
                          Fouqu, Caroline de la Motte

                                  Resignation

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                          Caroline de la Motte Fouqu

                                  Resignation

                                   Ein Roman

                                  Erster Theil

                                Elise an Sophie

Der redselige Walter hat nicht zuviel gesagt. Der erwartete Gast ist wirklich
auf dem Schlosse des alten Comthur angekommen. Gestern, bei unserer Rckkehr von
Ihnen, sahen wir, whrend das Schiffchen den Strom hinabglitt, die Fenster im
obern Stockwerk der Burg erleuchtet. Dort brannte seit ewigen Zeiten kein Licht.
    Mein kleiner Georg, der unter dem Vorwande der Mdigkeit, sich von mir auf
dem Schoos htscheln lie, machte mich zuerst aufmerksam darauf, denn, indem er
die allerliebsten Augen bald zusammen kniff, als wollte er schlafen, bald von
hunderterlei, das um ihn vorging, angeregt, sie wieder ffnete, streckte
pltzlich das Hndchen aus, und rief: ein groer Stern, Mama! Ich mute
lachen, als ich, der Richtung seiner kleinen Finger folgend, den
zusammengezogenen Lichtstrahl hinter den Bumen entdeckte, und mich dabei
Walters Wichtigthun, bei Erwhnung des unbekannten Fremden, erinnerte, der
Gevatterinnen und Gastwirthen ein erwnschtes Rthsel sein wird, ber das ich
schon viele die Kpfe zusammen stecken sehe. Nun ich merke, ich, ich mache es
nicht besser, als jene! Die Neugier gehrt gewi zu den Erbsnden; denn es
theilen sie meist alle Menschen mit einander. Und was man gleich fr Mhrchen
zusammen spinnt. Unten im Amthofe hat man in vorletzter Nacht eine sechsspnnige
Kutsche, von mehreren Leuten zu Pferde begleitet, vorbei fahren sehen. Sie
nahmen die Richtung nach den Bergen zu. Hchstwahrscheinlich waren es die
Schlogste. Denke ich nun an Georgs groen Stern und die geheimen Anstalten auf
der Burg, so haben wir das intrikanteste Abentheuer von der Welt ganz in der
Nhe.
    Ich schreibe Ihnen das in aller Eile! theils um Recht von Ihnen zu behalten,
in Bezug unsers gestrigen Streites ber des Comthur bizarre Hypochondrie, theils
um die Anwesenheit unsers Merkurs, des flinken Walters, zu benutzen, der
stehenden Fues zu Ihnen hinber will, um seinen neu auf der Frankfurter Messe
erhandelten Kram, vor Ihnen auszulegen. Beilufig gesagt, solche umherstreifende
Hausirer sind doch bequeme Werkzeuge fr den Verkehr auf dem Lande! Mit den
Waaren tragen sie auch gelegentlich Bestellungen, Briefchen und diese und jene
Botschaft zu ihrer Behrde. So schaffen sie Theilnehmer fr Freude und Leid.
    Nach dieser Lobrede auf Walters Beruf, die eigentlich ihm selbst, und dem
Zufalle galt, der mir ihn gerade heute in den Weg wirft, will ich denn nun auch
mit dem Bekenntnisse schlieen, da mir die Unvorsichtigkeit, so spt durch die
Nacht mit dem Kinde ber den Flu gefahren zu sein, einen kleinen Verweis von
Eduard zugezogen hat, der mich weniger verletzt, als ihn verstimmt, was denn
immer wie Wolken an meinem Himmel vorbergeht.
    Liebe Sophie, es wre noch Manches ber das rasche Umschlagen der Laune, und
das Aetzende der Uebel zu sagen, die alles, am liebsten aber die Sigkeit des
Friedens wegzehrt, fhrte das Eine nicht zu vielem Andern, was keine Errterung
erlaubt. Leugnen kann ich mir es aber nicht, da ein Instrument, welches den Ton
nicht mehr halten kann, an dem die Wirbel zu lose wurden, um die schlaffen
Saiten wieder straff anzuziehen, vergeblich vor jeder Berhrung bewahrt wird,
die uere Lebensluft dringt hinein und reit disharmonische Tne heraus.
    Ganz mag das mein langes Auenbleiben gestern wohl nicht entschuldigen, aber
glauben Sie nur, zu manchen Zeiten kann der Wind so oder so herkommen, es giebt
immer Gewitter! Nun, auf baldiges gutes Wetter! was wir auch in gewhnlichem
Sinne gebrauchen knnen, denn ich mchte Ihnen wohl auf morgen eine Partie auf
den Burgwall, bei der Tannenhuserin, vorschlagen. Die Frau hat eine saubere
Wirthschaft, und ihre wohleingerichtete Wohnung am See ist vielfach von Gsten
besucht. Bedenken Sie, den Sonnabend bin ich frei. Eduard hat Vortrag, und mu
zur Stadt, wo er bis zum folgenden Tage bleibt. Also - -
    Und bringen Sie mit, wen Sie werben knnen. Ich, meiner Seits, werde alles
anordnen. Sie denken wohl, da ich mich fr die kleine Mhe reichlich durch die
Unterhaltung mit der ehemaligen Schaffnerin des Comthur wieder bezahlt machen
will! Merken Sie jetzt die Absicht? - Lachen Sie mich immer aus. Man lebte nur
halb, bekmmerte sich nicht Einer um den Andern, und gbe es nicht Geschwtz und
Geschichten.
                                                                              E.

N. S.
    Zur Steuer der Wahrheit kann ich das Blatt nicht ohne Commentar abschicken.
Die sechsspnnige Kutsche hat sich in eine offne leere Chaise, mit vier Pferden
bespannt, verwandelt, welcher ein Reuter, in einiger Entfernung, folgte. Ob der
nun zu der Equipage gehrte oder nicht? das steht dahin. So schrumpft meist
alles zur Unbedeutenheit zusammen, was einem, Wunder wie wichtig, zur Behauptung
einer abentheuerlichen Grille dnkte! Adieu, liebe Sophie!

                                    Antwort


Fr diesmal mu ich ihre Nachsicht in Anspruch nehmen, liebste Elise. Briefe
einer ltern Bekannten geben mir heute und morgen zu thun, wodurch ich
verhindert werde, Ihren Vorschlag anzunehmen.
    Mir ist das Letztere doppelt leid, da Sie Freude davon erwarteten, und ich
in Ihrer Gesellschaft immer die frohesten Stunden verlebe. Denn, erlaube ich mir
auch manchmal den leichten Muth, zu tadeln, der Sie, liebe, angenehme Elise, so
schnell ber das Hemmende im Leben wegsehen lt, so ist es doch gerade der
helle Blick, das Bequeme und Behende in Ihrem Umgange, was diesen so anziehend
macht. Man kann bei Ihnen niemals an Strung oder Gefahr denken, weil Sie nicht
daran glauben. Deshalb fiel mir es auch nicht eher ein, Ihre letzte
Nachhausefahrt fr ein Wagni zu halten, bis Sie mich selbst daran erinnern, und
ich gezwungen werde, dem verstndigen Eduard Recht zu geben, und mich zu
schelten, ihm diese Unruhe nicht erspart zu haben. Wie leicht wre unser
gegenseitiges Interesse vermittelt worden, htte ich Sie, wie es Ihr Plan war,
um einige Stunden frher zurckbegleitet, und die Nacht in Ihrem schnen
Landhause zugebracht!
    Meine beschrnkte Stiftswohnung bot Ihnen nicht dieselbe Bequemlichkeit,
auch durfte ich Sie nicht bei mir zurckhalten wollen.
    Nun, knftig werden wir beide verstndiger, und Eduard nachsichtsvoller
sein.
    Wissen Sie, da ich eitel genug bin, mir einzubilden, Sie werden nun, da ich
nicht daran Theil nehmen kann, die ganze Partie nach dem Tannenhause fr heute
aufgegeben haben? Diese Voraussetzung klingt inde schlimmer, als sie ist. Ich
hnge mich nur deshalb an das Gewicht, das den Ausschlag geben soll, weil ich
mit allen denen zusammen hnge, welche Sie allenfalls zu Ihrer Gesellschaft
gewhlt htten, obgleich es mir unmglich war, sie in Zeiten von den Projecten
in Kenntni zu setzen.
    Da nun der Hauptzweck, die gesellige Belebung des hbschen Lustortes,
wegfllt, so entschlieen Sie sich vielleicht, Eduard nach der Stadt zu
begleiten.
    Die wenigen Stunden auf der Chaussee, leicht hingerollt, geben Ihnen weniger
Beschwerde als dem armen Freunde Erleichterung, indem Sie ihm die kranke Laune
tragen helfen. Denn glauben Sie zuverlig, ist der Mimuth schon fr die
Umgebungen ein Druck, so ist er eine noch weit schwerere Last fr den, welcher
daran trgt, sich dessen bewut ist, und doch dem Beengenden nirgend Raum zu
schaffen wei. In einem Gesprche zu Zweien lt man sich leichter einen Theil
der herben Ergsse gefallen. Die Freude, einem guten Menschen wohlzuthun, geht
mildernd darber hin. Man stimmt ihn unwillkhrlich nach dem Tone, den man in
sich bewahrt, das anfnglich Einanderwidersprechende eint sich befriedigend fr
beide Theile. Vielleicht hatten Sie denselben Gedanken! In dem Falle erzhlen
Sie mir nchstens, was Sie whrend des kurzen stdtischen Aufenthalts, den Sie
immer vortrefflich zu benutzen pflegen, Interessantes sahen und hrten.
    Leben Sie recht wohl, beste Elise, und vergeben Sie Ihrer Freundin, wenn Sie
Ihnen diesmal weniger gefllig, als sie es wnscht, erscheint.

                                Elise an Sophie


Was in aller Welt haben Sie vor? Mich wollen Sie von hier entfernen, Sie selbst
verstecken sich hinter Geschfte, die Sie nicht nher bezeichnen, und von dem
Schlogaste, so wie von allem, was darauf Bezug hat, kein Wort! - Wie sonderbar!
Ja, wie unnatrlich, mchte ich sagen, da Sie mich kennen, und es wissen
sollten, da ich erstaunt leicht Contrebande spre.
    Ihr Brief ist himmlisch gut, voll Geist und Wohlwollen. Aber es klingt mir
alles, wie hinter einem Vorhange. Ich sehe Sie nicht, ich hre Sie blos, und
deshalb ben Sie auch keine Gewalt ber mich. Lassen Sie sichs nun nicht
wundern, da ich von dem, was Sie von mir fordern, ohne es mir offen zu sagen,
auch nicht das Geringste gethan habe. Erstlich ist Eduard in Gottes Namen allein
nach der Stadt gefahren, und zweitens habe ich Milch und Frchte bei der
Tannenhuserin, ohne Sie, Eigensinnige, gegessen, und mir viel von der
gesprchigen Wirthin erzhlen lassen. Doch in der Hauptsache bin ich so klug wie
vorher. Die Frau scheint mir durch mancherlei Erfahrungen gewitzigt, sie ist auf
ihrer Huth. Ueber eine gewisse Grenze kommt man mit ihr nicht hinaus. Es
unterhielt mich ungemein, wie sie meine Fragen so geschickt unterlief, und den
Gegenstand von einer ganz andern Seite erfate. Meistens fhrte sie alles auf
sich selbst zurck, wer sie ist, was sie leistete und noch jetzt schafft und
erhlt, das erfuhr ich genau. Hier standen wir denn fest, und blieben stehen.
Der Gewinn, werden Sie sagen, war nicht gro. Freilich nicht, allein ich hatte
die Familie des Amtmanns mit mir; die Frau, welche sich nur selten eine Erholung
gnnt, und die Kinder eben auch nicht verwhnen kann, sah sich in die Tage
sorgenfreier Jugend versetzt, wo sie mit ihren Eltern solche Lustorte besuchen,
sich putzen, frei von Geschften bequem lustwandeln, die Natur, ohne
Nebenbeziehung auf Ertrag und Nutzen, bewundern durfte. Sie war so recht aus
Grund der Seele froh, und sagte, was ihr in den Mund kam. Ich habe unglaublich
ber sie gelacht.
    Zuletzt kam noch eine Schssel mit Backwerk, bei der sich meine Raben
gtlich thaten. Ich stopfte sie tchtig, und spielte dann zu allgemeinem
Entzcken blinde Kuh, Katze und Maus und den Dritten abschlagen mit ihnen.
    Ich wei nicht, ob Sie den hbschen, blumigen Wiesenplan zwischen dem See
und dem Waldsaum kennen? Die herrlichen Buchen, welche diesen in drei doppelten
Reihen einfassen, wlben ihr breites Bltterdach ber den Rasen. Man hat hier
Schatten, Schutz vor dem Winde und dem feuchten Lufthauch des Wassers. Keinen
bessern Spielplatz giebt es unter der Sonne. Die Amtmnnin durfte nicht
zurckstehen. Auch ging sie gutwillig daran; bald gaben wir den Jungen nichts an
Ausgelassenheit nach. Das nahm denn aber fr mich ein beschmendes Ende. Whrend
dem Hin- und Herlaufen hatte sich mir, unten am Kleide, der Saum abgetrennt. Ich
bemerkte es nicht. Jetzt verwickelte ich mich bei einer Wendung darin. Ich wre
gefallen, htte ich nicht kurzen Proze gemacht, das Stck abgerissen und
dieses, mit sammt dem Schuhe, um welchen der Streifen geschlungen war, von mir
geworfen; ein Ausweg, der mich auf der Stelle wieder auf die Beine, jedoch um
meinen Schuh brachte. Dieser war tief in das Gebsch hineingeflogen. Ich theile
dasselbe unter lautem Lachen, da steht ein fremder Mann, halb von den Zweigen
verdeckt, vor mir. Er mochte hier schon eine Weile gestanden, und unser
ausgelassenes Treiben mit angesehen haben. Das verdro mich, ich that, als sehe
ich ihn nicht; auch trat er sogleich zurck. Ehe ich noch zu den Uebrigen
gelangte, war er verschwunden. Ich wei von dem ganzen Menschen nichts, als da
er blau oder grn angezogen war und eine Flinte auf dem Rcken trug. Erst
nachher fiel mir ein, was Ihnen, Sophie, eben auch einfllt. Sehen Sie, ich kann
von hier aus in Ihren Zgen lesen, da Sie mich ohne Worte verstehen. Sie denken
wie ich, an den Schlogast, und der war es auch ohne alle Frage, obgleich die
Wirthin diesen nicht kennen will, die Sache bei Seite wirft, den vermeinten,
vornehmen Fremden fr einen neuen Sekretr des Comthur ausgiebt, so wei sie
doch mehr von allen dem, und glaublich ist es, da jener bei ihr im Hause war,
inde wir uns mit ihr unterhielten. Dies mag nun sein wie es will. Solche
Dazwischenkunft eines Dritten unterbricht immer, und giebt andere Gedanken.
Zudem waren wir mde. Die Sonne ging unter. Gerade ber dem See stand die
glhende Scheibe. Wir setzten uns am Ufer nieder. Es war der kstlichste Abend.
Die Kinder pflckten Vergimeinnicht und gelbe Wasserlilien. Zu unsern Fen
perlte der weie Wellenschaum. Die kleinen Blschen zerrannen geruschlos
zwischen Rohr und Calmus. Ich folgte mit den Augen ihrem raschen Verschwinden.
Die Amtmnnin war still, ja andchtig geworden. Sie sa mit gefaltenen Hnden
neben mir, sah in die steigende Dmmerung, und gedachte ihrer verstorbenen
Eltern. Sie mochten ihr in der Dunkelheit mehr gegenwrtig sein. Sie sprach viel
von ihnen. Ich hrte ihr mit Innigkeit zu. Der Vater besonders schien ihr theuer
gewesen. In der Jugend begleitete er als Feldprediger sein Regiment auf manchen
Zgen, und wohnte mehr als einer Schlacht bei, verlor aber sein Amt wegen einer
unvorsichtigen Trauung, zu welcher er sich aus Liebe fr einen jungen
leidenschaftlichen Offizier verleiten lie. Nach dem Tode des Frsten bekam er
zwar den Posten seines Schwiegervaters, an der Hofkirche, allein die bereilte
Handlung, die zum Unglck des Ehepaars ausschlug, blieb ihm ein strender
Vorwurf fr sein Leben. Die Tochter rhmte berall die groe Zartheit seines
Gewissens, und wute noch mehrere rhrende Zge davon anzufhren.
    Anfnglich flossen ihr die Worte nicht ganz natrlich, wie das wohl bei
Leuten der Fall ist, die von dem gewohnten uern Treiben in die innere Welt
zurcktreten. Ihre Sprache klang wie aus einer Putzstube heraus. Aber das whrte
nicht lange, Gefhle, die ihr stets vertraut blieben, rissen sie, wie alte
Bekannte, mit sich fort. Ich empfand aufs neue, was nur einzig wahre Bildung
giebt. Rhrt der Genius die Flgel der Seele, so hebt er alle Fhigkeit des
Innern mit aufwrts.
    Sehen Sie, liebe Sophie, die Frau, die ich mir doch immer nur als Nothbehelf
mit auf die Fahrt nahm, mute mir so zur Erbauung dienen! Ich glaube, wir sen
noch da beisammen und plauderten, wren die Kinder nicht mde, der Abend dunkel,
und die Amtmnnin wegen ihres Mannes unruhig geworden.
    Ich war bei meiner Nachhausekunft sehr froh, keine eheherrliche Kritik
frchten zu drfen. Georg a seine Suppe so vergngt um neun als um sieben, und
ich schrieb dies Alles ungestrt an Sie.
    Hierauf werden Sie nun wohl denken, da ich es nicht bereue, von der Fahrt
nach der Stadt zurckgeblieben zu sein.
    Aufrichtig gesagt, gute Sophie, versteh' ich nicht, was Sie mit dem
Vorschlage wollen? Entweder Sie beabsichtigen etwas Verborgenes damit, oder Sie
beweisen mir, was ich immer schon dachte, da jedes Urtheil ber Verhltnisse,
zu denen man ausserhalb steht, eben so schwankend ist, wie es unmglich wird,
aus der Ferne einen Maastab fr dasjenige zu finden, was in solchen
Verhltnissen gethan oder unterlassen werden mu. Theorien abstrahiren sich wohl
im Allgemeinen, aber das Leben steht nicht einen Augenblick still. Den
Widerstand oder die Nachhlfe, die es auf einer Stelle fordert, verwirft es auf
der andern.
    Mein Gott! was htte es dem guten Eduard in seiner momentanen Verdrossenheit
geholfen, wenn ich an seiner Seite vor Staub und Hitze erstickt wre, und ihn
dadurch gezwungen htte, auf mich zu merken? Meinen Sie, da es ihn wrde
erheitert haben, mich um nichts und wieder nichts geqult zu sehen? Ganz im
Gegentheil, er wre ausser sich gerathen, htte sich tausend Vorwrfe gemacht,
sich den unglcklichsten Menschen der Erde geglaubt, und sinnreich in eigener
Qual herausgefunden, da er es anfangen mge, wie er wolle, er beglcke niemand.
Leute seiner Art, die an vllige Isolation und in ihren Geschften an etwas
Mechanisches gewhnt sind, werden gleich ungeduldig, wenn sie irgend etwas
Fremdes durchkreuzt.
    Seit vier Jahren, da wir verheirathet sind, habe ich den Sommer immer still
hier verlebt. Eduard wrde sehr frappirt ber den Gedanken gewesen sein, ihn auf
seiner Sonnabendsfahrt begleiten zu wollen. Das geschah nie. Warum jetzt? Fhlen
Sie nicht, wie der Einsame das zum Gegenstande mitrauender Grbeleien gemacht
htte?
    Nein, Sophie, Sie heben auch nur Menschen nach vorausgesetzten Annahmen
heraus. Das hindert Sie, zu sehen, was Sie sonst sehen wrden.
    Ich hoffe, Ihre Geschfte sind beendet, und Sie kommen morgen, mich zu
vershnen.

                                Eduard an Elise


Arbeiten dringender Art zwingen mich, meinen hiesigen Aufenthalt um mehrere Tage
zu verlngern. Ich ergreife eine schickliche Gelegenheit, welche sich mir in der
Amtsreise unsers Justizraths darbietet, Dich, liebe Elise, in Zeiten davon zu
benachrichtigen. Sein Weg nach dem Schlosse des Comthur geht bei unserm
Landsitze vorbei, und so pat sich alles genau zu meinem Zwecke. Du wirst noch
diesen Abend von meiner verspteten Rckkehr unterrichtet, bevor Du im mindesten
in Ungewiheit ber deren Veranlassung sein kannst. Ich nehme diese
Vorsichtsmaaregeln mehr in meiner als in Deiner Seele, weil mir der Gedanke
jeder Unbestimmtheit zuwider und der thtigen Wirksamkeit so beraus hemmend
ist.
    Auch benutze ich diese Veranlassung, Dich in hnlichen Fllen zu derselben
Aufmerksamkeit zu verpflichten. Vergebliches Warten hat immer den peinlichsten
Zeitverlust zur Folge; und einmal aus dem Gleise, in dem man sich bequem fhlt,
herausgerissen, werden wir zuletzt auch fr das stumpf, was wir herbei
wnschten, und das uns nun in einer gewissen Unordnung der Empfindungen
berrascht, ohne doch zu befriedigen. Wenn es Dir schwer werden sollte, hierin
meinem Beispiele zu folgen, so wird Dich vielleicht die Betrachtung williger
dazu machen, da die meisten Verdrlichkeiten und Miverstndnisse im Umgange,
aus Mangel rcksichtlicher Beachtung der Lebensordnung herrhren, wodurch, mit
der einen Strung, welche Diesen oder Jenen empfindlicher als Andere trifft,
zugleich eine allgemeine Erschtterung und eine ganze Kette huslicher Unbilden
hervorgeht. Mit dem Wunsche, Dich und Georg bei meiner Rckkehr wohl zu finden,
umarme ich Euch beide zrtlichst.

                                Elise an Sophie


Knnen Sie sich denn keinen Augenblick abmigen? - Ich sitze hier in tausend
Aengsten, von Gewissensbissen und Sorgen gemartert. Fort kann ich nicht, allein
wird mirs zu viel, und Sie schweigen und kommen nicht.
    Denken Sie nur ums Himmels Villen, die gute kleine Amtmannsfrau ist tdlich
erkrankt. Erhitzung, Erkltung, Gott wei, ob on spter her oder jetzt erst
veranlat? hat sie mit einem Fieber niedergeworfen, das selbst den Arzt fr ihr
Leben zittern lt.
    Gestern Abend ward ich hinber gerufen. Die Leute wuten nichts mehr mit dem
Manne anzufangen. Ich war im Augenblicke dort. Schon von aussen hrte ich die
Kranke laut und hell sprechen. Mir schlug das Herz, die Kniee zitterten mir, ich
ffnete zgernd die Thre.
    Vorn, in der Wohnstube, saen die ltesten Knaben und weinten still in ihrem
Winkelchen. Ein allerliebstes kleines Mdchen a in seliger Unbewutheit unter
Lachen und Kreischen die Abendsuppe. Der rstige starke Amtmann schwankte mit
gefaltenen Hnden, ganz zusammengebrochen, von einer Thre zur andern, wollte
Dies und Jenes bestellen, holen, wute nicht, was er sagte, was er that; die
Augen waren ihm, von der ungewohnten Thrnenfluth, wie erloschen, die Stimme
bebte, unaussprechlicher Jammer sprach aus den schlaffen Zgen.
    Als er mich gewahr wurde, brach er von neuem in Thrnen aus. Ach! sthnte
er, meine Hand in der seinen pressend, und sie krampfhaft festhaltend! Wer
htte das gedacht. Es war alles, was er hervorbringen konnte. Whrend dem rief
ihn die Kranke wiederholt. Er strzte an ihr Bett. Sie schien unruhig. Es waren
aber nur wirthschaftliche Erinnerungen, die sie zu machen hatte. In diesem
Augenblick war sie gewi besonnen. Es hatte alles Zusammenhang, und Hand und
Fu, was sie sagte. Ich nherte mich ihr. Sie bemerkte es. Ganz verstndig sagte
sie mir guten Abend. Ich drckte blos ihre Hand, die sie mir reichte, ohne etwas
zu sagen, aus Furcht, sie durch fremde Vorstellungen zu verwirren. Allein die
Vorsicht war unntz. Mein bloer Anblick zog sie in ein Zwielicht schwankender
Erinnerungen zurck. Sie lchelte, sprach von ihrem Vater, und sagte dann noch
etwas, das mir recht auffiel. Es war, als rede sie vom Comthur, indem sie des
Fremden auf dem Schlosse erwhnte und hinzu fgte: Jetzt bereuet er alles! was
wird's helfen! der Bruder ist todt! Der junge Mensch! - - Sie warf den Kopf in
die Hhe, so, als gehe sie der nicht sonderlich viel an. Hernach fragte sie
etwas, das ich nicht verstand. Das ging alles durch einander. Allein jedesmal,
wenn ihr die Besonnenheit zurckkehrte, war sie mit den Gedanken in ihrer
Wirthschaft und den huslichen Angelegenheiten. Sie hatte recht freundliche
Worte fr ihren Mann. Der Kinder gedachte sie nur, in Hinsicht ihrer Pflege und
Wartung, auch Einiges zu erinnern. Verfiel sie dann wieder in Phantasien, so
hatte sie eine ganz andere Sprache, erhhte Gefhle, confuse, aber doch
besondere Bilder. Es war Vater und Mutter, und eine schne Zeit der Jugend, von
der sie mit Liebe trumte.
    Sophie! in welcher von beiden Welten leben wir denn eigentlich? in der
sichtbaren oder unsichtbaren? Wenn es gerade umgekehrt wre, und wir hier
trumten und dort wachten!
    Die meisten Menschen, und wir selbst vielleicht, wrden es bel nehmen, wenn
man zu behaupten wagte, wir gingen wie Nachtwandler umher. Der Ernst, den wir an
unsre kluge Geschftigkeit setzen, bedeute am Ende nicht mehr, als der im
Traume, worber wir beim Erwachen so vielen Spa haben.
    Doch, was sollen die bizarren Reflexionen hier, wo die einfache Wahrnehmung
so traurig ist! Wir blieben in groer Spannung ber die Kranke. Es konnte nichts
fr sie geschehen, bis der Arzt kam. Endlich ward er herbeigeschafft. Er trat in
das Haus, ohne da der Amtmann das Herz hatte, ihm entgegen zu gehen. Ich that
es an seiner Stelle. Sie wissen, ich glaube nicht leicht das Schlimmste. Ich
zitterte daher nicht vor dem Ausspruche des Einzigen, der hier, mit der
richtigen Einsicht, auch Hlfe bringen konnte. Ich beeilte mich nur, dem Manne,
der mir brigens fremd, und hier in der Familie nur wenig bekannt war, eine
allgemeine Uebersicht von dem vorliegenden Falle zu verschaffen. Er hrte mehr
hflich als beachtend zu, zeigte sich eilig, nahm von allem Aeusserlichen
obenhin Notiz, und flte mir eher Mitrauen als Glauben an seine Fhigkeit ein.
Ich wandte mich daher ab, als er sich dem Bette der Kranken nahte. Des Amtmanns
ganze Seele hing inde an seinen Blicken. Auch die armen Kinder standen
lauschend in der Thre. Es war inde auf dem, pltzlich ganz Auge und Ohr
gewordenen Gesichte des Arztes, nichts als fortgesetztes Forschen, aber keine
Spur eines Urtheils zu lesen.
    Mit demselben Ausdrucke in der Miene stand er jetzt von seinem Platze, an
dem Krankenbette, auf, indem er sehr bestimmt sagte: Nun, ich werde etwas
verordnen; worauf er Feder, Dinte und Papier forderte, rasch zwei Worte
aufschrieb, und einen reitenden Boten nach der Stadt sandte, dem er Eile
empfahl.
    Niemand befragte ihn. Er verstand das. Ich kann nichts entscheiden,
usserte er nach einer stummen Pause. Fr die kurze Zeit der Krankheit hat sich
das Uebel so sehr ausgebildet, da man nicht wissen kann, ob es schon ganz da,
oder nur der Vorlufer von etwas ist, das noch dahinter steckt. Er ging von nun
an sogleich zu Fragen und Erkundigungen ber, und sah es jetzt recht gern, da
ich im Stande war, ihm gehrige Auskunft zu geben.
    Seine Art fing an, mir zu gefallen. Erst wollte er sehen und dann hren, was
ihm nthig dnkte, um weiter vorzudringen. Mein rasches Entgegenfahren war ihm
unbequem. Er hatte recht. Es half ihm zu nichts.
    Ich gewinne leicht Achtung fr Leute, die ihre eigene Art haben und
behaupten. Deshalb ward ich auch hier ruhiger, und trstete die Familie, die des
Doctors Zurckhaltung peinigend drckte.
    Die Nacht ging auf diese Art hin. Die Kinder schliefen endlich ein. Am
Morgen fanden sich unwillkhrlich alle Gemther mehr im Gleichgewicht. Man
hoffte nichts Bestimmtes, aber das Gefrchtete stand doch ferner.
    Es ist ohngefhr noch so. Inde fhle ich dem Arzt an, er greift behutsam,
aber unbefriedigt nach dem unsichtbaren Faden durch dies Labyrinth. Wenn die
Frau strbe! Mein Gott! die Kinder, der Mann! - Sophie, es ist doch etwas sehr
Tiefsinniges um Familienbande. Welch geheimnivoller Verein! Und was heilt den
Ri, den hier der Tod machen kann! Das Leben? - Ja, es gleicht uerlich alles
aus, aber die Kinder ohne die Mutter! Die Welt ist nicht reich genug, die Lcke
zu fllen.
    Ein ganzer Tag und eine Nacht ist wieder vorber. Wir stehen auf dem alten
Fleck.
    Mir ist so beklommen, als lge ein Fels auf meiner Brust.
    Was daraus werden wird!
    Der Arzt ist jetzt in der Stadt. Er kommt erst spt Abends.
    Ich bin unaufhrlich auf den Beinen, entweder hinunter nach dem Amthofe oder
hierher zurckzugehen. Deshalb flchte ich mich auch nur auf Momente mit der
Feder zu Ihnen. Ich thte es gern mit Leib und Seele. Allein, fort kann ich
nicht von hier, so sehr mich auch alles pret und klemmt. Ich hielte es nicht in
der Ungewiheit anderwrts aus. Die Familie ist zu unglcklich.
    Walter war eben hier. Er kam von Ihnen. Ist es wahr, was er behauptet? Sie
verreisen? Ihre Leute haben es ihm anvertraut, und Sie selbst es angedeutet,
indem Sie grauen Taffet zu einem Staubmantel, und einen grnen Schleier von ihm
kauften.
    Was gehen Sie denn fr Umwege mit mir, Sophie? Ein Fremder war bei Ihnen.
Ein junger, feiner Herr, wie Walter versichert. Im Hause wute man seinen Namen
nicht. Wenn es der wre, den ich meine.
    Es ist mehr als wahrscheinlich. Ihr pltzliches Verstummen und Abwehren
fhrt auf seltsame Schlsse.
    Leben Sie wohl! Ich bin betrbt und verdrlich, seit Sie die Geheimnivolle
gegen mich spielen.

                                    Antwort


Ziehen Sie keine voreilige Schlsse, liebste Elise. Denken Sie auch nicht, ich
whle verborgene Wege, um Ihnen zu entgehen.
    Bei Ihrer Billigkeit, Ihrer freien, natrlichen Weise, braucht es nichts,
als das offene Gestndni, da ich etwas zu verschweigen habe, was mir von
Freunden anvertraut ward, die meine Theilnahme wie meinen Beistand in Anspruch
nehmen.
    Sie sind gewi weit entfernt, nach fremdem Eigenthum Verlangen zu tragen;
aus demselben Grunde wrden Sie auch die Erste sein, eine Mittheilung zu
wnschen, die ich Ihnen nur auf Kosten Anderer machen knnte.
    Lassen Sie sich nicht darnach verlangen, meine Liebe! Es ist eine verjhrte,
abgestorbene Geschichte, in die, wie ich frchte, niemals sonderlich viel
gesundes Leben hineinzubringen sein wird.
    Das Schlimmste ist, ich sehe mich genthigt, eine beschwerliche Reise zu
machen, zu der ich in keiner Art vorbereitet bin, und die mir jetzt doppelt
unwillkommen ist, weil ich Sie, liebste Elise, in trber Bedrngni zurck
lasse.
    Leider hege ich keine Hoffnung zur Wiederherstellung der guten Kranken. Der
Arzt hat sich andern Orts weniger zurckhaltend gezeigt. Sein Ausspruch ist eben
nicht trstlich. Es herrschen bsartige Fieber in der Gegend, und er frchtet,
hier ein Opfer daran fallen zu sehen.
    Sein Sie um alles in der Welt auf Ihrer Huth, liebe Elise! Solche
Krankheiten theilen sich den Umstehenden mit. Sie sind so erregbar, so
selbstvergessend, und bereit, fremde Lasten auf sich zu nehmen. Sie werden als
Pflegerin weit mehr thun, wie Sie sollten, und die Gefahr wird sich gegen Sie
kehren. Bedenken Sie Eduard und den Engel Georg. Tausendmal umarme ich das liebe
Kind. O vergessen Sie es nicht, da Sie seine Mutter sind, und sein kleines
Leben genau mit dem Ihrigen zusammenhngt.
    Ich bitte Gott, Sie beide in seinen Schutz zu nehmen. Mein Herz ist schwer,
Elise! Ich reise recht ungern von hier fort. Sein Sie vorsichtig, liebe, liebe,
schne Seele! Wei der Himmel, ich frchte immer so viel fr Sie.
    Ist es, weil ich Ihnen zu sehr ergeben bin? oder stehen Sie wirklich zu
sorglos, zu unbewaffnet in der Welt.
    Aber Sie knnen nicht anders! Das ist eben meine Angst.
    Nun, Ihr guter Engel verlasse Sie nicht.

                                Elise an Sophie


Warum Sie nicht dennoch auf einen Augenblick herber kommen, um Abschied von mir
zu nehmen, das liegt am Tage. Sie frchteten, trotz aller schnen Worte, mich
unbescheiden zu finden, und wollten Ihr Geheimni keiner Gefahr aussetzen. Ach!
Sie htten immer kommen knnen. Ich bin nicht begierig, das Verborgene zu
enthllen. Wie vieles ist doch ber den Menschen verhngt, wovon er keine
Ahndung hat. Diese Familie! - vor acht Tagen noch so glcklich, und nun - Ja, es
ist vorbei! Sie ist todt! Ich habe sie in den letzten Tagen nicht mehr gesehen.
Seit Eduard wieder hier ist, durfte ich nicht das Haus verlassen. Er mag recht
haben, nach seiner Art. Ich hatte es nach der meinigen auch. Es ist wahr, die
Krankheit theilt sich mit. Die Magd und der lteste Knabe klagen sich seitdem
auch.
    Wir sollten erst alle nach der Stadt zurck. Allein, dort ist es noch viel
schlimmer, die groe Hitze hat da mehr als eine Gattung von Uebeln erzeugt.
Kinder und Erwachsene sind dort gleich bedroht.
    Zu meinem Trost hat der Arzt entschieden, da nur das Leben in freier Luft
ein Gegenmittel gegen Ansteckung sei.
    Seitdem treibt mich Eduard schon frh am Morgen zu Fu oder zu Wagen mit
Georg hinaus. Ich lasse mich auch nicht lange dazu nthigen. Mir ist wohler im
Freien. Sonst fhle ich mich matt, und so betrbt, da ich noch zur Zeit an
nichts in der Welt Theil nehmen kann.
    Die schnen Buchen am See zogen mich zuerst in ihre Schatten. Hier suchte
ich die letzten Spuren der Verstorbenen. Wie ich die dunklen Reihen der Bume
entlang ging, glaubte ich die leise, etwas schchterne Frau, mit ihren kurzen,
eiligen Schritten neben mir gehen zu hren. Ich stand still und sah betrbt
umher. Weit du wohl? sagte Georg, indem er wichtig mit dem Kpfchen nickte.
Er machte eine so gerhrte Miene dazu, da ich mich der Thrnen nicht enthalten
konnte. Nun fing er auch an zu weinen. Ich suchte gar nicht ihn zu beruhigen.
Warum soll er nicht frhe das Traurige traurig nehmen. Man findet sich nur zu
leicht darin.
    Nach einer Weile trstete er sich ganz von selbst. Er sprang umher, machte
die erste beste Gerte zum Reitpferd, und sagte nur noch einmal, whrend er sein
hlzernes Pferdchen anhielt, und flchtige Erinnerungen in sich zusammen suchte:
Hier haben wir so hbsch gespielt!
    Diese Betrachtung hinderte ihn aber nicht, gleich wieder recht hbsch zu
spielen; das Vergangene war nun vergangen!
    Wir machen es Alle nicht anders, liebe Sophie. Kinder sind kleine Menschen.
Der ganze Unterschied zwischen ihnen und den grern liegt im Bewutsein der
Wandelbarkeit des Innern und der Schaam darber.
    Warum schmen wir uns aber? Da das Festhalten der Gefhle uns doch nur elend
macht. Denken Sie selbst, was kme dabei heraus, wollte man bei dem verweilen,
was Einem vllig mit der Gegenwart entzweien mte? In den meisten Fllen ist es
besser, mit dem Leben zu gehen, als stehen zu bleiben, und seinen Lauf
anzuhalten.
    Und denn, wie jeder kann!
    Es ist wahr, wir rgern uns, wenn gewisse, mit der Seele eins geglaubte
Stimmungen uns pltzlich verklungen scheinen, und oft kein Ton mehr davon zu
finden ist. Ich glaube, wir verwechseln den Beruf zur Ewigkeit, mit der
Fhigkeit des Herzens, ihr schon diesseits angehren zu knnen.
    Aus der einen Tuschung, welche fortgeerbter Wahn heilig spricht, geht das
ganze Heer gezierter Selbstbetrgereien hervor, die das wahre Gefhl mehr
entweihen als in Ehren halten.
    Ich war erst bse, als ich gestern den Amtmann zu Pferde bei seinen
Arbeitern sah. Ich hatte unrecht. Das Leben tritt nach jeder Unterbrechung
wieder in seine alte Ordnung. Man mu da mit hinein.
    So lange ein Gefrchtetes noch dunkel herannaht, stehen wir in lhmender
Spannung auf der Folter der Angst, unfhig etwas Anderes zu empfinden. Ist der
Schlag geschehen, so fallen wir entweder mit, oder wir werfen einen wehmthigen
Blick in den Abgrund, der das Liebste verschlang, verschtten ihn, und sen in
der aufgelockerten Erde neue Saaten.
    Georgs Wnschelruthe hilft einem Jeden ber die Trauer hinaus. Irgend wo
schlgt sie immer ein, wo man Gold, oder doch diesem hnliches Metall findet.
    Mir ist, Sophie, als schttelten Sie hier zweifelhaft den Kopf. Sie freilich
wollen es nicht Wort haben, da man verschmerzen knne, was das Herz brach. Nun,
und dennoch gehen Sie ihren Weg wie alle Menschen, und haben noch berdies
etwas, das Sie stets auf das Angenehmste begleitet. Sehen Sie, so verwandelt
sich alles, auch der Kummer in sich selbst, und nimmt von der Farbe und dem
Lichte der Welt, in der wir leben, unwillkhrlich mehr und mehr an. Wir schaffen
uns das Verlorne noch einmal, und shnen uns auf diese Weise mit dem
Geschiedenen aus.
    Ich lasse diese Bltter unabgeschickt liegen. Sie enthalten zur Zeit wenig,
das der Mhe verlohnte, sie einen weiten Weg machen zu lassen. Ich bin gewhnt,
jeden flchtigen Gedanken zu Ihnen hinber zu schicken; ich bin jetzt so allein,
- Sie fehlen mir an jeder Stelle, ich schreibe also, wie ich schreiben wrde,
wren Sie in Ihrem Stift, oder wie ich Ihnen gegenber sprechen wrde.
    Mit dem Letztern ist es inde doch etwas anders. Es schreibt niemand wie er
redet; schon deshalb nicht, weil das Alleinsprechen eine weit besonnenere
Verbindung der Stze, ja, eine consequentere Gedanken-und Wortfolge heischt, als
die mndliche Mittheilung, welche unwillkhrlicher und schpferischer ihre lose
Fden auf gut Glck auswirft, und ein Ganzes, mehr durch die Harmonie des
Zusammenklingens, als durch Entwickelung und Abrundung des Einzelnen
hervorbringt.
    Mein Gott! Sophie, wie gelehrt klingt das! - Ich glaube, das Alleinsein
taugt mir nicht. Ich werde eine ganz andere Person. So grbelnd und motivirend.
Versicherte mich der Arzt nicht, ich sei gesund, so wrde ich mich krank
glauben. Es ist mir viel schwerer als sonst. Man sagt von gewissen Gegenden und
Orten, sie htten Einflu auf die Gemthsstimmung. Fast mchte ich denken, das
Pltzchen unten am See, in dem melancholischen Schatten der Buchen, so voll
dunkeln, geheimen Lebens, rege allzu ernste Gedanken in mir auf. Ich horche
Stunden lang auf das sonderbare Rauschen ber mir in dem hohen Bltterdach, und
sehe die grau gestreiften Wellen in immer tieferm Farbenton zwischen den Bumen
hinflieen, ohne da ich Lust htte, andere Gesellschaft, als die der einsamen
Natur, aufzusuchen. So etwas ist mir fremd. Ich bin nicht fr sentimentale
Spiele der Einbildungskraft. Sie entzweien mit der Wirklichkeit. Auch scheue ich
das wehmthige Dmmerlicht, was sie den Gegenstnden zurcklassen. Und dennoch
bt der Platz unwiderstehliche Gewalt ber mich aus. Ich werde ihn meiden
mssen. Mir taugt das allzu tiefe Hineinsehen in die Verknpfungen des Daseins
nicht. Man sieht doch nur bis auf einen gewissen Punkt, und wird unsicher.
    Ueberdies bin ich dort nicht mehr vllig allein. Ich habe, glaube ich,
vergessen, Ihnen zu sagen, da der Fremde zuweilen hier umher streift. Entweder
er fhrt in einem kleinen Kahne pfeilschnell vorber, oder seine Gestalt
erschreckt mich pltzlich zwischen der Umbschung am Ufer. Die Eile, mit welcher
er sich entfernt, scheint seine unberufene Dazwischenkunft entschuldigen zu
sollen, inde fllt mir die Strung immer unbequem; um so mehr, da Georg
jedesmal ganz verschchtert zu mir gelaufen kommt, und mich mit Fragen qult,
wer der unartige Mann sei, der so nahe an das Wasser gehe?
    Ob ich denselben auch nie anders als aus einer gewissen Ferne sah, so
scheint er mir doch fr einen gewhnlichen Sekretr oder Geschftsfhrer eine
allzu edle Haltung zu haben, ja, eine zu vornehme Art, die Dinge anzufassen und
zu nehmen. So steht er oft so auf gewisse Weise hoch und gebieterisch, die Arme
ber einander geschlagen, den Kopf gehoben, in dem Kahn, wenn er diesen, durch
ein Paar gewaltsame Ruderschlge, in das Getriebe der Fluth gebracht hat, und
ihn nun lig auf dieser fortschwimmen lt. Die Arme liegen auf dem ruhenden
Holze, das er wie einen Stab gegen den Boden des Schiffchens gestemmt, aufwrts
hlt, als gebiete er den Wellen.
    Neulich hatte er im Vorberfahren, auf solche Weise stehend, das Ruder
weggeworfen, und die Jagdflinte auf einen Zug Wasservgel angelegt. Er drckte
inde nicht ab. Auch sah ich ihn das Gewehr bei Seite legen. Vielleicht hatte er
das Kind bemerkt, und wollte es nicht erschrecken. Ich nahm bei dieser
Gelegenheit inde wahr, da er das Weidwerk weder wie ein Laie noch wie ein Mann
von Metier trieb, vielmehr den Anstand vornehmer Spielerei dabei entwickelte.
Und trotz alledem, wird es doch wohl mit dem subordinirten Sekretrposten seine
Richtigkeit haben. Er kennt seine Stellung, und sucht mit Leuten gleichen
Standes Bekanntschaft zu machen. Den Tag nach der Beerdigung der Amtmnnin kam
er spt Abends, der Familie einen Besuch zu machen. Er trat unerwartet ins Haus,
klopfte an die erste beste Thre, und eilte, als der betrbte Hausherr sein
gastliches Herein gesprochen hatte, mit so bekmmerter Miene auf diesen zu,
als habe er eine nahe Anverwandtin in der Todten zu beweinen. Ich bin hier
fremd, sagte er, indem er des Amtmanns Hand ergriff, und sie schttelte, aber
ich habe von Ihrem Unglck gehrt und kann Ihnen meine Theilnahme nicht lnger
verbergen.
    Er schwieg darauf, ohne weiter etwas ber sich, seinen Namen, Stand und
Aufenthalt hinzuzusetzen. Der Amtmann bat ihn, niederzusitzen. Er lehnte es
hflich ab. Seine Augen suchten die Kinder. Der lteste Knabe war nur
gegenwrtig. Er legte ihm die Hand, mit dem Ausdruck zrtlichen Mitleids auf den
krausen Lockenkopf, und sah ihm eine Weile schweigend, aber tief in die Augen.
Gleicht er der Mutter? fragte er darauf. Der Vater schttelte den Kopf.
Hervorstrzende Thrnen hinderten ihn, sogleich Worte zu finden.
    Sie war die Tochter des Hofpredigers S-? hub der Fremde nach einer Weile
an. Ich bin dem Manne viel schuldig, setzte er hinzu. Um seine Lippen zuckte es
schmerzlich. Er zog die Hand von des Kindes Stirne zurck, und ging einigemal in
sichtbarer Bewegung auf und ab. Sein ganzes Wesen, wie auffallend auch immer
sein Erscheinen sein mochte, drckte tiefsinnigen Ernst und weiches Mitempfinden
aus.
    Wie er gekommen war, so ging er. Unvorbereitet, schnell. Er war fort, ehe
man es dachte. Nun, wir sehen uns bald wieder, sagte er, leichthin grend.
Und damit war er zur Stube hinaus.
    Ich wei dies Alles von unserm Arzt, der unter die Zahl meiner Freunde
gehrt, und mich oft besucht. Er war bei dem seltsamen Auftritte zugegen, und
konnte mir den Unbekannten nicht interessant genug beschreiben.
    Sophie, das Prdicat als Sekretr thut ihm doch einigen Schaden bei mir.
Dies klingt schlimmer als es ist. Denn, wahr bleibt es einmal, was hat man von
der Nachbarschaft eines Menschen, der nie zu unserer Gesellschaft gehren wird.
So lieb mir der Arzt ist, so fatal wird mir ein gewisser lauter und roher
Justizrath, der mit Eduard Geschfte hat, und mich sehr langweilt. Der Mensch
giebt so viel zu verstehen, und plaudert so gern aus der Schule, da ich ihm,
fast wider meinen Willen, aus dem Wege gehen mu, um nur keinen Antheil an einer
Indiscretion zu haben, die Eduard weder ihm noch mir verzeihen wrde. Gewi aber
ist es, er hat die Hnde mit im Spiele, was auf des Comthurs Heerde geschmiedet
wird.
    Nun werde ich bald mehr erfahren. Die Grfin kommt mit ihrer Familie aus dem
Bade zurck, und bezieht noch fr die Sommermonate ihren Landsitz. Die gewandte
Frau wei sicher in vier und zwanzig Stunden mehr von dem, was hier vorgeht, als
wir in einem halben Jahre.

                                Hugo an Heinrich


Ich bin hier im Schlosse des Oheims. Das erschpft eigentlich alles, was ich Dir
Interessantes von meinen gegenwrtigen Verhltnissen sagen kann, lieber
Heinrich, denn es liegt zugleich die Feststellung eines dieser Verhltnisse
berhaupt darin. Da es nun einmal dahin gekommen ist, so mag es darum sein. Mir
lag niemals sonderlich viel daran. Ich htte mir auch so durchgeholfen, und wre
freier geblieben.
    Der alte Herr ist ein wunderlicher Heiliger. Er steckt so voll Vorurtheilen
und verbrauchter Ansichten, da es schwer hlt, bis zu dem eigentlichen Kern in
ihn zu dringen. Dieser ist gut, so viel ich davon entdecken konnte; aber die
kleinen Poliermesser moralischer Spitzfindigkeiten haben auch schon
erschrecklich daran genagt.
    Glaubst Du, da ihm sein frheres Verfahren leid ist? Ganz im Gegentheil! Er
thut sich etwas darauf zu gut.
    Sieh, solch ein Sclave ist das Gewissen! Es trgt die Livree jeder modernen
Grille, die den augenblicklichen Herrn ber unsere gesunden Gefhle spielt!
    Uebrigens, einmal so ausstaffirt von der Zeit, in der ihm seine Rolle
berkam, nimmt sich der Comthur in dem steifen Prunk vornehmer Grundstze weder
lcherlich noch drftig aus. Er imponirt und zieht, wegen der unverkennbaren
Wahrheit einer zweiten, angebildeten und angewhnten Natur, wie ein Rthsel, aus
dem man klug werden mchte, jedweden an. Was wrde deine psychologische
Spurkraft hier nicht alles von Originalitt und bizarren Elementar-Mischungen
trumen.
    Ich, fr meinen Theil, hege einen andern Glauben. Originell ist in solchem
Wirrwarr nichts. Das sind unverdaute Brocken schlecht gehandhabter Weisheit, die
das Leben so lange beschweren, bis dieses sie wieder auswirft.
    Grundstze sind nur dann originell, wenn sie durch starke, eigenthmlich
herrschende Gefhle erzeugt, eine Rechtfertigung derselben werden. Was die ganze
brige Welt verwirft, findet in der anders gestellten Ueberzeugung Schutz, und
deshalb wird diese so trotzig und unbeugsam.
    Wenn die sturmgepeitschten Wogen das Schiff krachend gegen ein Eiland
werfen, so betrachtet sich die gerettete Mannschaft als Herr des gleichsam
eroberten Bodens, und grndet nach eigenen Gesetzen ein neues Reich, eine neue
Heimath, welcher Noth und Willkhr den Zauber der ursprnglichen leihen mssen.
    Ohne Umsprung des Geschicks, ohne Gewitter der Leidenschaft, zerfllt
Niemand mit der Ordnung der Natur.
    Aus diesem Quell entspringen aber nur sehr selten Abweichungen. Es giebt so
selten starke Gefhle, wie starke Menschen. Das Geschick der Meisten gleicht
sich auf ein Haar. Dadurch kommt nichts Neues in das Leben. Es ist immer das
Alte, das nur dann berrascht, wenn es um ein Jahrzehend zurck, den vergessenen
Rock zwischen einem modernen Costm blicken lt. Da ist es alt!
    Der arme Comthur ist brigens in den verwachsenen Kleidern auch nicht auf
Rosen gegangen. Es ist nicht leicht, das Unnatrliche mit sich selbst in
Uebereinstimmung zu bringen. Der Mann wei heute zur Stunde noch nicht, was er
auch sagen mag, ob er recht oder unrecht daran gethan hat, den Bruder aus der
vterlichen Erbfolge auszuschlieen. Deshalb mein Besuch hier.
    Mir ist die ganze Geschichte fatal. Ohne dies Verhltni zu Emma und die
unruhige Geschftigkeit ihrer Mutter, die sehr geschickt die Mue und den
Verstand einer Stiftsdame zu ihren Zwecken benutzte, wre es niemals dahin
gekommen.
    Noch einmal, ich bin hier! und werde der Erbe eines reichen Mannes auf
Kosten entfernter Vettern, die gewi eine andere Rechnung gemacht hatten.
    Meine Ankunft, wie mein Aufenthalt, ruht eben dieser Vettern wegen unter
einer Art geheimnivollem Schleier. Ich zog in der Nacht hier ein. Den Wagen,
der mir entgegen geschickt wurde, benutzte ich nicht. Ich blieb zu Pferde und
ritt bescheiden hinter des Oheims Equipage. So ist auch ungefhr mein Benehmen
geblieben. Das heit, ich stelle nichts vor und lasse mich vorstellen.
    Unsere erste Zusammenkunft war von beiden Theilen steif. Das konnte nicht
anders sein. Der Comthur ist von Natur ein wenig allzu hoch, fr einen Sinn, wie
der meinige. Ich bin immer ich selbst. Wir fanden uns gegenseitig nicht
besonders befriedigt. Inde hege ich niemals Groll gegen einen Menschen. Meine
Brust hat keinen Raum fr ein rein gehssiges Gefhl. Und Grnde, es zu
erzeugen, fallen stets durch ruhige Betrachtung des Zusammenhangs feindlicher
Verhltnisse, in Nichts zusammen. Ich sehe die Dinge wie sie sind. Damit hat in
der Regel die Critik ein Ende. Ich bin fertig in mir, und lasse es gut sein.
    Diese ruhige Stimmung macht mich unbefangen. Ich streite nicht mit dem alten
Manne. Wir nhern uns durch Gewohnheit.
    An Emma habe ich geschrieben. Das vermittelnde Stiftsfrulein ist zu ihrer
Mutter gereis't. An dem ganzen Gewebe fehlt nichts mehr, als da es aufgerollt
wird. Der Comthur hat schon Hand daran gelegt, und ich bin nun mit meinem
Geschick am Ziele.
    Das wre ja wohl ungefhr das Wesentliche, was ich von mir zu melden htte!
Historisch betrachtet, ganz erstaunt viel! Fr mich selbst, unglaublich wenig.
Ich kann Dir nicht sagen, wie lcherlich mir zuweilen all die Anstalten fr das
Leben erscheinen. Dies selbst geht darber hin. Das Lstige bleibt auf den
Schultern liegen. Der unbefangene Genu verflog, ehe man ihn kennen durfte.
    Ich wnsche Dir Glck zu Deiner Freiheit. Halte sie in Ehren. Verschleudre
sie um kein Schaugericht. Man wird nicht satt davon.

                                Elise an Sophie


Ihr Geheimni ist am Tage. Es verlohnte nicht der Mhe, die Maske anzulegen.
Eine Heirath bringt man auch wohl sonst zu Stande. War der Roman seinem Ende so
nahe, wozu die Aufmerksamkeit, durch den Schein des Besondern, auf hchst
gewhnliche Verhltnisse lenken? Es hat mich verdrossen, da ich mich anfhren
lie. Zuletzt lachte mich die Grfin, mit ihrer gewhnlichen guten Laune,
darber aus. Ich lache mit; eigentlich ist es mir aber nicht so ums Herz.
    Sie hat richtig, wie ich's dachte, den ganzen Zusammenhang ausgesprt.
    Vorigen Sonnabend ging ich Nachmittags mit Georg den Weg nach der Stadt,
Eduard entgegen, der frher als sonst von dort zurckzukommen gedachte.
    Es whrte auch nicht lange, so entdeckten wir in der Ferne einen Wagen, der
auf uns zukam. Ich setzte mich mit dem Kinde auf die Steinbank, seitwrts unter
den Kastanien, nieder. In einer Wolke von Staub gehllt, rasselte die offene
Chaise heran. Allein, statt Eduards grauem Reisemantel und lederner Schirmmtze,
leuchteten mir so viel bunte Bnder, flatternde Swahls und modische Sommerhte
entgegen, da ich nicht lnger an meinen ehrbaren Prsidenten in seiner
preoccupirten Vortragslaune denken konnte, sondern neugierig den
Vorberfliegenden nachsah, die sich weit aus dem Schlage herauslegten, und mich
in ihren lebhaften Begrungen, meine Nachbarinnen erkennen lieen.
    Ich mute lachen, wie diese Leute die Residenz mit allem modischen Zwange
auf jedem Fleck der Erde, auf Reisen, wie in das freie Landleben hinter sich her
schleppen. Inde flimmerten die bunten Schmetterlingsflgel doch ganz lustig an
dem melancholischen Abendhimmel vorber, und mit einer Art von Freude, fhlte
ich, durch ihre Nhe, meine Einsamkeit unterbrochen.
    Am folgenden Morgen erhielt ich denn auch schon von der Hand der Grfin in
zwei eben so flchtigen als verbindlichen Zeilen, die Anzeige ihrer Rckkehr,
und das Versprechen ihres nahen Besuchs. Ich kam diesem zuvor, und war gestern
in dem grnen Ulmenstein, wo alles lacht, der Garten mit seinen hellen Teichen,
das Schlo, die moderne Einrichtung, die eleganten Besitzer, die flinke
Dienerschaft, bis auf den Papagey im Messingbauer auf der Terrasse.
    Die Grfin war entzckt ber die allerliebste Leichtigkeit, wie sie sich
ausdrckte, mit der ich Rcksichten bei Seite zu schieben und Verhltnisse nach
Gefallen zu handhaben wisse. Sie beschmen und ehren mich zugleich, sagte sie,
denn indem sie mich aufsuchen, lassen sie mich mit meinem Unrecht ihre Nachsicht
empfinden, die nur den schmeichelhaften Grund freundschaftlicher Vorliebe haben
kann, und sie zum Engel und mich zu ihrer Sclavin macht.
    Ich kenne ihre extravagante Art, sich auszudrcken. Sie gehrt zu ihr. Gehe
ich auch nicht in den Ton ein, so verstehen wir einander vielleicht darum um so
besser. Sie wei, wie ich's nehme, und ich, wie sie es giebt.
    Als sie mein einfaches, percale Kleid und den Strohhut mit gelbem Bande, wie
ich beides Tag fr Tag auf dem Lande trage, reizend genannt, den Fall der
Locken, den Schnitt der Halskrause durch alle Prdicate gelobt hatte, gab ich
ihr fr so viel unverdienten Beifall, durch das ungeheuchelte Erstaunen ber die
vortheilhafte Vernderung ihrer beiden Tchter, meinen Dank zu erkennen.
    In der That htte ich es fr unmglich gehalten, da einzig der Wechsel
uerer Beziehungen, in einem Zeitraume von zwei Monaten diese Umwandlung
hervorbringen knnte. Ich mute mir jetzt die bleichen, nchternen Gesichtchen
zurckrufen, die so lang und so unbedeutend zwischen dem gescheitelten hellen
Haar hervor sahen, die so characterlos schienen, da ich immer Eins mit dem
Andern verwechselte. Zwei ganz andere Personen standen in der frischen Toilette,
den reich und modisch geordneten Locken, in dem besondern Hauch, warm
zurckstrahlender Lebensverhltnisse, frei und gefllig vor mir. Die schchtern
gesenkten Augen hoben sich lachend aufwrts. Es spiegelte sich Bewutsein und
Erwartung darin. Sie faten ihren Gegenstand und hatten Farbe und Glanz.
    Auch die Lippen blieben nicht lnger verschlossen. Die Mutter horchte
lchelnd auf das, was sie sagten. Die Anerkennung der Gesellschaft hatte
augenscheinlich das Maa der ihrigen bestimmt. Es war nicht mehr sie allein,
sondern sie in den Tchtern, welche Aufmerksamkeit und Bewunderung erwartet.
    Solch Untergehen einer Persnlichkeit in die andere, lt die Eitelkeit
nichts in den Tagen entbehren, wo sie sonst nur empfindliche Krnkungen erfhrt.
    Die Grfin schien mir mehr als je mit der Welt zufrieden. Ueberall fate sie
nur die Lichtseiten derselben auf, und wute so viel Leben und Interesse hinein
zu legen, da sie Nahes und Fernes, in einer gewissen gemthlichen
Beweglichkeit, durch ihre Unterhaltung flieen lie.
    Hierbei kommen denn auch die Neuigkeiten der Nachbarschaft zur Sprache.
Mein Gott! rief sie pltzlich, wie von der Wichtigkeit des Gegenstandes auf
Vorwurfs hnliche Weise an ein unverzeihliches Vergessen erinnert. Mein Gott,
und nicht ein Wort von dem Neffen des Comthur, und den geschickten Machinationen
ihrer Freundin Sophie?
    Von welcher Art sind diese? fragte ich, in hchster Unwissenheit alles
dessen, was hierauf Bezug hatte.
    O gehen Sie! gehen Sie! lachte die Grfin. Spielen Sie doch nicht die
Zurckhaltende gegen mich. Die Geschichte ist ja die Neuigkeit des Tages. Bis
zu mir kam sie nicht, versicherte ich sie. Und doch ist Ihr Mann um nichts
Geringes dabei im Spiele, versetzte sie spttisch. Wie pflichttreu der ehrliche
Prsident auch sein mag, fgte sie hinzu, so wird er doch seiner allerliebsten
kleinen Frau nicht die Mittheilung eines sehr besondern Romans vorenthalten
haben?
    Als ich sie vom Gegentheil auf eine Weise berzeugte, die ihr keinen Zweifel
lie, rief sie lachend: Von was in aller Welt, spricht denn der ernsthafte Mann
mit Ihnen, wenn ihm auch seine Geschfte nicht Stoff dazu bieten drfen?
    Ich umging die Antwort durch ein Paar allgemeine Epigramme, gegen die
Ehemnner. Sie fand das kstlich, Agathe und Rosalie wollten sich halb todt
lachen, und ich kam wieder auf den Neffen und den Oheim zurck.
    Nun, fiel die Grfin schnell ein, mit dem hat es folgende Bewandni: Sein
Vater, als der ltere Bruder unsers Nachbars, war der Erbe eines ansehnlichen
Majorats, um das er sich durch eine voreilige und heimlich vollzogene Heirath,
mit einem protestantischen Frulein, brachte.
    Heimliche Heirath! unterbrach ich sie. Mir fiel die Erzhlung der
Amtmnnin ein. Jetzt verstand ich den wehmthigen Antheil des Schlogastes, an
ihrem Tode. Die Grfin mochte die verwundernde Ausrufung anders deuten. Nun,
nun, lchelte sie, erschrickt Ihre strenge Tugend selbst vor dem gesetzlichen
Auswege aus dem Labyrinth der Leidenschaft? wie werden Sie erst den Stab ber
diejenigen brechen, welche sich auf immer in demselben verirrten.
    Ich breche ber Niemand den Stab, entgegnete ich. Ich bedauere im
Gegentheil alle, welche sich aus Vorliebe fr trumerische Einbildungen auf eine
Art tuschen, die ihnen Nachtheil bringt, denn ich glaube nicht an ein
Ueberschwngliches, das den Meister ber uns spielen kann, die Wirklichkeit
zeigt es uns nur in karikirten Kopien verfhrerischer Romane, aus denen immer
bei weitem mehr Sehnsucht nach dem Ungewhnlichen als lebendige Wahrheit
spricht.
    Im Grunde haben Sie vollkommen recht, stimmte die Grfin mir bei, aber
sagen Sie, was Sie wollen, Romane unterhalten auerordentlich, und die kleinen
Kopien davon im Leben sind hbsch, wie viel Thorheit und Selbstbetrug dabei auch
im Spiel sein mag.
    Sie lachte bei diesen Worten, wie durch angenehme Erinnerungen erheitert.
Die jungen Mdchen lachten mit ihr. Ich mute ber die Unbefangenheit erstaunen,
mit der die allzu jugendlich gebliebene Frau, sich in Gegenwart ihrer Tchter,
rcksichtslos uerte.
    Allein, sie lt niemand lange auf demselben Fleck stehen. Sogleich war sie
wieder bei dem neuen Ankmmling, bei den Verwirrungen und Ausshnungen in seiner
Familie, die sie weit mehr beschftigten, als jene Betrachtungen.
    Es bestehen, fuhr sie dann fort, von den Voreltern des Comthur,
testamentliche Vertrge, nach welchen jeder Majoratserbe, bei Verlust seines
Besitzthums, gezwungen ist, sich mit einer katholischen Glaubensverwandtin zu
verbinden. Der junge Mann, welcher diese Bedingung unbeachtet gelassen hatte,
sollte nach seines Vaters Tode in dessen Rechte treten. Er hatte nur einen
einzigen Bruder, der ihm diese Rechte streitig machen konnte.
    Beide Brder liebten sich auf das Innigste. Der Aeltere hegte keinen Zweifel
ber die rcksichtslose Zustimmung des Andern. Inde, sei es aus Vorsicht, oder
auch aus Unsicherheit, er hielt auch vor ihm die geschlossene Verbindung bei des
Vaters Leben geheim. Jetzt stirbt dieser. Der neue Gutsherr tritt mit der jungen
Gemahlin, einer armen Waise, das Pflegkind reicher Anverwandten, hervor. Er
fhrt sie zuerst dem Bruder zu, in der Hoffnung der besten Aufnahme. Allein das
Herz des Letztern scheint pltzlich gewendet. Unerbittlich widersetzt er sich
der Anerkennung der Heirath, und lt dem erstaunten Grafen die Wahl zwischen
dem Opfer der Liebe, oder des Erbrechts. Dieser willigt in Keines von beiden.
Ein Proze soll entscheiden. Es kam nicht dazu. Das Gesetz entschied von vorn
herein fr den Verlust des Majorats, sobald die Gltigkeit der geschlossenen Ehe
bewiesen und behauptet werde. Sonderbar genug that der jngere Bruder, ganz
gegen sein Interesse, alles Mgliche, um Grnde fr die Ungesetzlichkeit einer
Trauung anzufhren, die ohne vterliche und oberherrliche Zustimmung vollzogen
worden sei.
    Allein der leidenschaftliche Gatte schlug alle diese Einwrfe dadurch
nieder, da er darthat, sich nicht eher vermhlt zu haben, bis der verlangte
Abschied aus frstlichem Dienst ihm zugekommen, und er durch erreichte
Volljhrigkeit jedweder Rechenschaft der Art entbunden worden sei. Nunmehr blieb
kein Zweifel, er mute dem Majorat entsagen, und da er zu erbittert, und zu
stolz war, um selbst, den ihm gebhrenden Antheil des vterlichen Vermgens
anzunehmen, so lebte und starb er in Armuth.
    Und der unnatrliche Bruder, unterbrach ich sie ungeduldig, that nichts, um
ihn zu vershnen? lie ihn in Verzweiflung darben?
    Ja, sehen Sie, fiel die Grfin hastig ein, aus diesem Bruder kann niemand
klug werden. Denken Sie, da er eine sehr zrtliche Neigung aufgab, niemals
heirathete, in einen geistlichen Orden trat, die groen Gter gewissenhaft
verwalten, ihren Betrag unberhrt lie, und jetzt so lange an der Beweisfhrung
gearbeitet hat, da der Sohn einer protestantischen Mutter, insofern er im
Glauben der wahren Kirche erzogen ward, nicht von der Erbfolge ausgeschlossen
ist, bis er dem Neffen, dem einzigen Sohn des unglcklichen Grafen, zum Besitz
eines Vermgens verholfen hat, dem er, zu seinen Gunsten entsagt. Kurz, meine
Liebe, fuhr die Grfin mit ungewissem Lcheln fort, der Comthur beweis't durch
Alles, da er der bizarrste Mensch von der Welt, und niemals zu verstehen ist.
Bei seinen letzten wohlthtigen Absichten war ihm besonders der Prsident, Ihr
Mann, sehr ntzlich. Seine groe Kenntni aller Familienurkunden hat es
ermittelt, da wenigstens im Testament dieses besondern. Falles keine Erwhnung
geschieht, und dem richterlichen Ausspruch die Freiheit bleibt, alle gemachte
Einwendungen aus dem Felde zu schlagen. Erst, da alles besiegt war, ist der
berraschte junge Mann hierher berufen, und von seinem Glcke unterrichtet
worden.
    Von seinem Glcke! entgegnete ich. Wer sagt denn, da er es so nimmt?
    Wer? fragte die Grfin. Mein Gott! liebes Kind, er selbst, und recht aus
Herzensgrunde, denn er benutzt sogleich die gnstige Lage, seine Hand einem sehr
hbschen Mdchen zu geben. Er ist schon abgereist, die Tochter der
Oberhofmeisterin desselben Hofes, an welchem Frulein Sophie Hofdame war,
heimzufhren. Sehen Sie, lachte sie bedeutsam, so mischen sich die Karten
geschickt in einander.
    Da ich einigermaen verwundert schwieg, rief die Grfin muthwillig: O! ich
knnte Ihnen noch viel mehr erzhlen, was Sie berraschen wrde. Thun Sie es,
bat ich, sie bei der Hand fassend. Nein, nein! entgegnete Sie bestimmt, ich
habe auch meine kleinen Geheimnisse.
    Sie stand hier von ihrem Platze neben mir auf, als fliehe sie meine
Ueberredung, und eilte einigen ankommenden Gsten aus der Stadt entgegen. Im
Weitergehen wandte sie sich noch einmal mit den Worten zurck: Mein
allerliebster, geschwtziger Justizrath hat mir das Alles im Vertrauen
gebeichtet.
    Ich sann noch ber ihre Mitwirkung in dieser Angelegenheit nach, und
beschlo Sophie unverzglich zu befragen, ob sich wirklich alles so verhalte,
wie es die Grfin dem indiscreten Geschftsfhrer abgelauscht hatte, als zu
meiner nicht geringen Verwunderung die ganze Sache noch einmal in dem
erweiterten Gesellschaftszirkel verhandelt ward.
    Die Rckkehr der Grfin, mit ihren ins Licht getretenen, schimmernden
Tchtern, zog sogleich die elegante Welt der Residenz zu ihrem angenehmen
Landsitz. Es ward immer bunter in dem Garten. Der Theetisch stand auf einem
hbschen, frischen Rasenplatz. Agathe schlpfte behend auf einen bereitstehenden
Sessel, den mehrere Herren mit groem Eifer, ihrer Bequemlichkeit wegen, nher
heran schoben. Sie zog die Handschuhe, mit einem kleinen Anstrich nicht bel
kleidender Verlegenheit aus, entblte die niedlichen, vielleicht allzureich mit
Ringen und Spangen geschmckten Hnde und Arme, und bewegte diese sehr reizend
in der Bereitung des Thees. Rosalie machte sich mit den gersteten Brdchen, den
Melonen, die sie zertheilte, und anderm Zubehr zu thun, wobei sie kurz und
abgebrochen, doch mit einer gewissen nachligen Extase, die vorzglich in
vielen Worten besteht, von dem Badeaufenthalt sprach.
    Die Mutter schien sehr aufmerksam und begierig auf den Eindruck, welchen die
hbschen Mdchen auch hier machen wrden, und war nur mit halbem Blick und
halbem Wort fr alle diejenigen da, welche ihr in dieser Beziehung unbedeutend
schienen. Doch bald einigermaen in ihren Erwartungen geschmeichelt, hub sie
ungefhr eben so, wie kurz zuvor, gegen mich an: Nun, und unser neuer Nachbar,
hat ihn schon Einer aus der Gesellschaft gesehen? Er soll ein interessantes
Aeuere und viel Verstand haben!
    Es mute mich, nach allem Vorhergegangenen mit Recht befremden, da die
Meisten sogleich vollkommen zu Haus waren, und Einer, sogar den Vornamen des
Unbekannten wissend, vom Grafen Hugo, wie von einem ganz vertrauten Freunde
sprach.
    Hugo! wiederholte ich, gegen meinen Vetter Curd gewendet, man hrt den
Namen nicht oft, er klingt so tief.
    Rasend tief, lachte er auf seine leichtfertige, neckende Weise. Aber
Cousine, was wollen Sie eigentlich damit sagen?
    Ich wute es ihm nicht auszudrcken.
    Denken Sie sich vielleicht einen melancholischen Sonderling dabei? fragte
er. Nun, da kann was dran sein; denn recht richtig ist es mit Keinem, der sich
aus einem ungeheuren Vermgen nichts macht, wie ein Misantrop in den Wldern
herumwandert, und mit vier und zwanzig Jahren ins Ehejoch kriecht.
    Alle diese Details wissen Sie schon, lieber Rittmeister? lachte die Grfin.
O! kommen Sie her, setzen Sie sich zu mir, erzhlen Sie mir ein Bischen von dem
mrrischen Menschen. Er interessirt durch seine Originalitt, obgleich eine
kleine coquette Absicht dabei im Spiele sein mag.
    Gewi! hrte ich sagen, Gewi! er fhlt, da er, als Emporkmmling oder
adoptirter Erbe, vielleicht mancher beschmenden Kritik blosgestellt sein mu.
Er will im Voraus imponiren. Der Ausweg, den er whlt, zeigt von Gewandtheit und
List. Er mu nicht ganz unerfahren in den Nuancen der Weltverhltnisse sein.
    Er ist hbsch und elegant, Mama! rief Agathe ihrer Mutter zu. Die Herren
hier haben ihn im Bade zu Aachen, im vergangenen Sommer, gesehen. Er war dort
ausgezeichnet durch seine Figur und groe Khnheit im Reiten, und viele andere
Talente.
    So! entgegnete die Grfin gespannt und ungeduldig, da sie nicht wute, was
sie alles gleich hren sollte. War denn die Braut mit ihrer Mutter auch da?
fragte sie.
    Die Herren bejahten es.
    Die Emma soll charmant sein! fuhr sie fort, indem ihre Blicke unsicher und
gewissermaen vergleichend an den Tchtern hinfuhren. Charmant! wiederholte sie,
zerstreut und gedehnt. Ach! die Mutter war wunderschn, fgte sie von frhern
Erinnerungen pltzlich fortgerissen, hinzu. Ich habe sie gekannt, ob sie gleich
erstaunt viel lter ist, als ich. Jetzt, hre ich, hat sie entsetzlich verloren.
Ihre Zge waren immer scharf wie ihre Zunge, setzte sie lchelnd hinzu.
    Sehen Sie, Sophie, so schilderte man mir Ihre Freunde. Bewundern Sie es
nicht, wie ich so lange bei einem Gegenstande verweilte? da das Neue selten
meine Aufmerksamkeit sonderlich erregt. Ich glaube, es ist auch nur der Antheil,
den Sie an diesen Menschen nehmen, der mir sie bedeutend macht.
    Von Emma spricht niemand. Ist nichts von ihr zu sagen? Armer Hugo! -
    Leben Sie wohl! Zeigen Sie mir bald mehr Vertrauen. Sophie! die Ihrige, wie
immer.

                      Die Oberhofmeisterin an den Comthur


Endlich ist die Entscheidung ganz nahe. In wenigen Stunden werden sie getraut.
Dann sind die lang gehegten Wnsche erfllt. Die unruhige Sorge findet ihr Ziel.
Das Geschick mu seinen Gang gehen.
    Zum letztenmale habe ich heute ber meine Tochter bestimmt, fr sie gedacht,
gehandelt, ihren Willen gelenkt, wie es ihrem Vortheile, ihrer Zufriedenheit
angemessen war. Von jetzt an nimmt ein Anderer, mehr oder weniger ein Fremder,
das Band, an dem ich sie, ihr selbst unbewut, leise fhrte, aus meiner Hand.
Ich lasse es zu. Die Ordnung der Natur will es so. Alle Mtter machen spt oder
frhe dieselbe Erfahrung. Aber gestehen Sie, da man sehr resignirt sein mu, um
sich ohne innere Verzweiflung, so gleichsam entfernt zu sehen.
    Emma scheint glcklich. Ich sage scheint, denn was wei sie, ob sie es ist.
Mir erregt ihre Heiterkeit die unbezwinglichste Eifersucht. Ist es denn etwas
anders als Wankelmuth, da sie ihr Heil von einem ungekannten Verhltnisse
erwartet, von dem sie sich weit eher abwenden, als darauf hinsehen sollte; da es
sie von allem, was ihr werth und theuer sein mu, losreist. Vielleicht kann man
es ein Glck nennen, da die Unerfahrne wie mit Blindheit geschlagen, nur von
goldenen Ketten trumt, und so lange damit spielt, bis der Druck der Fessel ihr
zur andern Natur geworden ist.
    Wenn ich inde einer Seits diese Tuschung segne, so drngt mich auch von
der andern unendlich vieles, sie aufzuheben.
    Um aufrichtig zu sein, Ihr Neffe selbst fordert mich dazu auf. Ihre Gunst
hat ihn nicht liebenswrdiger gemacht. Jener Anstrich von Wehmuth, der sich
frher so gut zu seiner Verlassenheit, und den anscheinenden Unbilden des
Geschicks pate, ist ein stehender Zug seines Temperaments geworden, und zu
einer Art schmerzlicher Resignation ausgeartet, die ans Beleidigende grnzt.
    Alles lt er geschehen. Er selbst bestimmt nichts, als da er Emma sogleich
nach der Trauung auf eine Ausflucht in die Schweiz entfhrt. Denn nur darin,
wovon er gewi sein kann, da es mir wehe thut, in dem allein ist er fest, und
mit so viel abweisender Klte unerschtterlich, da ich aus Erbitterung
schweige. Er bersieht meine Unzufriedenheit, wie er denn berhaupt auch Weniges
zu sehen scheint, und in schwrmerische Trume versunken, vor dem wirklichen
Leben zurcktritt.
    Die glnzenden Brautgeschenke, so blendend in ihrer Art, als geschmackvoll
in der Wahl, lt er in Emma's Zimmer tragen, ohne auch nur durch ein Wort
seinen Antheil daran zu verrathen. Als das berraschte Kind ihm danken wollte,
lchelte er, auf seine schwermthige Weise, indem er halb spttisch, halb
mitleidig mit sich selber, sagte: Ich habe kein anderes Verdienst bei der
Sache, als da ich des Oheims Befehle erflle, indem ich Ihnen seine Gaben
bringe. Von mir, fgte er hinzu, die Hand der Braut inniger als sonst wohl
drckend, besitzen Sie nichts, als diesen schmalen kleinen Ring, zu dessen
Anschaffung meines Vaters Erbe mir die drftigen Mittel bot. - Wollen Sie mir
inde, lchelte er angenehm, einen Antheil an den Gaben des Reichthums gnnen,
so sei es dieser: Ihre Freude darber mitzuempfinden.
    Emma sieht nur das Liebenswrdige an ihm, was sie verletzen sollte, ist fr
sie nicht da.
    Soll ich nun noch zweifeln, da sie blind sei?
    Sie wissen, ich habe diese Heirath nur gelitten, nicht gewnscht, noch
weniger gesucht, und ohne die Dazwischenkunft der vermittelnden Sophie, wre die
damalige Stockung bei Ihres Neffen Werbung, wohl ein ewiges Hinderni jeder
denkbaren Annherung zwischen ihm und mir geblieben.
    Sie haben dies Hinderni vielleicht mit mehr gromthiger Eile, als
prfender Besonnenheit gehoben. Ob Sie gut daran thaten? - Es ist nicht mehr
Zeit, diese Frage aufzuwerfen. Inde regt sie sich unwillkhrlich in mir, je
unaufhaltsamer der Zeiger meiner Uhr die Stunde nher rckt, welche durch
unwiderrufliche Gelbde zwei Menschen an einander knpfen wird, die nicht fr
einander geschaffen zu sein scheinen.
    Wenn Sie mich ber dies Gestndni tadeln, so denken Sie zugleich, wie gro
meine Unruhe sein mu, da ich sie Ihnen nicht verbergen kann.
    Sie htten an diesem Tage nicht unter uns fehlen sollen. Ich begreife, warum
Sie zurckbleiben. Gleichwohl werden Sie dem Kampfe auch in der Ferne nicht
entgehen, dem Sie auszuweichen gedenken. - Sie gewinnen wenig, und schaden viel.
Es hat etwas Unschickliches, da der Mann, welcher bei Hugo Vaterstelle
vertritt, sich in dem wichtigsten Lebensmomente von diesem wegwendet. Ueberdem
htte Ihre Gegenwart vielleicht dazu gedient, den Jngling aus seiner Traumwelt
herauszureien. Wir verstehen einander zu wenig, als da ich gleichen Einflu
auf ihn ausben knnte. Sophie ist auch unsicher geworden, sie wei nicht, wie
sie diesem besondern Charakter beikommen soll.
    Und die zrtliche Emma wrde wo mglich, noch unscheinbarer und
anspruchloser zurcktreten, um nur keines der tiefsinnigen Gedankenspiele ihres
erhabenen Freundes zu stren.
    Wre ihre Liebe weniger abgttisch, htte sie mehr Gefhl fr ihre eigene
Wrde, ich knnte ruhiger ber die kommenden Tage sein. Aber so!
    Es schlgt zwei. Wir fahren nach dem Lustschlosse der Frstin hinaus. Dort
in der Kapelle werden sie getraut; dann besteigen beide den Reisewagen! - Es ist
alles so abgerissen, so ohne fortgehende innere Begleitung! Einer treibt den
Andern. Die Frstin schickte schon zweimal. Ihre Gegenwart legt vielen Zwang
auf. Vielleicht ist das gut so! Ich wei es nicht! Ich wei nichts! -
    Ich lasse Sie jetzt. Mir schwirrt es vor den Augen. Man luft hin und her
durch meine Zimmer. Leben Sie wohl. Ich schliee. Nichts mehr fr heute! - Mir
ist das Herz so voll. - Ein Wort noch, und es fliet ber! - Gott befohlen! -

N. S.
    Noch einmal ffne ich den Umschlag. Sophie hatte Emma geschmckt. Sie sank
zusammen unter der Last der Juwelen, welche die Frstin ihr anzulegen befahl.
Der Kopf schmerzte sie, sie sah bla aus. Ihre Augen waren trbe. Ich
betrachtete sie voll unruhiger Theilnahme. Sie zitterte im vergeblichen Bemhen,
ihre Thrnen zurckzuhalten. Da ffneten sich die Thren. Hugo trat mit einigem
Gerusch herein. Aus der Hast, mit der er sich nahete, sprach die Besorgni, zu
spt zu kommen. Er uerte dies auch. Seine schnen Zge waren ungewhnlich
belebt, den Schleier, der sich so oft ber die dunklen Augen senkte,
durchblitzten rasche und feurige Lichter Er sah sehr ungewhnlich und imposant
aus, in der reichen Uniform des Regiments, in welchem er ehemals diente. Der
groe Orden, den ihm der Frst diesen Morgen sandte, glnzte stattlich auf
seiner Brust. Emma war wie geblendet. Es durchzuckte sie feurige Ueberraschung.
Sie hatte nun kein Kopfweh mehr. Leuchtend vor Bewunderung, reichte sie ihm die
Hand. Alle Unbequemlichkeit des lstigen Putzes ist vergessen. Sie sieht nichts
als ihn in der Welt. Undankbare! - mute dich Leidenschaft so zur Sclavin
machen! Warum auch Leidenschaft, wo ruhige Neigung gengt, und dir die eigene
Selbststndigkeit bewahrt htte! -
    Sie sehen, ich zgere in den Wagen zu steigen, die letzten Schritte zu thun,
die der kurze Raum zwischen jetzt und knftig durchmessen soll. Alle warten,
selbst die Frstin! Ich halte Alle auf! O! knnte ich die Zeit aufhalten!

                                Elise an Sophie


Sie antworten mir nicht. Sie schweigen wie eine pltzlich Stummgewordene. Warum
das? Ich sehe keinen Grund, warum Sie ber die lteren Freunde, jngere
vergessen!
    Mir ist diese Ungleichheit fremd an Ihnen! Beschftigt Sie die Hochzeit der
Grfin Emma so sehr? Lassen Sie das gute Kind ihr Loos erfllen, sie wird frh
genug Maiblumen und Veilchen gegen das Heu getrockneter Herbstblthen
vertauschen mssen.
    Ihr seid dort alle sehr eilig, die Sache abzumachen, und die jungen Leute
aus dem Paradiese des Frhlings hinauszustoen.
    Ist es die unruhige Mutter, die so das Kind von ihrem Herzen wegschleudert?
wei sie auch, wohin es fllt?
    Ich ward in diesen Tagen, auch ohne Sie, durch eine angenehme Bekanntschaft,
in den Abendzirkeln der Grfin, von der vollzogenen Heirath jenes besprochenen
Paares unterrichtet.
    Ich wei nicht, ob der Mund, der es sagte, oder das Ereigni an sich, meine
Theilnahme erregte? genug, ich denke unwillkhrlich fter daran, als es die
allergewhnlichste Begebenheit im Leben verdient.
    Die halbe Stadt war wieder drauen in Ulmenstein. Es ward geschwatzt, wie
man immer schwatzt. Vernnftiges und Unsinn. Auch ber Musik! Der ewige Streit,
neue und alte Componisten betreffend, kam wieder auf's Tapet. Sie wissen, ich
habe keinen Ton, und auch das Gehr ffnet sich mir nur in dem Echo der Seele.
Urtheil, wie man es nennt, darf ich mir nicht anmaen wollen. Ich hte mich auch
davor. Doch lie man nicht ab, in mich hinein zu reden. Beide Partheien zeigten
sich einseitig. Ich bekannte zuletzt, da ich von Natur, den knstlerisch knne
ich es nicht motiviren, mehr zu den vollen, erhabenen Meisterwerken der frhern
Schule neige, und lieber in Entzcken erbebe, als mich durch Anmuth und
Tndeleien verstrickt zu sehen. Doch anerkennen msse ich das Liebliche, wo es
sich zeige.
    Vortrefflich! rief die Grfin, indem sie beifllig in die Hnde klatschte,
das nenne ich, sich auf die charmanteste Weise von der Welt aus der Affaire
ziehen. So stimmen Sie niemanden bei, beleidigen keine Meinung, wollen hier ein
Bischen ab, dort ein Bischen zugethan haben, und bringen ungefhr den ganzen
Streit auf Nichts heraus. Allerliebst! das sieht Ihnen ganz hnlich! Ich
fhlte, da man mich so miverstehen konnte. Ich hatte es anders gemeint.
Erklren mochte ich mich darber weiter nicht. Es wre auch berflssig gewesen.
Wer mich nicht errth, dem kann ich einmal nicht helfen. Entwickeln mag ich
nichts. Das kommt confus heraus. Ich war sehr einfltig in meiner Ueberklugheit
gewesen. Das machte mich verdrlich und einsam in dem Gewirr.
    Die Fruleins sollten jetzt ein Duett aus einer unserer neuen Opern singen.
Man zog sie zu dem Fortepiano. Die Flgelthren des Saales standen nach der
Terrasse hin offen. Ich blieb mit Mehreren, welche die Zimmerhitze scheuten, im
Freien.
    Im Hin- und Hergehen sahen wir eine sehr glnzende Equipage die Anhhe
heraufkommen. Die Pracht der Livree, wie des Geschirrs der Pferde, erhielt noch
dadurch etwas Auffallendes, da Schnitt und Formen veraltet waren, wie frisch
und neu auch der Stoff selbst war. Der Wagen, dessen helle Spiegelfenster schon
von fern in der Abendsonne leuchteten, ebenfalls mit aufwrts stehenden
Zierrathen in reicher Vergoldung eingefat, erinnerte an frstliche
Staatskutschen aus frherer Zeit.
    Wer in aller Welt, lachte Curd, sitzt in dem verruchten alten Kasten!
Schade um die prchtigen Pferde, die solche Last ziehen mssen!
    Jetzt nahete und hielt das seltsame Prachtwerk. Ein Piqueur sprengte in den
Hof.
    Cousine! flsterte Curd mir ins Ohr, das ist gewi ein Abgesandter irgend
eines groen Potentaten, der von der Schnheit der beiden Tchter des Hauses
gehrt hat, und um Eine wenigstens werben soll! Gott! rief er, sich vor
Vergngen die Hnde reibend, wenn wir doch das der Grfin einbilden knnten!
    Ehe ich noch Zeit behielt, ein Wort hierauf zu erwiedern, hrte ich unsere
leichtbewegliche Wirthin schon innerhalb ausrufen: Wo denn? Wo denn? Im
Augenblick darauf stand sie neben mir auf der Terrasse. Sie sah neugierig nach
der Strae hinunter. Die Hand schirmend gegen die Augen haltend, welche die
scharfen Strahlen der Abendsonne blendeten, sagte sie berrascht und enttuscht
zugleich: Mein Gott! der Comthur, und in groer Galla! Er kommt wohl, mir den
neuen Majoratsherrn zu prsentiren.
    Die Reihe des neugierigen Herzueilens kam nun an mehrere Andere aus der
Gesellschaft. Auch an mich, ich leugne es nicht, obgleich ich wissen konnte, da
Hugo nicht in der Nhe war.
    Agathe und Rosalie lieen Gesang und Musik im Stich, und sahen mit den
niedlichen Kpfchen lauschend aus der Thre.
    Jetzt ward der erwartete Gast gemeldet. O viel, viel Ehre! rief die Grfin
dem eintretenden Bedienten entgegen. Gleich darauf hielt der Wagen an der andern
Seite des Hauses vor der Hauptthre. Unwillkhrlich blickten alle Augen auf den
Eingang des Salons. Sie kennen unsern Nachbar? sagte die Grfin zu mir
gewendet. Ich werde ihn heute zum erstenmale sehen, erwiederte ich.
Unmglich! versetzte sie, war er denn nie bei dem Prsidenten? Ich wute
gewi, da das nicht der Fall gewesen.
    Ach! versicherte sie, mit einer Art Respekt in Ton und Miene, da werden
Sie eine interessante Bekanntschaft machen.
    Der, von welchem die Rede war, stand inde schon mitten im Zimmer. Die
Grfin flog mit allen Zeichen achtungsvoller Bercksichtigung auf ihn zu. Beide
begrten sich unter mancherlei Hin- und Herreden.
    Ich behielt Zeit, die Anmuth und Wrde einer Ehrfurcht gebietenden und
rhrenden Erscheinung, die ich jemals sah, ungestrt zu bewundern.
    Die zwanglose, vornehme Art, mit welcher der Comthur eingetreten war, hatte
nichts von der veralteten Frmlichkeit, die seine Umgebungen ankndigten. Er
bewies mir, da der feine Ton guter Sitte jedem Zeitmomente angehrt.
    Agathe hing sich mir, whrend ihre Mutter beschftigt war, an den Arm, indem
sie voll Extase flsterte: Er sieht superbe aus! Mein Gott! welch elegante
Tournure, und die prchtigen Augen! Wie schade, da die Haare schon weilich
schimmern! Die Augenbraunen zeichnen sich ganz kstlich gegen die Stirne aus.
Sehen Sie, ich bitte Sie, wenn er sich so gegen Mama herunter beugt, mit welcher
einzigen Grazie er dann den Kopf bewegt.
    Ein Glck, lachte Rosalie, welche herzu getreten war, da der himmlische
Mann nicht zwanzig Jahre jnger ist, wir stritten uns beide bis aufs Blut um
ihn.
    Dann mte ich mich ja mit ihm schlagen, fiel Curd schnell ein. Ich
knnte ihm doch den Sieg ber die beiden schnen Schwestern nicht einrumen.
Aber auf Ehre. fgte er hinzu, zu seiner Zeit ein gewandter und gefhrlicher
Gegner! Was das noch fr eine Gestalt ist, selbst in dem verwnscht altmodischen
schwarzen Rock! Die Taille ist um eine halbe Elle zu breit und zu lang, und doch
trgt er sich so hoch, und sieht so schlank aus, da man ihn beneiden knnte.
Aber welch eine Toilette, mir wird angst und bange. Der Ordensstern sitzt unter
der Brust, statt oben an der Schulter. Das Halstuch -
    O schweigen Sie! ich bitte Sie, rief ich rgerlich. Der Mann ist ja nicht
von heute und gestern, das dchte ich, shen Sie.
    Das ging wohl auf mich? Cousine, bemerkte Curd harmlos. Nun, bin ich
gleich keine respectable Antique, so bin ich doch kein Brudermrder. - Ich sah
ihn entsetzt an. Ja! auf Ehre, betheuerte er, an dem ist kein gutes Haar. Hat
er nicht auf die schndlichste Weise von der Welt den rechtmigen Erben um
Alles gebracht?
    Auf die schndlichste Weise? wiederholte ich, als die Grfin mit dem
Comthur an der Hand zu mir heran trat, und dadurch unwillkhrlich die kleine
Gruppe theilte.
    Ich stelle Sie einander nicht erst vor, sagte die gewandte Frau. Zwei so
liebenswrdige Nachbarn, lchelte sie verbindlich, sind durch den
beiderseitigen Ruf zu wohl unterrichtet, um nicht auf den ersten Blick ber
jeden Zweifel hinaus zu sein.
    Wenn auch Ihre Voraussetzung bei mir zutrifft, gndige Frau, entgegnete
der Comthur, indem ein hchst angenehmes Lcheln sein ernstes Gesicht erhellte,
so darf ich mir nicht schmeicheln, die Aufmerksamkeit der Jugend und Schnheit
zu verdienen. Nennen Sie daher der Dame gtigst meinen unbedeutenden Namen.
    Er ist mir nicht fremd, versicherte ich, in einem unbegreiflichen Gemisch
von Theilnahme und Beklemmung. Ich errthete, als ich das sagte. Mir kam es vor,
als habe ich dadurch verrathen, auf welche nachtheilige Weise ich zu seiner
Bekanntschaft gekommen war.
    Der Comthur heftete nun forschende Blicke auf mich! Sein Gesicht hatte den
Ausdruck schmerzlicher Unruhe. Mund und Augen verriethen den Kampf peinlicher
Erinnerung. Es that mir leid; denn ob er sich gleich zu lcheln zwang, so
glaubte ich doch in allen seinen Mienen etwas zu lesen, das dem Bekenntni
frherer Schuld und dem Tnch eines erknstelten Gleichmuths ziemlich nahe kam.
    Wir blieben mehrere Secunden stumm einander gegenber, bemht, wie ich
glaube, dasjenige zu errathen, was wir gegenseitig verschwiegen.
    Ich mu mich doppelt glcklich nennen, hub er zuerst wieder an, heute
auch Ihre Nachsicht, gndige Frau, fr eine junge Anverwandtin erbitten zu
drfen, deren Ankunft in dieser Gegend ich in Kurzem erwarte. Mein Neffe, Graf
Hugo, verheirathet sich, wie ich glaube, heute. Die jungen Eheleute werden bis
zur Vollendung des neuen Schlosses zu mir in die Burg ziehen. Wollen Sie der
Fremden, hier vllig Unbekannten, eine gtige Beschtzerin sein? fragte er mit
einem Tone, der zugleich der Eitelkeit schmeichelte, und die Theilnahme
unwiderstehlich in Anspruch nahm.
    Whrend ich ziemlich verlegen, und in dem Gefhle hiervon, wie ich glaube,
weniger natrlich als sonst, etwas Unbedeutendes sagte, rief die Grfin: Wie!
heute ist die Hochzeit des Grafen, und Sie sind hier? Mein Gott! wer soll die
Braut anders zum Altar geleiten, als das Haupt der Familie! Ich wrde an der
kleinen Emma Stelle untrstlich sein, gerade Sie unter den Hochzeitsgsten zu
vermissen.
    Es ist besser, ein Fest zu meiden, als es zu verderben, entgegnete der
Comthur, kurz und entschieden, so, als werfe er rasch eine lstige Empfindung
bei Seite.
    Ich erschrack unwillkhrlich vor dem vernderten Tone seiner Stimme. Es lag
etwas Schroffes darin, das sich zugleich in seiner vllig verfinsterten Miene
zurckspiegelte.
    Wie sehr er sich auch gleich darauf bezwang, er gewann die vorige, freie und
leichte Stimmung nicht wieder, und ob er auch mit Gefhl, ja mit Wrme von der
nahen Aussicht sprach, ein ungehofftes Familienglck in der eigenen Huslichkeit
aufblhen zu sehen, so geschah es doch nicht ohne Anstrengung, davon zu
sprechen.
    Sonderbar genug, er wandte sich fast immer in der Unterhaltung an mich. Es
befremdete und verwirrte mich anfangs. Ich glaubte, er habe mich errathen und
wolle mir eine bessere Meinung von sich geben. Nachher aber sagte ich mir, es
geschieht, weil er mich durch Eduard vom dem Gange der ganzen Verhandlung
unterrichtet glaubt, und am leichtesten hier anknpfen mag.
    Sei es so oder so! der Mann hat mir ein undeutliches Bild gelassen, das mich
anzieht und ngstigt zugleich. Ist der Neffe ihm gleich, oder nehmen die
Verhltnisse der neuen Familie dieselbe schwankende Farbe an, so wird es mit den
nachbarlichen Beziehungen wohl nicht zu einer besondern Intimitt kommen.
    Sie sehen, Sophie, Ihr Schweigen ist so unntz als betrbend. Sie bezwecken
nichts dadurch fr Ihre dortigen Freunde, und verletzen die hiesigen. - Wenn Sie
mich noch liebten, wie ehemals, htte ich bereits eine weitluftige
Hochzeitsrelation. Seit Sie so bedenklich und berechnend sind, hren Sie auf,
verbindlich zu sein. Leben Sie wohl!

                      Der Comthur an die Oberhofmeisterin


Undankbare! Dies harte Wort, mit dem Sie die Tochter aus Ihren Armen lassen,
mchte ich Ihnen zurckgeben.
    Ja, Undankbare! knnen Sie es vergessen, da Emma dem Leben gehrt, dem Sie
sie entgegen fhren durften? Soll sie darum niemals allein stehen, weil Ihre
Hand sie noch lnger festhalten mchte?
    Haben die Jahre Ihnen so viel von der Uneigenntzigkeit frherer Liebe
geraubt, da Sie heute anders empfinden, wie in jener Stunde, da das schwankende
Kind zum erstenmale dem Leitband der Wrterin entlief, und ein eignes, freies,
kleines Wesen vor Ihnen stand, die gewonnene Kraft prfend?
    War sie Ihrem Herzen darum fremd, weil sie glcklicher war?
    Und jetzt? - Gewi, Sie haben Unrecht, groes Unrecht!
    Wollten Sie es anders, weshalb berhaupt die weltlichen Beziehungen? Warum
bestimmten Sie die Tochter nicht fr das Kloster, wenn Sie ihr Herz zu schn fr
den Wechseltausch menschlicher Empfindungen nennen?
    Aber es schien Ihnen grausam, das junge Leben in der Knospe verhllt zu
lassen. Auch jetzt bin ich berzeugt, verwerfen Sie mit Abscheu den bloen
Gedanken daran. Nun, ich streite darber nicht. Ich habe inde die Ueberzeugung,
da der Mensch sich immer auf die eine oder die andere Art zum Opfer bringen
mu. Thut er es nicht freiwillig, so zwingen ihn die Umstnde, fremdes oder
eignes Wohl, die Ruhe des Gewissens, oft auch der Ueberdru des Lebens dazu.
    Es ist nicht abzusehen, welchen von allen diesen Beweggrnden die Ansprche
Ihrer Tochter werden erliegen mssen! Doch, es giebt berall nur einen Faden
durch das Labyrinth des Lebens, und den mu ein jeder selbst finden. Fremde
Brillen passen selten. Sie trben nur den Blick.
    Deshalb Geduld! liebe gndige Frau. Geduld! Sie waren frher so eilig, das
Verhltni zwischen beiden jungen Leuten zu begrnden, lassen Sie ihnen nun
Zeit, in Harmonie mit der innern und ussern Welt zu treten.
    Ich wrde mir selbst anmaend erscheinen, wollte ich ein Urtheil ber meines
Neffen Charakter aussprechen. Die Elemente seiner Natur sind mir meistentheils
fremd. Auf das erste Empfinden hin, scheinen alle zu verflchtigt, um es in ihm
selbst, bei der glcklichsten Mischung, zu irgend einer vollstndigen Gestaltung
der Ideen kommen zu lassen. Es zieht das beobachtende Auge in eine unermeliche
Weite hinaus, aber man findet keine Ruhesttte, um zu verweilen. So, sage ich,
wrde das Selbstgefhl, das eben kein Echo hier findet, sprechen. Doch das
Selbstgefhl hat nicht mitzureden, wenn ein fremdes Bild in das Bewutsein
treten soll. Auerdem liegt eine schroffe Klippe zwischen uns. Er kann sie
berfliegen, das traue ich ihm zu, allein, ob er mich dabei findet? ist eine
andere Frage. Die Sonne hat bekanntlich allein die Macht, den hrtesten Stein
aufzulsen. So schmilzt auch nur die innere Sonne den Stein des Anstoes weg! Es
ist nicht leicht zu entscheiden, ob solche Gluth Hugo's Seele ausfllt? oder ob
diese nicht leere und kalte Stellen birgt, in denen gerade wir beide
zusammentreffen? -
    Ich sage Ihnen das, gndige Frau! damit Sie bei Zeiten meinen Einflu auf
Ihres Schwiegersohnes Herz und Gemth in das rechte Licht stellen, und hier
keine Wunder erwarten.
    Das ist berhaupt selten von groer Wichtigkeit, was ein Mensch vom Andern
augenblicklich erwirbt. Und irre ich nicht, so wird Hugo in Allem sehr leicht
nachgeben, doch nie ein Anderer sein.
    Sie haben ihn gekannt, gndige Frau, als Sie die Neigung der schnen Emma
billigten. Wenn er Ursache giebt, Ihre Besorgnisse zu rechtfertigen, so bin ich
hierbei doch gewi auer Schuld.
    Aber, weshalb auch Besorgnisse! Ist es jetzt auch schon Zeit dazu? Wir
wollen keine andern hegen, als solche, die der Wandel alles Zeitlichen dem
Nachdenkenden von selbst aufdringt, dann kommt man nie vom rechten Wege.
    Es scheint mir gut, da die jungen Leute sogleich eine kurze rasche
Ausflucht in die Schweiz machen. Dies heimathlose Hinziehen durch unbekannte
Gegenden, das Abreien von allen Gewohnheitsbanden, die Einsamkeit in der Fremde
fhrt nher zusammen, und schafft in dem, was die Seele gemeinschaftlich traf,
einen eigenthmlichen Quell der Erinnerung. Man schpft immer eine Weile daraus,
und belebt in der Gegenwart dasjenige, was diese anfangs einfarbig und unbequem
erscheinen lt.
    Um inde meinerseits auch nicht ganz mig zu sein, habe ich gesucht, Emma
eine heitere Geselligkeit fr die, immer etwas trben Herbsttage zu gewinnen.
Das Haus der muntern Grfin von Ulmenstein versammelt eine regsame, mittheilende
und empfngliche junge Welt. Hier sind die blhenden Tchter des Hauses, und mit
ihnen alles, was stdtischer Verkehr an ihre Schritte bindet. Tanz, Musik,
Conversation, Geist und Gefhl, kurz, das gute und richtige Gemisch
bereinstimmender und widerstreitender Elemente, aus denen die Gesellschaft
bestehen mu, soll sie berhaupt bestehen. Ich warf mich vor einigen Abenden,
ganz meiner Gewohnheit entgegen, in das bunte Gewhl, und ward nicht unangenehm
durch Fremdes und Neues, das mir entgegentrat, berrascht. Vorzglich gefiel ich
mir in der Unterhaltung mit der jungen Gemahlin unsers Freundes, des
Prsidenten. Sie wissen, wie vielen Dank wir ihm in der Angelegenheit meines
Neffen schuldig sind. Den Zutritt in seinem Hause nachzusuchen, schien mir daher
fr die Neuvermhlten eine Pflicht, an welche ich gern durch die anziehende
Einfachheit und Grazie der schnen Frau erinnert ward. Sie stand in einem Kreise
lachender und schwatzender Modepppchen, unter denen sie sehr vortheilhaft,
durch Gestalt und Wesen, hervortrat. Es war nicht Nachligkeit, nicht Absicht
in Tracht oder Benehmen zu spren.
    Das frische, weie Kleid, ohne entstellende Verzierungen, stand sehr wohl zu
dem reichen, kastanienbraunen Haare, und dem reinen, tiefen Blick der schnsten
blauen Augen, die je eine lange, dunkle Wimper beschattete. Als ich mich ihr
nahete, trat sie mir zwanglos entgegen, empfing meinen Gru, wie eine
Schuldigkeit, und wrdigte, was davon ihrer Anmuth galt, mit verstndigem
Gleichmuth. Sie hatte von dem jungen Paare, das ich ihr zuzufhren, um die
Erlaubni bat, gehrt, sie fragte mit Theilnahme nach beiden, und zeigte sich,
ohne affectirte Uebertreibung des Ausdrucks, bereit, ihnen den Eintritt in die
fremde Welt zu erleichtern. Es liegt Natur und Wrme in ihrem ganzen Wesen, das
ein feiner Geist, mehr unbewut begleitet, als bewut beherrscht. Wie sie ist,
hat sie mir gefallen, auch geniet sie allgemeine Achtung, die weniger ihrer
Stellung in der Welt, als ihrer Person gilt. Irre ich nicht, so wird Emma in ihr
eine Freundin finden.
    Und nun getrost, gndige Frau! lassen Sie dem Geschick ohne Zagen seinen
Lauf. Es kehrt sich wenig an unsere Launen. Auf eine, oder die andere Art macht
sichs immer wieder Bahn. Zuletzt sind wir mit allem Rennen und Laufen nicht
weiter als zu Anfang, und bringen nur mde Fe mit nach Hause. Vergeben Sie es
mir, wenn ich Sie hier frage, ob Sie jemals durch die Ausfhrung irgend eines
Planes vllig befriedigt wurden? oder, ob Sie nicht ber den Moment des
Erlangens hinaus, lieber alles umgeworfen, und die Sache von neuem und anders
angefangen htten? Glauben Sie mir, Sie sind es nicht allein, es ist der Mensch
berhaupt, der so empfindet. Wir kennen keinen Genu. Was wir so nennen, ist nur
das rothe Lppchen an der Angel, die uns fortzieht. Das Ziel thte es, und nicht
das Streben darnach allein.
    Ich ksse Ihre Hnde, und lege diese auf die Hupter Ihrer Kinder, da Sie
sie in Freudigkeit segnen mgen.
                                                                Ganz der Ihrige.

                                Hugo an Heinrich


Ich will Dich nicht glauben lassen, die Flitterwochen vermchten so viel ber
mich, da ich die brige Welt darber verge. Ich bin in meinem Leben nicht
geneigter gewesen, da Unterhaltung zu suchen, wo sie sich mir bietet, als eben
jetzt. Ehrlich gestanden, dieser Nachhall des ausgesprochenen Ja, ist ein wenig
eintnig! Was sagt man sich noch, wenn alles beantwortet ist? Miverstehe mich
nicht. Emma's Nhe ist wie der Frhling. Sie berkleidet alles mit jenen
Lichtfarben, die uns anlcheln und den Sinn in behagliches Empfinden einwiegen.
Ich sehe mich leicht auf Minuten so angesprochen. Aber - doch genug! - Ich
brauche scharfe Schatten, und verliere mich gern in die Tiefe zackiger,
unfrmlicher Schlfte, aus denen der wilde Schrei der Natur meine trumende
Seele wie ein Echo anruft.
    Wir sind moderne Reisende, Heinrich. Wir fahren die gebahnte, geebnete
Strae, verweilen, wo Alle verweilen, und bewundern, was Alle bewundern. Emma
ist entzckt. Ich begleite sie willig, aber sie kann mir auf meinen einsamen
Wanderungen durch das Labyrinth groartiger Verwilderung nicht folgen.
    Man nennt nicht unpassend auch das Leben eine Reise. Nenne es, wie Du
willst. - So viel wei ich wohl, da man sich auf der einen wie auf der andern,
allein, am freiesten bewegt.
    Wie selten halten zwei Menschen gleichen Schritt. Wie jener sich beschrnkt,
mu dieser sich ber Vermgen anstrengen. Man mag die Krfte gegenseitig
abwgen, wie man will, jede Probe zeigt, da die Berechnung falsch war.
    Doch genug! wir reisen!
    Es war bei alledem gut, da wir aus der Klemme der Hofetiquette und
Familienrcksichten herauskamen. Ich war wie zwischen zwei Mhlrder zermalmt.
Mir ist in der ganzen Gotteswelt nichts lcherlicher, als der Wahn, da ein
Mensch dem Andern eine Gnade zu erweisen denkt. Die Gewohnheit ist hierin, wie
in so Vielem, die grte Gauklerin. Sie macht die Fabel zur Historie.
    Du kennst inde meine Art. Ich mag Niemanden Aergerni geben. Lieber, wie
Atlas, die Welt tragen, als einen Wurm in ihr wissentlich krnken. Wer an dem
Spiele seine Freude hat, dem spiele ich zu Gefallen mit. Ueberdem, die Maske war
einmal angelegt, ich mute ihrem Charakter treu bleiben. So lie ich mir ein
Ordensband umhngen, und meine Schwiegermutter hierauf Plne und Hoffnungen fr
die Zukunft bauen. Sie hat etwas darin gethan, Plne zu machen! Nun, ihr ist es
Bedrfni! Emma ist der Edelstein in ihrer Krone. Alles, was sie mit Blicken
erreichen kann, mu dem Glanze dieses einzigen, das Werth fr sie hat, als Folie
dienen. Du kannst Dir vorstellen, was sie den brigen Menschen ist, und diese
ihr unter solchen Umstnden sein knnen?
    Wir passen wenig fr einander. Meine Theorie von leben und leben lassen,
findet hier keinen Eingang. Sie hat sich in mir verrechnet, und das verzeiht sie
dem Geschick so wenig, als mir.
    Ich bin ihr bei alledem gut. Mir verschlagen ihre Irrthmer nichts. Sie hat
Verstand, und wenn auch mehr Leidenschaft als Gefhl, dennoch eine
auerordentliche Regsamkeit des Geistes. Mit solchen Leuten kommt man immer
zurecht, wenn sie uns auch zu schaffen machen.
    Unter meine Geduldproben zhle ich die Hochzeitfeier. Es war ein
alltgliches Hoffest daraus gemacht worden. Zum Glck, wissen frstliche
Personen dergleichen schnell abzumachen. Trauung, Gratulation, Diner,
Entlassung, alles ging in einer Hetze fort, so da wir uns im Wagen, aus der
Stadt, auf dem Wege hierher, befanden, ehe ich noch Zeit behielt, das Geschehene
mit Gelassenheit zu berdenken. Emma hatte sich mehr betubt als gefat aus den
Armen ihrer Mutter gerissen, und es vielleicht kaum wahrgenommen, da diese das
Scharfe, was ihren Empfindungen etwas Aetzendes giebt, ganz auf mich bertrug.
Ich war ihr in der Seele zuwider. Sie konnte und wollte das auch nicht
verbergen. Mir that es wehe. Ich blieb lange auf das Innigste erschttert;
whrend Emma ruhig, ohne sichtbare Gemthsbewegung neben mir sa.
    Ich konnte mich nicht erwehren, sie von Zeit zu Zeit mit unverhehltem
Erstaunen anzusehen. Es schien, als entgehe ihr das gnzlich. Es lag ein
Ausdruck des Friedens und der innern Einigkeit auf ihrem Gesichte, welcher der
abendlichen Stille der Natur zu vergleichen war, und auf mich ungefhr denselben
Eindruck machte.
    Nach einer Weile bemerkte ich, da sie leise betete, und den Beistand eines
hhern Wesens anrief, mit welchem sie sich in liebendem, natrlichem
Einverstndnisse befand.
    Seitdem fand ich sie fters so. Gleichwohl kann ich die Spur dieser Richtung
noch nicht vllig klar in ihr auffinden. Ich trage auch eine gewisse Scheu vor
jedem erluternden Schritt. Sehr wahrscheinlich weichen unsere Ansichten hier
von einander, und die Gewiheit darber knnte sie stren. Mich strt so leicht
Niemand in dem, was in mir feststeht; aber gegen Formen rennt man an, ohne es zu
wissen.
    Erst gestern machte ich die Erfahrung. Wir krochen am Simplon herum. Ich
lie Emma auf einer bequemen Stelle bei ihren Trgern. Sie blickte von hier
ruhig nach den Thlern hinunter, inde ich, von innerer Unruhe getrieben, froh,
mir einen Augenblick selbst anzugehren, alle Mhseligkeit verachtend, die
zackigen Klippen noch um eine bedeutende Strecke hinan klomm, und jetzt auf
einem Abhange fast schwebend mit stolzen Erwartungen um mich sah. Allein, die
Atmosphre hing, von Dnsten verdeckt, wie ein wallender Vorhang, zwischen der
Stelle, wo ich stand, und den nchsten hundert Schritten unter mir. Alles ist
anders, als man es denkt! rief ich, und wollte den Rckweg antreten. Es war
inde leicht an dem dumpfen Rauschen und Brausen aus der Ferne, die Vorbereitung
einer Explosion der Elemente wahrzunehmen. Ich wollte das abwarten, und folgte
nun mit steigendem Antheil dem Kampfe der Natur. Blauschwarze, electrische
Ballen wlzten sich unfrmlich, und von ihrem eignen Luftzuge gedrngt,
bereinander zu einem schauerlichen Chaos. Es ward dunkler und dunkler, zuletzt
ganz finster, die Nacht hielt mich dicht umarmt in ihre Schleier gehllt. Da
fuhr der Sto einer kreuzenden Luftschicht, wie ein langer weier Strahl in den
aufgethrmten Knuel, und, als sollten Himmel und Erde untergehen, so fate und
ri ein Wirbelwind, der die Welt aus ihren Fugen zu reien Miene machte, in das
Gewlk. Ein Augenblick noch, und die ghrenden Stoffe strzten krachend und
schumend unter Donner und Blitz und Wogenstrmen in die Tiefen hinab, ber mir
ward es hell wie in einer azurnen Kugel. Ich blickte berrascht und sprachlos um
mich. Die majesttische Gewalt dieses Vorganges fesselte mich unverrckt auf
demselben Fleck. Doch, ich dachte an Emma, und arbeitete mich nun durch das
Unwetter, das vor mir herging, hindurch, zu der Stelle, wo ich sie gelassen
hatte. Sie war nicht mehr dort. Ihre Trger kamen mir inde, durch sie
abgeschickt, bereits entgegen. Ich erfuhr, da eine nahe Htte ihr Obdach gebe,
und eilte nun dahin. Es strmte und regnete noch in einem fort. Sie flog mir in
die Arme. Der Gedanke, da die zerstrende Macht der Elemente uns pltzlich hier
am Eingange eines neuen Lebens htte trennen knnen, erschtterte mich
unwillkhrlich. Ich war bewegt, und zeigte es ihr. Sie sah mich mit ihrem
stillen, festen Blicke an. Ich wute es wohl, sagte sie, da Dir nichts
begegnen wrde. Bist Du so zuversichtlich? entgegnete ich, vielleicht ein
wenig khler als zuvor. Ich bin es nur in einer Art, versicherte sie mit
abgewandtem Gesicht, indem sie, ohne weiter etwas hinzuzusetzen, an das kleine
Httenfensterchen trat. Ich folgte ihr dahin. Das Gewitter zog immer tiefer
abwrts. Die jenseitige Bergwand frbte sich schon wieder im rthlichen Licht
der Abendsonne, ein feiner Sprhregen flimmerte silbern zwischen den Steinen.
Eine Heerde weier Ziegen und buntgefleckter Khe zog einzeln und lautlos
vorber. Der junge Hirtenknabe folgte ihnen, sein Liedchen pfeifend. Sieh,
rief Emma, mit einem Lcheln, das an Corregio und seine Bilderwelt erinnerte.
Sieh, wie schnell Gott den wilden Aufruhr gestillt hat. Die Sonnenlichter
drben gehen wie seine Friedensboten ber die Berge. Ich bemerkte, indem sie
sprach, ein kleines silbernes Cruzifix, das sie sonst verborgen an einer Schnur
um den Hals trgt, ber ihre gefaltenen Hnde herabhngen. Gewi hatte sie, in
der Angst ihrer Seele, ihre Zuflucht dazu genommen.
    Ein jeder hat seine Art, dachte ich, und lie sie. Doch erwiederte ich:
Hier ist Ruhe und Ordnung, allein dort oben war es, als rolle der feurige Wagen
des zornigen Gottes der Israeliten auf den Wolkenbergen hin, und schleudere
seine Wetter auf die Erde. Nichts, fuhr ich fort, fllt meine Brust mit so
heiligen Schauern gttlicher Erhabenheit, als die groen Erscheinungen der
Natur. Das sind lebendige Symbole. Sie reden mit andern Zungen, als todte
Bilder.
    Die Natur ist auch ein todtes Bild, meinte sie, ohne das Leben in dem
Glauben des Christen.
    Ich lchelte. Sie war ernst geworden. Zum erstenmale sah ich den Schatten
einer Wolke auf ihrer Stirne. Sie sagte nichts. Aber es war ganz klar, ich hatte
ihr wehe gethan. Es wird gewi nie wieder geschehen. Aber da siehst Du, es sind
immer nur Formen, die zwischen die Herzen treten. Das ist der Fluch der
Menschheit!
    Lebe wohl, Heinrich! Was hilft so eine Ausflucht in die Weite! Man mu doch
wieder in die gezogenen Schranken zurck.
    Nun! ich komme auch zurck. Bald bin ich wieder heimisch unter den Meinigen.
- Den Meinigen? Wer sind sie? Man hat eine besondere Gewohnheitssprache, ohne
viel darber nachzudenken, angenommen, und damit die Begriffe gewaltig auf den
Kopf gestellt.
    Aber! Lebe wohl! Lebe wohl!

                                Sophie an Elise


Sie sollten mir ohne Worte und Grnde verzeihen, geliebte Elise, die Freude des
Wiedersehens, hoffte ich, werde meine Vertheidigerin sein. Alles war vorbereitet
zur Abreise. Ich sah schon in Gedanken Ihr liebes, gerhrtes Lcheln, im Kampfe
mit dem kleinen Rest von Empfindlichkeit, der mehr und mehr an der Wrme
aufflammender Freundschaft wegschmolz. Das alles sind nur Gedankenbilder
geworden. Ich werde Sie sehr lange nicht sehen! Lassen Sie mich alle
Empfindungen unterdrcken, die hierbei in mir laut werden. Schelten, urtheilen
Sie auch nicht, ehe Sie es wissen, da ich ein Opfer bringe, und dabei leide.
    Liebste Elise, die Abreise des jungen Paares hat die Mutter in einen Zustand
versetzt, von dem nur diejenigen einen Begriff haben, welche diese merkwrdige,
in allen ihren Eigenschaften so eigenthmliche Frau kennen. Vielen mag sie
unzusammenhngend vorkommen, da sich im Gegentheil alles scheinbar Abweichende
in einer Richtung bei ihr fortbewegt, und ein und dasselbe Ziel hat.
    Es ist Emma, Emma allein, welche die Saiten ihres Innern so oder so
anschlgt. Der jedesmalige Ton hngt hiervon ab. Liebe zu dem Herzen ihres
Herzens bedingt die ungestme oder verhaltene Pulsschlge desselben. Wie die
Aussenwelt hierauf einwirkt, oder sie diese, in der einzigen Lebensbeziehung,
die sie kennt, umschaffen oder beherrschen will, das ist die einzige Aufgabe
ihrer Gedanken und Empfindungen. Die Lsung derselben ist schwierig, sie giebt
sie vielen Widersprchen preis.
    Jetzt ist das geliebte Kind ihr entrissen. Ein Anderer bernimmt das
Geschft, fr sie zu denken und zu handeln. Ein Dritter, nach ihrem Gefhl ein
unberufener Dritter, bestimmt ber das Wohl und Weh der Theuren. - Es ist nicht
Trauer, nicht Schmerz - Selbstvernichtung, verzehrende Eifersucht, Verzweiflung
ist es, die ihre hohl gewordene Brust zerreit. Die Wahl der Tochter war nicht
die ihrige. Alles widerstrebte ihren Wnschen in dem Manne, der auf
unbegreifliche Weise den ruhigen Spiegel der Gefhle in Emma erschttert, und
aus dem verborgenen Grunde der fgsamsten Seele eine so starke und
ausschlieende Neigung heraufgelockt hat, da hier nichts mehr zu unterdrcken
war, sondern auf einer oder der andern Seite ein Opfer gebracht werden mute.
    Die Mutter hat es gebracht. Aber, anders ist es mit dem Augenblick der
Begeisterung, anders mit dem ruhig fortgehenden Leben! Den ersten berfliegt der
Gesammtmensch in uns, dem andern erliegt das Menschliche in jeder momentanen
Steigerung empfundener Unbequemlichkeit.
    Die kluge Weltfrau hat an dem unerwnschten Geschick ihrer Tochter gedreht,
geschoben und gehalten, was sie nur daran handhaben konnte, allein das
Verschobene gleicht sich nicht aus. Sie erkennt das schrfer als Andere. Deshalb
ist sie innerlich gebrochen, und kann nichts mit Haltung kommen sehen.
    Es gab einen Zeitpunkt in meinem Leben, wo sie mir als strkere und weisere
Gefhrtin krftig zur Seite stand, und, wenn auch nicht mein Herz zu heilen,
doch Ruhe und ussere Verhltnisse der Hoffnungslosen zu bewahren wute. Ich
verdanke ihr die sanfte Ausgleichung unzhliger Widersprche, die Stille und
Freudigkeit meines jetzigen Berufs, einen ruhigen Abend und viele selige Trume
vom neuen Tage.
    Elise, wrden Sie es gut heien, wenn ich die Freundin jetzt verliee, wo
ich ihr vergelten kann, was sie an mir that.
    Sie wrden es nicht gut heien, das darf ich zuversichtlich behaupten. Ich
sage Ihnen daher auch ohne alle Furcht vor Mibilligung, da ich den Winter ber
nicht nach meinem Stift zurckkehre, ja, da ich nicht einmal in Deutschland
bleibe, sondern die bekmmerte Frau nach Italien begleite, wohin sie, in
Auftrgen ihrer Prinzessin, reist, die, wie Sie wissen, aus dem toskanischen
Hause entspro.
    Ich irre wohl schwerlich, wenn ich die Absicht der gromthigen Frstin in
dieser Sendung zu erkennen glaube. Sie will etwas Fremdes in die Seele ihrer
betrbten Dienerin schieben, und sie durch andere Gegenstnde auf andere
Gedanken bringen. Gleichwohl frchte ich, wird sie hiermit ganz ihren Zweck
verfehlen. Es giebt Stimmungen, in welchen das Ableiten nur heftiger und
unwilliger auf das eigene Interesse zurckdrngt, und das Uebel rger macht.
    Das Letzte zu verhten, hauptschlich aber die Reise selbst nur mglich zu
machen, was bei dem schlaffen, schwankenden Gemthszustand der wahrhaft
Erkrankten sehr schwer halten wrde, habe ich mich zu ihrer Gesellschafterin
aufgeworfen. Die Frstin billigt, ja wnscht es.
    So werden wir denn schon in wenigen Tagen auf dem Wege nach Florenz sein.
Gott ist berall! und ich gehorche seinem Willen, hier oder dort.
    Dies reicht hin, jede andere Frage des Innern abzuweisen. Machen Sie es auch
so, liebe, zrtliche Elise. Ich wei, Sie missen mich ungern. Sie haben auch
sonst Niemand, dem Sie sich, in den vielen unbeschftigten Augenblicken eines
einsamen Tages, mittheilen knnen. Allein, eben deshalb ist es vielleicht gut,
da ich eine Zeitlang zurcktrete. Es bringt Sie wohl dahin, Andere aufzusuchen.
Es kann Ihnen nicht entgangen sein, da man Sie ohnehin des Hochmuths
beschuldigt, und darin etwas Gesuchtes, ja Anmaendes finden will. Zudem ist
Ihnen Emma in Kurzem nahe. Liebe Elise, was soll ich Ihnen weiter sagen? - Ich
frchte fr dies arme Herz. Sie war es, die Hugo ihre Hand gab, er hat sie
angenommen! aber er hlt sie so lose, so furchtsam, mchte ich sagen, in der
seinen, als ngstige es ihn, da er diese nun nicht besser gebrauchen kann. Der
Ernst, die Gewalt ihrer Gefhle, hat das leichte Spiel jugendlicher Empfindungen
in einem festen Verhltni gefangen genommen. Mir ahndet, die Ketten, welche sie
arglos um sein wie ihr Geschick legte, werden mit dem vollen Gewicht ihrer Last
auf sie allein zurckfallen.
    Doch, wozu die nutzlosen und trgerischen Blicke in eine ungewisse Zukunft.
Liebe, liebe Elise, sein Sie der Schutzengel der Unerfahrnen. Ich lege sie Ihnen
ans Herz. Es ist so schn, das Strende abwenden oder doch mildern helfen.
    Indem ich Ihnen auf solche Weise einen Theil meiner eignen Verpflichtungen,
die ich nur gegen andere vertausche, zurcklasse, und somit mein Andenken auf
die lebendigste Weise bei Ihnen gesichert wei, verlasse ich Sie ruhiger.
    Knnten Sie in meinem Herzen lesen, Sie wrden deutlicher verstehen, was ich
kaum anzudeuten vermag.
    Sein Sie glcklich, beste Elise! und machen Sie Alle durch Ihre Nhe so
glcklich, wie ich es mehrere Jahre hindurch war!
                                                            Auf ewig die Ihrige.

                      Die Oberhofmeisterin an den Comthur


Sie thun sehr wohl, da Sie Ihren Neffen in Schutz nehmen. Ich kenne auch kaum
zwei Menschen, die einander so hnlich wren, als Sie beide.
    Dies mag Sie befremden. Ich glaube es. Sie wissen vielleicht selbst nicht
warum. Aber ich bitte, erlassen Sie mir die Beweisfhrung. Mein Kopf, mein
Geist, sind so schwach in diesem Augenblick, da es vergebliche Mhe wre, mich
auf etwas Bestimmtes einlassen zu wollen. Nur so viel: Verschiedene Umstnde
bilden dieselben Grundzge des Charakters, hier so, dort anders aus. Die
Familienhnlichkeit bleibt gleichwohl unverkennbar.
    Da Ihre und Hugo's Ansichten von einander abweichen, beweist nichts.
Systeme macht man, die Natur hat man. Sie haben beide keine glckliche. Ich
empfinde es. Mich friert in der lauen Atmosphre, die Sie umgiebt. Ich knnte
lachen ber alles, was Sie in die Seele einer Mutter schwatzen, htte ich das
seit Emma's Abreise nicht verlernt. Was wissen Sie von den zarten Fden, die von
dem Hauch eines unberufenen Wortes erzittern.
    Einsiedler, in der Welt wie im Gefhl, predigen Sie in der Wste, aber nicht
am Hausaltar liebender Familien; dies Heiligthum bleibt Ihnen unzugnglich.
    Ihr Trost wird Zurechtweisung. Ich forderte den einen nicht, und bin wenig
gestimmt, die andere zu ertragen.
    Mir werfen Sie es vor, die Verbindung beschleunigt zu haben, welche ich
jetzt ungeschehen wnsche. Ich bin sehr unschuldig an dieser Verbindung. Das,
dchte ich, wissen Sie. Doch einmal, bis auf einen gewissen Punkt gedrngt,
wollte ich Licht sehen, und machte daher Tag. Sie zwangen mich zu handeln, das
ist es, was Sie meine Ungeduld nennen. Sie verstehen nicht, wie eine Mutter,
auch mit widerstrebendem Herzen, an die Erfllung der Wnsche ihrer Kinder
denken kann!
    Aber ich werde ganz krank, bei den vielen unntzen Worten, die Sie doch
wieder falsch auslegen werden. Darum lassen wir es gut sein!
    Ich bin auf dem Wege nach Florenz. Es ist eine von den vielen Reisen,
bestimmt, eine Lcke im Leben auszufllen, sonst zwecklos, und daher unbequem.
    Ich fge mich ohne Widerrede in die Anordnung der Prinze, theils, weil sie
es so wollte, theils, weil ich einen Augenblick glaubte, unterwegs mit Emma
zusammenzutreffen. Es reizte mich die Vorstellung, sie zu berraschen. Allein
Hugo hat, wie er sich ausdrckt, so groe Ungeduld, die Herbstjagden im
heimathlichen Gebirge mitzumachen, und Emma die grnen Wellen des
vaterlndischen Stroms in dem Lichte der vollen Septembersonne zu zeigen, da
beid schon auf dem Wege zu Ihnen sind. Es mag auch sein! Ich lasse mich nun um
so ruhiger fortschieben. Doch bin ich, ich gestehe es, ber die Eile Ihres
Neffen verwundert. Was zieht ihn denn so mchtig zu Ihnen zurck? Der Gedanke,
ein Eigenthum, einen Heerd zu besitzen, und dort als freier Mann zu gebieten, zu
handeln? - Nimmermehr! Er dnkte sich wohl freier als jetzt, da er Niemanden
verpflichtet war. Ist er des Umherstreifens mde? Nun! so scheut er doch das
Bleiben an einem Orte noch mehr. Oder, ist es Emma's Begleitung, die ihm die
Lust am Reisen verdirbt? Unter allem ist gerade das Schlimmste das
Wahrscheinlichste.
    Dem Vogel sind die Flgel beschnitten, und fr den, welcher gern den Adler
gespielt, auf steilen Hhen gehorstet, den freien Flug eiferschtig bewahrt
htte, fr den ist die Rolle des Haushahns im abgegrnzten Zwinger anstig.
Mein Gott! warum gengten die Luftregionen nicht. Mchte er immerhin in seiner
erhabenen Einsamkeit, auf starrer Klippe, dem Stolz mit prchtigen Trumen
schmeicheln, ich htte nichts dawider gehabt. Aber ihm gelstete nach den
Frchten des Thales. Er lie sich zu ihnen herab. Der Traum ist aus, das ist
sein Unglck.
    Doch, da ich daran denke! Von Frchten des Thales oder der Welt, mir
gleichviel. Es kommt mir vor, auch Sie haben noch nicht den Geschmack daran
verloren. Sonderbar genug, ist das einzige Lebendige in Ihrem Briefe, die
Schilderung der artigen Frau, welche Sie hchst gromthig zu Emma's Freundin
bestimmen. Bis auf das weie Kleid und dessen nachlige Eleganz, zeichnen Sie
die neue Dame Ihrer Gedanken auf das Papier. Mein guter Comthur! Sie haben nicht
wohl daran gethan. Wie sie dort steht, trgt sie alle Zge der gefeierten
Herrscherin eines engen und flachen Kreises, welchen die Grfin berall um sich
versammelt, und den Sie gute Gesellschaft zu nennen belieben. Ich wei es seit
lange, da Mnner kein Urtheil ber Frauen haben, und die Grade des geselligen
guten Tones nur nach dem Thermometer ihrer Eitelkeit anzugeben wissen. Wie der
Ihrigen durch das zuverlig einfltige Erstaunen der Kleingeister zu
Ulmenstein, bei dem unerwarteten Auftreten eines bekannten Sonderlings,
geschmeichelt ward, ist mir gar nicht zweifelhaft.
    Es ist in der Ordnung, ich tadle Sie deshalb nicht. Aber begreiflich wird es
mir, da die Bizarrerie ganz gewhnlicher Pretention, die auf besonderem Wege
ihrem Ziele nachluft, Sie bestach. Der Prsident ist kein gewhnlicher Mensch.
Sein Charakter ist der eines Mannes, der seinen Weg bestimmt geht. Durch den
Flitter der Mode war der nicht zu erobern, eben so wenig fhrt eine bequeme
Strae zu seinem Herzen. Und wenn es vielleicht auch nur um die Hand zu thun
war, so mute doch dieses in Beschlag genommen werden. In solchem Dylemma whlt
man denn schon einen ungebahnten Pfad, auf dem sich die jugendliche Gestalt
ohnehin um so berraschender und in die Augen springender ausnimmt. Dergleichen
Coquetterien sind sehr wohlfeil, und bei der Leichtglubigkeit der Mnner
auerordentlich belohnend.
    Dem sei nun wie ihm wolle, ich hege gegen jede ausgezeichnete Art und Weise
der Frauen Argwohn. Was cht ist, fordert keine besondere Fassung!
    Ueberdem bedaure ich Ihre Mhe, fr Emma eine Wahl getroffen zu haben. Die
whlt selbst! Das liegt ja nur zu sehr am Tage.
    Leben Sie wohl. Haben Sie Mitleid mit mir. Ich bin bis in den Tod betrbt.
Deshalb vergessen Sie, wenn ich heftige und ungleiche Worte sprach. Ich wei
kaum, was ich denke und empfinde.
    Es ist gut, da Sophie mit mir geht. Ihnen verschlgt das wohl weiter nicht
viel, und ihr ist es nothwendig.
    Leben Sie wohl!

                                Elise an Sophie


Nein, ich schelte, ich urtheile nicht ber Sie. Es ist zu viel Wehmuth in mir,
um der Galle Raum zu geben! Knnte ich es bis zum Unwillen bringen, ich wre
einer groen Last berhoben! Der Kummer schwcht mich. Ich habe ungern mit ihm
zu schaffen.
    Mein Gott! wie hngt Eines am Andern! Ich dachte es gleich, als Sie
abreisten. Es war der erste Ri in dem sanften, beruhigenden Gewohnheitsleben.
Ich dachte es gleich, dabei bleibt es nicht!
    Solche Erschtterungen machen gewhnlich einen Abschnitt in den
Verhltnissen. Die unterbrochene Zeit scheidet sich in zwei Stcke. Das erste
ist durchlebt, es liegt hinter uns. Von dem, was kommen wird, wissen wir nichts.
Aber haben Sie schon gesehen, da ein geschrzter Faden keine Spur des Knotens
zurckliee? Geben Sie Acht, an dem Absatz oder Hcker im Gewebe geht viel, viel
von der bisherigen Uebereinstimmung verloren.
    Sie haben eine seltene Gabe, sich Ihren Freunden unentbehrlich zu machen! Es
ist eine Leere um mich entstanden, die der ganzen Gegend die unfreundlichste
Klte giebt. Ich wei nicht, wo ich mit mir selber hin soll. Werden Sie es
glauben? Die Zeit wird mir lang! Und das ist mir so neu, so unbequem, da ich,
aus Schaam und Mitleid mit mir selbst, weine.
    Kennen Sie wohl die Stimmung, wo Einem Mue und Beschftigung, beide gleich
lstig sind. Ich kenne und verabscheue sie, und doch werde ich sie nicht los.
    Es ist nicht allein die Trennung von Ihnen, die mich so abspannt; weit eher
ist es Ihr Brief. Sie rollen in diesem ein Blatt Ihres Innern auf, und lassen
mich gleichwohl nichts anders als den rthselhaften Titel eines langen Romans
lesen. Ich wei es jetzt gewi, Sophie, eine tiefe, noch jetzt fortdauernde
Leidenschaft brachte Sie in die Mauern Ihres Stiftes. Die Grfin gab lngst
etwas Aehnliches zu verstehen, und ihre Schuld ist es auch wahrhaftig nicht,
wenn ich den Gegenstand nicht kenne. Ich gestehe Ihnen, es war nicht sowohl
Bescheidenheit, als unberwindliche Scheu, was mich ihre Mittheilungen vermeiden
lie. Von Ihnen konnte ich nur durch Sie selbst hren. Solche verstimmte
Bruchstcke aus der Geschichte eines Herzens sind mir immer ein Gruel gewesen.
    Die Grfin lachte mich aus. Sie glaubte mich von allem unterrichtet, und
behauptete, ich spiele die Unwissende aus Verschwiegenheit. Ich gab das weder
zu, noch bestritt ich ihre Meinung. Gehen Sie, kleine listige Katze, rief sie
mir mit dem aufgehobenen Finger drohend, Sie haben sich neulich bei dem Besuch
des Comthur verrathen. - Ich sah sie berrascht an. Das Blut trat mir, mit
einem pltzlich aufschliessenden Gedanken, in die Wangen. Die Grfin bemerkte es
nicht sobald, als sie auf meine verwunderte Frage: bei dem Besuche des
Comthur? vor Entzcken, mich ertappt zu haben, laut jubelte, sich abwandt, und
mich stehen lie.
    Sophie! auch Ihnen mchte ich wiederholen: bei dem Besuche des Comthur.
Weshalb erwhnen Sie in Ihrem Briefe gar nichts von allem, was der meinige
enthielt? Warum schweigen Sie jetzt bei dem Namen eines Mannes, den Sie
vertheidigten, wenn ich ihn angriff, ohne ihn zu kennen?
    Es ist berall solch schwankendes Andeuten, jene unselige Allgemeinheit der
Gefhle, die mich immer ungeduldig macht, in dem, was Sie sagen und
verschweigen, da ich schon deshalb nicht anders als unbefriedigt, gengstet und
mimuthig sein kann.
    Georg ist ein Engel! Er sa mir gegenber, als ich schrieb, und schnitzte
sein hlzernes Pferdchen aus einer Fliedergerte zurecht. Ich hatte die Feder in
der Hand, und heftete, wie ich es fter thue, den Blick auf irgend einen
Gegenstand meiner Gedanken. Warum schreibst Du denn nicht? fragte er, whrend
er Ruthe und Messer sinken lie, und mich klug und prfend ansah. Vater
schreibt immer, wenn er einmal dabei ist, fuhr er nachsinnend fort. Ich
lchelte. Er sprang mir schnell auf den Schoo, schlang beide Arme heftig und
fest um meinen Hals, und fing an zu weinen. Sei nicht so traurig! schluchzte
er, Du siehst so traurig aus, warum lachst Du denn nicht? Lache doch! bitte,
lache doch! rief er immer dringender. Ich war fast erschrocken. Wie hat das
kleine Seelchen so schnell und ahndungsvoll das Gegenbild der meinigen
aufgefat! Denken Sie doch, Sophie! ich sah ihn ja freundlich an, als er zu mir
sprach. Und doch! und doch! Wie anders liest der Knabe in meinen Blicken als -
Doch genug! er wenigstens wird mich verstehen, und hierin ist unendlicher Trost.
    Ich komme von des Amtmanns Gut, und habe dort ein Paar angenehme Stunden
zugebracht.
    Georg war einmal aus seinem Spiel heraus. Die Thrnen der Kinder sind an
manchen Tagen schneller erregt, als gestillt. Der Rhrung folgte Unwillen, und
ich mute nun ein Uebriges thun, um ihn aufzuheitern. Die Weintrauben drben am
Spalier, dachte ich, werden ihn wohl auf andere Gedanken bringen.
    Ich gab ihm die Hand, nahm das schlanke Pferdchen in die andere, so gingen
wir beide, immer noch ein wenig verstimmt, bis an das grne Gitterthor mit den
weien Spitzen. Es war offen. Die Kinder des Amtmanns fuhren auf einem kleinen
Wagen, den ein geduldiger Esel zog. Krbe mit abgeschnittenen Trauben standen
darauf. Der Weg ging nach dem Winzerhause, unten am Berge. Georg ri sich
sogleich von mir los, und fort ging es mit ihm und den Andern in einem Trabe.
Ich blieb stehen, whrend ich ihm, nicht ohne Besorgni, nachsah, und dem
Aeltesten der Knaben zurief, achtsam auf die Kleinern zu sein. Frchten Sie
nichts, gndige Frau! sagte eine angenehme Stimme hinter mir, der Wilhelm ist
verstndig fr seine Jahre, man darf ihm trauen. Ich wandte mich um. Eine
kleine, feine Matrone, in einem grauen Rckchen und schwarzem Shwal, stand
einige Schritte von der Geisblattlaube, aus der sie nun so eben herausgetreten
sein mochte. Sie hielt die schmale Hand schirmend gegen die Stirne, und sah
unter dem breiten, herausgerollten Strich ihrer Haube klug und achtsam auf das
Treiben der Kinder, verbeugte sich inde sogleich sehr artig, als sie meinem
Blick begegnete. Ich eilte auf sie zu. Wir begrten einander. Ihr weies,
sanftes Gesichtchen flte mir Vertrauen ein. Wre Ihnen nicht gefllig, sagte
sie, mir den Platz auf ihrem gepolsterten Armstuhl anbietend, whrend sie ein
hlzernes Schemelchen fr sich heranzog. Nichts in der Welt htte mich dazu
vermocht, ihr den bequemen Sessel, der ganz zu ihr gehrte, und in welchem sie
sich auch nachher vortrefflich ausnahm, zu rauben. Bewahre! Bewahre! rief ich,
und kam jeder Einrede dadurch zuvor, da ich ohne Weiteres das Schemelchen in
Besitz nahm. Sie errthete verschmt, knixte, und wiederholte fast ngstlich:
Darf ich nicht bitten? Doch es blieb dabei, und wir saen einander bald an
einem Tischchen gegenber, das mit glnzender grner Wachsleinwand berzogen,
von einer weien Leiste eingefat, so fleckenlos und sauber, wie sie selbst, vor
ihr stand. Ein Korb mit Spielzeug und einem Strickstrumpfe, neben diesem ein
Deckelglas, dessen klares Wasser eine feine Rinde Brod frbte, war alles, was
sich darauf befand. Wir waren einander fremd. Es entstand eine Pause. Sie wute
noch nicht sogleich, wen sie sich vorstellen sollte. Ich dachte hieran nicht.
Mir fiel die Luft des Grtchens, die vielen Herbstblumen, und die
abgebltterten, gebrunten Sterne der weien und rothen Rosen, an den hohen
Stcken, aufs Herz. Seit dem Tode der Amtmnnin war ich heute zum erstenmale
hier. Als wir zuletzt in der Laube saen, blhten die Bsche so voll und
prchtig. Sie schnitt mir, zum Abschied, mit groer Emsigkeit, einen Straus der
schnsten Rosen ab. Es waren ganz purpurfarbene darunter. Ich verglich diese
noch mit ihren Lippen, die sich lchelnd theilten, und um so frischer gegen die
weien Zhne abstachen. Gute, gute, hbsche Frau! dachte ich, wie schnell ist
dein junger Morgen durch eine lange, finstere Nacht verhllt worden.
    Mein graues Mtterchen wandte in diesem Augenblicke den Kopf ber die
Schulter, und sagte, heiter zurcksehend, mit herzlichem Lcheln: Komm nur
immer hervor, Annchen! die gndige Frau thut dir nichts.
    Ich bemerkte erst jetzt das allerliebste Kind, das ganz in die Zweige hinein
gekrochen, dennoch den Kopf neugierig zwischen den Blttern hervor steckte.
    Ich nickte ihr verstohlen zu, winkte ihr hervor, und lie Ringe und
Armbnder in der Sonne glnzen, um sie anzuziehen. Sie kicherte heimlich mit
abgewandtem Gesicht, wollte lange von nichts wissen, pltzlich stand sie neben
mir, und spielte mit den angebotenen Schtzen. Ich fate sie unters Kinn, sah
ihr in die scheuen Augen. Wie gleicht sie der Mutter! rief ich berrascht.
Finden Sie das auch? entgegnete meine Nachbarin, in einem leisen, von Rhrung
gedmpften Tone, der mir ein gepretes Herz verrieth. Mir drngten sich die
Thrnen herauf. Ich nickte bejahend. Sie wischte, fast unmerklich, ihre feucht
werdenden Augen, und die andere Hand auf den Kopf der Kleinen legend, sagte sie:
Ja, mein Sohn hat einen unersetzlichen Verlust erlitten, aber die armen Kinder
sind doch weit bler daran.
    Ich wute jetzt, wer sie war, und erwiederte: freilich wohl, aber es bleibt
ihnen doch die Gromutter. Ach, was will das sagen! wandte sie kopfschttelnd
ein. Mangelt es ihnen auch nicht an Pflege, und liebe ich sie vielleicht nur zu
sehr, es artet sich doch alles anders. Der Muth, der jugendliche Sinn fehlt, dem
sich die Kinder nher verwandt fhlen. Wir Alten sind ngstlich, wir peinigen
durch stete Vorsicht, und glauben die Gefahr abzuwenden, wenn wir sie scheuen.
Eine Mutter hegt besseres Vertrauen, und ist meist immer beglckt durch den
Erfolg; berhaupt, was soll den Waisen die Mutter ersetzen! seufzte sie, in den
Anblick der kleinen Anna verloren. Ich fhlte, da sie wahr spreche. Mir schlug
das Herz heftiger, als rege sich, um Georgs willen, die Furcht vor dem Tode in
mir. Aber es war dies auch wohl nicht! Ich wei nicht, welche Bangigkeit mich
befiel. Der kleine, wilde Trupp strmte hier wieder in den Garten herein. Mit
den stillen Nachgedanken hatte es nun ein Ende. Den Knaben war es nicht
anzumerken, da sie irgend etwas in der Welt vermiten, und Georg sah auch nicht
aus, als ahne ihm nahes Unglck. Gleichwohl fand ich die Ersteren roher, und
nichtachtender in Worten und Gebehrden, wie ehemals.
    Ich verstand, was die Gromutter vorher sagte. Sie kann sie nicht begleiten
in ihrem Sinn, sie steht ihnen zu fern, und darum fahren sie flchtig und
unbekmmert ber sie weg. Es war ein anderes Wesen in der Familie. Ich ward
lebhaft davon ergriffen. Es schien mir, wie nach einer Feuersbrunst. Man bauet
sich wohl wieder auf, aber die Erinnerungen liegen unter der Asche begraben. Die
verstndige alte Frau fhlte vielleicht etwas Aehnliches. Solche
Vernderungen, hob sie gleichsam entschuldigend an, lassen immer zerstrende
Spuren zurck. Mein Sohn ist auch nicht mehr derselbe. Sein Haus ist verdet. Er
hlt nicht lange darin aus. Es ist nicht gut, setzte sie bekmmert hinzu. Die
Wirthschaft stockt. Die wilden Jungen bleiben sich selbst berlassen, und am
Ende fllt doch die Last der schlimmen Folgen auf seine Schultern zurck. Ich
konnte hierzu nichts sagen. Das macht, fuhr sie fort, er hat die Frau zu sehr
geliebt. Seit der frhesten Jugend lag ihm nichts, als ihr Besitz im Sinne. Wir
waren Nachbarn des Hofpredigers in der Stadt. Mein Mann stand im Dienste des
Frsten. Dieser beschtzte ihn und seine Kinder. Er wollte glckliche Menschen
aus ihnen machen, darum gab er dem Aeltesten spterhin das Amt hier, das seinen
Mann nhrt, und eine Frau obendrein, um die es dem leidenschaftlichen Jnglinge
hauptschlich zu thun war. Alles fgte sich wie von selbst. Zufriedenheit und
Wohlstand zogen mit dem jungen Paare ein. Sie schwieg einige Sekunden. Ihr
Blick lag am Boden. Als sie wieder aufsah, rollten Thrnen ber ihr Gesicht. So
schnell, sagte sie, folgt Nacht auf Tag. Ist die Sonne eines Hauses
untergegangen, so wird es dunkel und verworren im Innern.
    Ja, entgegnete ich, das Glck ist nur ein Gast auf Erden. Oder,
bemerkte sie lchelnd, ein Bote, gndige Frau, der die Gste einladen soll.
Die Worte fielen mir auf. Ich sann mehrere Augenblicke darber nach. Sie fgte
nichts weiter hinzu. Vielleicht dachten wir beide etwas ganz Verschiedenes
dabei. Mir ist immer das Glck eine Aufforderung zu grerer Klarheit, zu
freierem und erhhetem Aufschwung der Gedanken gewesen. Der Geist scheint
dadurch Flgel zu bekommen. Ich verliere mich in Dank und Anbetung. In dem Sinne
ergeht wirklich eine Botschaft an mich, die ich, doppelt froh, willkommen heie.
Allein, dem flchtigen Gru des himmlischen folgt Abschied und Trauer, wie aller
Glanz die Dunkelheit noch dunkler macht.
    Ich empfand in meiner Welt, Sophie. Die gute, kleine Alte deutete offenbar
nach einer andern hin, die mir ein so erhabenes Geheimni ist, da ich dem Spiel
der Vorstellungen und Begriffe hierber niemals Raum gebe. Doch rhrte mich ihr
Auge und der Ausdruck stiller Zuversicht in den gelassenen Mienen. Sie ward auch
wieder heiter, spielte mit der kleinen Anna, und als sie unsern Freund Walter am
Gitterthor gewahr ward, stand sie geschftig auf, fragte nach diesem und jenem,
und zgerte sichtlich nur aus Rcksicht fr mich, ihn eintreten zu lassen. Ich
kam ihrer Unsicherheit zu Hlfe, indem ich den Handelsmann, der, mit geforderten
Waaren versehen, hierher bestellt war, aufs Beste begrte, worauf er denn auch
unverzglich nher kam. Er packte Kisten und Kstchen aus, wir beschauten seine
Schtze. Er lobte und pries sie an. Wir lieen uns dabei die Neuigkeiten des
Tages erzhlen. Urtheilen Sie, ob ich nicht ganz Ohr war, als er anhub: Diesen
Morgen trug sich ein Unglck mit dem groen Marktschiffe zu. Es schlug um. Ein
junges Weib mit zwei Kindern strzte in die Fluth. Der Strudel unterhalb dem
Wehr ri sie fort, ehe ihnen Hlfe werden konnte.
    Gott! mein Gott! rief ich, entsetzt aufspringend, so sind sie rettungslos
umgekommen? Sie wren es, entgegnete Walter mit Nachdruck, wenn nicht die
Tollkhnheit eines Fremden, der sich am Strande zeigte, als das Schiff abfahren
wollte, Eins nach dem Andern dem Verderben entri. Ein Fremder? versetzte
ich, seinen Arm mit unruhiger Neugier fassend! Er sah mich gro an. Ja wohl,
erwiederte er, oder wissen Sie, wer der Mann war? Ich schttelte den Kopf,
ohnerachtet mir es innerlich vorkam, als msse ich ihn kennen. Die Leute, fuhr
Walter lchelnd fort, wollen wohl sagen, es sei der junge Herr von der Burg
gewesen. Mehrere versichern, ihn erkannt zu haben. Aber Niemand wei es gewi.
Denn schnell wie der Blitz, hatte er die lstigen Kleider abgeworfen, und hinein
sprang er, ins Wasser bis an's Kinn, ehe sich diejenigen, welche herzuliefen und
eine Strecke davon, mit den andern Verunglckten zu thun hatten, noch besinnen
konnten.
    Was ward denn nun aber aus der Frau und ihren Kindern? unterbrach ihn des
Amtmanns Mutter. Walter entgegnete gelassen, indem er seinen Kram auslegte: O
mit denen hatte es nachher keine Noth. Wie sie ihr Retter ans Land gebracht
hatte, so sorgte er denn auch fr das Uebrige.
    Ehe das kleine Hufchen noch das Vorgefallene fassen konnte, saen alle drei
schon in warmen Kleidern, bei hellem Feuer droben in einer der
Lachsfngerhtten, eine gute Suppe kochte lustig vor ihren Augen, sie hatten,
was sie brauchten, der, welchem sie es verdankten, war ber alle Berge.
    Sophie, mir klopfte das Herz vor Freude und Ungeduld. Nichts Erhebenderes,
als eine khne und anspruchlose That! Meine kleine Alte forschte inde
umstndlich nach dem Hergange der Sache. Walter wute nur im Allgemeinen
hierber Auskunft zu geben. Der Schiffsraum, meinte er, sei schon berfllt
gewesen; zuletzt, als die Frau mit den Kindern hereintrat, wren Alle, am
meisten der Schiffer, unwillig geworden. Scheltend und brummend stie er vom
Ufer ab. Sein Gesicht weissagte nichts Gutes. Wir verstanden hierbei nur nicht,
weshalb man die Frau einlie, wenn Gefahr dabei war?
    Wie es wohl so in der Welt kommt! sagte Walter, den Kopf nachlig
aufwerfend. Es mu sich denn immer alles gerade so fgen, wie es sein soll.
    Bewundern Sie nicht, liebe Sophie, da dieselbe unabnderliche
Nothwendigkeit zu allen Zeiten, bei allen Vlkern, in jeder Glaubenslehre
vorherrscht? Die Einen nennen es Geschick oder Verhngni, was den Andern das
gewaltige Schicksal ist. Wir wechseln die Worte, der Begriff ist derselbe!
    Ich hatte nicht lange Zeit, hierber nachzugrbeln. Der Amtmann kam von
einem Ritt ber Feld zurck und meldete mir, da mehrere Herren und Damen bei
mir angefahren seien.
    Ich brach sogleich auf, doch hrte ich noch die Begebenheit mit dem
Marktschiff und der Rettung der Verunglckten vom Amtmann besttigen. Er fgte
hinzu, das Fahrzeug sei schon losgebunden gewesen und habe bereits ber seine
Anzahl Passagiere geladen, als jenes junge Weib athemlos, ein Kind auf dem Arme,
das andere bei der Hand, gelaufen kam, und mit dem Ton verzweiflungsvoller Angst
den Schiffer anflehte, sie aufzunehmen.
    Ihr Mann, schluchzte sie, sei bei einem Bau in der Stadt als Zimmergeselle
angestellt, und dort von einer tdtlichen Krankheit befallen worden. Erst in
diesem Augenblicke komme ihr die Kunde hiervon; sie wisse sich nicht vor Angst
zu fassen, und bitte und beschwre die Mnner im Kahn, wenn sie ein menschliches
Herz in der Brust trgen, sie nicht zurckzuweisen. Die hastige Zuversicht, mit
der sie sich whrend dem anschickte, das Fahrzeug zu besteigen, der Schmerz in
ihren Zgen, das Schneidende einer gepreten und doch gewissermaen um Hlfe
schreienden Stimme, berraschte die Besonnenheit der Schiffer. Sie lieen es
geschehen, da Jene im Schiffe Platz nahm. Ward nun dieses wirklich hierdurch
aus dem Gleichgewicht gebracht, oder ist das Geschehene einem andern Umstande
zuzuschreiben? genug der Erfolg war, wie ihn Walter zuerst berichtete. Die
leidenschaftliche Heftigkeit, mit welcher die Frau ihre Kinder ergriff und sie
zu retten strebte, ri sie wahrscheinlich zuerst dem Verderben entgegen! Sie
soll sogleich ber Bord gestrzt sein. Ihr Angstgeschrei: Herr Jesus hilf!
ward noch gehrt, als man sie schon nicht mehr sah. Doch in demselben Augenblick
sprang ein Mann in Jagdkleidung hinter niederm Buschwerk am Ufer hervor, und wie
er die Verunglckten errettete? und wer er war? darber blieb keinem unter allen
Augenzeugen ein Zweifel.
    Voll von den Vorstellungen, die sich an das erschtternde Ereigni reiheten,
ging ich jetzt nach Hause, fest berzeugt, meine Gste knnten Niemand anders
als der Comthur und seine jungen Anverwandten sein. Mir schlug das Herz
unwillkhrlich vor innerer Bewegung. Nennen Sie es Neugierde, Sophie, oder
Theilnahme, ich wei nicht, welcher von beiden Regungen meine Ungeduld
angehrte, allein ich ging so schnell, da mich Georg selbst aufmerksam machen
mute, wie schwer es ihm werde, mir zu folgen. Ich erschrack ber die unzeitige
Eile. Doch urtheilen Sie, wie doppelt beschmt ich war, als ich im Hofe Curds
wunderliches Cabriolet mit den zwei hintereinander gespannten Pferden und neben
diesem, die Equipage der Grfin erblickte. Sie also sind es, die mich
erwarten! sagte ich kleinlaut, und ging die Anhhe hinauf. Agathe und Rosalie
hatten mich schon von weitem kommen sehen. Sie flogen mir entgegen. Beide
redeten zugleich. Sie waren voll von irgend einer Neuigkeit, und brannten vor
Ungeduld, mich in aller Eile durch Gru und Umarmung in soweit abzufertigen, da
sie erzhlen konnten, und ich hren mute. So hing sich mir dann jede an einen
Arm. Wir eilten dem Vorsaal zu, whrend beide mir sagten: Wir haben die junge
Emma, im Vorbeifahren, am Gitter des Thiergartens stehen sehen! Sie glauben
nicht, wie sie uns in dem Grn, unter den hohen Bumen, berraschte! Eine
Hirschkuh mit zwei allerliebsten Klbchen stand vor ihr. Sie hielt ihnen
Bltter, die sie aus einem Korbe nahm, ohne alle Furcht entgegen; die Hand
schien allerliebst! Ein Jger mit einem Waldhorn stand neben ihr. Er war gro,
und sah vornehm aus. Mama behauptete, es sei der Graf selbst gewesen. Wir
grten, die Grfin dankte etwas fremd, doch mit vielem Anstande. Ihrer Haltung
sieht man es gleich an, da sie bei Hofe erzogen ist. Sie hatte ein schwarzes
Kleid an, fiel Rosalie ein, mit langen, weiten Aermeln, ich wette, es war ihr
Reisekleid, und in Wien gearbeitet. Es hatte ganz den Schnitt, die Taille so
sehr lang, die krausen Falten nach unten so breit ausfallend. Es sa
allerliebst!
    Mit diesen Worten traten wir in den Salon. Die Mutter verwies es den
Tchtern, mich mit ihrem Geschwtz aufgehalten zu haben, indem sie auf ihre
hfliche Weise hinzusetzte, da sie mit jeder Minute geize, die sie meiner
Unterhaltung abstehlen knne. Aber ich wei schon, fuhr sie fort, Sie sind
auch ein Bischen neugierig auf unsere neue Nachbarin; es macht Ihnen Spa, von
ihr zu hren, und wirklich lt ihr erstes Erscheinen einen recht bizarren
Eindruck zurck. Die junge Person nahm sich ordentlich pitoresk unter den
uralten Bumen aus. Es ist etwas Dunkles und Fremdes in ihrem Gesichte. Sie
hatte den Hut, im Schatten der Bume, aus den Augen gerckt. Ihr Teint erinnert
an den feinen, brunlichen Farbenton der Italiener. Auch ist das Haar ganz
schwarz. Sie trgt es gescheitelt, wodurch das allerliebste Oval des kleinen
Gesichtchens sehr vortheilhaft bezeichnet wird.
    Mein Gott! lachte ich unwillkhrlich, Sie haben mit dem vorberfliegenden
Blick die ganze Person aufgefat! Sie steht, wie sie lebt und webt, vor mir. -
Wahrhaftig! entgegnete die Grfin geschmeichelt; nun, ich bin auch nicht
gerade vorber geflogen. Unter uns gestanden, ich wute, da die jungen Leute
gestern angekommen waren, und da ich mich immer, was man auch gegen den Comthur
sagen mag, fr ihn interessire, so fhlte ich mich gespannt auf die
Bekanntschaft seiner Hausgenossen. Ich ging deshalb den Thalweg, der an die Burg
hinfhrt, berzeugt, bei dem schnen Wetter die Gesellschaft im Park zu finden.
Wie Sie sahen, ist mir meine kleine List gelungen! lchelte sie
selbstzufrieden.
    Ich lchelte auch ber die Naivett, mit der die gute Frau den Zweck ihres
Besuches aussprach. Sie war inde so voll von dem einen Gegenstande, da sie
ganz arglos blieb, und wirklich, wie so oft in der Welt, mit offnen Karten
spielte, ohne eine Ahndung davon zu haben. Curd flsterte mir zu, alles dies sei
geschehen, um sich sogleich zu berzeugen, ob die hbsche Nachbarin wohl den
Sieg ber Rosalie und Agathe davon tragen werde? - Der Umstand, da jener ein
glnzender Ruf voranging, habe die Eitelkeit der Mutter und der Tchter erregt.
Er sei blos mitgefahren, um alle drei zur Verzweiflung zu bringen, ich mge nun
Acht geben, wie ngstlich sie jedes lobende Wort begleiteten, und durch welche
Grnde sie sich zu trsten wten. Ich war gar nicht geneigt, ihn in so
hinterlistigen Plnen zu untersttzen. Im Gegentheile warf ich den Pfeil auf ihn
selbst dadurch zurck, da ich erklrte: er habe seine Begleiterinnen nur
deshalb die steinige Strae gefhrt, weil er hoffte, die Aufmerksamkeit der Dame
des Schlosses auf ein so tolles Fuhrwerk zu lenken. - Sie thun ganz recht,
setzte ich hinzu, denn seit es keine Originalitt des Charakters mehr giebt,
reicht es vollkommen aus, die Ordnung umzukehren, damit man bizarr erscheine.
Wie witzlose Leute gewhnlich Worte oder Stze umdrehen, um die Lacher zu
flchtigem Beifall zu zwingen.
    Cousine, flsterte Curd halb empfindlich, halb gutmthig neckend, ich
rche mich, ich kenne auch schon das Werkzeug hierzu. Sein Sie gewi, Sie ben
den Muthwillen ber kurz oder lang. Und als wolle er sogleich Wort halten, fuhr
er dann lauter redend fort: Wenn Sie mir den Wunsch zutrauen, von einer
reizenden Frau beachtet zu werden, so bin ich meiner Seits gewi, da Sie nicht
gleichgltiger gegen die chte Originalitt eines genialen Sonderlings sein
knnen, der aus dem Schlamme unserer verchtlichen Zeit sehr glcklich auf den
Schauplatz der Welt auftaucht. Graf Hugo hat seine Probe diesen Morgen gemacht.
Er ist es werth, den Ritterschlag zu empfangen.
    Mit vielem Pathos erzhlte Curd jetzt die Begebenheit mit dem Marktschiff,
und schlo den Bericht damit, da er versicherte, spter habe der Graf die Frau
und ihre Kinder selbst in einem kleinen Fischerkahn zur Stadt gerudert, und sie
dort bis an das Krankenlager des Mannes begleitet.
    Agathe berschrie sich vor Entzcken und Bewunderung. Sie hielt das zierlich
gestickte Batisttuch einigemal vor die Augen, und wirklich wurden diese auch
feucht. Rosalie lachte sie deshalb eben nicht gar zu rcksichtsvoll aus, doch
fand auch sie die Begebenheit einzig und den Grafen sehr interessant.
    Die Mutter horchte lchelnd auf die Aeuerungen der Tchter, dann sich zu
mir wendend, flsterte sie: die Kleine ist ganz wie ich, das Herz luft mit dem
Kopf davon, ich schwre Ihnen, ich habe Mhe, mich der Thrnen zu enthalten. Es
ist wahr, Graf Hugo mu allerliebst sein! Es ist so viel Herz in allem, was er
thut, und so erstaunlich viel originelle Energie! Aber ein Bischen bange bin ich
doch, da er zu weit geht in seiner angenommenen Manier. Die Welt vergiebt eher
das zu Wenig als das zu Viel. Man wird das Geniale darin seiner beschrnkten
Beziehung und dem Mangel an Kenntni der Formen zuschreiben. Und ehrlich
gesprochen, ich glaube, da auch etwas daran ist. Aber ums Himmelswillen, kein
lautes Wort hierber. Sie fhlen wie ich, man mu gewisse Saiten nicht zuerst
anschlagen!
    Sie hatte sie inde angeschlagen, und hrbar oder nicht, sie klangen bald
hell und schneidend durch einen immer grer werdenden Kreis hinzukommender
Gste hindurch, die der Grfin auf dem Fu folgten, und meine kleine Villa zu
einem andern Ulmenstein machten.
    Curd wiederholte bis zum Ertdten aller Anwesenden Hugo's Abentheuer.
Sichtlich gefiel er sich, das Urtheil eines Jeden herauszufordern.
    Man wnschte dem Grafen Glck, mit einer poetischen Farce aufgetreten zu
sein; schmeckte diese gleich nach veralteten Romanen, so gab sie doch
Veranlassung, von sich sprechen zu machen. Es ward wirklich viel gesprochen. Ich
aber konnte kein einziges Wort finden. Es war nichts in mir, was sich an diese
Fden anknpfen lie. Das Schlimmste dabei ist, da auch ich ber den Menschen
selbst Anfangs confus geworden bin. Mein frheres Bild von ihm ist mir
verwischt. Unwillkhrlich schlpft so etwas von provinzieller Abentheuerlichkeit
in meine Vorstellung hinein. Ich will das weg haben. Ich bin rgerlich, und
komme nicht mit mir zurecht.
    Nun, ich werde ja selbst sehen und urtheilen! Sie fhlen aber auch aus allem
dem, welche Aufgabe Ihre Schtzlinge hier zu lsen haben. Ich wnsche, da es
Ihnen damit glcken mge.
    Leben Sie wohl, Sophie! und glckliche Reise! Ich bin betrbt und verstimmt,
ich verlasse Sie, um nicht noch trber zu werden.

                                Heinrich an Hugo


Man glaubt immer, man knne einem Andern etwas Wichtiges, fr ihn selbst
Bedeutendes, sagen. Es ist eine Tuschung. Entweder wei er es schon, oder er
hrt es nicht. Das innere Ohr ist eine Sensitive. Es verschliet sich, so wie
man ihm nahe kommt.
    Ich hatte mir in der vergangenen Nacht, die ich schlaflos zubrachte,
vielerlei ersonnen, was ich Dir mittheilen zu mssen glaubte. Nun es dazu kommt,
lasse ich es lieber. Dir hilft es nichts, und mich verleitet es vielleicht zu
einer Uebereilung.
    Hugo! wir verstehen uns ohne Worte. Aber ich frchte, es kommt fr Dich, wie
fr mich, wenig dabei heraus. In der Hauptsache macht es uns beide nicht klger;
denn bis auf einen gewissen Punkt bleibt der Mensch dem Menschen immer ein
Rthsel. Die Alten kehrten das Inwendige nach Auen. Das schne Ungeheuer, die
Sphinx, war selbst das Symbol ihrer unaufgelsten Aufgabe. Der Kopf wickelt sich
wohl heraus aus der Hlle der Nacht, aber bis der Leib aufsteht, und sich nach
eignen Gesetzen bewegt, bis der Gedanke ein Dasein hat, da mssen die Zeiten
ihren Kreislauf vollenden, und die gebundenen Gebeine des Oedipus erst frei
werden!
    Du bist gefesselt, Hugo, was klagst Du mehr, als ein Anderer?
    Im Grunde warst Du doch auch nicht mit Deiner frhern Stellung zufrieden.
Httest Du Dir gengen lassen an dem Besitz der Idee, wre Dir das Eigenthum
hherer Freiheit ber alles lieb gewesen, und knntest Du Deinen ganzen Stolz
darin finden, ber die Kpfe eines leeren und flachen Geschlechts hinweg, mit
den Flgeln des Geistes, die Nebel um Dich her zu zertheilen, Du lebtest freier.
Doch, Dir spukt das vornehme Wesen und die Gespenster aus der Nacht alter
Vorurtheile auch noch im Blute, Du bist auch erst mit halbem Leibe heraus.
Trage, was Du nicht los werden kannst. Du wirst es lernen! Am Ende vershnst Du
Dich doch wohl noch mit der neuen Weise.
    Die Ungleichheiten des Lebens verebnen sich eher, wenn es etwas giebt, die
Zwischenrume auszufllen, und Glanz, Reichthum, Ansehen und Bequemlichkeit
ndern Vieles.
    Wenn Du ein gewhnlicher, nichtiger, schlaffer Alltagsmensch wrdest!
Unmglich! So beschwichtigt sich der heie Durst der Seele nicht. Die Welt giet
wohl Wasser in die Flamme, aber, wo das Oel aus dem Mark und Saft des Innern
quillt, da belebt sich die Gluth durch sich selbst.
    Ich erinnere mich jetzt oft einer Aeusserung von Dir. Du warst noch sehr
jung. Wir standen im Begriff, die Akademie zu verlassen. Die Plne Deines
Vaters, im Betreff Deiner militrischen Laufbahn, wollten Dir nicht einleuchten.
Du hattest den Gedanken, in einem andern Welttheile zu suchen, was Du hier nicht
zu finden glaubtest. Wir lasen gerade Le Vaillant's Reisen in Afrika. Dich
stachelte der Trieb, das geheimnivolle Herz dieses fremdgebliebenen Stckes
Erde zu durchdringen. Es entstanden Dir, wie jedem Jnglinge, ber alles, was er
nicht kennt, phantastische Bilder. Tritt dergleichen erst in die Anschauung, so
hat es auch Leben und Wirklichkeit. Man ist davon berzeugt, und will es auch
Andern beweisen. Deinen Reiseprojecten fehlte nichts als die Ausfhrung. Ich
setzte Dir alles das entgegen, was auf Verhltnisse einer abhngigen Lage Bezug
hat. Du gingst schweigend im Zimmer auf und ab. Nach einer langen Pause bliebst
Du vor mir stehen, in einer Hand das Buch haltend, worin wir gelesen, legtest Du
die andere auf meinen Arm, indem Du noch in Nachsinnen vertieft, ausriefst: Ich
will Dir etwas sagen, entweder man hat einen Zweck oder man hat keinen.
    Im letzten Falle lt man sich beherrschen, im ersten bedeuten die
angelegten Ketten wenig.
    Conventionelle Vertrge sind eben auch nur conventionell. Sie sind etwas,
insofern sie einer Idee entsprechen; geht diese ber sie hinaus, so zerfallen
sie in sich selbst. Deshalb, wie unbeweglich der behende Wettlufer auch
dasteht, bis das erwartete Zeichen gegeben wird, der Fu ist schon gehoben, das
Auge fat sein Ziel, und er mit in schneller Berechnung Raum und Kraft gegen
einander ab. Jetzt erschallt der Ruf. Im Fluge ist die Ferne durchmessen, die
einen Augenblick zuvor unabsehbar schien. Glaube mir, der Mensch wurzelt nur da
fest, wo ihn Trgheit bindet, oder Mangel eigner Kraft zum Nachgeben an eine
fremde, berwiegende zwingt. Der Erdenfleck, wo er steht, verschlgt hierzu
nichts.
    Diese Worte, Hugo, sind mir unvergelich geblieben, nicht sowohl ihrer
Bedeutung wegen, denn in diesen Jahren nimmt man es damit nicht so genau, und
vieles klingt nur, weil es schallt, allein Dein Gesicht, Deine Gestalt machte in
dem Augenblick einen besondern Eindruck auf mich. Die Augen flammten Dir, Deine
Stirn glnzte, um die Lippen spielte ein geistig Lcheln, Du schienst mir
grer; ich glaubte, der Boden trge Dich nicht mehr, und sah Dich schon in
Gedanken in weiter Ferne, ber die Berge, den Strom und das ganze Festland
wegfliegen. Nun bist Du doch wohl eingewurzelt. Die Zeit hat Dir, wie manchen
andern Freiheitskindern, die Flgel beschnitten. Dir ahndet selbst so etwas. Der
Ton Deiner Briefe ist melancholisch. Du hattest immer einen gewissen Hang zu
dieser Richtung der Empfindungen, die, wie alle Blthen eines schnen Frhlings,
die Kpfe neigen, wenn der hohe Sommer heraufzieht. Bei Dir stand die Sonne
schon sehr frhe in ihrem Culminationspunkte. Sonderbar! der kalte Norden drngt
die Uebergangsperioden alljhrlicher Entwickelung fast in einen Zeitmoment
zusammen. Wre auch in Dir mehr Gluth als Wrme, und der Winter Dir nahe, wenn
Du noch Rosen zu brechen gedenkst?
    Es waltet eine gewisse, laue Ergebung in Allem, was Du sagst, die mich
ngstigt. Sie erinnert eben nicht trstlich an das Senken der Flgel, ehe man
wei, da diese gebrochen sind. Lieber Hugo! Dir steht eine fatale Zwischenzeit
bevor, und wohin Dich diese auch fhre, ohne harte Kmpfe kann das nicht
abgehen. Rste Dich immer im Stillen dazu. Ueber Eins bin ich nur unsicher
geworden. Hattest Du jemals einen eigenthmlichen Lebenszweck? und warst Du
vllig im Klaren darber? Sage mir das aufrichtig in Deinem nchsten Briefe. Das
Maa der Deutlichkeit unserer Vorstellungen hierber bestimmt wohl zumeist das
Nothwendige oder Zufllige einer Richtung.
    Ich bin begierig auf Deine Antwort, lieber Hugo. Lebe bis dahin recht
glcklich. Ganz der Deinige.

                           Emma an einen Geistlichen


Wenn ich aus Grnden, die Sie, theuerster Lehrer, heller durchschauen, als ich
sie angeben darf, in den Briefen an meine Mutter nur allgemeine Umrisse der
verflossenen Tage, der neuen Verhltnisse, der Personen, welche diese bilden,
hinwerfe, so will ich Ihnen in dem Allen mich selbst mit meinen innigsten
Gefhlen, mit meinen geheimsten Gedanken ungetheilt geben. Sie sollen niemals
aufhren, mich in jedem Zuge der Seele, in den bangen Regungen, wie in der
stillen, sichern Befriedigung des empfundenen Daseins zu begleiten. Durch Sie
will ich mich und Andere verstehen lernen.
    Lieber, vterlicher, verehrter Freund! es ist nicht alles mehr so einig in
mir wie sonst. Jeder Schritt vorwrts in das Leben hinein ffnet neue Ansichten,
theilt den Blick, vervielfltigt die Eindrcke. Ich werde nicht irren, aber
vielleicht unbillig sein, und hierber bin ich ngstlich.
    Erschrecken Sie nicht. Es ist nichts vorgefallen, es hat sich nichts
verndert, ich, ich allein mu anders geworden sein!
    Das Leben hrt auf, dasselbe zu bleiben, seit die leichten Umrisse sich
pltzlich krperlich gestalten, die Dinge zwei Seiten gewannen, ein jedes Dasein
fr sich, wie im Zusammenhange mit Andern betrachtet sein will. Meine einfache
Weise es zu nehmen, pat nicht mehr. Es wird so voll, so laut um mich. Weder die
innere noch die ussere Stimme reicht aus, mich meiner Welt verstndlich zu
machen. Ich werde in dem Maae sprachloser, als mir die rechten Worte fehlen. In
dieser Einsamkeit der Seele qult mich ein entsetzlicher Zweifel. Ich frchte,
nicht im Einverstndni mit Gott gewnscht, gewollt, und in der Gebetserhrung
nur eine Prfung erstrmt zu haben, die um so schwerer zu bestehen sein wird,
als sie mich nicht allein trifft.
    Sehen Sie, das ist es, das ist es hauptschlich, was mich beugt. Ach Gott!
und ich kann mich fast nicht lnger tuschen, da ich unbewut zwar, doch nicht
unschuldig das Geschick des geliebtesten Menschen verwirrt, einen Vorwurf auf
sein groes Herz geladen habe! Hugo's khner Gang wird durch mich gehemmt.
    So kann und darf ich nicht einmal versuchen, seinen Weg zu gehen. Ich
erschrecke oft, wenn es mir klar wird, da er den Kampf allein htte ausfechten,
ich aber im Verborgenen, beschrnkt und entsagend, fr ihn beten sollen, ohne
unser beider Geschick in unklare Beziehung zu einander zu stellen.
    Vielleicht war ich berhaupt nur fr das Kloster geboren. In der Dunkelheit
entfaltet sich das Geheimni des Innern am besten.
    Hier, unter so verschiedenen Menschen, zwischen die entgegengesetztesten
Richtungen geschoben, wie kann ich, ohne anzustoen, mich frei bewegen?
    Der Comthur, der mir eigentlich eine Sttze sein mte, verletzt mich durch
sichtliche Abgeschlossenheit gegen Hugo. Er mitraut diesem, und scheint auf der
Huth gegen Angriffe, welche gleichwohl nie erfolgen. Mich betrachtet er oft
bedenklich. Sein ernster, hoher Blick wird dann von unverkennbarer Rhrung
gemildert, er findet immer ein inniges Wort fr mich. Der Ton der Stimme, das
Herabbeugen des stolzen Nackens, die stumme Sprache seiner Mienen, alles an ihm
athmet in solchem Augenblicke fast unwiderstehliche Wrme, ich glaube, wir
verstehen uns dann vollkommen, allein wir gleiten beide ber das hinweg. Ich
wte nicht, wie ich es anfinge, ihm gegenber gewisse Saiten zu berhren, die
nur den Miton zwischen Oheim und Neffe noch schrfer herausheben wrden. Ich
fhle ja ohnehin deutlich genug, da Hugo niemals darin gewilligt haben wrde,
sich mit dem Urheber so groer Familienstrungen auf eine Weise zu vergleichen,
die ihm drckende Verpflichtungen auflegt, wre es nicht in Bezug auf die
Verbindung mit mir geschehen. Auch hierin glaube ich ein Werkzeug hhern Willens
zu sein. Mit heimlichem Stolze betrachtete ich mich, als unverkennbare
Vermittlerin verjhrter, gehssiger Miverstndnisse. Allein auch hier diente
ich nur, den stumpf gewordenen Stachel tiefer in die alte Wunde zurckzudrcken.
Was vergessen, oder unbeachtet, mit der Zeit seine Schrfe verliert, das wetzt
sich an den tglichen, unmerklichen Reibungen so schneidend heraus, da jede
Berhrung verwundet. Ich fhle Hugo etwas Aehnliches an. Er wird immer
einsilbiger. Auf seinem Gesicht liegen die Schatten unauslschlicher Schwermuth,
selbst wenn er lacht, verdunkelt sich sein Auge, als schelte es die Lippen, da
sie sich so leichtsinnig ffneten.
    So gehen wir in sehr verschiedener Seelenstimmung neben einander hin. Der
Comthur mag wohl denken, die Einsamkeit drcke auf uns. Er sinnt daher auf
Vernderung. Wir durchstreifen die Gegend um das Schlo nach allen Richtungen,
ohne gleichwohl Bekanntschaft zu machen. Gestern endlich fhrte er uns bei einer
Dame der Nachbarschaft ein. Ich hatte seit meiner Verheirathung wenig von der
geselligen Welt gesehen. Mir fiel jetzt Manches auf, woran ich sonst gewhnt
war. Ich kam mir hier sehr einsam vor. Der Abend war auf diese Art ziemlich
langweilig hingegangen. Wir saen noch spt im Freien. Der Mond stand hell am
Himmel, sein liebes, ruhiges Licht flimmerte silbern durch die Zweige Ich sa
ganz im Schatten, vor mir dehnte sich ein runder Platz, ber den die breiten
Lichtstreifen ausgegossen lagen. Da sehe ich einen Herrn und eine Dame auf uns
zukommen. Die Frau des Hauses wird ihrer nicht sobald gewahr, als sie mit den
Worten aufsprang: Ach! da ist sie ja dennoch! Willkommen, willkommen, liebe
Elise. Meine Aufmerksamkeit wurde sehr natrlich auf diese gerichtet; sie ging
mit leichtem, freiem Schritt ber den erhellten Rasensitz, ihre Gestalt schwamm
im Schein des Mondes, es war, als umfliee sie ein durchsichtiger Glanz. Sie kam
mir auerordentlich schn vor, ich betrachtete sie mit groer Ueberraschung, und
als sie anfing zu sprechen, klopfte mir das Herz, wie beim Tone unsichtbarer
Musik. Wir waren einander jetzt ganz nahe. Unsere Wirthin stellte uns
gegenseitig vor. Ich konnte nichts sagen, meine Zunge stockte wie gebunden. Die
Fremde blieb unbefangener. In ihrem Benehmen lag die reizendste Sorglosigkeit.
Sie sah umher, und schien jemand zu suchen. Hugo stand ihr in demselben
Augenblicke zur Seite. Er war durch ihren Anblick eben so sehr berrascht.
Aha! rief sie aus, als er ihr genannt ward. Beide betrachteten sich
aufmerksam. Mich berfiel eine unbegreifliche Angst. Es war, als msse ich
zwischen sie und Hugo treten. Ich konnte mich auch lange nicht wieder finden.
Seitdem bekmpfe ich vergebens ein banges Vorgefhl, da an jener Minute die
Wendung meines Erdengeschicks hnge. Ich schelte mich darber, ich verbanne es
als strflichen Aberglauben, aber ich kann es nicht los werden.
    Spter, da wir in die erleuchteten Zimmer des Hauses zurckgingen, der
Einflu geheimnivoller Dmmerung vor einer bestimmten Klarheit verschwand, die
Formen des Herkmmlichen ohnehin den Phantasiespielen ein Ende machten, gerieth
ich dem allem ohnerachtet in einen hlichen Widerspruch mit mir selbst, als
jene anziehende Erscheinung mich aufsuchte, fast vertraut mit mir redete, ihre
Freundschaft fr das Stiftsfrulein erwhnte, sich dadurch in Beziehung zu uns
allen setzte, Bekannte und meine Willfhrigkeit in Anspruch nahm, solches
Entgegenkommen wenigstens in etwas zu beantworten. Werden Sie es glauben? ich
fhlte mich zugleich hingerissen und erstaunt. Mein Auge, meine Gedanken, mein
Gefhl lag fest, wie gebannt durch einen Zauber, auf dem Ausdruck des schnsten,
ja rhrendsten Gesichtes, das ich jemals sah. Alles spricht darin, der Blick,
das Lcheln, der weiche Ton einer fast durchsichtigen Haut, die wechselnden
Mienen, die Harmonie vollkommen gebildeter Zge. Ich sah mehr, als ich hrte.
Sie errthete oftmals wie beschmt ber mein stummes Anstarren. Ich besann mich.
Wir sprachen seitdem wie Menschen, deren Bekanntschaft durch Anderer
Vermittelung vorbereitet ist. Es kam zu Einladungen und Versprechungen baldiger
Besuche. Der Comthur zeigte sich galant und liebenswrdig. Hugo trat aus seiner
Verschlossenheit hervor. Nie sah ich ihn bereitwilliger die Fden des Gesprchs
aufnehmen, zusammenwerfen, um Gefhle und Anschauungen daraus hervorgehen zu
lassen. Elise war bei der Abendtafel seine Nachbarin. Sie wei mit Anmuth einen
leichten Streit geistreich zu fhren. Sichtlich wollten beide vor einander
glnzen. Sie steigerten sich im Laufe der Unterhaltung bis zu einem Punkt, der
wirklich blendende Funken ber den ganzen Kreis ausstreute. Der Wettkampf hatte
sie, wie durch eine Reihe electrischer Schlge, mit einander in Berhrung
gebracht. Es lag in ihrem Ton vertraulicher Scherz und Wohlwollen. Sie kannten
sich schon von frher. Niemand war Sieger geblieben, aber keinem von beiden war
es entgangen, wie viel ein jedes in die Waagschaale zu legen vermochte. Ich
hatte mit gelacht, geredet, sie durch Widerspruch gestachelt; doch es war nicht
unbewuter Trieb, es war Stolz, Unruhe, Furcht, hier unbedeutend zu erscheinen,
die mir Worte gab, mich zur Theilnahme fortri. Sehen Sie, und nun ist mir das
unbehaglichste Gefhl, eine Art Verlegenheit gegen Elise, gegen Hugo, ja gegen
die ganze Gesellschaft geblieben, die mich zugleich demthigt und erkltet.
    Was ist das? Ist es Demuth? Eifersucht? Nicht wahr, ich, ich bin anders
geworden. Mute so bald der ruhige Einklang bescheidner Ansprche an dem
Wechselverkehr des Lebens scheitern? Ist es auch denkbar, am Hofe erzogen,
bringt eine Abendversammlung auf dem Lande mein Gemth in Verwirrung. Ich bin
entschlossen, mich selbst fr so viele Thorheit zu strafen. Noch heute will ich
die gefhrliche Elise aufsuchen! Es ist doch sonderbar, da mich das so viel
kostet.
    Wie beneide ich jetzt die Menschen, die durch Orden und Gelbde in einer
bezeichneten Grnze gehalten, sich selbst treu bleiben! Niemals war es mir
begreiflicher, da man der Welt gern entsagt, um das Gewissen zu retten. Ach!
eher ein Glck aufgeben, als es unter Vorwurf und Zweifel halb sein nennen.
    Sie, Sie, mein einziger Vertrauter, sollen mir helfen, mich wieder zu
finden. Werden Sie anstehen, mir die Wahrheit zu sagen? Kann auch die
zrtlichste Schonung zgern, Wunden zu schlagen, um das Gift aus der Seele zu
ziehen?

                                Hugo an Heinrich


Ich habe recht sehr ber Deinen Brief gelacht. Du hast immer noch die alte
Gewohnheit, bei einem freundschaftlichen Besuche den Gallarock ber das
Hauskleid anzuziehen. Wozu der Prunk mit mir? Ich kenne die Gelegenheit, und
wei, was diese tglichen Redensarten bedeuten. Gerade herausgesprochen, Du bist
irre an mir geworden, und willst wissen, woran Du bist.
    Ich kann Dir es nicht verdenken, wenn Du Dir berhaupt etwas Besonderes bei
mir gedacht hast. Lieber Heinrich! es geht Freunden, wie Eltern und Verwandten,
die immer das Auerordentliche von denen erwarten, die ihrem Gefhle am nchsten
stehen. Selten ist dies aber etwas mehr als schwankende, in das Blaue
hineintaumelnde Vorstellung von allgemeiner Berhmtheit. Ich brauche Dir nicht
zu sagen, wie uns da die Eitelkeit ein X fr ein U vormacht.
    Deine Frage, auf die es Dir hauptschlich ankommt, und die eigentlich nichts
anders heit, als ob ich wirklich jemals gewut habe, was ich wollte? sagt mir,
da es Dir auch nicht sonderlich klar geworden ist, was ich soll?
    Wir waren beide einmal jung, wie andere Jnglinge. La es dabei, Heinrich,
und frage nicht weiter. Ich bitte Dich, sieh' um Dich! da lernt man schweigen,
und den Narrenspossen den Abschied geben.
    Hast Du nicht mehr Achtung fr die Idee, als da Du sie abhngig glaubst von
dieser oder jener Stellung im Leben? - Sie stirbt nicht, da sei Gott vor! Er
wei, wenn die Sonne scheinen oder Dnste sie verhllen sollen. Man mu warten
knnen, Doch diese Kunst ist nicht leicht. Basta! hierber! Worte thuns nicht.
Eins ist inde eine gar zu schwache Stelle in Deinem Briefe, die mu ich doch
rgen. Du thust ja, als habe ich mich von meinem Oheim fr bequemen Lebensgenu
erkaufen lassen und ihm meine bessere Ueberzeugung mit in den Handel gegeben.
Wrest Du ohne so viel Umstnde geradezu in meine Stube gekommen, und httest
Dich darin umgesehen, so wrdest Du Bescheid wissen.
    Das Verhltni zu dem Comthur ist Folgendes:
    Mein Vater ging seines Erbes aus Ursachen verlustig, die Du kennst, sein
Bruder trat in seine Rechte. Er wird Geistlicher, der Zweig ist todt. Nun
entsteht die Frage, rankt eine Nachbarpflanze an dem Stamme heran? oder ist der
junge Schling, der aus der Wurzel heraustreibt, durch Saft und Blut mit jenem
eins geblieben? und werth erkannt, das Ganze zu beleben? - Diese Frage entstand
immer einmal. Ob nach dem Tode des Oheims? oder bei dessen Lebzeiten? Der ganze
Unterschied ist der, da sie jetzt schneller entschieden ward.
    Kam mir das Erbe zu, sollte ich es wegstoen? Weshalb? wozu? Sage doch,
glaubst Du, da man Flgel bekommt, wenn man dem Glck ein Schnippchen schlgt
und sich in seine Armuth hllt. Wem die Flgel gewachsen, den tragen sie wohl,
wohin er Lust hat. Die Metapher hat berdem seit der Geschichte des Ikarus einen
Sto weg. Brauche sie nicht mehr, es liegt etwas Lcherliches darin.
    Und nun zu andern Dingen.
    Es mag Dich unterhalten, wie wir hier leben.
    Recht ertrglich, ich versichere es Dich. Die schnen Waldungen, welche
unmittelbar hinterm Schlobezirk anheben, die Hhen bekrnzen, spiegelhelle Seen
umschlieen, und sich bis an den Strom ausbreiten, wrden hinreichen, eine
mannigfaltige Unterhaltung zu geben. Ich hause hier Tage lang. Wege und Stege
sind mir berall bekannt. So manches kleine Abentheuer mit Menschen und Thieren
stt mir hier auf. Jger, Reisende, Arbeiter und Bettler, alle geben mir Stoff
zu Beobachtungen, mit allen gerathe ich in Berhrung, schwatze, verkehre mit
ihnen. Ich kenne nach gerade ihre Art. Es wird mir leicht, ihnen in ihrem
Ideengange zu folgen. Wir sind sehr eitel, Heinrich, wenn wir uns einbilden, auf
solche Leute herabzusehen. Ich wei, man hat das schon oft gesagt, aber ich
denke mir vielleicht etwas anders dabei. Es ist nicht sowohl, da sie auch
fters Geist, Gemth, Verstand haben wie Andre, mir fllt besonders auf, da sie
diesen Verstand so scharf auszubilden, so gerade zu richten, und so fest zu
halten verstehen. Bei grerer Lebensfrische bleibt ihnen auch lnger die
gesunde Art des Gebrauches. Der Kreis, in dem sie sich bewegen, ist eng, das ist
wahr, aber sie sind Herr darin, und was hinein fllt, verfllt ihrem Urtheil,
das dann auf energische Weise die Dinge auf beide Fe stellt, und sie zeigt,
wie sie sind. So flach hin sehen sie nichts an, bis auf den rohen Frevler, fat
jeder seinen Gegenstand ganz und tchtig. Man kommt auf besondere Resultate im
Umgange mit ihnen. Sie sind doch wenigstens etwas. Was sind wir? Wir werfen
ihnen die Rohheit ihrer Laster vor, und nennen deren Quell: thierische
Selbstliebe. Die Snde, ohne Deckmantel erregt ungefhr das nmliche Entsetzen,
als wenn man sich in einem entstellenden Spiegel sieht. Es ist die Phisiognomie,
es sind die Grundzge, nur durch zufllige Bedingungen verschoben. Verfeinerter
Egoismus geht unterhalb der Formen weg, ohne diese sichtbar zu erschttern, er
grbt nach Innen, und verwstet da unmerklich so viel, als sein frecher
Zwillingsbruder uerlich zu Stande bringen kann. Menschen aus den untern
Klassen stehen, wie das Wild der Forsten, in einer Art Krieg mit der Welt. Darum
ist so viel List und Sprkraft in ihnen. Ihre Taktik macht meine Bewunderung
aus. Nenne diese immerhin beschrnkt. Wer sieht denn viel rechts und links, wenn
er auf etwas Bestimmtes los geht? Der Instinkt findet seine Schranken
vorgezeichnet. Die Erfahrung mu sie erst ziehen lernen.
    Und lieber will ich blind geboren sein, als blind werden!
    Mein loses Gesindel im Walde hat, ich versichere Dich, eher die Gabe, das
Unsichtbare zu fhlen, als wir andern, an den Block vornehmer Einseitigkeit
Geschmiedete. Die Begriffe der Letztern, die nicht mehr Anschauungen sind,
machen sie ganz aberwitzig. Ich bin nun einmal auf die Natur jeder Gestalt
angewiesen. Es ist so viel Wehmuth in ihrer Entstellung. Mir erscheint sie oft,
wie ein schnes Kind, das die Blattern verzerrte. Die Augen sind doch wenigstens
geblieben. Zuweilen blinkt eine Thrne darin, und dann spiegelt sich der Himmel
zurck.
    Meine gegenwrtige Lage pat auch wohl noch am meisten fr mich. Ich bin
freier, als irgendwo. Emma ist das beste Herz. Sie lt mich thun, was ich will.
Ich danke es ihr, und freue mich, da sie eine Unterhaltung in der Gesellschaft
einer artigen Frau der Nachbarschaft gefunden hat, ja einer seltenen Frau,
Heinrich, wie ich glaube. Sie ist sehr geistreich, und scheint es nicht zu
ahnden. Ihr Wesen hat die Farbe der arglosesten Heiterkeit. Mir gefllt sie
ungemein. Ich kenne nichts Einfacheres als sie. Ihr Mann ist eine ziemlich
gewhnliche Figur, nicht ohne Verstand, doch auf den ersten Blick hat man das
Zunftmige an ihm weg. Er gehrt zu den Leuten, deren Meinungen sich den
Verhltnissen so anpassen, da sie bald nicht einen Funken Eigenthmlichkeit
mehr haben. Zuletzt schrumpfen sie ganz eng zusammen. Je trockner sie dann
werden, je reifer glaubt man sie. Du kennst wohl diese Art Menschen, die bis auf
das stumme Lcheln immer ein Urtheil aussprechen. Ich lasse sie gern bei Seite.
Dieser lie mich aber nicht. Wahrscheinlich wollte er sehen, ob ich wisse, wie
sehr ich ihm verpflichtet. Er hat an der Entscheidung meiner Angelegenheit
groen Theil. Wir sprachen darber. Ich wei selten viel zu sagen, insbesondere
wenn ein Anderer mich hren will. Hier lag mir noch dazu etwas ganz Fremdes im
Sinne. Ich suchte mir es deutlich zu machen, wie der Mann zu einer solchen Frau
kommen konnte? In einem Haare htte ich laut aufgelacht! Man zeichnet keine
rgeren Karikaturen, als die, welche Zusammenstellungen aus dem Leben bilden!
    Darin liegt der Witz der groen Welt, durch den sie sich ber sich selbst
lustig macht. Wer diese Seite an ihr weg hat, der kennt keine Langeweile. Ich
frchte dies Gespenst sonst mehr als die getrumten, und sah mit einer Art
heimlichem Grauen auf eine sogenannte allerliebste Parthie im Grnen, zu der uns
die Grfin Ulmenstein bei sich einlud. Da nun das Grn jetzt schon ziemlich gelb
ist, die modernen Grten mit ihren vielen abgestreiften Pappeln kahl und drr
aussehen, die Gesellschaft mir fremd war, unsere Wirthin ohne Jugendreiz, den
Mangel an Geist durch viele unruhige Eitelkeit ersetzt, welche ihr das Prdikat:
die Seele der Gesellschaft erwarb, so hegte ich groes Mitrauen gegen den
versprochenen Zauber der Abendversammlung.
    Aber siehst Du, alles das waren falsche Schlsse. Denn erstlich nahmen sich
die geputzten, stdtischen Figuren unter dem herbstlichen Bltterdache, von
manchem scharfen Windsto getroffen, in ihrer Toilette derangirt, und auf diese
achtend, so gezwungen, so unsicher, so sichtlich unbequem aus, da ihre Mhe,
sich und Andern hierin zu entgehen, allein schon eine komische Unterhaltung bot.
Dann belustigte mich auch die Art und Weise der Grfin ungemein. Die Sicherheit,
mit der sie das Gewhnliche fr etwas Besonderes ausgiebt, und wirklich ihren
Zweck erreicht, niemals um eine Antwort verlegen ist, jede Einwendung
berichtigt. Ich sage Dir, es ist zum Todtlachen! Und Viele lassen sich belehren,
obgleich eigentlich kein Sinn und Verstand in allen den angefhrten Grnden ist.
Wie geht das zu? Solche Probleme machen mir sehr viel Spa! Ich bin diesem inde
ziemlich auf der Spur. Die Frau rckt gleich mit ganz auerordentlicher
Hflichkeit ins Feld. Dadurch stumpft sie, von Hause aus, die Waffen ihrer
Gegner ab, dann wickelt sie die Aufmerksamkeit eines Jeden, den sie berzeugen
will, mit unglaublicher Behendigkeit auf einen Knuel, in welchem die gemischten
Fden zusammen laufen. Niemand ist im Stande, einen einzigen festzuhalten. Mit
dem Letzten schrzt sie dann geschwind das Ganze zusammen und wirft den Ball auf
gut Glck in die Luft. Man sieht ihn fliegen, und lt es gut sein! Sie ist
fertig. Die Wenigsten denken daran, da sie es nicht sein knnen. Dadurch
behauptet sie ihren Ruf. Selbst der Comthur glaubt einigermaen an sie. Sein
Benehmen drckt eine Bercksichtigung aus, die eigentlich nichts rechtfertigen
kann, als eben dieser Ruf. Ueberhaupt finde ich die heutigen alten Leute immer
viel leichter bestochen und ber die Gegenstnde der Anerkennung getuscht, als
unsers Gleichen. Dem galanten Manne aus jener Zeit fllt es nicht ein, da eine
Frau von Ton anders als bedeutend sein knne. Der Onkel beweist mir brigens
tglich mehr, da die Abgeschlossenheit, in der er so streng verharrt, nichts
als ein enger Rock ist, der ihn tausendmal kneift, und ihn gleichwohl nicht
ablegt, weil er einmal der Welt darin bekannt ist. Zuweilen knpft er ihn auf.
Dann schlgt sein Herz frei, die Worte gehen von selbst ber die Lippen, er wird
ein anderer Mensch. Unsere Nachbarin, die schne Elise, gilt viel bei ihm, und
er huldigt ganz unverholen dem jugendlichen Reiz ihrer lebendigen, geistvollen
Unterhaltung. Ich sehe aus allem dem, da wir mit dem Hause des Prsidenten in
ein freundschaftliches Verhltni treten werden. Die wenigen Monate, die wir auf
dem Lande noch zuzubringen gedenken, mag, wie gesagt, ganz angenehm fr Emma
sein. Ich bin wenig dabei interessirt. Die hbsche Frau mte es sonderbar
anfangen, wenn sie mich meiner Waldeinsamkeit entrisse! Dort geben mir meine
Landstreicher etwas auf zu rathen. Wenn sie nicht selbst eine besondere Art von
Rthsel ist, so wrde sie Mhe haben, mich zu fesseln. Zur Zeit ist mir nichts
an ihr unbegreiflich, als ihre Heirath. Doch ber dies Kapitel kann man bis zum
Wahnsinn grbeln, und man kommt damit nicht aufs Reine.
    Lebe wohl? Solche Gedanken verweht ein rascher, scharfer Nachtwind am
besten! Ich gehe auf die Jagd. Noch einmal, Lebe wohl!

                               Rosalie an Agathe


Warum Du auch gerade in den Paar Tagen, die wir in der Stadt zubringen wollen,
den fatalen rothen Fleck auf die Backe kriegen mutest! Er entstellt Dich
eigentlich gar nicht, und wer es nicht wte, htte es kaum bemerkt. Aber Mama
sagte noch unterweges: Eine junge Person knne nicht ngstlich genug sein, sich
jeden Augenblick auf das Vortheilhafteste zu zeigen. Oft reiche ein einziger,
ungnstiger Eindruck hin, ihre ganze Zukunft zu untergraben. Und darum sei es
recht gut, da Du zurckbleiben, und Dich auf dem Lande verstecken knntest.
Mama hat in so etwas sehr viel Erfahrung! Ueberhaupt ist sie unglaublich klug.
Denke Dir, sie hat es richtig dahin gebracht, da ihr gestern der neue englische
Gesandte und seine Frau die erste Visite machen muten. Es war brigens einmal
wieder so voll in unserem Salon, wie mitten im Carnaval. Ich hatte das neue
Pariser Linonkleid an, und die Haare von Charles arrangirt, Du kennst seine
einzige Art. Curd sagte, ich she gerade aus, als htte man mich aus dem
hbschen Wiener Modejournal herausgeschnitten. Ich fand, da er Recht hatte.
Meine Toilette war usserst modern, und sehr gelungen, denn der Lord und die
Lady fixirten mich mehrmals, und sagten dann zur Mama: ob ich in Paris erzogen
sei? Mama lchelte geschmeichelt, mute aber die Wahrheit bekennen, was ihr,
denke ich, sehr zur Ehre gereicht, da wir doch allein durch sie sind, was wir
sind.
    Stelle Dir vor, der Nachbar der Tante, Baron Wildenau, lie sich mit seinem
Sohne melden, gerade als die ganze elegante Welt bei uns versammelt war. Ich
hatte bald den Tod vor Schreck. Erinnerst Du Dich wohl noch den langen, dnnen,
ungelenken, verdrielichen Leontin, der so oft, whrend unsers langweiligen
Aufenthalts bei der guten Tante, auf einem abscheulich hlichen Schimmel
geritten kam, einen schiefen Diener machte, an der Thre stehen blieb, und kein
Wort sagte? Mir war die Figur unvergelich geblieben. Es sind vier Jahre her,
wir waren beide ziemlich klein, aber ich sah uns noch verstohlen hinter der
Gardine, so oft die Visite im Anzuge war. Nun mache Dir einen Begriff von Mama's
Verlegenheit, wie der Name Wildenau genannt ward! Sie behielt keine Zeit, etwas
zu erwiedern, die Thren gingen auf, Vater und Sohn standen vor uns. Es ging
aber Gottlob besser, als ich dachte. Der Baron sieht am Ende aus, wie viele
Leute seines Alters, und Leontin hat sich ziemlich ausgebildet, seit er von
seinen Reisen zurck ist. Mama sagt auch, er sei allenfalls zu produciren, ob er
gleich auerordentlich zurckhaltend ist, auch viel steifes Wesen behalten hat.
Ob er sprechen kann? wei ich nicht, ich glaube aber, damit ist es noch so, wie
sonst. Im Ganzen nimmt er sich aber, ich versichere Dich, ganz leidlich aus, und
wenn er nur einen ordentlichen Contretanz in Paris einstudirte, so werde ich es
auf dem nchsten Balle nicht ausschlagen, mit ihm zu tanzen, denn, wirst Du es
glauben? die Lady betheuerte, sie habe den Herrn fr einen Englnder gehalten.
Ich mute beinahe laut auflachen, dachte ich an unsere frhere Bekanntschaft
zurck.
    Weit Du, Agathe, ich wre rasend gern eine Lady. Es klingt so erstaunt
appart. Diese hier ist zwar gar nicht auffallend. Ich htte es ihr nicht
angemerkt, da sie bers Meer kam. Ja, um aufrichtig zu sein, ich wrde sie eher
fr eine Dame aus der Provinz gehalten haben. Sie zieht sich geschmacklos und
doch bertrieben kostbar an, sitzt ganz grade, und bewegt sich nur selten, wenn
sie spricht. Es klingt immer, als wenn sie blde und unsicher wre; das schadet
ihr aber alles nicht, sie wird doch ausgezeichnet, da sie eine Fremde ist. Das
thut gar zu viel in der Welt. Mein Gott, warum kann ich nicht fr einen Winter
nur, eine Fremde sein!
    Der Baron hat Mama gebeten, Leontin in der Gesellschaft Zutritt zu
verschaffen. Mama warf einen ihrer prfenden Blicke auf den jungen Menschen, als
wenn sie sehen wollte, ob es sich der Mhe verlohne? Er stand vor ihr, lie den
Vater fr sich sprechen, setzte nicht eine Sylbe hinzu, und wandte sich, mit dem
gleichgltigsten Gesicht von der Welt, wieder ab, als beide aufhrten, von der
Sache zu reden. Mich betrachtete er ein paarmal, ohne inde eine Miene zu
verziehen. Curd lachte mich darber aus, ich mute wohl oder bel, mit lachen,
unser stumme Gast ging eben vorber. Ich hrte, wie ihn Curd ziemlich spttisch
fragte, weshalb er nicht die alte Bekanntschaft mit der Tochter des Hauses
erneuere? Leontin sah ihn verwundert an, indem er kurz und trocken erwiederte:
ich fand noch keine Veranlassung dazu! Findest Du das nicht hchst sonderbar?
Mir scheint es unhflich.
    Stelle Dir vor, alle Leute sind hier voll von der Schnheit unserer neuen
Nachbarin. Man bertreibt wieder einmal auf das Lcherlichste. Mama sagt, es
thue ihr leid um die kleine Frau. Wenn sie erscheinen werde, dann sei es Jeder
schon mde, von ihr zu sprechen, und sie werde damit enden, gar nicht zu
gefallen. Hugo hat ganz den Ruf eines interessanten Sonderlings. Ich werde von
aller Welt ber ihn befragt. Es ist wahr, er ist der schnste Mann, den ich
kenne.
    Morgen sind wir auf ein Dejeuner beim russischen Gesandten. Der Hof wird
auch da sein. Die himmlische Meierei an der Burgwiese ist neu dazu eingerichtet.
Ich freue mich unmenschlich darauf. Arme Agathe, wenn Du doch auch hier wrest!
    Ich schicke Dir diesen Boten, um Dich zu bitten, da Du mir Deinen
allerliebsten Basthut mit den Veilchen leihen mchtest. Thue mir den einzigen
Gefallen, liebe Schwester. Siehst Du, meiner hat auf dem Transport einen Kniff
in der Krempe gekriegt, und seit ihn die Nettencourt in die Hnde genommen hat,
um ihn wieder zurecht zu machen, ist er total verdorben. Mama schwrt, da sie
es absichtlich gethan hat, aus Aerger ber die franzsische Waare. Nicht wahr,
Du leihst mir Deinen? Ich rechne bestimmt darauf. Es wre auch unglaublich
unfreundlich, wenn Du mirs abschlgst. Jetzt kannst Du ihn ja doch nicht
gebrauchen. Mit dem enormen Fleck auf der Backe, wrdest Du doch nicht
erscheinen knnen, und Mama gbe es auch gar nicht zu, knnte es um Deinetwillen
nicht zugeben. Siehst Du, und im Winter ist er aus der Mode, dann schenke ich
Dir einen neuen. Ich spare schon Geld dazu. Vielleicht brauche ich das nicht
einmal zu thun. Es kann sich wohl bis dahin Vieles ndern! - Weit Du, die Tante
ist sehr krank, Baron Wildenau sagte es gestern. Wenn sie stirbt, sind wir die
reichsten Parthien im Lande. Dann kriegen wir auch Zobelpelze zu Weihnachten!
Das Dmmste wre nur, wenn sich die Krankheit noch lange hinzge, und der Tod
uns die Trauer mitten im Carnaval auflegte. Wer will aber so weit vorausdenken?
Und nicht wahr, Agathe! Du schickst mir den Hut?
    Adieu, liebe Schwester! Ich umarme Dich tausendmal.

                                    Antwort


Du bist unausstehlich mit Deinen ewigen Prtentionen. Niemals hast Du was, und
doch willst Du immer und ewig mehr als andere Leute vorstellen. Den Hut hast Du
Dir ja muthwillig, durch das unaufhrliche Aufprobiren verdorben. Standest Du
denn nicht den ganzen Morgen vor dem Spiegel, und schobst und rcktest daran,
und drehtest den Kopf hin und her, unter lauter Trillern und Singen, da mir
noch die Ohren davon wehe thun. Die Nettencourt sollte ihn heimlich wieder
zurechtmachen. Du hast Dich wohl gehtet, Mama zu bekennen, was eigentlich damit
vorgegangen war; und nun mu die arme Person die Schuld auf sich nehmen. So
machst Du es immer.
    Wenn Du ein gutes Herz httest, so wrdest Du wohl daran denken, was es mich
kosten mu, hier so allein zu sitzen, whrend Du Dich gttlich unterhltst. Du
wrdest Mitleid mit mir haben, und nicht noch eine Geflligkeit obendrein von
mir fordern. Es ist wahrhaftig kein geringes Opfer, was ich bringe, wenn ich
Deinen Wunsch erflle. Ich thue es aber recht ungern, das versichere ich Dich,
denn da ich den Hut niemals wieder werde aufsetzen knnen, davon bin ich
berzeugt. Du verdirbst ja gleich alles, was Du anfat. Und wiederkaufen kannst
Du mir auch keinen andern. Mein Gott, Rosalie! Dein Taschengeld reicht ja
niemals aus.
    Was Du von dem Tode der Tante sagst, ist recht sndlich. Ueber dergleichen
mu man niemals leichtsinnig reden. Und wer wei denn auch, ob sie so reich ist?
    Ein rechter Querstrich wre es doch bei allem dem, wenn mir auch noch die
Wintervergngungen verdorben wrden! Wre dies der Fall, ich wrde noch mehr
weinen, als ich es jetzt schon thue!
    Ja gewi, ich schwimme in Thrnen, whrend Du Dich mit meinen Sachen
putzest, und zu den Festen fhrst. Morgen bleibe ich gewi bis Mittag im Bette.
Ich will nicht sehen, ob es Nacht oder Tag ist.
    Mama mag sehr klug sein, aber sie ist auch sehr sonderbar. Um solche
Kleinigkeit so viel ngstliche Rcksicht! Glaube mir, mit meiner Figur, mit
meinen Augen, htte Niemand auf ein Bischen unruhige Haut gesehen. Aber ich wei
schon - - -
    Sage mir doch, ist noch Niemand in der Stadt angekommen? Er wollte doch
schon Ende vorigen Monats dort sein. Statt von dem langweiligen Leontin zu
schreiben, httest Du mir etwas Interessanteres mittheilen knnen.
    Verbrenne um Gotteswillen dies Blatt, damit es kein Mensch sieht, am
wenigsten - Du verstehst mich wohl.
    Ich schliee hier, der Bote eilt. Mein Himmel, Du wirst ja doch noch zeitig
genug zu Deinem brillanten Dejeuner fertig werden.
    Geh nur! geh! Du bist nicht halb so gefhlvoll, als ich. Das ist auch mein
einziger Trost. Die Besten mssen immer am meisten leiden! Adieu!

                                Elise an Sophie


Ich schreibe Ihnen mit Bleistift auf einer sehr lustigen Jagdparthie zwei Worte
durch Curd, der durch alle erdenkliche Mittel imponiren will, in der
Geschwindigkeit eine Reise nach Italien macht, und noch diesen Abend dahin
abgeht. Er trifft Sie in Florenz, und bringt Ihnen mit tausend warmen,
zrtlichen Gren dies Blatt. Mgen Sie lesen knnen, was es enthlt. Ich
frchte, die Schriftzge werden ziemlich verwischt zu Ihnen gelangen.
    Nun auf gut Glck!
    Zuerst, was Sie interessirt. Ihre jungen Freunde sind hier, gefallen beide,
sind liebenswrdig, und scheinen glcklich. Ich bin ihnen von Herzen ergeben.
Emma bezwingt mich durch etwas Unwiderstehliches, das ich nicht nennen kann. Es
ist viel stille, geistige Fhlbarkeit in ihr. Die dunkeln Augen werden eben so
oft feucht, wie der allerliebste Mund lchelt. Alles an ihr ist leise,
unkrperlich mchte ich sagen.
    Der dicht umschlossene, ruhig bewegte Waldsee, an dem ich hier sitze, giebt
mir das beste Bild von ihr. So erscheint sie mir.
    Dem sonderbaren Hugo fllt das Meiste im Leben von selbst zu. Er bemht sich
nicht darum. Er hat es. So auch die Aufmerksamkeit, die Theilnahme, die
Bewunderung der hiesigen Gesellschaft. Ich hatte Unrecht gethan, Absicht bei ihm
vorauszusetzen. Was er sagt und thut, ist immer unwillkhrlich. Das
Auerordentliche liegt ihm vielleicht nher, als Andern! Ich kann nicht eben
finden, da er mich blende. Im Gegentheile, es ist das Unscheinbare in seiner
Art und Weise, wodurch er die Gedanken frei an sich heraustreten, und sie in
ihrer Natrlichkeit jedem verwandt, empfinden lt. Es liegt hierin eine Magie,
das ist wahr! Aber der Genius der Natur giebt sie allein. Gewhnliche
Taschenspielerknste wrden es nicht so weit bringen.
    Ich gerathe zu tief in den Text hinein. Das Blatt ist zu Ende. Leben Sie
wohl, geliebte Ungetreue! Sein Sie gewi, Sie fehlen mir gerade jetzt am
meisten.
    Apropos, Eduard lt Sie gren. Auch Georg, der allerliebste kleine Junge!
Beide trugen es mir schon lngst auf. Noch einmal, leben Sie wohl!

                             Der Geistliche an Emma


Vor allem, meine gndige Frau, empfangen Sie den innigsten Glckwunsch zu Ihrer
Rckkehr in die Heimath. Ich wei Sie gern an dem Ort Ihrer Bestimmung. Es ist
mir so gewi, da Sie dort, wo Beruf und Wirksamkeit Ihrer warten, auch
Zufriedenheit finden werden, da ich gern noch einen zweiten Brief kommen liee,
ehe ich den ersten beantwortete. Gleichwohl scheinen Sie dieser Antwort, als
etwas entgegen zu sehen, von dem Sie besondere Aufschlsse ber sich und Ihre
Verhltnisse erwarten.
    Sie mitrauen Empfindungen, bei denen Sie gleichwohl viel zu lange
verweilen, wenn Sie Ihnen gefhrlich dnken. Kurz, Sie sind noch von den
Erschtterungen der Reise aufgeregt, und wnschen wieder in Ruhe zu kommen.
    Liebe, gndige Frau, ich war vor einiger Zeit Abends bei einer Augenkranken.
Das Zimmer, in welchem sie sich befand, war so dunkel, da man sich nur mhsam
darin zurecht fand. Gleichwohl warf die dichtverhangene Lampe ihren schwachen
Schein auf naheliegende Gegenstnde, welche bei der leisesten Verrckung scharfe
Lichtstrahlen zurckspiegelten, und den Sehenerv schneidend trafen. Die Kranke
schrie, so oft der Fall eintrat, unwillkhrlich hell auf; besonders bermannte
sie der empfindlichste Schmerz, wenn die weilakirte Thre eines Seitenzimmers
aufging, und die Bewegung des hellen Krpers blendend die Nacht umher theilte.
Ich litt um so mehr mit der Armen, als mein gesundes Auge von dem jhen,
durchfahrenden Schimmer afficirt ward. Mit der innigsten Theilnahme verlie ich
sie spter. Ich konnte lange nicht ohne eine gewisse Beklemmung an den Abend
denken. Wie gro war deshalb meine Freude, als ich, nach nicht gar langer Zeit,
fast um die nmliche Stunde, vor dem Hause vorbeigehe, und die Fenster desselben
erleuchtet finde. Ueberrascht bleibe ich stehen, betrachte mir die Lage des
Krankenzimmers, und kann nicht zweifeln, da ein, im Mittelpunkt desselben
angebrachter Kronleuchter seine brennenden Kerzen unverhllt flammen lasse. Ich
eile nun hinauf, gewi, das Uebel gehoben zu sehen. Allein ich fand meine
Erwartung getuscht. Meine arme Freundin sa noch mit dem grnen Augenschirm,
unfhig, den Blick frei zu bewegen. Ihr Zustand war leider ungefhr derselbe,
doch mit dem Unterschiede, da sie in einem gleichmigeren Empfinden des
Schmerzes, seiner mehr Herr ward, ja, in der ruhigen Helle des Gemaches den
wohlthuenden Einflu des Lichts im Allgemeinen geno, ohne den leidenden Theil
dadurch verletzt zu fhlen. Ich uerte ihr meine Verwunderung hierber,
hinzusetzend, da mich eben diese Helle getuscht habe, indem ich sie nicht mit
der Natur ihres Unwohlseins zu vereinigen gewut htte.
    Das macht, entgegnete sie, das Licht kommt von oben, so ergiet es sich
ohne Abschattung nach allen Seiten, ich bin mitten darin, wie am Tage unter
freiem Himmel.
    Gndige Frau, Sie empfinden, wie ich in diesem Augenblicke empfand. Die
Wahrheit ist so einfach, da sie uns auf die einfachste Weise am nchsten liegt.
    Lassen Sie das Licht von oben in Ihre Welt hineinfallen. Sie werden sich
darin zurechtfinden, ohne berall auf Ecken zu stoen.
    Weiter wte ich Ihnen fr jetzt nichts zu sagen, nichts zu rathen. Alle
Verhltnisse des Lebens sind kraus und bunt. Es hilft nicht viel, uerlich
daran zu rcken oder darber zu klgeln. Man mu hindurch. Deshalb bewahren Sie
sich Klarheit und Muth. Sie haben, ich will es glauben, mit ungewhnlichen
Menschen zu thun. Lassen Sie sich das nicht irren. Bleiben Sie Ihrem Gott und
Ihrem Herzen getreu. Auf Ausdauer kommt es zumeist im Leben an. Wie viele
ungleiche Wallungen prallen an dem festen Damm unerschtterlicher Gesinnung ab.
Der Fels steht, wenn die Woge zerrinnt.
    Lassen Sie das Licht von oben kommen. Sie finden den Pfad durch das
Labyrinth von selbst.
    Und so leuchte Ihnen denn die ewige Sonne unverhllt. Das ist das Gebet, mit
dem ich Sie einem hhern Schutze empfehle.

                                 Hugo an Elise


Hier ist das befohlene Buch. Ich htte es Ihnen lieber gebracht als geschickt.
Aber Sie wollten mich nicht hren, ehe Sie lasen. Es ist auch meine Art, fremdes
Urtheil zu entfernen, ehe ich mit dem Gegenstand bekannt werde, von dem es sich
handelt. Ich bin neugierig, wie wir hier zusammentreffen werden? Es bleibt doch
morgen bei der Parthie nach dem Vogelheerd? Heute ist es trauriges Wetter! Es
regnet. Der Tag ist fr mich so gut wie verloren. Er fesselt mich unbarmherzig
zu Hause. Bedauern Sie mich ein Bischen.
    Ganz Ihr unterthniger Hugo.

                                    Antwort


Der Regen dauert fort! Es ist zum verzweifeln! Natrlich wird aus dem Frhstcke
im Walde nichts! Morgen vielleicht! Man sagt das so hin, und giebt auf, weil man
schon an den Ersatz denkt. Was sichert uns diesen?
    Ich glaube, Ihr Buch hat mich ganz umgestimmt! Mir ist etwas davon in der
Seele geblieben, das schwer wiegt. Fragen Sie mich nicht, ob es mir gefllt? Das
wei ich nicht, auch ist das eigentlich gar kein Ausdruck fr Gefhle und
Zustnde des Innern. Genug, ich habe in einem Zuge fortgelesen, bis zu Ende, und
bleibe mitten darin. Wollen Sie noch ein anderes Urtheil? Ich kann mich sonst
auf nichts Bestimmteres einlassen. Aber so viel ist gewi, die Bcher werden
immer seltener, die Einem empfinden lassen, da es noch eine Welt giebt, ausser
der, von heute und gestern. Eine andere Frage wre, ob die Welt, in die ich mich
hineingelesen habe, meine Heimath sein darf oder nicht? Ist sie es, was fange
ich denn mit dem Aussenleben an.
    Ich wollte heute mit Ihnen ber das Alles weitlufig sprechen. Aber es
regnet. - Der Himmel sagt zu Vielem Nein, was der Wille anders will. Leben Sie
wohl!

                                 Hugo an Elise


Ich bestreite den letzten Satz Ihres Billets, gndige Frau! Der Himmel sagt zu
Wenigem Nein, was der Wille recht will. Wre es wirklich Ihre Absicht gewesen,
mir mehr mitzutheilen, als die flchtigen Zeilen enthalten, Sie htten die
Sonnenblicke am Mittage zu einer Spatzierfahrt im Walde benutzt. Mich, waren Sie
gewi, dort zu treffen. Auch hatte die Tannenhuserin Befehl, mich sogleich von
Ihrer Ankunft zu benachrichtigen. Jetzt ist es zu spt, und Sie frchten morgen
wohl auch die feuchte Luft.
    Wre der Prsident nicht in Geschften abwesend, und ich dreist genug, ohne
Emma's Begleitung Ihre Einsamkeit zu unterbrechen, Sie wrden mich schon frhe
am Tage an Ihrem Gartenpfrtchen sehen. Allein Sie usserten einmal: Nur unter
Frauen knne zwangloser, nachbarlicher Verkehr stattfinden. Nun, und die meinige
ist am Krankenbette des Onkels gefesselt, dem das Podagra viel zu schaffen
macht, sonst htte ich ihre Frsprache bei Ihnen nachgesucht, denn gewi, mich
verlangt, mehr ber ein Thema zu hren, das viele Streitfragen in sich fat.
    Gndige Frau! ich kehre gleich die von Ihnen aufgeworfene um: Was finge ich
mit dem innern Leben an, wenn die Welt der Empfindungen nicht meine Heimath
wre? Sagen Sie selbst, hrt man nicht auf, ein Fremdling zu sein, wenn man es
hier ist?

                                    Antwort


Kommen Sie immer, wenn Emma Sie auch leider nicht begleiten kann. Ich habe groe
Lust, mit Ihnen zu streiten.

                            Emma an den Geistlichen


Sie hatten ganz recht! Die Ruhe nach der Reise machte mich krank. Wie wnsche
ich mir Glck, Niemanden als Ihnen, ehrwrdiger Herr, meine Schwachheit
anvertraut zu haben! Jetzt sehe ich Alles in ganz anderm Lichte. Ich wei nicht,
ob dieses von oben kommt? Allein, es ist berall Tag, es ngstigt mich lnger
kein trglicher Schatten, ich athme frisch und lebe heiter.
    Es war vielleicht ein Glck, da der Oheim seine gewhnlichen Gichtanflle
dieses Jahr frher, als sonst, bekam. Wir naheten uns einander dadurch
schneller. Seine Bedrftigkeit und mein Wunsch, ihn diese weniger empfinden zu
lassen, setzten uns ber unzhlige kleine Zwischenrume hinweg, welche der
geordnete Lauf der Dinge erst nach und nach beseitigt.
    Mit steigender Freude fhlte ich, wie nothwendig ihm meine Pflege ward.
Hiermit regten sich Krfte und Wille wie neu beseelt in mir. Gottlob! es ist so
geblieben. Ich bin auf meinem Platz. Von da aus sieht es sich klarer, bestimmter
auf die Gegenstnde hin, welche unsere Welt bilden. Ich glaube, des Oheims Auge
hat auch erst einen Blick fr mich gewonnen. Er betrachtet mich nicht mehr so
prfend. Wenn er mich ansieht, lese ich Vertrauen und wohlwollende Gte in
seiner Miene. Es giebt nichts Einfacheres, aber auch nichts Friedlicheres, als
unser Leben. Und wissen Sie wohl, wer zumeist den stillen Geist hineingetragen
hat? Jene schne, liebe Frau, deren erster Anblick auf mich bei weitem nicht den
beschwichtigenden Eindruck machte, den sie jetzt nach jeder Zusammenkunft in mir
zurcklt. Von dieser Leichtigkeit des Umganges, dieser Seele und Wrme in
jedem Worte, knnen Sie sich keinen Begriff machen. Oft berrascht mich ihre Art
und Weise so, da ich sie staunend ansehe, ohne zu wissen, wie ich das
Unwillkhrliche dieses fessellosen Innern mit der steten Bercksichtigung alles
dessen, was andere betrifft, vereinen soll. Sie sieht mich dann wieder an, und
die Miene, mit der sie fragt: Was ist Ihnen, Liebe? hat solchen Zauber
kindlicher Neugier, da jeder Gedanke an Absicht oder Knstelei davor
verschwindet. Seit mich des Oheims Krnklichkeit im Schlosse fesselt, ist sie
tglich, wenigstens auf ein paar Stunden hier. Sie kommt und geht wie ein
anmuthiges Feenkind, das durch allerlei Zaubereien die alltgliche Gegenwart
umher verwandelt. Immer hat sie etwas zu erzhlen. Wie unbedeutend das auch sein
mag, sie wei es so eigenthmlich vorzutragen, da es nie ohne Interesse bleibt.
Der Kranke vergit Schmerz und Unbequemlichkeit, wenn er sie nur sieht.
Vorzglich unterhlt es ihn, wenn er Hugo mit ihr in Streit verwickeln kann. Das
geschieht, so oft von der Gesellschaft in Ulmenstein die Rede ist, zu deren
Gunsten Elise mancherlei anfhrt, was jener mit Witz und Laune widerspricht. Sie
endet hufig damit, ihn ber sein nichtiges, abweisendes Benehmen gegen Fremde,
die er weder kennt noch kennen lernen will, auszuschelten, und ihm Stolz oder
Trgheit vorzuwerfen. Der Comthur stimmt hierin mit ein. Er reizt und neckt den
Neffen. Dieser giebt sich willig her, lacht, widerspricht ohne sich zu
rechtfertigen, erzhlt dann schnell ein paar Jagdabentheuer, schiebt irgend ein
fremdes, anziehendes Bild hinein, wodurch er die Theilnahme seiner Gegner anders
lenkt und ihnen entschlpft. Elise bemerkt seine List zu spt. Es rgert sie,
doch wei sie auch dieser Empfindung Grazie zu leihen. Sie ist allerliebst, wenn
sie zankt. Ihr Eifer, mit dem es ihr in solchen Augenblicken ganzer Ernst ist,
trgt ein eigenes Geprge von Natur und Wahrheit. Ich glaube, sie erscheint
vorzglich deshalb so unendlich liebenswrdig. Der Oheim nannte gestern ihren
Unwillen gefhrlich. Er warnte Hugo, ihn zu reizen. Ich wei nicht, wie es kam,
da gerade in diesem Moment Hugo's Blick dem meinigen begegnete. Es lag etwas
Gezwungenes in seinem Lcheln. Ich ward unwillkhrlich wie mit Blut bergossen.
Es war wohl die Erinnerung meiner frhern Schwche, die mich beschmte, allein
Hugo? Hat er mich schon damals errathen? Die unbefangene Elise blieb sich
gleich. Sie ist zu groartig, um dergleichen heimliche Regungen vorauszusetzen.
    Bald darauf nahm sie, ohne alle weitere Rcksicht, Hugo's Arm, und hie ihn,
sie zur Strafe, da er sie so lange durch unntze Worte aufgehalten habe, den
Berg hinab zu ihren Wagen fhren. Mein armer, kleiner Georg, setzte sie, fast
erschrocken ber die Erinnerung an diesen, hinzu, wird gewi schon recht
ungeduldig ber mein Aussenbleiben geworden sein. Wie, entgegnete ich
berrascht, der Kleine begleitete Sie, und Sie lieen ihn die ganze Zeit
draussen in der nakalten Herbstluft?
    Ganz so arg, lchelte sie sorglos, habe ich es nicht gemacht. Das Kind
ist mir mit sammt dem Wagen spterhin gefolgt. Ich bin den Fupfad durch den
Wald gegangen, meine Absicht war blos, nach dem Befinden unsers Kranken zu
fragen, und dann den Rckweg mit einer Spatzierfahrt zu verbinden. Ich habe mich
einmal wieder hier vergessen, fgte sie achselzuckend hinzu. Aber nun auch
keine Minute lnger!
    Sie grte flchtig. Ehe ich ihr Lebewohl sagen konnte, war sie mit Hugo die
Treppe hinunter, zum Schlosse hinaus? Ich trat ans Fenster. Es dunkelte schon.
Mir schien es gewagt, sie und das Kind noch so spt der Gefahr des Umwerfens
auszusetzen. Ich sprach das gegen den Oheim aus. Er erwiederte nichts. Als ich
vom Fenster zurck trat, und wieder neben ihm niedersa, fand ich ihn, den Kopf
in die Hand gelehnt, vor sich hinsehend. Sein pltzliches Schweigen fiel mir
auf, ja es ngstigte mich. Litt er krperlich, oder war etwas geschehen, das ihm
mifiel? Mein fragender Blick drckte wohl aus, was ich dachte. Er richtete den
Kopf in die Hhe, doch ohne sich weiter zu erklren, sagte er zerstreut und
durch Anderes beschftigt: Ja, ja, Sie haben ganz recht, es ist zu spt! -
Nachher besann er sich, wir redeten ber Mancherlei, doch unsrer Nachbarin
gedachte er weiter nicht, es kam mir sogar vor, als vermeide er alles, was auf
sie Bezug hatte. Weshalb das? glaubt er mich unfhig, den Werth der seltenen
Frau zu empfinden? und hat ihn die flchtige Aeuerung ber sie, aus meinem
Munde, verdrossen? - Ich dachte seitdem oft darber nach. Auch wrde ich
glauben, hierin nicht zu irren, machte er es gegen Hugo anders. Als dieser nach
mehreren Stunden zurck kam, fragte der Oheim weder nach dem, was ihn auerhalb
beschftigte, noch wie und wo er seine Dame verlassen habe?
    Seine Dame! Es ist doch eigentlich seltsam, wie die kleinen
Lebensverhltnisse eine Frau augenblicklich in Beziehung zu einem Manne setzen.
Dieser kann ihr nicht den Arm bieten, ohne sich fr ihren Beschtzer zu
erklren, was immer gegenseitige Verpflichtung bedingt. Wie mir dies gerade
hierbei auffllt? Ich schme mich, es einzugestehen. Allein ich glaube, es sind
noch dumpfe Nachklnge des ersten, unreinen Tones, den Elisens Erscheinen in mir
weckte. Ich werde darauf nicht wieder hren. Ich verspreche es Ihnen.
    Ueber Eins mchte ich doch Ihre Meinung wissen. In einem unserer kleinen
Abendzirkel war von einem Buche die Rede, das Hugo sehr lebhaft gegen die
Angriffe unserer Nachbarin in Schutz nahm. Diese nannte es hinreiend schn,
doch abirrend fr die Phantasie, welche das Gebiet melancholischer
Schattenbilder vor allem Andern zu meiden habe. Das unbefriedigte Innere,
sagte sie lebhaft, versinkt ohnehin allzu leicht in jene krankhafte
Unbestimmtheit, die den Besitz des Daseins erschttert, alle schne Gaben
desselben bleicht, und das Herz mit nichtzustillender Wehmuth fllt.
    Hugo lchelte, indem sich die tiefe Falte auf seiner Stirne finster
zusammenzog. Ist, wie Sie es sagen, entgegnete er, dies die unbezwingliche
Neigung der Menschenbrust, lockt uns so Vieles, und am meisten das eigene Gefhl
in den dunklen Strom unbegriffener Ahndungen hinber, was sperren wir uns gegen
den Andrang der Wogen, wenn sie uns einmal bis zum Herzen steigen? Was ben wir
Groes dabei ein, wenn nun auch wirklich Alles um uns und in uns in flchtige
Atome zerflsse? Hat das Farbenspiel des Tages die ernsten Schatten der Nacht zu
frchten, drfen wir es bedauern, wenn das Unbestndige erbleicht? wer beklagt
den Verlust eingebildeter Gter??
    Wie, unterbrach ihn Elise, zum trgerischen Gaukelspiel entadeln Sie mir
die frische, blhende, krftige Welt, in der ich athme, und mich wirklich
fhle? -
    Und dennoch, versetzte Hugo mit neckender Zuversicht, indem er das
besprochene Buch vom Tische nehmend, es gewichtig auf der flachen Hand ruhen
lie; Und dennoch geben Sie Ihre Wirklichkeit fr solche Trume hin. Ich wei
gewi, fuhr er lchelnd fort, Sie vergaen alles Andere, whrend Sie lasen.
    Elise errthete in sichtlicher Verwirrung.
    Von jeher, nahm Hugo das Wort, flchtete der Mensch mit seinen Gefhlen
in eine andere Heimath, als die ihm angewiesene. Da war er Herr und Schpfer
einer unermelichen Welt. In ihr hatte und besa er, was die vergngliche ihm
versagte. Aus hherer Naturmystik nannten die Alten die Nacht, Mutter der Dinge.
Erst wenn sie, die Knigin, im geheimnivollen Dunkel heraufzieht, am Saume
ihres Mantels duftige Trume spielen, und Schlaf und Tod aus den schwarzen
Falten hervor treten, erst dann gestaltet sich ein Dasein, das uns gehrt,
dessen Herrscher der trumende Gedanke ist. Er sagte das Letzte mit seltsam
erschtternder Melancholie in Ton und Miene. Im Sessel zurckgelehnt, die Arme
ber einander geschlagen, wandte er nur das Auge zu seiner Nachbarin, die ihn
berrascht, wie es schien, ungewi betrachtete.
    Man wirft so oft den Christen vor, unterbrach ich die augenblickliche
Stille, da sie sich den Genu des Lebens verkmmern, die Schpfung, durch
trbe Betrachtungen ber den Wechsel der Dinge, ihres Reizes entkleiden, ja das
Gemth durch Abtdtung in unerfreuliches Entsagen zwingen; doch so unbarmherzig
in das schwankende Grau der Nacht verweisen sie die gengstete Seele nicht, wie
jene Heiden, deren Du erwhnst, Hugo. Sage doch, welche andere, als traurige,
unbestimmte Bilder knnen der Phantasie in solchen Nebeldnsten entsteigen?
    Mein liebes Kind, entgegnete er etwas trocken, es ist hier nicht von
Glaubensstzen verschiedener Religionsansichten die Rede, sondern von allgemein
menschlichen Naturzustnden, die sich in ihren Bedingungen, wie in ihren
Anforderungen, von jeher auf ein Haar glichen. Immer wollte das Herz, was es
nicht hat, immer suchte es sich im Unermelichen zu gengen. Die Formen, in
welche das mannichfach abgeschattete Streben sich wechselnd kleidete, thun zur
Sache wenig.
    Ich meine doch, entgegnete ich, der Christ denkt nicht allein, er fhlt
auch anders, wie der Heide. Hugo schwieg. Des Oheims Blicke ruhten auf Elisen.
Sie schien in sich das Gehrte zu erwgen.
    Wir sollten, hub jener nach einer Pause an, den wsten Sturm einer
Gigantenbrust nicht zum Maastabe unsrer Empfindungen machen wollen. Dort ist
der Drang des Schrankenlosen in die ringende Verwirrung des Lebens gegeben. Der
Flu sucht erst sein Bett. Das Gefhl hat keine Worte. Groe Natursymbole werden
ihr unwillkhrlicher Ausdruck. Fr uns sind das verbrauchte Spielereien. Wir
gefallen uns darin, weil es so tnend klingt, und ber die Ungengsamkeit
verwhnter Herzen tuscht. Wir schwrmen aus Schwche, und trumen aus Trgheit.
Schwermuth ist der trbe Schatten entflohener Lebenskraft.
    An Hugo's Lippen zuckte ein zweideutiges Lcheln. Er ffnete sie, als wolle
er etwas sagen, doch unterlie er es.
    Deshalb, fuhr der Oheim fort, stimme ich dem Urtheil unserer Freundin
bei, welches Schriften, die dem kranken Zuge der Seele Vorschub leihen, abirrend
nennt.
    Und somit, entgegnete Hugo, bedacht und leise, somit wren alle Fden
zerschnitten, durch die unser Sein mit hherer Ahndung zusammen hngt, und diese
selbst zum schwerflligen Phantom dickbltiger Fieberphantasie herabgesunken!
Lieber Onkel, fuhr er, nher sich zu ihm wendend, die Hand freundlich auf
seinen Arm gelegt, fort, Sie fhlen es anders. Sie haben die Einsamkeit lieb.
Sie kennen die Stunden wohl, wo der Blick nichts sieht, nichts sucht, wie in
einem Abgrund versinkt, die Brust immer voller wird, der Wunsch stockt, die
Sehnsucht das All umfat, unbezwingliche Traurigkeit uns fest umklammert, wir
uns fhlen und nicht fhlen! dann pltzlich reit der Geist sich aus den Banden
los, wir glhen, eine, nur eine That zu thun, die das heie Streben stille.
Nein! O nein! Melancholie ist nicht die Ausgeburt schlaffer Trgheit, sie ist
die trauernde Gefhrtin des Menschen, der, ein stets erneuerter Prometheus, sich
und seine Schpferkraft in Ketten geschlagen fhlt.
    Des Comthurs Schmerzen kehrten hier heftiger wieder. Er hielt zuckend die
Hand gegen den leidenden Fu, indem er mit Anstrengung sagte: Ich verstehe
wohl, wie Du es meinst, allein auch Prometheus war aus seiner Bahn gewichen, und
wenn auch gttlicher Wahnsinn, so ist Wahnsinn immer Krankheit. Uebrigens
tuschen wir uns gern mit prometheischer Schpferkraft, wenn uns das Nchste zu
schlecht dnkt, oder zu mhsam, es anzufassen.
    Ja wohl, rief Elise, indem sie mit komischem Eifer von ihrem Stuhle
aufsprang und an des Comthurs Lager eilte. Whrend wir hier um des Kaisers Bart
streiten, versumen wir, Ihnen die Kissen zurecht zu legen. Es ist da etwas, das
Sie drckt. Wir htten es gewi lngst bemerkt, wren wir nicht so unverzeihlich
mit uns selbst beschftigt gewesen.
    Da haben Sie die Moral von der Fabel, sagte sie, gegen Hugo gewendet. Das
gesunde Auge wird blind, wenn man durch Knstliche sieht.
    Der Oheim kte ihr die Hand, die sich auf leichte und gefllige Weise um
ihn zu thun machte. Schaffte sie ihm wirklich Erleichterung, oder war der
unbequeme Anfall rasch vorber gegangen? Genug, er fand seine frohe Stimmung
sogleich wieder, er scherzte, lachte Hugo aus, whrend er dessen Gegnerin, in
der klugen Nutzanwendung des Streites, lobte. Diesen hatte man fallen lassen. Es
blieb, soviel mir klar ward, Alles unentschieden. Auch bei mir. Deshalb wnschte
ich Ihre Ansicht darber zu hren. Elise war, sie mochte sich dagegen immer
struben, nicht sowohl durch die Sigkeit ahndungsvoller Wehmuth in sich
zurckgezogen, als sie vielmehr Hugo's dstere Begeisterung berraschte! Sie
fand sich in einer unheimlichen und doch fesselnden Region. Der Oheim hat immer
viel Kraft und Selbstberwindung von sich und Andern gefordert. Hierin setzt er
den ganzen Werth des Mannes. In Opfern aller Art zeichnete er sich aus. Ja, man
erzhlt, er warf alle Lebensansprche hin, zerri eine Verbindung, die, im
Begriff vollzogen zu werden, seinem Herzen das schnste Glck verhie, weihete
sich stillem Entsagen, suchte und fand Trost in der Thtigkeit fr Andre. Dem
Fehlgriffe seines Bruders hatte er die ganze Strenge gesetzlicher Vollkraft
entgegen gestellt, sich selbst dafr zu strafen, das Miverhltni
auszugleichen, ward er Geistlicher. In diesem Bewutsein betrachtet er das
Leben, wie ein Feld streitender Krfte, auf dem Niemand mde werden darf. Am
wenigsten kann er das Vonsichdrngen des Kampfes, das Flchten in die Labyrinthe
miger Betrachtungen, dulden. Er will immer Gewappnete um sich sehen,
berzeugt, da jeder Augenblick eine That mit sich herauftrgt. Genu kennt er
nicht, in sofern dieser Rast und Ruhe bedingt. Sehen Sie, ehrwrdiger Herr, so
gesinnt, dnken ihm Hugo's Aeuerungen lauter Mitne. Ich finde gleichwohl
Harmonie darin. Geht doch alles in einen Grundton seiner Seele ber! diese fllt
heier, ungestillter Durst nach dem, was die Welt nicht hat. Oft denke ich mir,
Gott habe den geliebten Mann durch seine ganze Natur zum Priesterstande
bestimmt. Er wrde sich in den heiligen Abgrund des Geheimnisses versenkt, aus
dem verborgenen Quell geschpft haben. Und doch, finden wir nicht auch unter den
Glubigen dunkle Seher? Ist der tiefe Blick nicht oft der trbe? Bleibt die
Sonne darum weniger sie selbst, weil sie hinter dunkeln Wolken weilt? Und eben
so, ist Finsterni darum wirklich Finsterni, weil wir das Licht nicht sehen?
Ich kann mir in einem Menschen alles anders denken, als er nach Auen erscheint.
Hugo ist mir in manchen Augenblicken so verstndlich, ich traure nur mit ihm.
Ein Glck, da die heitre Elise so viel duftige Farben ber das Leben zu
verbreiten wei! ihre Nhe ist uns Allen gewi recht wohlthtig.
    Irre ich in meiner Ansicht, geehrter Freund, so lassen Sie mich recht bald
in Ihrer gtigen Antwort den Irrthum einsehen.

                                Elise an Sophie


Mit Befremden werden Sie an dem Ortszeichen dieses Briefes meinen verlngerten
Aufenthalt auf dem Lande sehen. Die vorgerckte Jahrszeit fand mich niemals
hier. Es wre auch jetzt nicht der Fall, hielt eine unvorhergesehene
Geschftsreise Eduard nicht von uns entfernt, wodurch ich Freiheit gewinne, ber
mein Gehen und Bleiben zu bestimmen. Sie wissen, liebste Sophie, ich reie mich
immer schwer von dem Orte los, wo ich eben bin. Im Frhling mchte ich die
Stadt, im Herbst den lieben, wohnlichen Gartensaal mit seinem Kamine, die Blumen
und Fruchtkrbe nicht verlassen. Ich kann Ihnen sagen, mir ist recht innerlich
wohl, so hier zu sitzen, als brauche ich gar nicht aufzustehen, weder von
Einpacken, noch Fortschicken der Wagen, noch von Reisen sprechen zu hren, und
Stunden und Tage gehen zu lassen, ohne der Zukunft zu gedenken! Dazu nehmen Sie
noch, da ich im mindesten nichts an frhlicher Gesellschaft einbe. Meine
Nachbarn folgen meinem Beispiel. Die Eine aus Nothwendigkeit, die Andere aus
Grille. Auf der Burg hlt das Podagra den Comthur, die Pflicht ihn zu pflegen,
die jungen Leute, zurck; in Ulmenstein erinnerte sich die Grfin, da man in
England immer erst spt nach der Stadt zurckkehrt; zudem ist es pikant, sich
erwarten zu lassen. Diesen Triumph vorzubereiten, bietet sie jedes Mittel auf,
dem Rufe ihres Hauses noch an Glanz und erhheter Frhlichkeit das
Wnschenswertheste hinzuzusetzen. Man jagt in ihrem Park, spielt Comdie, stellt
lebende Bilder dar, sitzt in groen Kreisen und am gastlichen Kamin, und erzhlt
schauerliche Geistergeschichten bis in die Nacht hinein. Von fern und nahe
strmen mige, neugierige, oft lebensfrohe Genossen herzu. Es ist, ich
versichere Sie, ein sonderbares, konfuses Treiben dort, das eben, in seiner
Anarchie, etwas Berauschendes hat, und dem ich mich zu Zeiten gern berlasse.
Einen seltsamern Contrast giebt es nicht, als wenn nun Einzelne, des ewigen
Wirrwarrs mde, nach der ernsten Burg, oder mit dessen Bewohnern, hierher zu mir
flchten, wir zu zweien oder vieren in einem kleinen, geschlossenen Kabinet
sitzen, die Welt drben ganz vergessen, nichts wollen, als stilles Gengen im
Beisammensein, ruhigen Gesprchs, warme, beseelende Mittheilung. Und wie sich
die Brust dann pltzlich erweitert, ein rascher Blitz das Gemth trifft, und
schnell ein Funke den andern fat, bis alles hell und durchsichtig um uns ist! -
O Liebe! - Oft noch spt, nach einem durchschwrmten Tage kommen wir Abends so
zusammen. Dann ist es, als haben die wechselnden Berhrungen von Aussen die
Saiten in uns nur angeschlagen, damit ein lang verhaltenes, geheimnivolles Echo
die Tne schwer, aber tief zurckgebe, und so das Migestimmte in Akkorden
zusammenfliee.
    Vor Kurzem wohnten wir zu Ulmenstein einer Vorstellung des schwarzen Mannes
von *** bei. Eines von jenen Theaterstcken, die am hufigsten auf Privat-Bhnen
gegeben werden, und viel zu schwer fr die augenblickliche Belustigung sind. Der
junge Leontin, Sohn des Baron Wildenau, machte die Rolle des spleenkranken
Englnders. Agathe hatte man zu seiner Gattin erwhlt. Sie spielte maniirt, war
mehr mit ihrer kleinen Person, als mit dem Charakter derjenigen beschftigt, die
sie vorstellen sollte, kurz sie war, was die meisten Pppchen, die man so
figuriren lt, zu sein pflegen. Dies stach auffallend, und nicht zum Nachtheile
Leontins, gegen dessen dsteres Spiel ab. Es lag erschtternde Wahrheit darin,
und wenn er auch, wie nicht zu lugnen, den Ort, den Zweck, ja vielleicht den
Gedanken des kleinen Drama ein wenig aus der Acht lie, so weckte er auch dafr
Empfindungen, die weit ber den flchtigen Zeitvertreib hinausgingen. Ich sah
mir den Mann zum erstenmale genauer an. Er hatte sich uns frher mit nachliger
Hingebung angeschlossen, doch meist nur den stummen Zuhrer bei unserer
Unterhaltung abgegeben. Sein Wesen deutet auf Leerheit oder Zurckgezogenheit.
Ich schwankte in meinem Urtheile, doch war ich geneigt, von Beiden etwas
anzunehmen. Jetzt, auf den Brettern, schien er pltzlich den Ausdruck seines
verhllten Selbsts gefunden zu haben. Ich ward aufmerksam auf ihn. Den folgenden
Abend trafen wir auf der Burg zusammen. Er hatte seinen schwarzen Rock nicht
mehr an. Der hellfarbige Frack, nach englischer Sitte, mit weit ber die
Handknchel hervorgezogenem Hemde, die knstlich gelegte, steife Cravatte, das
bauschige Jabot, erinnerten an viele unserer maniirten Anglomen, und rief mir es
zurck, da man ihn allgemein in diese Cathegorie setze. Ich hasse ein fr
allemal jede Copie. Er mute inde die fremde Manier gut aufgefat haben, wenn
in seinem Spiel nicht eigenthmlicher Charakter lag. Ich brachte das Gesprch
darauf. Hugo persiflirte das Stck. Wir sind selten einer Meinung. Ich wollte
doch tiefere Anklnge darin finden. Leontin sagte wie gewhnlich nichts. Als nun
aber mein ewiger Widersacher mit vieler Laune einwarf, dieser Englnder sei, wie
die meisten Figuren der Art auf unserer Bhne, eine Puppe, nach todten Formen
gebildet, mit abgerissenen Lappen, schlecht abstrahirten Raisonnements
ausgestopft, ein Ding, das sein Pensum hersage, und zuletzt durch eine
unmodivirte Catastrophe zu einem stillen, guten Manne aus der brgerlichen Welt
gemacht werde: da wandte ich mich rgerlich gegen Leontin, und rief ihn auf, ein
Geschpf der Phantasie zu vertheidigen, in das er sich so vollkommen hinein
gedacht, das er verwirklicht habe.
    Er blickte ein wenig finster auf, indem er ruhig erwiederte: Nun, mein
Gott, der schwarze Mann ist ein Sceptiker, der eine Seele hat, ohne sie zu
fhlen, und pltzlich eine andere findet, durch die er zu sich selber kommt.
    Es war augenscheinlich, Hugo berraschte die Antwort. Er sah mich lchelnd
an. War es nun, um Recht zu behalten, oder wollte er Leontin leise verspotten,
er fragte, ob er dem Schreckschu zu guterletzt die Gewalt zutraue, eine, auf
Grundstzen basirte Sinnesart so mit einemmale, wie Spreu, zu zerstuben? Er,
seiner Seits, wittre hinter dem Knall und Dampf ein Leichenfeld aller Gefhle,
und den wahren Tod, den man zum Scheintod habe machen wollen.
    Leontin entgegnete mit mehr jugendlicher Wrme, als ich ihm zugetraut htte:
Das Leben eines Menschen ist am Ende kein Pappenstiel! um es bei einem
geliebten Wesen aufs Spiel gesetzt zu sehen, kann wohl erschttern, und auf
Gedanken bringen, die man frher nicht hatte.
    Er erzhlte hierauf, nach einer kleinen Pause, wie er im nrdlichen England
einem Manne begegnet sei, welcher durch vllige Entuerung alles
selbstbestimmten Handelns, den Anstrich des Wahnsinnes bekommen habe, ob er
gleich, in jeder andern Beziehung, einen klaren, folgerechten Geist bewhrte.
Dieser Sonderling, fuhr der Baron fort, kam und ging wie Jemand, der ohne
Zweck des Daseins lebt. Er verlangte weder Speise, Trank noch Ruhesttte, geno
inde, was man ihm bot, ohne Widerstand, wie ohne Verlangen. Im Mittelstande
geboren, hatte er sich frher als Rechtsgelehrter sehr ausgezeichnet, doch irrte
er schon lange geschftslos umher. Die welke Hingebung seines Wesens, der
nachlige Anzug, das Willenlose bis in die geringste Lebensanforderungen,
bildete einen rthselhaften Contrast mit dem groen, feurigen Auge, einer
blhenden Gesichtsfarbe, und raschen, oft launigen Ergssen des Witzes. Man war
verlegen, ob man den Mann fr krank, oder absichtlich maniirt halten sollte?
Allein, weder von dem Einen noch dem Andern lie sich eine Spur entdecken.
    Ich ward, setzte der Baron seine Erzhlung fort, durch diese originelle
Erscheinung an der Wirthstafel eines kleinen Stdtchens lebhaft angezogen.
Tglich sah man hier den Gegenstand so mancher unstatthaften Vermuthungen, in
Gesellschaft eines, ihm auf Leib und Leben ergebenen Freundes, wiederkehren.
Denn Letzterm schien daran gelegen, seinen Schtzling allmhlig in mannigfachen
Beziehungen einzuspinnen, woraus er ein Gewebe unbestimmter Anregungen, in
Gedanken entstehen und den trben Wahn des Gemthskranken schwinden sah. Er lie
dies mehr durch sein Benehmen, als durch unmittelbare Aeusserungen abnehmen. Er
vermied im Gegentheil alles fremde Zudringen. Man hrte ihn immer nur
ausweichend ber den Freund reden. Was er inde auch hoffte, und wie er die
Erfllung vorbereitete, es sollte anders kommen.
    Eines Tages, als die Tischgenossen lnger wie gewhnlich beisammen blieben,
viel erzhlt und viel getrunken ward, ohne gerade sonderlich auf ein starkes
Gewitter zu achten, das ber den Ort hinzog, fuhr pltzlich der Blitz nieder,
und zndete in seinem unzuberechnenden Laufe an zwei Stellen des leicht, aus
Fachwerk erbauten Hauses. Dampf und Geschrei, das Brausen der Flamme, so wie die
Furcht vor ihrer Annherung, jagten die Sorglosen von ihren Pltzen auf. Es
strzten alle durch einander hin. Man ergriff, fate, was zu retten stand,
mindestens sich selbst, da bald jeder Einzelne hier bedroht war. Den Advokaten
hatte man im ersten Wirrwarr gleich vermit. Sein Freund glaubte jedoch ihn an
seiner Seite zum Hause hinausgehend, gesehen zu haben. Er rief ihn deshalb mit
lauter Stimme; da jener aber keine Antwort gab, wandte sich der Erschrockene
wiederum nach der Brandsttte. Hier prallte er vor der Gluth des
zusammenstrzenden Gebudes zurck. Das ganze Haus lag in schwarze Rauchwirbel
verhllt, zwischen denen Funken und Flammen in wilder Wuth prasselten. Ein
krzlich vollendeter Anbau von massivem Mauerwerk, in welchem sich das Ezimmer
befand, war freilich durch davorstehende Bume geschtzt, und bis jetzt ziemlich
auer Gefahr geblieben. Allein, den Weg von Innen dahin zu betreten, lag auer
dem Bereich denkbarer Mglichkeit; denn ward auch allenfalls durch den Garten
der schmale Hof erreicht, in welchen die Fenster des neuen Flgels hinausgingen,
so durchdrang die innere, wachsende Hitze doch den engen Raum schon in solchem
Maae, da der Vorrath aufgestapelten Brennholzes, welcher sich hier befand,
durch ein inneres Knistern und Dampfen, das nahe Losbrechen der Flamme nur allzu
furchtbar verkndete, weshalb sich denn auch Niemand mehr mit Lschgerth
hierher wagte, aus Furcht, in dem Dunste zu ersticken. Alles dieses hielt inde
den treuen Freund nicht zurck. Mit einer niedern Gartenleiter versehen, drang
er glcklich bis zu der Fensterbrstung des Gemaches, in welchem er den
Vermiten zu finden hoffte. Die Mauer glhete wie eine Feueresse, alle Scheiben
waren bereits gesprungen. Der heldenmthige Mann glaubte mitten in Flammen zu
stehen. Dem ungeachtet gelang es ihm, jedem Hindernisse zu trotzen. Er war jetzt
mitten im Saale. Seiner kaum noch bewut, fiel gleichwohl sein erster Blick auf
den ruhig dasitzenden Advokaten, der ihn verwundert anstarrte.
    Um Gottes Willen, rief der Eintretende, was machst Du hier? Geschwind,
besinne Dich nicht lange! Folge mir, sonst sind wir beide verloren!
    Der Andere winkte abwehrend mit der Hand. Geh! bat er, ohne sich von der
Stelle zu rhren, geh! ehe es zu spt wird! Mich la hier, setzte er hinzu. Ich
entfliehe dem Verderben nicht, glaube mir, am wenigsten, wenn ich dabei thtig
sein wollte.
    Thorheiten! versetzte jener, ist es jetzt Zeit, albernen Grillen Raum zu
geben?
    Mit diesen Worten umschlang er den willenlosen Trumer, ri ihn vom Stuhle
auf, schleppte ihn zum Fenster, und ohne die kreisenden Funkenwirbel zu achten,
die jetzt den Hof erfllten, ohne die prasselnden Holzhaufen zu frchten,
bestieg er die Leiter, den Advokaten auf dem Rcken tragend. Doch, kaum hatte er
die ersten Sprossen betreten, so fhlte er sich unter seiner Last erliegen, er
schwankte, die Gluth um ihn her raubte ihm die Besinnung, er widerstand einem
jhen Schwindel nicht, der ihn und den unglcklichen Freund mit einem
frchterlichen Fall zu Boden strzte. Der Advokat fiel auf seinen Retter. Einen
Augenblick harrte jener, was nun geschehen wrde? Da aber der Andere kein
Zeichen des Lebens gab, so durchzuckte die entsetzliche Ahndung der Wahrheit den
Kranken. Er sprang empor, umfate und trug seinen Wohlthter durch den Garten,
ber die Strae, zu seinem Hause hinein, rief Aerzte herbei, ordnete mit kluger
Besonnenheit jedes erdenkliche Rettungsmittel an; nichts lhmte seinen Eifer,
selbst der niederschlagende Ausspruch des Arztes nicht, der alle angewandte Mhe
fr vergeblich erklrte. Noch einmal schlug der treueste der Freunde die Augen
auf, ein kurzer Kampf vollendete das Opfer seines Lebens.
    Jedweder zitterte nun fr das Geschick des Zurckbleibenden. Laut weinend
stand dieser am Grabe des Einzigen, der ihn so geliebt. Als die herabrollende
Erde jetzt die Gruft fllte, ein kleiner Hgel die Stelle bezeichnete, seufzte
der Advokat tief, sein dunkles Auge lag fest am Boden. Trumerisch sagte er nach
einer Weile: So oder so! Es ist alles Eins! Man mu, was man soll! O! rief er
pltzlich mit dem Ausdruck des bittersten Schmerzes: Sei ruhig, lieber Freund,
da unten in Deinem Bette, ich will, ja ich will arbeiten hier auf Erden,
vielleicht erliege ich wie Du, Unvergelicher!
    Er hielt in so weit, was er versprochen, da man ihn von jetzt seinen
frheren Beruf mit Eifer erfllen sah. Noch in den ersten Tagen heftiger
Erschtterung theilte er mehreren neugewonnenen Bekannten den Grund seiner
frhern Seltsamkeit mit. Schon als Kind hrte er seine Wrterin sagen: Was der
anrhrt, zerbricht. Sie hatte recht, deshalb schmerzte es ihn. Er ward
ngstlich. Spielte er mit den Geschwistern, so traf er wohl Diesen unglcklich
mit dem Balle ins Auge, oder stie im Laufen einen Andern, da er fiel, und sich
verletzte. Bald verlor er die Lust am Spiel. Zurckgezogen und einsam, lernte er
aus Langweile mehr, als die Gefhrten. Weniger zerstreut als sie, verga er
selten das Erlernte.
    Das blieb nicht unbemerkt, allein es diente nur, seine Mitschler zu
beschmen. Eifrige und lebhafte Lehrer thaten das oft schonungslos. Der Trumer,
den Niemand leiden mochte, ward vollends verhat. So fhlte er nur Qualen in
dem, was Andere erfreut htte.
    Als er die Universitt von Cambridge bezog, war er mit den glnzendsten
Zeugnissen ausgerstet. Er wagte nur schchtern davon Gebrauch zu machen. Die
Art seines Benehmens dabei theilte sogleich die Meinung ber ihn. Er stellte
sich, und stand unbestimmt. Spott ber den linkischen Neuling konnte nicht
ausbleiben. Er ertrug das, so lange es zu ertragen war. Dann folgten ernste
Hndel. Er focht sie glnzend aus, allein auf Kosten eines bildschnen
Jnglings, den er durch einen Hieb bers Gesicht fr die Zeit seines Lebens
entstellte. Jetzt war es vollends um seinen Ruf gethan. Man beschuldigte ihn,
den Streich absichtlich so gefhrt zu haben. Dies verwundete seine Seele mehr,
als Alles Vorhergehende. Er verlie Cambridge.
    Gleichwohl konnte es bei seinen Kenntnissen nicht fehlen, da er schnell in
seiner Bahn vorrckte, und in Amt und Wirksamkeit trat. Von der brigen Welt
zurckgezogen, weihete er sich nun ganz seinem Berufe. In Kurzem hrte man
seinen Namen bei Lsung verwickelter Rechtshndel mit Achtung nennen. Vorzglich
gewann ihm die Entscheidung eines vieljhrigen Prozesses allgemeine
Aufmerksamkeit. Allein, eben der Ausgang desselben fllte seine Brust mit
Kummer, denn indem er dem lang bestrittenen Rechte alle Gltigkeit verschaffte,
und es siegreich aus dem Labyrinth unzhliger Irrungen hervor hob, fhrte er nur
den Sturz einer angesehenen Familie, ja den Selbstmord ihres gesunkenen
Oberhauptes herbei. Der Advokat schauderte vor dem Antheil, den sein unseliges
Mitwirken in der Sache hatte, und als ein Jahr spter eine jugendliche
Verbrecherin, durch ihn zum Bekenntni ihrer Schuld gebracht, der gerichtlichen
Strafe berliefert ward, traten die prophetischen Worte der alten Wrterin: Was
der anfat, zerbricht! wieder in seine Erinnerung.
    Er beschlo, dem feindlichen Geschick ein Ziel zu setzen. So ward er ein
miger Grbler, zuletzt ein Automat aus Grundsatz. Er glaubte abwenden zu
knnen, was berwunden sein will.
    Leontin schwieg. Hugo war inde leise mit gesenktem Haupte im Zimmer auf und
abgegangen, ohne uns in seinen Mienen den Antheil lesen zu lassen, den ihm diese
sonderbare Erzhlung einflte. Jetzt stand er still, sah auf, indem er Leontin
fragte: Und hat er es berwunden?
    Ich denke ja! war die Antwort. Hugo schttelte den Kopf. Ich frchte Nein
, entgegnete er. Rufen Sie sich nur zurck, was ihm unbewut am Grabe des
Freundes ber die Lippen flog, das war die innere Anschauung seiner Bestimmung.
Wem die einmal klar ward, der ist nicht mehr zu tuschen. Der Mann wute auf ein
Haar, was er zu erwarten hatte, verlassen Sie sich darauf. So oder so! Es ist
alles Eins! -
    Emma heftete einen sonderbar fragenden Blick auf ihn.
    Liebste Sophie, vergeben Sie mir meine Offenheit; allein diese Frau sieht
zuweilen so verwundert und fremd in Dinge hinein, als wre gar kein Schlssel in
ihr, zu den Rthseln eines groartigen Charakters. Ich wei nicht, ob Hugo
dieselbe Empfindung hatte, allein er mied jetzt ihr Auge, das ihn nicht verlie.
Anders war es mit Leontin. Dieser sa mit untergeschlagenen Armen der schnen
Frau gegenber, ohne Theilnahme fr das, was fernerhin gesprochen wurde, ganz
versunken in Gedanken, welche eine innere Verwandtschaft mit dem haben mute,
was Emma's Seele beschftigte, denn, ob er gleich nur flchtig, und wie unter
melancholischen Wolken, aufsah, so verrieth doch sein Gesicht, was in ihm
vorging. Es ist nicht zum erstenmale, da ich diese fliegende Schatten von ihm
zu ihr hinbergleiten sehe. Ich wei nicht, weshalb mich das so erschttert?
Auch jetzt. Allerlei Gedanken schwirrten mir zugleich durch den Sinn. In einer
Art Verlegenheit, in die ich wohl gerathe, wenn das Gesprch pltzlich stockt,
trat ich zum Clavier. Erst schlug ich auf gut Glck einzelne Tne an, dann
spielte ich die Melodie von Gthe's Fischerliede. Hugo setzte sich zu mir. Er
hat eine volle, schne Stimme, ich hre ihn gern, und lie mir seine Begleitung
gefallen. In den Worten:

Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm,
Da war's um ihn gescheh'n;
Halb zog sie ihn, halb sank er hin,
Und ward nicht mehr geseh'n

lag seine ganze Seele. Ich sah eben bei der letzten Strophe zu ihm auf. Er war
ungewhnlich bewegt. Mir ward auf einmal klar, wie er drste, sich mit einer
unbekannten Gewalt zu messen, wie geisterhaft ihn diese locken, und was er thun
und leiden knne, um sich nur selbst in dem erhheten Gefhl zu entgehen.
    Sophie! mich dauert jeder, dem man Fesseln anlegt. Dieser, vor vielen
Andern, war es werth, frei zu bleiben.
    
    Ich schttelte unwillkhrlich den Kopf, als das Lied geendet war. Er bog
sich nher zu mir, indem er leise fragte: Ob ich ihn auch miverstehe, wie die
Meisten, auf deren Gesichter er nichts als tadelnde Verwunderung lese?
    Was kmmert Sie die Meinung Anderer? entgegnete ich rasch. Sie achten
Niemand genug, um viel auf ein Urtheil zu hren.
    Sie thun mir wehe, entgegnete er verletzt. Ich bin nicht starr und
dnkelhaft, glauben Sie mir. Wie ich mich zu den Menschen stelle, so stehen
gemeinhin alle, ohne es zu wissen. Ihr eigentliches Selbst bleibt ein
unenthllbares Geheimni. Der Schleier zerreit nur durch den zndenden Blitz
zusammenfallender Gefhle. Der Blitz - - - er hielt inne. Ich mochte nicht
weiter in ihn dringen. Sein Herz lag ihm schon auf der Zunge. Solch ein
Vertrauen, das geahndete Miverhltnisse zwischen zwei gleich lieben Menschen
ausspricht, ist um so peinlicher, wenn, wie hier, der Druck gerade von der Seite
am strksten empfunden wird, wo mit der grten Kraft auch die Fhigkeit liegt,
ihn abzuschtteln. In solchen Fllen ist das Wort schon halbe That, und wenn
diese auch nicht ausbleiben wird, so mag ich auf keine Weise Theil daran haben.
    Ich war aufgestanden, ich wollte fort, mir war es entgangen, da Sturm und
Regenwetter die Nacht undurchdringlich machten. Ich mute endlich darein
willigen, den morgenden Tag auf der Burg abzuwarten. Leontin lie sich inde
nicht zurckhalten. Er bestieg, trotz des wilden Aufruhrs der Elemente, sein
Pferd. Wir Alle traten ans Fenster, und baten ihn, umzukehren. Er entgegnete
wenig, grte, und ritt seines Weges. Wie er sich so unter dem heftigen Regen,
der zwischen den Bumen herabfiel, allmhlig in den schwarzen Hintergrund der
Bergwnde verlor, lie er mir ein undeutliches, unbequemes Gefhl zurck. Mir
ward beklommen, wie bei einem angekndigten Geheimni, dessen Bedeutung man noch
nicht kennt. Ich wei nicht, wie dieser eintnige Mensch so schwere und tiefe
Klnge in der Seele anschlagen kann! Alles dies irrt und qult mich in seiner
Nhe, und doch mchte ich ihn in unserm Kreise nicht missen.
    Den andern Morgen schien die Sonne hell in mein Zimmer. Alle trumerischen
Grillen waren wie verflogen. Ich lachte mich aus, eilte in das Frhstckzimmer,
und wollte nun alles Ernstes machen, da ich nach Hause kme. Es war inde hier
leer. Ich suchte Emma. Man wies mich nach dem Thiergarten. Ich sah sie schon von
ferne, zwischen den entlaubten Bumen, in einen grauen Mantel gehllt, einsam
stehen. Gemchlich kamen jetzt zahme Hirsche und Rehe aus dem Dickicht auf sie
zu. Sie naheten ihr, und standen nun scheu und erwartend da, bis sie die Hand
nach einem Gef ausstreckte, was eben ein Jgerknabe brachte. Jetzt drngte das
Wild sich in dichten Rudeln um sie her. Sie streute ihnen Futter in kleine, zu
dem Ende angebrachte Krippen. Der Knabe ging, da sein Geschft abgethan war.
Emma blieb, an den dunklen Stamm einer Eiche gelehnt, allein zurck. Sie hatte
noch ihre Lust an den Thieren. Doch lag etwas in ihrer Stellung, in dem
winterlich verdeten Hain, ja, in dem Gedanken, da sie hierher ihre Liebe
tragen msse, was mich unbeschreiblich rhrte. Mir fiel allerlei Trauriges, alte
Mhrchen, das Gedicht der Genovefa ein, ich flog auf sie zu, ich schlo sie in
die Arme, mir traten Thrnen in die Augen, sie verstand meine Rhrung nicht, ihr
Wesen ist ruhig, doch gefhlvoll, so drckte sie mir die Hand, und ohne mich um
das zu befragen, was ihr auffallen mute, begleitete sie mich nach dem Schlosse.
Mit uns zugleich nahete sich Hugo diesem. Er kam von der Jagd. Mehrere Jger
folgten ihm. Sie gingen den jenseitigen Rand des Burggrabens entlang. Als uns
der Graf gewahr ward, gab er Flinte und Jagdtasche weg, und sprang mit groer
Leichtigkeit ber den Graben. Emma erschrack, die Jger murmelten beifllig,
Hugo lachte, als ich ihm vorwarf, uns um eine coquette Bizarrerie willen
beunruhigt zu haben. Er mochte sich getroffen fhlen, denn er lie es hierbei
bewenden, ihm lag etwas Anderes im Sinn. Durch Jagdlust und Morgenfrische
angenehm erregt, hatten sich ihm allerlei belustigende Bilder erzeugt. Wir
sollten, sagte er, das Leben in Ulmenstein einmal durch phantastische
Zwischenspiele auffrischen. Mir ist eingefallen, die Neigung der Grfin frs
Theater auf andere Weise zu benutzen. Wie wre es, wenn sich eine muntere
Gesellschaft vereinte, unerkannt, unter der Firma einer reisenden
Schauspielertruppe auf dem Schlosse Zutritt zu suchen, und irgend eine wirkliche
Posse auf das dortige Theater brchte? Mich ergtzte der Einfall, ich stimmte
ihm frhlich bei. Was sagen Sie zu einzelnen Scenen aus dem Sommernachtstraum
von Shakespeare? fragte er, ganz mit seinem Plane beschftigt. Es ist gerade
so viel Spa dabei, um zu belustigen, und mehr Tiefsinn, als die Seele tragen
kann, wenn sie nicht Spott damit treibt.
    Wir waren bald einig. Der Morgen verflo unter Entwrfen, Vorkehrungen und
all dem Unterhaltenden, was der Verwirklichung eines Projectes vorangeht. Wir
hatten beschlossen, zuerst die plumpen Gesellen in der Probe des Pyranus und
Tisbe auftreten zu lassen, und dann die Elfenscenen zwischen Oberon und Titania,
sammt der Bezauberung Zettels folgen zu lassen. Die Aufgabe war nicht klein.
Doch, einmal mit dem Gedanken vertraut, bernahm ich es, die zierlichen Geister
zu suchen, und fr unsern Zweck zu gewinnen. Emma lchelte ber meinen Eifer.
Darauf fragte sie, ob mir nicht etwas unheimlich bei einem Spiele sei, das fast
zu schauerlich die Tuschbarkeit des Herzens verhhne? Weshalb? fiel Hugo
rasch ein, es giebt keinen kstlichern Spiegel, als die Ironie. Wo alles auf
dem Kopfe steht, nimmt man es mit sich selber nicht allzu genau.
    Emma entfrbte sich. Es ist nur ein Glck, hob sie nach einer Weile an,
da zuletzt ein zrtlicheres Empfinden ausgleicht, was muthwillige Neckerei
verwirrte. Wer wei, lachte Hugo, hat der schlaue Oberon nicht dennoch einen
trgerischen Frieden geschlossen; in dem Falle wre der letzte Betrug der
rgste! Wie meinst Du das? fragte Emma. Nun, entgegnete er, da im
Gelingen oft das Milingen liegt. Sie sah eine Weile nachdenkend vor sich
nieder. So gbe es keinen Faden aus dem Labyrinth der Trume, seufzte sie.
Der eine straft nur den andern Lgen, und Wahrheit - Ist der Stein der
Weisen, ergnzte Hugo, ihre Hand ergreifend, wir suchen alle darnach, mein
Kind! - Sie schttelte den Kopf. Nach einigen Augenblicken verlie sie das
Zimmer. Mich dnkte, ihre Augen waren feucht. Es that mir wehe. Sonderbar,
rief der Graf, Hausfrauen haben jedem luftigen Spinngewebe, auch dem der
Phantasie, den Tod geschworen. Sie stoen gleich mit einer handwerksmigen
Waffe dagegen. Ihr Ntzlichkeitsgefhl leidet gar zu sehr, da sich aus den
Fden nichts Haltbares drehen und weben lt!
    Das ist freilich ein entsetzliches Unrecht in den Augen derer, rief ich
aus, die sich nicht gern halten lassen, und so auf den Wechsel gestellt sind,
da ihnen der geordnete Sinn und das bestndige Herz untergeordnete Gaben
dnken, ber die sie lustig hinfahren knnen! Hugo sah mich berrascht an.
Elise! sagte er leise. Es lag etwas Geheimnivolles in dem gedmpften Laute
seiner Stimme. Ich wollte lachen, um meine Bewegung zu verbergen, aber ein Blick
auf ihn nahm mir den Muth. Ich wei nicht, wie ich es nennen soll, was aus
seinen Zgen so ngstigend und rhrend zugleich sprach. Ich mochte nicht dabei
verweilen, ich flog zu Emma. Die liebe Frau! - Gewi, Sophie! sie ist bei
alledem ein Engel. Wre ich an ihrer Stelle! - Mein Gott! welch ein toller
Gedanke! -
    Leben Sie wohl! Ich will nun den ewig langen Brief schlieen. Noch einmal,
leben Sie wohl, liebe Sophie! Ich habe oft die lebhafteste Sehnsucht, Sie zu
sprechen. Wren Sie doch hier! Zuweilen komme ich mir ganz verlassen vor. Ich
werde verstimmt, schwermthig, es liegt mir wie eine Schuld auf der Brust, und
doch wei ich nichts, was ich mir vorwerfen sollte.
    Kommen Sie bald, recht bald zurck! Sie haben unrecht, um einer Einzigen
willen, Alle, die Sie lieben, zu vergessen. Erwgen Sie das wohl, Sophie!

                                Sophie an Elise


Die flchtigen Zeilen, welche Sie mir von den Ufern des kleinen Waldsees
schrieben, sind richtig in meine Hnde gekommen. Wollte ich den Inhalt nach der
Zahl der Worte messen, liebe Elise, so wrde ich Ihre Eile anklagen, und etwas
eiferschtig auf das neue Verhltni zu Ihren jungen Nachbarn drein sehen
mssen. Allein Sie dachten an mich, Ihr liebes, offnes Herz suchte die Entfernte
mitten in dem frohen Aufrufe angenehm bewegter Gefhle! Auch da Sie mit dem
Blttchen zu dem still umgrnzten Wasser flchteten, da Sie hier, mit der
Freundin allein sein wollten; gerade das, Liebste, giebt dem Briefchen
unschtzbaren Werth. Nur wnschte ich, Sie htten einen andern Boten gewhlt.
Dieser unstte Neuigkeitsjger, den die Langweile durch das Leben hetzt, der
arglos heit, weil er unbedeutend ist, und eine ehrliche Seele genannt wird,
weil er zu flach und zu bequem ist, sich anders zu zeigen, als er ist; kurz, Ihr
Vetter Curd ist zu keiner guten Stunde hier aufgetreten. Erst freuten wir uns,
den Landsmann, den Bekannten wieder zu sehen. Er ward mit Fragen bestrmt.
Aufmerksam horchten wir auf jedes seiner Worte, wir lieen es uns gefallen, da
er deren mehr machte, als nthig war; doch der Zgel ward ihm zur Unzeit
gelassen. Er schwatzte das Hundertste ins Tausendste. Bald wute er nicht mehr,
wo und zu wem er sprach. Zweideutige Anspielungen, triviale Anekdoten, aus
miger Beobachtung und geistloser Spottsucht zusammengetragen, tauchten erst
versteckt auf, wagten sich dann dreister hervor, und reichten eben hin, die
reizbare Verletzlichkeit meiner lebhaften Freundin auf das Unangenehmste in
Bewegung zu setzen. Denn, wurden auch nicht Namen genannt, so waren doch
Verhltnisse bezeichnet, und ohne den Schlssel zu dieser eigenthmlichen
Chiffresprache der Kltscherei zu besitzen, lie sich leicht combiniren, was und
wie es gemeint war.
    Von jetzt an sieht die Oberhofmeisterin mit gespanntem, feurigem Blick in
das innerste Familienleben ihrer Tochter hinein. Was sie immer unter wachsendem
Unwillen geahndet, wird ihr Gewiheit.
    Sie glaubt, Emma's Unglck als ausgemacht annehmen zu mssen. Fr sie ist
lnger keine Ruhe hier. Zwischen Furcht, jenen Argwohn besttigt zu finden, und
dem brennenden Verlangen, die Urheber ihrer gescheiterten Hoffnungen zu strafen,
treibt sie zur Abreise, und zgert mit dieser. Inde beschwichtigen Emma's
Briefe, die den vollen Frieden ruhiger Uebereinstimmung mit sich und der Welt
athmen, von Zeit zu Zeit die leidenschaftliche Mutter. Allein das sind
Augenblicke, die nicht vollwichtig genug sind, peinliche Zwischenrume zu
fllen, in denen eine stets zu eigener Qual arbeitende Phantasie unbeschftigt
bleiben knnte.
    So bewhrt es sich denn aufs Neue, da ein leeres Gef, welches die
Gelegenheit mit ihren zuflligen Gaben fllte, gewhnlich mehr Gift enthlt, als
das boshafte Genie aus sich selbst zu erzeugen vermag; gewi, Kltscherei ist
eine rgere Feindin des Familienfriedens, als Verlumdung!
    Ich gestehe es, ich bin bekmmert, auch um das, was nicht ist, und
gleichwohl scheint. Der Ruf ist darum so heilig, weil er den Weg zu menschlichem
Vertrauen bahnt oder verschliet.
    Da eine Gesinnung, wie die des Grafen, in Widerspruch mit den Anforderungen
der Gesellschaft gerathen mute, war von Anfang nicht zu verkennen. Vieles davon
mute, frh oder spt, strend ins Leben treten. Ich war darauf gefat, ich
erwartete fr Emma nur in sofern Zufriedenheit, als ich fest auf die groartige
Selbstentuerung ihrer frommen, frhgereiften Sinnesart baute. Allein, es ist
etwas, auer der allgemeinen Freigeisterei, in Hugo's Benehmen, das ber jene
ein zweideutiges Licht wirft, und es dahin gestellt sein lt, ob ein kranker,
unstter Sinn, ob herzloser Egoismus, Unfhigkeit, irgend einen Gegenstand ganz
zu umfassen, oder khner, jugendlicher Trieb, das All sein zu nennen, den
grern Antheil an seinem kalten Entschlpfen innigerer Bande hat?
    Sie sehen, liebste Elise, das Gift hat mich auch nicht unangefochten
gelassen! Ich schme mich fast, keine krftigere Gegenmittel angewendet zu
haben; allein, man thue, was man wolle, es bleibt immer etwas von dem Gehrten
zurck. Dann wei ich auch sehr wohl, wie viel ich von dem zu halten habe, was
mir Curd, im Vertrauen auf ein williges Ohr, heimlich zuflsterte, auch kann ich
leicht abnehmen, wie Gerchte entstanden, die den geistvollen, feingebildeten
Grafen edlere Gesellschaft verschmhen, Tage und Nchte bei umhertreibendem
Gesindel in Wldern und Feldern weilen, mit ihnen auf mige Abentheuer
ausziehen lassen, so liegt doch dem Allen die Wahrheit zum Grunde, da Hugo
unbeschftigt, lig und zwecklos umherstreift, die wilden Forsten, seiner
Huslichkeit vorzieht, Emma unbeachtet lt, in nichts verrth, da er ernsten
Antheil an der Welt wie an seinem Berufe nimmt. Nicht der Bau des neuen
Schlosses auf den angrnzenden Gtern, noch diese selbst, wie unbeschrnkt sie
ihm auch schon jetzt als Eigenthum berlassen wurden, nehmen seine
Aufmerksamkeit in Anspruch. Es scheint, er habe sich in das ihm unbekannte
Verhltni, ohne Wunsch und Wille, hineinziehen lassen, und verharre nun auch so
in ihm. Was aber fllt sein Inneres? womit tuscht er den strebenden Geist,
dessen Fittige noch jngst so unruhig rauschten und hhern Flug verhieen?
    Ich frage Sie, liebe Elise, da Sie ihn fast tglich, wie ich glaube, sehen
und sprechen. Sie sind unbefangen und offen. Ihrem Urtheile vertraue ich gern,
Sie werden mir sagen, wie er Ihnen erscheint. Ich bedarf in der That einige
Sicherheit, um den wechselnden Stimmungen meiner armen Freundin zu begegnen. Sie
ist durchaus unfhig, ein Bild aus der Ferne festzuhalten. Ihre Empfindungen
sind viel zu beweglich, um die Phantasie irgend etwas vollenden zu lassen. Sie
ertrgt die Anschauung des Unglcks nicht, und mitrauet dem Geschick zu sehr,
um trstlichen Verheiungen geduldigen Glauben zu schenken. Deshalb treibe ich
unablig zur Rckkehr in die Heimath. Es hlt uns auch in der That nur die
vorgerckte Jahrszeit, welche der Gesundheit meiner Gefhrtin nachtheilig werden
knnte, vor der Hand hier fest. Wir leben gleichwohl mit unsern Gedanken und
Gefhlen mehr im Vaterlande, als an den blhenden Ufern des Arno. Denn wo die
Seele ihren Frieden nicht findet, wird der Anblick des Schnen nur eine trbe
Mahnung an den Druck, der uns so beugt, da wir unempfindlich gegen die vielen
Gaben der Natur und Kunst bleiben. Sie begreifen mich vielleicht nicht in dieser
Verstimmung, die Ihnen fremd an mir sein mu. Ich selbst, liebe Elise, wrde mir
unverstndlich werden, schbe ich nicht etwas von so viel Muthlosigkeit auf
Rechnung der stets leidenschaftlich wogenden Unterhaltung mit einer Frau, die
mir Mitleid wie peinliche Besorgni einflt. Und dann - es liegt etwas
Tragisches in dem Gedanken, da kein Opfer, das einmal zertrmmerte Glck eines
Hauses wieder herstellen kann. Meine schne, junge Freundin, wenn Sie mich von
dieser immer wachsenden Ueberzeugung mehr ergriffen sehen, als es sich mit
meinen isolirten Verhltnissen im Leben vertrgt, so suchen Sie den Grund davon
in der Theilnahme fr Andere. Diese warme Theilnahme, die auch Ihr Geschick
liebend umfat, lt es nicht zu, da ich ruhig bleibe, wenn ich fr die Ruhe
allzu sicherer Freunde zittere.
    Uebersehen Sie das nicht, Beste, und verzeihen Sie mir, wenn ich zu weit
gehe!

                                Hugo an Heinrich


Wenn Du Dir, wie ich nicht zweifle, die alte Gewohnheit bewahrt hast, lieber
Heinrich, mich auf gute Manier auszulachen, so biete ich Dir heute die
willkommenste Veranlassung dazu. Nichts Lcherlicheres als ein abgeblitzter
Spa, und keine rgere Zielscheibe des Witzes, als der unglckliche Urheber
desselben!
    Siehst Du, ich wollte den Leuten zeigen, was gesellige Unterhaltung sei,
welchen Schwung eine Posse nehmen, wie der Geist sich mitten im Wechsel der
Belustigung erheben knne. Ich wute mir etwas mit diesem Plane, ich that gro
damit vor mir und wichtig vor Andern. Nun, und das Ende war, die ganze Sache
fiel platt zu Boden. Kein Mensch wute, was ich wollte, Niemanden hat es
unterhalten, geschweige denn ergtzt, der Abend ging auf die miserabelste Weise
hin, und das Schlimmste ist, Spott und Tadel folgten mir.
    Das ist des Menschen Klugheit.
    Um Dir den Vorgang zu erklren, mte ich weit ausholen, Dich an eine Grfin
Ulmenstein erinnern, deren Nachbarschaft uns von Zeit zu Zeit in ihre bewegliche
Lebensweise hineinzieht. Vielleicht besinnst Du Dich auf sie. In einem meiner
Briefe glaube ich von ihr gesprochen zu haben; anfnglich war mir das Treiben in
ihrem Hause, wie sie selbst, neu, es berraschte mich Manches, ich bildete mir
ein, neue Fden des innern Lebenszusammenhanges zu entdecken. Nachher war es
damit, wie mit dem Meisten, nichts. Das flache Wesen fing mich an unglaublich zu
langweilen. Inde hatte sie mich einmal mit vieler Emphase als ein
ausgezeichnetes Genie gepriesen, mich ihrem Kreise so empfohlen. Sie und ich,
wir muten Wort halten. Deshalb war nicht von ihr loszukommen. Die Tchter, so
vergngungsschtig wie die Mutter, ziehen einen Schwarm nchterner Gecken hinter
sich her. Unter gewissen Menschen mu immer etwas vorgenommen werden, um die
Langweile zu bannen. Gesellschafts-Theater bilden sich berall, wo man am
bequemsten durch Andere sprechen und antworten kann. Eine Weile unterhlt das,
was aber gemeinhin fr die Darstellung ungebter Dilettanten gewhlt wird,
gleicht deren alltglichem Treiben auf ein Haar. Es ist immer heute und gestern,
macht denselben Effekt, lt denselben Eindruck zurck. Man ist damit fertig,
sobald die Schminke abgewischt, das umgestaltende Costm weggeworfen, und das
Theater einem andern Schauplatze, im Ball- oder Speisesaal gewichen ist. Ich
hatte das bald weg. Mehrere waren eben so klug; das Ding fing an, matt zu
werden. Jetzt stachelte mich die Eitelkeit. Mein Plan war gemacht. Eine neue
kleine Welt stand mir zu Gebot. Die Fee, welche mir ihren Beistand lieh, rief
Kobolde und Geister von fern und nahe herbei. Ein wandernder Schauspielertrupp,
vertheilten wir uns, auf abentheuerliche, ausstaffirte Karren und Wagen,
versteckten uns hinter Larven und tollen Putz, und nahmen so den Weg nach
Ulmenstein. Bis dahin ging alles gut. Wir lebten in der Posse, Witz, Humor, die
schellenkappige Thorheit mit ihrem buntscheckigen Mantel, waren unsere
Reisegefhrten. Pltzlich erhebt sich, wie aus heiterm Himmel, aus einer
einzigen Wolke, der heftigste Sturm, den ich je hrte. Regenstrme strzten
nieder, wir konnten uns kaum bergen; die bunten Decken, da bergespannte
Linnen, Mntel, Hte und Schleier, nichts widerstand der Wuth der Elemente. So
bel zugerichtet, steuerten wir mit abgetakeltem Fahrzeuge mhsam in den
Schlohof der Grfin. Hier hatte man vor dem Unwetter Thre und Thore
geschlossen. Keine Seele lie sich an den Fenstern sehen. Wir lenkten unter den
Schutz einiger schirmenden Bume. Unser Hufchen drngte sich dicht zusammen.
Lange konnte die Prfung nicht dauern, der blaue Himmel schimmerte bereits
zwischen dem zerrissenen Wolkenberg hindurch. Inde wog in diesem Zustande jede
Minute schwer. Die Nsse hatte einen merklichen Theil des phantastischen Feuers
ausgelscht. Ungeduldig regte sich Dieser und Jener. Einige murrten laut, Andere
verwnschten im Stillen den ganzen Einfall. Ich htte mich ausschtten mgen,
vor Lachen, warf ich einen Blick auf die trbseligen Gestalten in der nrrischen
Verkappung. Inde unterdrckte ich jeden Ausbruch des Muthwillens, den mir meine
belgelaunten Gefhrten wohl um so weniger verziehen htten, als sie im Geheim
die Schuld ihrer milichen Lage auf mich warfen, und nun erwarteten, ich solle
derselben ein Ende machen. Ich sumte denn auch nicht. Ein neugieriger
Stallbube, der sehr verwundert aus einer Lucke auf die bunten Puppenspieler, fr
die er den fremden Tro hielt, hinstarrte, ward sogleich herbeigerufen. Ich
bergab ihm eine Botschaft an die Grfin. Als Direktor kndigte ich dieser meine
dramatischen Vorstellungen an, bat um die Erlaubni, Scenen aus dem Shakespeare
auf ihrem Theater geben zu drfen u.s.w. Leute von Welt sind selten durch
Fremdartiges oder Ungewhnliches zu tuschen. Das tritt nicht in den Bilderkreis
ihrer Vorstellungen. Wenn es ihnen naht, suchen sie etwas dahinter, gespielten
oder wirklichen Betrug! Die Grfin war sogleich entschlossen. Ihre Thren wurden
uns geffnet, sie selbst eilte uns entgegen. Doch wie das Bedrftige in der
menschlichen Natur sogleich allem Scherz ein Ende macht, so zerstrten auch hier
die nassen Kleider, die Furcht vor Erkltung, und was es sonst noch alles zu
bedenken gab, den letzten Rest mhsam bewahrter Illusion. Kurz, wir standen
entlarvt da, und hatten Niemand als uns selbst geqult. Glcklich genug, wenn es
damit sein Bewenden gehabt htte! Allein, nachdem sich jedweder in seinem
gewohnten Rocke warm und bequem fhlte, sollte er diesen wieder abwerfen, und
das versprochene Spiel beginnen. Ich wich dem Anliegen aus, das ich weit mehr
einer gewissen vorschriftsmigen Hflichkeit, als dem Wunsche, uns figuriren zu
sehen, zuschrieb. Wir waren aus dem Charakter gefallen, die Stimmung war eine
andere geworden, es lag eine Lcherlichkeit darin, sich bei vlliger
Nchternheit berauscht zu stellen. Doch die Meinung Einiger, da man nicht so
umsonst und um nichts solche Anstrengungen gemacht, sich in Unkosten gesteckt,
die Gesundheit daran gewagt habe, trieb uns am Ende Alle auf die Bretter. Jetzt
erst, da es zu einer wahrhaften Ausfhrung meines Entwurfs kam, fhlte ich die
ganze Schwierigkeit davon. - Denke Dir den Sommernachtstraum - die Rpel- und
Elfenscenen - und unser heutiges Publikum aus den feinen Zirkeln! -
Unglcklicherweise hatte die lebhafte schne Elise, unsre liebenswrdige
Nachbarin, nur zu schnell meine Gedanken verwirklicht; sie war es, die ein Paar
schnell aufgeschossenen Knaben die Frauenrollen, zierlichen Mdchen die der
Elfen zutheilte, junge Leute aus der Nachbarschaft fr Zettels Schaar warb, ihm
selbst, dem Heros aller witzigen Eselskpfe, sein Pensum einstudirte, kurz, die
Puppen an ihren Drhtchen lenkte, und feenartig ein Feenspiel schuf. Aber was
wollen die luftigen Wesen auf der ausgebildeten, fertig gestalteten Erde? - Sie
sind so sehr aus der Mode, da selbst ihre Allegorie abschreckend geworden ist.
Lieber Heinrich, es giebt ein Feld, wo der beste Witz, wie taube Nsse zu Boden
fllt, und Niemand ihn aufhebt. Nun, wir standen mit unsern Bemhungen auf einem
solchen Felde. Um uns herum lauter mde und matte Blicke, lange Gesichter,
gezwungene Aufmerksamkeit, ngstliche Wiederholung aller Regeln der guten
Erziehung, um nur nicht die tdtliche Langweile blicken zu lassen, und nachher
die Ausrufungen: Und wie gespielt! Aber wie vollendet! Und Zettel! der ist nun
meine ganze Passion! Siehst Du, Heinrich, mein innerer Mensch zuckt vor
abgedroschenen Redensarten zusammen. Die Lge des Hergebrachten pret mir
Angstschwei auf die Stirn! sie nimmt sich so lumpicht aus, und macht sich so
breit mit dem abgetragenen Plunder. Kennst Du die Empfindung, wenn fremde
Drftigkeit uns zu Boden drckt? Ich will nicht den reichen Mann auf Kosten
Anderer spielen. Ich will glauben, da der Aufwand, mit dem ich aufzutreten
meinte, wie veralteter Prunk, zu schwer wog; auch, da ich unrecht hatte, mich
darauf zu sttzen, allein denken sollte man doch, Gold halte immer die Probe,
wie lange es auch im Winkel verborgen stand. Das ist aber nicht wahr. Kein
Mensch glaubt Dir, da es welches ist; und Niemand stellt die Probe an. Genug,
wie dem auch sei, ich zog geschlagen aus dem Felde. Ich hatte mich verrechnet,
das lag am Tage. Es blieb auch so eine gewisse, verlegene Aengstlichkeit nach
geendigtem Spiele zurck; dann sprach man gar nicht mehr davon. Es war, wie
nicht geschehen, ich hatte Zeit, Betrachtungen anzustellen.
    Nach dem ersten kleinen Verdru ber meine eigene Einfalt, machte ich es,
wie Du jetzt thun wirst, ich lachte den Narren im Menschen aus! Mein Dnkel, der
Eifer, mit dem ich ihn einige Tage gefttert, alle die Mhe und Noth, ehe es zu
dem Haupteffekt und der Beschmung kam, das Nachspiel hinter den Coulissen, war,
ich versichere Dich, sehr drollig. Zuletzt sagte ich mir dann aber doch Einiges
zum Trost. Unter anderm, da es mit den neuen Anforderungen an die Poesie ein
eignes Ding sei. Sie mu sententis oder materiell auftreten, wenn sie Eingang
finden soll. Man will ein Paar schlagende Phrasen mit nach Hause nehmen oder
sich durch illusorische Anschauungen so getuscht finden, da man wirklich in
China oder Mexico, in einem schlechten Gasthofe mit gemeinen Gesellen, in der
alten, oder unter den Menschenfressern in der neuen Welt zu sein glaubt, und
dies alles, blos um zu wissen, wie es die Kerls da treiben? Die Tne einer
gttlichen Sprache zerrinnen in der untern Atmosphre zu Begriffen. Davon, da
es eine Region giebt, in deren feinen, leichten Luftschwingungen die Seele
unwillkhrlich gehoben wird, so da sie die Spiegelbilder der Erde nur im
Widerschein, aber dafr in jener magischen Beleuchtung eines wrmern und
glnzendern Gestirns, der Sonne des Dichters sieht, davon redet man wohl, aber
man kennt es nicht mehr.
    Nein, Heinrich, man kennt es nicht mehr! Auch Du, und ich, die wir in
einzelnen Augenblicken des tiefsten Schmerzes, der innern Verzweiflung, des
gnzlichen Zerfallens mit der Welt, davon trumen, vergessen es wieder, mssen
es in einer so gestalteten Welt vergessen! Das ist der Widerspruch, in dem wir
leben. Wir wollen, was wir nicht knnen! Begreifst Du, wie zerrissen, wie
fragmentarisch dies Geschlecht in der Weltgeschichte dastehen wird?
    Doch wieder auf mein Abentheuer zu kommen. Es hat mich der liebenswrdigen
Elise auf immer zum Freunde gemacht. Leichter, gutmthiger nimmt keine Frau auf
Erden hnliche Krnkungen der Eitelkeit auf. Ihr klarer, milder Sinn fand
sogleich den Gesichtspunkt, aus welchem unser Migeschick natrlich erschien.
Sie tadelte weder sich noch Andere. Es pate nicht! sagte sie, und damit
behielt jeder sein Recht.
    Es pat so Vieles nicht, Heinrich. Wird darum das, was in Uebereinstimmung
zu einander tritt, nicht unauflslich Eins werden?
    Ich habe einen eigenen Glauben von der Sympathie der Freundschaft. Sie
scheint mir gegrndeter, als die der Liebe. Von dem was man so nennt, halte ich
berall wenig. Das sind Selbsttuschungen, mit denen der Mensch gro von sich
selber thut, wenn er am kleinsten ist. In der Regel bleibt nach dem poetischen
Wahnsinn eine Armuth des Innern zurck, die den Rest des Lebens drftiger, als
billig gestaltet, whrend die Freundschaft wie ein mchtiger Strom unzhlige
Arme ausbreitend, die Steppen und Wsten des Daseins umfat, den Hauch der
Belebung ausathmet, und eine vernderte, frische, fortbildende Welt schafft.
    Ich empfinde das in Elisens Nhe. Diese Frau hat einen freien, ja mnnlichen
Geist, der mit seltner Khnheit Verhltnisse durchschaut und lenkt. Und dabei so
viel Regsamkeit des Verstehens, solche Flle und Wrme in allen
Lebensbeziehungen! Eines Engels Gte, eines Helden Muth! Niemals lt sie das
zrtere Geschlecht in sich vergessen, und doch fhlst Du ihr gegenber nur den
Einflu einer hheren Seele, die keinem Geschlechte, keinen Bedingungen der Erde
angehrt. Ich bringe meine liebsten Stunden bei ihr zu. Wir reden, wir lesen mit
einander. Meine Lieblingsschriften sind auch die ihrigen. Es peinigt sie wie
mich, alles Enge, Abgeschlossene. Ein freier Flug der Ideen trgt uns oft, wie
die reinere Bergesluft ihre nachbarlichen Adlers Gespielen, in unermeliche
Fernen, aus denen wir, inniger verschwistert, in die beschrnkende Gegenwart
zurckkehren.
    Niemand versteht mich, wie sie! Wenn es wahr ist, da die menschliche
Gesellschaft nur da sei, damit Einer den Andern ergnze; so ward Elise geboren,
alle Lcken und Mngel meiner unvollkommenen Natur durch den Reichthum ihres
schnen Selbsts auszugleichen.
    Schade, da sie auf den Einfall kam, sich zu verheirathen! Sie mute fr
sich allein ihre Bahn durchlaufen. - Der Begleitung konnte sie entrathen. Mich
strt der Mann entsetzlich! Er kommt jetzt von einer langen Geschftsreise
zurck. Er wird das bisherige zwanglose Sein und Treiben nothwendig einengen.
Vor der trockenen Gemessenheit mancher Leute kommt kein gesunder Gedanke auf.
Elise ist gefllig, fgsam, ihr verschlgt es nichts, sich in die Art und Weise
derer zu schicken, denen sie ein Recht ber ihren Willen zuschreibt, sie ist
immer sie selbst. Ich kann nicht so denken, nicht so empfinden, ich ertrage das
Hofmeistern pedantischer Rechthaberei nicht leicht, und wenn ich auch Jedem gern
seine Art lasse, so bleibe ich doch da weg, wo Vorurtheil und Dnkel die Luft
verdicken. Zudem ist der Dritte immer zu viel, in einem Verhltnisse, wo sich
zwei gengen.
    Ich sehe daher ruhig zu, wie drben im Hause gepackt, gerumt wird, man sich
anschickt, das Land zu verlassen, und nach der Stadt aufzubrechen. Ich werde
ihnen nicht folgen! Um unsere stillen Abende ist es doch gethan! Ich werde ein
Paar Wintermonate in den Mauern der Burg verschlafen, und aufwachen, wenn die
Frhlingssonne hell ber den Strom in meine Fenster sieht! Lebe bis dahin wohl,
lieber Heinrich!

                         Die Grfin Ulmenstein an Curd


Es ist uerst liebenswrdig von Ihnen, da Sie sich meiner in den interessanten
Umgebungen, die Sie so richtig zu schtzen wissen, erinnern wollten!
    Ihr Briefchen mit den italienischen Carricaturen, den Zeichnungen, den
Nationaltrachten, des Mailndischen Doms, der Peterskirche und andere
Herrlichkeiten, nach deren Anblick meine Seele seit Jahren drstet, haben nicht
allein meine Tchter und mich entzckt, sie wurden auch die Quelle unserer
Abendunterhaltung am Theetisch. Der junge Leontin, Sie sahen ihn vielleicht noch
vor Ihrer Abreise bei mir, der sehr unterrichtet und berall gewesen ist,
erklrte die flchtigen Skizzen meines gtigen Correspondenten. Agathe hatte
sich ein geschmackvolles Costm fr das nchste Maskenfest in der Residenz
ausgesucht. Sie bat Leontin, es ihr genau in den kleinsten Details zu
bezeichnen. Alles dies belebte die Unterhaltung. Sie glauben nicht, welchen
allerliebsten Abend Sie uns gemacht haben, fast so bunt und lustig, als wren
Sie mitten unter uns. Ich sage Ihnen nicht, wie Sie zurckgewnscht werden. Ohne
Uebertreibung, Sie fehlen uns vorzglich bei demjenigen, was wir hier auf dem
Lande vornehmen, um die schlechte Jahreszeit, so wie die Stadt zu vergessen. Die
letztere hat in diesem Augenblick gar keinen Reiz fr uns, da eine ziemlich
ernste Familientrauer, der Tod einer Tante, meine Tchter wie mich, vom
geselligen Vergngen ausschliet. Man berdauert solche Prfungszeit am
bequemsten da, wo das Leben unbeachtet, ungefhr eben so hingeht, wie die
Convenienz es verbietet, ffentlich zu genieen.
    Unter dem Anschein vlliger Zurckgezogenheit, bleibt mein Saal allen
Freunden und Bekannten geffnet. Es geht, ich versichere Sie, so frhlich darin
zu, als wrfe kein schwarzes Kleid einen trben Schatten auf die lachenden
Gesichter. Aufrichtig gestanden, die gute, alte Person hat mir auch gar nicht
Ursache gegeben, ihr Andenken zu ehren. Sie war meine nchste Anverwandte, die
Schwester meines Vaters, kinderlose Wittwe, auerordentlich reich, und starb,
ohne ihren rechtmigen Erben einen Pfennig zu hinterlassen. Ihr Vermgen
zersplittert sich in Stiftungen und Legate. Das Bedeutendste von den letztern
ist aber dem jungen Baron Wildenau zugefallen, der sehr in ihrer Gunst stand. Es
wre unbegreiflich, weshalb sie den fremden Menschen auf Kosten ihrer
Angehrigen begnstigte, htte sie dabei nicht die unausgesprochene Absicht
gehabt, gerade hierdurch ihrer Vorliebe, wie den gesetzlichen Verpflichtungen,
ein Genge zu leisten, indem sie den jungen Mann in die Lage versetzte, einer
meiner Tchter seine Hand anzubieten. Eine alte Vertraute der Tante, die
Castellanin des Schlosses, welches Leontin bald als Eigenthum beziehen wird,
erffnete mir den stillen Wunsch der Verstorbenen im Geheim. Es wre auch
lcherlich, wollte ich den tiefen Eindruck nicht bemerken, welchen insbesondere
Agathe auf das Herz des Neulings gemacht hat. Allein er ist von einer so
lcherlichen Zurckhaltung, und ein solcher Misantrop, da er fters unsern
heitern Zirkel flieht, und sich drben zu dem podagraischen, migelaunten
Comthur und seiner stummen, trbseligen Nichte flchtet, um nur nicht zu
verrathen, was ihm doch sichtlich das Herz abdrckt. Mag er sich stellen, wie er
will, ewig wird er nicht schweigen! Doch wnsche ich ihm, da er nicht zu spt
das Wort finde, wonach er sucht. Es giebt andere Leute, die beweglichere Zungen
haben, und meine Tchter besitzen ein Theilchen von dem Stolz und dem Eigensinne
ihrer Mutter. Die eintnigen Abendunterhaltungen im Cabinet der Burgfrau knnten
dem bedchtigen Freier doch sehr bittere Reue bereiten. Uebrigens mignne ich
der armen, kleinen Frau die einzige Unterbrechung ihrer langweiligen Existenz
keineswegs. Denken Sie sich, ihr Mann hat neben hundert andern lcherlichen
Einfllen, auch den, den ganzen Winter auf dem Lande zubringen zu wollen, das
heit, er lt sein Haus mit Frau und Dienerschaft dort, nimmt selbst das
Ansehn, als sei er einheimisch, whrend er unaufhrlich hin- und hergeht,
niemals auf der Burg anzutreffen ist, halbe Tage in der Residenz bei seiner
Freundin zubringt, diese nur verlt, wenn sie, durch ihre Verhltnisse
gezwungen, Gesellschaften beiwohnt, die nicht von seiner Hhe sind, und die er
verschmht.
    Sie sehen, das Spiel ist gut berechnet. Es geht einen raschen Gang! Mir ist
solche Freimthigkeit, bei so unerlaubter Intimitt in meinem Leben nicht
vorgekommen. Die Leute treiben das Alles mit einer Miene, als verstehe sich ihr
auffallendes Benehmen von selbst. Nach gerade wurde inde die unbegreifliche
Dreistigkeit doch sehr peinlich. Man hatte ungefhr das Gefhl dabei, als wenn
Jemand durch eine unbewute Unordnung in der Toilette, das Auge Anderer
verletzt, und im vollen Gefhl schicklicher Haltung, die ungeahndete Indecenz
noch mehr heraushebt. Ich bin deshalb froh, da der Prsident zu rechter Zeit
kam, seine Frau nach der Stadt zu fhren. Die geselligen Beziehungen der
Nachbarschaft brachten mich, ich versichere Sie, in fatale Collisionen. Ganz
offenbar nahm der Graf von dem leichtern, bequemern Ton, der in meinem Hause
herrscht, Veranlassung, seinen Absichten hier ein freies Feld zu bahnen. In
diesem Sinne mischte er sich in die Anordnung unserer Bhne, und brachte ein
plumpes, licencieuses Ding zum Vorschein, das allenfalls in einer Dorfschenke,
von Puppenspielern dargestellt, das dortige Publikum ergtzt haben wrde, fr
uns aber ganz unschmackhaft blieb. Es soll von dem jetzt oft genannten, von
Vielen so gefeierten alten englischen Poeten sein, dessen Name ich immer
vergesse, weil er mir die Kinnbacken zerbricht, wenn ich ihn aussprechen will.
Mag inde Theil daran haben, wer nur will, dieser Mischmasch von platter
Trivialitt und bilderreichem Unsinn, von langweiligen Tiraden und pbelhafter
Gemeinheit, gehrt vor ein anderes Publikum, als vor das unserige. Auch bin ich
berzeugt, der Graf war nicht einen Augenblick im Irrthum ber den Werth des
Stckes. Seine Wahl fiel nur vorzugsweise deshalb darauf, weil es fr den
brigen Plan pate, und geschickt war, der zwanglosen Gemeinschaft einer
zusammengerafften Bande umherziehender Schauspieler zum Vorwande zu dienen. Die
List war ziemlich grob eingefdelt. Ich war gleich auf der rechten Spur. In
Wahrheit, die Leutchen machten ihre Sachen ungeschickt. Mit einem bischen
Vertrauen liee sich viel bersehen. Doch sie sind so stolz und anmaend,
betheure ich Ihnen, auf den Schwung ihrer Gefhle, da sie alle Zungen mit
Pfeilen bewaffnen. Aus diesem Grunde danke ich es ordentlich der guten Tante,
da sie gerade diesen Zeitpunkt whlte, um zu sterben. Ihr Tod fesselt mich
hier, und setzt mich auer Verbindung mit zwei Familien, denen ich gleiche
Rcksichten schuldig bin, und die mich demungeachtet beide gezwungen haben
wrden, ffentlich zu brechen, um auch den Schatten von Theilnahme an einem
unerlaubten Handel von mir zu entfernen. Eine Mutter kann gar nicht delikat
genug in der Wahl ihrer Gesellschaft sein.
    Mich dauert die stille, schchterne Emma ganz auerordentlich. Man sagt, sie
erwarte ihre Mutter in Kurzem von einer Rckreise aus Italien. Nun, das wird
hbschen Lrm geben, wenn die Oberhofmeisterin hinter des Schwiegersohns geheime
Verbindungen kommt!
    Leben Sie wohl bis dahin! Wenn etwas, des Berichtens werth, unter uns
vorfllt, rechnen Sie auf die Feder Ihrer bereitwilligen Freundin.

                            Emma an den Geistlichen


Ihr letzter Brief, ehrwrdiger Freund, fordert mich mit fast beschmender Gte
auf, Ihnen zu jeder Zeit mein Herz offen zu erhalten, Alles, was darin vorgeht,
Ihrer Theilnahme zu vertrauen, jeden Zweifel in der freien Mittheilung
aufzuhellen und berall rcksichtslos wahr zu sein.
    Ach! mein gtiger Lehrer, was bliebe Ihnen auch von dem verschwiegen, was
ich mir selbst eingestehe! Ich glaube, ich knnte der Worte entbehren, Sie
erriethen mich dennoch.
    Dem Himmel sei Dank, noch scheue ich den Blick nicht, der die Tiefen meiner
Seele durchdringt. Ich wei, Sie sehen bis auf den Grund, und nichts verwirrt
Sie, was die Bewegung des Augenblickes undeutlich auf der Oberflche erscheinen
lt.
    Anders ist das mit meiner Mutter. Die ruhige Begleitung eines Freundes, der
nichts will, als dem Gefhrten zur Seite bleiben, lt dessen Gang frei, doch
ngstliche Sorge hemmt den Schritt. Ich habe es stets so gewissenhaft vermieden,
irgend einen leisen Schatten in die Seele meiner Mutter zu werfen. Nur in den
stillsten, ruhigsten Stimmungen, bei allem Frieden der innern und ussern Welt
um mich her, schrieb ich meine Briefe an Sie. Nie ist mir ein Wort entschlpft,
das sie doppelsinnig deuten knnte; warm und zrtlich sprach ich die
Empfindungen meines befriedigten Herzens aus, wie kommt es dennoch, da sie dem
allen keinen Glauben schenkt? Unwillig bestreitet sie mir meine Ruhe, mit
leidenschaftlicher Besorgni dringt sie auf mich ein, und strebt, mir ein
Geheimni zu entreien, das mir fremd ist, dessen undeutliche Erwhnung mich
unaussprechlich ngstigt. Sie wirft mir Zurckhaltung, ja Heuchelei vor, und
schwrt, Licht in der Sache haben zu wollen, um einer Verblendung ein Ziel zu
setzen, die sie fr die Wrde ihres Kindes beeintrchtigend hlt. Von diesem
brennenden Wunsche getrieben, nimmt sie ihren Rckweg aus Italien gerade
hierher. Sie kommt! sie kommt in den nchsten Wochen! und wenn mein Herz vor
Freude zittert, sie wieder zu sehen, so stockt es auch vor Bangigkeit und
Furcht, als sei das Ende aller Glckseligkeit, ja das Ende meines Lebens nahe!
    Die Unnatur solcher Widersprche macht mich vllig irre an mir selbst, an
meinen Verhltnissen, ach! an den liebsten Menschen. Ich frage mich
unzhligemal: was ich frchte? fr wen ich frchte? Und wenn mir dann eine
ngstigende Antwort nahe tritt, und ich sie nicht hren will, dann ist es, als
she ich in ein unabsehbares Gewirre von Miverstndnissen hinein, von denen ich
den Blick erschrocken abwende.
    Mein Gott! ich war so ruhig, ich geno die unaussprechliche Freude, Hugo
vllig zufrieden und heiter zu sehen. Ich empfand, da er den einzigen Wunsch
meines Herzens, ihm in keiner Art hemmend in den Weg zu treten, erkannte, er
geno seine Freiheit, und kehrte lebensfrischer, klarer, oft wrmer, als er
ging, zurck. Wie htte ich frchten sollen, da gerade dasjenige, was mir das
Gleichgewicht entgegengesetzter Naturrichtungen zu erhalten schien, Hingebung
und Liebe, den Samen unseliger Miverhltnisse ausstreuen wrde!
    Wie ist man nur so eilig, Gegenstnde zu beurtheilen, die man nicht kennt.
Niemand wei ja, was in der Brust des Andern vorgeht. Ich war glcklich, ich
versichere Sie, seit es stiller um uns ward, die Nachbarn die Gegend verlieen,
oder die milichen Gebirgsschlfte mieden. Die Einsamkeit auf der Burg ist mir
erwnscht, ich liebe das ernste, groartige Gebude beraus. Das Gewhnlichste
im Leben gestaltet sich hier anders. Es geht ein Geist durch Huser und
Gemcher, den oft die wechselnden Bewohner nicht bannen. Im Gegentheil, sieht
man diese wohl unwillkhrlich dem verborgenen Einflusse nachgeben, Geschmack und
Neigung dem gebietenden Zuge unterwerfen; ja, sich selbst, wie die gewohnte
Weise, in eine andere Form fgen.
    Hier, unter den festgewlbten Bogengngen, den krftigen Sinnbildern
gegenber, findet weder Langweile Raum, noch kleinliches Gelst Eingang. Hier
ist alles bleibend, ruhig, das Gemth erhebend; und wenn ich in Hugo's
Abwesenheit in seinem lieben Zimmer sitze, mir es so unaussprechlich wohl in den
schnen, hohen Rumen ist, ich mich in die Kissen seines Sopha's schmiege, seine
Nhe tuschend empfinde, mein Blick dann, durch die Glasthren, ber den Altan
weg, in die reizende Landschaft sieht, der breite Strom so still und
majesttisch vorberfliet, die dunklen Thalwnde hinter ihm riesenhaft
aufsteigen, Drfer und Stdte aus ihrem blulichen Dunst hervortreten, dann
fhle ich, wie die Seele des krftigen, khnen Mannes sich da hinaussehnt, und
theile seinen Unmuth wie sein Streben. Ich selbst mchte ihm das Thor ffnen,
den Weg bahnen! Gedanken, die ihn beschftigen, umringen mich! ich werde ganz er
selbst, fhle, wnsche wie er, und athme frei, wenn ich mich besinne, da er
fern von hier, wenigstens auf Stunden und Tage, jetzt sich selbst angehrt,
seinem ungestillten Drange nach Freiheit augenblicklich Genge thut. Lange,
lange sitze ich dann so, begleite ihn auf Wegen und Stegen, bilde mir ein,
seinen Schritten zu folgen, und whrend ein zrtlicher Wahn die Zwischenrume
durchmit, bin ich weder allein, noch entbehre ich das Glck der Gegenwart.
    Nein, lassen Sie michs bekennen, ich kann, mir selbst berlassen, weit
ungestrter Hugo's Bild betrachten, als ihm gegenber. Ja, mir steht er fest,
rein, unberhrt von dem, was zuweilen die Wirklichkeit umdunkelt. Es ist der
wahre Hugo, den ich ungetheilt mein nenne, den ich liebe, den ich liebkose, zu
dem ich frei aus dem tiefsten Herzen rede.
    O! wer mag zweifeln, da ich eben in den Stunden, die mir falsches Mitleid
rauben will, glcklich bin!
    Lieber Freund, wenn nur meine Mutter das so wte, wenn es sie beruhigen
knnte, da mir diese unscheinbare Stellung im Leben lieb ist, da ich sie um
Vieles nicht wechseln mchte, da ich vor jeder Vernderung zittre. Manchmal
habe ich ihr ganz rcksichtslos schreiben, sie bitten wollen, ja an nichts zu
rhren, was sich allzuleicht durch fremdes Eingreifen verschiebt. Allein, wozu
wrde es ntzen? Sie mit mein Glck nach ihrem Empfinden. So freilich mu sie
hier unzufrieden sein! Und wenn ich mir nun denke, wie mit heier Sehnsucht sie
sich her zu mir wnscht, wie ihre unbegrnzte Liebe mich nie verlie, ich ihr
Alles auf Erden bin, sie keinen, auch nicht den kleinsten Wunsch hegt, der nicht
ihrer Emma Wohl betrfe, dann sinkt mir der Muth, dann wei ich nicht, wie ich
ihr das Unabnderliche anders darstellen, das Mangelnde, was allein der Fortgang
des Lebens ergnzt, im Augenblicke verhllen soll.
    Auch der Oheim ist nicht ohne Sorge. Er sagte mir noch diesen Morgen:
Liebes Kind, Ihre Mutter wird nicht mit uns zufrieden sein, sie wird sich hier
mifallen. Wre es nicht besser, Sie folgten Hugo nach der Residenz, und
empfingen sie dort?
    Ich war verlegen, was ich ihm erwiedern sollte. Hugo hat mich nie
aufgefordert, ihn nach der Stadt zu begleiten; er vermeidet es wohl, weil es
nicht das Ansehen haben soll, dort einen lngern Aufenthalt zu whlen. Seine
Stellung bleibt auf solche Weise freier. Er sichert sich das Gehen wie das
Kommen, wenn er ber Beides nur mit dem Augenblicke zu berathen hat. Es wre mir
nicht mglich, ihn gerade hierin hemmen zu wollen. Auch bin ich nicht des Oheims
Meinung. Aus vielen Grnden ist es mir lieb, die Mutter hier auf dem prchtigen
Familiensitze bei mir zu sehen. Das Schlo, seine Umgebungen, der Zuschnitt der
Verhltnisse, die ganze Lebensweise, werden ihr in gewisser Hinsicht gengen.
Der Glanz, wenn er nicht blendet, ergtzt immer das Auge, und macht es williger,
Unebenheiten zu bersehen. Und dann - gleichfrmige Ruhe hlt Strungen
entfernt.
    Dies alles bei mir berdenkend, schwieg ich einige Augenblicke, ohne meinen
wohlwollenden Beschtzer zu beruhigen.
    Er ergriff meine Hand, drckte sie fest in der seinen, indem er zrtlich
sagte: Machen Sie es, wie Sie wollen. Ihr klarer Geist giebt Ihnen von selbst
den Faden durch dies Labyrinth in die Hand.
    Er ging. O! htte er gewut, in welcher Unsicherheit er mich zurcklie, wie
orakelhaft seine Worte klangen, was er in mir verworren, was er geweckt hat!
    Ich sehe es nun wohl, die Welt tadelt Hugo, beklagt mich, erfindet und
spinnt das Erfundene emsig zusammen. Wie ich diese mige Geschftigkeit hasse!
wie mich eine Theilnahme drckt, die ohne Herz und Gemth, nur das Fremde an
sich reien, es durchschauen mchte.
    Die Menschen wissen nicht, wie wehe sie mir thun! Ist es denn nicht mglich,
anders zu sein, als Andere, und doch fr sich recht zu behalten? Ich bin so
ngstlich, seitdem der Oheim ging. Ich wei nicht, was ich thun oder lassen
soll? Der Brief meiner Mutter ist in groer Leidenschaft geschrieben. Er klingt
fast drohend. Die wenigen Zeilen, welche das Stiftsfrulein ins Couvert
hineinschrieb, sollen mich wohl beruhigen, allein sie enthalten die
niederschlagende Nachricht, da beide Freundinnen sich auf einem gewissen Punkt
der Reise trennen, und whrend die Eine dieser Gegend zueilt, die Andere sich
zurck, zu der Frstin wendet, um dieser erwartete Briefe und Berichte zu
berbringen. So fehlt mir denn auch die vermittelnde Sophie. Von ihr htte ich
erfahren, wer all die Leidenschaft, die ngstliche Hast erregt? Sie wrde mir
geholfen haben, mich gegen schmerzliche Angriffe zu waffnen, und zugleich die
Zrtlichkeit der liebevollsten Mutter zu schonen. Jetzt bin ich ganz allein,
Hugo ahndet nicht, was mich qult, auch ist er nicht anwesend. Und wre ers, was
drfte ich ihm sagen?
    Ich lese in Ihrem klaren, frommen Auge, was ich vergessen zu haben scheine.
Sie sehen fast strafend auf die Unruhe meines Herzens. Ja, ich verstehe, ich
verstehe, wozu Sie mich anmahnen. Ich werde ja auch den Weg nicht verloren
haben, auf dem Muth und Besonnenheit zu finden ist. Ich bin nur so erschrocken!
ich wei selbst nicht, wovor? Ich sehe nicht, was ich frchte, und doch fhle
ich es. Lesen Sie mit Nachsicht diese verworrenen Zeilen, denken Sie, ich finde
mich so am ersten zurecht, wenn ich nach des Lehrers, des Freundes Hand greife,
wenn ich schwach, doch willig, mich aufzurichten, Ihren Beistand suche. - - -

                                                                    Abends spt.

O es ist Alles anders, Alles gut! Hugo ist hier! Er kam in Nacht und Dunkelheit.
Er fand mich in seinem Zimmer. Es berraschte ihn. Er war bewegt, als ich ihm
gestand, da mir hier allein wohl sei. Sein Auge hatte den schnen, tiefen
Blick, vor dem meine Seele immer so innerlich bebt. Er sah mich mit dem Blicke
an. Eine Welt lag darin! und ich war mitten in dieser, in seiner Welt! Jetzt, -
was habe ich zu frchten. Meine Mutter wird uns so finden. Hugo wei, da sie
kommt. Er freut sich von ganzem Herzen, sie hier zu sehen. Wir wollen ihr beide
eine Tagreise entgegen fahren. Wie anders nun dies Wiedersehen! - Wie der Mensch
schwach ist! Wie zaghaft, wie kleinglubig!
    Geehrter Freund, soll ich es Ihnen bekennen? Sahen Sie nicht etwas Trbes,
Unreines im Hintergrunde meiner Angst sich verbergen? O guter Gott, wie gern
will ich mich eines Gefhls schmen, das mich doppelt zerreit, weil es dem
geliebtesten Menschen zu nahe tritt!
    Heiterer, als ich zu Ihnen kam, verlasse ich Sie jetzt. Mge mich ihr Segen
aufrecht gegen so schlimme Anfechtungen halten!

                                Elise an Sophie


Was lag Ihnen im Sinn, Liebe! da Sie so aus dem Charakter fallen, so
unverzeihlich von dem nchternen Gerede meines albernen Vetters eingenommen
werden konnten?
    Gewi, Sophie, ich erkenne Sie nicht in der Heftigkeit, mit der sich
Gedanken und Empfindungen auf jenem Blatte jagen. Ist die Luft in dem schnen
Italien so entzndbar, da auch der Thau im Kelche einer Lilie aufbraust?
    Ihr Blut schien mir bis dahin von anderer Natur, als das der brigen
Menschen. Sein milder Lauf verirrte sich nie zu ungleicher Wallung. Man empfand
immer, da es nur den einen Weg, den zum Herzen kannte; dessen sanfter Schlag,
wie der Athem der Liebe, Sie selbst, das was Sie umgab, die Welt mit ihren
Verirrungen, in Uebereinstimmung zu bringen wute. Und jetzt! -
    Sophie, Entfernung und Trennung sind doch etwas! Man sage, was man wolle,
der Raum trennt die Krper nicht allein. Sie htten mir von Ihrem Stift aus
nicht diesen drren, heftigen Brief geschrieben, der Ihren Unwillen ins Blaue
hinein rief und durch nichts verrieth, da Sie zu mir sprachen.
    Ihre ganze Reise war mir vom Anfange zuwider. Jetzt setzen Sie diesem Gefhl
die Krone auf.
    Welche Gewalt bt denn diese furchtbare Frau ber Sie aus, da sie Sie nicht
allein dem gewohnten Kreise entfhrt, da sie auch Ihr Inneres umwandelt! Und
nun schicken Sie sie uns noch gar hierher. Sie droht jeden Tag mit ihrem Besuch.
Zum erstenmale bin ich froh, in der Stadt zu sein! Hier kann ich ihr aus dem
Wege gehen! Ich werde es thun, denn ich sehe immer ihr Bild auf Emma's
Schreibtisch mit Widerstreben an. Es ist etwas in den schnen, regelmigen
Zgen, in den durchdringenden Augen, was mich schon darum erbittert, weil in dem
Gesicht Ihr ganzer letzter Brief, Sophie! geschrieben steht. So beurtheilt, so
fat ein herrschschtiges, einseitig beziehendes Gemth Menschen und Handlungen
auf. Ich kann mir denken, was Sie tglich aus einem Munde hren mssen, dessen
schmerzlich verzogene Winkel mehr Unzufriedenheit als Schwermuth ausdrcken. Wo
sich so viel strenge Absonderung offenbart, da kann nichts in natrlichem
Zusammenhange, in nothwendiger Folge gedacht werden.
    Sagen Sie doch, wenn Ihre Freundin weniger abhngig von gewissen
Erdenvortheilen war, wrde sie es bersehen haben, da sich Niemand weniger als
Hugo zu ihrem Schwiegersohn pate? Wem wirft sie nun den Migriff vor? dem
Grafen? Emma? Mein Gott! wann war die Jugend frei von Verblendung? Und nun, da
die Schiefgestellten schief stehen, was zeigt sie mit Fingern darauf, und macht
die Welt zum Zeugen ihrer Verkehrtheit?
    Es ist nicht zu lugnen, es ist wahr, es ist nicht wie es sein sollte mit
dem ungleich zusammengewrfelten Paare. Aber, wenn dies Beide fhlen, und sich
die peinliche Gemeinschaft, Jeder wie er kann, erleichtern, soll man sie nicht
gewhren lassen? Geht die Oberhofmeisterin von dem Grundsatz aus, sie knne auch
Gemther nach ihrem Willen umschaffen, so wird sie hier viel Unheil stiften. Der
Graf verehrt sie, aber er ist unbiegsam gegen ihre Eingriffe.
    Sie sehen hieraus, liebe Sophie! so wie aus frhern Mittheilungen, da ich
mit den Verhltnissen, wie mit der Sinnesart Ihrer jungen Freunde sehr vertraut
bin. Ich hielt nie mit meinem Urtheile zurck. Ich verschwieg Ihnen nicht, da
mir Hugo den Eindruck umfassender, groartiger Geisteskraft, ungewhnlicher
Tiefe und Klarheit gemacht hat, da ich ihn bewundern, verehren, und auch da an
ihn glauben mu, wo ich ihn nicht immer verstehe. Dies sagte ich Ihnen lngst.
Meine Briefe sind voll von ihm und Emma. Noch krzlich mssen Sie die
ausfhrlichsten Berichte ber jeden Umstand in dem Leben auf der Burg erhalten
haben, was sollen nach dem Allen, Ihre dringend an mich gerichteten Fragen? Was
rufen Sie mich auf, unbefangen und offen zu sein? Weshalb gedenken Sie meinem
letzten Ausspruche mehr Glauben zu schenken, als dem frhern?
    Ist denn irgend etwas Verstecktes, Zweideutiges in meinen Worten? Warum
sucht man bei mir nach etwas Anderm, als ich gebe?
    Ich werde mir selbst ganz unverstndlich. Auch Eduard wgt, mit und
ergrndet, was ich thue und sage. Er ist von bler Laune, seit der letzten
Reise. Mein verlngerter Aufenthalt auf dem Lande war ihm nicht recht. Und dann
die milungene Darstellung auf dem Theater zu Ulmenstein! Der Schatten einer
Lcherlichkeit reicht hin, ihm den Himmel zu trben. Die Grfin hat ihm den Spa
ungeschickt vorgetragen, ob absichtlich? oder durch Zufall? ich wei es nicht,
aber gewi ist es, ihre Gunst fr mich hat einen Sto erlitten, und in dem Falle
kratzen Leute ihres Schlages, wenn sie liebkosen. So finden sich denn viele
Unannehmlichkeiten auf meinem Wege, denen ich nicht mit der gewohnten Heiterkeit
begegnen kann, da es nicht schwer ist, abzusehen, wo sie hinaus laufen werden.
Eduard sucht Ursache an mir, um Georg fremder Leitung bergeben zu knnen. Er
hat das lngst gewnscht, doch traut er nicht, damit hervor zu treten. Jetzt ist
er unzufrieden mit dem Kinde, er findet es vernachligt, er sucht den Grund
davon in meinem getheilten Leben auf dem Lande.
    Ein Geistlicher ist schon gefunden, der bei uns einziehen, und mir den
Knaben abnehmen soll, wie Eduard sich ausdrckt. Abnehmen! Das Wort konnte nur
ein Geschftsmann finden, dessen lastende Wirksamkeit die Liebe ausschliet.
    Ich habe nichts darauf erwiedert, ich lasse es geschehen. Aber ich wei, da
mit dem Ri das Leben vollends auseinander fallen wird!
    Und in diesem Augenblick Ihr Brief! Sophie! Sie dachten nicht, da Sie ihn
schrieben, da er in schlimmer Stunde bei mir eintreffen wrde!
    Ich habe seitdem gegen einen fatalen Unwillen in mir gekmpft. Es ist nicht
so leicht, als es die Philosophie vorschreibt, sich verkannt zu wissen, und es
gromthig zu bersehen!
    Doch jetzt, da ich wieder einmal Abschied nehmen soll, mein Herz mir wehe
thut, ich mich unbeschreiblich nach Ihnen sehne, jetzt wird es mir leicht;
Sophie, ich wei nichts mehr von Allem, wodurch Sie mich krnkten.

                                Hugo an Heinrich


Du hast mich fters aberglubisch gehalten, weil ich auf gewisse prophetische
Winke in der Natur achte, sie in der Erinnerung festhalte, mit sptern
Ereignissen zusammenfge, und neue Belege fr meine Theorie der innern
Verwandtschaften darin suche. Unsere Discussionen bekehrten weder Dich noch
mich. Du hast keine Vorstellung in Dir von der Herrschaft verborgener Wirkungen.
Das Organ dazu fehlt manchem Menschen. Ich kann es Dir nicht geben, eben so
wenig, wie Du mir die Ueberzeugung von einem Dualismus des Weltregiments
wegraisonniren kannst. Mein Gefhl sagt mir es nur zu deutlich, da ich
abwechselnd Sclav und Herrscher bin, da auer meinem Willen noch ein anderer
Wille ber mich bestimmt. Ob der Streit immer Streit bleiben soll? Ob er eine
Vermittlung finden kann? und welche das sein wird? Mein Theurer! das ist die
Region des Unerforschlichen. Wir streifen daran, aber wir knnen nicht hinein.
In manchen Augenblicken zwar, wenn Du ein Wesen so recht, so berschwenglich
liebst, dann ist, dann mu Dir sein, als wre die Vermittlung lngst geschehen.
Doch la das! la das!
    Ich will Dich auch nicht fr meine Ansicht gewinnen, ich will Dir nur etwas
erzhlen, was mir auffiel, was mich beschftigt. Vor ein Paar Tagen kehrte ich
Abends allein zu Pferde von einer Ausflucht nach der Stadt zur Burg zurck. Es
war noch nicht eben allzu spt, doch der Jahreszeit gem, dunkel. Als ich mich
dem Walde, durch den mein Weg fhrt, nahte, ging, wie bestellt, der Mond auf. Er
stand im blulichen Nachtdunst voll und feurig auf dem Scheitel hoher
Wolkenberge. Ich ritt langsam. Die Luft war mild. Eine dnne Schneedecke lag am
Boden. Unter den Bumen, tiefer ins Dickicht hinein, entdeckte ich Spuren von
Wild. Ich lenkte einer schmalen Hgelreihe am See, der Wall benannt, zu. Dort
hat sich aus einem einsiedlerischen Pltzchen des Comthurs, zwischen dichten
Schwarztannen versteckt, erst ein Haus, dann eine Meierei, zuletzt das
Besitzthum einer ehemaligen Vertrauten gebildet.
    Landleute, Reisende, auch das benachbarte Jgervolk besuchen von Zeit zu
Zeit die Tannenhuserin. Ich ziehe fters ohne Umstnde mein Pferd dort in den
Stall, wenn ich Lust habe, mich auf Rehe und Hirsche einige Stunden auf den
Anstand zu stellen. So geschah es auch heute.
    Als ich ber den Hof zurck ging, begegnete ich dem Burschen, der mit zwei
andern Pferden an mir vorber tappte. Ich rief ihm zu, das Meinige gut zu
warten, ohne mich um sonst etwas zu bekmmern. Nachher fiel mir's wohl ein, wer
noch so spt hier angekommen sein mchte? aber es beschftigte mich weiter
nicht. Eine Strecke weiter hin ist der Wall, wo er das eigentliche Ufer des
See's bildet, mit uralten Buchen besetzt. Die dichtgereihten Bume verschlingen
ihre hochgewlbten Kronen zu einem weiten, hallenartigen Dome zusammen. Gewisse
Ideenverbindungen legen den Gegenstnden oft eine Art Heiligkeit bei. Ich bin
hier jedesmal auf unwiderstehliche Weise wie festgebannt. Es giebt da eine
Stelle - kurz nach meiner Ankunft in dieser Gegend sah ich hier - genug! die
Stelle ist mir lieb. Ich suchte sie unvorzglich auf, blieb an einen der
Baumstmme gelehnt, und dachte, meine Beute kommen zu lassen.
    Inde verga ich bald Jagd und Wild und was damit zusammen hngt.
    Der See lag zwischen den schneeigen Ufern blau und klar vor mir. In seinen
leise bewegten Spiegel tauchte der Mond, wie eine herabgefallene Feuerkugel.
Unwillkhrlich suchte der Blick oberhalb nach dem ruhigeren Lichte. Die
aufgethrmten Wolkenschichten hatten sich auseinander gethan. Ein schwarzer
Streif umsumte die Grnze des Horizonts, whrend leichte Dnste, in allerlei
Gestalten zerflieend, den Himmel mit unzhligen Bildern beseten. Es ist nicht
zu glauben, was das Auge Alles sieht, wenn es, sich vllig selbst berlassen,
bei einem Gegenstande verweilt!
    Heinrich, ich lie so Unsgliches an mir vorbergehen. Die duftigen Umrisse
schrieben eine ganze Geschichte auf das blaue Feld ber mir nieder.
    Wer verlor sich nicht einmal in das Treiben der Wolken! Ich htte
stundenlang so stehen und die Riesenkpfe mit unfrmlichem Bart und Nase, die
fliegenden Engel mit weit ausgebreiteten, mchtigen Fittigen, die monstrusen
Thierlarven betrachten, belachen, bewundern knnen! Gott wei, weshalb mir ein
Ding, das wie ein vierrdriger Wagen aussah, so besonders auffiel! Er rollte,
wie aus tiefem Abgrunde, hinter den schwarzen Streifen hervor, und fuhr, von
schneidendem Windzuge getrieben, sausend ber das leuchtende Firmament an dem
Monde vorber, der zerschnitten und zermalmt unter den Rdern verschwand.
    Es war ganz deutlich ein Wagen. Ob Pferde oder andere fabelhafte Creaturen
ihn zogen, kann ich Dir nicht sagen, allein, eine Gestalt mit gehobenem Arme,
drohend, oder auch nur das Fahrzeug lenkend, stand mehr ber als in demselben.
Es war ein Weib mit lang flatterndem Schleier. Je hher das Wolkenbild
heraufzog, je mehr dehnten sich die Massen ins Ungeheuere. Wagen, Schleier und
menschliche Gestalt thrmten sich bald zu einem Gebirge zusammen, durch dessen
duftige Kuppe der Mond pltzlich wie ein groes, gewaltiges Auge hindurch sah.
    Mein Blick heftete sich immer fester auf die majesttische Erscheinung.
Trieben nun Zufall oder Phantasie ihr Spiel mit mir? genug, ich glaubte mitten
in dem Dunstknuel die alten Umrisse des Wagens wieder zu erkennen. Aber dieser
war jetzt dunkel und scharf, und sah eher wie ein Kasten, ja fast wie ein Sarg
aus. Ich schauderte unwillkhrlich bei dem Gedanken; da sagte eine Stimme unter
mir: Um Gottes Willen, mache er, da wir anlegen. Zugleich hrte ich den
verdoppelten Schlag nahender Ruderer. Nicht lange, so rauschte es im Rohr. Ein
Kahn ward am Ufer befestigt Ich trat weiter vor. Ein Mann mit schwerer Brde auf
dem Rcken stieg zuerst ans Land. Ein keifendes, zorniges Weib folgte ihm mit
einiger Schchternheit. Komme Sie nur getrost, alte Marthe! sagte der Mann.
Sie sieht, wir sind auf dem Trocknen. Was will Sie mehr? Hier herum ist auch
ein gutes Wirthshaus, worin es immer Narren genug giebt, denen Sie Ihre
Hexenknste vormachen kann. St! St! flsterte das Weib, den Kopf in die
Schultern gezogen, den Finger drohend gehoben. Bei Leibe nichts von Hexen,
sagte sie heimlich. Den Leuten wrde sonst bange vor mir. Der Name thut es
Ihr nicht, Marthe, lachte ihr Begleiter, indem er den schweren Kasten, den er
trug, gegen einen Baum stemmte, und einen Augenblick ausruhte. Laufen doch so
schon die Kinder, wo Sie sich nur sehen lt, drum fliegt Sie auch mit den Eulen
erst Nachts aus. Er kicherte bei den Worten selbstzufrieden. So treffen wir
doch einmal zusammen, entgegnete sie spitz. Es war gut, da Er noch spt bei
den Comtessen in Ulmenstein zu thun hatte. Nun machen wir den Weg mit einander.
    Hat Sie denn der Mutter und den Tchtern aus dem Kaffeegrunde prophezeiht?
fragte der Mann, in welchem ich jetzt einen, in der Gegend umherstreifenden
Hausirer, mit Namen Walter, erkannte. Oder, fuhr dieser fort, mute Sie ihnen
die Karten legen und die Freier anrcken lassen? Nichts von allem dem,
brummte jene kopfschttelnd. Und wr's auch, was geht es Ihn an! Die Paar alten
Kleider, die ich von den hbschen Kindern in den Kauf kriege und spottwohlfeil
wieder verkaufe, die thun seinem Verkehr keinen Abbruch.
    Spottwohlfeil, hhnte sie Walter. Geh' Sie doch, Alte! wir kennen uns!
Ihre Schliche sind weltbekannt. Aber erzhle Sie einmal, hat Sie es nicht
auspunktirt, wird aus der Heirath mit dem jungen Baron etwas?
    Hm! entgegnete Marthe, in einem Tone, als wolle sie sagen, da ich eine
Nrrin wre, und es ihm wissen liee. Sie wandte sich zugleich ab, und ging ein
Paar Schritte tiefer in den Wald hinein.
    Bleibe Sie doch! rief Walter. Sie wei ja hier herum keinen Bescheid, und
die schmucke, feine Tannenhuserin lt Sie in dem Aufzuge schwerlich ein, wenn
ich Sie nicht begleite.
    Dieser letzte Zusatz machte, da ich die Frau genauer ins Auge fate. Ein
groer Hut und die zunehmende Dunkelheit versteckten ihr Gesicht. Doch war dem
Hute selbst, mit seinem verbrauchten Putz von bunten Blumen und schlaffen,
eingeknickten Federn, das widrig Fratzenhafte ihrer ganzen Erscheinung auf den
ersten Blick anzusehen. Wahrscheinlich mochte sie die, in Ulmenstein erhandelten
Herrlichkeiten nicht bequemer haben fortbringen knnen, als auf dem eigenen
Krper. So hatte sie dann den fremden Staat bergeworfen, und streckte nun die
nackten, gemeinen Hnde, die auf einem knotigen Bettelstabe ruhten, aus Flor,
Stoff und anderm farbigen Modetand hervor. Eben so ragten ihre schlecht und grob
beschuheten Beine weit unter den kurzen, auf zierliche Figrchen angepaten
Rcken heraus. Es war ein rasender Anblick! Sie blieb auf Walters Ruf stehen. Er
schickte sich an, ihr zu folgen. Ich schlich hinten drein.
    Im Stalle drben, wo ich mein Pferd abholen wollte, fand ich jetzt noch die
beiden Vorerwhnten. Wer ist von Fremden drinnen im Hause? fragte ich den
Burschen. Der junge Baron von Wildenau, war die Antwort. Der Baron? rief
ich, was will der hier? O er besucht uns fter, entgegnete jener. Er macht
es, wie der Herr Graf, er lt sein Pferd hier, und streift in der Gegend
umher. Sonderbar! dachte ich, da wir uns nie begegneten. Ich ging mechanisch
nach dem Hause. Die Wirthin kam mir entgegen. Sie hat immer ein eigenes
Zimmerchen fr mich frei. Heute waren zwei Gste darin, jener Leontin von
Wildenau und ein Geistlicher. Ich begrte beide, und sagte, um etwas zu sagen:
Hier neben im Zimmer befindet sich eine Carricatur, wie sie nicht toller
ersonnen wird!
    Das Ungewhnliche reizt in Jedem die Neugier. Der Baron ffnete in demselben
Augenblick die Thre nach der anstoenden Gaststube. Hier sa nun die alte
Marthe so buntscheckig ausstaffirt, da ich sie mit lautem Gelchter begrte.
Auf das Gerusch wandte sie den Kopf nach mir hin. Sie sah nur aus einem Auge,
mit halb wahnwitzigem, halb pfiffigem Blick, der Mund war nach einer Seite
verzogen, so, als lchelte sie schalkhaft, whrend das graue, verschrumpfte
Gesicht etwas Weinerliches hatte. Ich stand mit unterschlagenen Armen dem
widrigen Geschpfe gegenber. Sie kam mir wie ein Spuk vor, der dem Sarge
entschlpft, mit den Lappen der Narrheit geschmckt, von der Welt nicht
loskommen kann.
    Leontin hatte sich sogleich mit den trocknen Worten: Ich kenne das! zu dem
Geistlichen zurck gewandt.
    
    Der Hausirer nherte sich mir. Mein festgewurzelter Blick auf die fremde
Erscheinung mochte ihn zu einer Erklrung ber diese auffordern. Es ist zu
Zeiten nicht richtig mit ihr, flsterte er mir ins Ohr. Eine Liebschaft, aus
der nichts ward, spterhin Einsperrung und Krankheit haben sie gestrt.
    Wer ist sie? fragte ich, eben so leise, ohne gleichwohl die Augen von ihr
abzuwenden. Was treibt sie sich Nachts so unstt umher? hat sie kein bleibendes
Obdach?
    Walter belehrte mich: sie sei eines Grtners Tochter aus der Residenz, habe
Blumen ausgetragen, und durch diese und ein hbsches Gesicht, Zutritt in
vornehmen Husern gefunden. Was sie dort sah und hrte, reizte sie ber die
Maaen. Reichthum und Glanz dnkten ihr beneidenswerthe Gter. Sie fing an, sich
herauszuputzen. Ein Theil ihres Verdienstes ging damit hin. Die Eltern verdro
das; sie zankten mit ihr. Aus Aerger, und da sie lngst auf ein besseres Glck
hoffte, hing sie sich vollends an einen Mann, der ihr Kleider, Ringe, Bnder und
andere Narrenspossen, aber nie seine Hand gab. Pltzlich war er fort. Sie hrte
nichts weiter von ihm. Die Eltern hatten aus Schaam ber die Tochter Stadt und
Gegend verlassen. Marthe blieb, wie ausgesetzt in die Welt, allein zurck.
Anfangs suchte sie einen Dienst in guten Familien zu bekommen. Ihr
verrtherischer Putz, von dem sie nicht lassen konnte, erweckte Mitrauen, die
Thren blieben ihr verschlossen. Gram und Noth hatten sie angegriffen. Sie
wollte sich zu den Eltern hinbetteln. Aber sie vermochte es nicht, die Krfte
versagten ihr, auch hielten sie die Stadt mit ihrem immer noch lockenden
Gerusch, den Kutschen und Pferden, prchtigen Husern und geputzten Leuten,
fest. Sie wankte wie ein Schatten zwischen dem Allen hin, und nhrte sich von
Almosen. An einem heien Sommermorgen sank sie erschpft auf die Stufen eines
kleinen Ladens nieder. Eine Jdin, welche Trdelkram fhrte, von Versatz und
Borg lebte, verschmitzt war, Jegliches zu benutzen wute, und eben eine Magd
brauchte, die mit geringem Lohn und kargem Unterhalt zufrieden sein mute, hatte
nicht sobald den Fu auf die Treppe gesetzt, und die ohnmchtige Person
erblickt, als sie diese aufrttelte, sie angebrannte Federn und Knoblauch
riechen lie, und mit Hlfe eines Handlangers von der Strae in ihre Wohnung
trug.
    Hier, so schlo Walter, ist Marthe so lange geblieben, bis sie, nach dem
Tode der Israelitin, deren Gewerbe allein fortfhrte, und, obgleich nach jener
Ohnmacht mit verzerrten Gesichtszgen und wirren Gedanken einhergehend, hat sie
doch den Ruf einer klugen Frau, oder gar Prophetin in solchem Maae behauptet,
da sie von Vornehmen besucht, in angesehene Huser beschieden, und oft ihre
List zu geheimen Zwecken benutzt wird.
    Was macht sie denn so berhmt? fragte ich, mit dem Scheine der
Unwissenheit ber die verbotenen Knste des Weibes. Der Hausirer zuckte die
Achseln. Er wiederholte, was er dieser schon im Walde vorgeworfen hatte. In
einem Anfall guter Laune sagte ich: Nun, so kann sie ja gleich ihr Talent
zeigen. Walter sah mich berrascht an. Um Ihren Spa damit zu haben, lchelte
er. Natrlich! entgegnete ich, ob mir gleich der Gedanke an etwas Spahaftes
ganz unvertrglich mit dem Anblick des gespenstigen Wesens dort drben am Tische
schien.
    Hier geht es aber nicht, raunte mir mein Nachbar zu. So ffentlich darf
sie es nicht treiben. Befehlen Sie, so will ich sie nach einer Weile in das
kleine Zimmerchen hier neben fhren, Sie schlieen dann die Thre ab, und - -
    Es ist ein Kobold in uns, Heinrich, der lustig aufspringt, wenn man ihn von
Auen anruft! Der grillenhafte Schelm war gleich in mir bereit, Walters
Vorschlag einzugehen. Er hatte Ja gesagt, ehe ich noch die nchsten
Schwierigkeiten berlegte. Der Baron und sein Begleiter waren lstige Zeugen bei
dem Possenspiel. Entfernen konnte ich sie einmal nicht, und sie in mein
Interesse zu ziehen, schien mir zu langweilig fr die geringe Ausbeute des
Spaes. Gleichwohl mute das letzte versucht werden. Ich trat daher mit den
Worten zu Leontin: Sie haben ohne Zweifel von den Knsten gehrt, die der
Nrrin drinnen den Ruf einer Prophetin erwarben. Ihr verrcktes Wesen ist mir
verdchtig. Ich wittre dahinter mehr Absicht als Krankheit. Ich wre neugierig
zu sehen, wie sie es anfngt, gescheute Leute hinters Licht zu fhren. Deshalb
habe ich sie hierher zu uns ins Zimmer beschieden. Geben Sie Acht, wie verblfft
sie sein wird, wenn ihre List nicht glckt.
    Ich hatte kaum geendet, so trat Walter mit seiner Begleiterin herein. Der
Geistliche schien verlegen. Dem Baron war die Sache lstig, das sah man ihm an;
doch wute er nicht sogleich loszukommen. Inde fragte Marthe ziemlich mrrisch:
was sie hier solle? Ich sagte es ihr. Sie lachte. Ich bemerkte, da sie unruhig
nach dem Geistlichen hinschielte. Dieser sah ernsthaft, doch nicht unwillig aus.
Jetzt stellte ich mich an einen Tisch neben die zaudernde Pythia. Sie zog darauf
ein schmutziges Spiel Karten aus der Tasche, das sie Mhe hatte, mit ihren
drren, krummen Fingern auseinander zu bringen. Ich empfand groen Eckel daran,
und bat sie, das Schicksal auf andere Weise zu befragen. Es schien ihr nicht
recht. Inde sagte sie auf kurze und abstoende Weise: Gleichviel! worauf sie
ein Ei und ein Glas Wasser forderte. Als ihr beides gebracht ward, gab sie mir
das Ei, hie mich, es gegen das Glas zerschlagen, und den Dotter
hineinzuschtten. Ich that, wie ich geheien ward. Im Augenblick bildeten sich
allerlei Gestalten im Wasser, die mir meine heutigen Himmelsbeobachtungen
lebhaft hervorriefen; neugieriger als zuvor, was die Sibylle daraus machen
wrde, sah ich mich forschend nach ihr um. Sie war sehr roth im Gesicht, eine
finstere, hliche Falte auf der Stirne zog sich immer tiefer zusammen,
ungeduldig wischte sie das blitzende, wilde Auge, sah mich dann zornig an, und
sagte halb verwundert, halb bse: das sind lauter Teufeleien! Was soll das
vorstellen, he? war das Wasser unrein? Oder - sie stellte die Lichter anders.
Sind das geweihte Kerzen? Wollt ihr mich zum Narren haben?
    Walter beruhigte Marthe ber alle geusserte Zweifel. Sie schttelte den
Kopf. Der Baron war sehr aufmerksam geworden. Er trat nher zum Tisch. Ich
winkte ihm lachend zu, da sie mit ihrem Latein zu Ende sei. Marthe bemerkte es.
Sie schob mit verbissenem Ingrimm das Glas von sich, und machte Miene, das
Zimmer zu verlassen.
    So wird es also heute nichts? sagte ich. Sie antwortete nicht. Ich hielt
ihr einen Thaler hin, hie sie einpacken, und ihrer Wege gehen.
    Sie drckte aber meine Hand und das Geld rgerlich zurck. Geduld! rief
sie. Ich werde es schon sagen, wenns Zeit ist.
    Leontin kmpfte mit Neugier und Unwillen zugleich. Der Geistliche blieb ohne
alle Theilnahme. Er hatte ein Fenster geffnet, und sah, als ob er Jemand
erwarte, nach der Strae hinaus. Marthe rusperte sich jetzt. Nun, lachte sie
triumphirend, da haben wir es ja, wollen Sie es hren?
    Sie sah erst Leontin, dann mich an. Es schien, als ob sie uns beide
verwechselte, denn ohne, da ich etwas erwiederte, fuhr sie ausschlieend gegen
mich gewendet, fort: Es ist nichts als Unruhe und Wechsel in Ihrem
Schicksalszeichen. Nehmen Sie sich in Acht. Es steht Ihnen eine groe
Vernderung bevor. Sie werden das Ihrige ber kurz oder lang mit dem Rcken
ansehen, und wie Sie mit Kutsch' und Pferden frher in ein groes Schlo
einzogen, so flchten Sie dann unstten Fues daraus. Der Wittwerflor hngt an
Ihrem Hute, und doch haben Sie zwei Frauen zugleich. Wenn das Gestirn des Wagens
ber Ihrem Hause steht, dann ist die Entscheidung nahe. Die, welche Ihnen die
Nchsten sind -
    Genug! rief ich unangenehm erschttert, ich will nichts mehr hren. Sie
blickte mrrisch nach mir um, runzelte die Stirne, sah dann wieder in das Glas,
und brummte: Es ist ohnedies vorbei. Alles fliet wieder zusammen. Ich kann
nichts mehr unterscheiden. Aber, was gewi ist, bleibt doch gewi, die
Zwietracht sitzt an Ihrem Heerde, und wenn Sie die Glocke wieder neun schlagen
hren, wie jetzt, hat sie Ihnen schon manches Lied gesungen.
    Der Baron hatte seit einer ganzen Weile ber die Schultern der Alten weg, in
das flockige Gebrue hinein gesehen. Sie bemerkte es erst jetzt. Was machen Sie
hier? rief sie scheltend. Sie haben auch wohl Ihre Hnde mit im Spiele?
    Ich lachte unwillkhrlich ber seine Verlegenheit. Lachen Sie nicht!
schrie sie widrig, mit einem verwnscht pfiffigen Gesicht.
    In dem Augenblick ward eine fremde Stimme im Nebenzimmer laut. Der
Geistliche schlo das Fenster, und sagte, indem er mit freundlicher Verbeugung
an uns vorber ging: Verzeihen Sie, es erwartet mich hier Jemand.
    Marthe hatte im Nu ihre Habseligkeiten zusammengepackt, meinen Thaler
genommen, und sich aus dem Staube gemacht.
    So blieben Leontin und ich allein. Wir waren beide unbequem mit einander. Er
ist niemals von vielen Worten, und jetzt, sichtlich durch meine Gegenwart
gedrckt, fehlte es ihm auch an dem Unbedeutendsten. Mich hatte sein Antheil an
dem ganzen Vorgange frappirt. Ich war begierig, den Grund davon herauszubringen,
und deshalb auf dem Punkt, ein Gesprch mit ihm anzuknpfen, als ich den
Prsidenten, Elisens Gatten, dicht nebenan sagen hrte: Hier also? Nun, lassen
Sie mich ihm meinen Dank abstatten. Somit ffnete er die Thre, und stand, in
Begleitung des Geistlichen, vor mir. Meine Anwesenheit mochte ihn berraschen,
er grte flchtig, fast obenhin, wandte sich dann zum Baron, gegen den er mit
Wrme eines Dienstes erwhnte, welchen ihm dieser so eben geleistet haben mute.
Aus dem Verfolg des Gesprchs erfuhr ich sodann, da der Geistliche ein lngst
erwarteter Aufseher und Fhrer von Elisens schnem Knaben, Georg, war; da
Leontin diesen empfohlen, hierher begleitet, und dem Prsidenten zugefhrt
hatte.
    Des Barons Mitwirken in einer Angelegenheit, die Elisen Kummer machte, fiel
mir gerade in diesem Augenblick um so mehr auf, als bis jetzt hiervon nichts
verlautete, folglich geheim getrieben ward, und ziemlich nach einer
Vertraulichkeit mit dem Manne, auf Kosten der Frau schmeckte. Mich kmmert
dergleichen sonst sehr wenig. Husliche Angelegenheiten, so oder so gestellt,
gehren immer zu den Plackereien, die getragen sein wollen, es verschlgt daher
eben nichts, ob die Last um ein Gran schwerer oder leichter wiegt. Es war auch
nicht das, es waren, ich wette, die letzten Worte des Weibes, die etwas Fremdes
in meine Seele geworfen hatte. Ich fhlte dies wie einen Stachel darin stecken.
Es brannte mir hei im Herzen, als ich den Vater, mit aller Umstndlichkeit
eines weitschweifigen Pedanten, von dem Knaben sprechen, und sein Dasein von dem
der Mutter ablsen hrte.
    Ich sage Dir, Heinrich, es wurden hier Grundstze der Erziehung entwickelt,
die einen Menschen rasend machen knnen. Meine arme Freundin wird darber
untergehen! Ihr zartes Innere, durch die materiellen Handhaben abstrakter
Pdagogik verletzt, kann dem Gedanken nicht Raum lassen, da, je rger das Joch
pret, je schneller rstige Schultern es abwerfen. Sie selbst bewegt sich so
leicht und frei in der hellen Sphre schuldloser Gefhle, ihre Gedanken
schwingen sich zu seltener Hhe, nirgends beengt eine der tausend knstlichen
Grnzen den Flug ihres schnen, reichen Gemthes; und wie sie unbewut die
angewiesene Bahn verfolgt, so lt sie auch, auf die natrlichste Weise von der
Welt, das kleine Seelchen ihres Lieblings die heitern Rume mit durchfliegen.
Der Knabe ist ein Seraph, und so zu ihr gehrig, wie das Morgenlftchen, das die
goldene Aurora umspielt. Denke Dir nun diese beiden Menschen von den eisernen
Klammern harter Regeln umspannt. Denke Dir das abgeschlossene Mu und Soll,
gegen den freien Flgelschlag harmloser Willkhr. Athme nur einen Augenblick in
der Region der Gte und Liebe, und siehe dann das Chaos auf einander gethrmter
Gebote unter Dir, betrachte den finstern Fhrer, der am harten Strick das mde
Lmmchen durch all die Windungen sich nachzieht, hre die tonlosen, leiernden
Worte von brechen des Eigenwillens, von Demuth, blindem Gehorsam; la den
Geistlichen noch ber das Thema zerknirschter Herzen und Abtdtungen des
Fleisches sein Pensum hersagen, und dann begreife, wie mich das Alles zur Thre
hinaus, unter Gottes freien Himmel jagen, die Brust mit Wehmuth, den Kopf mit
unruhigen Bildern fllen mute. In dieser Stimmung stoe ich auf die
Tannenhuserin, die mir vor dem Hause begegnete. Sie grte, fragte nach dem
Befinden des Comthurs, und setzte hinzu, wie ihr der Baron ber dasselbe gute
Nachricht gegeben.
    Der Baron war also heute drben auf der Burg? unterbrach ich sie.
Allerdings! war die Antwort. Und, wie ich hre, sind der geistliche Herr von
dort in des gndigen Herrn Begleitung hierher gekommen. Die Frau Grfin haben
denselben empfohlen, verschrieben, wie ich nicht anders wei.
    Heinrich, mir stieg das Blut nach dem Kopfe. Emma, dachte ich. Hat sie ihre
reinen Hnde in dem heimlichen Spiele? Wie kommt sie dazu, mit Leontin
gemeinschaftlich gegen den Wunsch der armen Elise zu wirken. Es sah alles so
abgekartet, so versteckt aus. Dazu kam das verabredete Zusammentreffen gerade in
dem entlegenen Winkel hier, man wollte das Ansehen der Theilnahme vermeiden. Der
Prsident mute bei Nacht und Nebel den Aufseher ber Frau und Kind auf
geheimnivolle Weise in Empfang nehmen. Ich war dabei ein sehr unberufener, ja
unbequemer Zeuge. Ging Leontins berraschter Blick etwa hierauf, als Marthe ihm
vorwarf, die Hand in dem verderblichen Spiele zu haben? Hexe! rief ich in mir,
indem ich mich verdrlich aufs Pferd schwang, und nach der Burg ritt.
    Ich wei nicht, was mir Alles whrend meines Rittes durch den Wald im Kopf
spukte? Genug, ich sah zum erstenmale um mich, als ich etwa tausend Schritte vom
Schlosse, am Fue des Berges, anhielt. Der breite Weg, welcher in
Schlangenwindungen auswrts fhrt, ward scharf vom Mondlichte bezeichnet, bis
ihn zuletzt eine dunkle Tannengruppe verdeckt, und man seiner erst dicht an der
Terrasse des Gebudes wieder ansichtig wird. Sehr natrlich fiel mein Blick, als
auf den hellsten Punkt der Landschaft, dahin, doch mit seltsamem Schreck fuhr
ich zusammen, da gerade in demselben Moment ein Wagen hinter der schwarzen Decke
der Bume hervorrollte, und vor der Burg hielt. Ich wute sogleich, wer darin
sa, eben deshalb schallten mir Marthens Worte: Die Zwietracht sitzt an ihrem
eigenen Heerde, wie ein Echo aus dem Walde zurck. Ich raffte mich zusammen,
eilte nach Hause, fand meine Schwiegermutter, und mit ihr ein Heer ngstlicher
Rcksichten, kalten Formen und lauernden Anspielungen. Ich bin wie gelhmt, das
Dach des Schlosses drckt mit Centnerlast auf mich.
    Es ist eine Schwle in den Mauern, als msse die Flamme jeden Augenblick
aufschlagen.
    So war es heute und gestern! Wer wei, wie es morgen sein wird?
    Heinrich! Heinrich! die Fden, die unser Geschick lenken, laufen wahrhaftig
nicht so einzeln durch das Leben.
    Lebe wohl! ich sehe einem Unwetter entgegen.

                                 Elise an Hugo


Sagen Sie, was Sie wollen. Sie waren gestern nicht natrlich! Wenn ich vor so
manchem Gesicht eine Maske dulden mag, so ist sie mir bei Ihnen unertrglich.
    Was wollten Sie mit der erzwungenen Redseligkeit, mit der ironischen,
frostigen Laune sagen, die Niemand, am wenigsten die Klugen der Welt tuscht?
Fr wen spielten Sie Comdie? Hugo!
    Es hat mich verdrossen. Ich wollte mit Ihnen reden. Deshalb trat ich zu
Ihnen ins Fenster. Sie wichen mir aus. Ihr Gehirn war in jener hpfenden
Bewegung, die den Witz berall Seitensprnge machen lt, und das Gesprch in
Brocken zerstckelt. Eine Stimmung, die zu der meinigen durchaus nicht pate.
Fhlten Sie nicht, oder wollten Sie es nicht fhlen, da mir etwas auf dem
Herzen lag, was herunter mute?
    Was ist ein Freund, wenn er den Klang der beengten Seele in einem stummen
Luftzuge, ohne Echohall, zu uns zurckschickt?
    Ich habe Kummer. Sie sollten es wissen. Der dnne, blasse, stumme Caplan,
der mir wie ein Gespenst nachschleicht, und auf den Fersen sitzt, sobald sich
Georg zu mir flchtet. Eduards blindes Vertrauen zu ihm, die peinlichen
Tischgesprche, der Zwang, mit dem Menschen meinen Tag zuzubringen, seine
Begleitung auf Spatziergngen und Fahrten dulden zu mssen, wenn ich das
gengstete Kind nicht martern lassen will; dies und noch unendlich Vieles, was
damit zusammenhngt, was auf die Zukunft hindeutet, was mir nur zu gegrndete
Sorge giebt, sollten Sie von mir hren. Ich kann nicht mit Ihnen lachen. Sie,
hoffte ich, wrden mit mir denken, wie dem frostigen, pressenden Einflusse auf
das frohsinnige Kind, so wie auf mich, entgegen zu wirken sei? Aber mit nichts
konnte ich Sie fassen, Hugo! nicht meine Bitten, nicht mein Unwille. Wo waren
Sie mit Ihrem Selbst, da ich Sie nicht zu finden wute? Es giebt einmal nichts
Unbequemeres fr mich, als Besorgnisse hegen zu mssen. Mit dem Schmerz nehme
ich es eine Weile auf. Entweder ich besiege ihn, oder ich ergebe mich darin, und
will nichts mehr, als die Dinge so gehen lassen, wie sie wollen.
    Ehe es aber so weit kommt, giebt es viele Mittelzustnde, in denen dem
Menschen allerlei zugemuthet wird, was er sich nicht gefallen lassen darf;
Widersprche aus Unsinn und Vorurtheil erzeugt, an denen sich unser Scharfsinn,
wie die Kraft des Strkern prfen soll. Aus diesem Grunde biete ich auch deshalb
alles auf, dem Steine auszuweichen, den mir das Geschick entgegen rollt, und
stoe ich doch darauf, so berspringe ich ihn. Stehen bleiben und mig klagen,
kann ich nicht. Die Ueberzeugung, da gegen jedwedes Uebel ein Mittel zu finden
sein msse, hat es mir noch niemals an einer passenden Auskunft fehlen lassen.
Warum bin ich aber jetzt so ganz ohne Zuversicht und Klarheit? Den Caplan
entfernen, hie gegen den Strom im Moment der Brandung schwimmen wollen. Ihn
dulden und unschdlich machen, dazu gehrt ein anderer Charakter, als der
meinige. Wen ich nicht von selbst gewinne, der bleibt fr mich verloren.
Berechnen kann ich weder mich noch Andere. Das Leben gehen lassen, ist in vielen
Stcken gut, allein hier kann zu Vieles untergehen, ehe die Natur ihr stilles
Recht behauptet.
    Was ist also zu thun?
    Schaffen Sie Rath, Hugo! Auf Sie zhle ich in meiner Angst. Wissen Sie auch,
von woher mir der Schlag kam? Aus Ihrem Hause! Dem Oheim und der Nichte verdanke
ich diese Zugabe meines Hauskreuzes. Tadeln Sie inde Niemand. Beide handelten
nach bester Ueberzeugung. Ihnen fiel es nicht ein, meiner Ueberzeugung zu nahe
treten zu wollen.
    Emma schrieb mir zugleich das hbscheste Briefchen von der Welt ber die
Schritte, welche in der Sache geschehen waren. Ich lege es Ihnen hier bei,
hinzusetzend, da es mir brigens so spt berkam, da fr mich nichts mehr zu
thun blieb.
    Sehen Sie! so sndigt Emma gegen mich, ohne eine Ahndung davon zu haben.
    Wie Vieles wre noch darber, wie Vieles ber das Nichtverstehen der
Menschen zu sagen. Allein, ich mu Ihnen ja dies schon schreiben. Sie sind nicht
zu erreichen, seit Sie den Weltmann in der Stadt und den vornehmen Schloherrn
auf der Burg spielen. Wie Ihnen das schlecht steht, und wie fremd Sie mir
erscheinen!
    Knnten Sie einen Augenblick finden, der Sie, in Ihren grauen Mantel
gehllt, unscheinbar und bescheiden zu meiner Thre brchte, ich wrde glauben,
Sie seien wieder Sie selbst, um mit Ihnen reden, denken, berlegen und ruhig
sein zu knnen, wie sonst.
    Gute Nacht! Ich bin mde, ich habe geweint, und doch wei ich, ich werde
nicht schlafen. Mir liegt Vieles im Sinn.

                                 Emma an Elise


                      (Im vorigen Briefe eingeschlossen.)

Ich ward verhindert, diesen Morgen zu Ihnen zu kommen und Ihnen mitzutheilen,
was Sie vor allem Andern wissen sollen.
    Liebe Elise, es war gestern in den Zimmern des Comthur die Rede von Eduard's
Wunsche, einen Erzieher fr ihren lieben Knaben zu finden. Er hatte dem Baron
Wildenau den Auftrag gegeben, ihm einen solchen suchen zu helfen. Die Wahl
dnkte diesem schwer. Der Oheim wandte sich an mich, und rief mir einen Mann ins
Gedchtni, der mir von dem Lehrer und Freunde meiner Jugend empfohlen worden.
Einen bessern Frsprecher konnte sich so leicht Niemand rhmen. Ich erwog einen
Augenblick, in wie fern ihre Anforderungen mit den Leistungen jenes jungen
Geistlichen zusammen treffen mchten? fand gleichwohl, da eine edle Geburt,
feine Erziehung, frhere gnstige Stellung zur Welt, Bekanntschaft mit dieser,
wie mit den Wissenschaften, der junge Mann zu Georgs Begleiter sich eigene, und
schwerlich ein passenderer in diesem Augenblicke zu finden sei. Deshalb nur, und
weil der Baron selbst der Ueberbringer meines Schreibens sein wollte, entschlo
ich mich, ohne erst Ihre Einwilligung abzuwarten, der des Prsidenten war ich
gewi, den Schler meines alten Lehrers hierher zu bescheiden, und es dann Ihrer
Bestimmung zu berlassen, auf welche Weise er bei Ihnen eingefhrt werden soll?
    Bin ich voreilig gewesen, so verzeihen Sie es dem Eifer, Ihnen und dem
lieben Georg, von den wenigen wahrhaften Diensten, die in der Gewalt
wohlmeinender Freunde stehen, den Wesentlichsten leisten zu wollen.

N. S.
    Eduard war bei mir. Er wute schon Alles durch Leontin, und bernimmt es,
Ihnen dies Briefchen zuzustellen.

                                 Hugo an Elise


Sie schelten mich. Sie sind unzufrieden mit mir. Hier lobt man mich. Emma's Auge
strahlt vor Freude, sie sieht mit einer Art Triumph von mir zu ihrer Mutter hin.
    Wer von Beiden kennt mich nun am besten?
    O lassen Sie diese Frage unbeantwortet! Es hngen an der einen, unzhlige
andere, die, einmal ausgesprochen, Herz und Seele mit herausreien, dem Leben
ein Ende machen, oder es anders gestalten mten!
    Ich komme nicht zu Ihnen, Elise. Auch nicht auf Ihr dringendes Gebot.
Urtheilen Sie darnach, wie unmglich es mir sein mu. Unmglich! ja ja! Belachen
Sie den Ausdruck nicht. Ich spreche nicht in Rthseln. Noch ein einziger, kurzer
Schritt, und die Fluth treibt mich, wohin ich nicht will, wohin kein Auge
reicht, was kein Maa, keine Grnze kennt. Elise, hrten Sie nie - Gott nein! -
Der bodenlose Abgrund verworrener Begriffe liegt tief, tief unter der Region, in
der Sie athmen. Genug, ich komme nicht. Ich schreibe Ihnen. Endlich ist Ruhe um
mich. Sie schlafen, die mich mde hetzten, und mir nicht einmal den Schlaf
lassen knnen. Sie haben ihn mir schon lange, lange geraubt!
    Es ist tiefe Nacht. Sind wir endlich allein, Ganz allein, Elise? dunkle
Schatten liegen, wie Wchter, um die Freistatt der Gedanken. Sind wir auch hier
der Welt und ihren Gesetzen verfallen? Giebt es keine Ewigkeit in der Zeit, und
kann die Sehnsucht niemals, niemals den Kerker sprengen, der Geister von
Geistern trennt? Wie ertragen wir denn den Tod unserer Lieben? was schleichen
wir zu ihren Grbern und rufen Bilder der Vergangenheit in die Gegenwart zurck?
Ist das stille Hinbergleiten von einer Welt in die andere nichts, als ein
suptileres Phantom der Einbildungskraft? Stoen wir berall, auch in uns nur auf
Tuschungen, die den Drang des Innern mit Phantasmen hinhalten, wie Kinder in
einer gespielten, die erwartete Welt vorausleben?
    Sei es, ich trume denn also, und sehe Sie, und rede mit Ihnen im Traum.
    Was aber darf ich Ihnen sagen?
    Die Nacht verwirrt mich. Ich will den Morgen abwarten, der Brief soll
unvollendet bleiben.
    Er wird kein Ende finden! Wo soll ich aufhren? Vielleicht htte ich besser
gethan, niemals anzufangen. Jetzt! - Ja so, Sie wollten wissen, was ich von dem
Caplan halte? Mein Gott! lassen Sie den guten Mann nur immer machen. Weder
dieser noch ein anderer, ich versichere Sie, erzieht den Menschen. Das sind
alles handwerksmige Uebungen. Lehrjahre hat ein Jeder. Das mu sein. Der
Knstler wird geboren. Das Genie giebt und nimmt sich nicht. Und was das Wecken
und Ersticken desselben betrifft, so halte ich von dem nicht viel, das nicht
strker wre, als ein mechanisches Band. - Der Widerspruch lehrt zuerst
sprechen, und zugleich denken. Gleichviel, was augenblicklich fr Resultate
daraus entstehen! Man mu dabei nicht allzupeinlich verweilen. Ein wenig Trotz
hebt Kopf und Nacken in die Hhe. Der Blick lernt dieselbe Richtung finden.
Zuletzt fllt dann das eigene Maa kurz genug aus, wenn man es vergleichend an
Ideale legt. Man lernt Andere dulden, weil man sich Vieles verzeihen mu. Sie
kennen ja meine Theorie ber die einzigen Ausgleichungsmittel im Leben. Gte und
wohlwollende Achtung fr die Freiheit Anderer. Ich be lieber von der meinigen
ein, als jene zu beschrnken. Machen Sie es auch so. In der Regel kann man, bis
zu einem gewissen Punkt, ber Vieles lachen und es gut sein lassen.
    Ich lache jetzt oft, und deshalb auch letzthin bei unsrer lauernden
Nachbarin. Danken Sie mir das, Elise. Htte ich dem Ernst sein Recht eingerumt,
jener gewisse Punkt wre vielleicht nicht unberhrt geblieben, und dann wre
mehr, als die losen Schlingen des Scherzes zerrissen worden.
    Hten Sie sich, schne, arglose Seele, aus der Region heiterer Unbewutheit
herauszutreten. Noch bewache ich die Grnzen. Drngen Sie mich nicht von meiner
Stelle. Ich bitte Sie, fragen Sie nicht zuviel. Ich habe schon mehr erfahren,
als gut ist; die Binde ist mir von den Augen genommen, und kein Gott kann den
Traum seliger Blindheit wieder herstellen.
    So weit hatte ich geschrieben. Ich wollte Ihnen das Blatt mit dem Frhesten
schicken. Die Gelegenheit mit dem Marktschiffe dnkte mir zu langsam. Einen
Augenblick hatte ich den Gedanken, selbst nach der Stadt zu reiten und den Brief
in Ihrem Hause abzugeben. Ich lie auch wirklich mein Pferd vorfhren, warf mich
darauf und sprengte davon. Doch war ich noch nicht weit gekommen, als ein mir
nacheilender Reitknecht ein Billet von Emma berbrachte, in welchem sie mir
anzeigt, da, gleich nachdem ich die Burg verlassen, ein frstlicher Jger mit
der Meldung dort eingetroffen sei, der Frst hege den Wunsch, in den umliegenden
Forsten zu jagen, und sage sich zu dem Ende, zu einem Frhstcke auf dem
Schlosse an.
    Mir blieb natrlich nichts anders brig, als umzukehren und die
erforderlichen Vorkehrungen zu treffen.
    Sehen Sie, Elise! Fesseln, die den Menschen zum Sclaven gemacht haben, ehe
er es noch einmal recht wei, werden immer durch unabwendbare Verhltnisse
geschmiedet. Was diese entstehen lt? was sie durch einander bedingt? das liegt
auerhalb menschlicher Berechnung. Es hat sich eins auf ungefhre Weise
gebildet, und der Ring ist sogleich geschlossen, der unsere Freiheit umspannt!
    Die Jagd ist nichts als ein Vorwand. Der Frst sucht die Oberhofmeisterin
hier auf, weil es nicht das Ansehen persnlicher Beziehung zu ihm haben soll.
Und doch existirt diese Beziehung. Sie hat etwas vor. Sie nimmt den Einflu des
lngst gekannten Freundes in Anspruch. Mit mir will sie etwas. Ich sehe sie von
Weitem kommen! Schon lange dreht sie das Seil. Jetzt hofft sie, die Schlinge zu
schrzen!
    Von hier fort, in Thtigkeit will sie mich wissen? deshalb die vertrauliche
Annherung des Frsten, das zwanglose lndliche Beisammensein! Der Weg soll
gefunden werden, der geradezu auf meine Eitelkeit losgeht. In das eigene Netz
will man mich verwickeln. Sie hat sich verrechnet. Der Springer im Schachspiel
durchkreuzt wohl auch einmal den Gang der Knigin. Ich wei das! ich fhle mich!
und dennoch, wenn es zu einer offnen Erklrung kme - wenn ich reden mte - was
wrde da Alles laut werden? wohin kann ein Wort das andere fhren!
    Und Sie werfen mir vor, den Weltmann in der Stadt, den Schloherrn auf der
Burg zu spielen. Ahnden Sie denn gar nicht, was mein Spiel verdeckt und abwehrt?
- - - -
    Ein Tag voll unruhigen Umhertreibens, voll lstiger Geschftigkeit ist nun
vorber! Es ist wieder Nacht, die Stunden laufen ab, die Zeit wechselt, das
Leben rckt nicht vor, ich stehe auf dem alten Fleck. Entsetzliches Bewutsein!
Es jagt mir das Blut mit Hllenangst durch die Adern! Wie das noch werden soll!
Der Frst ma mich heute ein Paarmal mit seinem seitwrts fallenden Blick, der,
bei aller Flchtigkeit doch auf Kundschaft ausging. Welche Spur hat man ihm nur
gegeben, da er so zuversichtlich darauf fortgeht? Im Uebrigen that er ganz
unbefangen, war gesprchig, und ganz auf der Jagd. Er ist ein gewandter Schtze.
Ich uerte das mit bescheidenem Lobe. Er lchelte. Ja, sagte er darauf, es
war immer mein Lieblingsvergngen, deshalb erlaube ich mir es nur selten. Es
kann leicht zur Leidenschaft werden; und vor nichts hege ich mehr Furcht, als
vor einer solchen Haustyrannin, die man am eignen Heerde gro zieht!
    Er schwieg, allein hier eben war es, wo sein Blick mich suchte. Ich that,
als bemerke ich es nicht, indem ich den Gegenstand fallen lie, und nur neue
Veranlassung suchte, der eingestandenen Neigung Vorschub zu leihen. Er ging
einen Augenblick in meinen erweiterten Jagdplan ein, doch bald nachher bemerkte
er, das fhre zu weit. Man drfe nicht so allein an sich denken. Oben auf der
Burg erwarteten uns die Damen und der wrdige Comthur, wir seien ihnen
Rcksichten schuldig, er wolle nicht das Ansehen haben, solche gering zu achten.
Elise, ich bi mir in die Lippen, so lcherlich war mir der frstliche
Sittenprediger, den man bis unter Gottes freien Himmel an mich abgeschickt
hatte.
    Es mochte inde hingehen. Wir fuhren nach Hause. Unterwegs lobte er den
Wald, die Gegend, fragte nach dem neuen Bau drben auf Wehrheim, drang deshalb
in mich, wollte Alles wissen, und schlo dann unter lautem Lachen mit der
Bemerkung, da ich schlecht bei mir selbst zu Hause sei. Ich fhlte den Stich,
verschmerzte ihn aber, da er nichts Wesentliches in mir verletzte. So lachte ich
mit ihm, vielleicht mehr von Herzen, als er. Nach und nach rckte er denn heran,
sprach von umfassender Thtigkeit, ffentlichem Leben, dem Interesse an
Staatsverhltnissen, nannte das groe Lgennetz: die Politik, das eigentliche
Gewebe des Scharfsinns, und meinte, der schlaue Jger finde hier erst ein
gerumiges Feld, sein Wild aufs Korn zu nehmen.
    Jetzt wute ich, wo man hinaus wollte. Zum Glck hielten wir bereits an der
Schlotreppe. Meine Antwort blieb ich ihm schuldig. Er wird sie mir schon noch
abfordern. Doch sei es wann und wo es wolle, die Wahrheit soll er gewi hren.
    Gott behte mich vor neuen Ketten! Als wenn ich nicht schon an den jetzigen
schwer genug zu tragen htte. Meine Schwiegermutter ist seitdem von der besten
Laune. Sie geht in Jedes ein, was ich sage, giebt mir Recht, theilt ganz meine
Ansichten. Was hat das anders zu bedeuten, als da mein Urtheil gesprochen ist,
und sie dem harten Ausspruch einen milden, bestechlichen Klang einhauchen
mchte. Elise! geben Sie Acht, das ist der Stein, an dem Vieles zerschellen
wird!
    Ich breche kurz ab. Es hat sich ein Bote gezeigt, der das Schreiben noch vor
Ihrem Erwachen zur Stadt trgt. Ich lag im Fenster. Es dmmerte kaum. Da hrte
ich schon von ferne die weit ausgreifenden, taktmigen Tritte eines gebten
Fugngers. Nicht lange, so ging Jemand dicht an dem Hause entlang. Ich beugte
mich vor. Walter! rief ich halblaut. Die groe, gebckte Gestalt fr diesen
haltend. Ja! antwortete der Wandrer, was giebts? Seid Ihr's, Walter?
fragte ich noch einmal. Dieser nickte mit dem Kopfe, ohne etwas zu erwiedern.
    Was habt Ihr denn Eiliges hier zu thun? lachte ich, ohne mir etwas dabei
zu denken. Hier schlft noch Alles, Handel und Wandel wird um diese Stunde
nicht getrieben. Ist auch nicht meine Absicht, entgegnete der Hausirer. Ich
gebe nur gelegentlich einen Brief an die Frau Grfin ab. Ich komme drben von
der Tannenhuserin, und gehe hinunter nach Wehrheim, um von dort mit dem
Marktschiffe nach der Stadt zu gelangen. Das Schreiben ist von dem Herrn Caplan,
er hat es, ich wei nicht wie, unsrer Wirthin zur weitern Befrderung zustellen
lassen.
    Walter hatte sich whrend dem auf einen Stein gesetzt. Ich hie ihn da
warten, bis ich hinunter kommen wrde. Ich habe nun diese Zeilen
niedergeschrieben, ich fge nichts hinzu; aber - wie ein Zug dunkler Nachtvgel,
schwirren widerwrtige, verworrene Vermuthungen an mir vorber. Emma! - der
Caplan! - Der geheimnivolle Weg ihrer Mittheilung! - O die Geistlichen sind so
verschlagen, und die Tauben so zahm! so zum Abrichten gemacht!
    Ich verlasse Sie in einer sonderbaren Stimmung. Nein, Elise! nein, ich
verlasse Sie nicht, niemals, ich bin Ihr Freund, mehr als jemals! Ich begleite
Sie wie Ihr Schatten. Sein Sie ruhig, ich bitte Sie! Es ist nichts! Ich bin bei
Ihnen, verlassen Sie sich darauf.
    Ich eile zu Walter hinunter. Ich werde ihm den Brief vom Caplan abnehmen,
ich will ihn Emma selbst geben! Sie ist wahr, sie kann - doch leben Sie wohl!
Leben Sie wohl, Elise!

                        Die Oberhofmeisterin an Sophie!


Wundern Sie sich nicht, da ich mir so viel Zeit lie, ehe ich an Sie schrieb?
Nur wenn Sie hier wren, wrden Sie es verstehen, wie ich zu dieser
Enthaltsamkeit kommen konnte.
    Es ist nicht leicht, Worte zu finden, wenn man nicht wei, was man denkt
oder fhlt? Sehen Sie, jede andere wie ich, wrde hier ruhig, und leidlich
zufrieden sein. Ich bin es nicht, ich kann es nicht sein, ob ich gleich gestehen
mu, da ich Niemand einen Vorwurf zu machen habe, noch etwas Bestimmtes tadeln
kann. In den ersten Augenblicken nach meiner Ankunft war ich vllig geblendet.
Htte ich Ihnen da geschrieben, Sie wrden triumphiren. Es war Nacht, als ich
den Fels hinan, zu dem erleuchteten Burghofe einfuhr. Die groe Ampel ber dem
Steinbrunnen, die hohen Tannen, zwischen denen sie schwebt, das Licht selbst so
magisch ber die besondere Architektur ausgegossen, und Emma endlich, schner
als je, unter den gothischen Bogen, auf der gewundenen Treppe stehend, hinter
ihr der Comthur, imposant wie immer, durch Gestalt und Haltung, ich sage Ihnen,
ich war berrascht, durch das Neue und Sonderbare des Anblicks. Mich selbst, und
was mich hierher trieb vergessend, rief ich schon, ehe man mich hren konnte:
Willkommen, willkommen, liebe Kinder! Bei dem ersten Laut meiner Stimme fllt
sich der Hof mit Menschen und Lichtern; Emma strzte an den Schlag des Wagens,
sprang auf den Tritt desselben, und lag in meinen Armen, in einer Bewegung, die
ihr Sprache und Besinnung raubte. Ich fhlte, ich hrte die Schlge ihres lieben
Herzens, das meinige brach fast vor Entzcken. Inde war Hugo auch
herabgekommen, er hob mich aus dem Wagen, und fhrte mich und Emma zum Schlosse
hinein.
    Mit stummer Rhrung drckte er unsere Hnde in den seinen. Es erschtterte
ihn sichtbar, uns so einander wiedergegeben zu sehen. Er hat an Behutsamkeit, an
Feinheit des Betragens gewonnen, man fhlt, er kennt seine Stellung, und dabei
hat er nichts von jenem Besondern verloren, das unsre Frstin, die Schwingung
eines tiefen, melancholischen Accordes nennt. Sie wissen! ich bin nicht fr
Schwrmereien der Art, inde mute ich mir, wenn auch widerstrebend,
eingestehen, da man Hugo nicht nahet, ohne in eine ungewhnliche, denkende und
nachempfindende Stimmung zu versinken. So flohen die ersten Stunden hin, inde
mich, was ich sah und hrte, immer mehr erregte, immer williger machte, die
neuen Eindrcke mit Feuer und Bewunderung aufzunehmen. Ich fordere auch
Besonnenere als ich bin, auf, ungeblendet von dem Reiz des rhrendsten,
lieblichsten Wesens, der einzigen, ber alles geliebten, nach langer Trennung
wiedergefundenen Tochter zu bleiben. Sie selbst, von Freude strahlend, mitten im
Glanz der sonderbarsten, erhabensten Umgebung glcklich, die Frstin ihres
Kreises, darin gebietend und herrschend mit dem Zauber einer Fee; sie so zu
sehen, und auf die Plackereien, das Geznk und Gewsch miserabler Flachheit
zurck zu blicken, den Mastab der Beurtheilung von da herzuholen, kurz, zu
wissen, was man frher wollte! Ach ich athme nun, wie in andrer Luft! Ich htte
schwren knnen, mir wre nie ein Zweifel ber die vollkommene Zufriedenheit
Emma's in den Sinn gekommen.
    Der feierliche Ernst des Comthur, zu welchem er schon in der Jugend eine
leichte Anlage hatte, und der ihm nun zur andern Natur geworden sein mag,
stemmte sich zuerst gegen die raschen Ausbrche meiner sorgenfreien Laune. Ich
stie mich so zu sagen an ihm, und in der unangenehmen Empfindung, die auf so
etwas folgt, sah ich mir den Mann, den Ort, die Menschen bestimmter an. Ich
sprte leicht die Spannung heraus, die sich an gewissen Tagen ber husliche
Verhltnisse, ber Personen und deren Art und Weise verbreitet. Emma kam mir
ngstlich, Hugo nicht natrlich, der Oheim unsicher zwischen beiden vor. Es ist
unglaublich, wie das leiseste Verrcken des Gesichtspunktes, sogleich Blick,
Gedanken, Gefhl, Stimmung in uns anders macht! Ich wurde nachdenkend wie der
Comthur. Es half diesem wenig, da er gleichgltige Gesprche mit Feinheit und
Anmuth zu beleben suchte, als sei zwanglose Heiterkeit hier einheimisch, ich
hatte es bald weg, man war bemht, mich zu unterhalten, und jedweder hatte dazu
seinen Festtagsrock angezogen.
    Das ist im Ganzen auch so geblieben, nur werden wir nach gerade der
Spielereien berdrig. Hugo sieht manchmal aus wie die stumme Verzweiflung.
Emma berbietet sich dann in Gesprchigkeit und launigen Anekdoten, sie lacht
und erzhlt, aber ihr Lachen jagt mir das Blut ins Gesicht, ich schme mich in
ihre Seele, da sie gezwungen ist, eine Rolle vor mir zu spielen, die ihres
Mannes hlzerne Leblosigkeit sehr schlecht untersttzt. Und ich, Sophie, soll
unschuldig genug sein, dahinter nichts anders zu suchen, als Eigensinn und
Laune? Nein, ich spiele mit! und gehe, wie alle Andere, frei hinter den
Coulissen hin und her. Es steht da noch Mancher, der frhe oder spt in die
Scene treten wird. Bis zur Entwickelung sind wir noch nicht gelangt, denn die
Fden der Intrigue laufen kraus durch einander.
    Der Intrigue? Ja, ja! ich bin gewi, da sie existirt, da sie sich unter
Emma's Augen angesponnen und gebildet hat, da sie es sieht, es wei und duldet,
um nur den Undankbaren nicht zu stren, der unser Aller Elend machen wird. Darin
liegt der Schlssel ihres Betragens, deshalb die Anstrengungen unheimlicher
Frhlichkeit, denen weder ihre innere noch uere Kraft gewachsen ist.
    Das ist es, Sophie, was ich herausfhlte. Zu bemerken, zu entdecken ist hier
nichts. Dazu sind Alle in stillschweigender Uebereinkunft zu einig, denn sie
wissen, da man demjenigen, den man ans Licht ziehen will, unter der
knstlichsten Verkappung nachsprt. Doch finden sich auch willige Hnde, die
unversehens den Finger ausstrecken, und hinzeigen, wo man sehen soll.
    Unsere Grfin in Ulmenstein ist in solchen Fllen von unzuberechnender
Dienstfertigkeit. Ich war kaum auf der Burg angekommen, so kam sie auch. Meine
Laune stimmte schlecht zu solchem Besuch. Mute ich hier gleich auf eines der
lstigen Geschpfe stoen, die in ihrer faden Wichtigkeit schon so breite Pltze
am Hofe und in der Stadt einnehmen! Mit der stummen Hflichkeit, die Sie mir
unzhlige Male vorwarfen, parirte ich den Andrang unbequemer Geschwtzigkeit,
mit der die bewegliche Frau auf mich zurannte. Sie ward nicht einen Augenblick
irre. Ohne im Mindesten von ihrem Eifer abzulassen, hatte sie mich in Kurzem, zu
meiner Strafe und ihrem Triumph, in das Netz ihrer Worte verstrickt. Ich bte
jetzt meine frhere Gleichgltigkeit durch die stechendste Neugier. Urtheilen
Sie nur, wie ich aufhorchte, als sie unter endlosen Faseleien und ewigem Kichern
auf die spahafteste Weise von der Welt bemerkte: Es sei ein wahres Werk der
Barmherzigkeit, da ich gerade in diesem Augenblicke hierher gekommen sei; ihre
Trauer um die arme, liebe Tante, wie sie mit pltzlich vernderter Miene und
einem kleinen Anflug slicher Wehmuth hinzusetzte, ihre Trauer fele sie jetzt,
als verstndige und alles berlegende Frau, in Ulmenstein, die ganze
Nachbarschaft sei verdet ohne sie, die Burg ebenfalls ausgestorben, da die
husliche Emma die Einsamkeit zu sehr liebe, um selbst nur ihren Mann nach der
Residenz begleiten zu wollen, wohin ihn doch sehr natrlich unzhlig kleine und
grere Verpflichtungen alle Augenblicke riefen.
    Ihre lchelnde Stimme lief hier in die unangenehmste Feinheit aus. Ich
arbeitete an meinem Tapisserie, whlte unter den bunten Knueln, hielt die
Farben zusammen, zhlte und berechnete Stiche und Fden, whrend das Blut schon
unruhiger in mir wogte, doch hielt ich es zurck, ich lchelte ebenfalls, und
erwiederte in demselben Tone: Es ist auch sehr schn hier im Schlosse, ich
begreife, da man sich sehr ungern daraus entfernt.
    Ja, bei Gott! sehr schn, rief sie emphatisch aus. Wer wei das nicht?
Aber man mu doch auch ein klein Bischen uneigenntzig denken, und die brige
Welt nicht ganz ber seine Lieblingsgensse vergessen. Werden Sie es glauben,
lachte sie hier wieder auf eine schneidende Art, da die bse kleine Frau ber
einen Monat nicht ein einzigesmal bei mir zu Mittag gegessen hat? Immer war
entweder der Graf im Begriff, abzureisen, oder er sollte eben an diesem Tage
wieder kommen, und so geizt die zrtliche Gattin mit jeder Minute, die sie der
Mue ihres beschftigten Freundes abstehlen kann, da sie uns andern armen
Leuten auch keine einzige davon aufopfern will.
    Sie sind sehr gtig, erwiederte ich, ber meine Arbeit gebeugt, und die
Augen auf dieser hin- und hergehen lassend, um nur die Schwtzerin nicht
anzusehen. Sie sind sehr gtig, meine liebe Grfin, sich soviel um die
Undankbare zu bekmmern, die nur einer alten, bsen Gewohnheit der
Bequemlichkeit nachgiebt, wenn sie die rcksichtsvolle Ehefrau spielt. Wie oft
mag sie dem guten Hugo einen Ritt oder eine Fahrt nach der Stadt andichten, um
nur ihre Trgheit zu entschuldigen.
    Das nicht! das nicht! fiel die Grfin lebhaft ein. O! ums Himmels Willen,
demthigen Sie mich doch nicht so sehr, hier eine bloe Ausflucht zu suchen, wo
ich ein besseres Motiv voraussetze, das meiner Eitelkeit weniger empfindlich
ist. Nein, ich wei, die liebenswrdige Emma weicht meinen Einladungen nicht
ohne Grund aus.
    Es blitzte bei diesen Worten so ein gewisses, rasches, gelbes Licht aus
ihren kleinen, beweglichen Augen, da ich, unwillkhrlich zu ihr aufsehend,
davon auf das Unangenehmste berrascht wurde. Es war keine Frage, sie deutete
auf etwas hin, das sie nicht gesonnen war, mir verbergen zu wollen. Mir lag aber
daran, es nicht durch sie zu erfahren, deshalb drckte ich meine Hand leise auf
ihren Arm, indem ich so wenig trocken als mglich sagte: Ich sehe wohl, Ihre
Freundschaft fr Emma macht Sie eiferschtig! Sie rechten selbst mit Hugo, dem
Sie die Minuten nachzhlen, welche er in der Gesellschaft seiner Frau verlebt.
    Die Grfin ward hier sehr roth, und half sich mit ihrem gewohnten Lachen.
Nach einer Weile trat der Comthur ins Zimmer. Die Grfin war honigs mit ihm.
Er lie sich das nicht ungern gefallen. Es ist keine Angelruthe so abgenutzt,
da nicht die Eitelkeit der gescheutesten Mnner zu gewissen Zeiten anbisse.
Jetzt wurden wir neu bestrmt, in den nchsten Tagen nach Ulmenstein zu kommen.
Ich verwahrte mich dagegen wie ich wute und konnte, doch zuletzt mute ich es
geschehen lassen, da die Einladung auf den folgenden Mittag angenommen ward.
    Man hat ein Vorgefhl von dem, was einem treffen wird. Ich hatte es, als ich
in den Wagen stieg, um die Fahrt zu machen. Mir war diese an sich hchst fatal.
Ein Diner auf dem Lande gehrt zu dem Widersinnigsten, was ich kenne. Da, wo
alle Ostentation entfernt sein sollte, erscheint sie doppelt lcherlich. Man ist
nicht geneigt, sie sich gefallen zu lassen. Man will und verlangt etwas anders,
und wird verdrlich, immer das Alte zu finden.
    Es lie sich, nach der Persnlichkeit der Grfin, auf die Prtentionen ihrer
huslichen Einrichtung schlieen. So etwas stt mich ab. Ich legte in keiner
Epoche meines Lebens Werth auf das Vorbergehende, und wenn ich bertriebene
Modesucht schon bei der Jugend unnatrlich finde, so dnkt sie mir im Alter die
Schminke der Dummheit und Leerheit zu sein.
    Ich suchte den Grund meiner Scheu vor dem Besuch in Ulmenstein in dieser
natrlichen Abneigung gegen unpassende Knsteleien. Wir saen auch schon eine
Weile bei Tisch, ehe ich mich besinnen konnte, und bewut ward, was mich
eigentlich auf unbegreifliche Weise beklemme. Zufllig begegnete ich Emma's
Blicken, welche mit einem sonderbaren Ausdruck von Befremden, bald auf Hugo,
bald auf Ihrer Freundin, der soviel besprochenen, schnen Prsidentin ruhten.
Schneller wie der Blitz stand das Gespenst vor mir, dessen dunkle Nhe mich
gengstigt hatte. Sie war es, diese pomphaft angekndigte, gepriesene Dame der
Gedanken des Oheims, und nur zu wahrscheinlich auch der des Neffen. Dieser hatte
seinen Platz weit von ihr, auf derselben Seite der Tafel genommen, wo ich mich
befand, sie sa mir gegenber. Beide hatten noch nicht ein Wort mit einander
gewechselt. Emma hingegen berhufte sie mit Herzlichkeit. Was bedeutete das
Alles? Was sollten die langen, fragenden Blicke jetzt entdecken?
    Ich fate, von da, den verdchtigen Gegenstand schrfer ins Auge. Die Frau
ist schn, und fast bis zum Unscheinbaren einfach. Sie hatte den Comthur an
ihrer Seite. Er unterhielt sie mit groer Lebhaftigkeit, ohne gleichwohl ihre
Aufmerksamkeit fesseln zu knnen. Sie schien zerstreut, und wie mir es vorkam,
in einer nachdenkenden, bekmmerten Stimmung. Hugo, der alle Schleusen seines
witzigen Humors ffnete, hatte sich in Kurzem der Unterhaltung bemchtigt. Er
beherrschte, wie es ihm wohl zuweilen glckt, die ganze Gesellschaft, und lie
sie nach Gefallen lachen und sich verwundern. Elise sah ein paarmal mit groem
Ernst nach ihm hin. Der Ausdruck ihres Gesichts trug die Spuren schmerzlicher
Ungewiheit.
    Ich ward immer gespannter. Das Herz klopfte mir laut in der Brust. Mein
Gesicht verrth augenblicklich, was in mir vorgeht. Emma hatte schon alles
darauf gelesen, ich sah es ihr an, auch bemhte sie sich, mich anderweitig zu
beschftigen. Ein junger Baron Wildenau dnkte ihr werth, von mir beachtet zu
werden. Sie verflocht uns in ein Gesprch, wozu meine Rckkehr aus Italien und
seine frheren Reisen dahin, natrlich Veranlassung gaben. Ohne unhflich zu
sein, konnte ich mich dem nicht entziehen. Der junge Mensch hat berdem so was
Ungewhnliches, das interessirt. Sein dunkles Gesicht zeichnet sich durch
Regelmigkeit der Zge, und lange, schwarze Augenwimpern aus, die wie ein
Schleier das ernste Gesicht beschatten, und zu der stummen Zurckgezogenheit
seines Wesens passen. Er spricht leise, bis zur Undeutlichkeit, so da ich mich
ganz zu ihm wenden und anstrengend hinhren mute, wollte ich nichts von dem
verlieren, was er Gutes und Gescheutes sagte. Hierzu kam, da die Grfin auf
jedes seiner Worte lauschte, sie mit Exklamationen der Bewunderung begleitete,
und fters ihre anderswo beschftigten Tchter zu gleicher Theilnahme aufrief,
weshalb denn der bescheidene junge Mann meist den Blick senkte, und mehr
allgemeinhin, als zu mir redete, was der Conversation etwas Drckendes gab.
Hierber hatte ich das, was mir eigentlich viel nher lag, aus den Augen
verloren.
    Die Tafel ward aufgehoben. Man zerstreute sich in den Nebenzimmern. Die
Grfin hielt mich bald beim Fortepiano fest. Ich sollte ihre Tchter singen
hren. Der Baron Wildenau, im ganzen Hause auf vertraute Weise, Leontin genannt,
mute diese begleiten. Er hat Kraft und Weichheit der Stimme, einen
italienischen Vortrag, Sinn und Gefhl, so da ich bei meiner unbegrnzten Liebe
fr Musik unwillkhrlich gefesselt ward. Die Grfin schwelgte in meinem Beifall.
Leontin soll ein Stckchen Erbschaft, das ihr entgangen, auf ihr Haus
bertragen, deshalb projectirt sie eine Heirath zwischen ihm und einer ihrer
Tchter. So lange er nicht Nein sagt, nimmt sie das Ja als entschieden an, und
fhlt sich in ihm geschmeichelt. Wie immer, berbot sie sich auch heute im
Eifer. Das Singen nahm kein Ende. Zuletzt dachte sie auch an das Talent Anderer.
Emma und Elise wurden aufgerufen. Die Letztere fehlte in dem Kreise, der sich
nach und nach um das Instrument gebildet hatte. Emma sprang mit einer Eile auf,
sie zu suchen, die ich an ihr sonst nicht kenne. Verwundert folgte ich ihr mit
den Augen. Sie schlpfte in eine Fenstervertiefung des nchsten Zimmers. Hugo
trat eben aus dieser heraus. Einige Minuten darauf folgten die beiden Frauen.
Die Grfin warf einen Blick des Einverstndnisses auf ihre Tchter, alle drei
lchelten verstohlen, sie umringten darauf Elise, zogen sie zum Clavier, und
hieen sie Emma und Hugo accompagniren. Mechanisch that jene, was man wollte.
Sie war weder verlegen, noch bemht, sich zu verbergen. Ganz mit sich und was in
ihr vorging beschftigt, lie sie die Finger Tne anschlagen, das Auge Noten
lesen, und andere daraus machen, was sie wollten. Emma stand inde mit
Fieberrthe auf den Wangen, hinter ihrem Stuhl; Hugo etwas weiter vor, mehr mit
den umzuschlagenden Blttern als dem Gesange beschftigt, hatte eines der
komischen italienischen Duos aufgesucht, das er zu allgemeinem Ergtzen auf das
Lustigste vortrug, worin ihn Emma mit einer Selbstverleugnung und Gewandtheit
begleitete, die mich einen Augenblick zweifelhaft lie, was ich hier am meisten
bewundern sollte. Von allen Seiten ergossen sich Lobsprche und schmeichelhafte
Ausrufungen. Der Graf verzog den Mund zu einem satyrischen Lcheln, trat dann,
wie Jemand, der sein Kunststck gemacht hat und abgefertigt ist, von dem
Instrument zurck. Leontin hatte nicht aufgesehen. Es lag etwas in seiner Miene,
zu dem ich wohl den Schlssel haben mchte.
    Von jetzt an war es um meine Ruhe gethan. Alle Kunst der Grfin reichte
nicht hin, die Verstimmung, welche immer ansteckender um sich griff, wieder zu
entfernen. In den Veilchenaugen der Prsidentin standen Thrnen. Sie blieb
befangen, ich fand sie weder so anziehend noch so ungewhnlich, als sie mir
geschildert ist. Ich sagte das der Grfin, als diese mich um mein Urtheil ber
sie befragte.
    Sie haben recht, entgegnete sie, es ist aber auch eine Vernderung mit
der Frau vorgegangen, von der man keine Vorstellung hat. Ich glaube, setzte sie
vertraulich hinzu, es sind husliche Unannehmlichkeiten, die jetzt manchen
Sturm veranlassen. Der Prsident hat ein Bischen den Herrn gespielt, und der
Fahrlosigkeit mit dem einzigen Kinde, einem bildschnen, aber unleidlich
verzogenen Knaben, ein Ziel gesetzt. Ein strenger Aufseher fr Mama und Sohn ist
angekommen, und irre ich nicht, so lockt dieser die Thrnen aus den schnen
Augen.
    Ach! entgegnete ich gelangweilt, es sind nicht die Domesticalien einer
fremden Familie, die meine Wibegier reizen, ich verweile einzig bei dem, was
ich sah, darber darf ich reden, das Uebrige interessirt mich wenig. Nun,
versetzte die Grfin, den Stich verschmerzend, ich mchte wohl wetten, sie
betrachten die Person nicht so angelegentlich um der bloen Persnlichkeit
willen, man denkt immer noch was hinzu, und bei dieser fllt einem Mancherlei
ein.
    Sie begleitete das Letzte wieder mit ihrem gewhnlichen Lcheln. Ich war nur
zu gewi, sie verstanden zu haben.
    Elise hatte sich inde entfernt. Sie eilte nach der Stadt zurck. Auch wir
brachen nun auf. Hugo war zu Pferde. Ich sah ihn den Abend nicht mehr. Er blieb
auf seinem Zimmer, doch erfuhr ich, da er mit uns zugleich im Schlosse
angekommen war. Es ist Bewutsein und Ueberlegung in dem Allen, und das ist ein
gefhrliches Zeichen.
    Die Nacht lie mich schlaflos in meinem Armsessel. Sie wissen, ich scheue
bei der leisesten Bewegung der Seele das Bett, wie eine Marterbank. In den
Falten der Vorhnge, in den Decken lauern all die hpfenden, beweglichen
Gedanken, die immer dichter, immer nher gegen mich anrcken, und mich zuletzt
ganz toll und verwirrt machen, bis ich aufspringe, und ein Lager fliehe, das
eingebildete und wirkliche Sorgen mit brennenden Nesseln bestreuen.
    Unzhligemale rief ich mir zurck, was ich heute gesehen und gehrt hatte.
Ich bemhte mich, es ruhig zu betrachten. Es konnte sein, da ich auf ohngefhre
Andeutungen zuviel gegeben, da ich Zuflliges in falschen Zusammenhang gebracht
hatte, es konnte aber auch anders sein. Und was denn? Sagen Sie doch, Sophie!
was denn? Ich gestehe Ihnen, es ffnet sich dabei ein Abgrund vor meinen Fen.
Vielleicht deshalb, vielleicht auch, weil mein Gefhl, mein Stolz, meine ganze
Natur widerstrebt, das Demthigendste, was es giebt, zu denken, denke ich es
noch nicht deutlich. Aber, aber! wenn -!
    Es ward mir aus Manchem klar, da ich meinen Verdacht hier sorgfltig
verbergen, und eben so unbefangen scheinen msse, als man es um mich her zu sein
bemht ist. Denn ein Wort, ein einziges Wort reicht hin, das ganze Gebude
knstlicher Harmonie zusammen zu strzen. Und wenn mein Argwohn grundlos wre,
Sophie! - Im Stillen arbeiten will ich inde, einen mglichen Ausweg zu bahnen.
Ich habe an den Frsten geschrieben. Selbst mochte ich ihn nicht in seiner
Residenz aufsuchen. Ich werde keinen Schritt thun, der in die Augen fallen
knnte. Man giebt mir ja in diesem Hause das beste Beispiel rcksichtsvoller
Besonnenheit, denn das wenigstens ist gewi, da Hugo seine ganze Lebensweise,
seit ich hier bin, verndert hat. Denken Sie doch nur, nicht ein einzigesmal hat
er das Schlo in dieser ganzen Zeit verlassen. Wie kommt er zu dieser
Sttigkeit, wenn er mich nicht irre zu machen gedchte?
    Wte ich nur, was er die Nchte ber treibt. Seine Zimmer sind unter den
meinigen. Ich hre ihn stundenlang gehen, die Fenster ffnen und schlieen,
zuweilen sprechen. Mit wem spricht er? Irre ich nicht, so sah ich ihn neulich
ber die Brcke dem Walde zuschreiten. O die geheimen Wege haben nur ein dunkles
Ziel.

                                                            Mehrere Tage darauf.

Der Frst war hier. Er ging sehr geschickt in das ein, was ich ihm nur andeuten
konnte. Eine Jagd in den hiesigen Forsten mute ihm zum Vorwande seines Besuches
dienen. So kam er denn Allen unerwartet, auer mir. Haben Sie eine Vorstellung
meines Schreckens? Er wei, er wei mehr, als ich zu ahnden wagte. Ja, ja,
Sophie! Ihre Freundin steht entlarvt vor der Welt. Jedes Kind kennt ihr
Verhltni zu Hugo. Man lacht darber, wie man immer den pfiffigen Betrug als
einen Gegenstand der Kurzweil betrachtet. Alles in mir glht! ich habe die
witzigen Ausflle des Frsten bestritten, weil ich das Ridicul wohl fhle, das
auf mich und Emma dadurch fllt. Aber fort mu Hugo von hier! Und wre es auch
nur des Anstandes wegen. Der Frst sieht das ein. Der Schlag wird nchstens
geschehen. Unvorbereitet soll er Alle treffen. Den Comthur denke ich inde zu
schonen. Ich bin begierig auf die Unterredung mit ihm.
    Da ich krank bin, da ich Zimmer und Bett hte, denken Sie wohl von selbst.
Doch sterben, sterben werde ich jetzt nicht, das darf nicht sein. Tavanelli, der
junge Caplan, von dem ich Ihnen einmal schrieb, ist hier, ist im Hause der
berhmten Circe. Emma ist seine Beschtzerin. Wnschen Sie mir Glck zu dem
Funde. Ich will ihn nicht ungenutzt lassen.
    Leben Sie wohl. Mein Gott! wie wird das enden!

                                 Elise an Hugo


Der Einfall, mir durch den Hausirer zu schreiben, war recht glcklich. Ich
empfing Ihren Brief zu einer Stunde, wo ich allein war, und Vieles mit mir
abmachen konnte. Sie haben recht, da wo ich Sie verstehe. Allein ich glaube, Sie
reden klarer, als Sie schreiben. Ich kann mir wohl vorstellen, da Sie
geschriebene Auseinandersetzungen scheuen. Es wird einem damit unter der Hand
anders, als man will! fr Leute, wie Sie und ich, die nicht anders als wahr sein
knnen, ist eine solche Knstelei unertrglich. Allein halbe Andeutungen knnen
auch eine Snde gegen die Wahrheit werden.
    Ich bin nicht gewohnt, meine Freunde auf Socken um mich herum schleichen zu
sehen. Das hilft auch zu nichts. Ich hre sie kommen, und bin nicht eher ruhig,
bis ich wei, was mir naht. Sie, Hugo, treten an manchen Stellen Ihres Briefes
dreist genug hervor. Es kann nicht Ihre Absicht sein, mir zu entschlpfen. Sie
wollen sich eine Mhe ersparen, und ich soll Ihre Aphorismen ergnzen.
    Ich verstehe das nicht. Mir sind dergleichen Rthsel eine Qual. Kurz und
gut, sagen Sie, in einfacher Prosa, ohne Ausrufungen und Phrasen, wie die Gefahr
heit, die Sie heranrcken sehen. Ist sie mehr als ein Luftbild, das in Ihren
Burgnebeln schwimmt, so haben Sie unrecht, sich nicht bestimmter darber
auszulassen.
    Es ist so viel Fremdes in Ihrer pathetischen Beschwrung, nicht weiter
forschen zu wollen, da ich mich erst auf Sie besinnen mute, ehe ich Sie wieder
erkannte.
    Sie waren zu gespannt, als Sie schrieben, um zu bedenken, was Sie forderten.
Gengen soll ich mir lassen, da Sie wissen, was Sie mir verbergen, ohne es
abwehren zu knnen?
    Nun, beruhigen Sie sich. Ich wei es, und verliere weder Fassung noch Muth.
    Konnten Sie glauben, man werde mich schonen, wenn man berhaupt den Sinn fr
Zartheit verlugnet? Wo die Fhigkeit des Verstehens fehlt, knnen verletzende
Migriffe nicht ausbleiben. Es ist viel schwerer, als man denkt, mit gutem
Gewissen durch die Welt zu kommen. Die Menschen nehmen an Allem Aergerni, und
ein Herz, wie das meine, mchte das gern Jedem ersparen. Aber das ist vergebene
Mhe!
    Ich bin unbefangen, und gebe mich so. Die Wenigsten wollen das glauben. Es
mag auch wohl fr alle diejenigen schwer sein, welche Zwecke und Absichten
haben. Ich hatte niemals andre, als mir in jedem Augenblicke treu zu bleiben,
das heit, dem innern Gefhle nicht entgegen zu handeln, das mich zu Offenheit
und Wahrheit zwingt. Ich sagte das gestern, bei irgend einer Gelegenheit in des
Caplans Gegenwart. Er sah mich berrascht an, ohne etwas zu erwiedern. Nun?
fragte ich, aus guten Grnden bemht, mich mit ihm zu verstndigen. Ich
zweifle, uerte er bescheiden, da es uns gerade durch das Gefhl klar werden
knne, was das eigentliche Wahre in uns sei.
    Gerade im Gefhl! entgegnete ich lebhaft, wo dies unverdorben ist, hat es
eine Stimme, die uns leise und hrbar zuruft: du belgst dich selbst! hte
dich! Wo das Gefhl unverdorben ist? wiederholte der bleiche Tavanelli. Wo
ist das? werden unsere Leidenschaften uns nicht auch glauben lassen, wir folgen
den Geboten eigenthmlicher Wahrheit, da es doch nur die Lge geblendeter Sinne
ist, die uns eine andere Natur aufzwingt?
    Ich halte nicht viel, erwiederte ich kalt, von den zwei Naturen, zwischen
denen man uns herumhetzt, ohne da das gequlte Gemth jemals zur Ruhe kommen
kann. Das sind Bilder, um die Undeutlichkeit der Begriffe klar zu machen. Es
geht damit, wie mit allem Bildlichen, man hlt dieses fest, und lt den
Gedanken fahren. -
    Wie? unterbrach mich mein Gegner erstaunt. Sie glauben nicht an ein
Doppelwesen in uns, dessen wechselndem Regimente wir erliegen wrden, htten wir
nicht eine hhere Vermittlung? Sprechen Sie Ihr Anathema nicht all zu eilig
ber mich aus, lchelte ich vertraulich. Ich bin keine so groe Ketzerin, um
den Einflu des Bsen und Guten aus der Welt des Menschen wegphilosophiren zu
wollen. Allein ich halte dafr, beides entspringe aus einer Natur, die, ihrem
Wesen nach, gttlicher Art ist, und nur durch falsche Beziehungen des Lebens
verzerrt und entstellt wird. Er schttelte den Kopf. Wre es auch so, sagte
er ernst, was sichert uns, da wir, unter den unzhligen Trugbildern der Sinne,
diese ursprngliche Natur in uns finden? -
    Wir drehen uns im Kreise herum, rief ich aus. Ihre Frage ist schon durch
meine erste Annahme beantwortet. Jenes instinktartige Gefhl, das wir den
himmlischen Theil unsers Selbsts nennen sollten, das warnende Wort einer
unsichtbaren Stimme, das sichert uns vor aller trgerischen Verwechselung.
    Der Caplan wollte mich hier unterbrechen, allein wir verstummten beide vor
Eduards Dazwischenkunft. Ihnen aber, Hugo, habe ich das mitgetheilt, um Ihnen zu
zeigen, was mich gegen Angriffe sthlt, denen Sie nicht sonderlich zu begegnen
wissen. Ein Paar schlechte Epigramme aus der Ulmensteiner Klike, eine Wolke auf
der Stirne Ihrer Schwiegermutter reichen hin, Sie auer Fassung zu setzen. Sind
das Ursachen, um einer Melancholie Raum zu geben, die Sie in der Freundschaft
schwankend, in allen andern Verhltnissen schwach und ngstlich erscheinen lt?
Whrend Sie sich einbilden, die Grnzen einer Region bewacht zu haben, welche
Sie meinem schwachen Vermgen anweisen, vergessen Sie, da Ihr Eifer ziemlich
ins Schrankenlose ausartet, und ich viel Muth haben mu, um einen Brief zu
beantworten, der so auf Schrauben steht und nichts oder zu viel sagt.
    Ich wiederhole es Ihnen, ich bin unbefangen, und gebe mich so. Auf dieser
Unbefangenheit beruht mein Vertrauen zu Ihnen, mein Verhltni zu Ihrem Hause.
Zeigen Sie sich ngstlich, so haben Sie mich nie gekannt.
    Deutlicher mag ich hier nicht reden. Genug, ich wnsche nicht, da auch Sie
dem ganz Natrlichen knstliche Farben anlegen. Die husliche Unzufriedenheit,
die Sie jetzt wohl zu Zeiten drckt, macht Sie zum Sclaven Ihrer Stimmung. Der
Unwille darber steigert die Empfindlichkeit in Ihnen bis zur Leidenschaft. Ich
kann das begreifen und verzeihen. Allein so weit drfen Sie sich nicht
vergessen, da Sie Emma's Weg durchkreuzen. Sind Sie unbillig genug, ihrer
Freiheit zu nahe zu treten, whrend Sie eiferschtig ber die eigene wachen?
    Lassen Sie sie gehen, wie sie kann. Ich verstehe Ihre Unruhe ber einen
Briefwechsel nicht, der ganz natrlich auf dem Verhltni gegenseitiger
Uebereinstimmung beruht. Wollen Sie den Austausch aller Ansichten hemmen, die
nicht die Ihrigen sind, wen nennen Sie denn noch Tyrann in Ihrem Geschlechte,
wenn Sie es nicht sind? Ich habe mich geschmt in Ihre Seele, da Sie eine
Zuflligkeit blos darum so hoch anschlagen, weil sie zu ungewhnlicher Stunde
Ihre kranke Phantasie erschtterte. Wie, wenn der hausirende Walter Ihnen heute
Abend meinen Brief eben so unerwartet berbrchte, wre er auf verbotenem Wege
zu Ihnen gelangt?
    Emma mag glauben und denken wie sie will, sie hat einen hohen Sinn, und
kleinliche Machinationen sind Niemand fremder als ihr.
    Frchten Sie brigens nichts von Tavanelli. Leute seiner Art, sind entweder
bei nherer Beleuchtung anders, als wir sie uns denken, oder dieser ist zu weich
und erregbar, um sich in strenger Abgeschlossenheit bewahren zu knnen. Er wird
nie meinen Rechten auf Georg zu nahe treten, und nicht um die Welt, knnte er
mich in dem Knaben verletzen. Ich denke, wir werden uns wohl verstndigen. Ueber
den ersten Schreck hinaus, konnte es auch nicht fehlen, da mich ein
ordentlicher Entschlu zu gewnschten Resultaten fhren mute. Taugte der Mann
nur etwas, so lie sich leicht abnehmen, da wir auf gemeinschaftlichem Wege
einander nicht fremd bleiben wrden. Und nun ich Sie gescholten und beruhigt
habe, mein armer Freund! will ich Sie auch bedauern, und Ihnen die Last
unvermeidlicher Widersprche tragen helfen, die zu gewissen Zeiten, und in
manchen Stimmungen geringern Widerstand als sonst in uns finden. Man kann da mit
Niemanden rechten, warum er die Dinge so und nicht anders sieht? Es giebt nur
einen Gesichtspunkt fr ihn.
    Hugo, Sie haben sich selbst bei dem Kauf um Ruhe und Frieden gebracht. Jetzt
reuet Sie der Handel; zumal, da man nicht mde werden wird, zu fordern, und Sie
doch einmal Halt! rufen mssen.
    Das kommt von dem gleichgltigen Geschehen lassen. Man wute es hier gleich,
da der Frst bei Ihnen war, und fabelt davon allerlei. Knnen Sie denn nicht
einen Augenblick stehlen, um zu mir zu kommen? Ich habe Ihnen tausenderlei zu
sagen, was sich nicht schreiben lt, was ich wenigstens nicht weitluftig
abhandeln mag. Oft sind ein Paar mndliche Worte von unermelichem Werthe!
Bedenken Sie dieses!

                                    Antwort


Oft sind ein Paar mndliche Worte von unermelichem Werthe. Ja, Elise, ja, ich
habe es bedacht. Sie haben recht. Es ist allerdings nothwendig, da wir uns
sprechen. Ich komme. Aber nicht zu Ihnen, nicht nach der Stadt. Ich kann, ich
darf nicht. Ich werde Ihnen das Alles erklren, wenn wir uns sehen. Wann? wo das
sein wird? Morgen, Elise, morgen bei der Tannenhuserin, eine Spatzierfahrt
giebt Ihnen leicht den Vorwand. Ich bitte Sie, schlagen Sie Ihrem Freunde den
Wunsch, an welchem seine Ruhe hngt, nicht ab. Nur ein Paar flchtige Minuten
sollen Sie mir schenken. Ich mu, hren Sie wohl! ich mu mit Ihnen reden. Sie
wissen nicht, wie es hier steht. O, wenn Sie meine Freundin sind, werden Sie
anstehen, es mir zu beweisen? Ich zhle auf Sie, und zweifle nicht, Sie bei dem
milden Frhlingswetter im Walde zu treffen.

                        Der Caplan Tavanelli an Leontin


Ihr Schutz, mein lieber Herr Baron, geleitete mich in dies Haus. Ihre
wohlwollende Theilnahme half meine Schchternheit berwinden. Sie sind so gut,
ich habe Sie so lieb, da mich mein Herz treibt, Ihnen eine Schwche, und meine
Angst darber, zu entdecken. Bester Herr Baron, was ist es doch mit dem
Menschen, da er nicht eine Stunde seiner selbst gewi sein darf!
    Es war so still in mir. Jedes schien auf seinem Platze, in einfacher,
natrlicher Verbindung nach erkannten Gesetzen zu wirken. Ich fhlte mich
leicht, mit meinem Gewissen in Ruhe. Alle erlittenen Drangsale, die Strme
frher Jugend, die unaussprechlichen Kmpfe des schwachen, ringenden Innern, es
trat mir der ganzen Vergangenheit, wie gesunkener Nebel, zurck. Der frei
gewordene Himmel, die milde Klarheit um mich her, mein besnftigtes, gestilltes
Herz - ich glaubte fest zu sein, weil mich nichts erschtterte, ich hielt mich
fr einen Andern, weil mein Auge nur die Bilder der Welt sah, in der ich ganz
ausschlieend lebte. Was ich so vollkommen empfand, was so innig Eins mit mir
schien, wie sollte ich ihm nicht gleichen! Welch ein Wahn tuscht so das
Bewutsein!
    Seit ich diese Schwelle hier betrat, bin ich in einer Unruhe, die mich von
Widerspruch zu Widerspruch treibt.
    Ist es der Dunstkreis, dieser einander ganz unhnlichen Menschen, der mich
beengt? sind es die Reflexe ihrer Seelen, die in undeutlichen Umrissen meine
Phantasie qulen? Was ist's, das in der schpferischen Fortbewegung, die wir
Leben nennen, pltzlich eine Bilderreihe neuer Ansichten an mir vorberjagt?
oder giebt es ansteckende Einflsse in der moralischen, wie in der physischen
Atmosphre, von denen uns nichts trumt? Genug, ich fhle es mit Schaam, ich bin
nicht mehr derselbe. Es steigen Fragen in mir auf, Fragen, lieber Herr Baron,
die mehr an die Hlle als an den Himmel gerichtet sind, da sie eine verneinende
Antwort erwarten lassen.
    Damals, als wir uns in dem Zimmer des Waldhauses befanden, der Herr Graf
herein trat, und mit der Landstreicherin seinen Spa hatte, ward ich auf eine
Weise beklommen, als waffneten sich feindliche Gewalten gegen meine Grundstze
und Ueberzeugungen. Es regten sich, mitten durch den Widerwillen gegen verbotene
Knste, heimliche Zweifel ber den Grund solches Verbotes in mir. Das elende
Geschpf weckte meinen Zorn wie meine Neugier. Ich hrte ihre Worte, ohne sie
hren zu wollen. Sie dnkten mir Unsinn, und doch beschftigten sie mich. Als
nun endlich zu meiner Freude der Herr Prsident erschienen, glaubte ich mich
gerettet. In seiner Nhe fhlte ich mich ruhiger. Ich dankte meinem Gott
aufrichtig, als ich neben ihm im Wagen sa. Er nahm sogleich das Wort, um mir
seine Ansichten zu entwickeln. Ich hrte aufmerksam zu, und konnte nicht anders,
als sie vernnftig finden. Allein nach einer Weile bemchtigte sich meiner eine
mir sonst fremde Ungeduld ber die Langsamkeit des Fahrens. Ich sah erwartend in
der Gegend umher. Sie dnkte mir traurig. Ich ward es auch. Nicht, da ich etwas
vermit htte, ich wollte es nur anders. Bald empfand ich, da es mein neuer
Hausherr war, der mich ermdete. Ich ward ganz beschmt vor mir selber. Wir
redeten von jetzt an nur noch wenig zusammen. Er hatte seine Meinung gesagt, ich
hatte sie gehrt, damit war er zufrieden. Der Hochmuth flsterte mir Manches zu,
was mir vollends zur Last viel. Als wir nun in der Stadt angekommen waren, und
ich vor die Mutter meines kleinen Zglings trat, empfing mich diese nicht sowohl
kalt als mitrauisch. Das Kind sah mich gro an, ich wute nicht, wie ich dieser
gespannten Verwunderung begegnen sollte. Mir ward unsglich bange ums Herz, die
Worte versagten mir. Wir blieben so. Ich htte den Abend auf meinem Lager in
Thrnen zerflieen mgen. Des andern Tages sah ich den schnen Knaben nur
flchtig. Die Eltern gar nicht. Es schien, man wolle sich erst an den Gedanken
gewhnen, mich im Hause zu haben. Ich war damit nicht unzufrieden. Mir lag
selbst daran, das verlorne Gleichgewicht wieder zu finden. Ich merkte inde
bald, da dies nicht leicht sein werde. Denn, gestaltete sich auch spterhin das
gegenseitige Verhltni nach und nach geflliger, so wuchs gerade daraus der
Samen aller meiner jetzigen Qual.
    Die gtige und geistreiche Dame, welche von der Natur mit den
bewundrungswrdigsten Gaben beschenkt ward, zhlt unter diesen, als eine der
ersten, die liebenswrdigste Aufrichtigkeit. Von dieser geleitet, erffnete sie
mir, wie sie in Bezug auf mich und meinen Einflu auf die Erziehung ihres Sohnes
denke. Sie hlt mit nichts zurck und enthllt eine Sinnesweise, die ich
einerseits verehren, und von der andern Seite verdammen mu. Das Letztere
ngstigte mich unbeschreiblich, da ich ihr Vertrauen nicht verscherzen will.
Werden Sie es glauben, der Wunsch, ihr gefllig zu sein, lie mich meine
Gesinnungen, wenn auch nicht verlugnen, doch so umhllen, da sie nichts
geradezu Verletzendes fr sie enthielten. Seitdem stehen wir nun auf dem Fue
des gegenseitigen Austausches der Ansichten. Aber, mein Gott! wie fhle ich oft
die meinigen angegriffen, erschttert! Mit welcher Todesangst mu ich dann zu
ihrer Wurzel zurck flchten und mich ganz eng und klein an sie zusammen
krmmen, um nur nicht von dem Flug freierer Ideen fortgerissen zu werden. Bin
ich in den Zimmern des Herrn Prsidenten, so erhole ich mich wohl wieder, und
fhle mich mehr als ein bloes Werkzeug trockener Systematik. Doch ihr, der
beschwingten Psyche gegenber, im Gesprch mit dem groartigen Ketzer, dem
Grafen, regen sich die alten Zweifel, und meine Brust wird der Kampfplatz
verderblicher Einflsse.
    Es wrde mir wenig helfen, wollte ich mich meinem wrdigen Beschtzer, dem
geistlichen Herrn in *** entdecken. Er pflegt zu dergleichen wenig zu sagen.
Seine Art, die Menschen zu fhren, besteht vornehmlich darin, da solche selbst
die Wegweiser sind, die Richtung giebt er. Im Uebrigen, meint er, msse jeder
sich selbst versuchen. Er macht auch nicht viel aus Fehltritten, noch sucht er
die Unruhe darber zu beschwichtigen. Meine Bangnisse wrden ihm kindisch
dnken. Ich sehe ihn gutmthig darber lcheln. Wenn mir das einerseits
Zuversicht geben knnte, so macht es mich auch wieder schchtern. Was mir am
Herzen liegt, es ganz erfllt und einnimmt, will ich bestritten oder anerkannt
wissen.
    Bedchte ich nicht mehr, ich gbe meine gegenwrtige Stellung auf, und
entfernte mich unter einem schicklichen Vorwande. Es ist zudem so Manches hier,
was mich wegtreibt. Ich habe auch deshalb schon einmal ganz im Geheim an die
Frau Grfin auf der Burg geschrieben, und sie um ihren Rath gebeten, allein sie
macht es, entweder wie unser gemeinschaftlicher Lehrer, dem sie wohl nher
stehen mag als ich, oder sie ist verlegen um der Frau Prsidentin willen, und
schweigt. La ich mir erst lange Zeit, so werde ich unwillkhrlich in solche
Verbindlichkeiten verstrickt, die mir das Gehen unmglich machen.
    Noch heute kam der kleine Georg weinend zu mir, und bat mich, mit ihm zu
seiner Mutter zu kommen, die jetzt immer so betrbt sei und gar nicht spreche;
sie werde gewi wieder vergngt werden, wenn ich ihr eine von den hbschen
Geschichten vorlesen wolle, die da vor mir in dem groen Buche stnden. Er wies
dabei auf eine Sammlung heiliger Sagen, die mit schnen Holzschnitten geziert,
eine Quelle angenehmer Unterhaltung fr ihn waren. Ich wagte nicht, des Kleinen
Aufforderung zu folgen. Doch als wir nach der Mittagstafel noch eine Weile
versammelt blieben, fragte mich die gndige Frau nach dem Buche, von dem ihr
Georg gesprochen hatte. Ich holte es auf ihren Befehl herbei. Sie bltterte mit
Achtsamkeit darin. Darauf schlo sie es wieder, und sagte, indem sie mir es
zurck gab: es geht ein stiller, einfacher Sinn durch diese Gattung von
Dichtungen, allein es ist nicht mehr der unsrige. Wir werden davon gerhrt, aber
nicht befriedigt.
    Dichtungen! rief ich ganz bestrzt, Sie zweifeln an der Aechtheit der
Ueberlieferung?
    Nun, so oder so! entgegnete sie leicht. Ob innerlich oder uerlich
erlebt, es sind Erscheinungen einer Zeit, die hinter uns liegt. Wir wenden uns
wohl dahin zurck, allein das Leben lt sich nichts aufbinden. Es hat seine
eigene Bedingungen, man schraubt es nicht zusammen. Zum Verweilen findet Niemand
mehr Raum da.
    Ich war so erschrocken und verlegen, da ich sie sprachlos anstarrte.
    Sie mochte nicht wissen, was sie aus meinem Schweigen machen sollte.
    Glauben Sie mir, fuhr sie, vielleicht deshalb lebhafter, fort, nur das
Naturgeme bewegt sich zu freier und erhheter Entwickelung fort. Knstliche
Zustnde der Seele lassen uns, wie bei gezwungenen Stellungen des Krpers, jeden
uern Ansto frchten, der dem Spiel ein Ende machen knnte.
    O! rief ich, mit vor Schmerz zusammengefalteten Hnden, die Verehrung des
Hchsten und Heiligen, das brnstige Hingeben heier Anbetung ist wahrlich
unabhngig von der Farbe der Zeit, und wie die Gemeinschaft der Geister nicht
wechselt, und die Liebe nicht altert, so hat auch ihre Sprache eine ewige
Jugend; sie darf mich heute wie ehemals in den schlichten Worten rufen, und wird
mein Ohr offen finden.
    Die Augen meiner schnen Gegnerin ruhten prfend auf mir. Sie schwieg eine
Weile, dann sagte sie: Wir reden nchstens mehr hierber. Ich bin heute durch
Vieles befangen. Ich fhle wohl, was auf Ihre Einwrfe zu antworten wre, allein
ich kann mich nicht zusammenfassen. Es fliegt mir so kraus durch den Sinn.
Nchstens! hren Sie wohl, nchstens noch recht viel ber diesen Gegenstand!
    Sie sagte dies mit groem Ernst, indem sie sich abwandt, und mich stehen
lie. Ich war erschrocken ber meine Heftigkeit. Ich sah ihr verlegen nach.
Seitdem kann ich es nicht hindern, da mir mein leidenschaftlicher Eifer
verdchtig scheint. Sie war so ruhig, so fest. Welche von beiden Ueberzeugungen,
ihre oder die meine, hat den festesten Grund?
    Herr Gott! wenn ich ein Gefangener, kein Geretteter wre, wenn ich
knechtisch unter das Gesetz flchtete, und nur whnte, in der Wahrheit zu leben!
Ich darf sie nicht fragen, ich werde ganz irre.
    Von jeher haben mir die eignen Gedanken zu schaffen gemacht. Ich entschlage
mich ihrer gern. Aber hier werden sie so oft und so laut angesprochen, da es
keine Rettung giebt.
    Und doch sind es diese Gesprche gerade, die mich nthigen, zu bleiben. Soll
ich verschmhen, mir selbst klar zu werden? Sagen Sie doch, kann ein
Feldflchtiger Anspruch auf die Siegespalme machen?
    Lieber Herr Baron, wenn wir einmal wieder zusammen einen Spatziergang durch
den Wald machen knnten! Ich bin in diesen Tagen zu der Frau Oberhofmeisterin
auf die Burg beschieden. Ich zhle diese vortreffliche Dame unter meine
Beschtzerinnen. Ihr meine Aufwartung machen zu drfen, gereicht mir zu groer
Ehre. Vielleicht bin ich so glcklich, Sie, mein bester Herr Baron, auf dem
Schlosse anzutreffen. Von welchem Trost wrde mir Ihr gtiger, beruhigender
Zuspruch sein!

                            Emma an den Geistlichen


Ich frchte, ehrwrdiger Herr, ich bin einer warmen Aufwallung des Herzens
allzurasch gefolgt. Mich qult der leise Vorwurf, Hugo beunruhigt, ihn unsicher
gemacht, ein freundliches, natrliches Verhltni gestrt zu haben. Ich sehe das
Hugo an. Er sagt nichts, aber seine Traurigkeit lastet schwer auf mir.
    Sehen Sie, es kam so unwillkhrlich. An einem von den Abenden, an welchen
wir die Ankunft meiner Mutter erwarteten, ich gespannt auf jedes Gerusch
horchte, mit Anstrengung sprach und zerstreut zuhrte, lchelte Hugo ber meine
Unruhe. Wer Dich so sieht, Emma, der mu glauben, da mehr Bangigkeit als
Freude Deine groe Unruhe veranlat. Das Blut stieg mir ins Gesicht. Er hatte
den rechten Fleck getroffen. Es fuhr ein Stich durch meine Seele. Leutselig, und
vielleicht die flchtige Aeusserung bereuend, fate mich der gute Mann bei der
Hand, indem er, in mein Auge sehend, auf seine leise und eindringliche Weise
fragte: Was frchtest Du denn, liebe Emma? Ich fiel ihm schweigend um den
Hals. Mir ward mit einemmale so beklommen. Alles, Alles, was ich mir selbst
verschwiegen hatte, sprach mit schnellen Zungen zugleich in mir. Ich war wie
betubt, und wei auch wahrhaftig nicht, wie es kam, da ich zuletzt sagte: Fr
Dich, Liebster, frchte ich allein.
    Er lie mich langsam aus seinen Armen gleiten, ohne etwas zu erwiedern. Die
Falte auf seiner Stirn war dunkler. Ich erschrack. Nimm es nicht so hoch, bat
ich. Er versetzte aber mit groem Ernst: Wodurch gebe ich Dir denn Veranlassung
zur Besorgni? Ich empfand so sehr in seiner Seele, da ich mich sogleich
selbst anklagte, und ihn um Verzeihung bat, wenn eine innere Aehnlichkeit mit
meiner Mutter, mich zum Voraus errathen lasse, was diese tadeln knne. Tadeln?
fragte er scharf. Nun! und das wre? Groer Gott! rief ich, seine Hnde
ergreifend, ich erwhne es nicht, um Dich zu krnken; allein, da einmal die
Rede davon ist, und mir ein stiller Augenblick das Herz aufschliet, so soll es
wohl so sein, da Dir nichts darin verborgen bleibe.
    Er ward im hchsten Grade aufmerksam. Nher zu mir heranrckend, sah er mich
an, als wolle er mir die Worte von den Lippen lesen. Das verwirrte mich. Ich
stockte. Er lehnte sich nun ganz in den Sessel zurck, schlug die Arme ber
einander, und richtete den kummervollen Blick nach dem Fenster. Jetzt, da ich
nicht mehr seinem Auge auszuweichen hatte, fuhr ich mit mehr Muth fort: Ich
berge Dir es nicht, es giebt Stunden, in denen ich die glckliche Elise beneide,
der es Gott gegeben hat, Dich auf leichte und gefllige Weise zu beschftigen.
Es zuckte hier etwas um seinen Mund, das ich nicht Spott nennen mchte; es war
wohl berall nur ein Zucken, vielleicht aus Verlegenheit. Wenn sich, fuhr ich
fort, solch selbstschtiges Gefhl in mir regt, lieber Hugo! so glaube gewi,
da es mich beschmt, und ich um keinen Preis Deine Freiheit krnken mchte.
Allein - ich hielt hier inne. Es lag so viel schmerzlicher Ernst in seiner
Miene. Tausendmal bereuete ich das Gesagte. Allein, die Saite war angeschlagen.
Sie hatte den Ton verstimmt zurckgegeben. So verletzend durfte sie nicht
verklingen. Allein, hub ich wieder an, wenn ich Dich auch weit mehr liebe,
als mich selbst, und nur froh bin, wenn Du es bist, so kann ich mir vorstellen,
da meine Mutter - Aha! unterbrach mich Hugo, indem er vom Stuhle aufstand,
und die Hnde auf dem Rcken, mit gesenktem Kopf im Zimmer auf- und abging.
    Miverstehen wir uns denn heute ganz? fragte ich betrbt.
    Er trat an meinen Stuhl, legte seine Hand auf die meinige, und sagte: Sei
ruhig, Emma! Deine Mutter soll nicht ber mich klagen drfen. Ich verspreche Dir
das. Kann es Deinen Frieden sichern, und ihr eine unwillige Minute ersparen, so
meide ich alle andere Gemeinschaft, und bleibe, wo Ihr mich haben wollt.
    Du guter Mann! rief ich bewegt, wie kannst Du glauben, da ich ein
solches Opfer von Dir fordere? Nein! gehe, und komme nur. -
    Nur? lchelte er ironisch. Was denn, Emma, heit Dein nur? bleibe nicht
lnger, als es uns passend scheint? Spare Dir und mir den Nachsatz. Meinst Du,
ein Vogel habe was davon, wenn Du ihm die Thre des Kfigs aufmachst, ihn
flattern lt, und doch den Fu in einer Schlinge hltst, und so den Flug
regierest? Besser, er sitzt still auf seiner Stange, und vergit, da es ber
ihm ein Luftmeer giebt und muntre Segler, die es behend durchschneiden.
    Ich war wie zermalmt durch die letzten Worte. Was hatte ich gethan? Mute
ich ihn so reizen? so das Verborgene aus seiner Brust reien? Ich fhle, er
msse, er werde es verwnschen, da ich es war, die ihn dazu verleitete! sagen
lie sich in diesem Augenblicke nicht wohl etwas. Wir empfanden das Beide. Eine
lange, ernste Pause zerri vollends alle Fden der Mittheilung unter uns. Die
schwle Stille drckte unaussprechlich auf mich. Hugo verlie das Zimmer nicht.
Er ging darin auf und ab. Ich war ebenfalls aufgestanden. Es peinigte mich, ihn
so zu sehen und nun doch nicht mehr einlenken zu knnen.
    Er brach zuerst das Stillschweigen. Eins sage mir, bat er, kam, was Du
eben uertest, ganz aus Dir selbst, Emma? oder halfen Dir Andere darauf?
    Ueber Dich, Hugo, und was Dich betrifft, entgegnete ich schnell, sei
gewi, traue ich nur meinem Herzen. Wenn es eitel ist, Dich allein besitzen zu
wollen, so vergieb ihm diese zrtliche Schwche.
    Besitzen! besitzen! wiederholte er ein paarmal kopfschttelnd. Ihr
betrachtet alles wie Eigenthum und Waare. Ich schlage den Menschen hher an, er
ist mir eben soviel, als die ganze Welt; ich kenne keinen Kaufpreis fr ihn.
Doch sei ruhig, fgte er hinzu, ich besitze mich zum Glck noch selbst. Du
hast Niemand zu beneiden.
    Er wollte hier das Zimmer verlassen. Sage mir ein gtigeres Wort! rief ich
ihm flehend nach. Du solltest mich nicht so verkennen. Wenn ich Dir meine
Schwche bekannte, so geschah es nur, weil ich sie auch bei Dir voraussetzte,
und Dir ersparen wollte, dadurch verhetzt zu werden.
    Ich danke Dir, sagte er, einen kurzen Augenblick zu mir zurcksehend. Ich
kann mir denken, wie alles steht, und werde auf meiner Huth sein. Verla Dich
darauf. Er ging. Ich sehe nun wohl, da er sich gerade da gekrnkt fhlt, wo er
unangefochten zu bleiben verlangt; eiferschtig bewacht er die innere Freiheit.
Er hlt mich fr anmaender, als ich bin; das gerade verzeiht er mir am
Wenigsten. Ich habe dies voreilige Vertrauen schon mit heien Thrnen beweint. -
- - -

                                                          Mehrere Wochen darauf.

Seit meine Mutter hier ist, lebe ich in einer Spannung, die mich innerlich
aufreibt. Wo sollte ich anfangen, wollte ich Ihnen, mein lieber, lieber Freund!
alle die tausend Uebergnge qulender Besorgni, trgerischer Freude und herber
Enttuschungen aufzhlen!
    Sie wissen, wie ich das Alles voraussehe. Aber, lieber Gott! man sieht doch
nur im Allgemeinen! Das Einzelne wird erst durchs Leben geboren.
    Je regsamer dies von allen Seiten um mich wird, je drngender nahen sich
Gefahren, denen nicht mehr auszuweichen ist.
    Nein, nein, es giebt hier keinen Ausweg! Ein jeder fhrt zu dem Opfer meines
Herzens. Ich hatte lngst diese Ueberzeugung.
    Hugo liebt! liebt zum erstenmale. Urtheilen Sie, von welcher Strke eine
Leidenschaft sein mu, die seiner Herr war, ehe er sie noch ahndete.
    O! ich habe es immer gedacht! Wenn sich diese Brust einmal einem Einzigen
ffnen knnte, es wrde eine Sonne darin aufgehen, vor der die kleinen Monde der
Erdennacht in sich verdmmern mten.
    Ich kann Ihnen nicht in Ordnung erzhlen, ehrwrdiger Herr, was sich Alles
hier zugetragen hat. Es kam nach und nach, und war dann mit einemmale da.
Anfangs schien meine Mutter ruhig. Hugo wich nicht aus der Burg. Sie hatte das
Ansehen, als genge ihr das. Ich nahm es so. Wir glitten beide ber unsere wahre
Empfindungen weg. Mir war dabei innerlich so unheimlich, da ich es nicht
aussprechen kann. Hugo's stetes Verweilen drckte mich wie die schwerste Last.
Die ausgelassene Laune, mit welcher er sich zu Zeiten berbot, prete mir im
Geheim Thrnen aus. Inde entging meiner Mutter nichts. Ein Paar unselige
Stunden im Hause der Grfin Ulmenstein gaben den Ausschlag. Bald darauf machte
uns der Frst einen Besuch auf der Burg. Hugo lchelte. Er empfand schnell, was
dies bedeutete. Ich sah ebenfalls meine Mutter von Weitem kommen. Uns nahte ein
entscheidender Schlag. Inde standen wir Alle, wie unter einer Gewitterwolke,
stumm, gespannt, unser Geschick erwartend.
    Da trat eines Morgens Hugo mit einem Brief in der Hand zu mir herein. Sein
Gesicht kndigte mir etwas Ungewhnliches an. Die Unruhe, in welcher ich seither
lebte, gab dem Geringfgigsten eine Bedeutung. Was hast Du da? fragte ich
hastig, indem ich meine Hand nach dem Brief ausstreckte. Ich hatte wohl
unwillkhrlich die Farbe gewechselt und mochte ngstlich aussehen. Hugo's
scharfer Blick setzte mich in Verlegenheit.
    Was ich da habe? sagte er kalt. Ein Bote hat Nachts das Schreiben fr
Dich abgegeben.
    Ich hatte keine Ahndung von seinem Inhalte. Die Handschrift war mir nicht
sogleich erinnerlich.
    Vom Caplan Tavanelli! berichtigte Hugo meinen Zweifel, da er sah, da ich
die Addresse mehrmals las.
    Von Tavanelli? wiederholte ich, indem ich das Siegel erbrach. Was kann
der wollen?
    Das mut Du wissen! war die etwas spttische Antwort.
    Nicht ohne groe Bangigkeit berflog ich die eng geschriebenen Zeilen.
Leider ergo sich der junge Mann in bittre Klagen ber das Peinliche seiner
neuen Verhltnisse. Er zeichnete mit scharfen Strichen, und verweilte
hauptschlich bei dem verderblichen Einflusse der ansteckenden Freigeisterei von
Seiten der Prsidentin. Wie dieser Brief war, konnte ich ihn Hugo nicht
mittheilen. Ich legte ihn daher mit den Worten bei Seite: Sie verstehen dort
einander noch nicht recht. Der Caplan ist unerfahren und deshalb ngstlich.
    Sie werden sich niemals verstehen, versetzte Hugo obenhin. Das war zu
denken.
    Ich meinte es gut! erwiederte ich, vielleicht ein wenig empfindlich.
    Du meintest etwas anders! bemerkte Hugo, und dachtest nicht richtig.
    Ich war betroffen durch seinen spitzen Ton. Ueberhaupt, fuhr er fort,
sind Einmischungen der Art, Eingriffe in die Rechte Anderer. Es ist Eitelkeit
und Vorwitz, das Steuerruder lenken zu wollen, wenn das Fahrzeug seine Richtung
schon genommen hat.
    Ich erschrack, da mir die Thrnen aus den Augen strmten. In demselben
Augenblick wurde Hugo ein grogesiegelter Brief, den ich sogleich fr einen
frstlichen erkannte, eingehndigt. Er ri ihn auf. Dann brach er in lautes
Lachen aus, und verlie, ohne weiter etwas zu sagen, mein Zimmer.
    Seitdem sind mehrere Tage verflossen. Er beobachtet das tiefste
Stillschweigen. Meine Mutter verlt das Zimmer nicht. Mich sieht und spricht
sie nur flchtig. Der Comthur hat allein freien Zutritt bei ihr.
    Ich stehe wie auf Kohlen. Fragen kann ich Niemand. Ich frchte die Antwort;
und von selbst spricht Niemand frei zu mir.
    Gott! Gott! wodurch habe ich Hugo's Zutrauen verscherzt! Er glaubt mich
gegen ihn verbndet; er hlt absichtlich mit etwas, das ihn rgert, gegen mich
zurck.
    Um das Maa meiner Unruhe voll zu machen, mu die arme Elise am Hofe eine
Krnkung erfahren haben. Die Stadt ist voll davon. Hugo und mein Name werden
dabei genannt. Der junge Wildenau war hier. Ich hrte ihn mit dem Oheim auf
einem Spatziergange im Garten angelegentlich davon reden, ohne da ich das
Nhere deutlich verstehen konnte noch wollte.
    Werfen Sie aus Ihrem hellen Himmel einen Blick in meine verworrene Welt, und
sagen Sie mir bald, wie ich es anfange, klar und beruhigend fr Andere zu denken
und zu handeln. Was hilft es, fnde ich auch mich selbst ganz und vollstndig
wieder, kann ich den geliebten Mann nicht zufrieden stellen!

                                 Elise an Hugo


Nein, ich wanke nicht, verlassen Sie sich darauf. Ich kann Vieles aufgeben, nur
mich selbst nicht. Was einmal Wurzel in meiner Seele schlug, das verwchst mit
ihr, und ist ewig wie sie! Ich habe keinen Begriff von einer Freundschaft, die
den Umstnden weicht.
    Was ist, das ist! Die Welt kann davon nichts ab, nichts hinzu thun. Diese
freilich wird jetzt eine andere fr uns.
    Wie dem Erdbeben die Bewegung lebloser Krper vorangeht, so hre ich um mich
jenes dumpfe Drhnen, das innere Zittern und Anklingen, was mit heimlicher
Geschftigkeit auf Zusammenbrechen der Form hinarbeitet.
    Es ist sehr unheimlich in meiner Welt geworden, Hugo! Sehr unheimlich!
    Ich fasse es oft nicht, wie der heitre, frische Lebensbach mit seinen
hpfenden, leicht bewegten Wellchen pltzlich solch dunkler Strom werden konnte.
    Und dabei ist nichts geschehen. - Kein Umsturz der Verhltnisse, keine
Erschtterung des Daseins hat an dem Bestehenden gerttelt.
    Alles blieb, wie es war. Nur das Leben! das Leben, ist auf unbegreifliche
Weise anders geworden.
    Sagen Sie mir, haben Sie den Schlssel zum Geheimni? Bin ich denn ganz
verblendet gewesen? Bin ich es noch, da ich nicht sehen kann, was Andern so
groes Aergerni giebt? Mein Gott! liegt denn die Idee innerer Harmonie so tief,
da sie die Leute nicht finden knnen? Mssen sie ihre kleinen, geselligen
Bedingungen dem unterlegen, was in sich bedingungslos ist?
    Wre ich eine phantastisch Ueberbildete, ich knnte glauben, von knstlichen
Netzen umsponnen zu sein. Aber, meine ganze Natur ist dem fremd. Ich athme nur
frei, wo ich Wahrheit finde. Und gbe es eine andere Wahrheit fr mich, wie fr
diejenigen, welche mich richten?
    Man beschuldigt mich, einen Raub an Emma begangen, Sie dieser entrissen zu
haben. Es fehlt nicht viel, so wirft man mich mit allen migen Thrinnen in
eine Klasse, und macht Gefallsucht und Eitelkeit zum Hebel eines
Einverstndnisses, das wahrhaftig ohne Wissen und Willen da war, ehe an seine
Existenz gedacht ward.
    Giebt es denn auch Klausen und Zellchen fr die Geister, da sie einander
nicht nahen drfen? und ist um jedes Hauses Heerd eine geheiligte Schranke
gezogen, die selbst des Himmels Macht nicht sprengen soll? Es verschlge mir
wenig, Thoren darber schwatzen zu lassen, aber auch gute Menschen, solche, die
mir zugethan sind, fllen ein hartes Urtheil. Sie wissen, welche Veranlassung
die Zungen lste! Es hat mir wehe gethan. Und wie Eduard darunter leidet! Gott!
der Mann, dem die Stimme der Welt viel mehr, als die des eignen Herzens gilt,
wie schwer ertrgt er die Ueberzeugung, diese gegen mich zu wissen.
    Auch hat er in vielen Stcken recht. Es ist nicht gleichgltig, wie wir zu
den Menschen stehen. Ich fhle das sehr gut. Es ist schon eine Weile her, da
schrieb mir Sophie, diese bedeutungsvollen Worte, welche ich damals weit
entfernt war, auf mich zu beziehen.
    Der Ruf ist darum so heilig, sagte sie, weil er den Weg zum menschlichen
Vertrauen bahnt oder verschliet. Sehen Sie, man mag sich dem Angewhnenden
gegenber so oder so stellen, man steht nicht mehr unbefangen und frei.
    Ich sagte das Eduard. Er ist billig genug, es einzusehen. Zum Glck bot der
erwachende Frhling einen schicklichen Vorwand, die Stadt zu verlassen. Wir sind
nun hier auf dem Lande. Es war eine traurige Rckkehr, Hugo! Das Haus sieht so
nchtern aus den unbelaubten, kaum erst knospenden Bumen hervor. Die Zimmer
sind unfreundlich, der Gartensaal ist noch nicht zu bewohnen, Blumen und
Staudengewchse bleiben vor der Hand in den Treibhusern eingeschlossen. Als
wre aller Schmuck von dem Leben abgestreift, gehe ich an den leeren Gestellen,
zwischen kahlen Brettern einher, und suche den Herbst mit seinen langen,
glhenden Abendlichtern, dem goldenen Bltterdach und purpurnen Wolkenbergen.
Wie reich war die Natur! welche Flle des Daseins strmte die warme, lieblich
scheinende Sonne zuletzt noch in unsere frohen Herzen! Als ich jetzt hier
eintrat - ich sank in den nchsten Stuhl und weinte, weinte ohne aufhren zu
knnen. Ich habe auch meiner Seits versprochen, Sie nicht hier zu sehen, Hugo!
    Welch' wahnsinnige Gewalt bt der Miverstand ber die Freiheit Anderer aus!
Und zu was? Ich knnte ber die Tuschung lachen, da es nur die Hohlspiegel der
Augen sind, die einen Gegenstand sehen! Aber ich lache nicht mehr. Es bedeutet
mir nichts Gutes. Ich lachte im vorigen Herbst so viel, und nun hat die junge
Frhlingssonne solchen blassen, fahlen Wasserring!
    Mein allerliebster Georg krnkelt seit einiger Zeit. Er kann den Caplan
nicht gewohnt werden. Der fremde, schchterne Mann ngstigt das arme Kind
unbeschreiblich. Wenn er zu ihm gehen, bei ihm bleiben soll, schlgt das liebe
kleine Herz so bange und heftig, da ich weinen mchte. Und doch ist Tavanelli
gut mit dem Knaben. Er verzrtelt ihn fast zu sehr. Was ist es denn, das die
Liebe hier erschreckt und nicht rhrt? Weshalb zieht sich die unbestochene Natur
davor zurck? Ach, es bleibt zu wahr, auch die himmlischen Mchte reden nur
durch irdische Organe zu uns, und was diese bedingt, und wie sie uns fremd oder
verwandt berhren, davon hngt Verstehen oder Miverstehen ab.

                                                             Einige Tage spter.

Hren Sie, Hugo, hren Sie, was ich Ihnen zu sagen habe! Meine Seele ist voll
davon. Es war eine erschtternde Stunde! fast zu gewaltig fr das beschrnkte
Erdenleben! Aber, Ruhe! Ruhe! Sie sollen Alles wissen. Sie vor Allen, mssen es
erfahren.
    So lassen Sie sich denn erzhlen: Georg schien mir krnker. Er sah erhitzt
aus, und war ungewhnlich aufgeregt. Ich erschrack. Eine Krankheit geliebter
Menschen, steht gleich wie ein Unglck bringendes Gespenst vor mir. Ich nahm das
unruhige Kind in meine Arme, trug es auf mein Bette, suchte es durch
Lieblingsgeschichtchen zum Schweigen, vielleicht auch zum Schlafen zu bringen.
    Bei zugezogenen Vorhngen, bei einer kleinen Lampe setzte ich mich auf den
Rand des Bettes. Ich erzhlte langsam und flsternd, alte, tausendmal
wiederholte Histrchen. Es war fast ganz dunkel um uns. Der Kleine nahm die
Bilder mit in seine Trume, und schlummerte, mit halbgeschlossenen Augen, eine
Weile fort. Allein sein Schlaf war unruhig. Er warf sich hin und her, sprach,
nannte fremde Namen, schrie hell: Tavanelli! fort! fort! lachte dann wohl
dazwischen, kurz, erfllte mich mit Todesangst. Ich weckte ihn. Er blieb in dem
nmlichen Taumel. Ich schickte jetzt eilig nach der Stadt zu Eduard, zum Arzt.
Inde vergingen ein paar Stunden auf dieselbe Weise. Den Caplan hatte ich gleich
anfangs entfernen mssen. Seine Nhe reizte den Unwillen des Kindes. Neun Uhr
Abends war unter wachsender Besorgni herbeigekommen. Ich lauschte am Fenster
auf den rckkehrenden Boten. Da fuhr ein Wagen in den Hof. Der Vater! dachte
ich, mit dem Doktor! In der Erwartung ffnete ich leise die Thr, und trat in
den Vorsaal. Ich hielt die Lampe in der Hand. Ihr schwacher Schein erhellte nur
einen kleinen Theil des Gemachs, doch gerade den, in welchem ich den
Eintretenden entgegen sah. Urtheilen Sie von meiner Ueberraschung, als Emma mit
schnellen Schritten auf mich zueilte.
    Ich wei nicht, war es Verlegenheit oder Ueberspannung des Geistes? da ich
in demselben Augenblicke ausrief: Wie gut, da Sie kommen, Sie finden mich in
groer Bestrzung. Ich habe nachher ber die Worte, und was ich damit meinte,
nachgedacht. Als ich sie sagte, wute ich nichts davon. Sie gingen mir wie ein
Seufzer ber die Lippen.
    Emma schlo meine Hnde in die ihrigen. Weich und seelenvoll, wie ein Engel,
entgegnete sie: Ich habe es schon drauen gehrt, Georg ist krank. Arme Elise!
Und gerade, nun sie hier auf dem Lande sind! Ich sagte ihr, da ich nach Hlfe
geschickt htte. Wir waren inde zurck an das Bett des Kleinen getreten. Sie
beugte sich ber ihn. Ich hielt die Lampe so, da sie dem Kinde ins Gesicht
sehen konnte. Sie blieb eine Weile in der Stellung; darauf erhob sie sich, ohne
etwas zu sagen, aber ihr Auge fiel mit einem Blick auf mich, in welchem ich
deutlich las: So reich bist Du, Glckliche! und dennoch! Es durchlief mich
hei vom Scheitel bis zur Zehe.
    Wir setzten uns auf einen kleinen Sopha, ganz im Winkel, nahe bei Georg.
    Ich komme zu einer unbequemen Stunde? brach Emma endlich das Schweigen.
Aber, fuhr sie fort, man mu die Zeit nehmen, wie sie sich uns giebt.
    Sie hielt inne. Vielleicht erwartete sie meine Antwort. Allein mir zog sich
die Brust beklommen zusammen. Wir hatten uns lange nicht gesehen. Jetzt saen
wir mit verschlungenen Hnden einander so nahe, rings um uns die unsichere
Dmmerung. In meinem Herzen, Sorgen um mein Kind, berall ngstliche Erwartung,
ich fand keinen deutlichen Gedanken in mir. Ich drckte ihr leise die Hand.
Liebe Elise, sagte sie, vielleicht sollte man gewisse Dunkelheiten im Leben
nicht aufklren wollen. Man zerreit mit dem Nebel wohl noch mehr, als diesen.
    O nicht weiter! flsterte ich ngstlich. Jetzt nicht! in diesem
Augenblicke, wo ein einziges Gefhl mich mit so groer Bangigkeit erfllt!
    Frchten Sie denn, lchelte Emma sanft, ich wolle etwas anders, als uns
Allen Ruhe schaffen? Mein Gott! ich wrde gewi schweigen, aber wir sind in eine
allzugroe Verwickelung hinein gerathen, und es hilft wenig, da Jeder heimlich
und allein seinen Weg geht. Dadurch werden uns Vertrauen und Zuneigung vollends
getdtet.
    Liebe! unterbrach ich sie. Wre von Anfang mehr Vertrauen unter uns
gewesen, dies knnte jetzt nicht so unbegreiflich erschttert sein.
    Ich glaube es selbst, entgegnete sie nachdenkend. Aber was hilft es,
darauf zurckzukommen. Jetzt mssen wir rasch vorwrts eilen, um ber die
hemmende Stelle hinwegzuschreiten. Ich, ich will die Erste sein, sagte sie
leise und schneller als zuvor, die Erste, die das entscheidende Wort spricht.
Ich wei es, ich wei es besser, da Sie Hugo liebt, da diese Liebe seine Brust
durchstrmt, da er keine Stelle in sich findet, wo er verweilen, ja nur stille
stehen kann. So soll es mit ihm nicht bleiben, wir beide drfen ihn nicht in
Ungewiheit ber sich, ber uns lassen. Was ihn reizt und ngstigt, das falle
weg! meine Ansprche an ihn, Elise! die Vorstellung davon, wir mssen sie durch
gegenseitiges Einverstndni wegrumen. Ich will, mein Gott! ich will Euern Bund
nicht stren, ich nicht dazwischen treten. Oeffnet mir Eure Herzen, seid frei
und wahr mit mir. Ich habe eine Seele, Euch zu begleiten, stot mich nicht
zurck, zerreit Euch selbst nicht!
    Sie hatte sich aus der halbliegenden Stellung aufgerichtet. Unangelehnt sa
sie fast knieend vor mir, die gefaltenen Hnde hoben sich, whrend sie sprach,
fters leise in die Hhe, die Worte folgten einander mit beschwrender Hast. Es
war nicht Leidenschaft, es war Seelenangst, die aus ihr redete. Ich war so
erschttert, da ich unter einem Strom von Thrnen an ihre Brust sank. Werden
Sie es glauben, Hugo! es fehlte mir an aller Fhigkeit, ihr zu antworten. Sie
mideutete das, sie sah in meinen Thrnen das schweigende Bekenntni dessen, was
sie voraussetzte. In dem Sinne fuhr sie fort, in mich zu dringen. Die innere
Qual gab mir endlich Worte. Liebe, Gute, rief ich lebhaft, lassen Sie doch
einen Wahn, der ja alles Unglck anrichtete, nicht so ausschlieend ber sich
herrschen. Es ist nicht, wie Sie denken, es ist ganz anders. Sie sahen es auch
frher so. Verwandtes Begegnen, Gewohnheit, sich gerade auf gewisse Weise
verstanden zu fhlen, Ineinanderschlingen des Gedachten und Empfundenen, Sie
wissen, wie hieraus Vertraulichkeit, Theilnahme entsteht. Hugo braucht es, sich
vielfltig mitzutheilen. O knnte die Welt das so sehen, htte sie nichts anders
sehen wollen!
    Emma achtete gespannt auf jedes meiner Worte. Wenn Sie sich nicht tuschen,
liebe Elise, lchelte sie fast heiter, so bin ich doch gewi, da Sie mich
nicht tuschen wollen. Es wre mglich, fuhr sie nach kurzem Besinnen fort,
da sich Alles verhlt, wie sie sagen. Wir verwickeln uns so oft in Irrthmer.
Ich habe es wohl auch schon gedacht. Aber - seufzte sie - Hugo! was drckt ihn
so zu Boden? Der Despotism des Mitrauens, fiel ich schnell ein. Die engen
Rcksichten, in welche ihn dieser hineintreibt, er findet hierin eine
unertrgliche Anmaung.
    Sagte er Ihnen das? fragte sie schwermthig. Ja! entgegnete ich, im
Begriff noch mehr hinzuzusetzen, als sie ausrief: Weshalb Ihnen? wenn er mich
nicht aufgab! Erwartet er nur durch Sie den Trost, den er bei mir nicht sucht?
Sie sind ungerecht, Emma, fiel ich ein. Vergessen Sie, da er sich durch Sie
miverstanden glaubt? Hat er auch von mir verstanden sein wollen? fragte sie.
Nein, nein, so durchaus bloer Wahn ist es nicht, was unsern Frieden strt!
setzte sie eilig hinzu. Deshalb eine Bitte. Versprechen Sie nur das Eine, kein
Geheimni in Bezug auf Hugo fr mich zu haben. Ich fordere auch nicht, da Sie
ihm Eins aus meinem Anliegen machen, denn ich bin Willens, dasselbe Gesuch an
ihn zu richten. Knnen Sie, wollen Sie das? so bin ich ruhig, und Sie drfen es
ebenfalls sein, wie auch der uere Gang der Dinge gehen mge.
    Hugo, ich habe es versprochen, und werde dies Wort nur mit meinem Leben
brechen.
    Wir brachten nachdem nur noch wenige stumme Minuten mit einander zu. Die
Ankunft des Arztes erinnerte mich erst, da Georg die ganze Zeit sanft
geschlafen hatte, da meine Sorge bertrieben, und der Zustand des Kindes nicht
so beunruhigend war, als ich frchtete.
    Emma's Anwesenheit versetzte Eduard spterhin, der nun auch gekommen war, in
die beste Laune; und so hat dieser Engel ein Licht zurckgelassen, das noch
meine Einsamkeit erhellet. Georg ist wieder wohl. Ich danke dem Himmel, und sehe
still zu, wie sich die Erde allmhlig vergrnt und der volle Strom des Daseins
durch alle Adern des Lebens quillt!
    Hugo, die Menschen mgen es anfangen, wie sie wollen, das Lebendige lebt
fort! Was kmmert uns das Uebrige!

                        Die Oberhofmeisterin an Sophie!


Was ich wollte, ist geschehen. Schlag auf Schlag ist gefallen, und Alles steht
wie es stand! Ich bin erschpft. Eine hhere Hand mu hier Ordnung machen. Mein
Einflu ist zu Ende!
    Und wie sie sich betrgen, wie Einer den Andern, wie jeder sich selbst
tuscht!
    Wenn die Leute erst von der Welt in ihrer Brust, dem Schwunge und dem
Umfange ihrer Empfindungen faseln, dann bin ich gleich fertig. Das ist freilich
eine fremde Region! Da untersteht sich kein vernnftiger Mensch mit spatzieren
zu gehen.
    Emma ist so gut in die Hhe geschraubt, wie Alles, was den bahnlosen
Schwrmern anhngt. Ich hre ihr oft mit Staunen zu, mit welcher ehrlichen Miene
sie uns die unsinnigsten Lgen auftischt.
    Freundschaft! Freundschaft! das ist hier das dritte Wort, und Keiner, wette
ich, wei, was das Wort in sich fat.
    Die heitre, klare, unbegehrliche, immer empfngliche, immer thtige
Gemeinschaft der Seele, gleicht diesem hypochondrischen Versinken, der
eiferschtigen Scheu, dem schwrmerischen Selbstbespiegeln, wie Sonnenschein und
Gewitterluft.
    Sie haben sich verstndigt, heit es, sie sind ruhig! Aber das ist eine
Ruhe, die an knstliche Einschlfrungsmittel erinnert, und nicht eine Spur von
lebendiger Wahrheit in sich trgt.
    Die Spannung war auf das Hchste gestiegen. Der Knoten zog sich immer enger
zusammen. Lange konnte die Absichtlichkeit, durch die man mich, durch die man
sich selbst zu tuschen bemht war, nicht mehr dauern. Da machte ein Antrag des
Frsten, indem er Hugo zum Gesandten an unsern Hof ernannte, dem Spiel ein Ende.
Unverstellt brach jetzt die Leidenschaft hervor.
    Stolz und wegwerfend bezeigte Hugo seine Verwunderung ber die lcherliche
Wahl, forderte Emma, forderte mich durch unertrgliche Sarcasmen heraus, ri
mich zu offner Erklrung hin, schlug ziemlich trocken das Anerbieten aus, und
bewaffnete dadurch Hof und Stadt gegen sich und Ihre Freundin. Die Letztere
mute dies am Geburtstage der Frstin Mutter erfahren. Die strenge Frau empfing
sie bei der Morgencour mit beleidigender Verwunderung, indem sie sagte: Sie habe
erwartet, es werde sich ihr an diesem Tage kein trbes Gesicht nahen wollen, und
ein heiteres drften ihr die nicht zeigen, ber welche soviel schmerzliche
Thrnen flen. Sie wandte sich bei diesen Worten ab, indem sie sich gegen eine
nahe stehende Dame laut uerte: Man hrt nichts als beunruhigende Neuigkeiten
von dem Schlosse des Baron, dem alten Comthur. Das hat der Mann davon, einen
Undankbaren zu sich heraufzuziehen!
    Der Auftritt machte unglaubliches Aufsehen. Der Frst litt in der Seele des
Prsidenten. Es that ihm auch um des uern Anstandes willen leid. Er wollte es
wieder gut machen. Er nherte sich Elise. Seine Mutter rief ihn in diesem
Augenblicke zu sich. Sie sprach lebhaft mit ihm. Kurz darauf entlie sie die
Versammlung. Die Schwergekrnkte hielt standhaft aus. Ihre stille und gesammelte
Haltung imponirte fr den Augenblick Allen. Sie blieb, und war die Letzte in den
frstlichen Slen. Dann entfernte sie sich langsam, am Arme ihres Mannes, mit
dem man sie gelassen, scheinbar gleichgltig sprechen sah. Doch diese glckliche
Gegenwart des Geistes hinderte nicht, da der Stab ber sie gebrochen, und sie
gezwungen ward, unter einem schicklichen Vorwand die Stadt zu verlassen.
    Sie kennen mich zu gut, um nur einen Augenblick glauben zu wollen, da ich
mich an der Krnkung der Unglcklichen weidete. Einmal, bin ich nichts weniger
als boshaft! und wre ichs auch, so mte ich doch dies Verletzen aller uern
Sitte schon darum tadeln, weil es unpolitisch ist, die Meinung theilt, das
Mitleid in Anspruch nimmt, und denen, welche im Recht sind, das Ansehen des
Unrechts giebt. Emma fhlt dies wie ich. Sie verdoppelt ihren Eifer, Elise mit
jedem Tage zu verbinden. Die Intimitt beider Huser ist vllig hergestellt. Der
Prsident sieht darin eine Art Ehrenerklrung fr seine Frau, wie es berhaupt
das Ansehen hat, den ganzen Vorfall bei Hofe den Faseleien einer kindisch
gewordenen alten Dame zuzuschreiben, wodurch wir, als glckliche Ausbeute bei
dem ganzen Handel, die Genugthuung genieen, die gefhrliche Feindin unserer
Ruhe recht oft hier zu sehen.
    So weit sind wir nun! - Das sind die Resultate meines Hierseins! O Sie haben
recht, ganz bestimmt recht! zum Laufen hilft nicht schnell sein. Am
allerwenigsten bringt man eine Sache ins Klare, wenn man darin rhrt. Ich habe
auch meine Hnde zurckgezogen. Ich sehe zu. Aber Sophie, ich sehe, ich sehe!
Sein Sie gewi, mir entgeht nichts. Es wird schon der Tag kommen, wo ich werde
hervortreten und sagen knnen: Das war es! wit Ihrs nun?

                                                             Einige Tage spter.

Das fehlte noch! Emma ist krank! nicht bedeutend, nicht gefhrlich, aber immer
genug, um mich unsglich zu beunruhigen.
    Dahin mute es kommen? wenn ihr Zustand schlimmer wrde? wenn - wenn - Gott!
mein Gott! la mich deine Hand nicht schwerer fhlen, als ich tragen kann! Sie
werden wieder denken, ich bertreibe, ich sehe mit leidenschaftlichem Blick,
Emma habe vielleicht nur flchtig geklagt. - Nein, nein! Sie hat gar nicht
geklagt! Das ist es ja eben. Wte sie zu sagen, was ihr fehlte, man knnte
helfen. Aber so! Der Arzt meint, ein wenig Ruhe stelle das Gleichgewicht wohl
wieder her. Ruhe! - Ein armes, kleines, leicht ber die Lippen gleitendes
Wrtchen, und welche Tiefe und Hhe himmlischer und irdischer Bedingungen fat
es zugleich in sich!
    Wer ist ruhig in dieser Welt des Unbestandes? Wer darf sagen, er sei es,
wenn er nur irgend etwas auf Erden liebt? Emma, und ruhig sein! Wenn sie da
liegt, nicht fort kann, nicht fragen, an nichts auer sich Theil nehmen darf,
und er sich im Kahne schaukelt, Wasserhhner schiet, die Wolken ziehen, und den
Abendstern ber dem Hause des Prsidenten aufgehen sieht, hinber rudert,
zwischen Schilf und Calmus im Versteck liegt, und die schlaue Circe belauscht,
die niemals ohne den Knaben und Tavanelli erscheint, aus dem sie auch einen
Esel, oder noch ein rgeres Thier gemacht hat. Nun, Gott sei dem Verstande der
Menschen hier gndig! Ich frchte, auch den meinigen zu verlieren. Wten Sie,
Sophie, was ich jetzt wei! Wie es htte anders kommen knnen! wie glcklich
Emma, wie zufrieden ich jetzt wre, wenn der unselige Badeaufenthalt uns Hugo
nicht zugefhrt htte! -
    Dieser Leontin, von dem ich Ihnen schon einmal schrieb, der ernste,
bescheidene, entschlossene junge Mann, er liebt, ich zweifle nicht einen
Augenblick lnger, er liebt meine Tochter. Eine Mutter ist hierber selten im
Irrthum, und er ist zu arglos, zu rein, um auer sich selbst noch irgend Jemand
zu tuschen. Wie anders bewacht er inde sein Gefhl, als Hugo! Nur selten
erlaubt er sich den Zutritt in diesem Hause, und reitet er auch fast tglich
hier vorber, so lenkt er doch stets nach Ulmenstein hin, als folge er nur einem
verwandtlichen Zuge. Die Meisten nehmen es auch so, doch ich errieth ihn, und er
fhlte es!
    Gestern war es, da kam er in groer Unruhe herauf zu mir. Er hatte von
Emma's Unwohlsein gehrt. Bla, erschttert vom raschen Ritt, die feinen Lippen
kaum zu einer bangen Frage geffnet, stammelte er, mit abwrtsgewandtem Blicke,
erzwungen gleichgltig: Hoffentlich doch Alles unbedeutend? - nichts als ein
vorbergehendes Uebel - so hrte ich wenigstens, setzte er leiser, fast
unverstndlich hinzu. Ich beruhigte ihn, doch ergriff mich der bloe Gedanke an
die Mglichkeit einer Gefahr so unwiderstehlich, da ich mit den Worten: Es
wre ja auch zu schrecklich! in meinen Sessel zurcksank, das Tuch vor die
Augen drckte und in Thrnen zerflo.
    Er blieb mir gegenber lautlos stehen. Ein gewisses Wiegen seiner schlanken
Gestalt, der zurckgezogene, furchtsame, auf mich geheftete Blick sagte mir, als
ich wieder zu ihm aufsehen konnte, da er meine kummervolle Bewegung in
schmerzlicher Angst begleitete. Er uerte kein Wort weiter, allein er blieb so
leise, so weich, so innerlich; sein ganzes Betragen gegen mich trug das Geprge
eines wehmthigen Geheimnisses. Ich ergriff seine Hand mit Herzlichkeit, als
knne ich ihm sein Mitgefhl nicht genug danken. Er schien berrascht. Es flog
wie ein Strahl ber seine Stirne, die Lippen zuckten, allein, dabei blieb es. Er
lie meine Hand an der seinen abgleiten, er sagte nichts, er schien sehr
betroffen, eine Thrne, eine einzige, rollte langsam ber sein marmorbleiches
Gesicht. - O Gott! er htte Emma anders zu wrdigen gewut!
    Ich darf das nicht denken. Ich mag es auch nicht denken! Und doch! Der
Mensch hat mir einen sonderbaren Eindruck zurckgelassen. Wie er nun, nach einer
fast stummen halben Stunde, zgernd ging, und noch im Hofe eine Weile an dem
Steinbrunnen in sich gekehrt stand, dann sein Pferd am Zgel fhrend, in seinen
weien Mantel gehllt, so gro und schlank, und wie fast alle Hochgewachsene,
etwas gebeugt, den Bergpfad entlang ging, erinnerte er mich an Bilder pilgernder
Kreuzritter. Die Mhen des Lebens lasteten auf dieser Gestalt, aber der Blick
kannte das Ziel, und der Fu ging den Weg mit festem Tritt.
    Schlafen Sie wohl, Sophie! Ich bin von ganzer Seele betrbt, was soll ich
Ihnen sonst noch sagen? -

                             Rosalie an ihre Mutter


Erlaube, liebe Mama, da ich Dir diese flchtigen Zeilen noch vor Deiner Ankunft
in der Stadt entgegenschicke.
    Ich war kaum mit unserer guten, alten Schweitzerin in das Haus getreten, und
hatte, wie Du es befohlen, einen Blick auf die neue Einrichtung der Zimmer
geworfen, deren Beurtheilung Du meinem Geschmack anvertrautest, als schon eine
Menge Menschen, die Licht in den Fenstern sahen, herbeirannten und wissen
wollten, ob wir angekommen wren? Du kannst Dir wohl denken, da ich Niemand
annahm, auer Deinen nchsten Bekannten, zu denen der gute Hofmarschall ja von
jeher gehrt. Ich schreibe Dir hauptschlich seinetwegen, denn es drckt mir das
Herz ab, was er mir alles in den wenigen Minuten sagte. Denke Dir, da die
Frstin Mutter es so unglaublich vernnftig von uns findet, die Trauer so lange
gehalten und nicht eher den lndlichen Aufenthalt verlassen zu haben. Sie hat
ffentlich darber gesprochen, Dich als gescheute und pflichtvolle Frau gerhmt,
und versichert, sie sei im Voraus berzeugt, uns vollkommen gut erzogen zu
finden. Als der Hofmarschall das besttigte, sagte sie: Es ist nur Schade, die
hbschen Kinder werden uns nicht lange bleiben. Das Vorzgliche wird immer
gesucht. Solche Mdchen verheirathen sich bald. Ich mchte sie hier fixiren.
    Und nun stelle Dir vor, darauf hat sie den jungen Baron Wildenau genannt,
der ihr krzlich vorgestellt ward, indem sie hinzusetzte: Ich hoffe, er wird so
viel Verstand haben, und mit meinen Augen sehen.
    Du kannst wohl glauben, liebe Mama, da ich an so etwas weiter nicht denke;
aber lachen wrde ich doch, wenn der steife, unentschlossene Leontin auf diese
Art zu einer Erklrung gezwungen wrde.
    Apropos! von Leontin, und was damit zusammenhngt. Es ist doch
auerordentlich, wie lcherlich die Leute werden, wenn sie etwas Besonderes sein
wollen. Du kannst Dir nicht vorstellen, was man sich hier Alles ber die
fortgesetzte Freundschaft der beiden Nachbarhuser sagt. Ich kann es Dich nur
errathen lassen, denn es zu wiederholen, erlaubt die Schicklichkeit nicht. Htte
sich die gute Prsidentin doch mehr mit ihrer Toilette beschftigt, als mit den
albernen, romanhaften Grillen! Was helfen der sentimentalen Nrrin nun Verstand
und berspannte Gefhle? Sie bekommt nie wieder Gewicht in der Gesellschaft. Ich
fr meinen Theil bin gewi, da ich nicht in hnliche Thorheiten verfallen
knnte. Wer bescheiden von sich denkt, der ist leicht befriedigt.
    Adieu, liebe Mama! Ich ksse Dir die Hand. Es ist doch fatal, da die Tante
uns nichts vermacht hat. Die kleine Franzsin war heute frh hier. Sie hat mir
wunderschne Ballroben und himmlische Blumen gezeigt. Ich verwies sie auf Deine
grnzenlose Gte. Wenn Du erst hier bist - nicht wahr, sie darf wiederkommen?
                                                                  Deine Rosalie.

                             Der Comthur an Sophie


Sie wollen es von mir hren, geliebte Sophie, was eigentlich fr Ihre und meine
Freunde zu frchten sei? Ach! leider Alles! denn sie stehen auf einem Krater,
und kein warnendes Anzeichen macht sie aufmerksam. Mchte das entscheidende Wort
Ihr weiches Herz, theure, unvergeliche Freundin! nicht hrter treffen, als es
meine Liebe ertragen kann. Sie wollten es hren. Aus meinem Munde, sagten Sie,
werde es Ihnen weniger verletzend klingen. Glauben Sie das? Wie wehe mu es uns
beide thun, auf den Trmmern unsers Glckes, wieder nur Trmmer aufgeschichtet
zu sehen.
    Es ist Niemand dadurch reicher geworden, da ich arm blieb. Doch, weg mit
den eigenntzigen Rckblicken! Es reicht hin, das Gewissen gerettet, die Absicht
einer ehrwrdigen Institution unverletzt erhalten zu haben. Erfolge sind nicht
zu berechnen! Glauben Sie mir, oft mu sich alles vereinigen, um einer Handlung,
welche die Welt nicht verstand oder verstehen wollte, noch in ihren Folgen den
Krieg machen zu knnen. Gehrt das zu der speciellen Prfung des Handelnden?
oder liegt es in der Natur des auffallenden Schrittes berhaupt, da jede
Handbreit Weges erkmpft sein will? Vielleicht beides zugleich; denn eine reine
That mu sich vielfach bewhren, um mit dem eigenen Bewutsein zurecht zu
kommen.
    Ihnen, Sophie! mag ich es nicht bergen, da ich groe, innere Anfechtungen
zu erdulden habe.
    Wenn ich die sonderbare Richtung bei Hugo, im Widerspruch mit dem
Bestehenden des Lebens, so bis zur Unnatur leidenschaftlich losbrechen, ihn
rechts und links nur zerstren, und nichts an die Stelle setzen sah, als
Scherben und Splitter, wenn ich es ihm anfhle, da es ihm auch nur um diese
Siegestropheen der Willkhr zu thun ist; dann sage ich mir: das ist der tzende
Bodensatz bitterer Ghrung. Der gekrnkte Vater, die betrbte Mutter, das
bewegte Jugendleben, das hat den Stolz entflammt, den weichen Sinn gehrtet, den
ganzen Menschen zu einer Waffe der Selbstvertheidigung geformt! Htte ich das
einmal Geschehene seinen Gang gehen, es sich mit der Zeit fortbewegen lassen, es
ist kein Zweifel, diese htte mit neuen Ansichten auch neue Grnde gefunden, das
Verletzte zeitgem und natrlich zu ergnzen. Mein Bruder wre im Besitz des
vterlichen Erbes geblieben, so lange ich nicht protestirte. Er lebte vielleicht
noch, und htte es erlangt, sich mit sptern Agnaten ber die Stiftungsacte des
Majorats zu vereinen, denn es wiegen sich momentane Vortheile sehr schnell gegen
sptere Ansprche auf. Der Mensch der Gegenwart hlt es gewhnlich mit dem
Sprchwort vom Sperlinge in der Hand und den zehn andern auf dem Dache. An
historische Existenz denkt und kann der nicht denken, dessen augenblickliche
bedroht ist.
    So wrde sich dann auf andere Weise gestaltet haben, was jetzt auf Umsturz
hinarbeitet, und ber kurz oder lang zerfallen mu. Denn es ist keine Frage, was
ich that, einer frivolen, selbstschtigen, gewissenlosen Richtung entgegen zu
wirken, hat diese nur gefrdert. Hugo ist das Kind emprter Elemente. Er steht
gewaffnet gegen mich auf, und wird das Recht, welches die Jugend gegen das Alter
mit so leichter Scheinbarkeit behauptet, aufbewahren. Meine Tage sind ihrem Ende
nahe, der neue Tag, der mit ihm beginnt, fhrt keine wohlthtige Sonne herauf.
Ich ahnde das Ungewitter und die Ausbrche vulkanischer Ghrung, die das lang
Bewahrte, langsam Geschaffene, in raschen Sten zerstren werden.
    Bei dem Allen ist es mein Trost, nach innigster Ueberzeugung festgestanden,
und dem gem, der Gefahr entgegengetreten zu sein.
    Es bleibt mein Trost, sage ich, es ist der wiederkehrende, beruhigende
Gedanke, wenn tausend Erschtterungen mich von allen Seiten fassen und mein Herz
zerdrcken, meine Seele zerreien.
    Sehe ich auf meine nchsten Umgebungen, was erblicke ich? den Neffen, den
Erben meines Namens, meiner Gter, den Sohn meiner Wahl, trocken, kalt, von
einer Leidenschaft verzehrt, welche allen Erwartungen seiner Freunde zu spotten
scheint. So geht er an dem Leben hin, als habe es keinen Theil an ihm. Und Emma?
die schne, starke Seele, sinkt ermattend in sich zusammen. Ruht sie nur aus von
den Kmpfen, oder lastet die Erde zu schwer auf ihr, und kann sie sich nicht
mehr frei machen von der harten Decke? Ist es wirklich vorbei fr diese Welt?
Sie scheint es zu glauben, mit fast an Stumpfheit grnzender Abspannung, lt
sie geschehen, was sie allein noch hindern knnte. Seit sie schwach und matt das
Zimmer htet, kmmert sie sich wenig um Dinge, die auerhalb vorgehen. Sie hat
das Ansehn, Niemand zu vermissen, und bemerkt es kaum, da Hugo ganze Tage auer
dem Hause zubringt. Uns Alle ngstigt diese Gleichgltigkeit. Die Mutter setzt
sie in Verzweiflung. Der Arzt sagt wenig dazu. Hugo scheint nicht zu wissen oder
nicht zu glauben, da man anders als vor Alter sterben knne. Und kennt er auch
gefhrliche Krankheiten, so ist ihm doch das Kranksein zu fremd, um seine
Bedeutung recht einzusehen.
    Kurz, es ist unmglich, Ihnen, liebste Sophie! einen Begriff von den
peinlichen Widersprchen zu geben, die hier einander durchkreuzen. Die Spannung
wchst tglich. Die einzige Vermittlerin schweigt. Umstnde und Leidenschaft
werden den entscheidenden Schlag herbeifhren. Halten Sie sich bereit, geliebte
Freundin! uns auf den ersten Ruf zu Hlfe zu eilen. Ich bin gewi, da der
Augenblick nicht mehr fern ist.
    Gestern, in aller Frhe, hat Tavanelli dem Prior drben bei den
Remonstratensern gebeichtet.
    Es war noch dunkel, als er sich an dem Klosterthor zeigte. Der Pfrtner
glaubte einen Wahnsinnigen vor sich zu sehen. Mit sonderbarer Hast, mit
unsttem, verwildertem Blick forderte er Einla. Er gab vor, ein Kranker
verlange geistlichen Beistand. Hierauf wurde ihm geffnet. Nach einer Weile sah
man ihn, in Begleitung des Sacristan, nach der Kirche gehen. Nicht lange, so
folgte der Prior. Dieser blieb geraume Zeit mit dem Jnglinge im Beichtstuhl
verschlossen; als Tavanelli den Rckweg spterhin antrat, lagen Bangigkeit und
Zerknirschung auf seinem todtbleichen Gesicht. Seitdem ist er schon zweimal an
Emma's wie auch an meiner Thre gewesen, ohne gleichwohl Zutritt zu finden. Ich
hege eine Scheu vor ihm, wie vor allen berspannten Menschen, die sich in
Momenten der Exaltation nicht angehren, und Worte ber ihre Lippen fliegen
lassen, die sie vielleicht spterhin mit ihrem Leben zurckkaufen mchten.
    Zum Glck hat die Oberhofmeisterin nichts von jenen wiederholten Besuchen
erfahren. Sie schlief noch, oder war spatzieren gefahren, als der Geistliche
hier war. Ich habe ein Vorgefhl von dem, was er uns bringen will! Aber wenn es
das ist - wenn das Unglck einmal auf dem Wege zu uns ist, werden wir hindern
knnen, da es irgendwo bei uns eindringt?
    Ich schreibe Ihnen mit mehr Unruhe, als weise, mit mehr Unwillen, als recht
ist. Ich wei nicht, wen ich bei der allgemeinen Verwirrung eigentlich tadeln
soll? und deshalb bin ich mit Niemand zufrieden. Auch nicht mit mir. Ich
verehre, ich bewundere Emma, ich beweine ihr Geschick; doch kann ich nicht
aufhren, mit zrtlicher Hinneigung an Elisen zu denken. Ich wrde die Hand zu
lhmen wnschen, die es versuchte, einen Stein gegen sie aufzuheben. Und doch,
wenn ich die Thrnen der Mutter sehe, wenn ich an Emma's Bett sitze! -
    Gott allein ist hier Richter. Wir wollen schweigen und zum Handeln bereit
sein. Deshalb, meine Sophie! lassen Sie Ihren Freund nicht vergebens bitten.
Eilen Sie, so bald Sie knnen, grerem Uebel vorzubeugen. Elise bedarf Ihrer,
so viel ist ausgemacht. Sie kennen ja ihren arglosen Trotz gegen die Meinung der
Welt. Was sie in dieser Stimmung zu thun im Stande ist? welche Veranlassung sie
migen Lauschern geben knnte, mit ihr, uns Alle zu verderben? Beste! Liebe!
eilen Sie, eilen Sie zu uns!

                              Leontin an Tavanelli


Ich suchte Sie gestern Abend in Ihrem Zimmer auf. Sie waren nicht darin. Doch
stand es offen. Mehrere Papiere flogen mir vom Boden entgegen. Ueber den Stuhl
vor dem Schreibtisch hing ein abgeworfener Rock. Hut und Handschuh fand ich hier
und dorthin geschleudert, der Spatzierstock lag quer ber dem Sopha, alles trug
die Spuren einer Unachtsamkeit, die ich sonst nie an Ihnen bemerkte. Es fiel mir
auf, da die Leute im Hause von Ihrer Abwesenheit nicht unterrichtet waren, da
sie mich hierher zu Ihnen gewiesen hatten. Die Vermuthung, Sie vielleicht unten
im Garten zu treffen, entstand nun ganz natrlich in mir. Ich ging, und kam bis
an die Bucht am See, ohne einem Menschen begegnet zu sein. Hier spielte, zu
meiner groen Verwunderung, Georg mit einer Ziege, die er von seinem kleinen
Wagen losspannte, und sie Gras fressen lie. Wo ist Dein Freund Tavanelli?
Kind! fragte ich, ahndend, da Sie in der Nhe sein mten. Der Kleine
antwortete erst gar nicht; spter, als ich meine Frage wiederholte, sagte er
gleichgltig, ohne von seinem Spiele aufzusehen: Tavanelli? Ja, das wei ich
nicht. Der luft immer umher. Und Dich, armes Kind! sagte ich, lt er so
allein? Es ist ja fast schon dunkel, bekmmert sich denn Niemand um Dich? Um
mich braucht sich auch Keiner zu bekmmern, entgegnete er zuversichtlich. Ich
ziehe die Liese hier in den Stall, und dann gehe ich auch zu Bett. Das ist immer
so! Immer so? wiederholte ich, und Deine Mutter wei - Ach! lachte Georg,
die wei von gar nichts, die glaubt, der Caplan ist bei mir, aber der denkt
nicht an mich!
    Komm, sagte ich, wir wollen zu Deiner Mutter gehen. Da knnten wir
schn laufen, ehe wir die fnden, versicherte Georg, indem er sich halb
unwillig von mir losmachte. Mutter, fuhr er fort, geht alle Abend am See.
spatzieren, und manchmal fhrt sie auch im Kahn auf dem Wasser. Wer sagt Dir
das? unterbrach ich ihn schnell. Tavanelli! erwiederte er, als wenn sich das
von selbst verstnde. O! der ist manchmal so bse, so bse, wenn sie gar nicht
wieder nach Hause kommt. Er rennt durch alle Zimmer und schilt, und chzt! Ich
hre dies bisweilen wohl, wenn es auch so aussieht, als schliefe ich.
    Ich lie das Kind nicht weiter die Geheimnisse des Hauses ausschwatzen. Ich
mischte mich in sein Spiel, ging mit ihm nach dem Stall, und blieb so lange bei
ihm, bis er schlfrig ward, worauf ich ihn dann der Sorgfalt eines Bedienten
berlie, der wohl beauftragt war, sich seiner anzunehmen
    Aber Sie Unglcklicher, wohin fhrte Sie der eigenntzige Wunsch, sich
selbst gengen zu wollen? Kommt es auf Ihre Ruhe an, wenn Sie die Pflicht, fr
die Ruhe Anderer zu sorgen, bernehmen? Was gehen Sie fremde Irrthmer an?
Gengt es nicht, das zarte Gefhl, dem Sie Ihr Streben widmeten, davor zu
bewahren? Und weshalb erschrecken Sie vor Anfechtungen, die Ihnen nicht fremd
sind? deren Schlingen Sie sehr wohl kennen? Glauben Sie ein Heiliger zu sein?
Hofften Sie wirklich, der bloe Entschlu reiche zur gnzlichen Umwandlung hin?
Mit sonderbarem Stolz finden Sie sich durch den Andrang menschlicher
Widersprche emprt. Es dnkt Ihnen unbegreiflich, da sich dergleichen bis zu
Ihnen wagen. In der verlegenen Entrstung darber, durchkreuzen Sie den
Kampfplatz mit feiger Scheu, ohne einem einzigen Feind ins Gesicht zu sehen.
    Ja, ich schelte Sie feige, denn nur in dieser schlimmsten Krankheit des
Geistes entdecke ich den Grund Ihrer lahmen Willenskraft.
    Wo suchen Sie ein Schild, fest genug, den zaghaft Zitternden zu schtzen?
    Sie haben es weggeworfen, Tavanelli! Es lag Ihnen ganz nahe. In der Liebe
und Thtigkeit fr das Kind, das man Ihren Hnden anvertraute, fanden Sie Ihren
Beruf; da, da htten Sie eine Brustwehr gegen jede Gefahr gehabt. Jetzt -? Sehen
Sie auf das, was Sie thaten. Sie haben Gift in die kleine Seele geworfen. Es
wird nachwirken, verlassen Sie sich darauf.
    In das Kloster zu dem Prior flchten Sie, und beichten. Was beichten Sie
denn? Auch die Snde, die Sie in dem Augenblick begehen, da Sie sich selbst
untreu werden? das Kind verlassen? die Zunge des Gesindes beflgeln, den Ruf der
Mutter preis geben? O! zurck, zurck in Ihre Kammer, auf den Knien vor dem, der
berall ist, der Ihren Muth beflgeln, Ihren Willen sthlen kann. Halten Sie
aus, Tavanelli! der Friede ist bei Gott. Auf Erden ringen seine Streiter. Hier
giebt es keine andere Ruhe, als in der Zuversicht heiligen Ausganges. Ich
wiederhole es Ihnen, weichen Sie nicht von Ihrem Platz. Es ist die hchste
Pflicht, damit nicht noch greres Unglck geschehe.
    Ich wei nicht, welche Unruhe ich dieserhalb hege. Ihr Zimmer - das Kind -
der Garten - es hat mir den allerpeinlichsten Eindruck gelassen.
    Knnten Sie doch fhlen, da Sie nicht der einzige Unglckliche auf der Welt
sind! Es giebt Schmerzen! Schmerzen! - Aber ich klage nicht! Die nchste Stunde
kann die entscheidende sein, und diese fordert den ganzen Menschen in all seiner
Kraft! Erwgen Sie das, und halten Sie aus.

                                 Elise an Hugo


Wir haben uns, wir haben Emma betrogen. Ich dulde den Vorwurf nicht in meiner
Seele! Ein rasches, offnes Gestndni soll die gromthige Frau zu unserer
Richterin machen. Durfte ich es mir bekennen, da ich Sie liebe, Hugo! konnte
ich es Ihnen gestehen, so habe ich keine zweite Demthigung zu scheuen. Mein
Gott! war es mglich? trgt das Leben solches Gift in sich, da die
allereinfachsten, natrlichsten Beziehungen, die harmloseste Mittheilung, die
ruhige Freude angenehmen Umganges, ein Netz um uns spinnen konnten, in dem
Alles, bis auf den Willen, frei zu sein, gefangen ist?
    Ich verstehe weder Sie noch mich, noch was wir beide empfinden! In diesem
dumpfen Schwindel hege ich keinen andern Wunsch, als da Emma wisse, wie mir ums
Herz ist. Morgen, heute kann ich nicht mehr zu ihr dringen, morgen liege ich auf
meinen Knien vor ihrem Bette, und beschwre sie, mir zu glauben, da ich
unwissend fehlte!
    O Hugo! Hugo! wo ist mein heiterer Muth, mein klarer, fester Blick! Ich bin
gefangen, und keine Macht der Erde spricht mich frei!

                                    Antwort


Uebereilen Sie nichts. Der Augenblick ist unpassend. Emma leidet. Die Seele ist
so abhngig vom Krper! Warum sie durch unvorgesehene Strme aufs neue
erschttern? Und wozu? Was ist es denn, das Sie ihr sagen wollen? Frchten Sie
nicht, durch laute, bestimmte Worte dem Geheimni in sich zu nahe zu treten?
Zittern Sie nicht, die Wahrheit zu verletzen, indem Sie durch ihren Schein das
Gewissen hintergehen? Knnen Sie sagen: so ist! so war es! ohne zu empfinden,
da es ganz, ganz anders war? Lt sich der Hauch des Lebens, der Athem der
Seele, wie ein Ding fassen, das man halten und geben kann, wie das Bedrfni der
Verstndigung es fordert? - Es ist vergebens! Sie werden Emma nichts entdeckt
haben, wenn Sie gleich Ihr Herz vor ihr entblen, und sie zwingen, das
strafende Auge verletzend darauf zu richten.
    O Elise! wollen Sie denn gleich den Frost strenger, kalter Errterung auf
die Blthe eines neuen Daseins werfen? Ich verstehe Sie, ich verstehe Sie
vollkommen. Aber Sie tuschen sich! Es geht nicht! Die Sprache giebt den Begriff
wohl wieder, doch das Unbegreifliche durchdringt uns, wie der Strahl des Lichts!
Er ist berall, und weder das Bewutsein, noch irgend eine Kraft des Geistes
vermag das Unaussprechliche unentweiht in die Grnzen der Anschauung zu zwingen.
    Warten Sie wenigstens noch einen Tag, ehe Sie Ihr Vorhaben ausfhren.
Ueberlegen Sie, was Sie thun wollen. Zhmen Sie den unruhigen Durst, sich in
einer ungewhnlichen Aufopferung zu gengen.
    Ich komme, Elise. Ich bin diesen Abend mit dem Kahn an Ihrem Garten. Eilen
Sie, eilen Sie, dem Geschick die fliehenden lieben Stunden abzustehlen! Gegen
acht Uhr Abends bin ich bei Ihnen. Gute, liebe Elise! Verwickeln Sie Ihren
freien Sinn nicht in jene nachschleppenden, hinkenden Gedanken, die das Gefhl
lhmen und den Wunsch doch nicht tdten knnen. Sein Sie auch diesmal die
starke, krftige Frau, die sich selbst ihre Bahn zeichnet!

                              Tavanelli an Leontin


Zu spt! Zu spt! Ihre Warnung verfliegt in den Wind! Ich kann nichts
ungeschehen machen. Ich darf es auch nicht. Sie wissen nicht, was Sie fordern.
Sie kennen die Qualen nicht, die mich foltern. Sie werden es auch nicht fassen,
wenn ich Ihnen sage, da, um Elise zu retten, ich sie verderben mute. Ja, sie
mu zeitlich untergehen, um ewig zu leben. Niemand liebt sie, wie ich sie liebe.
Niemand! Ich habe mein Herz mit tausend Pfeilen durchstochen. Auch das ihrige
wird bluten. Aber Gott wei, es geht nicht anders! Meine Fe tragen mich nicht
mehr, und doch mu ich unstt umherlaufen, bis! - Er kmmt gewi! Walter bringt
ihm diese Zeilen. Heute Abend - o ich zittre an allen Gliedern! Gottes Gericht
ist frchterlich.

                              Leontin an den Arzt


Sumen Sie nicht eine Sekunde. Fliegen Sie, wenn Ihnen der Wunsch, ein Leben zu
retten, Flgel geben kann!
    Kaum athmet noch der schne, liebe Knabe. Sein guter Engel fhrte mich ans
Ufer, ehe es auf immer um ihn geschehen war.
    Aber es ist vielleicht nur das letzte Zucken des Daseins! Ewiger Richter im
Himmel! la dies das einzige Opfer sein! Ich frchte, auf der Burg wird diese
Nachricht den Ausschlag geben! Ja, ja! finsterer Tavanelli, Gottes Gericht ist
frchterlich!

                             Der Comthur an Sophie


Bleiben Sie, arme Sophie, bleiben Sie, wo Sie sind. Hier knnen Sie Niemanden
mehr ntzen.
    Emma hat mit ihrer Mutter die Burg in einem Zustande verlassen, der ihr die
Fhigkeit nahm, ber sich selbst zu bestimmen.
    Dahin ist es gekommen! Ich tadle Niemand! Der Fall war von der Art, da er
ein Gemth, wie das der Oberhofmeisterin, zum Aeuersten treiben mute.
    Was soll ich Ihnen weiter sagen? Alles ist entdeckt, der Ri geschehen! Eine
geschickte Hand knnte wohl zusammenhalten - aber Leben giebt nur Leben, und das
ist an der Wurzel erschttert.
    Erlassen Sie mir den peinlichen Bericht des Geschehenen. Mir widersteht die
gewaltsame Verwstung ruhig geordneter Verhltnisse. Ich wende mich betrbt
davon ab, um soviel als mglich nicht wieder darauf hinzusehen. Unser Freund,
der Arzt, bernimmt es, Ihnen alle Umstnde eines Vorfalles mitzutheilen, bei
welchem sein Beistand von mehr als einer Seite in Anspruch genommen ward. Er
rede, wenn ich schweigend in mich selbst zurcktrete und hier die Welt aufsuche,
in der wir, Liebste, unzertrennlich bleiben! -
    Der Arzt zur Fortsetzung. - Am Mittwoch Abend sa ich am Ruhebett der Frau
Grfin. Ich fand ihren Zustand besser. Wir redeten von gleichgltigen Dingen,
als mir ein Billet mit dem Zusatze eingehndigt wurde: der Reitknecht sei
beauftragt, mir sein Pferd zu berlassen, um mich schneller nach dem Landhause
des Herrn Prsidenten zu bringen, woselbst dringende Gefahr meine Gegenwart
nothwendig mache.
    Ich erschrack um so mehr, da mich ein flchtiger Blick auf die ersten Worte
des Schreibens ein Unglck ahnden lie. Dies, und die groe Reizbarkeit meiner
theuren Kranken bedenkend, bemhte ich mich, mit so viel Gleichmuth, als mir nur
zu Gebot stand, meinem schnellen Aufbruch durch die Aeuerung, da man drben
sehr ngstlich sei, das Beunruhigende zu nehmen. So stand ich noch ein paar
Minuten neben der Frau Grfin, die Finger an ihren Puls gelegt, als ich diesen
stocken fhlte, und sie die eiskalte Hand losmachend, krampfhaft die meinige mit
den Worten umschlo: Ich beschwre Sie, halten Sie sich nicht mit mir auf. Ich
bin ja ganz wohl! aber dort, - Sie werden sehen - es ist gewi etwas
Entsetzliches vorgefallen.
    Ich wollte ihr das ausreden, aber sie lie mir keine Zeit dazu. Um
Gotteswillen! rief sie, indem sie aufstand und mich bis zur Thre begleitete,
verlieren Sie keine Zeit.
    Ich folgte ihrem Befehl. Wie ich inde die Thre ffne, tritt mir die Frau
Oberhofmeisterin mit ganz verstrtem Gesicht entgegen; und, lebhaft wie sie ist,
auch wohl in dem Gedanken, da ihre Tochter im Hintergrunde des Zimmers nichts
von dem hren knne, was hier gesprochen werde, flsterte sie eilig: Bleiben
Sie, drben kommen Sie ohnehin zu spt, das Kind ist todt; und hier sind Sie
nthig, Hugo ist verwundet. Gehen Sie zu ihm!
    Ein heller Schrei, und ein Fall dicht hinter mir, lieen es auer Zweifel,
da die unseligen Worte von der Grfin gehrt wurden. Ich befand mich in der
schrecklichsten Verlegenheit. Wohin nun zuerst meine Schritte lenken! Ich wandte
mich nach dem Zimmer zurck, als die gebieterische Dame mit einer Fassung, die
mich in Verwunderung setzte, schnell entschied: Diese berlassen Sie mir. Zu
ihm mssen Sie hinunter, und mich sogleich wissen lassen, ob Gefahr zu frchten
ist?
    Ich flog nach des Grafen Cabinett. Im Hause herrschte die grte Bestrzung.
Aus einzelnen, flchtigen Aeuerungen der Leute, die sie mir so im Vorbeigehen
zuwarfen, fate ich schnell den traurigen Zusammenhang des ganzen Ereignisses.
Ich trat deshalb mit einiger Befangenheit zu dem Verwundeten hinein. Er lag in
einem Winkel des Sopha's, den einen Arm auf mehrere, ber einander gethrmte
Kissen gelegt. Er hatte den Rock abgeworfen. Das Hemd und ein starkes um den Arm
gebundenes Tuch trieften von Blut. Es war Niemand sonst im Zimmer. Der
Blutverlust schien mir sehr gro zu sein, ich rief daher unwillkhrlich
erschrocken: Herr Gott! in welchem Zustande finde ich Sie! der Graf fuhr aus
seinem Kissen in die Hhe. Er sah entsetzlich bleich aus. Was wollen Sie bei
mir? fragte er unwillig. Mir fehlt nichts! Mit dem Ritz da, fuhr er,
verchtlich auf den Arm deutend, fort, werde ich bald fertig werden. Als ich
gleichwohl Miene machte, die Wunde nher zu besichtigen, widersetzte er sich
sehr bestimmt, versicherte, der Dorfbarbier knne das auch heilen! ich solle
nicht lnger ein Leben auf das Spiel setzen, an welchem so unendlich viel liege.
Er ri bei diesen Worten, in fieberhaftem Zorn, den Verband vom Arme, und mir in
der That nur eine bloe Fleischverletzung zeigend, klingelte er, um den
berufenen Chirurgus eintreten zu lassen. Da ich nun sah, da hier fr mich
nichts zu thun war, begngte ich mich, die Frau Oberhofmeisterin ber den
Zustand des Grafen zu beruhigen, und eilte unter tausend bangen Ahndungen zu dem
nachbarlichen Landsitze.
    Die Sonne war schon hinter die Berge. Das rothe Abendlicht durchschnitt den
Himmel in langen Streifen. Es war schwl und still in der Luft. Man hrte
nichts, als das schrillende Suseln der Aehren in den Kornfeldern und das Gezirp
der Heimchen.
    Mir schlug das Herz immer ngstlicher in der beklommenen Brust. Einzelne
Arbeiter, die auf das Gercht eines Unfalles, ihr Tagewerk verlassen hatten, um
zu sehen, was es gbe, kamen jetzt zurck, Gerth und Kleidungsstcke aus dem
Felde abzuholen. Sie sahen betrbt aus und wiederholten Alle dasselbe. Das Kind
der Herrschaft drben sei verunglckt und fr todt aus dem Wasser gezogen
worden. Es msse wohl einer daran Schuld sein, den man sich nicht zu nennen
getraue. Es wre groer Zank und Streit darber entstanden, und viele wollten
sagen, es seien zwei Schsse gefallen. Wer geschossen? wisse jedoch Keiner. So
kam ich, von den unheimlichen Gerchten gejagt, endlich bis zu dem Gehege des
Gartens. Es war hier und da eingerissen, um den Zudringlichen Bahn zu machen.
Diese standen und saen, vom Gaffen und Schwatzen mde, auf dem Boden umher.
Weiber mit ihren Kindern auf dem Arm, jammerten ber den klglichen Anblick des
blulich angeschwollenen kleinen Leichnams, inde Andere mit giftiger Zunge der
Snde Schuld auf das Gewissen der Mutter warfen, und diese mit Schmhreden
berschtteten. Ich sprang vom Pferde, und mir durch das Gewhl Platz machend,
stie ich auf einen Mann, der versicherte, in dem Knaben sei noch Leben. Er
selbst habe das Herz schlagen fhlen. Auch wre die Rettung zu schnell gekommen,
als da der Tod schon volle Gewalt gebt habe. Der brave Herr da unten, von
Wildenau, sei ja gleich bei der Hand gewesen, setzte er hinzu. Ich athmete auf.
Die Andern mochten es nicht Wort haben, da man irgend Hoffnung hegen drfe. Sie
lieen sich nichts von dem vollen Maae des Entsetzlichen streitig machen. Ihr
Widerspruch gab mir Muth. Dieser sank gleichwohl, als ich in den Gartensaal
trat, der erschtternde Eindruck des Jammers, der hier so pltzlich Alles
umgewandelt hatte, nahm mir alle Fassung.
    Gleich der Thre gegenber lag der bleiche Georg, ganz in Betten und Decken
gehllt, so, da nur das seitwrts, auf die Brust hngende blonde Lockenkpfchen
sichtbar war. Neben ihm sa des Amtmanns Mutter, die sanften, feuchten Augen auf
die geschlossenen des Kindes gerichtet; zu ihren Fen kniete eine unkenntliche
Gestalt, dem Tode hnlicher als den Lebendigen, bewutlos, regungslos,
verriethen nur die starken und raschen Athemzge, da der Schmerz wenigstens
diese arbeitende Brust bewege. Es war die schne, unglckliche Prsidentin.
    Der bunte Zierrath des Zimmers, die hohen Blumenkbel, das frische Roth
unzhliger, in Krben und Schaalen umher stehender Rosen, all der Schmuck
jugendlicher Sinnenlust, stach auf das Schneidendste gegen die farblose Gruppe
der tiefsten Trauer ab.
    Ich nherte mich leise. Der Baron Wildenau kam aus einem Seitenzimmer auf
mich zu. Wir drckten einander schweigend die Hnde. Ich frchte, flsterte
er, ein Schlagflu hat hier schneller geendet, als meine rasche Hlfe es sonst
begreiflich macht. Das Kind lag nicht ber einige Minuten im Wasser.
    Ich erwiederte nichts. Mein Blick lag fest auf dem kleinen Bettchen, an
dessen oberstem Rande, da, wo es die Wange des Schlummernden berhrte, eine
Feder leise hin und her zu wehen schien. Der Baron folgte meinem Blicke. Ich bog
mich ber das Bett. Ich hrte schwache Athemzge. Ohne mich weiter zu bedenken,
ffnete ich dem Kind eine Ader. Das Blut tropfte erst langsam, dann sprang es in
einem Bogen ber die weie Decke auf die gefaltenen Hnde der Mutter, die mit
einem Schrei aus ihrer Betubung auffuhr. Sie sah irre und verstrt umher. Er
hat mich gekt! flsterte sie, kaum hrbar. Wahrhaftig, er hat mich gekt!
Er lebt!
    Ja, versetzte ich zuversichtlich. Er lebt. Aber jetzt erschrecken Sie die
rckkehrende Besinnung nicht. Schweigen Sie, um Ihres eignen Friedens Willen,
nur noch wenige Augenblicke.
    Sie sah mich schchtern an. Auf ihren Zgen lag dumpfe Ungewiheit. Doch
that sie, was man ihr sagte. Und ob sie gleich nicht von den Knieen aufstand, so
schob sie sich doch auf diesen seitwrts in einen Winkel des Zimmers, von wo
sie, angstvoll zusammengesunken, auf Georg sah.
    Der Umschwung in dem kleinen Krper war schnell geschehen. Von der Betubung
zum Erwachen brauchte es, sobald die Springfedern innerer Thtigkeit in Bewegung
gesetzt waren, nur wenige Minuten. Ein paar Tropfen Aether, der flchtige Geist
scharfer Essenzen, und das Anwehen frischer Luftzge durch die geffneten
Fenster, vollendeten das Werk vlliger Wiederbelebung in Kurzem. Das erste
vollstndige Zeichen derselben war der anfangs undeutliche, dann wiederholte Ruf
nach der Mutter.
    Diese schauerte vor dem Tone, als komme er aus einer andern Welt. Sie hatte
kaum die Kraft, sich zu erheben. Ich eilte auf sie zu. Alle Glieder flogen ihr,
wie im strksten Fieberfrost. Sie schwankte, die fragenden Augen bittend umher
gesandt, nach dem Bette des Kleinen. Wie dieser aber jetzt aufsah, die Aermchen
matt hob, und mit dem rhrendsten Tone: Liebe Mutter! sagte, da sank sie laut
schluchzend ber ihn hin, und vielleicht waren es ihre Thrnen, die seine Brust
vollends erwrmten, die Schlge seines Herzens schneller hoben. Hier war jetzt
die gestrte Ordnung unter die Gesetze des Daseins zurckgetreten. Die Natur
stellte sich durch sich selbst her. Des Kindes Rettung beflgelte die Seele der
Mutter. Gehoben und gesammelt, stand diese nach einer Weile wieder unter uns.
Sie schien nichts gelitten, nichts empfunden zu haben. Mit einer Wrme und
Innigkeit, wie sie nur dieser reichbegabten, unwiderstehlichen Frau inwohnt,
lie sie uns ihr Entzcken theilen. Sie sagte wenig, that nichts, aber aus jeder
Miene, aus den rhrenden Blicken, aus dem stillen, tiefsinnigen Versinken ber
ihr unbegreifliches Glck, athmete das schmerzensstille Herz seliges Vergessen.
    Leider! sollte sie bald an das Vergangene erinnert werden.
    Der Prsident strzte, nach einer kurzen Abwesenheit, ungestm ins Zimmer.
Die Nachricht von Georgs Rettung war ihm schon von allen Seiten entgegen
gedrungen. Die groe Erschtterung pltzlicher Freude erhhte den
leidenschaftlichen Zustand seines Gemths, der heute zum erstenmal, in reifern
Jahren, aus den Grundstzen beherrschender Migung, in die dammlose Fluth
emprter Gefhle hineingerathen war. Seine unzusammenhngenden Worte, das
Heftige, ja Strmische in ihm, erschreckte den Knaben. Er ward blde, schwieg
oder weinte, und stachelte dadurch die Todtesangst des Vaters, ihn zwar lebend,
doch krank und leidend wiedergefunden zu haben. In seiner unbemeisterten
Besorgni uerte dieser das unverhohlen, wie er berhaupt, ganz im Gegensatz
sonstiger Rcksicht, jetzt nur laut dachte und empfand, was die Umstehenden in
groe Verlegenheit setzte. Die Verwirrung stieg auf das Hchste, als der
Prsident, nachdem ich ihm die vollkommene Wiederherstellung Georgs verheien,
sich, ohne die Anwesenheit seiner Gemahlin zu beachten, zu der Mutter des
Amtmanns mit den Worten wandte: Nun dann, Madame Lindhof, so bertrage ich
Ihnen die Sorge fr des armen Knaben Gesundheit, bis ich von einer unerllich
gewordenen Reise zurckkehre. Er nahm hierauf die verlegen dastehende,
ngstlich berraschte Frau bei der Hand, fhrte sie in ein anderes Zimmer, um
das Nhere seiner Anordnungen zu bestimmen. Ich hatte nicht den Muth, vom Boden
aufzusehen. Der Baron gab mir einen Wink, das Zimmer zu verlassen. Wir eilten in
den Garten.
    Gott! rief ich hier, unter die Last unertrglicher Gefhle gepret,
aufseufzend, mu denn dies Haus zusammen brechen! Und ist keine Klarheit nach
dem Gewitter zu hoffen?
    Keine! entgegnete der Baron, der noch bleicher und melancholischer aussah,
als sonst.
    O, sagte ich lebhaft, warum wurdest du denn ins Leben zurckgerufen,
armes Kind! Besser wre es gewesen, du httest den unnatrlichen Ri huslicher
Eintracht still verschlafen! dein kleines Herz wre gebrochen, ehe Unwille und
Bitterkeit darin keimten.
    Der Baron sah mich schmerzlich an, ohne etwas zu erwiedern. Wir gingen mit
raschen Schritten tiefer in das Gebsch. Meine Seele war voll Kummer. Ich sah
nicht, wohin uns der Weg fhrte, als mich das zertretene Gras und der Anblick
des Sees pltzlich aufschreckte.
    Hier also? fragte ich stillstehend. Mein Begleiter nickte bejahend,
whrend sein betrbtes Auge langsam ber die Wellen glitt.
    Wie kam es nur, fragte ich zgernd, und was trug sich sonst noch
Unseliges zu, das solche Folgen haben konnte?
    Der Baron schien mit der Antwort zu kmpfen. Ich hatte bis jetzt eine Scheu
gehegt, deutlicher in die Verwirrung hineinzusehen. Die schonungslose Hrte des
Prsidenten erschtterte und emprte mich. Ich wollte ihn allein schuldig
wissen. Die Frage sprang mir ber die Lippen.
    Was ich von ihm erfuhr, war Folgendes: Der Prsident kam gegen Abend auf
seinem Landhause unerwartet an, fand Niemand dort, fragte hierauf seine
Dienstboten scharf und heftig nach seiner Gemahlin und nach Georg aus; doch ihre
Antwort nicht erwartend, strzte er eilig dem Garten zu. Hier sah man ihn
ungestm hin- und herlaufen, hrte ihn laut rufen, und bemerkte nicht ohne
Besorgni, da er in einen Kahn sprang, diesen losmachte und nach dem
jenseitigen Ufer des Sees hinberfuhr. Die unmige Heftigkeit, welche
affectlose Menschen zu Zeiten, wie mit triumphirender Gewalt, befllt, mute die
bestrzten Domestiken hier um so mehr mit banger Ahndung erfllen, als das
sorglose Betragen ihrer jungen Gebieterin schon lngst an ihr zum Verrther
ward. Niemanden unter allen Leuten des Hauses, blieb der Zweck jener langen,
nach der Wohnung der Tannenhuserin fhrenden Spatziergnge, ein Geheimni.
Hierher flchtete die schne Frau, und beruhigte ihr Gewissen, wenn der Graf in
seinem schmalen Boot stehend, mit ihr redete, whrend sie am Ufer sa, und es
das Ansehen hatte, dem Freunde zufllig begegnet zu sein. Jger und Fischer,
welche Abends des Weges kamen, hatten sie oft so gesehen. Es ward hier und da
darber gesprochen. Mehrere weissagten lngst nichts Gutes davon. Jetzt war es
klar, dem Prsidenten mute Jemand die Augen geffnet haben. Auf Tavanelli
fielen Alle. Er lie sich seitdem, ganze Tage nicht sehen. Den Knaben, hie es,
habe er mitgenommen. Andere wollten versichern, dieser spiele im Garten. Er sei
mit der Mutter die Allee links hinuntergegangen.
    Indem die zusammengetretene Dienerschaft so mit einander verhandelte, hrten
sie ein kurzes, wiederholtes, helles Angstgeschrei von der Seite her, wo sie
Georg zuletzt gesehen hatten. Es war ein herzzerschneidender Ton, den das Echo
ber den See gellend zurckschallte. Das Kind! das Kind! sagten Alle voller
Entsetzen, indem sie dem verzweifelnden Rufe folgten. Ehe sie gleichwohl die
Stelle erreichen konnten, wo das Unglck geschehen war, hatte der Baron
Wildenau, von bangem Vorgefhl getrieben, und in der Absicht, den verstrten,
unstten Tavanelli aufzusuchen, sich in den Garten begeben. Seine
Entschlossenheit rettete den schnen Knaben. Er entri ihn den Wellen, doch trug
er ihn leblos ans Land.
    Inde war der frchterliche Schrei zu dem Vater gedrungen. Georg! sagten
alle Stimmen der Seele zugleich in ihm. Er arbeitete sich wie ein Verzweifelnder
nach dem Garten zurck. Ungebt, mit dem Kahne zu fahren, erreicht er erst das
Ufer, als dort schon ein Haufen Klagender und Schreiender durch einander rennt.
Sprachlos vor Angst theilt er die Menge. Sein erster Blick begegnet der athemlos
herbeistrzenden Mutter, die das bleiche Kind an sich reit, es umschlingt,
kt, mit Entsetzen in die Hhe gegen das Licht hlt, und da sie die Augen
geschlossen sieht, kein Leben sprt, zu den Fen ihres Mannes sinkt, mit der
Hand krampfhaft nach Graf Hugo zeigt, und laut ruft: Er und ich! -
    Sie vermochte nichts weiter hervor zu bringen. Die Zunge versagte ihr. Aber
in Blick und Miene lag eine schwerere, eine zermalmende Anschuldigung.
    Der Prsident blieb einen Augenblick wie eingewurzelt in dumpfer Erstarrung.
Er mochte sein Geschick nicht fassen. Diese Stille, dies Verstummen tiefster
Natur in dem Manne, der als Richter hier vor ihr stand, lste ihr ganzes Wesen
in leidenschaftliche Verzweiflung auf. Sie klagte sich jetzt laut und
frchterlich an, bekannte ihre heie Liebe fr den Grafen, gesteht, da, um ihn
zu sehen, sie das Kind beredet, hier im Garten zu spielen, whrend sie die weite
Strecke bis zur Tannenhuserin in kurzer Zeit zurckzulegen gedachte; nannte
sich im Aufruhr aller Sinne, des Knaben Mrderin, und flehte den strafenden
Himmel nur um die erbarmende Gnade an, ihrem sndlichen Leben ein Ende zu
machen.
    Diese und noch wildere Klagen flogen in verwirrender Hast ber ihre Lippen,
ohne da die Umstehenden es hindern konnten. Der Prsident starrte sie lange
ungewi an. Endlich, als falle das ganze Gewicht seines Elendes auf ihn nieder,
zuckte er zusammen, und wandte sich rasch nach dem Grafen hin. Der Moment war
entscheidend. Jener empfand sogleich, worauf es ankam. Er trat dem schwer
Beleidigten mit wehmthiger Ruhe entgegen, indem er leise sagte: Sie haben
keine Minute zu verlieren, um das Leben Ihres Kindes zu retten. Das ist jetzt
das Nchste. Spter wie und wann Sie wollen.
    Die Mahnung an Georgs Gefahr, die Furcht, ihn vielleicht schon verloren zu
haben, drckte fr einen Moment den aufflammenden Zorn in dem unglcklichen
Vater nieder. Er flog auf den Kleinen zu, entri ihn der Mutter, setzte alles in
Bewegung, um Hlfe herbei zu holen. Er selbst ging und kam, klagte, schalt,
trieb und drngte die gengstigte Dienerschaft hin und her, so da diese es kaum
wute, als er, vielleicht in der Absicht, selbst rztlichen Beistand zu suchen,
unter den Umstehenden verschwand. Jedermann war so betubt von dem Schreck, so
vertieft in dem eifrigen Bemhen, den Tod von des Knaben Schlfen zu
verscheuchen, da selbst der nahe Knall zweier Schsse bei Niemanden Sorge
erweckte, und man sich erst besann, den Prsidenten vermit zu haben, als dieser
zurckkehrte.
    Es sind, hub Baron Wildenau, nachdem er mir soviel mitgetheilt hatte, nach
einer Pause wieder an. Es sind hier dunkle Schattenstellen, die uns einen Theil
des Zusammenhanges verhllen. Lassen wir sie, ohne daran zu rhren. Die Zeit
wird Alles aufklren.
    Wir standen beide noch eine Weile in Gedanken verloren, als wir, durch das
Gerusch eines vorberrollenden Wagens aufmerksam gemacht, uns umsahen. Auf das
Hchste berrascht, erkannten wir die Equipage der Oberhofmeisterin. Die groe
Reisekutsche, die beiden, in dunkelroth und schwarz gekleideten Bedienten auf
dem Bock. Es lie sich nicht verkennen. Mein Gott, Emma! rief der Baron, beide
Hnde, wie von einem groen Schreck berwltigt, zusammenschlagend! Was ist mit
ihr? fragte ich unruhig. Die Mutter entfhrt sie gewaltsam, entgegnete er.
Sehen Sie doch nur, ihr Wagen schlgt den Weg ein, welcher auf die groe Strae
fhrt. Sie kehrt nach der Heimath zurck. Wie wrde sie das thun, begleitete sie
die Tochter nicht. Nimmermehr wrde sie solche jetzt zurcklassen.
    Bei dem Gesundheitszustand der Grfin? warf ich ihm ein. Eben deshalb!
versetzte der Baron. Eben diese Schwche giebt der entschlossenen Mutter volle
Gewalt ber sie.
    Aus der Ungewiheit zu kommen, eilte ich nach der Burg zurck, da mich
lnger keine Pflicht an das Lager des Kindes fesselte, und mich ohnehin hier
nichts band. Ich fand den Comthur einsam in seinem Zimmer. Es war geschehen, wie
es Baron Wildenau voraussagte. Die Betubung der Grfin, die Verwirrung im
Hause, alles bot der Frau Oberhofmeisterin die Mittel zur schnellen, heimlichen
Abreise. Wie sie die Tochter berrascht, wie sie sie berredet hat, ist noch ein
Geheimni. Zwei Zeilen an den Grafen sagen weiter nichts, als: Wir verlassen
die Burg! da ein Dach uns nicht lnger beschirmen kann, ist klar. Genieen Sie
nun Ihre Freiheit, wie Sie knnen.
    Das Blatt fiel in des Oheims Hnde. Er zgerte noch, es dem Neffen
zuzustellen. Dieser lt Niemand vor sich. Ich versuchte vergebens, zu ihm zu
dringen.
    Weiter wte ich dem treuen Bericht, in Bezug der unglcklichen
Familienverwirrung beider verehrten Huser, nichts hinzuzufgen.
    Der Prsident hat einen langen Urlaub nachgesucht und erhalten. Seine
Gemahlin verlie die Gegend. Sie soll zu einer fernen Verwandtin gegangen sein.
Georg spielt mit den Kindern des Amtmanns. Er erzhlt jedem, der es hren will,
seinen Unfall, mit dem Zusatze: da er sich aus Furcht vor dem Vater, der so
laut und lrmend nach ihm gerufen, im Rohr versteckt, nachher aber nicht wieder
an derselben Stelle ans Ufer hinauf gekonnt htte, in der Angst ausgegleitet und
ins Wasser gefallen sei.
    Leider hat sein Unfall den Sturz zweier Huser nach sich gezogen.


                                 Zweiter Theil

                                Sophie an Elise

Nicht ohne Bangigkeit richte ich endlich diese Zeilen an Sie, liebe, arme
Freundin! Werden Sie denn aber auch noch etwas von dem hren wollen, was unter
den Schauern der Vergangenheit, hinter Ihnen liegt? Vielleicht legen Sie den
Brief bei Seite, dessen Siegel Ihnen verrth, von wem er kommt! Der Name meines
Stifts ruft zugleich andere, schmerzliche Namen zurck. Ach, meine Gute! wie
traurig, da Ihnen diese so wehe thun mssen!
    Nein, es ist kein Vorwurf, was ich hier sage.
    Es ist nur eine von den unzhligen Klagen, die mir das Geschick der
liebsten, besten Menschen auspret.
    Gewi, ich habe kein anderes Gefhl in meiner Brust, als Mitleid und
Theilnahme fr Sie Alle!
    Fr Sie Alle! Ja, glauben Sie es nur. Dasselbe Gewebe, das Ihr argloses Herz
umspannt, hat seine Fden so weit gezogen, so sonderbar verschlungen, da die
schnsten Krfte dadurch gefesselt, die reichsten Gemther ohnmchtig geworden
sind, und statt des bewegten Lebens, schwarze Melancholie durch die vereinzelten
Kreise der Freunde zieht.
    Wer nach kurzer Abwesenheit hierher zurckkam; wer, wie ich, das Bild warmer
Vertraulichkeit und sanfter Zuneigung im tiefsten Innern festhielt, wer den
freien Horizont und die leichte, elastische Luft der Heimath wieder zu finden
dachte, und nun berall auf verschlossene Huser, auf abgebrochene Verhltnisse
stt, stumme Trauer, undurchdringliche Nebel ihn umgeben, und schneidende,
zusammenpressende Klte allein ihn erinnert, da er ein Herz hat, der knnte
versucht werden, an Magie und alte Fabeln von umwandelnden bsen Geistern zu
glauben.
    Ich bin wieder in meine Wohnung eingezogen. Die Wnde der Zimmer, das
Gerth, die Bume vor den Fenstern, alles ist unverndert, aber es macht nur den
Eindruck von Kleidern geliebter Verstorbener. Ich fhle mit unsglichem Kummer,
da der Inhalt verschwunden, der lebendige Geist entflohen ist. Die Rume sind
leer. Der Gedanke verliert sich in die unergnzten Lcken.
    Beste Freundin! Was waren es fr Stunden, die wir mit einander zubrachten;
so friedliche, harmlose Stunden! O, der Mensch achtet die Stille nicht hoch
genug, die ihm zu ruhiger Entfaltung der zarteren, feinern Geistesblthen
vergnnt ist! Der Frhling innerer Zeitabschnitte zieht oft noch flchtiger, als
der der ueren, an uns vorber, und wir besinnen uns erst nachher, wie reich
wir waren, wenn die Blthenzeit vorber ist, und neue Entwickelungen sich unter
mannigfachen Kmpfen vorbereiten.
    Wohin ich jetzt den Fu setze, tnt mir Strendes entgegen. Jeder Gegenstand
erinnert an das, was nicht mehr ist, jeder Besuch ngstigt, jede Frage verletzt
mich. Auch komme ich zu Niemanden. Die Burg bleibt Jedem unzugnglich. Der
Comthur frchtet, wie alle Mnner, durch lebhafte Erschtterungen, aus dem
uern Gleichgewicht zu gerathen. Er hat mir ein Paar gute, treue Worte
geschrieben, doch vermeidet er, tiefer in den Gegenstand einzugeben, den ich nur
leise berhren mochte. So verstummt dann die Gegenwart vllig. Der einzige
Genu, den ich mir zuweilen erlaube, ist der, Ihre frheren kleinen Briefchen zu
lesen, die der behende Walter mir oft beim Erwachen schon berbrachte. Wie
erkenne ich, wie hre und sehe ich Sie in jedem Worte wieder, liebenswrdige
Elise! Ja, Sie sind unverndert dieselbe geblieben. Wie Sie in Nichts Arges
suchen, so rein blieben auch Ihre eignen Gefhle. Sie glaubten nie an das Bse,
Sie suchten es nicht in sich, und treu der Wahrheit, die Sie erkannten,
heuchelten Sie nicht einen Augenblick vor der Welt, seit Gottes Finger die Wolke
theilte. Wie viel hiervon dem Bewutsein, wie viel der Natur in Ihnen angehrt?
mchte wohl schwer zu entscheiden sein. Genug, Sie konnten nicht anders! Wie
sollte ich Sie nun mikennen und tadeln, weil das Ihr Unglck gemacht, was stets
die Eigenthmlichkeit Ihres Wesens begrndete. Freimthig bis zum
Selbstvergessen, ein losgebundenes Kind der Natur, spielten Sie mit den Fesseln,
die Sie sich abgestreift, ohne einen andern Halt zu suchen, als Ihr khnes
Wollen. So zeigten Sie sich von je, und immer begleitete ich Sie mit Sorgen. Wer
aber htte Sie warnen knnen? wem wrden Sie geglaubt haben? Gttliche Gewalt
hat nur das Gttliche. Erschrecken Sie nicht zu sehr, Sie, das mchte ich
beschwren, finden Ihren Weg wieder. Dulden Sie doch die Freundin zur Seite.
Lassen Sie mich es wissen, wie und wo Sie Trost suchen? Was Sie ergriffen, wie
Sie leben?
    Hier, denken Sie wohl, erfahre ich nichts von Ihnen. Wen drfte ich deshalb
befragen? Zuweilen hatte ich den Gedanken, Madame Lindhof einen Besuch zu
machen. Aber ich bin nicht im Stande, den Weg dahin anzutreten! Wie sollte ich
jetzt schon den Anblick Ihres Hauses, des Gartens - Nein, Elise, nein! meine
Seele ist zu wund, um sie den schneidenden Luftzgen in den ausgeklteten Rumen
so frhe bloszustellen. Am Grabe unsrer Freunde finden wir sanfte Thrnen, am
Grabe ihres Glckes emprt sich das Gefhl gegen die Ohnmacht, Geschehenes nicht
ungeschehen machen zu knnen. Ich habe so genug mit mir zu thun, die ngstigende
Frage immer wieder aufs Neue meinem Gewissen zu beantworten: Ob es auch recht
war, da ich die Oberhofmeisterin reisen lie, da ich damals schon ahndete, wie
sehr Sie der Freundin bedurfte? Es ist nicht immer leicht, von zweien Pflichten
die dringendere zu whlen, vollends aber wird es denen erschwert, die, in
unabhngiger Beziehung zur Welt, sich selbst im entscheidenden Augenblicke
bestimmen sollen. Ich glaubte damals das Unerfreuliche thun zu mssen, und
dachte mir in dem Opfer eigner Wnsche zu gengen. Vieles wre wohl
unterblieben, willigte ich nicht in den Vorschlag der leidenschaftlichen
Freundin! Doch wie ist das Leben zu berechnen! durfte ich hoffen, es mit einem
so mchtigen Feinde, als Ihr eigenes Herz, beste Elise, aufnehmen zu drfen?
    Sehen Sie aber hieraus, wie schwach ich bin, und wie wenig es mir einfllt,
bei Ihnen die Starke spielen zu wollen. Gewi, Beste! Sie knnen mich dreist in
die Falten Ihres Innern sehen lassen, ich bin gewi, nur die eignen, verborgen
gebliebenen Schattenstellen darin wieder zu erkennen. Kann Sie auch das nicht
bewegen, mir wieder die liebe, vertrauende Elise zu werden?

                                Elise an Sophie


Gtige Freundin! Ja, Sie sind die Alte geblieben! Sie verlugneten sich nie. Das
thut der Mensch berhaupt selten. Wir tuschen uns nur ber ihn. Wie ich der
Welt jetzt erscheine, lt sich denken. Jede geschftige Hand sucht wohl die
dunkelsten Tinten aufzutragen, um das Bild, wie aus Nacht und Hlle heraussehen
zu lassen! Es war sehr albern von mir, da ich denken konnte, Sie wrden sich
durch solche Karrikatur irre machen lassen, und mich verkennend zu erkennen
glauben
    Sie sehen, Sophie! ich halte nicht mit meinen Bekenntnissen hinter dem
Berge. Ich gestehe Ihnen, da ich aus diesem unbilligen Mitrauen nicht an Sie
schrieb, und vielleicht auch weniger an Sie dachte. Ich habe darunter gelitten,
denn nichts thut so wehe, als eine kalte Stelle in der Brust, die uns
unaufhrlich an den erloschenen Funken erinnert.
    Sie haben diesen wieder angehaucht, Sophie, und ein Verhltni neu belebt,
das ich, mit so vielem Andern, zerrissen whnte. Tausend, tausend Dank, treue,
feste Freundin! die Klarheit Ihrer Empfindungen beschmt mich schon darum, weil
sie mir beweist, da Sie das Unvergngliche wahrer Zuneigung in hherem Grade
besitzen, als ich zu glauben wagte. Und doch beruht anderer Seits mein ganzes
Dasein gerade auf diesem Glauben!
    Es ist wohl immer die Folge ungewhnlicher Zustnde, da wir ein wenig
zittern, ehe wir uns zu fassen im Stande sind. Ich habe groe Erschtterungen
erduldet. Kein Wunder, wenn mir es dunkel vor den Augen ward, und ich die
treuesten Menschen undeutlich sah!
    Ueber Eins, liebe Sophie, kann ich gleichwohl in Ihrem Briefe nicht hinaus!
Wie geht es zu, da Sie mich, bei so festem, ruhigem Auffassen meiner tiefsten
Eigenthmlichkeit, dennoch in der Hauptsache ganz miverstehen? Sie halten mich
nmlich in meiner gegenwrtigen Stellung zur Welt fr hchst bedauernswrdig.
Sie sehen mein Geschick gebrochen, mich in den Staub gebeugt. Sie verzweifeln,
das Geschehene nicht ungeschehen machen zu knnen, und setzen voraus, ich sei
nur durch einen eben so bereilten, als gewaltigen Sto aus dem geordneten Gang
der Natur herausgehoben, in den sich mein zerrttetes Verhltni zurcksehne.
Ja, Sophie, ja, ich bin wie von einem frchterlichen Schlage getroffen, ganz
zusammengeschreckt, ganz durchbebt, in eine fremde, Grauen erregende Wildni
geworfen. Wohin ich blicke, zeigt sich mir kein Ausweg. Alles ist bereinander
gefallen. Selbst der Reichthum des berfllten Daseins dient nur, die Sinne zu
verwirren. Aber nicht erst jenes usserlich umwandelnde Ereigni war es, was
mich so stellte; das pltzliche Erwachen meiner Seele, der jhe Blitz, der diese
durchzuckte, die Schauer verborgener Wahrheit, die ganze Last ihres Gewichts,
die hatte mich aus meinem Himmel gerissen. Knnen Sie mir denn zutrauen, ich
wrde nach der Entdeckung den Selbstbetrug genhrt, oder einen weit rgern
geduldet haben? Ist es Ihnen mglich, an die Dauer solcher Verhltnisse zu
glauben, die nur in Unschuld und Vertrauen ihre schwindliche Hhe erreicht
hatten? O Sophie, das Gttliche im Menschen ist da, ohne da er es wei. Es
kommt ihm im Schlaf, er trgt es mit sich in das Leben hinein, es wird ihm ein
zweites Leben, er selbst erfhrt es eben nur dann, wenn ihm das Andere entgegen
tritt. So ist es auch mit der Liebe. Das Paradies bleibt nur Paradies, bis die
Schlange das Bewutsein weckt. Ich war bis zum Tode erschrocken, als ich
empfand, was mir Hugo sei. Gleich damals stand es fest in mir, den Verrath an
der Treue, die Verletzung des gegebenen Wortes durch offnes Gestndni meiner
Schuld zu ben. Ich sagte es Hugo. Er hielt mich zurck. Er bat mich, den
entscheidenden Schritt zu prfen. Wir stritten hin und her. Mein schwaches Herz
wankte, es gefiel sich einen Augenblick in dem kurzen Aufschub. Da schrien
tausend Schmerzensstimmen zugleich auf mich ein. Ich zerri alle Schranken, und
vernichtete mich selbst mit dem unseligen Irrthum.
    Ich wrde es ohnehin gethan haben! doch spter; vielleicht zu spt! Jetzt
ist nur geschehen, was geschehen mute. Es ist wahr, ich bin fr die Welt im
Allgemeinen todt; und dies Losreien, wie leicht es gesagt ist, vollbringt sich
nie ohne Kampf. Die blhende Hlle des Daseins hlt den Blick in seinem khnen
Fluge zur Unendlichkeit freundlich an, und zhmt den hchsten Wunsch durch die
Erfllung unzhliger kleiner Wnsche. Ich empfand das sehr frhe. Ich liebte
daher die Wirklichkeit in allen ihren streitenden Bedingungen. Mich fhrte mein
leichter Muth ohne Ansto durch sie hin. Es schlang sich hier und da ein Band um
mein Herz, ich lie es damit verwachsen, und sah mein Leben mannigfach
verzweigt. Jetzt habe ich Abschied genommen von allem, was ich liebte, von jeder
Hoffnung, die ich bis dahin genhrt; niemals kann sich das vllig Umgestaltete
wieder herstellen. Eduard kann nicht verzeihen, was er nicht begreift. Der Bruch
zwischen ihm und mir geschah mit dem ersten Laut, der meiner Gewissensangst
entfuhr. Ich habe seine Verachtung mit Wehmuth, den stummen, kalten Abschied,
den letzten vernichtenden Blick mit groem Schmerz erduldet; was aber schildert
Ihnen mein Gefhl bei der Trennung von dem einzigen, von dem ber allen Ausdruck
heigeliebten Kinde? O Sophie, weg! weg von der Erinnerung dieses Augenblicks.
Tausendfachen Tod zugleich stirbt das Herz, wenn der Mensch gleichwohl noch
lebt! - -
    Ja, ich lebe! und ich lebe mit Muth! Ich bin ganz aufgestanden von dem
gewaltigen Sturz. Ich sehe mir diese strenge Beherrscherin, die Willkhr achtsam
an. Sie trgt Fesseln in den Hnden, und bindet, was sich ihren Gesetzen
entziehen will. Soll ich verzweifeln, weil mich das Loos mit vielen Andern traf?
Kann ich tadeln, da ist, was sein mu? Der Zusammenhang meines Geschicks liegt
so klar vor mir, da ich diesem rck- und vorwrts in allen seinen Verzweigungen
folgen kann. Htte ich nicht immer die unverflschte Wahrheit des Bewutseins so
hoch gehalten, htte ich nicht den Trug der Einbildungskraft gefrchtet, und
knstliche Spiele gemachter Poesie fr ein Verbrechen gegen ihr erhabenes Urbild
angesehen, ich wrde, weniger mitrauisch, die innere Stimme in mir beachtet
haben, deren prophetischer Ton mich so oft mit unnennbarer Trauer durchbebte.
    Aber ich verwarf jede aufsteigende Ahndung ber die Natur meiner Gefhle fr
Hugo. Ich schalt mich selbst romanhaft, verlachte die Sucht, das Gewhnliche
ungewhnlich finden zu wollen, mit schonungslosem Spott, und errthete zuletzt
beschmt bei dem Vorwurf, einer Grille wegen, die schne, beseelende
Freundschaft aufopfern zu wollen.
    Die kleinen Hckeleien huslicher und menschlicher Miverstndnisse thaten
mir nur darum wehe, weil sie andern, weniger unabhngigen Gemthern zu schaffen
machten. Ich sah wohl Strungen voraus, doch in mir blieb noch Alles ruhig.
    Der Vorfall am Hofe erschreckte mich. Es ward mir dadurch klar, welche
Wichtigkeit man auf ein Verhltni legte, das sich so von selbst, so natrlich,
ja so nothwendig gemacht hatte. Ich sprach mit Eduard darber. Er litt, aber er
glaubte mir. Wir sahen beide damals die Sache aus demselben Gesichtspunkte an.
Die Dazwischenkunft der Oberhofmeisterin mute eine Ehe stren, in welche sie
nur widerstrebend willigte. Eduards kluge Menschenkenntni gab mir noch manchen
Aufschlu, der mich vllig ber mich selbst beruhigte. Doch Hugo machte mich
irre. Er zeigte sich mir ungleich heftiger. Ich zitterte, da seine Phantasie
sich verirrt, da er sich sehr zur Unzeit leidenschaftlich erregt habe.
Tavanelli's Winke, sein zudringliches Einmischen in die innern Angelegenheiten
meines Glaubens strten mich. Auf unbegreifliche Weise ward ich mir fremd. Ich
flchtete in dieser Unruhe zu Hugo. Ich richtete mich an ihm auf. Aber ich
lernte zugleich einsehen, da ich ohne ihn nichts mehr war, da ich nur noch in
ihm dachte und empfand. Was von da an geschah, was mich traf, was noch geschehen
kann: es ist unvermeidliche Folge dieses erschreckenden Erkennens.
    Ja, ich habe aufgehrt, dieselbe zu sein. Und da die Umwandlung nun doch
einmal geschehen ist, so konnte ich mich auch lnger nicht in erborgter Gestalt
dulden. Die einzige Mglichkeit, ferner zu existiren, liegt darin, da ich mich
selbst verstehe, und mich zeige, wie ich bin. Diese Freiheit hat mir mein
lebendiger Tod genommen. Ich werde mich ihrer nicht ganz ungern bewut. Sophie,
ich gestehe es, wahr sein zu drfen, ist bei dem Wahrheitsliebenden ein
unschtzbares Gut.
    So lebe ich denn, und liebe in meiner Welt, auf meine Weise. Niemand ist mir
um ein Haar breit ferner gerckt, als er frher zu mir stand. Der Gedanke, das
Gefhl erreicht jeden Gegenstand mit unermdeter Innigkeit. Hier, wo mich nichts
daran erinnert, da es noch ein anderes Dasein giebt, als das, was ich in mir
trage, hier, wie in hherer Region, findet keine Trennung statt. Georg - - mein
ses Kind! und du, armer, guter Eduard! - ich darf euch mit dem Freunde
zusammen denken, der mich aus euern Armen ri.
    Sehen Sie, Sophie, so giebt es dennoch eine Art Leben fr mich, um das mich
wenige beneiden werden, in welchem ich gleichwohl denke, empfinde und handle.
    Ich bin, wie in frhern Jahren, im Hause meiner Tante, einer guten,
arglosen, beraus einfachen, vielleicht beschrnkten Frau. Sie ist gerade, was
ich jetzt brauche, eine theilnehmende Seele. Immer nur das Allernchste mit
empfindend, von unbedeutenden, aber dafr auch wenigen Worten, und thtig im
Hause. Vielerlei, meist Kleinliches vornehmend, und so beschftigt, da mir viel
Zeit, und ihr das Bedauern bleibt, mich so wenig genieen zu knnen. Das stille
Dorf, der kleine Garten, mein Stbchen im Erker, liebe Sophie! die uere
Beschrnkung hat zu gewissen Zeiten einen eignen Reiz. Man ist so eingeschlossen
in sich selbst. Es fllt gar nichts Fremdes da hinein.
    Ich wei nicht, wie lange die gute Tante mich bei sich behalten kann. Sie
erwartet ihren Sohn Curd, der von seiner Reise nach Italien zurckkommt. Ich
mchte nicht mit ihm zusammentreffen, berall ist auch wohl von keinem langen
Verweilen vor der Hand bei mir die Rede. Ich bin ja hier erst wieder zu mir
selbst gekommen. Noch brauche ich Zeit, mich zu besinnen.
    Sophie! ich bitte Sie nicht, meiner zu gedenken. Sie werden mich gewi nicht
vergessen. Aber schreiben! darum ersuche ich Sie, schreiben Sie mir. Durch die
gute Lindhof hre ich wchentlich zweimal von meinem Georg. Aber all die
Uebrigen - Sophie - sein Sie menschlich, schreiben Sie mir von ihm. Ich selbst
hatte nicht den Muth, ihm zu sagen, wo ich mich hinbegbe. Ist denn Emma
wirklich mit ihrer Mutter gegangen? War es mglich, konnte sie ihn in dem
Augenblick verlassen. O diese Mutter bt eine frchterliche Gewalt ber sie aus!
    Leben Sie wohl, theure, gromthige Freundin! Ich gehe, einen Augenblick
Luft zu schpfen. Hinter dem Garten fhrt ein Fuweg am grnen Wiesengrunde hin,
unter schattige Bume.
    Mittags rasten die Schaafe hier und suchen Schutz vor der Sonne unter den
Aesten einer mchtigen Eiche. Da hat sich der Schfer seinen Sitz von Rasen
gemacht. Ich sah des Abends von hier aus, die Sonne hinter das freundliche Dorf
niedersinken, und wenn die Purpurstrahlen an dem gelben Metallknopf des
Kirchthurms widerleuchten, die Heerden ber die Wiesen ziehn, der Hirt ein
frommes Lied auf seiner Schalmei blst, die Abenddnste einen leichten Flor ber
die Gipfel der Bume weben und alles so still wird, die Erde in Schlummer sinkt,
dann - O dann -! Gute Nacht, Sophie! gute Nacht!

                                Hugo an Heinrich


Zwei Deiner Briefe liegen vor mir. Ich habe den ersten noch nicht gelesen, und
wrde keinen beantworten, fiele mir nicht ein, mein Schweigen knne Dir
wunderliche Gedanken machen, und Dir den Einfall geben, hierher zu kommen und
mich aufzusuchen. Thue das nicht, Heinrich! Bilde Dir auch nichts Besonderes von
mir ein. Ich scheue nun noch mehr als sonst das laute Denken. Darum rede ich
lieber nichts, und mag auch nicht viel hren. Ich versichere Dich, das Wort ist
sehr roh. Hauche ihm die tiefste Seele ein, und es giebt Dir von dieser nichts,
als die verpuppte Larve. Das beschwingte Leben entflieht mit dem Oeffnen der
Lippe. Wie drr, wie entkleidet von allem Duft innerer Wrme steht so ein
ausgesprochenes Gefhl da. Und wie starrt die Welt es an! wie unkenntlich wird
es selbst Dir, dessen Innerm es sich in Entzcken oder Schmerz entwandt!
    Darum, Heinrich, hre auf, das Senkblei prfender Fragen in meine Brust
fallen zu lassen.
    Du hast ja lngst Grund darin gefunden. Was willst Du denn sonst noch
wissen? Die alte, todtgesprochene Geschichte von Emma und Eduards Unglck, von
meiner Schuld, und dem tragischen Heroismus der schnen Snderin, die mut Du ja
wohl auswendig knnen. Das Historische solcher Haupt- und Staatsactionen singen
Dir mit Nchstem die Jungen auf der Strae vor. Erla mir das Sprechen darber.
    Ja, ja mein Freund, das wre auch vorbei! Die Menschen knnen das Natrliche
und Wahre nicht natrlich und wahr nehmen. Sie zerren so lange daran, bis sie
wirklich das Greuelbild daraus machen, was sie sich darunter denken. Es ist ein
niedriges Gelst in den Meisten! ein Vernichtungstrieb, der selbst den
Schwchling kitzelt, seinen Fu zu heben und in den Staub zu treten, was ihm
ber den Kopf wchst! Das ist der gemeine Gang der Dinge! Es scheint uns nur
ungewhnlich, wenn wir darunter leiden. Gbe es keine Tyrannei, so htte sich
der Gedanke wohl niemals frei gemacht.
    Ich habe viel mit mir zu thun gehabt, ehe ich den Zorn berwand, der sich
meiner zu bemeistern drohte. Mich hatte der Auftritt emprt. Alles sehe ich
entweiht. Das Heiligste und Geheimste. Mir widersteht jede Verletzung zarterer
Rcksicht. Ich fuhr zurck vor der Verwilderung des Schmerzes, und sah mit
Unwillen das Edelste von der dammlosen Fluth der Gemeinheit fortgerissen. Die
rohen Hnde waren gehoben, um das Geheimni zu enthllen. Ich hrte die
schneidenden Tne des Schreckens, und Alles, selbst die Geliebte ward mir fremd.
    Nachher mute ich mich tadeln, so einseitig empfunden zu haben. Aber wahr
blieb es doch, ich hatte die Blthe zerstuben sehen, und konnte die kahlen
Staubfden nicht wieder mit ihrer duftigen Krone umschlieen.
    Heinrich, ich bin aus meinem Himmel gefallen, und das ist von allem das
Schlimmste.
    Ich mochte deshalb immer noch nicht an Elisen schreiben. Mich dnkt, der
natrliche Vermittler unserer Gefhle, der Schlssel zu jener Zeichensprache des
Herzens sei nicht mehr in ihren Hnden. Ich frchte, ihr nicht ganz verstndlich
zu sein. Es ist etwas in mir verletzt, das ich weder verbergen noch auch angeben
kann. Siehst Du, wir wurden einen Augenblick, jeder in die eigne, besondere Welt
zurckgeworfen. Der Augenblick lie eine Lcke. Ich bin verlegen, bei dieser zu
verweilen, oder sie zu berspringen. Die Zeit mag sie fllen! Die Zeit mag
berhaupt hier walten. Ich lasse sie machen! - - - -

Wir sind geboren, unsere eigene Narren zu sein. Da nehme ich dies Blatt nach
mehreren Tagen wieder zur Hand, und mu mich gleich in den ersten Zeilen auf
einer gewissen coquettirenden Misantropie ertappen, die gar nicht zu meiner
jetzigen Stimmung pat. Lieber Heinrich! wenn ich mich anders recht verstehe,
suchte ich lngst eine Veranlassung, Dir mit guter Manier Nachricht von mir zu
geben. Ich scheute dieses, wie ich auch Deine Ankunft scheue, und doch Beides
wnsche. Was aber vor Allem lcherlich herauskommt, ist meine Verachtung gegen
das gesprochene Wort, inde ich mehrere, als gescheut ist, darber mache.
    Du siehst, da ich noch nicht zur Ruhe in mir gekommen bin, und von einem
Aeuersten zum andern bergehe.
    Diese Widersprche machen mich zuweilen muthlos. Ich war auch zeither nicht
wohl. Der Streifschu am Arm machte mir doch mehr zu schaffen, als ich Anfangs
dachte. Ich habe gelitten, und, des Krnkelns ungewohnt, gerieth ich in einen
gereizten, rgerlichen Zustand, aus dem ich noch nicht heraus kann.
    Vorzglich verdro mich die ungeschickte und einfltige Art, eine
ernsthafte, auf die stille, innere Ueberzeugung des Menschen, beruhende
Handlung, wie einen brutalen Anfall behandelt zu sehen. Das Shnofer der Ehre,
wie diese auch immer verstanden werden mag, mu ehrenvoll gefordert und gebracht
werden. Es ist denn auch nicht mit einem Bischen Pulverdampf und ein Paar
Blutstropfen abgethan. Die Leidenschaft gengt sich schnell. Das gekrnkte
Selbstgefhl aber mu sich wieder herstellen oder erliegen.
    Der auer sich gerathene Mann lief mir wie ein Rasender in den Weg, drang
mir ein Pistol auf, und, ganz achtlos gegen Duellgesetze, schrie er mir zu, in
beliebiger Nhe loszudrcken, wenn er es thun wrde. Ohne einen andern als den
hchsten Zeugen ber uns, schnell mit mir einverstanden, stand ich ihm, scho in
die Luft, und erhielt die leichte Wunde. Zufllig flo mein Blut rascher und
hufiger, als es die unbedeutende Verletzung sonst wohl vermuthen lie. Ich
mute in der That lachen, wie erschrocken und stolz mein Gegner um sich sah. Es
fiel augenscheinlich eine Last von seiner Seele, whrend er doch nicht ganz
sicher vor den Folgen schien. Ich beruhigte ihn vllig ber mich. In der
Ueberraschung, die Angelegenheit so schnell beendigt, und sich selbst vor der
Welt behauptet zu haben, sagte er ziemlich unbewacht: Nun, so gehen Sie, mein
Herr, gehen Sie, sich heilen zu lassen! Ich will Ihr Leben nicht lnger in
Gefahr setzen. Ich habe, glaube ich, gezeigt, da ich nicht zu den Elenden
gehre, die ungestraft mit sich spielen lassen.
    Er ging bei diesen Worten nach seiner Wohnung zurck, fragte aber doch noch
einmal, ob er mir Jemand zu schnellerm Fortkommen schicken solle? Ich dankte
ihm, indem ich stehen blieb, und ihm unter den seltsamsten Gefhlen nachsah. Es
war kein Groll darunter, ich versichere Dich. Im Gegentheil rhrte mich der Mann
in seiner harmlosen Selbstzufriedenheit. Mein Blut hatte ihn losgekauft von
Spott und Tadel. Alle Stimmen waren fr ihn gewonnen. Er stand rein gewaschen
vor den eigenen, wie vor den Augen der Gesellschaft da. Und damit war es gut!
Elisens Verlust kann er verschmerzen. Seine bisherige glnzende Stellung hat er
gegen eine andere, nicht minder ausgezeichnete, vertauscht. Der Frst ernannte
ihn zum Gesandten in P ... Er wird die beste Aufnahme dort finden. Die
Geschichte luft vor ihm her. So ein vom Schicksal Gezeichneter ist sicher,
allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen. Whrend man das Anathem ber die Werkzeuge
seiner Adversitt spricht, gebietet die Tugend, die Unbilden des trgerischen
Glckes an ihm gut zu machen. Zudem ist der Fall von der Art, da selbst unsere
Kirche die Scheidung gestattet, Elisens eigene Anklage duldet keinen Zweifel.
Eduard kann zu einer zweiten Wahl schreiten. Er wird, ich bin es gewi, nicht
lange zu whlen brauchen. Das Vergangene ist dann in Nacht begraben. Niemand
spricht weiter davon. Das Meiste in der Welt gleicht sich auf hnliche Weise
aus. Nur, wo die innern Saiten zersprangen, und die ganze Harmonie mit einem
einzigen Migriff zerstrt ward, da flickt und knpft und zieht man sein
Lebelang dran, und nichts als falsche Tne in der Seele. - - -
    Ich komme von einer langen Wanderung durch Feld und Wald zurck. Zu den
alten, lieben Stellen mochte ich nicht hingehen. Es ist noch soviel Krankes in
mir, das geschont sein will. Ich ging weiter hinauf, nach der groen Heerstrae
zu. In einiger Entfernung von mir zieht sich die Chaussee an den Bergen hin. Ich
folgte dem weien Streif in seinen Krmmungen, und ma die Ferne, unter
beengenden Gefhlen. Die kleinen Staubwirbel, welche die Forteilenden
zurcklieen, umhllten die Wipfel der Pappeln in aschgrauen Schleier, whrend
unterhalb die flache, fahle Strae de da lag. Das ist das Leben! seufzte ich.
So verwischen sich seine Spuren! So zerrinnt jede Erinnerung in die groe,
allgemeine Auflsung der Dinge!
    Ich gestehe Dir, Heinrich, mir schauderte vor dem Gedanken! Allein, und
losgerissen, wie eins dieser schwirrenden Stubchen, fhlte ich mich mehr als je
berflig auf der Erde; das Leben schien mir unntz, und der Schmerz so
bedeutungslos, wie die Freude.
    Nenne es Zufall, oder wie Du willst, da gerade jetzt der frische Gesang
eines Wanderers aus dem Thale, zu mir heraufschallte, ein dunkler Zug mir etwas
Bekanntes zurckrief, und mich zwang, den Ton zu begleiten. Was ich hrte, war
die Melodie eines unsrer Regimentslieder. Ich hatte sie unzhligemal gehrt.
Jetzt besann ich mich darauf. In demselben Augenblick trat auch ein junger
Bursche in der wohlbekannten Dragoneruniform, Pallasch und Helm auf der Schulter
tragend, aus dem Gebsch. Er trllerte sein Liedchen, whrend er, von
ungewohntem Gehen wohl ein wenig ermdet, in liger Weile, ber den Wiesengrund
schlenderte. Die Exerzierzeit war nun berstanden, das braun gebrannte Gesicht
trug noch die Spuren von Hitze und Anstrengung, aber der kriegerische Schmuck,
und die scharfe Waffe ruhten friedlich auf dem Nacken, der sie doch mit Stolz in
die Heimath zurcktrug. Das Metall blinkte hell in der Sonne, es war, als
tanzten goldne Fnkchen neben dem guten Jungen her, ihm die Mhen des Lebens zu
berglnzen.
    Ich kann Dir nicht sagen, was alles zugleich in mir wach ward. Freude, das
Alte wieder zu sehen, Erinnerung an Gemeinschaft und Verbrderung, an die Zeit,
wo all der Sturm und Drang im Innern etwas wollte, wo kein Zweifel ber die
groe Absicht des Daseins entstehen konnte, die Brust weit, der Wille stark, das
Herz offen und frei war. Heinrich, ich sehe Dich, die Freunde, mich selbst,
jnger, besser wieder. Ich wurde jung, wie damals, ich rief den Dragoner an. Er
stand stille und sah herauf zu mir. Ich nannte ihm meinen Namen. Er wute nichts
von mir. Er war nach mir zum Regiment gekommen, gleichwohl traten wir
cameradschaftlich zusammen. In seinen Augen blitzte angenehme Ueberraschung,
hier Anhang und Schutz zu finden. Er betrug sich gegen mich mit ehrfurchtsvoller
Zurckhaltung. Ich kann Dich versichern, mir war seit lange einmal wieder wohl.
Eine Weile gingen wir mit einander, dann theilte sich unser Weg. Er ist nicht
weit von hier zu Hause. Ich beschenkte ihn, was er mit jener Beschmung stolzen
Selbstgefhls, nicht ohne einiges Errthen, und, wie er sagte, nur von einem
ehemaligen Herrn Offizier seines Regiments annahm. Als er nun mit erfrischtem
Muthe weiter ging, und mehrmals, unter wiederholten Begrungen, nach mir
zurcksah, da ward mir, als trennte sich ein Bekannter von mir. Ich sah ihm
gerhrt nach. Ist es das? fragte ich mich. Ruft das Leben aus diesem Ton? Will
es mich dahin zurck haben?
    Ich fragte mich das seitdem fter. Heinrich! wahr ist es, Etwas mu der
Mensch doch wollen, oder er geht unter. Was soll ich aber? Und dann. - So kann
es doch nicht wieder werden! Alles ist dagegen. Es pat auch nicht.
    Wirst Du mich verstehen, Heinrich, wenn ich Dir sage, da es Emma ist, die
mich hier festhlt? Sie ist so pltzlich, so unnatrlich, mchte ich sagen, von
mir losgerissen worden. So lt es ihr Herz, so lt es das Leben nicht. Ich
wei das gewi. Ich bleibe deshalb, und warte, bis sie mir sagt, was sie will,
was ich soll. Erklre mir, wenn Du kannst, die unbegreiflichen Widersprche des
Herzens. Ich gehe nie an ihrem Fenster vorber, ohne da es mich hei
durchrieselt, ohne da mein nasses Auge sie hinter den Scheiben sucht. Heute bei
meiner Heimkehr erschtterte es mich unaussprechlich, als ich die Fenster
ausgehoben, die Vorhnge aufgeschlagen fand, und das tiefe Zimmer so dunkel und
de nach Auen heraustrat. Ich stand lange davor. Drben auf dem Altane sa der
Oheim. Er hatte den Kopf in die Hand gelegt, und betrachtete mich gedankenvoll.
Ich fhlte, was in ihm vorging. O wre Emma in diesem Augenblick - nun und was
dann? wirst Du fragen. Ja, dies dann, ist eine lange, unbestimmte Zukunft, und
der Mensch, Heinrich, ist ein Mensch.
    Lebe wohl! Ich will morgen zu meinen Dragonern hinber reiten, und mich
wieder jung schwatzen.

                         Curd an die Grfin Ulmenstein


Wie beschmen Sie mich, gndige Frau! Sie lassen sich herab, mir zuerst wieder
zu schreiben, mich willkommen zu heien in der Heimath! mir zu sagen, da ich
erwartet werde, da ich nur eilen soll, mich der gromthigsten Beschtzerin zu
Fen zu legen, die ihren reichen Vorrath launiger, unterhaltender Mittheilungen
fr mich in Bereitschaft hlt.
    Wahrhaftig, kann mich etwas mit dem Gedanken vershnen, wieder in unsere
gute, alte Stadt zurckzukehren, so ist es allein Ihre Gnade, Ihre
liebenswrdige Gesellschaft, das elegante Haus der einzigen Frau in Deutschland,
die Hoffnung, den Zirkel dort wieder zu finden, der sich allein um solchen
Mittelpunkt versammelt.
    Sie, Gndigste, knnten den Aufenthalt in Paris allein vergessen machen!
Welche Ansprche auf die Dankbarkeit des deutschen Reisenden haben sie nun
vollends dadurch, da er bei Ihnen nichts von Allem vermit, was er im Auslande
zurcklie! Wte ich nur, was ich thun knnte, um mich einigermaen eines
solchen Glckes wrdig zu zeigen! die schwachen Beitrge, welche ich zu Ihrer
Unterhaltung liefern kann, sind nicht von der Art, um mir ein Recht auf die mir
so vielfach bewiesene Aufmerksamkeit zu geben. Kleine Reiseabentheuer, in denen
sich mein unbedeutendes Selbst verflochten findet, war ich schon so dreist,
Ihnen vorzulegen. Leider ist mir aber nichts Bedeutendes begegnet. Ehrlich
gesprochen, gndige Grfin, Leute, die nichts Besonderes sein wollen, erfahren
sehr selten etwas Auerordentliches. Die gebildete Gesellschaft duldet nirgends
auffallende Ereignisse. Ueberall giebt es einander hnlich sehende Gesetze,
strenge Polizei, geebnete Straen, ber die man pfeilschnell hinfliegt, groe
Stdte, groe Welt, und fast nur eine Sprache, ob diese franzsisch, englisch
oder deutsch heit, Menschen von Erziehung reden alle aus einem Tone. Das
besttigen uns die neuesten Reisebeschreibungen. Sie sagen immer dasselbe, wenn
sich nicht so ein guter, wandernder Knstler auf die Beine macht, und uns sein
Abentheuer zum Besten giebt. Ich versichere Sie, der Parmesankse schmeckt in
Parma nicht anders als in unsrer Residenz, der chte Syllerie wird berall nur
cht geschtzt, franzsische Kche an jedem Orte gut bezahlt, Trffeln aus
Perigord, so wie Strasburger Pasteten machen die Reise bis nach Neapel, der Mann
von Geschmack it im Norden und Sden gern gut, und die Frauen drfen nur die
Augen in den Spiegel werfen, um zu unterscheiden, ob eine Pariser Toilette sie
kleide? Uebrigens wissen Alle, was ein hbscher Fu in der Welt gilt, wie er am
zierlichsten beschuhet, wie am vortheilhaftesten gesetzt wird. Wer sucht, der
wird finden, heit es. Es suchen die Klgsten dasselbe, und Einige finden es
berall. Der ganze Unterschied besteht darin, da dies mit mehr oder weniger
Grazie geschieht. Inde, gute Tanzmeister finden sich dann doch an den meisten
bedeutenden Orten. Selbst in Deutschland ist, Gott sei's gedankt! die Erziehung
hierin soweit vorgeschritten, da man dreist eine Comtesse Ulmenstein neben die
gewandtste Pariserin stellen darf. Sie sehen, gndige Frau, etwas Neuem
begegnete ich eben nicht. Wie sehr mu ich auch hierin gegen Sie zurckstehen,
Sie, die mir den aller reichhaltigsten Brief, voll der bizarrsten Katastrophen
mitzutheilen die Gnade hatten. Welch ein Wahnsinn befiel denn Ihre Nachbarn! Die
Tragi-Komdie am See beschreibt Ihre meisterhafte Feder im Styl einer Seriguee.
Ich war dadurch so berrascht, da ich Anfangs die ganze Sache fr eine Fiction
Ihrer scherzhaften Laune hielt. Die auerordentliche Wahrheit, mit der Sie das
Gemlde hinstellen, konnte mich auch nicht so leicht irre machen, da ich wohl
schon fter Gelegenheit hatte, ein Talent zu bewundern, das eben so tuschend
trifft, als glcklich malt. Inde sollte ich in Kurzem durch den Augenschein
ber jene Zweifel belehrt werden.
    Ja, gndigste Frau, durch den Augenschein. Die schne Elise hlt sich im
Hause meiner Mutter auf. Denken Sie sich die Ueberraschung, als ich hier ankam,
und die Verbannte unter einem Dache mit mir fand! Es mochte sie wohl nicht
weniger berraschen; denn ich eilte dem Briefe, der meine Ankunft bestimmt
meldete, fast um acht Tage voraus, und verhinderte sie so an der Ausfhrung des
Vorsatzes, mir das Feld zu rumen. Ich gestehe, ich wute es ihr Dank, da sie
nicht eben begierig auf meinen Anblick war. Es setzte mich in groe
Verlegenheit, ihr gerade an diesem Orte zu begegnen. Ueberhaupt macht man immer
ein einfltiges Gesicht, wenn man Jemand nach einem Unfall oder sonstiger
Vernderung seiner Lage, wiedersieht. Hier war nun vollends etwas Beleidigendes
im Spiel, das mir das verwandte Blut ziemlich warm durch die Adern jagte. Ich
konnte es weder mir noch meiner Mutter verbergen, da, nach der einfltigen
Geschichte, Elisens Aufenthalt hier im Hause einen Theil des Ridiculs auf uns
zurckwerfe, das sie auf sich lud. Ich stritt lange mit der nachsichtsvollen
Frau, die zu fern von der Welt lebt, um das Gewicht ihres Urtheils zu kennen. Es
verdro mich, gleich beim Wiedersehen gerade hierdurch gestrt zu werden. Leider
giebt es ohnehin bei jeder Nachhausekunft Strungen, die auf der gnzlichen
Verschiedenheit der Verhltnisse beruhen, und die noch erhht werden, wenn zu
den eigenen Unannehmlichkeiten, fremde hinzukommen.
    In solcher totalen Verstimmung machte ich den nchsten Morgen, ganz gegen
meine Gewohnheit, in aller Frhe einen weiten Spatziergang, querfeldein durch
Wald und Wiesen. Ich hetzte mich gewissermaen mde, in dem Gedanken, zahmer und
williger das Ungemach ber mich ergehen zu lassen. Es gelang mir auch. Die freie
Luft hatte mich um Vieles abgekhlt, der Anblick einer ganz hbschen Besitzung,
mit angenehmen Aussichten fr die Zukunft erfllt. Vorzglich verhie der Wald,
mit seinen starken, lang geschonten Holzungen, die letzten Reisekosten zu
decken. In Gedanken dieses schnell berechnend, nahm ich meinen Rckweg nach
Hause. Ich ging rasch, wie man unter dem Entwerfen vortheilhafter Plne geht,
ohne rechts und links zu sehen. Pltzlich stehe ich vor meiner hbschen Cousine.
Sie ruhte ganz idillisch, wie man sonst Figuren auf Tassen malte, unter einer
Eiche am Wiesenrande, vor ihr weideten die Schafe. Ein groer Strohhut
beschirmte ihr Gesicht, sie lehnte sich seitwrts gegen den aufgestemmten Arm,
so da sie halb liegend den Rasensitz einnahm. Sie sah allerliebst aus. Ich
blieb eine Weile stehen, um sie genauer zu betrachten. Als sie mich bemerkte,
richtete sie sich schnell in die Hhe. Sie sah mich verwundert an. Wie? fragte
sie, ohne Verlegenheit oder Affectation, ganz in ihrem gewhnlichen Tone: sind
Sie es, Curd? So frhe? das ist wohl etwas Neues, was Sie von Reisen
mitbringen?
    Sie lchelte bei diesen Worten, und zeigte zwischen den frischen Lippen die
schnen, weien Zhne, die ich so oft an ihr bewunderte.
    Wei der Himmel, ich gerathe doch sonst nicht leicht aus der Fassung, aber
diese unbefangene Art, mich zu besptteln, verwirrte mich. Sie bemerkte es.
Nun, sagte sie, was stocken Sie denn so? Haben Sie es verlernt, mit mir zu
reden? oder scheuen Sie es etwa?
    Ich sehe, erwiederte ich schnell gesammelt, indem ich Platz neben ihr
nahm. Ich sehe, Sie fangen es da wieder mit mir an, wo Sie es gelassen haben,
Sie machen sich sogleich wieder ber mich lustig.
    Ach, mein lieber Curd, seufzte sie mit ganz unvernderter Miene. Es fngt
sich im Leben niemals, wie in einem Buche, auf der Stelle wieder an, wo man
stehen blieb; und das Lustigmachen hngt genau mit der Lust zum Lachen zusammen.
Aber kommen Sie, fuhr sie fort, wir sind wohl hiermit fertig. Sie haben den
Schreck berwunden, mich zu sehen. Ich habe Ihnen ber die Verlegenheit der
ersten Anrede weggeholfen, weiter mchten wir doch nicht leicht kommen, und Ihre
Mutter will frhstcken.
    Sie stand hier von ihrem Sitze auf, band die Hutschleife unter dem Kinn
fester, und ging, diesen vor dem anhebenden Wind mit der einen Hand haltend, so
leicht und frei vor mir her, als knne weder Vorwurf noch Kummer ihr etwas
anhaben.
    Gerade in solchem Morgenanzuge, mit demselben feinen florentinischen Hute
hatte ich sie auf der Jagdparthie am Tage meiner Abreise das Letztemal im vollen
Glanze der glcklichsten Stellung bewundert, verehrt, gesucht, gesehen; neben
ihr auf dem Rasen gesessen, mit ihr gelacht, und alle Ausflle neckender Laune
ber mein Reiseproject erduldet. Und nun! Ich konnte mich nicht einer Aufwallung
von Mitleid mit der jungen, reizenden Frau erwehren. Es war mir ganz
unbegreiflich, wie gerade sie zu der sentimentalen Schwrmerei kam!
    Viel nachsichtiger als zuvor gegen sie gestimmt, bot ich ihr den Arm. Ich
danke Ihnen, sagte sie mit kurzem Kopfnicken, mehr hflich als freundlich. Sie
wissen wohl von unsern ehemaligen Spatziergngen her, fgte sie hinzu, ich
gehe lieber allein, man ist so freier.
    Ich lchelte. Sie that nicht, als wenn sie es bemerkte. Ihr lag sichtlich
daran, eilig nach Hause zu kommen. Sie sprang auch eine Strecke vor mir her die
Treppe hinauf. Ihre Eile mute meine Mutter befremden, die schon im Vorsaale
stand, uns zu empfangen. Sie machte ein peinliches Gesicht, und sah verlegen
nach mir hin, als frchte sie, ich knne Elise gekrnkt haben. Doch diese sah
sich nicht sobald von einem tte--tte mit mir befreit, als sie unbefangen an
dem Frhstck Theil nahm, und sich von Italien erzhlen lie. Man merkte aber
nicht, da sie sich Gewalt anthue; doch nach einer Weile ward sie zerstreut. Sie
rckte sich tiefer in das Sopha hinein, schlug die Arme bereinander, lehnte den
Kopf zurck, ohne lnger das Ansehen haben zu wollen, als interessire sie, was
gesprochen ward. Auf eben diese Art wandte sie sich auch, whrend einer Pause,
wie pltzlich von einer Empfindung getrieben, zu meiner Mutter, fate sie bei
der Hand, indem sie gerhrt sagte: Liebe Tante, es war mein Vorsatz von Anfang
an, Sie meinetwegen in keine Verlegenheit zu setzen. Deshalb wollte ich Ihr Haus
vor Curds Ankunft verlassen. Glauben Sie nur, ich wei genau, wie unsicher er
mit mir ist, und wie Sie das ngstigt. Ich wrde mich auch jetzt gleich auf den
Weg machen, und nicht so schwankend zwischen Mutter und Sohn, bei dem ersten
Wiedersehen nach langer Trennung, stehen bleiben. Allein, ehrlich gesagt, wei
ich nicht recht, wohin ich mich sogleich schicklicher Weise wenden knnte? und
dann frchte ich auch, Ihnen, liebe Tante, wehe zu thun.
    Wir hatten vergeblich gesucht, sie zu unterbrechen. O! rief sie aus, ich
fhle wohl, was Sie mir erwiedern mssen, was Sie auch in dieser Minute aus
Ueberzeugung erwiedern werden, allein das ist doch alles nicht von Bestand. Es
knnen tausend unzuberechnende Zuflligkeiten eintreten, von denen eine einzige
hinreicht, Verdru zu erregen. Wer Aergerni gegeben hat, darf sich nicht
wundern, wenn man sich ber ihn rgert, und besonders ein Weltmensch, wie Ihr
Sohn, liebe Tante, der verzeiht nichts so schwer, als einen Eclat, der nicht
niederzuschlagen ist. Ich habe die ganze Nacht die Sache hin und her erwogen,
ohne etwas anders auszumitteln, als da wir einander aus gegenseitiger Rcksicht
soviel als mglich aus dem Wege gehen mssen.
    Um Alles in der Welt, Kind! fiel meine Mutter ihr ins Wort, wie verstehst
Du das? Soll es von mir heien, ich habe einen Gast in meinem Hause, und
vernachlige meine Schuldigkeit gegen ihn? oder wollen mich die Leute glauben
machen, Deine Familie habe Dich auch verstoen, weil Du zu gewissenhaft und zu
lebhaft warst, da zu schweigen, wo es keinen andern Klger gegen Dich gab, als
Dich selbst? Einander aus dem Wege gehen! auf dem Lande in einem Hause! Du
bedenkst die Unmglichkeit nicht.
    Elise umarmte sie begtigend. Gute, beste Tante, sagte sie, miverstehen
Sie mich nicht, als wolle ich mich Ihrer Gesellschaft vllig entziehen. Bewahre
mich der Himmel vor solcher Undankbarkeit. Allein jetzt, da Sie bessere
Unterhaltung haben, geben Sie nicht allzu genau darauf Acht, wenn ich einmal an
Ihrem Tische fehle, mein Zimmer Ihnen verschlossen bleibt, oder ein langer
Spatziergang mich weiter von hier entfernt, als es gewhnlich geschieht. Lassen
Sie mich kommen und gehen, ohne Arges dabei zu haben. Begegnen wir einander, so
verdenken Sie mir's nicht, wenn ich zurckbleibe, oder nicht Ihren Weg nehme.
Denken Sie dann, da ich es scheue, Ihnen lstig zu werden, und auch unfhig
sei, mich gerade jetzt zu beherrschen.
    Ich versicherte sogleich, ihre Aeusserungen mglichst leicht nehmend, da
sie von mir keine Belstigung zu frchten habe, und da mein Aufenthalt berhaupt
nur von kurzer Dauer sei, so hoffe ich, solle sie der nicht belstigen. Sie sah
bei diesen Worten berrascht und ungewi zu mir auf. Doch lie sie es dabei. Auf
ihrem klugen Gesicht lag allerlei, was ich nicht sogleich entziffern konnte.
Meine Mutter war nun froh, da sie nicht mehr an die Abreise dachte. Sie sagte
ihr in meinem und ihrem Namen jede Bedingung zu, worauf sie, ein husliches
Geschft zu besorgen, das Zimmer auf einen Augenblick verlie.
    Kaum da sie sich entfernt hatte, so wandte sich Elise rasch zu mir. Hren
Sie, Curd, sagte sie, in allem ihrem frhern berlegenen Ernst, ich will
annehmen, Sie meinen es gut mit mir. Es kann ja sein! Was htten Sie auch davon,
mich zu krnken! Deshalb verderben Sie mir nicht durch wohlfeile Witzeleien und
magern Spott, ber sentimentale Bizarrerie, meinen Lieblingsplatz unter den
Eichen. Lassen Sie mich da machen, was ich will, und kmmern Sie sich nicht
darum, wenn es Ihnen auch lcherlich vorkommt, da ich meine Freude an den
Thieren habe, die dort weiden. Manch armes Lmmchen, das auch keine Mutter hat,
wie mein - -
    Sie stand hier, von innerer Rhrung berwltigt, vom Stuhle auf, und trat,
mir den Rcken wendend, ans Fenster. Sie weinte bitterlich. Mir that es im
Herzen wehe; ich hatte nicht den Muth, sie anzureden.
    Kurz darauf war sie gefat genug, mich zu fragen, ob ich ihr versprechen
wolle, auf die vorgeschlagene Weise, hier in Frieden mit ihr zu leben? ihre Ruhe
zu ehren, und nicht den Spher und Critiker gegen sie zu spielen?
    Es versteht sich, da ich mir in der Stimmung, worin wir gerade waren,
keinen unzeitigen Scherz erlaubte, ganz ihren Befehlen zu gehorchen versprach,
und zum Beweis meiner Willfhrigkeit ihr nicht folgte, als sie, zufrieden mit
meiner Zusage, in den Garten ging.
    Sie htte auch wirklich in dem Augenblick von mir fordern knnen, da ich
sogleich aufbrechen und das elterliche Haus ihretwegen rumen sollte, ich wre
nicht im Stande gewesen, Nein zu sagen. Sie hatte mir's angethan, ich war wie
bezaubert von ihr. Wahrhaftig, ein bischen Snde, ein bischen Unglck macht die
Frauen erst reizend, begegnet man ihnen nun noch dazu, ausgestoen von der Welt,
in irgend einem entlegenen Winkel auf dem Lande, wer kommt da nicht auf den
Einfall, einem gefallenen Engel wieder aufhelfen zu mssen?
    Ihnen gndige Grfin, darf man dergleichen flchtige Empfindungen schon
anvertrauen, ohne Furcht, miverstanden zu werden, und so gehe ich denn noch
weiter, und bekenne Ihnen, da ich den ganzen Tag eine gewisse unruhige
Verwirrung nicht los werden konnte, und noch spt Abends ein Paar Pferde mde
reiten mute, ehe ich hoffen durfte, es zu Hause auszuhalten. Mein heies Blut
sollte inde durch eine ungeheure Mistification abgekhlt werden. Hren Sie nur,
gndige Frau! Es war voller Abend, als ich endlich zurckkehrte. Meinem
Versprechen getreu, umritt ich den Anger, die Bume, Elisens Ruheplatz, in
weitem Kreise. Gleichwohl zog es mich, zu sehen, ob sie wieder da se. Ich
hielt auf einer kleinen Anhhe. Der schne, grne Teppich lag unter mir, ich
wre vor mein Leben gern darber weggesprengt, zu der lockenden weien Gestalt
hin, die mit raschen, kurzen Schritten am Rande der Erlenbsche auf- und abging,
zuweilen still stand, umhersah, und dann, wie nach vergeblichem Warten, ihren
Spatziergang aufs Neue fortsetzte.
    Ich wurde, je lnger ich dies unstte Umherwandeln beobachtete, immer
gespannter. Es fing an zu dunkeln. Bald sah ich nichts mehr als Elisens Kleid
durch die schwarzen Nachtschatten hin und wieder gleiten. Jetzt mit einemmale
kam mir's vor, als verdopple sich dieser Schatten, und gehe auf der andern Seite
neben ihr. Doch blieb er nicht immer sichtbar. Zuweilen verlor er sich im
Gebsch, dann mit einemmale sank er ganz zusammen, und schien nur bis an ihre
Kniee zu reichen.
    Was ist das? fragte ich mich, halb und halb meiner Sache gewi. Ein Mann! so
wahr Gott lebt! ein Mann! rief ich, gab meinem Pferde die Sporen, und war, wie
der Blitz, bei den Erlen. Indem sprang Jemand zwischen den knisternden Zweigen
hindurch. Elise eilte pfeilschnell nach dem Garten zurck. Dort ereilte ich sie,
nachdem ich mich vergeblich bemht hatte, jenen Flchtling zu erhaschen. Er war,
wie vom Erdboden verschwunden. Das Gartenthor mute von der andern Seite ins
Schlo gesprungen sein. Elise qulte sich umsonst, es zu ffnen, als ich vom
Pferde stieg, und dieses am Zgel haltend, mit den Worten zu ihr trat: Warten
Sie, Cousine, ich will Ihnen helfen. Ich danke, ich danke Ihnen, entgegnete
sie mit abgebrochener Stimme und schnellem, kurzem Athemzuge. Ich hatte ihre
Hand beim Drehen am Schlosse berhrt. Sie bebte wie von Fieberfrost geschttelt.
Mein Gott, rief ich bestrzt, Elise, was ist Ihnen?
    Lassen Sie es gut sein, flehte sie kaum hrbar, halten Sie Wort, Curd,
forschen Sie nicht, es hilft zu nichts mehr! Mein Gott! seufzte sie, einen
Augenblick auf meinen Arm gesttzt. Bin ich doch bis zum Tode erschrocken!
Doch gleich darauf nahm sie sich zusammen. Es ist jetzt ganz vorber, lchelte
sie. Reiten Sie nun ruhig weiter, ich bin ja zu Hause.
    Sie machte sich los, und ging hinein. Ich sah sie den Abend nicht wieder.
Heute Morgen erschien sie auch nicht beim Frhstck. Ich hre, sie habe Briefe
erhalten. Ihre Kammerjungfer versichert, die arme Dame bade sich in ihren
Thrnen.
    Ich bin geheilt, Gndigste! Ich wei, was diese Thrnen bedeuten. Ohne allen
Zweifel war Hugo hier. Htte ich ihn zu der Stunde, auf dem Gebiet meiner Mutter
gefat, er wre nicht lebend von der Stelle gekommen! Vergeben Sie, Frau Grfin,
da ich soviel und so Unbedeutendes schwatze. Die neuesten Tagsbegebenheiten,
selbst aus einem armen Dorfe, reien stets die Feder wie die Gedanken mit sich
fort. Ueberdem greift das hier Vorgefallene in das Gewebe der letzten
Residenzgeschichten mit ein, und erhlt dadurch einiges Interesse. Ich hoffe
deshalb auf Ihre Verzeihung.
    Gewhren Sie diese
                                                           Ihrem unterthnigsten
                                                                           Curd.

                             Leontin an den Comthur


Alles vergebens! Ich kann sie nicht mehr auffinden! Es ist, als wren sie von
der Erde verschwunden. Bis hierher folgte ich einer Spur, die ich fr die ihrige
hielt, und die mich auch wirklich nicht betrog. Es war natrlich, meine Richtung
nach der Heimath der Frau Oberhofmeisterin zu nehmen. Wir waren hierber einig,
wie Sie sich erinnern werden. Ich durfte gleichwohl nicht auf der groen Strae
bleiben, gewi, den Reisenden am wenigsten zu begegnen, wenn diesen, wie es das
Ansehen hatte, daran lag, Widerspruch und Gegenrede auszuweichen. Ich fand auch
bald in Gebirgshtten, in versteckten Thaldrfern oder in entlegenen Klstern
Nachricht von einer schnen, vornehmen Kranken, die, in Begleitung ihrer Mutter,
schnell und geheimnivoll durch diese Orte reiste, wenige Stunden der Ruhe
gnnte, selten nur irgendwo an einem Orte bernachtete. Diese Eile, die
glnzende Equipage, das Incognito, alles erregte meine Aufmerksamkeit. Die Leute
erzhlten gern davon, und vielleicht mehr und umstndlicher, als es im Verfolg
gewohnter Weise auf gewhnlichem Wege geschehen wre. Ich erkannte inde hierin
die vorgreifende Hand der Oberhofmeisterin, die das Wie so oft ber das Was in
ihrem leidenschaftlichen Wollen vergit.
    So durchzog ich den Schwarzwald. Ich kam eines Abends bis zum Fue eines der
hchsten Berge. Der Weg ber denselben war in der Dunkelheit nicht mehr zu
finden. Ich kehrte in einem freundlichen Hof, bei wackern Leuten ein. Das
gerumige Haus, die geordneten Umgebungen lieen auf gastliche Bewohner
schlieen. Ich konnte nicht zweifeln, da diese, an hnlichen Besuch gewhnt,
niemals durch denselben berrascht oder gestrt werden wrden. Gleichwohl nahm
ich nach dem ersten treuherzigen Grue einige Befangenheit auf den ehrlichen
Gesichtern wahr, die mich verlegen machte. Es mute irgend ein besonderer Fall
sie persnlich getroffen, ihrer wohlwollenden Offenheit Zwang angelegt haben.
Ich ward in ein groes, hallenartiges Gemach gefhrt, das eher einem
Vorrathsgewlbe als einem Wohnzimmer hnlich sah. Es standen offne und
verschlossene Schrnke, Kisten und Kasten, auch Handwerksgerth und andere
Gegenstnde umher. Als ich mich ein wenig verwundert hier umsah, lchelte der
Wirth, der allein bei mir geblieben, und ngstlich bemht war, mir
Bequemlichkeiten zu verschaffen, welche der, zur Aufnahme von Fremden wenig
eingerichtete Raum, entbehrte. Wir haben drben einen Bau vorgenommen, sagte
er, indem sein Auge verschmt zu Boden sah. Das Kmmerchen, in welchem wir frs
Erste eingeklemmt sind, hat nicht Platz fr Gste, fuhr er mit abgewandtem
Gesicht fort. Wir htten uns deshalb auch gar nicht unterstanden, einem
vornehmen Herrn unser schlechtes Obdach anzubieten, wre es nicht unrecht,
irgend Jemand von der Thre zu weisen, an die er geklopft hat.
    Er sprach die letzten Worte lauter und zwangloser, als die frhern. Sie
kamen ihm aus dem Herzen. Er hatte dieses nun erleichtert, und bezeigte sich
whrend dem Herzutragen von Sthlen und Tischen, Speise und Trank, sehr herzlich
und gesprchig.
    Nach einer Weile blieb er inde weg. Es whrte lange, ehe die Frau seine
Stelle einnahm. Ich behielt Zeit, bei mir ber aufsteigende Zweifel
nachzudenken, welche diese sonderbare Aufnahme bei mir erregten.
    Wahr ist es, dachte ich, ich habe drauen ein Baugerst, und auf der Flur
Leiter, Karren, Maurer- und Zimmergerth bemerkt, es mag mit dem Baue seine
Richtigkeit haben, allein wenn ich nicht irre, so ist die ganze vordere Seite
des Hauses berhaupt neu, und dieses Gewlbe, im Zusammenhange mit mehrern
andern, tiefer hineingehenden Gemchern, gehrt zu dem eigentlichen
Hauptgebude, das ziemlich gerumig sein, und ein wohnlicheres Unterkommen
bieten mute. Der redliche Mann stockte auch bei seiner Entschuldigung, als
schme er sich einer Lge. Was steckt nur dahinter verborgen?
    Die eintretende Wirthin unterbrach dies Selbstgesprch. Sie that sehr emsig,
kehrte und wischte im Zimmer umher, ohne meine Fragen, in Betreff der jngst
hier Vorbergereisten sonderlich zu beachten. Sie hatte darauf nur allgemeine
Antworten, meinte, so manch' Einer ergehe sich, oder werde die Berge hinauf oder
herab getragen, spreche bei ihnen ein, lasse auch wohl den stillen Hof bei Seite
liegen, ohne da sie es sonderlich wahrnhmen. Sie sah dabei gleichgltig die
Zimmerwnde an, und klagte, da zwischen dem Schnitzwerk ber der Thre die
Spinnen Jahr aus Jahr ein ihre Fden zgen. Ich war den hausmtterlichen Blicken
gefolgt, der ernste und groartige Charakter meiner Wohnung fiel mir aufs Neue
auf. Ich uerte dies, zugleich ber den Ursprung und die frhere Bedeutung des
ltern Theils des Hauses Erkundigungen einziehend. Die Frau gab keine
befriedigende Auskunft, wute nur Allgemeines von einer ehemaligen Abtei zu
sagen, die hier gestanden, und ber die umliegenden Klster geherrscht habe.
Dies Zimmer solle eine Capelle gewesen sein. Alle die Aecker und Wiesen, die
Mhle und das ganze fruchtbare Thal habe dazu gehrt. Spter, als die Klster
zerstrt und wieder erbaut worden, wre eine neue Ordnung an die Stelle der
alten getreten, die Abtei sei verdet und verfallen, an den Meistbietenden
verkauft worden, und der Besitz ihrer Familie durch Erbschaft verblieben.
    Ich hatte ihr aufmerksam zugehrt, doch entging mir eine sonderbare Unruhe
im Hofe nicht, an welcher auch sie Antheil nahm, ohne es merken lassen zu
wollen. Im Gegentheil, redete sie lauter, je achtsamer sie meine Blicke nach dem
Fenster gerichtet sah. Ich konnte inde hier nichts entdecken, die Nacht war
sehr dunkel, oder schien mir doch so, da stark hervorspringende Mauerpfeiler und
hohe, alte Bume die nchsten Gegenstnde drauen verdeckten.
    Es ngstigte mich dies, und berhaupt, hier wie eingesperrt sitzen zu
mssen. Deshalb fragte ich, ob mich Niemand spterhin, wenn der Mond aufgegangen
sei, ber den Berg geleiten wolle? Die Frau schttelte den Kopf. Es regnet,
sagte sie, und der unsichere Schimmer hinter dem Gewlk macht die Fhrer nur
irre. Sie rathe mir im Gegentheil, da ich jetzt ein Paar Stunden zu schlafen
versuchen mchte. Frhe, mit Tagesanbruch, da lasse sich denn schon eher ein
Bote finden.
    Sie machte sich whrend dem daran, mein Lager zu bereiten. Matratzen,
Betttcher und Decken fanden sich in den Schrnken vor. Sie ordnete alles aufs
Beste, stellte die Lampe zurecht, und wnschte mir mit dem Zusatze eine gute
Nacht, da, wenn ich gegen Morgen aufbrechen wolle, ich den Schieber dort in der
Mauerblende wegziehen sollte. Man sehe unmittelbar einem langen Gang hinunter,
der zu ihrer Kammer fhre. Ich brauche dann nur zu rufen, sie oder ihr Mann
wrden mich schon hren. Sie ging mit diesen Worten zu der gegenber
befindlichen Thre hinaus, die sie hinter sich verschlo.
    Ihre behende Eile machte es mir unmglich, sie hieran zu hindern. Inde war
mir diese sonderbare Vorsichtsmaregel in dem anscheinend wohlgeordneten,
ruhigen Haushalte hchst auffallend; ich gerieth in allerlei widersprechende
Besorgnisse, mit denen ich mich lange qulte, ohne an Schlaf zu denken.
    So, in dem alterthmlichen Gemache auf- und abgehend, fiel mir der Schieber
in der Mauer, und die Mglichkeit wieder ein, Jemand errufen zu knnen.
Unwillkhrlich nherte ich mich der bezeichneten Stelle, um einen vorlufigen
Versuch zu machen. Es gelang damit auch in so weit, als sich wirklich die
Oeffnung in der Mauer vorfand, durch welche ich einem langen Gang hinuntersah.
Allein es war dabei noch nichts sonderlich gewonnen, da es ungewi blieb, in
wiefern mich derselbe mit den Hausbewohnern in Verbindung setze? Immer war ich
sehr entfernt von den Letztern, denn es zeigte sich nur am uersten Ende des
Ganges eine einzige Thre, und da ich diese, eben deshalb, weil es die einzige
war, genauer betrachtete, und der Zugwind sie auf- und zuschlug, blieb mir kein
Zweifel, da sie nach einem mit Bumen bewachsenen Vorhof oder Garten fhre.
    Ich behielt keine Zeit, mir selbst in der ersten, unangenehmen Empfindung
entdeckter Tuschung recht klar zu werden, denn, indem ich nachsinnend so stand,
fiel ein schwacher Lichtstrahl durch jene Thr. Sie ward von Auen vllig
aufgestoen; der Wirth, eine Laterne in der Hand haltend, trat herein, ihm
folgten ein Paar rstige Mnner. Sie schoben etwas bei Seite, das ich nicht
unterscheiden konnte. Dann stellten sie sich dicht zusammen, die Laterne ward
hher gehalten, ich konnte ihnen ins Gesicht sehen, sie lachten, und schienen
sich ber einen Gegenstand, den sie einander zeigten, zu freuen. Bald hrte ich,
da sie Geld zhlten. Mir gingen widrige Vorstellungen durch den Kopf. Ich hatte
Leute und Wagen auf der nchsten Station zurckgelassen, und war, wie so oft in
dieser Zeit, mit einem Miethpferde die Gegend durchstrichen. Bis hierher war mir
nie das geringste Verdchtige aufgestoen. Das Volk umher ist so offen, auch die
Leute hier fand ich nicht anders, selbst in diesem zweideutigen Augenblick
schttelten sie sich treuherzig die Hnde mit einer Miene, die auf nichts
weniger als heimtckischen Raub schlieen lie. So trennten sie sich auch. Zwei
gingen wieder dahin, woher sie gekommen waren. Der Hausherr verschwand an der
Stelle, wo ich die Seitenwand zu Ende glaubte.
    Unschlssig, ob ich gleich jetzt Lrm machen, ob ich Jemand herbeirufen und
aufbrechen solle? besann ich mich, da bei wirklich bser Absicht diese dadurch
nicht verhindert, der Augenblick nur beschleunigt, und meine Lage milicher
werden mte, da sich ohnfehlbar Alles gegen mich bewaffnen wrde. Auf jeden
Fall, dnkte es mir, wre meiner wrdiger, den Ausgang ruhig abzuwarten, wodurch
ich mir denn auch die Beschmung mglichen Irrthums ersparte.
    Es blieb bei allem dem eine peinliche Nacht, die ich durchwachte.
    Ich sa lange vor einem Tischchen, auf welchem die Lampe stand. Mde und
doch gespannt, kmpfte ich zwischen Schlafen und Wachen, schlo und ffnete die
Augen, die ich nur unter unsglicher Anstrengung offen erhielt. Oefter mute ich
sie fest auf einen Gegenstand heften, um sie nur nicht zufallen zu lassen.
    In solchem Moment sehe ich zwei verschlungene Buchstaben, die mit scharfer
Nadel in die glatt polirte Tischplatte hinein gezeichnet sind. Sichtlich ein
Gedankenspiel, das sich mehrmals wiederholte. Es war ein E und ein H. Es war
Emma's Hand, die mechanisch den stummen Gedanken des Herzens hingezeichnet
hatte. Weg war jetzt aller Schlaf. Ich starrte die wohlbekannten Schriftzge an,
als knnten sie mir die lang gewnschte Auskunft geben.
    Hier war sie also gewesen! Vor diesem Tischchen hatte sie gesessen!
Vielleicht wie ich, den Kopf in die eine Hand gesttzt, whrend die Andere jene
Zeichen malte! Aber wann? wann war das? Wohl ganz krzlich erst! Wohl gar heute!
in dieser Nacht! -
    Ein entsetzlicher Gedanke flog an mir vorber. Wenn sie es waren, wenn man
sie auf dem gefahrvollen Bergbergange beraubt, mihandelt, erschlagen! - Meine
Sinne verwirrten sich! Ich strzte ans Fenster, ich rttelte an der Thre, ich
rief donnernd dem langen, unheimlichen Gang hinunter. Es whrte einige Minuten,
ehe man mich vernehmen mochte, dann eilten aber von allen Seiten Herr und Frau
und Knechte und Mgde herbei. Alle zeigten sich eben so betroffen als besorgt um
mich. Einen Augenblick stand ich ihnen verlegen gegenber. Die Todesangst um
Emma ri mich inde in den vorigen Ungestm zurck. Ich fragte gebieterisch, was
aus den Reisenden geworden sei, die hier verweilt, hier gewohnt htten, die erst
krzlich aufgebrochen seien, deren Handschrift, deren Namenszug ich hier auf dem
Tischchen wiedergefunden? Ich wei es gewi, setzte ich leidenschaftlicher
hinzu, erst in dieser Nacht verlieen sie dies Haus. Ich habe alles gesehen und
gehrt, was sich zugetragen hat.
    Der Wirth stutzte, sah seine Frau an, dann lchelte er sorglos, legte mir
die Hand auf die Schulter, und meinte: Was kann das Alles helfen, wahr bleibt
wahr. Aber lassen Sie es gut sein. Die Herrschaften wollten nicht, da man ihnen
folge. Sie haben hier rasten mssen, weil die junge Dame nicht weiter
fortkonnte. Nun, wir rumten ihnen unsere ganze Wohnung ein. Das whrte so einen
Tag nach dem andern. Besser ward es mit der Kranken nicht. Da meinte die Mutter,
sie wollten in aller Stille ihren Weg fortsetzen. Den nchsten Morgen sollte es
geschehen. Nun kamen Sie gestern Abend hier an, lieber Herr! Wegweisen durften
wir Sie nicht. Wir brachten Sie darum hierher, in die alte Rumpelkammer. Es war
uns peinlich genug, aber die alte, gndige Frau befahl es so. Nachher forschte
sie uns genau ber Sie aus. Wir muten ihr Alles sagen. Ich wei nicht, was ihr
in der Beschreibung so auffiel, da sie ihrer Tochter ngstlich zuwinkte, dann
mit ihr heimlich redete, sie leise bat und bestrmte, und nach einer Weile
erklrte, sie wolle gleich abreisen. Ich solle ganz im Geheim fr ein Paar
sichere Trger und Boten mit Laternen sorgen. Unsere Gegenvorstellungen fhrten
zu nichts. Sie blieb unbeweglich, sparte weder Geld noch Ueberredung, und war in
einer Stunde auf und davon. Es ging Alles glcklich. Ich begleitete sie. Jetzt
mu sie schon eine bedeutende Strecke ber das Gebirge hinaus sein.
    Wohin ging ihr Weg? fragte ich innerlich froh, ihnen so nahe zu sein. Ich
erhielt unbestimmten Bescheid. Es theilen sich dort unten verschiedene Wege,
hie es, man knne nicht wissen, welchem die Reisenden gefolgt wren. Ich merkte
wohl, da die Oberhofmeisterin Sorge getragen hatte, sich der Verschwiegenheit
ihrer redlichen Wirthe zu versichern. Deshalb eilte ich fortzukommen.
    Whrend mein Pferd gesattelt ward, ging ich mit der Wirthin, Emma's Zimmer
zu besehen. Es trug noch die Spuren ganz neuerlicher Bewohnung. Am Boden lagen
getrocknete Blumen, Papierschnitzelchen, Haarnadeln. Ich sammelte, was ich in
der Eile bekommen konnte, und die Sthle, worauf der Koffer gestanden, die
bereinandergeworfenen Bettdecken, die leeren Tassen, ein kleines
Medizinflschchen mit unbeschreiblicher Rhrung anstarrend, zerknitterte ich
krampfhaft die in den Hnden haltende Papiere, als mir einfiel, ob keines
derselben mir vielleicht ein hindeutendes Wort verrathen knnte. Ich trat zum
Fenster, ich rollte Eins nach dem Andern auf, nur ein einziges war beschrieben,
und enthielt folgende Worte:
    So lange Dein Sommer whrt - da! ja da! Wenn aber der Winter kommt, die
Natur todt, der Boden starr, die Luft schneidend wird, drre Halme, von Reif
berglast, in Deiner Hand zerbrechen, Einsamer! wie wirst Du frieren! wie wird
Dein Herz verschmachten!
    Giebt auch die Treue jemals sich selber auf? Ich bin der Grfin Tag und
Nacht nachgeeilt, ehrwrdiger Herr! - Niemand wei von ihr. Am Wohnorte der
Oberhofmeisterin ist man so unwissend ber sie, als ich es bin.
    Morgen werde ich Audienz beim Frsten und seiner Gemahlin erhalten.
Vielleicht da dort!

                                                                         Abends.

Sie sind ber Basel nach der Schweiz gegangen, und von da nach Italien. Ich
folge ihnen sogleich. Gott leite meine Schritte! -

                         Madame Lindhof an den Amtmann


Du schickst den Fritz allein mit der Kalesche zurck. Du kommst also immer noch
nicht nach Hause? Mich dnkt, lieber Sohn, Deine Gegenwart wre hier sehr
nthig. Der Regen hlt so lange an. Die Arbeit liegt. Ohne Dich wissen sich die
Leute nicht zu helfen. Ich frchte, Du wirst in diesem Jahre einen groen
Schaden in Deiner Wirthschaft erleiden.
    Wenn nur Deine Wnsche bei allem dem noch erfllt wrden, und die ungelegene
Reise zu etwas fhrte! Ich gestehe Dir, mich ngstigt der verlngerte Aufenthalt
in der Residenz aus tausend Grnden. Der Frst kann leicht Dein Gesuch bel
aufnehmen, und es mde werden, Dich zu begnstigen. Und am Ende ist es doch auch
wohl mehr Unbestand, als der Verlust Deiner guten Frau, was Dich hier wegtreibt!
La Dir die offenherzige Bemerkung nicht mifallen, lieber Sohn. Ich sage es,
wie ich denke; und denke es, weil ich Dich kenne. Glaube mir, in der Jugend
sucht der Mensch gar zu gerne nach einem Vorwande in sich, um das zu wollen, was
er gerne wollen mchte. Du wirst nun wohl sehen, da es der Ort nicht thut, wenn
man den rechten Sinn nicht mitbringt.
    Du sttzest Dich auf die letzten traurigen Ereignisse, und behauptest, hier
gehe alles Familienglck zu Grunde. Es sei, als walte ein finsterer Geist in
unserm Umkreis, der bald auf diesen, bald auf jenen niederfalle. Ich kann
solchen Aberglauben nicht billigen, lieber Sohn, Gottes Gnade lt sich nicht
bannen. Wer auf sie baut, der mag stehen, wo er will, er steht in seiner Hand.
    Es ist wahr, es kann einem manchmal erschrecken, wie sich das Migeschick
einnistet, und Leid und Trbsal unsere Tisch- und Bettgenossen werden, man immer
nur traurigen Gesichtern begegnet, und selbst die Kinder sich ngstlich umsehen,
ob auch kein neues Unglck im Winkel laure? Es ist so, lieber Sohn! wir erfuhren
es Alle, und erfahren es wohl noch. Allein jedes hat seine Zeit, und ich denke,
wre man herzhafter, liee man sich nicht beugen, she man mehr auf Gott, es
wrde uns nicht so dunkel vor den Augen und so gepret ums Herz bleiben.
    Was hilft das aber Alles! Du hast nun doch einmal Deinen Sinn auf
Vernderung gestellt. Du hltst hier nicht aus. Ich kann nicht sagen, ob Du
recht oder unrecht daran thust? Wenn es erst so weit ist; wenn man einmal ein
Gefhl ausgesprochen, einen Widerwillen, eine Besorgni mitgetheilt hat, dann
freilich kommt der rechte Muth nicht wieder. Das Mivergngen ist ansteckend wie
die Furchtsamkeit. Ich sagte vorhin, auch den Kindern werde es unheimlich hier.
Gestern Abend mute ich das wieder erfahren. Wenn die Scheu und Bangni allein
schon ein Uebel ist, so zieht sie immer noch neue herbei.
    Es hatte den ganzen Tag geregnet. Die groe Stube ist khl, und scheint die
Sonne nicht, so machen es die alten Linden trbe und feucht darinnen. Kinder
frieren leicht, wenn sie einmal nicht drauen im Freien sein knnen. Ich hatte
gegen Abend Feuer ins Kamin machen lassen. So lange die Flamme hell brannte, war
es eine Lust fr die Kleinen. Wie sich aber das Holz verkohlte, und die Gluth
matter und dunkler ward, dann die Dmmerung eintrat, da drngte sich der kleine
Kreis enger zusammen.
    Sie erzhlten einander Hexengeschichten und andern tollen Schwank. Annchen
sa auf meinem Schoo im Winkel am Kamin. Sie hatte das Kpfchen an mich
angelehnt, und sah zuweilen, mit den klugen Augen blinzelnd in die meinigen. Ich
kte sie, indem ich, von der Aehnlichkeit mit der Verstorbenen getroffen, leise
sagte: Ganz wie die Mutter! Der arme, kleine Georg hatte unterdessen sein
Fubnkchen dicht zu mir herangezogen, die Aermchen um meine Kniee geschlungen,
das Gesicht hineingedrckt, als wolle er schlafen. Jetzt hrte ich ihn
schluchzen, und da ich sanft seinen Kopf in die Hhe richte, bricht es wie ein
Schrei aus dem kleinen, gepreten Herzen: Mutter! Mutter kommt auch gar nicht
wieder! Mir ging das durch die Seele, und vollends, als Annchen altklug
versicherte: Mutter ist todt, ja gewi, sie ist todt! Georg sah entsetzt auf,
seine Thrnen stockten. Es war, als wolle er mir das Ja oder Nein auf den Lippen
lesen. Ich hatte Mhe, ihm die Bedeutung von Annchens Aeuerung begreiflich zu
machen. Er seufzte tief, kam zu mir herauf, und sagte mir leise ins Ohr: Darf
ich denn nicht mehr in unser Haus gehen? Ich mchte doch so gern! Er brachte
das Letzte nur unter vielen Thrnen stockend heraus. Vater, flsterte ich eben
so leise, hat den Schlssel mitgenommen. Du weit ja, die Thren sind
verschlossen, wir knnen sie nicht aufmachen.
    Wir knnen sie nicht aufmachen? wiederholte er, das Kpfchen nachdenkend
in die Hhe richtend. Und Mutter auch nicht, wenn sie wiederkommt? setzte er
hinzu. Ich kte ihn, mit der Bitte, nur bis dahin Geduld zu haben. Allein er
wiederholte bittend: aber ich mchte doch so gern, so gern in unser Haus gehen!
komm doch, komm! bis ich ihn zuletzt ermahnen mute, artig und folgsam zu sein.
Annchen gab hier, wie immer, ihr Wort dazu, und drohte mit dem schwarzen Manne,
wenn er noch lnger weinen wrde. Im nmlichen Augenblick stie der Wind ein
Fenster auf, die Kammerthr gegenber sprang aus dem Schlo, der Wind fuhr
heulend durchs Zimmer, die ltern Kinder flchteten sich ngstlich ans Kamin.
Franz stie mit dem Fu die Gluth zusammen, warf frisches Holz hinein, und als
dieses prasselnd aufflackerte und der Schein den nchsten Umkreis erhellte,
sagte er, es sei was Schwarzes durch die Stube gegangen.
    Die Kleinen fingen nun laut an zu schreien. Ich schalt ihn thricht, rief
die Magd, hie sie Licht bringen, und suchte in der Zwischenzeit die
erschrockenen Kinder zu beruhigen.
    Allein auch ich sollte ein wenig auer Fassung gerathen, als wirklich eine
Figur auf mich zuschritt, und ich erst nach einer Weile den halb verwirrten,
unglcklichen Caplan erkannte, der von der Gartenseite durch die Kammer
hereingekommen war. Bei dem ersten Laut seiner Stimme zitterte Georg so heftig,
da ich, alle Gastlichkeit bei Seite lassend, zuerst das Kind entfernen, und es
der Obhut seines alten Dieners einstweilen berlassen mute. Als ich zurckkam,
war der unstte Tavanelli schon wieder verschwunden. Ich war nahe daran, ihn fr
einen Spuck zu halten, htte mich Franz nicht versichert, er sei wirklich hier
gewesen, habe mir und Georg finster nachgesehen, und mit Unwillen ausgerufen:
So hassen, so fliehen sie mich Alle! Ich meinte es gut! Sie verstehen es nicht
besser! Worauf er nach der Thre eilte, und im Hinausgehen, ohne sich
umzusehen, hinzufgte: Sagt der Gromutter, ich wrde wiederkommen, ich mte
sie sprechen!
    Mir machte das Letztere angst und bange. Der ganze Abend war mir verdorben.
Bei jedem Windstoe, bei dem Rascheln der Bltter an den Scheiben, bei dem
Knarren der Thre, fuhr ich in die Hhe, und glaubte, jetzt komme er ganz gewi.
Doch eine Stunde nach der andern verging, ohne da er weiter etwas von sich
hren lie. Ich wachte die ganze Nacht, aus Furcht, Georg knne aufs Neue durch
ungestmes Pochen oder Anrufen des wsten Menschen gestrt werden. Der arme
Kleine ist durch all die erschtternden Auftritte so erregt, so gespannt, da er
wie im Fieber bis zum Morgen unruhig trumt. Ich war nur froh, da gegen Mittag
das Wetter hell ward, und ich mit ihm drben im Schlogarten umhergehen konnte.
Er sprang ganz munter vor mir her, und war so freudig, da mir das Herz wehe
that; er mochte glauben, heute werde die Mutter kommen. Er sah mich fter so
recht listig forschend an, als ahnde er irgend eine heimliche Ueberraschung.
Armes, armes Kind! um was haben Dich nicht die Menschen gebracht! Er merkte dann
wohl, da es mit seinen Erwartungen nichts sei. Er ward still, und schlich
endlich mde neben mir her. Zuletzt kletterte er noch an dem Fenstergesims
hinan, klammerte sich mit beiden Hnden an das Kreuzholz, und bemhte sich
augenscheinlich, durch die Spalte der geschlossenen Lden in das Innere des
Hauses hineinzusehen. Ich lie ihn thun, was er wollte. Nach einer Weile drehte
er das Kpfchen seitwrts zu mir herum, indem er, mit weinerlichem Verziehen der
Lippen, sagte: Hier hat Mutter geschlafen und ich auch! Schlft Mutter wieder
hier, wenn sie kommt?
    Ich nickte bejahend, ohne etwas erwiedern zu knnen. Thrnen traten mir in
die Augen.
    Mein Gott! was wird aus dem Knaben werden, wenn er es endlich erfhrt, da
ihm die Mutter verloren ist! Knnte er noch hier unter Bekannten bleiben, allein
ich frchte, der Prsident wird ihn abholen, sobald er in seinem neuen
Aufenthaltsorte eingerichtet ist. Dann sterben wohl alle die Erinnerungen; und
das liebe, weiche, sehnschtige Kind wird ganz ein anderer Mensch, als es
geworden wre, wenn alles natrlich und glcklich blieb.
    Siehst Du, lieber Sohn! aus hnlichen Grnden habe ich solche Scheu vor der
ruhelosen Sucht, an sich und seinem Geschick zu ndern. Was man erst viel hin-
und herrckt, das wird wackeligt. Es steht zuletzt nirgend recht fest. Und
vollends Kinder! Sie gewhnen sich wohl, aber einmal aus ihrem Gange
herausgerissen, neigen sie sich hierhin und dorthin. Der frische, gerade,
natrliche Wuchs der Seele, der bleibt es doch nicht.
    Du weit, was ich sagen will. Bedenke, was Du thust!
    Ich wollte hier schlieen. Aber ich habe Dir noch etwas zu erzhlen, was
gewi recht sonderbar ist. Es betrifft den Caplan.
    Glcklicherweise hatte er nicht Wort gehalten. Meine Angst war vergeblich.
Bis jetzt hrte ich nichts weiter von ihm. Nun ich mich sicher glaubte, fiel mir
doch ein, da es kindisch gewesen, ihm so auszuweichen. Vielleicht hatte er mir
wirklich etwas zu sagen. Der Prsident konnte ihn geschickt, mit irgend einer
Bestellung an mich beauftragt haben; meine Eile, die erschrockene Hast, mit der
ich Georg entfernte, verdro ihn wohl deshalb doppelt, und aus gerechter
Empfindlichkeit blieb er lieber ganz weg, als sich einem hnlichen Empfange
auszusetzen. Mein Gewissen sprach mich nicht ganz frei von Vorwrfen. Ich fragte
mich ernstlich, weshalb ich denn eigentlich seinen Anblick so scheute? Es kam
denn am Ende doch nur auf unheimliches Grauen, auf geheimen Widerwillen heraus,
den man sich niemals gegen einen Menschen in dem Mae erlauben sollte. Mein
strenges Examen gab mir den Muth, im Hause nachzufragen, ob Herr Tavanelli nicht
wieder hier gewesen, oder vielleicht noch drben im Schlosse sei? Die Arbeiter
kamen vom Feld, als ich diese Erkundigungen einzog. Sie hrten es, und
versetzten lachend, noch vor Sonnenaufgang htten sie ihn mit groen Schritten
neben der tollen Landstreicherin, der einugigen Marthe, ber die Kalkhhen der
Thalheide zuschreiten sehen. Die tiefe, dunkle Schlucht versteckte sie bald
darauf, allein gegen Mittag sei die Magd unten aus der Mhle herauf gekommen,
und die habe erzhlt: Als sie frhe ihre Ziegen ber den Steg am Bache, den
Buchen und Erlen entlang trieb, da fand sie ganz zufllig den bunten Plunder der
alten Trdlerin auf dem Rasen verstreut. Ein aufgerissenes Packet lag daneben.
Sie betrachtete einen Augenblick die fremden Dinge, und wie sie so Eins und das
Andere in die Hand nimmt, findet sie auch noch ein beschriebenes Papier, in
welchem etwas eingewickelt war. Sie macht es auf, ein goldener Ring lag darin.
Mein Gott! denkt das Mdchen, wer lt hier so etwas liegen? Gewissenhaft eilt
sie damit zur Mhle. Der Mller ist gerade beschftigt, die Schaufeln zu
stellen. Die Frau nimmt ihr den Fund ab, besieht den Ring von allen Seiten, kann
aber von dem Geschriebenen auf dem Blttchen nichts lesen. Sie verschliet
gleichwohl beides, und heit das Mdchen nur wieder gehen. Als diese, ganz in
Gedanken, zurckkehrt, und sich nach ihren Ziegen umsieht, bemerkt sie zwischen
den Bumen auf der Hhe etwas Schwarzes, das sich eilig durch das Dickicht
windet, zugleich lacht Jemand hell auf, und kreischt mit Hohn: Sei kein Narr,
Caspar! eine Mutter findest Du nicht alle Tage! Es sei die alte Marthe gewesen,
versicherte das Mdchen, sie habe sie wohl erkannt an dem hellen Ton. Da sie
solche aber anrufen wollte, verlor sie sich schnell immer weiter zwischen den
Bergen. Nicht lange darauf stand der Caplan vor der Mhle. Er klopfte ngstlich
an die Thre, sah todtenbla aus und zitterte in heftigem Fieberfrost. Die
Mllerin lie ihn sogleich ein. Er konnte nicht ein Wort hervorbringen, sank
matt und krank auf einen Schemel, und liegt noch krank, wie im Fieber rasend.
    Ei! sagte ich, als ich das hrte, da mu ich gleich hin, und sorgen, da
dem Unglcklichen geholfen wird.
    Was wollen Sie denn noch lange helfen, Madame? antwortete mir der alte
Klaus. Der ist reif. Lassen Sie ihn immer das Bad ausbaden. Hat er es doch
nicht besser gewollt.
    Ich verwies ihm die unbilligen Worte. Aber er schttelte den Kopf und sagte
so viel, um mich in dem lang gehegten Verdacht zu bestrken, da ein Brief des
Caplan, vielleicht durch Klaus bestellt, den Prsidenten an jenem Unglcksabend
hierher berief. Nichts desto weniger hielt ich es doch fr meine Pflicht, dem
ganz Verlassenen beizustehen. Ich fuhr daher sogleich nach der Mhle. Allein,
lieber Sohn, was ich dort hren und sehen mute, berstieg weit meine Erwartung.
Anfangs war es nur der Kranke, der uns Sorge machte. Was der in den
Fieberphantasien sprach, durfte man eben nicht sonderlich achten. Doch nun, als
gegen Abend die rohe Stimme der herantobenden Marthe sich vernehmen lie, die
Verwilderte, mit ihren aufgerafften Lumpen im Arm, ungestm in die Stube trat,
mit stotternder Zunge nach dem vermiten Ringe und nach Tavanelli forschte; ihn
bald Sohn, bald verwnschte Teufelsbrut nannte - ach! lieber Franz, Du kennst
Deine Mutter, Du wirst Dir einbilden, wie mich solch' widriger Auftritt
ngstigte.
    Ich sa erst ganz still in einem Winkel, an das Krankenbett gedrckt, ohne
Muth zu haben, der Frechen den Eintritt zu verwehren. Doch, wie sie die Thre
endlich halb erstrmte, den armen Schlummernden laut anschrie, ihren Ring von
ihm forderte, da fate ich mir ein Herz, nahm sie beim Arm und fhrte sie
hinaus, indem ich ihr leise zuflsterte, mir zu folgen, ich wollte ihr alles
Verlorne wieder zustellen. Sie sah mich ungewi an, that aber, was ich ihr
sagte. Als die Mllerin das Pckchen aus dem Schranke herausnahm, griff Marthe
mit hlicher, thierischer Gier darnach, ihr schiefliegendes Auge blitzte hell.
Da! rief sie, mir den Ring und das Blatt hinhaltend, lesen Sie, lesen Sie! Er
will es nicht glauben. Aber, es ist, so wahr Gott lebt, wahr! Sein Vater hat mir
die Ehe versprochen. Hier steht es, und den Ring gab er mir, da ich seine - -
    Sie lachte hell auf. Ich schlug beschmt die Augen nieder, ohne ihr zu
widersprechen. Ich glaubte, sie fasele. Aber, lieber Franz, sie sprach wahr. Sie
lie nicht ab, ich mute die betrgerische Verschreibung lesen. Es war
Tavanelli's Vater, der sie verfhrt und verlassen hatte. Gott wei, durch welche
Knste sie dem Caplan seinen weltlichen Namen entlockte, unter dem sein Vater
vor fnf und zwanzig Jahren als Geschftsfhrer in einem groen Handelshause
unserer Residenz lebte. Er verschwand dann mit einemmale, kehrte nach seinem
Vaterlande, dem Voralbergischen zurck, wo er heirathete, und dem
Bedaurungswerthen ein Dasein gab, dessen bloe Mglichkeit zu denken, Marthens
wildem Sinn tausend Flche entlockte.
    Dies und noch viel mehr, was meine Feder nicht aufzeichnen kann, vertraute
sie mir auf eine rohe, strmische Weise. In ihrer Brust stritten Ha und Liebe
fr den Sohn des Treulosen. Sie gestand unter lautem Lachen, da sie nicht von
ihm lassen knne, da sie ihm, seit sie die Entdeckung gemacht, zu der die groe
Aehnlichkeit mit dem unvergelichen Geliebten ihr den Weg gezeigt, auf Tritt und
Schritt folge, und seine Flucht sie heute vor Tagesanbruch durch die Berge
gejagt habe.
    Auf meine Versicherung, da er ernstlich, vielleicht gefhrlich krank sei,
ward sie stille. Ihre harten Zge milderten sich, ihr Auge hatte fast einen
rhrenden Ausdruck. Sie setzte sich auf die Schwelle der Thre, welche zu dem
Caplan fhrte. Ich bewachte sie sorgsam, bis der Arzt kam. Sie that nichts, als
von Zeit zu Zeit den Ring besehen, ihn an den Finger stecken, wieder abziehen,
in das Blatt wickeln, und beides im Busen verbergen, bis sie nach einer Weile
dasselbe Spiel wieder von Neuem anfing. Zuletzt schlief sie ein. Ich war froh,
als unser guter Doctor kam. Dem habe ich nun Beide bergeben. Er wird Sorge
tragen, da der Caplan zum Prior in unser Kloster, und Marthe in eine
Verpflegungsanstalt gebracht wird.
    O Franz, Franz! mir schaudert vor dem, was dem bertretenen Gebote folgt.
    Ich kann den Anblick der elend gewordenen Frau nicht vergessen! So tief, so
ganz tief mute sie sinken! Ach! sie war doch auch einmal ein schuldloses,
frohes Mdchen, und gewi auch ein gutes Kind, von dem die Mutter Freude und
Segen erwartete. Wie oft mag das Lcheln dieses verzerrten Mundes Entzcken in
dem Herzen der Mutter geweckt haben! Und jetzt -
    Eins ist mir nachher erst eingefallen. Tavanilli klagte in seiner Phantasie
oft und ngstlich ber eine Gestorbene. Wer kann sie sein? Ich finde sie nicht
in meinen Gedanken.
    Siehst Du, was es ist, wenn man einem unbequemen Begegni in der Welt aus
dem Wege gehen will. Htte ich gestern Georg gezeigt, wie man sich berwinden
und bezwingen msse, um Andern nicht wehe zu thun, ich htte Tavanelli gehrt,
all das Strende wre wohl unterblieben, und mich ngstigten weder Vorwrfe noch
geheime Sorge um die Todte, von der ich nichts wei, von der ich mehr zu
erfahren, peinlich zittre.
    Komm bald, lieber Sohn; Du siehst, es geht hier Alles wunderlich
durcheinander, ohne Deine Gegenwart.

                                Heinrich an Hugo


Endlich ein Brief! Ich athme auf. Du hltst Dich noch einigermaen im
Gleichgewicht, Du wirst nicht umschlagen! Die kleine Liebelei konnte Dich
berhren, doch nicht erschttern. Was sollte Dir auch der Roman? Das ist nicht
Deine Welt, Hugo! Glaube nur, Dein weitstrebender Sinn berfliegt die Phantasie
einer Frau. Jede wird sich in Dir verrechnen, Du eine jede berschtzen, und sie
dann fallen lassen. Dies Geschlecht tndelt nur mit dem Namen Freundschaft, um
der Liebe desto freiern Spielraum zu verschaffen. Die steten Bebungen
kleinlicher Gefhle dulden keinen ruhigen Widerschein der Idee. Es ist
vergebens, die weibliche Brust fat das colossale Bild des Universums niemals.
Deshalb, Hugo! ngstige Dich nicht, da der Rausch verflog, und Du etwas
nchtern um Dich siehst. Die Tuschung hlt bei Dir nicht lange an, Du greifst
zu weit aus, um nicht das lose Gespinnst sentimentaler Trume ber kurz oder
lang zu zerreien. Deine schne, freigeisterische Amazone, Hugo! ist doch nur
ein leidenschaftlich bewegtes Weib, von weit mehr keckem Trotz, als starkem
Muth. Am Ende bereuen Alle, was sie unvorsichtig wollten und kraftlos halb
vollbrachten. La sie, wie sie ist. Kmmere Dich nicht darum, da Du sie Dir
anders dachtest. Es war ein Irrthum. Wer wird um ein Nichts trauern! Man belacht
sich bald, wenn man nur erst ber sich hinaus ist. Und auf dem Wege bist Du.
    Ich gestehe Dir, da ich Deine Vershnung mit Emma wnsche. So gewisse, lose
Bande kannst Du brauchen, um einigermaen im Gleichgewicht zu bleiben. Im
Allgemeinen ist die Ehe ein Unding fr Dich. Aber die bescheidene Frau, die
nichts will, als nur nicht gerade einer Andern nachstehen, die in allem Uebrigen
zurcktritt, Dich verehrt und willig gewhren lt, die kannst Du leiten. Sie
wird Dir berall folgen, ohne Dich zu hindern. Und wenn dabei auch nichts anders
herauskommt, als da Dir selbst klarer bewut wird, indem Du Deinen Willen auf
einen Andern bertrgst. Schler, Hugo! machen erst Meister.
    Auch ist man dem Rufe immer etwas schuldig. Du kannst nicht wohl aus einem
Bndni heraustreten, dem die verjhrte Meinung Heiligkeit beilegt. Stt man
erst die Welt vor den Kopf, so entstehen tausend und tausend andere Kpfe, die
Arme und Beine, und Fe und Hnde kriegen, und den Weg durch sie hin
unbeschreiblich unbequem machen.
    Entschliee Dich daher schnell. Mache Deinen Frieden mit Emma. Im Grunde
verlangst Du selbst darnach. Es wird Dir eben nicht schwer werden. Herrschest Du
doch immer noch in dem allzu abhngigen Herzen. Deine Ueberredung bringt die
Mutter ohne Weiteres zum Schweigen, daran ist kein Zweifel. Und was will denn
diese hoch und stark gesinnte Mutter anders, als ihr einziges Kind in seinen
Rechten ungekrnkt, frei und wrdig bewahrt wissen. Ich gestehe Dir, diese Frau
scheint mir unter denen, die Du nennst, die Bedeutendere. Ist ihr Weg auch ein
ziemlich alltglicher, so ist er doch scharf und bestimmt gezeichnet. Sie kann
sich nie um einen Schritt verirren, und erreicht sie ihr Ziel nicht, so kommt es
ihr gleichwohl nicht aus den Augen. Sie wird Deiner Wiedervereinigung mit Emma
nicht hinderlich sein, sobald sie nur die Nebenbuhlerin entfernt wei. Da diese
sich entfernen lie, da sie Dich aufgab, da der Schrecken sie von dem dreisten
Fluge zurck auf die Erde schleudern konnte, da sie sich da winselnd krmmte -
weg, Hugo! Weg von dem charakterlosen Wesen, das zu der khnen Luftfahrt alles,
nur keine Schwingen mitbrachte!
    Eine Besorgni anderer Art, die mich an die Wiederherstellung Deiner frhern
Verhltnisse denken lt, ist die uere Unabhngigkeit. Du weit, lieber Hugo!
wie sehr ich Anfangs gegen die Vorschlge des Comthur war, wie es mich rgerte,
da man Dich durch eine vernderte Stellung erhhen zu knnen glaubte, wie
kindisch mir all der verwickelte Rechtskram dnkte, und was ich von solchen
Institutionen halte, an welchen Ruhe und Glck eines Menschen scheitern mssen.
Du wirst nicht glauben, da ich der zuflligen Form mehr einrume, als sie werth
ist. Gleichwohl giebt es gewisse Bedingungen zu einem wrdigen Dasein, die nicht
aus der Acht zu lassen sind. Der Oheim lebt noch, Hugo! denke daran, Du wurdest
sein Erbe, weil er es wollte. Er knnte es auch einmal anders wollen. Die
Trennung von Emma, die gnzliche Strung des kaum Begrndeten, mu ihn sehr
verletzen. Es ist ein zher, hartnckiger Sinn in ihm, wie Du ihn mir frher
schildertest. Nimm Dich in Acht, erbittere ihn nicht. - Die militrischen
Reminiscenzen, und was damit zusammenhngt, erschrecken mich aus diesem Grunde
besonders. Was willst Du auch damit? das sind wohl Anklnge aus Deinem alten
Rittersitz! Ich dachte den Wust httest Du hinter Dir! Mu ich Dich noch auf so
rohem Pfade treffen, da hellere Bahnen vor Dir offen liegen?
    Gehe in Dich, Hugo! und schreibe mir bald an Emma's Seite, da Du ruhig,
weise, und Dir selbst zurckgegeben bist.

                             Sophie an den Comthur


Erlaubt es Ihre Gesundheit, lieber Freund! so bitte ich Sie, kommen Sie heute
noch auf eine Stunde zu mir. Es ist sehr nothwendig, da ich Sie spreche.

                                    Antwort


Das Podagra hlt mich wieder einmal gefangen, beste Sophie! Ich bediene mich,
selbst fr diese Paar Worte, einer fremden Hand. Scheuen Sie sich aber deshalb
nicht, mir Alles zu schreiben, was Sie der Mittheilung werth halten. Das Auge
Ihres alten Freundes ist so wenig stumpf, wie seine Seele. Haben Sie Nachricht
aus Italien?

                                   Von Sophie


                                                                Desselben Tages.

Ja, ich habe Nachricht; aber nicht aus Italien. Sie sind nicht bis dahin
gekommen! - Lieber Freund! was brauche ich noch weiter hinzuzusetzen. Sie
ahndeten es immer! Das arme Herz ist gebrochen! Alle Schmerzen, alle Klagen
blieben in ihm verschlossen. Wie htte die innere Qual es nicht zerdrckt! Ich
wei nicht, sollen wir es ein Unglck nennen, da es so schnell mit ihr endete?
Das Leben wird dem Einsamen sehr lang? und die Gewohnheit ist nichts als eine
einschlfernde Begleiterin!
    Der Arzt, zu dem ich in der Eile schickte, bringt Ihnen diese Zeilen. Er
wird Alles ergnzen, was Sie darin vermissen knnten. Ich gestehe, ich bin in
einiger Verwirrung. Der Tod berrascht auch da, wo er laut genug anrckte. Der
Ri vom Leben war hier freilich geschehen, aber das sinnliche Band verbirgt uns
diesen gern noch eine Weile. Und dann die Mutter! die Mutter! O mein Gott, was
senkt sie Alles in dies eine Grab!
    Von ihr nicht ein Wort! nicht eine Silbe! Sie ist bei den Nonnen in dem
Waldkloster, unweit Freiburg geblieben, Emma starb in den heiligen Mauern. Der
dortige Abt hat unserm Nachbar, dem Prior der Premonstratenser, den Todtesfall
berichtet, mit dem Bedeuten, mich davon in Kenntni zu setzen. Es ist ein
trockener Bericht, den ich Ihnen erspare. Schon einige Zeit vorher hatte
Tavanelli hier und da dunkle Winke von dem frh beendeten Geschick der Grfin
gegeben. Man erzhlte sich davon, doch glaubte Niemand dem unstten,
herumstreichenden Flchtling, der berall war, nirgends verweilte und eben so
verworren als vermessen redete. Gleichwohl scheint er in einer Art Verkehr mit
den Reisenden gestanden zu haben. Es ist sogar wahrscheinlich, da ihn die
Oberhofmeisterin in Auftrgen versandte. Vielleicht folgte er ihr auch nur in
seiner Verzweiflung, da er hier nicht auszuhalten vermochte. Der Zustand, in
welchem er sich darauf wieder zeigte, die Vorgnge in der Mhle, die wilden
Phantasien, denen er fast erlag, deuteten auf gewaltsame Erschtterungen des
Gemths, die jede seiner Aeuerungen verdchtig machen. Die Tannenhuserin sagte
mir zuerst davon, auch da er Hugo im Walde getroffen, als dieser mit dem Gewehr
auf dem Rcken den Forst durchstrich; erschrocken sei er erst geflohen, dem
Grafen jedoch spter in den Weg getreten und den Hut abziehend, stotterte er
hastig und furchtsam unverstndliche Worte vom Tode der Grfin.
    Hugo, von unaussprechlichem Schmerz ergriffen, stierte dem wahnsinnigen
Tavanelli unbeweglich nach, als dieser schnell wie der Blitz davon eilte.
Todtenbla, sagte mir die Frau, sei der Graf zu ihr eingetreten, habe ihr den
Vorgang erzhlt, sogleich aber hinzugesetzt: Er wisse wohl, was von Faseleien
eines kranken Menschen zu halten sei, doch gestehe er, knne er des gehabten
Schreckens noch nicht Herr werden.
    Es ist hierdurch so viel gewonnen, da die Wahrheit ihn nicht ganz
unvorbereitet trifft. Doch wird sie ihn gewaltig fassen. Es ist unmglich, da
seine jetzige Freiheit ihm nicht die Qual solcher Trume gbe, in denen man
fliegt und fliegt, und pltzlich fllt und erwacht. Ich wei nicht, wie er mit
sich selber steht? Was er sich sagen, wie er sich beruhigen wird? Der erste
Augenblick wird schrecklich sein! Doch die Nothwendigkeit, vor sich zu bestehen,
leihet dem Willen sehr vieler Menschen so beruhigende Grnde, da die Phantasie
bla und das Gefhl stumm wird. Auch heilen die Schmerzen des Gewissens am
schnellsten, weil sie die unbequemsten sind. Wer wei, regen sich selbst diese
Schmerzen in ihm! Die Umstnde mssen Vieles auf sich nehmen, was die
verzrtelte Brust nicht tragen kann. Der Schreck macht bald genug mattem
Bedauern Platz.
    Nein, ich will nicht bitter sein! Gewi nicht! Doch sonderbar genug,
verletzt mich dieser Tod mehr, als er mich rhrt; ihn wie eine That, nicht wie
eine Schickung betrachtend, suche ich seine Urheber auerhalb, und ohne irgend
eine Seele anklagen zu wollen, zrne ich mit dem Leben, da es solche Lcken
lassen kann!
    Ich hatte immer noch gehofft! das sehe ich nun wohl! Aber da Sie, lieber
Freund! Sie allein, hierdurch am Tiefsten leiden werden, das ists, was mich
diese Zeilen so starr und sprde anfangen, und jetzt so berwltigt schlieen
lt. Kalt wollte ich ber das Verlorne reden, und thun, als sei es lngst
eingebt; aber man fhlt es erst, was der leise Hauch zweier warmen Lippen
beleben kann; wenn aber das Eis des Todes solche auf ewig geschlossen hat? - -
Dann, doch lassen Sie mich abbrechen! Wir ziehen Trauerkleider an, wie die Erde,
wenn es Winter wird, und bis die neue Sonne kommt, mu Vieles, Vieles in uns
sterben! - Ich bin zu unruhig, von mehr als einer Seite zu bewegt, um Ihnen
jetzt viel sagen zu knnen. Denken Sie doch an Elise - Gemther wie das ihrige
werden im Unglck hher und strker, aber auch zuversichtlicher und bewuter. Es
taugt nicht, sich selbst soviel zu verdanken zu haben! Wenn sich die beiden
Menschen jetzt auf ihrem Wege begegnen, wenn der Schlag, der sie
gemeinschaftlich trifft, sie zwingt, einander zu halten, was wird aus Elise
werden, wenn sie dann nicht vereinigt bleiben? Und denken Sie an die
Mglichkeit, da Hugo zum zweitenmal, jetzt -? Unmglich! Wie ich ihn kenne,
unmglich.
    Ich schreibe Ihnen nchstens wieder, lieber Freund. Lassen Sie mich durch
den Arzt wissen, wie Ihr Gesundheitszustand ist? und ob ich hoffen darf, Sie in
den warmen Tagen schneller hergestellt, hier bei mir zu sehen? -
    Werden Sie Hugo sprechen? Wollen Sie ihm die erschtternde Nachricht zuerst
mittheilen? Wre es nicht besser, der Arzt bernhme die traurige Pflicht? oder
ich sagte ihm, was er wissen mu? Ja, schicken Sie ihn mir. Ich bin darauf
gefat. Ich will ihn erwarten. Sein Sie unbesorgt, ich werde ihn in seinem
Schmerz ehren. Der Unglckliche ist mir heilig. Wie knnte ich, ihm gegenber,
daran denken, da er der Todten nicht werth war. Ich will es lieber auch so
nicht denken, denn wer wei auch, ob es so ist? Im Urtheil fhlt der Mensch erst
seinen unermelichen Abstand von dem Allsehenden.
    Gute Nacht, armer Freund! Wie wird Ihr schnes Herz trauern!

                                Elise an Sophie


Ist es wahr? Ist es? - O sagen Sie Nein. Ich beschwre Sie, Sophie, sagen Sie
Nein. Ich vergehe vor Angst!
    Verstehen Sie mich nicht? - Gottlob! dann ist es nichts! dann hat er nur
gefaselt! dann habe ich Vieles, Vieles mit dem entsetzlichsten Schrecken
abgebt.
    Ach, Liebe! fragen Sie mich nicht. Ich kann es Ihnen nicht sagen. Es will
nicht ber meine Lippen, nicht in meine Feder.
    Ich wei nicht mehr, was ich thue! Erst sollte Ihnen ein fliegender Bote
meinen Brief bringen. Ich konnte nicht eilig genug Antwort darauf erhalten.
Jetzt zgere ich, und zgere! Was werden Sie mir denn sagen, Sophie?
    Wenn es, hren Sie, Liebe! bedenken Sie wohl, da Ihr Ja mich zerschmettern
mte. Es wre zu schrecklich! -
    Mein Gott, ich war ja in mein Geschick ergeben. Ich that auf jede
Lebensfreude Verzicht. Ganz still, ganz verborgen, wollte ich ihn nur denken.
Die Freistatt des Gedankens, die, glaubte ich, drfe mir bleiben. Ich trat ja
hier Niemanden zu nahe, ich war ja so klein, so gebeugt! weshalb sucht mich mein
unvershnliches Geschick auf dem engen, drren Fleckchen Erde auf, warum schickt
es solche Botschaft an mich?
    Jenen Abend werde ich nie vergessen, er steht wie ein Blick in die Hlle,
schwarz, kalt und auch siedend hei, voll unglaublichen Qualen, Tag und Nacht
vor mir.
    Denken Sie nur, ich befand mich ganz allein auf einem abendlichen
Spatziergang. Die Sonne war lngst untergegangen. Dnste stiegen auf. Ich sah
die Sterne, einen nach dem andern zwischen feinen Wlkchen hervortreten. Es war
da oben so weit, so erleuchtet. Die Lfte schwirrten wie Fittige ber mir, ich
glaubte das Schreiten der Geister zu hren, ich fhlte den Geist aller Geister
mit unnennbarem, mit bebendem Entzcken. Hugo war mir nahe, wie in den
untergegangenen Tagen. Es gab keine Trennung mehr! So, so! dachte ich, wird es
sein. So ist es schon! Was soll erst werden? rief ich. Hat je die Seele etwas
verloren? Kann sie sagen, es sei ihr fern, was sie liebt? Kennt sie eine Zeit?
Undankbares Geschlecht! so reich bist du ausgestattet, und du klagst, wenn die
rollenden Stunden ablaufen, als behieltest du deine Gegenwart nicht ewig
lebendig in Dir?
    Sophie, liebe Sophie! die freiere Bewegung meiner Brust lie mich nicht
ruhig auf einer Stelle bleiben. Ich ging hin und her. Ich ging mit Ihnen, mit
Hugo, Georg sprang vor mir her. Zweifeln Sie, da ich im Himmel war? Da, mit
einemmale strzt in der Dunkelheit ein Mensch auf mich zu, ohne Hut, mit weit
aufgerissenem Kleide; er athmet schwer, und streckt die Hnde nach mir aus, als
wolle er mich im Weitergehen aufhalten. Ich erschrack, da mir's durch alle
Glieder fuhr, und bog schnell von der Seite in ein Gebsch hinein. Doch, ehe ich
es erreichte, stand Tavanelli neben mir. Was machen Sie hier? fragte ich
entschlossen. Mein Herz schlug heftig. Mir ahndete ein Unglck. Mein erster
Gedanke war Georg. Reden Sie, drang ich unruhig in ihn. Er strzte mir zu
Fen, brach in Thrnen aus, bekannte, da er an mir zum Verrther ward,
vermengte Schuld und Pflicht, Gefhl und Reue, verlor den Faden seiner Gedanken,
und lie, aus dem Wust wahnsinniger Leidenschaft, die schreckliche Nachricht in
mein zitterndes Herz fallen.
    Ich sah und hrte nichts mehr. Mit Entsetzen floh ich vor ihm. Ich dachte
der Todesangst zu entrinnen. War er nur erst hinter mir, dann glaubte ich frei
zu athmen. Aber ich kann mich nicht erholen, liebe Sophie! Ich komme nicht
wieder zu mir selbst. Es ist der Schrecken! nicht wahr, es ist gewi nur der
Schrecken? Wenn wir krank sind, sind wir auch schwach, voller Einbildungen, das
Bewutsein selbst wird bestochen.
    Haben Sie Mitleid mit meinem Zustande. Sagen Sie Ihr Nein oder Ja gleich zu
Anfang des Briefes.
    Ja? wenn es ein Ja wre! Hugo! unglckseliger Hugo!

                                    Antwort


Sie wissen jetzt Alles, liebste Elise. Die gtige, sanfte Madame Lindhof hatte
es schon frher bernommen, an Sie zu schreiben, ehe noch Ihr Brief zu mir
gelangte. Ich danke es ihr. Sie wrden mir es schwer gemacht haben, wahr zu
sein!
    Arme Elise! so schonungslos mute Sie diese Nachricht treffen! Man wird
zuweilen versucht, zu denken, das Schicksal knnte milder mit dem Menschen
verfahren. Aber was wei man von diesen geheimnivollen Wegen!
    Tavanelli ist wie ein Gewitterstrahl in Ihr Haus gefahren. Alles hat er
bereinander geworfen, die ganze Ordnung des Lebens gestrt. Da das so ein
Mensch kann, ohne es zu wissen und zu wollen!
    Lieber Gott! er dachte jetzt auch nicht an das, was er that. Er trgt auch
keine andere Schuld, als da er ist, wie er ist. Sie beide htten einander nicht
begegnen mssen! Sie rissen ihn aus seiner stillen Welt, er hat die Ihrige
verwstet. Seine unwillkommene Erscheinung ward stets von Widerwrtigem fr Sie
begleitet.
    Aber, lassen wir ihn! Mge seine Nhe Sie nie wieder ngstigen.
    Von Hugo wollte ich mit Ihnen sprechen. Seinetwegen mssen Sie jetzt doppelt
leiden. Die Ungewiheit, was in ihm vorgeht, lt es in Ihnen zu keiner Fassung
kommen.
    Er war gestern Morgen bei mir. Ich hatte ihn zu sprechen gewnscht. Er trat
mit seiner wehmthigen Gelassenheit, wie sonst, zu mir ein. Ich glaubte ihn noch
unwissend ber Emma's schnelles Ende. Er war es nicht. Ich las das nach den
ersten Minuten in seinem Auge. Er richtete es mit einem Blick nach mir, der zu
sagen schien: Kein Wort! kein Wort jetzt! Der Todten weiches Flstern allein
will ich hren. Gnnen Sie mir das stille Gesprch.
    Ich sah von ihm weg zu Boden. Wir setzten uns. Er versank in tiefe Gedanken.
Eine ganze Weile ging so schweigend hin. Wahrscheinlich verga er vllig, wo er
sich befand. Mechanisch war er gekommen, hatte seinen Platz neben mir gefunden,
und lie nun die Seele weiter in ihrem Traume schimmern. Ich ergriff endlich
seine Hand. Er erschrack. Nun? fragte er, nher zu mir rckend. Es mochte ihm
einfallen, da Sie mir vielleicht einen Auftrag fr ihn gegeben htten, denn er
setzte, ins Sopha zurcksinkend, betrbt hinzu: Ich kann mir denken, was sie
leidet! Hat sie Ihnen geschrieben? fragte er hierauf. Ich bejahte es.
    Emma hat ihr auch geschrieben, sagte er leise, mit bebender, von Thrnen
erstickter Stimme. Sein Schmerz brach gewaltsam, ihn ganz mit sich fortreiend,
hervor.
    Ich begriff, wie er diese Erschtterung frchten, wie er sich durch Abwehren
jedes fremden Berhrens bis dahin zurckhalten mute. Er that mir
unaussprechlich leid, denn der Kampf zitterte durch sein ganzes Wesen.
    Ich sagte ihm nichts. Er konnte jetzt nur mit sich selber zurecht kommen. Er
fate sich denn auch. Ich werde es mir niemals verzeihen, hub er nach einer
Pause an, da ich sie von ihrer stillen Bahn auf meinen Weg herber ri. Die
Ordnung der Natur verschmerzt niemals eine Verletzung.
    Ich verstand ihn nur halb, unwissend, ob er ber Sie oder Emma rede. Er
meinte eben die Letztere, denn er erwhnte die Mutter, indem er behauptete,
diese allein habe recht gehabt. Ihre Abneigung gegen ihn sei aus dem Vorwurf
entsprungen, den sie sich, der Tochter nachgegeben zu haben, gemacht. Ich
errieth dieses bald, seufzte er tief. Und das Auge aufwrts gerichtet, als sehe
er die, von der er sprach, sagte er: Das war ein Gestirn, das seinen Lichtkreis
unvermischt, in ruhiger Klarheit ausgieen mute. Emma war bestimmt, einzeln da
zu stehen. Sie leuchtete am Saume des Tages, wie Abschied und Verkndigung. Der
Tag selbst, in seiner ruhelosen Arbeit verschlang sie.
    Die Stunden, entgegnete ich, von dem Bilde getroffen, wogen zwischen
Abend und Morgen auf und ab, und der liebe Stern ist an jedem Wendepunkt
derselbe.
    Hugo sah mich an, ohne etwas zu erwiedern. Ja, ja! rief er, mich auf seine
Weise miverstehend. Sie hat Erwachen und Aufhren in mir ziemlich nahe
gerckt. Ich tauge zu nichts mehr. Ein Schlag der Art lhmt die beste Kraft.
Wozu, lchelte er schmerzlich, lebt man auch? Es ergnzt sich die Welt, wie
man es trumt! Die Besten verkennen einander! Sie hat mich auch verkannt!
    Er stand hier von seinem Platze auf, und ging mit leisen, weit ausgreifenden
Schritten das Zimmer auf und ab, ohne das gesenkte Auge aufzuschlagen.
    Emma htte Sie miverstanden? fragte ich jetzt, das Gesprch wieder
anknpfend.
    Er blieb vor mir stehen. Ja, ja! erwiederte er mit liebevollem Lcheln.
Gott wei, fuhr er fort, wie dies auf meinen Tisch kam? Er zog einen Brief
aus dem Busen und gab ihn mir. Es war Emma's Hand. Soll ich? fragte ich, das
Schreiben aus dem Couvert ziehend. Er nickte bejahend. Ich las, whrend er
seinen Gang durchs Zimmer fortsetzte, folgende erschtternde Worte, die ich
abzuschreiben spterhin von ihm die Erlaubni erhielt:
    Unbewut, wie ich Dich fand, geliebter Mann, werde ich Dir entrissen. Ich
verlie Dich nicht, das glaube mir. Ich verlasse Dich auch jetzt nicht. Aber die
Erde zieht einen Vorhang zwischen uns. Gott lt ihn niederfallen. Du bleibst
diesseits, ich bin bestimmt, jenseits lange zu warten, bis der Tag des Erwachens
kommt. Dann werden wir uns ja doch wiederfinden! Lieber Hugo! das Scheiden wird
mir sehr schwer! Ich nehme wohl Dein Bild - Dein ganzes Selbst mit hinber in
meine Welt, aber es ist doch viel, viel anders, als wenn ich Dich noch sehen und
hren knnte. Wenigstens scheint es den sterblichen Sinnen so! Die Lebendigen
vergessen so oft, wie viel diese warme, bewegliche Gemeinschaft des Daseins ist!
Ich schaudre doch ein wenig vor der langen, langen Trennung! - Die Hand wird
vertrocknen, die in der Deinen lag, das Auge verlschen, das nur im Glanze
Deines lieben Blickes sich spiegeln mochte! Hugo! - O Gott! Es ist eine
sonderbare Empfindung, sich das so sagen zu mssen! Wir sind recht schwach! Sei
Du es nicht! Betrbe Dich nicht so sehr! Ich wei, da Du in der ersten Zeit
nicht anders kannst. Es ist ja natrlich! denn war ich Dir auch wohl oft
hinderlich, so ist Dein Herz zu gro, um meine Liebe zu verwerfen. Der Gedanke,
Dich leidend zu wissen, durch das leidend, was Dir von mir kommt! - Lieber,
guter Mann! es thut mir noch weher, als der Abschied von Dir. Du wirst es dann
aber auch einsehen, wie es doch im Grunde das Beste fr uns Beide ist.
    Es ist der einzige Weg, ewige Trennung zwischen uns zu verhten. Deine Seele
wre hart, die meine schwankend geworden. Gott wei, wohin das fhren konnte!
    In wenig Augenblicken bin ich - Ach Hugo! Hugo! - Ich starb Dir schon so
lange. Darum weine nicht! Hrst Du, lieber Mann! weine nicht um mich! Wenn Du
nun frei wirst, mein Freund! so erschrick weiter nicht. Was Dich im Augenblick
mit Schauder erfllt, es war der stille Gedanke Deiner Seele. Ihr seid fr
einander geschaffen. Wolle nicht weiser sein, wie der Schpfer selbst. Er hatte
es so bestimmt, ich drngte mich zwischen Euch. Guter Hugo, Du hast recht viel
gelitten! Wie werde ich mich freuen, wenn ich Dich endlich glcklich wei!
    Ich htte Dir wohl noch etwas zu sagen. Aber es klingt Dir fremd. Es ist
Deine Sprache nicht. Von mir httest Du sie auch wohl niemals gelernt. Das aber
darf ich Dir vertrauen, und weil es wahr ist, so wird es auch Dein Herz finden.
Ohne meinen Glauben knnte ich Dich nicht ruhig verlassen, knnte ich Elise
nicht lieben. - Und doch liebe ich Dich, schner Engel! der Du bestimmt warst,
das Gewebe ser, qulender Tuschungen zu zerreien. Du wutest, was Du
widerstrebend thatest. Sei berzeugt, meine Elise! ich fhle, was Dich
beherrschte. Ich am wenigsten kann Dich tadeln. O sei und mache glcklich, mir
raubst Du nichts mehr! Hheres wie menschliches Gesetz ffnet Euch die Wege zur
ruhigen Vereinigung. - Bleibt Euch treu! die Welt wird verzeihen, was Gott
beschtzt. Seinem Schutz empfiehlt Euch mein Gebet. - Hugo! lieber Hugo! Der
Vorhang fllt - vergieb Deiner Emma.
    Ich habe keins von den an Sie gerichteten Worten ausgelassen, liebe Elise!
Hugo wollte es so. Ich las sie damals unter heien Thrnen. Ihr Freund weinte
nicht. Er war sehr ernst. Es schien, sein Gemth sammle sich zu einem bestimmten
Entschlu. Ich mochte ihn nicht stren. Doch er hub selbst mit bleichen,
erschtternden Zgen an: Es ist unbegreiflich, auf welchem Wege diese Zeilen in
mein Zimmer, auf meinen Tisch gelangten. Kein Mensch im Schlosse wei eine Silbe
davon.
    Sie kennen seinen Hang, an Uebernatrliches zu glauben, und sagten mir
einmal, da ihn die Mglichkeit geheimnivoller Gemeinschaft mit der Geisterwelt
unwiderstehlich durchschauere, da eine unverkennbare Sehnsucht darnach, ihn bei
dem zweifelnden Verstande allerlei Scheingrnde von der Phantasie erbetteln
lasse.
    Ich las jetzt auf seinem Gesicht irgend eine unheimliche Vermuthung, der ich
dadurch zu begegnen glaubte, da ich Tavanelli nannte, und bemerkte, wie wohl
durch ihn die Botschaft an Alle zugleich ergangen sei.
    Der Graf schttelte den Kopf. Unmglich! sagte er. Ich begegnete dem
Unglcklichen im Walde. Die wahnsinnige Weise seines Betragens lt auf keine
Consequenz und Besonnenheit irgend einer Art schlieen. Und weshalb htte er mir
nicht damals den Brief gegeben, wenn er in dessen Besitz war?
    Ich erwiederte Alles das hierauf, was so nahe liegt, und in ruhiger Stimmung
von Niemanden bersehen werden kann, ich fhrte gerade den gestrten Verstand
des Caplan als Beweis listiger Geheimhaltung und kindischem Ausplaudern seiner
Auftrge, an, indem ich mich auf andere Widersprche seines letztern Benehmens
berief. Allein Hugo lag daran, das Wunderbare nicht erklrt wissen zu wollen. Er
blieb immer bei der Frage: wie Tavanelli unbemerkt in sein Zimmer gekommen, wie
er htte wissen knnen, ihn nicht dort zu finden? Ich lie es dahingestellt
sein. Wir sprachen nicht weiter davon, aber ich dachte wohl an die
Oberhofmeisterin, der es nirgends, und daher auch hier im Schlosse nicht an
verborgenem Anhang fehlt. Pltzlich, schonungslos, fern von menschlicher
Theilnahme, hat sie das Herz des verhatesten aller Menschen treffen, es
zermalmen wollen, ehe noch irgend Jemand um sein Unglck wute. Es ist Alles
gelungen, wenn man das Gelingen nennen kann, was eines Andern Pein vermehrt.
    Ich besah, mit diesen Gedanken beschftigt, den Umschlag des Briefs, und
fand, unterhalb der Addresse, Stunde und Tag bemerkt, an welchem die Grfin
gestorben war, so da diese Nachricht ihrem Gatten zuerst in die Augen fallen,
und den Eindruck der Abschiedsworte noch erschtternder machen mute. In den
undeutlichen Schriftzgen war die Hand des Schreibers brigens nicht zu
erkennen.
    Hugo bemerkte die Aufmerksamkeit, mit welcher ich das Aeuere des Briefs
betrachtete. Er fragte: Was fllt Ihnen hier auf? Nichts, lchelte ich, als
da ein geistiger Bote so materieller Bescheinigung nicht bedrfe. Und wie viel
sanfter und friedlicher wrde das Wehen der scheidenden Seele die Ihrige berhrt
haben, wenn ein Durchfliegen der Rume mglich wre!
    Er sah mich ungewi an. Sie haben wohl recht, hub er tiefsinnig an,
allein es lag etwas Trstliches darin, da ich an Emma's Nhe, in dem Zimmer,
das sie so liebte, glauben konnte. Ich war deshalb an die Burg gefesselt, die
sonst auf mich drckt.
    Warum, fragte ich, wollen Sie die geliebte Nhe da bezweifeln, wo Sie sie
warm und lebendig empfinden? Die Erinnerung hat beselende Kraft, und es giebt
geweihte Pltze, an denen sie mchtiger ist, als an andern. Wenn ich das
Gespenstische bestreite, so lasse ich darum dem Geistigen sein volles Recht.
    Gewi! Gewi! erwiederte er zerstreut. Sein Blick hatte Ihr Miniaturbild,
Elise! in der Fenstervertiefung entdeckt. Es ngstigte ihn augenscheinlich, da
er fter darauf hinsehen mute. Er griff nach seinem Hut. Leben Sie wohl!
sagte er voll Innigkeit. Ich reichte ihm die Hand. Er schttelte sie bewegt aber
eilig, und ging mit den Worten: Ich komme wieder! Bald! Morgen vielleicht!
    Er war fort. Ich behielt einen undeutlichen Eindruck von ihm. Glauben Sie
mir, er ist sich selbst nicht klar. Die Tannenhuserin war vor einer Stunde
hier. Sie erzhlte, gestern Abend sei Walter zu ihr gekommen, und habe gesagt:
Als er ohnlngst am neuen Bau bei Wehrheim vorber ging, die halbaufgefhrten
Mauern, die Steine am Wasser, die groen Quader zur Treppe und was sonst noch an
Material herbeigeschafft war, bedauernd ansah, und bei sich dachte, da nun
diese Mhe auch umsonst gewesen, die groen Anstalten zu nichts fhrten, und
alle gemachten Plne der Besitzer, wie die kurze Ehe und das husliche Glck, in
Stcken umherlgen, da sei Jemand durch das alte Thor, was noch stehen
geblieben, hindurch, auf die Baustelle geritten. Dort stieg der Reiter vom
Pferde, und dieses am Zgel haltend, stand er eine Weile vor dem angefangenen
Gebude, als durchlaufe er mit den Augen die Umrisse, wie den ganzen Entwurf
desselben.
    Walter erkannte, trotz der Dmmerung und dem bewlkten Himmel, den Grafen.
Er wollte ihn nicht stren, trat deshalb zurck hinter die Sttzen des Gerstes.
Jener glaubte sich allein, er machte eine heftige Bewegung mit dem Arm, indem er
sich abwandte, als wolle er das Nichtige und Vergebliche menschlicher Vorstze
ausdrcken. Der Trauerhandschuh, den er abgezogen hatte und nicht fest zwischen
den Fingern hielt, flog hierbei seitwrts auf die Spitze einer Stange oben am
Gerst, der Graf sah in die Hhe. Die schwarze Hand, welche gleichsam in der
Luft zu schweben schien, und wie ein Wahrzeichen herabdrohte, mochte ihn
erschrecken; er warf sich eilig auf's Pferd und sprengte davon.
    Walter gestand, da auch ihm die schwarzen, herberhngenden Finger, vom
Winde bewegt, ein Grauen eingejagt, und er sich rasch auf und davon gemacht
htte.
    Beide, die Tannenhuserin und er, redeten noch mancherlei ber die
Umwandlungen in der grflichen Familie, als es an's Fenster pochte und eine
bekannte Stimme fragte, ob der Graf hier sei? Die Wirthin ffnete das Haus.
Birkner, Hugo's Kammerdiener war es. Einige Schritte weiter hielt dessen
Jagdwagen. Er war bepackt und die Laternen angesteckt.
    Ihr Herr ist nicht hier, sagte die Tannenhuserin, allein, mein lieber
Birkner, Sie scheinen reisefertig, wollen Sie den Grafen nur abholen, um ihn von
hieraus auf lngerer Fahrt zu begleiten?
    Das wei der Himmel, versetzte jener, ob heute endlich etwas daraus wird.
Wir packen seit ein Paar Tagen Abends und Morgens, und kommen nicht von der
Stelle.
    Es pfiff hier hell durch den Wald. Aha! rief der ungeduldig Wartende, da
ist er! nun wollen wir sehen, wohin wir unsere Schritte lenken werden?
    Hugo kam langsam von der Seite herbei geritten. Kehre nur um! sagte er
halblaut. Ein andermal! Ich reite voraus.
    Er grte nach dem Hause zu, in welchem er Jemand stehen sah.
    Da haben wir's! flsterte Birkner, mit den Achseln zuckend. Das ist ein
Elend! kein Wille und kein Entschlu! Wozu denn nur die unntzen Befehle und die
Plackerei? Zur Ausfhrung kommt es doch nicht!
    Hugo wandte hier sein Pferd, und kam gerade auf das Haus zu. Sind Sie noch
auf den Beinen? sagte er, bei seiner alten Freundin anhaltend. Guten Abend!
guten Abend! fgte er leutselig hinzu. Ich konnte doch nicht ohne Gru
vorberreiten.
    Es entspann sich nun bald ein Gesprch zwischen Beiden, das freilich von
seiner Seite einsilbig, wie immer, blieb; doch veranlaten ihn die Fragen der
dreistgemachten Frau, ob er denn wirklich verreisen wolle? und wohin? was am
Ende aus den schnen Gtern und dem angefangenen Hausbau werden solle? ob er es
mit ansehen knne, da Alles unvollendet liegen, und Mhe und Arbeit umsonst
bliebe? Zu der schmerzlichen Wiederholung der Worte, da Alles unvollendet
liegen bliebe! Ja, ja, meine gute Frau! setzte er schwermthig hinzu, das
geht im Leben nicht anders! Es zerstrt unsere Arbeit, wie uns selbst. Gute
Nacht! sagte er dann weich, und im Wegreiten bemerkte er: Ich bin noch nicht
weg! Wer wei! Gute Nacht! gute Nacht! Und damit ritt er fort.
    Liebe Elise, das ist Alles, was ich Ihnen ber Hugo mitzutheilen wei. Ich
habe ihn vor Ihnen sprechen und handeln lassen. Sie selbst werden ihn
beurtheilen. Sagen Sie mir doch nur recht bald, wie Sie in sich Ruhe und Muth
wiederfanden? Ihr letzter Brief hat mich sehr erschreckt.

                                 Elise an Hugo


Wenn es mglich wre, da ein Brief von mir Sie strte, wenn ich denken mte,
die Erinnerung an mich sei Ihnen jetzt peinlich, ich wrde weder Sie noch mich
verstehen!
    Man will mir etwas Aehnliches glauben machen. Aber ich glaube es nicht.
    Ihr Schweigen, das jene Muthmaung rechtfertigen knnte, beweist mir nichts,
als da Sie meiner nicht so gewi sind, als ich Ihrer. Das ist freilich schlimm.
Mein Gott! sollten wir uns in dem Augenblick miverstehen, wo ein entsetzliches
Unglck uns aus der Welt hinaus stt, und zu gemeinschaftlichem Schmerz
verbindet?
    Klgeln wir nicht, Hugo! die Zeit der Tuschung ist vorbei, es hilft nichts,
unschuldiger sein zu wollen, als das Bewutsein es erlaubt; wir, wir tdteten
Emma.
    Knnen Sie noch in ein anderes Auge sehen, als das meinige, das allein Ihr
Elend und Ihre Reue zurckspiegelt?
    Nein, wir sind unzertrennlich!
    Was Sie auch thun, was Sie den Freunden, den Nchstgebliebenen auch sagen
mgen, es kennt Niemand wie ich den Faden, von dessen ersten Verknpfung,
Schlinge in Schlinge sich schrzte, bis das ganze, unzerreibare Netz ber uns
alle ausgespannt lag.
    Wer wird es Ihnen, wer wird es mir glauben, da wir unwissend fehlten?
    Keiner! Keiner! ich bin es gewi.
    Mit wem wollen Sie denn sprechen, wenn Sie auch den Ton meiner Stimme
scheuen? In wessen Herz suchen Sie Antwort auf tausend ngstliche Fragen, die
Entsetzen und Schmerz in Ihnen heraufrufen? Seit wann frchten Sie die Liebe?
Wissen Sie sonst noch etwas auf der Welt, das Sie ihr an Gre und Herrlichkeit
zur Seite stellen knnten? Haben wir es denn nicht eben jetzt erst erfahren, da
man aus Liebe sterben, doch die nicht miverstehen kann, die man liebt?
    O Hugo! wie sollen wir vereinzelt auf dem schwebenden Erdball stehen, der
uns auf- und abwrts schnellt? Und stehen, in sich bestehen will doch der
Mensch. Sie wollen es auch. Sie sind nur mit der innern Heimath zerfallen.
Knnen Sie den Weg zu ihr nicht wiederfinden?
    Da jener erste Ri uns auseinander hielt, das war natrlich. Sie hatten
Manches gut zu machen. Sie konnten es vielleicht, so lange Emma athmete, lag der
Friede dieser schnen Seele auf Ihrem Gewissen. Sie durften annehmen, da ich
Sie hierin verstand. Ich hatte Ihnen auch damals nichts zu sagen, denn von dem
Augenblick an, da ich mich selber erkannte, suchte ich Sie nicht mehr auf dem
betrglichen Schauplatz, wo wir uns beide verirrten. Wo ich Sie suchte, da
blieben Sie mir unverloren.
    Jetzt, jetzt ist alles anders! Es giebt nichts mehr zu schonen, nichts mehr
zu thun! Keines Menschen Verzeihung zu gewinnen. Jedes Band ist zerrissen. Wir
lsen uns auf in Nichts, wenn wir nicht aneinander halten.
    Das werden Sie mir nicht sagen, das werden Sie nicht denken wollen, da
Alles, Alles, das kurze, warme, helle Leben Lge war. Und wenn die innige
Zuneigung, die zrtliche Verehrung - ach! wenn das, was ich nicht nennen kann,
dies einzig Wahre bleibt in dem schaudervollen Wechsel des Daseins, wie drfen
Sie es verleugnen in dem Wahne, die Vollendete dadurch zu beleidigen?
    Antworten Sie mir, Hugo! Sagen Sie mir, ob ich auch von Ihnen getrumt habe?
Sophie wird mir Ihren Brief zuschicken.

                                    Antwort


Ich wei es nicht, Elise, ob wir beide getrumt haben? ich wei auch nicht, ob
ich nicht noch trume? Oder jetzt, und damals vielleicht nicht?
    Vergeben Sie mir, wenn es dumpf und de in mir ist. Es bleibt nicht immer
so, aber ich halte diese Stimmung fest, denn eine andere! - -
    Haben Sie gelesen, Elise! die stillen, bescheidenen, zrtlichen Worte? Ja
wohl, die Erde zieht einen Vorhang zwischen uns. Gott lt ihn fallen! Was
sollte auch der Engel an meiner Seite? Ich hatte keinen Sinn fr diese einfache
Gte. Erkennen mute ich sie wohl, doch empfinden - empfinden -! wer empfindet
den Andern in seinem geheimnivollen Selbst?
    Die Liebe knnte es! Die Liebe? Ist mir doch, als wre sie auch ein Traum! -
    Ich glaube, es ist von allen Seiten ein Vorhang zwischen mir und dem Himmel
gefallen! Es fehlt viel, sehr viel, da uns die Sonne allgegenwrtig bliebe. Es
giebt lange, lange Nchte in unserm Leben. Wir wissen darin nichts von Licht und
Wrme, und sind so eingehllt in Finsterni, so trge, so schlfrig, da wir uns
auch nicht einmal darnach sehnen.
    Lassen Sie mich so, liebe Freundin. Besser nichts von sich zu wissen, als zu
viel.
    Sehen Sie wohl, ich hatte Ihnen gar nichts Neues zu sagen. Darum schwieg ich
auch. Sie mssen wissen, ich bin ganz mit den Worten berhaupt zerfallen,
seitdem ich einsah, da der Mensch ihrer nicht immer Herr ist. Sie strafen mich
nun dafr. Ich finde selten eins, das ich gebrauchen knnte, mich verstndlich
zu machen. Mich dnkt auch, Sie, Elise! sollten ihnen mitrauen! Auch in Ihnen
spricht die Seele anders, als es die Lippen auszudrcken vermgen. Warum, ach
warum bleibt Vieles nicht ungesagt! - Auch jetzt! - Es ergnzt das Gefhl
lieber, als da es den scharfen Klang vernimmt!
    Vergeben Sie. Mein Inneres ist wund, der Hauch des zartesten Grues verletzt
mich. Wie mu doch Alles anders sein, denn ehemals - nicht wahr, wir verstanden
einander immer?
    Ich will hinaus ins Freie gehen. Ich will mich besinnen. Vielleicht wird es
wieder wie ehemals - - - -

O Elise, was haben Sie gethan! Sie haben gerufen, und ich bin dem Tone gefolgt.
Nun bin ich elender als vorher.
    Ich war bei Ihnen drben in Ihrem Hause, in Ihrem Garten, zum erstenmale
seit langer, langer Zeit. Sonst, wenn ich das Dorf von fern liegen sah, dann
schreckte mich die Oede drinnen. Ich wandte das Auge ab, wie man es einst beim
Scheiden von der Welt wenden wird, mit sonderbar entzcktem Grauen. Was war auch
hier geschehen! Was hatte ich nicht erfahren! Vom Jngling alterte ich zum
Greis. Hier sah ich mein Glck versinken.
    Heute widerstand ich nicht. Es lockte mich, ich wei nicht was? Ich ging den
Pfad, der durch die Wiesen fhrt; der schmale Graben mit seinem grnen Rande und
den tausend Vergimeinnicht, vom Grase halb verdeckt, die rothen Federnelken,
der feuchte Hauch des rinnenden Gewssers, es duftete wie an den khlen Abenden,
wo ich Sie von der Burg zurckgeleitete. Nun stand ich unter der alten,
breitgewipfelten Weide, rechts schlngelte sich der Bach, jenseits winkten die
Erlen. Da ist der kleine Steg! noch ein Schritt, und ich bin in Ihrem Garten.
    Kommen Sie, o kommen Sie nie wieder hierher! Erst Monate sind es, und schon
verwildert, verwachsen, mit Gestripp berzogen, kaum die Wege noch kenntlich, wo
Ihr Fu gewandelt!
    So schnell ist das Leben im Zerstren, so geschwind verwischen sich Spuren!
    Ich war ganz irre geworden. Ich bog die Zweige auseinander, ich wandt mich
hindurch. Da lag das Haus. Thren und Laden geschlossen, hohes Gras auf der
Terrasse, keine Ihrer Blumen mehr zu sehen, die Kbel leer. Georgs kleine
Giekanne umgestrzt in einem Winkel unter der Tonne am Giebel. Spaden und Hacke
daneben, nichts lebte hier, als die alte Ziege und der Pfau, den man beiden
vergnnte, die blumenlosen Beete zu berupfen.
    Ausgestorben! ausgestorben! das war das einzige Wort, das mir aus allen
Ecken entgegen schallte. Ich setzte mich auf die steinerne Bank vor dem Hause.
Ich sa so lange. Es ward spt. Da hustete etwas und schurrte langsam mit
stolperndem Schritte heran. Es war der alte Gartenknecht Karl, der so oft das
Thor hinter mir schlo, wenn ich Abends spt wegritt. Er erschrack, da er mich
sah, so fremd war ich ihm geworden. Das Leben macht die Zeit kurz oder lang.
Hier war kein Leben mehr. Ich grte ihn. Wer hat die Schlssel zum Hause,
lieber Mann? fragte ich. Er entgegnete: Sie sind auf dem Amte, aber ich
schlafe hier unten, und kann durch die Seitenthre hinein, und so sind alle
Zimmer zugngig. Er merkte wohl, was ich wollte, und ich, da er mich
verstanden. Wollt Ihr so gut sein, Alter? sagte ich, Gern, erwiederte er.
Wir traten in die untern Gewlbe. Warten Sie, bat er, ich mu erst ein Licht
anznden, oben sind die Laden geschlossen, es dunkelt schon, und man sieht da
nicht, wo man hintritt. So gingen wir die Seitentreppen rechts hinauf, jener
voran, ich hintendrein. Wie unsere Tritte durch das leere Haus schallten, wie
jedes gesprochene Wort so hohl klang! Er ffnete Ihr kleines Gartencabinett,
Elise! Das kleine Lichtstmpfchen, das wir hineintrugen, warf nur fahlen
Schimmer umher. La Er, rief ich, und drngte den Mann und das Licht hinaus.
Wie Sie befehlen, entgegnete er. Ich zog die Thre hinter mir zu. Ich war
allein. Der Duft Ihrer Blumen, Ihre englischen Bcher, die bekannten Gegenstnde
auf Ihrem Schreibtisch, kurz, der Athem Ihrer Welt, Ihrer lebendigen Nhe, wehte
mir entgegen. Ich warf mich auf das kleine Sopha am Ofen. Die Kissen lagen noch
so zusammengeschoben, wie Sie solche zur grern Bequemlichkeit gewhnlich
legten.
    Was soll ich viel von dem Schmerze reden, der mich ganz, ganz gefangen nahm!
Einen Augenblick verga ich Alles. Ich wute nicht ein Wort von der Welt, auer
uns. Dann kamen andere Gedanken, andere Vorstellungen. Ich sprang auf. Ich
verlie das liebe, kleine Gemach mit einer Angst, als lge die Hlle auf mir.
Der gute, alte Mann drauen sah mich halb verwundert, halb befremdet an. Ich
mochte geweint haben. Ich wei es wahrhaftig nicht. Ich gab ihm Geld. Wir
schieden. Er sagte mir beim Hinausgehen: Wenn Sie sonst wollen, das Pfrtchen
ist niemals verschlossen, auch kommt sonst Niemand hierher. Ich dankte ihm
herzlich.
    Nein! Elise, nein! dahin gehe ich nicht wieder. Den ganzen Rckweg ber
mute ich mir immer wiederholen: Alles todt! Alles todt! Und Die auch! Du hast
sie beide auf deinem Gewissen!
    So ist es! gewi, so ist es! Wie ward Ihr Geschick so unheilbar zerstrt!
Und war ich es nicht, hatte ich denn Ruhe, bis meine unselige Hand den Wahn
zerri, der Ihr Bewutsein verhllte? Konnte ich noch zweifeln! Empfand ich es
nicht, was Ihre schnen Lippen mir unter belebendem Entzcken endlich bekannten?
O es war doch ein seliger, ein unvergelicher Augenblick! - Was wundern wir uns,
wenn eine Welt untergeht, whrend eine andere sich Raum schafft. Wie Sie, liebe
Freundin! mir jetzt so deutlich aus der Erinnerung heraufsteigen!
Ungromthiger! sagten Sie im ersten Augenblicke, zrnend. Sie wuten es
lange! Mute Ihnen erst das Opfer meiner Ruhe die Gewiheit besiegeln? Sie
verlieen mich voll Unmuth. Ich war beschmt, Sie hatten recht. Eine Weile stand
ich verlegen vor mir selber. Ich ahndete, da diese Minute viele andere geweiht
hatte, die allmhlig das Bisherige umgestalten wrden. Aber ich war zu
glcklich, um bereuen zu knnen. So roh ist der Mensch und so lppisch! Immer
greift er aus dem Traume heraus, und was ihm die innere Offenbarung giebt, das
soll das Leben erst wahr machen.
    Ja, es macht eine Wahrheit daraus! Aber eine entsetzliche, vor der man den
Verstand verlieren kann!
    Nein, es taugt mir nicht, wenn ich die Burg verlasse. Ich kann die Luft
auerhalb nicht mehr ertragen. Darum bleibe ich. Erst wollte ich gleich fort.
Wohin? wute ich freilich nicht. Aber der Kranke sucht die Stelle, wo er besser,
stiller zu liegen glaubt. Es kam anders! Eine Kleinigkeit, vielleicht ein
Zufall, gewi ein Zufall, genug ich blieb. Der gute Oheim braucht mich doch wohl
noch. So lange er lebt, baut er seine alten Plne von Begrndung und Forterben
des Begrndeten weiter in die Zukunft hinein. Nun, ich werde ihm bauen helfen,
das neue Schlo in Wehrheim darf so nicht liegen bleiben. Ich werde Sorge
tragen, da die Arbeit vorwrts geht. Was dann daraus wird? Mir einerlei! An
mich denke ich nicht, das sehen Sie wohl, da ich bleibe und baue.
    Was treiben Sie denn, Liebe? Wie betrgen Sie die Zeit um ihren trgen Lauf?
Sind Sie noch bei der Dame, von der Sie einmal sagten: Sie trge wie eine
Ameise immer ein Stckchen Dasein zum andern, und htte so einen Vorrath von
Brocken. Zum Genieen aber bliebe ihr keine Mue.
    Sie sehen, ich habe ein gutes Gedchtni, und wiederhole mir gern, was ich
von Ihnen hrte.
    Seit ich in Ihrem Cabinett sa, kommen mir soviel der frhern Gedanken und
Worte. Aber hier in der Burg schallt es, und es ist zwlf Uhr Mittags; die
Glocken luten eine volle Stunde. In der Capelle liest der Prior Emma's
Todtenmesse! -
    Ich versichere Sie, unter solchen Klngen kann sich ein Herz tropfenweis
verbluten!

                                 Elise an Hugo


Ich danke Ihnen, lieber Hugo! Sie geben mir den alten Glauben wieder. Sie sind
nicht kleiner geworden im Unglck. Sie verleugnen weder Ihr Herz, um dem
Gewissen zu entlaufen, noch denken Sie daran, beide durch Vergessen auszushnen.
Sie sind wahr, wie immer, selbst in der matten Lauheit, mit der Sie auf mich,
wie auf den Frhling Ihrer Gefhle zurcksehen. Wie viel lieber ist mir der
schlummernde Hugo, als der klgelnde, sich und mich verhhnende.
    Lassen Sie es immer sein, da Ihnen jetzt die Brust so leer scheint. Wenn
ein Freund uns verlt, so sehen wir die andern nicht gleich, aber begegnen wir
Ihnen, so fhlen wir, da die Freundschaft uns immer nahe blieb.
    Ihr Brief wrde Manchem bange machen. Aber mir ist er so werth, so theuer!
Er ist wie Sie selbst. Was Sie berhrt, das ergreift Sie ganz, und Sie fassen es
wieder so. Ich habe Sie immer geliebt in dieser Vollstndigkeit Ihres
Empfindens. Lt denn am Ende auch die Begeisterung nach, spurlos zieht nichts
durch sie hin.
    Sie sagen mir, da Sie auf der Burg bleiben. Sie drfen sie auch nicht
verlassen, jetzt nicht. Knnten Sie wohl den kummervollen Greis dort einsam
wissen, und umherziehn, ohne Absicht, ohne Zweck? Was zge Sie in die Ferne? was
reizte Ihre Thtigkeit? Ist es dort nicht wie hier? und entgehen Sie sich
irgendwo?
    Hierin sind Sie zu beneiden, Hugo. Sie wissen doch wenigstens, weshalb Sie
an diesem und an keinem andern Orte sind. Ich wei es nicht. Das drckt mich am
schwersten, da ich so zwecklos gehe und komme, dieses will und jenes lasse. Es
bleibt am Ende ganz einerlei, und mir kann es das ebenfalls sein.
    Ja, ich bin noch bei der guten, geschftigen Tante; die immer wei, weshalb
sie aufsteht und niedersitzt, die Schlssel in die Hand nimmt, klingelt,
bestellt und abbestellt. Die Welt liegt auf ihren Schultern, und schwerlich
erwacht der Herrscher groer Staaten am Morgen mit so viel unruhiger Besorgni,
als sie, bis ihre Kche bestellt, das Erforderliche ausgegeben und die
Besichtigung und Berechnung aller Vorrthe geschehen ist. Lachen Sie nicht,
Hugo! Mich rhrt die unermdete Thtigkeit, und die eingebildete Gre ihres
Zweckes. Glauben Sie mir, es liegt viel Beruhigendes in solcher Beschrnkung.
    Ich spre das in meiner jetzigen Lage. Sie ist eng, oft pressend, aber man
wird so still darin. Vielleicht matt! Wozu hilft auch den Frauen die Kraft und
der freie, umherschauende Sinn? Sie werden doch nur, frhe oder spt, in ein
Zellchen ber oder unter die Erde zurckgeschleudert.
    Ich habe hier alle meine Schmerzen verweint, und bin darber eingeschlafen.
Das Ableiern tagtglicher Gewohnheitsworte, die Fragen nach Wind und Wetter,
nach gutem oder schlechtem Schlaf, nach dem Gedeihen der Frchte, dem Befinden
ntzlicher Haus-und Hofthiere, die Verwunderung ber die Nachligkeit eines
Domestiken, und was sonst noch das beschrnkte Leben hier bietet, ich versichere
Sie, es lt wenig Anderes in der Phantasie aufkommen. Allmhlig nimmt man an
dergleichem Theil; man spricht und hrt so lange davon, bis man sich damit
beschftigt, und es mit einer Art Beruhigung wahrnimmt, da weibliches Thun
nicht mit Unrecht dem Treiben der Bienen verglichen wird. Solch' Sumsen und
Wirren betubt fr den trgerischen Ruf nach hellern, weitern Regionen!
    Der Sohn des Hauses war eine Zeitlang hier, jener Vetter Curd, den Sie in
Ulmenstein und bei mir mssen gesehen haben. Vielleicht wissen Sie nichts mehr
von ihm. Es ist auch nicht viel von ihm zu wissen, er selbst wei am wenigsten
von sich. Nun sehen Sie, hier war er Etwas, ein Sohn und ein Hausherr. Sehr
viele Menschen, die sich in der Welt verlieren, nehmen ein Wesen und eine
Gestalt an, wenn sie in die Umzunung ihrer Grenze zurcktreten. Ich mache nicht
viel aus den Geschpfen, die nur in einem Element athmen knnen und nirgends
anderwrts existiren; inde urtheilen Sie, wie bescheiden mich mein jetziges
Loos macht, ich sah den Vetter Curd nicht ungern hier. Sein Anblick rief mir
andere Tage, andere Personen, andere Verhltnisse zurck, und vollends seine
Pferde! - Mein armer Georg ritt sogar auf des Vetters Pferde. - Jetzt hat das
arme Herz wohl nichts, nichts mehr, woran sich ein frhlicher Knabe erfreut!
    Sein kleines Gartengerth sahen Sie umherliegen, Hugo? O she ich das
wenigstens! Ich wrde auch das runde Hndchen zu sehen glauben, das sich so
dicht um den Reif der Kanne zusammenprete, und doch die Hlfte des Wassers
verschttete, ehe noch die Stelle erreicht war, wo es einen knstlichen Graben
fllen, oder eingesteckte Reiser geschwind zu groen Bumen wachsen lassen
wollte. - Abgeschnittene Stckchen ohne Wurzeln in den steinigten Boden
verpflanzt, waren Deine Wlder, armes Kind! Du trumtest Dich schon in ihren
Schatten, und rittest auf der Haselgerte zwischen ihnen durch, Hirsche und Rehe
zu jagen! Wird Dein ganzes Dasein so wurzellos auf undankbarem Boden vergehen?
    Wie kam es, Hugo, da Sie, an Georg erinnert, ihn nicht aufsuchten? Sehen
Sie, das dumpfe Trumen in dem verwilderten Garten, auf der verlassenen Sttte
im Hause pat nicht fr Sie. Wie anders knnten Sie der Freundin dienen, wrden
Sie der gute Engel des Kleinen. Ich habe etwas Aehnliches wohl lange im Stillen
gedacht, aber da Sie mir nichts zu sagen hatten, so konnte ich Ihnen auch nichts
sagen, und bat darum Curd, zuweilen hinaus nach dem Amthof zu reiten, und mir zu
schreiben, wie es um das Kind stehe. Es wird denn nun freilich an seinen
Berichten nicht viel sein. Ich dachte aber, immer ist es ein verwandtes Gesicht,
nur eine Erinnerung aus der frhern Zeit, die dem Verlassenen in dem ungewohnten
Leben Freude machen mu. Und kann ich doch sonst nichts mehr fr meinen Liebling
thun!
    O wie das Kind auf meine Seele drckt. Die weiche, liebreiche Madame Lindhof
theilt mir Alles mit, was ihren Pflegling betrifft; allein, sie sieht ihn
tglich mit ltern Knaben, Georg verliert sich unter diesen. Auch ist er stumm,
wo er sich fremd fhlt, und fremd werden ihm diese Kreise immer bleiben! Manches
mag auch als Unart erscheinen, was er nur nicht verstndlich machen kann, was
Niemand dort verstehen wird! Es qult mich, all den Widerspruch zu denken, der
mit Tavanelli's Eintritt begann und immer verwirrender fortgehen mu!
    Wenn Sie wollten - sehen Sie zu, Hugo, wie Sie es machen, was Sie thun
knnen!
    Wie mich's hebt und entzckt, Sie und das Kind auf den Bahnen zu denken, die
mir verschlossen sind. Von Eduard kein Wort! Auch an die Lindhof nicht. Er wei,
frchtet diese, um deren Briefwechsel mit mir. Der Prior kommt zuweilen nach dem
Amt. Wenn mir von daher neue Leiden drohten. Es ist doch ein Punkt unsers
gegenseitigen Vertrags, da der Knabe bis zum siebenten Jahre seiner jetzigen
Pflegerin verbleibe. - Wenn -! Umsonst macht der geistliche Herr seine
Spatziergnge nicht so oft durch die Erlen am Bache und in den Amtsgarten. Der
Einflu von daher wre mir unaussprechlich peinlich! Haben Sie ein wachsames
Auge, lieber, geliebter Hugo! Sie, der Sie alle Schlge dieses Herzens mit dem
Engel theilen, der auch Ihr Liebling war. Dulden Sie es nicht, da man dies
helle Gemth verfinstere, den aufrichtigen, klaren Sinn zur Verstecktheit und
Lge reize!
    Bin ich doch ganz wieder erwacht, seit ich an Sie schreibe! Regen sich doch
tausend fremdgewordene Wnsche und Gedanken in mir! O Herz, wie wrde Dir sein,
drftest Du Dich nur einmal wieder - -
    Aber weg, weg mit solchen Bildern! Die Tante rasselt mit den Schlsseln, die
Bodenthre knarrt. Es regnet, und die Wsche mu trotz der Jahreszeit im Hause
getrocknet werden, die Mgde und Weiber jammern beim Hinaufschleppen der Last!
Was wird der auerordentliche Fall uns nicht heute alles bei Tisch reden lassen!

                       Der Justizrath an den Prsidenten


Indem ich die Ehre habe, Denenselben die Ausfertigung der Scheidungsakte hiermit
ganz gehorsamst zu bersenden, bemerkte ich gleichzeitig, da der Rechtsanwald
Dero gewesenen Frau Gemahlin diese ebenfalls von der gerichtlichen Auflsung
ihrer stattgehabten ehelichen Verbindung in Kenntni setzte, so da Sie
beiderseits, nach Ablauf vorgezeichneter Frist, zu einer zweiten Wahl zu
schreiten gesetzlich berechtigt sind.
    Die schnelle Beendigung eines, jeden Falls strenden Prozesses, darf allein
Ihrer gromthigen Aufopferung zugeschrieben werden, da diese Alles berging,
was Leichtsinn und Unbestand an dem Selbstgefhl des beleidigten Gatten
verschuldeten.
    Befriedigt in diesem Bewutsein, werden Sie, geehrter Herr Prsident! nichts
vermissen, was Ihnen eine glnzende Laufbahn, die Anerkennung der Welt und die
Verehrung der Bessern in dieser nicht vollwichtig ersetzen knnte. In tiefster
Ergebenheit verharrend etc.

                                 Hugo an Elise


Sorgen Sie nicht, Liebe! Ich trume nicht mehr. Ich habe die einschlfernde
Trauer abgeworfen. Der Schmerz ist kein Wahn, aber die Klage ist eine Schwche.
Man beklagt Niemand als sich selbst. Das Liebkosen der Seele nimmt dem Leid
seinen aufregenden Stachel. Unter die Fe mit dem Geschick, und frei gehoben
das Auge in die Welt hinaus, die unser ist und die der Mensch gestaltet, wenn er
sich nicht durch sie gestalten lt! -
    Ich fange wieder an zu leben, Elise! Der Bau in Wehrheim schreitet zum
Erstaunen vor. Er soll beendet sein, ehe der Winter uns berfllt. Tglich bin
ich dort. Die Leute jubeln ber meinen Eifer. Abends fahre ich auf kleinem
Fischerboot den raschen Strom hinunter. Ich durchschneide pfeilschnell die
Fluth. Komme ich dann an Ihrem Garten vorbei, dann lege ich dort an, gehe eilig
nach dem Amthofe und hole mir Georg, der schon die Stunden bis zu meiner Ankunft
zhlt. Wir sitzen dann Beide in dem kleinen Cabinett auf dem Sopha, der Tisch
mit Baukasten und Soldaten steht vor uns. Ich mu ihm erzhlen, whrend er das
neue Haus drben in Wehrheim noch baut. Gestern nahm ich ihn mit herber im
Kahn. Er sprang und klopfte vor Freude in die Hnde. Die ganze Zeit sprach er
von Ihnen, und meine Gedanken errathend, sagte er seitdem zuversichtlich: Fr
Mutter ist das schne Schlo drben, da will ich zu ihr reisen.
    Sehen Sie, Elise! das ist es, was mich beseelt, was meinem Muthe Flgel
giebt. Verstehen Sie mich, Liebe? Denken Sie sichs einen Augenblick. Sie dort
wohnend, das Kind in Ihrer Nhe, ich auf der Burg, jeder Augenblick unser! Ich
komme, ich gehe, wir gehen mit einander, wir besuchen die gute Madame Lindhof,
sie besucht Sie wieder, Georg mit ihr wie natrlich, unsere Gesprche, unsere
Beschftigungen begegnen sich wie ehemals. Der Garten in Wehrheim wird ganz Ihre
Schpfung. Sie pflanzen, rumen weg, was Ihren Plnen entgegen ist. Ich helfe
Ihnen; bald fassen Blumen ohne Zahl den frischen Rasen ein, Springbrunnen,
leicht von dem Strom herbeigeleitet, nssen den grnen Abhang. Hier findet Georg
seinen Spielplatz. Sie sitzen vor dem Hause unter schattigen Arcaden, und haben
ihn stets unter Augen; ich lese Ihnen vor, zeichne, was Sie Neues in Gedanken
entwarfen. Wir sprechen darber, ich werfe Ihnen Dies und Jenes ein, Sie
widerlegen meine Grnde, der Streit giebt der Unterhaltung neues Leben, ich kann
nicht nachgeben, und Sie thun doch, was Sie wollen, denn ich ende damit, die
Ausfhrung in Ihre Hnde zu legen.
    Oder Sie sind allein. Sie erwarten mich. Ich bleibe lange aus. Ihr liebes
Auge liegt unruhig auf dem silberhellen Flu. Vom jenseitigen Ufer soll ich
herberkommen. Kein dunkler Punkt bewegt sich auf den glnzenden Wellen. Sie
sehen und sehen, und werden ungeduldig. Da macht Sie naher Ruderschlag von der
Seite des Dorfs aufmerksam, Sie gehen hinunter bis zum Ufer, dort rechts, wo die
Birken am Vorsprunge der kleinen Insel ihre wallende Zweige niedersenken,
rauscht mein kleines Fahrzeug heran. Ich sehe Sie, und bin Ihnen nun im
Augenblick ganz nahe. Scheltend empfangen Sie den Freund, doch mssen Sie ihm
verzeihen, denn Sie kennen ihn zu gut, Sie wollen ihn auch nicht anders, als er
ist, ngstigend darf ihn keine Rcksicht befangen, und knnte er die Freiheit im
Handeln opfern, er wre nicht mehr derselbe. Deshalb war auch die Ungeduld nicht
Zorn, gesteigerte Erwartung nenne ich sie lieber, und wie nun der Erwartete
kommt, ist das Wlkchen verschwunden.
    Denken Sie sich das Alles in dem Verhltni einziger, groer, umfassender
Zuneigung, sehen Sie die tiefe Ahndung solchen Bundes, wie wir ihn immer
gedacht, wie er uns in unzhligen Gesprchen vorgeschwebt, fragen Sie sich, ob
irgend eine, von den gewhnlichen Armseligkeiten, die den Menschen gefangen
halten, dagegen ausreiche?
    Sind Sie doch frei, Elise! Ich wei es. Keine Nothwendigkeit bindet Sie an
den Ort Ihres jetzigen Aufenthaltes. Und welch' ein Aufenthalt! Wollen Sie sich
wirklich so hart strafen, den edlen, klaren Geist an der gemeinen Alltglichkeit
des Lebens abzustumpfen? Geben Sie doch den Thorheiten des Vorurtheils nicht in
dem groben Irrthume nach, als knne die Ertdtung dessen, was uns Gott hnlich
macht, Gott gefallen. Was heit denn Bue? Fragen Sie einmal die Weisen, die
soviel davon reden, ob ihnen je der Begriff klar aufgegangen ist?
    Glauben Sie mir, ich habe in dieser langen, gedrckten Zeit viel hierber
mit mir zu thun gehabt. Alles Leere, Nichtige, Abgerissene und darum
Selbstische, bt der Mensch durch Erfllung oder Nichterfllung seiner Wnsche.
Beides kann Strafe werden. Doch, was das Eigenthum seiner heiligsten
Ueberzeugung, was sein frei gewordenes Dasein, was der Ursprung, wie der Zweck
seiner Erdenlaufbahn ist, das giebt er nur zum Scheine den Umstnden hin. Der
Trieb, der ihn zum zweitenmale im Bewutsein erschuf, der stirbt nicht, den
verhllt die Gewalt andrngender Ereignisse wohl eine Weile; aber, was ist, das
ist! Es lassen sich nur Abkmmnisse mit ihm schlieen, zu besiegen finden wir im
Kampf der Wahrheit nichts als die Lge.
    Es wre himmelschreiend, wollten Sie sich glauben machen, Sie seien von dem
Gott, der Ihnen diese Seele einhauchte, verdammt, sich in die Knechtschaft der
Bedrftigkeit zu schmiegen, um es zu ben, da Sie dachten und empfanden, wie
das Kind seiner Gedanken! Ich habe Ihren Brief, Elise! in demselben Zimmer
gelesen, auf derselben Stelle, wo Sie mir sagten: Ich kann alles hingeben, was
man von mir fordert, doch die Fhigkeit, Sie in Ihrem innern und uern Thun zu
begleiten, die lasse ich mir durch kein Schreckbild des Vorurtheils rauben.
    Glauben Sie in der willkhrlichen Haft den Gebrauch jener Fhigkeit zu
bewahren?
    Elise! sein Sie gewi, wie Strick und Band den Gliedern ihre geschmeidige
Beweglichkeit rauben, so geht es dem Geist, der unterdrckt ist, und den Kfig
ber sich zufallen lt.
    Und nun noch ein Wort ber Georg. Das zarte, besondere Kind fordert Ihre
ganze Aufmerksamkeit. Er ist, ich leugne es Ihnen nicht, er ist anders geworden,
langsam, stille, abgesondert, schliet er sich nur selten, und dann heimlich und
nur fr Augenblicke auf. Sein Anblick machte mir den Eindruck einer fremden,
kstlichen Blume, die, in einen Gemsgarten verpflanzt, die grobe Erde und die
wuchernden Nachbarpflanzen zurckhalten. Seine gute, treue Pflegerin ist von
jener weichlichen Sorgfalt fr ihn, die Alles thut, aber das Rechte nicht
trifft. Sie wacht mit steter Sorgfalt ber jeden seiner Schritte, er wagt
deshalb selten einen ungewhnlichen, ja, ich finde ihn ngstlich, die Augen
fragend auf die Gromutter, was Madame Lindhof auch fr ihn ist, gerichtet. Als
ich ihm das Erstemal mit dieser begegnete, ward er ganz roth, that blde, und
antwortete mir gar nicht. Ich berlie ihn sich selbst. Nach einer Weile schlich
er um mich herum, ging neben mir, fate meine Hand, und als es Niemand hrte,
fragte er nach Ihnen. Ich erwiederte, da ich Sie lange nicht gesehen htte, er
wisse ja, Sie seien verreist. Ich, im Gegentheil, wolle von ihm hren, wann Sie
wiederkommen wrden? Ich bereute, das Letztere gesagt zu haben, denn der arme
Kleine sah zu Boden und blieb eine Strecke hinter uns zurck, um unbemerkt
weinen zu knnen. Es mute ihm sehr wehe thun, sich wieder einmal in seinen
Erwartungen getuscht zu finden.
    Er trstete sich aber, als wir jetzt in das Haus traten, welches er so lange
nicht besuchen durfte, weil die gute, ngstliche Frau den Eindruck scheute, den
das Wiedersehen der geliebten Sttte auf ihn machen knnte. Sie hatte ganz
falsch vorausgesehen. Das Kind lebte hier auf. Es war seine Welt, in die es
zurckkehrte. Er sprang und jubelte in den Zimmern umher, und war nur durch das
Versprechen, morgen wieder mit mir hierher zurckzukommen, zum Weggehen zu
bewegen.
    Liebste Elise! knnen Sie sumen, den schnen Knaben aus seiner wunderlichen
Abspannung herauszureien?

Bis hierher hatte ich geschrieben. Mir war das Herz warm und bewegt geworden.
Ich hielt nicht mit mir allein aus. Das Wetter war unfreundlich, die Sonne schon
untergegangen, ich trat ans Fenster. Drben im andern Flgel brannte der groe
Camin hell in des Oheims Zimmer. Der Schatten von Jemand, der auf-und
niederging, verdeckte die Flamme augenblicklich. Das ist er! dachte ich, der
einsam wie du, die Stunden an sich hinziehen lt. Ich eilte zu ihm hinber. Er
lchelte angenehm berrascht, als ich die Thre ffnete. Guten Abend, sagte er
sehr weich, indem er mir die Hand entgegen streckte. Er rckte mir selbst den
Armstuhl dem seinigen gegenber am Camin zurecht. Wir setzten uns. Ich war
heute in Wehrheim, hub er nach einer Weile an. Die Arbeit rckt ja gewaltig
vor. Ich freue mich, da Dich das beschftigt, setzte er hinzu. Nun,
entgegnete ich, es ist eine Aufgabe, so lange man sie zu lsen bemht ist,
beschftigt es freilich.
    Du hast eine Absicht dabei, sagte er, und einen Augenblick innehaltend,
fuhr er fort: Ich begreife es sehr wohl, da Du, Deiner Neigung gem, frei und
eigenthmlich zu wohnen und zu leben gedenkst. Wir werden ja darum doch nicht
geschieden sein? lchelte er, mir aufs neue die Hand reichend. Ich beugte mich
ber die vterliche Hand, die mich so schonend in Schmerz und Widerwrtigkeit
berhrt hatte, ihn fest versichernd, da ich gar nicht daran denke, die Burg zu
verlassen, und nur beenden wolle, was er mir anzufangen erlaubte. Er sah mich
berrascht an. Wieder im Sessel zurckgelehnt, meinte er: ich gliche doch oft
meinem seligen Vater auerordentlich.
    Er htte mich an diesen gerade jetzt nicht erinnern sollen. Es erkltete
mich unwillkhrlich, da er der Aehnlichkeit so nebenbei erwhnen konnte.
Wahrscheinlich errieth er mich, denn, war es nun das Feuer, oder trieb ihm das
Blut vom Herzen nach dem Kopfe? genug, er schien zu errthen, da er jetzt die
Hand vor die Augen hielt, als schirme er diese vor der Flamme.
    Sage mir doch, bat er hierauf, was ist denn an dem Gerede, das unter den
Leuten umherluft, von einer schwarzen Hand, die den Vorbergehenden eines
Morgens von dem Gerste herabgewinkt und sie von der Stelle weggescheucht haben
soll? Nach einer strmischen Gewitternacht, setzt man hinzu, sei sie sichtbar
geworden, so, als schleudre sie der Blitz herab; was denn fr ein drohendes
Zeichen angesehen, und dem Bau nichts Gutes geweissagt wird, insbesondere, da
man Deinen erwachten Eifer, ihn zu vollenden, fr Trotz hlt, und ihn frech
schilt.
    Ich lachte, ob mir gleich die Sache an sich, und wie sie sich zugetragen,
einen ganz andern Eindruck zurckgelassen hatte. Sie sehen wohl, sagte ich mit
leichtem Achselzucken, da eine bloe Zuflligkeit dem Verlangen nach
Spukereien Vorschub leisten mute. Unsere Geistergeschichten haben einen sehr
materiellen Boden; es wird mit aller Mhe nichts Geistiges daraus. Ich erzhlte
ihm nun, da mir auf einem nchtlichen Ritte nach Wehrheim, bei einer heftigen
Bewegung mit dem Arme, der abgezogene, lose in der Hand gehaltene schwarze
Handschuh entfahren, und auf einer Stange des Gerstes hngen geblieben sei. Es
ist wahr, fuhr ich fort, es hatte etwas Erschreckendes, und ich trug auch
Sorge, am folgenden Tage in aller Frhe den Handschuh von der Stange herabnehmen
zu lassen, was vielleicht nur dazu diente, die Sache unaufgeklrt zu lassen.
    Ich dachte es wohl! erwiederte der Comthur. Aber er ward still, und es
fiel mir auf, als er nach einer kurzen Pause, whrend welcher wir beide, jeder
auf eine eigene Art beschftigt, in das Feuer sahen, uerte: Das
Zusammentreffen offenbarer oder verborgener Umstnde hat seine Bedeutung, die
der Mensch voraus empfinden will, und deshalb bereilt er sich im Urtheil, oder
qult sich mit Ahndungen.
    Er war hier aufgestanden, und ging, den Kopf gebeugt, die Hnde auf dem
Rcken, wie Sie seine Art kennen, in dem groen, hohen, grauen Zimmer auf und
ab. Ich folgte ihm mit den Augen, der Raum, den er durchschnitt, war mir noch
nie so weit, so leer, wir beide einsame Menschen nie so vereinzelt vorgekommen.
Wollen wir eine Parthie Schach spielen? fragte ich, ebenfalls meinen Platz
verlassend.
    Gern, sehr gern! war die Antwort. Ich suchte den kleinen Tisch mit der
gefcherten Platte, an dem wir sonst so oft spielten. Er msse im Nebenzimmer
stehen, meinte der Comthur. Ich ging dahin, fand ihn aber nicht. Ach! ich
besinne mich jetzt, rief ich, und stutzte unwillkhrlich.
    In Emma's Zimmer hatten wir das Letztemal gespielt. Der Oheim verstand mich.
La es, sagte er, ich will - -! Bewahre! versetzte ich beschmt. Ich
zndete ein Licht an, und eilte durch den Seitengang, die kleine Wendeltreppe
hinauf, in das vordere Thurmzimmer. Elise! hier saen wir, wenige Tage vor
Emma's Abreise; sie lag in dem anstoenden Cabinett auf ihrem Ruhebette, die
Mutter las ihr vor, der Arzt und ich fhrten Krieg auf den schwarzen und weien
Feldern, der Comthur, auf- und abgehend, wie heute, begleitete mit klugem Blick
unsre Zge. Es war sehr hei im Zimmer, man durfte, der feuchten Luft wegen, die
Fenster nicht ffnen. Ich hrte Emma sagen: nehmen Sie mir den Shawl ab, ich
verbrenne.
    Mein Gott! die verschlossene Luft war wieder so drckend und gepret, sie
lag zentnerschwer auf meiner Brust. Ich sah umher nach dem Tischchen. Man hatte
ohnlngst hier gerumt, und die Gemcher gereinigt, das Gerth stand
zusammengeschoben in den Winkeln. Ich fand endlich, was mich hierher fhrte;
doch neben Emma's Ruhebett, den Shawl, jener amaranthfarbene, den ich ihr
geschenkt, und den sie so liebte, da sie ihn immer trug, hing ber die Kissen
der Rcklehne. Das grelle Roth schnitt mir durch die Seele. Ich sah das bleiche
Gesichtchen, an das sich die Falten des Tuches einst schmiegten, ich hrte das
Ich verbrenne! mit dem Ausdruck des Unvermgens, es lnger ertragen zu knnen,
wieder, und fhlte die Gluthen, die das beste Herz verzehrt hatten.
    Den Shawl ber dem Arm, das Tischchen in der Hand, eilte ich hinunter zum
Oheim. Er sah mich erst verwundert an, dann wurden seine Zge sehr weich, er
umarmte mich, ich fhlte seine Thrnen auf meiner Wange. Leise, als scheute er
sich, ein Heiligthum zu entweihen, berhrte er mit den Spitzen der Finger das
traurige Andenken. Es ist dies ein heller Gru, Hugo! sagte er, ein
leuchtender Lebensschmuck, und recht ein Gegenstck zu der schwarzen Hand,
welche die Leute gerne dem Zorne der Abgeschiedenen zuschreiben mchten. Ich
drckte die seinige, als er hinzusetzte: Zorn war nicht in dieser Seele, und so
wollen wir denn lieber dem freundlichen, als dem drohenden Anzeichen fr die
Zukunft trauen.
    Wir hatten eben unser Spiel angefangen, als der alte Baron Wildenau gemeldet
ward. Der Mann ist von unleidlicher Beschrnktheit und Breite. Ich hatte ihn in
Ewigkeit nicht gesehen, konnte mir denken, da er der Unglcksflle des Hauses
ungeschickt erwhnen wrde, stellte mir vor, es sei ein Trauerbesuch, auf den er
sich seit sechs Monaten bis heute am spten Abend besonnen habe, und gerieth in
innere Verzweiflung.
    Es war aber anders.
    Der Baron trat gebeugt, mit kummervoller Miene und gesenktem Blick zu uns
ein. Gegen seine Gewohnheit in Stiefeln und Ueberrock, zeigte der etwas
vernachligte Reiseanzug, da weder die Burg, noch ein formeller Besuch der
Zweck seiner spten Abendfahrt sein konnten.
    Ich komme, sagte er, nach der ersten Begrung neben uns niedersitzend,
zur ungewhnlichen Stunde, und mu recht sehr um Verzeihung bitten, wenn ich
beschwerlich falle.
    Er dehnte die letzten Worte, und sah, unter schiefem Neigen des Kopfes,
fragend zu uns auf. Ich hatte groe Lust zu lachen, allein, wie er jetzt
fortfuhr, und uns erffnete, er sei auf dem Wege zu seinem Sohne, der auf einer
Reise, von welcher wir vielleicht mehr wten als er, noch nicht ein Einzigesmal
geschrieben noch schreiben lassen, wie er sich eigentlich befinde, und ob er
krank oder gesund sei? Da verging mir das Lachen. Schneller wie der Blitz reihen
sich im Menschen Gedanken an Gedanken. Ich sah Leontin, ich sah Emma, ich dachte
Unzhliges zugleich. Der stumme, dstre, tiefsinnige Leontin, wo war er? wo
hatte er die niederschlagende Nachricht erhalten? Er liebte Emma. Er war ihr
gefolgt, er sollte sie in des Oheims Namen beschwren, zu uns zurckzukommen.
Sehen Sie, Elise! wie Vieles flo da zusammen, was fr entgegengesetzte Elemente
mischen sich; und wir fordern, da das Leben klar und still hinflieen soll.
    Alles das stand vor meiner Seele. Ich hatte nicht auf das Gesprch der
beiden Alten gehrt, da erschtterte mich die klagende Stimme des Barons, ich
wandte mich aufmerksam zu ihm, er sagte: Ich habe doch nur das einzige Kind,
das ich gern glcklich auf der Welt zurckliee. Es ist nicht recht, da er mich
so ganz vergit. Wenn man alt wird, so lebt man nur noch in seinen Kindern; er
sollte das bedenken, aber die Jugend ist jetzt zu verschieden von uns. Sie hat
ganz andere Begriffe von Recht und Unrecht. Ich verstehe meinen Sohn nicht. Er
ist so tugendhaft, da ich oft erschrecke, und ihn wie etwas Hheres verehre.
Und dann fehlt er doch wieder gegen die natrlichsten Gebote, und erscheint mir
sehr tadelnswerth.
    Es war Sinn in den Worten, sie berraschten mich. Ich behielt aber wenig
Zeit, darber nachzudenken, denn auf des Oheims begtigende Einwendungen und das
leise Hindeuten, da Leontin vielleicht krank geworden, schttelte der Baron den
Kopf. Das nicht eigentlich, erwiederte er, ich habe wohl soviel
ausgekundschaftet, da er sich im Schwarzwalde in einem Baueroder Meierhofe
aufhlt, diesen kaufen und dort eine Capelle bauen will. Wenn es auch nicht
Wahnsinn oder Fieberhitze ist, die solche Plne fassen lt, fuhr er fort, so
ist es doch groe Ueberspannung. Wem wre wohl vordem so etwas eingefallen? Er
hat die schne Erbschaft hier gemacht, die prchtigen Gter! und will da Geld
und Zeit an eine Grille opfern.
    Er hielt inne. Mir fuhrs durch die Seele. Ihr baut er die Capelle! auf der
Stelle, die ihr Fu vielleicht betreten! Er lebt nur noch in ihrem Andenken! -
    Ich gehe, sagte der Baron, ihn von dem Gedanken abzubringen. Ich habe
hier keine Ruhe, und kann mir den guten, einfachen Leontin gar nicht so
bertrieben und unnatrlich vorstellen.
    Er war aufgestanden, redete noch Eins und das Andere mit dem Comthur, und
ging in die Nacht hinaus, den verlornen Sohn aufzusuchen. Auch der, seufzte ich,
als ich ihn mit ganz andern Empfindungen wie vorher, zum Wagen begleitete.
    Auch der, Elise! Werden sich alle die zerrissenen Stckchen Leben jemals
wieder zusammenfgen? Wird etwas Ganzes daraus werden? und fr wen?
    Ein trber, unleidlicher Druck liegt seitdem auf meiner Seele.
    Schlafen Sie wohl, liebe, geliebte Elise!

                               Agathe an Rosalie


Das sind schne Geschichten! Ich schreibe Dir gleich Alles, weil ich wei, da
Du Dich halb todt freuen wirst, Deiner Prinze etwas erzhlen zu knnen. Danke
Du Gott, da Du am Hofe bist, und suche Dich da unentbehrlich zu machen, denn
hier auf dem Lande bei Mama, bis spt in den Winter hinein -! Ich sage Dir, es
ist zum Sterben. Wir haben freilich die schne Reise gemacht, aber ich gestehe
Dir aufrichtig, solch' Herumreisen und Angaffen von fremden Gegenden hat kein
sonderliches Interesse fr mich. Und dann glaube ich, hat Mama auch nicht in
ihren Plnen reussirt. Es ist nichts gegen das Testament der Tante zu thun.
Leontin behlt die Gter. Du kannst denken, in welcher Laune wir durch die
Wlder und die ppigen Feldmarken hinfuhren! Zuweilen sprachen wir halbe Tage
kein Wort, Mama las im Wagen oder schlief, und ich wurde von der
frchterlichsten Langweile geplagt.
    Und nun sitzen wir Ende November hier in Ulmenstein! Nein, Du machst Dir
keinen Begriff von dem Eindruck, den so ein Landhaus unter kahlen Bumen, leeren
Blumenbeeten und gelben Terrassen, beim ersten Wiedersehen nach langer
Abwesenheit macht. Wenn wir sonst aus der Stadt hierher zurckkommen, dann ist
alles schon weit vorgerckt mit der Jahreszeit. Man denkt an Sommertoiletten und
kleine Spiele auf den Rasenpltzen, an Milch und Obst, Gesellschaft im Garten,
an Ausreiten und Parthien zu Wagen. Jetzt? - Ich mchte wohl wissen, an was man
in dem ausgeklteten Salon und dem feuchten Wetter denken sollte!
    Es ist unglaublich, wie ein Jahr solche Vernderungen machen kann! Ich
schwre Dir, die Gegend ist wie ausgestorben. Wir haben noch keine Seele
gesehen! Und wie glnzend war es im vorigen Herbst!
    Bilde Dir nicht ein, da Deine Abwesenheit die Ursache davon ist. O nein,
mein Kind! das ist die dumme Liebesgeschichte, die hat alle Leute entzweit. Mama
ist sehr gespannt mit dem Comthur und mit Allen, die ihm anhngen. Das giebt
denn tausend Verdrielichkeiten, ganz unerhrte Klatschereien! und die bringen
die Leute auseinander. Im Vertrauen zu Dir, Mama hat sich wohl manchmal ein
Bischen zu scharf ausgelassen. Vorzglich, wie es zur Scheidung kam. So was wird
bekannt und Niemand leidet darunter mehr als wir, denn das gestehe ich Dir, die
Pruderie, fr alle kleine Intriguen in seinem Salon responsable sein zu wollen,
und es darum mit der Gesellschaft zu verderben, das mu die Menschen
verscheuchen! Wer will denn auch immer einer Kritik ausgesetzt sein, wenn man zu
seinem Vergngen fremde Huser besucht? Jetzt bereut sie es auch. Sie mchte
gerne Schritte thun, aber sie wei nur nicht, wie sie es anfangen soll.
    Denke Dir, und das wollte ich Dir eigentlich erzhlen, das neue Haus in
Wehrheim ist ber Hals und Kopf fertig gemacht worden, und man sagt, die
geschiedene Prsidentin werde mit Nchstem dort einziehen. Ich bitte Dich,
welch' unerhrter Scandal! Geschieden ist sie, das ist wahr, aber wieder
verheirathen kann sie sich nicht ohne Dispensation, und da sie diese nicht
erhlt, dafr sorgt die Oberhofmeisterin, die wieder auf der Scene erschienen
ist, und ihre Hnde berall im Spiel hat.
    Ja, ja, mein Kind! in Wehrheim will sie wohnen, die schne Bende! nachdem
sie in der Wste auch eben nicht viel Bue gethan hat. Denn weit Du nicht die
groe Neuigkeit! Curd ist zum Sterben in sie verliebt. Er hat zwar frher sich
nachtheilig ber sie geuert. Nachher wollte er es wohl wieder gut machen,
lachte sich selbst aus, sagte ein Paar Dummheiten, und machte sich dadurch
lcherlich; und sein erstes Geschft bei unserm flchtigen Begegnen auf der
Reise durch die Residenz war, alles das Ueble, was er sich zu schreiben erlaubt
hatte, wieder zurckzunehmen, und Elise so hitzig, so bertrieben zu
vertheidigen, da man gleich sah, wie ihn die Koquette verstrickt hat.
    Mir ist es einerlei! Aber es gab doch eine Zeit, wo er ganz, gewi ganz
anders fhlte. Mama sagt, er wre sehr bornirt, und wie ein Blatt Papier, auf
das ein Jeder schreiben kann, was er will. Im Grunde hat sie recht, aber sie
fand ihn sonst doch sehr interessant.
    Erzhle doch das Alles gelegentlich, wenn die Herrschaften bei Laune sind.
Der Frstin Mutter wird es willkommen sein. Es ist dies Wasser auf ihre Mhle,
denn man sagt, sie hasse Elise, seitdem sie sich ihretwegen einmal mit dem
regierenden Frsten, nach der bekannten Cour, entzweit hat. Noch Eins. Es sind
immer noch keine Nachrichten von Leontin eingelaufen. Der alte Baron kehrte vor
einigen Tagen zurck. Man wei nicht, ob er den Sohn aufgefunden hat? Er sieht
Niemand. Mama erkundigt sich sehr genau nach Allem, was hierauf Bezug hat, denn
wie Du weit, fllt die Erbschaft der Tante, im Fall Leontin ohne Nachkommen
stirbt, seinen nchsten Verwandten von mtterlicher Seite zu, und das sind wir,
denke ich.
    Es sollte mir aber doch leid thun, um den hbschen, jungen Menschen, wenn er
strbe. Lieber htte ich ihn noch geheirathet, ob er gleich wie der steinerne
Gast im Don Juan aussieht.
    Der Justizrath war eben bei Mama. Er behauptet, Elise heirathe den Grafen
gewi, fr den Dispens wrde der Comthur schon sorgen, dem Alles daran liege,
da der Neffe sich fixire und den Namen der Familie erhalte. Mein Gott! als wenn
es nicht mehr Parthien im Lande gbe, als solch' durchaus unschickliche. Mama
glaubt auch nicht, da es wahr ist, sie behauptet, der Comthur besitze zu viel
Delicatesse.
    Nun genug, da hast Du Stoff, aus dem sich in der Stadt etwas machen lt, um
die Conversation zu beleben.
    Lebe wohl, Du Glckliche! Ich vergehe hier vor Langweile.

                        Der Prsident an den Justizrath


In aller Eile bitte ich Sie, geehrter Herr! mit dem Verkauf meines Landhauses zu
eilen. Ich habe Grnde, weshalb ich es, sobald als mglich, in andern Hnden
wissen mchte. Nur empfehle ich Ihnen Behutsamkeit und Stille. So geheim wie
mglich, verstehen Sie wohl! Keinen Termin, keine ffentliche Anzeige. Ein
sichrer Kufer, gleichviel we Standes und Ortes! Nur fort damit. Und Garten und
Haus mit allen Mobilien ohne Vorbehalt. Bis es so weit ist, wnsche ich, da der
Gartenknecht verabschiedet, und die innere Bewachung Jemanden Ihrer Leute
berlassen bliebe. Man sagt mir, der frstliche Domainen-Amtmann im Orte suche
eine andere Anstellung. Betreiben Sie doch das Gelingen seines Wunsches. Sobald
er bestimmte Aussicht dazu hat, wrden Sie mich durch gefllige Benachrichtigung
deshalb verpflichten.
    Die Einlage an den Prior des Premonstratenser Klosters bergebe ich, wie
immer, Ihren Hnden.
    Der Caplan Tavanelli, schreibt man mir, sei geheilt. Ich hielt sein Uebel
immer fr nichts anders, als eine hitzige Krankheit. Der Erfolg hat es bewhrt.
Ein Jahr Erhohlung und Reisen ins Ausland wrden ihn vllig herstellen; ich darf
sodann nicht anstehen, ihn als Gesandschaftsprediger hierher kommen zu lassen,
wo er der zweckmigsten Wirksamkeit gewi sein kann. Was die Zahlungen
betrifft, so bleiben sie, nach wie vor, dieselben. Es mte denn der zu
frchtende Fall eintreten, dann hrt natrlich jede fernere Beziehung auf.
    Versumen Sie ja nichts, um den gedachten Verkauf zu beschleunigen. Ich
ziehe es vor, mir eine ehemalige Wohnung verndert, als in ihrer frhern
Beschaffenheit, und dennoch fr mich umgewandelt zu denken.
    Meiner steten Dankbarkeit knnen Sie, geehrter Herr! im Voraus versichert
sein.

                                    Antwort


Dem geehrten Auftrage zufolge, bin ich so frei, Denenselben zu berichten, da es
mir zur Zeit mit dem Verkauf des Landgutes zwar noch nicht gelungen, inzwischen
der Geschftstrger einer italienischen Dame mir Vorschlge in Betreff einer
monatlichen Vermiethung der Villa gemacht hat, welche annehmlich zu sein
scheinen, und immer dem eigentlichen Zweck der Entuerung nahe kommen wrden.
Es wnscht die erwhnte Dame, Wittwe, kinderlos und krnklich, fr einen Theil
des Jahres einen ruhigen Aufenthalt im nrdlichen Deutschland, nicht unmittelbar
in einer Stadt, doch in der Nhe derselben, rztlichen Beistandes halber.
    Bewilligen Dieselben den gemachten Antrag, so werde ich um bestimmte Angabe
der Bedingungen unterthnigst bitten, und den Contract sofort abschlieen.

                                 Elise an Hugo


Ihre beiden kurzen Briefchen, die mir anzeigen, da Alles zu meinem Empfange in
Wehrheim bereit sei, die Zimmer im alten Flgel vllig eingerichtet, heizbar,
trocken, nur mich erwarten, um auch Sie dort, wenigstens fr Stunden, heimisch
zu sehen, die beiden Briefchen, liebster Hugo! lie ich bis heute unbeantwortet,
weil ich verlegen bin, wie ich Ihnen den Zustand meines Gemthes schildern soll,
der mich hindert, irgend einen Entschlu zu fassen.
    Sehen Sie, nun es so weit ist, und die Koffer gepackt sind, der Wagen
herausgezogen, besichtigt, ausgestubt und zur Reise in Stand gesetzt ist, nun
kann ich nicht gehen, nicht bleiben.
    Werden Sie nicht unwillig, verzweifeln Sie auch nicht gleich an der
Ausfhrung irgend eines freien und schnen Gedankens, wenn sich Ihnen
Hindernisse in den Weg stellen, schelten Sie mich vor allen Dingen nicht
undankbar. Ich bin es nicht! Folgte ich dem raschen, leidenschaftlichen Zuge des
Herzens, ich wre, trotz Schnee und schlechte Wege, vielleicht schon jetzt bei
Ihnen in Wehrheim.
    Fragen Sie, warum ich diesem unbestochenen, einzig wahren Zuge nicht folge?
so frage ich Sie wieder, darf ich es auch? hat er mich nie ber mein Ziel hinaus
gefhrt? Ich sehe Ihre ungeduldige, mibilligende Miene von hier, Sie legen das
Blatt aus der Hand und denken, sie ist wie jede Andere! Keine wird frei von dem
Leitbande ngstlicher Rcksichten. Nun gut! Denken Sie, es sei so. Was hlfe es
Ihnen, wenn ich mich losrisse und haltungslos schwankte?
    Besser, ich gestehe es ein. Ja, es giebt Rcksichten, die wir ehren mssen,
nicht unsertwegen, doch um der Ruhe Anderer. Sagen Sie mir doch, was legen Sie
mir Georgs Geschick an's Herz, wenn Sie in diesem nur den Knaben, nicht den
Jngling, nicht den Mann denken? Oder meinen Sie, die Welt wrde ihm den Mastab
der Beurtheilung nie in die Hand geben? Hoffen Sie wirklich, Vertrauen knne in
jedem Augenblick vor ngstigendem Zweifel schtzen? Lassen Sie dem zrtlichen
Kinde die Mutter, wie er sie kannte. Was ist sie ihm, sieht er sie in
verdchtigem Licht?
    Kinder stehen der gttlichen Einfalt nher, als wir es ahnden. Sie haben ein
zartes Empfinden fr das Ungehrige, Widersprechende im Leben.
    Glauben Sie mir, ich wrde Georgs verschwiegene Fragen errathen, und mich
abhrmen, sie unbeantwortet lassen zu mssen.
    Sind Sie es denn noch nicht inne geworden, Lieber! da die innere und uere
That himmelweit von einander unterschieden ist? Himmelweit, sage ich! denn die
Eine ist oft dort oben, wenn die Andere hineinfllt in die Region roher Gesetze.
Die Erde gestaltet nach ihrer Weise, was der Gedanke gestaltet denkt. Es ist ein
Unterschied, Hugo! und hier nichts weiter zu thun, als den Schritt nach dem
Gange Anderer freundlich und liebreich einzurichten.
    Also Sie bleiben, wo Sie sind? hre ich Sie fragen.
    Lassen Sie mich erst ganz offen sein, ehe ich entscheide. Sie wissen, wie
mich Ihr Vorschlag entzckte, wie mich die Vorstellung davon ergriff, wie ich es
nicht eilig genug haben konnte! Nun sehen Sie, ich hatte denn auch keine Ruhe,
ich machte meine Anstalten ohne alles Hehl. Ich sagte es der Tante, da ich sie
nun endlich von einem unbequemen, eigensinnigen Gaste befreien wrde, der nur
ihre Gte in Anspruch zu nehmen gewut, ohne dieser durch irgend eine angenehme
Leistung zu lohnen. Die Tante hrte mich ruhig an, drckte dann ihr Bedauern
aufrichtig aus, vermied aber, da sie mich entschlossen sah, fr jetzt alle
weitere Einwendung. So verging ein Tag nach dem andern. Das bse Wetter trat
ein. Erst Schnee und Frost, dann das Thauwetter. Die Posten blieben aus. Ihre
Briefe, die mich endlich bestimmen sollten, kamen nicht, wie ich es erwartet
hatte. Ich ward unruhig. Die Tante bemerkte es. Was ngstigst Du Dich denn so?
fragte sie theilnehmend. Solche Eile wird es ja doch nicht mit der Reise
haben. Ich war verlegen, denn im Grunde lag die Ursache der Eile nur in meiner
Ungeduld. Sieh' mal, Kind, bemerkte sie eindringlich, jetzt kannst Du doch
nicht fort. Du machst Dir keinen Begriff hier im Hause, wie es drauen auf der
Heerstrae aussieht. Leute und Pferde fallen ja in die ausgefahrnen Grnde
hinein, da man denkt, sie knnten im Leben nicht wieder aufstehen. - Sie
stehen aber wieder auf, Tantchen! unterbrach ich sie lachend. Nicht alle, und
nicht immer! versicherte sie. Und noch dazu bist Du allein mit der Johanna.
Was fangt ihr zwei Frauen denn in solcher Noth in unbekannter Gegend, allein, zu
jeder Tagesstunde an? Ist es denn weit von hier, Kind, fragte sie nach kurzer
Pause, wo Du hin willst? Ich bejahte es, noch immer sorglos und muthig in
meinem Innern. Wie heit denn der Ort? Hugo! ich errthete, ob aus Freude oder
Scham? das wei ich nicht, als ich Wehrheim, sagte! Wehrheim! Wehrheim!
besann sie sich ungewi. Hast Du mir nicht den Ort genannt? Ist es nicht? -
Liebes Kind, was willst Du da machen? rief sie erschrocken. Ei mein Gott, wie
kommst Du dahin? Hast Du Niemand in Deiner Familie, dem Du vertrauest? Mut Du
bei den Leuten Schutz suchen, die Dich in so schlimmes Gerede brachten?
    Sie setzte sich hier, der Schreck hatte sie bermannt, sie sah ganz bla
aus. Ich wollte ihre gutmthige Schwche belcheln, aber es war, als habe sie
mich angesteckt. Ich konnte ihr umwlktes, feuchtes Auge nicht sehen, mit dem
sie mich zu fragen schien: Ist es mglich? Hast Du Alles vergessen? Sieh' Kind,
wenn ich es tadle, was hoffst Du denn von andern Menschen? Ich nahm mich
gleichwohl zusammen, ich sagte ihr, da ich in ein leeres, unbewohntes Haus
einzge, und eben so gut wie jeder Andere den freigegebenen Raum benutzen drfe.
    Nicht eben so gut wie jeder Andere! fiel sie ein. Herr Gott! mein
Engelchen! sage das doch nicht. Du weit ja recht gut, da es in der Welt nicht
ist, wie es in Deinem Kopfe aussieht. Denke einmal selbst: auf dem Gute, in der
Abhngigkeit von dem Manne -! ach, mein Herz! Du hast es auch lngst eingesehen,
da es unschicklich ist, darum verschwiegst Du immer den Namen des Orts.
    Diese Worte, Hugo, diese Paar Worte trafen mich. Sie hatte recht. Weshalb
nannte ich frher den Namen nicht, der jetzt nur strubend ber meine Lippen
ging.
    Unschicklich! Unschicklich! ich wiederholte den Vorwurf wohl zehnmal bei
mir. Sie hatte den Ausdruck ihrer Empfindung nicht bemntelt, er verletzte mich,
allein hinter dem Unwillen schimmerte es wie Wahrheit. Ich mute mir sagen:
freilich, es will sich hier nicht Alles wohl in einander schicken. Ich sagte das
auch der Tante, mit dem Zusatze, da ich meine Abreise noch verschieben, und wir
weiter darber sprechen wollten.
    Nein, rief sie aus, fate meine beiden Hnde mit groer Bangigkeit, und
sah mir dabei scharf in die Augen: Nein, jetzt, hier auf der Stelle, mut Du es
mir fest geloben, da Du diesen Gedanken aufgiebst. Ich suchte mich ungeduldig
loszumachen. Elise, fuhr sie bittend fort, ich hoffe zu Gott, Du bist
unschuldig in Allem, was die Welt von Dir sagt! aber wenn auch nichts, gar
nichts davon wahr ist, kannst Du Dich entschlieen, so kurze Zeit nach dem
betrbten Tode der Grfin in das Haus ihres Mannes zu ziehen? Vergit Du, was Du
dem Andenken der Frau, was Du Georgs Vater schuldig bist, dessen Namen Du noch
immer trgst? Mein lieber Gott! Die Ehre kann doch nicht auch aus der Mode
gekommen sein, und der Ruf, ob man sich darber wegsetzt oder nicht, bezwingt
doch immer zuletzt den Trotz der Frauen.
    Liebe Tante, erwiederte ich, im Innern zitternd und bebend, Sie thun mir
Gewalt an.
    Das will ich auch, sagte sie fest. Ja, das will ich! und ehe ich Dich
nach Wehrheim gehen sehe, werde ich Dir lieber zu Fen fallen, und Dich so
lange bitten, bis Du Deiner alten Tante guten Rath nicht lnger verwirfst, und
Dir ihre Treue zu Herzen nimmst.
    Hugo! ich stand verwirrt vor der umgewandelten Frau. Ich fragte mich: wer
ist denn das? wer spricht so zu mir? Ich hatte Mhe, die peinliche, unsichre,
unstte Tante in dem entschiedenen Benehmen wieder zu erkennen. Sie, die ein
Regenschauer zur unrechten Zeit bestrzt und eine zerbrochene Fensterscheibe
betrbt macht, die nicht wei, darf sie einen Entschlu fassen? oder mu sie den
Gedanken daran aufgeben? die hundertmal fragt und doch nur schchtern dem
empfangenen Rathe folgt, sie wute mit einemmale, was sie wollte, was ich sollte
, und behend, wie eine gewandte Fee, hatte sie die verborgenen Fden meines
Innern zum Lenkseile ihres Willens gemacht!
    Ich brach in Thrnen aus. Ich war innerlich emprt, da mir Jemand seine
Meinung aufzwingen wollte, ich stie diese Meinung von mir, sie sollte nicht
Herr ber mich werden. Sie ward es doch! - Ich brach matt in mir zusammen, ich
weinte, wie ein gescholtenes Kind, ich versprach Alles, und bin noch hier!
    Warum kam auch Ihr Brief nicht zu rechter Zeit, Hugo? Ich wre lngst von
hier fort gewesen, ehe die Aengstliche, durch das schlechte Wetter noch
ngstlicher gemacht, auf alle die Einwendungen und Fragen verfallen wre. Es
wre nun geschehen, und ich in meiner Unbesonnenheit wohl noch unwissend und
glcklich! Nun, da mir die Gefahr gezeigt ward, fehlt es mir freilich an Muth,
sie zu bestehen, denn ich bin nicht herzhafter, als uns Frauen der Himmel
machte, nur blinder, wie die Meisten. Ich schwanke noch ber die Frage, ob
kurzsichtiger oder berhinsehender? Es ist ein Unglck, Hugo! wenn Gesichtskreis
und Standpunkt nicht recht fr einander passen.
    Ich sollte eigentlich hier schweigen, und es erwarten, da Sie mich tadeln,
ohne weitern Versuch, Sie mit meinem Unbestand auszushnen. Doch Eins will ich
Ihnen noch sagen. Hier bleibe ich einmal nicht. Das steht fest. Ich ertrage den
Widerspruch in mir selbst kaum noch, deshalb will ich vor der Hand zuerst mehr
Freiheit gewinnen, ehe ich ber mich bestimme. Bei Sophie denke ich diese zu
finden. Sobald das Wetter nur einigermaen ertrglich wird, eile ich zu ihr ins
Stift. Und dann! - und dann! - O mein Gott! wie schlgt mir das Herz vor
Entzcken; glauben Sie mir, das Verstndigere ist auch am Ende das Beste. So wie
es war, wre es doch nicht wieder geworden! Die Unbefangenheit ist hin! Der
frische Hauch verduftet. Im Sommer werden die Schatten auch dichter, und die
Natur ernster. Die hohen Blumen entwickeln sich langsamer, aber sie blhen
lnger.
    Der Frhling zaubert mit lachendem Uebermuthe seine ppige Welt zu unsern
Fen. Doch Zeit und Menschen gehen rasch darber hin. Der Augenblick der Jugend
mu rauhen Uebergngen und mhevoller Gestaltung weichen.
    Oft bleibt auch diese unvollkommen, und der lange Kampf war vergeblich. Man
erndtet dann die sparsamen Frchte mit um so grerer Sorgfalt, und will keine
verlieren.
    Sehen Sie es so an, Hugo! gleichviel, ob das Bild Ihnen passend dnkt. Mir
scheint es so.
    Bei Sophie also? Nicht wahr? Sagen Sie mir Ihre Meinung, sprechen Sie mit
der Verstndigen, und schreiben Sie mir bald.
    Ich bin ruhiger, nun ich Alles vom Herzen habe, was mich so unaussprechlich
qulte. Im Grunde frchte ich doch, Ihnen dadurch zu mifallen. Sie werden es
nicht so einsehen, wie es ist. Der Widerspruch mu Sie gerade jetzt, wo Sie ihn
nicht mehr erwarteten, verdrieen. Es ist natrlich, ich wrde auch so
empfinden. Mir steht Ihre Miene, Ihre Stimmung, Ihr trbes Versinken, Aufgeben,
Zagen und Verachten so deutlich vor der Seele! Ich wei es, ja, ich wei es
gewi, Sie verachten die Bercksichtigung, die mich leitet. Es ngstigt mich mit
jedem Augenblicke mehr, da sich die Absendung dieser Zeilen naht. Und doch! -
Ich kann es ja nicht ndern! O! sein Sie billig -! oder sein Sie nichts als gut
und zrtlich, und fhlen Sie, da ich leide.

                                 Hugo an Elise


Es mssen Briefe verloren gegangen sein. Sie antworten mir nicht, und doch sagte
ich Ihnen, da ich Sie in den ersten Tagen dieses Monats bestimmt erwarten, da
ich Ihnen in dieser Erwartung entgegenkommen, und Sie in Ihre neue Wohnung
einfhren wrde.
    Nun, ich bin denn auch wirklich bis zu dem letzten Gebirgsdrfchen, zehn
Stunden von hier, bei schlechtem Wetter Ihnen entgegen gereist, und habe acht
und vierzig Stunden in dem schlechtesten Gasthofe, der auf Erden ist, unter
Besorgni und Ungeduld zugebracht. Der Sturm, welcher auf einer Linie von
mehreren hundert Meilen in Ost und West zugleich wthete, machte den Aufenthalt
mitten im Winter, in der Waldschlucht, zwischen herabrollenden Felsstcken und
zusammenkrachenden Baumstmmen, zu dem abentheuerlichsten, den ich noch erlebte.
Auch blieb ich nicht ohne Abentheuer. Das furchtbare Wetter steigerte nur meine
Angst um Sie. Ich glaubte Sie so gewi auf der Reise. Ich sah Ihrer Ankunft
jeden Augenblick entgegen. Ich hatte nirgends Ruhe. Am Tage ging es noch
leidlich, man konnte wenigstens um sich sehen, die Menschen waren wach,
aufmerksam, bei der Hand. Gegen Abend, und der brach hier schon um drei Uhr
Nachmittags vllig ein, fielen die ersten Schneeflocken. Sie kreisten einzeln in
der Luft, ohne den Boden zu berhren, jetzt begann ein Brausen ber uns, als
rollte der Donner unablig, ohne irgend einen Zwischenraum, von scharfem Sausen
und ngstlichem Wimmern begleitet. Schnee und Regen strichen, in horizontaler
Lage, ber das Thal weg, unterhalb, in diesem war es ganz stille; die Natur
schien hier nicht zu athmen, in regungsloser Erstarrung sah sie dem wilden
Aufruhr der Elemente entgegen. Allmhlig schwankten die uersten Spitzen der
Fhrenwipfel, bald wurde diese Bewegung strker, die Wolken senkten sich, und
schneller wie der Gedanke, brachen die Bume krachend in ihren Wurzeln, rechts
und links fielen sie nieder, groe Zweige, vom Sturm gehoben, flogen in weiten
Strecken umher, wie weie Tcher wallte der Schnee zwischen den Schlften, man
sah nicht einen Schritt vor sich, der Strkste erhielt sich lnger nicht auf den
Fen. Alles flchtete in die Huser, das Vieh wurde unruhig in den Stllen, die
Schaafe und Rinder blckten und brllten, wie whrend einer Feuersbrunst, Pferde
hrte man wild stampfen, und frchterlich, als ginge die Welt unter, heulten
Haus- und Hofhunde. Niemand fand sich sicher in der leicht gebauten Wohnung,
Dcher wurden abgerissen, Sparren und Schieferplatten flogen umher, das
Hausgerth bebte, es war auch hier nicht auszuhalten. Ich warf einen Mantel
ber, lie die hindernde Kopfbedeckung zurck, und trat hinaus auf die Strae.
    Wo wollen Sie hin? rief mir der Wirth nach, Sie knnen leicht erschlagen
werden. Das kann ich hier auch, entgegnete ich, auf die wankenden Pfeiler und
zerbrochenen Thren zeigend. Ich kehrte mich nicht daran, und ging. Der Regen
strzte jetzt nieder, als habe der Himmel alle seine Schleusen geffnet, doch
ward der Sturm schwcher.
    Nun auch Wasser in die Huser! sagte ein Mann, der, sich umschauend, ein
Paar Schritte von einer Anhhe herunter kam. Der Bach schwillt mit jeder
Minute, die Brcke ist weggerissen, und die Furth weiterhin auch nicht mehr zu
passiren. Gnade Gott dem, der heute unterwegs ist! Hier kann er sein Grab
finden.
    Elise! brauch' ich Ihnen zu sagen, da mein Blut still stand, und ich einen
Augenblick, wie gelhmt, den Mann anstarrte.
    Das Lmpchen, fuhr dieser, immer nach der verhngnivollen Stelle
hindeutend, fort, das Lmpchen brennt zwar oben am Warnungspfahl in der
Laterne, aber die Postillone hier bei uns sind verwegene Kerls, bis diese an
Gefahr glauben, da mu ihnen schon der Abgrund vor den Fen liegen. Sie sttzen
sich auf ihre Erfahrung und trauen der Furth, die freilich festen Grund hat,
aber heute sollen sie wohl die rechte Stelle suchen. Ich bin gewi, lachte er
zuversichtlich, da liegt Baumstamm auf Baumstamm ber einander, und Felsstcke,
die der Regen vollends von oben herabgerissen hat.
    Was stehen wir denn hier! rief ich ungeduldig, Sie, Sie! geliebte
Freundin, mit allen Stimmen meiner Seele zurckzuweisen, zu warnen. Kommen Sie
doch, forderte ich Jenen auf. Lassen Sie uns Acht haben, da Niemand
verunglcke.
    Acht haben, da Niemand verunglcke? wiederholte jener ein wenig
spttisch. Wodurch sollten wir's wohl hindern? fragte er, zu mir gewendet.
Hinber auf die andere Seite kann doch Niemand jetzt, das sehen Sie ein.
    Ich sehe es nicht ein, unterbrach ich ihn. Im Kahne, und auch so, kommt
man durch die Fluth, und ist drben auf der Wacht, und verhtet, da kein
Anderer sich auf gut Glck wage.
    Thun Sie's! versetzte der Mann gelassen, wenn es Ihnen so leicht dnkt.
Er machte eine Bewegung, sich von mir zu entfernen. Aber das mu ich Ihnen noch
sagen, fgte er, um ein Paar Schritte nher tretend, hinzu, mit dem Bach ist
nicht zu spaen. Das Wasser ist verteufelt schnell, und vollends heute, wo der
Wind die Fluth in lauter Wirbel zusammen peitscht; wenn Sie nicht Ihrer Sache
sehr gewi sind -
    Das bin ich! Hren Sie, rief ich, ihn beim Arm fassend. Begleiten knnen
Sie mich doch wenigstens bis ohngefhr zu der gefhrlichen Stelle, und ein Paar
rstige Bursche mit Laternen werden sich doch auch zusammen bringen lassen, die
im Fall der Noth zur Hand sind und retten helfen? Ich klingelte mit meiner
Brse, und lie ihn gute Bezahlung voraussehen.
    Es ist nicht darum, sagte er, mich recht gut verstehend, denn kann ich
Jemand behlflich sein, so thue ich es auch ohne Lohn. Aber die Wahrheit zu
gestehen, ich glaube, ich leiste Ihnen einen schlechten Dienst, wenn ich Ihnen
den Willen thue. Was geschehen ist, das ist geschehen, und ein Dummer macht zehn
Andere klug.
    Was soll das heien? fuhr ich ungestm auf ihn zu. Das soll heien,
beantwortete er meine heftige Frage, da, wenn ich nicht sehr irre, vorhin ein
lauter Schrei von dort herber drang, und wer nun drinnen im Wasser liegt, doch
nicht wieder heraus kann!
    Allmchtiger Gott! Allmchtiger Gott! schriee ich, beide Hnde ber dem
Kopf zusammenschlagend, und fort, nach dem Bache strzend.
    Aber es ward mir nicht leicht, zu finden, wo dieser sein eigentliches Bett
habe. Auf funfzig Schritte umher war Alles berschwemmt. Ich konnte keine
Uferhhe unterscheiden, ich fand mich nicht in der Richtung, nicht in den
nchsten Gegenstnden zurecht. Luft und Wasser waren so bewegt, da Letzteres
schumte, sich in groen Massen vorberwlzend, wie ein breiter, ungeheurer
Strom. Ich stand eine Weile sinnend. Das Unwetter tobte noch immer, doch
vertoste es seinen Ingrimm mehr abwrts, und gestattete dem Blick hin und her,
die graubleiche Atmosphre zu durchdringen. Zu meiner Linken brannte das Licht
am Pfahl, der mitten in den Wellen stand und nur ohngefhr andeutete, wie weit
ich unter mir Grund suchen knne. Rechts, eine Strecke hinauf, mute die Furth
sein. Ich hatte das Auge fest dahin gerichtet, als mir vorkam, es bewege sich
etwas Weies ber die Wasserflche empor. Vielleicht war Jemand auf einen Baum,
oder einen abgebrochenen Stamm geklettert, um so ein Zeichen seiner Verlegenheit
zu geben. Ich wurde immer achtsamer. Jetzt schallte deutlich ein heller Ruf
durch die Windste. Hinber! Hinber! sagte Alles in mir; den Mantel abwerfend,
schwamm ich in Gottes Namen, dem weien Schimmer entgegen. Es ging leichter als
ich dachte. Die innerliche, heftige Bewegung gab mir ungewhnliche Kraft. Ich
war drben. Ein sonderbares Rasseln und Schnauben ohnweit der Stelle, wo ich auf
das Trockne gelangte, zog meine ganze Aufmerksamkeit sogleich dahin. Wagen und
Pferde, sagte ich mir, sind in falscher Richtung der Furth zugelenkt, in den
moorigen Tiefen eingesunken, oder zwischen Steinen und Baumwurzeln umgeschlagen,
zerschellt und vielleicht nur der unvorsichtige Fuhrmann am Leben geblieben.
Wer rief hier um Hlfe? schrie ich aus Leibeskrften.
    Ach Jesus, Hlfe, Hlfe! entgegnete mir eine Stimme in grter Angst. Wo?
wo? rief ich zurck. Hier! war die Antwort. Im Augenblick standen wir bei
einander. Ich erkannte an den Farben der Bekleidung in Jenem einen Postillon.
Wen hast Du gefahren? fragte ich zitternd. Eine Dame, sagte er in
sichtlicher Angst, dort liegt der Wagen zerbrochen, setzte er eilig hinzu. Das
mchte drum sein! denn es hat eben Niemand Schaden genommen, aber die Pferde!
die Pferde! die liegen bis an die Buche im Schlamm, und kein Peitschen, kein
Treiben bringt sie heraus. Sie knnen auch nicht, so lange sie angestrngt sind,
und ich kriege den Blitzkasten nicht in die Hhe, der ganz von der Seite
eingeklemmt, da liegt.
    Eine Dame! Weiter brauchte es nichts, um mich meiner Sache gewi zu
machen. Ich flog auf den verunglckten Wagen zu. Aber noch ehe ich bis dahin
kam, sah ich eine weibliche Gestalt ganz zusammengesunken auf einem Stein
sitzen, eine Andere, die neben ihr stand, schien um sie beschftigt. Elise!
Elise! rief ich, im Begriff, die Erstere zu umfassen. Eine fremde Stimme sagte
Italienisch-Franzsisch: Mein Herr, die Frau Aebtissin ist ohnmchtig vor Nsse
und Klte in meine Arme gesunken, knnen wir sie nicht bald von hier
fortschaffen, so stirbt sie. Die Andere lispelte in demselben Augenblick ein
Paar Worte, die ich nicht verstehen konnte, so leise wurden sie gesprochen. Doch
glaubte ich ein heftiges Zittern und krampfhaftes Klappern der Zhne an der
Unbekannten wahrzunehmen. Ob ich nun gleich in meiner Erwartung getuscht war,
so durfte ich dies unter diesen Umstnden doch nicht anders als ein Glck
nennen. Mit einer Art Dankbarkeit im Herzen, Sie, geliebte Freundin! nicht in
solcher Gefahr zu wissen, erbot ich mich, die Dame in einem Fischerkahn, welchen
ich, an einer umgestrzten Weide geknpft, im Schilfe entdeckt hatte, hinber zu
fahren, wenn sie sich mir anvertrauen wolle.
    Jene stand mit seltsamer Heftigkeit von ihrem Platze auf, und ohne etwas zu
sagen, versuchte sie, dahin zu folgen, wohin ich sie geleitete. Es zeigte sich
aber bald, da sie unfhig war, einen Schritt zu thun; ich nahm sie daher auf
meinen Arm, und setzte sie sanft in das flache Boot, das der Postillon und ein
alter italienischer Diener mit Mntel und Decken belegt hatten. Ich ergriff das
Ruder, und stie, mit der Versicherung, den Zurckbleibenden bald Hlfe
zuzusenden, vom Ufer ab. Sonderbarer war nicht leicht eines Menschen Lage!
Mitten auf dem unwillig gehorchenden Elemente, allein mit einem unbekannten
Wesen, das lautlos, dicht in Mantel und Schleier gehllt, geisterartig da sa,
und durch Nichts ein lebendiges Dasein verrieth, als durch jenes fieberhafte
Zittern, und von Zeit zu Zeit durch einen tief aus dem Herzen gehenden Seufzer.
Sie kennen meine Empfnglichkeit fr grauenhafte, geheimnivolle Eindrcke. Ich
fhlte meine Brust beklemmt, und war doppelt froh, als ich sah, da mein
Beispiel Mehrere im Ort anfeuerte, und man mit Khnen und Laternen
herbeiruderte; die Leute der Dame erreichten uns, als wir angelegt hatten. Beide
Frauen dankten flchtiger, als es meine Bemhungen wohl verdient htten. Ich
machte nichts daraus, zufrieden, sie gerettet, und in einem abgelegenen
Kmmerchen in Sicherheit zu wissen. Des andern Morgens waren sie, ehe ich noch
erwachte, auf und davon. Schmid und Stellmacher muten die ganze Nacht arbeiten,
um den Wagen wieder herzustellen. Sie dachten an nichts, als nur fortzukommen.
    So ist die Welt! Jedweder in ihr sieht sich und was ihm eben wichtig dnkt.
Elise! ich dachte an Sie, und verga bald das Vorbergehende. lohnen Sie mich
fr die Prfungen dieser Stunden durch Ihre baldige Ankunft an einem schnen,
sonnenhellen Tage.

                         Sophie an die Oberhofmeisterin


Sie untersagen mir, liebe Freundin! den verhaltenen Ton Ihrer Seele auch nur
entfernt anzurhren. Und doch schreiben Sie mir, und wollen, da ich Ihnen
antworte?
    Sie haben im Grunde recht, so widersprechend es scheint. Kenne ich Sie doch
bis in die kleinste Bewegung Ihres Innern! und Sie wissen, da ich Sie so kenne.
    Der Ton bedarf keiner Berhrung, um zu klingen. Jeder Laut, jeder Athemzug
in Ihnen geht aus ihm hervor!
    Doch wozu auch diese Worte!
    Sie sind zurckgekehrt an den Hof! Sie wollen dort bleiben! Es berraschte
mich, als ich es erfuhr. Sie wollen sein, wie Sie sind? oder erscheinen, wie Sie
sich geben? Vielleicht beides. Dem sei nun, wie ihm wolle, so viel
Selbstberwindung ist erstaunenswerth. Was mich inde noch mehr berrascht, ist
Ihr Interesse an dem, was Sie nur schmerzlich bewegen, und in die Heiligkeit der
Trauer, bittere, herbe Empfindungen zu mischen droht.
    Ich erschrack fast, da ich Ihre Fragen nach Hugo und Elise, nach dem
Verhltni beider, und ihren Plnen fr die Zukunft, las.
    Ist das ein Gegenstand, der Sie beschftigen kann? Verzeihen Sie mir, wenn
ich den Grund dieser Theilnahme nicht sanftern Gefhlen zuschreibe.
    Wenn ich vielmehr frchte, es lebe darin noch ganz die leidenschaftliche
Eifersucht fort, die keine schnere Sorge mehr rechtfertigt, und weniger der
Liebe als dem Hasse angehrt.
    Ja, gestehen Sie sichs nur immer selbst, es verlangt Sie, von dem
peinlichen, ungnstigen Geschick der hart Gedemthigten, von Elisens zerstrtem
Frieden, ihrer frh gewelkten Jugend, von Hugo's schwankendem Umhergreifen,
seinen Kmpfen und inneren Plagen zu hren.
    Was wollen Sie damit? Die Ueberzeugung gewinnen, da hier das Leben nichts
ausgeglichen, nichts anders gemacht htte? und der Tod zu segnen sei, der das
reinste Opfer auf einen Streich fallen lie? Die Ueberzeugung hatten Sie lange.
Nein, Sie wollen nicht ruhiger werden, Sie stacheln die unbequemste aller
Regungen, die Migunst in sich wach. Vergessen Sie, da Niemand mehr, als Sie
selbst darunter leiden?
    Und wenn sich nun Alles anders fnde, als Sie es finden mchten? Wenn Hugo's
unstter Trieb nach uerer Beschftigung sich in geordneter Wirksamkeit
befriedigte, er auf seinem Platze feststehend, die Pflichten bte, die Welt und
Beruf von ihm fordern? Wenn er dem Wohlthter dankbar, jeden andern Wunsch
opfernd, nun bemht wre, sein einsames Alter zu erheitern? Wenn stille, ernste
Trauer jene unfruchtbare Melancholie verscheucht, und die unselige Heftigkeit
ungehriger Liebe sich in Beiden zu ruhig entsagender Freundschaft umgewandelt
htte? Wrde es Ihnen gengen? wrde es Ihnen den Trost geben, den es doch geben
sollte, da ein heftiger Sto Alle wieder ins Gleichgewicht brachte? Und in
Wahrheit, liebe Freundin! es kann so sein, es sieht fast darnach aus. Wenigstens
verhlt es sich mit Hugo's uerm Thun, wie ich Ihnen sagte. Er baut, pflanzt,
verschnt auf seinen Gtern, was diese verbessern, und den Ansprchen an
Veredlung Genge thun kann. Er entfernt sich nur auf kurze Zeit von der Burg,
spielt Abends Schach mit dem Oheim, besucht die Nachbarn, und hat sonst mit
Niemanden Verkehr. Elise ist bei ihrer Tante. Man wei nichts von ihr zu sagen.
Ganz krzlich erzhlte man, fr sie sei der Bau in Wehrheim, sie werde dort
einziehen. Auch das hat sich nicht besttigt; ob man gleich Tag und Stunde ihrer
Ankunft bestimmte, sind Wochen vergangen, ohne da sie kam, und das Gercht
schweigt allmhlig. Selbst ich hatte lange keine Nachricht von ihr. Es scheint,
sie beschrnke sich ganz auf die einfrmige Thtigkeit huslichen Stilllebens,
und zeige, da sie kann, was sie will.
    Wie geringe Ausbeute wird mein Bericht Ihren Nachforschungen geben, liebe
Freundin! Werden Sie es nicht bereuen, sich deshalb an mich gewendet zu haben?
    Eins, gleichwohl mu ich hier noch erwhnen, das in seiner lustigen Naivett
weit eher geeignet ist, Ihren Witz als Ihre Galle zu reizen.
    Die bewegliche Grfin Ulmenstein ist jetzt unsere eifrigste Anhngerin
geworden. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem armen, guten Comthur in
seiner tdtenden Einsamkeit Gesellschaft zu leisten, ihn aufzuheitern, sein
Vertrauen mit allen Waffen liebkosender Schmeichelei zu erobern, Hugo zu
interessiren und mich zu berraschen. Der Eifer, mit dem sie dies Vorhaben ins
Werk richtet, lt sie vergessen, da man sie kommen hrt, und Niemand getuscht
wird. Ich mute lachen, als sie, gleich nach ihrer verspteten Ankunft auf dem
Lande, zu mir eilte, fragte und weinte, trstete und sich hoch und theuer
verma, die unerhrte Bosheit der Welt durch die allerlebhafteste Darstellung
der Wahrheit zu Schanden zu machen. Sie entwickelte dabei so viel zrtliches
Mitgefhl, so scharfsinnige Billigkeit, sie steigerte sich in den vertrauenden
Herzensergieungen von Moment zu Moment mehr, und verlie die Scene mit so viel
Wrme, da sie, ber sich selbst getuscht, auch mich getuscht zu haben
glaubte.
    Leichter, gesellig anziehender, hat sie es auf der Burg getrieben, wo sie
als gute, alte Nachbarin, als Frau von gar keinem Gewicht, und hinaus ber alle
Rcksichten, ohne alle Umstnde einen Ueberfall wagen durfte, sich fest sprach,
Niemand los lie, und damit endete, sich die Erlaubni zu nehmen, Nchstens, und
nach diesem Nchstens, fter und immer wiederkommen zu drfen.
    Sie war auch in Wehrheim. Sie spricht mit Extase von dem neuen Schlosse. Ein
junger Architekt, der sie umherfhrte, ward andern Tages ihr Gast zu Mittage.
Sie ging in jede Einzelnheit mit lebhafter Aufmerksamkeit ein. Nichts schien ihr
zu gering, um es nicht herauszuheben.
    Auf der andern Seite wollte sie es inde auch nicht mit dem Prsidenten, mit
dem Hofe, und ganz besonders mit der Frstin Mutter verderben, deshalb versumte
sie nicht, den kleinen Georg bei seiner Pflegerin aufzusuchen. Die Art, wie sie
sich ber das liebe Kind erweichte, es einen Engel nannte, dabei bald weinte,
bald lachte, mu etwas Theatralisches gehabt haben, denn die Kinder des Amtmanns
spielen seitdem immer Grfin Ulmenstein, putzen sich auf das Tollste heraus, und
verdrehen zum Hauptspa der Erwachsenen, Mienen und Geberden unter dem Sprechen.
Was Kinder nicht alles herausfhlen! denn geradezu zur Schau hat sich die Grfin
bei dem Allen nicht gestellt. Dazu ist sie in der Welt zu gut zu Hause. Es mu
daher in der Unwahrheit liegen, die immer ihre Widersacher in dem natrlichen
Menschen findet. Weiter reicht mein Neuigkeitsvorrath nicht. Wenn ich vielleicht
ungeschickt im Beobachten und Combiniren bin, so lassen Sie mich's nicht
entgelten. Entziehen Sie mir nicht ganz Ihr Vertrauen.

                                 Hugo an Elise


Ist es mglich? - O es ist mehr als das, es ist wirklich!
    Sie waren schon vllig entschlossen, meine Hoffnungen zu zerstren, als ich
deren Erfllung in der Unschuld des Herzens ganz gewi zu sein glaubte?
    Nein, das ist wahr, daran hatte ich nicht gedacht, da Sie der Meinung,
diesem Vexirspiegel der Vernunft, so groe Rcksichten schuldig wren. Verzeihen
Sie mir dies; sehen Sie, es liegt wohl daran, da ich keine Tante zur Seite
habe, die solche Feenknste mit mir treibt. Es ist zu bewundern, wie diese Frau
ihre Gaben versteckt hlt! Wahrhaftig, sie hat Sie ganz bezaubert.
    Nur schade, da auerhalb dem geweihten Kreise solche Beschwrungsformeln
leicht etwas Albernes und Triviales bekommen. Ich erschrack fast, da ich sie
las, doch mehr ber mich, als ber die Worte, denn ich konnte keinen Sinn darin
finden.
    Sie htten mich vorbereiten sollen. In meiner Unbefangenheit war ich nicht
zu bestechen!
    O Elise! auch Sie, auch Sie! - Welch' unseliger Hang zur Sklaverei liegt
denn im Menschen, da die erste, die beste gelufige Weiberzunge Sie aus Ihrer
Ueberzeugung hinausschwatzen, und Ihre klare Festigkeit, Ihre Erkenntni,
kleinlichen, krausen Irrthmern unterliegen konnte!
    Zum zweitenmale opfern Sie, aus miverstandener Mutterliebe, die heilige
Wahrheit Ihres Herzens, und glauben sich einen Sieg abzugewinnen, wenn Sie
besiegt werden.
    Weshalb ich den Knaben Georg an Ihr Herz und Gewissen legte? sonderbare
Frage! weil ich ihn liebe, weil ich daran denke, da er ein Mann werden, und es
nicht begreife, wie aus verzrtelter Schonung ein starker Gedanke entspringen
kann.
    Was haben Sie denn fr das Kind gethan, als Sie Alles, auer der beengenden
Furcht vor des Himmels Strafe, vergaen, und diese Furcht die Wortfhrerin Ihrer
eigenen Anklage sein lieen?
    Unseliger Augenblick! Sie zerrissen mein Herz, wie das Ihrige, und des
Knaben Geschick! Den Himmel werfen Sie auf die Erde, und gnnen dieser, ein Ding
nach ihrem Gefallen daraus zu machen. Wie hart hat sie die rohen Hnde angelegt,
und den reinen Hauch zweier Seelen zu einem Schreckbild der Snde
zusammengeballt!
    Nach dieser entscheidenden Stunde war nichts mehr fr die Meinung zu thun,
die war mit dem Geschehenen zugleich da. Zu vernichten ist sie so wenig, als
jenes ungeschehen zu machen.
    Was erwarten Sie nun von dem Jngling, dem Manne Georg, wenn Sie ihn in
krnkliche Vorurtheile einwiegen, beschrnktem Eifer Zeit lassen, seinem Auge
die Richtung zu geben, auf welcher es Ihnen, Elise! nicht ohne Befremden
begegnen kann? Gesund und hell, wrde der Kleine noch jetzt gelernt haben, die
Dinge zu sehen, wie sie Wahrheit und Natur ihm zeigen, htte er die Mutter
wiedergefunden, so wiedergefunden, wie sie ist, nicht wie die armselige Klugheit
des Vorurtheils sie umzuschaffen droht.
    Ist es mglich! wiederhole ich noch einmal, liegt gleich die Wirklichkeit
durch Brief und Siegel vor mir. Auch Sie also! Glauben Sie mir, Sie werfen das
ganze Leben, Ihr Leben weg! Und was geben Ihnen die klugen Freunde dafr?
    Es ist eine verbrauchte Art, sein unwilliges Erstaunen ber irgend eine
Enttuschung auszudrcken, wenn man sagt: Ich bin aus allen meinen Himmeln
gefallen! Aber Vieles, das verbraucht und abgenutzt ist, pat dennoch bei
Gelegenheit. Ich bin wahrhaftig aus meinem Himmel heraus!
    Daher kommt es auch wohl, da ich Ihre jetzige Sprache nicht recht verstehe,
und das Bild von Frhling und Sommer, von Blthe und Erndte, und was Sie von
sparsamen Frchten, in Bezug auf die Augenblicke unseres Beisammenseins, sagen,
nicht recht anzuwenden wei. Ich habe immer die Unart gehabt, unvollkommen
gebliebene, in den Sand gefallene Frchte unbeachtet liegen zu lassen,
vielleicht, weil mir die glnzenden, goldenen Aepfel des Paradieses vor Augen
schwebten.
    Arme Freundin! welchen Ersatz bieten Sie sich, wie mir! Zu dem
Stiftsfrulein ins Kloster nthigen Sie mich! Da, zwischen den doppelten Mauern
alter und neuer Vorurtheile, denken Sie den gttlichen Traum freier Gemeinschaft
heiliger, umfassender Freundschaft ins Leben zu rufen? Da hoffen Sie mich, da
hoffen Sie sich wieder zu finden? Von den schief hineinfallenden Strahlen der
gesunkenen Sonne sollen wir Lebenswrme betteln? O tausendmal lieber das
Vergangene trumen, als an dieser entzauberten Wirklichkeit erfrieren!
    Alles ist hier entzaubert! Alles! darum, wenn ich Ihnen rathen soll, bleiben
Sie, wo Sie sind. Sie wrden sich nur herbe Eindrcke bereiten.
    Ihr ehemaliges Eigenthum finden Sie in fremden Hnden. Es ist verkauft, oder
was sonst mit geschah! Genug, wie ich neulich vorber ritt, standen die Fenster
offen, ich sah berrascht hinein. Ein fremdes, scharfes Gesicht blickte zu mir
auf. Es gehrte einer ltlichen, kranken Italienerin. Die wohnt hier, lie ich
mir im nchsten Dorfe erzhlen. Mein alter Freund, der Gartenknecht, ist
verabschiedet; ein kleiner, krummer, verschmitzter Franzose ist an seiner
Stelle; die Gartenwege sind so eben, so geschnrkelt, da man gleich sieht,
keines Menschen Fu betritt sie den ganzen Tag.
    Ich mute lachen, wie ich die Fratzen sah! Giebt es eine tollere Ironie auf
die vergangenen Tage, als diese neuen Bewohner Ihrer Zimmer, Elise?
    Ich lache noch darber, und in dieser spahaften Stimmung kann ich Ihnen
nichts Besseres wnschen, als da Sie es auch nicht schwerer nehmen. Es ist eine
Welt darnach, glauben Sie mir.

                                    Antwort


Sie sind ein Mann wie Alle! Hart, wenn ein anderes Empfinden dem Ihrigen
entgegentritt, klein und verzweifelnd im Augenblick des Milingens gefater
Plne, unfhig, Widerspruch zu ertragen, noch unfhiger, ihn zu verstehen.
    Was Sie mir sagen, kann wahr sein. Wie Sie mir's sagen, haben Sie mir auf
unverzeihliche Weise wehe gethan.
    Ich werde das verzeihen, ich wei es. Doch zu vergessen ist solch' Mikennen
nicht. Wre das mglich, wenn Sie zu lieben wten? Hatten Sie auch nur groe
Worte und enge Gefhle, Hugo? Ist Freundschaft fr Sie, wie fr Andere, nichts
als klingende Schellen und tnendes Erz? Wo ist das Vertrauen und die Hingebung
von dem, wie wir Beide trumten?
    O Sie haben vollkommen recht. Besser, die Erinnerung zur Gegenwart machen,
als der entzauberten Wirklichkeit gegenberstehen.

                                 Curd an Elise


Sie haben mich fortgeschickt. Klger, verstndiger, wenigstens hofften Sie,
werde mich die Entfernung machen. Cousine, Sie hofften das nicht. Sie wollten
mich nur weit weg wissen, um das Uebrige kmmern Sie sich wenig.
    Ich begreife gar nicht, was Ihnen die Vorstellung von mir, wie von einem
leichtsinnigen Menschen giebt. Weil ich ein sorgenloses Leben, lustige
Gesellschaft liebe, unntze Grbeleien hasse, die Dinge sehe, wie sie sind, mir
und Andern nichts vorlge, deshalb werfen Sie mich bei Seite, und thun, als wenn
ich kein Herz und kein Gefhl in der Brust htte. Wahrhaftig, Sie vergessen, da
ich doch auch ein Mensch bin, und so gut wie ein Anderer, meine Ansprche auf
Achtung mache.
    Gehen Sie, guter Curd! sagten Sie mit dem fatalen Gleichmuth, der mich
toll machen knnte. Gehen Sie nur wieder zurck nach der Stadt, das wird sich
Alles geben.
    Was darin fr ein hochmthiges Wegwerfen, fr eine Anmaung liegt!
    Als wenn Sie sich auch jemals die Mhe gegeben htten, zu erfahren, wie es
in mir aussieht! Sehen Sie, darin sind Sie gerade so stolz und vornehm, Elise!
wie die groe Welt, die Sie verachten. Es nennt keiner dem andern seines
Gleichen, der nicht von seiner Farbe ist. Ob das uns Weltkindern nun wrtlich
gilt, und bei Ihnen figrlich, dies kommt auf eins heraus. Was haben Sie denn
jetzt wohl Gutes an mir gethan, da Sie mich in den Strudel zurckschicken, von
dem Sie doch eigentlich so groe Gefahr fr mich frchten? Glauben Sie wirklich,
da mich jedes Aeuerliche unwiderstehlich fortreit, ist es denn recht, mich
dem Preis zu geben? Gestehen Sie es nur, es wre ein Triumph fr Sie, wenn ich
darin umkme!
    O Sie sind hrter und egoistischer, als die, welche Sie verdammen!
    Darin haben Sie recht, man wird am Bequemsten mit den Leuten fertig, wenn
man sie so niedrig stellt, da man ber sie wegsieht. Aber das knnen Sie bei
allem dem nicht, wahrhaftig nicht, Cousine! Ich will es Ihnen beweisen. Wie?
wenn solch' ephemeres Geschpf nur einen einzigen Augenblick den Kopf erhbe,
und Sie fragte: Ist dein Stolz Wrde oder Dnkel? mten Sie nicht antworten?
und was wrden Sie antworten?
    Frher beleidigten Sie mich sehr oft, jetzt krnken Sie mich. Sie waren
schn, ich verzieh' Ihnen. Sie sind vielleicht noch schner, ich kann Ihnen
nicht mehr verzeihen. Was liegt denn auch so Unerhrtes, so Vermessenes darin,
da ich mir's einfallen lasse, Sie zu lieben? da ich mir's gestehe? und bei dem
natrlich vertrauten Umgange unter nahen Verwandten, im einsamen, lndlichen
Beisammensein, Ihnen davon mehr verrathe, als Sie hren wollen? Sagen Sie doch,
verdient das Spott? Verachtung?
    Sie wrden unvorsichtig handeln, wenn ich wre, wofr Sie mich halten. Ich
bin ganz anders. Sie thun mir wehe, ohne sich zu schaden.
    Hier haben Sie immer einmal unrecht. Entweder Sie sind so scharfsinnig, als
Sie es zu sein glauben, dann hren Sie auf, consequent zu handeln, oder Sie
untersttzen mich, und dann luft Ihre Gte Gefahr, verkannt zu werden.
    Ich mache Verstand! werden Sie einmal wieder gelangweilt sagen. Es kann
sein. Aber wie soll ich denn mit Ihnen sprechen? Gar nicht! hre ich Sie
schnell einfallen. Sie lachen dabei, und reichen mir gutmthig die Hand. Ach
Cousine! wenn Sie lachen - Sie wissen, der Himmel liegt dann auf Ihrem Antlitz.
    Es ist zum Verzweifeln, da ich gerade immer dies Lcheln sehe.
    Wre meine Mutter nicht gewesen! Die hat mich zum vollendeten Thoren
gemacht! Wten Sie, Elise! was die denkt, wnscht, zu hoffen wagt! - Hoffen!
Mein Himmel, wer das vermchte!
    Sie htte es nicht aussprechen sollen! Solch' lautes, vollstndiges Wort, es
kann einem ganz irre machen. Man wird es nicht wieder los.
    Ich wollte es nicht hren. Ich drngte es zurck. Warum denn aber nicht?
fragte die gute, liebevolle Frau. Cousine, dies warum denn aber nicht, klingt
mir immerfort in den Ohren, es fhrt wie ein Ton aus der Luft, wenn ich gar
nicht daran denke, pltzlich vorber, und scheint immer ernsthafter meine
Vernunft, mein Urtheil, mein Gefhl zu befragen.
    Liebe Elise, Sie stehen allein! Die ganze Welt ist gegen Sie. Wer Sie halten
knnte und sollte, der verweist Sie auf Ihre eigene Festigkeit und Strke, aber
es ist einer Frau nicht mglich, alle die Pfeile abzuwehren, die von nahe und
fern auf sie gerichtet sind. Sie denken das nicht so. Wenn es inde nun noch
dahin kme, wenn Sie es nicht lnger ertrgen, wenn Sie sich vergeblich nach
Hlfe sehnten, wenn Sie fliehen, und verfolgt, erkannt, fremden Beistand suchen
mten? Cousine! Cousine! bedenken Sie es wohl, es kann dahin kommen! wrde
Ihnen meine Hand dann nicht eben so lieb sein, wie die eines Andern?

                                Elise an Sophie


Rumen Sie mir, Beste! ein Winkelchen in Ihrer Wohnung ein. Lassen Sie mich
verborgen, heimlich, vor aller Welt versteckt, da leben, bis es aus ist mit dem
Leben, bis Alles vorbei, oder Alles gro und frei wieder geboren ist. Hier kann
ich nicht lnger bleiben! Auch allein kann ich mich nicht ertragen!
    Ich schreibe Ihnen nur dies, und da ich komme! Die Tante! - Curd! - Werden
Sie es glauben? Aber hiervon mndlich, es ist gerade so viel, um das Ma voll
und die Pflegerin unertrglich zu machen.
    Doch Hugo! Hugo! Ich lese den tiefen, versteckten Argwohn in seiner Seele. -
Er frchtet -! Kann er glauben, da ich ihn, wie unsere Bestimmung, so verkenne!
- Nein, hiervon kein Gedanke in meiner Seele. Und wenn auch er - es bliebe doch
unmglich!
    Hlt er mich eines Kunstgriffs fhig, um ihm eine Erklrung abzugewinnen? -
Gott! mein Gott! so niedrig denkt er von mir!
    Wenn ich es einrichten kann, bin ich in sptestens vierzehn Tagen bei Ihnen.
Bis dahin - bis dahin? - Was das fr Worte sind! was da eine Zeit, mit allen
ihren Bedingungen darin liegt! Ich frchte jetzt Augenblicke. Ein Jeder dehnt
sich, und wird an Gewicht inhaltschwerer! Und dann, das dahin! wie doppelsinnig!
es zeigt vor und zurck!
    Ja wohl, dahin! dahin!

                             Sophie an den Comthur


Ich konnte Ihnen gestern Abend nichts mehr ber meine Unterredung mit Ihrem
Neffen sagen. Sie waren zu eilig, die Grfin zu geschwtzig, ich, weder
aufgelegt noch unbefangen genug, Gelegenheit zu besonderer Mittheilung zu
suchen. Sie erfahren ohnehin nicht viel Erwnschtes. Es blieb ein verfehltes
Unternehmen. Hugo, einsilbig und unzugngig, wie Sie ihn kennen, wenn er etwas
anders im Sinn hat, hrte mich nicht kommen, und ich durfte mich durch nichts
verrathen.
    Da er bei mir war in Ihrem Auftrage, mit der Einladung: Sie Abends in
Ulmenstein zu treffen, gab mir Veranlassung, von Ihnen zu sprechen. Ich freute
mich Ihres Wohlseins, und da er so liebevoll die Pflege des Oheims bernommen
habe. Er lchelte mit halbem Munde, lie mich reden, und hub, whrend einer sehr
natrlich eintretenden Pause, an: Sagen Sie mir doch, wissen Sie nichts Nheres
von den Leuten drben, die in des Prsidenten Hause wohnen?
    Nicht ein Wort, entgegnete ich. Er versank in stummes Nachsinnen. Wie
kommen Sie hierauf? fragte ich, berzeugt, hier unmittelbar an seine
Gedankenreihe anknpfen, und das Gesprch auf Elise fhren zu knnen.
    Durch eine Zuflligkeit, versetzte er gleichgltig. Ich sah ihn ungewi
an. Ach mein Gott! fuhr er in seiner matten Lauheit fort: Es ist in der Welt
Gottes nichts, als der flchtige Zufall, da ich krzlich auf ziemlich besondere
Weise jenen Unbekannten begegnet sein knnte.
    Er vermied, sich deutlicher zu erklren, indem er eilig hinzusetzte. Es war
whrend dem letzten groen Sturm, wo ich Gelegenheit fand, Reisenden einen
Dienst zu leisten, Auslnder, einer vornehmen, geistlichen Dame, die durch den
Schreck des milichen Augenblicks oder durch Krankheit, in fast abwesender
Gemthsverfassung zu sein schien.
    Heute hrte ich, drben sei eine menschenscheue Italienerin eingezogen,
welche Nachts, und nur bei Mondenlicht, ihr Zimmer verlasse, und auch dann nur
verschleiert umher gehe. Man habe sie nach nrdlichen Climaten geschickt, und
mit einem Aufenthalte in hiesiger Gegend angefangen, um sie nach und nach an
rauhere Uebergnge zu gewhnen. Vor wenigen Tagen sei ein alter Geistlicher dort
gewesen, der hierauf zu den Remonstratensern ging, mit denen die Dame wohl auch
in Verkehr stehe. Ich kombinirte Manches aus der Erinnerung des Reiseabentheuers
und - er zog die Schultern mit einigem Selbstbesptteln in die Hhe. Und,
lchelte er, ward neugierig auf die fremden Gste. Er schwieg hier, ein wenig
dster vor sich hinsehend.
    Diese kleine Episode hatte mich vllig von dem eingeschlagenen Wege
abgebracht, ich wei nicht, weshalb mir Hugo heute berall finsterer und
befangener, als seit langer Zeit vorkam. Ist es Elise, die ihn beschftigt?
dachte ich, so wird er mich verstehen, wo nicht, so lt er es gut sein und
denkt nicht weiter daran.
    Das Schlo in Wehrheim, hub ich deshalb ohne sonstige Einleitung an, es
ist nun vollkommen fertig? Bis auf einige Kleinigkeiten im Innern, ja,
entgegnete er. Wissen Sie, sagte ich lachend, da man Sie schon mit einer
zweiten Gattin dort einziehen sieht? Eine unwillige Falte flog auf seine
Stirne, als er mit der Antwort zgernd, durch ein kurzes, abstoendes Hm! die
Aeuerung bei Seite warf.
    Halten Sie das fr so unmglich? fragte ich hierauf. Unmglich! ganz
unmglich! entgegnete er bestimmt. Er sagte das mit mehr Wrme und Heftigkeit,
als er sonst in das gesellige Gesprch hineintrgt. Die Ungeduld hatte ihn von
seinem bisherigen Platze aufgejagt. Er ging einigemale durch das Zimmer, dann
wandte er sich, blieb vor mir stehen, und meine Hand ergreifend, lchelte er ein
wenig scharf, wie mich dnkte, indem er uerte: Er wolle nicht forschen, wie
ich zu der Frage komme! doch htte ich unrecht, das mchte ich glauben.
    Er ging. Ich rief ihm nach, sich deutlicher zu erklren, ich verstehe ihn
nicht. Schon in der Thre trat er ein Paar Schritte zurck. Liebe! bat er,
verhten Sie, da irgend Jemand an dies verschobene Geschick rhre. Ich bin
nicht glcklich zu machen, setzte er ernsthaft hinzu. Wie ich es sein knnte,
begreift Niemand, darum bleibt es ein Ideal! Und Ideale, lachte er, das ist ja
schon oft gesagt, die passen nicht in die Wirklichkeit.
    Es lag Bitterkeit in seiner Miene, wie in dem Ton der Stimme. Darum hielt
ich ihn auch nicht lnger, als er mich ziemlich eilend verlie.
    Sie sehen, lieber Freund! ich bin nicht glcklich in meinem Versuch gewesen.
Ich frchte auch, wir drfen ihn nicht wiederholen, wenn wir uns nicht um alles
Vertrauen bei Ihrem Neffen bringen wollen. Und ehrlich gesprochen, was hoffen
Sie im Grunde Ihrer Seele? Ich wei nicht, die Zukunft kann mir bei Hugo niemals
einfallen. Es ist, als wenn er keine htte. Wenigstens suche ich den Faden
vergebens, durch den sich Fortgang und Reife im Leben entwickeln.
    Sie wollen hier die Eigenthmlichkeit nicht bercksichtigt wissen.
Nothwendig nennen Sie den Schritt, den die voreilige Strung wieder mit
gesetzlicher Ordnung ausgleicht. Hugo sei Elisen ein Opfer schuldig. Er msse
sich durch sie vor der Welt herstellen.
    Lieber! anders denkt der Mann, anders fhlt die Frau. Glauben Sie mir, Elise
pat noch weniger, als Emma fr ihn; und leicht knnte das zweite Aergerni
durch die Leidenschaftliche schlimmer werden, als das erste. Ich mag hierin
irren. Doch lassen wir der Zeit ihren Lauf. Zudem ist fr jetzt in der Sache um
so weniger etwas zu thun, als ich Ihrem Neffen eine gewisse, geheimnivolle
Unruhe anfhle, die ich nicht zu erklren wei. Elise ist es nicht, die ihn
beschftigt. Ueber sie scheint er in sich uneins. Er vermeidet, von ihr zu
reden, vielleicht deutlich ber sie zu denken. Wir knnten ihn wohl gar von ihr
entfernen, indem wir Beide zu vereinen streben.
    Wenn ihm aber die augenscheinliche Unruhe nicht durch sie kommt, was hat er
denn?

                                Sophie an Elise


In diesem Augenblick erhalte ich Ihre Zeilen. Liebste, Beste! wie schmerzt es
mich, Sie um Aufschub Ihrer Herreise bitten zu mssen. Mein Gott! Sie werden das
fhlen. Ich kann nicht frchten, da Sie mich miverstehen, ja, ich sollte es
fordern drfen, da Sie mir ohne Weiteres vertrauten, wenn ich mir's abgewnne,
Ihnen zu sagen, es sei jetzt kein Zeitpunkt fr Ihre Anwesenheit bei mir. Doch,
Sie wrden nur forschen, grbeln, und sich qulen, also - die Oberhofmeisterin
droht mit ihrer Ankunft. Sie will - ich wei nicht was? Ich kann ihren Brief
nicht verstehen. Er ist dunkel, unruhig, schroff, wie sie selbst. Genug aber,
sie will kommen, zu mir kommen! In einem Auftrage, wie sie sagt.
    Es ist unmglich, da Sie beide hier zusammen treffen. Niemanden wird das
mehr einleuchten, als Ihnen. Es wre deshalb auch nicht ein Wort weiter ber
meine zurckweisende Antwort Ihres Briefes zu sagen, wre dieser Brief nicht,
wie er ist.
    Nein, in keinem Augenblick Ihres erschtterten Lebens haben Sie mir so ganz
vernichtet, so fassungslos, so - lassen Sie mich's sagen, so herabgeworfen von
Ihrer klaren Hhe, geschrieben. Ist es denn wahr, da auch Ihnen der Muth sinkt,
und die Schwungkraft des Geistes weniger dem Sturm als der entnervenden Schwle
erliegt.
    Es reicht hin, das Ma voll und die Pflegerin unertrglich zu machen,
sagen Sie in einem Tone unwilliger Kraftlosigkeit, die mich erschreckt.
    Liebe! Gute! wo sind Sie hingerathen mit Ihrem Geschick, mit sich, mit den
nchsten Freunden? Die Tante meinen Sie, und Curd und Hugo. Sie deuten Alles nur
leise an, aber es lt sich errathen, was die einfache, redliche Verwandte
wnscht, was der beschrnkte Sohn mchte - doch Hugo? - Nur er hat Sie wohl so
ganz aus dem Gleichgewicht gerissen. Mit den beiden Andern, dchte ich, wrden
Sie leicht fertig. Wenn er aber! - Was wollen Sie denn hier, Elise? Sind Sie
nicht einig mit dem Freunde, so sind Sie es noch weniger mit sich. Leicht mchte
dann der unerwnschte Aufschub ein Gewinn sein. Betrachten Sie es so. Befreien
Sie die befangene Seele von den Banden des Augenblicks. Sehen Sie ber diesen
weg. Sammlen Sie, o sammlen Sie den lieben, hellen, schnen Geist, senken Sie
ihn nur einmal in den heiligen Quell zurck, von dem er ein armes, kleines
Trpfchen ist, das so oft der Erneuerung bedarf.
    Meine beste Elise! ich sage Ihnen nichts mehr, kein Wort, aber heie Thrnen
kosten Sie mich! Mute denn die heitere Jugend so frhe altern?

                                    Antwort


Zu spt! Ihr Brief trifft mich hier in *** wo er mit mehrern andern gemachten
Vorkehrungen zufolge, auf der Post meiner Abholung wartete. Umkehren? jetzt
noch? hier? Ich kann es unmglich! Wrden Sie es knnen? wrden Sie? Denken Sie
doch nur, so nahe bei ihm, so nahe bei Georg! Nein, unmglich! unmglich!
    Da ich Ihre Gastfreundschaft unter solchen Umstnden nicht in Anspruch
nehmen werde, versteht sich von selbst. Aber wohin sonst? Ich sitze hier und
sitze -
    Nein, ich sitze nicht einen Augenblick auf einer Stelle. Das Blut kocht mir
in den Adern, mein Herz schlgt ungestm. Ich laufe im Zimmer umher. Gedanken
habe ich nicht. Gefhle! unaussprechlich beglckende, unaussprechlich
ngstigende.
    Man fragte mich, wohin ich die Postpferde wolle? Ja, wohin? Sagen Sie doch,
Sophie! wohin? Ich wei wahrhaftig - - - - -

                                                                         Abends.

Hier bin ich, gute, liebe, einzige Freundin! Walter bringt Ihnen, wie sonst,
diese Zeilen. Ich schreibe Ihnen aus dem Schlafkmmerchen der Tannenhuserin.
Hier! Hier! O mein Gott! was dringt hier alles auf mich ein.
    Die brave Frau war so gerhrt, so berrascht bei meinem Anblick. Ich hielt
ein Paar hundert Schritt vom Hause. Es war finstre Nacht. Ich wollte den Wald,
die Bume, den frchterlichen See nicht sehen. Der Postillon mute absteigen,
die Wirthin herauszurufen. Es whrte eine Weile, ehe sie kam. Johanna und ich
saen whrenddem stumm neben einander. Das arme Mdchen frchtete sich. Sie
hielt die Leine der Pferde lose und ngstlich in der Hand. Es war todtenstill um
uns, wir hrten nichts als den schnaubenden Athem und das Schtteln der mden
Gule in dem lstigen Geschirr. Mir wurde immer beklommner, immer voller ums
Herz. Weinen konnte ich nicht, kaum mich regen. Indem ritt Jemand schnell
vorber. Ein Anderer, der ihm folgte, fluchte ber das Fuhrwerk, das hier mitten
im Wege hielt, und gab dem einen Pferde einen Schlag mit der Faust, da es
seitwrts taumelte. Johanna schrie, jener lachte und sprengte davon. Es war die
rohe Stimme und das gemeine Wesen eines Reitknechts, aber wer war sein Herr? wer
war der flchtige Reiter, der so strmisch an uns vorber flog?
    O Herz! Herz! du nanntest ihn, und gewi, es war kein Anderer!
    Als nun der Postillon mit seiner Begleiterin kam, diese die kleine
Handlaterne ein wenig hob, um mir ins Gesicht zu sehen, zitterte ich und konnte
nicht sprechen, nicht aussteigen, mich nicht auf den Fen halten. Ich winkte
nur der erschrocknen Frau, auch zu schweigen. Sie seufzte schwer. Mit ihrer und
Johanna's Hlfe verlie ich den Wagen.
    Knnen Sie ein oder zwei Nchte? brachte ich endlich heraus. Lieber Gott!
warum denn nicht, erwiederte sie. Aber beste, gndige Frau! Sie sind krank,
bei mir ist es unruhig, Sie werden Ihre Bequemlichkeit nicht haben, bemerkte
sie ngstlich. Ich lie sie reden, und ging, statt aller Erwiederung, auf das
Haus zu.
    Es ist Gesellschaft drinnen, sagte sie, und mich behutsam durch die Kche
und einen kleinen Vorhof fhrend, brachte sie mich in ein Zimmer.
    Nur so lange Geduld, bat sie, bis die Gste auseinander gehen. Dann werde
ich fr mehr Bequemlichkeit sorgen. Es ist heute eben recht voll hier, ich habe
Alles, bis auf dies Kmmerchen, einrumen mssen, lchelte sie im Hinausgehen.
    Ich setzte mich in den hintersten Winkel auf ein Schemelchen nieder. Der
Lrm wirrte undeutlich aus den anstoenden Gemchern herber. Ich konnte weder
Worte noch Stimmen unterscheiden. Ich htte sie auch in dem Augenblick nicht
unterschieden. Wie viel tausend andere Stimmen schrieen jetzt laut in mir auf.
    Hier war ich nun also, flchtend, versteckt! Nacht um mich, Nacht in mir;
nicht der krzeste Blick ber die nchsten Paar Schritte kenntlich, alles dumpf
und dunkel wie im Kerker.
    So sitze ich noch, so schreibe ich Ihnen bei einem Lmpchen. Sie sehen den
Worten wohl den Aufruhr der Seele an. Neben mir an braust und tobt es immer
wster.
    Walter, der alle Gelegenheiten des Hauses kennt, und die Wirthin sprechen
wollte, trat vor einer Weile unerwartet hier herein. Die Thr war ungeschickt
und nur halb verriegelt, so da sie bei dem Ruck seines starken Armes aufsprang.
Ich fuhr erschrocken in die Hhe. Er blieb betroffen stehen. Dann trat er
schchtern zurck, und zog die Thr leise nach sich. Ich schickte Johanna, ihn
um die Besorgung eines Schreibens an Sie zu bitten. Er zeigte sich sehr
bereitwillig, fragte theilnehmend nach mir, bat, seines unvorsichtigen Eintritts
wegen, um Verzeihung, mit dem Zusatze: da, wenn er htte ahnden knnen, mich zu
erschrecken, er ja lieber dem Kmmerchen auf hundert Schritte nicht genahet
wre. Er lchelte gerhrt und wischte sich verstohlen die Augen.
    Er also, Sophie! und vielleicht noch mancher Andere bewahrten mir ein
freundliches Andenken in dieser verdeten, umgewandelten Gegend.
    Die Tannenhuserin ist nicht einen Augenblick festzuhalten! Noch nicht ein
Wort von Georg. Hugo's Name wage ich nicht zu nennen.

                                                                   In der Nacht.

Hren Sie doch, Sophie! Hren Sie doch! es ist nun still im Hause. Aber hier,
hier in mir ist ein Tumult, eine Angst! Sie mssen morgen frhe zu mir kommen.
Walter wartet auf meinen Brief. Er geht, so wie der Tag grauet, damit zu Ihnen
hinber.
    Johanna's Neugier hat allein Schuld. Ich dankte Gott, nichts von der rohen
Unterhaltung meiner Nachbarn zu verstehen. Nun war es vorbei! Ich htte ja taub
sein mssen. Sie hatte Langeweile. Bald stand sie stille, bald ging sie in der
Kammer umher, ffnete Fenster, Schubladen und Schrnke. Jetzt zieht sie an einem
roth- und weigewrfelten Vorhange. Ein Fenster wird sichtbar, es ist mit einem
Laden versetzt. Sie macht diesen ein klein wenig auf, ihr erster Blick fllt in
das anstoende Gastzimmer. Ich gebe nicht Acht auf sie. Nun strzt das
angelehnte, eichene Brett, das sie aus der Lage gebracht und nicht zu regieren
versteht, herab auf den Boden. Mein Himmel, Johanna! was machst Du? rief ich
unwillig. Sie zieht eilig den Vorhang wieder zu, und lautlos auf mich zurennend,
flstert sie: St! da sie uns nicht hren! Sie sitzen bei Wrfeln und Karten,
und die Wirthin steht bei einer Bowle Punsch, aus der sie ihnen fleiig
einschenkt.
    Die genauere Bezeichnung dessen, was neben mir an, getrieben ward, flte
mir Widerwillen und Bangigkeit ein. Die Scheidewand, welche mir bis jetzt
unmittelbare Strungen abhielt, war eingefallen; das Fensterchen mochte
aufgesprungen sein, genug, ich unterschied pltzlich des Amtmanns Stimme, die
durch Punsch und Spiel gehoben, etwas unbeschreiblich Verletzendes hatte. Die
Karten schienen ihm unglcklich zu fallen. Er stie mehr als einen Fluch aus.
Mir war nicht anders, als msse jeden Augenblick Einer von den wilden Gesellen
zu mir hereintreten. Ich wollte fort, zu Fu, in den Wald, nur hier nicht lnger
bleiben! Johanna beschwor mich, ruhig zu sein. Ich stand zitternd an sie
gelehnt, als ich den Amtmann zornig auffahren, und einen Knaben weinerlich sagen
hrte: Ich wollte Dich ja nur erinnern, da es spt sei. Gromutter weint.
Ach, geh' zum Teufel mit deiner Gromutter und deinem Erinnern! schrie der
Vater ganz auer sich. Aber wartet nur, ich werde dem Dinge ein Ende machen! Du
mut mir auf die Schule, fuhr er hitzig fort. Nun der kranke Wurm nicht lnger
bei uns bleibt, bekommt das Ding so eine Wendung!
    Sophie! ich glaubte in die Erde zu sinken. Er redete von Georg! Krank nannte
er ihn, und jmmerlich, wie ein Wurm, dnkt ihm das blhende Kind! Es war das
erstemal, da ich das hrte; Niemand hatte mir frher eine Ahndung davon
gegeben.
    Gespannt horchte ich, als die Fragen der Andere mir mehr Licht zu geben
versprachen. Allein der Amtmann war in seiner Punschlaune ganz verwildert, er
verma sich hoch und theuer, da er sein halbes Leben darum schuldig sein wolle,
wenn er nie an den vermaledeiten Ort gekommen wre, wo sich das Unglck
einquartirt habe. Viele der Anwesenden lachten ihn aus. Er schlug aber auf den
Tisch, da die Glser klirrten, indem er schriee: Lacht nur! ich wei doch, was
ich wei. Nun? fragten Einige, was weit Du denn? Das wei ich,
entgegnete er heftig, da mit dem Grafen alles Elend ber uns gekommen ist. Wie
der hier einzog, da starb mein Hannchen; sie hatte ihn kaum gesehen, hernach -!
nun, das lt sich ja an den Fingern abzhlen, bekrftigte er seine Aussage,
ohne weitere Beweise anfhren zu wollen. Es wird noch Alles sterben, fuhr der
wilde Mann nach kurzer Pause fort, Alles, was er verhext hat. Die Eine ist
schon todt, die Andere so gut wie gestorben, und der arme Junge, der hat auch
etwas weg, das wird gewi kein Mensch leugnen.
    Schrecklich! Schrecklich! wimmerte ich, die Hnde ringend. Ich schrack
zusammen, als die Gste ungestm nach Punsch und auch nach der Wirthin riefen.
    Sie mute einen Augenblick hinausgegangen sein.
    Sie ist dort in der Kammer, sagte Einer, hinter der Gardine schimmert ja
Licht!
    Holla! rief dieser zwischen dem Fensterflgel hindurch, den Vorhang
aufhebend. Ach! gehorsamer Diener! setzte er verblfft und blde hinzu, indem
er, mit dem Fue scharrend, eine Verbeugung machte.
    Ich verbarg mein Gesicht an Johanna's Brust, doch hatten sich im Augenblick
Mehrere an das Fenster gedrngt. Ich hrte sie zischeln: Es ist die
Prsidentin, da wird er auch nicht weit sein! Nein! meinte ein Anderer, es
ist wegen dem Kleinen, der nun fort soll. Wei man doch, wie sie ihn liebt.
Ja, ja, flsterte der Amtmann, und vollends die unvershnliche Todtfeindin!
    Sophie! ich hrte nichts mehr. Ich habe wohl eine Stunde in vlliger
Betubung da gesessen. Ich bin wie verwirrt! Hier kann oder will mir Niemand
Auskunft geben. Sie mssen es. Ich beschwre Sie auf meinen Knieen darum. Morgen
frhe! So bald Sie knnen. Hren Sie wohl. Denken Sie, da die Nacht lang, da
jede Minute in der Angst verlebt, eine Ewigkeit ist; da ich auf der Folter bin,
und Sie mich retten knnen, oder -! Nein, das wird nicht sein, das darf nicht
sein!

                                 Sophie an Hugo


Ich kann nicht einen Augenblick anstehen, Ihren Beistand fr Elise in Anspruch
zu nehmen. Ein hchst unangenehmer Vorfall hat die, nur allzuleicht mit sich
einige, immer zum Aeuersten entschlossene Frau zu Schritten verleitet, die
rgerliche Folgen haben knnen. Lesen Sie Ihren letzten Brief an mich. Ich
schicke Ihnen diesen, wie er ist. Er allein mag das Folgende erklren.
    Es war wohl natrlich, da ich gleich nach Empfang desselben die Arme in
ihrem Versteck aufsuchte. Nichts, selbst die Gegenwart der Oberhofmeisterin
konnte mich daran verhindern. Wer htte ahnden sollen, da gerade diese Eile die
widrigen Ereignisse beschleunigen, die Verwirrung vollstndig machen wrde!
    Noch vor dem Frhstck hatte ich mich in den Wagen geworfen, und ohne Ihre
Schwiegermutter zu sprechen, mich begngt, ihr sagen zu lassen, ein dringendes
Geschft zwinge mich zu kurzer Abwesenheit, gegen Mittag wrde ich gleichwohl
unfehlbar zurckgekehrt sein. Tausend Sorgen im Herzen, komme ich nach dem
Waldhuschen. Ich steige aus, ich gehe hinein. Niemand begegnet mir. Sie ist
krank, denke ich. Die Wirthin, ihre Leute sind um sie beschftigt. Vorsichtig
ffne ich die Thr nach dem hintern Zimmer. Ach, Ihr Gnaden! da sind Sie ja
doch noch gekommen! ruft Johanna. Die Tannenhuserin und sie standen zugleich
vor mir und sahen theils verwundert, theils bestrzt aus.
    Ich fragte ngstlich nach Elisen. Ach mein Gott! entgegnete das
erschrockene Mdchen. Ist denn die gndige Frau nicht bei Ihnen? Sie sagte
doch, sie wolle sich bei Wehrheim bersetzen lassen und nach dem Stifte gehen.
    Wann war das? fragte ich, wann ging sie von hier fort? Beide sahen sich
an, und meinten, ein Paar Stunden sei es wohl her. Da mte sie ja, dachte ich,
Weg und Lnge der Zeit gegen einander abmessend, schon dort gewesen sein, ehe
ich noch von Hause ging. Doch fiel mir Wehrheim, und alles was sich daran
knpft, bei. Sie wird sich dort aufhalten, den neuen Bau besehen.
    Ich beschlo sogleich dahin zu fahren. Eilig forschte ich nur noch bei
Johanna, wie das Befinden und die Stimmung ihrer Herrschaft gewesen sei? Wie sie
die Nacht zugebracht habe? Und ob sie nicht geuert, weshalb sie mich nicht
hier abwartete, da sie doch gewi sein konnte, ich wrde nicht ausbleiben? Was
ich erfuhr, mehrte nur meine Besorgni. Elise hatte in ungleicher, fieberhafter
Ueberspannung bis zum Morgen geschrieben, das Geschriebene zerrissen, die
Papierschnitzel verbrannt, dann aufs neue, und in grerer Lebhaftigkeit, ein
Blatt gebrochen, ihre Gedanken eilig in groen Schriftzgen darauf hingeworfen.
Bis sie es zuletzt zu sich steckte, damit zum Fenster trat, als warte sie nur
den ab, dem sie es anvertrauen drfe. Die Wirthin erbot sich unaufgefordert zu
jeder ihrer Bestellungen. Elise sah sie gerhrt an. Ich danke, lchelte sie,
so weich und schmerzlich, da Jener die Thrnen noch jetzt von tiefer Rhrung in
die Augen traten. Darauf legte sie beide Hnde auf der Tannenhuserin Arm, und
zog diese nher zum Fenster. Die Hnde htten gebrannt, wie Kohlen, und die
Stimme sei stockend gewesen, als sie sagte: Wissen Sie wohl noch, wie wir, die
selige Amtmannsfrau und all die Kinder und ich hier Blindekuh spielten? Ich
verband der lieben Seligen die Augen, da klagte sie: Nicht so fest, nicht so
fest! Ich lachte und neckte sie, als knne sie die Finger sehen, die ich ihr
vorhalte. Nicht einen Stich, betheuerte sie, es ist so dunkel wie im Grabe um
mich. Elise verzog das Gesicht sonderbar, als sie wiederholte: Dunkel wie im
Grabe! und dann hinzusetzte: Nun liegt sie schon lange darin! Nachher ward ich
Blindekuh! Und - sie drckte das Gesicht gegen die Scheiben. Sie weinte aber
nicht, doch flog ihr die Brust heftig, als unterdrcke sie ihre Thrnen.
    Nach einer Weile soll sie gesagt haben: sie wolle nun gehen. Es komme doch
Niemand. Johanna bezog das auf mich, und entgegnete: ich knne ja kaum erst den
Brief haben. Elise schttelte aber den Kopf, forderte Mantel und Handschuhe, zog
den Schleier ber den Hut herunter, und verlie mit den Worten das Haus: seid
unbesorgt, ich kenne hier Weg und Steg.
    Liebster Hugo! ich bin darum so weitlufig in Wiederholung aller dieser
Aeuerungen, und ihrer begleitenden Nebenumstnde, um mein damaliges Dafrhalten
zu modiviren, da jenes erwhnte Blatt an Sie gerichtet, Elise zu dem Gedanken
gebracht haben knne, es Ihnen selbst nach Wehrheim hinzutragen, in der
Hoffnung, Sie vielleicht dort zu treffen, oder doch Gelegenheit zu schnellerer
Besorgung finden zu knnen.
    Wenn man einmal auf einer falschen Spur ist, so rennt man blindlings darauf
fort. Meine gewonnene Ueberzeugung jagte mich um so eiliger nach Wehrheim, als
ich Elisens Besonnenheit mehr als jemals mitraute. Aufs Aeuerste betroffen,
erfuhr ich inde hier, da weder unsere arme Freundin, noch sonst jemand Fremdes
seit mehreren Tagen im Orte gewesen sei.
    Sollte sie wirklich bei mir sein, dachte ich ganz entsetzt bei der
Vorstellung mglichen Zusammentreffens mit der Oberhofmeisterin!
    Es lag soviel Unwahrscheinliches hierin. Und doch! Ihre Ungeduld, Nachricht
zu haben, die wachsende Angst, der fieberhafte Zustand! Ich ging eilig, mit
meiner eigenen Meinung streitend, am Ufer auf und ab. Die Sonne schien warm. Es
wehte eine angenehme Luft. Einen Augenblick stehe ich stille, ich sah umher
Drfer und Schlsser liegen jenseits des Stromes. Das neue Dach von des Amtmanns
Hause leuchtet besonders hell in dem frischen Morgenlicht. Des Amtmanns Haus! -
Gott! wie Schuppen fiel mir's von den Augen. Da ist sie! nirgends sonst wo. In
der Nhe von dem Tannenhause, das Kind leidend. - Es war unbegreiflich, da es
mir nicht gleich im Augenblick einfiel.
    Zurck! zurck! rief ich dem Kutscher zu, jetzt doppelt ein unglckliches
Miverstehen und gehssige Eindrcke fr Elise frchtend.
    Es war ber das Alles spter geworden, als ich es in der innern Erregung
voraussetzte. Die unseligen Irrfahrten, die Erkundigungen und Berichte hatten
viel Zeit weggenommen. Als ich vor dem Amthofe hielt, sa die Familie schon bei
Tisch. Madame Lindhof kam mir entgegen. Sie sah ungewhnlich erhitzt aus.
Aengstlich vermied sie meinen fragenden Blick. Ist die Frau Prsidentin hier?
flsterte ich ihr im Aussteigen zu. Nicht mehr, lispelte sie leise. Mein
Gott, auch hier nicht mehr! rief ich ungeduldig. Verweilt sie denn nirgend so
lange, da ihre Freunde sie treffen! Dafr, entgegnete die sanfte Frau mit
bebender Stimme, wissen Andere, als Freunde, sie zu treffen! Ich fuhr
erschrocken zusammen. Wo, fragte ich zgernd, ist Elise jetzt? Mit meinem
Sohne nach der Stadt gefahren, war ihre Antwort.
    Verwirrte Ahndungen blitzten mir durch die Seele. Wir traten in das
Ezimmer, Georg sprang auf mich zu. Wissen Sie schon? Mama ist wieder hier!
jubelte er, die hellen Freudenthrnen in den Augen. Ich reise nun mit Mama,
plauderte er lebhaft fort. Nicht mit der groen, alten Dame, die Papa
schickte.
    Ich nahm die gute Lindhof unter dem Arm, und sie in ein Nebenzimmer fhrend,
bat ich sie, mir ruhig und zusammenhngend zu erzhlen, was sich hier zugetragen
habe.
    Ich erfuhr nun leider, da gerade das, was ich verhten wollte, dennoch
geschehen war. Elise und die Oberhofmeisterin trafen hier zusammen. Die
Letztere, die Zeit meiner Abwesenheit auszufllen, fuhr hierher, um das Nthige
wegen des Knaben Abholung mit seiner Pflegerin zu bereden. Sie fand Elise dort.
Wie sich Beide begrten, was verletztes Muttergefhl Beide sagen lie, wie sie
schieden, wozu die Unglckliche jetzt verleitet ward? Ich drnge es in die
wenigen Worte zusammen: Elise ist auf dem Wege, eine Klage gegen Eduard, wegen
Bruch des Scheidungsvertrags, gerichtlich einzugeben.
    Dies Aergerni mu um jeden Preis hintertrieben werden. Ich beschwre Sie
deshalb, die Unbesonnene aus den Hnden ihres schlechten Rathgebers, des
Amtmanns, zu retten, sie zur Besinnung, zur Gte und Sanftmuth zurckzufhren.
Sie oder Niemand, vermgen es ber sie, da sie nur erst stille stehe, sich
sammle, und betrachte, was sie darf, wenn sie auch nicht aufhrt zu wollen. Und
auch Wollen wird sie nichts Unschickliches, nichts Gewaltsames, da sich wirklich
Alles anders verhlt, als es sie ihr rasch und heftiges Empfinden erkennen lt.
    Sehen Sie, Eduard hat sich nie des Rechts, ber Georg zu bestimmen,
vergeben, nur der Mutter Wunsch, ihn bis zum siebenten Jahre der freien und
sanften Leitung unserer Nachbarin zu berlassen, in soweit bewilligt, als dies
nicht zum Nachtheil des Kleinen auszuschlagen drohe. Jetzt nun, da genaue
Erkundigungen den Vater von der wsten und rohen Lebensweise des Amtmanns in
Kenntni setzten, er hren mu, wie in jenem Hause schlechte Gesellschaft ein-
und ausgehe, und auch Georgs Gesundheit sich nicht wieder herstelle, jetzt
entschliet er sich, den Knaben zurckzufordern. Er schrieb mir deshalb, setzte
alle seine Grnde auseinander, und bat mich, die Mutter darauf vorzubereiten.
Ehe ich dies noch vermag, entfernt sich Elise von ihrem bisherigen
Aufenthaltsort, sie ist schon auf der Reise, als die Oberhofmeisterin hier
ankommt. Geschfte, den Nachla ihrer Tochter betreffend, fhren diese zu mir.
Der Prsident, genau mit ihren Angelegenheiten bekannt, wei von ihrem Vorhaben,
er benutzt die sichere und bequeme Gelegenheit, das Kind in eine vortreffliche,
auf ihrem Weg gelegene Anstalt zu bringen. Sie verspricht es, und trifft ihre
Vorkehrungen, ohne Elise krnken zu wollen, ohne selbst von ihrem geglaubten
Rechte zu wissen.
    Ich lege Ihnen natrlich und einfach vor Augen, was sich eben so natrlich
und einfach zutrug, und nur auf der Oberflche die gemischte, strende Farbe
trgt.
    Ich gestehe, da wie die Sache unter dem ungnstigsten Zusammentreffen von
Umstnden erscheint, Elise Hrte und Willkhr darin finden kann. Allein wre dem
auch so, sie mu es dulden. Sie darf durch keine ffentliche Handlung
hervortreten, am wenigsten durch einen Schritt gegen Eduard, um die Welt nicht
auf's Neue an sich zu erinnern.
    Ich wei nicht, ob Sie diese Meinung theilen? Das aber darf ich versichert
sein, Sie werden das Laute, Ungeziemende jeder Handlungsweise mibilligen, und
gern behlflich sein, kranke Leidenschaftlichkeit in die Grnzen sanften
Widerstandes zurckzufhren.

                                    Antwort


Ein Geschft hielt mich bis jetzt von der Burg entfernt. Ich kehre zurck, finde
Ihren Brief, gtige Sophie! und eile, unbesonnene Maregeln zu hintertreiben.

                               Der Arzt an Sophie


Zu manchen Zeiten sollte man wirklich glauben, es mischen sich bse Geister in
unsere verstndigsten Absichten, um sie zu Schanden und uns Kummer zu machen.
    Es geht auch hier so. Alle Ihre Vorsicht, verehrtes Frulein! hat es nicht
hindern knnen, da die bereilte Klage wenigstens abgefat, unangenehme Worte
darber gesprochen, feindliche Gesinnungen erregt worden sind. In dieser
unseligen Stimmung aufs Hchste gereizt, durch die eigenntzigen Einflsterungen
des Amtmanns gestachelt, krank, in heftiger Fieberwallung, verlt die Frau
Prsidentin die Stadt. Es dunkelte bereits. Der Abend war lau, sie litt durch
innere Hitze. So befahl sie, den Wagen herunter zu schlagen. Noch dnkten ihr
Hut und Schleier gengend. Frei und leicht sa sie ohne weitere Verhllung, und
schien, selbst dem bsen Einflu der Nachtluft zu trotzen. So kommen sie an die
Brcke, die jetzt ausgebessert wird, und nur eine schmale Ueberfahrt gestattet.
Wagen, die einander begegnen, mssen dann anhalten, und sich ber das Recht des
Vorfahrens vereinen. Des Amtmanns Calesche, von zwei Pferden gezogen, bleibt
billig bei der Annherung einer groen, sechsspnnigen Reisekutsche zurck.
Diese rollt nun ber die Brcke. Neugierig biegt sich ein Kinderkpfchen zum
Schlage heraus. Mama! Mama! da ist sie ja! ruft eine herzzerschneidende
Stimme. Und gleich darauf: O bitte, liebe Mama, komm doch mit! O bitte, bitte!
Zerrissen, verwirrt, von wilden Empfindungen um Bewutsein und Fassung gebracht,
strzt die unglckliche Mutter zum Wagen heraus, dem rasch Vorberfahrenden
nachschreiend, hnderingend sinkt sie in die Kniee, dicke Staubwirbel, und
Georgs Klagen, ziehen vor ihr her, sonst ist es Nacht um sie. Sie sieht nichts
mehr! -
    In diesem Zustande trifft sie der Graf, welcher auf Ihr Gehei, mein
Frulein! nach der Stadt eilte.
    Sie erkannte ihn nicht. Seine Verzweiflung, wie mir der Amtmann sagte, war
unbeschreiblich. Er trug die Ohnmchtige in den Wagen, und whrend seine Leute
mich zu holen eilten, begleitete er jene nach dem Amthof.
    Ich kam in der Nacht hier an. Ich fand bedenkliche Anzeichen, und darf es
nicht verschweigen, da die Natur wohl einen harten Kampf vorbereitet. Der Graf
sitzt stumm an dem Bette der Kranken. Er fragt nicht, er uert nicht Angst noch
Sorge. Doch wird die Falte zwischen seinen Augen immer tiefer, sein Blick immer
finsterer, das Gesicht starrer, der Schmerz hat all das Frchterliche bei ihm,
was Diejenigen ihm geben, die ihn auf Kosten ihrer Existenz in sich erdrcken,
und Gewalt gegen Gewalt anrcken lassen.
    Hier im Hause herrscht die grte Bestrzung. Der Umstand, da die Symptome
der Krankheit sich ungefhr wie bei der verstorbenen Amtmannsfrau uern, ruft
alle schmerzliche Erinnerungen in die Herzen der Umstehenden zurck. Man giebt
in der Regel der einmal gemachten Erfahrung bei hnlicher Veranlassung
unumschrnkte Gewalt ber die Gefhle. Niemand glaubt deshalb an Rettung, Alle
beweinen die Kranke schon wie eine Todte, man hat dies kein Hehl, und selbst die
ruhige, gelassene Madame Lindhof, durch so viele widrige Ereignisse nicht gleich
so furchtsam, kann sich dennoch zu keiner Hoffnung erheben.
    Diese lhmende Trostlosigkeit ist inde fr Pflege und Aufsicht nachtheilig.
Ich wage daher, Sie, mein Frulein! hieherzurufen, und hoffe um so mehr auf Sie,
als ich nur kluger Umsicht und gefatem Gemth fernere Verhaltungsregeln
anvertrauen kann, von deren Beobachtung whrend meiner unaufschieblichen
Rckkehr nach der Stadt, sehr viel abhngt.
    Unheimlich ist es, und ich leugne nicht, auch fr Strkere mchte es
peinlich sein, da die Fremde, welche hier eingezogen ist, und die bei den
Leuten unter dem Namen: das graue Nnnchen, (der Farbe ihrer Kleidung wegen)
bekannt ist, gerade bei der Ankunft der Kranken ihren nchtlichen Umgang hielt,
und bei dem Wagen stehen blieb, als dieser vor dem Hofe einen Augenblick hielt,
bis die Thorflgel geffnet waren. Selbst der Graf soll zusammengezuckt und
ngstlich gesthnt haben. Einige wollen deshalb gar nicht zugeben, da es die
Fremde gewesen sei; sie halten die Gestalt fr den Geist der verstorbenen
Amtmnnin, und vermehren dadurch nur die dumpfe Bestrzung.
    Alles dies, mein bestes Frulein! mge Ihre Ankunft beschleunigen. Ich
erwarte Sie in wenigen Stunden.

                           Der Geistliche an Leontin


Das Vertrauen eines Menschen ist ein unschtzbares Gut. Er giebt sich uns in
diesem berstrmenden Augenblicke selbst. Das will viel sagen. Solch Geschenk
kann nicht bescheiden, nicht bercksichtigend genug angenommen werden.
    Aus diesem Grunde allein, mein wrdiger und verehrter Herr Baron! lie ich
Ihren schnen, rhrenden Brief bis heute unbeantwortet. Wre ich unmittelbar
meinem Herzen gefolgt, ich htte Ihnen gleich gesagt, was dieses durch und durch
erschtterte. Wre ich spterhin meinem Kopfe gefolgt, ich htte mehr und
anderes gesagt, und doch wohl nicht das Rechte.
    Heute will ich nun nichts, als Ihnen danken, Sie um Vergebung bitten, und
mich bei Ihnen entschuldigen, da ich lieber schweigen, als zur unrechten Zeit
reden mochte. Der Grund meiner grern Zaghaftigkeit lag wohl hauptschlich
darin, da ich vor nicht allzu geraumer Zeit erst von der Nutzlosigkeit
warnender Worte eine traurige Erfahrung machen mute. Wo das Gefhl vorwaltet,
verletzt jeder Laut, der diesem Gefhl Einhalt thut. Es ist gewi nichts
schwerer, als hier den rechten Ton zu treffen.
    Eine Aeuerung Ihres geehrten Schreibens getraue ich mir gleichwohl
aufzunehmen, und was ich darber denke, frei auszusprechen.
    Es betrifft die Selbstwahl der Bue, und den Loskauf der Snde durch Opfer.
Sie besttigen Ihre Ueberzeugung, mein Herr Baron! durch den Entschlu, der
Welt, wie dem uern Wirken in dieser, entsagen, auf jedes Vorrecht grerer
Freiheit, auf husliches Glck, auf Familienfreude verzichten zu wollen. Sie
entwerfen den Plan einer heiligen Stiftung, Sie denken sich der kleinern, enger
erwhlten Gemeine anzuschlieen, und im Verborgenen das heilige Licht der
Verklrung ruhiger und reiner wirken zu lassen.
    Es soll gewi Punkte auf den vielbewegten Planeten geben, die dem
aufwrtssteigenden Strahl des Gedankens Schutz, der Zusammenziehung der
Lichtstoffe Stille, ihrer Rckwirkung auf die Erde Raum sichern. Es liegt jedem
ob, diesen Punkt nach dem Mae seines Dafrhaltens zu suchen. Niemand mchte dem
Andern fglich sagen: Hier ist er! Die innere Freiheit findet demnach ihre
schnste Beglaubigung in dieser Wahl.
    Sie, mein Herr Baron! hoffen gefunden zu haben, was Ihrem Streben nothwendig
dnkt. Die Ertdtung der Wnsche, die Abgezogenheit des Blickes, die Scheidung
von dem Ehemals und Jetzt.
    Nun, Schmerz und Verzweiflung waren die Pfrtner zu diesem Asyl! Mge
sanfter Trost Ihr Begleiter darin bleiben!
    Sie erwarten das wohl gewi. Weshalb aber, wenn ich fragen darf, nennen Sie
denn Bue und Opfer, was eher Lohn des 7Sieges und Frucht hheren Genusses
heien sollte?
    Ich denke, wenn dies anders in meiner Macht steht, mir Ihren Zustand, wie
den eines Menschen, der auf der groen Heerstrae von Rubern angefallen,
geplndert ward, diesen entflieht, einen verborgenen Pfad entdeckt, ihm folgt,
ein heimlich, stilles Thal erreicht, erschpft auf seine Kniee sinkt, und zum
erstenmal aus tiefer Brust ruhig aufathmet: Hier ist Sicherheit! Mit
gehobener, dankerfllter Seele seufzt er dann: Hier will ich leben und
sterben!
    Erschrickt er vielleicht dennoch, nachdem er das rasche Wort gesprochen!
Bedenkt er, da das Leben lang, das Sterben fern sein knne! Treten die Bilder
theurer Verlassenen, die Erinnerungen alles dessen, was dunkle Thalwnde, starre
Felsen, dichte Waldungen ihm verdecken, vor das innere Auge, und empfindet er
das lastende Gewicht voreiliger Entschlieung! was macht er lnger hier? Was
brdet er sich im eitlen Selbstgefhl das willkhrliche Opfer auf? da er wohl
nur nicht stark genug ist, das ber ihn Verhngte, der Armuth und Entbehrung,
nach dem Verlust seiner liebsten Gter, zu ertragen? Denkt er diese Schwche da,
wo ihn nichts demthigt, nichts mit falschem Besitz neckt, abzuben? Und
vergit er die schnere Bue, fr Andere freudig dulden zu knnen? Was heit es
berhaupt, sich selbst eine Bue auflegen? Ich bekenne, dies nicht ganz zu
fassen. In wessen Dienst steht man auch da? Wer den Befehlen seines Herrn
gewrtig bleiben will, der macht sich nicht viel unntz zu schaffen.
    Sie frchten, mein junger, gewissenhafter Freund! die Frau Grfin allzusehr
geliebt, die beherrschende Neigung nicht genug gezgelt zu haben? Nun, sie ist
nicht mehr unter uns, die Sie fliehen. Durch sie kommt Ihnen da lnger keine
Gefahr. Wenn es nun aber gerade das wre, was Sie hinaustriebe? Wenn Sie die
verlorne Geliebte ungestrter, eigner wiederfnden, wohin Sie in schchterner
Reue zu fliehen gedenken? Vergessen Sie denn aber Ihren alten, einsamen Vater,
den Beruf des Standes, das Gebot menschlicher Verhltnisse, die Gott geordnet,
die der Erlser alle geheiligt, alle geweiht hat?
    Einen Orden wollen Sie auf der Stelle stiften, die Ihre leidenschaftlichen
Thrnen Tag und Nacht fruchtlos benetzen? Hier, wo Ihnen das Nichtige des
irdischen Daseins so schreckend entgegen trat, hier wollen Sie die Bande
brechen, die Sie an dies Dasein knpft? Aus der vernichteten Welt soll Ihnen die
neue aufgehen, und warnend und beschtzend gedenken Sie unerfahrne Jnglinge vor
den Tuschungen zu bewahren, denen Sie fast erlegen wren?
    Wie sind Sie denn aber eigentlich getuscht worden? Was haben Sie verloren,
wenn Sie nichts besitzen konnten?
    Mich dnkt, eine schne, menschliche Liebe heilige uns die Menschheit aufs
Neue, und die Welt, zu welcher das theuerste Wesen in unzerreibaren Beziehungen
stand, msse uns theuer bleiben. Sollte man eine Ewigkeit in der Brust tragen
knnen, und berall nur das Endliche empfinden? Ich wrde fr die getrumte
Ewigkeit zittern, oder viel fr das Endliche hoffen mssen.
    Ich erinnere mich eines Ihrer Briefe an Tavanelli, Sie ermunterten ihn zur
That, zur Rckkehr unter die Menschen, zur Theilnahme an ihrem geschichtlichen
Fortleben, und verhieen ihm hier zuerst Heilung und Ruhe. Damals hegten Sie
eine andere Ueberzeugung. Prfen Sie doch wenigstens die jetzige. Ich mchte
noch aus der eigenen Erfahrung erwhnen, das nmlich alles Bittere, was uns
trifft, ungewhnlich, und wir uns selbst leicht besonders erscheinen. So wird
ein Ereigni zum Wunder der Leidende zum Mrtirer, seine Bestimmung, Beruf der
Auserwhlten, und was er thut und sagt, unmittelbare Eingebung. Ich habe eine
schne Seele so auf einem argen Irrwege lassen mssen. Das Schlimmste ist, da
man dabei nicht allein irrt, sondern viel, viel Treffliche in sich entzweit.
Mein geehrter Herr Baron! ich bin nicht ber meine Grnzen hinausgegangen, wenn
Ihr Herz mich nicht verkannte. Mge es uns zu fernerer Verstndigung dienen, da
ich das Ihrige immer zu verstehen streben werde.

                              Curd an seine Mutter


Nein, sagen Sie doch ums Himmelswillen, auf und davon! Auf Ehre fort! Es ist um
zu verzweifeln!
    Aber nehmen Sie mir's nicht bel, liebe Mutter! ein Bischen ist das Ihre
Schuld. Wie zum Tausend wre sie denn auf den Einfall gekommen, wenn Sie, statt
ihr da viel Vorstellungen zu machen, die sie nur erbitterten, gar nichts von mir
sagten, die Sache gehen lieen, und durch allerlei kleine Hemmungen und
Hindernisse ihr den Gedanken an Entfernung und Reise verleideten. Eine Frau ist
wie ein Pferd, voll Eigensinn und sttisch, wenn man auf brutale Weise ihrem
Willen entgegen tritt, sie lenken will, und sie es merkt. Aber langweilen,
langweilen, durch ewige Wiederholungen ermden, und dann, so wie von ungefhr,
einen Zgel ber den Kopf geworfen, dann sind sie schon im halben Traum, dann
fhrt man sie zu dem entscheidenden Punkte heran. Ich war, ich versichere Sie,
auf gutem Wege. Ich sagte ihr immer dasselbe, zuletzt htte sie sich an die
Worte gewhnt, die ihr anfangs sehr dreist und lcherlich vorkamen. Das
Zweitemal klingt so etwas schon besser, und in der Einsamkeit, wo kein Anderer
spricht -! Nun, Eitelkeit bleibt Eitelkeit, und wer ihr schmeichelt, behlt doch
am Ende recht!
    Soll ichs Ihnen aufrichtig gestehen, so ist es mir um Elise noch mehr leid,
als um mich selber, da sie sich wieder in die Welt wagt. Sie kann nicht allein
darin bestehen. Ich htte sie wahrhaftig mit Anstand wieder hineingefhrt. Es
giebt gewisse Beschwrungsworte, die die Menschen erstaunt respektiren, und die
Urtheile und Meinungen ganz merkwrdig im Zaume halten. Nun geht die alte
Geschichte wieder los, das ist klar, und wer wird sie denn ffentlich vertreten?
wem giebt sie ein Recht dazu? Ganz und gar lcherlich kann man sich doch auch
nicht machen, und als ihr Peladin auftreten, und eine Lanze fr sie brechen. Sie
wrde es Einem noch dazu schlecht danken, und sich einbilden, es verdrbe ihren
Handel mit dem Grafen.
    Ja der! - Nun, ich habe den vornehmthuenden, abweisenden,
unzusammenhngenden, kalten Menschen nie leiden knnen, und fhrt uns der Zufall
einmal an einander, ich wrde es ihm beweisen, was ein ordentlicher,
vernnftiger Ha und ein tchtiger Kerl ist.
    Letzthin begegnete ich ihm auf der Strae. Er grte flchtig. Ich dankte
eben so. Als ich eine Strecke an ihm vorber war, drehte ich mich um. Ich wollte
sehen, wohin er hier, wo ihn kein Mensch leiden kann, seinen Weg nehmen wrde.
Er war stehen geblieben. Ein beiender Zug spielte ihm um den Mund, da er meinem
Blick begegnete. Ich hatte Lust, gleich auf ihn zuzufahren und ihn zur Rede zu
stellen. Aber was wre daraus geworden? Nichts! in der Welt Gottes Nichts! Er
htte halb freundlich, halb verwundert gelchelt, gethan, als wre ich ihm nicht
auf tausend Meilen in die Gedanken gekommen, er wrde das hflich und gelassen
erklrt, und mich, wie einen tlpischen, rohen Burschen vor mir selbst roth
gemacht haben. Er vermeidet gern Aufsehen, und hat es eigentlich Elisen niemals
vergeben, da sie den Lrm veranlate. Wenn es ihm nach ginge, so stnde noch
Alles wie es stand, der Roman spielte sich langsam fort. Whrend er seine
Verpflichtungen gegen die Eine auf leichte Achseln nahm, legte er sich keine
neuen fr die Andere auf. Er hat sich verrechnet, und darum sieht er jetzt aus,
wie ein Halbgott incognito. Die schlechte Laune und das stumme, verdrieliche
Wesen, das legt er wie altes, graues Civilzeug auf. Innerlich kitzelt er sich
mit dem Gedanken, da die Welt nicht im Stande ist, den groen Mann in ihm zu
erkennen. Das Stck hat schon gar zu oft gespielt, damit macht er Keinen dumm.
    Ich breche hier ab, liebe Mutter! ohne den Brief zu schlieen. Mir liegt
eigentlich erschrecklich viel auf dem Herzen. Ich schreibe gern Alles gleich
frisch weg herunter. Aber die Grfin Ulmenstein schickt nach mir, mit der
dringenden Bitte, eilig zu ihr zu kommen. Was kann die wollen? - - - -

Da haben wir's! ich dachte es gleich! Es war wegen Elisen. Die alte, boshafte
Elster mute ja auf der Stelle ausschwatzen, was ihr zu Ohren gekommen war. -
Verwnscht! wie sie das einkleidet! so theilnehmend, so entschuldigend, so
natrlich! Und dabei lgt sie wie gedruckt. Schon lange war sie davon
unterrichtet, da Elise ihren bisherigen Aufenthalt verlassen hatte. Schon
lange? Dumme Lge! Erst vor ein Paar Stunden kam die Post hier an. Freilich, was
zwischen dem Tage der Abreise und heute liegt, das mgen ihre Zutrger wohl bald
genug ausgekundschaftet haben. Und das eben, was dazwischen liegt, das ist zum
toll werden!
    Da sind Sie ja! rief mir die Grfin entgegen. Man sah es ihr an, sie hatte
auf Kohlen gesessen, bis ich wirklich da war, und sie ihr Mthchen khlen
konnte.
    Ich glaubte schon, fuhr sie sogleich fort, Sie wren bei Ihrer armen
Cousine. Bei meiner armen Cousine? fragte ich halb rgerlich, halb
erschrocken, da ich nicht wute, ob ich das Beiwort auf vergangenes oder neues
Unglck beziehen sollte.
    Ja, wahrhaftig! entgegnete sie, indem alle Zge ihres Gesichts herunter
hingen, und die Stimme fiel. Sein Sie versichert, da ich den innigsten Antheil
nehme.
    Gndige Frau! sagte ich jetzt, kaum meiner Ungeduld Herr, ich verstehe
nicht ein Wort von dem, was Ihre Gte mir wahrscheinlich nur verbergen will.
    Mutter und Tochter sahen einander hier mit bedeutendem Blick und mitleidigem
Lcheln an.
    Gott! er wei es nicht! bedauerte die Letztere.
    Nein! nein! fuhr ich rasch dazwischen. Auf Ehre! ich wei nichts. Was ist
denn Neues vorgefallen?
    Sie wissen es nicht? dehnte die Mutter ihre Frage, als besinne sie sich
eines Bessern. Nun, dann ist es auch nicht so arg, setzte sie, wie ermuntert
und getrstet, hinzu. Ich habe einen tdtlichen Schreck gehabt, man sagte mir,
die kleine, allerliebste Frau sei wahnsinnig geworden, in diesem Zustande zu Fu
hierher gekommen, zu dem Sachwalter des Prsidenten eingedrungen, habe von ihm
die Revocation des Scheidungsprozesses gefordert, und erklrt, sie wolle nicht
geschieden sein, und werde deshalb ihrem Manne folgen, wo er sich auch befinde.
    Ich unterbrach hier die Grfin durch lautes Lachen. Diese Fabel kam mir doch
zu kindisch vor.
    Sie machte ein empfindliches Gesicht. Nun! meinte sie, lcherlich ist bei
der Sache nichts. Sie mten es denn komisch finden, da Ihre Cousine unterwegs
in der fameusen Waldschenke, den Ort ihrer frheren Zusammenknfte, einen
rgerlichen Auftritt mit einer lustigen Punschgesellschaft hatte, und hchst
derangirt dort auftrat, denn hier ist sie gewesen, betheuerte sie feierlich, 
sur cela, je vous engage ma parole d'honneur. Sie wurde am Ende halb mit Gewalt
nach dem Amthause gebracht, nachdem sie auf ffentlicher Landstrae des
histoires d'autre monde auffhrte. Wenn Sie das so sehr amsirt, mein lieber
Rittmeister! mache ich Ihnen einen Knix, und sage kein Wrtchen mehr.
    Die franzsischen Floskeln verriethen mir die hmische Absicht und die
zgellose Bosheit, mit der mich die Grfin beleidigen wollte, denn sie redet nur
modern, (wie sie reines Deutsch nennt) wenn sie sich bewacht und verbindlich
sein will. Ich strich daher einen guten Theil von dem Inhalte ihres Berichtes.
Doch auch so mute ich mich zusammennehmen, um dem Geschwtz mit Fassung auf den
Grund zu kommen.
    Eine Zeitlang spielte die ungezogene Frau, die mich eigentlich in der
nchsten Anverwandtin impertinent beleidigt hatte, die Empfindliche. Sie wollte
mit keiner ihrer tausend Anekdoten, von denen ich eigentlich mehr Licht ber die
Sache zu erhalten dachte, herausrcken. Zuletzt brannten sie ihr aber doch auf
der Seele. Sie konnte es nicht ber sich gewinnen, zu schweigen. Ich erfuhr
genug, um anderwrts nhere Erkundigungen einzuziehen.
    Ich kann nur so viel mit Bestimmtheit sagen, da Elise wirklich Schritte
gegen Eduard gethan haben soll, da diese aber auf Rechnung einer ausgebrochenen
Krankheit geschoben werden, welche sie dem Tode nahe brachte. Sie liegt in ihrem
ehemaligen Wohnort, im Hause des Amtmanns, ohne alle Hoffnung. Hugo verlt sie
keinen Augenblick, und die Stiftsdame Sophie wird sie ohnfehlbar, wenn nicht dem
Grabe, doch dem Traualtare zufhren.
    Das kommt von dieser unseligen Reise, die Sie hintertreiben muten, wenn Sie
Ihren Sohn nicht ber die verzogene Nichte vergaen. Unsere Hoffnungen, gute
Mutter! sind nun auf die eine oder die andere Art dahin! Noch zittre ich fr
Elisens Leben. Aber es kann ein Augenblick kommen, wo ich sie lieber todt, als
in den Armen des verhatesten aller Menschen wissen mchte! Im Grunde meiner
Seele frchte ich diesen Augenblick am meisten!
    Ich sage Ihnen heute ein trauriges Lebewohl. Arme Mutter! Sie werden sehr
betrbt sein. Ich bin es auch!
    Ich will hinaus zum Frster. Wir jagen zuweilen mit einander, vielleicht
erfahre ich da etwas von ihr.
    Nchsten Posttag schreibe ich wieder.

                             Sophie an den Comthur


Ich habe Ihnen, lieber Freund! heute viel, sehr viel zu sagen!
    Sie erwarten Nachricht von unserer Kranken. Walter wartet darauf, sie Ihnen
zu bringen. Ich bin hierdurch, wie durch die Ungeduld, Ihnen Alles mitzutheilen,
was mir das Herz erfllt, gedrngt, und doch kann ich meiner Gewohnheit nach,
nur gesammelt und nach einander meine Berichte machen.
    Zgeln Sie also Ihre Ungeduld ein wenig. Auch unser flinker Bote mu sich
gedulden.
    Ohne da ichs Ihnen erst melde, sehen Sie es diesem Briefe schon an, da
Elise seit dem entscheidenden neunten Tage in der Besserung vorschreitet. Sie
hatte, wenn auch eine schlaflose, doch eine ruhige Nacht.
    Allein, eben von der Nacht habe ich Ihnen zu erzhlen. Ich durchwachte sie
mit Hugo im Nebenzimmer. Er war wie ein Mensch, an dem ein groes Unglck
vorber gegangen ist, weich, dankbar, inniglich, bis auf den Laut der Stimme und
den schwimmenden Glanz des Auges. Gang und Sprache, Alles war leise. Es bebte
noch die heftige Erschtterung hindurch. Selige, unaussprechliche Stimmung, in
der sich der niedergebeugte Geist schchtern und ehrfurchtsvoll zur Hoffnung
erhebt.
    Hugo sah die Welt in anderer Gestalt. Die Freude frbte ihm das Leben
heller. Auch auf mich trug er einen Theil der grern Wrme ber.
    Wir saen neben einander, wir sprachen so tonlos, da kein Wispern und
Flstern die gereizten Nerven der Kranken berhrte. Das matte Lmpchen, noch
durch einen Schirm geschwcht, schimmerte ganz fahl. Wir hrten jeden Athemzug
unserer Freundin. Er war gleichmig, und wrde uns ber ihre Schlaflosigkeit
getuscht haben, wenn das Rascheln der seidenen Decke und die Bewegung der
Gardinen es nicht verrathen htten, da sie wache.
    Sie erkannte Sie gleich, als ihr das Bewutsein wiederkehrte? fragte ich
Hugo. Er bejahte es mit sichtbarer Rhrung. Was sagte sie denn? hub ich nach
einer Pause wieder an. Sie nannte meinen Namen, entgegnete er. Und - er
stockte einen Augenblick. Dann, fuhr er fort, hob sie beide Arme zum Himmel
hinauf, und begleitete diese Bewegung mit einem langen Blick, den sie lchelnd
auf mich niederfallen lie.
    Ja, erwiederte ich, sie wre auch wohl nicht erwacht, htte sie Ihr
schmerzlicher Ruf nicht geweckt.
    Er sah lange schweigend vor sich hin. Ich also, meinen Sie, nahm er
endlich das Wort, habe sie ins Leben zurckgerufen! Wie wird das Leben fr sie
aussehen? Er lchelte auf seine schmerzliche Weise. Mich erschreckte das. Ich
wollte es zu keinem innern Verlieren bei ihm kommen lassen. Seh'n wir nicht
weiter, bat ich, als der Augenblick es uns gestattet. Wir haben noch keine
Sicherheit fr die nchste Zukunft.
    Er sah mich erschrocken an. Wie? fragte er, Sie frchten noch? Ich
drckte ihm stumm die Hand, denn die Kranke schien sich im Bette zu erheben. Er
sah unruhig nach ihr hin. Sophie! rief sie schwach. Ich eilte zu ihr. Sie gab
mir die Hand. Ich mute mich auf einen Stuhl neben sie setzen. Er schlft
wohl? fragte sie. Ich nickte ihr zu, und wendete mich so, da sie Hugo nicht
sehen konnte, der in der offnen Thre stehend, ngstlich auf jede ihrer
Bewegungen sah.
    Das ist mir lieb, versicherte sie. Ich will, ich mu mit Ihnen reden.
Jetzt nicht, bat ich sie. Sein Sie unbesorgt, es ist nthig, gewi, liebe
Sophie! fuhr sie dringend fort, ich werde gefater sterben, wenn ich dies vom
Herzen habe. Sie werden jetzt nicht sterben, unterbrach ich sie, von dem
Ernst und der Feierlichkeit ihres Wesens peinlich erschreckt. Es kann sein,
sagte sie, es kann auch anders sein! Sie sah in die Hhe. Ihr liebes Auge war
von dem Flor der Krankheit noch nicht befreit, es dmmerte so umwlkt, und hatte
dadurch etwas unbeschreiblich Zrtliches.
    Schreiben Sie, hub sie gleich darauf an, auf jeden Fall an Eduard,
Liebste! Sagen Sie ihm, da ich jetzt nichts, als seinen gestrten Frieden vor
Augen htte, und Alles darum geben mchte, ihn glcklich zu wissen. Bitten Sie
ihn, mir zu verzeihen, da ich seine Ruhe leichtsinnig durch unsere Verbindung
aufs Spiel setzte. Das ist mein grtes Unrecht! seufzte sie. Ich liebte ihn
nicht. Guter Gott! ich wute nicht, da es anders sein knnte!
    Sie sank matt auf ihre Kissen zurck. Ich wollte nichts mehr hren; ich
beschwor sie, alle Anstrengung zu vermeiden. Sie lchelte. Was sind Sie so
ngstlich? fragte sie. Der Tod ist nicht das Schlimmste, was mir droht.
    Ich that nicht, als ob ich sie verstehe. Hugo hatte sich inde leise
hereingeschlichen. Er stand mit dem Haupt seitwrts gegen den Schirm gelehnt,
der das Bett der Kranken theilweise umgab. Diese, einmal den Gegenstand
berhrend, der sie wohl meistens beschftigte, achtete nicht auf mein Schweigen,
sondern sagte: Denken Sie doch nur, Sophie! wie jung ich bin, drei und zwanzig
Jahr, und schon mit dem Leben abgeschlossen! Nichts, nichts mehr darin, was mir
gehrt; keine Pflichten! kein Beruf! kaum ein Pltzchen, das mir vergnnt, den
langen, unfruchtbaren Weg, ohne Unterbrechung, ohne Schatten und Licht, kahl und
grau, bis an's Ende zu bersehen. Und ich war so froh wie Emma, klagte sie, so
recht jugendfroh. Was nimmt mir jetzt der Tod? Nichts! wahrhaftig nichts!
    Ich erinnerte sie an Georg, der ihr doch immer bliebe, den sie auch aus der
Ferne begleiten knne.
    Aus der Ferne! wiederholte sie schmerzlich. Ja, fern! fern! das pat auf
Alles, was mir angehrt. Es bleibt mir nichts nahe. O bitte! rief sie, nach
meiner Hand fassend, beziehen Sie's nicht auf sich, Liebste! Denken Sie nicht,
ich sei ausgeartet genug, um Ihre Freundschaft mit Undank zu lohnen. Ich fhle
sie, ach, ich fhle sie! Aber -! Sie stockte. Und? fragte ich. Sie haben
auch eine Andere in mir geliebt, Sophie, als ich bin, erwiederte sie sinnend.
Das ist wohl Vielen so gegangen, setzte sie hinzu, auch Hugo! Er hat recht,
ich kenne mich selbst nicht mehr!
    Dieser, vielleicht mehr durch Elisens klagende Stimme, als durch den Sinn
ihrer Worte getroffen, mochte einer unwillkhrlichen Bewegung nicht Herr sein.
Ein leises Gerusch verrieth seine Nhe. Die Kranke fuhr in die Hhe. Sie
fragte. Sie rief ihn. Er trat zu ihr. Thrnen bedeckten sein Gesicht. Er war
sichtlich in groer Erschtterung. So ergriff er ihre Hand, so gelobte er mit
leisen, heien Worten, sie nie zu verlassen, sein Geschick unwiederruflich an
das ihrige zu knpfen, und ihrer Verbindung die Heiligkeit auch uerlich zu
geben, die sie fr ihn ewig habe.
    Lieber Freund! das war es, was ich Ihnen in seinem unwillkhrlichen Kommen
und Geschehen hinstellen wollte. Sie haben es in Ihrer Klarheit begleiten
knnen. Der Eindruck ist frei, durch Nichts vorher bestimmt. Sie werden in sich
fhlen, wie viel Raum wir der Freude geben drfen!
    Beide sind jetzt glcklich! Elise ist in der Genesung wie durch einen
Zauberschlag vorgerckt. Nur eins htte mich fast diesen Morgen hierber irre
gemacht. Sagt mir doch, hob sie nach kurzem Schlafe an, was ist denn das fr
ein graues, verschleiertes Geschpf, das whrend meiner Krankheit Nachts immer
durch das Fenster dort herein sah?
    Ich erschrack. Ich frchtete, sie rede aufs neue im Fieber. Ich entfernte
deshalb jene Vorstellung, ohne sie zu bestreiten. Sie lachte. Ich wei wohl,
was Sie denken, Sophie, aber es ist ganz bestimmt, wie ich es Ihnen sage,
versicherte sie. Ich war verlegen, auf welche Weise ich es ihr ausreden sollte.
Zum Glck erinnerte mich Madame Lindhof an die Italienerin. Ich schwieg davon,
doch Johanna wute hierber noch manche Anekdote, was zu meinem Verdru, Elise
nachdenkend machte. Es war wohl die Erinnerung an die fremde Bewohnerin ihres
Hauses, denn sie sagte bald darauf: also auch eine ruhelose Unglckliche! Wir
lieen es dabei. Sie aber fragte noch mehrmals nach der Unheimlichen.
    Nun, der Eindruck wird sie weiter nicht stren. Sie ist zu glcklich!

                               Elise an die Tante


Wie soll ich es denn anstellen, recht aus dem Herzen, recht frei, ganz wie ich
bin und denke, zu Ihnen, meine Wohlthterin, meine beste, liebste, mtterliche
Beschtzerin, zu reden, ohne Sie zu betrben, ohne Ihnen von einer Seite wehe zu
thun, wo ich Sie immer mit Besorgni verletzlich fand. Ich wei wohl, da Sie
himmlisch gut sind, da Sie Ihr eigenes Interesse willig fr Andere opfern.
Allein, gute, arme Tante, Sie haben nur den einen Sohn, Sie dachten, Sie hofften
fr ihn, und machten es, wie man es immer thut, wenn man hofft. Sie waren Ihrer
Sache im Stillen gewi. Es hat mich sehr geqult, Sie in dem Irrthum, dreister
als Sie es sonst pflegen, der Zukunft vorauseilen zu sehen. Sie lieen mich es
merken, und wenn ich Ihnen widersprach, lchelten Sie mit einer Ruhe, die so
aussah, als htten Sie Grnde und Mittel, meinen Entschlu zu bestimmen, die Sie
nur noch geheim hielten. Ich wurde ganz irre an mir, an Ihnen, an meinem
Geschick.
    Die Angst, liebe Tante, hat mich auch aus Ihrem Hause getrieben. Nachher bin
ich tdtlich krank geworden. In der Zeit ist Vieles vorgefallen. Jetzt bin ich
mit Hugo verlobt! - O sein Sie nicht bse! Entziehen Sie mir Ihre Liebe nicht.
Ich bin so glcklich! wie knnte ich es bleiben, wenn ich Ihren Unwillen zu
frchten htte?
    Sehen Sie, meine beste Tante! mit Curd und mir wre es doch in meinem Leben
zu keiner Verbindung gekommen. Wir passen wirklich nicht fr einander. Ich bin
ihm gut! O Gott, ja, recht herzlich gut! Aber - nein! - das war unmglich! Ach,
Sie sehen das auch im Grunde wohl ein. Ich bin zu alt fr ihn, und dann, eine
geschiedene Frau! - Sagen Sie, was Sie wollen, Curd dnkt Ihnen wohl gut genug
fr eine bessere, die nicht den Tadel der Welt auf sich lud, Niemand erst zu
vergessen hat, und froh und stolz an seiner Seite in Gesellschaften auftreten,
den Blicken der Menschen gern begegnen mag. Was htte er nicht Alles meinetwegen
bekmpfen mssen! Und wie peinlich wre Ihnen das gewesen, Sie, gute, sanfte
Tante! Ich darf hoffen, da hnliche Vorstellungen Ihnen nach und nach kommen,
und Sie ber meinen Verlust trsten werden. Allein, es ist noch etwas dabei, was
Sie und auch Curd nicht verschmerzen werden; das ist der Mann, dem ich meine
Hand gebe. Sie haben ihn nie leiden mgen, und wenn ich spterhin seiner
erwhnte, so hrten Sie mir stets mit verbissenem Aerger zu.
    Das kommt aber nicht aus Ihrem guten Herzen. Sie sind weit entfernt, irgend
ein Geschpf Gottes zu hassen, geschweige denn einen Menschen, den Sie niemals
mit Augen sahen. Ich will es ununtersucht lassen, weshalb Sie, zum erstenmale in
Ihrem Leben, unbillig erscheinen? das ist eine kitzliche Frage, die zwischen uns
unbeantwortet bleiben mu. Allein, weil Ihr Herz doch eigentlich von dem
Widerwillen nichts wei, so schmeichle ich mir, die Zeit und meine Bitten werden
ihn berwinden. Sie werden Ihre arme Elise, die soviel litt, soviel bei Ihnen
geweint hat, die Sie nicht weinen sehen konnten, Sie werden ihr keine neuen
Thrnen auspressen wollen!
    Nun, ich will Sie auch nicht bestrmen. Ich will geduldig warten, bis Sie
mir's endlich einmal sagen: Sei nur ruhig, Kind. Ich sehe es nun wohl ein, er
ist ein braver Mann, und ich wnsche Dir aufrichtig Glck zu der Heirath mit
ihm.
    Ach gute Tante! wenn Sie das sagen wollten, Aber Sie knnen es jetzt noch
nicht. Und darum frchte ich unbescheiden zu sein, wenn ich Ihnen alle Umstnde
auseinandersetzen, wenn ich Ihnen erzhlen wollte, wie es eigentlich so anders,
so entscheidend gekommen ist. Zuweilen ist es mir selbst wie ein Traum!
    Was Sie doch einigermaen beruhigen sollte, ist, da der alte, wrdige
Comthur so aufrichtigen Antheil an unserm Geschick nimmt, da er schon lange den
Wunsch hegte, ja selbst ihn aussprach, es so vershnt zu wissen. Er und die
Freundin, deren Briefe Ihnen, gute Tante! immer so viel Achtung fr die
Schreiberin einflten, die sind es, welche jetzt Hugo's und meinen Frieden mit
den unvershnlich Gesinntesten machen. Der vortreffliche Oheim hat Eduard
geschrieben, ihm in die Seele geredet, und mir wenigstens eine verzeihende
Aeuerung von ihm gewonnen. Auch in der Stadt, am Hofe, zeigte sich der wrdige
Mann unsertwegen. Ihm ward eine lange Unterredung mit der Frstin Mutter, in
welcher diese zuletzt eingestand: Es sei so viel fr die Bewahrung der Sitten
gewonnen, da nun jedes andere Gercht zum Schweigen gebracht werde. Auch hat
sie mich gren lassen, und geuert: Der Zutritt an Hof stehe mir frei, wenn
ich ihn suchen wollte.
    Alles dies schreibe ich Ihnen, weil es auch Sie vielleicht gtiger stimmt.
Werden Sie mir wohl antworten? Und sollte ich diese Antwort frchten mssen?
Oder - ich wei es nicht, aber ich denke manchmal, mein Glck mu Sie rhren!
und am Ende, wenn Alle aufhren, mich zu schelten, wollen Sie, die frher Andere
, ihrer Strenge wegen, tadelte, jetzt erst anfangen, es diesen gleich zu thun?
    Geben Sie mir Ihre Hand, lassen Sie mich sie kssen. Sein Sie wie immer, die
Gtige, die nicht zrnen kann.

                                 Hugo an Elise


Der Einfall, den schnen Frhlingstag in Wehrheim zubringen zu wollen, ist
vortrefflich. Wissen Sie, da der gestrige, warme Regen alle Knospen der
Mandelblthen geffnet hat? Wie ein rothes Wlkchen zieht es sich unten an den
Bergen hin! Und am Boden, der frische Rasenteppich! und darber, den Glanz der
klaren, milden Merzsonne! Ich sage Ihnen, Elise! das helle Wehrheim tritt wie
ein Zaubergarten aus den blauen Wellen unsers Stroms herauf.
    Nun, Sie werden ja sehen! Ich kam eben von dort, als ich Ihr Billet fand.
Wir hatten einen Gedanken! Es ist sonderbar, sagen Sie mir, wie die Natur oft in
so frappantem Zusammenhange mit dem Geschick der Menschen zu stehen scheint!
Dieses hat auch seine Abschnitte, und nicht selten correspondiren Jahreszeiten
und Lebensepochen hchst wunderbar! Ich erinnerte mich auch heute der starren,
verwilderten Stimmung, in der ich den lieben Ort, unter Winterstrmen und
Eisnebeln, vor wenigen Monaten durchstrich, und freute mich, den schnen
Frhling in ruhiger Brust aufnehmen zu knnen.
    Lassen Sie es uns vergessen, da die Stunden zeitlich und auch der Frhling
vergnglich ist! Wir wollen heute thun, als knne weder ihm noch uns der Wechsel
etwas anhaben!
    Sophie begleitet Sie doch? Sie gehrt so sehr zu uns. Der Oheim kommt auch,
vielleicht spter! immer inde vor Abend. Sie haben auch die Nachtluft zu
scheuen. Ob mir gleich nichts ber das Hineindmmern in die geheimnivollen
Dunstbilder des Thaues und die breiter fallenden Schatten geht. Knnten wir die
Rckfahrt nicht zu Wasser machen? Aber ich besinne mich! Nein! Nein! Sie scheuen
das. So fahren Sie mit dem Oheim, und ich bringe Ihnen Sophie nach. Guten
Morgen, Liebe!

                                 Elise an Hugo


Welch' einen Tag haben wir verlebt! Ich kann noch nicht schlafen gehen. Es ist
Alles wach in mir! Haben Sie es denn empfunden, wie mir ward, als mich der
Comthur die Treppe zum Schlosse hinauf fhrte? Und ich nun eintrat, nun da war,
da sein durfte, in der neuen Heimath. - Ich hatte frher das nie gedacht, nie
getrumt, die Empfindung berwltigte mich, man ist sich fremd in den ganz neuen
Lebensbeziehungen, ich zitterte, ob aus Schwche, aus Freude oder einer hhern
Macht, die mich bis hierher fhrte? ich wei es nicht zu sagen. Mein sanfter
Begleiter schien mir ber alles, so wie ber die Stufen der Treppe weg, und nur
vorwrts helfen zu wollen. Dann lie er mich, und trat einige Schritte
seitwrts, als wir innerhalb standen, und ich gleichsam eingeweiht war, und
Besitz von meiner knftigen Wohnung genommen hatte!
    Hugo! wie ist es denn mglich, da pltzlich alles so anders werden, die
Vergangenheit versinken, und eine Gegenwart da sein kann, die mit dem schon
gelebten Theil des Daseins in keiner uern Verbindung steht, und doch ganz da
ist, vollstndig, bindungslos, wie die Ewigkeit ihr unbegreifliches Leben um uns
verbreitet?
    Ich habe den ganzen Tag ber diese Frage nicht hinausgekonnt. Da ich das
nur fragen mute! Es waren berschwengliche Stunden, in denen ein Menschenherz
brechen knnte, weil es das nicht fat, was es zu reich beseligt!
    Sehen Sie, wie wir nun nach und nach huslicher in dem unbewohnten Schlosse
wurden, wir bei einander saen, das Auge mit allen Gegenstnden auer uns
vertraut ward, Niemand gerade sprechen mochte, der Flu so eintnig rauschte,
als sage er uns seit Jahren dasselbe, unsere Hnde in einander lagen, die Blicke
ber die Landschaft hinglitten, die Mandelbume ihre rothen Kronen leise
bewegten, und das Wasser frische Lftchen heraufschickte, um uns den milden
Blthenduft nher zu bringen, ich htte denken knnen, es sei immer so gewesen!
Und dann erschrack ich doch wieder, und fragte mich, ist es denn nun erlaubt,
da ich hier bin? da ich seine Hand in die meine schliee? da ich es zeige und
sage, wie ich ihn liebe? Diese innere Ruhe, diese Sicherheit ist kein Traum!
Hugo, lieber Hugo! Der Himmel hat mir viel Muth, und durch lange Zeit Kraft im
Unglck gegeben; aber fr das Glck habe ich noch nicht Freiheit, nicht Raum
genug in mir. Es macht mich schchtern, ich werde so klein vor dieser Gromuth
des Himmels, ja ich sinke in mir selbst, wie in einem engen Winkelchen,
zusammen.
    Das war es auch wohl, was der Comthur meinte, als er mir zuflsterte: Ich
erkenne die heitere Freundin von ehemals nicht wieder. Wo hat Elise die
jugendlichen Schwingen gelassen, mit denen sie das blaue Luftmeer muthwilliger
Laune so oft durchschiffte?
    Ich drckte seine gute, liebe Hand. Fragen Sie nicht, bat ich. Sie mssen
Geduld haben mit einer Genesenden. Wenn auch schon die Fhigkeit zur Bewegung da
ist, man getraut sich nicht, die lang entwhnten Krfte zu gebrauchen.
    Er lchelte wohl, doch sah er auch ernsthaft aus, und schien mich erforschen
zu wollen. Mag er das! Es liegt nichts im Grunde meiner Seele, das seinen Blick
scheuen mte. O Liebster! fassen Sie doch die Seligkeit, da ich das sagen
darf!
    Wissen Sie wohl, da es innere Uebereinstimmung allein ist, die uns billig
und herzlich gegen andere macht. Wre der brave, alte Baron Wildenau zu jeder
andern Zeit so unerwartet an einem Tag, wie der heutige, hineingefallen, wir
wrden ihn unwillig und trocken abgewiesen oder bei Seite gelassen haben. Nun
empfingen wir ihn bescheidener, und fhlten ohne Strung, da unsere Wrme ihn
auch erwrmte, und er sein Herz aufschlo. Nachher brauchten wir uns nicht
weiter groe Gewalt anzuthun, um ihn zu hren. Es interessirte uns wirklich, was
er ber Leontin sagte, dessen letzter Brief merkwrdig genug sein mag; wenn man
ihn nur zu lesen bekme! Die wenigen Fragmente, in die Sprache des Vaters
bertragen, geben nur confue Vorstellungen. Der Gedanke, statt eines strengen
Mnchklosters, wie es der tiefsinnige Mensch frher gewollt, eine weltliche
Erziehungs-Anstalt fr Knaben zu stiften, hat mich besonders gerhrt. Wunderbar,
da uns gerade heute Nachricht von dem dunkeln, ganz aus dem Gesicht verlornen
Freunde kommen mute!
    Gestehen Sie, da ich wenig eitel sein mu, um es dem ungalanten Baron nicht
nachzutragen, da er mich erst nach einer ganzen Weile wieder erkannte. Ich
frchte, lieber Hugo! die Vernderung, welche der Oheim nur an meiner Laune zu
finden glaubt, wird sich auch wohl auf meine ganze Person erstrecken. Armer
Hugo! so ist der Herbst des Alters doch wohl vor der Thr! und der Frhling der
Jahreszeiten leihet uns nur ein Stckchen von seinem Leben!
    Ich will mit dem traurigen Schlu nicht auch den Brief schlieen. Deshalb
frage ich Sie noch, was haben Sie denn mit Sophie angefangen? Die kam ja von
ihrer Wasserfahrt so ernst und wortkarg zurck, als sei etwas vorgefallen, das
ihr die Lust des Tages trbte? Ihr habt wohl sehr tiefsinnige Gesprche gefhrt,
und Euch in feierliche Betrachtungen hinein vertieft? Mir geht nach gerade die
Sprache aus! Gute Nacht, Hugo! Ich nehme all mein Glck mit mir in den Schlaf,
und will davon trumen. Gute Nacht! gute Nacht!

                                 Sophie an Hugo


Ich verga Sie zu erinnern, Elisen unser Begegnen mit der gespenstigen Fremden
nicht zu erzhlen. Es wirft immer einen Schatten auf den hellen Tag zurck, und
sie hat diesen so rein genossen! Ich fand sie noch in groer Bewegung am
Schreibtisch. Die Augen leuchteten ihr vor Freude, als sie die schnen, langen
Wimpern zurckschlug, und mich halb gerhrt, halb triumphirend, mit einer Miene
ansah, die wohl sagen sollte: Nun, Zweiflerin? ist nicht dennoch Alles gut
geworden? Bin ich nicht das glcklichste Geschpf auf Erden?
    Wie wenig pat zu dem warmen Roth, das in dem Augenblick ihre Wangen frbte,
ja wie ein Rosenhauch ber sie ausgegossen schien, die blasse Trauergestalt, die
so einsam in ihrer Gondel aus der buschigen Erdzunge von Wehrheim hinaus fuhr,
und zwischen dem suselnden Schilf hindurch, unsere Bahn durchschnitt.
Schauerlich, sagten Sie, sei Ihnen die Nhe dieser Gemthskranken. Mir hat ihr
unerwarteter Anblick eine kltende Angst in der Seele gelassen, und wirklich mu
ich es ein Glck nennen, da Sie in dem gekrmmten, kleinen Fhrmann den
Bedienten der Dame erkannten, und dadurch alle Gedanken an Geistererscheinung,
von vorn herein verscheuchten, denn in der That, dies pltzliche Erscheinen und
an uns Hingleiten, dies Fortbewegen auf dem Wasser ohne hrbaren Ruderschlag,
das wispernde Rascheln der Rohrhalme, es hatte viel Spukhaftes! Zudem - ich
wette, wurden auch Sie an etwas erinnert, das mir die Brust zusammen zog. Es war
eine Aehnlichkeit in der Bewegung der Arme, in der Art, den Schleier rasch
zusammenzuschlagen, sich ganz hinein zu wickeln, dieselbe Neigung des Kopfes,
ein wenig auf die Seite, und dann nach vorne gebckt. Das nmliche
Zusammenziehen des Krpers, so in sich hinein, wie Jemand, der friert. Ich wei,
sie ist leidend! aber es trifft mit der Gestalt zusammen! und dann der Abend,
das Halbdunkel! heute gerade! Ich wollte, die Unerfreuliche verliee diese
Gegend bald! Ich fragte neulich den Arzt nach ihr. Elise achtete sehr aufmerksam
darauf.
    Er wute nicht viel von ihr. Es behandelt sie ein franzsischer Doktor. Er
ist bei der Legation. Er kommt wchentlich mehrmals aus der Residenz hierher,
und geht sodann ber das Kloster der frommen Premonstratenser Mnche zurck. Er
zeigt nur gleichgltiges Nichtachten bei allen Erkundigungen ber die sonderbare
Fremde, die ihn wenig zu interessiren scheint, und uns so unbequem ist. Ich
schelte mich deshalb. Allein, wenn ich von mir auf Elise schlieen darf, so
verbergen wir dieser wohl klglich unser kleines Nachtabentheuer.

                                 Hugo an Elise


Ich schicke Ihnen, Liebste! in aller Frhe einen kleinen, grnen Papagay, der
mir diesen Morgen zum Kauf angeboten ward. Es reise ein Mann mit fremden Thieren
hier vorbei, sagte mir der kleine, braune Knabe, in gebrochenem Italienisch,
welcher den Vogel herauf brachte. Es war ein hbsches Bild, das gewandte, fremd
gekleidete Kind mit dem bunten Papagay auf der Hand, beide wechselsweise
schwatzend, sich kssend und einander liebkosende Gre zurufend. Wir wurden
bald Handels eins. Ich hatte gezahlt, jener ging, der Vogel sa auf seiner
Stange, sah umher, drehte sich hin und wieder und rief mit einemmale hell und
deutlich Georg. Ist der Zufall nicht artig, da, aller Wahrscheinlichkeit nach,
der Knabe so heit? da ihn das verlassene Thier so ruft, und da ich meiner
Freundin so das Echo eines geliebten Namens zu vertrauter Unterhaltung bieten
darf?
    Hier, Elise, sprechen Sie dem niedlichen Plaudrer immer vor, was er sagen
soll, und was Niemand sonst zu wissen braucht. Schwatzt er auch, so verrth er
doch nur halb das Geheimgehaltene. Guten Morgen! Guten Morgen, Liebe!

                                    Antwort


O, weg mit dem Ohngefhr! weg, mit der Fabel vom braunen Knaben! Niemand als Sie
kann so zart fhlen, kein Zufall kann mich so in meinem Innern finden! den Namen
lehrte das Thier kein Wrter, nicht das Bedrfni nach Futter. Er nennt ihn so
weich, so sehnsuchtsvoll. O, den hat ihn die mitempfindende Liebe gelehrt.
    Mein bester Hugo, wie rhrt mich dies Geschenk! O bitte, verstecken Sie sich
doch nicht hinter das schlecht ersonnene Mhrchen, und lassen Sie das vom Himmel
gekommene Feenkind weg, das solche Zauberknste mit dem Entrthseln geheimer
Wnsche treibt! Ich kenne wohl einen Zauberer, der tief, tief in meiner Seele
liest, doch, auer ihm Niemand, der kleine, welsche Elfe wei nichts von mir.

                       Hugo durch den rckkehrenden Boten


Ich versichere Sie, ich sagte Ihnen die Wahrheit. Ich ersinne nichts, um nachher
aus meinem Verstand hervorzutreten. Gewi, es ist, wie ich Ihnen schrieb.
    Nehmen Sie es einfach, Liebe! und freuen Sie sich, da uns jetzt berall das
Angenehme auf halbem Wege entgegenkommt.
    In einer Stunde bin ich bei Ihnen, Sie werden nicht lnger meine Worte
bezweifeln, wenn Sie mir in die Augen sehen, die Sie nie tuschen konnten.

                               Die Tante an Elise


Ich antworte Dir gleich, liebes Kind! damit Du nicht glaubst, ich wolle Bses
mit Bsem vergelten, denn das ist wahr, betrbter bin ich lange nicht gewesen,
wie den Tag vor Deiner heimlichen Abreise, und hernach, wie Dein Brief kam. Man
sorgt und qult sich das halbe Leben fr seine Kinder, und Glck und Frieden
schafft kein Mensch. Der arme Curd! Ich dachte es nun gewi, und sage, was Du
willst, es wre am Ende doch wohl geschehen, denn es ist schwer, seinen Bitten
zu widerstehen. Ach, ich wei das ja am Besten! Er kann so niedliche Augen
machen, gerade so, als er noch klein war, und mir was abbettelte. Wenn er Dich
so ansah, Elischen! Du lcheltest auch, und warst ihm auch gut! der arme Junge!
Ich kann nicht ohne Thrnen an ihn denken.
    Aber das knnten wir am Ende noch verschmerzen, wenn es nur der Mhe werth
wre. Nein! Ich kann mir es nicht mglich denken, da Du den Mann heirathen
wirst, um dessentwillen Du Dich mit dem achtungswerthen Prsidenten entzweitest,
mit dem Mann, der nichts als Kummer und Schimpf ber Dich und Deine Familie
verhngte, der Dich von Haus und Hof verjagt, und Deinen allerliebsten Georg um
die Mutter gebracht hat, und der nachher gar nicht that, als wrest Du in der
Welt, bis Du Alles, Alles vergit, und gerade dahin gehst, wo Du gewi sein
konntest, ihn zu treffen.
    Siehst Du, ich htte das nicht thun knnen, um alle Schtze der Erde nicht.
Niemals wrde ich's mir vergeben haben, den kalten Menschen sehen zu lassen, wie
viel mir an ihm liege! Lieber sterben, als mein Herz so wegwerfen!
    Nun, Du wrest ja doch beinahe darber gestorben. Da, freilich, wie es denn
so weit kam, da schlug ihn wohl das Gewissen, und er bot Dir seine Hand.
    Ich wei Alles durch Curd, der immer in Deiner Nhe blieb, wie Du so elend
warst, und hernach auch noch. Er kennt den Frster aus dem Orte. Bei dem hatte
er sich Tag und Nacht einquartirt, ohne da es ein Mensch wute. Der redliche
Junge! so wie der Dich liebt, Elischen! so liebt Dich doch kein Anderer. Das
kannst Du gewi glauben, und ich will wnschen, da Du Deine unbesonnene Flucht
aus meinem stillen Hause einmal bereuen mgest. Denn sage mal aufrichtig, Kind,
was kann Dir nun eigentlich alles das helfen? Es ist schon gar zu viel Wind ber
Eure Liebe hingegangen, bei den Mnnern hat so etwas immer Folgen. Der Tod der
Frau kam auch noch dazwischen. Er hat sie doch wohl lieb gehabt, und sich
hernach im Stillen Vorwrfe genug machen mssen! Dir ehrlich gestanden, mir
kommt es so vor, als wre sein Antrag nur so ein Angst- und Nothgeschrei
gewesen. Er frchtete, es wrde ihm eben so mit Dir gehen, und die Welt noch
scheeler dazu sehen, als das Erstemal. An Deiner Stelle htte ich gar nicht
darauf geachtet. Er war dann beruhigt, und ber alle Nackenschlge weg. Du
konntest Dich wieder selbst respektiren, und vor den Menschen, da kriegte Alles
ein ganz anderes Ansehen. Ich begreife die Leute gar nicht, die Du um Dich hast!
ob das keiner einsieht oder Dir nur nicht sagen will? Die Freude und der Jubel
ber solche unschickliche Verbindung ist mir ganz unverstndlich. Denke Dir mal
selbst die Sache so recht deutlich, wie sie sich wirklich begeben hat, und dann
frage Dich, ob es Dich nicht beleidigen wrde, wenn Du es bei Andern so zugehen
shest?
    Ich stelle mir manchmal vor, der wrdige, alte Herr und die kluge Stiftsdame
knnten gar nicht im Irrthum sein, dazu besitzen sie wohl viel zu viel wahre
Delicatesse. Allein der Umstand, Elischen, da Du so sehr daran hngst, und da
sie wohl sehen, Du willst Dich sonst nicht auf andere Art vor der Welt wieder
herstellen, Dir fehle es ganz an Muth und Entschlu, Deine Parthie zu nehmen,
und Deine unbegreifliche Leidenschaft werde Dich noch unzhlig viel
unvorsichtige Schritte begehen lassen, das macht es, da sie denken, lieber ein
Uebel als so viel rgerliches Aufsehen. Nun sieh' mal, bist Du es denn nicht,
deren Schwche sie nachgeben? Habe ich unrecht, wenn ich jetzt schelte, inde
Andere Dich loben? Was dabei zu loben ist, das kann doch wohl kein gescheuter
Mensch einsehen!
    Nein, mein Kind, darin irrst Du sehr, gut geheien habe ich frher auch
nicht, was die Welt tadelte, tadeln mute. Aber, es schien mir barbarisch, eine
Gefallene vollends niederzutreten. Und dann kam auch damals die Weisheit
hintendrein. Doch jetzt ist es noch Zeit. Wenn Du wolltest ... wahrhaftig, ich
schweige ganz von Curd, ich will nicht einmal an ihn denken, ob ich gleich gewi
bin, er wre ganz der Mann darnach, alles Geschehene vergessen zu machen. - Doch
Gott bewahre mich! Nein, ganz abgesehen davon, um Dich allein, mein Herzchen. Du
sonnest Dich jetzt so recht bequem und ruhig in Deinem Glck, aber, aber! Die
Herbstsonne, die leihet uns nur ihre Strahlen, das hat keine Art mehr! Das
Gewlk fliegt drber hin, ehe man es denkt, und Sturm und Regen sind da.
    Ueberlege dies, liebe Elise! Ich meine es gut. Du kennst mich, aber Dich
selbst kennst Du nicht.

                                 Elise an Hugo


Stellen Sie sich vor, die Grfin Ulmenstein lie sich vor einer Stunde bei mir
ansagen, eben fhrt sie wieder weg.
    Was in dieser Stunde alles hier in dem kleinen Zimmerchen geschwatzt worden
ist, das mchte ich nicht behalten knnen, und Ihnen auch nicht wiederholen.
Doch der groe Gegenstand dieses formellen Besuchs war eine Verlobungsanzeige.
Curd und Agathe! Ich hatte Mhe, nicht zu lachen.
    Lieber Freund, mir ist ein Stein vom Herzen. Nun bin ich ihn und die
redliche Mutter los. Die wei noch nicht ein Wort von der Geschichte. Sie wird
Augen machen. Mag sie sehen, was sie mit ihm anfngt.
    Ach, er ist ein sogenannter guter Mensch! Man ist gegen diese Sorte in der
letzten, berklugen Zeit oft sehr unbillig gewesen, Sophie ist es noch. Ich
streite mit ihr darber. Sie behauptet, da liege das Gegengewicht alles hhern
Strebens. Die plumpe Masse hnge sich unversehens an, und ziehe Andere herunter.
Ich leugne ihr berall das Wagerecht ab. Wer hlt die Schaale? Man soll nicht so
den Richter spielen. Aufgeblasene Leerheit hat freilich etwas Lcherliches. Nun,
so lache man! Ich bin eher hierzu, als zum Unwillen gestimmt, und wahrhaftig,
wenn mir Curd auch lstig war, Sophie thut ihm doch zu viel.
    Aber wie breit und stolz und wichtig unsere Nachbarin hier vorfuhr! Ich
mute mir in die Lippen beien ber diesen Triumphzug.
    Der Brutigam hat sich begngt, mir eine Karte zu schicken. Mein Gott,
warum? da die Menschen aus Verlegenheit so oft unnatrlich werden! Htte der
gute Vetter seine Bldigkeit berwunden, wir wrden im Augenblick unser
Verhltni festgestellt, und uns spter unvermeidliche Verdrlichkeiten erspart
haben; denn ich kann einmal das stramme Nichtachten und Fremdthun unter
Menschen, die sich besser kennen, nicht leiden. Der Unwille springt mir ber die
Lippen und es giebt Auftritte.
    Apropos! wissen Sie, da unser Rthsel hier in Eduards Hause, eine Verwandte
vom *** schen Hofe sein soll! Man wei ganz gewi, da sie in Verbindung mit
diesem steht. Die Oberhofmeisterin correspondirt mit der Kammerfrau oder
Gesellschafterin. So viel hat Walter ausspionirt. Sie ist Aebtissin eines
Florentinischen Klosters. Das Geheimni, das sie umgiebt, soll politische
Ursachen haben, so wie ihre Entfernung aus Italien; die Grfin wute auch davon,
und gab zu verstehen, eine aufgelste Heirath aus Familienrcksichten,
Hof-Intriguen, Vergiftung, und Gott wei, welches romanhafte Quodlibet, habe sie
um den Verstand gebracht. Ihrer Aehnlichkeit mit der Frstin von *** schreibt
man es zu, da sie stets verschleiert umhergeht.
    Ich mchte sie wohl einmal sehen.
    Ich meine, ich habe Ihnen genug zu Dank geschrieben, da Sie den ganzen Tag
in Geschften mit Gerichtshalter und Amtleuten zubringen wollen, ohne einen
Augenblick fr Ihre ungeduldige Freundin abmigen zu knnen.
    Wte ich es nur ber mich zu gewinnen, ich htte auch schweigen, und Sie
mit Ihren Acten in so trockner Unterhaltung lassen sollen, wie Sie es gestern
fr gut fanden, uns solche kosten zu lassen.
    Nein, Hugo! einsilbiger habe ich Sie lange nicht gesehen. Ums Himmelswillen,
macht diese unglckliche Rechtspflege alle Mnner hlzern und eingebildet auf
ihre Wichtigkeit? Sie zogen auch die Stirne kraus und sahen auf einen Fleck,
rechneten und balancirten das Fr und Wider mit kaltem Ernst, wie gewisse andere
Leute, die ich nicht gegen Sie, am wenigsten im Schlimmen erwhnen will. Aber
Lieber, sein Sie weniger respectabel und ein Bischen liebenswrdiger.

                                    Antwort


Ich sollte Ihnen danken, Elise! bereuen und Aenderung geloben. Das kann ich
Alles nicht. Im Gegentheil mu ich Sie schelten, da Sie mich kennen und doch so
beobachten, als wre an mir etwas anders als unwillkhrlich.
    Haben Sie ja Nachsicht mit mir, und vor allem lassen Sie sich nicht auf
vieles Erklren und Motiviren ein. Sie verderben nur Ihre Zeit; denn wahrhaftig,
es wrde mir schwer werden, mich immer selbst zu verstehen.
    Machen Sie auch den Geschften nicht den Krieg. Geschfte sind ein guter
Ableiter in den Gewittertagen der Seele. Und in wessen Leben finden sich solche
Tage nicht?
    Ich denke, der Humor wird bei dem heutigen Gerichtstage nicht erst lange um
Stoff betteln mssen. Will's Gott und der witzige Kauz, der Actuarius, so bringe
ich Ihnen heute Abend eine freie Stirn, und einen ganzen Sack voll Anekdoten
mit.

                         Die Oberhofmeisterin an Sophie


Wie soll ich Sie nennen? unbesonnen? Das Wort pat niemals auf Sie. Treulos? Ich
kenne Sie so lange als wahr und zuverlig. Bethrt also? Bethrt auf
unbegreifliche Weise.
    War es mglich? Bei Ihnen fand sich das Prchen zusammen? Unter Ihrem Schutz
glich sich alles so glatt und eben aus, als habe die Thorheit nur die Hand der
Weisheit bedurft, um ihr gleich zu werden!
    Sophie, dazu haben Sie Ja gesagt? So wenig ehrten Sie in der Freundin die
tdtlich gekrnkte Mutter? Haben Sie denn kein menschliches Ahndungsvermgen?
fiel es Ihnen nicht auf tausend Meilen ein, wie es mir in der Seele zuwider sein
mute, diese verfhrerische Schlange mit Hugo verheirathet zu sehen. Sie mit dem
Namen nennen zu hren, den Emma, die Unglckliche, Gemarterte, mir und der Welt
Entrissene, trug? Haben Sie gar keine Vorstellung von der Eifersucht einer
Mutter fr die Rechte der einzigen, angebeteten Tochter? Ist es Ihnen wirklich
unmglich, die bittere Krnkung zu bezweifeln, die mir aus dieser unwrdigen
Heirath erwchst?
    O fragen Sie nicht mit der verwunderten Ruhe, die mich zu Zeiten, Ihnen
gegenber, um alle Fassung bringt, ob ich denn gewollt, da der Graf nie wieder
an eine zweite Ehe denken sollte? Ja, ja, ich habe das gewollt! Ich will es
noch! Wem darf er seine Hand bieten, wenn ihn das sanfte Joch an Emma's Seite
drckte? Wem? ich frage Sie. Und wenn auch das nicht wre, sagen Sie einmal,
kann er diese Unruhestifterin, diese Strerin seines Familienfriedens, diese
doppelte -! O lassen Sie mich wegwenden von dem Gedanken, da sie es ist, die er
in sein ehrbares Stammhaus fhrt, die ihr entweihtes Wappen an den Schild hngen
darf, der sich mit dem meinigen verschlang; da sie da gehen, stehen, sitzen
wird, wo Emma sa; da ihre Stimme frei und keck erschallen wird, wo jene
demthig und leise ihr bescheidenes Wort aussprach, da sie - o mein Gott! da
lachen wird, wo mein armes Kind so viel, so hei weinte!
    Gehen Sie, Sophie! Ihre Klugheit ist dem flachen Spiel empfindsamer
Modetndelei erlegen. Whrend Sie sndliche Thrnen trocknen helfen, pressen Sie
meinen brennenden Augen gerechte und allzu bittre aus.
    Ich wute nicht, sollte ich die Leute Lgen strafen, die mir die Geschichte
dieser Komdien-Vershnung erzhlten! Ein falsches Gercht nannte ich sie, doch
glauben, das war mir nicht mglich, glauben konnte ich sie nicht.
    Nun besttigen Sie es selbst, und verlangen, ich soll es gut heien.
    Verblendete! mit Ihnen ist nicht zu streiten. Aber der Himmel, das wei ich,
der Himmel wird Euch die Augen ffnen. Das duldet er nicht, wie auch Wahn und
Ueberspannung seine Absicht miverstehe. Und sollte, und drfte ich auch nicht
-! Nein! verlassen Sie sich darauf, das wird niemals geschehen!

                                Hugo an Heinrich


Du bist ein guter Mensch, Heinrich! aber Du hast das Unglck, selten zu wissen,
wie Andern zu Muth ist. Das kommt von Deinen abgezogenen Begriffen. Du giebst
nicht genug auf das Leben Acht. Mein liebes Kind! das ist ein Proteus, das macht
Dir ein X fr ein U vor, ehe Du Dich versiehst.
    Ich htte Dir lngst einmal wieder geschrieben, allein ich frchte mich vor
Deinen hohen Worten. Du hast so viel mit Idealen, mit Streben u.s.w. zu thun,
und das Alles schrumpft, bei ordentlichem Tageslicht besehen, zu solcher Misere
zusammen, da mir's erschrecklich ist, wenn man davon viel Lrmens macht.
    Soll ich Dich nun auf meine Weise unterhalten, so hrst Du nichts
Gescheuteres, und glaubst noch dazu, es bestreiten zu mssen. Thue das ja nicht.
Es kommt nichts dabei heraus. Es geht doch alles seinen Gang fort. Man vermag zu
wenig gegen das Vorurtheil! Den Feind besiegst Du mit allen Fechterknsten der
Dialektik nicht.
    Es wre ein Gegenstand zu scharfsinnigen Entdeckungsreisen, den verborgenen
Gngen dieses Kobolds nachzuspren. Was der fr Sprnge macht, wie der die Dinge
in den Kpfen der Menschen unter einander wirft, und wie sie geschickt sind,
immer das Dmmste und Einfltigste, was oben auf liegt, zu fassen, davon liee
sich ein drolliges Lustspiel schreiben, prete es nur dem Dichter nicht unter
der Arbeit Angstschwei aus; denn es will Einem an die Haut gegangen sein, um
die rasenden Mistificationen solcher Teufeleien zu verstehen.
    Die Zeitung von meiner zweiten Heirath hast Du wohl schon, lieber Heinrich!
Thue Dir keine Gewalt an, lache dreist, ich lache mit. Lcherlicher hat sich
nicht leicht ein Mensch gemacht, als ich. Die zweite Heirath!! - Ja, ja! das ist
so ein Stckchen von dem Einflu des Vorurtheils! Was da gesprochen, gethan,
gelitten wird, um die einfachste Sache von der Welt confus zu machen. Ich sage
Dir, kein Mensch denkt ber den Augenblick hinaus, wenn ihn der gerade packt.
Alle stehen in Gedanken darber, aber - aber -! Ach! es ist eine erbrmliche
Historie, die Weltgeschichte.
    Ich bin wie Alle! gefangen, da ich frei sein knnte. Ja, Heinrich! mir ist
gerade, als wenn mir ein Ambos an den Fen hinge! Und dazu klatscht man um mich
herum in die Hnde vor Entzcken, und lacht und freut sich taub und blind in den
Tag hinein.
    Ich frchte, das Lachen wird ihnen vergehen, mein steinernes Gesicht mu sie
zuletzt doch aus der Fassung bringen.
    Du schreiest ber Inconsequenz! Lieber Heinrich, das ist ein Wort, das, wie
die meisten, ohne allen Sinn angewendet, oder berhaupt gar nicht verstanden
wird. Gerade, weil das Unwillkhrliche, der wahre Mensch in uns, sich nur
folgerecht entwickelt, und keine andere, als falsch ausgelegte Untreuen begehen
kann, weil er wohl fr Augenblicke etwas mit sich machen lt, doch selbst, das
heit mit Seele und Herz, nur das ihm Eigenthmliche thut, deshalb fllt der
Schein davon nach auen ungleich, und beleidigt das Auge durch schillernde
Bewegung.
    Siehst Du, das ist es! Meiner Ueberzeugung nach sind es die
unbestechlichsten, klarsten, wahrhaftigsten Gemther, die zumeist der
Treulosigkeit beschuldigt werden.
    Was hilft so ein conventionelles Machtgebot, wenn sich die ganze menschliche
Natur dagegen emprt? Glaube mir, die Rohheit im Leben, die ist es, die das
Flchtige, das Behende, das Geistige des Daseins, bei Einigen zerstrt, bei
Andern in die tiefsten Winkel der Brust zurckdrckt. So wie Dir nun etwas recht
eigen, recht heilig ist, so fahren rechts und links ungeschickte Hnde in Dich
hinein, und reien Dir das Geheimni aus Licht. Da stellen, und drehen, und
pressen sie's so lange, bis es in die unpassendste Form hineingezwngt ist, und
wenn es ihnen entschlpft, oder Du sagst, das ist nicht, was mir gehrt; was Ihr
da habt, das ist ein zerrissenes, todtes Stck meines Herzens, macht damit, was
Ihr knnt, aber lat die wunde Stelle in mir heilen und vernarben, und qult
mich nicht, das Leblose wieder einpassen zu wollen, die Natur leidet es nicht;
wenn Du das sagst, dann fngt das Toben und Schelten an. Du bist verfehmt, und
kannst sicher sein, mit jedem Bsewicht in eine Klasse geworfen zu werden.
    Es ist ein Jammer, wie die Menschen das Vertrauen unter einander schwchen.
Wolltest Du es aussprechen, wie Dir zu Muthe ist, das liebste Wesen wrde Dich
nicht hren wollen, vielleicht auch nicht hren knnen!
    So ziehe ich meinen Strang in der Welt, so lange die Krfte aushalten. Ich
wre gerne einmal zu Dir gekommen. Aber es ist besser, ich bleibe hier. Es ist
nicht gut, die Flgel viel zu rhren, wenn man einmal im Kfig sitzt. Die Lust,
weiter zu fliegen, knnte zu verzweifelten Versuchen verleiten.
    Und dann -! Es ist sonderbar -! Ich kann hier nicht weg. Es ist etwas in
diesen Mauern, in dieser Atmosphre, in -! ich wei nicht, soll ich sagen, in
dem unsichtbaren Wehen der Luft? was mich an diese Gegend bannt. Genug, ich
mchte nicht einmal anderswo sein, wenn es sich auch fgte.
    So etwas Tolles setzt sich der Trge, der Unsichergewordene in den Kopf. Das
Geschick hat uns nicht allein zum Narren, es macht uns auch dazu.
    Aber das ist doch wahr, der Ort, an welchem man lange ein innerliches Leben
fhrte, der wandelt sich nach und nach um. Er nimmt die Farbe unserer Welt an,
die Gegenstnde treten in eine Beziehung zu uns, die sie beseelt. Es ist nicht
mehr der wirkliche Wald, der wirkliche Strom, in und auf welchem sich Andere
bewegen; was uns umgiebt, das gehrt zu der Heimath, von welcher Niemand auer
dem verborgenen, geheimen Gedankenleben in uns, etwas errathen wird.
    Und wei der Himmel! es trifft wirklich auch immer so viel zu, was den Wahn
nhrt. So kam vor einiger Zeit eine Fremde in meiner Nachbarschaft an. Ich
erzhle Dir wohl einmal mehr von ihr. Sie ist krank, unglcklich, wahnsinnig,
wei der Himmel, was nicht alles! genug, es ist so etwas Verhlltes, das mich
fat, mich an sie zieht. Du kennst mich ja. Moralische Rthsel finden an mir
ihren Mann. Je verschlungener der Knoten ist, desto erpichter bin ich darauf,
den Fden nachzuspren. Das ist meine Aufgabe. Es ist eine unerquickliche
Begleitung, nebenher zu laufen. Aber das Keimen und Werden, eine Hlle nach der
andern abwerfen, und immer freier und freier hervortreten -!
    Wie das spannt, Heinrich! Was die Phantasie da arbeitet, wie man
vorausschliet, sich irrt, die Richtung ganz verliert, und dann pltzlich wieder
auf der natrlichsten, einfachsten Spur ist! Man wird nicht mde, man wei
nichts von der Zeit. Gottlob! da einem immer wieder solche Probleme aufstoen.
Sie sind der einzige Sporn zum Leben!
    Nun, die Kranke ist eine solche Aufgabe. Ich wei nicht, ist sie jung oder
alt? Ihr Gesicht sah Niemand. Darber giebt es nun Fabeln ohne Ende. Es ist aber
kein Grund fr irgend eine vorhanden, darum sind sie alle bodenlos, und das ist
es eben, was mich dabei stachelt. Je mehr die Sache ohne allen Zusammenhang, wie
ein Dunstbild, in dem weiten Umkreis der Muthmaungen schwebt, desto mehr treibt
sie zur Forschung und spannt die Fhigkeiten des Verstehens. Es ist keine
Komdie, die sie spielt, wenn sie nur bei Nacht aus ihrem Versteck hervor tritt,
und ruhelos die Gegend durchstreift. Sie ist auch keine Mondschtige, wie man
anfangs sagte, ich bin ihr in der Dunkelheit wie im Sternenlicht begegnet, und,
beim Himmel! wenn sie so am See, unter den Weiden, in ihrem Garten sitzt, und in
der Hoffnung, da sie hier Niemand belauscht, laut und herzzerreiend weint,
dann spre ich nichts von Bewutlosigkeit in ihr; diese Thrnen pret ein
heies, bitteres Gefhl aus.
    Du wirfst es mir vor, ihr so unbescheiden zu folgen! Ich sage Dir aber, ich
suche sie nicht. Wir begegnen einander so, als wenn es sein mte. Das war schon
frher der Fall, auf ihrer Reise in einer frchterlichen, strmischen Nacht, in
einem Augenblick, wo eine heie, ungeduldige Erwartung mir kaum den Blick fr
etwas Fremdes lie. Und doch! und doch! Ich meide sie seitdem. Zuweilen vergesse
ich sie, wie mich, bin in meinen eigenen Gedanken, und gerade dann, eben als
wenn es sein mte! Gewi ist es, irgend eine geheime Beziehung treibt mich dann
den Strom hinauf nach dem See hin, der sich in diesen ergit. Und wre es auch
nur eine unbewute, magnetische Beziehung.

Ich sagte das gestern im Scherz zu Elisen. Sie lachte mich aus. Wir stritten
darber. Es kam nicht viel heraus. Sie war zuletzt empfindlich. So sind die
Frauen! Durch tausend Umwege beziehen sie die Dinge auf sich, und vollends, wenn
sie ein Recht auf uns zu haben meinen. Mu denn Alles rechtskrftig hier auf
Erden sein, um Ansprche auf freie Existenz zu gewinnen? Auch die Liebe? Wenn
sie doch der nicht das husliche Matronenkleid ber die glnzenden Flgel
ziehen, und sie wieder zur Puppe machen wollten, was sie war, als die Seele
heraustrat! - - - -

Es sind aufs neue Wochen hingegangen. Ich hatte Dir eben nichts zu sagen. Ich
war verdrielicher, als ich es rechtfertigen kann. Der Oheim erinnerte so oft,
da es Zeit werde, an meine Verbindung mit Elisen zu denken. Die Welt, sie
selbst erwarte es vielleicht. Ich konnte ihm nicht unrecht geben. Aber, nenne
es, wie Du willst, erklre es, wie Du kannst, mich befiel jedesmal ein Grauen,
das mich kalt durchrieselte, so oft ich an die entscheidende Minute dachte.
Gestern Abend endlich versprach ich, mich in den nchsten Tagen ganz in der
Stille trauen zu lassen. Ich schreibe hinber nach dem Kloster. Ein Geistlicher
von dort soll die Handlung verrichten, und zuvrderst das Aufgebot von der
Kanzel lesen. Der Brief geht fort.
    Unwohl, frierend, mit heiem Kopf und klopfender Brust rette ich mich, vor
unntzen Nachgedanken ins Bett, unter verhllende Decken. Nicht von einem
Traume, nicht durch ein Gerusch, ich besinne mich keines Tones, keiner
deutlichen Empfindung, genug aber, ich erwachte. Es lag mir wie ein Band um die
Brust. Kaum kannte ich frher eine hnliche Angst.
    Lange in solchem Zustande auszuhalten, ist nicht meine Sache. Ich warf mich
hin und her. Endlich sprang ich aus dem Bette, nahm meinen Mantel um, und trat
ans Fenster. Es war eine schne Nacht, heller Mondschein! Ein Gang durch den
Garten, sagte ich mir, wird die Nebel verjagen. In wenigen Augenblicken war ich
an der Thr. Sie war verschlossen. Wieder umkehren, Jemand wecken, aufschlieen
lassen, war mir zu umstndlich. Am andern Ende des Coridors fhrt ein Fenster
nach dem Wildzwinger! von da kommt man durch eine Allee in den Park. Der
krzeste Weg der beste! dachte ich, und bin im Begriff, jenes Fenster zu ffnen
- da sitzt - Herr des Himmels! ich denke in die Erde zu sinken - da sitzt eine
verschleierte Frau auf Emma's Sitz in der Allee, Hirsche und Rehe stehen um sie,
eine schneeweie Hand reicht ihnen ihr Futter, die Thiere scheinen sie zu
kennen, sie drcken sich dicht an sie. Ich stehe wie eingewurzelt, dann schlage
ich das Fenster zu, und strze zurck in mein Zimmer.
    Es whrte lange, ehe ich mich fassen konnte. Nachher besann ich mich wohl.
Es war die Nachtwandlerin, die ich gesehen hatte. Ich erinnerte mich ihrer
genau. Aber was war damit gewonnen? Ist so etwas Zufall? Traf Alles nur von
ungefhr zusammen? Nein, Heinrich! ich sage Dir, das war kein Ungefhr! Eine
Warnung war es, dafr habe ich es auch genommen, und in aller Frhe einen
Widerruf meines gestrigen Schreibens nach dem Kloster geschickt.
    Was ich dem Comthur, was ich Elisen sagen soll? Ich wei es nicht. Aber es
wird mir schon beifallen, wenn ich nur erst wieder zu mir selbst komme. Ein Ritt
im Freien mag das bewirken. Ich will doch sehen, ob nichts von der Kranken zu
entdecken ist. - - - -

Sie ist fort! Abgereist! Diesen Morgen. Das Haus ist leer, keine lebende Seele
darin. Warum das? Wie so pltzlich! Wenn es doch ein Spuk wre! wenn sie es gar
nicht war! Ich glaube, sie hat mich angesteckt, und ich verliere auch den
Verstand.
    Unbegreiflich! unbegreiflich! Die Gegend ist mir wie ausgestorben. Wohin sie
nur gegangen sein mag?

                              Curd an seine Mutter


Nicht wahr, das blieb das Klgste, was ich thun konnte. Was hilft das unntze
Bestehen auf einer Sache, die doch nun vorbei sein mute. Es ist mir nahe
gegangen, das leugne ich nicht, aber einmal mit mir fertig, kostet es mich nun
auch keine unruhige Minute mehr.
    Geben Sie sich nun immer auch darein, gute Mutter! Was geschehen ist, das
ist geschehen. Verheirathet bin ich einmal. Agathe ist Ihre Schwiegertochter,
und kann sie uns freilich Elise nicht vergessen machen, so ist sie doch eine
hbsche, elegante Person, zieht sich allerliebst an, tanzt, wie eine Puppe, und
ist so wohlerzogen, da sie es gewi niemals an Aufmerksamkeit gegen Sie wird
fehlen lassen. Bis jetzt kann ich nur meinen Entschlu loben. Wir werden berall
mit der ausgezeichnetesten Zuvorkommenheit empfangen, der Platz, den die Grfin
in der Gesellschaft einnimmt, giebt ihrer Tochter, wie mir, die angenehmste
Stellung. Von der Seite mu ich gestehen, habe ich Vortheil von dem Tausch bei
meiner Wahl gehabt, denn, wie man sich auch bemht, aus Achtung fr den Comthur,
das Urtheil ber unsere Verwandtin zu mildern, so wird sie doch nie wieder eine
Rolle in den ersten Zirkeln spielen. Es ist zum Erstaunen, wie man gegen sie
eingenommen ist. Jetzt, da man mich weniger empfindlich dagegen glaubt, uert
man seinen Tadel unverholen, und ich habe Gelegenheit, zu bemerken, da es einem
Mann von feinem Takt uerst verletzend gewesen sein mte, sie so vernachligt
und isolirt unter Leuten von Ton zu sehen.

Sie werden finden, da ich meine Hochzeit sehr beschleunigt habe. Ja, liebe
Mutter! die reine Wahrheit zu sagen, so lag mir daran, eher verheirathet zu
sein, als Elise. Es ging damals das Gercht, man eile sich auf der Burg mit den
Anstalten zum Empfange der neuen Grfin. Mir stieg das Blut bei der Nachricht
ins Gesicht. Ich mochte nicht aufsehen, und als Agathe mich auslachte, mich mit
meiner Cousine neckte, wute ich auf meine Ehre nicht ein Wort hervorzubringen.
Halt! dachte ich, nun ist es Zeit! Ich mu mich vor hnlichen Ueberraschungen
sicher stellen. Acht Tage darauf stand ich mit meiner Braut vor dem Altar. Ein
Mensch von Willenskraft nimmt bei jeder Gelegenheit seine Parthie. Elise soll
doch frappirt gewesen sein, als sie es hrte. Um so mehr, da man vom Aufschube
ihrer Verheirathung wieder allerlei murmelt, und Hugo's Laune unertrglich sein
soll.
    Nun, wenn er jetzt wieder Ausflchte suchte, wenn er zum zweitenmale die
Ruhe der unglcklichen Elise aufs Spiel setzte, so wahr ich lebe! alles Andere
bei Seite gesetzt, ich zge ihn zur Rechenschaft, und wre er am Ende der Welt.
Noch will ich glauben, es haben sich wirklich Hindernisse zwischen seine Plne
geschoben. Es kann sein, es mu sein, ich darf und will es nicht anders
annehmen, doch erfahre ich das Mindeste, was einer Treulosigkeit entfernt
hnlich sieht - er soll mir's sagen, er soll mir's dann selbst sagen, weshalb er
die Unglckliche tuschte, warum er mir mein Glck zertrmmerte, das Herz
zerbrach und - doch ich will schweigen! Ich werde schweigen bis an mein Ende. Es
ist nun auch vorbei, ich wei das recht gut, daran braucht mich Niemand zu
erinnern. Ich meine nur soviel, da ich nicht umsonst und um nichts ein Opfer
gebracht haben will, da ich mich nicht anfhren lasse, und Elise doch meine
Cousine bleibt. Wenn Alle sie verlassen, so gehrt ihr immer noch mein Arm und
mein Leben!
    Verzeihen Sie, gute Mutter! ich wollte Ihnen von meiner neuen Wohnung,
meiner Einrichtung, unserm tglichen Leben, von der Aussicht erzhlen, die mir
erffnet ist, ins Jagddepartement mit Vortheil versetzt zu werden, allein wenn
ich einmal im Schreiben oder Sprechen auf dies Kapitel komme, dann gehen mir
alle andere Gedanken aus. Gott im Himmel wei auch, wie es zugeht, da ich immer
heftiger und zorniger bei der Erinnerung an Elisens verfehltes Leben werde, und
meine Seele ordentlich darnach drstet, mit dem Grafen anzubinden!
    Frchten Sie inde keine Unbesonnenheit, gute Mutter! Ich vermeide es,
selbst nur nach der Gegend hinauszureiten, wo Wehrheim und die Burg liegen. Ich
meide die Einsamkeit, ich meide mich, meine eigenen Gedanken. Knnte nur die
Grfin schweigen, und wollte Agathe mich nicht durch hliche Gesichter
demthigen. Es gelingt mir mit vieler Mhe, kaum an mich zu halten.
    Nun lassen wir's, wie es ist! Der Himmel verhte Unglck!

                                    Antwort


Lieber Sohn! Du erschreckst mich. Du weit gar nicht, wie sonderbar Dein Brief
lautet.
    Mein Gott! was ereiferst Du Dich denn ber fremde Angelegenheiten! La doch
den Grafen thun, was er will. Bist Du denn dazu gesetzt, ihn zur Rechenschaft zu
ziehen? Was das fr Begriffe sind, die Du Dir von Dir selbst und von Deinen
Pflichten machst!
    Eben erst verheirathet, und fr eine Andere den Ritter spielen zu wollen! Du
darfst gar nicht mehr an Elise denken. Stelle Dir einmal vor, was Deine Frau
sagen wrde, wenn ihr solch' Gercht zu Ohren kme!
    Nein, lieber Sohn! jedes Wort, was Du mir sagst, ist mir durch Mark und Bein
gegangen. Ei mein Gott! das fehlte noch. Und alles das um das Unglckskind, die
Elise!
    Die arme Seele! Ja, darin hast Du recht, wenn er sie jetzt tuscht, wenn er
sie noch einmal ins Verderben brchte -! Der Himmel mte ihn strafen. Ich habe
es immer gesagt, die erstaunlich klugen Leute, die machen ihre Nebenmenschen nur
unglcklich. Hat der Graf nun wohl ein Herz, und kann es mit ansehen, da die
Person, die ihm ihr ganzes zeitliches, und wer wei, auch ihr ewiges Glck,
aufgeopfert hat, sich abhrmt, und vor der Welt die Heitere nur darum spielt,
damit man ihn nicht tadeln soll? Sie hat mir vor ein Paar Tagen einen solchen
sorglosen, gleichgltigen, kleinen Zettel geschrieben, lieber Sohn! wie Du wohl
von sonst her noch von ihr kennst. Ich lege ihn Dir hier bei, Du wirst wohl
gleich fhlen, was es damit ist. Mir ward recht beklommen seitdem. Ich glaube
aber, es kommt doch hauptschlich von Deinem Brief, Curd. Gieb ja auf Dich Acht.
Ich wei nicht, Du kommst mir darin ganz anders vor. Ich finde, Du kriegst jetzt
etwas von Deinem seligen Vater. Du hast ihn nicht gekannt, und was man so von
ihm erzhlt, darnach kommt er Dir vielleicht ein Bischen laut und wild, gar
nicht so vornehm wie die heutige Jugend, vor. Nun, das ist wahr, mehr Erziehung
hast Du, und von dem modischen Wesen, wie jetzt in der Stadt und auf dem Lande
getrieben wird, davon hatte seine Seele keine Ahndung. Er war immer drauen auf
dem Felde und auf der Jagd, und wenn ich es so deutsch ausdrcken soll, zuweilen
war er wohl roh zu nennen. Feinere Manieren hast Du, das ist keine Frage. Aber
eine feinere Seele, solch' zrtlich Gemth, und so gar nicht vergessen knnen,
was er liebte, das hattest Du bis jetzt noch nicht gezeigt. Ich werde ewig daran
denken, wie mein seliges Lottchen starb! hat der Mann das wohl je verschmerzen
knnen? Das kleine Bettchen mute immer bei ihm in der Kammer stehen, und wenn
er manchmal noch so lrmend von einer miglckten Jagd nach Hause kam, und er
hing in der Kammer seine Flinte und Jagdtasche an die Wand, dann blieb er wohl
bei der leeren Bettstelle stehen, setzte beide Arme in die Seiten, bckte den
Kopf, und starrte hinein, als wollte er das Kind mit Gewalt wieder darin sehen.
Hm! sagte er dann vor sich in Gedanken, halb sthnend, halb ungeduldig,
schnippte mit den Fingern, (was er immer sehr laut und schallend zu thun
pflegte) und kam ganz still und in sich gekehrt wieder heraus. Es whrte eine
Weile, ehe er dann zu irgend einem Menschen sprach. Ja, er hatte ein weiches
Herz und ein treues, bis in den Tod. Aber das ist wahr, dem Doktor wurde er
nicht wieder gut, seit er ihm das Kind hatte sterben lassen. Er sah ihn nachdem
niemals in seinem Hause, und wo er wute und konnte, ging er ihm aus dem Wege.
Einmal trafen sie gerade bei einer Kindtaufe zusammen. Ich mag nicht daran
denken, es war ein schlimmer Tag. - Daher wei ich, da er unvershnlich und
nachtragend war, wie Du es jetzt auch zu sein scheinst. Das ist aber nicht das
beste Erbstck von Deinem Vater. Sei ja auf Deiner Huth. Man kann sich da etwas
auf das Gewissen laden, und kriegt es dann nachher nicht wieder herunter. Nicht
lange nach dem Kindtaufsschmaue starb der Doktor. Es glaubten Viele, und ich
auch, er sei vor Aerger gestorben. Dein Vater that nicht, als denke er weiter
daran; aber er ist ihm bald gefolgt. So zieht Eins das Andere nach sich.
    Lebe recht wohl, mein lieber Sohn! Bedenke Alles, was ich Dir gesagt habe,
und gre Deine Frau, die ich sehr begierig bin, kennen zu lernen.

                               Elise an die Tante


Sie sind wieder gut und freundlich! Ich wute es wohl. Lange konnten Sie auf Ihr
Pflegkind nicht bse sein. Nun, und der Curd, Tantchen! der hat eine ganz andere
Frau bekommen, als Ihre blasse, hagere, krnkelnde Elise. Ich versichere Sie, so
ein zierliches, frisches Persnchen, so grelle Augen, und einen Anzug, wie ihn
die Prinzessinnen nicht allerliebster haben knnen. Wenn Beide in Curds
niedlicher Equipage durch die Straen fahren, die braune Muschel, das rothe
Gestell, die schnen englischen Pferde, und der Piqueur, der so gewandt voraus
reitet, - Ihr Mutterherz wrde doch vergngt schlagen, nicht wahr?
    Sie sind so sorglich in der Nachsendung meiner Sachen, beste Tante! Es ist
Alles aufs Beste eingepackt, hier angekommen. Da steht es nun um mich her. Auch
die Kisten und Koffer aus meiner ehemaligen Wohnung in der Stadt. So eine ganze
Vergangenheit! Neulich wollte ich mich einmal putzen. Ich lie ein Paar Paquete
ffnen. Ich mute lachen ber den zerknitterten Staat von ehemals! Und wie mir
die Kleider sitzen! Nein, Ehre htten Sie mit mir nicht vor der Welt eingelegt!
Da ist Agathe ein anderer Schmuck Ihrer Familie. Ich soll recht glnzend an
meinem Hochzeitstage erscheinen. Der Oheim will das. Er ist feierlich in Allem,
und hlt viel darauf. Nun sehen Sie, ich bin eine gute Wirthin, ich meinte,
unter meinen ehemaligen Hoftoiletten, da wrde sich wohl genug finden, um auf
der Burg die nthige Figur zu machen. Ich bin aber sehr unglcklich im Suchen,
und dann wie Alle, wenn sie nur etwas haben wollen, so treffen sie immer das
Unrechte, mir ging es eben so. Ich fand in einer der Kisten Georgs abgelegte
Kleidchen, sein Taufzeug und meinen Brautkranz Ich habe seitdem nicht weiter
gesucht! Ich denke, kommt Zeit, kommt Rath. Wir haben auch Zeit, Tantchen! Die
Erwartung mag leicht das Beste vom Leben sein. Wir nehmen es so. - Ueberdem
wissen Sie ja, ich lasse gern Andere fr mich sorgen! Ruhe und Bequemlichkeit
gehen mir ber Alles.
    Ich wurde hier unterbrochen. Ich wei wahrhaftig nicht mehr, was ich noch
sagen wollte. Nehmen Sie es fr gesagt, beste Tante! und denken Sie, es knne
nichts anders gewesen sein, als die erneuerte Versicherung meiner dankbaren
Liebe.

                                Hugo an Heinrich


Was das noch werden soll! Wie das enden wird! Ich nehme mich zusammen, ich denke
nur, was ich denken will, ich arbeite angestrengt. Eine Menge arithmetischer
Aufgaben liegen um mich her. Ich biete Scharfsinn und Combinationsvermgen auf,
mich von jedem fremden Gegenstande abzuziehen. Aber wenn mir endlich Nachts die
Augen ber der Arbeit zufallen, wenn ich trume - Heinrich, ein Traum kann unser
Herr werden - schmst Du Dich nicht, von der Kraft des Menschen zu sprechen?
Immer sitzt sie da, da auf demselben Fleck unter ihren Thieren. Sie giebt ihnen
das Futter mit der kleinen, weien Hand, die gelbe Hirschkuh legt das Kpfchen
an ihre Kniee. Die Fremde meine ich. O, denke nicht, ich fasele von dummem Spuk,
das abgedroschene Geschwtz aller modernen Tages- und Monatsbltter. Nein, von
ihr, von der Fremden rede ich. Was bt dies Wesen fr eine unbegreifliche Gewalt
ber mich aus! Siehst Du, dies ist viel tiefsinniger, viel grauenhafter, viel
verzweigter in der geheimnivollen Verwandtschaft der Seelen, als solch
phantasmagorisches Gespenst; unbewut verwandt mit dem melancholisch wimmernden,
ruhelos umherstreifenden Weibe! Denke es Dir, Heinrich! was zieht sie mir nach?
was brachte sie auf die Stelle? was wollte sie da unter den Thieren? Ist der Zug
dahin Instinkt? und knnen so willenlos zwei Menschen zu einander gezogen
werden?
    Gab es je ein Rthsel, meiner Entzifferung werth, so ist es dies! Aber ich
gestehe Dir auch, vor dem ich schchtern zurcktrete.
    Und doch lt es mich nicht!
    Wirst Du es glauben, da ich mich nur mit Mhe zurckhalte, ihr nicht zu
folgen? Folgen, dazu gehrt, da ich wte, wo sie geblieben ist. Ja, wer das
wte! Verschwunden, sage ich Dir. Spurlos! und gerade an dem Morgen! Gieb mir
zu, es knnte einem Ruhigern etwas in den Kopf setzen.
    Ich bin ein Paar Tage recht krank gewesen. Seitdem ist, wie durch ein
stillschweigendes Uebereinkommen, noch nicht wieder die Rede von der Anberaumung
meines Hochzeitstages gewesen. Elise - sage mir, Heinrich, hat sie aufgehrt,
mich zu verstehen? oder will sie es nicht? Leicht, heiter, unbesonnen wie
ehemals, schweift sie durch alle Regionen der guten Laune umher, neckt, reizt
mich, bis ein Wort, eines von den unwillkhrlichen, die zuweilen aus uns
herausschreien, pltzlich an die bunten Flgel ihres Leichtsinns streichen, und
diese, wie verbrannt, sinken. Sie wird dann stumm, wir sitzen ngstlich bei
einander, bis ich gehe. Komme ich andern Tags wieder, so scheint das nicht
gewesen. Es fngt wie gestern an, und endet so.
    Freiheit Freiheit! - Ich mu es bewundern, wie dem Menschen der Begriff kam,
da er zum Sclaven einmal bestimmt ist. Sieh' Dir doch nur seinen innern und
uern Zustand an, und dann prahle mit hohen Vorrechten, die nicht Leben, nicht
Bestimmung besttigen. Es ist wenig damit gethan, da man sagt, man lasse jedem
seine Weise. Was kommt dabei heraus? einmal, und gerade, wenn Dir am meisten
daran liegt, unberhrt zu bleiben, reiben sich die Freiheitsansprche gewaltig
an einander. Richtungen stoen gegen Richtungen, der Krieg ist da, und
conventionelle Aussprche machen den Frieden. Du knirscht mit den Zhnen, und
bist nichts als Dein eigner Narr.
    Wieder auf arithmetische Aufgaben zu kommen; meinst Du, es sei der Mhe
werth, den Verstand daran zu schrfen? wirst Du jemals den Menschen in Dir
berechnen lernen? Und kannst Du das nicht, was willst Du mit dem Plunder von
Wissenschaft?
    In diesem Augenblick berechne ich, wann Walter wiederkommen wird. Ich habe
ihn ausgeschickt, der Kerl ist pfiffig, er wird es ermitteln, wo sie hinging!
    Sie! sie! Lache nicht, Heinrich! Ich kann keine Ruhe finden, so lange ich
nicht wei, was dieses Wesen an mir hat.
    Warum ich nicht selbst? Ihr nach? Fragst Du! Ja, wenn es erst dahin mit mir
ist - dann!
    Sonderbar! Der Oheim lt sich auf seine feierliche Manier in diesem
Augenblick bei mir ansagen. Er mu etwas wollen, und seinen Sinn gerade auf
diese Stunde gestellt haben. Ich bin doch neugierig!
    Heinrich, der Onkel hat sich verrechnet. Von der Seite fat er mich nicht.
Ich habe hier keine Zugnge.
    Das Opfer eines Lebens um einer Chimre willen! Mich lt das kalt, weil ich
den ganzen Gedanken nicht begreife.
    Uebrigens sagt er mir nichts Neues. Ich bin nur neugierig, weshalb er mir es
sagt. Unntze Mhe! Ich werde ja frhe genug thun, was sie wollen.
    Nun, er trat ein. Man sah ihm gleich an, da er nicht ohne Absicht da war.
Er fragte nach meinem Befinden. Ich mute innerlich lachen. Meine Antwort
beruhigte ihn vollkommen. Er stand und bltterte in einem Heft Kupferstiche. Ich
ging auf und nieder. Leicht mochte ich's ihm nicht machen, darum schwieg ich.
Endlich setzte er sich. Ich auch. Es begegnet uns oft, so eine Weile stumm neben
einander zu sein, ohne da uns dabei etwas auffllt. Heute schien es ihm
peinlich. Er war in seiner hohen und trockenen Stimmung. Lieber Hugo! brach er
jetzt das Schweigen, Du zwingst mich, etwas zu thun, was ich sonst nicht leicht
thue, von mir selbst zu sprechen.
    Der Eingang schnitt pltzlich ein. Ich stutzte, und sah verwundert zu ihm
hin.
    Schon lange, fuhr er fort, gehen wir an einander hin, ohne dasjenige
berhren zu wollen, was zwischen uns liegt.
    So weit, dachte ich, holt er aus! Ich seufzte. Er mochte das anders deuten.
Du hast recht, versicherte er. Es ist allein meine Schuld. Schiebe das aber
auf eine unberwindliche Bldigkeit, die in meinem Charakter liegt, und die mir
es auch jetzt schwer macht, mit Dir ber diesen Gegenstand zu sprechen.
    Jetzt hatte er mich ganz. Er rhrte mich. Niemals widerstehe ich dem
verschmten Bekenntnisse eigener Schwche! Und hier! das Alter der Jugend
gegenber! Wie gesagt, ich war sein. Er htte viel mit mir machen knnen. Aber
meine sichtliche Bewegung tuschte ihn ber sein Uebergewicht. Er handelte jetzt
mit mehr Selbstbewutsein als Klugheit die alte Geschichte mit meinem Vater ab,
er entwickelte Grundstze, die nicht die meinigen sind, und that sich etwas
darauf zu gut, da er nicht geheirathet hatte. Wirst Du es mich bereuen
lassen, setzte er dann als Moral von der Fabel hinzu, da ich auf ein Glck
verzichtete, von dem Du doch auch einmal eine lebhafte Vorstellung zu haben
scheinst, das Glck erfllter Liebe? Ich lchelte. Willst Du mich errthen
lassen? sagte er lebhafter, eine theure Gefhrtin von mir gewiesen, ihr groes
Herz zu stetem Entsagen verdammt zu haben, aus Rcksichten, die Niemand
anerkannt, aus Vorsorge, die Eigensinn und Wankelmuth zu Schanden machen? Soll
die edle Sophie tglich Zeuge von der Nutzlosigkeit einer Entsagung bleiben, die
nur zerrissene Verhltnisse zur Folge hatte?
    Ich wollte etwas erwiedern. La mich ausreden, bat er, im Eifer erglhend,
la mich ausreden. Als wir beide das Ordenskreuz auf die Brust hefteten,
verdammten wir diese zu immerwhrendem Verstummen. Wir haben Jahre hindurch
geschwiegen, uns gemieden, und nur dem Alter ein Paar Sonnenblicke vor dem
Abscheiden gegnnt. Ist es recht, da Du auf diese kurzen Stunden noch einen
Schatten wirfst? Ich habe geduldig gelitten, als auch Du littest. Es war ein
schmerzliches, doch vielleicht auch unvermeidliches Geschick. Ich trug es so,
und lie Dich's nicht empfinden. Jetzt aber, ein zweitesmal, jetzt, wo mehr als
Glck, mehr als Ehre und gerettetes Bewutsein auf dem Spiele steht, wo die
rechtliche Handlung vershnen, ihre Unterlassung den Namen beflecken mu, den
ich der Nachwelt erhalten, ihn ihr rein berliefern wollte, jetzt, wo es
unwiderruflich nothwendig wird, vor den Menschen zu bestehen, oder mit ihnen,
mit sich, mit dem Himmel zu zerfallen; jetzt frage ich Dich, zu was bestimmst Du
Dich? Es knnte sein, fuhr er mit erhhter Stimme, meiner Antwort begegnend,
fort, Du whltest in Deinem finstern Unmuthe das Letzte, doch la mich Dich
erinnern, da sich ein gegebenes Wort niemals einseitig lst, da es sein Recht
durch alle Ewigkeiten erheischt, und da Elise Dir das Deine niemals zurck
geben will, darber ist sie mit sich einig.
    Darber ist sie mit sich einig? erwiederte ich fragend.
    Fest! entgegnete der Comthur.
    Der letzte Hebel warf das ganze Gebude ber den Haufen. Verabredet also,
rief eine Stimme in mir. Sie trauen dem Herzen nicht, das sie knstlich
einsargen, und mit Gewalt begraben wollen! Was ist aus Elise geworden, wenn sie
dazu ihre Hand bietet? Ist es, wie jene denken? - Ungromthige, wie konntest
du! - Ich brauchte Zeit, mich zu fassen. Der Comthur betrachtete mich staunend.
Ich lie ihn eine kleine Weile. Dann sagte ich gelassen: Habe ich doch Elise
nicht um die Rckgabe meines Wortes gebeten, wie kommt sie dazu, mir im voraus
es zu verweigern? Er errthete, ich aber fhlte einen hlichen Frost durch
meine Adern gehen, und setzte deshalb auch kalt hinzu: das Unwiderrufliche
denke ich ja nicht zu widerrufen, weshalb drngt man mich denn? und zu was?
    Ich knnte eher fragen, fiel er, sich aus seiner liegenden Stellung mehr
als sonst in die Hhe richtend, etwas gebieterisch ein, warum Du Dich drngen
lt? Worauf wartest Du denn noch? Was soll geschehen, um Deine Verpflichtung
unerllicher, die Lage der gekrnkten Frau noch demthigender, Dich selbst
endlich entschlossener zu machen?
    Von allen diesen Fragen, entgegnete ich leise, mit halbem Lcheln, kann
nur die letzte an mich gerichtet sein, und darauf, lieber Onkel! giebt es wohl
in mir eine Antwort, doch halte ich sie fr Andere nicht verstndlich, darum
vermag ich sie nicht laut werden zu lassen.
    Du vermagst oder Du willst vielmehr nicht, sagte er empfindlich.
    Was hilft das Eine ohne das Andere? warf ich ihm entgegen.
    Er stand auf. Wir sind uns nur selten, hob er, gedankenvoll vor sich
hinsehend, an, in unsern Meinungen und Urtheilen begegnet, wir scheinen auch
jetzt sehr verschiedener Ansicht zu sein. Verschiedener Ansicht! wiederholte
er, um nicht zu sagen Gefhl. Denn ich denke nicht, da Dir das zartere
Empfinden der Ehe, in welchem wir nothwendig zusammentreffen mten, fremd sein
knnte, wenn nicht eine andere Art, diese zu betrachten, sich zwischen unsern
Gesichtspunkt schbe.
    Meine Art, versicherte ich gelassen, ist ganz einfach die, mit
mglichster Freiheit das zu thun, was geschehen mu. Man ist aber nicht jeden
Augenblick frei in sich. Bis der rechte kommt, bitte ich Sie, mich nicht zu
verkennen und sich nicht beunruhigen zu wollen.
    Und Elise? fragte der Comthur.
    Da wir noch lange einen Weg zu gehen haben, erwiederte ich bestimmt, so
wird sie wohl nicht verschmhen, ihren Schritt nach dem meinen zu richten, und
sich nicht treiben lassen, wenn ich sie bitte, lnger, als es die Welt gut
heit, mit mir still zu stehen.
    Der stolze Mann ma mich mit funkelndem Blick. Doch hielt er an sich. Er
ging einigemal an mir vorber, im Zimmer auf und ab, ohne, wie es schien,
sogleich ein passendes Wort finden zu knnen.
    Hugo! sagte er darauf, sanft die Hand auf meinen Arm legend, Du bist
sonst weder hart noch herrisch, was ist es, da Dich jetzt dazu macht? Ich
berlasse Dir, den Grund davon zu finden. Ich glaube aber, wer im Rechten ist,
der braucht sich eben nicht gegen weichere Gefhle zu steifen, noch kalt zu
thun, damit man nur nicht an den Sommer denke, und frage, wo denn pltzlich das
frhere Leben hingekommen sei? Geh nur! geh! setzte er hinzu, Du bist in der
Liebe ein Egoist! und das kann sie am wenigsten vertragen.
    Er verlie das Zimmer. Ich blieb in Gedanken zurck. Ich schrieb darauf
Alles das nieder. Er hat unrecht, ich versichere Dich. Es klingt wohl, als wre
es was, aber die Menschen verderben es immer, da sie den Menschen in Worte
bersetzen wollen. Es fat sich das gemischte Leben niemals im Einzelnen heraus;
und was die ganze Seele fllt, davon behlt der Andere nur ein Stck in der
Hand.
    Ich kann es einmal nicht ertragen, da man der Meinung wegen, auch das in
Fesseln schlgt, worber man viel meinen, doch schwerlich mehr wissen kann, als
sich jedem Einzelnen auf seine Weise offenbart.
    Fragt man, wie Du es immer hren wirst, was denn aus der Welt werden soll,
wenn man dieser geheimen Offenbarung vertrauen und fremder Bestimmung kein Recht
darber gnnen wolle? Dann bitte ich, mir zu sagen, ob man wisse, was denn jetzt
daraus wird?
    Nein, der Onkel hat nicht Recht. Ein Egoist! ein Egoist! Weil ich nicht wie
ein Handschuh auf jede Hand passe!
    Und was ist er denn? Woran lag ihm zumeist, als er jenes viel berhmte
Doppelopfer brachte und bringen lie. Rettete er nicht auf Unkosten des
Mdchens, dem er sich verlobte, was ihm mehr als das Mdchen galt? Neben des
Gesetzes Vollziehung den Ruf, fr den er ja heute noch allein lebt. Ein Egoist!
was das gleich Worte sind! Der Zehnte wei nicht, was er dabei denkt! - - - -

Walter kommt nicht! Knnte ich nur die fatale Unruhe los werden! Glaubst Du
nicht auch, da der Mensch sehr vom Blute abhngt? Ich spre eine Beklemmung,
ein Pochen in den Pulsen! alle Gegenstnde, die ich denke, stehen wie hinter
einem dichten Flor. Je schrfer ich den Willen darauf richte, je deutlicher ich
sehen mchte, desto dunkler ballen sich Schatten auf Schatten, zuletzt ist es
vllig Nacht in mir. Auch sie! Ihr Bild geht in dem dunkeln Gewoge unter. Heute
wollte ich mir's zurckrufen, ich hatte eine ordentliche Unruhe darnach. Es
plagte mich, da die Erinnerung nicht weichen, und ich doch die Anschauung nicht
festhalten konnte. Ich strebte, mir das Mondlicht, den Glanz, den es verbreitet,
die Bume, die bekannte Stelle, das sonderbare, kranke Wesen, jedes einzeln
recht vorzustellen. Umsonst! Immer das Hin- und Herbewegen vorberfliegender
Dunstberge. Es ist das Blut! weiter nichts!
    Ich sei aberglubisch, beschuldigtest Du mich einmal. Denkst Du, ich
frchte, die Erscheinung neulich Nachts bedeute mir etwas? Ich sage Dir ja, ich
erkannte die Fremde wieder. Was liegt da weiter fr eine Bedeutung verborgen. Es
ist mir blo darum, zu wissen, wer sie ist?
    Es wird wohl das Gescheuteste sein, da ich Walter aufsuche. So hetzt Einer
den Andern. Alle suchen! Was werden wir finden?

                             Der Comthur an Sophie


Ich war bei Ihnen, Liebe! Sie sind in der Messe, sagte man mir. Ich wollte Ihnen
sagen, was ich mich nun genthigt sehe, Ihnen zu schreiben. Es ist mir leid. Sie
htten mich wohl beruhigt, und wren sich selbst dadurch klarer geworden, statt
da ich Ihnen nun alles Unangenehme so ber den Hals schicken und es dem Himmel
berlassen mu, wie Sie damit fertig werden.
    Sie brauchen in Ihren Muthmaungen nicht weit zu gehen, um sogleich auf Hugo
zu stoen. Ich wei wohl, da Sie lngst seinetwegen Besorgnisse hegten, ohne
diese eingestehen zu wollen. Es konnte Ihnen, so wenig wie Elisen, die Spannung
seines verstrten, unstten Wesens entgehen. Er selbst glaubt sich krank. Der
Arzt fand sein Blut aufgeregt, doch sonst keine Spur gestrter Gesundheit. Sein
Kammerdiener Birkner sagte uns darauf, sein Herr bringe alle Nchte auer dem
Bette, beim Schreibtisch, zu; soviel er bemerkt, bleibe er inde mig vor
demselben sitzen, halte die Feder in der Hand, sehe angestrengt bald auf dieses,
bald auf jenes beschriebene Blatt, scheine aber nichts zu lesen. Wenn ihm
endlich die Augen zufielen, dann fahre er in die Hhe, strze aus Fenster, oder
laufe auch hinunter in den Garten, von wo er hufig erst beim Anbruch des Tages
mit allen Zeichen innerer Erschtterung zurckkomme.
    Dies nun, und Mehreres, was ich sonst noch im Hause erfuhr, bewies mir, da
etwas Fremdes, nicht in sein frheres Geschick Verflochtenes, ihn in
unnatrliche Kmpfe verstrickt halte. Ich wollte dem auf die Spur kommen,
deshalb ging ich zu ihm auf's Zimmer. Er mochte eine Ahndung meiner Absicht
haben. Verschlossen, und mit einer Eisrinde berzogen, trat er mir entgegen. Wir
hatten eine seltsame Unterredung, whrend welcher er in dem Mae zurckgezogener
ward, als ich mich in meinem Eifer fortgerissen fhlte. So sagte ich zu viel und
er zu wenig, was mich verdro, weil ich ihn eigentlich stacheln und zu
Erffnungen zwingen wollte. Ich wre zu weit gegangen, htte ich mich nicht
gefat, htte ich nicht dem Verlaufe nachgedacht. Da konnte es denn nicht
fehlen, da mir Eins und das Andere in Hugo's Worten besonders auffiel, und ich
eine fremde Hrte, eine Sprdigkeit darin wahrnahm, die mich auf gnzliches
Verlieren an einen neuen, ihn durchaus beherrschenden Gegenstand seines Herzens,
oder seiner Phantasie schlieen lie.
    Ich erschrack, und warf ihm noch eine ernste Warnung ins Gewissen, ehe ich
ging. Er that nichts, mich eines Bessern zu berzeugen. So stolz stand er mir
niemals gegenber. Ich war sehr geneigt, dies hochfahrende Benehmen auf Rechnung
eines beunruhigten Gewissens zu schieben, und ward hierin bestrkt, als ich
erfuhr, Hugo habe den schlauen Walter in geheimen Auftrgen versandt. Nehmen Sie
hierzu, das Umherschweifen bei Nacht, rechnen Sie den pltzlichen Aufschub
seiner Heirath, mit vielen andern Nebenumstnden zusammen, und sagen Sie selbst,
ob der Verdacht, da eine neue Liebe, eine heimliche Verbindung ihn von Elisen
abziehe, wie diese ihn frher von Emma abzog, etwas Undenkbares sei?
    Aber wo den Gegenstand dieser finstern, unseligen Leidenschaft suchen? Ich
verlor mich in Muthmaungen.
    Jetzt, Sophie! ist der Graf seit zwei Tagen fort, mit Post abgereist, ohne
vorhergegangene Anstalten, ohne hinterlassene Befehle, ohne irgend eine
Maregel, die auf besonnenen Entschlu deutet, und - kaum getraue ich mir's zu
denken, geschweige denn auszusprechen. Doch auffallend mu es sein, da auch die
Fremde in unserer Nachbarschaft mit einemmale verschwunden ist. Ich wage keine
bestimmte Beziehung hier festzustellen, allein - wenn es wre, wenn Alles
verabredet, wenn die Intrigue vollkommen zu machen, der Schein der
Gemthskrankheit eine Komdie wre? - Liebe! ich berlasse Ihrem Scharfsinn das
Uebrige.
    Was meinen Sie aber, da wir Elisen sagen? Ich wollte das an diesem Morgen
mit Ihnen verabreden. Es war zu einer Stunde, in der ich Sie allein zu finden
hoffen durfte, da unsere Freundin lange schlft, oder doch wenigstens das Bett
erst spt verlt. Es mu ihr auffallen, nichts von Hugo zu sehen und zu hren.
Was knnen wir aber gescheuter Weise ersinnen, das ihr gengen wrde? Das Herz
ist in solchen Fllen klger als der Kopf, wenn Verstand verstehen heit. Ich
frchte, die Arme ist nicht lange mehr zu tuschen!
    Bestimmen Sie, liebe Sophie! ber mich. Ich versichere Sie, wie immer,
meines Gehorsams.

                                    Antwort


Sie haben mir die Augen geffnet! Das war es auch! O wagen Sie es, wagen Sie es
dreist, da an eine Beziehung zu glauben, wo sie ein Blinder entdecken wrde.
    Sie wissen, ich bin von Natur lebhafter, als ich gewhnlich erscheine. Ich
habe es gelernt, diese Lebhaftigkeit in dem Mae zu beherrschen, als ich der
Gelassenheit bedurfte. Vielleicht macht mich das Erworbene zuversichtlicher, als
ich es zu sein Ursache habe, vielleicht halte ich mich nur fr gefat und
berlegt, weil mich Andere dafr halten. Ich wei es nicht genau. Ich wei daher
auch nicht, ob mich Leidenschaft oder klare Einsicht in diesem Augenblicke
leitet? Aber das wei ich, da ich den Zusammenhang des unerhrtesten Betrugs
ganz deutlich, ganz in seinen Einzelnheiten bedingt, schreiend wahr zu erkennen
glaube, und es kaum begreife, wie erst jetzt die Bedeutung unzhlig auffallender
Umstnde mir entging.
    Ich erinnere Sie hier nur an das Eintreffen der Unbekannten in dieser
Gegend, gerade, nachdem Hugo von einer mehrtgigen Abwesenheit zurckkehrte, von
welcher Niemand den Zweck, noch die Veranlassung kannte. Dann, das stete,
unerwartete Zusammentreffen jener mit dem Grafen, in Augenblicken, wo sie ihn
mit Elisen beschftigt wute. Trat sie nicht den Abend an den Wagen der
Ohnmchtigen, als diese in das Amthaus getragen ward? Sah man sie nicht in jener
Nacht vor dem Fenster der Kranken umherschleichen und erlauschen, was im Zimmer
vorging, whrend Rhrung und berraschtes Mitgefhl Ihrem Neffen das neue,
unbesonnene Gelbde entrissen? Trafen wir sie nicht Abends bei der
Nachhausefahrt von Wehrheim, dicht vor dem Orte im Kahne? Und sah ich nicht, da
Hugo die Unruhe, die mich so unerklrbar befiel, in erhhetem Mae theilte? Soll
ich Ihnen nun noch sagen, da die rthselhafte Verkappung und das Spukhafte in
dem Betragen der Fremden nur dazu diente, Unberufene aus ihrer Nhe zu
entfernen, ihr aber die Freiheit verschaffte, Nachts die Gegend zu
durchstreifen, den Grafen auf seinen Jagdritten zu treffen, ja sich im
Burgbezirk, im Schlogarten, im Wildzwinger, auf Emma's Bank unter ihren
Lieblingen sehen zu lassen!
    Ich schaudre, tritt mir Alles in seiner unleugbaren Wirklichkeit vor die
Seele. Und nun fort! Und auch er!
    Unglckliche Elise! so dreist, so sndhaft wurdest Du betrogen! Ja, was
sagen wir ihr aber? was wir frchten? Ich wage es nicht. Denn hege ich gleich
keinen Zweifel ber meinen Verdacht, so besitzen wir doch nicht hinreichende
Beweise, um auf eine Muthmaung hin, ein Herz unbarmherzig zu zerreien.
    Wir mssen sie noch hinhalten. Ist es, wie ich mir's vorstelle, so kann es
kein Geheimni bleiben. Wir sind dann vorbereitet, haben uns gesammelt, und
knnen sie besser aufrecht halten, als jetzt, wo mein Blut kocht, und das Gefhl
zwischen bitterer Emprung und heiem Schmerze hin- und hergetrieben wird.
    Wachsam mssen wir bleiben. Keinen Augenblick darf sie ohne mich sein, denn
es theilen auch Andere unsern Argwohn, und mehr als eine Stimme sagt, was wir
noch zu denken zgern. Also fr jetzt Behutsamkeit und Schweigen, lieber Freund!

                             Der Comthur an Sophie


Zu rechter Zeit, Liebste! haben Sie es in Zweifel gestellt, ob die angeborne
Lebhaftigkeit Sie nicht dennoch fter bereile, als Sie glauben. Ich meine, wir
haben Beide rascher empfunden, als das Rechte gefunden. Mu ich auch Sie, wie
mich selbst daran erinnern, da die Oberhofmeisterin um die Fremde wute? da
diese mit ihr und dem Kloster in Verbindung steht? da sie rztliche Besuche
hatte, da ihr Krankheitszustand folglich anerkannt und mit Sorgfalt beobachtet
wurde? Hierin also, ist wenigstens keine List zu vermuthen, und wie diese
einzelne Widerlegung alles andere widerlegt, leuchtet Ihnen gewi so gut ein,
wie mir.
    Ein Glck daher, da die Freundschaft zaghaft macht, und Sie weise handeln,
weil Sie zrtlich empfinden. Freilich, liebe Freundin! freilich, Behutsamkeit
und Schweigen! Elise darf nichts von unsern voreiligen Schlssen ahnden.
    Vielleicht hilft uns Hugo bald ber alle Zweifel hinaus.
    Noch wissen wir nichts von ihm. Auch Walter zeigt sich nicht, und mir liegt
dazu ob, keine Unruhe zu verrathen, ich mu ber die Schritte meines Neffen
vollkommen unterrichtet scheinen. Meine Haltung hlt ihn in der Meinung
aufrecht. Mchte er bald die peinliche Anstrengung enden!

                                    Antwort


Sie haben recht. Und doch - ich wei nicht, wie Alles zusammenhngt, aber - er
ist der Fremden gefolgt. Sein Sie dessen gewi. Elise wei es. Der alte
Gartenknecht Carl hat es ihr verrathen. Hugo war bei ihm. Er hatte ihn ber
jeden kleinen Umstand im Betreff der schleunigen Abreise der Dame befragt. Er
soll sehr bla, sehr matt und angegriffen dabei ausgesehen haben, so, als laste
ein schweres Unglck auf ihm. Zweimal, sagte Carl, sei der Graf in einem Wagen
bei ihm gewesen. Er durchlief das leere Haus, sah sich wild und unstt darin um,
und jagte dann mit einem gemietheten Bauernpferde bis zur nchsten Station, von
wo er das Pferd zurckschickte. Der Bote, der es gebracht, erzhlte, der gndige
Herr habe sich durch denselben Postillon weiter fahren lassen, der die Spukdame
gefahren habe. Dort im Stdtchen spreche man wunderliches Zeug darber. Die alte
Marthe, der man lngst wieder die Freiheit gab, sa gerade auf einem Steine vor
dem Posthause, als der Graf so eilig drngte, fortzukommen. Sie lachte, und
schttelte den Kopf. Nachher hat sie gemeint: sie kenne die Dame wohl, der er
nachziehe, sie seien einander auf ihren Nachtwanderungen begegnet, aber sie
drfe sie gegen Niemand nennen, auch wisse sie nicht, ob sie lebendig sei?
    Urtheilen Sie, liebster Freund! in welchen Zustand dies wste Geschwtz,
zusammengenommen mit dem, was wirklich ist, die unglckliche Elise versetzt.
Einen kurzen Augenblick schien sie mir beherrscht von dem Gewicht ihres
Geschicks. Ich frchtete aufs Neue fr ihre Gesundheit. Jetzt drckt sie Zweifel
und Sorge hinunter. Sie will nichts frchten oder doch nicht das Ansehen davon
haben. Mir dnkt das so unnatrlich, da es mich, mehr als laute Verzweiflung,
peinigt. Die Sache ist ruchtbar geworden, Curd schreibt in diesem Augenblick an
mich. Der Brief hat einen sehr ernsten, gespannten Ton. Ich wei nicht recht,
wie ich ihn verstehen soll? Kommen Sie heute noch zu uns, Sie sollen mir Ihre
Meinung darber sagen.
    Ach kommen Sie ja! Wir bedrfen Ihres Beistandes alle Beide.

                        Agathe an die Grfin Ulmenstein


Ich bin die glcklichste Person von der Welt, liebste Mama! Denken Sie doch,
eben schickt mir Rosalie durch einen Lakaien von Marienthal, wo der Hof jetzt
ist, zwei, in aller Eile mit Bleistift geschriebene Zeilen, in denen sie mir
sagt: der Frst habe ihr bei der Tafel aufgetragen, mich zu avertiren, da die
Cabinets-Ordre so eben ausgefertigt sei, durch welche Curd vom Militr ins Civil
versetzt, und als Jgermeister mit angemessener Gehaltserhhung angestellt sei.
Ich dachte, ich solle nrrisch vor Freude werden. Gesprungen, gejauchzt habe
ich! Stellen Sie sich doch nur die enorme Auszeichnung vor! Das wird wieder
lange Gesichter anderwrts geben! Schade nur, da Curd gerade auf den Einfall
kam, einen Abstecher zu seiner Mutter zu machen, und nun nicht hier ist, dem
Frsten seine Danksagung zu Fen zu legen. Er setzt mich dadurch in ganz
ungeheure Verlegenheit. Was soll ich nun Rosalie antworten, da sie mir doch auf
hchsten Befehl die erwiesene Gnade mitgetheilt, und ich folglich gegen sie
nicht erwhnen darf, da Curd ohne Urlaub verreiste? Noch ein groes Glck, da
ich wenigstens den Vorschlag, Curd zu begleiten, ablehnte. Im Vertrauen, die
brave Landdame soll unglaublich langweilig, und Ort und Haus sehr einfach sein,
deshalb wollte ich meine Visite lieber zur gelegenern Zeit verschieben, wenn man
einmal eine Parthie mit recht vielen lustigen, jungen Leuten aufs Land machen,
und sich um jeden Preis amusiren mchte. Diese kluge Ueberlegung bringt mir den
Vortheil, die Nachricht weit frher erfahren zu haben, um Ihnen, beste Mama! die
Stafette, da es noch Zeit ist, Ihren Rath zu benutzen, nach Ulmenstein schicken
zu knnen. Sagen Sie mir nun, bitte, recht genau, wie ich nach Marienthal
schreiben soll? Machen Sie mir lieber den Brief. Der Frst verlangt sicher, ihn
zu sehen. Er interessirt sich sehr fr mich, und ich htte den Tod davon, wenn
ich irgend einen Fehler machte, und er bemerkte es.
    Ich ksse Ihnen die Hand schon im Voraus, beste Mama! Ihre glckliche
                                                                         Agathe.

                                    Antwort


Ich erwartete die endliche Erfllung meiner wiederholten Bitten seit mehreren
Tagen, mein Kind! Es ist mir sehr lieb, da man nicht lnger damit sumte. Ich
lief Gefahr, compromittirt zu werden. Curd hatte viele Mitbewerber. Es brauchte
aller meiner Tenacitt, um mich nicht irre machen zu lassen. Ich bin nicht mde
geworden, immer dasselbe zu wiederholen, und habe Andere so mde gemacht, da
sie aus Verdru Ja sagten. So ist Dein Mann Jgermeister geworden, mein
Herzchen! Aber das mu ich Dir gestehen, eine deplacirtere Aufwallung von
kindlicher Zrtlichkeit habe ich auch in meinem Leben nicht gesehen, als die, in
einem moment de crise eine Wallfahrt zu dem lterlichen Heerde zu machen. Der
gute Curd wute ja ganz genau, wovon es sich handelte, und da die Entscheidung
vor der Thr war. Was fiel ihm denn ein? Es embarassirt mich wirklich erstaunt,
da er abwesend ist.
    Dummes Ding! Schreiben darfst Du gar nicht. Das wre sehr ungeschickt. Setze
Dich nur gleich in den Wagen und fahre hinaus nach Marienthal, schtze eine
Krankheit Deines Mannes vor, und bitte um die Erlaubni, statt seiner, Deinen
Dank an den Tag legen zu drfen.
    Du hast sehr recht, ohne mich, wrdet Ihr Euch nie zu helfen wissen. Guten
Abend, liebe Agathe! Sei ja vorsichtig in Deiner Freude. Die Zunge geht so oft
mit Dir durch, und nichts ist nthiger, als diese zu rechter Zeit zgeln zu
knnen.
    Wann kommt denn Curd zurck?
    Weit Du? Leontin war diesen Morgen bei mir. Er hat mir recht sehr gefallen.
Er sieht unglaublich interessant aus. Er hatte immer eine charmante
Phisiognomie, aber seitdem ihm die Liebe, ce regard voil gab, finde ich ihn
unwiderstehlich.
    Lebe wohl, mein Kind! Ich denke immer noch, er und Rosalie werden frhe oder
spt ein Paar. Es giebt gewisse Leute mit einem Bischen Verstand, und erstaunt
viel Courage! Ich wei nicht, ob Du die Leute kennst, und erfahren hast, da sie
nur eine Sache zu denken brauchen, um sie auszufhren. Adieu, kleine Katze!

                               Die Tante an Elise


Es geht etwas vor, liebe Seele! Ich wei nicht was? auch nicht wo? Aber es wird
so unruhig um mich; und wenn ich erst die Leute viel hin und herreisen sehe, und
sie nirgend bleiben, nirgend ausruhen knnen, dann habe ich schon genug.
    Ich bin von Natur ngstlich, das ist wahr, sehr ngstlich, ich kann mich
deshalb auch wohl irren, und darum will ich nicht mit Bestimmtheit sagen, was
ich frchte. Doch frchte ich, da es auch Dich mit betrifft.
    Sieh' mal, den Curd kennst Du. Er ist wild und strrisch. Wenn auch die
feine Welt ihn erst glatt geschliffen und ihm dann ein modisches Wesen angewhnt
hat, so steckt doch der alte Kern in der neuen Schale, und der Kern ist fest, ja
herbe, aber wenn man auf die rechte Stelle kommt, da wird er s, ich versichere
Dich, recht lieblich. Das ist unsers Landes Art so. Der Vater war auch von dem
Schlage, und viele aus der Familie. Nun siehst Du, um wieder auf meine
Muthmaungen zu kommen. Ich wei, da Curd nicht vergessen kann, nicht im Guten,
nicht im Schlimmen. Vor ein Paar Tagen kommt er hier her. Mein Gott! wie finster
sah er aus! Die Falte zwischen der Stirn ward schwarz, wenn er in Gedanken vor
sich hin sah. Ich kenne das an allen Mnnern seines Stammes, so wie sie ber
irgend ein Vorhaben brten.
    Curd! warnte ich ihn. Er wute gleich, was ich sagen wollte. Sein Sie
unbesorgt, liebe Mutter! lchelte er. Ich war aber nicht ohne Sorge, konnte es
auch nicht sein, ob er sich gleich zusammen nahm, und that, als sei er Geschfte
halber hierher gekommen, die die Wirthschaft angingen. Das Ding sah aber anders
aus. Der Gerichtshalter mute noch spt des andern Abends kommen, nachdem mein
Sohn den ganzen Tag in seinem Zimmer geschrieben hatte.
    Er machte sein Testament. Ich merkte es recht gut, und wute auch weshalb?
Ich lie aber alles gehen, wie es wollte. Ich mochte mich in nichts mischen. Den
folgenden Morgen war er weggefahren, ehe ich erwachte. Zu seinem gewesenen
Vormunde, dem alten Deichhauptmann, lie er mir sagen. Der Frster und der junge
Amtsschreiber waren mit ihm in den Wagen gestiegen.
    Es konnte ja sein, da er zum Deichhauptmann fuhr. Ich htte auch nicht
daran gezweifelt, wre so mancherlei nicht vorhergegangen. Nun stutzte ich doch,
und schwankte in mir.
    Die ersten vier und zwanzig Stunden, die brachte ich leidlich genug hin. Als
aber der zweite Abend kam, es acht, neun, zehn Uhr schlug, und die Leute nach
unserer stillen Weise im Hause schlafen gingen, wute ich vor Angst meines
Bleibens nicht. Ans Bett konnte ich nicht denken. Ich ging aus einer Stube in
die andere. Es war khles Wetter. Ich sa endlich in meinem kleinen
Eckkmmerchen vor dem Kamin, der treue Waldmann neben mir auf dem Stuhl und die
alte, knurrende Mise auf meinem Schoo. Katzen und Hunde, dachte ich bei mir,
lernen sich vertragen, und wrmen sich an einem Feuer, und das Herz mu mir
wegen zwei vernnftigen Menschen zum Zerspringen schlagen.
    Du weit wohl, wenn Einem so recht angst und wehe in der Seele ist, dann
hrt man in allen Ecken etwas gehen und sprechen. Mir kam es so vor, als wre
der ganze Hof voll Leute. Ich lief wohl zehnmal ans Fenster. Es rhrte und regte
sich nichts drauen.
    Wieder nicht! seufzte ich. Denn heute hatte ich meinen Sohn bestimmt zurck
erwartet.
    Ich wurde nun auch mde. Nun so will ich nur immer auch schlafen gehen, nahm
ich mir vor. Die silberne Wachsstockscheere hielt ich schon in der Hand, da
winselte Waldmann, wie er wohl Nachts zu thun pflegt, ehe er bellt. Mir ward mit
einemmale wieder bange. Ich setzte den Wachsstock auf den Tisch, ohne ihn
anzustecken. Vor dem Hause regte sich etwas. Waldmann sprang jetzt vom Stuhl und
schnupperte umher. Ich rief ihm zu, da schlug er laut und heulend an. Es fuhr
mir durch alle Glieder. Im Hof sprachen Mehrere leise. Es ist ja noch Licht
drinnen, hrte ich Curd ganz deutlich sagen. Gottlob! da ist er! rief ich, und
im selben Augenblick kratzte der ungeduldige Hund auch, wie auer sich, an die
Thr, und kam dann zu mir gelaufen, blaffte und sprang wieder zurck; kurz,
zeigte, da er den Herrn wittre.
    Mein Sohn ffnete whrend dem die Thr, Er kam mir so todtenbla vor, da
ich ihn nicht gleich erkannte. Liebe Mutter, sagte er, und sah aus, als wenn
er spahaft sein wollte, aber seine Stimme war heiser und zitterte auch. Liebe
Mutter, ich habe mich ganz verrechnet! Ich dachte nicht daran, da hier die
Leute wieder aufstehen, wenn unsereins in der Stadt zu Bette geht. In meiner
neuen Wirthschaft bin ich's so gewohnt, und da Sie sich wohl vorstellen knnen,
da ein junger Ehemann immer mit seinen Gedanken da ist, wo er sein mchte, so
werden Sie's schon verzeihen mssen, da ich mir einbildete, zu Hause
anzukommen, inde ich nun hier doch erst ausschlafen mu.
    Hm! entgegnete ich, und that, als wenn ich ihm glaubte; aber ich konnte es
doch nicht lassen, ihm fest ins Auge zu sehen. Er wurde roth! Komm nur, komm!
fuhr ich fort, Du wirst doch noch zu Nacht essen wollen, es ist ja erst halb
Eins, das ist die rechte Stunde fr Euch Weltkinder?
    Bewahre der Himmel! rief er so recht widerwillig. Ich wre nicht im
Stande, einen Bissen hinunter zu bringen.
    Mich berlief es ganz eisig. Mein Gott! woher kommt ihm denn der Ekel vor
Speise und Trank? dachte ich im Stillen. Ihm fehlte, soviel ich sah, krperlich
nichts. Was widerstand ihm denn so bei dem Anerbieten?
    Ich hatte oft gehrt, da, wenn ein Mensch von der Hand eines Andern
gefallen wre, dieser nach der unglcklichen That lange nichts genieen knne,
was ihn an Fleisch und Blut erinnere.
    Das fiel mir jetzt wie Blei auf die Brust. Ich blieb in meinem Stuhle
sitzen. Ich konnte die Fe nicht heben. Ich zitterte an allen Gliedern.
    Mein Sohn merkte nicht sehr darauf. Er war ganz verstrt. Nach einer Weile
sagte er dann aber doch: Sie sehen recht angegriffen aus, liebe Mutter! Gehen
Sie doch ja noch ein Paar Stunden schlafen. Ich will mich auch niederlegen.
Wenn Du nur wirst schlafen knnen! entgegnete ich, und sah ihn scharf an. Er
kte mir die Hand. Ich denke doch, meinte er. Er war schon an der Thr, als
er noch einmal umkehrte, und, mit den Fingern leicht gegen die Stirn fahrend,
als strafe er sich wegen einer Vergessenheit, ausrief: Habe ich doch gar nicht
daran gedacht, Sie um ein Nachtlager fr meinen Reisegefhrten zu bitten, der so
todtmde, wie er von der heutigen Jagd zurckkommt, nicht daran denken konnte,
sich Ihnen vorzustellen. Darf ich? fuhr er fort, die Thr in der Hand, rasch
und ohne mir Zeit zu lassen, nach Namen und Stand zu fragen, darf ich drauen
das Nthige besorgen? Und fort war er.
    Ein Verwundeter, sagte ich leise zu mir. Deshalb kamen sie in Nacht und
Dunkelheit, deshalb mute der Wagen im Dorfe halten. Gewi wurde der arme Mensch
ganz still ins Haus und hinten nach Curds Zimmer getragen! Nun, der Himmel
beschtze ihn! seufzte ich aus aufrichtigem Herzen. Ach Elischen! ich war so
froh, da es nur den Curd nicht getroffen hatte!
    Wie aber die Freude darber sich etwas migte, dachte ich doch auch an die
Folgen. Wenn nun der Unglckliche hier strbe? Mein lieber Gott! das wre doch
auch schrecklich, mute ich mir gestehen. Und dann, siehst Du Kind, ich hatte
nur einen einzigen Menschen in den Gedanken, mit dem mein Sohn Hndel gehabt
haben konnte. Und wenn der - ich wei nicht, wie mir's mglich gewesen ist,
nicht gleich auf der Stelle im Hause Erkundigungen nach dem Fremden einzuziehen?
aber ich glaube, ich war zu schchtern dazu. Ich frchtete wohl, die Wahrheit zu
erfahren. Und dann wollte ich auch nicht Lrm machen, und die gemeinen Leute
frher auf die rechte Spur bringen.
    Ich blieb also ganz still in meinem Armstuhle sitzen, gab keine Befehle, und
machte keine Anordnungen, sondern berlie es Curd, was er bestellen werde. Du
kannst daraus sehen, liebe Elise, in welchem unnatrlichen Zustande ich in
dieser Nacht war, so mein ganzes Hauswesen aus der Acht zu lassen, und die Ehre
einer guten, sorgsamen Wirthin. Kurz, ich schlich still zu Bette, um nur nichts
mehr zu hren und zu erfahren. Kaum liege ich aber ein halbes Stndchen darin,
so blst ein Postillon im Dorfe. Ich richte mich in die Hhe. Es schmettert
immer fort, aber kein Wagen folgt. Der Ton kommt nher und nher. Ein Pferd
trabt in den Hof. Gott! eine Stafette, schrie ich auf. Sie schicken schon nach
Curd. Das Duell ist ruchtbar geworden, er wird festgesetzt werden, man wird ihm
ans Leben gehen!
    Ich zog mit Gewalt an der Klingel, aber ehe noch Jemand kommen konnte, war
ich am Fenster, ri es auf, und rief hinunter in den Hof: Wer blst denn da?
Eine Stafette, war die Antwort. Woher? brachte ich zitternd heraus. Wie ward
mir nun, als ich hrte: Auf Allerhchsten Befehl aus der Residenz, das kann
ich keinem Menschen sagen. Ich war in einen Stuhl gesunken, als Caspar, der
Jger, mit einem Brief in der Hand, hereintrat.
    Gebe Er her! gebe Er her! befahl ich ihm. Um Verzeihung, sagte er, mir
die Addresse hinhaltend. Das Schreiben ist an Jemand, den ich nicht kenne, und
der sich, so viel ich wei, auch hier nicht aufhlt.
    Ich wagte, einen Blick darauf zu werfen. Es war eine kleine, kritzliche
Frauenhand, und die Aufschrift ... dem frstlichen Jgermeister, Herrn Curd von
... Ich athmete auf. Wecke Er meinen Sohn, Caspar! sagte ich, der Brief ist
von seiner Frau, ich erkenne es jetzt an dem doppelten Wappen.
    Es war auch so. Mein Sohn erwartete schon frher eine Versetzung aus dem
Militair ins Forstdepartement. Der Fall war nun eingetreten. Die Grfin und ihre
Tochter fanden es nthig, ihn eilig davon zu benachrichtigen; um das schneller
zu bewerkstelligen, hatten sie auf den Brief geschrieben: auf Allerhchsten
Befehl. Das klrte sich nun wohl ber Erwarten gut auf. Allein das Andere lag
mir immer schwer genug auf der Seele. Ich konnte mich deshalb auch nicht ber
die Vortheile in Curds neuer Lage freuen. Er nahm es nicht viel anders. Seine
Miene blieb ernst, sein Wesen zerstreut. Wir redeten wenig darber. Es schien
ihm sogar verdrielich, da er seine Abreise so bereilen msse. Da er nun auch
gleich darauf das Anspannen befahl, fragte ich ihn, ob sein Reisegefhrte ihn
begleiten wrde?
    Der, liebe Mutter! entgegnete Curd, hat sich eben nur so lange hier
aufgehalten, um den Amtmann zu vermgen, da er ihm rasche Pferde und Wagen gab,
und wieder zurckfahren lasse, woher wir kamen. Er war schon fort, als ich von
Ihnen in mein Zimmer ging.
    Also nicht tdtlich verwundet? seufzte ich. Vielleicht gar nicht einmal
ein Duell?
    Ein Duell? fragte mein Sohn, sich schnell nach mir umwendend, wie kommen
Sie darauf? Ich theilte ihm alle meine Besorgnisse mit. Er hrte mir sehr
aufmerksam zu. Nein! sagte er, auf meine Ehre, ich komme von keinem
Zweikampf. Darber knnen Sie in dieser Angelegenheit berhaupt ganz auer Sorge
sein.
    Gewi? fragte ich, denn mir schien, als halte er mit irgend etwas zurck.
Sein ganzes Wesen war anders, wie sonst; bestrzt und traurig zugleich htte ich
es nennen mgen.
    Gewi! versicherte er, auf eben die verschlossene Weise.
    Nun! sagte ich, dann kann mir schon alles Andere recht sein. Allein
wissen mchte ich doch, wer der Fremde war, der in meinem Hause Obdach suchte,
ohne mir auch nur dem Namen nach bekannt zu sein.
    Curd ward verlegen. Er nahm mich bei der Hand, und suchte mich auf andere
Gedanken zu bringen. Da ich aber empfindlich ward, entdeckte er mir, da es Hugo
gewesen sei. Ich ward bla vor Schrecken, glaube ich, that inde, als sei es vor
Aerger, und uerte meine Verwunderung, da der Graf es vermeide, der nchsten
Verwandtin seiner Braut bekannt zu werden.
    Ach! rief Curd ein wenig rgerlich, denken Sie doch an dergleichen
Rcksichten jetzt nicht, liebe Mutter! Sie knnen sich wohl vorstellen, da
etwas Auerordentliches vorgefallen sein msse, was uns Beide in so gutem
Vernehmen zusammen hierher fhrte. Ich habe kein Recht, Ihnen mehr zu sagen. Es
ist in keiner Art mein Geheimni, und nur, um Sie wegen ferneren Besorgnissen,
in Betreff meiner und des Grafen, zu beruhigen, entdeckte ich Ihnen, da dieser
hier war, was denn brigens alle Welt wissen mag.
    Damit, liebes Kind! mute ich nun zufrieden sein. Curd reiste kurz darauf
ab, und mir blieb der Stachel wegen des undurchdringlichen Geheimnisses in der
Brust stecken.
    Etwas Auerordentliches, sagte er, msse vorgefallen sein, was sie Beide in
gutem Vernehmen zusammen fhrte. Das knne ich einsehen. Freilich lt sich das
einsehen. Aber was ist dies Auerordentliche? Erst glaubte ich, Du wrest
gestorben, Herzenskind! und Curd wolle mir dies nur nicht so pltzlich, ohne
alle Vorbereitung sagen. Aber er betheuerte, das sei es nicht. Nun, sei es, was
es wolle, etwas Gutes ist es nicht, darnach sah Curd nicht aus.
    Es qult mich ber alle Beschreibung. Ich will mir den jungen Amtsschreiber
kommen lassen. Er soll mir wenigstens erzhlen, was er gesehen und gehrt hat.
Das wird dem doch hoffentlich kein Geheimni sein.
    Begreife es, wer es kann! Du sollst Alles wissen, liebe Elise! vielleicht
bringst Du was Zusammenhngendes heraus. Erschrick und rgere Dich auch nicht,
Kind! wenn Du gewisse Dinge liest, die Dir wohl anstig sein mssen, die aber
auch anders sein knnen, als sie auf den ersten Blick scheinen.
    Du kennst den Philipp Arendt von klein auf. Der Hellste ist er eben nicht,
und wenn er nicht mit Curd, so zu sagen, auferzogen wre, so wrde er wohl nicht
den Posten begleiten, den ihm dieser verschafft hat Dafr kann sich aber auch
mein Sohn auf seine Treue und Ergebenheit verlassen, weshalb er ihn denn
wahrscheinlich mit sich nahm.
    Diese Fahrt, sagte Philipp, ging sechs und dreiig Stunden Tag und Nacht
fort. Gleich hier, in unserm Stdtchen, lieen wir Pferde und Wagen stehen,
nahmen Extrapost, und gnnten uns nicht Schlaf, nicht Mittags noch Abends eine
Mahlzeit zu halten. Den zweiten Abend unserer Reise kamen wir an ein Grnzdorf.
Das Zoll- und Mauthwesen bringt dem Orte groen Verkehr; auch liegt bestndig
ein Jgerdetachement hier, um die Psse und Schleichwege durchs Gebirge
abzupatrouilliren. Deshalb ist hier ein stattlicher Gasthof seit vielen Jahren
etablirt, vor welchem die Reisenden lieber anhalten und die Grnzwchter ihre
Untersuchungen und Abschtzungen in aller Ruhe machen lassen, als vor dem
Zollhause, hinter der vorgezogenen Kette, stundenlang unangenehme Dinge zu
hren.
    Als Curd seine Kalesche dort stehen lie, erzhlte Philipp weiter, und dem
Wirthshause zuging, sah dieser einen schnen, groen Mann in demselben
Augenblick langsam auf sie zukommen. Er grte, ohne da mein Sohn, der in
Gedanken vor sich niedersah, darauf achtete. Philipp machte es ihm bemerklich.
Curd blickte auf. Ach! da ist er schon, rief er. Das Blut stieg ihm dabei ins
Gesicht und die Augen blitzten. Hre, flsterte er seinem Begleiter zu, indem
er die Schritte beeilte, ich habe mit dem Herrn ein Wort zu sprechen. Du
verstehst mich. Ich habe ihn hierher bestellt. Kommt es zu etwas, endet es auf
eine oder die andere Art schlimm, so nimm hier meine Brieftasche, und reise so
geschwind du kannst zu meiner Mutter zurck, damit kein voreiliges Gercht sie
erschrecke.
    Der gute Junge, Elischen! wie er doch immer zuerst an mich denkt. Mich
schauderte bei der Erzhlung, und doch mute ich vor Freuden weinen.
    Aber, hre nur weiter! Philipp sah nun, wie Beide in das Haus, die Treppe
hinauf und oben in ein Zimmer gingen, das sie hinter sich abschlossen. Der arme
Mensch hatte keine Ruhe. Er schlich langsam hinterdrein. In dem Coridor, rechts,
waren beide verschwunden. Er lie die Nummer der Thr nicht aus den Augen.
Horchen wollte er nicht, doch ohngefhr beobachten, was drinnen vorging. Er
hielt also Wache, und lehnte mit dem Rcken gegen die Wand, so da er das Schlo
der Thr im Auge behielt, whrend er mehr dem nchstanstoenden Zimmer
zugewendet schien. Erst sprachen die Beiden wenig und ganz leise. Philipp hrte
sogar ein Paar Mal lachen, aber es war nur Einer, der lachte. Nach und nach
hoben sich denn die Stimmen. Es ging Jemand in gemessenen Schritten quer durch
das Zimmer, und zhlte dabei laut. Dann ward einen Augenblick alles ganz stille.
Nun rief eine Stimme im Nebenzimmer so weich, so zrtlich und so
verzweiflungsvoll: Mein Gott! Mein Gott! da Philipp einen Schritt zurcktrat.
Doch kaum waren die Worte halb weinend, halb schreiend ausgestoen, so fiel
etwas, als wenn Jemand mit einem Stuhl umschlgt, und eine andere Stimme stie
in fremder Sprache laute und ngstliche Tne aus. Schneller, wie der berraschte
Amtsschreiber es fassen konnte, flog die Thr neben ihm auf, der fremde Herr und
mein Sohn strzten heraus, rissen das Nebenzimmer mit Gewalt auf, ob es gleich
verschlossen war, und wie ein Blitz auf ein ohnmchtig daliegendes Frauenzimmer
zufahrend, das blasser wie der Tod am Boden ausgestreckt lag, sank der
Unbekannte mit einem frchterlichen Schrei zur Erde, und Curd, beide Hnde ber
den Kopf zusammen schlagend, rief ebenfalls ganz auer sich: Herr Gott! das ist
entsetzlich.
    Was weiter vorging, wer das Frauenzimmer war, von dem allen wei der
Amtsschreiber nichts, denn mein Sohn gewann hinreichend Besinnung, um die Thr
aufs neue fest von Innen zu verriegeln.
    Niemand kam heraus. Ueber zwei Stunden whrte das so. Philipp, der nun
nichts mehr fr seinen Herrn frchtete, ging ab und zu. Oft war es ihm, als
wrde drinnen viel geweint. Eine sehr sanfte Stimme sprach ein paarmal lange,
doch immer so leise, da kein Wort zu verstehen war. Den Ton, sagte mir Philipp,
wrde er in seinem Leben nicht vergessen. Er wre ihm so ans Herz gegangen, da
ihm die Thrnen aus den Augen strzten.
    Schon ganz tief in der Nacht kam endlich mein Sohn herunter, bestellte, da
Alles zur Abreise fertig sein sollte, ging dann wieder hinauf, kehrte alsdann an
des Fremden Arm zurck, bestieg mit diesem die Postchaise; sie fuhren und fuhren
bis hierher, ohne da ihr Reisegefhrte ein Wort sprach, auer ein einzigesmal
sagte er halblaut: eine Nonne! Er schttelte den Kopf, und sank dann mit
geschlossenen Augen ganz zusammen, als wolle er Alles verschlafen.
    Nun sage mir um Gottes Willen, Kind! was ist das? Ich kann nicht klug daraus
werden, und wenn ich mir den Kopf zerbreche. Hast Du denn eine Ahndung, wer die
Person sein kann, aus der sie solch' Geheimni machen, als glte es des Reiches
Wohlfahrt?
    Gieb nur Acht, es wird nichts sein, als ein dummer Roman, der ihnen die
Kpfe verrckt. Das ist jetzt Mode. Ich beklage Dich, armes Kind! Du mut es
entgelten. Httest Du den Curd geheirathet, wie anders stnde es mit Dir!

                                Hugo an Heinrich


Emma lebt! Ich habe sie gesehen, gesprochen! Fat Du es, Heinrich? Ich nicht!
Mein Gott! mein Gott! rief sie, mit einem Tone -! Was das fr ein Ton war!
Engel mgen so fltend klagen ber das Elend der Menschen! Elend - ja wohl! Nun
bin ich es ganz.
    Heinrich! wie sie so am Boden lag, den Schleier weit zurckgeschlagen, das
himmlische Gesicht weier wie Schnee, die Augen geschlossen, der Mund voll Gte
und Liebe, schmerzlich zum Weinen verzogen, beide Hnde im tiefsten Jammer
zusammen geschlagen! -
    Sieh weg! Sieh weg! ich bitte Dich. Ich verliere den Verstand, sehe ich sie
in Gedanken so vor mir liegen.
    Wer spricht mir noch von Liebe? Wer wei denn, was Lieben ist? Niemand! das
sage ich Dir. Auch sie nicht! das ist das Tollste. Auch sie nicht! bei dem
ganzen Umfange ihres Opfers, wute sie nicht, was Liebe ist.
    Wie htte sie sonst die Lge zwischen uns geschoben, und Frchte von solcher
Saat gehofft?
    Nun sind die Teufel alle losgebunden, und ein zerbrochenes Gelbde erzeugt
den Wunsch, die andern auch zu brechen.
    Frage sie doch, was sie aus mir machen wird? und wie sie die rebellischen
Wnsche in der eignen, strmenden Brust zu bndigen gedenkt? Zurck! zurck ins
Kloster, klagte sie leise, und weinte dabei.
    Entsagen wollte sie! O htte sie Geduld mit mir gehabt, und nicht grer
sein wollen, als die Natur vom Menschen es verlangt.
    Siehst Du, Heinrich! ich sagte es Dir schon einmal, die eigentlichen
Gespenster, die springen aus dem verhetzten Gehirn der Menschen hervor. Den Wahn
gebirt er selbst, wie jeden, um den er leiden mu.
    Sie ist sehr unglcklich, das glaube mir! Hier! hier an diesem Herzen hat
sie alle ihre Seelenangst bekannt! Hier an diesem Altar konnte sie beichten! So
treibt sie noch der alte Gtzendienst zur Abgtterei, und sie darf glauben, ihn
abgeschworen zu haben?
    O hilf mir aus dem Labyrinth heraus, in dem ich auch sie verlieren knnte.
Glaubst Du, ich spreche im Fieber? Weit Du so von gar nichts, da Du nicht
merkest, sie sei die Nonne, die mich seit Monaten, wachend und trumend,
begleitet! Die Nonne! Ja wohl! sie ward es, und galt fr todt. Wollte dafr
gelten, um mich glcklich zu wissen.
    Verstehst Du wohl, um mich glcklich zu wissen. Du ewiger Himmel! wie
schlecht berechnet sich das Glck, und wie irrt sich der Mensch, wenn er es zu
schaffen gedenkt!
    Irren und immer irren, das ist das Motto, das am Ein- und Ausgange unserer
Lebensbahn steht. Wir kennen nur die verschlungenen Schriftzge nicht, und
machen Jeder ein beliebiges Wort daraus.
    Wie sie sich mir bei allem dem immer nahte, wie ich sie zuletzt finden, und
den -! Nennst Du es Betrug? Sage die Tuschung, es klingt besser - entdecken
mute?
    Ja, mein Freund! das ist es eben. Die Wahrheit ist eine mchtige Gottheit,
sie rcht jede Verletzung ihrer Gesetze. Es mu dann alles so kommen, wie es
kommen soll! Wie das Haupt der Medusa schreckt sie das Menschenauge!
    O! es ist eine weitluftige Geschichte. Ich erzhle sie Dir einmal. Einmal?
es ist gut, seine Vorstze so ins Ungewisse zu stellen. Wer sagt gut fr die
Erfllung?
    Wte ich nur darber hinaus, da sie irre an mir werden, da sie mich
aufgeben konnte! Ist denn die Liebe nicht die Wahrheit, und lehrt sie nicht wahr
sein?
    Ach! so still wie ein Lamm schlich sie sich abwrts, und wollte verloren
heien, damit ich ihr nur nicht begegne, und ihr Anblick mich nicht stre. Sage,
ich bitte Dich, ist das nicht dennoch Liebe? O! httest Du sie gesehen, das
liebe, sanfte, blasse Leidensgesicht, und immer, immer schn wie der Friede.
    Ich will Dir etwas sagen - doch Nein! Du verstehst mich nicht. Es versteht
Keiner den Andern! Ich werde sie noch um eine Unterredung in ihrem Kloster
bitten. Hier, in dem nahegelegenen Waldkloster, wo man sie begraben sagte, da
begrub sie sich auch. Da nahm sie den Schleier. Unselige Bethrung! Sie soll mir
sagen, was kein Anderer wei, was sie nur, oder Niemand beantworten kann, warum
-! O weg! weg! tolle, rasende Gedanken. Wre sie auch eitel, und htte sie sich
selbst einen Triumph bereitet? Abscheulich! Die Welt ekelt mich an. Ueberall nur
das Echo-Wort - Ich! Ich! und sonst hohler Schall!
    Ich komme von ihr! Unaussprechlich! ich sage Dir, Heinrich! unaussprechlich
ist der Zauber ihrer sanften Nhe. Wie der Hauch von einem Blumenbeet, im Thau
der Abendwolken, so se Thrnen perlten auf den lilienblassen Wangen.
    Und doch hat sie sich von mir losgesagt! und doch hat sie das eiserne Gitter
zwischen sich und mir aufgezogen! Dahinter steht sie, und unerreichbar!
unerreichbar! Was das fr ein entsetzliches Wort ist.
    Ich frchte, ich frchte -! Was denn? Was soll noch kommen? Siehst Du, das
ist es! Es ist alles aus!

                      Die Oberhofmeisterin an den Comthur


Das Geheimni ist also entdeckt! Es kam, wie ich immer frchtete. Sie hat sich
zuletzt selbst verrathen. Sein Leben durfte nicht auf dem Spiel stehen. Daran
scheiterte ihre getrumte Festigkeit. Jetzt ist das ganze Phantom in Nichts
aufgelst, und die nchterne Wahrheit bringt Alle auer Fassung.
    Auch Sie, Ihr Gefhl, sagen Sie mir, emprt sich gegen das gewagte Spiel
miverstandener Selbstverleugnung. Sie fragen mich, wie ich jemals darein
willigen konnte? Sie tadeln mich, weniger durch das, was Sie laut werden lassen,
als durch das, was Sie verschweigen; die Spannung Ihres Briefs verrth, wie sehr
Sie sich zu beherrschen streben.
    Sein Sie ganz offen. Ich kann es ertragen. Mein guter Comthur! seit ich in
die unselige Verbindung zwischen Emma und Ihrem Neffen willigte, handelte es
sich nicht mehr um das, was ich zugeben oder hindern wollte; die beiden
unglcklich Gepaarten muten ihr Loos erfllen.
    Sie irren sehr, wenn Sie sich einbilden, ich habe durch Emma's pltzliche
Entfernung von der Burg dies Alles verschuldet. Schon lange war Emma mit sich
einig, Hugo frei zu geben. Ihr glhendes Herz flammte in lauter feurigen Bildern
auf, die von innern Strmen schnell gejagt, eine Wolkendecke ber das wirkliche
Leben breiteten. Sich fr ihn zu opfern, das war der Stolz ihrer
verschmachtenden Seele, das war das Geschft ihrer kranken Phantasie. Wie wenig
kennen Sie den Menschen, wenn Sie whnen, bis dahin dringe fremder Wille.
    Es ist wahr! nachdem, was im Hause des Prsidenten vorging, konnte ich an
die Dauer solch schmhlich entweihten Ehebundes nicht mehr denken.
    Was weiter folgte, darber fordern Sie wohl von mir keine Rechenschaft. Das
Kloster im Schwarzwalde war unsere erste Zuflucht. Einsamkeit und abgezogenes
Denken gestalten das Gemth nach anderer Form. Es scheint uns in diesem
Augenblicke alles beschlossen und vollendet, was heute nur ruhen mu, um morgen
weiter leben zu knnen.
    Emma ward schnell in ihrer Begeisterung mit dem fertig, was sie allein noch
fr Hugo thun konnte. Nach kurzer Zeit nahm sie den Schleier, und lie das
Gercht ihres Todes sie von dem Manne scheiden, dem sie ihr Dasein bei weitem
mehr, als den Heiligen des Klosters weihte.
    Was ich hierbei litt, doppelt litt, weil ich die Nutzlosigkeit dieses Opfers
lngst einsah, wie hei ich das zertrmmerte Geschick, die Selbsttuschung, die
unnatrliche Verirrung der einzigen Tochter beweinte, wie sie mir anfangs in
ihrer Umwandlung gestorben schien, und ich schwankte, ob ich sie nicht eben so
gern unter der dichten Hlle des Sarges als hinter diesen Mauern wissen mchte?
das Alles sagt sich nicht, das fat mit dem besten Willen Keiner, am wenigsten
ein Mann!
    Als darauf aber der Wurm in dem Herzen der Unglcklichen strker nagte, sie,
vollends hinwelkend, wahr zu machen drohte, was sie zum Scheine gespielt, da
dachte ich darauf, durch Versetzung in eine andere geistliche Gemeine, ein
wrmeres Clima, in ganz vernderte Umgebungen, sie mir noch lebend zu erhalten.
Durch eine Verwendung meiner Prinze, ward Emma Aebtissin in einem
florentinischen Kloster. Sie erschrack heftig bei der Nachricht. Ihre Gesundheit
schien den Schmerzen der Trennung aus der Heimath nicht gewachsen. Nur einmal
noch, auf kurze Zeit, wollte sie in der Nhe ihres alten Wohnsitzes athmen,
leben drfen; sie forderte dies, als das einzige Mittel, den letzten Ri der
Vergangenheit zu berwinden. Ihr Arzt rieth selbst dazu. Sie erhielt
unbestimmten Urlaub, sie benutzte diesen - und das Aufziehen eines
Pistolen-Schlosses reichte hin, die ganze knstliche Leiter unter ihren Fen
wegzuziehen!
    Ich bin bei weitem hierber nicht so erschttert, wie Sie. Was die Welt
denken und urtheilen wird? gilt mir in dieser Hinsicht gleich. Die hat ihr
Urtheil lngst ausgesprochen. Nun sagt sie es noch einmal anders vielleicht,
doch nicht klger. Emma ist auerhalb ihrem Bereich, ich gehe ihr aus dem Wege,
und Hugo - Nun das verlangen Sie nicht, da mir dessen Geschick, wie dessen Ruf
am Herzen liegen solle! Was hofften Sie wohl von einer neuen Verbindung fr ihn?
Was blendet Sie denn jetzt mit einemmale ber den glaubensleeren, unklaren,
unsichern Klgler, da Sie Ihre Thrnen in die seinen mischen? -
    Meinen Sie, weil ihn das Auerordentliche erschtterte, weil ihn der Anblick
der Todtgeglaubten bermannend niederwarf, er sei nun fr immer in dem Kern des
Daseins gebrochen? Er knne das gespaltene Leben nicht wieder ergnzen? nur in
bejammernswerthem Ringen mssen ihm Tage und Jahre hingehen.
    Mein Gott, bester Freund! tragen Sie doch Ihre Empfindungen nicht auf einen
Menschen ber, der keines bleibenden Eindrucks fhig ist.
    Wie schnell tauschte er ein Gut fr das andere ein, wie noch schneller warf
er dieses wieder von sich, und was wre es denn jetzt mit ihm gewesen, htte er
auch die Vergessene nicht wiedergefunden? Nein, glcklich war der niemals zu
machen! denn sehen Sie, mit allen schimmernden Gaben des Scharfsinns, des
Witzes, der angenehmen Laune, bei dem milden Ausgleichen fremder Schwche, der
duldsamen Gelassenheit und den Aufwallungen liebender Gefhle, fehlt Ihrem
Neffen ein innerer Mittelpunkt. Er ist wie ein schnes, reich ausgestattetes
Haus, in dem Sie alles finden, nur keinen Heerd! drum frieren Sie, und hungern
und dursten, und werden niemals erquickt, wie viele Vorrthe auch berall
befindlich sind. Der Heerd, der ihm im Innern fehlt, den verschmhet er auch im
Aeuern. Naschen will er berall, doch gesammelt genieen, das kann er nicht.
Frchten Sie doch ja nicht fr sein Herz, nennen Sie auch nicht die bebenden,
confus ineinander gewirrten Fserchen, ein Herz. Auf der Stelle mag es sonderbar
bei ihm aussehen!
    Vor allem aber schelten Sie Niemand, als ihn selbst, wenn Sie's beklagen
mssen, da von allen Ihren Hoffnungen keine erfllt ward.
    Von der betrogenen Dame seiner Gedanken durfte ich erwarten, da Sie mit mir
nicht reden wrden. Fr sie wei ich wahrhaftig nichts Besseres, als da sie die
schwierige Aufgabe bernimmt, dem Irrstern auf seiner regellosen Bahn zu folgen.
Trsten Sie sich, lieber Comthur! wie Sie knnen. Am Ende haben Sie doch die
grere Hlfte des Lebens zurckgelegt. Was wollen wir um die letzten Paar
Stunden noch so viel Aufhebens machen!
    Ich bin im Begriff, zu Emma zu gehen. Die Reise nach Italien wird ihr jetzt
wohl selbst nothwendig dnken.
    Noch einmal, nehmen Sie es nicht zu schwer. Hugo ist nicht der Mensch
darnach, die Seele eines besonnenen Mannes mit Sorgen zu fllen.

                                    Antwort


Nein, niemals htten Sie sich erlauben sollen, ber Hugo dies unbillige Urtheil
auszusprechen. Sie nicht. Keine Parthei darf die andere richten. Ihr Unglck
macht Sie hart. - Tadeln Sie Handlungen, verwerfen Sie die That, wenden Sie sich
mit Unwillen von dem ungeliebten Menschen ab, doch zerlegen Sie ihn nicht wie
ein Wild, das man kunstgerecht durchschneidet, und sich etwas damit wei, jeden
einzelnen Theil geschickt von dem andern lsen zu knnen. O, hielten wir im
Menschen Gott hher, wir wrden begreifen, da keiner zu berechnen ist.
    Die Mischungen, aus denen ein Inneres sich bildet, sind gar zu fein fr
unser kritisches Auge. Ein zrtliches Empfinden unterscheidet sie wohl, doch
hinkt der Verstand dem flchtigen Hauche vergeblich nach, bettelt er nicht von
der Seele die Flgel?
    Sie haben Hugo nie geliebt. Wie knnen Sie glauben, ihn zu verstehen? - Ich
war ihm oft sehr bs, und schwerlich giebt es noch zwei Menschen, einander
unhnlicher in Grundsatz und Richtung. Doch er ist meines Bruders Sohn, mein
Blut, mein nchster, mein einziger Verwandter, ich kann ihn schelten, doch
ungerhrt dies Auge weinen sehen, in dem sich einst des Vaters ganzes Herz
sonnte, es weinen sehen, und kalt bedenken, die Zeit werde es ja auch trocknen,
wie schon manches andere getrocknet worden, nein! das kann ich nicht, und schme
mich auch nicht, es zu bekennen; ich mische meine Thrnen mit den seinen. Wie
wenig drfen Sie hoffen, mit so feindlicher Gesinnung die arme Emma aufrecht zu
erhalten. Waren Sie nicht von jeher die Widersacherin des geliebten Mannes, Sie
htten Ihren bereilten Eifer anders geleitet. Nur zu bereitwillig nahmen Sie
den Plan der Flucht aus der Burg auf, und, lassen Sie michs sagen, gern schieden
Sie das blhende Kind von der Welt, um es nur von dem Feinde Ihrer Ruhe scheiden
zu knnen. Niemals htten Sie Emma den Gedanken ans Kloster verziehen, doch
lieber begruben Sie sie, als sie in seinen Armen zu wissen. Und noch heute
triumphirt Ihr blutendes Herz ber die Schmerzen, die Sie so ber Hugo
verhngten.
    Unvershnliche! Was ist denn zumeist in Ihnen beleidigt, das zrtliche oder
das allein herrschende, stolze Mutterherz? Ich verzeihe Ihnen, aber ich beuge
mich nicht Ihrem Urtheil.

                             Sophie an den Comthur


Sie erwarten in jedem Augenblick Hugo? schreiben Sie mir! Sie denken, er werde
endlich von Wehrheim zu Ihnen herber kommen, und wollen ihn nicht verfehlen.
Sie besuchen uns deshalb heute nicht, und mchten doch wissen, ob Elise ihre
feste, klare Stimmung bewahrt? ob sie noch so einverstanden mit ihrem Geschick,
es ruhig trgt? ob sie auch nicht krperlich leidet?
    Nun, ich kann Ihnen sagen, da wir bis jetzt nichts fr sie zu frchten
haben. Ja, ich finde sie freier, mehr sie selbst, als in der ganzen letzten
Zeit. Ich uerte ihr dies vorlngst beim Frhstck. Sie sann einen Augenblick
nach. Ich glaube, Sie haben recht, sagte sie darauf. Wenn der Schlag gefallen
ist, so wei man, ob man lebt, oder man wei nichts mehr. - Aber die Angst
vorher macht uns kindisch, oft verchtlich. Ich frchte, setzte sie nach einer
langen, stummen Pause hinzu, Hugo's grte Plage hebt von meiner Krankheit an.
Er hat mich so schwach gesehen, und Gott wei es, diese Schwche wollte nicht
weichen. Ich hatte das Gefhl davon, ich schmte mich vor mir selbst, vor Hugo,
aber es blieb vergeblich, ich kann nicht drber weg. Und es ist doch keine
Frage, da nur in meiner Hand sein Glck lag.
    Ich konnte das nur zur Hlfte zugeben. Ich fhrte sie auf die Unfhigkeit
bei Hugo zurck, sich irgend eines ruhigen Besitzes freuen zu knnen, auf den
raschen Wechsel seiner Stimmung, auf das schnelle Ermatten jedes Gefhls in ihm.
    So ist er nun aber einmal! unterbrach sie mich. Ich wute es. Er war mir
ber Alles lieb, gerade in seiner Eigenthmlichkeit. Weshalb hrte ich auf,
diese zu ehren, da es nichts mehr galt, als uere Rcksichten geltend zu
machen?
    Wie, fragte ich unangenehm berrascht, Sie bereuen den ganz natrlichen
Wunsch, auf die einfachste Weise von der Welt einer ungehrigen Verbindung,
sittliche Gltigkeit und gttliche Weihe geben zu drfen?
    Ja, erwiederte sie, das bereue ich.
    Mir stieg das Blut ins Gesicht.
    Miverstehen Sie mich nicht, fuhr sie schnell fort. Das bereue ich,
berhaupt an die Dauer dieser Verbindung gedacht zu haben, seit ich sie zerri,
indem ich ihr Dasein aussprach. Hugo's tiefste Seele war in dem Augenblick
verletzt, unheilbar verletzt! und die wunde Stelle blutete, so oft er mich
wieder sah. Ich war ihm eine Andere geworden, die Welt, die Zeit, die Liebe, von
der er nichts, als den Vorwurf empfand, sie so platt in die breite Gewohnheit
des Lebens hineingeworfen zu sehen.
    Sie raisonniren ber Hugo, lchelte ich. Sie sind klter, und begreifen
jetzt, was Ihnen frher die Leidenschaft verbarg.
    Leidenschaft! seufzte sie gedankenvoll. Ich mchte sie niemals gekannt
haben. Es ist ein taumelnder, unbewuter Rausch, in dem man weder sich, noch den
Gegenstand des heien Wahnsinns besitzt. Doch das Feuer mu auch erst ungleich
flackern und flammen, ehe die stille Gluth sich bildet.
    Wir waren whrend dem im Garten auf- und abgegangen, dann hatten wir unter
den Kastanien gesessen und uns spter im Gesprch nach dem Rasenplatz gewendet,
um den unser Spatziergang fhrte. Die Sonne schien hell. Elise sah hinauf zu
ihr. Das ist auch Gluth! sagte sie. Ewige. Sie dringt bis in den Kern der
Dinge. Meinen Sie, die Hitze thte es allein? Das Licht! das Licht! wiederholte
sie mehreremale. Wir vergessen immer das Beste bei Allem, auch bei der Liebe.
    Mit groer Lebhaftigkeit fate hier die bewegte Frau meine Hand. Glauben
Sie mir, sagte sie, es ist ein falscher Schlu, wenn man die Gewalt eines
Gefhls von dessen enger Zusammenziehung herleitet. Das Leben macht nicht eng.
Je weiter der Umfang, je krftiger das Wesen. Die Liebe, die ihren Gegenstand
denken kann, ist gttlicher Art, sie erleuchtet, was sie berhrt.
    Ich empfand wohl, sie vertheidigte sich gegen den Vorwurf des Klterwerdens.
Ich lie das auf sich beruhen. Mich freute es, sie so aufgerichtet, so ganz die
Alte zu sehen. Ihr Auge hatte einen besondern Glanz, es verweilte mit stillem
Blick auf der entfalteten, blhenden Natur. Sie wissen, wie sie Blumen liebt.
Die Rosen sind jetzt in ihrer vollen Pracht. Unser Stiftsgarten hat deren viel
und von seltener Schnheit. Elise brach einen vollen Strau davon. Diese
Jahreszeit, lchelte sie anmuthig, wie im Wetteifer mit den Blumen, diese
Jahreszeit erinnert mich immer zumeist an das entflohene Glck. Sehen Sie,
Sophie! so streut der Himmel seinen farbigen Putz auf unsere Grber!
    Ich sah gerhrt in ihr weiches, liebes Gesicht. Wissen Sie noch, fuhr sie
fort, wie es auch berall so schimmerte und duftete, als ich mit der seligen
Amtmannsfrau zu der Tannenhuserin ging, Sie uns nicht begleiten wollten und Er
- das erstemal! Ich sehe ihn noch zwischen den Bschen stehen, auf seine Flinte
gelehnt, halb lchelnd, halb ernsthaft, und in sich gekehrt. Damals! Mein Gott!
wie hell, wie leicht war das Leben!
    O bitte, rief sie rasch zu mir gewendet, haben Sie noch meine Briefe von
damals?
    Ich bejahte es. Sophie, sagte sie mit ihrer flehenden Stimme, geben Sie
mir nur auf eine Stunde diese Briefe.
    Ich zgerte. Was ist Ihnen dabei bedenklich? fragte sie. Halten Sie die
Wehmuth, die uns der Frhling giebt, fr so strend? Gute Sophie! schelten Sie
mir die Wehmuth nicht! - Lieber Freund! sie sagte das so sonderbar, so
bedeutungsvoll. Ich ging, und brachte ihr die Briefe.
    Sie setzte sich damit unter die Bume an den Tisch, vor welchem wir
gefrhstckt hatten. Ich mute ihr eine Schaale mit Wasser schicken, in welche
sie die vielen gepflckten Rosen stellte. War es das dunkle Kastanienlaub, was
sie so bla machte? oder das frische Roth der Blumen? genug, sie fiel mir in
ihrem weien Morgenanzuge, zwischen dichten Laubschatten hineingedrckt,
auerordentlich auf. Ich wandte mich mehrmals nach ihr um, als ich ins Haus
zurckging. Doch sie sah mich nicht. Sie war in die Briefe vertieft. Einmal, da
sie unter dem Lesen in Gedanken eine der vor ihr stehenden Rosen zerpflckte,
und die Blthen auf das Papier fielen, kamen mir ihre eigene Worte wieder in den
Sinn. Sehen Sie, Sophie! hatte sie vor wenigen Minuten gesagt, so streut der
Himmel seinen farbigen Putz auf unsre Grber. Sie selbst sah aus, wie die
bleiche Vergangenheit.
    Als ich nach einer Weile wiederkam, fand ich sie, die Briefe weit von sich
geschoben, beide Arme auf den Tisch gestemmt, und das Gesicht in die gefaltenen
Hnde gedrckt. An der Bewegung ihrer Brust sah ich, da sie heftig weinte. Ich
wollte mich entfernen. Sie hatte mich aber bemerkt. Sophie, rief sie, o
Beste, nehmen Sie, nehmen Sie alles das wieder zurck. Nein, man glaubt
wahnsinnig zu werden, wenn man sich lachen hrt, whrend die gengstigte Seele
um ein Paar lindernde Thrnen fleht! Sie wandte das Gesicht ab und trocknete
die nassen Augen. Ich packte die zerstreut umher liegenden Heftchen zusammen.
Sie ergriff meine Hnde. Gott, sagte sie, was haben die Menschen aus der
harmlosesten, unbefangensten Zuneigung gemacht! Wenn ich so das frhliche,
heitere Leben wieder berblicke, wenn ich mich so ohne alles Vorgefhl von
Gefahr, mit leichtem, sorglosem Schritt vorwrts gehen sehe, und Hugo's
Wohlgefallen an meinem Umgang, das freie Zusammenkommen, die nachbarliche
Theilnahme, Emma's spter gewonnene Freundschaft, wenn ich das wiederfinde,
fhle, und keinen Schatten der Unwahrheit, keine Selbsttuschung darin entdecke,
dann emprt sich doch mit einigem Recht meine Seele gegen die harte und rohe
Hand der Welt, die das Miverstandene so migestaltete! Wie hat diese Hand nicht
auf uns gedrckt, was hat sie nicht Alles zerrissen!
    Ich machte sie aufmerksam auf die Arglosigkeit jeder entstehenden Neigung,
und erinnerte sie, da stets die Liebenden zu spt bemerkten, was Andere lngst
vor ihnen gewut.
    Sie nahm das ohne Widerspruch auf, und blieb eine Weile still. Hren Sie,
hub sie darauf an, ich will Ihnen einmal etwas sagen. Ich glaube, Hugo htte
niemals den Einfall gehabt, eine Leidenschaft fr mich zu hegen, wenn es ihm
Eifersucht und husliche Hkeleien nicht berredeten.
    Ich sah sie berrascht an. Sie stand in groer Erschtterung von ihrem
Platze auf. Sie hatten recht, erinnerte sie sich spter, ich wnschte, ich
htte die Briefe nicht gelesen! Sie thun mir wehe. Es sieht mir darin ganz nach
einer ungeheuren Mistification des Geschicks aus. Und ich bin die Angefhrte.
Denn, rief sie, die Hnde heftig zusammenschlagend, ich liebe ihn, das wei
Gott! mit unsglichem Schmerz!
    Sie war ein Paar Schritte vorwrts gegangen. Ich folgte ihr. Das Wetter war
den ganzen Tag so leicht, so schn gewesen. Ich schlug ihr vor, ein wenig
auerhalb des Gartens, im angrnzenden Waldbruch, spatzieren zu gehen. Nein,
erwiederte sie, lassen Sie uns nicht jenseits dieses Bezirks den Fu setzen.
Ich bin nur hier ruhig. Ich sehe es wohl, ich darf, selbst in Gedanken, nicht
das Ferne heranziehen.
    Es that mir leid, sie so erschttert zu finden. Wir gingen lange umher. Wir
sprachen Allerlei. Sie war aus dem Gleichgewicht heraus. Es fate nichts. Wir
setzten uns zuletzt, mde und matt, ganz im Freien, auf die kleine Erhhung, von
wo man den Strom sieht. Ich bemerkte, da sie das Auge unsicher umherschickte,
und es mit Bangigkeit senkte. Ist Ihnen nicht wohl? fragte ich besorgt. Ich
gestehe Ihnen, sagte sie beklommen, die sonnenhelle Gegend, der blinkende
Wasserspiegel bildet heute einen sonderbaren Contrast mit meiner Stimmung. Ich
kann mich nicht damit vertragen. Mir wird nicht wohl hier. Kommen Sie, wir
wollen nach Hause gehen!
    Ich war ihr gern gefllig. Unterwegs uerte sie pltzlich, und ohne nachher
weiter daran zu denken: Wenn ihr nur nicht ein neues Unglck drohe! Ich lie das
gnzlich fallen. Sie gewann auch spterhin ihre frhere Fassung wieder, so da
ich mich berzeugt hatte, ohne meine Unvorsichtigkeit, sie jene Briefe lesen zu
lassen, wre ihr der Morgen in stillen Betrachtungen ruhig vergangen. Wenn Ihr
Neffe wirklich noch heute zu Ihnen kommt, so sagen Sie mir doch, wie Sie ihn
fanden.
    Ich gestehe Ihnen aber, ich zweifle, da er die Burg wieder betritt. Man
sagte mir, er verlasse die kleine Insel, rechts, unterhalb des neuen Schlosses
in Wehrheim, nur selten. Er hatte frher einmal den Gedanken, Emma hier ein
Denkmal setzen zu lassen.

                                 Hugo an Elise


Wissen Sie noch, Liebe! wenn ich sonst zu Ihnen kam, wir neben einander saen,
keines sprach, jedes das Seine dachte, und dann ein Wort, ein launiger Einfall,
ein Blitz des Geistes hervorbrach, und im Augenblick, Eins in dem Andern zu
Hause war. Wie die Antwort mir fehlte, oft nur eine halbe, und doch so ganz,
durch und durch verstanden. Keine Wolke an dem Himmel! Alles helle,
durchsichtige Blue! Wir dachten nicht, da das anders werden knnte, wir hatten
nichts Arges dabei. Und nun! - Gott! da man den Tag so deutlich denken kann,
wenn es Nacht ist. Man ist ein groer Narr, wenn man ber den Wechsel der uern
Gestalten im Leben klagt. Das beruht auf Naturgesetzen, deren Zweck man nach
Belieben vermitteln mag; ich an meinem Theil, denke mir das Meinige dabei, und
lasse es gehen.
    Aber da auch das Innere so willenlos den Tribut der Endlichkeit zollt, da
die Seele in ihrer prahlerischen Gotthnlichkeit nichts wie ein winziges
Flmmchen auf dem irrdischen Heerde ist, und noch eher erlischt, als dieser
zerbricht! Das vollendet das Gaukelspiel, und rechtfertigt den Ekel am Leben!
    Dies Leben! - Wie ein ausgeleerter Becher, hohl, kalt, berflssig liegt es
zu meinen Fen! Ich stoe es weg, da ich aufgehrt, durstig zu sein. Wornach
sollte ich drsten? Ich habe den Athem der Liebe getrunken. Er hat mich nicht
gelabt. Was giebt es denn auch noch Krftigeres? So matt, so matt sinkt zuletzt
der Mensch in sich zusammen!
    Ihr beiden lieben, armen Frauen! Wie habt auch Ihr Euch getuscht! Du
wolltest mich retten, Emma? Ach! htte sich Niemand mit meinem Geschick befat.
Das Glcklichmachen ist ein arger Miverstand. Das Glck macht sich nicht, darum
-! Aber bereuet nichts, Keine von Euch bereue das Geschehene. Wir haben gelitten
und gelebt. Es lebt sich im Leide und in der Freude, wenn das Herz dabei fhlt
und der Geist denkt. Doch, wenn auch das aufhrt, wenn die Gluth kalt und der
Brand Kohle ist -! Sagt doch, Ihr beiden schnen, rhrenden Wesen, was finge ich
auch an, wenn ich noch lieben knnte? Euch lieben mte! Es ist Barmherzigkeit,
da Alles vergeht! Selbst der Verstand. Wie eine Scheibe dreht er sich. Das Wei
und Schwarz kreist in immer schnelleren, immer engeren Ringen um sich herum,
zuletzt ist es Eins. Alles luft auf Eins hinaus.
    Liebe Elise! lassen Sie Georg Mnch werden. Er glaubt dann wenigstens zu
wissen, wofr er lebt. Und das ist sehr viel, so lange es whrt.
    Ich habe mancherlei getrumt. Sehen Sie, mir thut es das frhe Aufwachen. Es
ist Einem so nchtern, so kalt, wenn man vor der Zeit von den Trumen lassen
mu. Der Faden bleibt abgerissen. Die Phantasie eines Wachen ist eine arme
Stmperin, glauben Sie mir das.
    Mein letzter glcklicher Augenblick war, als ich bewutlos zu Emma's Fen
strzte. Gott! welch eine Welt war da in meiner Brust. Ich htte sie so gern, so
gern noch einmal wieder gesehen. Allein, sie will es nicht. Was in der Seele fr
Krfte liegen! Wie viel wird sie leiden mssen, ehe das Alles stumpf wird! Sie
sind schon matter, Elise!
    Sie bricht wohl ein tchtiger Sturm ber kurz oder lang.
    Ade! Ade! sagen unsre alte Romanzen, wenn der Dichter nichts mehr zu sagen
wei, und das Ende nicht finden kann.
    Wenn er das Ende nicht finden kann! -
    Ade! Ade! Warum wird mir dabei so traurig, so weich, so zum Weinen voll ums
Herz? Was hat der tndelnde Singsang fr Gewalt ber mich.
    Bin ich vielleicht bldsinnig geworden? geht der Geist leise aus? und lallt
das sterbende Gefhl kindische Tne?
    O dann! Ade! Ade! -

                             Sophie an den Comthur


Kaum war mein Brief von heute Morgen an Sie, lieber Freund! abgeschickt, so fuhr
Birkner, mit der leeren Jagdkalesche des Grafen, in den Hof.
    Er glaubte, seinen Herrn hier zu finden, der ihn schon seit sieben Uhr
Morgens nach dem Walde bestellt hatte, worin er Willens gewesen war, zu jagen.
    Vielleicht, sagte ich, hat er sich anders besonnen, und darber
vergessen, da Sie ihn erwarten.
    Jener, an dergleichen gewhnt, lachte, die Achseln leicht zuckend. Meine
Grnde mochten ihm einleuchten. Er empfahl sich, und war schon im Begriff,
zurck nach Wehrheim zu fahren, als es ihm einfiel, es knne sich doch wohl
anders verhalten. Der Graf habe doch wohl wirklich die Absicht gehabt, auf die
Jagd zu gehen. Er sei in aller Frhe bei der Tannenhuserin gewesen, welcher er
einen Brief zu baldiger Besorgung hierher, an die Frau Prsidentin, eingehndigt
habe. Da sich nun keine frhere Gelegenheit hierzu dargeboten, so schicke jene
das Schreiben durch ihn.
    Ich lie mir es geben, ersuchte Birkner, ein wenig zu verziehen, und eilte
damit zu Elisen. Sie erschrack bei meinem Eintritt. Ist etwas vorgefallen?
rief sie mir hastig entgegen. Ich bat sie, ruhig zu sein, und sich des Freundes
Gru zu freuen. Sie nahm den Brief furchtsam aus meiner Hand. Ihn von allen
Seiten gedankenlos betrachtend, seufzte sie, das Auge zu mir gewandt, ohne ihn
zu erbrechen.
    Ich gehe, sagte ich, lesen Sie, wenn Sie sich gesammelt haben.
    Als ich das Zimmer verlie, eilte sie hinter mir drein, und verriegelte die
Thr.
    Ich wollte Birkner Anfangs nicht eher fortlassen, bis ich erfahren, ob Elise
keine Bestellung fr ihn habe. Es whrte ihm inde zu lange. Er war ungewi ber
seines Herrn Rckkehr. Mir schien er sogar ngstlich. Ich mute endlich
nachgeben und ihn ohne Antwort fahren lassen.
    Es blieb alles still bei Elise. Ich wollte sie nicht stren, und doch
trieben mich Theilnahme und Besorgni immer wieder zu ihrer Thr. Ich klopfte
verschiedentlich ganz leise an. Sie mochte es nicht beachten. Sie ffnete nicht.
    Endlich rufe ich sie bei Namen. Ja! erwiederte sie, wie aus dem Schlafe
erwachend. Was giebt es?
    Ich bat sie, mir aufzumachen. Ja so! hrte ich sie sagen. Sie kommt, sie
zieht den Riegel weg, ich trete ein, aber ich glaubte vor Schrecken in die Kniee
zu sinken, als ich die todtenbleichen, verzerrten Zge der armen Elise
erblickte.
    Sprachlos starrte ich sie an. Er hat Abschied genommen, lchelte sie. Er
ist fort! Gott wei, wohin? setzte sie langsam hinzu, und mir den Brief
hinhaltend, sagte sie, da lesen Sie einmal.
    Ich durchflog die Zeilen, ich blickte in ein Gewebe verworrener
Verzweiflung, in den wsten Kampf widersprechender Gefhle, mir schwindelte, mir
bebte es in der Seele, doch konnte ich nichts von einem entscheidenden
Entschlu, keine Hinweisung auf Abreise und Entfernung herauslesen. Ich sagte
das Elisen. Sie bestritt es nicht, sie uerte keine Meinung. Allein in sich
schien sie nicht im mindesten zu zweifeln. Wie ich sie auch zu beruhigen
strebte, sie sah mit gebeugtem Haupte und halb geschlossenen Augen vor sich hin,
und ein still verzweifelndes Hm! war alles, was sie hervorbrachte.
    Wir saen lange so, als Johanna eintrat, sich ein Geschft im Zimmer machte,
und, indem sie sich vor dem Tischchen, auf dem jetzt die am heutigen Morgen
gepflckten Rosen standen, bckte, um die herabgefallenen Bltter aufzuheben,
flsterte sie mir zu: Birkner ist wieder da. Kommen Sie doch einen Augenblick
heraus.
    Ich winkte ihr, zu schweigen. Und genau beobachtend, ob Elise auch nichts
gehrt habe, sagte ich dieser, ich gehe, nach Wehrheim zu schicken, um ihr
spter sagen zu knnen, ob Hugo wirklich abwesend sei. Sie nickte mir zu, und
folgte mir ngstlich mit den Augen.
    Ich fand den treuen Menschen, das schumende Pferd, auf welchem er hierher
zurckgesprengt war, am Zgel vor dem Hause hin- und herfhrend. Er war sehr
erhitzt. Seine Miene, als er mich erblickte, weissagte nichts Gutes.
    Nun! fragte ich kleinlaut. Er zuckte die Achseln, und machte mit der Hand
eine abwehrende, verzweifelnde Bewegung. Nirgend zu finden! flsterte er mir
zu. Niemand hat ihn gesehen. Im Gebsch auf der Insel liegen Hut und Rock, und
die Brieftasche mit Banknoten.
    Das bedeutet nichts, entgegnete ich schnell. Gar nichts! Sie wissen, der
Graf badet oft um diese Zeit, und bringt dann Stundenlang im Wasser zu. Reiten
Sie nur, bat ich, gleich wieder zurck, setzen Sie sich in einen Kahn, und
fahren Sie zu den Fischern hinber, die werden ihn gewi irgendwo getroffen
haben.
    Birkner schttelte unglubig den Kopf. Ich lie ihn nicht zu Wort kommen,
ich trieb ihn fort, ich empfahl ihm mglichste Behutsamkeit, und vornehmlich
Stille und scheinbaren Gleichmuth. Ich wollte nicht wissen, was er denke, denn
ich wei, da ich nichts Schlimmes glauben kann. Deshalb theile ich Ihnen auch
die Vorgnge dieses Tages so umstndlich mit. Sie sollen nicht unntz
erschreckt, zu keinen voreiligen Maregeln verleitet werden.
    Ich vertraue Ihrer Fassung, Ihrer Klugheit vllig. Ich glaube, wir knnen
nicht vorsichtig genug zu Werke gehen. Aus dem Grunde enthalten Sie sich wohl am
besten aller unmittelbaren Nachforschungen. Es darf von hier der Schein nicht
ausgehen, als sei das Entsetzlichste denkbar.
    Vielleicht sind Sie auch jetzt, da ich Ihnen schreibe, vollkommen ruhig ber
Hugo; er ist bei Ihnen, wie er es gewollt. Die umherliegenden Kleidungsstcke
sagen im Grunde gar nichts. Er ist ja so zerstreut! Wie leicht, da er vom Baden
zurckgekehrt, jene vergessend, im Schlosse andere anlegte, und spter zu Ihnen
ging. Sind doch auer Birkner nur noch ein Paar Stallleute bei ihm in Wehrheim,
und was werden die sonderlich auf ihn Acht gegeben haben.
    Elise fragte mich schon, ob ich noch keine Nachricht vom Grafen habe? Ich
theilte ihr meine Vermuthung mit, da er bei Ihnen sei, oder Sie ihn wenigstens
gewi erwartet htten.
    Erwartet? seufzte sie.
    Ich mochte mich weiter nicht auf ein langes Gesprch einlassen. Sie mied es
auch. Wenn nur Johanna nicht schon etwas hrte! Oder doch aus des Kammerdieners
schnellem Wiederkommen Verdacht schpfte. Ich mu Elise genau bewachen, denn,
ein vorschnelles Wort -!
    Herr Gott! was es fr Augenblicke im Leben giebt.
    Schlafen werden Sie diese Nacht nicht; der Wunsch einer guten Nacht ist
daher leer und bedeutungslos.
    Lassen Sie uns nur den Muth nicht verlieren. Ich wette noch, es ist Alles
besser, wie wir glauben.

                                    Antwort


Wie knnte ich ruhig sein, was soll verborgen bleiben? Hugo wird vermit. Die
Anzeichen sind beunruhigend. Eine einzige geuerte Besorgni reicht hin, Jedem
das Schreckliche gewi zu machen. Birkner war eben bei mir. Seine Nachfragen
blieben vergeblich. Die Fischer wuten keine Auskunft zu geben. Ich fuhr noch
spt in der Nacht hinber nach Wehrheim. In der Mittagsstunde ist Hugo dort
gewesen. Er trug den hellgrauen Oberrock, der am Ufer gefunden ward, und hatte,
wider seine Gewohnheit, diesen und die Weste weit aufgerissen, als leide er an
Hitze. Den Hut hielt er in der Hand. Seine Laune war heiter. Er scherzte mit des
armen Zimmermanns Frau und Kinder, die er, gleich nach seiner Ankunft auf der
Burg, aus dem Wasser zog, und die Familie dann hinber nach der Stadt zu dem
todtkranken Vater fuhr. Die Leute fanden nachher bei dem Schlobau ihr Brod, sie
sind dem Grafen mit Leib und Seele ergeben, vorzglich die Kleinen, die immer
dreist mit ihm thaten, und sich gern von ihm necken lieen. Heute nahm er das
Kleinste auf den Arm, und sah ihm lange und tief in die groen, klaren Augen.
So kristallhell wie das Wasser dort, sagte er, nach dem Flu zeigend, indem er
der Mutter das Kind zurckgab. Dieses konnte nicht sogleich von ihm los. Es
hatte die Fingerchen in ein blaues Band verwickelt, das um Hugo's Hals
geschlungen war, und, in der Unordnung seines Anzugs, hervorsah. Er ri das Band
entzwei, da das Kind weinte, und steckte die Enden unter das Hemd, indem er vor
sich niedersah und errthete. Die Frau hat das bemerkt, es fiel ihr auf. Er nahm
darauf den Hut, den er aus der Hand gelegt hatte, vom Boden, setzte ihn auf, und
soll so eine Weile unschlssig vor den Leuten gestanden haben, als besinne er
sich auf etwas. Dann wandte er sich aber kurz von ihnen ab, und ging eine
Strecke rechts hinunter, nach dem Walde zurck, aus dem er gekommen war. Doch
kehrte er bald darauf um, rief der Frau zu, sie mge so gut sein, und drinnen im
Schlosse sagen, er komme zum Essen nicht wieder, er speise drben auf der Burg.
    Diesen Vorsatz mu er auch gehabt haben, denn er bestellte einen
Geschftsmann, der ihn am Morgen vergeblich erwartete, herber zu mir.
    Nachher sah man ihn noch eine ganze Zeit auf der Insel hin- und hergehen.
Spter achtete Niemand auf ihn.
    Das ist Alles, was ich erfuhr. In seinem Zimmer standen und lagen die Sachen
frei da, wie das stets seine Art ist. Briefe verbrennt er, oder verbirgt sie in
einem geheimen Fache seines Schreibtisches. Ich mochte an Nichts rhren, was
nicht offen fr Jedermann geblieben. Hieraus war nichts zu ersehen. Ich habe
lange mit mir gerungen, was ich glauben drfe. Soll ich wahr sein, so steigt die
Vermuthung in mir auf, Hugo wolle uns durch den Schein irre fhren. Er will fr
uns todt sein, inde er fr immer aus dieser Gegend, vielleicht aus diesem
Theile der Welt verschwindet.
    O! lassen Sie mich hieran festhalten. Ich bin nicht im Stande, das Andere,
das Grauenerregende, das Unselige zu denken!

                             Sophie an den Comthur


Sie haben Recht, das ist ein Gedanke, den Ihr Neffe htte haben knnen. Nur wei
ich nicht, weshalb er sein Vorhaben hinter eine so schauerliche List verstecken
sollte, da er ohne alle Umstnde weggehen konnte, und nur nicht wiederzukommen
brauchte. Was wrde ihn daran gehindert haben? Er war schon einmal fort! Wir
wuten nicht, wohin. Niemand rief ihn zurck, Niemand erinnerte ihn an verletzte
Pflichten, Keiner wollte ihm Fesseln anlegen. Er allein brachte sein unsttes
Selbst zu uns zurck. Frchtete er nicht vielleicht sich mehr als Andere? Das
sind Vermuthungen, Schlsse ins Blaue hinein. Ich bin unfhig, irgend etwas
Bestimmtes ins Auge zu fassen. Ich sehe nichts deutlich. Die Angst vor Elisens
Erwachen, vor ihren Fragen, ihren Blicken, benimmt mir alle Fassung Mchte uns
doch dieser Tag irgend eine Beruhigung geben!

                                    Antwort


Was Sie auch sagen mgen. Alles bestrkt mich in meinen Vermuthungen. Trotz dem
mhseligsten Suchen, keine Spur von ihm! Verschwunden! vllig verschwunden! sage
ich Ihnen. Keine Bucht, keine Stelle von beiden Ufern blieb undurchforscht. Mehr
als zwanzig Khne fuhren den Strom hinauf, die ruhige Fluth lie oft bis in den
Grund hinunter sehen. Nichts, gar nichts war zu entdecken!
    Er wollte sich uns entziehen. Niemand auf Erden sollte ferner Ansprche an
ihn haben, das war es, glauben Sie mir!

                            Madame Lindhof an Sophie


Im Begriff, diese Gegend auf immer zu verlassen, da mein Sohn eine Anstellung in
der Residenz erhielt, bleibt mir noch eine traurige Pflicht zu erfllen; recht,
als solle ich hier enden, wie ich anfing, nmlich Glck und Hoffnung zu Grabe
tragen zu helfen.
    Den Tag, da meine Schwiegertochter beerdigt ward, traf ich in diesem Hause
ein, und ist es auch keine Leichenfeier, zu der ich gegenwrtig verpflichtet
bin, so ist es doch wohl nicht viel besser.
    Ach! gndiges Frulein, die wahrscheinliche Besttigung von dem, was wir
frchten, senkt die Seele in tiefe Trauer. Wie schwer wird es mir, solche ber
Sie zu verhngen. Doch darf ich kaum mit dem zurckhalten, was ich ohnlngst
erfuhr.
    Sehen Ihr Gnaden, um Alles im Zusammenhange zu berichten, der Umzug einer
Familie, der Transport des vielfachen Gerthes, macht groe Sorge und Unruhe. Es
mir zu erleichtern, miethete ich einen Raum im Marktschiffe, und lie diesen mit
mancherlei unserer Sachen beladen.
    Das Fahrzeug legt gewhnlich bei Wehrheim an. Die gewandte Frau des
Zimmermanns dort, die arbeitsam ist, und sich gern etwas verdient, war mir in
den Tagen des Packens zur Hand gegangen, und besorgte auch jetzt das Laden und
die Zusammenstellung der Ballen auf dem Schiffe. Passagiere und Fhrmann waren
ins Dorf gegangen. Die Frau blieb mit ihren Kindern im Schiffe. Diese
unterhielten sich nach Kinderart, und whrend die Mutter das Wehr, von dem sie
keine zwanzig Schritte entfernt sind, gedankenvoll betrachtet, es sich
zurckruft, wie sie mit demselben Schiffe hier umschlug, und der khne Graf sie
rettete, sagte das lteste Tchterchen: Ach! wie viel, wie viel schne
Vergimeinnicht! Und tritt auf den Steg, der an das Ufer fhrt, die Blumen zu
pflcken. Die andern Kinder folgen. Es ist ganz blau da, sagen sie. Die Mutter
geht ihnen nach. Sie sieht mit Vergngen ihrer Arbeit zu. Ein Band! ein
blauseidenes Band hngt da an den Vergimeinnicht, ruft das Mdchen. Sie hat es
schon, sie zeigt es der Mutter. Eine hellbraune Haarlocke, leicht mit einem
Fdchen umwunden, hngt daran. Gott im Himmel! seufzt die erschrockene Frau,
das ist des Grafen Band, er trug es noch den letzten Tag um den Hals.
    Gndiges Frulein! was soll ich weiter hinzusetzen! Sie denken wohl wie
Jene, die mir den Vorgang erzhlte, und wie ich leider auch frchten mu.
    Hier also! Bei der schnellen Strmung. Er kannte die Stelle wohl. Was diese
fat, reit sie pfeilschnell mit sich fort. Leider sagt das Band, da der Graf
hier war, und da er von hier nicht wieder zurck ging.
    Frchtete ich nicht beschwerlich zu fallen, so wrde ich es mir nicht nehmen
lassen, Ihnen das schmerzliche Andenken selbst zu berbringen; so habe ich es
dem Kammerdiener Birkner zugestellt, um es Ihnen, wenn Sie es zu besitzen
befehlen, einzuhndigen.
    Ich scheide in Thrnen, wie ich kam; wie Vieles habe ich hier untergehen
sehen!
    Des Herrn Prsidenten Besitzung ist nun auch verkauft. Alles ist anders
geworden! Nur meine Gesinnungen fr Sie, verehrtes Frulein! und die theuren
Personen, die Sie, wie ich, lieben, verndern sich nie.

                            Sophie an Madame Lindhof


Gute, treffliche Frau! wie sanft haben Sie uns bisher auf rauher Bahn begleitet,
die wir zu gehen hatten. Ich drcke Ihre Hand, und sage Ihnen mit Wehmuth
Lebewohl!
    Alles scheidet von hier! Wie de wird das Alter! Doch, es ist nicht an mir,
zu klagen. Das verblichne Band, Liebe! ist schon in meinem Besitz; Birkner
brachte es mir, ganz so wie es gefunden ward, in die Blumen verwickelt, um die
es die Wellen geschlungen hatten.
    Wie es dahin kam -? Lassen wir es auf sich beruhen. Es liegt ein Dunkel
darauf, was wir auch sagen mgen!
    Von Elisen wute ich Ihnen bis jetzt nichts zu schreiben. Sie blieb whrend
zwei Tagen in ihrem Zimmer eingeschlossen, ohne Nahrung zu nehmen, noch Kleider
zu wechseln. Ich hatte ihr von dem, was nur aus Vermuthungen zu entnehmen war,
nichts mitgetheilt. Doch mu ich frchten, Johanna ist nicht so behutsam
gewesen. Ich befragte sie deshalb, brachte aber nur Unzusammenhngendes heraus.
Mein Bemhen, zu Elisen zu dringen, blieb ebenfalls vergeblich. Ich gerieth in
immer grere Besorgni. Stunden reihten sich an Stunden; so durfte es nicht
lnger fortgehen, das Leben der Unglcklichen schien mir gefhrdet, und doch
scheute ich, sie durch einen Gewaltschritt zu verletzen.
    In dieser Nacht nun, zog hier, und wohl auch bei Ihnen, ein starkes Gewitter
herauf. Der Sturm, welcher es begleitete, heulte zwischen dem Donner hindurch,
und schien dessen prasselndes Knattern mit wildem Geheul zu unterbrechen.
    Die freie Seite nach dem Wasser zu, war seinem ngstigenden Andringen
besonders ausgesetzt. Die Lden vor dem Fenster zitterten, als rttle sie eine
starke Hand. Ich lie deshalb die meines Schlafzimmers ffnen, wodurch die volle
Gluth der Blitze blendend herein fiel.
    Ich besitze gerade soviel von weiblicher Zaghaftigkeit, um
Naturerschtterungen der Art nicht ohne inneres Bangen sehen zu knnen.
Vielleicht strenge ich mich aber deshalb jedesmal um so mehr an, den Zug der
Wolken zu beobachten, den Grad der Gefahr darnach abmessend. Vom Fenster kann
ich nicht lange wegbleiben. Ich trete immer wieder hinzu, wenn mich auch das
starke Wetterleuchten zurckschreckt. So stand ich denn auch, mit dem Rcken
gegen die Thr, das Auge auf einen weilichen Streif gerichtet, von dem ich im
Augenblick nicht wute, ob es der Saum des heller werdenden Horizonts, oder der
unruhig gepeitschte Flu war, der hher als sonst zwischen den Gartenhecken
durchschimmerte? Hier kann ich es nicht lnger aushalten! sagte Jemand hinter
mir. Ich wandte mich schnell um. Elise, ein Licht in der Hand, mehr einem
Schatten, als sich selbst hnlich, schwankte nach meinem Bette. Sie setzte sich
auf dessen Rand, und das Licht noch immer vor sich haltend, als knne sie es
nicht hell genug um sich haben, sagte sie, mit sehr matter Stimme: Wie die
Wellen brausen! Wie das Wasser rauscht!
    Es ist der Regen, erwiederte ich, indem ich das Fenster ein wenig ffnete,
um sie diesen deutlicher hren zu lassen.
    O Gott bewahre! rief sie empfindlich. Ich kann das wohl unterscheiden.
Sie horchte jetzt gespannt. In ihrer Stimme lag etwas Verwildertes und Scheues,
was mir tdtlichen Schreck einjagte. Unglcklicherweise trieb der Sturm die
herabfallenden Gsse immer dichter zusammen, so da die starke Wassermasse in
ihrer heftigen Bewegung wirklich den schumenden Wogen der Fluth hnlich ward.
    Elise war wieder aufgestanden. Sie hatte das Licht auf den Boden gestellt,
und ging, die Hnde ringend, stumm, mit allen Zeichen unaussprechlicher Angst,
im Zimmer auf und ab.
    Ich wute nicht, was ich sagen sollte? wie ihr beizukommen sei? die Pein
dieses Augenblicks war schrecklich.
    O, wie die Wellen brausen! wie die Wellen brausen! wimmerte sie jetzt,
liege still, liege still, armes Herz! flsterte sie darauf ganz leise.
    Ich zitterte an allen Gliedern. Beste, sagte ich, zu ihr herantretend,
denken Sie an Gott! beten Sie, fr ihn! fr ihn! Hren Sie wohl?
    Sie sah mich erst starr an. Ich nahm ihre kalten Hnde in die meinigen. Das
Ungewisse ihrer Gedanken zuckte hin und wieder auf dem schnen, entstellten
Gesicht. O Sophie! brach sie jetzt schluchzend aus, und strzte mir an die
Brust. Ist es denn wahr? Ist es nun ganz gewi? Liegt er da unten? -
    Nichts ist gewi, entgegnete ich schnell, Vermuthungen! voreilige
Vermuthungen! sonst in der Welt keine nhere Besttigung. Beste Elise, warum
fragten Sie denn nicht mich! setzte ich in der Hoffnung hinzu, sie beruhigen zu
knnen. Aber sie sah und hrte nicht. Es war als habe ihre erstarrte Seele nur
die Stimme liebender Theilnahme erwartet, um sich in Thrnen aufzulsen.
    Das Gewitter tobte fort. Die Nacht ging so in entsetzlicher Bangigkeit hin.
Ich habe es wohl, wie im Vorbergehen, zuweilen gedacht, sagte sie, nachdem
sie stiller geworden, und in dumpfem Ermatten eine Weile vor sich hinstarrte.
Ich habe es gedacht und auch nicht, denn zu fassen ist so etwas nicht.
    Nein, unterbrach ich sie. Und darum haben wir auch kein Recht, es zu
glauben. Sie schien achtsam auf meine Worte.
    Weshalb, fuhr ich fort, sollen uere Zuflligkeiten hier allein eine
Stimme haben? Drfen wir ihnen die innere Ueberzeugung nicht entgegen stellen?
    Elise seufzte. Also ist nichts erwiesen? fragte sie. Ich versicherte es
ihr. Was wissen Sie denn? hub sie nach einer Pause leise und schchtern an.
Ich theilte ihr jetzt Alles mit, berzeugt, da ihr die volle Wahrheit nthig
sei, um mit sich und dem, was sie glauben drfe oder msse, einig zu werden.
    Sie verlangte das Band zu sehen. Ich brachte es ihr. Sie starrte es lange
an. Er hat es zerrissen! lchelte sie, dann steckte sie es in den Busen. Ich
fand sie in diesen Augenblicken mehr dumpf als gefat. Sehr ermattet schlief sie
auf meinem Bett ein Paar Stunden, trotz des anhaltenden Gewitters. Als sie am
Morgen erwachte, es wieder still in der Natur und diese beruhigt war, setzte ich
mich zu ihr. Wir sprachen lange mit einander. Ihre Kenntni von Hugo's Charakter
lt sie weniger ungewi ber den letzten, zweifelhaften Schritt, als uns; die
erste groe Erschtterung abgerechnet, glaube ich, wei sie ihn lieber in dem
khlen Bett, als unstt auf der Erde.
    Bei allem dem erklrte sie, hier nicht bleiben zu knnen. Ich begriff das
ohne Weiteres. Wir wollten gleichwohl beide jetzt noch nicht an eine neue
Trennung denken. Wir fhlten die Nothwendigkeit, uns gegenseitig schonen zu
mssen, und schwiegen. Es entstand eine lange Pause. Arme Emma! - seufzte
jetzt Elise. Nun hat ihn Keine, oder es haben ihn Beide!
    Ist sie noch in ihrem Waldkloster? fragte sie darauf. Ich bejahte dies.
    Sie versank wieder in tiefes Sinnen. Ich lie sie so, und ging, Ihnen, beste
Madame Lindhof! alles das zu schreiben, einen Theil von Elisens Dankbarkeit
gegen Sie mit bernehmend, indem ich diese gleichsam zu Ihnen sprechen und Sie
in das Innere des beklagenswerthesten Herzens blicken lasse.
    Sie werden uns nicht vergessen, wenn auch fr lange alle Beziehungen
zwischen uns zerrissen sein sollten.

                              Tavanelli an Leontin


Ich habe sie gesehen, gesprochen. Ich war bei ihr. Ueber eine Stunde durfte ich
ihr zur Seite sitzen. Sie sah, wenn ich das Auge senkte und nichts wahrzunehmen
schien, fragend zu mir auf. Ich empfand das Streifen ihres forschenden Blicks.
Es war weder Mitrauen, Unwillen noch Klte darin. Gtig verweilten ihre
Gedanken bei mir. Nicht mich, die Zeit, da ich auch neben ihr sa, die
hingewelkte, versunkene Zeit betrachtete sie in mir. Selbst die peinvolle
Vergangenheit rhrt uns unbeschreiblich. Ist doch die Pein vorber, und der
dunkle Hintergrund zeigt zurck auf Gefhle, die jetzt etwas Geheimnivolles
haben.
    Sind Sie nunmehr mit sich einig? fragte sie mich. Ich versicherte es ihr.
Und Ihr Glaube war es, der sie rettete? fuhr sie, ernster werdend, fort.
    Was ist auch der Mensch ohne Glauben? entgegnete ich. Sie errthete. Wie
kam es denn, fiel sie schnell ein, da sich der Ihrige nicht besser bewhrte?
    Mich irrten Zweifel, bekannte ich mit gesenktem Blick.
    Und darum, sagte sie, klug und scharf in sich hineinsehend, erzwangen Sie
die rauhe, sprde Stimmung, den wilden Sinn, die harte Abgeschlossenheit, und
zerrissen Ihre gute Seele, die den Himmel so nicht finden konnte!
    Ich wollte etwas erwiedern. Lassen wir das jetzt, bat sie. Sie legte die
Hand an die Stirn. Ich begreife das Zuviel und das Zuwenig, und wie Eins das
Andere erzeugt. Aber ich kann es nicht ausdrcken, klagte sie. Ein andermal!
Ein andermal! Ich stand auf. Kommen Sie bald wieder, bat sie, und bringen
Sie Leontin mit. Ich habe eine groe Sehnsucht nach ihm.
    Ich ging, und schrieb Ihnen das.
    Fragen Sie nun, wie es geschah, da ich vorgelassen ward? wie ich es wagte,
ihr zu nahen? Mein bester Herr Baron! Sie wissen, da ich immer noch zgerte,
das Kloster zu verlassen, da ich mich nicht entschlieen konnte, den vielfachen
Aufforderungen des Herrn Prsidenten, in Betreff des Amts, welches er mir
zudachte, Folge zu leisten. Sie wissen auch warum? Ich gestehe es Ihnen, ich
habe die verehrte Frau nie aus den Augen verloren. In ihrer Krankheit gelang es
mir, einmal Zutritt in dem Amthause zu erhalten. Ich glaubte sie sterbend, ich
war entschlossen, sie in den letzten Augenblicken nicht zu verlassen. Die Angst
um ihre Seele lie mich jede anderweitige Rcksicht hintansetzen. Ich entdeckte
mich der gtigen Madame Lindhof, ich erklrte ihr meinen festen Willen. Sie
hrte mich gelassen an, beruhigte mich fr den Augenblick, und versprach, bei
wachsender Gefahr mir in Zeiten Nachricht zu geben.
    Ich kehrte jeden Tag nach dem Amte zurck. Mein Gebet trug stndlich die
theure Seele der Bewutlosen zu dem Throne des Hchsten, ich flehte um ihre
Rettung. Sie gena. Vermuthlich erfuhr sie spterhin, was whrend dem vorging.
Diesen Morgen lie sie mir sagen, zu ihr zu kommen. Ich glaubte, es nicht recht
zu verstehen. Ich folgte inde augenblicklich ihrem Befehl. Sie will etwas. Dies
ist mir nicht zweifelhaft. Ihr Gemth ist in Unruhe. Sie mchte, was sie nicht
kann, sie greift umher, sie denkt an mich. Als ich inde nun kam, und sie mich
sah, ward sie ungewi. Sie vermochte es nicht, Vertrauen zu mir zu gewinnen. Ein
paarmal hub sie verlegen an: Sie meinen es gewi gut. Sie meinten es immer
gut. - Sie hielt dann inne. Weiter kam sie nicht. Ich meinerseits wagte kaum
anders, als leidend hierbei zu bleiben. Es ist so schwer, weise zu sein, wenn es
einem treibt, sich hlfreich und ththig zu zeigen. Ich empfand auch, da sie
nur in der Angst des Augenblicks auf mich verfiel. Und dann - es ist etwas in
der Art, in dem Blick, dem Ton der Dame, was mich lhmt. Frchten Sie nicht, es
knne mich dies aufs Neue unsicher machen. Im Gegentheil, es zwingt mich, zu
denken. Aber ich brauche Zeit, dem Moment habe ich nicht sogleich Besonnenheit
entgegenzusetzen. Deshalb sumen Sie, verehrter Herr Baron! doch nicht, sie
aufzusuchen.
    Ach, wenn wir diesem schnen Herzen Frieden erflehen knnten!

                                    Antwort


Unternehmen Sie nichts! Thun Sie so wenig als mglich von dem Ihrigen hinzu.
Eifer ist selten ohne Hitze, und es giebt Menschen, welche sich khl halten
mssen. Unter hundertmal, gilt es neun und neunzigmal zu schweigen, um einmal zu
rechter Zeit zu reden. Den Augenblick haben wir zu erwarten. Unsere Weisheit
ist: hren zu knnen. Um die Antwort, wenn es Noth thut, brauchen wir dann nicht
verlegen zu sein. Streiten wir nicht allzuviel ber die Wege? Wir wissen von
keinem mit Sicherheit, ob er der krzte sei?
    Ich selbst kann jetzt nicht kommen. Aber ich werde einen andern fr mich an
Elise schicken, der ihr meine Auftrge bringt. Er wird auch Sie besuchen.
    Mein Vater begleitet mich auf einer Reise. Wir haben ein Geschft zu
beenden. Treten Sie ja zurck, wenn Sie fhlen, zu rasch zu handeln.

                              Curd an seine Mutter


Ich knnte mich in Stcke zerreien und meine Uebereilung durch alle ersinnliche
Plagen abben, dchte ich nicht, da es so htte sein sollen. Dieser Rest von
Glauben, den ich Ihnen, gute Mutter, verdanke, rettet mich jetzt vor
Verzweiflung. Denn sonst, - sagen Sie selbst, wre ohne mich, ohne meinen Ha
gegen Hugo, jemals die Entdeckung des unglcklichen Geheimnisses ans Licht
gekommen? Prete die Angst fr sein Leben der armen Frau nicht den Schrei aus?
Und folgt das Uebrige nicht, wie ein Uebel dem andern?
    Ich mag gar nicht an Elise denken, nicht nach ihr fragen!
    Sie erkundigen sich noch, ob es denn auch ganz gewi sei? Nun, beim Himmel!
wenn es das nicht wre, gbe es denn noch einen erbrmlichern Menschen auf der
weiten Gotteswelt, als einen, der nicht sterben kann, und fr Niemand, als sich
selbst leben mag?
    Nein, wie fremd mir auch immer der kalte Philosoph blieb, so bin ich ihm
doch nie so gram gewesen, um solch' arges Mitrauen in ihn zu setzen.
    Todt ist er! darauf schwre ich.
    Man ersinnt jetzt allerlei, dem Dinge einen Mantel umzuhngen. Er soll beim
Schwimmen durch einen Krampf unfhig geworden sein, dem raschen Strudel beim
Wehr zu widerstehen. Wissen kann das Niemand, und ist es der Familie ein Trost,
es zu glauben, so lasse man sie dabei. Ich denke aber, wie er einmal war, hatte
er hier nichts mehr zu thun. Das wute kein Mensch besser als er selbst. Solch'
verdorbenes Genie, Gott verzeihe mir's, da ich das von einem Todten sage, aber
wahr ist es, solch' verdorbenes Genie ist nicht im Himmel, nicht auf der Erde zu
Hause, und doch, htte ihn nur das Wiedersehen der Frau, der erste Schreck bei
ihrem Anblick, und dann, da sie Nonne geworden ist, nicht so auer aller
Fassung gebracht, er wre am Ende von meiner oder einer andern Kugel im
Zweikampf oder auf dem Schlachtfelde, wie ein Mann gefallen, der sich vor
nichts, auch vor dem Leben nicht frchtet.
    Das aber machte ihn confus. Der Fall lag auer seiner Berechnung, das
Geschick hatte ihn berlistet. Er wute nicht mehr aus noch ein. Ich wette
meinen Kopf gegen die schlechteste Kupfermnze, wre Emma frei gewesen, htte er
sie ohne Schwierigkeit mit sich zurck nach der Burg fhren knnen, er wrde das
Spiel hchst abgeschmackt und die ganze Geschichte eine tragische Farce genannt
haben, die ihm noch dazu die Freiheit lie, von da seinen Weg allein zu gehen.
So aber! da er mute, was er eigentlich nicht wollte, das machte ihm das Dasein
verhat. Er suchte einen andern, einen ungewissen Ausweg.
    Wohin er nur gekommen sein mag? Ich frage mich das hundertmal, und dann regt
sich mir's im Gewissen. Du hast ihn dahin gebracht! Elise wird das auch glauben.
Es thut einem doch wehe, verkannt zu sein. Ich wei das wohl von sonst her. Es
rgerte mich immer. Jetzt - nun, es wird sich auch geben. Es ist das grte
Glck auf Erden, da sich Alles vergit, Alles verschmerzt. Was wrde auch sonst
aus der Welt?
    Schreiben Sie mir ja gleich, liebe Mutter! wenn Elise etwas von sich hren
lt. Ich habe keinen Begriff davon, wohin sie sich wenden, was sie nun mit sich
selbst anfangen wird. Die verwnschten Romanenstreiche!

                                    Antwort


Wie kann es Dir nur einfallen, lieber Sohn! da Du an all' dem verruchten
Wirrwarr schuld bist?
    Du gerechter Gott! Mir schwindelt es im Kopfe, wenn ich denke, da Menschen
auf dergleichen Abwege gerathen!
    Ich habe in meinem Leben immer eine groe Furcht vor Narren gehabt, und bin
gerannt, was ich nur konnte, wenn ich Einem auf tausend Schritt nahe kam. Aber
jetzt, ich sollte es wohl nicht sagen, denn es klingt vermessen, doch mir kommt
es so vor, als wre die ganze Welt wie ein Irrenhaus zu betrachten. Was hrt man
nicht fr Dinge! was erlebt man nicht! Und wie die Leute unsern Herr Gott immer
im Munde fhren, von Opfer und Entsagung, und wei der Himmel Alles raisonniren,
und nun luft eine christlich getraute Ehefrau mir nichts, dir nichts, von ihrem
Manne fort, stellt sich todt, lt ihn in dem sndlichen Glauben, er drfe nun
dem Gelsten seines Herzens nachgehen, und kann doch selbst nicht von ihm
lassen, windet sich um ihn herum, bis es so weit kommt, da er sie wiederfindet,
und erfhrt, wie sie ihn zu einer doppelten Ehe verleiten wollte.
    Ei, da kann einem wohl die Haut schaudern, und der gesunde Menschenverstand
ausgehen! Ich bin sonst nicht die Lobrednerin des Grafen, aber hier mu ich doch
der Wahrheit die Ehre geben, ihm ist schlimm mitgespielt worden.
    Ueber die Art, wie er ein Ende genommen hat, sollen wir auch nicht richten.
Wir tappen hier im Finstern. Viel Kluges habe ich von ihm nie erwartet, denn
warum? Er glaubte an Nichts. Das habe ich Elisen wohl angemerkt. Eine Frau singt
immer in dem Ton, den ihr Liebster anstimmt. Es hat mich Thrnen genug gekostet.
Von daher also sah ich Gottes Gericht wohl anrcken. Aber drben - von dem
grnen Holze - da war ich mir besserer Frchte gewrtig. - Wie das Alles klug
thut und ber seine Krfte hinaus will! Ich wei es am besten, man hat in den
engen vier Pfhlen, auf gerader Diele schlechtweg, einen Tag wie den andern
denselben Weg gegangen, und hat sich vorzusehen, da man nicht einmal ber die
eigenen Fe fllt. Und die da wollen die feste Erde gar wegstoen, und in der
Schwebe bei Sinn und Verstand bleiben. Ja, siehst Du, wenn das nicht verrckt
sein heit, so wei ich es nicht.
    Kurz und gut, soll ich die Menschen nicht mit Krankheit geschlagen, nicht
fr verwirrt und aberwitzig halten, dann kann ich mir gar keinen Begriff von
unserer Zeit machen.
    Du, Curd, darfst auch nicht soviel nach Elisen fragen. Das schickt sich
nicht fr Dich. Ja, httest Du sie nicht heirathen wollen, und Dir allerlei
darber in den Kopf gesetzt. In Gottes Namen! Du bist ihr Vetter. Verwandte
sollen zu einander halten. Aber so! - Schilt nicht so strenge auf
Romanenstreiche, Du mchtest auch Deinen Theil mit dran haben.
    Nun will ich Dir dann aber doch sagen, ich reise selbst zu Elisen. Ich mu
wissen, wie es dem armen Kinde geht? sie mag daraus abnehmen, wie lieb ich sie
habe, da ich mich mit meiner Aengstlichkeit auf einen so weiten Weg mache,
alles hinter mir lasse, Haus und Hof und Wirthschaft, blos um sie zu sehen, sie
da wegzuholen, wo ihr so schwer ums Herz sein mu! Ja, wenn sie auch ganz, ganz
anders wie ich, und auch nicht so denkt, wie sie sollte, kann ich dann aufhren,
ihr gut zu sein? Ich wte nicht, wie ich es anfinge. Lebe wohl, lieber Sohn!
Von dem Stifte aus, schreibe ich Dir wieder.

                             Sophie an den Comthur


Der Anblick meiner Schriftzge wird Sie nach gerade unruhig machen. Seit lange
hrten Sie nur traurige Berichte durch mich besttigen, oder Sie darauf
vorbereiten. Ich eile deshalb um so mehr, Sie im Voraus zu beruhigen, ja, Ihnen
Erfreuliches zu verheien.
    Elise, hoffe ich, ist ihrer ngstlichen Unsicherheit, dem kranken Hin- und
Hergreifen, der ganzen schmerzlichen Trostlosigkeit, in die wir sie mit
Betrbni kraftlos versinken sahen, entrissen; oder vielmehr, alles dies fhrte
ihre Rettung herbei. Ich sagte Ihnen, da sie Tavanelli kommen lie, auch an
Leontin schrieb, da sie berall hinhrte, etwas wollte, sich gleichwohl nirgend
verstndigen konnte, und bald nach dem Austausch innerer Ueberzeugung verlangte,
bald mit dem Seufzer: Er allein hatte meine ganze Seele! davon abstand. Eben
so war sie immer im Begriff, von hier abzureisen, ohne gleichwohl jemals zur
Ausfhrung ihres Entschlusses gekommen zu sein. Kurz, sie konnte nicht
schweigen, nicht reden, nicht bleiben, nicht gehen, nicht leben, nicht sterben.
Die Bemhungen ihrer Tante wurden ihr, wie Sie, lieber, bercksichtigender
Freund! es selbst mit Pein empfunden, unangenehm. Die einfache Frau ging gerade
zu. Sie glaubte durchaus die Vernunft und das gute Herz ihrer Nichte in Anspruch
nehmen zu mssen. Sie begriff gar nicht, wie ihre Grnde nicht entscheidend, und
andere Vorstellungen dagegen haftend sein knnten. Ich hatte viele Mhe mit ihr,
und war nur froh, da Curd sie endlich von hier abholte.
    Die arme Frau jammerte mich. Sie hatte wirklich ein Opfer mit dieser Reise
gebracht. Sie war sich dessen bewut. Es that ihr wehe, so vielen guten Willen
nicht erkannt zu sehen; denn, trug sie Elise auch auf den Hnden, so ging sie
doch nicht in ihre Vorstellungen ein, noch weniger war es ihr mglich, der
trefflichen, aber ermdenden Verwandtin in ihre Einsamkeit zu folgen.
    Jene gab sie endlich mit heien Thrnen auf, und es blieb, wie es war.
    Diesen Morgen werde ich nun mit der Nachricht geweckt, ein Fremder wnsche
mir aufzuwarten. Ich frage nach Stand, Namen, Persnlichkeit. Ueber die beiden
ersten Punkte hatte sich der Angekommene nicht erklrt. Ueber die letztere
erfuhr ich inde, da sie einnehmend sei, und dem stattlichen, wohlgebildeten
Manne von ungefhr fnfzig Jahren zur Empfehlung diene.
    Ich war begierig, ihn zu sehen.
    Schnell zu dem Empfange eines Gastes bereit, trete ich in den Vorsaal. Mit
unterdrcktem Freudengeschrei fliegt mir Georg, das liebe Kind, in die Arme. Im
ersten Augenblick sah ich nichts als ihn. Ich umarme ihn mit unaussprechlicher
Rhrung. Ich bitte ihn, seine Freude zu migen, ich verspreche, ihn gleich,
doch nicht ohne vorhergegangene Einleitung, zur Mutter zu fhren. Doch jetzt
endlich, denke ich an seinen Begleiter. Ich sah mich mit Herzklopfen nach ihm
um. Ich frchtete fast, Eduard zu begegnen. Da tritt mir aus dem Hintergrunde
des Zimmers ein vllig unbekannter Mann, von schlichtem, offnen Ansehen
entgegen. Er begrt mich, sagt: Baron Leontin von Wildenau habe das Vertrauen
zu ihm gehabt, da er den Knaben der Mutter sicher zufhren, und dieser auch
wohl noch dies und jenes zur Beruhigung mittheilen werde.
    Ich nahm anfnglich keine sonderliche Notiz von ihm, und war froh, den
Prsidenten nicht hier zu sehen, ich meinte, in dem Fremden einen gewhnlichen,
guten, sichern Menschen, einen Beauftragten, suchen zu mssen.
    Ich wollte ihn eben wieder verlassen, um Elise auf das unverhoffte
Wiedersehen ihres Kindes vorzubereiten, als jener noch hinzusetzte: Auch von
Grfin Emma habe er Auftrge an mich. Ich stutzte, sah ihn an, pltzlich fiel
mir ein: Der Geistliche! Emma's, Leontins Vertrauter! Ich nannte seinen Namen,
der Fremde verleugnete ihn nicht; bat auch, hinter seinem Incognito nichts
Gesuchtes voraussetzen zu wollen. Ihm sei in jeder Beziehung groe Vorsicht
empfohlen, er habe nicht wissen knnen, ob nicht dennoch ein Miverstndni
mglich gewesen, er wolle nicht gern durch vorschnelles Zufahren berraschen,
berall mchten wir Leontin sein Eindringen beimessen. Ich schnitt ihm die Worte
ab. Ich ergriff seine Hand mit Innigkeit, ich sah ihm in die sanften Augen.
Kommen Sie, bat ich. Er folgte mir.
    Wir haben einen seligen Morgen verlebt! - Elise ist ganz, wie man sie mir an
jenem Tage beschrieben, da sie Georg todt geglaubt, und das Kind die Augen
zuerst wieder ffnete. Schchtern, demthig, stumm, sieht sie den Liebling an.
Sie traut ihrem Glck nicht, und fhrt oft, wie vom Schlafe auf, wenn die
harmlose Ausgelassenheit des gesunden, tchtigen Jungen alles so natrlich, so
wahr erscheinen lt, was ihr unbegreiflich dnkt. Und dabei der Geistliche, der
Mann, der ihr wie ein finstrer Richter, seit Tavanelli's erstem Auftreten,
eigentlich ein Gegenstand des tiefsten Unwillens war, er fhrt die Unterhaltung
an dem Geringfgigsten hin, sagt nichts Auffallendes, nimmt an Allem Theil, ist
durch und durch hell wie Kristall, und lt bis in den Grund des warmen,
freundlichen Herzens heitre, bewegliche Lichter sehen, die nach allen Seiten
ihre Strahlen werfen. Gott, welch' ein Mensch! So einfach und so weise! Etwas
Aehnliches schwebte Hugo vor der Seele. Er htte so sein mgen. Aber es fehlte
eben der Kern!
    Von Elisen jetzt noch nichts. Sie ist benommen, berfllt, ihrer nicht
mchtig. Was gleichwohl ihre ganze Aufmerksamkeit fesselt, was sie
angelegentlich beschftigt, ist das Bild von Leontins neuer Stiftung, das uns
der Geistliche sehr anschaulich in einzelnen, bestimmten Zgen entwarf.
    Sie wissen, sagte er, aus des Barons Briefen, da dieser den Meierhof am
Fue des Schwarzwaldes kaufte, und durch die frhere Bestimmung des Gemachs, in
welchem er bernachtete, auf den Gedanken kam, hier ein Mnchskloster zu
stiften, und selbst in den Orden zu treten. Er unterlie das Eine, wie das
Andere, bei klarer Prfung. Gleichwohl wnschte er, durch einen besondern Zweck
sein Leben zu erhhen. Er fing damit an, sich aufmerksam zu beobachten, und
bemerkte, da seine frhere Schwermuth, die ihm so viel zu leiden gemacht, mehr
aus einer gewissen Gebundenheit des Innern, als aus wirklichem Migeschick
entstand. In den Kinderjahren krnklich, vernachligt, dann blde, steif,
unbeholfen, trat er, wie verriegelt, berall zurck. Am Ende fand er durch sich
selbst, nach mhseligem Suchen, die Richtung, auf welcher er fortging. Sein
Schritt wurde fest, sein Blick bestimmt, er aber, wie herausgeschnitten aus der
brigen Welt, ein Mensch nach Systemen, edel, doch bizarr. Ihm hatte
Gemeinschaft mit Andern das Leben nicht verstndlicher gemacht. Er war auf eine
Anhhe getreten, sah nach den verschiedenen Straen hinunter, lernte sie nennen,
kannte keine. Alle sahen gleich aus, alle schienen ihm klein, eng, in der Irre
umher zu fhren; er berschaute wohl das Ganze, doch durchschaute er es nicht.
So, fuhr der Geistliche fort, dachte er darauf, nachdem er sich erkannte,
Andere vor diesem Umwege zu bewahren. Es ward ihm klar, da vielleicht in keinem
Augenblick so sehr als jetzt, das Gefhl der Billigkeit durch festere Bande des
Vertrauens, durch Gewohnheit und innere Verzweigung des Daseins gestrkt werden
msse. Ein Erziehungsinstitut auf dieses Prinzip gegrndet, dnkte ihm etwas
Schnes. Er beabsichtigt den hhern Freisinn der Eigenthmlichkeit bei gleich
erhabenem Zweck in dem Wechselverein junger Herzen lebendig zu erhalten, Alle in
einem Glauben, durch ein Gesetz zu binden, und doch Jeden den eignen Gang mit
Andern gehen zu lehren. Ob er es erreicht? - so endigte unser Freund. Wir mssen
das Gelingen einer hhern Hand berlassen.
    Und im Schwarzwalde, fragte Elise, soll die Stiftung gegrndet werden?
    Dort ist sie gegrndet, erwiederte jener. Das Unternehmen ist mit
merkwrdiger Schnelligkeit ins Werk gerichtet, so da wir schon einige Zglinge
dort vereinigten, zu welchen wir mit Freuden Georg zhlen.
    Elise umarmte den Knaben mit unverkennbarer Beschmung. Was in dem
Augenblick in ihr vorging, war eher zu errathen, als auszusprechen.
    Georgs Hand in der ihren, hub sie nach kurzem Schweigen leise an: Sie
sagten mir, mein Herr! Sie nhmen auch Theil an dem Erziehungsgeschft des
Barons?
    Nun, lchelte der Geistliche, wir Menschen erziehen uns Alle durch
einander, und so finde ich wohl meine Aufgabe wie Jeder, der sich nicht fr zu
weise hlt, um zu lernen, und zu lieblos ist, um von seinem Vorrath
mitzutheilen. Doch sind meine Pflichten nicht auf das Institut allein
beschrnkt. Ich mchte das eben nicht. Ich bewahre mir gern die freie
Beweglichkeit. Allein angeschlossen habe ich mich den Mnnern, die hier zu
wirken hoffen.
    In Elisen entwickelten sich unmittelbar eine Menge neuer Ideen. Ihr
lebendiges Gesicht drckte dies sprechend aus. Sie ging darauf mit Georg im
Garten umher. Ich blieb bei dem Geistlichen zurck. Wir vermieden beide, von den
letzten Vorfllen zu reden. Doch Emma lag uns zu nahe, um die Wendung ihres
Geschicks mit Stillschweigen bergehen zu knnen.
    Glauben Sie mir, sagte der vortreffliche Mann, dies schne Herz hat mir
von jeher die grte Sorge gemacht. Es verstand sich immer nur zur Hlfte, und
irrte durch Aberglauben an seinen Eingebungen. Die Grfin, fuhr er fort, stand
von Kindheit an, im Widerspruch mit sich und ihren Verhltnissen. Mutter und
Tochter htten sich, wie das so oft zwischen Eltern und Kindern der Fall ist,
ergnzen knnen, wenn nicht Eine die Andere gerade so htte haben wollen, als
sie selbst war. Emma empfand zuerst, da sie die Mutter nicht umschmelzen werde,
deshalb zog sie sich um so strenger, und, wenn ich in dem Sinne so sagen darf,
hrter im Innern zusammen. Sie lernte auf ihre Ansichten bestehen, und hielt
fest an dem Satz, sie msse, was sie soll. Ueber dies Soll wurde sie inde nie
klar, weil sie tief, aber einseitig empfand. Lesen Sie, setzte der Geistliche
hinzu, aus diesen raschen Zgen die Geschichte ihrer Gefhle, wie ihrer
Handlungen heraus. Auf sie wirkte man nie unmittelbar, und unglcklicher Weise
war sie schneller im Thun, als umfassend im Denken. Man knnte in gewisser
Beziehung von ihr behaupten, sie sei sich selbst nicht gewachsen gewesen, denn
wirklich zerfllt sie nicht sowohl in die beiden gewhnlichen Hlften irrdischer
und himmlischer Natur, als in Ueberzeugung und Gefhl. Eins bleibt hinter dem
Andern zurck.
    Sie entrthseln, entgegnete ich, ber das Gehrte nachsinnend, vieles im
Benehmen der Grfin, was mich durch seine Inconsequenz verletzte.
    Ach! rief er aus, wo wollen Sie Zusammenhang finden, wenn sich die Natur
zerstrt! Das Leben zerfasert sich, so wie die Fden ruhigen Fortgehens
knstlich gelegt, oder ber Vermgen gezerrt werden. Emma ist nicht ruhig, wenn
sie auch still ist. Sie mu, wie wir Alle, erst Frieden in sich machen lernen.
Welch ein Maa des Streites hierzu gehrt, das ermit Keiner!
    Lieber Freund! Ich habe mir die letzten Worte seitdem oft wiederholt. Man
wird gelassener, wenn man bedenkt, wie viel geschehen mu, ehe etwas Bleibendes
erwchst.

N. S.
    Ich hielt dies Blatt bis diesen Morgen zurck. Elise ist entschlossen. Sie
begleitet Georg nach dem Schwarzwalde. Der Geistliche hat ihr von einer kleinen
Villa in einem der Thler erzhlt. Vielleicht lt sie sich dort nieder. Sie ist
dem geliebten Knaben nahe, auch Emma geht nicht nach Italien. So wren denn
beide berall zu einer Nachbarschaft bestimmt, die Ihnen am Ende unentbehrlich
werden kann.
    Wir, liebster Freund! bleiben in der ausgestorbenen Gegend allein zurck,
doch wollen wir nur nicht allein fhlen.

                                    Antwort


Tavanelli geht mit diesen Zeilen zu Ihnen. Er wird Ihnen sagen, da auch er nach
dem Tode der alten Martha, welcher er seine Pflege widmete, Georg und dem
Geistlichen folgt.
    Sophie! man wird gelassener, wenn man bedenkt, wie viel geschehen mu, ehe
etwas Bleibendes erwchst. Sie sagen es, und ich mu es wiederholen.
    Auch wir werden lernen, Frieden in uns zu machen.

                              Die Grfin an Agathe


La Deine romanhafte Nachbarsgeschichten, Deine kleine, coquettirende
Eifersucht, la Elisen, la dem redlichen Curd, der alles in der Welt, nur nicht
sentimental ist, Ruhe, und denke an etwas Ernsthaftes. Leontin hat uns die
Erbschaft der Tante cedirt. Dies giebt Dir ein Gewicht, was Dein Mann
respektiren mu, mir ein Recht mitzusprechen, und Deiner Schwester die Wahl
unter ihren Bewerbern. Was geht uns alles Uebrige an!

Hier endet nun ein Briefwechsel, dem noch Manches zu ergnzen brig bleibt.
Gleichwohl findet sich nichts, als die Nachricht, da Heinrich, Hugo's Freund,
nach mehreren Jahren eine Reise in die Gegend von Wehrheim unternahm. Er
besuchte das de Schlo und die Ufer des verhngnivollen Stroms. Bei dem Wehr
fand er einen Stein aufgerichtet, mit Hugo's Namen und dem Tag seines
Verschwindens. Die Frau des Zimmermanns begleitete Heinrich dahin. Sie erwhnte
der schwarzen Hand, die sich warnend auf dem Gerste gezeigt hatte. Die Leute im
Dorfe dachten seitdem oft daran. Alle liebten den armen Herrn, wie sie Hugo
nannten.
    Fast um dieselbe Zeit schrieb Elise zwei kurze Zeilen an Sophie, die
letzten, die sich von ihrer Hand vorfinden:
    Kann ich auch nicht denken, wie Andere es wollen, so lerne ich doch mit
Andern leben, Manches errathen, schweigen und warten, bis es heller und heller
wird.
