 Sechster Brief. [26] (An Denselben.)  Gott, unser allbarmherziger Vater, grüße Sie und die Ihrigen. Mein kindlicher Herzenswunsch ist schon reichlich erfüllt, wenn diese Zeilen Sie alle gesund antreffen. Ich habe mich nichts als Jammer und schwere Leiden zu erfreun, welche Balsam für meine sündhafte Seele sind. O könnte ich undankbarer, abscheulicher Sünder, die liebevollen, göttlichen Hände meines Erlösers dankbar genug küssen für die Leiden, die Er mir auflegt. Er hilft mir Schwachen tragen. So habe ich Ihnen die freudige Nachricht zu geben, daß ich heute meinen Verstand wieder so weit erlangt habe, daß ich an Sie schreiben kann. Aber es ist damit sehr abwechselnd. Ich bin immer auf neue Leiden gefaßt. Du mein liebevoller, barmherziger Erlöser! hilf Du, daß mein Glaube siege, und führe bald meine schmachtende, leidende Seele in Deine himmlischen, freudigen Wohnungen und selige Ruhe. ? Nun, mein göttlicher Himmelsbote, ich weiß, ich verlange viel, sehr viel von Ihnen bei dieser schweren Jahreszeit, aber mein Verlangen ist groß, mich mit Ihnen[26] zu unterhalten. Wenn es also Ihre Geschäfte erlauben, so bin ich's zum voraus von Ihrem christlich- liebenden Herzen überzeugt, und so es Gottes Wille ist, so sehe ich Sie gewiß bald bei mir. A. Busch. Charité, den 29ten Januar 1829. 
 Dritter Brief. [19] (An Denselben.)  ..... Ich fühle noch Mängel und Fehler an mir; nämlich, ich empfinde einen Groll in meinem Herzen gegen einen Gotteslästerer und frevelhaften Menschen, den ich nicht haben sollte, wenn ich meinem göttlichen Erlöser ähnlich seyn will. Ach möchte er sich doch in Sanftmuth und Mitleid verwandeln. Darum flehe und bitte ich meinen göttlichen Erlöser kindlich. ? Ich gehe diesem Manne aus dem Wege wo ich kann, aber letzthin kam er, da ich allein war, auf meine Stube und sagte, daß er eher gesund würde als K. (Er ist wassersüchtig.) Ich antwortete: das kann wohl seyn, bei Gott ist kein Ding unmöglich. Er aber sprach: »Was! mit Gott bleiben sie mir weg, was weiß Der von ihnen und von mir, ob wir krank oder gesund sind. Wie können sie so albern seyn? Es kommt allein darauf an, daß der Mensch gute Säfte hat.« Ich erwiederte ihm: Ach Lieber! versündigen Sie sich doch nicht so schrecklich an Gott. Sie sind wirklich ein höchst unglücklicher, bedauernswürdiger[19] Mann. Er: »Ja, und sie noch weit mehr, wenn sie glauben, daß Gott etwas von Ihnen weiß und Ihnen helfen kann.« Weiter konnte ich ihn nicht hören und ihm nicht antworten, so großen Aerger fühlte ich in meinem Herzen. Die Brust wollte mir zerspringen. Ich ging heraus ins Freie, um mir Luft zu verschaffen, setzte mich in den Garten an einen einsamen Ort und konnte kaum meine Thränen hemmen. Nach und nach bekam ich wieder Ruhe und Trost im Herzen. Ich kann aber doch diesen Menschen seit der Zeit gar nicht mehr ansehen, wenn er kommt, gehe ich heraus. ? Ach mein bester Herr, es ist doch ein schauderhaftes und eckelhaftes Leben, hier auf dieser Sündenwelt unter Menschen zu leben, die den Namen Mensch nicht verdienen, weil sie teuflische Herzen haben. ? Ich glaubte, als Sie mir am Sonntage sagten, ich würde noch viel leiden müssen, Sie wollten mein Herz schonen, und mir nicht gerade heraus sagen, daß ich (von dem weltlichen Richter) nicht begnadigt bin. Allein das weiß ich, das sagt mir deutlich mein Geist. Aber glauben Sie ja nicht, daß ich davor die mindeste Furcht oder Bangigkeit habe, nein, gewiß nicht. Daran liegt mir auch nichts, mag der irdische Richter mich begnadigen oder nicht; ich bin in meinem göttlichen Heiland begnadigt. Er hat meiner Seele Gnade über Gnade zugesprochen und geschenkt, welche ich nicht verdiene. Mögen die weltlichen Richter mit meiner irdischen Hülle machen, wie es ihnen gefällt. Ach, wenn ich nur so glücklich wäre, daß Sie mir die Hoffnung geben könnten, daß, wenn ich wieder in die Strafanstalt komme, ich in eines der einsamen Gefängnisse gethan werde, wo ich von allen Menschen abgesondert wäre. Gott wie glücklich würde Dein armes Kind leben, das sich nur dann ganz glücklich fühlt, wenn es ganz einsam ist, und am unglücklichsten, wenn es unter Menschen seyn muß, die der leibhafte Teufel selbst sind. Ja, das ist die qualvollste Marter, das größte Leiden, das meinem Herzen in dieser Welt widerfahren kann. O, es ist gräulich, schrecklich und schändlich, mit einem christlich-liebenden und fühlenden Herzen, das Gott angehört, unter pestilenzischen[20] Menschen zu leben, bei denen Frechheit und Gotteslästerung ihren Wohnsitz haben. Du, mein göttlicher Heiland, mein liebevoller Erlöser, kennst mein Herz und weißt, daß ich mich in deinen göttlichen Willen und in Deine Leitung einzig und allein ergeben habe. Du giebst ja den Gläubigen den Trost: »Solches habe ich zu euch geredet, daß ihr in mir Friede habt. In der Welt habt ihr Angst. Aber seyd getrost, ich habe die Welt überwunden.« Nun so glaube ich auch, die Welt zu überwinden in Dir, meinem göttlichen Heiland. Dein Wille geschehe! Wie Du willst, und nicht anders, wird es mir ergehen. O mein lieber Seelenfreund! Wie glücklich war ich letzten Sonntag in der Kirche, wo sich mein Geist so ganz in die Nähe meines göttlichen Erlösers versetzt fühlte, als wäre mein Geist schon am Throne seiner Herrlichkeit bei allen seinen Seligen. Ew. etc. H. A. Busch. Charité, Amazon.de Widgets den 1sten August 1828. * * * An demselben Tage schrieb er auch an einen seiner Brüder, der in der Straf- und Besserungs-Anstalt zu Spandau war. Er wünschte so gern, daß dieser sein Bruder, der auch, wie er sagte, ein großer Sünder war, sich bekehren möchte. In dieser Absicht hat er folgenden Brief an seinen Seelenfreund geschickt, und überließ es seinem Gutdünken, ob er den Brief an seinen Bruder nach Spandau schicken wolle, oder nicht. 
 Fünfter Brief. [25] (An seinen Seelen-Freund.)  Mit dankendem Herzen ergreife ich die Feder, Ihnen die Gefühle meiner Seele mitzutheilen. O! wie glücklich, wie unaussprechlich selig ich jetzt mich fühle, kann ich schwacher Sterblicher mit Worten nicht beschreiben. Nur Sie allein empfinden gewiß, was ich empfinde. O! Ihre Brust ist gewiß mit gleicher himmlischer Liebe beglückt und freudevoll. Darum thue ich Ihnen hiermit zu wissen, mein christlicher Seelenfreund, daß ich mich gestern, den 14. December am Tische des göttlichen Erbarmers und Erlösers, unsers Herrn und Heilandes Jesu Christi, gelabt und erquickt habe. O, diese himmlische göttliche[25] Versöhnung meines liebevollen Heilandes, und mein unwürdiges sündhaftes Herz, welches so arm und elend, so schwach und ohnmächtig ist! O wie viel schwere Sünden, nichts als schrecklich Sünden sind in mir. Ach, und Er nimmt mich so freundlich und liebevoll an. O diese liebevollen süßen Worte, sie tönen so himmlisch vor meinen Ohren: »Komm her zu mir, du Mühseliger und Beladener, ich will dich erquicken; hier wirst du Ruhe finden für deinen Seele. Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben.« Das sagte Er mir, da ich am 14ten Morgens auf meinen Knieen und auf meinem Angesicht lag, und über meine schweren Sünden und meine Unwürdigkeit flehend seufzte. Da trocknete Er meine reuevollen Thränen .... Busch. Charité, den 15ten December 1828. 
 Zweiter Brief. [15] (An denselben.) Hochzuverehrender!  O wie glücklich, wie unaussprechlich selig bin ich! wie freut sich mein Herz! jeder Pulsschlag in mir ist ein Lob- und Danklied; das kann aber nur ein liebendes, fühlendes Herz, wie das Ihrige, welches den guten Keim in mich gelegt, mich, in Sünden todten, verlornen, und ewig verdammten Menschen erweckt, und mir einen göttlichen, seligen Weg gezeigt hat, mitfühlen und empfinden. O wie kann ich meinen göttlichen, himmlischen, liebevollen Erbarmer, meinen duldenden Erlöser, der so viel für meine Sünden gebüßt, so viel Qual, Marter und Pein ausgestanden, der aus Liebe für mich am Kreuz gestorben und seinen Leib und sein Blut zur Vergebung meiner Sünden, zum Opfer für meine Erlösung gegeben hat, wie kann ich Ihm genug danken, Ihn genug lieben? Ach ich habe nichts, als meine schweren Sünden, und ein Herz voll aufrichtiger Reue, welches ich demuthsvoll zu seinen verwundeten Füßen gelegt habe. Und Er zeigte mir seine durch Dornen und Disteln verwundete Füße, die Er, um meine arme Seele zu retten, sich durchgelaufen, bis Er mich gefunden hat. Er trocknete meine Thränen, nahm mich in seine göttliche himmlisch-sanfte Arme, und drückte mich an sein liebe-und erbarmungsvolles Herz, küßte mich wie sein Kind, stärkte mein schwaches Herz mit festem Glauben an seine ewig grenzenlose Liebe, die Er mir in seinem[15] Fleisch und Blut, zur Vergebung meiner Sünden, zum ewigen Gedächtniß hinterlassen hat.1 So habe ich nun die freudige, feste Versicherung, und den himmlischen Trost von meinem göttlichen, erbarmungsvollen, lieben Erlöser ? gehört: Alle deine Sünden sind dir vergeben. Bleibe in mir und ich in dir, so wirst du ewige Ruhe und Trost die Fülle haben, und dein Herz wird sich deines Glaubens freuen. Ach! das war der seligste Augenblick meines Lebens. O! könnte ich dich, mein duldender Heiland, mein göttlicher, allbarmherziger Erlöser, noch einmal in meine Arme nehmen und an mein mit Dank und Liebe gegen Dich erfülltes Herz drücken, so wie Du mich! Aber meine Liebe ist viel zu schwach. Ach sie ist nur Ohnmacht gegen deine grenzenlose, allbarmherzige Liebe, o mein Erlöser! Du, meine Wonne! meine Hoffnung! mein Glaube! mein Glück! meine Liebe! meine Ruhe! meiner Seele selige Zufriedenheit! wie soll ich Dich genug lieben, loben, preisen und dir danken! Ach, Du wohnst ja nun in mir und ich in Dir; nichts kann mich von Dir scheiden; lebend und sterbend bin ich Dein. Diese Seelenruhe hast du mir hinterlassen, Möchte mir nun dein liebevoller Geist zu Hülfe kommen, um zu erforschen, was ich Ohnmächtiger noch Gutes stiften kann! Ach, ich werde nie aufhören, Deinen göttlichen Geist aus der Fülle meines Herzens anzuflehen, daß er mir Staub und Erde Deinen göttlichen Willen zu erkennen gebe. Du, mein blutender Erlöser, kennst meine schwache Hülle, Du legst mir gewiß keine zu schwere Last auf, Du hilfst sie mir auch tragen. Du hast mich durch das finstere Erdenleben bisher hindurch geführt, hast mich nicht in meinen Sünden abgerufen und in die ewige Höllen-Qual gestürzt, welches ich mit[16] allem Recht verdient hätte. Nein, Deine langmüthige, schonende Güte, Dein allbarmherziges, liebendes Herz, welches so flehend alle Sünder zur Bekehrung ruft, hat auch mich Sünder zur Buße und Reue gerufen und würdig gefunden. Diesen Trost hast Du mir in mein Dich kindlich-liebendes Herz gelegt, welches Dir nun mit Leib und Seele im Leben und im Tode ergeben ist. Du wirst mich auch ferner durch das irdische Leben an Deiner liebevollen Hand leiten, so lange ich hier noch seyn muß. Du hast meine Augen aufgethan, und mit Deiner himmlischen, göttlichen Liebe erleuchtet; Du hast mein sündhaftes Herz zur wahren Erkenntniß geführt. Ach Du, mein göttlicher, liebevoller Erlöser, willst ja nur ein reuevolles, auf richtig-liebendes Herz, den festen Glauben an Dich und Deinen Versöhnungs-Tod, daß wir Dich allein als den Einen wahren Gott erkennen und vertrauensvoll zu Dir beten, wie jener reuige Sünder, der, Dir zur Seite am Kreuz, mit festem Vertrauen ausrief: Herr, denke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst! Amazon.de Widgets Mit diesem Glauben und festem Vertrauen, voll ewig seliger Gewißheit, mit brünstigem Herzen habe ich denn heute noch den 19ten Juni zu seinem Liebes-Tisch mich genahet, und den wahren Leib und das Blut meines göttlichen Erlösers empfangen. Ach, wie liebevoll und freundlich hat Er mich eingeladen! Wie sanft und milde hat mich sein mitleidsvolles Auge angeblickt! O, ihr seligen, glücklichen Stunden meines Lebens, die ich jetzt so himmlisch, selig und glücklich in deiner liebevollen seligen Nähe durchlebe. O wie schauderhaft, wie schrecklich, wenn ich in den fürchterlichen Abgrund einen Rückblick thue, aus welchem Du, mein Erlöser, mich so himmlisch-milde und mit schonender Langmuth an Deiner liebevollen Hand herausgezogen und vom Sündenleben befreit hast. O, so nehmen auch Sie, gute Seele, meinen innigsten Dank! Ihr liebes, gutes, menschenfreundliches Herz, welches so liebevoll bereit ist, jeden Sünder vom Wege des Lasters, vom Abgrund des Verderbens zur Reue und Besserung zu führen, erkennt gewiß meine aufrichtige Reue, mein dankbar-liebendes Herz. O,[17] Ihr liebendes, christliches Herz empfindet gewiß meine unaussprechlich himmlische Wonne, meine Ruhe, mein Glück, meine göttlich-selige Seligkeit. Ach kommen Sie, mein guter Engel, den mir mein göttlicher Heiland in den Osterfeiertagen vor vier Jahren sandte, kommen Sie nicht wieder persönlich zu mir, so gern ich Sie auch nur sehe, denn erstens haben Sie zu viele und große Geschäfte, und zweitens möchte ich nicht vergessen und Ihnen um den Hals fallen und Sie küssen. Aber so innig bitte ich Sie um ein Paar Zeilen aus Ihrem liebenden Herzen, welches Sie mir nicht versagen werden. Darum bittet ganz liebevoll Ew. Wohlgeboren ganz unterthäniger Diener H. A. Busch Charité, den 20ten Juni 1828. Sie entschuldigen mich gewiß, mein Guter! daß ich so eng habe schreiben müssen; es fehlte mir an Papier, und ich will keinem gerne zur Last fallen. Ich habe jetzt eben noch einen Viertelbogen gekriegt, darum habe ich auch gleich diese leere Stelle benutzt. Du sah'st mein kindlich Sehnen, Mein Heiland, Jesu Christ, Du stilltest meine Thränen, Weil Du die Liebe bist. Du, Retter meiner Seele, Du sah'st mein weinend Herz, Wie ich mich ängstlich quäle, Da brach Dein liebend Herz. * * * Man sieht aus diesem Briefe, daß er seinen Heiland am Kreuze erblickt, in seine verdienstlichen, heilsamen Wunden tief hinein geschaut hat, daß ihm der heilige Geist, der Tröster, Jesum, den Gekreuzigten, in seinem zerknirschten Herzen verklärt hat, und da ist sein ganzes Herz wie Wachs von der Feuergluth geschmolzen und in lauter Liebe und Dankgefühl gegen Jesum und die Menschen aufgelöst worden. Er kann nicht Worte genug finden, seine Freude, seine Wonne und Seligkeit zu beschreiben, die er in der lebendigen Erkenntniß Jesu Christi, seines Heilandes, gefunden[18] hat. Mögen sich kalte, herzlose Menschen, die sich nie so sündhaft, nie so zerknirscht und darum auch nie so begnadigt fühlen, mögen sich solche immer an seinem Gefühl der Begnadigung ärgern, so thun sie nur, was jener Pharisäer auch that, der sich an der vielliebenden, gefühl- und dankvollen Sünderinn bei den Füßen Jesu ärgerte. Der Abstand seine jetzigen von seinem vorigen Leben, die Veränderung seines Sinnes und Herzens, aus seinem so rohen, gottlosen Verbrecher in einen so innigen, Christus-vollen Jünger Jesu, war zu groß, zu auffallend, zu beseligend, als daß er hätte kalt bleiben können. O möchten alle Sünder so umkehren, so sich verändern, so würde die Erde ein Paradies werden und die Menschen keine Zucht- und Strafhäuser mehr bedürfen. Mag immer sein Gefühl zu stark gewesen seyn, so hat ihn doch der gute Geist geleitet, und bis zu seines Lebens Ende im rechten Geleise erhalten, daß er nicht irrte, sondern auf ebener Bahn fortwandelte bis zum Ziel. Fußnoten 1 Da mag ihm wohl wiederfahren seyn, was die Alten in ihren Liedern so sehnlichst wünschten, und sich erbaten und auch wohl erhalten haben, wenn sie sangen: »Erscheine mir zum Schilde, Zum Trost in meinem Tod, Und laß mich sehn dein Bilde, In deiner Kreuzes-Noth!« 
 Achter Brief. [28] (An denselben Seelenfreund.)  Ich habe nur noch den sehnlichen Wunsch und das innige Verlangen, Ihnen, mein einziger Seelenfreund, meinen kindlichen Dank abzustatten, für all das Gute, welches Sie an einer armen unglücklichen, höchst verdorbenen, sündhaften Seele gethan haben. Was wäre ich ohne Ihren weisen, himmlischen Unterricht? Was wäre aus mir verruchten, höchst verdorbenen Menschen geworden? O Du, mein himmlisch-göttlicher, erbarmender Erlöser, Du sahest und siehest immer noch meinen kindlich-reuevollen Schmerz! Du sandtest mir einen göttlichen Engel, der mich den Weg der reinen, göttlichen Wahrheit erkennen lehrte, außer dem kein Mensch selig werden kann und wird. Du, mein göttlicher Erlöser! schenke mir bis zum letzten Athemzug meines irdischen Lebens, ein Dir ergebenes, dankbar-liebendes Herz. O ihr seligen Stunden meines irdischen, jetzt kranken, abgezehrten Lebens, wo ich Dich, mein liebevoller Erlöser, habe in seiner ganzen Liebes-Fülle kenne gelernt! ? ? O Du, mein Heiland! nimm mich in meiner letzten Scheidestunde in Deine allbarmherzigen Liebesarme zu Gnaden an! Erhöre Du, mein göttlicher Erlöser! meine schwachen, innigen Gebete, die ich reuevoller Sünder auf meinem Krankenlager zu Dir, Allbarmherziger, schicke! Erhöre mich Schwachen und vergieb meine schrecklichen großen Sünden nach Deiner allbarmherzigen, allumfassenden göttlichen Liebesgnade, wie Du es mir, Deinem reuevollen Kinde, mehr als einmal so liebevoll verheißen hast. O mein göttlicher Erlöser, du Wonne und Labsal meiner Seele, nimm Dich aller derer gnädig und barmherzig an, die ich in mein schwaches Gebet mit einschließe. Vergieb mir, mein Erlöser, wenn meine Schwäche mich oft verhindert, daß ich nicht so oft, wie sonst, mich mit Deinem göttlichen Worte beschäftige und mein inniges Gebet verrichte. Du, mein göttlicher Erlöser, kennst mich, Dein reuiges Kind. Ach da fallen mir die Worte ein, die Du in Deiner Marter und Todesangst zu Deinen Jüngern sprachst: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Du mein Heiland kennst mich, vergieb mir! Amen! Amen! ? Ich bin so schwach, lieber Freund! daß ich mich genöthiget sehe, bald zu schließen. Der Himmel erhalte Sie und alle die Ihrigen noch lange bei guter Gesundheit. Der göttliche Segen begleite und beglücke Sie noch ferner für das Wohl der unglücklichen Menschheit, daß Sie die verirrten Schaafe, so wie ich, auf die göttliche Weide, zur Liebe aller Liebe führen. Nun, mein guter, beglückender Seelen-Retter! so wird denn ihr liebes Kind bald von hier scheiden; aber meine Seele bleibt der Ihrigen immer nahe. Grüßen Sie vielmal Ihre gute liebe Schwester. Gott segne und erhalte Sie; dort sehen wir uns wieder. Mein sehnlichster Wunsch ist, sobald als mein Erlöser es für gut findet, bald, bald bei Ihm zu seyn, in seinen himmlischen, göttlichen, erbarmungsvollen Liebesarmen; Sein Wille geschehe![29] So richte ich mich denn mit meiner letzten Bitte an Ihr christlich-liebendes Herz. Nehmen Sie sich, so viel in Ihren Kräften steht, nun das Wohl der Seele meines Bruders an. Sie empfangen nach meinem Tode von dem Hausvater sämmtliche Bücher, die ich aus Ihrer liebevollen Hand erhalten habe ..... ? O mein guter Seelsorger und Freund! dürfe ich Sie wohl ergebenst bitten um ein Stück Unterbette. Ich habe vielleicht noch wenige oder gar keinen Tag mehr zu leben, und mein abgezehrter Körper ist so sehr vom Fleische gefallen, daß ich meine Hüfte auf dem Strohsack durchgelegen habe; und dieser Schmerz verhindert mich oft, zu meinem göttlichen Erlöser zu beten. Sein und Ihr Wille geschehe! Amen! Amen! Bitten auch Sie, mein Lieber, für Ihr sündhaftes Kind. A. Busch. Charité, Amazon.de Widgets den 4ten und 5ten April 1829. 
 Vierter Brief. [21] (An seinen Bruder.) Lieber Bruder!  Deinen Brief, den Du mir vor ohngefähr 7 Monat geschrieben hast, habe ich erhalten. Du schreibst mir, daß Du Dich, Gott sey Dank, einer guten Gesundheit zu erfreuen hättest, wofür Du Gott nicht genug danken könntest, da, wenn Du mal deine Freiheit bekommen thätest, Dir doch weiter nichts übrig bliebe, als daß Du[21] Dich von Deiner Hände Arbeit ernähren müßtest; ein sehr schöner Gedanke, wenn er aus gutem Herzen kommt. Aber weißt Du wohl, was unser göttlicher Heiland spricht? »Ein guter Baum bringet gute Früchte, aber ein fauler Baum bringet arge Früchte. Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen;« folglich kann aus einem bösen Herzen nichts gutes kommen. Sey nicht böse, mein Bruder, wenn ich Dir über diese beiden Punkte, die Du mir geschrieben hast, auch meine wohlgemeinte Herzens-Gesinnung sage. Was Deinen äußerlichen Körperbau anbetrifft, so freut es auch mich, daß derselbe gesund ist; aber nun lege Dir mal die höchst wichtige Frage ernstlich an Dein, in Grund verdorbenes, sündhaftes Herz: Wie steht es mit meinem inneren Seelen-Zustand? O Wilhelm! wenn Du irgend noch ein Fünkchen Gefühl und Gewissen in Dir hast und der Wahrheit Gehör giebst, ach! dann wirst Du finden, wie schrecklich tief Du gesunken bist und an dem Abgrund der ewigen Verdammniß stehst; und vielleicht morgen, ja in dieser Nacht fordert Gott schon Deine Seele von Dir, die er Dir bei Entstehung Deines Daseyns einhauchte. O, mein Bruder! wie wirst Du alsdann bestehen, wenn Du vor Gottes Richterstuhl stehen wirst, wo kein Läugnen, wie beim weltlichen Richter, hilft, wo es heißen wird: Gehet hin, ihr Verfluchten! in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln. O! wie schrecklich, Wilhelm, wie schauderhaft schrecklich ist der Tag der Rechenschaft für einen unbekehrten Sünder! Ich sage Dir, Wilhelm, wenn Du irgend noch ein Fünkchen Gefühl und Gewissen hast, dann wirst Du bald empfinden, wie krank, wie sehr Du schon hier auf dieser Welt todt-krank oder gar lebendig-todt bist. Du sagst, daß du Gott nicht genug danken kannst. Mein Bruder! Du bist zu bedauern, Du sprichst und schreibst da was hin, ohne daß Dein Herz das mindeste dabei empfindet. Wie willst Du mit Deinem, mit Sünden beladenem Herzen Gott danken können? Wenn Du mit einem solchen Herzen nur den Namen »Gott« aussprichst, so häufst Du noch mehr Sünden auf Dich. Bitten, ja flehen und[22] bitten kannst Du unsern Mittler und Erlöser, unsern Herrn und Heiland Jesum Christ, daß er Dir Dein verstocktes, mit schweren Sünden beladenes Herz erleuchte, aber danken kann Dein mit Sünden beladenes Herz nicht. Ach! wie sanft und liebevoll ruft er dem Sünder so flehend und mitleidsvoll zu: Kommt her zu mir, die Ihr mühselig und beladen seyd, ich will Euch erquicken, nehmt auf Euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmüthig und von Herzen demüthig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. O! möchte Er dich auch erquicken. Ich weiß, mein Bruder, daß Du bei meinem Daseyn auf dem Lazareth oft in der Bibel gelesen hast, wo ich Dir selbst oft Verweise darüber gegeben habe. Du, mein göttlicher Erlöser, vergieb, vergieb Deinem sündhaften Kinde die schweren Sünden, die ich mir dadurch zugezogen habe. Ach! was habe ich dafür gebüßt, was habe ich leiden müssen, wie hat mein armes Herz Tag und Nacht gerungen und gekämpft! Ach! mein Bruder, wüßtest Du, was ich gelitten habe! Aber wüßtest Du auch, welche himmlische, glückliche Ruhe, welche Seelen-selige Zufriedenheit mir auch jetzt zu Theil geworden ist. Ach! hättest Du nur ein bischen Vorgeschmack von der himmlischen Seelen-Speise. O! es sind die glücklichsten Tage meines irdischen Daseyns, die ich hier noch seyn muß. O! mit freudetrunkenem, ruhigem Herzen und Zufriedenheit der Seele, sehnt sich mein Geist nach dem Ziele seiner Bestimmung. Da ich also weiß, daß Du so gern lesen thust, so folge mal deinem Bruder, und lies nicht so rasch und viel, wie Du zu thun pflegst, lies eine ganze Stunde. Du brauchst noch länger zu einem Kapitel, wenn du jedes Wort, den Sinn und Gefühl richtig verstehen willst, jedes Wort und jeden Satz mit fraglichem, fühlendem Nachdenken, in der Leidens- und Sterbe-Geschichte unseres göttlichen Herrn und Heilandes Jesu Christi. Lies im Evangelist Johannes das 17te und 18te Kapitel, und im Evangelist Lucas das 22te und 23te Kapitel; und Du, mein göttlicher Heiland, mein liebevoller, erbarmender Erlöser, Du Brunnquell aller Gaben,[23] sieh auf uns sündhafte, unwürdige Geschöpfe, erleuchte und erwärme sein kaltes Herz mit Deiner himmlischen, göttlichen Liebe, daß er einsehen lernt, wie schrecklich und gefährlich krank seine auf ewig verlorne arme Seele ist. Nun, mein lieber Bruder, diese große Veränderung meiner Seele war der Umstand, daß ich Dir noch nicht geantwortet habe; denn ich lebte und lebte auch nicht, ich habe nicht allein Dich, sondern alles, alles um mich her vergessen, und mich allein mit meinem, nur einzigen himmlischen Heiland und göttlichen, liebevollen Erlöser unterhalten; und das mußt Du auch, Du mußt Dich aus dem Strudel der Welt und von aller Deiner Kameradschaft losreißen, und nur einzig und allein an Dein Seelenheil denken. Thue das, mein Bruder, ja mein lieber Bruder, thue das bald, wenn ich Dich ferner noch als meinen Bruder anerkennen soll. Vielleicht wird morgen schon Deine arme Seele von Dir gesordert, und Du stirbst in Sünden dahin; und dann sind wir auf ewig getrennt. Bedenke, mein lieber Bruder, wie schrecklich es seyn muß, wie unaussprechlich schrecklich, als ein solcher großer, schwerer Sünder vor dem Richterstuhle Gottes zu erscheinen. Amazon.de Widgets Nun, mein lieber Bruder! was meine Gesundheit anbetrifft, so befinde ich mich, Gott sey Dank! so wohl, wie ich mich in einer Reihe von Jahren meiner Krankheit noch nicht befunden habe. Ein freudiger, himmlischer, hoffnungsvoller Geist, ein Herz und Seele voll Ruhe und Zufriedenheit; ja ich habe alles in Allem, ich habe die Vergebung meiner schrecklichen, abscheulichen Sünden, habe die freudige Versicherung meines göttlichen Versöhners, meines himmlischen Erlösers Jesu Christi, daß ich einst bei Ihm selig werde und ewig der Seine bin. O! so segne Du, mein göttlicher Heiland und Erlöser, diese meine kindlichen Bitten, und belebe Sein Herz mit Deiner himmlischen Liebe. Du weißt am besten das arme, kalte, gefühllose Herz mit Deiner außerordentlichen Liebe zu erwärmen, und aus seinem tiefen Sündenschlaf und Strudel der Verdammniß zu wecken. Amen! Dein Dich liebender Bruder H. A. Busch. Charité, den 1sten August 1828.[24] * * * Wenn das Reich Gottes, der Himmel, die Freude aus Gott und die wahre Seligkeit, die aus dem lebendigen Glauben kommt, in einem Herzen eingekehrt sind, wenn das Herz wahrhaftig erfüllt ist mit der Liebe, die von oben kommt; so will ein solch begnadigtes Herz gleich auch andere, besonders solche, die ihm näher stehen, selig wissen. Man möchte alles selig machen können, und darum will man Andere zu der Quelle des Heils weisen, aus der man selbst solche Seligkeit geschöpft hat und täglich schöpft. Voll war Busch von himmlischer Freude des Glaubens, überschwenglich gesegnet in seinem Heiland. Erfüllt war an ihm: wer an mich glaubt, von dessen Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen. Darum wollte er auch seinen Bruder davon trinken lassen und ihn damit besprengen. Was in aller Welt kann einen armen Sünder, einen rohen Verbrecher, einen ganz ungebildeten, verzogenen, versunkenen Menschen, wie Busch vor seiner Bekehrung war, so verändern, so selig, so überschwenglich reich an Gnade, Licht, Kraft und Heil machen, wie er nach seiner Umwandlung war und sich in diesen Briefen ausspricht? Was ist, will ich fragen, dem Glauben an Christus gleich? Was vermag so viel als unser Evangelium Jesu Christi? Wahrlich es ist eine Kraft Gottes, selig, überschwenglich selig und reich zu machen alle, die daran glauben. 
 Siebenter Brief. [27] (An Denselben.)  Gottes reicher Segen beglücke Sie bei Durchlesung dieser Zeilen. Wie kann und werde ich meinem Gott und Heiland Jesu Christo, meinem erbarmungsvollen Erlöser, genug danken und ihn genug loben können, für all das Gute und die Liebe, womit Er bisher meine Unwürdigkeit voll Gnade und Erbarmen erfreut hat. Wo nehme ich schwacher Staub und Asche, wo nehme ich abscheulicher großer Sünder, der ich unter allen Sündern der größte bin, der ich nicht werth bin, mein Auge zu ihm dankend aufzuheben, wo nehme ich Worte her, Ihn dankbar genug zu preisen und Ihn zu loben? Du mein Heiland hast mein schwaches Gebet erhört, Du hast mich Staub und Nichts mit Deiner göttlichen Gnade liebend im Staube erhört. Du mein süßer Erlöser hast meine schwachen Seufzer gehört. Ach so hört und lernt alle, die ihr nicht mehr beten könnt, denen es unbekannt ist, mit ihrem Heiland sich zu unterhalten, lernt von einem unwürdigen großen Sünder, der ich mit allem Recht sage, daß ich nicht werth bin, daß er mich noch leben und eine Zeit zur Buße läßt, hört also von mir, ich bitte und flehe euch, daß ein aufrichtiger, reuiger, inniger Seufzer, wenn derselbe aus einem liebevollen Herzen zu unserm Gott und Heiland aufsteigt, gnädiglich von Ihm angenommen und erhört wird. So, mein guter, rettender, christlicher Seelenfreund, so habe ich auch ohne Unterlaß zu Ihm, meinem liebevollen Erlöser, um Erbarmung und Vergebung meiner Sünden gebeten, daß wenn es sein göttlicher Wille wäre, Er mich von dieser traurigen elenden Welt sollte zu sich nehmen. Ich weinte und flehte, ich bat ihn mit kindlich-liebendem Herzen,[27] so lange es mein schwacher Geist erlaubte. So habe ich einige Tage nach Ihrem lieben Besuch die schrecklichsten Leiden erfahren, ohne Besinnung und Bewußtseyn, mit reißenden Schmerzen im Kopf zugebracht, ich konnte nichts als einen schwachen Seufzer, unter diesen meinen Leiden, zu meinem Erlöser schicken, um mich von meinen wohlverdienten Erdenleiden zu befreien, und zu sich zu nehmen. Das geschah nicht, wer weiß, wie viel mir mein Gott noch Leiden aufbewahrt hat; denn ich bin ja ein großer Sünder und leide nicht zu viel. Alles, alles habe ich wohl mehr als zehnfach verdient. Ich leite ja willig, mein göttlicher Heiland, Dein göttlicher Wille geschehe! Du legst mir nicht zu viel auf. Du hilfst mir auch tragen. Ach so seufzte ich und flehte ich um meinen Verstand und um Linderung meiner Schmerzen, daß ich ihn, meinen göttlichen Erlöser, wieder anbeten, loben und danken könnte. O Er, mein allbarmherziger, gnädiger Erlöser, erhört das Seufzen seiner Kinder, wenn sie sich mit wahrem Glauben, reuevoll zu Ihm wenden und bekehren. So hat er auch meine flehenden Seufzer gnädig erhört und mir seit zwölf Tagen nun wieder meinen Verstand gegeben, daß ich wieder dankbar mit meinem Herzen zu Ihm, meinem göttlichen Erlöser, mein Gebet verrichten kann. Freilich leide ich noch immer viele Schmerzen an meinem Kopf, aber ich behalte doch nun meinen Verstand. So hat Er meine Seufzer erhört und gnädig angenommen. Vergieb, vergieb mein göttlicher Heiland und Erlöser, deinem sündhaften Kinde, welches sich in Deinen göttlichen Willen kindlich ergiebt, vertrauungsvoll zu dir bittend fleht: Gott, wie Du willst, so schick's mit mir, im Leben und im Sterben. Zu Dir allein steht mein Begier, Herr, laß mich nicht verderben ..... ? A. Busch. Charité, Amazon.de Widgets den 13ten Februar 1829. 
 Seine letzten Zeilen. [30] Wohlgeborner Herr!  Nehmen und betrachten sie mich als einen reuevollen begnadigten Sünder, wenn Sie diese meine letzten Zeilen lesen. O Er hat mich ganz als sein Kind angenommen, der göttliche, allliebende und liebevolle Erlöser. Er erhalte Sie, Ihre liebe Schwester und alle die Ihrigen noch lange bei guter Gesundheit für das Wohl der Menschheit. Nun ist meine Bitte noch diese für den guten christlichen Menschenfreund, der mir so treulich und liebevoll meine Lage, so viel als er konnte, erleichtert hat. Dieser, Namens P ...., der in meiner Stube liegt, den Sie schon einigemal beschenkt haben; bitte, bitte, ihn zu bedenken. Grüßen Sie meinen Bruder! Dort, mein lieber Seelen-Retter! sehen wir uns wieder. A. Busch. Charité, den 6ten Juni 1829. * * * Das war sein Letztes und am folgenden Morgen starb er. Man weiß keine Aeußerungen mehr von ihm, er lag immer stille da, und auf einmal flog schnell sein Geist davon, in die Hände dessen, der ihn aus lauter Gnade, wie einen Brand aus dem Feuer, gerettet, und mit seiner heiligen Liebe erfüllt hat. Jeder, der da gelesen hat, muß bekennen: wahrhaftig, hier, wo die Sünde mächtig war, ist die Gnade noch viel mächtiger geworden. Wahrhaftig, wird ein Anderer sagen: dem wurde viel vergeben, darum liebte er so viel. Jeder muß da anbeten, loben und preisen unsern Erbarmer, durch dessen Gnade aus einem Straßen-Jungen, aus einem Verbrecher und Uebelthäter, der sein Leben unter den schlechtesten, abgefeimtesten Menschen, in Zuchthäusern zugebracht hat, ein solch brünstig liebender[30] und erleuchteter Christ geworden ist. Wie wenig Hülfsmittel standen ihm zu Gebot! wie allein und verlassen war er größtentheils! Ja welches Hindernisse, Aergernisse, Widersprüche und Anfechtungen, die theils aus allen seinen Umgebungen, theils aus seiner früheren Lebensart hervor gingen, hatte er zu überwinden. Wie selten wurde ihm ein christlicher Umgang und Zuspruch zu Theil: und doch wie voll ist sein Herz, wie überströmt sein Mund, wie gesalbt seine Feder, wie dankbar, wie demüthig, wie herzlich sein ganzes Wesen. Nun lieber Leser! denk an Dich, und vergleiche Dich und Deine Lage mit ihm und mit seiner Lage. Was hat Gott schon an Dir gethan? Welche Gnaden, welche Gelegenheiten, welche Hülfsmittel, welche Aufforderungen, welche Gaben hat Er schon an dich gewandt? Gewiß tausendmal mehr als Er diesem brennenden Busch zu Theil werden ließ. Ein kleines Fünklein, das ihm nahe kam, hat ihn gleich so entzündet, und zu einer auflodernden und hell leuchtenden Flamme gemacht und so erhalten, bis an sein Ende. Wo ist das Feuer Deiner Liebe? Wo die Früchte der Gnaden und Gaben, die Gott Dir mitgetheilt hat? Wie hart, wie beschwerlich hatte es sein äußerer und innerer Mensch, fast immer in Zuchthäusern unter Züchtlingen und Verbrechern, und die letzten Jahre ununterbrochen im Krankenhause, meistens unter Gott lästernden, ruchlosen Menschen zu leben. Und doch welche Kindlichkeit, Zufriedenheit Freudigkeit, Dankbarkeit, welch ein liebliches Licht der Gnade strahlt aus allein seinen Aeußerungen! Es sage ja keiner mehr: In meiner Lage, in meinen Umgebungen kann ich nicht besser werden. Du könntest wohl, aber du willst nicht. Konnte es dieser, warum du nicht? Deine Lage und Umgebung ist gewiß tausendmal besser. Und wäre sie tausendmal schlechter, so ist doch bei Gott kein Ding unmöglich: Gott kann an dir noch viel mehr thun, als Er an diesem lieblich-brennenden und leuchtenden Busch gethan hat. Er war ein stachlicher verderblicher Dornbusch, und was hat der Herr und sein Geist aus ihm gemacht! und unter welchen Umständen, in welcher Lage! an welchen Orten! Sollte Er an dir und aus dir nichts machen können? Da Er dich in eine viel bessere und günstigere Lage versetzt, und dir viel mehr Mittel und Gelegenheit zum Guten verschafft hat? Geh hin, du kalte, laue, träge Seele, du erloschene Kohle, und wärme dich an diesem glühenden Busch; aus welchem der Herr zu dir spricht und dich auffordert, Ihm dein ganzes Herz auch so kindlich hinzugeben, auch so zuversichtlich auf deinen Heiland zu vertrauen, Vergebung und Gnade von Ihm zu nehmen, und in immer neuer Liebe mit Ihm und in Ihm zu wandeln. Amazon.de Widgets Man muß bei diesem Busch bekennen: es ist noch immer Gottes Weise, zu erwählen, was da nichts ist, auf daß Er zu Schanden mache, was etwas ist, zu erwählen, was thöricht, schwach und verachtet ist vor der Welt, Straßen-Jungen, Zuchthäusler, Herumtreiber, Diebe und Verbrecher, auf daß Er zu Schanden mache die Weisen, die Gebildeten, die Starken und alles, was hoch und gepriesen ist vor der Welt, auf daß sich vor ihm kein Fleisch rühme. 1 Cor. 1, 26?29. Der liebe Busch hat in seiner Jugend wenig[31] oder gar nichts Gutes gesehen und gehört, da er sich nur auf den Gassen umhergetrieben hat. Nur daran erinnerte er sich noch, daß ihm seine Mutter, die in ihrer Art fromm war, öfter zum Gebet ermahnte, ihn auch Gebetformeln lehrte, die er auch manchmal gesprochen hat, aber das eigentliche, wahre Gebet kannte er doch gar nicht. Wie es hernach mit ihm ward, da er in den Dienst trat, hat er aufrichtig erzählt, daß keine Spur des Guten an ihm wahrzunehmen war. Und doch hat ihn Gott erwählt, einen brennenden, glühenden, sanft und lieblich-leuchtenden Busch aus ihm zu machen, an dem sich nun durch seine Briefe, die ihm die lichthelleste und wärmste Liebe eingegeben hat, viele wärmen und spiegeln, und etwa ihr erloschenes Licht wieder anstecken können. Auch ist an ihm wieder die alte Wahrheit neu geworden: daß Gott durch viele Trübsal ins Reich Gottes führt, und den Glauben, wie das Gold im Feuer prüft und bewährt, oder durch heiße Leiden vollendet alle die, welche Er berufen hat zu seinem himmlischen Reiche und zu seiner ewigen Seligkeit. Er ist es aber auch, der Kraft giebt den Müden und Stärke genug den Unvermögenden, daß sie auffliegen mit Flügeln, wie die Ädler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden. Jes. 40, 29. Ihm sey alle Ehre und Lob und Preis, Anbetung und Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen![32] 
 Erster Brief. [3] Wohlgeborner Herr! Hochzuverehrender Herr!  Ich, einer der größten Sünder und schwersten Verbrecher, der ich nicht werth bin, daß mich Gottes Erde trägt, wage es, an Sie zu schreiben. Wie hat sich mein Herz darnach gesehnt, wie oft habe ich Sie in mein stilles Gebet zu meinem göttlichen Erlöser am Abende mit eingeschlossen, um zu erfahren, wie sie heißen,[3] und wem ich es zu verdanken habe, daß ich wieder ein Mensch bin. Ach! mein Dank ist zu schwach und mein Geist ist noch schwächer, um Ihnen diese meine Dankgefühle darzubringen, die ich Ihnen schuldig bin. Mein Heiland hat meine Bitten erhört, die ich auf meinem Krankenlager mit reuigem Herzen zu ihm geschickt habe. Er hat mein Leben erhalten. Ich habe Sie wieder gesehen. O! wissen Sie, was Sie an meiner Seele gethan haben. Nun so hören Sie. Ich heiße Heinrich Adolph Busch, aus Berlin gebürtig, 38 Jahre alt, meine Eltern sind mir gestorben im Jahre 1805. Ich lebte unter schlechter Aufsicht. Als die Franzosen 1806 nach Berlin kamen, ging ich als Bedienter mit einem Rittmeister, Namens R., aus Berlin. Er war ein ruchloser Wollüstling, dem kein Opfer zu schwer war, wenn er nur seine Leidenschaft befriedigen konnte. Aber Gott konnte seine Greuelthaten nicht länger mit ansehen; er blieb in der Schlacht bei Preußisch Eylau. Ich suchte nun wieder einen andern Herrn, den ich auch bald fand. So bin ich bis zum Jahre 1815 bei vier verschiedenen Herren gewesen, von denen Einer so ruchlos war als der Andre, und Einer so wenig an Gott und Vergeltung glaubte als der Andre. Welch ein schrecklicher Sünder, welcher verruchte Bösewicht ich unter diesen Menschen wurde, ach! das ist nur Gott bekannt, an den ich dazumal eben so wenig glaubte, als meine Herren, denen ich diente. Als ein solcher leichtsinniger, bösartiger Mensch kam ich im Jahre 1816 nach Berlin. Hier lebte ich eben so ohne alle Religion, als ein grundverdorbener Mensch fort. Meine Glückseligkeit war nur, Fressen, Saufen, Huren, Tanzen, Spielen; so wie ich es bei meinen Herren gelernt hatte. Um aber dieses Leben fortsetzen zu können, dazu gehörte Geld. Das, was ich mitgebracht hatte, war bald alle. Ich lernte hier einen eben so verruchten Menschen kennen, als ich selbst war, Namens Z. Wir wurden bald einig; und nun wurde ein Dieb; wovon ich bis jetzt, trotz aller meiner Lasterhaftigkeit, frei geblieben war. Wir wurden gleich das erstemal gekriegt, kamen[4] in Arrest. Trotz all meinem Leugnen und Streiten, wurde ich sowohl als Z. mit zwei Jahren Zuchthausstrafe belegt. Der Richter mußte es mir wohl an der Stirn ablesen, daß ich Antheil an dem Diebstahl genommen hatte. Die zwei Jahre Strafzeit waren um, ich erhielt nun meine Freiheit wieder, ohne ein besserer Mensch geworden zu seyn. Ich stahl noch einmal, wurde wieder dabei ertappt, kam wieder in Arrest, wurde mit drei Jahr Zuchthausstrafe nach Spandau verurtheilt. Allein in diesen drei Jahren kam ich doch etwas zum Nachdenken. Nämlich, ich hatte in meinem letzten Strafjahre auf dem Schlafsaale, wo ich schlief, dicht neben mir einen schon etwas ältlichen Mann zum Nachbar, der alle Abend, wenn wir uns schlafen legten, im Stillen sein Gebet verrichtete. Er weinte auch oft; er legte sich aber gewöhnlich auf den Bauch, und verbarg sein Gesicht so, daß es keiner so leicht merken konnte; welches er darum that, um nicht von andern ausgelacht und verhöhnt zu werden. Allein er sprach manchmal doch so laut und seufzte dabei so stark, daß ich mich beleidigt fühlte. Ich stieß ihn an, und fragte ihn, was er denn immer zu brummen hätte; ich wäre müde und wollte schlafen. Ich stieß ihn auch manchmal sehr unsanft; ich glaubte, er thue es im Schlafe. Als ich ihn nun einmal so gröblich in seiner Andacht gestört hatte, da wandte er sich um, sah mich mit thränenden Augen an und sagte, ich sollte ihn doch nicht so gröblich stoßen, es wäre sein Wille nicht, mich im Schlafe zu stören, er vergesse sich aber manchmal und spreche so laut; es geschehe ja ganz wider seinen Willen. ? Ich sah, wie ihm die Thränen von den Backen liefen, und die Sanftheit, mit welcher er mich ansprach, besänftigte mich. Ich sagte: Was in aller Welt, was fehlt dir denn? du weinst ja. So hart habe ich dich ja doch nicht gestoßen. Nein, sprach er, das hast du nicht. Da entstand zwischen uns beiden ein Gespräch und nun hörte ich, daß er beten thue. Ich fluchte ihm, hieß ihn einen alten Sünder und einen Heuchler und lachte ihn aus, und machte ihn auch noch bei andern zum Spott und Gelächter. Er trug dies mit Geduld, ohne sich bei den Vorgesetzten über[5] mich zu beklagen; sonst wäre es mir wohl schlecht gegangen. Da ich es nicht unterließ, seiner zu spotten, so wandte er sich mal im Vertrauen zu mir und bat mich, ihn doch nicht immer so auszufluchen. Er that dies mit weinenden Augen. Dies rührte mich so sehr, daß ich ihm das feste Versprechen gab, nie wieder Störer seiner Andacht zu sein. Ich habe treu mein Wort gehalten, und wir wurden vertraute Freunde zusammen.1 Er erzählte mir mit einem solchen reuigen Gemüthe seine schweren Verbrechen und schwarzen Sünden, daß mich schauderte dabei. Es würde hier zu lange dauern, wenn ich Ihnen alles berichte sollte, wie in diesem großen Sünder eine solche Gemüths-Veränderung vorgegangen ist. Genug wir wurden Freunde. Hier machte ich den ersten Rückblick auf meinen bisherigen Lebenswandel. Ich wollte nun auch des Abends beten;2 aber es ging nicht. Kaum konnte ich das Vaterunser im Stillen beten, so kamen mir während der Zeit des Betens lauter schändliche, nichtswürdige, spöttische Gedanken in den Kopf, so daß ich selbst über mich lachte. Gott! wie weit war es doch mit mir gekommen! Der Teufel, der meine arme Seele in seiner Gewalt hatte, hatte mich so fest umstrickt, daß er mich, wie an Ketten geschmiedet, fest hielt. Dir, o mein göttlicher Erlöser! Dir allein ist es bewußt, wie ich gekämpft habe! ? Doch nein, ich habe ihn, den Feind, nicht bekämpft, sondern Du hast für mich gekämpft. Ach, ich war zu ohnmächtig, diese gewaltigen Ketten zu sprengen, die mich gefesselt hielten. Ach ich möchte Dir, mein göttlicher Erlöser,[6] zu Füßen fallen, ich möchte dich umarmen, an mein Herz drücken und küssen, Dich meine Sonne, mein Himmel und meine Ruhe. Du hast mir aufs Neue ein Leben gegeben, welches ich mit keinem Königreiche vertausche, ob ich gleich krank und schwach bin. Ach so schwach und elend hat mich Deine weise Güte gemacht, die ich mit Dank erkenne. Wäre ich noch ein gesunder, starker, robuster Mann, so wäre ich auch gewiß ein eben so böser, wilder, ruchloser Sünder. Doch ich komme ganz von meiner weiteren Mittheilung ab. Ich kam nach drei Jahren wieder frei, mit dem festen Vorsatz, ein besserer Mensch zu werden. Ich war schon etwas kränklich, als ich frei ward. Da ich kein Geld hatte, verkaufte ich eins von meinen Hemden, ging in eine Schlafstelle und bemühete mich gleich um einen Dienst. Allein es hielt schwer. Denn erstens hatte ich kein Attest; zweitens stand ich unter polizeilicher Aufsicht; drittens bekam ich einen so starken Husten, daß ich schon wegen meiner Schwächlichkeit die Arbeit aufgeben mußte; denn ich war in Arbeit bei einem Lohgerber, wurde aber so krank, daß ich in die Charité gehen mußte, wo ich noch zu rechter Zeit ankam; denn ich erfuhr da, daß ich die Lungenentzündung hätte. Ich hustete viel Blut aus; wurde aber durch gute ärztliche Behandlung in 5 Wochen hergestellt. Allein ich behielt doch eine große Schwäche, und der Husten wollte mich nicht verlassen. Daher konnte ich bei meinem besten Willen keiner schweren Arbeit vorstehen und keinen Pfennig Geld verdienen. Ich verließ also heimlich meine Schlafstelle, nachdem ich 4 Tage dort war, weil ich kein Geld zu bezahlen hatte. Mein Bette mußte ich nun mit der Erde verwechseln, vor dem Thore, wo ich 4 Nächte zubrachte. Bei diesem Herumtreiben traf ich einige Bekannte, die ich theils bei meiner Untersuchung, theils im Zuchthause kennen gelernt hatte. Sie fragten mich, was mir fehle, ich sehe ja so elend aus. Ich sagte ihnen meine traurige Lage. Sie schenkten mir 16 Groschen und sagten mir zugleich, sie wollten mir etwas zu verdienen geben, wenn ich ihnen auf den Abend ein Packet tragen wollte. ? (Welch eine Schlinge!). ? Ich[7] versprach es und stellte mich an den Ort, wohin sie mich bestellt hatten. Daß sie das gestohlen hatten, was sie mir gaben, sah ich wohl, allein ich fragte sie nicht darnach, und sie sagten mir nichts und gaben mir 12 Groschen. Einer hieß P ...., der andere N .... und ein dritter E ...... Ich und die beiden ersteren wurden arretirt, weil ich ihnen etwas tragen half. Ob ich nun gleich nicht mit gestohlen hatte, so war ich eben so sehr schuldig und ein Verbrecher, wie sie, weil ich ihnen das gestohlene Gut habe tragen helfen. So saß ich in dieser Untersuchung (diese vergangene Ostern (1828) sind es 4 Jahre gewesen) im Criminal-Gefängnisse zu Berlin Nr. 37., als ich Sie zum erstenmale sah, wenn Sie es sich nach meiner Beschreibung, wie ich gewiß glaube, erinnern können. Sie kamen nämlich mit dem damaligen Ober-Inspector am Oster-Feiertag in das Gefängniß; ich las bei Ihrem Eintritt im neuen Testamente. Einer mit Nahmen J ....... stand mitten im Gefängniß, Sie gingen an ihn an und fragten ihn, was er gemacht habe, er schlug die Augen nieder, weinte und sagte: er hätte nichts gemacht, er sitze schon so lange unschuldig und habe Frau und Kinder. Sie wandten sich hierauf um und sprachen mit dem Ober-Inspector höchstens zwei Worte, wandten sich wieder zu J ....... und sagten: Heuchler! es ist kein größerer Verbrecher als Er. Er sollte in sich gehen und mit reumüthigem Herzen dem Richter die Wahrheit sagen, sollte bedenken, wie höchst unglücklich er sich und seine Familie gemacht habe, so wie andere Menschen durch die Meineide, die er geschworen. Er ist zeitlich und ewig bei Gott verloren. Wie! wenn Gott ihn diese Nacht noch abruft, wenn er den morgenden Tag nicht erlebt, wenn er als ein unbekehrter Sünder vor Gottes Richterstuhl gefordert wird, dem nichts verborgen ist, der in das Innere sieht; wie schrecklich und qualvoll wird sein Loos seyn! Hierauf nahmen Sie ein Gesangbuch, welches bei mir auf einem Schemel lag, und schlugen das Lied auf: Amazon.de Widgets Herr, ich habe mißgehandelt, Ja mich drückt der Sünden Last,[8] Ich bin nicht den Weg gewandelt, Den Du mir gezeiget hast, Und ich möchte gern vor Schrecken, Mich vor deinem Zorn verstecken. Diesen Vers haben Sie selbst laut vorgelesen. Hierauf wandten Sie sich an mich und sahen mir scharf ins Auge, fragten mich, ob ich fleißig in dem Buche lese, ob ich auch verstehe, was ich lese. Ich bejahete es. Nun, sagten Sie, denn sollte ich nur weiter lesen und meine Verbrechen ernstlich bereuen und mich demuthsvoll an meinen göttlichen Erlöser wenden. Sie verließen darauf das Gefängniß, und ich konnte die erste Viertelstunde gar nicht wieder zur Besinnung kommen, bis mich einer meiner Mitgefangenen auf die Schulter stieß und mich fragte: wer Sie wären. Dieser Mensch war erst vor 2 Tagen in Arrest gekommen und hatte noch nie gesessen, und glaubte, weil ich schon so lange saß, daß ich Sie kennen würde. Aber ich sagte zu ihm, und das mit schwerem Herzen: das weiß ich selbst nicht. So war mein Herz noch nie ergriffen, von Reue und Gewissens-Bissen, womit sich meine Seele quälte. So haben mich Ihre durchdringenden Worte erschüttert. O das war der glücklichste Augenblick meiner Bekehrung. Nie, nie werde ich diesen Augenblick, was Sie da an meiner Seele gethan haben, vergessen. Ich hielt das Buch noch immer offen in meiner Hand. Jetzt las ich erst weiter, und je weiter ich las, je mehr wurde mein hartes, kaltes Herz erweicht. J ....... ging im Gefängnisse herum wie ein Verwirrter, er hielt Sie, wie ich, für einen Prediger, weil keiner von uns allen Vieren Sie kannte. J ....... besann sich wieder und sagte: Ein Geistlicher kann er doch nicht seyn; er muß eine Gerichts-Person seyn, wie wüßte er sonst meine ganze Sache. Nun erfuhr ich erst von diesem verschmitzten Menschen, daß er zu der Sch ...schen Untersuchung gehörte. Er unterhielt sich oft mit mir von seiner Sache, gestand mir mehrere seiner Verbrechen, frug mich, ob es wohl besser für ihn ausfallen würde, wenn er dem Richter alles eingestände. Allerdings, sagte ich, und sprach ihm guten[9] Muth ein.3 Da ich es so gern hätten wissen mögen, wer Sie wären und wie Sie heißen, so fragte ich den Herrn Ober-Inspector darnach; allein er antwortete mir ganz kurz: was ich darnach zu fragen hätte. So habe ich auch mehrere Schließer gefragt; aber alles war vergebens. Welchen tiefen Eindruck Sie in ihrer göttlichen Ermahnung auf mich schweren Sünder gemacht haben, bin ich nicht vermögend, hier zu beschreiben; sonst müßte ich noch zwei Bogen Papier haben, und die habe ich nicht. Diese zwei habe ich von zwei Personen geschenkt bekommen. Ich würde Ihnen auch zu langweilig werden, weil Sie Ihre große Geschäfte haben. Ich fasse daher alles so kurz wie möglich. Ich wurde von hier (Berlin) nach Spandau ohne Erkenntniß abgeführt, und weil mein Körperbau schwächlich geworden war, so kam ich zu leichter Arbeit. Allein ich wurde immer matter und brachte halbe Nächte auf meinem Lager schlaflos zu, theils mit Weinen, theils mit Beten, über den Rückfall in meine Sünden. Wie oft habe ich meinen göttlichen Erlöser gebeten, Er soll mich zu sich nehmen, ich würde doch nie ein nützlicher Mensch werden, sondern ein Auswurf der Menschheit bleiben. Ach wie schwer lag meine Sündenlast auf mir![10] Aber meine Gebete waren fruchtlos.4 Ich selbst fühlte mich so ohnmächtig in meinem Gebete, daß ich oft darüber einschlief. In meinem Schlaf hatt' ich auch keine Ruhe, ich wurde mit schweren Träumen geängstigt. Wie oft habe ich Sie im Traume gesehen, ich stellte Ihnen meine Schwäche vor, Sie verwiesen mich an meinen göttlichen Erlöser; ich sollte nur um seinen Beistand bitten, Ihm meine Schwäche im Gebet vorstellen, und nicht ablassen; Er nur allein könne und würde mich stärken. Nur bei Ihm allein wäre wahre Ruhe und das Heil der Seele zu finden; aber nicht bei Menschen.5 So wiesen Sie mich von sich. Ich sah meinen göttlichen Heiland bluten; Er schenkte mir Trost, Glaube, Hoffnung und Liebe. O! wie kann ich Ihm genug danken! Ich wurde jeden Tag elender; die Inspection sah mein Elend. Ich war zu schwach um mein leichtes Geschäft zu verrichten; ich konnte nicht mehr die Treppen steigen; man stellte mich dem Doctor vor, der mich gleich ins Lazareth nahm. So habe ich 2 Jahr und 8 Monat unter Abwechselungen meiner Krankheit zugebracht, während welcher Zeit mein Erkenntniß (Urtheilspruch) gekommen ist. Ich war damit zufrieden und wünschte nichts sehnlicher, als zu meinem göttlichen Erlöser zu gehen. Allein die Inspection appellirte ohne[11] meine Einwilligung. Das zweite Erkenntniß kam mit 15 Jahr und Begnadigung.6 Während meiner langen Leiden in dem Lazareth, und unter dem Wechsel meiner Krankheit, hat sich so vieles in meiner Seele zugetragen, daß ich Ihnen nicht alles schreiben kann, was ich doch so herzlich wünschte, wie viel mein Heiland für mich gekämpft; denn ich war zu schwach, der Böse hatte zu tiefe Wurzeln in mir gefaßt; ich weiß es nicht deutlicher zu sagen als: er hielt meine arme Seele umstrickt, wie man einen Ball umstrickt. So ohnmächtig wie der Knaul ist, aus dem umstrickten herauszukommen, so ohnmächtig fühlte ich mich, mein Netz zu durchreissen, mit dem ich umstrickt war. Weil ich zu matt und müde war, mein Gebet fortzusetzen, kamst Du, mein Erlöser, mir zu Hülfe. Ich hörte nicht auf, Ihn anzuflehen, daß er mein Gebet stärken, und mir meine Kräfte schenken wolle. Mein göttlicher Erlöser sah meinen guten Willen, aber auch meine Schwäche, Er erbarmte sich mein und stärkte mich mit neuem Muthe. Ach, wenn ich aus dem Abgrund meiner niedrigen Schwachheit und meines sündhaften Lebenswandels zu Dir, mein Gott und Vater, mein Auge erhebe, und Deine Barmherzigkeit anflehe ? o! mein göttlicher Erlöser! dann siehst du den innersten Kampf und Zustand meiner Seele, siehst, wie mein Herz blutet, dann kommst Du meinem schwachen Gebete zu Hülfe und Dein Beistand hilft mir siegen.7 Ich komme wieder ganz von meiner Geschichte ab. Mein gutes Vertragen blieb der Inspection und dem Doctor nicht unbekannt, sie gaben mir gute Zeugnisse, kamen für mich bei der Potsdammer Regierung ein und trugen wegen meines kränklichen, schwachen Zustandes auf weitere Verpflegung an. So kam ich hierher nach Berlin in das Arbeitshaus. Da war ich 8 Tage, dann schickten sie mich zur Charité, wo ich nun bereits schon 8 Monat bin. Hier war es,[12] wo ich an einem Tage so glücklich war und Sie wieder sah. Sie gingen mit einem Patienten Namens H .... im Garten. Da mir den Tag ein bischen wohl war, ging ich auch im Garten. Wie freute sich mein Herz, da den Mann wieder zu sehen, dem ich mein Glück und Seelenheil zu verdanken habe. Ich fragte gleich nach Ihrem Namen und wer Sie wären. Da erfuhr ich denn, was ich jetzt weiß. Nun hätte ich so gern gleich an Sie geschrieben; allein ich wurde wieder bettlägrig, und bekam ein starkes Zittern in den Händen. Nun habe ich Ihnen alle meine Verbrechen geschrieben, weil Sie sich vielleicht meiner aus den Acten erinnern können. Und sollten Sie dieselben nicht haben, so bin ich überzeugt, daß es Ihnen ein Leichtes sein wird, alle meine Acten zu bekommen. Da werden Sie dann erst finden, was für ein verruchter Sünder ich bin, und wie grenzenlos ich den Richter betrogen habe. Sollten Ew. Wohlgeboren mich reuevollen Sünder verächtlich von Sich stoßen, und kein Mitleid, welches ich auch nicht verdiene, mit mir haben, was ich aber von Ihnen nicht glauben kann; so schenken Sie mir wenigstens das feste Vertrauen, daß ich als ein reuevoller Sünder, dennoch hier nie aufhören werde, Sie zu lieben. Dort, beim ewigen Richter, der in das Innerste meines Herzens sieht, sehen wir uns wieder. Dann werden Sie meine Seele nicht verkennen, die Sie vom ewigen Tode und Verderben gerettet haben. Darum bitte ich Sie, erhören Sie meine Bitte, und kommen Sie, wenn es Ihre Geschäfte erlauben, zu mir; weil man aber oft verlegt wird, und ich deshalb nicht mit Gewißheit sagen kann, ob ich morgen auf diesem Saale liegen werde, wo ich heute liege, so bitte ich Sie, gefälligst sich meinetwegen bei dem Hausvater P ..... zu erkundigen, der es weiß, wo ich liege. Ew. Wohlgeboren ganz unterthänigster Diener der Arbeitsmann Busch. Charité, den 10. Juny 1828.[13] * * * Welche Liebe, welches Dankgefühl, welches Bescheidenheit und Demuth ist nun in diesem, vormals so rohen, gefühllosen, undankbaren Verbrecher. Solche Perlen, weil sie nicht die beliebige Einfassung haben, mißkennt und verachtet die Welt; ja sie tritt sie in den Koth. Aber der Herr kennt die Seinen. Er weiß sie zu finden. Ihm ist kein Ort zu schlecht. Wenn die stolze übertünchte Welt Ihn und Sein Evangelium verachtet, und bei aller Lasterhaftigkeit sich tugendhaft und gerecht lügt, und der Buße nicht bedürftig zu seyn wähnt, so geht der Sünder Freund in die Zuchthäuser und Kerker, züchtigt und straft durch seinen Geist inwendig zuerst Diesen oder Jenen, seiner Sünde wegen, daß er nicht glaubt an Jesum, rüttelt ihm das Herz, daß er Ströme von Thränen vergießt und sich nicht trösten kann. Diese Thränen müssen zugleich den Nachbar, der noch Spötter ist, aus dem Schlaf wecken und auf sich selbst aufmerksam machen, bis er selbst sich nicht satt weinen kann, und bis endlich beide die Gerechtigkeit erlangen, die sie nicht suchten, den Weg des Heils ohne Weg, den Mittler ohne Mittel finden; indem sich ihnen der Mittler, der Weg, Wahrheit und Leben ist, selbst unmittelbar offenbart. Wie wunderbar ist der Herr! Tausende hören Jahre lang Predigten, lesen Bibel und Bücher, die von Jesu zeugen, den Weg zur Seligkeit führen, und sie finden oder gehen diesen Weg nicht, werden über ihre Sünden nicht bewegt, sondern halten sich ohne Bekehrung, ohne Reue, ohne Thränen, ohne Erfahrung der Gnade und des Friedens Gottes für selig, sind ruhig ohne Ruhe und sicher ohne Gewißheit zu haben. Und diese Verbrecher im Zuchthause, unter Räuber und Mörder, ohne Predigt und Belehrung, hören kaum ein Wort der Ermahnung und stehe erstaunt da, schwimmen in Thränen über ihre Sünden, werden göttlich gewiß der erlangten Gnade, sind getrost und fröhlich in Trübsalen, in mancherlei Leiden, in Armuth und Noth. O! Ihr Kirchenläufer, ihr Bücherleser! ihr Predigthörer! euch ist viel gegeben, viel, viel wird auch von euch gefordert werden. Wenn solche Verbrecher, denen so wenig gegeben[14] wurde, die mit einem Pfunde so wucherten, von einem Saamenkörnchen des Worts, das in ihre Seele fiel, so viel Frucht brachten: wie werdet ihr bestehen vor dem Herrn der Erndte, wenn er einst seinen Schnitter sendet, und Früchte von seinem reichlich in euer Herz ausgestreuten Saamen fordert? Doch wir wollen zu unserem B .... zurück kehren, und ihn selbst weiter hören. Nach einigen Tagen empfing er das heilige Abendmahl und schrieb dann folgenden Brief. Fußnoten 1 Die Thränen des reumüthigen Verbrechers, mußten dem Herrn dienen, das noch harte und steinerne Herz des andern zu erweichen. Und durch die Sanftmuth und Freundlichkeit des begnadigten Sünders, macht er sich den rohesten Spötter und Verächter zum Freunde und Vertrauten. Und diese Wunder der allmächtigen Liebe geschahen im Zuchthause, wo sie niemand suchte. Ein Schächter bekehrt hier den andern durch des Herrn Gnade. 2 Wie doch das gute Beispiel, mit sanfter Liebe und Geduld verbunden, auch im Zuchthause auf die rohesten Gemüther so mächtig wirkt. Wer sich des Gebets nirgends schämt, bekömmt bald einen Mitbeter und Freund. 3 Eher kann auch das Herz nicht zu Ruhe kommen und Frieden finden, bis es wahre Reue empfunden, und seine Vergehungen vor Gott und Menschen offen bekannt hat. So heißt es in dem Worte Gottes. Wohl dem, dem die Uebertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedecket ist; wohl dem Menschen, dem der Herr die Missethat nicht zurechnet, in deß Geist kein Falsch ist. Denn da ich's wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine durch mein tägliches Heulen, und deine Hand war Tag und Nacht schwer auf mir, daß mein Saft vertrocknete, wie es im Sommer dürre wird. Darum bekenne ich dir meine Sünde, und verhehle meine Missethat nicht. Ich sprach: ich will dem Herrn meine Uebertretungen bekennen; da vergabest du mir die Missethat meiner Sünde. Psalm 32, v. 1?5. Wer seine Missethat läugnet, dem wird's nicht gelingen, wer sie aber bekennet und läßt, der wird Barmherzigkeit erlangen. Sprüch. Salomonis 28, v. 23. So wir aber unsere Sünde bekennen; so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünde vergiebt, und reiniget uns von aller Untugend. 1 Epistel Johannis 1, v. 9. ? 4 O nein! das schienen sie nur, sie waren es nicht, sie hatten endlich die wahre Bekehrung zur Frucht, die aber noch nicht zu sehen war. Das Gebet ist nie fruchtlos, wenn es ernstlich ist und anhaltend. Aber man muß geduldig warten; wenn Gott nicht gleich und nicht gerade so erhört, wie man es ihm vorschreibt. Er erhört allzeit, aber nach seiner Weisheit und zu seiner Zeit. Amazon.de Widgets 5 An Mitteln und an Wegen fehlt es dem Allweisen nicht. So kann der Geist des Herrn auch in Träumen durch Mittelspersonen die Unwissenden belehren, die Sünder bekehren und ihnen den rechten Weg zeigen, als wenn sie wirklich gegenwärtig wären. Dem Herrn ist kein Ding unmöglich, und das Gebet ist nie fruchtlos und vergeblich. Wo wir nicht persönlich wirken und zugegen sein können, da kann der Geist, der uns vertritt, doch so gesegnet wirken, als durch unsere Gegenwart und Persönlichkeit. 6 D.i. bis zur Begnadigung, worauf vor Ablauf von 15 Jahren von Amtswegen nicht anzutragen. 7 Wer malte ihm Jesum den Gekreuzigten so vor? Wer brachte Ihm denselben so nahe? Der Geist, der das Amt hat, uns Jesum zu verklären und uns in alle Wahrheit zu führen. 
