dies neue Leben entfalten, er hebt die Schwingen und schwebt ber den Sehnenden
und lockt sie und zeigt ihnen, wie man ber dem Boden der Vorurteile sich
erhalten knne; aber ach! Deine Muse ist eine Sappho, statt dem Genius zu
folgen, hat sie sich hinabgestrzt.

                                                                 Am 29. November

Gestern hab ich so weit geschrieben, da hab ich mich ins Bett gelegt aus lauter
Furcht, und wie ich alle Abend tue, da ich im Denken an Dich zu Deinen Fen
einschlafe, so wollte es mir gestern nicht gelingen; ich mute mich schmen, da
ich so hoffrtig geschwtzt habe, und alles ist vielleicht doch nicht, wie ich's
meine. Am End ist es die Eifersucht, die mich so aufbringt, da ich einen Weg
suche, wie ich Dich wieder an mich reie und ihrer vergessen mache; nun! Prfe
mich, und wie es auch sei, so vergesse nur meiner Liebe nicht und verzeihe mir
auch, da ich Dir mein Tagebuch zuschicke; am Rhein hab ich's geschrieben, ich
habe darin das Leben meiner Kinderjahre vor Dir ausgebreitet und Dir gezeigt,
wie unser beider Wahlverwandtschaft mich trieb, wie ein Bchlein eilend
dahinzurauschen ber Klippen und Felsen zwischen Dornen und Moosen bis dahin, wo
Du gewaltiger Strom mich verschlingst. Ja, ich wollte dies Buch behalten, bis
ich endlich wieder bei Dir sein wrde, da wollte ich morgens in Deinen Augen
sehen, was Du abends darin gelesen hattest; nun aber qult mich's, da Du mein
Tagebuch an die Stelle von Ottilien ihrem legest, und die Lebende liebst, die
bei Dir bleibt, mehr wie jene, die von Dir gegangen ist.
    Verbrenne meine Briefe nicht, zerreie sie nicht, es mchte Dir sonst selber
weh tun, so fest, so wahrhaft lebendig hng ich mit Dir zusammen, aber zeige sie
auch niemanden, halt's verborgen wie eine geheime Schnheit, meine Liebe steht
Dir schn, Du bist schn, weil Du Dich geliebt fhlst.

                                                                       Am Morgen

ber Nacht blht oft ein Glck empor wie die trkische Bohne, die, am Abend
gepflanzt, bis zum Morgen hinaufwuchs und sich in die Mondsichel einrankte; aber
beim ersten Sonnenstrahl verwelkt alles bis zur Wurzel, so hat sich heute nacht
mein Traum blhend zu Dir hinaufgerankt, und eben war's am schnsten, Du
nanntest mich Dein alles, da dmmerte der Morgen, und der schne Traum war
verwelkt wie die trkische Bohne, an der man nachts so bequem das Mondland
erstieg.
    Ach schreibe mir bald, ich bin unruhig ber alles, was ich gewagt habe in
diesem Brief, ich schliee ihn, um einen neuen anzufangen, ich knnte zwar
zurckhalten, was ich Dir ber die Wahlverwandtschaften sagte, aber wr es
recht, dem Freund zu verschweigen, was im Labyrinth der Brust wandelt in der
Nacht? -
                                                                         Bettine

                                   An Goethe


                                                            Am 13. Dezember 1809

Ach, ich will dem Gtzendienst abschwren! Von Dir spreche ich nicht; denn
welcher Prophet sagt, da Du kein Gott seist? - Ich spreche von Groem und
Kleinem, was die Seele irrt. O wtest Du, was Dir zum Heile dient jetzt in den
Tagen Deiner Heimsuchung? Lukas XIX.
    Ich htte Dir vieles zu sagen, aber in meinem Herzen zuckt es, und
schmerzliche Gedanken trmen sich bereinander.
    Der Friede besttigt sich. Im Augenblick der glorreichsten Siege, wo die
Energie dieses Volkes seinen Gipfel erreichte, mahnt sterreich, die Waffen
niederzulegen; was hat es fr ein Recht dazu? - Hat es nicht lange schon
tckisch furchtsam seine Sache von der der Tiroler getrennt? - Da stehen die
gekrnten Hupter um diesen Edelstein Tirol, sie schielen ihn an und sind alle
von seinem reinen Feuer geblendet; aber sie werfen ein Leichentuch darber hin:
ihre abgefeimte Politik! Und nun entscheiden sie kaltbltig ber sein Los. Wollt
ich sagen, welche tiefe Wunden mir die Geschichte dieses Jahres geschlagen, wer
wrde mich bemitleiden? - Ach und wer bin ich, da ich meine Anklage, meinen
Fluch drfte verlauten lassen? - Jeder hat das Recht, sich den hchsten
Geschicken zu vermhlen, dem es so rast im Herzen wie mir, ach ich hab auch zu
nichts mehr Lust und Vertrauen; der kalte Winterwind, der heute strmt, mit dem
bin ich nicht im Widerspruch, der belgt mich doch nicht. Vor sechs Wochen waren
noch schne Tage, wir machten eine Reise ins Gebirg. Wie wir uns dem Kettenwerk
der felsigen Alpen nherten, das hat mchtig in mir gearbeitet, die Asche fiel
vom Herzen, es strmte Frhlingsglut in den matten Schein der Herbstsonne. Es
war herrlich unter den Tannen und Fichten auf der Hochalme, sie neigten im
Windesrauschen ihre Wipfel zueinander; war ich ein Ktzchen, in ihrem Schatten
htte mich des Kaisers Majestt nicht geblendet. - Hier lag ich am jhen Abhang
und berschaute das enge Tal, dem verkuppelt mit Bergen hieroglyphische
Felswnde entstiegen. Ich war allein auf steilster Hhe und bersah unzhlige
Schluchten, die gefhlvollen Entzckungsprediger waren zurckgeblieben, es war
fr sie zu steil. - Wren wir beide doch dort beisammen im Sommer und stiegen
Hand in Hand bedachtsam, langsam, einsam den gefahrsamen Pfad hinab, das waren
so meine heiligen Gedanken da oben; wrst Du dabei gewesen, wir htten noch
anderes bedacht. - Ein Kranz khlt und steht schn zu erhitzten Wangen; was
willst Du? - Tannen stechen, Eichen wollen sich nicht geschmeidig biegen, Ulme,
sind die Zweige zu hoch, Pappel schmckt nicht, und der Baum, der Dein ist, der
ist nicht hier. - Das hab ich oft gesagt, der mein ist, der ist nicht hier, Du
bist mein, Du bist aber nicht hier.
    Es knnte sich auch fgen, da nach Deiner prophetischen Vision in kurzer
Zeit mein Weg mich mit Dir zusammen fhrte, ich bedarf dieser Entschdigung fr
die bse Zeit, die ich ohne Dich verlebte.
    Eine ausgezeichnete Klasse von Menschen, worunter herrliche Leute waren,
sind die Mediziner, da die Krankheiten so schrecklich durch den Krieg in Aufruhr
kamen, wurden die meisten ein Opfer ihrer Ttigkeit, da merkt man denn erst,
wieviel einer wert war, wenn er nicht mehr lebt. Der Tod treibt zur Unzeit die
Knospen in die Blte.
    Beiliegende Zeichnung ist das Portrt von Tiedemann, eines hiesigen
Professors der Medizin, er interessiert sich so sehr fr die Fische, da er ein
schnes Werk ber die Fischherzen schrieb, mit gar guten Kupfern versehen; da Du
nun in Deinen Wahlverwandtschaften gezeigt, da Du Herz und Nieren genau prfst,
so werden Dir Fischherzen auch interessant sein, und vielleicht entdeckst Du,
da Deine Charlotte das Herz eines Weifisches hat; mit nchstem, wo ich noch
manches andre bersende, werd ich's mitschicken. Die Zeichnung achte nicht
gering, lernst Du den Mann einmal kennen, so wirst Du sehen, da er seinem
Spiegel Ehre macht.
    Um wieder auf etwas Bitteres zu kommen, die Meline mit den schnen
Augenwimpern, von der Du sagtest, sie gleiche einer Rose, die der Tau eben aus
tiefem Schlaf geweckt, die heiratet einen Mann, von dem die allgemeine Sage
geht, er sei ein ganz vortrefflicher Mensch. O wie ist das traurig, Sklave der
Vortrefflichkeit sein, da bringt man es nicht weiter wie Charlotte es gebracht
hat, man ketzert sich und andre mit der Tugend ab. Verzeih nur, da ich immer
wieder von Deinem Buch anfange, ich sollte lieber schweigen, da ich nicht Geist
genug habe, es ganz zu fassen. Seltsam ist es, da, whrend die Wirklichkeit
mich so gewaltig aufregt, schlgt mich die Dichtung so gewaltig nieder. Die
schwarzen Augen, die gro sind und etwas weit offen, aber ganz erfllt voll
Freundlichkeit, wenn sie mich ansehen, der Mund, von dessen Lippen Lieder
flieen, die ich schlieen kann mit einem Siegel, die dann viel schner singen,
ser und wrmer plaudern als vorher, und die Brust, an die ich mich verbergen
kann, wenn ich zu viel geschwtzt habe, die werd ich doch nie miverstehen, die
werden mir nie fremd sein. - Gute Nacht hierber.
    Beiliegende Kupfer sind von unserm Grimm, die beiden Bubenkpfchen machte er
nur flchtig auf einer Reise nach dem Staremberger See, die Zeichnung davon ist
noch besser, sie ist samt der Gegend, die Buben, der braune auf einer Bank in
der Sonne sitzend, der blonde auf die Brunnenmauer gelehnt, alles ganz lieblich
nach der Natur. Das Mdchen ist ein frherer Versuch seiner Nadel, Dein Lob hat
ihm groen Eifer gegeben, sein Lehrer ist der Kupferstecher He, dem ich
manchmal mit stillem Staunen bei seinen groen ernsten Arbeiten zusehe.
    Marcellos Psalmen werden hier in Landshut zu schlecht abgeschrieben, es ist
alter Kirchenstil, ich mu Geduld haben, bis ich einen Abschreiber finde.
    Lebe wohl, alles gre herzlich von mir, was Dein ist.
    Meine Adresse ist in Graf Joners Hause in Landshut.
                                                                         Bettine

                                   An Goethe


Ich habe meine Tre verriegelt, und um doch nicht so ganz allein zu sein mit
meinem Mimut, sucht ich Deine Eugenie; sie hatte sich ganz in den hintersten
Winkel des Bcherschranks versteckt, mir ahnte ein Trost, ein himmlischer
Gedanke werde mich drin anwehen, ich habe sie eingesogen wie Blumenduft, unter
drckenden Wolken bin ich gelassen unermdet vorwrts geschritten bis zum
einsamen Ziel, wo keiner gern weilt, weil da die vier Winde zusammenstoen und
den armen Menschen nicht jagen, aber fest in ihrer Mitte halten; ja, wen das
Unglck recht anbraust, den treibt's nicht hin und her, es versteinert ihn wie
Niobe.
    Da nun das Buch gelesen ist, verzieht sich der dichte Erdennebel, und nun
mu ich mit Dir reden. - Ich bin oft unglcklich und wei nicht warum, heute
meine ich nun, es komme daher, weil ich dem Boten Deinen Brief abzunehmen
glaubte, und es war ein anderer, nun klopfte mir das Herz so gewaltig, und dann
war's nichts. Als ich hereinkam, fragten alle, warum siehst Du so bla aus? Und
ich reichte meinen Brief hin und fiel ganz matt auf einen Sessel, man glaubte
wunder, was er enthalte, es war eine alte Rechnung von 4 Fl. von dem alten Maler
Robert aus Kassel, bei dem ich nichts gelernt habe; sie lachten mich alle aus,
ich kann aber doch nicht lachen; denn ich hab ein bs Gewissen, ich wei ja
wenig, was Geist, Seele und Herz fr Prozesse miteinander fhren, warum hab ich
Dir denn allerlei geschrieben, was ich nicht verantworten kann? Du bist nicht
bse auf mich, wie knnte mein unmndig Geschwtz Dich beleidigen, aber Du
antwortest nicht, weil ich ja doch nicht verstehe, was Du sagen knntest, und so
hat mich mein Aberwitz um mein Glck gebracht, und wer wei, wann Du wieder
einlenkst. - Ach, Glck! Du lt dich nicht meistern und nicht bilden, wo du
erscheinst, da bist du immer eigentmlich und vernichtest durch deine Unschuld
alles Planmige, alle Berechnung auf die Zukunft.
    Unglck ist vielleicht die geheime Organisation des Glckes, ein flssiger
Demant, der zum Kristall anschliet, eine Krankheit der Sehnsucht, die zur Perle
wird. O schreib mir bald.
    Am 12. Januar 1810
                                                                         Bettine

                               Goethe an Bettine


Das ist ein liebes, feines Kind, listig wie ein Fchschen, mit einer Glcksbombe
fhrst Du mir ins Haus, in der Du Deine Ansprche und gerechte Klage versteckst.
Das schmettert einem denn auch so nieder, da man gar nicht daran denkt, sich zu
rechtfertigen. - Die Weste, innen von weichem Samt, auen glatte Seide, ist nun
mein Bugewand, je behaglicher mir unter diesem wohlgeeigneten Brustlatz wird,
je bedrngter ist mein Gewissen, und wie ich gar nach zwei Tagen zufllig in die
Westentasche fahre und da das Register meiner Snden herausziehe, so bin ich
denn auch gleich entschlossen, keine Entschuldigungen fr mein langes Schweigen
aufzusuchen. Dir selbst aber mache ich es zur Aufgabe, mein Schweigen bei Deinen
so berraschenden Mitteilungen auf eine gefllige Weise auszulegen, die Deiner
nie versiegenden Liebe, Deiner Treue fr Gegenwrtiges und Vergangenes auf
verwandte Weise entspricht. ber die Wahlverwandtschaften nur dies: der Dichter
war bei der Entwickelung dieser herben Geschicke tief bewegt, er hat seinen Teil
Schmerzen getragen, schmle daher nicht mit ihm, da er auch die Freunde zur
Teilnahme auffordert. Da nun so manches Traurige unbeklagt den Tod der
Vergangenheit stirbt, so hat sich der Dichter hier die Aufgabe gemacht, in
diesem einen erfundnen Geschick wie in einer Grabesurne die Trnen fr manches
Versumte zu sammeln. Deine tiefen, aus dem Geist und der Wahrheit entspringende
Ansichten gehren jedoch zu den schnsten Opfern, die mich erfreuen, aber
niemals stren knnen, ich bitte daher recht sehr, mit gewissenhafter Treue
dergleichen dem Papier zu vertrauen und nicht allenfalls in Wind zu schlagen,
wie bei Deinem geistigen Kommers und berflu an Gedanken leichtlich zu befahren
ist. Lebe wohl und lasse bald wieder von Dir hren.
                                                                          Goethe

                                                     Weimar, den 5. Februar 1810

Meine Frau mag Dir selbst schreiben, wie verlegen sie um ein Maskenkleid gewesen
und wie erfreut sie bei Erffnung der Schachtel war, es hat seinen herrlichen
Effekt getan. ber der lieben Meline Heirat sage ich nichts, es macht einem nie
wohl, wenn ein so schnes Kind sich weggibt, und der Glckwunsch, den man da
anbringt, drckt einem nur auf dem Herzen.

                                   An Goethe


Fahre fort, so liebreich mit mir zu sein, packe selbst zusammen, was Du mir
schickst, mache selbst die Adresse aufs Paket, das alles freut mich, und Dein
Brief, der allen Schaden vergtet, ja meine eignen Schwchen so sanft sttzt,
mich mir selbst wiedergibt, indem er sich meiner annimmt.
    Nun, ich bin angeblasen von allen Launen, ich drcke die Augen zu und
brumme, um nichts zu sehen und zu hren, keine Welt, keine Einsamkeit,
    keinen Freund, keinen Feind, keinen Gott und endlich auch keinen Himmel.
    Den Hofer haben sie in einer Sennhtte auf den Passeirer Bergen gefangen,
diese ganze Zeit bin ich diesem Helden mit Gebet heimlich nachgegangen, gestern
erhalt ich einen Brief mit einem gedruckten Tiroler Klagelied: Der Kommandant
der Heldenschar, auf hoher Alp gefangen gar, findet viel Trnen in unseren
Herzen. Ach, dieser ist nicht unbeweint von mir, aber die Zeit ist eisern und
macht jede Klage zu Schanden, so mu man auch das rgste frchten, obschon es
unmglich ist. Nein, es ist nicht mglich, da sie diesem sanften Helden ein
Haar krmmen, der da fr alle Aufopferung, die er und sein Land umsonst gemacht
hatten, keine andre Rache nahm, als da er in einem Brief an Speckbacher
schrieb: Deine glorreichen Siege sind alle umsonst, sterreich hat mit
Frankreich Friede geschlossen und Tirol - vergessen.
    In meinem Ofen saust und braust der Wind und treibt die Glut in Flammen und
brennt die alten bayrischen Tannen recht zu Asche zusammen, dabei hab ich denn
meine Unterhaltung, wie es kracht und rumpelt und studiere zugleich Marpurgs
Fugen, dabei tut mir denn gar wohl, da das Warum nie beantwortet werden kann,
da man unmittelbare Herrschaft des Fhrers (Dux) annehmen mu, und da der
Gefhrte sich anschmiegt, ach, wie ich mich gern an Dich anschmiegen mchte;
wesentlich mchte ich ebenso Dir sein, ohne viel Lrm zu machen, alle Lebenswege
sollten aus Dir hervorgehen und sich wieder in Dir schlieen, und das wre eine
echte, strenge Fuge, wo dem Gefhl keine Forderung unbeantwortet bleibt, und wo
sich der Philosoph nicht hineinmischen kann.
    Ich will Dir beichten, will Dir alle meine Snden aufrichtig gestehen, erst
die, an welchen Du zum Teil schuld hast und die Du auch mitben mut, dann die,
so mich am meisten drcken, und endlich jene, an denen ich sogar Freude habe.
    Erstens: sage ich Dir zu oft, da ich Dich liebe, ja, ich wei gar nichts
anders, wenn ich's hin- und herwende, es kmmt sonst nichts heraus.
    Zweitens: beneide ich alle Deine Freunde, die Gespielen Deiner Jugend und
die Sonne, die in Dein Zimmer scheint und Deine Diener, vorab Deinen Grtner,
der unter Deinem Kommando Spargelbeete anlegt.
    Drittens: gnne ich Dir keine Lust, weil ich nicht dabei bin, wenn einer
Dich gesehen hat, von Deiner Heiterkeit und Anmut spricht, das ist mir eben kein
besonder Vergngen; wenn er aber sagt, Du seist ernst, kalt, zurckhaltend usw.
gewesen, das ist mir recht lieb. Viertens: vernachlssige ich alle Menschen um
Deinetwillen, es gilt mir keiner etwas, aus ihrer Liebe mache ich mir gar
nichts; ja, wer mich lobt, der mifllt mir, das ist Eifersucht auf mich und
Dich und eben kein Beweis von einem groen Herzen, und ist eine elende Natur,
die auf einer Seite ausdrrt, wenn sie auf der andern blhen will.
    Fnftens: hab ich eine groe Neigung, die Welt zu verachten, besonders in
denen, so Dich loben, alles, was Gutes ber Dich gesagt wird, kann ich nicht
hren, nur wenige einfache Menschen, denen kann ich's erlauben, da sie ber
Dich sprechen, und das braucht nicht grade Lob zu sein, nein, man kann sich ein
bichen ber Dich lustig machen, und da kann ich Dir sagen, da sich ein
unbarmherziger Mutwille in mir regt, wenn ich die Sklavenketten ein bichen
abwerfen kann.
    Sechstens: hab ich einen tiefen Unwillen in der Seele, da Du es nicht bist,
mit dem ich unter einem Dache wohne und dieselbe Luft einatme, ich frchte mich
in der Nhe fremder Menschen zu sein, in der Kirche suche ich mir einen Platz
auf der Bank der Bettler, weil die am neutralsten sind, je vornehmer die
Menschen, je strker ist mein Widerwillen; angerhrt zu werden, macht mich
zornig, krank und unglcklich; so kann ich's auch in Gesellschaften auf Bllen
nie lange aushalten, tanzen mag ich gern, wenn ich allein tanzen knnte, auf
einem freien Platz, wo mich der Atem, der aus fremder Brust kmmt, nicht
berhrte. Was knnte das fr einen Einflu auf die Seele haben, nur neben dem
Freund zu leben? - Um so schmerzlicher der Kampf gegen das, was geistig und
leiblich ewig fremd bleiben mu.
    Siebentens: wenn ich in Gesellschaft soll vorlesen hren, setze ich mich in
eine Ecke und halte die Ohren heimlich zu, oder ich verliere mich ber dem
ersten besten Wort ganz in Gedanken, wenn denn einer etwas nicht versteht, so
erwache ich aus einer andern Welt und mae mir an, die Erklrung darber zu
geben, und was andre fr Wahnwitz halten, das ist mir verstndlich und hngt
zusammen mit einem innern Wissen, das ich nicht von mir geben kann. - Von Dir
kann ich durchaus nichts lesen hren, noch selbst vorlesen, ich mu mit mir und
Dir allein sein.
    Achtens: kann ich gegen niemand fremd oder vornehm bleiben, wenn ich im
mindesten unbequem bin, so werde ich ganz dumm; denn es scheint mir ungeheuer
dumm, einander was weiszumachen. Auch da sich der Respekt mehr in etwas
Erlerntem, als in etwas Gefhltem uert; ich meine, da Ehrfurcht nur aus
Gefhl der inneren Wrde entspringen msse. Dabei fllt mir ein, da nahe bei
Mnchen ein Dorf liegt, was Kultersheim heit, auf einem Spaziergang dahin
erklrte man mir, da dieser Name von Kultursheim herrhre, weil man da dem
Bauernstand eine hhere Bildung zu geben beabsichtigt habe; das Ganze hat sich
jedoch auf den alten Fu gesetzt, und diese gute Bauern, die dem ganzen Lande
mit schnem Beispiel voranschreiten sollten, sitzen bei der Bierkanne und zechen
um die Wette, das Schulhaus ist sehr gro und hat keine runde, sondern lauter
viereckige Scheiben, doch liebt der Schulmeister die Dmmerung; er sa hinter
dem Ofen, hatte ein blaues Schnupftuch ber dem Kopf hngen, um sich vor den
Fliegen zu schtzen, die lange Pfeife war ihm entfallen, und er schlief und
schnarchte, da es widerhallte; die Schreibbcher lagen alle aufgehuft vor ihm,
um Vorschriften im Schnschreiben zu machen; - ich malte einen Storch, der auf
seinem Nest steht, und schrieb darunter:
    Ihr Kinder lernt bauen euer Nest mit eigner Hand aufs allerbest. Die Tanne
in dem Walde stolz, die fllt zu euerm Zimmerholz. Und dann, wenn alle Wnde
stehn, mt ihr euch nach 'ner Eich umsehn; daraus ihr schnitzelt Bank und
Tisch, worauf ihr speist gebratnen Fisch. Das best Holz nehmt zu Bett und Wiegen
fr Frau und Kind, die ihr werd't kriegen, und lernt bentzen Gottes Segen bei
Sonnenschein und auch bei Regen. Dann steht ihr stolz auf eignem Hort wie der
Storch auf seinem Neste dort. Der mge stets bei euch einkehren, um bses
Schicksal abzuwehren. Dann lernt noch schreiben euern Namen, unter gerechte
Sach, ich sage Amen. Das ist das echte Kultursheim, worauf ich machte diesen
Reim.
    Ich flirrte jeden Augenblick zur Tr hinaus, aus Angst, der Schulmeister
mge aufwachen, drauen machte ich meinen Reim und schlich wieder auf den Zehen
herbei, um ihn mit einer einseitigen Feder, die wahrscheinlich mit dem Brodkneip
zugeschnitten war, aufzuschreiben, zuletzt nahm ich das blaue Band von meinem
Strohhut und machte eine schne Schleife um das Buch, damit er's doch sehen
mge; denn sonst htte dies schne Gedicht leicht unter dem Wust der
Schreibbcher verloren gehen knnen. Vor der Tr sa Rumohr, mein Begleiter, und
hatte unterdessen eine Schssel mit saurer Milch ausgespeist, ich wollte nichts
essen und auch mich nicht mehr aufhalten, aus Furcht, der Schulmeister knne
aufwachen. Unterwegs sprach Rumohr sehr schn ber den Bauernstand, ber ihre
Bedrfnisse, und wie das Wohl des Staats von dem ihrigen abhinge, und wie man
ihnen keine Kenntnisse aufzwingen msse, die sie nicht selbst in ihrem Beruf
unmittelbar bentzen knnten, und da man sie zu freien Menschen bilden msse,
das heit: zu Leuten, die sich alles selbst verschaffen, was sie brauchen. Dann
sprach er auch ber ihre Religion, und da hat er etwas sehr Schnes gesagt, er
meinte nmlich, jedem Stand msse das als Religion gelten, was sein hchster
Beruf sei; des Bauern Beruf sei, das ganze Land vor Hungersnot zu schtzen,
hierin msse ihm seine Wichtigkeit fr den Staat, seine Verpflichtungen fr
denselben begreiflich gemacht werden, es msse ihm ans Herz gelegt werden,
welchen groen Einflu er auf das Wohl des Ganzen habe, und so msse er auch mit
Ehrfurcht behandelt werden, daraus werde die Selbstachtung entstehen, die doch
eigentlich jedem Menschen mehr gelte wie jeder andre Vorteil, und so wrden die
Opfer, die das Schicksal fordert, ungezwungen gebracht werden, wie die Mutter,
die ihr eignes Kind nhrt, auch demselben mit Freuden ihr letztes aufopfert; so
wrde das unmittelbare Gefhl dem Wohl des Ganzen wesentlich zu sein, gewi
jedes Opfer bringen, um sich diese Wrde zu erhalten; keine Revolutionen wrden
dann mehr entstehen; denn der gewitzigte Staatsgeist in allen wrde jeder
gerechten Forderung vorgreifen, und das wrde eine Religion sein, die jeder
begreife, und wo das ganze Tagewerk ein fortwhrendes Gebet sei, denn alles, was
nicht in diesem Sinn geschehe, das sei Snde; er sagte dies noch viel schner
und wahrer, ich bin nur dieser Weisheit nicht gewachsen und kann es nicht so
wiedergeben.
    So bin ich denn auf einmal von meiner Beichte abgekommen, ich wollte Dir
noch manches sagen, was man sndlich finden drfte, wie da ich Dein Gewand
lieber habe wie meinen Nebenmenschen, da ich die Stiege kssen mchte, auf der
Deine Fe auf- und niedersteigen usw. - Dies knnte man Abgtterei nennen, oder
ist es so, da der Gott, der Dich belebt, auch an jeder Wand Deines Hauses
hinschwebt? - Da, wenn er in Deinen Mund und Augen spielt, er auch unter Deinen
Fen hingleitet und selbst in den Falten Deines Gewandes sich gefllt, da,
wenn er sich im Maskenzug in alle bunten Gestalten verwandelt, er wohl auch im
Papier, in welches Du den Maskenzug einpackst, verborgen sein kann? Also, wenn
ich's Papier ksse, so ist es das Geliebte in Dir, das sich mir zulieb auf die
Post schicken lie.
    Adieu! Behalte Dein Kind lieb in trben wie in hellen Tagen, da ich ewig und
ganz Dein bin.
                                                                         Bettine

Du hast mein Tagebuch erhalten, aber liest Du auch darin, und wie gefllt Dir's?
-
    Am 29. Februar

                                   An Bettine


Liebe Bettine, ich habe mich schon wieder eines Versehens an Dir schuldig
gemacht, da ich Dir nicht den Empfang Deines Tagebuchs angezeigt habe, Du mut
glauben, da ich eines so schnen Geschenkes nicht wrdig bin, indessen kann ich
Dir nicht mit Worten schildern, was ich darauf zu erwidern habe. Du bist ein
einziges Kind, dem ich mit Freuden jede Erheiterung, jeden lichten Blick in ein
geistiges Leben verdanke, dessen ich ohne Dich vielleicht nie wieder genossen
haben wrde; es bleibt bei mir verwahrt, an einem Ort, wo ich alle Deine lieben
Briefe zur Hand habe, die so viel Schnes enthalten, wofr ich Dir niemals genug
danken kann, nur das sage ich Dir noch, da ich keinen Tag vergehen lasse, ohne
drin zu blttern. An meinem Fenster wachsen, wohlgepflegt, eine Auswahl
zierlicher auslndischer Pflanzen; jede neue Blume und Knospe, die mich am
frhen Morgen empfngt, wird abgeschnitten und nach indischem Gebrauch als
Opfergras in Dein liebes Buch eingestreut. Alles, was Du schreibst, ist mir eine
Gesundheitsquelle, deren kristallne Tropfen mir Wohlsein geben, erhalte mir
diese Erquickung, auf die ich meinen Verla habe.
    Weimar, am 1. Mrz 1810
                                                                          Goethe

                                   An Goethe


Ach, lieber Goethe! Deine Zeilen kamen mir zu rechter Stunde, da ich eben nicht
wute, wohin mit aller Verzweiflung; zum erstenmal hab ich die Weltbegebenheiten
verfolgt mit groer Treue fr die Helden, die ihr Heiligtum verfochten; dem
Hofer war ich nachgegangen auf jeder Spur, wie oft hat er nach des Tages Last
und Hitze sich in der spten Nacht noch in die einsamen Berge verborgen und mit
seinem reinen Gewissen beratschlagt, und dieser Mann, dessen Seele frei von
bsen Fehlen, offen vor jedem lag als ein Beispiel von Unschuld und Heldentum,
hat nun endlich am 20. Februar zur Besttigung seines groen Schicksals den Tod
erlitten; wie konnt es anders kommen, sollte er die Schmach mittragen? - Das
konnt nicht sein, so hat es Gott am besten gemacht, da er nach kurzer Pause
seit dieser verklrenden Vaterlandsbegeisterung mit groer Kraft und
Selbstbewutsein, und nicht gegen sein Schicksal klagend, seinem armen Vaterland
auf ewig entrissen ward. Vierzehn Tage lag er gefangen in dem Kerker bei Porta
Molina, mit vielen andern Tirolern. Sein Todesurteil vernahm er gelassen und
unerschttert; Abschied lie man ihn von seinen geliebten Landsleuten nicht
nehmen, den Jammer und das Heulen der eingesperrten Tiroler bertnte die
Trommel, er schickte ihnen durch den Priester sein letztes Geld und lie ihnen
sagen: er gehe getrost in den Tod und erwarte, da ihr Gebet ihn
hinberbegleite. - Als er an ihren Kerkertren vorbeischritt, lagen sie alle auf
den Knien, beteten und weinten; auf dem Richtplatz sagte er: er stehe vor dem,
der ihn erschaffen, und stehend wolle er ihm seinen Geist bergeben; ein
Geldstck, was unter seiner Administration geprgt war, bergab er dem Korporal,
mit dem Bedeuten: es solle Zeugnis geben, da er sich noch in der letzten Stunde
an sein armes Vaterland mit allen Banden der Treue gefesselt fhle. Dann rief
er: Gebt Feuer! Sie schossen schlecht, zweimal nacheinander gaben sie Feuer,
erst zum drittenmal machte der Korporal, der die Exekution leitete, mit dem
dreizehnten Schu seinem Leben ein Ende.
    Ich mu meinen Brief schlieen, was knnte ich Dir noch schreiben? Die ganze
Welt hat ihre Farbe fr mich verloren. Ein groer Mann sei Napoleon, so sagen
hier alle Leute, ja uerlich, aber dieser uern Gre opfert er alles, was
seine unplanetarische Laufbahn durchkreuzt. Unser Hofer, innerlich gro, ein
heiliger deutscher Charakter, wenn Napoleon ihn geschtzt htte, dann wollte ich
ihn auch gro nennen. - Und der Kaiser, konnte der nicht sagen, gib mir meinen
Tiroler Helden, so geh ich Dir meine Tochter, so htte die Geschichte gro
genannt, was sie jetzt klein nennen mu.
    Adieu! Da Du mein Tagebuch zum Tempel einer indischen Gottheit erhebst, ist
Prdestination. Von jenen lichten Waldungen des thers, von Sonnenwohnungen, vom
vielgestaltigen Dunkel und einer bildlosen Klarheit, in der die tiefe Seele lebt
und atmet, habe ich oft schon getrumt.
    An Rumohr konnt ich Deinen Gru nicht bestellen, ich wei nicht, nach
welcher Seite er mit dem Winde davongestoben ist.
    Landshut, den 10. Mrz 1810

                                   An Bettine


Liebe Bettine, es ist mir ein unerllich Bedrfnis, Deiner patriotischen Trauer
ein paar Worte der Teilnahme zuzurufen und Dir zu bekennen, wie sehr ich mich
von Deinen Gesinnungen mit ergriffen fhle. Lasse Dir nur das Leben mit seinen
eigensinnigen Wendungen nicht allzusehr verleiden. Durch solche Ereignisse sich
durchzukmpfen, ist freilich schwer, besonders mit einem Charakter, der soviel
Ansprche und Hoffnungen auf ein idealisches Dasein hat wie Du. - Indem ich nun
Deinen letzten Brief zu den andern lege, so finde ich abermals mit diesem eine
interessante Epoche abgeschlossen. Durch einen lieblichen Irrgarten zwischen
philosophischen, historischen und musikalischen Ansichten hast Du mich zu dem
Tempel des Mars geleitet, und berall behauptet sich Deine gesunde Energie, habe
den herzlichsten Dank dafr und lasse mich noch ferner der Eingeweihte Deiner
inneren Welt sein, und sei gewi, da die Treue und Liebe, die Dir dafr
gebhrt, Dir im Stillen gezollt wird.
    19. Mrz 1810
                                                                          Goethe

                                   An Goethe


Lieber Goethe! Vieltausend Dank fr Deine zehn Zeilen, in denen Du Dich trstend
zu mir neigst, so mag denn diese Periode abgeschlossen sein; dieses Jahr von
1809 hat mich sehr turbiert; nun sind wir an einem Wendepunkt: in wenig Tagen
verlassen wir Landshut und gehen ber und durch manche Orte, die ich Dir nicht
zu nennen wei. - Die Studenten packen eben Savignys Bibliothek ein, man klebt
Nummern und Zettel an die Bcher, legt sie in Ordnung in Kisten, lt sie an
einem Flaschenzug durchs Fenster hinab, wo sie unten von den Studenten mit einem
lauten Halt empfangen werden, alles ist Lust und Leben, obschon man sehr betrbt
ist, den geliebten Lehrer zu verlieren; Savigny mag so gelehrt sein, wie er
will, so bertrifft seine kindliche Freundesnatur dennoch seine glnzendsten
Eigenschaften, alle Studenten umschwrmen ihn, es ist keiner, der nicht die
berzeugung htte, auch auer dem groen Lehrer noch seinen Wohltter zu
verlieren; so haben auch die meisten Professoren ihn lieb, besonders die
Theologen. Sailer, gewi sein bester Freund. Man sieht sich hier tglich und
zwar mehr wie einmal, abends begleitet der Wirt vom Hause leichtlich seine Gste
mit angezndetem Wachsstock einen jeden bis zu seiner Haustr, gar oft hab ich
die Runde mitgemacht; heute war ich noch mit Sailer auf dem Berg, auf dem die
Trausnitz steht, ein Schlo alter Zeit: Traue nicht. Die Bume schlen ihre
Knospen! Frhling! Die Sperlinge flogen scharenweis vor uns her, von Sailer hab
ich Dir wenig erzhlt, und doch war er mir der Liebste von allen. Im harten
Winter gingen wir oft ber die Schneedecke der Wiesen und Ackerflche und
stiegen miteinander ber die Hecken von einem Zaun zum andern, und alles, was
ich ihm mitteilte, daran nahm er gern teil, und manche Gedanken, die aus
Gesprchen mit ihm hervorgingen, die hab ich aufgeschrieben, obschon sie in
meinen Briefen nicht Platz finden, so sind sie doch fr Dich, denn nie denke ich
etwas Schnes, ohne da ich mich darauf freue, es Dir zu sagen.
    Zur Besinnung kann ich whrend dem Schreiben nicht kommen, der
Studentenschwarm verlt das Haus nicht mehr, seitdem Savignys Abreise in wenig
Tagen bestimmt ist; eben sind sie vorbeigezogen an meiner Tr mit Wein und einem
groen Schinken, den sie beim Packen verzehren, ich schenkte ihnen meine kleine
Bibliothek, die sie eben auch einpacken wollten, da haben sie mir ein Vivat
gebracht. - Abends bringen sie oft ein Stndchen mit Gitarren und Flten, und
das dauert oft bis nach Mitternacht, dabei tanzen sie um einen groen
Springbrunnen, der vor unserm Hause auf dem Markt steht; ja, die Jugend kann
sich aus allem einen Genu machen. Die allgemeine Konsternation ber Savignys
Abreise hat sich bald in ein Jubelfest verwandelt; denn man hat beschlossen, zu
Pferd und zu Wagen uns durch das Salzburgische zu begleiten, wer sich kein Pferd
verschaffen kann, der geht zu Fu voraus; nun freuen sich alle gar sehr auf den
Genu dieser letzten Tage, beim aufgehenden Frhling durch eine herrliche Gegend
mit ihrem geliebten Lehrer zu reisen; auch ich erwarte mir schne glckliche
Tage, - ach, ich glaub, ich bin nah an dem Ziel, wo mein Leben am schnsten und
herrlichsten ist. Sorgenfrei, voll sem Feuer der Frhlingslust, in Erwartung
herrlicher Gensse, so klingen Ahnungstne in meiner Brust, wenn das wahr wird,
so mu es gewi wahr werden, da ich Dich bald begegne; ja, nach so vielem, was
ich erlebt und Dir treulich mitgeteilt habe, wie kann es anders sein, da mu das
Wiedersehen eine neue Welt in mir erschaffen. Wenn alle freudigen Hoffnungen in
die Wirklichkeiten ausbrechen, wenn die Gegenwart die Finsternis der Ferne durch
ihr Licht verscheucht, ach und mit einem Wort: wenn Gefhl und Blick Dich erfat
und hlt, da wei ich wohl, da mein Glck zu ungemenem Leben sich steigert.
Ach, und es reit mich mit Windesflgeln zu diesen hchsten Augenblicken, wenn
auch bald die sesten Gensse scheidend fliehen, einmal mu doch wiederkehren
zu festem Bund, was sich begehrt7.
    Landshut, den 31. Mrz 1810
                                                                         Bettine

Wenn Du mir eine Zeile gnnen wolltest ber Deinen Aufenthalt dieses Sommers, so
bitte ich an Sailer in Landshut zu adressieren, dieser bleibt mit Savigny in
Korrespondenz und wird mir am besten die Kleinodien Deiner Zeilen nachschicken.

                                   An Bettine


Von Dir, liebe Bettine, habe ich sehr lange nichts gehrt und kann meine Reise
ins Karlsbad unmglich antreten, ohne Dich nochmals zu begren und Dich zu
ersuchen, mir dorthin ein Lebenszeichen zu geben; mge ein guter Genius Dir
diese Bitte ans Herz legen, da ich nicht wei, wo Du bist, so mu ich schon
meine Zuflucht zu hheren Mchten nehmen. Deine Briefe wandern mit mir, sie
sollen mir dort Dein freundliches, liebevolles Bild vergegenwrtigen. Mehr sage
ich nicht, denn eigentlich kann man Dir nichts geben, weil Du Dir alles entweder
schaffst oder nimmst. Lebe wohl und gedenke mein.
    Jena, den 10. Mai 1810
                                                                          Goethe

                                                               Wien, den 15. Mai

Ein ungeheuerer Maiblumenstrau durchduftet mein kleines Kabinett, mir ist wohl
hier im engen kleinen Kmmerchen auf dem alten Turm, wo ich den ganzen Prater
bersehe: Bume und Bume von majesttischem Ansehen, herrlicher grner Rasen.
Hier wohne ich im Hause des verstorbnen Birkenstock, mitten zwischen zweitausend
Kupferstichen, ebensoviel Handzeichnungen, soviel hundert Aschenkrgen und
hetrurischen Lampen, Marmorvasen, antiken Bruchstcken von Hnden und Fen,
Gemlden, chinesischen Kleidern, Mnzen, Steinsammlung, Meerinsekten,
Fernglser, unzhlbare Landkarten, Plne alter versunkener Reiche und Stdte,
kunstreich geschnitzte Stcke, kostbare Dokumente und endlich das Schwert des
Kaiser Carolus. Dies alles umgibt uns in bunter Verwirrung und soll grade in
Ordnung gebracht werden, da ist denn nichts zu berhren und zu verstehen, die
Kastanienallee in voller Blte und die rauschende Donau, die uns hinbertrgt
auf ihrem Rcken, da kann man es im Kunstsaal nicht aushalten, heute morgen um
sechs Uhr frhstckten wir im Prater, rund umher unter gewaltigen Eichen
lagerten Trken und Griechen, wie herrlich nehmen sich auf grnem Teppich diese
anmutigen buntfarbigen Gruppen schner Mnner aus! Welchen Einflu mag auch die
Kleidung auf die Seele haben, die mit leichter Energie die Eigentmlichkeit
dieser fremden Nationen hier in der frischen Frhlingsnatur zum
Allgemeingltigen erhebt und die Einheimischen in ihrer farblosen Kleidung
beschmt. Die Jugend, die Kindheit, beschauen sich immer noch in den reifen
Gestalten und Bewegungen dieser Sdlnder; sie sind khn und unternehmend, wie
die Knaben rasch und listig, doch gutmtig. Indem wir an ihnen vorbergingen,
konnte ich nicht umhin, einen Pantoffel, der einem hingestreckten Trken
entfallen war, unter meinen Fen eine Strecke mit fortzuschlurren, endlich
schleifte ich ihn ins Gras und lie ihn da liegen; wir saen und frhstckten,
es whrte nicht lange, so suchten die Trken den verlornen Pantoffel. Goethe,
was mir das fr eine geheime Lust erregte! Wie vergngt ich war, sie ber dies
Wunder des verschwundenen Pantoffels staunen zu sehen; auch unsre Gesellschaft
nahm Anteil daran, wo der Pantoffel geblieben sein mchte; nun wurde mir zwar
Angst, ich mchte geschmlt werden, allein der Triumph, den Pantoffel
herbeizuzaubern, war zu schn, ich erhob ihn pltzlich zur allgemeinen Ansicht
auf einer kleinen Gerte, die ich vom Baum gerissen hatte, nun kamen die schnen
Leute heran und lachten und jubelten, da konnt ich sie recht in der Nhe
betrachten, mein Bruder Franz war einen Augenblick beschmt, aber er mute
mitlachen, so ging alles noch gut.

                                                                         17. Mai

Es sind nicht Lustpartien, die mich abhalten, Dir zu schreiben, sondern ein
scharlachkrankes Kind meines Bruders, bei dem ich Tage und Nchte verbringe, und
so vergeht die Zeit schon in die dritte Woche; von Wien hab ich nicht viel
gesehen und von der Gesellschaft noch weniger, weil einem eine solche Krankheit
eine Diskretion auflegt wegen Ansteckung. Der Graf Herberstein, der in meiner
Schwester Sophie eine geliebte Braut verloren hat, hat mich mehrmals besucht und
ist mit mir spazieren gegangen und hat mich alle Wege gefhrt, die er mit Sophie
gewandert ist, da hat er mir sehr Schnes, Rhrendes von ihr erzhlt, es ist
seine Freude, meiner hnlichkeit mit ihr nachzuspren; er nannte mich gleich Du,
weil er die Sophie auch so genannt hatte, manchmal, wenn ich lachte, wurde er
bla, weil die hnlichkeit mit Sophie ihn frappierte. Wie mu diese Schwester
liebenswrdig gewesen sein, da sie jetzt noch im Herzen der Freunde so tiefe
Spuren der Wehmut lie. Bnder, Tassen, Locken, Blumen, Handschuhe, die
zierlichsten Billete, Briefe, alle diese Andenken liegen in einem kleinen
Kabinett umher zerstreut, er berhrt sie gern und liest die Briefe oft, die
freilich schner sind als alles, was ich je in meinem Leben gelesen habe; ohne
heftige Leidenschaft deutet jeder Ausdruck auf innige Freundlichkeit, nichts
entgeht ihr, jeder Reiz der Natur dient ihrem Geist. O! Was ist Geist fr ein
wunderbarer Knstler, wr ich doch imstande, Dir von dieser geliebten Schwester
einen Begriff zu geben, ja wr ich selbst imstande, ihre Liebenswrdigkeit zu
fassen, alle Menschen, die ich hier sehe, sprechen mir von ihr, als wenn man sie
erst vor kurzer Zeit verloren htte, und Herberstein meinte, sie sei seine
letzte und erste einzig wahre Liebe, dies alles bewegt mich, gibt mir eine
Stimmung frs Vergangene und Zuknftige, dmpft mein Feuer der Erwartung. Da
denk ich an den Rhein bei Bingen, wie da pltzlich seine lichte, majesttische
Breite sich einengt zwischen dsteren Felsen, zischend und brausend sich durch
Schluchten windet, und nie werden die Ufer wieder so ruhig, so kindlich schn,
wie sie vor der Binger Untiefe waren; solche Untiefen stehen mir also bevor, wo
sich der Lebensgeist durch schauerliche Schluchten winden mu. Mut! Die Welt ist
rund, wir kehren zurck mit erhhten Krften und doppeltem Reiz, die Sehnsucht
streut gleich beim Abschied schon den Samen der Wiederkehr; so bin ich nie von
Dir geschieden, ohne zugleich mit Begeisterung der Zukunft zu gedenken, die mich
in Deinen Armen wieder empfangen werde, so mag wohl alle Trauer um die
Abgeschiednen ein bescheidner Vorgenu einer zuknftigen Wiedervereinigung sein,
gewi, sonst wrden keine solchen Empfindungen der Sehnsucht das Herz
durchdringen.

                                                                         20. Mai

Am Ende Mrz war's wohl, wie ich Dir zum letztenmal von Landshut aus schrieb;
ja, ich hab lange geschwiegen, beinah zwei Monate, heute erhielt ich durch
Sailer von Landshut Deine liebe Zeilen vom 10. Mai, in denen Du mich mit
Schmeichelworten ans Herz drckst, nun fllt mir's erst ein, was ich alles
nachzuholen habe, denn jeder Weg, jeder Blick in die Natur hngt am Ende mit Dir
zusammen. Landshut war mir ein gedeihlicher Aufenthalt, in jeder Hinsicht mu
ich's preisen. Heimatlich die Stadt, freundlich die Natur, zutunlich die
Menschen und die Sitten harmlos und biegsam; - kurz nach Ostern reisten wir ab,
die ganze Universitt war in und vor dem Hause versammelt, viele hatten sich zu
Wagen und zu Pferde eingefunden, man wollte nicht so von dem herrlichen Freund
und Lehrer scheiden, es ward Wein ausgeteilt, unter whrendem Vivatrufen zog man
zum Tor hinaus, die Reiter begleiteten das Fuhrwerk, auf einem Berg, wo der
Frhling eben die Augen auftat, nahmen die Professoren und ernsten Personen
einen feierlichen Abschied, die andern fuhren noch eine Station weiter,
unterwegs trafen wir alle Viertelstunde noch auf Partien, die dahin
vorausgegangen waren, um Savigny zum letztenmal zu sehen; ich sah schon eine
Weile vorher die Gewitterwolken sich zusammenziehen, im Posthause drehte sich
einer um den andern nach dem Fenster, um die Trnen zu verbergen. Ein junger
Schwabe, Nubaumer, die personifizierte Volksromanze, war weit vorausgelaufen,
um dem Wagen noch einmal zu begegnen, ich werde das nie vergessen, wie er im
Feld stand und sein kleines Schnupftchelchen im Wind wehen lie und die Trnen
ihn hinderten aufzusehen, wie der Wagen an ihm vorbeirollte; die Schwaben hab
ich lieb.
    Mehrere der geliebtesten Schler Savignys begleiteten uns bis Salzburg, der
erste und lteste, Nepomuk Ringseis, ein treuer Hausfreund, hat ein Gesicht wie
aus Stahl gegossen, alte Ritterphysiognomie, kleiner, scharfer Mund, schwarzer
Schnauzbart, Augen, aus denen die Funken fahren, in seiner Brust hmmert's wie
in einer Schmiede, will vor Begeisterung zerspringen, und da er ein feuriger
Christ ist, so mchte er den Jupiter aus der Rumpelkammer der alten Gottheiten
vorkriegen, um ihn zu taufen und zu bekehren.
    Der zweite, ein Herr von Schenk, hat weit mehr feine Bildung, hat
Schauspieler kennen lernen, deklamiert ffentlich, war verliebt ganz glhend
oder ist es noch, mute seine Gefhle in Poesie ausstrmen, lauter Sonette,
lacht sich selbst aus ber seine Galanterie, blonder Lockenkopf, etwas starke
Nase, angenehm, kindlich, uerst ausgezeichnet im Studieren. Der dritte, der
Italiener Salvotti, schn im weiten grnen Mantel, der die edelsten Falten um
seine feste Gestalt wirft, unstrbare Ruhe in den Bewegungen, glhende
Regsamkeit im Ausdruck, lt sich kein gescheit Wort mit ihm sprechen, so tief
ist er in Gelehrsamkeit versunken. Der vierte, Freiherr von Gumpenberg,
Kindesnatur, edlen Herzens, bis zur Schchternheit still, um so mehr berrascht
die Offenherzigkeit, wenn er erst Zutrauen gefat hat, wobei ihm denn unendlich
wohl wird, nicht schn, hat ungemein liebe Augen, ein unzertrennlicher Freund
des fnften, Freiberg, zwanzig Jahr alt, groe mnnliche Gestalt, als ob er
schon lter sei, ein Gesicht wie eine rmische Gemme, geheimnisvolle Natur,
verborgner Stolz, Liebe und Wohlwollen gegen alle, nicht vertraulich, vertrgt
die hrtesten Anstrengungen, schlft wenig, guckt nachts zum Fenster hinaus nach
den Sternen, bt eine magische Gewalt ber die Freunde, obschon er sie weder
durch Witz, noch durch entschiedenen Willen zu behaupten geneigt ist; aber alle
haben ein unerschtterliches Zutrauen zu ihm, was der Freiberg will, das mu
geschehen. Der sechste war der junge Maler Ludwig Grimm, von dem ich Dir mein
Bildchen und die schnen radierten Studien nach der Natur geschickt habe, so
lustig und naiv, da man mit ihm bald zum Kind in der Wiege wird, das um nichts
lacht, er teilte mit mir den Kutschersitz, von wo herab wir die ganze Natur mit
Spott und Witz begrten; warum ich Dir diese alle so deutlich beschreibe? -
Weil keiner unter ihnen ist, der nicht durch Reinheit und Wahrheit im
allgemeinen Leben hervorleuchten wrde, und weil sie Dir als Grundlagen zu
schnen Charaktern in Deiner Welt dienen knnen; diese alle feiern Dein Andenken
in treuem Herzen, Du bist wie der Kaiser, wo er hinkommt, jauchzen ihm die
Untertanen entgegen.
    Der Tagereisen waren zwei bis Salzburg, auf der ersten kamen wir bis Alt -
ttingen, wo das wunderttige Marienbild in einer dsteren Kapelle die Pilger
von allen Seiten herbeilockt. Schon der ganze Platz umher und die uern Mauern
sind mit Votivtafeln gedeckt, es macht einen sehr ngstlichen Eindruck, die
Zeugnisse schauerlicher Geschichte und tausendfachen Elendes gedrngt
nebeneinander und ber diese hin ein bestndiges Ein- und Ausstrmen der
Wallfahrer mit bedrngenden Gebeten und Gelbden um Erhrung, jeden Tag des
Jahres von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Frh morgens um vier Uhr beginnt
der Gottesdienst mit Musik und whrt bis zur Nacht. Das Innere der Kapelle ist
ganz mit schwarzem Samt berzogen, auch selbst das Gewlbe, und mehr durch
Kerzenlicht als vom Tag erleuchtet, die Altre von Silber, an den Wnden hngen
silberne Glieder und Gebeine und viele silberne Herzen mit goldnen Flammen oder
feurigen Wunden, - wie sonderbar, Goethe! Der Mensch! Er bringt seine Schmerzen
als Opfer der Gottheit, und da mgen diese Schmerzen entstanden sein, woher sie
wollen, in Gott wird alles gttlich; - Max von Bayern kniet in Lebensgre auch
von Silber auf den schwarzen Stufen des Altars, vor dem kohlrabenschwarzen
Muttergottesbild, das ganz in Diamanten gekleidet ist, zwei Mnnerstimmen, von
der dumpfen Orgel begleitet, singen ihr Hymnen, das stille Messelesen, die
Menschen, die mit Trnen die Stufen des Altars kssen, viele tausend Seufzer aus
allen Ecken, das macht den wunderlichsten Eindruck. Wo alle beten, sollt ich
auch beten, dacht ich, aber nimmermehr, das Herz war in bestndigem Klopfen; ich
hatte vor der Tr einem Bettelmann einen Veilchenkranz abgekauft, da stand ein
kleines Kind vor dem Altar mit blonden Locken, es sah mich so freundlich an und
langte nach dem Kranz, den gab ich ihm, da warf es ihn auf den Altar; denn es
war zu klein, um hinaufzureichen, der Kranz fiel grade zu den Fen der Mutter
Gottes, es war ein glcklicher Wurf, der machte mein Herz leicht. Der Strom der
Pilger zog mich mit sich fort zur gegenberstehenden Tr hinaus, ich wartete
lange auf das Kind, ich htte es so gern gekt und wollte ihm eine kleine
goldene Kette schenken, die ich am Hals trage, weil es mir ein so gutes Zeichen
gegeben hatte fr Dich, denn ich dachte grade in dem Augenblick, wo es mir den
Kranz abnahm, an Dich, aber das Kindchen kam nicht heraus, der Wagen stand vor
der Tr, ich schwang mich auf meinen Kutschersitz, auf jeder Station hatte ich
einen andern Kameraden, der den Sitz mit mir teilte und zugleich mir seine
Herzensangelegenheiten mitteilte, sie fingen immer so schchtern davon an, da
mir bange ward, aber weit gefehlt, allemal war's eine andere, keinmal war ich's.
    Unsre Reise ging durch einen Wald von Blten, der Wind streute sie wie einen
Regen nieder, die Bienen flogen nach den Blumen, die ich hinter's Ohr gesteckt
hatte, gelt, das war angenehm! -

                                                                         26. Mai

Von Salzburg mu ich Dir noch erzhlen. Die letzte Station, vorher Laufen;
diesmal sa Freiberg mit mir auf dem Kutschersitz, er ffnete lchelnd seinen
Mund, um die Natur zu preisen, bei ihm ist aber ein Wort wie der Anschlag in
einem Bergwerk, eine Schicht fhrt zur andern; es ging in einen frhlichen Abend
ber, die Tler breiteten sich rechts und links, als wren sie das eigentliche
Reich, das unendliche gelobte Land. Langsam wie Geister hob sich hie und da ein
Berg und sank allmhlich in seinem blitzenden Schneemantel wieder unter. Mit der
Nacht waren wir in Salzburg, es war schauerlich, die glattgesprengten Felsen
himmelhoch ber den Husern hervorragen zu sehen, die wie ein Erdhimmel ber der
Stadt schwebten im Sternenlicht, - und die Laternen, die da all mit den Leutlein
durch die Straen fackelten, und endlich die vier Hrner, die schmetternd vom
Kirchturm den Abendsegen bliesen, da tnte alles Gestein und gab das Lied
vielfltig zurck. - Die Nacht hatte in dieser Fremde ihren Zaubermantel ber
uns geworfen, wir wuten nicht, wie das war, da alles sich beugte und wankte,
das ganze Firmament schien zu atmen, ich war ber alles glcklich, Du weit ja,
wie das ist, wenn man aus sich selber, wo man so lange gesonnen und gesponnen,
heraustritt ganz ins Freie.
    Wie kann ich Dir nun von diesem Reichtum erzhlen, der sich am andern Tag
vor uns ausbreitete? - Wo sich der Vorhang allmhlich vor Gottes Herrlichkeit
teilet und man sich nur verwundert, da alles so einfach ist in seiner Gre.
Nicht einen, aber hundert Berge sieht man von der Wurzel bis zum Haupt ganz
frei, von keinem Gegenstand bedeckt, es jauchzt und triumphiert ewig da oben,
die Gewitter schweben wie Raubvgel zwischen den Klften, verdunkeln einen
Augenblick mit ihren breiten Fittichen die Sonne, das geht so schnell und doch
so ernst, es war auch alles begeistert. In den khnsten Sprngen, von den Bergen
herab bis zu den Seen, lie sich der bermut aus, tausend Gaukeleien wurden ins
Steingerst gerufen, so verlebten wir wie die Priesterschaft der Ceres bei Brot,
Milch und Honig ein paar schne Tage; zu ihrem Andenken wurde zuletzt noch ein
Granatschmuck von mir auseinandergebrochen, jeder nahm sich einen Stein und den
Namen eines Berges, den man von hier aus sehen konnte, und nennen sich die
Ritter vom Granatorden, gestiftet auf dem Watzmann bei Salzburg.
    Von da ging die Reise nach Wien, es trennten sich die Gste von uns, bei
Sonnenaufgang fuhren wir ber die Salza, hinter der Brcke ist ein groes
Pulvermagazin, hinter dem standen sie alle, um Savigny ein letztes Vivat zu
bringen, ein jeder rief ihm noch eine Beteuerung von Lieb und Dank zu. Freiberg,
der uns bis zur nchsten Station begleitete, sagte: Wenn sie nur alle so
schrien, da das Magazin in die Luft sprengte, denn uns ist doch das Herz
gesprengt; und nun erzhlte er mir, welch neues Leben durch Savigny aufgeblht
war, wie alle Spannung und Feindschaft unter den Professoren sich gelegt oder
doch sehr gemildert habe, besonders aber sei sein Einflu wohlttig fr die
Studenten gewesen, die weit mehr Freiheit und Selbstgefhl durch ihn erlangt
haben. Nun kann ich Dir auch nicht genug beschreiben, wie gro Savignys Talent
ist, mit jungen Leuten umzugehen; zuvrderst fhlt er eine wahre Begeisterung
fr ihr Streben, ihren Flei; eine Aufgabe, die er ihnen macht: wenn sie gut
behandelt wird, so macht es ihn ganz glcklich, er mchte gleich sein Innerstes
mit jedem teilen, er berechnet ihre Zukunft, ihr Geschick, und ein leuchtender
Eifer der Gte erhellt ihnen den Weg, man kann von ihm wohl in dieser Hinsicht
sagen, da die Unschuld seiner Jugend auch der Geleitsengel seiner jetzigen Zeit
ist, und das ist eigentlich sein Charakter, die Liebe zu denen, denen er mit den
schnsten Krften seines Geistes und seiner Seele dient; ja, das ist wahrhaft
liebenswrdig, und mu Liebenswrdigkeit nicht allein Gre besttigen? - Diese
naive Gte, mit der er sich allen gleichstellt bei seiner sthetischen
Gelahrtheit, macht ihn doppelt gro. Ach, liebes Landshut, mit deinen geweiten
Giebeldchern und dem geplackten Kirchturm, mit deinem Springbrunnen, aus dessen
verrosteten Rhren nur sparsam das Wasser lief, um den die Studenten bei
nchtlicher Weile Sprnge machten und sanft mit Flte und Gitarre
akkompagnierten, und dann aus fernen Straen singend ihre Gute Nacht ertnen
lieen; wie schn war's im Winter auf der leichten Schneedecke, wenn ich mit dem
siebzigjhrigen Kanonikus Eixdorfer, meinem Generalbalehrer und vortrefflichen
Brenjger, spazieren ging, da zeigte er mir auf dem Schnee die Spuren der
Fischottern, und da war ich manchmal recht vergngt und freute mich auf den
andern Tag, wo er mir gewi ein solches Tier auffinden wollte, und wenn ich denn
am andern Tag kam, da er mich versprochnermaen auf die Otternjagd begleiten
solle, da machte er Ausflchte, heute seien die Ottern bestimmt nicht zu Hause;
wie ich Abschied von ihm nahm, da gab er mir einen wunderlichen Segen, er sagte:
Mge ein guter Dmon Sie begleiten und das Gold und die Kleinodien, die Sie
besitzen, allemal zu rechter Zeit in Scheidemnze verwandeln, womit Sie allein
sich das erwerben knnen, was Ihnen fehlt. Dann versprach er mir auch noch, er
wolle mir einen Otternpelz zusammenfangen, und ich solle ber's Jahr kommen, ihn
holen. Ach, ich werde nicht wiederkommen in das liebe Landshut, wo wir uns
freuten, wenn's schneite und nachts der Wind recht gestrmt hatte, so gut, als
wenn die Sonne recht herrlich schien, wo wir alle einander so gut waren, wo die
Studenten Konzerte gaben und in der Kirche hllisch musizierten und es gar nicht
belnahmen, wenn man ihnen davonlief.
    Und nun ist weiter nichts Merkwrdiges auf der Reise bis Wien vorgefallen,
auer da ich am nchsten Morgen die Sonne aufgehen sah, ein Regenbogen drber
und davor ein Pfau, der sein Rad schlug.

                                                                Wien, am 28. Mai

Wie ich diesen sah, von dem ich Dir jetzt sprechen will, da verga ich der
ganzen Welt, schwindet mir doch auch die Welt, wenn mich Erinnerung ergreift, -
ja sie schwindet. Mein Horizont fngt zu meinen Fen an, wlbt sich um mich,
und ich stehe im Meer des Lichts, das von Dir ausgeht, und in aller Stille
schweb ich gelassenen Flugs ber Berg und Tal zu Dir. - Ach, lasse alles sein,
mache Deine lieben Augen zu, leb in mir einen Augenblick, vergesse, was zwischen
uns liegt, die weiten Meilen und auch die lange Zeit. - Von da aus, wo ich Dich
zum letztenmal sah, sehe mich an; stnd ich doch vor Dir! - Knnt ich's Dir
deutlich machen! Der tiefe Schauder, der mich schttelt, wenn ich eine Weile der
Welt mit zugesehen habe, wenn ich dann hinter mich sehe in die Einsamkeit und
fhle, wie fremd mir alles ist. Wie kmmt's, da ich dennoch grne und blhe in
dieser de? - Wo kmmt mir der Tau, die Nahrung, die Wrme, der Segen her? - Von
dieser Liebe zwischen uns, in der ich mich selbst so lieblich fhle. - Wenn ich
bei Dir wr, ich wollte Dir viel wiedergeben fr alles. - Es ist Beethoven, von
dem ich Dir jetzt sprechen will, und bei dem ich der Welt und Deiner vergessen
habe; ich bin zwar unmndig, aber ich irre darum nicht, wenn ich ausspreche (was
jetzt vielleicht keiner versteht und glaubt), er schreitet weit der Bildung der
ganzen Menschheit voran, und ob wir ihn je einholen? - Ich zweifle; mge er nur
leben, bis das gewaltige und erhabene Rtsel, was in seinem Geiste liegt, zu
seiner hchsten Vollendung herangereift ist, ja, mge er sein hchstes Ziel
erreichen, gewi, dann lt er den Schlssel zu einer himmlischen Erkenntnis in
unseren Hnden, die uns der wahren Seligkeit um eine Stufe nher rckt.
    Vor Dir kann ich's wohl bekennen, da ich an einen gttlichen Zauber glaube,
der das Element der geistigen Natur ist, diesen Zauber bt Beethoven in seiner
Kunst; alles, wessen er Dich darber belehren kann, ist reine Magie, jede
Stellung ist Organisation einer hheren Existenz, und so fhlt Beethoven sich
auch als Begrnder einer neuen sinnlichen Basis im geistigen Leben; Du wirst
wohl herausverstehen, was ich sagen will, und was wahr ist. Wer knnte uns
diesen Geist ersetzen? Von wem knnten wir ein Gleiches erwarten? - Das ganze
menschliche Treiben geht wie ein Uhrwerk an ihm auf und nieder, er allein
erzeugt frei aus sich das Ungeahnte, Unerschaffne, was sollte diesem auch der
Verkehr mit der Welt, der schon vor Sonnenaufgang am heiligen Tagwerk ist und
nach Sonnenuntergang kaum um sich sieht, der seines Leibes Nahrung vergit und
von dem Strom der Begeisterung im Flug an den Ufern des flachen Alltagslebens
vorbergetragen wird; er selber sagte: Wenn ich die Augen aufschlage, so mu
ich seufzen; denn, was ich sehe, ist gegen meine Religion, und die Welt mu ich
verachten, die nicht ahnt, da Musik hhere Offenbarung ist als alle Weisheit
und Philosophie, sie ist der Wein, der zu neuen Erzeugungen begeistert, und ich
bin der Bacchus, der fr die Menschen diesen herrlichen Wein keltert und sie
geistestrunken macht, wenn sie dann wieder nchtern sind, dann haben sie
allerlei gefischt, was sie mit aufs Trockne bringen. - Keinen Freund hab ich,
ich mu mit mir allein leben; ich wei aber wohl, da Gott mir nher ist wie den
andern in meiner Kunst, ich gehe ohne Furcht mit ihm um, ich hab ihn jedesmal
erkannt und verstanden, mir ist auch gar nicht bange um meine Musik, die kann
kein bs Schicksal haben, wem sie sich verstndlich macht, der mu frei werden
von all dem Elend, womit sich die andern schleppen. - Dies alles hat mir
Beethoven gesagt, wie ich ihn zum erstenmal sah, mich durchdrang ein Gefhl von
Ehrfurcht, wie er sich mit so freundlicher Offenheit gegen mich uerte, da ich
ihm doch ganz unbedeutend sein mute; auch war ich verwundert; denn man hatte
mir gesagt, er sei ganz menschenscheu und lasse sich mit niemand in ein Gesprch
ein. Man frchtete sich, mich zu ihm zu fhren, ich mute ihn allein aufsuchen,
er hat drei Wohnungen, in denen er abwechselnd sich versteckt, eine auf dem
Lande, eine in der Stadt und die dritte auf der Bastei, da fand ich ihn im
dritten Stock; unangemeldet trat ich ein, er sa am Klavier, ich nannte meinen
Namen, er war sehr freundlich und fragte: ob ich ein Lied hren wolle, was er
eben komponiert habe; - dann sang er scharf und schneidend, da die Wehmut auf
den Hrer zurckwirkte: Kennst du das Land? - Nicht wahr, es ist schn,
sagte er begeistert, wunderschn! Ich will's noch einmal singen, er freute
sich ber meinen heiteren Beifall. Die meisten Menschen sind gerhrt ber etwas
Gutes, das sind aber keine Knstlernaturen, Knstler sind feurig, die weinen
nicht, sagte er. Dann sang er noch ein Lied von Dir, das er auch in diesen
Tagen komponiert hatte: Trocknet nicht Trnen der ewigen Liebe. - Er
begleitete mich nach Hause, und unterwegs sprach er eben das viele Schne ber
die Kunst, dabei sprach er so laut und blieb auf der Strae stehen, da Mut
dazugehrte zuzuhren, er sprach mit groer Leidenschaft und viel zu
berraschend, als da ich nicht auch der Strae vergessen htte, man war sehr
verwundert, ihn mit mir in eine groe Gesellschaft, die bei uns zum Diner war,
eintreten zu sehen. Nach Tische setzte er sich unaufgefordert ans Instrument und
spielte lang und wunderbar, sein Stolz fermentierte zugleich mit seinem Genie;
in solcher Aufregung erzeugt sein Geist das Unbegreifliche, und seine Finger
leisten das Unmgliche. Seitdem kommt er alle Tage, oder ich gehe zu ihm.
Darber versume ich Gesellschaften, Galerien, Theater und sogar den
Stephansturm. Beethoven sagt: Ach, was wollen Sie da sehen! Ich werde Sie
abholen, wir gehen gegen Abend durch die Allee von Schnbrunn. Gestern ging ich
mit ihm in einen herrlichen Garten, in voller Blte, alle Treibhuser offen, der
Duft war betubend; Beethoven blieb in der drckenden Sonnenhitze stehen und
sagte: Goethes Gedichte behaupten nicht allein durch den Inhalt, auch durch den
Rhythmus eine groe Gewalt ber mich, ich werde gestimmt und aufgeregt zum
Komponieren durch diese Sprache, die wie durch Geister zu hherer Ordnung sich
aufbaut und das Geheimnis der Harmonien schon in sich trgt. Da mu ich denn von
dem Brennpunkt der Begeisterung die Melodie nach allen Seiten hin ausladen, ich
verfolge sie, hole sie mit Leidenschaft wieder ein, ich sehe sie dahinfliehen,
in der Masse verschiedener Aufregungen verschwinden, bald erfasse ich sie mit
erneuter Leidenschaft, ich kann mich nicht von ihr trennen, ich mu mit raschem
Entzcken in allen Modulationen sie vervielfltigen, und im letzten Augenblick
da triumphiere ich ber den ersten musikalischen Gedanken, sehen Sie, das ist
eine Symphonie; ja, Musik ist so recht die Vermittelung des geistigen Lebens zum
sinnlichen. Ich mchte mit Goethe hierber sprechen, ob der mich verstehen
wrde? - Melodie ist das sinnliche Leben der Poesie. Wird nicht der geistige
Inhalt eines Gedichts zum sinnlichen Gefhl durch die Melodie? - Empfindet man
nicht in dem Lied der Mignon ihre ganze sinnliche Stimmung durch die Melodie?
Und erregt diese Empfindung nicht wieder zu neuen Erzeugungen? - Da will der
Geist zu schrankenloser Allgemeinheit sich ausdehnen, wo alles in allem sich
bildet zum Bett der Gefhle, die aus dem einfachen musikalischen Gedanken
entspringen, und die sonst ungeahnt verhallen wrden; das ist Harmonie, das
spricht sich in meinen Symphonien aus, der Schmelz vielseitiger Formen wogt
dahin in einem Bett bis zum Ziel. Da fhlt man denn wohl, da ein Ewiges,
Unendliches, nie ganz zu Umfassendes in allem Geistigen liege, und obschon ich
bei meinen Werken immer die Empfindung des Gelingens habe, so fhle ich einen
ewigen Hunger, was mir eben erschpft schien, mit dem letzten Paukenschlag, mit
dem ich meinen Genu, meine musikalische berzeugung den Zuhrern einkeilte, wie
ein Kind von neuem anzufangen. Sprechen Sie dem Goethe von mir, sagen Sie ihm,
er soll meine Symphonien hren, da wird er mir recht geben, da Musik der
einzige unverkrperte Eingang in eine hhere Welt des Wissens ist, die wohl den
Menschen umfat, da er aber nicht sie zu fassen vermag. - Es gehrt Rhythmus
des Geistes dazu, um Musik in ihrer Wesenheit zu fassen, sie gibt Ahnung,
Inspiration himmlischer Wissenschaften, und was der Geist sinnlich von ihr
empfindet, das ist die Verkrperung geistiger Erkenntnis. - Obschon die Geister
von ihr leben, wie man von der Luft lebt, so ist es noch ein anders, sie mit dem
Geiste begreifen; - je mehr aber die Seele ihre sinnliche Nahrung aus ihr
schpft, je reifer wird der Geist zum glcklichen Einverstndnis mit ihr. - Aber
wenige gelangen dazu, denn so wie Tausende sich um der Liebe willen vermhlen
und die Liebe in diesen Tausenden sich nicht einmal offenbart, obschon sie alle
das Handwerk der Liebe treiben, so treiben Tausende einen Verkehr mit der Musik
und haben doch ihre Offenbarung nicht; auch ihr liegen die hohen Zeichen des
Moralsinns zum Grunde wie jeder Kunst, alle echte Erfindung ist ein moralischer
Fortschritt. - Sich selbst ihren unerforschlichen Gesetzen unterwerfen, vermge
dieser Gesetze den eignen Geist bndigen und lenken, da er ihre Offenbarungen
ausstrme, das ist das isolierende Prinzip der Kunst; von ihrer Offenbarung
aufgelst werden, das ist die Hingebung an das Gttliche, was in Ruhe seine
Herrschaft an dem Rasen ungebndigter Krfte bt und so der Phantasie die
hchste Wirksamkeit verleihet. So vertritt die Kunst allemal die Gottheit, und
das menschliche Verhltnis zu ihr ist Religion, was wir durch die Kunst
erwerben, das ist von Gott, gttliche Eingebung, die den menschlichen
Befhigungen ein Ziel steckt, was er erreicht.
    Wir wissen nicht, was uns Erkenntnis verleihet; das fest verschlone
Samenkorn bedarf des feuchten, elektrisch warmen Bodens, um zu treiben, zu
denken, sich auszusprechen. Musik ist der elektrische Boden, in dem der Geist
lebt, denkt, erfindet. Philosophie ist ein Niederschlag ihres elektrischen
Geistes; ihre Bedrftigkeit, die alles auf ein Urprinzip grnden will, wird
durch sie gehoben, obschon der Geist dessen nicht mchtig ist, was er durch sie
erzeugt, so ist er doch glckselig in dieser Erzeugung, so ist jede echte
Erzeugung der Kunst, unabhngig, mchtiger als der Knstler selbst, kehrt durch
ihre Erscheinung zum Gttlichen zurck, hngt nur darin mit dem Menschen
zusammen, da sie Zeugnis gibt von der Vermittelung des Gttlichen in ihm.
    Musik gibt dem Geist die Beziehung zur Harmonie. Ein Gedanke abgesondert,
hat doch das Gefhl der Gesamtheit der Verwandtschaft im Geist; so ist jeder
Gedanke in der Musik in innigster, unteilbarster Verwandtschaft mit der
Gesamtheit der Harmonie, die Einheit ist.
    Alles Elektrische regt den Geist zu musikalischer, flieender, ausstrmender
Erzeugung.
    Ich bin elektrischer Natur. - Ich mu abbrechen mit meiner unerweislichen
Weisheit, sonst mchte ich die Probe versumen, schreiben Sie an Goethe von mir,
wenn Sie mich verstehen, aber verantworten kann ich nichts und will mich auch
gern belehren lassen von ihm. - Ich versprach ihm, so gut ich's begreife, Dir
alles zu schreiben. - Er fhrte mich zu einer groen Musikprobe mit vollem
Orchester, da sa ich im weiten unerhellten Raum in einer Loge ganz allein;
einzelne Streiflichter stahlen sich durch Ritzen und Astlcher, in denen ein
Strom bunter Lichtfunken hin und her tanzte, wie Himmelsstraen mit seligen
Geistern bevlkert.
    Da sah ich denn diesen ungeheuren Geist sein Regiment fhren. O Goethe! Kein
Kaiser und kein Knig hat so das Bewutsein seiner Macht, und da alle Kraft von
ihm ausgehe, wie dieser Beethoven, der eben noch im Garten nach einem Grund
suchte, wo ihm denn alles herkomme; verstnd ich ihn so, wie ich ihn fhle, dann
wt ich alles. Dort stand er, so fest entschlossen, seine Bewegungen, sein
Gesicht drckten die Vollendung seiner Schpfung aus, er kam jedem Fehler, jedem
Miverstehen zuvor, kein Hauch war willkrlich, alles war durch die groartige
Gegenwart seines Geistes in die besonnenste Ttigkeit versetzt. - Man mchte
weissagen, da ein solcher Geist in spterer Vollendung als Weltherrscher wieder
auftreten werde.
    Gestern abend schrieb ich noch alles auf, heute morgen las ich's ihm vor, er
sagte: Hab ich das gesagt? - Nun dann hab ich einen Raptus gehabt; er las es
noch einmal aufmerksam und strich das oben aus und schrieb zwischen die Zeilen;
denn es ist ihm drum zu tun, da Du ihn verstehst.
    Erfreue mich nun mit einer baldigen Antwort, die dem Beethoven beweist, da
Du ihn wrdigst. Es war ja immer unser Plan, ber Musik zu sprechen, ja ich
wollte auch, aber durch Beethoven fhl ich nun erst, da ich der Sache nicht
gewachsen bin.
                                                                         Bettine

Meine Adresse ist Erdberggasse im Birkenstockischen Hause, noch vierzehn Tage
trifft mich Dein Brief.

                                   An Bettine


Dein Brief, herzlich geliebtes Kind, ist zur glcklichen Stunde an mich gelangt,
Du hast Dich brav zusammengenommen, um mir eine groe und schne Natur in ihren
Leistungen wie in ihrem Streben, in ihren Bedrfnissen, wie in dem berflu
ihrer Begabtheit darzustellen, es hat mir groes Vergngen gemacht, dies Bild
eines wahrhaft genialen Geistes in mich aufzunehmen, ohne ihn klassifizieren zu
wollen, gehrt doch ein psychologisches Rechnungskunststck dazu, um das wahre
Fazit der bereinstimmung da herauszuziehen, indessen fhle ich keinen
Widerspruch gegen das, was sich von Deiner raschen Explosion erfassen lt; im
Gegenteil mchte ich Dir fr einen innern Zusammenhang meiner Natur, mit dem,
was sich aus diesen mannigfaltigen uerungen erkennen lt, einstweilen
einstehen, der gewhnliche Menschenverstand wrde vielleicht Widersprche darin
finden, was aber ein solcher vom Dmon Besessener ausspricht, davor mu ein Laie
Ehrfurcht haben, und es mu gleichviel gelten, ob er aus Gefhl oder aus
Erkenntnis spricht, denn hier walten die Gtter und streuen Samen zu knftiger
Einsicht, von der nur zu wnschen ist, da sie zu ungestrter Ausbildung
gedeihen mge; bis sie indessen allgemein werde, da mssen die Nebel vor dem
menschlichen Geist sich erst teilen. Sage Beethoven das Herzlichste von mir, und
da ich gern Opfer bringen wrde, um seine persnliche Bekanntschaft zu haben,
wo denn ein Austausch von Gedanken und Empfindungen gewi den schnsten Vorteil
brchte, vielleicht vermagst Du so viel ber ihn, da er sich zu einer Reise
nach Karlsbad bestimmen lt, wo ich doch beinah jedes Jahr hinkomme und die
beste Mue haben wrde, von ihm zu hren und zu lernen; ihn belehren zu wollen,
wre wohl selbst von Einsichtigern als ich Frevel, da ihm sein Genie vorleuchtet
und ihm oft wie durch einen Blitz Hellung gibt, wo wir im Dunkel sitzen und kaum
ahnen, von welcher Seite der Tag anbrechen werde.
    Sehr viel Freude wrde es mir machen, wenn Beethoven mir die beiden
komponierten Lieder von mir schicken wollte, aber hbsch deutlich geschrieben,
ich bin sehr begierig sie zu hren, es gehrt mit zu meinen erfreulichsten
Genssen, fr die ich sehr dankbar bin, wenn ein solches Gedicht frherer
Stimmung mir durch eine Melodie (wie Beethoven ganz, richtig erwhnt) wieder
aufs neue versinnlicht wird.
    Schlielich sage ich Dir noch einmal den innigsten Dank fr Deine
Mitteilungen und Deine Art mir wohlzutun, da Dir alles so schn gelingt, da Dir
alles zu belehrendem, freudigem Genu wird, welche Wnsche knnten da noch
hinzugefgt werden, als da es ewig so fortwhren mge; ewig auch in Beziehung
auf mich, der den Vorteil nicht verkennt, zu Deinen Freunden gezhlt zu werden.
Bleibe mir daher, was Du mit so groer Treue warst, sooft Du auch den Platz
wechseltest und sich die Gegenstnde um Dich her vernderten und verschnerten.
    Auch der Herzog grt Dich und wnscht, nicht ganz von Dir vergessen zu
sein. Ich erhalte wohl noch Nachricht von Dir in meinem Karlsbader Aufenthalt
bei den drei Mohren.
    Am 6. Juni 1810
                                                                              G.

                                   An Goethe


Liebster Freund! Dem Beethoven hab ich Deinen schnen Brief mitgeteilt, soweit
es ihm anging, er war voll Freude und rief: Wenn ihm jemand Verstand ber Musik
beibringen kann, so bin ich's. Die Idee, Dich im Karlsbad aufzusuchen, ergriff
er mit Begeistrung, er schlug sich vor den Kopf und sagte: Konnte ich das nicht
schon frher getan haben? - Aber wahrhaftig, ich hab schon daran gedacht, ich
hab's aus Timiditt unterlassen, die neckt mich manchmal, als ob ich kein
rechter Mensch wr, aber vor dem Goethe frchte ich mich nun nicht mehr. -
Rechne daher darauf, da Du ihn im nchsten Jahr siehst.
    Nun antworte ich nur noch auf die letzten Punkte Deines Briefs, aus denen
ich Honig sammle: Die Gegenstnde um mich her verndern sich zwar, aber sie
verschnern sich nicht, das Schnste ist ja doch, da ich von Dir wei, und mich
wrde nichts freuen, wenn Du nicht wrst, vor dem ich es aussprechen drfte; und
zweifelst Du daran, so ist Dir auch daran gelegen, und bin ich auch glcklicher,
als mich alle gezhlten und ungezhlten Freunde je machen knnen. Mein Wolfgang,
Du zhlst nicht mit unter den Freunden, lieber will ich gar keinen zhlen.
    Den Herzog gre, leg mich ihm zu Fen, sag ihm, da ich ihn nicht
vergessen habe, auch keine Minute, die ich dort mit ihm erlebt habe. - Da er
mir erlaubte, auf dem Schemel zu sitzen, worauf sein Fu ruhte, da er sich
seine Zigarre von mir anrauchen lie, da er meine Haarflechte aus den Krallen
des bsen Affen befreite und gar nicht lachte, obschon es sehr komisch war, das
vergesse ich gar nicht, wie er dem Affen so bittend zuredete; dann der Abend
beim Souper, wo er dem Ohrenschlpfer den Pfirsich hinhielt, da er sich darin
verkriechen sollte, und wie jemand anders das Tierchen vom Tisch herunterwarf,
um es tot zu treten; er wendete sich zu mir und sagte: So bse sind Sie nicht,
das htten Sie nicht getan! - Ich nahm mich zusammen in dieser kitzligen Affre
und sagte: Ohrenschlpfer soll man bei einem Frsten nicht leiden; er fragte:
Hat man auch die zu meiden, die es hinter den Ohren haben, so mu ich mich vor
Ihnen hten; auch die Promenade zu den jungen ausgebrteten Enten, die ich mit
ihm zhlte, wo Du dazu kamst und ber unsere Geduld Dich schon lange gewundert
hattest, ehe wir fertig waren, und so knnte ich Dir Zug fr Zug jeden Moment
wieder herbeirufen, der mir in seiner Nhe gegnnt war. Wer ihm nah sein darf,
dem mu wohl werden, weil er jeden gewhren lt und doch mit dabei ist, und die
schnste Freiheit gestattet und nicht unwillig ist um die Herrschaft des Geistes
und dennoch sicher ist, einen jeden durch diese groartige Milde zu beherrschen.
Das mag ins Groe und Allgemeine gehen, so wie ich's im Kleinen und Einzelnen
erfahren habe. Er ist gro, der Herzog, und wchst dennoch, er bleibt sich
selber gleich, gibt jeglichen Beweis, da er sich berbieten kann. So ist der
Mensch, der einen hohen Genius hat, er gleicht ihm, er wchst so lange, bis er
eins mit ihm wird.
    Danke ihm in meinem Namen, da er an mich denkt, beschreibe ihm meine
zrtliche Ehrfurcht. Wenn mir wieder beschert ist, ihn zu sehen, dann werde ich
von seiner Gnade den mglichsten Ertrag ziehen. Morgen packen wir auf und gehen
hin, wo lauter bhmische Drfer sind. Wie oft hat mir Deine Mutter gesagt, wenn
ich ihr allerlei Projekte machte: Das sind lauter bhmische Drfer, nun bin
ich begierig, ein bhmisches Dorf zu sehen. Beide Lieder von Beethoven sind hier
beigelegt, die beiden andern sind von mir, Beethoven hat sie gesehen und mir
viel Schnes darber gesagt, da wenn ich mich dieser Kunst gewidmet htte, ich
groe Hoffnungen darauf bauen knnte; ich aber streife sie nur im Flug; denn
meine Kunst ist Lachen und Seufzen in einem Sckelchen, und ber die ist mir
keine.
    Adieu! Vieles hole ich noch nach im bhmischen Schlo Bukowan.
                                                                         Bettine

                                   An Goethe


                                                 Bukowan im Praginer Kreis: Juli

Wie bequem ist's, wie lieblich an Dich zu denken unter diesem Dach von Tannen
und Birken, die den heien Mittag in hoher Ferne halten. Die schweren Tannzapfen
glnzen und funkeln mit ihrem Harze, wie tausend kleine Tagsterne, machen's
droben nur noch heier und hier unten khler. Der blaue Himmel deckt mein hohes
enges Haus; ich messe rcklings seine Ferne, wie er unerreichbar scheint, doch
trug mancher schon den Himmel in der Brust; ist mir doch, als hab auch ich ihn
in mir festgehalten einen Augenblick, diesen weitgedehnten ber Berg und Tal
hinziehenden: ber alle Strme Brcken; durch alle Felsen, Hhlen; ber Stock
und Stein in einem Strich fort, der Himmel ber mir, bis dort an Dein Herz, da
sinkt er mit mir zusammen.
    Liegt es denn nur in der Jugend, da sie so innig wolle, was sie will? -
Bist Du nicht so? - Begehrst nicht nach mir? - Mchtest Du nicht zuweilen bei
mir sein? - Sehnsucht ist ja doch die rechte Fhrte, sie weckt ein hheres
Leben, gibt helle Ahnung noch unerkannter Wahrheiten, vernichtet allen Zweifel
und ist sie die sicherste Prophetin seines Glckes. Dir sind alle Reiche
aufgetan, Natur, Wissenschaft und Kunst, aus allen sind den Fragen Deiner
Sehnsucht gttliche Wahrheiten zugestrmt. - Was hab ich? - Ich habe Dich auf
tausend Fragen.
    Hier in der tiefen Felsschlucht denk ich so allerlei; - ich hab mich einen
halsbrechenden Weg heruntergewagt, wie werd ich wieder hinaufkommen an diesen
glatten Felswnden, an denen ich vergeblich die Spur suche, wo ich
herabgeglitten bin. - Selbstvertrauen ist Vertrauen auf Gott, er wird mich doch
nicht stecken lassen! - Ich lieg hier unter frischen hohen Krutern, die mir die
heie Brust khlen, viele kleine Wrmchen und Spinnen klettern ber mich hinaus,
alles wimmelt geschftig um mich her. Die Eidechsen schlpfen aus ihren feuchten
Lchern und heben das Kpfchen und staunen mich an mit ihren klugen Augen und
schlpfen eilig zurck; sie sagen's einander, da ich da bin; - ich der Liebling
des Dichters - es kommen immer mehr und gucken.
    Ach, schner Sommernachmittag! Ich brauch nicht zu denken, der Geist sieht
mig hinauf in die kristallne Luft. - Kein Witz, keine Tugend, nackt und blo
ist die Seele, in der Gott sein Ebenbild erkennt.
    Die ganze Zeit war Regenwetter, heute brennt die Sonne wieder. Nun lieg ich
hier zwischen Steinen auf weichem Moos von vielen Frhlingen her, die jungen
Tannen dampfen heies Harz aus und rhren mit den sten meinen Kopf. Ich mu
jedem Frschchen nachgucken, mich gegen Heuschrecken und Hummeln wehren, dabei
bin ich so faul - was soll ich mit Dir schwtzen, hier wo ein Hauch das Laub
bewegt, durch das die Sonne auf meine geschlonen Augenlider spielt? - Guter
Meister! - Hr in diesem Lispeln, wie sehr Du meine Einsamkeit beglckst; der Du
alles weit und alles fhlst, und weit, wie wenig die Worte dem innern Sinn
gehorchen. - Wann soll ich Dich wiedersehen? - Wann? - Da ich mich nur ein
klein wenig an Dich anlehnen mge und ausruhen, ich faules Kind.
                                                                         Bettine

Wie ich gestern aus meiner Faulheit erwachte und mich besann, da waren die
Schatten schon lang geworden; ich mute mich an den jungen Birkenstmmchen, die
aus den Felsritzen wachsen, aus meiner Untiefe heraufschwingen, das Schlo
Bukowan mit seinen roten Dchern und schnen Trmen sah ich nirgends, ich wute
nicht, welchen Weg ich einschlagen sollte, und entschlo mich kurz, ein paar
Ziegen nachzugehen, die brachten mich wieder zu Menschen, mit denen sie in einer
Htte wohnen, ich machte diesen verstndlich, da ich nach Bukowan wolle, sie
begleiteten mich, der Tag ging schlafen, der Mond ging auf, ich sang, weil ich
doch nicht mit ihnen sprechen konnte, nachher sangen sie wieder, und so kam ich
am spten Abend an, ein paarmal hatte ich Angst, die Leute knnten mich
irrefhren, und war recht froh, wie ich in meiner kleinen Turmstube sa.
    Ich bin brigens nicht ohne Beschftigung, so einsam es auch ist, an einem
Morgen hab ich mehrere Hundert kleine Backsteine gemacht, das Bauen ist meine
Freude, mein Bruder Christian ist ein wahres Genie, er kann alles, eben ist das
Modell einer kleinen Schmiede fertig geworden, das nun auch gleich im groen
ausgefhrt werden soll. Die Erfindungsgabe dieses Bruders ist ein unversiegbarer
Quell, und ich bin sein bester Handlanger, soweit meine Krfte reichen, mehrere
ideale Gebude stehen in kleinen Modellen um uns her in einem groen Saal, und
da sind der Aufgaben so viele, die ich zu lsen habe, da ich abends oft ganz
mde bin, es hindert mich jedoch nicht, morgens den Sonnenaufgang auf dem
Pedeetsch zu erwarten, ein Berg, der rund ist wie ein Backofen und hiervon den
Namen trgt (denn Pedeetsch heit auf Bhmisch Backofen), etwas erhht ber
hundert seinesgleichen, die wie ein groes Lager von Zelten ihn umgeben, da seh
ich denn abermals und abermals die Welt dem Licht erwachen; allein und einsam
wie ich bin, kmpft's in meiner Seele, mte ich lnger hier bleiben, so schn
es auch ist, ich knnt's nicht aushalten. Vor kurzem war ich noch in der groen
Wienstadt, ein Treiben, ein Leben unter den Menschen, als ob es nie aufhren
sollte, da wurden in Gemeinschaft die ppigen Frhlingstage verlebt, in schnen
Kleidern ging man gesellig umher. Jeder Tag brachte neue Freude und jeder Genu
wurde eine Quelle interessanter Mitteilungen, ber das alles hinaus ragte mir
Beethoven, der groe bergeistige, der uns in eine unsichtbare Welt einfhrte,
und der Lebenskraft einen Schwung gab, da man das eigne beschrnkte Selbst zu
einem Geisteruniversum erweitert fhlte. Schade, da er nicht hier ist in dieser
Einsamkeit, da ich ber seinem Gesprch das ewige Zirpen jener Grille vergessen
mchte, die nicht aufhrt mich zu mahnen, da nichts auer ihrem Ton die
Einsamkeit unterbricht. - Heute habe ich mich eine ganze Stunde exerziert, einen
Kranz von Rosen mit dem Stock auf ein hohes steinernes Kreuz zu schwingen, das
am Fahrweg steht, es war vergebens, der Kranz entbltterte, ich setzte mich
ermdet auf die Bank darunter, bis der Abend kam, und dann ging ich nach Hause.
Kannst Du glauben, da es mich sehr traurig machte, so einsam nach Hause zu
gehen, und da es mir war, als hnge ich mit nichts zusammen in der Welt, und
da ich unterwegs an Deine Mutter dachte, wenn ich im Sommer zum Eschenheimer
Tor hereinkam vom weiten Spaziergang, da lief ich zu ihr hinauf, ich warf Blumen
und Kruter, alles, was ich gesammelt hatte, mitten in die Stube und setzte mich
dicht an sie heran und legte den Kopf ermdet auf ihren Scho; sie sagte: Hast
du die Blumen so weit hergebracht, und jetzt wirfst du sie alle weg, da mute
ihr die Lieschen ein Gef bringen, und sie ordnete den Strau selbst, ber jede
einzelne Blume hielt sie ihre Betrachtung und sagte vieles, was mir so wohlttig
war, als schmeichle mir eine liebe Hand; sie freute sich, da ich alles
mitbrachte, Kornhren und Grassamen und Beeren am Aste, hohe Dolden,
schngeformte Bltter, Kfer, Moose, Samendolden, bunte Steine, sie nannte es
eine Musterkarte der Natur und bewahrte es immer mehrere Tage; manchmal bracht
ich ihr auserlesene Frchte und verbot ihr, sie zu essen, weil sie zu schn
waren, sie brach gleich einen schngestreiften Pfirsich auf und sagte: Man mu
allem Ding seinen Willen tun, der Pfirsich lt mir nun doch keine Ruh, bis er
verzehrt ist. In allem, was sie tat, glaubt ich Dich zu erkennen, ihre
Eigenheiten und Ansichten waren mir liebe Rtsel, in denen ich Dich erriet.
    Htt ich die Mutter noch, so wt ich, wo ich zu Hause wr, ich wrde ihren
Umgang allem andern vorziehen, sie machte mich sicher im Denken und Handeln,
manchmal verbot sie mir etwas, wenn ich aber doch als meinem Eigensinn gefolgt
war, verteidigte sie mich gegen alle, und da holte sie aus in ihrem Enthusiasmus
wie der Schmied, der das glhende Eisen auf dem Ambo hat, sie sagte: Wer der
Stimme in seiner Brust folgt, der wird seine Bestimmung nicht verfehlen, dem
wchst ein Baum aus der Seele, aus dem jede Tugend und jede Kraft blht, und der
die schnsten Eigenschaften wie kstliche pfel trgt, und Religion, die ihm
nicht im Weg ist, sondern seiner Natur angemessen, wer aber dieser Stimme nicht
horcht, der ist blind und taub und mu sich von andern hinfhren lassen, wo ihre
Vorurteile sie selbst hin verbannen. Ei, sagte sie, ich wollte ja lieber vor
der Welt zuschanden werden, als da ich mich von Philisterhand ber einen
gefhrlichen Steig leiten lie, am End ist auch gar nichts gefhrlich als nur
die Furcht selber, die bringt einem um alles. Grad im letzten Jahr war sie am
lebendigsten und sprach ber alles mit gleichem Anteil, aus den einfachsten
Gesprchen entwickelten sich die feierlichsten und edelsten Wahrheiten, die
einem fr das ganze Leben ein Talisman sein konnten; sie sagte: Der Mensch mu
sich den besten Platz erwhlen, und den mu er behaupten sein Leben lang, und
mu all seine Krfte daran setzen, dann nur ist er edel und wahrhaft gro. Ich
meine nicht einen uern, sondern einen innern Ehrenplatz, auf den uns stets
diese innere Stimme hinweist, knnten wir nur das Regiment fhren in uns selbst,
wie Napoleon das Regiment der Welt fhrt, da wrde sich die Welt mit jeder
Generation erneuern und ber sich selbst hinausschwingen. So bleibt's immer beim
Alten, weil's halt keiner in sich weiter treibt wie der vorige, und da langweilt
man sich schon, wenn man auch eben erst angekommen ist, ja, man fhlt's gleich,
wenn man's auch zum erstenmal hrt, da die Weisheit schon altes abgedroschnes
Zeug ist. - Ihre franzsische Einquartierung mute ihr viel von Napoleon
erzhlen, da fhlte sie mit alle Schauer der Begeisterung; sie sagte: Der ist
der Rechte, der in allen Herzen widerhallt mit Entzcken, Hheres gibt es
nichts, als da sich der Mensch im Menschen fhlbar mache, und so steigere sich
die Seligkeit durch Menschen und Geister wie durch eine elektrische Kette, um
zuletzt als Funken in das himmlische Reich berzuspringen. - Die Poesie sei
dazu, um das Edle, Einfache, Groe aus den Krallen des Philistertums zu retten,
alles sei Poesie in seiner Ursprnglichkeit, und der Dichter sei dazu, diese
wieder hervorzurufen, weil alles nur als Poesie sich verewige; ihre Art zu
denken hat sich mir so tief eingeprgt, ich kann mir in ihrem Sinn auf alles
Antwort geben, sie war so entschieden, da die allgemeine Meinung durchaus
keinen Einflu auf sie hatte, es kam eben alles aus so tiefem Gefhl, sie sagte
mir oft, ihre Vorliebe fr mich sei blo aus der verkehrten Meinung andrer Leute
entstanden, da habe sie gleich geahnet, da sie mich besser verstehen werde. -
Nun, ich werde mich noch auf alles besinnen; denn mein Gedchtnis wird mir doch
nicht weniger treu sein wie mein Herz. Am Pfingstfest, in ihrem letzten
Lebensjahr, da kam ich aus dem Rheingau, um sie zu besuchen, sie war freudig
berrascht, wir fuhren ins Kirschenwldchen; es war so schn Wetter, die Blten
wirbelten leise um uns herab wie Schnee, ich erzhlte ihr von einem hnlichen
schnen Feiertag, wie ich erst dreizehn Jahr alt gewesen, da hab ich nachmittags
allein auf einer Rasenbank gesessen, und da habe sich ein Ktzchen auf meinen
Scho in die Sonne gelegt und sei eingeschlafen, und ich bin sitzen geblieben,
um sie nicht zu stren, bis die Sonne unterging, da sprang die Katze fort. Die
Mutter lachte und sagte: Damals hast du vom Wolfgang noch nichts gewut, da
hast du mit der Katze vorlieb genommen.
    Ja, htte ich die Mutter noch! Mit ihr brauchte man nicht Groes zu erleben,
ein Sonnenstrahl, ein Schneegestber, der Schall eines Posthorns weckte Gefhle,
Erinnerung und Gedanken. - Ich mu mich schmen vor Dir, da ich so verzagt bin.
Bist Du mir nicht gut und nimmst mich auf wie eine gute Gabe? - Und kann einer
Gabe annehmen, der sich nicht hingibt der Gabe? - Und ist das Gabe, die nicht
ganz und immerdar sich gibt? - Geht auch ein Schritt vorwrts, der nicht in ein
neues Leben geht? - Geht einer rckwrts, der nicht mit dem ewigen Leben
verfallen wre? - Siehst Du, das ist ein sehr einfaches Rechenexempel, warum man
nicht verzagen soll, weil das Ewige keine Grenze hat. Wer will der Liebe, wer
kann dem Geist Grenzen setzen? - Wer hat je geliebt, der sich etwas vorbehalten
habe? Vorbehalt ist Selbstliebe. Das irdische Leben ist Gefngnis, der Schlssel
zur Freiheit ist Liebe, sie fhrt aus dem irdischen Leben ins Himmlische. - Wer
kann aus sich selbst erlst werden ohne die Liebe? Die Flamme verzehrt das
Irdische, um dem Geist grenzenlosen Raum zu gewinnen, der auffliegt zum ther;
der Seufzer, der sich in der Gottheit auflst, hat keine Grenze. Nur der Geist
hat ewige Wirkung, ewiges Leben, alles andre stirbt. Gute Nacht; gute Nacht, es
ist um die Geisterstunde.
       Dein Kind, das sich an Dich drngt aus Furcht vor seinen eignen Gedanken.

                                   An Bettine


Da Du in der Flle interessanter Begebenheiten und Zerstreuungen der
volkreichsten Stadt nicht versumt hast, mir so reichhaltige Berichte zu senden,
so wre es unbillig, wenn ich jetzt in Deinen verborgnen Schlupfwinkel Dir nicht
auch ein Zeichen meines Lebens und meiner Liebe dahinber schickte. Wo steckst
Du denn? - Weit kann es nicht sein; die eingestreuten Lavendelblten in Deinem
Brief ohne Datum waren noch nicht welk, da ich ihn erhielt, sie deuten an, da
wir einander vielleicht nher sind, als wir ahnen konnten. Versume ja nicht bei
Deinen allseitigen Treiben und wunderlichen Versuchen, der Gttin Gelegenheit
einen Tempel aus gemachten Backsteinen zu errichten, und erinnere Dich dabei,
da man sie ganz khn bei den drei goldnen Haaren ergreifen mu, um sich ihrer
Gunst zu versichern. Eigentlich hab ich Dich schon hier, in Deinen Briefen, in
Deinen Andenken und lieblichen Melodien und vor allem in Deinem Tagebuch, mit
dem ich mich tglich beschftige, um mehr und mehr Deiner reichen erhabenen
Phantasie mchtig zu werden, doch mchte ich Dir auch mndlich sagen knnen, wie
Du mir wert bist.
    Deine Weissagungen ber Menschen und Dinge, ber Vergangenheit und Zukunft
sind mir lieb und ntzlich, und ich verdiene auch, da Du mir
    das Beste gnnst. - Treues, liebevolles Andenken hat vielleicht einen
bessern Einflu auf Geschick und Geist als die Gunst der Sterne selbst, von
denen wir ja doch nicht wissen, ob wir sie nicht den Beschwrungen schner Liebe
zu danken haben.
    Von der Mutter schreib alles auf, es ist mir wichtig; sie hatte Kopf und
Herz zur Tat wie zum Gefhl.
    Was Du auf Deiner Reise gesehen und erfahren hast, schreib mir alles, lasse
Dich die Einsamkeit nicht bslich anfallen, Du hast Kraft, ihr das
    Beste abzugewinnen.
    Schn wr's, wenn das liebe Bhmer Gebirg nun auch Deine liebe Erscheinung
mir bescherte. Lebe wohl, liebstes Kind, fahre fort, mit mir zu leben, und lasse
mich Deine lieben ausfhrlichen Briefe nicht missen.
                                                                          Goethe

                                   An Goethe


Dein Brief war ganz rasch da, ich glaubte, Deinen Atem noch darin zu erhaschen,
noch eh ich ihn gelesen hatte, hab ich dem eine Falle gestellt, an der Landkarte
bin ich auch gewesen. - Wenn ich heute von hier abreiste, so lg ich morgen frh
zu Deinen Fen; und wie ich an der weichen Molltonart Deines Schreibens
erkenne, so wrdest Du mich nicht lange da schmachten lassen, Du wrdest mich
bald ans Herz ziehen, und in strmender Freude wrde gleich Zimbeln und Pauken
mit raschem Wirbelschlag ein durch Mark und Bein dringendes Finale der sen
Ruhe vorangehen, die mich in Deiner Gegenwart beglckt. Wem entdeck ich's? - Die
kleine Reise zu Dir? - Ach nein, ich sag's nicht, es versteht's doch keiner, wie
selig es mich machen knnte, und dann ist es ja auch so allgemein, die Freude
der Begeistrung zu verdammen, sie nennen es Wahnsinn und Verkehrtheit. - Glaub
nicht, da ich sagen drfte, wie lieb ich Dich habe, was man nicht begreift, das
findet man leicht toll, ich mu schweigen. Aber der herrlichen Gttin, die mit
den Philistern ihr Spiel treibt, hab ich nach Deinem Wink und um meiner Ungeduld
zu steuern, mit selbstgemachten Backsteinen schon den Grund zum Tempelchen
gelegt. Hier male ich Dir den Grundri: eine viereckige Halle in der Mitte ihrer
vier Wnde, Tren klein und schmal, innerhalb derselben eine zweite auf Stufen
erhaben, die auch in der Mitte jeder Wand eine Tr hat; dieser Raum steht aber
quer, also, da die Ecken auf die vier Tren der ueren Halle gerichtet sind;
in diesem ein dritter viereckiger Raum, der auf Stufen erhht liegt, nur eine
Tr hat und wieder mit dem uersten Raum gleich steht, die drei Ecken, welche
sich durch den innersten Raum in dem zweiten abschneiden und durch groe
ffnungen sich an denselben anschlieen, whrend die vierte Ecke den Eingang zur
Tr bildet, stellen die Grten der Hesperiden dar, in der Mitte auf
weichgepolstertem Thron die Gttin; nachlssig hingelehnt, schiet sie ohne Wahl
nur spielend nach den goldnen pfeln der Hesperiden, die mit Jammer zusehen
mssen, wie die vom Pfeil zufllig durchschonen pfel ber die umwachte Grenze
hinausfliegen. - O Goethe! Wer nun von auen die rechte Tr whlt und ohne
langes Besinnen durch die Vorhallen grade zum innersten Tempel gelangt, den
Apfel am fliegenden Pfeil khn erhascht, wie glcklich ist der!
    Die Mutter sagte: alle schnen Empfindungen des Menschengeistes, wenn sie
auch auf Erden nicht auszufhren seien, so wren sie dem Himmel, wo alles ohne
Leib, nur im Geist da sei, doch nicht verloren. Gott habe gesagt, es werde, und
habe dadurch die ganze schne Welt erschaffen, ebenso sei dem Menschen diese
Kraft eingeboren, was er im Geist erfinde, das werde durch diese Kraft im Himmel
erschaffen. Denn der Mensch baue sich seinen Himmel selbst, und seine herrlichen
Erfindungen verzieren das ewige unendliche Jenseits; in diesem Sinne also baue
ich unserer Gttin den schnen Tempel, ich bekleide seine Wnde mit lieblichen
Farben und Marmorbildern, ich lege den Boden aus mit bunten Steinen, ich
schmcke ihn mit Blumen und erflle durchwandelnd die Hallen mit dem Duft des
Weihrauchs, auf den Zinnen aber bereite ich dem glckbringenden Storch ein
bequemes Nest, und so vertreibe ich mir die ungeduldige Zeit, die mich aus einer
Aufregung in die andere strzt. - Ach, ich darf gar nicht hinhorchen in die
Ferne wie sonst, wenn ich in der waldrauschenden Einsamkeit auf das Zwitschern
der Vgel lauschte, um ihr Nestchen zu entdecken. Jetzt am hohen Mittag sitz ich
allein im Garten und mchte nur fhlen - nicht denken - was Du mir bist; da
kommt leise der Wind, als km er von Dir; er legt sich so frisch ans Herz - er
spielt mit dem Staub zu meinen Fen und jagt unter die tanzenden Mckchen, er
streift mir die heien Wangen, hlt schmeichelnd den Brand der Sonne auf; am
unbeschnittnen Rebengelnder hebt er die Ranken und flstert in den Blttern,
dann streift er eilend ber die Felder, ber die neigenden Blumen. Brachte er
Botschaft? Hab ich ihn recht verstanden? - Ist's gewi? Er soll mich tausendmal
gren vom Freund, der gar nicht weit von hier meiner harrt, um mich tausendmal
willkommen zu heien? - Ach, knnt ich noch einmal ihn fragen! - Er ist fort; -
la ihn ziehen, zu andern, die auch sich sehnen, ich wende mich zu ihm, der
allein mein Herz ergreift, mein Leben erneut mit seinem Geist, mit dem Hauch
seiner Worte8.

                                                                          Montag

Frag nur nicht nach dem Datum, ich habe keinen Kalender, und ich mu Dir
gestehen, es ist, als ob sich's nicht schicke fr meine Liebe, da ich mich um
die Zeit bekmmere. Ach Goethe! Ich mag nicht hinter mich sehen und auch nicht
vor mich. Dem himmlischen Augenblick ist die Zeit ein Scharfrichter, das scharfe
Schwert, das sie ber ihm schwingt, seh ich mit scheuer Ahnung blitzen; nein,
ich will nicht fragen nach der Zeit, wo ich fhle, da die Ewigkeit mir den
Genu nicht ber die Grenze des Augenblicks ausdehnen wrde; aber doch, wenn Du
wissen willst, ber's Jahr vielleicht, - oder in spterer Zeit, wann es doch
war, da mich die Sonne braun gebrannt hat und ich's nicht sprte vor tiefem
Sinnen an Dich; so merk es Dir, es ist grade, wo die Johannisbeeren reif sind,
der spekulierende Geist des Bruders will sich in einem trefflichen Goose-beery
vine versuchen, ich helfe keltern. Gestern abend im Mondlicht haben wir
Traubenlese gehalten, da flogen unzhlige Nachtfalter mir um den Kopf; wir haben
eine ganze Welt trumerischer Geschpfe aufgestrt bei dieser nchtlichen Ernte,
sie waren ganz irre geworden. Wie ich in mein Zimmer kam, fand ich unzhlige,
die das Licht umschwrmten, sie dauerten mich, ich wollte ihnen wieder
hinaushelfen, ich hielt lange das Licht vors Fenster und habe die halbe Nacht
mit zugebracht, es hat mich keine Mhe verdrossen. Goethe, habe doch auch Geduld
mit mir, wenn ich Dich umschwrme und von den Strahlen Deines Glanzes mich nicht
trennen will, da mchtest Du mir wohl auch gern nach Hause leuchten.
                                                                         Bettine

                                                                        Dienstag

Heute morgen hat der Christian, der auch Arzneiwissenschaft treibt, eine zahme
Wachtel kuriert, die in meinem Zimmer herumluft und krank war, er versuchte ihr
einen Tropfen Opium einzuflen, unversehens trat er auf sie, da sie ganz platt
und tot dalag. Er fate sie rasch und ribbelte sie mit beiden Hnden wieder
rund, da lief sie hin, als wenn ihr nichts gefehlt htte, und die Krankheit ist
auch vorbei, sie macht sich gar nicht mehr dick, sie frit, sie suft, badet
sich und singt, alles staunt die Wachtel an.

                                                                        Mittwoch

Heute gingen wir aufs Feld, um die Wirkung einer Maschine zu sehen, mit der
Christian bei groer Drre die Saaten wssern will; ein sich weit verbreitender
Perlenregen spielte in der Sonne und machte uns viel Vergngen. Mit diesem
Bruder geh ich gern spazieren, er schlendert so vor mir her und findet berall
was Merkwrdiges; er kennt das Leben der kleinen Insekten und ihre Wohnungen,
und wie sie sich nhren und mehren; alle Pflanzen nennt er und kennt ihre
Abkunft und Eigenschaften, manchmal bleibt er den ganzen Tag auf einem Fleck
liegen und simuliert, wer wei, was er da alles denkt, in keiner Stadt gb's so
viel zu tun, als was seine Erfindsamkeit jeden Augenblick ausheckt; bald hab ich
beim Schmied, bald bei dem Zimmermann oder Maurer subtile Geschfte fr ihn, bei
dem einen zieh ich den Blasbalg, bei dem andern halte ich Schnur und Richtma.
Mit der Nhnadel und Schere mu ich auch eingreifen; eine Reisemtze hat er
erfunden, deren Zipfel sich in einen Sonnenschirm ausbreitet, und einen
Reisewagen rund wie eine Pauke, mit Lmmerfell ausgeschlagen, der von selbst
fhrt; Gedichte macht er auch, ein Lustspiel hat er gemacht zum Lachen fr Mund
und Herz; auf der Flte blst er in die tiefe Nacht hinein selbstgemachte, sehr
schne brillante Variationen, die im ganzen Praginer Kreis widerhallen. Er lehrt
mich reiten und das Pferd regieren wie ein Mann; er lt mich ohne Sattel reiten
und wundert sich, da ich sitzen bleib im Galopp. Der Gaul will mich nicht
fallen lassen, er kneipt mich in den Fu zum Scherz und da ich Mut haben soll,
er ist vielleicht ein verwnschter Prinz, dem ich gefall. Fechten lehrt mich der
Christian auch, mit der linken Hand und mit der rechten, und nach dem Ziel
schieen nach einer groen Sonnenblume, das lern ich alles mit Eifer, damit mein
Leben doch nicht gar zu dumm wird, wenn's wieder Krieg gibt; heute abend waren
wir auf der Jagd und haben Schmetterlinge geschossen, zwei hab ich getroffen auf
einen Schu.
    So geht der Tag rasch vorber, erst frchtete ich vor Zeitberflu
allzulange Briefe zu schreiben oder Dich mit spekulativen Gedanken ber Gott und
Religion zu behelligen, weil ich in Landshut viel in der Bibel gelesen habe und
in Luthers Schriften. Jetzt ist mir alles so rund wie die Weltkugel, wo denn gar
nichts zu bedenken ist, weil wir nirgendwo herunterfallen knnen. Deine Lieder
singe ich im Gehen in der freien Natur, da finden sich die Melodien von selbst,
die meiner Erfindung den rechten Rhythmus geben; in der Wildnis mach ich
bedeutende Fortschritte, das heit, khne Stze von einer Klippe zur andern. Da
hab ich einen kleinen Tummelplatz von Eichhrnchen entdeckt, unter einem Baum
lagen eine groe Menge dreieckiger Nsse, auf dem Baum saen zum wenigsten ein
Dutzend Eichhrnchen und warfen mir die Schalen auf den Kopf, ich blieb still
unten liegen und sah durch die Zweige ihren Ballettsprngen und mimischen Tanz
zu, was man mit so groem Genu verzehren sieht, das macht einem auch
unwiderstehlichen Appetit, ich habe ein ganzes Tuch voll dieser Nsse, die man
Bucheckern nennt, gesammelt und die ganze Nacht daran geknuspert wie die
Eichhrnchen; wie schn speisen die Tiere des Waldes, wie anmutig bewegen sie
sich dabei, und wie beschreibt sich in ihren Bewegungen der Charakter ihrer
Nahrungsmittel. Man sieht der Ziege gleich an, da sie gerne suerliche Kruter
frit, denn sie schmatzt. Die Menschen seh ich nicht gerne essen, da fhl ich
mich beschmt. Der Geruch aus der Kche, wo allerlei bereitet wird, krnkt mich,
da wird gesotten und gebraten und gespickt; Du weit vielleicht nicht, was das
ist? - Das ist eine gewaltig groe Nhnadel, in die wird Speck eingefdelt, und
damit wird das Fleisch der Tiere benht, da setzen sich die vornehmen,
gebildeten Mnner, die den Staat regieren, an die Tafel und kauen in
Gesellschaft. In Wien, wie sie den Tirolern Verzeihung fr die Revolution
ausgemacht haben, die sie doch selbst angezettelt hatten, und haben den Hofer an
die Franzosen verkauft, das ist alles bei Tafel ausgemacht worden, mit trunknem
Mut lie sich das ohne sonderliche Gewissensbisse einrichten.
    Die Diplomaten haben zwar die List des Teufels, der Teufel hat sie aber doch
zum besten, das sieht man an ihren nrrischen Gesichtern, auf denen der Teufel
alle ihre Intrigen abmalt. In was liegt denn die hchste Wrde als nur im Dienst
der Menschheit, welche herrliche Aufgabe fr den Landesherrn, da alle Kinder
kommen und flehen: Gib uns unser tglich Brot! - Und da er sagen kann: Da
habt! Nehmt alles, denn ich bedarf nur, da ihr versorgt seid, ja wahrlich! Was
kann einer fr sich haben wollen als alles nur fr andre zu haben, das wre der
beste Schuldentilger; aber den armen Tirolern haben sie doch ihre Schulden nicht
bezahlt. Ach, was geht mich das alles an, der Bote geht ab, und nun hab ich Dir
nichts geschrieben von vielem, was ich Dir sagen wollte, ach wenn es doch kme,
da ich Dir bald begegnete, was gewi werden wird, ja, es mu wahr werden. Dann
wollen wir alle Welthndel sein lassen und wollen jede Minute gewissenhaft
verwenden9.
                                                                         Bettine

                                   An Bettine


                                                                         Tplitz

Deine Briefe, allerliebste Bettine, sind von der Art, da man jederzeit glaubt,
der letzte sei der interessanteste. So ging mir's mit den Blttern, die Du
mitgebracht hattest, und die ich am Morgen Deiner Abreise fleiig las und wieder
las. Nun aber kam Dein letztes, das alle die andern bertrifft10. Kannst Du so
fortfahren, Dich selbst zu berbieten, so tue es, Du hast so viel mit Dir
genommen, da es wohl billig ist, etwas aus der Ferne zu senden. Gehe Dir's
wohl!
                                                                          Goethe

Deinen nchsten Brief mu ich mir unter gegenberstehender Adresse erbitten, wie
omins! O weh! Was wird er enthalten?

Durch Herrn Hauptmann von Verlohren in Dresden.

                                   An Goethe


                                                          Berlin, am 17. Oktober

Beschuldige mich nicht, da ich so viel mit mir fortgenommen habe; denn
wahrlich, ich fhle mich so verarmt, da ich mich nach allen Seiten umsehe nach
etwas, an das ich mich halten kann; gib mir etwas zu tun, wozu ich kein
Tageslicht brauche, kein Zusammensein mit den Menschen, und was mir Mut gibt,
allein zu sein. Dieser Ort gefllt mir nicht, hier sind keine Hhen, von denen
man in die Ferne schauen knnte.

                                                                          Am 18.

Ich stieg einmal auf einen Berg. - Ach! - was mein Herz beschwert? - sind
Kleinigkeiten, sagen die Menschen. - Zusammenhngend schreiben? Ich knnte
meiner Lebtag die Wahrheit nicht hervorbringen; seitdem wir in Tplitz
zusammengesessen haben, was soll ich Dir noch lang schreiben, was der Tag mit
sich bringt, das Leben ist nur schn, wenn ich mit Dir bin. - Nein, ich kann Dir
nichts Zusammenhngendes erzhlen, buchstabier Dich durch wie damals durch mein
Geschwtz. Schreib ich denn nicht immer, was ich schon hunderttausendmal gesagt
habe? - Die da von Dresden kamen, erzhlten mir viel von Deinen Wegen und
Stegen, grad als wollten sie sagen: Dein Hausgott war auf anderer Leute Herd zu
Gast und hat sich da gefallen. Z... hat Dein Bild berkommen und hat es wider
sein graubraunes Konterfei gesttzt; ich seh in die Welt, und in diesem
tausendfltigen Narrenspiegel seh ich hufig Dein Bild, das von Narren
geliebkost wird. Du kannst doch wohl denken, da dies mir nicht erfreulich ist.
Du und Schiller, Ihr wart Freunde, und Eure Freundschaft hatte eine Basis im
Geisterreich; aber Goethe, diese nachkmmlichen Bndnisse, die gemahnen mich
grad wie die Trauerschleppe einer erhabenen vergangenen Zeit, die durch allen
Schmutz des gemeinen Lebens nachschleppt. - Wenn ich mich bereite, Dir zu
schreiben, und denke so in mich hinein, da fallen mir allemal die einzelnen
Momente meines
    Lebens ein, die so ruhig, so auffalich in mich hereingeklungen haben, wie
allenfalls einem Maler hnliche Momente in der Natur wieder erscheinen, wenn er
mit Lust etwas malt; so gedenke ich jetzt der Abenddmmerung im heien Monat
August, wie Du am Fenster saest und ich vor Dir stand, und wie wir die Rede
wechselten, ich hatte meinen Blick wie ein Pfeil scharf Dir ins Auge gedrckt,
und so blieb ich drin haften und bohrte mich immer tiefer und tiefer ein, und
wir waren beide stille, und Du zogst meine aufgelsten Haare durch die Finger.
Ach Goethe, da fragtest Du, ob ich knftig Deiner gedenken werde beim Licht der
Sterne, und ich hab es Dir versprochen; jetzt haben wir Mitte Oktober, und schon
oft hab ich nach den Sternen gesehen und habe Deiner gedacht, es berluft mich
kalter Schauer, und Du, der meinen Blick dahin gebannt hat, denke doch, wie oft
ich noch hinaufblicken werde, so schreib es denn auch tglich neu in die Sterne,
da Du mich liebst, damit ich nicht verzweifeln mu, sondern da mir Trost von
den Sternen niederleuchtet, jetzt, wo wir nicht beieinander sind. Vorm Jahr um
diese Zeit, da ging ich an einem Tag weit spazieren und blieb auf einem Berg
sitzen, da oben spielte ich mit dem glitzernden Sand, den die Sonne beschien und
knipste den Samen aus den verdorrten Studchen, bei mit Nebel kmpfender
Abendrte ging ich und bersah alle Lande, ich war frei im Herzen; denn meine
Liebe zu Dir macht mich frei. - So was beengt mich zuweilen, wie damals die
erfrischende Luft mich krftig, ja beinah gescheut machte, da ich nicht immer
geh, immer wandre unter freiem Himmel und mit der Natur spreche. Ein Sturmwind
nimmt in grter Schnelle ganze Tler ein, alles berhrt er, alles bewegt er,
und der es empfindet, wird von Begeistrung ergriffen. Die gewaltige Natur lt
keinen Raum und bedarf keinen Raum, was sie mit ihrem Zauberkreis umschlingt,
das ist hereingebannt. O Goethe, Du bist auch hineingebannt, in keinem Wort, in
keinem Hauch Deiner Gedichte lt sie Dich los. - Und wieder mu ich vor dieser
Menschwerdung niederknien und mu Dich lieben und begehren wie alle Natur. -
    Da wollt ich Dir noch viel sagen, ward abgerufen, und heute am 29. Oktober
komme ich wieder zum Schreiben. - Es ist halt berall ruhig oder vielmehr de.
Da die Wahrheit sei, dazu gehrt nicht einer; aber da die Wahrheit sich an
ihnen bewhre, dazu gehren alle Menschen. Mann! Dessen Fleisch und Bein so von
der Schnheit Deiner Seele durchdrungen ist, wie darf ich Leib und Seele so
beisammen lieb haben! - Oft denk ich bei mir, ich mchte besser und herrlicher
sein, damit ich doch die Ansprche an Dich rechtfertigen knnte, aber kann
ich's? - Dann mu ich an Dich denken, Dich vor mir sehen, und habe nichts, wenn
mir die Liebe nicht als Verdienst gelten soll? - Solche Liebe ist nicht
unfruchtbar. - Und doch darf ich nicht nachdenken, ich knnte mir den Tod daran
holen, ist was daran gelegen? - Jawohl! Ich hab eine Wiege in Deinem Herzen, und
wer mich da herausstiehlt, sei es Tod oder Leben, der raubt Dir ein Kind. Ein
Kopfkissen mcht ich mit Dir haben, aber ein hartes; sag es niemand, da ich so
bei Dir liegen mchte, in tiefster Ruhe an Deiner Seite. Es gibt viele Auswege
und Durchgnge in der Welt, einsame Wlder und Hhlen, die kein Ende haben, aber
keiner ist so zum Schlaf, zum Wohlsein eingerichtet als nur der Scho Gottes;
ich denk mir's da breit und behaglich, und da einer mit dem Kopf auf des andern
Brust ruhe, und da ein warmer Atem am Herzen hinstreife, was ich mir so sehr
wnsche zu fhlen, Deinen Atem.
                                                                         Bettine

                                   An Bettine


                           Lcke in der Korrespondenz

Nun bin ich, liebe Bettine, wieder in Weimar ansssig und htte Dir schon lange
fr Deine lieben Bltter11 danken sollen, die mir alle nach und nach zugekommen
sind, besonders fr Dein Andenken vom 27. August. Anstatt nun also Dir zu sagen,
wie es mir geht, wovon nicht viel zu sagen ist, so bring ich eine freundliche
Bitte an Dich. Da Du doch nicht aufhren wirst, mir gern zu schreiben, und ich
nicht aufhren werde, Dich gern zu lesen, so knntest Du mir noch nebenher einen
Gefallen tun. Ich will Dir nmlich bekennen, da ich im Begriff bin, meine
Bekenntnisse zu schreiben, daraus mag nun ein Roman oder eine Geschichte werden,
das lt sich nicht voraussehen, aber in jedem Fall bedarf ich Deiner Beihilfe.
Meine gute Mutter ist abgeschieden und so manche andre, die mir das Vergangne
wieder hervorrufen knnten, das ich meistens vergessen habe. Nun hast Du eine
schne Zeit mit der teuern Mutter gelebt, hast ihre Mrchen und Anekdoten
wiederholt vernommen und trgst und hegst alles im frischen belebenden
Gedchtnis. Setze Dich also nur gleich hin und schreibe nieder, was sich auf
mich und die Meinigen bezieht, und Du wirst mich dadurch sehr erfreuen und
verbinden. Schicke von Zeit zu Zeit etwas und sprich mir dabei von Dir und
Deiner Umgebung. Liebe mich bis zum Wiedersehn.
    Weimar, am 25. Oktober 1810
                                                                              G.

                                                                  Am 4. November

Du hast doch immer eine Ursache, mir zu schreiben, ich hab aber nichts behalten,
noch in Betracht gezogen als nur das Ende: Liebe mich bis zum Wiedersehn.
Httest Du diese letzten Worte nicht hingesetzt, so htt ich vielleicht noch
Rcksicht genommen aufs Vorhergehende; diese einzige Freundlichkeit hat mich
berschwemmt, hat mich gefangen gehalten in tausend sen Gedanken von gestern
abend an bis wieder heut abend. Aus dem allen kannst Du schlieen, da mir Dein
Brief ungefhr vor vierundzwanzig Stunden frische Luft ins Zimmer gebracht hat.
Nun war ich aber seitdem wie ein Dachs, dem die Winterwelt zu schlecht ist, und
habe mich in den warmen Boden meiner eignen Gedanken vergraben. Was Du
verlangst, hat fr mich immer den Wert, da ich es der Gabe wrdig achte; ich
gebe daher die Nahrung, das Leben zweier regen Jahre gern in Dein Gewahrsam, es
ist wenig in bezug auf viel, aber unendlich, weil es einzig ist; Du selber
knntest Dich vielleicht wundern, da ich Dinge in den Tempel eintrug und mein
Dasein durch sie weihte, die man doch allerorten findet; an jeder Hecke kann man
in der Frhlingszeit Blten abbrechen; aber wie, lieber Herr! So unscheinbar die
Blte auch ist, wenn sie nun nach Jahren immer noch duftet und grnt? - Deine
Mutter gebar Dich in ihrem siebzehnten Jahr, und im sechsundsiebzigsten konnte
sie alles noch mitleben, was in Deinen ersten Jahren vorging, und sie beste das
junge Feld, das guten Boden, aber keine Blumen hatte, mit diesen ewigen Blten;
und so kann ich Dir wohl gefallen, da ich gleichsam ein duftender Garten dieser
Erinnerungen bin, worunter Deiner Mutter Zrtlichkeit die schnste Blte ist,
und - darf ich's sagen? - meine Treue die gewaltigste. - Ich trug nun schon
frher Sorge darum, da, was bei der Mutter so krftig Wurzeln schlug und bei
mir Blten trieb, endlich auch in ser Frucht vom hohen Stamm an die Erde
niederrollen mchte. Nun hre! - Da lernte ich in Mnchen einen jungen Arzt
kennen, verbranntes, von Blattern zerrissenes Gesicht, arm wie Hiob, fremd mit
allen, groe ausgebreitete Natur, aber grade darum in sich fertig und
geschlossen, konnte den Teufel nicht als das absolut Bse erfassen, aber wohl
als einen Kerl mit zwei Hrnern und Bocksfen (natrlich an den Hrnern lt
sich einer packen, wenn man Courage hat), der Weg seiner Begeisterung ging nicht
auf einer Himmels-, aber wohl auf einer Hhnerleiter in seine Kammer, allwo er
auf eigne Kosten mit armen Kranken darbte und freudig das Seinige mit ihnen
teilte, seine junge, enthusiastische Kunst an ihnen gedeihen machte; - er war
stumm durch Krankheit bis in sein viertes Jahr, ein Donnerschlag lste ihm die
Zunge, mit fnfzehn Jahren sollte er Soldat werden; dafr, da er des Generals
wildes Pferd zhmte, gab ihn dieser frei, dadurch, da er einen Wahnwitzigen
kurierte, bekam er eine kleine unbequeme Stelle in Mnchen, in dieser Lage
lernte ich ihn kennen, bald ging er bei mir aus und ein, dieser gute Geist,
reich an Edelmut, der auerdem nichts hatte als seine Einsamkeit; nach
beschwerlicher Tageslast, aus hilfreicher Leidenschaft lief er oft noch abends
spt meilenweite Strecken, um die gefangnen Tiroler zu begegnen und ihnen Geld
zuzustecken, oder er begleitete mich auf den Schneckenturm, wo man die fernen
Alpen sehen kann, da haben wir berlegt, wenn wir Nebel oder rtlichen Schein am
Himmel bemerkten, ob's Feuer sein knnte, da hab ich ihm auch oft meine Plne
mitgeteilt, da ich hinber mchte zu den Tirolern, da haben wir auf der Karte
einen Weg ausstudiert, und ich sah es ihm auf dem Gesicht geschrieben, da er
nur meiner Befehle harre.
    So war's, da in Augsburg die pestartigen Lazarette sich huften und in
kurzer Zeit die rzte mit den Kranken wegrafften; mein junger Eisbrecher
wanderte hin, um Last und Gefahr einem alten Lehrer abzunehmen, der
Familienvater war, er ging mit schwerer Ahnung, ich gab ihm ein Sacktuch, alten
Wein und das Versprechen, zu schreiben, zum Abschied. Da wurde denn berlegt und
all des Guten gedacht, was sich whrend dieser kurzen Bekanntschaft ereignet
hatte, und da wurde berdacht, da meine Worte ber Dich, mein liebendes Wissen
von Dir und der Mutter, ein heiliger Schatz sei, der nicht verloren gehen solle,
in der uern Schale der Armut wrde ein solches Kleinod am heiligsten bewahrt
sein, und so kam's, da meine Briefe mit den einzelnen Anekdoten Deiner Jugend
erfllt waren, deren eine jede wie Geister zu rechter Zeit eintrat, und Laune
und Verdru verscheuchten. - Der Zufall, uns der geheiligte, trgt auf seinen
tausendfach beladenen Schwingen auch diese Briefe, und vielleicht wird es so,
da, wenn Flle und ppigkeit einst sich wieder durch das mihandelte Fruchtland
empordrngen, auch er die goldne Frucht niederschttelt ins allgemeine Wohl.
    Manches habe ich schon in dermaliger Zeit mit wenig Worten gedeutet, mehr zu
Dir darber sprechend, da ich Dich noch nicht kannte, nicht gesehen hatte, oder
auch war ich mit dem Senkblei tief in eignes Wohl und Weh eingedrungen. -
Verstehst Du mich? - Da Du mich liebst? - Willst Du so, da ich Dir die
ehemalige Zeit vortrage, wo, so wie mir Dein Geist erschien, ich mich meiner
eignen Geistigkeit bemchtigte, um ihn zu fassen, zu lieben? - Und warum sollte
ich nicht schwindeln vor Begeisterung, ist denn das mgliche Hinabstrzen so
furchtbar? - Wie der Edelstein, vom einsamen Strahl berhrt, tausendfache Farben
ihm entgegenspiegelt, so auch wird Deine Schnheit vom Strahl der Begeisterung
allein beleuchtet, tausendfach bereichert.
    Nur erst, wenn alles begriffen ist, kann das Etwas seinen vollen Wert
erweisen, und somit begreifst Du mich, wenn ich Dir erzhle, da das Wochenbett
Deiner Mutter, worin sie Dich zur Welt brachte, blaugewrfelte Vorhnge hatte.
Sie war damals achtzehn Jahre alt und ein Jahr verheiratet, hier bemerkte sie,
Du wrdest wohl ewig jung bleiben, und Dein Herz wrde nie veralten, da Du die
Jugend der Mutter mit in den Kauf habest. Drei Tage bedachtest Du Dich, eh Du
ans Weltlicht kamst und machtest der Mutter schwere Stunden. Aus Zorn, da Dich
die Not aus dem eingebornen Wohnort trieb und durch die Mihandlung der Amme
kamst Du ganz schwarz und ohne Lebenszeichen. Sie legten Dich in einen
sogenannten Fleischarden und bheten Dir die Herzgrube mit Wein, ganz an Deinem
Leben verzweifelnd. Deine Gromutter stand hinter dem Bett, als Du zuerst die
Augen aufschlugst, rief sie hervor: Rtin, er lebt! Da erwachte mein
mtterliches Herz und lebte seitdem in fortwhrender Begeisterung bis zu dieser
Stunde! sagte sie mir in ihrem fnfundsiebzigsten Jahre. Dein Grovater, der
der Stadt ein herrlicher Brger und damals Syndikus war, wendete stets Zufall
und Unfall zum Wohl der Stadt an, und so wurde auch Deine schwere Geburt die
Veranlassung, da man einen Geburtshelfer fr die Armen einsetzte. Schon in der
Wiege war er den Menschen eine Wohltat, sagte die Mutter, sie legte Dich an
ihre Brust, allein Du warst nicht zum Saugen zu bringen, da wurde Dir eine Amme
gegeben. An dieser hat er mit rechtem Appetit und Behagen getrunken, da es sich
nun fand, sagte sie, da ich keine Milch hatte, so merkten wird bald, da er
gescheiter gewesen war wie wir alle, da er nicht an mir trinken wollte.
    Siehst Du, nun bist Du einmal geboren, nun kann ich schon immer ein wenig
pausieren, nun bist Du einmal da, ein jeder Augenblick ist mir lieb genug, um
dabei zu verweilen, ich mag den zweiten nicht herbei rufen, da er mich vom
ersten verdrnge. - Wo Du bist, ist Lieb und Gte, wo Du bist Natur! - Jetzt
wart ich's erst ab, da Du mir wieder schreibest: Nun, erzhl weiter. Dann
werd ich erst fragen: Nun, wo sind wir denn geblieben? - Und dann werd ich Dir
erzhlen von Deinen Groeltern, von Deinen Trumen, Schnheit, Stolz, Liebe usw.
Amen.
    Rtin, er lebt! Das Wort ging mir immer durch Mark und Bein, so oft es die
Mutter im erhhten Freudenton vortrug.

Das Schwert der Gefahr
Hngt oft an einem Haar,
Aber der Segen einer Ewigkeit
Liegt oft in einem Blick der Gnade bereit

kann man bei Deiner Geburt wohl sagen.
                                                                         Bettine

P.S.
    Schreib bald, Herzenskind, dann wirst Du auch bald wachsen, in die liebsten
Jahre kommen, wo Dein Mutwille Dich allen gefhrlich machte und ber alle Gefahr
hinweghob. - Soll ich Dir bekennen, da dieses Geschft mir Schmerzen macht, und
da die tausend Gedanken sich um mich herlagern, als wollten sie mich fr ewig
gefangennehmen?
    Zelter lutet und bummelt mir Deine Lieder vor wie eine Glocke, die von
einem faulen Kster angelutet wird, es geht immer Bim und zu spt wieder Bam.
Sie fallen alle bereinander her, Zelter ber Reichard, dieser ber Hummel,
dieser ber Righini und dieser wieder ber den Zelter; es knnte ein jeder sich
selbst ausprgeln, so htte er immer dem andern einen greren Gefallen getan,
als wenn er ihn zum Konzert eingeladen htte. Nur die Toten sollen sie mir ruhen
lassen und den Beethoven, der gleich bei seiner Geburt auf ihr Erbteil Verzicht
getan hat.
    Das gilt aber alles nichts... Lieber Freund! Wer Dich lieb hat wie ich, der
singt Dich im tiefsten Herzen, das kann aber keiner mit so breiten Knochen und
so langer Weste.
    Schreib bald, schreib gleich, wenn Du wtest, wie in einem einzigen Wort
von Dir oft ein schwerer Traum gelst wird! - Ruf mir nur zu: Kind, ich bin ja
bei Dir! Dann ist alles gut. Tu es.
    Wrde es Dich nicht interessieren, Briefe, die Du an Jugendfreunde
geschrieben, wieder zu bekommen? - Schreib darber, sie knnten Dich doch wohl
um so lebhafter in die damalige Zeit versetzen, und derselben zum Teil habhaft
zu werden, wre doch auch nicht unmglich, antworte mir, lieber Freund,
unterdessen will ich keinen Tag vergehen lassen, ohne an Deiner Aufgabe zu
arbeiten.

                                   An Bettine


Hier die Duette! In diesem Augenblick habe ich nicht mehr Fassung und Ruhe als
Dir zu sagen: fahre fort, so lieb und anmutig zu sein. La mich nun bald taufen!
Adieu.
    12. November 1810
                                                                              G.

                             Mein teuerster Freund!


Ich kenne Dich nicht! Nein, ich kenne Dich nicht! Ich kann Deine Worte
miverstehen, ich kann mir Sorgen um Dich machen, da Du doch Freiheit hast ber
aller Sklaverei, da doch Dein Antlitz nie vom Unglck berschattet war, und ich
kann Furcht haben bei dem edelsten Gastfreund des Glckes? - Die wahre Liebe hat
kein Bekmmernis. Ich habe mir oft vorgenommen, da ich Dich viel zu heilig
halten will als elende Angst um Dich zu hegen, und da Du in mir nur Trost und
Freude hervorbringen sollst. Sei es, wie es mag, hab ich Dich auch nicht, so hab
ich Dich doch, - und nicht wahr, in meinen Briefen, da fhlst Du, da ich
Wahrheit rede? Da hast Du mich, - und ich? - Weissagend verfolge ich die Zge
Deiner Feder, die Hand, die mir gndig ist, hat sie gefhrt, das Auge, das mir
wohl will, hat sie bersehen, und der Geist, der so vieles, so Verschiednes
umfngt, hat sich eine Minute lang ausschlielich zu mir gewendet - da hab ich
Dich, - soll ich Dir einen Kommentar hierzu machen? - Ein Augenblick ist ein
schicklicherer Raum fr eine gttliche Erscheinung als eine halbe Stunde - der
Augenblick, den Du mir schenkst, macht mich seliger als das ganze Leben.
    Heute am 24. hab ich die Duetten erhalten mit den wenigen Zeilen von Dir,
die mich aufs Geratewohl irrefhrten, es war mir, als knntest Du krank sein,
oder - ich wei nicht, was ich mir alles dachte, aber daran dachte ich nicht,
da Du in jenem Augenblick, blo, weil Dein Herz so voll war, so viel in wenig
Worten ausdrcken knntest, und endlich, fr Dich ist ja nichts zu frchten,
nichts zu zittern. Aber wenn auch! - Weh mir, wenn ich Dir nicht freudig folgen
knnte, wenn meine Liebe den Weg nicht fnde, der Dir immer so nah ist, wie mein
Herz dem Deinigen ist und war.
                                                                         Bettine

Hierbei schicke ich Dir Bltter mit allerlei Geschichten und Notizen aus Deinem
und der Mutter Leben. Es ist die Frage, ob Du es wirst brauchen knnen, schreib
mir, ob Dir mehr erforderlich ist, in diesem Fall mte ich das Notizbuch
zurckerhalten, was ich hier mitschicke, ich glaub aber gewi, da Du besser und
mehr darin finden wirst, als ich noch hinzusetzen knnte. Verzeih alles
berflssige, wozu denn wohl am ersten die Tintenkleckse und ausgestrichenen
Worte gehren.

                                   An Goethe


Die Himmel dehnen sich so weit vor mir, alle Berge, die ich je mit stillem Blick
ma, heben sich so unermelich, die Ebenen, die noch eben mit dem glhenden Rand
der aufgehenden Sonne begrenzt waren, sie haben keine Grenzen mehr. In die
Ewigkeit hinein. - Will denn sein Leben so viel Raum haben? -
    Von seiner Kindheit: wie er schon mit neun Wochen ngstliche Trume gehabt,
wie Gromutter und Grovater, Mutter und Vater und die Amme um seine Wiege
gestanden und lauschten, welche heftige Bewegungen sich in seinen Mienen
zeigten, und wenn er erwachte, in ein sehr betrbtes Weinen verfallen, oft auch
sehr heftig geschrien hat, so da ihm der Atem entging und die Eltern fr sein
Leben besorgt waren; sie schafften eine Klingel an, wenn sie merkten, da er im
Schlaf unruhig ward, klingelten und rasselten sie heftig, damit er bei dem
Aufwachen gleich den Traum vergessen mge; einmal hatte der Vater ihn auf dem
Arm und lie ihn in den Mond sehen, da fiel er pltzlich wie von etwas
erschttert, zurck und geriet so auer sich, da ihm der Vater Luft einblasen
mute, damit er nicht ersticke. - Diese kleinen Zuflle wrde ich in einem
Zeitraum von sechszig Jahren vergessen haben, sagte die Mutter, wenn nicht
sein fortwhrendes Leben mir dies alles geheiligt htte; denn soll ich die
Vorsehung nicht anbeten, wenn ich bedenke, da ein Leben damals von einem
Lufthauch abhing, das sich jetzt in tausend Herzen befestigt hat? - Und mir ist
es nun gar das einzige, denn Du kannst wohl denken, Bettine, da
Weltbegebenheiten mich nicht sehr anfechten, da Gesellschaften mich nicht
erfllen. Hier in meiner Einsamkeit, wo ich die Tage nacheinander zhle und
keiner vergeht, da ich nicht meines Sohnes gedenke, und alles ist mir wie
Gold.
    Er spielte nicht gern mit kleinen Kindern, sie muten denn sehr schn sein.
In einer Gesellschaft fing er pltzlich an zu weinen und schrie: Das schwarze
Kind soll hinaus, das kann ich nicht leiden, er hrte auch nicht auf mit
Weinen, bis er nach Haus kam, wo ihn die Mutter befragte ber die Unart, er
konnte sich nicht trsten ber des Kindes Hlichkeit. Damals war er drei Jahr
alt. - Die Bettine, welche auf einem Schemel zu Fen der Frau Rat sa, machte
ihre eignen Glossen darber und drckte der Mutter Knie ans Herz.
    Zu der kleinen Schwester Cornelia hatte er, da sie noch in der Wiege lag,
schon die zrtlichste Zuneigung, er trug ihr alles zu und wollte sie allein
nhren und pflegen und war eiferschtig, wenn man sie aus der Wiege nahm, in der
er sie beherrschte, da war sein Zorn nicht zu bndigen, er war berhaupt viel
mehr zum Zrnen wie zum Weinen zu bringen.
    Die Kche im Haus ging auf die Strae, an einem Sonntag morgen, da alles in
der Kirche war, geriet der kleine Wolfgang hinein und warf alles Geschirr
nacheinander zum Fenster hinaus, weil ihn das Rappeln freute und die Nachbarn,
die es ergtzte, ihn dazu aufmunterten; die Mutter, die aus der Kirche kam, war
sehr erstaunt, die Schsseln alle herausfliegen zu sehen, da war er eben fertig
und lachte so herzlich mit den Leuten auf der Strae, und die Mutter lachte mit.
    Oft sah er nach den Sternen, von denen man ihm sagte, da sie bei seiner
Geburt eingestanden haben, hier mute die Einbildungskraft der Mutter oft das
Unmgliche tun, um seinen Forschungen Genge zu leisten, und so hatte er bald
heraus, da Jupiter und Venus die Regenten und Beschtzer seiner Geschicke sein
wrden; kein Spielwerk konnte ihn nun mehr fesseln, als das Zahlbrett seines
Vaters, auf dem er mit Zahlpfennigen die Stellung der Gestirne nachmachte, wie
er sie gesehen hatte; er stellte dieses Zahlbrett an sein Bett und glaubte sich
dadurch dem Einflu seiner gnstigen Sterne nher gerckt; er sagte auch oft zur
Mutter sorgenvoll: Die Sterne werden mich doch nicht vergessen und werden
halten, was sie bei meiner Wiege versprochen haben? - Da sagte die Mutter:
Warum willst du denn mit Gewalt den Beistand der Sterne, da wir andre doch ohne
sie fertig werden mssen, da sagte er ganz stolz: Mit dem, was andern Leuten
gengt, kann ich nicht fertig werden; damals war er sieben Jahr alt.
    Sonderbar fiel es der Mutter auf, da er bei dem Tod seines jngern Bruders
Jakob, der sein Spielkamerad war, keine Trne vergo, er schien vielmehr eine
Art rger ber die Klagen der Eltern und Geschwister zu haben, da die Mutter nun
spter den Trotzigen fragte, ob er den Bruder nicht lieb gehabt habe, lief er in
seine Kammer, brachte unter dem Bett hervor eine Menge Papiere, die mit
Lektionen und Geschichtchen beschrieben waren; er sagte ihr, da er dies alles
gemacht habe, um es dem Bruder zu lehren.
    Die Mutter glaubte auch sich einen Anteil an seiner Darstellungsgabe
zuschreiben zu drfen, denn einmal, sagte sie, konnte ich nicht ermden zu
erzhlen, so wie er nicht ermdete zuzuhren; Luft, Feuer, Wasser und Erde
stellte ich ihm unter schnen Prinzessinnen vor, und alles, was in der ganzen
Natur vorging, dem ergab sich eine Bedeutung, an die ich bald selbst fester
glaubte als meine Zuhrer, und da wir uns erst zwischen den Gestirnen Straen
dachten, und da wir einst Sterne bewohnen wrden, und welchen groen Geistern
wir da oben begegnen wrden, da war kein Mensch so eifrig auf die Stunde des
Erzhlens mit den Kindern wie ich, ja, ich war im hchsten Grad begierig, unsere
kleinen eingebildeten Erzhlungen weiterzufhren, und eine Einladung, die mich
um einen solchen Abend brachte, war mir immer verdrielich. Da sa ich, und da
verschlang er mich bald mit seinen groen schwarzen Augen, und wenn das
Schicksal irgendeines Lieblings nicht recht nach seinem Sinn ging, da sah ich,
wie die Zornader an der Stirn schwoll, und wie er die Trnen verbi. Manchmal
griff er ein und sagte, noch eh ich meine Wendung genommen hatte: Nicht wahr,
Mutter, die Prinzessin heiratet nicht den verdammten Schneider, wenn er auch den
Riesen totschlgt; wenn ich nun Halt machte und die Katastrophe auf den
nchsten Abend verschob, so konnte ich sicher sein, da er bis dahin alles
zurechtgerckt hatte, und so ward mir denn meine Einbildungskraft, wo sie nicht
mehr zureichte, hufig durch die seine ersetzt; wenn ich denn am nchsten Abend
die Schicksalsfden nach seiner Angabe weiter lenkte und sagte: Du hast's
geraten, so ist's gekommen, da war er Feuer und Flamme, und man konnte sein
Herzchen unter der Halskrause schlagen sehen. Der Gromutter, die im Hinterhause
wohnte, und deren Liebling er war, vertraute er nun allemal seine Ansichten, wie
es mit der Erzhlung wohl noch werde, und von dieser erfuhr ich, wie ich seinen
Wnschen gem weiter im Text kommen solle, und so war ein geheimes
diplomatisches Treiben zwischen uns, das keiner an den andern verriet; so hatte
ich die Satisfaktion, zum Genu und Erstaunen der Zuhrenden, meine Mrchen
vorzutragen, und der Wolfgang, ohne je sich als den Urheber aller merkwrdigen
Ereignisse zu bekennen, sah mit glhenden Augen der Erfllung seiner khn
angelegten Plne entgegen und begrte das Ausmalen derselben mit
enthusiastischem Beifall. Diese schnen Abende, durch die sich der Ruhm meiner
Erzhlungskunst bald verbreitete, so da endlich alt und jung daran teilnahm,
sind mir eine sehr erquickliche Erinnerung. Das Welttheater war nicht so
reichhaltig, obschon es die Quelle war zu immer neuen Erfindungen, es tat durch
seine grausenhafte Wirklichkeit, die alles Fabelhafte berstieg, fr's erste der
Mrchenwelt Abbruch, das war das Erdbeben von Lissabon; alle Zeitungen waren
davon erfllt, alle Menschen argumentierten in wunderlicher Verwirrung, kurz, es
war ein Weltereignis, das bis in die entferntesten Gegenden alle Herzen
erschtterte; der kleine Wolfgang, der damals im siebenten Jahr war, hatte keine
Ruhe mehr; das brausende Meer, das in einem Nu alle Schiffe niederschluckte und
dann hinaufstieg am Ufer, um den ungeheuern kniglichen Palast zu verschlingen,
die hohen Trme, die zuvrderst unter dem Schutt der kleinern Huser begraben
wurden, die Flammen, die berall aus den Ruinen heraus endlich zusammenschlagen
und ein groes Feuermeer verbreiten, whrend eine Schar von Teufeln aus der Erde
hervorsteigt, um allen bsen Unfug an den Unglcklichen auszuben, die von
vielen tausend zugrunde Gegangnen noch brig waren, machten ihm einen ungeheuren
Eindruck. Jeden Abend enthielt die Zeitung neue Mr, bestimmtere Erzhlungen, in
den Kirchen hielt man Bupredigten, der Papst schrieb ein allgemeines Fasten
aus, in den katholischen Kirchen waren Requiem fr die vom Erdbeben
Verschlungenen. Betrachtungen aller Art wurden in Gegenwart der Kinder
vielseitig besprochen, die Bibel wurde aufgeschlagen, Grnde fr und wider
behauptet, dies alles beschftigte den Wolfgang tiefer, als einer ahnen konnte,
und er machte am Ende eine Auslegung davon, die alle an Weisheit bertraf.
    Nachdem er mit dem Grovater aus einer Predigt kam, in welcher die Weisheit
des Schpfers gleichsam gegen die betroffne Menschheit verteidigt wurde, und der
Vater ihn fragte, wie er die Predigt verstanden habe, sagte er: Am Ende mag
alles noch viel einfacher sein, als der Prediger meint, Gott wird wohl wissen,
da der unsterblichen Seele durch bses Schicksal kein Schaden geschehen kann.
- Von da an warst Du wieder oben auf, doch meinte die Mutter, da Deine
revolutionren Aufregungen bei diesem Erdbeben spter beim Prometheus wieder zum
Vorschein gekommen seien.
    La mich Dir noch erzhlen, da Dein Grovater zum Gedchtnis Deiner Geburt
einen Birnbaum in dem wohlgepflegten Garten vor dem Bockenheimer Tor gepflanzt
hat, der Baum ist sehr gro geworden, von seinen Frchten, die kstlich sind,
hab ich gegessen und - Du wrdest mich auslachen, wenn ich Dir alles sagen
wollte. Es war ein schner Frhling, sonnig und warm, der junge hochstmmige
Birnbaum war ber und ber bedeckt mit Blten, nun war's, glaub ich, am
Geburtstag der Mutter, da schafften die Kinder den grnen Sessel, auf dem sie
abends, wenn sie erzhlte, zu sitzen pflegte, und der darum der Mrchensessel
genannt wurde, in aller Stille in den Garten, putzten ihn auf mit Bndern und
Blumen, und nachdem Gste und Verwandte sich versammelt hatten, trat der
Wolfgang als Schfer gekleidet mit einer Hirtentasche, aus der eine Rolle mit
goldnen Buchstaben herabhing, mit einem grnen Kranz auf dem Kopf unter den
Birnbaum und hielt eine Anrede an den Sessel, als den Sitz der schnen Mrchen,
es war eine groe Freude, den schnen bekrnzten Knaben unter den blhenden
Zweigen zu sehen, wie er im Feuer der Rede, welche er mit groer Zuversicht
hielt, aufbrauste. Der zweite Teil dieses schnen Festes bestand in
Seifenblasen, die im Sonnenschein, von Kindern, welche den Mrchenstuhl
umkreisten, in die heitere Luft gehaucht, von Zephir aufgenommen und schwebend
hin und her geweht wurden; sooft eine Blase auf den gefeierten Stuhl sank,
schrie alles: Ein Mrchen! ein Mrchen! Wenn die Blase, von der krausen Wolle
des Tuches eine Weile gehalten, endlich platzte, schrien sie wieder: Das
Mrchen platzt. Die Nachbarsleute in den angrenzenden Grten guckten ber Mauer
und Verzunung und nahmen den lebhaftesten Anteil an diesem groen Jubel, so da
dies kleine Fest am Abend in der ganzen Stadt bekannt war. Die Stadt hat's
vergessen, die Mutter hat's behalten und es sich spter oft als eine Weissagung
Deiner Zukunft ausgelegt.
    Nun, lieber Goethe, mu ich Dir bekennen, da es mir das Herz
zusammenschnrt, wenn ich Dir diese einzelnen Dinge hintereinander hinschreibe,
die mit tausend Gedanken zusammenhngen, welche ich Dir weder erzhlen noch
sonst deutlich machen kann, denn Du liebst Dich nicht wie ich, und Dir mu dies
wohl unbedeutend erscheinen, whrend ich keinen Atemzug von Dir verlieren
mchte. - Da vieles sich nicht verwindet, wenn's einmal empfunden ist, da es
immer wiederkehrt, ist nicht traurig; aber da die Ufer ewig unerreichbar
bleiben, das schrft den Schmerz. - Wenn mir Deine Liebe zu meiner Mutter
durchklingt und ich berdenke das Ganze, dies Zurckhalten, dies Verbrausen der
Jugend auf tausend Wegen, - es mu sich ja doch einmal lsen. - Mein Leben: was
war's anders als ein tiefer Spiegel des Deinigen, es war liebende Ahnung, die
alles mit sich fortzieht, die mir von Dir Kunde gab; so war ich Dir nachgekommen
ans Licht, und so werd ich Dir nachziehen ins Dunkel. - Mein lieber Freund, der
mich nimmermehr verkennt! - Sieh ich lse mir das Rtsel auf mancherlei schne
Weise; aber, frag nicht, was es ist, und la das Herz gewhren, sag ich mir
hundertmal.
    Ich seh um mich emporwachsen Pflanzen seltner Art, sie haben Stacheln und
Duft, ich mag keine berhren, ich mag keine missen. Wer sich ins Leben
hereinwagt, der kann nur sich wieder durcharbeiten in die Freiheit; und ich
wei, da ich Dich einst noch festhalten werde und mit Dir sein und in Dir sein,
das ist das Ziel meiner Wnsche, das ist mein Glaube.
    Leb wohl, sei gesund und la Dir ein einheimischer Gedanke sein, da Du mich
wiedersehen wollest, vieles mcht ich vor Dir aussprechen.
    24. November

                                   An Goethe


Schn wie ein Engel warst Du, bist Du und bleibst Du, so waren auch in Deiner
frhesten Jugend aller Augen auf Dich gerichtet. Einmal stand jemand am Fenster
bei Deiner Mutter, da Du eben ber die Strae herkamst mit mehreren andern
Knaben, sie bemerkten, da Du sehr gravittisch einherschrittst, und hielten Dir
vor, da Du Dich mit Deinem Gradehalten sehr sonderbar von den andern Knaben
auszeichnetest. - Mit diesem mache ich den Anfang, sagtest Du, spter werd
ich mich noch mit allerlei auszeichnen; und das ist auch wahr geworden, sagte
die Mutter.
    Einmal zur Herbstlese, wo denn in Frankfurt am Abend in allen Grten
Feuerwerke abbrennen und von allen Seiten Raketen aufsteigen, bemerkte man in
den entferntesten Feldern, wo sich die Festlichkeit nicht hin erstreckt hatte,
viele Irrlichter, die hin und her hpften, bald auseinander, bald wieder eng
zusammen, endlich fingen sie gar an, figurierte Tnze aufzufhren, wenn man nun
nher drauf los kam, verlosch ein Irrlicht nach dem andern, manche taten noch
groe Stze und verschwanden, andere blieben mitten in der Luft und verloschen
dann pltzlich, andere setzten sich auf Hecken und Bume, weg waren sie, die
Leute fanden nichts, gingen wieder zurck, gleich fing der Tanz von vorne an;
ein Lichtlein nach dem andern stellte sich wieder ein und tanzte um die halbe
Stadt herum. Was war's? - Goethe, der mit vielen Kameraden, die sich Lichter auf
die Hte gesteckt hatten, da drauen herumtanzte.
    Das war Deiner Mutter eine der liebsten Anekdoten, sie konnte noch manches
dazu erzhlen, wie Du nach solchen Streichen immer lustig nach Hause kamst und
hundert Abenteuer gehabt usw. - Deiner Mutter war gut zuhren! -
    In seiner Kleidung war er nun ganz entsetzlich eigen, ich mute ihm tglich
drei Toiletten besorgen, auf einen Stuhl hing ich einen berrock, lange
Beinkleider, ordinre Weste, stellte ein Paar Stiefel dazu, auf den zweiten
einen Frack, seidne Strmpfe, die er schon angehabt hatte, Schuhe usw., auf den
dritten kam alles vom Feinsten nebst Degen und Haarbeutel, das erste zog er im
Hause an, das zweite, wenn er zu tglichen Bekannten ging, das dritte zum Gala;
kam ich nun am andern Tag hinein, da hatte ich Ordnung zu stiften, da standen
die Stiefeln auf den feinen Manschetten und Halskrausen, die Schuhe standen
gegen Osten und Westen, ein Stck lag da, das andre dort; da schttelte ich den
Staub aus den Kleidern, legte frische Wsche hin, brachte alles wieder ins
Geleis; wie ich nun so eine Weste nehme und sie am offnen Fenster recht herzhaft
in die Luft schwinge, fahren mir pltzlich eine Menge kleiner Steine ins
Gesicht, darber fing ich an zu fluchen, er kam hinzu, ich zanke ihn aus, die
Steine htten mir ja ein Aug aus dem Kopf schlagen knnen; - nun es hat Ihr ja
kein Aug ausgeschlagen, wo sind denn die Steine, ich mu sie wiederhaben, helf
Sie mir sie wieder suchen, sagte er; nun mu er sie wohl von seinem Schatz
bekommen haben, denn er bekmmerte sich gar nur um die Steine, es waren ordinre
Kieselsteinchen und Sand, da er den nicht mehr zusammenlesen konnte, war ihm
rgerlich, alles was noch da war, wickelte er sorgfltig in ein Papier und
trug's fort, den Tag vorher war er in Offenbach gewesen, da war ein Wirtshaus
zur Rose, die Tochter hie das schne Gretchen, er hatte sie sehr gern, das war
die erste, von der ich wei, da er sie lieb hatte.
    Bist Du bse, da die Mutter mir dies alles erzhlt hat? Diese Geschichte
habe ich nun ganz ungemein lieb. Deine Mutter hat sie mir wohl zwanzigmal
erzhlt, manchmal setzte sie hinzu, da die Sonne ins Fenster geschienen habe,
da Du rot geworden seist, da Du die aufgesammelten Steinchen fest ans Herz
gehalten und damit fortmarschiert, ohne auch nur eine Entschuldigung gemacht zu
haben, da sie ihr ins Gesicht geflogen. Siehst Du, was die alles gemerkt hat,
denn so klein die Begebenheit schien, war es ihr doch eine Quelle von freudiger
Betrachtung ber Deine Raschheit, funkelnde Augen, pochend Herz, rote Wangen
usw. - Es ergtzte sie ja noch in ihrer spten Zeit. - Diese und die folgende
Geschichte haben mir den lebhaftesten Eindruck gemacht, ich seh Dich in beiden
vor mir, in vollem Glanz Deiner Jugend. An einem hellen Wintertag, an dem Deine
Mutter Gste hatte, machtest Du ihr den Vorschlag, mit den Fremden an den Main
zu fahren. Mutter, Sie hat mich ja doch noch nicht Schlittschuhe laufen sehen,
und das Wetter ist heut so schn usw. - Ich zog meinen karmoisinroten Pelz an,
der einen langen Schlepp hatte und vorn herunter mit goldnen Spangen zugemacht
war, und so fahren wir denn hinaus, da schleift mein Sohn herum wie ein Pfeil
zwischen den andern durch, die Luft hatte ihm die Backen rot gemacht, und der
Puder war aus seinen braunen Haaren geflogen, wie er nun den karmoisinroten Pelz
sieht, kommt er herbei an die Kutsche und lacht mich ganz freundlich an, - nun,
was willst du? sag ich. Ei Mutter, Sie hat ja doch nicht kalt im Wagen, geb
Sie mir Ihren Sammetrock, - du wirst ihn doch nicht gar anziehen wollen, -
freilich will ich ihn anziehen. - Ich zieh halt meinen prchtig warmen Rock
aus, er zieht ihn an, schlgt die Schleppe ber den Arm, und da fhrt er hin,
wie ein Gttersohn auf dem Eis; Bettine, wenn du ihn gesehen httest!! - So was
Schnes gibt's nicht mehr, ich klatschte in die Hnde vor Lust! Mein Lebtag seh
ich noch, wie er den einen Brckenbogen hinaus und den andern wieder herein
lief, und wie da der Wind ihm den Schlepp lang hinten nachtrug, damals war Deine
Mutter mit auf dem Eis, der wollte er gefallen.
    Nun, bei dieser Geschichte kann ich wieder sagen, was ich Dir in Tplitz
sagte: da es mich immer durchglht, wenn ich an Deine Jugend denke, ja es
durchglht mich auch, und ich hab einen ewigen Genu daran. - Wie freut es
einem, den Baum vor der Haustr, den man seit der Kindheit kennt, im Frhjahr
wieder grnen und Blten gewinnen zu sehen; - wie freut es mich, da Du mir ewig
blhst, wenn zuzeiten Deine Blten eine innigere hhere Farbe ausstrahlen und
ich in lebhafter Erinnerung mein Gesicht in die Kelche hineinsenke und sie ganz
einatme. -
    Am 28. November
                                                                         Bettine

                                   An Goethe


Ich wei, da Du alles, was ich Dir von Dir erzhle, nicht wirst brauchen
knnen, ich hab in einer einsamen Zeit ber diesen einzelnen Momenten geschwebt
wie der Tau auf den Blumen, der im Sonnenschein ihre Farben spiegelt. Noch immer
seh ich Dich so verherrlicht, aber mir ist's unmglich, es Dir darstellend zu
beweisen, Du bist bescheiden und wirst's auf sich beruhen lassen, Du wirst mir's
gnnen, da Deine Erscheinung grade mich anstrahlte; ich war die Einsame, die
durch Zufall oder vielmehr durch bewutlosen Trieb zu Deinen Fen sich einfand.
- Es kostet mir Mhe, und ich kann nur ungengend darlegen, was so eng mit
meinem Herzen verbunden ist, das doch einmal in meiner Brust wohnt und sich
nicht so ganz ablst. - Indessen bedurft es nur ein Wort von Dir, da ich diese
Kleinodien rauh und ungeglttet, wie ich sie empfing, wieder in Deinen
ungeheueren Reichtum hereinwerfe; was in die Stirn, die liebendes Denken
gerndet hat, in meinen Blick, der mit Begeistrung auf Dich gerichtet war, in
die Lippen, die von diesem Liebesgeist gerhrt zu Dir sprachen, hierdurch
eingeprgt ward, das kann ich nicht wiedergeben, es entschwebt, wie der Ton der
Musik entschwebt und fr sich besteht in dem Augenblick, da sie aufgefhrt wird.
    Jeder Anekdote, die ich hinschreibe, mchte ich ein Lebewohl zurufen; - die
Blumen sollen abgebrochen werden, damit sie noch in ihrer Blte ins Herbarium
kommen. So hab ich mir's nicht gedacht, da ich Dir in meinem vorletzten Brief
meinen Garten so freundlich anbot, lchelst Du? - Du wirst doch alles
berflssige Laub absondern und des Taus noch des Sonnenscheins nicht mehr
achten, der auer meinem Territorium nicht mehr drauf ruht. - Der Schtze wird
nicht mde, tausend und tausend Pfeile zu versenden, der nach der Liebe zielt.
Er spannt abermal, zieht die Senne bis ans Aug heran, blickt scharf und zielt
scharf; und Du! Sieh diese verschonen Pfeile, die zu Deinen Fen hinsinken,
gndig an und denke, da ich mich nicht zurckhalten kann, - Dir ewig dasselbe
zu sagen. - Und berhrt Dich ein solcher Pfeil niemals, auch nur ein kleines
wenig? -
    Dein Grovater war ein Trumender und Traumdeuter, es ward ihm vieles ber
seine Familie durch Trume offenbar, einmal sagte er einen groen Brand, dann
die unvermutete Ankunft des Kaisers voraus; dieses war zwar nicht beachtet
worden, doch hatte es sich in der Stadt verbreitet und erregte allgemeines
Staunen, da es eintraf. Heimlich vertraute er seiner Frau, ihm habe getrumt,
da einer der Schffen ihm sehr verbindlicherweise seinen Platz angeboten habe,
nicht lange darauf starb dieser am Schlag, seine Stelle wurde durch die goldne
Kugel Deinem Grovater zuteil. Als der Schulthei gestorben war, wurde noch in
spter Nacht durch den Ratsdiener auf den andern Morgen eine auerordentliche
Ratsversammlung angezeigt, das Licht in seiner Laterne war abgebrannt, da rief
der Grovater aus seinem Bette: Gebt ihm ein neues Licht, denn der Mann hat ja
doch die Mhe blo fr mich. Kein Mensch hatte diese Worte beachtet, er selbst
uerte am andern Morgen nichts und schien es vergessen zu haben, seine lteste
Tochter (Deine Mutter) hatte sich's gemerkt und hatte einen festen Glauben dran,
wie nun der Vater ins Rathaus gegangen war, steckte sie sich nach ihrer eignen
Aussage in einen unmenschlichen Staat und frisierte sich bis an den Himmel. In
dieser Pracht setzte sie sich mit einem Buch in der Hand im Lehnsessel ans
Fenster. Mutter und Schwestern glaubten, die Schwester Prinze (so wurde sie
wegen ihrem Abscheu vor huslicher Arbeit und Liebe zur Kleiderpracht und Lesen
genannt) sei nrrisch, sie aber versicherte ihnen, sie wrden bald hinter die
Bettvorhnge kriechen, wenn die Ratsherren kommen wrden, ihnen wegen dem Vater,
der heute zum Syndikus erwhlt werde, zu gratulieren, da nun die Schwestern sie
noch wegen ihrer Leichtglubigkeit verlachten, sah sie vom hohen Sitz am Fenster
den Vater im stattlichen Gefolge vieler Ratsherren daherkommen; versteckt
euch, rief sie, dort kommt er und alle Ratsherren mit, keine wollt es
glauben, bis eine nach der andern den unfrisierten Kopf zum Fenster hinaus
steckte und die feierliche Prozession daherschreiten sah, liefen alle davon und
lieen die Prinze allein im Zimmer, um sie zu empfangen. Diese Traumgabe schien
auf die eine Schwester fortgeerbt zu haben, denn gleich nach Deines Grovaters
Tod, da man in Verlegenheit war, das Testament zu finden, trumte ihr, es sei
zwischen zwei Brettchen im Pult des Vaters zu finden, die durch ein geheimes
Schlo verbunden waren, man untersuchte das Pult und fand alles richtig. Deine
Mutter aber hatte das Talent nicht, sie meinte, es komme von ihrer heitern,
sorglosen Stimmung und ihrer groen Zuversicht zu allem Guten, grade dies mag
wohl ihre prophetische Gabe gewesen sein, denn sie sagte selbst, da sie in
dieser Beziehung sich nie getuscht habe.
    Deine Gromutter kam einst nach Mitternacht in die Schlafstube der Tchter
und blieb da bis am Morgen, weil ihr etwas begegnet war, was sie vor Angst sich
nicht zu sagen getraute, am andern Morgen erzhlte sie, da etwas im Zimmer
geraschelt habe wie Papier, in der Meinung, das Fenster sei offen und der Wind
jage die Papiere von des Vaters Schreibpult im anstoenden Studierzimmer umher,
sei sie aufgestanden, aber die Fenster seien geschlossen gewesen. Da sie wieder
im Bett lag, rauschte es immer nher und nher heran mit ngstlichem
Zusammenknittern von Papier, endlich seufzte es tief auf und noch einmal dicht
an ihrem Angesicht, da es sie kalt anwehte, darauf ist sie vor Angst zu den
Kindern gelaufen; kurz hiernach lie sich ein Fremder melden, da dieser nun auf
die Hausfrau zuging und ein ganz zerknittertes Papier ihr darreichte, wandelte
sie eine Ohnmacht an. Ein Freund von ihr, der in jener Nacht seinen
herannahenden Tod gesprt, hatte nach Papier verlangt, um der Freundin in einer
wichtigen Angelegenheit zu schreiben, aber noch ehe er fertig war, hatte er, vom
Todeskrampf ergriffen, das Papier gepackt, zerknittert und damit auf der
Bettdecke hin und her gefahren, endlich zweimal tief aufgeseufzt, und dann war
er verschieden; obschon nun das, was auf dem Papiere geschrieben war, nichts
Entscheidendes besagte, so konnte sich die Freundin doch vorstellen, was seine
letzte Bitte gewesen, Dein edler Grovater nahm sich einer kleinen Waise jenes
Freundes, die keine rechtlichen Ansprche an sein Erbe hatte, an, ward ihr
Vormund, legte eine Summe aus eignen Mitteln fr sie an, die Deine Gromutter
mit manchem kleinen Ersparnis mehrte.
    Seit diesem Augenblick verschmhte Deine Mutter keine Vorbedeutungen noch
hnliches, sie sagte: Wenn man es auch nicht glaubt, so soll man es auch nicht
leugnen oder gar verachten, das Herz werde durch dergleichen tief gerhrt. Das
ganze Schicksal entwickle sich oft an Begebenheiten, die so unbedeutend
erscheinen, da man ihrer gar nicht erwhne, und innerlich so gelenk und
heimlich arbeiten, da man es kaum empfinde; noch tglich, sagte sie, erleb
ich Begebenheiten, die kein andrer Mensch beachten wrde, aber sie sind meine
Welt, mein Genu und meine Herrlichkeit; wenn ich in einen Kreis von
langweiligen Menschen trete, denen die aufgehende Sonne kein Wunder mehr ist,
und die sich ber alles hinaus glauben, was sie nicht verstehen, so denk ich in
meiner Seele: ja, meint nur, ihr httet die Welt gefressen, wtet ihr, was die
Frau Rat heute alles erlebt hat! Sie sagte mir, da sie sich in ihrem ganzen
Leben nicht mit der ordinren Tagsweise habe begngen knnen, da ihr starker
Geist auch wichtige und tchtige Begebenheiten habe verdauen wollen, und da ihr
dies auch in vollem Mae begegnet sei, sie sei nicht allein um ihres Sohnes
willen da, sondern der Sohn auch um ihrentwillen; und sie knne sich wohl ihres
Anteils an Deinem Wirken und an Deinem Ruhm versichert halten, indem sich ja
auch kein vollendeteres und erhabeneres Glck denken lasse, als um des Sohnes
willen allgemein so geehrt zu werden; sie hatte recht, wer braucht das noch zu
beleuchten, es versteht sich von selbst. So entfernt Du von ihr warst, so lange
Zeit auch: Du warst nie besser verstanden als von ihr; whrend Gelehrte,
Philosophen und Kritiker Dich und Deine Werke untersuchten, war sie ein
lebendiges Beispiel, wie Du aufzunehmen seist. Sie sagte mir oft einzelne
Stellen aus Deinen Bchern vor, so zu rechter Zeit, so mit herrlichem Blick und
Ton, da in diesen auch meine Welt anfing, lebendigere Farbe zu empfangen, und
Geschwister und Freunde dagegen in die Schattenseite traten. Das Lied: O la
mich scheinen, bis ich werde legte sie herrlich aus, sie sagte, da dies allein
schon beweisen msse, welche tiefe Religion in Dir sei, denn Du habest den
Zustand darin beschrieben, in dem allein die Seele wieder sich zu Gott schwingen
knne, nmlich ohne Vorurteile, ohne selbstische Verdienste aus reiner Sehnsucht
zu ihrem Erzeuger; und da die Tugenden, mit denen man glaube, den Himmel
strmen zu knnen, lauter Narrenspossen seien, und da alles Verdienst vor der
Zuversicht der Unschuld die Segel streichen msse, diese sei der Born der Gnade,
der alle Snde abwasche, und jedem Menschen sei diese Unschuld eingeboren und
sei das Urprinzip aller Sehnsucht nach einem gttlichen Leben; auch in dem
verwirrtesten Gemt vermittele sich ein tiefer Zusammenhang mit seinem Schpfer,
in jener unschuldigen Liebe und Zuversicht, die sich trotz aller Verirrungen
nicht ausrotten lasse, an diese solle man sich halten, denn es sei Gott selber
im Menschen, der nicht wolle, da er in Verzweiflung aus dieser Welt in jene
bergehe, sondern mit Behagen und Geistesgegenwart, sonst wrde der Geist wie
ein Trunkenbold hinberstolpern und die ewigen Freuden durch sein Lamento
stren, und seine Albernheit wrde da keinen groen Respekt einflen, da man
ihm erst den Kopf wieder msse zurechtsetzen. Sie sagte von diesem Lied, es sei
der Geist der Wahrheit mit dem krftigen Leib der Natur angetan, und nannte es
ihr Glaubensbekenntnis, die Melodien waren elend und unwahr gegen den Nachdruck
ihres Vortrags und gegen das Gefhl, was in vollem Mae aus ihrer Stimme
hervorklang. Nur wer die Sehnsucht kennt; ihr Auge ruhte dabei auf dem Knopf des
Katharinenturms, der das letzte Ziel der Aussicht war, die sie vom Sitz an ihrem
Fenster hatte, die Lippen bewegten sich herb, die sie am End immer
schmerzlich-ernst schlo, whrend ihr Blick in die Ferne verloren glhte, es
war, als ob ihre Jugendsinne wieder anschwellen, dann drckte sie mir wohl die
Hand und berraschte mich mit den Worten: Du verstehst den Wolfgang und liebst
ihn. - Ihr Gedchtnis war nicht allein merkwrdig, es war sehr herrlich; der
Eindruck mchtiger Gefhle entwickelte sich in seiner vollen Gewalt bei ihren
Erinnerungen, und hier will ich Dir die Geschichte, die ich Dir schon in Mnchen
mitteilen wollte, und die so wunderbar mit ihrem Tode zusammenhing, als Beispiel
ihres groen Herzens hinschreiben, so einfach wie sie mir selbst es erzhlt hat.
Eh ich ins Rheingau reiste, kam ich, um Abschied zu nehmen, sie sagte, indem
sich ein Posthorn auf der Strae hren lie, da ihr dieser Ton immer noch das
Herz durchschneide, wie in ihrem siebenzehnten Jahre, damals war Karl VII., mit
dem Zunamen der Unglckliche, in Frankfurt, alles war voll Begeisterung ber
seine groe Schnheit, am Karfreitag sah sie ihn im langen schwarzen Mantel zu
Fu mit vielen Herren und schwarzgekleideten Pagen die Kirchen besuchen.
Himmel, was hatte der Mann fr Augen; wie melancholisch blickte er unter den
gesenkten Augenwimpern hervor! - Ich verlie ihn nicht, folgte ihm in alle
Kirchen, berall kniete er auf der letzten Bank unter den Bettlern und legte
sein Haupt eine Weile in die Hnde, wenn er wieder emporsah, war mir's allemal
wie ein Donnerschlag in der Brust; da ich nach Hause kam, fand ich mich nicht
mehr in die alte Lebensweise, es war, als ob Bett, Stuhl und Tisch nicht mehr an
dem gewohnten Ort stnden, es war Nacht geworden, man brachte Licht herein, ich
ging ans Fenster und sah hinaus auf die dunklen Straen, und wie ich die in der
Stube von dem Kaiser sprechen hrte, da zitterte ich wie Espenlaub, am Abend in
meiner Kammer legte ich mich vor meinem Bett auf die Knie und hielt meinen Kopf
in den Hnden wie er, es war nicht anders, wie wenn ein groes Tor in meiner
Brust geffnet wr; meine Schwester, die ihn enthusiastisch pries, suchte jede
Gelegenheit, ihn zu sehen, ich ging mit, ohne da einer ahnte, wie tief es mir
zu Herzen gehe, einmal, da der Kaiser vorberfuhr, sprang sie auf einen
Prallstein am Wege und rief ihm ein lautes Vivat zu, er sah heraus und winkte
freundlich mit dem Schnupftuch, sie prahlte sich sehr, da der Kaiser ihr so
freundlich gewinkt habe, ich war aber heimlich berzeugt, da der Gru mir
gegolten habe, denn im Vorberfahren sah er noch einmal rckwrts nach mir; ja
beinah jeden Tag, wo ich Gelegenheit hatte, ihn zu sehen, ereignete sich etwas,
was ich mir als ein Zeichen seiner Gunst auslegen konnte, und am Abend, in
meiner Schlafkammer, kniete ich allemal vor meinem Bett und hielt den Kopf in
meinen Hnden, wie ich von ihm am Karfreitag in der Kirche gesehen hatte, und
dann berlegte ich, was mir alles mit ihm begegnet war, und so baute sich ein
geheimes Liebeseinverstndnis in meinem Herzen auf, von dem mir unmglich war zu
glauben, da er nichts davon ahne, ich glaubte gewi, er habe meine Wohnung
erforscht, da er jetzt fter durch unsere Gasse fuhr wie sonst und allemal
heraufsah nach den Fenstern und mich grte. O, wie war ich den vollen Tag so
selig, wo er mir am Morgen einen Gru gespendet hatte; da kann ich wohl sagen,
da ich weinte vor Lust. - Wie er einmal offne Tafel hielt, drngte ich mich
durch die Wachen und kam in den Saal, statt auf die Galerie. Es wurde in die
Trompeten gestoen, bei dem dritten Sto erschien er in einem roten
Sammetmantel, den ihm zwei Kammerherren abnahmen, er ging langsam mit etwas
gebeugtem Haupt. Ich war ihm ganz nah und dachte an nichts, da ich auf dem
unrechten Platz wre, seine Gesundheit wurde von allen anwesenden groen Herren
getrunken, und die Trompeten schmetterten drein, da jauchzte ich laut mit, der
Kaiser sah mich an, er nahm den Becher, um Bescheid zu tun und nickte mir, ja,
da kam mir's vor, als htte er den Becher mir bringen wollen, und ich mu noch
heute daran glauben, es wrde mir zuviel kosten, wenn ich diesen Gedanken, dem
ich so viel Glckstrnen geweint habe, aufgeben mte, warum sollte er auch
nicht, er mute ja wohl die groe Begeistrung in meinen Augen lesen; damals im
Saal bei dem Geschmetter der Pauken und Trompeten, die den Trunk, womit er den
Frsten Bescheid tat, begleiteten, ward ich ganz elend und betubt, so sehr nahm
ich mir diese eingebildete Ehre zu Herzen, meine Schwester hatte Mhe, mich
hinauszubringen an die frische Luft, sie schmlte mit mir, da sie wegen meiner
des Vergngens verlustig war, den Kaiser speisen zu sehen, sie wollte auch,
nachdem ich am Rhrbrunnen Wasser getrunken, versuchen, wieder hineinzukommen,
aber eine geheime Stimme sagte mir, da ich an dem, was mir heute beschert
geworden, mir solle gengen lassen, und ging nicht wieder mit; nein, ich suchte
meine einsame Schlafkammer auf und setzte mich auf den Stuhl am Bett und weinte
dem Kaiser schmerzlich se Trnen der heiesten Liebe, am andern Tag reiste er
ab, ich lag frh morgens um vier Uhr in meinem Bett, der Tag fing eben an zu
grauen, es war am 17. April, da hrte ich fnf Posthrner blasen, das war er,
ich sprang aus dem Bett, vor bergroer Eile fiel ich in die Mitte der Stube und
tat mir weh, ich achtete es nicht und sprang ans Fenster, in dem Augenblick fuhr
der Kaiser vorbei, er sah schon nach meinem Fenster, noch eh ich es aufgerissen
hatte, er warf mir Kuhnde zu und winkte mir mit dem Schnupftuch, bis er die
Gasse hinaus war. Von der Zeit an habe ich kein Posthorn blasen hren, ohne
dieses Abschieds zu gedenken, und bis auf den heutigen Tag, wo ich den
Lebensstrom seiner ganzen Lnge nach durchschifft habe und eben im Begriff bin,
zu landen, greift mich sein weitschallender Ton noch schmerzlich an, und wo so
vieles, worauf die Menschen Wert legen, rund um mich versunken ist, ohne da ich
Kummer darum habe. Soll man da nicht wunderliche Glossen machen, wenn man
erleben mu, da eine Leidenschaft, die gleich im Entstehen eine Chimre war,
alles Wirkliche berdauert und sich in einem Herzen behauptet, dem lngst solche
Ansprche als Narrheit verpnt sind? Ich hab auch nie Lust gehabt, davon zu
sprechen, es ist heute das erstemal. Bei dem Fall, den ich damals vor bergroer
Eile tat, hatte ich mir das Knie verwundet, an einem groen Brettnagel, der
etwas hoch aus den Dielen hervorstand, hatte ich mir eine tiefe Wunde ber dem
rechten Knie geschlagen, der scharfgeschlagne Kopf des Nagels bildete die Narbe
als einen sehr feinen regelmigen Stern, den ich oft darauf ansah whrend den
vier Wochen, in denen bald darauf der Tod des Kaisers mit allen Glocken jeden
Nachmittag eine ganze Stunde eingelutet wurde, ach, was hab ich da fr
schmerzliche Stunden gehabt, wenn der Dom anfing zu luten mit der groen
Glocke, es kamen erst so einzelne mchtige Schlge, als wanke er trostlos hin
und her, nach und nach klang das Gelut der kleinen Glocken und der ferneren
Kirchen mit, es war, als ob alle ber den Trauerfall seufzten und weinten; und
die Luft war so schauerlich, es war gleich bei Sonnenuntergang, da hrte es
wieder auf zu luten, eine Glocke nach der andern schwieg, bis der Dom, so wie
er angefangen hatte zu klagen, auch die allerletzten Tne in die Nachtdmmerung
seufzte; damals war die Narbe ber meinem Knie noch ganz frisch, ich betrachtete
sie jeden Tag und erinnerte mich dabei an alles.
    Deine Mutter zeigte mir ihr Knie, ber dem das Mal in Form eines sehr
deutlichen regelmigen Sternes ausgebildet war, sie reichte mir die Hand zum
Abschied und sagte mir noch in der Tr, sie habe niemals hiervon mit jemand
gesprochen als nur mit mir; wie ich kaum im Rheingau war, schrieb ich mir aus
der Erinnerung so viel wie mglich mit ihren eignen Worten alles auf, denn ich
dachte gleich, da Dich dies gewi einmal interessieren msse, nun hat aber der
Mutter Tod dieser kindlichen Liebesgeschichte, von der ich mir denken kann, da
sie kein edles mnnliches Herz, viel weniger den Kaiser wrde haben ungerhrt
gelassen, eine herrliche Krone aufgesetzt und sie zu etwas vollendet Schnem
gestempelt. - Im September wurde mir ins Rheingau geschrieben, die Mutter sei
nicht wohl, ich beeilte meine Rckkehr, mein erster Gang war zu ihr, der Arzt
war grade bei ihr, sie sah sehr ernst aus, als er weg war, reichte sie mir
lchelnd das Rezept hin und sagte: Da lese, welche Vorbedeutung mag das haben,
ein Umschlag von Wein, Myrrhen, l und Lorbeerblttern, um mein Knie zu strken,
das mich seit diesem Sommer anfing zu schmerzen, und endlich hat sich Wasser
unter der Narbe gesammelt, du wirst aber sehen, es wird nichts helfen mit diesen
kaiserlichen Spezialien von Lorbeer, Wein und l, womit die Kaiser bei der
Krnung gesalbt werden. Ich seh das schon kommen, da das Wasser sich nach dem
Herzen ziehen wird, und da wird es gleich aus sein; sie sagte mir Lebewohl und
sie wolle mir sagen lassen, wenn ich wiederkommen solle; ein paar Tage darauf
lie sie mich rufen, sie lag zu Bett, sie sagte: Heute lieg ich wieder zu Bett
wie damals, als ich kaum sechszehn Jahr alt war, an derselben Wunde; ich lachte
mit ihr hierber und sagte ihr scherzweise viel, was sie rhrte und erfreute; da
sah sie mich noch einmal recht feurig an, sie drckte mir die Hand und sagte:
Du bist so recht geeignet, um mich in dieser Leidenszeit aufrecht zu halten,
denn ich wei wohl, da es mit mir zu Ende geht. Sie sprach noch ein paar Worte
von Dir, da ich nicht aufhren sollte, Dich zu lieben, und ihrem Enkel solle
ich zu Weihnachten noch einmal die gewohnten Zuckerwerke in ihrem Namen senden,
zwei Tage drauf, am Abend, wo ein Konzert in ihrer Nhe gegeben wurde, sagte
sie: Nun will ich im Einschlafen an die Musik denken, die mich bald im Himmel
empfangen wird, sie lie sich auch noch Haare abschneiden und sagte, man solle
sie mir nach ihrem Tode geben nebst einem Familienbild von Seekatz, worauf sie
mit Deinem Vater, Deiner Schwester und Dir als Schfer gekleidet in anmutiger
Gegend abgemalt ist, am andern Morgen war sie nicht mehr, sie war nchtlich
hinbergeschlummert.
    Das ist die Geschichte, die ich Dir schon in Mnchen versprochen hatte,
jetzt, wo sie niedergeschrieben ist, wei ich nicht, wie Du sie aufnehmen wirst,
mir war sie immer als etwas ganz Auerordentliches vorgekommen, und ich habe bei
ihr so manche Gelbde getan.
    Von Deinem Vater erzhlte sie mir auch viel Schnes, er selbst war ein
schner Mann, sie heiratete ihn ohne bestimmte Neigung, sie wute ihn auf
mancherlei Weise zum Vorteil der Kinder zu lenken, denen er mit einer gewissen
Strenge im Lernen zusetzte, doch mu er auch sehr freundlich gegen Dich gewesen
sein, da er stundenlang mit Dir von zuknftigen Reisen sprach und Dir Deine
Zukunft so glanzvoll wie mglich ausmalte, von einem groen Hausbau, den Dein
Vater unternahm, erzhlte die Mutter auch und wie sie Dich da als junges Kind
oft mit groen Sorgen habe auf den Gersten herumklettern sehen. Als der Bau
beendigt war, der Euer altes rumpeliges Haus mit Windeltreppen und ungleichen
Etagen in eine schne anmutige Wohnung umschuf, in der wertvolle
Kunstgegenstnde mit Geschmack die Zimmer verzierten, da richtete der Vater mit
groer Umstndlichkeit eine Bibliothek ein, bei der Du beschftigt wurdest. ber
Deines Vaters Leidenschaft zum Reisen erzhlte die Mutter sehr viel.
    Seine Zimmer waren mit Landkarten, Planen von groen Stdten behngt, und
whrend Du die Reisebeschreibung vorlasest, spazierte er mit dem Finger darauf
herum, um jeden Punkt aufzusuchen, dies sagte weder Deiner Ungeduld noch dem
eilfertigen Temperament der Mutter zu, Ihr sehntet Euch nach Hindernissen
solcher langweiligen Winterabende, die denn endlich auch durch die
Einquartierung eines franzsischen Kommandanten in die Prachtstuben vllig
unterbrochen wurden, hierdurch war nichts gebessert, der Vater war nicht zu
trsten, da seine kaum eingerichtete Wohnung, die ihm so manches Opfer gekostet
hatte, der Einquartierung preisgegeben war, daraus erwuchs mancherlei Not, die
Deine Mutter trefflich auszugleichen verstand; ein paar Bltter mit Notizen
schicke ich noch mit, ich kann sie nicht besser ausmalen, Dir aber knnen sie
wohl zur Wiederaufweckung von tausenderlei Dingen dienen, die Du dann auch
wieder in ihrem Zusammenhang finden wirst, die Liebesgeschichten aus Offenbach
mit einem gewissen Gretchen, die nchtlichen Spaziergnge und was dergleichen
mehr, hat Deine Mutter nie im Zusammenhang erzhlt, und Gott wei, ich hab mich
auch gescheut, danach zu fragen.
                                                                         Bettine

                                   An Goethe


Was mich so lange gefangen hielt, war die Musik, ungeschnittne Federn,
schlechtes Papier, dicke Tinte, es treffen immer viel Umstnde zusammen. Am 4.
Dezember war kalt und schauerlich Wetter, es wechselte ab im Schneien, Regnen
und Eisen - - - - - - - - - - was hab ich nun besseres zu tun, als Dein Herz
warmzuhalten, die Unterweste hab ich so schmeichelnd warm gemacht als mir nur
mglich. Denk an mich.
    Ich habe des Frsten Radziwill seine Musik aus dem Faust gehrt, das Lied
vom Schfer ist so einzig lebendig darstellend, kurz, alle lbliche
Eigenschaften besitzend, da es gewi nimmermehr so trefflich kann komponiert
werden. Das Chor: Drinnen sitzt einer gefangen, es geht einem durch Mark und
Bein. - Das Chor der Geister, wo Faust einschlummert, herrlich! Man hrt den
Polen durch, ein Deutscher htt es nicht so angefangen, um so reizender. Es mu
so leicht vorgetragen werden wie fliegende Spinnweb in den Sommerabenden.
    Zelter ist manchmal bei uns, ich suche herauszubringen, was er ist.
Ungeschliffen ist er zwar, recht und unrecht hat er auch, Dich liebzuhaben
behauptet er auch, er mchte der Welt dienen und fhrt Klage, da sie sich's
nicht will gefallen lassen, und da er alle Weisheit fr sich behalten mu.
Einen Standpunkt hat er sich erwhlt, von dem aus er sie von oben herab
beschaut. Und der Welt ist's einerlei, da er mit den Krhen auf der Zinne sitzt
und sie sich auf ihren Gemeinpltzen tummeln sieht. An der Liedertafel ist er
Csar und freut sich seiner Siege, in der Singakademie ist er Napoleon und jagt
durch sein Machtwort alles in Schrecken, und seine Truppen gehen mit Zuversicht
durch dick und dnn; zum Glck ist gesungen nicht gehauen und gestochen. Seine
Leibgarde, der Ba, hat den Katarrh. In der Welt, in der Gesellschaft und auf
Reisen, da ist er Goethe, und zwar ein recht menschlicher, voll herablassender
Gte, er wandelt, er steht, wirft ein kurzes Wort hin, nickt freundlich zu
unbedeutenden Dingen, hlt die Hnde auf den Rcken, das macht sich alles; nur
zuweilen speit er aus, und zwar herzhaft, das trifft nicht, da geht die ganze
Illusion zum Teufel.
    Die Verwirrung, die das Magische in jeder Kunst bei den Philistern
veranlat, ist bei der Musik auf den hchsten Grad gestiegen; Zelter zum
Beispiel lt nichts die Maut passieren, was er nicht schon versteht, und
eigentlich ist das doch nur Musik, was grade da beginnt, wo der Verstand nicht
mehr ausreicht, und die ewig vernichtenden Quergeister, die es so gut meinen,
wenn sie zuvrderst das Verstndliche in der Kunst fordern: da die nicht
begreifen, da sie das hchste Element einer gttlichen Sprache herabwrdigen,
wenn sie es nur mit dem ausfllen, was sie verstehen, indem sie ja doch nur das
Gemeine verstehen, und da sie hhere Offenbarung nie erfahren, wenn sie ewig
gescheiter sein wollen, wie ihre Botschafter, die Phantasie und die Begeistrung.
Obschon in der Musik die Zauberformeln ewig lebendig sind, so spricht sie der
Philister, vor Schreck sie nicht zu verstehen, oft nur halb, oft rckwrts aus,
und nun stehen die sonst so beweglichen, blitzenden, nakalt, langwierig,
beschwerlich und freilich unverstndlich im Weg.
    Dagegen ist der Begeisterte ein anderer: mit heimlicher Zuversicht lauscht
er und wird eine Welt gewahr, sie lt sich nicht definieren, sie kann dem Gemt
wohl ihre Wirkung, aber nicht ihren Ursprung mitteilen, daher die pltzliche
reife Erscheinung des Genies, das lang in ungebundner Selbstbeschauung zerstreut
war, nun in sich selbst erhht, hervorbricht ans Tageslicht, unbekmmert, ob die
Ungeweihten es verstehen, da es mit Gott spricht (Beethoven). So steht's mit der
Musik, das Genie kann nicht offenbar werden, weil die Philister nichts
anerkennen, als was sie verstehen. - Wenn ich mir da meinen Beethoven denke,
der, den eignen Geist fhlend, freudig ausruft: Ich bin elektrischer Natur, und
darum mache ich so herrliche Musik!
    Viele Sinne zu einer Erscheinung des Geistes. Stetes lebhaftes Wirken des
Geistes auf die Sinne (Menschen), ohne welche kein Geist, keine Musik.
    Wollust, ins Vergangne zu schauen wie durch Kristall, Einsicht der
Beherrschung, der Tragung, der Erregung des Geistes; - nimmermehr in der Musik,
was verklungen ist, hatte seinen eignen Tempel. Der ist mit ihm versunken, Musik
kann nur ewig neu erstehen.
    Sonderbares Schicksal der Musiksprache, nicht verstanden zu werden. Daher
immer die Wut gegen das, was noch nicht gehrt war, daher der Ausdruck:
Unerhrt. Dem Genie in der Musik steht der Gelehrte in der Musik allemal als
ein Holzbock gegenber (Zelter mu vermeiden, dem Beethoven gegenberzustehen),
das Bekannte vertrgt er, nicht weil er es begreift, sondern weil er es gewohnt
ist wie der Esel den tglichen Weg. Was kann einer noch, wenn er auch alles
wollte, solang er nicht mit dem Genius sein eignes Leben fhrt, da er nicht
Rechenschaft zu geben hat und die Gelehrsamkeit ihm nicht hineinpfuschen darf.
Die Gelehrsamkeit versteht ja doch nur hchstens, was schon da war, aber nicht,
was da kommen soll, er kann die Geister nicht lsen vom Buchstaben, vom Gesetz.
Jede Kunst steht eigenmchtig da, den Tod zu verdrngen, den Menschen in den
Himmel zu fhren; aber wo sie die Philister bewachen und als Meister
lossprechen, da steht sie mit geschornem Haupt, beschmt, was freier Wille,
freies Leben sein soll, ist Uhrwerk. Und da mag nun einer zuhren, glauben und
hoffen, es wird doch nichts draus. Nur durch Wege konnte man dazu gelangen, die
dem Philister verschttet sind, Gebet, Verschwiegenheit des Herzens im stillen
Vertrauen auf die ewige Weisheit, auch in dem Unbegreiflichen. - Da stehen wir
an den unbersteiglichen Bergen, und doch: da oben nur lernt man die Wollust des
Atmens verstehen.
    Der Frau das kleine Andenken mit meinem Glckwunsch zum neuen Jahr. Dem Hrn.
R. die ungemachte Weste, seine Vollkommenheit hat mich in Tplitz zu sehr
geblendet, als da ich mir das rechte Ma htte denken knnen, die
Vorstecknadeln seien hier zu geschmacklos, als da ich ihm eine htte schicken
mgen, aber lauter und lauter Vergimeinnicht in der Weste! - Er mag nicht wenig
stolz darauf sein. Sollte sein Geschmack noch nicht soweit gebildet sein, dies
schn zu finden, so soll er nur auf mein Wort glauben, da ihn alle Menschen
darum beneiden werden; noch mu ich erinnern, da sie als Unterweste getragen
wird. Nun, er wird mir gewi schreiben und wird sich bedanken. - Und Du? - hm.
Du Einziger, der mir den Tod bitter macht! -
                                                                         Bettine

Gr doch die Frau recht herzlich von mir, - es ist ihr doch niemand so von
Herzen gut wie ich.
    Adieu Magnetberg. - Wollt ich auch da - und dorthin die Fahrt lenken, an Dir
wrden alle Schiffe scheitern.

Adieu einzig Erbteil meiner Mutter.
Adieu Brunnen, aus dem ich trinke.


                                   An Bettine

Du erscheinst von Zeit zu Zeit, liebe Bettine, als ein wohlttiger Genius, bald
persnlich, bald mit guten Gaben. Auch diesmal hast Du viel Freude angerichtet,
wofr Dir der schnste Dank von allen abgetragen wird. - - - - - - - - - - - - -
- -
    Da Du mit Zeltern manchmal zusammen bist, ist mir lieb, ich hoffe immer
noch, Du wirst Dich noch besser in ihn finden, es knnte mir viel Freude machen.
Du bist vielseitig genug, aber auch manchmal ein recht beschrnkter Eigensinn,
und besonders, was die Musik betrifft, hast Du wunderliche Grillen in Deinem
Kpfchen erstarren lassen, die mir insofern lieb sind, weil sie Dein gehren,
deswegen ich Dich auch keineswegs deshalb meistern noch qulen will; im
Gegenteil, wenn ich Dir ein unverhohlnes Bekenntnis machen soll, so wnsch ich
Deine Gedanken ber Kunst berhaupt wie ber die Musik mir zugewendet. In
einsamen Stunden kannst Du nichts Bessers tun als Deinem lieben Eigensinn
nachhngen und ihn mir trauen, ich will Dir auch nicht verhehlen, da Deine
Ansichten trotz allem Absonderlichen einen gewissen Anklang in mir haben, und so
manches, was ich in frherer Zeit wohl auch in feinem Herzen getragen, wieder
anregen, was mir denn in diesem Augenblick sehr zustatten kommt; bei Dir wre
sehr zu wnschen, was die Weltweisen als die wesentlichste Bedingung der
Unsterblichkeit fordern, da nmlich der ganze Mensch aus sich heraustreten
msse ans Licht. Ich mu Dir doch auf's dringendste anempfehlen, diesen weisen
Rat so viel wie mglich nachzukommen, denn obschon ich nicht glaube, da
hierdurch alles Unverstandne und Rtselhafte gengend gelst wrde, so wren
doch wohl die erfreulichsten Resultate davon zu erwarten.
    Von den guten Musiksachen, die ich Dir verdanke, ist schon gar manches
einstudieret und wird oft wiederholt. berhaupt geht unsre kleine musikalische
Anstalt diesen Winter recht ruhig und ordentlich fort.
    Von mir kann ich Dir wenig sagen, als da ich mich wohl befinde, welches
denn auch sehr gut ist. Fr lauter uerlichkeiten hat sich von ihnen nichts
entwickeln knnen. Ich denke, das Frhjahr und einige Einsamkeit wird das Beste
tun. Ich danke Dir zum schnsten fr das Evangelium juventutis, wovon Du mir
einige Perikopen gesendet hast. Fahre fort von Zeit zu Zeit, wie es Dir der
Geist eingibt.
    Und nun lebe wohl und habe nochmals Dank fr die warme Glanzweste. Meine
Frau grt und dankt zum schnsten. Riemer hat wohl schon selbst geschrieben.
Jena, wo ich mich auf vierzehn Tage hinbegeben.
    Den 11. Januar 1811
                                                                              G.

                                   An Goethe


Also ist mein lieber Freund allein! - Das freut mich, da Du allein bist, Denke
meiner! - Lege die Hand an die Stirne und denke meiner, da ich auch allein bin.
In beiliegenden Blttern der Beweis, da meine Einsamkeit mit Dir erfllt ist,
ja, wie sollte ich anders zu solchen Anschauungen kommen, als indem ich mich in
Deine Gegenwart denke.
    Ich habe eine kalte Nacht verwacht, um meinen Gedanken nachzugehen, weil Du
so freundlich alles zu wissen verlangst, ich hab doch nicht alles aufschreiben
knnen, weil diese Gedanken zu flchtig sind. Ach ja, Goethe, wenn ich alles
aufschreiben wollte, wie wunderlich wrde das sein. Nimm vorlieb, ergnze Dir
alles in meinem Sinn, in dem Du ja doch zu Hause bist. Du und kein andrer hat
mich je gemahnt, Dir meine Seele mitzuteilen, und ich mchte Dir nichts
vorenthalten, darum mcht ich aus mir heraus ans Licht treten, weil Du allein
mich erleuchtest.
    Beiliegende Bltter geschrieben in der Montagnacht.
    ber Kunst. Ich hab sie nicht studiert, wei nichts von ihrer Entstehung,
ihrer Geschichte, ihrem Standpunkt. Wie sie einwirkt, wie die Menschen sie
verstehen, das scheint mir unecht.
    Die Kunst ist Heiligung der sinnlichen Natur, hiermit sag ich alles, was ich
von ihr wei. Was geliebt wird, das soll der Liebe dienen, der Geist ist das
geliebte Kind Gottes, Gott erwhlt ihn zum Dienst der sinnlichen Natur, das ist
die Kunst. Offenbarung des Geistes in den Sinnen ist die Kunst. Was Du fhlst,
das wird Gedanke und was Du denkst, was Du zu erdenken strebst, das wird
sinnliches Gefhl. Was die Menschen in der Kunst zusammentragen, was sie
hervorbringen, wie sie sich durcharbeiten, was sie zu viel oder zu wenig tun,
das mchte manchen Widerspruch erdulden, aber immer ist es ein Buchstabieren des
gttlichen Es werde.
    Was kann uns ergreifen an der Darstellung einer Gestalt, die sich nicht
regt, die den Moment ihrer geistigen Tendenz nicht zu entwickeln vermag? - Was
kann uns durchdringen in einer gemalten Luftschicht, in welcher die Ahnung des
steigenden Lichts nie erfllt wird? - Was bewegt uns zu heimatlichem Sehnen in
der gemalten Htte sogar? Was zu dem vertraulichen Hinneigen zum nachgeahmten
Tiere? - Wenn es nicht eine Sanktion des keimenden Geistes der Erzeugung ist!
    Ach, was fragst Du nach der Kunst, ich kann Dir nichts Gengendes sagen?
Frage nach der Liebe, die ist meine Kunst, in ihr soll ich darstellen, in ihr
soll ich mich fassen und heiligen.
    Ich frchte mich vor Dir, ich frche mich vor dem Geist, den Du in mir
aufstehen heiest, weil ich ihn nicht aussprechen kann. Du sagst in Deinem
Brief, der ganze Mensch msse aus sich heraustreten ans Licht; nie hat dies
einfache untrgliche Gebot mir frher eingeleuchtet, jetzt aber, wo Deine
Weisheit mich ans Licht fordert, was hab ich da aufzuweisen, als nur
Verschuldungen gegen diesen inneren Menschen; siehe da! Er war mihandelt und
unterdrckt. - Ist aber dieses Hervortreten des innern Menschen ans Licht nicht
die Kunst? - Dieser innere Mensch, der ans Licht begehrt, da ihm Gottes Finger
die Zunge lse, das Gehr entbinde, alle Sinne erwecke, da er empfange und
ausgebe! - Und ist hier die Liebe nicht allein Meisterin und wir ihre Schler in
jedem Werke, das wir durch ihre Inspiration vollbringen?
    Kunstwerke sind zwar allein das, was wir Kunst nennen, durch was wir die
Kunst zu erkennen und zu genieen glauben. Aber soweit die Erzeugung Gottes in
Herz und Geist erhaben ist ber die Begriffe und Mitteilungen, die wir uns von
ihm machen, ber die Gesetze, die von ihm unter uns im zeitlichen Leben gelten
sollen, ebenso erhaben ist die Kunst ber das, was die Menschen unter sich von
ihr geltend machen. Wer sie zu verstehen whnt, der wird nicht mehr leisten, als
was der Verstand beherrscht. Wessen Sinne aber ihrem Geist unterworfen sind, der
hat die Offenbarung.
    
    Alles Erzeugnis der Kunst ist Symbol der Offenbarung, und da hat oft der
auffassende Geist mehr teil an der Offenbarung als der erzeugende. - Die Kunst
ist Zeugnis, da die Sprache einer hheren Welt deutlich in der unsern vernommen
wird, und wenn wir sie auslegen zu wollen uns nicht vermessen, so wird sie
selbst die Vorbereitung jenes hheren Geisteslebens in uns bewirken, von dem sie
die Sprache ist. Es ist nicht ntig, da wir sie verstehen, aber da wir an sie
glauben. Der Glaube ist der Same, durch den ihr Geist in uns aufgeht, so wie
durch ihn alle Weisheit aufgeht, da er der Same ist einer unsterblichen Welt. Da
das hchste Wunder wahr ist, so mu wohl alles, was dazwischen liegt, eine
Annherung zur Wahrheit sein, und nur der richtende Menschengeist fhrt in die
Irre. Was kann und darf uns billiger Weise noch wundern als unsre eigne
Kleinheit? - Alles ist Vater und Sohn und heiliger Geist; der irdischen Weisheit
Grenze sind die sternebeschienenen Menschlein, die von ihrem Lichte fabeln. -
Die Wrme Deines Blutes ist Weisheit, denn die Liebe gibt das Leben allein. Die
Wrme Deines Geistes ist Weisheit, denn die Liebe belebt den Geist allein; wrme
mein Herz durch Deinen Geist, den Du mir einhauchst, so hab ich den Geist
Gottes, der nur allein vermag's.
    Diese kalte Nacht hab ich zugebracht am Schreibtisch, um das Evangelium
juventutis weiterzufhren, und habe viel gedacht, was ich nicht sagen kann.
    Die Vorratskammer der Erfahrung hat Vorteile aufgespeichert, diese bentzen
zu knnen nach Bedrfnis, ist Meisterschaft; sie auf den Schler berzutragen,
ist Belehrung; hat der Schler alles erfat und versteht er es anzuwenden, so
wird er losgesprochen; dies ist die Schule, durch welche die Kunst sich
fortpflanzt. Ein so Losgesprochener ist einer, dem alle Irrwege zwar offen
stehn, aber nicht der rechte. Aus der langgewohnten Herberge, in die die Lehre
der Erfahrung ihn eingepfercht hatte, entlassen, ist die Wste des Irrtums seine
Welt, aus der er nicht herauszutreten vermag, jeder Weg, den er ergreift, ist
ein einseitiger Pfad des Irrtums; des gttlichen Geistes bar, durch Vorurteile
verleitet, sucht er seine Kunstgriffe in Anwendung zu bringen, hat er sie alle
an seinem Gegenstand durchgesetzt, so hat er ein Kunstwerk hervorgebracht. Mehr
hat noch nie das Bestreben eines durch die Kunstschule gebildeten Knstlers
erworben. Wer je zu etwas gekommen ist in der Kunst, der hat seiner Kunstgriffe
vergessen, dessen Fracht von Erfahrungen hat Schiffbruch gelitten, und die
Verzweiflung hat ihn am rechten Ufer landen lassen. Was aus solcher gewaltsamen
Epoche hervorgeht, ist zwar oft ergreifend, aber nicht berzeugend, weil der
Mastab des Urteils und des Begriffs immer nur jene Erfahrungen und Kunstgriffe
sind, die nicht passen, wo das Erzeugnis nicht durch sie vermittelt ist; dann
auch weil das Vorurteil der errungenen Meisterschaft nicht zult, da etwas
sei, was nicht in ihm begriffen ist, und so die Ahnung einer hheren Welt ihm
verschlossen bleibt. Die Erfindung dieser Meisterschaft wird gerechtfertigt
durch den Grundsatz: Es ist nichts neues, alles ist vor der Imagination
erfunden. Ihre Erzeugnisse teilen sich in den Mibrauch des Erfundenen zu neuen
Erfindungen, in das Scheinerfinden, wo das Kunstwerk nicht den Gedanken in sich
trgt, sondern seine Entbehrung durch die Kunstgriffe und Erfahrung der
Kunstschule vermittelt sind, und in die Erzeugungen, die so weit gehen, als dem
Gedanken durch Bildung erlaubt ist, etwas zu fassen. Je klger, je abwgender,
je fehlerfreier, je sicherer, desto wohlverstandener, von und fr die Menge, und
dies nennen wir Kunstwerke.
    Wenn wir eines Helden Standbild machen, wir kennen seine Lebensverhltnisse,
verbinden diese mit der Genugtuung der Ehre auf eine gebildete Weise, ein jeder
einzelne Teil enthlt einen harmonischen Begriff seiner Individualitt, das
Ganze entspricht dem Mae der Erfahrung im Schnen, so sind wir hinlnglich
befriedigt. - Dies ist aber nicht die Aufgabe des Kunstwerks, die durch das
Genie gefrdert wird; diese ist nicht befriedigend, sondern berwltigend, sie
ist nicht der Reprsentant einer Erscheinung, sondern die Offenbarung des Genies
selbst, in der Erscheinung. Ihr werdet nicht sagen: Dies ist das Bild eines
Mannes, der ein Held war, sondern: Dies ist die Offenbarung des Heldentums,
das sich in diesem Kunstwerk verkrperte. Zu solcher Aufgabe gehrt nicht
Berechnung, sondern Leidenschaft, oder vielmehr Erleiden einer gttlichen
Gewalt. Und welcher Knstler das Heldentum (ich nehme es als Reprsentant jeder
Tugend, denn jede Tugend ist lediglich Sieg) so darstellt, da es die
Begeistrung, die seine Erscheinung ist, mitteilt: der ist dieser Tugend nicht
allein fhig, sondern sie ist schon in ihm wiedergeboren. In der bildenden Kunst
steht der Gegenstand fest wie der Glaube, der Geist des Menschen umwandelt ihn
wie der Begriff; Erkenntnis im Glauben bildet das Kunstwerk, welches erleuchtet.
    In der Musik ist die Erzeugung selbst ein Wandeln der gttlichen Erkenntnis,
die in den Menschen hereinleuchtet ohne Gegenstand, und der Mensch selbst ist
die Empfngnis. - In allem ist ein Verein der Liebe, ein Ineinanderfgen
geistiger Krfte. Jede Erregung wird Sprache, Aufforderung an den Geist; - er
anwortet: - und dies ist Erfindung. Dies also ist die geheime Grundlage der
Erfindung: das Vermgen des Geistes, auf eine Frage zu antworten, die nicht
einen bestimmten Gegenstand zur Aufgabe hat, sondern die vielleicht bewutlose
Tendenz der Erzeugung ist.
    Alle Regungen geistiger Ereignisse des Lebens nach auen haben einen solchen
tief verborgnen Grund; so wie der Lebensatem sich in die Brust senkt, um aufs
neue Atem zu schpfen, so senkt sich der erzeugende Geist in die Seele, um aufs
neue in die hhere Region ewiger Schpfungskraft aufzusteigen.
    Die Seele atmet durch den Geist, der Geist atmet durch die Inspiration, und
die ist das Atmen der Gottheit.
    Das Aufatmen des gttlichen Geistes ist Schpfen, Erzeugen; das Senken des
gttlichen Atems ist Gebren und Ernhren des Geistes, - so erzeugt, gebrt und
ernhrt sich das Gttliche im Geist; so, durch den Geist in der Seele, so durch
die Seele in dem Leib. Der Leib ist die Kunst, - sie ist die sinnliche Natur,
ins Leben des Geistes erzeugt.
    In der Knstlersprache heit es: Es kann nichts neues erfunden werden, alles
ist schon vorher dagewesen; ja! Wir knnen auch nur im Menschen erfinden, auer
ihm gibt es nichts, denn da ist der Geist nicht, denn Gott selbst hat keine
andere Herberge als den Geist des Menschen. Der Erfinder ist die Liebe. Da nur
das Umfassen der Liebe das Dasein grndet, so liegt auer diesem Umfaten kein
Dasein, kein Erfundenes. - Das Erfinden ist nur ein Gewahrwerden, wie der Geist
der Liebe in dem von ihr begrndeten Dasein waltet.
    Der Mensch kann nicht erfinden, sondern nur sich selbst empfinden, nur
auffassen, erkennen, was der Geist der Liebe zu ihm spricht, wie er sich in ihm
nhrt und ihn durch sich belehrt. - Auer diesem Gewahrwerden der gttlichen
Liebe, in Sprache der Erkenntnis umsetzen: ist keine Erfindung.
    Wie knnte der Geist nun erfinden wollen, da nur er das Erfundene ist, da
die Entfaltung seines Lebens nur die Entwicklung der Leidenschaft ist, die ihm
einzuflen der gttlichen Liebe Genu und Nahrung ist, da sein Atem nur das
Verzehren dieser Leidenschaft ist, und da seine Erzeugnisse nur das Verkrpern
dieser Leidenschaft sind.
    Also das Dasein ist das Umfassen der Liebe, das Geliebtsein. Das Erfinden,
das Aussprechen ist das Einflen ihrer Leidenschaft in den menschlichen Geist.
Die Schnheit aber ist der Spiegel ihrer Seligkeit, die sie in der Befriedigung
ihrer Leidenschaft hat. - Die Seligkeit der Liebe spiegelt sich in dem Geist,
den sie erzeugt, den sie mit Leidenschaft durchdringt, da er sie begehre;
dieses Begehren zu befriedigen, erzeugt ihren Genu, dieses Mitgefhl ihres
Genusses, ihrer Seligkeit, spricht der Geist durch Schnheit aus. Die Schnheit
verkrpert sich durch den liebenden Geist, der die Form mit Leidenschaft
durchdringt, so wie die Liebe die selbsterschaffene Form des Geistes
durchdringt. Dann spricht nachher die sinnliche Form die Schnheit des Geistes
aus, wie der von Leidenschaft erfllte Geist die Schnheit der Liebe ausspricht.
- Und so ist die Schnheit der irdischen Form der Spiegel der Seligkeit des
liebenden Geistes, wie die Schnheit der Seele der Spiegel der Seligkeit der
liebenden Gottheit ist.
    Mein Freund glaubt vielleicht, ich sei mondschtig, da wir heute Vollmond
haben, ich glaub's auch.

                                                              Den 1. August 1817

Nicht geahndet hab ich es, da ich je wieder so viel Herz fassen wrde an Dich
zu schreiben, bist Du es denn? oder ist es nur meine Erinnerung, die sich so in
der Einsamkeit zu mir lagert und mich allein mit ihren offnen Augen anblickt?
Ach, wie vielmal hab ich in solchen Stunden Dir die Hand dargeboten, da Du die
Deinigen hineinlegen mchtest, da ich sie beide an meine Lippen drcken knnte.
- Ich fhl es jetzt wohl, da es nicht leicht war, mich in meiner
Leidenschaftlichkeit zu ertragen, ja ich ertrage mich selbst nicht, und mit
Schauder wende ich mich von all den Schmerzen, die die Betrachtung in mir
aufwhlt.
    Warum aber gerad heute, nachdem Jahre vorber sind, nachdem Stunden
verwunden sind, wo ich mit Geistern zu kmpfen hatte, die mich zu Dir hin
mahnten? Heute bedachte ich es, da vielleicht auch du nie eine Liebe erfahren
habest, die bis ans End gewhrt habe, heute hatte ich die Haare in Hnden, die
Deine Mutter sich abschnitt, um sie mir als ein Zeichen ihrer Liebe nach ihrem
Tode reichen zu lassen, und da fate ich Herz, einmal will ich Dich noch rufen,
was kann mir widerfahren, wenn Du nicht hrst?
    Die Leute gehen jetzt hufig in die Kirche, sie gehen zum Abendmahl, sie
sprechen viel von ihrem Freund und Herrn, von dem Sohn ihres Gottes;
    ich habe nicht einmal den Freund bewahrt, den ich mir selbst erwhlte, mein
Mund hat sich geschlossen ber ihn, als ob ich ihn nicht kenne, ich habe das
Richtschwert der Zunge ber ihm blitzen sehen und hab es nicht abgewehrt, siehst
Du, so wenig Gutes ist in mir, da ich doch damals so gewi besser sein wollte
als alle, die so sind.
    Mir trumte vor drei Jahren, ich erwache aus einem ruhigen Schlaf auf Deinen
Knien sitzend, an einer langen gedeckten Tafel, Du zeigtest mir ein Licht, was
tief herabgebrennt war und sagtest: So lange hab ich dich an meinem Herzen
schlafen lassen, alle Gste sind von der Tafel weggegangen, ich allein bin, um
deine Ruhe nicht zu stren, sitzengeblieben, nun werfe mir nicht mehr vor, da
ich keine Geduld mit dir habe - ja wahrlich, das trumte ich, ich wollte Dir
damals schreiben, aber eine Bangigkeit, die mir bis in die Fingerspitzen ging,
hielt mich davon ab; nun gre ich Dich nochmals durch alle Nacht der
Vergangenheit und drcke die Wunden wieder zu, die ich so lange nicht zu
beschauen wagte, und warte ab, ob Du mich auch noch hren willst, eh ich Dir
mehr erzhle.
                                                                         Bettine

Den Tag, an dem ich dies geschrieben, geriet das Komdienhaus in Brand, ich ging
nach dem Platz, wo Tausende mit mir dies unerhrte Schauspiel genossen, die
wilden Flammendrachen rissen sich vom Dache los und ringelten sich nieder oder
wurden von Windsten zerrissen, die Hitze hatte die schon trpfelnden Wolken
verzehrt oder zerteilt, und man konnte durch die rote Glut ruhig ins Antlitz der
Sonne sehen, der Rauch wurde zum rtlichen Schleier. Das Feuer senkte sich in
die innern Gemcher und hpfte von auen hier und dort auf dem Rand des Gebudes
umher, das Geblke des Daches war in einem Nu in sich hereingestrzt, und das
war herrlich; nun mu ich Dir auch erzhlen, da es whrenddem in mir jubelte,
ich glhte mit, der irdische Leib verzehrte sich, und der unechte Staat
verzehrte sich mit, man sah durch die geffnete Tre, durch die dunkeln toten
Mauern alle Fenster schwarz, den Vorhang des Theaters brennend niederstrzen,
nun war das Theater im Augenblick ein Feuermeer, jetzt ging ein leises Knistern
durch alle Fenstern, und sie waren weg, ja, wenn die Geister solcher Elemente
einmal die Flgel aus den Ketten los haben, dann machen sie es arg. In dieser
andern Welt, in der ich nun stand, - dachte ich an Dich, den ich schon so lange
verlassen hatte; Deine Lieder, die ich lange nicht gesungen hatte, zuckten auf
meinen Lippen, ich allein vielleicht unter den Tausenden, die da standen, die
schauderten, die jammerten, ich allein fhlte in seliger einsamer Begeisterung,
wie feuerfest Du bist - ein Rtsel hatte sich gelst, deutlicher und besser
konnte der Schmerz, der oft in frheren Zeiten in meiner Brust whlte, nicht
erlutert werden, ja es war gut, mit diesem Hause brannte ein dumpfes Gebude
nieder, frei und licht ward's in meiner Seele, und die Vaterlandsluft wehte mich
an, - noch eins will ich Dir davon erzhlen: in den ersten Nachmittagsstunden
schon hatte das Feuer seine Rolle im Innern ausgespielt, wie der Mond aufging,
hpften die kleinen Flammengeister spielend in die Fenstermauern, in den
Verzierungen tanzend lichteten sie die geschwrzten Masken. Am dritten Tag
schlug die Flamme aus den tiefgehhlten Balkenlchern. Gelt, mehr lt sich
nicht erwarten, - willst Du mir nun ber all diesen Schutt die Hand wieder
reichen, willst Du bis ans End mich warm und liebend fr Dich wissen, so sag ein
Wort, aber bald, denn ich habe Durst.
    Seit den langen Jahren hab ich das Schreiben verlernt, die Gedanken arbeiten
sich auf ungeebnetem Weg durch, und doch denk ich mich noch wie den schumenden
Becher in Deiner Hand, aus dem Du gern nippen magst.
    Wenn das beigefgte Blatt noch seine Farbe hat, so kannst Du sehen, welche
Farbe meine Liebe zu Dir hat, denn immer kommt's mir vor, als ob's grad so innig
rot und so ruhig, und der goldne Samenstaub auch, so ist Dein Bett in meinem
Herzen bereitet, verschmhe es nicht. Meine Adresse ist Georgen-Strae Nr. 17.

                                   An Goethe


                                                    Weimar, den 29. Oktober 1821

Mit Dir hab ich zu sprechen! - Nicht mit dem, der mich von sich gestoen, der
Trnen nicht geachtet und karg keinen Fluch wie keinen Segen zu spenden hat, vor
dem weichen die Gedanken zurck. Mit Dir Genius! Hter und Entznder! Der mit
gewaltigen Schwingen oft die Flamme aus der versunknen Asche wieder emporwehte,
mit Dir, der es mit heimlichem Entzcken geno, wenn der jugendliche Quell
brausend, emprend ber Gefels sich den Weg suchte zur ruhigen Bucht zu Deinen
Fen, da es mir gengte, Deine Knie zu umfassen.
    Aug in Aug! Einzig Leben! Keine Begeistrung, die ber Dich geht! - Die
Seligkeit, gesehen zu sein und Dich zu sehen! -
    Ob ich Dich liebte? - Das fragst Du? - Macht Ihr es aus ber unsern
Huptern, Ihr Schwingenbegabte. - Glaub an mich! - Glaub an einen heien Trieb,
- Lebenstrieb will ich ihn nennen, - so sing ich Deinem trumenden Busen vor. -
Du trumst, Du schlfst! Und ich trume mit.
    Ja, die damalige Zeit ist jetzt ein Traum, der Blitz der Begeistrung hatte
schnell Dein irdisch Gewand verzehrt, und ich sah Dich, wie Du bist, ein Sohn
der Schnheit, jetzt ist's ein Traum.
    Ich hatte mich selbst, ein ernstes stilles schauerliches Geheimnis Dir
opfernd zu Fen zu legen, still und tief verborgen wie der unreife Same in
seiner Hlle. An Dir, an Deiner vergebenden Liebe sollte er reifen; jeden
unwillkrlichen Fehl, jede Snde wollt ich eingestehn, ich wollte sie wegsaugen
aus Deinen Augen mit meinem trnenbeladenen Blick, mit meinem Lcheln; aus
Deinem Bewutsein mit der Glut meines Herzens, die Du nicht zum zweitenmal
findest, - aber dies alles ist nun ein Traum.
    Zehn Jahre der Einsamkeit haben sich ber meinem Herzen aufgebaut, haben
mich getrennt von dem Quell, aus dem ich Leben schpfte, keiner Worte hab ich
mich seitdem wieder bedient, alles war versunken, was ich gefhlt und geahnt
hatte. Mein letzter Gedanke war: Es wird wieder eine Zeit kommen, in der ich
sein werde, denn fr diesmal haben sie meine Sinne begraben und mein Herz
verhllt.
    Diese zuknftige Zeit, o Freund! schwebt ber mir hin gleich den Winden der
Wste, die so manches Dasein mit leichtem Flugsand verscharren, und es wird mich
keine Stimme wieder erwecken, auer der Deinen, - und das bleibt wohl auch nur
ein Traum? -
    Damals betete ich oft um das einzige, da ich Deinen letzten Atemzug kssen
drfe, denn ich wollte gern Deine auffliegende Seele mit meinen Lippen berhren;
ja Goethe! - Zeiten, die ihr vorber seid, wendet euch am fernen Horizont noch
einmal nach mir her, ihr tragt das Bild meiner Jugendzeit in dichte Schleier
gehllt.
    Nein! Du kannst doch nicht sein, was Du jetzt bist: hart und kalt wie Stein!
- Sei es immer fr diese Welt, fr diese verrinnende Zeiten, aber dort, wo die
Gewlke sich in triumphierenden Fahnen aufrollen, unter denen Deine Lieder zu
dem Thron aufsteigen, wo Du ihr Schpfer, und Schpfer Deiner Welt, ruhest,
nachdem Du das Werk Deiner Tage geschaffen, zum Leben geschaffen; da la mich
mit Dir sein um meiner Liebe willen, die mir von geschftigen Geistern jener
hheren Welt zugetragen ward, wie der Honig dem wilden Fruchtbaum in den hohlen
Stamm von tausend geschftigen Bienen eingeimpft wird, der dann, ob auch nicht
aus sich selber, dennoch einen kstlicheren Schatz in sich bewahrt als der Baum,
der edle Frchte trgt. Ja, la das wilde Reis seine Wurzeln mit den Deinen
verstricken, verzehre es, wenn Du es nicht dulden magst.
    Jawohl! Ich bin zu heftig, siehe da, der Damm ist verschttet, welchen
Gewohnheit baut, und Ungewohntes berstrmt Herz und Papier. Ja ungewohnte
Trnen, ihr berstrmt mein Gesicht, das heute die Sonne sucht und vor Trnen
nicht sieht, und auch nicht, weil sie mir heute nicht scheinen will.

                                                                Den 23. November

Alle Blumen, die noch im Garten stehen, einsammeln, Rosen und frische Trauben
noch in der spten Jahreszeit zusammenbringen, ist kein unsittlich Geschft und
verdient nicht den Zorn dessen, dem sie angeboten sind. Warum soll ich mich
frchten vor Dir? - Da Du mich zurckgestoen hast mit der Hand, die ich kssen
wollte, das ist schon lange her, und heut bist Du anders gesinnt. - Dem Becher,
aus dem Du heute getrunken, sei dieser Strau in den Kelch gepflanzt, er
bernachte diese letzte Blumen, er sei ein Grab diesen Blumen, morgen wirf den
Strau weg und flle den Becher nach Gewohnheit. - So hast Du mir's auch
gemacht, Du hast mich weggeworfen aus dem Gef, das Du an die Lippen zu setzen
gewohnt bist.

                                                                         Den 24.

Eine Zeitlang flattert die Seele am Boden, aber bald schwebt sie aufwrts in den
khlenden ther. Schnheit ist ther! - Sie khlt, - nicht entflammt. - Die
Schnheit erkennen, das ist die wahre Handlung der Liebe. - Liebe ist kein
Irrtum, aber ach! der Wahn, der sie verfolgt. - Du siehst, ich will einen
Eingang suchen mit Dir zu sprechen, aber wenn ich auch auf Kothurnen schreite -
der Leib ist zu schwach, den Geist zu tragen, - beladne ste schleifen die
Frchte am Boden. Ach! Bald werden diese Trume ausgeflammt haben.

                                                               Den 29. Juni 1822

Du siehst an diesem Papier, da es schon alt ist, und da ich's schon lang mit
mir herumtrage, ich schrieb's im vorigen Jahr, gleich nachdem ich Dich verlassen
hatte. Es war mir pltzlich, als wollen alle Gedanken mit mir zusammenbrechen,
ich mute aufhren zu schreiben; doch ruft von Zeit zu Zeit eine Stimme, da ich
Dir noch alles sagen soll. Ich geh aufs Land, da will ich womglich den Blick
ber dies Erdenleben hinaustragen, ich will ihn in Nebel hllen, da er nichts
gewahr werde auer Dir. - Auer der Sonne, die den Tautropfen in sich fasset,
soll er nichts fassen. Jede Blte, die sich dem Lichte ffnet, fasset einen
Tautropfen, der das Bild der wrmenden belebenden Kraft aufnimmt; aber Stamm und
Wurzel sind belastet mit der finsteren, festen Erde; und wenn die Blte keine
Wurzel htte, so htte sie wohl Flgel. -
    Heute ist so warm, heute sei ergeben in die Gedanken, die Dir dies Papier
bringt. Zeit und Raum la weichen zwischen unsern Herzen, und wenn's so ist,
dann hab ich keine Bitte mehr, denn da mu das Herz verstummen.
                                                                         Bettine

                 Von Goethes Hand auf diesen Brief geschrieben:
                          Empfangen den 4. Juli 1822

                                   An Goethe


Schon oft hab ich mich im Geist vorbereitet, Dir zu schreiben, aber Gedanken und
Empfindungen, wie die Sprache sie nicht ausdrcken kann, erfllen die Seele, und
sie vermag nicht, ihr Schweigen zu brechen.
    So ist denn die Wahrheit eine Muse, die das Kunstgebilde ihrer Melodien zwar
in dem, den sie durchschreitet, harmonisch begrndet, nicht aber sie erklingen
lt. - Wenn alles irdische Bedrfnis schweigt, alles irdische Wissen verstummt,
dann erst hebt sie ihrer Gesnge Schwingen. - Liebe! Trieb aller Begeistrung,
erneut das Herz, macht die Seele kindlich und unbefleckt. Wie oft ist mein Herz
unter der Schlummerdecke des Erdenlebens erwacht, begabt mit dieser mystischen
Kraft, sich zu offenbaren; der Welt war ich erstorben, die Seele ein Mitlauter
der Liebe, und daher mein Denken, mein Fhlen, ein Aufruf an Dich: Komm! Sei bei
mir! Finde mich in diesem Dunkel! - Es ist mein Atem, der um Deine Lippen
spielt, der Deine Brust anfliegt; - so dachte ich aus der Ferne zu Dir, und
meine Briefe trugen Dir diese Melodien zu; es war mein einzig Begehren, da Du
meiner gedenken mgest, und so wie in Gedanken ich immer zu Deinen Fen lag,
Deine Knie umfassend, so wollte ich, da Deine Hand segnend auf mir ruhe. Dies
waren die Grundakkorde meines Geistes, die in Dir ihre Auflsung suchten. - Da
war ich, was allein Seligkeit ist: ein Element von Gewalten hherer Natur
durchdrungen, meine Fe gingen nicht, sie schwebten der Zukunftsflle entgegen
ber die irdischen Pfade hinaus; meine Augen sahen nicht, sie erschufen die
Bilder meiner seligsten Gensse; und was meine Ohren von Dir vernahmen, das war
Keim des ewigen Lebens, der vom Herzen aus mit fruchtender Wrme gehegt ward.
Sieh, ich durcheile mit diesen Erinnerungen die Vergangenheit. Zurck! Von
Klippe zu Klippe abwrts, ins Tal einsamer Jugend; hier Dich findend, das
bewegte Herz an Deiner Brust beschwichtigend, fhl ich mich zu dieser
Begeistrung aufgeregt, mit der der Geist des Himmels in menschlicher Empfindung
sich offenbart.
    Dich auszusprechen wr wohl das krftigste Insiegel meiner Liebe, ja es
bewiese als ein Erzeugnis gttlicher Natur meine Verwandtschaft mit Dir. Es wr
ein gelstes Rtsel, gleich dem lange verschlonen Bergstrom, der endlich zum
Lichte sich drngt, den ungeheuren Sturz mit wollstiger Begeistrung erleidend,
in einem Lebensmoment, durch welchen, nach welchem ein hheres Dasein beginnt. -
Du Vernichter, der Du den freien Willen von mir genommen, Du Erzeuger, der Du
die Empfindung des Erwachens in mich geboren; mit tausend elektrischen Funken
aus dem Reiche heiliger Natur mich durchzuckt. Durch Dich hab ich das Gewinde
der jungen Rebe lieben lernen, auf ihre bereiften Frchte fielen meiner
Sehnsucht Trnen. Das junge Gras hab ich um Deinetwillen gekt, die offne Brust
um Deinetwillen dem Tau geboten, um Deinetwillen hab ich gelauscht, wenn der
Schmetterling und die Biene mich umschwrmten. Denn Dich wollte ich empfinden in
dem heiligsten Kreis Deiner Gensse. O Du! im Verborgnen mit der Geliebten
spielend! Mute ich, die das Geheimnis erlauscht hatte, nicht liebetrunken
werden?
    Ahnest Du die Schauer, die mich durchbebten, wenn die Bume ihren Duft und
ihre Blten auf mich schttelten? - Da ich dachte, empfand und fest glaubte, es
sei Dein Kosen mit der Natur, Dein Genieen ihrer Schnheit, ihr Schmachten, ihr
Hingeben an Dich, die diese Blten von den bewegten Zweigen lse und sie leise
niederwirble in meinen Scho. O ihr Spiegelnchte des Mondes! Wie hat an euerm
Himmelsbogen mein Geist sich ausgedehnt! Da entnahm der Traum das irdische
Bewutsein, und wieder erwachend war die Welt mir fremd. Im Herannahen der
Gewitter ahnete ich den Freund. Das Herz empfand ihn, der Atem strmte ihm zu,
freudig lste sich das gebundne Leben unter dem Kreuzen der Blitze und dem
Rollen der Donner.
    Die Gabe des Eros ist die einzige genialische Berhrung, die den Genius
weckt; aber die andern, die den Genius in sich entbehren, nennen sie Wahnsinn.
Die Begabten aber entschwingen sich mit dem fern hintreffenden Pfeil dem Bogen
des Gottes, und ihre Lust und ihre Liebe hat ihr Ziel erreicht, wenn sie mit
solchem gttlichen Pfeil zu den Fen des Geliebten niedersinkt. - Es halte
einen solchen Pfeil heilig und bewahre ihn im Busen als ein Kleinod, wer zu
seinen Fen ihn findet, denn er ist ein Doppelgeschenk des Eros, da ein Leben,
im Schwung solchen Pfeiles, ihm geweihet verglht. Und nun sage ich auch Dir:
achte mich als ein solches Geschenk, das Deiner Schnheit ein Gott geweihet
habe, denn mein Leben ist fr Dich einem hheren vershnt, dem irdischen
verglht; und was ich Dir in diesem Leben noch sage, ist nur das Zeugnis, was
der zu Deinen Fen erstreckte Pfeil Dir gibt.
    Was im Paradiese erquickender, der Himmelsbeseligung entsprechender sei: Ob
Freunde wieder finden und umgebende Flle seliger Geister, oder allein die Ruhe
genieen, in welcher der Geist sich sammelt, in stiller Betrachtung schwebend
ber dem, was Liebe in ihm erzeugt habe, das ist mir keine Frage; denn ich eile
unzerstreut an den einsamsten Ort, und dort das Anlitz in die betenden Hnde
verbergend, ksse ich die Erscheinung dessen, was mein Herz bewegt.
    Ein Knig wandelte durch die Reihen des Volkes, und wie Ebbe und Flut es
erheischen, so trug die Woge der Gemeinheit ihn hher, aber ein Kind, vom Strahl
seiner Augen entzndet, ergriff den Saum seines Gewandes und begleitete ihn bis
zu den Stufen des Thrones, dort aber drngte das berauschte Volk den
unschuldigen, ungenannten, unberatnen Knaben zurck hinter der Philister
aufgepflanzte Fahnenreihe. - Jetzt harret er auf die einsame Sttte des Grabes,
da wird er die Mauern um den Opferaltar hochbauen, da kein Wind die Flamme
verlsche, whrend sie, der Asche des Geliebten zu Ehren, die dargebrachten
Blumen in Asche verwandelt. Aber Natur! Bist du es, die den Aufgelsten
verbirgt? - Nein! nein! Denn die Tne, die der Leier entschweben, sind dem
Lichte erzeugt und der Erde entnommen, und wie das Lied, entschwebt auch der
geliebte Geist in die Freiheit hherer Regionen, und je unermelicher die Hhe,
je endloser die Tiefe dessen, der liebend zurckbleibt, wenn nicht der befreite
Geist ihn erkennt, ihn berhrt, ihn weihet im Entfliehen.
    Und so mir, o Goethe, wird die Verzweiflung den Busen durchschneiden, wenn,
am einsamsten Orte verweilend, ich dem Genu Deiner Betrachtung mich weihe, und
die Natur um mich her wird ein Kerker, der mich allein umschliet, wenn Du ihm
entschwebt bist, ohne da Dein Geist, der Inhalt meiner Liebe mich berhrt habe.
O tue dem nicht also, sei nicht meiner Begeistrung frher erstorben, lasse das
Geheimnis der Liebe noch einmal zwischen uns erblhen; ein ewiger Trieb ist
auer den Grenzen der irdischen Zeit, und so ist meine Empfindung zu Dir ein
Urquell der Jugend, der da erbrauset in seiner Kraft und sich fortreit mit
erneuten Lebensgluten bis an das Ende.
    Und so ist es Mitternacht geworden bei dem Schreiben und Bedenken dieser
letzten Zeilen, sie nennen es die Silvesternacht, in der die Menschen einen
Augenblick das Fortrcken der Zeit wahrnehmen. Nun bei dieser Erschtterung, die
dem Horn des Nachtwchters ein grendes Zeichen entlockt, beschwre ich Dich:
denke von diesen geschriebenen Blttern, da sie wie alle Wahrheit wiederkehren
aus vergangner Zeit. Es liegt hier nicht ein bloes Erinnern, sondern eine
innige Verbindung mit jener Zeit zum Grund. Wie der Zauberstab, der sich aus dem
Strahl liebender Augen bildet und den Geliebten aus der Ferne berhrt, so bricht
sich der Lichtstrahl jener frhen Zeit an meiner Erinnerung und wird zum
Zauberstab an meinem Geist. Eine Empfindung unmittelbarer Gewiheit, meines
eigensten wahrhaftesten Lebens Ansicht, ist fr mich diese Berhrung aus der
Vergangenheit; und whrend Schicksal und Welt nur wie Phantome im Hintergrund
nie wahrhaften Einflu auf mich hatten, so hat der Glaube, als sei ich Dir nher
verwandt, als habe Dein Sehen, Dein Hren, Dein Fhlen einen Augenblick meinem
Einflu sich ergeben, allein mir zur Versicherung meiner selbst verholfen. Der
Weg zu Dir ist die Erinnerung, durch sie wirke ich an einer Gemeinschaft mit
Dir, sie ist mir Erscheinung und Gegenerscheinung; Geistergesprch, Mitteilung
und Zuneigung, und was mir damals ein Rtsel war, da ich bei zrtlichem
Gesprch mehr den Bewegungen Deiner Zge lauschte, als Deinen Worten, da ich
Deine Pulsschlge, Dein Herzklopfen zhlte, die Schwere und Tiefe Deines Atems
berechnete, die Linien an den Falten Deiner Kleider betrachtete, ja den
Schatten, den Deine Gestalt warf, mit Geisterliebe in mich einsog, das ist mir
jetzt kein Rtsel mehr, sondern Offenbarung, durch die mir Deine Erscheinung um
so fhlbarer wird und die auch mein Herz bei der Erinnerung zum Klopfen und den
Atem zum Seufzen bewegt.
    Sieh! An den Stufen der Verklrung, wo sich alle willkrliche Ttigkeit des
Geistes niederbeugen lt von irdischer Schwere, keine Liebe, keine Bewunderung
ihre Flgel versucht, um die Nebel zu durchdringen, in die der Scheidende sich
einhllt, und die zwischen hier und jenseits aufsteigen, bin ich in liebender
Ahnung Dir schon vorangeeilt, und whrend Freunde, Kinder und Schtzlinge, und
das Volk, das Dich seinen Dichter nennt, die Seele zum Abschied bereitend, Dir
in feierlichem Zug langsam nachschreitet, schreite, fliege, jauchze ich
bewillkommend Dir entgegen, die Seele in den Duft der Wolken tauchend, die Deine
Fe tragen, aufgelst in die Atmosphre Deiner Beseligung; ob wir uns in diesem
Augenblick verstehen, mein Freund! Der noch den irdischen Leib trgt, dieser
Leib, der seinen Geist, ein Urquell der Grazie, ausstrmte ber mich, mich
heiligte, verwandelte, der mich anbeten lehrte die Schnheit im Gefhl, der
diese Schnheit als einen schtzenden Mantel ber mich ausbreitete und mein
Leben unter dieser Verhllung in einen heiligen Geheimniszustand erhgb, ob wir
uns verstehen, will ich nicht fragen in diesem Augenblick tiefster Rhrung. Sei
bewegt, wie ich es bin; la mich erst ausweinen, Deine Fe in meinen Scho
verbergend, dann ziehe mich herauf ans Herz, gib Deinem Arm noch einmal die
Freiheit, mich zu umfassen, lege die segnende Hand auf das Haupt, das sich Dir
geweihet hat, berstrme mich mit Deinem Blick, nein! mehr! verdunkle, verberge
Deinen Blick in meinem, und es wird mir nicht fehlen, da Deine Lippen die Seele
auf den meinen als Dein Eigentum besiegeln. Dies ist, was ich diesseits von Dir
verlange.
    Im Schoe der Mitternacht, umlagert von den Prospekten meiner Jugend; das
hingebendste Bekenntnis aller Snden, deren Du mich zeihen willst im Hinterhalt,
den Himmel der Vershnung im Vorgrund, ergreife ich den Becher mit dem
Nachttrunke und leere ihn auf Dein Wohl, indem ich bei dem dunkeln Erglhen des
Weines auf kristallnem Rande der herrlichen Wlbung Deiner Augen gedenke.

                                                                    Am 1. Januar

Der herrlichen Wlbung Deiner Augen gedenkend auch heute am ersten Tag des
Jahres, da ich so unwissend bin wie am ersten Tag meines Lebens, denn nichts hab
ich gelernt, und keine Knste hab ich versucht, und keiner Weisheit bin ich mir
bewut; allein der Tag, an dem ich Dich gesehen habe, hat mich verstndigt mit
dem, was Schnheit ist. Nichts spricht berzeugender von Gott, als wenn er
selbst aus der Schnheit spricht, so ist denn selig, wer da siehet, denn er
glaubt; seit diesem Tag hab ich nichts gelernt, wo ich nicht durch Erleuchtung
belehrt wurde. Der Erwerb des Wissens und der Knste schien mir tot und nicht zu
beneiden, Tugend, die nicht die hchste Wollust ist, whrt nur kurz und
mhselig, bald glaubt der Strebende sie zu erfassen, bald eilt er der Fliegenden
nach, bald ist sie ihm entschwunden, und er ist's zufrieden, da er der Mhe
berhoben wird, sie zu erwerben. So seh ich denn auch die Knstler vergngt mit
der Geschicklichkeit, whrend der Genius entfliehet, sie messen einander und
finden das Ma ihrer eignen Gre immer am hchsten und ahnen nicht, da eine
ungemene Begeistrung zum kleinsten Mastab des Genies gehre. - Dies alles hab
ich bei Gelegenheit, da Deine Statue von Marmor soll verfertigt werden, recht
sehr empfunden, die bedchtige vorsichtige Logik eines Bildhauers lt keiner
Begeistrung die Vorhand, er bildet einen toten Krper, der nicht einmal durch
die rechtskrftige Macht des erfinderischen Geistes sanktioniert wird. Der
erfundne Goethe konnte nur so dargestellt werden, da er zugleich einen Adam,
einen Abraham, einen Moses, einen Rechtsgelehrten oder auch einen Dichter
bezeichnet; keine Individualitt.
    Indessen wuchs mir die Sehnsucht, auch einmal nach dem heiligen Ideal meiner
Begeistrung Dich auszusprechen; beifolgende Zeichnung gebe Dir einen Beweis von
dem, was Inspiration vermag ohne bung der Kunst, denn ich habe nie gezeichnet
oder gemalt, sondern nur immer den Knstlern zugesehen und mich gewundert ber
ihre beharrliche Ausdauer in der Beschrnkung, indem sie nur das achten, was
einmal Sprachgebrauch in der Kunst geworden, und wohl das bekannte gedankenlose
Wort achten, nie aber den Gedanken, der erst das Wort heiligen soll. Kein
herkmmlicher Proze kann den Geist und den Propheten und den Gott in einem
ewigen Frieden in dem Kunstwerk vereinen. Der Goethe, wie ich ihn hier mit
zitternder Hand, aber mit feuriger mutiger Anschauung gezeichnet habe, weicht
schon vom graden Weg der Bildhauer ab, denn er senkt sich unmerklich nach jener
Seite, wo die im Augenblick der Begeistrung vernachlssigte Lorbeerkrone in der
losen Hand ruht. Die Seele von hherer Macht beherrscht, die Muse in
Liebesergssen beschwrend, whrend die kindliche Psyche das Geheimnis seiner
Seele durch die Leier ausspricht, ihr Fchen findet keinen andern Platz, sie
mu sich auf dem Deinen den hheren Standpunkt erklettern; die Brust bietet sich
den Strahlen der Sonne, den Arm, dem der Kranz anvertraut ist, haben wir mit der
Unterlage des Mantels weich gebettet. Der Geist steigt im Flammenhaar ber dem
Haupt empor, umringt von einer Inschrift, die Du verstehen wirst, wenn Du mich
nicht miverstehst; sie ist auf die verschiedenste Art ausgelegt worden und
immer so, da es Deinem Verhltnis zum Publikum entsprach, ich habe einesteils
damit ausdrcken wollen: Alles, was ihr mit euren leiblichen Augen nicht mehr
erkennt, ist ber das Irdische hinaus dem Himmlischen zuteil geworden, ich habe
noch was anders sagen wollen, was Du auch empfinden wirst, was sich nicht
aussprechen lt; kurz, diese Inschrift liegt mir wie Honig im Munde, so s
finde ich sie, so meiner Liebe ganz entsprechend. - Die kleinen Genien in den
Nischen am Rande des Sessels, die aber mehr wie kleine ungeschickte Bengel
geraten sind, haben ein jeder ein Geschft fr Dich, sie keltern Dir den Wein,
sie znden Dir Feuer an und bereiten das Opfer, sie gieen l auf die Lampe bei
Deinem Nachtwachen, und der hinter Deinem Haupt lehrt auf der Schalmei die
jungen Nachtigallen im Neste besser singen. Mignon an Deiner rechten Seite im
Augenblick, wo sie entsagt (ach und ich mit ihr fr diese Welt, mit so tausend
Trnen so tausendmal dies Lied aussprechend und die immer wieder aufs neue
erregte Seele wehmtig beschwichtigend), dies erlaube, da ich dieser meiner
Liebe zur Apotheose den Platz gegeben; jenseits, die meinen Namen trgt im
Augenblick, wo sie sich berwerfen will, nicht gut geraten, ich hab sie noch
einmal gezeichnet, wo sie auf dem Kpfchen steht, da ist sie gut gelungen.
Konntest Du diesseits so fromm sein, so drftest Du jenseits wohl so naiv sein,
es gehrt zusammen. - Unten am Sockel hab ich, ein Frankfurter Kind wie Du,
meiner guten Stadt Frankfurt Ehre erzeugt: an beiden Seiten des Sockels, die Du
nicht siehst, sollen Deine Werke eingegraben werden, von leichtem, erhabnem
Lorbeergestruch berwachsen, der sich hinter den Pilastern hervordrngt und den
Frankfurter Adler an der Vorderseite reichlich umgibt und krnt; hinten knnen
die Namen und Wappen derjenigen eingegraben werden, die dieses Monument
verfertigen lassen. Dies Monument, so wie ich's mir in einer schlaflosen Nacht
erdacht habe, hat den Vorteil, da es Dich darstellt und keinen andern, da es
in sich fertig ist, ohne Nebenwerke Deine Weihe aussprechend, da es die Liebe
der Frankfurter Brger ausspricht und auch das, was ihnen durch Dich zuteil
geworden; und dann liegt noch das Geheimnis der Verklrung, die Deine sinnliche,
wie Deine geistige Natur, Dein ganzes Leben lang vor aller Gemeinheit bewahrt
hat, darin. Gezeichnet mag es schlecht sein, und wie knnte es auch anders, da
ich Dir nochmals versichern kann, da ich nie gezeichnet habe, um so berzeugter
wirst Du von der Wahrhaftigkeit meiner Inspiration sein, die es gewaltsam im
Zornesfeuer gegen den Mangel an Beschaulichkeit in dem Knstler, der dies der
Welt heilige Werk vollenden soll, hervorgebracht hat. Wenn berlegt wrde, wie
bedeutend die Vergangenheit die Zukunft durchstrahlen soll in einem solchen
Monument, wie die Jugend einst, die Dich nicht selbst gesehen, mit feurigem Auge
an diesem nachgebildeten Antlitz hngen wird, so wrden die Knstler wohl den
heiligen Geist auffordern, ihnen beizustehen, statt auf ihrem akademischen
Eigensinn mit eitler Arroganz loszuhmmern. Ich zum wenigsten rufe den heiligen
Geist an, da er Zeugnis gebe, da er mir hier beigestanden, und da er Dir
eingebe, es mit vorurteilslosem Blick, wo nicht von Gte gegen mich
bervorteilt, zu beschauen. Ich habe eine Durchzeichnung an Bethmann geschickt,
auf dessen Bitte ich es gewagt habe, die Erfindung, die ich bei seinem Hiersein
gemacht, zu zeichnen. Ist es nicht zu viel gefordert, wenn ich Dich bitte, mir
den Empfang des Bildes mit wenigen Worten anzuzeigen?
    Am 11. Januar 1824
                                                                         Bettine


                                  Dritter Teil

                                  Tagebuch zu

                      Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

                                 Buch der Liebe

In dieses Buch mcht ich gern schreiben von dem geheimnisvollen Denken einsamer
Stunden der Nacht, von dem Reifen des Geistes an der Liebe wie an der
Mittagssonne.
    Die Wahrheit will ich suchen, und fordern will ich von ihr die Gegenwart des
Geliebten, von dem ich whnen knnte, er sei fern.
    Die Liebe ist ein inniges Ineinandersein; ich bin nicht von Dir getrennt,
wenn es wahr ist, da ich liebe.
    Diese Wellen, die mich lngs dem Ufer begleiten, die reifende Flle der
Gelnde, die sich im Flu spiegelt, der junge Tag, die flchtenden Nebel, die
fernen Gipfel, die die Morgensonne entzndet, das alles seh ich an, und wie die
Biene den Honig sammelt aus frischen Blten, so saugt mein Blick aus allem die
Liebe und trgt sie heim und bewahrt sie im Herzen wie die Biene den Honig in
der Zelle.
    So dacht ich am heutigen Morgen, da ich am Rhein hinfuhr und durch dies
aufgeregte Leben der Natur mich drngte, fort, dem stillen einsamen Abend
entgegen, weil es da ist, als sage mir eine Stimme, der Geliebte ist da; - und
weil ich da die Erinnerungen des Tages wie Blumen vor ihm ausstreue; und weil
ich da mich an die Erde legen kann und sie kssen Dir zu Lieb, diese schne
Erde, die den Geliebten trgt, da ich mich hinfinden kann zu ihm.

                                     * * *

                                                   Schwalbach, auf der Mooshtte

Namen nennen Dich nicht!
    Ich schweige und nenne Dich nicht, ob's auch s wr, Dich bei Namen zu
rufen.
    O Freund! schlanker Mann! weicher hingegoner Gebrde, Schweigsamer! - Wie
soll ich Dich umschreiben, da mir Dein Name ersetzt sei? - Beim Namen rufen ist
ein Zaubermittel, den Entfernten zur Erinnerung aufzuregen; hier auf der Hhe,
wo die waldigen Schluchten siebenfaches Echo zurckgeben, wage ich nicht Deinen
Namen preiszugeben; ich will nicht hren eine Stimme, die eben so hei, so
eindringend Dir ruft.
    O Du! Du selbst! - Ich will Dir's nicht sagen, da Du es selbst bist; drum
will ich dem Buch Deinen Namen nicht vertrauen, wie ich dem Echo ihn nicht
vertraue.
    Ach, Deinen Namen berhre ich nicht! So ganz entblt von irdischem
Besitztum nenne ich Dich mein.

                                     * * *

                                                                             Ems

Nicht schlafen gehen, ohne mit Dir zu sprechen - so mde wie ich auch bin! Die
Augenlider sinken und trennen mich von Dir; mich trennen nicht die Berge und die
Flsse, und nicht die Zeiten, und nicht Deine eigne Klte, und da Du nichts
weit von mir, wie ich Dich liebe. - Und mich trennt der Schlaf? - Warum denn
trennen? Ich whle mich in Deinen Busen, diese Liebesflammen umzingeln Dein
Herz, und so schlafe ich ein.

                                     * * *

Nein, ich will Dich nicht nennen, Du, dem ich rufe: gib mir Gehr! Du hrst Dich
ja gern beschwtzen - so hr auch mir zu; nicht wie jene, die von Dir, ber Dich
schwtzen; zu Dir, in Deinem Anschauen sammeln sich meine Gedanken; wie der
Quell, der das Gestein spaltet und niederrauscht durchs Schattental, Blume um
Blume anhaucht; so hauch' ich Dich an, ser Freund!
    Er murmelt nur, der Bach; er pltschert, er lispelt, wenige Melodien
wechseln seinen Lauf; aber vernimm's mit freundlichem Ohr, da wirst Du jauchzen
hren, klagen, bitten und trotzen, und noch wirst Du hren und empfinden,
Geheimnisse, feierliche, leuchtende, die nur der versteht, der die Liebe hat.

                                     * * *

Ich bin nicht mehr mde, ich will nicht mehr schlafen, der Mond ist aufgegangen
mir gegenber, Wolken jagen und decken ihn, immer wieder leuchtet er mich an.
    Ich denke mir Dein Haus, die Treppe, da die im Schatten liege, und da ich
an dieser Treppe sitze, und jenseits die Ebene vom Mond beleuchtet. Ich denke,
da die Zeiten jagen, eilen und mannigfach sich gestalten wie jene Wolken, da
der Mensch an der Zeit hngt und glaubt, mit ihr eile alles vorber, und das
reine Licht, das durch die Zeiten bricht, wie der Mond durch die fliehenden
Wolken, das anerkennt er nicht. -
    O ja doch! - Erkenne meine Liebe und denke, da, da die Zeit vorbereilt,
sie doch das eine hat, da im flchtigen Moment sich eine Ewigkeit erfassen
lasse.

                                     * * *

Schon lange ist Mitternacht vorber, da lag ich im Fenster bis jetzt, und da ich
mich umsehe, ist das Licht tief herabgebrannt.
    Wo war ich so tief in Gedanken, - ich hab gedacht, Du schlfst, und hab ber
den Flu gesehen, wo die Leute Feuer angezndet haben bei ihrem Linnen, das auf
der Bleiche liegt, und hab ihren Liedern zugehrt, die sie singen, um wach zu
bleiben; - ich wache auch und denke an Dich, es ist ein gro Geheimnis der
Liebe, dies immerwhrende Umfassen Deiner Seele mit meinem Geist, und es mag
wohl manches daraus entstehen, was keiner ahnt.
    Ja, Du schlfst! Trumst Du? Und ist es Dir wahr, was Du trumst? - Wie mir,
wo ich zu Deinen Fen sitze und sie im Scho halte, und der Traum mir selbst
die Zgel hlt, da ich nichts denke als nur dies, da ich in Deiner Nhe bin?

                                     * * *

Liebster! Gestern war ich tief bewegt und war sehnschtig; weil man viel ber
Dich gesprochen hat, was nicht wahr ist, da ich Dich besser kenne. Durch das
Gewebe Deiner Tage zieht sich ein Faden, der sie mit dem berirdischen
verbindet. Nicht durch jedes Dasein schlingt sich ein solcher Faden, und jedes
Dasein zerfllt ohne diesen.
    Da Dein Dasein nicht zerfalle, sondern da alles ewige Wirklichkeit sei,
das ist, wonach ich verlange; Du, der Du schn bist, und dessen Gebrden
gleichfalls schn sind, weil sie Geist ausdrcken: Schnheit begreifen, heit
das nicht Dich lieben? - Und hat die Liebe nicht die Sehnsucht, da Du ewig sein
mgest? - Was kann ich vor Dir, als nur Dein geistig Bild in mich aufnehmen! -
Ja sieh, das ist mein Tagwerk, und was ich anders noch beginne - es mu alles
vor Dir weichen. Dir im Verborgnen dienen in meinem Denken, in meinem Treiben,
Dir leben, mitten im Gewhl der Menschen oder in der Einsamkeit Dir gleich nahe
stehen; eine heilige Richtung zu Dir haben, ungestrt, ob Du mich aufnimmst oder
verleugnest.
    Die ganze Natur ist nur Symbol des Geistes; sie ist heilig, weil sie ihn
ausspricht; der Mensch lernt durch sie den eignen Geist kennen, da der auch der
Liebe bedarf; da er sich ansaugen will an den Geist, wie seine Lippe an den
Mund des Geliebten. Wenn ich Dich auch htte, und ich htte Deinen Geist nicht,
da der mich empfnde, gewi das wrde mich nie zu dem ersehnten Ziel meines
Verlangens bringen. Wie weit geht Liebe? Sie entfaltet ihre Fahnen, sie erobert
ihre Reiche. Im Freudejauchzen, im Siegestoben eilt sie ihrem ewigen Erzeuger
zu. - So weit geht Liebe, da sie eingeht, von wo sie ausgegangen ist. Und wo
zwei ineinander bergehen, da hebt sich die Grenze des Endlichen zwischen ihnen
auf. Aber soll ich klagen, wenn Du nicht wieder liebst? - Ist dies Feuer nicht
in mir und wrmt mich? - Und ist sie nicht allumfassende Seligkeit, diese innere
Glut? -
    Und Wald, Gebirg und Strand am Flu, sonnebeglnzt, lcheln mir entgegen,
weil mein Herz, weil mein Geist ewigen Frhling ihnen entgegenhaucht.

                                     * * *

Ich will dich nicht verscherzen, schne Nacht, wie gestern; ich will schlafen
gehen in deinen Scho; du wiegst mich dem Morgenlicht entgegen, und die
frischgeweckten Blumen pflcke ich dann mir zur Erinnerung an die Trume der
Nacht. So sind freundliche Ksse, wie diese halberschlonen Rosen, so - leises
Flstern wie der Bltenregen, so wanken die Gedanken wie die bewegten Blumen im
Gras; so trufelt Zhre auf Zhre, die das Auge fllen mit berma vom Glck,
wie die Regentropfen von den sten niederperlen, und so schlgt das sehnende
Herz, wie die Nachtigall schlgt, vom Morgenrot begeistert; sie jubelt, weil sie
liebt, sie seufzt aus Liebe, sie klagt um Liebe; drum se Nacht: schlafen! Dem
Morgenrot entgegen schlafen, das mir bringt die sen Frchte all, die der Liebe
reifen.

                                     * * *

Freund! Sie ist nicht erfunden diese innere Welt, sie beruht auf Wissen und
Geheimnis, sie beruht auf hherem Glauben; die Liebe ist der Weltgeist dieses
Inneren, sie ist die Seele der Natur.
    Gedanken sind in der geistigen Welt, was Empfindung in der sinnlichen Welt
ist; es ist Sinnenlust meines Geistes, der mich an Dich fesselt, da ich an Dich
denke; es bewegt mich tief, da Du bist, in diese sinnliche Welt geboren bist.
Da Deine sinnliche Erscheinung Zeugnis gibt von der Ahnung, von der
Offenbarung, die ich von Dir habe.
    Liebe ist Erkenntnis; ich kann Dich nur genieen im Denken, das Dich
verstehen, empfinden lernt; wenn ich Dich aber einmal ganz verstehe, gehrst Du
dann mein? - Kannst Du irgendwem gehren, der Dich nicht verstnde? Ist
Verstehen nicht ses, sinnliches bergehen in den Geliebten? - Eine einzige
Grenze ist; sie trennt das Endliche vom Unendlichen; Verstehn hebt die Grenze
auf; zwei, die einander verstehen, sind ineinander unendlich; - Verstehen ist
lieben; was wir nicht lieben, das verstehen wir nicht; was wir nicht verstehen,
ist nicht fr uns da.
    Da ich Dich aber haben mchte, so denke ich an Dich, weil Denken Dich
verstehen lernt.

                                     * * *

Wenn ich nicht ganz bin, wie Du mich lieben mtest, so ist mein Bewutsein von
Dir vernichtet. Das aber frdert mich, bringt mich Dir nher, wenn auch mein
sinnliches Handeln, mein ueres Leben sich im Rhythmus der Liebe bewegt; wenn
nichts Einflu auf mich hat als das Gefhl, da ich Dein gehre, durch eignen
freien Willen Dir gewidmet bin.
    Ich hab Dich nicht in diesem ueren Leben; andere rhmen sich Deiner Treue,
Deines Vertrauens, Deiner Hingebung; ergehen sich mit Dir im Labyrinth Deiner
Brust; die Deines Besitzes gewi sind, die Deiner Lust gengen.
    Ich bin nichts, ich habe nichts, dessen Du begehrst; kein Morgen weckt Dich,
um nach mir zu fragen; kein Abend leitet Dich heim zu mir; Du bist nicht bei mir
daheim.
    Aber Vertrauen und Hingebung hab ich in dieser Innenwelt zu Dir; alle
wunderbaren Wege meines Geistes fhren zu Dir; ja sie sind durch Deine
Vermittlung gebahnt.

                                     * * *

                                         Am frhsten Morgen auf dem Johannisberg

Das Sonnenlicht stiehlt sich durch diese Bsche in meinen Scho und spielt unter
dem Schatten der bewegten Bltter. Warum kam ich denn heute schon vor Tag hier
herauf? Hier, wo die Ferne sich vor mir auftrmt und ins Unendliche verliert.
    Ja, so geht es weiter und immer weiter; die Lnder steigen hintereinander am
Horizont auf, und wir glauben auf Bergeshhen am Himmelsrand zu steigen; da
breiten sich fruchtbeladne Tale vor uns aus, von dunklen Hgelwnden
umschlossen, und die Lmmer weiden hier wie dort. Und wie die Berge
hintereinander aufsteigen, so die Tage, und keiner ist der letzte vor dem, der
eine Ewigkeit entfaltet.
    Wo ist der Tag, die Stunde, die mich aufnimmt, wie ich dich, spielender
Sonnenschein? - Wiedersehn, nimm mich auf! - Du! auf meines Lebens Hhen
gelagert, von himmelreinen Lften umwebt, nimm mich auf in Deinen Scho; la den
Strahl der Liebe, der aus meinem Aug hervorbricht, in Deinem Busen spielen, wie
dieser Morgensonnenstrahl in meinem Aug.

                                     * * *

Gestern hab ich mich gesehnt; ich dachte jeden Augenblick, er sei mir verloren,
weil ich Dich nicht hatte.
    Dich haben einen Augenblick, wie selig knnte mich das machen.
    Wie reich bist Du, da Du so beseligen kannst, Ewigkeiten hindurch mit jedem
Augenblick!
    Gestern war es frher Morgen, da ich Dir schrieb; ich hatte Buch und
Schreibzeug mit und ging noch vor Tag dem Tal entlang, das von beiden Seiten eng
in Bergwnde eingelagert ist; da rieseln die Bche nieder ins sanfte Gras und
lallen wie Wiegenkindchen. Was sollt ich machen? Es war mir im Herzen, auf der
Lippe und im trnenschwellenden Auge; ich mute Dir's klagen, ich mute Dir's
wehmtig vorhalten, da ich Dich nicht habe, und da war die Sonne so freundlich;
da rauschte es, da bewegte sich's hinter mir; - war es ein Wild? War's ein
Anklang aus der Ferne? Ich stieg rasch aufwrts, ich wollte Dich ereilen, und
auf der Hhe da ffnete sich dem Blick die weite Ferne; die Nebel teilten sich,
es war mir, als trtest Du meinen Bitten entgegen geheimnisvoll, schautest mich
an und nhmst mich auf an Deinem mir unerforschten Busen.
    Jeder ewige Trieb, er wirbt und erreicht, er ist auer der Zeit. - Was hab
ich zu frchten? - Diese Sehnsucht, ist sie vergnglich, so wirst Du mit ihr
verschwinden; ist sie es nicht, so wird sie erreichen, wonach sie strebt, und
schon jetzt hab ich ihr eine Innenwelt, mannigfaltig und eigentmlich, zu
verdanken; Wahrnehmungen und Gedanken nhren mich, und ich fhle mich in einem
innig lebendigen Einverstndnis mit Deinem Geist.
    Die Natur ist kindlich, sie will verstanden sein, und das ist ihre Weisheit,
da sie solche Bilder malt, die der Spiegel unserer inneren Welt sind, und wer
sie anschaut, in ihre Tiefen eingeht, dem wird sie die Fragen innerer Rtsel
lsen; wer sich ihr anschmiegt, der wird sich in ihr verstanden fhlen; sie sagt
jedem die Wahrheit, dem Verzweifelnden wie dem Glcklichen. Sie beleuchtet die
Seele und bietet ihren Reichtum dem Bedrftigen; sie reizt die Sinne und
entzckt den Geist durch bereinstimmende Bedeutung.
    Ich glaube auch von Dir, da Du dies manchmal empfunden hast, wenn Du allein
durch Wlder und Tler streifst; oder wenn Du vom Schattenlager die weite Ebene
am Mittag berschaust, dann glaub ich, da Du die Sprache der Stille in der
Natur verstehst; ich glaub, da sie mit Dir Gedanken wechselt, da Du in ihr
Deine hhere Natur gespiegelt empfindest, und wenn auch schmerzlich oft durch
sie erschttert, so glaub ich doch nicht, da Du Dich vor ihr frchtest wie
andere Menschen.
    Solang wir Kinder sind im Gemt, solang bt die Natur Mutterpflege an uns;
sie flt Nahrung ein, von der der Geist wchst, dann entfaltet sie sich zum
Genius; sie fordert auf zum Hchsten, zum Selbstverstndnis, sie will Einsicht
in die inneren Tiefen; und welcher Zwiespalt auch in diesen sein mchte, welcher
Vernichtung auch preisgegeben, - das Vertrauen in die hhere Natur, als in
unseren Genius, wird die ursprngliche Schnheit wieder herstellen. Das sag ich
heute vorm Schlafengehen zu Dir; zu Dir spreche ich hier, getrennt durch Lnder
und Flsse, getrennt, weil Du meiner nicht denkst; und jeder, der es wte, der
wrde es Wahnwitz nennen; und ich rede zu Dir aus meiner tiefsten Seele, und ob
Du schon mit Deinen Sinnen mich nicht wahrnimmst, so dringt mein Geist darauf.
Dir alles zu sagen, hier aus der Ferne rede ich mit Dir, und mein ganzes
sinnliches Leben ist mir nichts gegen diese Geistersprache. Du bist inmitten
meines Innern, es ist nicht mehr eins, es ist zu zweien in mir geworden.

                                     * * *

Am Abend nach dem Gewitter, das vielleicht zu Dir gezogen ist Leg Dich,
brausendes Herz, wie der Wind sich legt, der die Wolken zerreit; die Donner
sind verrollt, die Wolken haben ausgeregnet, ein Stern nach dem andern geht auf.
    Die Nacht ist ganz stille, ich bin ganz allein, die Ferne ist so weit, sie
ist ohne Ende; nur da, wo ein Liebender wohnt, da ist eine Heimat und keine
Ferne; wenn Du nun liebtest, so wt ich, wo die Ferne aufhrt.
    Ja, leg dich Herz! Tobe nicht, halt ruhig aus. Schmiege dich, wie die Natur
sich schmiegt unter der Decke der Nacht.
    Was hast du Herz? Fhlst du nicht? Ahnest du nicht? - Wie sich's auch fge
und wende, die Nacht deckt dich und die Liebe.
    Die Nacht bringt Rosen ans Licht. Wenn sich die Finsternis dem Lichte
auftut, dann entfallen ihrem Scho die Rosen.
    Es ist freilich Nacht in dir, Herz. Dunkle geheimnisvolle Nacht webt Rosen,
und ergiet sie alle, wenn's tagt, der Liebe zur Lust in den Scho.
    Ja, Seufzen, Klagen, das ist deine Lust; Bitten, Schmeicheln, nimmt das kein
Ende, Herz?
    Am Abend schreib ich, wenn auch nur wenige Zeilen; es dauert doch bis spt
in die Nacht.
    Viel hab ich zu denken, manche Zauberformel spreche ich aus, eh ich den
Freund in meinen Kreis banne. Und hab ich Dich! - dann: - was soll ich da sagen?
- Was soll ich Dir Neues erfinden, was sollen die Gedanken Dir hier auf diesen
Blttern vortanzen? -

                                     * * *

                                                                        Am Rhein

Hier in den Weinbergen steht ein Tempel; erbaut nach dem Tempel der Diana zu
Ephesus.
    Gestern im Abendrot sah ich ihn in der Ferne liegen; er leuchtet so khn, so
stolz unter den Gewitterwolken; die Blitze umzingelten ihn. So denke ich mir
Deine leuchtende Stirne, wie die Kuppel jenes Tempels, unter dessen Geblk die
Vgel sich bargen, denen der Sturm das Gefieder aufbltterte; so stolz gelagert
und beherrschend die Umgebung.
    Heute morgen, obschon der Tempel eine Stunde Wegs von meiner Wohnung
entfernt ist, weil ich am Abend Dein Bild in ihm zu sehen whnte, dacht ich
hierher zu gehen und Dir hier zu schreiben. Kaum da der Tag sich ahnen lie,
eilt ich durch betaute Wiesen hierher. - Und nun leg ich die Hand auf diesen
kleinen Altar, umkreist von neun Sulen, die mir Zeugen sind, da ich Dir
schwre.
    Was Liebster? - Was soll ich Dir schwren? Wohl, da ich Dir ferner getreu
sein will, ob Du es achtest oder nicht? - Oder da ich Dich heimlich lieben
will, heimlich nur diesem Buch, und nicht Dir es bekennend? Treu sein, kann ich
nicht schwren, das ist zu selbstndig, und ich bin schon an Dich aufgegeben und
vermag nichts ber mich; da kann ich fr Treue nicht stehen. Heimlich Dich
lieben, nur diesem Buch es bekennen? -
    Das kann ich nicht, das will ich nicht; dies Buch ist der Widerhall meiner
Geheimnisse, und an Deiner Brust wird er anschlagen. O nimm ihn auf, trink ihn,
lasse Dich laben; einen einzigen heien Mittag gehe Dein Blick unter, trunken,
ein einziges Mal, in diesem glhenden klaren Liebeswein.
    Was soll ich Dir schwren? -

                                     * * *

Heut will ich Dir sagen, wie es gestern war: so unter Dach einer schneren
Vorwelt, vom tausendfarbigen Morgenlicht umwebt, die Hand auf diesem Altar, der
frher wohl nie unter mystischen Beziehungen berhrt war; Herr! - da war mein
Herz auf eine wunderliche Weise befangen; - ich fragte Dich zum Scherz, in sem
Ernst: Was soll ich schwren? - Und da fragt ich mich wieder: Ist das die
Welt, in der du lebst? Und kannst du scherzen mit dir selbst, hier in der
einsamen Natur, wo alles schweigt und feierlich Gehr gibt deiner innern Stimme?
- Dort im fernen Gefild, wo die Lerche jubelnd aufsteigt, und am Gesimse des
Tempels, wo die Schwalbe ihr Nest birgt und zwitschert? Und ich lehnte meine
Stirne an den Stein, und dachte Dich; ich lief hinab ans Ufer und sammelte
Balsamkruter und legte sie auf den Altar; ich dachte: mchten die Bltter
dieses Buchs voll Liebe einmal Deinem Geist duften, wie diese Kruter dem Geist
jener schnen Vorwelt, in deren Sinn der Tempel hier gebaut ist. - Dein Geist
spricht ja die heilige Ordnung der Schnheit aus wie er, und ob ich ihm was bin,
ob ich ihm was bleibe, das ist dann einerlei. Ja ser Freund! ob ich Dir was
bin: was soll ich danach fragen? - Wei ich doch, da die Lerche nicht umsonst
jubelnd aufsteigt, da der Morgenwind nicht ungefhlt in den Zweigen lispelt, ja
da die ganze Natur nicht unbegriffen in ihr Schweigen versunken ist; was sollt
ich zagen, von Dir nicht verstanden, nicht gefhlt zu sein? - Drum will ich
nicht schwren, Dir etwas zu sein; es ist mir gewi, da ich Dir bin, was in
einstimmender Schnheit ein Ton der Natur, eine geistige Berhrung dieser
sinnlichen Welt Dir sein kann.

                                     * * *

                                                                         Im Juli

Diese Tage, diese Gegenden, sie tragen das Antlitz des Paradieses. Die Flle
lacht mich an in der reifenden Frucht, das Leben jauchzt in mir, und einsam bin
ich wie der erste Mensch; und ich lerne wie dieser herrschen und gebieten dem
Glck: da die Welt soll sein, wie ich will. Ich will es, da Du mich selig
machest, nur weil ich Dich wei und kenne, und weil Dein sittlich Gefhl der
Raum ist meiner geistigen Schpfungen; in Dich hinein nur kann ich ja diese Welt
der Gefhle legen, Dir nur kann ich diese Phnomene einer erhhten Rhrung
erscheinen lassen. - Deine Schnheit ist Gte, die mich nhrt, schtzt, mir
lohnt, mich trstet und mir den Himmel verheit; kann ein Christ besser
organisiert sein als ich?

                                     * * *

Ich sitze nun einmal mitten in dieser reichen Natur, mit Herz und Seele; so mu
ich denn immer wieder von diesem Doppelgespann schreiben.
    Heute war ich in einem andern Tempel, der an der Hhe liegt und den
herrlichsten deutschen Flu in seiner glorreichsten Pracht beherrscht, wo man
unzhlige Orte und Stdte sieht, die an seinen Ufern in seinen Gauen weiden. In
diesem sonnenhellen Himmel liegen sie da wie ruhende Herden.
    Was soll mir diese Pracht der Natur? Was soll mir dies wimmelnde Leben,
diese mannigfaltige Geschftigkeit, die sich durch die bunten Fluren zieht? - Es
eilen die Schifflein hin und her aneinander vorber, jedes hat seiner Reise
Ziel. - Wie jener Schiffe eines hast auch Du Dein Ziel; und es geht an mir
vorber, rasch wie des Glcklichen Bahn schneller am Pfad des einsam Verlanen
vorber fhrt. Und ich hre dann nicht mehr von Dir, da Du nach mir fragst; und
Deinem Gedchtnis verhallen, wie meine Seufzer, so die Spuren der Erinnerung.
    So dacht ich, dort auf der Hhe im Tempel, wie ich niedersah in das
allseitig ausgebreitete Treiben der Menschen; wie ich mir berlegte, da neue
Interessen Dich jeden Augenblick aufnehmen knnen und mich gnzlich aus Deiner
Welt bannen. Und ich hrte die Wellen brausen in der Tiefe, und Gevgel
umflatterte meinen Sitz, der Abendstern winkte, da ich heimgehen mge. Um so
nher drng ich mich jetzt an Dich: o ffne Deinen Busen und lasse mich ausruhen
von der trnenbewegten Ahnung, ich sei Dir nichts, ich sei Dir vergessen. O
nein, vergesse mich nicht, nimm mich, halt mich fest und lasse die Stille um uns
her den Segen sprechen ber uns.

                                     * * *

Du hast mir's beim Abschied damals gesagt. Du hast mir's abgefordert, ich mge
Dir alles schreiben, und genau, was ich denke und fhle, und ich mchte gern;
aber Liebster, die wunderlichen Wege, die mit dmmernder Fackel der Verstand
kaum beleuchtet, wie soll ich die Dir beschreiben? - Diese Trume meines Glckes
(denn glcklich trum ich mich), sie sind so strmisch, so wunderlich gelaunt,
es ist so unscheinbar, was ich mir manchmal ersinne.
    Mein Glck, wie ich's mir denke, wie soll ich Dir's beschreiben? Sieh die
Mondsichel am wolkenlosen Himmel und die breitstige, reich belaubte Linde;
denke! Sieh unter ihrem flsternden Laub, die flsternd auch, einander umfassen,
die beiden; wie einer den andern bedarf und feurig liebend an ihm hinauf reicht,
wie jener mit freundlichem Willen sich ihm neigt und diesem Flstern der Liebe
Gehr gibt; und denke noch: die Mondessichel, die Sterne mten nicht
untergehen, bis diese Seelen, ineinander gesttigt, ihre Schwingen ausbreiten
und hheren Welten zufliegen.
    Dies sprche heute mein Glck aus, o lieber Freund, es sprche es einmal in
vollem umfassenden Sinn aus.
    So wie das Aug die Schnheit erfat, so auch der Geist; er umfasset den
Inbegriff der innern Schnheit wie der uern, mit Schmeichelworten bringt er
beide in Einklang, und der Leib wirkt magisch auf den Geist, der so schmeichelt,
und so dieser auf ihn zurck, da beide ineinander aufblhen, und das nennen wir
begeisternde Schnheit. Mein Freund, das ist das Flstern der Liebe, wenn
Liebende einander sagen, da sie schn sind.

                                     * * *

Wo ist denn der Ruhesitz der Seele? Wo fhlt sie sich beschwichtigt genug, um zu
atmen und sich zu besinnen? - Im engen Raum ist's, im Busen des Freundes; - in
Dir heimatlich sein, das fhrt zur Besinnung.
    Ach, wie wohl ist mir, wenn ich ganz wie ein Kind in Deiner Gegenwart
spielen darf; wenn alles, was ich beginne, von dem Gefhl Deiner Nhe geheiligt
ist; und da ich mich ergehen kann in Deiner Natur, die keiner kennt, keiner
ahnet. - Wie schn ist's, da ich allein mit Dir bin, dort, wo die Sterne sich
spiegeln in der klaren Tiefe Deiner Seele.
    Gnne es mir, da ich so meine Welt in Dir eingerichtet habe; vernichte
nicht mit Deinem Willen, was Willkr nie erzeugen knnte.
    Ich ksse Deiner Fe Spuren und will mich nicht hereindrngen in Deine
Sinnenwelt, aber sei mit mir in meiner Gedankenwelt; lege freundlich die Hand
auf das Haupt, das sich beugt, weil es der Liebe geweiht ist. Der Wind rasselt
am Fenster; welche Lnder hat er schon durchstreift? Wo kommt er her? Wie
schnell hat er die Strecke von Dir zu mir durchflogen? Hat er keinen Atemzug, in
seinem Rasen und Toben, keinen Hauch von Dir mit fortgerissen?
    Ich habe den Glauben an eine Offenbarung des Geistes; sie liegt nicht im
Gefhl, im Schauen oder im Vernehmen; sie bricht hervor aus der Gesamtheit der
auffassenden Organe; wenn die alle der Liebe dienen, dann offenbaren sie das
Geliebte; sie sind der Spiegel der inneren Welt.
    Ein Dasein im Geliebten haben ohne einen Standpunkt sinnlichen Bewutseins,
was kann mchtiger uns von unserer geistigen Macht und Unendlichkeit berzeugen?
-

                                     * * *

Sollte ich Dir heute nichts zu sagen haben? - Was strt mich denn heute am
frhen Morgen? Vielleicht, da die Sperlinge die Schwalben hier aus dem Nest
unter meinem Fenster vertrieben haben? - Die Schwalben sind geschwtzig, aber
sie sind freundlich und friedlich; die Sperlinge argumentieren, sie behaupten
und lassen sich ihren Witz nicht nehmen. Wenn die Schwalbe heimkehrt von den
Kreisflgen um ihre Heimat, dann ergiet sich die Kehle in lauter liebkosende
Mitteilung, ihr gegenseitiges Gezwitscher ist das Element ihrer Liebeslust, wie
der ther das Element ihrer Weltanschauung ist. Der Sperling fliegt da und
dorthin, er hat sein Teil Eigensucht, er lebt nicht wie die Schwalbe im Busen
des Freundes.
    Und nun ist die Schwalbe fort, und der Sperling hat ihren Wohnsitz, wo se
Geheimnisse und Trume ihre Rollen spielten.
    Ach! - Du! Meine schlpfrige Feder htte schier Deinen Namen geschrieben,
whrend ich im Zorn bin, da die Schwalbe vom Sperling verjagt ist. Ich bin die
Schwalbe, wer der Sperling ist, das magst Du wissen, aber ich bin wahrhaftig die
Schwalbe.

                                     * * *

                                                                  Um Mitternacht

Gesang unter meinem Fenster; sie sitzen auf der Bank an der Haustr; der Mond,
wie er mit den Wolken spielt, hat sie wohl zum Singen gebracht, oder auch die
Langeweile der Ruhe; die Stimmen verbreiten sich durch die Einsamkeit der Nacht,
da hrt man nichts als nur das Pltschern der Wellen am Ufer, die die langen
gehaltenen Intervalle dieses Gesangs ausfllen.
    Was ist dieser Gesang fr mich? Warum bin ich in seine Gewalt gegeben, da
ich mich der Trnen kaum enthalte? - Es ist ein Ruf in die Ferne; wrst Du
jenseits, wo seine letzten Tne verhallen, und empfndest den Ausdruck der
herzlichen Sehnsucht, den er in mir aufgeregt hat, und wtest, da in Dir das
Glck der Befriedigung lge!
    Ach schlafen! Nicht mehr dem Gesang zuhren, da ich doch aus der Ferne nicht
das Echo des Gleichgestimmten vernehme!
    Es ist wenig, was ich Dir hier mitteile: eintniger Gesang, Mondesglanz,
tiefe Schatten, geistermige Stille, Lauschen in die Ferne, das ist alles, und
doch - es gibt nichts, was ein volles Herz Dir mehr zu bieten vermchte!

                                     * * *

Freund! Morgendmmerung weckt mich schon, und ich habe doch gestern tief in die
Nacht hinein gewacht. Freund! Ser! Geliebter! Es war eine kurze Zeit des
Schlafs, denn ich hab von Dir getrumt; im Wachen oder im Traum, mit Dir, da
eilen die Rosse unbndig. Drum pocht das Herz und Wange und Schlfe erhitzt,
weil die Zeit so rcksichtslos auf die seligen Minuten vorberjagt. Wenn die
Angst um die Flucht des Besitzes nicht wr, wie wr da Lieb und Lust ein tiefer
Friede, ein Schlaf, ein Behagen der Ruhe! Wenn wir an Grbern vorbergehen und
uns besinnen, wie sie da verdeckt liegen und beschwichtigt, die pochenden
Herzen, dann befllt uns feierliche Rhrung; wenn aber die Liebe sich einsenken
knnte zu zweien, wie sie es bedarf, so tief abgeschieden wie im Grab, und wenn
auch die Weltgeschichte ber die Sttte hintanzte, - was ging sie uns an? - Ja,
das kann ich wohl fragen, aber Du nicht.
    Was ich trumte? Wir standen aneinander gelehnt im nchtlichen Dmmerlicht,
das Sternenlicht spiegelte sich in Deinen Augen. Traumlicht, Sternenlicht,
Augenlicht spiegelten ineinander. - Dies Auge, das hier folgt den Zeilen, die
meine Hand an Dich schreibt, in ungemessene Ferne, - denn ach wie fern Du mir
bist, das kann ja doch nur Dein Herz entscheiden - dies Auge sah heute nacht in
Deinem Auge den Schein des Mondes sich spiegeln.
    Ich trumte von Dir; Du trumtest mit mir; Du sprachst; ich empfinde noch
den Ton Deiner Stimme; was Du sagtest, wei ich nicht mehr; Schmeichelreden
waren's, denn mit Deinen Reden gingen Schauer von Wollust durch mich.
    Gott hat alles gemacht, und alles aus Weisheit und alle Weisheit fr die
Liebe, und doch sagen sie, ein Liebender sei toll!
    Weisheit ist die Atmosphre der Liebe, der Liebende atmet Weisheit, sie ist
nicht auer ihm, nein, - sein Atem ist Weisheit, sein Blick, sein Gefhl, und
dies bildet seinen Nimbus, der ihn absondert von allem, was nicht der Wille der
Liebe ist, der Weisheit ist.
    Weisheit der Liebe gibt alles, sie lenkt die Phantasie im Reich der Trume
und schenkt der Lippe die se Frucht, die ihren Durst lscht, whrend die
Unbegeisterten sich nach dem Boden umtun, dem sie den Samen anvertrauen mchten,
aus dem ihr Glck reifen knnte, um das sie ihre Vorsicht betrgt.
    Ich aber sauge Genu aus diesen Trumen, aus diesen Wonnen, die mir ein Wahn
von Schmerz, ein eingebildetes Glck erregt; und die Weisheit, die meiner
Begeistrung zustrmt; sie schifft mich auf ihren hohen stolzen Wellen, weit ber
die Grenze des gemeinen Begriffs, den wir Verstand nennen, und weit ber den
Beruf der irdischen Lebensbahn, auf der wir unser Glck suchen.
    Wie schn, da die Weisheit der Liebe wirklich meine Trume beherrscht, da
der Gott das Steuer lenkt, wo ich keinen Willen habe, und mich im Schlaf da
hinberschifft zum Ziel, um das ich, es zu erreichen, immer wachen mchte. Warum
trumst Du nicht auch von mir? Warum rufst Du mich nicht an Deine Seite? Warum
mich nicht in Deinem Arm halten und freundlich Deinen Blick in meinen tauchen?
    Du bist ja hier; diese sonnigen Pfade, sie schlingen sich durcheinander und
fhren endlich auch zu Dir, o wandle auf ihnen; ihre labyrinthischen
Verkettungen: sie lsen sich vielleicht auf, da, wo Dein Blick den meinen
trifft, wie das Rtsel meiner Brust, da, wo Dein Geist den meinen berhrt.

                                     * * *

Heute las ich in diesen Blttern; lauter Seufzen und Sehnen.
    Wie wrde ich beschmt vor Dir stehen, wenn Du in diesem Buch lsest! So
bleibt es denn verborgen und nur zu eigner Schmach geschrieben? - Nein, ich mu
an Dich denken und glauben, da dies alles einmal an Deinem Geist vorberzieht;
wenn es auch manchmal in mir ist, als wollt ich Dich fliehen; Dich und diese
seltsame Laune der Sehnsucht; Laune mu ich sie nennen, denn sie will alles und
begehrt nichts. Aber dieses Abwenden von Dir wird doppelter Reiz; da sprengt
mich's hinaus, die Berge hinan, noch im ersten Frhrot, als knnt ich Dich
erjagen, und was ist das Ende? Da ich mich wieder zum Buch wende. Nun, was
hat's denn auf sich? Die Tage gehen vorber so oder so, und was knnt ich
versumen, wenn ich in diesen Blttern mich sammle?

                                     * * *

Heute war ich frh drauen, ich ging den ersten Feldweg, die Feldhhner
schreckten vor mir auf, so frh war's noch; die Wiesen lagen da im Morgenglanz,
bersponnen mit Fden, an denen die Tauperlen aufgereiht waren.
    Manchmal hlt die Natur Dir die Wage, und ich empfinde die Wahrheit der
Worte: Weg du Traum, so gold' du bist, hier auch Lieb und Leben ist. So ein
Gang, wenn ich wieder unter die Menschen komme, macht mich einsam.
    Ach, die zahmen Menschen, ich verstehe ihren Geist nicht. Geist lenkt, er
deutet, er fliegt voran auf immer neuen Wegen oder er kommt entgegen wie die
Leidenschaft und senkt sich in die Brust und regt sich da. Geist ist flchtig
wie ther, drum sucht ihn die Liebe, und wenn sie ihn erfat, dann geht sie in
ihm auf. Das ist meine List, da die Liebe dem Geist nachgeht.
    Dir geh ich nach auf einsamen Wegen, wenn's still und ruhig ist, dann
lispelt jedes Blatt von Dir, das vom Wind gehoben wird, da lasse ich meine
Gedanken still stehen und lausche, da breiten sich die Sinne aus wie ein Netz,
um Dich zu fangen, es ist nicht der groe Dichter, nicht Dein weltgepriesener
Ruhm! In Deinen Augen liegt's, in dem nachlssigen und feierlichen Bewegen
Deiner Glieder, in den Schwingungen Deiner Stimme, in diesem Schweigen und
Harren, bis die Sprache aus der Tiefe Deines Herzens sich zum Wort entfaltet;
wie Du gehst und kommst und Deinen Blick ber alles schweifen lt, dies ist es
und nichts anders, was mich erfreut, und keine glnzende Eigenschaft kann diese
Leidenschaft erregenden Zeichen berwiegen.
    Da streif ich hin zwischen Hecken, ich drng mich durch's Gebsch, die Sonne
brennt, ich leg mich ins Gras, ich bin nicht mde, aber weil meine Welt eine
Traumwelt ist. Es zieht mich hinber nur Augenblicke, es hebt mich zu Dir, den
ich nicht mit Menschen vergleiche. - Mit den Streiflichtern und ihren blauen
Schatten, mit den Nebelwolken, die am Berg hinziehen, mit dem Vgelgerusch im
Wald, mit den Wassern, die zwischen Gestein pltschern, mit dem Wind, der dem
Sonnenlicht die belaubten ste zuwiegt; mit diesem vergleich ich Dich gern, da
ist's, als wenn Deine Laune hervorbrche! - Das Summen der Bienen, das Schwrmen
der Kfer trgt mir Deine Nhe zu, ja selbst das ferne Gebell der Hunde im
Nachtwind weckt mir Ahnungen von Dir; wenn die Wolken mit dem Mond spielen, wenn
sie im Licht schwimmen, verklrt: da ist alles Geist, und er ist deutlich aus
Deiner Brust gehaucht; da ist's, als wendest Du Geist Dich mir entgegen und
wrst zufrieden, von dem Atem der Liebe wie auf Wellen getragen zu sein.
    Sieh! So lieb ich die Natur, weil ich Dich liebe, so ruh ich gern in ihr aus
und versenk mich in sie, weil ich gern in Dein Andenken mich versenke.
    Ach, da Du nirgends bist und doch da bist, weil ich Dich mehr empfinde als
alles andere, so bist Du gewi in diesem tausendfachen Echo meines Gefhls.

                                     * * *

Ich wei einen! Wie mit Kindeslcheln hat er sich mit der Weisheit, mit der
Wissenschaft befreundet. Das Leben der Natur ist ihm Tempel und Religion; alles
in ihr ist ihm Geisterblick, Weissagung, ein jeder Gegenstand in ihr ward ihm
zum eigentmlichen Du, in seinen Liedern klingt die gttliche Lust, sich in
allem zu empfinden, alle Geheimnisse in sich aufzunehmen, sich in ihnen
verstndlich zu werden.

                                     * * *

Wenn der Same in die Erde kommt, wird er lebendig, und dies Leben strebt in ein
neues Reich, in die Luft. Wenn der Same nicht schon Leben in sich htte, knnte
es nicht in ihm erweckt werden, es ist Leben, was ins Leben bergeht. - Wenn der
Mensch nicht schon Seligkeit in sich htte, knnte er nicht selig werden. Der
Keim zum Himmel liegt in der Brust wie der Keim zur Blte im verschlonen Samen
liegt. - Die Seligkeit ist so gut ein Erblhen in einem hheren Element wie jene
Pflanze, die aus dem Samen durch die Erde in ein hheres Element, in die Luft
geboren wird. Alles Leben wird durch ein hheres Element genhrt, und wo es ihm
entzogen ist, da stirbt es ab.
    Erkenntnis, Offenbarung ist Samen eines hheren Lebens, das irdische Leben
ist der Boden, in dem er eingestreut ist, im Sterben bricht die ganze Saat ans
Licht. Wachsen, blhen, Frchte tragen von dem Samen, den der Geist hier in uns
gelegt hat, das ist das Leben nach dem Tod.
    Du bist der ther meiner Gedanken, sie schweben durch Dich hin und werden
von Dir im Flug getragen wie die Vgel in der Luft.
    An Dich denken, im Bewutsein von Dir verweilen, das ist ein Ausruhen vom
Flug, wie der Vogel ausruht im Nest.
    Geist im Geist ist unendlich, aber Geist in den Sinnen, im Gefhl ist
Unendliches im Endlichen erfat.
    Meine Gedanken umschwrmen Dich wie die Bienen den blhenden Baum. Sie
berhren tausend Blten und verlassen eine, um die andre zu besuchen, jede ist
ihnen neu; so wiederholt sich auch die Liebe, und jede Wiederholung ist ihr neu.

                                     * * *

Liebe ist immerdar erstgeboren, sie ist ewig ein einziger Moment, Zeit ist ihr
nichts, sie ist nicht in der Zeit, da sie ewig ist; sie ist kurz, die Liebe.
    Ewigkeit ist eine himmlische Krze.
    Nichts Himmlisches geht vorber, aber das Zeitliche geht vorber am
Himmlischen.

                                     * * *

Hier auf dem Tisch liegen Trauben im Duft und Pfirsich im Pelz und buntgemalte
Nelken; die Rose liegt vorne und fngt den einzigen Sonnenstrahl auf, der durch
die verschlossenen Fensterladen dringt. Wie glht die Rose! Psyche nenne ich
sie; - wie lockt das glhende Rot den Strahl in den innersten Kelch! Wie duftet
sie; - hier lobt das Werk den Meister.
    Rose, wie lobst du das Licht! - Wie Psyche den Eros lobt. - Unendlich schn
ist Eros, und seine Schnheit durchleuchtet Psyche wie das Licht die Rose. - Und
ich, die da whnt, von Deiner Schnheit ebenso durchleuchtet zu sein, trete vor
den Spiegel, ob es mich auch wie sie verschnt.
    Der Strahl ist dem Abend gewichen, die Rose liegt im Schatten, ich
durchstreife Wald und Flur, und auf einsamen Wegen denk ich an Dich, da Du auch
wie Licht mich durchdringst.

                                     * * *

Sehnsucht und Ahnung liegen ineinander, eins treibt das andre hervor.
    Der Geist will sich vermhlen mit dem Begriff: ich will geliebt oder ich
will begriffen sein, das ist eins.
    Darum tut der Geist wohl, weil wir fhlen, wie aus dem irdischen Leben das
geistige ins himmlische bergeht und unsterblich wird.
    Die Liebe ist das geistige Auge, sie erkennt das Himmlische, es sind
Ahnungen hherer Wahrheiten, die uns der Liebe begehren machen.
    In Dir seh ich tausend Keime, die der Unsterblichkeit aufblhen, ich mein,
ich msse sie alle anhauchen. - Wenn Geister einander berhren, das ist
gttliche Elektrizitt.
    Alles ist Offenbarung; sie gibt den Geist, und dann den Geist des Geistes.
    Wir haben den Geist der Liebe, und dessen Geist ist der Liebe Kunst.
    Alles ist nichtig, nur der Wille reicht drber hinaus, nur der Wille kann
gttlich sein.

                                     * * *

Wie begierig ist die Seele nach Wahrheit, wie durstet sie, wie trinkt sie! - Wie
die lechzende Erde, die tausend Pflanzen zu nhren hat, den fruchtbaren
Gewitterregen trinkt; die Wahrheit ist auch elektrisch Feuer wie der Blitz. -
Ich fhl den weiten wolkendurchjagten Himmel in meiner Brust; ich fhl den
feuchten Sturmwind in meinem Kopf; das weiche Heranrollen der Donner, wie sie
steigen, mchtig, und das elektrische Feuer des Geistes begleiten. - Das Leben:
eine Laufbahn, die mit dem Tod abschliet durch die Liebe, durch den Geist; ein
geheim verborgen Feuer, das sich bei diesem Abschlu ins Licht ergiet.
    Ja, elektrisch Feuer! Das glht, das braust, die Funken, die Gedanken, die
fahren zum Schornstein heraus.
    Wer mich berhrt im Gefhl meiner Geistigkeit, mit dem zusammen erbraust der
Geist gewitterhaft und spielt im Pulsschlag der Strme, im elektrischen Zittern
der Luft. Das hab ich gedacht, wie wir miteinander sprachen und Du meine Hand
berhrtest.
    Geschrieben nach dem Gewitter, wie sich's nach dem Sturm noch einmal
erhellen wollte und die Nacht dem nachtrglichen Tag das Regiment abnahm.

                                     * * *

Schon manch Vorurteil hab ich gelst, so jung wie ich bin, wenn ich auch das
eine lsen knnte, da die Zeit nichts verjhrt, Hunger und Durst werden auch
nicht lter; so ist's auch mit dem Geist, in der Gegenwart bedingt er schon die
Zukunft. Wer Ansprche an die Zukunft macht, wer der Zeit voraneilt, wie kann
der der Zeit unterworfen sein?
    Ich habe bemerkt an den Bumen, immer ist hinter dem abwelkenden Blatt schon
der Keim einer zuknftigen Blte verborgen; so ist auch das Leben im jungen,
frischen, krftigen Leib die nhrende Hlle der Geistesblume; und wie sie welkt
und abfllt in der irdischen Zeit, so drngt sich aus ihr hervor der Geist als
ewige himmlische Blte.
    Wenn ich im spten Herbst im Vorbergehen das tote Laub von den Hecken
streifte, da sammelte ich mir diese Weisheit ein; ich ffnete die Knospen, ich
grub die Wurzeln aus, berall drngte sich das Zuknftige aus der gesamten Kraft
des Gegenwrtigen hervor; so ist denn kein Alter, kein Absterben, sondern ewiges
Opfern der Zeit an das neue junge Frhlingsleben, und wer sich der Zukunft nicht
opferte, wie unglcklich wr der! -

                                     * * *

Zum Tempeldienst bin ich geboren, wo mir nicht die Luft des Heiligtums
heimatlich entgegenweht, da fhl ich mich unsicher, als hab ich mich verirrt.
    Du bist mein Tempel, wenn ich mit Dir sein will, reinige ich mich von des
Alltglichen Bedrngnis wie einer, der Feierkleider anlegt; so bist Du der
Eingang zu meiner Religion.
    Ich nenne Religion das, was den Geist auf der Lebensstufe des Augenblicks
ergreift und im Gedeihen weiter bildet wie die Sonne Blten und Frchte. Du
siehst mich an wie die Sonne und fchelst mich an wie der Westwind, unter
solchen Reizungen blhen meine Gedanken.
    Diese Lebensepoche mit Dir zieht eine Grenze, die das Ewige umfat, weil
alles, was sich innerhalb ihrer bildet, das berirdische ausspricht, sie zieht
einen Kreis um ein inneres Leben; nenne es Religion, Offenbarung, ber alles,
was der Geist Unermeliches zu fassen vermag!
    Was wacht, das weckt! Gewi, in Dir wacht, was mich weckt. Es geht eine
Stimme von Dir aus, die mir in die Seele ruft. - Was durch diese Stimme geweckt
wird, ist Geheimnis; erwachtes Geheimnis ist Erleuchtung.
    Manches sehe und fhl ich, was schwer ist auszusprechen. Wer liebt, lernt
wissen, das Wissen lehrt lieben, so wachse ich vielleicht in die Offenbarung,
die jetzt noch Ahnung ist. Ich habe das Gefhl von dem Zeitpunkt an, wo mir's so
freudig in die Sinne kam, meine Gedanken, mein geistiges Leben in Deinen Busen
zu ergieen, als habe ich mich aus tiefem Schattental erhoben in die sonnigen
Lfte.

                                     * * *

In dem Garten, wo ich noch als Kind spazierte, da wuchs die Jungfrauenrebe hoch
empor an plattem Gestein. Damals hab ich oft ihre kleine Samtrssel betrachtet,
mit denen sie sich anzusaugen strebt, ich bewunderte dies unzertrennliche
Anklammern in jede Fuge, und wenn der Frhling erschpft war und die
Sommergluten dem jungen weichen Keimleben dieser zarten Pflanze einfeuerten, da
fielen allmhlich ihre zierlichen rotgefrbten Bltter zum Schmuck des Herbstes
ins Gras. Ach, ich auch! Absterbend, aber feurig werd ich von Dir Abschied
nehmen; und diese Bltter werden wie jenes rote Laub auf dem grnen Rasen
spielen, der diese Zeiten deckt.

                                     * * *

Ich bin nicht falsch gegen Dich; - Du sagst: Wenn Du falsch bist, Du httest
keine Ehre davon, in bin leicht zu betrgen.
    Ich will nicht falsch sein, ich frage nicht, ob Du falsch bist, sondern wie
Du bist, will ich Dir dienen.
    Den Stern, der dem Einsamen jeden Abend leuchtet, den wird er nicht
verraten.
    Was hast Du mir getan, was mich zur Falschheit bewegen knnte, alles, was
ich an Dir verstehe, das beglckt mich; Du kannst weder Auge noch Geist
beleidigen, und es hat mich weit ber jede kleinliche Bedingung erhoben, da ich
Dir vertrauen darf; und aus dem tiefsten Herzen kann ich Dir immer nur den
reinen Wein einschenken, in dem Dein Bild sich spiegelt.
    Nicht wahr, Du glaubst nicht, da ich falsch bin? -
    Es gibt bse Fehler, die an uns hervorbrechen wie das Fieber; es hat seinen
Verlauf, und wir empfinden in der Genesung, da wir schmerzlich krank waren;
aber Falschheit ist ein Gift, das sich in des Herzens Mitte erzeugt, knnte ich
Dich nicht mehr in dieser Mitte herbergen, was sollte ich anfangen?
    In meinen Briefen wollte ich Dir nichts sagen, aber hier im Buch, da lasse
ich Dir die Hand in meine Wunde legen, und es tut weh, da Du an mir zweifeln
kannst; ich will Dir erzhlen aus meinen Kindertagen, aus der Zeit, eh ich Dich
gesehen hatte. Wie mein ganzes Leben ein Vorbereiten war auf Dich; wie lange
kenne ich Dich schon, wie oft hab ich Dich gesehen mit geschlossenen Augen, und
wie wunderbar war's, wie endlich die wirkliche Welt sich in Deiner Gegenwart an
die lang gehegte Erwartung anschlo.

                                     * * *

In den hngenden Grten der Semiramis bin ich erzogen, ich glattes, braunes,
feingegliedertes Rehchen, zahm und freundlich zu jedem Liebkosenden, aber
unbndig in eigentmlichen Neigungen. Wer konnte mich vom glhenden Fels
losreien in der Mittagssonne? - Wer htte mich gehemmt, die steilsten Hhen zu
erklettern und die Gipfel der Bume? Wer htte mich aus trumender Vergessenheit
geweckt mitten unter den Lebenden oder meine begeisterten Nachtwanderungen
gestrt auf nebelerflltem Pfad! - Sie lieen mich gewhren, die Parzen, Musen
und Grazien, die da alle eingeklemmt waren im engen Tal, das vom Geklapper der
Mhlen dreifaches Echo in den umgrenzenden Wald rief, vom Goldsandflu
durchschnitten, dessen Ufer jenseits eine Bande Zigeuner in Pacht hatte, die
nachts im Wald lagerten und am Tag das Gold fischten, diesseits aber durch die
Bleicher benutzt waren und durch die wiehernden Pferde und Esel, die zu den
Mhlen gehrten. Da waren die Sommernchte mit Gesang der einsamen Wchter und
Nachtigallen durchtnt, und der Morgen mit Geschrei der Gnse und Esel begonnen;
da machte die Nchternheit des Tags einen rechten Abschnitt von dem Hymnus der
Nacht.
    Manche Nchte hab ich da im Freien zugebracht, ich kleines Ding von acht
Jahren; meinst Du, das war nichts? - Mein Heldentum war's, denn ich war khn und
wute nichts davon. Die ganze Gegend, soweit ich sie ermessen konnte, war mein
Bett; ob ich am Ufersrand von Wellen umsplt, oder auf steilem Fels vom
fallenden Tau durchnt schlief, das war mir einerlei. Aber Freund! Wenn die
Dmmerung wich, der Morgen seinen Purpur ber mir ausbreitete und mich, nachdem
ich dem Gesang der steigenden Lerche schon im Traum gelauscht hatte, unter
tausendfachem Jubel aller befiederten Kehlen weckte, was meinst Du, wie ich mich
fhlte? - Nichts geringer als gttlicher Natur fhlt ich mich, und ich sah herab
auf die ganze Menschheit. Solcher Nchte zwei erinnere ich mich, die schwl
waren, wo ich aus den beklommenen Schlafslen zwischen den Reihen von
Tiefschlafenden mich schlich und hinaus ins Freie eilte, und mich die Gewitter
berraschten, und die breite blhende Linde mich unter Dach nahm; die Blitze
feuerten durch ihre tiefhngenden Zweige; dies urpltzliche Erleuchten des
fernen Waldes und der einzelnen Felszacken erregte mir Schauer, ich frchtete
mich und umklammerte den Baum, der kein Herz hatte, was dem meinen
entgegenschlug.
    O lieber Freund! - Htte ich nun den lebendigen Pulsschlag gefhlt unter
dieses Baumes Rinde, dann htte ich mich nicht gefrchtet; dies kleine Bewegen,
dies Schlagen in der Brust kann Vertrauen erregen und kann den Feigen zum Helden
umwandeln; denn wahrlich! - fhlt ich Dein Herz an meinem schlagen und fhrtest
Du mich in den Tod, ich eilte triumphierend mit Dir!
    Aber damals in der Gewitternacht unter dem Baum, da frchtete ich mich, mein
Herz schlug heftig, das schne Lied: Wie ist Natur so hold und gut, die mich am
Busen hlt, das konnte ich damals noch nicht singen, ich empfand mich allein
mitten im Gebraus der Strme, doch war mir so wohl, mein Herz ward feurig. - Da
luteten die Sturmglocken des Klosterturms, die Parzen und Musen eilten im
Nachtgewand mit ihren geweihten Kerzen in das gewlbte Chor, ich sah unter
meinem sturmzerzausten Baum die eilenden Lichter durch die langen Gnge
schwirren; bald tnte ihr ora pro nobis herber im Wind, so oft es blitzte,
zogen sie die geweihte Glocke an, so weit ihr Schall trug, so weit schlug das
Gewitter nicht ein.
    Ich allein jenseits der Klausur, unter dem Baum in der schreckenvollen
Nacht! Und jene alle, die Pflegerinnen meiner Kindheit, wie eine verzagte
verschchterte Herde, zusammengerottet in dem innersten feuerfesten Gewlb ihres
Tempels, Litaneien singend um Abwendung der Gefahr. Das kam mir so lustig vor
unter meinem Laubdach, in dem der Wind raste und der Donner wie ein brllender
Lwe die Litanei samt dem Gelut verschlang; an diesem Ort htte keins von jenen
mit mir ausgehalten, das machte mich stark gegen das einzige Schreckenvolle,
gegen die Angst, ich fhlte mich nicht verlassen in der allumfassenden Natur.
Der herabstrmende Regen verdarb ja nicht die Blumen auf ihrem feinen Stengel,
was sollte er mir schaden, ich htte mich schmen mssen, vor dem Vertrauen der
kleinen Vgel htt ich mich gefrchtet.

                                     * * *

So hab ich allmhlich Zuversicht gewonnen und war vertraulich mit der Natur und
hab zum Scherz manche Prfung bestanden, Sturm und Gewitter zog mich hinaus und
das machte mich freudig; die heie Sonne scheute ich nicht, ich legte mich ins
Gras unter die schwrmenden Bienen mit Bltenzweigen im Mund und glaubte fest,
sie wrden meine Lippen nicht stechen, weil ich so befreundet war mit der Natur;
und so bot ich allem Trotz, was andre frchteten, und in der Nacht, in
schauerlichen Wegen im finstern Gebsch, da lockte es mich hin, da war's berall
so heimlich, und nichts war zu frchten.
    Oben im ersten und hchsten Garten stand die Klosterkirche auf einem
Rasenplatz, der am felsigen Boden hinab grnte und mit einem hohen Gang von
Trauben umgeben war, er fhrte zur Tre der Sakristei, vor dieser sa ich oft,
wenn ich meine Geschfte in der Kirche versehen hatte, denn ich war Sakristan,
ein Amt, dem es oblag, den Kelch, in dem die geweihten Hostien bewahrt wurden,
zu reinigen und die Kelchtcher zu waschen, dies Amt wurde nur dem Liebling
unter den jungfrulichen Kindern vertraut, die Nonnen hatten mich einstimmig
dazu erwhlt. In dieser Trwlbung sa ich manchen heien Nachmittag, links in
der Ecke des Kreuzbaues das Bienenhaus unter hohen Taxusbumen, rechts der
kleine Bienengarten, bepflanzt mit duftenden Krutern und Nelken, aus denen die
Bienen Honig saugten. In die Ferne konnte ich von da sehen; die Ferne, die so
wunderliche Gefhle in der Kinderseele erregt, die ewig eins und dasselbe vor
uns liegt, bewegt in Licht und Schatten, und zuerst schauerliche Ahnungen einer
verhllten Zukunft in uns weckt; da sa ich und sah die Bienen von ihren
Streifzgen heimkehren, ich sah, wie sie sich im Blumenstaub wlzten und wie sie
weiter und weiter flogen in die ungemessene Ferne, wie sie im blauen
sonnedurchglnzten ther verschwebten, und da ging mir mitten in diesen
Anwandlungen von Melancholie auch die Ahnung von ungemessenem Glck auf.
    Ja die Wehmut ist der Spiegel des Glcks; Du fhlst, Du siehst in ihr
ausgesprochen ein Glck, nach dem sie sich sehnt. Ach und im Glck wieder durch
allen Glanz der Freude durchschimmernd diese schmerzliche Wollust. Ja das Glck
ist auch der Spiegel dieser aus unergrndlichen Tiefen aufsteigenden Wehmut. Und
jetzt noch in der Erinnerung, wie in den Kindertagen, fllt sich meine Seele mit
jener Stimmung, die leise mit der Dmmerung hereinbrach und dann wieder nachgab,
wenn das Sonnenlicht mit dem Sternenlicht gewechselt hatte und der Abendtau
meine Haare losringelte. Die kalte Nachtluft sthlte mich, ich buhlte, ich
neckte mich mit den tausend Augen der Finsternis, die aus jedem Busch mir
entgegen blitzten. Ich kletterte auf die Kastanienbume, legte mich so schlank
und elastisch auf ihre ste; wenn dann der Wind durchschwirrte und jedes Blatt
mich anflsterte, da war's, als redete sie meine Sprache. Am hohen
Traubengelnder, das sich an die Kirchenmauer anlehnte, stieg ich hinauf und
hrte die Schwalben in ihrem Nestchen plaudern; halb trumend zwitschern sie
zwei -, dreisilbige Tne, und aus tiefer Ruhe seufzt die kleine Brust einen
sen Wohllaut der Befriedigung.
    Lauter Liebesglck, lauter Behagen, da ihr Bettchen von befreundeter Wrme
durchstrmt ist.
    O Weh ber mich, da mir im Herzen so unendlich weh ist, blo weil ich dies
Leben der Natur mit angeschaut hab in meinen Kindertagen; diese tausendfltigen
Liebesseufzer, die die Sommernacht durchsthnen, und inmitten dieser ein
einsames Kind, einsam bis ins innerste Mark, das da lauscht ihren Seligkeiten,
ihrer Inbrunst, das in dem Kelch der Blumen nach ihren Geheimnissen forscht, das
ihren Duft in sich saugt wie eine Lehre der Weisheit, das erst ber die Traube
den Segen spricht, ehe es sie geniet.
    Aber da war ein hoher Baum mit feinen phantastischen Zweigen, breiten
Sammetblttern, die sich wie ein Laubdach ausdehnten; oft lag ich in seiner
khlen Umwlbung und sah hinauf, wie das Licht durch ihn ugelte, und da lag ich
mit freier Brust in tiefem Schlaf; ja mir trumte von sen Gaben der Liebe,
gewi, sonst htte ich den Baum nicht sogleich verstanden, da ich erwachte, weil
eben die reife Frucht sich von seinen Zweigen gelst hatte und im Fallen auf
meine Brust ihr Saft mich netzte; dies schne dunkle berreife Blut der
Maulbeere, ich kannte sie nicht, ich hatte sie nie gesehen, aber mit Zutrauen
verzehrten sie meine Lippen wie Liebende den ersten Ku verzehren. Und es gibt
Ksse, von denen fhl ich, sie schmecken wie Maulbeeren.
    Sag, sind das Abenteuer? - und wrdig, da ich sie Dir erzhle?

                                     * * *

Und soll ich Dir noch mehr erzhlen von diesen einfachen Ereignissen, die so
gewhnlich sind wie der Atem, der die Brust hebt, und doch fanden sie auf der
reinen, noch unbeschriebenen Tafel der Erinnerung einen unverlschbaren
Eindruck. Sieh, wie dem Kind in den Windeln die ganze sinnliche Natur zur
Nahrung seiner Krfte gedeiht, bis es mannbar wird und mit seinen Gliedern das
Pferd und das Schwert regiert, so gedeiht auch das Empfinden der Geistigkeit des
Naturlebens zur Nahrung des Geistes. Nicht jetzt noch wrde ich jene
Sonnenstrahlen mit dem Auge der Erinnerung auffangen, nicht mich der Wolkenzge
als erhabener Begebnisse erinnern, die Blumen der verschwundenen Frhlinge
wrden mir nicht heute noch mit ihren Farben und Formen zulcheln, und die
reifen Frchte, denen ich liebkoste, eh ich sie geno, wrden mich nicht nach
verschwundenen Jahren, wie aus den Trumen seliger Gensse, mahnen an die
heimliche Lust. - Sie lachten mich an, diese runden pfel, die gestreiften
Birnen und die schwarzen Kirschen, die ich mir aus den hchsten Zweigen
erkletterte. O keine Erinnerung brennt mehr in meinem Herzen, auf meinen Lippen,
die dieser den Rang abliefe; nicht Du, nicht andre haben fr die se Kost der
Kirsche, auf hchstem Gipfel im brennenden Sonnenlicht gereift, oder der
waldeinsamen Erdbeere, unter betautem Gras aufgefunden, mich nur einmal
entschdigt. Darum, weil er denn in den Geist so tief eingegraben ist, der Genu
kindlicher Jugend, so tief wie die Flammenschrift der Leidenschaft, so ist er
wohl auch eine gttliche Offenbarung, und er bedingt viel in der Brust, in der
er haftet.
    Gedanken sind auch Pflanzen, sie schweben im geistigen ther, die Empfindung
ist ihre Muttererde, in der sie ihre Wurzeln ausdehnen und nhren; der Geist ist
ihre Luft, in dem sie ihre Blten ausbreiten und ihren Duft; der Geist, in dem
viele Gedanken ihre Blten treiben, der ist ein gewrziger Geist, in seiner Nhe
atmen wir seine Verklrung. Die ganze Natur ist aber ein Spiegel von dem, was im
Geistesleben vorgeht. Keinem Sommervogel hab ich umsonst nachgejagt, mein Geist
empfing dadurch die Befhigung, einem verborgenen, idealischen Reiz nachzujagen;
und hab ich das klopfende Herz in die hohen Kruter der blhenden Erde gedrckt:
ich lag am Busen einer gttlichen Natur, die meiner Inbrunst, meiner Sehnsucht
khlenden Balsam zutrufelte, der alles Begehren in geistiges Schauen
umwandelte. -
    Die wandelnden Herden in der Abenddmmerung mit ihrem Gelut, die ich oben
von der Mauer herab mit stillem Entzcken betrachtete, die Schalmei des
Schfers, der in Mondnchten seine Schafe von Triften zu Triften leitete, das
Bellen des Hundes in der Ferne, die jagenden Wolken, die aufseufzenden
Abendwinde, das Rauschen des Flusses, das sanfte Anklatschen der Wellen am
steinigen Ufer, das Einschlafen der Pflanzen, ihr Einsaugen des Morgenlichtes,
das Kmpfen und Spielen der Nebel, - o sag, welcher Geist hat mir das geistig
noch einmal geboten? - Du? - Hast Du Dich so traulich an mich geschmiegt wie die
Abendschatten? Hat Deine Stimme wehmtig freundlich in mich eingedrungen wie
jene ferne Rohrpfeife? Hat der Hund mir angeschlagen, es nahe sich einer auf
heimlicher Fhrte, dem mein Herz entgegenschlgt? Und habe ich nach glcklichen
Stunden wie jene schlaftrunkne Natur mit dem Bewutsein befriedigter Sehnsucht,
mich der Ruhe hingegeben? Nein! Nur in dem Spiegel der Natur hab ich's erfahren
und die Bilder einer hheren Welterscheinung gesehen. So nimm denn jene
Mitteilungen als Ereignisse hohen Genusses und reizender Liebesbegebenheiten
auf; was hab ich alles durch sie ahnen und begreifen gelernt! Und was knnen wir
mehr vom Leben fordern, was kann es Besseres in uns vorbereiten als die
Befhigung zur Seligkeit! Wenn also Sinne und Geist so bewegt war durch das
Regen in der Natur, wenn die Begierde gespannt war durch ihr Schmachten, wenn
ihr Dursten, ihr Trinken, ihr Brennen und Verzehren, ihr Erzeugen und Ausbrten
das Herz durchstrmte, sag, was htte ich da nicht erfahren im Liebesglck; und
welche Blume wrde mir im Paradies nicht duften und welche Frucht mir nicht
reifen?
    Darum nimm sie auf, diese Hieroglyphen hherer Seligkeit, wie sie mein
Gedchtnis nacheinander aufzeichnet. O sieh doch, das Buch der Erinnerung
blttert sich ja grade in Deiner Gegenwart an diesen merkwrdigen Stellen auf;
Du! - Du wirst mir vielleicht im Paradiese die pfel vom unverbotenen Baum
pflcken; an Deiner Brust werde ich dort aufwachen, und die Melodien einer
beseligenden Schpfung werden meine Lust in Deinen Busen hauchen.

                                     * * *

Eins bewahr im Herzen: da Du mir den reinsten Eindruck von Schnheit gemacht
hast, dem ich unmittelbar gehuldigt habe, und da nichts dem Ursprnglichen in
Deiner Natur Eintrag tun knne, und da meine Liebe innig mit diesem
einverstanden ist.

                                     * * *

Nur so weit geht die Hhe der Seligkeit, als sie begriffen wird; was der Geist
nicht umfat, das macht ihn nicht glcklich, vergebens wrden Cherubim und
Seraphim ihn auf ihren Schwingen hher tragen; er vermchte nie sich da zu
erhalten.

                                     * * *

Ahnungen sind Regungen, die Flgel des Geistes hher zu heben; Sehnsucht ist ein
Beweis, da der Geist eine hhere Seligkeit sucht; Geist ist nicht allein
Fassungsgabe, sondern auch Gefhl und Instinkt des Hheren, aus dem er seine
Erscheinung, den Gedanken entwickelt; der Gedanke aber ist nicht das
Wesentliche, wir knnten seiner entbehren, wenn er nicht fr die Seele der
Spiegel wr, in dem sie ihre Geistigkeit erkennt.

                                     * * *

Der verschlone Same und die Blte, die aus ihm erwchst, sind einander nicht
vergleichbar, und doch ist sein erstes Keimen die Ahnung dieser Blte, und so
wchst und gedeiht er fort mit gesteigerter Zuversicht, bis Blte und Frucht
seinen ersten Instinkt bewhrt, der, wenn er verloren gehen knnte, keine Blte
und Frchte tragen wrde.

                                     * * *

Und wenn ich's auch ins Buch schreibe, da ich heute traurig bin, kann mich's
trsten? Wie de sind diese Zeilen! Ach sie bezeichnen die Zeit des
Verlassenseins. Verlassen! War ich denn je vereint mit dem, was ich liebte? War
ich verstanden? - Ach warum will ich verstanden sein? - Alles ist Geheimnis, die
ganze Natur, ihr Zauber, die Liebe, ihre Beseligung, wie ihre Schmerzen. Die
Sonne scheint, treibt Blte und Frucht, aber ihr folgen die Schatten und die
winterliche Zeit. - Sind denn die Bume auch so trostlos, so verzweiflungsvoll
in ihrem Winter wie das Herz in seiner Verlassenheit? - Sehnen sich die
Pflanzen? Ringen sie nach dem Blhen, wie mein Herz heute ringt, da es lieben
will, da es empfunden sein will? - Du mich empfinden? - Wer bist Du, da ich's
von Dir verlangen mu? - Ach! - Die ganze Welt ist tot; in jedem Busen ist's
de! gb's ein Herz, einen Geist, der mir erwachte! -

                                     * * *

Komm! La uns noch einmal die hngenden Grten, in denen meine Kindheit
einheimisch war, durchlaufen; la Dich durch die langen Laubgnge geleiten zu
dem Glockenturm, wo ich mit leichter Mhe das Seil in Schwung brachte, um zu
Tisch oder zum Gebet zu rufen; und abends um sieben Uhr lutete ich dreimal das
Angelus, um die Schutzengel zur Nachtwache bei den Schlafenden zu rufen. O
damals schnitt mir das Abendrot ins Herz, und das schweifende Gold, in das sich
die Wolken senkten; o ich wei es noch wie heute, da es mir weh tat, wenn ich
so einsam durch das schlafende Blumenfeld ging, und weiter, weiter Himmel um
mich, der in beschwingter Eile seine Wolken zusammentrieb, wie eine Herde, die
er weiterfhren wollte, der rotes, blaues und gelbes Gewand entfaltete, und dann
wieder andre Farben, bis die Schatten ihn bermannten. Da stand ich und sah die
verspteten Vgel mit rascher Eile nach ihrem Nest fliegen; und dachte, wenn
doch einer in meine Hand flg, und ich fhlte sein klein Herzchen pochen, ich
wollte zufrieden sein; ja, ich glaubte, ein Vgelchen nur, das mir zahm war,
knne mich glcklich machen. Aber es flog kein Vogel in meine Hand, ein jeder
hatte schon anders gewhlt, und ich war nicht verstanden mit meiner Sehnsucht.
Ich glaubte doch damals, die ganze Natur bestehe blo aus dem Begriff
aufgeregter Gefhle, davon komme das Blhen aller Blumen, und dadurch schmelze
sich das Licht in alle Farben, und darum hauche der Abendwind so leise Schauer
bers Herz, und deswegen spiegle sich der Himmel, umgrenzt vom Ufer, in den
Wellen. Ich sah das Leben der Natur und glaubte, ein Geist, der der Wehmut, die
meine Brust erfllte, entsprach, sei dies Leben selbst; es seien seine Regungen,
seine Gedanken, die dies Tag- und Nachtwandeln der Natur bilde; ja und ich
junges Kind fhlte, da ich einschmelzen msse in diesen Geist, und da es
allein Seligkeit sei, in ihm aufzugehen; ich rang, ohne zu wissen, was Tod sei,
dahin, aufgelst zu sein; ich war unersttlich, die Nachtluft mit vollen Zgen
einzuatmen, ich streckte die Hnde in die Luft, und das flatternde Gewand, die
fliegenden Haare bewiesen mir die Gegenwart des liebenden Naturgeistes; - ich
lie mich kssen von der Sonne mit verschlossenen Augen, und dann ffnete ich
sie, und mein Blick hielt es aus; ich dachte: lt du dich kssen von ihr, und
solltest nicht vertragen knnen, sie anzusehen?
    Von dem Kirchgarten fhrte eine hohe Treppe, ber die das Wasser schumend
hinabstrzte, zum zweiten Garten, der rund war, mit regelmigen Blumenstcken
ein groes Bassin umgab, in dem das Wasser sprang; hohe Pyramiden von Taxus
umgaben das Bassin, sie waren mit purpurroten Beeren berset, deren jede ein
kristallhelles Harztrpfchen ausschwitzte; ich wei noch alles, und dies
besonders war meine Lieblingsfreude, die ersten Strahlen der Morgensonne in
diesen Harzdiamanten sich spiegeln zu sehen.
    Das Wasser lief aus dem Bassin unter der Erde bis zum Ende des runden
Gartens und strzte von da wieder eine hohe Treppe hinab in den dritten Garten,
der den runden Garten ganz umzog und gerade so tief lag, da die Wipfel seiner
Bume wie ein Meer den runden Garten umwogten. Es war so schn, wenn sie
blhten, oder auch wenn die pfel und die Kirschen reiften und die vollen ste
herberstreckten. Oft lag ich unter den Bumen in der heien Mittagssonne, und
in der lautlosen Natur, wo sich kein Hlmchen regte, fiel die reife Frucht neben
mir nieder ins hohe Gras; ich dachte: Dich wird auch keiner finden! Da
streckte ich die Hand aus nach dem goldnen Apfel und berhrte ihn mit meinen
Lippen, damit er doch nicht gar umsonst gewesen sein solle.

                                     * * *

Nicht wahr, die Grten waren schn! - Zauberisch! Da unten sammelte sich das
Wasser in einem steinernen Brunnen, der von hohen Tannen umgeben war; dann lief
es noch mehrere Terrassen hinab, immer in steinerne Becken gesammelt, wo es denn
unter der Erde bis zur Mauer kam, die den tiefsten alle andere Grten umgebenden
einschlo, und von da sich ins Tal ergo, denn auch dieser letzte Garten lag
noch auf einer ziemlichen Hhe; da flo es in einem Bach weiter, ich wei nicht
wohin. So sah ich denn von oben hinab seinem Strzen, seinem Sprudeln, seinem
ruhigen Lauf zu; ich sah, wie es sich sammelte und kunstreich emporsprang und in
feinen Strahlen umherspielte; es verbarg sich, es kam aber wieder und eilte
wieder eine hohe Treppe hinab; ich eilte ihm nach, ich fand es im klaren Brunnen
von dunklen Tannen umgeben, in denen die Nachtigallen hausten; da war es so
traulich, da spielte ich mit bloen Fen in dem khlen Wasser. - Und dann
lief's weiter verborgen, und wie es sich auerhalb der Mauer hinabstrzte, das
sah ich mit an und konnte es nicht weiter verfolgen, ich mute es halt
dahinlaufen lassen. - Ach, es kam ja Welle auf Welle nach, es strmte
unaufhaltsam die Treppe hinab; der Wasserstrahl im Springbrunnen spielte Tag und
Nacht und versiegte nimmer, aber da, wo es mir entlief, da grade sehnte sich
mein Herz nach ihm, und da konnte ich nicht mit; und wenn ich nun Freiheit
gehabt htte und wre mitgezogen durch alle Wiesen, durch alle Tler, durch die
Wste! - Wo der Bach mich am End hingefhrt haben mchte!
    Ja Herr, ich sehe Dich brausen und strmen, ich seh Dich kunstreich spielen,
ich sehe Dich ruhig dahin wandeln, Tag fr Tag und pltzlich Deine Bahn lenken
hinaus aus dem Reich des Vertrauens, wo ein liebendes Herz seine Heimat whnte,
unbekmmert, da es verwaist bleibe.
    So hat denn der Bach, an dessen Ufern ich meine Kindheit verspielte, mir in
seinen kristallnen Wellen das Bild meines Geschickes gemalt, und damals hab
ich's schon betrauert, da die mir sich nicht verwandt fhlten. O komm nur, und
spiel meine Kindertage noch einmal mit mir durch, Du bist mir's schuldig, da Du
meine Seufzer in Deine Melodien verhallen lt, solange ich nicht weiter gehe,
als meine kindliche Sehnsucht am Bach; die es auch geschehen lassen mute, da
er sich losri und sich energische Bahn brach in die Fremde. - In der Fremde, wo
es gewi war, da mein Bild sich nicht mehr in ihm spiegelte.

                                     * * *

Heute haben wir grnen Donnerstag, da hab ich kleiner Tempeldiener viel zu tun;
alle Blumen, die das frhe Jahr uns gnnt, werden abgemht, Schneeglckchen,
Krokus, Malieb und das ganze Feld voll Hyazinthen schmcken den weien Altar,
und dann bring ich die Chorhemdchen und zwlf Kinder mit aufgelsten Haaren
werden damit bekleidet; sie stellen die Apostel vor. Nachdem wir mit brennenden,
blumengeschmckten Kerzen den Altar umwandelt haben, lassen wir uns im Halbkreis
nieder, und die alte btissin mit ihrem hohen Stab von Silber, umwallt vom
Schleier und langem, schleppendem Chormantel, kniet vor uns, um uns die Fe zu
waschen. Eine Nonne hlt das silberne Becken und giet das Wasser ein, die andre
reicht die Linnen zum Abtrocknen; indessen lutet es mit allen Glocken, die
Orgel ertnt, zwei Nonnen spielen die Violine, eine den Ba, zwei blasen die
Posaune, eine wirbelt auf den Pauken, alle brigen stimmen mit hohen Tnen die
Litanei an: Sankt Petrus, wir gren dich - du bist der Fels, auf den die
Kirche baut. Dann geht es zum Paulus, und so die Reihe durch werden alle
Apostel begrt, bis alle Fe gewaschen sind. - Nun siehst Du, das ist ein Tag,
auf den wir uns schon ein Vierteljahr lang halb selig gefreut haben. Die ganze
Kirche war voll Menschen, sie drngten sich um unsere Prozession und weinten
Trnen der Rhrung ber die lachenden, unschuldigen Apostel.
    Von nun an ist der Garten wieder offen, der den Winter ber unzugnglich
war; jedes luft an sein Blumengrtchen, da hat der Rosmarin gut berwintert,
die Nelkenpflnzchen werden unter dem drren Laub hervorgescharrt, und so
manches junge Keimchen meldet den vergenen vorjhrigen Blumenflor. Erdbeeren
werden verpflanzt und die blhenden Veilchen sorgfltig herausgehoben und in
Scherben versetzt; ich trage sie an mein Bett und lege den Kopf dicht an sie
heran, damit ich ihren Duft die ganze Nacht ein- und ausatme.

                                     * * *

O was erzhle ich dies alles dem Mann, der fern ab von solchen Kindereien seinen
Geist zu andern Sphren trgt! Warum Dir, dem ich schmeicheln, den ich locken
will; Du sollst mir freundlich sein, Du sollst, Dir unbewut, mich allmhlich
lieben, whrend ich so mit Dir plaudere; knnte ich Dir nun nichts anders sagen,
was Dir wichtiger wr, was Dich bewegte, da Du mich geliebtes Kind nenntest,
mich ans Herz drcktest in ser Regung ber das, was Du vernimmst?

    Ach ich wei nichts Besseres, ich wei keine schnere Freuden als die jener
ersten Frhlinge, keine innigere Sehnsucht als die nach dem Aufblhen meiner
Blumenknospen, keinen heieren Durst, als der mich befiel, wenn ich mitten in
der schnen blhenden Natur stand, und alles voll ppigem Gedeihen um mich her.
Nichts hat freundlicher und mitleidiger mich berhrt als die Sonnenstrahlen des
jungen Jahrs, und wenn Du eiferschtig sein knntest, so wr es nur auf diese
Zeit, denn wahrlich, ich sehne mich wieder dahin.

                                     * * *

Eine Sonne geht uns auf, sie weckt den Geist wie den jungen Tag, mit ihrem
Untergang geht er schlafen; wenn sie aufsteigt, erwacht ein Treiben im Herzen
wie der Frhling, wenn sie hoch steht, glht der Geist mchtig, er ragt ber das
Irdische hinaus und lernt aus Offenbarungen; wenn sie sich dem Abend neigt, da
tritt die Besinnung ein, ihrem Untergang folgt die Erinnerung; wir besinnen uns
in der Schattenruhe auf das Wogen der Seele im Lichtmeer, auf die Begeistrung in
der Zeit der Glut, und mit diesen Trumen gehen wir schlafen. Manche Geister
aber steigen so hoch, da ihnen die Liebessonne nimmermehr untergeht, und der
neue Tag schliet sich an den versinkenden an.

                                     * * *

Die einsame Zeit ist allein, was mir bleibt; wessen ich mich erinnere, das war
in der Einsamkeit erlebt, und was ich erlebt habe, das hat mich einsam gemacht;
die ganze weite Welt umspielt in allen Farben den einsamen Geist, sie spiegelt
sich in ihm, aber sie durchdringt ihn nicht.
    Geist ist in sich, und was er wahrnimmt, was er aufnimmt, das ist seine
eigne Richtung, sein Vermgen; es ist seine hchste Offenbarung, da er erfasse,
was er vermag. Ich glaub, im Tode mag's ihm wohl offenbar werden, frher hat er
nur unglubige Anschauungen davon; htte ich frher geglaubt, so htte der Geist
auch zu erreichen gestrebt, was er unmglich whnte, und htte erlangt, wonach
er sich sehnte, denn Sehnsucht ist ein heilig Merkmal der Wahrhaftigkeit seines
Ziels, sie ist Inspiration und macht den Geist khn. Dem Geist soll nichts zu
khn sein, denn weil er alles vermag; er ist der Krieger, dem keine Waffe
versagt, er ist der Reiche, dessen Flle unendliches spendet, er ist der Selige,
dem alles Wollust ist; ja wohl, Geist ist die Gottheit! Die Brust saugt die Luft
in sich und entlt sie wieder, um sie wieder zu trinken, und das ist Leben. -
Der Geist trinkt sehnend die Gottheit und haucht sie wieder aus, um sie abermals
zu trinken, und das ist sein Leben; alles andre ist Zufall, ist Spur, Geschichte
des Geistes, aber nicht sein Leben.

                                     * * *

Darum ist der Geist einsam, weil ihn nur ein einziges belebt, das ist die Liebe.
Die Liebe ist das All. Der Geist ist einsam, weil die Liebe alles allein ist.
Die Liebe ist nur fr den, der ganz in ihr ist. Liebe und Geist schauen sich
einander an, denn sie sind in sich allein und knnen nur sich sehen.
    Ich war auch einsam damals in der Kindheit, die Sterne ugelten mich an, ich
begriff sie, die Liebe spricht durch sie.
    Die Natur ist die Sprache der Liebe, die Liebe spricht zur Kindheit durch
die Natur. Der Geist ist Kind hier auf Erden, drum hat die Liebe die se,
selige, kindliche Natur als Sprache fr den Geist geschaffen.
    Wr der Geist selbstndig, vielleicht fhrte die Liebe eine andre Sprache. -
Die Natur lenkt und reicht dar, was der Geist bedarf; sie lehrt, sie erzhlt,
sie erfindet, sie trstet, sie beschtzt und vertritt seine Unmndigkeit,
vielleicht wenn sie den Geist aus der Kindheit herausgeleitet hat, lenkt sie ihn
nicht mehr, sie lt ihn dann selbstndig walten, vielleicht ist das jenseitige
Leben der Frhling des Geistes, so wie dieses seine Kindheit ist. Denn wir
sehnen uns ja nach dem Frhling, nach der Jugend bis zum letzten Augenblick, und
dieses Erdenleben ist nur ein Vorbilden fr das Jugendleben des Geistes, sie
entlt ihn aus der Kindheit, wie das Samenkorn den Keim entlt ins therleben.
    Blhen ist Geist, es ist Schnheit, es ist Kunst, und sein Duftausstrmen
ist abermals Streben in ein hheres Element.

                                     * * *

Komm mit, Freund! Scheue nicht den feuchten Abendtau, ich bin ein Kind, und Du
bist ein Kind, wir liegen gern unter freiem Himmel und sehen den gemchlichen
Zug der Abendwolken, die im purpurnen Gewand dahin schwimmen. O komme! - Kein
seligerer Traum, kein beglckenderes Ereignis als Ruhe! Stille Ruhe im Dasein;
beglckt, da es so ist, und kein Whnen, es knne anders sein, oder es msse
anders kommen. Nein! Nicht im Paradies wird es schner sein, als diese Ruhe ist,
die keine Rechenschaft gibt, kein berschauen des Genusses, weil jeder
Augenblick ganz selig ist. Solche Minuten erleb ich mit Dir, nur weil ich Dich
denke an meiner Seite in jenen Kinderjahren; da sind wir eines Sinnes, was ich
erlebe, spiegelt sich in Dir, und ich lerne es in Dir begreifen, und was erlebte
ich, wenn ich's nicht in Dir anschaute? - In was empfindet sich der Geist, durch
was besitzt er sich, als nur dadurch, da er die Liebe hat? - Ich habe Dich,
Freund! Du wandelst mit mir, Du ruhst an meiner Seite, meine Worte sind der
Geist, den Deine Brust aushaucht.

                                     * * *

Alle sinnliche Natur wird Geist, aller Geist ist sinnliches Leben der Gottheit.
- Augen, ihr seht! - Ihr trinkt Licht, Farben und Formen! - O Augen, ihr seid
genhrt durch gttliche Weisheit, aber alles tragt ihr der Liebe zu, ihr Augen;
da die Abendsonne ihre Glorie ber euch spielen lt, und der Wolkenhimmel eine
heilige Farbenharmonie euch lehrt, in die alles einstimmt: die fernen Hhen, die
grne Saat, der silberne Flu, der schwarze Wald, der Nebelduft, das gibt euch,
ihr Augen, die Mutter Natur zu trinken, whrend der Geist den schnen Abend
verlebt im Anschauen des Geliebten. O ihr Ohren, euch umtnt die weite Stille,
in ihr erhebt sich das leise Heranbrausen des Windes, es naht sich ein zweites,
es trgt euch Tne zu aus der Ferne, die Wellen schlagen seufzend ans Ufer, die
Bltter lispeln, nichts regt sich in der Einsamkeit, was nicht sich euch
vertraute, ihr Ohren. Ihr werdet getrnkt durch das ganze Walten der Natur,
whrend Ohr, Aug, Sprache und Genu im Busen des Freundes tief versunken ist.
Ach paradiesisches Mahl, wo die Kost sich in Weisheit verwandelt, wo Weisheit
Wollust ist und diese Offenbarung wird.
    Diese Frucht! Duftend, reif, niedersinkend aus dem ther! - Welcher Baum hat
sie abgeschttelt von den berreichen sten? Whrend wir, Wange an Wange
gelehnt, ihrer und der Zeit vergessen. Diese Gedanken, sind sie nicht die pfel,
die der Baum der Weisheit trgt, und die er Liebenden in den Scho schttelt,
die in seinem Paradiese wohnen und in seinem Schatten ruhen. - Damals war die
Liebe in der Kindesbrust, die ihre Gefhle wie der junge Keim seine Blten
dichtgefaltet und verschrnkt umschlo. Damals war sie! - und ihrem Drngen
dehnte sich der Busen und ffnete sich, ihre Blten zu entfalten.

                                     * * *

Ein Nnnchen wurde eingekleidet, eine andre haben wir begraben whrend den drei
Jahren, als ich im Kloster war; dem einen hab ich den Zypressenkranz auf den
Sarg gelegt, sie war die Grtnerin und hatte lange Jahre den Rosmarin gepflegt,
den man ihr aufs Grab pflanzte; sie war achtzig Jahre alt, und der Tod berhrte
sie sanft, whrend sie Absenker von ihren Lieblingsnelken machte, da hockte sie
am Boden und hielt die Pflanzen in der Hand, die sie eben einsetzen wollte; ich
war der Vollstrecker ihres Testaments, denn ich nahm die Pflanzen aus der
erstarrten Hand und setzte sie in die frisch aufgewhlte Erde, ich bego sie mit
dem letzten Krglein Wasser, was sie am Madlenenbrnnchen geholt hatte, die gute
Schwester Monika! Wie schn wuchsen diese Nelken! Dunkelrot waren sie und gro.
- Da mich spter der, der mich liebt und kennt, einer dunklen Nelke verglich, da
dachte ich an die Blumen, die ich junges Kind aus der erstorbenen Hand des hohen
Alters entnommen und eingepflanzt hatte, und ob es wohl so kommen werde, da
auch mich der Tod beim Pflanzen der Blumen berrasche; der Tod, der
triumphierende Herold des Lebens, der Befreier von irdischer Schwere.
    Aber jene andre Nonne, jung und schn, deren lange goldne Flechten ich auf
goldnem Opferteller zum Altar trug: - ich hab nicht geweint, da man die alte
Grtnerin zu Grabe trug, obschon sie meine Freundin gewesen war und mir manche
Gartenkunst gelehrt hatte. Es kam mir so natrlich vor und so behaglich, da ich
nicht einmal darber verwundert war; aber damals, als ich im Chorhemdchen mit
einem Kranz von Rosen auf dem Kopf, mit brennender Kerze als Geleitengel, unter
dem Gelute aller Glocken vor der in alle ppige Pracht gekleideten jugendlichen
Braut Christi einherschritt; da wir an das Gitter kamen, vor welchem der Bischof
stand, der ihr die Gelbde abnahm, und er fragte, ob sie sich Christo vermhlen
wolle, und man ihr auf ihr Bejahen die mit Perlen und Bndern durchflochtenen
Haare abschnitt, welche ich auf einem goldenen Teller empfing, da fielen meine
Trnen auf diese Haare, und da ich hin zum Altar trat, um sie dem Bischof zu
berreichen, da schluchzte ich laut, und alles Volk weinte mit.
    Die junge Braut legte sich an die Erde, es wurde ein Leichentuch ber sie
gebreitet, die Nonnen wallten von allen Seiten herbei, je zu zweien Blumenkrbe
tragend. Ich streute die Blumen auf das Leichentuch, whrend ein Requiem
gesungen wurde. Sie wurde als Tote eingesegnet und Gebete ber sie gesprochen;
das irdische Leben war beendet, ich hob als Auferstehungsengel die Totendecke
auf; das himmlische Leben beginnt, die Nonnen umringen sie, in ihrer Mitte wird
sie vom weltlichen Staat entkleidet. Ordenskleid, Mantel und Schleier werden ihr
angelegt, worauf sie in die Hnde des Bischofs die Gelbde des Gehorsams, der
Keuschheit und der Armut ablegt. Ach, wie war ich beklommen, da der Bischof ihr
das Kruzifix reichte, um es als ihren Brutigam zu kssen. Ich wich nicht von
ihrer Seite; am Abend, da die Nonne allein in ihrer Zelle sa, kniete ich noch
vor ihr, mit meinem verwelkten Rosenkranz auf dem Kopf; sie war eine Franzsin,
eine Grfin d'Antelot. Mon enfant, fragte sie, mon cher ange gardien,
pourquoi as - tu pleur ce matin lorsqu'on m'a coup les cheveux? Ich schwieg
eine Weile still, aber dann fragte ich leise: Madame, est-ce que Jsus Christ a
aussi une barbe noire?
    Diese schne Frau war mit vielen andern hohen Damen und Rittern, die
Ordensbnder und Sterne hatten und aus Frankreich vertrieben waren, in unser
Kloster gekommen; diese zogen alle weiter, sie allein blieb zurck, sie wandelte
viel im Garten, sie hatte einen blitzenden Ring am Finger, den sie kte, wenn
sie in der dunklen Allee allein war. Da las sie ihre Briefe mit leiser Stimme,
und mit einem feinen weien Tuch trocknete sie die weinenden Augen. Ich
belauschte sie, ich liebte sie und weinte heimlich mit. Einmal trat ein schner
Mann in glnzender Uniform mit ihr in den Garten. Sie sprachen zrtlich
miteinander. Der Mann hatte einen schwarzen Bart, er war grer als sie, er
hielt sie in seinen Armen und sah auf sie herab, und seine glnzenden Trnen
blieben in seinem schwarzen Bart hngen; das sah ich, denn ich sa in der
dunkeln Laube, an deren Eingang sie standen. Er seufzte tief und laut, er
drckte sie ans Herz, und sie kte die glnzenden Trnen im schwarzen Bart auf.
    Noch oft wandelte die schne Frau in diesen einsamen Alleen, noch oft sah
ich sie, weinend unter dem Baum, wo er Abschied genommen hatte, und endlich nahm
sie den Schleier.

                                     * * *

                                                                         Koblenz

Ich habe mehrere Tage nicht ins Buch geschrieben, wie hab ich mich danach
gesehnt! Im Wandern durch fremde Straen hab ich Deiner gedacht.
    Hier der Spiel- und Tummelplatz Deiner Jugendjahre, da ben der
Ehrenbreitstein; er heit wie die Basis Deines Ruhms, so mu der Wrfel heien,
auf dem Dein Denkmal einst stehn wird. Gestern fielen mir wunderliche Gedanken
aus den Wolken, ich htte sie gern aufgeschrieben, ich war nicht allein, ich
mute sie halt mit den wechselnden Wellen im Strom dahin ziehen lassen.

                                     * * *

Alles, was dem Wesen der Liebe nicht zusagt, ist Snde, und alles, was Snde
ist, sagt dem Wesen der Liebe nicht zu. Die Liebe hat eine persnliche Gewalt,
die ein Recht an uns bt; ich unterwerfe mich ihrer Rge, sie, und sie allein
ist die Stimme meines Gewissens.
    Welche Anregungen auch im Leben vorkommen, welche Wendungen auch ein
Geschick nimmt, sie ist der Weg der Modulation, der alle fremde Tonarten
harmonisch auflst, sie gibt die Erkenntnis, den Takt einer wahrhaft sittlichen
Gre. Sie ist strenge, und diese Strenge erregt leidenschaftlich fr die Liebe,
ich brenne vor Begierde zu tun, was ihr gem ist. Ich will gern jedes Gefhl,
jede Regung an ihr abmessen.
    Jetzt geh ich schlafen; knnt ich Dir beschreiben, wie wohl mir ist.

                                     * * *

Wenn heut der Tag wre, wo ich Dich wiedersehe! Heute! in wenig Sekunden trtest
Du hier in meine vier Wnde, in denen ich schon seit einem Sommer das
Zauberhandwerk treibe, Dich zu besitzen; ja und manchen Augenblick warst Du
mein, meine Liebe zog Dich heran. Ich sah in die Ferne, im Herzen sah ich nach
Dir und erkannte Dich. Etwas sich aneignen, etwas besitzen, dazu gehrt eine
groe Kraft; etwas besitzen wenn auch nur Minuten lang, erzeugt Wunder; was Du
besitzest im Geist, das erkennst Du, was Du erkennst, das nimmt Dich ein, was
Dich einnimmt, das erschliet Dir eine neue Welt.

                                     * * *

Der Geist will Selbstherrscher sein! der eigne Besitz ist seine wahre Kraft;
jede Wahrheit, jede Offenbarung ist ein Berhren des eigenen Geistes,
durchdringst Du ihn, schmilzt Deine Seele in Deinen Geist: dann hast Du alles,
was Du vermagst, und jede Offenbarung und Dein Leben ist Dein fortwhrendes
Wissen, und Dein Wissen ist Dein Sein, Dein Erzeugen. Alle Erkenntnis ist Liebe,
darum ist es so selig zu lieben, weil im Lieben der Besitz liegt der eignen
gttlichen Natur.
    Hast Du geliebt? es war eine Spur gttlicher Natur, Du hobst die Grenze
Deines Seins auf und dehntest Dich aus im Besitz Deiner Liebe. Dieses Ausdehnen
ist der Kreislauf Deiner geistigen Natur; was Du liebst, das ist ein Reich, in
das Du geboren bist, da Du vermagst in ihm zu leben. Ach es ist so gro, so
unendlich das Reich der Liebe, und doch umschliet es das menschliche Herz.

                                     * * *

So wollen wir dann das Kloster verlassen, in dem kein Spiegel war, und in dem
ich also whrend vier Jahren vergeblich die Bekanntschaft meiner Gesichtszge,
meiner Gestalt gesucht haben wrde, doch ist es mir in dieser ganzen Zeit nie
eingefallen daran zu denken, wie ich wohl ausshe; es war mir eine groe
berraschung, wie ich im dreizehnten Jahre zum erstenmal mit zwei Schwestern,
umarmt von der Gromutter, die ganze Gruppe im Spiegel erblickte. Ich erkannte
alle, aber die eine nicht, mit feurigen Augen, glhenden Wangen, mit schwarzem,
fein gekruseltem Haar; ich kenne sie nicht, aber mein Herz schlgt ihr
entgegen, ein solches Gesicht hab ich schon im Traum geliebt, in diesem Blick
liegt etwas, was mich zu Trnen bewegt, diesem Wesen mu ich nachgehen, ich mu
ihr Treue und Glauben zusagen; wenn sie weint, will ich still trauern, wenn sie
freudig ist, will ich ihr still dienen, ich winke ihr, - siehe, sie erhebt sich
und kommt mir entgegen, wir lcheln uns an, und ich kann's nicht lnger
bezweifeln, da ich mein Bild im Spiegel erblicke.
    Ach ja, diese Prophezeiung ist mir wahr geworden, ich habe keinen andern
Freund gehabt als mich selber, ich habe nicht um mich, aber oft mit mir geweint;
ich habe gescherzt mit mir, und das war noch rhrender, da am Scherz auch kein
andrer teilnahm, htte mir damals einer gesagt, es sucht jeder in der Liebe nur
sich, und es ist das hchste Glck sich in ihr finden, ich htt es nicht
verstanden, doch ist in diesem kleinen Ereignis eine hohe Wahrheit verborgen,
die gewi nur wenige fassen: finde dich, sei dir selber treu, lerne dich
verstehen, folge deiner Stimme, nur so kannst du das Hchste erreichen. Du
kannst nur dir treu sein in der Liebe, was du schn findest, das mut du lieben,
oder du bist dir untreu.
    Schnheit erzeugt Begeistrung, aber Begeistrung fr Schnheit ist die
hchste Schnheit selbst. Sie spricht das erhhte, verklrte Ideal des Geliebten
durch sich selbst aus.
    Gewi, die Liebe erzieht eine hhere Welt aus der Sinnenwelt; der Geist wird
durch die Sinne genhrt, gepflegt und getragen, er wchst und steigt durch sie
zur Selbstbegeistrung, zum Genie, denn Genie ist das berirdische selige Leben
einer durch die sinnliche Natur erzeugten himmlischen Begeisterung.
    Du erscheinst mir wie dies himmlische Erzeugnis meiner Sinnenwelt, wenn ich
so vor Dir stehe und Dir ausspreche, wie ich Dich liebe, und doch, wenn ich so
vor Dir stehe, dann fhl ich wie Deine sinnliche Erscheinung mich verklrt und
zur himmlischen Natur in mir wird.

                                     * * *

Jetzt bin ich dreizehn Jahr alt, jetzt rckt die Zeit an, die aus dem Schlaf
weckt, die jungen Keime haben Trieb und rcken aus ihrer braunen Hlle hervor
ans Licht, und die Liebe des Kindes neigt sich den aufkeimenden Geschlechtern
der Blumen; sein Herz glht verschmt und innig ihren vielfarbigen duftenden
Reizen entgegen und ahnet nicht, da whrenddem eine Keimwelt von
tausendfltigen Geschlechtern der Sinne und des Geistes sich aus der Brust
hervor, dem Leben, dem Licht entgegendrngt. - Siehst Du wohl hier besttigt,
was ich sage: die Liebe zu der aufkeimenden Bltenwelt der sinnlichen Natur
erregt die schlafenden Keime einer geistigen Bltenwelt; indem wir die sinnliche
Schnheit gewahr werden, erzeugt sich in uns ein geistig Ebenbild, eine
himmlische Verklrung dessen, was wir sinnlich lieben. - So war meine erste
Liebe, im Garten: in der Geiblattlaube war ich jeden Morgen mit der Sonne und
drngte mich dem Aufbrechen ihrer rtlichen Knospen entgegen, und wie ich in die
erschlonen Kelche blickte, da liebte ich und betete die Sinnenwelt in den
Blten an, und ich mischte meine Trnen mit dem Honig in ihren Kelchen. Ja,
glaub's, es war mir ein besonderer Reiz, die Trne, die unwillkrlich mir ins
Auge gedrungen, da hinein zu betten, so wechselte die Lust mit der Wehmut. Die
jungen Feigenbltter, wie sie zuerst so rein und dicht gefaltet aus dem Keim
hervorsteigen und vor der Sonne sich ausbreiten: Ach Gott! Du! warum schmerzt
die Schnheit der Natur? nicht wahr, weil die Liebe sich untchtig fhlt, sie
ganz zu umfassen, so ist die glcklichste Liebe von Wehmut durchdrungen, weil
sie ihrer eignen Sehnsucht kein Genge tun kann, so macht mich Deine Schnheit
wehmtig, weil ich Dich nicht genug lieben kann. - O verlasse mich nicht, sei
mir nur so weit willig gesinnt, wie der Tau den Blumen gesinnt ist; morgens
weckt er sie und nhrt sie, und abends reinigt er sie vom Staub und khlt sie
von der Hitze des Tages. So mache Du es auch, wecke und nhre meine Begeistrung
in der Frhe, khle meine Glut und reinige mich von Snden am Abend.

                                     * * *

Hast Du mich lieb? - Ach! ein Herabneigen Deines Angesichts auf mich wie die
wogenden Zweige der Birke, - wie schn wr das! - oder auch, da Du mich
anhauchtest im Schlaf, wie der Nachtwind ber die Fluren hinstreift; mehr nicht,
mein Freund, verlang ich von Dir - da der Atem des Geliebten Dich berhrt,
welche Seligkeit kannst Du dieser gleichstellen? -
    So hell und deutlich hab ich damals nicht gefhlt, wie ich heut in der
Erinnerung fhle, ich war so unmndig wie die junge Saat, aber ich wurde vom
Lichte genhrt und dem Selbstbewutsein entgegengefhrt, wie jene, wenn sie
durch die hre ihrer selbst gewi wird; und heute bin ich reif, und streue die
goldnen Fruchtkrner der Liebe zu Deinen Fen aus, mehr nicht besagt mein
Leben.

                                     * * *

Die Nachtigall war anders gegen mich gesinnt wie Du, sie stieg herab von Ast zu
Ast und kam immer nher, sie hing sich an den uersten Zweig, um mich zu sehen,
ich wendete leise mich zu ihr, um sie nicht zu scheuchen, und siehe da! Aug in
Nachtigallenaug, wir blickten uns an und hielten's aus. Dazu trugen die Winde
die Tne einer fernen Musik herber, deren allumfassende Harmonie wie ein in
sich abgeschlossenes Geisteruniversum erklang, wo jeder Geist alle Geister
durchdringt, und alle jedem sich fgen; vollkommen schn war dies Ereignis, dies
erste Annhern zweier gleich unbewuten, unschuldigen Naturen, die noch nicht
erfahren hatten, da aus Liebesdurst, aus Liebeslust das Herz im Busen strker
und strker klopft. Gewi, ich war erfreut und gerhrt durch dies Annhern der
Nachtigall, wie ich mir denke, da Du allenfalls freundlich bewegt werden
knntest durch meine Liebe, aber was hat die Nachtigall bewogen mir nachzugehen,
warum kam sie herab vom hohen Baum und setzte sich mir so nah, da ich sie mit
der Hand htte haschen knnen, warum sah sie mich an und zwar mir ins Aug? - Das
Aug spricht mit uns, es antwortet auf den Blick, die Nachtigall wollte mit mir
sprechen, sie hatte ein Gefhl, einen Gedanken mit mir auszutauschen. (Gefhl
ist der Keim des Gedankens), und wenn es so ist, welchen tiefen, gewaltigen
Blick lt uns hier die Natur in ihre Werkstatt tun; wie bereitet sie ihre
Steigerungen vor, wie tief legt sie ihre Keime, wie weit ist es noch von der
Nachtigall bis zu dem Bewutsein zwischen zwei Liebenden, die ihre Inbrunst so
deutlich im Lied der Nachtigall gesteigert empfinden, da sie glauben mssen,
ihre Melodien seien der wahre Ausdruck ihrer Empfindungen. -
    Am andern Tag kam sie wieder, die Nachtigall - ich auch, mir ahnete, sie
wrde kommen, ich hatte die Gitarre mitgenommen, ich wollte ihr was vorspielen,
an der Pappelwand war's, der wilden Rosenhecke gegenber, die ihre langen
schwankenden Zweige ber die Mauer des Nachbargartens hereinstreckte und mit
ihren Blten beinah bis wieder an den Boden reichte; da sa sie, streckte ihr
Hlschen und sah mir zu, wie ich mit dem Sand spielte. Nachtigallen sind
neugierig, sagen die Leute, bei uns ist's ein Sprichwort: Du bist so neugierig
wie eine Nachtigall; aber warum ist sie denn neugierig auf den Menschen, der
scheinbar gar keine Beziehung auf sie hat? - was wird einstens aus dieser
Neugierde sich erzeugen? - O! nichts umsonst, alles braucht die Natur zu ihrem
rastlosen Wirken, es will und mu weitergehen in ihren Erlsungen. Ich stieg auf
eine hohe Pappel, deren ste von unten auf zu einer bequemen Treppe rund um den
Stamm gebildet waren; da oben in dem schlanken Wipfel band ich mich fest an die
Zweige mit der Schnur, an der ich die Gitarre mir nachgezogen hatte, es war
schwl, nun regten sich die Lfte strker und trieben ein Heer von Wolken ber
uns zusammen. - Die Rosenhecke wurde hochgehoben vom Wind und wieder
niedergebeugt, aber der Vogel sa fest; je brausender der Sturm, je
schmetternder ihr Gesang, die kleine Kehle strmte jubelnd ihr ganzes Leben in
die aufgeregte Natur, der fallende Regen behinderte sie nicht, die brausenden
Bume, der Donner bertubte und schreckte sie nicht, und ich auch auf meiner
schlanken Pappel wogte im Sturmwind nieder auf die Rosenhecke, wenn sie sich
hob, und streifte ber die Saiten, um den Jubel der kleinen Sngerin durch den
Takt zu migen. Wie still war's nach dem Gewitter! welche heilige Ruhe folgte
dieser Begeistrung im Sturm! mit ihr breitete die Dmmerung sich ber die weiten
Gefilde, meine kleine Sngerin schwieg, sie war mde geworden. Ach, wenn der
Genius aufleuchtet in uns und unsere gesamten Krfte aufregt, da sie ihm
dienen, wenn der ganze Mensch nichts mehr ist, als nur dienend dem Gewaltigen,
dem Hheren als er selbst, und die Ruhe folgt auf solche Anstrengung, wie mild
ist es da, wie sind da alle Ansprche, selbst etwas zu sein, aufgelst in
Hingebung an den Genius! So ist Natur, wenn sie ruht vom Tagewerk: sie schlft,
und im Schlaf gibt es Gott den Seinen. So ist der Mensch, der unterworfen ist
dem Genius der Kunst, dem das elektrische Feuer der Poesie die Adern
durchstrmt, den prophetische Gabe durchleuchtet, oder der wie Beethoven eine
Sprache fhrt, die nicht auf Erden, sondern im ther Muttersprache ist. Wenn
solche ruhen von begeisterter Anstrengung, dann ist es so mild, so khl, wie es
heute nach dem Gewitter war in der ganzen Natur, und mehr noch in der Brust der
kleinen Nachtigall, denn sie schlief wahrscheinlich heute noch tiefer als alle
andren Vgel, und um so krftiger und um so inniger wird ihr der Genius, der es
den Seinen im Schlaf gibt, vergolten haben, ich aber stieg nach eingeatmeter
Abendstille von meinem Baum herab, und durchdrungen von den hohen Ereignissen
des eben Erlebten, sah ich unwillkrlich die Menschheit ber die Achsel an.

                                     * * *

Alles ndert sich, die Menschen denken anders, wenn sie lter sind, als in der
Jugend. Ach! - was werde ich denn einstens denken, wenn mich dies irdische Leben
so lange bewahrt, bis ich lter in ihm werde! vielleicht gehe ich, statt zu dem
Freund, dann in die Kirche, vielleicht bete ich dann, statt zu lieben! Ach, wie
werd ich's dem Lieben gleichtun im Beten? - Hab ich je Andacht empfunden, so
war's an Deiner Brust, Freund! - Tempelduft, den Deine Lippen hauchen, Geist
Gottes, den Deine Augen predigen, es strmt von Dir aus eine begeisternde Macht,
Deine Gewande, Dein Antlitz, Dein Geist, alles strmt eine Heiligung aus. O Du!
- Deine Knie fest an meine Brust drckend, frag ich nicht mehr, was das fr eine
Seligkeit sein mge, die im Himmel dem Frommen bereitet ist. - Gott von
Angesicht zu Angesicht schauen? - Wie oft hab ich mit geschlonen Augen Deiner
Nhe mich gefreut. Vielleicht dringt Gott durch den Geliebten in unser Herz, -
ja Geliebter! - was haben wir im Herzen als nur Gott? - Und wenn wir ihn da
nicht empfnden, wie und wo sollten wir seine Spur suchen? -

                                     * * *

Was fasele ich vom Frhling, was spreche ich von heiteren Tagen, von Genu und
Glck? - Du! - das Bewutsein von Dir verzehrt mir jede Regung; ich kann nicht
lcheln zum Scherz, ich kann nicht mich freuen, ich kann nicht hoffen mit den
andern. Da ich Dich kenne, da ich Dich wei, macht meine Sinne so still.

                                     * * *

O heute ist ein wunderbarer Tag! - heute leide ich Schmerzen, so schwer ist die
Seele! Du bist nah, ich wei es, gar nicht fern ist der Weg zu Dir, aber mich
trennt der kleine Raum wie die Unendlichkeit. Der Moment der Sehnsucht ist es,
der gefhlt und befriedigt sein will, und wenn der Geliebte den nicht ahnt, wenn
er die Liebe versumt, was kann mich ihm nah bringen! Ach, schauerlicher Tag,
der heute in Erwartung und Sehnsucht verging!
    Wen mache ich zum Vertrauten? wer fhlt menschlich mit mir? - wem klag ich
ber Dich? - wer ist mein Freund? - wer darf's wagen auf diesen Stufen
hinanzusteigen, auf denen ich mich aller menschlichen Berhrung enthoben habe? -
wer darf die Hand mir an die Stirn legen und sagen; Der Friede sei mit dir? -
    Dir klag ich's, den ich suche, Dir ruf ich's zu ber die Klfte, denk nur,
mit heiem Ruderschlag berfliege ich die Zeit, das Leben; ich jage sie hinter
mich, die Minuten der Trennung, und nun, ihr Inseln der Seligen, findet mein
Anker keinen Grund. Wildes Gestade! - feindseliger Strand! - Ihr lasset mich
nicht landen, nicht ahnen des Freundes Brust, der kennt die Geheimnisse und den
gttlichen Ursprung und meines Lebens Ziel. Er hat, da ich ihn schauen lerne,
des Lichtes unbefleckten Glanz mir im Geiste geweckt, er hat - begleitend in
raschen Liedern die Gensse, die Leiden der Liebe - mich gelehrt, zwischen
beiden voranschreitend: den Schicksalsschwestern, mit leuchtender Fackel des
Eros zu bestrahlen den Weg.

                                     * * *

Heute ist ein andrer Tag, die bse Furcht ist gestillt, es tobt nicht, es braust
nicht mehr im Herzen, die Klage unterbricht nicht mehr der Liebe glanzerfllte
Stille. - Ach, heute ist die Sonne nicht hinab, ihre letzten Strahlen breiten
sich unter Deine Schritte; sie wandelt - die Sonne, sie steht nicht still, sie
fhrt Dich ein bei mir, wo Dmmerung Dir winkt und der von Violen geflochtene
Kranz. O Liebster! - dann steh ich schweigend vor Dir, und der Duft der Blumen
wird fr mich sprechen bei Dir.

                                     * * *

Ich bin freudig wie der Delphin, der auf weitruhendem Meeresplan ferne Flten
vernimmt; er jagt mutwillig die Wasser in die glnzende Stille der Lufthhen,
da sie auf der glatten Spiegelflche einen Perlenrausch verbreiten; jede Perle
spiegelt das Universum und zerfliet, so jeder Gedanke spiegelt die ewige
Weisheit und zerfliet.
    Deine Hand lehnte an meiner Wange, und Deine Lippe ruhte auf meiner Stirn,
und es war so still, da Dein Atem verhauchte wie Geisteratem. Sonst eilt die
Zeit den Glcklichen, aber diesmal jagte die Zeit nicht; eine Ewigkeit, die nie
endet, ist diese Zeit, die so kurz war, so in sich, da ihr kein Ma kann
angelegt werden.
    An milden Frhlingstagen, wo dnnes Gewlk der jungen Saat den
fruchtbringenden Regen spendet, da ist es so wie jetzt in meiner Brust; mir
ahnet, wie dem kaum gewurzelten Keim seine knftige Blte ahnet, da Liebe
ewige, einzige Zukunft sei.
    Gut sein begngt die Seele, wie das Wiegenlied die Kinderseele zum Schlaf
befriedigt. Gut sein ist die heilige Ruhe, die der Same des Geistes haben mu,
eh er wieder gezeitigt ist zur Saat. - Der Geist aber ahnt, da Gutsein die
Vorbereitung zu einem tiefen unerforschlichen Geheimnis ist. Das hast Du mir
anvertraut, Goethe! - gestern abend beim Sternenhimmel am offnen Fenster, wo ein
Lftchen nach dem andern hereinschwirrte und wieder hinaus. - Wenn also die
Seele gut ist: das ist eine Ruhe, ein Einschlafen im Scho Gottes, wie der Same
im Scho der Natur schlft, eh er keimt. Wenn aber der Geist das Gute will, so
will er die Gottheit selbst; so will er jenes Geheimnis der Gte als Speise,
Nahrung und Vorbereitung seiner nahen Verwandlung; so pocht er an, wie der
verborgne Strom im Felsenscho, da er ans Licht will. Solchen khnen Mut hat
Dein Geist, da seinem Dringen Tor und Riegel aufgetan wurden, und da er
hervorbrausen durfte, ber alle Zeiten hinweg, wo Geist in Geist greift, Well in
Well geboren, Well in Well verloren.
    Solcherlei Gesprche fhrten wir gestern abend, und Du sagtest noch: Kein
Mensch wrde glauben, da wir beide so miteinander sprechen.
    Wir sprachen auch von der Schnheit: Schnheit ist, wenn der Leib von dem
Geist, den er beherbergt, ganz durchdrungen ist. Wenn das Licht des Geistes von
dem Leib, den er durchdringt, ausstrmt und seine Formen umkreist, das ist
Schnheit. Dein Blick ist schn, weil er das Licht Deines Geistes ausstrmt und
in diesem Lichte schwimmt.
    Der reine Geist bildet sich einen reinen Leib im Wort, das ist die Schnheit
der Poesie. Dein Wort ist schn, weil der Geist, den es beherbergt, hindurch
dringt und es umstrmt.
    Schnheit vergeht nicht! der Sinn, der sie in sich aufnimmt, hat sie ewig,
und sie vergeht ihm nicht.
    Nicht das Bild, das sie spiegelt, nicht die Form, die ihren Geist
ausspricht, hat die Schnheit: nur der hat sie, der in diesem Spiegel den eignen
Geist ahnt und ersehnt.
    Schnheit bildet sich in dem, der sie sucht und im Bild wiederzugeben sucht,
und in dem, der sie erkennt und sich ihr gleichzubilden sehnt.
    Jeder echte Mensch ist Knstler, er sucht die Schnheit und sucht sie
wiederzugeben, soweit er sie zu fassen vermag. Jeder echte Mensch bedarf der
Schnheit als der einzigen Nahrung des Geistes.
    Die Kunst ist der Spiegel der innersten Seele, ihr Bild ist es, wie sie aus
Gott hervorging, was die Kunst Dir spiegelt. Alle Schnheit ist eine Erkenntnis
Deiner eignen Schnheit.
    Die Kunst ist es, die Dir ein sinnliches Ebenma des Geistes vor die
leiblichen Augen zaubert.
    Jeder Lebenstrieb ist Schnheitstrieb, sieh die Pflanze, ihre Triebe alle
sind erfllt mit der Sehnsucht zu blhen, und die Befriedigung dieser Sehnsucht
lag schon im Samenkorn vorbereitet; also ist wohl Sehnsucht die sicherste
Gewhrleistung. Wer sich nach ewiger Schnheit sehnt, der wird sie haben und
genieen.
    Alles, was ich hier sage, schriebst Du mir ins Herz; wenn ich's noch nicht
mit rechter Freiheit ausspreche? - Weil ich's nicht ganz zu fassen vermag.
Gestern abend, da streifte Dein Aug ber die fernen Gebirge, und da sagtest Du:
Die Leidenschaft, die ins Herz geboren ist, soll auch wachsen und gedeihen,
denn es ist keine Begierde, der nicht das Gttliche gegenberstnde, um sie
selig zu machen.
    Sie haben mich eingefhrt in ihren Tempel, die Genien, und hier stehe ich
verzagt, aber nicht fremd, diese Lehren sind mir verstndlich, diese Gesetze
geben mir Weisheit, das Trachten der Liebe ist nicht Trachten vergnglicher
Menschen. Alle Blumen, die wir brechen, werden unsterblich im Opfer, - ein
liebend Herz entschwingt sich feindseligem Los.

                                     * * *

Ich soll Dir erzhlen von den Zeiten, wo ich Deinen Namen noch nicht hatte
nennen lernen? Gewi, Du hast recht, wissen zu wollen, was mich auf Dich
vorbereitete, ich sagte Dir, da Blumen und Kruter zuerst mich ansahen, da ich
erkannte, im Blick sei eine Frage, eine Forderung, die ich nur mit zrtlichen
Trnen beantworten konnte, dann lockte mich die Nachtigall, ihr selbstndig
Handeln, ihr Gesang, ihr Annhern und Zurckziehen lockte mich noch mehr als das
Leben der Blumen, ich war ihr nher im Gemt, ihr Umgang hatte etwas Reizendes;
aus meinem Bettchen konnte ich ihr nchtlich Lied hren, ihr melodisch Sthnen
weckte mich, ich seufzte mit ihr und legte ihrem Gesang Gedanken unter, auf die
ich trstende Antworten erfand. Ich erinnere mich, da ich damals unter
blhenden Bumen Ball spielte, ein junger Mann, der ihn fing, brachte mir ihn
und sagte: Du bist schn! - Dies Wort brachte mir Feuer ins Herz, es glhte
auf wie meine Wangen, aber ich dachte auf die Nachtigall, deren Gesang mich
wahrscheinlich nchtlich verschne, und in diesem Augenblick brach die heilige
Wahrheit in meinem Geiste auf, da alles, was ber das Irdische erhebt,
Schnheit erzeugt, und ich widmete mich der Nachtigall mit mehr Eifer, mein Herz
hielt pochend still und lie sich von ihren Tnen berhren wie von gttlichem
Finger - ich wollte schn sein, und Schnheit war mir gttlich, ich neigte mich
vor dem Gefhl der Schnheit und berlegte nicht, ob es uerlich war oder
innen. - Indessen hab ich bis heute immer in der Schnheit, wo sie sich mir
zeigte, eine nahe Verwandtschaft gefhlt, in Bildern, in Statuen, in Gegenden,
in schlanken Bumen. Obschon ich nun nicht schlank bin, so regt sich doch etwas
in meinem Geist, was dieser Schlankheit entspricht, und ob Du auch lchelst, ich
sage Dir, whrend ich mit dem Blick ihre himmelanstrebenden Wipfel verfolge,
scheinen mir meine Eingebungen auch himmelanstrebend, und wie im Windesrauschen
die weichen Zweige hin und her wogen, so wogt ein Gefhl gleichsam als belaubtes
Gezweig eines hohen Gedankenstammes in mir. Und so wollte ich nur sagen, da
alle Schnheit erzieht, und da der Geist, der wie ein treuer Spiegel die
Schnheit fasset, hierdurch auch zu dem hheren Aufschwung kommt, der geistig
diese selbe Schnheit ist, nmlich allemal ihre gttliche Offenbarung. - So
denke denn Du, wie Du mir einleuchten mut, da Du schn bist. Schnheit ist
Erlsung. Schnheit ist Befreiung vom Zauber, Schnheit ist Freiheit,
himmlische; hat Flgel und durchschneidet den ther. - Schnheit ist ohne
Gesetz, vor ihr schwindet jede Grenze, sie lst sich auf in alles, was ihren
Reiz zu empfinden vermag, sie befreit vom Buchstaben; denn sie ist Geist. - Du
bist empfunden von mir, Du machst mich frei vom Buchstaben und vom Gesetz. -
Sieh diese Schauer, die mich berwogen, es ist der Reiz Deiner Schnheit, der
sich auflst, mir im Gefhl, da ich selber schn bin und Deiner wrdig.

                                     * * *

Der Sommer geht vorber, und die Nachtigall schweigt, sie schweigt, sie ist
stumm und lt sich auch nicht mehr sehen. Ich lebte da ohne Zerstreuung die
Tage hindurch; ihre Nhe war mir eine liebe Gewohnheit, es schmerzt mich, sie zu
entbehren, htte ich doch etwas, was sie mir ersetzt! Vielleicht ein ander Tier,
- an die Menschen dachte ich nicht, im Nachbargarten ist ein Reh in einer
Umzunung, es luft hin und her an der Bretterwand und seufzt, ich mache ihm
eine ffnung, wo es den Kopf durchstecken kann. Der Winter hat alles mit Schnee
bedeckt, ich suche ihm Moos von den Bumen: wir kennen uns, wie schn sind seine
Augen; welche tiefe Seele sieht mich aus diesen an, wie wahr, wie warm! Es legt
gern den Kopf in meine Hand und sieht mich an, ich bin ihm auch gut, ich komme,
sooft es mich ruft; in den kalten hellen Mondnchten hr ich seine Stimme, ich
springe aus dem Bett, mit bloen Fen lauf ich durch den Schnee, um dich zu
beschwichtigen. Dann bist du ruhig, wenn du mich gesehen hast, wunderbares Tier,
das mich ansieht, anschreit, als wenn es um Erlsung bte. Welch festes
Vertrauen hat es auf mich, die ich nicht seinesgleichen bin! Armes Tier, du und
ich sind getrennt von unsersgleichen, wir sind beide einsam, und wir teilen dies
Gefhl der Einsamkeit; o wie oft hab ich fr dich in den Wald gedacht, wo du
lang auslaufen konntest, und nicht ewig in die Runde, wie hier in deinem
Verschlag; dort liefst du doch deines Weges immerzu und konntest mit jedem
Schritte hoffen, endlich einen Gefhrten zu treffen, hier aber war deines Ziels
kein Ende, und doch war alle Hoffnung abgeschnitten. Armes Tier! Wie schaudert
mich dein Geschick, und wie nah verwandt mag es dem meinen sein! Ich auch lauf
in die Runde, da oben seh ich die Sterne schimmern, aber sie halten alle fest,
keiner senkt sich herab, und von hier aus ist es so weit bis zu ihnen, und was
sich lieben lassen will, das soll mir nah kommen; aber so war's mir in der Wiege
gesungen, da ich mute einen Stern lieben, und der Stern blieb mir fern; lange
Zeit hab ich nach ihm gestrebt, und meine Sinne waren aufgegangen in diesem
Streben, so da ich nichts sah, nichts hrte und auch nichts dachte als nur
meinen Stern, der sich nicht vom Firmament losreien werde, um sich mir zu
neigen. - Mir trumt, der Stern senkt sich tiefer und tiefer, schon kann ich
sein Antlitz erkennen, sein Strahlen wird zum Auge, es sieht mich an, und meine
Augen spiegeln sich in ihm. Sein Glanz umbreitet mich, von allem auf Erden,
soweit ich denken kann, soweit mich meine Sinne tragen, bin ich getrennt durch
meinen Stern.

                                     * * *

Nichts hab ich zu verlieren, nichts hab ich zu gewinnen, zwischen mir und jedem
Gewinn schwebst Du, der, gttlich strahlend im Geist, alles Glck berbietet;
zwischen mir und jedem Verlust bist Du, der sich mir menschlich herabneigt.
    Ich verstehe nur das Eine, an Deinem Busen die Zeit zu vertrumen; - ich
verstehe nicht Deiner Schwingen Bewegung, die Dich in den ther tragen, droben
in schwindelnder Hhe ber mir, im ewigen Blau Dich schwebend erhalten.

                                     * * *

Mich und die Welt umkleidet Dein Glanz, Dein Licht ist Traumlicht der hheren
Welt, wir atmen ihre Luft, wir erwachen im Duft der Erinnerung; ja sie duftet
uns, sie hebt uns und trgt unser schwankendes Los auf ihren spiegelnden Fluten
der Gtter allumfassenden Armen entgegen.
    Du aber hast's mir in der Wiege gesungen, da ich Deinem Gesang, der in
Trumen mich wiegt ber das Los meiner Tage, trumend auch lausche bis ans End
meiner Tage.

                                     * * *

Einmal schon, im Kloster, hatten mich die Geister bewogen, mich ihnen zu
gesellen, in den hellen Mondnchten lockten sie mich; ich durchwanderte
wunderliche dunkle Gnge, in denen ich die Wasser rauschen hrte, ich folgte
beklemmt, bis zum Springbrunnen kam ich; der Mond schien in sein bewegtes Wasser
und gewandete die Geister, die auf seinem wogenden Spiegel sich mir zeigten, in
Silberglanz; - sie kamen, sie bedeuteten mein fragendes Herz und verschwanden
wieder, es kamen andere, sie legten Geheimnisse auf meine Zunge, berhrten alle
Lebenskeime in meiner Brust, bezeichneten mich mit ihrem Siegel, sie verhllten
meinen Willen, meine Neigungen und die Kraft, die von ihnen auf mich ausgegangen
war. Wie war das? - Wie berieten sie mich? - Durch welche Sprache gab sich ihre
Lehre kund? - Und wie soll ich Dir darlegen, da es so war? - Und was sie mir
lehrten? -
    Die Mondnacht deckte mich im sen, tiefen Kindesschlaf, dann trat sie aus
sich selbst hervor und berhrte mich an meinen Augen, da sie ihrem Licht
erwachten, und senkte sich mit magnetischer Gewalt in meine Brust, da ich alle
Furcht bezwang, auf Wegen, die nicht geheuer waren, forteilte in tiefer,
regungsloser Nacht, bis ich zum Springbrunnen kam zwischen Blumenbeeten, wo jede
Blume, jedes Kraut in tuschender Dmmerung ein Traumgesicht ausdrckte, wo sie
buhlten und stritten mit der Phantasie. Dort stand ich und sah, wie der von den
Lften bewegte Wasserstrahl hinber und herber schwankte, und wie die
Mondstrahlen das bewegte Wasser durchwebten, und wie der Blitz mit zingelnder
Eile silberne Hieroglyphen in die wogenden Kreise schrieb; da kniete ich in den
feuchten Sand und beugte mich ber dies schwindelnde Lichtweben und lauschte mit
allen Sinnen, und mein Herz hielt still, und ich nahm es an, als ob mir diese
schwindenden Strahlenzge etwas hinschrieben, und mein Herz war freudig, als ob
ich sie verstanden htte, da ihr Inhalt mir Glck andeute; ich ging zurck
durch die langen, dunklen, labyrinthischen Gnge, vorber an Bildern von
wunderlichen Heiligen in gelassener Ruhe, bis zu meinem Bettchen, das im Erker
am Fenster eingeklemmt war, da ffnete ich leise das Fenster dem Mondlicht und
lie es meine Brust anstrahlen; - ja, mich umarmte in jenen glcklichen,
glckbringenden Momenten ein freudegeistiges Gefhl, gro, allumfassend; es
umarmte von auen mein Herz, mein Herz fhlte sich umfat von einer liebenden
Gewalt, der es sich anschmiegte im Schlummer, der von dieser Gewalt aus ber
mich kam. Wie soll ich diese Gewalt nennen? - Lebensgeist? - Ich wei es nicht,
- ich wei nicht, was ich erfahren hatte, aber ein Begegnis war es mir, ein
wichtiges Ereignis, und ich war im Herzen als wie der Keim, der aus erster
Verhllung ans Licht hervorbricht; ich saugte Licht mit dem Geist und sah mit
diesem, was ich vorher mit leiblichem Auge nicht gesehen haben wrde, alles was
die Natur mir spielend darbot, gab mir eine Erinnerung an ein Verborgenes in
mir, die Farben und Formen der Pflanzenwelt sah ich mit tiefem, genieendem,
verzehrendem Blick, durch den die Nahrung in meinen Geist bergehe.
    Ach, wir wollen schweigen, wir wollen leisen Nebelflor ber dies Geheimnis
ziehen, durch den uns sein Inhalt ahnungsweise durchschimmert, ja wir wollen
schweigen, Freund! Wir knnen's ja doch nicht in Worten enthllen. Aber pflanzt
doch der irdische Mensch und set in den Busen der Erde, die vorher unbefruchtet
war, da ihre nhrenden Krfte eindringen in die Frucht ihrer Erzeugnisse. Htte
sie Bewutsein ihres sinnlichen Gefhls, dann wrde dies Gefhl zu Geist in ihr
werden; - so vergleiche ich den Menschengeist mit ihr, ein vom himmlischen
Geistesther umschwebtes Eiland; es wird aufgelockert und urbar gemacht, und
gttlicher Same wird seinen sinnlichen Krften vertraut, und diese Krfte regen
sich und sprieen in ein hheres Leben, das dem Licht angehrt, welches Geist
ist; und die Frucht, die dieser gttliche Same trgt, ist die Erkenntnis, die
wir genieen, damit unsere der Seligkeit zuwachsenden Krfte gedeihen.
    Wie soll ich's noch darlegen, da dieses leise Schauern und Spielen der
Lfte, des Wassers, des Mondlichts mir wirklich Berhrung mit der Geisterwelt
war? - Wie Gott die Schpfung dachte, da ward der einzige Gedanke: Es werde,
ein Baum, der alle Welten trgt und sie reift. So ist auch dieser Hauch, dies
Gelispel der Natur in nchtlicher Stille ein leiser Geisterhauch, der den Geist
weckt und ihn beset mit allen Gedanken, die ewig whren.
    Ich sah ein Inneres in mir, ein Hheres, dem ich mich unterworfen fhlte,
dem ich alles opfern sollte, und wo ich's nicht tat, da fhlte ich mich aus der
Bahn der Erkenntnis herausgeworfen, und noch heute mu ich diese Macht
anerkennen, sie spricht allen selbstischen Genu ab, sie trennt von den
Ansprchen an das allgemeine Leben und hebt ber diese hinweg. Es ist sonderbar,
da das, was wir fr uns selbst fordern, gewhnlich auch das ist, was uns
unserer Freiheit beraubt; wir wollen gebunden sein mit Banden, die uns s
deuchten und unserer Schwachheit eine Sttze, eine Versicherung sind; wir wollen
getragen sein, gehoben durch Anerkenntnis, durch Ruhm, und ahnen nicht, da wir
dieser Forderung das Ruhmwrdige und die Nahrung des Hheren aufopfern; wir
wollen geliebt sein, wo wir Anregung zur Liebe haben, und erkennen's nicht, da
wir den liebenden Genius darum in uns verdrngen. Wo bleibt die Freiheit, wenn
die Seele Bedrfnisse hat und sie befriedigt wissen will durch uere
Vermittlung? -
    Was ist die Forderung, die wir auer uns machen, anders, als der Beweis
eines Mangels in uns? Und was bewirkt ihre Befriedigung, als nur die Befrderung
dieser Schwche, die Gebundenheit unserer Freiheit in dieser? Der Genius will,
da die Seele lieber entbehre, als da sie von der Befriedigung eines Triebes,
einer Neigung, eines Bedrfnisses abhnge.
    Wir alle sollen Knige sein; und je widerspenstiger, je herrischer der
Knecht in uns, je herrlicher wird sich die Herrscherwrde entfalten, je khner
und gewaltiger der Geist, der berwindet.
    Der Genius, der selbst die Flgel regt, sich in den blauen ther erhebt und
Lichtstrahlen aussendet, der Macht hat, die Seligkeit durch eigne Krfte zu
erzeugen; wie schn, wenn der sich vor Dir beugt und Dich lieben will, der nicht
um Liebe klagt, nicht sie fordert, sondern sie gibt. - Ja, schn und herrlich:
bergehen ineinander, in den Lichtsphren des Geistes, in aller Glorie der
Freiheit aus eignem, krftigem Willen.
    Die Erde liegt im ther wie im Ei, das Irdische liegt im Himmlischen wie im
Mutterscho, die Liebe ist der Mutterscho des Geistes.
    Es gibt keine Weisheit, keine Erkenntnis des Wahren, die mehr will, als die
Liebe zu ihr.
    Jede Wahrheit buhlt um die Gunst des Menschengeistes.
    Gerechtigkeit gegen alle beurkundet die wahre Liebe zu dem einen.
    Je allseitiger, je individueller.
    Nur der Geist kann von Snden freimachen.
    Willst Du allein sein mit dem Geliebten, so sei allein mit Dir.
    Willst Du den Geliebten erwerben, so suche Dich zu finden, zu erwerben in
ihm.
    Du erwirbst, Du hast Dich selbst - wo Du liebst; wo Du nicht liebst,
entbehrst Du Dich.
    Bist Du allein mit Dir, so bist Du mit dem Genius.
    Du liebst in dem Geliebten nur den eignen Genius.
    Gott lieben, ist Gott genieen; wenn Du das Gttliche anbetest, so gibst Du
Deinem Genius ein Gastmahl.
    Sei immer mit Deinem Genius, so bist Du auf dem graden Weg zum Himmel.
    Eine Kunst erwerben, heit dem Genius einen sinnlichen Leib geben.
    Eine Kunst erworben haben, bedeutet dem Geist nicht mehr Verdienst, als dem
Vater eines bedeutenden Kindes. - Die Seele war da, und der Geist hat sie in die
sichtbare, fhlbare Welt geboren.
    Wenn Du einen Gedanken hast, der Dich belehrt, so fhlst Du wohl, es ist
Dein liebender Genius, der Dir schmeichelt, der Dir liebkost. Er will Dich
bewegen zur Leidenschaft fr ihn.
    Und alle Wahrheit ist Eingebung, und alle Eingebung ist Liebkosung, ist
Inbrunst von Deinem Genius zu Dir, er will Dich bewegen, in ihn berzugehen.
    Liebst Du, so nimmt Dein Genius eine sinnliche Gestalt an.
    Gott ist Mensch geworden in dem Geliebten; in welcher Gestalt Du auch liebst
- es ist das Ideal Deiner eignen hheren Natur, was Du im Geliebten berhrst.
    Die wahre Liebe ist keiner Untreue fhig, sie sucht den Geliebten, den
Genius, wie den Proteus unter jeglicher Verwandlung.
    Geist ist gttlicher Kunststoff, in der sinnlichen Natur liegt er als
unberhrtes Material. Das himmlische Leben aber ist, wenn Gott ihn als
Kunststoff bentzt, um seinen Geist in ihm zu erzeugen.
    Drum ist das ganze himmlische Leben nur Geist, - und jeder Irrtum ist
Verlust des Himmlischen. Darum ist jede Wahrheit eine Knospe, die durch die
himmlischen Elemente blhen und Frchte tragen wird. Darum sollen wir die
Wahrheit in uns aufnehmen, wie die Erde den Samen; als Mittel, durch welches
unsere sinnlichen Krfte in ein hheres Element hinberblhen.
    Indem Du denkst, sei immer liebend gegen Deinen Genius, so wird Dir die
Flle des Geistes nie ausgehen.
    Die echte Liebe empfindet den Geist auch im Leib, in der sinnlichen
Schnheit. Schnheit ist Geist, der einen sinnlichen Leib hat.
    Aller Geist geht aus Selbstbeherrschung hervor.
    Selbstbeherrschung ist, wenn Deinem Genius die Macht ber Deinen Geist
gegeben ist, die der Liebende dem Geliebten ber sich einrumt.
    Mancher will sich selbst beherrschen, daran scheitert jeder Witz, jede List,
jede Ausdauer; er mu sich selbst beherrschen lassen durch seinen Genius, durch
seine idealische Natur.
    Du kannst den Geist nicht erzeugen. Du kannst ihn nur empfangen.
    Du berhrst Dich mit dem Geliebten in allem, was Du erhaben ber Dich
fhlst.
    Du bist im Geheimnis der Liebe mit ihm, in allem, was Dich begeistert.
    Nichts soll Dich trennen von diesem gttlichen Selbst, alles, was eine Kluft
zwischen Dir und dem Genius bildet, ist Snde.
    Nichts ist Snde, was mit ihm nicht entzweit, jeder Scherz, jeder Mutwill,
jede Khnheit ist durch ihn sanktioniert, er ist die gttliche Freiheit in uns.
    Wer sich durch die uerung dieser gttlichen Freiheit beleidigt fhlt, der
lebt nicht in seinem Genius, dessen Weisheit ist nicht Inspiration, sie ist
Afterweisheit.
    Die Erkenntnis des Bsen ist ein Abwenden aus der Umarmung der idealischen
Liebe; die Snde spiegelt sich nicht im Auge des Geliebten.
    Du saugst gttliche Freiheit aus dem Blick der Liebe, der Blick des Genius
strahlt gttliche Freiheit. -
    Es gibt ein wildes Naturleben, das durch alle Abgrnde schweift, den
gttlichen Genius nicht kennt, aber ihn nicht verleugnet; es gibt ein zahmes,
kultiviertes Tugendleben, das ihn von sich ausschliet.
    Wer die Tugend bt aus eigner Weisheit, der ist ein Sklave seiner
kurzsichtigen Bildungsanstalt; - wer dem Genius vertraut, der atmet gttliche
Freiheit, dessen Fhigkeiten sind zerteilt in alle Regionen, und er wird sich
berall wiederfinden im gttlichen Element.
    Ich habe oft mit dem Genius gespielt in der Nacht, statt zu schlafen, und
ich war mde, und er weckte mich zu vertraulichen Gesprchen und lie mich nicht
schlafen.
    So sprach der Dmon heute nacht mit mir, da ich versuchte, Dir deutlich zu
machen, in welchen wunderlichen Mitteilungen ich in diesen Kinderjahren
begriffen war; er setzte Gedanken in mir ab, ich erwog sie nicht, ich glaubte an
sie, sie waren wohl andrer Art, aber das Eigene hatten sie, wie auch noch jetzt,
da ich sie nicht als Selbstgedachtes, sondern als Mitgeteiltes empfinde.

                                     * * *

Du bist gut, Du willst nicht, da ich dies se Geschwtz mit Dir abbreche, es
ist doch allenfalls so schn und so verstndlich wie das Blinken der Sterne, was
ich Dir hier sage; und wenn es auch nur wr eine Melodie, die sich durch meinen
Geist Luft machte - sie ist uerst lieblich, diese Melodie, und lehrt Dich
trumen.
    O lerne schne Trume durch mein Geschwtz, die Dich beflgeln und mit Dir
den khlen ther durchschiffen.
    Wie herrlich schreitest Du auf diesen Traumteppichen! Wie whlst Du Dich
durch die tausendfltigen Schleier der Phantasie und wirst immer klarer und
deutlicher, Du selber, der da verdient geliebt zu sein; da begegnest Du mir und
wunderst Dich ber mich und gnnst es mir, da ich zuerst Dich fand.
    Schlafe! Senke Deine Wimpern ineinander, lasse Dich umweben so leise wie mit
Sommerfden auf der Wiese. Umweben lasse Dich mit Zauberfden, die Dich ins
Traumland bannen, schlafe! Und gib vom weichen Pfhle trumend ein halb Gehr.

                                     * * *

Am Weihnachtmorgen - das waren drei Jahre, eh ich Dich gesehen habe, - gingen
wir bei frher Zeit in die Kirche; es war noch Nacht, eine Laterne leuchtete
voran, um durch den Schnee den Fupfad zu finden, wir kamen an einer verdeten,
verfallnen Klosterkirche vorber, der Wind pfiff durch die zerbrochnen Fenster
und klapperte mit den losen Dachziegeln; in diesem Gemuer hausen die Geister,
sagte der Laternentrger, da ist es unsicher! - Am Abend, im Zimmer der
Gromutter, wo eine ebenso verdete und verfallene Gesellschaft eine Spielpartie
machte, erinnerte ich mich dieser Bemerkung; ich dachte, wie schauerlich es sein
msse, da allein zu sein, und wie ich um alles in der Welt jetzt nicht dort sein
mchte. Kaum hatte ich mir dies berlegt, so war die Frage innerlich, ob ich's
nicht wagen mchte? - Ich schttelte den Gedanken ab, er kam wieder, immer
furchtsamer war ich, immer mehr wehrte ich mich gegen diesen unausfhrbaren
Einfall, immer dringender wurde die Aufforderung dazu. Ich wollte ihr entgehen
und setzte mich in eine andere Ecke des wohlerleuchteten Zimmers, aber da war's
grade der offnen Tr eines dunklen Raumes gegenber, nun spielten und zingelten
Winke in der Finsternis, sie webten und schwebten bis an mich heran. Ich
wickelte mich in den Fenstervorhang vor diesen Scheinwesen in der dunklen
Kammer, ich drckte die Augen zu und trumte in mich hinein, da war ein
freundlich Zureden in mir, ich solle an die Klostermauer gehen, wo die Geister
spuken. Es war acht Uhr abends, ich berlegte, wie ich's wagen solle, in dieser
Stunde einen einsamen weiten Weg zu gehen, den ich nicht genau kannte und den
ich selbst bei Tag nicht allein machen wrde. - Es zog mich immer tiefer in
einen vertrauten, abgeschlossenen Kreis; die Stimmen der Spielenden vernahm ich
wie aus weiter Ferne, wie eine fremde Welt, die auer meinem Kreis sich rege.
    Ich ffnete die Augen und sah die wunderlichen, unauflsbaren
Rtselgesichter der Spielenden dort sitzen, vom hellen Kerzenschein beleuchtet;
ich hrte die Ausrufungen des L'Hombrespiels wie Bannsprche und Zauberformeln;
diese Menschen mit ihrem wunderlichen Beginnen waren gespensterhaft; ihre
Kleidung, ihre Gebrden unverstndlich, grausenerregend; der Spuk war mir zu
nahegekommen - ich schlich mich leise hinaus. Auf der Hoftreppe atmete ich
wieder frei; da lag der reine Schneeteppich zu meinen Fen und deckte sanft
anschwellend alle Unebenheiten; da breiteten die bereiften Bume ihre silbernen
Zweige unter dem wandelnden Mondlicht aus. Diese Klte war so warm, so
freundlich, hier war nichts unverstndlich, nichts zu frchten, es war, als sei
ich den bsen Geistern da drinnen entwischt; hier drauen sprachen die guten um
so vernehmlicher zu mir, ich zauderte keinen Augenblick mehr, ihrem Gehei zu
folgen. Wie es auch werden mag, leise und behend klettere ich ber das Hoftor,
jenseits werf ich mein Kleid ber den Kopf, um mich zu verhllen, und in
flchtigen Sprngen setz ich ber den Schnee. Manches begegnet mir, dem ich
ausbeuge, mit gesteigerter Angst und klopfendem Herzen komme ich an, scheu und
furchtsam seh ich mich um, aber ich zaudere nicht, den den Platz zu betreten;
ich bahne mir einen Weg durch das zusammengefallne, berschneite Gestein bis zur
Kirchenmauer, an die ich den Kopf anlehne. Ich lausche, ich hre das Klappern
der Ziegeln im Dach, und wie der Wind in dem losen Sparrwerk rasselt; ich denke:
Ob das die Geister sind? - Sie senken sich herab, - ich suche meine Angst zu
bekmpfen - sie schweben in geringer Hhe ber mir, - die Furcht beschwichtigt
sich allmhlich; es war, als ob ich die offne Brust dem Hauch des Freundes
biete, den ich kurz vorher noch fr meinen Feind gehalten hatte.
    Wie ich zum erstenmal vor Dir stand - es war im Winter 1807 - da erblate
ich und zitterte, aber an Deiner Brust, von Deinen Armen umschlossen, kam ich so
zu seliger Ruhe, da mir die Augenlider zufielen und ich einschlief.
    So ist's, wenn wir Nektar trinken, die Sinne sind dieser Kost nicht
gewachsen. Da mildert der Schlaf den Sturm der Beseligung und vermittelt und
schtzt die gebrochnen Krfte; knnten wir umfassen, was uns in einem Moment
geboten ist, knnten wir sein verklrendes Anschauen ertragen, so wren wir
hellsehend; knnte sich die Macht des Glckes in uns ausbreiten, so wren wir
allmchtig; drum bitte ich Dich, wenn es wahr ist, da Du mich liebst, begrabe
mich in Deinem Denken, decke mir Herz und Geist mit Schlaf, weil sie zu schwach
sind, um ihr Glck zu tragen. Ja Glck! Wer sich mit ihm verstndigte, wie mit
einem Geist, dem er sich gewachsen fhlte, der mte durch es seine irdische
Natur zur gttlichen verklren.
    Gestern kam ein Brief von Dir, ich sah das blaue Kuvert auf dem Tisch liegen
und erkannte ihn von weitem, ich verbarg ihn im Busen und eilte in mein einsames
Zimmer an den Schreibtisch, ich wollte Dir gleich beim ersten Lesen die Flle
der Begeistrung niederschreiben. Da sa ich und faltete die Hnde ber dem
Schatz und mochte ihn nicht vom warmen Herzen herunternehmen. Du weit, so hab
ich mich auch nie aus Deinen Armen losgemacht; Du warst immer der erste und
lieest die Arme sinken und sagtest: Nun geh! - Und ich folgte dem Befehl
Deiner Lippen. Htte ich dem Deiner Augen gefolgt, so wr ich bei Dir geblieben;
denn die sagten: Komm her!
    Ich schlief also ein ber dem Bewachen meines Kleinods im Busen, und da ich
erwachte, las ich die zwei Zeilen von Deiner Hand geschrieben: Ich war auch
einmal so nrrisch wie Du, und damals war ich besser als jetzt.
    O Du! - Von Dir sagt die ffentliche Stimme, Du seist glcklich, sie preisen
Deinen Ruhm, und da an den Strahlen Deines Geistes Dein Jahrhundert sich zum
thergeschlecht ausbrte, zum Fliegen und Schweben ber Hhen und den Flug nach
Deinen Winken zu richten; aber doch sagen sie, Dein Glck bersteige noch Deinen
Geist. O wahrlich, Du bist Deines Glckes Schmied, der es mit khnem, krftigem
Schlag eines Helden zurechtschmiedet; was Dir auch begegne, es mu sich fgen,
die Form auszufllen, die Dein Glck bedarf, der Schmerz, der andre zum Mimut
und zur Klage bewegen wrde, der wird ein Stachel fr Deine Begeistrung. Was
andre niederschlgt, das entfaltet Deinen Flug, der Dich den Bedrngnissen
enthebt, wo Du den reinen ther trinkst und die Empfindung des Elends Dich nicht
verdirbt. Du nimmst Dein Geschick als Kost nur aus den Hnden der Gtter und
trinkst den bitteren Kelch wie den sen mit dem Gefhl der berlegenheit. Du
lt Dich nicht berauschen, wie ich mich berauschen lasse auf dem Weg, der zu
Dir fhrt. Du wrdest nicht, wie ich, der Verzweiflung hingegeben sein, wenn ein
Abgrund Dich von Deinem Glck trennte. Und so hat Unglck nichts mit Dir zu
schaffen. Du weit es zu schaffen, Dein Glck, in jedem kleinen Ereignis, wie
die allselige Natur auch der geringsten Blume eine Bltezeit gewhrt, in der sie
duftet und die Sonne ihr in den Kelch scheint.
    Du gibst jedem Stoff, jedem Moment alles, was sich von Seligkeit in ihn
bilden lt, und so hast Du mir gegeben, da ich doch zu Deinen Fen hingegeben
bin; und so hab auch ich einen Moment Deines Glckes erfllt. Was will ich mehr!
Da in ihm eine Aufgabe liegt bis zum letzten Atemzug.

                                     * * *

Ich vergleiche Dich mit Recht jener freundlichen, kalten Winternacht, in der
sich die Geister meiner bemchtigten, in Dir leuchtet mir nicht die Sonne, in
Dir funkeln mir tausend Sterne, und alles Kleinliche, was der Tag beleuchtet,
schmilzt mir unberhrt in seinen vieleckigen Widerwrtigkeiten in erhabenen
Massen zusammen.
    Du bist kalt und freundlich und klar und ruhig wie die helle Winternacht;
Deine Anziehungskraft liegt in der idealischen Reinheit, mit der Du die
hingebende Liebe aufnimmst und aussprichst. Du bist wie der Reif jener
Winternacht, der die Bume und Strucher mit allen kleinen Zweigen, Sprossen und
Knospen zuknftiger Blte mit weicher Silberdecke umkleidet. Wie jene Nacht,
wechselnd mit Mond- und Sternenlicht, so beleuchtest Du Dein Begreifen und
Belehren in tausend sich durchkreuzenden Lichtern und deckst mit milder
Dmmerung und verschmilzst im Schatten; die aufgeregten Gefhle bergieest Du
mit idealischen Formen, jede Stimmung wird durch Dein liebendes Verstehen
individueller und reizender, und durch Dein sanftes Beschwichtigen wird die
heftige Leidenschaft zum Genie.

                                     * * *

Von jenen abenteuerlichen Geister-Nachtwegen kam ich mit durchnten Kleidern
zurck, vom geschmolzenen Schnee; man glaubte, ich sei im Garten gewesen. ber
Nacht verga ich alles, erst am andern Abend um dieselbe Stunde fiel mir's
wieder ein und die Angst, die ich ausgestanden hatte; ich begriff nicht, wie ich
hatte wagen knnen, diesen den Weg in der Nacht allein zu gehen und auf dem
wsten, schaurigen Platz zu verweilen; ich stand an die Hoftre gelehnt, heute
war's nicht so milde und still wie gestern, die Winde hoben sich und brausten
dahin, sie seufzten auf zu meinen Fen und eilten nach jener Seite, die
schwankenden Pappeln im Garten beugten sich und warfen die Schneelast ab, die
Wolken trieben mit ungeheurer Eile, was festgewurzelt war, schwankte hinber,
was sich ablsen konnte, das nahmen die jagenden Winde unaufhaltsam mit sich. -
In einem Nu war auch ich ber die Hoftr und im flchtigen Lauf atemlos bis an
die Kirche gekommen, und nun war ich so froh, da ich da war; ich lehnte mich an
das Gemuer, bis der Atem beschwichtigt war, es war, als ob Leib und Seele in
dieser Verborgenheit gelutert wrden, ich fhlte die Liebkosungen von meinem
Genius in der Brust, ich fhlte sie als echte Mitteilungen im Geist. Alles ist
gttliche Mitteilung, was wir erfahren, alles Erkennen ist Aufnehmen des
Gttlichen, es kommt nur auf die zweifellose unschuldige Empfngnis unseres
Geistes an, da wir auch den Gott in uns empfinden. Wie ich zum erstenmal vor
Dir stand und mich Dein Blick wie ein Zauberstab berhrte, da verwandeltest Du
allen Willen in Unterwerfung, es kam mir nicht in den Sinn, etwas anders zu
verlangen, als in dieser Lichtatmosphre in die mich Deine Gegenwart aufnahm, zu
verweilen, sie war mein Element; ich bin oft aus ihm verdrngt worden, immer
durch eigene Schuld. Die ganze Aufgabe des Lebens ist ja das Beharren in ihm,
und die Snde ist das, was uns daraus verdrngt.

                                     * * *

So erlangen wir Seligkeit, wenn wir auf dem Weg uns zu erhalten wissen, auf dem
wir sie ahnen. Nie hatte ich eine bestimmtere berzeugung von ihr, als wenn ich
glaubte, von Dir geliebt zu sein. Und was ist sie denn, diese Seligkeit? - Du
bist fern, wenn Du Dich der Geliebten erinnerst, so schmilzt Deine Seele in
diese Erinnerung ein und berhrt so liebend die Geliebte, wie die Sonnenstrahlen
wrmend den Flu berhren; wie die leisen Frhlingslfte, die den Duft und den
Bltenstaub zu dem Flu tragen, der diese schnen Geschenke des Frhlings mit
seinen Wellen vermischt. Wenn alles Wirken in der Natur sich geistig in sich
selbst fhlt, so empfindet der Flu diese liebkosenden Berhrungen als ein
innerlichstes Wesentlichstes. - Warum sollte ich dies bezweifeln? - Warum
empfinden wir die Entzckungen des Frhlings, als nur weil er den Rhythmus
angibt, mit dem der Geist sich aufzuschwingen vermag? - Also, wenn Du meiner
gedenkst, so gibst Du den Rhythmus an, mit dem meine Begeistrung sich zu dem
Begriff von Seligkeit aufzuschwingen vermag.
    Ach, ich fhl's! Mich durchzcken leise Schauer, da Du meiner gedenken
solltest in der Ferne, da das Behagen, die Lust Deiner Tage einen Augenblick
erhht wird durch meine Liebe. Sieh, so schn ist das Geweb meiner innern
Gedankenwelt, wer mchte es zerstren! Musik! Jeder Ton in ihr ist wesentlich,
ist der Keim einer Modulation, in die die ganze Seele sich fgt, und so
verschieden, so in sich abgeschlossen die melodischen Formen sind, in die diese
Gedankenwelt sich ergiet: so umfat sie doch und vernimmt die Harmonie, wie der
Ozean alle Strmungen in sich aufnimmt.

                                     * * *

So gehrt denn auch zu unserm vgelsingenden, blteschneienden Frhling, wo der
Flu zwischen duftenden Krutern tanzt und ein Herz im andern lebt, jener kalte,
vom Wind und Schnee durchkreuzte Winter, wo die eisige Luft mir den Atem an den
Haaren zu Reif ansetzte, wo ich so wenig wute, was mich in den Wintersturm
hinausjagte, als wo der Wind herkam, und wo er hineilte. Ach, Herz und Sturmwind
eilten der Gegenwart zuvor in die Zukunft, also Dir entgegen. - Darum ri es
mich so unwiderstehlich aus dem stummen Dasein dem schnen Augenblick entgegen,
der mein Leben in allen seinen Aspirationen entwickeln und in Musik auflsen
sollte.

                                     * * *

Es kann dem Winter nichts ungleicher sein als der Frhling, der unter seiner
eisigen Decke der Zukunft harrt; es kann dem im Samen verschlonen, in der Erde
verborgenen Keim nichts fremder sein als das Licht, und doch ist es seine
einzige Richtung; der Genius des Lebens treibt aus ihm hervor, um sich mit dem
Licht zu vermhlen. -
    Dieses Anschmiegen an eine Geisterwelt, dies Vertrauen auf die geheime
Stimme, die mich so seltsame Wege leitete, die mir nur leise Winke gab, - was
war es anders als ein unwillkrliches Folgen dem Geist, der mich reizte, wie das
Licht das Leben!

                                     * * *

Meine verdete Kirche stand diesseits an der Hhe, einer Mauer, die tief
hinabging, einen Bleichplatz umschlo, der jenseits vom Mainflu begrenzt war.
Whrend mir vor der Hhe dieser Mauer schwindelte und ich furchtsam ausweichen
wollte, hatte ich mich unwillkrlich hinbergeschwungen, und so fand ich im
nchtlichen Dunkel kleine Spalten in der Mauer, in die ich Hnde und Fe
einklemmte und hervorragende Steine, auf denen ich mir hinabhalf; ohne zu
bedenken, ob und wie ich wieder hinaufkommen werde, hatte ich den Boden
erreicht; eine Wanne, die wohl im Sommer zum Bleichen gedient hatte und im
Herbst war vergessen worden, rollte ich bis zum Ufer, stellte sie da auf und
setzte mich hinein und sah dem Eisgang zu; es war mir eine behagliche,
befriedigende Empfindung, so als eingerahmtes Bild der erhabenen Winternatur ins
Antlitz zu schauen. Es war, als habe ich einer geheimen Anforderung Genge
geleistet. - Im Hinaufklettern fand ich ebenso kleine Lcken und Steine unter
Hnden und Fen, wie ich sie brauchte. - - Von nun an konnte kein Wetter, kein
Zufall mich abhalten, ich berwand alle Schwierigkeiten; ohne zu wissen wie,
fand ich mich an meiner Geistermauer, an der ich jeden Abend hinabkletterte und
in meiner Wanne sitzend dem Treiben der Eisschollen zusah. Eine stie ans Ufer,
ich strubte mich nicht mehr gegen die dmonischen Eingebungen, zuversichtlich
sprang ich drauf und lie mich eine Weile forttreiben. Dann sprang ich auf die
nchste, bis ich endlich in der Mitte des Stromes dahinsegelte. - Es war eine
wunderbare Nacht! Warum? - Jeder Naturmoment ist wunderbar, ist ungeheuer, wo er
in seiner Freiheit waltet ber den Menschengeist, ich habe mich ihm
preisgegeben, und so wirkte er als hchstes Ereignis. - Am fernen Horizont
schimmerte ein dunkles Rot, ein trbes Gelb und milderte die Finsternis zur
Dmmerung, das Licht, gefesselt in den Umarmungen der Nacht; dahin schaute ich,
dahin trug mich mein eisiger Seelenverkufer, und der Wind, der sich kaum ber
die Hhe des Flusses hob, spielte und klatschte zu meinen Fen mit den Falten
meiner Kleider. Noch heute empfinde ich den kniglichen Stolz in meiner Brust,
noch heute hebt mich die Erinnerung der schmeichelnden Winde zu meinen Fen,
noch heute durchglht mich die Begeistrung jener khnen nchtlichen Fahrt, als
wenn es nicht vor sechs Jahren, sondern in dieser kalten Winternacht wr, in der
ich hier sitze, um Dir zulieb und meiner Liebe zum Gedchtnis alles
aufzuschreiben. Eine gute Strecke hatte ich mich dahin treiben lassen, da war
ich ebenso willenlos, als ich den Flu hinabgeschwommen war, wieder umgekehrt,
ich schritt ruhig von einer nachkommenden Eisscholle zur andern, bis ich mich
glcklich am Ufer befand. Zu Hause im Bette berlegte ich, wo mich wohl noch
diese Wege hinfhren mchten; es ahnte mir wie ein Weg, der immer weiter, aber
nicht zurckfhren werde, und ich war neugierig auf das Abenteuer der nchsten
Nacht. Am andern Tag unterbrach eine zufllige Reise in die Stadt meine
nchtlichen Geisterwanderungen. Da ich nach drei Wochen zurckkehrte, war dieser
mchtige Reiz aufgehoben, und nichts htte mich bewegen knnen, sie aus eigener
Willkr zu wagen. - Sie lenkten freilich einen Weg, diese freundlichen
Nachtgeister, der nicht wieder umlenkt, sie belehrten mich, wollten mich lehren
der Tiefe, dem Ernst, der Weisheit meines Glckes nachzugehen und seine
Beseligung nur als seinen Abglanz zu betrachten. So machen es die Menschen;
whrend ihr Geschick ihnen einen vorbergehenden Genu darbietet, wollen sie
ewig dabei verweilen und versumen so, sich ihrem Glck, das vorwrts schreitet,
zu vertrauen, und ahnen nicht, da sie den Genu verlassen mssen, um dem Glck
nachzugehen und es nicht aus den Augen zu lassen.

                                     * * *

Nur das eine ist Glck, was den idealischen Menschen in uns entwickelt, und nur
insofern ihn Genu in den ther hebt und ihn fliegen lehrt in ungekannten
Regionen, ist er ihm wahre Beseligung. - Gewi, ich mchte immer bei Dir sein,
in Dein Antlitz schauen, Rede mit Dir wechseln, die Lust wrde nimmer versiegen:
aber doch sagt mir eine geheime Stimme, da es Deiner nicht wrdig sein wrde,
mir dies als Glck zu setzen. Vorwrtseilen in den ewigen Ozean, das sind die
Wege, die mir auf eisiger Bahn die Geister vorschrieben, auf denen ich Dich
gewi nicht verlieren werde, da auch Du nicht umkehrst und ich nie an Dir
vorberschreiten werde, und so ist gewi das einzige Ziel alles Begehrens die
Ewigkeit.

                                     * * *

Die Reise nach der Stadt hatte der Krieg veranlat. Wir flchteten vor dem
Getmmel der sterreicher mit den Franzosen; es war zu frchten, da unser
kleines Stadtparadies mit seinen wohlgeordneten Lustrevieren nchstens unter den
Hufen kmpfender Reiterei zertrmmert werde. Der Feind war nur flchtig durch
Feld und Wald gesprengt, hatte ber den Flu gesetzt, und die heimliche Ruh des
beginnenden Frhjahrs lagerte schtzend ber den Saatfeldern, deren junges Grn
schon aus dem schmelzenden Schnee hervorragte, da wir wieder zurckkehrten.
    Die krftigen Stmme der Kastanienallee, Du kennst sie wohl! Manche Trume
Deiner Frhlingstage flatterten dort mit der jungen Nachtigallenbrut um die
Wette, wie oft bist Du dort an Liebchens Arm dem aufgehenden Mond
entgegengeschlendert! Ich mag nicht daran denken; Du wirst Dich der heiteren
Aussichten des wimmelnden Lebens auf dem Flu am Tag, seiner ruheflsternden
Schilfgestade in warmen Sommernchten und seiner ringsum blhenden Grten,
zwischen denen sich die reinlichen Straen verteilen, noch gar wohl erinnern und
auch seiner Bequemheit fr Deine Liebesangelegenheiten. Seitdem hat sich die
Gegend wie die Lebensweise und auch die Bevlkerung ins Wunderbare gespielt, und
keiner wrde es glauben, der's nicht gesehen hat, und jeder, der mit seinem
Reisejournal in der Tasche von seiner Reise um die Welt hier durchkm, wrde
glauben, in die Stadt der Mrchen versetzt zu sein12; eine mystische Nation
wandelt in bunter, wunderbarer Kleidung zwischen den andern durch; die Greise
und Mnner mit langen Brten in Purpur und grn und gelben Talaren, die Hlfte
des Gewandes immer von verschiedener Farbe, die wunderschnen Jnglinge und
Knaben in enganliegendem Wams, mit Gold verbrmt, die eine Hose grn, die andre
gelb oder rot, dahersprengend auf mutigen Rossen mit silbernen Glckchen am
Hals, oder am Abend durch die Strae auf der Gitarre und Flte prludierend, bis
sie vor Liebchens Fenster Halt machen! Denke Dir dies alles und den milden
Sommerhimmel, der sich darber wlbt und dessen Grenzen eine blhende, tanzende
und musizierende Welt umfliet; denke Dir den Frsten jenes Volkes mit silbernem
Bart, weiem Gewand, der vor dem Tor seines Palastes auf ffentlicher Strae auf
prchtigen Teppichen und Polstern lagert, umgeben von seinem Hofstaat, wo jeder
einzelne ein absonderliches Zeichen seines Amts und Wrde an seiner fabelhaften
Kleidung hat. Da speist er unter freiem Himmel gegenber den lustigen Grten,
hinter deren zierlichen Gittern hohe Pyramiden blhender Gewchse aufgestellt
sind und mit feinem Drahtflor umzogene Volieren, wo der Goldfasan und der Pfau
zwischen den rucksenden Haustauben einherstolzieren und die kleinen Singevgel
jubeln, alles von zartem, grnem Rasen umschlossen, wo mancher Wasserstrahl
emporschiet; die Knaben in verbrmten Kleidern goldne Schsseln bringen,
indessen aus den offnen Fenstern des Palastes Musik erschallt. Wir Kinder
machten manchmal im Vorbergehen da Halt und sahen und hrten dem Verein schner
Jnglinge im Gesang, Flte und Gitarre zu; aber damals wute ich nicht, da
nicht berall die Welt so heiter lieblich, so reinen Genusses sich ausbreite;
und so fand ich es auch nicht wunderbar, wenn die Nacht einbrach und aus dem
Nachbarsgarten die herrlichsten Symphonien herberschallten, von einem Orchester
der ersten Knstler aufgefhrt, wenn die herrlichen groen Bume mit so viel
bunten Lampen geschmckt waren, als Sterne sich am Himmel blicken lieen; da
suchte ich einen einsamen Weg und sah den glhenden Johanniswrmchen zu, wie
sich die im Flug durchkreuzten, und ich war berrascht von dem wunderbaren
Leuchten, ich dachte nachts an diese Tierchen und freute mich auf den andern
Abend, um sie wiederzusehen, auf die Menschen aber freute ich mich nicht, - sie
leuchteten mir nicht ein, ich verstand und ahnte nicht, da man sich mit ihnen
verstndigen knne; - manche Sommernacht auch schwamm die Kapelle von blasenden
Instrumenten auf dem Main, bald hinab und hinauf, begleitet von vielen Nachen,
auf denen sich kaum ein Flstern hren lie, so tiefernst hrten sie der Musik
zu. Da wurde ich auch mitgeschaukelt auf den sanften Wellen und sah die
wechselnden Schatten, Lichter und Mondstrahlen und lie das khle Wasser ber
meine Hnde laufen. So war das Sommerleben, das pltzlich durch die
rckkehrenden Kriegsszenen unterbrochen ward. Da war an kein Flchten zu denken,
am Morgen, da wir erwachten, hie es: Hinab in den Keller! Die Stadt wird
beschossen, die Franzosen haben sich hereingeworfen, die Rotmntel und die
Totenkpfe sprengen von allen Seiten heran, um sie herauszujagen! Da war ein
Zusammenlaufen auf den Straen, da erzhlte man sich von den Rotmnteln, da die
kein Pardon gben, alles zusammenhauen, da sie frchterliche Schnurrbrte
haben, rollende Augen, blutrote Mntel, damit das vergossene Blut nicht so
leicht zu bemerken sei. Allmhlich wurden die Fensterladen geschlossen, die
Straen leer, die erste Kugel, die durch die Straen flog, eilte alles in die
Keller, auch wir, Gromutter, Tante, eine alte Cousine von achtzig Jahren, die
Kchin, die Kammerjungfer, ein mnnlicher Hausgenosse. Da saen wir, die Zeit
wurde uns lang, wir lauschten - eine Bombe flog in unsern Hof, sie platzte. Das
war doch eine Diversion, aber nun stand zu erwarten, da Feuer ausbrechen knne.
Allerlei, was meiner Gromutter unendlich wichtig war von Bchern, von Bildern,
fiel ihr ein, sie htte es gern in den Keller gerettet. Der mnnliche
Hausgenosse demonstrierte, wie es eine Unmglichkeit sei, den heiligen Johannes,
ein Bild, was die wunderbare Eigenschaft hatte, die Fabel geltend zu machen, er
sei ein Raffael, jetzt aus dem oberen Saal herunterzuschaffen, indem es viel zu
schwer sei; ich entfernte mich leise, stieg zum Saal, hob das schwere Bild ab,
nahm es an der Schnur ber den Rcken, und so kam ich, noch eh die Verhandlung
beendigt war, zum Erstaunen aller und zur groen Freude der Gromutter, zur
Kellertreppe herabgepoltert, ich meldete noch, wie ich aus dem Saalfenster
gesehen und alles still sei; ich bekam die Erlaubnis, noch mehr zu retten, ich
bekam die Schlssel zur Bibliothek, um Kupferwerke zu holen, mit freudiger Eile
sprang ich die Treppe hinauf, in die Bibliothek htt ich lngst gern mich
eingestohlen, da war eine Sammlung prachtvoller Muscheln, wunderbarer Steine,
getrockneter Pflanzen, da hingen Straueneier an den Wnden, Kokusnsse, da
lagen alte Waffen, ein Magnetstein, an dem alle Nh- und Stricknadeln hngen
blieben, da standen Schachteln voll Briefschaften, Toiletten mit wunderlichem
alten Geschirr und Geschmeide, Zitternadeln mit Sternen von bunten Steinen, o
ich freute mich, den Schlssel zu haben, ich holte herunter, was man verlangte,
zog den Schlssel ab, ohne abzuschlieen, und dachte mir eine stille, einsame
Nacht, in der ich, alles durchsuchend und betrachtend, schwelgen wolle. Das
Schieen hatte wieder angefangen, einzelne Reiter hrte man in gestrecktem
Galopp die furchtbare Stille der Strae unterbrechen, die Furcht im Keller
stieg, man dachte jedoch nicht daran, da ich verletzt werden knne, und ich
auch nicht; ich sprach nicht aus, da ich mich nicht frchte, und fhlte auch
nicht, da ich Gefahr lief, und so berkam ich das schne Amt, alle zu bedienen,
fr alle Bedrfnisse zu sorgen. Ich hrte verschiedentlich die Reiter
vorbersprengen. Das mag ein Rotmantel sein! dachte ich, lief eilig ans
Fenster des unteren Geschosses, ri den Laden auf - siehe, - da hielt er in der
mitten Strae mit gezogenem Sbel, langem fliegenden Schnurrbart, dicken,
schwarzen, geflochtenen Haarzpfen, die unter der roten Pelzmtze hervorhingen,
der rote Mantel schwebte in den Lften, wie er die Strae hinabflog, - alles
wieder totenstill! - Ein junger Mensch in Hemdrmeln, bloem Kopf, totenbla,
blutbespritzt, rennt verzweiflungsvoll hin und wieder, rasselt an den Haustren,
klopft an den Lden, keiner tut sich auf, mir klopft das Herz, ich winke - er
sieht es nicht. Jetzt eilt er auf mich zu, bittend, - da ertnt der Schall eines
Pferdes; er schmiegt sich in die Vertiefung des Hoftors, der Reiter, der ihn
suchend verfolgt, sprengt an ihm vorbei, hlt einen Augenblick, spht in die
Ferne, wendet um und - fort. O, jeder Blick, jede Bewegung des Reiters und des
Pferdes haben sich tief in mein Gehirn geprgt, und der arme Angsterfllte eilt
hervor und schwingt sich am schwachen Kinderarm herein in die rettenden Wnde,
aber kaum, - da ist der Reiter schon wieder, er sprengt an mich heran, ich rhr
mich nicht vom Fenster, er verlangt Wasser, - ich eile in die Kche, es ihm zu
holen, nachdem er getrunken und nachdem ich ihn die Strae hinabreiten gesehen
erst, mache ich meinen Laden zu, und nun sehe ich mich nach meiner geretteten
Beute um. Htte sich der Rotmantel auf seinem Pferde in die Steigbgel gestellt,
so htte er meinen Geretteten entdeckt, dieser kte mir zitternd die Hnde und
sagte mit leiser Stimme: O mon dieu! mon dieu!. Ich lachte vor Freuden, aber
dann brach ich in Trnen aus; denn es rhrte mich, der Retter eines Menschen
geworden zu sein, so ohne mich zu besinnen, so ohne zu wissen wie. - Und Du
auch! - Rhrt es Dich nicht? - Freut es Dich nicht, da es mir gelungen ist? -
Mehr als alle Schmeichelreden, die ich Dir sagen knnte? - Sauvez-moi!
Cachez-moi! sagte er, mon pre et ma mre prieront pour vous.. Ich fate ihn
bei der Hand und fhrte ihn schweigend leise ber den Hof nach dem Holzstall:
dort untersuchte ich seine Wunde, das Blut abwaschen konnte ich nicht, ich hatte
kein Wasser, holen mochte ich auch keins, der Nachbar Andree, dessen Du Dich
auch erinnern mut, war mit mehreren Freunden auf sein Observatorium gestiegen,
um das Kriegswesen zu beobachten, er konnte mich bemerken. Ein einzig Mittel
hatte ich erfunden; ich leckte ihm das Blut ab, - denn es ihm so mit Speichel
abzuwaschen, schien mir zu unbescheiden; er lie mich gewhren, ich zog leise
und sanft die anklebenden Haare zurck, - da flog ein Huhn mit groem Geschrei
vom oberen Holz herunter, wir hatten es verscheucht von dem Ort, wo es seine
Eier zu legen pflegte, ich kletterte hinauf, um das Ei zu holen, die innere
weie Haut legte ich ber die Wunde - es mag wohl geheilt haben, ich will's
hoffen! - Nun eilte ich wieder in den Keller, die eine Schwester schlief, die
andere betete vor Angst, die Gromutter schrieb an einem kleinen Tisch bei Licht
ihr Testament, die Tante hatte den Tee bereitet, ich bekam die Schlssel zur
Speisekammer, um Wein und kalte Speisen zu holen, da dachte ich auch an den
Magen meines armen Gefangenen und brachte ihm Wein und Brot. So ging der Tag
vorber und die Gefahr, der Keller wurde verlassen, mein Geheimnis fing an mich
zu beklemmen; ich beobachtete jeden Schritt der Hausgenossen, der Kchin half
ich in der Kche, ich holte ihr Wasser und Holz, unter dem Vorwand, da es doch
noch gefhrlich sein knne unter freiem Himmel, sie lie sich's gefallen; -
endlich und endlich kam die Nacht, der Nachbar hatte Rapport gebracht, da
nichts zu frchten sei vor der Hand, und so legte man sich zur Ruhe, deren man
so sehr bedurfte. Ich hatte meine Schlafsttte im Nebenzimmer der Gromutter,
von da konnte ich den Holzstall, der vom Mond beschienen war, beobachten, ich
ordnete nun meinen Plan: frs erste muten Kleider geschafft werden, die den
Soldaten verleugneten. Wie gut, da ich die Bibliothek offen gelassen! Da oben
hing ein Jagdkleid und Mtze - von welchem Schnitt, ob alt- oder neumodisch -
wut ich nicht. Wie ein Geist schlich ich auf bloen Strmpfen an der Tante
Zimmer vorbei, schwebend trug ich's herunter, damit die metallnen Knpfe nicht
rasselten, er zog es an, es sa wie angegossen - Gott hat es ihm angepat und
die Jagdmtze dazu! Ich hatte das Geld, was man mir schenkte, immer in das
Kissen eines ledernen Sessels gesteckt, weil ich keine Gelegenheit hatte, es zu
brauchen. Jetzt durchsuchte ich den Sessel, und es fand sich eine ziemliche
Barschaft zusammen, die ich meinem Geretteten als Zehrpfennig einhndigte. Nun
fhrte ich ihn durch den mondbeschienenen, blteduftenden Garten; wir gingen
langsamen Schrittes Hand in Hand bis hinter die Pappelwand, an die Mauer, wo
alle Jahr die Nachtigall in der Rosenhecke ihr Nest baute, es war grade die
Zeit, was half's - dies Jahr mute sie gestrt werden. Da wollte er mir danken,
da nahm er mich auf seine Arme und hob mich hoch, er warf die Mtze ab und legte
den verbundenen Kopf auf meine Brust, was hatte ich zu tun? Ich hatte die Arme
frei, ich faltete sie ber seinem Kopf zum Gebet; er kte mich, stieg ber die
Rosenheckenmauer in einen Garten, der zum Main fhrte, da konnte er sich
bersetzen; denn es waren Nachen am Ufer.
    Es gibt unerwartete Erfahrungen, die sind vergessen, gleich als ob sie nicht
erlebt wren, und erst dann, wenn sie wieder aus dem Gedchtnisbrunnen
heraufsteigen, ergibt sich ihre Bedeutung - es ist, als ob eine Lebenserfahrung
dazu gehrte, ihre Wichtigkeit empfinden zu lernen; es sind andre Begebnisse,
auf die man mit Begeistrung harrt, und die schwimmen so gleichgltig vorber wie
das flieende Wasser. - Wie Du mich fragtest, wer mir den ersten Ku gegeben
habe, dessen ich mich deutlich erinnere, da schweifte mein Besinnen hin und her
wie ein Weberschiffchen, bis allmhlich dies Bild des Erretteten lebhaft und
deutlich hervortrat, und in diesem Widerhall des Gefhls erst werde ich gewahr,
welche tiefe Spuren sie in mir zurckgelassen! - So gibt es Gedanken wie
Lichtstrahlen, die einen Augenblick nur das Gefhl der Helle geben und dann
verschwinden, aber ich glaube gewi, da sie ewig sind und uns wieder berhren
in dem Augenblick, wo unsere sittliche Kraft auf die Hhe steigt, mit der allein
wir sie zu fassen vermgen. Ich glaube: mit uns selbst ins Gericht gehen, oder
wenn Du willst, Krieg fhren mit allen Mchten, ist das beste Mittel, hherer
Gedanken teilhaftig zu werden. Es gibt eine Art Lumpengesindel auch im Geist,
das alle Befhigung zur Inspiration unterdrckt und sich wuchernd ausbreitet;
dahin gehren die Ansprche aller Art nach auen: wer etwas von auen erwartet,
dem wird es in dem Innern nicht kommen, aller Reiz, der nach auen zur
Versndigung wird, kann im Innersten konzentriert zur Tugend werden; - das
Gefhl, das, sowie es sich mit der Oberflche des Lebens berhrt, gleich zur
Eitelkeit anschliet: in der innersten Seele festgehalten, wird sich zu einer
demtigen Unterwerfung an die Schnheit ausbilden. Und so knnte wohl jede
Verkehrtheit daher entstehen, weil ihr Reiz fehlgeht in seiner Befriedigung.
Alle Ansprche, aller Reiz, alle Leidenschaft soll befriedigt werden, aber nur
durch das Gttliche, und so nicht der Sklave der Leidenschaft, sondern unserer
hheren Natur werden.
    Wenn ich mich ber mich selbst stelle und ber mein Tun und Treiben, dann
kommen mir gleich Gedanken, von denen empfinde ich, sie haben eine bestimmte
Beziehung auf eine bestimmte Erscheinung in mir, wie gewi auch bei den
verschiedenen Epochen in dem Pflanzenleben die Nahrung eine verschiedne geistige
Richtung annimmt; da zum Beispiel beim Blhen der Nahrungsstoff, der doch aus
denselben Elementen besteht, eine in sich selbst erhhte geistige Verwandlung
vornimmt; denn er uert sich ja nicht mehr blo vegetierend in dem Leben der
Pflanze, sondern duftend, wissend, in ihrem Geist. Gedanken dieser Art beglcken
mich, wenn ich Frieden mit mir schliee und den Schlaf gleichsam annehme als
Vershnung mit mir selbst; so gestern abend fhlte ich vor dem Einschlafen, als
ob mich mein Inneres in Liebe aufgenommen habe, und da schlief ich die Ruhe bis
tief in meine Seele hinein und wachte von Zeit zu Zeit auf und hatte Gedanken.
Ich schrieb sie, ohne sie weiter zu spinnen oder ihren Gehalt zu wgen, ja
selbst manche, ohne sie ganz zu verstehen, mit Bleistift auf - und schlief dann
gleich wieder fort, aber bald weckte mich's wieder auf; diese Gedanken waren wie
Ausrufungen meiner Seele in der Empfindung von Behagen. Ich will sie hier
abschreiben, wie ich sie nacheinander erfahren. Ob sie Wert und Gehalt haben,
lasse ich unberhrt, aber immer werden sie ein Beweis sein, da der Geist auch
im Schlaf lebendig wirkt.
    Ich glaub, da jede Handlung ihre unendlichen Folgen hat; da uns die
Wahrheit Genu gewhrt, da also jeder Genu eine Wahrheit zum tiefsten Grunde
hat, da also jeder Genu durch seine Wahrheit legitimiert ist.
    Ich glaube, da alle Ahnungen Spiegelungen der Wahrheit sind.
    Der Geist ist Auge, je schrfer er sieht, je deutlicher wird die Ahnung, je
reiner tritt das Spiegelbild der Wahrheit in der Empfindung auf. Die Vielheit
soll zur Einheit fhren, der Spiegel fasset alles in einen Strahl zusammen.
    Das Licht gebrt das allseitige Leben und Streben in die Einheit, in das
Reich des Gttlichen.
    Die Philosophie ist Symbol der Leidenschaft zwischen Gott und dem Menschen.
    Die Liebe ist eine Metamorphose der Gottheit.
    Jeder Gedanke ist die Blte einer Pflanze; was ist dann aber ihre Frucht? -
Die Wirkung auf unser Inneres ist ihre Frucht.
    Zum Denken des wahren Geistes gehrt die Unschuld. Nur mit der unschuldigen
Psyche beredet sich der Geist.
    Der Geist stellt die erkrankte Unschuld her. Die Frucht des Geistes
genieen, macht unschuldig, das ist die Wirkung der Frucht.
    Das Sinnliche ist Symbol des Geistigen, ist Spiegel einer noch nicht in die
geistige Erfahrung getretnen Wahrheit.
    Geistige Erfahrung ist gebornes Leben. Wenn wir Besitzer der geistigen
Wahrheit sind, dann ist das Sinnliche aufgelst.
    Alles Sinnliche ist unverstanden, durch sein Verstehen wird es geistig.
    Geistige Entwicklung macht groe Schmerzen, sie ist der Beweis, wie sehr der
Geist mit dem Physischen zusammenhngt.
    Der Geist, der keine Schmerzen macht, ist Leben nach der Geburt.
    Oft stirbt der Geist, sein Tod ist Snde. Aber er ersteht wieder zum Leben;
die Auferstehung von den Toten macht Schmerzen.
    Der Geist ist ein Zauberer, er kann alles! Wenn ich mit dem vollen Gefhl
der Liebe vor Dich hintrete, dann bist Du da.
    Was ist denn Zauberei? Die Wahrheit des Gefhls geltend machen. -
    Die Sehnsucht hat allemal recht, aber der Mensch verkennt sie oft.
    Der Mensch hat einen sinnlichen Leib angenommen, damit er in ihm zur
Wahrheit komme; das Irdische ist da, damit sich in ihm das Gttliche
manifestiere.
    Das ganze Wirken der Natur ist nur ein Trieb, der Wahrheit nachzugehen. Die
Wahrheit hat keinen Leib, aber das sinnliche Leben ist die Spur ihres Wegs.
    Manchmal hab ich den Trieb, mich von Dir, wie ich Dich sinnlich erkenne,
abzuwenden und an das gttliche Geheimnis Deines Daseins zu appellieren, dann
fhl ich, da sich alle verschiedenen Neigungen in einer auflsen.
    Gewi! Die Liebe ist Instinkt einer hheren Gemeinschaft, einer gttlichen
Natur mit dem Geliebten. Drum schliet Liebe alle verschiedenen Neigungen aus.
    Wenn wir erst wissen, da alle ueren Augen ein inneres Auge sind, das uns
sieht, so tun wir alles dem inneren Auge zulieb, denn wir wollen in unserer
geheimen Handlung der Schnheit gesehen sein.
    Unser Trieb, schn zu handeln, ist der Trieb, dem innern Auge wohlgefllig
zu erscheinen. Drum ist der Trieb nach Anerkenntnis, nach Ruhm eine verkehrte
Befriedigung dieser angebornen, unvertilgbaren Neigung, weil ihr Ursprung
gttlich ist. - Was haben wir von allem ueren Glanz, von dem Gaukelspiel des
Beifalls einer unwissenden Menge, wenn wir vor dem Auge des inneren Genius nicht
bestehen, wenn unsere Schnheit vor ihm zerrttet ist! ich will nur fr meine
Schnheit leben, ich will nur ihr huldigen; denn sie ist der Geliebte selbst. -
    Wenn wir den Blick des inneren Auges umschreiben, so haben wir die Kunst und
das Wissen.
    Alles Wissen soll sich zur Kunst erheben, es soll ebenso unschuldig die
Wahrheit nachahmen wie die bildende Kunst, und so wird sie ein Spiegel der
Wahrheit, ein Bild, in dem wir sie erkennen.
    Denken ist ein unmittelbares Nachahmen der Wahrheit, es ist nicht sie
selbst, sie hat keinen Leib, sie hat nur eine Erscheinung.
    Suche nur die Wahrheit in Deinem Innern, so hast Du den Vorteil, sie zu
finden und Dich zugleich in sie aufzulsen.
    In Deinem Innern wirst Du ein lebendiges Bewegen wahrnehmen, wie das Bewegen
des Wassers, es ist nichts als ein Bewegen, sich in die Wahrheit aufzulsen.
    Alles Leben lst sich in eine hhere Wahrheit auf, geht in eine hhere
Wahrheit ber, wr es anders, so wr es Sterben.
    Schnheit ist eine Auflsung der sinnlichen Anschauung in eine hhere
Wahrheit; Schnheit stirbt nicht, sie ist Geist.
    Alle Disharmonie ist Unwahrheit.
    Wenn Du schlafen willst, so ergib Dich Deinem innern Mond. Schlaf in dem
Mondlicht Deiner Natur! Ich glaub, das erzieht und nhrt Deinen inneren
Menschen, wie das Mondlicht den Geist der Pflanze ernhrt und befrdert. Wer von
selbst seinen Geist der Natur unterwirft, fr den gibt es keinen Tod.
    Der Geist mu so mchtig werden, da er den Tod des Leibes nicht empfindet.
    Der Geist braucht nicht zu denken und kann doch mchtig sein, blo durch die
Reinheit des Willens.
    In allem nur sich sehen und gegen sich den reinsten Willen haben, dann ist
der Geist mchtig.
    Auch der sinnliche Schlaf soll so genossen werden, da er ein geistiger
Balsam sei.
    Vielleicht vererben sich die geistigen Reichtmer wie die irdischen,
vielleicht verteilen die Geister ihre Fhigkeiten auf ihre Nachkommen! Ich
erkenne an dem Gedanken, wes Geistes Kind du bist. Dies Sprichwort beurkundet
meine Bemerkung.
    Wachsen ist das Gefhl, da das Uranfnglichste zu seinem Ursprung in die
Ewigkeit dringt.
    Der Genius allein kann die verletzte Unschuld herstellen. O komm, Genius,
und befriede Dich mit mir!
    Hier bermannte mich ein tieferer Schlaf. - Am Morgen fand ich mein
beschriebenes Papier, ich erinnerte mich seiner kaum, aber sehr deutlich
erinnerte ich mich des Behagens in der Nacht, und da es eine Empfindung war,
wie dem Kind in der Wiege das Schaukeln sein mu, und ich dachte, da ich oft so
trumen mchte. -
    Nun will ich Dir auch gleich die Geschichte meines zweiten Kusses erzhlen;
er folgte beinah unmittelbar auf den ersten, und was denkst Du von Deinem
Mdchen, da es so leichtfertig geworden! Ja diesmal wurde ich leichtfertig, und
zwar mit einem Freund von Dir. - Es klingelt, hastig springe ich an die Haustr,
um zu ffnen; ein Mann in schwarzer Kleidung, ernsten Ansehens, etwas erhitzten
Augen tritt ein, - noch ehe er seinen Namen genannt oder gesagt, was sein
Verlangen ist, kt er mich; noch ehe ich mich besinnen konnte, geb ich ihm eine
Ohrfeige, und dann erst seh ich ihm ergrimmt ins Antlitz und erkenne ein
freundliches Gesicht, das gar nicht erschreckt und nicht erbittert ber mein
Verfahren zu sein scheint; um meiner Verlegenheit zu entgehen - denn ich wute
nicht, ob ich Recht oder Unrecht getan hatte - ffne ich ihm rasch die Tren zu
den Zimmern der Gromutter. Da war nun meine berraschung bald in Schrecken
umgewandelt, da diese mit der hchsten Begeistrung ausrief, einmal ber das
andre: Ist es mglich? Herder, mein Herder! Da euer Weg euch zu dieser
Grillentr fhrt? - Seid tausendmal umarmt! Und hier folgten diese tausend
Umarmungen, whrend denen ich mich leise davonschlich und wnschte, es mge in
diesem Schwall von Liebkosungen die eine untergehen, die ihm mit einer Ohrfeige
war beantwortet worden. Allein, dem nicht so, er verga weder Ku noch Ohrfeige,
er schielte, an das Herz der Gromutter von ihren umfassenden Armen gefesselt,
ber ihre Achsel hinaus, nach der Enkelin und machte ihr einen bittenden
Vorwurf. Ich verstand ihn sogleich und machte mich ihm auch verstndlich, er
sollte mich nicht verklagen, sonst wolle ich mich rchen, und schlich hinter die
Vorzimmer. Allein Herder hatte keine Andacht mehr fr die Gromutter, fr ihre
schnen Erinnerungen aus der Schweiz, fr ihre Mitteilungen aus den Briefen von
Julie Bondeli, fr ihre Schmeichelreden und begeisterte Lobsprche, fr ihre
Reden von gelehrten Dingen. Er fragte, ob sie ihm nicht ihre Enkelkinder wolle
zeigen? So wurden wir ihm denn alle drei feierlich vorgefhrt und von der
Gromutter zugleich belehrt, wie glcklich wir seien, ihn zu sehen und von ihm
gesegnet zu sein. Er war auch gar nicht faul, ging rasch auf mich zu, legte mir
die Hand auf den Kopf, unter welcher ich ihn drohend ansah, und sagte langsam
und feierlich: Diese da scheint sehr selbstndig, wenn Gott ihr diese Gabe als
eine Waffe fr ihr Glck zugeteilt hat, so mge sie sich ihrer ungefhrdet
bedienen, da alle sich ihrem khnen Willen fgen und niemand ihren Sinn zu
brechen gedenke. Ziemlich verwundert war die Gromutter ber diesen
wunderlichen Segen, noch mehr aber, da er die Schwestern nicht segnete, die
doch ihre Lieblinge waren. Wir wurden entlassen und gingen in den Garten; - wir
trugen damals breite Schrpen von blau und wei geflammter Seide, auf dem Rcken
waren sie in Schleifen gebunden, die in der vollen Breite, welche wohl eine Elle
betrug, ausgebreitet waren, so da sie gleichsam Schmetterlingsflgel bildeten.
Whrend ich in meinem Blumenbeet arbeitete, haschte mich einer an diesen
Flgeln; es war Herder. Siehst du, kleine Psyche, sagte er, mit den Flgeln
geniet man wohl die Freiheit, wenn man sie zu rechter Zeit zu brauchen wei,
aber an den Flgeln wird man auch gefangen, und was gibst du, da ich dich
wieder loslasse? - Er verlangte einen Ku, ich verneigte mich und kte ihn,
ohne das Geringste einzuwenden.
    Der Ku des geretteten Franzosen war ganz im Einverstndnis meiner
Empfindung, ich kam ihm auf halbem Weg entgegen, und doch war er unmittelbar
darauf vergessen, und jetzt erst, nach sechs Jahren, tauchte er aus meiner
Erinnerung auf als eine neue Erscheinung. Herders Ku war von meiner Seite ganz
willenlos oder eher unwillig angenommen, und doch hab ich ihn nicht vergessen;
ich konnte in erster Zeit den Eindruck nicht verwinden, er verfolgte mich im
Traum; bald war mir's, als habe ich wider meinen Willen etwas weggeschenkt, bald
berraschte es mich, da dieser groe bedeutende Mann mich so dringend
aufgefordert hatte, ihn zu kssen, dies war mir eine rtselhafte Erfahrung.
Herder sah mich so feierlich an, nachdem er mich gekt hatte, da mich ein
Schauer befiel; der rtselhafte Name Psyche, dessen Bedeutung ich nicht
verstand, vershnte mich einigermaen mit ihm, und wie denn manches Zufllige,
was vielen unscheinbar vorberschweift, einen tief rhrt und eine whrende
Bedeutung fr ihn gewinnt, so war mir dies unbegriffne Wort Psyche ein Talisman,
der mich einer unsichtbaren Welt zufhrte, in der ich mich unter diesem Namen
begriffen dachte.
    So lehrte mir Amor das Abc, und in meiner Geisblattlaube, in der die Spinnen
rund um mich her dem beflgelten Insektenvolk Netze stellten, seufzte die kleine
beflgelte Psyche ber dieser problematischen Lektion.
    Ach Herr! - Im Anfang des Jahres ist die Sonne mild, sie schmeichelt den
jungen Trieben, dann spaltet sie die Keime und wird immer dringender, die
geffnete Knospe kann sich nicht wieder in die khle Kammer bewutloser
Dunkelheit verschlieen, ihre Blte fllt dem glhenden Strahl, der sie erst
lockte, als Opfer.

                                  Dritter Ku


Der blinde Herzog vom Aremberg, der schne, dessen Zgen die geheiligte Wrde
der Legitimitt aufgeprgt war, wollte gegen meinen Willen mir diesen Ku geben,
ich aber war wie die schwankende Blume im Winde, die der Schmetterling
vergeblich umtanzt. La Dir's erzhlen und ausmalen mit diesen bunten Farben aus
dem Muschelkasten des Kindes, mit denen ich damals noch meine Welt ausmalte und
sie verstand, und Du wirst sie auch verstehen und Dich freuen, da Du mit mir in
den Spiegel siehst, in dem ich mich erkenne und den Genius, der mich zu Dir
lenkt.
    Er war schn, der Herzog! - Schn fr das grogewlbte Kinderauge, das noch
kein Menschenantlitz erblickt hatte, dessen Zge Geist ausstrmten. Wenn er
stundenlang bei der Gromutter sa und sich von ihr erzhlen lie, stand ich
neben ihm und starrte ihn an: ich war in Betrachtung dieser reinen erhabenen
Zge versunken, die dem gewhnlichen Menschen nie geschenkt werden.
    Die reine, starke Stirn, deren Mitte eine Feuerstelle hatte fr den
gttlichen Brand des Zorns, diese Nase, hher, khner, trotzbietender als sein
schauerliches Schicksal, diese feinen feuchten Lippen, die mehr als alles andre
Befehl und Herrscherwrde aussprachen, die Luft tranken und ausseufzten die
tiefste Melancholie, diese feinen Schlfe, sich an den Wangen niederschmiegend
zum aufgeworfnen Kinn, wie der metallne Helm der Minerva! - La mich malen,
Goethe, aus meinem kleinen Muschelkasten, es wird so schn! Sieh sie an, die
grellen abstechenden Farben, die der philosophische Maler vermeidet, aber ich,
das Kind, ich male so; und Du, der dem Kinde lchelt wie den Sternen, und in
dessen Begeistrung Kindereinfalt sich mischt mit dem Seherblick des Weisen,
freue Dich der grellen bunten Farben meiner Phantasie.
    So war er, der schne, blinde Herzog, so ist er noch jetzt in dem
Zauberspiegel der Erinnerung, der alle Bilder meiner Kindheit gefesselt hlt,
der sie in Perlen reiht und Dir als Opfer zu Fen legt; so war seine Gestalt
oft niedergebeugt im Schmerz um die erblindete Jugend, dann stolz erstreckt,
sich aufrichtend, heiter verchtlich ironisch lchelnd, wenn er die
tiefversunknen Augensterne gegen das Licht wendete. Da stand ich und starrte ihn
an, wie der Schferknabe tief vergessen seiner Herde und seines Hundes, den an
den einsamen Felsen geschmiedeten, von der abgewendeten Welt unbeklagten
Prometheus anstarrt; da stand ich und saugte den reinen Tau, den die tragische
Muse aus ihrer Urne sprengt, um den Staub der Gemeinheit zu dmpfen, indem ich
in tiefer, bewutloser Betrachtung ber ihn versunken war. - Es war in seinem
zwanzigsten Jahr, im tollen, glhenden bermut der Jugend, im Gefhl seiner
berwiegenden Schnheit und im geheimen Bewutsein alles dessen, was dieser zu
Gebot stand, da er am Tag der Jagd ber die gedeckte Tafel sprang, mit seinen
Sporen das Tischzeug mit Service und Prachtaufsatz auf die Erde ri und am Boden
zerschmetterte, um seinem liebsten Freund an den Hals zu springen, ihn zu
umarmen, mit ihm tausend Abenteuer zu besprechen. Sie teilten sich auf der Jagd,
und der erste Schu, den der Freund tat, war in beide Augensterne des Herzogs.
    Ich habe den Herzog nie bedauert, ich bin nie zum Bewutsein ber sein
Unglck gekommen; so wie ich ihn sah, erschien er mir ganz zu sich und seinem
Schicksal sich verhaltend, ohne Mangel; wenn ich andre hrte sagen: Wie schade,
wie traurig, da der Herzog blind ist! so fhlte ich's nicht mit, im Gegenteil
dachte ich: Wie schade, da ihr nicht alle blind seid, um die Gemeinheit eurer
Zge nicht mit diesen vergleichen zu drfen! Ja Goethe! Schnheit ist ja das
sehende Aug Gottes, Gottes Auge, auf welchem Gegenstand es mit Wohlgefallen
ruht, erzieht die Schnheit, und ob der Herzog auch nicht gesehen habe, - er war
dem gttlichen Licht vermhlt durch die Schnheit, und dies war allemal nicht
das bitterste Schicksal.
    Wenn ich so neben ihm stand und in Gedanken versunken mit ihm seufzte, da
fragte er Qui est l? - Bettine! Amie viens que je tauche tes traits, pour les
apprendre par coeur! Und so nahm er mich auf den Scho und fuhr mit dem
Zeigefinger ber meine Stirn, Nase und Lippen und sagte mir Schnes ber meine
Zge, ber das Feuer meiner Augen, als ob er sie sehen knne. Einmal fuhr ich
mit ihm von Frankfurt nach Offenbach zur Gromutter, ich sa neben ihm, er
fragte, ob wir noch in der Stadt seien, ob Huser da seien und Menschen? - Ich
verneinte es, wir waren auf dem Land, da verwandelte sich pltzlich sein
Gesicht, er griff nach mir, er wollte mich ans Herz ziehen, ich erschrak;
schnell wie der Blitz hatte ich mich den Schlingen seiner Arme entzogen und
duckte nieder in der Ecke des Wagens; er suchte mich, ich lachte heimlich, da
er mich nicht fand, da sagte er: Ton coeur est-il si mchant pour mpriser,
pour se jouer d'un pauvre aveugle? Da frchtete ich mich der Snde meines
Mutwillens, ich setzte mich wieder an seine Seite und lie ihn gewhren, mich an
sich ziehen, mich heftig an sein Herz drcken, nur mit dem Gesicht beugte ich
aus und gab ihm die Wange, wenn er nach dem Mund suchte. Er fragte, ob ich einen
Beichtvater habe? - Ob ich diesem erzhlen werde, da er mich gekt habe? Ich
sagte naiv schalkhaft: wenn er glaube, da dies dem Beichtvater Vergngen machen
werde, so wolle ich's ihm erzhlen. Non, mon amie, cela ne lui plaira pas, il
n'en faut rien dire, cela ne lui plaira absolument pas, n'en dites rien 
personne. In Offenbach erzhlte ich's der Gromutter, die sah mich an und
sagte: Mein Kind! Ein blinder Mann, ein armer Mann! - Im Nachhausefahren
fragte er, ob ich der Gromutter gesagt habe, da er mich gekt habe; ich sagte
ja. Nun, war die Gromutter bs? - Nein, Et bien? Est ce quelle n'a rien
dit?. - Oui!. - Et quoi? - Ein blinder Mann, ein armer Mann! O qui! rief
er, elle a bien raison! Ein blinder Mann, ein armer Mann! und so rief er
einmal ums andre: Ein blinder Mann, ein armer Mann! bis er endlich in einen
lauten Schrei der Klage ausbrach, der mir wie ein Schwert durchs Herz drang,
aber meine Augen blieben trocken, whrend seinen erstorbenen Trnen entfielen.
Dem Herzog ist seitdem ein feierliches Monument in meinem Herzen errichtet.

                                     * * *

Wir hatten einen schnen Garten am Haus, Ebenma und Reinlichkeit war seine
Hauptzierde, an beiden Seiten liefen Spaliere hin mit auslndischen
Fruchtbumen, im mitten Gang standen diese Bume so edel, so hoch, so frei von
jedem Fehl, sie hingen ihre schlanken ste schwertragend im Herbst an den Boden,
es war so still in diesem Garten wie in einem Tempel, im Eingang waren auf
beiden Seiten zwei gleichmige Teiche, in deren Mitte Blumeninseln waren, hohe
Pappeln begrenzten ihn und vermittelten die Nachbarschaft zu den Bumen in den
angrenzenden Grten. Denke doch, wie es mir da erging, wie da alles so einfach
war und wie ich Deiner bewut ward.
    Warum whlt's mir im Herzen, wenn ich mich dran erinnere, da die
Bltenktzchen von den Pappeln und diese braunen klebrigen Schalen von den
Knospen mich beregneten, wie ich da so still in der Mittagsstunde sa und dem
Streben der jungen Weinranken nachsprte, wie die Sonnenstrahlen mich umwebten,
die Bienen mich umsummten, die Kfer hin und her schwirrten, die Spinne ihr Netz
ins Gitter der Laube hing? - In solcher Stunde bin ich Deiner zum erstenmal
innegeworden. - Da lauschte ich, da hrte ich in der Ferne den Lrm der Welt, da
dachte ich: du bist auer dieser Welt, aber mit wem bist du? - Wer ist bei dir?
- Da besann ich mich auf nah und fern, da war nichts, was mir angehrte. Da
konnte ich nichts erfassen, mir nichts denken, was mein sein knne. Da trat
zufllig, oder war's in den Wolken geschrieben, Deine Gestalt hervor; ich hatte
von Dir nichts weiter gehrt als Tadel, man hatte in meiner Gegenwart gesagt:
Goethe ist nicht mehr so wie sonst, er ist stolz und hochmtig, er kennt die
alten Freunde nicht mehr, seine Schnheit hat gewaltig abgenommen, und er sieht
nicht mehr so edel aus wie sonst; noch manches wurde von der Tante und
Gromutter ber Dich gesprochen, was zu Deinem Nachteil war. Ich hatte es nur im
Vergessen angehrt; denn ich wute nicht, wer Du seist. - Jetzt in dieser
Einsamkeit und abgeschlonen Stille unter den Bumen, die eben blhen wollten,
da kamen diese Reden mir wieder ins Gedchtnis, da sah ich im Geist, wie die
Menschen, die ber Dich urteilen wollten, unrecht hatten, ich sagte zu mir
selbst: Nein! Er ist nicht unschn, er ist ganz edel, er ist nicht bermtig
gegen mich. Trotzig ist er nur gegen die Welt, die da drauen lrmt, aber mir,
die freundlich von ihm denkt, ist er gewogen, und zugleich fhlte ich, als ob Du
mir gut seist, und ich dachte mich von Deinem Arm umfat und getrennt durch Dich
von der ganzen Welt, und im Herzen sprte ich Dir nach und fhrte freundliche
Gesprche in Gedanken mit Dir, da kam nachher meine Eifersucht, wenn man von Dir
sprach oder Deinen Namen sagte, es war, als habe man Dich aus meiner Brust
gerufen. Vergesse nicht, Goethe, wie ich Dich lieben lernte, da ich nichts von
Dir wute, als da man Dich in meiner Gegenwart bslich erwhnt hatte; die Tante
sprach von Deiner Freigeisterei, und da Du nicht an den Teufel glaubst, ich
glaubte auf der Stelle auch nicht an den Teufel und war ganz Dein und liebte
Dich, ohne zu wissen, da Du der Dichter seist, von dem die Welt so Groes
spreche und erwarte, das kam alles spter; damals wut ich nur, da die Leute
Dich tadelten, und mein Herz sagte: Nein, er ist grer und schner als alle,
und da liebte ich Dich mit heier Liebe bis auf heut und trotzte der ganzen Welt
bis auf heut, und wer ber Dich sprach, von dem wendete ich mich ab, ich konnte
es nicht anhren. Wie ich aber endlich Deine Herrlichkeit fassen sollte, da
dehnten mir groe Schmerzen die Brust aus, ich legte in Trnen mein Angesicht
auf das erste Buch, was ich von Dir in Hnden bekam, es war der Meister, mein
Bruder Clemens hatte es mir gebracht. Wie ich allein war, da schlug ich das Buch
auf, da las ich Deinen Namen gedruckt, den sah ich an als wie Dich selber. Dort
auf der Rasenbank, wo ich wenig Tage vorher zum erstenmal Deiner gedacht und
Dich im Herzen in Schutz nahm, da strmte mir eine von Dir geschaffne Welt
entgegen, bald fand ich die Mignon, wie sie mit dem Freund redet, wie er sich
ihrer annimmt, da fhlte ich Deine Gegenwart, ich legte die Hand auf das Buch,
und es war mir in Gedanken, als stehe ich vor Dir und berhre Deine Hand, es war
immer so still und feierlich, wenn ich allein mit dem Buch war, und nun gingen
die Tage vorber, und ich blieb Dir treu, ich hab an nichts anders mehr gedacht,
womit ich mir die Zeit ausfllen solle. Deine Lieder waren die ersten, die ich
kennen lernte, o wie reichlich hast Du mich beschenkt fr diese Neigung zu Dir,
wie war ich erstaunt und ergriffen von der Schnheit des Klangs, und der Inhalt,
den ich damals nicht gleich fassen konnte, wie ich den allmhlich verstehen
lernte, was hat dies alles in mir angeregt, was hab ich erfahren und genossen
und welche Geschicke hab ich erlebt, wie oft hat Eifersucht gegen diese Lieder
mich erregt, und in manchen, da fhlte ich mich besungen und beglckt. - Ja,
warum sollte ich mich nicht glcklich trumen? - Welche hhere Wirklichkeit gibt
es denn als den Traum? - Du wirst nie im Scho des ersehnten Glckes finden, was
Du von ihm getrumt hattest. - Jahre gehen dahin, da einer dem andern sich nahe
whnt, und doch wird sich nie die eigentmliche Natur ans Licht wagen, der erste
Augenblick freier unbedingter Bewegung trennt Freundschaft und Liebe. Die ewige
unversiegbare Quelle der Liebe ist ja eben, da sie Geheimnisse in ihren klaren
Wellen fhrt. Das Unendliche, der Sehnsucht Begehrliche des Geistes ist aber,
da er ewige Rtsel darlege. Drum mein Freund, trume ich, und keine Lehren der
Weisheit gehen so tief in mich ein und begeistern mich zu immer neuen
Anschauungen wie diese Trume; denn sie sind nicht gebaut auf Miverstndnisse,
sondern auf das heilige Bedrfnis der Liebe. - Mein erstes Lesen Deiner Bcher!
Ich verstand sie nicht, aber der Klang, der Rhythmus, die Wahl der Worte, denen
Du Deinen Geist vertrautest, die rissen mich hin, ohne da ich den Inhalt
begriff, ja, ich mchte sagen, da ich viel zu tief mit Dir beschftigt war, als
da die Geschichte Deiner Dichtungen sich htte zwischen uns drngen knnen;
ach, es hatte mir niemand von Dir gesagt, er ist der grte, der einzige Mensch
unter allen, ich mute es alles selbst erfahren, wie ich Deine Bcher allmhlich
verstehen lernte, wie oft fhlte ich mich beschmt durch diese machtausbenden
Begeistrungen, da stand ich und redete im Spiegel mit mir: Er wei von dir
nichts, in dieser Stunde luten ihm andere Glocken, die ihn da- und dorthin
rufen, er ist heiter, der Gegenwrtige ist ihm der Liebste, armes Kind! Dich
nennt sein Herz nicht, da flossen meine Trnen, da hab ich mich getrstet und
hatte Ehrfurcht vor dieser Liebe als vor etwas ganz Erhabnem. Ja, es ist wahr,
es ist ein hherer Mensch innewohnend, dem sollen wir immer nachgehen, seinem
Willen Folge leistend, und keinem andern sollen wir Altre bauen und Opfer
bringen, nichts soll auer ihm geschehen, wir sollen von keinem Glck wissen als
nur in ihm.
    So hab ich Dich geliebt, indem ich dieser inneren Stimme willfahrte, blind
war ich und taub fr alles, kein Frhlingsfest und kein Winterfest feierte ich
mit, auf Deine Bcher, die ich immer lesen wollte, legte ich den Kopf und schlo
mit meinen Armen einen Kreis um sie, und so schlief ich einen sen Schlaf,
whrend die Geschwister in schnen Kleidern die Blle besuchten, und ich sehnte
mich, immer frher zum Schlafen zu kommen, blo um da zu sein, wo ich Dir nher
war. So ging die Zeit zwischen sechzehn und achtzehn Jahren hin, dann kam ich zu
Deiner Mutter, mit der ich von Dir sprach, als ob Du mitten unter uns seist,
dann kam ich zu Dir und seitdem weit Du ja, da ich nie aufgehrt habe, mit Dir
innerhalb dieses Kreises zu wohnen, den ein mchtiger Zauber um uns zieht. Und
Du weit von da an alles, was in meinem Herzen und Geist vorgeht, drum kann ich
Dir nichts anders mehr sagen, als zieh mich an Dein Herz und bewahr mich an
demselben Dein Leben lang.
    Gute Nacht, morgen reise ich in die Wetterau.

                                     * * *

                             Reise in die Wetterau


Wie es hier aussieht, das mu ich Dir beschreiben. Eine weite Ebne, lauter Korn,
von allen Seiten, als wr die Erde ein runder Teller, aber doch mit einem Rand;
denn sanft schwillt die Flche in die Runde bergan, abwechselnd umkrnzt von
Wald und Berggipfeln. Da stehe ich in der Mitte im wogenden Korn! Htte ich
Pfeil und Bogen und schsse nach allen Richtungen vom Mittelpunkt aus, so wrde
mein Pfeil einer alten Burg zufliegen, ich lauf nach allen Seiten, und wo eine
auftaucht, da wandre ich hin; da hab ich manchen Graben zu berspringen, manch
Wasser zu durchwaten, Wlder zu durchkreuzen, steile Klippen zu erklettern;
wren's Abgrnde, reiende Strme, Wsteneien und schwindelhohe Felswnde, so
wr ich der khnste Abenteurer. - An jeder alten Ruine ein kleines Schwalbennest
von Menschenwohnung angemrtelt, wo wunderliche steinalte Leute wohnen, abgelst
von den meisten Beziehungen mit ihresgleichen, und doch mit einem herzrhrenden
wolkendurchblitzten Blick versehen. - Gestern gingen wir wohl eine gute Stunde
durch schn geordnete Traubengnge, bis wir an die steile Hhe kamen, wo die
Festungsmauern beginnen und das Hinansteigen nur durch Gebtheit oder
Kunstsprnge erleichtert wird. Da oben haben sich ein paar mitleidige Birnbume
erhalten und Eichen mit groem, breitem Laubdach und eine Linde im schwimmenden,
heien Dampf ihrer Blte. Mitten in dieser ehrwrdigen Gesellschaft, den Zeugen
frherer Tage, lag auf sprlichem Rasen ein alter Mann mit silbernem Haar und
schlief. Das unreife Obst, was von den Bumen gefallen war, lag gesammelt an
seiner Seite, seinen Hnden war wahrscheinlich das danebenliegende, sehr
zerlesene offene Gesangbuch entfallen, auf das ein schwarzer Hund mit glhenden
Augen die Schnauze gelegt hatte; er machte Miene zu bellen, allein um seinen
Herrn nicht zu wecken, hielt er an sich, wir auch gingen im weiteren Kreise um
das kleine Revier, um dem Hund zu zeigen, da wir keine bse Absicht hatten. Aus
dem Speisekorb nahm ich ein weies Brot und Wein, ich wagte mich, so nah mir der
Hund erlaubte, und legte es hin, dann ging ich nach der andern Seite und bersah
mir das Tal; es war geziert mit Silberbndern, die ins Kreuz die grnen Matten
einschnrten, der schwarze Wald umarmte es, die fernen Bergkuppen umwachten es,
die Herden wandelten ber die Wiesen, die Wolkenherde zog der Sonne nach, von
ihrem Glanz durchschimmert, und lie die blasse Mondessichel allein stehen, dort
ber dem schwarzen Tannenhorst; so umwandelte ich rund meine Burg und sah hinab
und hinauf, berall wunderliche Bilder, hrte schwermtige Tne und fhlte
leises, schauerliches Atmen der Natur, sie seufzte, sie umschmeichelte mich
wehmtig, als wolle sie sagen: Weine mit mir! - Ach, was steht in meiner
Macht? - Was kann ich ihr geben!
    Da ich zurckkehrte, sah ich im Vorbergehen den Alten unter dem Baum mit
dem Hund, der aufrecht vor ihm sa und ihm in den Mund sah, das weie Brot
verzehren, was ich bei ihn gelegt hatte.

                                     * * *

Gegenber liegt eine andre Burg, da wohnt als Gegenstck eine alte Frau, umgeben
von drei blonden Enkel-Engelskpfchen, wovon das lteste drei Jahr und das
jngste sechs Monate ist. Sie ist nah an siebenzig Jahre und geht an Krcken; im
vorigen Jahr war sie noch rstig, erzhlte sie, und hatte vom Schulmeister den
Dienst, die Glocken zu luten, weil die Kirche hher lag wie das Dorf und nher
an der alten Burgruine; ihr Sohn war Zimmermann, er ging in der kalten
Weihnachtszeit in den Wald, um Holz zu fllen und zum Bau zu behauen, er kam
nicht wieder, - er war erfroren im Wald. Da man ihr die Nachricht brachte, ging
sie hinab in den Wald, um ihn noch einmal zu sehen, und da fiel sie zusammen und
erlahmte, man mute sie wieder die steilste Anhhe hinauftragen, von der sie nun
nicht wieder herabkommt. Ich sehe alle Abend die Sterne, die auf mein Grab
scheinen werden, und das freut mich, sagte sie, ich habe Friede geschlossen
mit allen Menschen und mit allem Schicksal, der Wind mag brausend daherfahren,
wie in der Bibel stehet, und den alten Eichen den Hals umdrehen, oder die Sonne
mag meine alten Glieder erwrmen, - ich nehme alles dahin. Friede mit allen
Dingen macht den Geist mchtig - der wahre Friede hat Flgel und trgt den
Menschen noch bei Leibes Leben hoch ber die Erde dem Himmel zu, denn er ist ein
himmlischer Bote und zeigt den krzesten Weg; er sagt, wir sollen uns nirgendwo
aufhalten, denn das ist Unfriede; der grade Weg zum Himmel ist Geist, das ist
die Strae, die hinber fhrt, da man alles versteht und begreift, wer gegen
sein Schicksal murrt, der begreift es nicht, wer es aber in Frieden dahinnimmt,
der lernt es auch bald verstehen; was man erfahren und gelernt hat, das ist
allemal eine Station, die man auf der Himmelsstrae zurckgelegt; ja, ja! Das
Schicksal des Menschen enthlt alle Erkenntnis, und wenn man erst alles
verstanden hat auf dieser irdischen Welt, dann wird man ja doch wohl den lieben
Gott knnen begreifen lernen. Niemand lernt begreifen, denn durch Eingebung vom
heiligen Geist; durch eigne Offenbarung lernt man fremde verstehen; - ich
erkenne gleich in jedes Menschen Herz, was ihn sticht und was ihn brennt, und
wei auch, wann die Zeit kommt, die ihn heilt; ja ich mu noch tglich weinen
ber meinen lieben Sohn, der erfroren ist, aber weil ich wei, da er die
irdische Strae zurckgelegt hat, so hab ich nichts dawider, ich lese auch
tglich in diesem Buch, da stehen diese groen Wahrheiten alle geschrieben. Sie
gab uns einen alten Gesang zu lesen: O Herr! Du fhrst mich dunkle Wege, am
Ende aber seh ich Licht; in diesem stand zwar nichts von dem, was sie uns
mitgeteilt hatte, als nur einzelne Hauptworte.
    Im Nachhausegehen vertrieben uns die Gieener Studenten die Grillen, sie
hatten sich am Abhang des Berges in groen Weinlauben gelagert, sie sangen, sie
jauchzten, Glser und Flaschen flogen hinab, sie tanzten, walzten und wlzten
sich den Berg hinunter und durchschallten das Tal mit ihrem grausamen Gebrll.

                                     * * *

                                 Die Ammenburg


So nenne ich die kleine Wohnung, die grade so gro ist, den einfachsten
Bedrfnissen eines einzelnen Menschen in schner wohltuender Ordnung zu gengen,
sie ist mit roten Steinen oben auf eine mit samtnen Rasen bekleidete, kegelrunde
Bergkuppe aufgemauert. Vor drei Jahren stand sie noch nicht hier, da war die
Liebe der einzige Schutz gegen Wind und Wetter, da kamen sie hufig zusammen vom
Frhling bis zum Herbst, von Sonnenuntergang bis zu Sonnenaufgang lagen sie, vom
Mond belacht, auf Blumenrasen zwischen silbernen Bergquellen, im Winter rief ihn
die Kriegstrompete, Armide blieb allein, aber nicht lange, da kam Amor das Kind,
sie legte ihn in die Wiege, sie nhrte es mit der Milch ihrer Brste und noch
ein anderes dazu. Fr den Ammenlohn kaufte sie sich diesen Fleck und baute das
kleine Haus und wohnt jetzt mit ihren goldlockigen Bbchen hier oben, wo sie
weit durchs Tal in die Ferne sieht und bei Windstille auch hren kann, wenn die
Trommel sich rhrt oder die Trompete zwischen den Felswnden schmettert.
Vielleicht kehrt er zurck und erkennt an dem lustigen, buntbemalten
Schornstein, der auf das Huschen aufgepflanzt ist, da das freudige Liebesglck
nicht in Reue zerschmolzen ist.

                                     * * *

Heute zogen wir nach einer andern Burg. Sie liegt vier Meilen entfernt, ihre
stolzen, wohlerhaltenen Trme streckt sie gen Himmel, als ob sie sie zum Schwur
emporhebe; man sieht sie schon von mehreren Meilen, jede Viertelstunde macht sie
eine andere Miene, bald treten Wlder hervor, die sie umkleiden, bald weiche
Hgel, oft auch schwimmen Drfer in den fruchtreichen Bahnen ihres langen und
weiten Flurengewandes, die aber bald in seinen Falten wieder versinken. Wir
waren alle beritten und zur Jagd gewappnet. Im Wald machten wir Mittag, ein
Fuchs wurde verfolgt, das hielt unsere Reise auf. Da wir ankamen, stieg der Mond
zwischen beiden Trmen herauf, wir aber ritten im finstern Tal durch die kleine
Stadt mit holperigen Straen; in einer groen Eisengieerei bernachteten wir.
Am Morgen, vor Tag, eilte ich hinaus, ich wollte meine Schne, die Natur, noch
mit verschlonen Augen berraschen, ich wollte sehen, wie sie auf dieser Seite,
in dieser sen Lage sich ausnhme. O Freund, alle Blumenkelche voll Tauspiegel,
ein Grschen malt sich im Perlenschmuck des andern, ein Blmchen trinkt sein
Bild aus dem Kelche des Nachbarn, und Du! - und Dein Geist, der erquickende, was
kann er mehr sein, was kann er anders sein als reiner Himmelstau, in dem sich
alles in reinster Urschnheit spiegelt; Spiegel! - Tiefe weisheitsvolle
Erkenntnis ist Dein Geist, in dem selbst Du nur Dich spiegelst, und alles Liebe,
was der Menschheit durch Dich angetan, ist Spiegel ihrer (Idealitt) reinsten
unverkmmerten Natur. Und nun kam ich von meinem Weg um die Burg, die ich
zweimal in beflgeltem Lauf, wie Pindar sagt, umkreist habe, sie liegt auf
runder kurzbegraster Kuppe, die Schafherde drngte sich wie ein Pelzkragen um
ihre Zwinger: ein blkender Pelzkragen! Ich hatte Brot bei mir, das ich unter
sie teilte, wie Deutschlands Kaiser unter die Tiroler, aber sie drngten mich
auch wie jene den Kaiser und schrien: Mehr Brot! Mehr Brot! - bl! bl! - Ich
hatte keins mehr wie der Kaiser auch; ich war in Gefahr, umgerissen zu werden
wie er; ich ri mich durch und im vollen Galopp den Berg hinunter, die ganze
Herde hinter mir drein, mitsamt dem bellenden Hund kam ich am Fu des Berges vor
dem Wirtshaus an, dort weckten sie die ganze Reisegesellschaft mit ihrem Geblk,
und ich sage Dir, sie wollten mit Gewalt in die Wirtsstube, ich mute sie
zuriegeln, ich glaub, der Bock htte sie sonst mit seinen Hrnern aufgeklemmt.
Ei, htten's die Tiroler auch so gemacht, der Kaiser htte Brot schaffen mssen;
die machten's aber wie der Schfer, der blieb verdattert auf dem Berge stehen
und sah seine Herde davoneilen. Du kannst tausend Dummheiten in einen kleinen
Raum einpferchen, wie der Schfer die Herde, sagte der Bruder Franz, da er mich
mit der nachgeeilten Herde angekommen sah.
    Bis alles sich reisefertig gemacht hatte, ging ich in den Kuhstllen umher.
Das Gehfte ist unendlich gro, man knnte ein Vorwerk drin anlegen, sie rufen
von der entferntesten Scheune zur andern mit einem Sprachrohr. Der Kuhstall
inmitten bildet ein Amphitheater, ein Halbkreis von spiegelglatten Khen, an
jedem Ende durch einen Bullen abgeschlossen. An dem Ende, wo ich eintrat, ist
der Ochs so freundlich, zrtlich, da er jeden, der ihm nahe kommt, mit der
Zunge zu erreichen sucht, um ihn zu belecken; er muhte mich an in hohem Ton, ich
wollte ihn nicht vergeblich bitten lassen, mute mein Gesicht von seiner
schaumigen Zunge belecken lassen; das schmeckte ihm so gut, er konnte nicht
fertig werden, er verkleisterte mir alle Locken, die Deine Hand immer in so
schne Ordnung streichelt. -
    Jetzt beschreib ich Dir die Burg, aber flchtig; denn wo ich nicht in Worten
liebkosen kann, da verweile ich nicht lange. - Sie ist besser erhalten wie alle
andern, auch selbst die Gelnhuser ist lange nicht so ganz mehr, und ich
begreife nicht, da man keine Rcksicht darauf nimmt. Sie gehrte ehemals den
Herren von Griesheim, jetzt ist sie an die Grafen Stolberg gefallen. - Die Burg
ist in ihrem Hauptgemuer noch erhalten, nur innen ist manches eingestrzt, der
Sller ist noch ganz, auf diesem kann man rund um die Burg gehen. Nach allen
Seiten sieht man ins Fruchtland, das in der Weite wieder an andern Burgruinen
hinaufsteigt. So blht und reift der ewige Segen zwischen Grbern und verlanem
Gemuer, und der Mensch braucht nur sich einzufinden, so ist er auch da und
umwandelt und umkleidet ihn. Die Sonne schmeichelt's dem lieben Herrgott ab, da
er seinen Menschenkindern hundertfltige hren reifen lt; die Sonne und der
Gott liebkosen einander, und dabei haben die Menschen gutes Spiel, und wer
liebt, der stimmt ein in die Liebe Gottes, und durch ihn und in ihm reift auch
der gttliche Segen.
    In der Kapelle stehen noch etliche Sulen mit ihren gotischen Kapitalen;
etliche liegen an der Erde, aber noch ganz erhalten, eins, was ich nur
unvollkommen Dir hier abzeichne. Die Mondessichel hebt das Wappen in der Luft
und bildet so das Kapitl, unter ihr zwei Drachen, die sich verschlingen. Die
Leute sagen, sie haben goldne Schaumnzen im Rachen gehabt, so sind sie in einer
alten Chronik verzeichnet. Ein anderes ist noch viel schner; ich wollt es auch
abzeichnen, aber es war so kalt und feucht da unten; Rosen, wunderschn in Stein
gehauen, bilden einen Kranz, Schlangen winden sich durch und strecken ihre
gekrnte Kpfchen aus und bilden so einen zweiten Kranz; es ist gar zu schn,
htt ich's mitnehmen knnen, ich htte Dir's gebracht! Whrend ich's
durchzeichnen wollte, kam eine kleine Schlange unter dem Gras hervor und
richtete sich vor mir auf, als wollte sie zusehen, wie ich das Bild ihrer Ahnen
nachzeichnete, und das erschreckte mich in der Einsamkeit, so da ich mit einem
Schauder davoneilte.
    In dem ueren Burgtor sind noch die Trangeln, ber dem innersten Burgtor
auf dem Sller ist ein Steinherd mit einer kleinen Brandmauer umgeben, die wie
eine Nische gebildet ist. Da haben sie das Pech glhend gemacht und durch ein
Loch ber der Mitte des Tores durchgegossen; alles wurde betrachtet, beachtet,
erklrt, zurechtgerckt, noch manches blieb unerklrt, die Verwundrung ber
vorige Zeiten, und da sie mit ihren Resten noch so derb in unsre
hineinreichten, machte uns zu einfltigen Leuten; ja, mir ward angst, diese alte
grobknochige Zeit knne pltzlich ber den Augenblick der Gegenwart kommen und
ihn verschlingen. O Goethe, mir ist nur eins wichtig, mein Dasein in Dir! Und
nach diesem komme das End aller Dinge.
    Soll ich Dich denn noch weiter mitnehmen auf meinen Streifzgen, oder ist's
genug der eingefallnen Mauern, der Wildnis, die alles berwuchert, des Efeus,
der aus dem kalten Boden hervorspriet, unermdlich hinaufklettert an der den
Mauer, bis er die Sonne erblickt, und dann gleich wieder hinabsteigt, mit weit
reichenden Ranken nach der feuchten, dsteren Tiefe verlangt? Gestern war der
Himmel blau, heute rubinfarb und smaragden, und dort im Westen, wo er die Erde
deckt, jagt er das Licht im Safrangewand vor sich her aus der Schlafsttte.
Einen Augenblick kann sich die sehnende Liebe ergtzen daran, da die ganze
Natur schlummernd saugt; ja, ich fhl's: wenn die Nacht einbricht, da jedes
Wrzelchen trinkt, in jedem liegt Begierde, Sehnsucht nach Nahrung, und diese
Anziehungskraft zwingt die Erde, die ihre Nahrung nicht versagt jedem lebenden
Keim; und so liegt in jedem Blumenhaupt schwrmende Begeistrung, die aus dem
Licht der Sterne Trume herabzieht, die es umweben; geh ber einen Wiesenteppich
in stiller sternenflimmernder Nacht, da wirst Du, wenn Du Dich herabbeugst zur
Flur, die Millionen Traumbilder gewahr werden, die da wimmeln, wo eins oft vom
andern Eigenheiten, Farben und Stimmungen entlehnt; da wirst Du es fhlen, da
diese Traumwelt sich hinaufschwingt in den Busen des Beschauenden und in Deinem
Geist sich als Offenbarung spiegelt; ja, die schne Blume des Gedankens hat eine
Wurzel, die saugt aus dem warmen, verborgnen Boden der Sinne ihre Nahrung und
steigt aufwrts zum gttlichen Licht, dem sie ihr Auge ffnet und es trinkt und
ihm ihren Duft zustrmt; ja die Geistesblume ersehnt sich die Natur und die
Gottheit, wie jede Erdenblume.

           Bruchstcke aus Briefen in Goethes Gartenhaus geschrieben.


                                                                         Anno 18

Ich habe Dich heute nur wenig Augenblicke gesehen, und mir deucht, das ganze
Leben gehre dazu, um Dir alles zu sagen. Musik und Kunst und Sprache, alles
mcht ich beherrschen, um mich drin auszusprechen.
    Ich sehne mich nach Offenbarung; Du bist's! - Nach Deinem Innern strebt die
Liebe, sie will sich in seinen Tiefen empfinden.
    Deine Gegenwart erschttert mich, weil ich die Mglichkeit empfinde, Dir
eine Ahnung meiner Sehnsucht zu geben.
    Deine Nhe verndert alles uerlich und innerlich, da der Atem, den Du
aushauchst, sich mit der Luft mische, die auch meine Brust trinkt, das macht sie
zum Element einer hheren Welt; so die Wnde, die Dich umfassen, sind
magnetisch; der Spiegel, der Dein Bild aufnimmt, die Lichtstrahlen, die an Dir
hinstreifen, Dein Sitz, alles hat eine Magie; Du bist weg, aber diese bleibt und
vertritt Deine Stelle, ich lege mich an die Erde, wo Deine Fe standen, an
diesem Fleck und an keinem andern ist mir wohl. - Ist das Einbildung? - Trnen
fhl ich in der Brust, Deiner so zu denken, wie ich jetzt denke, und diese
Wehmut ist mir Wollust, ich fhle mich in ihr erhoben ber's ganze Erdenleben,
und das ist meine Religion. - Gewi! Der Geliebte ist das Element meines
zuknftigen Lebens, aus dem es sich erzeugt, und in dem es lebt und sich nhrt.
- O htte ich Geist! - Htt ich den, was fr Geheimnisse wollt ich Dir
mitteilen!
    Offenbarung ist das einzige Bedrfnis des Geistes; denn das Hchste ist
allemal das einzigste Bedrfnis.
    Geist kann nur durch Offenbarung berhrt werden, oder vielmehr: alles wird
zur Offenbarung an ihm.
    So mu sich der Geist sein Paradies begrnden. - Nichts auer dem Geist. -
Himmel und Seligkeit in ihm. - Wie hoch steigt Begeistrung, bis sie zum Himmel
sich steigert!
    Wenn das ganze Leben des Geistes Element wird, so hat er Gewalt ber den
Himmel.
    Der Schlssel zum hheren Leben ist die Liebe, sie bereitet vor zur
Freiheit. - Freiheit ist Geisterleben.
    Denken ist Inspiration der Freiheit. -
    Der hat Geist oder ist geistig, der mit sich selbst zusammenkommt.
Inspiration dringt darauf, da der Mensch zu sich selbst komme. - Wenn Du mich
begeisterst, so forderst Du Dich selber von mir, und meine Begeistrung geht
darauf aus, Dich Dir selber zu geben. - Wahre Liebe gibt dem Geliebten sich
selber. - Wie wahr ist dies, da ich Dich nur denken kann und doch Dir alles
geben mu.
    Was ist Lieben? - Der Wchter auf der Zinne ruft die nahe Morgenstunde. Der
regsame Geist ahnet schlummernd den Tag, er bricht aus seiner Traumwelt hervor,
und der junge Tag umfngt ihn mit seinem Licht, - und das ist die Gewalt der
Liebe, da alles Wirklichkeit ist, was vorher Traum war, und da ein gttlicher
Geist dem in der Liebe Erwachten das Leben erleuchte, wie der junge Tag dem aus
der Traumwelt Erwachten.
    Liebe ist Erkenntnis, und die ist Besitz.
    Liegt der Same in der Erde, so bedarf er der Erde. Nun er zum Leben angeregt
ist, mte er sterben, wenn er ihr entnommen wrde. In der Erde erst wandelt
sich der Same um ins Leben, und die Erde wird erst Geist im Samen. - Wenn Du
liebst, dringst Du ans Licht wie der Same, der in der Erde verborgen war. -
Warum verbirgt die Natur den Samen im Scho der Erde, eh sie sein Leben ans
Licht entlt? - Auch das Leben liegt im geheimen Scho des Geistes verborgen,
ehe es als Liebe ans Licht dringt. - Der Boden, aus dem die Liebe entsteigt, ist
Geheimnis.
    Geheimnis ist Instinkt der Phantasie; wessen Geist diesen Instinkt hat, der
hat den befruchtenden Boden fr den Samen der Liebe. - Phantasie ist die freie
Kunst der Wahrheit.
    Und hier wr ein Gewaltiges mitzuteilen, wenn die Mdigkeit mich nicht
berwltigte; es mu mir gengen, da ich's empfinde, wie die Phantasie die
Vermittlerin ist zwischen der himmlischen Weisheit und dem irdischen Geist.
    Jeder Gedanke hat Flgel und fliegt zu dem, der ihn eingibt; jeder Atemzug
ein Gedanke, der zum Geliebten fliegt, nur was liebt, ist Gedanke und fliegt. -
Ja, Gedanken sind geistige Vgel.
    Wenn ich nicht im Bett wr, so schrieb ich noch mehr, aber so zieht mich das
Kopfkissen nieder.
    In Deinem Garten ist's so schn! Alle meine Gedanken sind Bienen, sie kommen
aus Deinem duftenden Garten zum Fenster hereingeflogen, das ich mir geffnet
habe, und setzen da ihren Honig ab, den sie in Deinem bltenreichen Garten
gesammelt haben. - Und so spt es ist, nach Mitternacht schon, so kommen sie
doch noch einzeln und umsummen mich und wecken mich aus dem Schlaf; und die
Bienen Deines Gartens und die Bienen Deines Geistes summen untereinander.
    Liebe ist Erkenntnis, Schnheit ist das Geheimnis ihrer Erkenntnis, und so
tief ist dies Geheimnis, da es sich keinem mitteilt als nur dem Liebenden.
Glaub's nur! Keiner besitzt das Geheimnis von Dir, wie ich es besitze, das
heit: keiner liebt Dich, wie ich Dich liebe.
    Wieder ein Bienchen! - Deine Schnheit ist Dein Leben - es wollte noch mehr
summen, aber der Wind jagte es wieder zum Fenster hinaus. - Da ich in Deinem
Garten schlafe eine Nacht, das ist wohl ein gro Ereignis. - Du hast oft hier
herrliche Stunden verlebt, allein und mit Freunden; und nun bin ich allein hier
und denke dem allen nach und seh im Geist dem allen zu. Ach, und wie ich heute,
eh ich ins stille verlassene Haus eintrat, noch den Berg hinaufging zum obersten
Baum, der so mit mannigfachem Grn umwachsen ist, das all von Deiner Hand
geleitet wurde, der seine ste schtzend ber den Stein verbreitet, in den die
Weihe der Erinnerung eingegraben ist! - Dort oben stand ich ganz allein, ein
wenig Mondlicht stahl sich durch den Baum, ich fhlte an der Rinde des Baumes
nach den eingeschnittenen Buchstaben. Ach, gute Nacht. -
    Stehle ich dem Schlaf noch lnger die Trume, so werden meine Gedanken
Schume.

                                     * * *

Da oben sah ich Dein Haus erleuchtet. Ich dachte: wenn Du bei diesem Licht
meiner harrtest, und ich km herab den frischen Mondscheinweg mit so wohl
vorbereitetem Herzen, und ich trte ein bei Dir, wie freundlich Du mich
aufnehmen wrdest. Bis ich herabkam, hatte mir meine Einbildungskraft
weisgemacht, es knne mglich sein, da Du da seist, und obschon ich wute, da
dies Licht allein in meiner Kammer brenne, denn ich hatte es ja selber
angezndet, so ffnete ich doch mit Zagen die Tr; und wie ich diese stille
Einsamkeit gewahrte, auf dem Tisch die getrockneten Pflanzen, und an den Wnden
die Steine und die Muscheln, und die Schmetterlinge, und das erhabene Dunkel,
was mit den Strahlen der Lampe spielte; und wie ich da eintrat, da blieb ich am
Trpfosten angelehnt stehen und holte erst Atem.
    Und nun lieg ich in diesem Bettchen zum Schlafen, es ist hart, das Bett, ein
einziger Strohsack und eine wollne Decke drber, und zum Zudecken eine graue
Decke mit bunten Blumen, und kein Mensch wei, da ich die Nacht hier zubringe,
als nur Du.
    Irdische Jugend ist bewutlos, sie steigt aus ihrer Knospe, ihre Entfaltung
ist ihr Ziel. Bewutsein der Jugend ist schon bersinnliche Jugend.
    In Dir bin ich meiner Jugend bewut. Ich sehe sie alle, die goldnen Tage,
die ich in Dir verlebte, gekrnt ein jeder mit wunderbaren Blten. Stolz erhaben
einherschreitend feurigen raschen Geistes; unberhrt, keusch, vor der Gemeinheit
sich flchtend in hhere Regionen; ein milder Schimmer durchglnzt sie, es ist
der Abendschein Deines Lebens. Ach, und der heutige Tag ist auch ein solcher, er
schliet sich an die Reihe der verflossenen an, majesttisch, triumphierend;
obzwar ich allein bin hier im verlassenen Haus, ohne Einrichtung, mich zu
empfangen, hier sind noch die Spuren des vergangenen Winters.
    Der Geist taucht unter in der Jugend als in einem Meer. Jugend wird sein
Element, in ihm wird der Geist zur Liebe. Jugend bereitet den Geist vor zur
Ewigkeit, die ewige Jugend ist.
    Ich glaub an Deine Gegenwart in diesem einsamen Gemach, ich glaub, da Du
mich hrst, mich empfindest; ich spreche mit Dir. Du fragst, ich antworte Dir.
    Jeder strebt nach Jugend, weil das Bedrfnis des Geistes Entwicklung in der
Liebe ist.
    Nachdem ich schon ein Weilchen geschlafen habe:
    Nichts ist dem Genius neu, alles ist ihm Element. In der Liebe ist einer dem
andern Genius und wird einer dem andern Element.
    Du bist mir Element, und ich kann die Flgel regen in Dir, und das ist das
einzige Erkennen, das einzige Empfinden, das einzige Haben.
    Und Du magst Dich tausendfach aus Dir heraussehnen, nie wirst Du Dich selbst
finden, als indem Du Dich in einen andern ergieest; nie wirst Du im andern
sein, als wenn er in Dir ist.
    Denken sieht und berhrt, es ist innigste Berhrung mit dem Geist des
Bedachten.
    Wenn der Geist zur Musik wird, dann wird Philosophie zur Empfindung.
    Schon hundertmal hab ich mich in die graue Decke eingehllt, und wollte ich
schlafen, so mu ich die Hand ausstrecken, um eine Zeile zu schreiben. Wenn es
wahr ist, da es eine Magie des Lebens gibt, die vermge der Selbsterleuchtung
sich erzeugt, wer wollte dann auer ihren Kreisen stehen?
    Gute Nacht! - Zu Deinen Fen verschlaf ich sie.
    Ja, ich will glauben, da Du da bist, und will keine Hand nach Dir
ausstrecken, damit ich Dich nicht verscheuche, und doch berhrst Du mich, die
Luft verndert sich, der Schimmer der Lampe, die Schatten, alles gewinnt
Bedeutung.

                                     * * *

                                                                   Am 28. August

Den bergehen wir mit Stillschweigen. Du bist mir von Ewigkeit her. Wer wollte
leugnen, da die Sterne uns regieren. Du warst ihrem Einflu willig, und so
haben sie Dich zu sich erhoben, ich wei alles: heimlich regieren sie Dich auch,
da Du mir geneigt bist. Ich seh's an Deinem Blick, Du bist mit mir zufrieden.
Du sagst nichts. Du schlieest Deine Lippen so fest, als habest Du Furcht, sie
mgen gegen Deinen Willen plaudern. Goethe! Es ist mir gengend, was Dein Blick
sagt, auch wenn er nicht auf mir weilt. Gestern, wie ich hinter Dir stand und
mit dem Papier rauschte, da sahst Du Dich um, ich merkte es wohl; ich ging leise
hinaus und schob die Tr nicht ganz zu, da sah ich Dich rasch den Brief
ergreifen, dann ging ich weg, ich wollte Dich nicht lnger belauschen, mich
berlief ein leises Frsteln, wie ich mir vorstellte, da Du jetzt lesen
werdest, was ich zu Dir gedacht hatte in letzter Mitternacht. - Wie selig,
Goethe! - denken: jetzt nimmt er diese Schmeicheleien auf, jetzt spricht sein
Geist freundlich nach, was ich fr ihn erdacht habe. Es ist schn, was ich Dir
sage, es sind die Liebesgeister, die mit Dir sprechen, sie umkreisen jubelnd
Dein Haupt.
    Weit Du, wie ich Dich mir denke heute an Deinem Geburtstag? - Am
Meeresstrand, auf goldnem Thronsessel im weien wollnen Gewand, den Purpur
untergebreitet; in der Ferne die weien Segel auf hoher See, geschwellt vom
Wind, rasch aneinander vorberfliehend, und Du, ruhend im Morgenlicht, gekrnt
mit heiligem Laub, mich aber seh ich zu Deinen Fen, mit der reinen Flut, die
ich am Meer geschpft, um sie zu waschen. - So denk ich mich zu Deinem Dienst in
tausend Bildern, und es ist, als sei dies die Reife meines Daseins.
    Hast Du schon in die untergehende Sonne gesehen, wenn sie schon milder
leuchtet, so da ein scharfes Aug von ihrem Glanz nicht mehr geblendet wird? -
Hast Du da schon gesehen, wie sich ihr eigen Bild von ihr ablst und vor ihr am
Horizont niedertaucht in die rote Flut, und nach diesem Bild immer wieder ein
anderes in leisen Brechungen der Strahlen immer wieder sich anders frbt? -
Meine Seele, wenn der gewaltige Glanz Deiner vollen Erscheinung nicht mehr so
stark blendet und die Ferne sanfte Schleier ber Dich webt, sieht solche Bilder,
die eins nach dem andern von Dir abstrahlen, sie tauchen alle unter in meiner
Begeistrung wie im Feuerscho der Natur, und ich kann mich nicht sttigen in
dieser schnen Flle.

                                     * * *

                                                                Den 3. September

So mde wie ich war am spten Abend, so fest wie ich schlief am frhen Morgen,
hab ich drei Tage nicht geschrieben. Du hast nicht nach mir gefragt in dieser
Zeit, und heut am Abend bin ich zum erstenmal hinausgegangen und berlege hier
auf der Bank, da Du mich vergit. Die Vgel sind schon gewohnt, da ich hier
sitze unbeweglich still. - Wie ist's doch so wunderlich hier im fremden Land! -
Hierher bin ich gekommen an den verlassenen Ort, um tief in mich selbst zu
versinken. Da seh ich Bilder, Erinnerungen frherer Tage, die sich an den
heutigen anschlieen. Heute, wie sie in der frhen Morgenstunde vor dem
rmischen Haus Musik machten, und wie der Herzog hervortrat und die groen Hunde
ungeduldig den Menschen zuvoreilten und ihm an den Hals sprangen, das kam mir so
feierlich vor, wie er sich freundlich ihren ungestmen Liebkosungen preisgab und
ber sie hinaus dem Volk winkte, das ihn mit Jauchzen begrte. Da teiltest Du
pltzlich die Menge, das Vivat verdoppelte sich bei Deiner Erscheinung; die
beiden hohen Freunde miteinander auf und ab schreiten zu sehen, hoch an Geist
und Milde, das war dem Volk ein heilig Schauspiel, und sie sagten alle: Welch
seltnes Paar! - Und viel Schnes wurde von Euch gesprochen, jede Eurer
Bewegungen wurde beachtet: Er lchelt, er wendet sich, der Herzog sttzt sich
auf ihn! Sie reichen einander die Hnde! Jetzt lassen sie sich nieder! - So
wiederholte das Volk mit heiligem Schauer alles, was zwischen Euch beiden
vorging. Ach, mit Recht, denn aus Euer beider vereinten Liebe ging sein Glck
hervor, das wissen sie alle; und wie Ihr lange miteinander Rede fhrtet, da
harrte die Menge schweigend, als ob der Segen von Jahrhunderten auf es
herabgerufen werde. Ich auch, Goethe! - Ich glaub dran, da Euch beiden als
Wesen hherer Geschlechter Macht gegeben ist, Segen fr die Zukunft zu
versichern, denn in des Herzogs Brust ist die Milde schon lange als Frucht
gereift, das hast Du selbst gesagt, und Dein Geist strmt Licht aus, Licht der
Weisheit, die Gnade ist und alles gedeihen lt.
    Als Du weg warst, da lie der Herzog mich rufen, er fragte, ob Du mich
gesehen und begrt habest, das mute ich verneinen, denn Du hattest mich ja
bersehen. Erinnerst Du Dich noch an jenen Geburtstag? - Am Abend, wo ich hinter
dem Pfeiler stand, Du suchtest mich mit dem Blick und fandest mich auch, ach,
wie durchglhte das mein Herz, wie ich Dein Sphen belauschte, da reichtest Du
mir Dein Glas, da ich draus trinken sollte, und keiner merkte es in der Menge.
- Heute bin ich allein, viele Tage sind seitdem vergangen, dort liegt Dein Haus,
ich knnte zu Dir gehen und Dich von Angesicht zu Angesicht sehen, doch zieh
ich's vor, hier allein in Deinem Garten Dich zu beschwren: o hilf mir Dich
denken, Dich empfinden; mein Glaube ist mein Zauberstab, durch ihn erschaff ich
meine Welt, auer welcher mir alles fremd ist, und ich hege keinen Zweifel, da
ich nur in ihr wirklich lebe. Mein Denken ist wunderttig: ich spreche mit Dir,
ich seh in Dich hinein, mein Gebet ist, da ich meinen Willen strke, Dich zu
denken.

                                     * * *

                               In Goethes Garten


Die ganze Welt umher beleuchtet von einer Sonne! Du in mir allein beleuchtet,
alles andre im Dunkel. Wie das die Liebe entflammt, wenn das Licht nur auf einen
Gegenstand fllt!
    Das waren Deine Worte gestern: ich solle schreiben, und wenn es Folianten
wren, es sei Dir nicht zu viel. Ach, und Du weit doch, da meine Sprache nur
einen kleinen Umfang an Kenntnis hat. Da ich zwar glaube, jedesmal neu zu
empfinden, was ich Dir zu sagen habe, aber doch ist es ewig dasselbe. Und Dir?
Ist es Dir nicht zu viel? - Ich hab's versucht, wie ein Maulwurf mich durchs
eigne Herz gewhlt und habe gehofft, einen Schatz zu entdecken, der im Dunkeln
leuchte, den wollte ich Dir heraufbringen, aber vergeblich! - Es sind keine
gewaltigen Dinge, die ich Dir zu sagen habe, es ist nichts als nur lieblich zu
gestehen, und unwiderstehlich dieses Nichts. Liebkosungen bestehen ja in der
Mitteilung. - Wenn Du am Bach ruhst unter duftigen Krutern und die Libelle mit
ihren kristallnen Augen lt sich auf Dir nieder, sie fchelt Deine Lippen mit
ihren Flgeln, wirst Du ihr bse? - Wenn ein kleiner Kfer an Deinem Gewand
hinaufklettert und endlich sich im Busen verirrt, nennst Du das allzu keck? -
Das kleine Tierchen, so unbekannt mit dem schlagenden Herzen unter seinen
Fchen? - Und ich! Bekannt mit diesem erhhten Takt Deiner Gefhle, bin ich zu
tadeln, da ich mich Dir ans Herz drnge? - Siehst Du! Das ist alles, was ich
Dir zu sagen habe. - Der Abendwind eilt flchtig ber die Grser bis zu mir
herab, die ich am Fu des Hgels sitze und daran denke, wie ich Dir diese
Folianten ausfllen soll.

                                     * * *

Denk ich an Dich, so mag ich nicht am Boden weilen. Gleich regt Psyche die
Flgel, sie fhlt die irdische Schwere, fhlt sich befangen in manchem, was
nicht zu ihrem himmlischen Beruf gehrt, das macht Schmerz, das macht wehmtig.
    Das Licht der Weisheit leuchtet nur in uns selbst. Was nicht innere
Offenbarung ist, wird nie Frchte der Erkenntnis tragen. Die Seele kommt sich
selber entgegen in der Liebe, sie findet sich und nimmt sich auf im Geliebten;
so finde ich mich in Dir. Was kann mir Beglckenderes widerfahren? - Und ist es
ein Wunder, da ich Deine Knie umfasse? - Ich mchte Dir alles mitteilen, was
ich von Dir lerne. - Wenn der Geist wre, was das Wort wiederholen kann, so
htte der Begriff einen kleinen Umfang. Es ist noch was anders Geist, als was in
dem Netz der Sprache gefangen wird. Geist ist das alles in sich verwandelnde
Leben; auch die Liebe mu Geist werden. Mein Geist ist fortwhrend geschftig,
diese Liebe in sich umzusetzen, daraus wird und mu mein unsterblich Leben
hervorgehen, oder ich geh unter. -

                                     * * *

Die Sonne geht unter, ihr Purpurzelt breitet sich ber Deinen Garten, ich sitze
hier allein und bersehe die Wege, die Du durch diese Auen geleitet hast, alle
sind verlassen, nirgends wandelt einer, - so einsam ist's, so ganz bis in die
Ferne, und so lange schon hab ich darauf gewartet, alles soll schweigen, dann
wollt ich mich besinnen und mit Dir sprechen - und jetzt fhl ich mich so
verzagt in der allmchtigen Stille. - Den Vogel im Busch hab ich verscheucht,
die Glockenblumen schlafen. Der Mond und der Abendstern winken einander, wo soll
ich mich hinwenden? Der Baum, in dessen Rinde Du manchen Namen eingeschnitten
hast, den hab ich verlassen und bin herabgegangen zur Haustr und hab die Stirne
auf das Schlo gelegt, das Deine Hand wie oft aufgedrckt, und hast mit Freunden
dagesessen und auch einsame Stunden verbracht. Du allein mit Deinem Genius
hast's nicht gefhlt, das Schauervolle der Einsamkeit, glorreich triumphierend
im Wettgefhl der Empfindung und Begeistrung gingen sie vorber, diese stillen
Abende. O Goethe, was denkst Du von meiner Liebe? - Die so ewig an Dich
heranbraust wie die Flut ans Ufer, und mchte mit Dir sprechen und kann nichts
sagen als nur seufzen. Ja! Sage doch: was meinst Du, das diese Liebe will? - Ich
selber erstaune oft, wie erwachend aus dem Traum, da dieser Traum herrsche ber
mich. Aber bald beuge ich mich wieder unter das Schattendach seiner Wlbungen
und schmiege mich seinem Flstern und lasse die Sinne bewltigen durch das
Flgelrauschen unbekannter Geister. - Gttlich will ich sein! Gttlich und gro
wie Du, frei ber den Menschen nur in Deinem Lichte stehend, nur von Dir
verstanden. Pfeile will ich senden: Gedanken, Dich sollen sie treffen und keinen
andern, Du sollst ihre Schrfe prfen, und in diesem heimlichen Verkehr sollen
meine Sinne gedeihen; sie sollen herzhaft sein, gesund, rasch, freudig, ewig
aufwrts, nicht sinkend die Lebensgeister, - ihrem Erzeuger zustrmend.
    Es ist Nacht, ich schreib beim Sternenlicht. - Weisheit ist wie ein Baum,
der seine ste durch das ganze Firmament verbreitet, die goldnen Frchte, die
ihr Gezweig zieren, sind Sterne. Wenn nun eine Begierde sich regt, die die
Frchte vom Baum der Weisheit genieen mchte? Wie komme ich dazu, diese goldnen
Frchte zu erlangen? - Die Sterne sind Welten, sagt man: ist der Ku nicht
auch eine Welt? - Und ist der Stern grer Deinem Auge als der Umfang eines
Kusses? - Und ist der Ku geringer Deinem Gefhl als das Umfassen einer Welt? -
Drum: - die Weisheit ist Liebe! Und ihre Frchte sind Welten, und der tuscht
sich nicht, der im Ku eine Welt empfindet; ihm ist eine reife Frucht, ein an
dem Lichte der Weisheit gereifter Stern in den Busen gesunken. - Der aber,
Freund, - der von solcher Himmelskost genhrt wird, zhlt er noch fr vollgltig
unter den Menschen? -
    Ich gehe nun schlafen, die Stille der Nacht, die heimliche Zeit verwendet
Psyche, um zu Dir zu dringen. Oft fhrt sie der Traum zu Dir, sie findet Dich
vielleicht durchkreuzt von tausend Gedanken, deren keiner ihrer erwhnt. Doch
sie senkt die Flgel und kt den Staub Deiner Fe, bis Dein Blick sich ihr
neigt.

                                     * * *

Auf diesem Hgel berseh ich meine Welt!
Hinab ins Tal, mit Rasen sanft begleitet,
Vom Weg durchzogen, der hinber leitet,
Das weie Haus inmitten aufgestellt,
Was ist's, worin sich hier der Sinn gefllt?

Auf diesem Hgel berseh ich meine Welt!
Erstieg ich auch der Lnder steilste Hhen,
Von wo ich knnt die Schiffe fahren sehen
Und Stdte fern und nah von Bergen stolz umstellt,
Nichts ist's, was mir den Blick gefesselt hlt.

Auf diesem Hgel berseh ich meine Welt!
Und knnt ich Paradiese berschauen,
Ich sehnte mich zurck nach jenen Auen,
Wo Deines Daches Zinne meinem Blick sich stellt,
Denn der allein umgrenzet meine Welt.

Gereimt und ungereimt sag ich Dir dasselbe, und Du ermdest nicht, mich
anzuhren. Ich sitze hier auf der Bank in der Dmmerung, wo der sinkende Tag vom
aufgehenden Mond noch das Licht borgt, und freue mich, meine Welt im Zwielicht
zu berschauen. Vor wenig Minuten lag alles noch im Sonnenglanz, da war ich
unruhig, ob ich bleiben oder gehen solle. Jetzt, seit der Mond gestiegen ist,
wei ich, da ich bleibe; in seinem Licht erkenn ich meine Welt, seine Strahlen
ziehen mich in ihren Zauberkreis, und was ich auch Unglaubliches fr wahr halte,
das verneint er nicht wie das Sonnenlicht. Er schmiegt sich schmeichelnd in den
Scho der Tler, und ich fhle deutlich, wie sie ihn liebt, die Natur, und wie
er ihr geneigt ist, der Mond.
    Wr ich Dir, was die ganze Natur dem Mond ist, der lebenerregend in ihren
Pulsen spielt, der leise Lfte als Boten aussendet, der die samenbeflockten
Schwingen des Abendwindes niederbannt ins tauige Gras und seinem befruchtenden
Licht ihre Kraft aufregt: dann wr mein ganzes Sein ein Empfngnis Deiner
Schnheit. Soviel Blten sich ihm erschlieen, soviel Schmeichelreden Dir von
meinen Lippen flieen, soviel Tautropfen in seinem Licht glnzen, soviel Trnen
der Luft sich sammeln unter dem Einflu Deines Geistes.

                                     * * *

Ich danke Dir, da Du gekommen bist, es war so grau und trb, ich sah mich in
der weiten Ferne um und dachte schon, es wrde mich berkommen wie das Wetter,
wo sparsame Trnen aus den Wolken trufelten und der Himmel schwer und traurig
war und viel dsterer aussah, als wenn es noch so sehr geregnet htte. - Da
kamst Du. - Du hast nichts gesagt vom Abschied und hast mich beschmt; denn ich
hatte es auf der Zunge zu klagen, ja, es war schner so, da wir nicht Abschied
nahmen; - wir beide nicht. - Wie hab ich diese Zeit verbracht? - Gar zu
glcklich! - Das Gefhl Deiner Nhe hat jeden Atemzug beseligt, das nenne ich
mir himmlische Luft - und Du? - Hab ich Dir auch nicht mifallen? - Ach beschme
mich nicht, vergesse, was Dir nicht zusagte, wenn ich manchmal zu heftig war und
Deine leisen Winke nicht verstand. Meine leidenschaftlichen Stimmungen sind ohne
Ansprche, sie sind wie Musik, auch die verlangt keinen irdischen Besitz, aber
sie stimmt den Geist, der ihr Gehr gibt, zum Mitgefhl, zur Nachempfindung, ja
kling's in Deinen Ohren, in Deinem Herzen noch eine Weile nach, alles, was ich
Dir sagen durfte. Leidenschaft ist Musik, ein Werk hchster Mchte, nicht auer,
sondern tief in uns, sie fhrt uns mit dem idealischen Ich zusammen, um
dessentwillen der Geist in den Leib geboren ist: dies Ich, das allein
Leidenschaft entznden, sie gestalten und bilden kann. Der Mensch wird von der
Begeistrung erzogen, das ganze irdische Leben verhlt sich dann zu diesem
Geistigen wie der Boden zum Fruchtkorn, das aus ihm emporsteigt, um
tausendfltig zu tragen.
    Nur die Ewigkeit gibt Wirklichkeit; denn was einmal zugrunde geht, mag's
gleich zugrunde gehn, ob heute oder morgen, das ist einerlei; aber die Liebe
trgt alles zum himmlischen Reich, sie ist allumfassend, alldurchdringend wie
die Sonne, und doch bildet sie jeden geistigen Reiz zu einem in sich
abgeschlonen, sich selber anheimgegebenen Eigentum, sie bewegt den Geist, da
er ganz eigentmlich das Eigentmliche fasse. So macht's die Liebe mit mir, in
Dir werd ich meines Geistes mchtig, - und Du? - Das leuchtende Grn, was der
Baum in erneuter Frhlingskraft hervortreibt, das gibt Zeugnis, da die Sonne
ihm ins Mark dringt. - Und Du bist erfrischt durch diese Liebe, nicht wahr? -
    Wer Dich mit leiblichen Augen sieht und sieht Dich nicht durch die Liebe,
der sieht Dich nicht, Du erscheinst nur durch sie dem liebenden beschwrenden
Geist. Je feuriger, je krftiger die Beschwrung: je herrlicher Deine
Erscheinung, je mchtiger Deine Einwirkung. Lieber Freund! Meiner Beschwrung
hast Du Dich aufs innigste vergegenwrtigt, ich habe Dich in jedem Gedanken als
in einem magischen Kreis umfat, und der Inhalt mag sein, welcher er wolle, Du
durchwaltest ihn und wohnst in jeder Gestalt, die mein Geist ausspricht. -
    Es ist wahr, Zauber ist Zauber, er hebt sich in sich selber auf, und darum
leugnen sie seine Wirklichkeit; sie glauben: nur was sinnlichen Leib habe, sei
wirklich, und ihnen mu Verstand nur als sinnlicher Boden gelten.
    Das Werk Gottes aber ist Magie, die Liebe in unserer Brust, die
Unsterblichkeit, die Freiheit sind magische Erzeugnisse Gottes, sie werden nur
durch die Kraft seiner Beschwrung in uns erhalten, sein Hauch ist ihr Leben,
sie sind unser Element, und in diesem verewigen wir uns, und ob auch Zauber ins
Nichts verschwinden knnte, wie leicht! - so ist er doch die einzige Basis der
Wirklichkeit; denn er ist Wirkung des gttlichen Geistes.
    Das Geborenwerden der gttlichen Natur ins irdische Leben und sein Sterben
im vorbereiteten Schmerz ist magische Beschwrungsformel. Schmerz liegt in der
Natur als der mchtige bergang aus dem Nichts ins magische Leben.
    Leben ist Schmerz, aber da wir nur so viel Leben haben, als unser Geist
vertrgt, so empfinden wir diesen Schmerz gleichgltig, wr unser Geist stark,
so wr der strkste Schmerz die hchste Wollust.
    In meiner Liebe, sei's Abschied oder Willkomm, schwankt mein Geist immer
zwischen Lust und Schmerz, denn Du machst meinen Geist stark, und doch kann er's
kaum ertragen. bergehen ins Gttliche ist immer schmerzlich, aber es ist Leben.
    Jedes Aneignen im Geist ist schmerzlich, alles, was wir erlernen, erkennen,
macht uns Schmerz im Erwerben, so wie es in uns bergegangen ist, so hat es
unsern Geist erhht und befhigt, dies Leben krftiger zu fassen, und was uns
frher weh tat, das wird jetzt Genu.
    Die Kunst ist auch Magie, sie beschwrt auch den Geist in eine erhhte
sichtbare Erscheinung, und der Geist geht auch ber die Schmerzensbrcke bis
innerhalb des magischen Kreises.
    Genie ist der vorgreifende, wollustahnende, durstende Instinkt, sein Trieb
berwindet das schmerzliche Zagen und reizt den Geist zu ewig neuer Energie. -
Je leidenschaftlicher der Genius im Menschen, je mehr wird ihm Seligkeit
Bedrfnis, je gewaltiger berwindet er, je gewisser ist er seiner Befriedigung;
- dies bejahest Du mir. - Ich stehe in meiner Liebe zu Dir zwischen diesem
Schmerz und dieser genialischen Begierde, die Trgheit meines Geistes zu
berwinden und Beseligung zu empfinden. Manchmal fhlt sich der Geist ganz
verlassen, und ein Nichts nimmt die Stelle dieser enthusiastischen Begeistrung
ein, und alles ist verschwunden. Aber wie knnte ich mir dies gefallen lassen.
Nein, Du mut Dich verzaubern lassen. Wenn Gott mich aus dem Nichts
hervorberufen hat, wenn er mein Wesen gebildet hat als reinen Anspruch an die
Seligkeit, so erwerb ich diese in der Magie der Liebe; und aus Bedrfnis, aus
gttlich eingeprgter Sehnsucht nach dem Schnen erhebt der Genius immer wieder
die ermdeten Flgel und hlt treu und fest dies Herz zu Deiner Wohnung und die
Seele, Dich zu empfinden, und den Geist, Dich zu fassen und zu bekennen, alles
wie Du bist in Deiner innern Wesenheit.
    Und wenn dies alles wahr ist, was ich hier sage, und wir werden einst uns
wiedersehen in einem hheren Leben, dann denke, da mein Genie Deinem Geist
gewachsen sein werde.

                                     * * *

                                  An Goethe13


                                                                   22. Mrz 1832

Hier aus den Bergesschluchten hervor wag ich's und komme ungerufen, unerwartet,
wie manchmal sonst auf Deinen Wegen. Im Bhmer Gebirg, wo ich wie ein Stovogel
auf dem vorragenden Gefels ber Dir hing, weit Du noch? - Und wie ich dann
niederkletterte ganz erhitzt, da mir alle Adern im Kopf klopften, und wie Deine
Hand meine Augenwimper vom Staub reinigte, und Du die kleinen Reiser und Moose
aus meinen Flechten sammeltest und legtest es sanft neben Dich auf den Sitz? Du
weit's nicht mehr. Scharen sind an Dir vorbergezogen, die Dich begrten mit
lautem Ehrenruf, Krnze haben sie vor Dir hergetragen, die Fahnen haben sie vor
Dir geschwenkt, die Knige kamen und berhrten den Saum Deines Mantels und
brachten Dir goldne Gefe und legten Ehrenketten um Deine freie Brust. Du
weit's nicht mehr, da ich Dir die gesammelten Blumen, die wilden Kruter alle
in den Busen pflanzte und die Hand darauf legte, um sie fester zu drcken. Du
weit's nicht mehr, da meine Hand gefangen lag inmitten Deiner Brust, und da
Du mich den wilden Hopfen nanntest, der Wurzel fasse da und dann hinauf sich
ranke und Dich berschlinge und umwachse, da nichts mehr an Dir zu kennen sei
als blo der wilde Hopfen. Sieh, in dieser Doppelwand von Fels- und
Bergesschluchten, da haust des Widerhalles froher Ruf; sieh, meine Brust ist
eine so kunstreich gebildete Doppelwand, da ewig und ewig tausendfltig der
freudige Schall so ser Mre sich durchkreuzt. Wo sollte es ein Ende nehmen,
dies Leben jugendlicher Lust? - Es liegt ja bewahrt und umgeben vom reinsten
Enthusiasmus - die Nahrung meiner Wiegezeit. Dein Hauch, dem der Gott
Unsterblichkeit einblies, hat ja mir den Atem der Begeistrung eingeblasen. Lasse
es Dir gefallen, da ich Dir noch einmal die Melodien meiner schnsten
Lebenswege vorsinge und zwar im begeisterten Rhythmus des augenblicklichen
Genusses, wo die Lebensquellen von Geist und Sinne ineinanderstrmen und so
einander erhhen, da alles Bedeutung gewinne, da nicht allein das Erfahrne
sichtbar fhlbar werde, sondern auch das Unsichtbare, Ungehrte erkannt und
erhrt werde.
    Sind's Pauken und Posaunen, die feierlichen Jubelschlag an die Wolken
drhnen? - Sind's Harfen und Zimbeln? - Ist's das Gewirr von tausend
Instrumenten, das aufs Kommandowort sich ordnend lst, in reiner Linie Takt sich
bildend wendet, die Sprache himmlischer Influenzen redet, eindringt in den
Menschengeist mit Farb und Licht, die Sinne mit dem Geist vermhlt? - Ist's
dieser Erzeugung Kraft, die durch die Adern rinnt, das Blut beschwrend, das
Irdische auszustoen und die reine Frucht himmlischer Liebe, himmlischen Lichtes
zu nhren, zu gebren? - Hast Du's nicht vollbracht in mir, wenn es noch
leuchtet in meiner Seele? - Ja, es leuchtet, wenn ich Deiner gedenke; - oder
sind es nur Schalmeien sinnig und whnend, nur an Phantasie streifend, nicht von
ihrer Offenbarung ergriffen, was ich diesen Blttern zu vertrauen habe? - Was es
auch sei! - Bis in den Tod geleite mich der ersten Liebe Musik. Zu Deinen Fen
pflanze ich den Grundba ein, er wachse Dir zum Palmenhain auf, in dessen
Schatten Du wandelst. Alles Liebe und Se, was Du mir gesagt hast, flstre von
Zweig zu Zweig wie leise Melodien zwitschernder Vgel; - die Ksse, die
Liebkosungen zwischen uns seien die honigtriefenden Frchte dieses Haines; das
Element meines Lebens aber: die Harmonie mit Dir, mit der Natur, mit Gott, aus
deren Scho die Flle der Erzeugung steigt, aufwrts ans Licht, ins Licht, im
Lichte vergehend: das sei der Strom, der gewaltige, der diesen Hain umzingelt,
ihn einsam macht mit mir und Dir.
    Weit Du's noch, wie Du in der Dmmerung mich wieder bestelltest? - Du weit
nichts, ich wei alles, ich bin das Blatt, auf das die Erinnerung aller
Seligkeit getzt ist. Ja ich ging um Dein Haus herum und wartete auf die
Dmmerung und dachte, wenn ich an die Pforte kam: Ob's wohl schon dunkel genug
ist? - Und ob er dies wohl fr die Dmmerung hlt? - Und aus Furcht, Deinen
Befehl zu verfehlen, ging ich noch einmal um das Haus, und wie ich nun eintrat,
da schmltest Du, da ich zu spt gekommen, es sei schon lange dmmerig. Du
habest lange schon auf mich gewartet. Dann lieest Du Dir ein weies wollnes
Gewand bringen und zogst das Tagskleid aus und sagtest: Nun es gar Nacht
geworden ber dem Harren auf dich, so wollen wir recht nchtlich und bequem sein
und recht feinwollig will ich gegen dich sein; denn du sollst mir heute
beichten. Da kniete ich vor Dir auf dem Schemel und umfate Dich und Du mich.
Da sagtest Du: Vertrau mir doch und sag mir alles, was in deinem Herzen Gewalt
gebt hat, du weit, ich hab dich nie verraten, kein Wort, kein Laut von dem,
was deine Leidenschaft zu mir gerast hat, ist je ber meine Lippen gekommen, so
sag mir doch, denn es ist nicht mglich, da dein Herz diese ganze Zeit ber so
ruhig war, sag mir doch, wer war's, kenne ich ihn? - Und wie war's? Was hast du
noch alles gelernt und erfahren, was dich meiner vergessen machte? -
    Damals, lieber Freund, sagte ich Dir die Wahrheit, wie ich Dir beteuerte,
da mein Herz ganz still gewesen sei, da nichts seitdem mich berhrt habe; denn
in demselben Augenblick war mir alles Wahn gegen Dich, und bleiches Schattenbild
die ganze Welt, und abgeschiednes Totes schien mir des Schicksals Los in Deiner
Nhe, ich konnte es sagen in vollem Bewutsein, da ich Deiner Schnheit
gebunden sei; denn ich sah Dich ja an. - Du aber ruhtest nicht und wolltest
durchaus wissen die Geschichte, die ich mich vergebens bemhte zu erfinden; denn
ich schmte mich beinah, da mir gar keine Liebesgeschichte widerfahren war.
Jetzt besann ich mich auf eine und wollte eben erzhlen und hub an: Ja! Aber
glaube nicht, da Dir die Liebe in den Weg gekommen, damals wandelte ich im
Traum, jetzt wache ich wieder; hier im Mondschein an Deiner Brust wei ich, wer
ich bin, und was Du mir bist, wie ich nur Dir angehre, wie Du mich bezauberst;
aber einmal - da begann ich meine Liebesgeschichte, von der ich nichts mehr
wei. Und Du, Herrlicher, lieest mich nicht weiter sprechen und riefst: Nein,
nein! Du bist mein! - Du bist meine Muse! - Kein andrer soll sagen knnen, da
du ihm so zugetan warst wie mir, da er deiner Liebe so versichert war wie ich,
ich habe dich geliebt, ich habe dich geschont, die Biene trgt nicht
sorgfltiger und behutsamer den Honig aus allen Blten zusammen, wie ich aus
deinen tausendfltigen Liebesergssen mir Genu sammelte. - Da fielen meine
Haarflechten nieder, Du nahmst sie und nanntest sie braune Schlangen und
stecktest sie in Dein Gewand und zogst so meinen Kopf an Deine Brust, an der ich
von Ewigkeit zu Ewigkeit ruhen sollte und des Denkens und des Treibens mich
berheben, das wr schn, das wr wahr, das wr so die rechte se Faulheit
meines Daseins, das ist die Paradiesesfrucht, nach der ich schmachte, ruhen und
schlafen in dem Bewutsein, da ich dem Herrlichsten nahe bin.

                                     * * *

                                An meinen Freund


Soweit hatte ich gestern geschrieben, dann ging ich abends spt noch in
Gesellschaft, ich hatte den Vorsatz gefat, alles Liebliche und Tiefbedeutende,
was ich mit Goethe erlebt, ihm in einem Zyklus solcher Briefe noch einmal
darzulegen; jetzt stand mir alles so klar und deutlich vor Augen, als wenn mir's
eben erst widerfahren wre. Meine Seele war tief bewegt von diesen Erinnerungen
und fern den Menschen wie der Mond, wenn er jenseits ist. Bei solchen Stimmungen
bin ich immer auf eine sonderbare Spitze gehoben, nmlich zum bermut. - Man war
in der Gesellschaft schon von Goethes Tode unterrichtet, ich erzhlte, da ich
eben nach Jahren zum erstenmal wieder an ihn geschrieben, sie machten alle trbe
Gesichter, aber keiner teilte mir die Nachricht mit. Nachts um ein Uhr nach
Haus; die Zeitung lag an meinem Bett, ich las die Anzeige seines Todes, ich war
allein, ich brauchte keinem Red und Antwort zu geben ber mein Gefhl; ich
konnte so ruhig dabei sein und entgegensehen allem, was es mir bringen werde; da
war's ganz deutlich, da diese Liebesquelle mir nicht versiegt sei mit dem Tod,
ich schlief ein und trumte von ihm und erwachte, um mich zu freuen, da ich ihn
eben im Traum gesehen, und ich schlief wieder ein, um weiter von ihm zu trumen,
und so verging mir diese Nacht voll sem Trost, und ich war gewi, sein Geist
habe sich mit mir vershnt, und nichts sei mir verloren.
    Wem sollte ich nun wohl dies verwaiste Blatt vererben als dem Freund, der
mit so innigem Anteil mich von ihm sprechen hrte, und wenn es ihm auch nur wr,
was ein falbes Blatt ist, das der Wind vor seinen Fen hinwirbelt, er wird doch
erkennen, da es am edlen Stamm gewachsen ist. -
    Ich will den Ausgang jenes Abends mit Goethe hier auserzhlen: Als ich
wegging, begleitete er mit der Kerze mich ins zweite Zimmer, indem er mich
umfate, fiel das brennende Licht an die Erde, ich wollte es aufheben, er aber
litt es nicht. La es liegen, sagte er, es soll mir ein Mal in den Boden
brennen, wo ich dich zuletzt gesehen habe, sooft ich dran vorbergehe, will ich
deiner lieben Erscheinung gedenken. Bleib mir treu, bleib mein, sagte er; so
kte er mich auf die Stirn und schob mich zur Tr hinaus.
    Wr es nicht unrecht, da am Fest der Verklrung die Nebel geheimer Vorwrfe
aufstiegen und den sonnenhellen Horizont verdunkelten, so wrde ich dem Freund
hier verklagen, grade die, von der er wei, da sie gern rein und frei von jedem
Fehl in der Liebe erscheinen mchte, ja dies beschmte Herz! Sieh, wie gro
seine Vergehen sind gegen die Liebe, der nicht blo ein Zweig vom heiligen Baum
des Ruhms anvertraut war, nein, der Baum selbst, der diese Sprossen sich ewig
verjngend treibt, war ihr zur Pflege befohlen, und sie hat sein nicht geachtet,
ist nicht geblieben im Schutze dieses Baumes, der ohne sie fortgrnte.

                                     * * *

                                   An Goethe


Aufgefahren gen Himmel! Die Welt leer, die Triften de; denn gewi ist's, da
Dein Fu hier nicht mehr wandert. Mag auch Sonnenschein die Wipfel jener Bume
beglnzen, die Du gepflanzt hast! Mag sich das Gewlk teilen und der blaue
Himmel sich ihnen auftun: sie wachsen nicht hinein; aber die Liebe? - Wie wr's,
wenn die ihre Bltenkrone da oben als Teppich zu Deinen Fen ausbreite? Wenn
sie hinaufstrebte fort und fort, bis ihr Wipfel anstie an den Schemel Deiner
Fe und dort alle Blten entfaltend, ihren Duft um Dich schwenkend: - wr das
nicht auch zu den Himmelsfreuden zu zhlen? - Ich hab Vertrauen, da Du mich
hrst, da mein Ruf aufwrts gehe zu Dir. - Hier auf Erden, da war's nicht
mglich. Das Marktgewhl des alltglichen Lebens lie die Sehnsucht nicht
durchdringen, keine einsame vertrauliche Zeit kam ihr zu Hilfe, ich selbst sagte
mir hundertmal: Es ist alles verloren. - Herr! Der mich hrt, dem ich
vertraue, da er mich hre: gib Antwort. - Seit sie Dich tot sagen, klopft mir
das Herz vor heimlicher Erwartung. Es ist, als httest Du mich dahin bestellt,
um mich zu berraschen wie sonst im Garten, wo Du aus umbuschten Nebenwegen
hervortratst, den reifen Apfel in der Hand, den ich dann vor Dir herwarf, um
Dich den Weg zu lenken in die Laube, wo die groe Kugel am Boden lag. Da sagtest
Du: Da liegt die Welt zu deinen Fen, und doch liegst du mir zu Fen. - Ja,
die Welt und ich, wir lagen zu Deinen Fen, jene kalte Welt, ber der erhaben
Du standest, und ich, die zu Dir hinaufstrebte. So kam's auch: die Welt blieb
liegen, und mich zogst Du ans Herz. An Deinem Herzen, mein Freund, das warm
schlug, wer kann ermessen, wie selig das war. Herr! Ist das alles wieder zu
erwerben, mit sem Bewutsein noch einmal zu durchleben? -
    O der falschen Welt, die uns trennte und mich wegfhrte, mich armes blindes
Kind von meinem Herrn! Was hab ich gesucht? - Was hab ich gefunden? - Wer hat
mich freudig angelchelt? - Wessen Umarmung hab ich ausgefllt mit der liebenden
Gewiheit, da er nichts Seligeres umfassen knne? - Du warst zufrieden mit mir.
Dich freute es zu sehen, wie aus dem Kinderherzen die Quelle der Begeistrung fr
Dich hervorbrach, warum mute diese Quelle versiegen? - Konnte, sollte nicht der
ganze Lebensstrom Deinem Lcheln, Deinem Gren und Nicken dahinflieen? - Wo
war es schn als nur bei Dir? - Du kanntest die Grazien, ihr ferner Schritt
schon gab den Rhythmus Deiner Begeisterung. - Das stille Feuer Deiner dunklen
Augen, die Ruhe Deiner Glieder, Dein kindlich Lcheln zu meiner List im
Erzhlen, Deine gelehrige Andacht fr meine Begeistrung. Ja, und Du senktest
Dein heilig Haupt zu mir herab und sahst mich an, die ich geweiht war durch
Deine Nhe.

                                     * * *

                                 An den Freund


Vielleicht verscherz ich Dein bichen Andacht zu mir, da ich Dich so tief in
den Schacht meines Herzens einsenke, wo es so wunderlich hergeht, da die Leute
sagen wrden, es sei Narrheit. - Ja, Narrheit ist die rechte Scheidewand
zwischen dem ewig Unsterblichen und dem zeitlich Vergnglichen. Es scheue
keiner, die irdischen Gewande zu versehren am gttlichen Feuer. Du bist mein
Freund, oder bist Du's auch nicht, ich wei es nicht, immer mu ich Dich so
annehmen, da Du mitten im Geheimnis meiner Brust stehst wie ein Pfeiler, an den
ich mich anlehne, und wie der gewandte Schwimmer von gefhrlicher Hhe sich in
die Fluten strzt vor solchen Augen, denen er seine Khnheit bewhren mchte, so
wage ich, weil Du mir Zeuge bist, diesen dmonischen Gewalten mich anheim zu
geben, diese Trnenflut, in der ich spiele, diese Frhlingsbegeistrung meiner
Liebeszeit zu Goethe und die Vorwrfe, die in mir aufsteigen wrden, mir das
Herz zerreien, wenn ich nicht den Freund htte, der zuhrte und nachempfnde,
was ich hier ausspreche.
    Der letzte Akt der Bltezeit ist, da sie ihren befruchtenden Staub mit dem
Samen in ihrem Kelch mische, dann tragen die Lfte sich spielend mit ihren
gelsten Blttern und gaukeln eine Weile mit dem Schmuck der Begeistrung. Bald
sieht kein Auge mehr von ihrem Glanz, ihre Zeit ist vorber; der Same aber
quillt und offenbart in der Frucht das Geheimnis der Erzeugung. Vielleicht, wenn
diese Bltter der Begeistrung vom Stamme gelst dahinwirbeln und wie jene
kleinen Bltenkronen, nachdem sie ihren Duft ausgehaucht, vom irdischen Staub
beschwert, flgellahm sich endlich unter die Erde betten, da es dann in dem
Herzen des Freundes, dem sie duften, auch quillt und der Segen dieser schnen
Liebe zwischen dem Dichter und dem Kinde sich an seinem Geist bewhre und ihn zu
der Schnheit befruchte, deren Abbild in seinen edlen Zgen sich malt.

                                     * * *

                                   An Goethe


Wie begierig nach Liebe warst Du! Wie begierig warst Du, geliebt zu sein! -
Nicht wahr, du liebst mich? Nicht wahr, es ist dein Ernst, du betrgst mich
nicht? - so fragtest Du, und ich sah Dich an und schwieg. Ich bin leicht zu
betrgen, mich kann jeder betrgen, betrge mich nicht, mir ist lieber die
Wahrheit, und wenn sie auch schmerzt, als da ich umgangen werde. Wenn ich dann
aufgeregt durch solche Reden Dir mein Herz aussprach, da sagtest Du: Ja, du
bist wahr, so was kann nur die Liebe sagen. - Goethe, hr mich an! - Heute
spricht auch die Liebe aus mir; heute am dreiigsten Mrz, acht Tage nach dem,
welchen man als den Tag Deines Todes bezeichnet, seit welchem Tag alle Deine
Rechte mir im Busen sich geltend machen, als lg ich noch zu Deinen Fen; heute
will die Liebe Dir klagen: Du! Oben - ber den Wolken, nicht getrbt durch ihre
Schwere, nicht gestrt durch ihre Trnen; knnen Klagen in Dein Ohr dringen? - O
lse meine Klagen auf und erlse mich, mache mich frei von dieser Sehnsucht,
erkannt zu werden, und da man meiner auch bedrfen mge, - hast Du nicht mich
erkannt? - ja, mit prophetischer Stimme schlummernde Krfte der Begeistrung in
mir geweckt, die mir ewige Jugend zusagen, die mich weit ber die Fhigkeit der
Menschen, sich mir zu nhern, hinwegtragen? Hast Du mir nicht reichlich ersetzt
im ersten Einklang mit meinem Herzen alles, was je mir konnte entzogen werden?
Du, an den zu denken mir leises Gewittern im Herzen erregt, wo's gleich
elektrisch schauert durch den Geist, wo gleich Schlummer befllt das uere
Leben - und keine Erkenntnis mehr von den Ansprchen der ueren Welt. - Wer hat
je mein Herz gefragt? - Wer hat sich geneigt zur Blume, um ihre Farbe zu
erkennen und ihren Duft zu atmen? - Wem htte der Klang meiner Stimme (von der
Du sagtest: Du fhlest, was Echo fhlen msse, wenn die Stimme eines Liebenden
an ihrer Brust widerhalle) eine Ahnung gegeben, welche Geheimnisse kraft Deiner
dichterischen Segnungen sie auszusprechen vermge? O Goethe! Du allein hast den
Schemel Deiner Fe mir hingerckt und mir erlaubt, in Deiner Nhe meine
Begeistrung auszustrmen. - Was jammere ich denn? - Da es so still ist um mich?
- Da ich so einsam bin? - Nun wohl! - In dieser einsamen Weite, wenn es einen
Widerhall meiner Gefhle gibt, kannst nur Du es sein; wenn eine Trstung mir
zuweht aus freier Luft, so ist es der Atem Deines Geistes. Wer wrde auch
verstehen, was wir hier miteinander sprechen, wer wrde sich feierlich fgen dem
Gesprch Deines Geistes mit mir. - Goethe! - Es ist nicht mehr s, unser
Zusammensein! Es ist kein Kosen, kein Scherzen; die Grazien rumen nicht mehr um
Dich her auf und ordnen jede Liebeslaune, jede Spielerei des Witzes zu heiteren
Gedichten. - Die Ksse, die Seufzer, Trnen und Lcheln jagen und necken
einander nicht mehr, es ist feierliche Stille, es ist feierliche Wehmut, die
mich ganz durchgreift. In meiner Brust ordnen sich die Harmonien, die Tonarten
lsen sich voneinander, jede fhlt die Organe ihrer Verwandtschaften in sich
mchtig, und was sie vermag. So ist es in meiner Brust, weil ich's wage, mich
vor Dich zu stellen, mitten in Deinen Weg, den Du eilend durchjagst, und Dich zu
fragen: Kennst Du mich noch? - die auer Dir niemand kennt? - Siehe, inmitten
dieser Brust steht der reine Kelch der Liebe, gefllt bis zum Rand mit herbem
Trank, mit bitteren Trnen schmerzlichen Entbehrens. Wenn die Harmonien
bergehen ineinander, dann wird der Kelch erschttert, dann strmen die Trnen;
sie flieen Dir, der Du die Totenopfer liebst, der Du sagtest: Unsterblich
sein, um nach dem Tode tausendfach in jedem Busen zu erwachen. Ja! Damals
wollte ich: allein in meinem Busen solltest Du erwachen; und es ist wahr
geworden, und dicht hinter mir und Dir ist das Leben abgeschlossen. Ach, ich bin
Deiner heiligen Gegenwart nicht gewachsen, ich wage zu viel und strze zusammen
und sehne mich nach einer Brust, die lebt unter den Lebenden, die meine
Geheimnisse aufnimmt und mich wrmt; denn: vor Dir stehen gibt schauerliche
Klte; und die Hnde mu ich ringen, da ich Deiner so verinnigt zu denken wage.
Nein! - Nicht Dich rufen! - Nicht die Hnde nach Dir ausstrecken, in dieser
seltsamen schauerlichen Stunde nach Dir forschen ber den Sternen, hinaufsehen,
Deinen Namen rufen? - Ich wage es nicht! - O ich frchte mich! - Besser
bescheiden den Blick senken auf das Grab, was Dich deckt; Blumen sammeln, sie
Dir hinstreuen; ja, die sen Blumen der Erinnerung, alle wollen wir sammeln,
sie duften so geistig, mag sie einer bewahren zu Deinem und meinem Gedenken,
oder mag sie der Zufall verwehen, einmal will ich die sen Geschichten der
Vergangenheit noch durchgehen.

Heute erzhle ich Dir, wie Du mich in dunkler Nacht unbekannte Wege fhrtest,
das war in Weimar auf dem Markt, als wir an eine Treppe kamen und Du zuerst
niederstiegst und als ich unsicher zu folgen versuchte, mich in Deinen Mantel
gehllt dahin trugst; Herr! Ist es wahr? - Hast mich in beiden Armen schwebend
getragen? Wie schn warst Du da, wie gro und edel, wie leuchtete Dein
durchdringender Blick dunkel im Glanz der Sterne mich an. Da oben mit beiden
Armen Dich umschlingend, wie war ich selig! Wie lcheltest Du, da ich so selig
war, wie freute es Dich, da Du mich hattest, ber Dir schwebend mich trugst,
wie freute ich mich, und dann schwang ich mich hinber auf die rechte Schulter,
um die linke nicht zu ermden. Du liet mich durch die erleuchteten Fenster
sehen, eine Reihe friedlicher Abende von alt und jung, bei Lampenschein oder bei
hellem Kchenfeuer, auch der kleine Hund und das Ktzchen waren dabei. Du
sagtest: Ist das nicht eine allerliebste Bildergalerie? - So kamen wir von
einer Wohnung zur andern aus den finstern Straen hervor unter die hohen Bume,
ich reichte an die ste, da rauschten die Vgel auf, da freuten wir uns, wir
beide, - Kinder, ich und Du. Und nun? - Du ein Geist, aufgefahren zu den
Himmeln, und ich? - Unerleuchtet, unerfllt, unerwartet, unverstanden,
ungeliebt, ja sie knnten mich fragen: Wer bist du und was willst du? Und wenn
ich Antwort gbe, wrden sie sagen: Wir verstehen dich nicht. Du aber
erkanntest mich und ffnetest mir die Arme und das Herz, und jede Frage war
gelst und jeder Schmerz beschwichtigt. - Dort im Park zu Weimar gingen wir Hand
in Hand unter den dichtbelaubten Bumen, das Mondlicht fiel ein, Du gabst mir
viele se Namen, es klingt noch in meinen Ohren: Lieb Herz! Mein artig Kind!
Wie war ich erfreut zu wissen, wie ich Dir heie; dann fhrtest Du mich an die
Quelle, sie kam mitten aus dem Rasen hervor, wie eine grne kristallne Kugel, da
standen wir eine Weile und hrten ihrem Getn zu. Sie ruft der Nachtigall,
sagtest Du, denn die heit auf Persisch Bulbul, sie ruft dich, du bist meine
Nachtigall, der ich gern zuhre. Dann gingen wir nach Hause, ich sa an Deiner
Seite, da war's so stille, nah an Deinem Herzen; ich hrte es klopfen, ich hrte
Dich atmen, da lauschte ich und hatte keine Gedanken als blo Deinem Leben
zuzuhren. - O Du! - Hier lang nach Mitternacht, allein mit Dir im Angedenken
jener Stunde vor vielen Jahren, durchdrungen von Deiner Liebe, da meine Trnen
flieen; und Du! Nicht auf Erden, jenseits! - Wo ich Dich nicht mehr erreiche. -
Ja, Trnen! - Alles umsonst. - So verging die Zeit an Deiner Brust, keine
Ahnung, da sie verging, es war alles fr die Ewigkeit eingerichtet. Dmmerung -
die Lampe warf einen ungewissen Schein an die Decke, die Flamme knisterte und
leuchtete auf, das weckte Dich aus Deinem tiefen Sinnen. - Du wendetest Dich
nach mir und sahst mich lange an, dann lehntest Du mich sanft aus Deinen Armen
und sagtest: Ich will gehen, sieh, wie unsicher das Nachtlicht brennt, wie
beweglich die Flamme an der Decke spielt, grade so unsicher brennt eine Flamme
in meiner Brust, ich bin ihrer nicht gewi, ob sie nicht auflodere und dich und
mich versehre. Du drcktest meine Hnde, Du gingst, ohne mich zu kssen. Ich
blieb allein; erst, wie es sonderbar mit Liebenden ist, war ich ruhig, ich
fhlte mich von Glanz umgeben und vom Glanz erfllt, aber pltzlich durchdrang
mich der Schmerz, da Du gegangen warst. Wem sollte ich's klagen, da ich Dich
nicht mehr hatte? Ich trat vor den Spiegel, da sah mein blasses Antlitz heraus,
so schmerzlich sah das Auge mich an, da ich vor Mitleid gegen mich selbst in
Trnen ausbrach.

                                     * * *

                                   Dem Freund


Es ist, als ob jeder Atemzug sich wieder aus der Vergangenheit erhebe, was ich
vergessen zu haben glaubte, greift mit Macht in mich ein und erregt aufs neue
das Feuer verhaltner Schmerzen.
    So weit habe ich in der Nacht geschrieben, heut am Tag schreibe ich noch als
psychologische Merkwrdigkeit her, auf welche wunderbare Weise ich mich
beschwichtigte, wie die gengstete, mit aller Willenskraft der Jugend
ausgerstete Seele sich half. - Auf dem Tisch vor dem Spiegel kniend, bei dem
unsicheren Flackern der Nachtlampe, hilfesuchend im eignen Auge, das mir mit
Trnen antwortete, die Lippen zuckten, die Hnde so festgefaltet auf der Brust,
die bedrngt, erfllt war von Seufzern. Siehe da! - Wie oft hatte ich gewnscht,
auch einmal vor ihm seine eigne Dichtung aussprechen zu drfen, pltzlich fielen
mir die groen gewaltigen Eichen ein, wie die vor wenig Stunden im Mondlicht
ber uns gerauscht hatten, und zugleich der Monolog der Iphigenia auf Tauris,
der so beginnt: Heraus in eure Schatten, rege Wipfel des alten heiligen
dichtbelaubten Haines. - Ich stand aufrecht vor dem Spiegel, es war mir, als ob
Goethe zuhre, ich sagte den ganzen Monolog her, laut, mit einer gewi zum
hchsten Grad des Kunstgefhls gesteigerten Begeistrung. Oft mute ich
innehalten, das leise verhaltne Beben der Stimme gab mir die Pausen ein, die in
diesem Monolog so wesentlich sind, weil unmglich die nach allen Seiten sich
scharfrichtenden Blicke auf Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart, die seinen
Inhalt ausmachen, alles in einem ununterbrochnen Lauf auffassen knnen. Meine
Rhrung, mein tief von Goethes Geist erschtterter Geist waren also
Veranlassung, mein dramatisches Kunstgefhl zu steigern; ich empfand deutlich
die Begeistrung der Begeistrung. - Ich fhlte mich wie in einer Wolke gebettet
aufwrts schwebend, eine gttliche Gewalt trieb diese Wolke entgegen dem
Ersehnten und zwar in der Verklrung seines eignen Werkes, welche schnere
Apotheose seiner Einwirkung auf mich war zu erleben? - So waren denn alle
Schmerzen der Sehnsucht gelst in freudiges Flgelrauschen des Geistes. Wie ein
junger Adler mit den Flgeln der Sonne zuwinkt, ohne sich emporzuschwingen, und
im Gefhl seiner Kraft sie auf ihre Bahn zu verfolgen sich gengen lt: so war
ich heiter und froh. - Ich ging zu Bett und der Schlaf fiel ber mich her wie
ein erquickender Gewitterregen.
    So ist von jeher und bis auf die heutige Stunde alles unbefriedigte Begehren
durch Kunstgefhl aufgelst worden. Jedes in der heiligen Natur begrndete
sinnliche Gefhl, alle unbefriedigte Leidenschaft steigert sich schon hier zu
der Sehnsucht, berzugehen in eine hhere Welt, wo das Sinnliche auch Geist
wird.

                                     * * *

Ich danke Dir, Freund, da ich Dir alles sagen darf, unter allen Menschen wei
ich keinen zweiten, dem ich diese Bltter htte vertrauen mgen, ich will nicht
zweifeln, da Du ihren Wert erkennst, sie enthalten das Heiligtum von Goethes
Piett, aus der sein unendlicher Genius hervorgegangen war, der den Feuergeist
des Lieblings sanft zu lenken verstand, da er sich stets glcklich fhlte und
in vollkommner Harmonie mit ihm. Mein Freund! - Dir ist's geschenkt, da zutage
komme, was sonst nie, nicht einmal in meinen einsamen Trumen sich wiederholt
haben drfte. Ich kann nicht ber mich selbst entscheiden, was in mir vorgehe,
ich fhle mich in einem magischen Kreis von Wunderwahrheiten eingeschlossen
durch diese tiefen Erinnerungen, so da ich sogar das Wehen der Luft von damals
mit zu empfinden glaube, da ich mich umsehe, als stnde er hinter mir, und da
ich jeden Augenblick empfinde, wie durch die Berhrung des irdischen Geistes von
einem himmlischen berirdischen Geist alles Denken in mir entsteht. So will ich
denn mein inniges Zutrauen zu Dir nicht verlieren und trotz schauerlichen
Nachtgespenstern, die Du mir entgegenscheuchst, dennoch fortfahren, Dir
mitzuteilen, wozu nur erprobte Treue berechtigt.

                                     * * *

Von ungemener Hhe strmt das Licht der Sterne herab zur Erde, und die Erde
ergrnt und blht in tausend Blumen den Sternen entgegen. Der Geist der Liebe
strmt auch aus ungemener gttlicher Hhe herab in die Brust, und diesem Geist
entgegen lcheln auch die Liebkosungen eines blhenden Frhlings empor! Du! Wie
sich's die Sterne gefallen lassen, da ihr Widerschein am frisch begrnten Boden
im goldnen Blumenfeld erblht, so lasse auch Dir es gefallen, da Dein hherer
Geist Dir tausendfltige Blten der Empfindung aus meiner Brust hervorrufe.
Ewige Trume umspinnen die Brust, Trume sind Schume, ja sie schumen und
brausen die Lebensflut himmelan. Sieh, er kommt! - Ungeheure Stille in der
weiten Natur, - es regt sich kein Lftchen, es regt sich kein Gedanke; willenlos
zu seinen Fen der ihm gebundne Geist. - Kann ich lieben, - ihn, der so erhaben
ber mir steht? - Welt, wie bist Du enge? - Nicht einmal dehnt der Geist die
Flgel, so breitet er sie weit ber Deine Grenze. Ich verlasse Wald und Aue, den
Spielplatz seiner dichterischen Lust, ich glaube den Saum seines Gewandes zu
berhren, - ich strecke die Hnde aus nach ihm! - Es war mir, als fhle ich
seine Gegenwart im blendenden Schimmer, der sich zwischen Trnen malt. - Es ist
ja ein so einfacher Weg zwischen den Wolken durch, warum soll ich ihn nicht khn
wandeln? - Siehe, der ther trgt mich so gut wie der Rasen, - ich eile ihm
nach, wenn ich ihn auch nicht erreiche, kurz vor mir ist er diesen Wolkensteig
gewandelt, sein Atem vertrgt sich noch mit dem Luftstrom, mag ich ihn doch
trinken.
    Nimm mich zurck, hilf mir herab, - das Herz bricht mir, ja das Herz ist
nicht stark genug, die leidenschaftliche Gewalt, die sich ber die Grenze bumt,
zu tragen. Fhr mich zurck auf die Ebne, wo mein Genius mich ihm einst
entgegenfhrte in der blhenden Zeit zwischen Kindheit und Jugend, wo sich der
Augenstern zum erstenmal zum Licht erhob, und wo er mit vollen Strahlen mir den
Blick einnahm und jedes andere Licht mir wegdunkelte.

                                     * * *

O komm herein, wie Du zum erstenmal kamst vor das Antlitz des erblassenden,
verstummten, dem Verhngnis der Liebe folgenden Kindes, wie es da zusammensank,
da es das Richtschwert in Deinen Augen blitzen sah, wie Du es auffingst in
Deinen Armen, die seit Jahren gesteigerte Sehnsucht nach Dir mit einem Male
lsend. Der Friede, der mich berkam an Deiner Brust! Der se Schlaf, einen
Augenblick, oder war's Betubung? - Das wei ich nicht. Es war tiefe Ruhe, wie
Du den Kopf ber mich beugtest, als wolltest Du mich in seinem Schatten bergen,
und wie ich erwachte, sagtest Du: Du hast geschlafen! Lange? - fragte ich.
Nun, Saiten, die lange nicht in meinem Herzen geklungen haben, fhlt ich
berhrt, so ist mir die Zeit schnell genug vergangen. Wie sahst Du mich so mild
an! - Wie war mir alles so neu! - Ein menschlich Antlitz zum erstenmal erkannt,
angestaunt in der Liebe. Dein Antlitz, o Goethe, das keinem andern vergleichbar
war, zum erstenmal mir in die Seele leuchtend. - O, Herrlicher! - Noch einmal
knie ich hier zu Deinen Fen, ich wei, Deine Lippen trufeln Tau auf mich
herab aus den Wolken, ich fhle mich wie belastet mit Frchten der Seligkeit,
die all Dein Feuergeist in mir gezeitigt, ja, ich fhl's, Du siehst auf mich
herab aus himmlischen Hhen, lasse mich bewutlos sein, denn ich vertrag's
nicht, Du hast mich aus den Angeln gehoben, wo steh ich fest? - Der Boden wankt,
schweben soll ich fortan, denn weil ich mich nicht mehr auf Erden fhle; keinen
kenne ich mehr, keine Neigung, keinen Zweck, als nur schlafen, schlafen auf
Wolken gebettet an den Stufen Deines himmlischen Thrones, Dein Auge Feuerwache
haltend ber mir, Dein allbeherrschender Geist sich ber mich beugend im
Bltenrausch der Liebeslieder. Du! Suselnd ber mir, Nachtigall fltend: das
Gesthn meiner Sehnsucht. - Du! Strmend ber mir, wetterbrausend: die Raserei
meiner Leidenschaft. Du! - Aufjauchzend, himmelandringend die ewigen Hymnen
beglckender Liebe, da der Widerhall ans Herz schmettert, ja, zu Deinen Fen
will ich schlafen, Gewaltiger! Dichter! Frst! ber den Wolken, whrend Du die
Harmonien ausbreitest, deren Keime zuerst Wurzel faten in meinem Herzen.

                                     * * *

                                   Dem Freund


Gebete steigen gen Himmel, was ist er, der auch himmelan steigt? - Er ist auch
Gebet, gereift unter dem Schutz der Musen. - Eros, der himmlische, leuchtet
vorauf und teilt ihm die Wolken, - ich aber kann's nicht sehen, ich mu mich
verbergen.
    Sein Stolz! - Sein heiliger Stolz in seiner Schnheit. Heute sagte jemand,
das sei nicht mglich, er sei sechzig Jahre alt gewesen, wie ich ihn zum
erstenmal gesehen, und ich eine frische Rose. O, es ist ein Unterschied zwischen
Frische der Jugend und der Schnheit, die der gttliche Geist den menschlichen
Zgen einprgt, Schnheit ist ein von der Gemeinheit abgeschlones Dasein, sie
verwelkt nicht, sie lst sich nur von dem Stamm, der ihre Blte trug, aber ihre
Blte sinkt nicht in den Staub, sie ist beflgelt und steigt himmelan. Goethe,
Du bist schn! Ich will Dich nicht zum zweitenmal in Versuchung fhren, wie
damals in der Bibliothek, Deiner Bste gegenber, die in Deinem vierzigsten Jahr
das vollkommne Ebenma Deiner hchsten Schnheit ausdrckte; da standst Du im
grnen Mantel gewickelt an den Pfeiler gelehnt, forschend, ob ich doch endlich
in diesen verjngten Zgen den gegenwrtigen Freund erkenne, ich aber tat nicht
dergleichen, ach, Scherz und geheime Lust lieen mir's nicht ber die Lippen.
Nun? - fragte er ungeduldig. Der mu ein schner Mann gewesen sein, sagte
ich. - Ja wahrlich! Dieser konnte wohl sagen zu seiner Zeit, er sei ein schner
Mann, sagte er erzrnt; ich wollte an ihn herangehen, er wies mich ab, einen
Augenblick war ich betroffen; - halte stand wie dies Bild, rief ich, so will
ich Dich wieder sanft schmeicheln, willst Du nicht? - Nun, so la ich den
Lebenden und ksse den Stein so lange, bis Du eiferschtig wirst. - Ich umfate
die Bste und kte diese erhabene Stirn und diese Marmorlippen, ich lehnte Wang
an Wange, da hob er mich pltzlich weg und hielt mich hoch in seinen Armen ber
seiner Brust, dieser Mann von sechzig Jahren sah an mir hinauf und gab mir se
Namen und sagte die schnen Worte: Liebstes Kind, du liegst in der Wiege meiner
Brust14, dann lie er mich an die Erde, er wickelte meinen Arm in seinen Mantel
und hielt mir die Hand an sein klopfend Herz und so gingen wir langsamen
Schrittes nach Haus; ich sagte: wie schlgt Dein Herz! - Die Sekunden, die mit
solchem Klopfen mir an die Brust strmen, sagte er, sie strzen mit bereilter
Leidenschaft dir zu, auch du jagst mir die unwiederbringliche Zeit vorwrts. -
So schn fing er die Bewegung seines Herzens in sen Worten ein, der heilige
unwidersprechliche Dichter. -
    Mein Freund, ich sage Dir gute Nacht. Weine mit mir einen Augenblick - schon
ist Mitternacht vorber, die Mitternacht, die ihn weggenommen hat.

                                     * * *

Gestern hab ich noch viel an Goethe gedacht, nein, nicht gedacht: mit ihm
verkehrt. Schmerz ist bei mir, nicht Empfinden, es ist Denken, ich werde nicht
berhrt, ich werde erregt. Ich fhle mich nicht schmerzlich behandelt, ich
handle selbst schmerzlich. - Das hat also weh getan, wie ich gestern mit ihm
war. - Ich hab auch von ihm getrumt. - Er fhrte mich lngs dem Ufer eines
Flusses schweigend und ruhig und bedeutsam, ich wei auch, da er sprach,
einzelne Worte, aber nicht was. Die Dmmerung schwrmte wie vom Wind gejagte
zerrissene Nebelwolken, ich sah das zitternde Blinken der Sterne im Wasser, mein
gleichmiger Schritt an seiner Hand machte mir das Bewegte, Irrende in der
Natur um so fhlbarer, das rhrte mich und berhrt mich jetzt, whrend ich
schreibe. Was ist Rhrung? - Ist das nicht gttliche Gewalt, die eingeht durch
meine Seele wie durch eine Pforte in meinem Geist, eindringt, sich mischt und
verbindet mit einer Natur, die vorher unberhrt war, mit ihr neue Gefhle, neue
Gedanken, neue Fhigkeiten erzeugt! - Ist es nicht auch ein Traum, der den
grnen Teppich unter Deinen Fen ausbreitet und ihn mit goldnen Blumen stickt?
- Und alle Schnheit, die Dich rhrt, ist sie nicht Traum? Alles, was Du haben
mchtest, trumst Du nicht gleich Dich in seinen Besitz? - Ach, und wenn Du so
getrumt hast, mut Du dann es nicht wahr machen oder sterben vor Sehnsucht? -
Und ist der Traum im Traum nicht jene freie Willkr unseres Geistes, die alles
gibt, was die Seele fordert? Der Spiegel dem Spiegel gegenber, die Seele
inmitten, er zeigt ihre Unendlichkeit in ewiger Verklrung.

                                     * * *

                                   Dem Freund


Du willst, ich soll Dir mehr noch von ihm sagen, alles? - Wie kann ich's? - Gar
zu schmerzlich wr's, von ihm getrennt, alle Liebe zu wiederholen; nein! Wenn
mir's wird, da ich ihn selbst seh und spreche, wie mir's in diesen beiden Tagen
erging, wenn ich zu ihm bitten kann wie sonst, wenn ich hoffen kann, da er mir
wieder die ewige heilige Rede seines Blickes zuwendet, dann will ich die
Erinnerungen, die aus diesem Blick mir zuwinken, Dir mitteilen. So wird's auch
kommen: es ist nicht mglich, da, blo weil die leichte Hlle von ihm gesunken,
dies alles nicht mehr sein oder sich ndern sollte. Ich will vertrauen, und was
andre fr unmglich halten, das soll mir mglich werden. Was wr die Liebe, wenn
sie nichts anders wr, als was die unregsame Menschheit an sich erfhrt; ach,
sie erfhrt nichts als ihren Ablauf. Schon in dem Augenblick, wo wir khn genug
sind, die Ewigkeit zum Zeuge unseres Glckes aufzufordern, haben wir die Ahnung,
da wir ihr nicht gewachsen sind, ach und nicht einmal: wir wissen vielmehr gar
nichts von ihr. Von ihr wissen und in ihr sein ist zweierlei; gewut hab ich von
ihr, wie ich nicht mehr in ihr war. Dies ist der Unterschied: in ihr leben, da
lebt man im Geheimnis, der innere Mensch umfat, begreift nicht die Wirkung, die
es auf ihn hat. Von ihr leben: da lebt man in der Offenbarung, man wird gewahr,
wie eine hhere Welt uns einst in sich aufgenommen hatte, man fhlt die
Merkzeichen frherer gttlicher Berhrung - das, was Scherz der Liebe schien,
erkennen wir nun als himmlische Weisheit, wir sind erschttert, da der Gott uns
so nah war, da unser irdisch Teil in ihm sich nicht verzehrte, da wir noch
leben, noch sind, noch denken, da wir nicht auf ewig aufgegeben haben, was man
so gern in glcklicher Stunde, am Busen des Freundes aufgibt, nmlich, was
anders zu sein als tief empfunden von dem Geliebten.
    Einmal stand ich am Fenster mit ihm, es war Mondschein, die Bltter der
Reben schatteten sich ab auf seinem Antlitz, der Wind bewegte sie, so da sein
Aug bald in Schatten kam, bald wieder im Mondlicht glnzte. Ich fragt: Was sagt
dein Aug? - Weil mir's schien, als plaudre es. - Du gefllst mir! - Was
sagen deine Blicke? - Du gefllst mir wie keine andre mir gefllt, sagte er;
o ich bitte, sage doch, was willst du mit deinem durchdringenden Blick? fragte
ich; denn ich hielt seine Rede fr keine Antwort auf meine Frage. - Er
beteuert, sagte er, was ich sage, und beschwrt, was ich nicht wage, da kein
Frhling, Sommer, Herbst und Winter meinen Blick dir soll verlocken. Denn du
lchelst mir ja zu, wie der Welt du niemals lchelst, soll ich dir da nicht
beschwren, was der Welt ich nie geschworen?
    Es ist mir hufig nur gleich einem Lichtstreif, der mir durch die Sinne
fhrt und Erinnerungen in mir erhellt, von denen ich kaum wei, ob sie bedeutend
genug sind, da man sie als etwas Erlebtes bezeichne. - In der Natur ist's auch
so, was spiegeln kann, das gibt wider die Schrift der Liebe, der See malt die
hohen Bume, die ihn umgeben, grade die hchsten Wipfel in die tiefste Tiefe,
und die erhabenen Sterne finden noch tiefere Tiefe in ihm, und die Liebe, die
alles erzeugte, bildet zu allem den Grund, und so kann ich mit Recht sagen:
unergrndlich Geheimnis lockt alles zum Spiegel der Liebe, sei es auch noch so
gering, sei es auch noch so entfernt.
    Wie ich ihn zum erstenmal sah, da erzhlte ich ihm, wie mich die Eifersucht
geqult habe, seit ich von ihm wisse; es waren nicht seine Gedichte, nicht seine
Bcher, die mich so ganz leidenschaftlich stimmten, ich war viel zu bewegt, noch
eh ich ihn gesehen hatte, meine Sinne waren viel zu verwirrt, um den Inhalt der
Bcher zu fassen, ich war im Kloster erzogen und hatte noch nicht Poesie
verstehen lernen: aber ich war schon im sechzehnten Jahr so von ihm hingerissen,
da, wenn man seinen Namen nannte, man mochte ihn loben oder tadeln, so befiel
mich Herzklopfen; ich glaub, es war Eifersucht, ich ward schwindlig, war es bei
Tisch, wo meine Gromutter manchmal von ihm sprach, so konnt ich nicht mehr
essen, whrte das Gesprch lnger, so vergingen mir die Sinne, ich ward nichts
mehr gewahr, es brauste um mich her, und wenn ich allein war, dann brach ich in
Trnen aus, ich konnte die Bcher nicht lesen, ich war viel zu bewegt, da war's
gleichsam, als erstrzte der Strom meines Lebens ber Fels und Geklft in
tausend Kaskaden herab, und es dauerte lang, ehe er sich wieder zur Ruh
sammelte. - Da kam nun einer, der trug einen Siegelring am Finger und sagte, den
habe Goethe ihm geschenkt. Das klagte ich ihm, wie ich ihn zum erstenmal sah,
wie sehr mich das geschmerzt habe, da er einen Ring so leichtsinnig habe
verschenken knnen, noch ehe er mich gekannt. Goethe lchelte zu diesen
seltsamen Liebesklagen nicht, er sah milde auf mich herab, die zutraulich an
seinen Knien auf dem Schemel sa. Beim Weggehen steckte er mir den Ring an den
Finger und sagte: Wenn einer sagt, er habe einen Ring von mir, so sage du:
Goethe erinnert sich an keinen wie an diesen. - Nachher nahm er mich sanft an
sein Herz, ich zhlte die Schlge. - Ich hoffe, du vergit mich nicht, sagte
er, es wre undankbar, ich habe ohne Bedingungen alle deine Forderungen soviel
wie mglich befriedigt. - Also liebst Du mich, sagte ich, und ewig; denn
sonst bin ich rmer wie je, ja ich mu verzweifeln.

                                     * * *

Heute morgen hab ich einen Brief vom Kanzler Mller erhalten, der folgendes ber
Goethe schrieb: Er starb den seligsten Tod, selbstbewut, heiter, ohne
Todesahnung bis zum letzten Hauch, ganz schmerzlos. Es war ein allmhlich
sanftes Sinken und Verlschen der Lebensflamme, ohne Kampf. Licht war seine
letzte Forderung, eine halbe Stunde vor dem Ende befahl er: Die Fensterladen
auf, damit mehr Licht eindringe.

                                     * * *

                                   An Goethe


Heute wollen wir der Leier andre Saiten aufziehen! Heute bin ich so glcklich!
Herr und Meister! Heute ist mir ein so herrlicher berraschender Entschlu aus
der Seele hervorgegangen, der mich Dir so nah bringen wird. Du hast mich wie ein
luterndes Feuer durchgriffen und alles berflssige, alles Unwesentliche
weggezehrt. Es rauscht so selig durch mich - keine lustvollere, keine
jugendlichere Zeit von heut an bis zu Dir hinber.
    Wer kann sich mit mir messen? - Was wollen die? - die ber mich urteilen? -
Wer mich kennt, wer mich fhlt, will nicht urteilen. - Wie die Sonne freundlich
mit ihren Streiflichtern auf Deinem Antlitz spielt, so spielt die Liebe, die
Laune mir am Herzen, und wen ich liebe, dem bringt es Ehre, und wen ich Freund
nenne, der kann sich darber freuen, dem hab ich Ehre erzeugt, denn er kam
gleich nach Dir. Wenn's in mir klopfte und tobte, dann strmte mir die
Liebeslust die Melodien dazu, und die Begeistrung nahm sie in den
allumrauschenden Ozean der Harmonien auf. Du hrtest mir zu und lieest die
andern den Verstand haben, sich meiner Narrheit zu entsetzen; unterdessen
strmte Ewiges durch Deine Lieder, und der Eifersucht Brand teilte die
Nebelschauer auseinander, der Sonne krftiger Strahl lockte Blte und Frucht.
    Ja, ewiger Rausch der Liebe und Nchternheit des Verstandes, Ihr strt
einander nicht, die eine jauchzt Musik, die andre liest den Text. - Bildet euch,
urteilt, macht euch Namen, ntzlich, herrlich und gro. Habt Launen und was ihr
versumt? - erkennt es nie! Denn ich und er, der mir im ungemenen Leben
zustrmte, ersetzt mir alles.
    Du bist oben, Du lchelst herab! O dieses Jahres Frhlingsregen, die
Gewitter seiner Sommerzeit, sie kommen aus Deinem Bereich. Du wirst mir
zudonnern, Du wirst Deine gewaltige tiefe Natur mir ans Herz schmettern, und ich
jauchze mich hinauf.
    Wenn die Begeistrung den Weg zum Himmel nimmt, dann schwingt sie sich
tanzend im Flug, und die Gtterjnglinge stehen gereiht und freuen sich ihrer
Khnheit. - Und Du? - Du bist stolz, da sie der Liebling Deiner irdischen Tage
ist, die den Luftozean mit luftbrausender Ungeduld durchrudert, aufspringt mit
gleichen Fen am Himmelsbord und mit hochauflodernder Fackel Dir
entgegenfliegt, sie ber Dir schwingend, dann sie hinschleudernd in die
hallenden Himmelsrume, da sie dem Zufall leuchte zum Dienst, ihr ist's
einerlei wie; sie liegt im Scho des Geliebten, und Eros, der Eiferschtige,
hlt Wache, da nicht hnliche Flammen in ihrer Nhe sich znden.
    In Bhmen, am Waldesrand auf der Hhe, da harrtest Du meiner, und wie ich
Dir entgegenkam, den steileren krzeren Weg kletternd, da standest Du fest und
ruhig wie eine Sule; der Wind aber, der Bote des heranrckenden Wetters, raste
gewaltig und whlte in den Falten Deines Mantels und hob ihn und warf ihn Dir
bers Haupt und wieder herab und wehte an beiden Seiten ihn mir entgegen, als
wolle er Dich mit herabziehen zu mir, die ich ein kleines Weilchen unweit Deiner
Hhe ausruhte vom Steigen, um die klopfenden Schlfen und die erhitzten Wangen
zu khlen, und dann kam ich zu Dir, Du nahmst mich vor Dich an die Brust und
schlugst die Arme um mich, in Deinen Mantel mich einhllend. Da standen wir im
leisen Regen, der sich durch das dickbelaubte Gezweig stahl, da hie und da die
warmen Tropfen auf uns fielen. Da kamen die Wetter von Osten und Westen, wenig
wurde geredet. Wir waren einsilbig. - Es wird sich verziehen jenseits, so
sagtest Du, wenn es nur nicht da unten so schwarz heraufkme. - Und die
Scharen der Wolken ritten am Horizont herauf, - es ward dunkel, - der Wind hob
kleine Staubwirbel um uns her. Deine linke Hand deutete auf die Ferne, whrend
die rechte das Gekrut und die bunten Pflanzen hielt, die ich unterwegs
gesammelt hatte. - Sieh, dort gibt's Krieg! - Diese werden jene verjagen; wenn
meine Ahnung und Erfahrungen im Wetter nicht trgen, so haben wir ihrer
Streitsucht den Frieden zu danken. - Kaum hattest Du diese Worte ausgesagt, so
blitzte es und brach wie von allen Seiten der Donner los; - ich sah ber mich
und streckte die Arme nach Dir, Du beugtest Dich ber mein Gesicht und legtest
Deinen Mund auf meinen, und die Donner krachten, prallten aneinander, strzten
von Stufe zu Stufe den Olympos herab, und leise rollend flchteten sie in die
Ferne, kein zweiter Schlag folgte. -
    Hlt man das Liebchen im Arm: lt man die Wetter berm Haupt sich ergehen!
 Das waren Deine letzten Worte da oben, wir gingen hinab, Hand in Hand. - Die
Nacht brach ein, in der Stadt zndete die Obstfrau eben ihr Licht an, um ihre
pfel zu beleuchten, Du bliebst stehen und sahst mich lange an. - So bentzt
Amor die Leuchte der Alten, und man betrachtet bei einer Laterne seine pfel und
sein Liebchen. - Dann fhrtest Du mich schweigend bis zu meiner Wohnung,
ktest mich auf die Stirn und schobst mich zur Haustr hinein. Ser Friede war
die Wiege meiner trumenden Lust bis zum andern Morgen.

                                     * * *

                                 An den Freund


Nach zehn Jahren ward dies schne Ereignis, was so deutlich in meinem Gedchtnis
eingeprgt blieb, Veranlassung zur Erfindung von Goethes Monument. Moritz
Bethmann aus Frankfurt am Main hatte es bestellt, er wnschte, der
unwidersprechliche Charakter des Dichters mge drin ausgedrckt werden. Er
traute mir das Talent zu, da ich die Idee dazu finden wrde, obschon ich damals
noch nichts mit der Kunst zu schaffen gehabt hatte. - In demselben Augenblick
fiel mir Goethe ein, wie er damals am Rand des Berges gestanden, den Mantel
unter den Armen hervor zusammengeworfen, ich an seiner Brust. - Das
Erfindungsfieber ergriff mich, oft mut ich mich zerstreuen, um nur nicht mich
ganz berlassen zu drfen dem Gebrause der Imagination und den Erschtterungen
der Begeistrung. Nachdem ich die Nchte nicht geschlafen und am Tag nichts
genossen, war meine Idee gereinigt vom berflssigen und entschieden frs
Wesentliche.
    Ein verklrtes Erzeugnis meiner Liebe, eine Apotheose meiner Begeistrung und
seines Ruhms; so nannte es Goethe, wie er es zum erstenmal sah. Goethe in halber
Nische auf dem Thron sitzend, sein Haupt ber die Nische, welche oben nicht
geschlossen, sondern abgeschnitten ist, erhaben, wie der Mond sich ber den
Bergesrand heraufhebt. Mit nackter Brust und Armen. Den Mantel, der am Hals
zugeknpft ist, ber die Schultern zurck, unter den Armen wieder hervor, im
Schoe zusammengeworfen, die linke Hand, welche damals nach den Gewittern
deutete, hebt sich jetzt ber der Leier ruhend, die auf dem linken Knie steht;
die rechte Hand, welche meine Blumen hielt, ist in derselben Art gesenkt und
hlt, nachlssig seines Ruhms vergessend, den vollen Lorbeerkranz gesenkt, sein
Blick ist nach den Wolken gerichtet, die junge Psyche steht vor ihm wie ich
damals, sie hebt sich auf ihren Fuspitzen, um in die Saiten der Leier zu
greifen, und er lt's geschehen, in Begeistrung versunken. Auf der einen Seite
der Thronlehne ist Mignon als Engel gekleidet mit der berschrift: So lat mich
scheinen, bis ich werde, jenseits Bettina, wie sie, zierliche kindliche Mnade,
auf dem Kpfchen steht, mit der Inschrift: Wende die Fchen zum Himmel nur
ohne Sorge! Wir strecken Arme betend empor, aber nicht schuldlos wie Du.
    Es sind jetzt acht Jahre her, da ein hiesiger Knstler15 die Geflligkeit
hatte, mit mir eine Skizze in Ton von diesem Monument zu machen, es steht in
Frankfurt auf dem Museum, man war sehr geneigt, es in Ton ausfhren zu lassen,
da gab Goethe das Frankfurter Brgerrecht auf, dies verminderte zu sehr das
Interesse fr ihn, als da man noch mit der Energie, die dazu ntig war, die
Sache betrieben htte, und so ist's bis heute unterblieben. Ich selbst hab oft
in mich hineingedacht, was meine Liebe zu ihm denn wohl bedeute, und was daraus
entspringen knne, oder ob sie denn ganz umsonst gewesen sein solle, da fiel
mir's in diesen letzten Tagen ein, da ich so oft schon als Kind berlegte, wenn
er gestorben wr, was ich da anfangen solle, was aus mir werden solle, und da
ich da immer mir dachte, auf seinem Grab mchte ich ein Pltzchen haben, bei
seinem Denkmal mchte ich versteinert sein wie jene Steinbilder, die man zu
seinem ewigen Nachruhm aufstellen werde; ja, ich sah im Geist mich in ein
solches Hndchen, das gewhnlich zu Fen hoher Mnner und Helden als Sinnbild
der Treue ausgehauen liegt, darein mcht ich mich verwandeln. Heute nacht dachte
ich daran, da ich frher fter in solche Visionen versunken war, und da war
mir's so klar, da dies der Keim sei zu seinem Monument, und da es mir obliege,
seine Entstehung zu bewirken. Seit ich diesen Gedanken erfat habe, bin ich ganz
freudig und habe groe Zuversicht, da es mir gelingen werde. Goethe sagte mir
einmal folgende goldne Worte: Sei bestndig, und was einmal gttlicher Beschlu
in dir bedungen, daran setze alle Krfte, da du es zur Reife bringest. Wenn die
Frchte auch nicht derart ausfallen, wie du sie erwartest, so sind es doch immer
Frchte hherer Empfindung, und die allseitig erzeugende lebenernhrende Natur
kann und soll von der ewigen gttlichen Kraft der Liebe noch bertroffen
werden. - Dieser Worte gedenkend, die er damals auf unsre Liebe bezog, und
ihnen vertrauend, da sie noch heute meine schwache Natur zum Ziel leiten, werde
ich verharren in diesem Beschlu; denn solche Frchte erzeugt die Liebe: wenn es
auch die nicht sind, die ich damals erwartete, so traue ich doch seiner
Verheiung, es werde mir gelingen.
    Zur Geschichte des Monuments gehrt noch, da ich es selbst zu Goethe
brachte. Nachdem er es lange angesehen hatte, brach er in lautes Lachen aus; ich
fragte: Nun! Mehr kannst du nicht als lachen? - Und Trnen erstickten meine
Stimme. - Kind! Mein liebstes Kind! rief er mit Wehmut, es ist die Freude,
die laut aus mir aufjauchzt, da du liebst, mich liebst; denn so was konnte nur
die Liebe tun. - Und feierlich mir die Hnde auf den Kopf legend: Wenn die
Kraft meines Segens etwas vermag, so sei sie dieser Liebe zum Dank auf dich
bertragen. - Es war das einzigemal, wo er mich segnete, anno 24 am 5.
September.

                                     * * *

Der Freund wei, da die Sehnsucht nicht ist, wie der Mensch sich von ihr denkt,
wie von dem Brausen des Windes und von beiden falsch; nmlich, da beide so sind
und auch wohl wieder vergehen; und die Frage: Warum und woher und wohin, ist
ihnen bei der Sehnsucht wie bei dem Wind. Aber: wie hoch herab senken sich wohl
diese Krfte, die das junge Gras aus dem Boden hervorlocken? - Und wie hoch
hinauf steigen wohl diese Dfte, die sich den Blumen entschwingen? - Ist da eine
Leiter angelegt? - Oder steigen alle Gewalten der Natur aus dem Scho der
Gottheit herab und ihre einfachsten Erzeugnisse wieder zu ihrem Erzeuger hinauf?
- Ja gewi! - Alles, was aus gttlichem Segen entspringt, kehrt zu ihm hinauf!
Und die Sehnsucht nach Ihm, der erst niedersank wie Tau auf den durstigen Boden
des menschlichen Geistes, der hier in seine herrlichste Blte sich entfaltete,
der aufstieg im Duft seiner eigenen Verklrung: sollte diese Sehnsucht nicht
auch himmelan steigen? - Sollte sie den Weg zu ihm hinauf nicht finden? -

                       Dieses Fleisch ist Geist geworden


Diese Worte habe ich als Inschrift des Monuments erwhlt. Was der Liebende dir
zuruft, Goethe, es bleibt nicht ohne Antwort. Du belehrst, du erfreust, du
durchdringst, du machst fhlbar, da das Wort Fleisch annimmt in des Liebenden
Herz.
    Wie der Ton hervorbricht aus dem Nichts und wieder hinein verhallt, der das
Wort trug, was nie verhallt, was in der Seele klingt und alle verwandten
Harmonien ausruft: so bricht auch die Begeisterung hervor aus dem Nichts und
trgt das Wort ins Fleisch und verhallt dann wieder. - Der Geist aber, der sich
vermhlt mit der Weisheit des Wortes, wie jene himmlischen Krfte sich im Boden
vermhlen mit dem Samen, aus dessen Blumen sie im Duft wieder aufsteigen zu
ihrem Erzeuger, der wird auch emporsteigen, und ihm wird Antwort ertnen vom
himmlischen ther herab.
    Der Zug der Lfte, die auch aufseufzen und daherbrausen wie die Sehnsucht,
von denen wir nicht wissen, von wannen, die haben auch keine Gestalt; sie knnen
nicht sagen: Das bin ich! Oder: Das ist mein! - Aber der Atem der Gottheit
durchstrmt sie, der gibt ihnen Gestalt; denn er gebrt sie durch das Wort ins
Fleisch. - Du weit, da die Liebe die einzige Gebrerin ist; - da, was sie
nicht darbringt dem himmlischen Erzeuger, nicht zur ewigen Sippschaft gehre? -
Was ist Wissen, das nicht von der Liebe ausgeht? - Was ist Erfahrung, die sie
nicht gibt? - Was ist Bedrfnis, das nicht nach ihr strebt? - Was ist Handeln,
das nicht sie bt? - Wenn Du die Hand ausstreckst und hast den Willen nicht, die
Liebe zu erreichen, was hast Du da? - Oder was erfassest Du? - Der Baum, den Du
mit allen Wurzeln in die Grube einbettest, dem Du die fruchtbare Erde zutrgst,
die Bche zuleitest, damit er, der nicht wandern kann, alles habe, was ihn
gedeihen macht, der blht Dir und Deine Sorge schenkst Du ihm darum; ich auch
tue alles, damit sein Andenken mir blhe. - Die Liebe tut alles sich zu lieb,
und doch verlt der Liebende sich selber und geht der Liebe nach.

                               Ende des Tagebuchs

                                    Funoten


1
Warum ich wieder zum Papier mich wende?
Das mut du, Liebster, so bestimmt nicht fragen:
Denn eigentlich hab ich dir nichts zu sagen;
Doch kommt's zuletzt in deine lieben Hnde.

Weil ich nicht kommen kann, soll, was ich sende
Mein ungeteiltes Herz hinbertragen
Mit Wonnen, Hoffnungen, Entzcken, Plagen:
Das alles hat nicht Anfang, hat nicht Ende.

Ich mag vom heut'gen Tag dir nichts vertrauen,
Wie sich im Sinnen, Wnschen, Whnen, Wollen
Mein treues Herz zu dir hinber wendet:

So stand ich einst vor dir, dich anzuschauen,
Und sagte nichts. Was htt ich sagen sollen?
Mein ganzes Wesen war in sich vollendet.

                                               (Goethes Werke, 2. Band Seite 11)

2
Ein Blick von deinen Augen in die meinen,
Ein Ku von deinem Mund auf meinem Munde,
Wer davon hat, wie ich, gewisse Kunde,
Mag dem was anders wohl erfreulich scheinen?

Entfernt von dir, entfremdet von den Meinen,
Fhr ich stets die Gedanken in die Runde,
Und immer treffen sie auf jene Stunde,
Die einzige; da fang ich an zu weinen.

Die Trne trocknet wieder unversehens:
Er liebt ja, denk ich, her in diese Stille,
Und solltest du nicht in die Ferne reichen?

Vernimm das Lispeln dieses Liebewehens;
Mein einzig Glck auf Erden ist dein Wille,
Dein freundlicher zu mir; gib mir ein Zeichen!

                                              (Goethes Werke, 2. Band, Seite 10)

3
Wenn ich nun gleich das weie Blatt dir schickte,
Anstatt da ich's mit Lettern erst beschreibe,
Ausflltest du's vielleicht zum Zeitvertreibe
Und sendetest's an mich, die Hochbeglckte.

Wenn ich den blauen Umschlag dann erblickte;
Neugierig schnell, wie es geziemt dem Weibe,
Ri ich ihn auf, da nichts verborgen bleibe;
Da les ich, was mich mndlich sonst entzckte:

Lieb Kind! Mein artig Herz! Mein einzig Wesen!
Wie du so freundlich meine Sehnsucht stilltest
Mit sem Wort und mich so ganz verwhntest,

Sogar dein Lispeln glaubt ich auch zu lesen,
Womit du liebend meine Seele flltest
Und mich auf ewig vor mir selbst verschntest.

                                              (Goethes Werke, 2. Band, Seite 12)

4 Goethes Werke, 2. Band, Seite 7

5
Als ich auf dem Euphrat schiffte,
Streifte sich der goldne Ring
Fingerab in Wasserklfte,
Den ich jngst von dir empfing.
Also trumt ich. Morgenrte
Blitzt ins Auge durch den Baum,
Sag Poete, sag Prophete!
Was bedeutet dieser Traum?
Dies zu deuten bin erbtig!
Hab ich dir nicht oft erzhlt,
Wie der Doge von Venedig
Mit dem Meere sich vermhlt?
So von deinen Fingergliedern
Fiel der Ring dem Euphrat zu.
Ach, zu tausend Himmelsliedern,
Ser Traum, begeisterst du!
Mich, der von den Indostanen
Streifte bis Damaskus hin,
Um mit neuen Karawanen
Bis ans Rote Meer zu ziehn,
Mich vermhlst du deinem Flusse,
Der Terrasse, diesem Hain,
Hier soll bis zum letzten Kusse
Dir mein Geist gewidmet sein.

                                     (Goethes Werke, 5. Band, Seite 147 und 148)

6 Divan, Buch Suleika.

7 Buch Suleika.

8 Suleika 180

9 Hier ist eine Lcke in der Korrespondenz

10 Briefe und Bltter fehlen

11 Die Bltter fehlen

12 Hierher gehrt eine Note

13 Mit einer Gebirgslandschaft als Vignette

14
Du siehst so ernst. Geliebter! Deinem Bilde
Von Marmor hier mcht ich dich wohl vergleichen;
Wie dieses gibst du mir kein Lebenszeichen;
Mit dir verglichen zeigt der Stein sich milde.
Der Feind verbirgt sich hinter seinem Schilde,
Der Freund soll offen seine Stirn uns reichen.
Ich suche dich, du suchst mir zu entweichen;
Doch halte stand, wie dieses Kunstgebilde.
An wen von beiden soll ich nun mich wenden?
Sollt ich von beiden Klte leiden mssen,
Da dieser tot und du lebendig heiest?
Kurz, um der Worte mehr nicht zu verschwenden,
So will ich diesen Stein so lange kssen,
Bis eiferschtig du mich ihm entreiest.

                                               (Goethes Werke, 2. Band, Seite 6)

15 Der jngere Wichmann.

