
                        Ungern-Sternberg, Alexander von

                                 Die Zerissenen

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                         Alexander von Ungern-Sternberg

                                Die Zerrissenen

                                 Dem Freiherrn


                          Otto Magnus von Stackelberg

                                    gewidmet

                                                                   vom Verfasser

                        Verehrter Landsmann und Freund!


Nicht als eine Gabe, deren Gehalt Ihrem Geiste und Ihren Vorzgen schmeichelt,
vielmehr als ein geringes Zeichen meiner hohen Achtung und Liebe fr Ihre Person
empfangen Sie dieses Buch, das sich mit Ihrem Namen schmckt. Stets unvergelich
wird mir der Winter bleiben, wo es mir vergnnt war, in Ihrer Nhe zu leben, und
der Schtze theilhaftig zu werden, die Sie in erleuchteter Wissenschaft und
Kunst whrend eines so reichen Lebens gesammelt haben; mchte ich mich auch
fernerhin Ihres Andenkens freuen drfen, und ein Wohlwollen mich beglcken, das
ich stets als den schnsten Erfolg meiner Bestrebungen ansehen werde.

    Mannheim, im Frhling 1831.

                                                             A. Baron Sternberg.
Es war ein khler Herbstabend, als der Herzog Lothar seine Geliebte, die in der
Vorstadt ein kleines Huschen besa, zu besuchen ging. Er schritt
stillschweigend durch die den Gassen in Gesellschaft eines Mannes, der unter
dem Mantel eine Zither trug, auf der er manchmal einzelne Tne anschlug und
selbst dazu vor sich hinlachte, als berdenke er eine komische Geschichte. Als
der Thorwchter sie anrief und um ihre Namen fragte, rief er laut und znkisch:
Wer denn anders, als der Herzog Lothar und Massiello sein Musiker! Der Soldat
lachte und sagte: Ja doch, Ihr seyd auch der rechte Herzog! wohl mgt Ihr zwei
lustige Vgel seyn, die in die nchste Schenke schleichen - nun immerhin, ich
komme Euch nach, wenn meine Stunde um ist. - Thor, der Du bist, brummte der
Herzog, wer hie Dich meinen Namen nennen? Du weit, da mich Niemand kennen
soll. Nun, entgegnete der lachende Begleiter, Ihr seht ja, gerade die
Wahrheit hat uns am trefflichsten durchgeholfen; da ich dem Soldaten offen
gestanden, wer wir sind, das hat ihn gerade am sichersten berzeugt, da wir es
nicht seyn knnen.
    Sie kamen jezt an die lezten Huser, meistentheils elende, halbverfallene
Htten, die von Fischern und Strandbauern bewohnt wurden; vor einer derselben,
die ein wenig besser aussah, als die brigen, standen die Beiden und klopften
an. Eine alte Magd ffnete leise und leuchtete vorsichtig mit der Laterne in die
Nacht hinaus; als sie den Herzog erkannte, wich sie demthig zurck, die Beiden
traten gebckt hinein und hinter ihnen schlo sich die kleine Thre wieder. Im
Innern des rmlichen Httchens ffnete sich wider Erwarten eine Reihe, wenn auch
nicht prachtvoller, doch auf das zierlichste ausgestatteter Zimmer, die auf eine
kluge Weise nach der Strae dem Auge verdeckt lagen und sich nur gegen den
einsamen Hof, der sorgfltig verschlossen gehalten wurde, ausdehnten. Helle,
glnzend gefrbte Wnde prangten in reizenden pariser Wandgemlden, die
tropischen Gewchse einer heien Zone darstellend, nebst Badescenen, wo schwarze
afrikanische Schnen sich in silberhelle Gewsser tauchten. Ein mit Gold und
Ketten geschmckter Armleuchter schwebte von der Decke nieder und strmte das
klare Licht von schlanken Wachskerzen auf die purpurnen Sammetsessel und Divans,
welche lngs den Wnden in orientalischem Luxus aufgestellt waren. Groe, ppige
Rosen und Astern hingen aus blitzenden Kristallschaalen, passend vertheilt, ihre
Blumenhupter nieder, und ber dem eleganten Pianoforte hing ein ses Bild von
Carlo Dolce, einen schnen Heiligen darstellend, dessen weichen Jnglingskrper
blutige Mrtyrwunden mehr schmckten als entstellten.
    Der Fu de Herzogs schritt leicht und siegreich ber die feinen, persischen
Teppiche hin; er war eben im Begriff, die Reihe der schnen Gemcher zu
durcheilen, um den Gegenstand seines Wunsches zu suchen, als dieser ihm schon
aus einer Seitenthre mehr entgegen flog als trat. Ein helles, lchelndes
Mdchen, das goldne Haar kunstlos auf den Nacken niederflatternd, das
strahlende, groe Auge mit einer Freudenthrne gefllt, warf sich mit entzckter
Hast an die breite Brust des Geliebten; hinter ihr trat eine Dienerin ein, die
sich mit dem spahaften Musiker auf das ceremoniseste begrte. Das Frulein
hatte sich geschmckt, denn sie hatte um diese Stunde den Herzog erwartet, doch
ihr Putz bestand darin, ungeputzt zu scheinen. Das Kpfchen, das sich an die
Schulter des Freundes lehnte, trug weder Perlen noch Gold, sondern nur ein
blasses Rosenknspchen, das kaum bemerkbar in dem hellgelben Haar sich verbarg,
der Schnitt des seidenen Gewandes lief ohne Garnitur von Spitzen oder Blumen um
die Flle des weien Nackens und Halses herum, und nur um den weichen
Marmorglanz des leztern zu heben, schmiegte sich ein Halsband von schwarzem
Sammet, mit einem Demant fest gehalten, um die schne Form. -
    Wer das freundliche, liebliche Mdchen sah, den leichten Schmuck der
Gemcher, und damit den unfreundlichen Eingang von auen in eine niedre
Fischerhtte verglich, der mochte wohl an Zauberei denken, wenigstens an die
natrliche Zauberei, die ein groer Herr sich mit dem Gegenstand seiner
heimlichen Neigung zu bereiten sucht, um dem Gefhl seines Herzens die
Beimischung des Wunderbaren und Hochpoetischen zu geben, welches bei den
alltglich ihn umgebenden Dingen, in der gewohnten Folge der frstlichen
Gemcher und Livren-Gesichter gnzlich zu fehlen pflegt. Doch Jokonde schien
diese Gesinsinnung nicht zu theilen, sie war ein gewhnliches Mdchen, das gerne
ihren Putz und ihren Liebhaber, so wenig Ehre das Daseyn eines solchen ihr
eigentlich machte, der Welt zeigen wollte. Es war ihrem muthwilligen Wesen etwas
hchst langweiliges, sich in der einsamen Wohnung den ganzen Tag ber
eingesperrt zu erhalten, um ihren Geist mit Musikalien und Bchern zu nhren;
die altklugen Gesichter des Papageys und der alten Dienerin waren eben auch
nicht ergzlich, und erst am Abend kam Gesellschaft, gewhnlich der Herzog, der
einige Freunde mitbrachte, und wo dann gelacht, gesprochen und gescherzt wurde.
Heute, da der Herzog heiterer als gewhnlich schien, nahm sich also das schne
Mdchen den Muth, ihm mit einem zrtlichen Geflster die Bitte vorzutragen, sie
aus ihrem Fischer-Pallaste zu entlassen, und in die Residenz oder irgend eine
Stadt zu schicken. - Ein schner Vorschlag, sagte der Herzog etwas trocken,
Du hast in der lezten Stadt, wo Du Dich aufgehalten, kindisches Mdchen, so
viel Schulden gemacht, da ich mir ber meine Schwachheit, mit der ich immer
wieder diese thrichten Ausgaben besiritt, fters Vorwrfe gemacht habe. Hier
kann sich Deine Verschwendungssucht ein weit greres Feld verschaffen, Du
kannst Tausende von Fischen einkaufen, von allen Sorten, und sie dann
meinethalben wieder in's Meer zurckwerfen oder die Armen mit ihnen speisen. -
Jokonde zog eine dstre Miene, die aber sogleich in ein Lcheln berging. -
Ueberdies, sagte der Frst, bin ich jezt an eine Braut versprochen, und da
geht dergleichen, wie Du wnschest, durchaus nicht. Trste Dich, meine Liebe,
und suche ein wenig mehr Gefallen an Bchern Dir anzueignen, Du glaubst nicht,
wie deinem Geschlechte geistige Ausbildung zahllose Reize mehr verleiht. - Nun
schn, rief die Zurechtgewiesene, wenn Du das meinst, Geliebter, so will ich
morgen gleich das groe Geschichtswerk zu studiren anfangen, das auf meinem Pult
eingestubt liegt, und das der galante, gelehrte Herr, der es geschrieben, die
Gte gehabt hat, mir zuzueignen.
    Dieses Gesprch wurde unterbrochen durch ein leises Klopfen, welches vom
Saale aus sich hren lie. Massiello war hingeschlichen, und als die Thre sich
ffnete, sah ein breites, usserst freundliches Gesicht hinein und sagte: Ist
es einigen alten Fischern erlaubt einzutreten? - Aha! rief der Frst, da
kommen unsre Freunde, nur herein! Die Thr ging jezt weit auf und zwei elegant
gekleidete Jnglinge und eine dicke Figur in der Kleidung eines Weltgeistlichen
traten ein. Sie begrten die freundliche Wirthin auf das artigste, und der
ltere von den jungen Mnnern, ein bildschner, aber bleicher Jngling, nahm den
andern an der Hand, indem er zu Jokonde sagte: Dieser, mein Frulein, ist der
neue Freund und Schtzling unseres Frsten, dem die Erlaubni ertheilt worden
ist, dem schnsten Mdchen in dieser Stadt die Hand zu kssen. Eduard, so hie
der Vorgestellte, neigte seine Lippen auf die dargebotenen, zarten Finger, und
der Herzog, ber die Schulter seiner Freundin gebeugt, sah dem errthenden
Jnglinge mit Huld in's blhende Antlitz. Die alte Aufwrterin und das junge
Kammermdchen, beide ein wenig aufgeputzt, reichten Erfrischungen umher; Jokonde
stand am duftenden, zierlichen Theetisch, die Tassen und das glnzende Gerthe
ordnend. Der Abt Siegwart war eine jener behaglichen Erscheinungen, die eine
innere joviale Weltanschauung nach auenhin immer weiter und behaglicher
ausrundet, auf dessen vollen Zgen immer ein heimliches Lachen nur auf den
Moment zu lauern scheint, um in ein lautes auszuplatzen. Er wute tausend
Anekdtchen, mit denen er Markt machte und in den Husern herumging, dabei
spielte er trefflich das Pianoforte, und tanzte auch zu Zeiten, wobei er zu
behaupten pflegte, da es ihm gelungen sey, gewisse neue franzsische Tnze mit
aller ihnen gebhrenden leichten Grazie aufzufassen und darzustellen. Jezt, da
er eine heie, dampfende Tasse am Mund hatte, lchelte er hchst vergngt und
sagte: Sollte man nicht glauben, theurer Prinz, diese unscheinbare Htte sey
die Zauberwohnung, in der die liebliche Undine, nach unsers Fouqu's Zeugni,
ihr tolles Wesen mit den anstndigsten und vornehmsten Leuten treibt? - Wer
ist diese Undine, fragte Jokonde, vielleicht die Frau des Herrn Fouqu? Der
Herzog lachte: Schon wieder ein Irrthum, rief er, Du siehst, wie Du noch
zurck bist; geh morgen sogleich und hole Dir das Buch aus Deiner Bibliothek!
    Der ltere der jungen Mnner, den wir Robert nennen wollen, trat jezt zum
Frsten und sagte: Dem alten Fleackwouth habe ich heute auf das Heiligste
versprechen mssen, seinen Leichnam einst an den Galgen hngen zu lassen. Ich
will nicht in die Erde - in die Luft, hinauf in die Luft; da wird mir wohl
werden, und jener satte Ueberdru, jener Erdgeschmack wird sich endlich aus
meinem Gaumen verlieren. Am liebsten, meinte er, ginge ich als todter Mensch mit
einem Luftballon einsam in die Lfte hinauf, und triebe dann zwischen Wolken und
Gestirnen, von trumerischen Winden hin und her geschaukelt, Jahrelang dort oben
herum. - Eine sonderbare Idee! rief der Frst, vollkommen dieses alten,
wunderlichen Mannes wrdig, der seinen Spleen noch mit sich in ein anderes
Daseyn nehmen will. Ist er etwa wirklich gefhrlich krank? - O, ganz und gar
nicht, erwiderte der Abt, ich habe ihn noch gestern gesprochen; doch, da ich
den alten Thoren kenne, hte ich mich wohl, ihn nach seiner Gesundheit zu
fragen, vielmehr erkundige ich mich angelegentlich, wann er sein Begrbni zu
veranstalten gedenke. Dann lchelt er gewhnlich still vor sich hin und ruft
sehr bestimmt: Das sollen Sie schon erfahren. - Jene Worte des Alten, nahm
Robert das Wort, mahnen mich an einen finstern, eiskalten Traum, den einst
meine junge Seele trumte. Es war mir, als erwachte ich in dem Stbchen, wo ich
mit meinem Vater zusammen schlief. Es war ein kalter Wintermorgen, und ich
bemerkte, wie der lange, etwas drre Mann gebckt am Schreibtische sa, und,
unverstndliche Worte vor sich hinmurmelnd, einzelne Notizen in ein groes Buch
eintrug. Jezt schlug er dieses zu, und der dumpfe Ton, der dabei durchs Zimmer
ging, fllte mich mit einem tiefen Grausen. Mein Vater trat zur Wanduhr, und ich
sah, wie er die Gewichte vorsichtig abnahm, und hrte die Worte: Jezt ist
endlich das Ende da! alle Erscheinungen haben sich schon zu Millionenmalen
wiederholt, die Welt ist reif zum Untergang, die jngste Stunde ist vor der
Thr. Ich kann es nicht beschreiben, wie diese, ruhig hingesprochenen, fast
tonlosen Worte mein Innerstes erschtterten; ich krmmte mich auf meinem Lager
zusammen, meine Glieder bebten, Frost durchrieselte mein Gebein. Also jezt -
jezt, rief ich bei mir - jezt ist die lezte Stunde da! Als ich mich aufrichten
wollte, bemerkte ich den Kirchendiener, welcher die Schlssel des Gotteshauses
abgab, die mein Vater, sammt den abgelsten Gewichten, tnend in eine Ecke des
Gemachs hinwarf. Die Leute aus dem Dorfe kamen mit Laternen, um in der
Finsterni des Morgens den Weg zur Kirche zu finden; als die verschlossene Thre
sie nicht einlie, schttelten sie die Hupter, und ich sah mit Entsetzen in
ihre blassen Gesichter. Man brachte eine Leiche, und mein Vater trat an's
Fenster und rief: Stellt, guten Leute, Euren Todten nur hierher, in mein
Vorzimmer, es lohnt nicht, ihn zu beerdigen, denn bald werden doch alle Todten
auferstehn. Die Knechte gingen, und ich hrte, wie der Sarg mit dumpfem Gerusch
im Vorzimmer hingestellt wurde. Jezt lehnte sich mein Vater weit zum Fenster
hinaus, und schnitt mit einem langen, blitzenden Messer die Sonne und den Mond,
die blaroth am Horizont standen, vom Himmel ab, und zog sie, wie alberne, bunte
Bilder, ins Zimmer hinein. Ich erschrack bis zum Tode; jezt war das kleine
Licht, welches in unsrer Stube brannte, das einzige der weiten, kalten, dunkeln
Schpfung; ein mitternchtlicher Sturm wehte ins Zimmer, und drohte, es zu
verlschen; ich sah, wie mein Vater heftig zitterte. Er blickte mich starr an,
und schien in Erwartung eines mchtigen Ereignisses dazustehn. Jezt verlschte
ein Windsto das Licht, und in dem Augenblick hrte ich, wie die Leiche im
Nebenzimmer in ihrem Sarge sich aufrichtete. Der Schreck, der mich befiel, war
so mchtig, da ich erwachte, und lange nicht zur Besinnung kommen konnte. Wie
gro war mein Entzcken, als ich die Sonne am Himmel stehen sah, wie sie ihre
freundlichsten Strahlen zu mir auf's Lager sandte: nie hat mich ihr Anblick so
erwrmt und beseligt.
    Die Freunde hrten diese Erzhlung ruhig an, und nur Eduard erwiderte: Was
mich betrifft, so stelle ich mir einen Weltuntergang weit groartiger vor; viel
lieber will ich mit einem zerplatzenden Feuerball in die Ewigkeit hineinfliegen,
als an einem kalten Wintermorgen verkmmern. - Sie haben Recht, nahm der Abt
das Wort, auch mir geht es so; ist nun einmal unser armer Leib dazu ersehen, an
jenem merkwrdigen Tage zu erfrieren oder zu verbrennen, so will ich doch das
leztere gewhlt haben. Das Feuer ist an und fr sich schon Leben und Poesie, aus
einer tchtigen Winterklte kann ich aber, trotz alles Grbelns und Deutens,
keine nur einigermaen dichterische Bedeutung herausfinden. - Jeder mu auf
seine Weise untergehn knnen, rief Robert, so wie Jeder auf seine Weise in den
Himmel steigt; ich will nun einmal auf keine andre Art abhanden kommen. Mir ist
jenes Erstarren das finsterste Bild der Vernichtung; alles, alles schwindet -
jeder die Seele wrmende Gedanke flieht - das Meer des Lebens erstarrt langsam,
bis es endlich in seinen Grundtiefen bezwungen da liegt. Ich kann mir denken,
da in diesem frchterlichen Zustande der Gedanke an eine durch Feuer erzeugte
Pein noch ein Labsal ist, da die Seele drstet nach Verzweiflung, ja, da die
klteste Resignation fr sie noch zu warm ist, um sie zu fassen. -
Abscheulich, rief der Herzog, und doch wahr! Ist denn unsre Zeit mit ihren
Wirkungen etwas anders, als ein langsames, bis zum Herzen vorrckendes
Erstarren? Er warf sich auf einen Sessel und sttzte sein Haupt auf die Rechte.
Jokonde ging unruhig hin und her; es war ihr unlieb, da das Gesprch eine
Wendung genommen hatte, welche die heitre Stimmung des Geliebten, mit welcher er
heute Abend erschienen war, zu vernichten drohte. Sie wurde noch unzufriedener,
als Robert sich jezt erhob um Abschied zu nehmen, da eine kleine Reise, die er
vorhabe, sich nicht lnger aufschieben lasse; der Abt begleitete ihn. So
verlt mich denn alles, rief der verstimmte Frst; ich soll es lernen, wie
elend und traurig es ist, allein im Leben dazustehn. Jokonde schmiegte sich an
feine Brust; sie hatte den jungen Eduard gebeten, die Harfe zu ergreifen und ein
erheiterndes Liedchen vorzutragen. Massiello war auch fortgeschlichen, unter dem
Vorwand, er wre zu einer Leichenbestattung gebeten, von der er unmglich
ausbleiben knne. So blieb der Herzog mit Jokonde und Eduard allein. Eine lange
Pause herrschte, der Frst hatte sich am Kamin hingeworfen, sein Blick verfolgte
die zngelnden Flammen, Eduard lehnte an der Harfe, auf welcher er, wie im
Traume, einzelne Akkorde anschlug; auf einer Fubank beim Herzog, das Kpfchen
an seine Kniee gelehnt, lag Jokonde. Am Himmel stand der Mond und glnzte im
Fluge hinter flatternden Fetzen des zerrissenen Mantels der Nacht hervor, der
Herbstwind warf die nackten Zweige des Baumes am Fenster an einander und zog in
hohlen Tnen im Kamine auf und ab. Das Leben ist so arm, rief der Herzog, und
doch vermag eine liebliche Schwrmerei es reich zu machen! - Eduard sang das
Lied vom Knig von Thule. - Ja, ja, seufzte der Frst, so mcht' ich enden!
Jokonde, prfe Dich, Du gutes Mdchen, knntest Du wohl eben so handeln, wie
jene Buhle? - Noch mehr, noch mehr fr Dich! rief sie, und ihr Lockenkopf hob
sich, die Zge ihres engelschnen Angesichts im Ausdruck der reinsten
Zrtlichkeit zu enthllen. Es lag auf ihrem Antlitz die sinnliche Andacht eines
Raphaelischen Engels, der vor einer Heiligen kniet; der Herzog zog sie entzckt
an sich, sein Auge flammte, und Eduards Lied jubelte in hellen Tnen auf. Du
mein Geliebter, Du mein angebetener Knig, lchelte das liebliche Kind weiter,
Du schnster unter den Mnnern, nicht wahr, Du bezahlst doch morgen meine
Schulden? Neun hundert Gulden, mein Geliebter! Der Herzog nickte ihr zu, wand
sich aber aus ihrer Umarmung pltzlich los, schlug die Falten seines Mantels
schnell ber's Gesicht, stand auf und warf einen zornigen Blick Eduarden zu, der
sein begeistertes Lied eben mit einigen schreiend albernen Noten abspringen
lies. Beide verlieen das Gemach und Jokonde blieb ohne Antwort, verstimmt und
verwundert am Kamine stehen.
    Drauen war eben der erste Schnee gefallen, der Himmel hatte sich umzogen
und lag wie ein kaltes, enges Gefngni-Gewlbe ber der Erde, nur von dem
matten, trben Mond, wie von der zurckgelassenen Laterne des Gefangnen-Wrters,
erleuchtet. Der Sturm hatte sich gelegt. Die Strae, wo die lezten Huser
aufhrten und das weite, de Meer sich ausdehnte, lag in Schnee und Nebel
gehllt, kein Luftzug rhrte sich, alles war todt und stille. Da kam die Strae
daher ein einsamer Wagen, mhsam von einem alten Gaul geschleppt, der von den
dumpfen Tnen des Fuhrmanns von Zeit zu Zeit angespornt wurde, hinten drein
gingen zwei Mnner, hngenden Hauptes, in weite Mntel geschlagen. Auf dem
Wagen, als er nher kam, bemerkte man, etwas erhht, einen kleinen Sarg mit
einer Kinderleiche. Der Herzog und Eduard standen bei diesem Anblicke tief
ergriffen stille, und bemhten sich, den wunderlichen Zug aufzuhalten; endlich
gelang es ihnen, einem der schwarzen Begleiter Antwort abzugewinnen, er schlug
den Mantel vom Antlitz, und der Herzog erkannte den alten Fleackwouth, neben ihm
stand Massiello. He, was treibt Ihr hier, Leute? fragte der Frst, was ist es
mit dem Kinde; ist es etwa eines von deinen vielen, Massiello, die Du jezt mit
dem ersten Schnee abzuschtteln gedenkst? Der Alte sah den Herzog mit einem
schmerzlichen, fast weinerlichen Ernst an und sagte hohl: O, ich bitte Euch -
nur jezt keine Scherze, nur jezt nicht; haltet mich auch nicht auf, denn ich
trage jezt meine Jugend zu Grabe, und dieser treffliche Mann hier folgt mit mir
der schnen Leiche. - Ja, ja, rief Massiello, so ist's, lat uns gehn, damit
wir anlangen, ehe der Kirchhofwchter die Thore seiner Stadt schliet, und wir
keinen anstndigen Gasthof zur Verwesung mehr offen finden. Der Herzog sah den
Alten starr an, ein Schauer schien ihn zu durchfrsteln, er sah in die neblichte
Nacht hinaus, dann auf den stillen, gespenstigen Zug und auf die blasse
Kinderleiche, und sthnte: Seine Jugend begrbt er! Ja wohl, ja wohl ist es
dann erst Zeit, da das ganze alberne Fastnachtsspiel des Lebens zu Ende gehe?
Eduard hatte sich inde an die Leiche gemacht und rief: O, seht Prinz, ein
Kinderkopf aus Wachs geformt, mit weien Tchern sauber umwickelt, und diese
Puppe lt der Alte wahrhaftig als Leiche vor sich hin tragen! - Lat ihn,
lat ihn! gebot der Herzog leise und kurz. Der Zug sezte sich wieder in
Bewegung, und Massiello sang mit lauter, kreischender Stimme ein Lied aus einer
Kinderfibel nach einer frommen Melodie, so da die Tne aus dem fallenden
Schneegestber hervortnten, als der Zug schon lngst den Blicken entschwunden
war. So, rief der Herzog, indem er, in seinen Mantel geschlagen, von einer
trb leuchtenden Laterne beschienen, einsam dastand, so trgt jeder am Ende
seine Jugend heim; einmal im Leben mu dies trbselige Leichenfest vor sich
gehen! Ach, die se, gttliche Jugend! Da hatte der seltsame Alte nun alle jene
traulichen Pfnder der Lust, Bnder und Tcher der verstorbenen Geliebten seiner
Jugend, dem Pppchen umgebunden, mit dem zrtlichen Andenken jeder glcklichen
geschwundenen Stunde es umhangen, und geht nun mit der kleinen Leiche hinaus.
Auf dem Grabe, das diese Schtze in sich aufnimmt, sizt nun der arme, alte
Mensch und legt den kalten, versteinerten, von Jugend und Liebe verlassenen
Krper als Leichenstein auf den Hgel. Der junge Eduard sah den groen, schnen
Mann schweigend und betrbt an; er wollte eben einige Worte des Trostes
vorbringen, als jener mit einer leidenschaftlichen Bewegung seine Rechte auf die
Schulter des Jnglings stzte und mit einem Tone des tiefsten Jammers ausrief:
Schenke mir Deine Jugend, flle diesen Busen mit Wrme, und Du sollst ber mich
gebieten! Eduard schmiegte sich an die edle Gestalt, ein geheimnivolles Bangen
erfate sein ganzes Wesen, es herrschte eine minutenlange Pause, und langsam
fielen die Flocken auf die beiden finstern Gestalten herab. Lassen Sie uns
gehen, rief der Herzog, die Nacht wird kalt. - Sie gingen um die Ecke und
verschwanden bald in der Finsterni. -

    In die Malerstube des alten Hofmalers Gotthold hatte seine Tochter Emilie
ihren Verlobten hinbeschieden, weil der junge Eduard ihr zu wissen gegeben, es
drcke seine Brust ein Geheimni, und zwar ein freudiges, welches sein Mdchen
erfahren msse. Dem aufhorchenden, schnen Kinde berichtete jezt der, durch die
Eile noch fast athemlose Jngling sein sich immer fester knpfendes Verhltni
mit dem Herzog und dessen Freunden, die Ereignisse des gestrigen Abends; er
beschrieb das freundliche Wesen der frstlichen Geliebten, und ihre zarte
Beachtung jedes Fremden, der sich ihrem Zirkel nhere; zulezt fragte er das zu
Boden sehende Mdchen um ihre Meinung. Was soll ich zu dem allen sagen,
entgegnete sie mit sanfter Stimme, Du hast es ja gewollt, Dein Bestreben ging
ja immer dahin, mit diesen hhern Stnden in Berhrung zu treten; jezt hast Du
es. - Freilich hab' ich, was ich wollte, rief der begeisterte Jngling,
doch, freue Dich mit mir: das fehlt mir noch. - Freuen? entgegnete das
besorgte Mdchen, die Zeit wird lehren, ob ich dazu Ursache habe. Ich bin nur
zufrieden, Dich deinen dicken Folianten und der pressenden Kante deines
Schreibpults entzogen zu haben. Mir kam es fters vor, als sthlen jene kleinen
schwarzen Zeichen, deren Du so viele tglich auf das blendende Papier maltest,
allmhlig das schne leuchtende Roth auf deinen Lippen und Wangen. - Wie
poetisch! rief der Jngling. Nicht das, entgegnete unwillig das Mdchen, ich
will nichts Poetisches sagen; etwas Wahres, meine Empfindung habe ich Dir
ausdrcken wollen. - Nun ja - und ist es nicht hbsch, da deine Empfindungen
poetisch sind? - Emilie sah ihn mit einem langen, fragenden Blick in die Augen,
dann sagte sie etwas leiser und stockend: Ich habe eine Furcht vor der heutigen
Poesie; ich glaube, da deswegen die Leute so bleich und hohlugig - und wieder
auf der andern Seite so elend und jmmerlich herumlaufen, weil sie so poetisch
sind. Der Vater wird Dir meine eigentliche Meinung besser erklren, ich mu
immer frchten, ausgelacht zu werden, wenn meine ungelenke und unwissende Zunge
dergleichen Dinge berhrt. - Eduard kte seine errthende und schmerzlich
lchelnde Geliebte. Indem trat der Vater herein, und packte einige mitgebrachte
Bilder aus; er wurde sogleich ins Interesse gezogen, und um seine Meinung,
rcksichtlich des Frsten und seiner Freunde, befragt. Gotthold schob seine
Brille auf die Stirne hinauf, die von einem Rest des silberhellen Greisenhaares
sprlich bekleidet wurde, und sagte zu dem am Fenster lehnenden Jngling: Ich
denke, Du kennst meine Ansicht rcksichtlich dieser Herren; es sind Zeitbilder,
elegante Herren. Der eine schreibt bitterse Verse, der andere bringt ganz
unerhrte Noten zusammen; aus dem dritten, dem Dicken, bin ich noch nicht recht
klug geworden; der berhmte Mann scheint in ihm noch nicht reif geworden zu
seyn, gleichsam noch in der Hlse zu stecken. Sie sind alle aber sehr
unzufrieden, nicht allein ber ihren bel zugeschnittenen schwarzen Frack,
sondern auch sogar ber das Leben. Vielleicht haben sie auch Recht; prfe
selbst, mein Sohn. Du hast zu deinem Wissen einen tchtigen Grund gelegt; die
Meinungen der alten Weisen und Dichter haben deinen Geist bilden helfen, nun
richte den Blick in's Leben, besuche die weltverbesserlichen Thee's, die
Diner's, wo die vornehme Zerknirschung, der zahme Egoismus und die kalte
Resignation sammt der Sinnlichkeit Tafel halten und sich bei den Gerchen der
Schsseln aus fremden Zonen betuben. Mir ist nach vielem Streit unerwartet und
wider mein Verdienst ein schner Friede geschenkt worden.
    Als Eduard am Abend sich entfernte, um am andern Morgen zum Herzog zu gehn,
winkte ihm das blaue Auge seines Mdchens in die tiefe Fensternische hinein. Sie
sprach nicht, sie zwang sich zum Lcheln, doch eine Thrne fiel ber dies
falsche Lachen hinweg. Jezt hatte sie Eduarden geschwind etwas umgehngt und in
den Rock gesteckt. Nicht jezt gesehen, rief sie, nicht jezt - erst auf der
Treppe, wenn Du fort bist; es ist ein kleines Geschenk, und Du mut nicht ber
mich lachen. Sie wandte sich weg, ergriff das Licht und leuchtete ihm herab.
Als er unten war, trat er an eine Laterne, zog die Gabe aus dem Busen, und
erkannte ein kleines, goldnes Kruzifix. Wie sie heimlich und beschmt ihren
Gott wegschenkt, dachte er mit Lcheln bei sich; damit er mir folge, wohin ihr
Auge nicht folgen kann, gibt sie ihn. -
    Zu der bevorstehenden Vermhlung des Prinzen war, nebst andern Gsten, auch
der Graf Eberhard angelangt, ein Mann, den man frchtete, weil er im Rufe stand,
geheime Verbindungen zu leiten. Eduard sah ihn beim Herzog, und den nchsten Tag
erfuhr auch seine Emilie die neue Bekanntschaft. Er hat die ganze Welt
umreist, erzhlte der Jngling, alles gesehen. Auf den Trmmern von Athen hat
er melancholische Nchte einsam durchwacht; vor den Knigsgrbern zu Memphis hat
er fragend gestanden; an die Catheder unsrer grten Philosophen hat er
zerschmetternde Theses angeschlagen; in Schottlands Gebirgen hat er mit Ossians
Schatten verkehrt, und, ein zweiter Manfred, hat er die Gipfel himmelstrmender
Alpen bestiegen, um in grlicher Einsamkeit dem nahen Himmel Fragen vorzulegen,
die das Blut eines Geschaffenen starren machen. - Halt ein, rief das
erschrockene Mdchen, was will der wahnsinnige Mensch bei uns? was bei Dir? -
Eduard mute lcheln, aber Emilie sah ihn bittend an: Sprich von etwas Anderm,
sagte sie rasch; wie erscheint Dir diese Jokonde, wie benimmt sie sich, wenn so
viele Herren sie umkreisen? Man sagt mir, sie soll schn und freundlich seyn? -
Das ist sie, erwiderte der Gefragte, sie kann, wie ein Kind, scherzen und
muthwillig lachen; wie ein Kind schuldlos, unbefangen die frischen Lippen ffnet
und die leuchtenden weien Zhnchen enthllt. Ihre Kleidung ist, glaub' ich,
immer nach der neuesten Mode, und ein vielfach gewundener Schawl luft ihr
manchmal durch beide Arme durch. - Das ist nicht mglich, rief Emilie, von
einer so sonderbaren Mode steht nichts im Journal. - Eduard entzog sich
geschickt einem Examen, dem er so wenig gewachsen war. -
    Wieder schimmerten die zauberhaft erleuchteten Fenster des stillen
Fischerhuschens in den Hof hinein, wieder trieb Massiello, gleich einem bunten,
abentheuerlichen Kobold die Gruppen der Gste durch einander mit der
geschwungenen Geiel seiner Laune. Vor dem leuchtenden Theetisch aber sa die
Graziengestalt in den faltigen, breiten Aermeln, mit dem Kpfchen, dessen
Goldgeringel diesesmal, auf modische Weise in einen Apolloknoten geschrzt, in
zwei Psycheflgel sich spaltete gegenber stand der Graf Eberhard in einer eckig
halbzusammengebrochenen Stellung und redete in unheimlicher Tiefe mit dem
schnen Kinde ber die Kerzen herber. Eduard konnte sein Auge nicht von der
Gestalt fortbewegen, seine Seele war in der grten Spannung, denn der Graf
hatte versprochen, heute ein kleines Manuscript vorzulesen. Als er jezt die
Worte: Italien, Schweiz hrte, ri er sich fast gewaltsam vom sprechenden Abt
los und trat an den Theetisch, eben als der Erzhler langsam und mit zuckenden
Lippen die Worte sprach: Es geht mir nichts ber die pikante Fulni Roms,
dieses ewigen Juden unter den Stdten, diese Stadt, die nicht sterben kann, so
tief sie auch von der Last des menschlichen Elends gebeugt worden. Die
Geschichte dieser armen Roma ist die Geschichte eines Menschen, der an einen
Gott geglaubt hat, und dem nun jede Stunde spottend zuruft: du hast geirrt, es
gibt keinen! Diese Worte fielen brennend in Eduards Seele, er fuhr lebhaft auf,
um etwas zu erwidern, als Jokonde ihm eine Tasse Thee hinreichte, und zum Grafen
sagte: Hier ist ein junger Mann, der auch in Rom gewesen ist, und dem, so wie
mir, die Makaroni's vortrefflich geschmeckt haben. Der Graf warf einen kurzen,
matten Blick auf den Jngling, und dieser htte vor Verdru weinen mgen, da
das dienstwillige Frulein ihm so tppisch die Makaroni in den Mund schob. Der
Herzog trug jezt Sthle herbei, und der Graf, indem er ein paar Bltter aus dem
Busen zog, sagte zu diesem:
    Eure Durchlaucht haben es Ihrer groen Gnade, mit der Sie mich beehren,
zuzuschreiben, wenn diese Mittheilungen Sie etwa belstigen sollten. Es sind
Bekenntnisse eines Freundes, von dem ich nicht entscheiden will, ob ich ihn fr
glcklich oder unglcklich halte. Das Lebensrthsel lt viele Deutungen zu.
Mein Freund war bestimmt, ein Geistlicher zu werden, und in diesem Aufsatz wird
sein Eintritt in's Klosterleben geschildert. - Eine Pause herrschte, und der
Graf erhob seine Stimme indem er folgende Worte las:
    Alle menschliche Gre ist Lge, alles Hohe und Heilige ein lppischer
Selbstbetrug! Die wilde Naturflamme der Sinnlichkeit blst ppige farbige Kugeln
vor sich hin, die wir Tugend, Glauben, Wahrheit nennen, und die im nchsten
Augenblick zerplatzen. Die Seele ist die Krankheit des Leibes, die Lgnerin, die
ihm einen Himmel vorspottet, und ihn aus sich und seiner Bestimmung reit; diese
Bestimmung aber ist, zu keimen, zu wachsen, thierisch hinzutrumen und wieder
spurlos zu vergehn; jeder Glaube an ein anderes Ziel, an einen andern Zweck ist
der lcherlichste Betrug. Ich bin frhe zur Wahrheit hindurchgedrungen, und
meine Lippen tranken aus dem Giftbecher als sie noch jung waren. - - Mein Oheim,
der die Wnsche der Eltern erfllte, brachte mich als siebzehnjhrigen Knaben
in's Kloster der schwarzen Brder. Schauerlich finster lag dieses Asyl
menschlichen Elends; zwischen Felsenwnde eingeklemmt ragten die Thrme des
alten Baues in die Luft, und um dem Strahl des Lichts den lezten Zugang fast zu
rauben, warf ein Kranz finstrer Buchen und Tannen von oben herab seinen
blulichen, kalten Schatten in den dmmernden Klosterhof. Hier schlich ich mit
ngstlich fragenden Blicken herum, wenn die schwarzen Gestalten der Brder sich
an mir vorbeibewegten, wenn ich ihre wankenden Schritte hrte, mit welchen sie
in die Nacht der hohen, von einem sprlichen Lmpchen erhellten Kreuzgnge
verschwanden, hier sann ich den trben Wundern nach, die die Knie meiner Brder
beugen machten. Ein langer, drrer Mnch, mit einem Gesichte, wie eine kalte
Steintafel, ging mir nach und htete die Einsamkeit meiner kleinen Zelle. Oft
wenn ich ihn um Mitternacht durch die Kirche aufrecht, wie ein im Sarge
erkalteter Krper, schreiten sah, fiel der Schatten seines vorber wandelnden
Leibes wie eine schwarze, stille Gotteslugnung auf die Bilder der gttlichen
Helfer. Er war nie aus der dunkeln Kellertiefe des Klosters an den warmen Mittag
oben hinaufgestiegen, nie mochte er lcheln, nie eine bunte Blume, einen grnen
Baum sehen, ein grauer Vorhang verhllte auf immer die Aussicht seines kleinen
Zellenfensters. Dieser Mann war es, der mir seine nhere Aufmerksamkeit
schenkte; er gab mir eines Tages ein Buch, in welchem sich schne Abbildungen
jener frommen Helden der Kirche befanden, deren Geschichte meine junge Brust
entflammt hatte. Wie selig war ich im Besitz eines solchen Schatzes. Wenn die
mitternchtliche Glocke ihre einsamen Laute durch die Nacht tnen lie, wenn
alles im Kloster ruhte, dann fand ich Mittel von meinem Lager mich zu erheben,
dem Corridor entlang, dem heiligen Muttergottesbilde vorbei, leise schleichend
eine kleine, versteckte Thr zu ffnen, die mich in ein hochgelegenes
Thurmstbchen leitete, wo sich eine Bank und ein Tisch von Stein befand. Hier
hrte ich nun die Bume auf den Felsen dicht ber mir rauschen, hier konnte ich
den Himmel mit seinen Sternen sehen, hier fuhr oft der Sturm, der unten schwieg,
mit tnendem Brausen durch die Gitterstbe meines kleinen Fensters und drohte
das flackernde Lmpchen zu verlschen, welches vor mir auf der Steinplatte seine
unruhigen Lichter und Schatten warf. Ach, ich kann die Seligkeit, den
herzzerreienden Schmerz, die ahnende Wonne, die trumerische Begeisterung und
die trunkene Entzckung nicht beschreiben, die in jenen wunderbaren Nchten mein
armes Knabenherz befiel. Ich lag auf beide Hnde gesttzt, das Buch auf meinen
Knieen, die blonden Locken meines Hauptes drber hin flieend - stundenlang auf
den kalten Steinen und hing mit verzehrender Glut an den Bildern meines Buches.
Der Gedanke ging endlich in mir auf, da auch ich hnliche Wunder wirken knne,
da auch mein schwacher Krper die Glut des Himmlischen durchstrmen und weihen
knne. Nicht achtend auf die Vermessenheit solcher Gedanken, flog meine jubelnde
Phantasie immer hher; bald zweifelte ich nicht mehr an meinem hohen Beruf;
konnte wohl Gott ein Herz, das so brnstig sich ihm nherte, verstoen? Ich
fate die ganze Strke meiner Seele, niederstrzend lag ich im Staube vor ihm,
und erbat unter strmenden Thrnen ein Wunder. Gleich dem heiligen Faustinus
wollte ich die Stbe meines Fensters schtteln und sie wie Rohrstbe brechen.
Bue und Geielung huben jezt an, und sollten jeden Funken der irdischen
Begehrlichkeit in mir ersticken. In der Einsamkeit meiner Thurmzelle flo mein
Blut unter Geielstreichen und frbte den Steinboden; kein Gebet, keine Frbitte
wurde verabsumt, Hunger und Nachtwachen hatten meine Glieder der Flle der
Jugend entkleidet; endlich glaubte ich reif zu seyn, fr das mchtige Werk. In
einer Nacht, wo ein frchterliches Wetter sich ber unserem Kloster entladete,
fate ich im Wahnsinn jene Eisenstbe, raste in Entzkung und wandte alle Kraft
an, sie zu brechen, - sie brachen nicht - und ohnmchtig strzte ich auf die
Steine des Bodens. Als mich die Brder oben fanden, erhielt ich eine strenge
Zchtigung und mein geliebter Thurm blieb mir auf immer verschlossen. Wenige
Tage nach diesem Ereigni hatte ich den Muth, aus den Klostermauern
hinauszuschleichen, um in den nahen Forst mich zu verlieren. Meine Seele, die in
Betubung lag, drstete nach Einsamkeit. Rastlos forteilend gerieth ich bald in
viele Waldpartien, und kaum hatte ich ein finsteres Rasenpltzchen mir
ausersehen, um mich mit meinem Wunderbuch dort niederzulassen, als ein Gerusch
in meiner Nhe mich pltzlich emporschreckte. Wer beschreibt mein Entsetzen, als
ich dicht vor mir ein Ungeheuer erblickte, welches den heihungrigen Rachen
schon aufsperrte, um meine zitternden Glieder zu verschlingen. Thrnen strzten
aus meinen Augen, in der Angst und Verwirrung strzte ich auf meine Knie und
meine Arme hielten, einem dunkeln Triebe folgend, dem Wolfe die Bltter meines
aufgeschlagenen Wunderbuches entgegen. Nicht so bald hatten die grnen
funkelnden Augen des Scheusals die geweihten Schriftzge erschaut, als die
frchterliche Gestalt langsam zu weichen begann; ich rutschte auf den Knien ihr
nach, immer das Buch gerade vor mich hin haltend und, o dreimal herrliches
Wunder, das mrderische Thier heulte laut auf und entfloh furchtsam ins
Dickicht. Ich blieb noch, auf meinen Knien liegend, ein heier Strom der
Entzckung berstrzte mein Gebein; meine Besinnung drohte zu schwinden, und
mein umherschauender Blick glaubte Gestruch und Bume, Himmel und Wolken in
einem berirdischen Glanze leuchten zu sehen. Grne zngelnde Flammen lsten
sich von den Spitzen der Bume, rothe Lichter entsprangen dem Schoe der
Waldrosen, Sonnenflocken trufelten von oben herab und diese bunten Lichter
vereinigten sich und flossen zu einer hellen Krone um die gelben Locken meines
Hauptes, mein Gewand ward Licht - ich selbst war in einen Heiligen verwandelt.
Mir war ein Wunder gelungen, der Himmel hatte meine Gebete erhrt; schon sah ich
im Geiste eine glubige Menge zu meinen Fen knieen. Als ich im Kloster wieder
ankam, hatte Niemand meine Abwesenheit bemerkt, dem blassen Bruder, der mich
besuchte, warf ich mich an den Hals, mit der Glut meines jungen Busens erwrmte
ich seine eiskalte kncherne Brust, - mein gttliches Geheimni ward das
seinige. Er sagte nichts, doch zuckte es um seine bleichen Lippen. An einem
Nachmittage rief er mich zu sich in seine Zelle. Ich zweifle nicht, mein junger
Bruder, sprach er, an deine wunderthtige Kraft, doch treibt der Lgengeist mich
an, dich zu versuchen, komm, berzeuge, erleuchte mich. Mit diesen Worten
brachte er den wilden Hund des Klosterhofes herbei, und indem er das
wuthschnaubende Unthier an der Kette festhielt, sagte er zu mir: Nun, mein
Bruder, jezt nimm dein Buch, halte es gegen dieses Thier, und wenn du anders
wahr geredet, und an den Himmel glaubst, so wird die Wuth des Hundes nichts
gegen dich vermgen. Du sagst es, rief ich mit starker Stimme, so wahr der
Glaube an des Himmels Kraft kein Spott ist, so wahr wird mir der Hund nichts
Bses anthun knnen. Jezt sank ich auf meine Kniee und entbltterte mein Buch -
in dem Augenblick entsprang das Thier seiner aufgeknpften Kette und - o, es ist
lcherlich, - die Bgen meiner Schrift lagen zerrissen vor mir und ich fhlte
die jhen Schmerzen, wie die grimmigen Zhne des Hundes sich tief in mein
Fleisch einbohrten. Als ich am andern Tage aus meiner Ohnmacht erwachte, lag ich
in meiner Zelle, der bleiche Bruder stand neben mir, und ich bemerkte im hellen
scharfen Strahl des Mondlichtes, wie sich sein blasses Gesicht in einem
grinsenden, tonlosen Lachen weit spaltete, und sich dicht ber mich beugend, so
da sein kalter Othem an meiner heien Fieberwange erwarmte, sagte er leicht und
immer fortlachend: Albernes, warmes Kind, dein Fleisch hat dich bethrt, es gibt
keinen Himmel! Merkst du nun endlich, da es ein bser Geist ist, der mit uns
spielt. Ich hrte diese Worte nicht mehr, mein Herz brach und in einem
Blutstrahl, den ich ausspie, schwanden mir die Sinne von neuem. In einem
Fiebertraum, der mich zwischen Tod und Leben schwebend erhielt, sah ich den
blassen Bruder fters, wie er in der Kirche herumging und mit dem weiten Aermel
seiner Kutte die Bilder der Heiligen auslschte; dann leuchtete er hin und auf
dem matten, schwrzlichen Grund zeigten sich nun scheuliche, ekelhafte Fratzen,
die Menge aber kam und kniete andchtig nieder und sah die entsetzliche
Verwandlung nicht. Schuldlos lchelnde Knabengesichter, blhende Mdchenkpfe
blickten vom Chor hernieder; vor dem Allerheiligsten stand jedoch der
frchterliche Blasse und sang schamlos wahnsinnige Lieder in andchtigen Tnen
ab. Eine dreimonatliche Krankheit hielt mich am Lager fest, in den
frchterlichsten Krmpfen drohten meine entzndeten Sinne unterzugehen, als
endlich die aufstrebende Natur siegte, die Krisis vorberging, lag ich auch,
eine kalte Leiche, da, mit einem Herzen, das nichts mehr bewundern, nichts mehr
lieben konnte. Mein Auge war entsiegelt, was Tausende von Menschen in ihrer
Blindheit fesselte, hatte auf mich seine Macht ewig verloren; ich sah das
hhnende Gerippe durch die bunten Fratzen durch, mit denen die schmeichelnden
Sinne, der Wahnsinn und die Thorheit es umkleiden. Als ich genesen, fhrte der
bleiche Bruder mich nun immer weiter auf die eisige Hhe der Erkenntni; ich sog
von seinen Lippen den schneidenden Spott, die kalte Verachtung, den schlafmden
ghnenden Ueberdru mit Begierde ein; ich verachtete die schwachen Seelen,
welche dem Wurme gleich sich krmmten unter den Tritten eines tyrannischen
Geschicks; mich mochte sein plumper eiserner Fu zertreten, was lag daran, wute
ich doch, da ich dann auf ewig dem Nichts wieder dahingegeben war, aus dem ich
wider meinen Willen zu Qualen hervorgerufen worden. Ich konnte in meiner
Ueberzeugung mich nicht einmal zu dem Glauben eines Lehrers zwingen, als
beherrsche den Menschen ein bses, tckisches Wesen; wie mchte ein solches
Freude daran haben, mit einem Geschpfe zu spielen, das wie ein lppisches
Uhrwerk sich selbst berlassen, zeitig genug an seiner eigenen Erbrmlichkeit
sich aufrieb und vernichtete. Die Thrne der glhendsten Andacht, ist sie mehr
als das Werk eines durch Sinnlichkeit und Eitelkeit hervorgekitzelten Nervs, ist
sie etwas edleres, als das Lcheln auf der Lippe eines Wollusttrunkenen? -
    Der Graf hatte geendet und lag zusammengesunken da, der Herzog trumte vor
sich hin; Eduards Seele war ganz Leben und Bewegung, er glaubte einen Blick in
das Innere des wunderbaren Mannes gethan zu haben, und seine Ueberzeugung war,
da der Graf seine eigene Geschichte vorgetragen habe, er wollte ihn mit einer
Rede voll Glauben und Frhlingswrme ansprechen, da richtete jener das Auge auf
ihn und jener matte, Ueberdru blickende Strahl fiel entkrftigend in seine
Seele. Selbst Jokonde erschrack vor diesem Blicke, und fragte schnell, ob der
Graf nicht noch eine Tasse Thee befehle, oder ob sie, um die Gesellschaft zu
erheitern, etwas spielen solle. Der Graf nickte und der Herzog sprang auf, um
einen dankenden Ku auf die Stirne des schnen Mdchens zu drcken. Massiello
nahm frmlich Abschied, und fhrte zur Entschuldigung an, wie er jezt gerade ein
altes, hchst seltsames Liebeslied dichten wolle, welches in seiner ganzen
Lebendigkeit in ihm aufgegangen sey, als der edle Graf von der absoluten
Thierheit so vortrefflich gesprochen, und da wolle er zwei recht gesunde Leute,
denen es gelungen war, auch das lezte Restchen von Seele, Tugend und
Unsterblichkeit wegzuschleudern, in recht krftiger Naturfreude zusammenfhren.
Der Herzog lie ihn gehen, und auch der Graf nahm Abschied. Ein freudiges
Ereigni war, da jezt die Thr sich ffnete, und die beiden Flchtlinge, Robert
und der Abt, hineintraten. Man hrte nicht viel auf ihre Reiseberichte, der
Herzog umarmte leidenschaftlich einen um den andern, Jokonde brachte allerlei
Possen vor, und endlich mute der Abt sich an das Pianoforte setzen, um einen
seiner franzsischen Tnze zu spielen. Er protestirte heftig, indem er
behauptete, da sein Verlangen, unter den Tanzenden eine Stelle einzunehmen,
viel zu mchtig sey, besonders wenn sein Glck es ihm gestatten wolle, an der
Seite des schnen Fruleins seine Geschicklichkeit zu zeigen. Man kam seinen
Wnschen zuvor, Eduard setzte sich zum Spiel und lchelnd folgte das reizende
Mdchen seinem alten Grazioso, inde der Frst und Robert sich
gegenberstellten. Jokonde machte jene leichten Sprnge, die ihr durch ihre
natrliche Anmuth immer das Entzcken der Zuschauer erwarben, inde der Abt, ihr
schief gegenberhngend, sich in knstlichen Tanzfiguren erschpfte und endlich
damit endete, mit einem bsartigen keuchenden Husten einzugestehen, da er sein
schnes Vorbild unmglich erreichen knne. Ein leises Gelchter wurde hrbar,
als er abtrat; und jezt stellte sich der schne Robert an seine Stelle. Die
Musik flo wie mit Inbrunst in die reizenden Verschlingungen und hob auf
klingenden Wogen die schnen Tnzer wie im Triumph auf und nieder. Der Herzog
glaubte zu bemerken, da Jokonde die dunklen Augen des jungen Englnders suchte
und hustete verstimmt. Als man geendet hatte, trat die Dienerin herein und
meldete, es stehe im Vorzimmer ein kleiner verdrlicher Mann mit einer spitzen,
uerst saubern Nachtmtze, er habe kurz und ungeduldig anbefohlen ihn zu
melden. Die Gesellschaft trat neugierig zusammen, die Thre ging auf und eine
seltsame Figur mit rckwrts flatterndem Schlafrock eilte herein, bemchtigte
sich eines Stuhles, bestieg ihn und sich leise ruspernd und bckend hub sie mit
feiner Stimme zu sprechen an: O meine Herrn, wenn Sie wten, wie krank ich
bin; man beobachtet mich und hlt meine arme kleine Person in einem
weitluftigen Gebude verschlossen, so weit ist es mit der Despotie des Pbels
gekommen; sie sezt die Zeit selbst gefangen, indem sie vorgibt, mich zu
befreien. Ach, es ist etwas beklagenswerthes um die Ehre, der Gott der Zeit zu
seyn! Ja, Madame, lcheln Sie nicht, ich bin die Zeit. Eigentlich sollte ich Sie
verspeisen, da Sie mein Kind sind, aber diese Untugend habe ich mir schon lngst
abgewhnt. Du lieber Gott, meine Kinder heut zu Tage schmecken erbrmlich
schlecht, es ist eine grenzenlos fade Speise, die den besten Magen verdirbt -
freilich wre ich jung - ach damals, damals! still, still! das ist der Wurm -
ganz im Geheim, lieben Freunde, ich bin alt, sehr, sehr alt. Sehen sie dieses
altgermanische blonde Lockenhaar, das unter meiner Mtze auf die Schulter
herabwallt, es ist falsch und deckt meinen nackten Scheitel, der sonst ganz
erbrmlich frieren wrde; der lederne Koller, den mir Gtz von Verlichingen
geliehen, ist nicht genug, die enge kalte Brust zu wrmen, unter ihm trage ich
eine Jacke von Flanell, die ich aber sorgfltig verstecke; den Wertherfrack
ziehe ich manchmal noch drber, ich liebe ihn, weil er so stark nach Pulver und
Lebensberdru riecht. Uebrigens ist mein Gebein von der Studierlampe durch und
durch gedrrt, mein Krper hat allerlei seltsame Einbeugungen und Auswchse von
den Ecken und Kanten des Schreibtisches erhalten und die innern Theile sind vom
bestndigen Nachtsitzen jmmerlich zusammengewachsen. Ach, Madame, Madame! oft
berfllt es mich wie der Tod in Thrnen, wenn ich daran denke, wie ich einst im
alten Hellas als Jngling ewige Hymnen absang, zu den Fen Aspasiens lag; wie
ich als Knabe Alcibiades an den Lippen des Sokrates hing, der so schn war, weil
er so weise; wie ich in ausgelassener sinnverwirrter Jugend den trunkenen
Bacchus auf meinen Schultern durch den jauchzenden Sturm der mitternchtlichen
Orgien fhrte. O Himmel, Himmel! und wie ich spter an der Tafel des Mcenas das
beste Glas Wein in meinem Leben trank, und der alte Flaccus mir zur Seite mit
lchelndem Munde, im Gefhl eines ppigen Lebens, die Reize lndlicher
Einsamkeit pries, wie mir als Antonius die gyptische Knigin in afrikanischer
Liebesglut die Wange bleich kte; wie ich in strmischer Jugendbrust als
Hannibal dem vlkerwimmelnden Erdkreis Verderben schwur! Und spter - Freunde,
Euer Auge wird feucht - Ihr ahnet, wovon ich sprechen will - ach, von der Zeit
meiner ersten Liebe. Die strmische Jugend war vorber; aus dem Orient, vom
Grabe des Erlsers kam ich zurck, in meinem schwarzen Auge lag die dunkle, se
Elegie der Liebe, meine Wange war bleich, der Tod Jesu hatte einen finstern
Schatten auf die Welt geworfen. Die ppige, feurige Blume der Sinnlichkeit
schlo sich, eine heilige, ewige Mondnacht der Liebe ging ber die Erde auf, und
die Schatten gewaltiger, ernster, gothischer Thrme fielen kalt auf die bunten
Marktpltze des Lebens. Damals, Madame, damals liebte ich - hatte ein krankes,
schwaches, doch unendlich liebenswrdiges Mdchen entdeckt, es war meine eigne
Seele. Kennen Sie, Madame, dies seltsame Geschpf? Die wahre Liebe zu ihr ist,
wie jede Liebe, mit ewigen Schmerzen verbunden, doch diese Schmerzen sind s.
Nun trachtete ich nicht mehr nach den Genssen meiner raschen Jugend, sondern
sa die stillen Nchte bei meiner Liebe, sie in den Schlaf wiegend mit sen
Liedern; in den goldnen Grten der Provence gingen wir tndelnd mit einander, an
den Altren prangender Mnster knieten wir mit einander, in den Minnehfen bei
den Sprchen schner Frauen, ewiger Snger, wurde uns das Rthsel unsrer eignen
Glut klar, und in dem Zusammenklang gttlicher Harmonien, in den strmischen
Gebeten glhender Andacht, in Farben, Tnen, Frhlingsglanz und Todesgrauen
schlug der goldene Kelch unserer Liebesblume seine prangenden Bltter mit Gesang
auseinander, und wankte, von Sonnenglanz umtrufelt, in den ewigen Himmel
hinein! - Ach, Freunde, vergebt eine Thrne! o meine Jugend, meine Jugend!
Seitdem, Madame, seitdem - es mu heraus - bin ich alt geworden, die Geliebte
auch. Wir heuratheten uns und bewohnen jetzt verschiedene Seiten. Wir arbeiten
jetzt tchtig an unsrer Vervollkommnung - ach, was habe ich fr Schriften und
Schriftchen lesen mssen, Bcher, Bcher und immer Bcher! Dabei tnt mir oft in
der Nacht bei der Arbeit das alte sehnschtige Lied meiner Jugend in die Ohren;
es ist entsetzlich, mir wird dann so erbrmlich zu Muthe wie einer armen
zergangenen Semmel in einer kaltgewordenen Kaffeetasse! Oh, oh! ich klagte meine
Leiden einem Arzte, der lchelte und sagte, er wte schon lange, da die Zeit
krank sey, er verbot mir das lange Nachtsitzen, die antiken Versmae, und gebot
mir dagegen, von den neuen Tagblttern tglich ein Dutzend zu mir zu nehmen.
Meiner Frau geht's nicht besser, bei der treiben die Philosophen und Frommen ihr
Wesen, und sie fhlt sich auch tglich krnker und gibt in matter Leutseligkeit
alles zu, was man von ihr verlangt. Ja, es ist Zeit, Freunde, es ist Zeit,
Madame, da wir endlich alle schlafen gehen. Gute Nacht!
    Die Gestalt stieg jetzt vom Stuhl und wollte entschlpfen, doch sie wurde im
Triumph wieder eingeholt. Man hatte Massiello erkannt, und als er jetzt seine
seltsame Kleidung nher vorwies, lachte alles, der Herzog am meisten. Die gute
Stimmung schien vollkommen wieder hergestellt. Jokonde allein hatte sich im
Sessel zurckgelehnt und spielte mit ihren Locken, sie mochte nicht mitlachen,
weil sie nicht begriff, worin der Scherz bei der sonderbaren Rede lag, doch war
sie am tollen Massiello dergleichen gewhnt. Sie wute, da der Herzog ihn
liebte und nicht ohne seinen Humor, wie er es nannte, leben konnte. Die
Klostergeschichte des Grafen, sagte der Frst, lt noch immer ihre Bitterkeit
spren, da mssen wir schon zu der Musik unsre Zuflucht nehmen, um durchaus jede
Spur zu vertilgen. Jokonde und der Abt traten ans Pianoforte und Massiello, der
in den Notenbltter whlte, rief: Wenn wir Deutschen nur nicht alle Dinge so
ernsthaft nhmen; so besitzen wir auch keine durchaus frhliche Musik. Wir
kennen die kleinen seltsamen Geschpfe, wie sie da aufs Blatt gezeichnet sind,
noch lange nicht von ihrer schalkhaften Seite; wie es uns an einer Musik fehlt,
die den geistreichen Konversationston nachahmt, so ist uns auch jene fremd,
welche im bacchantischen Strudel das ganze Fllhorn des Momus umstrzt und auf
der Tonleiter bis in die schallenden possenhaften Laute hinauffliegt. Ich wollte
einmal alle Thorheiten der Jugend in einem wunderlichen Liede zusammenfassen, es
mte ein hchst ergtzliches Lied werden; die Musik dazu wre ein anhaltendes
ausgelassenes Gelchter. Ich glaube, damit knnte ich alle Greise und alte
Mtterchen wieder jung machen. - Ein sonderbarer Gedanke, rief der Herzog,
doch nicht ganz ohne Wahrheit; warum bewegt uns ein herzlich Lachender immerdar
zum Mitlachen, wenn wir auch die Ursache des Gelchters nicht kennen, offenbar
ist es der Zauber jener hpfenden, rollenden, schrillenden breitzerplatzenden
Tne, die so mchtig auf uns wirken. Unsere Musik entfernt sich zu sehr von der
Natur, sie sollte mehr Naturlaute in sich aufnehmen, und weniger Regel und
Combination. -
    Robert, Massiello und Eduard entfernten sich, um eine Gesellschaft von
Freunden zu besuchen, die in zwangloser Laune in einem bekannten Weinhause
zusammen zu kommen pflegten. Jokonde und der Abt hatten vor den Notenblttern
Platz genommen; nebenbei lag der Herzog im Armsessel, und spiele mit den Ohren
des kleinen Bolognesers. Die Musik hub im weichesten Moll an, die Tne gingen
wie fromme Einsiedler ins Gebirge, dann rauschte und lrmte es, wilde
Gebirgswasser strzten in den Weg, pltzlich tnte das laute Gesprch der
Einsiedler dazwischen, die sich eine alte verblichene, aber groartige Sage
erzhlten, alles war dunkel und trbe, endlich zerri der Wolkenflor, lachende
Passagen zogen in die Hhe und ganz oben im Diskant erklang eine alberne Posse
und frische Mdchenkrper schttelten sich im anmuthig kichernden Gelchter
dabei; pltzlich trat im Ba ein alter wahnsinniger Knig auf und warf ganze
Hndevoll schwarzer Tulpen und glhender Feuerlilien in den Kreis der Mdchen;
sie flohen erschreckt auseinander, und der alte Wahnsinnige begann, mit Krone
und Zepter geziert, einen unheimlich wankenden Tanz in den tiefsten Tnen, so
da sich der wehende traumartige Mantel Mal auf Mal in die benachbarten Gebsche
verfing. Allen wandelte ein Schauer und Entsetzen an und es war gut, da der Abt
die Sprnge des Alten schnell mit einem hellen Lichtakkord abschnitt, der
pltzlich ernst lieblich in einen vollen, mit andchtigen Menschen und singenden
Priestern angefllten Morgengottesdienst im Schiffe einer khnen gothischen
Kathedrale fiel und das Allerheiligste drinnen sanft beleuchtete. Nun war alles
Friede und hohe Duldung, sanfter Ernst und heilige Bedeutsamkeit. Die tiefen
Brustseufzer der Orgel hrte man nur die menschliche Snde tnen, Engel wehten
mit azurnen Fittigen khle Frhlingsluft der Vergebung, der Bue herab, in den
Beichtsthlen lagen auf den rothsammetnen Kissen schner Mdchenlippen kostbare
Festungsschlssel, die die festesten Pltze dem Himmel offen gaben.
    Der Herzog lchelte bei dieser Stelle sanft in sich hinein, er legte sich
ber, als zge er mit dem Munde die Tne in sich und seine Lippen sammt dem
warmen wehenden Athem drngten sich an Jokondens Wange, die davon befangen wurde
und stockte. Als sich Jokonde zum Ku neigte, warf sich der Herzog lachend
zurck, und das gekrnkte Mdchen spielte mit zwei brennenden Zorn- und
Schaamrthen weiter, indem ihre Hnde wie in geknickten Blumen whlten. -

    Die Freunde hatten sich beim alten Fleakwouth versammelt, um in spter Nacht
zu helfen und zu rathschlagen, denn der Alte war durch die halbgelungene
Ausfhrung eines seltsamen Versuches dem Tode nahe gebracht worden. Massiello,
der gekommen war, ihn zu besuchen, hatte ihn in seinem Armstuhl ohnmchtig, und
mit Blut bespritzt gefunden, in der herabgesunkenen Rechten ein Pistol
eingeklemmt. Die alte Haushlterin war, durch einen Schu herbeigerufen,
erschreckt in's Zimmer gestrzt, wo sie dann vor einer halben Stunde schon den
Herrn in dem bedaurungswerthen Zustand entdeckte. Ein Arzt, den die Freunde
herbeigerufen, erklrte jedoch die starke Verwundung am Haupte nicht fr
tdtlich; es wurden sogleich Umschlge besorgt, Arzneimittel eingerhrt, und als
der Kranke mit den Zeichen eines dumpfen Bewutseyns das Auge ffnete, ward er
auf's Bett gebracht und der Ruhe berlassen, inde der Doktor und die Freunde
sich in das abgeschlossene Seitenzimmer begaben, um ber den wunderlichen
Vorfall sich zu verstndigen.
    Ich kenne den alten, halb wahnsinnigen Freund, sagte der Doktor, so viel
derlei finstere Charaktere sich erkennen und durchschauen lassen, und so habe
ich schon lange eine Ahnung gehegt, er werde sein Leben nicht auf dem
natrlichen Wege beschlieen. Besonders hat mir das Pistolenstckchen, wie er es
zu nennen pflegte, immer, wenn er davon sprach, Grausen und Entsetzen eingejagt.
Es liegt in dem Gedanken etwas ganz Frchterliches, den letzten Lebenreiz noch
in einem Spiel mit dem Tode zu finden.
    Wie meinen Sie das? fragte Eduard, was ist es mit jenem
Pistolenstckchen?
    Der Arzt fuhr in seiner Rede fort. In einer zwanzigjhrigen Bekanntschaft
bin ich oft Zeuge der finstersten und drohendsten Anflle der Melancholie des
Alten gewesen. So traf ich ihn eines Abends allein im Gemach, eine kleine Lampe
brannte vor ihm, sein bleiches Haupt war auf beide Arme gesttzt, und den vor
ihm liegenden Raum des Tisches nahm eine Pistole ein, die er mit weitgeffneten,
starren Augen betrachtete. Er bemerkte mein Eintreten nicht, obgleich die Flamme
des Lmpchens im Zuge der geffneten Thre aufloderte, und mein Schattenbild
riesiggro an der gegenberstehenden Wand hinauffuhr. Als ich nun dicht hinter
ihm stand, vernahm ich mit Entsetzen, wie er folgende Worte leise, doch deutlich
vor sich hinsprach: Die Ladung ist drin, aber auf der Pfanne kein Pulver, -
richte ich nun den Lauf gegen meine Stirne und drcke los, so erfolgt wohl kein
Schu - doch - es kann sich ja fgen - ein Krnchen von der schwarzen grlichen
Masse blieb irgendwo in einem Ritzchen des Schlosses hngen, es springt ein
Funke hinzu - die Ladung entzndet sich und - - - O wie s und lieblich -
wahrlich, den Witz mu ich loben! Welch ein Kitzel von Wollust liegt in der
kurzen unbedeutenden Frage: Wird es znden, wird's nicht? Wie s und zrtlich
umarmt sich Tod und Leben in dem kurzen, flchtigen Zeitpunkt einer Sekunde. O
der herrlichen Spannung, des markdurchrieselnden Schauers. Der gekrmmte Finger
klopft an die Pforten der Ewigkeit und horcht, ob ein Herein! ertne oder
nicht.
    Wahrhaft grlich! rief Robert und rieb sich die Hnde, ich htte den
Alten doch nicht fr so originell gehalten. Eduard fhlte diese Worte wie einen
Stich in seine warme Brust; es sthnte im Nebenzimmer und die Freunde strzten
hin. Der Alte war erwacht und hatte sich vollkommen auf seinem Lager
angerichtet. Als er die bekannten Gesichter gemustert hatte, sagte er
verdrlich: Also noch immer die alte Waare, nichts Neues, nichts Besseres -
und da hat man mir etwas um den Kopf gebunden, einen neuen Reif um das alte
baufllige Fa. Gebt Acht, Freunde, der Wein, der drinnen ghrt, ist so bser
Natur, da er die morsche Tonne wohl noch einmal ganz zersprengen wird. -
Massiello trat dem angeschossenen Silberhaupte nahe, schob die greisen
ehrwrdigen Locken vom Ohr und rief leise hinein: Das war Selbstmord, was Ihr
versucht habt, Alter, schmt Euch! Warum, war die Antwort, ein Jeglicher hat
sein Steckenpferd, ich zum Beispiel liebe nun den Selbstmord. Alter, Alter,
rief Robert, wenn Du gesund wirst, so geh in die Kirche, da wird man Dir gute
Sitten lehren. - Kirche? entgegnete der Greis, und sein zahnloser Mund
lachte, was ist das? Trifft man da lustige Gesellen, gute Unterhaltung? Fast
mu ich's glauben, Shnchen, da Du es mir anrthst. Ja, ja Freundchen, la uns
einmal um Mitternacht hingehen, ich nehme das abgeschossene Stckchen Schdel
mit, und wir spielen damit Fangball, Freund Massiello lt sich auf der Orgel
hren! - Hu, hu, das schmerzt ordentlich! ich glaube, einige alte wunderliche
Gedanken haben schon etwas reden hren vom Einsturz des Leibes und wollen nur
gradeswegs in die Unsterblichkeit schlpfen! Zu frh, zu frh! - binden Sie
wieder fester, liebster Doktor, lassen Sie durchaus nichts von meiner
Persnlichkeit eschappiren. - Robert hatte sich auf das Bett gesetzt und sah
mit seinen groen schnen Augen dem Alten in's Gesicht. Ich knnte, sagte
dieser, jetzt als ein Sterbender, denn hoffentlich bin ich doch ein solcher,
recht viele schne Worte zu Euch, Freunde, sprechen, ja es wre gar nicht
unmglich, da ich sogar rhrend wrde und Euren ganz unwrdigen Wandel zu etwas
recht Wrdigem umkehrte, doch ich wei schon, Du, Robert, denkst nun schon
daran, wie sich meine beschdigte Person in einem Trauerspiel ausnehmen wrde;
Ihr Poeten liebt die Snde und ohne sie knntet Ihr nichts machen; das
allereinfachste Schsselchen wrde unschmackhaft werden; wenn der spanische
Pfeffer der Hlle fehlte, suche nur von Zeit zu Zeit etwas weniger zu spielen,
etwas schwcheren Punsch zu trinken, etwas weniger Leute um ihren ehrlichen
Namen zu bringen, und jhrlich ein hundert Mdchen weniger zu verfhren, so
wchst Dir allmhlich etwas Christenthum an. Es kann nicht schaden, ich habe es
mit allen Dingen im Leben versucht, und alle haben, so lang sie neu sind, etwas
Ergtzliches - doch, Freunde, das grte Elend, der entsetzlichste Jammer, dem
Ihr nicht entgeht mit allen Grbeleien des Verstandes - das ist die
Nothwendigkeit, alle Morgen euren Rock anzuziehen, alle Abend ihn abzustreifen.
O frchterliches Elend, Marter ber Marter! - Er sank in seine Kissen zurck
und seine Lippen wurden bleich. - O Himmel, stammelte er, welche Seligkeit,
da meldet sich etwas bei meiner Seele, ein Gefhl, das mir ganz neu ist, ich
sage Euch, ganz neu. Etwas so Kaltes, Lachendes, Spitzes! Sollte es vielleicht
der Tod seyn? - Nein, o nein, doch nicht, es ist ein altes bekanntes Etwas, ich
glaube, es ist die Reue, doch freilich tritt sie diemal besonders krftig auf;
nun immerhin, ich werde mich auch von ihr etwas durchkitzeln lassen. - Der Arzt
trat jetzt an's Lager und verbat das weitere Sprechen, die Freunde entfernten
sich still in's Nebenzimmer, und der Alte blieb allein, indem man ihn von Zeit
zu Zeit murmeln und lachen hrte.
    Massiello warf sich weinend an Eduards Brust: La uns umkehren, schner,
reicher Knabe, rief er, umkehren zu der einfachen, hlzernen, lppischen
Jugend. O, ber das Gift der heutigen Poesie und aller Poesie! Der Alte hat
Recht. Ein Menschenkind, das seinen Gott liebt, das einen Kalender hat, wo der
Mond und die Sonne roth gemalt drin stehen, und ein Weib, das nach diesem
Kalender sieht, wenn Butter geschlagen und Leinwand gebleicht werden soll, ist
solch ein Kind nicht glcklich? Er trat an das Fenster und sang in die Nacht
hinaus. Die Thurmuhr schlug drei Uhr Morgens. Der Abt hatte sich davongemacht,
um den Morgenschlummer, so wie den Morgenkaffee nicht zu versumen. Robert
sprach finster vor sich hin: Der arme Frst, seine Lage ist wahrhaft
schrecklich; er liebt seine Braut nicht, kann sie nicht lieben und sieht nun
ihrer Ankunft und der Verbindung, die ihn ewig in Fesseln schlagen soll,
stndlich entgegen. Sein Herz, mit allen Genssen schon frhe berhuft, fhlt
eine kalte Leere, die Flamme der Sinnlichkeit befriedigt und erwrmt es nicht,
und diese Jokonde, Himmel! diese duftlose, schne Tulpe, kann sie geben, was sie
nicht hat? - Er sucht einen Freund und geht herum, mit bebendem Finger an jede
Brust klopfend, die ihm verwandt scheint, und auch hier findet er nicht, was er
sucht. Mit einem gewissen coquetten Stolz will er bei mir durchdringen, und wei
doch, da jede Pretension mich unleidlich bindet und zwingt - da zrnt er, da
verzweifelt er und sinkt kraftlos in sich selbst zusammen; doch so geht's dem
Geiste, der sich nicht selbst zu gengen wei. - Eduard fhlte sich so bitter
gestimmt, da er hierauf nichts erwidern wollte und konnte; er entfernte sich,
als er hrte, da der Kranke in einen ruhigen Schlaf verfallen sey, und schlich
am Hause Emiliens vorbei, ohne zu ihren Fenstern aufzublicken.

    Der Herzog hatte mehrere Gste zu seiner schnen Jokonde geladen.
Baumeister, Tapezierer und Maler waren in der Stille versammelt gewesen, um das
kleine Fischerhuschen in der einsamen Gasse mit einem neuen versteckten Anbau
zu versehen, der der Bewohnerin verborgen blieb, so sehr die Neugierde das
schne Mdchen plagte, zu erfahren, was im Werke sey. Robert, Massiello, Eduard
und der Herzog hatten gedichtet, componirt, gemalt und Plne entworfen zu dem
Feste, dessen eingentlicher Grund ein Errthen auf Jokondens Wangen lockte, denn
es galt den Jahrestag oder eigentlich die Jahresnacht zu feiern, wo der Herzog
das schne Kind von der Hand der Verschwiegenheit und Liebe sich antrauen lie.
Er war damals als ein junger, unbedeutender Mensch in's Haus ihrer Eltern
getreten, ermdet durch eine Fureise in die Alpen und fast bis zum Tode
ermattet, dazu ohne Geld und mit einem angenommenen Bauernnamen, so da Jokonde
dem armen Burschen seiner schnen Augen wegen einen, dem Vater abgezwungenen
Kronenthaler in's Rnzchen steckte und ihn heimlich fragte: Wie heit Er denn,
mein Freund? Da hatte der Frst sich lchelnd umgewendet und im Styl eines
altgriechischen Gttermythos hchst pathetisch gerufen: Lothar, Erbprinz von -.
Den Kronenthaler hatte das hbsche Mdchen bald wieder, und die Reise des armen
Burschen in das Gebirge war fr sie eine Reise auf's Gebirge der Hoheit und des
Erdenglcks geworden. Als der Herzog sich jene ersten Liebesmomente
vergegenwrtigte, sah er seine Jokonde mit einem so innigen Blick an, da diese
vor der Flle von Seele erschrack, die in einer Mnnerbrust liegen kann; sie
konnte nichts dagegen geben, als die gewhnliche Dekoration - Sonnenschein,
blauer Himmel, Lcheln, rechts im Vorgrunde ein Grbchen; der Soufleur ihres
kleinen Herzchens lispelte die alten verbrauchten Worte hinauf. Der Herzog
fhrte seine geputzte Schne durch den Kreis der Gste in jene bis jetzt
verschlossenen Gemcher. Strahlende Helle go aus bunten Krystalltulpen und
weien Lilien ihr Feuermeer in ein zierliches Zelt, das von der Liebesgttin
geordnet und hier und da mit einzelnen goldenen Pfeilen festgesteckt war. Es
zeigte sich eine kleine Bhne und vor derselben sa Massiello mit zwei Musikern
und blies eine sonderbare Musik ab deren Composition Lachen erregte, aber
zugleich auch Verdru und Aerger. Jokonde freute sich kindisch, sie war ber
alle Beschreibung reizend: ein Brautkleid von weier Seide umspannte den sen
Leib, goldene Schnre hielten unten einige volle Myrthenbouquets gefesselt, in
ihren gelben weichen Locken lag ein Kranz, dessen klares Diamantenband auf der
hohen weien Stirne festschlo. Sie blickte nun nach Robert, doch er war nicht
da, indem endigte die Musik, und Massiello stieg mit einem langen Schritt auf
die Bhne hinauf, deren Vorhang sich gehoben hatte.
    Man erblickte eine zauberhelle, prchtige Blumenlaube, wie sie so seltsam
und herrlich nur aus der Phantasie aufblhen mag. Aus dem Boden empor flammten
dunkle Feuerlilien in dichter Ueppigkeit und bildeten gleichsam den Grund,
hochgefrbte Rosenkelche schloen sich an sie, und immer heller und geluterter
erschien die Glut, bis sie in stets blasser werdende Rosen, und endlich in weie
Centifolien endete, deren letzte Sprosse hinauf silberhelle Sternblumen und
weie Frhlingsglocken bildeten. Ein mchtiges Blumenaroma berstrmte das
Gemach beim Aufrollen des Vorhangs. Die Landschaft hinter der Laube zeigte ferne
Blue, eine einsame Pinie sttzte sich, wie in Gedanken verloren, auf die
Schultern einer breiten Eiche, ein Paradiesvogel zog schweren, langsamen Flugs
fern und immer ferner in die Landschaft hinein. Jetzt flog ein schner,
geflgelter Knabe auf die Bhne, er trug eine Lyra im Arm, und senkte sich wie
im jauchzenden Entzcken der Jugend tief in die rothen Blumen und schwankenden
Rosenkelche hinein; dann begann er ein wunderlich feuriges Lied, das eine
abentheuerliche, aber liebliche Sage behandelte: es war die Geschichte der
Liebe. - Gott liebte einst, liebte menschlich, liebte ein Weib, aber ein
Gtterweib, wie er ein Gott. Ihr Lcheln schuf den ersten Frhlingskeim und nach
ihren Trumen bildete Gott die Blumen; sie aber liebte einen Raum im flutenden
Meere der Schpfung besonders und bat einst den Ewigen: Schaffe mir hierher ein
Gestirn und schenke es mir, hier mu es kstlich seyn zu wohnen, mild flammt das
Licht des nchsten Firsterns herber und s fliet der Strom der Lfte dahin.
Sie hatte den Wunsch kaum ausgesprochen, als in dem Momente die neugeschasfene
Erde ihre Bahn dahinrollte - die kleine Erde, und der hchste Geist sprach mit
Lcheln: da ist sie! nimm sie, schasse sie zu einem Paradiese um, sie sey dein
Brautgeschenk, schalte mit ihr, wie es deiner Laune gefllt. Da sah die
Gottgeliebte auf die kleine Erde mit rhrender Freundlichkeit nieder, und dachte
ber Plne nach, wie sie sie am zierlichsten schmcken solle. Endlich schuf sie
ein sonderbares Wesen mit einem Barte, einem krausen Lockenkopf und in der Brust
mit einem rothenklopfenden Herzen, und ihm zur Seite, nach ihrem eigenen Bilde,
ein ses krnkliches Pppchen, voll Sehnsucht und Thrnen und voll Lcheln und
Narrenspossen. Diese Beiden, sagte sie, sollen sich nun gegenseitig freuen und
betrben, beides bis zum Tode; es soll eines die Lippen des andern suchen und
nicht wissen, was es thun will, und so entstehe der erste Ku; sie sollen viel
tolles, einfltiges Zeug sprechen und ber die albernsten Dinge zusammen weinen;
sie sollen in den Mond blicken und lachen und weinen, und weinen und lachen
durcheinander. Er soll fluchen und zrnen, wenn sie geht, sie aber soll tanzen,
wenn er sich rgerlich fortschleicht, lachen, wenn er weint, innerlich aber
ersticken wollen an zurckgehaltenen Thrnen, und all der neckende Unmuth, das
weinende Entzcken der Liebe soll bei ihnen wohnen und Htten bauen in ihren
Herzen. - Sie sprach es, und die ersten Menschenherzen fingen ihr unruhiges
Geklopfe an. Ein schner Garten war erbaut, mit dstern heimlichen Gngen, wie
der qulende Dmon der Liebe es verlangt, und die Gottgeliebte freute sich der
Gensse und Qualen ihrer lieben Puppen. Aber ach, sie selbst mute untergehen,
ihre Natur war zu schn, um ewig zu seyn, sie starb am Geruch einer Blume. Als
sie nicht mehr war, fand der hchste Gott kein Gefallen mehr an der Erde, er
mochte den Schauplatz, der ihn an sein verlorenes Glck mahnte, nicht mehr
schauen, einsam lie er die arme Erde in die Nacht hinrollen und sie kam unter
den Pbel der brigen Gestirne. Alljhrig aber, o Himmel, welch Entzcken! wirft
er einen Blick auf sie, und ein seliges Liebeserinnern giet sich dann ber sie
aus. Dann sagen wir Menschen, der Frhling ist da und freuen uns innig; der hohe
Gottestraum der Liebe geht in den Blicken unserer Knaben und Mdchen, in unsern
Blumen und klaren Brunnen auf. -
    Er schwieg und Massiello hob den schnen Pagen mit einem Ku aus dem
Blumenbecken, und trocknete ihm die Thrnen von den vollen rothen Wangen und
sprach: Trste Dich, mein Enzio, wenn jene Frhlinge und Gttertrume immer
krzer werden, so haben wir jetzt so viel Erziehung und Bildung, da wir das gar
nicht bemerken, ja man kann bei einem wrmenden Schlckchen Magenthee, bei einem
Stmpfchen Licht und bei der Abendzeitung auf die alleranstndigste Weise aller
Frhlinge entbehren! Ist man nun auch so glcklich, da man von einem soliden
Frauenzimmer ein Paar grauer wollener Strmpfe zum Winter erhlt, dazu sich die
Fe und den Kopf warm hlt, so kann ein Billigdenkender die bertriebenen
Anstrengungen der Sonne und all das farbige Gras ganz entbehren. Er sprach die
letzten Worte mit fast kreischender Stimme, indem er den weinenden Knaben an
sich drckte, und wenig fehlte, da er nicht selbst in Thrnen ausbrach. Jokonde
lachte, weil sie glaubte, der Herzog wnsche das, als dieser aber ihr sehr ernst
in die Augen sah, wute sie nicht, was sie denken und thun sollte.
    Der Vorhang rauschte jetzt von Neuem auf. Die Bhne hatte sich gnzlich
verndert, sie stellte eine dunkle Hhle vor in tiefer Nacht. Eine dstre
niedergebrannte Ampel erhellte phantastisch die dicken Steinwnde, dunkles
Gebsch, dessen Enden vom Lichte smaragdgrn anliefen, wehte im Nachtwinde. Zwei
rohe, aber schne Buben saen an einem Steintisch und wrfelten, ein schlankes
volles Mdchen lehnte zwischen beiden, und ihr Antlitz, besonders zwei groe
schwarze Augen, sogen das Licht ein und starrten in glnzender Pracht. Es gab
einen warmen Streit, jeder der Buben wollte die volle Schne fr sich, sie
redeten heftig und das Mdchen trat mit einem lustigen Vorschlag hervor. Nun,
Ihr Gesellen, so will ich mich theilen, wenn Ihr anders Frieden halten wollt;
bis hierher, - sie zeigte auf den goldenen Grtel, - gehre ich mit dem obern
Theil, mit Mund, Ku und Rede dem Einen, mit dem brigen mu der Andere
zufrieden seyn! Nun wrfelt! Guten Dank, rief der Schwarze, ich soll also
die Fe erhalten, die zu nichts weiter dienen, als zum Davonlaufen? Sie
wrfelten, und der Blonde erhielt den Oberleib, der Schwarze lachte, da der
volle Lockenkopf schttelte und die dunkeln sinnlichen Augen blitzten im
hchsten Feuer, das sonderbare Mdchen aber lehnte sich mit verschrnkten Armen
zurck, und sah gedankenvoll vor sich hin. Nun gut, rief der Blonde, und
strich sich die goldenen Locken aus der hellen Stirne, ich bin zufrieden, ich
will von Kssen, Seufzern, holden Blicken und sen Trumen leben, meine Seele
soll im Gesang aufblhen und diese Blthe soll Liebe heien, von der heien,
reifen Frucht der Sinnlichkeit will ich nichts wissen. Der Schwarze lachte aber
noch wilder und leerte einen hohen Becher mit Wein, indem er die Schne zu sich
auf den Schoo zog, - sie aber blickte mit sehnschtigen Augen hinber zum
Blonden, und der hatte eine Zither hervorgeholt, auf der er weiche, rhrende
Lieder sang, die sich drauen mit dem stillen Lispeln der Gebsche, mit dem
ruhigen Walten der Mitternacht mischten.
    Das ist die Liebe im Mittelalter, erklrte der Herzog, zu seiner Nachbarin
gewendet, so theilen sich in dieser wunderbaren Zeit Sinnlichkeit und Andacht
in ihre Flammen, und die Feuerrosen der Poesie blhen mit den reinen Lilien
edler Sitte gepaart. Als sich die Scene von Neuem gestaltete, sa Massiello im
Schlafpelz, mit dem Almanach der Liebe und Freundschaft, vor dem Ofen. An den
Wnden hingen in saubern Stahlstichen zwlf politische Kpferchen, den bel
abgelaufenen Freiheitskampf der Griechen, Polen und noch etlicher unterdrckter
Vlker und Vlkchen darstellend, mit unterschriebenen liberalen Phrasen, um
Feuer zu wecken, verziert. Die Bsten des Themistokles und Brutus lagen
zertrmmert auf dem Boden. Ein altes Ritterschwert diente zur Kamingabel, und
auf einem Schilde wurden Kastanien mit etwas Butter gebraten. In einer kleinen
Bibliothek sah man die Memoiren des Casanova und ein paar frivole Kupferwerke
hervorleuchten. Es wurde nichts gesprochen, sondern leise, aber immerwhrend
geghnt, zwischendurch hrte man den Mops schnarchen. Der Vorhang fiel schnell,
und verbreitete durch sein Niederschieen einen kalten Luftzug ber das
Parterre. Der Frst erhob sich, und die alberne Musik ging wieder an. Eduard und
der Abt schlichen verstimmt herum, der Graf lie sich nicht blicken, der Herzog
lag mit Jokonden in den Polstern einer Fensternische. Mit Unmuth sprang er auf,
als ein Kammerjunker vom Hof sich melden lie; er wechselte mit diesem einige
Worte und kehrte dann hchst verdrlich zu seinem Platz zurck. Es verbreitete
sich augenblicklich das Gercht, die Prinzessin Braut sey nur wenige Stunden von
der Residenz entfernt, und wnsche und erwarte ihren hohen Geliebten zu sehen.
Ueber Jokondens Antlitz zuckte es wie ein Schmerz, sie hing in einem langen
Kusse an der Lippe ihres Freundes, dann sank sie in die Polster zurck, und die
Wellen ihrer Atlasrobe rauschten ber sie zusammen. -
    Der Herzog ging, die Gste zerstreuten sich und Eduard stand unschlssig in
seinen Mantel gehllt vor der Thre der Htte. Der Sturm wehte, die Wolken
flogen auf der Himmelsbhne wie wimmernde Schatten durcheinander, ziemlich hoher
Schnee lag auf den niedern Dchern wie auf der Gasse, hier und da leuchtete ein
dnnes Lichtlein, an dem ein altes Fischerweib die schadhaft gewordenen Netze
besserte. Jetzt nherten sich zwei Mnnergestalten dem Hause, ohne Eduard zu
bemerken. Er ist fort, rief eine Stimme, die Roberten angehrte, kommen Sie,
er darf, er wird heute nicht wiederkehren. Eduard trat hervor und Robert eilte
auf ihn zu. Bist Du es? Schn, komme mit uns, Du Jugendlicher, ich will Dich
mit einem hbschen Menschen bekannt machen; komm, das Wetter ist kalt, wir
trinken ein Glas Punsch. Eduard folgte und bemerkte jetzt, da ein bildschner,
erhitzter Jngling, in einen engen Ueberrock geknpft, mit ihm zur Thre sich
eindrngte. Ein heier Athem berhrte seine Wange, und ein offener Mund mit zwei
vollen Lippen kam ihm so nahe, da eine elektrische Bewegung ihn durchzuckte. Es
ist ein Mdchen, rief es in ihm, das mystische Geheimni der Form, die im
Gedrnge und in der Hitze seine Hften berhrte, jagte sein Blut in Bewegung.
Als der Fremde eingetreten war, nahm er den Hut von einem schwarzen Lockenkopf,
und blieb verlegen und befangen an der Thre stehen. Jokonde begrte Robert mit
einem Freudenruf, und im Entzcken duldete sie seinen Ku auf ihren weichen
Oberarm. Der Abt und Massiello betrachteten den vollen Jngling an der Thre
durch ihre Glser und winkten sich einander zu; der schne Page Enzio ordnete
mit Jokondens, Mdchen den Tisch, und beide schtteten wie bermthige
Frhlingsgtter den ganzen Raum voll Frchte, Blumen und Zuckerwerk,
zwischendurch schwankte das schwere goldne und purpurne Na der kstlichsten
Weine in Krystallvasen. Jetzt ri Robert den Fremden rasch zu sich nieder auf
den Teppich, und beide knieten vor Jokonden, die erstaunt und fast kindisch
verlegen aufsah. Glnzende Leere, liebenswrdige Unbedeutenheit, rief Robert
zu ihr hinauf, erlaube, da ich Dir hier meinen Freund vorstelle, oder wie Du
willst, eine Freundin, oder noch besser, einen geschlechtslosen Engel, der nicht
freit und sich nicht freien lt, mit Einem Worte, die Grfin Eva. Sie hat in
Gttingen studirt, in Bonn sich geschlagen, in London wettgerannt, in Spanien
gebetet, fr die Polen Charpie gezupft und in Rom einen dicken Abbate in die
Tiber gestrzt; sie ist eine Katholikin und man sagt, sie werde den Papst
heirathen und im zweispnnigen Wienerwagen gen Himmel fahren.
    Jokonde empfing das wunderliche Mdchen in ihren Armen, und Massiello machte
seitwrts die Bemerkung, da wenn ein Weib das andere umarme, eine gewisse
diplomatische Feinheit und Klte herrsche, die auch die tuschendste Maske der
Leidenschaft durchbreche, inde wenn Mann dem Manne an die Brust falle, eine
trockene, unendlich biedere, langweilige Ehrlichkeit sich zeige, und ein
Mnnerku gleichsam eine Travestie des wahren mnnlich-weiblichen - gleichsam
nur ein fruchtloses Lippenhaut-Rauschen und knstliches Zungenschnalzen, oft nur
ein mhsames Erwrmen der kaltgewordenen Wangen und Lippen sey. - Die Grfin
sprang vor den Spiegel und ordnete ihre Halsbinde, sie warf den Ueberrock weg,
und stand in einer kleinen engen Husaren-Jacke da, die sie mit verliebter
kindisch-zrtlicher Hast zu verdecken strebte und noch lange mit dem Ueberrock
spielte, ehe er ihr ganz entfiel, und sie in der Nacktheit der enganschlieenden
Bubenkleidung dastand. Enzio stand von fern, und ein errthendes Erstaunen lief
seine vollen Wangen hinauf bis zur Stirne, Massiello neigte sich, andchtig die
Hnde faltend, und rief halb singend: O du Adam, Eva und Schlange zugleich!
Der Abt schlug vor, sich auf die Polster um den Tisch niederzulassen, um doch
endlich Ruhe und Elegie in die bunte Posse zu bringen. Ihr werdet sonst
nimmermehr bekannt und der schne Wein verduftet. Die beiden Mdchen lieen
sich auf den Divan nieder und Romeo, so wollte die Grfin whrend ihres Exils
in's Mnnerreich heien, umschlo mit kecker Umarmung die lachende
frischerrthende Jokonde; Robert warf beiden eine Handvoll buntes Zuckerwerk in
den Schoo. Schn, rief Romeo, der Einfall ist trefflich, diese ganz gemeinen
und wohlbekannten Dinge will ich mir von Neuem erklren lassen, doch wer falsch
oder langweilig erklrt, hrt es Unsterbliche! der verfllt in Strafe. Da, was
ist das? Sie hielt ein Zettelchen empor, auf dem ein Prchen gemalt war,
welches sich vor dem Priester die Hnde gab. Der Abt ergriff es und rief: O,
das sind Eheleute! Was sind aber Eheleute, thrichter Vater! riefen beide
Mdchen. Ach, sagte der Abt, es sind zwei Geschpfe, denen in Gasthusern
immer nur Ein Bett angewiesen wird, die gemeinschaftlich eine Quarantaine der
Treue aushalten mssen, und die alle Dinge mit einander theilen, ausgenommen das
Herz und den - Sarg. Gut, trefflich! rief Romeo, Ihr fallt nie aus Eurer
Rolle, theurer Vater. Was ist dies? fragte sie weiter Eduarden, indem sie aus
Jokondens Schoo einen Zettel aushob, der mit zwei umgestrzten Altren die
Unterschrift verband Unglckliche. Unglckliche, rief Eduard stockend, und
warf einen glhenden Blick auf das reizende Knabenmdchen, Unglckliche sind
solche, die, wenn man ihnen Mandeln anbietet, immer die bittern herausfinden,
denen das Butterbrod stets auf die rechte Seite fllt und die, wenn sie einmal
an ihren Thrnen ersticken, auf dem Kirchhof im rmlichsten, dunkelsten Winkel
begraben werden. O schn, triumphirten Robert und Massiello, das war in
unserem Styl gesprochen. Nur still, die Reibe kommt an Eure Hoheit, lachte
Romeo und whlte unter dem Tuche, sie zog eine Rose hervor und hielt sie dem
Componisten hin. Er erschrack: Erbarmen! was lt sich Neues hier sagen! Dann
zuckte aber ein schwindender Glanz ber sein Antlitz und er lispelte vor sich
hin: Rosen sind Blumen mit sechs Staubfden, die schnsten findet man auf
Wangen von Mdchen, die zum erstenmal gestehen, da sie aus einfachen Blumen
gern in doppelte oder gefllte verwandelt seyn mchten. Eine Stille herrschte,
alle Wangen errtheten, ausgenommen die Enzios und des Abts, erstere, weil sie
noch zu jung und zart, letztere, weil sie schon zu gelb und dickhutig geworden.
Die Grfin warf die Blume fast zrnend dem Musiker hin, und glitt schnell zu
einer neuen Frage; sie wandte sich an Robert, doch der entri ihr mit einer
geschickten Wendung das Tuch mit den Devisen, und streute sie bunt auf den Tisch
aus; als Romeo zrnte, kte er ihr mit leidenschaftlichem Entzcken die Hand.
Sie eingehen uns nicht, rief Jokonde dazwischen, Massiello und Robert sind in
Strafe verfallen, ersterer, weil er zu viel, letzterer, weil er zu wenig gesagt,
beide mssen uns etwas erzhlen oder dichten, oder beides zusammen, wie Ihr
wollt. Sie war aufgesprungen und Enzio brachte ihr ein Glas Wasser, sie standen
im Augenblick nebeneinander. Himmel! rief Massiello, welch ein himmlisches
Ebenmaa bei beiden und doch welche Verschiedenheit. - Stehen Sie, grfliches
Mdchen, und Du Enzio, halte Dich gerade neben ihr, nicht auf die Zehe erhoben,
den Kopf in die Hh! - knpfe deine Jacke fester, wahrlich, Ihr knntet Brder
seyn, oder Schwestern, so lieblich variirt die Natur in den lsternsten,
sesten Linien dasselbe Thema, nur das kernige Dur der Rckenlinie bei ihm
gegen den Moll-Wellenschlag der reizendsten Form dort, dennoch aber beide
ineinanderspielend, weiblich sehnschtig bei dem Buben, knabenhaft trotzig bei
ihr. Sein groes blaues Auge sucht durch den Nebel das Rthsel der Form zu
ergrnden, es ahnet Geheimni auf Geheimni und schrickt immer wieder zurck,
sie zu enthllen, inde die jungfruliche Psyche den blinden tappenden Amor gern
mit einemmal an's Ziel fhren mchte, um sich mit einem Triumphlcheln an seinem
Entzcken zu laben. Enzio errthete und richtete seinen Blick verstohlen aber
mit Glut auf Romeo, als ihm dieser die Hand reichte, drckte er seine Wangen so
heftig darauf, da die blonden glnzenden Locken ber sein Antlitz
niederstrzten und es einhllten. Als er wieder aufblickte, fllten Thrnen sein
Auge; Massiello schlo ihn in seine Arme und wnschte dem Gesunden heimlich
Glck zu seinem aufdmmernden Liebesmorgen. Robert und Jokonde winkten und
riefen schon lange, der erstere wollte etwas erzhlen und hub jetzt an:
    Ich wohnte in Rom in einer Villa bei einem ehrlichen Pchter aus der
Campagna. Der Sommer war hei, doch vor meinem Fenster, das ein dichtes
Laubgewebe umspann, und wo mein Arbeitstisch stand, war es khl, und wenn ich
dichtete, pflegten die Blumen strker zu duften. Meine Stube war klein; ein
Bett, ein Tisch, auf dem ein Kruzifix stand, und eine Kopie der Schule von Athen
an der Wand - dies war alles; ber der Thre hing meine Flinte und auf einem
Schrnkchen stand eine Bronce-Bste Byrons. Mein Wirth war aus Albano und seine
Tochter Lucia in der That ein schnes Mdchen; ihr Antlitz, ihr Hals umspann
jenes se geheimnivolle Bla-gelb das die ilalienischen Mdchen der Nacht
hnlicher macht als dem Tage, nur ihre Lippen waren vom lebhaftesten Roth; die
Augen schwarz, die Wimper lang. Die Haare trug sie mit einem Knoten
hinaufgezogen, so da der Contour des kleinen Ohres sich klar darstellte. Nie
sah ich sie lcheln, wenig sprechen, ihr Gang war langsam aber fest, mnnlich
fest. Sie kam fters in meine Stube, und wir redeten mit einander von den
Heiligen und Mrtyrern, als ich aber einmal von Liebe sprach, und ihre runde
Schulter kte, blieb sie weg, und schickte ihren kleinen Bruder, wenn ich etwas
nthig hatte. Wo ist Lucia, fragte ich diesen eines Morgens, warum kommt sie
nicht? hat der Vater es ihr verboten? Nein, sagte Matteo, der Vater verbietet
der Lucia nichts. - Warum kommt sie nicht? - Wei nicht, Signor. - Liebt deine
Schwester? - Ja, mich und den Vater. - Sonst Niemand? - Und die Heiligen. -
Sonst Keinen? - Nein! - Hat sie einen Brutigam? Matteo sah mich mit groen
offnen Augen an und sagte: Ich glaube es nicht, die heilige Mutter zu St. Marco
wei am besten, wenn die Mdchen sich einen Buben ins Herz schlieen; Lucia ist
noch nie in St. Marco gewesen. - Er ging und lie mich allein. Ein Unmuth befiel
mein Herz, ich war zu stolz, um mir zu gestehen, da ich Lucia liebe, und doch
krnkte mich ihre bermthige Klte; ich suchte sie 'zu vergessen, allein in
meinen Liedern lebte das braune, wunderliche Mdchen wieder auf. Freunde aus Rom
kamen, ich gab mich ihnen hin, sie sollten mich zerstreuen; doch auch sie
sprachen von Lucia und ihrer Schnheit. Jezt schlo ich mich ein und whlte die
Sehnsucht zu meiner Gesellschafterin. Schlaflos brachte ich die kurzen
italienischen Nchte auf dem Lager zu; ach! es stie dicht an Lucias Bette, nur
durch eine Wand geschieden. Ich schrieb Briefe, schenkte Heiligenbilder und gab
Matteo mndliche Auftrge, die er richtig besorgte; Lucia nahm nichts,
beantwortete nichts, sie that, als wenn ich nicht auf der Welt wre. Ich
durchlief alle Knste der wagenden Liebespolitik, ich erprobte sie alle, und sah
jeden Pfeil abgleiten, machtlos zu Boden sinken. Wahrlich, Lucia ist kein
Mdchen, hinter diesen braungelben Wangen fliet kein Blut! sie ist dem
Belvedere entsprungen, ein kalter, griechischer, marmorner Traum, eine lebendig
gewordene Demeter, die ihre herbe Keuschheit unter den ppigen Leib einer
achtzehnjhrigen Albaneserin verbirgt. - Auf seiner Wanderung ins Gebirgskloster
von St. Geovanni pflegte ein korpulenter Barfler mich zu besuchen, ein
Fallstaff unter den Mnchen, eine Figur voll Wunderlaune und behaglicher
Unwissenheit. An seinem stmmigen rothen Halse hing ein grotesker Rosenkranz und
an diesem zahllose Bndelchen, Abbildungen heiliger Leute und ihrer Geschichten.
Fra Bartholo handelte mit diesen und hatte mir mit heiserer, erstickter Stimme
alle jene schaurigen Legenden erzhlt, welche Lucia aus meinem Munde wieder
erfuhr. Jetzt kam er, lie sich keuchend nieder und auf seine Fragen mute ich
ihm nun begreiflich machen, da ich verliebt sey. Er sah mich an, zog ein sehr
ernstes Gesicht, brachte die Augenbraunen dem struppigen Haarkranze fast nahe,
schlpfte mit dem Kinn in die Kutte hinein, hob sich dann langsam und
gravittisch, so weit es der rothe dicke Hals erlaubte, und sagte - nichts. Wir
saen lange Zeit stumm bei einander und tranken eine Flasche Orvieto leer, dann
ging er ins Gebirge, indem er versprach, nach zwei Tagen wieder zu kommen, um
mir seinen Rath zu ertheilen. Er kam auch wirklich und sein Rath war eben so neu
als seltsam. Don Roberto, sagte er, geht auf euer Lager, stellt euch an, als
wret ihr krank; lasset der Lucia sagen, die heilige Theresia sey euch im Traume
erschienen und habe euch angedeutet, da euer Tod nahe sey, wenn ihr nicht drei
Oliven auf einer Schaale von der Hand der Signora Lucia erhieltet. Bruder
Bartholo, rief ich, ihr habt die Absicht, ein lustiger Vogel zu werden; so sagt
denn, wozu sollen mir die drei Oliven ntzen? Bartholo lchelte in den Bart: Die
nicht, rief er, die ntzen dir nichts, Shnchen, sie sind nur da, um Lucien zu
bewegen, dich zu sehen! Bedenke nun aber, welchen Eindruck das auf ihr Herz
machen wird, wenn sie dich, den sie bis jetzt stark und vielleicht nur zu
bermthig gesehen hat, nun schwach und ihrer Hlfe bedrftig erblickt; o,
Bruder Bartholo kennt auch das Herz der Weiber. Er suchte jetzt in seinem
Bettelsack und zog ein Bchelchen hervor, das er aufschlug und mir hinhielt. Es
war das alte Testament und die bezeichnete Stelle beschrieb die List, die Amnon,
der Sohn Davids, ausbte, um seine Stiefschwester Thamar zu gewinnen. Ich
umarmte meinen dicken Freund; nicht wahr, rief er mit schalkhaft blinzelnden
Augen zu mir hinauf, nicht wahr, Shnchen, du bist eben so schn und listig als
Amnon, und Lucia ist ein Mdchen wie Thamar? Er holte drei Feigen hervor und
sagte: soviel Dublonen gibst du deinem guten Bruder, wenn er wahr geredet. Er
ging und ich brachte eine unruhige Nacht zu, in der ich die heilige Theresia zu
erblicken glaubte, wie sie ihre Hand auf meine heie Stirne legte, so da
augenblicklich ein bses Fieber in mir aufkochte. Ich sah mich im Geiste
todtkrank auf dem Lager, die Thre ffnete sich und Lucia schwankte hinein; die
Sonne brannte hinter den niedergelassenen Vorhngen, eine dumpfe, heie,
sehnschtig se Stille herrschte im Gemach. Das erschreckte Mdchen zitterte
vor der Glut, die meine halbgeffneten fieberheien Lippen athmeten, ihr Blick,
schamhast gesenkt, verirrte sich auf eine entblste Schulter, die ein warmer
Pulsschlag mit einem erhitzten durchsichtigen Roth frbte; kaum vermag es ihre
Hand, mir die Oliven zu reichen, ihr Arm bebt, ich komme ihr zu Hlfe und meine
Berhrung jagt die wahnsinnige Glut des Fiebers auch in ihre Adern. Sie sieht
mir ins Auge und die rhrendste Bitte klagt in dem halbgebrochenen Strahl, es
ist die Seele selbst, die fr den armen, in ungeheurem Verlangen dahinsterbenden
Krper fleht. Ist es mglich, da zu widerstehen? wer kann dies se Auge, diese
weichen Lippen erkalten sehen zum Tode, da ein Ku sie retten kann, ein einziger
Ku! Sie beugt sich nieder, Lippe auf Lippe wurzelt fest, ein Busen, in dem die
Glut des Aetna kocht, pocht an dem ihrigen! - Arme Lucia!
    Den Morgen darauf lag ich wirklich im Fieber. Eine Nacht voll Sinnlichkeit
und trunkener Trume hatte mich zum Katholiken gemacht; ein wilder
phantastischer Himmel brannte in meinem Gehirn, ich glaubte an jedes Wunder,
Lucia war mir eine Heilige, von ihren Lippen erwartete ich Genesung. Durch
Matteo erfuhr sie meinen angeblichen Traum und das andchtige Mdchen glaubte an
ihn und versprach zu kommen. Sie kam. -
    Robert blickte mit einem dunkeln, bedeutsamen Blicke hinauf. Meine
Erzhlung ist aus, rief er dann kurz und schnell. Ja wohl, sagte der Abt mit
Lcheln, nur die drei Dublonen fehlen, die Fra Bartholo bekam. - Dergleichen
Geschichten, sagte Massiello, will ich mir einmal nur von meinem Freunde
Boccaz vorerzhlen lassen; in ihm allein herrscht eine gesunde Sinnlichkeit,
berall anderswo mischt sich was krankhaftes bei. Beide Mdchen sahen
schweigend und verstimmt vor sich hin. In Eduards Seele war ein Funke jenes
Feuers gefallen, das von Roberts Lippen gesprht, seine Blicke suchten Romeo,
langsam glitten sie herab und blieben an dem Goldnetz der Husarenjacke hngen.
Massiello lockte den Abt aus Piano, beide strzten sich in eine dunkle sinnliche
Tonflut, aus welcher nur hier und da einzelne Spotttne, wie nackende badende
Knabenkpfe, auftauchten. Robert war ganz Muthwille, er schlrfte aus dem Becher
an der Stelle, wo Romeo's Lippen den Rand berhrt, er flocht Jokondens Goldlocke
mit Romeo's schwarzem Haar zusammen, und sprach ber beide einen wunderlichen
Segen aus. Als sich die Grfin dem schnen Englnder zuneigte, fhlte sie ihren
Fu umklammert; es war Enzio, der unter dem Tisch auf seinen Knien lag und die
heie Wange an den Schuh drckte, so da seine glhenden Thrnen den Strumpf
durchdrangen und auf dem kleinen Fu brannten. Was ist Dir, rief Romeo und
zuckte mit dem Fu, steh auf, wunderlicher Knabe, was soll das, wozu das? Er
erhob sich und indem er fortschlich, trocknete er sich mit den langen seidnen
Locken die Augen.
    Der Wagen der Grfin fuhr vor, Massiello trieb zum Fortgehen und die
Gesellschaft zerstreute sich. -
    Eduard, Gotthold und der Frst fhrten ein Gesprch ber die Schnheit in
der Kunst. Massiello hatte Abgsse von den Bildsulen der Apostel von Bernini
gesehen, und in seiner Weise kurz geuert, sie seyen ihm zu vornehm. Der Frst
griff diesen Tadel begierig auf und brachte ihn zum Diskurs. Und ist er nicht
vollkommen gegrndet? fragte er lebhaft, kann wohl ein gerechterer Vorwurf dem
Maler oder Bildner gemacht werden, der uns jene armen, verkannten und
mihandelten Mnner, die nichts anderes waren als Bettler, Taglhner oder
Fischer, als schne prchtige Leute, gleichsam als irdische Frsten hinstellt?
Der Graf trat hinzu und sagte: Freilich, das ist christlich gesprochen, der
alte Adam, der uns in den Nacken schlgt. Und doch wie natrlich, rief der
Frst, was der Mensch liebt, verehrt, das stellt er so hoch, wie er es vermag,
dem wirft er den Purpurmantel um, er legt ihm gleichsam die sesten
Schmeicheleien in Ton und Farbe zu Fen, und liebkost ihm mit den zrtlichsten,
schnsten Lauten seiner Sprache; liegt darin eine Verwirrung? Doch wohl, nahm
Gotthold das Wort, denn der Mensch zieht, obwohl unbewut, das Hohe herab und
stellt sein Ich in kecker Vertraulichkeit nebenan. Hier scheidet sich Heidenthum
vom Christenthum, oder noch strenger, Protestantismus und Katholizismus. Der
Frst: Wir Protestanten sollten also eigentlich gar keine Bilder vom Hchsten
haben? Gotthold: Eigentlich nicht, denn wir sollen ihn anbeten im Geist und in
der Wahrheit. Der Frst: Das verstehe ich nicht; heit das nicht eben so viel
als: der unendliche, prachtvolle Himmel mit seinen zahllosen Sternen breitet
sich vor uns aus, der menschliche Geist erschrickt vor der Gre, um sie zu
fassen, um den Himmel menschlich zu umgrenzen, fat er die Sterne in einzelne
Bilder zusammen; nun wei er sich zu finden, jetzt hat er gleichsam den Himmel
gewonnen, da kommt eine Hand und raubt ihm die Bilder, und lt ihm den
bilderlosen, unverstndlichen Himmel und gebietet ihm, an den fernen, zu fernen
Stern zu glauben. Gotthold: Nicht unrichtig, das Licht des Sternes ist das
Symbol des Unauffabaren, Unbegreiflichen. Der Frst: Wie kalt, wie streng!
Gotthold: Doch soll die Malerei es immer wagen, in Demuth und Selbsterkenntni
nach einem sichtbaren Bilde des Ewigen zu streben, da er auftrat in sichtbarer
Gestalt unter uns. Hemling, Schoreel, Van Eyck, auch Drer sind Christusmaler,
und Bilder, wie sie sie gemalt, befahl Luther in unsern Kirchen Aufzuhngen.
Der Graf und der Frst drehten sich unwillig weg, und Gotthold sagte eifriger:
Auch wir haben eine Schnheit, doch sie ist nicht jene falsche, gleisnerische,
die Kupplerin des Lasters, die Schmeichlerin der Welt, sondern eine ernste,
groe, durch Schmerzen verherrlichte. Die Magdalena des Coreggio fhrt fort zu
verfhren, inde sie bekehren sollte. O diese rhrende Gestalt, sagte der
Frst lebhaft, dieses se bleiche Antlitz, ber das die herbe Thrne rollt,
dieser schne Busen, in dem ein Herz schlgt, das im bittern Schmerze mit sich
selbst und seiner Flle im Kampfe ist! Das vornehme und glnzend erzogene
Mdchen irrt barfu im Walde herum, ihr seidnes Haar, frher mir kstlichen
Salben getrnkt, flattert dem Winde preisgegeben, sie leidet vielleicht Hunger!
Gotthold: Wie sinnlich ist dieses Mitleid; ihr Hunger, ihre verlassene Lage
bewegt nicht mein Herz, aber wohl fhle ich innige Rhrung um sie, da sie in
Schwelgerei und Vollgenu schwer an den ewigen Schtzen darbte, ihr Inneres so
traurig verwahrlost ward. - Eduard brachte das Gesprch wieder auf die
Schnheit zurck. So ist es ausgemacht, sagte der Frst, da im Alterthum die
Quelle knstlerischer Schpfung die Natur in ihrer sich selbst gengenden Flle
war, inde sie bei uns in der Offenbarung besteht. Gotthold: Ein vielsinniges,
oft miverstandenes Wort! Der Frst: Wollen wir dafr setzen: Traum,
Eingebung, Abstraktion, kurz, ein geistiges Prinzip, das, wenn der Knstler
seine Aufgabe recht bedenkt, eigentlich dem Meiel wie dem Pinsel ganz
entschlpft. Der Graf: Durchaus; denn wo Krper ist, ist Snde, und die
Abzeichen einer gefallenen Natur drfen wir dem Gotte nicht zusprechen; die
Begriffe von Schnheit sind alle viel zu sinnlich, um da Stand zu halten, wo das
Uebersinnliche eintritt. Blut, Leben, Leib, Snde, hat immerdar den Krper der
Poesie ausgemacht. - Mit einer Berechnung lt sich nichts anfangen, das Symbol
ist nur Zahl, der abstrakte Begriff ein Fazit, das ein geschickter logischer
Rechenschler seinem Meister nachrechnet; die Gestalt aber ist ein vom Himmel
gefallener Funke, zndend, gewaltig, geheimnivoll, wie der verschleierte Gott
selbst, aller menschlichen Forschung verborgen, die Schpfung eines lebenden
Nervs, das Ergebni des bewegten Bluts! Trumer, Schwrmer, Fanatiker haben eine
Kirche, Philosophen keine; ein wahrer Knstler gehrt aber immer mehr zu den
erstern, zu den leztern nie. Er wandte sich und ging, und Gotthold sagte: Auch
ein trauriger Irrthum, dem unsere Zeit sich zuwendet. Der Frst: Der Graf hat
Recht; ich sehe den Verfall der Kunst in ihrer Vergeistigung. Gotthold
erwiderte: Freilich sollen wir den Geist wiederum erlsen, den die Alten in
Bande, wenn gleich in schne, fesselten; auch wir mssen die Natur studieren,
doch nicht sie allein, da sie zugleich mit dem Menschen eine gefallene und
verderbte ist. Ein leiser Hohn zuckte hier ber die Lippen des Herzogs, er
brach das Gesprch schnell ab und ging auf rein religise Gegenstnde ber;
Gotthold sprach warm und krftig, und Eduard bemerkte, wie ein aufdmmerndes,
ernstes Nachdenken die Stirn des Herzogs umschattete. Erst spt trennte man
sich. -

    Robert hatte vom Frsten die Erlaubni erhalten, Eduarden der Prinzessin
Braut vorzustellen. Sie fanden Massiello dort und die Frstin war eben mit
diesem in einem Gesprch ber altitalienische Musik begriffen; Eduard
betrachtete sie mit neugierigen Blicken - sie war nicht schn, auch nicht mehr
jung, doch in ihren Augen lag eine unbeschreibliche Klarheit und Gte, ihre
Haltung war gezwungen, ihr Anzug kostbar, aber ohne Geschmack. Neben ihr im
Sessel lag, wie eine trumende, trunkene Bacchantin, Grfin Eva, wie gewhnlich
in schwarzer Seide gehllt, mit dem groen katholischen Kreuze auf der Brust.
Sie blickte nicht auf, sie hob nicht den trumenden Lockenkopf und doch zeigte
ein feines Lcheln um ihren Mund, da sie alles sah und hrte. Der Frstin zur
Linken sa ein junges blasses Frulein mit einer ziemlich starken Nase, neben
dieser, tief im Schatten, eine Gestalt, die mehr der Nacht als dem Tage
anzugehren schien - unbeweglich starr, nicht mit einer Sylbe sich ins Gesprch
mischend; ein Schleier deckte ihr Antlitz, unter dem weit verhllenden Gewande
sahen nur zwei kleine niedliche Fe hervor. Als der Herzog sich zu ihr setzte,
wandte sich der schwarze verschleierte Kopf langsam zu ihm um und schien einige
sibyllinische Weissagungen zu murmeln, so ernst und schroff wurden die Zge des
Frsten ihr gegenber.
    Im Herausgehen trafen beide junge Mnner auf der Treppe mit Massiello
zusammen. Nun, wie gefllt Euch, ihr Genialen, das frstliche Mdchen, fragte
er mit mezza voce; nicht wahr, so etwas kirchenverbesserliches,
augsburgisch-konfessionsartiges, protestirend und refsirend, ein Eis von Tugend
und Ceremoniel, das einen gesunden Magen bis zum Tode erklten kann, und neben
ihr das Bchlein voll buhlerischer Lieder, welches ein Schalk, des Kontrastes
wegen, in schwarz Maroquin mit Goldschnitt gleich einem Gesangbuch hat binden
lassen, mit einer frommen Titelvignette. Wer war das junge Mdchen und ihre
verschleierte Nachbarin? fragte Eduard. Die Schwarze, entgegnete Massiello,
ist eine vagabondirende Hoffrau - beide Damen sind vom prophetischen Geiste
durchdrungen, und die Gronasige gehrt zu den Gescheuten, die nie der Alkoran
sagt, sondern der Koran, weil sie genugsam wei, das Al nichts geringeres ist,
als der arabische Artikel; sie heit Magdalena.
    Als Eduard auf seiner Stube angelangt war, erhielt er ein Briefchen von
Jokondens Hand, das ihn einlud, heute Abend zu ihr zu kommen ins
Fischerhuschen, der Frst wnsche es. Zugleich kam ein bloes Papierchen
angeflogen mit leisen Bleistiftzgen: Komm heute Abend zu mir - zu uns - mein
Eduard! ich bin krank und Du kannst trsten deine Emilie; komm bei unsrer Liebe
gewi. Eduard schob in qulender Ungewiheit seinen lezten Entschlu auf die
lezte Minute, doch als diese schlug, war er am Fischerhuschen, und
beschwichtigte sein Herz mit dem Versprechen, nach ein paar Minuten sogleich zum
Maler hinber zu fliegen.
    Von einer einsamen Lampe beleuchtet, in die Ecke des Sopha's gedrckt, sa -
Grfin Eva.
    Mitternacht war vorber, als Eduard ber die dunkle Gasse zu seinem Hause
zurck schlich. In Emiliens Wohnung war ein Fenster erhellt, der Vorhang war
herabgelassen und dunkle Schatten glitten drber hin. In dem Augenblick rief
eine Stimme: Jesus Maria - so sind Sie da! - und wie hab' ich Sie gesucht!
Gottholds Diener stand vor Eduarden, doch dieser hatte sein Haupt in den Mantel
gehllt, lehnte an dem eisernen Gelnder der Treppe und gab kein Laut zur
Antwort. Was fehlt Euch, Herr! rief der Erschreckte; Ihr seyd ja taub und
stumm, und Eure Hand, Gott, wie kalt! so kommt doch herauf, das Frulein wird
sich sogleich erholen wenn, sie Euch wieder sieht; sie hat lange, lange auf Euch
gewartet. Er lief in Eile die Treppe hinauf, als er mit dem alten Gotthold
zurckkehrte, war Eduard verschwunden, der schneidend kalte Nachtwind blies die
Lichter aus, und ein dichtes Schneegestber trieb vom Himmel herab.
    Diese Nacht hatten die Freunde bestimmt, um die wunderlichen Gebote des
alten Fleackwouth zu erfllen. Er war nmlich an den Folgen seiner Verwundung
wirklich gestorben und Robert hatte erklrt, er wolle durch nichts von seiner
Pflicht, den Alten an den Galgen zu schaffen, sich entbinden lassen. Massiello
hatte der Polizei im Stillen Kenntni von dem Vorhaben gegeben, und da auer ihr
Niemand als die Freunde um die wunderliche Feierlichkeit wuten, so war, als der
Zug sich ordnete, die ganze Nachbarschaft im tiefsten Schlafe begraben, und
Niemand sah es, wie sie im Schneegestber und in der Nacht mit einer einzigen
trben Fackel hinauszogen. Als man mit der Leiche noch beschftigt war, trat
Eduard hinein, und Robert sah seinen leuchtenden Augen, seinen erhitzten Wangen
an, von wo er kam. Er trat strmisch auf ihn zu, drckte ihn an seine Brust und
rief: Du Seliger, wie beneide ich Dich um diesen gttlichen Contrast; eben den
Becher der Lust von den Lippen gesetzt, und nun jener strengen, kalten
Weltgerichts-Larve dort gegenber. Ein bluterhitzter Frhlingsleib und hier ein
schon verstubender! Wahrlich, schnell mu die Traube deines Dichter-Genius sich
zeitigen, wenn solche Sonnen sie bescheinen, solche schwle Blitze sie
umspielen. Wahnsinniger, rief Eduard, so kannst Du bei allem diesem nichts
denken, als wie ein Verslein daraus entstehen mag? Dort Treubruch, hier
Selbstmord und Du - Robert lachte laut auf: So alterire Dich doch nicht,
schner Bube, das ist ja eben der haut-got des Lebens, so ein zerschossener
Schdel ist das delikateste Wildpret fr einen Poetenmagen. So lerne doch einmal
den Humor verstehen, der da witzelt, wo er ohnmchtig zusammen brechen mchte
vor ungeheurem Schmerz! O gttlich, wo der Blitz des Genies so riesenkrftig
alle elende Verhecke der alten Mutter Tugend und Moral zusammensplittert. Ich
denke mir nichts Seres, als einmal mit einem humoristischen Knalleffekt,
unsterblich wie nur irgend ein groer Geist, in den Himmel einzugehen, nmlich
auf die Weise, da ich, whrend die Pistole in meiner rechten Hand zum
Selbstmorde bereit ruht, zu meinem Kammerdiener s lchelnd spreche: o seyn Sie
so gut, theurer Dienender, und halten Sie mir geflligst beide Ohren zu, damit
ich nicht zu sehr erschrecke bei dem vielleicht etwas zu lauten Knall. - Am
Ausgang fhlte sich Eduard von zwei strmischen Armen umschlossen, es war
Massiello. Sie kommen doch, mein theurer Eduard, mit uns zum Galgen? Die
Polizei erlaubt gtig, da wir diesen frhern Bewohner von Alt-England
hinausfhren; hat er ein halbes Stndchen gehangen und meine Rede mit angehrt,
so sorge ich fr ein gutes Begrbni. Die Sache ist wirklich ein kleinwenig
entsetzlich und ich will in meiner Rede die Kumpane, und besonders den Robert
ermahnen, Religion anzunehmen, das heit, etwas Solides zu treiben und an etwas
Solides zu glauben. Er sprach noch weiter, doch der Wind verwehte seine Worte.
Eduard bog um die Ecke, inde der Zug ein Seitengchen einschlug und sich bald
darauf in der Nacht verlor. Die Thurm-Uhr schlug ein donnerndes Eins.

    Vierzehn Tage waren vergangen, die Anstalten zu den
Vermhlungs-Feierlichkeiten beschftigten die Stadt. Eduard hatte sich einen
freiwilligen Arrest gegeben und sein einsames Zimmer nicht verlassen; die
Freunde wuten nicht anders, als da er krank sey, seine Seele war es auch
wirklich. Whrend der Einsamkeit beschftigte er sich, ein Bild zu componiren,
welches den Zustand seines Gemths ausdrcken sollte. Am fnfzehnten Tage
ffnete sich leise die Thre, und der Abt trat in's Zimmer, Ich gehe, wie die
Braut im hohen Liede, herum, sagte er freundlich, um meinen Freund zu suchen,
denn der Weinstock gewinnt Knoten, die Granatblthe duftet - wo weilst Du,
schnster unter den Mnnern, meine Seele ist krank vor Liebe. O wer mir das
herrliche Lied nur einmal malen knnte, aber bei Leibe nicht im streng
dogmatischen Styl, wo Braut und Brutigam in zwei symbolische Schnrkel sich
auflsen, und das heie duftende Aroma hchster Liebessehnsucht auf den simpeln
Weihteller einer kleinen Dorfkirche geschttet wird, um als orthodoxes
Rucherpulver in die knchernen Dorfnasen zu ziehen! Aber, aber auf der letzten
verstecktesten Bank in der dunkeln Kirche sitzt ein armer, blasser,
zusammengebrochener Jngling, der schttelt die weigelben langen Locken, wenn
das orthodoxe Pulver sich ihm naht, in seine Seele schlgt eine laute Nachtigall
hinein, Granat- und Mandelblthe brechen in Frhlingshast auf, und die Zeder
Libanons hebt ihr Haupt, und der ganze orientalische Himmel mit seiner
Liebesglut dmmert im Busen des stillen Knaben auf; er begreift die wundersame
zrtliche Sage, und er sieht das Mdchen weinen im Keller bei den Krgen, seine
bleiche Wange errthet, wenn er an den Leib denkt, gleich einem schimmernden
Weizenhaufen, an den Busen, gleich zwei Rehzwillingen. Er belauscht das Gesprch
der Tchter Jerusalems, und in seiner Brust tnt leise die Stimme: Eine aber ist
meine Auserwhlte, meine Taube - komm, du Schnste unter den Jungfrauen, komm
und weile bei mir! - Was macht man bei Hofe? fragte Eduard ziemlich prosaisch
dazwischen, was macht - er stockte und eine Rthe berflog sein Antlitz - er
bezwang sich und nannte kalt den Namen der Grfin Eva. - Man sieht sie wenig,
sie ist fromm, Massiello ist immer am Hof, er musizirt mit dem Frulein
Magdalena, Robert hat eine Liebschaft auf dem Lande und eine Zankangelegenheit
in der Stadt, die der Frst vergeblich zu vertuschen strebt. Der Treffliche,
nmlich unser Principe, geht einer Crisis entgegen, man sagt, da er den neuen
Weibern anheimfllt. - Frulein Magdalena ist Schwrmerin und Pietistin, die
Arnthal hat bernatrliche Zusammenknfte und Erscheinungen - es sind einige
mystische Thees gehalten worden, zu denen unser Einer keinen Zutritt erhlt. Die
kleine blonde Jokonde ist fast vergessen, nur ich schleiche manchen Abend zu
ihr, und wir weinen in Mollakkorden und regnigten Nokturno's unsere Thrnen hin.
Das arme Kind dauert mich, sie steht oft vor ihrem Spiegel und scheint sich zu
fragen, fr wen zieh' ich ein neues Kleidchen an, fr die Meereswellen, die da
drauen rauschen? oder fr den Sturm, der an mein Httendach schttelt? fr den
alten Haushahn im Hofe? Sie sehen, Freund, es hat sich manches gendert, whrend
Sie in ihrer kleinen Bastille steckten. Er ging wieder, und Eduard war so
zerstreut, da er das breite freundliche Gesicht noch vor sich sprechend
glaubte, inde der Abt schon lngst um die Straenecke gebogen war und einem
schmackhaften Souper entgegenging. Mgen sie doch treiben, was sie wollen, rief
er in sich hinein, immer bunter, immer toller, meinethalben - ich will heirathen
und zwar meine Emilie; es gibt doch nichts Solideres auf der Welt, als eine Ehe!
-
    Er warf seinen Mantel um und schritt in die Dunkelheit hinaus. Der
frstliche Pallast war erleuchtet, und sein aufschauendes Auge glaubte am hellen
Fenster Massiello's kleine elegante Figur hinstreifen zu sehen. Die
Franziskaner-Kirche lag wie ein schwarzer Riese vor ihm - die Thre war
angelehnt, er trat hinein. Ganz am Ende der hinabwandelnden Steinsulen
flimmerte ein Licht, als er darauf zuging, bewegte es sich ihm entgegen den Gang
hinauf. Es war eine Dame, in schwarze, schleppende Gewnder gehllt, vor ihr ein
Knabe mit einer Fackel. Eduard staunte die rothen Blumenwangen des schnen
Knaben an, dessen Blicke im Strahl der Fackel blitzend ber die Schulter sahen
und auf zwei dunkle Liebessterne trafen; es war Enzio und Grfin Eva. Ihr
schwebender sinnlicher Gang flo wunderbar schwankend dahin, das goldne Kreuz
schlug bei jedem Schritt an die Brust, - ihr Auge blickte unverwandt auf den
rckschauenden Knaben; so ging sie dahin in die Nacht, die Andacht von der
Sinnlichkeit gefhrt - Amor und Venus Urania! Das Steinbild eines alten
Heiligen, an dem sie vorberschritten, sah sich verwundert nach dem schnen
Mdchen um, und eine heilige Magdalena blickte aus einem Bilde von ihrer
Bupredigt auf nach dem schlanken Pagen. Eduard trat aus seinem Dunkel hervor
und schritt auf die wandelnde Gruppe zu; die Grfin wich erschreckt aus, doch
als sie den Jngling erkannte, glitt ein bittendes Lcheln ber ihre schnen
Zge - sie winkte Schweigen und hob den Rosenkranz in die Hhe. Als sie
vorbergegangen, sah sich ihr Auge noch einmal nach ihm um, sie wollte sprechen,
doch der Page schritt so schnell, da sie im selben Augenblicke mit ihm in der
Thorhalle verschwand. Bald rasselte der Wagen mit seiner schnen Beute davon.
Voll Sehnsucht streckte Eduard seine Arme nach der Entschwundenen in die Nacht
hinaus, dann erschrack er ber sich selbst, er lenkte in die Gasse ein, wo
Emilie wohnte, doch willenlos blieb er an der Ecke stehen. Er htte die
Vorbergehenden fragen mgen, wohin sie so eilig gingen, ihm schien in der Welt
nichts mehr so wichtig, da er dehalb den Fu zum Weitergehen aufsetzen mchte.
In der Dunkelheit trat eine Gestalt ihm nach, es war der alte Gotthold. Wo
gehen Sie hin? fragte Eduard. In den Abendzirkel zur Frstin, war die kurze
und schnelle Antwort. Sie? dorthin? rief der Erstaunte, doch der alte Mann war
schon verschwunden. Ein Wagen fuhr vorbei und die Stimme des jungen Arztes, den
Eduard bei dem tollen-Fleackwouth gesehen, rief: Guten Abend, Freund, nehmen
Sie doch Platz neben mir und fahren Sie, wenn Ihnen nichts Besseres obliegt, mit
mir in's nahe Dorf, wo unser Freund Robert sich aufhlt. Mich rufen Geschfte,
aber Sie knnen bei der Gelegenheit dem beginnenden Frhling entgegenlauschen.
    In diesem Moment war unserem Trumenden nichts willkommener, als eine solche
Einladung, schnell setzte er sich ein, und in ein paar Stunden hatte man das
Dorf erreicht, dessen Lichter durch das nackte schwarze Gestruch
durchschimmerten. Der Doktor verlie unsern Freund bei einem Kreuzwege, nachdem
er ihm umstndlich beschrieben, welche Richtung er einschlagen msse, um zu
Roberts Huschen zu kommen. Eduard drckte seinen Hut in die Stirne, schlug
seinen Mantel fester und schritt langsam die Dorfgasse hinauf; am Ende derselben
fand sich ein Huschen, mit der einen Seite an die Kirchhofmauer angebaut, ein
kleiner dunkler Hofraum schlo ein paar Nebengebude ein, und das erleuchtete
Fensterchen nach der Gasse war der einzige Lichtpunkt in dem finstern Gemlde.
Eduard stellte sich vor das Fenster und sphte durch die Spalten der
festgezogenen weien Vorhnge. Er konnte nichts als eine rothe Wange sehen und
etwas blondes Haar, das an einem schngeformten kleinen Ohr herabfiel; nicht
lange, so kam eine Hand und spielte mit diesem Haar, zugleich tnte ein
Gelchter aus der kleinen Stube hervor. Jetzt mute man ihn bemerkt haben, denn
der Vorhang wurde fortgeschoben und Roberts Antlitz sah in die Nacht hinaus, das
Fenster ward leise geffnet und der blonde Kopf zeigte sich mit zwei groen
blauen Augen in die Finsterni starrend. Eduard drckte sich zur Seite, und die
Beiden zogen sich wieder zurck. Er bestieg jetzt die niedrige Kirchhofmauer,
und indem er sich auf ein Grab niederlie, blickte er, den Kopf in die Hand
gesttzt, unverwandt in das kleine erhellte Fenster. Unerhrt, rief er bei sich,
da bringt er nun seine vornehme Verderbtheit, seine vergifteten Gedanken und
Bilder, seine geschwchten Ksse und entkrfteten Liebkosungen dem jungen Leben
dar und hngt sie einem Busen um, der kalt, frisch und glnzend sich eben der
Knospe entdrngt. Er mu ja berall siegen, denn schn, wie er, ward nicht
leicht Einer geschaffen.
    Der Mond erhob sich jetzt voll und schwimmend ber das schwarze Schieferdach
der Dorfkirche, er ging leise mit seinem Licht immer vorwrts, als berzhle er
die Grber, ob seit gestern kein neues hinzugekommen, die halbversunkenen Kreuze
sahen wie schwarze seltsame Blumen aus, die jedem darunter schlafenden
verstubenden Schdel entwachsen zu seyn schienen. Vom Nachbardorfe kamen die
Strae herab einzelne Spielleute, sie blieben vor dem Hause des Amtmanns stehen
und bliesen so lange und bittend, bis sie eine spitze Nachtmtze aus einem der
obern Fenster herausgeblasen hatten. Es wurde gedankt, Geld fiel herab und die
Bande zog weiter. Eine Stille trat ein, dann fing ein entfernter Hund zu bellen
an, aus einer andern Gegend antwortete ihm ein Kamerad, dann lie sich in der
Nhe ein heiserer Kettenhund vernehmen, und nicht lange, so bellten alle Hunde
im Dorfe, zwischendurch hrte man das elegische Knarren eines Ziehbrunnens und
dann die hpfenden Tne des wieder niederfahrenden Eimers. Eduard sah jetzt
mehrere Mnnergestalten, die langsam um die Ecke bogen und sich dem Hause mit
dem hellen Fensterchen nherten; sie waren im Streit mit einander, ein ltlicher
Mann, wie es schien, wollte die drei jngern zurckhalten, er hatte den einen
derselben am Arm, den andern am Rockschoo, den dritten bei der Hand gefat, und
von den vielen Worten, die er bald bittend bald drohend ausstie, konnte Eduard
nur folgende vernehmen: So nimm doch Rath und Vernunft an, Caspar; wir knnen
ja offenbar weit mehr ausrichten, wenn wir den Schulzen wecken und ihn
herbringen, damit er mit eigenen Augen den Spitzbuben bei ihr entdeckt! -
Einfltiges Zeug, rief einer der jungen Leute, ich soll wohl warten bis der
trge Schulze sich aus den Federn hebt, die Nachtmtze abwirft und in die
Kleider fhrt, unterde knnte wohl allerlei geschehen, was du und der Schulze
nicht wieder gut machen knnen, nein, nein, lat mich los, es ist am besten, ich
verlasse mich auf meinen starken Arm und diesen Knttel; mag nachher geschehen
was da will, hab' ich nur erst mein Mthchen gekhlt, und dem Burschen drinnen
bewiesen, da es gerathen ist, ein ehrliches Mdchen und dazu meine Braut in
Frieden zu lassen. Eduard begriff jetzt die ganze Intrigue; ihm wurde fr
Robert bange, wenn er die drei krftigen Gestalten betrachtete, die jetzt auf
das Haus leise zuschritten, nachdem sich der Alte von ihnen getrennt hatte und
zurckgeblieben war. Sie gingen behutsam vorwrts und indem einer sich als Wache
am Fenster hinstellte, drangen die zwei andern in den dunkeln Hofraum, um von
dort wahrscheinlich in die Hausthr zu gelangen. Eine Zeitlang blieb es ganz
stille, die Gestalt am Fenster gab nicht das mindeste Zeichen von Bewegung, und
aus dem Stbchen tnte von Zeit zu Zeit eine lachende Stimme. Pltzlich fing ein
Hund zu bellen an, man hrte Jemanden stolpern und fallen, dann fluchen, zu
gleicher Zeit ward eine Thr aufgestoen, und mehrere Stimmen wurden laut. Der
Vorhang am Fenster flog fort, das Fenster ward aufgerissen und ein heftiges,
anhaltendes Geschrei, Gepolter, Zank und Handgemenge tnte auf den ruhigen
Kirchhof hinaus. Der Bauerbursche, der sich als Brutigam genannt, lehnte weit
aus dem Fenster heraus und rief seinem Kameraden zu, hereinzukommen um das
Mdchen einzufangen, welches im Gedrnge entschlpft sey, und sich
wahrscheinlich irgendwo versteckt halte. Der Aufgeforderte sprang auch sogleich
ohne weiters mit einem Satze ins Fenster hinein. Jetzt sah man viele schwarze
Gestalten sich im Handgemenge durcheinander bewegen, das Licht wurde umgestoen
und fiel zu dem Fenster hinaus in das Gestruch vor demselben, ein Huflein
Stroh fing sogleich Feuer und bald schlugen die lichten Flammen hinauf. Ein noch
heftigeres Geschrei ertnte, - in dem Moment sah Eduard eine schlanke Gestalt
sich mit graziser Biegung aus dem Fenster strzen und mitten durch die Flammen
durchspringen. Es war Robert, der sich vor den derben Fusten nicht anders zu
retten wute; er eilte jetzt mit glimmenden Rocksten die Strae hinab, von
einer Menge Hunde verfolgt die ihm nachbellten. Die Bauern hatten genug zu thun,
die Flamme wieder zu dmpfen; als dies geschehen war, standen sie verblfft da
und guckten in den Mond, denn weder Robert noch das Mdchen waren in ihrer
Gewalt. Murrend und scheltend gingen sie endlich miteinander fort, und noch von
fern hrte man sie zanken. Nach und nach hrte man jetzt im Dorfe die Hausthren
ffnen, hier und da auch die Fenster, es wurde in der Ferne und Nhe gesprochen,
gefragt, allmhlig hrte dies auf und die tiefe klare Stille der Mondnacht lag
wieder mit glnzender Meie ber dem Schauplatz so wunderlicher Ereignisse.
    Du hast da, sagte Robert zu unserm Freunde, als sie am andern Tage im
rmlichen Wirthshause bei einem Schoppen schlechten Landweins beisammen saen,
ein Histrchen mit angeschaut, das, glaub' ich, im Sinn des Boccaz angefangen
und beendet wurde, denn bei einer guten Novelle dieses Meisters drfen die
Prgel eben so wenig fehlen als die Ksse. Nur htte ich von deiner Kraft und
Freundschaft etwas anderes erwartet, als ein ruhiges Hocken auf der
Kirchhofmauer, inde ich die Schattenseite eines Idylls kennen lernte. Eduard
brachte einige Entschuldigungen vor, doch Robert unterbrach sie und sagte
lachend: La da, mir sind diese Kraftuerungen ganz gelegen, ich werde jetzt
um so begieriger den Zartheiten nachgehen, wie sie in den Solons uns geboten
werden; mein Wunsch ist nur, da Du auch die Kleine kennen lernst, um deren
willen diese Lrmtrommel geschlagen wurde. Sie ist nicht sonderlich schn, und
ich habe mich eigentlich nur in ihr Lachen verliebt; das versteht sie
meisterlich, eine reihe Zhne und ein Grbchen kommen dabei zum Vorschein, wie
sie nie reizender gebildet worden. Ueberhaupt wie selten versteht ein Mdchen
schn zu lachen, die meisten schneiden unleidliche Grimassen. Das eigentliche
se Lachen mu den ganzen Krper lieblich durchschtteln, und Wange, Kinn,
Busen und Hals mit hastig aufgeblhten Rosen berschtten; am reizendsten lachen
in der Regel Blondinen, denn bei denen treibt das Blut jenen durchsichtigen
Rosenschleier sogleich ber die zarte blendende Haut, und sie errthen bis unter
die goldnen Locken hinauf. Wer anmuthig zu lachen versteht, der wird nie alt;
ich habe eine bejahrte Frau gekannt, die durch ihr frisches Gelchter sich in
die frheste Jugend hinauflachte und so viele altlachende junge Mdchen
beschmte. Das Lachen ist recht eigentlich ein Volkslied, es mu aus dem innern
Menschen, gleichsam wie die wahre Poesie herauftnen, die Regeln der Schnheit
und des vornehmen Anstandes werden nie ersetzen knnen, was von der Natur
versagt worden. Ich hab' ein sehr gescheutes Mdchen gekannt, die sehr
geistreich lachte, das heit, nur bei passender Gelegenheit, und wieder ein
halbbldsinniges Geschpf, das alle Augenblicke und stets ber nichts lachte,
dabei aber die seste Jugend entfaltete, und ich zog sie unbedingt der erstern
vor.
    Beide gingen jetzt die Gasse hinauf, zu dem Huschen an der Kirchhofmauer.
Wie ganz alltglich und prosaisch erschien der Platz am Tage. Robert klopfte
ghnend an die kleine Pforte, sie wurde von einem feisten Bauerburschen
aufgethan, den der Brutigam als Wache bei dem Mdchen gelassen hatte. Marie, so
hie diese, begrte ihre Gste mit einem verschmten Lcheln. Eduard band sich
sein neues Halstuch ab und knpfte es ihr um den hbschen Hals; sie fand alles,
was man that und sagte, uerst lcherlich, und machte tausend ungeschickte
Bewegungen. Es wurde abgemacht, da Eduard wenigstens eine Woche im Dorfe
bleiben sollte, ein Stbchen in der Nhe war bald gefunden. Als das Gesprch
eben am lebhaftesten war, erschien pltzlich der Brutigam und fing auf seine
Weise zu fluchen und zu lrmen an, zugleich zeigte sich eine verkncherte alte
Ehrenwchterin, die sich ihres Amtes mit groem Eifer annahm. Die Freunde
entfernten sich mimuthig, und es wurden Plne geschmiedet, wie man die Kleine
mitten aus ihrer Ehrenwache entfhren knne.
    Eduard, der sich noch immer nicht mit Leichtigkeit in gewisse Ansichten des
Lebens finden konnte, ging gewhnlich seinen Weg fr sich und zeigte nur zu
deutlich den innern Zwiespalt. Er wollte diese lndliche Einsamkeit, die ihm wie
ein pltzliches Geschenk zu Theil geworden, mit ernsten und wrdigen
Beschftigungen hinbringen, doch eine verworrene Unbehaglichkeit hatte sich
seines Gemths schon in dem Grade bemeistert, da er es fr bequem fand, sich
Roberten immer mehr und mehr hinzugeben. Ist es nicht thricht, sagte er
einmal zu ihm, da wir unser Leben und dessen schnell vergngliche Blthe alten
grauen Irrthmern, verjhrten Meinungen, zahmen und migestalteten Gesetzen,
albernen Grillen zum Opfer bringen, die nichts fr sich haben, als da ein paar
tausend Menschen, die gerade der Zufall mit uns in Eine Zeit warf, jene
Irrthmer, Meinungen, Lehren und Gesetze als Norm und Regel aufgestellt haben.
Zwngen wir nicht auf diese Weise den jungen aufsprossenden Baum frh in ein
steifes Gerst, damit er mit den brigen Bumen und Pflanzen im Garten ein
seltsam geregeltes Ganze ausmache. Du aber, mein Robert, stehst in diesem
hollndischen Garten als ein selbststndig keck auffliegendes Bumchen da,
dessen Saat wohl ein wundervoller Zugvogel aus fremden Lndern holte und fallen
lie; mit einem gewissen bermthigen Wahnsinn weinst und lachst Du deine hellen
Blthen heraus, Du erzwingst mit Hast einen Frhlingshimmel ber Dir und bist
zufrieden, wenn auf diese schnellen glnzenden Sonnenflocken ein jher Tod
deinem Leben ein Ende macht. Und verdient das Leben denn auch Ernst und Sorge?
Ich kann mir denken, wie alte prchtige Knige aus grauer Vorzeit mde und
berdrssig in ihr Grab gingen, ja da sie ganze Pyramiden darauf wlzen lieen,
um sich die Rckkehr in das Leben, das sie verachteten, zu verbauen. Wie
machtlos brach sich denn das nichtige Gerusch drauf folgender Jahrhunderte an
den gigantischen Mauern, worunter die alten Uebelgelaunten schliefen. - Robert
ergtzte sich an der letzten Bemerkung sehr und meinte, von diesem Standpunkt
angesehen, erschienen ihm jene ungeheuern Leichensteine wahrhaft grausig.
    Unerhrte Dinge, Freund! rief der Abt Eduarden zu, als dieser nach einigen
Wochen wieder in der Stadt erschien, und dem dicken freundlichen Gesichte auf
dem Wege zum frstlichen Pallaste begegnete; unerhrte Dinge sind geschehen,
Liebwerthester! wo haben Sie denn in aller Welt gesteckt? Es hat kstliche
Diners, Soupers gegeben, zu denen man Sie eingeladen hat. O die Frommen essen
auch und wissen eine Trffelpastete sehr gut von einem Grtzkuchen zu
unterscheiden. Aber wo waren Sie, theuerster Jngling? - wie gesagt, groe Dinge
sind im Werke - kommen Sie, - o es gibt eine lange Erzhlung! - mir nach, mir
nach! - Er zog den sich Strubenden fast mit Gewalt in eine nahe Restauration,
dort lie er Chokolade serviren, und mit der dampfenden Tasse am Mund setzte er
seine Rede fort, wiewohl mit leiser Stimme. Fr's Erste erfahren Sie nur, da
Serenissimus, unser allergndigster Principe, ganz des Teufels ist; man raunt
sich fr gewi in's Ohr, da der Treffliche den Thron quittiren will, um mit
Frulein Magdalenen eine kleine mystische Sekte zu formiren, der Himmel wei,
wo. Er sperrt sich Tagelang mit ihr ein, die Theater und Gesellschaften stocken,
die Vermhlung geht einen Schneckengang, die Frstin Braut ist in einer hchst
peinlichen Lage, Frulein Magdalena liegt Tag und Nacht clairvoyant da, und ein
paar andere Damen haben die Offenbarungen und Prophezeihungen auf ihren Theil
genommen, und leisten in der kurzen Zeit etwas Erstaunliches. Man vermuthet, da
das ganze Schauspiel vom Nachbarhofe eingeleitet worden ist, um die Verbindung
des Herzogs rckgngig zu machen, und ihn vom Throne zu verdrngen. Und das
Seltsamste ist noch - wen glauben Sie wohl an der Spitze der heiligen
Sippschaft? - rathen Sie einmal! - den alten Gotthold, in den alle ganz verliebt
sind.
    Eduard war ber diese Mittheilungen ganz erstaunt und nahm sich vor, mit
eigenen Augen zu prfen so bald als mglich, inde schwatzte sein dicker
Gefhrte weiter, indem er die geleerte Tasse auf den Tisch setzte, und sich
lchelnd die Lippen reinigte. Mir haben Sie wahrhaft satanisch mitgespielt,
hren Sie nur, ses Wesen! Ich komme einen Abend, um Serenissimus zu sprechen;
meine Seele ahnet nicht, da Frulein Magdalena wieder ein magnetisches Solo
spielen will; leise trete ich in's Gemach und sehe beim Scheine der trben
Mondlampe ein liegendes Frauenzimmer auf den Polstern des Divans, um sie herum
einige stille Gruppen, die bei meinem Eintritt wie Pagoden mit den Kpfen
nicken; der Frst legt den Finger auf den Mund, natrlich schweige ich und
bleibe stehen - was geschieht? - pltzlich zuckt es im Antlitz des liegenden
Frauenzimmers, ihre Brust hebt sich, die Arme fahren auf und sie stt einen
Schrei aus, Alles strzt hin - Bestrzung, Furcht, Besorgni in allen Blicken! -
man frgt leise, was ihr fehle, da ruft die Gndige mit recht clairvoyanter
Grobheit: Fort! Hinaus! - Es ist ein Ungeweihter in's Zimmer getreten, dessen
Seele befleckt und sinnlich ist, treibt den unreinen Geist hinaus oder ich
sterbe! - Verdammte Affaire! Alles sieht mich drohend an, und ich stehe da, wie
ein gescholtener Schulbube. Nun, was warten Sie noch - fort, entfernen Sie sich!
- rief jetzt der Allergndigste, und eine alte Dame gab mir den Arm, um mich
hinauszufhren. Hinter mir sah ich zwei Kammerjungfern mit Rauchfssern in's
Heiligthum strzen, und meine alte Fhrerin, nachdem sie mich in den Vorsaal
gebracht, lie mich dastehen und verlor sich in die blauen Wolken des
Rucherpulvers hinein. O du alter Kirchenstuhl, zrnte ich ihr nach, wandle nur
immerhin in deine Conferenz zurck, mich soll keine Herrlichkeit mehr
hineinlocken und wre es selbst eine Pastete von lauter Pfauenzungen! Seht doch
- ich, ein unreiner Geist! - ich mchte doch sehen, wie viel reiner
Serenissimus, unser Durchlauchtigster ist, oder Massiello und tausend andre, die
seit Adam's Fall noch nicht wieder aufgestanden sind. Aber ich wei schon,
einmal habe ich leise, leise von Frulein Magdalenens ein klein wenig zu
bedeutender Nase gesprochen, flugs wurde ihr mein unreines Wesen in seiner
ganzen Abscheulichkeit klar. Eduard mute lcheln bei diesem tragischen
Bericht, obgleich seine ganze Seele voll war von jenen Ereignissen, die er eben
vernommen; er htte gerne noch diesen Abend den Frsten gesehen. Als beide auf
die Strae kamen, tritt ihnen ein frstlicher Lufer nach, und als er Eduarden
erkennt, bringt er diesem die Einladung, sich sogleich in's Schlo zu verfgen.
Was konnte Erwnschteres kommen; schleunig flog er nach Hause, wechselte seinen
Anzug, und stieg, die breite Marmortreppe zu den Gemchern des Frsten hinauf.
Auf dem Portale sah ihm die wohlbekannte Statue der badenden Venus entgegen:
Also Du stehst noch hier, griechisches Gttermdchen, rief er leise bei sich,
hat man dir nicht den Abschied gegeben, und weit du nichts von dem, was
drinnen geschieht? - Er schritt leise ber den Vorsaal und ffnete eine der
hohen Thren, sie ging geruschlos auf, und die Teppiche, auf welche sein Fu
trat, lieen seine Gegenwart von den im Gemache befindlichen Personen durchaus
nicht bemerken. Eine hohe Frauengestalt, die Eduard sogleich fr die Frstin
erkannte, stand, den Rcken gegen ihn gekehrt, im Gesprche mit dem alten
Gotthold vor einem Bilde. Nein, nein, rief die Prinzessin fast heftig, ich
begreife Sie durchaus nicht! Anfangs bei unserer Bekanntschaft schien es mir,
als wenn Sie meine Ansicht theilten, und fr die wahre Erkenntni kein Uebel fr
so gefhrlich hielten, als jene dumpfe blinde Frmmelei, die ich wahrhaft
abgttisch nennen mchte, weil sie den Menschen verfhrt, statt der klaren
vernnftigen Idee vom gttlichen Wesen das trbe Abbild seines eigenen
verfinsterten, durch Irrthum und Sinnlichkeit besteckten Innern zu halten. Wir
sehen, in welche tiefe Verirrungen die Gemeine versank nach dem Tode des Grafen,
wie sie, die die reine Lehre Luthers noch geistiger und lebendiger auszubilden
gedachte, dem niedrigsten Geiste der Erde anheimfiel! und nun hre ich mit
Schreck, Sie reden und streiten in denselben Grundstzen, die ich bis zum Tode
verabscheuen werde. - Nicht also, Gndigste, rief der Maler, Sie sind zu
hart; wenn Sie mich zu den Frmmlern und Pietisten oder zu den Anhngern jener,
mir ehrenwerthen Sekte rechnen, so sind Sie im Irrthum; da ich aber zu der
absoluten Verstandesklte, in der Sie athmen, Gndigste, nicht hinaufreichen
kann und will, das gestehe ich gerne. Lieber will ich verfhrt werden durch ein
Uebermaa von Liebe, als durch gnzlichen Mangel derselben von jeder Mglichkeit
des Falls geschtzt dastehen. Mann! rief die Frstin mit einer unendlich
weichen Stimme, wer sagt Ihnen, da ich nicht liebe; aber er, den ich liebe,
ist ja die ewige Reinheit und Klarheit selbst, meine Liebe ist das schwache,
aber unermdliche Ringen, klar, hell und rein zu seyn nach seinem Bilde; aber
wohl mag sie kalt erscheinen, diese Liebe, weil keine Erdenliebe sich zu ihr
gesellt, denn was ich irdisch und sinnlich geliebt habe, hat sich mir als
unwrdig ausgewiesen. Sie schwieg und schien eine Rhrung zu verbergen, dann
fuhr sie fort, indem sie den Arm des Malers mit Heftigkeit fate: Stehen Sie
mir bei, verlassen Sie mich nicht, theurer Mann! retten wir den unglcklichen
Prinzen, noch ist's mglich - bald knnte es zu spt seyn. Der Greis sah der
hohen Frau ernst in's Antlitz: Sie tuschen sich, Gndigste! - Das Frulein -
die Baronesse - Nichts von ihnen, rief die Frstin heftiger. Eduard glaubte
bei lngerem Verweilen bemerkt zu werden und zog sich, nachdenkend ber das
Vernommene, leise zurck. Die Klingel des Herzogs rief ihn den Corridor entlang,
und als er sich dem Gemach nherte, trat ihm der Prinz schon entgegen.
    Willkommen, Freund, rief der Gndige freundlich - - mir ist's lieb, da
Sie auf dem lande gewesen, und so die Quellen der Einfachheit und Natur gesucht,
vielleicht folge ich bald Ihrem Beispiel, - der Frhling naht mit groen
Schritten. Eduard bemerkte in des Frsten Aeuerem eine Vernderung, die ihm
auffiel, das Haar war schlichter gekmmt, die Kleidung einfacher, und an den
Wnden des Gemachs fehlten einige Gemlde von Rubens und Jordone, statt dessen
hing ein kleines Bildchen da, von dem man nicht sagen konnte, was es darstellte.
Der Frst bemerkte den fragenden Blick des Jnglings und sagte flchtig: Die
Gemlde habe ich fortgeschickt, weil jetzt hufig Damen meine Zimmer besuchen,
und man dem schwachen, noch nicht genug knstlerisch gebildeten Geschlechte kein
Aergerni geben soll; - doch junger Mann, fuhr er fort, was hab ich hren
mssen, Sie haben eine Braut und vernachlssigen das Mdchen - Sie sollen sogar,
was ich nicht glauben will, der Grfin Eva den Hof machen; theurer Freund - wenn
das wahr wre! und Sie knnten auf diesem Wege uns verloren gehen, ich selbst
wrde mir die bittersten Vorwrfe machen, Sie nicht vterlich gewarnt und zum
Heile zurckgewiesen zu haben. Eduard errthete vor Unwillen und Beschmung.
Sollte Robert vielleicht Eure Durchlaucht - Reden Sie mir nicht von diesem
Unwrdigen, rief der Frst und sein Auge blitzte zrnend; sein Name, wie sein
Fu kommt nie wieder ber diese Schwelle, er ist ein verlorener Mensch, hten
Sie sich vor seinem Umgange. Nicht allein, da er auf das Gewissenloseste eine
Menge armer betrogener Mdchen seinem Rausche geopfert, die Unglcklichen in
zeitliches und ewiges Verderben gestrzt hat, er mordete auch rcksichtslos die
Ehre von Mnnern, die die Welt achtet und die meine Liebe besessen haben. Er ist
so tief gesunken, da ich ihn einer ffentlichen Beschimpfung, der er nur zu
nahe war, mit Mhe entrissen habe, und Undank ist stets mein Lohn gewesen. So
gefhrlich, mein Freund, sind die glnzenden Eigenschaften, die unser Auge
bestechen und das Herz zugleich einer schmerzlichen Enttuschung entgegen
fhren. Hier lesen Sie einen Zettel, in dem er beilufig auch sein Urtheil ber
Sie ausgesprochen hat.
    Eduard empfing das Papier und steckte es zerstreut zu sich; er war durch all
das Gehrte und Gesehene so befangen gemacht, da ihm kaum Achtsamkeit genug
brig blieb, um die Baronesse und das Frulein, die eben eintraten, zu begren.
Der Frst ging auf die Eintretenden zu und beugte sich ber Magdalenens Hand,
diese lispelte aber: Keinen Ku, Prinz, Sie wissen, da ich solches nicht
liebe, ein Hndedruck gengt mir, wovon Sie schon heute in - Sie schauen in
meine Seele, wunderbares Mdchen, sagte der Frst leise, brauche ich noch zu
antworten? - Das Frulein schttelte wie zrnend das Haupt, dann weilten aber
ihre groen blauen Augen fragend auf dem Jngling, der, immer noch heftige Rthe
im Gesicht, stumm vor sich hinsah. Der Frst fate ihn an der Hand und stellte
ihn nochmals den beiden Damen vor; es wurden einige gleichgltige Worte
gewechselt, und Eduard fhlte sich wieder leicht, als er, die Treppe
herabsteigend, die Gasse betrat. Sein Busen war zu voll, er mute die Einsamkeit
suchen, um mit der Welt zu grollen. Vor allen war ihm der Frst ordentlich recht
verhat. Kann man, rief er bei sich, wohl den Glauben und die Erkenntni wie
eine Schlafmtze ber die Ohren ziehen, wenn einem der durch Jugendsnden nackt
gewordene Scheitel zu frieren anfngt? Fratze ber Fratze! Und was soll der
Vorwurf rcksichtlich Emiliens - hat sie ber mich geklagt oder hat es der Vater
gethan? Wie schwchlich und elend, wie kleinbrgerlich und alttugendhaft; will
man mich durch Ruthen an die Schulbank zurckzwngen? Freiheit und
Selbststndigkeit sind die athemholenden Lungen des geistigen Lebens, soll ich
mit Schwindschtigen umgehen, um selbst schwindschtig zu werden?
    Aus diesen Gedunken schreckte ihn pltzlich ein Gelchter, das neben ihm
erscholl; er hrte, da ber seinen Regenschirm gespottet wurde, und eine Stimme
rief: Geben Sie Acht, wenn diese tropfende Glockenhaube sich hebt, so schaut
gewi das sehr ehrwrdige Antlitz des Vikar von Wakefield uns entgegen. Eduard
glaubte die Stimme zu erkennen, hob seinen allerdings etwas bauflligen Schirm,
und erblickte an dem halbgeffneten Fensterchen die Grfin Eva mit Jokonden.
Ueber die beiden Mdchen sah Massiello's lchelndes Antlitz hervor. O, ein
guter Freund! riefen jetzt die drei Stimmen, und Eduard mute sich selbst
fragen, wie er denn an das einsame Fischerhuschen gekommen sey. Trumerisch,
wie er den ganzen Weg gemacht, kehrte er auch jetzt ein, und wurde von den
Dreien mit herzlichem Jubel empfangen. Jokonde war schner wie jemals, das
Gefhl ihrer verlassenen Lage warf ber ihre kindische Heiterkeit einen leichten
Schleier von Melancholie, der die Seele ersetzte, und sie unendlich
liebenswrdig kleidete. Beide Freundinnen hatten auf Anstiften Eva's sich streng
bereitete Fastenspeisen zurichten lassen; fr die Unglubigen oder
Schwerglubigen stand ein zweites Tischchen bereit mit leckern Speisen von
allerlei Art, und Massiello hatte schon Platz daran genommen und bereits einige
Flaschen entsiegelt. Wegen Eduard entstand der Streit, zu welchem Tisch er
gehre. Die Mdchen wollten ihn durchaus auf ihrer Seite und auf Seite der
Religion haben, Massiello zeigte dagegen nur auf die Flaschen und ffnete mit
kluger Weltlockung die Schssel mit einer dampfenden Pastete. Jokonde stand auf,
und prsentirte in unendlich anmuthiger Haltung als Herodias den Kopf ihres
ungewhnlich groen Fastenhechts, Grfin Eva versicherte aber vollen Ernstes,
da hier durchaus nicht zu spaen sey, und sie wolle Eduarden nimmermehr
freundlich ansehen, wenn er zu der Pastete berliefe. Dieses entschied und der
Jngling wurde von den muthwilligen Mdchen im Triumph zu der Fischtafel
gebracht. In dem Augenblicke ging die Thre leise auf und ein volles rothes
Gesicht ward hineingesteckt. Aha, ha! ha! schrieen alle, Signore Abbato,
carissimo padre - bona seria, bona seria! - Der Abt war jetzt mit einer
geschwinden Bewegung im Gemach, und seine Lippen ruhten zu gleicher Zeit auf
beiden zarten Hndchen der Mdchen. Drei schimmernde Astrallampen wurden
hereingebracht, und die kleine Gesellschaft trieb sich in glnzender Helle unter
Kssen und Lachen bunt durcheinander. Den Abt gaben beide Mdchen sogleich fr
die Sache der Religion verloren, er erhielt einen Stuhl neben Massiello, und Eva
versicherte ihm, da er zu ihrem Vereine eben so wenig gehre, wie ein
gebratener Kapaunflgel in ein Bouquet weier Rosen. - Massiello hatte den
Kapaunflgel gefat und ihn drohend erhoben, ein Theil des Tischtuches flo ber
seine Gestalt wie ein Mantel nieder, indem er den Stuhl bestiegen hatte und mit
donnernder Stimme seine Fastenpredigt anhub: O ihr Gottlosen, ist's nicht
genug, da eure Passionszeit dauert, so lange ihr jung und hbsch seyd, wollt
ihr nicht zuweilen im Alter noch Passionen haben, die Niemand erwiedern kann?
Wohl nehmt ihr euer Kreuz auf euch und schleppt es, aber nur, wenn es modern
gefat ist,  quatre couleurs, und wenn es schwer von Gold ist. O Himmel - noch
heutzutage lat ihr euch steinigen, aber nur mit chten, nicht mit bhmischen
Steinen. Vigilien und Nachtwachen zu halten, ist euch was Leichtes, nmlich wenn
die Gesellschaft gut, der Tanz lebhaft, das Soup auserlesen, und der Punsch nur
einigermaen ertrglich ist. Noch heute kleidet ihr die Nackenden, nmlich wenn
diese schn gewachsen sind, und wer anklopfet, dem thut ihr auf, wenn es nur
nicht der Ehemann ist!
    Der Abt lachte laut und schallend, Jokonde aber ergriff die Rose, die dem
gekochten Hechtkopf im Munde steckte und warf sie ber beide Tische herber in
Massiello's blitzende Augen, inde Eva ihr Haupt andchtig ber die gefalteten
Hnde hinabneigte, und unter den berstrzenden schwarzen Locken hervorseufzte:
Pax nobiscum Domine. Der Abt trug eine ganze Schssel von Zuckerwerk zum
Pianoforte, um unter dem Spielen zu naschen und unter dem Naschen zu spielen,
indem er behauptete, die krnkliche Sigkeit der Tne knne nur durch die
gesunde der Kuchen aufgehoben werden. Eduard's Seele trieb und blhte in einem
fieberischen Ungestmm, er glaubte die Schtze der Jugend und Lust nicht theuer
genug von der gegenwrtigen Minute kaufen zu mssen; die beiden Mdchen nahmen
ihn in ihrer Mitte auf, und um ihn, ber ihn schlangen sich die Blumenketten
ihrer Scherze und Ksse, flogen die glnzenden Feuerblle des Muthwillens,
stberten die kalten, spitzen Flocken der Neckerei, und auf seinen offenen Busen
fielen und brannten die langen glhenden Balsamtropfen der Sehnsucht. Er fhlte
sich durch und durch krank, doch wie ein fallendes Herbstblatt, nur um desto
glnzender gefrbt. Jokonde sagte ihm tausend hbsche Dinge ber seine Augen,
und er ihr seltsam verworrene Ansichten ber Weiber und Leben, die sie belachte,
weil sie sie nicht verstand. Der Abt spielte die Ouvertre aus dem Don Juan,
zwischendurch tnten die Klagen Elvirens, die Drohungen Don Antonio's, - die
ganze antike Schmerzensflle der Anna, ber alle herber warf ein jh
auffahrender Glanz seine Strahlenkronen, Don Juan tndelte, Leporello machte
seine Possen; dann drohten einzelne Laute und zuckten wie mattlaufende Blitze am
Horizont nieder, der Donner rollte ihnen nach und es erklang die Stimme des
ersten Mahners aus der Tiefe; wilde gellend atheistische Tne flatterten ihm
entgegen und fielen zerquetscht an der marmornen Brust nieder, ein rother
breiter Glanz schlo Himmel und Hlle pltzlich. Eduard und Jokonde
verstndigten sich ber die Gttlichkeit des Gedichts durch einen Ku. Massiello
war beschftigt, einem jungen Mdchen, das erschienen war und sich stumm in eine
Ecke drckte, einige Rede abzugewinnen. Die Grfin Eva sprang auf und rief: Ah,
da ist meine Aime; hier, meine Herrn, stelle ich Ihnen meine Nichte vor, nicht
wahr, ein nicht ganz bles Geschpf? Sie fuhr dem Mdchen, das immer strker
errthete, unter's Kinn und hob den Lockenkopf; der Abt und Eduard sagten einige
Artigkeiten, Massiello rang nach einem Ku hinter dem Rcken der Grfin, und
versicherte, die vollen weichen Lippen, die frischen Zhne seyen unendlich
reizend, vor allen aber dieser wilde finstere Unwillen, der aus den Augen
sprche, der rothe Zorn, der die gewlbte Wange frbe. Man entschlo sich, eine
vollstndige Musik aufzufhren, die Grfin lie; sich ihre Harfe geben,
Massiello stimmte, Notenbltter wurden hin- und hergeschleppt, der Abt zankte
und die Dienerinnen hatten vollauf zu thun, die Reste der Mahlzeit
hinwegzuschaffen, und statt deren Blumen und Frchte auf die Tische zu setzen.
Unser Freund zog Jokonden sanft bittend nach sich, und die Gefllige entschlo
sich, ihm zu einem Bildchen zu sitzen, das er schon lange angefangen, und das
das reizende Mdchen als Cleopatra darstellte, mit der Schlange an der Brust.
Die Idee war vom Herzog ausgegangen, doch hatte dieser sich weiter nicht um die
Ausfhrung bekmmert, und jetzt wre ihm der ganze Gedanke wahrscheinlich
verwerflich vorgekommen. Ein Kabinet wurde ausgewhlt, die Lampe
zurechtgeschoben, Jokonde hatte mit Hlfe von ein paar Tchern eine grazise
Drapperie hervorgebracht, welche sie mit ihrer gewhnlichen Anmuth und
Geschicklichkeit ordnete. Jetzt war sie fertig und warf sich in die Ecke des
Sopha's. Als Eduard darauf drang, einen Theil des schnen Busens frei zu sehen,
gab sie nach, verhllte sich aber augenblicklich wieder, als Jemand in's Zimmer
trat; Eduard sah sich um und entdeckte das junge Mdchen, das schchtern
eingetreten war, und glhende Blicke auf Jokonden richtete. Sie verschwand
wieder und die Liebenden blieben allein. Die rauschenden Strme der Musik
ergossen sich inde im Vorgemach, doch bald trat Stille ein; der Abt behauptete,
Massiello mit Eva begingen Fehler auf Fehler, die Grfin lachte, der Musiker gab
nichts zu; von Worten ging es auf Tne ber, jeder Theil griff zu seinem
Instrument und fhrte den Streit fort. Ein wildbrausender Sturm erscholl,
zwischendurch gellte ein helles Harfencapriccio, dann lachten alle zu gleicher
Zeit auf, und der Abt warf die Noten zusammen. Es geht heute nicht, rief
Massiello, die Noten behaupten ihre Sinn, wie alle Leute von Kopf. Man wollte
sich trennen, als ein frchterlicher Schrei aus dem Nebenzimmer hervorbrach;
alle fuhren entsetzt zusammen, zu gleicher Zeit ward die Thre aufgerissen und
Aime sprang heraus. Sie hatte ein Messer in der Hand, ihre Augen funkelten und
an dem weien Gewande brannten Blutspuren. Alle Gtter! schrie der Abt, was
gibt's da! - Man strzte in's Zimmer - der Tisch mit dem Zeichengerth lag
umgeworfen mitten im Gemach - Jokonde ruhte auf dem Sopha, Hals, Arme und Kleid
in Blut getaucht. Eva war auf den Teppich hingesunken und rang die Hnde; in dem
Moment trat Eduard hinein, und zerrte das seltsame entsprungene Mdchen am Arme
nach sich. Als er den Schreck der Freunde sah, rief er: Nur keine Besorgni,
Ihr Lieben, der Vorfall ist hchst unbedeutend, was Ihr dort seht, ist nicht
Blut, sondern blos rother Wein, mir aber hat der bsartige Knabe eine leichte
Verwundung am Arme beigebracht. - Knabe?! rief Massiello, und aller Blicke
richteten sich auf den Gefangenen, der sich jetzt von Eduard's Arm losmachte, in
die Ecke eilte, den dort stehenden Degen ergriff, und, mit der andern Hand in
Geschwindigkeit den Frauenrock abstreifend, nun in seinen Pagenbeinkleidern
dastand. Mit einem vor Zorn leichenblassen Gesicht und zitternden Lippen
stammelte er, indem er sich trotzig in die Mitte des Gemachs hinstellte: Nun
ja, was seht Ihr mich an? - ich gehre nicht zum lumpigen Weibsgesindel! ich bin
ein Mann und Kavalier, wie der da, und habe meinen Degen, wie jeder ehrliche
Junge, dem man zu nahe tritt. Halbentkleidet, wie er da stand, den vollen
Lockenkopf schttelnd, im blassen Antlitz die rollenden schwarzen Augen, die
brennend rothen Lippen und blitzenden Zhne; er sah einem jungen zrnenden Apoll
hnlich. Massiello eilte auf ihn zu und schlo; ihn in seine Arme, Enzio aber
ri sich los und kniete vor der noch immer leblos daliegenden Jokonde; indem er
sein Haupt an ihre Knie drckte, schluchzte er so heftig, da die Betubte
erwachte, und mit einem Angstruf vom Ruhebette sprang und Eduarden zueilte.
Bringt den Wahnsinnigen fort, kreischte sie, er wird ihn und mich morden! -
Ich werde nicht, rief der Knabe, Ihr seyd vor mir ganz sicher, Mademoiselle
Jokonde; liebt immerhin wen und wie Ihr wollt, fr Euch mag ich wohl noch zu
jung und unbedeutend seyn, da will ich warten bis ich das Offizierspatent in der
Tasche habe. Er entfernte sich mit diesen Worten, ohne die Gesellschaft eines
Grusses zu wrdigen; im Vorzimmer fand er seine Jacke, die er anzog, den Mantel
berwarf, und so hrte man ihn den Gang entlang in der Finsterni kappen.
Eduards Wunde brannte ziemlich heftig, Jokonde lag weinend im Arme der Grfin,
die Mnner trennten sich und ein jeder schlich verstimmt und unangenehm berhrt
nach Hause.
    Eduard kam, innerlich auf das heftigste zerrttet, in sein Zimmer; er
errieth nur zu schnell den Zusammenhang des ganzen Vorfalls und den Grund von
Enzio's Zorn. Er verabscheute Jokonde und Eva, da sie sich einem Knaben
hingeben konnten, seine eigene Leidenschaft erschien ihm im schwrzesten Lichte,
das Gewissen prete ihn von neuem wegen des Treubruchs an Emilien. Er nahm sich
vor, nie mehr die Schwelle des Fischerhuschens zu betreten. Der Diener
erschien, um ihn zu entkleiden, als der Rock behutsam abgezogen wurde, fiel ein
Blttchen zur Erde, welches Eduard sogleich fr das vom Herzoge ihm
eingehndigte Schreiben Roberts erkannte; er lie es sich geben und las folgende
Zeilen: Ihr deutet an, Prinz, da unser Verhltni sich lsen knne, ich mchte
Euch versichern, da es nie bestanden; Ihr sucht bei mir jene schwchlichen
Tugenden, die charakterlose Menschen aneinanderknpfen, die besitze ich nicht
und meine groen Eigenschaften fangen an in Euren Augen als Laster zu
erscheinen! immerhin, ich forme mein Inneres nicht nach dem Urtheil der
Menschen. Ihr fabelt von Verfhrung und stellt mir das Bild des jungen Eduards
vor - was soll ich damit? der Mensch ist mir immer gleichgltig gewesen, er war
eine kurze Zeit meine Puppe, mit der ich spielte; macht er Ansprche auf mich,
so lasse ich ihn fallen, denn meine Freiheit soll Niemand beeintrchtigen.
    
    Eduards Wunde brannte heftig, als er diese Worte las; er fhlte in diesem
Moment die Bande losgerissen, so heftig tobte das unruhige Blut, dann legte sich
eine bengstigende Klte auf Stirn und Brust, er fhlte sich einer Ohnmacht nahe
und sttzte sich an's Bette, inde die Wunde neu umbunden wurde. Jezt tnten
Schritte im Vorzimmer, die Thre flog auf und Robert stand vor dem tief
Beleidigten. Die Stimmung beider Jnglinge drngte zu einem furchtbaren,
entscheidenden Moment. Eduard zeigte den Brief vor, Robert entschuldigte sich
nur halb, antwortete kalt und verchtlich - Eduards Fieberhitze ward zur Flamme,
er griff mit dem rechten gesunden Arm zum Degen, Robert stellte sich ihm ruhig
gegenber und der Kampf begann. Robert, empfing eine Verwundung an der Seite,
Eduard, kaum dies gewahrend, warf sich ihm mit Thrnen an die Brust; doch in
demselben Moment schwanden seine Sinne und Finsterni umhllte das Auge. - Als
er wieder erwachte, fand er sich allein im Zimmer; im Nebengemach lag der Diener
eingeschlummert im Sessel, die Lichter waren tief herabgebrannt, und der
aufdmmernde Morgen lag mit farblosem Grau hinter den niedergelassenen
Fenstervorhngen.

    So war durch eine rasche Handlung, durch Blut, Entsetzen, tiefe Erniedrigung
der trgerische Himmel, in dem unser Freund so lange herumgeirrt war, pltzlich
geschlossen; Massiello's Fastenpredigt tnte in seinen Ohren, Jokondens Ksse
drckten noch seine Lippen, Roberts Herzblut klebte an seiner Weste, doch alle
diese Zeichen und Erinnerungen dnkten ihn durch eine weite Kluft von der
gegenwrtigen Minute geschieden. Die Stille und Abgeschiedenheit, in der er sich
jezt durch seine Krankheit versetzt sah, lhmte jede Wirksamkeit nach auen, und
er htte Zeit und Gelegenheit genug gehabt, seine frhern Irrthmer zu bereuen,
wenn seine Seele noch mit jener frischen jugendlichen Spannkraft begabt gewesen
wre, die einen groen Entschlu fat und ausfhrt; je mehr er strebte, Klarheit
und Gewiheit zu erlangen, desto gewaltiger bemchtigte sich seiner die innere
Verworrenheit. Bald entschlo er sich Emilien aufzusuchen, durch ein
offenherziges Bekenntni seiner Schuld sein Loos in ihre Hnde zu legen, bald
schreckte ihn wieder der Gedanke ab, da sie es war, die mit ihrem Vater und dem
Frsten vereint dahin strebte, seine Freiheit zu beeintrchtigen. In diesem
Augenblick sah er die Unwrdigkeit derer ein, mit denen er bis jezt Umgang
geflogen, im nchsten Moment erschienen ihm dieselben Personen hchst
liebenswrdig, und nur sein eigenes Selbst fand er zu verdammen, indem die
Schwche ihn zu Mibrauch und Verirrung hingezogen. Die Wissenschaft und ihre
Schtze erschienen im ebenfalls in einem zweifelhaften Lichte; die rege
Lebenskraft, die, wenn sie gesund ist, mir ihrem Athem jedes Verhltnis, alles
Wissen mit Wrme und Lust fllt, war in seinem Busen gebrochen, und Zweifel und
Klte waren eingetreten. So lag er oft Nchte lang auf seinem Lager, und sah mit
unermdetem Geiste eine Flche vor sich, die, in Nebel gehllt, sich in eine
unbestimmte Ferne zu verlieren schien. In dieser Stimmung traf ihn ein Besuch,
den er nicht erwarten konnte. Eines Abends, als er aus einem unruhigen Schlummer
erwachte, stand der Graf Eberhard vor ihm, der zur Ursache seines Kommens die
Besorgni um seine Gesundheit anfhrte. Eduard hatte ihn ber die mancherlei
Begebenheiten fast ganz vergessen; auch in den Zimmern des Herzogs war der Graf,
als die Abendgesellschaften anfingen, nicht erschienen, und so war die Meinung
natrlich, da er die Stadt verlassen habe. Jezt, da er so unvermuthet erschien,
da die lange, drre, in Schwarz gekleidete Gestalt vor dem Ruhebette des
Jnglings stand, erwachte bei diesem pltzlich das Bild jenes Abends im
Fischerhuschen, wo er den wunderbaren Mann zum erstenmal gesehen. Er besann
sich, da Jokonde ihn versichert hatte, da sie den unberwindlichsten Abscheu
gegen den Seltsamen fhle, ja, da er ihr oft in seiner starren, gebietenden
Gre, in der Unbeugsamkeit seiner steinernen Gesichtszge vorkomme, als knne
er niemand Anders wie der ewige Jude seyn. Ein leiser Schauder berflog ihn, als
jezt der Graf seine Hand fate und sie eine Zeitlang in der eiskalten Rechte
ruhen lie. Wir haben uns lange nicht gesehen, rief er dann; Sie haben inde
Erfahrungen gemacht, und jede derselben ist schon ein Schritt nher zu mir. -
Zum Tode - entgegnete Eduard in einer sonderbaren Spannung.
    Vielleicht ist das gleichbedeutend, fuhr der Graf fort und lchelte wie
ber einen besondern Einfall, dem er selbst mit Vergngen lnger nachdachte -
allein dieser Tod ist das Leben und die Freiheit, obgleich ein verblendeter
Hause ihn die tiefste Knechtschaft nennt; doch wir werden nicht mit Worten
spielen, die Sache bleibt wahr, so sehr sich auch unsere Eitelkeit dagegen
strubt. Nichts Elenderes gibt es, als den Glauben, wir knnten etwas Groes
leisten, etwas Edles und Erhabenes darstellen. Wir wollen Brger des Himmels
seyn und sind Sklaven des bewegten Nervs, der jede Minute anders erzittert. Eine
reichlichere, schmackhaftere Tafel verrckt die Ansicht der Dinge um ein
Ungeheures, und der Ku eines schnen Mdchens hilft den Himmel anders bauen.
Wenn es uns der Krper nicht sagte, da das Verbrennen schmerze, so htten
Millionen Menschen nie eine Hlle gefrchtet, und die Dichters htten den
Gegensatz derselben, den Himmel, nicht erdichten knnen. Das Grundbel der Welt
liegt im Daseyn streitender Gegenstze; gelingt es uns, diesen Streit zu lsen,
so sind wir geheilt, denn nur da herrscht Ordnung, Ruhe, Gesundheit, wo kein
Widerspruch sich zeigt, je hher der Widerspruch wchst, desto krnker ist der
Mensch, desto krnker ein ganzes Volk. Tritt der Mensch freiwillig in seine
Schranken zurck, ist er im vollen Begriff des Worts gesundsinnlich, so hrt
augenblicklich der schreiende Miton in ihm auf, und er ist weder Betrger, noch
Betrogener mehr und alle jene Weltverbesserungs-Anstalten fallen von selbst
weg.
    Mich schwindelt vor einer solchen Ansicht, rief Eduard.
    Weil Sie noch nicht zur Gesundheit sich durchgerungen haben, versetzte der
Graf; ich habe es und befinde mich ganz wohl. Ehe man von einem Thron
herabsteigt, dessen Flitter uns blendeten, kostet es manchen Kampf. Die
Geschichte aller Religionen ist eine Geschichte der Krankheiten des menschlichen
Geistes. Besuchen Sie die Lehrsle der Philosophen, saugen Sie an dem Marke
alter und neuer Weisheit, lassen Sie sich in dunkeln gothischen Hallen, in
griechischen Tempeln, in jdischen Sinagogen, in trkischen Moscheen das
unverstndliche Etwas predigen, das die Menschenkpfe verrckt macht, welches
das menschliche Fleisch vergiftet hat von Anbeginn an, das den Wahnsinn auf die
Erde gerufen und alle Kammern des Elends und Gruels geffnet hat.
    Eduards Wunde brannte heftig, der Graf brach das Gesprch kurz ab; bald
darauf entfernte er sich. Es vergingen einige Tage, ehe er wieder kam. Er sprach
von seiner nahen Reise und gab zu verstehen, da er es gerne sehe, wenn Eduard
ihn begleitete. Unmittelbar berhrte er nie wieder jene zuerst geuerten
Grundstze, doch blickten sie bei jedem Gesprche durch, so mild und anscheinend
vertrglich es auch gefhrt wurde. Wenn ich von Kunst spreche, sagte er eines
Tages, so habe ich immer nur die griechische im Sinn; sie allein ist es, die
unverhohlen dem Menschen dient, nicht einem Gespenste. Wenn ich die Reize eines
schnen Jnglings, eines vollen Mdchens sehe, so habe ich da etwas Wirkliches;
der lachende Faun, der drohende Zeus, wer verstnde sie nicht? wer labte sich
nicht an der schnen frei ausgesprochenen Form; das Colorit des Titian ist
ebenfalls wirklich - gesund, doch ein Bildchen von Fiesole ist eine Krankheit,
mit Pinsel und Farbe beschrieben. Poesie und Musik dulden ebenfalls kein anderes
Element, als die Sinnlichkeit, wenn sie sich nicht in ein Nichts auflsen
sollen. Die meisten Legenden sind unter den Hnden ihrer Bearbeiter
Liebesgeschichten geworden, wo der Heilige den Liebhaber, die Heilige die
Geliebte spielt. Die Rigoristen, die Bilder und Lieder verbannen wollen, fallen
in noch grbere Verirrungen.
    Eines Tages holte der Graf ein Buch aus der Tasche, es waren Wilhelm
Meisters Lehrjahre. Ein sonderbares Buch, rief er, da ist nun ein Mensch, der
durch das Leben geht, ohne sich um das Schwarz und Wei zu kmmern, mit welchen
wir alle Dinge um uns bemalen. Eduard meinte, da das Buch geschrieben sey, um
die Bhnenkunst auf eine hhere Stufe zu heben; der Graf lchelte und kam mit
einer Wendung wieder auf seine eigenthmlichen Meinungen und Ansichten zurck.
Dieses und hnliche Bcher, sagte er, sind mir lebende Zeugnisse, da eine
gesunde sinnliche Entfaltung das Hchste in der Poesie leistet. Den Tumult der
Leidenschaften, das rothe Pulsiren eines heien Herzens, das lechzende Verlangen
sinnlicher Glut, und das hhnende Gesptt ber die Anmaungen des Geistes, das
ist der heftige Lebensathem, der die Brust der Gtheschen Muse schwillt;
nirgends Krankheit, berall Muskelflle eines Laokoon und ser Aphroditenreiz.
    Eduard wandte kleinlaut ein, da eine solche Ansicht ihm gefhrlich schiene,
indem dadurch der Unterschied zwischen Recht und Unrecht, Tugend und Snde sich
verdunkle. Der Graf rief dazwischen: Es gibt keine Snde, wie es keine Tugend
gibt. Nennen wir den Orkan, der Bume entwurzelt und Felsen erschttert, Snde?
er ist ein und dasselbe, mit dem Frhlingsgesusel - eine Naturkraft, eine bloe
Erscheinung; nur unsere kurzsichtigen Begriffe nennen das Eine verderblich, das
Andere beglckend. Ein durch sinnlichen Uebergenu sich hinrichtender Mensch,
ist mir nichts als eine Erscheinung; ich tadle oder lobe ihn eben so wenig, als
ich einen Baum lobe oder tadle, der durch Blthenflle hinwelkt. Sonnenschein,
frher Regen, zu fetter Boden waren die Ursache seines Falls, dagegen gibt es
Tausende, die anders gestellt, gnstigere Strahlen saugen; aber ich bedaure das
arme krppelhafte Gewchs, das ein Ziergrtner frhe in ein trocknes Gerippe
einsperrte. Es wird eine Zeit kommen, wo alle Religionen, alle Philosopheme in
den Staub sinken und die Menschen, von aller Kranktheit, von allem Elend
genesen, wieder nackend in die ewigen Quellen des Paradieses tauchen.
    Nach einer Weile setzte der Graf hinzu: Da ist nun der Herzog; anstatt sich
gesund auszubilden, wie er Anfangs versprach, nhrt er den geheimen Schaden und
jetzt ist die Krankheit da. Schade um die schnen Anlagen. Mit einem am Felsen
angeschlossenen Prometheus, der mit seinen Ketten gen Himmel zrnt, kann ich
Mittleid haben, nicht aber mit einem Knaben, der aus Furcht vor der Ruthe auf
die Worte seines lppischen Lehrers schwrt.
    Eduards Krankheit brach immer dergleichen Gesprche ab, doch lie der Graf
es sich nicht nehmen, tglich am Lager des Jnglings zu erscheinen, ja er wachte
sogar Nchte hindurch und horchte den Fieberphantasien. Oefters zog er ein
Manuscript aus der Tasche und las die Geschichte seines Lebens, die sich in
finstern Bildern um das Kloster in den Apenninen bewegte. Einst entschlief unser
Freund, und ein seltsamer Traum neigte sich auf ihn herab. Wie aus weiter Ferne
tnte ein altes vergessenes Wiegenliedchen, das er seine verstorbene. Mutter
singen gehrt zu haben sich erinnerte. Die Tne rannen wunderbar in ein Bild
zusammen und er sah sich selbst in der Kinderstube, wo er aufgewachsen, wieder;
eine Gestalt sa abgekehrt von ihm am Fenster: am Band der Haube, am Contour der
Wange erkannte er seine Mutter. Ein Schauer der Rhrung befiel ihn, es trieb
ihn, das Antlitz zu sehen, aus dessen sen Liebesaugen sich einst der Himmel in
seiner Brust entzndet hatte; doch ein inneres Grauen, dessen Grund er sich
nicht erklren konnte, bannte ihn fest an seinen Sitz. Er betrachtete einen
Tisch vor sich; er lag voll Spielzeug, wohlbekannte Pppchen, doch die
Vergoldung an den Soldaten war matt geworden und ein dicker Staub lag auf jedem
Dinge. In seinem Herzen brachen die Knospen der ersten Jugend auf, seine Seele
trank jene frhe Unschuld und Engelsfreudigkeit, die Tne der Wiegenlieder
drangen mit Ungestm in seine Brust, und weiteten mit khlendem Flgelschlage
sein Inneres aus. Vergngt schob er jetzt die Sachen zusammen, und sie in eine
bunte Reihe ordnend, konnte sein Auge sich nicht satt sehen an dem bunten
Schmucke der Puppen. Sie alle waren ihm bekannt, er wute den Namen einer jeden,
doch whrend er sie, eine nach der andern, aus dem Kstchen hervorholte, rie
sich sein Finger von ungefhr an ein hervorragendes Ngelchen, das Blut tropfte
heftig, und befleckte die zarten Gestalten. Wie er im Schmerze nun die Puppen
von sich warf, bemerkte er, wie jedes Figrchen auf dem Boden sich krampfhaft
herumwand, wie sie immer grer wuchsen, und endlich ihn und seinen Stuhl
umringten, indem sie die bleichen, verzerrten Gesichter ber seine Schulter
senkten. Es waren Robert, Massiello, der Herzog, der Abt, Jokonde und Eva, auch
Enzio und der alte Fleackwouth fehlten nicht, doch allen klebte ein schwarzer,
riesiger Blutstropfe im Gesicht und an der Kleidung. Ein ungeheures Entsetzen
erfate den Armen; er fhlte, wie er zum Spotte dasitze am Kindertischchen als
siebenundzwanzigjhriger Jngling, er schrie laut auf, und rief den Namen seiner
Mutter; da - o, es war schrecklich - zitterte das Bild am Fenster, wie ein
wankender Schatten, den die Laterne eines Vorbergehenden auf die Wand eines
gegenberstehenden Hauses wirft, das Antlitz wandte sich langsam um und Eduard
erkannte ein seltsames fremdes Gesicht. Die Haube war verschwunden, statt ihrer
zog sich ein weies Tuch halb ber die Stirne, und eine Seitenlocke, die sich
gelst, hing auf den Hals herab. Die Gestalt hob die Arme, als wollte sie den
Jngling zu sich winken, ein ernstes Lcheln lag wie ein schwindender Glanz auf
den stolzen Zgen. Mit Gewalt wollte er zu ihr, da fhlte er seine Hand gefat
von einer kalten Berhrung, zugleich schob ein voller Mdchenarm ber die
Schulter ihn ein Billet in den Busen. Ein stechender Schmerz stieg wie ein
Miton in die feinsten Nervengnge seines Gehirns hinauf, er fhlte, wie die
Mdchengestalt sich ber ihn beugte und ihre Lippen seine offene Brust glhend
berhrten. Er erwachte, die Wunde auf der Brust war aufgesprungen, der Graf sa
an seinem Lager und hielt die Rechte des Kranken gefat. Wo ist meine Mutter!
schrie dieser und warf den irren Blick in das dmmernde Gemach - wo ist sie!
sie hat mir etwas sagen wollen. Der Graf beugte sich ber ihn, er hatte den
Zustand der Wunde bemerkt, und indem er die Tcher neu ordnete, fiel ein
zusammengefaltetes Papier ihm in die Hnde, Eduard griff darnach; ich wei,
rief er, eine Gestalt, die mir bekannt schien, hat es mir eben in den Busen
gesteckt. Der Graf sah ihn mit groen Augen an - Sie trumen noch, rief er,
es ist Niemand im Zimmer gewesen als ich, und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,
da ich nichts von diesem Papier wei. Eduard hatte es entfaltet und las die
Worte mit einer zierlichen Hand geschrieben: Ueberdru, Klte und Verachtung
umklammern ein Herz, das fr Liebe, Freiheit und Tugend geschaffen ward! O wenn
Du mir folgtest, Jngling! - In Eduards Kopfe vermischte sich Traum und
Wirklichkeit, mit dumpfer Beharrlichkeit dachte er den rthselhaften Gestalten
nach, ohne zu einem Resultat kommen zu knnen, bis er endlich erschpft in die
Polster seines Lagers zurcksank; der Graf ergriff jene Zeilen, die der Hand des
Erschpften entglitten, und rief, nachdem er sie flchtig durchlaufen: Nun
wahrlich, hate ich nicht ohnedies alles Geheimnivolle, so wrde ich mich
dennoch schmen, der Befrderer solcher Gemeinpltze und abgeschmackter Phrasen
zu seyn. Wo dergleichen Thorheiten beginnen, hrt sogleich alle gesunde Vernunft
auf. Lassen wir den Spuck, junger Freund, wahrscheinlich hat ein verschmitzter
Bote, von irgend einem schnen Kinde gesandt, Mittel gefunden, das lppische
Geheimni Euch unvermerkt aufs Lager zu schleudern. Eduard antwortete nicht,
sein inneres Auge war auf die Gebilde des Traums geheftet, besonders auf die
Gestalt, die seine Mutter vorstellte und dennoch nicht war. Er htte weinen
mgen, als er leise jenes alte Jugendlied vor sich hinsang, und nur die
Gegenwart des Grasen drngte Thrnen wie Worte in seine Brust zurck. Als jener
fortging, verfiel er in einen langen, wohlthtigen Schlummer.
    Mehrere Wochen waren auf diese Weise dahingegangen; die Nachricht war
eingelaufen, da die frstliche Braut bedeutend krank liege und sich auf ein
nahe gelegenes Lustschlo zurckgezogen habe; der Herzog war verreist, man wute
nicht wohin; es herrschte in der Residenz Trbsal und Verwirrung, im Geheim
erzhlte man sich von der Ankunft eines Mannes, welcher als Haupt einer
weitumfassenden Verbindung politische Reformen zur Absicht habe. Es hatte sich
ein Kreis von Mivergngten um ihn gebildet, und die Gestalt der Dinge war durch
die mannigfaltigsten Umstnde schon wesentlich verndert worden. In diesen Tagen
erhielt unser Eduard ein Schreiben von der Oberhofmeisterin, in dem sie ihn
aufforderte, das Bild des Fruleins Magdalena, welches er einmal dem Frsten
versprochen hatte, zu malen. Als er eben diese Zeilen las, traten der Abt und
Massiello herein. Sie freuten sich, ihren Freund so gesund zu sehen, und es
wurde von nichts als von Reiseplnen gesprochen. Eduard konnte sein Mibehagen
nur schlecht verbergen; er hatte sich vorgenommen, den Frsten, das Frulein,
den ganzen Hof nicht wieder zu sehen und nun wurde er durch jenen Brief wieder
in den verhaten Kreis hineingezogen. Auch wir reisen, rief Massiello in einer
exaltirten Laune; ich will doch wirklich sehen, ob alles so gut und trefflich
ist, wie Gott seine Schpfung rhmt im ersten Buch Mose; heutzutage mu man
durchaus keiner gegebenen Versicherung glauben beimessen; brigens will ich
diesen jungen Menschen - er zeigte auf den Abt - in die Welt einfhren. Der Abt
lchelte und sagte: Wir entfliehen eigentlich nur dieser
Stillen-Freitag-Stimmung, welche sich hier Platz gemacht hat. Man redet und it
seit langer Zeit nichts Gutes mehr. Vielleicht, rief Massiello, treffen wir
Dich, Du Ser, in irgend einer kapitalen Stadt, wo Du mit deinem Prinzip der
reinen Bestialitt herumwandelst, indessen wir als ein paar essende und singende
Menschen hinein und wieder durchschwrmen. Es ist in diesen Tagen mir auch ein
ganz neuer Stoff zu Oper und Ballet gekommen, und zwar aus einer erz-frommen
Zeit, wo jeder auftretende Vater gleich von vorn herein ein Erz-Vater ist,
nmlich aus Abrahams Zeit, durch welches Stck ich mir dereinst einen sehr
warmen, bequemen Platz im Schoe dieses Mannes im Himmel zu bereiten gedenke.
Die Oper fhrt den Titel: Die Bitte um Fruchtbarkeit. Zuerst erscheint Abraham
und tanzt ein etwas frivoles Solo, im Hintergrunde sekundirt ihn Sara mit
einigen Hirtinnen des Thals Mamre, dann tritt eine Hirtin vor, und gesteht unter
Begleitung von Janitscharenmusik, vermischt mit Trompeten und Pauken, in zarter
Verschmtheit, da sie sich Mutter fhle, wobei sie einige decente Sprnge macht
und sich entfernt. Abraham hat sie verstanden und wthet, indem er sein Loos
beklagt; es folgt ein Pas de deux mit Sara, das in leidenschaftlichen kurzen
Stzen von der Musik begleitet wird. Der Erzvater lt sich offenbar zu
zrnender Ungerechtigkeit verleiten, Sara spielt im gekrnkten Selbstgefhl das
leidende Weib, und bleibt zuletzt, mit dem rechten Fu radschlagend und es
wagerecht stolz gegen Abraham hinschleudernd, auf dem linken drei Minuten lang
stehen, mit dem vollen glnzenden Lcheln gekrnkter Unschuld. Ungeheures
Applaudissement; der Vorhang fllt. Den zweiten Akt erffnet ein Engel, mir der
Arie di tanti palpiti - er zieht sich in ein Gebsch zurck; Sara erscheint,
indem sie ihre Bitten vortrgt; man bemerkt im Hintergrunde einige moralisch
verdorbene Hirten, welche sich moquiren. Die Musik ist bei dieser Stelle
durchaus unfruchtbar und dehalb aus einigen beliebten neuen Componisten
entlehnt. Jetzt tritt der Engel hervor, und Sara tanzt mit ihm, doch merkt man
schon, da es ihr schwer wird. Abraham hat sich inde bei den Hirten erkundigt,
wer der junge Mann sey, und da er nichts hat erfahren knnen, strzt er
eiferschtig in den Vorgrund. Sara lchelte still, und spielt in einer artigen
naiven Arie auf ihr fast hundertjhriges Alter an; der Engel erklrt sich und
seine Sendung, Abraham jauchzt auf, Hirten und Hirtinnen fllen die Bhne, und
die Scene schliet mit der Menuet aus dem Don Juan. Im dritten und letzten Akt
erscheint Isaak; er macht eine anstndige Verbeugung gegen das Publikum, und
gesteht, da er es selbst nicht geglaubt habe, da er noch erscheinen werde. Er
nimmt darauf Unterricht im Tanz und leistet etwas Unglaubliches, die gerhrten
Eltern und das ganze Thal Mamre klatscht Beifall. Die moralisch verdorbenen
Hirten sind zu ihren Verwandten in die Stdte Sodom und Gomorrha gegangen, und
man sieht diese beiden verdammten Residenzen im Hintergrunde aufbrennen. In der
Schluscene erscheint Adam als Harlekin, Eva als Colombine, der bse Geist als
Dottore, die Gegend verwandelt sich in das Paradies; ein Orangoutang tanzt mit
einer jungen Aeffin ein komisches Pas de deux, Lwen und Kameele gehen ber das
Theater, ihnen folgt der Hund des Aubri und der Kater Murr; alles treibt sich
bunt durcheinander, ein militrisches Manver und der marseiller Marsch
beschlieen das Ganze. Nicht wahr, Freunde, eine groartige Composition? -
    Eduard und der Abt hatten gelacht, doch der letzte lenkte schnell ab und
sprach vom Grafen. Haben Sie bemerkt, Theurer, da dieser Mann sich nichts
geringeres vorgesetzt hat, als der Zeit eine Richtung zu geben. Wenn ich nur
dergleichen nicht fnde; was soll das, wozu fhrt das? Da sitzt eine halbe
Million Menschen auf dem Erdboden vertheilt, und horcht und lauscht an den Boden
gedrckt, ob sie nicht den Schritt der Zeit vernehmen. Mit lauter Entwrfen, die
Zeit einzurichten und zu gestalten, geht sie ihnen selbst ganz ungentzt dahin;
sie gleichen einem Kinde, das so viele weitlufige Anstalten zu einem Spiele
trifft, da darber die Spielstunde zu Ende luft. Doch an dieser Krankheit
liegt jezt die ganze Welt nieder. Wir ahnen Groes und Entsetzliches, und
stmmen Hnde und Leiber vor, als wollte eine Wand einstrzen, und nachher, wenn
nichts strzt, so stehen die tausend gehobenen-Arme und gebckten Leiber uerst
possirlich da. Ein kluger Mann mu, wie in einem belgebauten Wagen, so auch in
einer schlimmen Zeit, immer noch ein Pltzchen ausfinden knnen, wo es sich
leidlich bequem sitzen und trumen lt. - Massiello hatte sich auf einen
Lehnsessel geworfen und indem er beide Hnde vors Gesicht schlug, stie er einen
tiefen und durchdringenden Seufzer aus. O, ich bin mde zu leben, rief er;
ich finde keine Worte, fr den Ekel, der mich ergreift! Alle Erscheinungen
haben sich schon bis zum Ueberdru in mir wiederholt, und ich bin jeder
Erbrmlichkeit vertraut geworden. Es ist alles nichts, alles fad, alles todt,
staubig, verkohlt - erbrmlich! -
    Eine lange Pause entstand, dann gingen die Freunde still auseinander, keiner
vom Wesen des andern erbaut und erkrftigt.

    Eine Frist, die unser Freund vom Arzte sich hatte vorschreiben lassen, war
verlaufen und es fand sich keine Entschuldigung mehr, die den lngern Aufschub
des Besuches im Schlosse htte mglich machen knnen; so trat er denn eines
Abends zu Pferde, von einem Diener begleitet, die Reise an. Der Frhling war in
seinem vollen Glanze erwacht, die lezten rauhen Athemzge des Winters
verhauchten in dampfende Nebel, der die tiefsten Thler noch einhllte, goldne
Strahlen entzndeten die Welt, und leichte se Gesnge wiegten sich auf den
sprossenden Zweigen. Gegen die Nacht kam ein Gewitter herauf und ein warmer
qualmender Brodem stieg mit einem betubenden Geruch aus dem Boden des Waldes,
einige dumpfe Schlge ertnten, dann herrschte tiefe Stille und whrend der
matte Glanz der Blitze um die Blthen herumfuhr, tropfte ein warmer Regen
nieder. Eduard hatte sich mit seinem Diener unter einem Baume niedergelassen und
den Rock aufgeknpft; zum erstenmal wieder schmerzte ihn seine Wunde
empfindlich, und er mute gebckt sitzen, die Hand auf dem entblten Busen. Das
geheimnivolle Blatt kam ihm wieder in die Hnde, er heftete in der Dunkelheit
sein Auge drauf, und es war ihm, als she er wieder jene blendend weie Hand
ber seine Schulter reichen, um ihm das Papier zu entreien, heftiger schlo er
es an sich und blickte um. Tiefe Finsterni hllte jezt den Wald, heftig
rauschte der Regen und leuchtende Blitze schossen nieder. Eine Unruhe, die er
sich nicht erklren konnte, trieb ihn an, das Pferd zu besteigen und in die
Nacht hinein sein Ziel zu verfolgen. Das Wetter lie bald nach, und als unser
Reiter bei den ersten frischen Morgenstrahlen aus dem Walde herausritt, zeigte
sich ihm das Schlo und seine Umgebungen. Es lag in romantischer Wildheit am
Abhang eines Berges und ein Theil desselben lehnte sich in starren Umrissen an
eine schroff emporsteigende Felswand. Brcken, hier und da noch mit dem
alterthmlichen Schmuck frher Jahrhunderte versehen, liefen ber Abgrnde und
verbanden die schweren Massen mit einander, sicher und zierlich aufsteigende
Thrme und Thrmchen umstellten den Bau wie schtzend nach allen Weltgegenden
hin und auf den spitzigen Dchern blitzten im Abendlicht die blanken Knpfchen.
Weiter unten, halb im Thal, erhob sich ein modernes Gebude, zierlich
ausgestattet, vom hellen Grn schn geordneter Baumgruppen umschlossen. Eduard
stieg hier vom Pferde und auf seine Frage nach dem Schlointendanten wies man
ihn hinauf in die frstlichen Zimmer. Alsobald machte er sich auch auf den Weg.
Oben auf der alterthmlichen Stiege kam ihm ein Diener der Oberhofmeisterin
entgegen, ihm den Eingang in den Saal ffnend. Bei seinem Eintritt erblickt er
ein Frauenzimmer, welches am lezten Fenster mit dem Rcken gegen ihn sa und
sein Erscheinen nicht zu bemerken schien. Bestrzt blieb er stehen und strich
sich ber die Stirne - es war nur zu deutlich, die Gestalt aus seinem Traume sa
vor ihm. Der voraneilende Diener meldete ihn, in dem Augenblick erhob sich die
Dame und Eduard erkannte die Frstin, die ihn huldreich begrte. Von ihrem
Schoe fiel, indem sie aufstand, ein Stickmuster zur Erde und als sie sich
bckte es wieder aufzuheben, lste sich die eine Seitenlocke und sank auf den
Hals nieder. Eduard starrte die Prinzessin an, einige Worte stammelnd, welche
nur zu deutlich seine innere Bewegung verriethen, in dem Moment ffnete sich
eine Thr und Frulein Magdalena trat herein. Ein ausgewhlter Morgenanzug
schlo sich ihrem schnen Wuchse an, in ihrem Gesichte lag eine ungewhnliche
Blsse, mit der das volle rthlich braune Haar contrastirte. Werden Sie mir
vergeben, nahm die Frstin zu Eduard gewendet das Wort, wenn ich die
Veranlassung bin, da Sie aus dem Kreise ihrer Freunde, aus den bunten Zirkeln
der Residenz sich haben losreien mssen, um meinem Wunsche zu gengen, das Bild
meiner lieben Freundin, sie zeigte auf das Frulein, zu malen; sie will uns
verlassen, meine zrtlichsten Wnsche haben nichts ber ihren unbeugsamen Willen
vermocht, als nur die eine Vergnstigung, ihr Bild mir ausbitten zu drfen. Das
Frulein neigte sich bei diesen Worten mit einem Kusse auf die Hand der Frstin
nieder. Diese Handlung gab Eduarden pltzlich seine ganze Fassung wieder, er
glaubte die Heuchlerin zu entdecken, der kein Mittel zu gering war, sich in die
Gunst der durch sie beleidigten Frstin wieder einzudrngen, ja er meinte, das
Feuer dieser groen blauen Augen, die eine Zeitlang auf ihm geruht hatten, zu
verstehen, das Rthsel jener geheimnivollen Worte lste sich - sie, sie, rief
er bei sich, sie hat dich hergerufen - ihr entschlpften jene Drohungen und
Winke. Eine Klte erfllte seinen Busen, das Gesprch, die Umgebung, die Wnde
des Gemachs, ja das ganze finstere Schlo drngte jetzt bengstigend auf ihn
ein. Der Widerwille, der Ha gegen das Frulein stieg so hoch, da er jeden
Augenblick frchten mute, da sein offener Charakter an ihm zum Verrther
werden mchte; nur der Anblick der Frstin, die ihn immer von Neuem an seine
Mutter erinnerte, war im Stande, ihm den Gedanken an einen lngern Aufenthalt in
dieser Umgebung nicht zur Marter zu machen.
    Als unser Freund spter zur Abendtafel erschien, trat mit ihm ein ltlicher
Mann mit ehrwrdigen Zgen, den die Frstin als Freiherrn von Werner, den
Intendanten des Schlosses, vorstellte, wo Eduard seinen Wohnort aufschlagen
sollte, ein. Das Frulein sprach wenig, ein grner Schirm bedeckte ihre Augen
vor dem Glanze der Kerzen, und da sie den Kopf gesenkt hielt, gewahrte der Blick
nur die zarte Rundung und Weie des Kinnes, so wie ein schn gebildetes
blarothes Lippenpaar. Oefters reichte ihr die Frstin die Hand ber den Tisch
und sagte: Nun Liebe? - so traurig! Eduard hhnte im Innern die welke Zartheit
und sprde Resignation; alles an diesem Wesen erschien ihm falsch, er sehnte
sich nach der heien, offenen Sinnlichkeit Era's. Mit Entzcken vernahm er den
Abschiedsgru der Damen, Ketten sanken von seiner Brust, und er eilte mit dem
Baron ber die vielen Brcken und Stiegen dem neuen lichten Gebude zu, in dem
er die erste Nacht nun zubringen sollte. Hier hatten alle Gegenstnde ein
durchaus verschiedenes Aeuere; im Wohnzimmer, in welches der Freiherr ihn
fhrte, war die Familie versammelt und begrte den Ankmmling offen und
freundlich. Der Baron war Wittwer, seine Gemahlin hatte ihm eine Tochter und
einen Sohn geschenkt. Die erste war ein kleines lebendiges Wesen mit
hellbraunen, unstten Augen; sie besorgte die Wirthschaft, es zeigte sich jedoch
bald, da sie bei diesem Geschft mit der grten Eilfertigkeit und
Zerstreutheit zu Werke ging, und hundert Dinge verga oder falsch ausrichtete;
man sah ihr den Wunsch an, immer wieder so schnell als mglich ihren Platz
einzunehmen bei einem Manne in den mittleren Jahren, der sich unserem Freunde
als einen Journalisten aus der Residenz ankndigte. Den Bruder Sophiens, ein
junger Mensch von blhendem Aussehen, bezeichnete seine Kleidung als einen
Forstzgling aus einem nahen Waldstdtchen. Bei seiner krftigen Jugend und
mnnlichem Geschfte trat eine groe Weichheit seltsam contrastirend bei seinem
Benehmen, so wie bei der Gesichtsbildung, deutlich hervor. Er stand lange,
whrend ein munteres Gesprch in der Stube durcheinanderkreuzte, stillschweigend
an's Fenster gelehnt und blickte hinaus auf das einsam erleuchtete Zimmer im
Schlosse, welches in die Nacht herab glnzte; sein Vater trat endlich zu ihm,
und indem er etwas unsanft in die blonden Haare des Trumers fuhr, fate er ihn
um den Leib und zog ihn in die Stube hinein. Mein Sohn August, rief er
Eduarden zu, den Jngling vorstellend - Forstkadet in R -. Man setzte sich zum
Nachtische, den Sophie besorgt hatte, und in dem Moment trat ein ltlicher Mann
ein, den der Hausherr Ottfried nannte und als seinen jngsten Bruder
bezeichnete. Ich bin mit meiner Familie, fuhr der Baron fort, in eine
sonderbare Verwirrung gerathen; ein Theil, zu dem mein Bruder auch gehrt, ist
offenbar zu alt, der andere - dort meine lieben Kinder, mchten fast ein wenig
zu jung seyn, es fehlt an einem gewissen Mittelstand. - Den bildet doch wohl
unser Freund dort, sagte Ottfried, indem er auf den Journalisten zeigte. -
Gott behte, rief dieser, ich gehre unbedingt der neuen und neuesten Zeit
an, es gibt kein Bndni mit alten Irrthmern; Krieg, offener Krieg und keine
Vermittelung ist mein Wahlspruch. Er sprach diese Worte wie im Scherze leicht
hin, dennoch war es nicht zu verkennen, da seine wahre Ansicht sich nur drftig
maskirte, um in Gegenwart eines Fremden, dessen Gesinnungen ihm noch ein
Geheimni waren, nicht zu entscheidend aufzutreten. Sophie lie sich angelegen
seyn, ihrem Freund allerlei Leckerbissen zuzuwenden, und dieser zog endlich zum
Dank fr diese zarte Aufmerksamkeit die neuesten politischen Bltter hervor,
indem er sich anschickte, Einiges daraus vorzulesen. Halt, halt, Theuerster,
rief der Baron, lassen wir unsern jungen Freund nicht gleich zum Willkommen die
alten kreischenden Trompeterstckchen hren, die jetzt alle Ohren gellen machen
- nachher, nachher findet sich wohl ein Stndchen; besser wird es seyn, etwas
ber unsere Bekannten in der Residenz zu vernehmen. Der Doktor schlug seine
Bltter mit merklichem Unwillen zusammen, und Eduard ward aufgefordert, zu
erzhlen. Das Gesprch kam auf die Poesie und die neuesten Erscheinungen in
diesem Fach. Wenn wir davon reden sollen, nahm der Journalist wieder das Wort,
so ist die erste und wichtigste Frage, was suchen wir heutzutage in der
Poesie? - Zerstreuung, Erheiterung, Erhebung aus der verwirrten dumpfen Zeit,
rief der Baron mit Nachdruck. - Freilich wohl, nahm der Erstere wieder das
Wort, Erhebung - das soll sie uns geben und das wird sie. Gottlob, die Zeit ist
vorber, wo diese edle Kunst, wie alle brigen, nur dem Kitzel der Hfe diente,
und ein paar tausend Menschen mit ihr wie mit der Puppe spielten. Drum nichts
von Zerstreuung, Erheiterung - wir sollen nicht zerstreut, erheitert werden;
eine finstere, thatendrngende Zeit fordert Arbeit, Mhe, schnelle begeisterte
Wirksamkeit. Der Brand umgestrzter Reiche, der alten Gerste und Satzungen hat,
so wie das Blut untergegangener Generationen, den Boden gedngt, und die
hellstrahlende Sonne chter Aufklrung zeitigt jetzt in jher Schnelle die
aufkeimende Saat; alles ist Regung und Bewegung; der scharfe tragische Dolch der
Muse, mit dem die Hand frher gespielt, jetzt gilt es, in einer Mnnerfaust
seine Schrfe, seine hartgeschliffene Spitze zu erproben. Hinweg mit der
markaussplenden Weichlichkeit jener Poeten, deren Faunsgesichter, von
Perckenlocken umschattet, mit lsterner Gier in den Falten des alten
Paradebetts lauschen, wo die alte buhlerische Koquette der Despotie sich ziert
und winkt. Die morschen Pendlen mit den Porzellanmpschen und Schferinnen
haben ihre letzte Stunde gewispert; ein wunderbarer Sturm rauscht hinter jenen
Tapeten und rttelt an den versteckten Thren, durch welche Wollust und Verrath
einschlichen. Ein flammenschner, in jungfrulicher Herbigkeit felsenharter
Joseph reit sich die junge Freiheit aus den verfolgenden Armen der alten
Koquette, welche in welker Ohnmacht zurckbleibt; gerne opfert er den Mantel,
alles irdische Gut, wenn er nur das himmlische seines Busens rettet.
    Ein Schweigen trat ein nach diesen lebendigen Worten, Sophie schmiegte sich
an den Sprecher und sah ihm in die funkelnden Augen. Der Baron nahm das Wort und
sagte: Ihr habt vollkommen recht, Doktor, unter den grauen mittelalterlichen
Schutt von zerbrckelten Kirchthrmen, den altmodischen Porzellanmpschen und
Percken gehren auch jene albernen gothischen Irrthmer von Andacht, Liebe,
Begeisterung, und Ihr thut wohl daran, wenn Ihr drauf besteht, da alles
miteinander ausgekehrt werde, damit aus der alten wunderlichen Kinderstube des
Menschengeschlechts, voll summender Mhrchen und Kindergebete, ein feiner
offener Salon werde, wo politische Zeitschriften gelesen werden knnen, und man
ber den neuesten Wechselcours verstndige Betrachtungen austauschen kann. -
Wir werden uns nimmermehr verstehen, fuhr der Journalist auf, und es wre
besser, es kme nie zu einem so unfruchtbaren Austausch; desto besser hat mich
hier meine junge Freundin verstanden, nicht wahr? - Sophie errthete und neigte
ihr Antlitz tief herab, dann hob sie es langsam, und ein Blick auf den Vater
zeigte, da ihre Zunge es nicht wagen drfe, offen den Beifall zu uern, den
sie im Geheimen den Worten des Redners gab. - Ich erlebe es noch, fuhr der
Baron fort, Sie, Herr Doktor, im offenen Kampf mit Frst und Thron zu sehen;
vielleicht treffen wir uns noch in einem engen Gewahrsam wieder, wo wir beide
Zeit genug behalten, einer an dem andern Proselyten zu machen. - Ich stehe
berall meinem Mann, erwiderte der Angegriffene, und gehe, wie Jeder
heutzutage, gewappnet umher; doch mchte mir gerade das thtliche Eingreifen
nicht als Beruf gegeben worden seyn, es gibt im Felde der Ideen noch zahllose
rhmliche Kmpfe zu bestehen. Hier, wie in jeder krftigen Weltsache, gehen der
falschen Apostel in Menge herum, und es fehlt am Judas nicht, der die Freiheit
um dreiig Silberlinge verlugnet. Zahllose Meinungen schweifen in der Irre
umher und bekmpfen im Irrthum und in der Finsterni sich selber, der Taumel
wchst hier zum frechen Uebermuth, inde der Eifer fr die gute Sache dort im
trgen Indifferentismus unterzusinken droht, dort ist also Zaum, hier sind
Sporen nthig, und so gibt's fr einen Kopf, dem Ernst und Klarheit geworden,
genug zu thun, Einheit und Richtung in die wogende, drngende Masse zu bringen.
Gab es einmal eine Zeit, wo es lieblich, erlaubt und schn war, den Geist in
eine poetische Ferne zu tauchen, am verklrten Schmerz und Entzcken sich zu
berauschen, im Reiche der Phantasie zu leben, so mu das jetzige Geschlecht
diesen Genu aufgeben und dafr die Ehre haben, Thaten auszustreuen, die den
kommenden Geschlechtern Stoff zu Liedern und Hymnen geben. Es gengt nicht, in
Ruhe die kunstreichen Gebilde auf dem Schilde der Minerva zu betrachten, sondern
es gilt, ihn zu fhren im Streite.
    Der Baron erhob sich und auch die Andern brachen auf, man trennte sich, um
zu Bette zu gehen. Ottfried kam auf unsern Freund zu, und indem er ihm die Hand
drckte, bat er ihn, sich in das Profil zu stellen. Eduard that es, und der
freundliche Mann sagte nach einer Pause, whrend deren er ihn aufmerksam
beobachtet hatte: Nicht wahr, Sie sind ein Dichter? gestehen Sie es nur, ich
trge mich nicht. Eduard gestand, da er Verse niedergeschrieben. Ja, ja,
rief Ottfried, o mein Freund, ich habe Ihnen viel zu vertrauen, doch das zur
gelegenern Stunde.
    Als Eduard sein Zimmer erreicht hatte, lschte er schnell die Kerzen aus,
und lie den vollen silbernen Strom des Mondlichts ber den Schreibtisch und
Armstuhl auf den Boden fallen, er trat an's Fenster und es ffnend, blickte er
auf das gegen die finstere Wolkenwand weilich hervortretende Schlogemuer. Die
Fenster schillerten im Mondglanz und es sah aus, als gbe es drinnen ein
prchtiges Fest. Alles umher war Ruhe und Stille; noch eben hatten
leidenschaftliche Worte einer Menschenrede an sein Ohr getnt, sie waren
verhallt, und durch das Schweigen des Grabes tnte das leise Geflster der
Bltter der unter seinem Fenster aufstrebenden Baumgipfel. Jetzt strich ein
Luftzug durch's Gemach, und die Papiere auf dem Tische flogen auf, er sah im
Schlosse ein einsam wandelndes Licht die lange Fensterreihe durchstreifen, und
die Uhr im nahen Dorfe schlug die zwlfte Stunde. Er suchte das Bett und sank
bald in einen tiefen Schlaf.

    Als er am Morgen sich zum Frhstcke einfand, sa Sophie allein da, und
beschftigte sich mit den Tassen. Sie stand sogleich auf, und nach einigen
gleichgltigen Reden sagte sie: Die Augenblicke sind selten, wo es einem
gestattet wird, Blicke in das Innere eines Menschen zu thun. Sie, mein Herr,
haben zufllig gestern den wunden Fleck offen gesehen, der, nach Innen zehrend,
das Unglck unserer sonst so zufriedenen Gesellschaft macht. Ich kann es nicht
lugnen, ich hege den tiefsten Ha gegen die alten Formen und den Dnkel einer
Kaste, die dem Uebermuth und der Tyrannei keine Grnzen zu setzen wei; offen
bekenne ich, da mir die hhere philosophische Entwickelung der Ideen, um die es
sich handelt, gnzlich fremd ist, und da zur Bildung meiner Ansichten gekrnkte
Eitelkeit einen groen, wenn auch nicht den grten Theil beitrgt. Ist es Ihnen
recht, so benutze ich das halbe Stndchen, wo mein guter Vater noch zu
erscheinen zgert, um Ihnen eine Begebenheit zu erzhlen, die die pltzliche
Aenderung meiner Ideen bewirkt hat, und an die ich nie ohne Bewegung
zurckdenken kann. Eduard setzte sich zu ihr, und sie fuhr fort: Meine gute
Mutter war nicht von adeliger Abkunft, sie hatte durch Tugenden, die eines
leeren Schimmers nicht bedrfen, das Herz meines Vaters an sich zu fesseln
verstanden; ihr frher Tod lie ihn ihren Werth auf das schmerzhafteste
empfinden. Man veranstaltete ein ehrenvolles Leichenbegngni; und die
gewhnlichen Festlichkeiten gingen vor sich, die, noch ein Erbtheil einer
steifen, thrichten Zeit, eben so drckend als belstigend fr die armen
Hinterbliebenen sind. Meine Mutter besa ein kleines Ordenskreuz, welches sie
von einer theuren Freundin, die Stiftsdame gewesen, als ein Andenken erhalten
hatte, und welches immer auf ihrer Brust zu ruhen pflegte; auch jetzt befand es
sich dort, obgleich das Herz, welches in diesem Busen schlug, schon erkaltet
war. Wer htte es wagen knnen, dieses Zeichen einer zrtlichen Erinnerung zu
entreien? Und dennoch geschah es. Eine Dame von Adel, die sich mit unter den
Trauergsten befand und noch zu jenem Fruleinstift gehrte, bemerkte nicht
sobald das Kreuz, als sie an den Sarg trat, um es abzulsen. Fast mit kindischer
Hast sprang ich hinzu, umklammerte ihren Arm, indem ich sie bat und beschwor,
von diesem Vorhaben nachzulassen, ja, ich besinne mich, da ich in ohnmchtiger
Wuth nahe daran war, ihr in den Arm zu beien, allein sie drngte mich von sich,
indem sie leise und mit schneidender Klte sagte: Mademoiselle, soll ich Ihre
Bonne rufen, um Sie zu zchtigen? Dann wandte sie sich zu einer nebenstehenden
Dame und sagte spottend: Das ist nun eine Erziehung, wie sie eine Brgerliche
geben kann. Mein ganzes Wesen war Erbitterung, ich verstand jene Worte sehr
wohl, und ein grelles Licht drang in mein Inneres. O Himmel, ich glaubte die
arme Mutter jetzt jedes Schmuckes beraubt zu sehen, mein einziges Verlangen war,
mich nur gleich zu ihr in's kalte einsame Grab zu legen. In der Folge gab es
Krnkungen der Art eine Menge. So besinne ich mich, da ich die schmerzlichsten
Thrnen vergo an einem Abende, wo alle meine Gespielinnen tanzten und jubelten;
man hatte meine vertrauteste Freundin, ein Mdchen von brgerlicher Abkunft, auf
das Empfindlichste gekrnkt, und da ich mich lebhaft ihrer annahm, mute auch
ich erfahren, da man mir den Stand meiner Mutter vorwarf. Dies emprte mich, es
kam auf's Aeuerste, und als mir, die Gescholtene zu rechtfertigen, im Eifer der
Rede die hellen Thrnen ber die Wangen liefen, mute ich ein schadenfrohes
tckisches Lachen hren, welches mir das Herz vollends zerschnitt. Mein guter
Vater verlie mit mir den Saal, und als ich zu Hause anlangte, mute der Arzt an
meinem Bette erscheinen, denn die Symptome eines bsartigen Fiebers zeigten
sich, welches mich auch spter drei volle Monate am Krankenlager fesselte. Als
ich genas, blieb ein Stachel in meiner Brust zurck, und zum erstenmale empfand
ich eine Art von Genugthuung, als es in meine Hand gegeben ward, einem jungen
Mann von adeliger Geburt, der um meinen Besitz sich bewarb, eine abschlgige
Antwort mit aller Bitterkeit meines gekrnkten Herzens zu ertheilen. Bald
suchten nun Sptter auszubreiten, meine liberalen Ideen brchten den Thron in
Gefahr und was des Geschwtzes mehr war; inde fhlte ich nur zu deutlich, da
mein Geist zur Selbststndigkeit gereift war, meine natrliche Offenheit trat
zurck, und whrend des Kampfes in mir beobachtete ich die strengste Klte nach
auen. In jener Zeit ward der Doktor, den Sie gestern kennen gelernt, in unserm
Hause bekannt, und ich kann wohl sagen, da er mich ber mich selbst vllig in's
Klare setzte. Ich gelangte immer weiter, bis zuletzt die Nhe eines so hohen und
schnen Wesens, deren Erscheinung der Doktor wie eine gttliche Sendung
betrachtet, mir eine Festigkeit, ja einen Trotz verliehen hat, mit dem ich gegen
eine ganze Welt mit den Waffen meiner Ueberzeugung anzukmpfen im Stande seyn
knnte. Dies, mein Herr, sind in der Krze die Beweggrnde meiner vernderten
Sinnesart, welche ich Ihnen gestern, glaube ich, nicht undeutlich an den Tag
gelegt habe.
    Eduard hatte dem gelufigen Flu der Rede, so wie den sonderbaren
Erfahrungen des kleinen Wesens ruhig zugehrt, und dabei seine Morgentasse
geleert. Auf der einen Seite konnte er ihr seine Achtung nicht versagen, auf der
andern mute er herzlich bedauern, da seine offenherzige Vertraute nur zu gewi
den Schranken entrckt sey, fr die sie bestimmt war. Er erkundigte sich nach
jener wundervollen Erscheinung, deren sie am Schlusse ihrer Worte erwhnt hatte.
Ich darf Ihnen den Namen nicht nennen, entgegnete Sophie, es ist ihr Wille,
im Verborgenen zu wirken, gleich einer Priesterin im Allerheiligsten, wie mein
Doktor sich ausdrckt. - Doch nicht Frulein Magdalena, sagte Eduard halb
gedankenlos vor sich hin, und wunderte sich nicht wenig, als hohe Rthe die
Wangen seiner kleinen Freundin bergo. - Sie ist's, rief sie mit leiser
Stimme, ich kann nun einmal kein Geheimni auf meiner Zunge bewahren, ja, Sie
haben's errathen, Frulein Magdalena ist's; nur bitte ich - Verschwiegenheit,
theurer Mann, Sie knnten mich sonst beim Doktor auf ewig in Mikredit strzen.
- Dacht' ich's doch, rief Eduard bei sich, Priesterin, Sonnamble,
Jakobinerin, Buhlerin, Alles in Allem! Sophie wollte in ihren Errterungen und
Gestndnissen von Neuem beginnen, als die Thre sich ffnete und der Baron
eintrat. Er grte und nahm Platz, indem er seine Tochter aufmerksam von der
Seite in's Auge fate; sie that unbefangen und fing sogar an, ein Liedchen zu
singen, das durch seine falschen Tne Eduard's Ohr nicht wenig beleidigte. Ich
wette, sagte der Alte zu ihr, Du hast wieder allerlei Bekenntnisse zu Markte
gebracht und nach deiner Art rsonnirt, der Kaffee ist kalt geworden und ein
Theil der Sahne ist auf's Tuch verschttet. Sie begtigte mit einem Handku den
Scheltenden und schlpfte zur Thre hinaus. Wenn ich doch den Unfug in meinen
alten Tagen nicht noch zu erleben brauchte, rief der Baron, indem er ihr
nachsah; wahrlich, in die Tiefen des Meeres mchte ich mich betten, die Kammern
der Felsen mchte ich aufschlieen, um mich vor dem Unsinn, dem leeren
polternden Treiben zu verstecken. Ich wei, da es nur ein Schwindel, ein Traum
ist, worin die heutige Welt befangen ist, da dieser jammervolle Zustand bald
vorbergehen wird und mu - doch dauert er mir jetzt schon viel zu lange. Er
sa grimmig da, und erst dann gelang es Eduarden, ihn in eine bessere Stimmung
zu bringen, als er einen Gang in die wrzige Frische des Morgens vorschlug.
Unser Freund konnte sich nicht entschlieen, auf's Schlo zu gehen, um sein Werk
anzufangen. Als man den Garten entlang ging, wurde Sophie bemerkbar, die
Kchenkruter einsammelte. Das wird eine cht liberale Suppe werden, spttelte
der Alte, da sie wiederum es sich nicht nehmen lt, selbst die Ingredienzen
einzusammeln; wir werden uns wohl, theurer Freund, den Hunger heute vergehen
lassen mssen. Nach einer Pause fragte er: Kennen Sie das Frulein Magdalena
oben im Schlo? - Eduard schttelte das Haupt. Ein treffliches Geschpf, fuhr
der Baron fort, ich knnte Ihnen von Wohlthaten erzhlen, von in der Stille
verbten trefflichen Handlungen, doch lassen wir das, man mu seinem
Nebenmenschen auch nichts Gutes hinter dem Rcken nachsagen. Er schwieg und
Eduard empfand durchaus keine Neigung, den Discurs fortzusetzen; in dem
Augenblick holte sie ein Diener vom Schlosse ein, und brachte von der Frstin
eine Einladung an Eduard, auf's Schlo zu kommen. Der Alte trennte sich von ihm,
und sobald er fort war, erschien Sophie mit dem Bndel gepflckter Kruter.
Nicht wahr, sagte sie, der treffliche Alte hat schon wieder ber mich
gelstert? o ich bin oft der Verzweiflung nahe; wie schwer wird es uns doch, den
Schatz zu verbergen, den wir ber Nacht gehoben haben! Er will mich nun einem
vernnftigen kalten Mann verbinden, einem eingefleischten Altglubigen, der sich
nicht scheut, noch eine Percke zu tragen und den Uz und Gleim zu lesen, mit
einem Worte, er will mich einem Pfarrer vermhlen, der im nchsten Stdtchen
wohnt, und von Zeit zu Zeit seine drren aristokratischen Beine hierher in
Bewegung setzt, um mir seine Person anzutragen. Wahrlich, man kann einen Abscheu
gegen jede Verbindung bekommen, wenn man sieht, wie Ihr Geschlecht sich
vereinigt, das unserige in ein unbedeutendes lppisches Nichts hinab zu drcken.
Kindische Tndeleien fllen unsere Jugend, Sitte, Vorurtheil, Mnnerstolz
beraubt uns nach und nach jeder hhern Wirksamkeit, und indem die Eitelkeit
Ihres Geschlechts einen Kitzel darin findet, mit unserer Erscheinung wie mit
einer geputzten Puppe zu spielen, so lange dieser der Flitter vergnglicher
Jugend und Schnheit anklebt, so findet zugleich der Stolz der Mnner seine
Berechnung dabei, durch eine so unwrdige Verweichlichung unsere Theilnahme den
Angelegenheiten des Gemeinwesens zu entziehen, und unsern Geist zur Fhrung der
Staatsgeschfte untauglich zu machen. Was sind wir Weiber jetzt und was knnten
wir seyn? Wer mag heutzutage an Thusnelden erinnern, ohne frchten zu mssen,
lcherlich zu werden? und doch ist nicht Liebe, Vaterland, Freiheit ein und
dasselbe im Busen eines jeden edleren Weibes, kann sie den Mann lieben, der
unwrdigem Joche seinen Nacken beugt? - Aus ihrem Auge strzten, als sie dieses
sprach, Thrnen, zugleich entfielen ihr die Kchenkruter, und ein Hndchen,
welches sie begleitete, strzte sogleich ber den grnen Haufen her, und
verschleppte unter Gebell und Sprngen die farbigen Wurzeln; die neue Thusnelde
hatte Mhe, indem sie ihm nachjagte, ihre Schtze wieder zu erlangen, als sie
zurckkehrte, war Eduard schon auf dem Wege nach dem Schlosse begriffen, ein
Diener trug ihm das Malergerth nach.
    Eine Woche war vergangen, whrend er ziemlich eifrig an dem Bilde arbeitete,
doch mit innerem Widerstreben. Magdalena schien seine eisige Klte zu empfinden,
manchmal zog sich ein bittendes Lcheln ber ihre Zge, doch lag sie stumm in
ihrem sammetnen Lehnsessel. Die Frstin ging ab und zu, die Oberhofmeisterin las
zuweilen ein kleines franzsisches Lustspiel vor. Eduard hatte nie eine hnliche
Qual empfunden; er sah, wie unter seinen Hnden die Arbeit verkmmerte, wie jede
volle Linie, jede warme Form ermattete und erstarrte, dennoch konnte er sich
einen gewissen Triumph nicht verhehlen, der in der Ueberzeugung bestand, da es
ihm gelungen sey, auch jeden Reiz aus einer Gestalt zu verbannen, den diese nur
anwendete, um verderblich zu wirken. Er bat sich jetzt eine Ruhezeit aus, und
das Bild wurde auf sein einsames Zimmer gebracht, wo er es verhllte und tief in
einen Winkel stellte, dann ri er das Fenster auf und lehnte sich weit in die
Dmmerung des Abends hinaus. Der Hollunder hing seine Blthe dicht am Fenster
nieder und flsternde Pappeln ragten in den rosigen Schein hinein. In seltsame
Trume versenkt, griff er nach dem Papier und entwarf eine Zeichnung, welche er,
durch die eintretende Dunkelheit verhindert, liegen lassen mute; er lehnte
wieder zum Fenster hinaus, und sein Blick verlor sich in der unermelichen Blue
ber ihm, dann sah er am Gebirge den ersten Stern mit rthselhaftem Glanze
aufgehen. Es war ihm unmglich, in dieser Stimmung zur Gesellschaft hinabzugehen
oder berhaupt Menschen aufzusuchen; seine Thre verschlieend, warf er sich
auf's Lager und in wunderbaren Bildern zog eine ferne Zeit an seiner Seele
vorber; ein nagender Schmerz bemchtigte sich seiner, zugleich gab ihm das
Bewutseyn dieses Schmerzes ein seliges Gefhl, das er in diesem Grade noch nie
empfunden hatte; so sank er zuletzt in einen wohlthtigen Schlummer, durch das
offengebliebene Fenster strmte Khlung ber seine heie Stirne.
    Als er sich am Morgen erhob, fhlte er sich abgespannt und verstrt; einen
Theil der Nacht hatten Trume gefllt, die ihm durchaus kein klares Bild
hinterlieen. Mimuthig setzte er sich an den Tisch und whlte unter den
Papieren, da kam ihm das Blatt von gestern in die Hnde, er betrachtete es
aufmerksam und war nicht wenig verwundert ber die Zeichnung, die es enthielt.
Sie stellte einen Wald vor; ein Mann im Jgerkleide stand im Vorgrund, durch die
Bume wurde im Hintergrunde eine fliehende weibliche Gestalt bemerkbar, die das
Antlitz mit einem schmerzlich fragenden Ausdruck umwandte und die Worte zu rufen
schien: Warum verfolgst du mich? Er fhrte das Bild vollends aus, und schrieb
jene Worte unter dasselbe.
    Als er in das Familienzimmer hinunter ging, fand er darin den Journalisten
allein, der die Arme auf der Brust verschrnkt mit langen Schritten auf und
nieder ging und durch die Brillenglser feurige und unstte Blicke umherwarf.
Als er Eduarden bemerkte, rief er freudig: Schn, da Sie kommen; ich mu
meinen Geist, der unerhrt glht, durch einige heitere, gleichgltige Gesprche
abkhlen, lassen Sie uns von Kunst, von Malerei sprechen. Sie malen jezt das
Frulein; nicht wahr, eine geistreiche Physiognomie? o, das ist ein weiblicher
Marquis Posa! Man sagt, Sie werden auch vielleich die Prinzessin Braut malen -
ein anderes Geschpf! werth eine schlichte Brgerin zu seyn - und wie wird sie
behandelt; doch klagt sie nicht, so gibt es andere Zungen, welche klagen, - es
ist weit gekommen, sage ich Ihnen, das Land - die Stnde - Er hielt inne,
schlug sich vor die Stirne und rief: Doch wir wollten ja leichte und khlende
Dinge sprechen; hiermit zog er einen Pack Zeitungen hervor und schrie Eduarden
in's Ohr: Haben Sie schon gelesen, Freund? - doch still, still. Eduard mute
lcheln; er nahm einen Vorwand, sich zu entfernen und stieg in den Park hinab.
Sein Wunsch war, Niemanden zu begegnen, dennoch verging keine halbe Stunde, als
er einen Mann auf sich zu wandeln sah, der ihn durch ein Glas fixirte und
endlich mit einem herzlichen Gru zu ihm trat; es war Ottfried. Oh, sieh da,
unser Maler, rief der freundliche Mann, so bringt uns eine gnstige Stunde im
Tempel der schnen Natur zusammen. Sie gingen jezt beide den Gang hinab und
ber einen romantischen, hoch gelegenen Pfad, der zu einer einsamen Thalmhle
fhrte, welche im Gebsche lieblich und idyllisch geschmckt da lag. Ottfried
erzhlte, wie er hier seine frheste Jugend verlebt, wie er alle Blumen und
Bume kenne und liebe; er sprach mit Wrme und Begeisterung von der Einsamkeit
und jener Stille des Gemths, in der es den sesten, beglckendsten Gefhlen
allein mglich werde, zu keimen. Doch glaube ich, fuhr er fort, da
Beschaulichkeit und Andacht nicht allein den Dichter so wie den chten
Religisen bilden; es gibt einen Zustand, der hier wie berall, wo etwas
Tchtiges sich gestalten soll, dem Menschen gleichsam die erste und heiligste
Weihe gibt. Eine Pause entstand und Eduard sah seinen Begleiter fragend an. Es
ist der Schmerz, sagte dieser; glauben Sie einem Manne, der aus Ueberzeugung
spricht; der Schmerz, die Thrne bringt uns dem Gott wieder nah, wenn wir durch
Witz und Lachen uns von ihm entfernt haben; ebenso in der Poesie, ohne Unglck
keine Gre, ohne Kampf kein Sieg, ohne Erniedrigung keine Erhhung; wen die
Musen lieben, den zchtigen sie. Wem nicht das Hinderni von Auen kommt, der
findet im Innern ein's. Eine groe Seele findet berall Schmerz, weil sie gro
ist, und der Kampf mit dem Schmerz ist Poesie. Eduard sah dem seltsamen Manne
in's Auge und bemerkte, da dieses sich mit Thrnen fllte. Ja, fuhr er fort,
mein ganzes Unglck besteht darin, da ich die Zeit meines Lebens ber
glcklich gewesen bin! o Freund, lcheln Sie nicht, ich spreche im heiligsten
Ernst: ich fhle, ich bin zum Dichter geboren, allein es sollte trotz dessen
nicht seyn, deswegen ging es mir berall wohl. O, meine Caroline, warum mutest
du mich auch gleich mit deinem Jawort beglcken, gab es denn durchaus kein
Hinderni, das uns, wenn auch nicht ganz hemmte, doch wenigstens mit Hemmung
bedrohte. Nein, es sollte durchaus glcklich gehen, ich bekam nicht Raum zur
kleinsten Beschwerde. Ach, und so ging es berall; ich hatte Hoffnungen, mein
Vermgen einzuben, arm und elend zu werden, welche Aussicht! da tritt mein
Freund auf und rettet mit eigener Ausopferung mein Geld, und es bleibt mir
gesicherter als jemals. Ein Jugendgespiele, an dem mein Herz hing, schien
pltzlich den Verrther gegen mich spielen zu wollen; schon spitzte ich die
Feder, ein poetischer Schmerz ber die Unbestndigkeit alles menschlichen, edlen
Gefhls erfate mich: da, in dem Moment, strzt der Verkannte in meine Stube, es
thut sich der Irrthum kund, mein Freund ist meiner Liebe doppelt wrdig, und mit
dem Gedichte war's aus. Ein Kaufmann oder sonstiger praktischer Weltmensch
knnte sich nichts Besseres wnschen, als an meiner Stelle zu seyn, allein fr
mich, ich fhle es nur zu deutlich, ist dieses Glck ein Fluch, der den
innersten Keim meines Wesens vergiftet. Ich gehe herum wie einer, der an
Gespenster glaubt und dem sich wider Willen unter der Hand alles natrlich und
prosaisch auflst. O wie trefflich ist die Antwort, die die Knigin Elisabeth
einem jungen thrichten Dichterling gegeben haben soll, als er ihr seine Verse
vorgelesen: Sir, ich werde dafr sorgen, da ihr auf ein paar Monate in den
Tower kommt, damit eure Verse Tiefe erlangen! - Und so gibt es der dunkeln
Kammern im Leben viele, wo der Dichter zum Bewutseyn erwacht - mir nur, nur mir
ist keine aufgeschlossen worden.
    Man langte jezt bei der Mhle an und die freundliche Mllerin erschien,
ihren Gsten einige lndliche Erfrischungen zu reichen. Ottfried lie sich in
seinen Betrachtungen nicht stren. Erst durch Schmerz, fuhr er fort, wird
jedes Gut unser wahres Eigenthum; die erste Thrne lst das Siegel vom Herzen,
an dem gewhnliche Behaglichkeit vielleicht Jahrelang vergebens sich abgemht
hat. Lange wandeln wir herum und glauben zu lieben, zu verehren, zu empfinden -
da, in der lezten Minute vielleicht unseres Lebens, beugt sich unser Herz einem
endlosen Jammer, es spaltet sich, die erste Thrne strzt heraus - und wir
lieben! Geht es mit den Wundern der Andacht, des Glaubens anders? So schreitet
auch unsere Zeit jezt einem groen Schmerze entgegen und dieser wird erst jenen
heiligen Ernst gebren, mit dem unsere junge Reformatoren so voreilig schon
prahlen. Mir fllt bei derlei Gedanken immer ein kleines Gedicht ein, welches
ich einst in Begeisterung fr jene Ideen niederschrieb; es lautet
folgendermaen:

Der nur lebt das wahre Leben,
Der nur Eines ewig denkt,
Der mit glh'nden Liebesarmen
Sich an's Eine brnstig hngt.

Der ist nimmer nah' dem Ziele,
Der noch andre Lust vermit;
Nein, nur der, der alles, alles
Um das Einzige vergit.

Der in dunkeln Kummernchten
Tief gebeugt am Lager weint,
Dem die weite Welt so de,
Oed sein eignes Herze scheint.

Der sich ganz verwalset achtet,
Der sich ganz verloren gibt,
Der im bittern Leid verschmachtet,
Der bis zum Sterben sich betrbt.

Ja, zu dem neigt es sich nieder,
In dessen Herzen zieht es ein,
Dem will es sich zu eigen geben,
Ja, dessen Trster will es seyn.

    Eduard war tief bewegt, und bemhte sich nicht, seine Rhrung zu verbergen;
Ottfried sah ihn lange an, dann schlo er ihn heftig in seine Arme und sagte:
Mgen Sie, theurer Freund, glcklicher seyn als ich! Ihr Auge, Ihr ganzes Wesen
sagt mir immer, da Sie schon diesen heilbringenden Schmerz gekostet haben - o
seyen Sie stark, wenn nun die ganze Flle des Leids auf Sie einbrechen sollte,
um Sie durch Nacht und Dunkel zur Verklrung zu bringen. Ja, ich wute es wohl,
da Sie mich verstehen wrden; so gengen oft wenige Worte, um ein festes Band
zu schlieen zwischen zwei Menschen, die sich sonst rcksichtslos vorbeigegangen
wren auf dieser weiten Erde. Eduard suchte die Hand des Mannes und drckte sie
warm, dann erhob er sich und trat zurck, denn es nahte der Baron mit zwei
fremden Gestalten. Er ging auf sein einsames Zimmer, und zeichnete die Verse
auf, welche ihn so sehr gefesselt hatten. Als sie auf dem Papier dastanden,
wollte er sich wiederum jeden Eindruck ableugnen, sie kamen ihm hchst
gewhnlich vor und das Geheimni, welches sie ihm frher enthalten zu haben
schienen, war am Ende eine Bemerkung, die ihm uerst bekannt dnkte. Er schalt
sich, da er von Ottfried's Wesen sich so gleich habe einnehmen lassen, die
Worte desselben erschienen ihm jezt fast lcherlich, besonders das Verlangen
nach Migeschick. In diesem Zwiespalt, der sich seines Wesens gewhnlich nach
jedem strkern Eindruck zu bemchtigen pflegte, brachte er den brigen Theil des
Tages zu; am andern Morgen vermied er Ottfried und suchte geflissentlich Sophien
auf, um sich auf ihre Kosten zu ergtzen. Des Grafen erinnerte er sich auf's
lebhafteste und wnschte ihn und seine Gesprche zurck; so arbeitete er an
sich, bis wieder die alte Klte an die Stelle der aufkeimenden Wrme getreten
war.
    Zu dieser Zeit kam Sophien's Bestimmter auf's Schlo; es war ein langer,
ziemlich wohl aussehender Mann in einem schwarzen Ueberrock, der ihm bis auf die
Fersen reichte, und den er, als er den Schloberg hinausschritt, hoch
aufgeschrzt und um den Leib festgebunden hatte, so da er auf den ersten Blick
fast wie ein Jgerbursche aussah. Der Journalist nahm ihn sogleich bei Seite und
examinirte den Ermdeten scharf ber seine politische Ansicht. Lassen Sie
mich; rief der Pastor, indem er athemlos auf einem der breiten Lehnsessel Platz
nahm, das Bndni, das ein redlicher Mann mit dem Staate schliet, ist eben so
zart wie eine Herzenssache, und wer spricht gern von seiner Braut mit Leuten,
die ber ihren Werth anders denken knnten; brigens bin ich ja da, Friede und
Eintracht zu predigen allezeit, und schon deswegen wrden Sie nichts aus meinem
Munde erfahren, was zu Ihrem Kram pat. -
    Himmel, rief der Journalist, wie kann man sich nur so ganz simpel
ausdrcken! von welchem Kram reden Sie? Mann, Mann, wissen Sie nicht, da Ihre
Kirche selbst auf blutgedngtem Boden aufspro und sich festigte. - Wohl,
entgegnete der Geistliche, das Aergerni mu kommen, doch wehe dem, durch
welchen es kommt; es wre besser, ihm hinge ein Mhlstein am Halse und lge im
Meere, da wo es am tiefsten ist. Der Baron warf einige Bemerkungen dazwischen,
die einen ernsten Streit verhinderten, und wirklich gelang es ihm, den Pastor zu
einem gutmthigen Lcheln zu bringen. Uns Landprediger, sagte er, sieht man
gewhnlich im Leben als die beschrnkte, leidlich-gesunde Mittelmigkeit an,
und als solche treten wir auch in Bchern, Romanen und Novellen auf, wenn es
sich um Glauben, Philosophie und Lebensgenu handelt. Eben so weit entfernt von
den herrschenden Zeptertrgern der hohen Aufklrung, wie sie zur Verzierung
groer Residenzen hie und da gefordert und verschickt werden, als von den
berirdischen Schwrmern und Wunderthtern, geht unsre Einsicht und Lehre Hand
in Hand mit den niedern, immer wiederkehrenden Bedrfnissen des einfachen
Menschen. Der liebe Gott auf dem Lande, der Pfarrer im schwarzen Rock und der
Bauer in der rothen Sonntagsweste sind drei Personen, die nicht zu trennen sind,
und die sich gegenseitig ehrlich lieb haben, und zusammen bedenken, was zum Bau
des Ackers, zur Saat und Erndte nthig. Wenn einer von ihnen stirbt, so mu
nothwendig der andere seine Stelle ersetzen; ja mir sagte einmal ein Bauerbursch
in aller gutmthigen Einfalt: Herr Pfarrer, wenn der liebe Herr Gott krank wird
und stirbt, so wird man gewi im Himmel Euch zum lieben Gott machen. Der Baron
lachte herzlich ber diese Worte, und jener fuhr fort: Doch mchte ich die hohe
Stelle dort oben heutzutage am wenigsten einnehmen, wo es so bunt in der Welt
zugeht und Niemand wei, was er will. Wie leicht knnte es seyn, da ich meinen
lieben franzsischen Kindern ein Schicksal gebe, worber sie in allen Journalen
lsterten, und inde ich eilte, es ihnen recht zu machen, verdrbe ich es mit
einer andern Partei. Aus Furcht nun, ja keinen dummen Streich zu machen, wrde
ich recht viele begehen, denn ich mu bedenken, da Leute wie der Knig Salomo,
der alte Plato und der Imperator August im Himmel hinter mir stehen und mir auf
die Finger sehen. O ganz verdammt bse Sache! Da knnte ich wohl in der
Uebereilung, wenn das Ding nicht gleich ginge, wiederum das alte Meer ber den
ganzen Wirwarr hinsplen lassen, wo dann freilich geholfen wre. Nein, nein, es
bleibe beim Alten, und es herrsche der, vor dem alle Kreatur fleucht und dessen
Fuschemel die Erde ist. - Als ich noch studirte, und die erste Kunde von den
frchterlichen, ewig denkwrdigen Revolutionstagen aus Frankreich an unser Ohr
scholl, da war keine Seele, die sich nicht emprt auflehnte gegen die frechen
Satzungen, mit denen der bandenlose Uebermuth gegen die bestehenden Formen
ankmpfte. Der Deutsche war in Liebe und Einigkeit mit seinem Lande verwachsen,
in Verehrung fr sein Frstenhaus; die grnzenlose Albernheit und die frivolen
Formen, die aus jenem Lande der Unnatur und des Leichtsinns kamen, hatten nur
eine hchst geringe Anzahl Bekenner fr sich, und unter diesen traten nur solche
als Sprecher auf, die entweder den deutschen Charakter nie begriffen hatten,
oder die Ehrgeiz und Leidenschaft zu Verrthern stempelten; wir Uebrigen lieen
es geduldig geschehen, da man unsere Kpfe puderte und frisirte, unsere Rcke
nach franzsischen Mustern verschnitt, doch Herz und Hirn blieben unverrckt und
unverflscht dem Lande, das wir liebten und das unsere Liebe verdiente, getreu.
Es mochte wohl schwerlich damals in allen deutschen Gauen ein Deutscher gefunden
werden, der an einem so anti-deutschen Charakter, wie der jenes groen Mannes
war, Gefallen gefunden, geschweige denn, zu dieser perfiden Abgtterei sich
herabgelassen hatte, in der jetzt ein sich selbst und alles Wahre und Edle
verkennender Hause wahrhaft wthet. Schlimm, sehr schlimm steht es, wenn ein
Mann der Held einer Nation werden kann, dessen Charakter eine kalte, folgerechte
Verknpfung von Lge und Selbstsucht war, und dieser Migriff konnte von einem
Volke gethan werden, welches zu Grundzgen seines Wesens Treue, Anhnglichkeit,
Wahrheit und Liebe hat. Zwar der Gtze ist gestrzt, doch es fehlt nicht an
neuen Ausgeburten eines kranken Geistes, die auf den Altar gehoben werden, um
die verfhrte und verblendete Menge in immer regem Taumel zu erhalten. Der
Journalist hatte sich erhoben, und drohte mit der Rolle Zeitungsbltter, wie
entrstet, dem Sprecher, der ruhig in seiner Rede fortfuhr: Es thut wahrlich
Noth, da wir den Himmel bitten, da er uns demthige, damit die Welt wieder
glauben lerne; denn wo keine Andacht, keine Verehrung mehr herrscht, wo dreiste
Klgelei jede Autoritt wegspottete, darf, kann man wohl da etwas anders
erwarten, als Elend, Verderben, tiefe Erniedrigung? In meiner Jugendzeit
vereinigte sich Schule und Erziehung, jene Einheit zu befestigen, in der das
Leben seinen Sttzpunkt findet; es wurde vor allen Dingen ein guter konomischer
Haushalt mit dem Leben gelehrt, da man nicht zu frhe mit der Lebenslust fertig
werden mchte; auf der hohen Schule zeigte man dem Jnglinge die Wissenschaft
und Kunst in ihrer sprden jungfrulichen Herbigkeit, und lie erst nach und
nach ihre Se ahnen; Strenge und Arbeit waren Gesetz - die groen Poeten und
Philosophen thronten, gleich Knigen, unzugnglich fr den groen Haufen, im
Heiligthum ihrer Studierstube, und dort reichten sie dem demthig nach Belehrung
drstenden Schler kostbare goldene Aepfel in silbernen Schalen dar.
    Ach ja - freilich wohl! nahm der Baron das Wort mit gerhrter Freudigkeit
- damals - damals hatten wir ja unsern groen einzigen Dichter noch - er war
der Mann unsrer Liebe und Verehrung. Damals ging am Hofe der Frsten ein feines
Gesprch um. Ich wei es ja noch, und wenn ich daran denke, mu ich noch lcheln
- damals, als der Treffliche seinen Faust geschrieben hatte, der alle deutschen
Gauen in Flammen setzte, schrieb ich ihm im Namen von fnfzig engverbrderten
Jnglingen, er mchte doch den Mephistopheles die tolle Wette nicht gewinnen
lassen; demthig baten wir darum, denn es sey zu herrlich anzuschauen, wie der
himmlischteuflische Kampf vom genialen Meister siegend zum Lichte hinaufgefhrt
werde. Was erfolgte? - nach einigen Wochen lief ein eigenhndiges Schreiben vom
Dichter ein, worin er uns scherzhaft versicherte, da er uns zu Liebe in einer
so bsen Sache nichts entscheiden knne, und da er es fr's Gerathenste halte,
wenn ein jeder Leser nach seiner Eigenthmlichkeit sich das Ende selbst hinzu
dchte. Und so ist es auch geblieben - der Herrliche hat sein Schauspiel nicht
beendet.
    Kann es wohl etwas Trostloseres geben, als den Werther? rief der
Journalist heftig; ist es wohl mglich, die Verirrung so weit zu treiben, den
Leuten glauben machen zu wollen, solch ein Charakter sey edel, stark, wahr? Ich
finde nur Einen Gesichtspunkt, in welchem betrachtet dieses Produkt Leben und
Wahrheit einigermaen erhlt, nmlich der Leser mu annehmen, der junge Mann
tdte sich nicht aus Liebes-Verzweiflung, diese hat meinetwegen auch einen
groen Theil an seinem Tode, sondern der eigentliche Grund desselben sey die
bewut gewordene Ohnmacht, das uns allen vor Augen stehende ewige Rthsel
unseres Daseyns zu lsen. Aus innerem Zwiespalt und Lebensberdru flchtet er
in's Nichts. So nur kann ich Seelengre und Selbstmord vereinigt denken, und
von dieser Seite angesehen, gewinnt die Fabel Bedeutung, indem durch sie jene
Strme angedeutet worden sind, die bald darauf durch alle Lnder dahinbrausen
sollten, und die zu beschwren die heutige Welt berufen scheint. Das gewhnlich
angenommene Motiv des Werther'schen Mordes ist aber so siegwartisch
schwindschtig-weichlich, da sich im Ernst kein poetisch krftiges Gemth
darein verlieben kann. Ottfried war hinzugetreten und rief: Wenn Sie doch,
Theuerster, nicht von Poesie reden wollten, deren Wesen und Gehalt Sie nun
einmal durchaus nicht begriffen haben! Wie ein schner Park nicht dazu dienen
kann, eine Stadt zu befestigen und Thrme und Mauern entbehrlich zu machen, eben
so wenig sollte ein Politiker von Poesie reden; genug, da man ihm zugibt, da
seine Kanonen, Mrser, Sbelklingen und Deputirten-Kammern, sammt allem
kriegerischen Lschpapier nothwendige Uebel sind, da sollte man sich doch
zufrieden geben, und uns unsern Theil lassen. - - Schon wieder ein groer
Irrthum, rief der Zurechtgewiesene; nur die hchste Einseitigkeit kann das
Leben und seine Erscheinungen in starre Klassen theilen wollen. Dieses ist die
Quelle so vielen Streits und Elends unsrer Tage, da nmlich ein Theil der Menge
sich ausschliet und behauptet, die Sache gehe ihn nichts an. Jeder und alle
mssen vereint wirken, wenn die Aufgabe gengend gelst werden soll. - Thun
Sie, was Sie wollen, sagte Ottfried empfindlich; nur kann ich es nicht leiden,
da unser groer Dichter getadelt wird, und von Leuten, die nicht werth sind,
ihm die Schuhriemen aufzulsen. - Mit einer einseitigen Bewunderung, nahm der
Journalist das Wort, kommen wir heutzutage nicht weit. Das Reprsentiren
einzelner Geister hat aufgehrt, und an die Stelle ist die begeisterte
Wirksamkeit Aller getreten; die Gesammtheit hat Stimme erhalten, und in dieser
findet die Poesie, wenn sie sich aussprechen will, ihr wrdiges Organ. Fragen
wir doch, was denn jener groe Geist, dem es vergnnt war, in so mancherlei
Beziehungen auf's Ganze zu wirken, was er denn Treffliches geleistet? Wo sind
die lblichen Einrichtungen, die der Staat ihm, seinem ersten Staatsmanne,
verdankt, was hat eine Generation, die bittend zu ihm hinaufsah, von ihm zur
Frderung und Feststellung der edelsten und schnsten Menschenrechte gewonnen?
Auf welche Weise wucherte er mit dem Schatze, der in erluterter Wissenschaft
und Kunst ihm anvertraut worden? Die Antwort ist: um sein eigenes Selbst zu
verherrlichen, um seinem Haupte die Krone aufzusetzen, that er Alles, was er
that. Selber der Frst seines Frsten, bte er die heilloseste Geistesdespotie
ber seine ganze Zeit aus, die zu schwach und verweichlicht war, um dieses Joch
zu fhlen und abzuschtteln. Eine Pause entstand, whrend welcher Ottfried
sich, im hchsten Grade verstimmt, abgewendet hatte; endlich sagte er: Es hrt
ja aller Streit sogleich auf, wenn man die Poesie als eine milchende Kuh
betrachtet, und dafr sieht unsere Zeit freilich alles Edle und Groe an.
    Zum Glck trat jetzt der junge August herein; er kam aus der Residenz und
brachte Nachrichten und politische Bltter mit. Der Journalist eilte auf ihn zu;
der Geistliche wollte den Zeitpunkt benutzen, und mit seiner kleinen Braut
einige herzliche Worte wechseln, doch sie fand Gelegenheit, ihm zu entschlpfen
und der Gruppe zuzufliegen, die sich um ihren Bruder bildete. Der Pastor nahm
mit einer Miene der Resignation eine Priese und that einen mchtigen Zug aus der
Kaffeetasse.

    Den nchsten Tag hatte Eduard dazu bestimmt, an dem Bilde fortzuarbeiten; er
nahm es hervor und erschrack davor, wie vor einer Erscheinung. Aus bleichen
schroffen Zgen sahen ihn in einem kranken Antlitz zwei erloschene Augen mit dem
hchsten Ausdruck des Schmerzes an. War das das schne achtzehnjhrige Mdchen,
waren das die Formen, denen er Anmuth und edle Gre nicht absprechen konnte.
Sorgsam verdeckte er das Bild und lie er sich nachtragen auf's Schlo. Er wurde
in's bestimmte Gemach gefhrt, es war leer; nach ein paar Sekunden erschien eine
Kammerfrau und fhrte ihn zur Frstin hinber, diese empfing ihn freundlich und
bedauerte, da eine kleine Unplichkeit das Frulein verhindere, zu erscheinen.
Unschlssig, was er thun solle, ging unser Freund in den Saal zurck. Er setzte
sich an's Bild, um daran zu ndern, doch je mehr er versuchte und bermalte,
desto lebhafter fhlte er, wie er vom Urbilde sich entfernte; mimuthig legte er
den Pinsel nieder. Tiefe Stille herrschte im Gemache; Magdalenens
Lieblings-Papagei hing im goldenen Kficht und sah ihn mit klugen Augen an,
indem er sich langsam in seinem Ringe hin- und herbewegte, und zuweilen durch
die warme Stille des Gemachs einen lauten Schrei that. Der Mittag lag auf den
geffneten hohen Fenstern, und nur von Zeit zu Zeit wlbte ein Luftzug die
schweren rothseidenen Falten der niedergelassenen Vorhnge. Eduard stand am
Pfeiler gelehnt und schaute auf die in der Schwle daliegende Natur, dann
verlie er den Saal, und betrat, in Gedanken vertieft, die daran stoenden
Gemcher. Immer weiter und weiter wandelnd, gelangte er in ein mit
Sammetteppichen bekleidetes Eckzimmer, eine in der Tiefe des Gemachs ertnende
Spieluhr zog ihn weiter, und endlich blieb er vor einem Bilde stehen, welches
die Prinzessin darstellte, von einem vorzglichen Knstler gemalt. Eine Uhr
schlug in den inneren Gemchern, Eduard hrte nichts, jetzt wandte er sich aus
seinen Trumen nach der Thre um, da stand sie - Magdalena - gro, in weicher
Stellung gebogen an die Thre gelehnt. Einen Moment blieben sich beide stumm
gegenber; Eduard konnte den Blick des groen blauen Auges, das mit einem
unaussprechlichen Ausdruck auf ihm ruhte, nicht ertragen, er erhob seine Stimme,
um sie anzureden, da pltzlich strzte mit einem kurzen, kaum hrbaren Laut das
schne Bild zusammen, und lag leblos da auf dem rothen Teppich des Bodens. Der
dumpfe Ton, mit dem das Haupt auf dem Absatz der Schwelle niederschlug, hallte
durch die tiefe Stille, und prete dem erstarrten Jnglinge einen Schrei des
Entsetzens aus; er strzte nieder, fing den Busen und das von den aufgelsten
bleichen Locken umspielte Antlitz in seinen Armen auf, und schaute in trostlosem
Schmerze auf die gebrochene Gestalt nieder. Endlich hob sich die leblose Brust
wieder, ein langer, aus der Tiefe des gepreten Herzens aufzitternder Seufzer
brachte das entflohene Leben zurck, doch noch lag auf den geschlossenen Augen,
auf den marmorgleichen Zgen der Ausdruck eines unendlichen Schmerzes. Die
Bewegungen des Busens wurden heftiger und lieen den Ausbruch eines Krampfes
frchten; in Besorgni und Angst prete Eduard seine heie Hand ihr unter die
Brust. Jetzt erwachte die Arme, und ein Strom von Thrnen rann auf die weie
Atlasrobe herab; der besorgte Jngling leitete sie zu dem nchsten Armstuhl,
dort lispelte sie einige Worte des Danks, und ein bittender Wink sprach den
Wunsch aus, sich allein zu sehen. Er gehorchte augenblicklich, im Vorbeigehen
hob er ein kleines einfaches Kreuz auf, welches sich von einer Kette am Busen
des Fruleins gelst hatte; betubt und an allen Sinnen erregt, langte er auf
seiner einsamen Stube an. Seiner Aufmerksamkeit entging es, da alles im Hause
wild durcheinander lief, da Verwirrung und Bestrzung der Gemther, selbst des
Barons sich bemchtigt hatte; die Thre hinter sich abschlieend, warf er sich
auf sein Ruhebett, und Thrnen quollen unwillkrlich aus seinem Auge. Wie ein
zndender Strahl kam ihm jetzt der Gedanke, jenes kleine Bild auszufhren. Er
arbeitete bis in den sinkenden Abend unausgesetzt, und als er es vollendet
hatte, waren es Magdalenens Zge, die jene umschauende Gestalt zeigte; sie war
es - der hohe siegreiche Wuchs, die Flle der hellen Locken, dem Nacken
entflatternd, so eilte sie dahin, und in dem rckschauenden Auge lag jener
wunderbar schmerzliche und doch beseligende Blick angedeutet, den sie auf ihn
geheftet hatte. Ein tiefes Weh zog durch seine Brust, er prete beide Hnde
gegen das Antlitz, und eine Stimme, leise, aber durch alle seine Pulse zuckend,
klang: Warum verfolgst du mich? Ja, er fhlte es, er liebte, liebte das
Mdchen, das er mit so schneidender Klte verfolgt - sich selbst marternd, hatte
er ihren weichen Busen gemartert, ihr edles Herz zerfleischt. Ottfried's Worte
vom Schmerz, jenes Liedchen, die bewutlosen Trume und Bilder, die ihn bis
jetzt verfolgt, endlich der frchterliche Augenblick, wo er das angebetete
Mdchen in der Qual ihres gebrochenen Herzens niederstrzen sah - Alles strmte
jetzt auf ihn ein, und wie ein Kind weinend, warf er sich in seinen Stuhl, und
zitternd, im ungemessenen Ausbruche des ersten tiefen Gefhls, flogen seine
Glieder. Immer und immer tnten die Worte:
    Warum verfolgst du mich? Immer wieder traf jener Blick in sein Herz, immer
von Neuem vernahm sein Ohr den dumpfen gebrochenen Laut, mir dem sie
niederstrzte; seine Marter erstieg den hchsten Gipfel. Die Nacht kam auf
leisen Fittichen, die Sterne zogen hinauf, noch immer lag er im Sessel. Armes,
armes, ses Mdchen! Du konntest in der gemihandelten warmen Brust das Bohren
des kalten Dolches nicht lnger erdulden, es warf die Klte des Freundes dich,
eine Leiche, zu Leichen, dein schner Leib schlug zu seinen Fen nieder! Wider
deinen Willen sollte dein brechendes Auge das seinige ffnen. Wie kalt, wie arm,
wie drftig lagst du da, und dennoch gegen deine Engelglorie wie hflich, wie
elend stand ich da in der Verzerrung meines Innern, ausgehhlt von kalten Hohn
gegen alles Edle und Schne, was die Erde trgt. Ich Thor, erschlossen glaubte
ich mir schon jede Erdenseligkeit, auf den Hhen des Lebens meinte ich gewandelt
zu haben, und stehe als Neuling geblendet vor den ausfliegenden Thoren eines nie
geahneten Paradieses. Sie liebt mich! Du liebst sie! O seltsames, schmerzliches
Rthsel - habe ich nicht oft getrumt, zu lieben? in ser Trunkenheit suchten
im Kusse sich die Lippen, Auge entzndete sich im Auge, und ein kurzer Schmerz
drckte das Erwachen aus; - hier aber greift der Schmerz zuerst in das Leben,
vernichtend, entsetzlich! o Magdalena, Magdalena! -
    Sturmwolken trieben am Himmel hinauf und verhllten den Glanz der Gestirne,
ein Gewitter lie sich in leisen, dumpfen Schlgen vernehmen, und gestaltlos
feurige Scheine flogen am Horizonte hin. Eduard hatte seinen Blick fest auf's
Schlo gerichtet, er suchte eifrig das Fenster des Gemachs, wo ihn heute das
Schicksal erfat hatte, um sein ganzes Leben pltzlich umzugestalten. Die Zimmer
waren dunkel, doch weit davon, wo die Gemcher der Prinzessin begannen,
leuchtete noch ein einsames Licht durch rothe Vorhnge, wie ein feuriges Auge
durch die Nacht, herber. An diesem Lichte sitzt sie, in Trume versenkt, rief
er bei sich, auch ihre Seele flieht der Schlaf, die se Ruhe auf immerdar! Auch
ihr geht in Ahnungen dein erwachender Liebesmorgen auf. Das Wetter zog nher,
und die schwlen Tne rollten jetzt dumpf die tiefe Leiter hinab, heller zuckten
die breiten zerflieenden Strahlen. Die Gerche der Blthen unter dem Fenster,
von der Schwle entzndet, verbreiteten fast betubende Dfte, die Luft selbst
war ein heier Athem, der sich vergeblich zu khlen strebte an der Stirn, dem
Busen des armen Jnglings. Die Erschtterung seines Wesens ging jetzt in tiefe
Ermattung ber; er entschlief auf dem Ruhebette, und inde die Gewitter sich
ber seinem Haupte entladeten, glaubte er im Traume finster drohende Stimmen
ber sich zu vernehmen. Er erblickte Gestalten ber sich, die zusammentraten, um
ber ihn Gericht zu halten; es erschien Emiliens Bild, dann schtterte ein
ungeheures Krachen dicht neben ihm nieder, ein gelber Schein fllte das Gemach!
Entsetzen fate ihn, er sah das Schlo in vollen Flammen stehn. Mit der
Schnelligkeit des Sturmwindes flog er die wohlbekannten Wege hinauf, durchlief
die Gemcher, welche von einem ungeheuern Angstruf widerhallten, und drang
mitten in's Getmmel. Wehende Schleier, fliehende Gestalten, zugeschleuderte
Thren, qualmende Rauchwolken und zngelnde Flammen warfen sich ihm in den Weg;
durch sie alle fand sein Fu den Weg - und dort, dort im rothen Gemach - dort
lag sie noch auf dem Sessel, wo er sie verlassen, eine bleiche niedergeknickte
Lilie, das Haupt in die Arme geschlossen, von der Glut der Flammen blaroth
angehaucht. Mit riesiger Kraft umfing er den schnen Leib, der se Busen, von
einem Gott mit dreifacher Glut durchstrmt, kte auffliegend seine heie Wange,
sein Auge trank Reize, die sein innerstes Mark berauschten, und der Wahnsinn der
hchsten Leidenschaft spielte mit dem Moment des Todes. Nirgends ein Ausgang!
Flammen wie Sulen umstanden, zu einem Tempelrund geschlossen, das trunkene Paar
- da war es ihm vergnnt, in einem Kusse zu sterben. - Gestndni und Erhrung
krnten sich gegenseitig; in dem Moment krachten die Balken der Decke zusammen,
und unser Freund erwachte aus seinem Traum. Die abgekhlte nasse Luft strich
durch's Gemach - der Mond, aus dem zerissenen Wolkenmeer sich erhebend, warf
seinen Blick auf das ruhig daliegende Schlo und die friedliche Gegend.

    Als Eduard hinunter zur Familie kam, erfuhr er den Grund des gestrigen
Aufruhrs, - Sophie war mit dem Journalisten entsprungen, und man mute glauben,
da die Flchtlinge ihren Weg nach der Residenz genommen; doch war es eben so
wahrscheinlich, der Zeitungsschreiber habe seine Beute mit in sein Vaterland, in
die Schweiz, entfhren wollen, wo, wie man wute, seine Familie einige
Besitzungen inne hatte. August war beauftragt worden, mit einigen Knechten den
Flchtlingen nachzusetzen, denn es lie sich erwarten, da das ungewhnlich
starke Gewitter in der Nacht ihre beschleunigte Reise bedeutend aufgehalten
haben mute. - Der Baron hatte anfangs lebhaft gezrnt, doch jetzt schien ihm
die Hoffnung gewi, die Entflohenen wieder einzuhaschen; er sa in seinem
Armstuhl am Fenster, und begrte unsern Freund mit einem trben Lcheln. Das
ist, rief er, ein Stckchen vom neuen Regime, so uert sich diese
interessante Wuth: wahrlich, ich werde noch mssen fr meine alten Tage eine
bezahlte Pflegerin annehmen, um nicht elend zu verkmmern, denn meine eigene
Tochter luft als Marketenderin in die Reihen der Unsinnigen. Der Geistliche
ging ebenfalls mit bekmmerter Miene im Gemach auf und ab, indem er von Zeit zu
Zeit das Haupt schttelte; nach einer Pause begann er: Hchst seltsam! das
Uebel fing so gering an, sie zupfte Charpie fr die armen unterdrckten
Freiheitler; zwar bemerkte ich, da allemal die Woche ein Pfund mehr von diesen
heilsamen Fden durch ihre artigen Finger zerzaust wurde, allein welcher
prophetische Geist htte dergleichen Dinge vorher sagen mgen! - Trsten Sie
sich, rief der Baron seinem alten Freunde zu; besser, da sie jetzt entlief,
als da sie als ihre Gattin sich in die weite Welt flchtete, wo sie dann
vielleicht noch gar ihre Percke mitgenommen htte, die sie nie hat leiden
mgen. Der Pastor sah seinen Freund und Gnner mit groen Augen an, erwiderte
aber nichts, sondern sah wiederum mit bekmmerten Blicken hinaus auf die
vorbeifhrende Landstrae. Eduard lie die beiden Alten bald allein, seine
glhende Seele vernahm nur halb, was um ihn vorging, es trieb ihn die Sehnsucht
in's Schlo. Die Frstin lie ihn vor sich und theilte ihm mit, da Magdalena
seit gestern sich unplich fhle, und daher die heutige Malerstunde aufgegeben
werden msse. Eduard stand wie vernichtet, er entfernte sich mit einer stummen
Verbeugung; auf dem Zimmer angelangt, vertraute er seines Herzens Geheimni
einem Papier, welches Magdalenens Zofe zur heimlichen und sicheren Bestellung
erhielt. Jetzt waren die Pforten des Tempels gesprengt, und Glanz und Segen
berstrmte den Glcklichen; eine neue Sonne stieg am Horizonte empor, und
verklrte sein verarmtes Leben. Am Abend erschien die treue Zofe, und leitete
unsern Freund auf einem verborgenen Pfade in das Zimmer ihrer Gebieterin. Da sa
sie, auf den Polstern des Divans hingegossen, das goldene Haar aufgelst, in ein
fast klsterliches weies Gewand eingehllt, dessen reiche Falten auf den Boden
niederflossen, eine Thrne blinkte in ihrem Auge, als sie den Glcklichen
hereintreten sah. Auf einem mit schwarzem Tuch bedeckten Tische stand ein
Kruzifix, von zwei hohen Wachskerzen eingefat, deren Flammen im Abendwinde
spielten. Magdalena, rief Eduard und strzte zu ihren Fen, wunderbares,
heiliges Mdchen, warum hast Du mich nicht frher in deinen Himmel schauen
lassen, warum gegen mich diese Klte, diese Verachtung? - Doch, ich
Wahnsinniger, verdiente ich etwas Anderes? War ich es nicht, der verblendet und
verfhrt, dieses berreiche Herz von mir stie, war ich es nicht, der den
nichtswrdigsten Verlumdungen mein Ohr lieh? - Eduard! flsterte Magdalena
und neigte sich zu dem Verzweifelnden herab, keine Selbstanklage! es ist genug,
die Prfungszeit ist vorber, der Himmel wollte, da ich auch den letzten
bittersten Trank bis auf die Hefe leeren sollte; ach, ich Elende, ich vermochte
es nicht, meine Kraft brach, und ich zeigte Dir ein schwaches Herz. Ja, mein
edler Freund, auch Du solltest mich verkennen, auch von Dir sollte ich verdammt
werden, gleich wie die Welt mich verdammt und lstert! Doch es ist vorbei, und
meine Seele fliegt im jubelnden Gebete himmelwrts. Sie beugte sich nieder, und
der entzckte Jngling, keines Wortes mchtig, umschlo mit glhenden Armen die
jungfrulich Erbebende. Der Nachtwind spielte in den rauschenden Falten der
Vorhnge, und drohte die Kerzen auf dem Tische zu verlschen. Magdalena entzog
sich dem Kusse des Freundes, die leidenschaftliche Glut des Moments glitt an der
reinen Hhe ihres Wesens nieder. Hoch aufgerichtet, die Hand auf den Tisch
gesttzt, stand sie da, und staunend sah der Jngling an ihr hinauf. Eduard,
rief sie nach einer Pause mit einer ernsten feierlichen Stimme, Eduard, folgen
Sie nicht dem Erdgeiste, der uns beide umstricken will, der Augenblick ist
heilig, er giet die Weihe ber zwei Menschenleben aus! Eduard, bei dem
Erkennungskusse, den unsere Seelen sich heute zugehaucht, bei dem Siegesfeste
unserer Liebe! - bei den ewigen Gestirnen, die ihre prophetischen Kreise in
diesem Moment ber unser Haupt beschreiben, und endlich bei diesem Bilde, das
hier aufgerichtet zwischen uns steht - geloben Sie mir einen theuern Eid -
geloben Sie mir, hinfort nur fr Gott und die Freiheit zu leben! Eduard! Die
Stimme unterdrckter Vlker tnt an Ihr Ohr! Die edelsten Rechte der Menschheit
fordern Ihren Arm zum Vertheidiger, die unterdrckte Unschuld fleht zu Ihrem
Mnnerherzen; Sie sind ein Mann, in Ihre Rechte gehrt das Schwert; Feigheit
wre es, sich mit taubem Ohr wegzuwenden vom allgemeinen Jammer. Eduard, geloben
Sie es mir, hinfhro fr Gott und die Freiheit zu leben, und wenn ein Dank eines
Weibes Sie beglcken kann, so soll es der meinige. Sie schwieg und mit einem
seligen Lcheln blickte sie auf den Freund nieder. Magdalena, rief dieser,
mein frheres Leben sinkt in diesem Augenblick vor mir herab; alles, was ich
hoch und schn genannt, es hat seinen trgerischen Glanz verloren, die junge
Sonne dieser Stunde gibt mich einem neuen Leben hin, fhrt mich in die Arme der
reinsten Liebe, des Glaubens, der Tugend: soll ich da noch anstehen, ihren
segensreichen Strahlen zu folgen, wohin sie mich auch immer rufen? Ja,
gttliches Mdchen, Dir will ich gehorchen, ein thatenloses armes Daseyn mge
sich in ein krftiges reges Wirken umgestalten, an Deiner Hand, durch Deine
Leitung. Ich schwre fr Freiheit, Gott und mein Vaterland zu leben. Magdalena
war niedergesunken, das weie, sie umflieende Gewand breitete sich in weiten
Falten um sie herum, sie neigte ihr Haupt auf die gefalteten Hnde, eine tiefe
Pause herrschte im Gemach; Eduard beugte sich zu ihr herab, sie leise, aber
innig umfassend, wandte er das zarte, goldgelockte Oval sanft zu sich ber. Mit
niedergeschlagenen Augen und noch gefaltenen Hnden duldete die schne Gestalt
den glhenden Verlobungsku, den er ihr aufdrckte.

    Unser Freund verlebte jetzt paradiesische Tage; es war ihm ein Bedrfni,
glckliche Menschen um sich zu sehen, und dehalb bekmmerte es ihn, da im
Hause des Barons noch immer keine befriedigende Nachrichten wegen der
Flchtlinge eingelaufen waren. Es schien, als wenn ihre Spur sich pltzlich
unter die Erde verloren htte, denn im ganzen Umkreis des Schlosses sowohl als
auf den Stationen der verschiedenen Straen hatte man sie weder beherbergt, noch
ihnen begegnet. Es neigte sich der dritte Tag schon zu Ende und ein paar
abgeschickte Boten kamen ebenfalls unverrichteter Sache zurck, da zeigte sich
August, der von seinen gewhnlichen Streifereien im Forste heimgekehrt war, mit
besonders heiterer Miene. Er winkte Eduarden zu sich, und flsterte ihm in's
Ohr, da er sich jetzt getraue, die Schwester zu finden, er wte gar wohl, wo
man sie verborgen habe, und wenn Eduard die Entdeckungsreise mitmachen wolle, so
stehe er ihm fr den besten Erfolg und auerdem fr vielen Spa. Unser Freund
entschlo sich, dem jungen Kadetten zu willfahren; es wurden noch an demselben
Nachmittag Anstalten ingeheim getroffen, der Pastor, der von der neuen Hoffnung
etwas erlauscht hatte, schlo sich den beiden Jnglingen an, und so gingen sie
in den benachbarten Forst. Unterwegs that der lebhafte August sein Geheimni
kund, er hatte es nmlich vor dem Vater verbergen mssen, da er auf seinen
Gngen im Walde ein hbsches Bauermdchen entdeckt habe, mit welcher es dem
bildschnen lustigen Jgerburschen eben nicht schwer geworden war, ein
Liebesverstndni anzuknpfen. Es war damit, erzhlte er, ganz so, wie es in
jenem Liedchen von der schnen Mllerin heit, sie kam auch, in des Morgens
Frische ihr liebes Angesicht zu baden, inde ich hinter dem nchsten Baum auf
meine Flinte gelehnt dastand, und ihr zusah. Ich werde es nie vergessen, wie ich
damals den ersten Ku von einem Mdchen erhielt, wie ich mit meinen Lippen ihre
vom Bade nassen und kalten Wangen erwrmte, und ihre volle kleine Gestalt mit
meinem Arm umschlo; es ist wahrlich schade, da ich sie euch nicht zeigen kann,
doch pflegt sie mit ihrem Vater erst spter nach Hause zu kommen. Von ihr nun
hab' ich es erfahren, da meine gute Schwester hier im Walde sich verbirgt, und
der Journalist mit seinen Freunden in der Residenz correspondirt, um einen Wagen
herkommen zu lassen, in welchem es ihm dann leicht mglich wird, die nahe Grnze
zu erreichen, ohne die Stadt und die bekannten Wege zu passiren. So gut als
gewi ist es, da heute der Wagen angelangt ist, und wenn er nun aus dem Walde
eilen will, so mu er hier vorber und luft uns dann gerade in die Arme. Es
gilt also nur, ein Stndchen hier zu warten, wozu der freundliche, schne, von
Sonnenschein und Vogelgesang belebte Waldplatz ohnedie einladet. Aber was
geschieht da unserm Pastor? Der Prediger war whrend des Gesprchs
vorausgeeilt, an einen kleinen Abhang gerathen und trotz seiner groen Vorsicht
hingestrzt, jedoch ziemlich glcklich bei nachgleitenden Rockschen auf dem
Sande in die Tiefe niedergefahren; als Eduard und August dem verschwindenden
Manne nacheilten, fanden sie ihn schon unten angelangt und zwei Bauerburschen
beschftigt, die ehrwrdigen Amtskleider auszuklopfen und auszustuben. Jetzt
war man im Thale, wo die geschwtzige Mhle ihre Rder mit einem heimlichen
Rauschen trieb, als erzhle sie den jungen Waldbumen uralte wundersame
Mhrchen; das Huslein selbst lehnte so schmeichelnd zrtlich mit seinen grnen
umsponnenen Fenstern an der hellen Felswand, da den beiden Jnglingen das Herz
aufging und sie ihre Arme dagegen ausbreiteten. Der Kadet warf sich an die Brust
seines lteren Freundes, und zog ihn auf die kleine Bank nieder, auf der er mit
seiner Marie so oft gesessen hatte; inde lie sich der Pastor von seinen beiden
klopfenden und stubenden Dienern in ein nahes Gebsch fhren, wo neue
Reinigungsversuche mit frischen Baumzweigen vorgenommen werden sollten. Der
Abend war entzckend schn; das Gold der niederflammenden Sonne lag im matten
Purpurglanz auf dem klaren Spiegel des Baches, hier und da zogen sich brennend
rothe Streifen ber den dunkeln Waldteppich, und noch ferne spielten die bunten
Lichter wie hinflatternde Vgel auf den zurcktretenden Baumstmmen. Lassen Sie
uns ein Bad nehmen, rief August, das Wasser mu uerst erfrischend seyn, mich
drstet nach der Fluth. - Eduard lie sich bereden, beide Jnglinge warfen ihre
Kleider ab, und whlten sich den tauglichsten Platz zum Einsteigen. Endlich
entdeckten sie ein Pltzchen, auf dem ein paar junge Pferde weideten und sich
das gute Futter trefflich schmecken lieen. Kaum hatte sich August dem Wasser
vertraut, und die frischen Wellen flogen im Schaum gespalten um seinen Leib, als
der Pastor, welcher, unter einem Baum ruhend, zurckgeblieben war, ein
Zetergeschrei erhob. In dem Moment hrte man das Gerassel eines Wagens, den Huf
der Pferde, und es zeigte sich eine leichte Reisechaise, die dem Ausgange des
Waldes mit groer Eile zuflog; ein Herr und eine Dame hatten drinnen Platz
genommen. Sie sind's! schrie der Kadet, und mit einem Sprunge an's Ufer
setzend, schwang er sich im Augenblick auf eines der Pferde und jagte, ohne
Umhllung, wie er war, in die Waldnacht hinein, dem fliehenden Wagen nach. Er
holte ihn bald ein, zwang die Rosse, still zu stehen, und hielt nun von seinem
Pferde herab eine Strafpredigt der wiedergefundenen Schwester: Wie war es Dir
mglich, Sophie, uns alle in Schreck und Bestrzung zu versetzen? War es denn
nicht viel natrlicher und passender, da Du Deiner Stellung als Tochter
eingedenk, dem Vater Dein Herz ausschttetest, oder mir, Deinem Bruder, der Dir
doch, wie Du weit, auf das treueste zugethan ist; und Sie, Herr Doktor, wir
htten uns viel eher des Himmels Einsturz vermuthet, als diesen Schritt von
einem Manne, der so viel von Recht und Gerechtigkeit spricht. Sophie fand fr
gut, whrend dieser Worte ihr Gesicht mit beiden Hnden zu verhllen, sey es nun
aus Bestrzung, Schmerz und Bue, oder um sich dem Anblick ihres nackenden
Bruders zu entziehen, der in seinem Eifer gnzlich den Zustand, in dem er sich
befand, vergessen zu haben schien. Auf der andern Seite des Wagens hatte sich
der Pastor aufgeschwungen, und drang ebenfalls mit glhenden Worten auf die
beiden Schuldigen, so da der Journalist, der lange mit der Lorgnette bald
links, bald rechts hinausgeschaut hatte, endlich sich berwunden gab und
versicherte, er wolle nun umkehren, um sein Schicksal und das seiner Braut in
die Hnde des Alten zu legen, der im Ernste nicht ihrem Glcke entgegen seyn
knne. Nach dieser Erklrung ward dem Kutscher befohlen, umzukehren, der Pastor
bat um einen Platz im Wagen, und August, der unterde schleunig in die Kleider
geschlpft war, stieg hinten auf. So ging der Zug wie im Triumphe zurck in's
Schlo, wo er natrlich hchst unerwartet eintraf.
    Eduard machte den Weg zu Fu; es war ihm ein Bedrfni, in der Einsamkeit
ber die pltzliche Umgestaltung seines Innern einen klaren Blick zu gewinnen.
Magdalenens Wnsche, die fr ihn Gebote waren, schienen ihn jetzt in eine
ffentliche Wirksamkeit rufen zu wollen. Er fhlte Kraft und Muth zu einer
solchen in seinem Busen keimen, seine im migen Gefhlswechsel dahingebrachte
Jugend drckte ihn mit dem Bewutseyn der Schaam: dennoch wurde ihm der Beruf,
den er jetzt whlen sollte, nach allen seinen Richtungen hin nicht klar. Die
herrschenden, zum Theil sehr dunkeln Ideen, welche ihm aus Jedermanns Munde
entgegentnten; die Worte Freiheit, Volksrecht, Deutschthum, und die Ansichten
darber, welche an der Tagesordnung waren, hatte er bis jetzt als Quelle so
vielen Elends, so allgemeiner Verirrung immer mglichst weit umgangen; jetzt,
schien es, wurde es erforderlich, sich eng mit ihnen vertraut zu machen, ja
sogar selbst thtig bei dem Streite mitzuwirken, den man leider vor Augen sah.
Er hoffte aus Magdalenens Munde nhere Erluterungen ihrer Ansichten und Wnsche
in Betreff seiner zu erfahren, ihm gengte das se Bewutseyn, da ein edles
hohes Wesen sich des Inhalts seines Lebens bemchtigt hatte, um aus diesem
Stoffe ein wrdiges Gebilde zu formen.
    Aus diesen und hnlichen Betrachtungen weckte ihn Ottfried's Erscheinen, der
ihm am Ausgange des Waldes entgegentrat. Nach einigen flchtigen Bemerkungen
ber die wiedereingeholten Reisenden theilte der ltere besonnenere Freund die
Empfindungen, die den Busen des jngeren bewegten. Sie sind glcklich, Eduard,
rief er mit einem warmen Hndedrucke; wer gnnt Ihnen dieses Glck wohl mehr,
als ich? dennoch, Geliebter, ist mein Herz nicht frei von Besorgnissen fr Sie.
Erlauben Sie mir nur eine Frage, mideuten Sie mir diese nicht: Kennen Sie auch
dieses wundersame Mdchen? - Welche Frage; rief Eduard bestrzt, da ich Sie
liebe, glhend liebe, beweist ja wohl, da ich sie kennen mu! O nur zu lange
habe ich diesen Engel verkannt. Ottfried schwieg und blickte zur Erde. Eduard
fate ihn scharf in's Auge: Sie wollen mir etwas sagen, Freund, Ihre Zunge,
scheint es, weigert sich, das Wort auszusprechen - reden Sie frei, nichts
Schlimmeres knnen Sie von diesem Mdchen sagen, was ich nicht selbst in meinem
Wahn von ihr geglaubt, gesagt habe, drum reden Sie frei! - Nun wohl,
entgegnete Ottfried, man sagt mit ziemlicher Gewiheit, da das Frulein des
Frsten - Eduard unterbrach seinen Freund: Still, rief er, still - Mann der
Wahrheit, auch Sie knnen einem so elenden Gerchte Glauben beimessen, auch
Ihnen ist die Heilige, die sich zum Snder herablt, nichts als eine gemeine
Buhlerin? Ist's mglich! Ottfried blieb kalt bei diesen Vorwrfen des Freundes,
stumm wandelte er an seiner Seite, und lie den leidenschaftlichen Jngling
seinem begeisterten Gefhl Worte leihen; dann entgegnete er mit gleicher Ruhe:
Wenn ich jetzt rede, so thue ich es mit schwerem Herzen, denn ich mu frchten,
von dem Gegenstand meiner Neigung und Achtung verkannt zu werden, dennoch rede
ich. Hren Sie, was man noch fr gewi behauptet: Das Frulein ist ein Werkzeug
in den Hnden politischer Schwrmer; sie ist in geheimer Mission am Hofe, um den
Frsten und seine Anhnger zu strzen, sie in dem Ansehen beim Volke
herabzusetzen, und den ersten, vom Thron zu entfernen. - Genug, rief Eduard,
genug von den tollen Miverstndnissen und finstern Verlumdungen, die von
Unverstndigen dem unruhigen Haufen mitgetheilt werden. Lassen Sie mich
dergleichen nie wieder hren, theurer Freund, ich verachte die Geschwtz. Wie,
ist nicht die Wiedervereinigung des Frsten mit seiner Braut ein Werk des
Fruleins? ist die moralische Wiedergeburt jenes gewissenlosen Mannes nicht
durch sie erzeugt? Sind Milde, Aufopferung, Gte, Geduld, Glaube und Andacht die
Eigenschaften eines verderbten Sinnes, der sich zum Werkzeug niedriger Zwecke
brauchen lt? Ottfried, o wenn Sie in dieses klare Auge sehen drften, so
hineinschauen drften, wie ich es darf, nie wrden Worte der Art mehr ber Ihre
Lippen kommen! glauben Sie mir! Die Freunde hatten jetzt das Schlo erreicht,
und indem sie im Begriff waren, hinaufzusteigen, wandte sich Ottfried noch
einmal zu seinem jungen Begleiter um; eine Thrne glnzte in seinem Auge, seine
Stimme zitterte, als er die Worte sprach: Erinnern Sie sich der Stelle im
Liede: Nur wer sich ganz verwaiset achtet, nur wer sich ganz verloren gibt, nur
wer im heien Weh verschmachtet, wer bis zum Sterben sich betrbt, nur bei dem
zieht die ewige Verklrung ein; o Freund, wenn einmal dieser furchtbarste aller
Schmerzen ber sie einbricht, wird ihre junge Seele ihn ertragen knnen? wird
sie Kraft genug behalten, um dann sich dem ewigen Lichte zuzuschwingen? Er
umarmte Eduarden, und entfernte sich dann schnell. Als der Gewarnte sich auf
seinem einsamen Zimmer befand, dachte er ber jene Worte nach, doch sie schienen
ihm ein Rthsel zu seyn, dessen Lsung er in Ottfried's trber, oft seltsamer
Stimmung suchen zu mssen glaubte.
    Sophie und ihr Geliebter waren vom Baron ber alle Erwartung gndig
aufgenommen worden, und es hatte allerdings den Anschein, als habe der
Journalist auf die Willfhrigkeit des Alten in Betreff der Erfllung seiner
khnen Plane nicht mit Unrecht gezhlt. Alles im Hause lie sich wiederum zu
Freude und Lust an, als ein neuer unerwarteter Vorfall die grte Bestrzung
erregte. Man erfuhr nmlich, da sich die Prinzessin rste, so bald als mglich
das Schlo zu verlassen und das, wie es schien, auf immer. - Die Beweggrnde
dieser Abreise, die wie eine Flucht aussah, wute Niemand mit Bestimmtheit
anzugeben, doch gab es hier und da Vermuthungen, die nur leise ausgesprochen
werden durften; man raunte sich in die Ohren, die frstliche Verbindung gehe
zurck, der Herzog habe seine erwhlte Braut auf das Empfindlichste gekrnkt,
und sie eile jetzt den Ihrigen zu, welche gewi nicht unterlassen wrden, die
erwiesene Schmach auf das Strengste zu rchen. Zur Verbreitung dieser Meinung
hatte der Journalist viel beigetragen, denn er gab vor, die genauesten
Nachrichten von seinen Freunden erhalten zu haben; man ma ihm vlligen Glauben
bei, um so mehr, da das geheimnivolle Wesen, welches jetzt auf dem Schlosse
umging, ein Unheil dieser Art nur zu deutlich zu bekunden schien. Zwei fremde
Kavaliere, anscheinend von sehr hohem Range, waren angekommen, und die von ihnen
mitgetheilten Briefe und Auftrge muten in dem Entschlu der Frstin jene
auffallende Aenderung bewirkt haben, welche die ganze Umgegend, die mit Liebe
und Verehrung an der so hchst liebenswrdigen Dame hing, in Trauer versetzte.
Der Leibarzt war zu der pltzlich Erkrankten gerufen worden, und so viel Mhe
man anwandte, alle diese Ereignisse der Umgebung zu verschweigen, hatte doch
Neugier und Theilnahme Mittel gefunden, hinter den verhllenden Schleier zu
dringen. Eduard war natrlich einer der Ersten gewesen, der an der Seite seiner
angebeteten Magdalena nach der Lsung des Rthsels geforscht, doch die Geliebte
selbst zeigte ein durch diese trben Vorflle so verwundetes Gemth, sie war
augenscheinlich so heftig erschttert und bewegt, bat ihren Freund so zrtlich,
ihrem Busen nicht ein Geheimni entwinden zu wollen, an dessen Bewahrung sie so
schwer trage, da dieser nicht weiter in sie drang, sondern sich begngte, mit
ihr zusammen das Schicksal anzuklagen, das sie einer teilnehmenden edlen
Freundin beraubte, in dem Moment, wo beide sich entschlossen hatten, aus dem
Bunde ihrer Herzen kein Geheimni mehr zu machen. Es war festgesetzt worden, da
die Oberhofmeisterin und zwei junge Damen die Prinzessin begleiteten, Magdalena
jedoch sollte in Gesellschaft ihrer Tante noch einige Tage zurckbleiben.
    Die endlich erfolgende Abreise war ein allgemeines Trauerfest; obgleich die
Anstalten so getroffen worden, da man in der Stille den Pallast verlassen
konnte, so hatte sich trotz dessen eine groe Menge Landvolks eingefunden,
welches mit Gewalt darauf bestand, des Anblicks der hohen Frau theilhaftig zu
werden. Einige Mnner vom Amt aus dem nchsten Stdtchen, die ehrwrdigsten
Greise des Dorfes umstanden den Reisewagen, den Schlohof; und als nach Verlauf
einer Stunde die Prinzessin erschien, begrte sie allgemeiner froher Zuruf; man
ging so weit, sie daran verhindern zu wollen, den Wagen zu besteigen; Greise,
Mnner, Kinder und Frauen drngten sich um die hohe Gestalt, ihr Gewand zu
kssen und sie mit den rhrendsten Bitten zu beschwren, das Schlo nicht zu
verlassen, denn es htte sich das Gercht verbreitet, sie wolle auf immer
scheiden. Die Frstin zeigte sich innig bewegt bei den Beweisen so herzlicher
Anhnglichkeit, sie lie Geschenke austheilen, nahm auf das Huldvollste
Abschied, und konnte nur so zu ihrem Zwecke gelangen, indem sie laut erklrte,
da sie bald wieder zu kommen hoffe. Der alte Freiherr stand mit entbltem
Haupte zur Seite des Wagens, und sie hineinhebend, benutzte er die Gelegenheit,
die ihm gereichte Hand mit dankbaren Kssen zu bedecken. Ottfried, Sophie und
der Journalist erhielten ebenfalls freundliche Zeichen der Huld und Gnade;
August hatte es sich nicht nehmen lassen, in seiner glnzenden Forstuniform auf
einem schnen Rosse die edle Frstin bis aus dem Dorf hinaus zu begleiten, und
so ging endlich der Zug der Wgen, von einem Schwarm der Landbewohner gefolgt,
durch das Dorf der nahen Grnze zu. Eduard, dem die Abreisende sich besonders
freundlich bezeigt, empfand es schmerzlich, da seine geliebte Magdalena sich im
Augenblick der Trennung nicht blicken lie; der Schmerz, die Unruhe dieser Tage
hatte sie jedoch so angegriffen, da sie das Zimmer nicht verlassen zu drfen
behauptete. Der Baron, Ottfried, Sophie und der Journalist gingen in tiefster
Niedergeschlagenheit ihrer Wohnung wieder zu, die ihnen jetzt so verwaiset und
verdet vorkam. - Mu denn jede schne Hoffnung auf Glck und Frieden
heutzutage zu Grunde gehen! rief der alte Freiherr, indem er sich eine Thrne
aus dem Auge drckte; ich glaubte nun in meiner Einfalt, im Dienste dieser ber
Alles theuren und verehrten Frau meine Tage zu beschlieen, und nun wird sie uns
so pltzlich und auf eine so dunkle, seltsame Weise geraubt. Wer brgt uns
dafr, da sie wiederkommt; sie selbst schien daran nicht zu glauben, als ihr
Mund mit schmerzlichem Lcheln es uns versicherte. Ach, wer zhlt die Leiden,
die sie in ihrem Leben schon erfahren, und die sie mit vieler Fassung, mit so
edler Geduld trgt; ich habe das Recht, ber sie ein Wort zu sprechen, denn mir
war es vergnnt, schon an ihrer Wiege zu stehen, der Zeuge ihrer aufkeimenden
Tugenden zu seyn; freilich, die Gabe irdischer Schnheit war ihr nicht gegeben,
auch nicht jener gefllige Glanz, der den Sinnen schmeichelt, aber die
himmlischen Schtze der Demuth und Liebe lagen wie reines Gold in ihrer Brust.
- Zum Glck, rief der Journalist, bleibt uns das Edelfrulein, die wohl
wrdig ist, ihre Stelle zu vertreten! - Auch sie dauert nicht lange bei uns
aus, seufzte der Baron, auch sie geht! Ottfried schwieg, er wollte seine
Ansicht ber des Fruleins Charakter nicht laut werden lassen, obgleich ihr
Nichterscheinen bei'm Abschied ihm ein Beweis mehr schien, da diese Abreise und
die Trennung des schon angeknpften Bundes ihr Werk war. Wer wei es uns zu
sagen, nahm der Journalist wieder das Wort, wen diese Mauern jetzt wieder in
ihrer Mitte empfangen werden? Beim Alten bleibt es nun einmal gewi nicht,
mchte nur das Neuere auch das Bessere seyn; wir gehen einer ungewissen Zeit
entgegen.
    Eduards einsame Stunden fllten jetzt die reizendsten Plne, die
entzckendsten Aussichten; er dachte daran, wie er sein Leben gestalten wolle,
um es wrdig zu fhren an der Seite seiner Magdalena. An Emilien, an Gotthold
waren Briefe geschrieben worden, die das schon lngst als aufgelst betrachtete.
Verhltni vollends zernichteten. Er war willens, in Civil- oder Militrdienste
zu treten, je nachdem die Lage der Dinge ihn berzeugt haben wrde, an welchem
Platze er schicklicher die Ideen, die ihn jetzt beseelten, in Wirksamkeit
bertragen knnte. Magdalena sah mit gerhrter Theilnahme den Eifer, den der
Geliebte zeigte, ihren Anforderungen Genge zu leisten, doch zeigte sich stets
in den Stunden, die Eduard seine glcklichsten nannte, eine seltsame
Befangenheit bei ihr. Der Jngling glaubte das Beben dieser schnen Seele zu
errathen, wenn er bedachte, da sie seinetwillen einen verhllenden Schleier
dulde, dessen die Tadellose stets in ihrem Leben fr ihre reinen Handlungen nie
bedurft hatte.
    In diese Trume versenkt, strte ihn eines Abends der junge Forsikadet, der
in sein Zimmer strzte: Eine Neuigkeit! rief er, eine saubre Neuigkeit - es
spukt oben im Schlosse! ja, ja, Sie knnen es nur glauben, Eduard, es spukt, und
schon heit es allgemein, da des Gespenstes wegen die Frstin so schleunig
fortgegangen sey. Der muntre Jngling lie sich jetzt in einen umstndlichen
Bericht ein, dessen Schlu war, da er den Geist in Gestalt eines, in ein graues
Wamms gekleideten Mannes selbst erschaut, als er in der Dmmerung heute den
Schloverwalter, der in den obern Gemchern zu schaffen gehabt, aufgesucht. Er
wandelte an mir dicht vorbei, erzhlte der Geisterseher, ohne da ich das
leiseste Gerusch eines Trittes wahrnehmen konnte, und verschwand im Corridor,
der zu den Gemchern des Fruleins und ihrer Tante fhrt. Schon vor einigen
Tagen habe ich von den Schloknechten dergleichen erzhlen gehrt, doch lachte
ich darber; heute aber, versichere ich Sie, wandelte mich ordentlich ein
kleines Grausen an, ich gestehe es zu meiner Schande, denn wenn wir es
untersuchen, so wette ich, da sich der Spuk in eine bloe und vielleicht recht
lppische Tuschung auflst. Eduard mute ihm versprechen, eines Abends in
seiner Gesellschaft dem seltsamen Wandler aufzulauern und ihn zur Rede zu
stellen.
    Als beide Jnglinge hinuntergingen, kam ihnen Sophie mit einem besonders
heitern Gesichte entgegen. Sie haben, mein Freund, sagte sie zu Eduard, die
Epoche meiner Trauer, meiner kleinen Verirrungen mit erlebt, es ist billig, da
Ihnen der freudige Schlu des Romans nicht verborgen bleibe: ich heirathe,
heirathe den Doktor, der gute Alte hat eben seine Zustimmung gegeben; wir
bleiben fr's Erste hier wohnend, doch unter der Bedingung, da nicht von
Politik die Rede sey. Eduard ergriff Sophiens Hand und drckte sie herzlich,
indem er seinen Glckwunsch aussprach. Sie sind sehr teilnehmend und gtig,
fuhr die Braut fort, ich nehme Ihren Glckwunsch geradezu als eine
Prophezeihung an, denn welchem Migeschick sollte ich jetzt wohl noch
entgegengehen? Der Geliebte, dem ich angehre, zhlt sich zu der Klasse von
Menschen, bei denen heutzutage offenbar die richtige entscheidende Ansicht zu
treffen ist, und so bin ich ruhig; meine Stellung im Leben und gegen die
Gesellschaft ist gesichert und festgestellt, meine Achtung fr mich selbst ist
durchaus begrndet, denn ich htte es mir nie vergeben knnen, wenn ich anders
gehandelt htte. - Und was wird aus dem Pastor? fragte Eduard. Es ist ein
trefflicher Mann, erwiderte Sophie, dem ich mich herzlich verpflichtet fhle;
treu jenen alten biedern Gesinnungen seiner Tage hat er auch jetzt, da er
deutlich wahrnahm, da es meinem Glcke gelte, nicht einen Moment gezgert, mit
seinen Ansprchen zurckzutreten, und denen meines Brutigams noch das Wort zu
reden; er selbst wird unsere Trauung verrichten, die in diesen Tagen vor sich
gehen soll. Kaum hatte Sophie diese Worte geendet, als Ottfried, der Journalist
und der Prediger im heftigen Zank hervortraten. Der Journalist hatte wiederum
Angriffe auf Ottfrieds gefeierten Dichter gemacht, und durch diese den Poeten
und den Pastor in Zorn gesetzt. - Was wollen Sie mit Ihrem chtdeutschen
Charakter? schrie Ottfried, was soll ich unter dem vagen Begriff von
Deutschheit, Deutschthum verstehen? Ist unser groer Dichter kein Deutscher?
Kein vaterlndischer? - Nein, entgegnete der Journalist ruhig, denn er hat
kein Vaterland! - Eine neue, seltsame Behauptung! rief der Pastor
kopfschttelnd. - Und nennen Sie es mir, setzte der Doktor eben so ruhig
hinzu, wie heit es, wo liegt es? Ist's etwa das kleine Lndchen, in dessen
Hauptstadt er ein Haus, einen Garten besa, ist's das Gebiet jener Stadt, in der
er das Licht der Welt erblickte? Ist nicht eben so gut Frankreich, Italien, das
alte Griechenland, England, der Norden wie der Sden Europa's, sammt dem Orient,
sein Vaterland? - Ich fasse Ihre Ansicht, rief Ottfried, Sie zielen auf die
groe Objektivitt unsres Poeten, und ist es nicht diese gerade, mit deren Hlfe
es ihm gelang, so mchtig zu wirken, wie er gewirkt hat, indem er, mit einem
Bilde zu reden, die Perlen aus dem Meere, das bunte Geflgel der Luft, die
schimmernden Erze der Tiefe, die Gewchse fremder Zonen alle zusammen vereinigt
hat, um sie aus seinem goldenen Fllhorn dem mit ihm lebenden Geschlechte
vorzuschtten. Alles Schne und Treffliche einer Zeit, ja diese Zeit selbst
kommt nur durch den Mund der Dichter auf die Nachwelt; sie sind das Organ, und
die mannigfaltigsten Richtungen des Geistes vereinigen sich hier, um in einem
tnenden Prophetenspruche offenbart zu werden. In dieser Beziehung schreiben
Dichter die Geschichte, und in diesem Sinn wird fr das entfesselte Verstndni
die Geschichte zum Gedicht. - Ich trete vollkommen Ihrer Ansicht bei, rief
der Journalist, doch um den Poeten mit einer solchen weltgeschichtlichen Wrde
zu bekleiden, mu er einen festen Standpunkt haben, von welchem aus es ihm
mglich wird, seine Bestimmung nach allen Seiten hin zu erfllen; er mu sich
als Glied einer Kette fhlen, aus der er nicht herausstrebt, sondern die er nur
fester verbinden hilft; mit einem Wort, der Poet mu ein Vaterland haben.
Geziemt es dem Denker, frei von umschrnkenden Verhltnissen der Gegenwart, dem
Ziele, das er sich ber alle Zeit hinausgesteckt hat, auf dem Wege einsam
grbelnder Betrachtung nachzugehen; so sitzt der Dichter, ein Genosse seiner
Zeit, auf dem bunten Markte des Lebens da; er leidet, kmpft und siegt mit den
Leidenden, er jubelt mit den Jubelnden, und bestndig wandelt der bewegte Zug
vor seinem Auge vorber; Wolken, Sonne, die ganze vaterlndische Natur sieht man
als Hintergrund zu seinen Gemlden; er ist eben so wenig von dem Lande, wo er
geboren, zu trennen, als Duft und Farbe von der Rose zu scheiden ist, denn die
Liebe, die Achtung seiner Mitbrger ist die Nahrung, mit der die Wurzel seines
Daseyns sich sttigt, der feste Grund der allgemeinen Wohlfahrt ist der sichere
Boden, auf dem er fut. Nhme man dem Poeten sein Vaterland, so nhme man seiner
Harfe den Klang. Erscheinen nicht die groen Epiker und Dramatiker der Griechen,
von diesem Standpunkt aus gesehen, so groartig? Stehen nicht Ariost, Dante, der
Dichter der Nibelungen, der groe Britte und endlich unser deutscher Snger des
Messias hierin als Muster da? - Der letztere ist der Dichter der Nation, bei ihm
findet man deutsches Wort, deutschen Glauben, deutsche Vaterlandsliebe und
Innigkeit. - Sie mgen Recht haben, nahm Ottfried das Wort, die Poesie wie
alle andern freien Knste sagten sich in unserer Zeit von dem nchsten Bedrfni
der gegenwrtigen Zeit los, sie will keinem vorgeschriebenen Zwecke dienen, und
verlangt, selbststndig dazustehen, und diese Selbststndigkeit hat sie erlangt,
seitdem sie aus dem Stande unbewuter Kraft herausgetreten, und an der Hand der
Kritik sich auf ihren jetzigen Standpunkt geschwungen hat. Heutzutage mu nun
natrlich die Stellung eines groen Dichters eine andere seyn; er findet bei
seinem Erscheinen eine vllig eingerichtete Welt, die seiner nicht bedarf, er
mu also, um auf seine Weise wirksam einzutreten, sich der Laune Einzelner
anschlieen, abgesehen davon, ob diese Einzelnen sich in seinem Geburtslande
oder am entfernten Pol befinden; um seine innere Unabhngigkeit zu behaupten,
mu er in eine uere Abhngigkeit sich fgen, und statt des kleinen Bodens, den
er frher in Liebe und Treue mit seinen Mitbrdern theilte, ffnet sich jetzt
ihm die ganze Welt. Der sinnliche, mit Gesang begabte Naturmensch, der frher
den Dichter machte, vereint sich heutzutage mit dem forschenden Denker, und
diese Beiden, im Bunde mit der Kritik, bringen jene groe Weltanschauung hervor,
die wir bei'm Genius unseres groen Dichters bewundern, und durch die er auch
bei allen kommenden Jahrhunderten leben wird, inde der Poet, der die
vorberrauschenden Interessen der Zeit nur auffat, lngst vergessen ist. Und am
Ende, was bleibt dem Dichter, wenn es ihm nicht erlaubt wird, ber den kleinen
Streit die niedrigen Armseligkeiten, mit denen der Brger der Staatsgesellschaft
sich abqulen mu, hinweg zu fliegen und hinauf zu streben? - Wem alle diese
Dinge nur Erbrmlichkeiten scheinen, rief der Doktor heftig, wem der Glaube
seiner Vter, der Heerd seiner Ahnen, die Liebe seiner Zeitgenossen nur
Gegenstnde der Reflexion, nicht des Herzens sind, freilich, der hat Recht, sich
von Allem loszusagen, und von der kalten Hhe des Berges herab zu erklren, da
er die Dinge zu seinen Fen nur hchst klein und unbedeutend finde. - Der
Pastor nahm das Wort und sagte: Ich habe, so sehr ich auch den Snger des
Messias verehre, doch nie rechtes Gefallen an seinen sprden, kalten
Vaterlandsliedern finden knnen, ja sogar, Gott verzeih mir die Snde, der gute
Herrmann und seine Cherusker sind mir ordentlich etwas abgeschmackt erschienen,
und Gleim hat fr mich weit mehr Wrme und Begeisterung. - Ich sehe, rief der
Journalist, fr die Poesie nur Ein Heil, nmlich sie mu sich entschlieen, den
eingebildeten hohen Standpunkt, die kalte Hhe, auf der sie sich doch nicht wird
erhalten knnen, zu verlassen, um sich wieder an die einfachen Bedrfnisse der
Menschen anzuschlieen, sonst geschieht, was durchaus nicht ausbleiben kann: da
sie entweder auf dem Wege der Reflexion sich selber zerstrt, oder dem kalten
Indifferentismus anheimfllt, der sie schonungslos zernichtet. Sehen wir sie
nicht in den Versen unserer neuesten Dichter diesem drohenden Verderben schon
ganz nahe? - Wir, wir eilen, ihr wieder Haus und Vaterland zu geben, der
hlfelos herumirrenden bieten wir die sichere Sttte, das schtzende Obdach.
    Sophie unterbrach den Diskurs, indem sie ihren Brutigam zu einem
Spaziergange aufforderte, Ottfried gesellte sich mit dem Pastor zum Baron, und
Eduard eilte, von der vertrauten Zofe gerufen, hinauf in Magdalenens Zimmer, wo
die Geliebte ihn bereits einige Zeit erwartet hatte. Sie kam ihm mit einem
bezaubernden Lcheln entgegen, in ihrer Hand schwebte ein Papier, welches sie
auf einen der Tische niederlegte und den Jngling zu sich auf's Sopha zog.
Schelten Sie nicht, theurer Eduard, lispelte sie, wenn ich jetzt eile, meine
schwrmenden Trume in Wirklichkeit zu verwandeln; die Zeit ist reif fr unsere
Plne, es knnte leicht ein gnstiger Augenblick versumt werden; entschlieen
Sie sich, mein Freund, dieses Papier hier dem General Erlfeld, der sich jetzt
gerade in der Residenz befindet, zu berbringen; erforschen Sie dessen Inhalt
nicht, ersparen Sie mir ein Errthen, wenn Sie erfhren, wie kindisch besorgt um
Ihr Wohl die zaghafte Seele Ihrer Magdalena ist. Versprechen Sie mir, die Bogen
nicht zu entfalten, bei unsrer Liebe, bei diesem Kruzifix versprechen Sie mir
das. - Magdalena, erwiderte Eduard, Sie wissen ja, da Ihr Wunsch ein Befehl
ist, wozu also noch ein Gelbni, ich reise, und wann darf ich wiederkommen?
Das Frulein sank mit einem Ku an die Wange des Jnglings, sie schien ganz
Zrtlichkeit und Rhrung, und eine Pause verging, ehe sie sich fassen konnte.
Wir mssen uns trennen, auf wenige Tage, Freund meiner Seele! hauchte sie in
schmachtenden Tnen, das erste Wort, welches Sie mit meinem Verwandten, dem
General Erlfeld, sprechen werden, wird Sie berzeugen, da ich ein paar
schmerzliche Tage ihre Gegenwart entbehren mu, doch verspreche ich Ihnen, Sie
hier zu erwarten. Eduard erfate ihre Hand, und seine in weiche Stimmung sich
ergieende Seele gab ihm die sesten, schmeichelndsten Worte des Danks und der
Zrtlichkeit ein; Magdalena erwiederte seine Liebkosungen, doch war in ihrem
Wesen heute mehr, wie jemals, die Befangenheit zu spren, die strend auf den
Geliebten zurckwirkte; er blickte manchmal wie fragend in's groe blaue Auge,
wie zu einem rthselhaften Stern hinauf. Als die Abschiedstunde schlug, zog er,
von wunderlichen Trumen getrieben, die zarte schne Gestalt mit sich an's
offene Fenster, vor dem die ganze Landschaft sich im Mondenglanz verklrend
ausbreitete. Mdchen meiner Liebe, rief er mit Ernst und doch mit
schmerzlichem Lcheln, wisse, da, wenn Du mich tuschtest, mein Leben ein
verlorenes wre; nur einmal vermag es der Mensch, mit voller, jugendlicher Kraft
und Zuversicht den Glauben zu erfassen, irrt ihn da ein Trugbild, so sinkt er
auf ewig in Ohnmacht dahin! - Eduard! rief Magdalena, und sah den Jngling
mit befremdetem, fast zrnendem Blicke an; es ist nichts, rief dieser, und
warf sich, wie in Reue vergehend, an ihre Brust, dann strzte er fort.
    Beim Herausgehen traf er in den unrechten Corridor, als er ihn hinabeilte,
sah er bei ungewissem Lichte eine Gestalt ihm entgegen kommen, er hielt Stand
und lie sie an sich heran, denn er meinte, es sey Ottfried; doch als die
wandelnde Figur gerade den Streifen des Mondlichts durchschnitt, sah er eine
fremde seltsame Kleidung, die keinem Bewohner der heutigen Welt anzugehren
schien. Eduard kannte keine Furcht; er trat beherzt nher, da glitt die Gestalt
rasch an der Mauer hin, und dem Bestrzten war es, als blickten aus der
Mantelumhllung die Zge des Herzogs ihn an. Als er sich von seinem Befremden
ermannte, war der nchtliche Wandler schon in der Tiefe des Ganges verschwunden.
    Von den Furien eines frchterlichen Argwohns erfat, konnte der arme
Jngling nicht lange in der dumpfen Stille seines Zimmers ausdauern; Ottfried's
Winke, die Erzhlungen August's vom Gespenste, die pltzliche Abreise der
Frstin, Magdalenens seltsames Betragen, Alles schien auf eine finstere,
entsetzliche Katastrophe hinzuarbeiten; der Unglckliche entschlo sich, die
gegenwrtige Stunde zur Entscheidung zu rufen. Mit einem Gefhl, das ihm das
Herz zusammenschnrte, stieg er leise den wohlbekannten Gang hinauf in's Schlo,
und nach wenigen Augenblicken stand er vor der geheimen Tapetenthr, durch die
er stets in den Tempel seines Glcks eingeschritten war. Noch einen Moment
zgerte er, sie zu ffnen, da glaubte er deutlich eine fremde Stimme im Gemach
zu vernehmen, von einem Tritt seines Fues flog die Wand zurck, und - der
Herzog ward sichtbar, der sich aus den Armen des Fruleins loswand. -

    Der Sommer war dahingegangen, der Herbst streute seine falben Bltter in
Garten und Flur, da hielt ein zierlicher Reisewagen vor dem Schlosse des
Freiherrn, und Massiello zeigte sich darin, der gekommen war, den aus einer
schweren Krankheit kaum genesenen Eduard zurck in die Residenz, zu seinen
Freunden zu bringen. Man traf alle Anstalten, die blasse, zusammengesunkene
Gestalt des sonst so blhenden jungen Mannes mit aller ersinnlichen Schonung und
Sorgfalt zu hten. August wollte sich von seinem Freunde durchaus nicht trennen,
und bat sich darum einen Sitz im Wagen aus, den der Musiker auch mit Vergngen
ihm einrumte; der alte Baron und Ottfried vergoen Thrnen, als sie den
liebgewonnenen, unglcklichen Jngling von ihren Fluren scheiden sahen, die
nunmehr gnzlich verwaiset blieben, da einige Zeit vorher der Journalist und
seine junge Frau sie auch verlassen hatten, um in die Schweiz zu ziehen.
Frulein Magdalena und ihre Tante waren aus der Gegend verschwunden, man wute
nicht wohin.
    Massiello's Plan mit seinem leidenden Freunde war, diesen der Residenz und
allen jenen Pltzen, die alte schmerzhafte Erinnerungen wecken knnten,
vorbeizufhren, und die Waldeinsamkeit aufzusuchen, wohin der Abt sich
zurckgezogen hatte. Die Verwirrung in der Residenz, der Umsturz bestehender
Verhltnisse, ja sogar der Wechsel der Regierung, indem es nunmehr bestimmt
ausgemacht war, da Frst Lothar den Thron verlie, hatten den Musiker und
seinen Freund von der Ausfhrung ihres Reiseplans bis jetzt zurckgehalten,
dafr sollte er jedoch nun, da sich die Aussicht zeigte, Eduarden zum
Reisegesellschafter zu haben, die ernstlichsten Anstalten zum Aufbruch getroffen
werden.
    Es war Mittag, als das bestimmte Wldchen erreicht wurde. Massiello gab an,
in welcher Richtung man es durchschneiden msse. - Der Tag war ungewhnlich
hei, erst als man tiefer in Schatten hineingerieth, wehte eine angenehme
Khlung, vermischt mit dem wrzigen Dufte des Waldharzes, den Fahrenden
entgegen; hier und da fielen einzelne Sonnenstrahlen durch die grne Nacht, und
spielten im Smaragdlichte auf dem Boden, Vgel flogen mit lachendem Gezwitscher
ber den Weg, die Rosse zogen den leichten Wagen wie im Spiel die Krmmungen des
harten Waldweges fort. Jetzt hielt der Kutscher, und die Freunde stiegen aus, um
auf einem Fuwege tiefer in's Dickicht zu dringen. Man vernahm rollende Passagen
auf dem Fortepiano, und zugleich ward die Einsiedlerhtte bemerkbar, deren Thre
offen stand. Oben an der Htte war ein purpurglnzender Papagey in seinem
Goldringe aufgehngt, unten spielten im Sonnenstrahl zwei weie Kaninchen. Der
Abt sa in einem braunen herabflieenden Gewande, mit dem Rcken gegen den
Eingang, am Instrumente, und spielte eine Sonate von Bethoven. Als er den
Ankommenden entgegentrat, bemerkten die Freunde, da er sich hatte einen Bart
wachsen lassen, der seinem Gesichte nicht bel stand. Carissimo padre! rief
Massiello, und schlo sich in die Arme des Erfreuten, indem er einige flchtige
Ksse auf den neuangeschossenen Bart drckte, wie geht's? welches Befinden? er
trat gleich darauf an's Klavier, und spielte die fehlenden Bgen der Sonate
vollends ab, inde der Abt Eduard und seinen jungen Freund herzlich begrte.
Gewi, sagte er zu dem erstern, wird dieser khle Waldschatten sich wie eine
liebe Vergessenheit auf Ihren Busen legen, und dem emprten Blute Milde lehren -
und dann thun Reisen, Posthuser, italienische Villen und neue
Liebesbekanntschaften das Uebrige. Eduard uerte, da er, seinem Schwure
getreu, Dienste suchen wolle, und da der Militrstand stets fr ihn etwas
Anziehendes gehabt habe. August jubelte ber diesen Ausspruch und meinte, in dem
Falle wolle auch er ein Bajonet an seine Flinte schrauben lassen. Man machte
einen kleinen Spaziergang in den Wald hinein, inde der Abt Einrichtungen
treffen lie, um seinen Gsten eine anstndige Mahlzeit und ein gutes Nachtlager
anbieten zu knnen. Eduard, der den andern etwas vorausgeeilt war, betrat nicht
sobald die Landstrae, als er einen Wagen heranrollen sah, in dem ein Offizier
und eine junge Dame saen; sie waren so eifrig im Gesprch begriffen, da sie
den einsamen Wanderer nicht bemerkten, er aber erkannte ihre Physiognomien wohl:
es war Robert und die Grfin Eva. Massiello lief ihnen nach, indem er schrie und
mit dem Tuch winkte, doch schon war der Wagen um die Ecke gebogen und
verschwunden. Da eilen Sie nun hin! rief der Athemlose, ihr Bestreben ist,
uns in der Stadt aufzusuchen, um Abschied zu nehmen, und jetzt hren die
zerstreuten Leute auf kein abmahnendes Wort; nun meinethalben, so mgen sie denn
das leere Haus finden. Eduard erkundigte sich nach Robert's Schicksalen und
erfuhr, da der Poet eine reiche Erbschaft gethan, und jetzt an der Seite der
Grfin, in der Uniform eines Maltheserritters, London zueile, wo er sich
anzusiedeln gedenke. - Die Erbschaft, lchelte der Componist, kam so zur
rechten Zeit, da unser Held ohne sie, von seinem vornehmen Beschtzer
verlassen, nothwendig in eine ble Lage htte gerathen mssen; so aber scheinen
die ueren Schtze ihm immer voller zuzustrmen, je tiefer sein Gemth in
innere Zerrttung und Armuth sinkt; ich sehe das verzweifelte Ende voraus, das
er nothwendig nehmen mu. - Und wie geht's der kleinen Jokonde? fragte
Eduard, von einer wehmthigen Erinnerung angehaucht. Fragen Sie nicht nach
ihr, sagte Massiello mit weicher Stimme, indem er zu Boden blickte; wollte der
Himmel, ich knnte von ihr sagen, da man sie eines Morgens todt am Strande des
Meeres gefunden. Eduard wurde merklich blsser bei dieser Antwort, er schwieg
und eine tiefe Stille herrschte, whrend die drei Freunde den Weg zurck in die
Einsiedlerhtte nahmen.
    Man brachte den Abend trbe zu und ging zeitig zur Ruhe; als am andern
Morgen sich die Freunde versammelten, fehlte Eduard in ihrer Mitte, er hatte
sich in der Nacht leise fortbegeben, der Abt fand sein Taschenbuch, in dem ein
kurzer Abschied eingezeichnet war, dann zog er ein Papier hervor, und es fand
sich, da es Magdalenens Brief war, den der Unglckliche bis jetzt bei sich
getragen; Massiello entfaltete es, und las die Worte: Theurer Oheim! den
Ueberbringer dieses schicke ich Ihnen als einen Menschen zu, den ich fr unsere
Sache gewonnen habe, und den Sie berall brauchen knnen, nur nicht da, wo es
Knste der Klugheit gilt, denn er hat die Offenheit und Ungeschicklichkeit eines
Kindes. Der Frst ist vom Throne und der Prinzessin geschieden, und geht in ein
Asyl, wo er uns nicht mehr schdlich seyn kann. Fllt dieser Brief in unrechte
Hnde, so sind wir schon lngst gesichert, und ich bin einen Ueberlstigen los,
dessen Neigung, jetzt, da ich sie gewonnen, mich schon zu langweilen anfngt;
mich drstet nach einem neuen Wirkungskreis.
    Die Freunde legten das unglckliche Blatt hin und sahen einander mit
schmerzlichen Blicken an. August lehnte, das Antlitz auf den Arm gebeugt, am
nchsten Baum; er wollte es den beiden Mnnern verbergen, da seine jugendliche
Wange von Thrnen befeuchtet war.
