
                                 Mrike, Eduard

                                  Maler Nolten

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                                 Eduard Mrike

                                  Maler Nolten

                             Novelle in zwei Teilen

                                  Erster Teil

Ein heiterer Juniusnachmittag besonnte die Straen der Residenzstadt. Der
ltliche Baron Jafeld machte nach lngerer Zeit wieder einen Besuch bei dem
Maler Tillsen, und nach seinen eilfertigen Schritten zu urteilen, fhrte ihn
diesmal ein ganz besonderes Anliegen zu ihm. Er traf den Maler, wie gewhnlich
nach Tische, mit seiner jungen Frau in dem kleinen, ebenso geschmackvollen als
einfachen Saale, dessen antike Dekoration sich gar harmonisch mit den
gewhnlichen Gegenstnden des Gebrauchs und der Mode ausnahm. Man sprach zuerst
in heiterm Tone ber verschiedene Dinge, bis die Frau sich in Angelegenheiten
der Haushaltung entfernte und die beiden Herren allein lie.
    Der Baron sa bequemlich mit bereinandergeschlagenen Beinen im weichen
Fauteuil, und indes die Wange in der rechten Hand ruhte, schien er whrend der
eingetretenen Pause den Maler in freundlichem Nachsinnen mit der neuen Ansicht
zu vergleichen, die sich ihm seit gestern ber dessen Werke aufgedrungen. Mein
Lieber! fing er jetzt an, da ich Ihnen nur sage, warum ich vornehmlich hieher
komme. Ich bin krzlich bei dem Grafen von Zarlin gewesen und habe dort ein
Gemlde gesehen, wieder und wieder gesehen und des Sehens kaum genug gekriegt.
Ich fragte nach dem Meister, der Graf lie mich raten, ich riet und sagte:
Tillsen! - schttelte aber unwillkrlich den Kopf dabei, weil mir zugleich war,
es knne doch nicht wohl sein; ich sagte abermals: Tillsen, und sagte zum
zweitenmal: Nein!
    Bei diesen Worten zeigte sich eine Spur von Verdru und Verlegenheit auf des
Malers Gesicht; er wute sie jedoch schnell zu verbergen und fragte mit guter
Laune: Nun! das schne Wunderwerk, das meinen armen Pinsel bereits zweimal
verleugnet hat - was ist es denn eigentlich?
    Stellen Sie sich nicht, Bester, erwiderte der Alte aufstehend, mit
herzlicher Frhlichkeit und glnzenden Augen, Ihnen ist wohl bekannt, wovon ich
rede. Der von Zarlin hat Ihnen das Bild abgekauft und Sie sind nach seiner
Versicherung der Mann, der es gemacht. Hren Sie, Tillsen, hier ergriff er
seine Hand, hren Sie! ich bin nun einmal eben ein aufrichtiger Bursche, und
mag, wo ich meine Leute zu kennen glaube, nicht bertrieben viel Vorsicht
brauchen, also platzte ich Ihnen gleich damit heraus, wie mir's mit Ihrem Bilde
ergangen; es enthlt unverkennbar so manches Ihrer Kunst, besonders was Farbe
was Schnheit im einzelnen, was namentlich auch die Landschaft betrifft aber es
enthlt - nein, es ist sogar durchaus wieder etwas anderes, als was Sie bisher
waren, und indem ich zugebe, da die berraschende Entdeckung gewisser Ihnen in
minderem Grade eigenen Vorzge mich irregemacht, so liegt hierin ein Vorwurf
gegen Ihre frheren Arbeiten, den Sie immer von mir gehrt haben, ohne darum zu
zweifeln, da ich Sie fr einen in seiner Art trefflichen Knstler halte. Ich
fand jetzt aber eine Keckheit und Gre der Komposition von Figuren, eine
Freiheit berall, wie Sie meines Wissens der Welt niemals gezeigt hatten; und
was mir schlechterdings als ein Rtsel erschien, ist die auffallende Abweichung
in der poetischen Denkungsart, in der Wahl der Gegenstnde. Dies gilt
insbesondere von zwei Skizzen, deren ich noch gar nicht erwhnte und die Sie dem
Grafen in l auszufhren versprochen haben.
    Hier ist eine durchaus seltene Richtung der Phantasie, wunderbar,
phantastisch, zum Teil verwegen und in einem angenehmen Sinne bizarr. Ich denke
dabei an die Gespenstermusik im Walde und Mondschein, an den Traum des
verliebten Riesen. Tillsen! um Gottes willen, sagen Sie, wann ist diese
ungeheure Vernderung vorgegangen? wie erklren Sie mir sie? Man wei und hat es
bedauert, da Tillsen in anderthalb Jahren keine Farbe angerhrt; warum sagten
Sie mir whrend der letzten zwei Monate nicht eine Silbe vom Wiederanfange Ihrer
Arbeiten? Sie haben heimlich gemalt, Sie wollten uns berraschen, und wahrlich,
teuerster, unbegreiflicher Freund, das ist Ihnen gelungen. Hier schttelte der
feurige Redner den stummen Hrer krftig bei den Schultern, schmunzelte und sah
ihm nahezu unter die Augen.
    Ich bin wahrhaftig, begann der andere ganz ruhig, aber lchelnd, um den
Ausdruck verlegen, Ihnen meine Verwunderung ber Ihre Worte zu bezeugen, wovon
ich das mindeste nicht verstehe. Weder kann ich mich zu jenem Gemlde, zu jenen
Zeichnungen bekennen, noch berhaupt fa ich Ihre Worte. Das Ganze scheint ein
Streich von Zarlin zu sein, den er uns wohl htte ersparen mgen. Wie stehen wir
einander nun seltsam beschmt gegenber! Sie sind gezwungen, ein mir nicht
gebhrendes Lob zurckzunehmen, und der Tadel, den Sie vergngt schon auf die
alte Rechnung setzten, bleibt wo er hingehrt. Das mu uns aber ja nicht
genieren, Baron, wir bleiben hoff ich, die besten Freunde. Geben Sie mir aber
doch, ich bitte Sie, einen deutlichen Begriff von den bewuten Stcken. Setzen
Sie sich!
    Jafeld hatte diese Rede bis zur Hlfte mit offenstehendem Munde, beinahe
ohne Atemzug angehrt, whrend der andern Hlfte trippelte er im Zickzack durch
den Saal, stand nun pltzlich still und sagte: Der Teufelskerl von Zarlin! Wenn
ja der - aber es ist impossibel, ich behaupte trotz allen himmlischen
Heerscharen, Sie sind der Maler, kein anderer; auch lt sich nicht annehmen,
da es etwa nur zum Teil Ihre Produktion wre; Sie haben sich in Ihrem Leben nie
auf Fremdes verlegt. Der Maler bat wiederholt um die Schilderung der befragten
Stcke.
    Ich beschreibe Ihnen also, weil Sie es verlangen, Ihr eigen Werk, hub der
alte Herr, sich niedersetzend, an, aber kurz, und korrigieren Sie mich gleich,
wenn ich wo fehle. - Das ausgefhrte lgemlde zeigt uns, wie einer Wassernymphe
ein schner Knabe auf dem Kahn von einem Satyr zugefhrt wird. Jene bildet neben
einigen Meerfelsen linker Hand die vorderste Figur. Sie drckt sich, vorgeneigt
und bis an die Hften im Wasser, fest an den Rand des Nachens, indem sie mit
erhobenen Armen den reizenden Gegenstand ihrer Wnsche zu empfangen sucht. Der
schlanke Knabe beugt sich angstvoll zurck und streckt, doch unwillkrlich,
einen Arm entgegen; hauptschlich mag es der Zauber ihrer Stimme sein, was ihn
unwiderstehlich anzieht, denn ihr freundlicher Mund ist halb geffnet und stimmt
rhrend zu dem Verlangen des warmen Blicks. Hier erkannte ich Ihren Pinsel, Ihr
Kolorit, Ihren unnachahmlichen Hauch, o Tillsen, hier rief ich Ihren Namen aus.
Das Gesicht der Nymphe ist fast nur Profil, der schiefe Rcken und eine Brust
ist sichtbar; unvergleichlich das nasse, blonde Haar. Bei der Senkung einer
Welle zeigt sich wenig der Ansatz des geschuppten Fischkrpers, in der Nhe
schlgt der tierische Schwanz aus dem grnen Wasser, aber man vergit das
Ungeheuer ber der Schnheit des menschlichen Teils und der Knabe vergeht in dem
Liebreiz dieses Angesichts; er versumt das leichte, nur noch ber die Schulter
geschlungene Tuch, das der Wind als schmalen Streif in die Hhe flattern lt.
Eine Figur von groer Bedeutung ist der Satyr als Zuschauer. Die muskulose Figur
steht, auf das Ruder gelehnt, etwas seitwrts im Schiffe, und berragt, obgleich
nicht ganz aufrecht, die brigen. Eine stumme Leidenschaft spricht aus seinen
Zgen, denn obgleich er der Nymphe durch den Raub und die Herbeischaffung des
herrlichen Lieblings einen Dienst erweisen wollte, so straft ihn jetzt seine
heftige Liebe zu ihr mit unverhoffter Eifersucht. Er mchte sich lieber mit Wut
von dieser Szene abkehren, allein er zwingt sich zu ruhiger Betrachtung, er
sucht einen bittern Genu darin. Das Ganze rundet sich vortrefflich ab und mit
Klugheit wute der Maler das eine leere Ende des Nachens rechter Hand hinter
hohe Seegewchse zu verstecken. brigens ist vollkommene Meeraussicht und man
befindet sich mit den Personen einsam und ziemlich unheimlich auf dem hlflosen
Bereiche. Ich sage Ihnen nichts weiter, mein Freund. Ihre gelassene Miene verrt
mir eine hinlngliche Bekanntschaft mit der Sache, Sie drften brigens, wenn
keine Verwunderung, doch wahrlich ein wenig gerechten Stolz auf ihr Werk blicken
lassen, wofern nicht eben in diesem Anscheine von Gleichgltigkeit schon der
hchste Stolz liegt.
    Die Skizzen, wenn ich bitten darf! erwiderte der andere; wie verhlt es
sich damit? Sie haben mich sehr neugierig gemacht.
    Der Baron holte frisch Atem, lchelte und begann doch bald ernsthaft:
Federzeichnung, mit Wasserfarbe ziemlich ausgefhrt, nach Ihrer gewhnlichen
Weise. Das Blatt, wovon jetzt die Rede ist, hat einen tiefen, und besonders als
ich es zum zweitenmal bei Lichte sah, einen fast schauderhaften Eindruck auf
mich gemacht. Es ist nichts weiter als eine nchtliche Versammlung
musikliebender Gespenster. Man sieht einen grasigen, etwas hglichten Waldplatz,
ringsum, bis auf eine Seite, eingeschlossen Jene offene Seite rechts lt einen
Teil der tiefliegenden, in Nebel glnzenden Ebene bersehen; dagegen erhebt sich
zur Linken im Vordergrunde eine nasse Felswand, unter der sich ein lebhafter
Quell bildet und in deren Vertiefung eine gotisch verzierte Orgel von miger
Gre gestellt ist; vor ihr auf einem bemoosten Blocke sitzt im Spiele begriffen
gleich eine Hauptfigur, whrend die brigen teils ruhig mit ihren Instrumenten
beschftigt, teils im Ringel tanzend oder sonst in Gruppen umher zerstreut sind.
Die wunderlichen Wesen sind meist in schleppende, zur Not aufgeschrzte Gewande
von grauer oder sonst einer bescheidenen Farbe gehllt, blasse mitunter sehr
angenehme Totengesichter, selten etwas Grasses, noch seltener das geschlte
hliche Totenbein. Sie haben sich, um nach ihrer Weise sich gtlich zu tun,
ohne Zweifel aus einem unfernen Kirchhof hieher gemacht. Dies ist schon durch
die Kapelle rechts angedeutet, welche man unten in einiger Nhe, jedoch nur
halb, erblickt, denn sie wird durch den vordersten Grabhgel abgeschnitten, an
dessen eingesunkenem Kreuze von Stein ein Fltenspieler mit bemerkenswerter
Haltung und trefflich drapiertem Gewande sich hingelagert hat. Ich wende mich
aber jetzt wieder auf die entgegengesetzte Seite zu der anziehenden Organistin.
Sie ist eine edle Jungfrau mit gesenktem Haupte; sie scheint mehr auf den Gesang
der zu ihren Fen strmenden Quelle, als auf das eigene Spiel zu horchen. Das
schwarze, seelenvolle Auge taucht nur trumerisch aus der Tiefe des inneren
Geisterlebens, ergreift keinen Gegenstand mit Aufmerksamkeit, ruht nicht auf den
Tasten, nicht auf der schnen runden Hand, ein wehmtig Lcheln schwimmt kaum
sichtbar um den Mundwinkel und es ist, als sinne dieser Geist im jetzigen
Augenblicke auf die Mglichkeit einer Scheidung von seinem zweiten leiblichen
Leben. An der Orgel lehnt ein schlummertrunkener Jngling mit geschlossenen
Augen und leidenden Zgen, eine brennende Fackel haltend; ein groer
goldenbrauner Nachtfalter sitzt ihm in den Seitenlocken. Zwischen der Wand und
dem Kasten scheint sich der Tod als Kalkant zu befinden, denn eine kncherne
Hand und ein vorstehender Fu des Gerippes wird bemerkt. Unter den Gestalten im
Mittelgrunde zeichnet sich namentlich eine Gruppe von Tanzenden aus, zwei
krftige Mnner und ebensoviel Frauen in anmutigen und kunstvollen Bewegungen,
mit hochgehaltener Handreichung, wobei zuweilen nackte Krperteile edel und
schn zum Vorschein kommen. Indessen, der Tanz scheint langsam und den ernsten,
ja traurigen Mienen derjenigen zu entsprechen, welche ihn auffhren. Diesen zu
beiden Seiten und dann mehr gegen den Hintergrund entfaltet sich ein
vergngteres Leben; man gewahrt muntere Stellungen, endlich possenhafte und
neckische Spiele. Etwas fiel mir besonders auf. Ein Knabengerippe im leichten
Scharlachmntelchen sitzt da und wollte sich gern von einem andern den Schuh
ausziehen lassen, aber das Bein bis zum Knie ging mit und der ungeschickte
Bursche will sich zu Tode lachen. Hingegen ein anderer Zug ist folgender: Vorn
bei dem Fltenspieler befindet sich ein Gestruche, woraus eine magere Hand ein
Nestchen bietet, whrend ein hingekauerter Greis sein Shnchen bei der
hingehaltenen Kerze bereits einem Vogel in die verwundert unschuldigen uglein
blicken lt; der Bursche hat brigens schon eine zappelnde Fledermaus am
Fittich. Es gibt mehrere Zge der Art; es gbe berhaupt noch gar vieles
anzufhren. Die Beleuchtung, der wundervolle Wechsel zwischen Mond- und
Kerzenlicht, wie dies einst beim lgemlde, besonders in der Wirkung aufs Grn,
sich zauberisch darstellen wird, ist berall bereits effektvoll angedeutet und
mit groer Kenntnis behandelt. Doch genug! der Henker mag so was beschreiben.
    Tillsen hatte schon seit einer Weile zerstreut und brtend gesessen. Jetzt
da das Schweigen des Barons ihn zu sich selbst gebracht, erhob er sich rasch mit
glhender Stirn vom Sessel und sprach entschlossen: Ja, mein Herr, ich darf es
sagen, von meiner Hand ist, was Sie gesehen haben, doch - hier brach er in ein
gezwungenes Gelchter aus. Gott sei Dank! unterbrach ihn der Baron, entzckt
aufspringend, nun hab ich genug; lassen Sie sich kssen, umarmen,
Charmantester! die anderthalb Jahre Fastenzeit, worin Sie die Palette
vertrocknen lieen, haben Wunder an Ihnen gereift, eine Periode entwickelt, ber
deren Frchte die Welt staunen wird. Nun geht es Schlag auf Schlag, geben Sie
acht, seitdem der neue, starke Frhling fr Ihre Kunst durchbrochen hat, und in
dieser Stunde prophezei ich Ihnen die Flle eines Ruhmes, der vielleicht
Hunderte begeistern wird, das ganze Mark der Krfte an die edelste Kunst zu
wenden, aber auch Tausende zwingen mu, in mutlosem Neide sie abzuschwren. Ach
lieber, bescheidener Mann, Sie sind bewegt, ich bin es nicht weniger von
herzlicher Freude. Lassen Sie uns in diesem glcklichen Moment mit einem warmen
Hndedruck auseinandergehen, und kein Wort weiter. Ich gehe zum Grafen. Leben
Sie wohl! auf Wiedersehen. Damit war er zur Tre hinaus.
    Der Maler, unbeweglich, sah ihm nach. Es wollte ihn jetzt fortreien, dem
Baron zu folgen, ihm eine pltzliche Aufklrung zu geben, aber ein
unwillkrlicher trockener Entschlu hielt ihn wie an den Boden gefesselt. Erst
nach einer langen Stille brach er, beinahe schmerzlich lchelnd, in die Worte
aus: O betrogener redlicher Mann! wie hast du dich unntig ber mich verjubelt,
mir arglos meine ganze Ble gezeigt! Ich mute ein Lob anhren, das nicht mir,
sondern einem andern gehrt und das just alles das heraushob, was mir zum
rechten Maler abgeht, ewig abgehen wird! Es ist wahr, fuhr er in Gedanken fort,
die Ausfhrung jener Kompositionen ist mein und ist nicht das Schlechteste am
Ganzen; sie dient, jenen Erfindungen die rechte Bedeutung zu geben; ohne mein
Zutun wren vielleicht die Skizzen des armen Zeichners gleichgltig bersehen
worden. Aber nur auf der Spur seines Geistes strkte, belebte sich der meinige,
und nur von jenem ermutigt konnte ich sogar auf eine Hhe des Ausdrucks kommen,
bis zu welcher ich mich nie erhoben hatte. Wie arm, wie nichts erschein ich mir
diesem unbekannten Zeichner gegenber! Wie wrf ich mit Freuden alles hin, was
sonst an mir gerhmt wird, fr die Gabe, solche Umrisse, solche Linien, solche
Anordnungen zu schaffen! Ein Crayon, ein drftig Papier ist ihm genug, damit er
mich ber den Haufen strze. Wten nur erst die Herren, da es die Werke eines
Wahnsinnigen sind, welche sie bewundern, eines unscheinbaren verdorbenen
Menschen, ihr Staunen wrde noch grer sein, als da sie in mir den Meister
gefunden zu haben glauben. Noch kennt auer mir niemand den wahren Erfinder,
aber gesetzt, ich wollte auf die Gefahr, da dieser sein eigensinniges Inkognito
brechen kann, mir dennoch den Ruhm seiner Schpfung erhalten, ich fnde einen
weit strkeren Grund dagegen in dem eigenen innern Bewutsein. Darum mu es an
den Tag, lieber heute als morgen, ich sei keineswegs der Rechte.
    Das waren ungefhr die Gedanken des lebhaft aufgeregten Mannes. Indessen war
er, was den letzten Punkt betrifft, noch nicht so ganz entschieden. Hatte er
bisher die Meinung der Freunde so hinhngen lassen, ohne sie eben zu bestrken,
ohne zu widerlegen, indem er sich mit zweideutigem Scherz in der Mitte hielt, so
dachte er jetzt, er knne unbeschadet seines Gewissens noch eine Zeitlang
zuwarten mit der Enthllung, und er wolle sein Benehmen nachher, wenn es ntig
sei, schon auf ehrenvolle Art rechtfertigen.
    Soeben trat die junge Frau wieder ins Zimmer: sie bemerkte die auffallende
Bewegung an ihrem Manne, sie fragte erschrocken, er leugnete und herzte sie mit
einer ungewohnten Inbrunst. Dann ging er auf sein Zimmer.
    Es verstrichen mehrere Wochen, ohne da unser Maler gegen irgend jemanden
sich ber den wahren Zusammenhang der Sache erklrte, seinen Schwager, den Major
v. R., ausgenommen, dem er folgende auffallende Erffnung machte. Es mag nun
bald ein Jahr sein, als mich eines Abends ein verwahrloster Mensch von
schwchlicher Gestalt und krnklichem Aussehen, eine spindeldnne
Schneiderfigur, in meiner Werksttte besuchte. Er gab sich fr einen eifrigen
Dilettanten in der Malerei aus. Aber die windige Art seines Benehmens, das
Verworrene seines Gesprchs ber Kunstgegenstnde war ebenso verdchtig, als mir
berhaupt der ganze Besuch fatal und rtselhaft sein mute. Ich hielt ihn zum
wenigsten fr einen aufdringlichen Schwtzer, wo nicht gar fr einen Schelmen,
wie sie gewhnlich in fremden Husern umherschleichen, die Leute zu bestehlen
und zu betrgen. Hingegen wie gro war meine Verwunderung, als er einige Bltter
hervorzog, die er mit vieler Bescheidenheit fr leichte Proben von seiner Hand
ausgab. Es waren reinliche Entwrfe mit Bleistift und Kreide voll Geist und
Leben, wenn auch manche Mngel an der Zeichnung sogleich ins Auge fielen. Ich
verbarg meinen Beifall absichtlich, um meinen Mann erst auszuforschen, mich zu
berzeugen, ob das alles nicht etwa fremdes Gut wre. Er schien mein Mitrauen
zu bemerken und lchelte beleidigt, whrend er die Papiere wieder
zusammenrollte. Sein Blick fiel inzwischen auf eine von mir angefangene Tafel,
die an der Wand lehnte, und wenn kurz vorher einige seiner Urteile so
abgeschmackt und lcherlich als mglich klangen, so ward ich jetzt durch einige
bedeutungsvolle Worte aus seinem Munde berrascht, welche mir ewig unvergelich
bleiben werden, denn sie bezeichneten auf die treffendste Weise das
Charakteristische meiner Manier und lsten mir das Geheimnis eines Fehlers, den
ich bisher nur dunkel empfunden hatte. Der wunderliche Mensch wollte mein
Erstaunen nicht bemerken, er griff eben nach dem Hute, als ich ihn lebhaft zu
mir auf einen Sitz niederzog und zu einer weiteren Errterung aufforderte. Es
bersteigt jedoch alle Beschreibung, in welch sonderbarem Gemische des fadesten
und unsinnigsten Galimathias mit einzelnen uerst pikanten Streiflichtern von
Scharfsinn sich der Mensch in einer slich wispernden Sprache nun gegen mich
vernehmen lie. Dies alles zusammengenommen und das unpassende Kichern, womit er
sich selber und mich gleichsam zu verhhnen schien, lie keinen Zweifel brig,
da ich hier das seltenste Beispiel von Verrcktheit vor mir habe, welches mir
je begegnet war. Ich brach ab, lenkte das Gesprch auf gewhnliche Dinge und er
schien sich in seinem stutzerhaft affektierten Betragen nur immer mehr zu
gefallen. Dies elegante Vornehmtun machte mit seinem notdrftigen uern, einem
abgetragenen, hellgrnen Frckchen und schlechten Nankingbeinkleidern einen
hchst komischen, affreusen Kontrast. Bald zupfte er mit zierlichem Finger an
seinem ziemlich ungewaschenen Hemdstrich, bald lie er sein Bambusrhrchen auf
dem schmalen Rcken tnzeln, indem er zugleich bemht war, durch Einziehung der
Arme mir die schmhliche Krze des grnen Frckchens zu verbergen. Mit alle
diesem erregte er meine aufrichtige Teilnahme. Mut ich mir nicht einen Menschen
denken, der mit seinem auerordentlichen Talente, vielleicht durch gekrnkte
Eitelkeit, vielleicht durch Liederlichkeit, dergestalt in Zerfall geraten war,
da zuletzt nur dieser jmmerliche Schatten brigblieb? Auch waren jene
Zeichnungen, wie er selbst bekannte, aus einer lngst vergangenen, bessern Zeit
seines Lebens. Auf die Frage, womit er sich denn gegenwrtig beschftige,
antwortete er hastig und kurz: er privatisiere; und als ich von weitem die
Absicht blicken lie, jene Bltter von ihm zu erstehen, schien er trotz eines
prezisen Lchelns nicht wenig erleichtert und vergngt. Ich bot ihm drei
Dukaten, die er mit dem Versprechen zu sich steckte, mich bald wiederzusehen.
Nach vier Wochen erschien er abermals und zwar schon in merklich besserem
Aufzuge. Er brachte mehrere Skizzen mit: sie waren womglich noch interessanter,
noch geistreicher. Indessen hatt ich beschlossen, ihm vorderhand nichts weiter
abzunehmen, bis ich ber die Rechtmigkeit eines solchen Erwerbs vllig ins
reine gekommen wre, etwa dadurch, da er veranlat wrde, gleichsam unter
meinen Augen eine Aufgabe zu lsen, die ich ihm unter einem unverfnglichen
Vorwande zuschieben wollte. Ich hatte meine Gedanken hiezu schriftlich
angedeutet, erklrte mich ihm auch mndlich darber, und er eilte sogleich mit
der Hoffnung weg, mir seinen Versuch in einigen Tagen zu zeigen. Aber wer
schildert meine Freude, als schon am Abende des folgenden Tages die edelsten
Umrisse zu der angegebenen Gruppe aus dem Statius vor mir lagen, in der ganzen
Auffassung des Gedankens weit khner und sinnreicher als der Umfang meiner
Imagination jemals reichte. Manche flchtige Bemerkung des nrrischen Menschen
bewies berdies unwidersprechlich, da er mit Leib und Seele bei der Zeichnung
gewesen. Auch dieser Entwurf und in der Folge noch der eine und andere ward mein
Eigentum; allein pltzlich blieb der Fremde aus und eigensinnigerweise hatte er
mir weder Namen noch sonstige Adresse zurckgelassen. Nach und nach fhlte ich
unwiderstehliche Lust, drei bis vier der vorhandenen Bltter vergrert in
Wasserfarbe aufs neue zu skizzieren und sofort in l darzustellen, wobei denn
bald die liebevollste wechselseitige Durchdringung meiner Manier und jenes
fremden Genius stattfand, so da die Entscheidung so leicht nicht sein mchte,
wenn nunmehr bei den vllig ausgemalten Tableaus ein zwiefaches und getrenntes
Verdienst gegeneinander abgewogen werden sollte. Vor einem Freunde und Schwager
darf ich dieses selbstgefllige Bekenntnis gar wohl tun, und vielleicht wird das
Publikum mir nicht mindere Gerechtigkeit widerfahren lassen, wenn ich ihm
demnchst bei der ffentlichen Ausstellung jene Bilder vorfhren werde, ohne
ihren doppelten Ursprung im mindesten zu verleugnen; denn dies war lngst mein
fester Entschlu.
    Das sieht dir hnlich, erwiderte hierauf der Major, welcher bisher mit
gespannter Aufmerksamkeit zugehrt hatte; es bedarf, dnkt mich, bei einem
Knstler von deinem Rufe nicht einmal groer Resignation zu einer solchen
Aufrichtigkeit, ja man wird in dem ganzen Unternehmen eine Art Herablassung
finden, wodurch du jenes unbekannte Talent zu wrdigen und zu ehren dachtest.
Aber, um wieder auf den armen Tropfen zu kommen, hast du ihn denn auf keine
Weise ausfindig machen knnen?
    Auf keine Weise. Einmal glaubte mein Bedienter seine Spur zu haben, allein
sie verschwand ihm wieder.
    Es wre doch des Teufels, rief der Major aus, wenn meine Sprhunde mich
hier im Stiche lieen! Schwager, la mich nur machen. Die Sache ist zu
merkwrdig, um sie ganz hngen zu lassen. Du magst mich vor aller Welt nur
selbst fr den geheimnisvollen Narren ausgeben, wenn ich dir ihn nicht binnen
vierundzwanzig Tagen aus irgendeiner Spelunke, Dachstube oder dem Narrenhause
selbst hervorziehe!

Diese vierundzwanzig Tage waren noch nicht um, so geschah es, da Tillsen ber
die wahre Bewandtnis der Sache auf einem ganz anderen Wege aufgeklrt wurde, als
er je vermuten konnte.
    In seiner Abwesenheit meldete sich eines Morgens ein wohlgekleideter junger
Mann im Tillsenschen Hause an, und die Frau fhrte ihn indes in ein
Seitenzimmer, wo er ihren Gemahl erwarten mchte. Sie selbst, obgleich durch
seine sehr vielversprechende und auffallend angenehme Gesichtsbildung nicht
wenig interessiert, entfernte sich sogleich wieder, weil die zerstreute Unruhe
seiner Miene ihr hinlnglich sagte, da eine weitere Ansprache hier nicht am
Platze sein wrde. Nach einer Viertelstunde erst trat der Maler in das
bezeichnete Kabinett. Er fand den jungen Mann nachdenkend, den Kopf in beide
Hnde gesttzt, auf einem Stuhle sitzen, den Rcken ihm zugewandt und dem groen
Gemlde gegenber, das, bis auf die breit goldene Rahme, verhllt an der Wand
dahing. Der Maler, einigermaen verwundert, trat stillschweigend nher, worauf
dann der andere erschrocken auffuhr, indem er zugleich hinter einer angenehmen,
verlegenen Freundlichkeit die Trnen zu verstecken suchte, worin er sichtbar
berrascht worden war. Ich komme, fing er jetzt mit heiterem Freimute an, ich
komme in der wunderlichsten und zugleich in der erfreulichsten Angelegenheit vor
Ihr Angesicht, verehrter Mann! Meine Person ist Ihnen unbekannt, dennoch haben
Sie, wie ich wei, mein eigentliches Selbst bereits dergestalt kennengelernt und
bis auf einen gewissen Grad sogar liebgewonnen, da ich mich nun mit
unabweislichem Vertrauen unter Ihre Stirne drnge. Doch, lassen Sie mich
deutlich reden. Ich heie Theobald Nolten und studiere in hiesiger Stadt
ziemlich unbekannt die Malerei. Nun fand ich gestern in der aufgestellten
Galerie unter andern ein Gemlde, das Opfer der Polyxena vorstellend, das mir
auf den ersten Blick als eine innig vertraute Erscheinung entgegentrat. Es war,
als stnde durch Zauberwerk hier ein frher Traum lebendig verkrpert vor meinem
schwindelnden Auge. Diese schmerzvolle Knigstochter schien mich so
schwesterlich bekannt zu gren, ihre ganze Umgebung deuchte mir so gar nicht
fremd, und doch, ber das Ganze war ein Licht, ein Reiz gegossen, der nicht aus
meinem Innern, der von einer hhern Macht, von den Olympischen selbst
herabgestrahlt schien; ich zitterte, bei Gott! ich -
    Was? unterbrach ihn Tillsen, Sie wren - ja Sie sind der wunderbare
Knstler, dem ich so vieles abzubitten -
    Nicht doch, entgegnete jener feurig, nein! der Ihnen Unendliches zu
danken hat. O edelster Mann! Sie haben mich mir selbst enthllt, indem Sie mich
hoch ber mich hinausgerckt und getragen. Sie weckten mich mit Freundeshand aus
einem Zustande der dunkeln Ohnmacht, rissen mich auf die Sonnenhhe der Kunst,
da ich im Begriffe war, an meinen Krften zu verzweifeln. Ein Elender mute mich
bestehlen, damit Sie Gelegenheit htten, mir in Ihrem klaren Spiegel meine
wahre, meine knftige Gestalt zu zeigen. So empfangen Sie denn Ihren Schler an
das vterliche Herz! Lassen Sie mich sie kssen, die gelassene Hand, welche auf
ewig die verworrenen Fden meines Wesens ordnete - mein Meister! mein Erretter!
    So lagen sich beide Mnner einige Sekunden lang fest in den Armen und von
diesem Augenblicke an war eine lebhafte Freundschaft geschlossen, wie sie wohl
in so kurzer Zeit zwischen zwei Menschen, die sich eigentlich zum ersten Male im
Leben begegnen, selten mglich sein wird.
    Erlauben Sie, mein Lieber, sagte Tillsen, da ich erst zur Besinnung
komme. Noch wei ich nicht, bin ich mehr beschmt oder mehr erfreut durch Ihre
herzlichen Worte. Ich werde Sie in der Folge noch besser verstehen. So sagen Sie
frs erste nur, wie verhlt sich's denn mit dem diebischen Schufte, dem
wenigstens das Verdienst bleiben mu, uns zusammengefhrt zu haben?
    Wohl! Hren Sie! Nach meiner Rckkehr aus Italien, es ist nun ber ein
Jahr, traf ich auf der Reise hieher, wo ich vllig fremd war, einen Hasenfu,
Barbier seiner Profession - er nannte sich Wispel -, der mir seine Dienste als
Bedienter antrug, und ich nahm ihn aus einem humoristischen Interesse an seiner
Seltsamkeit um so lieber auf, da er neben einem, da ich so sage,
universal-enthusiastischen Hieb, neben einem badermigen Hochmut, immer eine
gewisse Gutmtigkeit zeigte, die in der Folge nur der borniertesten Eitelkeit
weichen konnte; denn so wollt ich darauf schwren, er hatte mit jenen
entwendeten Konzepten anfangs keine andere Absicht, als vor Ihnen den Mann zu
machen.
    Allein er nahm doch Geld dagegen an?
    Und wenn auch; diese Spekulation ward sicherlich erst durch Ihr Anerbieten
bei ihm erweckt.
    Aber er stellte sich vllig nrrisch!
    Ich zweifle sehr, da er es darauf anlegte, oder gesetzt, er legte es
darauf an, so geschah es nur, nachdem er Ihnen bereits den interessanten
Verdacht abgelauscht. Seiner Dummheit kam brigens die List beinahe gleich; so
wute er mich unter einem ausgesuchten Vorwande zu einer Zeichnung aus dem
Stegreife zu bewegen, die ohne Zweifel auch fr Sie bestimmt war, und wozu ich
mich selbst durch den angenehm proponierten Gegenstand angereizt fhlte. Wenn er
Sie ferner durch den Schein eigener Bildung irregefhrt hat, so begreif ich nur
um so besser, warum er sich bei den Unterhaltungen, welche gelegentlich zwischen
mir und einem Freunde vorkamen, immer viel im Zimmer zu schaffen machte. Er mag
Ihnen auf diese Art manchen schlecht verdauten Brocken hingeworfen haben.
    Ach, sagte Tillsen nicht ohne einige Beschmung, freilich, dergleichen
uerungen sahen mir dann immer verdchtig genug aus, wie Hieroglyphen auf einem
Marktbrunnenstein, ich wute nicht, woher sie kamen. Aber ein abgefeimter
Bursche ist es doch! Und wo steckt denn der Schurke jetzt?
    Das wei Gott. Seit einem halben Jahre hat er sich ohne Abschied von mir
beurlaubt; etliche Wochen spter entdeckt ich die groe Lcke in meinem
Portefeuille.
    Ich will sie wieder ausfllen! erwiderte Tillsen mit Heiterkeit, indem er
den Freund vor das verhngte Bild fhrte. Ich wollte es diesen Morgen noch zur
ffentlichen Ausstellung wegtragen lassen; doch, es ist nun Ihr Eigentum. Lassen
Sie sehen, ob Sie auch hinter diesem Tuche Ihre Bekannten erkennen.
    Nolten hielt die Hand des Malers an, whrend er das Gestndnis ablegte, da
er vorhin der Versuchung nicht widerstanden, den Vorhang um einige Spannen
zurckzustreifen, da er ihn aber, wie von dem Gespenste eines Doppelgngers
erschreckt, sogleich wieder habe fallen lassen, ohne die berblickung des Ganzen
zu wagen.
    Jetzt schlug Tillsen mit einem Male die Hlle zurck und trat seitwrts, um
den Eindruck des Stckes auf den Maler zu beobachten. Wir sagen nichts von der
unbeschreiblichen Empfindung des letztern und erinnern den Leser an das
wunderliche Geisterkonzert, wovon ihm der alte Baron frher einen Begriff
gegeben. Bewegt und feierlich gingen die Freunde auseinander.

Die umstndlichere Erzhlung dieser Begebenheit mute vorangeschickt werden, um
die rasche und erfreuliche Entwicklung desto begreiflicher zu machen, welche es
von nun an mit der ganzen Existenz des jungen Knstlers nahm. War es ein
gewisser Kleinmut oder Eigensinn, grillenhafter Grundsatz, was ihn bisher
bewegen mochte, mit seinem Talente unbeschrieen hinter dem Berge zu halten, bis
er dereinst mit einem hhern Grade von Vollendung hervortreten knnte: soviel
ist gewi, da die Behandlung der lfarbe ihm bisher groe Schwierigkeiten
entgegensetzte, jedoch, wie Tillsen fand, nicht so groe, als unser bescheidener
Freund sich gleichsam selbst gemacht hatte. Vielmehr entdeckte jener auch
diesfalls an den Versuchen des letztern die berraschendsten Fortschritte, und
gerne fate er den Entschlu zur frderlichen Mitteilung einzelner Vorteile. In
kurzem stand Nolten, was Geschicklichkeit betrifft jedem braven Knstler gleich,
und in Absicht auf groartigen Geist hoch ber allen. Seine Werke, sowie seine
Empfehlung durch Tillsen, verschafften ihm sehr schtzbare Verbindungen, und
namentlich erwies der Herzog Adolph, Bruder des Knigs, sich gar bald als einen
freundschaftlichen Gnner gegen ihn.
    War Theobald auf diese Weise durch die rasche und glnzende Vernderung
seines bisherigen Zustandes gewissermaen selbst berrascht und anfnglich sogar
verlegen, so verwunderte er sich in der Folge beinahe noch mehr ber die
Leichtigkeit, womit er sich in seine jetzige Stellung gewhnte und darin
behauptete. Allerdings brauchte er die Achtung, durch die er sich vor andern
ausgezeichnet sah, nur als etwas Verdientes hinzunehmen, so kam sie ihm auch
ganz natrlich zu.
    Durch die Vermittlung des Herzogs erhielt er Zutritt im Hause des Grafen von
Zarlin, der sich ohne eigene Einsichten, und wie mehrere behaupteten, aus bloer
Eitelkeit als einen leidenschaftlichen Freund jeder Gattung von Kunst hervortat,
und dem es wirklich gelang, einen Zirkel edler Mnner und Frauen um sich zu
versammeln, worin geistige Unterhaltung aller Art, namentlich Lektre guter
Dichterwerke vorkam. Die lebendig machende Seele des Ganzen jedoch war, ohne es
zu wollen, die schne Schwester des Grafen, Constanze von Armond, die junge
Witwe eines vor wenigen Jahren gestorbenen Generals. Ihre Liebenswrdigkeit wre
mchtig genug gewesen, den Kreis der Mnner zu beherrschen und Gesetze
vorzuschreiben, aber die angenehme Frau blieb mit der sanften Wirkung zufrieden,
welche von ihrer Person auf alle brigen Gemter ausging, und sich allgemein in
der erwrmteren Teilnahme an den Unterhaltungsgegenstnden offenbarte; ja,
Constanze schien ihrer natrlichen Lebendigkeit fters einige Gewalt anzutun, um
die Huldigung von sich abzuleiten, womit die Herren sie nicht undeutlich fr die
Knigin der Gesellschaft erklrten. Auch Theobald fhlte sich insgeheim zu ihr
hingezogen, und whrend der anderthalb Monate, worin er jede Woche drei Abende
in ihrer Nhe zubringen durfte, entwickelte sich dies heitere Wohlgefallen zu
einem strkeren Grade von Zuneigung, als er sich selbst eingestehen durfte. Die
Reize ihrer Person, die Feinheit ihres gebildeten Geistes, verbunden mit einem
lebhaften, selbst ausbenden Interesse fr seine Kunst, hatten ihn zu ihrem
leidenschaftlichen Bewunderer gemacht, und wenn sein Verstand, wenn die
oberflchlichste Betrachtung der uern Verhltnisse ihm jeden entfernten Wunsch
niederschlugen, so wiederholte er sich auf der andern Seite doch so manche leise
Spur ihrer besondern Gunst mit unermdeter Selbstberredung, wobei er freilich
nicht vergessen durfte, da er in dem Herzog einen sehr geistreichen Nebenbuhler
zu frchten habe, der ihm berdies, was Gewandtheit und schmeichelhaften Ton des
Umgangs betrifft, bei weitem berlegen war. Die Leidenschaft des Herzogs war
Theobalden desto drckender, je inniger sonst ihr beiderseitiges Verhltnis
htte sein knnen, dagegen nun der letztere seinem arglosen frstlichen Freunde
gegenber eine heimliche Spannung nur mit Mhe verleugnete.
    brigens hatte er wohl Grund, sich ber seine wachsende Neigung so gut wie
mglich zu mystifizieren, denn eine frher geknpfte Verbindung machte noch
immer ihre stillen Rechte an sein Herz geltend, obwohl er dieselben mit einiger
berredung des Gewissens bereits entschieden zu verwerfen angefangen hatte Das
reine Glck, welches der unverdorbene Jngling erstmals in der Liebe zu einem
hchst unschuldigen Geschpfe gefunden, war ihm seit kurzem durch einen
unglckseligen Umstand gestrt worden, der fr das reizbare Gemt alsbald die
Ursache zu ebenso verzeihlichem als hartnckigem Mitrauen ward. Die Sache hatte
wirklich so vielen Schein, da er das entfernt wohnende Mdchen keines Wortes,
keines Zeichens mehr wrdigte, ihr selbst nicht im geringsten den Grund dieser
Vernderung zu erkennen gab. Mit unvershnlichem Schmerz verhrtete er sich
schnell in dem Wahne, da der edle Boden dieses schnen Verhltnisses fr
immerdar erschttert sei, und da er sich noch glcklich schtzen msse, wenn es
ihm gelnge, mit der Bitterkeit seines gekrnkten Bewutseins jeden Rest von
Sehnsucht in sich zu ertten und zu vergiften. In der Tat blieb aber dieser
traurige Verlust nicht ohne gute Folgen fr sein ganzes Wesen denn offenbar half
diese Erfahrung nicht wenig seinen Eifer fr die Kunst beleben, welche ihm
nunmehr ein und alles, das hchste Ziel seiner Wnsche sein sollte. Vermochte er
nun aber nach und nach ber eine schmerzliche Empfindung, die ihn zu verzehren
drohte, Herr zu werden, so war auf der andern Seite das Mdchen indessen nicht
schlimmer daran. Agnes glaubte sich noch immer geliebt, und dieser glckliche
Glaube ward, wie wir spter erfahren werden, auf eine wunderliche Art, ganz ohne
Zutun Theobalds, unterhalten, whrend er schon eine freiwillige Auflsung des
Bndnisses von ihrer Seite zu hoffen begann, denn das Ausbleiben ihrer Briefe
nahm er ohne weiteres fr ein Zeichen ihres eigenen Schuldbewutseins. In dieser
halbfreien, noch immer etwas wunden Stimmung fand er die Bekanntschaft mit der
Grfin Constanze, und nun lt sich die Innigkeit um so leichter begreifen,
womit die gereizten Organe seiner Seele sich nach diesem neuen Lichte
hinzuwenden strebten.

Im Spanischen Hofe, so hie das bedeutendste Hotel der Stadt, war es am Abende
des letzten Dezembers, wo die vornehme Welt sich bereits eifrig zur Maskerade zu
rsten hatte, ungewhnlich stille. In dem hintersten grnen Eckzimmer leuchteten
die beiden hellbrennenden Hngelampen nur zweien Gsten, wovon der eine, wie es
schien, ein regelmiger, mit Welt und feinerer Gasthofsitte wohlvertrauter
Besuch, ein pensionierter Staatsdiener von Range, der andere ein junger
Bildhauer war, der erst vor wenig Stunden in der Stadt anlangte. Sie
unterhielten sich, in ziemlicher Entfernung auseinander sitzend, ber
alltgliche Dinge, wobei sich Leopold, so nennen wir den Reisenden, bald ber
die zerstreute Einsilbigkeit des Alten heimlich rgerte, bald mit einem gewissen
Mitleiden auf die krankhaften Verzerrungen seines Gesichts, auf die rastlose
Geschftigkeit seiner Hnde blicken mute, die jetzt ein Fltchen am fein
schwarzen Kleide auszugltten, jetzt eine Partie Whistkarten zu mischen, oder
eine Prise Spaniol aus der achatnen Dose zu greifen hatten. Das Gesprch war auf
diese Weise ganz ins Stocken geraten, und um ihm wieder einigermaen
aufzuhelfen, fing der Bildhauer an: Unter den Knstlern dieser Stadt und des
Vaterlandes soll, wie ich mit Vergngen hre, der junge Maler Nolten gegenwrtig
groe Aufmerksamkeit erregen?
    Diese Worte schienen den alten Herrn gleichsam zu sich selber zu bringen.
Seine Augen funkelten lebhaft unter ihrer grauen Bedeckung hervor. Da er jedoch
noch wie gespannt stille schwieg und eine Antwort nur erst unter den schlaffen
Lippen zurechtkaute, fuhr der andere fort: Ich habe seit drei Jahren nichts von
seiner Hand gesehen und bin nun uerst begierig, mich zu berzeugen, was an
diesem ausschweifenden Lobe, wie an den heftigen Urteilen der Kritiker Wahres
sein mag.
    Befehlen Sie, sagte der Alte fast hhnisch, da ich nun mit einem
hbschen Stzchen antworte, wie etwa vielleicht in der Mitte liegt das
frtreffliche Talent, das seine bestimmte Richtung erst sucht - oder: es ist das
Grte von ihm zu hoffen, wie das Schlimmste zu frchten - und was dergleichen
dnnen Windes mehr ist? Nein! ich sage Ihnen vielmehr geradezu, dieser Nolten
ist der verdorbenste und gefhrlichste Ketzer unter den Malern, einer von den
halsbrecherischen Seiltnzern, welche die Kunst auf den Kopf stellen, weil das
ordinre Gehen auf zwei Beinen anfngt langweilig zu werden; der widerwrtigste
Phantasie-Renommiste! Was malt er denn? eine trbe Welt voll Gespenstern,
Zauberern, Elfen und dergleichen Fratzen, das ist's, was er kultiviert! Er ist
recht verliebt in das Abgeschmackte, in Dinge, bei denen keinem Menschen wohl
wird. Die gesunde, lautere Milch des Einfach-Schnen verschmht er und braut
einen Schwindeltrank auf Kreuzwegen und unterm Galgen; apropos, mein Herr!
(hier lchelte er ganz geheimnisvoll) haben Sie schon Gelegenheit gehabt, eine
der kstlichen Anstalten zu sehen, worein man die armen Teufel logiert, die so,
verstehn mich schon, einen krummen Docht im Lichte brennen - nun? Kam Ihnen da
nicht auch schon der Gedanke, wie es wre, wenn sich etwa der Ideendunst, der
von diesen Kpfen aufsteigen mu, oben an der Decke ansetzte, welche Figuren da
in Fresko zum Vorschein kommen mten? Was sagen Sie? Nolten hat sie alle
kopiert, h h h, hat sie smtlich kopiert!
    Sie scheinen, erwiderte Leopold gelassen, wenn ich Sie anders recht
fasse, mehr die Gegenstnde zu tadeln, unter denen sich dieser Knstler, nur
vielleicht etwas zu vorliebig, bewegt, als da Sie sein Talent angreifen
wollten; nun lt sich aber ohne Zweifel auf dem angedeuteten Felde so gut als
auf irgendeinem das Charakteristische und das Rein-Schne mit groem Glcke
zeigen, abgeschmackte und hliche Formen jedoch, geflissentliches Aufsuchen
sinnwidriger Zusammenstellungen kann man von Nolten nicht erwarten, ich kenne
sein Wesen von frher und kam in der Absicht hieher, ihn mit einem
gemeinschaftlichen Freunde, der auch Maler ist, zu besuchen und uns an seiner
bisherigen Ausbildung zu erfreuen.
    Der alte Herr hatte diese Worte wahrscheinlich ganz berhrt, denn er ging
mit lautem Kichern nur wieder in den Refrain seines vorhin Gesagten ber: Hat
sie smtlich kopiert, ja ja, zum Totlachen! Ei, das mu er tglich von mir
selber hren.
    In diesem Augenblicke trat Ferdinand, der Reisegefhrte des Bildhauers, ein
und rief diesem mit einem glnzenden Blicke voll Freude zu: Er kommt! er folgt
mir auf dem Fue nach! Er ist der gute Nolten noch, sag ich dir! o gar nicht der
achselblickende junge Glckspilz, wie man ihn schildern wollte. Stelle dir vor,
er verga vorhin im Jubel ber unsre Ankunft eine Einladung zum Herzog, mit dem
er trefflich stehen mu, und eilte nur von der Strae weg, sich zu
entschuldigen.
    Nach einiger Zeit erschien, in Begleitung eines andern, der Erwartete
wirklich. Es war ein herzerfreuendes Wiedersehen, ein immer neu erstauntes
trunkenes Begren und Frohlocken unter den dreien. Wie ergtzten sich die
Freunde an dem stattlichen Ansehen Theobalds, an dem reinen Anstande, den ihm
das Leben in hherer Gesellschaft unvermerkt angehaucht hatte nur verbargen sie
ihm nicht, da die krftige Rte seiner Wangen in Zeit von wenigen Jahren um ein
Merkliches verschwunden sei. Er sah jedoch immer noch gesund und frisch genug
neben seinem hageren Begleiter, dem Schauspieler Larkens, aus, den er soeben
freundschaftlich produzieren wollte, als dieser sofort mit der angenehmsten Art
sich selber empfahl und mit den Worten schlo: Nun setz dich, liebes Kleeblatt!
Ich werde mich mit eurer Erlaubnis bald auch zu euch gesellen, aber den ersten
Perl- und Brauseschaum des Wiederfindens mt ihr durchaus miteinander
wegschlrfen! Ich sehe dort ein paar Spielerhnde konvulsivisch fingern, das ist
auf mich abgesehen.
    Damit setzte er sich zu dem alten Herrn in der Ecke, den unser Nolten erst
jetzt gewahr wurde und nicht ohne Achtung begrte. Sag mir doch, fragte
Leopold heimlich, was fr eine Art von Kenner das ist? Er hat die
wunderlichsten Begriffe von dir.
    Ach, lchelte der Freund, da kann ich dir wenig dienen. Das ist ein sehr
kurioser Kauz, voll griesgrmischer Eigenheiten, brigens von viel Verstand, und
mir immer ein lieber Mann. Er besitzt gute Kenntnisse von Gemlden, ist aber auf
diesen Punkt von den einseitigsten Theorieen eingenommen. Aus einigen meiner
Stcke soll er eine eigene Vorliebe und zugleich den unverhohlensten Widerwillen
gegen mich gefat haben, den ich mir kaum zu entrtseln wei. Denn da ich es
blo als Knstler mit ihm verdorben habe, ist nicht wohl mglich, wenigstens
tte er mir sehr Unrecht, indem der Vorwurf des Phantastischen, den er mir zu
machen scheint, nur den kleinsten Teil meiner Erfindungen trfe, wenn es je ein
Vorwurf heien soll. Die meisten meiner Arbeiten bezeichnen in der Tat eine ganz
andere Gattung. Ich vermute, der Mann hat irgendein geheimes Aber an meiner
Person entdeckt, und ich mu ihn, ohne mir das geringste bewut zu sein, mit
irgend etwas beleidigt haben, das er mir nicht vergessen kann, so gern er
mchte, denn es ist auffallend, sooft er mich ansieht, strubt sich's auf seinem
Gesicht wie Sauer und S.
    Auf diese Weise waren jene leidenschaftlichen uerungen einigermaen
erklrt, und es gab nun Veranlassung genug, sich gegenseitig ber Geschfte,
Schicksale und mancherlei Erfahrungen auszutauschen. Sie durchliefen die
Vergangenheit, erinnerten sich des Aufenthalts in Italien, wo sich vor drei
Jahren ihre Bekanntschaft entsponnen hatte. Endlich fing Ferdinand an: Du
errtst wohl kaum, wo wir heute vor sechs Tagen um diese Stunde zu Gaste
gesessen sind; in welchem Drfchen, in welchem Stbchen und wer uns bewirtete?
Nein! sagte Nolten; aber ein aufmerksamer Beobachter wrde in dieser
kleinlauten Verneinung ein sehr schnell erratendes Ja gewittert haben.
Neuburg, flsterte Leopold freudig zuvorkommend und von der anderen Seite flog
der Name Agnes ber Ferdinands Mund. Ich dank euch, sagte Nolten, wie
abbrechend, und verbarg eine unangenehme Empfindung.
    Was danken? du hast ja den Gru noch nicht einmal in der Hand, den wir dir
zu bringen haben! - und hiemit sah er sich einen Brief entgegengehalten, den er
mit erzwungenem Wohlgefallen zu sich steckte, indem er die beiden durch einen
Vorsicht gebietenden Blick auf die Spieler fr jetzt zum Stillschweigen zu
vermgen suchte.
    So la mich, fuhr Ferdinand fort, wenigstens des anmutigen rtchens, la
mich des Frsterhauses gedenken, wo du deine Knabenjahre bei einem zweiten Vater
verlebtest, bis der benachbarte Baron auf dem Schlosse, der gute lebendige Mann,
fr die Frderung deines Talents sorgte. Er lebt noch in frischem Marke, der
ehrliche Veteran, er und der fromme Frster erinnerten sich mit Herzlichkeit
jenes glcklichen Tages, da du mich, es sind nun drei Jahre her, nach unserer
Rckkunft von der italienischen Reise, bei ihnen einfhrtest. Wahrlich, es htte
wenig gefehlt, so htten die Alten geweint wie die Kinder bei deinem Namen, ein
Paar anderer Augen nicht zu gedenken, die auch dabeistanden, und von denen es
schien, als wollten sie sich im voraus recht satt sehen an mir und meinem
Gefhrten, an unsern Kleidern und Bndeln, weil das alles in fnf Tagen mit dem
Geliebten in Berhrung kommen sollte. Du pflegtest das Mdchen sonst immer dein
blondes Reh zu nennen; wie treffend fand ich diesen Ausdruck wieder! ja, und das
ist sie noch im lieblichsten rhrendsten Sinne des Worts. Wie htt ich
gewnscht, den Umri ihrer niedlichen Figur mit dem Bleistift in mein
Portefeuille fr dich wegzustehlen, wie ich sie so durch die halboffene Tr des
Nebenzimmers am Tischchen sitzen und den Brief schreiben sah, den Rcken gegen
uns gewendet, von der Seite kaum ein wenig sichtbar, allein der Baron war allzu
gesprchig.
    Du bist es auch, erwiderte Nolten freundlich-bse, indem er aufstand und
sich gegen den soeben herbeitretenden Larkens wandte. Dieser sagte: Nun, wirst
du die Herren nicht bewegen, sich diesen Abend in Dominos zu stecken und ein
paar Stunden mit nrrischen Leuten nrrisch zu sein? oder machen wir's wie dort
der Herr Hofrat, der an solchen Abenden hier im Gasthofe zu Nacht speist, und
sich dann ein Zimmer vom Kellner anweisen lt, um fnf Straen weit vom Lrm
des Redoutenhauses zu schlafen, das zum Unglcke seiner Wohnung gegenberliegt?
Ich dchte, ihr Herren, bevor Sie in den nchsten Tagen mit den hbschen
Realitten unserer Stadt Bekanntschaft machen, mte es unterhaltend fr Sie
sein, heute im Maskensaale, sozusagen, die Fata morgana der hiesigen Menschheit
zu sehen. - Verzeihen Sie mein hinkendes Gleichnis und folgen Sie meinem
Vorschlage. Es kostete berredung, aber man entschlo sich und wnschte dem
seltsamen Hofrate gute Nacht.

Nachdenklich, unbehaglich, ja traurig war Nolten mit den anderen vor den Tren
des groen hellerleuchteten Gebudes angekommen, worin schon das mannigfaltigste
Leben wogte und whlte. Alle mglichen Gestalten, zum Teil in auffallendem
Kontraste, drehten sich stumm, feierlich, fremde oder leise summend, kopfnickend
und tanzend durcheinander. Unser trbe gestimmter Freund, schneller als er
vermutete, von seinen Begleitern verloren, fhlte nach und nach in seiner
Vermummung eine Art von dumpfem Troste, und wie mit seiner Umgebung, so spielte
er gewissermaen mit dem eigenen Herzen Versteckens, wobei er sich kaum
bekannte, welche besondere Hoffnung ihn zwang, die Reihen der weiblichen Masken
sorgfltiger zu mustern, als er sonst wohl getan haben wrde. Das bescheidene
Bild Agnesens, das ihn aus weiter Ferne sehnschtig und bittend anzulocken
schien, trat mehr und mehr in den Hintergrund seiner Seele zurck, um einem ganz
anderen Platz zu machen, das mit jeder neuen Entfaltung der glnzenden Gruppen
leibhaftig aus der Menge hervortreten sollte. Constanze! sprach er fr sich, wer
entdeckt mir sie? Und doch wie wre es mglich, da ich aus tausend Drahtpuppen
das einzige Wesen nicht sollte herausfinden knnen, das in der einfachsten,
unwillkrlichsten Bewegung jene angeborene Grazie, jenen stets lchelnden Zauber
verrt, den nur die ewig wahrhaftige Natur, den nur die Unschuld selber zu geben
und so reizend und leicht mit der anerzogenen Sitte zu verschmelzen vermag! Ist
nicht alles, was an ihr sich regt und bewegt, der unbewute Ausdruck des Engels,
der in ihr atmet? ist nicht alles nur Hauch, nur Geist an ihr? Und heute, eben
heute, wie wohl tte mir ihr Anblick! wie wollte ich mich drei Sekunden mit
allen Sinnen und Gedanken an dieser trstlichen Erscheinung festklammern und
davoneilen und mir zufrieden sagen, da mein Auge sie sah, da ihr Fu einen und
denselben Boden mit mir betrat, da eine gemeinschaftliche Luft meine und ihre
Lippen berhrte!
    Unter diesen und hnlichen Gedanken hatte er sich endlich ermdet auf einen
Sitz in einem Fenster geworfen, als der Glockenschlag zehn Uhr ihn mahnte, sich
mit den drei Freunden in einem zuvor abgeredeten leeren Zimmer des Hauses
zusammenzufinden. Sie erschienen fast alle zu gleicher Zeit, und Larkens mit
einer guten Ladung warmen Getrnkes. Man freute sich aufs neue des Wiedersehens;
jeder brachte seine eigenen Bemerkungen aus dem Saale mit, nur Nolten schien
wenig oder nichts gesehen zu haben. Es war beinahe komisch, wie er auf die
Fragen ber eine oder die andere interessante Erscheinung immer mit einem
kleinlauten ich wei nicht antwortete und zuletzt, um sich nicht gar auslachen
zu lassen, nur so tat, als erinnerte er sich. Wie gefiel dir der Knig Richard
und der Herzog von Friedland? Recht gut, war die Antwort, sehr artig, bei
meiner Seele! der bucklichte Knig htte knnen besser sein. - Larkens, indem
er den andern mit den Augen winkte, machte den Schalk und sagte:
    Ein Stckchen ist aber doch wohl allen entgangen. Ein Riese in altdeutscher
Tracht, ohne Zweifel einen Studenten vorstellend, geht mit langen Sporen und der
Tabakspfeife schwerfllig auf und ab; endlich, da er in einer Ecke stehenbleibt,
eilt ein winziges Kerlchen herbei, ein kleiner Schornsteinfeger in einer Art von
Hanswursttracht, schwarz und wei gewrfelten Beinkleidern und Wmschen, bindet
den Riesen, legt das schwarze Leiterchen an den breiten Rcken des Mannes an,
klettert flink mit Scharreisen und Besen hinauf, hebt ihm vorsichtig den
Scheitel wie einen Deckel ab, und fngt nach allerlei bedenklichen Grimassen an,
den Kopf recht wacker auszufegen, indem er einen ganzen Plunder symbolischer
Ingredienzien herauszieht, z.B. einen tuschend nachgemachten Wurm von
erstaunlicher Lnge, ein seltsam gezeichnetes Krtchen von Deutschland, eine
ganze und dann mehrere zerbrochene Kronen, kleine Dolche, Bierglser, Bnder und
dergleichen. Dagegen wurden andere Schelchen hineingelegt, worunter man ein
griechisches ABC-Buch zu erkennen glaubte; der Kopf wurde geschlossen, dann
bekam der ganze Mann ein wenig Streiche und nach einer Weile kroch ein ganz
vergngtes, bescheidenes, rundes Pffflein aus der prahlerischen Hlle hervor.
    Die Freunde lachten im stillen ber die echt Larkenssche Lge (die
eigentlich nur ein versteckter Hieb auf den bermut burschikoser Studenten
berhaupt war, deren einer vorhin im Saale sich durch Streitsucht prostituiert
hatte), und man geno heimlich den Triumph, da Nolten ganz die Miene annahm,
als htte er die Farce gar wohl gesehen, obgleich nicht von weitem etwas
hnliches vorgekommen war.
    Indessen wurde die Aufmerksamkeit der Freunde durch eine wirkliche Maske
angezogen, welche sich unversehens im Zimmer befand. Es war eine hohe Gestalt,
einfach in ein grob braunes schweres Gewand gehllt, eine Laterne und einen
Stock in der Hand, den Kopf bedeckte eine Kapuze. Haltung, Anstand und der tief
herabfallende weie Bart, alles gab der Person etwas Ehrwrdiges,
Staunenerweckendes. Wie sie so eine Zeitlang gestanden, ohne da von beiden
Seiten ein Wort fiel, begann die Maske mit angenehmer Stimme, worin man jedoch
trotz einer gewissen Dumpfheit gar bald das Frauenzimmer unterscheiden konnte,
folgendermaen:
    Ihr kennet mich nicht, meine Herren, aber euer Aussehen sagt mir, ich sei
in keiner frivolen Gesellschaft. Schwerlich seid ihr gesonnen, diese ernste
Nacht, die Geburtsstunde eines neuen Jahres, in gedankenlosem Rausche
hinzubringen. Wollte es euch gefallen, ein Stndchen mit mir in frommer
Unterhaltung zusammenzusitzen, so bezeichne ich euch einen traulichen Ort. In
meiner Kleidung erkennet ihr den Wchter der Nacht. Es stoe sich niemand an dem
sonst verachteten Titel. Ich bin der Geist dieser Zunft, ich nenne mich den
Knig der Wchter dieses Landes. Mancher fromme Angehrige meines nchtlichen
Staats wird euch von meinem Dasein, meinem Tun und Treiben erzhlt haben. Heute
mit dem zwlften Glockenschlage wird es hundert Jahre, seit ich die Drfer und
Stdte des Reiches besuche, unter heiterem Sternenhimmel, wie im wilden
Wintersturme. Vor Mitternacht werd ich im Wchterstbchen auf dem Turme der
Albanikirche sein.
    Hiemit neigte er sich und ging mit kaum vernehmlichem Tritte hinweg.
    Einstimmig war man geneigt, der sonderbaren Einladung zu folgen, was ihr
auch immer zugrunde liegen mge; an einen bsartigen Scherz oder ein gemeines
Abenteuer sei hier auf keinen Fall zu denken, und auf einen vergeblichen Gang
knne man sich ja gefat halten. Ohne die treuherzige Miene und die groe
Neugierde, womit auch Larkens die Sache aufnahm, htte leicht der Verdacht einer
Mystifikation auf ihn fallen knnen, denn sein Humor war bekannt genug, er hatte
ihn mit Unrecht in den Ruf eines bsartigen Sptters und Intriganten gebracht,
wozu mitunter auch sein ueres beitrug, sowenig eben eine gelbe Hautfarbe und
ein paar schwarze blitzende Augen hlich, oder das lauernde Lcheln um den Mund
gefhrlich war. Es war einer von den Menschen, die man auf den Grund kennen mu,
um sie nicht zu frchten. Als Schauspieler und Snger schtzte man ihn sehr, er
wre der Liebling des Publikums gewesen, htte er nicht die rtselhafte und
hartnckige Grille gehabt, das Fach des Komischen, wozu er durchaus geboren war,
mit ernsten Rollen zu vertauschen, die er, ohne es selbst zu fhlen, nur
mittelmig ausfllte. Zuweilen schien sich die unterdrckte Neigung seiner
Natur durch eine unwiderstehliche Sehnsucht nach dem Lustspiele rchen zu
wollen, und es war immer eine Festtagsbeute fr die Kasse, wenn der Name Larkens
bei einer Holbergschen oder Shakespeareschen Komdie auf dem Zettel stand. Dann
hatte es aber auch das Ansehen, als wre der Gott des Scherzes selbst in den
entzckten Mann gefahren. Der Beifall der Verstndigen und zuletzt auch des
gemeinen Volks war ihm um so gewisser, je bescheidener die strotzende Ader der
komischen Kraft innerhalb der feinen Schnheitslinie blieb, die nur der echte
Knstler, vom richtigsten Takte geleitet, zwischen Begeisterung und Weisheit
hinzuziehen wei. Statt, wie so mancher an seinem Platze, immer gleichsam auf
erhitztem Boden zu gehen, schien Meister Larkens nur von einer sanften Wrme
belebt, die ihm die Grazien angehaucht, und die Funken des Genies, welche er
auswarf, entzndeten keineswegs ihn selber. Mahaltung blieb immer die Seele
seines Spiels, aber sie verdiente um so mehr Bewunderung, wenn es wahr ist, was
genauere Freunde behaupteten, da seine humoristische Stimmung jederzeit nur die
gnstige Krise eines schmerzhaft bewegten und gedrckten Gemtes war. Wie dem
auch sein mag, die Direktion besoldete ihn eigentlich nur um dieser
auergewhnlichen Darstellungen willen, und lie ihn im brigen, weil er nicht
gezwungen werden konnte, gewhren.
    Die viere waren schon nach eilf Uhr auf dem Albaniturme angekommen. Auer
dem Trmer, seiner Frau und Kindern saen in dem Stbchen um die einzige Lampe
her noch einige junge Stadtmusiker, die nach althergebrachter Sitte um
Mitternacht ein Lied auf der Galerie abzublasen hatten. Die neuen Gste wurden
gar freundlich aufgenommen, zumal sie fr eine Kollation mit Wein gesorgt
hatten. Nach einem allgemeinen Gesprche fanden die Freunde durch einige
beilufige Fragen zu ihrer nicht geringen Verwunderung, da die Sage von einem
gespensterhaften Nachtwchter dem Aberglauben dieser Leute lngst nichts Fremdes
war, wiewohl sie die Versicherung, man habe heute einen Besuch der Art zu
erwarten, blo fr einen angelegten Spa der Herren nehmen wollten. Indessen kam
die Unterhaltung auf hnliche Mrchen und Geschichten, wahre Leckerbissen fr
Larkens, und selbst Nolten konnte sich seine Musterkarte phantastischer Stoffe
mit manchem neuen Zuge bereichern, wre er weniger stumpf gegen alles gewesen,
was seiner gegenwrtigen Laune keine Nahrung gab. Desto aufmerksamer waren die
brigen, die in solchen Erzhlungen gleichsam einen abenteuerlichen Widerschein
jener bunten Gaukelbilder des Maskensaals zu finden glaubten. Ein solches
Geschichtchen aus dem Munde eines jungen hbschen Burschen aus der Gesellschaft
war auch folgendes:
    In der Lohgasse, wenn sie den Herren bekannt ist, wo noch zwei Reihen der
urltesten Gebude unserer Stadt stehen, sieht man ein kleines Haus, schmal und
spitz und neuerdings ganz baufllig; es ist die Werkstatt eines Schlossers. Im
obersten Teile desselben soll aber ehmals ein junger Mann, nur allein, gewohnt
haben, dessen Lebensweise niemandem nher bekannt gewesen, der sich auch niemals
blicken lassen, auer jedesmal vor dem Ausbruche einer Feuersbrunst. Da sah man
ihn in einer scharlachroten, netzartigen Mtze, welche ihm gar wundersam zu
seinem todbleichen Gesichte stand, unruhig am kleinen Fenster auf und ab
schreiten, zum sichersten Vorzeichen, da das Unglck nahe bevorstehe. Eh noch
der erste Feuerlrm entstand, eh ein Mensch wute, da es wo brenne, kam er auf
seinem mageren Klepper unten aus dem Stalle hervorgesprengt und wie der Satan
davongejagt, unfehlbar nach dem Orte des Brandes hin, als htt er's im Geist
gefhlt. Nun geschah's -
    Ei, so la dein langweilig Geschwtz! fiel dem Erzhler ein Kamerade in
die Rede, und sing das Stckchen lieber in dem Liede, das du davon hast, laut't
ja viel besser so und hat gar eine schne schauerliche Weise. Sing, Christoph!
    Der Bursche sah die Gste verlegen an, und da sie ihm begierig zusprachen,
begann er alsbald mit einer klangreichen, kraftvollen Stimme:

Sehet ihr am Fensterlein
Dort die rote Mtze wieder?
Mu nicht ganz geheuer sein,
Denn er geht schon auf und nieder.
Und was fr ein toll Gewhle
Pltzlich, auf den Gassen schwillt -
Horch! das Jammerglcklein grillt:
Hinterm Berg, hinterm Berg
Brennt's in einer Mhle!

Schaut, da sprengt er, wtend schier,
Durch das Tor, der Feuerreiter
Auf dem rippendrren Tier,
Als auf einer Feuerleiter;
Durch den Qualm und durch die Schwle
Rennt er schon wie Windesbraut,
Aus der Stadt da ruft es laut:
Hinterm Berg, hinterm Berg
Brennt's in einer Mhle!

Keine Stunde hielt es an,
Bis die Mhle borst in Trmmer,
Und den wilden Reitersmann
Sah man von der Stunde nimmer;
Darauf stille das Gewhle
Kehret wiederum nach Haus,
Auch das Glcklein klinget aus:
Hinterm Berg, hinterm Berg
Brennt's! -

Nach der Zeit ein Mller fand
Ein Gerippe samt der Mtzen,
Ruhig an der Kellerwand
Auf der beinern' Mhre sitzen.
Feuerreiter, wie so khle
Reitest du in deinem Grab!
Husch! da fllt's in Asche ab -
Ruhe wohl, ruhe wohl,
Drunten in der Mhle!

Schon vor dem Schlusse des Gesanges ffnete sich die Tr und leise trat die
Gestalt des Nachtwchters herein. Er blieb unbeweglich an der Wand hingepflanzt
stehen, whrend der erschrockene Snger, im Begriffe abzubrechen, auf einen Wink
des Larkens mit der letzten Strophe fortfuhr, deren Eindruck durch die Gegenwart
dieses fremden Wesens entweder nur um so mehr erhht wurde oder ganz
verlorenging.
    Jetzt begrte der sonderbare Gast mit Wrde die Anwesenden, und wenn sich
auch anfangs einige Verlegenheit von seiten der Freunde bemerken lie, so war
doch bald eine ebenso natrliche als eigentmliche Unterhaltung eingeleitet. Man
sprach vom geheimnisvollen Reize des Wohnens auf Trmen, von dem frommen und
groen Sinn des Mittelalters, wie er sich in den Formen der Baukunst, der
heiligen besonders, offenbarte, und dergleichen mehr. Die Gegenwart des
Unbekannten, so sparsam bis jetzt seine Worte waren, bte dennoch den grten
Einflu auf die Bedeutung und die steigende Wrme des Gesprchs. Die hohl aus
der Maske tnende Sprache und der ruhige Ernst der durchblickenden, dunkel
feurigen Augen konnte sogar ein vorbergehendes Grauen erregen und einen
momentanen Glauben an etwas bermenschliches aufkommen lassen.
    Auf einmal erhob sich der Unbekannte, ffnete ein Fenster und sah in die
klare Winterluft hinaus, indem er sagte: Noch eine kurze Weile, so ist der Sand
verlaufen, hoch emporgehalten schwebe der Faden der Zeit. Kommt hieher und
fhlet, wie es schon frisch herberduftet aus der nahen Zukunft!
    Jetzt schlug das letzte Viertel vor zwlf Uhr. Die Zinkenisten schlichen mit
ihren Instrumenten auf die Galerie, und schon lieen sich von der entfernten
Paulskirche herber einige sanfte, fast klagende Tne vernehmen, die von unserer
Seite anfnglich in schwachen, dann in immer strkeren Akkorden erwidert wurden;
jene bezeichneten das scheidende, diese das erwachende Jahr, und beide
begegneten sich in einer Art von Wechselgesang, der am lebhaftesten wurde, als
endlich die Glocken von verschiedenen Seiten her die Stunde ausschlugen; die
diesseitige Partie ging in freudige Melodien ber, whrend es von drben immer
schmerzlicher und wehmtiger klang, bis mit dem fernsten Glckchen, das wie
silbern durch die reine Luft erzitterte, die traurigen Klarinetten den letzten
sterbenden Hauch versandten. Nun erfolgte eine Pause, und jetzt erst trat das
vorhandene Jahr im siegreichsten Triumphe hervor.
    Nachdem alles still geworden und die Gesellschaft wieder traulich um den
Tisch versammelt war, ergriff man das freundliche Anerbieten des idealistischen
Wchters, etwas aus seinem Tag- oder Nachtbuch vom vorigen Jahre mitzuteilen,
mit allgemeinem Beifalle. Er zog ein mit sonderbaren Charakteren geschriebenes
Heft hervor, welches unter regelmigen Daten, abgerissene Bemerkungen und
Gedanken zu enthalten schien, wie sie ihm auf seinen nchtlichen Wanderungen,
auf den Straen der Stdte und Drfer sich dargeboten haben mochten;
charakteristische Bilder aus den verschiedensten Verhltnissen und Zustnden der
Menschen. Wir bergehen den grten Teil seiner Vorlesung und fhren blo eine
Stelle an, die auf Nolten um so tiefern Eindruck machte, je vielsagender der
Blick war, womit Larkens ihn darauf aufmerksam zu machen suchte.

                                       *

                                     Nacht vom 7. auf den 8. Januar im Dorfe *.

- - Ich trete vor ein reinlich gebautes Haus; ich kenne es wohl; es wohnen
glckliche Menschen darin. In harmloser Stille blhet hier eine Braut, deren
Verlobter ferne lebt. Vergnne mir, du Haus des Friedens, einen Blick in deine
Gemcher. Mein Auge ist geheiligt wie das eines Priesters; hundert Jahre schon
belauscht es die Nchte der Knige dieses Landes und die Schlummersttten der
Armen im Volk, und meine Gebete erzhlen dem Himmel, was ich gesehen. Sieh da!
was zeigt mir mein magischer Spiegel? Es ist die Kammer des Mdchens. Wie ruhig
atmet die Schlafende dort! Ihr liebliches Haupt ist hinabgesunken nach der Seite
des Lagers. Der Mond schaut durch das kleine Fenster; mit einem Strahle berhrt
er eben das unschuldige Kinn der Schlferin. Eine Hyazinthe neigt ihre blauen
Glocken gegen das Kissen her und mischt ihren Duft in die Frhlingstrume der
Braut, indes der Winter diese Scheiben mit Eise beblmt. Wo mgen ihre Gedanken
jetzo sein? Auf diesem Teppiche sind seltsame Figuren eingewoben, hundert
segelnde Schiffe. Vielleicht auf diesen Bildern ruhte ihr sinnendes Auge noch
kurz, eh sie die Lampe lschte, nun trumt sie den Geliebten in die wilde See
hinaus verschlagen und ihre Stimme kann ihn nicht erreichen. O besser, da er in
die Tiefe des Meeres versnke, als da du ihn treulos fndest, gutes Kind! Aber
du lchelst ja auf einmal so selig, trumst ihn im Arme zu halten, seinen Ku zu
fhlen. Vielleicht in dem Augenblicke, da du mit seinem Schatten spielest, sucht
er wachend ein verbotenes Glck und treibt schndlichen Verrat mit deiner Liebe.
Aber immer noch seh ich dich freundlich; du arglose Seele, ach wohl, es ist auch
unerhrt und fast unglaublich; was sucht er denn, das er bei dir nicht fnde?
Schnheit und Jugendreiz? ich wei nicht, was die Sterblichen so nennen, aber
hier darf selbst der Himmel wohlgefllig ber seine Schpfung lcheln. Verstand
und Geist? O schlge sich dies Auge auf! aus seiner dunkelblauen Tiefe leuchtet
mit Kindesblick die Ahnung jedes hchsten Gedankens. Wie, oder Frmmigkeit? die
Frage klingt wie Spott auf ihn. Ihr bescheidnen Wnde zeuget, wie oft ihr sie
habt knieen sehn im brnstigen Gebet, wenn alles rundum schlief! - - Bist ernst
geworden, mein Tchterchen; wie seltsam wechselt dein Traum! Ach, nur zu bald
wirst du weinen. Gott helfe dir. Gute Nacht.

                                       *

Dies war die auffallende Stelle, die Nolten mit heimlichem Unmute gegen Larkens
anhrte, denn nun zweifelte er nicht mehr, da dieser das Ganze veranstaltet
hatte. Was noch weiter aus dem Hefte vorgetragen wurde, war ohne besondere
Beziehung, und der Vorleser hrte eben zur rechten Zeit auf, als die Ungeduld
Noltens am hchsten war. Der letztere konnte kaum erwarten, bis man
auseinanderging und er Gelegenheit fand, dem Larkens einige Worte zuzuflstern,
die ihm wenigstens andeuten sollten, wie wenig jener Wink am Platze gewesen.
Ich danke dir, sagte er mit beleidigtem Tone, indem sie die Treppen des Turmes
hinabstiegen, ich danke dir fr deine wohlgemeinte Zurechtweisung in einer
Sache, worin ich brigens fglich mein eigener Richter sein knnte. Ich habe
mich dir schon frher im allgemeinen darber erklrt, du scheinst mich aber
nicht verstanden zu haben. Verlang es, und ich will mich weitlufiger vor dir
rechtfertigen.
    Frs erste, antwortete der Freund halb lchelnd, berg ich dir meine
Freude darber keineswegs, da du meinen versteckten Ausfall auf dein Gewissen
nicht spahaft aufgenommen, so seltsam auch die Komdie war; aber es tte mir
auf der andern Seite ebenso leid, wenn du einen Popanz oder selbstgeflligen
Sittenrichter in mir erblicken wolltest. Niemand wrde sich mit weniger Recht
hiezu aufwerfen, als ich, der ich selber erst vor kurzem dem Teufel entlaufen
bin und drei Viertel meines Seelenheils an ihn verloren habe, aber ich schwr
ihm auch das letzte teure Restchen vollends zu, wenn ich daran lgen sollte, da
ein uneigenntzig Mitleid mit jenem liebenswrdigen Geschpfe, ja mit euch
beiden, mich zwinge alles aufzubieten, was deine unselige Entfremdung von dem
Mdchen hintertreiben kann.
    Gut, wir sprechen uns bald mehr darber, sagte Nolten, und wollte ihm
freundlich die Hand drcken, was jedoch Larkens nach seiner Art schnell abtat,
weil ihn der geringste Anschein von Sentiment zwischen Freunden immer verlegen
und rgerlich machte.
    Nachdem man die beiden auswrtigen Freunde bis zu ihrem Quartiere begleitet
und die nchste Zusammenkunft abgeredet hatte, gingen die andern, welche in
einem Hause und auf demselben Boden wohnten, ziemlich einsilbig ihre
gemeinschaftliche Strae.

Unser Maler fand zwischen den eigenen Wnden jene Wohltat ungestrter
Einsamkeit, nach welcher er sich vor wenigen Minuten so ungeduldig hingedrngt
hatte, keineswegs. Die Eindrcke dieser letzten Stunden waren zu mannigfaltig,
zu mchtig, zu entgegengesetzt, als da er hoffen konnte, sie zu ordnen, sich
ihrer mit Vernunft zu bemeistern. Er schickte den Bedienten, der ihn auskleiden
sollte, zu Bette, und sa eine Weile unschlssig, den Kopf in die Hand gesttzt,
den Blick auf die ruhige Flamme der vor ihm brennenden Kerze geheftet. Erst der
Anblick jenes unwillkommenen Briefs (er lag noch unerffnet auf dem Tische)
schien seinem Unmut, seinem Grame eine entschiedene Gestalt zu geben. Oh!
brach er aus, mu heute sich alles herzudrngen, mich zu peinigen? soll ich
nicht zu mir selbst kommen? Was kann sie wollen mit dem Briefe? mu sie nicht
fhlen, wir sind getrennt auf immer, mu sie's nicht? Ja, wenn dies wirklich der
Inhalt dieses Blattes wre! Knnt ich's nur ahnen aus den Zgen dieser
Aufschrift! Doch, die sind treu und gut, und blicken schmeichelhaft wie in den
glcklichen Tagen - Nein, nein, ich wag es nicht, dies Siegel zu erbrechen.
    Er stand pltzlich auf und suchte die Gesellschaft des Freundes. Zu seinem
Troste traf er ihn noch wach am Kamine sitzend und nicht minder geneigt, die
wenigen Stunden bis zum Tagesanbruch vollends in vertrautem Gesprche
zuzubringen. Recht, da du kommst! hie es, du triffst mich mit ernsthaften
Betrachtungen ber dich, beschftigt. Es wre gar schn von dir, wolltest du
mich jetzt ein wenig tiefer in deine Karten schauen lassen, denn nach dem, was
du heute gemunkelt, sollte man ja beinahe glauben, da deine Erkltung gegen
Agnes noch ihre absonderlichen Ursachen habe, wiewohl ich immer blo die
Symptome eines ganz ordinren Liebesfrosts an dir zu bemerken meinte, der sich
selten anders erklren lt, als im allgemeinen aus einem gewissen Defizit von
Wrme. In der Folge mag denn auch Grfin Constanze einigen Einflu gehabt haben;
was? oder htte sie wirklich schon alles wie mit Besemen gekehrt in deinem
Herzschrank angetroffen?
    La uns nicht leichtsinnig von einer ernsthaften Sache reden! versetzte
Nolten, nein, glaub es, Alter, mein Verhltnis zu Agnes fand den Grund seiner
Zerstrung nicht ebenda, wo ihn dein Scharfsinn mit soviel Zuversicht entdecken
will. Du httest mir die Ursache lngst abmerken knnen; eine ausfhrliche
Entwicklung der verhaften Geschichte war mir zu verdrielich, und zudem mag mich
eine dumme Scham abgehalten haben, ber die ich nicht gebieten konnte. Mich von
einem kindischen Geschpfe so genarrt, so gekrnkt zu wissen! mich selber so zu
narren, so zu tuschen! Hre nun; du weit, was mich an das Mdchen gefesselt
hatte, was ich alles in ihr suchte, tausendfach fand; aber dir ist nicht
bekannt, wie sehr mich meine Rechnung zuletzt betrog. Siehst du, wenn uerste
Reinheit der Gesinnung, wenn kindliche Bescheidenheit und eine unbegrenzte
Ergebung von jeher in meinen Augen fr die Summe desjenigen galt, was ich von
einem weiblichen Wesen verlangen msse, das ich immer sollte lieben knnen, so
ist der Eigensinn begreiflich und verzeihlich, womit sich mein Herz verschlo,
sobald jene Eigenschaften anfingen, sich im geringsten zu verleugnen; denn je
gemigter meine Ansprche in jedem andern Sinne waren, desto beharrlicher
durften sie sein in dieser einzigen Rcksicht, mit welcher nach meinem Gefhle
der schnste und bleibendste Reiz aller Weiblichkeit wegfllt.
    Ha ha ha! lachte der Freund, deine Forderungen sind bescheiden, und doch
auch impertinent gro von Weibern der jetzigen Welt!
    Oh, fuhr der andere fort, o Larkens! ja verlache mich, denn ich
verdien's! da ich der Tor sein konnte, zu glauben an die Unwandelbarkeit jener
ursprnglichen Einfalt, die mir unendlichen Ersatz fr jeden glnzenden Vorzug
der Erziehung gab! Wo blieb doch jener fromm gengsame Sinn, den auch die leise
Ahnung nie beschlich, da es auer dem Geliebten noch etwas Wnschenswertes
geben knne? jene ungefrbte Wahrheit, welche auch den kleinsten Rckhalt nicht
in sich duldet, jene Demut, die sich selbst Geheimnis ist? Das alles lag einst
in dem Mdchen! Wie heimlich und entzckt belauscht ich nicht zu tausend Malen
das reine Aderspiel ihres verborgensten Lebens! Durchsichtig wie Kristall schien
der ganze Umfang ihres Daseins vor mir aufgeschlossen und auch nicht ein
unebener Zug lie sich entdecken. Sprich! mute darum nicht der erste Schatten
weiblicher Falschheit mich auf ewig von ihr schrecken? Mein Paradies, gesteh
ich, Larkens! war vergiftet von diesem Augenblicke. Kann ich es ndern? kann sie
es ndern? Sie selbst mag zu entschuldigen sein, auch ich entschuldige sie, aber
die Bedeutung des Ganzen ist mir verloren, ist weg, unwiderbringlich. Und wenn
ihre Liebe, gttlich neugeboren, mir entgegenweinte, ich mte die Hnde sinken
lassen, sie fnde ihre alte Wohnung nicht mehr.
    Larkens schwieg einige Zeit nachdenklich. Aber, fing er nun an, was
verbrach denn das Mdchen eigentlich? wo streckte denn der Satan, der in sie
gefahren sein soll, zuerst sein Horn heraus? wo sind die Indizia?
    Meinst du, fuhr Nolten fort, es sei mir nicht schon fatal gewesen, da es
bereits vor einem Jahre bei meinem letzten Besuch in Neuburg sehr deutlich das
Ansehen hatte, als ob dem Nrrchen bange wrde um eine gengende Versorgung
durch mich? und wenn mir der Vater mit kritischem Gesichte zu verstehen gab, es
wolle nirgends recht fort mit meiner Kunst, mit meinem Erwerbe, er selber knne
uns nur wenig unter die Arme greifen, ich mge mich doch wohl bedenken, ob ich
mir eine Familie zu nhren getraue, und was des Geschwtzes mehr war, so nahm
das Tchterchen mich zwar zrtlich genug in eine Ecke, kte mir die Runzeln von
der Stirn, lchelte und verbarg doch nur mit Mh und Not ihre Sorgen, ihre
Trnen. Das lie ich denn so gehen und hielt's ihnen zugute. Aber bald nachher,
verflucht! die garstige Niedertrchtigkeit!
    Nun?
    Ein zierlicher Laffe kam ins Haus, Geometer, oder was er ist, ein
weitlufiger Vetter aus der benachbarten Stadt. Mir ward von freundschaftlicher
Hand ein Wink gegeben, da man sich in dem Burschen, nur auf gewisse Flle, ein
Schwiegershnchen reservieren wolle.
    Ist nicht mglich das! rief Larkens erschrocken aufspringend.
    Und ist gewi. Zwar Agnes wut anfangs nicht um den saubern Plan, man wollt
abwarten, ob ihr's Mulchen nicht selber berliefe, man steckte die Leutchen
recht geflissentlich zusammen, da dem Mdel zuletzt wirklich schwindlig ward
denn mein Rival trug ohne Zweifel eine brillante Vorstecknadel, wute treffliche
Dinge von Bllen und dergleichen zu erzhlen, wunderte sich recht mitleidig, da
Frulein Agnes an solchen Herrlichkeiten keinen Teil nehme, worauf denn das gute
Schfchen sich ebenfalls im stillen verwunderte, sich ganz tiefsinnig in die
neue prchtige Welt verguckte, von welcher sie auf ihrem stillen Waldhuschen
bisher das mindeste nicht geahnt. Mir entdeckten jedoch ihre sehr liebreichen,
wiewohl etwas sparsamen, Briefe nichts von diesen Visionen, die Wischchen waren
lieb und simpel und treuherzig, wie sonst auch, rochen weder nach eau de
Portugal noch de mille fleurs, sondern es war genau der alte echte Maiblumen-
und Erdbeernduft - aber den hllischen Gestank brachten mir die Briefe sehr
ehrenwerter Personen unter die Nase; dort ist von musikalischen und andern
Notturnis, von Rendezvous im Grtchen, kurz von allerliebsten Sachen die Rede,
die ich zuerst unglaublich und bis zur Desperation abscheulich, dann aber ganz
natrlich und zum Totlachen plausibel fand.
    Die Briefe, von wem denn?
    Sie sind - gleichviel.
    Das nun eben nicht, mein Bester!
    Nun ja, ich bin den Personen eine gewisse Diskretion schuldig.
    Nur ungefhr; mnnlich? weiblich? oho! nun rar ich den Pfeffer; die
Episteln hat der Neid diktiert.
    Unwrdiger Verdacht! Und ich hab auerdem Beweise, die - o la mich
schweigen, la mich vergessen! nur jetzt verschone mich, du siehst ja, wie
mich's martert!
    Aber was sagte Agnes zur Entschuldigung?
    Nichts, und ich macht ihr keinen Vorhalt.
    Alle Teufel! bist du verrckt? du stelltest sie nicht zur Rede?
    Mit keiner Silbe. Der Herr Papa, in Furcht, ich habe Wind erhalten von dem
Spa, kam mir mit Rechtfertigungen zuvor, vielleicht weil ihm der Reukauf
angekommen. Da versteigt er sich nun in den rhrendsten psychologischen
Subtilitten, als glte es eine Preisaufgabe, den Leichtsinn einer lppischen
Dirne wieder zu Ehren zu bringen. Er ruft sogar die Medizin zu Hlfe; es ist
wahr, das Mdchen war kurz vorher krank, aber was, zum Henker! hatten die Nerven
meiner Braut mit dem Geometer zu schaffen? Kurzum, ich wei nun, was ich von
allem zu glauben habe. Ich schrieb ihr, wie du weit, seit sechs Monaten nicht
mehr, und hoffte zuletzt, auch sie habe stillschweigend resigniert, allein der
Alte mag von Verbesserung meiner Umstnde gehrt haben: nun erhalt ich gestern
unerwartet einen Wisch durch Ferdinand - da!
    Larkens griff hastig nach dem Briefe, und zwar mit einer Bestrzung, die nur
in diesem Augenblicke dem Freunde entgehen konnte. Nolten drang ihm die Papiere
beinahe bittend auf, indem er wiederholt sagte: Behalt es, vergrab es bei dir,
bester einziger Larkens! und wenn es mglich ist, verschone mich mit seinem
Inhalt, antworte statt meiner, nicht wahr, du tust mir die Liebe? O wie mir nun
wieder leicht ist, seit ich des Quarks los bin! - Alter, komm, la Wein bringen!
Wollen uns einmal wieder lustig machen. Der Tag schlft noch fest. La diese
trbe Lampe mit unsern verdsterten Geistern sich im Karfunkel des Burgunders
spiegeln!
    In kurzem stand eine khle Flasche auf dem Tische. Man suchte einige
Lieblingsmaterien der Kunst auf und war bald im Feuer des Gesprchs. Mit der
Morgendmmerung trennte man sich, um noch eine kurze Ruhe nachzuholen.
    Noch eins! rief Theobald unter der Tr, wer war denn der Vermummte auf
dem Albaniturm?
    Frag mich jetzt nicht; es ist gleichgltig; du sollst's ein andermal
erfahren. Schlaf wohl.
    Nolten war auf seinem, vom Frhlichte bla erhellten Schlafzimmer
angekommen. Er will sich soeben aufs Bette werfen als ihm an dem spanischen
Hute, welchen er gestern auf dem Balle gebraucht, eine Zierde auffllt, die ihm
vllig fremd ist; die rote Blte einer Granate, der Natur tuschend nachgemacht.
Das Blut steigt ihm in die Wange, eine pltzliche Ahnung schiet ihm durch den
Kopf - von ihr! von ihr! o sicherlich von dir, Constanze! rief er aus. Die
Liebe deutet mir das rtselhafte Wort, das du vor wenig Tagen, halb Scherz, halb
Ernst, gegen mich hast fallenlassen. Die Blte der Granate - war's nicht so? Ja,
so war's! Und nun heute nacht - stutzte mein Auge nicht mehr als einmal an der
Blumen austeilenden Grtnerin und ihrem kleinen Diener? So ist sie's doch
gewesen! gewi, der Junge hat mir's angesteckt, wie ich verdrielich in jenem
Fenster sa. Sie mu ihm den Wink gegeben haben. So erkannte sie mich doch. Du
Engel! Engel! Und du, mein seliges Herz! ja hoffe nur und hoffe khn! das ist
ein teures, unschtzbares Merkzeichen. Mir beginnt ein neues Leben! Herauf, du
schlfriger Morgen! O warum strzt die Sonne sich nicht prchtig und entzckt
mit einemmal ber den schattenden Berg, da mich ein Wunder glcklich macht? Du
grauer Tag, wie blickst du seltsam in die glhende Bltterkrone dieses
geborstenen Kelchs! Lieber, grauer Tag, wahrsage mir nicht Schlimmes mit dieser
gelassenen Miene! und willst du neidisch sein, so wi es nur und rgre dich -
sie liebt mich! Mich! Ja, sie - mich!

Indessen hatte Larkens das ihm bergebene Briefchen Agnesens geffnet und
gelesen, es war ein einfacher Gru, wobei sie Theobalden aufs lebhafteste dankt
fr sein letztes Schreiben, welches jedoch, die Wahrheit zu sagen, von ganz
anderer Hand, und, wie so manche frhere Sendung, blo unterschoben war.
    Du bittest mich, sagte Larkens nach einer Pause gerhrten Nachdenkens vor
sich hin, du bittest mich, armer Freund, ich soll das Blttchen bei mir
vergraben, soll den Knoten zerhauen, soll deine ganze verleidete Sache ber Hals
und Kopf der Vergessenheit berliefern, und so alles mit einem Male gutmachen.
Ich will gutmachen, aber auf ganz andere Art als du denkst, und Gott sei Dank,
da mir nicht jetzt erst einfllt, diese Sorge auf mich zu nehmen. Wie preis ich
den Genius, der mir gleich anfangs das Mittel eingab, dem guten Kinde deinen
Wankelmut zu verbergen, ihm durch eine leichte Tuschung allen Schmerz, alle
Angst zu ersparen, und, wenigstens solange sich noch Heilung fr den
Verblendeten hoffen lt, das holde Geschpf im schnen Traum seiner Liebe zu
lassen. Aus einem Verhltnisse zu der Grfin kann offenbar nichts werden,
tausend Umstnde sind dagegen; Constanze selber, wie ich sie kenne, hat nicht
den entfernten Gedanken an so etwas, kann ihn gar nicht haben. Theobald wird
mssen seiner Leidenschaft entsagen lernen, ich seh alles voraus, es wird tief
bei ihm einschneiden - schad't nichts, das soll mir ihn zu sich selbst bringen,
soll mir ihn weich machen fr Agnes; er wird dem Himmel danken, wenn ihm das
weggeworfene Kleinod erhalten blieb. Fr jetzt wr's Unsinn, ihm die Grfin
gewaltsam vom Herzen reien zu wollen; ich hoffe, es ist nur ein bergang, und
ich mt ihn schlecht kennen, oder es kann ihm in die Lnge selbst nicht
schmecken. Auf jeden Fall lt er mich ja an allem teilnehmen, was etwa mit ihm
und Constanzen vorgeht, und Larkens ist bei der Hand, wenn Feuer im Dach
auskommen sollte; berdies will ich meinen Leuten so genau aufpassen, da mir
nichts in die Quere laufen soll. Das erste ist nun, ich mu wissen, was an dem
Mrchen mit Agnes ist; gewi irgendeine verleumderische Teufelei, und mein
vortrefflichster Nolten hat in der blinden Hitze einmal wieder
danebengeschossen; ich lasse mich rdern, das ist's. - Hm! freilich, htt ich
nur ein einzig Mal das Mdel mit diesen meinen Augen gesehen! aber so, was brgt
mir fr sie? Man hat Beispiele, da so ein Engelchen auch einmal einen
schlechten Streich macht, oder, was bei ihnen geradesoviel ist, einen dummen.
Nein, zum Henker, ich kann's wieder nicht denken! Sind mir ihre Briefe nicht
Zeugnis genug? So schreibt doch wahrlich keine Galgenfeder! Und gesetzt, sie
htt einmal ein paar Tage einen Wurm im Kopf gehabt und ein bissel nebenaus
geschielt, etwas Gift mag so was immer ansetzen beim Liebhaber, doch im ganzen
was tut's? Ein verdammter Egoismus, da wir Mnner uns alles lieber verzeihen,
als so einem lieben Nrrchen; eben als htten wir allein das Privilegium, uns
zuweilen vom Leibhaftigen den Pelz ein wenig streicheln zu lassen, ohne ihn just
zu verbrennen. Wetter! diese frommen Hexchen haben so gut Fleisch und Blut wie
unsereiner, und der nchste Blick auf die Person des Alleinzigen wirft den
Hundertstels-Gedanken von Untreue und das gewagteste Luftschlo wieder bern
Haufen; dann gibt es nichts pikanter Wollstiges fr so eine se Krabbe, als
die Trnchen, womit sie gleich drauf die Verirrung ihrer Phantasie am brtigen
Halse des Liebsten unter tausend Kssen stillschweigend abbet. Aber auch nicht
einmal dieser leichten Seitensprnge halt ich Agnesen fhig; wenigstens wr mir
leid um das goldreine Christengelsbild, das ich mir so nach und nach von dem
Mdchen konstruierte. Mord und Tod! da man doch gar, gar nichts in der Welt
soll denken knnen, wobei einem der alte Verderber nicht wieder ein Eselsohr
drehte! Ich mcht mich in Stcke reien vor Wut! nicht um meinetwillen - fr
mich ist nichts mehr zu verlieren: nein, nur um Noltens willen, der so ehrlich,
gut knabenartig sein Ideal in einer Dorflaube salviert glaubte und nun eben auch
in faule pfel beien soll. So geht's - ei, und am Ende haben wir's all nicht
besser verdient. Aber la sehen, es fragt sich ja immer noch - Verflucht! was
doch das Mitrauen ansteckt! Stand nicht bis den Augenblick mein Glaube an das
Mdchen fest wie ein Fels? und, sachte beim Licht besehn, steht er noch wie vor.
So la mich denn meine Maschinen getrost fortspielen! meine Maskenkorrespondenz
mit dem Liebchen mag dauern solang sich's tut. Bin ich durch diese sechs Monat
lange bung im Stil der Liebe, im Ausdruck und individueller Gedankenweise nicht
so ganz und gar zum andern Nolten geworden, da ich fast frchten mu, das
Mdchen, wenn heut oder morgen der Spuk an Tag kme, knnte sich in mich
verlieben? was denn ceteris paribus auch so bel nicht wre. Doch, soviel ist
gewi, ich glaube fr hundert galante Schurkereien, wozu ich ehedem meine
gewandte Handschrift mibrauchte, mir hinlngliche Absolution dadurch erworben
zu haben, da ich die Kunst, ehrlichen Leuten ihre Zge abzustehlen, endlich
einmal fr einen guten Zweck ntze. Du liebes betrogenes Kind! und hast du denn
niemals beim innigen vertieften Anschaun meiner Lgenschrift etwas Unheimliches
versprt, wenn du das Blatt mit dankbarem Entzcken an deine Lippen drcktest?
hat nicht der Engel deiner Liebe dir zugeflstert: halt, eine fremde Hand
schiebt der des Geliebten sich unter? Nein doch! dein Schutzengel wird sich ja
eher mit mir verschwren, als da er dich mit der unzeitigen Wahrheit betrben
sollte, die dir zugleich den Geliebten raubt! Immerhin also la mich gewhren.
Und hat es mir zeither an Vorwnden nicht gefehlt, dich ber das immer
verschobene Wiedersehn deines Theobalds und die langentbehrte Umarmung zu
trsten, so wird es mir, denk ich, noch gelingen, dir ihn bald als einen vllig
Neuen entgegenzufhren, und du wirst nicht einmal wissen, da es ein
strafwrdiger, aber bekehrter Flchtling ist, der zu deinen Fen weint.
    Dies war so ziemlich das bald leise, bald laute Selbstgesprch Larkens'.
Indem wir es wiederzugeben suchten, weihten wir den Leser in das Geheimnis ein,
das ihm gegenwrtig vor allem am Herzen lag. Es versteht sich von selbst, da er
gleich beim Beginn seines wunderlichen Briefwechsels mit Agnes alle Vorsicht
gebrauchte und jene namentlich unter irgendeinem Vorwand aufforderte, ihre
Briefe immer unter der Larkensschen Adresse laufen zu lassen. Dies geschah
indessen auch pflichtlich, nur das letzte Billett machte eine Ausnahme, weil
Agnes die Gelegenheit durch die Freunde ohne Umschweif ntzen zu knnen meinte,
und so war das Papier wirklich zu anfangs nicht geringem Schrecken des
heimlichen Korrespondenten in die Hnde desjenigen gelangt, fr den es am
wenigsten gehrte, und dem sein Inhalt das ganze hbsche Gewebe htte verraten
mssen. Eine geschrfte Instruktion fr die Briefstellerin war die einzige Folge
dieser glcklich abgeleiteten Gefahr, aber einen weit wichtigern Grund,
ungesumt an Agnes, sowie auch an den Frster, zu schreiben, fand Larkens in der
Ungewiheit ber die bewute Ehrensache. Er setzte sich noch in dieser Stunde
nieder, doch mit dem Vorsatze, seine Sorge nur so gelinde als mglich reden zu
lassen, und seine Erkundigungen ganz im Allgemeinen zu halten, damit nicht etwa
ein Versto gegen frhere Verhandlungen, die ihm unbekannt waren, zum Vorschein
komme.

Um aber die Stellung Noltens gegen die Braut ganz anschaulich zu machen, mssen
wir in der Zeit etwas zurckschreiten und Folgendes erzhlen.
    Das Verhltnis der Verlobten stand in der wnschenswertesten Blte, als
Agnes durch eine heftige Nervenkrankheit dem Tode nahe gebracht war. Der
kritische Zeitpunkt ging indessen gegen Erwartung glcklich vorber, und mehrere
Wochen verstrichen, ohne da es mit der allmhlichen Genesung des Mdchens
irgendeinen auffallenden Ansto gegeben htte. Jetzt aber konnte es dem Vater,
und wer ihn sonst besuchen mochte, nimmer entgehen, da mit der Tochter eine
Vernderung, und zwar eine sehr bedeutende, vorgegangen sei. Offenbar war sie
tief am Gemte angegriffen, auch krperlich bemerkte man die sonderbarste
Reizbarkeit an ihr, im ganzen war sie sanft, meist niedergeschlagen, zuweilen
ungewhnlich heiter und gegen ihr sonstiges Wesen zu allerlei Possen geneigt.
Oft machte sie ihrem Herzen durch heftige Trnen Luft, brach in Klagen aus um
den entfernten Geliebten, den sie mit Sehnsucht zu sich wnschte. Zugleich
uerte sie eine leidenschaftliche Liebe zur Musik, verlangte nichts so sehr als
irgendein Instrument spielen zu knnen, und setzte jedesmal hinzu, sie wnsche
dies nur um Noltens willen, damit er knftig doch wenigstens ein Vergngen von
ihr haben mge. Ich bin ein gar zu burisches einfltiges Geschpf, und solch
ein Mann! O werden wir denn auch jemals freinander taugen? Und wollte man sie
nun beruhigen, setzte der Vater den schlichten treuen Sinn des Brutigams recht
falich auseinander, so konnte sie nur um desto heftiger ausrufen: Das ist eben
der Jammer, da er sich selber so betrgt! ihr alle betrgt euch, und ich mich
selbst in mancher trichten Viertelstunde. Meint ihr denn, wie er im vorigen
Herbste da war, ich htte nicht gemerkt, da er oft Langeweile bei mir hatte,
da ihn etwas beengte, stocken machte? Seht, wenn er bei mir sa, mir seine Hand
hinhielt und ich verstummte, nichts in der Welt begehrte, als ihm nur immer in
die Augen zu sehn, dann lchelt' er wohl - ach, und wie lieb, wie treulich!
nein, das macht ihm kein anderer nach! Und hab ich dann nicht oft mitten in der
hellen Freude, bestrzt mich weggewandt und das Gesicht mit beiden Hnden
zugedeckt, geweint und ihm verhehlt, was eben an mich kam? - ach, denn ich
frchtete, er knnte mir im stillen rechtgeben, ich wollt ihm nicht selber
draufhelfen, wie ungleich wir uns seien, wie bel er im Grunde mit mir beraten
sei. So fuhr sie eine Zeitlang fort und endete zuletzt mit bittern Trnen; dann
konnte es geschehn, da sie sich schnell zusammennahm, gleichsam gegen den Strom
ihres Gefhls zu schwimmen strebte, und mit dem Ton des liebenswrdigsten
Stolzes fing das schne Kind nun an, sich zu rechtfertigen, sich zu vergleichen;
die blasse Wange frbte sich ein wenig, ihr Auge leuchtete, es war der
rhrendste Streit von leidender Demut und edlem Selbstbewutsein.
    Diese sonderbare Unzufriedenheit, ja dies Verzweifeln an allem eigenen Werte
fiel desto strker auf, da Theobald in der Tat nicht die geringste Ursache zu
dergleichen gegeben, man auch frher kaum die Spur von einer solchen
ngstlichkeit an ihr entdeckte. Jetzt ward es freilich aus manchen ihrer
uerungen klar, da sie schon in gesunden Tagen diese Sorge heimlich genhrt
und wieder unterdrckt hatte, da ein krankes Gefhl, das von jenem Nervenbel
bei ihr zurckgeblieben war, sich mit Gewalt auf den verletzbarsten Teil des
zarten Gemtes geworfen haben msse.
    Damit wir jedoch sogleich ber das Ganze ein hinreichendes Licht verbreiten,
sind wir die Erzhlung einer Tatsache schuldig, welche jenen Symptomen von
Schwermut vorausging, und wodurch das, was vielleicht nur vorbergehende Grille
war eine weit schwierigere Gestalt annahm.
    Zwei Wochen, nachdem Agnes vom Krankenlager freigesprochen war, hatte sie
vom Arzte die Erlaubnis erhalten, zum erstenmal wieder die freie Luft zu kosten.
Es war an jenem Tage eben ein weitluftiger Verwandter, dessen eigentliche
Bekanntschaft man jetzt erst machte, im Hause gegenwrtig; der junge Mann war
seit kurzem in der benachbarten Stadt bei der Landesvermessung angestellt und
bei dem Frster ein um so willkommnerer Gast, als er neben einem angenehmen
uern manches schne gesellige Talent bewies. Man speiste frhlich zu Mittag
und Agnes durfte den Vetter Otto nach Tisch beim wrmsten Sonnenschein eine
Strecke gegen die Stadt hin begleiten. Das Mdchen, wie neugeboren unterm
offenen Himmel, geno ganz das erhebende Vergngen neugeschenkter Gesundheit,
das sich mit nichts vergleichen lt, sie sprach wenig, eine stille, gegen Gott
gewendete Freude schien ihr den Mund zu verschlieen und ihren Fu im leichten
Gang vom Boden aufzuheben; ihr war, als sei ihr Inneres nur Licht und Sonne; ein
deutliches Gefhl von krperlicher Kraft schien sich mit einem kleinen Rest von
Schwche angenehm bei ihr zu mischen; sie kehrte frher um und nahm Abschied von
Otto, damit sie vllig ungestrt sich dem berflusse des Entzckens und des
Dankes hingeben knne.
    Ihr Weg fhrte sie durch ein Birkenwldchen, bei dessen letzten Bschen sie
eine Zigeunerin allein am Rasen sitzen fand eine Person von ansprechendem und
trotz ihres gesetzten Alters noch immer von jungfrulichem Aussehen. Man grt
sich, Agnes geht weiter, und hat kaum fnfzehn Schritte zurckgelegt, als sie
bereuet, die Unbekannte nicht angeredet zu haben, deren ganzes Wesen und
freundlich bedeutender Blick doch sogleich den grten Eindruck auf sie gemacht
hatte. Sie besinnt sich, sie lenkt um und eine Unterredung wird angeknpft. Nach
einer Weile, whrend der man gleichgltige Dinge gesprochen, pflckt das braune
Mdchen gleichsam spielend einige Grser, knpft sie in eine regelmige Figur
zusammen, lst sodann kopfschttelnd den einen oder andern Knoten wieder auf und
sagt: Setzt Euch zu mir. - Der Herr, dem Ihr da vorhin ausgefolgt, ist Euer
Schatz zwar nicht, doch denkt an mich, er wird es werden.
    Agnes, obgleich etwas betreten, scherzt anfangs ber eine so unglaubliche
Prophezeiung, verwickelt sich aber immer angelegentlicher und hastiger ins
Gesprch, und da die uerungen und Fragen der Fremden eine ganz unbegreifliche
Bekanntschaft mit den eigentlichen Verhltnissen der Braut vorauszusetzen
scheinen, so kommt sie den Worten der Zigeunerin unvermerkt entgegen. Das
gutmtige Benehmen derselben entfernt zugleich fast jedes Mitrauen bei Agnesen.
Wie schmerzhaft aber und wie unvermutet wird ihr geheimstes Herz mit einem Male
aufgedeckt, da sie aus jenem ahnungsvollen Munde unter andern die Worte
vernimmt: Was Euern jetzigen Verlobten anbelangt, so wr es grausam Unrecht,
Euch zu verbergen, da ihr auch allerdings nicht geboren seid freinander. Seht
hier die schiefe Linie! das ist verwnscht; stimmt doch das Ganze sonst gar
hbsch zusammen! Aber die Geister necken sich und machen Krieg mit den Herzen,
die freilich jetzt noch fest zusammenhalten. Ei nrrisch, nrrisch! mir kam so
was noch wenig vor.
    Agnes fand Sinn in diesen dunkeln Reden, denn sie erklrten ihr nur ihre
eigene Furcht. Wie? sagte sie leise und starrte lange denkend in den Scho,
so ist's - so ist's! ja Ihr habt recht.
    Nicht ich, mein Tchterchen, nur Stern und Gras behalten recht. Vergib, da
ich die Wahrheit sagte, aber Wermut kann auch Arznei sein, und sei versichert,
Zeit bringt Rosen.
    Hier stand die Fremde auf. Agnes, im Innern wie gelhmt und an den Gliedern
wie gebunden, vermochte kaum sich zu erheben, sie hatte nicht den Mut, die Augen
aufzuschlagen, es war ihr leid, da sie verriet, wie sehr sie sich getroffen
fhlte. Und doch, indem sie aufs neue in das Gesicht der Unbekannten sah,
glaubte sie etwas unbeschreiblich Hohes, Vertrauenerweckendes, ja
Lngstbekanntes zu entdecken, in dessen seelenvollem Anblicke der Geist sich von
der Last des gegenwrtigen Schmerzens befreie, ja selbst die Angst der Zukunft
berwinde.
    Beht dich Gott, mein Tubchen! und hab immerhin guten Mut. Lt dich die
Liebe mit einer Hand los, so fat sie dich gleich wieder mit der andern. Und
stoe nur dein neues Glck nicht eigensinnig von dir; es ist gefhrlich, dem
Gestirn Trotz bieten. Nun noch das letzte: bevor ein Jahr um ist, wirst du
niemand verraten, was ich dir gesagt; es mchte schlimm ausfallen, hrst du
wohl?
    Dies letztere hatte die Zigeunerin mit besonderem Nachdrucke gesprochen.
Aufs uerste ergriffen dankte das Mdchen beim Abschiede und reichte der
Fremden ein feines Tuch zum Angedenken hin.
    Agnes war allein und vermochte kaum sich selber wiederzuerkennen; sie
glaubte einer fremden, entsetzlichen Macht anzugehren, sie hatte etwas
erfahren, was sie nicht wissen sollte, sie hatte eine Frucht gekostet, die
unreif von dem Baume des Schicksals abgerissen, nur Unheil und Verzweiflung
bringen msse. Ihr Busen stritt mit hundertfltigen Entschlssen und ihre
Phantasie stand im Begriffe, den Rand zu bersteigen. Sie htte sterben mgen,
oder sollte Gott ihrer Neugierde verzeihen und schnell das frchterliche
Bewutsein jener Worte von ihr nehmen, die sich wie Feuer immer tiefer in ihre
Seele gruben, und deren Wahrheit sie nicht umstoen konnte.
    Erschpft kam sie nach Hause und legte sich sogleich mit einem starken
Froste; der Alte befrchtete einen Rckfall in das krzlich erst besiegte bel,
allein vom wahren Grunde ihres Zustandes kam keine Silbe ber ihre Lippen. Sie
lie sich ltere und neuere Briefe Theobalds aufs Bette bringen, aber statt des
gehofften Trostes fand sie beinahe das Gegenteil; das liebevollste Wort, die
zrtlichsten Versicherungen, schon gleichsam angeweht vom vergiftenden Hauche
der Zukunft, betrachtete sie mit Wehmut, wie man getrocknete Blumen betrachtet,
die wir als Zeichen vergangener schner Augenblicke aufbewahrten: ihr Wohlgeruch
ist weg und bald wird jede Farbenspur daran verbleichen.
    Dergleichen traurige Ahnungen erfllten sie mit desto ungeduldigerem
Schmerz, je mehr sie Theobalden noch in dem vollen Irrtum seiner Liebe befangen
denken mute - in einem Irrtum, den sie nicht lnger mit ihm teilen durfte noch
wollte, der ihr abscheulich und beneidenswert zugleich vorkam.
    Jener Fieberanfall ging indes vorber und auer einer gewissen berspannung
hielt man das Mdchen fr gesund. Die Ungewiheit ihres Schicksals beschftigte
sie Tag und Nacht. Suchte sie auch einen Augenblick jene drohenden Aussprche
mit ruhigem Verstande zu bestreiten, schalt sie sich aberglubisch, tricht,
schwach, sie fand doch immer zwanzig Grnde gegen einen, und selbst im Fall die
unerhrteste Tuschung des Weibes mit im Spiele war, so schien dieser seltsame
Zufall ihr wenigstens eine frher gefhlte Wahrheit aufs wunderbarste zu
besttigen. Denn freilich hatte sie bei dem Gesprch im Walde nicht bemerkt,
wieviel ihr die Zigeunerin, nachdem das erste aufs Ungefhr keck hingeworfene
Wort einmal gezndet, mit leisem Tasten abzulauschen wute, noch weniger lie
sie sich trumen, da ebendiese Person auf sehr natrlichem Wege von der ueren
Lage der Dinge im allgemeinen unterrichtet, mit Theobald nicht unbekannt, und,
wie sich spterhin entdecken wird, berhaupt gar sehr bei der Sache interessiert
war. Was aber immer die geheime Absicht dabei sein mochte, genug, das arme Kind
war schon geneigt, einen hheren Wink in jenem Auftritte zu erblicken.
    Indessen, es gehen zuweilen Vernderungen in unserer Seele vor, von welchen
wir uns eigentlich keine Rechenschaft geben und denen wir nicht widerstehen
knnen, wir machen den Obergang vom Wachen zum Schlaf ohne Bewutsein und sind
nachher ihn zu bezeichnen nicht imstande: so ward in Agnes nach und nach die
berzeugung von der Unvereinbarkeit ihres Schicksals und Noltens befestigt, ohne
da sie genau wute wann und wodurch dieser Gedanke eine unwiderstehliche Gewalt
bei ihr gewonnen. Ihre Grundempfindung war Mitleid mit einem geliebten und
verehrten Manne, hinter dessen Geist sie sich weit zurckstellte, den sie durch
ihre Hand nur unglcklich zu machen frchtete, weil es in der Folge doch auch
ihm selbst nicht mehr verborgen bleiben knne, wie wenig sie ihm als Gattin
genge. Allein wenn dies Gefhl, das unstreitig aus dem reinsten Grunde
uneigenntziger Liebe hervorging das gute Geschpf allmhlich einer frommen und
in sich selber trostvollen Resignation entgegendrngte, so wurde der Entschlu
freiwilliger Trennung auf der andern Seite wieder durch eine Idee verkmmert,
welche sich sehr natrlich aufdrang: ein knftiges Miverhltnis war ja nur in
dem Falle gedenkbar, wenn Nolten berhaupt seine ursprngliche Gesinnung
verleugnete, wenn er dem ersten reinen Zuge seines Herzens untreu wrde; und so
betrachtete sich nun Agnes schon zum voraus aufs tiefste gekrnkt von dem
Verlobten, sie war versucht, ihm dasjenige bereits als Schuld anzurechnen, wovon
er selbst noch keine Ahnung hatte, was aber unvermeidlich kommen msse. So
sonderbar es klingen mag, so ist es doch gewi, es traten Augenblicke ein, wo
ihre Empfindung gegen Theobald nicht fern von Widerwillen, ja von Abscheu war,
allein dergleichen feindliche Regungen widerstrebten dergestalt ihrer innersten
Natur, sie selbst kam sich dabei als ein so hassenswrdiges, entstelltes Wesen
vor, da sie mit Absicht alles und jedes vorkehrte, was den Brutigam, auch im
uersten Falle, rechtfertigen knnte. Es kam eine tdliche Angst ber sie, wenn
ihr zuweilen die Mglichkeit erschien, da sie von dem, der ihr noch jngst das
Teuerste der Welt gewesen, jemals geringer denken oder da er ihr gar sollte
gleichgltig werden knnen, es war ihr, wenn es dahin kommen sollte, als
zerstre sie ihr eigen Selbst, als sei die innerste Wurzel ihres Lebens
angegriffen, als mte sie jedem schnen Glauben, allem, was wrdig, hoch und
heilig sei, fr immerdar entsagen. Sie nahm in dieser uersten Not ihre
Zuflucht zum Gebet, und flehte mit Inbrunst, Gott mge die Liebe zu Nolten stets
frisch bei ihr erhalten, er mge ihr nur helfen, alles, was leidenschaftlich an
dieser Neigung sei, aus ihrem Herzen wegzuscheiden.
    Bemerkenswert ist es, da das treffliche Mdchen, von einem richtigen Takte
geleitet, sich mitunter alle Gewalt antat, ganz unabhngig von jener
verdchtigen Prophetenstimme zu denken und zu handeln, so wie sie sich auch
leicht beredete, die Verzichtleistung auf den Verlobten sei in Betracht der
ersten Grnde doch immer aus ihr selbst hervorgegangen. Vielleicht sie
unterschied hierin nicht scharf genug, und jene dunkle Stimme behielt auf
Agnesens Tun und Lassen den mchtigsten Einflu; nur verscheuchte sie jede
Erinnerung an den verhaten Fingerzeig des Weibes, der so entschieden auf ein
neues Bndnis hindeutete; nicht ohne heimliches Schaudern konnte sie in diesem
Sinne an den Vetter denken, ja sie vermied seinen Anblick eine Zeitlang
geflissentlich, nur um dieser unertrglichen Vorstellung loszuwerden.
    Wie sehr das Mdchen unter solchen Umstnden litt, von wieviel Seiten ihr
Gemt im stillen zerrissen und gepeinigt war, lt sich wohl besser fhlen als
beschreiben. Unglaublich erscheint bei diesem allen der Wechsel ihrer Stimmung;
denn whrend sie jede Hoffnung auf Theobald verbannte und in den nchternsten
Stunden sogar die Fhigkeit bei sich entdeckte, ihn seinem bessern Schicksale
freizugeben, fehlte es mitunter nicht an Augenblicken, wo alle jene dstern
Bilder gleich Gespenstern vor der aufgehenden Sonne zurckflohen, wo ihre Liebe
mit einemmal wieder indem heitersten Lichte vor ihr stand und eine Vereinigung
mit Nolten ihr, allen Orakeln der Welt zum Trotze, notwendiger, natrlicher,
harmloser deuchte, als jemals. Mit Entzcken ergriff sie dann eilig die Feder,
dem teuren Freund ein liebevolles Wort zu senden, und sich im Schreiben
gleichsam selbst des berglcklichen Bewutseins zu versichern, da sie und
Nolten ewig unzertrennlich seien.
    In solchen Stimmungen mochte sie auch Ottos Gegenwart nicht ungern leiden,
sie behandelte ihn noch immer mit einiger Zurckhaltung und hatte auch diese
schon halb berwunden; nur als der Vater gelegentlich dem Vetter, der die
Mandoline fertig spielte, den Vorschlag machte, das Bschen in die Lehre zu
nehmen, ward sie einigermaen verlegen und zauderte, wiewohl sie den Wunsch
frher selbst geuert hatte und noch jetzt in gewisser Hinsicht Lust dazu
empfand. Auf das freundlichste Zureden Ottos entschlo sie sich wirklich, und
sogleich wurde die Probe gemacht, die denn auch ganz munter vonstatten ging;
Agnes bewies den grten Eifer, denn es galt, den Geliebten spter mit diesem
neuen Talent zu berraschen, und das kleine Geheimnis machte sie glckselig.
    Aber dergleichen lichte Zwischenrume waren vorbergehend jene schwermtigen
Zweifel kehrten nur um desto angstvoller zurck, und ein solcher alle Kraft der
Seele anspannender Wechsel diente nur, eine Epoche vorzubereiten, worin die
geistige Natur der Armen unter der Last einer schrecklichen Einbildung und eines
unseligen Geheimnisses unterlag.
    Noch immer beobachtete Agnes das tiefste Stillschweigen ber die Begebenheit
im Walde, blo im allgemeinen gab sich ihr Gram in lauten Klagen zu erkennen,
wovon wir gleich anfangs ein Beispiel gegeben.
    Die musikalischen Lektionen wurden ausgesetzt und fingen wieder an, weil es
der Vater verlangte, der in solchen Unterhaltungen eine willkommene Zerstreuung
fr seine Tochter sah. Diese zeigte nunmehr eine sonderbare stille
Gleichgltigkeit, lie mit sich anfangen, was man wollte, oder ging ihr lebloses
trumerisches Wesen sprungweise in jene zweideutige Munterkeit ber, wovon wir
oben gesprochen. Der Alte sah es gern, wenn sie mit Otto sich lustig machte, nur
stutzte er oft ber die Ausgelassenheit, ja Keckheit seines Mdchens, wenn es
nach beendigter Lektion an ein Spaen, Lachen und Necken zwischen den jungen
Leuten ging, wenn die Schlerin dem Lehrmeister blitzschnell in die Locken fuhr
und auch wohl einen lebhaften Ku auf die Stirne drckte, so da Freund Otto
selbst etwas verlegen ward und mit all seiner sonstigen Gewandtheit sich zum
erstenmal ein wenig linkisch der reizenden Kusine gegenber ausnahm. Bist doch
mein lieber Vetter, lachte sie dann was zierst du dich so nrrisch? Aber
frwahr, ich wollte, wir wren Brautleute! mit dir knnt ich leben, du bist ganz
darnach gemacht, da man dich nicht zuviel und nicht zuwenig lieben kann!
    Diese und hnliche Reden, so arglos sie auch hingeworfen waren, klangen dem
Alten bedenklich, und vollends finden wir sein Erstaunen gerecht, als er einmal
beim Weggehen Ottos, welcher Agnesen wie sonst auf der Schwelle die Hand gab,
eine Trne in ihrem klaren Auge bemerkte. Was soll doch das, mein Kind? fragte
der Vater, nachdem sie allein waren, betroffen. Nichts, erwiderte sie mit
einigem Errten und drehte sich zur Seite; sein Anblick rhrt mich oft, er
gefllt mir nun einmal. Dann ging sie sorglos, wie es schien, und singend in
der Stube auf und nieder.
    Vorbergehende Auftritte der Art brachten den Frster auf mancherlei
Gedanken, und es ist zu begreifen, wenn er es endlich mehr als wahrscheinlich
fand, da hinter diesem unnatrlichen Zustande eine aufkeimende Leidenschaft fr
Otto sich verstecke, die er nur einer krankhafter Reizbarkeit des Mdchens
schuld geben konnte. Der Zeit nach, worein die ersten Besuche des Vetters und
jene ersten grillenhaften uerungen Agnesens fielen, widersprach jener
Vermutung nichts. Der Leser aber kann ber den wahren Zusammenhang des
wunderlichen Gewebes wohl nimmer im Zweifel sein.
    Der Verstand des guten Wesens hatte das Gleichgewicht verloren, und der
traurige Ri war kaum geschehen, als die Schatten des Aberglaubens mit
verstrkter Wut aus ihrem Hinterhalte brachen, um sich der wehrlosen Seele
vllig zu bemchtigen. Jene Idee von Otto fixierte sich gleichsam knstlich im
Gemte der Armen, und die eingebildete Notwendigkeit fing an, den Widerwillen
gegen ihn zu berbieten.
    Die Art jedoch, wie sich Agnes uerlich betrug, lie in der Tat nicht auf
eine so bedeutende Strung ihres Innern schlieen, und der Vater glaubte nicht
an eigentlichen Wahnsinn. Der sonderbare Hang zur Lustigkeit verlor sich ganz
und machte einer gesetzten Ruhe, einem liebenswrdigen Gleichmute Platz, der dem
Gesprche sowie dem ordentlichen Gange der huslichen Geschfte gleich gnstig
war, man bemerkte nichts Verkehrtes in ihrem Tun und Reden, nichts
Schwrmerisches in Miene und Gebrde; aber an Theobald wollte sie nicht erinnert
sein, selbst Ottos Namen berhrte sie kaum, solange er abwesend war, nur wenn er
kam, sah man sie ihre ganze Aufmerksamkeit, alle Anmut und Freundlichkeit an ihn
verschwenden.
    Wenn nun der Alte, durch ein so unerhrtes Benehmen zur Verzweiflung
gebracht, sie zur Rede stellte, sie bald mit Sanftmut, bald mit drohenden
Vorwrfen an ihre Pflicht, an ihr Gewissen mahnte, so zeigte sie entweder eine
stumme Gelassenheit, oder sie lief weinend aus dem Zimmer und schlo sich ein.
    Der Vater hatte indessen auf die Entfernung des jungen Menschen gedacht und
ihm bereits einige leise Winke gegeben, die aber bis jetzt ganz ohne Wirkung
blieben; er war in der peinlichsten Not, zumal er Ursache hatte, zu befrchten,
da die Reize des Mdchens auch nicht ohne Eindruck auf Otto geblieben sein
mchten. Und wirklich, wie erstaunte nicht der gute Mann, als er eines Tages dem
Vetter unter vier Augen seine Bitte so schonend als mglich vortrug, und dieser
mit dem unumwundenen Gestndnisse hervortrat: er sei von der Neigung Agnesens
fr ihn vollkommen berzeugt und nichts halte ihn ab, sie offen zu erwidern,
wenn er vom Vater die Zustimmung erhalten wrde, die er ohnehin in diesen Tagen
zu erbitten entschlossen gewesen sei; es komme nun freilich auf ihn an, ob er
dem innigsten Wunsche seiner Tochter Gehr schenken oder auf Kosten ihrer Ruhe
und ihrer Gesundheit eine Verbindung erzwingen wolle, welche man, alle Vorzge
Noltens in Ehren gehalten, nun einmal durchaus fr den grbsten Migriff halten
msse.
    Der Frster, ber eine so khne Sprache wie billig emprt unterdrckte
dennoch seinen Unmut und wies den vorschnellen Freier mit Migung zurecht,
indem er ihn vorderhand zur Geduld ermahnte und wenigstens fr die nchste Zeit
das Haus zu meiden bat, worauf denn jener willig zusagte und nicht ohne geheime
Hoffnung wegging.
    Nun berlegte der Alte, was zu tun sei. Bald ward er mit sich einig, da
unter so milichen Umstnden Vernderung des Orts, eine starke Distraktion, das
Rtlichste sein drfte. Zwar dachte er anfangs daran, ob nicht gerade eine Reise
zu dem Brutigam das krzeste Mittel zur Ausgleichung des Ganzen wre, allein
die geringste Erwhnung des Planes bei Agnesen versetzte diese in den grten
Jammer, sie beschwor den Vater auf den Knien, von dem Vorhaben abzustehen, das
ihr gewi den Tod bringen wrde. Da nun berhaupt von einer Reise, gleichviel
wohin, die Rede war, schien sie viel mehr erfreut als abgeneigt, und gerne lie
der Frster sich's gefallen bei dieser Gelegenheit einen ziemlich entfernten
Freund, den er seit vielen Jahren nicht gesehen, heimzusuchen.
    In kurzem befanden Vater und Tochter sich unterwegs in einem wohlgepackten
Gefhrt. Das Wetter war das schnste, nach wenig Stationen sah man schon vllig
neue Gegenden. Das Mdchen war zufrieden, ohne gerade lebhafter zu sein.
    Mit dem Aufenthalte in dem kleinen Stdtchen Wiedecke, wo der vieljhrige
Bekannte des Frsters, ein jovialer behaglicher Sechziger, als Verwalter eines
edelmnnischen Guts wohlhabend wie ein kleiner Frst lebte, begann fr Agnes
bald eine ganz andere Art den Tag hinzubringen, als sie es bisher gewohnt war.
Der lebensfrohe Mann machte sich's zur Pflicht, seine Gste auf die
mannigfaltigste Weise zu vergngen, und im eigentlichen Sinne des Worts keine
Stunde ruhen zu lassen. Sie mute die Gter der grflichen Herrschaft, Grten,
Waldungen, Parks und Fischpltze mustern, gelegentlich die Ordnung des
Verwalters und seine Einsichten bewundern, man durfte mit keinem seiner Freunde
im Stdtchen und der Umgegend unbekannt bleiben, eine lndliche Partie
verdrngte die andere, kurz der Frster sah seine Wnsche, die im stillen
hauptschlich nur auf Zerstreuung der Tochter gingen, beinahe ber alles Ma und
mehr als sie ertragen konnte, erfllt; eigentlich gab sie sich mehr nur aus
Gutmtigkeit zu all der geruschvollen Lustbarkeit her, als da sie mit ganzem
Herzen teilgenommen htte.
    Groen und schnen Eindruck machte bei ihr eines Abends der erstmalige
Anblick eines Theaters, wozu eine wandernde Truppe das Wiedecker Publikum lud.
Das Stck war von der leichten, heitern Gattung und wurde berdies sehr brav
gespielt. Agnes lachte zum erstenmal wieder recht herzlich und ging ganz
aufgerumt zu Bette. Doch in der Nacht kam sie in das Schlafzimmer des Vaters
geschlichen, weckte ihn, und wollte anfangs auf die Frage, was ihr zugestoen
sei, lange mit der Sprache nicht heraus. Sie habe, gestand sie endlich, von
Theobalden so lebhaft, so deutlich getrumt; er sei trostlos gewesen und habe
sie um Gottes willen gebeten, ihn nicht zu verlassen, zuletzt sei sie
aufgewacht, erstickt von seinen Kssen. Nun seht, Vater, fuhr sie unter heien
Trnen fort, Euch darf ich wohl bekennen, da er mich unbeschreiblich dauert,
ob ich ihn gleich nicht mehr liebe; er wird sein Glck gewi bei einer andern
finden, aber das sieht er jetzt nicht ein, und es wre vergeblich, ihn berreden
zu wollen; man mu nur abwarten, bis er von selbst zur Oberzeugung kommt. Aber
(hier brach sie in lautes Schluchzen aus) wenn er whrend der Zeit
verzweifelte! wenn er sich ein Leid antte - nein! nein! das wird er nicht, das
kann er nicht! nicht wahr, Vater, so weit kann es unmglich kommen? Ach, knnt
ich ihn ber diese Zwischenzeit nur schnell wegheben, ihn mit irgendwas
beruhigen, ihm einen Trost zusenden!
    Der Alte vernahm diese Worte mit heimlicher Zufriedenheit, denn sie waren
ihm nichts anders als das Zeichen der wiedererwachten Neigung fr den Brutigam.
Wenn du es ber dich vermchtest, sagte er, ihm deine volle Liebe
wiederzuschenken, da wre freilich am besten geholfen. Siehst du, noch ist im
Grunde nichts verloren, noch verdorben; ja, prfe dich, mein Kind! sei mein
verstndiges Mdchen wieder! nimm aufs neue meinen Segen mit Theobald hin;
schreib ihm gleich morgen einen unbefangenen heitern Brief, so wie dein letzter
vor drei Wochen war, das wird ihn freuen.
    Nach einigem Nachdenken antwortete Agnes: Ihr wit nicht, Vater, wie es um
die Zukunft steht, drum mgt Ihr wohl so sprechen. Aber seht, ich denke nun,
Theobald mu ja mein Mann nicht eben sein, und ich darf ihn dennoch
liebbehalten. Ist's ja doch ohnehin noch nicht an der Zeit, da wir uns die
Brautschaft frmlich aufsagen, und warum soll ich ihn eher als ntig ist, aus
seinem guten Glauben reien, da er die Wahrheit jetzt noch nicht begriffe, warum
nicht immerfort so an ihn schreiben, wie er's bisher an mir gewohnt war? Ach,
ganz gewi, ich sndige daran nicht, mein Herz sagt mir's er soll, er darf noch
nicht erfahren, was ihm blht, und, Vater, wenn Ihr ihn liebhabt, wenn Euch an
seinem Frieden etwas liegt, sagt Ihr ihm auch nichts! Dagegen aber kann ich Euch
versprechen, ich will vorderhand mit Otto nichts mehr gemein haben. Die Zeit
wird ja das brige schon lehren.
    Der Frster wute nicht so recht, was er aus diesen Reden machen sollte, er
schttelte den Kopf, nahm sich aber vor, das Beste zu hoffen, und entlie
Agnesen, die sich ruhig wieder niederlegte.
    Wie gro war seine Freude, als er sie des andern Morgens in aller Frhe mit
einem Brief an Theobald beschftigt fand den sie ihm auch nachher zur Durchsicht
reichte, wiewohl mit Widerstreben und ohne gegenwrtig zu bleiben, solange der
Alte las. Aber welch kstliche, hinreiende, und doch wohlbedachte Worte waren
das! So kann blo ein Mdchen schreiben, das vllig ungeteilt in dem Geliebten
lebt und webt. Nur die absichtliche Leichtigkeit, womit jene ernsten und tiefen
Bewegungen in Agnesens innerm Leben hier gnzlich bergangen waren, frappierte
den Vater an dem sonst so redlichen Kinde. Er selber hatte noch geschwankt, ob
die Pflicht von ihm fordere, Theobalden von diesen Dingen in Kenntnis zu setzen,
oder ob es nicht vielmehr geraten sei, jenem die Sorge und der Braut die
Beschmung ber eine Sache zu ersparen, die am Ende doch nur unwillkrliche und
vorbergehende Folge eines sonderbaren Krankheitszustandes sei. Und nun, da
offenbare Hoffnung war, da alles sich von selbst ausgleiche, bereute er um so
weniger, in seinem letzten Schreiben blo im allgemeinen von wiederholten
Gesundheitsstrungen gesprochen zu haben. Er sah bereits die schne Zeit voraus,
wo er dem Schwiegersohne den ganzen Verlauf der seltsamen Begebenheiten in einer
traulichen Abendstunde ruhig und wohlgemut wie ein glcklich berstandenes
Abenteuer wrde erzhlen knnen.
    Die Rckreise nach Neuburg wurde endlich angetreten. Man begrte die Heimat
nach lngerer Abwesenheit mit doppelter Liebe. Agnes ward allgemein blhender,
ansprechender, geselliger gefunden, als man sie vor vier Wochen hatte abreisen
sehen; was aber der Vater mit besonderem Wohlgefallen bemerkte, war, da ihr die
alte Nhe des Vetters gar nicht einzufallen schien. Dieser wurde indessen durch
seine Geschfte ganz auerhalb der Gegend festgehalten, und der Frster durfte
einen berfall, worauf er sich bereits gefat gemacht, so bald noch nicht
befrchten.
    brigens mute es nach und nach befremden, da Nolten seit einem vollen
Monat und darber nichts von sich hren lie. Der Alte fand es unerklrlich,
denn eine Irrung, welche etwa durch die fatale Geschichte entstanden sein
mchte, war kaum gedenkbar, da weiter niemand darum wissen konnte; mglicher
schien es, da Nolten krank, da Briefe verlorengegangen seien. Agnes hatte
dabei ihre besonderen Gedanken und schwieg nur immer, indem sie auf etwas
Entscheidendes zu spannen schien.
    Wirklich hatte sich inzwischen nicht wenig Bedeutendes in der Ferne
zugetragen.
    Es waren, bald nachdem der Vetter die Bekanntschaft des Frsterhauses
gemacht, von zwei verschiedenen Seiten und von sehr wohlmeinenden Personen
Briefe an Nolten gelangt, worin er auf ein sehr zweideutiges Benehmen des Alten
und seiner Tochter in betreff des jungen Menschen aufmerksam gemacht wurde. Eine
dieser Warnungen kam sogar von dem guten Baron auf dem Schlosse bei Neuburg,
welcher sonst mit dem Frster in freundlichem Vernehmen stand, und von dessen
Rechtlichkeit und vorsichtigem Urteil sich weder bereilung noch Parteilichkeit
erwarten lie. Schon diese ersten Laute des Verdachts, obgleich sie unsern Maler
noch keineswegs zu berzeugen vermochten, erschtterten und lhmten, ja
vernichteten ihn doch dergestalt, da er sich lange nicht entschlieen konnte,
auch nur eine Zeile nach Neuburg zu richten, seinen vterlichen Freund, den
Baron, ausgenommen, dem er eine nochmalige Nachforschung dringendst empfahl.
Allein nach mehreren Wochen erhielt er auf eine hchst unerwartete Weise die
vollkommenste Besttigung seines Argwohns, und zwar durch das ausfhrliche
Schreiben Otto Lienharts - ein Name, den er frher einmal gelegentlich von Agnes
gehrt zu haben sich sogleich erinnerte. Da dies eine und dieselbe Person mit
dem mehrerwhnten Vetter sei, brauchen wir kaum anzumerken.
    Der Eingang des Briefes nimmt auf eine ebenso bescheidene als verstndige
Art das Vertrauen Theobalds in Anspruch; der Unbekannte bittet um ruhiges und
mnnliches Gehr fr dasjenige, was er vorzutragen habe; es sei, versichert er,
so sonderbar und so feindselig gar nicht, als es wohl in dem ersten Augenblicke
erscheinen knnte. Nun geht er auf das innere Miverhltnis der Verlobten ber,
wie die Natur der Charaktere ein solches wesentlich und notwendig begrnde, ohne
da einem der beiden Teile das geringste dabei zur Schuld falle. Sodann wird die
Neigung des Mdchens zu ihm, dem Vetter, entwickelt, gerechtfertigt und endlich
wird ohne Anmaung erklrt, in welchem Sinne er Agnesen ihren ersten Freund,
dessen eigentmlichen Wert sie noch immer verehre, zu ersetzen hoffen drfe.
Wenn nun die angefhrten Grnde hinreichen wrden, um Nolten zu freiwilliger
Abtretung seiner Ansprche zu bewegen, so hnge am Ende alles nur vom Vater ab.
Es scheine, da dieser im stillen einen solchen Wechsel gutheie und sich nur
vor Nolten scheue, deswegen halte er die Sache mit schwankendem Entschlusse hin
und sorge in der Tat fr keinen Teil sehr vorteilhaft, wenn er Theobalden noch
immer in einer Hoffnung lasse, auf welche er selber insgeheim verzichte; er tue
Unrecht, da er die Tochter stets aufs neue irrezumachen suche und sie ntige,
in ihren Briefen unredlich gegen Theobald zu sein. Ihr Herz habe fr immer
entschieden. Einige Briefe von Agnesens eigener Hand an den Cousin werden ihre
Gesinnung hinreichend beweisen. (Die Bltter lagen bei, und man hat sich Briefe
zu denken, welche die Unglckliche ohne Vorwissen des Frsters an Otto gesandt.)
Er habe diese Erffnungen fr Pflicht gehalten, und Nolten mge seine Maregeln
darnach ergreifen. Sollte der Frster, was jedoch wenig Wahrscheinlichkeit habe,
zuletzt eigensinnig und grausam die Rechte des Vaters geltend machen, oder
Theobald die des Verlobten, so knne nur ein vollendetes Unglck fr alle daraus
entspringen, whrend im andern Falle Nolten wenigstens den Trost fr sich
behalte, den der Mann im Bewutsein einer ungemein und groherzig erfllten
Pflicht von jeher gefunden.
    Ein schallendes, verzweiflungsvolles Gelchter war das erste Lebenszeichen,
das unser Maler, nachdem er einige Sekunden wie besinnungslos gestanden, von
sich gab. Wir schildern nicht, in welchem Kreislaufe von Zerknirschung, Wut,
Verachtung und Wehmut er sich nun wechselnd umgetrieben sah. Was blieb hier zu
denken, was zu unternehmen brig? Ha, Liebe, Eifersucht zerrissen seine Brust,
er fate und verwarf Entschlu auf Entschlu, und hatte er die wirbelnden
Gedanken bis ins Unmgliche und Ungeheure matt gehetzt, so lie er pltzlich
mutlos jeden Vorsatz wieder fallen und blickte nur in eine grenzenlose Leere.
    Nach Verflu einiger Tage war er so weit mit sich im reinen, da er
stillschweigend allem und jedem seinen Lauf lassen und etwa zusehen wollte, wie
man in Neuburg sich weiter gebrden wrde. Seinem Larkens, der indessen von
einer kleinen Reise zurckgekommen war, und dem sein Kummer bald auffiel,
entdeckte er sich keineswegs; denn einmal wollte er sich in seinem Benehmen in
der Sache durch fremdes Urteil nicht geirrt wissen, er frchtete die
Geschftigkeit, welche sein lebhafter und unternehmender Freund in solchem Falle
sicherlich nicht wrde verleugnen knnen, und dann hielt ihn ein sonderbares
Gefhl von Scham zurck, wie es denn seinem Charakter eigen war, fremdes
Mitleid, und kme es auch vom geliebtesten Freunde soviel mglich zu
verschmhen.
    Gewisse weggeworfene uerungen des Malers, sowie eine Menge kleiner
Umstnde, lieen jedoch dem Schauspieler keinen Zweifel mehr brig, wen die
Verstimmung betreffe; aber weit entfernt, den Fehler auf seiten Agnesens zu
suchen, sah er an seinem Freunde im stillen nur den seichten berdru, die
undankbare Laune eines Liebhabers, und es mute ihn die kleinlaute Verlegenheit
Theobalds, wenn darauf die Rede kam, in der Meinung bestrken, dieser fhle sein
Unrecht. Dem Maler war ein solcher Irrtum gewissermaen nicht zuwider, er mochte
lieber den Schein der Untreue haben, als sein wahres Elend tglich in den Augen
des Schauspielers lesen.
    Dem letztern konnte es nicht entgehen, da die gewhnlichen Briefe nach
Neuburg seit einiger Zeit stockten, obwohl von dorther immer welche einliefen,
und so entstand denn in dem sonderbaren Manne der Entschlu, Noltens Pflicht in
diesem Punkte zu versehen. Allerdings nahm er sogleich das Unsichere und
Zufllige mit in Rechnung, doch zu befrchten war ja eigentlich nichts, auch
wenn das kecke Spiel frher oder spter an den Tag kme.
    In der Zwischenzeit aber, d.h. vor der heimlichen Einrichtung, in deren
Folge nachher alles vom Frsterhause an den Brutigam Geschriebene in die Hnde
des unechten Korrespondenten gelangte, waren mehrere Briefe teils von seiten des
Alten, teils von Agnesen selbst an Nolten gekommen, und sie waren von der Art,
da Theobalds Urteil, insofern es bis jetzt unbedingt verwerfend gewesen, sich
gewissermaen modifizieren mute. Der Alte ersucht nmlich seinen Schwiegersohn
in einem ebenso herzlichen als wahrhaftigen Ton, er mchte von gewissen
Gerchten, welche sich zu Neuburg durch die Zudringlichkeit eines eingebildeten
jungen Menschen verbreitet htten, und die vielleicht auch - was wohl der Grund
seines langen Stillschweigens sei - bis zu ihm gedrungen sein knnten, auf keine
Weise Notiz nehmen. Der Alte setzt die Verwirrung des Mdchens nach seinen
Begriffen auseinander, macht, ohne das Rechte zu treffen, eine nicht eben
unwahrscheinliche Erklrung davon, wobei alles am Ende auf eine seltsame
Skrupulositt, melancholische berspannung und zuletzt auf alberne Kinderei
reduziert wird. Nolten mchte der Jugend, der Unerfahrenheit des Mdchens
vergeben; er als Vater beteure, da der Vorgang in keinem Sinne strende Folgen
nach sich ziehen werde, Agnes habe sich gefat, ihr Herz sei rein und hnge mit
doppelter Innigkeit an ihm. Indessen, fhrt der Vater von sich fort, sei er so
unbillig nicht, es dem Brutigam zu verdenken, wenn die Sache ihn erschreckt
habe, wenn er der Zeit die Probe berlasse, ob die Braut seiner nicht unwert
geworden, nur wre zu wnschen, da er sich persnlich berzeugte, und er sei
deshalb aufs freundlichste nach Neuburg eingeladen. brigens mchte er, wenn er
Agnesen schreibe, ihr tief gebeugtes Gemt soviel wie mglich schonen, sie wisse
nichts von diesen Mitteilungen und scheine sich vorzubehalten, ihm bald mndlich
die treueste Rechenschaft zu geben. Schlielich mge er sich doch wohl bedenken,
ehe er ein Geschpf, dessen ganzes Glck an ihn gebunden sei, um eines immerhin
rtselhaften und darum schwer zu richtenden Vergehens willen, ohne weitere
Prfung verstoe.
    Diese Nachricht versetzte den Maler in die sonderbarste Unruhe. Er war
whrend des Lesens weich geworden, er mute wider Willen seinen entschiedenen
Ha mit einem tiefen Verdru und rgerlichen Mitleid vertauschen, und er fhlte
sich dabei fast unglcklicher als zuvor.
    Wenn er freilich Agnesens ursprngliche, so uerst reine Natur mit ihrem
neuesten Betragen verglich, so schien ihm der Absprung so grlich widersinnig,
da er sich jetzt wunderte, wie er eine Weile an die Mglichkeit einer Untreue
im gewhnlichen Sinne des Worts hatte glauben knnen; der Fall stritt dergestalt
gegen alle Erfahrung, da eben das Auerordentliche des Vergehens zugleich
dessen Entschuldigung sein mute. Aber was auch immer die Ursache sei - rief
Theobald aufs neue verzweifelnd aus -, wie tief der Grund auch liegen mag, die
Tatsache bleibt - um den ersten heiligen Begriff von Reinheit, Demut,
ungefrbter Neigung bin ich fr immer bestohlen! Was soll mir eine verschraubte,
kindische Kreatur? Werd ich nun meine schnsten Hoffnungen zerbrochen als
kmmerliche Trmmer, halb knirschend, halb weinend, am Boden aufsammeln und mir
einbilden, was ich zusammenstckle, sei mein altes kstliches Kleinod wieder? O
htt ich den bbischen Fratzen zur Stelle, der mir an meine se Lilie rhrte!
knnt ich die Augen ausreien, die mir das treuste Herz verlockt! drft ich den
heillosen Schwtzer zertreten, der in die stille Dmmerung meiner Blume den
frechen Sonnenschein des eiteln, breiten Tages fallen lie! - Unmndig,
unerfahren, noch ganz ein Kind, ach wohl, das war sie freilich, das knnte sie
entschuldigen bei dem und jenem, vielleicht auch bei mir, aber bin ich darum
weniger betrogen, hilft mir das ihr entstelltes Bild herstellen, hilft es meiner
verbluteten Liebe das Leben wieder einhauchen? Ich fhl's, hier ist an kein
Ausgleichen mehr zu denken. Vergessen, was ich einst besa, das bleibt das
einzige, was ich versuchen kann.
    Dies waren die Empfindungen des Malers und sie blieben noch immer dieselben,
whrend im Frsterhause zu Neuburg durch Larkens' Vermittlung lngst alles
wieder einen friedlichen Gang angenommen hatte. Zwar wunderte es den Alten, da
jene vertrauten Erffnungen ganz mit Stillschweigen bergangen wurden, doch
hielt er zuletzt dafr, es geschehe mit Absicht und der Schwiegersohn wolle den
gehssigen Gegenstand fr jetzt nicht berhrt wissen. Was Agnesens inneres Leben
betrifft, so verhllte sich jener hoffnungslose Wahn, der die Unglckliche noch
immer beherrschte, vor dem Vater und gewissermaen vor ihr selbst unter dem
Eifer, womit sie Noltens Liebe durch schriftlichen Verkehr noch eine Zeitlang
nhren zu mssen glaubte, und whrend sie sich einzig nur auf seine Ruhe bedacht
schien, wollte sie keineswegs gewahr werden, wie begierig das eigene Herz bei
diesem sen Geschfte sein Teil fr sich wegnahm, wie gerne es, den Willen des
Schicksals gleichsam hintergehend, den holden Tnen lauschte, welche Larkens
tuschend genug dem wirklichen Geliebten nachzuspielen wute. brigens blieb
Vetter Otto immer das gefrchtete Augenmerk ihrer kranken Einbildung; er selbst
hatte sich, nachdem ihn der Frster in aller Stille ernstlich abgewiesen,
beschmt und rgerlich zurckgezogen.
    Die Zigeunerin war inzwischen auch wieder zum Vorschein gekommen; Agnes
offenbarte ihr bei einer heimlichen Zusammenkunft den Plan ihrer Entsagung,
womit die Betrgerin sehr zufrieden schien, und sogar einen Brief an Nolten zu
besorgen versprach.
    Auf diese Weise standen die Personen eine geraume Zeit in der wunderlichsten
Situation gegeneinander, indem eines das andere mit mehr oder weniger
Falschheit, mit mehr oder weniger Leidenschaft zu hintergehen bemht war.
    Nolten kam um so weniger in Versuchung, dem Schauspieler den wahren Grund
seiner Entfremdung von der Braut zu entdecken, da dieser nicht weiter in ihn
drang, indem er, vielleicht von eigenen Erfahrungen in der Liebe ausgehend,
alles nur einer ekeln Lauheit zuschrieb, wogegen kein anderes Heilmittel sei als
die Zeit, von der er denn auch mit grter Zuversicht das Beste hoffte, wenn nur
sein Freund, erst anderwrts durch leichten Schaden klug geworden, die Ansicht
mit ihm teilen gelernt htte, da die verfeinertsten Reize der weiblichen Welt
keinen Ersatz fr ein so seltenes Gut gewhren, als jenes einfache Mdchen nach
der berzeugung des Schauspielers war.
    Wenn also zwischen beiden Freunden die Sache nur sehr wenig berhrt wurde,
so fehlte es gleichwohl nicht an Auftritten wie der, dessen sich der Leser
vielleicht noch von jener Neujahrsnacht erinnert, wo brigens unser Maler von
einer offenen Darlegung der Umstnde nur noch durch die Furcht abgehalten ward,
der Schauspieler mchte ihm ins Gewissen reden, und das zur hchsten Unzeit, da
ihm in Constanzen ein neues herrliches Gestirn aufging.

Lnger als gewhnlich entbehrte Theobald die Gelegenheit das Zarlinsche Haus zu
besuchen. Der Graf und Constanze hatten eine lngst vorgehabte Reise zu einer
Verwandten ausgefhrt. Zwlf Tage verstrichen ihm unter leeren Zerstreuungen,
unter der peinlichsten Unruhe, denn frhe genug hatten sich verschiedene Zweifel
ber das hohe Glck bei ihm eingestellt, das er sich vielleicht zu voreilig aus
dem sonderbaren Vorfall in jener Ballnacht gedeutet haben konnte. Da Constanze
unlngst in seiner und anderer Freunde Gegenwart, als eben von der Blumensprache
die Rede war, aus Gelegenheit eines blhenden Granatbaums das feurige Rot
desselben fr das Symbol lebhafter Neigung erklrt hatte, indem sie sich dabei
schalkhaft geheimnisvoll auf das Urteil Noltens als besonders passionierten
Kenners vorzugsweise berief, und da ihm eine Woche spter von unbekannter Hand
ein solcher Strau war angeheftet worden, konnte sehr leicht bloe Neckerei des
Zufalls sein, oder wohl gar - und dieser Meinung sind wir selbst - der
Schelmstreich einer lustigen Person, welche nicht nur jenen Ausdruck der Grfin
mit angehrt, sondern auch dem Maler seine schwache Seite lngst mochte
abgelauscht haben. Er befand sich deshalb in der grten Ungewiheit; nur soviel
schien ihm bisher ausgemacht, da die Grfin damals auf dem Balle gewesen, und
jetzt erst fiel ihm ein, sich nher zu erkundigen. Aber auch wenn er manchmal
sich selbst geflissentlich die vielverheiende Bedeutung jenes Zeichens
ausredete, wenn er alles verwarf, was er sich sonst zu seinem Vorteil ausgelegt,
so konnte er am Ende bei jedem Blick in sein Inneres bemerken, da ein
unerklrlicher Glaube, eine stille Zuversicht in ihm zurckgeblieben war, und er
nahm sodann diese wundersame Hoffnung gleichsam wieder als ein neues Orakel, dem
er unbedingt zu vertrauen habe. So eigen pflegt der Geist mit sich selber zu
spielen, wenn jene trumerische Leidenschaft uns beherrscht.
    Endlich kam der Abend, der den auserlesenen Zirkel wieder in das Haus des
Grafen lud. Mit bangen Empfindungen schritt Nolten, gegen die kalte Winterluft
dicht in den Mantel gehllt, an der Seite seines Freundes Larkens nach der
geliebten Strae zu. Aber sie sahen die Jalousiefenster, deren sanft
durchscheinendes Licht den kommenden Gsten sonst schon von weitem ein wohl
erwrmtes, frhlich belebtes Zimmer versprach, diesmal nicht erhellt, und schon
besorgten sie eine widrige Tuschung, als der Bediente, der im untern Hausflur
die Mntel, Degen und Stcke der Herren abzunehmen hatte, sie hinten durch den
Garten nach dem Pavillon wies, dessen erleuchtete Glastren auch wirklich schon
von ferne die glnzende Gesellschaft zeigten.
    Sie traten in einen angenehmen, gerumigen, halbrunden Saal, dessen Wnde
rings mit Spiegellampen versehen waren. Maler Tillsen und der wunderliche Herr
Hofrat sind die ersten, von welchen unser Freund sogleich ins Gesprch gezogen
wird. Die schne Hauswirtin, von einer Menge Damen umringt, schien sein
Eintreten anfangs nicht zu bemerken, aber whrend Theobald zuweilen mit rechter
Ungeduld hinberschielte nach den freundlich beredten Lippen, nach dem stets
gefllig mitnickenden Kpfchen, glitt zufllig ihr Blick ber die versammelten
Gruppen hin und eine gtige Verbeugung gegen Nolten setzte dessen Lebensgeister
auf einmal in eine muntere, mit aller Welt ausgeshnte Bewegung. Der Graf kam
indessen mit einer Rolle Papier herbei und flsterte: Hier meine Herren - wir
knnten spter nicht mehr so leicht dazu kommen - eine neue Zeichnung in Tusch
von unserer eigensinnigen Knstlerin, die uns gerne alles versteckte und
verschbe - aber diesmal hab ich selbst einigen Anteil an dem Lobe, das Sie ihr
gnnen werden; die Idee ist, sozusagen, hlftig mein. Er wollte eben das Blatt
entrollen, als ihm von hinten eine zarte Hand in die Finger griff - Erlauben
meine Herren! sagte die herbeigeeilte Schwester, merklich errtend, es ist
billig, da ich die Sache selbst vorzeige: - zu seiner Zeit, heit das! setzte
sie lachend hinzu und eilte mit dem Blatte nach dem Schrank, wo sie es trotz
aller Einsprache der Anwesenden rasch verschlo. Sie verschwand in einem
Kabinett, nach dem Tee zu sehen.
    Wenn sie so auf Augenblicke abwesend war, so mochte Theobald gerne im
ruhigsten Anschauen ihres geistigen Bildes das Auge auf irgendeinen der leblosen
Gegenstnde heften, mit dem ihre Person noch soeben in Berhrung gekommen war.
So stand auf einem schmalen Mahagonipfeiler an der Wand eine offene Kalla in
buntgemaltem Topfe, der den goldenen Buchstaben C. im blauen Schilde trug. Diese
Pflanze, dachte er bei sich, nimmt sie nicht in meiner Einbildung einen Teil von
Constanzens eigenem Wesen an? Ja, dieser herrliche Kelch, der aus seiner
schneeigen Tiefe die mildesten Geister entlt, diese dunkeln Bltter, die sich
schtzend und geschtzt unter das stille Heiligtum der Blume breiten, wie schn
wird durch das alles die Geliebte bezeichnet und was sie umgibt! wie vertritt
die Pflanze mir durch ihre ahnungsvolle Gegenwart die himmlische Gestalt!
    Unversehens war Constanze wieder da, die Gesellschaft diesmal allein
bedienend. Sie brachte endlich Theobalden die Tasse, und indes Larkens eine neue
Anekdote zu allgemeiner Belustigung preisgab, nahm jener Anla, sich scherzhaft
gegen Constanze wegen der vorenthaltenen Tuscharbeit zu beschweren.
    Ei, war die Antwort, Sie haben's nicht um mich verdient, Sie haben mir
neulich einen beln Schrecken zugefgt, der mir wohl das Leben htte kosten
knnen, zwar blo im Traume.
    Wie? meine Gndige, ich wre so unglcklich gewesen? und so glcklich doch,
da mein Bild im kleinsten Ihrer Trume -?
    Das eben nicht - doch ja, Ihr Bild, ein Bild aus Ihrer Phantasie.
    Wieso, wenn ich fragen darf?
    So hren Sie und lachen mich aus! Vorige Nacht beliebte es Ihrer
gespensterhaften Orgelspielerin, ungebhrlicherweise aus dem Rahmen des
schauerlichen Gemldes herauszuschreiten und leibhaftig vor mich hinzutreten.
    Nolten war bestrzt, ohne eigentlich zu wissen, warum.
    Ja, ja, mein Herr! mit recht kuriosen, hmischen Augen starrte sie mir tief
ins Gesicht und sagte - nein! das sollen Sie jetzt nicht hren.
    Ich bitte!
    Nehmen Sie sich in acht -
    Sagte sie?
    Nicht doch, das sag ich; eben gleitet Ihnen ja die Tasse aus der Hand!
    Wirklich fast - Aber was sprach der Geist? fragte Nolten dringend aufs
neue, und nach einer Pause brachte die schne Frau mit kaum unterdrckter
Verwirrung die Worte hervor: Constanze Josephine Armond wird auch bald die
Orgel mit uns spielen -
    Aber, mein Gott, erwiderte Nolten, doch hat der Traum Sie nicht
erschrecken knnen?
    Bis zum Erwachen doch; brigens dank ich ihm, da er mir Anla gibt, meinem
etwaigen Berufe zu dieser Gattung von Musik, sowie meiner Aufnahme in so ernste
Gesellschaft, auch ein wenig nachzudenken.
    Theobald, wie er nun wieder allein stand, wute nicht, was er aus den
letzten Worten machen sollte; dem Tone nach konnten sie nur fr Scherz gelten,
aber das Ganze hatte einen strenden Eindruck bei ihm zurckgelassen. Warum denn
just diese Figur? Er wute zu gut, da er gerade in ihr das getreue Portrt
eines Zigeunermdchens, einer Person dargestellt hatte, welche einst
verhngnisvoll genug in sein eigenes Leben eingegriffen hatte. Auf der andern
Seite lie sich alles und jedes ganz natrlich aus dem starken Eindruck
erklren, welchen das Gemlde auf eine sehr empfngliche Einbildungskraft machen
mute.
    Was brigens den Mut unsers Freundes noch weit mehr niederschlug, das war
die aus dem Verfolg des allgemeinen Gesprchs fr ihn hervorgegangene Gewiheit,
da Constanze damals wirklich nicht an der Maskerade teilgenommen, sondern
bereits auf der Reise begriffen gewesen.
    Die nicht mehr erwartete Ankunft des Herzogs verursachte eine pltzliche
Bewegung. Nolten aber, statt durch die Gegenwart seines Rivals nur immer trber
und unmchtiger in sich selbst zu versinken, fhlte sich dadurch zu einem
gewissen Kraftaufwande gentigt, der, obgleich anfangs nur erknstelt, doch
bald, von Larkens' ehrlicher Munterkeit untersttzt, eine wohlttige Wirkung auf
das Ganze ausbte. Vorzglich willkommen war es Theobalden, als man endlich auf
den Wunsch des Herzogs selbst Anstalt machte, ein gewisses Spiel vorzunehmen,
das auf eine sinnreiche Art drei verschiedene Knste in Verbindung brachte, den
Tanz, die Malerei oder Zeichnung, und untergeordneterweise die Musik. Dies setzt
jedoch folgende Bemerkung voraus. Constanze, bekannt als fertige und geistreiche
Zeichnerin, war zugleich eine groe Freundin des schnen knstlichen Tanzes und
entwickelte namentlich bei Solopartien eine hohe Grazie. Nun hatte Nolten einmal
gelegentlich den Einfall geuert, es mte eine artige Unterhaltung abgeben,
wenn einige Personen in Zeit von einer kleinen Stunde zusammen ein Tableau,
irgendeine Szene zeichneten, indem sie den Kreidenstift von Hand zu Hand gebend,
nach einer langsamen Melodie tanzend, abwechslungsweise vor eine aufgerichtete
Tafel trten und den darzustellenden Gegenstand immer nur um einige Striche
weiter frderten, bis zuletzt eine harmonische Komposition zum Vorschein kme,
ber die man sich zuvor im allgemeinen verstndigt, deren Einzelheiten aber der
augenblicklichen Eingebung eines jeden berlassen war. Der Gedanke fand Beifall,
und nach einigem Besprechen zeigte sich die Mglichkeit seiner Ausfhrung
vollkommen, obwohl man anfangs verlegen war, die gehrige Anzahl von Tnzern,
die auch zugleich gute Zeichner wren, und umgekehrt, zu finden. Doch hiezu
wute man Rat. Nolten selbst, obgleich ein abgesagter Feind alles des
Schlendrians, um den sich unsere Ballbelustigungen gewhnlich zu drehen pflegen,
besa doch Leichtigkeit der Glieder und reinen Sinn genug fr eine edle
rhythmische Bewegung. Die dritte Rolle mute notwendig Herrn Tillsen bergeben
werden, denn wenn vielleicht auch der ungebteste Tnzer immer noch besser
gewesen wre als er, so blieb doch die andere Eigenschaft die wichtigere. Und,
sagte er verbindlich zu der Grfin, neben Ihnen wrde ein Vestris bersehen
werden, glcklicherweise also auch Tillsen, der ich in diesem Stck zum voraus
allem Neid und jedem Ruhm entsage.
    Seitdem hatte man diese Unterhaltung schon etliche Abende mit Glck
versucht. So lie man denn auch jetzt die eigens hiezu bestimmte groe Tafel
aufstellen, deren angenehm graulackierte Flche recht eigentlich einladend sich
dem schwarzen Stifte darbot. Ein schner Futeppich lag unmittelbar davor auf
dem Boden gebreitet, fr eine strkere Beleuchtung war ebenfalls gesorgt. Die
drei Virtuosen kamen heimlich in der Wahl eines anziehenden Sujets berein
Larkens nahm die Violine zur Hand und erffnete das Spiel mit einer gewissen
Feierlichkeit, dadurch die Erwartung nur noch mehr gespannt wurde. Jetzt trat
Constanze, im weien Atlaskleide, mit ernstem Schritt hervor, stellte sich
einige Momente sinnend der Tafel gegenber, allmhlich fing ihre Gestalt an mit
der Musik sich zu heben, in miger Bewegung bald nach beiden Seiten schwebend,
bald der Tafel entgegen. Sie schien dabei noch immer den ersten entscheidenden
Strich zu berlegen, jetzt hielt sie vor dem Brette still, indem sie leicht
vorgebeugt auf dem rechten Fue fest stehend, den linken rckwrts auf die Zehe
gesttzt, die Kreide ansetzte. Das begleitende Adagio der Violine schien die
Hand gefllig auf der glatten Flche hinzufhren. Bald erkannte man die Umrisse
eines lieblichen Knabenkopfs, welcher mit dringenden Blicken bittend an etwas
hinaufsieht. Dieser Ausdruck des Affekts war von der Art, da er in der
vorgreifenden Phantasie des Zuschauers beinahe jetzt schon ein paar flehend
ausgestreckte Arme und Hnde hervorrufen mute. Doch die Zeichnerin hielt inne,
und unter einem Allegro zurcktretend, beobachtete sie, whrend ihr reizender
Leib sich hin und her wiegte, das angefangene Werk noch eine kleine Weile. Mit
einer Verbeugung empfing Tillsen die Kreide aus ihrer Hand und ohne viel
Umstnde stellte dieser Meister mit raschen Zgen den oberen kraftvollen Krper
eines Mannes in drohender Gebrde dem Mitleid fordernden Gesichtchen gegenber.
Die Begierde der Gesellschaft wuchs mit jeder Linie, es lieen sich schon einige
Beifall rufende Stimmen vernehmen, es hie: der junge Prinz Arthur ist's, wie er
vor seinem Mrder steht! Aber der freudigste Applaus entstand als Constanze
nachdem Tillsen fr Theobald den Platz gerumt, vom Eifer ihres Gedankens
hingerissen, dem letztern in den Weg sprang und nun die beiden groen Gestalten
mit trefflich mimischer Heftigkeit um das Vorrecht der Kreide rangen, die denn
zuletzt in zwei geschickte Teile brach, worauf das Paar bei lebhafter Musik ein
verschlungenes Duo tanzte, um dann vereinigt vor die Tafel zu schreiten. Die
Hauptsache war in kurzer Zeit getan, die Versammlung drngte sich herbei,
inzwischen Tillsen noch mit einigen derben Strichen nachhalf. Man lobte,
tadelte, lachte, bewunderte, wie es auch bei einer solchen Stegreifproduktion
nicht fehlen konnte, da neben den glcklichsten Spuren eines umfassenden,
gleichartigen Geistes doch immer etwas Inkorrektes oder Halbes hervorsprang. Im
ganzen war die Szene so wohlgeraten, da Tillsen der Aufforderung gerne nachgab,
sie gelegentlich fr das kleine Gesellschaftsarchiv zu kopieren.
    In der Hitze des Hin- und Widerredens war indessen kaum jemandem
aufgefallen, wie Constanze mit jedem Augenblicke bla und blsser wurde. Sie
entfernt sich in ein Seitenzimmer man flstert, die Damen eilen nach, alles wird
aufmerksam, der Herzog lt sich nicht halten, sie selbst zu sehen, er klagt
sich an, da er den anstrengenden Tanz verlangt, am meisten ist Nolten bestrzt.
Es konnte ihm nicht entgehen, da unter der Tre noch Constanzes letzter Blick
mit einem matten sonderbaren Lcheln auf ihm ruhte. Endlich geht man auseinander
nachdem der Graf, aus dem Kabinette tretend, die Versicherung gegeben, man habe
von dem Anfall keine Folgen zu befrchten.
    In den folgenden Tagen erging vom Grafen eine Einladung an Theobald,
gemeinschaftlich das unfern der Stadt gelegene Lustschlo des Knigs,
Wetterswyl, zu besuchen, wo man eben im Begriff war, mehrere krzlich vom
Ausland angekommene Statuen aufzustellen. Der italienische Knstler mute selbst
dabei zugegen sein, und sowohl die Persnlichkeit des letztern als jene Werke
lockten manchen Gebildeten und manchen Neugierigen heraus Unserem Freunde war
die Gelegenheit nicht minder erwnscht, doch zog er es vor, den angenehmen, auch
zur Winterszeit immer noch gar mannigfaltigen Weg dahin allein zu Pferde zu
machen, whrend der Graf im Schlitten fuhr. Der heiterste Januarmorgen
begnstigte den Ausflug; die Sonne war kaum aufgegangen, als Theobald schon, in
lebhaftem Trabe sich erwrmend, von der Strae ab, den schnen einsamen Grnden
zustrich, welche, grtenteils von Fichten und Niederwald besetzt, allmhlich
der Hhe des kniglichen Parks zufhrten. Rings gewhrte die Landschaft, in
dichter Schneehlle und nur von dunkeln Waldstrecken durchbrochen, ein
vollstndiges Wintergemlde, und die Gemtsstimmung Noltens nahm diese stillen
Eindrcke heute ganz besonders willig auf. Eine unbestimmte Mischung von
Lebenslust und Wehmut lag allen seinen Betrachtungen zugrunde, wobei er anfangs
deutlich zu fhlen glaubte, da die Neigung zu Constanzen keinen oder doch nur
einen sehr entfernten Anteil daran habe, bis ihm mitten unter seinen Trumereien
ein lngst vergessenes Lied von Larkens wieder vor der Seele aufging, welches
ihm seinen gegenwrtigen Zustand wunderbar zu erklren schien. Er wiederholte
sich die Verse seines Freundes, und konnte zuletzt nicht umhin, sie laut fr
sich zu singen.

In dieser Winterfrhe,
Wie ist mir doch zumut?
O Morgenrot! ich glhe
Von deinem Jugendblut.

Es glht der alte Felsen,
Die Wlder Funken sprhn;
Berauschte Nebel wlzen
Sich in dem Tale hin.

Wie von der Hhe nieder
Der reinste Himmel flimmt,
Der nun um Rosenglieder
Entzckter Engel schwimmt!

Und Wunderkrfte spielen
Mir frhlich durch die Brust,
In taumelnden Gefhlen
Kaum bin ich mir bewut.

Mit tatenlustger Eile
Erhebt sich Geist und Sinn,
Und flgelt goldne Pfeile
Durch alle Ferne hin.

Wo denk ich hinzuschweifen?
Fat mich ein Zauberschwarm?
Will ich die Welt ergreifen
Mit diesem jungen Arm?

Auf Zinnen mcht ich springen,
In alter Frsten Schlo,
Mcht hohe Lieder singen,
Mich schwingen auf das Ro;

Und stolzen Siegeswagen
Strzt ich mich brausend nach,
Die Harfe wird zerschlagen,
Die nur von Liebe sprach.

- Wie? schwrmst du so vermessen,
Herz! hast du nicht bedacht,
Hast, Nrrchen, ganz vergessen,
Was dich so trunken macht?

Ach wohl, was aus mir singet
Ist nur der Liebe Glck;
Die wirren Tne schlinget
Sie sanft in sich zurck.

Was hilft, was hilft mein Sehnen!
Geliebte, wrst du hier!
In tausend Freudetrnen
Verging' die Erde mir.

Bei seiner Ankunft im Schlosse fand er den Italiener, einen lebhaften Mann von
mittleren Jahren, in komisch leidenschaftlichem Kommando mit den Leuten
begriffen, welche die marmornen Kunstwerke in dem Hauptsaale aufzustellen
hatten. Zwischen Zorn und Spa schrie und lachte der Strudelkopf auf das
grellste und brauchte zuweilen auch wohl den Stock gegen einen der Arbeiter,
wovon keiner seine Sprache verstand. Theobald, nach einer sorgfltigen Beachtung
der in ihrer Art einzigen Skulpturen, redete den Fremden italienisch an, und
wrde sich bei seiner Unterhaltung hinlnglich interessiert gefunden haben, wre
das Bestreben des Fremden, immer nur recht paradox zu sein und das Ernsthafte
ins Lcherliche zu ziehen, nicht allzu widrig aufgefallen. Ja, am Ende, als der
knstlerische Charakter Theobalds zur Sprache kam, konnte der Mann eine gewisse
tckische Neckerei nicht lassen. Halb gekrnkt und unwillig entzog sich unser
Freund, um auf die sptere Ankunft des Grafen ein frugales Mittagsmahl in der
Meierei zu bestellen. Mig wie er war, besah er sich sodann die Umgebungen und
die innere Einrichtung des frstlichen Aufenthalts. Mehrere Zimmer gewhrten
eine reiche und belehrende Unterhaltung an ausgesuchten Malereien; es war
leicht, sich in diesen geschmackvollen Rumen auf einige Zeit selber zu
vergessen, und so stand er eben betrachtend mit sich allein, als ihm der
entfernte Spiegel eines dritten Zimmers zwei von der entgegengesetzten Seite
herbeikommende Personen zeigte, in denen er bei genauerem Hinblicken endlich den
Grafen, und gegen alle seine Erwartung, Constanzen selbst erkennen konnte. Ganz
auer Fassung gebracht schaute er unverrckt mit klopfendem Herzen noch immer
auf die nah und nher im Spiegel herbeischwebenden Gestalten, bis die Tritte
hinter ihm rauschten, und seinerseits ein ziemlich verwirrtes, andererseits ein
durchaus unbefangenes und frhliches Willkommen stattfand. Nie war ihm die
Grfin so reizend, so anmutig vorgekommen, sie trug ein mild graues Kleid mit
roten Schnren, Grtel und Schleifen, deren Faltung und Farbe ihm flchtig die
Granatblte wieder in das Gedchtnis rief; an die zarte Wange, von der frischen
Luft mit einem leisen Karmin berhaucht, legte sich ein weier Pelz, und der
zurckgeschlagene Schleier lie dem Beschauer den Anblick des holdesten
Gesichtes frei. Man kehrte frs erste zu den neuen Sehenswrdigkeiten und ihrem
tollen Meister zurck, an dessen Art und Weise der Graf sich dergestalt erbaute,
da die Schwester, sich mit einiger Ungeduld nach anderem umsehend, den
Vorschlag Noltens, in den mannigfaltigen Slen hin und wieder zu wandeln, nicht
ungerne annahm. Gar bald ging ihre Unterhaltung auf eigene Verhltnisse und
Persnlichkeiten ber, denn Noltens leidenschaftlich beengte und zurckhaltende
Stimmung gab Constanzen Anla, einen leichten Vorwurf gegen ihn auszusprechen,
den er sogleich ergriff und ins Allgemeine ber sich ausdehnte.
    Sie haben recht! sagte er, und nicht heute, nicht in gewissen
Augenblicken blo bemchtigt sich meiner dieser lstige, mir selbst verhafte
Mimut; es ist keine Laune, die nur kommt und geht, es ist ein stetes unruhiges
Gefhl, da es anders mit mir sein sollte und knnte, als es ist.
    Wie meinen Sie das? Sollte Ihnen Ihre Lage nicht gengen? Das wre mir doch
kaum gedenkbar.
    Sprechen Sie's geradezu aus, gndige Frau: Es wre unbillig. Wohl, es ist
wahr, ich knnte glcklich sein, aber ich wei nicht eigentlich zu sagen, warum
ich es nicht bin. Ich wre undankbar, wollte ich nicht gerne bekennen, da
whrend meines ganzen Lebens sich alle Umstnde vereinigten, mich endlich bis zu
dem Punkte zu fhren, auf dem ich jetzt stehe, in eine Lage, die mancher andere
und wrdigere Mann vergebens suchte. Ein gnstiges Schicksal, so grillenhaft und
miwollend es mitunter scheinen mochte, trug nur dazu bei, ein Talent in mir zu
frdern, in dessen freier Ausbung ich von jeher das einzige Ziel meiner Wnsche
erblickt hatte. Manche Arbeit ist mir gelungen, ich habe, wenn ich meinen
Freunden glauben darf, den hheren Forderungen der Kunst einiges Genge getan,
und, was mir fast ebenso lieb sein sollte, man hat von der Zukunft grere
Erwartungen, ohne da mir vor ihrer Erfllung bange wre. Ein unendliches Feld
dehnt sich vor mir aus, und wenn ich sonst an der Mglichkeit verzweifelte, die
Welt, welche sich in mir drngte, jemals in heiterer Gestaltung an das Licht
hervorzufhren, so seh ich, da sie jetzt, sobald ich recht will, von selber
leicht und zwanglos unter meinem Pinsel sich befreit. Aber wie kommt es, da
eben jetzt mein Flei und meine Lust nachlt? Warum so manche Arbeit
angefangen, ohne sie zu vollenden? Woher die Ungeduld, sich auswrts umzutun,
berall, nur nicht in meinen vier Pfhlen vor meiner Staffelei mich zu
befriedigen? Was den Knstler sonst wohl reizt und treibt und ermuntert, das ist
die Hoffnung auf die ruhmvolle Anerkennung der Verstndigen, die rege Teilnahme
zunchst seiner Freunde; auch mir war dies Gefhl nicht fremd, jetzt vermag es
nichts mehr auf mich. Ungentzt und trocken und verdrielich gehn mir die Wochen
dahin, und nur die Stunden glaub ich wirklich gelebt zu haben, die mir in Ihrem
Hause vergnnt sind. Aber nun, fr einen Mann, welcher seine Pflicht so gut
fhlt, als ein jeder andere, sagen Sie mir, ist so ein Leben nicht ein
unertrgliches? Und sehen Sie ein Mittel, es zu ndern? Knnten Sie auch nur den
kranken Fleck entdecken, wovon mir all dies Unheil kommt, das mich so gnzlich
von mir selber trennt und scheidet?
    Mit Verwunderung, Nolten, hr ich Sie an, erwiderte die Grfin, und Ihre
Klagen, ich gestehe es, mifallen mir mehr, als da mein Mitleid dadurch rege
wrde. Ich verstehe Sie nicht ganz, nur glaub ich fast zu sehen, die Schuld
liegt meist an Ihnen. Gern dacht ich Sie mir diese ganze Zeit her ttig, frisch
und aller Hoffnung voll. Lieen nicht Ihre Gesprche nur den wrmsten Eifer
blicken fr Ihren Beruf und alles, was dahin gehrt? War Ihr Benehmen denn nicht
weit mehr heiter als zerstreut und unbefriedigt? Wie angenehm fr unsern kleinen
Kreis, wenn Sie des Abends als ein mehr und mehr unentbehrlich werdender Gast
bei uns erschienen, munter, gefllig, teilnehmend an allem, erfinderisch fr
jede Art von Unterhaltung, dabei bescheiden und ohne viel Worte. Dann, was soll
ich's Ihnen bergen, so wie auf diese Weise wir Ihnen manches schuldig wurden, so
mochten wir uns gerne berreden, da eben in unserem Hause eine Zuflucht fr
Nolten gefunden sei, wo der Knstler das vielfach bewegte Leben seines Innern
harmlos und ruhig mit der Gesellschaft zu vermitteln imstande wre, um immer
wieder mit freigeklrter Stirne in den Ernst seiner Werksttte zurckzukehren
und sich mit mehr Gelassenheit alles desjenigen zu bemeistern, was sonst mit
verworrener bermacht betubend und niederschlagend auf ihn eindrang. Ja, mein
Freund, Sie mgen im stillen meiner spotten, ich leugne nicht, so weit gingen
meine Hoffnungen.
    Verhte Gott es, edle vortreffliche Frau, da ich verkennen sollte, was Sie
mit unverdienter Gte fr mich dachten! Mehr weit mehr als Sie soeben angedeutet
haben, knnte der herrliche Kreis mir gewhren, wofern ich den Segen zu nutzen
verstnde, den er mir bietet. Aber, meine Gndige, wenn gerade der neue Reiz
dieser schnen Sphre einen Zwiespalt in mir hervorbrchte, wenn der innige
Anteil, den das Herz hier nehmen mu, dem weit allgemeineren Interesse des
Geistes im Wege stnde, wenn ich, statt beruhigt und gestrkt zu mir selbst
zurckzukehren, immer das leidenschaftliche Verlangen fhlte, in den Mittelpunkt
eines so lieblichen Vereins alle Strahlen meines menschlichen und knstlerischen
Daseins zu versammeln, sie ewig dort festzuhalten, und so meinem Bestreben einen
um so wrmeren Schwung, einen unmittelbareren Lohn zu verschaffen, als der
zerstreute Beifall der Welt jemals gewhren kann?
    Es liegt, antwortete die Grfin nach einigem Nachsinnen mit Heiterkeit,
es liegt in der Natur von Mnnern Ihresgleichen, alles nur einseitig zu nehmen,
von einer Seite her alles zu erwarten, und zwar je unmglicher, je schdlicher
es wre. Indessen, mein lieber Maler, ich bin fr jetzt nicht gefat, noch
geneigt, in Ihren gegenwrtigen Zustand, in Ihr Wnschen und Wollen
augenblicklich ratend und helfend einzugehen. Die erhabenen Grillen dieses
Geschlechts von Knstlern sind schwer zu fassen, und wir scharfsinnigen Frauen
haben jedesmal Mhe, um bei dergleichen subtilen Errterungen, wo wir nur
lauschen, nur tasten und halb erwidern knnen, nicht unsern Bldsinn, unsre
Einfalt zu verraten. Am Ende mchten wir bei einem Menschen, welchem wir doch
einmal herzlich wohlwollen, alles gerne mit einem Schlage gutmachen, und, dem
Unnatrlichen zum Trotz, mit der natrlichsten Auskunft dazwischenfahren. Gar
oft sind wir aber selbst um eine solche Zauberformel verlegen, ja wenn wir sie
gefunden zu haben glauben, will es uns manchmal gefhrlich dnken, davon
Gebrauch zu machen, und so knnen wir zuletzt nichts Besseres tun, als - mit
Bedeutung schweigen und die Herren an ihren Genius verweisen.
    Theobald machten diese Worte nachdenklich; sie schienen ein Verstndnis der
Absicht, welche er vorhin halb versteckt Constanzen nahegelegt, ebenso
zweideutig zu verhllen, und obgleich sich bereits ein guter Schlu auf die
Gesinnungen der liebenswrdigen Frau daraus machen lie, so hatte der muntere
ablehnende Ton ihn doch etwas erschreckt, sogar verletzt.
    Die Grfin sah sich im Vorbeigehen nach den beiden Herren um; da jedoch der
Italiener soeben in einer lustigen und langen Erzhlung begriffen war, welche
fr ein weibliches Ohr nicht eben von der delikatesten Art sein mochte, so zog
sich Constanze wieder zurck, und Theobald verfehlte keineswegs, ihr
Gesellschaft zu leisten.
    Sie stiegen die breiten Stufen zur Gartenanlage hinab, und die Grfin
bezeugte auf eine drollige und neckische Art ihre Freude ber die Leichtigkeit,
womit sie auf der gefrorenen Schneedecke hinschlpfen konnte, indes ihr
Begleiter zuweilen unversehens mit dem Fue einsank. Aber all ihr munteres Wesen
vermochte kaum etwas gegen den sinnenden Ernst des Malers. Sie kamen vor eine
dunkle Gruppe hoher Forchen, welche den Eingang zu der sogenannten schnen
Grotte vorbereiteten. Diese zog sich eine betrchtliche Lnge unter einem
reichbewachsenen Felsen fort und fhrte unmittelbar in den groen Saal der
Orangerie. Nicht ohne vielen Sinn war die Sache so angelegt worden, um dem
Spaziergnger eine hchst berraschende Szene zu bereiten, wenn man, besonders
zu dieser Jahreszeit, aus dem toten Wintergarten in eine schauerliche Nacht
eingetreten, nach etlichen hundert Schritten mit einem Male einen hellgrnen,
warmen Frhling zauberhaft aus breiten Glastren sich entgegenleuchten sah.
    Theobald forderte zu einem Gang durch die Hhle auf, und die Grfin, die den
Ort noch nicht kannte, nahm nach kurzem Zaudern den Arm ihres Begleiters an. Ein
eisernes Gelnder, woran man fortlief, leitete sicher an den Wnden hin, und so
waren beide mit vorsichtigen Tritten eine Strecke weit gewandert, als Constanze,
das Ende des dunkeln Ganges vergeblich erwartend, bereits ngstlich die Umkehr
verlangte. Nolten bat dringend, vollends auszuhalten, und berredete sie
endlich. Aber in steter Furcht, einen Mitritt zu tun, oder gegen einen
Vorsprung des Felsen zu stoen, hielt sich die zarte Frau fest und fester an
ihren Fhrer, und indes beide schweigend und sachte nebeneinander gingen, wie
seltsam war es unserem Freunde, so viel Schnheit und Jugend in voller und doch
unsichtbarer Gegenwart leis atmend an seiner Seite! Sein Herz pochte
gewaltsamer, und wie schon das Wunderbare und Groartige eines solchen Ortes
erhhend auf die Sinne wirkt, so steigerte sich jetzt seine Phantasie bis zu
einer gewissen Feierlichkeit, alles schien ihm etwas Auerordentliches, etwas
Entscheidendes ankndigen zu wollen.
    Dies trat auch nur zu bald und auf ganz andere Weise ein, als er sich htte
je vermuten knnen; denn in dem Augenblick, wo ihm vorne ein dmmernd
hereinfallendes Licht den nahen Ausgang verheit, glaubt er von derselben Seite
her eine Stimme zu vernehmen, deren wohlbekannter Ton ihn pltzlich starr wie
eingewurzelt stehenbleiben macht. Constanze fhlt, wie er zusammenschrickt, wie
sein Atem ungestm sich hebt, wie er mit der Faust gegen die Brust fhrt, Was
ist das? um Gottes willen Nolten, was haben Sie? Er schweigt. Wird Ihnen nicht
wohl? Ich beschwre, reden Sie doch!
    Keine Furcht, edle Frau Besorgen Sie nichts - aber ich gehe nicht weiter -
keinen Schritt - denken Sie was Sie wollen, nur fragen Sie mich nicht!
    Nolten! entgegnete die Grfin mit Heftigkeit, was soll der unsinnige
Auftritt? kommen Sie! Soll ich mich etwa krank hier frieren? Was haben Sie vor?
Den Augenblick verla ich diesen Ort - werden Sie mir folgen oder geh ich
allein? Lassen Sie mich los! ich befehl es Ihnen. - Er hlt sie fester.
Nolten! ich rufe laut, wenn Sie beharren!
    Ja, rufen Sie! rufen Sie ihn herbei - er ist nicht weit von uns - ich habe
seine Stimme gehrt, meines schlimmsten, meines tdlichsten Feindes - Herzog
Adolph ist in der Nhe!
    Nun erst schien Constanze zu begreifen; sie stand sprachlos, ohne Bewegung.
    Der Augenblick ist da! rief Theobald, ich fhl es, jetzt, oder niemals
mu es heraus, das Geheimnis, das seit Monaten an meinem Leben zehrt und frit,
das mich zugrunde richten wird, wenn ich's nicht endlich darf aus der Brust
stoen - Constanze! ahnest du es nicht? O da ich dir ins Auge blicken, dir's
von der Stirne lesen knnte, du habest lngst erraten!
    Still, Nolten! schweigen Sie - um meiner Ruhe willen, kein Wort weiter!
Kommen Sie vorwrts, dort an das Licht -
    Dorthin? nein, nimmermehr! sein Sie barmherzig - Nicht da ich mich
frchtete vor ihm, dem bermtigen - sein Anblick nur ist mir unertrglich -
Jetzt, eben jetzt, als htte die Hlle ihn bestellt, mir jede meiner kurzen
Seligkeiten zu vergiften! Ich ha ihn, ha ihn, weil er um deine Liebe schleicht
Constanze! Ist's nicht so? kannst du's leugnen? und drft er hoffen? Er? Gib
einen Laut! La mich's erfahren! Alles weit du, weit, was ich leide, mein
Herz, mein Verlangen kann dir nicht unbekannt sein; Engel! o himmlischer, gib
mir ein Zeichen! La mir ein Lispeln, mir einen schwachen Hndedruck bekennen,
was du im stillen mir zudenkst, was deine Gte schchtern mir gewhren mchte!
Glaub mir, ein Gott hat uns hieher gefhrt, mein Innerstes erst bitter aufgeregt
und alles, alles - Ha, Verzweiflung, Angst, die unbegrenzte Wonne deiner Nhe
zusammengedrngt hier in diesen verborgenen Winkel, um endlich mein Herz
hervorzurufen, mir das Bekenntnis zu entreien, und auch deine Lippen
aufzuschlieen - So sprich denn, o sprich! die Minuten sind kostbar! Er zog die
Zitternde, Verstummte an sich. Ihr Haupt sinkt unwillkrlich an seine Brust,
indes ihre Trnen flieen und sein Ku auf ihrem Halse brennt. Den Mund in die
dichte Lockenflle drckend, htte er ersticken mgen vom s betubenden Dufte
dieser ppigen Haare - der Boden schien sich zu teilen unter den Fen
Constanzens - Erd und Himmel zu taumeln vor ihrem geschlossenen Auge - in eine
unendliche Nacht voll seliger Qualen strzt ihr Gedanke hinab - liebliche Bilder
in flammendem Rosenschein, wechselnd mit drohenden, grnaugigen Larven, dringen
auf sie ein - aber noch immer halten ihre Kniee sich aufrecht, noch immer
entfahrt ihr kein Laut, kein Seufzer, nur von einem flchtigen Schauder zuckt
augenblicklich ihr Krper zusammen. Mchtiger, kecker fhlt das herrliche Weib
sich umschlungen; da rauscht auf einmal der Tritt eines Menschen unfern von
ihnen, jher Schrecken fat Theobald an, und eh er noch seitwrts ausbeugen
kann, streift schon das Kleid des Vorbergehenden an ihnen hin. Glcklich war
die Gefahr berstanden. Niemand als der Herzog kann es gewesen sein. Theobald
schpft wieder Atem. Constanze, regungslos in seinen Armen, scheint von allem
nichts bemerkt zu haben. Nach einer Weile fhrt sie wie aus einem Traume empor
und - Fort! fort! ruft sie mit durchdringender Stimme - Wo bin ich? Was soll
ich hier? Hinweg, hinweg! Sie ri sich heftig los und eilte voran, so da
Theobald kaum mehr folgen konnte. Ein blendendes Meer von Sonnenschein empfngt
die Eilenden an der Schwelle des blhenden Saales. Nolten will soeben die Grfin
erreichen, aber die groe Glastre schlgt klirrend hinter ihr zu, ohne da er
sie wieder ffnen knnte. Er sieht die geliebte Gestalt zwischen dem Laub der
Orangen verschwinden. Trunken an allen Sinnen, ratlos, verwirrt, in
schmerzlicher Furcht steht er allein. Noch einmal versucht er das verwnschte
Schlo - umsonst, er sieht sich gezwungen, rckwrts zu gehen. Wtend rennt er
eine Strecke fort bis in die Gegend der verhngnisvollen Stelle, wo er
stehenbleibt, sich fragt, ob es Blendwerk, ob es Wirklichkeit gewesen, was hier
vorgegangen? Unmglich schien es, da noch soeben Constanze hier zwischen diesen
Felsen gestanden, da er sie, sie selber in seinen Armen gehalten, ihren Busen
an dem seinigen klopfen gehrt. Wie kalt und teilnahmlos lag jetzt diese
Finsternis um ihn her, wie so gar nicht schienen diese rohen Massen von jener
holden Gegenwart zu wissen, deren Gottheit noch soeben rings die Nacht
purpurisch glhen machte! Hier klang das Rufen der Geliebten hier fiel der
Tropfe aus dem schnen Auge! O lt kein leiser Geisterton sich hren, der mir
versichere: ja, hier war es, hier geschah's! Begreife denn dein Glck, unglubig
Herz! umfa, umspanne den vollen Gedanken, wenn du es kannst, denn ohne Grenzen
ist dein Glck, auch dann, wenn du sie nimmer sehen solltest, wenn dich ihr
Zorn, ihr Stolz auch auf immer verbannte! War sie nicht dein, dir hingegeben
einen vollen, unerschpflichen Moment? O dieser Augenblick sollte eine
bettelarme leere Ewigkeit reich machen knnen!
    Glhend aufgeregt verlie der Freund den Ort, und um sich, so gut es gehen
mochte, noch zu sammeln, nahm er absichtlich einen weiten Umweg nach dem Saale,
wo die Gesellschaft beieinander war.
    Sie bleiben lange aus! rief ihm der Graf entgegen, und haben dadurch den
Herzog versumt, welcher diesen Morgen auf eine Stunde hier gewesen, aber
bereits wieder weg ist.
    Die Unbefangenheit dieses Empfangs, den er mit einer leichten Entschuldigung
erwiderte, und die Ruhe, welche sich in Constanzens Benehmen aussprach,
berzeugte Theobald hinlnglich, da ihre und seine Abwesenheit nicht
aufgefallen war. Dennoch wollte ihn die Art, wie die schne Frau sich anlie
befremden: sie kam ihm beinahe wie ein anderes Wesen vor, ernst ohne
niedergeschlagen, zurckhaltend und hflich, ohne abstoend zu sein; eine
gleichgltige Frage, die er an sie richtete, beantwortete sie mit mehr
Natrlichkeit und Geistesgegenwart, als der Frager in diesem Augenblicke selbst
besa. Bei alledem schien ihre Miene das, was vorgefallen war, eher
stillschweigend zu verzeihen als zu billigen, ja es hatte das Ansehen, als
verleugnete sie die Erinnerung daran ganz und gar.
    Nicht mehr lange, so wurde das Mittagessen angesagt, wozu der Graf ohne
weiteres auch den Italiener geladen hatte, zu nicht geringem Verdrusse Noltens,
der es denn auch geduldig geschehen lassen mute, als jener sich die Gnade
erbat, Eccellenza der Frau Grfin seinen Arm zum Gange nach dem Meierhause
leihen zu drfen.
    Die kleine Tafel fiel reichlicher aus, als man erwartet hatte, denn auer
dem fremden Weine, der im Schlitten des Grafen mitgekommen war, fand sich ein
schmackhafter und seltener Bissen Geflgel ein, bei dessen Auftischung der Graf
zu bemerken nicht unterlie, da man den trefflichen Seevogel der Galanterie
seiner Hoheit verdanke, der Herr Herzog haben ihn vorhin am groen Teiche
geschossen.
    Der Italiener hielt sich besonders an den feinen Roussillon und schwatzte
kunterbuntes Zeug durcheinander, was indessen fr Theobald zu jeder andern Zeit
rgerlicher gewesen wre, als jetzt, wo er seine Zerstreuung gerne hinter diesen
Lrm verbarg. Man redete dem Auslnder zuliebe, der kein Deutsch verstand, und
Constanzen, der das Italienische nicht gelufig war, franzsisch, und unser
Freund fand in dieser fremden Sprache eine willkommene Art von Scheidewand
zwischen sich selber und seinem gegenwrtigen Gefhl; aber sonderbarerweise
rckte sich ihm auch die lebhafte Szene von heute morgen nur um desto mehr in
das Unglaubliche, ja Constanze selbst verschwand ihm in eine zweifelhafte Ferne,
so nahe ihm ihre uere Gestalt auch war. Er sah die jetzt verflossenen Stunden,
wenn er je sie wirklich verlebt haben sollte, wie eine lngst entflohene
Vergangenheit an, aber die Gegenwart deuchte ihm deshalb um nichts wahrhafter
und gegenwrtiger und die Zukunft vllig ein Unding.
    So leidlich auf diese Art die Stimmung Theobalds war, so bitter sollte sie
bald gestrt werden. Der fremde Knstler nahm nach und nach Anla, seine gute
Laune an dem Manne zu ben, welchen er doch in keinem Betracht als Nebenbuhler
ansehen konnte. Erst waren es leichte Sptteleien, dann hchst indiskrete
Fragen, worauf Nolten anfangs mit gutmtigem Spae, zuletzt mit einiger Schrfe
antwortete, ohne jedoch seinen Gegner zu dem Grade von Wut reizen zu wollen,
welcher sich alsbald sehr ungesittet hervortat, so da Nolten schnelle aufstand
und dem Schreier den Vorschlag machte, den Streit auerhalb des Zimmers mit ihm
abzutun, damit wenigstens das Ohr der brigen nicht beleidigt wrde. Constanze
hatte bereits den Tisch verlassen.
    Sie sind Zeuge! rief der jhzornige Mann dem Grafen zu, Sie gestehen, da
Signor meinen Scherz absichtlich bse miverstand, um mich beleidigen zu knnen!
Aber es soll ihm nicht hingehen, so wahr ich lebe, Signor wird mir Genugtuung
verschaffen!
    Sehr gern! erwiderte Theobald, doch dnkt mich, wer dies am ersten
fordern knnte, das wre ich; indessen htte ich fr meine Person darauf
verzichtet, weil Sie durch Ihre Reden meine Ehre nicht zu krnken vermochten,
weder in meinen noch in den Augen der Anwesenden. Sollten Sie aber die Rettung
der Ihrigen noch auf irgendeine Art versuchen wollen, so will ich alles dazu
beitragen, wiewohl ich mir fast lcherlich dabei vorkomme.
    Lcherlich, Signor? triumphierte der Italiener, das Wort falsch deutend,
mit entsetzlichem Lachen, lcherlich? ja, ja, nun ja, da haben Sie recht! ich
kann beinahe zufrieden sein mit diesem Gestndnis, hi, hi, hi!
    Nolten wollte sich dem Unverschmten mit derber Wahrheit erklren, aber ein
Wink des Grafen bat ihn um Zurckhaltung, und er folgte um so williger, je mehr
er dabei an Constanzen und ihre entschiedene Abneigung gegen dergleichen
Ehrenerrterungen dachte. Doch der Italiener wollte sich seines Siegs noch
weiter freuen, er wandte sich gegen seinen Mann mit den Worten: Gratulieren Sie
sich, da Sie so wegkommen, mein Herr Maler! Knftig etwas bescheidener, will
ich geraten haben! Sie drften sonst eine deutsche Klinge mit einer welschen
messen, oder da ich es recht sage, ich mchte mir leicht einmal den Spa
machen, und mein scarpello aufheben gegen einen deutschen - Pinsel; verstanden?
    Wohl, mein Herr, versetzte Nolten ruhig, ich bin der Meinung, Sie machten
die Probe je eher je lieber; ich werde mich diesfalls heute noch in bester Form
eines nhern bei Ihnen vernehmen lassen. Was inzwischen den deutschen Pinsel
betrifft, so mgen Sie immerhin den Maler in mir verachten, und zwar noch ehe
Sie ihn kennengelernt haben, ich bin gegen den Bildhauer gerecht, dessen Werke
ich vorhin gesehen habe; sie sind vortrefflich, und sind es so sehr, da es der
frechsten Lge gleichsieht, wenn Sie, mein Herr, sich den Schpfer derselben
nennen.
    Dieser letzte Ausfall machte den Fremden offenbar ein wenig betroffen,
obgleich er getan, als hrte er nichts; aber er wurde noch verlegener, da Nolten
ihm tiefer ins Gesicht schaute, den Kopf schttelte und mit einem zweifelnden
Lcheln dem Grafen zuwinkte; - noch einen prfenden Blick auf die seltsame
Physiognomie des Italieners, noch einen, und wieder einen und - Gemach, mein
Freund! rief Theobald, den Burschen am Schnurrbart packend, da er eben aus der
Tr schlpfen wollte, ich glaube, wir kennen uns! - Wunder! der falsche
Schnurrbart blieb Nolten in den Fingern, der arme Teufel selber fiel zitternd
auf seine Kniee, es war kein anderer Mensch als - Barbier Wispel, der entlaufene
Bediente Noltens.
    Der Graf traute seinen Augen kaum bei dieser Szene, und unser Freund,
ungewi, sollte er lachen oder zrnen, rief: Du unterstehst dich, Elender,
nachdem du mich einmal schndlich bestohlen, aufs neue deinen Betrug, deine
Narrheit an mir und in dieser Gegend auszuben, wo dich das Zuchthaus erwartet?
Wie kommst du nur zu diesen Kleidern, wie kommst du berhaupt dazu, diese
apokryphische Rolle zu spielen?
    In der Tat konnte Nolten trotz aller angenommenen und wirklichen Indignation
ein herzliches Lachen kaum zurckdrngen. Es nahm ihn nun gar nicht mehr wunder,
wie er sich eine Zeitlang wirklich in der Person dieses Menschen tuschen
konnte; denn es war bei weitem nicht der magere, splitterdnne Wispel mehr, es
mute ihm auf seinen neuen Reisen ganz besonders wohl ergangen sein, auch von
seinen frheren Manieren hatte sich vieles verwischt, oder legte er sie auf
einige Stunden ab, und dann die knstlich braun gefrbte Haut, vernderte
Stimme, verstellte Frisur, Bart und sonstige Ausstattung, alles half zu diesem
nrrischen Quiproquo. Aus seinen Bekenntnissen ergab sich nach und nach, da er
in die Dienste des fremden Knstlers ungefhr auf dieselbe Weise gekommen war,
wie einst in Theobalds; es ging dies um so leichter an, da ihm von seinen
frheren Landstreichereien noch einige Kenntnis der Sprache seines Herrn
geblieben war, und er diesem als Dolmetscher auf seiner Reise nach Deutschland,
an dessen Grenze sie sich kennengelernt, gar oft ntzlich sein konnte. Die guten
Kleider, die er am Leibe trug, waren teils Geschenk seines Herrn, teils hatte er
sich zur Ausfhrung des gegenwrtigen Prunkstckchens die Garderobe des
Knstlers heimlich zunutze gemacht. Der Italiener, erst vorgestern angelangt,
hielt sich in der Stadt auf, und sollte erst diesen Abend zu Anordnung der
Bildwerke herauskommen, weil aber durch ein Miverstndnis die Handlanger schon
in der Frhe vergeblich hiehergesprengt worden, so empfand Wispel einen
unberwindlichen Reiz, vor diesen Leuten und den etwa sich einfindenden Fremden
jenen berhmten Mann vorzustellen, dessen bizarres Wesen er zwar mit
bertreibung, doch nicht ganz unglcklich, nachzuahmen wute. Es sei ihm selber,
gestand er nun, sehr leid gewesen, als ihm Nolten, sein ehemaliger Gebieter, so
unerwartet in den Wurf gekommen, und noch jetzt wisse er nicht recht, was ihn
verfhrt habe, augenblicklich eine offensive Stellung gegen ihn anzunehmen.
    Aber Mensch, wie konntest du so unbegreiflich grob, so frech gegen mich
sein? Weit du, was du noch im Rest bei mir sitzen hast?
    Ach, mein charmantester, mein gttlicher Herr, wie sollt ich's nicht
wissen? aber das steht ja in guter Hand - es mag etwa eine halbe Carolin sein,
was Sie mir an meinem Lohn noch schulden - Bagatell - wenn Sie gelegentlich,
aber wohlverstanden, nur ganz gelegentlich, das Pstchen -
    Hier bekam Wispel unversehens einen Backenstreich von Theobalds Hand, da
ihm die Haut feuerte. Schandbube! eine Anweisung ins Spinnhaus bin ich dir
schuldig! Aber gib Rechenschaft ber das, was ich eben frage: wie warst du
fhig, gegen deinen ehemaligen Wohltter dich so zu vergessen?
    Ach, antwortete er, ganz wieder mit seiner gewohnten Affektation, mit
jenem Hsteln und Blinzeln, dem Himmel ist es bewut, wie das zuging, ich
wollte mich durch solch ein Betragen gleichsam unkenntlich machen, mich gegen
meine eigene Rhrung verschanzen, daher meine Wut, meine Malice, auch leugn' ich
nicht, es war vielleicht ein - ein - vielleicht ein Kitzel, das heie Blut des
Sdens an mir selbst zu bewundern, und so - und dann - aber gewi werden Sie mir
zugeben, Monsieur, ich habe den hhern Ton der Schikane und den eigentlichen
vornehmen Takt, womit das point d'honneur behandelt werden mu, mir so ziemlich
angeeignet. Wie? ich bitte, sagen Sie, was denken Sie?
    Mit diesem letzten Zusatz war es seiner Eitelkeit so vllig Ernst, er war so
gespannt auf ein schmeichelhaftes Urteil Noltens, da dieser und der Graf nur
staunten ber die unsinnigste Art von Ehrgeiz, womit dieses Subjekt wie mit
einer Krankheit gestraft war Erinnerte man sich vollends der einzelnen Momente,
in denen der Mensch seit heute frh sich stufenweise, zuerst bei der Ankunft
Theobalds, dann beim Grafen, endlich als Weltmann bei der Grfin geltend
gemacht, so htte man sich beinahe schmen mssen, wre die Sache weniger lustig
und neu gewesen. Sogar Constanze, welche vom Bruder herbeigerufen ward, konnte,
nachdem sie den unglaublichen Betrug eingesehen, sich des Lchelns nicht
enthalten, obgleich sie den Entlarvten, dessen Beschmung sie sich schmerzlicher
als billig vorstellte, mit einem fast peinlichen Gefhl, wie einen armen
Verrckten, betrachtete. Die Fragen, welche sie etwa an ihn tat, bildeten durch
ihre wahrhaft naive Delikatesse einen fast komisch rhrenden Kontrast zwischen
der edlen Frau und der verchtlichen Kreatur. Theobald fand sich hiedurch auch
wirklich zu einem gewissen Grad von Mitleid mit dem rmlichen Snder bewogen,
und als Wispel auf das beredteste ihn um Wiederaufnahme in sein Haus ersuchte,
konnte er sich zwar hiezu nicht verstehen, aber er versprach, ihm auer einer
Warnung, die man dem Italiener schuldig sei, keineswegs schaden zu wollen.
Hierauf verabschiedete sich Wispel mit gehrigem Anstand, er wollte Constanzen
die Hand kssen, was jedoch hflich verbeten wurde.
    Die Gesellschaft verhehlte sich den im ganzen vershnenden Eindruck nicht,
welchen der letzte Auftritt bei ihr zurckgelassen hatte. Bei der Grfin selbst
war der Rckblick auf den heutigen Morgen leichter, weil seine Wirkung
wenigstens uerlich durch so manches andere in etwas war verdrngt worden; nur
sobald Nolten ihr nher kommen wollte, wich sie schchtern und unbehaglich aus.
Im allgemeinen, dies durfte er sich mit Recht sagen, lie ihr Benehmen sich gar
nicht zu seinen Ungunsten auslegen, ja er konnte den tief gegrndeten Keim
wirklicher Liebe nicht mehr an ihr verkennen, er hoffte eine zwar langsame, aber
unaufhaltsame Entwicklung. Nur jede Voreiligkeit, alles dringend Heftige, so
sehr dies in seinem Temperamente lag, beschlo er zu vermeiden, und wir selber
sind der Meinung, da er dabei seinen Vorteil und die Sinnesart der Frauen von
Constanzens Werte fein genug zu schtzen gewut.
    Man htte gerne noch den echten Italiener gesehen, allein der Abend nahte
stark heran, es war unwahrscheinlich, da der Knstler noch kme, berdies
verlangte Constanze nach Haus, und so schickte man sich denn zum Aufbruch an.
    Nolten, der den Schlitten des Grafen eine Weile rasch verfolgte, blieb mit
seinem Pferde doch bald zurck. Er hatte Zeit seinen Gedanken ber den heutigen
Tag, seinen Besorgnissen und Hoffnungen stille nachzuhngen, indes der Mond mit
immer hellerem Lichte die dmmernde Schneelandschaft berschien. Was hatte sich
doch verndert in den wenigen Stunden seit er diese Wege hergeritten! um wieviel
nher war er gegen alles Denken und Vermuten seinem ersehntesten Ziele gekommen,
ja, das er wirklich schon erreicht, das er schon mit khnen Armen umschlungen
und auf alle Zukunft fr sich geweiht hatte! Je verwunderter er diese rasche
Wendung bei sich berlegte, desto strker drang sich ihm der alte Glaube auf,
da es Augenblicke gebe, wo ein innerer Gott den Menschen unwiderstehlich
besinnungslos vorwrts stoe, einer groen Entscheidung entgegen, so da er, da
sein Schicksal und sein Glck sich selber gleichsam bertreffen mssen. Er
schauderte im Innersten, er drang mit weit offenem Aug in das tiefe Blau des
nchtlichen Himmels und forderte die Gestirne heraus, seine Seligkeit
mitzuempfinden. Was doch jetzt in Constanzen vorgehen mag! - er htte die Welt
verschenken mgen, um dieses Einzige zu wissen, und doch pries er wieder seine
Ungewiheit, weil sie ihm vergnnte, alles zu glauben, was er wnschte. Sollte
jetzt nicht auch in ihrem Busen der wonnevollste Tumult von Freude, Furcht und
Hoffnung laut sein? und ist nicht der Grund ihrer Seele, wie die Tiefe eines
stillen Meeres, jetzt von jener unendlichen Ruhe beherrscht, welche im
Bewutsein hoher Liebe liegt? - So dachte er, so durchlief er noch manches, was
ihn mchtig emporhob, krftig gab er seinem Pferde die Sporen, als glte es,
noch heute allen seinen Wnschen die Krone aufzusetzen.

In derselben Woche kamen Briefe aus Neuburg an Theobald, wie gewhnlich unter
der Aufschrift an Larkens. Voll Begierde nach dem Inhalte, welcher ihm, wie er
zuverlssig hoffte, jeden Zweifel ber Agnes benehmen sollte, ri er das Kuvert
auf. Jedesmal ergriff ihn die eigenste Rhrung, wenn er solche treuherzige
Linien ansah, die nach des Mdchens Meinung der Geliebte lesen sollte, und die
unser Schauspieler doch wiederum nur sich selber zueignen konnte, da es nur
Antworten auf dasjenige waren, was er zwar ganz im frheren Sinne Noltens
geschrieben, aber doch gleichsam durch alle Fasern des eigenen innigsten Gefhls
bertragend, empfunden hatte. In der Tat, er kam sich dann immer wie ein
gedoppeltes Wesen vor, und nicht selten kostete es ihn Mhe, sein Ich von der
Teilnahme an diesem zrtlichen Verhltnis auszuschlieen.
    Was Agnesens gegenwrtigen Brief betrifft, so klangen ihm die Worte anfangs
einigermaen rtselhaft, bis ihm ein greres Schreiben vom Vater in die Hnde
fiel, das er auch zugleich von Blatt zu Blatt mit immer steigendem Erstaunen
hastig durchlas. Der Alte beruft sich auf seinen frhern Brief an Theobald,
worin die sonderbare Verirrung des Mdchens, soweit es damals mglich gewesen,
bereits entwickelt worden sei; er wolle aber, da einige erst neuerdings
entdeckte Umstnde die Ansicht des Ganzen bedeutend verndert htten, alles von
vornherein erzhlen, und so setzt er denn dasjenige weitlufig auseinander, was
wir dem Leser schon mitgeteilt haben. Mehrere auffallende Vorgnge hatten dem
Frster zuletzt ber das Dasein eines stillen Wahnsinns keinen Zweifel mehr
briggelassen. Es ward ein Arzt zu Rat gezogen, und mit Hlfe dieses
einsichtsvollen Mannes gelang es gar bald, den eigentlichen Grund des Unheils
aus dem Mdchen hervorzulocken. Hiebei mute es fr den aufmerksamen Beobachter
solcher abnormen Zustnde von dem grten Interesse sein, zu bemerken, da schon
das Aussprechen des Geheimnisses an und fr sich entscheidend fr die Heilung
war. Denn von dem Augenblicke, da der Auftritt mit der Zigeunerin ber Agnesens
Lippen kam, schien der Dmon, der die Seele des armen Geschpfes umstrickt
hielt, seine Beute fahrenzulassen, und ein herzzerschneidender Strom der
heftigsten Trnen schien die Rckkehr der Vernunft anzukndigen. Die Entdeckung
jener geheimen Ursache fand aber um so weniger Schwierigkeit, da das Mdchen
selbst seit der zweiten Unterredung mit der Zigeunerin ein gewisses Mitrauen
gegen dieselbe nhrte, worin sie sich nun eben nicht ungerne bestrken lie.
Wirklich rhrend war es anzusehen, mit welcher Begierde sie jedes Wort
einschluckte, das man zum Beweis eines offenbaren Betrugs vorbringen mochte. Auf
ihrem zwischen Angst und dankbarer Freude wechselnden Gesichte malten sich die
letzten Zuckungen des aberglubischen Gewissens, dem die vernnftige
Beredsamkeit des Vaters nun den Todessto gab. Dennoch fhlte sie noch immer
eine Art von Zwiespalt im Innern, sie fand sich schwer zurecht, und wie der
Blindgewesene sich nur langsam wieder an das Licht gewhnt, das alle Welt
erfreut, so dauerte es einige Zeit, bis Agnes ihr Glck zu fassen vermochte, bis
sie es wagte, sich den andern Menschen wieder gleichzustellen. Oft kam es ihr
noch vor, als ob irgendein finsterer Zeuge ihres Schicksals hinter ihrem Rcken
lauschte und auf Rache denke, weil sie seinen Banden entsprungen. Aber der
Verbrecher, der durch eine feierliche Absolution aus dem Munde des Heiligen
Vaters mit einemmal sich einer ganzen Hlle entbunden fhlt, kann nicht leichter
atmen als Agnes, nachdem endlich das dstere Phantom fr immer verabschiedet
war. Wie ganz anders konnte sie nun an Nolten denken! Wie herzhaft prfte ihre
Liebe wieder die alte Freiheit ihrer Flgel! Wie ungewohnt erschien ihr alles,
was in bezug auf ihn gesagt oder getan ward! Sprach jemand seinen Namen aus, so
konnte sie den Namen mit seligem Befremden vor sich wiederholen und mit
Entzcken rief sie ihn dann laut aus, so da man sie kaum begreifen wollte. Kam
ihr zufllig seine Handschrift vors Auge, so deuchten ihr die Zge wie
sprechend, sie betrachtete sie mit einem vllig neuen Sinn - kurz, es schien,
als sei er ihr erst heute geschenkt, als heie sie jetzt zum ersten Male Noltens
Braut.
    Dieselbe unschuldige Trunkenheit atmete aus ihrem Briefe, den Larkens jetzt
in der Hand hielt. Sie vermied soviel mglich jede Berhrung jener strenden
Ereignisse, und ihre Worte verrieten nicht die geringste Unruhe darber, wie
Theobald die Geschichte ihrer Krankheit aufnehmen werde, welche der Vater mit
ihrem Vorwissen, jedoch ohne der Tochter sie lesen zu lassen, ihm aufrichtig
mitteilte.
    Mit Staunen und Rhrung legte Larkens die Bltter auf den Tisch, nachdem er
sie zwei - und dreimal mit der grten Sorgfalt durchgelesen hatte. Er hatte
Mhe, sich die Fden dieser unerhrten Verwirrung klarzumachen, sich zu sammeln
und ein ruhiges Bild vom Ganzen zu gewinnen, um hierauf seine Entschlieung zu
fassen. An der getreuen Darstellung der Begebenheiten zweifelte er keinen
Augenblick, alles trug zu sehr das Geprge der inneren Wahrheit. Aber was ihn
bei der Sache besonders nachdenklich machte, das war die Einmischung der
Zigeunerin. Denn auf der Stelle war es wie ein Blitz in ihn geschlagen, da er
die Person kenne, da ihm ihr sonderbarer Bezug zu Nolten nicht unbekannt sei.
Nach dem sehr bestimmten Bilde, das er von ihrem Charakter hatte, befremdete ihn
einigermaen ihr falsches Spiel gegen Agnes, dennoch hatte er guten Grund, sie
deshalb keineswegs mit den gemeinen Betrgerinnen ihrer Nation zu verwechseln,
ja ihn ergriff das tiefste Mitleid, wenn er bedachte, da eben dieses
unbegreifliche Wesen, das an Agnesens Verrckung Schuld war, selbst ein
trauriges Opfer des Wahnsinns sei. So verhielt es sich wirklich und in diesen
Zustand mischte sich eine Leidenschaft fr Theobald, von deren wunderbarer
Entstehung wir dem Leser in der Folge Rechenschaft geben werden. Die
Unglckliche glaubte sich in Agnes von einer Nebenbuhlerin befreien zu mssen,
und leider kam der Zufall, wie wir gesehen haben, ihrer Absicht gar sehr zu
Hlfe. Ihre List mochte brigens leicht von der Art sein, wie sie sich bei
Verrckten hufig mit der hchsten Gutmtigkeit gepaart findet, und Larkens
entschuldigte sie um so mehr, da er Elisabeth (so hie das Mdchen) immer von
einer uerst arglosen, ja kindlichen Seite kennengelernt hatte. Wieviel
eigentliche Lge und wieviel Selbstbetrug an jener verhngnisvollen Prophezeiung
Anteil gehabt, wre daher nicht wohl zu entscheiden, nur wird es jetzt um so
begreiflicher, da die Erscheinung und der ganze Ausdruck der Prophetin eine so
gewaltsame und hinreiende Wirkung auf das krnklich reizbare Gemt Agnesens
machen konnte.
    Einige Augenblicke war der Schauspieler entschlossen, sogleich mit dem
ganzen Paket zu seinem Freunde zu eilen. Aber die Sache nher betrachtet verbot
solches die Klugheit. Nolten wre im gegenwrtigen Zeitpunkt zu einer
unbefangenen Ansicht der Dinge nicht fhig gewesen und es war zu befrchten, da
ihm die Oberzeugung von der Tadellosigkeit des Mdchens jetzt eben nicht
willkommen wre, da er, von zweien Seiten aufs uerste gedrngt, an einen
Abgrund widersprechender Leidenschaften gezerrt, nichts brig htte, als an
allem zu verzweifeln. Larkens sah dies deutlich ein, und stand wirklich eine
Zeitlang ratlos, was zu tun sei. Ich mu auf einen Kapitalstreich sinnen, rief
er aus, das Zgern wird mir gefhrlich, es ist Zeit, da man dem Teufel ein
Bein breche!
    Vor allem wollte er suchen, es gelte was es wolle, einen Bruch mit der
Grfin vorzubereiten. Aus einzelnen Spuren hatte er neuerdings von der Neigung
Noltens doch ernstlichere Begriffe bekommen, und er fing an, mehr und mehr an
der Offenheit seines Freundes in diesem Punkte zu zweifeln, wie denn auch
wirklich der Vorfall im Parke bisher ganz und gar ein Geheimnis fr Larkens
geblieben war. Fr jetzt dachte dieser nur auf schleunige Beruhigung des
Mdchens durch einen abermaligen Brief, den er auch sogleich, und mit
ungewhnlicher Wrme und Heiterkeit des Ausdrucks, niederschrieb.

Es gingen, bis Nolten wieder eine Einladung zu Zarlins erhielt, zwei volle
Wochen auf, und wenn diese lange Zwischenzeit unserem Freunde desto
unausstehlicher vorkam, je bedeutender seine gegenwrtige Stellung zu Constanzen
war, so stand er nun doch betroffen und unentschieden, ob Furcht oder Freude
mchtiger in ihm sei. Aber als er sich nun an dem bestimmten Abende mit Larkens
wieder in jenen geliebten Wnden, in jener edlen Umgebung fhlte, als die Grfin
nun die Versammlung bewillkommte und auch ihn mit einer Frhlichkeit begrte,
wie man sie sonst kaum an ihr wahrnahm, da schien sich um ihn und ber sein
ganzes Dasein ein Lichtglanz herzugieen, in welchem sich alle Vergangenheit und
Zukunft seines Lebens wie durch Magie verklrte: und doch war es nur die
Sorglosigkeit ihrer Miene, es war die edle Freiheit ihres Benehmens, was ihn so
tief erquickte, und was ihm, auch abgesehen von jeder andern Vorbedeutung, die
uneigenntzigste Rhrung htte abgewinnen mssen, indem es ihm die
Wiederherstellung des schnen Friedens ihrer Seele verbrgte, welchen gestrt zu
haben er sich zum Verbrechen rechnete.
    Von hnlicher Munterkeit wurde denn auch die brige Gesellschaft belebt, und
die letzte beengende Rcksicht bei Nolten fiel vollends weg mit der Nachricht,
Herzog Adolph werde heute nicht gegenwrtig sein.
    Herren und Damen saen bereits in bunter Ordnung, als die Grfin sich mit
den Worten an Larkens wandte: Sie sagten ja von etwas ganz Besonderem, das Sie
uns diesmal zum besten geben wollten, machen Sie doch die Gesellschaft mit Ihrem
Vorhaben bekannt, ich zweifle nicht, wir drfen uns etwas recht Hbsches, zum
mindesten etwas Ungewhnliches versprechen.
    Es liegt, antwortete Larkens mit guter Laune, in diesem Komplimente etwas
so verzweifelt Bedingtes, da ich nun erst schchtern werde, mit meinem Schatz
hervorzutreten. Wirklich, es ist immer gewagt, wenn ein einzelner oder wenn zwei
Mitglieder eines gebildeten Kreises die Unterhaltung ausschlielich ber sich
nehmen wollen, und obendrein ist mein Gegenstand von der Beschaffenheit, da ihm
ein allgemeines Interesse sehr schwerlich zukommen mchte, wenigstens insoweit
ich dabei bettigt bin. Aber was mich trstet, ist einzig die Untersttzung
durch meinen Freund Nolten, der Ihnen bei dieser Gelegenheit ein ganz neues
Genre seiner Kunst vorfhren wird.
    Ich meines Teils, erwiderte der Maler, mu die Gesellschaft untertnigst
bitten, auf diese Bedingung hin von ihren Forderungen an Larkens nicht
nagelsgro nachzulassen, da mein Beitrag als bloe Verzierung und Erluterung
der Hauptsache an und fr sich nicht in Betracht kommen kann. -
    Kurz, meine Gndigsten, fiel der Schauspieler ihm ins Wort was wir Ihnen
diesmal zeigen, ist nichts anderes, als ein Schattenspiel.
    Ein Schattenspiel! riefen die Damen in die Hnde klatschend, ach, das ist
ja ganz unvergleichlich! wirklich ein ordentliches, chinesisches werden wir
sehen?
    Allerdings, sagte der Graf, und zwar ein ganz neu eingerichtetes, wozu
Herr Nolten die Bilder auf Glas gemalt, und dieser Herr, der als Dichter noch
allzuwenig von sich hren lie, den Text geliefert hat. Soviel ich wei, besteht
der letztere durchaus in einer dramatisierten Fabel, rein von der Erfindung des
Herrn Larkens.
    Diese Fabel, bemerkte der Schauspieler, und der Ort, wo sie vorgeht, ist
freilich nrrisch genug, und es bedarf einer kleinen Vorerinnerung, wenn man den
Poeten nicht ber alle Huser wegwerfen soll.
    Ich hatte in der Zeit, da ich noch auf der Schule studierte einen Freund,
dessen Denkart und sthetisches Bestreben mit dem meinigen Hand in Hand ging;
wir trieben in den Freistunden unser Wesen miteinander, wir bildeten uns bald
eine eigene Sphre von Poesie, und noch jetzt kann ich nur mit Rhrung daran
zurckdenken. Was man auch zu dem Nachfolgenden sagen mag, ich bekenne gern,
damals die schnste Zeit meines Lebens genossen zu haben. Lebendig, ernst und
wahrhaft stehen sie noch alle vor meinem Geiste, die Gestalten unserer
Einbildung, und wem ich nur einen Strahl der dichterischen Sonne, die uns damals
erwrmte, so recht glden, wie sie war, in die Seele spielen knnte, der wrde
mir wenigstens ein heiteres Wohlgefallen nicht versagen, er wrde selbst dem
reiferen Manne es verzeihen, wenn er noch einen migen Spaziergang in die
duftige Landschaft jener Poesie machte und sogar ein Stckchen alten Gesteins
von der geliebten Ruine mitbrachte Doch zur Sache. Wir erfanden fr unsere
Dichtung einen auerhalb der bekannten Welt gelegenen Boden, eine abgeschlossene
Insel, worauf ein krftiges Heldenvolk, doch in verschiedene Stmme, Grenzen und
Charakterabstufungen geteilt, aber mit so ziemlich gleichfrmiger Religion,
gewohnt haben soll. Die Insel hie Orplid, und ihre Lage dachte man sich in dem
Stillen Ozean zwischen Neuseeland und Sdamerika. Orplid hie vorzugsweise die
Stadt des bedeutendsten Knigreichs: sie soll von gttlicher Grndung gewesen
sein und die Gttin Weyla, von welcher auch der Hauptflu des Eilands den Namen
hatte, war ihre besondere Beschtzerin. Stckweise und nach den wichtigsten
Zeitrumen erzhlten wir uns die Geschichte dieser Vlker. An merkwrdigen
Kriegen und Abenteuern fehlte es nicht. Unsere Gtterlehre streifte hie und da
an die griechische, behielt aber im ganzen ihr Eigentmliches; auch die
untergeordnete Welt von Elfen, Feen und Kobolden war nicht ausgeschlossen.
    Orplid, einst der Augapfel der Himmlischen, mute endlich ihrem Zorne
erliegen, als die alte Einfalt nach und nach einer verderblichen Verfeinerung
der Denkweise und der Sitten zu weichen begann. Ein schreckliches Verhngnis
raffte die lebende Menschheit dahin, selbst ihre Wohnungen sanken, nur das
Lieblingskind Weylas, nmlich Burg und Stadt Orplid, durfte, obgleich
ausgestorben und de, als ein traurig schnes Denkmal vergangener Hoheit stehen
bleiben. Die Gtter wandten sich auf ewig ab von diesem Schauplatz, kaum da
jene erhabene Herrscherin zuweilen ihm noch einen Blick vergnnte, und auch
diesen nur um eines einzigen Sterblichen willen, der, einem hheren Willen
zufolge, die allgemeine Zerstrung weit berleben sollte.
    Neuerer Zeiten, immerhin nach einem Zwischenraum von beinahe tausend Jahren,
geschah es, da eine Anzahl europischer Leute, meist aus der niedern
Volksklasse, durch Zufall die Insel entdeckte und sich darauf ansiedelte. Wir
Freunde durchstberten mit ihnen die herrlichen Reste des Altertums, ein
gelehrter Archologe, ein Englnder, mit Namen Harry, war zum Glck auf dem
Schiffe mitgekommen, seine kleine Bibliothek und sonst Materialien verschiedenen
Gebrauchs waren gerettet worden; Nahrung aller Art zollte die Natur im berflu,
die neue Kolonie gestaltete sich mit jedem Tage besser und bereits blht eine
zweite Generation in dem Zeitpunkte, wo unser heutiges Schauspiel sich erffnet.
    Was nun diese dramatische, oder vielmehr sehr undramatische Kleinigkeit
betrifft, so sind meine Wnsche erfllt, wenn die verehrten Zuschauer sich mit
einiger Teilnahme in die geistige Temperatur meiner Insel sollten finden knnen,
wenn sie fr die willkrliche konomie meines Stckes einen freundschaftlichen
Mastab mitbringen und sich mehr nur an den Charakter, an das Pathologische der
Sache halten. Das ganze Ding machte sich, ich wei nicht wie, vor kurzem erst,
nachdem mir seit langer Zeit wieder einmal eines Abends die alten Erinnerungen
in den Ohren summten. Eine lngst gehegte tragische Lieblingsvorstellung drang
sich vorzglich in dem Charakter des letzten Knigs von Orplid auf; dagegen gab
es Veranlassung, zwei moderne, aus dem Leben gegriffene Nebenfiguren lustig
einzuflechten, wovon die eine in der Laufbahn meines Freundes Nolten dergestalt
Epoche gemacht, da diese Person - und sie soll ja neuerdings wieder in unserer
Stadt spuken - sogar einigen der Anwesenden als eine nicht ganz unbekannte
Fratze wiederbegegnen wird.
    Hier steckten sich einige begierige Kpfe zusammen, und als es hie, da
jener diebische Bediente Noltens im Schattenspiel seine Aufwartung machen werde,
verlautete allgemein ein herzliches Vergngen; man machte sich berhaupt auf
eine ergtzliche Unterhaltung gefat, nur Tillsen fhlte sich im stillen durch
jene komische Berhrung verletzt, wiewohl niemand an etwas Beleidigendes dachte.
    In einem andern Subjekt, fuhr der Schauspieler fort, in dem Kameraden des
vorigen zeig ich Ihnen meinen eigenen ehmaligen Sancho; es machte mir Freude,
diese beiden Trpfe einmal treulich zu kopieren, Nolten verfehlte keinen Zug,
und die Gesellschaft mu uns schon vergeben, wenn wir sie auf einen Augenblick
in das Dachstbchen dieser Schmutzbrte zu schauen zwingen.
    Indessen hatte Larkens den erforderlichen Apparat aus seinem Hause holen
lassen; der Diener brachte ein braunes Kstchen, worin das Zaubergerte
verschlossen war; zugleich zog der Schauspieler ein Manuskript hervor, bltterte
und sagte: In Absicht auf die Art und Weise, wie die Tableaux den Text
begleiten, versteht sich von selbst, da der Schauplatz zuweilen, wiewohl nur
selten, leer bleiben wird, da fr den Maler nicht jede Szene gleich brauchbar
sein konnte, da er von einer Szene meist nur einen Moment, eine hervorstechende
Gruppe darstellen konnte, da jedoch so viel Variett als nur immer mglich in
die Bilder gebracht wurde. Nun hab ich nur noch eine Bitte, den Vortrag des
Dialogs betreffend. Ich werde zwar smtliche mnnliche Personen aus meinem Munde
mit abwechselnder Stimme unter sich sprechen lassen, fr die weiblichen aber und
fr die Kinderkehlen sollte mir doch eins und das andre der Frulein zur Seite
stehen und mit mir aus der Rolle lesen. Welche von den Damen wrde wohl die
Geflligkeit haben? Sie, Frulein von R. und von G. erfreuten uns schon auf dem
Liebhabertheater, an Sie richt ich meine Bitte im Namen aller.
    Die Schnen muten sich's gefallen lassen, sie traten mit dem dargereichten
Hefte beiseit, es vorlufig zu durchsehen, whrend Larkens sich von der Grfin
einen geheizten Saal mit weien Wnden ausbat und seine Einrichtung traf.
    Nach kurzer Zeit ertnte sein Glckchen, das die Gesellschaft hinber lud in
den verdunkelten Saal. Hinter einer spanischen Wand, die nach einer Seite offen
war, befanden sich Larkens und seine Gehlfinnen neben der magischen Laterne,
welche inzwischen nur einen runden hellen Schein an die Zimmerdecke warf. Man
nahm im Halbkreise Platz, und Nolten hatte sich so gesetzt, da er Constanzen
ins Auge fassen konnte.
    Nachdem alles stille geworden, begann hinter der Gardine eine einleitende
Symphonie auf dem Klavier von einem Mitgliede der Gesellschaft gespielt und von
Larkens mit dem Violoncello begleitet. Unter den letzten Akkorden erschien an
der breitesten, vllig freien Wandseite des Saales in bedeutender Gre die
Ansicht einer fremdartigen Stadt und Burg, im Mondschein, vom See besplt, links
im Vorgrund drei sitzende Personen und der Dialog nahm seinen Anfang.
    Wir bedenken uns nicht, den Leser an dem Spiele teilnehmen zu lassen, da es
nachher in den Gang unserer Geschichte einschlgt und die wichtigsten Folgen
hat. Zugleich mag es einen lebhaften Begriff von dem inneren Leben jenes
Schauspielers geben, welcher bereits unsere Aufmerksamkeit erregte und noch mehr
knftig unsere Teilnahme gewinnen wird.

                          Der letzte Knig von Orplid


                      Ein phantasmagorisches Zwischenspiel


                                  Erste Szene

 Anblick der Stadt Orplid mit dem Schlosse; vorn noch ein Teil vom See. Es wird
  eben Nacht. Drei Einwohner sitzen vor einem Haus der unteren Stadt auf einer
  Bank im Gesprch. Suntrard, der Fischer, mit seinem Knaben, und Lwener, der
                                    Schmied.

SUNTRARD. Lasset uns hieher sitzen, so werden wir nach einer kleinen Weile den
    Mond dort zwischen den zwei Dchern heraufkommen sehen.
KNABE. Vater, haben denn vor alters in all den vielen Husern dort hinauf auch
    Menschen gewohnt?
SUNTRARD. Jawohl. Als unsere Vter, vom Meersturm verschlagen, vor sechzig
    Jahren zuflligerweise an dem Ufer dieser Insel, was das Einhorn heit,
    anlangten, und tiefer landeinwrts dringend sich rings umschauten, da trafen
    sie nur eine leere steinerne Stadt an; das Volk und das Menschengeschlecht,
    welches diese Wohnungen und Keller fr sich gebauet, ist wohl schon bald
    tausend Jahr ausgestorben, durch ein besonderes Gerichte der Gtter, meint
    man, denn weder Hungersnot noch allzu schwere Krankheit entsteht auf dieser
    Insel.
LWENER. Tausend Jahr, sagst du, Suntrard? Gedenk ich so an diese alten
    Einwohner, so wird mir's, mein Seel, nicht anders, als wie wenn man das
    Klingen kriegt im linken Ohr.
SUNTRARD. Mein Vater erzhlt, wie er, ein Knabe damals noch, mit wenigen Leuten,
    fnfundsiebzig an der Zahl, auf einem zerbrochenen Schiffe angelangt, und
    wie er sich mit den Genossen verwunderte ber eine solche Schnheit von
    Gebirgen, Tlern, Flssen und Wachstum, wie sie darauf fnf, sechs Tage
    herumgezogen, bis von ferne sich auf einem blanken, spiegelklaren See etwas
    Dunkeles gezeigt, welches etwan ausgesehen, wie ein steinernes
    Wundergewchs, oder auch wie die Krone der grauen Zackenblume. Als sie aber
    mit zweien Khnen darauf zugefahren, war es eine felsige Stadt von fremder
    und groer Bauart.
KNABE. Eine Stadt, Vater?
SUNTRARD. Wie fragst du, Kind? Ebendiese, in der du wohnest. - Des erschraken
    sie nicht wenig, vermeinend, man kme bel an; lagen auch die ganze Nacht,
    wo es in einem fort regnete, vor den Mauern ruhig, denn sie getrauten sich
    nicht. Nun es aber gegen Morgen dmmerte, kam sie beinahe noch ein rger
    Grauen an; es krheten keine Hhne, kein Wagen lie sich hren, kein Bcker
    schlug den Laden auf, es stieg kein Rauch aus dem Schornstein. Es brauchte
    dazumal jemand das Gleichnis, der Himmel habe ber der Stadt gelegen, wie
    eine graue Augbraun ber einem erstarrten und toten Auge. Endlich traten sie
    alle durch die Wlbung der offenen Tore; man vernahm keinen Sterbenslaut als
    den des eigenen Futritts und den Regen, der von den Dchern niederstrollte,
    obgleich nunmehr die Sonne schon hell und goldig in den Straen lag. Nichts
    regte sich auch im Innern der Huser.
KNABE. Nicht einmal Muse?
SUNTRARD. Nun, Muse wohl vielleicht, mein Kind. Er kt den Knaben.
LWENER. Ja, aber Nachbar, ich bin zwar, wie du, geboren hier und gro geworden,
    allein es wird einem doch alleweil noch sonderlich zumut, wenn man so des
    Nachts noch durch eine von den leeren Gassen geht und es tut, als klopfte
    man an hohle Fsser an.
KNABE. Aber warum doch wohnen wir neuen Leute fast alle wie ein Huflein so am
    Ende der Stadt und nicht oben in den weitluftigen schnen Gebuden?
SUNTRARD. Wei selber nicht so recht; ist so herkommen von unsern Eltern. Auch
    wre dort nicht so vertraut zusammennisten.
LWENER. Wo wir wohnen, das heit die untere Stadt, hier waren vor alters
    wahrscheinlich die Buden der Krmer und Handwerker. Die ganze Stadt aber
    betrgt wohl sechs Stunden im Ring.
SUNTRARD. Wenn der Mond vollends oben ist, lat uns noch eine Strecke aufwrts
    gehen, bis wo die Sonnenkeile1 ist. Nachbar, als ein kleiner Junge, wenn wir
    Buben noch abends spt durch die unheimlichen Pltze streiften bis zur
    Sonnenkeile, so trieb und plagte mich's immer, den Stein mit dem Finger zu
    berhren, weil ein Glauben in mir war, da er den warmen Strahl der Sonne
    angeschluckt, wie ein Schwamm, und Funken fahren lasse, welches im
    Mondschein so wunderlich aussehen msse.
LWENER. Hrt, was wei man denn auch neuerdings von dem Knigsgespenst, das an
    der Nordkste umgeht?
SUNTRARD. Kein Gespenst! wie ich dir schon oft versicherte. Es ist der
    tausendjhrige Knig, welcher dieser Insel einst Gesetze gab. Der Tod ging
    ihn vorbei; man sagt, die Gtter wollten ihn in dieser langen Probezeit und
    Einsamkeit geschickt machen, da er nachher ihrer einer wrde, wegen seiner
    sonstigen groen Tugend und Tapferkeit. Ich wei das nicht; doch er ist
    Fleisch und Bein, wie wir.
LWENER. Glaub das nicht, Fischer.
SUNTRARD. Ich hab es sicher und gewi, da ihn der Kollmer, der Richter ist in
    Elnedorf, jeweilig insgeheim besucht; sonst sieht ihn kein sterblicher
    Mensch.
KNABE. Gelt, Vater, er trgt einen Mantel und trgt ein eisern spitzig Krnlein
    in den Haaren?
SUNTRARD. Ganz recht, und seine Locken sind noch braun, sie welken nicht.
LWENER. Lat's gut sein! ist schon spt. Das Licht dort in der uersten Ecke
    vom Schlo ist auch schon aus. Dort wohnt Herr Harry, der bleibt am lngsten
    auf. Will noch eine Weile in die Schenke. Gut Nacht!
SUNTRARD. Schlaf wohl, Freund Lwener. Komm Knabe, gehen zur Mutter.

                                  Zweite Szene


                            der Strand. Im Norden.

KOLLMER allein. Hier pflegt er umzugehn, dies ist der Strand.
    Den er einfrmig mit den Schritten mit.
        Mich wundert, wo er bleiben mag. Vielleicht
    Trieb ihn sein irrer Sinn auf andre Pfade,
    Denn oft konnt ich gewahren, da sein Geist
    Und Krper auf verschiedner Fhrte gehn.
        O wunderbar! mich jammert sein Geschick,
    Denk ich daran, was doch kaum glaublich scheint,
    Da die Natur in einem Sterblichen
    Sich um Jahrhunderte selbst berlebt -
    Wie? tausend Jahre? - tausend - ja nun wird mir
    Zum ersten Male pltzlich angst und enge,
    Als mt ich's zhlen auf der Stell, durchleben
    In einem Atemzug - Hinweg! man wird zum Narren!
        Hm, tausend Jahr; ein Knig einst! - o eine Zeit
    So langsam, als man sagt, da Steine wachsen.
    Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft -
    Gb es fr die Vernunft ein drittes noch,
    So mt er dort verweilen in Gedanken.
        Sind's aber einmal tausend, ja, so knnen
    Unzhlige noch kommen; sagt man nicht
    Da auch ein Ball, geworfen ber die Grenze
    Der Luft, bis wo der Erde Atem nicht mehr hinreicht,
    Nicht wieder rckwrts fallen knne, nein
    Er msse kreisen, ewig, wie ein Stern.
    So, frcht ich, ist es hier.
        Auch spricht man von der Inselgttin Weyla,
    Da sie ein Blmlein liebgewann von seltner
    Und nie gesehner Art, ein einzig Wunder,
    Dies schlo die Gttin in das klare Wasser
    Des hrtsten Diamants ein, da es daure
    Mit Farben und Gestalt; wahrhaftig nein,
    Ich mchte so geliebt nicht sein von Weyla,
    Doch diesem Knig hat sie's angetan.
        Oft ahnte mir, er selber sei ein Gott,
    So anmutsvoll ist sein verfinstert Antlitz;
    Das ist sein grtes Unglck, darum ward,
    Wie ich wohl deutlich merke, eine Fee
    Von heier Liebe gegen ihn entzndet,
    Und er kann ihrem Dienste nicht entgehn,
    Sie hat die Macht schon ber ihn, da er,
    Sooft sich ihr Gedanke nach ihm sehnt,
    Tag oder Nacht, und aus der fernsten Gegend,
    Nach ihrem Wohnsitz pltzlich eilen mu.
    Wenn dieser Ruf an ihn ergeht, so reit
    Der Faden seines jetzigen Gedankens
    Auf einmal voneinander, ganz verndert
    Erscheint sein Wesen, hellres Licht durchwittert
    Des Geistes Nacht, der lngst verschttete Brunn
    Der rauhen und gedmpften Rede klingt
    Mit einmal hell und sanft, sogar die Miene
    Scheint jugendlicher, doch auch schmerzlicher:
    Denn greulich ist verhater Liebe Qual.
        Drum sinnt er sicherlich in schwerem Gram,
    Wie er sich ledig mache dieser Pein;
    Dahin auch deut ich jene Worte mir,
    Die er einst fallenlassen gegen mich:
    Willst du mir dienstbar sein, so gehe hin
    Zur Stadt, dort liegt in einem unerforschten Winkel
    Ein lngst verloren Buch von seltner Schrill,
    Das ist geschrieben auf die breiten Bltter
    Der Thranuspflanze, so man gttlich nennt,
    Das suche du ohn Unterla, und bring es.
    Drauf lchelt' er mitleidig, gleich als htt er
    Unmgliches verlangt, und redete
    Zeither auch weiter nicht davon. Nun aber
    Kam mir zufllig jngst etwas zu Ohren
    Von ein paar schmutzigen, unwissenden Burschen,
    Die htten der Art einen alten Schatz
    Bestubt und ungebraucht im Hause liegen.
    Vielleicht, es trfe sich; so will ich denn
    Vom Knig nhere Bezeichnung hren;
    Doch aber zweifl' ich, zweifle sehr - Horch! ja, dort kommt er
    Den Hgel vor. O trauervoller Anblick!
    Sein Gang ist mde. Horch, er spricht mit sich.
KNIG. O Meer! Du der Sonne
    Grner Palast mit goldenen Zinnen!
    Wo hinab zu deiner khlen Treppe?
KOLLMER. (Ob ich es wagen darf, ihn anzurufen?)
    Mein teurer Knig!
KNIG. Wer warf meinen Schlssel in die See?
KOLLMER. Mein hoher Herr, vergnnt -
KNIG ihn erblickend.
    Was willst du hier? Wer bist du? Fort! Hinweg!
    Fort! willst du nicht fort? Fluch auf dich!
KOLLMER. Kennst du mich nicht mehr? dem du manches Mal
    Dein gndig Antlitz zugewendet hast?
KNIG. Du bist's, ich kenne dich. So sag mir an,
    Wovon die Rede zwischen uns gewesen
    Das letztemal. Mein Kopf ist alt und krank.
KOLLMER. Nach jenem Buche hieest du mich suchen.
KNIG. Wohl, wohl, mein Knecht. Doch suchet man umsonst,
    Was Weyla hat verscharrt, die kluge Jungfrau,
    Nicht wahr?
KOLLMER. Gewi, wenn nicht ihr Finger selbst
    Mich fhrt; wir aber hoffen das, mein Knig.
    Fr jetzt entdeck mir mehr vom heilgen Buche.
KNIG. Mehr noch, mein Knecht? das kann schon sein, kann sein,
    Will mich bedenken; wart, ich wei sehr gut -
    - Wr vor der Stirn die Wolke nicht! merkst du?
    Elend! Elend! hier, hier, merkst du? die Zeit
    Hat mein Gehirn mit zher Haut bezogen.
    Manchmal doch hab ich gutes Licht...
KOLLMER. Ach Armer!
    La, la es nur, sei ruhig! Herr, was seh ich?
    Was wirfst du deine Arme so gen Himmel,
    Ballst ihm die Fust ins Angesicht? Mir graut.
KNIG. Ha! mein Gebet! meine Morgenandacht! Was?
    Willst einen Knig lehren, er soll knien?
    Seit hundert Jahren sind ihm wund die Kniee -
    Was hundert -? o ich bin ein Kind! Komm her,
    Und lehr mich zhlen - Alte Finger! Pfui!
    Auf, Sklave, auf! Ruf deine Brder all!
    Sag an, wie man der Gtter Wohnung strmt!
    Sei mir was ntze, feiger Schurke du!
    Die Hlle la uns strmen, und den Tod,
    Das faule Scheusal, das die Zeit verschlft,
    Herauf zur Erde zerren ans Geschft!
    Es leben noch viel Menschen; Narre du,
    Mir ist es auch um dich! willst doch nicht ewig
    Am schalen Lichte saugen?
KOLLMER. Weh! er raset.
KNIG. Still, still! Ich sinne was. Es tut nicht gut,
    Da man die Gtter schmhe. Sag, mein Bursch,
    Ist dir bekannt, was, wie die Weisen meinen,
    Am meisten ist verhat den sel'gen Gttern?
KOLLMER. Lehr mich's, o Knig.
KNIG. Das verhte Weyla,
    Da meine Zunge nennt was auch zu denken
    Schon Fluch kann bringen. - Hast du wohl ein Schwert?
KOLLMER. Ich habe eins.
KNIG. So schone deines Lebens,
    Und la uns allezeit die Gtter frchten! -
    Was hlf es auch, zu trotzen? Das Geschick
    Liegt festgebunden in der Weissagung,
    So deins wie meines. Nun - wohlan, wie lautet
    Der alte Gtterspruch? ein Priester sang
    Ihn an der Wiege mir, und drauf am Tag
    Der Krnung wieder.
KOLLMER. Gleich sollst du ihn hren;
    Du selber hast ihn neulich mir vertraut.

Ein Mensch lebt seiner Jahre Zahl:
Ulmon allein wird sehen
Den Sommer kommen und gehen
Zehnhundertmal.

Einst eine schwarze Weide blht,
Ein Kindlein mu sie fllen,
Dann rauschen die Todeswellen,
Drin Ulmons Herz verglht.

Auf Weylas Mondenstrahl
Sich Ulmon soll erheben,
Sein Gtterleib dann schweben
Zum blauen Saal.

KNIG. Du sagst es recht, mein Mann; ein ser Spruch!
    Mich dnkt, die wen'gen Worte sttigen rings
    Die irdische Luft mit Weylas Veilchenhauch.
KOLLMER. Ergrndest du der Worte Sinn, o Herr?
KNIG. Ein Knig, ist er nicht ein Priester auch?
    Still, meine heil'ge Seele kruselt sich,
    Dem Meere gleich, bevor der Sturm erscheint,
    Und wie ein Seher mcht ich Wunder knden,
    So rege wird der Geist in mir.
    - Freilich, zu trb, zu trb ist noch mein Aug -
    Ha, Sklave, schaff das Buch! mein lieber Sklave!
KOLLMER. Beschreib es mir erst besser.
KNIG. Nur Geduld.
    Ich sah es nie und kein gemeiner Mensch.
    Von Priesterhand verzeichnet steht darin,
    Was Gtter einst Geweihten offenbarten,
    Zuknftger Dinge Wachstum und Verknpfung;
    Auch wie der Knoten meines armen Daseins
    Dereinst entwirrt soll werden, deutet es.
    (La mich vollenden, weil die Rede fliet -)
    Im Tempel Nidru-Haddin htete
    Die weise Schlange solches Heiligtum,
    Bis da die groe Zeit erfllet war,
    Und alle Menschen starben; sieh, da nahm
    Die Gttin jenes Buch, und trug es weg
    An andern Ort, wer wollte den erkunden?
    Auch meinen Schlssel nahmen sie hinweg,
    Die Himmlischen, und warfen ihn ins Meer.
KOLLMER. Herr, welchen Schlssel?
KNIG. Der zum Grabe fhrt
    Der Knige.
KOLLMER. Was zitterst du? erbleichst?
KNIG. Die Zaubrin lockt - Thereile reit an mir -
    Leb wohl! Ich mu -

                      Beide nach verschiedenen Seiten ab.

                                  Dritte Szene


                                     Nacht.
   Ein offener, grner Platz an einem sanften Waldabhang beim Schmettenberg,
                           ohnweit des Flusses Weyla.
 Thereile, eine junge Feenfrstin. Kleine Feen um sie her. Knig an der Seite,
                               mehr im Vorgrund.

THEREILE. Seid ihr alle da?
MORRY. Zhl nur, Schwester, ja!
THEREILE. Ein, zwei, drei, vier, fnf, sechs, sieben.
    Silpelitt ist ausgeblieben!
    Hat doch stets besondre Nester!
    Nun, so sucht, ihr faulen Dinger,
    Steckt euch Lichtlein an die Finger!

                              Kinder eilen davon.

MORRY die heimlich zurckbleibt, leise.
    Weithe!
WEITHE. Was?
MORRY. Siehst du nicht dort
    Ihren Buhlen bei der Schwester?
    Darum schickt sie uns nun fort,
    Dieses hat was zu bedeuten.
WEITHE. Ei, sie mag ihn gar nicht leiden.
MORRY. Bleibe doch! und la uns lauschen,
    Wie sie wieder Ksse tauschen.
    Guck, wie sprd sie tut zum Scheine,
    Trutzig ihre Zpfe flicht!
    Sie nur immer ist die Feine,
    Unsereins besieht man nicht.
WEITHE. Aber wir sind auch noch kleine.
MORRY. Nun, so sag, ist dieses Paar
    Nicht so dumm wie eines war?
    Darf sich se Feenbrut
    Einem Sterblichen wohl gatten?
    Beide zwar sind Fleisch und Blut
    Doch die Braut wirft keinen Schatten.
WEITHE. Ja, das ist doch unanstndig.
MORRY. Aber stets war sie unbndig.
WEITHE. Morry, la uns lieber fort!
    Mir wird angst an diesem Ort
MORRY. Wie sich wohl dies Spiel noch endet!
    Beide stehen abgewendet;
    Wahrlich, wie im tiefsten Schlummer
    Steht der Knig, unbeweglich.
WEITHE. Ach, wie traurig scheint der Mann!
    Liebe Schwester, ist's nur mglich,
    Da man so betrbt sein kann?
MORRY. Seine Stirne, voller Kummer,
    Seine Arme sind gesenkt!
WEITHE. Was nur unsre Schwester denkt!
MORRY. Wr er mir wie ihr so gut,
    Ich lie mich kssen wohlgemut.
WEITHE. Bitte, komm und la uns gehn!
    Wollen nach dem Walde sehn,
    Ob die holden Nachtigallen
    Bald in unsre Netze fallen. Beide ab.

                                  Vierte Szene


                           Knig und Thereile allein.

KNIG fr sich.
    Still, sachte nur, mein Geist; gib dich zur Ruhe!
    Lagst mir so lang in ungestrter Dumpfheit,
    Hintrumend allgemach ins Nichts dahin,
    Was weckt dich wieder aus so gutem Schlummer?
    Lieg stille nur ein Weilchen noch!
        Umsonst! umsonst! es schwingt das alte Rad
    Der glhenden Gedanken unerbittlich
    Sich vor dem armen Haupte mir!
    Will das nicht enden? mut du staunend immer
    Aufs neue dich erkennen? mut dich fragen,
    Was leb ich noch? was bin ich? und was war
    Vor dieser Zeit mit mir? - Ein Knig einst,
    Ulmon mein Name; Orplid hie die Insel;
    Wohl, wohl, mein Geist, das hast du schlau behalten;
    Und doch mitrau ich dir; Ulmon - Orplid -
    Ich kenne diese Worte kaum, ich staune
    Dem Klange dieser Worte - Unergrndlich
    Klafft's da hinab - O wehe, schwindle nicht!
        Ein Frst war ich? So sei getrost und glaub es.
    Die edle Kraft der Rckerinnerung
    Ermattete nur in dem tiefen Sand
    Des langen Weges, den ich hab durchmessen;
    Kaum da manchmal durch seltne Wolkenrisse
    Ein flchtges Blitzen mir den alten Schauplatz
    Versunkner Tage wundersam erleuchtet.
    Dann seh ich auf dem Throne einen Mann
    Von meinem Ansehn, doch er ist mir fremd,
    Ein glnzend Weib bei ihm, es ist mein Weib.
    Halt an, o mein Gedchtnis, halt ein wenig!
    Es tut mir wohl, das schne Bild begleitet
    Den Knig durch die Stadt und zu den Schiffen.
    Ja, ja, so war's; doch jetzt wird wieder Nacht. -
    Seltsam! durch diese schwanken Luftgestalten
    Winkt stets der Turm von einem alten Schlosse,
    Ganz so, wie jener, der sich wirklich dort
    Gen Himmel hebt. - - Vielleicht ist alles Trug
    Und Einbildung und ich bin selber Schein.

                Er sinkt in Nachdenken; blickt dann wieder auf.

    Horch! auf der Erde feuchtem Bauch gelegen
    Arbeitet schwer die Nacht der Dmmerung entgegen,
    Indessen dort, in blauer Luft gezogen,
    Die Fden leicht, kaum hrbar flieen,
    Und hin und wieder mit gesthltem Bogen
    Die lustgen Sterne goldne Pfeile schieen.
THEREILE noch immer in einiger Entfernung.
    Wie s der Nachtwind nun die Wiese streift,
    Und klingend jetzt den jungen Hain durchluft!
    Da noch der freche Tag verstummt,
    Hrt man der Erdenkrfte flsterndes Gedrnge,
    Das aufwrts in die zrtlichen Gesnge
    Der reingestimmten Lfte summt.
KNIG. Vernehm ich doch die wunderbarsten Stimmen
    Vom lauen Wind wollstig hingeschleift,
    Indes mit ungewissem Licht gestreift
    Der Himmel selber scheinet hinzuschwimmen.
THEREILE. Wie ein Gewebe zuckt die Luft manchmal,
    Durchsichtiger und heller aufzuwehen,
    Dazwischen hrt man weiche Tne gehen
    Von sel'gen Elfen, die im blauen Saal
    Zum Sphrenklang,
    Und fleiig mit Gesang,
    Silberne Spindeln hin und wieder drehen.
KNIG. O holde Nacht, du gehst mit leisem Tritt
    Auf schwarzem Samt, der nur am Tage grnet,
    Und luftig schwirrender Musik bedienet
    Sich nun dein Fu zum leichten Schritt,
    Womit du Stund um Stunde missest,
    Dich lieblich in dir selbst vergissest -
    Du schwrmst, es schwrmt der Schpfung Seele mit!

                      Thereile legt sich auf einen Rasen,
                das Auge sehnschtig nach dem Knige gerichtet.
                    Er fhrt fort, mit sich selbst zu reden.

    Im Scho der Erd, im Hain und auf der Flur
    Wie whlt es jetzo rings in der Natur
    Von nimmersatter Krfte Grung!
    Und welche Ruhe doch, und welch ein Wohlbedacht!
    Dadurch in unsrer eignen Brust erwacht
    Ein gleiches Widerspiel von Flle und Entbehrung.
    In meiner Brust, die kmpft und ruht,
    Welch eine Ebbe, welche Flut!

                                     Pause.

    Almissa - -! Wie? Wer flstert mir den Namen,
    Den langvergenen, zu?
    Hie nicht mein Weib
    Almissa? Warum kommt mir's jetzt in Sinn?
    Die heilge Nacht, gebckt auf ihre Harfe,
    Stie trumend mit dem
    Finger an die Saiten,
    Da gab es diesen Ton.
    Vielleicht geno ich
    In solcher Stunde einst der Liebe Glck - -

                               Langes Schweigen.
                   Aufschauend endlich gewahrt er Thereilen,
                      die sich ihm liebevoll genhert hat.

    Ha! bin ich noch hier? Stehst du immer da?
    So tief versank ich in die stummen Tler,
    Die mir Erinnrung grub in mein Gehirn,
    Da mir jetzt ist, ich sh zum erstenmal
    Dich, die verhafte Zeugin meiner Qual.
    O warf ein Gott mich aus der Menschheit Schranken,
    Damit mich deine fluchenswerte Gunst
    Gefesselt hlt in seligem Erkranken,
    Mich sttigend mit schwlem Zauberdunst,
    Mir zeigend aller Liebesreize Kunst,
    Indes du dich in stillem Gram verzehrst
    Um den Genu, den du dir selbst verwehrst?
    Denn dieser Leib, trotz deinen Mitteln allen,
    Ist noch dem Blut, das ihn gezeugt, verfallen;
    Umsonst, da ich den deinen an mich drcke,
    Vergebens diese durstig schne Brust,
    So bleiben unsre Ksse, unsre Blicke
    Fruchtlose Boten unbegrenzter Lust!

                                   Fr sich.

    Weh! mu ich eitle Liebesklage heucheln,
    Mir Mitleid und Erlsung zu erschmeicheln? -
    Darum, unsterblich Weib, ich bitte sehr,
    Verkenne dich und mich nicht lnger mehr!
    Verbanne mich aus deinem Angesicht,
    So endigst du dies jammervolle Schwanken,
    Mein unwert Bildnis trage lnger nicht
    Im goldnen Netze liebender Gedanken!
THEREILE. Ganz recht! was ungleich ist, wer kann es paaren?
    Wann wre Hochzeit zwischen Hund und Katze?
    Und doch, sie sind sich gleich bis auf die Tatze.
    Wie soll, obwohl er Flossen hat, der Pfeil
    Alsbald, dem Fische gleich, den See befahren?
    Hat ja ein jedes Ding sein zugemessen Teil;
    Doch wei ich nichts, das wie des Menschen Mund
    So viel verschiedne Dienste je bestund.
    Ei, der kann alles trennen und vereinen,
    Kann essen, kssen, lachen oder weinen,
    Nicht selten spricht er, wenn er kssen soll;
    Mu aber einmal doch gesprochen sein,
    So ist es Wahrheit, sollt ich meinen,
    Schn Dank! da ist er aller Lgen voll.
    Denn sieh, mit welcher Stirn wirfst du mir ein,
    Wir glichen uns nur halb, und nur zum Schein?
    Kann der von Bitter sagen oder S
    Den ich den Rand noch nicht des Bechers kosten lie?
    Still, still! ich will nichts hren, nicht ein Wort!
    So wenig lohnt es sich mit dir zu rechten,
    Als wollt ich einem Bren Zpfe flechten.
    Tu, was du magst. Geh, trolle dich nur fort!
    Ich bin des Schnickeschnackens mde.
KNIG. Ist es dein Ernst?
THEREILE. Ernst? o behte!
    Jetzt berfllt mich erst die wahre Lust,
    Dir zum Verdru dich recht zu lieben.
    Komm, la uns tanzen! Komm, mein Freund, du mut!

                            Sie fngt an zu tanzen.

KNIG fr sich. Wie ha ich sie! und doch, wie schn ist sie!
    Hinweg! mir wird auf einmal angst und bange
    Bei dieser kleinen golden-grnen Schlange.
    Von ihren roten Lippen truft
    Ein Lcheln, wie drei Tropfen ses Gift,
    Das in dem Ku mit halbem Tode trifft.
    Ha! wie sie Kreise zieht, Anmut auf Anmut huft!
    Doch stt's mich ab von ihr, ich wei nicht wie.

               Es ruft etwas entfernt: Thereile! Ach Thereile!

KNIG. Horch!
THEREILE. Die Kinder kommen: welch Geschrei!

                                  Fnfte Szene


                   Die Vorigen und die Kinder mit Silpelitt.

THEREILE. Was habt ihr denn? was ist geschehn? sprich, Malwy! Talpe, oder du!
MALWY. Ach Schwester!
THEREILE. Nun! Der Atem steht euch still. Wo habt ihr Silpelitt?
SILPELITT hervortretend. Hie bin ich.
MALWY. Als wir Silpelitt suchten, konnten wir sie gar nicht finden. Wir rannten
    wohl neun Elfenmeilen, darfst glauben, und stberten in dem Schilf herum, wo
    sie zu sitzen pflegt, wenn sie sich verlaufen hat. Auf einmal an dem Fels,
    wo das Gras aus den mauligen Lchern wchst, steht Talpe still und sagt:
    Hrt ihr nicht Silpelitts Stimme, sie redet mit jemand und lacht. Da
    lschten wir die Laternlein aus und liefen zu. Ach du mein! Thereile, da ist
    ein groer, grausam starker Mann gewesen, dem sa Silpelitt auf dem Stiefel
    und lie sich schaukeln. Er lachte auch dazu, aber mit einem so tckischen
    Gesicht -
TALPE. Schwester, ich wei wohl, das ist der Riese, er heit der sichere Mann.
THEREILE. ber das verwegene, ungeratene Kind! Warte nur, du bses,
    duckmuseriges Ding! Weit du nicht, da dieses Ungeheuer die Kinder alle
    umbringt?
TALPE. Bewahre, er spielt nur mit ihnen, er knetet sie unter seiner Sohle auf
    dem Boden herum und lacht und grunzt so artig dabei und schmunzelt so gtig.
THEREILE zum Knig. Mir ttete er einst den schnsten Elfen durch diese heillose
    Beschftigung. Er ist ein wahrer Sumpf an Langerweile.
TALPE zu einem andern Kind. Gelt? ich und du wir haben ihn einmal belauscht, wie
    er bis ber die Brust im Brulla-Sumpf gestanden, samt den Kleidern; da sang
    er so laut und brummelte dazwischen: ich bin eine Wasserorgel, ich bin die
    allerschnste Wassernachtigall!
THEREILE. Hast du dieses Ungetm schon fter besucht, Silpelitt? Ich will nicht
    hoffen.
SILPELITT. Er tut mir nichts zuleide.
KNIG fr sich. Wer ist das Kind? Es gleicht den andern nicht.
    Mit sonderbarem Anstand trgt es sich,
    Und ernsthaft ist sein Blick. Nein, dieses ist
    Kein Feenkind, vielleicht die Frstin hat
    Es grausam aus der Wiege einst entfhrt.

                  Man hrt in der Ferne eine gewaltige Stimme.

            Trallirra - a - aa - a -  -
            Pfuldararaddada - -!

                       Die Anwesenden erschrecken heftig.
                 Die Kinder hngen sich schreiend an Thereile.

THEREILE. Seid stille! seid doch ruhig! Er kommt gar nicht daher, es geht gar
    nicht auf uns. Zum Knig: Es ist die Stimme dessen, von dem wir vorhin
    sprachen.
KNIG. Horch!
THEREILE. Horcht! ...
KNIG. Dies ist der Widerhall davon; das Echo, das durch die Krmmen des Bergs
    herumluft.
THEREILE. Habt gute Ruhe, Kinder. Jetzt mu er schon um die Ecke des Gebirges
    gewendet haben.
    Nun auf und fort ihr nrrischen Dinger alle!
    Und sammelt tausend wilde Rosen ein;
    In jeder soll mit grnem Dmmerschein
    Ein Glhwurm, wie ein Licht, gebettet sein,
    Und damit schmckt, noch eh der Morgen wach,
    Mein unterirdisch Schlafgemach
    Im khlen Bergkristalle!

                            Die Kinder hpfen davon.
                   Thereile wendet sich wieder an den Knig.

    Du bist heut nicht gelaunt zum Tanz,
    Den alten Trotzkopf seh ich wieder ganz.
    Was mcht ich doch nicht alles tun,
    Dir nur die kleinste Freude zu bereiten!
    La uns in sanfter Wechselrede ruhn,
    Zwei Khnen gleich, die aneinander gleiten.
    Sieh, wie die Weide ihre grnen Locken
    Tief in die feuchte Nacht der Wasser hngt,
    Indessen dort der erste Morgenwind
    Ihr ihre keuschen Bltenflocken
    Mutwillig zu entfhren schon beginnt.
KNIG. Und siehst du nicht dies hohe Feenkind,
    Vom Atemzug der lauen Nacht beglckt,
    Nicht ahnend, welche schmeichelnde Gefahr
    Auf ihre Tugend nah und nher rckt?
THEREILE. Du bist ein Schalk! Dies ist nicht wahr!
KNIG. Gestatte wenigstens, da wir nun scheiden,
    Und, mcht es sein, fr immerdar;
    Ich sehe keine Rettung sonst uns beiden,
    Wenn nicht dein Herz, verbotner Liebe voll,
    So wie das meine, ganz verzweifeln soll.
THEREILE. O Gimpel! ich mu lachen ber dich.
    Leb wohl fr heute. Morgen siehst du mich.

                              Sie stt ihn fort.

                                 Sechste Szene


THEREILE allein; nach einer Pause, auffahrend.
    O Lgner, Lgner! schau mir ins Gesicht!
    Sprich frei und frech, du liebst Thereile nicht!
    Dies nur zu denken zitterte mein Herz,
    Und hinterlegte sich's mit kmmerlichem Scherz.
    Nun steh mir, Rache, bei...! Doch dies ist so:
    Von nun an wird Thereile nimmer froh.
    Htt ich den Hunger eines Tigers nur,
    Dein falsches Blut auf einmal auszusaugen!
    Ha, triumphiere nur, du Scheusal der Natur,
    Ich sah es wohl - allein mit blinden Augen.
    Doch, bleibt mir nicht die Macht, ihn festzuhalten?
    Ist er gefesselt nicht durch ein geheimes Wort?
    Ich bann ihn jeden Augenblick,
    Wenn ich nur will, zu mir zurck.
    So fliehe denn, ja stiehl dich immer fort,
    Ich martre dich in tausend Spukgestalten!

                             Sie sinnt wieder nach.

    Oft in der Miene seines Angesichts
    Ahnt ich schon halb mein jetziges Verderben;
    Ich hatte Wunden, doch sie taten nichts:
    Da ich sie sehe, mu ich daran sterben!

                                      Ab.


                                 Siebente Szene

Wirtsstube in der Stadt Orplid. Kollmer aus Elne und einige Brger sitzen an den
                    Tischen umher, trinkend und schwatzend.

EIN WEBER. Hrt, Kollmer! Ihr habt ja neulich wieder nach den beiden
    Lumpenhunden gefragt, von denen ich Euch sagte, da sie gern die alte
    Chronik an Euch los wren, die kein Mensch lesen kann. Wenn Ihr noch Lust
    habt, so mgt Ihr dazutun, sie wollen's aufs Schlo dem gelehrten Herrn
    bringen, dem Harry; der ist Euch wie besessen auf dergleichen
    Schnurrpfeifereien aus.
KOLLMER. Seid auer Sorgen, ich hab den Schatz schon in Hnden und wir sind
    bereits halb handelseinig. Diesen Abend wird es vollends abgemacht.
GLASBRENNER. Wenn ich Euch raten darf, lat Euch nicht zu tief mit den saubern
    Kameraden ein; Ihr habt sie sonst immer aufm Hals.
MLLER. Mir denkt's kaum, da ich sie einmal sah.
WEBER. O sie liegen ganze Nachmittage im lieben Sonnenschein aufm Markt, haben
    Maulaffen feil, schlagen Fliegen und Bremsen tot und erdenken allerlei
    Pfiffe, wie sie mit Stehlen und Betrgen ihr tglich Brot gewinnen. Es sind
    die einzigen Taugenichtse, die wir auf der Insel haben; Schmach genug, da
    man sie nur duldet. Wenn's nicht den Anschein htte, als ob die Gtter
    selbst sie aus irgendeiner spahaften Grille ordentlich durch ein Wunder an
    unsern Strand geworfen, so sollte man sie lange ersuft haben. Nehmt nur
    einmal: Unsere Kolonie besteht schon sechzig Jahre hier, ohne da auer den
    Strchen und Wachteln auch nur ein lebend Wesen aus einem fremden Weltteil
    sich bers Meer hieher verirrt htte. Die ganze brige Menschheit ist,
    sozusagen, eine Fabel fr unsereinen; wenn wir's von unsern Vtern her nicht
    wten, wir glaubten kaum, da es sonst noch Kreaturen gbe, die uns
    gleichen. Da mu nun von ungefhr einem tollen Nordwind einfallen, die paar
    Trpfe, den Unrat fremder Vlker, an diese Ksten zu schmeien. Ist's nicht
    unerhrt?
SCHMIED. Wohl, wohl! Ich wei noch als wr's von gestern, wie eines Morgens ein
    Johlen und Zusammenrennen war, es seien Landsleute da aus Deutschland. All
    das Fragen und Verwundern htt kaum rger sein knnen, wenn einer warm vom
    Mond gefallen wr. Die armen Teufel standen keuchend und schwitzend vor der
    gaffenden Menge, sie hielten uns fr Menschenfresser, die zufllig auch
    deutsch redeten. Mit Not bracht man aus ihnen heraus, wie sie mit einer
    Ausrstung von Dingsda, von - wie heit das groe Land? nun, von Amerika
    aus, beinah zugrund gegangen, wie sie, auf Booten weiter und weiter
    getrieben, endlich von den andern verloren, sich noch zuletzt auf einigen
    Planken hieher gerettet sahen.
GLASBRENNER. Htt doch ein Walfisch sie gefressen! Der eine ist ohnehin ein
    Hering, der winddrre lange Flederwisch, der sich immer fr einen gewesenen
    Informator ausgibt, oder wie er sagt, Professor. - Der Henker behalt alle
    die auslndischen Wrter, welche die Kerls mitbrachten. Ein Barbier mag er
    gewesen sein. Sein Gesicht ist wie Seife und er blinzelt immer aus triefigen
    Augen.
SCHMIED. Ja, und er trgt jahraus jahrein ein knappes Frcklein aus Nanking, wie
    er's nennt, und grasgrne Beinkleider, die ihm nicht bis an die Knchel
    reichen, aber er tut euch doch so zierlich und schnicklich, wie von Zucker
    und blst sich jedes Stubchen vom rmel weg.
WEBER. Ich hab ihn nie gesehen, wo er nicht ngstliche, halbfreundliche
    Gesichter gemacht htte, wie wenn er bei jedem Atemzug besorgte, da ihm
    sein Freund, der Buchdrucker, eins hinters Ohr schlge. Ich war Zeuge, als
    ihm dieser von hinten eine Tabakspfeife mit dem Saft auf seine Hupten
    ausleerte, um einen Anla zu Hndeln zu haben.
GLASBRENNER. Richtig, der mit dem roten schwammigten Aussehen, das ist erst der
    rechte; so keinen Sufer sah ich in meinem Leben. Sein Verstand ist ganz
    verschlammt, er redt langsam und gebrochen, auf zehn Schritte riecht er nach
    Branntwein.
WEBER. So haltet nur die Nase zu, denn dort seh ich beide edle Mnner an der
    Tr.
KOLLMER. Sie werden mich suchen wegen des Kaufs. Auf Wiedersehn, ihr Herren!

                                      Ab.

SCHMIED. Was will denn der Kollmer mit dem unntzen Zeug, dem Buch, oder was es
    ist?
WEBER. Er sagt, er lege vielleicht eine Sammlung an von dergleichen alten
    Stcken.
SCHMIED. Ein sonderbarer Kauz. Es heit auch, er gehe mit Gespenstern um.
WEBER. Man redt nicht gern davon. Was geht's mich an!

                                  Achte Szene


                          Eine kleine schlechte Stube.

BUCHDRUCKER allein; er steht an die Wand gelehnt mit geschlossenen Augen. Den
    Fund hab ich getan, nicht du! So ist die Sache. Du hast keinen Teil an der
    Sache, miserable Kreatur! Ich hab die Raritt entdeckt, ich hab im alten
    Keller im Schlo, hab ich das eiserne Kistel - alle Wetter! hab ich's nicht
    aufgebrochen? Willst gleich mein Stemmeisen an Kopf, Nickel verfluchter?

                        Er schaut auf und kommt zu sich.

    Wieder einmal geschlafen. Ah! - Der Musje Kollmer wird jetzt bald dasein.
    Mu ihn der Teufel just herfhren, wenn ich besoffen bin? Nimm dich
    zusammen, Buchdrucker, halt die Augen offen, lieber Drucker. - Und der
    Tropf, der Wispel mu weg, wenn mein Besuch kommt, er geniert mich nur; der
    Affe wrde tun, als gehrte der Profit ihm und die Ehre.
WISPEL kommt hastig herein. Durchaus mit Affektation. Bruder, geschwind! Wir
    wollen aufrumen, wir wollen uns ankleiden. Der Herr wird gleich kommen, er
    will Bunkt ein Uhr kommen. Jetzt haben wir gerade zwlf.
BUCHDRUCKER. Ja, man mu sich ein wenig einrichten. Ich will mich etwas putzen.
    Wenn ich mich heut mit lauem Wasser wasche, kann er zufrieden sein; er wird
    es zu rhmen wissen.
WISPEL geschftig hin und her. Es kmmt darauf an da ich in grter Eile meine
    Toilette rangiere oder embelliere.
BUCHDRUCKER. Wo wirst du dich indessen aufhalten, whrend mich der Fremde
    spricht?
WISPEL schnell. Ich bleibe, Guter, ich bleibe. Wo ist das Zhnebrstchen, das
    Zh - - die Schuhbrste wollt ich sagen. - Aber meine Zhne sind ebenfalls
    hlich und teilweise ausgefallen. - Ei, was tut's aber? ich bekomme dadurch
    eine sehr weiche Aussprache, eine Diktion, die mich besonders bei den Damen
    sehr empfehlen mu, denn, verstehst du, weil der Buchstabe R in seiner
    ganzen Roheit gar nicht ohne die Zhne ausgesprochen werden kann, so darf
    ich von meinen ausgefallenen Zhnen fglich sagen, es seien lauter elidierte
    Erre. Durch dergleichen Elisionen gewinnt aber eine Sprache unendlich an
    sem italienischem Charakter. Aber, mein Gott, dieses Hemd ist gar zu
    schmutzig - Nun!
BUCHDRUCKER stellt sich dicht neben ihn. Wo willst du denn hingehen, solang der
    Herr mich abfertigt, mich honoriert?
WISPEL. - und meine Kamaschen ebenfalls etwas abgetragen. Wie? Ich bleibe, ich
    bleibe, Bester.
BUCHDRUCKER. Vielleicht machst du in dieser Zeit einen Gang um die Stadt,
    Bruder? Geh, fhr dich ab!
WISPEL. Freilich, wir sollten ihn eher an einem dritten Ort empfangen, du hast
    recht. Es ist doch gar zu unreinlich in unserm Zimmerchen, in unserm kleinen
    Appartementchen. Eine unsuberliche Mansarde prsentiert sich nicht gut -
    malpropre.
BUCHDRUCKER fr sich. Er mu fort - er mu fort. Wie er sich putzt! Ich wrde
    wie ein Schwein aussehen neben ihm; neben seiner gelufigen Zunge mte ich
    wie ein einfltiger unwissender Weinzapf dastehn. Ich kann es nicht
    ertragen, da er zusehn soll, wie ich meinen Profit einstreiche, er wrde
    gleich auch seine kncherne Tatze dazwischenstrecken, mein Seel, er wr
    imstand und bedankte sich mit allerhand Ausdrcken fr die Bezahlung. Laut.
    Was hast du denn in dem groen Hafen da?
WISPEL. Es is nur ein Schmalznpfchen, Bruder. Ich habe das Npfchen unterwegs -
     -  - entlehnt, um meine Haare ein wenig zu befetten, weil wir keine
    Pomade haben fr unsre beiderseitigen Kapillen. Es is nur - e - nmlich, da
    man nicht ohne alle Elegance erscheint vor dem Manne; mein Gott!
BUCHDRUCKER. Das ischt ja aber eine wahre Schweinerei!
WISPEL. Nmlich -  - nein, es is -
BUCHDRUCKER fr sich. Aber er wird sich doch gut damit herausstaffieren, er wird
    fr einen Prinzen neben mir gelten. Herr Gott! was sich diese Spitzmaus
    einreibt! was sich dieser unscheinbare weie Ferkel auf einmal
    herausstriegelt!

Der Buchdrucker taucht jetzt die Hand auch in den Topf und streicht sich's auf.
              Es stehen beide um den Tisch; in der Mitte der Topf.

WISPEL. Hr mal, Bruder, es soll gar ein kurioser Mann sein, auf Ehre; ganz
    eichen, welcher seine Liebhaberei an abenteuerlichen, seltsamen, dunkeln
    Redensarten und Ideen hat. Ich denke recht in ihn einzugehen, recht mit ihm
    zu konservieren. Ich freue mich sehr, wahrhaftig.
BUCHDRUCKER. Nein, nein, nein! bitt dich! just das Gegenteil! Je weniger man
    redt, je stummer und verstockter man ist, desto mehr nimmt man an Achtung
    bei diesem eigenen, allerdings raren Manne zu.
WISPEL. Gottlob, da mich mein beseligter Vater in der Erziehung nicht
    vernachlssigte. Ich werde ihm z.B. von dem eigentlichen sinnigen Wesen der
    unterirdischen Quellen oder Fontnen, von den Kristallen unterhalten.
BUCHDRUCKER fr sich. So wahr ich lebe, Kristallknpfe trgt er wirklich an
    seinem Rock. Ich werde ihm auch von Korallen und Steinen allerhand sagen.
WISPEL im Ankleiden. Seit meiner berhmten Seefahrt hab ich gewi allen Anspruch
    auf Distinktion, ich werde mich erbieten, ein praktisches Kollegium ber
    Nautik und hhere Schwimmkunst vorzutragen; ich werde dem guten Kollmer
    berhaupt dieses und jenes Phantom kommunizieren. Und was das seltene Buch
    betrifft, so berla nur mir, zu handeln. Man mu etwa folgendergestalt
    auftreten: Mein Herr! Es is'n Band, der, wie er einmal vor uns liegt, ohne
    Eigendnkel zu reden, in der Tat ein antiquarisches Interesse, eine
    antiquarische Gestalt annimmt. Wenn Sie zu dem bereits festgesetzten
    Kaufpreis, nmlich zu den drei Butten Mehl, dem Fchen Honig und dem
    goldenen Kettlein, etwa noch eine Kleinigkeit, eine Hemdkrause eine
    Busennadel oder dergleichen -  - hinzufgen wollten, so mcht es gehen. Nun
    macht er entweder Basta oder macht nicht Basta; ich werde jedoch auf jeden
    Fall delikat genug sein, um schnell abzubrechen; es wre gemein, werd ich
    sagen, zu wuchern um etwas ganz Triwiales; transilieren wir auf andere
    Materie. Ich habe oft eigene Gedanken und Ideen, mein Herr, auch wei ich,
    da Sie nicht minder Liebhaber sind. So z.B. fllt mir hier ein, es wre
    eichen, wenn sich  - wart, ich hab es sogleich - Ja, nun eben stt mir's
    auf, ich hab es: - nmlich in der Natur, wie sie einmal vor uns liegt,
    scheint mir alles belebt, rein alles, obgleich in scheinbarer Ruhe
    schlummernd und fantatisierend; so par exemple, wenn sich einmal die
    Straensteine zu einem Aufruhr gegen die stolzen Gebude verschwren, sich
    zusammenrotteten, die Huser strzten, um selbst Huser zu bilden? Wie?
    heit das nicht eine geniale Fantaisie? Comment?
BUCHDRUCKER. Esel! So? Wenn sich die Finger meiner Hand auch zusammenrottieren
    und machen eine Faust und schlagen dir deinen Schafskopf entzwei? Comment?
WISPEL lchelt.  h h h! ja das wre meine Idee etwas zu weit ausgefhrt,
    Bester. - Aber was treibst du -? Ciel! Deine Haare werden ja so starr wie
    ein Seil! Dein Haupt ist ja wie eine Blechhaube! Du leertest ja die Hlfte
    des Topfes aus!
BUCHDRUCKER. Alle Milliarden Hagel Donnerwetter! Warum sagst du's nicht gleich!
    du hundsfttischer neidischer Blitz!

                                Mihandelt ihn.

WISPEL. Himmel! wie konnt ich es frher uern, da ich es in diesem Moment erst
    gewahre? so wahr ich lebe, Bruder - Himmel! du beschmutzest ja mein
    Frckchen vllig - schlag auf die Wange, lieber auf die Wange! um deiner
    Freundschaft willen -
BUCHDRUCKER. Da dich das hllische Pech! Du Krtenlaich! Du Stinktier!
    Schwerenot! die Brh luft mir den Hals runter! Ein' Kamm her! Ein' Kamm!
WISPEL trocknet ihn mit einem Tuch. So. So. Es is ja alles wieder gut und hbsch
    - Ich habe dich nie so glnzend gesehen, auf Ehre. So. Jetzt sind wir ja fix
    und fertig. Geht vor ein kleines Spiegelchen und hpft freudig empor. Ach
    alle Engel! Ich sehe aus wie gemalt. Singt:

Das Brutlein schn zu gren
Strz ich vor ihre Fen -

    Sieh her, du httest eben freilich auch solche kleine Lckchen zwirbeln
    sollen - Schau - ich hab hier mehrere Dutzende auf der Stirn; allein du
    siehst, wie gesagt, nicht so bel aus, gar nicht so bel aus - Horch! Es
    klopft doch nicht?
BUCHDRUCKER. La es klopfen!
WISPEL. Schn gesagt! das erinnert treffend an Don Giovanni, wo der Geist
    auftreten mu - Eine treffliche Oper.
BUCHDRUCKER gibt ihm eine Ohrfeige. Da hast du einen Schiowanni und eine Ooper.
    Und jetzt gehst du auf der Stell, weil mich jemand sprechen will, weil ich
    einen Wert von drei Louisdor einnehmen will - Geh spazieren!

                              Man hrt anklopfen.

WISPEL. Er kmmt! - Bruder - Was stt mir auf - wir sind noch nicht balbiert!
BUCHDRUCKER. La dich vom Henker einseifen, Chinese!
WISPEL. Soll ich durch den Spalt wispern und sagen: er soll in einer halben
    Stunde wiederkommen, wir seien zwar schon rasiert, aber wir htten -  noch
    einen Brief zu schreiben?
BUCHDRUCKER. Dummer Hund! - Herein!
EIN MDCHEN des Wirts tritt herein. Drunten hat ein Knecht von Elne einige
    Sachen gebracht, und einen Gru von Herrn Kollmer.
WISPEL. Mein! Will denn der Herr nicht selbst kommen?
MDCHEN. Scheint nicht.
WISPEL. Ich bin des Todes! Mich so um nichts und wieder nichts prpariert - mich
    bei zwei Stunden - o himmelschreiend! Denke nur, gutes Kind, ich hatte ihm
    die wichtigsten Erffnungen zu machen!
MDCHEN. Mein Vater, der Wirt, lt die Herren ersuchen, Sie mchten bei dieser
    Gelegenheit auch an die halbjhrige Rechnung denken.
WISPEL. Ja Mdchen, ich wollte Herrn Kollmern sogar den Plan zur Grundlegung
    einer gelehrten Gesellschaft mitteilen. So was wie die Acadmie franaise.
MDCHEN. Der Vater lt fragen, ob er Ihre Schuldigkeit nicht lieber gleich von
    den bei uns niedergelegten Sachen abziehen soll, die der Knecht gebracht
    hat.
WISPEL. So manche Erfindungen der gebildeten Europa dachte ich auch auf unserer
    armen Insel einzufhren! z.B. die Buchdruckerkunst, welch ein herrlicher
    Wirkungskreis gleich fr dich, mein Bruder! - sodann die Fabrikation des
    Schiepulvers - das Mnzwesen - ein Nationaltheater - ein htel d'amour -
    ich wollte der Schpfer eines neuen Paris werden.
MDCHEN. Was sag ich denn meinem Vater als Antwort?
WISPEL. Und dieser Monsieur Kollmer wre offenbar der einzige Mann, den ich mir
    assoziieren knnte.
MDCHEN. Ade, ihr Herren!
BUCHDRUCKER. Bleibe sie ein wenig bei uns, lieber Schatz. Vertreibe sie uns ein
    wenig die Zeit!
WISPEL. Ja, lassen Sie uns einiger Zrtlichkeit frnen!

                       Mdchen macht sich schnell davon.

BUCHDRUCKER nach einem Stillschweigen. Jetzt mu eine ganz besondere Maregel
    ergriffen werden, und ergib dich nur gutmtig drein.
WISPEL. Was soll dieser Strick, Bruder?
BUCHDRUCKER. Bei meiner armen Seele, und so wahr ich selig werden will, ich
    drehe dir den Kragen um, wenn du nicht alles stillschweigend mit dir
    anfangen lt, was ich mit diesem Strick vorhabe.
WISPEL. Grand Dieu! o Himmel! nur schone mein bichen Leben, nur juguliere mich
    nicht! bedenke, was ein Brudermord besagt!
BUCHDRUCKER. Schweig, sag ich! Er bindet ihm beide Fe an einen Pfosten und
    knebelt ihn fest. So. Ich will nur nicht haben, da du beim Auspacken meines
    Profits die Nase berall voraus habest, Racker! Addio indessen.

              Ab. Wispel wimmert und seufzt, dann fngt er in der
    Langeweile an, mit dem Saft seines Mundes knstliche Blasen nach Art der
     Seifenblasen zu bilden. Der Buchdrucker sieht ihm eine Zeitlang durchs
                 Schlsselloch zu. Endlich schlft Wispel ein.

                                  Neunte Szene


                               Nacht. Mondschein.
 Waldiges Tal. Mummelsee. Im Hintergrunde den Berg herab gegen den See schwebt
ein Leichenzug von beweglichen Nebel gestalten. Vorne auf einem Hgel der Knig,
   starr nach dem Zuge blickend. Auf der andern Seite, unten, den Knig nicht
                          bemerkend, zwei Feenkinder.

DIE FEENKINDER im Zwiegesprch.
    Vom Berge, was kommt dort um Mitternacht spt
    Mit Fackeln so prchtig herunter?
    Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht?
    Mir klingen die Lieder so munter.
                        Ach nein!
    So sage, was mag es wohl sein?

    Das was du da siehest ist Totengeleit,
    Und was du da hrest sind Klagen;
    Gewi einem Knige gilt es zu Leid,
    Doch Geister nur sind's, die ihn tragen.
                        Ach wohl!
    Sie singen so traurig und hohl.

    Sie schweben hernieder ins Mummelseetal,
    Sie haben den See schon betreten,
    Sie rhren und netzen den Fu nicht einmal,
    Sie schwirren in leisen Gebeten.
                        O schau!
    Am Sarge die glnzende Frau!

    Nun ffnet der See das grnspiegelnde Tor
    Gib acht, nun tauchen sie nieder!
    Es schwankt eine lebende Treppe hervor
    Und - drunten schon summen die Lieder.
                        Hrst du?
    Sie singen ihn unten zur Ruh.

    Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glhn!
    Sie spielen in grnendem Feuer,
    Es geisten die Nebel am Ufer dahin,
    Zum Meere verzieht sich der Weiher.
                        Nur still,
    Ob dort sich nichts rhren will? -

    Es zuckt in der Mitte! O Himmel, ach hilf!
    Ich glaube, sie nahen, sie kommen!
    Es orgelt im Rohr und es klirret im Schilf;
    Nur hurtig, die Flucht nur genommen!
                        Davon!
    Sie wittern, sie haschen mich schon!

   Die Kinder entfliehen. Der Zug streicht wieder den Berg hinan. Whrend er
          verschwindet, ruft der Knig mit ausgestreckten Armen nach.

KNIG. Halt! Haltet! Steht! Hier ist der Knig Ulmon!
    Ihr habt den leeren Sarg versenkt, o kommt!
    Ich, der ihn fllen sollte, bin noch hier.
    Almissa, Knigin! hier ist dein Gatte!
    Hrst du nicht meine Stimme? kennst sie nimmer?
    Nein, kennst sie nimmer. Weh, o weh mir, weh!
    Knnt ich zur Leiche werden, sie vergnnten
    Mir auch so khles Grab. Leb ich denn noch?
    Wach ich denn stets?
    Mir deucht, ich lag in dem kristallnen Sarge,
    Mein Weib, die gttliche Gestalt, sie beugte
    Sich ber mich mit Lcheln; wohl erkannt ich
    Sie wieder und ihr liebes Angesicht.
    Fluch! wenn sie einen anderen begraben,
    Wenn einem Fremden sie so freundlich tat!
    Wie? so starb Lieb und Treue vor mir hin?
    Freilich, zu lange sumt ich hier im Leben -
    O Weyla, hilf! la schnell den Tod mich haben!
    Auf kurze Weile nur fhr mich hinab
    Ins Reich der Abgeschiedenen, da ich eilig
    Mein Weib befragen mag, ob sie mir Treue
    Bewahrt, bis da ich komme.
    Und wenn dem nicht so wre, wenn ich ganz
    Vergessen wre bei den sel'gen Toten?
    O Weyla hilf! La dieses rgste mich
    Nicht schauen, dies nur nicht! Denn eher fleh ich,
    Wenn deine Gottheit keinen Ausweg wei,
    La lieber hier mich an der irdschen Sonne,
    Die traurgen Tage durch die Ewigkeit
    Fortspinnend, leben, fern gebannt von jenen,
    Die meine knigliche Seele so Gekrnkt.
    O schndlich, schndlich! unbegreiflich!
    Almissa, du mein Kind? Sollt ich das glauben?

                   Man hrt eine besnftigende Musik. Pause.

    Das Nachtgesichte, das ich vorhin sah,
    Ich wag es nun zu deuten - Ja, mir sagt's
    Der tiefe Geist.
    Die Gtter zeigten wohlgesinnt und gtig
    Im Schattenbilde mir das baldge Ende
    All meiner Not. Es war das holde Vorspiel
    Des Todes, der mir zubereitet ist.
    Vor Freude strmt mein Herz!
    Und schwrmt schon an des Sees Ufern hin
    Wo endlich mir die dunkle Blume duftet.
    Oh, eilet, Gtter, jetzt mit mir! Lat bald
    Mich euren Ku empfangen! sei es nun
    Im Wetterstrahl, der schlngelnd mich verzehre,
    Sei es im Windbauch, der die stillen Grser
    Vorberwandelnd neigt und weht die Seele
    Ulmons dahin.

                                      Ab.


                                  Zehnte Szene

                                    Mittag.
                            In der Nhe des Meeres.

KOLLMER allein.
    Welch Wunder wird geschehen durch dies Buch!
    Ja, welch ein Wunder hat sich schon ereignet
    In meiner Gegenwart! Denn als ich ihm,
    Dem Knig, jene Bltter bergab,
    Warf er sein Haupt empor mit solchem Blick,
    Als sollt es kommen, da vom Himmel ein Stern
    Herniederschieend rckwrts wrde prallen
    Vorm Sterne dieses siegestrunknen Auges.
    Dann, alsbald meiner Gegenwart vergessend,
    Lief er mit schnellem Schritt davon. Gewi
    Ist jenes dunkle Buch die Weissagung
    Und Lsung seines Lebens, es enthllet
    Das Rtsel der Befreiung - Horch,
    Es donnert! Horch! Die Insel zittert rings,
    Sie hpfet wie ein neugebornes Kind
    In den Windeln des Meers!
    Neugierige Delphine fahren rauschend
    Am Strand herauf, zu Scharen kommen sie!
    Ha! welch ein lieblich Sommerungewitter
    Flammt rosenhell in khlungsvoller Luft
    Und frbt dies grne Eiland morgenfrisch!
    Ihr Gtter, was ist dies? Mich wundert' nicht,
    Wenn nun, am hellen Tag, aus ihren Grbern
    Gespenster stiegen, wenn um alle Ufer
    In grauen Wolken sich die Vorzeit lagerte!

                   Ein heftiger Donnerschlag. Kollmer flieht.


                                  Eilfte Szene

                                Mondnacht. Wald.
                 Knig tritt herein. Silpelitt springt voraus.

SILPELITT. Hier ist der Baum, o Knig, den du meinst,
    Den meine Schwester manche Nacht besucht;
    Das Haupt anlehnend pflegt sie dann zu schlummern.
KNIG. Von gelber Farbe ist der glatte Stamm,
    Sehr schlank erhebt er sich, und, sonderbar,
    Die schwarzen Zweige senken sich zur Erde,
    Wie schwere Seide anzufhlen. Kind,
    Wir sind am Ziel. Sei mir bedankt, du hast
    Mich mhsam den versteckten Pfad geleitet,
    Die zarten Fe hat der Dorn geritzt,
    Doch sind wir noch zu Ende nicht. Sag mir -
SILPELITT. Ich will dir alles sagen, nichts verschweigen -
KNIG. Was hast du? Warum fngst du an zu zittern?
    Nicht dich zu ngstigen kam ich hieher.
SILPELITT. Nein, du mut alles wissen, aber nur
    Der Schwester sage nichts -
KNIG. Gewilich nicht.
SILPELITT. Schon seit der Zeit, als ich mich kann besinnen,
    War ich Thereilen untertan, der Frstin;
    Doch nur bei Nacht (dies ist der Feen Zeit)
    War ich gehorsam, gleich den andern Kindern;
    Allein am Morgen, wenn sie schlafen gingen,
    Band ich die Sohlen wieder heimlich unter,
    Nach Elnedorf zu wandern, und im Nebel
    Schlpft ich dahin, von allen unbemerkt.
    Dort wohnt ein Mann, heit Kollmer, dieser nennt
    Mich seine Tochter, warum? wei ich nicht.
    Er meint, ich wre gar kein Feenkind.
    Er ist gar gtig gegen mich. Bei Tag
    Sitz ich an seinem Tisch, geh aus und ein
    Mit andern Hausgenossen, spiele dann
    Mit Nachbarkindern in dem Hofe, oder
    Wenn ich nicht mag, so zerren sie mich her
    Und schelten mich ein stolzes Ding; ei aber
    Sie sind zuweilen auch einfltig gar.
    Zur Nachtzeit geh ich wieder fort und tue,
    Als lief ich nach der obern Kammertr,
    So glaubt der Vater auch, denn droben steht
    Mein Bettlein, wo ich schlafen soll. Allein
    Ich eile hinten bern Gartenzaun
    Durch Wald und Wiesen flugs zum Schmettenberg,
    Damit Thereile meiner nicht entbehre;
    Auch hat sie's nie gemerkt, doch einmal fast.
KNIG. Besorge nichts; vertraue mir; bald hrst du weiter.

         Silpelitt verliert sich whrend des Folgenden etwas im Walde.

KNIG. Dies ist die Frucht von einem seltnen Bund,
    Den vor elf Jahren eine schne Fee
    Mit einem Sterblichen geschlossen hat;
    Nachher verlie sie ihn, ja sie benahm
    Ihm das Gedchtnis dessen, was geschah,
    Vermittelst einer langen Krankenzeit;
    Nur dieses Kind sollt ihm als wie ein eignes
    Lieb werden und vertraut. Ja, sonder Zweifel
    Ist es der Mann, der, wenn mein Geist nicht irrt,
    Mich oft besucht und mir das Buch verschaffte.
    So also ward der Vater Silpelitts
    Zum ersten Werkzeug meiner Rettung weislich
    Erlesen von den Gttern, doch das Kind
    Soll noch das Werk vollenden, aber beide
    Erwartet gleicher Lohn. Dies liebliche Geschpf
    Wird eine Handlung feierlicher Art
    Nach Ordnung dieses Buchs mit mir begehen,
    Und in dem Augenblicke, wo der Zauber
    Thereilens von mir weicht durch dieses Kinds
    Unschuldge Hand, ist auch das Kind befreit;
    Ein s Vergessen kommt auf seine Sinne,
    Und der geliebte Vater wird in ihm
    Die eigne Tochter freudevoll umarmen.
    Zum ersten Male morgen, Silpelitt,
    Wirst du den Fu ins kleine Bettlein setzen,
    Das noch bis jetzt dein reiner Leib nicht hat
    Berhren drfen; dennoch sollst du glauben,
    Du wrst es so gewohnt, Thereile aber
    Wird dir ein fabelhafter Name sein.
    - Wo bleibst du, Mdchen?
SILPELITT kommend. Sieh, hier bin ich schon.
    Ich war den Felsen dort hinangeklettert,
    Mein' Schwester Morry hat einmal auf ihm
    'nen roten Schuh verloren.
KNIG. Sei bereit,
    Hier rechter Hand die Schlucht hinabzusteigen.
    Dort wirst du eine Grotte finden -
SILPELITT. Wohl.
    Ich kenne sie. Noch gestern hat der Riese,
    Der starke Mann, den Felsen weggeschoben.
    Jetzt ist der Eingang frei. Ich sah ihm zu
    Bei seiner Arbeit. Herr, die Erde krachte,
    Da er den Block umwarf, ihm stund der Schwei
    Auf seiner Stirn, doch sang er Trallira!
    Und sagte: dies wr nur ein Kinderspiel.
    Dann nahm er mich und setzt' mich auf den Gipfel;
    Ich bat und weint, er aber lie mich zappeln,
    Bis ich ihm oben ein hbsch Liedchen sang.
    Nun trollt er weg und brummt: ich soll dich gren,
    Wenn du ihn wieder brauchest, sollst's nur sagen.
    Verzeih, da ich's verga.
KNIG. Schon gut; nun hre!
    Durch jene schmale ffnung dringest du
    Zu einer Hhle, deren Innerstes
    Ein Schiegert mit einem Pfeil verwahrt.
    Dies beides hole mir.

                                   Sie geht.

    So lehret mich
    Das Buch des Schicksals, so heit mich ein Gott.
    Dort lehnt ein uralt schwer Gescho, zeither
    Von keines Menschen Hand berhrt, nur heute
    Soll dieser Bogen an das Tageslicht,
    Den Pfeil zu schleudern in den giftgen Auswuchs
    Reizvoller Liebe, die nach kurzem Schmerz
    Zur Heilung sich erholet. O Thereile,
    Ich nehme bittern Abschied, denn es fhrt
    Die feige Schneide, die uns trennen soll,
    Bald rcklings in dein treues Herz; hier steht
    Der trumerische Baum, in dessen Saft
    Du unser beider Blut vor wenig Monden
    Hast eingeimpft.
    Jetzt kreiset es in ser Grung noch
    Im Innern dieses Stammes auf und nieder.
    Wie sehr die Nacht auch stille sei, mein Ohr
    Bestrebet sich vergeblich, zu vernehmen
    Den leisen Takt in diesem Webestuhl
    Der Liebe, die mit holden Trumen oft
    Dein angelehnet Haupt betret hat.
    Bald aber rinnet von dem goldnen Pfeil
    Der Liebe Purpur aus des Baumes Adern,
    Und alsbald aus der Ferne sprt dein Herz
    Die Qual der schrecklichen Vernderung,
    Doch nach vertobtem Wahnsinn wird im Schlummer
    Sich Ruhe senken auf dein Augenlid.
    O Himmel! wie verlangt mich nach Erlsung!
    Die Senne jenes gttlichen Geschosses
    Zu spannen, fordert tausendjhrge Strke,
    Ich habe sie; doch wahrlich, o wahrhaftig,
    Auch ohnedem fhl ich die Kraft in mir,
    Gleich jenem Gott, der den demant'nen Pfeil
    Zum hchsten Himmel schnellte, da er knirschend
    Der Sonne Kern durchschnitt und weiterflog,
    Bis wo des Lichtes letzter Strahl verlschte.

  Das Kind kommt zurck mit einer Art von Armbrust. Er spannt sie mit leichter
   Mhe, legt auf, und reicht sie dem Mdchen in der Richtung nach dem Baume.
               Silpelitt drckt ab und in dem Augenblicke wird es
ganz finster. Man hrt ein Seufzen von der getroffenen Stelle her. Beide schnell
                                      ab.

                                 Zwlfte Szene


                               Vor Tagesanbruch.
                                      Tal.
                           Die Feenkinder treten auf.

MORRY. Hurtig! nur schnelle!
    Entspringt und versteckt euch
    Da hier ins Gebsche!
    La keine sich blicken!
    Los bricht schon das Wetter.
TALPE. Was hast du? Was schnakst du,
MORRY. Gift speit die Schwester!
    Sie raset, sie heulet
    Mit Wahnsinnsgebrde
    Dort hinter dem Felsen
    Durchs Wldchen daher.
WEITHE. Was ist ihr begegnet?
    Ach lat uns ihr helfen!
    Hat Dorn sie gestochen?
    Eidechslein gebissen?
MORRY. Dummkpfige Ratte,
    Halt's Maul und versteck dich!
    Das ist ihre Stimme -
    Die Kniee mir zittern.

                   Alle ducken sich zur Seite ins Gestruch.

THEREILE tritt auf.
    Sieh her! Sieh her, o Himmel!
    Seht an, seht an, ihr Bume,
    Thereile, die Frstin,
    Die Jammergestalt!
        Die Freud hin auf immer!
    Verraten die Treue!
    Und weh! nicht erreichen,
    Und weh! nicht bestrafen
    Kann ich den Verrter,
    Entflohen ist er.
        O armer Zorn!
    Noch rmere Liebe!
    Zornwut und Liebe
    Verzweifelnd aneinandergehetzt,
    Beiden das Auge voll Trnen,
    Und Mitleid dazwischen,
    Ein flehendes Kind.
        Hinweg! kein Erbarmen!
    Ich mu ihn verderben!
    Ha! mcht ich sein Blut sehn,
    Ihn sterben sehen,
    Gemartert sterben
    Von diesen Hnden,
    Die einst ihm gekoset,
    Die Stirn ist ihm gestreichelt -
    Wie zuckt mir die Faust!
        Vergebliche Rachlust!
    So rei ich zerfleischend
    Hier, hier mit den Ngeln
    Die eigenen Wangen,
    Die seidenen Haare -
    Du hast sie geksset,
    O garstiger Heuchler!
        Weh! Schnheit und Anmut -
    Was frag ich nach diesen!
    Ist Freud hin auf immer,
    Ist brochen die Liebe,
    Was hilft mir die Schnheit
    Was frag ich darnach!
        Und bleibt nichts zu hoffen?
    Ach leider, ach nimmer!
    Der Ri ist geschehen,
    Er traf aus der Ferne
    Mir jhlings das Leben,
    Mein Zauber ist aus.
WEITHE hervorstrzend. Ich halt mich nicht -
O liebe se Schwester!
THEREILE. Du hier? und ihr? Was ist's, verdammte Fratzen?
WEITHE. Gewi nicht lauschen wollten wir; sie frchten
    Sich nur vor deiner argen Miene so,
    Da steckten wir uns neben ins Gebsch.
THEREILE. Was glotzt ihr so, gefllt euch mein Gesicht?
    Knnt's auch so haben, wenn ihr wollt.
    Wo habt ihr Silpelitt? Antwort! ich will's!
WEITHE. Sei gtig, Schwester, wir verschulden's nicht;
    Sie fehlt uns schon seit gestern.
THEREILE. Wirklich? So?
    Ihr falschen Krten! Ungeziefer! Was?
    Ich will euch lehren, eure Augen brauchen.

                                Mihandelt sie.

    Da euch die schwarze Pest! Ja, wimmert nur!
    Ich brech euch Arm und Bein, ihr sollt's noch ben!

                                    Alle ab.

                                Dreizehnte Szene


                        Nacht. Wald. Bezauberte Stelle.
                                  Feenkinder.

TALPE. Dies ist der Platz; dort steht die schwarze Weide.
    Was nun? sagt, wie befahl die Frstin uns?
WINDIGAL. Was kmmert's mich? Ich rhre keine Hand.
TALPE. Hast du die Pffe schon versaust von gestern?
WINDIGAL. Pfui! Bckel und Beulen bern ganzen Leib!
    Ich lege mich ins weiche Moos; kommt nur,
    Wir ruhen noch ein Stndchen aus und plaudern;
    Zur Arbeit ist noch Zeit; die andern sind
    Auch noch nicht da. - Seht' eine feine Nacht!
MALWY. Vollmond fast gar.
WINDIGAL. Wir singen eins; pat auf!

                                  Sie singen.

        Bei Nacht im Dorf der Wchter rief:
        Elfe!
        Ein ganz kleines Elfchen im Walde schlief;
        Elfe!
        Und meint', es rief ihm aus dem Tal
        Bei seinem Namen die Nachtigall,
        Oder Silpelitt htt ihm gerufen.
        Drauf schlpft's an einer Mauer hin,
        Daran viel Feuerwrmchen glhn:
        Was sind das helle Fensterlein!
        Da drin wird eine Hochzeit sein,
        Die Kleinen sitzen beim Mahle
        Und treiben's in dem Saale;
        Da guck ich wohl ein wenig 'nein -
        Ei, stt den Kopf an harten Stein!
        Elfe, gelt, du hast genug?
        Gukuk! Gukuk!
MORRY kommt mit den andern.
    Ei brav. So? tut sich's? Nun, das ist ein Flei;
    Wollt ihr nicht lieber schnarchen gar? Thereile
    Wird euch fein wecken. Das vertrackte Volk,
    Noch bluten Maul und Nasen ihm, und doch
    Um nichts gebessert.
TALPE leise. Schaut, wie sie sich spreizt!
    Sie fft der Schwester nach, als wenn sie nicht
    So gut wie wir voll blauer Mler wre.
MORRY. Den Baum sollt ihr umgraben, rings ein Loch,
    Bis tief zur Wurzel, dann wird er gefllt.
    Dies alles mu geschehen sein, bevor
    Die erste Lerche noch den Tag verkndet.
    Rasch, sputet euch, fat Hacken an und Schaufel!
WINDIGAL. Hrt ihr nicht donnern dort?
TALPE. Beim Kuzchen, ja.
    Es wetterleuchtet blau vom Hupfelberg,
    Der Mond packt eilig ein; gleich wird es regnen.
MORRY. Dann habt ihr leidlich graben. Frisch daran!
THEREILE tritt auf in Trauerkleidern, fr sich.
    Zum letztenmal betritt mein scheuer Fu
    Den Ort der Liebe, den ich hassen mu.
    Vor diesem Abschied wehret sich mein Herz
    Und krmmt sich wimmernd im verwaisten Schmerz!
    Verblutet hast du, vielgeliebter Baum,
    Vom goldnen Pfeil, zerronnen ist dein Traum.
    Wie grausam du es auch mit mir geschickt,
    Seist du zu guter Letzte doch geschmckt!
    Ach, mit dem Schnsten, was Thereile hat,
    Bekrnzet sie der Liebe Leichenstatt:
    Ihr sen Haargeflechte, glnzend reich,
    Mit dieser Schrfe langsam ls ich euch
    Umwickelt sanft die Wunde dort am Stamm!
    Noch quillt die Sehnsucht nach dem Brutigam.
    Mit euch verwese Liebeslust und Leiden
    Auf solche will ich keine neuen Freuden!
    Und du, verwnschtes, mrdrisches Gescho,
    Um das die Trne schon zu hufig flo,
    Mein Liebling hat dich wohl zuletzt berhrt,
    So nimm den Ku, ach, der dir nicht gebhrt!
    Und nun, ihr kleinen Schwestern, macht ein Grab,
    Und berget Stamm und Zweige tief hinab.
    Seid ohne Furcht, und wenn ich sonsten gar
    Zu hart und ungestm und mrrisch war -
    Von heute an, geliebte Kinder mein,
    Wird euch Thereile hold und freundlich sein.

                                      Ab.

                                Vierzehnte Szene


                                    Morgen.

               Mummelsee. Knig steht auf einem Felsen berm See.

KNIG.

Ein Mensch lebt seiner Jahre Zahl,
Ulmon allein wird sehen
Den Sommer kommen und gehen
Zehnhundertmal.

Einst eine schwarze Weide blht,
Ein Kindlein mu sie fllen,
Dann rauschen die Todeswellen,
Drin Ulmons Herz verglht.

Auf Weylas Mondenstrahl
Sich Ulmon soll erheben,
Sein Gtterleib dann schweben
Zum blauen Saal.

    So kam es und so wird es kommen. Rasch
    Vollendet sich der Gtter Wille nun.
    Noch einmal tiefaufatmend in der Luft,
    Die mich so lang genhrt, ruf ich mein Letztes
    Der Erde zu, der Sonne und euch Wassern,
    Die ihr dies Land umgebet und erfllt.
    Doch du, verschwiegner See, empfngst den Leib,
    Und wie du grundlos, unterirdisch, dich
    Dem weiten Meer verbindest, so wirst du
    Mich flutend fhren ins Unendliche,
    Mein Geist wird bei den Gttern sein; ich darf
    Mit Weyla teilen bald das ros'ge Licht.
    Gehab dich wohl, du wunderbare Insel!
    Von diesem Tage lieb ich dich; so la
    Mich kindlich deinen Boden kssen; zwar
    Kenn ich dich wenig als mein Vaterland,
    So stumpf, so blind gemacht durch lange Jahre
    Kenn ich nicht meine Wiege mehr; gleichviel,
    Du warst zum wenigsten Stiefmutter mir,
    Ich bin dein treustes Kind - Leb wohl, Orplid!
    Wie wird mir frei und leicht! wie gleitet mir
    Die alte Last der Jahre von dem Rcken!
    O Zeit, blutsaugendes Gespenst!
    Hast du mich endlich satt? so ekelsatt
    Wie ich dich habe? Ist es mglich? ist
    Das Ende nun vorhanden? Freudeschauer
    Zuckt durch die Brust! Und soll ich's fassen das?
    Und schwindelt nicht das Auge meines Geistes
    Noch stets hinunter in den jhen Trichter
    Der Zeit? - Zeit, was heit dieses Wort?
    Ein hohles Wort, das ich um nichts gehat;
    Unschuldig ist die Zeit; sie tat mir nichts.
    Sie wirft die Larve ab und steht auf einmal
    Als Ewigkeit vor mir, dem Staunenden.
    Wie neugeboren sieht der mde Wandrer
    Am Ziele sich.
    Er blickt noch rckwrts auf die leidenvoll
    Durchlaufne Bahn; er sieht die hohen Berge
    Fern hinter sich, voll Wehmut lt er sie,
    Die stummen Zeugen seines bittern Gangs:
    Und so hat meine Seele jetzo Schmerz
    Und Heiterkeit zugleich. Ha! fhl ich mir
    Nicht pltzlich Krfte gnug, aufs neu den Kreis
    Des schwlen Daseins zu durchrennen - Wie?
    Was sagt ich da? Nein! Nein! o gtge Gtter,
    Hrt nimmer, was ich nur im Wahnsinn sprach!
    Lat sterben mich! O sterben, sterben! Nehmt,
    Reit mich dahin! Du Gott der Nacht, kommst du?
    Was rauscht der See? was locken mich die Wellen -
    Was fr ein Bild? Ulmon, erkennst du dich?
    Fahr hin! Du bist ein Gott! ...

 (Bei den letzten Worten stieg Silpelitt in der Mitte des Sees mit einem groen
  Spiegel hervor, den sie ihm entgegenhielt. Wie der Knig sich im Bildnis als
 Knaben und dann als gekrnten Frsten erblickt, strzt er unmchtig vom Felsen
                             und versinkt im See.)

Das Spiel war beendigt. Das Pianoforte machte nach einigen erhebenden
Triumphpassagen zuletzt einen wehmtig beruhigenden Schlu, der den
briggebliebenen Eindruck vom Grame Thereilens mild verklingen lassen sollte.
Die Gesellschaft erhob sich unter sehr geteilten Empfindungen. Einige, besonders
die Mnner, klatschten den herzlichsten Beifall, drei oder vier Gesichter sahen
zweifelhaft aus und erwartungsvoll, was andere urteilen wrden. Schon whrend
der Vorstellung war hin und wieder ein befremdetes, deutelndes Flstern
entstanden, jetzt schienen ein paar hochweise unglckverkndende Frauennasen nur
auf Constanzens Miene und uerung gespannt, aber sie zogen sich eilig wieder
ein, als die liebenswrdige Frau ganz munter und arglos, bald dem Schauspieler,
bald Theobalden das ungeheucheltste Lob erteilte, wobei die Mehrzahl der Mnner
und Damen frhlich mit einstimmte Endlich konnten die Bedenklichen sich doch der
bescheidenen Frage nicht enthalten, ob nicht irgend etwas Politisches,
Satirisches, Persnliches dem Stcke zugrunde liege? irgendein versteckter Sinn?
denn fr das, was es nur obenhin an Poesie prtendiere, knne man es doch nicht
einzig nehmen.
    Und warum denn nicht, meine Gndigste? fragte Larkens die Hofdame, indem
er jenes schneidend scharfe Gesicht zeigte, das einem durch die Seele ging.
    Weil - weil - ich meinte nur -
    Aber wie? wenn ich Sie alles Meinens und Vermutens berhebe, wenn ich Sie
versichere, es ist ein reines Kindermrchen, womit ich Sie zu unterhalten wagte?
Doch Sie vermissen die Pointe dabei - ja, so ist der Dichter eben ein ruinierter
Mann!
    Er mag nur sorgen, da er kein solcher wird, wenn man die Pointe wirklich
herausgefunden haben sollte, raunte der Baron von Vesten einem Geheimenrat ins
Ohr und zog ihn beiseite merken Sie denn nicht, da das Ganze ein Pasquill auf
unsern verewigten Knig und seine Geschichte mit der Frstin Viktorie ist?
    Was sagen Sie? Ja, wahrlich, jetzt geht mir ein Licht auf! Mir deucht, die
Figur im Schauspiel hatte hnlichkeit mit den Zgen des Hchstseligen -
    Allerdings! allerdings! nun? ist das aber nicht ein ungeziemender Spa? ist
es nicht impertinent von diesem Larkens? aber ich hielt ihn von jeher fr einen
malizisen Menschen.
    Fein und edel wr's auf keinen Fall, ich mu sagen, wenn es sich wirklich
so verhielte. Denn, was man auch behaupten mag, der Verewigte war doch ein
geistreicher, vortrefflicher Mann. Es ist seine Schuld nicht, da er in der
Folge krank und elend wurde, da er zum Verdru gewisser Patrioten ein
bermiges Alter erreichte, da ihn die Frstin - nun! knnten wir uns aber
nicht etwa tuschen, wenn wir diese Beziehungen -
    Tuschen? tuschen? Gerechter Gott! Sind Sie blind, Exzellenz? Stie ich
denn nicht nach dem zweiten Auftritt gleich meine Frau an? und fiel es ihr nicht
auch pltzlich auf? Treffen nicht die meisten Umstnde zu? Da der Vogel sich
dann wieder hinter andere unwesentliche Zge versteckte, das hat er schlau genug
gemacht, aber er mag sich wahren; es gibt Leute, die die Lunte riechen, und ich
tue mir in der Tat etwas darauf zugute, da ich die Bemerkung zuerst gemacht.
    Jedoch, nur das noch, Baron! mir deuchte doch, der alte Narr in der Piece
da, er benimmt sich, wenigstens der Absicht des Poeten nach, immer recht nobel,
besonders vis--vis der Hexe oder was es ist, und es widerfhrt ihm, wie mir's
vorkam, zuletzt noch gleichsam gttliche Ehre.
    Spott! Spott! lauter infame Ironie! ich will mich lebendig verbrennen
lassen, wenn es was anders ist. Und wie gemein mitunter, lispelte die
bleichschtige Tochter Vestins, hinzutretend, wie pbelhaft!
    Die brigen hatten sich inzwischen wieder in das vordere Zimmer begeben. Man
unterhielt sich noch eine Weile ber das sonderbare Stck, allein bald stockte
das Gesprch ein vorsichtiges Ansichhalten, eine gewisse Verlegenheit teilte
sich auch dem Unbefangensten mit, es glaubten endlich mehrere, es msse jemand
aus der Gesellschaft beleidigt worden sein, und man sah einander lauschend an.
Wer sich allein nicht irremachen lie, das war die schne Wirtin des Hauses, und
dann Larkens selbst, welcher nur desto mehr schwatzte, lachte, dem Wein
zusprach, je klter das Benehmen der brigen war, das er im stillen gutmtig
mehr nur als eine verzeihliche Gleichgltigkeit gegen sein fremdartiges Produkt,
denn als Spannung auslegte.
    Da es brigens schon spt war, ging man in kurzem auseinander. Constanze
beehrte den verkannten Schauspieler noch auf der Schwelle mit der Bitte, sein
Manuskript zu nochmaliger Erbauung dagelassen zu drfen, und Freund Nolten bekam
eine, wie ihm schien, ungewhnlich freundliche Gute Nacht mit auf den Weg.

Im Heimgehen machte Theobald seinen Begleiter auf jene Strung aufmerksam. Gott
wei߫, antwortete Larkens, was die Fratzen im Kopfe hatten! Am Ende war's nur
Unbeholfenheit, was sie zu dem exotischen Ding sagen sollten; wren wir doch
lieber damit zu Hause geblieben oder htten ihnen eine gutbrgerliche Komdie
gegeben - Ei aber ein verdammter Streich mt es doch sein, wenn sie eine
Neckerei mit der alten Majestt darunter suchten!
    Das frcht ich, erwiderte Nolten, und riet ich dir nicht damals schon,
wie du mich mit der Sache bekannt machtest, es lieber bei dir zu behalten, weil
fr keine Mideutung zu stehen sei? Es war vorauszusehen. Denn da dir der alte
Nikolaus und die Mtresse bei der ganzen Komposition vorgeschwebt, gestehst du
selber und hat sich heute nur zu sehr gerechtfertigt -
    Zumal, unterbrach der andere ihn mit Gelchter, zumal, wenn es wahr sein
sollte, da dir selbst der Teufel auch einigemal in den Pinsel gefahren ist,
weil du, wie du sagtest, den herrlichen Kopf des Alten auf dem Portrt ber
meinem Schreibtisch lnger als rtlich war, ins Auge gefat!
    Leid genug auf alle Flle sollte mir's sein, gestand Nolten nach einigem
Besinnen, man wei nicht, wie so was umkommt und sich in der Leute Mund
verunstaltet.
    Was da! rief der andere, wer wird so abgeschmackt sein und etwas Bses da
herauskombinieren wollen? weit du mir was Tolleres? Gar zu klein fnd ich es
schon, wenn diese Kreaturen, die sich Gebildete nennen, berhaupt einem fremden
Gedanken dabei Raum geben und ber das Poetische der schlichten Fabel
hinausgehen konnten. Aber das ist ganz in der Art eines schngeistigen Klubs,
das wei man ja lange. Lassen wir's halt gut sein; werden uns den Proze nicht
machen.
    So kamen die beiden in ihrer Wohnung an. Theobald, ganz nur in der heimlich
entzckten Erinnerung an die Gte der Geliebten schwelgend, lie sich den
rgerlichen Gegenstand wenig anfechten, er freute sich auf die Stille seines
Zimmers, wo er ungestrt mit seinem Herzen weiterreden konnte. Larkens pfiff wie
gewhnlich, wenn er bei der Nachhausekunft den Schlssel in die Tre steckte,
seine frhliche Arie, und so berlie sich denn jeder sich selber.
    Dem Leser aber mag zum Verstndnisse des Obigen Folgendes dienen.
    Der seit etwa zwei Jahren mit Tod abgegangene Knig Nikolaus, Vater und
Vorfahrer des regierenden, galt bis in sein spteres Alter fr einen ausnehmend
schnen und auch sonst sehr begabten Mann. Er hatte mit einer ungleich jngeren
Dame aus einem anverwandten Frstenhause ein zrtliches Verhltnis, das die
letztere mit einiger Aufdringlichkeit und - so glaubte man - aus eigenntzigen,
politischen Absichten auch dann noch fortzusetzen wute, als der Monarch fr die
Reize der Jugend bereits abgestorben sein sollte, oder ihnen auch wirklich schon
entsagt hatte. Aber Schwche des Charakters, oder eine Verbindlichkeit, der er
nicht ausweichen konnte, machten ihn gegen die Zauberin nachgiebiger, als wohl
seinem Rufe dienlich war. Eine beschwerliche Nervenkrankheit, aber mehr noch die
Sorge, er genge als Regent seinem Volke nimmer, verbitterte ihm vollends das
Leben, er sehnte sich mit einer Ungeduld, deren Ausbrche oft schauerlich
gewesen sein sollen, dem Tod entgegen, und man wollte wissen, da er einen
milungenen Versuch zum Selbstmorde gemacht. Bekannt genug war die Anekdote,
wonach er einst in einem Anfall von Verzweiflung bitter scherzend ausgerufen.
Der Himmel will einen neuen Methusalah aus mir haben, und Viktorie zerrt mich
mit Gewalt in die Jnglingsjahre zurck. Diese Worte klangen um so komischer,
je mehr man der boshaften Meinung einiger Sptter trauen wollte, da die
schneeweien Locken Seiner Majestt sich noch immer nicht ungerne von den Rosen
der jungen Frstin schmeicheln lieen. Wie dem auch gewesen sein mag - unter
denjenigen, welchen das Gedchtnis dieses merkwrdigen, frher sehr wohlttigen
Regenten hchst ehrwrdig, ja heilig blieb, war auch unser Larkens, und zwar
abgesehen von der persnlichen Gunst des Knigs gegen ihn als Schauspieler, war
Nikolaus in seinen Augen ein groartiges tragisches Rtsel der Menschennatur,
eine mchtige graue Trmmer an dem uralten Knigspalast. Geschmht von dem
Geschmacke einer frivolen Zeit, angestaunt von wenigen edleren Geistern, htte
sich die herrliche Sule, wie sie bereits mit halbem Leibe schon in die Erde
eingesunken war, gramvoll lieber vollends unter den Boden verborgen mit ihren
fr dieses Geschlecht unlesbar gewordenen Chiffern, aber es war anders mit ihr
beschlossen, und so konnte oder wollte sie auch den Trost nicht von sich
abwehren, da ein jugendlicher Efeu sich liebevoll an ihr hinanschlinge.
    Zu entschuldigen ist es nun, wenn der Freund einen Teil jener Idee mit
frommem Sinne auf ein Gebilde seiner Phantasie bertrug, und gewissermaen eine
Apotheose jenes unglcklichen Frsten liefern wollte, ohne weder zu hoffen noch
zu frchten, da andere, denen er seinen Versuch vorgefhrt, auch nur
entfernterweise geneigt sein knnten, irgendeine - wrdige oder unwrdige -
Deutung zu machen.

Es war eine beraus klare und schne Winternacht. Die Glocke schlug soeben eilf.
Im Zarlinschen Hause war alles schon stille geworden, nur das Schlafzimmer der
Grfin finden wir noch erhellt. Constanze, im weien Nachtgewande, allein vor
einem Tischchen bei dem Bette sitzend, ist beschftigt, die schnen Haare
loszuwickeln, das Ohrgehnge und die schmale Perlschnur abzulegen, die ihrem
Halse immer so einfach reizend gestanden. Sie hob die Schnur nachdenklich
spielend am kleinen Finger gegen das Licht, und wenn wir recht auf ihrer Stirne
lesen, so ist es Theobald, an den sie gegenwrtig denkt. Scheint es doch, als
wte sie, da sie ihm diese Gabe verdanke, da das Geschenk nur vermittelst
eines knstlichen Umwegs aus seiner Hand durch eine dritte in die ihre gelangt
war! - aber, in der Tat, sie wute es nicht; und doch wiederholte sie sich heute
nicht zum erstenmal jene Worte, die er einst, im Anschaun ihrer Gestalt
verloren, gegen sie hatte fallenlassen. Perlen, sagte er, haben von jeher
etwas eigen Sinn - und Gedankenvolles in ihrem Wesen fr mich gehabt, und
wahrlich, diese hier hngen um diesen Hals, wie eine Reihe verkrperter
Gedanken, aus einer trben Seele hervorgequollen. Ich wollte, da ich es htte
sein drfen, der das Glck hatte, Ihnen das Andenken umzuknpfen. Es liegt ein
natrliches unschuldiges Vergngen darin, zu wissen, da eine Person, die wir
verehren, der wir stets nahe sein mchten, irgendeine Kleinigkeit von uns bei
sich trage, wodurch unser Bild sich ihr vergegenwrtigen mu. Warum drfen doch
Freunde, warum drfen entferntere Bekannte sich einander nicht allemal in diesem
Sinne beschenken? mu das edlere Gefhl berall der Konvenienz weichen?
    Constanze erinnerte sich gar wohl, wie sie damals errtete, und was sie
scherzhaft zur Antwort gab. Ach, seufzte sie jetzt vor sich hin, wte er, wie
tief ich sein Bild im Innersten des Herzens bewahre, er wrde den Geber dieser
armen Zierde nicht beneiden.
    Unruhig stand sie auf, unruhig trat sie ans Fenster und lie den herrlich
erleuchteten Himmel mit aller seiner Ahnung, mit all seiner Hoheit auf ihre
Seele wirken. Die Liebe zu jenem Manne, von ihren ersten unmerklichen Pulsen bis
zu dem bestrzten Zustande des vlligen Bewutseins, von der Zeit an, wo ihr
Gefhl bereits zur Sehnsucht, zum Verlangen ward, bis zu dem Gipfel der
mchtigsten Leidenschaft - alles durchlief sie in Gedanken wieder und alles
schien ihr unbegreiflich. Sie sah unter leisem Kopfschtteln, mit schauderndem
Lcheln in die reizende Kluft des Schicksals hinab. Die Augen traten ihr ber
wie damals in der Grotte, wo die noch getrennten Elemente ihrer Liebe, durch
Noltens unwiderstehliche Glut aufgereizt, zum erstenmal in volle se Grung
berschlugen und alle Sinne umhllten. Sie hatte nichts zu beweinen, nichts zu
bereuen, es waren die Trnen, die dem Menschen so willig kommen, wenn er, sich
selbst anschauend, das Haupt geduldig in den Mutterscho eines allwaltenden
Geschicks verbirgt, das die Waage ber ihm schweben lt; er betrachtet sich in
solchen Momenten mit einer Art gerhrter Selbstachtung, die hhere Bedeutsamkeit
einer Lebensepoche macht ihn in seinen eigenen Augen gleichsam zu einem seltenen
Pflegekinde der Gottheit, es ist, als fhlte er sich hoch an die Seite seines
Genius gehoben.
    Lange, lange noch starrte Constanze, stillversunken, einer Bildsule gleich
an die Fensterpfoste angelehnt, hinaus in die schne Nacht. Jetzt berwltigte
sie der Drang ihrer Gefhle; sie sank unwillkrlich auf die Kniee nieder, und
indem sie die Hnde faltete, wute sie kaum, was alles in ihrem Innern
durcheinanderflutete; und doch, ihr Mund bewegte sich leise zu Worten des
brnstigen Dankes, der innigsten Bitten.
    Nachdem sie sich wieder erhoben, glaubte sie, der Himmel wolle ihr in der
ruhigen Heiterkeit, wovon ihre Seele jetzt wie getragen war, Erhrung ihres
Gebets ankndigen. In der Tat, jetzt war sie auch beherzt genug, um endlich
nicht lnger die Frage abzuweisen: was denn zuletzt von dieser Liebe zu hoffen
oder zu frchten sei? was es mit Theobald, was es mit ihr werden solle? Sie
stellte sich aufrichtig alle Verhltnisse vor, sie verschwieg sich keine
Bedenken, keine Schwierigkeit, sie wog jegliches gegeneinander ab, und mehr und
mehr vertraute sie der Mglichkeit einer ehrenvollen und glcklichen
Vereinigung, ja, wenn sie sich genauer prfte, so fand sie diese Hoffnung lngst
vorbereitet im Hintergrund ihrer Seele gelegen. Aber nicht allzukhn durfte sie
ihr sich berlassen, denn schon der nchste Augenblick wies ihr so manches
Hindernis, worunter der Adelstolz der Familie keineswegs das geringste war, in
einem strengeren Lichte, als es ihr noch kaum vorher erschien. Es bemchtigte
sich ihrer eine nie empfundene Angst; sie wollte sich fr heute der Sache ganz
entschlagen, sie griff nach einem Buche: umsonst, kein Gedanke wollte haften;
Mitternacht war vorber; sollte sie sich niederlegen, schlafen? Es wre
unmglich gewesen, so bang, so hei und unbehaglich wie ihr war.
    Ich will Emilien wecken, fiel ihr endlich ein, das Mdchen soll mit mir
plaudern. Sie bedachte sich um so weniger, die Gesellschaft des Kammermdchens
zu suchen, da zu ihrer Verwunderung wirklich noch der Schein eines Lichtes in
dem Erker zu sehen war, wo jene schlief. Sie ging leise ber den Gang, ffnete
das Kabinett und fand das Mdchen fest eingeschlafen im Bette, daneben das
Licht, ausflammend in den Leuchter hinabgesunken. Eine offene Brieftasche und
eine Anzahl zerstreuter Bltter lag unter den Hnden der Schlafenden. Auf einen
Anruf erwachte diese, heftig erschrocken, und ihre erste Bewegung war, schnell
Tasche und Papiere zu verbergen, so da Constanze dadurch aufmerksam gemacht,
gelassen fragte: was sie hier gelesen?
    Ach! war die bebende Antwort, zrnen Sie nicht, gndige Frau! es sind
alte Briefe, die ich nach langer Zeit einmal wieder vornahm, und darber mu der
Schlaf mich berrascht haben - wieviel Uhr ist es doch?
    Wieviel? sagte Constanze, sie scharf ansehend, ich denke es ist halb -
gelogen, was du da sprichst. La doch sehen!
    O bitte, liebste, se gndige Frau! ich habe ja gewi nichts Unrechtes -
aber erlassen Sie's mir!
    Nichts weiter, mein Kind, verlang ich, als einen Blick, mich zu
berzeugen.
    So reichte denn Emilie mit Zittern alles hin, indem sie in lautes Weinen
ausbrach. Aber Constanze, wie mute sie erschrecken, als der Anblick der Tasche,
als die goldgedruckten Lettern T. N. auf der dunkelblauen Saffiandecke zur
Genge den Eigentmer bezeichneten.
    Wie kommst du zu diesem? fragte sie, mit Mhe ihre Verlegenheit bergend.
    Drben, schluchzte das Mdchen, wo die Herren heute das Spiel machten,
lag die Tasche hinter dem Schattenspielkstchen, ich wollte mir nur die bunten
Glser ein wenig besehen, und da - nun da nahm ich -
    Hinter dem Kstchen, sagst du?
    Ja ja, gndige Frau! ich sage nun die reine Wahrheit, es hlfe mir ja doch
nichts mehr, und aufgeschlagen lag sie da, ganz nachlssig, als htte man sie
eben erst gebraucht und dann vergessen; - richtig! die Bleifeder war auch
herausgenommen, sie mu noch auf dem Tischchen zu finden sein. Wahrhaftig, wre
nicht alles so offen dagelegen, ich htte mich nicht unterstanden.
    Eine Entschuldigung ist das in keinem Falle. Indessen - blieb nichts mehr
zurck? Sieh im Bette nach!
    Sie haben das letzte Papierchen.
    Ich werde das zu mir nehmen bis morgen. Lsche dein Licht. Gute Nacht! -
Unwillig und ngstlich eilte sie auf ihr Zimmer. Da das, was sie in Hnden
hielt, Nolten zugehre, zweifelte sie keinen Augenblick; auch wie es zu dem
Larkensschen Apparate gekommen, erklrte sie sich leicht daher, da Theobald
einmal hinter die Gardine getreten war, um mit irgend etwas auszuhelfen, wobei
er vielleicht der Tasche bedurfte. Aber die Mglichkeit, es knnte auer dem
Mdchen sonst noch jemand neugierig auf den Inhalt derselben gewesen sein,
beunruhigte sie um so strker, je mehr sie Ursache hatte zu der Vermutung, da
auch ihr Name und damit ein gefhrliches Geheimnis darin berhrt sein knnte.
Diese Rcksicht und vielleicht mitunter ein verzeihliches Interesse des eigenen
Herzens bewog sie, zwar mit beklommenem Atem, erst nur einen halben Blick, dann
einen ganzen, endlich mehrere und immer gierigere Blicke in die Bltter zu
werfen. Aber mitten im wrmsten Zuge ri ihr das Gefhl von etwas Unerlaubtem,
Verchtlichen die Tasche wieder aus der Hand. Vor lauter ngstlicher Hast hatte
sie bis jetzt nichts Zusammenhngendes lesen knnen, und sie sagte das ihrem
Gewissen zum Troste, whrend sie, dennoch mit einiger berwindung, den Schatz
beiseite legte Allein pltzlich steigt ihr eine Besorgnis auf, die alles Blut in
ihre Wangen jagt. Sie hatte vorhin nur oberflchlich einige Briefe von zarter,
unbekannter Schrift gesehen, und, ohne zu wissen warum, an eine Schwester
Theobalds dabei gedacht; jetzt meldete sich noch ein ganz anderer Gedanke.
Entschlossen kehrte sie zu dem Gegenstande ihres Verdachts zurck und griff
einiges Geschriebene heraus, sie las und las, errtend, erblassend; ihr Busen
kmpfte mit lauten Schlgen; jetzt entfllt das Papier ihren Fingern, sie sinkt
auf das Lager, einer Leiche gleich, keines Lautes, keiner Trne mchtig.
    Ein Pochen an der Tr bringt sie endlich zu sich, sie fhrt auf, und indem
sie verworren umherblickt, lchelt die Arme, wie fragend, ob jenes Entsetzliche
ihr blo im Schlummer begegnet sei, und lchelt wieder, aber wie eine
Verzweifelte, da das Blatt auf dem Boden ihr die traurige Wahrheit bezeugt.
    Es klopfte von neuem an und eine klgliche Mdchenstimme lie sich hren:
Nein! ich kann nicht ruhen, ich will erfrieren hier, bis ich sie gesprochen
habe, bis sie mir vergeben hat! - Gndige Frau! Liebe! Gute!
    Da keine Antwort erfolgte, bat es wiederholt im flehentlichsten Tone: Um
Gottes willen, lassen Sie Emilien ein, nur auf zwei Minuten, nur auf zwei Worte!
Vergeben Sie mir!
    Ja, ja doch! geh nur, mein Kind! erwiderte Constanze kaum hrbar, und das
Mdchen schlich getrstet weg, ohne alle Ahnung, welchen Schmerz sie ihrer
Herrin bereitet. Wir wagen es nicht, diesen Schmerz zu schildern. Aber wie alles
zum uersten und Unnatrlichen Gesteigerte sich nicht lange auf dieser Hhe
erhlt, so fiel alsbald ein unwiderstehlicher tiefer Schlaf ber die Erschpfte
her und versenkte sie in ein wohlttiges Vergessen ihres mitleidswerten
Zustandes.
    Ebenso ruhig und gelassen wie vor einer Stunde, da der Blick der Sterne das
Gebet einer Glcklichen zu segnen schien, funkelten sie jetzt auf das Lager des
unglcklichsten Weibes herab. So rasch kann sich an die hchste irdische Wonne
das Dasein unbersehbaren Jammers drngen.

Noch ehe es vollkommen Tag geworden, erwachte Constanze, und leider schnell
genug besann sie sich auf den betubenden Schlag. Sie bat Gott um Strkung und
Fassung, stand ermattet auf und ordnete mit trockenem Aug die Brieftasche,
woraus ihr zum berflusse noch eine Haarlocke, ohne Zweifel von der unbekannten
Briefstellerin, entgegenfiel.
    Sie erschien sich selber im Spiegel wie ein verndertes Wesen, das, seitdem
etwas Ungeheures mit ihm vorgegangen, gar nicht mehr in die bisherigen
Umgebungen, in diese Wnde, unter diese Gerte passen wolle, es schien sie alles
umher wie einen lange entfernten Gast, ja als eine Abgeschiedene anzublicken,
und sie selbst kam sich mit ihrem schwanken Tritt, mit ihrem schmerzverklrten,
stillen Gefhl beinahe wie ein erst kurz aus dem Grabe Entlassenes vor, das noch
nicht festen Fu gefat und den Eindruck des letzten Todeskrampfes nur nach und
nach loswerden kann.
    Indessen sie sich langsam ankleidete, wunderte sie selbst ihre Ruhe, die
freilich mehr Stumpfheit zu nennen war. Sie eilte aus dem traurigen Gemach und
hinber in die vorderen Zimmer, wo noch niemand war. Bald erschien die
Morgensonne in den Fenstern und lud zu Heiterkeit und Leben ein. Gedankenlos
schaute Constanze durch die Scheiben, und um nur etwas zu tun, rieb sie die
Meubles mit dem Staubtuch ab, wobei sie manchmal zerstreut innehielt. - Emilie
trat herein, voll Erstaunen, ihre Gebieterin schon hier zu treffen. Ich habe
dir dein Geschft abgenommen! sagte die Grfin freundlich, siehst du, zum
Zeichen, da ich wieder gut bin. Aber den Gefallen tu mir und rede kein Wort
weiter darber. Ein warmer Handku dankte der Gtigen.
    Sehr willkommen war es der sonderbar gestimmten Frau, als jetzt auch ihr
Bruder erschien. Guten Tag, mein Schwesterchen! So frh wie der Vogel schon
auf? Die Sorge um das Gewchshaus trieb mich aus den Federn; das war eine
grimmkalte Nacht, mein Thermometer zeigt fast fnfundzwanzig; ich mu nur
nachsehen, ob unten nichts gelitten hat. Ich darf dich begleiten! sagte die
Grfin und warf die Saloppe um. Ihr Wesen, erzwungen munter und verstrt, machte
den Bruder einen Augenblick stutzig, aber er hatte fast keine Augen vor lauter
Erwartung, wie es im Garten stehe.
    Die streng frische Luft tat Constanzen wohl. In gereizten Stimmungen, wie
die ihrige jetzt war, hat der Mensch auf einige Sekunden vielleicht die hchste
Empfnglichkeit fr die Natur, in welcher Gestalt sie ihm auch entgegentreten
mag; er mchte mit einem Sprung sich ganz nur ihrer Freundschaft, ihres gttlich
stillen Lebens bemchtigen, um auf einmal eine Last von alten Zustnden
abzuwerfen und zu vergessen. Aber dieses schnell aufflackernde Gefhl ist nur
der Sonnenblick, dem alsbald wieder die vorige Wolkentrbe folgt. Constanze
erwehrte sich so gut wie mglich. Doch als der Graf zu seiner grten Freude die
Gewchse meist unverletzt fand, und bei jedem neuen Stocke bemht war, die
Schwester von seinem Glck zu berzeugen, da konnte sie den wehmtigen Gedanken
nicht bei sich unterdrcken: wie war mir zumute in der Stunde, als diesen
Pflanzen, diesen edlen Stmmchen der Frost das Verderben drohte? Sie grnen noch
und blhen, wie auch ich noch aufrecht stehe, mir selber zum Wunder; aber
vielleicht der innerste Lebenskeim dieser zarten Staude ist doch angegriffen, es
wird sich zeigen, ob sie uns nicht mit dem bloen Scheine von Gesundheit
tuscht, ob nicht heute abend schon diese Knospe erstorben dahngt, und - -
    Constanzens knstliche Fassung war weg, sie eilte, ihr Gesicht bedeckend,
mit schnellen Schritten nach dem Hause zu. Bei dem Wiedersehen ihres Zimmers,
dessen Tre sie sogleich hinter sich zuriegelte, brach aller verhaltene Schmerz
mit doppelter und dreifacher Gewalt hervor, und sie berlie sich ihm ohne
Schonung. Nun erst berdachte sie, was geschehen war, nun erst wagte sie ganz in
den Abgrund ihres Elends hinabzutauchen. Wie begierig auch ihr Verstand mitunter
nach einer Auskunft, nach einem Troste umhertastete, wie scharfsinnig auch
selbst die Verzweiflung noch war, um einen ertrglichen Zusammenhang der Sache
zu entdecken, um den ungeheuren Widerspruch, worin Nolten in dem
Doppelverhltnis zu ihr und einer Unbekannten erschien, beruhigend zu lsen oder
doch zu erklren, sie fand keinen Ausweg, keinen Schimmer von Licht. Verglich
sie alles dasjenige, wodurch er ihr die unzweideutigste Leidenschaft an den Tag
gelegt, mit den fremden Briefen, deren ganzer Ausdruck ein lngst begrndetes
und sehr blhendes Verlobtenverhltnis verriet, so blieb nichts brig als
Theobalden fr den ruchlosesten Heuchler zu erkennen, der zwei Geschpfe
zugleich betrog, oder fr einen Wahnsinnigen, Charakterlosen, welcher mit sich
selber in unerhrtem Zwiespalte lebt. Beides aber ist mit der ganzen Art und
Weise, wie Nolten sonst sich gab, schlechterdings nicht zu reimen. Denn selbst
die Spuren exzentrischen Wesens an ihm waren bei weitem gemigter, als sie
zuweilen sogar an geachteten Mnnern von verwandtem Talente und Bestreben
hervorzutreten pflegen. Am wenigsten konnte Constanze die Gte seines Herzens
aufgeben. Jeder einzelne Moment, den sie sich zurckrief und worin sie in die
Falten seines eigensten Denkens und Empfindens geblickt zu haben glaubte, so
mancher Anla, wo in wenigen treffend ausgesprochenen Worten ber Leben, ber
Kunst, ein gedrungener Strahl seines Gemts aufgestiegen war und auf eine ganze
Versammlung anregend wirkte, endlich der ganze erschpfende Begriff, den sie
sich nach so langem Umgange von ihm abgezogen hatte - alles stritt mit dem
finstern, unheimlichen Zerrbilde, das vielleicht ein blinder Zufall ihr
aufdringen wollte, sie zu schrecken, zu ngstigen, und worber der Geliebte, der
wahre unverflschte, wohl selbst verwundert lcheln wrde. Ein Funke von
Hoffnung beschleicht sie, sie schaut aufs neue nach dem Datum der Briefe, sie
rechnet schnell Monate, Wochen, Tage, aber das Resultat ist immer nicht
trstlich, immerhin fllt ein Teil der zrtlichen Korrespondenz in die Zeit, wo
Theobald Constanzen bereits unverkennbare Zeichen seiner Absichten gegeben. Und
gesetzt auch, die Neigung, wovon jene Briefe zeugen, wre blo eine einseitige -
was jedoch den Anschein gar nicht hat -, gesetzt, Nolten htte, den Glauben des
Mdchens hinhaltend, sich indessen heimlich einer unglaublichen Vernderung
schuldig gemacht, was wrde das Constanzen helfen? was htte sie von einem
solchen Manne zu gewarten? wie mchte sie ein anderes Geschpf um seine
teuersten Hoffnungen bestehlen? und ein Geschpf, das sie wirklich nicht hassen
konnte, das allem nach das rhrendste Bild der Unschuld, der hingebenden Liebe
ist? ja, wie konnte ihr die heieste Liebe Theobalds nur im entfernten noch
schmeicheln, wenn diese der sndige Raub an einem fremden guten Wesen wre?
    Aber noch immer war ja die Frage nicht berwunden, wie nur Nolten eines so
beispiellosen Betrugs fhig sein konnte?
    Constanzens Auge stand weit, gro, nachdenkend in einen Winkel des Zimmers
gerichtet, whrend ihr Geist sich nach und nach den unglckseligen Gedanken
zurechtarbeitete: es knne denn doch wohl einen Menschen geben, der aus
Schwche, frevelhafter Selbstsucht und gelegentlich aus einem Rest
ursprnglicher Gutmtigkeit zusammengesetzt, vor andern, wie zum Teil auch vor
sich selber, einen Schein von Vortrefflichkeit zu erhalten und vor dem eigenen
Gewissen jede Untat zu rechtfertigen wisse, es lasse sich ein Grad von
Verstellung denken, der alle gewhnlichen Begriffe bersteige. Der genaue Umgang
Theobalds mit Larkens, so wenig sie dem letztern bis jetzt mitraut hatte,
konnte sie nun, wenn sie sich der Meinungen anderer erinnerte, in ihrem Urteile
nur bestrken, und sie glaubte in ihm den Verfhrer entdeckt zu haben.
    Teilnehmend blickte sie aufs neue nach den Briefen Agnesens, sie enthielt
sich nicht, den reinen harmonischen Sinn zu bewundern, welcher sich in jedem
Worte des Mdchens aussprach. Arme Agnes! sagte sie, armes betrogenes Kind!
Ist es mglich? sollte er sich nicht der Snde gefrchtet haben, diese Seele zu
hintergehen, wenn er sie auch nur so weit kennengelernt hatte, als ich sie aus
diesen Blttern kennenlernte? Gtiger Gott! solch ein Lamm und solch eine
Schlange, wie kommen sie zusammen? Mich hat Gottes Finger noch zu rechter Zeit
gewarnt, aber sie - tue ich recht, wenn ich sie ihrem Schicksal berlasse? ist's
nun nicht an mir, zu warnen? Ja, wahrlich, das kommt mir zu - - Und doch, es
knnte bereilt sein; wer wei, ob ich Schlimmes nicht schlimmer machte, ob der
Verrter, wenn der Himmel ihn noch retten will, nicht einzig durch die Liebe
dieses Engels zu retten ist?
    Der letzte Zweifel ber die Gesinnungen Noltens verschwand vollends, als ein
Dokument von seiner eigenen Hand zum Vorschein kam - das Konzept eines
Schreibens an die Braut, das erst gestern entworfen worden war. Mit einem tiefen
Gefhle von Unwillen, von Wehmut, von Verachtung, ja von Schauder vernahm sie
hier die Sprache der beredtesten Liebe und einen sehr redlichen, mnnlich
klingenden Ton. Eine Stelle aber war ihr besonders merkwrdig. Ich befand
mich, hie es, diese letzte Zeit her in einem vielleicht nicht ganz lblichen
Rausche von Zerstreuungen aller Art, wobei denn die geistige Gestalt meiner
Agnes doch immer aufs lebendigste durchblickte. Ja, ich darf dir wohl gestehen,
da ich seit der glcklichen Beilegung jenes argwhnischen Skrupels mit
doppelter Innigkeit in dir lebe.
    Die uerung sah fast aus wie ein verstecktes Gestndnis seiner
Herzensverirrung, das ihm vielleicht sein Gewissen notdrftig abgedrungen. Diese
Verirrung selbst konnte nunmehr in Constanzens Augen, wenn auch keinen
Entschuldigungsgrund, doch eine Art Erklrung fr Noltens Betragen abgeben, wenn
sie annahm, da das Miverstndnis, wovon sie auch in einem Briefe Agnesens eine
Spur gefunden, der Anla zu einer heftigen und nachhaltigen Verstimmung fr
Theobald geworden, da er, seinem extremen Charakter nicht ungem, sich in
einen desperaten Wechsel gestrzt habe, und da sie als das Opfer dienen mssen.
Seine Bekehrung war natrlich in die Zeit zwischen gestern und jener Lustpartie
gefallen, und allem nach unterzog er sich ihr sehr willig.
    Soviel Wahrscheinliches diese Schlsse hatten, und sosehr sie auch geeignet
schienen, ein wenigstens ertrgliches Licht auf Noltens Benehmen zu werfen, so
wenig Trost gaben sie der schnen Frau. Denn von dem Augenblicke an, wo ihre
Achtung fr ihn sich einigermaen erholte, begann auch ihre Liebe wieder zu
atmen, und nun war sie fast bler daran, als solange sie ihn getrost
verabscheuen konnte. Also Noltens Glck war wiederhergestellt, das Mdchen selig
in seinem Besitz und - sie selbst hatte nur auf eine kurze Zeit die Lcke
gebt, um jetzt wieder allein, verlassen, vergessen dazustehen, den bittern
Stachel im Herzen. Eine Regung von Zorn flammte in ihr auf, sie fhlte ihre
weibliche Wrde beleidigt, mit Fen getreten, sie fhlte alle Qual verschmhter
Liebe. Und hatte sie vorhin einen reinen Zug schwesterlicher Neigung zu Agnes
empfunden, so konnte sie nun einer Anwandlung von schmerzlicher Migunst nicht
widerstehen, so lebhaft sie sich auch darber anklagte. Aber auch indem es ihr
gelang, allen Groll von der Unschuldigen ab und auf den geliebten berlufer zu
werfen - es blieb nur das Bewutsein ihrer Unmacht, ihrer Krnkung brig. Jede
Erinnerung an das Vergangene, das kleinste Zeichen, womit sie ihm ihre Gunst
verraten haben mochte, versetzte jetzt ihrem Stolze, ihrem Ehrgefhle Stich auf
Stich. Noch gestern beim Abschied unter der Tre hatte sie ihn mit
bedeutungsvoller Freundlichkeit entlassen und - so kam es ihr jetzt vor - ihm
beliebte kaum ein kalter Dank darauf. Am meisten demtigte und beschmte sie der
Auftritt in der Grotte, sie bedeckte bei diesem Gedanken ihr glhendes Gesicht
mit dem Tuche, weinend und schluchzend.
    Kein Wunder, wenn ihr jetzt die klglichen Worte Thereilens aus dem
gestrigen Schauspiele einkamen, das gleichsam weissagend von ihr gesprochen;
kein Wunder, gab sie auf einen Augenblick dem widersinnigen Gedanken Raum, als
htte Larkens einigemal eine boshafte Anspielung auf sie im Sinne gehabt. Aber
ganz ist ihr gegenwrtiger Zustand durch die leidenschaftlichen Zeilen
bezeichnet:

O armer Zorn!
Noch rmere Liebe!
Zornwut und Liebe
Verzweifelnd aneinandergehetzt
Beiden das Auge voll Trnen,
Und Mitleid dazwischen,
Ein flehendes Kind!

Desselben Morgens gegen zehn Uhr, als Larkens eben von einem Ausgange nach Hause
kam, bergab sein Bedienter ihm das braune Kstchen, das die Laterna magica
verwahrte; man habe es vor einer Viertelstunde aus dem Zarlinschen Hause
hiehergebracht nebst dem Danke der gndigen Frau. Unser Schauspieler ffnete den
Deckel, zog begierig die zuoberst liegende Brieftasche heraus, untersuchte sie
von allen Seiten und sein Mund verzog sich zu einem vergngten, doch
gewissermaen befremdeten Lcheln, indem er ausrief: Beim Himmel! die Falle hat
gelockt, der Speck ist angebissen, und das wacker! kein Zettelchen blieb
unverrckt. Ich sorge nur, der Spa ist in plumpere Hnde geraten, als ich
gewollt hatte. Sei's drum; durch die Finger von Madame ist die Tasche auf jeden
Fall auch gekommen, und ich mte mich bel auf Evas Geschlecht verstehen, wenn
diese Finger mehr Diskretion gehabt htten, als mir fr den Kasus lieb wre.
Genug; es wird sich zeigen, die Wirkung kann nicht ausbleiben. Diesmal httest
du frwahr meisterlich kalkuliert, Bruder Larkens, der Herr gebe seinen Segen
dazu.
    Wirklich war es die Absicht des Freundes gewesen, da Constanze die Tasche
finden und sich ihrer Geheimnisse nicht enthalten mge; er konnte darauf zhlen,
da man sie fr das Eigentum Noltens erkennen wrde, in der Tat aber war sie nur
ein Geschenk, das dieser dem Freunde zu der Zeit gemacht hatte, wo er alles, was
ihn an Agnes erinnern konnte, Briefe, Haare und hundert andere Kleinigkeiten,
auf immer loswerden wollte.
    Larkens hoffte durch jenen ausgedachten, wohlgemeinten Streich teils bei der
Grfin jeder mglichen Neigung gegen Theobald vorzubeugen, teils glaubte er, sie
mte von nun an, eingedenk des Verhltnisses mit Agnes, durch ihr Betragen
unzugnglich fr Nolten selber werden. Nun hatte zwar Larkens, zufolge der
mitrauischen Verschlossenheit seines Freundes mit der wahren Lage der Dinge
unbekannt, sich in seinem Plane etwas geirrt; er htte, wre er besser
unterrichtet gewesen, vielleicht einen ganz andern Weg eingeschlagen, aber auch
auf diesem erreichte er, wie wir gesehen haben, seinen Hauptzweck vollstndig,
nur freilich auf eine grausamere Art, als er sich vorgestellt hatte. Sehr
bereilt und tadelnswert wrden wir seine eigenmchtige Handlungsweise nennen
mssen, wenn er eine Ahnung von den groen Fortschritten gehabt htte, welche
Theobalds neue Liebe bereits gemacht hatte, weil Larkens jene Rechte der Braut
nur auf groe Kosten der Ehrlichkeit seines Freundes aufdecken konnte; bereilt
und unsicher mten wir sein einseitiges Verfahren auch insofern schelten, als
er ja nicht wissen konnte, ob Nolten, wenn er sich auch bis jetzt noch gegen
Constanze zurckgehalten, doch in kurzem nicht vielleicht ihr sein Herz anbieten
werde, da er dann notwendig im zweideutigsten Lichte vor ihr erscheinen mte;
allein frs erste hatte Larkens nicht die mindeste Vermutung davon, wie weit
bereits das Verstndnis der beiden gediehen war, und frs zweite, was die
Zukunft betrifft, ging er neuerdings ernstlich mit dem Gedanken um, Theobalden
die Zeugnisse fr Agnesens Unschuld vorzulegen, ihn zu nherer Prfung der Sache
zu vermgen, ihn im Notfall damit zu bedrohen, da er die Grfin selbst zur
freundschaftlichen Schiedsrichterin darber aufrufen werde.
    Vor allen Dingen widmete er der Frage, inwiefern es geraten sei, Theobalden
schon jetzt seine Pflichten fr die Verlobte aufzudringen, eine reifliche
berlegung. - Wir berlassen ihn jetzt seinen Gedanken und kehren in das
Zarlinsche Haus zurck.
    Dort meldete sich des andern Tages gegen Abend ein vornehmer Besuch. Herzog
Adolph erschien, und Constanze, in Abwesenheit ihres Bruders, empfing ihn
allein. Das ungewhnlich blasse und verstrte Aussehen der schnen Frau mochte
ihm sogleich auffallen, er erkundigte sich auf das angelegentlichste nach ihrem
Befinden, ging dann mit einer leichten Wendung auf sein eigenes Anliegen ber
und erzhlte mit sichtbarem Verdrusse, was ihm gestern von einer hchst
rgerlichen Sache bekannt geworden, wobei er bedaure, da sie gerade in diesem,
ihm so hchst schtzbaren, Hause habe vorfallen mssen. Der Knig, sein Bruder,
dessen Ehre dabei beteiligt wre, sei auf das genaueste davon unterrichtet und
aus dessen eigenem Munde habe er es gehrt.
    Constanze erschrak, erklrte, wie sie zwar an jenem Abende die allgemeine
Bewegung der Gesellschaft wahrgenommen, wie auch sie nachher den Grund davon
erfahren, wie sie aber an einen solchen Frevel von solchen Mnnern nicht
sogleich habe glauben knnen. Sie bat, man mge doch wenigstens sie aller Stimme
dabei berheben, da Leute von besserer Einsicht, von bedeutenderem Urteil
zugegen gewesen. Aber der Herzog gestand, da der Knig die vorlufige
Ausmittelung der Sache ihm anbefohlen, da er das Manuskript und was dazugehre,
bereits in Beschlag genommen, da er aber nach wiederholtem Lesen und genauer
Prfung alles einzelnen noch nicht ganz habe mit sich einig werden knnen. Er
sei zuletzt auf den Einfall geraten, alles von der Entscheidung einer ebenso
scharfsinnigen, als unbefangenen Dame abhngen zu lassen, und er werde
diesfalls auf seiner Bitte beharren, ihrem Ausspruch werde er unbedingt
vertrauen. Freilich, setzte er mit einem pikanten Akzente hinzu, freilich,
wenn meine getroste Voraussetzung von der gnzlichen Unbefangenheit meiner
geliebten Freundin mich denn doch etwas trgte, wenn ihr einer oder der andere
von den Beklagten mehr als billig am Herzen lge, dann, meine Gndige, wre es
wirklich hchst undelikat, trotz Ihrer Weigerung einen gerechten Spruch aus
Ihrem Munde zu verlangen.
    Gelassen schaute die Grfin ihn an und erwiderte: Beide Mnner waren mir
sehr viel wert; Sie selbst haben diesen Nolten begnstigt, und schon um
Ihretwillen, Adolph, sollte es mir leid sein, wenn Ihnen ein Freund unschuldig
gekrnkt wrde. Was aber jenen Fehler, ich sagte fglich, jenes Verbrechen,
betrifft, das man diesen Leuten schuld gibt, so will ich keineswegs der
Gerechtigkeit im Wege stehen, nur sie zu befrdern bin ich auerstande. Sie
selbst knnen, dnkt mich, doch wohl am besten wissen, was Ihrem Freunde
allenfalls zuzutrauen wre, Sie drfen von ihm aus dann getrost auf die
Gesinnungen des Schauspielers schlieen, denn beide sind ja ein Sinn und ein
Gedanke. Richten Sie also. Sie waren zwar nicht Zeuge jenes Abends, aber die
Dokumente liegen in Ihren Hnden, was htt ich demnach vor Ihnen voraus, das
mich zu einem Urteil geschickter machte?
    Der Herzog stand auf, machte einige Schritte und sagte dann im
freundlichsten Tone: Ich tat Ihren Unrecht, meine Liebe! vergeben Sie's. Ich
sehe, wir sind beide in einer und derselben Verlegenheit, und wren so ziemlich
gleich geneigt, das Ganze zu entschuldigen, wenigstens zum Guten zu wenden. Ich
finde nun erst, wie unbillig es von meinem Bruder war, mich in diesen schlimmen
Fall zu setzen, wie tricht von mir, den Auftrag anzunehmen. Zwar auch meine
Ehre mute dabei interessiert sein, aber je leidenschaftlicher ich die Sache
aufnahm, um so weniger konnt ich hoffen, klar darin zu sehen, und meinem
Unwillen hielt auf der andern Seite die Neigung fr Nolten kaum das
Gleichgewicht, da diese, in der letzten Zeit gar zu lssig von ihm gepflegt, so
gut wie eingeschlafen war; um so schlimmer fr Noltens Recht, wenn ich ohnehin
Ursache hatte, ihm bse zu sein. Bei Ihnen, Beste, spricht ein reines
menschliches Gefhl zugunsten des brigens so braven Knstlerpaares, und ich
gestehe Ihnen, auch mich will in Ihrer Nhe die alte Vorliebe fr diesen Maler
wieder einnehmen, ohne da Sie noch ein Wort zu seiner Verteidigung vorgebracht
- aber vielleicht gerade darum knnt ich ihm verzeihen, weil Sie ihn nicht
verteidigen. Knnte ich bei dem Lrm, bei der Erbitterung, die der tolle Vorfall
schon bei Hofe veranlat hat, ganz ruhig sein, mich vor dem Verdachte der
Parteilichkeit bei meinem Bruder sichern, ich mchte die Herren wohl
freisprechen und alles zu vertuschen suchen; so aber bin ich der Sorge doch
nicht los, und meiner Stellung zu dem guten Maler erwchst aus der dummen
Geschichte auf alle Flle eine bleibende Schwierigkeit. Doch, was beschwere ich
Sie mit diesen Unbilden - Lassen Sie uns davon schweigen. Am artigsten wr's,
setzte er scherzend hinzu, man setzte ein Gericht nieder, bestehend aus einem
Archologen, einem Professor der sthetik und einem Advokaten, die sich ber das
Manuskript und die Bilder hermachen sollten. Nicht wahr, meine Schnste?
    Die wahre Gesinnung des Herzogs und seine schwierige Lage lt sich brigens
leicht aus folgenden Bemerkungen erkennen.
    Weit entfernt von der Torheit, in der fabelhaften Figur jenes
tausendjhrigen Knigs eine ehrenrhrige Beziehung zu entdecken, fand er diese
Beziehung eher schn und wohlgemeint; dagegen ihm die hnlichkeit jener
Feenfrstin mit Viktorien um so bedenklicher vorkam. Denn wenn gleich das wahre
Verhltnis dieser Person zum verstorbenen Regenten nicht ganz getroffen sein
mochte, so war die scheinbarste Seite davon doch so charakteristisch
herausgehoben, da man nicht leugnen konnte, ein sehr frappantes Bild von
Viktoriens Erscheinung vor sich zu haben. Die Zeichnung des selbstschtigen
schalkhaften und doch wieder so innigen Wesens ahmte wirklich die leisesten
Nuancen nach. Das alles htte noch hingehen mgen. Aber diese Dame glnzte noch
am Hofe, das Vertrauen, das Nikolaus ihr geschenkt hatte, ward noch vom Sohne
geehrt. Insoferne mssen wir jenes Spiel hchst unbedachtsam nennen. Dennoch
htte es vielleicht dem Herzog nicht schwer sein mssen, den mglichen Schaden
abzulenken, wre nicht der Knig selbst in einer migen Stunde auf das
verschrieene Manuskript neugierig gewesen. Hier entging ihm denn so manche
Verwandtschaft keineswegs, er uerte sich mit groer Unzufriedenheit ber eine
so unschickliche Anspielung, namentlich die leichtfertige oder ernste Einfhrung
der bewuten wertgeschtzten Frau emprte ihn als eine unverzeihliche
Vermessenheit. Der Herzog besnftigte ihn vorlufig, indem er dieses und jenes
noch problematisch darstellte, versprach, das Ganze nochmals genau zu
durchgehen, sowie auch nhere Erkundigungen einzuziehen; weil er aber doch ein
gerechtes Gefhl des Bruders nicht schlechterdings umgehen und das Zutrauen
nicht mibrauchen wollte, womit dieser ihm die Entscheidung des keineswegs
gleichgltigen Gegenstandes berlie, so kam er wirklich mit einer doppelten
Pflicht ins Gedrnge, er htte ebensogerne den Maler geschont als dem Bruder
Genge getan; daher denn auch jene Anfrage bei Constanze nichts weniger als
bloe Pantomime war, er dachte sie bei dieser Gelegenheit ein wenig zu
schrauben, fand aber ein solches Frauenorakel wirklich bequem fr seine
Unschlssigkeit, nur glaubte er auf den Fall, da die Geschichte Rumor machen
knnte, aus Diskretion gegen Viktorie den eigentlichen Grund des rgernisses
verstecken und mehr das Allgemeine vorkehren zu mssen.
    Constanze blickte noch immer ernst vor sich nieder, ohne eine Miene zu
ndern. Den Herzog rhrte ihr Anblick, worin er von jetzt an wirklich nur die
edelste Teilnahme an dem Schicksale zweier Hausfreunde zu lesen glaubte; ihr
ganzes Wesen von diesem Kummer leicht beschattet, deuchte ihm nie so reizend, so
weich gewesen zu sein. Er setzte sich an ihre Seite und gab dem Gesprch eine
andere Richtung, sie ging soviel mglich darauf ein, und der Zwang, den sie sich
mitunter dabei antat, machte sie nur immer liebenswrdiger, kindlicher,
unwiderstehlicher. Dazu kam die einladende Ruhe dieser Stunde, von zweien auf
dem Tische brennenden Kerzen traulich verklrt. Der Herzog ergriff in der
Unterhaltung die Hand seiner schweigsamen Nebensitzerin, er lie die
schmeichelhaftesten Vorwrfe gegen sie spielen ber die karge Art, womit sie
seiner Zrtlichkeit immer entgegne, auch jetzt erfuhr diese noch einigen
Widerstand, doch - so schien es dem schlauen Manne - mehr einen anstndigen als
strenge zurckweisenden Widerstand.
    Aber als ihr gepreter Schmerz, ihre Unruhe, ihr Mibehagen sich immer
weniger verbarg, als der wrmer gewordene Liebhaber aufs neue mitrauisch werden
wollte, bald mit dringenden Worten, bald mit den lebhaftesten Liebkosungen zu
einer Erklrung ntigte, da war es seltsam, jammervoll anzusehen, wie die arme
Frau ganz auer sich geriet, in dem Augenblick, wo sie von ihrem unseligen
Geheimnis aufs hchste bewegt, an die verlorene Liebe doppelt schmerzlich
erinnert werden mute, indem eine andere, bisher verhafte, sich hlfreich
strmisch aufdrang. Jetzt stt sie den Herzog heftig weg, jetzt gibt sie sich
seiner Khnheit unerhrt willig hin, dem bngsten Seufzer, dem heiesten Gusse
von Trnen folgt pltzlich ein Lachen, dessen kindische Lieblichkeit, dessen
herzlicher Klang unter jeden andern Umstnden htte bezaubernd sein mssen. Der
Herzog sah in alle diesem nur den unbeschreiblich rhrenden Ausdruck einer bis
jetzt verhllten Leidenschaft fr ihn, welche sich endlich verraten und noch im
entzckten Momente der ersten Umarmung mit holder Scham und ser Reue kmpfe,
ihn selber jedoch zum seligsten der Menschen mache. Wie ganz anders sah es im
Busen Constanzens aus! Oft war es ihr, als se sie, von einem Dmon, von einem
hllischen Wesen umschlungen, in entsetzlicher Unmacht festgebannt; Lust und
Unlust emprten sich wechselseitig in ihrem Innern, sie berlie sich seinem
Kusse mit einem schneidenden Gefhle von Widerwillen, ja von Ekel, sie empfand
es unertrglich, wie elend sie sich verirrt, wie tricht rasend ihre Einbildung
sei, als ob sie auf diese Art an jenem Verrter heimlich Rache ben knnte! Er -
(so rief, so wimmerte es in ihrer Seele) ja er allein hat es verschuldet, da
Constanze so sich verleugnet, da ich tue, was ich sonst verabscheut htte, und
doch - wie wird alles werden? wie soll das enden? wohl, wohl - mag es, wie es
kann! - Sie rang sich los, drckte den Kopf in die Purpurkissen des Sofa, ihr
Schluchzen zerri dem Herzog das Herz, er berhrte sie schchtern, er bat, er
beschwor sie um Fassung; sie mge sich doch besinnen, warum sie denn eigentlich
verzweifle, ob das unfreiwillige Bekenntnis einer Neigung, die ihn auf ewig zu
einem guten, mit Welt und Himmel glcklich ausgeshnten Menschen zu machen
bestimmt sei, ob die Furcht, da dieses schne Verstndnis jemals dem rohen
Urteil der Menschen blogestellt werden knne, ob ein Zweifel an seiner
Verschwiegenheit, an seiner Treue, ein Zweifel an seiner Ehrfurcht vor ihrer
Tugend sie qule? Constanze! Teure! Geliebte! blicken Sie auf! sagen Sie, da
ich fr heute, fr jetzt, mich entfernen soll, fordern Sie, da ich Sie mein
Leben lang durch nichts, durch kein halbes Wort, mit keiner Miene, keinem leisen
Wunsche mehr an diesen Abend mahne! Mir aber darf er unvergelich bleiben, so
wie jetzt wird auf ewig dieses Zimmer, wird das Licht dieser Kerze und wovon es
Zeuge gewesen, vor meiner Erinnerung stehen - o Gott! und so, in dieser traurig
abgewendeten Lage mu die Gestalt der edelsten Frau vor mir erscheinen, um allen
himmlischen Reiz des vorigen Augenblicks wieder auszulschen! ich werde
vergehen, verzweifeln, wenn Sie sich nicht aufrichten, wenn ich Sie so verlassen
mu.
    Er fate sie schonend an beiden Schultern, und sanft rckwrts gebeugt
lehnte sie den Kopf an ihn, so da die offenen schwimmenden Augen unter seinem
Kinne aufblickten. Freundlich gedankenlos schaut sie hinan, freundlich senkt er
die Lippen auf die klare Stirne nieder.
    Lang unterbrach die atmende Stille nichts. Endlich sagt er heiter: Ist's
nicht ein artig Sprichwort, wenn man bei der eingetretenen Pause eines lange
gemtlich fortgesetzten Gesprchs zu sagen pflegt: es geht ein Engel durch die
Stube?
    Constanze schttelte, als wollte sie sagen: der vorige, der gegenwrtige
Auftritt habe doch wohl einen so friedsamen Geist nicht herbeilocken knnen.
    Abermals versagt ihm ein weiteres Wort; er sinnt ber den Zustand der Grfin
nach, der ihm aufs neue verschiedenes zu bedenken gibt. Nicht ohne Absicht kommt
er daher spielend wieder auf Nolten und Larkens zurck. Nein, sagt er zuletzt,
es wrde mir sehr angenehm sein, wenn Sie, meine Liebe, mir ber den bsen
Punkt Ihre Ansicht offenbaren wollten. Ganz gewi sind Sie lngst darber im
reinen, zum wenigsten haben Sie eine Meinung. Reden Sie mir, ich bitte recht
ernstlich - Halten Sie die beiden fr schuldig?
    Die Befragte bedenkt sich eine Weile und sagt mit einer sonderbar zuckenden
Bewegung: Schuldig? - er ist's!
    Wer doch?
    Nun, der Nolten -
    Ich erstaune! - und Larkens?
    Wohl ebensogut. Ja, mein Herr, darauf verlassen Sie sich.
    Und sind strafbar?
    So denk ich.
    Nun, auf mein Wort! so sollen sie's bereuen.
    Der Herzog stand auf; Constanze blieb wie angefesselt. Er hatte dies strenge
Urteil aus Constanzens Munde am wenigsten erwartet, um so gegrndeter mute es
sein. Er fragte einiges, was ihre Ansicht nher bestimmen sollte, sie
versicherte, nichts weiter zu wissen: er mge sich damit begngen und auf keinen
Fall sie verraten. Nun erst, da er Gewiheit zu haben glaubte, da selbst diese
billig denkende Frau von solcher Ungebhr bewegt, entrstet schien, erwachte
rger und Verdru in ihm, er enthielt sich der empfindlichsten Ausdrcke nicht,
wiederholt dankte er der Geliebten ihre Aufrichtigkeit, die er als natrliche
Folge einer zrtlich aufgeschlossenen Stimmung auslegte. Ihm ahnte nicht, von
welchem Aufruhr widersprechender Gefhle die Grfin innerlich zerrissen war,
seitdem sie das Entscheidende ausgesprochen. Wie versteinert vor sich
hinstarrend, blieb sie auf einer Stelle sitzen, war mehr als einmal versucht zu
Milderung, zu vlliger Widerrufung des Gesagten, aber ein unbegreiflich Etwas
band ihr die Zunge. Pltzlich hrt man den Wagen des Grafen vor dem Haus
anrollen, ein eiliger Ku, ein schmeichelhaft Wort versiegelt von seiten des
Herzogs das Geheimnis dieser Stunde.

Ehe wir noch auf die Folgen zu reden kommen, welche diese Vorgnge rasch genug
nach sich gezogen, enthalten wir uns nicht, einen allgemeinen Blick auf die
Gemter zu werfen, zwischen denen sich durch die fatalste Verschrnkung der
Umstnde, durch ein doppeltes und dreifaches Miverstndnis eine so ungeheure
Kluft gebildet hatte.
    Indem unser Maler sich den Aussichten eines unbegrenzten Glckes berlt,
mit jedem Tage der vlligen Entscheidung desselben entgegenblickt und soeben
beschftigt ist, der Grfin seine Wnsche, seine Anerbietungen in einem ruhig
besonnenen Briefe frei und edel hinzulegen, spinnt ihm die Liebe selbst durch
Constanze ein verrterisches Netz. Der redliche Wille eines Freundes, der im
dunkeln seinen Zweck hartnckig verfolgte ward zum Spiel eines schlimmer oder
besser gesinnten Schicksals: die sorgsam aber grillenhaft angelegte Mine, womit
Larkens einen gefhrlichen Standpunkt der Personen nur leicht
auseinanderzusprengen dachte, hat sich tckisch entladen und ist im Begriff,
ihrer viere, und darunter ihn selber, mit bitterm Unheil zu treffen, so da man
kaum wte, wer von allen am meisten zu bedauern sei, wenn es nicht jenes
unschuldige Mdchen ist, um dessen gerechtes Wohl es sich von Anfang an
handelte. Aber, scheint Constanze unser Mitleid verscherzt zu haben, seitdem sie
sich zu einer heftigen Rache hinreien lie und derselben einen falschen Grund
unterzuschieben wute, ja seitdem es den Anschein hat, als wolle sie sich an
einen zweideutigen Verehrer wegwerfen, so werden wir doch billig genug sein, uns
den Zustand eines weiblichen Herzens zu vergegenwrtigen, das aufs grausamste
getuscht, von der Hhe eines herrlichen Gefhls herabgestrzt, an sich selber,
wie an der Menschheit, auf einen Augenblick irrewerden mute. Was Theobalden
selbst betrifft, so sehen wir schon jetzt, wie sich ein zwar sehr verzeihliches,
aber dennoch bereiltes Mitrauen in der Liebe durch ein ganz hnliches an ihm
bestraft, und wir wollen erwarten, ob diese harte Zchtigung mehr zu seinem
Unglck oder zu seinem Heile ausschlagen soll.
    Die auf Befehl des Herzogs geschehene Konfiskation des verdchtigen
Spielkstchens war den Freunden schon kein gutes Zeichen. Larkens geriet in Wut
ber diesen abgeschmackten Gewaltstreich, wie er's nannte. Mgen sie sich
doch, rief er dem Maler zu, die Zhne ausbeien an diesen armseligen
verklecksten Glsern! und dem ersten Schpsen, der die Nase in mein argloses
Machwerk stecken wird, schlage der Geist des alten Nikolaus nur tchtig hinters
Ohr, zur Erleichterung des kritischen Verstndnisses!
    Theobald wollte den Herzog selbst belehren, der Schauspieler gab es nicht
zu, indem er behauptete, man msse dem Pack den Gefallen nicht tun, man msse
abwarten, bis die Maus selbst aus dem unheilschwangeren Berg hervorspringe und
die Dummheit sich prostituiere. Da demungeachtet der Maler in seiner gtlichen
Absicht den frstlichen Gnner aufsuchte, ward er zu seiner grten Bestrzung
und Verdru nicht vorgelassen. Ganz trostlos aber machte es ihn, als er sich
seine letzte Zuflucht zu Zarlins auf gleiche unerhrte Weise abgeschnitten sah.
Er wute sich nicht zu helfen, nicht zu raten, er htte mit Freuden den Ha des
ganzen Hofes auf sich geladen, wenn er nur ber Constanze htte ruhig sein
knnen.
    Inzwischen ward jene miliche Sache durch einen hinzugetretenen Umstand gar
sehr verschlimmert, ja sie bekam eine vllig vernderte Gestalt. Wie immer ein
bel das andere erzeugt und in solchen Fllen des Unheils kein Ende ist, so
hatten einige Stimmen nicht ermangelt, bei dieser Gelegenheit an gewisse vor
lngerer Zeit anhngig gemachte und zum Teil wirklich erhobene Kriminalflle,
geheime Umtriebe betreffend, zu erinnern, und obgleich diese Dinge bereits fr
abgetan galten, so glaubte man doch keinen unbedeutenden Nachtrag hinter dem
Schauspieler suchen zu mssen.
    Der unruhige Geist, welcher, von gewissen politischen Freiheitsideen
ausgehend, eine Zeitlang die Jugend Deutschlands, der Universitten besonders,
ergriffen hatte, ist bekannt. Die Regierung, von welcher hier die Rede ist,
behandelte dergleichen Gegenstnde mit um so grerer Aufmerksamkeit, als sich
entdeckte, da immer auch einige durch reiferes Alter, Geist und brigens
unbescholtenen Charakter ausgezeichnete Mnner nicht verschmht hatten, an
solchen Geheimverbindungen, im weiteren oder engeren Sinne, teilzunehmen. So
hegten denn namentlich zwei genaue Bekannte unseres Schauspielers diese
gefhrliche Tendenz mit vieler Vorliebe, und der letztere, weit entfernt von
jedem ernstlichen Interesse an der Sache, verbarg diesen Leuten gegenber seine
Gleichgltigkeit und Geringschtzung hinter der Maske des feurigsten
Enthusiasten, indem er sich das Vergngen nicht versagen konnte, seine Genossen
auf eine jedenfalls unverantwortliche Weise zum besten zu haben. Er schrieb
ihnen Briefe voll schwrmerischen Schwungs, machte die absurdesten Vorschlge
und wute den Verdacht einer bloen fferei durch eine kunstvolle ironische
Einkleidung, durch abwechselnd vernnftige Gedanken, sowie durch die hchste
Konsequenz in der persnlichen und mndlichen Darstellung zu entfernen, so da
ihn die Gesellschaft zwar fr ein seltsam berspanntes, doch aber hchst
talentvolles Mitglied ansprach, wenn es gleich an einzelnen klugen Kpfen nicht
fehlte, die ihm heimlich mitrauten und scharf auf die Finger sahen; er bemerkte
dies, spielte den Gekrnkten, zog sich noch eben zu rechter Zeit zurck und
erhielt gegen das Versprechen der tiefsten Verschwiegenheit seine schriftlichen
Aufstze smtlich zurck Als es zwei Jahre nachher von Staats wegen zur
Untersuchung und Aufhebung der Verbrderten kam, und entfernterweise auch seiner
erwhnt ward, konnte es ihm bei der Diskretion der Bundesgenossenschaft wirklich
gelingen, sich wie ein Aal aus der Klemme zu winden, whrend andre, zum Teil
schon in ffentlichen mtern stehende, Mnner zu nachdrcklicher Bestrafung
gezogen wurden. So erfreute er sich geraume Zeit einer guten Sicherheit, aber
sein frevelhafter Mutwille sollte nicht ungercht bleiben. Das berchtigte
Schauspiel rief die alten Erinnerungen wieder hervor, belwollende,
wichtigtuende Aufklauber bten sogleich ihre ganze Geschftigkeit, und der Knig
sah sich bewogen, einen so verhaften Gegenstand abermals in ffentliche Anregung
zu bringen. Der Herzog, seinerseits an die Erheblichkeit dieses neuen Verdachtes
keineswegs glaubend, bedauerte diese hchst verdrieliche Wendung der ohnehin so
schief gedrehten Geschichte um so aufrichtiger, je weniger Freund Nolten
ungefhrdet dabei bleiben konnte, und je weniger er selbst sich verhehlte, da
vielleicht einige glcklich angebrachte Winke von ihm hingereicht haben wrden,
den ersten schwierigen Eindruck des bewuten Gedichtes zu vernichten, und so
jedem weiteren Nachhalle vorzubeugen. Er sah nur zu deutlich ein, wie es am Ende
doch jenes einzige Wort aus Constanzens Munde gewesen, was seine Schritte geirrt
und seine vershnliche Gesinnung mit einem geheimen Aber angesteckt habe. Jetzt
konnte an eine Vertuschung nicht mehr gedacht werden, und alles nahm seinen
strengen, gesetzlichen Gang.
    Wie ein Donnerschlag traf es die Freunde, als ihre Verhaftung nun wirklich
erfolgte. Eine Kommission ward beauftragt, ihre Papiere zu durchsuchen, und zum
Unglck kam dies alles so rasch, so unvermutet, beide hatten so gar keine Ahnung
von den neuesten Gerchten, da Larkens nicht von weitem daran dachte, jene
verfnglichen Briefe auf die Seite zu schaffen; denn leider waren sie noch
vorhanden, er hatte die Vertilgung so merkwrdiger Aktenstcke nicht ber sich
vermocht, vielmehr lagen sie ber die Zeit der ersten Untersuchung als geheimes
Depositum in dem Hause eines unverdchtigen Bekannten, spter nahm sie der
Verfasser wieder zu sich und ein versiegeltes Portefeuille in seinem Pult
verwahrte den verrterischen Schatz. Wie sehr der Umstand unsern Schauspieler
beunruhigen mute in dem Augenblick, als ihm die Festnehmung seiner eigenen
Person das Ernstliche der Absicht genugsam bewies, lt sich denken; denn da
man die Briefe finden wrde, da der Inhalt, obwohl hchst komischer Natur, gar
sehr gegen ihn zeugen msse, war zu erwarten.
    Die beiden wuten kaum, wie ihnen geschah, als sie sich eines Morgens in
zwei abgesonderte Zimmer des sogenannten alten Schlosses zu trauriger Einsamkeit
verwiesen sahen. Leopold und Ferdinand waren teilnehmende Begleiter auf dem
verhaten Gange. Beim Abschied konnte Nolten kein Wort vorbringen, kaum fand er
Gelegenheit, dem Bildhauer ein kurzes Billett an den Grafen nochmals zu
empfehlen. Larkens' Benehmen drckte einen knirschenden Schmerz aus, er kehrte
das Gesicht ab, whrend er Noltens Hand zum letztenmal fate.
    Wenn der Mensch von einem unerwarteten Streiche des ungerechtesten
Geschickes betubt stille steht und sich allein betrachtet, abgeschlossen von
allen ueren mitwirkenden Ursachen, wenn das verworrene Geschrei so vieler
Stimmen immer leiser und matter im Ohre summt, so geschieht es wohl, da
pltzlich ein zuversichtliches, frhliches Licht in unserm Innern aufsteigt, und
mit Heiterkeit sagen wir uns, es ist ja nicht mglich, da dies alles wirklich
mit mir geschieht, ungeheurer Schein und Lge ist es! Wir fhlen uns mit Hnden
an, wir erwarten, da jeden Augenblick der Nebel zerreie, der uns umwickelt.
Aber diese Mauern, diese sorgsam verriegelte Tr wiesen dem armen Maler mit
frecher Miene ihr festes unbezwingliches Dasein. Erschttert, mit lautem Seufzen
lie er sich auf den nchsten Stuhl nieder, ohne einmal an das Fenster zu
treten, das ihm eine weite Aussicht ins Freie und seitwrts einen kleinen Teil
der Stadt freundlich und trstlich htte zeigen knnen. In der Tat hatte das
Zimmer eine angenehme Lage, in dem obersten Teil des ohnehin hochgelegenen,
altertmlichen, hie und da noch befestigten Gebudes. Dieser eine Flgel war,
die Wohnung des Kommandanten und des Wrters ausgenommen, ganz unbewohnt, von
einer andern Seite, wo Garnison lag, tnte zuweilen ein munterer militrischer
Klang, Trommel und Musik nicht allzu geruschvoll. Auch die nchsten Umgebungen
Theobalds nahmen sich eben nicht sehr dster aus, die Wnde rein geweit und
trocken, die Eisenstbe vor den Fenstern weit genug, um nichts zu verdunkeln,
die Heizung regelmig, soweit die herankommende Frhlingszeit sie nicht gar
entbehrlich machte. Aber an der notdrftigsten Unterhaltung mit Bchern,
Schreibzeug und dergleichen fehlte es, und jede Art von Material fr den
Knstler insbesondere schien ausdrcklich verwehrt. Auch dachte unser Gefangener
fr jetzt noch an alle das keineswegs; vielmehr liefen seine Gedanken mit der
Geliebten, mit dem ganzen zerrissenen und verhllten Bilde seiner Zukunft
beschftigt, immer in demselben Schwindelkreise, wie an einem unbersteiglichen,
von keiner Seite zugnglichen Walle, verzweifelnd hin und her. Und wenn er sich
das rgste, das uerste vorgehalten, so kam ihm doch stets wieder der Glaube an
Constanzens richtiges Gefhl, an ihre Klarheit, ihre treue Gesinnung mutig
entgegen. Sie mochte ihn damals abgewiesen haben, weil ihre Stellung zum Hofe
ihr diesen Zwang auflegte, sie mochte selbst, auf kurze Zeit vom allgemeinen
Irrtum angesteckt, einigen Unwillen hegen, aber ihr Herz werde ihn freisprechen,
werde mit ihm leiden, sie selbst werde eine Milderung des gegenwrtigen bels zu
befrdern wissen. Diese seine Hoffnung gewann nach und nach so viel Strke, da
ihm die Gestalt der schnen Frau nicht anders als mit dem Ausdruck mitleidiger
Liebe wie ein Friedensbote vorschwebte, ja zuletzt mit dem reizenden Ungestm
einer angstvollen Braut, welche die Befreiung des Verlobten fordert. Aber
furchtbar lastete die Zeit der Ungewiheit auf ihm, bis er den ersten gtigen
Laut von ihr vernehmen knnte! Jenes Billett an den Grafen - kaum erinnerte er
sich der hastig hingeworfenen Worte - drckte eigentlich nur eine lebhafte
Beteurung seiner Unschuld, einen schmerzlichen Klageton aus, der hauptschlich
auf das Gemt Constanzens berechnet sein mochte. Ein frher entworfenes
Schreiben an die letztere, wovon wir oben etwas gesagt, hatte er mit sich
hiehergebracht; er las jetzt diese gemigten, freudig hoffenden, khn
versprechenden Linien aufs neue; er glaubte die Teure vor Augen zu haben, ihre
zarte Hand zu ergreifen, ihre Zusage zu hren, den Hauch ihres Mundes zu fhlen,
und ach! wie stumpfte dann wieder der Anblick dieser Zelle gegen den
lebendigsten Traum!
    Larkens an seinem Orte qulte sich nicht weniger mit Zweifeln und Sorgen auf
und nieder. Es entbehrte seine Phantasie der immer noch lieblichen Hintergrnde,
womit jener Leidensbruder sich seinen Zustand aufschmeichelte. berdies mute er
nach einer uerung, die ihm privatim zugekommen war, und die er schonungsvoll
fr sich allein behalten, die Aussicht auf baldige Lossprechung viel weiter
hinaus denken, als man sonst geneigt war; und er empfand dies um so peinlicher,
je mehr er alle Schuld dieses doppelten Migeschicks auf sich zurckfhrte. Fr
die auswrtigen Angelegenheiten seines Freundes glaubte er indessen vorlufig
dadurch gesorgt zu haben, da er, auf den Fall eines lngeren Stillstandes im
schriftlichen Verkehr mit Agnes, diese unter Vorschtzung einer Geschftsreise
beruhigte. Einigen Vorteil fr seinen geheimen Plan fand er in der Entfernung
Noltens von der Person Constanzens. Aber dieser kleine Gewinn, wie teuer
erkauft! Und bedachte er vollends, was er selbst entbehre durch die Trennung von
Theobald, was in solcher Widerwrtigkeit der Trost eines gemeinsamen Gesprches
wre, erwog er die Unmglichkeit, sich auch nur durch einen Buchstaben von Zeit
zu Zeit wechselsweise mitzuteilen und anzufrischen, so htte er laut toben, er
htte aufschreien mgen ber die Einfrmigkeit eines Daseins, wovon er, der
ungebundene, keck verwhnte und reizbare Mensch nie einen Begriff gehabt. Die
einzige Hoffnung setzte er auf ein Verhr.
    Schon waren einige Tage verstrichen, als die Lage der beiden durch die
zugestandene Erholung mit Lektre bereits ertrglicher zu werden versprach, doch
Larkens wies dergleichen starrsinnig von sich, und whrend Nolten bei allem
erdenklichen Leidwesen doch den Vorzug geno, da ihm teils die Liebe, teils ein
zu Hlfe gerufener Knstlersinn immer neuen Stoff zu innerlicher Belebung
zufhrte, so versank der Schauspieler gar bald in die Finsternis seines eigenen
Selbst, er wurde die freiwillige Beute eines feindseligen Geistes, den wir
bisher nur wenig an ihm kennengelernt, weil er ihn selber bis auf einen gewissen
Grad glcklich genug bekmpft hatte. Um uns brigens hierin ganz verstndlich zu
machen, wird folgender Aufschlu hinreichen.
    Von vermgenden Eltern herkommend, ohne sorgfltige Erziehung von Hause aus,
bezog er sehr jung die Akademie, wo er, keinen festen Plan im Auge, neben einem
lustigen kameradschaflichen Treiben dennoch schne philosophische und
sthetische Studien machte. Eine Reise nach England und die Hhe des dortigen
Schauspielwesens bekrftigte den Entschlu, sich mit hchstem Ernste dieser
Kunst zu weihen. Seine erste theatralische Schule begleiteten bereits
ffentliche Proben auf einem der angesehensten Schaupltze, und die
Aufmerksamkeit des Publikums wurde zur Bewunderung, als er, obwohl ungerne, dem
Rate eines erfahrenen Mannes folgend, sich eine Zeitlang in durchaus komischen
Reprsentationen erging. In dem Mae, wie er, einem sonderbaren Naturzwang
zufolge, wieder zum Ernsthaften einlenkte, nahm der allgemeine Beifall ab, und
so schwankte er unbefriedigt, milaunisch ein volles Jahr hin und her, ohne
einsehen zu wollen, welchem von beiden Fchern er sein Talent zuwenden msse.
Dazu kam der belstand, da dem praktischen Knstler seine poetische
Produktivitt viel mehr hinderlich als frderlich war; er wollte im Reiche
seiner eigenen Dichtung leben und empfand es bel, wenn ihn mitten in der
schaffenden Lust das Handwerk strte, was um so unvermeidlicher war, da seine
Arbeiten ganz auer der allgemeinen Bhnensphre lagen und nur von einem engen
Freundeskreise gefat und geschtzt werden konnten. Dieser widrige Konflikt des
Dichters und des Brotmenschen brachte die ersten Stockungen und Unordnungen in
seinem Leben hervor; aus Verdru ber die Unausfhrbarkeit seiner hhern
Geisteswelt warf er sich in den Strudel der gemeinen, und die Leidenschaften,
welche er durch kunstmige Darstellung im schnen Gleichgewichte mit seinem
bessern Selbst zu erhalten gedacht hatte, lie er jetzt in zgelloser
Wirklichkeit rasen.
    Um jene Zeit hatte sich unter seinen Freunden die eigene Sucht hervorgetan,
sich durch Erfindung und Durchfhrung fein angelegter Intrigen zu zeigen.
Larkens spielte in einem gutartigen Sinne hierin gerne den Meister, aber leider
verwickelte ihn dies Unwesen bald mit einer, als schn und witzig
gleichbekannten, Schauspielerin, ein Umgang, der ihn bald in einen Wirbel der
verderblichsten Gensse niederzog. Sein Beruf ward ihm leidige Nebensache, und,
mehr als einmal im Begriffe, verabschiedet zu werden, erhielt er sich nur
dadurch, da er von Zeit zu Zeit durch eine Vorstellung, worin er allem Genie
aufbot, die Gunst seiner Leute gewaltsam an sich ri. Mit Schmerzen blickte man
ihm nach, als er freiwillig den Ort verlie, welcher Zeuge seiner traurigen
Versunkenheit gewesen. Er entsagte dem unwrdigen Leben, raffte sich zu neuer
Ttigkeit auf, und ward ein erfreulicher Gewinn fr die Stadt, worin wir ihn
spter als Noltens Freund kennenlernten Aber jene fleckenvolle Zeit seines
Lebens hinterlie auch dann noch eine unberwindliche Unruhe, eine Leere bei
ihm, als er seine sittliche und physische Natur lngst mit den besten Hoffnungen
aus dem Schiffbruch gerettet hatte. Des heiteren geistreichen Mannes bemchtigte
sich eine tiefe Hypochondrie, er glaubte seinen Krper zerrttet, er glaubte die
ursprngliche Strke seines Geistes fr immer eingebt zu haben, obgleich er
den zwiefachen Irrtum durch tgliche Proben widerlegte. Wie oft hielt er
Theobalden, wenn dieser bemht war, seine Grillen zu verjagen, mit wehmtigem
Lachen das traurige Argument entgegen: Das bichen, was noch aus mir glnzt und
flimmt, ist nur ein desparates Vexierlichtchen, durch optischen Betrug in euren
Augen vergrert und verschnert, weil sich's im trben Hexendunste meiner
Katzenmelancholien bricht. Mit solchen Ausdrcken konnte er sich ganze Stunden
gegen Theobald erhitzen, und erst nachdem er sich gleichsam vllig zerfetzt und
vernichtet hatte, gewann er einige Ruhe, eine natrliche Heiterkeit wieder,
wobei er, nach dem Zeugnis aller, die ihn umgaben, unglaublich sanft und
liebenswrdig gewesen sein soll. Auer Theobald und etwa einem andern frheren
Vertrauten kannte ihn jedoch keine Seele von dieser schwermtigen Seite, er
wute sie trefflich zu verbergen, und sein Betragen auf diesen Punkt gab selbst
dem Menschenkenner niemals eine Ble. Inzwischen war der gute Einflu nicht zu
mikennen, den Noltens Umgang, sein krftiger Sinn, auf jenes verdunkelte
Temperament ausbte, denn wenngleich unser Maler selbst an einer gewissen
Einseitigkeit leiden mochte, so war doch sein sittlicher Grundcharakter
unerschtterlich, und ein Streben nach voller geistiger Gesundheit beurkundete
sich zeitig in der mehr und mehr zum Allgemeinen aufsteigenden Richtung seiner
Kunst, mit Bereinigung alles dessen, was ihm von einer phantastischen
Entwicklungsperiode noch anklebte. Larkens schpfte mit Lust aus dieser Quelle
ein reines Wasser auf sein drres Land, er hielt sich leidenschaftlich an den
neuerworbenen Freund, ohne doch diese Inbrunst strmisch im Worte zu verraten;
vielmehr geriet er unwillkrlich in die gemigte Rolle eines Mentors hinein,
eines Meisters, welcher durch eigenen unsglichen Schaden klug geworden, dem
Jngern gar wohl gelegentlich auf die rechte Spur helfen zu knnen glaubt. Und
indem er so am raschen Strom eines in jugendlicher Flle strebenden Geistes
teilnahm, erwuchs ihm ein neues Zutrauen zu sich selber, die Schuppen seines
veralteten Wesens fielen ab, eine frische Bildung erschien darunter. Immer
seltener wurden jene selbstqulerischen Ausbrche, ja sie verschwanden zuletzt
vllig; was Wunder, da nun ein Gefhl von Dankbarkeit ihn unserem Freunde auf
ewig verband, da er sich's zur Pflicht machte, mit aller Kraft fr das Wohl des
Geliebten zu arbeiten? Mgen wir auch an einem auffallenden Beispiele, das er
von diesem warmen Eifer gab, einen Hang zum Seltsamen keineswegs verkennen, so
war die Intention dennoch die lauterste brderlichste, und wer wollte ihm
verargen, wenn er bei der zarten Pflege, die er einem gebrochenen
Liebesverhltnis widmete, zugleich seinem Herzen den Triumph bereitete, welcher
in dem Zeugnis lag, da er als ein vielversuchter Abenteurer sich dennoch mit
unschuldiger Innigkeit an der eingebildeten Liebe eines engelreinen Wesens
erfreuen konnte, eines Mdchens, das er nie mit Augen gesehen und an dessen
Besitz er niemals gedacht hatte, so wnschenswert er auch erscheinen mochte.
Gerne begngte er sich mit der Fhigkeit, ein schnes Ideal noch in sich
aufnehmen und auer sich fortbilden zu knnen; er fing an, mit sich selber, mit
der Welt sich zu vershnen. So weit war alles in gutem Geleise: nun aber
herausgerissen aus aller Ttigkeit, aus einem gesellig zerstreuenden Leben, dem
Elemente seines Daseins, gefoltert berdies von dem Gedanken, einem teuren
Freunde Veranlassung zu bedenklichem Unfalle geworden zu sein, erwehrte er sich
eines allgemeinen Trbsinnes nicht mehr, die alten Wunden brachen wieder auf,
geschftig whlte er darin, Vergangenheit und Gegenwart flossen in ein
grinzendes Bild vor ihn zusammen, er betrachtete sich als den elendesten der
Menschen, er verlor sich mit Wollust in der Vorstellung, da dem Manne, durch
Schuld und Jammer berreif, die Macht gegeben sei, das Leben eigenwillig
abzuschtteln. Je gewisser er im uersten Falle auf diese letzte Freistatt
rechnen konnte, und je ruhiger er nach und nach den entsetzlichen Gedanken
beherrschen lernte, desto mehr gewann sein Gemt auf der andern Seite an
Freiheit und an Mut, die nchste Zukunft duldend abzuwarten; sein Zustand wurde
milder, sogar heiterer.
    Eine unerwartete Unterbrechung dieses brtenden Stillesitzens, so angenehm
sie erschien, wollte ihn doch beinahe strend berraschen, da er die ersten
Fden einer allmhlichen Verpuppung durch den Zudrang frischen Lebenshauches
wieder zerrissen, und sich selbst zu neuer Hoffnung aufgemuntert sah. Denn eines
Morgens, in der vierten Woche der Gefangenschaft, trat der Kommandant ins
Zimmer, mit der Nachricht: es solle beiden Herren erlaubt sein, zuweilen einen
und den andern Freund bei sich zu sehen, doch jeder nur auf seinem eigenen
Zimmer und ohne da die Gefangenen selbst zusammengefhrt wrden Larkens dankte
so gut er konnte, besonders verdro ihn die letzte Bedingung; auch hatte der
Offizier einem weiteren guten Vorurteil, das man aus dieser Vergnstigung ziehen
mochte, nicht undeutlich vorgebeugt, und berdies vermutete Larkens, da man
diese Gunst nur der besonderen Attention des Herzogs gegen Nolten zu verdanken
habe.
    Den ersten Abend brachten Ferdinand und Leopold bei Theobald zu, den
folgenden bei dem Schauspieler, wozu sich noch ein dritter Freund anschlo. So
lebhaft ein solches Wiedersehen sein mute, so freundlich die lieben Gste mit
Neuigkeiten aller Art und mit dem besten Weine zu Belebung der Gemter das
Ihrige taten, so war es doch nur erzwungene Freude, und Theobald wute sich um
so weniger zu lassen, da er gleich anfangs hren mute, da sein Billett an
Zarlin zwar angenommen worden, da jedoch bei einem Besuche, welchen Leopold im
Hause gemacht, der Graf blo ein allgemeines, ziemlich khles Bedauern geuert
habe. Insofern Leopold nichts von der wahren Beziehung wissen sollte, welche
Noltens Interesse fr jene Familie hatte, so konnte dieser nur durch entfernte
Fragen herauslauschen, da Constanze gar nicht sichtbar, auch keine Rede von ihr
gewesen sei.
    Diese Lage der Dinge drckte nun freilich schwer auf das Herz des
gengstigten Liebhabers, aber wie ward ihm vollends zumute, als der Bildhauer
sein vor einigen Wochen schon gemachtes Anerbieten wiederholte, einen Brief an
Agnes zu besorgen, ja als er gutmtig uerte, wie er die ganze Zeit her im
Zweifel gewesen, ob er nicht selbst diese Pflicht bernehmen und dem Vater des
Mdchens die leidigen Begebenheiten schonungsvoll beibringen solle, wie ihn aber
ein Wort, das Larkens gleich anfangs hierber fallenlassen, dennoch beruhigt
habe. Jawohl, sagte Nolten, dafr ist schon Rat geschafft! und verdrngte
diese Materie, whrend er im stillen aus der ablehnenden uerung, welche der
Schauspieler getan haben sollte, nicht ganz klug werden konnte, und berhaupt
auf die traurigsten Kombinationen verfiel.
    Die Art, wie Larkens die Besuche aufnahm, war im Grunde ansprechender, denn
er setzte von jeher einen Vorzug darein, sich vor Menschen zusammenzunehmen und
eine wohlwollende Annherung, auch wenn sie zur Unzeit kam, gutmtig, zart und
gefllig zu erwidern. Die Nachricht aber, womit man ihn besonders zu erfreuen
dachte, da das Theater und dessen Liebhaber herzlich und laut um ihren besten
Liebling trauern, nahm er gleichgltig auf und wollte nichts davon hren. Die
Urteile der Stadt im allgemeinen betreffend, hie es, man trage sich mit
allerlei bertriebenen Meinungen von dem Vergehen der Verhafteten; die
Vernnftigen zucken die Achsel, niemand wolle an eine gnzliche Unschuld der
beiden glauben. Auch hatten indessen drei Verhre stattgefunden, ohne da man
dadurch einer glcklichen Entscheidung um vieles nhergerckt wre.
    War der Zustand unseres Paares unter diesen Umstnden beklagenswert genug,
so sollte noch die schwerste Prfung ber den Maler ergehen, indem sich auf alle
die heftigen Erschtterungen ein Fieber bei ihm ankndigte, das der Arzt
sogleich fr bedeutend erkannte. Der Kranke verlie seit drei Tagen das Bett
nicht mehr, hufig lag er ohne Bewutsein da und in freieren Stunden war das
Gefhl seines Elends nur um so strker; die Phantasien der Fieberhitze setzten
ihr grelles Spiel auch im Wachen fort und schleuderten den Gequlten in
unbarmherzigem Wechsel hin und her. Bald nahte sich Constanze seinem Lager, und
wenn sein inniger Klageton ihr Mitleid, ihre Liebe ansprach, wenn sich die edle
Gestalt soeben ber den Leidenden herzusenken schien, floh sie entsetzt und
zrnend wieder weg; bald zeigte sich die verstoene Agnes an der Tr, den
stillen Blick betrbt auf ihn gerichtet, bis sie sich nicht mehr hielt und
lautweinend neben ihm auf die Kniee strzte, seine Hand mit tausend Kssen
bedeckte und er die arme Reuevolle gleichfalls liebreich an sich herzuziehen
gentigt war.
    Dergleichen Vorstellungen, worin sich der Rest seiner Neigung zu jenem
verkannten liebenswrdigen Kinde nun auf dem durch Krankheit und Schwche
erweichten Grunde seines Gemtes sonderbar und lebhaft abspiegelte, wiederholten
sich immer hufiger und waren um so weniger abzuweisen, da sie ihm zunchst
durch einen seltsamen Zufall von auen aufgedrungen worden waren. Denn eines
Morgens erwachte er vor Tag aus einem unruhigen Halbschlafe an einem weiblichen
Gesang, der aus der Kche des Wrters unter seinem Fenster zu kommen schien. Der
Inhalt des Lieds, sowenig es ihm selber gelten konnte, traf ihn im Innersten der
Seele, und die Melodie klang unendlich rhrend durch das Schweigen der dunkeln
Frhe, ja die Tne selber nahmen in seiner Einbildung eine wunderbare
hnlichkeit mit der Stimme Agnesens an.

Frh, wenn die Hhne krhn,
Eh die Sternlein verschwinden,
Mu ich am Herde stehn
Mu Feuer znden.

Schn ist der Flammen Schein,
Es springen die Funken,
Ich schaue so drein,
In Leid versunken.

Pltzlich da kommt es mir,
Treuloser Knabe!
Da ich die Nacht von dir
Getrumet habe.

Trne auf Trne dann
Strzet hernieder,
So kommt der Tag heran -
O ging' er wieder!

Zum ersten Male seit undenklicher Zeit fhlte Theobald wieder die Wohltat
unaufhaltsamer Trnen. Die Stimme schwieg, nichts unterbrach die Ruhe des
langsam andmmernden Morgens. Der Kranke barg das Gesicht in die Kissen, ganz
der Sigkeit eines - dennoch so bittern! Schmerzens genieend.

An demselben Morgen bekam Larkens, da er kaum das Bett verlassen hatte, von
Leopold, dem Bildhauer, einen Besuch, der eigentlich Theobalden bestimmt war;
auf die Nachricht vom Pfrtner jedoch, da der Kranke nach einer ertrglichen
Nacht soeben noch ruhig schlummere, wagte der Freund keine Strung und lie sich
das Zimmer des Schauspielers aufschlieen. Er fand den letztern in der
traurigsten Stimmung, worein ihn die Sorge um Nolten versetzte, und Leopold,
gleichfalls heftig bewegt, hatte Mhe, ihn zu trsten.
    Nach einiger Zeit fing der Bildhauer an: Nun mu ich Ihnen eine Erffnung
machen, die freilich zunchst fr Nolten gehrte, sie betrifft einen Vorfall,
womit ich mich schon drei Tage herumtrage, ohne da ich Gelegenheit erhalten
konnte, ihn einem oder dem andern von Ihnen mitzuteilen; denn der Obrist schlug
mir die Bitte zweimal ab, zumal da der Arzt den Kranken sowenig als mglich
durch Gesellschaft beunruhigt wissen will; gestern bekam ich mit Not auf eine
Stunde Erlaubnis; die Angst um Nolten und, ich darf wohl sagen, auch meine
Neuigkeit lie mir nicht Rast noch Ruhe mehr. Das was ich mitzuteilen habe, ist
unerhrt, ist ganz unbegreiflich, fr Nolten taugt es unter gegenwrtigen
Umstnden auf keinen Fall.
    Nun, nur um Gottes willen kein Unglck! sagte der Schauspieler
verdrielich lchelnd ber den langen Eingang; ich meine schon von einer neuen
Resolution hren zu mssen, da wir armen Tropfen am Ende noch Karren schieben
werden bei Wasser und Brot?
    Nichts! Setzen wir uns, und hren Sie. Es war an dem Abend unserer
neulichen Zusammenkunft; ich und Ferdinand hatten Sie kaum verlassen, das Schlo
lag hinter uns, ich wollte soeben in die Prinzenstrae einlenken, so zeigt mir
ein zuflliger Seitenblick in die leere Kastanienallee, wo wir vorber muten,
ein weibliches Wesen ganz ruhig an einen der Bume gelehnt. Das Auge der
Unbekannten begegnete dem meinigen. Ich kam fast von Sinnen beim Anblick dieser
Physiognomie, denn - doch zuvor mu ich fragen - Sie erinnern sich wohl des
tollen Gemldes von Nolten?
    Welches?
    Der Organistin.
    Ganz wohl.
    Und wenn ich Ihnen nun sage, diese war's, werden Sie mir glauben?
    Nicht, bis ich erst ausgerechnet, wie viel Bouteillen wir damals
getrunken.
    Spaen Sie; es war heller Mondschein, ich sah das Gesicht deutlich wie am
Tage, und was meine Nchternheit betrifft -
    Schon gut! unterbrach ihn Larkens aufstehend und ging einigemal
nachdenklich auf und ab, indessen Leopold fortfuhr. Noch mu ich Ihnen gleich
eine Schwachheit bekennen, lieber Larkens, und Sie mgen mich immerhin darber
ausschelten, aber wer in aller Welt ist ganz vorm Aberglauben sicher, sonderlich
unter solchen Umstnden? Kaum war mir vorgestern gesagt worden, Theobald habe
sich gefhrlich krank gelegt, so deutete ich mein Begegnis mit der
gespenstischen Orgelspielerin urpltzlich als ein Omen aus, denn mir fiel ein,
was man von Trauerfllen sagt, welche auf hnliche Weise angekndigt worden. Und
dieser dummen Furcht bin ich noch heute nicht ganz los, obwohl ich recht gut
wei, da die Erscheinung keine Vision, noch Gespenst oder dergleichen, sondern
ein ordentliches Menschenkind gewesen.
    Aufrichtig gesprochen, mein Bester, sagte Larkens, ich zweifle an dieser
Apparition so gar nicht im mindesten, da ich Ihnen vielleicht selber den
Schlssel zu dem Rtsel geben kann. Doch, schweigen Sie darber gegen unsern
Freund, versprechen Sie mir reinen Mund zu halten.
    Gewi, wenn Sie's fr ntig finden.
    Nun denn - aber zuvor wr ich begierig, wie Ihr Abenteuer abgelaufen. Sie
sprachen die Person?
    Mein Gott, nicht doch! denn (beinahe schme ich mich, es zu bekennen) die
Erscheinung bestrzte mich dergestalt, da ich mich wohl drei - viermal im Ring
herumwirbelte, und whrend ich nach meinem zurckgebliebenen Begleiter umsah,
war das Nachtbild schon verschwunden, auch mit aller Mhe nicht mehr
aufzufinden. Das einzige erfuhren wir des andern Tages zufllig von Theobalds
Bedientem, da eine Bettlerin, deren Beschreibung mit jener Person vollkommen
zusammenstimmte, sich tags vorher in Noltens Hause eingefunden und auf die
Versicherung, er sei auf lngere Zeit abwesend, sich wieder fortgeschlichen.
Alles mein Fragen und Forschen blieb fruchtlos.
    Also - fing Larkens an - merken Sie auf. Zwei Tage vor der letzten
Neujahrsnacht, die Ihnen hoffentlich noch im Gedchtnis ist, traf ich auf meinem
Hausflur ein Mdchen an dessen ueres mich gleich frappierte, und zwar eben
auch in der von Ihnen angegebenen Beziehung. Es war eine Zigeunerin, hoch,
schlank gewachsen, nicht mehr ganz jung, aber immer noch eine wirkliche
Schnheit, kurz die hnlichkeit mit jenem Bilde bis auf wenig zwischenliegende
Jahre vollkommen Ein Korb mit hlzerner Schnitzware hing ihr am Arme, allein
meine erste Ahnung, da sie wohl in anderer Absicht als des Verkaufs wegen
hiehergekommen, besttigte mir bald ihre Frage nach einem Maler, der hier wohnen
sollte; sie zog einen Brief hervor, es war die Handschrift von Noltens Braut,
doch lautete die Adresse, ich wei nicht mehr warum, an mich, die Sendung selbst
gehrte fr Nolten. Es hatte nmlich die Zigeunerin auf ihren Streifzgen auch
Neuburg berhrt und einen Gru mit hiehergenommen. Mir war die Person nach
mehrfltigen Erzhlungen Theobalds nichts weniger als fremd, aber je genauer ich
um ihre frhere Berhrung mit unserm Freunde wute, desto bedenklicher fand
ich's, so ohne weiteres zur Erfllung ihres Wunsches beizutragen, welcher dahin
ging, den schnen herrlichen Jungen, wie sie ihn nannte, einmal wiederzusehen.
Wenigstens, dacht ich, mte der herrliche Junge vorbereitet werden, und bei
nherer Betrachtung schien mir die Hintertreibung einer solchen Zusammenkunft
das Sicherste und Zweckmigste. Ich gebrauchte allerlei Finten, sie ein fr
allemal von jedem Versuche abzuschrecken; da indessen das nrrische Ding darauf
bestand und ihr Verlangen ebenso gerecht als arglos und treuherzig erschien, so
sann ich auf Mittel, wie Nolten ihr gezeigt werden knnte, ohne da jedoch er
sie gewahr wrde. Das lie sich nun wohl auf verschiedene Weise machen. Mir
gefiel aber, wie ich gern gestehen will, ein etwas romantisch seltsamer Weg
besser als etwa ein simples Gucken durch Spalt und Schlsselloch, kurz, die
Neujahrsmaskerade kam mir eben recht zu statten und -
    Was? rief Leopold verwundert, am Ende wird noch der Nachtwchter vom
Albaniturm aus der Geschichte hervorspringen!
    Das errt sich nun leicht; so hren Sie kurz noch den Hergang. Nachdem ich
das Mdchen mit meinem Plane bekannt gemacht, den sie anfangs freilich gar nicht
fassen wollte, nachdem sie mir ferner auf eine mir unvergelich rhrende Weise
das Versprechen gegeben, mit Willen schlechterdings nichts gegen meine genaue
Instruktion zu tun oder merken zu lassen so diktiert ich ihr einige Seiten,
welche sie zu meiner grten Freude mit fremden Zeichen schrieb, da sie unsere
Buchstaben nur sehr schlecht zu machen wute. Aber es kostete immer noch Mhe
genug, bis ich ihr meine Worte geschickt in die Feder gegeben und noch mehr, bis
sie sich die Rolle einigermaen angeeignet hatte. Sodann schafft ich die ntige
Kleidung, und wahres Vergngen gewhrte mir die naive Miene, womit sie sich
selbst in ihrer idealischen Vermummung betrachtete. Sie behandelte das Ganze mit
einer gewissen Feierlichkeit und gefiel sich gar wohl dabei; ihre Rezitation
freilich war hart und trocken, allein ihr Begriff von dieser poetischen Figur so
ziemlich richtig. Smtliche Vorbereitungen geschahen in einem abgelegenen Zimmer
auer dem Hause, wo ich Schauspielern beiderlei Geschlechts zuweilen Unterricht
erteilte, so da mein jetziges Geschft niemandem auffiel. Wie anstndig das
Mdchen seine Sache machte, haben Sie ja gesehen, und ich selbst verwunderte
mich im stillen ber die glckliche Ausfhrung.
    Leopold ward kaum fertig, sein Erstaunen auszudrcken, indem er sich die
Einzelheiten der Neujahrsfeier auf dem Turme zurckrief. Da er nun um so mehr
Verlangen bezeugte, ber die sonderbare Person der Zigeunerin und ihr frheres
Verhltnis zu Theobald eines nheren belehrt zu werden, zeigte sich der
Schauspieler nicht ungerne bereit; er wollte soeben seine Erzhlung beginnen,
als er sich bedenkend innehielt und endlich sagte: Wissen Sie was, mein Lieber?
Sie erfahren die kurze Geschichte am besten aus einigen Blttern, worin ich
dasjenige, was mir Nolten im Anfange unserer Bekanntschaft vertraute, treulich
darzustellen gesucht habe, da mir die Begebenheit gar wohl der Aufbewahrung wert
geschienen; besonders merkwrdig ist das mit dem Ganzen verflochtene Schicksal
eines gewissen lngst gestorbenen Verwandten der Noltenschen Familie, in dessen
Leben berhaupt ich die prototypische Erklrung zur Geschichte unseres Freundes
zu finden glaube. Vor mehreren Wochen entlehnte ein Bekannter das Heft von mir,
ich gebe Ihnen einige Zeilen an ihn mit und er wird es Ihnen einhndigen.
Durchluft man dies Bruchstck aus unsers Noltens Leben mit Bedacht, und
vergleicht man damit seine sptere Entwicklung bis auf die Gegenwart, so erwehrt
man sich kaum, den wunderlichen Bahnen tiefer nachzusinnen, worin oft eine
unbekannte hhere Macht den Gang des Menschen planvoll zu leiten scheint. Der
meist unergrndlich verhllte, innere Schicksalskern, aus welchem sich ein
ganzes Menschenleben herauswickelt, das geheime Band, das sich durch eine Reihe
von Wahlverwandtschaften hindurchschlingt, jene eigensinnigen Kreise, worin sich
gewisse Erscheinungen wiederholen, die auffallenden hnlichkeiten, welche sich
aus einer genauen Vergleichung zwischen frheren und spteren Familiengliedern
in ihren Charakteren, Erlebnissen, Physiognomieen hie und da ergeben (so wie man
zuweilen unvermutet eine und dieselbe Melodie, nur mit vernderter Tonart, in
demselben Stcke wiederklingen hrt), sodann das seltsame Verhngnis, da oft
ein Nachkomme die unvollendete Rolle eines lngst modernden Vorfahren ausspielen
mu - dies alles springt uns offener, berraschender als bei hundert andern
Individuen hier am Beispiel unseres Freundes in das Auge. Dennoch werden Sie bei
diesen Verhltnissen nichts Unbegreifliches, Grobfatalistisches, vielmehr nur
die natrlichste Entfaltung des Notwendigen entdecken. Die Spitze des Ganzen
besteht aber in der Art und Weise, wie unser Freund als Knabe zur innigsten
Vermhlung mit der Kunst geleitet worden, deren ursprnglicher Charakter sich
noch heute in einem groen Teil seiner Gemlde erkennen lt. Genug, Sie mgen
selbst urteilen. Aber ach! was werden Sie bei dieser Lektre fhlen, wenn Sie
denken, da eben derjenige, dessen ahnungsvolle Knabengestalt Ihnen in den
Blttern begegnet, nunmehr als Mann von der sinnlosen Faust eines fremdartigen
Geschickes aus seiner eigenen Sphre herausgestoen, und noch ehe er die Hlfte
seiner Rechnung abgeschlossen, hier in diesen Mauern eilig verwelken und
vergehen soll! Denn, o mein Freund! ich frchte alles, und dieser Kummer wird
mich aufreiben, wird mich noch vor ihm tten - und mchte er nur! Sehen Sie mich
an; ich glaube zu fhlen und mein Spiegel sagt es mir, da der Gram dieser drei
Tage mich um doppelt soviel Jahre lter gemacht hat. Still; ich mu abbrechen,
wenn ich nicht von Sinnen kommen will. Gehen Sie hinber zu dem Armen und
drcken ihm die Hand im Namen des Larkens. Ach, mchte ich ihn wenigstens einmal
wieder von Angesicht sehen! und doch - ich frchtete mich davor.
    Leopold griff nach dem Hute und erbat sich noch die Anweisung zu dem
merkwrdigen Heft; da eben der Schlieer eintrat, sumte er nicht lnger, um vor
allem den geliebten Patienten zu besuchen. Mit heien Blicken sah ihm der
Schauspieler nach, eine unbegrenzte Sehnsucht nach Theobald bermannte ihn, aber
umsonst, die Tre zog sich zu und drben hrte er das Schlo zum Zimmer des
Geliebten rauschen.
    So stand nun der Bildhauer vor dem Bette Noltens, und heimlich entsetzt ber
das uerst elende Aussehen des Kranken mute er alle Fassung aufbieten, um
seine Bewegung nicht zu verraten. Den Gemtszustand Noltens konnte er im ganzen
nicht gewahr werden, er sprach wenig und nur angestrengt mit matter Stimme.
Einmal fragte er den Wrter, wer doch des Morgens in aller Frhe unten in der
Kche so hbsch zu singen pflege? Etwas kleinlaut erwiderte der Alte: Meine
Tochter. Ich will's ihr aber untersagen, es schickt sich nicht, und ach! das
Gesinge ist noch ihr einzig Leben. Theobald bat sehr, man mge das Mdchen ja
nicht irremachen in diesen Unterhaltungen; er fragte, wie es komme, da sie nur
ernste traurige Lieder zu kennen scheine? Der Henker wei߫, war die Antwort,
woher sie all das Zeug herkriegt; sie war von Kindheit auf ein nrrisches Ding,
nicht auch lustig und rasch wie die andere Jugend, aber fleiig und verstndig,
und besorgt mir alles in der Haushaltung seit ihrer Mutter Tod. Da der Alte
sofort ber den Verlust seiner Frau, deren Tugend er nicht genug rhmen konnte,
in die beweglichsten Klagen ausbrach, auch zuletzt immer wrmer und aufrichtiger
werdend eine unglckliche Liebschaft seines Kindes auseinanderzusetzen anfing,
konnte man leicht bemerken, wie angreifend solche Dinge auf Nolten wirkten,
daher Leopold dem Erzhler einen Wink gab. Endlich schied der Bildhauer mit
ungewissem beklommenem Herzen. Er eilte, nachdem er sich zuvor das bewute
Manuskript verschafft, allein aus dem Gerusche der Stadt, einen selten
betretenen Weg verfolgend. Ein warmer, sonnenheller Tag schmolz vollends die
letzten Reste Schnee und Eis hinweg, eine erquickende Luft schmeichelte bereits
mit Vorgefhlen des Frhlings. So gelangt unser ernster Fugnger, eh er sich's
versah, in die lndlichste Umgebung, ein freundliches Dorf lacht ihm entgegen.
Dort sucht er nach einem stillen Garten hinter dem nchsten besten Wirtshause
und findet auch bald ein hbsches erhhtes Pltzchen zwischen Weinbergen mit
Tisch und Bank, von wo man die angenehmste Aussicht hat. Er bestellt eine
Flasche Wein, setzt sich und holt jene Schrift hervor, deren Inhalt wir dem
Leser nicht vorenthalten knnen.

                        Ein Tag aus Noltens Jugendleben

Die Zeit war wieder erschienen, wo der sechszehnjhrige Theobald von der Schule
der Hauptstadt aus die Seinigen auf zwei Wochen besuchen durfte. In dem
Pfarrhause zu Wolfsbhl war daher gegenwrtig groe Freude, denn Vater und
Schwestern (die Mutter lebte nicht mehr) hingen an dem jungen blhenden Menschen
mit ganzem Herzen. Ein besonders inniges Verhltnis fand aber zwischen Adelheid
und dem nur wenig jngeren Bruder statt. Sie hatten ihre eigenen Gegenstnde der
Unterhaltung, worein sonst niemand eingeweiht werden konnte sie hatten hundert
kleine Geheimnisse, ja zuweilen ihre eigene Sprache. Es beruhte dies zarte
Einverstndnis vornehmlich auf einer gleichartigen Phantasie, welche in den
Tagen der Kindheit unter dem Einflu eines mrchenreichen, fast aberglubischen
Dorfes und einer merkwrdigen Gegend die erste Nahrung empfangen und sich nach
und nach auf eine eigentmliche und sehr gereinigte Weise ihren bestimmten Kreis
gezogen hatte. Von der Richtung, welche die beiden jugendlichen Gemter
genommen, war also, wie es schien, nichts zu befrchten, und selbst uerlich
wurde das Verhltnis keineswegs einseitig auf Kosten der brigen drei minder
empfnglichen Schwestern unterhalten. Es herrschte eine gutmtige heitere
Vertrglichkeit; nur die ltere Tochter, Ernestine, deren Sorge vorzglich das
Hauswesen berlassen blieb, zeigte mitunter ein finsteres, gebieterisches Wesen,
und sie hatte den Vater bereits mehr als billig war auf ihre Seite gebracht.
    An einem trben Morgen in der letzten Zeit des Oktobers spazierten Theobald
und seine Vertraute zusammen im Grtchen hinter dem Hause. Er erzhlte soeben
seinen Traum von heute nacht und die Schwester schien ernsthaft zuzuhren, indes
sie unverwandt nach der Seite hinberblickte, wo die alte Ruine, der Rehstock
genannt, tief in Nebel gesteckt liegen mute.
    Aber du gibst nicht acht, Adelheid! Ich habe vorhin, um dich zu prfen,
absichtlich den tollen Unsinn in meinen sonst vernnftigen Traum hineingebracht
und du nahmst es so natrlich wie zweimal zwei vier.
    Das Mdchen erschrak ein wenig ber die Ertappung, lachte sich jedoch
sogleich herzlich selber aus und sagte: Ja, richtig! ich hab nur mit halbem Ohr
gehrt, wie du unaufhrlich von einer groen groen, unterirdischen Kellertr
schwatztest welche endlich mit beiden Hinterfen nach dem armen Mann
ausgeschlagen habe. Indessen, was ist im Traum nicht alles mglich? Gib mir aber
keck eine Ohrfeige! ich hatte frwahr ganz andere Gedanken. Hre! und da du es
nur weit, wir gehen heute auf den Rehstock. Noch nie hab ich ihn an einem Tag
gesehen, wie der heutige ist, und mich deucht, da mu sich das alte Gemuer, die
herbstliche Waldung ganz absonderlich ausnehmen; mir ist, als knnten wir heut
einmal die Freude haben, so ein paar stille heimliche Wolken zu belauschen und
zu berraschen, wenn sie sich eben recht breit in die hohlen Fenster lagern
wollen. Wie meinst du? Schlag ein. Wir werden's vom Papa schon erhalten, da mir
Johann das Pferd satteln darf, und du selbst bist ja rstig auf den Fen. Wir
gehen gleich nach dem Frhstck womglich ganz allein, und kommen erst mit dem
Abend wieder.
    Dem Bruder war der Vorschlag recht; es wurde verabredet, man wolle alles
Erdenkliche von Geflligkeit tun, um die brigen gnstig zu stimmen. Adelheid
flocht der ltern Schwester, der eiteln Ernestine, diesmal den Zopf mit
ungewhnlichem Fleie, verlangte nicht einmal den Gegendienst, und der Ku den
sie dafr erhielt, war fr die beiden ungefhr dasselbe gute Zeichen, was fr
andere, wenn sie ein gleiches Vorhaben gehabt htten, der erste Sonnenblick
gewesen wre. Ehe man es dachte, hat Theobald die Sache bereits beim Vater
vermittelt und bald stand der Braune mit dem bequemen Frauensattel ausgerstet
im Hofe. Man lie das Prchen ungehindert ziehen. Der Alte brummte unter dem
Fenster mit einem geschmeichelten Blick auf die schlanke Reiterfigur seines
Mdchens blo vor sich hin: Narrheiten! Ernestine kreischte nur etwas weniges
zur Empfehlung der zerbrechlichen, mit Mundvorrat gefllten Gefe nach, welche
der Knecht in einer Ledertasche nebst den Schirmen hinten nachtrug, und die
ehrlichen Wolfsbhler, an das berittene Frauenzimmer lngst gewhnt, grten
durchs ganze Dorf auf das freundlichste.
    
    Die Sonne hielt sich brav hinter ihrem Versteck und der Tag behielt zu
Adelheids grter Zufriedenheit sein mockiges Gesicht bei.
    Indem ich, hob sie nach einer Weile an, wohl gute Lust htte, recht
wehmtig zu sein, wie dieser graue Tag es selber ist, so rhrt sich doch fast
wider meinen Willen ein wunderlicher Jubel in einem kleinen feinen Winkel meines
Innersten, eine Freudigkeit, deren Grund mir nicht einfllt. Es ist am Ende doch
nur die verkehrte Wirkung dieses melancholischen Herbstanblicks, welche sich von
Kindheit an gar oft bei mir gezeigt hat. Mir kommt es vor, an solchen
trauerfarbnen Tagen werde die Seele am meisten ihrer selbst bewut; es wandelt
sie ein Heimweh an, sie wei nicht wornach, und sie bekommt pltzlich wieder
einen Schwung zur Frhlichkeit, sie kann nicht sagen woher. Ich freue mich der
Freiheit auf meinem guten Pferde, ich wickle mich mit kindischem Vergngen in
mein Mntelchen gegen die rauhe Luft, die da auf uns zustreicht, und halte mir
das sichre Herze warm und wiege mich in meinen Gedanken. Aber nicht wahr, als
wir noch in Rithal wohnten da war es ein anderes, auszureiten? Enges Tal,
dichter Wald, wohin man immer sah. Hier das platte Feld und lauter Fruchtbaum.
Wir haben anderthalb gute Stunden, bis es ein wenig krauser hergeht. Glcklich,
da wir wenigstens die Landstrae nicht brauchen.
    Beide Geschwister durchliefen jetzt in unerschpflichen Gesprchen die
Lichtpunkte ihres frheren Lebens in Rithal, einem drftigen Orte, wo der Vater
zwlf Jahre lang Pfarrer gewesen. Sie begegneten sich mit der innigsten Freude
bei so mancher angenehmen, kaum noch in schwachen Anklngen vorhandenen
Erinnerung, es wagten sich nach und nach gegenseitige Worte der Rhrung und
Frmmigkeit ber die Lippen, wie sie sonst, von einer Art falscher Scham
bewacht, zwischen jungen Leuten nicht gewechselt werden.
    Endlich sagte der Bruder: Indem wir da so offenherzig plaudern, lt mich's
nicht ruhen, dir zu gestehen, da ich doch ein Geheimnis auch vor dir habe,
Adelheid! Es ist nichts Verdchtiges, nichts, was ich verheimlichen mte, eine
Grille hat mich bisher abgehalten, dir es mitzuteilen. Aber heute sollst du es
hren, und zwar unter den Mauern des alten Rehstocks damit du knftig daran
denken magst, wenn du hinaufsiehst.
    Gut! erwiderte die Schwester, ich freue mich, und fr jetzt kein Wrtchen
weiter davon!
    Unter hundert Wendungen des Gesprchs war man in weniger als zwei Stunden
unvermerkt dem erwnschten Ziele ziemlich nahe gekommen. Deutlich und deutlicher
traten die Umrisse der hohen Trmmer hervor; in kurzer Zeit stand man am Fue
des wenig bewachsenen Bergs, an dessen Rckseite sich jedoch die lange
Fortsetzung eines waldreichen Gebirgs anschlo. Hier ward gerastet und die fast
vergessene Provianttasche mit weniger Gleichgltigkeit geffnet, als man sie am
Morgen hatte fllen sehen. Dann ging es langsam die Krmmung des Weges hinan,
nachdem das Pferd an Johann abgegeben war, um es in einem nahe gelegenen
Meierhof unterzubringen und zur bestimmten Zeit wieder hier mit ihm
einzutreffen. Auf der Hhe angelangt schweiften die Glcklichen zuerst Hand in
Hand dann zerstreut durch die weitluftigen Rume ber Wlle und Graben, durch
zerfallene Gemcher, feuchte Gnge, verworrenes Gestruch. Man verlor sich
freiwillig und traf sich wieder unvermutet an verschiedenen Seiten. So geschah
es, da Adelheid eben allein mit der Entzifferung einer unverstndlichen
Inschrift beschftigt war, als auf einmal sich die verlorenen Tne eines, wie es
schien, weiblichen Gesanges vernehmen lieen. Das Mdchen erschrak, ohne zu
wissen warum. Ein besorgter Gedanke an ihren Bruder, an Hlferufen, an ein
Unglck hatte sie flchtig ergriffen. Sie horchte mit geschrftem Ohr, sie
glaubte schon sich getuscht zu haben, aber in diesem Augenblick hrte sie
dieselbe Stimme deutlicher und allem Anscheine nach innerhalb des Mauerwerks
aufs neue sich erheben, den schwermtigen Klngen einer olsharfe nicht
unhnlich. In einem gemischten Gefhle von feierlicher Rhrung und einer
unbestimmten Furcht, als wren Geisterlaute hier wach geworden, wagte die
berraschte kaum einige Schritte vorwrts und stand wieder still bei jedem neuen
Anschwellen des immer reizendern Gesanges, und whrend unwillkrlich ihre Lippen
sich zu dem Lcheln einer angenehmen Verwunderung bewegten, fhlte sie doch fast
zu gleicher Zeit ihren Krper von leisem Schauder berlaufen. Jetzt verstummte
die rtselhafte Stimme nur das Rauschen des Windes in dem drren Laube, der
leise Fall eines da und dort losbrckelnden Gesteins, oder der Flug eines Vogels
unterbrach die tatenhafte Stille des Orts. Das Mdchen stand eine geraume Zeit
nachdenklich, unentschlossen, stets in bnglicher Erwartung, da die unsichtbare
Sngerin jeden Augenblick an einer Ecke hervorkommen werde, ja sie machte sich
bereits auf eine kecke Anrede gefat, wenn die Erscheinung sich blicken lassen
sollte. Da rauschten pltzlich starke, hastige, aber wohlbekannte Tritte.
Theobald kam atemlos einen Schutthgel heraufgeklommen, war froh, die Schwester
wiedergefunden zu haben und sagte: Hre nur! mir ist etwas Sonderbares begegnet
-
    Mir auch; hast du den wunderlichen Gesang gehrt?
    Nein, welchen? - aber bei dem Eingang in die Kasematte, wo der verschttete
Brunnen ist, sitzt eine Gestalt in brauner Frauenkleidung und mit verhlltem
Haupt. Sie hatte mir den Rcken zugekehrt, ich konnte nichts weiter erkennen und
lief bald, dich zu suchen.
    Die Schwester erzhlte ihrerseits auch, was vorgegangen, und beide kamen
bald dahin berein, man msse sich die Person genauer besehen, man msse sie
anreden, sei es auch wer es wolle. Ein hnliches Gelsten, wie das unsrige, hat
diesen Besuch wohl schwerlich veranlat, meinte Adelheid; das heutige Wetter
findet auer mir und dir gewi jedermann gar unlustig zu solchen Partien; ich
vermute eine Unglckliche, Verirrte, Vertriebene, welche zu trsten vielleicht
eben wir bestimmt sind. - Und la es ein Gespenst sein! rief Theobald, wir
gehen darauf zu!
    So eilte man nach der bezeichneten Stelle hin. Sie fanden eine Jungfrau,
deren fremdartiges, aber keineswegs unangenehmes Aussehen auf den ersten Blick
eine Zigeunerin zu verraten schien. Bildung des Gesichts, Miene und Anstand
hatte ein auffallendes Geprge von Schnheit und Kraft, alles war geeignet,
Ehrfurcht, ja selbst Vertrauen einzuflen, wenn man einem gewissen kummervollen
Ausdruck des Gesichts nachging. Bis zu dem Grue Adelheids hatte die Unbekannte
die Annherung der beiden nicht bemerkt, oder nicht beachten wollen; jetzt aber
hielt sie die schwarzen Augen gro und ruhig auf die jungen Leute gespannt und
erst nach einer Pause erwiderte sie in wohlklingendem Deutsch: Guten Abend!
wobei ein Schimmer von Freundlichkeit ihren gelassenen Ernst beschlich.
Adelheid, hiedurch schnell ermutigt, war soeben im Begriff, ein Wrtchen weiter
zu sprechen, als ein erschrockener Blick der Zigeunerin auf Theobald sie mitten
in der Rede unterbrach. Sie sah, wie er zitterte, erbleichte, wie ihm die Kniee
wankten. Der junge Herr ist unwohl! Lassen Sie ihn niedersitzen! sagte die
Fremde, und war selbst beschftigt, ihn in eine ertrgliche Lage zu bringen und
ihr Bndel unter seinen Kopf zu legen. Gewi eine Erkltung in den ungesunden
Gewlben? setzte sie fragend gegen das Mdchen hinzu, das sprachlos in zagender
Unruhe ber dem ohnmchtig Gewordenen hing und nun in lautes Jammern ausbrach.
Kind! Kind! was machst du? der Unfall hat ja, will ich hoffen, wenig zu
bedeuten, wart ein Weilchen, ich will schon helfen! trstete die Fremde, indem
sie in ihrer Tasche suchte und ein Flschchen mit starkriechender Essenz
hervorholte, das sich gar bald recht krftig erweisen sollte an dem hbschen
guten Jungen, wie sie sich ausdrckte. Als aber nach wiederholten Versuchen die
Augen des Bruders geschlossen blieben und Adelheid untrstlich davongehen
wollte, verwies ihr die Zigeunerin das Benehmen durch einen unwiderstehlich Ruhe
gebietenden Wink, so da das Mdchen unbeweglich und gleichsam gelhmt nur von
der Seite zusah, wie die seltsame Tochter des Waldes ihre flache Hand auf die
Stirne des Kranken legte und ihr Haupt mit leisem Flstern gegen sein Gesicht
heruntersenkte. Dieser stumme Akt dauerte mehrere Minuten, ohne da eines von
den dreien sich rhrte. Siehe, da erhub sich weit und helle der Blick des Knaben
und blieb lange fest, aber wie bewutlos, an den zwei dunkeln Sternen geheftet,
welche ihm in dichter Nhe begegneten. Und als er sich wieder geschlossen, um
bald sich aufs neue zu ffnen, und nun er klar erwachte, da begegnete ihm ein
blaues Auge statt des schwarzen; er sah die Freudetrnen der Schwester. Die
Unbekannte stand seitwrts, er konnte sie nicht sogleich bemerken, aber er
richtete sich auf und lchelte befriedigt, da er sie gefunden. Es trat nun
einige Heiterkeit berhaupt auf die Gesichter, und Theobald erholte sich mehr
mit jedem Atemzug.
    Indes Adelheid nach dem innersten Hofraum der Burg eilte, wo die Reisetasche
lag, um Wein fr den Bruder herbeizuholen, entspann sich zwischen den
Zurckgebliebenen ein sonderbares Gesprch. Theobald nmlich begann nach einigem
Stillschweigen mit bewegter Stimme: Sagt mir doch, ich bitte Euch sehr, wit
Ihr, warum das mit mir geschehen ist, was Ihr vorhin mit angesehen habt?
    Nein! war die Antwort.
    Wie? Ihr habt nicht in meiner Seele gelesen?
    Ich verstehe Euch nicht, lieber Herr!
    Seht nur, fuhr jener fort, als ich Euch ansah, da war es, als versnk ich
tief in mich selbst, wie in einen Abgrund, als schwindelte ich, von Tiefe zu
Tiefe strzend, durch alle die Nchte hindurch, wo ich Euch in hundert Trumen
gesehen habe, so, wie Ihr da vor mir stehet; ich flog im Wirbel herunter durch
alle die Zeitrume meines Lebens und sah mich als Knaben und sah mich als Kind
neben Eurer Gestalt, so wie sie jetzt wieder vor mir aufgerichtet ist; ja ich
kam bis an die Dunkelheit, wo meine Wiege stand, und sah Euch den Schleier
halten, welcher mich bedeckte: da verging das Bewutsein mir, ich habe
vielleicht lange geschlafen, aber wie sich meine Augen aufhoben von selber,
schaut ich in die Eurigen, als in einen unendlichen Brunnen, darin das Rtsel
meines Lebens lag.
    Er schwieg und ruhte in ihrer Betrachtung, dann sagte er lebhaft: Lat mich
Eure Rechte einmal fassen! Die Fremde gab es zu, und eine schngebildete braune
Hand wog er mit seligem Nachdenken in der seinigen, als hielte er ein Wunder
gefat; nur wie endlich ein warmer Tropfen nach dem andern auf die hingeliehenen
Finger zu fallen begann, zogen diese sich schnell zurck, die Jungfrau selber
entfernte sich mit auffallender Gebrde nach einer andern Seite, wo sie hinter
den Mauern verschwand. In diesem Augenblick kam Adelheid rstig den Wall
heruntergesprungen, allein sie hielt mit einemmal betroffen an, denn der alte
Gesang schwang sich mchtig, durchdringend, anders als vorhin, wild wie ein
flatternd schwarzes Tuch, in die Luft. Die Worte konnte man nicht unterscheiden.
Ein leidenschaftlicher, ein dsterer Geist beseelte diese unregelmig auf- und
absteigenden Melodien, so fromm und lieblich auch zuweilen einige Tne waren.
Erstaunt erhob sich Theobald von seinem Sitz, mit Entsetzen trat ihm die
Schwester nahe. Wir haben eine Wahnsinnige gefunden, sagte sie, mache, da
wir fortkommen. Um Gottes willen bleib! rief Theobald, durch das
Ungewhnliche des Auftritts zu einer auerordentlichen Kraft gesteigert: Liebe
Schwester, du warst doch sonst keine von denen, die fr das Seltene, was sie
nicht begreifen, gleich einen verpnenden Namen wissen. Ja, und wr es auch eine
Wahnsinnige, sie wird uns nicht schaden. Ich kenne sie und sie kennt mich. Du
sollst noch vieles hren. Damit ging er nach dem Orte hin, von wo der Gesang
gekommen war, welcher indessen wieder aufgehrt hatte. Die Schwester, ihren
Ohren kaum trauend, sah ihm nach, unter verworrenen Ahnungen, in uerster
Besorgnis. So blieb sie eine geraume Weile, dann rief sie, von unertrglicher
Angst ergriffen, mehrmals und laut den Namen ihres Bruders.
    Er kam, und zwar Hand in Hand mit der Fremden, traulich und langsam heran.
Es schien, da unter der Zeit eine entschiedene Verstndigung zwischen den
beiden stattgefunden haben msse. Wenn die Miene Theobalds nur eine
tiefbefriedigte, entzckte Hingebung ausdrckte, so brach zwar aus der Jungfrau
noch ein matter Rest des vorigen Aufruhrs ihrer Sinne wie Wetterleuchten hervor,
aber um so reizender und rhrender war der Obergang ihres Blickes zur sanften,
geflligen Ruhe, wozu sie sich gleichsam Gewalt antat. Adelheid begriff nichts
von allem; doch milderte der jetzige Anblick der Unbekannten ihre Furcht um
vieles, erweckte ihre Teilnahme, ihr Mitleid. Sie geht mit uns nach Hause,
Schwester, damit du es nur weit! fing Theobald an, ich habe schon meinen Plan
ausgedacht. Nicht wahr, Elisabeth, du gehst? Ihr Kopfschtteln auf diese Frage
schien blo das schchterne Verneinen von jemand, der bereits im stillen
zugesagt hat. Lat uns aber lieber gleich aufbrechen, es will schon Abend
werden! setzte jener hinzu; und so rstete man sich, packte zusammen und ging.
    Ich sehe nicht, flsterte Adelheid in einem gnstigen Augenblick, whrend
Elisabeth weit vorauslief, dem Bruder zu, ich begreife nicht, was daraus werden
kann! Hast du denn berlegt, wie der Vater dies Abenteuer aufnehmen wird? Wenn
du die Absicht hast, da diese Person heute nacht eine Unterkunft bei uns finde,
was kann ihr dieses viel ntzen? oder was trgst du sonst im Sinne? Um des
Himmels willen, gib mir nur erst Aufschlu ber dein rtselhaftes Benehmen!
Welche Bewegung! welche Leidenschaft! Wie hngt denn alles zusammen? du handelst
wie ein Trumender vor mir!
    Da magst du wohl recht haben, war die Antwort, ja, wie ein Trumender!
wei ich doch kaum, wie alles kam. Ich zweifle zuweilen an der Wirklichkeit
dessen, was da vorging. Aber doppelt wunderbar ist es, da dasjenige, was ich
dir heute auf dem Rehstock offenbaren wollte und was nirgends als in meiner
Einbildung lebte, uns beiden in leibhafter Gestalt hat erscheinen mssen.
    Nach und nach erklrte er, da ihm das Mdchen ber sich selbst nichts
weiter zu sagen gewut, als: sie habe sich vor vier Tagen heimlich von ihrer
Gesellschaft, einer brigens ffentlich geduldeten Zigeunerhorde, getrennt, weil
sie ihre Heimat habe wiedersuchen wollen, der man sie in jungen Jahren
entrissen, deren sie sich auch nur schwach mehr erinnere. Diese Nachricht diente
keineswegs, die Teilnahme Adelheids sehr zu vermehren, vielmehr erregte der
angegebene Grund der Entweichung ihren Verdacht in hohem Grade als
unwahrscheinlich. Indessen war das vernnftige Mdchen in der Voraussicht, da
eine Zurechtweisung des Bruders fr jetzt schlechterdings vergeblich wre, nur
darauf bedacht, unter milichen Umstnden wenigstens greres Unheil zu
verhten. Theobalds krperlicher Zustand, der nach einer unnatrlichen
Anspannung eine gefhrliche Schwche befrchten lie, war das nchste, was sie
beunruhigte, und ihr Vorschlag, man wolle den benachbarten Rittmeister um sein
Gefhrt ansprechen, fand bei dem Bruder nur insoferne Widerspruch, als Elisabeth
ihrerseits darauf beharrte, den Weg zu Fu zu machen. Johann, welcher inzwischen
treulich gewartet hatte, ward jedoch mit den geeigneten Auftrgen nach dem
nchsten Hofe zu dem alten Herrn Rittmeister, einem guten Bekannten des
Pfarrers, abgeschickt. Whrend einer peinlichen halben Stunde des Wartens fand
Adelheid Veranlassung, den Gegenstand ihres Unmuts und ihres Mitrauens von
einer wenigstens unschuldigen Seite kennenzulernen. Elisabeth uerte auf die
unzweideutigste Weise eine fast kindliche Reue darber, da sie sich von ihrer
Bande weggestohlen, wo man sie nun recht mit Sorgen vermisse, wo ihr nie ein
Leid geschehen sei, wo sie, sooft sie krank gewesen, immer guten Trost und
geschickte Pflege bei gar muntern und redlichen Leuten gefunden habe. Bei dem
Wrtchen krank legte sie mit einer traurig lcherlichen Grimasse den
Zeigefinger an die Stirn, und gab auf diese Art ganz unverhohlen ein
freiwilliges Bekenntnis dessen, was Adelheid anfangs gefrchtet hatte. Aber sie
fgte sogar noch den naiven Trost hinzu: Seid nur nicht bang, ihr guten Kinder,
da ich jemand bels zufge, wenn mein Leid mich bernimmt. Da sorgt nur nicht.
Ich gehe dann immer allein beiseite und singe das Lied, welches Frau Faggatin,
die Gromutter, mich gelehrt, da wird mir wieder gut. Du, armer Junge, du sollst
auch das Lied noch lernen, du hast gar viel zu leiden; ich habe das wohl bald
bemerkt, darum geh ich mit dir, bis du zu Hause bist, doch behalten knnt ihr
mich nicht. Auch schlaf ich heute nicht bei euch. Diese Nacht noch zieht
Elisabeth weiter, woher sie gekommen, denn die Heimat ist nicht mehr zu finden.
Man hat mir sie verstellt die Berge, das Haus und den grnen See, mir alles
verstellt Wie das nur mglich ist! Ich mu lachen!
    Der Knecht kam jetzt mit der verlangten Aushlfe; nicht mehr zu frhe, denn
schon war es dunkel geworden. Um so weniger wollte Theobald und selbst Adelheid
es geschehen lassen, da Elisabeth neben dem Gefhrt herging. Allein sie war
nicht zu berreden, und so rckte man immerhin rasch genug vorwrts.
    Indes die Geschwister nun unter sehr verschiedenen Empfindungen, jedoch
einverstanden ber die nchsten Maregeln, sich auf diese Weise dem vterlichen
Orte nhern und Theobald endlich der Schwester die ganze wundersame Bedeutung
des heutigen Tags entdeckt, ist man zu Hause schon in groer Erwartung der
beiden, und der Vater machte seine Verstimmung wegen des lngern Ausbleibens der
jungen Leute bereits auf seine Art fhlbar. Um brigens einen richtigen Begriff
von der gegenwrtigen Stimmung im Pfarrhause zu geben, mssen wir, so ungerne es
geschieht, schlechterdings eine gewisse Gewohnheit des Hausvaters anfhren,
welche soeben jetzt wieder in Ausbung gebracht wurde. Der Pfarrer nmlich, ein
Mann von den widersprechendsten Launen, wohlwollend und tckisch, menschenscheu,
hypochondrisch, und dabei oft ein beliebter Gesellschafter, hatte neben manchen
hchst widrigen Eigenheiten den Fehler der Trgheit in einem fast abscheulichen
Grade und sie verleitete ihn zu den abgeschmacktesten Liebhabereien. Konnte es
ihm gefallen, mit gesundem Leibe ganze Tage im Bette zuzubringen und ber ein
und dasselbe Zeitungsblatt hinzughnen, so machte dieses wenigstens niemanden
unglcklich. Nun aber fand er, der in frheren Tagen gelegentlich ein Jagdfreund
gewesen war, eine Art von Zeitvertreib darin, vom Bette aus nach allen Seiten
des Zimmers hin mit dem Vogelrohr zu schieen. Zu diesem Behuf knetete er mit
eigenen Fingern kleine Kugeln aus einem Stcke Lehm, das stets auf seinem
Nachttisch liegen mute. Er selbst war so gelegen, da er von seinem
Schlafgemach aus fast das ganze Wohnzimmer mit seinem Rohr beherrschen konnte.
Das Ziel seiner bungen blieb jedoch nicht immer der groe Essigkrug auf dem
Ofen, oder das Trchen des Vogelkfigs, oder das alte Portrait Friedrichs von
Preuen, sondern der Pfarrherr betrachtete es mitunter als den angenehmsten Teil
seiner Kinderzucht, gewisse Unarten, die er an den Tchtern bemerken wollte,
durch dergleichen Schsse zu verweisen. Jungfer Nantchen, bei Licht am Nhtische
beschftigt, brauchte z.B. vorhin etwas lngere Zeit, als dem Vater billig
vorkam, um ihren Faden durch das Nadelhr zu schleifen, und unerwartet klebte
eine Kugel an ihrem bloen Arm, die denn auch so derb gewesen sein mu, da das
gute Kind recht schmerzhaft aufseufzte. Es kamen diesen Abend noch einige Flle
der Art vor, wobei doch Jungfer Ernestine verschont blieb, ein Vorzug, welchen
gewhnlich auch Adelheid, Theobald ohnehin, mit ihr teilen durfte Allein welchen
Empfang knnen wir den letztern unter solchen Umstnden versprechen? Es wurde
acht Uhr, bis sie gegen das Dorf herfuhren. Sie waren inzwischen
bereingekommen, man wolle Elisabeth, welche jedes Nachtquartier fortwhrend mit
Hartnckigkeit ausschlug, zum wenigsten ber Tisch behalten, wozu sie sich
zuletzt auch verstand.
    Die endliche Ankunft der Vermiten war indessen im Pfarrhause schon durch
einen Burschen hinterbracht, den man entgegengesandt und welchem der ehrliche
Johann im Vertrauen das Merkwrdigste zugeraunt hatte. Dies veranlate denn ein
gro Verwundern, ein gewaltig Geschrei im Haus. Dem Pfarrer sank das Spielzeug
aus der Hand, da von einer Zigeunerin, von der Chaise des Rittmeisters, von
Unplichkeit seines Sohns verlautete. Er stand vom Bette auf und warf den
Schlafrock um unter den Worten: Was? eine Kartenschlgerin? eine Landfhrerin?
alle Satan! eine Hexe? und deswegen mein Sohn pltzlich unwohl geworden? - und
ein Fuhrwerk - eine Heidin, was? Ich will sie bekehren, ich will ihr die
Nativitt stellen! gebt mir mein Rohr her! nicht das - mein spanisches! Wie hat
Johann gesagt? Die Pferde seien scheu geworden, wenn die Zigeunerin neben ihnen
hergelaufen?
    Die Tr ging auf. Adelheid und Theobald standen im Zimmer; jene mit
stockender Stimme, an ihrer Angst schluckend, dieser mehr beschmt und vor
bitterem Unwillen glhend ber das unwrdige Benehmen seines Vaters. Umsonst
stellte er sich dem hitzigen Manne beschwrend in den Weg, als er mit dem Licht
in den Hausflur treten wollte, wo Elisabeth in einer Ecke unbeweglich
hingepflanzt stand und ihm nun gro und unerschrocken entgegenschaute. Jetzt
aber folgte eine den gespannten Erwartungen aller Umstehenden vllig
entgegengesetzte Szene. Denn Pfarrer erstickt die rauhe Anrede auf der Zunge,
wie er die Gesichtszge der Fremden ins Auge fat, und mit dem Ausdruck des
hchsten Erstaunens tritt er einige Schritte zurck. Auf der Schwelle des
Zimmers wirft er noch einen Blick auf die Gestalt, und in lcherlicher
Verwirrung luft er nun durch alle Stuben. Wie kommt sie denn zu euch? was wit
ihr von dem Weibsbild? fragt er Adelheiden, whrend Theobald sich auf den Gang
hinausschleicht. Das Mdchen berichtete, was es wute, und setzte zuletzt noch
hinzu, da der Bruder von einem Bilde gesagt, welches er schon als Kind fters
in einer Dachkammer gesehen und das die wunderbarste hnlichkeit mit dem Mdchen
habe. Der Pfarrer winkte verdrielich mit der Hand und seufzte laut. Er schien
in der Tat ber die Person der Fremden mehr im reinen zu sein, als ihm selber
lieb sein mochte, und der letzte Zweifel verschwand vollends whrend einer
Unterredung, welche er, so gut es gehen mochte, mit Elisabeth unter vier Augen
auf seiner Studierstube vornahm. Er ward berzeugt, da er hier die traurige
Frucht eines lngst mit Stillschweigen zugedeckten Verhltnisses vor sich habe,
das einst unabsehbares rgernis und unsglichen Jammer in seiner Familie
angerichtet hatte. Was jedoch Elisabeth jetzt ber ihr bisheriges Schicksal
vorbrachte, war nicht viel mehr, als was die andern bereits von ihr wuten, und
der Pfarrer fand nicht fr gut, sie ber das Geheimnis ihrer Geburt und somit
ber die nahe Beziehung aufzuklren, worin sie dadurch zu seinem Hause stand.
Den auffallenden Umstand aber, da die Flchtige just in diese Gegend geriet,
machten einige uerungen des Mdchens klar, aus welchen hervorging, da ein
unzufriedenes Mitglied jener Bande sich an dem Anfhrer durch die Entfernung
Elisabeths rchen wollte, wozu ihm die letztere selbst durch die hufige Bitte
Gelegenheit gegeben haben mute, er mchte sie doch einmal in ihre Heimat zu
Besuche fhren, und allerdings war der Mensch, wie sich spter ergab, von der
eigentlichen Herkunft des Mdchens, sowie von dem Dasein einiger Verwandten
ihres Vaters vollkommen unterrichtet; er beabsichtigte, sie nach Wolfsbhl zu
bringen, wo er sich nicht geringen Dank versprach, aber wenige Stunden von dem
Orte traf er auf die Spur von Zigeunern, welche ohne Zweifel ihm nachzusetzen
kamen. Er lie das Mdchen im Stiche und setzte seine Flucht alleine fort.
    Jungfer Ernestine mahnte bereits zum dritten Male an das ohnehin versptete
Nachtessen; man schickte sich also an, und wohl selten mag eine Mahlzeit einen
sonderbarern Anblick dargeboten haben. Sie ging ziemlich einsilbig vonstatten.
Der fremde Gast war natrlich unausgesetzt von neugierigen zweifelhaften Blicken
verfolgt, die nur, wenn zuweilen ein Strahl aus jenen dunkeln Wimpern auf sie
traf, pfeilschnell und schchtern auf den Teller zurckfuhren.
    Elisabeth ersah sich nach Tische den schicklichsten Zeitpunkt, um aus der
Tr und sofort geschwinde aus dem Haus zu entschlpfen, ohne auch nachher, als
man sie vermite, wiederaufgefunden werden zu knnen. Der Vater schien dadurch
eher erleichtert als bekmmert. Sie hatte jedoch, wie man jetzt erst bemerkte,
ihr Bndel zurckgelassen; sie mute also wahrscheinlich wiedererscheinen, und
Theobald trstete sich mit dieser Hoffnung.
    Eine mchtige und tiefgegrndete Leidenschaft, soviel sehen wir wohl schon
jetzt, hat sich dieses reizbaren Gemtes bemeistert, eine Leidenschaft, deren
Ursprung vielleicht ohne Beispiel ist und deren Gefahr dadurch um nichts
geringer wird, da eine reine Glut in ihr zu liegen scheint. Der junge Mensch
befand sich, seit das rtselhafte Wesen verschwunden war, in dem Zustand eines
stillen dumpfen Schmerzens, wobei er, sooft Adelheid ihn mitleidig ansah, Mhe
hatte, die Trnen zurckzuhalten. Sie ntigte ihn auf seine Schlafkammer, wo sie
ihm bald gute Nacht sagte. Der Pfarrer war durch das unerwartete Ereignis des
heutigen Abends in seinem gewohnten Gleichmute dergestalt gestrt, da er jetzt
noch an keine Ruhe denken konnte. Die Erinnerung an eine bedeutende
Vergangenheit, an das unglckliche Schicksal eines leiblichen Bruders wurde nach
langer Zeit wieder zum ersten Male heftig in ihm aufgeregt, er fhlte ein
Bedrfnis, sich seiner ltesten Tochter mitzuteilen, und Ernestine, von jeher
nur wenig unterrichtet ber jenes merkwrdige Familienverhltnis, sah jetzt mit
neugieriger Miene den Vater ein bestubtes Manuskript hervorholen, worin die
Geschichte ihres Oheims grtenteils von dessen eigener Hand verzeichnet stand.
Alle brigen im Hause hatten sich zu Bette begeben, nur Adelheid sa
nachdenklich in einem Winkel des Zimmers und hrte bescheiden zu, indes der
Vater aus dem Gedchtnis erzhlte, nachdem er die vor ihm liegende Handschrift
mit Wehmut, ja mit Grauen, bald wieder auf die Seite geschoben hatte.
    Mein jngerer Bruder Friedrich, fing er an, dein seliger Oheim, war ein
Genie, wie man zu sagen pflegt, und leider bei aller Herzensgte ein
berspannter Kopf, welcher schon in der frhesten Jugend nichts wollte und
nichts vornahm, was in der Ordnung gewesen wre. Er bewies ein auerordentliches
Geschick zur Malerkunst und mit der Zeit untersttzte ihn der Frst auf das
gromtigste. Er lie ihn auf sechs Jahre nach Italien reisen, gab ihm auch nach
seiner Zurckkunft ungemeine Zeichen seiner Gnade. Anfnglich nahm er seinen
Aufenthalt in der Hauptstadt, spter kaufte er sich das etwa fnf Stunden von
Rithal und drei von hier entfernte Gtchen F. wo er, noch immer unverheiratet,
blo fr sein Geschft lebte. In dieser Zeit habe ich ihn gar oft gesehen. Es
war ein groer schner Mann und gar munter, wenn es an ihn kam. Er htte
glcklich sein knnen, aber eine Reise hat ihn in sein Verderben gefhrt. Er
entschlo sich nmlich im Frhjahr 17** auf den Rat der rzte, seiner Erholung
wegen, einen Freund in Bhmen zu besuchen, mit dem er zu gleicher Zeit in Rom
gewesen war. Ach, er ahnete nicht, welchem Verhngnis er entgegenging!
    So sprach der Pfarrer und nun folgte die Erzhlung einer Geschichte, welche
der Leser besser aus dem Tagebuche des Malers selbst erfhrt.

                                               In der Gegend von H** den 22. Mai

Schon seit Wochen fhle ich meine Gesundheit krftiger als jemals; aber seit
wenigen Tagen streckt auch der Geist seine erschlafft gewesenen Organe so
begierig und arbeitsdurstig wieder aus, da ich ordentlich ber mich selbst
erstaune. Ich spre, es will sich ein neues Leben hervordrngen, es will ein
Wunder in mir werden. Ich wte niemanden, dem ich die Ursache dieser mchtigen
Revolution, die Geschichte der letzten vier Tage, so vertraulich mitteilen
knnte, als diesen verschwiegenen Blttern. Aber frwahr, ich tue es beinahe
blo in der grillenhaften Besorgnis, da mein gegenwrtiges Glck, ja da mir
selbst die Erinnerung an diese auerordentliche Zeit entrissen werden knne.
    Am 17. Mai trat ich von G. aus eine kleine Exkursion an und zwar allein,
weil mein Freund verhindert war. Ich fand etwas Reizendes in dem Gedanken, so
wie zuweilen im Vaterland, jetzt auch auf bhmischem Boden einmal ohne
bestimmtes Ziel und besondere Absicht auszufliegen, nur dachte ich an das schne
Gebirge gegen *** zu, das ich vom Fenster aus als dunkelblauen Streif gesehen
hatte. Ich schlug also ungefhr diese Richtung ein und lie mich nach
Bequemlichkeit vom nchsten besten Wege fortziehen, verweilte bei allem, was mir
neu und merkwrdig war, machte meine Beobachtungen an Menschen und Natur, zog
mein Skizzenbuch hervor, zeichnete oder las wie mir's einkam, und lie es mir
mitunter in den drftigsten Dorfschenken aufs beste gefallen. Am zweiten Abend
meiner Wanderung befand ich mich bereits in einer anziehenden Gebirgsgegend und
der darauf folgende Mittag sah mich schon tief in den herrlichsten Waldungen
herumschwrmen, wo ich nach Herzenslust den wilden Atem der Natur kostete, die
Schauer der Einsamkeit empfand, mich hundert Zerstreuungen berlie. Unvermerkt
sank die Dmmerung herein, da es mir denn erst einfiel, den Fusteig wieder
aufzusuchen, der, wie man mir gesagt hatte, nach einer guten, mitten im Walde
gelegenen Herberge fhren mute. Das ging aber nicht so leicht; eine volle halbe
Stunde qulte ich mich ab, ohne eine Spur zu entdecken. Jetzt war es fast Nacht.
Meine Wahl ging nahe zusammen. Auf gut Glck lief ich noch eine Zeitlang
vorwrts, bis das dicker werdende Gestruch und eine groe Mdigkeit mich
verdrossen stille stehen machte. Ungeduld und rger ber meine Unvorsichtigkeit
waren aufs uerste gestiegen, da berraschte mich mit einemmal der Gedanke, da
ich mir ehedem oft eine solche Situation gewnscht, und da dieser scheinbar
widerwrtige Zufall recht eigentlich im Charakter meiner Reise sei. Hiemit gab
ich mich denn auch wirklich zufrieden. Unbequem genug lagerte ich mich unter
einer hohen Eiche, murmelte etwas von der Lieblichkeit der warmen Sommernacht,
vom baldigen Aufgang des Mondes und konnte doch nicht verhten da meine
Gedanken einigemal in dem verfehlten Wirtshaus einkehrten, wo ein ordentliches
Abendbrot und ein leidlicheres Bette auf mich gewartet haben wrden. Mit solchen
Bildern beschftigt, bemerkte ich jetzt in einiger Entfernung durch das Gezweige
hindurch den Glanz eines Feuers. Meine ganze Einbildungskraft entzndete sich in
diesem Anblick unter tausend mehr oder weniger angenehmen Vermutungen; aber bald
entschlo ich mich zu einer genauern Untersuchung. Nach einer mhsam
zurckgelegten Strecke von etwa fnfzehn Schritten unterschied ich eine bunte
Gesellschaft von Mnnern, Weibern und Kindern auf einem etwas freien Platz um
ein Feuer herumsitzend und zum Teil von einer Art unordentlichen Gezeltes
bedeckt; sie fhrten, soviel ich hrte, ein zufriedenes aber lebhaftes Gesprch.
    Das Herz hpfte mir vor Freuden, hier einen Trupp von Zigeunern anzutreffen,
denn ein altes Vorurteil fr dies eigentmliche Volk wurde selbst durch das
Bewutsein meiner gnzlichen Schutzlosigkeit nicht eingeschreckt. Ich wei
nicht, welches rasche zuversichtliche Gefhl mich berredete, da wenigstens bei
dieser Versammlung durch eine offene Ansprache nichts zu wagen sei. Mein kleiner
Tubus trug in keinem Fall etwas dazu bei, denn bei einer physiognomischen
Untersuchung der vom roten Schein der Flamme beleuchteten Kpfe htte mein
Urteil unentschieden bleiben mssen, trotz der frappantesten Deutlichkeit, womit
jeder Zug sich vor mein Auge stellte. Ich trat hervor, ich grte treuherzig und
erfuhr ganz die gehoffte Aufnahme, nachdem ich mich durch das erste barsche Wort
des Huptlings nicht hatte irremachen lassen. Meine unbefangene Keckheit schien
ihm pltzlich zu gefallen, auch meinen Anzug musterte er jetzt mit sichtbarem
Respekt. Man lud mich ein, auf einen Teppich niederzusitzen, und bot mir zu
essen an. Ich gab mir ein mehr und mehr treuherziges und redseliges Wesen,
dessen gute Wirkung sich gar bald an meinen Leuten zeigte, die mit
Aufmerksamkeit meinen Schilderungen aus fremden Lndern zuhrten, whrend ich
mich nebenher an den merkwrdigen Gesichtern und kstlichen Gruppen in die Runde
erquicken konnte.
    Dies dauerte ungestrt eine ganze Zeit. Jetzt lie sich ein ferner Donner
vernehmen und man machte sich auf ein Gewitter gefat, das auch wirklich
unvermutet schnell herbeikam. Jedes schtzte sich so gut wie mglich.
    Bei dieser allgemeinen Bewegung, indes der Regen unter heftigen
Donnerschlgen stromweise niedergo und eines der seitwrts stehenden Pferde
scheu wurde, war mir mein Portefeuille entfallen. Ich suchte es in der dicksten
Finsternis am Boden und hatte es soeben glcklich aufgehoben, als ich pltzlich
beim jhen Licht eines starken Blitzes hart an meiner Seite ein weibliches
Gesicht erblickte, das freilich derselbe Moment, welcher es mir gezeigt, wieder
in die vorige Nacht verschlang. Aber noch stand ich geblendet wie in einem Meere
von Feuer und vor meinem innern Sinne blieb jenes Gesicht mit bestimmter
Zeichnung wie eine feste Maske hingebannt, in grnflammender Umgebung des nassen
glnzenden Gezweigs. Nichts in meinem Leben hat einen solchen Eindruck auf mich
gemacht, als die Erscheinung dieses Nu. Unwillkrlich streckte sich mein Arm
aus, um mich zu berzeugen, aber es rauschte schon an mir vorber und eine
lngere Zeit, als meine Ungeduld wollte, verging, bis ich ins klare kommen
sollte. Doch das blieb nicht aus.
    Ein Mdchen, das anfangs in dem Zelt verborgen gewesen sein mochte, und das
man mit dem Namen Loskine rief, zeigte sich jetzt auch unter den andern, als man
bei nachlassendem Regen wieder Feuer anmachte und sich unter wechselnden Scherz-
und Scheltworten auf den strenden Oberfall wieder in Ordnung brachte. Das
Mdchen ist die Nichte des Hauptmanns. - Loskine - wie soll ich sie beschreiben?
Sind doch seit jener Nacht vier volle Tage hingegangen, in denen ich dies
Gebilde der eigensten Schnheit stndlich Aug in Auge vor mir hatte, ohne da
dem Maler in mir eingefallen wre, sich ihrer durch das elende Medium von Linien
und Strichen zu bemchtigen! O diese wenigen Tage, wie reich an Entdeckungen,
wie unermelich in ihren Folgen fr meine ganze Art zu existieren!
    Ich bin seither der freiwillige Begleiter dieser streifenden Gesellschaft.
Ja, das bin ich und ich errte keineswegs ber diesen Einfall, den mir auch kein
Professor ordinarius der schnen Knste beachselzucken soll, weil ich ihn einem
Professori ordinario sicherlich nicht erzhlen werde. Oder schndet es in der
Tat einen vernnftigen Mann, den sein Beruf selber auf Entdeckung originaler
Formen hinweiset, eine Zeitlang der Beobachter von wilden Leuten zu sein, wenn
er unter ihnen unerschpflichen Stoff, die berraschendsten Zge, den Menschen
in seiner gesundesten physischen Entwicklung findet, und dabei die brige Natur
wie mit neuen Augen, mit doppelter Empfnglichkeit anschaut? Ich lerne mit jeder
Stunde und die Leute sind die Geflligkeit selbst gegen mich. Einiger Eigennutz
ist freilich immer dabei; meine Freigebigkeit behagt ihnen, aber mich wird sie
nie gereuen.

                                                                Einen Tag spter

Ich mu lcheln, wenn ich mein gestriges Rsonnement von Malerstudium und
Kunstgewinn wieder lese. Es mag seine Richtigkeit damit haben, aber wie kme
diese hochtrabende Selbstrechtfertigung hieher, wenn nicht noch etwas anderes
dahinterstke, um was ich mir mit guter Art einen Lappen hngen wollte? Doch ich
gestehe ja, da Loskine schon an und fr sich allein die Mhe verlohnen knnte,
sich eine Woche lang mit dem Zug herumzutreiben. Ich kann dies Geschpf nicht
ansehen, ohne die Bewunderung immer neuer geistiger, wie krperlicher Reize. Sie
fesselt mich unwiderstehlich, und wre es auch nur durch das Interesse an der
ungewhnlichen Mischung dieses Charakters.
    uerungen eines feinen Verstandes und einer kindischen Unschuld, trockener
Ernst und pltzliche Anwandlung ausgelassener Munterkeit wechseln in einem
durchaus ungesuchten und hchst anmutigen Kontraste miteinander ab und machen
das bezauberndste Farbenspiel. Das Unbegreifliche dieser Komposition und dieser
bergnge ist auch blo scheinbar; fr mich hat das alles bereits die notwendige
Ordnung einer schnen Harmonie angenommen. Erstaunlich ist zuweilen die
Behendigkeit ihrer uern Bewegungen und herrlich das Lcheln der berlegenheit,
wenn es ihr mitunter gefllt, die Gefahr gleichsam zu necken. Mit Zittern seh
ich zu, wie sie einen jhen Abhang hinunterrennt und so von Baum zu Baum
strzend sich nur einen kurzen Anhalt gibt; oder wenn sie sich auf den Rcken
eines am Boden ruhenden Pferdes wirft und es durch Schlge zum pltzlichen
Aufstehen zwingt. Unter den brigen bildet sie indessen eine ziemlich isolierte
Figur; man lt sie auch gehen, weil man ihre Art schon kennt, und doch hngen
alle mit einer gewissen Vorliebe an ihr. Besonders scheint der Sohn des
Anfhrers, ein gescheiter mnnlich schner Kerl, grere Aufmerksamkeit fr sie
zu haben, als ich leiden mag, wobei mich zwar einesteils ihre Klte freut, auf
der andern Seite aber sein heimlicher Verdru doch wieder herzlich rhrt. Mich
mag sie gerne um sich dulden, allein ich scheue mich fast vor Marwin, so heit
jener Mensch, und bin schon daran gewhnt, vorzglich nur die Gelegenheit zu
bentzen, wann er eben auf Rekognoszierung oder sonst in einem Geschft
ausgeschickt wird, was hufig vorkommt. Ich habe ihr schon manche kleine
Geschenke gekauft, deren Absichtlichkeit ich durch hnliche Gaben an die andern
zu bemnteln wei. - Aber, mein Gott! was will ich denn eigentlich? Noch treffe
ich nicht die Spur eines Gedankens an die Umkehr bei mir an. Vorgestern schrieb
ich, unter einem nicht sehr wahrscheinlichen Vorwand und ohne das geringste von
meinem jetzigen Leben verlauten zu lassen, an Freund S., er mchte mir meine
ganze Barschaft nach dem Stdtchen G*** senden, wo wir, wie der Hauptmann sagt,
in vier Tagen zur Marktzeit eintreffen werden. Dieser Marsch bringt mich dem
Orte, von dem ich ausgegangen, wieder um fnf Meilen nher. Aber doch welche
Entfernungen immer noch! Gut, da ich in diesen Gegenden nicht frchten mu, auf
irgendein bekanntes Gesicht zu stoen, wofern ich anders in meinem gegenwrtigen
Zustand noch kenntlich wre. Ich habe meinem Anzug durch einige geborgte
Kleidungsstcke ein etwas freieres Wesen gegeben, um mich meinen Gesellen
einigermaen zu konformieren. Eine violett und rote Zipfelmtze auf dem Kopf,
ein breiter Grtel um den Leib tun wahrlich schon viel.

                                                                         26. Mai

Einen artigen Auftritt hat es gegeben. Wir rasteten nach einem ermdenden Strich
mittags in einem Tannengehlze. Marwin war abwesend und sonst berlie sich fast
alles dem Schlafe. Loskine suchte ihre Lieblingsspeise, das durstlschende,
angenehme Blatt des Sauerklees, der dort in groer Menge wchst. Ich begleitete
sie und wir setzten uns endlich hinter einem Hgel an einer schattigen Stelle
auf den von abgefallenen Nadeln ganz berseten Moosboden. Ich wei nicht, wie
wir auf allerlei Mrchen und wunderbare Dinge zu sprechen kamen, woran sie bei
weitem reicher war als ich. Unter anderem wute sie von der spinnenden Waldfrau
zu sagen, die im Frhen, wenn der herbstliche Wald von der Morgenrte glhet,
unter den Bumen hergehe und das Laub, wie vom Rocken, in grn und goldnen Fden
abspinne, indes die Spindel neben ihr hertanze. Auch vertraute sie mir vieles
von der heimlichen Kraft der Kruter und Wurzeln, was nicht wiederholt werden
kann, ohne zugleich ihre eigenen Worte zu haben. Dazwischen arbeitete sie mit
dem Schnitzmesser sehr fertig an einem niedlichen Gerte, dergleichen die
Zigeuner aus einem gelben Holze zum Verkauf machen. Ich hatte zuletzt beinahe
kein Ohr mehr fr ihre Erzhlungen ob der Aufmerksamkeit auf die Bewegung der
Lippen, auf das Spiel ihrer Miene, und endlich von stille glhenden Wnschen
innerlich bestrmt und aufgeregt, wandte ich mich von ihr ab, so da ich etwas
tiefer sitzend ihr Gesicht im Rcken und ihren nackten Fu - denn so geht sie
gar hufig - dicht vor meinem Auge hatte. Wie trunken an allen Sinnen und meiner
nicht mehr mchtig ergriff ich den Fu und drckte meinen Mund fest auf die
feine braune Haut. In diesem Augenblick gab Loskine mir lachend einen derben
Sto, wir standen beide auf und ich bemerkte eine hohe Rte auf ihrer Wange,
eine Verwirrung, die ich schnell zu deuten wute. Dadurch khn gemacht schlang
ich ohne Besinnen die Arme um die treffliche Gestalt, und sie widerstand mir
nicht. Hei brannten ihre Lippen und ihr Blick sprhte in den meinigen sein
schwarzes Feuer. Aber kurz nur, denn jetzt kehrte er sich verworren ab, und der
nchste Gegenstand, auf den er zugleich mit dem meinigen fllt, ist - Marwin,
welcher ruhig an einen unfernen Baum gelehnt ein Zeuge dieser Szene war. Loskine
stand wie vom Schlage gerhrt. Ich suchte, ohne Marwin bemerken zu wollen, ihn
ber den Vorfall zu tuschen, indem ich laut und scherzhaft mich ber
Sprdigkeit beklagte und da sie mir das Gesicht schndlich zerkratzt htte. Bei
dieser Komdie leistete mir das Mdchen nicht die geringste Untersttzung. Sie
starrte schweigend vor sich hin und unter stille hervorstrzenden Trnen
entfernte sie sich langsam. Nun erst grte ich ganz verwundert meinen
Nebenbuhler, ging auf ihn zu und wollte in meiner Rolle fortfahren, allein er
sah mich ein paar Sekunden lang verchtlich an, dann lie er mich stehen und
ging.
    Es sind seitdem sechzehn Stunden verflossen, ohne da sich bisher die
mindeste Folge gezeigt htte, auer da Loskine mir berall ausweicht.

                                                     In einer Bauernhtte zu ***

Ich bin getrennt von meiner Bande, aber um welchen Preis getrennt!
    An demselben Morgen, da ich das letzte schrieb, nahm der Hauptmann mich
beiseite und erklrte mir mit Migung, aber mit finsterm Unmut, da ich ihn
verlassen mte oder mich ganz so verhalten, als ob Loskine gar nicht vorhanden
wre. Sein Sohn wnscht sie als Weib zu besitzen, er selber habe sie ihm
versprochen, sie werde sich auch jetzt nicht lnger weigern. Ich mchte
berhaupt auf meiner Hut sein, Marwin wolle mir sehr bel, nur die Furcht vor
ihm, seinem Vater, habe ihn im Zaum gehalten, da er sich nicht an mir
vergriffen. Ich erwiderte, wenn mein argloses Wohlgefallen an dem Mdchen
Verdru errege, so wre es mir ein leichtes, knftig behutsam zu sein; wenn aber
Marwin berhaupt durch meine Gegenwart beunruhigt werde, so wrde ich auch diese
aufheben. Der Hauptmann, im Bewutsein der nicht unbetrchtlichen Vorteile, die
ihm meine Gesellschaft brachte, lenkte ein. Ich antwortete darauf wieder in
unbestimmten Ausdrcken und so beruhte die Sache auf sich. Aber bald kam ich zu
einer herzzerschneidenden Szene, woran ich sogleich selber teilnehmen sollte.
Loskine, mit dem Strickzeug auf dem Schoe, sa an der Erde, das Gesicht mit
beiden Hnden bedeckend, indes ihr Liebhaber unter grlichen Verwnschungen und
im heftigsten Schmerz ihr ein offenes Gestndnis ber jenen Vorfall auszupressen
suchte. Wie er mich gewahr wurde, sprang er gleich einem Wtenden auf mich los,
fate mich an der Brust und forderte von mir, was jene ihm vorenthalte. Er zog
das Messer und drohte mir noch immer, als wir schon von fnf bis sechs Personen,
die herbeieilten, umringt waren. Der Vater entwaffnete ihn auf der Stelle. Aber
erst Loskine, welche sich jetzt mit einem mir unvergelichen Ausdruck von
wrdevoller Ruhe aufhob, machte dem Lrmen ein Ende; sie fate, ohne ein Wort zu
sprechen, Marwin mit einem vielsagenden Blicke bei der Hand und er, der von der
Bedeutung ihrer feierlichen Gebrde so mchtig ergriffen zu sein schien, wie
ich, folgte wie ein Lamm, als sie ihn tief mit sich in das Gebsche fhrte.
    Nach einer Weile kehrte sie allein zurck, ging mit entschiedenem Schritt
auf mich zu, den sie gleichfalls aus der Mitte der brigen hinwegwinkte.
    Ich habe ihm versprochen, fing sie, da wir weit genug entfernt waren und
stillestanden, in ernstem Tone an, ich hab ihm versprochen, dir zu sagen, da
ich dich hasse wie meinen rgsten Feind und bis in den Tod. Ich sage dir also
dieses. Doch du weit es anders. Ich sage dir fr mich, da ich dich vielmehr
liebe wie meinen liebsten Freund, und das solange ein Atem in mir sein wird.
Aber du mut fort von uns, auch das hab ich ihm gesagt. Mach es kurz, ich darf
nicht lange ausbleiben. Ksse mich!
    Mu ich fort, antwortete ich, durch das Groartige dieses Augenblicks fast
ber allen Affekt hinausgehoben, mu ich fort, und ist es wahr, da du mich
mehr liebest als alles, so la uns zusammen gehen.
    Sie sah mich staunend an, dann schttelte sie gedankenvoll das schne Haupt:
    Loskine! rief ich, wolle nur, und was dir unmglich scheint, soll gewi
mglich gemacht werden. Aber noch eins zuvor beantworte mir: Kannst du Marwins
Verlangen nicht gutwillig erfllen? Kannst du nicht die Seinige werden?
    Sie schwieg. Ich tat dieselbe Frage wieder, worauf sie ein bestimmtes: Nein!
ausstie. Mir fiel ein Berg vom Herzen und zugleich war mein Entschlu gefat.
Mit Blitzesschnelle ordnete sich ein Plan in meinem Kopfe, dessen Unsicherheit
ich freilich sogleich fhlte. Er lief darauf hinaus, da ich nach meiner
unverzglichen Trennung von ihren Leuten allein bis G*** vorausreisen wolle, dem
Stdtchen, wo sie, wie ich ja wute, nchstens auch eintreffen wrden. Dort
sollte sie sich alsdann von den Ihrigen verlieren, sich unter der Hand und mit
kluger Art nach dem angesehensten Gasthaus erkundigen, wo ich mich unfehlbar
bereits befinden und alle Anstalten zur schnellen Flucht getroffen haben wrde.
Loskine hatte meinen Vorschlag kaum vernommen, so entri sie sich mir eilig,
denn wir hrten Gerusch. In einem Gewirre von ngstlich sich durchkreuzenden
Gedanken ber die Ungewiheit, in welcher ich in mehr als einer Hinsicht mit
meinem Plane stand, blieb ich mir selber berlassen. Hat das Mdchen mich
verstanden? Werde ich Gelegenheit finden, sie noch einmal darber zu vernehmen?
oder wenn sie mich gefat hat, wird sie sich zu dem Schritte entschlieen? ist
der letztere berhaupt ausfhrbar? Diese Zweifel beunruhigen mich nicht wenig,
bis mir der glckliche Einfall kam, alles dem Willen des Schicksals
anheimzustellen und zuletzt das Glcken oder Milingen meiner Absichten als
Probe ihrer Gte oder Verwerflichkeit anzusehen. Mit dieser Idee schmeichelte
ich mir ordentlich, sowie durch den strengen Vorsatz, Loskinen fr jetzt nicht
mehr aufzusuchen, mich wenigstens nicht nher mit ihr darber zu verstndigen.
Um wieviel bedeutender - dies schwebte im Hintergrund meiner Seele - um wieviel
glnzender wird nachher die Erfllung deiner Erwartungen sein! Aber auch selbst
in ihrem Fehlschlagen sah ich einen fr mich reizenden Schmerz und eine schne
Entsagung voraus.
    Jetzt begab ich mich zu meiner Gesellschaft, zog den Hauptmann beiseite und
erklrte ihm die Notwendigkeit meiner Entfernung, die ich ihm durch einen
letzten Beweis meiner Erkenntlichkeit um so leichter verschmerzen machte. Er
empfing mein immer ansehnliches Geschenk mit einer Miene von Stolz und
Freundlichkeit, erbot sich zu einem Ehrengeleite, was ich aber ausschlug, und er
versprach, meiner Bitte gem, die andern in meinem Namen zu gren, da ich aus
Schonung fr Marwin einen allgemeinen Abschied vermeiden wolle. Im Grunde aber
unterlie ich den Abschied aus Schonung fr mich selber, aus einem eigenen
Schamgefhl, das mich nicht vor den Menschen treten lie, den ich um seine
schnste Hoffnung zu betrgen gedachte. Ich suchte mich damit zu trsten, da
ich mir sagte, er werde um nichts beraubt, das er je besessen htte oder jemals
besitzen knnte, denn Loskinens Herz war weit von ihm entfernt.
    In kurzer Zeit befand ich mich wieder allein und in meinen ordentlichen
Kleidern. Ich verfolgte zu Pferde mit einem gleichfalls berittenen Begleiter aus
dem nchsten Dorfe einen Umweg nach G*** welchen, wie zu vermuten war, der
Hauptmann nicht einschlug. Diese Vorsicht gebrauchte ich auf alle Flle, so wie
ich ihm auch die Richtung meiner Reise falsch angab.
    In G. langt ich beizeiten an und nahm mein Absteigequartier gem dem
Loskinen gegebenen Worte. Was meine Absicht weiter frdern konnte ward
unverzglich eingeleitet. Einige neue Kleidungsstcke, vor allem ein anstndiger
Mantel lag fr die Geliebte bereit. Es fand sich ein bequemer verschlossener
Wagen, dessen Anblick mich mit abwechselnd glcklichen und bekmmerten Ahnungen
erfllte; doch erhielt sich meine Hoffnung um so aufrechter, je weiter ich die
Zeit hinaussetzte, wo meiner Berechnung nach die Ankunft des Trupps erfolgen
konnte. Dies war auf den folgenden Morgen, als den eigentlichen Markttag. Ganz
gelassen schaute ich soeben von meinem Zimmer auf die Strae hinab und
berlegte, nicht ohne einige bedenkliche Rcksicht auf den sehr herabgesunkenen
Zustand meiner Brse, die Art und Weise, wie ich das in den nchsten Tagen
unfehlbar hier auf der Post einlaufende Paket von S. wollte am zweckmigsten
heimwrts mir nachschicken lassen. Ich sah unter diesen Betrachtungen ruhig zu,
wie unter meinem Fenster ein Junge vom Haus mit einer neuen hlzernen Armbrust
spielte, wobei ein dunkles, gleichgltiges Gefhl in mir war, als wre mir ein
gleiches Instrument whrend der letzten Zeit irgendwo vorgekommen. Wie ein Blitz
durchzckt mich pltzlich der Gedanke, da ich noch vor zwei Tagen dergleichen
Schnitzarbeit in den Hnden Loskinens gesehen, da sie bereits in der Nhe sein
msse, da sie jeden Augenblick in das Haus treten knne. Ich war auer mir vor
Freude, vor Erwartung und Angst. Aber dieser peinvolle Zustand sollte nicht
lange dauern. O Gott! wer schildert den Augenblick, da die herrliche Gestalt in
mein Zimmer schlpfte, diese Arme sie empfingen und sie mit ersticktem Atem
rief: Da bin ich! da bin ich Unglckliche! beginne mit mir, was du willst!
    In kurzem saen wir im Wagen; erst fuhr ich allein eine Strecke weit vor die
Stadt und erwartete sie dort. Wir reisten den Tag und die Nacht hindurch und
sind vorderhand weit genug, um nichts mehr zu frchten. Aber welche Not, welche
se Not hatt' ich, den Jammer des holden Geschpfs zu migen. Sie schien jetzt
erst den ungeheuren Schritt zu berdenken, den sie fr mich gewagt, sie qulte
sich mit den bittersten Vorwrfen und dann wieder lachte sie mitten durch
Trnen, mit Leidenschaft mich an sich pressend. So kamen wir gegen Tagesanbruch
im Grenzorte B. ermdet an. Ich schreibe dies in einem elenden Gasthof, indessen
Loskine nicht weit von mir auf schlechtem Lager eines kurzen Schlafs geniet.
Getrost, gutes Herz, in wenig Tagen zeig ich dir eine Heimat. Du sollst die
Frstin meines Hauses sein, wir wollen zusammen ein Himmelreich grnden, und die
Meinung der Welt soll mich nicht hindern, der Seligste unter den Menschen zu
sein.

                                       *

Hier brach das Tagebuch des Malers ab. Der Pfarrer machte eine Pause und Jungfer
Ernestine sagte: Er brachte sie also ins Vaterland und nahm sie frmlich zum
Weibe? Ja, leider da Gott erbarm! er setzt' es durch. Er verleugnete die
abscheuliche Herkunft der Person, doch man merkte sogleich Unrat, und wer von
der Familie htte sich nicht davor bekreuzen sollen, so eine wildfremde
Verwandtschaft einzugehen? Alles riet dem Bruder ab, alles verschwor sich gegen
eine Verbindung, ich selbst, Gott vergebe mir's, habe mich verfeindet mit ihm,
so lieb ich ihn hatte. Umsonst, der Frst war auf seiner Seite, er ward in der
Stille getraut und lebte mit dem Weibsbild einsam genug auf seinem kleinen Gute.
Seine Kunst nhrte ihn vollauf, aber es konnte kein Segen dabei sein; beide
Eheleute, sagt man, htten sich geliebt, abgttisch geliebt, und doch, heit es,
sei sie in den ersten Monaten krank geworden vor Heimweh nach ihren Wldern,
nach ihren Freunden. Man sage mir was man will, ich behaupte, so ein Gesindel
kann das Vagieren nicht lassen, und mein armer Bruder mu tausendfachen Jammer
erduldet haben. Es dauerte kein Jahr, so schlug der Tod sich ins Mittel, die
Frau starb in dem ersten Kindbett. Euer Onkel statt, wie man hoffte, dem Himmel
auf den Knieen zu danken, tat ber den Verlust wie ein Verzweifelnder; er lebte
eine Zeitlang nicht viel besser als ein Einsiedler; sein einziger Trost war noch
das Kind, das am Leben erhalten war und in der Folge eine unglaubliche
hnlichkeit mit der Mutter zeigte. Er lie das Mdchen sorgfltig bei sich
erziehen bis in sein siebentes Jahr. Da strafte Gott den hart Gezchtigten mit
einem neuen Unglck. Das Kind ward eines Tags vermit, niemand begriff, wohin es
geraten sein konnte. Spter fand man Ursache, zu glauben, da die verruchte
Bande den Aufenthalt meines Bruders entdeckt, und weil die Frau nicht mehr zu
stehlen war, sich durch den Raub des Mdchens an dem Vater gercht habe. Sein
halb Vermgen lie dieser es sich kosten, seinen Augapfel wieder an sich zu
bekommen, vergebens, er mute die Tochter verlorengeben, und nie vernahm man
weiter etwas von ihr. Und heute nun - es ist ja unfalich, es ist rein zum
Tollwerden, mir wirbelt der Verstand, wenn ich's denke, heute mu ich es
erleben, da der Bastard mir durch meine eigenen Kinder ber die Schwelle
gebracht wird. Mir ist nur wohl, seit sie wieder aus dem Haus ist! Wenn sie sich
nur nicht irgendwo versteckt! dort liegt ja ihr Bndel noch; wenn nur nicht der
ganze Trupp hier in der Nhe umherschleicht! Heiliger Gott! wenn sie mir das
Haus anzndeten, die Mordbrenner - Auf, Kinder! mir luft es siedend ber den
Rcken, mir ahnet ein Unglck! Durchsucht jeden Winkel - der Knecht soll den
Schulthei wecken - man soll Lrm machen im Dorfe -
    Um Gottes willen, Vater was denken Sie? riefen die Mdchen, besinnen Sie
sich doch! die Zigeuner sind ja meilenweit von uns entfernt und das Mdchen wird
uns nicht schaden.
    Was? nicht schaden? wit ihr das? Ist sie nicht von Sinnen? Was ist von
einer Nrrin nicht alles zu frchten!
    So kann ja Johann die Nacht wachen, wir alle wollen wachen.
    Keinen Augenblick hab ich Ruh, bis ich mich berzeugt, da nicht irgendwo
Feuer eingelegt ist. Kommt! ich habe nun einmal die Grille; begleitet mich.
    So tappte man denn zu dreien ohne Licht durch das ganze Haus; die Gnge, die
Stlle, die Bhne, alles wurde sorgfltig untersucht. Als man in die Dachkammer
kam, wo sich das merkwrdige Bild befand, empfanden die Mdchen einen
heimlichen, jedoch reizenden Schauder; es war so aufgehngt, da soeben der Mond
sein starkes Licht darauf fallen lie, und selbst der Pfarrer ward wider Willen
von der dmonischen Schnheit des Gesichtes festgehalten, man htte es wirklich
fr ein Portrt Elisabeths halten knnen; von ganz eigenem, nicht weiter zu
beschreibendem Ausdruck waren besonders die braunen durchdringenden Augen.
Keines von den dreien wollte ein lautes Wort sprechen, nur Adelheid fragte den
Vater, ob der Onkel es gemalt? ob es seine Frau vorstelle? Der Pfarrer nickte,
nahm das Bild seufzend von der Wand und versteckte es in die hinterste Ecke.
    Im Vorbeigehen traten sie in Theobalds Schlafkammer, er schlief ruhig, die
Hnde lagen gefaltet ber der Decke.
    Mitternacht war vorber. Der Alte hatte wenig Lust sich zur Ruhe zu begeben,
die Tchter sollten ihm Gesellschaft leisten, und um sie wach zu erhalten mute
er den Rest der traurigen Geschichte erzhlen. Dieser geht nahe zusammen,
sagte er. Der Unfall mit dem Kinde vernichtete den Oheim ganz; der Aufenthalt
im Vaterlande ward ihm unertrglich, er ging auf Reisen, nach Frankreich und
England, soll aber in steter Verbindung mit seinem Frsten geblieben sein und
fortwhrend fr ihn gearbeitet haben, bis er aus unbekannten Grnden mit dem
Hofe zerfiel. Auf einmal verscholl er und man wei blo, da er mit einem
Schiffe zwischen England und Norwegen umgekommen. Den grten Teil seines
Vermgens hatte er bei sich, aber aus dem, was er zurcklie, zu schlieen,
schien er eine Heimkehr nicht aufgegeben zu haben. Seine Gter fielen der
Herrschaft zu, welche Anspruch darauf machte. Auer einem kleinen Vorrat von
Effekten, worunter auch jenes Gemlde und das Diarium sich befand, kam nichts an
uns. - So endete der Bruder eures Vaters. Ich sage, Friede sei mit ihm! Ich
werde ihn aufrichtig beweinen bis an meinen Tod, ob ich gleich was er tat nicht
billigen kann und jeden warnen mu, dem Gott ein so gefhrlich Temperament
verlieh, da er den Fallstrick des Versuchers vermeide und nie die Bahn
heilsamer Ordnung verlasse. Ich denke hier an meinen eigenen Sohn, an Theobald.
Der Junge hat, so fromm und sanft er ist, mich manchmal schon erschreckt. So
ganz das Gegenteil von mir! So manches bertriebene, Unnatrliche! So heute
wieder - mir luft die Galle ber, wenn ich's denke - was soll die dumme
Neugierde auf die Fremde? nichts, als da seine Phantasie toll wird! Und du,
Adelheid, machst oft gemeinschaftliche Sache mit ihm, statt ihn zu leiten - Er
lt sich nicht wie andere Knaben seines Alters an. Da - stundenlang oben im
Glockenstuhl sitzen, wie ein Trumer, Spinnen tzen und aufziehen, einfltige
Geheimnisse, Zettel, Mnzen unter die Erde vergraben - was sind mir das fr
Bizarrerien? Und da ich einen Maler aus ihm mache, soll er sich nur nicht
einbilden. Das ist das ewige Zeichnen und Pinseln! wo man hinsieht, rgert man
sich ber so ein Fratzengesicht, das er gekritzelt hat, und wr's auch nur auf
dem Zinnteller. Wenn er einmal sonntags nachmittag zur Erholung sich eine Stunde
hinsetzte und machte einen ordentlichen Baum, ein Haus und dergleichen nach
einem braven Original, so htt ich nichts dagegen, aber da sind es nur immer
seine eigenen Grillen, hexenhafte Karikaturen und was wei ich. Bei Gott! gerade
solche Possen hat Onkel Friedrich in seiner Jugend gehabt. Nein, bei meiner
armen Seele, mein Sohn soll mir kein Maler werden! Solange ich lebe und gebiete,
soll er's nicht!
    Die Mdchen machten groe Augen zu diesen Worten, denn es war beinahe das
erstemal, da der Vater ber seinen Liebling entrstet schien, und doch war auch
dies nur der ngstliche Ausdruck seiner grenzenlosen Vorliebe fr ihn. Endlich
brach er auf und noch whrend des Auskleidens redete er nach seiner heftigen
Gewohnheit laut mit sich selber ber den strenden Vorfall des Abends.
    Am folgenden Morgen meldete der Knecht, da, als er mit Tagesanbruch
aufgestanden und in den Hof getreten, um Wasser zu schpfen, das Zigeunermdchen
ihm dort in die Hnde gelaufen sei; sie htte sich nur ihr Kleiderbndel von ihm
bringen lassen, um sogleich weiterzugehen. Sie habe ihm einen freundlichen Gru
an Adelheid, besonders aber an den jungen Herren befohlen. Ein Medaillon, das
sie vom Halse losgeknpft, soll man ihm als Angebinde von ihr einhndigen.
    Der Vater nahm das Kleinod sogleich in Empfang; es war von feinem Golde,
blau emailliert, mit einer unverstndlichen orientalischen Inschrift; er
verschlo es und verbot jedermann aufs strengste, seinem Sohn etwas von diesem
Auftrage kundzutun.
    Der junge Mensch hatte auer Adelheiden keine Seele, der er sein Inneres
htte offenbaren mgen. Er wandelte, seitdem er Elisabethen gesehen, eine
Zeitlang wie im Traume.
    Wenn er seit seinen Kinderjahren, in Rithal schon, so manchen verstohlenen
Augenblick mit der Betrachtung jenes unwiderstehlichen Bildes zugebracht hatte,
wenn sich hieraus allmhlich ein schwrmerisch religiser Umgang wie mit dem
geliebten Idol eines Schutzgeistes entspann, wenn die Treue, womit der Knabe
sein Geheimnis verschwieg, den Reiz desselben unglaublich erhhte, so mute der
Moment, worin das Wunderbild ihm lebendig entgegentrat, ein ungeheurer und
unauslschlicher sein. Es war, als erleuchtete ein zauberhaftes Licht die
hintersten Schachten seiner inneren Welt, als brche der unterirdische Strom
seines Daseins pltzlich lautrauschend zu seinen Fen hervor aus der Tiefe, als
wre das Siegel vom Evangelium seines Schicksals gesprungen.
    Niemand war Zeuge von dem seltsamen Bndnis, welches der Knabe in einer Art
von Verzckung mit seiner angebeteten Freundin dort unter den Ruinen schlo,
aber nach dem, was er Adelheiden darber zu verstehen gab, sollte man glauben,
da ein gegenseitiges Gelbde der geistigen Liebe stattgefunden, deren
geheimnisvolles Band, an eine wunderbare Naturnotwendigkeit geknpft, beide
Gemter, aller Entfernung zum Trotze, auf immer vereinigen sollte.
    Doch dauerte es lang, bis Theobald die tiefe Sehnsucht nach der Entfernten
berwand. Sein ganzes Wesen war in Wehmut aufgelst, mit doppelter Inbrunst
hielt er sich an jenes teure Bild; der Trieb zu bilden und zu malen ward jetzt
unwiderstehlich und sein Beruf zum Knstler war entschieden.
    In kurzem starb der Vater am Schlagflusse. Die Kinder wurden zerstreut.
Theobald ward einem wackern Manne (dem Frster zu Neuburg) in die Kost gegeben,
von dessen Hause aus er die benachbarte Malerschule zu *** besuchte. Nach
fnfthalb Jahren fleiiger Studien fand ein reicher Gnner sich bewogen, dem
jungen Manne die Mittel zu seiner weiteren Bildung im Auslande zu reichen. In
hohem Grade fruchtbar ward ihm der Aufenthalt zu Rom und Florenz, aber selbst
die mannigfaltigen Anschauungen dieser herrlichen Kunstwelt vermochten den
Grundton jener frheren Eindrcke nie vllig zu verdrngen, deren mysteriser
Charakter zunchst in der Idee des Christlichen eine analoge Befriedigung fand.
    Elisabethen hat er nie wiedergesehen.

                                  Zweiter Teil


Leopold ging unter tiefer Betrachtungen nach der Stadt zurck. Er kommt an dem
Garten des wunderlichen Hofrats vorbei. Der Liebling des letztern, ein zahmer
Star, sitzt auf dem Spitzdache eines Pumpbrunnens, ber den sich eine
Trauerweide neigt. Der Vogel stimmt, eben wie Leopold vorber will, sein
Stckchen an, mit einem spttischen Zwischenruf, der offenbar ihm gilt: Es
reiten drei - Spitzbub - zum Tore hinaus; zugleich wird das gepuderte Haupt des
Hofrats sichtbar; derselbe ersucht den Bildhauer, einen Augenblick
hereinzutreten. Ich habe eine Neuigkeit, sagte er, ber deren angenehmen
Inhalt Sie wohl dem Flegel da oben seine Unart vergessen werden. Monsieur
Larkens wurde den Morgen schnell zu einem Verhre berufen. Man darf sich auf ein
erwnschtes Resultat gefat halten; mir ward nur en passant und ganz im
allgemeinen, jedoch von sicherer Hand ein Wink gegeben. Bringen Sie den Leutchen
diesen Trost, sagen es aber nicht weiter. Voll Freuden dankte der Bildhauer und
wollte eilends gehn, als der Hofrat, der heute seinen schnen Tag hatte, ihn
noch am Rockknopf festhielt und sagte: Widmen Sie doch dem Burschen da droben
noch einen Blick! Bemerken Sie die philosophische Klarheit, den feinen
Sarkasmus, womit dieser Schnabel in die Welt hinaussticht! Stellen wir uns nun
etwa unter der Brunnenpyramide ein Monument, ein Grabmal vor, so wre es dem
elegischen Geschmack ohne Zweifel gemer, in den hngenden Weidenzweigen sich
Philomelen, die se Sngerin der Wehmut und der Liebe, zu denken, als den
gebildetsten Staren, dessen bloe Figur schon viel vom Weltmann hat. Indessen,
dnkt mich, wre ein Hanswurst, gedankenvoll auf einem Sarkophagen sitzend, eine
ble Vorstellung auch nicht, vielleicht ein Gegenstand fr einen Hogarth. Man
gbe dem Kujon etwa ein schlafendes Kind auf den Scho und hinter seinem Rcken
wrde, halb zrnend halb lchelnd, ein eisgrauer Alter am Stabe das sonderbare
Selbstgesprch belauschen. Des Narren Gesicht mte zeigen, wie er sich Mhe
gibt, recht tiefsinnig und ernsthaft zu sein; aber es geht nicht, und das
bedeutendste Kopfschtteln wird jedesmal von der Schellenkappe begleitet. Was
meinen Sie nun? der geflgelte Schlingel dort, welcher gestern das Unglck
gehabt, ich wei weder wo noch wie, in einen Topf mit gelber lfarbe zu fallen,
davon er die Spuren noch trgt - gleicht er denn nicht aufs Haar so einem
buntscheckigen Allerweltssptter? Ist es nicht ein unvergleichlicher Junge?
    Der Bildhauer mute dem Vogel eine Lobrede halten, war aber endlich nur
froh, loszukommen und sich bei den Freunden seiner glcklichen Zeitung zu
entledigen.
    Wirklich gingen nicht vier Tage hin, als den Gefangenen bereits ihre
Lossprechung erffnet ward. Man hatte bei keinem von beiden eine bsliche
Absicht, wohl aber eine strafbare Unziemlichkeit in ihrer Handlungsweise
entdeckt, wofr ihnen die Gnade des Knigs Verzeihung zuerkannte.
    Smtliche Freunde fanden dies ganz in der Regel, nur den Schauspieler schien
die schnelle Wendung der Sache zu befremden, er schttelte den Kopf, indem er
nicht undeutlich zu verstehen gab, da dahinter irgend etwas stecken msse;
brigens uerte er weiter keine Vermutung und teilte von Herzen den allgemeinen
Jubel.
    Der Augenblick, in dem er Nolten zum ersten Male wieder, obgleich am
Krankenbett begrte, ri jeden, der zugegen war, zu Rhrung und Freude hin. Nie
hatte man eine leidenschaftlichere Freundschaft gesehen, und wenn sonst Larkens
die Vermeidung jedes Anscheins von Empfindsamkeit beinahe bis zur Hrte trieb,
so ward er jetzt nicht satt, den Kranken zu umarmen und zu kssen, ihm aufs
beweglichste den Unfall abzubitten, dessen er sich allein anklagte. Zum Glck
versprach der Arzt, da Nolten in kurzer Zeit vlligen Gebrauch von seiner
Freiheit wrde machen knnen, ja der Kranke selber schwur, es fehle gar nicht
viel, so htte er wohl Lust, sich heute schon auf die Fe zu richten; zum
wenigsten wollte er aus dem traurigen Arrestzimmer erlst sein und mte man ihn
auch samt dem Bette wegtragen. Larkens nahm gleich den Schlieer auf die Seite,
lie sich die nchstgelegenen Zimmer weisen und kam bald mit der lustigen
Botschaft wieder, er habe nur wenige Schritte von Theobalds Zelle ein Lokal
entdeckt, darber in der Welt nichts gehe: einen kleinen getfelten Rittersaal
mit einem Erker, der die schnste Aussicht im ganzen Schlo darbiete. Sodann
beschrieb er den altertmlichen Reiz der vielfach verzierten eichenen Wnde,
eine Reihe von lebensgro in Holz geschnitzten Grafen und Herzogen mit ihren
Wappenschildern und Sinnsprchen, die hlzerne Decke, auf welcher, in gleiche
Quadrate geteilt, die halbe biblische Historie in rhrender Geschmacklosigkeit
gemalt zu schauen, zwei riesenhafte Ofen, die man im Notfall beide heizen wrde;
daneben in einer Ecke lehne ein Haufen rostiger Waffen, an deren Schwere der
Patient von Tag zu Tage seine zunehmenden Krfte prfen msse; auch stnden ein
paar kleine Feuerspritzen bereit, und er behalte sich vor, dieselben an dem
Tage, wo man Befreiung und Genesung festlich begehen wrde, mit Tokaier fllen
zu lassen, denn da msse der Wein recht eigentlich in Strmen flieen. Sprach er
das letztere im Scherz, so war es ihm mit der Verlegung Noltens in den
bezeichneten Saal so vollkommen Ernst da er noch jenen Morgen die Erlaubnis
hiezu von seiten des Verwalters einholte und Anstalt machte, alles recht sauber
und reinlich herzustellen. Der Umzug ging des andern Tages vor sich, und Nolten
mute gestehen, er fhle sich wahrhaft erleichtert und erhoben durch eine so
heitere als eindrucksvolle Umgebung. Fenster an Fenster reihten sich die langen
Wnde entlang und die ehemalige Pracht erstreckte sich selbst bis auf die
kleinen runden Scheiben, deren Blei noch berall die Spuren guter Vergoldung
zeigte. Es soll der Saal vorzeiten seiner Kostbarkeit und auerordentlichen
Helle wegen, die goldene Laterne geheien haben.
    Einer der ersten Besuche, deren unser Freund in seiner neuen Wohnung eine
groe Anzahl erhielt, war Tillsen und der alte Baron von Jafeld. Beide hatten
whrend der Gefangenschaft, vermutlich aus Rcksicht gegen den Hof, Anstand
genommen, diese Pflicht zu erfllen. Der Schauspieler konnte eine spttische
Bemerkung deshalb nicht unterdrcken, fr Theobald aber war wenigstens der
gegenwrtige Beweis von Aufmerksamkeit um so wichtiger, als er eine gnstige
Folgerung auf die Gesinnungen der Zarlinschen daraus zog. Allein hierin irrte er
sich, denn gar bald lie man ihn merken, da in jenem Hause noch immer eine
auffallende Verstimmung herrsche, da er wohltun wrde, sich vorderhand durchaus
entfernt zu halten. Hiezu war er nun wirklich fest entschlossen, besonders da
auch in den folgenden Tagen von seiten des Grafen nicht einmal ein trockener
Glckwunsch, geschweige denn, wie doch zu erwarten gewesen wre, ein freundlich
Wort an ihn erging.
    Unter andern Umstnden vielleicht htten diese Aussichten ihn trostlos
gemacht, aber so ward sein Stolz empfindlich gereizt, er sah sich unfreundlich,
schnde zurckgestoen, und da er wute, wie wenig von jeher die Grfin gewohnt
gewesen, sich ihre Gefhle und Handlungen durch den Bruder oder sonst jemanden
vorschreiben zu lassen, so konnte er auch ihr jetziges Benehmen keineswegs auf
fremde Rechnung setzen Er glaubte sich in seinen Vorstellungen von der
ungemeinen Denkart dieses Weibes entschieden getuscht, zum erstenmal fand er an
Constanzen die Kleinlichkeit ihres Geschlechts, die engherzige Pretiositt ihres
Standes, ja was noch mehr als dies, er berzeugte sich, da sie ihn niemals
eigentlich geliebt haben knne. Er war traurig, allein er wunderte sich, da er
es nicht in hherem Grade sei.
    Auf diese Art hatte nun freilich der Schauspieler, dem sehr darum zu tun
sein mute, die Eindrcke dieser Leidenschaft bei Nolten von Grund aus zu
vertilgen, bei weitem leichtere Arbeit, als er immer gefrchtet. Er wunderte
sich im stillen hchlich ber die vernnftige Gelassenheit seines Freundes, und
gab dem Wunsche desselben gerne nach, da von der Sache nicht weiter die Rede
sein solle.
    brigens gab es fr Larkens gar mancherlei zu bedenken und auszumitteln.
Gleich nach der Haftsentlassung war es eine seiner ersten Sorgen gewesen, ob
jene seltsame Elisabeth, welche vor wenig Tagen von Leopold war auf der Strae
gesehen worden, nicht etwa noch in der Nhe sich befinde: mehrere Grnde setzten
es jedoch auer Zweifel, da sie die Stadt bereits wieder verlassen. Jetzt
wnschte er sich ber den Zustand der Gemter im Zarlinschen Hause, sowie ber
den wahren Grund der eilfertigen Erledigung jener anfnglich so ernsthaft
behandelten Rechtssache genauer zu unterrichten. Er war um so begieriger, als
einige heimliche Stimmen sich verlauten lieen Herzog Adolph habe sich mit
seinem frstlichen Worte fr die Gefangenen verbrgt und so den Knoten mit
einemmal zerschnitten. Dies fand der Schauspieler so unwahrscheinlich nicht,
obgleich der Herzog, wie es schien, seine Gromut ffentlich nicht Wort haben
wollte und sich brigens jeder Berhrung mit seinen Schtzlingen entzog. Hchst
peinlich empfand daher Larkens seine Ungewiheit ber diesen Punkt, sowie die
Unmglichkeit, dem Wohltter ausdrcklich zu danken, wenn dieser sich wirklich
in der Person des Herzogs versteckt haben sollte. Letzteres ward er je lnger je
mehr berzeugt, und bald gesellte sich hiezu noch eine weitere, obgleich noch
sehr entfernte Mutmaung, welche er jedenfalls vor Nolten auf das sorgfltigste
zu verbergen guten Grund haben mochte. Der Gedanke stieg nmlich bei ihm auf, ob
nicht Grfin Constanze selbst als geheime Triebfeder, zunchst zugunsten
Theobalds, durch den Herzog knnte gewirkt haben? Er wute nicht eigentlich, was
ihn auf diese Vorstellung fhrte, im allgemeinen aber setzte er bei Constanzen
noch immer eine stille, sehr nachhaltige Neigung fr Theobald voraus, und es war
ihm unmglich, sie anders als in einem leidenden Zustande zu denken.
    Eines Morgens findet er seinen Freund auer dem Bette unter dem halboffenen
Fenster sitzen und sich im krftigen Strahl der Frhlingssonne wrmen. Der
Schauspieler drckte laut seine Freude ber die glcklichen Fortschritte des
Rekonvaleszenten aus, whrend Theobald ihm lchelnd mit der Hand Stillschweigen
zuwinkte, denn der lieblichste Gesang tnte soeben aus dem Zwinger herauf, wo
die Tochter des Wrters mit den ersten Gartenarbeiten beschftigt war. Sie
selbst konnte wegen eines Vorsprungs am Gebude nicht gesehen werden, desto
vernehmlicher war ihr Liedchen, wovon wir wenigstens einen Vers anfhren wollen.

Frhling lt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lfte,
Se wohlbekannte Dfte
Streifen ahnungsvoll das Land;
Veilchen trumen schon,
Wollen balde kommen;
Horch, von fern ein leiser Harfenton! - -
Frhling, ja du bist's!
Frhling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!

Die Strophen bezeichneten ganz jene zrtlich aufgeregte Stimmung, womit die neue
Jahreszeit den Menschen, und den Genesenden weit inniger als den Gesunden,
heimzusuchen pflegt. Eine seltene Heiterkeit belebte das Gesprch der beiden
Mnner, whrend ihre Blicke sich fern auf der keimenden Landschaft ergingen. Nie
war Nolten so beredt wie heute, nie der Schauspieler so menschlich und
liebenswrdig gewesen. Auf einmal stand der Maler auf, sah dem Freunde lang und
ernst, wie mit abwesenden Gedanken, ins Gesicht, und sagte dann, indem er seine
Hnde auf die Schultern des andern legte, im ruhigsten Tone: Soll ich dir
gestehen, Alter, da dies der glcklichste Tag meines Lebens ist, ja da mir
vorkommt, erst heute fang ich eigentlich zu leben an? Begreife mich aber. Nicht
diese erquickende Sonne ist es allein, nicht dieser junge Hauch der Welt und
nicht deine belebende Gegenwart. Sieh, das Gefhl, wovon ich rede, lag in der
letzten Zeit schon beinahe reif in mir; ich kann nicht sagen, da es die Folge
langer berlegung sei, doch ruht es auf dem klarsten und nchternsten Bewutsein
und ist so wahr als ich nur selber wirklich bin. Es hat sich mir in diesen Tagen
die Gestalt meiner Vergangenheit, mein inneres und ueres Geschick, von selber
wie im Spiegel aufgedrungen und es war das erstemal, da mir die Bedeutung
meines Lebens, von seinen ersten Anfngen an, so unzweideutig vor Augen lag.
Auch konnte das und durfte nicht wohl frher sein. Ich mute gewisse Zeitrume
wie blindlings durchleben, vielleicht geht es mit den folgenden nicht anders und
vielleicht ist das bei den meisten Menschen so; aber auf den kurzen Moment, wo
die Richtung meiner Bahn sich verndert, wurde mir die Binde abgenommen, ich
darf mich frei umschauen, als wie zu eigner Wahl, und freue mich, da, indem
eine Gottheit mich fhrt, ich doch eigentlich nur meines Willens, meines
Gedankens mir bewut bin. Die Macht, welche mich ntigt, steht nicht als
eigensinniger Treiber unsichtbar hinter mir, sie schwebt vor mir, in mir ist
sie, mir deucht, als htt ich von Ewigkeit her mich mit ihr darber verstndigt,
wohin wir zusammen gehen wollen, als wre mir dieser Plan nur durch die endliche
Beschrnkung meines Daseins weit aus dem Gedchtnis gerckt worden, und nur
zuweilen kme mir mit tiefem Staunen die dunkle wunderbare Erinnerung daran
zurck. Der Mensch rollt seinen Wagen wohin es ihm beliebt, aber unter den
Rdern dreht sich unmerklich die Kugel, die er befhrt. So sehe ich mich jetzt
an einem Ziele, wonach ich nie gestrebt hatte, und das ich mir niemals hatte
trumen lassen. Vor wenig Wochen noch schien ich so weit davon entfernt!
Manches, was mir so lang als notwendige Bedingung meines Glcks, meines
vollendeten Wesens erschienen war, was ich mit unglaublicher Leidenschaft
genhrt und gepflegt hatte, liegt nun wie tote Schale von mir abgefallen; so ist
Constanze mir nicht viel mehr als noch ein bloer Name, so ist mir schon frher
jene Agnes untergesunken.
    Groe Verluste sind es hauptschlich, welche dem Menschen die hhere Aufgabe
seines Daseins unwiderstehlich nahebringen, durch sie lernt er dasjenige kennen
und schtzen, was wesentlich zu seinem Frieden dient. Ich habe viel verloren,
ich fhle mich unsglich arm, und eben in dieser Armut fhle ich mir einen
unendlichen Reichtum. Nichts bleibt mir brig, als die Kunst, aber ganz erfahr
ich nun auch ihren heiligen Wert. Nachdem so lange ein fremdes Feuer mein
Inneres durchtobt und mich von Grunde aus gereinigt hat, ist es tief still in
mir geworden, und langsam spannen alle meine Krfte sich an, in feierlicher
Erwartung der Dinge, die nun kommen sollen. Eine neue Epoche ist fr mich
angebrochen, und, so Gott will, wird die Welt die Frchte bald erleben. Siehst
du, ich knnte dir die hellen Freudetrnen weinen, wenn ich dran denke, wie ich
mit nchstem zum ersten Male wieder den Pinsel ergreifen werde. Viel hundert
neue, nie gesehene Gestalten entwickeln sich in mir, ein seliges Gewhle, und
wecken die Sehnsucht nach tchtiger Arbeit. Befreit von der Herzensnot jeder
ngstlichen Leidenschaft, besitzt mich nur ein einziger gewaltiger Affekt. Fast
glaub ich wieder der Knabe zu sein, der auf des Vaters Bhne vor jenem
wunderbaren Gemlde wie vor dem Genius der Kunst geknieet, so jung und fromm und
ungeteilt ist jetzt meine Inbrunst fr diesen gttlichen Beruf. Es bleibt mir
nichts zu wnschen brig, da ich das Allgengende der Kunst und jene hohe
Einsamkeit empfunden, worin ihr Jnger sich fr immerdar versenken mu. Ich habe
der Welt entsagt, das heit, sie darf mir mehr nicht angehren, als mir die
Wolke angehrt, deren Anblick mir eine alte Sehnsucht immer neu erzeugt. Ich
sage nicht, da jeder Knstler ebenso empfinden msse, ich sage nur, da mir
nichts anderes gem sein kann. Auf diese Resignation hat jede meiner Prfungen
hingedeutet, dies war der Fingerzeig meines ganzen bisherigen Lebens; es wird
mich von nun an nichts mehr irre machen.
    Der Maler schwieg, seine blassen Wangen waren von einer leichten Rte
berzogen, er war aufs uerste bewegt und bemerkte mit Unwillen die Befremdung
seines Freundes, sowie sein zweifelhaftes Lcheln, das jedoch weniger Spott als
die Verlegenheit ausdrckte, was er auf Theobalds hchst unerwartete Erklrung
erwidern sollte.
    Darf ich, fing Larkens an, darf ich aufrichtig sein, so leugne ich nicht,
mir kommt es vor, mein Nolten habe sich zu keiner andern Zeit weniger auf sich
selber verstanden, als gerade jetzt, da er pltzlich wie durch Inspiration zum
einzig wahren Begriff sein selbst gelangt zu sein glaubt. Wei ich es doch aus
eigener Erfahrung, wie gerne sich der Mensch, der alte Taschenspieler, eine
falsche Idee, das Schokind seines Egoismus die Grille seiner Feigheit oder
seines Trotzes, durch ein willkrlich System sanktioniert, und wie leicht es ihm
wird, einen schiefen oder halbwahren Gedanken durch das Wort komplett zu machen.
Denn du gibst mir doch zu -
    Hr auf! ich bitte dich, rief Theobald lebhaft, hr auf mit diesem Ton!
du machst, da ich bereue, dir mein Innerstes aufgeschlossen, dir das heiligste
Gefhl blogestellt zu haben, das mir kein Mensch unter der Sonne von den Lippen
gelockt htte, wenn es der Freund nicht wre, von dem ich eine liebevolle
Teilnahme an meiner Sinnesart erwarten durfte, selbst wenn sie der seinigen
zuwiderliefe. Hre, ich kenne dich als einen verstndigen und klugen Mann, nur
was gewisse Dinge anbelangt, gewisse Eigenheiten eines treuen Gemts, so htt
ich nicht vergessen sollen, da wir von jeher vergeblich drber disputierten.
La uns von diesem Punkte lieber gleich abgehn und tun, als wre von nichts die
Rede gewesen, es braucht's auch nicht, da ich meinen Weg verfolgen kann,
unbeschadet unseres bisherigen Verhltnisses.
    Doch wirst du mir nicht zumuten antwortete Larkens ich soll dich
stillschweigend einer Grille berlassen, die dir nur schdlich werden kann. -
Vorderhand finde ich deinen Irrtum verzeihlich; das Unglck macht den Menschen
einsam und hypochondrisch, er zieht den Zaun dann gern so knapp wie mglich um
sein Huschen. Ich selber knnte wohl einmal in diesen Fall geraten, nur wr es
dann ein Kasus - wahrhaftig ganz verschieden von dem deinen. Der Herr fhrt
seine Heiligen wunderlich. Unstreitig hat dein Leben viel Bedeutung, allein du
nimmst seine Lehren in einem viel zu engen Sinn: du legst ihm eine Art
dmonischen Charakter bei, oder, ich wei nicht was? - glaubst dich gegngelt
von einem wunderlichen Spiritus familiaris, der in deines Vaters Rumpelkammer
spukt. Ich will mich in diese Mysterien nicht mischen; was Vernnftiges dran
ist, leuchtet mir ein, so gut wie dir: nur sage mir, mein Lieber du hast vorhin
von Einsamkeit, von Unabhngigkeit gesprochen: je nachdem du das Wort nimmst,
bin ich ganz einverstanden. In allem Ernst, ich glaube, da deine knstlerische
Natur, um ihren ungeschwchten Nerv zu bewahren, ein sehr bewegtes
gesellschaftliches Leben nicht vertrgt. Eben die edelsten Keime deiner
Originalitt erforderten von jeher eine gewisse stete Temperatur, deren Wechsel
soviel mglich nur von dir abhngen mute, eine heimlich melancholische
Beschrnkung, als graue Folie jener unerklrbar tiefen Herzensfreudigkeit, die
so recht aus dem innigen Gefhl unseres Selbst hervorquillt. Im ganzen ist das
so bei jedem Knstler von Genie, ich meine bei jedem Knstler deines Faches, nur
wei der eine mehr, als der andere seine Stimmung in die Welt zu teilen. Was
aber namentlich die Berhrung mit der sogenannten groen Welt anbelangt, so war
es mir gleich anfangs eine ausgemachte Sache, da du dich nie dorthin verlieren
wrdest. Der pltzliche Anlauf, den du mit der Bekanntschaft des Herzogs
genommen, schien mir deshalb der grte Widerspruch mit dir selber. Gewohnt,
dich als einen seltnen Knaben zu betrachten, der ausgerstet mit erhabnen
Krften sich auf einmal ungeschickt und fast unmchtig fhlen msse, sobald man
ihn in jene blendenden Zirkel hineinzge, war mir die Geschmeidigkeit, womit du
dich in kurzem assimiliertest, beinah, wie soll ich sagen? nicht verdchtig,
doch hchst auffallend, und mir ahnete, es wrde in die Lnge nicht wohl dauern.
Wie leicht, so meint ich, wr es mglich, da unter solchen Influenzen sich dies
und jenes von seiner ursprnglichen Farbe verwischte, da sein Ehrgeiz eine
falsche Richtung nhme, da er an der Treue gegen seinen Genius etwas
aufopferte! Kurzum, mich peinigte etwas, und wr's auch nur das trichte
Mitleid, das einen anwandeln kann, wenn der Kristall, losgerissen aus seiner
mtterlichen Nacht, die sein Wachstum frderte, in die unkeuschen Hnde der
Menschen fllt. Doch das sind Possen. Aber du siehst nur daraus, ich bin weder
borniert, noch anmaend, noch leichtsinnig genug, dir dein eigentliches Esse zu
bestreiten und den stillen Boden aufzulockern, worin dein Wesen seit frhester
Zeit so liebevoll Wurzel geschlagen. Gewi, ich habe die herrlichsten Frchte
daraus hervorgehn sehen; und - Nolten! siehst du, es hat dich nicht befremdet
noch verdrossen, wenn du seit der ganzen Zeit, als wir uns kennen, nichts von
berschwenglichem Lobe, von enthusiastischen Diskursen ber den Gang deines
Geistes und dergleichen aus meinem Munde vernahmst; ich bin nun einmal wie ich
bin. Aber in diesem Augenblick, wo sich so viel ernste Betrachtung von selbst
aufdringt, du deine Sache gleichsam auf die Spitze stellst, jetzt mcht ich
wohl, da die Zunge sich mir lste, da ich dir sagen knnte, wie ich von Anfang
an mit einer stillen Rhrung, mit einer bewundernden Freude deiner Entwicklung
zugeschaut, ja gewi mit mehr Piett und Sorgfalt, als du mir zuzutrauen
scheinst.
    Nolten hrte mit zunehmendem Staunen die Bekenntnisse seines Freundes,
wodurch er sich wirklich hher geehrt und herzlicher gestrkt fhlte, als durch
das ruhmvollste Lob, das ihm irgendein mchtiger Gnner htte spenden mgen. Er
wollte soeben etwas erwidern, als der Schauspieler fortfuhr:
    La mich dir eins anfhren. Du erinnerst dich des Gesprchs, das wir bei
einem Spazierritt nach L. zusammen hatten. Es war der kstlichste Abend mitten
im Juli, die untergehende Sonne warf ihren roten Schein auf unsere Gesichter,
wir schwatzten ein weites und breites ber die Kunst. Mit jedem Worte schlossest
du, ohne es zu wollen, mir die Bildung deiner Natur vollstndiger auf, zum
erstenmal durft ich mich freudig in den innern Kelch deines Wesens vertiefen. Es
frug sich, weit du ber das Verhltnis des tief religisen und namentlich des
christlichen Knstlergemts zum Geist der Antike und der poetischen
Empfindungsweise des Altertums, ber die Mglichkeit einer beinahe gleich
liebevollen Ausbildung beider Richtungen in einem und demselben Subjekte. Ich
gestand dir eine hohe und seltne Universalitt zu, wie denn hierber auch nur
eine Stimme sein kann. Ich berzeugte mich, es sei fr deine Kunst von seiten
deines christlichen Gefhlslebens, das immerhin doch berwiegend bleibt, nichts
zu befrchten, selbst wenn zuletzt der Argwohn gewisser Zeloten sich noch
rechtfertigen sollte, die einen heimlichen Anhnger der katholischen Kirche und
den knftigen Apostaten in dir wittern. Du hast, so dacht ich, ein fr allemal
die Blume der Alten rein vom schn schlanken Stengel abgepflckt, sie blht dir
unverwelklich am Busen und mischt ihren strkenden Geruch in deine Phantasie, du
magst nun malen was du willst; nichts Enges, nichts Verzwicktes wird jemals von
dir ausgehn. Siehst du, das war mir lngst so klar geworden! und seh ich nun all
den glcklichen Zusammenklang deiner Krfte, und wie willig sich deine Natur
finden lie, jeden herben Gegensatz in dir zu schmelzen, denk ich das
unschtzbare einzige Glck, da dir die Kunst so frhe, fast ohne dein Zutun,
als reife Frucht aus den Hnden gtiger Gtter zufiel, die sich es vorgesetzt zu
haben scheinen, in dir ein Beispiel des glcklichsten Menschen aufzustellen -
sag mir, soll mich's nicht krnken, toller Junge, soll mir's die Galle nicht
schtteln, wenn du, vom seltsamsten Wahne getrieben, mit Gewalt Einseitigkeit
erzwingen willst, wo keine ist, keine sein darf! Ich rede nicht von deiner
Stellung zur allgemeinen Welt, darber kann ja, wie gesagt, kein Streit mehr
sein, aber da du der freundlichsten Seite des Lebens absterben und einem Glck
entsagen willst, das dir doch so natrlich wre, als irgendeinem braven Kerl,
das ist's, was mich emprt. Zwar geb ich gerne zu, dir hat die Liebe nicht ganz
zum besten mitgespielt, ich leugne nicht, da du seit Agnes -
    Ach, so? rief Nolten auf einmal, wie aus den Wolken gefallen, dahinaus?
das war die Absicht, die du bisher mit soviel schmeichelhafter Beredsamkeit
glaubtest vorbereiten zu mssen?
    Sei nicht unbillig, guter Freund! Was ich bisher zu deinem Ruhm gesprochen
haben mag, war mein aufrichtiger barer Ernst, und es bedarf wohl der Beteurung
nicht erst zwischen uns. brigens magst du immerhin den Kuppler in mir sehen,
ich halte dies Geschft im gegenwrtigen Falle fr ein sehr lbliches und
ehrenwertes. - Wo dich eigentlich der Schuh drckt, ist mir ganz wohlbekannt.
Deine Liebeskalamitten haben dich auf den Punkt ein wenig revoltiert, nun
ziehst du dich schmerzhaft und gekrnkt ins Schneckenhaus zurck und sagst dir
unterwegs zum Troste: du bringest deiner Kunst ein Opfer. Du frchtest den
Schmerz der Leidenschaft, sowie das berschwengliche in ihren Freuden. Zum
Teufel aber! was soll man von dem Knstler halten, der zu feige ist, dies beides
in seinem hchsten Ma auf sich zu laden? Wie? du, ein Maler, willst eine Welt
hinstellen mit all ihrer tausendfachen Wonne und Pein, und steckst dir
vorsichtig die Grenzen aus, wie weit du wolltest dich mitfreun und leiden? Ich
sage dir, das heit die See befahren und sein Schiff nicht wollen vom Wasser
netzen lassen!
    Wie du dich bertreibst! rief Nolten, wie du mir Unrecht tust! eben als
ob ich mir eine Ditetik des Enthusiasmus erfunden htte, als ob ich den
Knstler und den Menschen in zwei Stcke schnitte! Der letztere, glaub mir, er
mag sich drehen, wie er will, wird immerhin entbehren mssen, und ohne das - -
wer triebe da die Kunst? Ist sie denn was anders als ein Versuch, das zu
ersetzen, zu ergnzen, was uns die Wirklichkeit versagt, zum wenigsten dasjenige
doppelt und gereinigt zu genieen, was jene in der Tat gewhrt? Mu demnach
Sehnsucht nun einmal das Element des Knstlers sein, warum bin ich zu tadeln,
wenn ich drauf denke, mir dies Gefhl so ungetrbt und jung als mglich zu
bewahren, indem ich freiwillig verzichte, eh ich verliere, eh ich's zum zweiten
und zum dritten Male dahin kommen lasse, da die gemeine Erfahrung mir mein
blhend Ideal zerpflckt, da ich, ersttigt und enttuscht am Gegenstande
meiner Liebe, zuletzt dastehe - arm - mit welkem Herzen? Du merkst, ich rede
hier zunchst von dem gepriesenen Glck der Ehe: denn dies ist's doch, um was
deine ganze Demonstration sich dreht.
    Und was gilt es, ich bringe dich noch zurechte wenn ich nur erst deine
tollen Prtensionen herabgestimmt habe! Wer heit dich Ideale im Kopf tragen, wo
von Liebe die Rede ist? Bei allen Grazien und Musen! ein gutes natrliches
Geschpf, das dir einen Himmel voll Zrtlichkeit, voll aufopfernder Treu
entgegenbringt, dir den gesunden Mut erhlt, den frischen Blick in die Welt,
dich freundlich losspannt von der whlenden Begier einer geschftigen Einbildung
und dich zur rechten Zeit herauslockt in die helle Alltagssonne, die doch dem
Weisen wie dem Toren gleich unentbehrlich ist - was willst du weiter?
    Nolten sah schweigend vor sich nieder und sagte endlich: Es gab eine Zeit,
wo ich ebenso dachte. Er wandte sich erschttert auf die Seite, ging mit
lebhaften Schritten durch den Saal und lie sich dann erschpft auf einen
entfernten Stuhl nieder.
    Der Schauspieler, nachdem er die Errterung des ihm ber alles wichtigen
Gegenstands nicht ohne Klugheit und Nachdruck bis hieher gefhrt, war voll
Begierde, den Augenblick zu nutzen, und jetzt mit dem Gedanken an Agnes
entschiedener hervorzutreten, mute jedoch von diesem Wagnis ganz abstehen, da
er bemerkte, wie heftig Nolten angegriffen war; er suchte deshalb das Gesprch
zu wenden, allein es wollte nichts mehr weiterrcken, man war verstimmt, man
mute zuletzt hchst unbefriedigt scheiden.

Seit seiner Haftsentlassung hatte Larkens einen Entschlu gefat, wovon er bis
jetzt noch gegen Nolten nichts laut werden lie. Er wollte auf unbestimmte Zeit
die Stadt verlassen und ins Ausland gehen. In mehr als einer Hinsicht schien
dies wnschenswert und notwendig. Sein Schauspielkontrakt war seit kurzem zu
Ende, der hiesige Aufenthalt war ihm durch die ffentlichen Vorflle verbittert,
der Hof selber schien seine Entfernung, auf eine Zeit wenigstens, nicht ungerne
zu sehen. Aber dringender als dieses alles empfand er das eigene Bedrfnis,
durch Zerstreuung, ja durch vllige Entuerung von seiner bisherigen
Lebensweise sich innerlich auszubessern und auszuheilen. Er entdeckte Theobalden
seine Absicht, soweit er vorderhand fr rtlich fand, und dieser, obgleich
hchst unangenehm dadurch berrascht und fast gekrnkt, konnte bei genauerer
Betrachtung nichts dagegen sagen.
    Wie man aber, ehe an die Zukunft gedacht wird, vor allen Dingen der
Gegenwart und der Vergangenheit ihr Recht erzeigen mu, so hatte Larkens im
stillen einen Abend ausersehen an dem man die Erlsung von so mancherlei Unlust
und Fhrlichkeit recht frhlich miteinander feiern wollte. Er besorgte ein
ausgewhltes Abendessen und machte sich's besonders zum Vergngen, die kleine,
fr ein Dutzend Gste berechnete Tafel auf alle Art mit den frhesten Blumen und
Treibhauspflanzen, sowie mit den verschiedenen Geschenken aufzuputzen, deren
sich eine ziemlich bunte Sammlung von teilnehmenden Freunden und Gratulanten
eingefunden. Was unter diesen hbschen und zum Teil kostbaren Dingen am meisten
figurierte, war eine groe Alabastervase von hchst zierlicher Arbeit, welche
fr Nolten bestimmt, in der Mitte des Tisches mit ppigen Gewchsen prangte. Sie
war eine Gabe des Malers Tillsen, der sich heute berhaupt als einen der
herzlichsten und redseligsten erwies. Der wunderliche Hofrat hatte nach seiner
Weise die Einladung nicht angenommen und sich entschuldigt, doch zum Beweis, da
er an anderer Wohlsein Anteil nehme, einen Korb mit frischen Austern
eingeschickt. Die brige Gesellschaft bestand meist aus Knstlern.
    Unser Maler, von soviel ehrenden Beweisen der Freundschaft gleich anfangs
berrascht und bewegt, hatte gegen eine wehmtige Empfindung anzukmpfen, die
er, eingedenk der heitern Forderung des Augenblicks, fr jetzt abweisen mute.
Die Unterhaltung im ganzen war mehr munter und scherzhaft abspringend, als ernst
und bedeutend; ja es nahmen die Spe eines gewissen Akteurs und Sngers
dergestalt berhand, da jeder eine Weile lang verga, selbst etwas Weiteres zur
allgemeinen Ergtzlichkeit beizutragen, als da er aus voller Brust mitlachte.
Larkens, der Laune seines theatralischen Kollegen zuerst nur von weitem die Hand
bietend, wiegte sich lchelnd auf seinem Stuhle, whrend er zuweilen ein Wort
als neuen Zndstoff zuwarf; bald aber kam auch er in den Zug, und indem er nach
seiner Gewohnheit einen paradoxen Satz aufstellte, der jedermann zum Angriff
reizte, wute er durch den lustigen Scharfsinn, womit er ihn verfocht, die
lebendigste Bewegung unter den smtlichen Gsten zu bewirken, und immer das
Beste, was in der Natur des einzelnen verborgen lag, war es Gemt, Erfahrung
oder Witz, mit Leichtigkeit hervorzulocken, wodurch denn unvermerkt das
Interesse des Gesprchs sich auf das hchste vermannigfaltigen mute. Zuletzt
als man dem Frohsinn ein uerstes Genge geleistet, ward Larkens zusehends
stiller und trber; er nahm, da man ihn damit aufzog, keinen Anstand, zu
erklren, da er der glcklichen Bedeutung dieses Abends im stillen noch eine
andere fr sich gegeben habe, und da er sich die Bitte vorbehalten, es mge nun
auch die Gesellschaft in ebendem besondern Sinne die letzten Glser mit ihm
leeren; er werde auf lngere oder krzere Zeit aus der Gegend scheiden, um
einige lang nicht gesehene Verwandte aufzusuchen. - Der Vorsatz, so natrlich er
unter den bekannten Umstnden war, erregte gleichwohl groes, beinahe
strmisches Bedauern, und um so mehr, als einige vermuteten, man werde den
geschtzten Knstler, den sich die ganze Stadt seit kurzem erst gleichsam aufs
neue wiedergeschenkt glaubte, bei dieser Gelegenheit wohl gar fr immerdar
verlieren, aber Nolten verbrgte sich fr die treuen Gesinnungen des
Flchtlings. So wurden denn die Kelche nochmals angefllt, und unter mancherlei
glckwnschenden Toasten beschlo man endlich spt in der Nacht das muntere
Fest.

Die Ungeduld, mit welcher von jetzt an Larkens seinen Abgang betrieb,
verhinderte ihn nicht, das fernere Schicksal seines Freundes zu bedenken,
vielmehr wenn er sich bisher zur ernstlichsten Aufgabe gemacht hatte, die
Neigung Noltens wieder auf die Braut zurckzulenken, wenn er sich vermittelst
jenes fromm tuschenden Verkehrs mit Agnesen fortwhrend von der
Liebenswrdigkeit des Mdchens, von ihrem reinen und schnen Verstande, aber
auch von dem natrlichen Verlangen berzeugte, womit, wie billig, ein zrtliches
Kind sich den Geliebten bald fr immer in die Arme wnscht, wenn er Theobalds
ganze Verfassung, die noch immer drohende Nhe Constanzens bedachte, so konnte
ihm nichts angelegener sein, als diesem zweifelhaften Schwanken einen raschen
und krftigen Ausschlag zu geben. Sein Plan deshalb stand fest, aber er sollte
erst nach seiner Abreise in Wirkung treten, ja es war der gnstige Erfolg,
dessen er sich vollkommen versichert hielt, gewissermaen auf seine Entfernung
berechnet.
    Nun schrieb er an Agnesen, und wirklich, er dachte nur ungerne daran, da es
zum letzten Male sei. Was fr ein Tor man doch ist! rief er aus, indem er
nachdenklich die Feder weglegte. Mitunter hat es mich ergtzt, von der
innersten Seele dieses lieblichen Wesens gleichsam Besitz zu nehmen, und um so
grer war mein Glck, je mehr ich's unerkannt und wie ein Dieb genieen konnte.
Ich bilde mir ein, das Mdchen wolle mir wohl, whrend ich ihr in der Tat soviel
wie nichts bedeute; ich schtte unter angenommener Firma die ganze Glut, die
letzte, mhsam angefachte Kohle meines abgelebten Herzens auf dies Papier und
schmeichle mir was Rechts bei dem Gedanken, da dieses Blatt sie wiederum fr
mich erwrme. O nrrischer Teufel du! kannst du nicht morgen verschollen,
gestorben, begraben sein, und wchst der Schnen drum auch nur ein Hrchen
anders? Bei alledem hat mir die Tuschung wohlgetan, sie half mir in hundert
schwlen Augenblicken den Glauben an mich selbst aufrechterhalten. Es fragt
sich, ob es nicht hnliche Tuschungen gibt, eben in bezug auf unsre
herrlichsten Gefhle? Und doch, es scheint in allen etwas zu liegen, das ihnen
einen ewigen Wert verleiht. Gesetzt, ich werde diesem wackern Kinde an keinem
Orte der Welt von Angesicht zu Angesicht begegnen, gesetzt, es bliebe ihr all
meine warme Teilnahme fr immerdar verborgen, soll das der Hhe meines
glcklichen Gefhls das mindeste benehmen knnen? Wird denn die Freude reiner
Zuneigung, wird das Bewutsein einer braven Tat nicht dann erst ein wahrhaft
Unendliches und Unveruerliches, wenn du damit ganz auf dich selbst
zurckgewiesen bist?
    Er nahm jetzt in Gedanken den herzlichsten Abschied von dem Mdchen, und
weil nach seiner Berechnung schon ihr nchster Brief wieder unmittelbar an
Nolten kommen sollte, so gab er ihr deshalb die ntige Weisung, jedoch so, da
sie dabei nichts weiter denken konnte.
    Verriet nun das Benehmen des Schauspielers in diesen letzten Tagen berhaupt
eine gewisse Unruhe und Beklommenheit, so war er bei dem Abschied von Theobald
noch weniger imstande, eine heftige Bewegung zu verbergen, welche,
zusammengehalten mit einigen seiner uerungen, auf ein geheimes Vorhaben
hinzudeuten schien und unserm Maler wirklich auf Augenblicke ein unheimliches
Gefhl gab, das denn Larkens nach seiner Art, wobei man oft nicht sagen konnte,
ob es Ernst oder Spa sei, schnell wieder zu zerstreuen wute.
    brigens fhlte Nolten die groe Lcke, welche durch des Schauspielers
Entfernung notwendig nach innen und auen bei ihm entstehen mute, nur
allzubald, und die vielfachen Nachfragen der Leute zeigten ihm genugsam, da er
nicht als der einzige bei dieser Vernderung entbehre. Die beiden Freunde
Leopold und Ferdinand reisten indessen auch ab, und doppelt und dreifach ward
jetzt des Malers Verlangen geschrft, das Gleichgewicht seines Wesens vollkommen
herzustellen. Der Entwurf eines neuen Werkes, wozu die erste Idee whrend der
Gefangenschaft bei ihm entstanden war, lag auf dem Papier, und nun ging es an
die Ausfhrung mit einer Lust, mit einem Selbstvertrauen, dergleichen er nur in
den glcklichsten Jahren seines ersten Strebens gehabt zu haben sich erinnerte.
Dennoch mute er nach und nach bemerken, da ihm zu einer vlligen Freiheit der
Seele noch vieles fehlte; er ward verdrielich, er stellte die Arbeit unwillig
zurck, er wute nicht, was ihn hindere.
    Eines Morgens bringt man ihm die Schlssel zu den Zimmern des Schauspielers.
Dieser hatte sie bei seiner Abreise einem dritten Freunde mit dem ausdrcklichen
Wunsche hinterlassen, da er sie erst nach Verflu einiger Tage an den Maler
ausliefere, welcher dann nicht sumen mge, die Zimmer aufzuschlieen und was
darin sich vorfinde, teils in Empfang zu nehmen, teils zu besorgen Zugleich
erhielt Nolten ein Verzeichnis der smtlichen Effekten, nebst Angabe ihrer
Bestimmung. Er stutzte nicht wenig ber diese sonderbare Kommission und befragte
jene Mittelsperson mit einiger ngstlichkeit: Was denn das alles zu bedeuten
htte? Der junge Mensch aber wute nicht viel weiter Bescheid zu geben und
entfernte sich bald. Sogleich ffnete Nolten die Zimmer, wo er Mobilien, Bcher,
Kupferstiche, Uhren und dergleichen wie sonst in der besten Ordnung fand.
Alsbald aber zogen einige an ihn berschriebene Pakete, die auf einem Tischchen
besonders hingerstet waren, seine Augen auf sich. Hastig ri er den Brief auf,
welcher obenan lag. Gleich bei den ersten Linien geriet Nolten in die grte
Bewegung, es zitterte das Blatt in seiner Hand er mute innehalten, er las aufs
neue, bald von vorne, bald aus der Mitte, bald von hinten herein, als mte er
die ganze bittere Ladung auf einmal in sich schlingen. Inzwischen fiel sein
Blick auf die brigen Pakete, deren eines die berschriften hatte: Briefe von
Agnes. Von deren Vater. Meine Briefkonzepte an Agnes. Ein anderes zeigte den
Titel: Fragmente meines Tagebuchs. Ohne recht zu wissen was er tat, griff er
nochmals nach dem einzelnen Schreiben, er durchlief es ohne Besinnung, indem er
sich von einem Zimmer, von einem Fenster zum andern rastlos bewegte; er wollte
sich fassen, wollte begreifen, nachdem er schon alles begriffen, alles erraten
hatte. Er warf sich aufs Sofa nieder, die Ellbogen auf die Kniee gesttzt, das
Gesicht in beide Hnde gedrckt, sprang wieder auf und strzte wie ein
Unsinniger umher.
    Sein Bedienter hatte soeben das Pferd zum Spazierritt vorgefhrt und meldete
es ihm. Er befahl, es wegzufhren, er befahl, noch zu warten, er widersprach
sich zehnmal in einem Atem. Der Bursche ging, ohne seinen Herrn verstanden zu
haben. Nach einer halben Stunde, whrend welcher Nolten, weder die brigen
Papiere anzusehen, noch sich einigermaen zu beruhigen vermocht hatte,
wiederholte der Diener seine Anfrage. Rasch nahm der Maler Hut und Gerte,
steckte die ntigsten Papiere zu sich und entkam wie betrunken der Stadt. Wir
wenden uns auf kurze Zeit von ihm und seinem traurigen Zustande weg und sehen
inzwischen nach jenem wichtigen Schreiben.

                               Larkens an Nolten

Indem Du diese Zeilen liesest, ist der, der sie geschrieben, schon viele Meilen
weit von Dir entfernt, und wenn er Dir denn die Absicht gesteht, da er sich
fortgestohlen, um so bald nicht wiederzukehren, da er seinen bisherigen
Verhltnissen auf immer und auch Dir, dem einzigen Freunde, vielleicht auf Jahre
sich entziehen will, so soll folgendes wenige diesen Schritt, so gut es kann,
rechtfertigen.
    Gewi klingt es Dir selber bald nicht mehr wie ein hohles und frevelhaft
bertriebenes Wort, was Du wohl sonst manchmal von mir hast hren mssen: mein
Leben hat ausgespielt, ich habe angefangen, mich selber zu berleben. Das ist
mir so klar geworden in der letzten Zeit, wo ja unsereiner wahrhaftig schne
Gelegenheit hatte, die Resultate von dreiig Jahren wie Fden mit den Fingern
auszuziehn. Ich mag Dir die alte Litanei nicht vorsingen; genug, mir ist in
meiner eigenen Haut nimmer wohl. Ich will mir weismachen, da ich sie abstreife,
indem ich von mir tue, was bisher unzertrennlich von meinem Wesen schien, vor
allem den Theaterrock, und dann noch das eine und andere, was ich nicht zu sagen
brauche. Mancher grillenhafte Heilige ging in die Wste und bildete sich ein,
dort seine Tagedieberei gottgeflliger zu treiben Ich habe noch immer etwas
Besseres wie das im Sinn. Am End ist's freilich nur eine neue Fratze, worin ich
mich selber hintergehen mchte; und fruchtet's nicht, nun so geruht vielleicht
der Himmel, der armen Seele den letzten Dienst zu erweisen, davor mir denn auch
gar nicht bang sein soll.
    Den Abschied, Lieber, erla mir! O ich darf nicht denken was ich mit Dir
verliere, herrlicher Junge! Aber still; Du weit, wie ich Dich am Herzen gehegt
habe, und so ist auch mir Deine Liebe wohlbewut. Das ist kein geringer Trost
auf meinen Weg. Auch kann es ja gar wohl werden, da wir uns an irgendeinem
Fleck der Erde die Hnde wieder reichen. Aber wir tun auf alle Flle gut, diese
Mglichkeit als keine zu betrachten. brigens forsche nicht nach mir, es wrde
gewi vergeblich sein.
    Und nun die Hauptsache.
    Mit den Paketen bergeb ich Dir ein wichtiges, ich darf sagen, ein heiliges
Vermchtnis. Es betrifft Deine Sache mit Agnesen, die mich diese letzten zehn
Monate fast einzig beschftigte. Mein Lieber! ich bitte dich, hre mich ruhig
und vernnftig an.
    In der gewissesten berzeugung, da die Zeit kommen msse, wo Dein heiestes
Gebet sein werde, mit diesem Mdchen verbunden zu sein, ergriff ich ein gewagtes
Mittel, Dir den Weg zu diesem Heiligtume offenzuhalten. Vergib den Betrug! nur
meine Hand war falsch, mein Herz gewilich nicht: ich glaubte das Deine treulich
abzuschreiben; straf mich nicht Lgen! Lat mich den Propheten eurer Liebe
gewesen sein! Ihr Mrtyrer war ich ohnehin; denn indem ich Deiner Liebe
Rosenkrnze flocht, meinst du, es habe sich nicht manchmal ein Dorn in mein
eigen Fleisch gedrckt? Doch das gehrt ja nicht hieher genug, wenn meine
Episteln ihren Dienst getan. Fahre Du nun mit der Wahrheit fort, wo ich die
Tuschung lie. O Theobald - wenn ich jemals etwas ber Dich vermochte, wenn je
der Name Larkens den Klang der lautern Freundschaft fr Dich hatte, wenn Dir
irgend das Urteil eines Menschen richtiger, besser scheinen konnte als Dein
eignes, so folge mir diesmal! Htt ich Worte von durchdringendem Feuer, htt ich
die goldne Rede eines Gottes, jetzt wrd ich sie gebrauchen, um Dein Innerstes
zu rhren, Freund, Liebling meiner Seele! - So aber kann ich's nicht; mein Kiel
ist stumpf, mein Ausdruck matt Du weit ja, es ist alle Schnheit von mir
gewichen; die drre nackte Wahrheit blieb mir allein, sie und - die Reue. Vor
dieser mcht ich Dich bewahren. Ich bin Dein guter Genius, und indem ich von Dir
scheide, sei Dir ein andrer, besserer, empfohlen. Ich meine Agnesen. Setze das
Mdchen in seine alten Rechte wieder ein. Du findest auf der Welt nichts
Himmlischers, als die Seele dieses Kindes ist. Glaub mir das, Nolten, so gewi
als schwr ich's auf dem Totenbette. - Du hast Dich in Deinem Argwohn garstig
geirrt. Lies diese Briefe, namentlich des Vaters, und es wird Dir wie Schuppen
von den Augen fallen. Dann aber zaudre auch nicht lnger; fasse Dich! Eile zu
ihr, tritt sorglos unter ihre Augen, sie wird nichts Fremdes an Dir wittern, sie
wei nichts von einer Zeit, da Theobald ihr minder angehrt als sonst; das Feld
ist durchaus frei und rein zwischen euch.
    Es steht bei Dir, ob der gute Tropf das Intermezzo erfahren soll oder nicht;
bevor ein paar Jahre vorber, wrd ich kaum dazu raten. Dann aber wird euch
sein, als httet ihr einmal in einem Sommernachtstraum mitgespielt, und Puck,
der tuschende Elfe, lacht noch ins Fustchen ber dem wohlgelungenen
Zauberspa. Dann gedenket auch meiner mit Liebe, so wie man ruhig eines
Abgeschiednen denkt, nach welchem man sich wohl zuweilen sehnen mag, doch dessen
Schicksal wir nicht beklagen drfen.

                                       *

Auf einem besondern Zettel befand sich noch folgende

                                  Nachschrift

Schon war mein Brief geschlossen, als es mir nachgerade gewaltigen Skrupel
machte, Dir einen Umstand verschwiegen zu haben, der Dich vielleicht verdrieen
mag, mir aber ad inclinandam rem nicht wenig dienen konnte. Ein Winkelzug gegen
die Grfin. So hre denn, und fluche mir die ganze Hlle auf den Hals und hei
mich einen Schurken, wenn Du das Herz hast - ich wei doch, was ich zu tun
hatte. Constanze wurde durch mich, oder vielmehr durch einen angelegten
Zufall(hinter welchem sie weder mich noch sonst jemand vermuten kann) avertiert,
da ein gewisser Freund bereits irgendwo auf der Liste der glcklichen
Brutigame stehe. - Ich hoffe nicht, Dich durch den Coup zu stark kompromittiert
zu haben, und ein weniges war schon zu wagen. Wenn ihr die Neuigkeit nicht
schmeckte, so ist das in der Regel; nicht, weil sie in Dich verliebt, sondern
weil sie ein Weib ist. Wir haben die Ungnade, worein sie uns gleich auf jenes
Possenspiel hat fallen lassen, einer elenden Konvenienz gegen die Hofsippschaft
zugeschrieben, und einesteils bin ich noch jetzt der Meinung; gesteh ich Dir nun
aber zugleich, da sie um die nmliche Zeit auch die Agnesiana zu schlucken
bekam, so seh ich schon im Geist voraus, an was fr neuen verzweifelten
Hypothesen nun pltzlich Dein armer Kopf anrennen wird. Wie, wenn Madam sich mit
ganz andern Grnden zum Zorne hinters allgemeine Zeter ihrer Schranzen versteckt
htte? Holla! das luft dem guten Jungen hei und kalt ber die Leber! Auch will
ich ein Rhinozeros von Propheten sein, wenn sich Dir nicht in diesem Augenblick
die rhrende Gestalt von der Ferne zeigt, den schwarzen Lockenkopf in Trauer
hingesenkt, weinend um Deine Liebe. Ein verfhrerisch Bild, frwahr, dem schon
Dein Herz entgegenzuckt, Doch halt, ich weise Dir ein anderes. - In dem sonnigen
Grtchen hinter des Vaters Haus betrachte mir das schlichte Kind, wie es ein
frhlich Liedchen summt, seine Veilchen, seine Myrten begiet. Man sieht ihr an,
sie hat den Strau im Sinne, den ihr heimkehrender Verlobter bald unter tausend
tausend Kssen zum Willkomm haben soll; jeden Tag, jede Stunde erwartet sie ihn
- -
    Was nun? wohin, Kamerade? Nicht wahr, ein bittrer Scheideweg! Hier wollt ich
Dich haben! so weit mu ich's fhren. Der Rckweg zu Constanzen - vielleicht er
steht noch offen, ich zeig ihn Dir, nachdem Du ihn schon fr immer verschlossen
geglaubt. Du solltest freie Wahl haben; das war ich Dir schuldig. Inzwischen
hast Du gelernt, es sei auch mglich, ohne eine Constanze zu leben, und damit
mein ich, ist unendlich viel gewonnen.
    Theobald! noch einmal: denk an den Garten! Neulich hat sie die Laube
zurechtgeputzt, die Bank, wo der Liebste bei ihr sitzen soll. Wirst Du bald
kommen? wirst Du nicht? - Wag es sie zu betrgen! Den hellen sen Sommertag
dieser schuldlosen Seele mit einem verzweifelten Streiche hinzustrzen in eine
dumpfe Nacht, wehe! das wimmernde Geschpf! Tu's, und erlebe, da ich in wenigen
Monden, ein einsamer Wallfahrer, auf des Mdchens Grabhgel die kraftlose Posse,
das Nichts unsrer Freundschaft, und die zerschlagene Hoffnung beweine da mein
elendes Leben, kurz eh ich's ende, doch wenigstens noch so viel nutz sein
mchte, zwei gute Menschen glcklich zu machen.

                                       *

Wer war unglcklicher als der Maler? und wer htte glcklicher sein knnen als
er, wre er sogleich fhig gewesen, seinem Geiste nur so viel Schwung zu geben,
als ntig, um einigermaen sich ber die Umstnde, deren Forderungen ihm
furchtbar ber das Haupt hinauswuchsen, zu erheben und eine klare bersicht
seiner Lage zu erhalten. Doch dazu hatte er noch weit. In einer ihm selbst
verwundersamen, traumhnlichen Gleichgltigkeit ritt er bald langsam, bald
hitzig einen einsamen Feldweg, und statt da er, wie er einigemal versuchte,
wenigstens die Punkte, worauf es ankam, htte nach der Reihe durchdenken knnen,
sah er sich, wie eigen! immer nur von einer monotonen, lcherlichen Melodie
verfolgt, womit ihm irgendein Kobold zur hchsten Unzeit neckisch in den Ohren
lag. Mochte er sich Gewalt antun so viel und wie er wollte, die rmliche Leier
kehrte immer wieder und schnurrte, vom Takte des Reitens untersttzt,
unbarmherzig in ihm fort. Weder im Zusammenhange zu denken, noch lebhaft zu
empfinden war ihm gegnnt; ein unertrglicher Zustand. Um Gottes willen, was
ist doch das? rief er zhneknirschend, indem er seinem Pferde die Sporen heftig
in die Seiten drckte, da es schmerzhaft auffuhr und unaufhaltsam
dahinsprengte. Bin ich's denn noch? kann ich diesen Krampf nicht abschtteln,
der mich so schnrt? Und was ist's denn weiter? wie, darf diese Entdeckung so
ganz mich vernichten? was ist mir denn verloren, seit ich das alles wei? genau
besehen - nichts, gewonnen - nichts - ei ja doch, ein Mdchen, von dem mir
jemand schreibt, sie sei ein wahres Gotteslamm, ein Sanspareil, ein Angelus! Er
lachte herzlich ber sich selbst, er jauchzte hell auf und lachte ber seine
eignen Tne, die ganz ein andres Ich aus ihm herauszustoen schien.
    Indem er noch so schwindelt und schwrmt, stellt sich statt jener
musikalischen Spukerei eine andere Sucht bei ihm ein, die wenigstens keine Plage
war. Seine aufgeregte Einbildungskraft fhrte ihm mit unbegreiflicher
Schnelligkeit eine ganze Schar malerischer Situationen zu, die er sich in
fragmentarisch - dramatischer Form, von dichterischen Worten lebhaft begleitet,
vorstellen und in groen Konturen hastig ausmalen mute. Das Wunderlichste dabei
war, da diese Bilder nicht die mindeste Beziehung auf seine eigene Lage hatten,
es waren vielmehr, wenn man so will, reine Vorarbeiten fr den Maler, als
solchen. Er glaubte niemals geistreichere Konzeptionen gehabt zu haben, und noch
in der Folge erinnerte er sich mit Vergngen an diese sonderbar inspirierte
Stunde. Wir selbst preisen es mit Recht als einen himmlischen Vorzug, welchen
die Muse vor allen andern Menschen dem Knstler dadurch gewhrt da sie ihn bei
ungeheuren bergngen des Geschickes mit einem holden energischen Wahnsinn
umwickelt und ihm die Wirklichkeit so lange mit einer Zaubertapete bedeckt, bis
der erste gefhrliche Augenblick vorber ist.
    Auf diese Weise hat sich unser Freund betrchtlich von der Stadt entfernt,
und ehe er ihr von einer andern Seite wieder nher kommt, sieht er unfern in
einer anmutigen Kluft die sogenannte Heermhle liegen, einen ihm wohlbekannten,
durch manchen Spaziergang wert gewordenen Ort. Er war ein stets gerne gesehener
Gast bei dem Mller, welcher zu derjenigen Gattung von Pietisten gehrte, mit
denen jedermann gut auskommt. In gewisser Art konnte der Mann fr unterrichtet
gelten, nur hatte er Ursache, manche Eigenheiten zu verbergen deren er sich
mitunter schmte; so hatte er, da er anfnglich zur Schreiberei bestimmt, in
alten Sprachen nicht ganz unwissend war, sich noch bei vorgercktem Alter in den
Kopf gesetzt die heiligen Schriften alten und neuen Testaments im Urtexte zu
lesen, wobei es hauptschlich auf chiliastische Zwecke mochte abgesehen sein.
Nach einem sehr mhsamen und wenig geordneten Studium von mehreren Jahren sah er
sich ungern berzeugt, da alles eitel Stckwerk bei ihm sei und das ganze
schne Unternehmen auf nichts hinauslaufe. Aus Verdru ber die verlorene Zeit
warf er sich in kecke konomische Spekulationen, dabei er denn zwar keinen
Schaden, doch auch nicht ganz seine Rechnung fand. Seine Frau, eine kluge und
stille Haushlterin, wute ihn mit guter Art zu lenken und zu leiten, niemals
rckte sie ihm seinen Irrtum ausdrcklich vor, auch wenn sie ihn denselben
fhlen lie, und da ihm nichts Unangenehmeres begegnen konnte, als wenn er
irgendwie an die Nichtigkeit jenes wissenschaftlichen Treibens erinnert ward, ja
da er, um nur kein Unrecht einzugestehen, sich auch wohl die Miene gab, als
wrden ihm jene Forschungen seinerzeit noch die reichlichsten Zinsen abwerfen,
so schonte das Weib diese Schwachheit gerne und war heimlich zufrieden, wenn sie
ihm eine neue falsche Idee vergessen machen konnte. brigens kannte man ihn als
einen muntern, redseligen Gesellschafter, als den besten Gatten und Vater seiner
grtenteils schon wohlversorgten Familie.
    Nolten sehnte sich nach der harmlosen Gegenwart eines menschlichen Wesens
ebensosehr, als er sich ungeschickt fhlte, an irgend einer Gesellschaft
teilzunehmen; er berlegte deshalb soeben, ob er den Pfad nach der Mhle
hinunter einschlagen oder nach der Stadt zurckkehren werde, als ihm ein
Mllerknecht begegnet, der ihm sagt, Herr und Frau wren ber Feld und kmen vor
Abend nicht nach Hause. Wie erwnscht war dem Maler die Nachricht! eigentlich
wollte er ja nur sein trauliches Pltzchen in des Mllers Wohnstube aufsuchen:
es schien ihm dies der einzige Ort der Welt, der seiner gegenwrtigen Verfassung
tauge. Und er hatte recht; denn wer machte nicht schon die Erfahrung, da man
einen verwickelten Gemtszustand, gewisse Schmerzen, berraschungen und
Verlegenheiten weit leichter in irgendeiner fremden ungestrten Umgebung, als
innerhalb der eignen Wnde bei sich verarbeite? Nolten gab sein Pferd in den
Stall, wo man ihn schon kannte, und trat in die reinliche braungetfelte Stube,
wo er niemanden traf, nur in der Kammer neben sa auf dem Schemel ein
zehnjhriges Mdchen, das ein kleineres Brderchen im Schoe hatte. Eine ltere
Tochter Justine, eine Prachtdirne, schlank und rotwangig mit kohlschwarzen
Augen, trat herein unter dem gewhnlichen treuherzigen Gru, bedauerte, da die
Eltern abwesend seien, lief gleich nach den Kellerschlsseln und freute sich,
als Nolten ihr erlaubte, weil man im Hause schon gegessen hatte, ihm wenigstens
ein Stckchen Kuchen bringen zu drfen. Er nahm sogleich seine alte Bank und das
Fenster ein, von wo man unmittelbar auf die Wassersperre hinunter und weiter
hinaus auf das erquickendste Wiesengrn und runde Hgel sah. Um wieviel
lieblicher, eigener kam ihm an dieser beschrnkten Stelle Frhling und
Sonnenschein vor, als da ihn dieser noch im Freien und Weiten umgab! Lange
blickte er so auf den Spiegel des Wassers, er fhlte sich sonderbar beklommen,
bange vor der Zukunft, und zugleich sicher in dieser eingeschlonen Gegenwart.
Auf einmal zog er die Papiere aus der Tasche, das nchste, was ihm in die Hnde
kam, wollte er ohne Wahl zuerst ffnen: es waren Briefe seiner Braut,
vermeintlich an Theobald geschrieben. Er sieht hinein und augenblicklich hat ihn
eine Stelle gefesselt, bei der sein Inneres von einer ihm lngst fremd gewordnen
Empfindung anzuschwellen beginnt; er will zu lesen fortfahren, als er Justinen
mit Glsern kommen hrt; ganz unntigerweise verbirgt er schnell den Schatz,
aber ihm ist wie einem Diebe zumut, der eine Beute vom hchsten, ihm selber noch
nicht ganz bekannten Wert, bei jedem Gerusche erschrocken zu verstecken eilt.
Das Mdchen kam und fing lebhaft und heiter zu schwatzen an, in dessen
Erwiderung Nolten sein mglichstes tat. Sie mochte merken, da sie berflssig
sei, genug, sie entfernte sich geschftig und lie den Gast allein. Er ist
zufllig vor einen kleinen schlechten Kupferstich getreten, der unter dem
Spiegel hngt und eine kniende Figur vorstellt; unten stehn ein paar fromme
Verse, die er in frhester Jugend manchmal im Munde seiner verstorbenen Mutter
gehrt zu haben sich sogleich erinnert. Wie es nun zu geschehen pflegt, da oft
der geringste Gegenstand, da die leichteste Erschtterung dazugehrt, um eine
ganze Masse von Gefhlen, die im Grunde des Gemts gefesselt lagen, pltzlich
gewaltsam zu entbinden, so war Noltens Innerstes auf einmal aufgebrochen und
schmolz und strmte in einer unbeschreiblich sen Flut von Schmerz dahin. Er
sa, die Arme auf den Tisch gelegt, den Kopf darauf herabgelassen. Es war, als
whlten Messer in seiner Brust mit tausendfachem Wohl und Weh. Er weinte
heftiger und wute nicht, wem diese Trnen galten. Die Vergangenheit steht vor
ihm, Agnes schwebt heran, ein Schauer ihres Wesens berhrt ihn, er fhlt, da
das Unmgliche mglich, da Altes neu werden knne.
    Dies sind die Augenblicke, wo der Mensch willig darauf verzichtet, sich
selber zu begreifen, sich mit den bekannten Gesetzen seines bisherigen Seins und
Empfindens bereinstimmend zu vergleichen; man berlt sich getrost dem
gttlichen Elemente, das uns trgt, und ist gewi, man werde wohlbehalten an ein
bestimmtes Ziel gelangen.
    Nolten hatte keine Ruhe mehr an diesem Ort, er nahm schnell Abschied und
ritt gedankenvoll im Schritt nach Hause.
    Wie er den Rest des Tages hingebracht, was alles in ihm sich hin und wieder
bewegte, was er dachte, frchtete, hoffte, wie er sich im ganzen empfunden, dies
zu bezeichnen wre ihm vielleicht so unmglich gewesen als uns, zumal er die
ganze Zeit von sich selbst wie abgeschnitten war durch einen unausweichlichen
Besuch, den er zwar endlich an einen ffentlichen Ort, wo man viele Gesellschaft
traf, glcklich abzuleiten wute, ohne sich jedoch ganz entziehen zu drfen.
    Entschieden war er nun freilich so weit, da er Agnesen aufsuchen msse und
wolle. Noch hatte er die schriftliche Darstellung der Tatsachen, welche so sehr
zur Rechtfertigung des teuren Kindes dienten, gar nicht angesehn; ein stiller
Glaube, der das Wunderbarste voraussetzte und keinen Zweifel mehr zulie, war
diese letzten Stunden in ihm erzeugt worden, er wute selbst nicht wie. Doch als
er in der Nacht die merkwrdigen Berichte des Frsters las, als ihm Larkens'
Tagebuch so manchen erklrenden Wink hiezu gab, wie sehr mute er staunen! wie
graute ihm, jener schrecklichen Elisabeth berall zu begegnen! mit welcher
Rhrung, welchem Schmerz durchlief er die Krankheitsgeschichte des rmsten der
Mdchen, dem die Liebe zu ihm den bittern Leidenskelch mischte! Und ihre Briefe
nun selbst, in denen das schne Gemt sich wie verjngt darstellte! - Der ganz
unfaliche Gedanke, dies einzige Geschpf, wann und sobald es ihm beliebe, als
Eigentum an seinen Busen schlieen zu knnen, durchschtterte wechselnd alle
Nerven Theobalds. Auf einmal berschattete ein unbekanntes Etwas die Seligkeit
seines Herzens. Diese zrtlichen Worte Agnesens, wem anders galten sie, als ihm?
und doch will ihm auf Augenblicke dnken, er sei es nicht: ein Luftbild habe
sich zwischen ihn und die Schreiberin gedrungen, habe den Geist dieser Worte
voraus sich zugeeignet, ihm nur die toten Buchstaben zurcklassend. Ja, wie es
nicht selten im Traume begegnet, da uns eine Person bekannt und nicht bekannt,
zugleich entfernt und nahe scheint, so sah er die Gestalt des lieben Mdchens
gleichsam immer einige Schritte vor sich, aber leider nur vom Rcken; der
Anblick ihrer Augen, die ihm das treueste Zeugnis geben sollten, war ihm
versagt; von allen Seiten sucht er sie zu umgehn, umsonst, sie weicht ihm aus:
ihres eigentlichen Selbsts kann er nicht habhaft werden.
    Zu diesen Gefhlen von ngstlicher Halbheit, wovon ihn, wie er wohl
voraussah, nur die unmittelbare Nhe Agnesens lossprechen konnte, gesellten sich
noch Sorgen andrer Art. Das unbegreifliche Verhngnis, da die rtselhafte
Person der Zigeunerin aufs neue die Bahn seines Lebens, und auf so absichtlich
gefahrdrohende Weise durchkreuzen mute, der Gedanke, wie nahe er selbst ihr,
ohn es zu wissen, neuerdings wieder gekommen (denn des Schauspielers Tagebuch
entdeckte ihm ihre zweimalige Anwesenheit), dies alles gab ihm mancherlei zu
sinnen und weckte die Besorgnis, es mchte die Verrckte ber kurz oder lang ihm
in den Weg treten, oder hinter seinem Rcken, vielleicht in diesem Augenblick,
zu Neuburg wiederholte Verwirrung anstiften. Ein weiterer Gegenstand seiner
Unruhe war Larkens, er wute die treffliche Absicht des Freundes wenn er gleich
die einzelnen Schritte nicht billigen konnte, ja zum Teil sie bitter zu schelten
geneigt war, doch von der rechten Seite zu nehmen und dankbar zu schtzen; er
erkannte auch darin eine kluge Vorsicht desselben, wenn er durch seine eigene
Entfernung alles weitere Unterhandeln ber die Pflicht, ber Neigung oder
Abneigung Noltens in dieser zweifelhaften Sache vllig zwischen sich und ihm
abschneiden und den Maler, indem er ihn ganz auf sich selber stellte, zwingen
wollte, das Gute, Notwendige frisch zu ergreifen - Aber was sollte man berhaupt
von der eiligen Flucht des Schauspielers denken? welchem Schicksal ging der
unfaliche Mann entgegen? Beinahe seiner smtlichen huslichen Habe hat er sich
entuert, ein groer Teil war ohne Zweifel ins Geld gesetzt, ein anderer, der
hier zurckblieb, entweder zu Geschenken bestimmt, oder sollte er durch Nolten
verwertet und zu Befriedigung der Glubiger verwendet werden. Mangel fr Larkens
selber war nicht zu frchten. Aber wenn aus allem hervorging, da eine tiefe
Erschpfung, ein verjhrter Schmerz ihn in die Weite trieb, wenn sogar einige
Stellen seines Briefs auf eine freiwillig gewaltsame Erfllung seines Schicksals
gedeutet werden konnten - so frage man, wie Nolten dabei zumute gewesen! Eine
dritte und nicht die kleinste Sorge war ihm die schlimme und selbst verchtliche
Meinung, womit die Grfin, seit sie durch Larkens einseitig und falsch von dem
Verhltnis zu Agnesen unterrichtet worden, ihn notwendig ansehen mute Nicht als
ob er frchtete, es htte sie eine solche Entdeckung irgend unglcklich gemacht,
denn in der Tat war seine Vorstellung von der Leidenschaft Constanzens bedeutend
herabgestimmt, und hchstens wollte er glauben, da ihr seine Liebe einigermaen
habe schmeicheln knnen, aber da er ihr doch seine Absicht damals so dringend,
so entschieden bekannt hatte, wie elend, wie verrucht mute er als Verlobter vor
ihr erscheinen, wie tckisch und planvoll sein Schweigen ber diese Verbindung!
Mute sie sich, abgesehn von jedem eignen leidenschaftlichen Interesse, nicht
insofern persnlich fr beleidigt halten, als schon der Versuch, sie mit zum
Gegenstande eines so zweideutigen Spieles zu machen, einen Mangel der Achtung
bewies, deren sie sich von Nolten htte versichert halten drfen? Schien in
diesem Sinne der Zorn und die Klte, womit sie ihn seit jenem Abende keines
Blicks mehr wrdigte, nicht sehr verzeihlich und gerecht? Unser Maler fhlte das
Beschmende, die ganze Pein dieses Verdachts: keine Stunde mehr konnte er ruhen,
der Boden brannte unter seinen Fen, er wollte eilen, wollte sich reinigen, es
koste was es wolle Aber das ging so schnell nicht an. Wie sollte er an
Constanzen gelangen? wie war es mglich, sich zu rechtfertigen und doch zugleich
die hchste Delikatesse zu beobachten? Denn gar leicht konnte die Grfin ihn
dergestalt miverstehn, als wenn er gekrnkte Liebe bei ihr voraussetzte, ein
Irrtum, der ihn, wie er meinte, zum lcherlichsten Menschen in den Augen der
schnen Frau machen mte. Er berlegte sich die Sache fleiig, und wollte
warten, bis ihm ein glcklicher Weg erschiene.

Am folgenden Tage fiel ihm ein, von dem Hofrat, dem er ohnehin einen Besuch
schuldig war, die Stimmung der Zarlinschen zu erlauschen, und sogleich machte er
sich auf den Weg.
    Bei der Wohnung des Hofrats angelangt, fand er zufllig die Haustre nur
angelehnt, was ihn sehr wundernahm, da es einen der ersten Grundstze in der
Hausordnung dieses Mannes ausmachte, die Eingnge jederzeit geschlossen zu
halten. Auer dem Brieftrger und einer alten Magd, welche auswrts wohnte, und
zu gesetzten Stunden mit dem Essen erschien, betrat nur selten ein Besuch die
Schwelle, und wenn jemals, so mute die Glocke gezogen werden, worauf ein grauer
Diener, das einzige lebende Wesen, das den Hofrat umgab, bedchtig aus dem
Fenster schaute und ffnete. Im untern Hausflur, wo sich sogleich der Geschmack
und die Kunstliebhaberei des Hausherrn in gut aufgestellten Gipsfiguren
ankndigte, findet Theobald einen unscheinbar gekleideten Knaben auf der Treppe
sitzen und Zuckerwerk aus seiner Mtze naschen, der brigens ganz hier zu Hause
zu sein scheint. Eine unglaublich angenehme Gesichtsbildung, die hellsten Augen,
sehr mutwillig, lachen dem Maler entgegen, dem besonders die zierlich gelockten
Haare auffallen. Der Knabe, nachdem er unsern Freund ruhig vom Kopf bis zum Fue
gemessen, stand auf und gab der Tre einen tchtigen Tritt, da sie schmetternd
zuschlug. Kannst du sagen, artiger Junge, ob der Herr Hofrat daheim ist? Der
Kleine antwortete nicht, sondern indem er die Treppe hinaufging, winkte er
Theobalden, zu folgen. Oben ffnet er leis eine schmale Tre und deutet
schalkhaft hinein. Nolten befand sich allein in einem kleinen Vorzimmer, wollte
eben an einem zweiten Eingang klopfen, als ihm ein kleines Seitenfenster, dessen
Vorhang von innen schlecht zugezogen ist, die wunderbarste stumme Szene im
Nebenzimmer zeigt. In einer gespannten Beleuchtung, fast nur im Dmmerlichte,
sitzt wei gekleidet ein Frauenzimmer, bis an den Grtel entblt. Ihre Stellung
ist sinnend, das Haupt etwas zur Seite geneigt, eine Hand oder vielmehr nur den
Zeigefinger hat sie unterm Kinne, dies kaum damit berhrend. Ihr Sessel steht
auf einem dunkelroten Teppich, auf welchen herab die reichen Falten des Gewandes
und der Tcher sich prchtig ergieen. Ein Bein, das ber das andre geschlagen
ist, lt den Fu nur bis ber die Knchel blicken, wo ihn die andre Hand bequem
zu halten scheint. Aber welch ein herrlicher Kopf! mute Theobald unwillkrlich
fr sich ausrufen; die rmische Kra im Schwunge des Hinterhaupts vom starken
Nacken an kontrastierte so rhrend gegen das Kindliche des Angesichts, dessen
Ausdruck nur lautre Scham verriete, wenn sich die letztere nicht soeben zur
liebevollsten Ergebung in die Notwendigkeit des Augenblicks zu neigen schiene.
Offenbar war das Frauenzimmer nicht gewohnt, als Modell zu dienen. Und in des
Hofrats Hause? Sollte der alte Narr etwa selbst den Pfuscher machen? Leider war
es unmglich, eine zweite Person, die sich gewi im Zimmer befinden mute, zu
entdecken auch hrte man keinen Laut: die Schne verharrte wie ein Marmor in
derselben Stellung, nur die leisen Bebungen der Brust verrieten, da sie atme,
auch schien es einmal, als ob sie einen mden Blick gegen das Fenster hinber
wagte, von wo das Licht hereinfiel. Nolten htte geschworen, dort sitze der
Hofrat Sagte nicht ein Gercht, da der alte Herr frher wirklich die Kunst
getrieben? und wollten nicht einige behaupten, er habe den Meiel noch in seinem
Alter insgeheim ergriffen? Wie berraschte es daher unsern Maler, als auf ein
Gerusch, das in der Ecke entstand, die Jungfrau sich erhob und ein schlanker,
schwarzbrtiger Mann anstndig auf sie zutrat, ihr mit einem Kusse auf die
Lippen dankte, so herzlich und unbefangen, als wenn es eine Schwester wre.
Theobald erkannte in dem Krauskopf auf der Stelle einen Bildhauer, Raymund, den
er fters und namentlich bei dem Larkensschen Abschiedsschmause gesehen, ohne
ihm irgend nhergekommen zu sein. Doch es war endlich Zeit zum Rckzuge, so
schwer er sich von diesem Anblick trennen konnte, der ihm ebenso rhrend und
schuldlos deuchte, als er reizend und erhebend war. Kaum hat er die Tr hinter
sich zugezogen und sich gefreut, da der verrterische kleine Schelm nicht etwa
wieder um den Weg war, um Zeuge seiner gestillten Neugierde zu sein - so streckt
der Hofrat den Kopf aus dem Saale, und beide begren sich mit merklicher
Verlegenheit, die denn auch noch eine Weile fortdauerte, nachdem das Gesprch
bereits in Gang gekommen. Theobald war durchaus zerstreut von seinem schnen
Abenteuer; auf seinem Gesicht, in seinen Augen lag eine ungewhnliche Glut,
deren Grunde der Alte schlau genug nachkam. Ich merke, merke was! schmunzelte
er und klopfte dem Freund auf die Achsel; nur lassen Sie ja sich sonst nichts
anmerken! es ist ein wilder Eber, der Raymund, und nicht mit ihm zu spaen.
Nolten gestand offenherzig den sonderbaren Zufall. Unter uns, sagte der
Hofrat, Sie sollen wissen, wie alles zusammenhngt. Der junge Mann, furios in
seiner Kunst so wie im Leben, verlangte von seiner Braut, an der er auer einem
hbschen Wuchs lange keinen Vorzug mochte gekannt haben, da sie ihm sitze,
stehe, wie er's als Knstler brauche. Das Mdchen konnte sich nicht berwinden,
es kam zum Verdru, der bald so ernstlich wurde, da Raymund das strrige Ding
gar nicht mehr ansah. So dauert es ein halb Jahr und das Mdchen, sonst ein
sanftes, verstndiges Geschpf, das ihn unbndig liebt, berdies armer Leute
Kind ist, fngt an im stillen zu verzweifeln. berdem bekmmt sie einen
vorteilhaften Antrag, sich frs Theater zu bilden, da sie sehr gut singen soll.
Sie schlgt es standhaft aus, und diese wackere Resignation bringt den Trotzkopf
von Brutigam pltzlich auf ganz andere Gedanken von dem Werte des Mdchens, so
da er sie vor etlichen Tagen zum erstenmal wieder besuchte. Auf beiden Seiten
soll die Freude des Wiedersehens ohne Grenzen gewesen sein, und gleich in der
ersten Viertelstunde, so erzhlt er mir, habe sie ihm die Gewhrung seiner
artistischen Grille freiwillig zugesagt. Da nun Raymund durch sein
Zusammenwohnen mit einem andern Knstler um ein Lokal verlegen war, so fand er
bei mir, der ich ihm auch sonst zuweilen ntzlich zu sein suche, gerne den
erforderlichen Raum. Heut ist die zweite Sitzung. Das Nrrische dabei ist, da
er sich nicht entschlieen kann, was er eigentlich machen soll. Er behauptet,
wenn man eine Weile ins Blaue hinein versuche und den Zufall mitunter walten
lasse, so gerate man hufig auf die besten Ideen.
    Er hat recht! sagte Theobald.
    Er hat nicht unrecht, versetzte der Alte; wenn mir aber solch ein
Verfahren am Ende nur nicht gar zu dilettantisch wrde! So fngt er neulich
einen Amor in Ton zu formen an, wozu er das Muster auf der Gasse unter den
Betteljungen aufgriff, wirklich ein delikates Fllen, schmutzig, jedoch zum
Kssen die Gestalt. Seitdem nun aber die Geliebte sich eingestellt, durfte der
Liebesgott springen; jetzt liegt ihm die aufdringliche Krte, die sich gar gut
bei dem Handel gestanden, tagtglich auf dem Hals, und da der Bursche nicht
schon im Hemdchen unters Haus kmmt, ist alles; neulich ward er gar boshaft und
pate der Braut mit einem Prgel auf; recht ein Cupido dirus!
    Ein Anteros! rief Theobald lachend.
    Suchen Sie doch einiges Verhltnis zu Raymund, fuhr der Hofrat fort, es
wird Ihnen leicht werden: er respektiert Sie hchlich, und das will bei dem
stolzen Menschen schon etwas heien. Sie finden das ehrlichste Blut in ihm und
ein eminentes, leider noch wildes Talent. Es rgert manches an ihm,
Kleinigkeiten vielleicht, die indessen doch einen Mangel an Bildung verraten,
genug, mich indignieren sie; nur ein Beispiel und Sie werden mir beistimmen. Man
traut mir billig zu, da ich kein Pedant bin mit archologischer Vielwisserei,
insofern sie dem Knstler nichts hilft. Stellt mir einer eine lobenswerte
Ariadne hin, so frag ich den Henker darnach, ob er wisse, da die Gemahlin des
Bacchus auch Libera heit. Macht es einen Mann aber nicht lcherlich, wenn er
von Gttern und Halbgttern nur eben wie ein Dragoner spricht? Werden es ihm
diejenigen vergeben, die auf den ersten Blick unmglich wissen knnen, da
dieser Mensch, so gut als einer, Charakteristik der Mythen versteht und
plastischen Sinn genug in Aug und Fingern sitzen hat? Nun stellen Sie sich vor,
neulich abends im Spanischen Hofe, es waren lauter grndliche Leute da, kmmt
auf ein paar Kunstwerke die Rede, Raymund fllt in seinen begeisterten Schu und
sagt wirklich vortreffliche Dinge, aber er spricht statt von Panen und Satyrn,
mir nichts dir nichts, und in vollem Ernste immer von Waldteufeln! Ist so was
auch erhrt? Ich sa wie auf Nadeln, schmte mich in sein Herz hinein, trat ihm
fast die Zehen weg und wollt ihm helfen; nichts da! ein Waldteufel um den
andern! und merkte das Lcheln nicht einmal, das hie und da auf die Gesichter
schlich. Nachher verwies ich ihm die Unschicklichkeit, und was ist seine
Antwort? Er lacht; nun, alter Papa, rief er, es mu mir doch erlaubt sein,
mitunter so zu sprechen, wie die Niederlnder malen durften! Der Hofrat lachte
selber aufs herzlichste, und man sah ihm an, wie lieb er den hatte, den er
soeben schalt. Ein stupender Eigensinn! Mich dauert nur die Braut.
    Wer ist sie denn eigentlich? fragte Nolten.
    Des Schlowrters F. Tochter.
    Was? hr ich recht? rief Nolten voll Verwunderung aus. O gute Henriette!
Wie manchmal hat dein wehmtiger Gesang unter meinen Gittern mich getrstet!
    Ja ja, versetzte der Hofrat, das war noch zur Zeit der liebekranken
Nachtigall!
    Der Maler fiel auf einige Augenblicke in se Gedanken. Die glckliche
Vereinigung dieser Liebenden war ihm von guter Vorbedeutung fr sich; denn hatte
nicht jene Verlassene in seiner kranken Einbildung einigemal die Stimme Agnesens
geborgt? und war er nicht auf dem Wege, der letztern auch den Brutigam
zurckzugeben?
    Nun aber fand er erst Zeit, den Hofrat in der Angelegenheit zu befragen, um
derentwillen er eigentlich gekommen war. Der alte Herr bedachte sich und zuckte
die Achseln. Ich wei nicht, an Ihrer Stelle ging' ich geradezu selbst hin -
die Grfin zwar soll unpa sein, den Grafen knnen Sie immer sprechen. Mein
Gott, was sollten denn diese Leute eigentlich gegen Sie haben? Soviel indessen
Theobald aus dem weitern Gesprch entnehmen konnte, war es geratener, sich nicht
persnlich auszusetzen. Der beste Ausweg fiel ihm aber ein. Eine Frau von
Niethelm, die intimste Freundin Constanzens, eine feine hochbegabte Dame, deren
Zeit und Talent vorzglich der Bildung zweier Prinzessen gewidmet war, hatte
sich ihm von jeher gewogen gezeigt; ihrer hoffte er sich nun als Mittelsperson
zu bedienen, und der glckliche Gedanke erfllte ihn augenblicklich dergestalt,
da er den Hofrat eilends verlassen wollte, als eben Raymund hereintrat. Der
feurige Mann umarmte ihn alsbald mit Enthusiasmus, und suchte ihm seine Achtung
auf jede Art zu bezeugen Um nicht unfreundlich zu erscheinen, verweilte Nolten
noch eine Viertelstunde, worauf er sich bestens empfahl.
    Gegen Abend trat er den Gang zur Gouvernantin an, nachdem er auf sein
Anmelden eine hfliche Einladung erhalten hatte. Unterwegs erst fiel ihm auf,
wie wenig er auf das, was zu sagen und wie es zu sagen war, vorbereitet sei; er
nahm sich schnell zusammen; eh er sich's versah, stand er im Zimmer der
Gouvernantin.
    Die zarte Dame empfing ihn im ganzen freundlich genug, und wenn dennoch
etwas von Zurckhaltung fhlbar war, So schien es, als ob sie nur ungerne und
mit Rcksicht auf Constanzen sich einigen Zwang auflegte.
    Ich bin, begann Nolten, als er der liebenswrdigen Frau gegenber Platz
genommen hatte, ich bin veranlat, in kurzem dieser Stadt und Gegend Lebewohl
zu sagen; Pflicht und Neigung fhren mich auswrts; aber wie sehr mu ich
wnschen, mit vollkommen beruhigtem Sinne scheiden zu knnen! Es ist so schn
und trstlich, sich im Andenken seiner Freunde gesichert wissen! Die Liebe, die
Neigung, die wir an einem Orte zurcklassen, gibt uns eine stille Gewhr, da
uns auch anderswo ein guter Stern erwarte. Mchte denn auch ich diesen Trost mit
mir nehmen drfen! mchten Sie, meine Gndige, mich in dieser frohen Zuversicht
bestrken knnen! - Indem sich mir in diesen Tagen eine Reihe ausgezeichneter
Personen, deren Bekanntschaft ich mich im Laufe dreier Jahre vielfach zu
erfreuen hatte, doppelt lebendig vor dem Geiste aufstellt, und indem ich mich
anschicke, den einzelnen noch ein herzliches Wort zu sagen, mu ich vor allen
jenes verehrten Hauses gedenken, dessen Gastfreundschaft mir unvergelich
bleibt, das mit den Edelsten dieser Stadt, und, wie freudig spreche ich es aus!
auch mit Ihnen, gndige Frau, mich in freundliche Verbindung setzte. Leider hat
das schne Verhltnis zuletzt eine Strung erlitten, die mir das ganze Glck
einer dankbaren Erinnerung fr alle Zukunft trben mu, und um so schmerzlicher,
da man mir aus den Grnden meines Migeschicks, insofern ich dieses selbst
verschuldet haben soll, ein Geheimnis macht. Sollte nun auch Ihnen, Verehrteste,
nicht erlaubt sein, meine Zweifel zu lsen, so gestatten Sie doch, da ich die
Versicherung bei Ihnen niederlege, ich sei mir, Ihrer teuren Freundin, sowie dem
Herrn Grafen gegenber, eines solchen Vergehens nicht bewut; vergnnen Sie, da
ich den Freunden, die mich nicht mehr zu sehen wnschen, die Aufrichtigkeit
meiner Gesinnungen durch Ihren Mund beteure.
    Die Gouvernantin, die in den Mienen des Malers, solange er sprach, mit
Aufmerksamkeit zu lesen gesucht hatte, schien keineswegs ungerhrt; zwar
erwiderte sie nur das Allgemeinste, doch sah man ihr an, sie htte herzlich
gerne mehr gesagt. Nolten gewann nun Mut, folgendergestalt fortzufahren: Wie
wre Ihnen zu verargen, gndige Frau, wenn sich Ihnen, so wie wir uns jetzt
einander gegenber befinden, und nach dem, was indessen alles zur Sprache
gekommen sein mag, ein unberwindliches Mitrauen gegen mich im Herzen aufwerfen
sollte! Ich fhle wohl, und Sie selber verbergen sich's nicht, wie fremde in
ganz kurzer Zeit Ihnen ein Mann geworden sei, der Ihnen frher nicht ganz unwert
gewesen. Sonst war es uns willkommener Genu, Erfahrung und Empfindung in
heiteren Gesprchen auszuwechseln, Entferntes und Nchstgelegenes lebendig
durcheinanderzumischen; stets schenkten Sie mir nachsichtsvolles Gehr, wenn,
wie es wohl dem jngeren Manne, der eben erst in eine vllig neue Welt eintrat
und vielfach Ursache findet, unzufrieden mit sich selbst zu sein, natrlich zu
geschehen pflegt, sich auch bei mir ein inniges Bedrfnis regte, mich einer
gemtvollen, geistreichen Frau bescheiden mitzuteilen, Ihnen meine Verehrung fr
jenes edle Haus im ersten glcklichen Erstaunen auszudrcken. Nun heute wieder,
wie gerne mcht ich den Zustand meines Innern offen und glubig vor Ihnen
enthllen, doch Ihr Verstummen verschchtert mir das Wort auf meinen Lippen! wie
gerne wrden Sie meiner Unruhe hlfreich entgegenkommen, doch wird es schwer,
den Faden des Vertrauens so schnell wiederaufzunehmen. Wohlan, meine teure,
meine hochverehrte Freundin, lassen Sie mich wenigstens einige Augenblicke der
schnen Tuschung leben, als sen wir noch so wie ehmals gegeneinander ber!
Erlauben Sie, da ich erzhle, was in der Zwischenzeit sich mit mir begeben, in
mir verndert hat. Lassen Sie mich keine Absicht nennen, wozu dies Bekenntnis
dienen soll. Es soll nur sein, als sprche ich zu einer Dame, von der ich wei,
sie nehme an meinem Schicksale allgemeinen heitern Anteil, und aus deren Munde
eine gnstige Divination meines knftigen Geschickes zu vernehmen mich hoch
beglcken wrde.
    Mit sanftem Lcheln forderte sie den Maler zu reden auf indem sie sagte:
Sie sollen eine emsige Zuhrerin haben, und was ihr an Prophetengabe mangelt,
werden die redlichsten Wnsche fr Ihr Wohl ergnzen. Somit war Theobald im
Begriff, seine Sache mit Agnesen, und wie sie sich durch Larkens' Ttigkeit
neuerdings umgestaltet, weitlufig darzulegen, und ebendamit auf indirekte Weise
sich gegen Constanze zu rechtfertigen. Aber in dem Augenblick, da er beginnen
will, berrascht ihn die ganze Schwierigkeit seiner Aufgabe und es tat wahrlich
not, da ihm der gute Geist noch schnell genug ein bequemes Mittel, sich aus
dieser Verlegenheit zu retten, eingab, worauf er sagte: So vermessen es sein
wrde, in Rtseln zu Ihnen reden zu wollen, so wenig kann es schaden, wenn ich
zuvrderst, um die Kluft, welche sich zwischen uns gelegt hat, erst nach und
nach und nur von weitem auszufllen, dasjenige, was nun zu sagen ist, mit
vernderten Namen in eine allgemeine Darstellung einkleide; so werde ich
unbefangner reden, ohne deshalb unverstndlicher oder der Wahrheit ungetreu zu
sein. Sofort wurde denn das Verlobtenverhltnis eines Antonio zu Clementinen,
von seiner ersten Entstehung bis zu dem drohenden Zerfall, es wurde das
ungeheure Irrsal, wozu Elisabeth Veranlassung gegeben, in allen seinen Wendungen
entwickelt. Einer Cornelia ward gedacht, Antonios Leidenschaft fr diese nicht
verhehlt, jedoch nur als einseitig zugegeben. Ein Mime Hippolyt lst heimlich
den fatalen Knoten, doch da er dies und wie er es auch bei Cornelien tat, davon
schweigt Nolten mit Bedacht, als wenn er selbst nicht darum wte. Er hatte sich
Zeit zu seiner Erzhlung genommen, um so mehr, als er das gespannteste Interesse
bei seiner Nebensitzerin wahrnahm; auch wurde er, wie wohl zu merken war,
vollkommen gut verstanden. Die ganze Geschichte, an sich abenteuerlich und
unglaublich, gewann durch einen gewandten und lebhaften Vortrag die hchste
Wahrheit. Endlich war er fertig, und nach einigem Stillschweigen versetzte die
Gouvernantin (whrend sie ihn mit einem Blick ansah, worin er ihren Dank fr die
zarte Schonung lesen sollte, die er gegen ihre Freundin und gewissermaen gegen
sie selbst mit seiner Fabel beobachtet hatte): Meint man doch wahrlich ein
Mrchen zu hren, so bunt ist alles hier gewoben!
    Es stehen Beweise fr die Wahrheit zu Dienste, erwiderte Theobald; ja ich
erbitte mir ausdrcklich die Erlaubnis, Ihnen dieser Tage einige Papiere
vorlegen zu drfen, welche Sie jedenfalls mit Interesse durchlaufen werden.
    Vielleicht, antwortete die Gouvernantin, kann ich anderwrts Gebrauch
davon machen, der Ihnen wnschenswert sein drfte.
    Was Sie tun werden, Gndigste, habe meinen innigsten Dank voraus!
versetzte Nolten mit einiger Hast, indem er ihr die Hand mit Ehrfurcht kte.
Sie war indessen nachdenklich geworden. Unvermerkt lenkte sie das Gesprch auf
die Grfin und es traten ihr Trnen in die Augen. Leider mu ich Ihnen sagen,
lieber Nolten, fuhr sie fort, es ist bei Zarlins seit einiger Zeit gar viel
anders geworden; auch unsre Krnzchen haben aufgehrt. Constanze ist nicht mehr
die sie war, ein seltsamer Gram wirft sie nieder. Lange wute niemand die
Ursache, selbst ich nicht, und mit Unrecht schrieb man alles krperlichem Leiden
zu, denn freilich leidet ihre Gesundheit mehr als je. Aber Gott wei, wie alles
zusammenhngt. Vorgestern nachts, als ich allein vor ihrem Bette sa, sprach sie
halb in der Hitze des Fiebers, halb mit Bewutsein dasjenige aus, wovon ich
glauben mu, da es wo nicht der einzige, doch immer ein Grund ihres angstvollen
Zustandes sei.
    Nolten, den diese Worte eine rasche und voreilige Ahnung erweckten, tat sehr
wohl, noch an sich zu halten, denn sogleich kam es ganz anders, als er erwartet
haben mochte.
    Ich bin berzeugt, fuhr die Gouvernantin fort, es handelt sich blo um
einen wunderlichen Zufall, um eine Kleinigkeit, worber mancher lcheln wrde;
gleichwohl ist jetzt sehr viel daran gelegen, und - werden mich vllig darber
aufklren knnen. - Sie haben ein Gemlde, worauf eine Frau abgebildet sein
soll, welche die Orgel spielt?
    Ganz recht.
    Sagen Sie doch, welche Bewandtnis hat es mit dem Bilde?
    Kennen Sie eine solche Person? Ist sie in der Wirklichkeit vorhanden?
    Nolten war durch die Frage natrlich frappiert. Er hatte, wie der Leser
wei, in der Skizze, die bei dem Gemlde zugrunde gelegen, jene Wahnsinnige
kenntlich genug gezeichnet, ja er hatte noch auf Tillsens ausgefhrtem Tableau
dem merkwrdigen Kopfe durch wenig beigefgte Striche die uerste hnlichkeit
gegeben. Constanzen war das Bild immer sehr wichtig gewesen und Nolten erinnerte
sich jetzt pltzlich des Traumes, den sie ihm damals mit so groer Bewegung
entdeckt. Er sagte nun der Gouvernantin: da, wenn er vorhin in seiner Erzhlung
von einer Zigeunerin gesprochen, ebendiese das Original zum Bilde des weiblichen
Gespenstes sei.
    Sonderbar! sagte die Gouvernantin, sehr sonderbar! - Wissen Sie nicht, ob
die Person sich neuerdings in hiesiger Stadt gezeigt hat?
    Vor etwa einem Monat wollen meine Freunde sie hier gesehen haben.
    Nun, Gott sei Dank! rief die Gouvernantin aus, so ist es doch wie zu
vermuten war; so darf mir doch nun die Arme Trost und Vernunft nicht lnger
bestreiten!
    Wer? fragte Theobald, wer sah denn -? doch nicht die Grfin?
    Nun ja!
    Himmel, und wo?
    In der Kirche.
    Jetzt rief der Maler sich auf einmal einen Umstand ins Gedchtnis, den man
sich vor mehreren Wochen in der Stadt erzhlte und woraus er damals nicht eben
sonderlich viel zu machen wute. Constanze hatte nmlich, bei nicht vlligem
Wohlsein, sonntags die Frhkirche besucht und whrend des Gottesdienstes den
sonderbaren Zufall gehabt, da sie pltzlich mit einem fr die Zunchstsitzenden
sehr vernehmlichen Laut des heftigsten Schreckens bewutlos niedersank. Sie
mute nach Hause getragen werden, wo sie sich in kurzem zu erholen schien. Die
wahre Ursache des Unfalls blieb durchaus Geheimnis. In der Kirche selbst wollten
einige bemerkt haben, da die Grfin unmittelbar, bevor sie ohnmchtig geworden,
den Blick starr nach dem offenstehenden Haupteingang gerichtet, wo sich mehreres
gemeine Gassenvolk unter die Tren gepflanzt hatte. Niemand aber gewahrte unter
dieser bunten Gruppe den Gegenstand einer so auerordentlichen Apprehension,
niemand war versucht, denselben in der gleichwohl stark genug hervorragenden
Gestalt einer Zigeunerin zu suchen.
    Es war bei Theobald nun gar kein Zweifel mehr, da jenes ungeheure Wesen, so
wie einst bei Agnesen mit Absicht, so nun hier bei der Grfin unwillkrlich ihn
abermals verfolgte. Es fing dieser Eigensinn des Schicksals ihm nachgerade
ngstlich zu werden an. Er hatte Mhe, seine Gedanken davon loszumachen, und auf
die Gegenwart, auf Constanzen zurckzulenken. Ihr Zustand bekmmerte ihn sehr;
denn aus allem, was die Gouvernantin von eigenen uerungen Constanzens
wiederholte, ging hervor, da das Entsetzen ber die Erscheinung in der Kirche
unmittelbar mit jenem Traume zusammenhing, und da die Grfin seit diesem
Auftritte mit heimlichen Gedanken an einen frhen Tod umgehe. Der Maler versank
in stilles Nachdenken, und ein tiefer Seufzer entwand sich seiner Brust. Wie
vieles, dachte er, mu hier zusammengewirkt haben, um den hellen und festen
Geist dieses Weibes zu betren! Wie sehr ist nicht zu glauben, da dies Gemt
lange zuvor mit sich selbst uneins gewesen sein msse, eh solche Trume es
gefangennehmen konnten! Er enthielt sich nicht, dergleichen gegen die
Gouvernantin zu uern, die ihm mit traurigem Kopfnicken beistimmte. Sie sah ihn
an, und sagte: Vergessen wir nicht, unsre Freundin ist krank, und - krank in
mehr als einem Sinne.
    Ein Besuch, welcher in dem Augenblick angesagt wurde, ntigte Theobalden zum
Aufbruch. Er empfahl sich mit der Bitte, in diesen Tagen nochmals erscheinen zu
drfen. Die versprochenen Papiere sandte er noch denselben Abend nach, jedoch
mit Auswahl, und namentlich ward jene Nachschrift zu Larkens' Brief mit
schonendem Bedacht zurckbehalten.

Obgleich er sich die Unterredung mit der Gouvernantin in gewissem Betracht nicht
besser htte wnschen knnen, denn eine vollstndige Ausgleichung des
widerwrtigsten Miverstndnisses war damit auf das sicherste eingeleitet, so
war er doch seitdem von einer unbegreiflichen Unruhe umgetrieben. Er konnte den
Tag nicht erwarten, an dem er endlich die Stadt wrde verlassen knnen.
Unverzglich fing er daher an, seine Anstalten zur Abreise zu treffen, besorgte
die Angelegenheiten seines Freundes, und machte nur die notwendigsten Besuche
ab, da ihm ein ungehriges, obwohl aufrichtiges Mitleid, womit man berall den
Scheidenden betrachten zu mssen glaubte, allzu verdrielich fiel. An den Herzog
richtete er ein allgemein verbindliches Billett, das er nicht ohne ein Lcheln
zusammenfalten konnte, weil es ihm diesmal gelungen war, mit mehreren Worten so
viel wie nichts zu sagen. Am herzlichsten entlie ihn Tillsen und der Hofrat,
welch letzterer ihm in den wunderbarsten Ausdrcken eine nie genugsam
ausgesprochene Neigung auf einmal verraten zu wollen schien, indem er zugleich
auf ein besonderes Verhltnis anspielte, das lngst zwischen ihnen beiden
bestnde, und welches zu entdecken er sich bis auf diese Stunde nicht habe
entschlieen knnen; auch jetzt berrasche ihn der Abschied des Malers
dergestalt, da er notwendig eine andere Zeit abwarten msse. Theobald, welcher
den Alten von jeher im Verdacht gehabt, als ob er mit einiger Schalkheit gerne
den Geheimnisvollen spiele, achtete wenig auf diese dunkeln Winke, obgleich dem
guten Manne die Rhrung sichtlich aus den Augen sprach.
    Sein letzter Ausgang am Schlu der vielgeschftigen Woche war zu der
Gouvernantin. Unglcklicherweise war eben Gesellschaft dort und die
liebenswrdige Frau konnte ihm nur wenige Augenblicke allein auf ihrem Zimmer
schenken. Sie zog einen versiegelten Brief hervor und sagte: Ihre neulichen
Mitteilungen haben der Grfin ein unerwartetes Licht gegeben, von dessen erster
erschtternder Wirkung ich jetzt nichts sage. Ich danke Gott, da dieser Kampf
vorber ist. Empfangen Sie hier das letzte Wort von unsrer Freundin. Seitdem sie
den Entschlu gefat, sich Ihnen zu offenbaren, ist endlich ein Schimmer von
Frieden bei ihr eingetreten, den zu befestigen ich mir nach Krften angelegen
sein lasse. Nur was dies Blatt betrifft, so darf ich nicht verschweigen, da es
im ersten Schmerz geschrieben wurde, wo es schien, als ob sie nur im
ungemessensten Ausdrucke ihrer Schuld einige Erhebung und ein willkommenes
Mittel gegen vllige Verzweiflung habe finden knnen. Schlieen Sie also aus
diesem Briefe nicht auf ihren Zustand berhaupt, den sicherlich die Zeit auch
heilen wird. Vielleicht erkennen Sie in diesen Linien, deren Inhalt ich wohl
ahnen kann, noch jetzt das schne Herz, das sein Vergehn mehr als genug
empfindet. Gewi, ich darf das sagen, ohne eben entschuldigen zu wollen - ach
leider, da ich es nicht kann! Aber wie gerne wollen wir der Armen alles
vergessen, wenn sie nur erst ihre Ruhe wiedergewonnen htte! O wten Sie,
Nolten, welche traurige Besorgnisse mir die Richtung einflte, der sich ihr
Geist starrsinnig hinzugeben drohte. Und noch bin ich nicht aller Sorge los. Zu
oft noch seh ich ihren Blick nach jener trben Seite hingekehrt, von wo sie sich
ein frhes Grab verkndigt glaubte. Denn selbst durch Ihre freundschaftlichen
Aufschlsse, sosehr sie uns zustatten kamen, konnte diese Vorstellung nicht ganz
zerstrt werden. Freilich sieht sie nun alles bis auf einen gewissen Grad
natrlich an, weil aber doch etwas Auerordentliches an dem Zusammentreffen der
Begebenheiten nicht zu leugnen und jener frhere Eindruck auch nicht so schnell
auszutilgen ist, so kann sie den Gedanken an eine solche Vorbedeutung nicht von
sich wegbringen. Aber lassen Sie mich abbrechen, eh ich weich werde, und ins
Klagen falle. Wie sehr bedaure ich, da Sie eben jetzt so eilig von uns mssen -
und doch, es wird auch wieder gut fr beide Teile sein. Und nun (sie ging an
einen Schrank und holte ein schnes Futteral hervor, das sie ihm in die Hand
drckte), zwei Freundinnen bitten, dies zu dem Hochzeitsschmuck der lieben
Braut zu legen und ihr zu sagen, wie sehr sie in der Ferne gekannt, wie
schwesterlich geliebt sie sei. Leben Sie wohl, und denken gerne mein.
    Ehe Theobald noch recht zu danken wute, hatte sie sich bereits, ihre
steigende Bewegung zu verbergen, leise zurckgezogen. Eilig ging er nach seiner
Wohnung, aufs hchste erstaunt ber die rtselhaften Dinge, die er soeben
gehrt. War es denn nicht, als sollte ihm ein Verbrechen Constanzens entdeckt
werden? Sprach nicht die Gouvernantin so, als wte er bereits darum? - Auf
seinem Zimmer angekommen, verschlo er hinter sich die Tr und las wie folgt:
    Nicht einen letzten Blick der Neigung, kein Auge des Mitleids sollen Sie
diesem Blatte gnnen, das von dem jammervollsten, ach zugleich von dem
unwrdigsten Weibe kommt; denn (davon hatten Sie bis diesen Augenblick noch
keine Ahnung) so wie mein Unglck, ist auch meine Schuld ohne Grenzen. Nie kann
ich hoffen, Sie mir zu vershnen, ja wre das mglich, ich kann keine Vergebung,
auf ewig keine, von mir erhalten. Aber die Strafe, die ich schrecklich genug im
eigenen Bewutsein trage, bin ich im Begriff aufs hchste zu schrfen, indem ich
meinen Frevel vor Ihnen enthlle, indem ich freiwillig Ihre ganze Verachtung,
Ihren gerechtesten Ha auf mich ziehe. Was hlt mich ab vom entehrendsten
Bekenntnis? Ist man noch eitel, ist man noch klug, sucht man ngstlich noch
einigen Schein fr sich zu bewahren, wenn man einmal sich selbst zu verachten
einen verzweifelten Anfang gemacht hat? Gleichgltig verzicht ich auf die
kleinen Knste, womit wir Armen sonst in solchen Fllen der Bedrngnis uns vor
uns selbst und vor Ihrem Geschlechte beschnigen. Hinweg damit! Dem besten, dem
edelsten Manne zeige sich, ganz wie es ist, das elende Geschpf, das ihn so
unerhrt betrogen. - Erfahren Sie's also, Constanze war's, durch deren Tcke
Ihnen Ihr harmloser Anteil an jener letzten Abendunterhaltung in unserem Hause
so schwer zu stehen kam, und - so wollte es die Wut eines Weibes, dessen
entschiedene Liebe sich beispiellos hintergangen whnte - ich htte vielleicht,
o ich htte gewi, wr es in meiner Macht gestanden, die Grausamkeit aufs
uerste getrieben. Der Himmel fand noch zeitig ein wunderbares Mittel, mich
einzuschrecken, mich zu zchtigen. Nun auf einmal zum trichten Kinde
verwandelt, von Gttern und Geistern verfolgt, eilt ich in meiner Herzensnot,
Sie zu befreien. Es gelang, und durch dieselbe Hand zwar, an die ich Sie zuerst
verraten. O Schande, Schande mein kurz gemenes Leben reicht nicht hin, sie zu
beweinen, wie sie es verdient, und - nein ich schweige; da Sie nicht etwa
denken, ich gehe darauf aus, durch bertriebne Selbstanklagen mir einen Funken
gerhrter Teilnahme zu erschleichen, so entsag ich der Wollust, mich jetzt im
Staube vor Ihnen zu winden. Aber hassen Sie, verdammen Sie mich keck, ja drft
ich mein ganzes Geschlecht wider mich aufrufen, mchten die Besten desselben
mich fremd aus ihrer Mitte weisen! das hrteste Gericht, drft ich's erdulden,
damit ich doch den einzigen Trost gensse, meine Bue vollendet zu sehen, eh
mein beflecktes Dasein sein Ende erreicht! Gott, du Gerechter, weit, ob ich
mich solcher Missetat je fhig halten konnte, bevor du mir diese Versuchung
bereitet! Doch da ich sie so schlecht bestand, das ffnet mir schaudernd die
Augen ber mich selbst, ber mein gesamtes Wesen. Die schnen Stunden auch, wo
mich die Liebe mit Hoffnungen der glcklichsten Zukunft tuschte und eine fromme
Weihe ber mein kommendes Leben harmonisch zu verbreiten schien - mit Trnen sag
ich mir, da selbst der Wert so reiner Augenblicke, so himmlischer Entschlsse,
nichtswrdig in jenem ungeheuern Abgrunde verschwindet, den dieses Herz, sein
selbst unkundig, mir bis daher verbarg. Nun ich mich aber kenne, nun, Gott sei
gepriesen, wei ich auch, wohin mein Trachten gehen mu. Doch davon red ich
Ihnen nicht, ich habe das mit einem Hhern.
    Nehmen Sie meinen Dank fr die Mitteilungen an die Niethelm; sie sind mir
treulich zugekommen. Ich wre verloren gewesen ohne sie; drum tausend, tausend
Dank fr die Barmherzigkeit!
    Aber mit welchen Empfindungen hab ich zugleich in die Wege blicken mssen,
in denen Ihr Geschick Sie fhrte! Nur eine Heilige wie Agnes, wird mit
Kinderhnden den wunderbaren Schieier lpfen, der ber Ihrem Schicksal liegt. In
diesem herrlichen Geschpf frwahr ist Ihnen die Befriedigung Ihres hchsten
Strebens aufbehalten. - Leben Sie wohl! wohl! Ach aus dem tiefsten Grund der
Seele wnsch ich, fleh ich, es mge Ihnen wohl ergehen. Welch einen Trost ich
darin fr mich suche, ahnet Ihnen kaum. Und drft ich nur einmal im Leben
Agnesen umarmen, den Engel, den ich preise! Sie ist die Glcklichste auf Erden,
ich aber bin die erste, die dieses Glck ihr gnnt. Lebt beide wohl, Ihr Teuren,
und lat mich; rmste fr Euch beten.

Wir lassen nun ber dem bisherigen Schauplatze von Noltens Leben den Vorhang
fallen, und wenn er jetzt sich aufs neue hebt, so treffen wir den Maler bereits
seit zweien Tagen auf der Reise begriffen. Wohin er seinen Weg nehme, fragen wir
nicht erst. Wir denken uns brigens wohl, da eben nicht die leidenschaftliche
Wonne des Liebhabers, wie man sie sonst bei solchen Fahrten zu schildern gewohnt
ist, auch nicht die bloe khle Pflicht es sei, was ihn nach Neuburg fhrt; es
ist vielmehr eine stille Notwendigkeit, die ihn ein Glck nur leise hoffen
heit, welches leider jetzt noch ein sehr ungewisses fr ihn ist. Denn
eigentlich wei er selbst nicht, wie alles werden und sich fgen soll.
Beharrlich schweigt sein Herz, ohne irgend etwas zu begehren, und nur
augenblicklich, wenn er sich das Ziel seiner Reise vergegenwrtigt, kann ein
ses Erschrecken ihn befallen.
    Er hat mit seinem muntern Pferde schon in der vierten Tagreise das Ende des
Gebirgs erreicht, das die Landesgrenze bezeichnet und von dessen Hhe aus man
eine weite Flche vor sich verbreitet sieht. Es war ein warmer Nachmittag.
Gemchlich ritt er die lange Steige hinunter und machte am Fu derselben Halt.
Er fhrte sein Pferd seitwrts von der Strae, band es an eine der letzten
Buchen des Waldes, wo zwischen kleinem Felsgestein ein frisches Wasser vorquoll.
Er selber setzte sich auf eine erhhte, mit jungem Moos bewachsene Stelle und
schaute auf die reiche Ebene, welche in grerer und kleinerer Entfernung
verschiedene Ortschaften und die glnzende Krmmung eines ansehnlichen Flusses
zeigte. Ein Schfer zog pfeifend unten ber die Flur, berall wirbelten Lerchen,
und Schlsselblumen dufteten in nchster Nhe.
    Den Maler bernahm eine mchtige Sehnsucht, worein sich, wie ihm deuchte,
weder Neuburg, noch irgendeine bekannte Persnlichkeit mischte, ein ser Drang
nach einem namenlosen Gute, das ihn allenthalben aus den rhrenden Gestalten der
Natur so zrtlich anzulocken und doch wieder in eine unendliche Ferne sich ihm
zu entziehen schien. So hing er seinen Trumen nach und wir wollen ihnen, da sie
sich von selbst in Melodieen auflsen wrden, mit einem liebevollen Klang zu
Hlfe kommen.

Hier lieg ich auf dem Frhlingshgel,
Die Wolke wird mein Flgel,
Ein Vogel fliegt mir voraus.
- Ach sag mir, alleinzige Liebe,
Wo du bleibst, da ich bei dir bliebe!
Doch du und die Lfte haben kein Haus.

Der Sonnenblume gleich steht mein Gemte offen,
Sehnend
Sich dehnend
In Lieben und in Hoffen.
Frhling, was bist du gewillt?
Wann werd ich gestillt?

Die Wolke seh ich wandeln und den Flu,
Es dringt der Sonne goldner Ku
Mir tief bis ins Geblt hinein;
Die Augen, wunderbar berauschet,
Tun als schliefen sie ein,
Nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet.

Ich denke dies und denke das,
Ich sehne mich, und wei nicht recht, nach was;
Halb ist es Lust, halb ist es Klage.
Mein Herz, o sage,
Was webst du fr Erinnerung
In golden grner Zweige Dmmerung?
Alte, unnennbare Tage!

Aber nicht allzulange konnte sich das Gefhl unseres Freundes in so allgemeinem
Zuge halten. Er nahm eine alte Locke Agnesens vor sich, es lag neben ihm im
Grase blitzend das kostbare Kollier der Grfin (denn dies war der Inhalt jenes
zierlichen Futterals), der Brief des Schauspielers ruhte auf seiner Brust.
Zrtlich drckte er alle diese Gegenstnde an seinen Mund, als htten sie
smtlich gleiches Recht an ihn.
    Ein leichter Regen begann zu fallen und Theobald erhob sich. Wir lassen ihn
seine Strae ungestrt fortziehn und sehen ihn nicht eher wieder, bis er mit dem
vierten Sonnenuntergang im letzten Dorfe angelangt ist, wo man ihn versichert,
da er von hier nur noch drei kleine Stndchen nach Neuburg habe. Auf dieser
letzten Station wollte er bernachten, sich zu strken, sich zu sammeln. Er tat
dies nach seiner Art mit der Feder in der Hand und legte sich sodann beruhigt
nieder. Der Morgen graute kaum und der Mond schien noch krftig wie um
Mitternacht, als Theobald den Ort verlie. So wie der Tag nun unaufhaltsam
vordrang, zog sich die Brust des Freundes enger und enger zusammen; aber der
erste Blitz der Sonne zuckt jetzt im roten Osten auf und entschlossen wirft er
allen Kleinmut von sich. Mit einer unvermuteten Wendung des Wegs ffnet sich ein
stilles Tal, das gar kein Ende nehmen will, aus ihm entwickelt sich ein zweites
und drittes, so da der Maler zweifelt, ob er das rechte whle; doch ritt er zu,
und die Berge traten endlich ein wenig auseinander. Herz, halte fest! ruft er
laut aus, da er auf einmal den Rauch von Husern zu entdecken glaubt. Er irrte
nicht, schon konnte man des Frsters heitere einstockige Wohnung mit ihren
grnen Lden, einzeln an die Seite des Bergs hinaufgerckt, unweit der Kirche,
liegen sehn. Herz, halte fest! klingt es zum zweitenmal in seinem Innern nach,
da ihn die Gassen endlich aufnahmen. Er gab sein Pferd im Gasthof ab, er eilte
zum Forsthaus.
    Herein! rief eine mnnliche Stimme aufs Klopfen an der Tr. Der Alte sa,
die Fe in Kissen gewickelt, im Lehnstuhl und konnte vor Freudeschrecken nicht
aufstehn, selbst wenn das Podagra es erlaubt htte. Wir sagen nichts vom hellen
Trnenjubel dieses ersten Empfangs und fragen mit Nolten sogleich nach der
Tochter.
    Sie wird wohl, ist die Antwort, ein Stckchen Tuch drben auf den
Kirchhof zur Bleiche getragen haben; die Sonne ist gar herrlich auen; gehn Sie
ihr nach und machen ihr gleich die kstliche berraschung! Ich kann nicht
erwarten, euch beieinander zu sehn! Ach mein Sohn! mein lieber trefflicher Herr
Sohn! sind Sie denn auch noch ganz der alte? Wie so gar stattlich und vornehm
Sie mir aussehen! Agnes wird Augen machen! Gehn Sie, gehn Sie! Das Kind hat
keine Ahnung. Diesen Morgen beim Frhstck sprachen wir zusammen davon, da
heute wohl ein Brief kommen wrde, und nun! - Theobald umarmte den guten Mann
wiederholt und so entlie ihn der Alte. Im Vorbeigehn fiel sein Blick zufllig
in die Kammer der Geliebten, er sah ein schlichtes Kleid von ihr, das er
sogleich wiedererkannte, bern Sessel hngen; der Anblick durchzckte ihn mit
stechender Wehmut, und schaudernd mute sein Geist ber die ganze Kluft der
Zeiten hinwegsetzen.
    Der Weg zum Kirchhof hinter dem Pfarrhaus zwischen den Haselhecken hin, wie
bekannt und fremd war ihm alles! Das kleine Pfrtchen in der Mauer stand offen;
er trat in den stille grnenden Raum, der mit seinen lndlichen Grbern und
Kreuzen die bescheidene Kirche umgab. Begierig und schchtern sucht er die
Gestalt Agnesens; hinter jedem Baum und Busch glaubt er sie zu ersphen;
umsonst; seine Ungeduld wchst mit jedem Atemzug; ermdet setzt er sich auf eine
hlzerne Bank unter den breiten Nubaum und berschaut den friedsamen Platz. Die
Turmuhr lt ihren festen Perpendikeltakt vernehmen, einsame Bienen summen um
die jungen Kruter, die Turteltaube gurret hie und da, und, wie es immer keinen
unerfreulichen Eindruck macht, wenn sich unmittelbar an die traurigen Bilder des
Todes und der Zerstrung die heitere Vorstellung eines ttig regsamen Lebens
anknpft, so war es auch hier wohltuend fr den Beschauer, mitten auf dem Felde
der Verwesung einzelne Spuren des alltglichen lebendigen Daseins anzutreffen.
Dort hatte der benachbarte Tischler ein paar frisch aufgefrbte Bretter an einen
verwitterten Grabstein zum Trocknen angelehnt, weiter oben blhten sich ein paar
Streifen Leinwand in der lustigen Frhlingsluft auf dem Grasboden, und von ganz
eigener Rhrung mute Theobald ergriffen werden, wenn er dachte, welche Hnde
dieses Garn gesponnen und sorglich es hieher getragen, wie manche Stunde des
langen Tages und der langen Nacht das treuste der Mdchen unter wechselnden
Gedanken an den Entfernten, in hoffnungsreichem Fleie, mit dieser Arbeit
hingebracht, whrend er, in bereiltem Wahne, mit sndiger Glut eine fremde
Neigung pflegte.
    Jetzt hatte er kein Bleibens mehr an diesem Ort, und doch konnte er den Mut
auch nicht finden, Agnesen geradezu aufzusuchen; er trat unschlssig in den
Eingang der Kirche, wo ihn eine angenehme Khle und, trotz der armseligen
Ausstattung, ein feierlicher Geist empfing. Haftete doch an diesen braunen
abgentzten Sthlen, an diesen Pfeilern und Bildern eine unendliche Reihe
frommer Jugendeindrcke, hatte doch diese kleine Orgel mit ihren einfachen Tnen
einst den ganzen Umfang seines Gemts erfllt und es ahnungsvoll zum Hchsten
aufgehoben, war doch dort, der Kanzel gegenber, noch derselbe Stuhl, wo Agnes
als ein Kind gesessen, ja den schmalen Goldstreifen Sonne, der soeben die
Rcklehne beschien, erinnerte er sich wohl an manchen Sonntagmorgen gerade so
gesehen zu haben; in jedem Winkel schien ein holdes Gespenst der Vergangenheit
neugierig dem Halbfremden aufzulauschen und ihm zuzuflstern: Siehe, hier ist
sich am Ende alles gleichgeblieben, wie ist's indessen mit dir gegangen?
    Zur Emporkirche stieg er nun auf; er sah ein altes Bleistiftzeichen wieder,
das er einst in einem bedeutenden Zeitpunkt, aberglubisch, gleichsam als Frage
an die Zukunft, hingekritzelt hatte - aber wie schnell bestrzt wendet seine
Aufmerksamkeit sich ab, als ihm durch die bestubten Glasscheiben auen eine
weibliche Figur auffllt, ber die er keinen Augenblick im Zweifel bleiben kann.
Agnes ist es wirklich. Sein Busen zieht sich atemlos zusammen, er vermag sich
nicht von der Stelle zu bewegen, und um so weniger, je treffender, je rhrender
die Stellung ist, worin eben jetzt ihm das Mdchen erscheint. Er ffnet behutsam
den Fensterflgel um etwas und steht wie eingewurzelt.
    Die den Kirchhof umschlieende Mauer bildet etwa in der Hlfte ihrer Hhe
ein breites fortlaufendes Gesimse, worauf sich ein Kreuz von alter
Steinhauerarbeit freistehend erhebt; an dessen Fue auf dem Gesimse sitzt, noch
immer in betrchtlicher Hhe ber dem Boden, das liebliche Geschpf mit dem
Strickzeug und im Hauskleide, so da dem Freunde das Profil des Gesichts
vollkommen gegnnt ist; an einem Arm des Kreuzes ber dem Kopfe der Sitzenden
hngt ein frischer Kranz von Immergrn, sie selber bckt sich soeben aufmerksam,
die Nadel leise an die Lippen haltend, gegen eine Staude vorwrts, worauf ein
Papillon die glnzenden Flgel whlig auf- und zuzieht; jetzt, indem er
auffliegt, gleitet ihr Blick flchtig am Fenster Theobalds hin, da diesem vor
entzcktem Schrecken beinahe ein Ausruf entfahren wre; aber das Kpfchen hing
schon wieder ruhig ber dem geschftigen Spiele der Finger. Schichtweise kam
einigemal der seste Blumengeruch gegen den Lauscher herbergeweht, um den
geistigen Nerv seiner Erinnerung nur immer reizender, betubender zu spannen,
denn diese eigentmliche Wrze, meint er, habe das Veilchen von jeher an keinem
Orte der Welt ausgehaucht, als hier, wo sich sein Duft mit den frhen Gefhlen
einer reinen Liebe vermischte.
    Er dachte jetzt ernstlich darauf, wie er am schicklichsten aus seinem
Versteck hervortreten, und sich dem ahnungslosen Mdchen zeigen wolle; aber,
durfte er bisher in schnem Vorgenu die Gestalt und alle das Regen und Bewegen
der Geliebten unbemerkt beobachten, so wollte ein artiger Zufall ihn auch den
langentbehrten Ton ihrer Stimme noch hren lassen. Der Storch, der seit uralter
Zeit sein Nest auf dem Kirchdache gehabt, spazierte mit sehr vieler Gravitt
erst unten im Gras, dann auf der Mauerzinne umher, als glte es eine
Morgenvisite bei Agnes. Hast schon gefrhstckt, Alter? komm, geh her! rief
sie und schnalzte mit dem Finger; der langbeinige Bursche aber nahm wenig Notiz
von dem herzlichen Grue und marschierte gelassen hinten vorber. Jetzt streckte
pltzlich der alte Frster den Kopf schalkhaft durchs Pfrtchen: Mu doch auch
ein bichen nach dem verliebten Paare schauen, das seine Freude so ganz aparte
haben will - Nun, mein Herzchen? dein Besuch? was luft er denn wieder weg?
Agnes, diese Worte auf den Storch ziehend, deutet mit Lachen seitwrts nach dem
fortstolzierenden Vogel: allein bevor der Frster sich nher mit ihr erklrt und
ehe das Mdchen die Mauerstufen ganz herunter ist, erscheint Nolten unter der
Kirchtr: Agnes, ihn erblickend, fllt mit einem leichten Schrei dem
zunchststehenden Vater um den Hals, wo sie ihr glhendes Gesicht verbirgt,
whrend unser Freund, der sich diese erschttert abgewandte Bewegung
blitzschnell durch sein bses Gewissen erklren lt mit einiger Verlegenheit
sich heranschmiegt, bis ein verstohlener, halbaufgerichteter Blick des Mdchens
ber des Alten Schulter hinweg ihm sagte, da Freude, nicht Abscheu oder Schmerz
es sei, was hier am Vaterherzen schluchze. Aber als das herrliche Kind sich nun
pltzlich gegen ihn herumwandte, ihm mit aller Gewalt leidenschaftlicher Liebe
sich um den Leib warf und nur die Worte vorbrachte: Mein! Mein! da htte auch
er laut ausbrechen mgen, wenn die bermacht solcher Augenblicke nicht die Lust
selbst der glcklichsten Trnen erstarren machte.

Indem man nach dem Hause zurckging, bedauerte man sehr, da Theobald den guten
Baron vor einigen Tagen nicht wrde begren knnen, da er seit einer Woche
verreist sei.
    Ich bin noch ganz freudewirr und dumm, sagte Agnes, wie sie in die Stube
traten, la mich erst zu mir selber kommen! Und so standen sie einander in
glcklicher Verwunderung gegenber, sahen sich an, lchelten, und zogen aufs
neue sich lebhaft in die Arme.
    Und was es schn geworden ist, mein Kind, Papa! rief Theobald, als er sie
recht eigens um ihre Gestalt betrachtete; was es zugenommen hat! Vergib, und
la mich immer nur staunen!
    Wirklich war ihre ganze Figur entschiedener, mchtiger, ja wie Theobald
meinte, selbst grer geworden. Aber auch alle die Reize, die der Brutigam ihr
von jeher so hoch angerechnet hatte, erkannte er wieder. Jenes tiefe Dunkelblau
der Augen, jene eigene Form der Augbraunen, die von allen brigen sich dadurch
unterschieden, da sie gegen die Schlfe hin in einem kleinen Winkel absprangen,
der in der Tat etwas Bezauberndes hatte. Dann stellten sich noch immer,
besonders beim Lachen, die vollkommensten Zahnreihen dar, wodurch das Gesicht
ungemein viel krftige Anmut gewann.
    Indessen das Wundersamste, und worauf ich mir selber etwas einbilden
mchte, das will der Herr, scheint's, absichtlich gar nicht entdecken! sagte
Agnes, indem eine kstliche Rte sich ber ihre Wangen zog. Wohl wute er, was
sie meine. Ihre Haare, die er bei seiner letzten Anwesenheit noch beinah blond
gesehen hatte, waren durchaus in ein schnes glnzendes Kastanienbraun
bergegangen. Theobalden war es beim ersten Blicke aufgefallen, aber auch
sogleich hatte sich ihm die sonderbare Ahnung aufgedrungen, Krankheit und
dunkler Kummer htten Teil an diesem schnen Wunder. Agnes selber schien nicht
im entfernten dergleichen zu denken, vielmehr sie fuhr ganz heiter fort: Und
meinst du wohl, es habe sonderlich viel Zeit dazu gebraucht? Nicht doch! fast
zusehends, in weniger als zwanzig Wochen war ich so umgefrbt. Die
Pastorstchter und ich, wir haben heut noch unsern Scherz darber.
    Am Abend sollte Nolten erzhlen. Allein dabei konnte wenig Ordentliches
herauskommen; denn wenn er sich gleich aus Larkens' Konzepten berzeugt hatte,
wie treulich ihm der Freund bereits in bezug auf gewisse Verlegenheitspunkte, so
namentlich auch wegen der Verhaftsgeschichte, zur Beruhigung der guten Leutchen
vorgearbeitet, so fand er sich nun doch durch die Erinnerung an jene gefhrliche
Epoche dem unvergleichlichen Mdchen gegenber im Herzen beengt und verlegen; er
verfuhr deshalb in seinen Erzhlungen nur sehr fragmentarisch und willkrlich,
und brigens, wie es bei Liebenden, die sich nach langer wechselvoller Zeit zum
ersten Male wieder Aug in Auge besitzen, natrlich zu geschehen pflegt,
verschlang die reine Lust der Gegenwart mit Ernst und Scherz und Lachen es
verschlang ein stummes Entzcken, wenn eins das andere ansah, jedes brige
Interesse und alle folgerechte Betrachtung. Wenn nun das junge Paar nichts, gar
nichts in der Welt vermite, ja wenn zuweilen ein herzlicher Seufzer bekannte,
man habe des Glckes auf einmal zu viel, man werde, da die ersten Stunden so
reich und berschwenglich seien, die Wonne der folgenden Zeit gar nicht
erschwingen knnen, so war der Alte an seinem Teil nicht eben ganz so zufrieden.
Er sa nach aufgehobenem Abendessen (Tischtuch und Glser muten bleiben)
geruhig zu einer Pfeife Tabak im Sorgensessel, er erwartete mancherlei Neues von
der Reise, vom Ausland und namentlich von Bekanntschaften des Schwiegersohns
dies und jenes Angenehme oder Ruhmvolle behaglich zu vernehmen. Agnes, den
Fehler wohl bemerkend, stie deshalb den Brutigam ein paarmal heimlich an, der
denn nach Krften schwatzend, gar bald den Vater in den besten Humor zu
versetzen und einigemal zum herzlichsten Gelchter anzuregen wute. Es fiel dem
ganz jugendlich auflebenden Greise noch ein, eine Flasche echten Kapweins,
welche der Baron verehrt, vom Keller bringen zu lassen, und immer wurde man
munterer.
    Von dem Vater, den wir im allgemeinen schon kennen, sagen wir bei dieser
Gelegenheit nur soviel: Es war ein Mann von gutem geraden Verstande, sein ganzes
Wesen vom besten Korn, und whrend die eigensinnige Strenge seines Charakters
durch die uerste Zrtlichkeit fr seine Tochter auf eine liebenswrdige Weise
gemildert schien, so war dagegen der Schwiegersohn beinahe der einzige Mensch,
vor dem er einen unbegrenzten Respekt fhlte. Denn eigentlich pflegte der Alte
etwas auf sich zu halten, und da er als Forstmann, zumal in frhern Zeiten, mit
einem hohen Jagdpersonal in vielfache Berhrung kam, als erfahrner und
grndlicher Mann gesucht und geschtzt war so durfte er sich zu einer solchen
Meinung gar wohl berechtigt glauben.
    Als man nach eilf Uhr sich endlich erhob, versicherten alle drei, es werde
vor freudiger Bewegung keins schlafen knnen. Kann ich's doch ohne das nicht!
seufzte der Frster, hab ich doch in jungen Jahren bei Tag und Nacht in Nsse
und Klte hantierend, mich um den wohlverdienten Schlaf meines Alters bestohlen!
nun hab ich's an den Fen. Doch mag's! Es denkt und lernt sich manches so von
Mitternacht bis an den lieben hellen Tag. Und wenn man sich dann so im guten
Bette sagen kann, da Haus und Eigentum von allen Seiten wohl gesichert und
geriegelt, kein heimlich Feuer nirgend ist, und so weit all das Ding wohl steht,
und dann der Mond in meine Scheiben fllt, so stell ich mir dann Tausenderlei
vor, stelle das Wild mir vor, wie's drauen im Dmmerschein aufm Waldwasen
wandelt und Fried und Freud auch hat von seinem Schpfer ich denke der alten
Zeit, der vorigen Jahre - sagt der Psalmist -, ich denke des Nachts an mein
Saitenspiel (denn das ist dem Weidmann seine Bchse), und rede mit meinem
Herzen, mein Geist mu forschen. Ja ja, Herr Sohn, lcheln Sie nur, ich kann
auch sentimentalisch sein, wie ihr das so nennt, ihr junges Volk. Nun, schlafen
Sie wohl! Er lpfte freundlich seine Zipfelmtze und Agnes durfte dem Brutigam
leuchten.

Es glnzte wieder die herrlichste Sonne in die Fenster des Forsthauses, um die
Bewohner zeitig zu versammeln.
    Agnes, seit lange gewohnt, die Stelle der Hausfrau zu behaupten, war am
ersten rege. Und aufs neue wie trat sie den Augen des Liebsten entgegen! Ein
ander Kleid als gestern, eher noch ein einfacheres, hatte sie angelegt, aber wie
alle das auch pate, sich innig schmiegte an ihr wahrstes Wesen, ja vllig eines
mit demselben ward! Gleich diesem neuen Tag war sie fr Nolten durchaus eine
Neue; gewi, wir sagen nicht zuviel, sie war der goldne Morgen selber. Soeben
hatte sie den Stcken Wasser gegeben, und es hing ihr ein heller Tropfen an der
Stirn; mit welcher Wollust kt' er ihn weg, kt' er die glatt und rein an
beiden Seiten heruntergescheitelten Haare!
    Er machte eine Bemerkung, die ihm das Mdchen nach einigem Widerspruch doch
endlich gelten lassen mute. Brute, deren Vter vom Forstwesen sind, haben vor
andern in der Einbildung des Liebenden immer einen Reiz voraus, entweder durch
den Gegensatz von zarter Weiblichkeit mit einem mutigen, nicht selten
gefahrbringenden Leben, oder weil selbst an den Tchtern noch der frische freie
Hauch des Waldes zu haften scheint; es sucht berdies die gemeinschaftliche
Farbe Grn solche Ideen gar gefllig zu vermitteln. Nur das letztere litt eine
Ausnahme bei Agnesen, welche die Eigenheit hatte, da sie diese muntre Farbe in
der Regel nicht, und nur sehr sparsam an sich leiden mochte.
    Sie ging, das Frhstck zu besorgen, und Nolten unterhielt sich mit dem
Frster. Das Gesprch kam auf Agnesens Krankheit und weil kein Teil dabei
verweilen mochte, sehr bald auf einen Gegenstand, wovon der Alte mit
Begeisterung, der Sohn mit einem stillen, fast scheuen Vergngen sprach - seine
Hochzeit. Man drfe nun damit nicht lange mehr zgern, meinte der Vater, meinte
auch Nolten, selbst Agnes hatte sich mit dem ernsten Gedanken mehr vertraut
gemacht. Eine Haupt frage war noch unentschieden: wo der Herr Sohn sich
niederlassen werde? Nun eben sprachen die Mnner darber. Auf einmal fragt
Nolten, den Kopf aufrichtend und horchend: Wer ist so musikalisch in der Kche?
wer pfeift denn? Sie tut's, die Agnes, antwortete der Alte gleichgltig,
indem er die Tr einen Augenblick ffnet, und fhrt gelassen in seiner Rede
fort. Man hrte das Mdchen mit der Magd verhandeln, Geschirre hin und her
stellen und dazwischen wohlgemut, wie unter Gedanken, trillern und pfeifen.
Unwillkrlich mute Nolten laut auflachen: die unbedeutendste Sache von der Welt
hat ihn berrascht. Es gibt unschuldige Kleinigkeiten, die mit unserm Begriffe
von einer Person, wenn er nur einigermaen etwas Idealisches hat,
schlechterdings zu streiten scheinen, ja ihn beinahe verletzen. Sogleich ward
Nolten von dieser Empfindung berhrt, von einer unangenehmen, wenn man will, und
sogleich fhlte er dieselbe in eine ganz entgegengesetzte, oder vielmehr in eine
gemischte, umschlagen, wobei ein pikanter Reiz unwiderstehlich war. Er htte
aufspringen mgen, die gespitzten Lippen zu kssen und zu beien, doch verharrte
er auf seinem Sitz, bis das Kind unbefangen hereintrat, da er denn nicht
umhinkonnte, ihr den Mund tchtig zu zerdrcken, ohne jedoch (er wute nicht,
was es ihm verbot) den nrrischen Grund seiner verliebten Laune zu verraten.
Ei, rief der Vater dazwischen, bis wir trinken, hole doch die Mandoline! das
ist dir, glaub ich, noch gar nicht eingefallen. Wie Feuer so rot wurde das
schne Kind bei diesem Wort. Es gibt einen Grad von Verlegenheit, der wirklich
furchtbar ist und das hchste Mitleid fordert; er kam bei Agnes selten vor, war
es aber der Fall, so wurden ihre Augen, ohne eigentlich zu trnen, pltzlich
schwimmend und ffneten sich mchtig weit, wie man etwa bei Somnamblen dies
bemerkt; es war unmglich, sie dann anzusehn, denn man ward innig bange, sie
stehe auf dem Punkt, wie durch ein Wunder zu zerflieen, wie eine leichte Wolke
sich vllig aufzulsen. Sie trat ngstlich hinter Theobalds Stuhl und ihr Finger
spielte hastig in seinem Haar. Niemand wagte weiter etwas zu sagen und so
entstand eine drckende Pause. Ein andermal! sagte sie kleinlaut und eilte in
die Kche.
    Der Vetter, der Lehrmeister, irrt sie, merk ich wohl, Ihnen gegenber. Doch
htt ich das nicht mehr erwartet, aufrichtig zu sagen.
    Wir wollen sie ja nicht stren! versetzte Theobald, lassen Sie uns ja
vorsichtig sein. Ich denke mich recht gut in ihr Gefhl. Des Mdchens Anblick
aber hat mich erstaunt, erschreckt beinah! Merkten Sie nicht, wie sie beim Wegen
die Farbe zum zweitenmal wechselte und schneebleich wurde?
    Sonderbar! sagte der Vater, mehr unmutig als besorgt, in jener
schwermtigen Periode konnte man dasselbe manchmal an ihr sehn und inzwischen
nie wieder, bis diesen Augenblick. Beide Mnner wollten nachdenklich werden,
aber Agnes brachte die Tassen.
    Beim Frhstck hielt man Rat, was heute begonnen werden sollte. Eh ich an
irgend etwas weiter denken kann, eh wir den Papa zum Wort kommen lassen mit
Besuchen, die zu machen, mit Rcksichten, die zu nehmen sind, erlauben Sie uns
das Vergngen, da Agnes mir zuvrderst das Haus vom Giebel bis zum Keller, von
der Scheune bis zum Garten, und alles nach der Reihe wieder zeige, was mich als
Knaben glcklich machte. Was waren das doch schne Zeiten! Sie hatten ihrer vier
Jungen im Hause, lieber Vater, die beiden Z., diese wilden Brder, mich und
Amandus, der ja nun Pfarrer drben ist in Halmedorf. Wie freu ich mich, ihn
wiederzusehn! wir mssen hinber gleich in den nchsten Tagen, hrst du mein
Schatz? hrt Ihr Papa? da mu dann jedes sein Hufchen Erinnerung herzubringen,
und es wird ein gro Stck Vergangenheit zusammen geben. Leider, sagte Agnes,
kann aus dieser Zeit von mir noch nicht die Rede sein; ich hatte nur erst
sieben Jahre, wie du zu uns kamst. Was? nicht die Rede? meinst du, der Tag,
der verhngnisvolle, schwarze Unglcks-Sonntagnachmittag werde nicht aufgefhrt
in unsern Schulannalen, wo du mein Exerzitienheft zur Hand kriegtest, es auf dem
Schemel hinter den Ofen nahmst und unmittelbar hinter das rote Pessime des
Rektors hin mit ungelenker Feder, in bester Meinung, eine ganze Front langer
hakiger P's und V's maltest? Welch ein Jammer, da ich das Skandal gewahr wurde!
Ich nahm dich, Gott verzeih mir's, bei den Ohren, und die andern auch ber dich
her, wie ein ergrimmter Bienentrupp wenn ein Feind einbrechen will! - Ach, und
was das immer ein saurer Gang war morgens mit dem Bcherriemen nach der Stadt
ins Lyzeum! denn der gute Rektor lag mir besonders scharf an. Aber, kam dann der
Samstag heran, der ersehnte Wochenschlu! wir sagten: im Himmel mte es immer
Samstagabend sein, denn selbst der Sonntag sei so lieblich nicht mehr. O ich mu
den Boden wiedersehn, wo wir das Heu durchwhlten, das Garbenseil, an welchem
wir uns schaukelten, den Teich im Hofe, wo man Fische grozog! Kirch und
Kirchhof, lachte der Vater, diese Herrlichkeiten haben Sie schon in
Augenschein genommen; zu den Glocken hinauf wird auch wohl noch der Steg zu
finden sein. Ei, und, warf Agnes dazwischen, deinen alten Gnstling, deinen
Geschaggien hast du auch schon gehrt! Theobald begriff nicht gleich, was sie
damit wollte, pltzlich fiel ihm mit hellem Lachen bei, sie meine einen alten
Nachtwchter, ber den sie sich lustig zu machen pflegten, weil er die letzten
Silben seines Stundenrufs auf eine eigne, besonders schn sein sollende Manier
entstellte.
    Soeben brachte der Bote von der Stadt die neuesten Zeitungen, die der Vater
schon eine Weile zu erwarten schien, denn er sparte seinen Kaffee und die zweite
Pfeife lag nur zum Anznden parat. Hflich, nach seiner Art, gab er dem Sohn die
Hlfte der Bltter hin, der sie indessen neben sich ruhen lie. Nein, sagte
er, wieder heimlich zu Agnesen gewendet, whrend der Alte schon in Politik
vertieft sa, ich habe Ksperchen die Nacht nicht gehrt. Ich habe!
versetzte sie, um drei Uhr, es war noch dunkel, rief er den Tag an; und,
setzte sie leise hinzu, an dich hab ich gedacht! aber wie! eben war ich
erwache, mich berfiel's auf einmal, du wrst hier, wirst mit mir unter einem
Dache! ich mute die Hnde falten, ein Krampf der Freude drckte sie mir
ineinander, so dankbar, froh und leicht hab ich mein Tage nicht gebetet. -
Gebt mal acht, Kinder, hub der Vater an: das ist ein Einfall vom russischen
Kaiser! superb, ganz excellent! Da hrt nur. Und nun ward ein langer Artikel
vorgelesen, wobei der Alte seine Wlkchen heftiger vom Mund abstie. Nolten
vernahm kaum den Anfang des Edikts, er ist noch hingerissen von den letzten
Worten Agnesens, woraus ihm alles Gold ihrer Seele entgegenschimmert
durchdringend ruht sein Blick auf ihr und zugleich ergreift ihn das Andenken an
Larkens auf das lebhafteste. Oh, htte er ausrufen mgen, warum mu er mir
jetzo fehlen? Er, dem ich diese Seligkeit verdanke, warum verschmht er, selbst
Zeuge zu sein, wie herrlich die Saat aufgegangen ist, die seine treue Hand im
stillen ausgestreut! Und ich soll hier genieen, indes ein freudelos Geschick,
ach, das eigne unersttliche Herz, ihn in die Ferne irren heit, verlechzend in
sich selber, ohn eine hlfreiche teilnehmende Seele, die seine heimlichen
Schmerzen besprche, in die Tiefe seines Elends bescheidnen Trost hinunterleiten
knnte! Ihn so zu denken! und keine Spur, keine Ahnung, welcher Winkel der Erde
mir ihn verbirgt. Und wenn ich ihn nimmer fnde? Gott! wenn er bereits, wenn er
in diesem Augenblick dasjenige verzweifelt ausgefhrt htte, womit er sich und
mich so oft bedrohte -! Eine Sorge, die nur erst als schwacher Punkt zuweilen
vor uns aufgestiegen und immer glcklich wieder verscheucht worden war, pflegt
tckischerweise gerade in solchen Momenten uns am hartnckigsten zu verfolgen,
wo alles brige sich zur freundlichen Stimmung um uns vereinigen will. Im
heftigen Zugwinde einer aufgescheuchten Einbildungskraft drngt sich schnell
Wolke auf Wolke, bis es vollkommen Nacht um uns wird. So ballte mitten in der
lieblichsten Umgebung das riesenhafte Gespenst eines abwesenden Geschickes seine
drohende Faust vor Theobalds Stirn, und so war pltzlich eine sonderbare
Gewiheit in ihm aufgegangen, da Larkens fr ihn verloren sei, da er auf eine
schreckliche Art geendigt habe. Er ertrug's nicht mehr, stand auf von seinem
Sitze, und ging im Zimmer umher. Die se Nhe Agnesens beklemmt ihn wunderbar,
eine unerklrliche Angst befllt ihn, ihm ist, als wenn ihn diese reine
Gegenwart mit stillem Vorwurf wie einen Fremden, Unwrdigen, ausstiee. Dies
Zimmer, der Alte mit seiner Tochter, die ganze Szene, die ihm ein Blitz des
Gedankens im vollen berraschenden Kontraste mit der Vergangenheit aufreit und
erhellt, dnkt ihm auf einmal Duft und Traum zu sein, ja, wre das, was er hier
um sich her mit Augen sah, durch einen mchtigen Zauber urpltzlich vor ihm
versunken und verschwunden, er htte darin nur die natrliche Auflsung einer
ungeheuren Illusion gesehen.
    Glcklicherweise war die Aufmerksamkeit Agnesens whrend dieser heftigen
Bewegung Theobalds vllig auf den Vater gespannt, der es liebte, mit seiner
Tochter ber politische Begebenheiten zu rsonieren und ihr Urteil daran zu
prfen und zu ben.
    Unser Freund kam sich ganz verstoen und verlassen vor, und wenn sein Blick
auf das liebe Mdchen fiel, so schien sie ihm gar nicht mehr anzugehren, ihn
niemals etwas angegangen zu haben.
    Wie nun aber unser Herz, durch die Dazwischenkunft eines kleinen Umstandes
sich von einem uersten zur natrlichen Empfindung geschwind umschwenken zu
lassen, eine wohlttige Fertigkeit besitzt, so war, als nun die Tre aufging und
unerwartet der gute alte Baron eintrat, unser Freund alsbald sich selbst
zurckgegeben, und nicht die Erscheinung einer Gottheit htte ihm wohler tun
knnen. Mit ausgestreckten Armen eilt er auf ihn zu und liegt schluchzend, als
ein Kind, am Halse des ehrwrdigen Mannes, dessen weigelockten Scheitel er mit
Kssen deckt. Auch bei den brigen war Freude und Verwunderung gro; sie hatten
den gndigen Herrn noch hinter Berg und Tal gedacht, und er erzhlte nun, wie
ein Ungefhr ihn frher heimgefhrt, wie man ihm gestern abend spt bei seiner
Ankunft gesagt, da der Maler angekommen, und wie er denn kaum habe erwarten
knnen, denselben zu begren.
    Es macht bei solchen Veranlassungen eine besonders angenehme Empfindung, zu
bemerken, wie Freunde, zumal ltere Personen, welche man geraume Zeit nicht
gesehn, gewisse uerliche Eigentmlichkeiten, gewohnte Liebhabereien,
unverndert beibehielten; dies Beharren gewhrt uns eine Art von Versicherung
fr unser eignes Dasein, denn indem wir in den Alten das Leben, das diese so
eifrig festhalten, doppelt liebgewinnen, finden wir Jngere uns zugleich in
unsern Ansprchen darauf und in einem herzhaften Genusse desselben bestrkt. So
hatte der Baron bei diesem Besuche seinen gewohnten Morgenspaziergang, den er
seit vielen Jahren immer zur selben Stunde machte, im Aug, so stellte er sein
Rohr noch wie sonst in die Ecke zwischen den Ofen und den Gewehrschrank, noch
immer hatte er die unmodisch steifen Halsbinden, die an seine frhere
militrische Haltung erinnerten, nicht abgeschafft. Aber zum peinlichen
Mitleiden wird unsre frohe Rhrung umgestimmt, wenn man wahrnehmen mu, da
dergleichen alles nur noch der Schein des frhern Zustandes ist, da Alter und
Gebrechlichkeit diesen berbliebenen Zeichen einer bessern Zeit widersprechen.
Und so betrbte auch Nolten sich im stillen, da er den guten Mann genauer
betrachtete. Er ging um vieles gebckter, sein faltiges Gesicht war bedeutend
blsser und schmaler geworden, nur die wohlwollende Freundlichkeit seines Mundes
und das geistreiche Feuer seiner Augen konnte diese Betrachtungen vergessen
machen.
    Whrend nun zwischen den vier Personen das Gesprch heiter und gefllig hin
und her spielt, kann es bei aller uern Unbefangenheit nicht fehlen, da Nolten
und der Baron durch Blick und Miene, noch mehr aber durch gewisse zufllige,
unbeschreibliche Merkmale des Ideengangs sich einander unwillkrlich verraten,
was jeder von beiden bei diesem Zusammentreffen besonders denken und empfinden
mochte, und unser Freund glaubte den Baron vollkommen zu verstehen, als dieser
mit ganz eignem Wohlgefallen und einer Art von Feierlichkeit seine Hand auf das
schne Haupt Agnesens legte, indem er einen Blick auf den Brutigam
hinberlaufen lie. Nolten fand einen Trost darin, da er den heimlichen
Vorwurf, das teure Geschpf so tief verkannt zu haben, mit einem Manne teilen
durfte, den er so sehr verehrte; ja es war diese Idee, wiewohl vielleicht nur
dunkel, eben dasjenige gewesen, was ihm gleich bei des Barons Eintritt ins
Zimmer die grte Last vom Herzen weggenommen. Der feine Greis mochte brigens
recht haben, jene verdeckte Zwiesprache der Gedanken sogleich abzuschneiden,
indem er in allgemeinen heitern Umrissen von Theobalds Glck, wie es von unten
herauf mit ihm verfahren, eine Darstellung machte, und man so auf die Jugendzeit
Theobalds zu sprechen kam. Agnes inzwischen hatte sich in Geschften entfernt.
    Man sagt mir noch auf den heutigen Tag ins Gesicht, begann der Maler, und
selbst mein wertester Herr Papa gibt zuweilen zu verstehen, ich sei lnger als
billig ein Knabe geblieben. Zu leugnen ist nun nicht, meine Streiche als Bursche
von sechzehn Jahren sind um kein Haar besser gewesen, als eines Eilfjhrigen, ja
meine Liebhabereien sahen vielleicht bornierter aus, wenigstens hatten sie die
praktische Bedeutung nicht, um derentwillen man diesem Alter manche Spiele,
wren sie auch leidenschaftlich und zeitvergeudend, noch allenfalls verzeihen
kann. Bei meiner Art sich zu unterhalten, wurde der Krper wenig gebt;
Klettern, Springen, Voltigieren, Reiten und Schwimmen reizten mich kaum; meine
Neigung ging auf die stilleren Beschftigungen, fters auf gewisse Kuriositten
und Sonderbarkeiten. Ich gab mich an irgendeinem beschrnkten Winkel, wo ich
gewi sein konnte, von niemanden gefunden zu werden, an der Kirchhofmauer, oder
auf dem obersten Boden des Hauses zwischen aufgeschtteten Saatfrchten, oder im
Freien unter einem herbstlichen Baume, gerne einer Beschaulichkeit hin, die man
fromm htte nennen knnen, wenn eine innige Richtung der Seele auf die Natur und
die nchste Auenwelt in ihren kleinsten Erscheinungen diese Benennung verdiente
denn da ausdrcklich religise Gefhle dabei wirkten, wte ich nicht,
ausgeschlossen waren sie auf keinen Fall. Ich unterhielt zuzeiten eine
unbestimmte Wehmut bei mir, welche der Freude verwandt ist, und deren
eigentmlichen Kreis, Geruchskreis mcht ich sagen, ich, wie den Ort, woran sie
sich knpfte, willkrlich betreten oder lassen konnte. Mit welchem
unaussprechlichen Vergngen konnte ich, wenn die andern im Hofe sich tummelten,
oben an einer Dachlcke sitzen, mein Vesperbrot verzehren, eine neue Zeichnung
ohne Musterblatt vornehmen! Dort nmlich ist ein Verschlag von Brettern, schmal
und niedrig, wo mir die Sonne immer einen besondern Glanz, berhaupt ein ganz
ander Wesen zu haben schien, auch konnte ich vllig Nacht machen, und (dies war
die hchste Lust), whrend auen heller Tag, eine Kerze anznden, die ich mir
heimlich zu verschaffen und wohl zu verstecken wute. Herr Gott, du namenlose
Gte! rief der Frster aus, htt ich und meine selige Frau damals gewut, was
fr ein gefhrlich Feuerspiel - So verging eine Stunde, fuhr Nolten fort, der
ungern unterbrochen war, bis mich doch auch die Gesellschaft reizte, da ich
denn ein Ruberfangspiel, das mich unter allen am meisten anzog, so lebhaft wie
nur irgendeiner, mitmachte. Jngere Kinder, darunter auch Agnes, hrten des
Abends gern meine Mrchen von dienstbaren Geistern, die mir mit Hlfe und
Schrecken jederzeit zu Gebote standen. Sie durften dabei an einer hlzernen
Treppenwand zwei Astlcher sehen, wo jene zarten Gesellen eingesperrt waren; das
eine, vor das ich ein dunkles Lppchen genagelt hatte, verwahrte die bsen, ein
anderes (oder das vielmehr keines war, denn der runde Knoten stak noch natrlich
ins Holz geschlossen) die freundlichen Geister; wenn nun zu gewissen Tageszeiten
eben die Sonne dahinter schien, so war der Pfropf vom schnsten Purpur brennend
rot erleuchtet; diesen Eingang, solange die Rundung noch so glhend durchsichtig
schien, konnten die luftigen Wesen gar leicht aus und ein durchschweben;
unmittelbar dahinter dachte man sich in sehr verjngtem Mastab eine ziemlich
weit verbreitete See mit lieblichen, duftigen Inseln. Nun war das eine Freude,
die Kinder, die andchtig um mich herstanden, ein Kpfchen ums andre
hinaufzulpfen, um all die Pracht so nahe wie mglich zu sehn, und jedes glaubte
in der schnen Glut die wunderbarsten Dinge zu entdecken; natrlich! hab ich's
doch beinah selbst geglaubt! - Jedoch, es ist nicht schicklich, so lange von
sich selbst zu reden, nur wenn Sie das Bekenntnis belustigen kann, Papa, so will
ich gern gestehn, da der alte Theobald noch jetzt zuweilen sich ber einer Spur
von diesen Kindereien ertappt.
    Der Frster schttelte den Kopf und lie nach seiner Gewohnheit, wenn ihn
etwas sehr wunderte, ein langes sss - t! vernehmen. Der Baron dagegen hatte
mit einem ununterbrochenen lieben Lcheln zugehrt und sagte jetzt: hnliche
Dinge habe ich von andern teils gehrt, teils gelesen, und alles, was Sie
sagten, trifft mit der Vorstellung berein, die ich von Ihrer Individualitt
seit frh gehabt. Oberhaupt preis ich den jungen Menschen glcklich, der, ohne
trge oder dumm zu sein, hinter seinen Jahren, wie man so spricht, weit
zurckbleibt; er trgt gewhnlich einen ungemeinen Keim in sich, der nur durch
die Umstnde glcklich entwickelt werden mu. Hier ist jede Absurditt Anfang
und uerung einer edeln Kraft, und dieses Brten, wobei man nichts herauskommen
sieht, das kein Stck gibt, ist die rechte Sammelzeit des eigentlichen innern
Menschen, der freilich eben nicht viel in die Welt ist. Ich kann es mir nicht
reizend und rhrend genug vorstellen, das stille gedmpfte Licht, worin dem
Knaben dann die Welt noch schwebt, wo man geneigt ist, den gewhnlichsten
Gegenstnden ein fremdes, oft unheimliches Geprge aufzudrcken, und ein
Geheimnis damit zu verbinden, nur damit sie der Phantasie etwas bedeuten, wo
hinter jedem sichtbaren Dinge, es sei dies, was es wolle - ein Holz, ein Stein,
oder der Hahn und Knopf auf dem Turme - ein Unsichtbares, hinter jeder toten
Sache ein geistig Etwas steckt, das sein eignes, in sich verborgnes Leben
andchtig abgeschlossen hegt, wo alles Ausdruck, alles Physiognomie annimmt.
    Nur werden Sie mir zugeben, versetzte Nolten, da dergleichen Eigenheiten
auch gefhrlich werden knnen, wenn ich Ihnen den freilich nur sehr schwachen
Anfang einer fixen Idee in einem Kindergemt vortrage, einen Fall, den Sie
wenigstens bei diesem Alter nicht gesucht haben wrden. Ich rede von meiner
Braut, von Agnesen. Da das gute Kind es nicht hrt, so knnen wir offen davon
sprechen; es ist zugleich ein Beweis, wie ein unheimlicher Hang bei ihrer
brigens so reinen und schnen Natur doch frhzeitig vorhanden war, und wie sehr
man seit den Vorfllen vom vorigen Jahre Ursache haben mag, sich bei ihr in acht
zu nehmen. Erzhlen Sie's dem Herrn Baron, Vater, da ich's ja auch nur von Ihnen
erfuhr, wissen Sie, die frhere Grille des Mdchens bei Gelegenheit als vom
Auslande, von fremden Stdten, die Rede war.
    Nun, meine Tochter war etwa zehn Jahre, zur Zeit, da Ihr Herr Bruder, der
Herr Oberforstmeister, von Ihren Reisen zurckkamen, und die Gnade hatten,
manchmal in meinem Hause davon zu erzhlen. Dieser Herr, nachdenklich und
ernsthaft, aber freundlich und gut gegen Kinder, machte auf das Mdchen einen
besondern Eindruck, der ihr lange geblieben ist. Nun kommt sie einmal (die
Gesellschaft war gerade weggegangen) von ihrem Sitz hinter dem Ofen, wo sie eine
Zeitlang ganz still gesessen und gestrickt hatte, hervor, stellt sich vor mich
hin, sieht mir scharf ins Gesicht und lacht mich an, wie ber etwas das mir
schon bewut sein mte, und dabei fhrt sie mir mit der Stricknadel schalkhaft
ber die Stirn. Auf meine Frage, was dies zu bedeuten habe, gibt sie keine
deutliche Antwort und geht wieder an ihren Platz. So treibt sie's zu
verschiedenen Zeiten ein paarmal. Zuletzt ward ich doch ungeduldig und fuhr sie
etwas hart an, da fiel sie in ein Weinen, indem sie sagte: Gesteht es nur Papa,
da es die Lnder und Stdte gar nicht gibt, von denen Ihr alls redet mit dem
Herrn; ich merke wohl, man tut nur so, wenn ich um den Weg bin, ich soll wunder
glauben, was alles vorgehe drauen in der Welt, und was doch nicht ist; deswegen
lat Ihr mich auch nie weiter als bis nach Weil, nach Grebenheim und Neitze.
Zwar da unsers Knigs Land sehr gro ist, und da die Welt noch viel viel
weiter geht auch noch andre Vlker sind, wei ich wohl, aber Paris, das ist
gewi kein Wort, und London, so gibt es keine Stadt; Ihr habt es nur erdacht und
tut so bekannt damit, da ich mir alles vorstellen soll. - So ungefhr schwatzte
das einfltige Ding; halb rgert's mich, halb mut ich lachen. Ich gab mir Mhe,
ihr alles klar auseinanderzusetzen, wies ihr auch die Karten, die sie brigens
schon oft gesehen hatte; dabei lauschte sie immer auf meine Miene, und der
kleinste Zug von Lachen brachte sie fast zur Verzweiflung. Nun, die Kaprice
verlor sich bald, und als ich sie vor etlichen Jahren wieder dran erinnerte,
lachte sie sich herzlich selber drber aus, erklrte deutlicher, wie's ihr
gewesen, und sagte - ich wei nicht was alles. Kurz, nahm Theobald das Wort,
es luft darauf hinaus, da sie sich als Mittelpunkt und Zweck einer groen
Erziehungsanstalt betrachtete, die auf jene Weise allerlei lebhafte Ideen in des
Kindes Kopfe habe in Umlauf setzen und seinen Gesichtskreis durch eine Tuschung
erweitern wollen, deren Nutzen sie zu ahnen glaubte, doch nicht begriff. Sie
vermutete, man wisse berall, wohin sie komme, wer ihr da und dort begegnen
werde, und da seien alle Worte abgekartet, alles auf das sorgfltigste
hinterlegt, damit sie auf keinen Widerspruch stoe. brigens hatte sich die
Grille durchaus nicht so festgesetzt, da sie nicht dazwischen hinein wieder
lngere Zeit ganz frei davon gewesen wre, sie schien sich selbst nicht recht
dabei zu trauen. Ich habe sie nie darber fragen mgen.
    Indessen, sagte der Baron nach einigem Besinnen, bei nherer Betrachtung
zeigt sich doch, es gehrt dieser skeptische Kasus, der allerdings hchst
merkwrdig bleibt, nicht ganz in unser voriges Kapitel. Lassen Sie uns noch
einen Augenblick zu jenem glcklichen Mystizism des Knabenalters zurckkehren!
denn eigentlich sind es doch nur die Knaben, nicht aber die Mdchen, bei denen
er sich findet. Das wollt ich noch sagen: denken Sie wohl, da Subjekte von
dieser angenehm phantastischen Komplexion - wozu ich berdies, was nicht
notwendig dabeisein mu und bei den wenigsten ist, eine grere Portion Geist
berhaupt zusetze - da, sag ich, solche Individuen jedesmal zu Dichtern und
Knstlern geboren sind? ich sollte nicht meinen.
    Keineswegs! versetzte Nolten. Ich habe mir bei einem Manne, der scheinbar
nicht hieher gehrt, bei Napoleon, einige geheime Eigenschaften gemerkt, welche
sich sehr gut an gewisse Fdchen von Lichtenbergs eigenster Natur anknpfen
lassen; sie berhren zwar nicht eben das, wovon wir jetzo reden, aber sie hngen
mit einer Gattung Aberglauben zusammen, der ein Grenznachbar aller
Idiosynkrasien ist.
    Napoleon! rief der Baron aus, als wenn nicht auch sein Aberglaube nur
angenommene Maske wre!
    Machen Sie mir ihn nicht vollends zum seichten Verbrecher! entgegnete
Nolten. Er war nchtern berall, nur nicht in dem tiefsten Schachte seines
Busens. Nehmen Sie ihm nicht vollends die einzige Religion, die er hatte, die
Anbetung seiner selbst oder des Schicksals, das mit gttlicher Hand ihm einen
Spiegel vorzuhalten schien, worin er sich und die Notwendigkeit seiner Taten
erblickte.
    Wir lassen das gut sein, versetzte der Baron, soweit ich Sie aber
verstehe, haben Sie vollkommen recht. Das Schicksal verwendet die Krfte, welche
verschrnkt in einem Menschen liegen knnen, gar mannigfaltig, und aus einer
Mischung von Poesie, bald mit politischem Verstand, bald mit philosophischem
Talent, mit mathematischem Sinn u.s.f., in einem und demselben Subjekte springen
die wunderbarsten, die grten Resultate hervor, vor denen die Gelehrten gaffend
und kopfschttelnd stehn und wodurch das lahme Rad der Welt auf lange hinein
wieder einen tchtigen Schwung erhlt. Da scheint denn die Natur vor unsern
eingeschrnkten Augen sich auf einmal selbst zu widersprechen, oder wenigstens
zu bertreffen, sie tut aber keines von beiden. Zwei heterogen scheinende Krfte
knnen sich wunderbar einander strken, und das Trefflichste hervorbringen. Doch
ich verirre mich. - Ich wollte von Ihren kindischen Gestndnissen aus nur auf
den Punkt kommen, wo der Philister und der Knstler sich scheiden. Wenn dem
letztern als Kind die Welt zur schnen Fabel ward, so wird sie's ihm in seinen
glcklichsten Stunden auch noch als Mann sein, darum bleibt sie ihm von allen
Seiten so neu, so lieblich befremdend.
    Am meisten als Enthusiast hat Novalis (der mir brigens dabei nicht ganz
wohl macht) dieses ausgesprochen, soweit es den Dichter angeht -
    Ganz recht! fiel Nolten ein; aber wenn dem wahren Dichter bei dieser
besondern Anschauungsweise der Auenwelt jene holde Befremdung durchaus eigen
sein mu, selbst im Falle sie sich in seinen Produktionen nicht ausdrcklich
verraten sollte so kann dagegen die Vorstellungsart des bildenden Knstlers ganz
entfernt davon sein, ja sie ist es notwendig. Auch der Geist, in welchem die
Griechen alles personifizierten, scheint mir vllig verschieden von demjenigen
zu sein, was wir soeben besprechen. Ihre Phantasie ist mir hiefr viel zu frei,
zu schn und, mcht ich sagen, viel zu wenig hypochondrisch. Ein Totes,
Abgestorbenes, Fragmentarisches konnte in seiner Naturwesenheit nichts Inniges
mehr fr sie haben. Ich mte mich sehr irren, oder man stt hier wiederum auf
den Unterschied von Antikem und Romantischem.
    Nun kam das Gesprch auf Theobalds neuste Arbeiten, und da es hierauf
abermals eine gewisse allgemeine Wendung nehmen wollte, sagte der Baron, indem
er auf die Uhr sahe: Damit wir nun aber nicht unversehens in den
unfruchtbarsten aller Dispute hineingeraten, denn wir sind auf dem Wege, was
nmlich strkender sei, ionische Luft einzuatmen, oder den sesten Himmel, wo
er den Umri einer Madonnawange berhrt, so entlassen Sie mich, damit ich meinen
gewohnten Marsch antrete. Auf den Abend hoffe ich Sie bei mir zu sehn, und Sie
sagen mir dann mehr von Ihrem angefangenen Narzi. Da Nolten wute, da der
alte Herr morgens gerne allein auf seinen Gtern herumging, so drang er seine
Begleitung nicht auf. Er bat Agnesen zu einem Gang ins Grtchen; sie befahl der
Magd einige Geschfte, ging in ihre Kammer, ein Halstuch zu holen, und Theobald
folgte ihr dahin.
    Hier sieh auch einen Mdchenkram! sagt sie, indem sie die Schublade
herauszieht, wo eine Menge Kstchen, Schchtelchen, allerlei bescheidner Schmuck
bunt und nett beieinanderlag. Sie nahm ein rotes Schatullchen auf, drckte es an
die Brust, legte die Wange darauf und sah Theobalden zrtlich an: Deine Briefe
sind's! mein bestes Gut! Einmal hast du mich diesen Trost lange entbehren
lassen, und dann, als du gefangen warst, wieder; aber gewi, ich habe mich nicht
zu beklagen. Unserm Freund ging ein Stich durchs Herz und er erwiderte nichts.
    Dein neuestes Geschenk (es war eine kleine Uhr), siehst du, fuhr sie
fort, indem sie eine zweite Schublade zog, soll hier seinen Platz nehmen, es
gehrt ihm eine vornehme Nachbarschaft. Aber, Seele! was hast du damals gedacht?
Das ist der Putz fr eine Grfin, nicht fr unsereine! (Sie zeigte einen
geschmackvollen Spenzer von dunkelgrnem Sammet, reich mit goldnen Knpfchen und
zarten Ketten, statt der Litzen, besetzt; Larkens hatte ihr das Ma auf eine
feine Weise abzulisten gewut, und so das Kleidungsstck ganz fertig gesendet.)
Theobald stand geblendet, vernichtet von der Gromut seines Freundes. Er spielte
in Gedanken mit einem Strau italienischer Blumen, ohne zu merken, wie
jmmerlich seine Finger ihn zerknitterten; Agnes zog ihm das Bouquet sachte aus
der Hand: er lchelte, die Trnen standen ihm nher. Das Kollier der Grfin fiel
ihm ein; er wagte immer noch nicht, damit hervorzurcken. Wie alles, alles ihn
verletzte, qulte, entzckte! ja selbst der reizende Duft, der den Putzschrnken
der Mdchen so eigen zu sein pflegt, schien ihm auf einmal den Atem zu
erschweren; es war Zeit, da er sich losmachte und auf sein Zimmer ging, wo er
sich elend auf den Boden warf, und allen verdrungenen Schmerzen Tr und Tor
willig erffnete.
    In kurzem klopft Agnes auen: er kann nicht aufschlieen, er darf sich in
diesem Zustand nicht vor ihr sehen lassen. Ich kleide mich an, mein Kind! ruft
er, und leise geht sie wieder den Gang zurck.
    Nach einer Weile, da er sich gefat hatte, kam der Vater. Auf ein Wort!
sagte er, als sie allein waren, das wunderliche Ding, das Mdchen, jetzt geht
es ihr im Kopf herum, sie htte Ihnen vorhin spielen sollen; sie frchtet sich
davor und wird sich frchten, bis es einmal berwunden ist; nun fiel's ihr ein,
sie wolle sich geschwinde entschlieen - Nur jetzt nicht! rief Nolten, ich
bitte Sie um Gottes willen, Papa, nur diesen Morgen nicht! Warum denn?
versetzte der Alte, in der Meinung, Theobald wolle nur das Mdchen geschont
wissen, wir mssen den Augenblick ergreifen, sonst machen wir sie stutzig; sie
ist ganz guten Muts: ich riet ihr, zugleich in dem neuen Anzug zu erscheinen und
Sie zu berraschen, das schien ihr die Aufgabe zu erleichtern, denn sie kann
sich einbilden, das wre nun die Hauptsache. Lassen Sie's zu diesmal! Sie wird
gleich fertig sein und Sie kommen dann hinber. So mute Nolten nachgeben, der
Alte ging und rief ihn in kurzem.
    Da stand sie nun wirklich! glnzend, schn, einer jungen Frstin zu
vergleichen. Innig verwundert und erfreut ward Theobald durch den Anblick. Es
war ihm so fremd, sie so geschmckt zu sehen, und doch schien ein solcher Anzug
ihrer einzig wrdig zu sein. Ein weies Kleid stand gar gut zu dem prchtigen
Spenzer und einige Blumen zierten das Haar. Wie lebhaft empfngt er die
Verschmte in seinen Arm! wie selig blickt sie ihm in die Augen!
    Nun aber lache mich nicht aus! sprach sie, whrend sie sich nach der
Mandoline umsah und man sich setzte. Ich will dir erzhlen, wie es eigentlich
zuging, da ich's lernte. Ich habe dich einmal, weit du noch? an dem Abend, wo
wir die Johanniskfer in das glserne Krbchen sammelten, da hab ich dich von
ungefhr gefragt, ob es dir nicht leid wre, da ich so gar nichts von den
hbschen Knsten verstehe, die dir so wert und wichtig sind, nicht auch ein
bichen von Musik oder eine Blume hbsch zu malen oder dergleichen, was wohl
andre Mdchen knnen. Du sagtest: das vermissest du an deiner Braut gar nicht.
Ich glaubt's auch, wie ich dir denn alles glaube, und dankte dir im Herzen fr
deine Liebe. Weiter sagtest du dann: die paar Jgerliedchen, die ich zuweilen
snge, die wren dir lieber als alles. Zwei Tage darauf kamen wir nach Tisch ins
Pfarrhaus zu Besuch. Die lteste Tochter spielte den Flgel, und so schn, da
wir uns kaum satt hrten, du besonders. Aber eins hat mich damals verdrossen, an
der jngern, an Augusten. Du mut dich erinnern. Lisette war kaum aufgestanden
vom Klavier, so fordert die Schwester mich auf, meine Stimme auch hren zu
lassen, ich ahnte nichts Unfeins von dem Mdchen und fing das nchste beste an.
Aber auf einmal werd ich befangen und rot, denn Auguste hlt sich ein
Notenpapier vor den Mund, ihr Lachen zu verbergen; der Ton zitterte mir in der
Kehle, und wie ich mich wenigstens zum letzten Verse noch ermannen will, guckt
Auguste spottend durch die Rolle wie durch ein Fernrohr auf mich, da ich
vollends konfus ward und mit kleiner Stimme kaum noch zum Ende schwankte. Indes
ihr andern weiter spieltet und sangt, hatt ich am Fenster genug zu tun und zu
wischen mit Weinen. Spter, du warst schon fort, fing mich der Vorfall an zu
wurmen; ich htte gern auch etwas gegolten, ich grmte mich innig um
deinetwillen; berdem kam meine Krankheit; ich glaube noch bis auf die Stunde,
ich wre schneller genesen, htt ich mir mit Musik manchmal die Zeit vertreiben
knnen; indessen ging's gottlob auch so vorber. Um diese Zeit besuchte uns der
Vetter zuweilen aus der Stadt und - (sie stockte und streifte verlegen ber das
Instrument hin) nun, also dieser lehrte mich's.
    Eins von den lustigen zuerst! fiel der Vater, schnell zu Hlfe kommend,
ein. Rasch und herzhaft fing sie nun an, mit einer Stimme, die krftig und zart,
sich doch stets lieber in die Tiefe als in die Hhe bewegte. Ihr Gesang wurde
nach und nach immer einschmeichelnder, immer kecker. Der Herr darf mich wohl
ansehn! sagte sie einmal dazwischen zu Theobald hinber, der ihren Anblick
bisher vermieden hatte. Er zeigte, als das Lied geendigt war, auf ein anderes in
ihrem Notenhefte, der Jger berschrieben, dessen Text ihm gefiel, und obwohl
es Agnesen nicht ebenso ging, stimmte sie doch sogleich damit an.

Drei Tage Regen fort und fort,
Kein Sonnenschein zur Stunde,
Drei Tage lang kein gutes Wort
Aus meiner Liebsten Munde!

Sie trutzt mit mir und ich mit ihr,
So hat sie's haben wollen;
Mir aber nagt's am Herzen hier,
Das Schmollen und das Grollen.

Willkommen denn, des Jgers Lust,
Gewittersturm und Regen!
Fest zugeknpft die heie Brust,
Und jauchzend euch entgegen!

Nun sitzt sie wohl daheim und lacht,
Und scherzt mit den Geschwistern;
Ich hre in des Waldes Nacht
Die alten Bltter flstern.

Nun sitzt sie wohl und weinet laut
Im Kmmerlein, in Sorgen;
Mir ist es wie dem Wilde traut,
In Finsternis geborgen.

Kein Hirsch und Rehlein berall!
Ein Schu zum Zeitvertreibe!
Gesunder Knall und Widerhall
Erfrischt das Mark im Leibe -

Doch wie der Donner nun verhallt
In Tlern in die Runde,
Ein pltzlich Weh mich berwallt,
Mir sinkt das Herz zugrunde.

Sie trutzt mit mir und ich mit ihr,
So hat sie's haben wollen,
Mir aber frit's das Herze schier
Das Schmollen und das Grollen.

- Und auf! und nach der Liebsten Haus!
Und sie gefat ums Mieder!
Drck mir die nassen Locken aus,
Und k und hab mich wieder!

Beide Mnner klatschten lauten Beifall. Sie wollte aufstehn. Aller guten Dinge
- weit du? rief der Alte, noch eines! Also bltterte sie abermals im Heft,
unschlssig, keines war ihr recht; ber dem Suchen und Whlen war der Vater aus
der Stube gegangen; sie klappte das Buch zu und sprach mit Theobalden, whrend
sie hin und wieder einen Akkord griff. Auf einmal fiel sie in ein Vorspiel ein,
bedeutender als alle frhern; es drckte die tiefste rhrendste Klage aus.
Agnesens Blick ruhte ernst, wie unter abwesenden Gedanken, auf Nolten, bis sie
sanft anhob zu singen.
    Wir teilen das kleine Lied noch mit, und denken, der Leser werde sich aus
den einfachen Versen vielleicht einen entfernten Begriff von der Musik machen
knnen, besonders aus dem zweiten Refrain, bei welchem die Melodie jedesmal eine
unbeschreibliche Wendung nahm, die alles herauszusagen schien, was irgend von
Schmerz und Wehmut sich in dem Busen eines unglcklichen Geschpfs verbergen
kann.

Rosenzeit! wie schnell vorbei,
Schnell vorbei,
Bist du doch gegangen!
Wr mein Lieb nur blieben treu,
Blieben treu,
Sollte mir nicht bangen.

In der Ernte wohlgemut
Wohlgemut,
Schnitterinnen singen;
Aber ach, mir kranken Blut,
Mir kranken Blut,
Will nichts mehr gelingen.

Schleiche so durchs Wiesental,
So durchs Tal,
Als im Traum verloren
Nach dem Berg, da tausendmal,
Tausendmal,
Er mir Treu geschworen.

Oben auf des Hgels Rand,
Abgewandt
Wein ich bei der Linde:
An dem Hut mein Rosenband,
Von seiner Hand,
Spielet in dem Winde.

Agnesen hatte der Ton zuletzt vor Bewegung fast versagt; jetzt warf sie das
Instrument weg und strzte heftig an die Brust des Geliebten. Treu! Treu!
stammelte sie unter unendlichen Trnen, indem ihr ganzer Leib zuckte und
zitterte, du bist mir's, ich bin dir's geblieben! - Ich bleibe dir's! mehr
konnte Theobald, mehr durfte er nicht sagen.

An einem der folgenden schnen Tage wollte man den schon mehrmals zur Sprache
gekommenen Ausflug nach Halmedorf zu den jungen Pfarrleutchen machen, denen man
sich bereits hatte ansagen lassen. Die beiden alten Herren, der Frster und der
Baron, versprachen im Wagen des letztern zu fahren; denn immerhin war es drei
Stunden dahin. Die Jugend, nmlich unser Paar, ein Sohn und zwei Tchter des
Pastors, welche man trotz einigen Einwendungen Noltens zuletzt auf Agnesens
beharrliche Vorstellungen hinzubitten mssen, diese wollten zu Fue gehn; die
eine Partie sollte morgens bei guter Tageszeit sich auf den Weg machen, die
Fahrenden erst nach Tische. Leider aber war der Baron indessen bedeutend unpa
geworden, er mute, was in langer Zeit nicht erhrt worden, das Bett hten, die
Reise hatte ihm zugesetzt, wie er nun selber eingestand. Also beschlo auch der
Frster zurckzubleiben, dem verehrten Freunde zur Gesellschaft.
    So wanderte denn der kleine Zug und gelangte bald aus dem Tlchen auf die
fruchtbare hher gelegene Ebene, die sich abermals um ein weniges senkte, wo
ihnen denn der reinliche, etwas steil heraufgebaute Ort entgegensah. Lange zuvor
hatte man den Hgel vor sich, der unter dem Namen Geigenspiel bekannt, an seinem
Fue unbedeutend anzusehn, oben mit einer auerordentlichen Aussicht berrascht.
    Schn! schn! das hei ich doch die Stunde eingehalten! rief der Pfarrer,
der sie hatte kommen sehen und bis an die nchsten cker entgegengegangen war.
Seht da, mein Dachs will den Gru vor mir wegschnappen! Der Narre kennt dich
noch von vier Jahren her; aber sein Herr frwahr htte dich bald nicht
wiedererkannt - Komm an mein Herz, alter Kamerad! Ad pectus manum, sagte der
Rektor, wenn wir gelogen hatten: manum ad pectus, ich liebe dich und habe nicht
gelogen. O ich mchte schreien, da die Berge aufhpften, mcht alle Glocken
zusammenluten lassen, durchs ganze Ort mcht ich posaunen und duten, wre ich
just nicht der Seelenhirt, der sich im Respekt erhalten mu, sondern ein
anderer.
    In diesem Tone fuhr Amandus fort, eins nach dem andern zu salutieren, und
noch als man bereits vor dem Pfarrhause stand, war er nicht fertig. Jetzt
sprang, so leicht und zierlich wie ein achtzehnjhriges Mdchen unter der Haube,
die Pastorin entgegen, aber auch sie konnte ber dem Mutwillen ihres Manns nicht
zum Worte kommen. Mit Jubel betritt man endlich die Stube, die hell und neu,
recht eigentlich ein Bild ihrer Bewohner darstellte. Kaum ber die Schwelle
getreten, kann man sogleich bemerken, wie der Pfarrer in eiliger Verlegenheit
einen grnen Uniformrock, der an der Wand hing, zu entfernen sucht; er bleibt
jedoch, da er seine Absicht verraten sieht, mitten auf dem Wege stehn: Da
dich! rief er, gegen Nolten gewendet - nun Freundchen, ist mir's herzlich
leid, da du eine Heimlichkeit doch einmal gewittert hast, so will ich lieber gar
mit der sonderbaren Geschichte herausrcken. (Er zupfte heimlich seine Frau und
fuhr mit verstelltem Ernst und vieler Gutmtigkeit fort.) Seit gestern haben
wir einen fremden Offizier einen Obrist, im Hause, der eigentlich blo dich hier
erwartet, er ist nur eben ausgeritten, wird aber nicht bis Abend ausbleiben. Er
langte gestern spt hier an, und weil wir kein anstndiges Wirtshaus im Dorf
haben, lud er sich auf das hflichste bei mir zu Gaste, das mir denn um so
grere Ehre war, als ich einen Freund von dir in ihm vermutete. Allein ich
merkte bald, da es mit der Freundschaft nicht so recht sein msse; er nannte
deinen Namen kaum, und verstummte nachdenklich, beinahe finster, wenn ich von
dir anfing; im brigen zeigte sein Gesprch viel Welterfahrung und alle die
Anmut, die man bei gebildeten Militrs zuweilen findet. Meine Frau zwar gab mir
gleich bei seinem Empfang nicht undeutlich zu verstehen, er habe ihr so ein
visage de contrebande, und in der Tat, ich wei nicht - das Geheimnisvolle in
Beziehung auf dich - er knnte - wenn er dir nur nichts anhaben will -
    Wie heit er denn?
    Ja, gehorsamer Diener, das hat er mir nicht gesagt.
    Woher denn? in welchen Diensten? fragte Nolten dringender und nicht ohne
einige Bewegung, denn augenblicklich, er wute nicht warum, fiel ihm ein Bruder
Constanzens ein, der noch in der letzten Zeit von des Malers Aufenthalt in jener
Residenz, bei der Grfin zu Besuch gewesen sein sollte. Er selbst hatte ihn
nicht gesehn und konnte die Schilderung, welche Amandus von dem Fremden machte,
auch sonst mit niemandem vergleichen. Die Heimat des Gastes indessen, wie der
Pfarrer sie zufllig angab, widersprach jener besorglichen Vermutung nicht. -
Gern, fuhr Amandus fort, htt ich dir das Abenteuer noch verschwiegen, das
einmal doch nichts Angenehmes verspricht; es wre Nachmittag noch Zeit gewesen,
und die Delikatesse des Fremden, da er uns unser erstes Beisammensein ber
Tisch nicht stren wollte, war in der Tat zu loben, er gab mir diese freundliche
Absicht beim Wegreiten sehr deutlich zu verstehn. Nun freilich wr's fast
besser, er wre gleich zugegen und du dieser verteufelten Ungewiheit berhoben.
Hre, wenn es am Ende nur keine odise Ehrensache ist! Du weit, die Herren
Offiziers - Du hast doch keine Hndel gehabt? Ich wte doch nicht, sagte
Nolten und ging einigemal still die Stube auf und ab.
    Indessen war die Pfarrerin sachte mit der Uniform in die Kammer gegangen.
Auf einmal tat sich die Tr weit auf, ein hoher schner Mann trat heraus und lag
blitzschnell in Theobalds Armen. Es war kein anderer Mensch, als sein getreuer
Schwager S., der Gatte Adelheids, die wir ja schon als Mdchen kennenlernten.
Der Tausend! rief der Pfarrer, whrend alles der herzlichsten Umarmung zusah,
so ganz feindselig, wie ich dachte, so auf Leben und Tod ist die Rencontre nun
doch nicht, es wre denn, sie brchen sich einander vor Liebe die Hlse. Nun!
hab ich es nicht schn gemacht? Sorge voraus, Freud gleich hinterdrein, wird
erst ein wahrer Jubel sein. - Also (brummte er fr sich in den Bart) das wre
Numero 1. Seine Schalkheit ward jetzt wacker gescholten. Doppelt und dreifach
mute Nolten erstaunen, denn S. war, seitdem sie sich nicht mehr gesehen, zum
Obristen avanciert, deswegen jener auch aus der Uniform nicht klug werden
konnte. Triumphierend erzhlte der Pfarrer, wie er, nachdem die Nachricht von
Theobalds Ankunft in Neuburg bei ihm eingelaufen, sogleich den herrlichen
Einfall gehabt, den Schwager, den er in Geschften fr sein Regiment nur auf
fnf Stunden in der Nhe gewut, durch eine Staffette herbeizukriegen.
    Aufs frhlichste speiste man gleich zu Mittag. Es war eine ansehnliche
Tafel. Sohn und Tchter des Neuburger Pastors saen halb bnglich, halb entzckt
in einem fr sie so neuen Freudenkreise trefflicher Menschen. Unser Maler,
zwischen Agnes und den Schwager gesetzt, wollte die Hnde der beiden gar nicht
aus den seinigen lassen, er fhlte seit langer Zeit einmal wieder alles
Drckende und Schwere rein von sich abgetan und ein bers andre Mal traten ihm
die Augen ber.
    An dem Pfarrer wurde nach und nach eine prickelnde Unmigkeit sichtbar; er
entfernte sich fters, gab vor der Tr geheime Befehle und sah mit Vergngen die
letzte Schssel auftragen. Eh man zum Nachtisch kam, stand er auf und sagte: Es
beginne nun die Symphonie zum zweiten Aktus, mit etwelchem Glsergeklingel,
wenn's beliebt. Sofort erhebe sich eine werte Gesellschaft, greife nach Hten
und Sonnenschirmen und verfge sich allgemach aus meinem Hause, woselbst fr
jetzt nichts mehr abgereicht wird. Zuvor aber richten Sie geflligst noch die
Blicke hier nach dem Fenster und bemerken dort drben den sonnigen Gipfel. Man
erblickte auf einem vor dem Walde gelegenen Hgel, den wir schon als das
Geigenspiel bezeichnet haben, ein groes linnenes Schirmdach mit bunter Flagge
aufgerichtet, das einen runden weigedeckten Tisch zu beschatten schien. Die
dichten Laubgewinde, die an fnf Seiten des Schirms herunterliefen, gaben dem
Ganzen das Ansehn eines leichten Pavillons. Amandus hatte diese bewegliche
Einrichtung schon seit einiger Zeit fr die jhrlichen Kinderfeste sowie zur
Bequemlichkeit der Fremden machen lassen, weil die daneben stehende Linde dem
Platze mehr Zierde als Khlung verlieh. - Die Gesellschaft kam auer sich vor
Freude; man machte sich auch unverzglich auf den Weg, denn jedes sehnte sich,
sein glckliches Gefhl in freiester Weite noch leichter auszulassen. Die
Jngern waren schon vorausgegangen.
    Unterwegs wurden Nolten und die Braut nicht satt, sich von Adelheiden
erzhlen zu lassen. Wir wissen die fast mehr als brderliche Neigung, welche den
Maler an die Schwester band, deren stille Tiefe sich, wie behauptet wird und wir
gern glauben mgen, inzwischen zu einem hchst liebenswerten und seltenen
Charakter entwickelt und befestigt hatte; zum wenigsten fand Agnes nach ihrer
demtig liebevollen Weise sogleich im stillen ein Musterbild der echten Frauen
in dieser Schwgerin fr sich aus, obgleich sich beide nur erst einmal gesehen
hatten. Jetzt gedachte man der Entfernten mit desto innigerer Rhrung, da man
gleich anfangs gehrt, sie sei vor kurzem zum ersten Male Mutter, und eine
hchst beglckte, geworden. - Noch sagen wir bei dieser Gelegenheit, da eine
ltere Schwester, Ernestine, auch lngst verheiratet war, jedoch, soviel man
wissen wollte, nicht sehr zufrieden, da sie auch in der Tat nicht geschaffen
schien, einen Mann fr immer zu fesseln. Die Jngste, Nantchen, stand eben in
der schnsten Jugendblte und lebte bei einer Tante.
    Man kam an einem Tannengehlze vorber, das Reiherwldchen genannt, dessen
Echo berhmt war. Der Pfarrer rief, mit den gehrigen Pausen, hinein:

Frau Adelheid,
Zu dieser Zeit
In ihrem Bettlein reine,
Mu ferne sein,
Mu ferne sein,
Doch ist sie nicht alleine.
Herr Storch hat ihr Besuch gemacht,
Darob ihr ses Herze lacht,
Ob auch das Brschlein greine.
- Frau Echo, sprich,
Noch wei ich nicht:
Was herzet denn das Liebchen,
Ein Mdchen oder Bbchen?
Bb;gsl;chen!

In kurzem befand man sich auf dem Berg, tief atemholend und erstaunt ber die
unbegrenzte Aussicht. Bei Frauenzimmern, fing Amandus an, wenn sie den
letzten herben Schritt berwunden haben und jetzt sich umsehn, unterscheide ich
jedesmal zweierlei Gattungen Seufzer. Der eine ist ganz gemein materieller
Natur, kein Lftchen ist imstand, ihn von der Rosenlippe aufzunehmen und ber
die glnzende Gegend selig hinwegzutragen, sondern sogleich fllt er plump,
schwer zu Boden, prosaisch wie das Schnupftuch, womit man sich die Stirn
abtrocknet. Billig sollten die Schnen sich seiner ganz enthalten, ihn
wenigstens unterdrcken, denn gewissermaen mu er den Wirt beleidigen, den
Cicerone der Gesellschaft, der alle diese Herrlichkeit mit Enthusiasmus wie sein
Eigentum vorzeigt und nicht begreifen kann, wie man in solchem Augenblicke nur
noch das mindeste Gefhl von der armseligen Mhe haben kann, womit man sich so
einen Anblick erkaufte. Ja, Damen hab ich gesehen, die gaben sich Mhe, diesen
Seufzer recht reizend schwindschtig und therisch hervorzubringen, und ein
mitleidflehendes Gesicht zu machen, als wrde gleich die Ohnmacht kommen. Man
enthlt sich kaum dabei recht schmachtend zu fragen: Ist Ihnen nicht ein Schluck
Affenthaler gefllig, Frulein, oder dergleichen? Kurz also, wenn jene erste
Gattung nichts weiter sagen will als: Gottlob, dies wre berstanden! so ist
dagegen die zweite - Er hatte noch nicht ausgeredet, so kam erst Agnes, bis
jetzt von niemand eigentlich vermit, mit einem Kinde des Pfarrers, das nicht
mehr hatte fortquackeln knnen und das sie sich auf den Rcken geladen, den
steilen Rand von der Seite heraufgeklommen; sie setzte atemlos das Kind auf die
Erde und ein Gottlob! entfuhr ihr halblaut. Bei diesem Wort sah man sich um,
ein allgemeines Gelchter war unwiderstehlich, aber auch rhrender konnte nichts
sein, als die erschrocken fragende Miene des lieben Mdchens. Herzlich umarmte
und kte sie Amandus, indem er rief: Diesmal, wahrhaftig, ist Marthas Mhe
schner als selbst das eine, das hier oben not ist.
    Welch ein Genu nun aber, sich mit durstigem Auge in dieses Glanzmeer der
Landschaft hinunterzustrzen, das Violett der fernsten Berge einzuschlrfen,
dann wieder ber die nchsten Ortschaften, Wlder und Felder, Landstraen und
Wasser, in unerschpflichen Wechsel von Linien und Farben, hinzugleiten!
    Hier schaute, gar nicht allzuweit entfernt, eine langgedehnte Albtraufe
ernsthaft und gro herber2; sie verschlo beinah die ganze Ostseite, Berg
hinter Berg verschiebend und ineinanderwickelnd, so doch, da man zuweilen ein
ganz entlegnes Tal, wie es stellenweise von der Sonne beschienen war, mit oder
ohne Fernrohr ersphen und sich einander freudig zeigen konnte. Besonders lang
verweilte Agnes auf den Falten der vorderen Gebirgsseite, worein der schwle
Dunst des Mittags sich so reizend lagerte, die ahnungsvolle Beleuchtung mit
vorrckendem Abend immer verndernd, bald dunkel, bald stahlblau, bald licht,
bald schwarzlich anzusehn. Es schienen Nebelgeister in jenen feuchtwarmen
Grnden irgendein goldenes Geheimnis zu hten. Eine bedeutende Ruine krnte die
lange Kette des Gebirgs und selbst durch einen schwchern Tubus glaubte man ihre
Mauern mit Hnden greifen zu knnen, dagegen ganz hinten in der Ferne vom
Rehstock nur der Abfall des Waldrckens sichtbar war, auf dem er ruhen mute.
    Indes war von gar muntern Hnden ein Feuer zwischen Steinen angemacht
worden, der Kaffee fing an zu sieden, die Tassen klirrten, und der Pfarrer gebot
ein allgemeines Niedersitzen; niemand aber wollte sich noch des schnen Zeltes
bedienen, welches bis jetzt nur fr eine Art Speisekche galt; man sa in
willkrlichen Gruppen auf dem Boden umher, ein jedes lie sich schmecken was ihm
beliebte, nur rckte man etwas nher zusammen, als Amandus folgendermaen das
Wort nahm:
    Es darf, meine Lieben, der schne Platz, worauf wir gegenwrtig ruhen,
nicht leicht besucht werden, ohne da man das Andenken des Helden erneuert, dem
er seinen Namen verdankt. Gewi ist keines von Ihnen vllig unbekannt mit der
merkwrdigen Sage, aber die wenigsten hatten wohl Gelegenheit sich aus den
verschiedenen, zum Teil einander scheinbar widersprechenden Erzhlungen des
Volks, ein vollstndiges Bild von dem Charakter des wundersamen Wesens zu
machen, von welchem hier die Rede ist; es kann also niemanden unangenehm sein,
jetzt eine genauere Schilderung zu hren, wobei ich mir weniger angelegen sein
lassen will, alle einzelnen Geschichten und Anekdoten anzubringen, als vielmehr
nur die Hauptzge anschaulich zu machen. Vielleicht kann ich dadurch Freund
Nolten veranlassen, meinen seltsamen Geiger zum Gegenstand einer malerischen
Komposition zu nehmen, ein lang von mir gehegter Wunsch, den er mir einmal
feierlich zugesagt und noch bis heut nicht erfllt hat. Sie, lieber Oberst,
werden mich in meiner Bitte gewi krftig untersttzen, da Sie sich selbst fr
die poetische Figur des Spielmanus so lebhaft interessieren und noch heute sich
emsig um die Vervollstndigung seiner Geschichte bekmmert haben. Ei, eben
recht, da mir das beifllt; Sie sollen auch jetzt zuerst die Ehre haben und die
Ergebnisse Ihrer staubigen Forschungen uns in einem lebendigen und heiteren
Gemlde vorlegen, ich aber will etwa nachhelfen, wo Sie eine Lcke lassen
sollten. Der Oberst lie sich nicht lang bitten und die Gesellschaft merkte
wacker auf.
    In dieser Gegend soll vor alters gar hufig ein Ruber, Marmetin, sein
Wesen getrieben haben, den jedermann unter dem Namen Jung Volker kannte. Ruber
sag ich? Behte Gott, da ich ihm diesen abscheulichen Namen gebe, dem Lieblinge
des Glcks, dem lustigsten aller Waghlse, Abenteurer und Schelme, die sich
jemals von fremder Leute Hab und Gut gefttert haben. Wahr ist's, er stand an
der Spitze von etwa siebenzehn bis zwanzig Kerls, die der Schrecken aller
reichen Knicker waren. Aber, beim Himmel, die pedantische Gttin der
Gerechtigkeit selbst mute, dnkt mich, mit wohlgeflligem Lcheln zusehn, wie
das verrufenste Gewerbe unter dieses Volkers Hnden einen Schein von
Liebenswrdigkeit gewann. Der Prasser, der bermtige Edelmann und ehrlose
Vasallen waren nicht sicher vor meinem Helden und seiner verwegenen Bande, aber
dem Bauern fllte er Kchen und Stlle. Voll krperlicher Anmut, tapfer,
besonnen, leutselig und doch rtselhaft in allen Stcken, galt er bei seinen
Gesellen fast fr ein berirdisches Wesen, und sein durchdringender Blick
migte ihr Benehmen bis zur Bescheidenheit herunter. Wr ich damals im Lande
Herzog gewesen, wer wei, ob ich ihn nicht geduldet, nicht ein Auge zugedrckt
htte gegen seine Hantierung. Es war, als fhrte er seine Leute nur zu
frhlichen Kampfspielen an. Seht, hier dieser herrliche Hgel war sein
Lieblingsplatz, wo er ausruhte, wenn er einen guten Fang getan hatte; und wie er
denn immer eine besondere Passion fr gewisse Gegenden hegte, so gngelt' er
seine Truppe richtig alle Jahr, wenn's Frhling ward, in dies Revier, damit er
den ferndigen Gukuk wieder hre an demselben Ort. Ein Spielmann war er wie
keiner, und zwar nicht etwa auf der Zither oder dergleichen, nein, eine alte
abgemagerte Geige war sein Instrument. Da sa er nun, indes die andern sich im
Wald, in der Schenke des Dorfs zerstreuten, allein auf dieser Hhe unterm lieben
Firmament, musizierte den vier Winden vor und drehte sich wie eine Wetterfahne
aufm Absatz herum, die Welt und ihren Segen musternd. Der Hgel heit daher noch
heutzutag das Geigenspiel, auch wohl des Geigers Bhl. - Und dann, wenn er zu
Pferde sa, mit den hundertfarbigen Bndern auf dem Hute und an der Brust, immer
geputzt wie eine Schfersbraut, wie reizend mag er ausgesehn haben! Ein
Paradiesvogel unter einer Herde wilder Raben. Etwas eitel denk ich mir ihn gern,
aber auf die Mdchen wenigstens ging sein Absehn nicht; diese Leidenschaft blieb
ihm fremd sein ganzes Leben; er sah die schnen Kinder nur so wie mrchenhafte
Wesen an, im Vorbergehn, wie man auslndische Vgel sieht im Kfig. Keine Art
von Sorge kam ihm bei; es war, als spielt' er mit den Stunden seines Tages wie
er wohl zuweilen gerne mit bunten Bllen spielte, die er, mit flachen Hnden
schlagend, nach der Musik harmonisch in der Luft auf und nieder steigen lie.
Sein Inneres bespiegelte die Welt wie die Sonne einen Becher goldnen Weines.
Mitten selbst in der Gefahr pflegte er zu scherzen und hatte doch sein Auge
allerorten; ja, wre er bei einem Lwenhetzen gewesen, wo es drunter und drber
geht, ich glaube, er htte mit der einen Faust das reiende Tier bekmpft und
mit der Linken den Sperling geschossen, der ihm just berm Haupt wegflog.
Hundert Geschichtchen hat man von seiner Freigebigkeit. So begegnet er einmal
einem armen Buerlein, das, ihn erblickend, pltzlich Reif aus nimmt. Den
Hauptmann jammert des Mannes, ihn verdriet die schlimme Meinung, die man von
ihm zu haben scheint, er holt den Fliehenden alsbald mit seinem schnellen Rosse
ein, bringt ihn mit freundlichen Worten zum Stehen und wundert sich, da der
Alte in der strengsten Klte mit unbedecktem Kahlkopf ging. Dann sprach er: Vor
dem Kaiser nimmt Volker den Hut nicht ab, jedoch dem Armen kann er ihn schenken!
Damit reicht er ihm den reichbebnderten Filz vom Pferde herunter, nur eine hohe
Reiherfeder machte er zuvor los und steckte sie in den Koller, weil er diese um
alles nicht missen wollte; man sagt, sie habe eine zauberische Eigenschaft
besessen, den der sie trug in allerlei Fhrlichkeit zu schtzen. - Jetzt kme
ich auf Volkers Frmmigkeit und wunderliche Bekehrung, da dies aber eine Art von
Legende ist, so wird sie sich am besten im Munde Seiner Hochehrwrden geziemen.
    Ich zweifle nur, erwiderte Amandus, ob ich meine Aufgabe so zierlich
lsen werde, wie mein beredter Vorgnger sich aus der seinigen zog. Aber ich
rufe den Schatten des Helden an und sage treulich was ich wei, und auch nicht
wei. Also: in den Gehlzen, die da vor uns liegen, kam man einsmals einem
seltenen Wilde auf die Spur, einem Hirsch mit milchweiem Felle. Kein Weidmann
konnte seiner habhaft werden. Des Hauptmanns Ehrgeiz ward erregt, eine
unwiderstehliche Lust, sich dieses edlen Tieres zu bemchtigen, trieb ihn an,
ganze Nchte mit der Bchse durch den Forst zu streifen. Endlich an einem Morgen
vor Sonnenaufgang erscheint ihm der Gegenstand seiner Wnsche. Nur auf ein
funfzig Schritte steht das prchtige Geschpf vor seinen Augen. Ihm klopft das
Herz; noch hlt Mitleid und Bewunderung seine Hand, aber die Hitze des Jgers
berwiegt, er drckt los und triff. Kaum hat er das Opfer von nahem betrachtet,
so ist er untrstlich, dies muntere Leben, das schnste Bild der Freiheit
zerstrt zu haben. Nun stand an der Ecke des Waldes eine Kapelle, dort berlie
er sich den wehmtigsten Gedanken. Zum erstenmal fhlt er eine groe
Unzufriedenheit ber sein ungebundenes Leben berhaupt, und indes die Morgenrte
hinter den Bergen anbrach und nun die Sonne in aller stillen Pracht aufging,
schien es, als flstere die Mutter Gottes vernehmliche Worte an sein Herz. Ein
Entschlu entstand in ihm, und nach wenig Tagen las man auf einer Tafel, die in
der Kapelle aufgehngt war, mit zierlicher Schrift folgendes Bekenntnis (ich
habe es der Merkwrdigkeit Wort fr Wort auswendig gelernt):

                              Die tflein weihe3
                             unserer lieben frauen
                                      ich
                         Marmetin, gennent Jung Volker

zum daurenden gedchtnu eines gelbds. und wer da solches lieset mg nur
erfahren und inne werden was wunderbaren maen Gott der Herr ein menschlich
gemethe mit gar geringem dinge rhren mag. denn als ich hier ohn allen fug und
recht im wald die weie hirschkuh gejaget auch selbige sehr wohl troffen mit
meiner gueten Bchs da hat der Herr es also gefget da mir ein sonderlich
verbarmen kam mit so fein sanftem thierlin, ein rechte angst fr einer groen
snden da dacht ich: itzund trauret ringsumbher der ganz wald mich an und ist
als wie ein ring daraus ein dieb die perl hat brochen. ein seiden bette so noch
warm vom seen leib der erst gestolenen braut. zu meinen feen sank das
lieblich wunderwerk. verhauchend sank es ein als wie ein flocken schnee am boden
hinschmilzt und lag als wie ein mgdlin so vom liechten mond gefallen.
    Aber zu deme allen hab ich noch meen mit groem schrecken merken ein
seltsamlichs zeichen auf des arm thierlins seim rucken. nemlich ein schn
akkurat kreuzlin von schwarz haar. also da ich kunt erkennen ich hab mich
freventlich vergriffen an eim eigenthumb der muetter Gottes selbs. nunmehr mein
herze so erweichet gewesen nahm Gott der stunden wahr und dacht wohl er mu das
eisen schmieden weil es glhend und zeigete mir im geist all mein frech
unchristlich treiben und lose hantierung dieser ganzer sechs Jahr und redete zu
mir die muetter Jesu in gar holdseliger wei und das ich nit nachsagen kann noch
will. verstndige bitten als wie ein muetterlin in schmerzen mahnet ihr verloren
kind. da hab ich beuget meine knie allhier auf diesen stfflin und hab betet und
gelobet da ich ein frumm leben wllt anfangen. und wunderte mich schier ob
einem gnadenreichen schein und klarheit so ringsumbher ausgossen war. stand ich
nach einer gueten weil auf, mich zu bergen im tiefen wald mit himmlischem
betrachten den ganzen Tag bis da es nacht worden und kamen die stern. sammlete
dann meine knecht auf dem hgel und hielte ihne alles fr, was mit dem volker
geschehen sagt auch da ich me von ihne lassen. da huben sie mit wehklagen an
und mit geschrey und ihrer etlich weineten. ich aber hab ihne den eyd abnommen
sie wllten auseinander gehn und ein sittsam leben frder fhren. wo ich denn
selbs mein bleibens haben werd de soll sich niemand kmmern noch grmen oder
gelsten lassen da er mich fahe. ich steh in eins andern handen als derer
menschen. die tflein aber gebe von dem volker ein frumm bescheidentlich
zeugnu und sage dank auf immerdar der himmlischen huldreichen jungfrauen Marien
als deren segen frisch mg bleiben an mir und allen glubigen kindern. so
gestift am 3. des brachmonds im jahr nach unsers Herren geburt 1591.
    Leider, fuhr der Pfarrer gegen die Gesellschaft fort, welche mit sichtbarer
Teilnahme zuhrte, leider ist das Original dieser Votivtafel verlorengegangen;
eine alte Kopie auf Pergament liegt auf dem Halmedorfer Rathause. Auch die
Kapelle ist lngst verschwunden; die ltesten Leute erzhlen, ihre Urgrovter
htten sie noch gesehn. Wo aber Volker damals sich hingewendet, blieb unbekannt.
Einige vermuten einen Pilgerzug nach dem gelobten Land, wo er dann in ein
Kloster gegangen sein soll.
    Eine andere Sage, nahm der Obrist wieder das Wort, lt ihn auf dem Wege
nach Jerusalem von seiner Mutter, einer Zauberin, entfhrt werden und ich
gedenke hier nur noch einiger alten Verse, weiche wahrscheinlich den Schlu
eines grern Lieds ausmachten. Sie weisen auf die fabelhafte Geburt Volkers hin
und machen ihn, wie mich deucht, gar charakteristisch fr den freien krftigen
Mann, zu einem Sohne des Windes. Er selber soll das Lied zuweilen gesungen
haben.

Und die mich trug in Mutterleib,
Die durft ich niemals schauen,
Sie war ein schn, frech, braunes Weib,
Wollt keinem Manne trauen.

Und lachte hell und scherzte laut:
Ei, la mich gehn und stehen!
Mcht lieber sein des Windes Braut,
Denn in die Ehe gehen.

Da kam der Wind, da nahm der Wind
Als Buhle sie gefangen,
Von dem hat sie ein lustig Kind
In ihren Scho empfangen.

Wird mir doch in diesem Augenblick, sagte die Pfarrerin, indem sie ein
heimliches Auge an der Linde hinauflaufen lie, mir wird von all dem
Zauberwesen so kurios zumute, da ich mich eben nicht sehr entsetzen wrde, wenn
jetzt noch die Fabel vom singenden Baum wahr wrde, ja wenn Herr Volker
leibhaftig als lustiges Gespenst in unsre Mitte trte.
    Noch ein anderes Lied, sagte der Obrist, ist mir im Gedchtnis geblieben,
das man sich im Munde von Volkers Bande denken mu. Ich will, wenn die
Frauenzimmer nicht schon durch das vorige - -
    Pltzlich wurde der Erzhler von den Tnen eines Saiteninstruments
unterbrochen, welche ganz nahe aus dem Gipfel der dichtbelaubten Linde
hervorzukommen schienen. Die Anwesenden erschraken und aller Augen waren nach
dem Baume gerichtet. Niemand bewegte sich vom Platze; tiefe Stille herrschte,
whrend die Musik in den Zweigen von neuem begann und der unsichtbare Spielmann
mit lebhafter Stimme Folgendes sang:

Jung Volker das ist der Ruberhauptmann
Mit Fiedel und mit Flinte,
Damit er geigen und schieen kann
Nachdem just Wetter und Winde,
Ja Winde!
Fiedel oder Flint,
Fiedel oder Flint,
Volker spielt auf!

Ich sah ihn hoch im Sonnenschein
Auf seinem Hgel sitzen;
Da spielt er die Geig und schluckt roten Wein,
Seine blauen Augen ihm blitzen,
Ja blitzen!
Fiedel oder Flint,
Fiedel oder Flint,
Volker spielt auf!

Ich sah ihn schleudern die Geig in die Luft,
Ich sah ihn sich werfen zu Pferde,
Da hrten wir alle wie er ruft:
Brecht los wie der Wolf in die Herde!
Ja Herde!
Fiedel oder Flint,
Fiedel oder Flint,
Volker spielt auf!

Die Saiten klangen aus. Es war ein allgemeines Schweigen. Die Gesellschaft sah
sich lchelnd an, und schon whrend des Gesangs verkndigten einige schlaue
Gesichter eine angenehme berraschung, wobei es mit ganz natrlichen Dingen
zugehen drfte. Es rauschte jetzt und knackte in den Zweigen, zwischen denen
jemand behutsam herunterzusteigen schien. Ein Fu stand bereits auf dem letzten
Aste; ein kecker Sprung noch, und, wen man am wenigsten erwartete, den auch die
wenigsten kannten - Raymund, der Bildhauer, stand mit der Zither, sich tief
verneigend, vor der verblfft-erfreuten Versammlung. Amandus und der Obrist
klatschten, Bravo rufend, in die Hnde. Raymund sprang auf den Maler zu, der wie
aus den Wolken gefallen dastand; die brigen hrten inzwischen von der
Pfarrerin, wer der Herr wre. Agnes hatte den Schauspieler Larkens vermutet, ja
Nolten selbst, als die Musik anfing, bebte das Herz bei dem gleichen Gedanken,
und es dauerte eine ganze Zeit, bis er sich wieder fassen konnte.
    Man nahm nun ordentlich am runden Tisch unter dem Schirme Platz; mit dem
bester Weine fllten die Glser sich frisch, und whrend die Frauenzimmer das
Strickzeug vornahmen, begann der Bildhauer: Zuvrderst ist es meine Pflicht,
mit wenig Worten den Schein des Greulichen und Ungeheuren von meiner Hieherkunft
zu entfernen, besonders um der Damen willen, denen der Schreck noch nicht ganz
aus den Gliedern gewichen sein mu, weil bis jetzt keine sich getraute, mich
auch ein wenig freundlich anzuschauen. Nun also: zwei Tage, bevor Sie, lieber
Nolten, die Rckkehr in ihr Vaterland antraten, die ich mir so nahe gar nicht
vermutend sein konnte, war ich gentigt, in nicht sehr erfreulichen
Angelegenheiten eines Bruders nach K* zu reisen, was kaum sechs Meilen von hier
liegt. Ich wute damals noch nichts von Ihren Verbindungen in dieser Gegend, und
weder ein Neuburg noch ein Halmedorf existierte fr mich in der Welt, sonst htt
ich wohl um Auftrge bei Ihnen angefragt und wre vielleicht nicht so schmhlich
um Ihren Abschied gekommen Doch wider Hoffen und Vermuten sollt ich um vieles
glcklicher werden. Ich war bereits acht Tage in K*, so kommt ein Brief,
pressant, an mich dorthin - (von wem? das raten Sie wohl nicht!) mit dem
dringenden Auftrage, im Rckweg einen kleinen Abstecher zu Ihnen zu machen und
ein beigelegtes Schreiben eigens in Ihre Hnde zu berliefern. (Er gab
Theobalden den Brief und wandte sich gegen die andern.) Dem schnen Zufall mu
ich noch besonders lobpreisende Gerechtigkeit widerfahren lassen, der mich zwei
Stunden von hier mit dem Herrn Obrist zusammenfhrte; wir gesellten uns als
fremde Passagiere zueinander und wren beinahe ebenso wieder geschieden, als
kaum noch zu rechter Zeit sich entdeckte, da wir die gleiche Absicht htten.
Wer wei mir eine artigere Fgung? Ich war's zufrieden, sogleich nach Halmedorf
mitzureiten. Dort hie man mich denn freundlich bleiben, und Herr Pastor war
ganz glckselig, eine doppelte berraschung veranstalten zu knnen. Der Plan zu
diesen Spen ward heute frh entworfen, und gerne lie ich mir's gefallen, mein
Mittagsmahl hier unter freiem Himmel zu verzehren, von Volkers rotem Wein zu
trinken und meine Rolle einzuben. Auch hab ich, wenn man Lust htte, den Geiger
zu malen, diesem Hgel vorlufig eine Ansicht abgemerkt, wo er sich als ein
Hintergrund ganz unvergleichlich ausnehmen mte.
    Indessen spiegelte sich auf Noltens Angesicht die erhaltene Botschaft mit
leserlicher Freude: ja so mchtig ergriffen war er, da er Agnesen das Blatt nur
still hinbieten und Raymunden die Hand nur mit einem leuchtenden Blicke des
Dankes ber den Tisch reichen konnte. Nun, sagte jener, ich darf der erste
sein, der Ihnen Glck wnscht. So sind wir nicht die letzten! rief der Obrist
mit dem Pfarrer, indem man die Glser erhob. Agnesen strzte eine Trne aus den
schnen Augen und auch sie hob ihr Glas. Es wurde sofort erklrt: da Nolten und
Raymund einen sehr vorteilhaften Ruf in die Dienste eines hochgebildeten und
verehrten Frsten des nrdlichen Deutschlands erhalten haben, zunchst um bei
einer gewissen Privatunternehmung des kunstliebenden Regenten verwendet zu
werden, doch sollte die Anstellung auf zeitlebens sein. Die Sache ging durch den
Maler Tillsen und den alten Hofrat, deren Empfehlung man, wie es schien, das
Ganze eigentlich zu danken hatte. Etwas Geheimnisvolles war immer dabei, und
Nolten hatte Ursache zu glauben, da noch ganz andere Hebel gewirkt haben
mten. Jenes Schreiben selbst war von dem Hofrat. Er gibt sich alle Mhe, dem
Freunde dies Offert so einleuchtend als mglich zu schildern, er hatte zum
berflu Raymundens mndliche Beredsamkeit noch in Reserve gestellt, wenn Nolten
je Bedenken tragen sollte, die Stelle anzunehmen, ein Zweifel, dessen nur der
Hofrat fhig sein konnte, weil er immer von seiner eignen Seltsamkeit ausging.
Was brigens die Sendung Raymunds anbelangt, so verhielt sich's wirklich so, wie
er vorhin erklrte; er selber hatte beim Antritt seiner Reise noch keine Ahnung
von den Dingen, die im Werke waren.
    Die beiden Knstler schlossen jetzt in der Aussicht auf ihr
gemeinschaftliches Ziel sogleich Brderschaft, und wer htte nicht Teil an ihrem
Glcke nehmen sollen? Alle sprachen durcheinander aufs lebhafteste von der Sache
hin und her.
    Ja, fragte die Pfarrerin, und der Zug geht wohl bald vor sich?
    Bald oder nicht! wie man's nimmt; jeder Tag spter macht mir Langeweile!
rief Raymund, indem er sich ungeduldig auf dem Absatz herumwarf. In zwei
Monaten ist der Termin.
    Da wird man erst ein Prchen aus euch machen mssen? sagte der Pfarrer zu
Agnes hin.
    Dacht ich es doch! rief Raymund, bleibt mir nur, ihr schwarzen Herrn, mit
euren Weitlufigkeiten fort! Soviel ihr aus den beiden machen knnt, sind sie ja
schon. Er sprach dies halb im Scherz, doch htte der Pfarrer nicht wissen
drfen, da er die Geistlichen fr etwas berflssiges hielt und nie recht hatte
leiden mgen.
    Wie? rief Amandus, Sie sind, wie ich hre, auch Brutigam: Sie lassen
sich wohl gar nicht kopulieren?
    Bewahre Gott mich davor! antwortete der Bildhauer. Die Kopula ist schon
gefunden.
    So sind Sie ein Heide?
    Und zwar ein frommer!
    Doch was sagt Ihre Braut zu Ihrem Vorsatz?
    Ich habe sie noch nicht gefragt.
    Und, sagte der Pfarrer, leicht abbrechend, was spricht lieb Agneschen?
Sie schaute auf, sie hatte nicht gehrt, wovon die Rede war, da sie sich
angelegentlich mit Nolten unterhielt. Nach der sonderbaren, beinahe
verdrielichen Wendung, welche das Gesprch der beiden Mnner genommen, war es
natrlich, da die Frauen im stillen schon das arme Mdchen bedauerten, das an
einen so nrrischen und wilden Menschen geraten mssen, und dies Mitleiden
verbarg sich endlich gar nicht mehr, als Theobald sich eifriger nach Henrietten
erkundigte, und Raymund anfing, mit aller ihm eigenen treuherzigen Lebhaftigkeit
zu erzhlen, auf welchem guten Fu er mit ihr lebe, wie sie sich unterhielten,
welche Untugenden und Dummheiten er ihr schon abgewhnt, was fr Talente an
ihr entwickelt habe. Da er zum Beispiel ein leidenschaftlicher Freund vom
Kegelschieben sei und es fr die gesundeste Motion halte, so habe er sich in den
Kopf gesetzt, seine Braut msse es aus dem Fundamente lernen. Er habe den
Unterricht, auf einer unbesuchten Bahn, auch sogleich mit ihr begonnen; es
geschehe ihr zwar einigermaen sauer, doch zeige sie den besten Willen und werde
es mit der Zeit sehr weit bringen. Ferner, weil er wahrgenommen, da sie mit
einer trichten Furcht vor allem Feuergewehr und Schieen gestraft sei, und ihm
solche bertriebene Alterationen in den Tod zuwider seien, so habe er sie von
dem Lcherlichen dieses Benehmens zuerst theoretisch berzeugt, ihr den
Mechanismus einer Flinte, die Wirkung des Pulvers ruhig und ordentlich erklrt
und endlich einen praktischen Anfang im Schlograben bei der Scheibe gemacht,
der aber leider bis jetzt den gehofften Erfolg noch nicht bewiesen. Im Fall es
nun, wie das ungeschickte Ding ihn mit Trnen versichert habe, er aber noch
nicht glaube, wirkliche Nervenschwche wre, so wrde er freilich davon abstehen
mssen, doch hoffe er es noch durchzusetzen.
    Die Frauenzimmer, sowie die Mnner, konnten nicht umhin, ihr Mifallen
auszudrcken, es gab einen allgemeinen Streit, und Agnes fing an dem Bildhauer
im Herzen recht gram zu werden, sie kannte ihn nicht genug und hielt ihn fr
boshaft; wie nun ihr ganzes Wesen seit jener Botschaft gewaltsam aufgeregt war,
so nahm sie auch den gegenwrtigen Fall heftiger auf als sie sonst getan haben
wrde, sie glaubte eine ihrer Schwestern von einem Barbaren mihandelt, die
Wange glhte ihr vor Unwillen und ihre Stimme zitterte, so da Theobald, der
diese Ausbrche an ihr frchtete, sie sanft bei der Hand nahm und beiseite
fhrte.
    Raymund hatte, wie ernst es mit den Vorwrfen besonders der Frauenzimmer
gemeint sei, gar nicht bemerkt, weil es ihm in der Gesellschaft durchaus an
allem Takte gebrach. Sein unruhiger von einem aufs andere springender Sinn war
schon ganz anderswo mit den Gedanken, whrend man ihn ber seinen Fehler
nachdenklich gemacht und fast verletzt zu haben meinte. Er blickte durch den
Tubus in die Ferne und schttelte zuweilen mit dem Kopf; auf einmal stampft er
heftig auf den Boden. Ums Himmels willen, was ist Ihnen? fragte der Oberst.
Nichts! lachte Raymund, aus seinem Traum erwachend, es ist nur so verflucht,
da ich die Jette jetzt nicht da haben soll! sie nicht am Schopfe fassen kann
und recht derb abkssen! Sehn Sie, lieber Oberst, eigentlich ist's nur die
Unmglichkeit, was mich foltert, die plumpe, physische Unmglichkeit, da der
einfltige Raum, der zwischen zweien Menschen liegt, nicht urpltzlich
verschwindet, wenn einer den Willen recht grndlich hat, da dies Gesetz nicht
fllt, wenn auch mein Geist mit allem Verlangen sich dagegen stemmt! Ist so was
nicht, um sich die Haare auszuraufen und mit beiden Fen wider sich selber zu
rennen? Wie dort der Berg, der Mollkopf, glotzt und prahlt, recht dreist die
Fuste in die Wampen pret, da er so breit sei! Hier schlug Raymund ein
schallendes Gelchter auf, machte einen Satz in die Hhe und sprang wie toll den
Abhang hinunter.
    Nun ja, Gott steh uns bei! so etwas ist noch nicht erhrt! hie es mit
einem Munde. Aber Nolten nahm sich des Bildhauers mit Wrme an; er schilderte
ihn als einen unverbesserlichen Naturmenschen, als einen Mann, der seine Krfte
fhle, und brigens von aller Tcke, wie von Affektation gleich weit entfernt
sei, und wirklich gelang es ihm durch einige auffallende Anekdoten von der
Herzensgte seiner Sansfaon die Gesellschaft so weit auszushnen, da man
zuletzt nur noch lchelnd die Kpfe schttelte. Alle gesellige Lust flammte noch
einmal auf; man sprach nun erst recht kordial von Noltens und Agnesens Zukunft;
der Bildhauer hatte sich auch wiedereingefunden, unvermerkt verflossen ein paar
Stunden und einige Stimmen erinnerten endlich nur leise an den Heimweg. Die
Sonne neigte sich zum Untergang. Das herrlichste Abendrot entbrannte am Himmel
und das Gesprch verstummte nach und nach in der Betrachtung dieses Schauspiels.
Agnes lehnt mit dem Haupt an der Brust des Geliebten, und wie die Blicke beider
beruhigt in der Glut des Horizonts versinken, ist ihm, als feire die Natur die
endliche Verklrung seines Schicksals. Er drckt Agnesen fester an sein Herz; er
sieht sich mit ihr auf eine Hhe des Lebens gehoben, ber welche hinaus ihm kein
Glck weiter mglich scheint. Wie nun in solche Momente sich gern ein leichter
Aberglaube spielend mischt, so geschah es auch hier, als der helle Doppelstrahl,
der von dem Mittelpunkt des roten Luftgewebes ausging, sich nach und nach in
vier zerteilte. Was lag, wenn man hier deuten wollte, der Hoffnung unseres
Freundes nher, als einen Teil des wonnevoll gespaltnen Lichts auf zwei
geliebte, weit entfernte Gestalten fallen zu lassen, deren wehmtige Erinnerung
sich jeden Abend einige Male bei ihm gemeldet hatte. Allein wie sonderbar, wie
schmerzlich mu er es eben jetzt empfinden, da er dem treusten Kinde, das hier
in seinen Armen geschmiegt mit leisen Kssen seine Hand bedeckte, und dann ein
Auge aller Himmel voll, gegen ihn aufrichtete - nunmehr nicht seinen ganzen
Busen ffnen durfte! Er mute den Kreis seines Glcks, seiner Wnsche im stillen
fr sich abschlieen und segnen, doch in die Mitte desselben darf er Agnesen als
schtzenden Engel aufstellen.
    Die brigen waren aufgestanden, man wollte gehen. Theobald trennte sich
schwer von diesem glcklichen Orte, noch einmal berblickt' er die Runde der
Landschaft und schied dann mit vllig befriedigter Seele.
    Alsbald bewegte sich der Zug munter den Hgel hinab. Am Wldchen wurde nicht
versumt, das Echo wieder anzurufen Raymund brachte allerlei wilde Tierstimmen
hervor und stellte mit Hussa-Ruf und Hundegeklff das Toben einer Jagd
vollkommen dar; die Frauenzimmer sangen manches Lied, und gemchlich erreicht
man das Pfarrhaus, wo die von Neuburg sich sogleich zum Abschied wenden wollen,
trotz den Vorstellungen des Pfarrers, der einen Plan, die smtlichen Gste diese
Nacht in Halmedorf unterzubringen, komisch genug vorlegte. Raymund schlo sich
der Partie des Malers an, um morgen von Neuburg aus weiterzureisen. Wenigstens
msse man den Mond noch abwarten, meinte Amandus, und er wollte seine Kalesche,
ein uraltes aber hchst bequemes Familienerbstck, inzwischen parat halten
lassen. So verweilte man sich aufs neue; den Mnnern schien erst jetzt der Wein
recht zu schmecken, und Nolten selbst berschritt sein gewhnliches Ziel.
Whrenddem hat der Himmel sich umzogen, es wurde vllig Nacht, und Agnes, von
seltsamer Unruhe befallen, lie mit Bitten und Treiben nicht nach, bis man
endlich zum letzten Wort gekommen war und die beschwerte Kutsche vom Haus
wegrollte. Raymund ritt vor den Pferden her und kaum hatten sie das Dorf im
Rcken, so fing er herzhaft an zu singen. Er nahm in seinem frohen bermut dem
Bauernburschen, der nebenher leuchtete, die beiden Fackeln ab und schwang sie
rechts und links in weiten Kreisen, indem er sich an den wunderlichen Schatten
hchlich ergtzte, die er durch verschiedene Bewegung der Brnde in eine
riesenhafte Lnge, bald vor-, bald rckwrts, schleudern konnte. Sooft es anging
kam er an den Schlag und brachte die Gesellschaft durch allerlei phantastische
Vergleichungen ber seine Reiterfigur zum innigen Lachen. Er war wirklich hchst
liebenswrdig in dieser Laune, selbst Agnes lie ihm Gerechtigkeit widerfahren.
Der Maler wetteiferte mit ihm, teils schauerliche, teils liebliche Mrchen aus
dem Stegreife zu erzhlen, wobei sich Theobald ganz unerschpflich zeigte. Als
sie im Wald an einer den Strecke Ried vorberkamen, hie es, hier sei vor
vielen hundert Jahren das Herz eines Zauberers nach dessen Tode in die Erde
gegraben worden, das dann, zum schwarzen Moos verwachsen, als ein unendliches
Gespinst rings unterm Boden fortgewuchert habe. Daraus wre von dem Riesen
Flmer eine unermeliche Strickleiter gemacht worden, die er gegen den halben
Mond geworfen; das eine Ende sei mit der Schleife am silbernen Horne hngen
blieben und nun sei der Riese triumphierend zum Himmel hinaufgeklettert. Agnes
erinnerte, im Gegensatz zu solchen Ungeheuern, an eine kleine anmutige
Elfengeschichte, die Nolten als Knabe ihr vorgemacht hatte, und so gab jedes
einen Beitrag her; auch die drei andern jungen Leute blieben nicht zurck,
vielmehr diese trauliche Dunkelheit schien sie nun erst mehr aufzuwecken. Der
Bildhauer fand den Gedanken Noltens, da, um die romantische Fahrt vollkommen zu
machen, Raymund notwendig Henrietten auf seinem Rappen hinter sich haben sollte,
ganz zum Entzcken, und sogleich fing er an, die smtlichen Balladen, welche von
nchtlichen Entfhrungen, Gespensterbruten usw. handeln, mit Pathos zu
rezitieren. Nun war es aber fr unsre beiden Liebenden der seste Genu,
zwischen alle diesen Spielen einer unstet umherflackernden Einbildung auf
Augenblicke heimlich im stilleren Herzen einzukehren und die Gedanken auf das
Bild der nchsten reizenden Zukunft zu richten, sich einander mit einem halben
Wort ins Ohr, mit einem Hndedruck zu sagen, wie man sich fhle, was eines am
andern besitze, wieviel man sich erst knftig noch zu werden hoffe.
    Schon eine Zeitlang hatte Raymund von ferne ein Fuhrwerk zu hren geglaubt;
es kam jetzt nher und eine Laterne lief mit. Es war der Wagen des Barons. Der
Herr Frster schicke ihn entgegen, sagte der Knecht mit einem Tone, der eine
schlimme Nachricht frchten lie. Der gndige Herr, hie es, sei schnell
dahingefallen, von einem Nervenschlag spreche der Arzt, vor zwei Stunden habe
man ihm auf das Ende gewartet, sie mchten eilen, um ihn noch am Leben zu sehn.
Welche Bestrzung! welche Verwandlung der frohen Gemter! Schnell wurden die
Wagen gewechselt, der eine fuhr zurck, der andre eilte Neuburg zu.
    Der Baron erkannte bereits den Maler nicht mehr, er lag wie schlummernd mit
hastigem Atem. Theobald kam nicht von seinem Bette, er und die einzige Schwester
des Sterbenden, eine achtungswrdige Matrone, und ein alter Kammerdiener waren
zugegen, als der verehrte Greis gegen Morgen verschied.

So hatte Nolten einen andern Vater, es hatte der Frster den wrdigsten Freund
verloren; ja dieser durch und durch erschtterte Mann, da ihm zugleich ein neues
Glck in seinen Kindern trstlich aufgegangen war, gewann doch seinem ersten
Schmerzgefhl kaum so viel ab, als billig schien, um, wie es sonst in seiner
frommen Art gewesen wre, dankbar und laut eine Wohltat zu preisen, die ihm der
Himmel mit der einen Hand als reichlichen Ersatz nicht minder unerwartet
schenkte, als er ihm unerwartet mit der andern ein teures Gut entrissen hatte.
    Was Theobald betrifft, so war ein solcher Verlust fr ihn noch von
besonderer Bedeutung. Wenn uns unvermutet eine Person wegstirbt, deren innige
und verstndige Teilnahme uns von Jugend an begleitete, deren ununterbrochene
Neigung uns gleichsam eine stille Brgschaft fr ein dauerndes Wohlergehn
geworden war, so ist es immer, als stockte pltzlich unser eignes Leben, als sei
im Gangwerk unseres Schicksals ein Rad gebrochen, das, ob es gleich auf seinem
Platze beinah entbehrlich scheinen konnte, nun durch den Stillestand des Ganzen
erst seine wahre Bedeutung verriete. Wenn aber gar der Fall eintritt, da sich
ein solches Auge schliet, indem uns eben die wichtigste Lebensepoche sich
ffnet, und ehe den Freund die frohe Nachricht noch erreichen konnte, so will
der Mut uns gnzlich fehlen, eine Bahn zu beschreiten, welche des besten Segens
zu ermangeln, uns fremd und traurig anzublicken scheint.
    Wer dieser trben Stimmung Theobalds am wenigsten aufhelfen konnte, war
Agnes selbst, deren Benehmen in der Tat den sonderbarsten Anblick darbot. Sie
war seit gestern wie verstummt, sie lie die andern reden, klagen oder trsten,
lie um sich her geschehen was da wollte, eben als ginge sie's am wenigsten an,
als werde sie nicht von dieser allgemeinen Trauer, sondern von etwas ganz
anderem bewegt. Sie kmpfte mit Erhebung gegen ein Gefhl, das sie mit niemand
teilen zu knnen schien. Dann wieder war ihr Wesen auf einmal feierlich gehoben;
sie griff die gewhnlichen huslichen Geschfte mit aller uern Ruhe an, wie
sonst, aber nur der Krper, nicht der Geist, schien gegenwrtig zu sein. Auf
mitleidiges Zudringen des Brutigams und Vaters bekannte sie zuletzt, da eine
unerklrliche Angst seit gestern an ihr sei, ein unbekannter Drang, der ihr
Brust und Kehle zuschnre. Ich seh euch alle weinen, rief sie aus, und mir
ist es nicht mglich. Ach Theobald, ach Vater, was fr ein Zustand ist doch das!
Mir ist, als wrde jede andere Empfindung von dieser einzigen, von dieser
Feuerpein der Angst verzehrt. O wenn es wahr wre, da ich meine Trnen auf
greres Unglck aufsparen soll, das erst im Anzug ist! Sie hatte dieses noch
nicht ausgesagt, als sie in das frchterlichste Weinen ausbrach, worauf sie sich
auch bald erleichtert fhlte. Sie ging allein ins Grtchen, und als Theobald
nach einer Weile sie dort aufsuchte, kam sie ihm mit einer weichen Heiterkeit
auf dem Gesicht, nur ungewhnlich bla, entgegen. Der Maler im stillen war ber
ihre Schnheit verwundert, die er vollkommener nie gesehen hatte. Sie fing
gleich an, jene traurigen Ahnungen zu widerrufen, und nannte es sndhafte
Schwche, dergleichen bsen Zweifeln nachzugeben, die man durch aufrichtiges
Gebet jederzeit am sichersten loswerde, und es sei auch gewi das letzte Mal,
da Nolten sie so kindisch gesehen. Mit der natrlichen Beredsamkeit eines
frommen Gemts empfahl sie ihm Vertrauen auf Gottes Macht und Liebe, von welcher
sie nach solcher Anfechtung nur um so freudigeres Zeugnis in ihrem Innersten
empfangen habe. - So wahr ihr auch dies alles aus dem Herzen flo, so wich sie
Noltens Fragen, was denn eigentlich der Grund jenes Verzagens gewesen sei, mit
einiger Unruhe aus. Sie glaubte ihn mit dem Bekenntnisse verschonen zu mssen,
da, als sie gestern den Brief des Hofrats gelesen, ihre Freude hierber auf der
Stelle mit einer dunkeln Furcht vor diesem Glck, vielleicht gerade weil es ihr
zu gro gedeucht, seltsam gemischt gewesen war.
    Den folgenden Tag war die Beisetzung des Barons. Alle, auch Agnes, die ihm
die Totenkrone flocht, hatten ihn noch im Sarge gesehen, und einen durchaus
reinen und erhebenden Eindruck von seinem Liebe-Bild zurckbehalten. Raymund,
mit einem dankbaren Schreiben Theobalds an den Hofrat, war zeitig
weitergegangen. Zur festgesetzten Zeit wollten beide Knstler sich an dem neuen
Orte ihrer Bestimmung frhlicher wieder begren, als sie sich jetzo trennten.
    Zunchst nun folgte in dem Forsthaus eine stille, doch wohlttige
Trauerwoche. In traulichen, fters bis tief in die Nacht fortgesetzten
Gesprchen vergegenwrtigte man sich die eigentmliche Sinnesart des
Verstorbenen auf alle Weise. Erinnerungen aus frhester und neuester Zeit traten
hervor. Entwrfe eines Denkmals, das Grab des Toten einfach und edel zu zieren
wurden verschiedentlich versucht, Umrisse der freundlichen Gesichtsbildung
wurden gezeichnet, nach Ansicht eines jeden sorgfltig verndert und wieder
gezeichnet. Jetzt langten Noltens Effekten an. Er fand unter seinen Papieren
eine Sammlung lterer Briefe des Barons (denn in dem letzten Jahre schrieb er
fast nichts mehr, und alle Verbindung zwischen ihm und dem Maler war nur
gelegentlich durch das Forsthaus). Meistens fiel diese Korrespondenz in die Zeit
da sich Theobald in Rom aufhielt, man bekam die Gegenbltter vollstndig aus dem
Nachlasse des Barons zusammen und sie gewhrten jetzt eine ebenso lehrreiche als
erbauliche Unterhaltung.
    Von einem solchen, dem teuren Abgeschiedenen mit frommer Neigung gewidmeten
Andenken war dann der bergang zum lebendigen Genusse der Gegenwart in jedem
Augenblicke leicht gefunden. Grere und kleinere Spaziergnge, Besuche aus der
Nachbarschaft erwidert, hundert kleine Beschftigungen in Haus und Feld und
Garten wechselten ab, die Tage schnell und harmlos abzuspinnen. Nolten versumte
dabei nicht, wenn von der groen Vernderung die Rede war, die ihm und den
Seinigen bevorstand, gelegentlich einen Plan erst nur entfernterweise und wie im
Scherze blicken zu lassen, womit er aber eines Abends, als alle drei beim
traulichen Lichte versammelt saen, ernsthaft hervortrat und den Vater wie
Agnesen nicht wenig berraschte. Er sei entschlossen, sagte er, seinen knftigen
Wohnort auf einem kleinen Umweg ber einige sehenswerte Stdte Deutschlands zu
erreichen, und nicht nur die Geliebte werde ihn begleiten, sondern, wie er halb
hoffe, auch der Vater, den er auf jeden Fall als bleibenden Genossen seines
knftigen Hauses schon lngst im stillen angesehn und nunmehr, von Agnesen
untersttzt, um seine Einwilligung herzlich und kindlich bitte. Gerhrt
versprach der Alte, der Sache nachzudenken; was aber, setzte er hinzu, diese
nchste Reise betrifft, so taugt ein alter gebrechlicher Kamerade wie ich zu
dergleichen Seitensprngen nicht mehr. Und berdies (er hatte die Landkarte auf
dem Tisch ausgebreitet) so ganz unbetrchtlich find ich den Umweg des Herrn
Sohns eben nicht. Sehn Sie, dies Dreieck, man mag es nehmen wie man will, macht
immer einen ziemlich spitzen Winkel hier bei P*, wo Sie dann gegen Norden lenken
wollten. Nein, liebe Kinder, vorderhand bleib ich hier. Euch so lange
hinzusperren, bis ich Haus und Hof beschickt und abgegeben htte, wre unsinnig,
und doch mu man sich zu so etwas Zeit nehmen knnen; da ich aber fr jetzt nur
abbrche, um wiederzukommen und dann die Sachen in Ordnung zu bringen, wre
womglich noch ungeschickter. Kommt ihr nur erst an Ort und Stelle an, wir
wollen sehen, was sich dann weiter schickt und ob es Gottes Wille ist, da ich
euch folge.
    Agnes konnte dem Vater nicht Unrecht geben; am liebsten freilich htte sie
Theobalden jenen Nebenplan ausreden mgen, der ihr und, wie sie wohl bemerkte,
noch mehr dem Vater, der bedeutenden Kosten wegen, bedenklich vorkam. Sie hielt
auch diese Einwendung nicht ganz zurck, doch da man sah, wie vielen Wert der
Maler auf die Sache legte, so dachte man sie ihm nicht zu verkmmern. Man fing
also zu rechnen an, und Theobald erklrte, da er, so gnstig wie nunmehr die
Dinge fr ihn lgen, eine Schuld ohne Gefahr aufnehmen knne, ja er gestand, er
habe dies Geschft schon abgetan und bereits die Wechsel in Hnden. Dies gab ihm
einen kleinen Zank, doch mute man es ihm wohl gelten lassen.
    Nun aber kam ganz unvermeidlich die Hochzeit zur Sprache. Es war ein Punkt,
der diese letzten Tage her Agnesen im stillen vieles mochte zu schaffen gemacht
haben; sie fate sich daher ein Herz und fing von selbst davon zu reden an,
jedoch nur um zu bitten, da man damit nicht eilen, da man diesen und den
nchsten Monat noch abwarten mge. Was soll das heien? rief der Vater und
traute seinen Ohren kaum. Wir reisen ja die nchste Woche schon, mein Kind!
rief Nolten. Das hindere nichts, behauptete Agnes; sie mten sich ja nicht
notwendig im Lande trauen lassen, was ihr freilich, an sich betrachtet, ungleich
lieber wre, es knne aber auch in W* geschehn (dies war der Ort, wo sie sich
niederlassen sollten), und noch besser in H* (hier lebte ein naher Verwandter
des Frsters und die Reisenden muten das Stdtchen passieren, das nur wenige
Meilen von W* gelegen war); dort wrden sie in einer festzusetzenden Woche mit
dem Vater zusammentreffen, und so alle miteinander aufziehn. - Der Alte hielt
seinen Verdru noch an sich, um erst die Grnde der Tochter zu hren, allein da
diese rein innerlich, dem guten Mdchen selber nicht ganz klar und berhaupt gar
nicht geeignet waren, eine gemein verstndige Prfung auszuhalten, so geriet der
Vater in Hitze und es kam zu einem Auftritt, den wir dem Leser gern ersparen.
Genug, der Frster, nachdem er seine Meinung ber solchen Eigensinn mit
Bitterkeit von sich geschttet hatte, verlie ganz auer sich das Zimmer. Die
Arme warf sich voller Schmerz aufs Bette, und Theobald, dem sie nur rckwrts
ihre Hand hinlieh, sa lange schweigend neben ihr. Sie wurde ruhiger, sie rhrte
sich nicht mehr, ein leiser Schlaf umdmmerte ihre Sinne.
    Unserem Freunde drangen sich in dieser stummen sonderbaren Lage verschiedene
Betrachtungen auf, die er seit jenem Morgen, an dem er die Geliebte von neuem an
sein Herz empfing, nimmermehr fr mglich gehalten htte, doch jetzt, wer mchte
ihm verargen, wenn ihn der Zweifel berschlich, ob denn das Rtselwesen, das
hier trostlos vor seinen Augen lag, dazu bestimmt sein knne, durch ihn
glcklich zu werden, oder ihm ein dauerndes Glck zu grnden, ob er es fr ein
wnschenswertes und nicht vielmehr fr ein hchst gewagtes Bndnis halten msse,
wodurch er sich frs ganze Leben an dies wunderbare Geschpf gefesselt she?
Aber zu fragen brauchte er sich wenigstens das eine nicht: ob er sie wirklich
liebe, ob seine Neigung nicht etwa nur eine knstlich bertragene sei? vielmehr
durchdrang ihn das Gefhl derselben nie so vollglhend als eben jetzt. Er dachte
weiter nach und mute finden, da eben jene dunkle Klippe, woran Agnesens sonst
so gleichgewiegtes Leben zum erstenmal sich brach, dieselbe sei, nach der auch
sein Magnet von frh an unablssig strebte, ja da (man gnne uns immer das
Gleichnis) die schlimme Zauberblume, worin des Mdchens Geist zuerst mit
unheilvollen Ahnungen sich berauschte, nur auf dem Grund und Boden seines eignen
Schicksals aufgeschossen war. Notwendig daher und auf ewig ist er mit ihr
verbunden, Bses oder Gutes kann fr sie beide nur in einer Schale gewogen sein.
    Seine Gedanken verschwammen nach und nach in einer grundlosen Tiefe, doch
ohne ngstlichkeit; mit einer Art von frommer Todeswollust, mit
berschwenglichem Vertrauen kt er den Saum am Kleide der Gottheit, deren
geweihtes Kind er sich empfindet. Er htte eine Ewigkeit so sitzen knnen, nur
diese Schlafende neben sich, nur diese ruhige Kerze vor Augen. - Er neigt sich
ber Agnes her und rhrt mit leisen Lippen ihre Wange; sie schrickt zusammen und
starrt ihm lange ins Gesicht, bis sie sich endlich findet. Stillschweigend
treten beide ans offene Fenster, eine balsamische Luft haucht ihnen entgegen;
der volle Mond war eben aufgegangen und setzte die Gegend, das Grtchen, ins
Licht. Sie deutet hinab, ob er noch einen Gang zu machen Lust htte. Man
zauderte nicht. Der Vater war zu Bette gegangen, das ganze Dorf in Ruhe. Sie
wandelten den mittlern Weg vom Haus zur Laube, zwischen aufblhenden
Rosengehegen, Hand in Hand auf und nieder. Keins konnte die ersten Worte recht
finden. Er fing endlich damit an, den Vater zu entschuldigen, und rckte so dem
Gegenstand des Streites nher, um zu erfahren, woher ihr diese Scheu, dies
Widerstreben gegen ein so natrliches als erfreuliches Vorhaben kam, von dem sie
noch vor wenig Wochen mit aller Unbefangenheit, ja ganz im Sinn des echten
Mdchens gesprochen hatte, dem auch die ueren Erfordernisse eines solchen
Tags, die Musterung und Wahl des Putzes, ein reizender Gegenstand der Sorgfalt
und der Mhe sind. Mit welcher Rhrung hatte sie neulich (wir versumten bis
jetzt, es zu erwhnen), mit welcher Bewunderung das schne Angebinde der
unbekannten Freundinnen aus Theobalds Hnden empfangen und gegen das schwarze
Festkleid gehalten! Sieh, sagte der Brutigam jetzt, und streichelte ihr
freundlich Kinn und Wangen, indem sein Ton zwischen Wehmut und einer
ermutigenden Munterkeit wechselte, dort schaut das Kirchlein her und tut wie
traurig da es die Freude deines Tags nicht sehen soll! kannst du ihm seinen
Willen denn nicht tun? - Gewi, Agnes, ich will dich nicht bestrmen: hier meine
Hand darauf, da du mit keinem Wort, mit keiner unfreundlichen Miene, auch vom
Vater nicht, es knftig entgelten sollst, wenn du, was wir verlangen, nun einmal
nicht ber dich vermchtest, nur berleg es noch einmal. Ich will alles beiseite
setzen, was der Vater hauptschlich fr seine Absicht anfhrt, ich will davon
nichts sagen, da es jedermann auffallen mte, Stoff zu Vermutungen gbe, und
dergleichen. Aber ob du der Heimat, in deren Scho du deine frohe Jugend
lebtest, von der du nun fr immer Abschied nimmst, ob du ihr dies Fest nicht
schuldig bist, worauf sie so gerne stolz sein mchte? Der Ort, das Haus, das
Tal, wo man erzogen wurde, dnkt uns von einem eigenen Engel behtet, der hier
zurckbleibt, indem wir uns in die weite Welt zerstreuen: es ist dies wenigstens
das liebste Bild fr ein natrliches Gefhl in uns; bedenke nun, ob dieser
fromme Wchter deiner Kindheit dir's je verzeihen knnte, wenn du ihm nicht
vergnnen wolltest, dir noch den Kranz aufs Haupt zu setzen, dich auf der
Schwelle deines elterlichen Hauses mit seinem schnsten Segen zu entlassen. Es
hoffen alle deine Gespielen, jung und alt hofft dich vor dem Altar zu sehen, das
ganze Dorf hat die Augen auf dich gerichtet. Und darf ich noch mehr sagen?
Zweier Personen mu ich gedenken, die diesen Tag nicht mehr mit uns begehen
sollten, deine teure Mutter und unser krzlich vollendeter Freund: ihr Gru wird
uns an jenem Morgen schmerzlich fehlen, aber doch eine Spur ihres Wesens wird
uns an der Sttte begegnen, wo sie einst mit uns waren, von ihrer Ruhesttte
wird -
    Um Jesu willen, Theobald, nicht weiter! ruft Agnes, ihrer nicht mehr
mchtig, und wirft sich schluchzend vor ihm auf die Kniee - Du bringst mich um
- Es kann nicht sein - Erlasset mir's! Bestrzt hebt er sie auf, liebkost,
beschwichtigt, trstet sie: man sei ja weit entfernt, sagt er, ihrem Herzen
Gewalt anzutun, er habe sich nun berzeugt, wie unmglich es ihr sei, auch liege
ja so sehr viel nicht an der Sache, er werde es dem Vater vorstellen, es werde
alles gut gehn. Sie kamen vor die Laube, sie mute sich setzen, ein schmaler
Streif des Mondes fiel durchs Gezweige auf ihr Gesicht und Theobald sah ihre
Trnen in hellen Tropfen fallen. Er solle die Reise allein machen, verlangte
sie, er solle wieder zurckkommen, indessen sei die Zeit vorber, vor welcher
sie sich frchte, dann wolle sie gern alles tun, was man wnsche und wo man es
wnsche. Auf die Frage, ob es also nicht die Reise selbst sei, was sie
bengstige, erwiderte sie: nein, sie knne nur das Gefhl nicht berwinden, als
ob ihr berhaupt in der nchsten Zeit etwas Besonderes bevorstnde - es warne
sie unaufhrlich etwas vor dieser schnellen Hochzeit. Was aber dies Besondere
sei, das wtest du mir nicht zu sagen, liebes Herz? Sie schwieg ein Weilchen
und gab dann zurck: Wenn der Zeitpunkt vorber ist, sollst du es erfahren.
Nolten vermied nun, weiter davon zu reden. Er war weniger wegen irgend eines
bevorstehenden uern bels, als um das Gemt des Mdchens besorgt; er nahm sich
vor, sie auf alle Art zu schonen und zu hten. Was ihm aber eine solche Vorsicht
noch besonders nahelegte, war eine uerung Agnesens selbst. Nachdem nmlich das
Gesprch bereits wieder einen ruhigen und durch Theobalds leise, verstndige
Behandlung, selbst einen heitern Ton angenommen hatte, gingen beide, da es schon
gegen Mitternacht war, ins Haus zurck. Sie zndete Licht fr ihn an, und man
hatte sich schon gute Nacht gesagt, als sie seine Hand noch festhielt, ihr
Gesicht an seinem Halse verbarg und kaum hrbar sagte: Nicht wahr, das Weib
wird nimmer kommen? Welches? fragt er betroffen. Du weit es, erwiderte
sie, als getraue sie sich nicht, das Wort in den Mund zu nehmen. Es war das
erstemal, da sie ihm gegenber die Zigeunerin berhrte. Er beruhigte sie mit
wenigen aber entschiedenen Worten.
    Auf seinem Zimmer angekommen untersucht er eifrig den Verschlag, worin unter
andern Malereien auch das fatale Bild vergraben war; eine augenblickliche
Besorgnis, die Kiste mchte aus Irrtum geffnet worden sein, war durch Agnesens
Worte in ihm aufgestiegen; doch fand sich alles unversehrt.
    Den andern Morgen, noch ehe Agnes aufgestanden war, erzhlte er die gestrige
Szene dem Vater, den er schon wider Erwarten milde gestimmt fand. Der Alte
gestand ihm, da bald nachdem er die beiden verlassen, er etwas hnliches, wo
nicht noch Schlimmeres, zu befrchten angefangen habe, und seine Heftigkeit
bereue. Es bleibe nichts brig, als man gebe nach; da sie aber am Ende nicht
auch die Reise verweigere, msse man ja vorbauen. - La uns Frieden schlieen!
sagte er beim Frhstck zu der Tochter und bot ihr die Wange zum Ku; ich habe
mir den Handel berschlafen, und es soll dir noch so hingehn; man mu eben auf
einen Vorwand denken, wegen der Leute. Aber soviel merk ich schon, setzte er
scherzhaft gegen den Schwiegersohn hinzu, der Pantoffel steht Ihnen gut an, von
der Bsen da. Die Bse schmte sich ein wenig, und der Zwist war vergessen. Zu
der Reise lie sie sich willig finden und mit den Vorbereitungen ward noch heute
der Anfang gemacht. Zur erheiternden Begleitung wollte man unterwegs Nannetten,
Theobalds jngste Schwester, aufnehmen, die er ohnedies vorderhand zu sich zu
nehmen entschlossen war.

Nunmehr berspringen wir einen Zeitraum von wenigen Wochen, in denen der Wagen
unsrer beiden Liebenden schon eine gute Strecke weit auf landfremden Wegen
fortgerollt sein mag. Man war um zwei muntere Augen vermehre und in der Tat um
so viel reicher geworden. Denn wenn das Glck eines Paares, welchem vergnnt
ist, auf unabhngige und bequeme Weise ein greres Stck Welt miteinander zu
sehen, schon an sich fr den seligsten Gipfel des mit zarten Sorgen und Freuden
so vielfach durchflochtenen Brautstandes mit Recht gehalten wird, so gewinnt
diese glckliche Zweiheit gar sehr an herzinnigem Reiz durch das Hinzutreten
einer engbefreundeten jngern Person, deren lebendige, mehr nach auen
gerichtete Aufmerksamkeit den beiden die vorberfliegende Welt in erhhter
Wirklichkeit zufhrt, und jene wortlose Beschaulichkeit, worein Liebende in
solcher Lage sich sonst so gerne einwiegen lassen, immer wieder wohlttig
aufschttelt. Eine solche Ableitung nun war unserm Paare um so ntiger, als
gewisse schwere Stoffe auf dem Grunde der Gemter, sowenig man es einander
eingestand, sich anfangs nicht sogleich zerteilen wollten. Diesen Vorteil aber
gewhrte Nannettens Gegenwart vollkommen. Sowohl im Gefhrte, wo sie sich mit
Konrad, dem Kutscher einem treuherzigen Burschen aus Neuburg, gleich auf den
lustigsten Fu zu setzen wute, als in den Gasthfen, wo sie die Eigenheiten der
Fremden genau zu beobachten, auf alle Gesprche zu horchen und die
Merkwrdigkeiten einer Stadt immer zuerst auszukundschaften pflegte - berall
zeigte sie eine rasche und praktische Beweglichkeit, und wo man hinkam, erwarb
sie sich durch ein ansprechendes uere, durch ihren naiven und schnellen
Verstand die charmantesten Lobsprche. - Das Wetter, das in den ersten Tagen
meist Regen brachte, hatte sich gefat und versprach bestndig zu bleiben. So
langte man eines Abends ganz wohlgemut in einer ehemaligen Reichsstadt an, wo
bernachtet werden mute. Unsere Gesellschaft war in dem besten Gasthofe
untergebracht, und whrend diese sich auf ihre Weise gtlich tut, mge der Leser
es nicht verschmhen, auf kurze Zeit an einer entfernten Trinkgesellschaft aus
der niedern Volksklasse teilzunehmen. Konrad hofft seine Rechnung dort besser
als an jedem andern Orte zu finden; man hat ihn auf ein groes Brauereigebude,
den Kapuzinerkeller, neugierig gemacht und er wird uns den Weg dahin zeigen.
    Es lag der genannte Keller in einem ziemlich dstern und schmutzigen Winkel
der Altstadt und bildete den Schlu einer Sackgasse, die meist von Kfern,
Gerbern und dergleichen bewohnt ward. Konrad sitzt in dem vordern allgemeinen
Trinkzimmer, hart an der offnen Tr einer Nebenstube, der er seine ganze
Aufmerksamkeit schenkt. Dort hat nmlich ein Zirkel von fnf bis sechs
regelmigen Gsten seinen Tisch, dessen schmale Seite von einem
breitschultrigen Manne mit pockennarbigem Gesicht besetzt ist, einem
aufgeweckten und, wie es scheint, etwas verwilderten Burschen. Aus seinen
kleinen schwarzen Augen blitzte die helle Spottlustigkeit, eine zu allerlei
Sprngen und Possen aufgelegte Einbildungskraft. Er trug seine Scherze brigens
mit trockener Miene vor, und machte die Seele der Gesellschaft aus. Man nannte
ihn den Bchsenmacher, auch wohl Stelzfu, denn er hatte ein hlzernes Bein.
Zwei Mann unter ihm sa ein Mensch von etwa sechsunddreiig Jahren. Es war keine
besonders feine Beobachtungsgabe ntig, um in dieser Gestalt, diesem Kopfe etwas
Bedeutenderes und durchaus Edleres zu entdecken, als man sonst in einem solchen
Kreis erwarten wrde. Ein schmales, ziemlich verwittertes und tiefgefurchtes
Gesicht, das unstete feurige Auge, eine leidenschaftliche Hast in den
anstndigen Bewegungen zeugten offenbar von ungewhnlichen Strmen, die der Mann
im Leben mochte erfahren haben. Er sprach wenig, sah meist zerstreut vor sich
nieder, und doch, je nachdem ihm die Laune ankam, konnte er an Einfllen den
Stelzfu sogar berbieten, nur da dies immer auf eine feinere Weise geschah,
und ohne sich das geringste zu vergeben. Alle betrachteten ihn mit auffallender
Distinktion, ja mit einer gewissen Scheu, obgleich er nur Joseph, der Tischler,
hie. Ihm gegenber hatte ein jngerer Geselle, namens Perse, ein Goldarbeiter,
sein Glas stehen. Es war der einzige, mit dem Joseph auch auerhalb dem
Wirtshaus einigen Umgang pflegen mochte. Von den brigen wten wir nichts
weiter zu sagen, als da es aufgeweckte Leute und ehrbare Handwerker waren.
    Mir fehlt heut etwas, sagte der Bchsenmacher, ich wei nicht was. Ich
hab das Licht nun schon viermal hintereinander geputzt, in der Meinung, derweil
ein frisches Trumm in meinem Kopf zu finden, denn euer einerlei Geschwtz da von
Meistern, Kunden, Herrschaften ist mir ganz und gar zum Ekel, ich wei von
diesem Quark lange nichts mehr und will vorderhand auch nichts davon hren. Die
Lichtputze noch einmal! und jetzt was Neues, ihr Herrn! Mir schnurrt eine Grille
im Oberhaus. Es wre nicht bel, der Mensch htte fr seinen Kopf, wenn der
Docht zu lang wird, auch so eine Gattung Instrumente oder Vorrichtung am Ohr, um
sich wieder einen frischen Gedankenansatz zu geben. Zwar hat man mir schon in
der Schule versichert, da seit Erfindung der Ohrfeigen in diesem Punkte nichts
mehr zu wnschen brig sei; das mag vielleicht fr junge Kpfe gelten, aber ich
bin bald vierzig; nur in diesem kstlichen l, ich meine diesen goldnen Trank
aus Malz und Hopfen, find ich ein kleines Surrogat fr -
    Spa beiseit! rief Perse ihn unterbrechend, ich kann mir berhaupt nicht
denken, Lrmer, wie dir's nur eine Stunde wohl sein mag bei dem unntzen Leben,
das du in den zwei Monaten fhrst, seit du Hamburg verlassen hast. Bei Gott, ich
wollt dich schon mehrmals auf dies Kapitel bringen und dir zureden, denn mich
dauert's in der Seele, wenn sie davon erzhlen, wie du ein geschickter Arbeiter
gewesen, wie du Grtz und Gaben httest, dich den ersten Meistern in deinem
Fache gleichzustellen und dein Glck zu machen auf Zeitlebens - und nun! sich
hier auf die faule Haut legen, hchstens um Taglohn fr Hungersterben da und
dort ein Stck Arbeit annehmen in einer fremden Werkstatt und dich schlecht
bezahlen lassen fr gute Ware, wie sie dem Gebtesten nicht aus der Hand geht!
Heit das aber nicht gesndigt an dir selber? ist das nicht himmelschreiend?
    Der Angeredete schaute verwundert auf ber diese unerwartete Lektion und
lauerte einigermaen beschmt nach Joseph hinber, als wollte er dessen Gedanken
belauschen; aber dieser traf ihn mit einem finstern, bedeutungsvollen Blick,
wobei sich die brigen allerlei zu denken schienen.
    Was? nahm Perse wieder das Wort, will dem Kerl niemand die Wahrheit
sagen? hat keiner das Herz, ihm den Leviten zu lesen, wie's recht ist? Redet
doch auch ihr andern!
    Redet nicht ihr andern! entgegnete ernsthaft der Bchsenmacher; das ist,
hol mich der Teufel, kein Text fr diesen Abend und fr die Schenke, wo man
Fried haben will. Ich sag euch, und das ist mein letzt Wort in der Sache: gar
gut wei ich, woran ich bin mit mir selber, und soviel ist auch gewi, wenn ich
will hat dies tolle Leben ein End ber Nacht. Der Lrmer wird sich vom Kopf bis
zum Fu das alte Fell abziehen mit einemmal, wie man einen Handschuh abreit.
Ihr sollt sehen. Lat mich aber indes mit eurer Predigt in Ruh, sie richtet in
zwei Jahren nicht aus, was der ungefhre Windsto eines frischen Augenblicks bei
mir aufjagt. - Mu aber heut ja von Lumperei die Rede sein, so will ich euch
und - hiemit nahm der Sprecher pltzlich seine wohlbehagliche, muntere Haltung
wieder an - will ich euch ein Rtsel vorlegen in betreff eines Lumpen, der sich
auf unbegreifliche Weise innerhalb vierundzwanzig Stunden zum flotten Mann
poussiert hat, und zwar ist es einer aus unserer Gesellschaft. Wie? Was?
riefen einige. Ohne Zweifel, erwiderte der Bchsenmacher; er befindet sich
zwar gegenwrtig nicht unter uns und schon mehrere Tage nicht, aber er rechnet
sich zur Kompanie, er versprach heute zu kommen, und es wre unbarmherzig, wenn
ihr ihn nicht wenigstens als Anhngsel, als ein Schwnzchen von mir wolltet
mitzhlen lassen. Ah! rief man lachend, die Figur! die Figur! er meint die
Figur!
    Allerdings, fuhr der andere fort, ich meine das spindeldnne
bleichschtige Wesen, das mir von Hamburg an, ungebetenerweise und ohne
vorausgegangene genauere Bekanntschaft hieher folgte, um, wie er sagte, in
meinen Armen den Tod seines unvergelichen Freundes und Bruders, des
Buchdruckers Murschel, zu beweinen. Nun wit ihr, ich bewohne seit einiger Zeit
mit diesem zrtlichen Barbier, Sigismund Wispeln, eine Stube, er it mit mir und
ich teile aus christlicher Milde alles mit ihm bis auf das Bett, das ich mir aus
billigen Grnden allein vorbehalten. Man hat aber keinen Begriff, was ich fr
ein Leiden mit dieser Gesellschaft habe. Schon sein bloer Anblick kann einen
alterieren. Eine Menge kurioser Angewohnheiten, eine unermdliche Sorgfalt,
seine Milbenhaut zu reiben und zu htscheln, seine rtlichen Haare mit allerlei
gemeinem Fette zu betrufeln, seine Ngel bis aufs Blut zu schneiden und zu
schaben - ich bekomme Gichter beim bloen Gedanken! und wenn er nun die Lippen
so s zuspitzt und mit den Augen blinzt, weil er, wie er zu sagen pflegt, an
der Wimper krnkelt, oder wenn er sich mit den tausend Liebkosungen und Gesten
an mich anschmiegt, da dreht sich der Magen in mir um und ich hab ihn wegen
dieser Freundschaftsbezeugungen mehr als einmal wie einen Flederwisch an die
Wand fliegen lassen. Nun ging ich neulich damit um, mir das Geschpf mit guter
Art vom Hals zu schaffen. Vielleicht ist euch nicht unbekannt, da der Kerl an
Hnd und Fen, besonders aber zwischen den Zehen, wirkliche Schwimmhute hat,
auch lebe ich der festen berzeugung, man wrde aus seinen Gliedmaen lauter
schmale Stbe von Fischbein, statt der Knochen, ziehen und berhaupt die
wunderbarsten Dinge bei ihm entdecken. Mein Rat war also, sich zuvrderst von
einem Professor besichtigen und dann dem Frsten empfehlen zu lassen, vor allen
Dingen aber sich aus meinem Logis zu verlegen. Dieser mein Vorschlag kam
freilich etwas unerwartet, und ich mute ihm schon einige Tage Zeit gnnen, um
sich zu fassen. Gestern morgen aber stand er ungewhnlich frh vom Bette auf;
ich lag noch halbschlafend mit geschlossenen Augen, mute aber im Geist jede
Gebrde verfolgen, die der Widerwart whrend des Ankleidens machte, jede Miene,
nein, ich sage passender, jeden Gesichtsschnrkel, der sich whrend des Waschens
zwanzig- und dreiigfltig bei ihm formierte Jetzt griff er nach seinem
ordinren Frhstck, einem vollen Glas mit kaltem Brunnenwasser, jetzt hrt ich
ihn seine beinernen Finger auf den Tisch setzen und knackend abdrucken, da die
Wnde gellten, das gewhnliche Manver, wodurch er mich zum Erwachen, zum
Gesprch zu bringen sucht, und Guten Morgen, Bruder! wie schlief sich's lispelt
er, aber ich rhre mich nicht. Er wiederholt den Gru noch einigemal, ohne
Erfolg; endlich fhle ich meine Nase zrtlich von zwei eiskalten Fingerspitzen
gehalten, ich fahre auf und der Freund hat eben noch Zeit, sich meinem Zorn
durch eine schnelle Ausbeugung zu entziehen. Allein wie gro war mein Erstaunen,
als ich den Hundsfott im neuen schwarzen Frack, mit neumodisch hoher Halsbinde
und sperbem Hemdstrich in der Ecke stehen sah. Die mir wohlbekannte verblichene
Hose aus Nanking und die abgenutzten Schuhe zeugten zwar noch von gestern und
ehegestern, aber die brige Pracht, woher kam sie an solchen Schuft? Gestohlen
oder entlehnt waren wenigstens die Kleider nicht, denn bald fand ich die
quittierten Rechnungen von Tuchhndler und Schneider mit Stecknadeln wie
Schmetterlinge an das bekannte armselige Htchen gesteckt, das naseweis von dem
hohen Bettstollen auf seinen vernderten Herrn blickte. Vergebens waren alle
meine Fragen ber diese glcklich begonnene Besserung der Umstnde meines
Tropfen; ich erhielt nur ein geheimnisvolles Lcheln und noch heute ist mir das
Rtsel nicht gelst. Der Schuft mu auch bare Mnze haben; er sprach von einer
Schadloshaltung, von einem Kostgeld und dergleichen. brigens speist er, wie ich
hre, jetzt regelmig im Goldenen Schwan. Nun! sagt mir, ist einer unter euch,
der mir beweist, es gehe so was mit natrlichen, oder doch ehrlichen Dingen zu?
Sagt, mu man den Menschen nicht in ein freundschaftliches Verhr nehmen, ehe
die Obrigkeit Verdacht schpft und unsern Bruder einsteckt?
    Man sprach, man riet, man lachte herber und hinber. Endlich nahm der
Stelzfu das Wort wieder, indem er sagte: Weil wir ohnedem jetzt an dem Kapitel
von den Mirakeln sind, so sollt ihr noch eine kleine Geschichte hren. Sie hat
sich erst heute zugetragen, steht aber hoffentlich in keinem Zusammenhang mit
der vorigen. Diesen Morgen kommt ein Jude zu mir, hat einen Sack unterm Arm und
fragt, ob ich nichts zu schachern htte, er habe da einen guten Rock zu
verhandeln. Der Kerl mu die schwache Seite an dem meinigen entdeckt haben; das
verdro mich und ich war dem Spitzbuben ohnedies spinnefeind. Whrend ich also
im stillen berlege, auf was Art ich den Snder am zweckmigsten die Treppe
hinunterwerfe, fllt mir zufllig meine Taschenuhr ins Aug. Nun wei ich nicht,
war es ein weichherziger Gedanke an meinen seligen Vater, von welchem mir das
Erbstck kam, oder was war es, da ich pltzlich in mitleidige Gesinnungen
berging. Ich dachte, ein Jud ist doch gleichsam auch eine Kreatur Gottes und
dergleichen; kurz, ich nahm die Uhr hchst gerhrt vom Nagel an meinem Bette,
besah sie noch einmal und fragte: was sie gelten soll? Der Schurke schlug sie
nun fr ein wahres Spottgeld an und ich gab ihm einen Backenstreich, den schlug
er aber gar nicht an, und endlich wurden wir doch handelseinig.
    Alles lachte ber diese sonderbare Erzhlung, nur dem Joseph schien sie im
stillen weh getan zu haben.
    Wartet doch, fuhr der Stelzfu fort, das Beste kommt noch. Ich ging mit
meinen zwei Talern, die ich ungesehn, wie Sndengeld in die Tasche steckte, aus
dem Haus, ohne recht zu wissen wohin. Soviel ist sicher, ich langte endlich vor
dem besten Weinhaus an und nahm dort ein miges Frhstck zu mir. Da mir aber,
wie gesagt, ein Jude meinen Zeitweiser gestohlen, so wut ich schlechterdings
nicht, woran ich eigentlich mit dem Tag sei; kurz, es wurde Abend, eh mir der
Kellner die letzte Flasche brachte. Ich gehe endlich heim, ich komme auf meiner
Kammer an und spaziere in der Dmmerung auf und ab; zuweilen blinzl' ich nach
dem leeren Nagel hinber und pfeife dazu, wie einer, der kein gut Gewissen hat.
Auf einmal ist mir, es lasse sich etwas hren wie das Picken eines solchen
Dings, dergleichen ich heute eins verlor; ganz erschrocken spitz ich die Ohren.
Das tut wohl der Holzwurm in meinem Stelzfu, denk ich, und stoe den Stelzen
gegen die Wand, wie immer geschieht, wenn mir's die Bestie drin zu arg macht.
Aber Pinke Pink, Pinke Pink, immerfort und zwar nur etliche Schritte von mir
weg. Bei meiner armen Seele, ich dacht einen Augenblick an den Geist meines
guten Vaters. Indessen kommt mir ein Pckel unter die Hand, ich rei es auf und,
da ich's kurz mache, da lag meine alte Genferin drin! Wei nicht, wie mir dabei
zumut wurde; ich war ein veritabler Narr fr Freuden, sprach franzsisch und
kalmukisch untereinander mit meiner Genferin, mir war, als htten wir uns zehn
Jahre nicht gesehn. Jetzt fiel mir ein Zettel in die Finger, der - nun, das
gehrt nicht zur Sache. Schaut, hier ist das gute Tier! und hiemit legte er die
Uhr auf den Tisch.
    Aber der Zettel? fragte einer, was stand darauf? wer schickte das Paket?
- Der Bchsenmacher griff stillschweigend nach dem vollen Glas, drckte nach
einem guten Schluck martialisch die Lippen zusammen und sagte kopfschttelnd:
Wei nicht, will's auch nicht wissen. Aber dein ist die Uhr wieder? Und
bleibt mein, war die Antwort, bis ins Grab, das schwr ich euch.
    Whrend dieser Erzhlung hatte Perse etlichemal einen pfiffigen Blick gegen
den Tischler hinberlaufen lassen, und er und alle merkten wohl, da Joseph der
unbekannte Wohltter gewesen war.
    Jetzt hob der Bchsenmacher sachte seinen hlzernen Fu in die Hhe und
legte ihn mitten auf den Tisch Dabei sagte er mit angenommenem Ernst: Seht,
meine Herren, da drinne haust ein Wurm; es ist meine Totenuhr hat der Bursche
das Holz durchgefressen und das Bein knackt einmal, eben wenn ich zum Exempel
ber den Stadtgraben zu einem Schoppen Roten spaziere, so schlgt mein letztes
Stndlein. Das ist nun nicht anders zu machen, Freunde. Ich denke gar hufig an
meinen Stelzen, d.h. an den Tod, wie einem guten Christen ziemt. Er ist mein
Memento mori, wie der Lateiner zu sagen pflegt. So werden einst die Wrmer auch
an euren fleischernen Sttzchen sich erlustigen. Prosit Mahlzeit, und euch ein
selig Ende! Aber wir gedenken bis dahin noch manchen Gang nach dem
Kapuzinerkeller zu tun und beim Heimgang ber manchen Stein wegzustolpern,

bis das Stelzlein bricht, juhe!
bricht, juhe!
bis das Stelzlein bricht!

So sang der Bchsenmacher mit einer Anwandlung von Roheit, die ihm sonst nicht
eigen war, und von einer desperaten Lustigkeit begeistert, womit er sich selbst,
noch mehr aber dem Joseph wehe tat. - Auf einmal schlug Lrmer den Fu dreimal
so heftig auf das Tischblatt, da alle Glser zusammenfuhren, und zugleich
entstand ein helles Gelchter, denn in diesem Augenblick ffnete sich die Tr,
und eine Figur trat ein, in welcher der elegante Barbier Wispel keineswegs zu
verkennen war.
    Er schwebte einigemal vornehm hstelnd in der vordern Stube auf und ab,
strich sich den Titus vor dem Spiegel und schielte im Vorbergehen nach unserer
Gesellschaft.
    O Span der Menschheit! brummte Joseph leise in den Bart, denn Lrmer hatte
den andern gleich anfangs ein Zeichen gegeben, man msse tun, als bemerke man
Sigismund gar nicht. Dieser lie sich indessen mit vieler Grazie an Konrads
Tisch nieder, wo er die Freunde auf vier Schritte im Aug hatte. Er nippte
zimpferlich aus einem Kelche Schnaps, warf wichtige Blicke umher, klimperte mit
dem Messer auf dem Teller und suchte sich auf alle Art bemerklich zu machen.
    Habt ihr, fing der Bchsenmacher gegen die andern gewendet an, ei, habt
ihr von dem Joko, dem brasilianischen Affen, auch schon gehrt, von dem wirklich
in allen Zeitungen steht?
    Ja, erwiderte Joseph, aber er soll sich flchtig gemacht haben; man
vermutet, da er einer Theatergarderobe ein und anderes entwendet, sich Gesicht
und Hnde rasiert und so gnzlich unkennbar, beschlossen habe, sich die Welt ein
wenig zu mustern.
    Diese Rede gab Wispeln Gelegenheit, ber das bekannte Ballett ein
kunstverstndiges Gesprch mit seinem nchsten Nachbar, dem Kutscher unserer
drei Reisenden, anzubinden. Konrad, die hochtrabenden Floskeln des Windbeutels
keineswegs zu erwidern imstande, nahm seinen ganzen Witz zusammen, ihn
seinerseits zum besten zu haben, woran denn die Gesellschaft ihren kstlichen
Spa hatte. Je lnger aber der Kutscher sich seinen Mann betrachtet, desto mehr
kommt ihm vor, als htte er den Menschen schon irgendwo gesehen, ja zuletzt geht
ihm wirklich ein Licht auf: zu Neuburg selbst war es gewesen, wo Nolten vor drei
Jahren diesen Wicht als dienendes Subjekt bei sich gehabt. Kaum hat ihm Konrad
seinen Gedanken zugeraunt und etwas von der Anwesenheit seines ehemaligen Herrn
fallenlassen, so springt Wispel wie besessen auf, nimmt Hut und Stock, und
fliegt, ber Sthle und Bnke wegsetzend, davon, indem der Kutscher ihm ebenso
flugfertig auf dem Fue nachfolgt, eh die verblffte Gesellschaft nur fragen
kann, was der tolle Auftritt bedeute.
    Eben kommt Konrad noch zu der erstaunlichen Szene, wo Wispel sich dem Maler
zu erkennen gegeben hat. Dieser sa eben mit den beiden Mdchen auf seinem
Zimmer beim Nachtessen und jedes ergtzte sich nun von ganzem Herzen an dieser
lcherlichen Erscheinung. Aber, fngt der Barbier nach einer Weile mit
geheimnisvoller Preziositt zu lispeln an, wenn mich nicht alles trgt, so war
Ihnen, mein Wertester, bis jetzt noch vllig unbewut, welche seltene
Connaissancen Sie in hiesiger Stadt zu erneuern Gelegenheit finden wrden.
    Wirklich? antwortete der Maler; es fiel mir nicht im Traume ein, da mir
dein edles Angesicht hier wieder begegnen sollte, aber Berg und Tal kommen
zusammen und das nchste Mal seh ich dich, so Gott will, am Galgen.
    Aye! je vous rends mille graces! Sie scherzen, mein Bester. Doch ich sprach
soeben nicht sowohl von meiner Wenigkeit, als vielmehr von einer gewissen
Person, die frher sehr an Sie attachiert, gegenwrtig in unsern Mauern
habitiert, freilich unter so prekren Umstnden, da ich zweifle, ob ein Mann
wie Sie, es anstndig findet, sich einer solchen liaison auch nur zu erinnern.
Auch mu ich gestehn, das Individuum, wovon ich eben rede, machte es mir
gewissermaen zur Pflicht, sein Inkognito unter allen Umstnden -
    Ei so packe dich doch zum Henker, du heilloser, unertrglicher Schwtzer!
    Aha, da haben wir's ja! Sie merken, aus welcher Hecke der Vogel pfeift, und
mgen nichts davon hren. O amiti, oh fille d'Avril - so heit ein altes Lied.
Waren Sie beide doch einst wie Kastor und Pollux! Aber - loin des yeux, loin du
coeur!
    Jetzt wird Nolten pltzlich aufmerksam, eine schnelle Ahnung schauert in ihm
auf, er schttelt den Barbier wie auer sich an der Brust, und nach hundert
unausstehlichen Umschweifen flstert der Mensch endlich Theobalden einen Namen
ins Ohr, worauf dieser sich entfrbt und mit Heftigkeit ausruft: Ist das
mglich? Lgst du mir nicht, Elender? Wo - - wo ist er? Kann ich ihn sehen, kann
ich ihn sprechen? jetzt? um Gottes willen, jetzt im Augenblick?
    Quelle motion Monsieur! krchzt Wispel, tout-beau! Ecoutez moi! Jetzt
nimmt er eine serise Stellung an, ruspert sich ganz zart und sagt: Kennen Sie
vielleicht, mein Wertester, den sogenannten Kapuzinerkeller? le caveau des
capucins, ein Gebude, das seines klsterlichen Ursprungs wegen in der Tat
historisches Moment hat; es soll nmlich bereits zu Anfange des neunten Sicle
-
    Schweig mir, du Teufel, und fhr mich zu ihm, schreit Nolten, indem er den
Burschen mit sich fortreit. Agnes, am ganzen Leibe zitternd, begreift nichts
von allem und fleht mit Nannetten vergebens um eine Erklrung; Theobald wirft
ihr wie von Sinnen einige unverstndliche Worte zu und strmt mit Wispeln die
Treppe hinunter.
    Sie kommen vor den erwhnten Gasthof und treten in die groe Wirtsstube
vorn, die sich unterdessen ganz gefllt hatte. Der Dampf, das Gewhl und
Geschwirre der Gste ist so unmig, da niemand die Eintretenden bemerkt. Jetzt
klopft Wispel unserm Maler sachte auf die Schulter und deutet zwischen einigen
Kpfen hindurch auf den Mann, den wir vorhin als Joseph, den Tischler,
bezeichneten. Nolten, wie er hinschaut, wie er das Gesicht des Fremden erkennt,
glaubt in die Erde zu sinken, seine Brust krampft sich zusammen im
entsetzlichsten Drang der Freude und des Schmerzens, er wagt nicht zum
zweitenmal hinzusehn, und doch, er wagt's und - ja! es ist sein Larkens! er
ist's, aber Gott! in welcher unseligen Verwandlung! Wie mit umstrickten Fen
bleibt Theobald an eine Sule gelehnt stehen, die Hnde vors Auge gedeckt und
glhende Trnen entstrzen ihm. So verharrt er eine Weile. Ihm ist, als wenn er,
von einer Riesenhand im Flug einer Sekunde durch den Raum der tosenden Hlle
getragen, die Gestalt des teuersten Freunds erblickt htte, mitten im Kreis der
Verworfenen sitzend. Noch schwankt das frchterliche Bild vor seiner Seele, und
sinkt und sinkt, und will doch nicht versinken - da klopft ihn wieder jemand auf
den Arm und Wispel flstert ihm hastig die Worte zu: Sacre-bleu, mein Herr, er
mu Sie gesehen haben, soeben steht er bla wie die Wand von seinem Sitz auf,
und wie ich meine, er will auf Sie zugehen, reit er die Seitentr auf und - weg
ist er, als htt ihn der Leibhaftige gejagt. Kommen Sie pltzlich ihm nach - er
kann nicht weit sein, ich wei seine Gnge, fassen Sie sich!
    Nolten, wie taub, starrt nach dem leeren Stuhle hin, indessen Wispel immer
schwatzt und lacht und treibt. Jetzt eilt der Maler in ein Kabinett, lt sich
Papier und Schreibzeug bringen, wirft drei Linien auf ein Blatt, das Wispel um
jeden Preis dem Schauspieler zustellen soll. Wie ein Pfeil schiet der Barbier
davon. Nolten kehrt in sein Quartier zurck, wo er die Frauenzimmer aus der
schrecklichsten Ungewiheit erlst und ihnen, freilich verwirrt und abgebrochen
genug, die Hauptsache erklrt.
    Es dauert eine Stunde, bis der Abgesandte endlich kommt, und was das
schlimmste war, ganz unverrichteter Dinge. Er habe, sagte er, den Flchtling
allerorten gesucht, wo nur irgendeine Mglichkeit gedenkbar gewesen; in seiner
Wohnung wisse man nichts von ihm, doch wre zu vermuten, da er sich
eingeriegelt htte, denn ein Nachbar wolle ihn haben in das Haus gehen sehn.
    Da es schon sehr spt war, mute man fr heute jeden weitern Versuch
aufgeben. Man verabredete das Ntige fr den folgenden Tag und die auf morgen
frh festgesetzte Abreise ward verschoben. Unsere Reisenden begaben sich zur
Ruhe; alle verbrachten eine schlaflose Nacht.
    Des andern Morgens, die Sonne war eben herrlich aufgegangen, erhob sich
unser Freund in aller Stille und suchte sein erhitztes Blut im Freien
abzukhlen. Erst durchstrich er einige Straen der noch wenig belebten Stadt, wo
er die fremden Huser, die Pltze, das Pflaster, jeden unbedeutenden Gegenstand
mit stiller Aufmerksamkeit betrachten mute, weil sich alles mit dem Bilde
seines Freundes in eine wehmtige Verbindung zu setzen schien. Sooft er wieder
um eine Ecke beugte, sollte ihm, wie er meinte, der Zufall Larkens in die Hnde
fhren. Aber da war keine bekannte Seele weit und breit. Die Schwalben
zwitscherten und schwirrten frhlich durch den Morgenduft, und Theobald konnte
nicht umhin, diese glcklichen Geschpfe zu beneiden. Wie htte er so gerne die
Erscheinung von gestern als einen schwlen, wsten Traum auf einmal vor dem
Gehirn wegstuben mgen! In einer der hohen Straenlaternen brannte das
nchtliche Lmpchen, seine gemessene Zeit berlebend, mit sonderbarem
Zwitterlichte noch in den hellen Tag hinein: so und nicht anders spukte in
Theobalds Erinnerung ein dsterer Rest jener schrecklichen Nachtszene, die ihm
mit jedem Augenblick unglaublicher vorkam.
    Ungeduld und Furcht trieben ihn endlich zu seinem Gasthof zurck. Wie
rhrend kam ihm Agnes schon auf der Schwelle mit schchternem Gru und Ku
entgegen! wie leise forschte sie an ihm, nach seiner Hoffnung, seiner Sorge, die
zu zerstreuen sie nicht wagen durfte! So verging eine bange, leere Stunde, es
vergingen zwei und drei, ohne da ein Mensch erschien, der auch nur eine
Nachricht berbracht htte. Sooft jemand die Treppe herankam, schlug Nolten das
Herz bis an die Kehle; unbegreiflich war es, da selbst Wispel nichts von sich
sehen lie; die Unruhe, worin die drei Reisenden einsilbig, unttig,
verdrielich umeinander standen, saen und gingen, wre nicht zu beschreiben.
    Nannette hatte soeben ein Buch ergriffen und sich erboten, etwas vorzulesen,
als man pltzlich durch einen immer nher kommenden Tumult auf dem Gange
zusammengeschreckt von den Sthlen auffuhr, zu sehen was es gibt. Der Barbier,
auer Atem mit kreischender Stimme, strzt in das Zimmer und whrend er
vergeblich nach Worten sucht, um etwas Entsetzliches anzukndigen, ist der
Ausdruck von unverstelltem Schmerz und Abscheu auf dem verzerrten Gesichte
dieses Menschen wahrhaft schauerlich fr alle Anwesenden.
    Wissen Sie's denn noch nicht? stottert er - heiliger barmherziger Gott!
es ist zu grlich - der Joseph da - der Larkens, werden Sie's glauben - er hat
sich einen Tod angetan - heute nacht - wer htte das auch denken knnen - Gift!
Gift hat er genommen - Gehn Sie, mein Herr, gehn Sie nur und sehen mit eignen
Augen, wenn Sie noch zweifeln! Die Polizei und die Doktoren und was wei ich?
sind schon dort, es ist ein Zusammenrennen vor dem Haus und ein Geschrei, da
mir ganz bel ward. Bald htt ich Sie vergessen ber dem Schreck, da lief ich
denn, soviel die Fe vermochten, und -
    Nolten war stumm auf den Sessel niedergesunken. Agnes schlo sich trstend
an ihn, whrend Nannette die eingetretene Totenstille mit der Frage unterbrach:
ob denn keine Rettung mglich sei?
    Ach nein, Mademoiselle! ist die stockende Antwort, die rzte sagen, zum
wenigsten sei er seit vier Stunden verschieden Ich kann's nicht alles
wiederholen, was sie schwatzten. - O liebster, bester Herr, vergeben Sie, was
ich gestern in der Torheit sprach Sie waren sein Freund, Ihnen geht sein
Schicksal so sehr zu Herzen, so entreien Sie ihn den Blicken, den Hnden der
Doktoren, eh diese seinen armen Leib verletzen! Ich bin ein elender,
nichtswrdiger, hndischer Schuft, hab Ihren Freund so schndlich mibraucht und
verdiene nicht, hier vor Ihnen zu stehen, aber mge Gott mich ewig verdammen,
wenn ich jetzt fhllos bin, wenn ich nicht hundertfach den Tod ausstehen knnte
fr diesen Mann, der seinesgleichen auf der Welt nimmer hat. Und nun soll man
ihn traktieren drfen wie einen gemeinen Snder! Htten Sie gehrt, was fr
unchristliche Reden der Medikus fhrte, der S. -, ich htt ihn zerreien mgen
als er mit dem Finger auf das Glschen hinwies, worin das Operment gewesen, und
er mit lachender Miene zu einem andern sagte: Der Narr wollte recht sichergehen,
da ihn ja der Teufel nicht auf halbem Weg wieder zurckschicke, ich wette die
Phiole da war voll, aber solche Lmmel rechnen alles nach der Makalme! - nicht
wahr Herr Hofrat, wer par force tot sein will, kann doch wohl weder im
comparativo noch superlativo tot sein wollen? Und dabei nahm der dicke,
hochweise Perckenkopf eine Prise aus seiner goldenen Tabatiere, so kaltbltig,
so vornehm, da ich - ja glauben Sie, das hat Wispeln weh getan, weher als alles
- Wispel hat auch Gefhl, da Sie's nur wissen, ich habe auch noch ein Herz!
Hier weinte der Barbier wirklich wie ein Kind. Aber da er nun mit gelufiger
Zunge fortfahren wollte, das Aussehen des Toten zu beschreiben, wehrte der Maler
heftig mit der Hand, schlang die Arme wtend um den Leib Agnesens und schluchzte
laut. O Allmchtiger! rief er vom Stuhle aufstehend und mit gerungenen Hnden
durchs Zimmer strmend, also dazu mut ich hieher kommen! Mein armer, armer,
teurer Freund! Ich, ja ich habe seinen frchterlichen Entschlu befrdert, mein
Erscheinen war ihm das Zeichen zum tdlichen Aufbruch. Aber welch unglckseliger
Wahn gab ihm ein, da er vor mir fliehen msse? und so auf ewig, so ohne ein
liebevolles Wort des Abschieds, der Vershnung! Sah ich denn darnach aus, als ob
ich kme, ihn zur Verzweiflung zu bringen? Und wenn auf meiner Stirn die
Jammerfrage stand, warum mein Larkens doch so tief gefallen sei, gerechter Gott!
war's nicht natrlich? konnt ich mit lachendem Gesicht, mit offnen Armen, als
wre nichts geschehen ihn begren? konnt ich gefat sein auf ein solches
Wiedersehen? Und doch, war ich es denn nicht lngst gewohnt, das Unerhrte fr
bekannt anzunehmen, wenn er es tat? das Unerlaubte zu entschuldigen, wenn es von
ihm ausging? Es hat mich berrascht, auf Augenblicke stieg ein arger Zweifel in
mir auf, und in der nchsten Minute straft' ich mich selber Lgen: gewi, mein
Larkens ist sich selber treu und gleich geblieben, sein groes Herz, der
tiefverborgene edle Demant seines Wesens blieb unberhrt vom Schlamme, worein
der Arme sich verlor!
    Schon zu Anfang dieser heftigen Selbstanklage hatte sich sachte die Tr
geffnet, kleinmtig und mit stummem Grue, einen gesiegelten Brief in der Hand,
war der Bchsenmacher eingetreten, ohne da der Maler ihn wahrgenommen htte.
Starr vor sich hinschauend stand der Stelzfu an der Seite des Ofens und
jedermann fiel es auf, wie er bei den letzten Worten Theobalds zuweilen die
buschigen Augbraunen finster bewegte und zornglhende Funken nach dem Manne
hinberschickte, der mitten im Jammer beinahe ehrenrhrig von dem Verstorbenen
und dessen gewohnter Umgebung zu sprechen schien.
    Kaum hatte Nolten geendigt, so trat der Bchsenmacher gelassen hervor mit
den Worten: Lieber Herr! es ist fr uns beide recht gut, da Sie gerade selber
aufhren, denn ich stand auf heien Kohlen im Winkel dort, weil's fast aussehen
konnte, als wollt ich horchen; das ist aber meine Sache nicht, sonderlich wenn
es mein eigenes oder meiner Kameraden Lob oder Schande gilt, und davon war just
eben die Rede. Ihre Worte in Ehren, Herr, Sie mssen ein genauer Freund von
meinem wackern Joseph gewesen sein, also sei's Ihnen zugut gehalten. Werden
spterhin wohl selbsten innewerden, da Sie dato nicht so ganz recht berichtet
sind, was fr eine Bewandtnis es mit dem Joseph und seiner Genossenschaft habe.
Ich sollte meinen, er hatte sich seiner Leute nicht eben zu schmen. Nun, das
mag ruhen vorderhand; zuvrderst ist es meine Pflicht und Schuldigkeit, da ich
Ihnen gegenwrtiges Schreiben bermache, denn es wird wohl fr Sie gehren; man
fand es, wie es ist, auf dem Tisch in Josephs Stube liegen.
    Begierig nahm Theobald den dargebotenen Brief und eilte damit in ein anderes
Zimmer. Als er nach einer ziemlichen Weile wieder zurckkam, konnte man auf
seinem Gesicht eine gewisse feierliche Ruhe bemerken, er sprach gelassener,
gefater, und wute namentlich den gekrnkten Handwerker bald wieder zu
beruhigen. brigens entlie er fr jetzt die beiden Kameraden, um mit Agnesen
und der Schwester allein zu sein und ihnen das Wesentlichste vom Zusammenhang
der Sache zu erffnen. Oft unterbrach ihn der Schmerz, er stockte, und seine
Blicke whlten verworren am Boden.
    Von dem Inhalt jenes hinterlassenen Schreibens wissen wir nur das
Allgemeinste, da Nolten selbst ein Geheimnis daraus machte. Soviel wir darber
erfahren konnten, war es eine kurze, nchterne, ja fr das Gefhl der
Hinterbliebenen gewissermaen vershnende Rechtfertigung der schauderhaften Tat,
welche seit lngerer Zeit im stillen vorbereitet gewesen sein mute, und deren
Ausfhrung allerdings durch Noltens Erscheinen beschleunigt worden war, wiewohl
in einem Sinne, der fr Nolten selbst keinen Vorwurf enthielt. Auch wre die
Meinung irrig, da nur das Beschmende der berraschung den Schauspieler
blindlings zu einem bereilten Entschlu hingerissen habe, denn wirklich hat
sich nachher zur Genge gezeigt, wie wenig ihm seine neuerliche Lebensweise, so
seltsam sie auch gewhlt sein mochte, zu eigentlicher Unehre gereichen konnte.
Begreiflich aber wird man es finden, wenn bei der Begegnung des geliebtesten
Freundes der Gedanke an eine zerrissene Vergangenheit mit berwltigender
Schwere auf das Gemt des Unglcklichen hereinstrzte, wenn er sich ein fr
allemal von demjenigen abwenden wollte, mit dem er in keinem Betracht mehr
gleichen Schritt zu halten hoffen durfte, und aus dessen reiner Glcksnhe ihn
der Fluch seines eigenen Schicksals fr immer zu verbannen schien.
    (Einige Jahre nachher hrten wir von Bekannten des Malers die Behauptung
geltend machen, da den Schauspieler eine geheime Leidenschaft fr die Braut
seines Freundes zu dem verzweifelten Entschlusse gebracht habe. Wir wren weit
entfernt, diese Sage, wozu eine uerung Noltens selbst Veranlassung gegeben
haben soll, schlechthin zu verwerfen, wenn wirklich zu erweisen wre, da
Larkens, wie allerdings vorgegeben wird, kurz nachdem er seine Laufbahn
gendert, Agnesen bei einer ffentlichen Gelegenheit, und unerkannt von ihr, zu
Neuburg gesehen habe. - Getraut man sich also nicht, hierin eine sichere
Entscheidung zu geben, so mssen wir das harte Urteil derjenigen, welche dem
Unglcklichen selbst im Tode noch eine eitle Bizarrerie schuld geben mchten,
desto entschiedener abweisen.)
    O wenn du wtest, rief Theobald Agnesen zu, was dieser Mann mir gewesen,
htt ich dir nur erst entdeckt, was auch du ihm schuldig bist, du wrdest mich
frwahr nicht schelten, wenn mein Schmerz ohne Grenzen ist! Agnes wagte
gegenwrtig nicht zu fragen, was mit diesen Worten gemeint sei, und sie konnte
ihm nicht widersprechen, als er das unruhigste Verlangen bezeigte, den
Verstorbenen selber zu sehen. Zugleich ward ihm die Sorge fr den Nachla, fr
die Bestattung seines Freundes zur wichtigsten Pflicht. Larkens selbst hatte ihm
diesfalls schriftlich mehreres angedeutet und empfohlen, und Theobald mute auf
einen sehr wohlgeordneten Zustand seiner Vermgensangelegenheiten schlieen. Vor
allen Dingen nahm er Rcksprache mit der obrigkeitlichen Behrde, und einiger
Papiere glaubte er sich ohne weiteres versichern zu mssen.
    Indessen war es bereits spt am Tage und so trat er in einer Art von
Betubung den Weg nach der Sttte an, wo der traurigste Anblick seiner wartete.
    Ein Knabe fhrte ihn durch eine Menge enger Gchen vor das Haus eines
Tischlers, bei welchem sich Larkens seit einigen Monaten frmlich in die Arbeit
gegeben hatte. Der Meister, ein wrdig aussehender, stiller Mann, empfing ihn
mit vielem Anteil, beantwortete gutmtig die eine und andere Frage und wies ihn
sodann einige steinerne Stufen zum unteren Gescho hinab, indem er auf eine Tr
hinzeigte. Hier stand unser Freund eine Zeitlang mit klopfendem Herzen allein,
ohne zu ffnen. Jetzt nahm er sich pltzlich zusammen und trat in eine sauber
aufgerumte, brigens armselige Kammer. Niemand war zugegen. In einer Ecke
befand sich ein niedriges Bett, worauf die Leiche mit einem Tuch vllig
berdeckt lag. Theobald, in ziemlicher Entfernung, getraute sich kaum von der
Seite hinzusehen, Gedanken und Gefhle verstockten ihm zu Eis und seine einzige
Empfindung in diesem Augenblicke war, da er sich selber hate ber die
unbegreiflichste innere Klte, die in solchen Fllen peinlicher zu sein pflegt,
als das lebhafteste Gefhl unseres Elends. Er ertrug diesen Zustand nicht
lnger, eilte auf das Bette zu, ri die Hlle weg und sank laut weinend ber den
Leichnam hin.
    Endlich, da es schon dunkel geworden, trat Perse, der Goldarbeiter, mit
Licht herein. Nur ungern sah Theobald sich durch ein fremdes Gesicht gestrt,
aber das bescheidene Benehmen des Menschen fiel ihm sogleich auf und hielt ihn
um so fester, da derselbe mit der edelsten Art zu erkennen gab, da auch er
einiges Recht habe mit den Freunden des Toten zu trauern, da ihm derselbe,
besonders in der letzten Zeit, viel Vertrauen geschenkt. Ich sah, fuhr er
fort, da an diesem wundersamen Manne ein tiefer Kummer nagen msse, dessen
Grund er jedoch sorgfltig verbarg; nur konnte man aus manchem eine bertriebene
Furche fr seine Gesundheit erkennen, so wie er mir auch selbst gestand, da er
eine so anstrengende Handarbeit, wie das Tischlerwesen, auer einer gewissen
Liebhaberei, die er etwa fr dies Geschft haben mochte, hauptschlich nur zur
Strkung seines Krpers unternommen. Auch begriff ich gar wohl, wie wenig ihn
Mangel und Not zu dergleichen bestimmt hatte, denn er war ja gewi ein Mann von
den schnsten Gaben und Kenntnissen; desto grer war mein Mitleiden, als ich
sah, wie sauer ihm ein so ungewohntes Leben ankam, wie unwohl es ihm in unserer
Gesellschaft war und da er krperlich zusehends abnahm. Das konnte auch kaum
anders sein, denn nach dem Zeugnis des Meisters tat er immer weit ber seine
Krfte und man mute ihn oft mit Gewalt abhalten. Hier decke er die Hnde des
Toten auf, wie sie von grober Arbeit gehrtet und zerrissen waren. - Jetzt
ffnete sich die Tre und ein hagerer Mann mit edlem Anstande trat herein, vor
welchem sich der Goldarbeiter ehrerbietig zurckzog und dessen stille Verbeugung
Nolten ebenso schweigend erwiderte. Er hielt den Fremden fr eine offizielle
Person, bis Perse ihm beiseite den Prsidenten von K* nannte, den keine amtliche
Verrichtung hieher gefhrt haben knne. So stand man eine Zeitlang ohne weitere
Erklrung umeinander und jeder schien die Leiche nur in seinem eignen Sinne zu
betrachten.
    Ihr Schmerz sagt mir, nahm der Prsident das Wort, nachdem Perse sich
entferne hatte, wie nahe Ihnen dieser teure Mann im Leben msse gestanden
haben. Ich kann mich eines nheren Verhltnisses zu ihm nicht rhmen, doch ist
meine Teilnahme an diesem ungeheuren Fall so wahr und innig, da ich nicht
frchten darf, es mchte Ihnen meine Gegenware - O seien Sie mir willkommen!
rief der Maler, durch eine so unverhoffte Annherung in tiefster Seele erquicke,
ich bin hier fremd, ich suche Mitgefhl - und ach, wie rhre, wie berrascht es
mich, solch eine Stimme und aus solchem Munde hier in diesem Winkel zu
vernehmen, den der Unglckliche nicht dunkel genug whlen konnte, um sich und
seinen ganzen Wert und alle Lieb und Treue, die er andern schuldig war, auf
immer zu vergraben.
    Des Prsidenten Auge hing einige Sekunden schweigend an Theobalds Gesicht
und kehrte dann nachdenklich zu dem Toten zurck.
    Ist's mglich? sprach er endlich, seh ich hier die Reste eines Mannes,
der eine Welt voll Scherz und Lust in sich bewegte und zauberhelle
Frhlingsgrten der Phantasie sinnvoll vor uns entfaltete! Ach, wenn ein Geist,
den doch der Genius der Kunst mit treuem Flgel ber all die kleine Not des
Lebens wegzuheben schien, so frhe schon ein ekles Auge auf dieses Treiben
werfen kann, was bleibt alsdann so manchem andern zum Troste brig, der ungleich
rmer ausgestattet, sich in der Niederung des Erdenlebens hinschleppt? Und wenn
das vortreffliche Talent selbst, womit Ihr Freund die Welt entzckte, so harmlos
nicht war, als es schien, wenn die heitere Geistesflamme sich vielleicht vom
besten l des innerlichen Menschen schmerzhaft nhrte, wer sagt mir dann, warum
jenes namenlose Weh, das alle Mannheit, alle Lust und Kraft der Seele, bald
bnglich schmelzend untergrbt, bald zornig aus den Grenzen treibt, warum doch
jene Heimatlosigkeit des Geistes, dies Fort- und Nirgendhin-Verlangen, inmitten
eines reichen, menschlich schnen Daseins, so oft das Erbteil herrlicher Naturen
sein mu? - Das Rtsel eines solchen Unglcks aber vllig zu machen, mu noch
der Krper helfen, um, wenn die wahre Krankheit fehlt, mit einem nur um desto
grlicheren Schein die arme Seele abzungstigen und vollends irre an sich
selber zu machen!
    Auf diese Weise wechselten nun beide Mnner, beinahe mehr den Toten als
einander selbst anredend und oft von einer lngern Pause unterbrochen, ihre
Klagen und Betrachtungen. Erst ganz zuletzt, bevor sie auseinandergingen,
veranlate der Fremde, indem er seinen Namen nannte, den Maler, ein Gleiches zu
tun, sowie den Gasthof zu bezeichnen, wo jener ihn morgen aufsuchen wollte.
Denn es ist billig, sagte er, da wir nach einer solchen Begegnung uns nher
kennenlernen. Sie sollen alsdann hren, welcher Zufall mir noch erst vor wenigen
Wochen die wunderbare Existenz Ihres Freundes verriet, den bis auf diesen Tag,
soviel ich wei, noch keine Seele hier erkannte. Meine Sorge bleibt es indessen,
da ihm die letzte Ehre, die wir den Toten geben knnen, ohne zu groes Aufsehn
bei der Menge, von einer Gesellschaft wrdiger Kunstverwandten morgen abend
erwiesen werden knne. Ich habe die Sache vorlufig eingeleitet. Aber nun noch
eine Bitte um Ihrer selbst willen: verweilen Sie nicht allzulange an diesem
traurigen Orte mehr. Es ist das schnste Vorrecht und der edelste Stolz des
Mannes, da er das Unabnderliche mit festem Sinn zu tragen wei. Schlafen Sie
wohl. Lieben Sie mich! Wir sehn uns wieder. Der Maler konnte nicht sprechen,
und drckte stammelnd beide Hnde des Prsidenten.
    Als er sich wieder allein sah, flossen seine Trnen reichlicher, jedoch auch
sanfter und zum erstenmal wohltuend. Er fhlte sich mit dieser Last von Schmerz
nicht mehr so einsam, so entsetzlich fremd in diesen Wnden, dieser Stadt, ja
Larkens' Anblick selber deuchte ihm so jmmerlich nicht mehr; eben als wenn der
Schatte des Entschlafenen mit ihm die ehrenvolle Anerkennung fhlen mte, die
er noch jetzt erfuhr.
    Nun aber drang es Theobalden mchtig, am Busen der Geliebten auszuruhen. Er
steckte ein Nachtlicht an, welches fr die Leichenwache bereitlag, er sagte
unwillkrlich seinem Freund halblaut eine gute Nacht, und war schon auf der
Schwelle, als Lrmer, der Bchsenmacher, ihm den Weg vertrat. Der Mensch bot
einen Anblick dar, der Ekel, Grauen und Mitleid zugleich erwecken mute. Von
Wein furchtbar erhitzt, mit stieren Augen, einen grlichen Zug von Lcheln um
den herabhngenden Mund, so war er im Begriff, das Heiligtum des Todes zu
betreten. Nolten, ganz auer sich vor Schmerz und Zorn, stt ihn zurck und
reit den Schlssel aus der Tr, Lrmer wird wtend, der Maler braucht Gewalt
und kann nicht verhten, da das Scheusal vor ihm niederstrzt und mit dem Kopf
am Boden aufschlgt. Ich bitte Sie, lallt er, indem er sich vergebens
aufzurichten sucht, und nicht bemerkt, da Nolten schon verschwunden ist, um die
Hausleute von dem Skandal zu benachrichtigen, um Gottes Barmherzigkeit willen!
lassen Sie mich hinein! mich! ich bin noch allein der Mann, ihm zu helfen - Sie
mssen wissen, Herr, er pflegte gelegentlich auf den Lrmer was zu halten, Herr
- Sehn Sie, diese Uhr hab ich von ihm - aber sie ist stehengeblieben - Wir
standen du und du, mein guter Herr, ich und der Komdiant - Hie er mich nicht
immerdar sein liebes Vieh? hat er je einen andern so geheien? und - - Hol euch
der Teufel alle zusammen - Sehn mu ich ihn, da hilfe kein Gott und keine
Polizei - Ihr wit den Henker zu distinguieren, ob ein Mensch in der Tat und
Wahrheit k...iert ist oder nicht - Soll ich dir etwas im Vertrauen sagen? Da
drinne liegt er munter und gesund und hat euch alle am Narrenseil. Denn das ist
einer, sag ich euch, der wei wie man den Musen pfeift. Und - aber - - wenn es
je wahr wre - (hier fing er an zu heulen) wenn er mir das Herzeleid antun
wollte, und aufpacken und seinen Stelzer verlassen - wenn das - Jesu Maria! Auf!
auf! schlag die Tr ein! ich mu ihm noch beichten - Jagt Papst und Pfaff und
Bischf, die ganze Klerisei zum Teufel! ich will dem Komdianten beichten,
trotzdem da er ein Ketzer ist - Er mu alles wissen, was ich seit meiner
Firmelung an Gott und Welt gesndigt! Auf! hrt ihr nicht? Ich will die ganze
Baracke in Trmmer schmeien, ich will ein solches Jngstes Gericht antrommeln,
da es eine Art hat! - Alter! lieber Schreiner, la mich hinein - Das Schlo
sprang auf, und Lrmer strzte einige Stufen hinab in das Zimmer, wo man ihn,
als die Leute kamen, bewutlos am Fu des Bettes liegen fand.

Am Morgen kam ein Billett des Prsidenten und lud den Maler mit den
Frauenzimmern zu einem einfachen Mittagmahl. Nolten war diese Ableitung
besonders um der Mdchen willen sehr erwnscht, mit deren verlassenem Zustande,
weil er jeden Augenblick veranlat ward, bald aus dem Hause zu gehen, bald sich
mit Schreibereien zu befassen, man in der Tat Bedauern haben mute. Agnes und
ihr Benehmen war indes zu loben. Bei allen Zeichen des aufrichtigsten Anteils
bewies sie durchaus eine schne, vernnftige Ruhe, sogar schien sie natrlicher,
und sicherer in sich selbst, als es auf der ganzen Reise der Fall gewesen sein
mochte; nicht nur dem Maler, auch Nannetten fiel das auf. Es hatte aber diese
sonderbare Verwandlung ihren guten Grund, nur da das Mdchen zu bescheiden war,
ihn zu entdecken, oder zu schchtern vielmehr, um an ihre alten
Wunderlichkeiten (wie Theobald zuweilen sagte) in dem Augenblicke zu mahnen,
wo es sich um eine ernste und schaudervolle Wirklichkeit handelte. Allein auch
ihr war es ein hoher Ernst mit dem, was sie fr jetzt zurckzuhalten ratsam
fand. Denn in der ganzen schrecklichen Begebenheit mit Larkens erblickte sie
nichts anderes als die gewisse Erfllung eines ungewissen Vorgefhls, und so
vermochte sie ein offenbares und geschehenes bel mit leichterem Herzen zu
beweinen, als ein gedrohtes zu erwarten.
    Nolten erkundigte sich bei dem Wirt nach den Verhltnissen des Prsidenten,
und erfuhr, da derselbe, obgleich seit Jahr und Tag mit seiner Frau gespannt,
eines der angesehensten Huser hier bilde, sich aber als ein leidenschaftlicher
Mann vor kurzem auch mit der Regierung entzweit habe, und bis auf weiteres von
seinem Amte abgetreten sei. Er wohnte selten in der Stadt und neuerdings fast
einzig auf seinen Gtern in der Nhe.
    Perse, der Goldarbeiter, kam einiger Bestellungen wegen, welche die Leiche
betrafen. Beilufig erzhlte er, da der Barbier, als mehrerer Diebsthle
verdchtig, seit heute frh im Turme sitze. Er habe gestern in der ffentlichen
Wirtsstube sich aus Alteration und Reue wegen hnlicher an Larkens verbter
Schndlichkeiten selber verschwatzt. Die grte Niedertrchtigkeit an dem
Schauspieler habe der Taugenichts dadurch begangen, da er sich von jenem das
Stillschweigen ber seinen wahren Charakter mit schwerem Gelde habe bezahlen
lassen, indem er ihm tglich gedroht, alles auszuplaudern. - Theobald fragte bei
dieser Gelegenheit nach dem Bchsenmacher, und konnte aus Perses umstndlichem
Berichte soviel entnehmen, da Larkens dem Menschen, weil es ein gescheiter
Kopf, einiges Interesse geschenkt, das brigens so gut als weggeworfen gewesen,
da die deutliche Absicht des Schauspielers, ihn zu korrigieren blo dem bermut
des Burschen geschmeichelt habe, zumal die Art, wie Larkens zu Werke gegangen,
bei weitem zu delikat gewesen. brigens habe sich Larkens nicht nur dem Zirkel,
sondern besonders auch vielen Armen als unbekannter Wohltter unvergelich
gemacht.
    Mittagszeit war da, die Mdchen angekleidet und Nolten bereit, mit ihnen zu
gehen. Eine Tochter des Prsidenten empfing sie auf das artigste, und nach
einiger Zeit erschien der Vater; auerdem kam niemand von der Familie zum
Vorschein. Die Frau, mit dreien andern Kindern, einem ltern Sohne und zwei
Tchtern, wurde erst heute abend vom Lande erwartet, und zwar, wie man berall
wute, nur um ihren Aufenthalt wieder auf einige Monate mit dem Gemahl zu
wechseln.
    Whrend der Prsident sich, bis man zu Tische ging, eifrig mit dem Maler
unterhielt, gesellte sich Margot zu den beiden Frauenzimmern. Sie war immer der
Liebling des Vaters gewesen und bildete, weil es ihrer innersten Natur
widersprach, ausschlieende Partei zu nehmen, eine Art von leichtem Mittelglied
zwischen den zwei getrennten Teilen.
    Es war serviert, man setzte sich. Fr jetzt betraf die Unterhaltung nur
Dinge von allgemeinerem Interesse. Ein zartes Einverstndnis der Gemter schlo
von selbst den Gegenstand geweihter Trauer fr diese Stunde aus. Dagegen war der
Augenblick, wo endlich das Gefhl sein Recht erhielt, einem jeden desto inniger
willkommen. Wir sind gentigt, hier so manches bemerkenswerte Wort der
wechselseitigen Aufklrung ber die Eigentmlichkeit und allmhliche
Verkmmerung von Larkens' Wesen zu bergehen, und erzhlen dafr mit den eignen
Worten des Prsidenten, auf welche Art er zur Bekanntschaft des Schauspielers
gelangte.
    Vor einem Vierteljahr machte die hiesige Bhne den bis daher in Deutschland
noch nicht erhrten Versuch, Ludwig Tiecks Lustspiele aufzufhren. Die Idee war
von dem berhmten S** - ausgegangen, welcher als Gast hier einige Monate spielte
und fr jenes enthusiastische Projekt weniger die Intendanz, als vielmehr die
hheren Privatzirkel des gebildeten Publikums, denen er Vorlesungen hielt, zu
elektrisieren wute. Nach einer sehr grndlichen Vorbereitung unserer Akteurs,
und nachdem er durch eine Reihe anderer, gewohnter Vorstellungen sich vorweg das
Zutrauen smtlicher Theaterliebhaber im hchsten Grade gewonnen hatte, ward
endlich Die verkehrte Welt angekndigt. Die wenigen, welche diese geistvolle
Dichtung kannten und schtzten, wollten freilich voraussehn, da bei der
Stumpfsinnigkeit, nicht nur der Menge, auf die man im voraus verzichtete,
sondern der sogenannten Gebildeten die schne Absicht im ganzen verunglcken
msse; ja S** selbst soll dies vorhergesehen haben, und man glaubt, er habe
diesmal teils auf Kosten des groen Publikums, teils seines eigenen Rufs, einer
Privatvorliebe zu viel nachgegeben. Auf der andern Seite ist seine
Uneigenntzigkeit zu bewundern, da ihm offenbar mehr daran lag, das Genie des
Dichters vor den Einsichtsvollen zu verherrlichen, als ihn zur Folie seiner
persnlichen Kunst zu gebrauchen. Da inzwischen auch die Eingeweihten das
mgliche raten, um eine allgemeine Erwartung zu erregen, den Philistern eins
anzuhngen und ihnen die Kpfe im voraus zu verrcken, so versprachen sich
diese, vom Titel des Stckes verfhrt, ein recht handgreifliches Spektakelstck
und alles ging glcklich in die Falle. Die Auffhrung, ich darf es sagen, war
meisterhaft. Aber, Gott verzeihe mir, noch heute, wenn ich an den Eindruck
denke, wei ich mich nicht zu fassen. Diese Gesichter, unten und auf den
Galerien, htten Sie sehen mssen! Tieck selbst wrde die Physiognomie des
Haufens, als mitspielender Person, neben den unter die Zuschauer verteilten
Rollen, sich nicht kstlicher haben denken knnen. Diese unwillkrliche
Selbstpersiflage, dies fnf- und zehnfach reflektierte Spiegelbild der Ironie
beschreibt kein Mensch. In meiner Loge befand sich der Legitationsrat U., einer
der wrmsten Verehrer Tiecks wir sprachen und lachten nach Herzenslust whrend
eines langen Zwischenakts (denn eine ganze Viertelstunde lang war der Direktor
in Verzweiflung, ob er weiterspielen lasse oder aufhre). Whrend dieses tollen
Tumultes nun, whrend dieses Summens, Zischens, Bravorufens und Pochens hrten
wir neben uns, nur durch ein dnnes Drahtgitter getrennt, eine Stimme ungemein
lebhaft auf jemanden losschwatzen: O sehn Sie doch nur um Gottes willen da aufs
Parterre hinunter! und dort! und hier! der Spott hpft wie aus einem Sieb ein
Heer von Flhen an allen Ecken und Enden hin und her - Jeder reibt sich die
Augen, klar zu sehen, jeder will dem Nachbar den Floh aus dem Ohre ziehen und
von der andern Seite springen ihm sechse hinein - Immer rger! - ein Teufel hat
alle Kpfe verdreht - es ist wie ein Traum auf dem Blocksberg - es wandelt alles
im Schlaf - Herrn und Damen bekomplimentieren sich, im Hemde voreinander
stehend, glauben sich auf der Assemblee, sagen: Waren Sie gestern auch in der
verkehrten Welt? Gottlob nun wre man doch wieder bei sich selbst usw. - Der
alte Geck dort aus der Kanzlei, o vortrefflich! bietet einer muntern Blondine
seine Bonbonniere mit gromchtigen Reichssiegeloblaten an und versichert, sie
wren sehr gut gegen Vapeurs und Bengstigungen. Hier - sehn Sie doch, gerade
unterm Kronleuchter - steht ein Ladendiener vor einem Frulein und lispelt Gros
de Naples-Band? Sogleich. Wieviel Ellen befehlen Sie wohl? Er greift an sein
Ohr, zieht es in eine erstaunliche Lnge, mit ein Stck und schneidet's ab.
Aber bemerken Sie nicht den Inkroyable am dritten Pfeiler vom Orchester an? wie
er sich langsam ber die Stirne fhrt und auf einmal den Poeten embrassiert O
Freund! ich habe schn getrumt diese Nacht! Ich habe ein winzig kleines
Spieldschen gehabt, das ich hier, schaun Sie, hier in meinen hohlen Zahn legte,
ich durfte nur ein wenig darauf beien und die ganze Zauberflte, sag ich Ihnen,
die ganze Oper von Wolfgang Amadeus Mozart, spielte drei Stunden en suite fort.
Eine Dame, die neben mir stand, behauptete, es wre ja Rataplan, der kleine
Tambour, was ich spiele - Himmel! sagt ich, ich kenne ja doch die Bren und die
Affen und diese heilgen Hallen! O gttlich war's - Nein! - Aber da drben, ich
bitte Sie - - Erlauben Sie, unterbrach hier eine tiefe Bastimme die Rede des
Schalks mitten im Flu erlauben Sie, mein lustiger, unbekannter Herr, da ich
endlich frage: wollen Sie mich foppen, oder wollen sie andere ehrliche Leute mit
diesem Unsinn foppen? Ach ganz und gar nicht, war die Antwort keins von beiden,
ich bitte tausendmal um Vergebung - Aber was ist denn unserm Herrn Nachbar da
zugestoen? der weint ja erschrecklich - Mit Erlaubnis haben Sie den
Wadenkrampf? - In diesem Augenblick ffnet sich unser Gitter, ein langes
weinerliches Gesicht beugt sich herein mit den erbrmlichen Worten Ach, liebe
Herren, ist es denn nicht mglich, da ich durch Ihre Loge hinaus, fort aus
diesem Narrenhaus, ins Freie kommen knnte? Oder wenn das nicht ist - so sein
Sie so gtig - nur eine kleine Bitte - Wie heit denn das Indigo Perfektum von
obstupesco, ich bin betubt, verwirrt, bin ein Mondskalb geworden? das Perfektum
Indikativi wollt ich sagen - O lachen Sie nicht - ich bin der unglckseligste
Mann, bin seit einiger Zeit am hiesigen Lyzeo Przeptor der lateinischen
Sprache, habe mir's recht sauer werden lassen - auch hatte es bis jetzt keine
Gefahr, man war mit mir zufrieden - allein seit einer halben Stunde, bei dem
verkehrten verfluchten Zeug da - ich wei nicht - mein Gedchtnis - die
gemeinsten Wrter - ich mache von Minute zu Minute eine Probe mit mir, examino
memoriam meam - es ist mir, wie wenn mein Schulsack ein Lchlein, rimulam,
bekommen htte, zuerst nur ein ganz geringes, aber es wird immer grer, ich
kann schon mit der Faust - o entsetzlich! es rinnt mir schockweise alles bei den
Stiefeln hinaus, praeceps fertur omnis eruditio, quasi ein Nachla der Natur - o
himmelschreiend, in einer halben Stunde bin ich rein ausgebeutelt, bin meinem
schlechtesten Trivialschler gleich - Lassen Sie mich hinaus, hinaus! ich
sprenge die Verzunung -
    Ich und der Legationsrat kamen ganz auer uns. Der Mensch aber, emprt durch
unser Lachen, schlug uns das Gitter vor der Nase zu und wir sahen ihn eine ganze
Weile nicht wieder. Wir glaubten anfangs, es wre etwa eine komische Figur aus
dem Lustspiele, der Legationsrat schwur scherzend, gar Tieck selber msse es
gewesen sein. Indessen ging der letzte Aufzug an und ging gleich den ersten
herrlich vorber. Der Vorhang fiel. Das alterierte Publikum drngte sich murrend
und drohend nach den Tren, einige wollten auf der Stelle Rechenschaft haben
Sieh da! rief der Legationsrat mir zu, ein Beispiel, ein erstes und letztes fr
ganz Deutschland, ein Wahrzeichen fr alle Direktionen, welche auf Sinn und
guten Geschmack bei uns rechnen! Pltzlich antwortete eine ganz gelassene Stimme
am Gitter mit den Worten Csars Pro ostento non ducendum si pecudi cor defuit.
Und zugleich streckte sich wieder jenes Przeptorsgesicht herein, aber ohne die
vorige Grimasse und daher fast kaum mehr zu erkennen Glauben Sie mir, meine
Herren (denn ich habe mich unterdessen erholt und ein wunderbares Licht ging mir
auf) dieses Stck wird vergttert werden bei unsern Landsleuten, und die
Direktionen knnen fr solche Abende das Entree getrost auf das Dreifache
steigern, um den Pbel zu verschmerzen. Denken Sie an mich. Ihr Diener. Whrend
er das sagte, glaubte ich mich dunkel zu erinnern, da mir dieses Gesicht nicht
zum erstenmal begegne, ich wollte ihn schnell anreden, aber wie weggeblasen war
er unter dem Gewhl. Ich und mein guter U., nachdem wir von unserm Erstaunen
einigermaen zurckgekommen waren, beschlossen diesen Mann, wenn er sich anders
hier aufhalte, was zu bezweifeln war, auszukundschaften, es koste was es wolle.
Umsonst sahn wir uns auf den Treppen, an den Ausgngen berall um, fragten die
Personen, denen er zunchst gesessen, niemand wute von ihm. Nach acht Tagen
dacht ich nicht mehr an den Vorfall und hielt den Unbekannten fr einen
Auswrtigen. - Ich befinde mich eines Morgens mit mehreren Bekannten auf dem
Kaffeehause. Im Auf- und Abgehen klopf ich meine Zigarre am offenen Fenster aus
und werfe zufllig einen Blick auf die Strae; ein Handwerker mit Brettern
unterm Arm geht hart am Hause vorber, meine Asche kann ihn getroffen haben,
kurz, er schaut rasch auf und bietet mir das ganze Gesicht entgegen, mit einem
Ausdruck mit einer Beugung des Krpers, wie ich das in meinem Leben nur von
einem Menschen gesehen hatte, und - genug, in diesem Momente wut ich auch, wer
er sei: der Komiker, den ich vor fnf Jahren im Geizigen des Molire bewunderte,
Larkens. Unverzglich schickt ich ihm nach, ohne mir gegen irgend jemand das
geringste merken zu lassen. Er kam, in der Meinung, man verlange seine Dienste
als Handwerker, ich ging ihm entgegen und lie ihn in ein leeres Zimmer treten.
Es gab nun, wie man denken kann, eine sehr sonderbare Unterredung, von welcher
ich nur sage, da ich mich ungewisser stellte als ich war, nur entfernt von
groer hnlichkeit mit einem frheren Bekannten sprach, um ihm auf den Fall er
sein Geheimnis lieber bewahren wollte, den Vorteil der Verleugnung ohne weiteres
zu lassen. Hier aber erkannte man nun erst den wahren Meister! Eine solche
kstliche Zunftmiene, so eine rechtfertige Zhheit - kein Flamnder malt diesen
Ausdruck mit solcher Wahrheit. Man glaubte einen Burschen zu sehen, auf dessen
Stirne sich bereits die Behaglichkeit zeichne, womit er am ruhigen Abend beim
Bierkrug und schlechten Tabak den Auftritt seinen Kameraden auftischen wollte,
nachdem er ihre Neugierde durch etwas unntig lngeres Feuerschlagen gehrig zu
schrfen fr dienlich erachtet. Wie htte ich nun nach allem diesen es noch
bers Herz bringen knnen, dem unvergleichlichen Mann sein Spiel zu verderben
oder lnger in ihn zu dringen? Ich entlie ihn also, konnte aber freilich nicht
ganz ohne lachenden Mund mein Adieu, guter Freund, und nehm Er's nicht bel!
hervorbringen. Er sah mir's um die Lippen zucken, kehrte sich unter der Tr noch
einmal um und sagte im liebenswrdigsten Ton Ich sehe wohl, der Schulmeister von
neulich hat mir einen Streich gespielt, ich bitte, Euer Exz. mgen diese meine
gegenwrtige Figur noch zur verkehrten Welt schlagen. Drft ich aber vollends
hoffen, da dieser Auftritt unter uns bliebe, so wrde ich Ew. Exz. sehr
verpflichtet sein, und Sie haben hiemit mein Ehrenwort, da mein Geheimnis ohne
das mindeste Arge ist; aber fr jetzt liegt mir alles dran, das zu scheinen, was
ich lieber gar sein mchte. Jetzt nahm ich lnger keinen Anstand, ihn bei seinem
Namen herzlich willkommen zu heien. Da er natrlich geniert war, in seinem
gegenwrtigen Aufzuge einen Diskurs fortzusetzen, und doch mein Interesse ihm
nicht entging, so hie er mich Zeit und Ort bestimmen, wo wir uns gelegener
sprechen knnten, und so verabschiedete er sich mit einem unwillkrlichen
Anstande, der ihm selbst in diesen Kleidern trefflich lie.
    Um mir nun die ganze sonderbare Erscheinung einigermaen zu erklren, lag
freilich der Gedanke am nchsten, es habe dem Knstler gefallen, die niedrige
Natur eine Zeitlang an der Quelle selbst zu studieren, wiewohl derselbe Zweck
gewi auf andre Art bequemer zu erreichen war. Als wir kurz nachher auf meinem
Gute zusammenkamen, schien er mich auch wirklich auf meinem Glauben lassen zu
wollen; doch dachte er zu redlich, um nicht die wahre Absicht, deren er sich
vielleicht schmen mochte, wenigstens als ein Nebenmotiv bemerklich zu machen,
und da berdies eine hypochondrische Seite in seinem Gesprche mehrmals anklang,
so erriet ich leicht, da dies wohl der einzige Beweggrund sein msse. Ich
vermied natrlich von nun an die Materie gerne, aber auffallend war es mir, da
Larkens, wenn ich das Gesprch auf Kunst und dergleichen hinlenkte, nur einen
zerstreuten und beinahe erzwungenen Anteil zeigte. Er zog praktische oder
konomische Gegenstnde, auch die unbedeutendsten, jedesmal vor. Mit wahrer
Freude untersuchte er meine Baumschule und jede Art von Feldwerkzeug, zugleich
suchte er sich beim Grtner ber alle diese Dinge gelegentlich zu unterrichten
und gab mitunter die sinnreichsten Vorteile an, die ihm weder Handbuch noch
Erfahrung, sondern nur sein glcklicher Blick gezeigt haben kann. brigens waren
unserer Zusammenknfte leider nicht mehr als drei; vor sechs Tagen speiste er
das letzte Mal bei mir.
    Der Prsident war fertig. Eine tiefe Wehmut war auf alle Gesichter
ausgegossen und keines wollte reden. Hatte man whrend dieser Erzhlung,
wenigstens in der Mitte derselben, nur das rege Bild eines Mannes vor sich
gehabt, welcher, obgleich nicht im reinsten und glcklichsten Sinne, doch durch
die feurige Art, wie er die hchsten Glanzerscheinungen des Lebens und der Kunst
in sich aufnehmen konnte, mit Leib und Seele dieser Welt anzugehren schien, und
konnte man also auf Augenblicke vllig vergessen, es sei hier von einem
Verstorbenen die Rede, so berfiel nun der Gedanke, da man in wenig Stunden
werde seinen Sarg in die Erde senken sehen, alle Gemter mit einer
unertrglichen Pein, mit einer ganz eigenen Angst, und unsern Freund durchdrang
ein nie gefhlter brennender Schmerz der ungeduldigsten Sehnsucht. Sekundenlang
konnte er sich einbilden, sogleich werde die Tre sich auftun, es werde jemand
hereinkommen, mit freundlichem Gesicht erklren, es sei alles ein Irrtum,
Larkens komme frisch, und gesund unverzglich hieher. Aber ach! kein Wunder gibt
es und keine Allmacht, um Geschehenes ungeschehen zu machen.
    Der Prsident trat stille auf Theobald zu, legte die Hand auf seine Schulter
und sprach: Mein Lieber! es ist nun Zeit, da ich eine Bitte, eine rechte
Herzensbitte an Sie bringe, mit der ich seit gestern abend umgehe und welche Sie
mir ja nicht abschlagen mssen. Bleiben Sie einige Tage bei uns. Es ist uns
beiden unerlliches Bedrfnis, des teuren Freundes Gedchtnis eine Zeitlang
miteinander zu tragen und zu feiern. Wir werden, indem wir uns beruhigen, auch
seinen Geist mit sich selber zu vershnen glauben. Wir mssen, wenn ich so
sprechen darf, dem Boden, welchem er seine unglckliche Asche aufdrang, die
fromme Weihe erst erteilen, damit diese Erde den Fremdling mtterlich
einschlieen knne. Wenn Sie uns verlassen haben, so ist hier keine Seele auer
mir, die Ihren Larkens kennte und schtzte wie er es verdient, und doch sollen
zum wenigsten stets ihrer zwei beisammen sein, um das Andenken eines
Abgeschiedenen zu heiligen. Ja, geben Sie meiner Bitte nach, berlegen Sie nicht
- Ihre Hand! Morgen reisen wir alle aufs Gut und wollen, traurig und froh, eines
dem andern sein was wir knnen.
    Nolten lie den in Trnen schimmernden Blick freundlich auf Agnesen
hinbergleiten, die denn, zum Zeichen was sie denke, mit Innigkeit die Hand
Margots ergriff, welch letztere, diese Meinung liebreich zu erwidern, sich
alsbald gegen beide Mdchen hinbeugte und sie kte.
    Wer knnte hier noch lnger widerstehn! rief Nolten aus. Ihre Gte,
teurer Mann, ist fast zu gro fr mich, ich nehme sie aber, wenn auch nur
schchtern, im Namen unseres Toten an. - Unsere Reise, meine guten Kinder,
setzte er gegen die Seinigen hinzu, insofern sie dem Vergngen gelten sollte,
war ich seit gestern ohnehin entschlossen abzukrzen, ich wollte ungesumt dem
Orte unseres knftigen Bleibens und meiner Pflicht entgegengehn. Unvermutet hat
sich uns nun eine dritte Aussicht erffnet, die selbst mit ihrer schmerzlichen
Bedeutung bei weitem den schnsten Genu und die lieblichste Zuflucht
verspricht.
    Ein Bedienter kam und meldete einige Herren, welche der Prsident auf diese
Stunde zu sich gebeten hatte. Es war der Regisseur des Theaters und drei andere
Knstler, die sich fr Nolten nicht weniger, als fr den Verstorbenen
interessierten, da ihnen der Maler durch Renommee schon lngst nicht fremd mehr
war. Der Regisseur kam vor Jahren einmal mit Larkens in persnliche Berhrung.
Er wollte, auf Anregung des Prsidenten und darum ohne Widerspruch von seiten
der Geistlichkeit, ein Wort am Grabe reden; Theobald hatte ihm hiezu die ntigen
Notizen schon am Morgen zusammengeschrieben. Man beredete noch einiges wegen der
Feierlichkeit.
    Indessen hatte sich der Tag schon ziemlich geneigt, und seine ahnungsvolle
Dmmerung wlzte mit den ersten Trauerschlgen von dem Turme her langsam und
feierlich das letzte grte Schmerzgewicht auf die Brust unsrer Freunde. Die
Leiche mute vor dem Hause des Prsidenten vorberkommen, wo denn die
ordentliche Begleitung mit einbrechender Nacht, Punkt neun Uhr sich aufstellen
und ein Fackelzug von Knstlern und Schauspielern die Leiche abholen sollte,
whrenddessen die brigen Fugnger und die Wagen hier zu warten angewiesen
waren.
    Nolten suchte noch einen Augenblick loszukommen, um in aller Stille einen
letzten Gang nach des Tischlers Hause zu tun. Dort traf er bereits eine Menge
Neugieriger in der engen Gasse versammelt, doch wagte niemand, ihm zu folgen,
als der alte Meister ihm den Schlssel zu der bekannten, weit nach hinten zu
gelegenen Kammer reichte. Ein weier, mit frischen Blumen behngter Sarg stand
auf dem Gange. Kstliches Rauchwerk kam ihm aus dem Zimmer entgegen, als er
eintrat. Aber aufs schnste ward er berrascht und gerhrt durch einen Schmuck,
den eine unbekannte Hand dem Toten hatte angedeihen lassen. Nicht nur war der
Krper mit einem langen, feinen Sterbekleid und schwarzer Schrpe reinlich
umgeben, sondern ein groer, blendend weier Schleier, mit Silber schwer
gestickt, bedeckte das Antlitz und lie einen grnen Lorbeerkranz, der um die
hohe Stirne lag, und selbst die Zge des Gesichts gar milde durchschimmern.
    Der Maler blieb nicht lnger vor dem Bette stehn, als eben hinreichte, um
jenes stumme, langgedehnte Lebewohl - sei es auf Wiedersehn, ach! oder auch auf
ewig Nimmersehn - durch das Tiefinnerste der Seele ziehn zu lassen und jeden
stillen Winkel seiner Brust mit diesem Liebesecho schmerzlich anzufllen.
    Er hrte Tritte auf dem Gang, schnell ri er sich los, in Eifersucht, da
diesen Ruheanblick, den er auf alle Zeiten mit sich nehmen wollte, kein anderer
mit ihm teile.

Wir sehen einen frischen Tag ber der Stadt aufgehn, und sagen von dem gestrigen
Abende nicht mehr, als da die ganze Feier schn und wrdig vollzogen wurde.
    Der heutige Morgen, es war ein Sonntag, ging mit Einpacken, oder mit
Besuchen hin, die Nolten in der Stadt zu machen und zu erwidern hatte. Die
auerordentliche Begebenheit erwarb ihm eine groe Anzahl teils neugieriger,
teils aufrichtiger Freunde, es kam nun eine Einladung nach der andern, darunter
sehr ehrenvolle, die er nicht ablehnen durfte. Es wurde deshalb beschlossen, da
man nicht heute abend, wie anfangs verabredet gewesen, sondern morgen auf das
Landgut fahre. Die Familie des Prsidenten war indessen in aller Frhe schon
hier eingetroffen, und Nolten sah die Prsidentin auf kurze Zeit, neben dem
Gemahl, doch war es ebendarum bei aller mglichen Artigkeit von ihrer Seite eine
ziemlich frostige Bekanntschaft. Nannette, welche auch dabei zugegen, konnte
sich nicht genug verwundern ber die hohle Zrtlichkeit des vornehmen Ehepaars
und sie machte gleich hernach Agnesen die ganze Szene vor, wie sich beide
gekt, wie zierlich die Frau ihr Sprchlein gelispelt habe.
    Als Theobald wegen des dem armen Freunde gewidmeten Ehrenschmucks ein
dankbares Wort an das Frulein richtete - denn er vermutete sonst niemanden
darunter - vernahm er, da zwar der Schleier von ihr, das brige jedoch von
einer edlen Dame gekommen, welche den Schauspieler vor mehreren Jahren in
einigen seiner vorzglichsten Rollen gesehen habe. Margot nannte ihren Namen mit
Achtung und erzhlte, da sie dieselbe Frau noch vor ganz kurzer Zeit
gelegentlich in einer Gesellschaft sehr munter von jenen Vorstellungen habe
erzhlen hren.
    Montag mittag endlich verlieen die Freunde erleichterten Mutes die Stadt.
Die Neuburger Chaise mit einem Teil des Gepcks sollte hier zurckbleiben. Unsre
Gesellschaft teilte sich in zwei Gefhrte des Prsidenten, so da die Herren in
dem einen, die drei Frauenzimmer in dem andern fr sich allein waren.
    Nach einer Stunde schon sah man das Schlo vor sich auf der flachen Anhhe
liegen, am Fue derselben ein kleines Landstdtchen, dessen Marken durch manches
Bethaus am Wege, durch manches hlzerne Kreuz die katholische Einwohnerschaft im
voraus verkndigen. Das Schlo selber ist ein altertmliches Gebude, massiv von
Stein, in zwei gleich lange Flgel gebaut, welche nach unsrer Seite her in einen
stumpfen Winkel zusammenlaufen, so, da der eine, mehr seitwrts gelegene, sich,
je nher man dem Hauptportale kam, hinter den andern zurcklegen mute. Das
ernste und wrdige Ansehn des Ganzen verlor nur wenig durch die moderne
gelbbraune Verblendung. berall bemerkte man vorspringende Erker und schmale
Altane, ziemlich unregelmig, aber bequem und auf die Aussicht ins Weite
berechnet. Man fuhr in den Schlohof ein, der hinten durch eine im Halbkreis
gezogene Kastanienallee gar schn geschlossen ist, indem dieselbe rechts und
links auf beide Flgelenden zugeht. Die Mitte des Halbzirkels nimmt ein
achteckig gefater See mit Springbrunnen ein, deren altfrnkische Delphine nach
vier Seiten hin ihr Wasser strahlen. Die Allee wird durch geradlinige Wege
dreimal durchschnitten, um in die zunchst hinterliegenden Anlagen zu gelangen;
der mittlere Ausgang fhrt nach der Schnur auf ein ansehnliches Gartenhaus zu.
    Von der Herrschaft wurden im ganzen Schlosse blo die beiden Etagen des
einen Flgels bewohnt, die obern vom Prsidenten, unten befanden sich die Zimmer
der Frau, wo nun auch die beiden Mdchen mit dem Frulein einquartiert werden
sollten. Das alles war, wenige Piecen ausgenommen, nach neuerem Geschmacke. An
Bedienung, weiblicher sowohl als mnnlicher, fehlte es nicht.
    Nachdem die neuen Gste einigermaen eingerichtet waren, trank man den
Kaffee in einem der vielen Bosketts im Garten und wandelte sodann, in zwei
Partien abermals getrennt, die ganze Anlage durch. Ihr Umfang war, obgleich
betrchtlich, doch kleiner als es von innen der Anschein gab, weil Bume und
Gebsch die Mauer berall verbargen.
    Agnes und Nannette, ihre gefllige Freundin in der Mitte, empfanden sich in
einem vllig neuen Elemente; jedoch sein Fremdes ward ihnen durch Margots hchst
umgngliches und ungeniertes Wesen mit jeder Viertelstunde mehr zu eigen.
berhaupt finden wir nun Zeit von der Tochter zu reden, und sie verdient, da
man sie nher kennenlerne. Das munterste Herz, verbunden mit einem scharfen
Verstande, der unter dem unmittelbaren Einflusse des Vaters, verschiedene, sonst
nur dem mnnlichen Geschlecht zukommende Fcher der Wissenschaft, man darf
kecklich sagen, mit angeborener Leidenschaft und ohne den geringsten Zug von
gelehrter Koketterie ergriffen hatte, schienen hinreichende Eigenschaften, um
mit einem uern zu vershnen, das wenigstens fr ein gewhnliches Auge nicht
viel Einnehmendes, oder um es recht zu sagen, bei viel Einnehmendem, manches
unangenehm Auffallende hatte. Die Figur war auerordentlich schn, obgleich nur
mig hoch, der Kopf an sich von dem edelsten Umri, und das ovale Gesicht
htte, ohne den aufgequollenen Mund und die Stumpfnase, nicht zrter geformt
sein knnen; dazu kam eine braune, wenngleich sehr frische Haut, und ein Paar
groe dunkle Augen. Es gab, freilich nur unter den Mnnern, immer einige, denen
eine so eigene Zusammensetzung gefiel; sie behaupteten, es werden die
widersprechenden Teile dieses Gesichts durch den vollen Ausdruck von Seele in
ein unzertrennliches Ganzes auf die reizendste Art verschmolzen. Man hatte
deshalb den Bewunderern Margots den Spottnamen der afrikanischen Fremd- und
Feinschmecker aufgetrieben, und wenn hieran gewisse allgemein verehrte
Schnheiten der Stadt sich nicht wenig erbauten, so war es doch verdrielich,
da eben die geistreichsten Jnglinge sich am liebsten um diese Afrikanerin
versammelten. Die Spe der ballgerechten Stutzer waren indes, der Eifersucht
zum Troste, unerschpflich. So hatte ein Lieutenant, der sonst eben nicht im
Geruche des witzigsten Kopfes stand, den kstlichen Einfall ausgeheckt: man
bemerke an des Prsidenten Tochter, bei genauerer Betrachtung, ein feines
Brtchen um die Lippen, welches wohl daher komme, da sie als Kind sich schon
von den alten Knasterbrten, den Ciceros und Xenophons habe kssen lassen, und
vergessen, sich den Mund rein zu wischen. Das Schnste war, da Margot
dergleichen Armseligkeiten, auch wenn sie darum wute, im geringsten nicht
bitter empfand; sie erschien bei den ffentlichen Vergngungen, wozu freilich
mehr die Mutter als das eigene Bedrfnis sie trieb, immer mit gleich
unbefangener Heiterkeit, sogar gehrte sie bei Spiel und Tanz zu den eigentlich
Lustigen; aber indem sie Wohlgesinnte und Zweideutige ganz auf einerlei Weise
behandelte, zeigte sie, ohne es zu wollen, da sie den einen wie den andern
missen knne. Allein auch diese unschuldigste Indifferenz legte man entweder als
Herzlosigkeit, oder Stolz aus. Agnes und selbst die leichter gesinnte junge
Schwgerin huldigten dem guten Wesen von ganzem Herzen, ohne erst noch seine
glnzendste Seite zu kennen.
    Die Mdchen saen im Gesprch auf einer Bank und sahen jetzt einen jungen
Menschen von etwa sechszehn Jahren, gewhnlich aber rein gekleidet und einige
Bumchen im Scherben tragend, den breiten Weg herunterlaufen. Wie er an ihnen
vorberkam, nickte er nur schnell und trocken mit dem Kopfe vor sich hin, ohne
sie anzusehn. Die zarte Bildung seines Gesichts, die ganze Haltung des Knaben
machte Nannetten aufmerksam, und Margot sagte: Es ist der blinde Sohn des
Grtners. Sie haben ihn mitleidig angesehn und es geht anfnglich jedermann so,
man glaubt ihn leidend, doch ist er es nicht, er hlt sich fr den glcklichsten
Menschen. Wir lieben ihn alle. Er hilft seinem Vater und verrichtet eine Menge
Gartengeschfte mit einer Leichtigkeit, da es eine Lust ist, ihm zuzusehn, wenn
ihm einmal die Sachen hingerstet und bedeutet sind. Nichts kommt ihm falsch in
die Hand, kein Blttchen knickt ihm unter den Fingern, eben als wenn die
Gegenstnde Augen htten statt seiner und kmen ihm von selbst entgegen. Dies
gibt nun einen so rhrenden Begriff von der Neigung, dem stillen Einverstndnis
zwischen der uern Natur und der Natur dieses sonderbaren Menschen. Da er nicht
von Geburt, sondern etwa seit seinem fnften Jahre blind ist, so kann er sich
Farben und Gestalten vorstellen, aber wunderlich klingt es, wenn man ihn die
Farben gewisser Blumen mit groer Bestimmtheit, aber oft grundfalsch so oder so
angeben hrt; er lt sich seine Idee nicht nehmen, da er sie ein fr allemal
aus einem unerklrlichen Instinkt, hauptschlich aus dem verschiedenen Geruche,
dann auch aus dem eigentmlichen Klange eines Namens vorgefat hat. Das erstere
kann man ihm noch hingehn lassen, der Zufall tut viel, und wirklich hat er es
einigemal bei sehr unbekannten Blumen auffallend getroffen.
    Wre aber, sagte Agnes, doch etwas Wahres daran, so sollte man auch wohl
die Gabe haben knnen, etwa aus der Stimme eines Menschen auf sein Wesen zu
schlieen, wenn auch nicht auf den Namen, denn gesetzt, man schpfte diesen fr
die Blumen wirklich aus einem bestimmten Gefhl, oder, wie soll ich sagen? aus
einer natrlichen hnlichkeit, so kmen wir auf jeden Fall zu kurz neben diesen
Frhlingskindern, die man doch gewi erst, nachdem sie vollkommen ausgewachsen
waren, getauft hat, um ihnen nicht Unrecht zu tun mit einem unpassenden Namen,
whrend wir den unsrigen erhalten, ehe wir noch den geringsten Ausdruck zeigen.
    Margot war ber diese artige Bemerkung erfreut und Nannette erinnerte
gelegentlich an die sogenannte Blumensprache, woraus man seit einiger Zeit
ordentlich kleine Handbcher mache. Was mir an dieser Lehre besonders gefllt,
das ist, da wir Mdchen bei all ihrer Willkrlichkeit doch gleich durch die
Bedeutung, die dem armen nichtswissenden Ding im Buche beigelegt ist, unser
Gefhl bestimmen und umstimmen lassen knnen, weil wir dem Menschen, der sich
untersteht, so was ein fr allemal zu stempeln, doch einen Sinn dabei zutrauen
mssen, oder weil eine gedruckte Lge doch immer etwas Unwiderstehlicheres hat
als jede andere.
    Oder, versetzte Margot, weil wir ngstlich sind, durch unser vieles Um-
und Wiedertaufen eine bse Verwirrung in das hbsche Reich zu bringen, so da
uns die armen Blumen am Ende gar nichts Gewisses mehr sagen mchten.
    Wie nrrisch ich frher ber Namen der Menschen gedacht habe und zuweilen
noch denken mu, kann ich bei der Gelegenheit nicht verschweigen, sagte Agnes.
Sollten denn, meint ich, die Namen, welche wir als Kinder bekommen, zumal die
weniger verbrauchten, nicht einen kleinen Einflu darauf haben, wie der Mensch
sich spter sein innerliches Leben formt, wie er andern gegenber sich fhlt?
ich meine, da sein Wesen einen besondern Hauch von seinem Namen annhme?
    Dergleichen angenehmen Selbsttuschungen, erwiderte das Frulein, entgeht
wohl niemand, der tiefern Sinn fr Charakter berhaupt hat, und da sie so
gefahrlos als lieblich sind, so wollen wir sie uns einander ja nicht ausreden.
    Nannette war beiseite getreten und kam mit einem kleinen Strau zurck.
Whrend sie ihn in der Stille zurechtfgte, schien ihr ein komischer Gedanke
durch den Kopf zu gehn, der sie unwiderstehlich laut lachen machte. Was hat nun
der Schelm? fragte Margot, es geht auf eins von uns beiden - nur heraus
damit! Es geht auf Sie! lachte das Mdchen, ist aber nichts zum belnehmen.
Ich suchte da nach einer Blume, die sich fr Ihren Sinn und Namen passen knnte,
nun heit doch wohl Margot nicht weniger noch mehr als Margarete, natrlich fiel
mir also ein, wie leichtfertig es lassen mte, wie dumm und ungeschickt, wenn
Ihnen jemand hier dies Gretchen im Busch verehren wollte. Alle lachten herzlich
ber diese Zusammenstellung, die freilich nicht abgeschmackter htte sein
knnen.
    Im Ernst aber, sagte Nannette und sprach damit wirklich ihres Herzens
Meinung aus, fr Sie, bestes Frulein, knnte ich wohl einen Sommer lang mit
dem Katalogen in der Hand durch alle Kaisergrten suchen, eh mir endlich das
begegnete, was Ihrer Person, oder weil dies einerlei ist, Ihres Namens
vollkommen wrdig wre. So? lachte Margot, also bleib ich, eben bis auf
weiteres brav Gretel im Busch! Zum Beweis aber (hier stand sie auf und trat vor
ein Rondell mit blhenden Stcken) da ich glcklicher bin im Finden als Sie,
Bse und Schne, steck ich Ihnen gleich diese niedliche Rose ins Haar, Agnes
hingegen diese blauliche Blte mit dem wrzigen Vanilleduft!
    Man ging nun scherzend weiter und das Frulein fing wieder an: Vom guten
Henni sind wir ganz abgekommen, so heit der Blinde, eigentlich Heinrich. Weil
seine vorhin genannten Talente einigermaen zweideutig sind, so mu man ihm bei
den andern desto mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er hat viel mechanisches
Geschick und seltne musikalische Anlagen. In einer leeren Kammer des linken
Schloflgels, welche vor nicht sehr langer Zeit noch zur Hauskapelle der
frhern Besitzer eingerichtet war, steht eine Orgel, die lange kein Mensch
ansah. Sie befand sich im schlechtesten Zustande, bis Henni vor anderthalb
Jahren sie entdeckte. Er hatte nun nicht Rast noch Ruhe, das verwahrloste
staubige Werk, Klaviatur, Pedal und Blasblge, samt den fehlenden und
zerbrochenen Stbchen, Klappen und Drhten, deren Zahl beilufig hundert und
eines sein mag, wieder ordentlich herzurichten. Oft hrte man ihn bei Nacht
operieren, klopfen und sgen, und es war sonderbar, ihn dann so ohne alles Licht
in der einsamen Kammer bei seiner Arbeit zu denken. Was ihm aber kein Mensch
geglaubt htte: nach weniger als vier Wochen war er wirklich mit allem zustande
gekommen. Sie mssen ihn einmal, und ohne da er's wei, auf der Orgel
phantasieren hren; er behandelt sie auf eine eigene Art und nicht leicht wrde
ein anderes Instrument das eigentliche Wesen dieses Menschen so rein und
vollstndig ausdrcken knnen. Ich htte billig unter seinen Vorzgen zuerst von
seiner Frmmigkeit gesprochen, doch wird Ihnen diese nach dem bisher Gesagten um
so wahrer und zrter erscheinen, und ich brauche jetzt desto weniger Worte davon
zu machen. - Klavierspielen hatte er schon frher ohne Anleitung auf einem
schlechten Pantalon gelernt, mein Vater versprach, ihm auf seinen Geburtstag ein
ordentliches Instrument zu schenken. Solange wir in der Stadt wohnen, la ich
auch wohl zuweilen den Schlssel in dem meinigen stecken und mag mir gerne
denken, da er sich ein Stndchen nach Herzenslust darauf ergehe, derweil seine
Mutter die Zimmer reinigt. Er lobte mir neulich den Ton des Flgels mit solchem
Feuer, da er sich mit seinem Geheimnis verschnappte, er wurde pltzlich blutrot
und ich htte frwahr viel gegeben, um einen Augenblick selbst zu erblinden und
kein Zeuge dieser Beschmung zu sein. Es blieb nichts brig, als ihn
aufzufordern, sogleich eine Sonate mit mir zu probieren, die er mir und meinem
Bruder abgehrt hatte. Nichts geht ihm ber das Vergngen, vierhndig zu
spielen. Das Stck, wovon ich rede, ist eines von den schwerern, allein es ging
durchweg fast ohne Ansto.
    Der Prsident stand eben mit dem Maler auf der rechten Seite des Schlosses,
als die Mdchen gegen den Hof herkamen; sie sprachen dort ber eine gewisse
Baukuriositt, der wir gelegentlich auch einen Blick schenken mssen. Es endigte
sich nmlich jener Flgel mit einer breitstufigen Steintreppe, welche vor den
Fenstern des oberen Stocks ein Belvedere ansetzte und, hben und drben mit
einem Gelnder versehen, auf steinernen Bogen herablief. Mit der letzten Stufe
an der Erde trat man in ein niedliches Rosengrtchen, welches im Viereck von
einer niedern, knstlich ausgehauenen Balustrade umgeben, einerseits auf den
Abhang des Schlobergs hinuntersah, andererseits durch ein eisernes Gatter in
die Allee einfhrte. Alles das fand sich in den gleichen Verhltnissen auch auf
der entgegengesetzten Flanke des Gebudes, jedoch meist nur von Holz und auf den
Schein berechnet. Altan und Treppe waren dort verwittert und ohne Gefahr nicht
mehr zu betreten.
    Die Gesellschaft begab sich ins Innere des Hauses, und bis zum Abendessen
trieb ein jedes was ihm beliebte. Der Prsident lie seinen Gsten Zeit, es sich
bequem zu machen. Gleich anfangs hatte er den Grundsatz erklrt, es msse neben
den Stunden der gemeinsamen Unterhaltung und des unmittelbaren Beieinanderseins
durchaus auch eine Menge Augenblicke geben, die, sozusagen, den zweiten und
indirekten, gewi nicht minder lieblichen Teil der Geselligkeit ausmachen, wo es
erfreulich genug sei, sich miteinander unter einem Dache zu wissen, sich
zufllig zu begegnen und ebenso nach Laune festzuhalten. Unseren beiden
Frauenzimmern, welche dem Hausherrn gegenber doch immer etwas von
Schchternheit bei sich versprten, kam eine solche Freiheit zu ganz besonderm
Troste, dem Maler war sie ohnehin Bedrfnis, und sogleich gab der Prsident das
Beispiel, indem er sich noch auf ein Stndchen ins Arbeitskabinett zurckzog.
    Die Tischzeit versammelte alle aufs neue, und als man sich zuletzt gute
Nacht sagte, trat jedem der Gedanke erstaunend vor die Seele, durch was fr eine
ungeheure Fgung sich die fremdesten Menschen dergestalt haben zusammenfinden
knnen, da es schon heute schien, als htte man sich immerdar gekannt, als wre
man zusammengekommen, um niemals wieder Abschied zu nehmen.
    Nachdem wir von der Stellung der Personen, sowie von deren huslicher und
lndlicher Umgebung insoweit den Begriff gegeben haben, besorgen wir noch kaum,
da unsre Leser ein vollstndiges Journal von den Unterhaltungen der nchsten
Tage von uns erwarten mchten.
    Was auerhalb des Schlobezirks nur immer Anlockendes zu Pferd und Wagen zu
erreichen war, und was das Eigentum des Prsidenten, zumal eine sehr
reichhaltige Bibliothek, zur Unterhaltung darbot, ward abwechselnd genossen und
versucht. Der Prsident liebte die Jagd, und obgleich Theobald weder die
mindeste bung, noch auch bis jetzt einigen Geschmack daran hatte, so war ihm in
seiner gegenwrtigen Verfassung der Vorteil dieser Art sich zu bewegen, wobei
sowohl Leib als Seele in krftiger Spannung erhalten wird, gar bald sehr fhlbar
und bei einigem Glck mit den ersten Versuchen sogar ergtzlich geworden. Er
kehrte an so einem Abend auffallend erheitert und lebhaft nach Hause. Auch
hatten die Mdchen bereits ihren Scherz mit ihm, indem Margot behauptete: es
knnte wohl nicht leicht ein Maler die schnste Galerie der seltensten
Kunstwerke mit grerem Interesse durchlaufen, als er die Gewehrkammer ihres
Vaters, worin er wirklich stundenlang verweilte. Gewi aber war auch weit und
breit eine solche Sammlung nicht anzutreffen. Gewehre aller Art, vom ersten
Anfang dieser Erfindung bis zu den neuesten Formen des englischen und
franzsischen Kunstfleies, konnte man hier aufs schnste geordnet in fnf hohen
Glasksten sehen. Die Freunde bemerkten mit Lcheln, wie Nolten jedesmal eine
andere Flinte fr sich aussuchte, denn mit jeder hoffte er glcklicher zu sein,
und endlich griff er gar nach einem alten trkischen Gescho, welches zwar
prchtig und gut, doch fr den Zweck nicht passend und deshalb von dem
schlechtesten Erfolg begleitet war.
    Besonders angenehm erschienen immer nach dem Abendessen die ruhigen
gemeinschaftlichen Lesestunden. Der Maler hatte anfangs unmageblich eine
Lektre vorgeschlagen, welche man in doppelter Hinsicht willkommen hie. Unter
den schriftlichen Sachen, die er vorlufig aus Larkens' Nachlasse an sich
gezogen, befand sich zuflligerweise ein dnner, italienischer Quartband, die
Rosemonde des Ruccelai enthaltend, wovon ihm der Schauspieler, teils wegen der
Seltenheit der alten ursprnglichen Venezianer-Ausgabe, teils weil eine
angenehme Erinnerung fr ihn dabei war, vormals mit besonderer Liebe gesprochen
und gelegentlich erzhlt hatte, da er als fnfzehnjhriger Knabe das Buch aus
der Sammlung eines Groonkels nebst einigen andern Werken verschleppt habe,
natrlich ohne es zu verstehen, nur weil die schn vergoldete Pergamentdecke ihn
gereizt. Einige Zeit hernach habe von ungefhr ein Kenner es bei ihm erblickt
und es fr einen auerordentlichen Schatz erklrt; hiedurch sei er auf den
Inhalt neugierig worden, um so mehr, da seine Neigung zu Schauspielen und
Tragdien schon damals bis zur Wut entzndet gewesen. Nun habe er der Rosemonde
- der unbekannten Geliebten - zu Gefallen mit wahrhaft ritterlichem Eifer sich
stracks dem Italienischen ergeben, und nachdem er die Sigkeit der Sprache erst
verschmeckt, fr gar nichts anderes mehr Aug und Ohr gehabt, in kurzem auch, ein
zweiter Almachilde (so hie Rosemondens Liebhaber und Retter), der armen
Knigstochter sich vllig bemchtigt.
    War aber dieses Stck, als ein verehrter Zeuge der schnen Kindheit des
tragischen Theaters der Italiener schon an und fr sich merkwrdig genug, so
setzte sich nun unser Zirkel, des Mannes eingedenk, von dem es herkam, mit einer
Art von Andacht zu dem Trauerspiel, wiewohl es whrend des Lesens und
Verdeutschens an munteren Bemerkungen nicht fehlte, entweder weil die
bersetzung zuweilen stocken wollte, oder weil man nicht umhin konnte, die im
ganzen herrliche Charakteristik in der Dichtung mitunter etwas hart und
holzschnittartig zu finden. Auer Agnes und Nannetten war allen die Sprache
bekannt; man bersetzte wechselsweise, am liebsten aber sah man immer das Buch
in Margots Hnde zurckkehren, welche mit eigener Gewandtheit die Verse in Prosa
umlegte und meistens ein paar Szenen im voraus zu Papier gebracht hatte, da denn
wirklich der Ausdruck an Kraft, Erhabenheit und Rundung nichts mehr zu wnschen
brig lie, so da man, obgleich alles sehr treu gegeben war, etwas ganz Neues
zu hren glaubte und den Dichter in seiner ursprnglich grandiosen Natur
vollkommen gerechtfertigt sah. Dem in gewisser Hinsicht unbefriedigenden
Schlusse der Handlung half das Frulein, einem glcklichen Fingerzeig ihres
Vaters folgend, durch Einschaltung einer kurzen Szene auf, worin die Vereinigung
des liebenden Paares, welche der Dichter nur anzudeuten, bei seinem hhern
Zwecke kaum fr der Mhe wert gehalten, zum Troste jedes zart besorgten Lesers
klrlich motiviert war. Man bedauerte nur, mit der Lektre so schnelle fertig
geworden zu sein, und weil jedermanns Ohr nun schon von den sdlichen Klngen
gereizt und hingerissen war, so brachte der Prsident einen italienischen
Novellisten hervor, indessen der Maler gereimte Gedichte gern vorgezogen htte,
aus einem Grunde zwar, den er nicht allzu lebhaft geltend machen wollte: er war
entzckt, wie Margot Verse las; er glaubte einen solchen Wohllaut kaum je von
Eingeborenen gehrt zu haben, und wenn es manchen Personen als ein
liebenswrdiger Fehler angerechnet wird, da sie das R nur gurgelnd aussprechen
knnen, wie denn dies eben bei dem Frulein der Fall war, so schien diese
Eigentmlichkeit der Anmut jenes fremden Idioms noch eine Wrze weiter zu
verleihen. Agnes entging es nicht, mit welchem Wohlbehagen Freund Theobald am
Munde der Leserin hing, allein auch sie vermochte demselben Zauber nicht zu
widerstehen.
    berhaupt lernten die Mdchen nach und nach immer neue Talente an dieser
Margot kennen; das meiste brachte nur der Zufall an den Tag, und weit entfernt,
es auf eine falsche Bescheidenheit anzulegen, oder im Gefhl ihrer Meisterschaft
den Unkundigen gegenber die Unterhaltung ber gewisse Gegenstnde vornehm
abzulehnen, teilte sie vielmehr die Hauptbegriffe sogleich auf die einfachste
Weise mit und machte durch die Leichtigkeit, womit sie alles behandelte, den
andern wirklich glauben, da das so schwere Sachen gar nicht wren, als es im
Anfang schien; sogar legte sie einmal das liebenswrdige Gestndnis ab: Wir
Frauen, wenn uns der Frwitz mit den Wissenschaften plagt, krebsen mitunter
blo, wenn wir zu fischen meinen, und freilich ist es dann ein Trost, da es den
Herren Philosophen zuweilen auch nicht besser geht. - Sehn Sie aber, rief sie
aus und schob die spanische Wand zurck, die in der Ecke ihres Zimmers einen
gromchtigen Globus verbarg, sehn Sie, das bleibt denn doch eine
Lieblingsbeschftigung, wo man auf sicherem Grund und Boden wandelt. Der Vater
hat mich drauf gefhrt, er lie die hohle hlzerne Kugel mit Gips und feiner
Farbe wei berziehen, ich zeichne die neuesten Karten darauf ab und mache ohne
Schiff und Wagen mit Freuden nach und nach die Reise durch die ganze Welt. Die
eine Hlfte wird bald fertig sein, und hier die neue Welt steigt auch schon ein
wenig aus dem leeren Ozean. Agnes bewunderte die Schnheit und Genauigkeit der
Zeichnung, die zierliche Schrift bei den Namen, die breit lavierte Schattierung
des Meers an den Ksten herunter; Nannette aber rief: Will man den Weibern
einmal nichts anderes lassen, als das beliebte Nhen, Stricken, Bandmalen oder
Sticken, und was damit verwandt sein mag, so sollte man mir gegen eine Arbeit
wie diese, wenn ich es je bis dahin brchte, die Nase wahrhaftig nicht rmpfen,
denn die Strickerin wollt ich doch sehen, die schnere Maschen und knstlichere
Filets vorweisen knnte, als Sie, mein Frulein, hier bei diesen Linien und
Graden gemacht haben!
    Sofort erklrte Margot dies und jenes, und wenngleich Nannette immer
diejenige war, welche die Sachen am begierigsten auffate, am schnellsten
begriff, und am besten zu schmeicheln verstand, so blieb doch Margots
Aufmerksamkeit, obwohl nicht unmittelbar, denn sie frchtete durch eine direkte
und vorzugsweise Belehrung Agnesen zu verletzen, dennoch am ersten auf diese
gerichtet. berhaupt hatte ihre Neigung zu dem stillen Mdchen etwas
Wunderbares, man darf wohl sagen, Leidenschaftliches. Man sah sie, zumal auf dem
Spaziergange, nicht leicht neben Agnes, ohne da sie einen Arm um sie
geschlagen, oder die Finger in die ihrigen htte gefaltet gehabt. Zuweilen
machte diese Innigkeit, dies unbegreiflich zuvorkommende Wesen das anspruchlose
Kind recht sehr verlegen, wie sie sich zu benehmen, wie sie es zu erwidern habe.
    Inzwischen hatte man die Nachbarschaft des Guts ziemlich kennengelernt, die
Stadt ohnehin schon mehrmals besucht. Unter anderm rief Theobalden die
Publikation des Larkensschen Testaments dahin. Es fand sich ein bedeutendes
Vermgen. Ohne alle Rcksicht auf entferntere Familienglieder (nhere aber
lebten berall nicht mehr), hatte der Verstorbene vorerst einige ffentliche
Benefizien zumal fr seinen Geburtsort gestiftet; sodann betrafen einzelne
Legate nur eine kleine Zahl von Freunden, darunter eine Dame, deren Name und
Charakter auer dem Maler niemand erfuhr. Der letztere selbst und seine Braut
waren keineswegs vergessen. Bemerkenswert ist die ausdrckliche Verfgung des
Schauspielers, da niemand sich beigehen lassen solle, sein Grab - gleichgltig
brigens wo es sei - auf irgendeine Weise ehrend auszuzeichnen.
    Am Abende desselben Tags, da diese Dinge in der Stadt bereinigt werden
muten, gab ein Konzert, von welchem alle Freunde der Musik lange vorher mit
groer Erwartung gesprochen, einen hchst seltenen Genu. Es war der Hndelsche
Messias. Der Maler, dem ein hiesiger Aufenthalt oft eine Art von berwindung
kostete, weil er sich eine reine Totentrauer durch unvermeidliche Zerstreuung
fast jedes Mal vereitelt und zersplittert sah, fand heute in dem frommen Geist
eines der herrlichsten Tonstcke den bervollen Widerklang derjenigen
Empfindungen, mit denen er vom Grabe des Geliebten kommend unmittelbar in den
Musiksaal eintrat. Er hatte sich etwas versptet und mute ganz entfernt von
seiner Gesellschaft, in einer der hintersten Ecken sich mit dem bescheidensten
Platze begngen, den er jedoch mit aller Wahl nicht besser htte treffen knnen.
Denn ihn verlangte herzlich, die se Wehmut dieser Stunde bis auf den letzten
Tropfen rein fr sich auszuschpfen, er sehnte sich, dem Sturme gottgeweihter
Schmerzen den ganzen Busen ohne Schonung preiszugeben. - Spt in der Nacht fuhr
er mit den drei Frauenzimmern (der Prsident war diesmal nicht dabei) im
schnsten Mondenschein nach Hause. Es hatte jenes Meisterwerk dermaen auf alle
gewirkt, da es in der ersten Viertelstunde, wo sie sich wieder im Gefhrt
befanden, beinahe aussah, als htte man ein Gelbde getan, auf alles und jedes
Gesprch darber zu verzichten; und als das Wort endlich gefunden war, galt es
dem teuren Larkens fast ausschlielich. Das Frulein offenbarte sich bei der
Gelegenheit zum erstenmal entschiedener von seiten des Gefhls, was wenigstens
dem Maler gewissermaen etwas Neues war, da es ihn manchmal deuchte, als stnde
diese Eigenschaft bei ihr unter einer etwas zu strengen und jedenfalls zu sehr
bewuten Vormundschaft des mchtigern Verstandes. Das Wahre aber ist: Margot
verbot sich, bei aller brigen Lebendigkeit, von jeher den kecken Ausdruck
tieferer Empfindung, vielmehr - er verbot sich von selber bei ihr, da sie ihr
Leben lang nie einen Umgang gehabt, wie ihn das Herz bedurfte. Es wre nicht
leicht zu bezeichnen, was es eigentlich war, das einem so trefflichen Wesen von
Kindheit an die Gemter der Menschen, oder doch ihres Geschlechts, entfremden
konnte. In der Tat aber, so wenig kannte sie das Glck der Freundschaft, da sie
ihre eigene Armut auch nur dunkel empfand, und da ihr von dem Augenblick ein
durchaus neues Leben, ja ein ganz anderes Verstndnis ihrer selbst aufgegangen
zu sein schien, da sie in Agnesen vielleicht die erste weibliche Kreatur
erblickte, welche sie von Grund des Herzens lieben konnte und von der sie
wiedergeliebt zu werden wnschte. Nolten las heute recht in ihrer Seele,
obgleich auch jetzt noch ihre Worte etwas Gehaltenes und ngstliches behielten,
so da sie, was niemals erhrt gewesen, mitten in der Rede ein paarmal stockte,
oder gar abbrach.
    Zu Hause angekommen, glaubten alle aus der lichten Wolke eines frommen und
lieblichen Traumes unvermutet wieder auf die platte Erde zu treten, doch fhlte
jedes im sanft und freudig bewegten Innern, da dieser Abend nicht ohne
bedeutende Spuren, sowohl in dem Verhltnis zueinander als im Leben des
einzelnen werde bleiben knnen.

Der Prsident nahm dieser Tage eine Reise vor, und in Geschften, wie er sagte;
doch eigentlich war seine Absicht, dem bevorstehenden Geburtsfeste seiner Frau
auszuweichen. Der Maler mit den Mdchen war anstandshalber gleichfalls geladen
und diese Hflichkeit mute angenommen werden. Der Prsident war schon fort, als
die Botschaft einlief, die Feier unterbleibe wegen Unplichkeit der Frau.
Vermutlich lag nur eine Empfindlichkeit gegen den Gatten zugrunde. Margot indes
fuhr am Morgen allein nach der Stadt, verhie jedoch, am Abend wieder
hierzusein. So blieben unsre Leute einen vollen Tag sich selbst berlassen, was
zur Abwechslung vergnglich genug schien. Sie konnten sich so lange als die
Herren dieser Besitzung denken; Nannettens rosenfarbener Humor erfreute sich
einmal wieder des freiesten Spielraums, selbst Agnes behauptete, so behagliche
Stunden in langer Zeit nicht mehr gelebt zu haben, Nolten bemhte sich zum
wenigsten, einen unzeitig auf ihm lastenden Ernst zu verleugnen. Nach Tische
schickten sich die Mdchen an, Briefe nach Haus zu schreiben. Der Maler aber
nahm eine Partie hinterlassener Schriften seines Freundes in den Garten.
    Es war ein schwler Nachmittag. Nolten trat in ein sogenanntes Labyrinth. So
heien bekanntlich in der altfranzsischen Gartenkunst gewisse planmig, aber
scheinbar willkrlich ineinandergeschlungene Laubgnge, mit einem einzigen
Eingang, welcher sich schwer wiederfinden lt, wenn man erst eine Strecke weit
ins Innere gedrungen ist, weil die grnen, meist spiralfrmig umeinander
laufenden und durch unzhlige Zugnge unter sich verbundenen Gemcher fast alle
einander gleichen. Die Wege sind sehr reinlich gehalten, die Wnde glatt mit der
Schere geschnitten, ziemlich hoch und oben gemeiniglich offen. Der Maler schritt
in diesen angenehmen Schatten, seinen Gedanken nachhngend, von Zelle zu Zelle,
und nachdem er lange vergeblich auf das Zentrum zu treffen gehofft hat, verfolgt
er endlich eine bestimmte Richtung und gelangt auch bald in ein greres rundes
Gemach, worauf die verschiedenen Wege von allen Seiten zufhren; es ist oben bis
auf eine schmale ffnung berwlbt, und diese sanfte Dmmerung, die Einsamkeit
des Pltzchens, wo kaum das Summen einer Fliege die tiefe se Mittagstille
unterbrach, alles stimmte vollkommen zu den Gefhlen unseres Freundes. Er setzte
sich auf eine Bank und schlug die Mappe auf. Verschiedene Aufstze fanden sich
da, meistens persnlichen Inhalts, Poesien, kleine Diarien, abgerissene
Gedanken. Sehr viel schien sich auf Theobald selbst zu beziehen, anderes war
durchaus unverstndlich, auf frhere Lebensepochen hindeutend. Besonders
anziehend aber war ein dnnes Heft mit kleinen Gedichten, fast lauter Sonette
an L., sehr sauber geschrieben. Nolten erriet, wem sie galten, denn der
Verstorbene hatte ihm selbst von einer frhen Liebe zu der Tochter eines
Geistlichen gesprochen. Es war allem nach ein hchst vortreffliches Mdchen, das
in der schnsten Jugend gestorben. Wahrscheinlich fiel das Verhltnis in den
Anfang von Larkens' Universittsjahren; wie heilig ihm aber noch in der
sptesten Zeit ihr Andenken gewesen, erkannte Theobald teils aus der Art, wie
Larkens sich darber uerte (er sprach ganz selten und auch dann nie ohne
Rckhalt von der Sache), teils auch aus andern Zeichen, die er erst jetzt
verstand. So lag z.B. in den zierlich geschriebenen Blttern ein hochrotes Band
mit schmaler Goldverbrmung, das der Schauspieler von Zeit zu Zeit und, wie
Nolten sich bestimmt erinnerte, immer nur an Freitagen, unter der Weste zu
tragen pflegte; der Maler legte die Gedichte zurck, um sie spter mit Agnes zu
genieen. Jetzt aber ward er durch die Aufschrift einiger andern Bogen aufs
uerste frappiert und eigentlich erschreckt. Peregrinens Vermhlung mit *.
Eine Note am Rand sagte deutlich, wer gemeint war; er bltterte und entdeckte im
ganzen eine unschuldige Phantasie ber seine frhere Berhrung mit Elisabeth. -
Von jeher war es dem Schauspieler gewohntes Bedrfnis gewesen, alles, was ihn
auf lnger oder krzere Zeit interessierte die Eigentmlichkeiten seines
nchsten Umgangs, das ganze Leben mancher Freunde, durch Zutat seiner Einbildung
mit einem magischen Firnis aufzuhhen, sich nherzubringen und so alles auf
zweifache Art zu genieen. Er trieb diesen idealen Unterschleif nicht leicht in
solchem Mae, da ihm dadurch die natrliche Ansicht von Dingen und Personen
verrckt oder unschmackhaft geworden wre, er beurteilte namentlich Theobalds
Wesen bei alledem auf die nchternste Weise und pflegte jener phantastischen
Neigung so wenig auf Kosten der Freundschaft, da er vielmehr mit ngstlicher
Sorgfalt alles und jedes vor ihm versteckte, was auf die Gesundheit seines
Gemts irgend nachteilig von dorther htte wirken knnen. So lie er sich denn
insbesondere von seiner Vorliebe fr Elisabeth nichts gegen Theobald merken. Er
beschftigte sich lange Zeit mit dem Schicksale dieser Person, doch auer den
getreu nach der Wahrheit verfaten Memoiren, welche der Leser lngst kennt, kam
Nolten keine Zeile von den dahin einschlagenden Versuchen zu Gesicht. Ohne
Zweifel hatte Larkens einmal die Absicht gehabt, die Geschichte mit der
Zigeunerin fr sich zu erweitern und ins Fabelhafte hinberzuspielen; dasjenige,
was der Maler in Hnden hielt, waren teils Fingerzeige zu Gedichten, teils
ausgefhrte Stcke, welche in loser und schwebender Verknpfung, wie es der
mythischen Komposition angemessen schien, zuletzt einen gewissen Lebenskreis
erschpfen sollten. Freilich geschah diese wunderliche Amplifikation der an sich
schon wunderbaren Tatsachen mehr in seiner eignen als Noltens Sinnesweise. Der
Maler konnte sich an der Fiktion als solcher ergtzen, doch brachte diese Reihe
von seltsamen Bildern alsbald eine solche Beklemmung, Unruhe und Schwere ber
ihn, da er die Bltter mehr als einmal ungeduldig wegwarf.
    Indem hier einige Stcke ausgehoben werden mgen, ist zum Verstndnis des
ersten Gedichts einer Randbemerkung zu erwhnen, wodurch auf eine gewisse
Zeichnung hingewiesen wird, welche von Nolten zur Zeit, als er die Schule zu **
besuchte, entworfen, Elisabeths Gestalt in asiatischem Kostm, mit Szenerie im
hnlichen Geschmack, darstellte; spter sah Larkens das Blatt und bat sich's
aus, doch lag es nicht hier bei.


                                 Die Hochzeit4

Aufgeschmckt ist der Freudensaal;
Lichterhell, bunt, in laulicher Sommernacht
Stehet das offene Gartengezelte;
Sulengleich steigen,
Reichlich durchwirket mit Laubwerk,
Die stolzen Leiber
Sechs gezhmter, riesiger Schlangen,
Tragend und sttzend das
Leicht gegitterte Dach.

Aber die Braut noch wartet bescheiden
In dem Kmmerlein ihres Hauses.
Endlich bewegt sich der Zug der Hochzeit,
Fackeln tragend, Feierlich stumm.
Und in der Mitte,
Mich an der linken Hand,
Schwarzgekleidet geht einfach die Braut;
Schngefaltet ein Scharlachtuch
Liegt um den zierlichen Kopf geschlagen,
Lchelnd geht sie dahin;
Das Mahl schon duftet.

Spter, im Lrmen des Fests,
Stahlen wir seitwrts uns beide
Weg, nach den Schatten des Gartens wandelnd,
Wo im Gebsche die Rosen brannten,
Wo der Mondstrahl um Lilien zuckte,
Wo die Bume vom Nachttau troffen.

Und nun strich sie mir, stillestehend,
Seltsamen Blicks mit dem Finger die Schlfe:
Jhlings versank ich in tiefen Schlummer.
Aber gestrkt vom Wunderschlafe
Bin ich erwacht zu glckseligen Tagen,
Fhrte die seltsame Braut in mein Haus ein.




                                    Warnung


Der Spiegel dieser treuen braunen Augen
Ist wie von innrem Gold ein Widerschein;
Tief aus dem Busen scheint er's anzusaugen,
Dort mag solch Gold in heilgem Gram gedeihn.
In diese Nacht des Blickes mich zu tauchen,
Unschuldig Kind, du selber ldst mich ein,
Willst, ich soll kecklich dich und mich entznden -
Reichst lchelnd mir den Tod im Kelch der Snden!


                                Scheiden von ihr

Ein Irrsal kam in die Mondscheinsgrten
Einer einst heiligen Liebe,
Schaudernd entdeckt ich verjhrten Betrug;
Und mit weinendem Blick, doch grausam
Hie ich das schlanke,
Zauberhafte Mdchen
Ferne gehen von mir.
Ach, ihre hohe Stirn,
Drin ein schner, sndhafter Wahnsinn
Aus dem dunkelen Auge blickte,
War gesenkt, denn sie liebte mich.
Aber sie zog mit Schweigen
Fort in die graue,
Stille Welt hinaus.

Von der Zeit an
Kamen mir Trume voll schner Trbe,
Wie gesponnen auf Nebelgrund,
Wute nimmer, wie mir geschah,
War nur schmachtend, seliger Krankheit voll.

Oft in den Trumen zog sich ein Vorhang
Finster und gro ins Unendliche,
Zwischen mich und die dunkle Welt.
Hinter ihm ahnt ich ein Heideland,
Hinter ihm hrt ich's wie Nachtwind sausen;
Auch die Falten des Vorhangs
Fingen bald an, sich im Sturme zu regen,
Gleich einer Ahnung strich er dahinten,
Ruhig blieb ich und bange doch,
Immer leiser wurde der Heidesturm -
Siehe, da kam's!

Aus einer Spalte des Vorhangs guckte
Pltzlich der Kopf des Zaubermdchens,
Lieblich war er und doch so bengstend.
Sollt ich die Hand ihr nicht geben
In ihre liebe Hand? Bat denn ihr Auge nicht,
Sagend: da bin ich wieder
Hergekommen aus weiter Welt!


                                   Und wieder

Die treuste Liebe steht am Pfahl gebunden,
Geht endlich arm, verlassen, unbeschuht,
Dies kranke Haupt hat nicht mehr wo es ruht,
Mit ihren Trnen netzt sie bittre Wunden.

Ach, Peregrinen hab ich so gefunden!
Wie Fieber wallte ihrer Wangen Glut,
Sie scherzte mit der Frhlingsstrme Wut,
Verwelkte Krnze in das Haar gewunden.

Wie? Solche Schnheit konnt ich einst verlassen? -
- So kehrt nun doppelt schn das alte Glck!
O komm! in diese Arme dich zu fassen!

Doch wehe! welche Miene, welch ein Blick!
Sie kt mich zwischen Lieben, zwischen Hassen,
Und wendet sich und - kehrt mir nie zurck.

Wie sonderbar ist Nolten von dieser Schilderung ergriffen! wie lebhaft erkennt
er sich und Elisabeth selbst noch in einem so bunt ausschweifenden Gemlde! und
diese Wehmut der Vergangenheit, wie vielfach ist sie bei ihm gemischt! -
Mechanisch steht er endlich auf und lt sich von der trumerischen Wirrung der
grnen Schattengnge eine Zeitlang willenlos hin und wider ziehen. So lieblich
war die schmerzhafte Betubung seiner Seele, so sehr hat er sich in den
Wundergrten der Einbildung vertieft, da, als er nun ganz unvermutet sich am
Ausgange des Labyrinths dem hellen nchternen Tageslichte zurckgegeben sah,
dies ihm das unbehaglichste Erwachen war. Mit verdstertem Kopfe schleicht er
nun da und dort umher, und als endlich Agnes mit untergehender Sonne, vergngt
vom Schreibtische kommend, nach dem Geliebten suchte, fand sie ihn einsam auf
dem Kanapee des groen Gartenhauses. Sie sehnte sich nach frischer Abendluft,
nach dem erholenden Gesprch. Kaum waren einige Gnge gemacht, so hrten sie in
der Entfernung donnern; das Gewitter zog Herberts. Der Grtner, welcher diese
schwlen Tage her immer nach Regen geseufzt, lief jetzt - und Henni hinterdrein
- mit schnellen Schritten nach Frhbeet und Gewchshaus, beide bezeugten laut
ihren Jubel ber den kommenden Segen, dem ein paar Windste krftig
vorangingen. Die Liebenden waren unter das hlzerne Dach des Belvedere getreten,
Nannette trug einige Sthle hinaus. Sie bemerkten ein zwiefaches Wetter, davon
die Hauptmacht vorne nach der Stadt zu lag, ein schwcheres spielte im Rcken
des Schlosses. Die ganze Gegend hat sich schnell vernachtet. Da und dort zucken
Blitze, der Donner kracht und wlzt seinen Groll mit Majestt fernab und weckt
ihn dort aufs neue mit verstrktem Knall. Auf der Ebene unten scheint es schon
herzhaft zu regnen. Hier oben herrscht noch eine dumpfe Stille, kaum hrt man
einzelne Tropfen auf dem nchsten Kastanienbaum aufschlagen, der seine breiten
Bltter bis an das Gelnder des Altans erhebt. Jetzt aber rauscht auch hier der
Segen mchtig los. - Ein solcher Aufruhr der Natur pflegte den Maler sonst wohl
zu einer mutigen Frhlichkeit emporzuspannen; auch jetzt hing er mit Wollust an
dem khnen Anblicke des feurig aufgeregten Elements, doch blieb er stille und in
sich gekehrt. Agnes verstand seinen Kummer und leise nannte sie einigemal den
Namen Larkens, doch konnte sie dem Schweigenden nicht mehr als ein Seufzen
entlocken.
    Der Himmel hatte sich erschpft, der Regen hrte auf, hie und da traten die
Sterne hervor. Die angenehme Luft, das Tropfen der erquickten Bume, ein sanftes
Wetterleuchten am dunkeln Horizont machte die Szene nun erst recht einladend.
Die junge Schwgerin, nach ihrer unsteten Art, war indes weggelaufen, um mit des
Fruleins Zofe zu kurzweilen, einer muntern Franzsin, in der sie einen
unerschpflichen Schatz von Geschichten und Spen, eine wahre Adelschronik
entdeckt hatte. Agnes bemhte sich, in Noltens Gedanken einzugehen, sein
Schweigen trstlich aufzulsen. Sie erinnerte sich jener Worte, welche der Maler
im ersten Schmerz auf die entsetzliche Todesnachricht im Gasthof etwas
vorschnell gegen sie hatte fallenlassen, wornach sie sich dem Toten auf eine
besondere Weise persnlich verpflichtet glauben mute. Ihre Fragen deshalb hatte
Nolten nachher nur ausweichend und so allgemein wie mglich beantwortet, auch
diesmal ging er schnell darber hin und sie beharrte nicht darauf. Nun aber
sprach sie berhaupt so ruhig, so verstndig von dem Gegenstand, aus ihren
einfachen Worten leuchtete so ein reines und sicheres Urteil ber die innerste
Gestalt jenes verunglckten Geistes hervor, da Theobald ihr mit Verwunderung
zuhrte. Zugleich tat sie ihm aber weh, in aller Unschuld. Denn freilich mute
sich in einem weiblichen Gemt, auch in dem liebevollsten, die Denk- und
Handlungsweise eines Mannes wie Larkens, nach ihrem letzten sittlichen Grunde,
um gar viel anders spiegeln als in den Augen seines nchsten Freundes, und
Nolten konnte im Rsonnement des Mdchens, wie zart und herzlich es auch war,
doch leicht etwas entdecken, wodurch er dem Verstorbenen zu nahgetreten sah,
ohne da er Agnesen auf ihrem Standpunkt zu widerlegen hoffen, ja dieses auch
nur wagen durfte. Du kennst, du kennst ihn nicht! rief er zuletzt mit Eifer
aus, es ist unmglich! O da er dir nur einmal so erschienen wre, wie er mir
in zwei Jahren jeden Tag erschien, du wrdest einen andern Mastab fr ihn
finden, vielmehr du wrdest jedes hergebrachte Ma unwillig auf die Seite
werfen. Ja, liebstes Herz (er stockte, sich besinnend, dann rief er
ungeduldig:) Warum es dir verhalten? was ngstigt mich? O Gott, bin ich es ihm
nicht schuldig? Du sollst, Agnes, ich will's, du mut ihn lieben lernen! dies
ist der Augenblick, um dir das rhrendste Geheimnis aufzudecken. Du bist gefat,
gib deine Hand, und hre, was dich jetzt, versteh mich Liebste, jetzt, da wir
uns ganz - so selig ungeteilt besitzen, nicht mehr erschrecken kann. Wie? hat
denn das Gewitter, das mit entsetzlichen Schlgen noch eben jetzt erschtternd
ob deinem Haupte stand, uns etwas anderes zurckgelassen, als den erhebenden
Nachhall seiner Gre, der noch durch deine erweiterte Seele luft? und berall
die Spuren gttlicher Fruchtbarkeit? die se, rein verkhlte Luft? Wir knnen
vom Vergangenen gelassen reden, ohne Furcht, da es deshalb mit seiner alten
Pein aufs neue gegen uns aufstehen werde. Wr es nur Tag, nun wrde rings die
Gegend vom tausendfachen Glanz der Sonne widerleuchten! Doch, sei es immer
Nacht! Mit tiefer Wehmut weihe sie ein jedes meiner Worte, wenn ich nunmehr von
alten Zeiten zu dir rede, wenn ich lngst heimgeschickte Strme vom sichern
Hafen der Gegenwart aus anbetend segne, hier an deiner Seite, du Einzige, du
Teure, ach schon zum zweitenmal und nun auf ewig Mein-Gewordene! Ja, in den
seligen Triumph so schwer geprfter Liebe mische ich die sanfte Trauer um den
Freund, der uns - du wirst es hren - zu diesem schnen Ziel geleitet hat.
    Agnes! nimm diesen Ku! gib ihn mir zurck! Er sei statt eines Schwurs, da
unser Bund ewig und unantastbar, erhaben ber jeden Argwohn, in deinem wie in
meinem Herzen stehe da du, was ich auch sagen mge, nicht etwa rckwrts
sorgend, dir den rein und hell gekehrten Boden unsrer Liebe verstren und
verkmmern wollest.
    Ein anderer an meinem Platz wrde mit Schweigen und Verhehlen am sichersten
zu gehen glauben, mir ist's nicht mglich, ich mu das verachten, o und - nicht
wahr? meine Agnes wird mich verstehen! - Was ich von eigner Schuld zu beichten
habe, kann in den Augen des gerechten Himmels selbst, ich wei das sicher, den
Namen kaum der Schuld verdienen; und doch, so leicht wird die rechtfertige
Vernunft von dem schreckhaften Gewissen angesteckt, da noch in tausend
Augenblicken und eben dann, wenn ich den Himmel deiner Liebe in vollen Zgen in
mich trinke, am grausamsten, mich das Gedchtnis meines Irrtums, wie eines
Verbrechens befllt. Ja, wenn ich anders mich selbst recht verstehe, so ist's am
Ende nur diese sonderbare Herzensnot, was mich zu dem Bekenntnis unwiderstehlich
treibt. Ich kann nicht ruhn, bis ich's in deiner liebevollen Brust begraben, bis
ich durch deinen Mund mich freudig und auf immer losgesprochen wei.
    Der Maler wurde nicht gewahr, wie dieser Eingang schon die Arme innig beben
machte. In wenigen, nur schnell hervorgestoenen Stzen war endlich ein Teil der
unseligen Beichte heraus. Aber das Wort erstirbt ihm pltzlich auf der Zunge.
Vollende nur! sagt sie mit sanftem Schmeichelton, mit knstlicher
Gelassenheit, indem sie zitternd seine Hnde bald kt, bald streichelt. Er
schwankt und hngt besinnungslos an einem Absturz angstvoll kreisender Gedanken,
er kann nicht rckwrts, nicht voran, unwiderstehlich drngt und zerrt es ihn,
er hlt sich lnger nicht, er zuckt und - lt sich fallen. Nun wird ein jedes
Wort zum Dolchstich fr Agnesens Herz. Otto - die unterschobenen Briefe - die
Verirrung zu der Grfin - alles ist herausgesagt, nur die Zigeunerin, ist er so
klug, vllig zu bergehn.
    Er war zu Ende. Sanft drckt er ihre Hand an seinen Mund sie aber, stumm und
kalt und versteinert, gibt nicht das kleinste Zeichen von sich.
    Mein Kind! o liebes Kind! ruft er, hab ich zuviel gesagt? hab ich? Um
Gottes willen, rede nur ein Wort! was ist dir?
    Sie scheint nicht zu hren, wie verschlossen sind all ihre Sinne. An ihrer
Hand nur kann er fhlen, wie sonderbar ein wiederholtes Grausen durch ihren
Krper giet. Dabei murmelt sie nachdenklich ein unverstndliches Wort. Nicht
lang, so springt sie heftig auf - O unglckselig! unglckselig! ruft sie, die
Hnde berm Haupt zusammenschlagend, und strzt, den Maler weit wegstoend, in
das Haus. Vor seinem Geiste wird es Nacht - er folgt ihr langsam nach, sich
selbst und diese Stunde verwnschend.

Margot kam erst den andern Vormittag zurck von der Stadt. Sie war verwundert,
eine auffallende Verstimmung unter ihren Gsten sogleich wahrnehmen zu mssen.
Bescheiden forschte sie bei Nannetten, doch diese selbst war in der bngsten
Ungewiheit. Agnes hielt sich auf ihrem Zimmer, blieb taub auf alle Fragen, alle
Bitten, und wollte keinen Menschen sehn. Das Frulein eilt hinber und findet
sie angekleidet auf dem Bett, den Bleistift in der Hand, sinnend und schreibend.
Sie ist sehr wortarm, nach allen Teilen wie verwandelt, ihr Aussehn dergestalt
verstrt, da Margot im Herzen erschrickt und sich gerne wieder entfernt, nicht
wissend, was sie denken soll. - Nannette bestrmt den Bruder mit Fragen, er aber
zeigt nur eine still in sich knirschende Verzweiflung. Zu deutlich sieht er die
ganze Gefahr seiner Lage; er fhlt, wie in dem Augenblick das Herz des Mdchens
aus tausend alten Wunden blutet, die seine Unbesonnenheit aufri: und nun soll
er dastehn, unttig, gefesselt, sie rettungslos dem frchterlichen Wahne
berlassend? er soll die Tre nicht augenblicklich sprengen, die ihn von ihr
absperrt! Einmal bers andre schleicht er an ihre Schwelle; ihm wird nicht
aufgetan. Zuletzt erhlt er ein Billett von ihr durch seine Schwester; der
Inhalt gibt ihm zweideutigen Trost; sie bittet vorderhand nur Ruhe und Geduld
von ihm. Sie sei, hinterbrachte Nannette, mit einem greren Briefe beschftigt,
gestehe aber nicht, an wen er gehe.
    Dem Maler bleibt nichts brig, als ebenfalls die Feder zu ergreifen. Er
bietet allem auf, was ruhige Vernunft und was die treueste Liebe mit
herzgewinnenden Tnen in solchem uersten Falle nur irgend zu sagen vermag.
Dabei spricht er als Mann zum krank verwhnten Kinde, er rhrt mit sanftem
Vorwurf an ihr Gewissen und schickt jedwedem leisen Tadel die krftigsten
Schwre, die rhrendsten Klagen verkannter Zrtlichkeit nach.
    Am Abend kam der Prsident. Zum Glck traf er schon etwas hellere Gesichter,
als er vor wenig Stunden noch gefunden haben wrde. Die Mdchen hatten dem Maler
berichtet: Agnes sei ruhig, anredsam und freundlich und habe nur gebeten, da
man sie heute noch sich selber berlasse; es sei ihr vor, vielmehr, sie wisse
sicher und gewi, da diese Nacht sich alles bei ihr lsen werde.
    Der Prsident, der manches zu erzhlen wute, bemerkte etwas von Zerstreuung
in den Mienen seiner Zuhrer und vermite Agnesen. Schon gut, gab er Nolten
mit Lcheln zur Antwort, als dieser ihm nur leichthin von einem kleinen
Verdrusse sprach, den er sich zugezogen, recht so! das ist das unentbehrlichste
Ferment der Brautzeit, das macht den sen Most etwas rezent. Der Wein des
Ehestands wird Ihnen dadurch um nichts schlimmer geraten.
    Das Abendessen war vorbei. Man merkte nicht, wie spt es bereits geworden.
Die beiden Herren saen im Diskurs auf dem Sofa. Nannette und Margot lasen
zusammen in einem kleinen Kabinett, das nur durch eine Tr von dem Zimmer
geschieden war, wo Agnes schlief.
    Die Unterhaltung der Mnner geriet indes auf einen seltnen Gegenstand. Der
Prsident nmlich hatte gelegentlich von einem blen Streich gesprochen, den ihm
der Aberglaube des Volks und die List eines Pachters htte spielen knnen. Es
handelte sich um ein sehr wohlerhaltenes Wohnhaus auf einem Bauernhofe, den er,
als Bestandherr, noch gestern eingesehn. Das Haus war wegen Spukerei verrufen,
so da niemand mehr drin wohnen wollte. Der kluge Pachter sah seinen Vorteil bei
dieser Torheit, er hatte dem Gebude lngst eine andere Bestimmung zugedacht,
die der Prsident nicht zugeben konnte, und nhrte deshalb unter der Hand die
Angst der Bewohner. Mit sehr vieler Laune erzhlte nun jener, auf welche Art er
die Kpfe samt und sonders zurechtgesetzt und wie er die ganze Sache
niedergeschlagen. Dies gab sofort Veranlassung, den Glauben an Erscheinungen,
inwieweit Vernunft und Erfahrung dafr und dagegen wren, mit Lebhaftigkeit zu
besprechen. Der Maler fand es durchaus nicht wider die Natur, vielmehr
vollkommen in der Ordnung, da manche Verstorbene sich auf verschiedentliche
sinnliche Weise den Lebenden zu erkennen geben sollten. Der Prsident schien
dieser Meinung im Herzen weit weniger abhold zu sein, als er gestehen wollte;
vielleicht auch war ihm nur darum zu tun, das Interesse des Gesprchs durch
Widerspruch zu steigern.
    Ich will Ihnen doch, sagt er endlich, eine kleine Geschichte mitteilen,
fr deren Wahrheit ich Brge bin. Noch aber wei ich selber nicht, fr welchen
von uns beiden sie am meisten spricht.
    Ich wohnte in England bei einer Verwandten, einer Witwe ohne Kinder. Sie war
mit ihrem Manne gegen den Willen beider verheiratet worden, sie lebten nur
wenige Monate zusammen und er starb nach einigen Jahren im Auslande. Mein
Aufenthalt in London fiel eben in die Zeit, als die schne Frau sich zum zweiten
Male, und entschieden nach Neigung mit einem reichen Kaufmann aus Deutschland
verlobte. Religise Schwrmerei, eben dasjenige, wodurch sie in der ersten Ehe
so unglcklich gewesen, machte hier neben einer natrlichen Leidenschaft das
wesentliche Band der Herzen aus. Ich erinnere mich seiner noch ganz wohl, als
eines Mannes von hoher und zugleich sehr zarter Gestalt, anziehend und
geheimnisvoll in seinen Manieren. Er ging lange Zeit im Haus der Witwe aus und
ein, sie sollen gemeinschaftlich die heimlichen Versammlungen einer gewissen
Sekte besucht haben, deren Grundstze man eigentlich nicht kannte, kurz, er war
erklrter Brutigam; aber niemand begriff, warum es mit der Hochzeit nicht
vorangehn wollte, von der sich die Familie eines der glnzendsten Feste
versprach. Indessen ward er veranlat eine sehr weit aussehende Reise in
Geschften nach Nordamerika zu tun, und nun zweifelte man gar nicht mehr, da er
die Verbindung in der Stille werde ausgehn lassen; man bemitleidete die Braut,
die ihn jedoch ganz ruhig und getrost sich einschiffen sah, und soviel man
bemerken konnte, bald einen lebhaften Briefwechsel mit ihm unterhielt. Ich war
zugegen, als einsmals eine Kiste mit ausgewhlten Geschenken anlangte, welche
die Lady mit einem feierlichen Wohlgefallen ausbreitete, wobei sie mir
vertraute: es wre dies die Morgengabe ihres Gatten. Ich verstand sie nicht und
sie erklrte sich auch nicht deutlicher. Spterhin erst ward mir das Rtsel
gelst. Das wundersame Paar hatte sich nmlich verpflichtet, die Vermhlung auf
eine hchst mysterise und vllig geistige Weise vollziehen zu lassen. Indem sie
so viele hundert Meilen durch Land und Meer geschieden waren, sollte jedes in
seinem eignen Hause, zu einer und derselben Stunde, hier zwischen Aufgang, dort
zwischen Untergang der Sonne, feierlich von zwei besondern Priestern eingesegnet
werden. Nachdem also die Braut ganz im geheimen aufs festlichste gekleidet und
mit Blumen geschmckt, welche man gegen die Morgendmmerung im Garten gebrochen,
die halbe Nacht sich mit Gebet auf die wichtige Handlung vorbereitet hatte,
erschien der Geistliche, von dreien Glaubensbrdern begleitet. Ein kleiner Saal
war sparsam erleuchtet, ein Tisch, worauf zwei Kerzen brannten, zum Altare
aufgeputzt. Als nun der Geistliche in seiner Liturgie an die Stelle kam, wo im
Namen des Abwesenden mit dem Ja geantwortet werden sollte, verlschte pltzlich
eins der Lichter von selbst, zum Erstaunen der Gegenwrtigen und zum grten
Schrecken der Braut, die indessen dadurch getrstet wurde, da man sie in diesem
Zufall ein erfreuliches Zeichen sehen lie; sie richtete sich beruhigt von ihren
Knieen auf und fhlte sich mit dem Geliebten innig und geheimnisvoll verbunden.
Als man sie sofort allein gelassen, bestieg sie, der Vorschrift gem, ein
hochzeitlich verziertes, mit sen Wohlgerchen besprengtes Lager, worin sie den
Vormittag hinter dicht verschlonen Fensterladen zubrachte. Mit was fr Bildern
sich ihre Trume beschftigten, ob sie mit dem himmlischen Brutigam oder dem
irdischen verkehrt habe, la ich dahingestellt sein - wahrscheinlich mit beiden
zugleich, und keiner hatte somit Ursache zur Eifersucht. Genug von dieser tollen
Zeremonie, deren raffiniert sinnliche Heiligkeit jeden emprt. Merkwrdig bleibt
nur, da bald nachher die Nachricht vom Tode des Kaufmanns einlief. Er war, nach
kurzem Krankenlager, einige Tage vor der Hochzeit gestorben, an welcher er, wenn
man der armen Wachskerze glauben will, wenigstens geistweise teilgenommen. Was
halten Sie von dieser Manifestation eines Abgeschiedenen, mein lieber Maler?
    Theobald lchelte und war im Begriff, zu antworten, als Margot und Nannette
mit groer Bewegung ins Zimmer gelaufen kamen, und hastig ein Fenster ffneten,
das gegen die Gartenallee hinaussah. Um Gottes willen, hren Sie doch, rief
das Frulein den beiden Mnnern zu, was fr ein seltsamer Gesang das ist!
Whrend der Prsident, ganz erstaunt, sich mit den Mdchen stritt, ob die Stimme
im Garten oder auerhalb desselben sei, war Nolten in der Mitte des Zimmers
sprachlos stehen geblieben: er kannte diese Tne, die Ruine vom Rehstock stand
urpltzlich vor seinem Geist, ihm war, als schlge das Totenlied einer Furie
weissagend an sein Ohr, er zog seine Schwester vom Fenster hinweg und mit hastig
verworrenen Worten fordert er sie auf, mit ihm nach Agnesen zu sehn. Sie fanden
Schlafzimmer und Bett des Mdchens leer. Unter dem Wehruf eines Verzweifelten
eilt Nolten hinunter, den Anlagen zu. Bediente mit Laternen waren bereits dort
angekommen. Der Prsident vom Fenster aus gab ungefhr die Richtung an, von wo
die Stimme hergekommen, denn schon war kein Laut mehr zu hren. Das ganze Schlo
war in Bewegung und in dem weitlufigen Garten sah man bald so viele Lichter hin
und her schweben, als nur Personen aufzutreiben waren. Der Prsident selbst half
jetzt eifrig mitsuchen. Es war eine laue Nacht, der Himmel berzogen, kein
Lftchen bewegte die Zweige. Alle grern und kleinern Wege, Schlangenpfade,
Gnge, Lauben, Pavillons und Treibhuser hat man in kurzem vergeblich
durchlaufen, einige steigen ber die Mauer, andre eilen ohne Schonung der
Gewchse und Beete, das Gebsch und die tiefern Schatten zu beleuchten. Nicht
lange, so winkt der Jger des Prsidenten diesen mit einem traurigen Blicke
hinweg, der Maler und die Frauenzimmer folgen. Wenige Schritte vom Haus, hart
unter den Fenstern Agnesens, sehn sie das schne Kind unter einigen
Weimutsfichten, regungslos ausgestreckt, im weien Nachtkleide liegen, die Fe
blo, die Haare auf dem Boden und ber die nackten Schultern zerstreut. Nolten
sank neben dem Krper in die Kniee, fhlte nach Atem, den er nicht fand, er
brach in lauten Jammer aus, indem er die Hnde der Armen an seine heien Lippen
drckte. Die brigen standen erschrocken umher, nach und nach sammelten die
Lichter sich leise um den unglcklichen Platz, ein banges Stillschweigen
herrschte, whrend andere eine Trage herbeizuholen eilten, und Margot die Fe
der Erstarrten in ihr Halstuch einhllte. Lassen Sie uns, sagt jetzt der
Prsident zu Nolten, welcher noch immer ohne Besinnung an der Erde kauerte,
lassen Sie uns vernnftig und gefat schnelle Hlfe anwenden, Ihre Braut wird
in kurzem die Augen wieder ffnen! Also hob man vorsichtig die Scheinleiche auf
das Polster und alle setzten sich in Bewegung, als auf einmal eine fremde
Weiberstimme, welche ganz in der Nhe aus dichtem Gezweige hervordrang, einen
pltzlichen Stillstand veranlate. Unwillkrlich ballte sich Theobalds Faust, da
er die majesttische Gestalt der Zigeunerin mit keckem Schritt in die Mitte
treten sah, aber die Gegenwart einer unnahbaren Macht schien alle seine Kraft in
Bande zu schlagen.
    Indes man Agnesen, von den Mdchen geschftig begleitet, hinwegtrug, sagte
Elisabeth mit ruhigem Ernst: Wecket das Tchterchen ja nicht mehr auf! Entlat
in Frieden ihren Geist, damit er nicht unwillig, gleich dem verscheuchten Vogel,
in der unteren Nacht ankomme, verwundert, da es so balde geschah. Denn sonst
kehrt chzend ihre Seele zurck, mich zu qulen und meinen Freund; es eifert,
ich frchte, die Liebe selber im Tode noch fort. Ich bin die Erwhlte! mein ist
dieser Mann! Aber er blickt mich nicht an, der Blde! Lat uns allein, damit er
mich freundlich begre!
    Sie tritt auf Theobalden zu, der ihre Hand, wie sie ihn sanft anfassen will,
mit Heftigkeit wegwirft. Aus meinen Augen Verderberin! verhates, freches
Gespenst! das mir den Fluch nachschleppt, wohin ich immer trete! Auf ewig
verwnscht, in die Hlle beschworen sei der Tag, da du mir zum ersten Male
begegnet! Wie mu ich es ben, da mich als arglosen Knaben das heiligste
Gefhl zu dir, zu deinem Unglck mitleidig hinzog, in welche schndliche Wut hat
deine schwesterliche Neigung, in was fr teuflische Bosheit hat deine
geheuchelte Herzensgte sich verkehrt! Aber ich konnte wissen, ich kindischer,
rasender Tor, mit wem ich handeln ging! - Herr Gott im Himmel! nur diese Strafe
ist zu hart - Elend auf Elend, unerhrt und unglaublich, strzt auf mich ein - O
ihr, deren Blicke halb mit Erbarmen, halb mit entehrendem Argwohn auf mich, auf
dieses Weib gerichtet sind, glaubt nicht, da meine Schuld dem Jammer gleich
sei, der mein Gehirn zerrttet! Das Elend dieser Heimatlosen lest ihr auf ihrer
Stirn - aus dieser Quelle flo mir schon ein bervolles Meer von Kummer und
Verwirrung. Keine Verbrecherin darf ich sie nennen - sie verdiente mein Mitleid,
ach, nicht meinen Ha! Doch wer kann billig sein, wer bleibt noch Mensch, wenn
der barmherzige Himmel sich in Grausamkeiten erschpft? Was? wr's ein Wunder,
wenn hier auf der Stelle mich selbst ein tobender Wahnsinn ergriffe, mich
fhllos machte gegen das uerste, Letzte, das - o ich seh es unaufhaltsam nher
kommen! Was klag ich hier? was stehn wir alle hier? und droben der Engel ringt
zwischen Leben und Tod - Sie stirbt! Sie stirbt! Soll ich sie sehn? kann ich sie
noch retten? O folgt mir! - Wohin? dort kommt Margot eben von ihr! Ja - ja - auf
ihrer Miene kann ich es lesen - Es ist geschehen - mit Agnes, mit Agnes ist es
vorbei! - Hinweg! lat mich fliehen! fliehen ans Ende der Welt - Kraftvoll hlt
ihn Elisabeth fest, er stt im ungeheuren Schmerz ein entsetzliches Wort gegen
sie aus, aber sie umfat mit Geschrei seine Kniee und er kann sich nicht rhren.
Der Prsident wendet das Auge von der herzzerreienden Szene. Weh! Wehe! ruft
Elisabeth, wenn mein Geliebter mir flucht, so zittert der Stern, unter dem er
geboren! Erkennst du mich denn nicht? Liebster! erkenne mich! Was hat mich
hergetrieben? was hat mich die weiten Wege gelehrt? Schau an, diese blutenden
Sohlen! Die Liebe, du bser, undankbarer Junge, war allwrts hinter mir her. Im
gelben Sonnenbrand, durch Nacht und Ungewitter, durch Dorn und Sumpf keucht
sehnende Liebe, ist unermdlich, ist unerttlich, das arme Leben! und freut sich
so ser, so wilder Plage, und luft und erkundet die Spuren des leidigen
Flchtlings von Ort zu Ort, bis sie ihn gefunden - Sie hat ihn gefunden - da
steht er und will sie nicht kennen. Weh mir! wie hab ich freudigern Empfang
gehofft, da ich dir so lange verloren gewesen, und, Liebster, du mir! - So gar
nicht achtest du meines herzlichen Grames, stest mich von dir wie ein rudiges
Tier, - das aber leckt mit der Zunge die Fe des Herrn, das aber will von
seinem Herrn nicht lassen. - - Ihr Leute, was soll's? Warum hilft mir niemand zu
meinem Recht? Sei Zeuge du Himmel, du frommes Gewlbe, da dieser Jngling mir
zugehrt! Er hat mir's geschworen vorlngst auf der Hhe, da er mich fand. Die
herbstlichen Winde ums alte Gemuer vernahmen den Schwur; alljhrlich noch reden
die Winde von dem glckseligen Tag. Ich war wieder dort, und sie sagten: Schn
war er als Knabe, wr er so fromm auch geblieben! Aber die Kinder allein sind
wahrhaftig. - Agnes, was geht sie dich an? Ihr konntest du dein Wort nicht
halten, du selbst hast's ihr bekannt, das hat sie krank gemacht, sie klagte
mir's den Abend. Warst du ihr ungetreu, ei sieh, dann bist du mir's doppelt
gewesen.
    Diese letzten Worte fielen dem Maler wie Donner aufs Herz Er wtete gegen
sich selbst, und jammervoll war es zu sehen, wie dieser Mann, taub gegen alle
Vernunft, womit der Prsident ihm zusprach, sich im eigentlichen Sinne des
Worts, die Haare raufte und Worte ausstie, die nur der Verzweiflung zu vergeben
sind. Endlich strzt er dem Schlosse zu, der Prsident, voll Teilnahme, eilt
nach. Auf seinen Wink wollen einige Leute sich der Verrckten bemchtigen, aber
mit einer Schnelligkeit, als htte sie es aus der Luft gehascht, schwingt sie
ein blankes Messer drohend in der Faust, da niemand sich zu nhern wagt. Dann
stand sie eine ganze Weile ruhig, und nach einer unbeschreiblich schmerzvollen
Gebrde des Abschieds, indem sie ihre beiden Arme nach der Seite auswarf, wo
Nolten sich entfernt hat, wandte sie sich und verschwand zgernden Schritts in
der Finsternis.

Die Nacht ging ruhig vorber. Agnes hatte sich gestern, noch eh der Arzt
erschienen war, unter den Bemhungen so vieler zrtlichen Hnde sehr bald
erholt. Das Frulein und die Schwgerin wichen die ganze Nacht nicht von ihrem
Bette: von Stunde zu Stunde war Nolten an die Tr getreten, zu hren, wie es
drinne stand. Gesprochen hatte das Mdchen seit gestern fast nichts, nur in
einem wenig unterbrochenen Schlummer hrte man sie einigemal leise wimmern. Am
Morgen aber nahm sie das Frhstck mit einer erfreulichen Heiterkeit aus Margots
Hand, verlangte, da diese und Nannette sich niederlegen, und ausruhn, fr sich
selber wnschte sie nichts, als allein bleiben zu drfen. Da man ihr dies nicht
weigern durfte, so ward eine Person ins Nebenzimmer gesetzt, von welcher sie auf
der Stelle gehrt und allenfalls beobachtet werden konnte.
    Noltens Unruhe und Verzagtheit, solange man in Agnesens Zustand noch nicht
klar sehen konnte, ist nicht auszusprechen. Es trieb ihn im Schlosse, es trieb
ihn im Freien umher, nicht anders als einen Menschen, der jeden Augenblick sein
Todesurteil kommen sieht. Dabei sagt er sich wohl, da vor allem der Prsident
eine befriedigende Erklrung des Vorfalls erwarten knne, da er diese sich
selbst und seiner eigenen Ehre schuldig sei. Jedoch mit der edelsten Schonung
verweist ihn jener auf einen ruhigeren Zeitpunkt und gnnt ihm gerne die
Wohltat, sich in der Einsamkeit erst selbst zurechte zu finden.
    Ach, aber leider berall erstarren ihm Sinn und Gedanke, wo und wie er auch
immer das frchterliche Angstbild in sich zu drehen und zu wenden versucht, er
sieht nicht Grund noch Boden dieser Verwirrungen ab; auf sich selbst wlzt er
die ganze Schuld, auf jenen Abend, da er die arme Seele so tdlich erschttert
und fr die wahnsinnigen Angriffe des Weibs erst empfnglich gemacht.
    Unglcklicherweise kam nachmittags Besuch von der Stadt, Herren vom
Kollegium des Prsidenten mit Frauen und Kindern. Der Maler lie sich
verleugnen, seine Schwester half Margoten treulich die Hausehre retten.
    Gegen Abend fand sich eine gnstige Stunde, dem Prsidenten die gedachte
Aufklrung zu geben. An ihrem Vater bemerkte Margot, als er und der Maler, nach
einer langen Unterredung im Garten, endlich ins Zimmer traten, eine auffallende
Bewegung; er mochte nicht reden, man setzte sich schweigend zu Tische und doch
wollte man sich nachher nicht sogleich trennen; es war, als bedrften sie alle
einander, obgleich keins dem andern etwas zu sagen oder abzufragen Miene machte.
Die Mdchen griffen in der Not zu einer gleichgltigen Arbeit. Der Prsident sah
ein groes Paket Kupferstiche, noch unerffnet, an der Seite liegen; es war das
prchtige Denonsche Werk zu der franzsischen Expedition nach Agypten (er hatte
es Nolten zuliebe von der Stadt bringen lassen), es wurde ausgepackt, doch
niemand hielt sich lange dabei auf.
    Noch lasten auf jedem die Schrecken des gestrigen Abends; bald mu man
mitleidig die flchtige Gestalt Elisabeths auf finsteren Pfaden verfolgen, bald
stehen die Gedanken wieder vor dem einsamen Bette Agnesens still, welche durch
eine wunderbare Scheidewand auf immer von der Gesellschaft abgeschnitten
scheint.
    Der Prsident kann sich sowenig als der Maler es verbergen, da das Mdchen
auf dem geraden Wege sei, sich durch eine falsche Idee von Grund aus zu
zerstren. Das Unertrgliche, das Frchterliche dabei ist fr die Freunde das
Gefhl, da weder Vernunft noch Gewalt, noch berredung hier irgend etwas tun
knnen, um eine Ausshnung mit Nolten zu bewirken: denn dies mu entscheiden,
und zwar unverzglich, ein jeder Augenblick frher ist, wie bei tdlicher
Vergiftung, mit Gold nicht aufzuwiegen. Aber Agnes verriet den unbezwinglichsten
Widerwillen gegen ihren Verlobten; man wute nicht, war Furcht oder Abscheu
grer bei ihr. Wieviel Elisabeth mitgewirkt, stand nicht zu berechnen,
vermutlich sehr viel; genug ein zweimaliger, erst bittender, dann strmischer
Versuch, den Theobald heute gemacht, sich Zutritt bei der Braut zu verschaffen,
htte sie eher bis zu Konvulsionen getrieben, als da sie diesem sehnlichsten
Verlangen wrde nachgegeben haben. So mute man der Zeit und dem leidigen Zufall
die Entwicklung fast ganz berlassen.
    Die sonderbar verlegene Spannung der vier im Zimmer sitzenden Personen
isolierte nun ein jedes auf seltsame Weise. Es war, als knnte man gar nicht
reden, als mte jeder Laut, wie in luftleerem Raume, kraftlos und unhrbar an
den Lippen verschwinden, ja, als verhindere ein undurchdringlicher Nebel, da
eins das andere recht gewahr werden knne.
    Nannette war die Unbefangenste. Sie stellte der Reihe nach ihre
Betrachtungen an. Es kam ihr so nrrisch vor, da niemand den Mund ffnen wolle,
um der Sache rasch und beherzt auf den Grund zu gehn, da man nicht Anstalt
treffe, so oder so Agnesen beizukommen sie fhlte sich wenigstens Mannes genug,
den bsen Geist, welchen Namen er auch haben, in was fr einem Winkel er auch
stecken mge, kurz und gut auszutreiben, wenn sie nur erst wte, wovon es sich
handelte, wenn nur der Bruder sie eines Winkes wrdigen wollte. Ihre ganze
Aufmerksamkeit war auf den Prsidenten gerichtet, als dieser anfing, in
Beziehung auf Agnesen der Gesellschaft einige Verhaltungsregeln ans Herz zu
legen, welche hauptschlich darauf hinausliefen: man msse, so schwer es auch
falle, durchaus sein Gefhl verleugnen, in allen Stcken tun, als wre nichts
Besonderes vorgefallen, man msse bei dem Mdchen durch kein Wort, keine Miene
den Grund ihres Kummers, ihrer Absonderung anerkennen; man solle Noltens bei
jeder schicklichen Gelegenheit und in Verbindung mit den alltglichsten Dingen
bei ihr erwhnen, usw. der gute Mann bedachte nicht, da die Frauenzimmer zu
wenig von dem wahren Standpunkte wuten, um den Sinn dieser Vorschriften ganz
einzusehn. - Nannetten war es gewissermaen behaglich, den Prsidenten unter so
bedenklichen Umstnden zu beobachten. Wir sprechen, was das Mdchen hiebei
empfand, in einer allgemeinen Bemerkung aus.
    Es gibt Mnner, deren ganze Erscheinung uns sogleich den angenehmen Eindruck
vollkommener Sicherheit erweckt. Das bergewicht einer krftigen, mehr
verneinenden als bejahenden Natur, die Rechtlichkeit eines resoluten Charakters,
sogar die eigentmliche Atmosphre, welche Rang und Vermgen um sie verbreiten,
dies alles scheint nicht nur sie selber zu Herren jedes bsen Zufalls zu machen,
sondern ihre Gegenwart wirkt auch auf andere, die sich ihres Wohlwollens nur
einigermaen bewut sind, mit der Magie eines krftigen Talismans: herzlich gern
mchten wir solch einen Glcksmann immer auch ein wenig in unsere Sorge und
Gefahr verflochten sehn, denn nicht nur etwas Trstliches, sondern wirklich
Reizendes liegt darin, sich eine Person, die uns in jedem Betracht berlegen und
unzugnglich scheint, nun durch gemeinsame Not auf einmal so menschlich nahe zu
fhlen. Das kleinste Wort aus diesem Munde, der unbedeutendste Trost tut Wunder;
ja einige wollen behaupten, da selbst die krperliche Berhrung durch die
weichere Hand, durch das weichere Kleid eines dieser Vornehmen zuweilen etwas
Unwiderstehliches habe, und desto mehr, je seltener sie vorkomme. Dies nun
empfand Nannette wirklich, als der Prsident vorhin - einer lange still
fortgesetzten Gedankenkette gleichsam den letzten Ring anschlieend - mit etwas
ermuntertem Gesicht von seinem Stuhle aufstand und so im Vorbeigehn mit einer
wehmtigen Freundlichkeit das Mdchen unterm Kinn anfate; sie war von diesem
kleinen Lichtblick so sonderbar gerhrt, da sie eine Sekunde lang meinte, nun
sei die ganze Not am Ende und alles wieder gut.
    Man ging jetzt auseinander. Eine Person mute die Nacht wachen; brigens kam
die ganz anfnglich getroffene Einrichtung, da Nannette mit Agnes in einem
Zimmer schlief, nun freilich sehr zustatten.

Die tiefe Pause, welche wie durch einen furchtbaren Zauberschlag im Leben
unserer Gesellschaft eingetreten war, bezeichnete auch die nchstfolgenden Tage.
Nannette und Margot waren indes von dem Zusammenhang des bels unterrichtet
worden. Alles hatte einen andern Gang im Schlosse angenommen. Es war nicht
anders, als es lge ein Todkrankes im Hause; unwillkrlich vermied man jede Art
von Gerusch, auch an Orten, von wo nicht leicht etwas in Agnesens
Abgeschiedenheit htte dringen knnen; es schien, das msse nun einmal so sein,
und wahrlich, wer auch nur den Maler ansah, das leidende Entsagen, den stumpfen
Schmerz in seiner gesunkenen Haltung, der glaubte nicht leise, nicht zart genug
auftreten zu knnen, um durch jede Bewegung, durch jede kleine Zuvorkommenheit
das Unglck zu ehren, das uns in solchem Fall eine Art von Ehrfurcht abntigt.
Der Prsident jedoch tadelte mit Ernst diese ngstlichkeit, welche sich selbst
auf die Dienerschaft erstreckte; dergleichen, behauptete er, sei auf die Kranke
vom belsten Einflu, indem sie sich dadurch in ihrem eingebildeten Elend, in
ihrer Mitleidswrdigkeit nur immer mehr msse bestrkt fhlen.
    Inzwischen erreichte man doch mehrere Vorteile ber sie. Die Mdchen durften
ungehindert bei ihr aus und ein gehn; nur gegen das Frulein, trotz der
schwesterlichsten Liebe, womit diese ihr stets nahe zu sein wnschte, verriet
sie ein deutliches Mitrauen. Sie verlie ihr Zimmer manchmal und ging an die
frische Luft, wenn sie versichert sein konnte, Theobalden nicht zu begegnen. Ihn
aber hie und da von der Ferne zu beobachten, war ihr offenbar nicht zuwider, ja
man wollte bemerken, da sie sich die Gelegenheit hiezu geflissentlich ersehe.
Stundenlang las der Prsident ihr vor; sie bezeugte sich immer sehr ernst, doch
gefllig und dankbar. Ein Hinterhalt in ihren Gedanken, ein schlaues Ausweichen,
je nachdem ein Gegenstand zur Sprache kam, war unverkennbar; sie fhrte irgend
etwas im Schilde und schien nur den gnstigen Zeitpunkt abzuwarten.
    Diese geheime Absicht offenbarte sich denn auch gar bald. Der alte Grtner
machte eines Tags dem Prsidenten in aller Stille die Entdeckung: Agnes habe ihn
auf das flehentlichste beschworen, da er ihr Gelegenheit verschaffe, aus dem
Schlosse zu entkommen und nach ihrer Heimat zu reisen. Dabei habe sie ihm alles
mgliche versprochen, auch selbst die Mittel sehr geschickt angegeben, wie seine
Beihlfe vllig verschwiegen bleiben knnte. - Ein solches Verlangen war nun,
die Heimlichkeit abgerechnet, so unverzeihlich nicht, der Maler hatte neulich
selbst den Gedanken fr sie gehabt, man ging jetzt ernstlich darber zu Rate,
verdoppelte indes die Wachsamkeit.
    Sowenig es bei diesem allen jemanden im Schlosse einfiel, den armen Freund
sein lstiges Gastrecht empfinden zu lassen so war ihm eine solche Gromut doch
nichtsdestoweniger drckend. Dann rckte der Termin herbei, wo er jene Stelle in
W* antreten sollte. Er dachte mit Schaudern der Zukunft, mit doppelt und
dreifach blutendem Herzen des alten Vaters in Neuburg, der nichts von dem
drohenden Umsturz der lieblichsten Hoffnungen ahnte.
    An einem Morgen kommt Nolten wie gewhnlich zum Frhstck auf den Saal.
Nannette und Margot fliehen bei seinem Eintritt erschrocken auseinander, sie
gren ihn mit abgewandtem Gesicht, ihr Weinen verbergend. Was ist geschehen?
fragt er voll Ahnung, was ist Agnesen zugestoen? Er will hinaus, sich
berzeugen, im selben Augenblick tritt der Prsident eilfertig herein. Ich bin
auf alles gefat! ruft Nolten ihm zu: Ums Himmels willen, schnell! was hat es
gegeben? Gelassen! ruhig! Mein teurer Freund, noch ist nicht alles verloren.
Was wir lngst frchten muten, das frhere bel, wovon Sie mir sagten, scheint
leider eingetreten - Aber fassen Sie sich, o sein Sie ein Mann! Wie es damals
vorbergegangen, so wird es auch diesmal. Nein, nimmer, nimmermehr! Sie ist
das Opfer meiner Tollheit! - Also das noch! Zu schrecklich! zu grlich! - Was?
und das soll ich mit ansehn? mit diesen Augen das sehn und soll leben? - Nun,
sei's! Sei's drum; es geht mit uns beiden zur Neige. Ich bin es gewrtig, bin's
vllig zufrieden, da morgen jemand kommt und mir sagt: Deine Braut hat Ruhe,
Agnes ist gestorben. Er schwieg eine Weile, fuhr auf und ri im unbndigsten
Ausbruch von Zorn und von Trnen, nicht wissend, was er wollte oder tat, die
Schwester wild an sich her - Wie stehst du da? was gaffst du da? Herr, nicht
so! das ist grausam, ruft Margot entrstet und nimmt die Zitternde in Schutz,
die er wie rasend von sich weggeschleudert hat. Oh, ruft er, die Faust vor die
Stirne geschlagen, warum wtet niemand gegen mich? warum steh ich so ruhig, so
matt und erbrmlich in kalter Vernichtung? Ha, wrfe mir irgendein grimmiger
Feind meinen Schmerz ins Gesicht, vor die Fe! und schlte mich den
gottverlanen Toren, der ich bin, den dummen Mrder, der ich bin! streute mir
Salz und Glut in die Wunde - das sollte mir wohltun, das sollte mich strken -
    Wir berlassen Sie sich selbst, mein Freund, versetzte ganz ruhig der
Prsident, und wollen Ihnen dadurch zeigen, da wir nicht glauben, einen Mann,
denn dafr hielt ich Sie bis jetzt, vor sich selber hten zu mssen.
    So stand nun der Maler allein in dem Saale. Es war der schrecklichste Moment
seines Lebens.
    Wenn uns ganz unerwartet im ausgelassensten Jammer ein beschmender Vorwurf
aus verehrtem Munde trifft, so ist dies immerhin die grausamste Abkhlung, die
wir erfahren knnen. Es wird auf einmal totenstill in dir, du siehst dann deinen
eigenen Schmerz, dem Raubvogel gleich, den in der khnsten Hhe ein Blitz
berhrt hat, langsam aus der Luft herunterfallen und halbtot zu deinen Fen
zucken.
    Der Maler hatte sich auf einen Sitz geworfen. Er sah mit kalter
Selbstbetrachtung geruhig auf den Grund seines Innern herab, wie man oft lange
dem Rinnen einer Sanduhr zusehn kann, wo Korn an Korn sich unablssig legt und
schiebt und fllt. Er brckelte spielend seine Gedanken, der Reihe nach
auseinander und lchelte zu diesem Spiel. Dazwischen quoll es ihm, ein bers
andre Mal, ganz wohl und leicht ums Herz, als entfalte soeben ein Engel der
Freuden nur sachte, ganz sachte die goldnen Schwingen ber ihm, um dann
leibhaftig vor ihn hinzutreten!
    Erschrocken schaut er auf, ihm deucht, es komme jemand, wie auf Socken,
durch die drei offen ineinandergehenden Zimmer herbei. Er staunt - Agnes ist's,
die sich nhert. Sie geht barfu; sonst aber nicht nachlssig angetan; nur eine
Flechte ihres Haars hngt vorn herab, davon sie das uerste Ende gedankenvoll
lauschend ans Kinn hlt. Ein ganzer Himmel voll Erbarmung scheint mit stummer
Klagegebrde ihren schleichenden Gang zu begleiten, die Falten selber ihres
Kleids mitleidend die liebe Gestalt zu umflieen.
    Nolten ist aufgestanden; doch ihr entgegenzugehen darf er nicht wagen; all
seine Seele hlt den Atem an. Das Mdchen ist bis unter die Tre des Saals
vorgeschritten, hier bleibt sie stehen und lehnt sich in bequem-geflliger
Stellung mit dem Kopf an die Pfoste. So schaut sie aufmerksam zu ihm hinber.
Der rhrende Umri ihrer Figur, sowie die Blsse des Gesichts wird noch
reizender, ser durch die Dmmerung des grnen Zimmers bei den gegen die
schwle Morgensonne verschlossenen Fensterladen. So ihn betrachtend, spricht sie
erst fr sich: Er gleicht ihm sehr, er hat ihn gut gefat, ein Ei gleicht dem
andern nicht so, aber eines von beiden ist hohl. Dann sagte sie laut und
hhnisch: Guten Morgen, Heidelufer! Guten Morgen Hllenbrand! Nun, stell Er
sich nicht so einfltig! Schon gut, schon gut! ich bin unbeschreiblich gerhrt.
Er bekommt ein Trinkgeld frs Hokuspokus. - Bleib Er nur - bitte gehorsamst, ich
seh's recht gut, nur immer zwlf Schritt vom Leibe. Was macht denn seine liebe
braune Otter? - haha, nicht wahr? Mein kleiner Finger sagt mir nur zuweilen auch
etwas. Nun, ich mu weiter. Kurze Aufwartungen, das ist so Mode in der vornehmen
Welt. Und bemh Er sich nur nie wegen meiner, wir nehmen das nicht so genau.
    Sie neigte sich und ging.
    Wenn man - sprach Theobald erschttert bei sich selbst - wenn man etwa so
trumt, wie dieses wirklich ist, so schttelt sich der Trumende vor Schmerz und
ruft sich selber zu: hurtig erwecke dich, es wird dich tten! Schnell dreht er
die nchtliche Scheibe seines Geistes dem wahren Tageslichte zu - Noch mehr! er
greift mit Geisterarmen entschlossen durch die dicke Mauer, hinter der sein
Krper gefangen steht, und ffnet wunderbar sich selber von auen die Riegel.
Mir schiet in der wachsenden Todesnot kein Gtterflgel aus den Schultern
hervor und entreit mich dem Dunstkreis, der mich erstickt, denn dies ist
wirklich, dies ist da, kein Gott wird's ndern!

Soviel man nach und nach aus Agnesens verworrenen Gesprchen zusammenreimen
konnte, so schien die sonderbarste Personenverwechslung zwischen Nolten und
Larkens in ihr vorgegangen zu sein; vielmehr es waren diese beiden in ihrer Idee
auf gewisse Weise zu einer Person geworden. Den Maler schien sie zwar als den
Geliebten zu betrachten, aber keineswegs in der Gestalt, wie sie ihn hier vor
Augen sah. Die Briefe des Schauspielers trug sie wie ein Heiligtum jederzeit bei
sich, ihn selbst erwartete sie mit der stillen Sehnsucht einer Braut, und doch
war es eigentlich nur wieder Nolten, den sie erwartete. Man wird, wie dies
gemeint sei, in kurzem deutlicher einsehn.
    Inzwischen hielt sie sich am liebsten an den blinden Henni; sie nannte ihn
ihren frommen Knecht, gab ihm allerlei Auftrge, sang mit ihm zum Klavier oder
zur Orgel, beredete ihn, sie da- und dorthin zu begleiten, wobei sie ihn
gewhnlich mit der Hand am Arm zu leiten pflegte. Man glaubte nur eben ein Paar
Geschwister zu sehen, so vollkommen verstanden sich beide. Der Prsident und
Nolten versumten deshalb nicht, dem jungen Menschen gewisse Regeln
einzuschrfen, damit eine zweckmige Unterhaltung ihren Ideen womglich eine
wnschenswerte Richtung gebe. Der gute, verstndige Junge lie sich's auch
wirklich mit ganzer Seele angelegen sein. Er verfuhr auf die zrteste Weise und
wute die Absicht gar klug zu verstecken. Sie selbst hatte die religisen
Gesprche gefhrt, da er sich denn recht eigentlich zu Hause fand und aus dem
stillen Schatze seines Herzens mit Freuden alles mitteilte, was eben das Thema
gab. Am glcklichsten war er, wenn sie in irgendeinen Gegenstand so weit
hineingefhrt werden konnte, da sie von selbst darin fortfuhr, und wirklich
verfolgte sie dann die Materie nicht nur sehr lange, mit ziemlicher Stetigkeit,
sondern er mute sich hufig auch ber den Reichtum ihrer Gedanken, ber die
tiefe Wahrheit ihrer innern religisen Erfahrung verwundern, die freilich mehr
nur durch Erinnerung aus dem gesunden Zustand hergenommen sein mochte und mehr
historisch von ihr vorgebracht wurde, als da sie jetzt noch rein und innig
darin gelebt htte; nichtsdestoweniger war die Fhigkeit unschtzbar, sich diese
Gefhle lebendig zu vergegenwrtigen, so wie der Vorteil, solche befestigen und
Neues daran knpfen zu knnen, dem treuen Henni hchst willkommen war. Gegen
einige grelle, aus Miverstndnis der Bibelsprache entstandene Vorstellungen,
welche zwar von Hause aus Glaubensartikel bei ihr gewesen sein mochten, in
reiferen Jahren aber glcklich verdrungen, jetzt wieder, auf eine nrrische Art
erweitert, zum Vorschein kamen, hatte Henni vorzglich zu kmpfen. Besonders kam
er mit ihrer falschen Anwendung des Dmonenglaubens ins Gedrnge, weil er diese
Lehre, als eine an sich selber wahre und in der Schrift gegrndete, unmglich
verwerfen konnte.
    Allein im hchsten Grad betrbend war es ihm, wenn sie, mitten aus der
schnsten Ordnung heraus, entweder in eine auffallende Begriffsverwirrung fiel,
oder auch wohl pltzlich auf ganz andere Dinge absprang.
    So saen sie neulich an ihrem Lieblingsplatz unter den Akazienbumen vor dem
Gewchshaus. Sie las aus dem Neuen Testamente vor. Auf einmal hlt sie inne und
fragt: Weit du auch, warum Theobald, mein Liebster, ein Schauspieler geworden
ist? Ich will dir's anvertraun, aber sag es niemand, besonders nicht Margot, der
Schmeichelkatze, sie plaudert's dem Falschen, dem Heidelufer. Vor dem mu mein
Schatz sich eben verbergen. Drum nimmt er verschiedene Trachten an, ich sage
dir, alle Tage eine andere Gestalt, damit ihn der Lufer nicht nachmachen kann
und nicht wei, welches von allen die rechte ist. Vor ein paar Jahren kam Nolten
in den Vetter Otto verkleidet zu mir; ich kannte ihn nicht und hab ihn arg
betrbt. Das kann ich mir in Ewigkeit nicht vergeben. Aber wer soll auch die
Komdianten ganz auslernen! Die knnen eben alles. Sie sind dir imstande und
stellen sich tot, vllig tot. Unter uns, mein Schatz tat es auch, um dem Lgner
fr immer das Handwerk niederzulegen. Ich war bei der Leiche damals in der
Stadt. Ich sage dir - verstehst du, dir allein Henni! - der leere Sarg liegt in
der Grube, nur ein paar lumpige Kleiderfetzen drin!
    Sie verfiel einige Sekunden in Nachdenken und klatschte dann frhlich in die
Hnde: O Henni! ser Junge! in sechs Wochen kommt mein Brutigam und nimmt
mich mit und wir haben gleich Hochzeit. Sie stand auf und fing an, auf dem
freien Platz vor Henni aufs niedlichste zu tanzen, indem sie ihr Kleid hben und
drben mit spitzen Fingern fate und sich mit Gesang begleitete. Knntest du
nur sehn, rief sie ihm zu, wie hbsch ich's mache! frwahr solche Fchen
sieht man nicht leicht. Vgel von allen Arten und Farben kommen auf die
uersten Baumzweige vor und schaun mir gar naseweis zu. Sie lachte boshaft und
sagte: Ich rede das eigentlich nur, weil du mir immer Eitelkeit vorwirfst, ich
kann dein Predigen nicht leiden. Warte doch, du mut noch ein bichen Eigenlob
hren. Aber ich will einen andern fr mich sprechen lassen. Sie zog einen Brief
des Schauspielers aus dem Grtel und las:
    Oft kann ich mir aber mit aller Anstrengung dein Bild nicht vorstellen, ich
meine, die Zge deines Gesichts, wenn sie mir einzeln auch deutlich genug
vorschweben, kann ich nicht so recht zusammenbringen. Dann wieder in andern
Augenblicken bist du mir so nahe, so greifbar gegenwrtig mit jeder Bewegung!
sogar deine Stimme, das Lachen besonders, dringt mir dann so hell und natrlich
ans Ohr. Dein Lachen! Warum eben das? Nun ja! behaupten doch auch die Poeten, es
gebe nichts Lieblichers von Melodie, als so ein herzliches Mdchengekicher. Ein
Gleichnis, liebes Kind. In meiner Jugend, weit du, hatt ich immer sehr viel von
zarten Elfen zu erzhlen. Dieselben pflegen sich bei Nacht mit allerlei
lieblichen Dingen, und unter anderm auch mit einem kleinen Kegelspiel die Zeit
zu verkrzen. Dies Spielzeug ist vom pursten Golde, und drum wenn alle neune
fallen, so heien sie's ein goldenes Gelchter, weil der Klang dabei gar hell
und lustig ist. Gerade so dnkt mich, lacht nun mein Schtzchen.
    Henni, was meinst du dazu? Zum Glck hab ich so schnell gelesen, da du
nicht einmal Zeit bekamst, dich drber zu rgern. Hr du, als Kind da hatt ich
einen Schulmeister, der fand dir gar eine sonderliche Methode, einem das
Schnell-Lesen abzugewhnen, er gab einem das Buch verkehrt in die Hand, da es
von der Rechten zur Linken ging - So, rief er dann, jetzt la den Rappen laufen!
ich will auch beizeit Hebrisch lehren. Recht, da mir der Schulmeister beifllt
- ich bitte dich, mache doch deinen guten Vater aufmerksam, da er nicht mehr
chinesisches Gartenhaus sagen soll, sondern chinesisches; er wrde mich dauern,
wenn man ihn spttisch drum anshe, es hat mich schon recht beschftigt; heut
hab ich gar davon getrumt, da gab er mir die Erklrung Jungfer, ich pflege mit
dem Wort zu wechseln, und zwar nicht ohne Grund: zur Winterszeit, wo alles starr
und hartgefroren ist, sprech ich Chinesisch, im Frhjahr wird mein G schon
weicher, im Sommer aber bin ich ganz und gar Chinese. Frwahr, das ist er auch:
er trgt ein Zpfchen. Im Ernst, ich htte gute Lust, einmal mit der Schere
hinter ihm herzukommen; es ist doch gar zu leichtfertig und altvterisch.
    Eine Magd lief ber den Weg, Agnes kehrte ihr zornig den Rcken und sagte,
nachdem sie weg war: Mir wird ganz bel, seh ich die Kthe. Gestern hrt ich
sie dort ber die Mauer einem Bauerburschen zurufen Weit du schon, da die
fremde Mamsell bei uns zur Nrrin worden ist? Das erzdumme Mensch. Wer ist
verrckt? Niemand ist verrckt. Die Vorsehung ist gndig Deswegen heit es auch
in meinem heutigen Morgengebet:

Wollest mit Freuden,
Und wollest mit Leiden
Mich nicht berschtten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.

Ja, nichts geht ber die Zufriedenheit. Gottlob, diese hab ich; fehlt nur noch
eins, fehlt leider nur noch eins!
    So ging es denn oft lange fort. Und wenn nun Henni, vom Maler tglich
einigemal aufgefordert, nichts Trstlicheres zu berichten hatte, so brach dem
armen Manne fast das Herz.
    Die rzte, die man befragt, gaben blo Regeln an, die sich von selber
verstanden und berdies bei dem Eigensinn der Kranken schwer anzuwenden waren.
Zum Beispiel lie sie sich um keinen Preis bewegen, an der allgemeinen Tafel zu
speisen; und nur etwa wenn man beim Nachtisch noch auf dem Saale beisammen sa,
erschien sie zuweilen unvermutet in der offenen Tr des Nebenzimmers, mit
ruhigen Augen rings auf der Gesellschaft verweilend, ganz wieder in der
angenehmen Stellung, worin wir sie oben dem Maler gegenber gesehen. Versuchte
aber Theobald, sich ihr zu nhern, so wich sie geruschlos zurck und kam so
leicht nicht wieder.
    Es war indes aufs neue davon die Rede geworden, da man vielleicht am besten
tte, sie geradezu nach Hause zurckzubringen. Der Antrag ward ihr durch
Nannetten mit aller Zartheit gestellt, allein statt da sie ihn, wie man
erwartete, mit beiden Hnden ergriffen htte, bedachte sie sich ernstlich und
schttelte den Kopf. Es war, als wenn sie ihren Zustand fhlte und ihrem Vater
zu begegnen frchtete.
    Es sprach jemand die Meinung aus, da Nolten sich entweder ganz entfernen,
oder seine Entfernung wenigstens der Braut sollte glauben gemacht werden, da
seine Gegenwart sie offenbar beunruhige und ihrem Wahne tglich Nahrung gebe,
dagegen, wenn er ginge, wohl gar ein Verlangen nach ihm bei ihr rege werden
drfte, wo nicht, so knnte man zuletzt Veranlassung nehmen, ihn als den
erwarteten wahren Geliebten ihr frmlich vorzufhren, oder sie, wie ein Kind,
den frohen Fund gleichsam selbst tun zu lassen; gelnge diese List und wisse man
sie khn und klglich durchzufhren, so sei Hoffnung zur Kur vorhanden. - Diese
Ansicht schien so ganz nicht zu verwerfen. Doch Theobald behauptete zuletzt: er
msse bleiben, sie msse ihn von Zeit zu Zeit vor Augen haben, ein ruhiges,
bescheidenes Benehmen, der Anblick seines stillen Kummers werde gnstig auf sie
wirken, er halte nichts auf knstliche Anschlge und Tuschungen, er denke, wenn
irgend noch etwas zu hoffen sei, auf seine Weise eine weit grndlichere und
dauerhaftere Heilung zu erzielen.
    Nunmehr aber wrden wir es unter der Wrde des Gegenstands halten und das
Gefhl des Lesers zu verletzen glauben, wenn wir ihn mit den Leiden des Mdchens
ausfhrlicher als ntig, auf eine peinliche Art unterhalten wollten, so viele
Anmut ihr Gesprch auch selbst in dieser traurigen Zerstrung noch immer
offenbaren mochte. Deshalb beschrnkt sich unsere Schilderung einzig auf das,
was zum Verstndnis der Sache selbst gehrt.
    Frulein, du kannst ja Lateinisch, sagte sie einmal zu Margot, was heit
der Funke auf lateinisch? Scintilla, war die gutmtige Antwort. So, so; das
ist ein musterhaftes Wort, es gibt ordentlich Funken; aber du wirst es nur
geschwind erdacht haben? Tut auch nichts, desto besser vielmehr: ich will
knftig, wenn ich dir etwas ber die Augen des Bewuten zu sagen habe, in seiner
Gegenwart nur blo Scintilla sagen, dann merk aufs grne Flmmchen - Bst! hrst
du nichts? er regt sich hinterm Ofenschirm - nmlich, er kann sich unsichtbar
machen - Ei das weit du besser wie ich. Und, Frulein, wenn du wieder mit ihm
buhlst, mir kann es ja eins sein, aber gewarnt hab ich dich. Was soll mir das
- Liebe Agnes! O ihr habt einander flugs im Arm, wenn niemand um den Weg ist!
Ich bitte dich, sag mir, wie kt sich's denn mit ihm? ist er recht hlich s?
merkt man ihm an, da er den Teufel im Leib hat? - Frulein, weil dir doch
nichts dran liegt, ob er hie und da noch andre Galanterien neben dir hat, so
will ich dir gleich einige nennen kannst ihn damit necken: Erstlich ist da: eine
schne Komtesse - frnehm, ah frnehm! Sieh, so ist ihr Anstand - (hier machte
sie eine grazise Figur durchs Zimmer) Zieh ihn nur damit auf! Aber angefhrt
seid ihr im Grund doch alle miteinander. Du willst mir nicht glauben, da er mit
der Zigeunerin verlobt ist? Wenn ich Lust htte, knnt ich den Ort wohl nennen,
wo der Verspruch gehalten wurde und wer den Segen dazu sprach, aber fromme
Christen beschreien so was nicht. berhaupt, ich werde jetzt zur Schlittenfahrt
mssen. Du leihst mir deinen Zobel doch wieder? Margot verstand, was sie im
Sinne hatte, und gab ihr das Kleidungsstck. Nach einiger Zeit kam sie sehr
artig geputzt, wie der Frhling und Winter, aus ihrem Zimmer hervor, ging in den
Garten und zum Karussell, wo sie sich dann gewhnlich in einen mit hlzernen
Pferden bespannten Schlitten setzte. Der Boden durfte nicht gedreht werden, sie
behauptete, es komme alles von selbst in Gang, wenn sie die im Kreise
springenden Rosse eine Zeitlang ansehe, und es mache ihr einen angenehmen
Schwindel.
    Nannette setzte sich mit ihrer Arbeit in den Schatten der nchsten Laube.
Bald gesellte sich Agnes zu ihr, forderte sie auf, nicht traurig zu sein und
verhie: ihr Bruder werde nun bald ankommen und sie beide entfhren Nicht wahr,
wir wollen fest zusammenhalten? Du bist im Grund so bel dran wie ich mit diesen
Lgengesichtern. Ja, ja, auch dir gehn die Augen nach und nach auf, ich merkte
es neulich, wie dir grauste, als dich der Bsewicht Schwester hie. Zwinge dich
nur nicht bei ihm, er kann uns doch nicht schaden. - Jetzt aber sollst du etwas
Liebes sehen, das wird dich freuen: Lies diese Bltter, du kennst die Hand
nicht, aber den Schreiber. Sie sind mein hchster Schatz, mehr, mehr als Gold
und Perlen und Rubinen! Ich mute sie dem Hllenbrand abfhren, er hatte sie mir
unterschlagen. Nimm sie drum fein in acht und lies ganz in der Stille, recht in
herzinniger Stille. Sie ging und lie Nannetten das Liederheft zurck, dessen
wir schon bei Gelegenheit der hinterlassenen Papiere des Schauspielers erwhnt
haben.
    Da diese Gedichte An L. berschrieben waren und Agnes unter ihren Namen
eine Luise hatte, so eignete sie sich dieselben vllig zu, nicht anders als sie
wren von Theobald an sie gerichtet worden. berdies hatte sie eine Silhouette
in jenen Blttern gefunden, von der sie sich beredete, es sei ihr Bild. Man traf
sie etliche Male darber an, da sie zwei Spiegel gegeneinanderhielt, um ihr
Profil mit dem andern zu vergleichen.
    Vielleicht ist es dem Leser angenehm, von jenen Gedichten etwas zu sehen und
sich dabei des Mannes zu erinnern, der, wie einst im Leben, so jetzt noch im
Tode, das Herz des unglcklichen Kindes so innig beschftigen mute.

                                       *

Der Himmel glnzt vom reinsten Frhlingslichte,
Ihm schwillt der Hgel sehnsuchtsvoll entgegen,
Die starre Welt zerfliet in Liebessegen,
Und schmiegt sich rund zum zrtlichsten Gedichte.

Wenn ich den Blick nun zu den Bergen richte,
Die duftig meiner Liebe Tal umhegen -
O Herz, was hilft dein Wiegen und dein Wgen,
Da all der Wonne herber Streit sich schlichte!

Du, Liebe, hilf den sen Zauber lsen,
Womit Natur in meinem Innern whlet!
Und du, o Frhling, hilf die Liebe beugen!

Lisch aus, o Tag! La mich in Nacht genesen!
Indes ihr, sanften Sterne, gttlich khlet,
Will ich zum Abgrund der Betrachtung steigen.

                                       *

Wahr ist's, mein Kind, wo ich bei dir nicht bin
Geleitet Sehnsucht alle meine Wege,
Zu Berg und Wald, durch einsame Gehege
Treibt mich ein irrer, ungeduldger Sinn.

In deinem Arm! o seliger Gewinn!
Doch wird auch hier die alte Wehmut rege,
Ich schwindle trunken auf dem Himmelsstege,
Die Gegenwart flieht taumelnd vor mir hin.

So denk ich oft: dies schnell bewegte Herz,
Vom berglck der Liebe stets beklommen,
Wird wohl auf Erden nie zur Ruhe kommen;

Im ewgen Lichte lst sich jeder Schmerz,
Und all die schwlen Leidenschaften flieen
Wie ros'ge Wolken, trumend, uns zu Fen.

                                       *

Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt,
Mich stumm an deinem heilgen Wert vergnge,
Da hr ich oft die leisen Atemzge
Des Engels, welcher sich in dir verhllt.

Und ein erstaunt, ein selig Lcheln quillt
Auf meinen Mund, ob mich kein Traum betrge,
Da nun in dir, zu himmlischer Genge,
Mein khnster Wunsch, mein einzger, sich erfllt.

Von Tiefe dann zu Tiefen strzt mein Sinn,
Ich hre aus der Gottheit nchtger Ferne
Die Quellen des Geschicks melodisch rauschen;

Betubt kehr ich den Blick nach oben hin,
Zum Himmel auf - da lcheln alle Sterne!
Ich kniee, ihrem Lichtgesang zu lauschen.

                                       *

Schn prangt im Silbertau die junge Rose,
Den ihr der Morgen in den Busen rollte,
Sie blht, als ob sie nie verblhen sollte,
Sie ahnet nichts vom letzten Blumenlose.

Der Adler strebt hinan ins Grenzenlose,
Sein Auge trinkt sich voll von sprhndem Golde,
Er ist der Tor nicht, da er fragen wollte,
Ob er das Haupt nicht an die Wlbung stoe.

Mag einst der Jugend Blume uns verbleichen,
So war die Tuschung doch so himmlisch se,
Wir wollen ihr vorzeitig nicht entsagen.

Und unsre Liebe mu dem Adler gleichen:
Ob alles, was die Welt gab, uns verliee -
Die Liebe darf den Flug ins Ewge wagen.

                                       *

Am Waldsaum kann ich lange Nachmittage,
Dem Kuckuck horchend, in dem Grase liegen,
Er scheint das Tal gemchlich einzuwiegen
Im friedevollen Gleichklang seiner Klage.

Da ist mir wohl; und meine schlimmste Plage,
Den Fratzen der Gesellschaft mich zu fgen,
Hier wird sie mich doch endlich nicht bekriegen,
Wo ich auf eigne Weise mich behage.

Und wenn die feinen Leute nur erst dchten
Wie schn Poeten ihre Zeit verschwenden,
Sie wrden mich zuletzt noch gar beneiden.

Denn des Sonetts vielfltge Krnze flechten
Sich wie von selber unter meinen Hnden,
Indes die Augen in der Ferne weiden.




                                In der Karwoche


O Woche, Zeugin heiliger Beschwerde!
Du stimmst so ernst zu dieser Frhlingswonne,
Und breitest im verjngten Strahl der Sonne
Des Kreuzes dunklen Schatten auf die Erde.

Du hngest schweigend deine Flre nieder,
Der Frhling darf indessen immer keimen,
Das Veilchen duftet unter Bltenbumen,
Und alle Vglein singen Jubellieder.

O schweigt, ihr Vglein hoch im Himmelblauen!
Es tnen rings die dumpfen Glockenklnge,
Die Engel singen leise Grabgesnge,
O schweiget, Vglein auf den grnen Auen!

Ihr Veilchen, krnzt heut keine Lockenhaare!
Euch pflckt mein frommes Kind zum dunkeln Straue,
Ihr wandert mit zum stillen Gotteshause,
Dort sollt ihr welken auf des Herrn Altare.

Wird sie sich dann in Andachtslust versenken,
Und sehnsuchtsvoll in se Liebesmassen
Den Himmel und die Welt zusammenfassen
So soll sie mein - auch mein! dabei gedenken.

                                       *

Agnes war inzwischen mit Henni spazierengegangen. Sie fhrte ihn ins freie Feld
hinaus, ohne recht zu sagen, wohin es ginge, ein nicht seltener Fall, wo ihr
jedesmal eine dritte zuverlssige Person unbemerkt in einiger Entfernung hinten
nachzufolgen pflegte. Agnes brachte seit einiger Zeit die schne Sammetjacke,
das Geschenk ihres vermeintlichen Liebhabers, kaum mehr vom Leibe; so trug sie
dieselbe auch jetzt, und sah trotz einiger Nachlssigkeit im Anzug sehr reizend
darin aus. Unter ordentlichen Gesprchen gelangten beide zu dem nchsten
Wldchen und in der Mitte desselben auf einen breiten Rasenplatz, worauf eine
groe Eiche einzeln stand, die einen offenen Brunnen sehr malerisch beschattete.
Agnes hatte von diesem Brunnen, als von einer bekannten Merkwrdigkeit,
gelegentlich erzhlen gehrt. Es ist dies wirklich ein sehenswertes berbleibsel
aus dem hchsten Altertum und uerlich noch wohlerhalten. Die runde Mauer ragt
etwa eine halbe Mannshhe ber den Erdboden vor, die Tiefe, obgleich zum Teil
verschttet, ist noch immer betrchtlich, man konnte mit miger Schnelle auf
sechszehn zhlen, eh der hineingeworfene Stein unten auf dem Wasser aufschlug.
Sein Name Alexis-Brunn bezog sich auf eine Legende. Agnes verlangte die Sage
ausfhrlich von Henni zu hren, und er erzhlte wie folgt.
    Vor vielen hundert Jahren, eh noch das Christentum in deutschen Landen
verbreitet gewesen, lebte ein Graf, der besa eine Tochter, Belsore, die hatte
er eines Herzogs Sohn, mit Namen Alexis, zur Ehe versprochen. Diese liebten
einander treulich und rein; ber ein Jahr sollte Alexis sie heimfhren drfen.
Mittlerweile aber mute er einen Zug tun mit seinem Vater, weit weg, nach
Konstantinopel. Dort hrte er zum erstenmal in seinem Leben das Evangelium von
Christo predigen, was ihn und seinen Vater bewog, diesen Glauben besser
kennenzulernen. Sie blieben einen Monat in der gedachten Stadt und kamen mit
Freuden zuletzt berein, da sie sich wollten taufen lassen. Bevor sie wieder
heimreisten, lie der Vater von einem griechischen Goldschmied zwei Fingerringe
machen, worauf das Kreuzeszeichen in kostbaren Edelstein gegraben war; der eine
gehrte Belsoren, der andere Alexis. Als sie nach Hause kamen und der Graf
vernahm, was mit ihnen geschehen, und da seine Tochter sollte zur Christin
werden, verwandelte sich seine Freude in Zorn und giftigen Ha, er schwur, da
er sein Kind lieber wrde mit eigner Hand umbringen, eh ein solcher sie heiraten
drfe, und knnte sie dadurch zu einer Knigin werden. Belsore verging fr
Jammer, zumal sie nach dem, was ihr Alexis vom neuen Glauben ans Herz gelegt,
ihre Seligkeit auch nur auf diesem Weg zu finden meinte. Sie wechselten heimlich
die Ringe und gelobten sich Treue bis in den Tod, was auch immer ber sie
ergehen wrde. Der Graf bot Alexis Bedenkzeit an, ob er etwa seinen Irrtum
abschwren mchte, da er ihn denn aufs neue als lieben Schwiegersohn umarmen
wolle. Der Jngling aber verwarf den frevelhaften Antrag, nahm Abschied von
Belsoren, und griff zum Wanderstab, um in geringer Tracht bald da bald dort als
ein Bote des Evangeliums umherzureisen. Da er nun berall verstndig und krftig
zu reden gewut, auch lieblich von Gestalt gewesen, so blieb seine Arbeit nicht
ohne vielfltigen Segen. Aber oft, wenn er so allein seine Strae fortlief, bei
Schfern auf dem Felde, bei Khlern im Walde bernachten blieb und neben soviel
Ungemach auch wohl den Spott und die Verachtung der Welt erfahren mute, war er
vor innerer Anfechtung nicht sicher und zweifelte zuweilen ob er auch selbst die
Wahrheit habe, ob Christus der Sohn Gottes sei, und wrdig, da man um
seinetwillen alles verlasse. Dazu gesellte sich die Sehnsucht nach Belsoren, mit
der er jetzt wohl lngst in Glck und Freuden leben knnte. Indes war er auf
seinen Wanderungen auch in diese Gegend gekommen. Hier, wo nunmehr der Brunnen
ist, soll damals nur eine tiefe Felskluft, dabei ein Quell gewesen sein, daran
Alexis seinen Durst gelscht. Hier flehte er brnstig zu Gott um ein Zeichen, ob
er den rechten Glauben habe; doch dachte er sich dieser Gnade erst durch ein
Geduldjahr wrdiger zu machen, whrenddessen er zu Haus beim Herzog, seinem
Vater, geruhig leben und seine Seele auf gttliche Dinge richten wolle. Werde er
in dieser Zeit seiner Sache nicht gewisser und komme er auf den nchsten
Frhling wiederum hieher, so soll der Rosenstock entscheiden, an dessen vllig
abgestorbenes Holz er jetzt den Ring der Belsore feststeckte: blhe bis dahin
der Stock und trage er noch den goldenen Reif, so soll ihm das bedeuten, da er
das Heil seiner Seele bisher auf dem rechten Wege gesucht und da auch seine
Liebe zu der Braut dem Himmel wohlgefllig sei. So trat er nun den Rckweg an.
Der Herzog war inzwischen dem Erlser treu geblieben, und von Belsoren erhielt
Alexis durch heimliche Botschaft die gleiche Versicherung. Sosehr ihn dies
erfreute, so blieb ihm doch sein eigener Zweifelmut; zugleich betrbte er sich,
weil es im Brief der Braut beinah den Anschein hatte, als ob sie bei aller
treuen Zrtlichkeit fr ihn, doch ihrer heien Liebe zum Heiland die seinige in
etwas nachgesetzt. Er konnte kaum erwarten, bis bald das Jahr um war. Da macht
er sich also zu Fue, wie er's gelobt, auf den Weg. Er findet den Wald wieder
aus, er kennt schon von weitem die Stelle, er fllt, bevor er nher tritt, noch
einmal auf die Knie und eilt mit angstvollem Herzen hinzu. O Wunder! drei Rosen,
die schnsten, hngen am Strauch. Aber ach, es fehlte der Ring. Sein Glaube also
galt, aber Belsore war ihm verloren. Voll Verzweiflung reit er den Strauch aus
der Erde und wirft ihn in die tiefe Felskluft. Gleich nachher reut ihn die
Untat; als ein Bender kehrt er zurck ins Vaterland, dessen Einwohner durch
die Bemhungen des Herzogs bereits zum groen Teil waren bekehrt worden. Alexis
versank in eine finstere Schwermut; doch Gott verlie ihn nicht, Gott gab ihm
den Frieden in seinem wahrhaftigen Worte. Nur ber einen Punkt, ber seine Liebe
zu der frommen Jungfrau, war er noch nicht beruhigt. Eine heimliche Hoffnung
lebte in ihm, da er an jenem wunderbaren Orte noch vllig msse getrstet
werden. Zum drittenmal machte er die weite Wallfahrt, und gcklich kommt er ans
Ziel. Aber leider trifft er hier alles nur eben wie er's verlassen. Mit Wehmut
erkennt er die nackte Stelle, wo er den Stock entwurzelt hatte. Kein Wunder will
erscheinen, kein Gebet hilft ihm zu einer frhlichen Gewiheit. In solcher Not
und Hoffnungslosigkeit berfiel ihn die Nacht, als er noch immer auf dem Felsen
hingestreckt lag, welcher sich ber die Kluft herbckte. In Gedanken sah er so
hinunter in die Finsternis und berlegte, wie er mit anbrechendem Morgen in
Gottes Namen wieder wandern und seiner Liebsten ein Abschiedsschreiben schicken
wolle. Auf einmal bemerkt er, da es tief unten auf dem ruhigen Spiegel des
Wassers als wie ein Gold- und Rosenschimmer zuckt und flimmt. Anfnglich traut
er seinen Augen nicht, allein von Zeit zu Zeit kommt der liebliche Schein
wieder. Ein frohes Ahnen geht ihm auf. Wie der Tag kommt, klimmt er die Felsen
hinab, und siehe da! der weggeworfene Rosenstock hatte zwischen dem Gestein,
kaum eine Spanne berm Wasser, Wurzel geschlagen und blhte gar herrlich.
Behutsam macht Alexis ihn los, bringt ihn ans Tageslicht herauf und findet an
derselben Stelle, wo er vor zweien Jahren den Reif angesteckt, ringsum eine
frische Rinde darber gequollen, die ihn so dicht einschlo, da kaum durch eine
winzige Ritze das helle Gold herausglnzte. Noch voriges Jahr mte Alexis den
Ring, wre er nicht so bereilt und sein Vertrauen zu Gott grer gewesen, weit
leichter entdeckt haben. Wie dankbar warf er nun sich im Gebet zur Erde! Mit
welchen Trnen kte er den Stock, der auer vielen aufgegangenen Rosen noch
eine Menge Knospen zeigte. Gerne htte er ihn mitgenommen, allein er glaubte ihn
dem heiligen Orte, wo er zuvor gestanden, wieder einverleiben zu mssen. Unter
lautem Preise der gttlichen Allmacht kehrte er, wie ein verwandelter Mensch,
ins vterliche Haus zurck. Dort empfngt ihn zugleich eine Freuden- und
Trauerbotschaft: der alte Graf war gestorben, auf dem Totenbett hatte er sich,
durch die Belehrung seiner Tochter gewonnen, zum Christentum bekannt und seine
Hrte aufrichtig bereut. Alexis und Belsore wurden zum glcklichsten Paare
verbunden. Ihr erstes hierauf war, da sie miteinander eine Wallfahrt an den
Wunderquell machten und denselben in einen schngemauerten Brunn fassen lieen.
Viele Jahrhunderte lang soll es ein Gebrauch gewesen sein, da weit aus der
Umgegend die Brautleute vor der Hochzeit hieherreisten, um einen gesegneten
Trunk von diesem klaren Wasser zu tun, welches der Rosentrunk geheien;
gewhnlich reichte ihn ein Pater Einsiedler, der hier in dem Walde gewohnt. Das
ist nun freilich abgegangen, doch sagen die Leute, die Schfer und Feldhter,
da noch jetzt in der Karfreitag- und Christnacht das rosenfarbene Leuchten auf
dem Grund des Brunnens zu sehen sei.
    Agnes betrachtete einen vorstehenden Mauerstein, worauf noch ziemlich
deutlich drei ausgehauene Rosen und ein Kreuz zu bemerken waren. Henni leitete
aus der Geschichte mehrere Lehren fr seine arme Schutzbefohlene ab; sie merkte
aber sehr wenig darauf und zog ihn bald von dem Platze weg, um nahebei einen
kleinen Berggipfel zu besteigen, welcher sich kahl und kegelfrmig ber das
Wldchen erhob. Der Wind weht dort! Ich mu das Windlied singen; es ist sehr
ratsam heute, rief Agnes, voraneilend.
    Sie standen oben und sie sang in einer freien Weise die folgenden Verse,
indem sie bei Frag und Antwort jedesmal sehr artig mit der Stimme wechselte,
dabei sehr lebhaft in die Luft agierte.

Sausewind! Brausewind!
Dort und hier,
Deine Heimat sage mir!

Kindlein, wir fahren
Seit vielen Jahren
Durch die weit weite Welt,
Und wollen's erfragen,
Die Antwort erjagen,
Bei den Bergen, den Meeren,
Bei des Himmels klingenden Heeren -
Die wissen es nie,
Bist du klger als sie,
Magst du es sagen.
- Fort! Wohlauf!
Halt uns nicht auf!
Kommen andre nach,
Unsre Brder,
Da frag wieder.

Halt an! Gemach,
Eine kleine Frist!
Sagt, wo der Liebe Heimat ist,
Ihr Anfang, ihr Ende!

Wer's nennen knnte!
Schelmisches Kind,
Lieb ist wie Wind,
Rasch und lebendig,
Ruhet nie,
Ewig ist sie,
Aber nicht immer bestndig.
- Fort! Wohlauf auf!
Halt uns nicht auf!
Fort ber Stoppel, und Wlder, und Wiesen!
Wenn ich dein Schtzchen seh,
Will ich es gren;
Kindlein, ade!

Gegen Abend hatte sich Agnes ermdet zu Bette gelegt; der Prsident war eine
Zeitlang bei ihr gewesen, auf einmal kam er freudig aus ihrem Schlafzimmer und
sagte eilfertig zu Theobald hin: Sie verlangt nach Ihnen, gehn Sie geschwinde!
Er gehorchte unverzglich, die andern blieben zurck und er zog die Tre hinter
sich zu. Agnes lag ruhig auf der Seite, den Kopf auf einem Arm gesttzt.
Bescheiden setzte er sich mit einem freundlichen Gru auf den Stuhl an ihrem
Bette; durchaus gelassen, doch einigermaen zweifelhaft sah sie ihn lange an; es
schien als dmmerte eine angenehme Erinnerung bei ihr auf, welche sie an seinen
Gesichtszgen zu prfen suchte. Aber heier, schmelzender wird ihr Blick, ihr
Atem steigt, es hebt sich ihre Brust, und jetzt - indem sie mit der Linken sich
beide Augen zuhlt - streckt sie den rechten Arm entschlossen gegen ihn, fat
leidenschaftlich seine Hand und drckt sie fest an ihren Busen; der Maler liegt,
eh er sich's selbst versieht, an ihrem Halse und saugt von ihren Lippen eine
Glut, die von der Angst des Moments eine schaudernde Wrze erhlt; der Wahnsinn
funkelt frohlockend aus ihren Augen, Verzweiflung pret dem Freunde das
himmlische Gut, eh sich's ihm ganz entfremde, noch einmal - ja er fhlt's, zum
letztenmal, in die zitternden Arme.
    Aber Agnes fngt schon an unruhig zu werden, sich seinen Kssen leise zu
entziehen, sie hebt ngstlich den Kopf in die Hhe: Was flstert denn bei dir?
was spricht aus dir? ich hre zweierlei Stimmen - Hlfe! zu Hlfe! du tckischer
Satan, hinweg -! Wie bin ich, wie bin ich betrogen! - O nun ist alles, alles mit
mir aus. - Der Lgner wird hingehn, mich zu beschimpfen bei meinem Geliebten,
als wr ich kein ehrliches Mdchen, als htt ich mit Wissen und Willen dies
Scheusal gekt - O Theobald! wrest du hier, da ich dir alles sagte! Du weit
nicht, wie's die Schlangen machten! und da man mir den Kopf verrckte, mir,
deinem unerfahrnen, armen, verlassenen Kind! Sie kniete aufrecht im Bette,
weinte bitterlich und ihre losgegangenen Haare bedeckten ihr die glhende Wange.
Nolten ertrug den Anblick nicht, er eilte weinend hinaus: Ja lache nur in deine
Faust und geh und mach dich lustig mit den andern - es wird nicht allzu lange
mehr so dauern, denn es ist gottvergessen und die Engel im Himmel erbarmt's, wie
ihr ein krankes Mdchen qult!
    Die Schwgerin kam und setzte sich zu ihr, sie beteten; so ward sie ruhiger.
    Nicht wahr? sprach sie nachher, ein selig Ende, das ist's doch, was sich
zuletzt ein jeder wnscht; einen leichten Tod, recht sanft, nur so wie eines
Knaben Knie sich beugt; wie komm ich zu dem Ausdruck? ich denke an den Henni;
mit diesem mte sich gut sterben lassen.
    In diesem Ton sprach sie eine Weile fort, verga sich nach und nach, ward
munterer, endlich gar scherzhaft, und zwar so, da Nannetten dieser Sprung
mifiel. Agnes bemerkte es, schien wirklich durch sich selbst berrascht und
beschmt, und sie entschuldigte alsbald ihr Benehmen auf eine Art, welche
genugsam zeigt, wie klar sie sich auf Augenblicke war: Siehst du, sagte sie
mit dem holdesten Lcheln der Wehmut, ich bin nur eben wie das Schiff, das leck
an einer Sandbank hngt und dem nicht mehr zu helfen ist; das mag nun wohl sehr
klglich sein, was kann aber das arme Schiff dafr, wenn mittlerweile noch die
roten Wimpel oben ihr Schelmenspiel im Wind forttreiben, als wre nichts
geschehn? La gehen wie es gehen kann. Wenn erst Gras auf mir wchst, hat's
damit auch ein Ende.

Der Maler verlie den folgenden Tag in aller Frhe das Schlo: der Prsident
selbst hatte dazu geraten und ihm eines seiner Pferde geliehen. Es war
vorderhand nur um einen Versuch mit einigen Tagen zu tun, wie das Mdchen sich
anliee, wenn Theobald ihr aus den Augen wre. Er selbst schien bei seiner
Abreise noch unentschlossen, wohin er sich wende. Auf alle Flle ward ein
dritter Ort bestimmt, um zur Not Botschaft fr ihn hinterlegen zu knnen. Von W*
war nicht die Rede noch krzlich hatte er dorthin um Frist geschrieben, im
Herzen brigens gleichgltig, ob sie ihm gewhrt wrde oder die ganze Sache sich
zerschlge.
    Die grere Ruhe, die man bei Agnes, seit der Gegenstand ihrer Furcht
verschwunden ist, alsbald wahrnehmen kann, wird nach und nach zur stillen
Schwermut, ihre Geschwtzigkeit nimmt ab, sie ist sich ihres bels zuzeiten
bewut und der kleinste Zufall, der sie daran erinnert, ein Wort, ein Blick von
seiten ihrer Umgebung kann sie empfindlich krnken. Auffallend ist in dieser
Hinsicht folgender Zug. Der Prsident, oder Margot vielmehr, besa ein groes
Windspiel, dem man, seiner ausgezeichneten Schnheit wegen, den Namen Merveille
gegeben. Der Hund erzeigte sich Agnesen frher nicht abgeneigt, seit einiger
Zeit aber floh er sie offenbar, verkroch sich ordentlich vor ihr. Ohne Zweifel
hatte diese Scheu einen sehr natrlichen Grund, Agnes mochte ihn unwissentlich
gergert haben - genug, sie selber schien zu glauben, es fhle das Tier das
Unheimliche ihrer Nhe. Sie schmeichelte dem Hund auf alle Weise, ja gar mit
Trnen, und lie zuletzt, da nichts verfangen wollte, betrbt und rgerlich von
ihm ab, ohne ihn weiter ansehn zu wollen.
    Seit kurzem bemerkte man, da sie ihren Trauring nicht mehr trug. Als man
sie um die Ursache fragte, gab sie zur Antwort: Meine Mutter hat ihn genommen.
Deine Mutter ist aber tot, willst du sie denn gesehen haben? Nein; dennoch
wei ich, sie hat den Ring mit fort; ich kenne den Platz, wo er liegt, und ich
mu ihn selbst dort abholen. O wre das schon berstanden! Es ist ein
ngstlicher Ort, aber einer frommen Braut kann er nichts anhaben; ein schner
Engel wird da stehn, wird fragen, was ich suche, und mir's einhndigen. Auch
sagt er mir sogleich, wo mein Geliebter ist und wann er kommt.
    Ein andermal lie sie gegen Henni die Worte fallen: Mir kam gestern so der
Gedanke, weil der Nolten doch gar zu lange ausbleibt, gib acht, er hat mich
aufgegeben! Und, recht beim Licht besehn, es ist ihm nicht sehr zu verdenken;
was tt er mit der Trin? er htte seine liebe Not im Hause. Und berdies, o
Henni - welk, welk, welk, es geht zum Welken! Siehst du, wie es nun gut ist, da
noch die Hochzeit nicht war; ich dachte wohl immer so was. Nun mag es enden wann
es will mir ist doch mein Mdchenkranz sicher, ich nehm ihn ins Grab - Unter uns
gesagt, Junge, ich habe mir immer gewnscht, so und nicht anders in Himmel zu
kommen. Aber den Ring mu ich erst haben, ich mu ihn vorweisen knnen.
    Noch eines freundlichen und frommen Auftritts soll hier gedacht werden,
zumal es das letzte ist, was wir von des Mdchens traurigem Leben zu erzhlen
haben.
    Nannette kam einsmals in aller Eile herbeigesprungen und ersuchte das
Frulein und deren Vater, ihr in ein Zimmer des untern Stocks herab zu folgen,
um an der angelehnten Tre der alten Kammer, wo die Orgel stand, einen
Augenblick Zeuge der musikalischen Unterhaltung Hennis und Agnesens zu sein. So
gingen sie zu dreien leise an den bezeichneten Ort und belauschten einen beraus
rhrenden Gesang, in welchen die Orgel ihre Fltentne schmolz. Bald herrschte
des Knaben und bald des Mdchens Stimme vor. Es schien alt-katholische Musik zu
sein. Ganz wundersam ergreifend waren besonders die kraftvollen Strophen eines
lateinischen Buliedes aus E-dur. Hier steht nur der Anfang.

Jesu, benigne!
A cuius igne
Opto flagrare,
Et te amare; -
Cur non flagravi?
Cur non amavi
Te, Jesu Christe?
- O frigus triste!5

Es folgten noch zwei dergleichen Verse, worauf Henni sich in ein langes
Nachspiel vertiefte, dann aber in ein anderes Lied berging, welches die
hnlichen Empfindungen ausdrckte. Agnes sang dies allein und der Knabe spielte.

Eine Liebe kenn ich, die ist treu,
War getreu, seitdem ich sie gefunden,
Hat mit tiefem Seufzen immer neu,
Stets vershnlich, sich mit mir verbunden.

Welcher einst mit himmlischem Gedulden
Bitter bittern Todestropfen trank,
Hing am Kreuz und bte mein Verschulden,
Bis es in ein Meer von Gnade sank.

Und was ist's, da ich doch traurig bin?
Da ich angstvoll mich am Boden winde?
Frage: Hter, ist die Nacht bald hin?
Und: was rettet mich von Tod und Snde?

Arges Herze! ja gesteh' es nur,
Du hast wieder bse Lust empfangen;
Frommer Liebe, alter Treue Spur -
Ach, das ist auf lange nun vergangen!

Darum ist's auch, da ich traurig bin,
Da ich angstvoll mich am Boden winde -
Hter! Hter! ist die Nacht bald hin?
Und was rettet mich von Tod und Snde?

Bei den letzten Worten fiel Margot Nannetten mit heien Trnen um den Hals. Der
Prsident ging leise ab und zu. Noch immer klang die Orgel alleine fort, als
knnte sie im Wohllaut unendlicher Schmerzen zu keinem Schlusse mehr kommen.
Endlich blieb alles still. Die Tre ging auf, ein artiges Mdchen, Hennis kleine
Schwester, welche die Blge gezogen, kam auf den Zehen geschlichen heraus,
entfernte sich bescheiden und lie die Tre hinter sich offen. Nun aber hatte
man ein wahres Friedensbild vor Augen. Der blinde Knabe nmlich sa,
gedankenvoll in sich gebckt, vor der offnen Tastatur, Agnes, leicht
eingeschlafen, auf dem Boden neben ihm, den Kopf an sein Knie gelehnt, ein
Notenblatt auf ihrem Schoe. Die Abendsonne brach durch die bestubten
Fensterscheiben und bergo die ruhende Gruppe mit goldenem Licht. Das groe
Kruzifix an der Wand sah mitleidsvoll auf sie herab.
    Nachdem die Freunde eine Zeitlang in stiller Betrachtung gestanden, traten
sie schweigend zurck und lehnten die Tre sacht an.

Am folgenden Morgen ward Agnes vermit. Nannette hatte beim Aufstehn ihr Bette
leer gefunden und voller Schrecken sogleich Lrm gemacht. Niemand begriff im
ersten Augenblick, wie sie nur irgend aus dem Schlafzimmer entkommen knnen, da
man dasselbe aus verschiedenen Grnden seit einiger Zeit von dem untern Stock in
den obern verlegt hatte, die Tren nachts sorgfltig geschlossen, auch wirklich
am Morgen noch verschlossen gefunden wurden. Aber vor einem Seitenfenster, das
neben dem Belvedere hinausfhrte, entdeckte man zwischen den Bumen eine hohe
Leiter, welche der Gartenknecht, nach seinem eigenen Gestndnis, gestern abends
angelegt, weil Agnes durchaus ein altes Vogelnest verlangt habe, das oben aus
einer der Lcken im steinernen Fries hervorgesehen. Nachher war die Leiter
vergessen worden, was ohne Zweifel die Absicht des Mdchens gewesen.
    Der Vormittag verflog unter den angestrengtesten Nachforschungen, unter
endlosem Hin- und Herraten, Fragen, Boten-Aussenden und - Empfangen. Innerhalb
des Schlobezirks war bereits alles um- und umgekehrt. Es wurde Abend und noch
erschien von keiner Seite die mindeste Nachricht, der mindeste Trost. Eine
falsche Spur, wozu die irrige Aussage eines Feldhters Veranlassung gegeben,
machte berdies den grten Aufenthalt.
    Die Sonne war seit zwei Stunden untergegangen und noch blieb alles Laufen
und Schicken fruchtlos; die Freunde kamen auer sich. Nach Mitternacht kehrten
die letzten Fackeln zurck, nur der alte Grtner und selbst der blinde Henni
waren noch immer auen, so da man endlich um diese besorgt zu werden anfing.
Niemand im Schlosse dachte daran, sich schlafen zu legen. Der Prsident stellte
die Mutmaung auf, da Agnes irgendeinen Weg nach ihrer Heimat eingeschlagen
und, je nachdem sie zeitig genug sich von hier weggemacht htte, bereits einen
bedeutenden Vorsprung gewonnen haben drfte, ehe die Spher ausgegangen; fr ihr
Leben zu frchten, sei kein Grund vorhanden, es stnde vielmehr zu erwarten, da
sie unterwegs als verdchtig aufgegriffen und ffentlich Anstalt wrde getroffen
werden, sie in ihren Geburtsort zu bringen. Nannette dachte sich in diesem Fall
die Ankunft der Unglcklichen im vterlichen Hause beinahe schrecklicher als
alles; und doch, wenn man sie nur brigens wohlbehalten den Armen des Vaters
berliefert denken durfte, so lie sich ja von hier an wieder neue Hoffnung
schpfen. Allein mit welchem Herzen mute man der Rckkehr des Malers
entgegensehen, wenn sich bis dahin nichts entschieden haben sollte! - Margot
hielt die Vermutung nicht zurck, da die Zigeunerin auch diesmal die
verderbliche Hand mit im Spiele habe. Dies alles sprach und wog man hin und her,
bis keine Mglichkeit mehr brig zu sein schien, das Schlimmste aber getraute
man sich kaum zu denken, geschweige auszusprechen. Zuletzt entstand eine dstere
Stille. In den verschiedenen Zimmern brannte hie und da eine vergessene Kerze
mit mattem Scheine; die Zimmer stellten selbst ein Bild der Angst und Zerstrung
dar, denn alle Dinge lagen und standen, wie man sie gestern morgen im ersten
Schrecken liegen lassen, unordentlich umher. Die Schlouhr lie von Zeit zu Zeit
ihren weinerlichen Klang vernehmen, von den Anlagen her schlug eine Nachtigall
in vollen, herrlichen Tnen.
    Auf ein Zeichen des Prsidenten erhob man sich endlich, zu Bette zu gehen.
Ein Teil der Dienerschaft blieb wach.
    Gegen drei Uhr des Morgens, da eben der Tag zu grauen begann, gaben im Hofe
die Hunde Laut, verstummten jedoch sogleich wieder. Margot ffnet indes ihr
Fenster und sieht in der blassen Dmmerung eine Anzahl Mnner, darunter den
Grtner und seinen Sohn, mit halb erloschenen Laternen am Schlotor stehen,
welches nur angelehnt war und sich leise auftat. Eine pltzliche Ahnung
durchschneidet dem Frulein das Herz und laut aufschreiend wirft sie das Fenster
zu, denn ihr schien, als wren zwei jener Leute bemht, einen entsetzlichen Fund
ins Haus zu tragen. Gleich darauf hrt sie die Glocke vom Schlafzimmer ihres
Vaters. Alles strzt, nur halb angekleidet, von allen Ecken und Enden herbei.
    Die Verlorene war wirklich aufgefunden worden, doch leider tot und ohne
Rettung. Vor einer Stunde wurde der Krper nach langen mhsamen Versuchen aus
jenem Brunnen im Walde gezogen. Es hatte sich der Grtner, von seinem Sohne auf
diesen Platz aufmerksam gemacht, noch spt in der Nacht dorthin begeben, und ein
aufgefundener Handschuh besttigte sogleich die Vermutung. Alsbald war der Alte
ins nchste Stdtchen geeilt, um Mannschaft mit Werkzeugen, Strickleiter und
Haken, sowie einen Wundarzt herbeizuholen.
    Der Leichnam war, auer den vllig durchnten und zerrissenen Kleidern, nur
wenig verletzt; das schneeweie Gesicht um welches die nassen Haare verworren
hingen, sah sich noch jetzt vollkommen gleich; der halbgeffnete Mund schien
schmerzlich zu lcheln; die Augen fest geschlossen. Offenbar war sie, mit dem
Kopfe vorwrts strzend, ertrunken; nur eine leichte Wunde entdeckte man rechts
ber den Schlfen. Bemerkenswert ist noch, da sie in Larkens' grner Jacke,
woran man sie gestern eine Kleinigkeit, jedoch sehr emsig und wichtig, hatte
verndern sehn, den Tod gefunden.
    Der Wundarzt machte zum berflu noch den einen und andern vergeblichen
Versuch. Vom grenzenlosen Jammer der smtlichen Umstehenden sagen wir nichts.

Nach Nolten hatte man ausgesendet, doch traf ihn weder Bote noch Brief. Den
zweiten Tag nach dem Tode der Braut erschien er unvermutet von einer andern
Seite her. Sein ganzes Eintreten, das sonderbar Gehaltene, matt Resignierte in
seiner Miene, seinem Gru war von der Art, da er, was vorgefallen, entweder
schon zu wissen oder zu vermuten, aber nicht nher hren zu wollen schien.
Sonach war denn auch andrerseits der Empfang beklommen, einsilbig. Nannette, die
bei der ersten Begrung nicht gleich zugegen gewesen, strzt, da sie des
Bruders ansichtig wird, mit lautem Geschrei auf ihn zu. Sein Anblick war nicht
nur im hchsten Grade mitleidswert, sondern wirklich zum Erschrecken. Er sah
verwildert, sonnverbrannt und um viele Jahre lter aus. Sein lebloser glserner
Blick verriet nicht sowohl einen gewaltigen Schmerz, als vielmehr eine
schlfrige bersttigung von langen Leiden. Das Unglck, das die andern noch als
ein gegenwrtiges in seiner ganzen Strke fhlten, schien, wenn man ihn ansah,
ein lngst vergangenes zu sein. Er sprach nur gezwungen und zeigte eine blde
seltsame Verlegenheit in allem, was er tat. Er hatte sich, wie man nur nach und
nach von ihm erfuhr, whrend der letzten sechs Tage verschiedenen Streifereien
in unbekannten Gegenden berlassen, zwecklos und einsam nur seinem Grame lebend;
kaum da er's ber sich vermocht, einmal nach Neuburg zu schreiben.
    Indem nun von Agnesen noch immer nicht bestimmt die Rede wurde und man
durchaus nicht wute, wie man deshalb bei Nolten sich zu benehmen habe, so wurde
jedermann nicht wenig berrascht, als er mit aller Gelassenheit die Frage
stellte: auf wann die Beerdigung festgesetzt sei, und wohin man diesfalls
gedenke? - Mit gleicher Ruhe fand er hierauf von selbst den Weg zum Zimmer, wo
die Tote lag. Er verweilte allein und lange daselbst. Erst diese Anschauung gab
ihm das ganze, deutliche Gefhl seines Verlustes, er weinte heftig, als er zu
den andern auf den Saal zurckkam.
    Unglcklicher, geliebter Freund, nahm jetzt der Prsident das Wort und
umarmte den Maler, es ist mir vorlngst einmal der Spruch irgendwo vorgekommen:
wir sollen selbst da noch hoffen, wo nichts mehr zu hoffen steht. Gewi ist das
ein herrliches Wort, wer's nur verstehen will; mir hat es einst in groer Not
den wunderbarsten Trost in der Seele erweckt, einen leuchtenden Goldblick des
Glaubens; und nur auf den Entschlu kommt es an, sich dieses Glaubens freudig zu
bemchtigen. O da Sie dies vermchten! Ein Mensch, den das Schicksal so
ngstlich mit eisernen Hnden umklammert, der mu am Ende doch sein Liebling
sein und diese grausame Gunst wird sich ihm eines Tags als die ewige Gte und
Wahrheit enthllen. Ich habe oft gefunden, da die Gechteten des Himmels seine
ersten Heiligen waren. Eine Feuertaufe ist ber Sie ergangen und ein hheres,
ein gottbewuteres Leben wird sich von Stund an in Ihnen entfalten.
    Ich kann, erwiderte Nolten nach einer kleinen Stille, ich kann zur Not
verstehen, was Sie meinen, und doch - das Unglck macht so trge, da Ihre
liebevollen Worte nur halb mein dumpfes Ohr noch treffen - O da ein Schlaf sich
auf mich legte, wie Berge so schwer und so dumpf! Da ich nichts wte von
gestern und heute und morgen! Da eine Gottheit diesen mattgehetzten Geist,
weichbettend, in das alte Nichts hinfallen liee! ein unermelich Glck - -! Er
berlie sich einen Augenblick diesem Gedanken, dann fuhr er fort: Ja, lge zum
wenigsten nur diese erste Stufe hinter mir! Und doch, wer kann wissen, ob sich
dort nicht der Knoten nochmals verschlingt? - - O Leben! o Tod! Rtsel aus
Rtseln! Wo wir den Sinn am sichersten zu treffen meinten, da liegt er so
selten, und wo man ihn nicht suchte, da gibt er sich auf einmal halb und von
ferne zu erkennen, und verschwindet, eh man ihn festhalten kann!

Agnesens Begrbnis ist auf den morgenden Sonntag beschlossen.
    Die Nacht zuvor schlft Nolten ruhig wie seit langer Zeit nicht mehr. Der
ehrliche Grtner mutet sich zu, noch einmal bei der geliebten Leiche zu wachen,
ihm leistet der Sohn Gesellschaft, und da der Alte endlich einnickt, ist Henni
die einzig wache Person in dem Schlosse. - Der gute Junge war recht wie
verwaist, seit ihm die Freundin und Gebieterin fehlte. Er war ihr so nahe, so
eigen geworden, er hatte insgeheim die schchterne Hoffnung genhrt - eine
Hoffnung, deren er sich jetzt innig schmte - Gott knnte ihm vielleicht die
Freude aufbehalten haben, die arme Seele mit der Kraft des evangelischen Wortes
zu der Erkenntnis ihrer selbst, zum Lichte der Wahrheit zurckzufhren; sein
ganzes Trachten und Sinnen, alle seine Gebete gingen zuletzt nur dahin, und
wieviel schrecklicher als er je frchten konnte, ward nun sein frommes Vertrauen
getuscht! - Er hlt und drckt eine teure kalte Hand, die er nicht sieht, in
seinen Hnden, und lispelt heie Segensworte drber; er denkt ber die
erziehende Weisheit Desjenigen nach, an welchen er von ganzer Seele glaubt, vor
dessen durchdringendem Blick das Buch aller Zeiten aufgeschlagen liegt, der die
Herzen der Menschen lenkt wie Wasserbche, in welchem wir leben, weben und sind.
Er schrickt augenblicklich zusammen vor seligem Schrecken, indem er bedenkt, da
das, was vor ihm liegt, was er mit glhenden Trnen anredet, ein taubes Nichts,
ein wertloses Scheinbild ist, da der entflohene Geist, viel lieblicher
gestaltet, vielleicht in dieser Stunde am hellen Strome des Paradieses kniee
und, das irre Auge mit lauterer Klarheit auswaschend, unter befremdetem Lcheln
sich glcklich wiedererkenne und - finde. - Henni stand sachte auf, von einer
unbekannten sen Unruhe bewegt; unbeschreibliche Sehnsucht ergriff ihn, doch
diese Sehnsucht selbst war nur das berglckliche Gefhl, die unfaliche Ahnung
einer himmlischen Zukunft welche auch seiner warte. Er trat ans Fenster und
ffnete es. Die Nacht war sehr unfreundlich; ein heftiger Sturm wiegte und
schwang die hohen Gipfel der Bume, und auf dem Dache klirrten die Fahnen
zusammen. Des Knaben wunderbar erregte Seele berlie sich diesem Tumulte mit
heimlichem Jauchzen, er lie den Sturm seine Locken durchwhlen und lauschte mit
Wollust dem hundertstimmigen Winde. Es deuchten ihm seufzende Geisterchre der
gebundenen Kreatur zu sein, die auch mit Ungeduld einer herrlichen Offenbarung
entgegenharre. Sein ganzes Denken und Empfinden war nur ein trunkenes Loblied
auf Tod und Verwesung und ewiges Verjngen. Mit Gewalt mu er den Flug seiner
Gedanken rckwrts lenken, der Demut eingedenk, die Gott nicht vorzugreifen
wagt. Aber, wie er nun wieder zu Agnesens Hlle tritt, ist ihm wie einem, der zu
lange in das Feuerbild der Sonne geschaut, er sinkt in doppelt schmerzliche
Blindheit zurck. Still setzt er sich nieder, und schickt sich an, einen Kranz
von Rosen und Myrten zu Ende zu flechten.
    Nach Mitternacht erweckt indes den Maler ein sonderbarer Klang, den er
anfnglich blo im Traum gehrt zu haben glaubt, bald aber kann er sich vllig
berzeugen, da es Musik ist, welche von dem linken Schloflgel herberzutnen
scheint. Es war als spielte man sehr feierlich die Orgel, dann wieder klang es
wie ein ganz anderes Instrument, immer nur abgebrochen, mit lngeren und
krzeren Pausen, bald widerwrtig hart und grell, bald sanft und rhrend.
Betroffen springt er aus dem Bette, unschlssig was er tun, wo er zuerst sich
hinwenden soll. Er horcht und horcht, und - abermals dieselben unbegreiflichen
Tne! Leis auf den Socken, den Schlafrock umgeworfen, geht er vor seine Tr, und
schleicht, mit den Hnden an der Wand forttastend, den finstern Gang hin, bis in
die Nhe des Zimmers, wo sich der Grtner und Henni befinden. Er ruft um Licht,
der Grtner eilt heraus, verwundert, den Maler zu dieser Stunde hier zu sehn. Da
nun weder Vater noch Sohn irgend etwas anderes gehrt haben wollen, als das
wechselnde Pfeifen des Windes, welcher auf dieser Seite heftiger gegen das Haus
herstie, so entfernte sich Nolten, scheinbar beruhigt, mit Licht, gab brigens
nicht zu, da man ihn zurckbegleitete.
    Keine volle Minute verging, so vernahm der Alte und Henni vollkommen
deutlich die oben beschriebenen Tne und gleich darauf einen starken Fall samt
einem lauten Aufschrei.
    Kaum sind sie vor die alte Kapelle gelangt kaum sah der Grtner drei
Schritte vor sich den Maler der Lnge nach unter der offenstehenden Tr ohne
Lebenszeichen liegen, so ruft schon Henni, sich angstvoll an den Vater klammernd
und ihn nicht weiter lassend Halt, Vater, halt! um Gottes willen seht Ihr nicht
- dort in der Kammer -
    Was? ruft der Alte ungeduldig, da ihn der Knabe aufhlt, so la mich
doch! Hier, vor uns liegt, was mich erschreckt - der Maler, leblos am Boden!
    Dort aber - dort steht er ja auch und - o seht Ihr, noch jemand -
    Bist du von Sinnen? du bist blind! was ist mit dir?
    So wahr Gott lebt, ich sehe! versetzte der Knabe mit leiser, von Angst
erstickter Stimme und deutet fortwhrend nach der Tiefe der Kammer, auf die
Orgel, wo fr den Grtner nichts zu sehen ist; dieser will nur immer dem Maler
beispringen, ber welchen Henni weit wegschaut. Vater! jetzt - jetzt - sie
schleichen auf uns zu - Schrecklich! o flieht - Hier versagt ihm die Sprache,
er hngt ohnmchtig dem Alten im Arm, der jetzt ein verzweifeltes Notgeschrei
erhebt. Von allenthalben ruft es und rennt es herbei, der Hausherr selbst
erscheint mit den ersten und schon ist der Wundarzt zur Hand, der diese letzten
Tage das Schlo nicht verlie; er luft von Nolten zu Henni, von Henni zu
Nolten. Beide trgt man hinauf, ein jedes will helfen, mit raten, mit ansehn,
man hindert, tritt und stt einander, der Prsident entfernt daher alles bis
auf wenige Personen. Ein Reitender sprengt nach der Stadt, den zweiten Arzt zu
holen, indes der gegenwrtige, ein ruhiger, tchtiger Mann, fortfhrt, das
Ntige mit Einreibung und warmen Tchern nach der Ordnung zu tun; schon fllte
schauerlicher Duft der strksten Mittel das Zimmer. Mit Henni hat es keine
Gefahr, obgleich ihm die volle Besinnung noch ausbleibt. An Nolten mu nach
stundenlanger Anstrengung, so Kunst wie Hoffnung erliegen. Bescheiden uerte
der Wundarzt seinen Zweifel und als endlich der Medikus ankam, erklrte dieser
auf den dritten Blick, da keine Spur von Leben hier mehr zu suchen sei.

Hatte Agnesens Krankheit und Tod berall in der Gegend das grte Aufsehn und
die lebhafteste Teilnahme erregt, so machte dieser neue Trauerfall einen
wahrhaft panischen Eindruck auf die Gemter der Menschen, zumal bis jetzt noch
kein hinreichender Erklrungsgrund am Tage lag. Da indes doch irgendein heftiger
Schrecken die tdliche Ursache gewesen sein mu, so lag allerdings bei der von
Kummer und Verzweiflung erschpften Natur des Malers die Annahme sehr nahe, da
hier die Einbildung, wie man mehr Beispiele hat, ihr uerstes getan. Dieser
Meinung waren die rzte, sowie der Prsident. Doch fehlte es im Schlosse, je
nachdem man auf gewisse Umstnde einen ngstlichern Wert legen wollte, auch
nicht an andern Vermutungen, die, anfnglich nur leise angedeutet, von den
Vernnftigen belchelt oder streng verwiesen, in kurzem gleichwohl mehr
Beachtung und endlich stillschweigenden Glauben fanden.
    Der Schwester lie sich das Unglck nicht lange verbergen; es warf sie
nieder als wr es ihr eigener Tod. Margot hielt treulich bei ihr aus, doch
freilich blieb hier wenig oder nichts zu trsten.
    Henni befindet sich, zum wenigsten uerlich, wieder wohl. Er scheint ber
einem ungeheuern Eindruck zu brten, dessen er nicht Herr werden kann. Ein
regungsloses Vor-sich-Hinstaunen verschlingt den eigentlichen Schmerz bei ihm.
Er wei sich nicht zu helfen vor Ungeduld, sobald man ihn ber sein gestriges
Benehmen befragt; er flieht die Gesellschaft, aber sogleich scheucht ihn eine
Angst in die Nhe der Seinen zurck.
    Der Prsident, in Hoffnung irgendeines neuen Aufschlusses ber die traurige
Begebenheit, befiehlt dem Knaben in Beisein des Grtners, zu reden. Auch dann
noch immer zaudernd und mit einer Art von trotzigem Unwillen, der an dem sanften
Menschen auffiel, gab Henni, erst mit drren Worten, dann aber in immer
steigender Bewegung, ein seltsames Bekenntnis, das den Prsidenten in sichtbare
Verlegenheit setzte, wie er es aufzunehmen habe.
    Als ich, sprach nmlich der Befragte, gestern nacht mit meinem Vater auf
den Lrm, den wir im untern Hausflur hrten, nach der Kapelle lief - die Tr
stand offen, und die Laterne auen auf dem Gang warf einen hellen Schein in die
Kammer - sah ich tief hinten bei der Orgel eine Frau, wie einen Schatten, stehn,
ihr gegenber in kleiner Entfernung stand ein zweiter Schatten, ein Mann in
dunkelm Kleide, und dieses war Herr Nolten.
    Sonderbarer Mensch! versetzte der Prsident, wie magst du denn behaupten,
dies gesehen zu haben?
    Ich kann nichts sagen, als: vor meinen Augen war es licht geworden, ich
konnte sehn, und das ist so gewi, als ich jetzt nicht mehr sehe.
    Jenes Frauenbild - fragte der Prsident mit List, verglichst du es
jemandem?
    Damals noch nicht. Erst heute mut ich an die verrckte Fremde denken, ich
lie mir sie daher beschreiben und kann die hnlichkeit nicht leugnen.
    Herrn Nolten aber, wie konntest du diesen sogleich erkennen?
    Mein Vater zeigte auf den Boden und nannte dabei den Herrn Maler, da merkt
ich erst, da dieser, welcher vor uns lag, und jener, welcher drben stand, sich
durchaus glichen und einer und derselbe wren.
    Warum brauchst du den Ausdruck Schatten?
    So deuchte mir's eben; doch lieen sich Gesicht und Miene und Farben der
Kleidung wohl unterscheiden. Als beide sich umfaten, sich die Arme gaben und so
der Tr zu wollten, da bogen sie wie eine Rauchsule leicht um den hlzernen
Pfeiler, der in der Mitte der Kammer steht.
    Arm in Arm, sagst du?
    Dicht, dicht aneinandergeschlossen; sie machte den Anfang, er tat's ihr nur
wie gezwungen nach und traurig. Hierauf - aber o allmchtiger Gott! wie soll
ich, wie kann ich aussprechen, was keine Zunge vermag, was doch niemand glaubt
und niemand glauben kann, am wenigsten mir, mir armen Jungen! Er schpfte tief
Atem und fuhr sodann fort: Sie schlpften unhrbar ber die Schwelle, er glitt
ber sein Ebenbild hin, gleichgltig, als kennt er es nicht mehr. Da wirft er
auf einmal sein Auge auf mich, o ein Auge voll Elend! und doch so ein scharfer,
durchbohrender Blick! und zgert im Gehn, schaut immer auf mich und bewegt die
Lippen, wie kraftlos zur Rede - da hielt ich's nimmer aus und wei auch von hier
an nichts weiter zu sagen.
    Der Prsident verschonte den jungen Menschen mit jeder weitern Frage,
beruhigte ihn und empfahl endlich Vater und Sohn, die Sache bei sich zu
behalten, indem er zu verstehen gab, da er nichts weiter als eine ungeheure
Selbsttuschung darunter denke. Der alte Grtner aber schien sehr ernst und ma
selbst seinem Herrn im Innern eine andre Meinung bei, als ihm nun eben zu uern
beliebe.

Nachdem die beiden Leichen auf dem katholischen Gottesacker des nchsten
Stdtchens, jedoch mit Zuziehung eines protestantischen Geistlichen, zur Erde
bestattet worden, traf der edelmtige Mann, durch den es vornehmlich gelang,
diese letzte Pflicht mit allem wnschenswerten Anstande und unter einem
ansehnlichen Geleite vollzogen zu sehen, ungesumt Anstalt, der Freundschaft und
der Menschenliebe ein neues Opfer zu bringen. Weder konnte er zugeben, da die
arme berbliebene Schwester des Malers sich einer so traurigen Heimreise, als
ihr jetzt bevorstand, allein unterziehe, noch sollte der Frster den Verlust
seiner Kinder auf andere Weise, als aus dem Munde des Gastfreundes vernehmen,
dessen Haus der unschuldige Schauplatz so schwerer Verhngnisse ward.
    Bald sa daher der Prsident mit Nannetten und Margot im Wagen. brigens war
es bei ihm schon im stillen beschlossene Sache, das Mdchen, wenn es ihr und den
Ihrigen gefiele, wieder zurckzunehmen und fr ihr knftiges Glck zu sorgen.
Der Gedanke war eigentlich von Margot ausgegangen und kaum enthielt sie sich,
Nannetten nicht schon unterwegs die Einwilligung abzudringen.
    Der Schmerz des Alten in Neuburg bersteigt allen Ausdruck; doch verfehlte
die Persnlichkeit des hohen Gastes ihre gute Wirkung nicht.
    Noch in der Anwesenheit des Prsidenten kam ein Brief des Hofrats im
Forsthause an, mit der berschrift an Nolten und mit der ausdrcklichen Bitte um
schleunigste Befrderung. Der Frster erbrach ihn, las und reichte das Blatt mit
stummer Verwunderung dem Prsidenten. Der Brief lautete folgendermaen:

Soeben erfahre durch Freundeshand den grausamen Verlust, der Sie mit dem Tode
einer geliebten Braut betroffen. Auch die nheren Umstnde und was alles dazu
mitgewirkt, wei ich. Ihr Unglck, welches mit dem meinigen so nah
zusammenfllt, ja recht vom Unglcksstamme meines Daseins ausging, erschttert
mich und zwingt mich zu reden.
    Wie oft, als Sie noch bei uns waren, hat mir das Herz gebrannt, Ihnen um den
Hals zu fallen! Wie prete, peinigte mich mein Geheimnis! Aber - wie soll man es
heien - Furcht, Grille, Scham, Feigheit - ich konnte nicht, verschob die
Entdeckung von Tag zu Tag, mich schauderte davor, in Ihnen, in dem Sohne eines
Bruders, mein zweites Ich, meine ganze Vergangenheit wiederzufinden, dies
Labyrinth, wenn auch nur im Gesprch, in der Erinnerung, aufs neue zu
durchlaufen!
    Seit Ihrem Abgang war ich fr solchen Eigensinn, Gott sei mein Zeuge, recht
gestraft mit einer wunderbaren Sehnsucht nach Ihnen, Wertester! Nun aber
vollends drstet mich nach Ihrem Anblick innig, wir haben einander sehr, sehr
viel zu sagen. Meine Gedanken stehn brigens so: Zu einer so gemenen Ttigkeit,
als Sie in W* erwarten wrde, drfte Ihnen der Mut jetzt wohl fehlen, um so
leichter werden Sie es daher verschmerzen, da dort, wie mir geschrieben wird,
gewisse Leute, auf Ihr Zgern, bereits geschftig sind, Sie auszustechen. Wir
wollen, dcht ich, selbigen zuvorkommen und erst dabei nichts einben. Hren
Sie meinen Vorschlag: Wir beide ziehn zusammen! sei es nun hier, oder besser an
einem anderen Pltzchen, wo sich's fein stille hausen lt, gerade wie es zweien
Leuten ziemt, wovon zum wenigsten der eine der Welt nichts mehr nachfragt, der
andere, soviel mir bekannt, von jeher starken Trieb empfunden, mit der Kunst in
eine Einsiedelei zu flchten. Was mich betrifft, ich habe noch wenige Jahre zu
leben. Wie glcklich aber, knnt ich das, was etwa noch grn an mir sein mag,
auf Sie, mein teurer Neffe, bertragen. Ja schleppen wir unsere Trmmer aus dem
Schiffbruch mutig zusammen! Ich will tun, als wr ich auch noch ein Junger. Mit
Stolz und Wehmut sei's gesagt, wir sind zwei Stcke eines Baums, den der Blitz
in der Mitte gespalten, und ist vielleicht ein schner Lorbeer zuschanden
gegangen. Sie mssen ihn noch retten und ich helfe mit.
    Sehn Sie, wir gehren ja recht freinander, als Zwillingsbrder des
Geschicks! Mit dreifachen ehernen Banden haben freundlich-feindselige Gtter
dies Paar zusammengeschmiedet - ein seltenes Schauspiel fr die Welt, wenn man's
ihr gnnen mchte; doch das sei ferne; das Grab soll unsern Gram dereinst nicht
besser decken, als wir dies Geheimnis bewahren wollen, nicht wahr? - Aber so
kommen Sie! kommen Sie gleich!
    Schlielich noch eine kleine Bitte: da Sie mir vor den Menschen immerhin
den Namen lassen, unter dem Sie zu ** meine arme Person haben kennengelernt.
    Fr Sie aber hei ich, der ich bin
                                     Ihr treuer Oheim Friedrich Nolten, Hofrat.

Der Prsident wollte in die Erde sinken vor Staunen. Er hatte durch Theobald von
diesem Verwandten als dem verstorbenen Vater Elisabeths gehrt und nun - er
glaubte zu trumen.
    Die beiden Mnner sahn sich lange schweigend an und blickten in einen
unermelichen Abgrund des Schicksals hinab.
    Der Prsident verweilte sich noch einen Tag und schied sodann mit groer
Rhrung. Es war natrlich, da Nannette den Alten nicht verlie. Spter
entschlossen sich beide auf unwiderstehliches Bitten des Hofrats, mit diesem in
einem dritten Orte einer kleinen Landstadt unfern Neuburg, zusammenzuwohnen. Der
Oheim ward fast rasend, als er den Tod des Neffen vernahm und da nicht
wenigstens noch sein Bekenntnis ihn hatte erreichen sollen! Mit grerer Ruhe
empfing er die Nachricht von dem, vielleicht nur wenige Tage vor Theobalds Ende
eingetretenen Tod seiner wahnsinnigen Tochter. Man hatte sie, wie der Prsident
sogleich bei seiner Heimkunft Meldung tat, etliche Meilen von seinem Gute
entseelt auf ffentlicher Strae gefunden, wo sie ohne Zweifel vor bloer
Entkrftung liegen geblieben. - Ihr Vater war von ihrer jammervollen Existenz
seit Jahren unterrichtet. Er hatte frher unter der Hand einige Versuche
gemacht, sie in einer geordneten Familie unterzubringen; aber sie fing, ihrer
gewohnten Freiheit beraubt, wie ehmals ihre Mutter, augenscheinlich zu welken
an, sie ergriff zu wiederholten Malen die Flucht mit groer List und da berdies
ihr melancholisches Wesen, mit der Muttermilch eingesogen, durchaus unheilbar
schien, so gab man sich zuletzt nicht Mhe mehr, sie einzufangen.
    Noch ist nur brig zu erwhnen, da Grfin Armond, seit lange krank und
aller Welt abgestorben, jedoch mit Noltens Glck noch bis auf die letzte Zeit,
und zwar in Verbindung mit dem Hofrat, insgeheim beschftigt, jene klglichen
Schicksale nur wenige Monate berlebte.

                                    Funoten


1 Sonnenkeile - so nannte man drei eigentmlich gegeneinandergestellte steinerne
Spitzsulen, welche durch den Schatten, den sie werfen, den Ureinwohnern als
eine Art von Sonnenuhr gedient haben sollen.

2 Die kurze Beschreibung dieser Gegend ist, soviel es mglich war, nach der
Natur entworfen. Der Punkt, auf welchen man hier ausdrcklich aufmerksam machen
will, befindet sich im Wrttembergischen, im Oberamt Nrtingen, zunchst bei dem
Pfarrdorfe Gro-Bettlingen.

3 Mglicher Irrung zuvorzukommen, weil es sich hier um ein bestimmtes Lokal
handelt, wird erinnert, da man dort weder ein solches Denkmal, noch berhaupt
diese Sage zu suchen hat, wozu brigens der wirkliche Name des gedachten Hgels
dem Verf. Veranlassung gegeben.

4 Im Munde des Brutigams gedacht.

5 Diese Zeilen finden sich wirklich in einem uralten, wohl lngst vergriffenen
Andachtsbuch Sie sind unnachahmlich schn; indessen fgen wir, um einiger Leser
willen, diese bersetzung bei:

Dein Liebesfeuer,
Ach Herr! wie teuer
Wolle ich es hegen,
Wollt ich es pflegen -
Hab's nicht geheget,
Und nicht gepfleget,
War Eis im Herzen,
- O Hllenschmerzen!

