 Zweites Kapitel Mannheim (1792?1796)  [52] Ausser der Beachtung Ihrer Künstlerischen Leistungen erwächst der angehenden Priesterin der Thalia noch der andere mehr oder weniger zweifelhafte Gewinn, daß ihr die jungen Männer ihre Verehrung zu Füßen legen. Der erste, der mich mit Auszeichnung behandelte, war George Heydel, der älteste Sohn der Kriegsrätin, ein ernster, hübscher siebzehnjähriger Mensch, der eben das Münchener Kadettenhaus verlassen hatte. Ernst und schweigsam war er auch in seinen Huldigungen, die aber weder für meine Eitelkeit noch mein Herz gefährlich waren, vielmehr mir ärgerlich wurden, als seine Mutter auf sie wohlgefällig anspielte. Ich richtete mein Betragen sorgfältig darauf ein, daß er an keine Aufmunterung glauben durfte, verlor darüber die Unbefangenheit und wurde ihm erst gut, als er aufhörte, mir den Hof zu machen. Der zweite hieß Peter Friedrich, ein gleichfalls hübscher Junge ähnlichen Alters, der mir aber schon deshalb nicht gefiel, weil sein Taufname allzu wenig romantisch klang, und junge Mädchen geben etwas auf derlei äußere Dinge. Der Regisseur Iffland stand mit seinem Vater, dem Hofkellermeister, in freundschaftlichen Beziehungen, und so durfte er in die Proben kommen, wo er mir nach meinen ersten glücklichen Debüts Weihrauch streute, der mich verschnupfte. Als er gar in meine engen Kreise eindrang, eine Scheibe der Jesuitenkirche von ihrem ehrwürdigen Schmutze reinigte, um in mein Zimmer zu sehen, und in einer alten Halbchaise aufrechtstehend wie Phoebus oder Hippolyt die Rosse durch unsere stille Straße lenkte, um mir durchs offene Fenster Blumen zuzuwerfen, ergrimmte ich ernstlich, um ihn für immer zu vergessen. Um diese Zeit (Herbst 1795) sollte Fritz Eisendecher, ein Göttinger Student, nach Mannheim kommen, seinen Onkel Iffland zu besuchen. Derselbe hatte nach den ersten Glanzmomenten meines öffentlichen Auftretens seine Freundlichkeit wieder aufgesteckt; aber der Nimbus, in dem ich den sonderbaren[53] Mann und herrlichen Künstler trotzdem erblickte, färbte auf seinen Neffen ab, der in Wahrheit nicht schön war, aber einen angenehmen Eindruck machte. Herr v. Dalberg hatte gegen Herrn Beck geäußert, ich möchte mich verlieben, damit mein Spiel wärmer und lebendiger würde; wenn das Wort »verlieben« mir nicht zu unangenehm wäre, würde ich sagen, sein Wunsch sei mit Fritzens Erscheinen in Erfüllung gegangen. Man suchte ihm angenehme Tage zu machen, arrangierte Bälle, zu denen ich geladen wurde, und als er nach sechswöchiger Herrlichkeit Abschied von mir nahm, flossen unsere Tränen unaufhaltsam. Auf der ersten Station wollte er umkehren, um in Mannheim Schauspieler zu werden, besann sich aber eines Besseren. Ich hielt mich an die Worte, die er mir in das Stammbuch geschrieben hatte, das er mir nebst einem Ring mit seinen Haaren schenkte, und war bei seinem ersten Briefe glücklich. Der zweite war kürzer, der dritte inhaltlos, und ein vierter kam überhaupt nicht; der Schmerz darüber hat ein ganzes Jahr bei mir nachgeklungen. Auch verletzte es mich, daß Iffland meine Liebe als Zerstreuung für seinen Neffen und Beck sie als künstlerisches Hilfsmittel betrachtete; wenn das Feuer sich wirklich eingestellt hat, war es mit einem Jahre voll Schmerz teuer erkauft. Meine Bühnenleistungen hatten mir mittlerweile einen Namen gemacht, und ich bekam Anträge von Berlin und Frankfurt am Main, die dreimal soviel Gehalt wie Mannheim boten; aber mein Kontrakt fesselte mich an meine bescheidenen Verhältnisse, und mein Vater wollte von keiner Veränderung wissen, da das Mannheimer Theater mit Recht in dem Rufe ausgezeichneter Sittlichkeit stand. So sah ich meine schöne Jugend vergehen, ohne der Erfüllung von Hoffnungen näher zu kommen, auf die ich die Entschädigung für eine freudenleere Vergangenheit gebaut hatte. Ich konnte meiner Mutter nichts geben, weil ich mir selbst alles versagen mußte, was über das Allernotwendigste hinausging, und mit jedem Tage stieg der Druck, den man in meiner Erziehung zur Regel gemacht hatte. Ich hatte mit unzähligen jungen Schauspielerinnen dasselbe Geschick, dem männlichen Teile des Publikums besonders zu gefallen, aber das seltene Mißgeschick, eine scharfe Aufsicht[54] über alle meine Schritte, beinahe alle meine Gedanken, erdulden zu müssen. Herr Beck verlangte Rechenschaft über jeden Gruß auf der Straße und die Art meiner Erwiderung; die Verhöre nahmen kein Ende und waren um so peinlicher, als man beständig Mißtrauen in meine Antworten setzte. Oft ereignete es sich, daß Madame Beck mir morgens in ihrer stolzen Art ankündigte, sie wolle mich abends auf den Ball mitnehmen, und wenn ich mich der mangelhaften Toilette wegen mühsam darauf eingerichtet hatte, kam die Botschaft, daß ein Hindernis eingetreten sei. Wenn Beck oder Iffland, der von seiner Höhe herab sich auch zuweilen um mich kümmerte, erfahren hatten, daß dieser oder jener Anbeter auf dem Ball sein würde, wurde mir gesagt, man traue mir Zartgefühl genug zu, um zu Hause zu bleiben. Dieses Vertrauen verdiente ich nicht, fühlte mich im Gegenteil verletzt, daß ich nicht mit jenen jungen Männern sprechen und tanzen durfte. Diese Erziehungsmethode verdarb mir nicht nur jeden heiteren Genuß, sondern setzte mich auch Demütigungen und Kränkungen aus, so daß mir schließlich meine Lage unerträglich wurde. Ich wollte fort von Mannheim und sah mich doch wie ein Vogel im Käfig eingeschlossen; das traurigste aller Wehen, das Heimweh, durchzog meine Seele, lebenssatt beneidete ich die Toten und fand einen Genuß darin, Leichen zu besuchen, um den Ausdruck der Ruhe zu bewundern, auf Gräbern zu weilen, um mich auszuweinen. Einst sah ich in solch schwermütiger Stimmung, die sorgenvolle Stirn an die Fensterscheibe gedrückt, in unsere düstere, feuchte Straße hinab. Da schlug Pferdegetrappel an mein Ohr, und wie eine Geistererscheinung erblickte ich unseren Herzog; ich stürmte an der staunenden Frau Kriegsrätin vorüber die Treppe hinab, an der Pforte des pfalzgräflichen Palais standen zwei Pferde, ein mir wohlbekannter Reitknecht hielt die Zügel. Ich ging zu dem guten Schöning, so hieß er, und hätte ihn am liebsten ans Herz gedrückt; seine Worte in der lange nicht gehörten Mundart schmeichelten sich mir ins Herz. Iphigenie spricht ein wahres Wort: »Der letzte Knecht, der an den Herd der Vatergötter streifte, ist uns in fremden Landen hoch willkommen.« Und nun erschien mir gar unerwartet[55] der geliebte Landesherr, den ich als Kind oft gesehen und gesprochen hatte! Wir kleinen Leute in Weimar standen unserem Fürsten nicht so fern wie die großen in prächtigen Residenzen, der herrliche Park, den er geschaffen hatte, wimmelte von Kindern, mit denen er sich gelegentlich freundlich unterhielt; sie sahen ihn oft und liebten ihn mit der Ehrfurcht, die sie von den Eltern überkommen hatten. Unvergeßlich ist mir aus meinen Kinderjahren der Moment, als ich an einem schönen Morgen, wie man zu sagen pflegt, an den Ufern der Ilm spazierenging, Blumen pflückte und sie in den Kahn trug, den man mittels Tauen und Rollen an das gegenseitige Ufer beförderte. Ich konnte nicht mehr vorwärts noch zurück, als der Herzog auf die Stufe herabtrat, um sich augenscheinlich dieses Fahrzeuges zu bedienen. Als er die Stränge faßte, um den Kahn an sich zu ziehen, wollte ich mit einem tiefen Knix die terra firma gewinnen, aber ein alter häßlicher Husarenoffizier hob mich zu sich herauf und gab mir einen abscheulichen Kuß, den ich auf der Stelle abwischte. Der Herzog klopfte mir sanft die Wange und fragte nach meinem Namen, worauf ich mich als die kleine Jagemann vorstellte, eine Szene, von der nichts mehr vorhanden ist als die Erinnerung und der Pfahl, an dem die Taue befestigt waren. Goethe gab damals zuweilen Kindern aus bekannten Familien Feste im Freien, an denen der Herzog stundenlang teilnahm; seine Scherze gewannen ihm die Liebe und Anbetung der Kleinen, während tausend Züge von Milde und Gerechtigkeit, die sein einfaches und fürstliches Wesen offenbarten, die treue Anhänglichkeit der Untertanen beförderten. Als ein Teil der Vorstadt von einem Wolkenbruch unter Wasser gesetzt war und Menschen wie Tiere in Lebensgefahr schwebten, ritt er in die Flut und brachte durch zweckmäßige Anordnungen den Geängsteten Hilfe; bei jeder Feuersgefahr übernahm er das Kommando, hörte jeden Notleidenden an und sandte den Würdigen zur rechten Zeit Trost und Erquickung. Solche Erinnerungen tauchten in meinen Gedanken auf, als der gute Schöning mir von der Vaterstadt und den Meinigen erzählte; ich hätte den Herzog gar zu gern erwartet, doch mußte ich mein bewegtes Herz auf eine spätere Gelegenheit vertrösten.[56] Amazon.de Widgets Die Genesung der Frau Kurfürstin von einer schweren Krankheit wurde mit einer Beleuchtung der Stadt und einer Abendmusik unter den Fenstern ihres Schlafzimmers gefeiert. Der Glanz von tausend Glaskugeln zitterte durch das dunkle Grün der Kastanienbäume, die den Platz umgaben, auf dem sich das hell erleuchtete Orchester erhob. Ich hatte eine Gesangspartie auszuführen und konnte von meinem erhöhten Standpunkt die Menge überblicken, so daß ich in der vordersten Reihe unseren Herzog bemerkte, den Graf Wartenberg auf mich aufmerksam zu machen schien; in der nächsten Pause traten beide zu mir und sagten mir viel Freundliches. Der Herzog lud mich ein, nach Weimar zu kommen, sobald es die Zeitumstände erlaubten, damit sich auch die Landsleute meiner Fortschritte erfreuen könnten; aber bei den bewegten Zeiten war daran vorläufig nicht zu denken. Wir hatten schon lange in nächster Nähe des Krieges gelebt, und in der Festung wechselten beständig die Besatzungen; der Prinz Louis von Preußen lag in Mannheim an einer Blessur danieder, die er vor Mainz empfangen hatte, und unser Herzog besuchte ihn öfter. Das in der Umgegend verteilte Militär besuchte das Theater häufig, doch bald traten so ernste Umstände ein, daß die Truppen feste Stellungen innehielten, auch unser Herzog war nicht mehr zu sehen, man sprach von einer Annäherung des Feindes. Man sah nur gespannte Gesichter und hörte nichts als politische Gespräche; dabei standen sich die Meinungen schroff gegenüber, Aristokraten und Demokraten haßten sich bis aufs Blut, nur in der Angst, daß die Festung eingeschlossen werden würde und eine Belagerung aushalten müßte, fanden sie sich zusammen. Trotzdem war der gesellige Sinn noch lebendig, der durch die Kanonaden und jenseits des Rheins aufsteigenden Feuersäulen wohl gestört wurde, aber infolge der beständigen Aufregung, des reichen Unterhaltungsstoffes und des Gedankens an plötzliche Veränderungen die Bekannten immer wieder vereinigte. Namentlich wurde der schöne Garten von Schwetzingen viel besucht, und zu einer solchen Partie erhielt ich von Herrn Beck die Erlaubnis, da er die Teilnahme des Herrn v. Verger, Hauptmanns im Regiment Zweibrücken, unbedenklich fand. Dieser solide,[59] gutmütige und sanfte Dreißiger war aber auch ein Verehrer von mir und benutzte die Gelegenheit, mir tags vorher Herz und Hand anzubieten, so daß ich Herrn Beck mitteilte, nicht an dem Ausflug teilnehmen zu können. Ich wurde wegen meines Zartgefühls gelobt und Herr v. Verger von meiner Unpäßlichkeit benachrichtigt; da er sich nicht aufzudrängen liebte und ich außerhalb der Bühne selten zu treffen war, sah ich ihn erst später als rettenden Engel wieder. Ich hätte längst einer Freundin gedenken sollen, die mir der Himmel in der Zeit meiner ersten Herzenstäuschung zuführte, Betty Koch, die mit ihrem Vater vom Mainzer zum Mannheimer Theater gekommen war. Sie war ein liebliches, talentvolles Mädchen, in meinem Alter und meinem Rollenfach, und weil sie in jeder Hinsicht über der Unbedeutendheit stand, die Herrn Beck an den jungen Mannheimerinnen so zuwider war, und von ihren Eltern ebenso kurz gehalten wurde wie ich von meinen Erziehern, ward mir der Umgang mit ihr gestattet. Wir sahen uns täglich im Hause, im Freien und auf dem Theater, so daß man uns die Unzertrennlichen nannte; die Gräfin Oynhausen war meine freundliche Beschützerin und herzliche Gönnerin, aber Betty durch die Gleichheit der Verhältnisse die Vertraute meiner Empfindungen und meiner Schwärmerei. So sah ich die Lücke, die mir der Tod von Luise v. Koppenfels gerissen hatte, zum ersten Male ausgefüllt; auch wurde ich in der Kochschen Familie wie ein Kind des Hauses behandelt. Ich verkannte die gute Absicht nicht, die meiner Erziehung zugrunde lag, aber die mißtrauischen Verhöre stachen doch gar zu grell von der liebevollen Milde ab, die Vater Koch bei aller Strenge seiner Tochter angedeihen ließ. Indes sollte bald genug in meinem Verhältnis zu Herrn Beck eine Wendung eintreten. Seit kurzem war ein Münchener Offizier hierher versetzt worden, ein großer Theaterfreund, der meinen Rückweg vom Theater nach Hause oft genug kreuzte. Seine Frau war nachgekommen und schlenderte eines Abends neben der Militärmusik, die man damals in Mannheim die türkische nannte, an seinem Arm durch die Straßen; klein und blond, hatte man sie mit mir verwechselt und Herrn Beck von der[60] entsetzlichen Begebenheit unterrichtet. Ein sehr scharfes Verhör setzte meiner Geduld und Unterwürfigkeit ein Ziel, und mit einer Entrüstung, die ich mir selbst nicht zugetraut hatte, verwies ich Herrn Beck seinen Unglauben an die Wahrheitsliebe, die ich mir von jeher zum strengen Gesetz gemacht hatte. Wie erstaunte ich, als er meine Hand ergriff, sie küßte und mit den Worten: »Sie sind ein edles Wesen«, schnell das Zimmer verließ! In unbeschreiblicher Bewegung genoß ich zuerst den Triumph, daß der stolze Mann, der wie ein Gebieter und Richter über mir gestanden war, mich anerkannte; aber die Eitelkeit hatte einen bedenklichen Anteil an diesem Gefühle, bis mein besseres Ich mit dem Vorsatz erwachte, mich jener Meinung wert zu machen. Wie ein Blitz schlug dieser Gedanke in meine Seele ein, und ich darf mich rühmen, immer wahr geblieben zu sein, wenn auch darüber manche Jugendfreuden verloren gingen, die spätere Jahre nicht ersetzten. Das veränderte Betragen des Herrn Beck, der wie ein Fürst unter dem Theaterpersonal auftrat und ganz besondere Ehrerbietung genoß, setzte alle in Erstaunen, die mich wegen des auf mir lastenden Druckes bedauert hatten; nicht das Wesen, aber die Form hatte sich geändert, in vollem Kontrast zu der Nichtachtung der Madame Beck, die zwar unermüdet fortfuhr, meinen Gesang auszubilden, aber sonst abstoßend und lieblos blieb. Ich muß deshalb glauben, daß sie mir ihre Sorgfalt mehr aus Ehrgeiz als Teilnahme widmete; in jedem Falle bin ich ihr unendlichen Dank schuldig, obgleich sie Mut und Zuversicht erstickte, die sich in Mannheim bei musikalischen Vorträgen nie wieder einfinden wollten. Unterdessen machte der Kriegsgott immer stärkere Fortschritte. Bei Iffland, einem leidenschaftlichen Politiker und enragierten Franzosenhasser, hatte sich ein Bureau gebildet, wohin selbst hochgestellte Militärs der nahen Standquartiere ihre geheimen Nachrichten brachten, die sodann dem Herzoglichen Hause mitgeteilt wurden. Iffland stand dort als Künstler und Mensch in hohem Ansehen und war Hausfreund im Zirkel der Kammerfrauen, von denen Luise Greuhm, seine spätere Frau, die erste war in Hinsicht auf Verstand und Bildung, in dienstlicher Stellung und in der Gunst der Fürstin.[61] Man hörte von allen Seiten Kriegsnachrichten, das Geschütz auf den Wällen wurde verstärkt, das Promenieren untersagt, endlich war das französische Heer nur durch den Rhein und die Festungswerke von uns geschieden. Jeden Abend sah man von den Observatorien brennende Dörfer und hatte alle Ursache, einen Angriff auf die Festung zu befürchten; für diesen Fall hatte Herr Beck am Heidelberger Tore, wohin die Kugeln von der Rheinseite nicht reichten, für sich, Iffland und mich eine Wohnung in Beschlag genommen. Das Logis in der oft erwähnten feuchten Gasse hatten wir längst mit einem anderen vertauscht, das aber, mit der Vorderfront gegenüber dem herzoglichen Palais, mit der Hinterseite nahe dem Walle nach dem Rhein zu gelegen, der höchsten Gefahr ausgesetzt war. Eines Abends ? es war der 23. Dezember 1794, und ich hatte mich schon zur Ruhe gelegt ? weckte mich der Donner der Kanonen, während Leuchtkugeln, die wie die Bälle der Jongleure in der Luft herumflogen, die Nacht in Tag verwandelten. Die Trommeln wirbelten, die Truppen rückten aus; Franz, der jüngste Sohn der Kriegsrätin, Kadett bei den pfälzischen Regimentern, eilte aus der tränenreichen Umarmung seiner Mutter in das Getümmel, Herr Backhaus (brav als Mensch, schlecht als Schauspieler) suchte die Kriegsrätin in Sicherheit zu bringen, und ich eilte nach dem Orte meiner Bestimmung. An der Ecke jener ominösen Gasse ? sie hieß Jesuiten-, auch Kalte- und Windgasse, ein Beweis, daß ich ihr nicht zuviel getan habe ? schlug eine Leuchtkugel in das Haus zündend ein, und ich mußte hindurch, um den freien Platz zu erreichen, auf den die Geschosse in dichtem Hagel niedersausten. In diesem Augenblicke ergriff eine männliche Gestalt meinen Arm und führte mich bis an die Tür des Beckschen Hauses; es war der Hauptmann v. Verger, der mit kurzen Abschiedsworten ebenso rasch wieder verschwand. In Becks Wohnung wurden die Kinder hastig aus den Betten gerissen, und zitternd vor Angst und Kälte traten wir den Weg nach unserem Zufluchtsort an, um in einem frisch gescheuerten Zimmer zu kampieren. Iffland und Beck eilten wieder fort, um sich an den Rettungswerken zu beteiligen, die Frauen und Kinder schliefen ein, nur ich fand auf meinem hölzernen[62] Stuhle keine Ruhe und wurde vom Gefühl gänzlicher Verlassenheit dermaßen erfaßt, daß ich besinnungslos in den Kugelregen zurückeilte, dem ich eben glücklich entflohen war. Unser Haus war verschlossen, es regnete Bomben, daß die Stücke über mich wegsprangen, und so irrte ich von Ort zu Ort, bis ich auf dem Theaterplatze ratlos haltmachte. Da stand auf einmal, von einem Feuerstreifen grell beleuchtet, Herr Beck wie ein zürnender Cherub vor mir, um mich nach dem Heidelberger Tore mitzureißen; als er mich dort vermißt hatte, war er nochmals ausgezogen, seinen Pflegling zu suchen. Den nächsten Mittag fuhren wir auf einem hochbepackten Leiterwagen nach Schwetzingen; am 25. Dezember war alles vorbei, die Rheinschanze und die davorliegenden Fleschen wurden den Franzosen übergeben, Österreicher, »Kaiserliche« genannt, besetzten die Festung, um mit den pfälzischen Truppen Dienst zu tun, und wir zogen auf unserem Leiterwagen wieder in Mannheim ein. Unter dem kaiserlichen Militär befand sich ein ungarischer Husarenoffizier, Graf Almasi, dessen jugendlich schlanke Gestalt, anmutige, regelmäßige Züge, orientalisch langgeschlitzte, brennendschwarze Augen, wie mit dem Pinsel gezogene Brauen und keckes Schnurrbärtchen über den feinen Lippen (damals das spezifisch kriegerische Emblem) die seltene Erscheinung einer vollkommenen Schönheit bildeten. Niemand würde mir glauben, daß die Entdeckung seiner Zuneigung mir gleichgültig gewesen wäre, aber ich war von den letzten Erlebnissen so eingeschüchtert und hatte von meiner Persönlichkeit eine so geringe Meinung, daß ich an dieses Wunder nicht glauben wollte. Er erwartete mich beständig am Ausgange des Theaters mit ehrerbietigem Gruße, folgte mir bis an meine Türe und nahm im Theater, wenn ich beschäftigt war, seinen Platz im Parterre, wo nach stillschweigender Verabredung sich alle für mich gestimmten Seelen versammelten. Mit unerschütterlicher Ausdauer ließ er mir diese Zeichen seiner Anerkennung zukommen, und ich tat beharrlich zwei Monate lang, als bemerkte ich sie nicht. Da drang in einer von herrlichem Mondschein erhellten Sommernacht die Musik des mir wohlbekannten Säbelklirrens an mein Ohr oder vielmehr an mein[63] Herz. Meine Jalousien waren geschlossen, ich konnte daher ungesehen die Straße beobachten und sah den schönen Nachtwandler, in melancholisch-malerischer Stellung an das gegenüberstehende Haus geschmiegt, mit übereinander geschlagenen Armen meine Fenster betrachten, bis er mit einer angenehmen Tenorstimme mir durch das Lied »nel cor più non mi sento« die Hoffnung ausdrückte, endlich ein Lebens-, vielleicht auch ein Liebeszeichen zu erhalten. Entweder mußte ich mit einem einzigen Worte das Gebäude meiner Wahrheitsliebe, Zuverlässigkeit und Resignation über den Haufen werfen oder mich damit begnügen, das schöne Bild mit traurigem Wohlgefallen zu betrachten, ein paar heiße Tränen aus den Augen zu wischen und mich sachte auf mein Lager zurückzubegeben. Ich erkämpfte einen schweren Sieg, aber vergnügt fühlte ich mich nicht dabei. Im September 1795 wurde Mannheim, um unnützes Blutvergießen zu vermeiden, ohne Schuß und Schwertstreich an die Franzosen übergeben, die Kaiserlichen verließen die Festung, und die pfälzische Besatzung mußte die Waffen strecken. Almasi war mit seinem Regimente fortgezogen; die Stadt schien mir ausgestorben, obgleich sie vom Lärm und Geschrei der neuen Machthaber ertönte, denen man nur mit Widerstreben gehorchte. Sie befahlen die Wiedereröffnung des Theaters, die am 27. September 1795 mit Mozarts »Entführung aus dem Serail« erfolgte, und in der Loge, in der man die herzogliche Familie zu sehen gewohnt war, brüsteten sich die Repräsentanten der großen Nation. Es verging ziemliche Zeit, bis der Besitz von Mannheim ihr streitig gemacht wurde, aber schon nach dem Abzug der deutschen Truppen gab es alle Augenblicke Alarm und Beunruhigung wegen baldiger Belagerung der Stadt durch die Kaiserlichen, so daß sich viele Familien auf die umliegenden Dörfer begaben. Familie Beck und ich logierten uns in dem jenseits des Neckar liegenden Dorfe Käferthal ein, wo sich eine ganze Mannheimer Kolonie gebildet hatte, die sich in den Bauernhöfen und Grasgärten gegenseitig Besuche abstattete. Eines Tages war Madame Beck zu einer Kaffeegesellschaft und Herr Beck in die Stadt gegangen, ich war bei den Kindern geblieben und stand im Haustor, die lange breite Straße hinabblickend,[64] als der leibhaftige Almasi mit seinen Husaren auf unseren Gasthof zusprengte. Der Schrecken fuhr mir in die Knie, und ich hatte kaum Kraft, mich in die untere Stube zurückzuziehen, von wo ich sah, wie er vom Pferde sprang und das Haus von oben bis unten betrachtete, wie Belmonte in der »Entführung«. Endlich entdeckte er mich und benutzte den Augenblick, mich seiner großen Liebe und unwandelbaren Treue zu versichern, indem er unter innigem Handkuß hinzufügte, daß er, sobald Frieden sein würde, nach Weimar kommen wolle. Alles das ward in Hast und Eile vollbracht, als ob keine zweite Gelegenheit wiederkehre, so daß ich, zudem durch seine Nähe und Stimme verwirrt, zu keiner Antwort kam und auch heute noch nicht weiß, was ich ihm gesagt haben würde. Da kehrte Herr Beck zurück, wurde von Almasi, einem Hauptmonstre in seinen Augen, begrüßt und trat mit ihm beiseite, worauf er mir mit größter Freundlichkeit erklärte, er habe den Grafen zum Souper an table d'hôte eingeladen. Ich wählte meinen Platz weit von dem Gaste; das volle Herz erlaubte dem Magen keine Ansprüche, ich dachte nur auf einen unbewachten Augenblick, einen Abschiedsgruß zu entsenden, den ein trauriger Blick Almasis erwiderte, als ich mich anschickte, die Kinder zu Bette zu bringen. Die Nacht hindurch hörte man heftige Kanonaden, infolge des Angriffs der Franzosen auf das Kaiserliche Lager, wie ein Husar Almasis uns am Morgen erklärte. Ich glaubte mir das Recht erkauft zu haben, mich nicht zu verstellen, und überließ mich meiner Niedergeschlagenheit, die aber alsbald durch Herrn Becks Nachricht, der Graf würde nachmittags zum Kaffee kommen, in volle Fröhlichkeit umgewandelt wurde. Nun wollte ich ihm meine Teilnahme bezeigen, ihm sagen, wie meine besten Wünsche ihn auf seinen gefährlichen Wegen begleiteten und wer weiß was alles Gute noch. Sonntägliches Glockengeläute weihte diesen Vorsatz; wir gingen alle zur Kirche, wurden aber rasch verscheucht, da sich die Nachricht verbreitete, in Mannheim würden nachmittags die Tore geschlossen, und wer hinwolle, müsse eilen. Weshalb alle das wünschten, die vorher das Gegenteil für richtig gehalten hatten, ist mir entfallen; genug, wir schlossen uns an, und Herr[65] Beck bemerkte scherzend, der Graf würde über die veränderte Szene große Augen machen. Er sandte mir ein Briefchen, in dem er seine Schwüre wiederholte; der Bote bat, wie Figaro die Rosine, um eine freundliche Antwort, und wenn ich dieselbe auch nicht fertig in der Schürzentasche herumtrug, händigte ich ihm doch schleunigst meine Dankesworte ein, denen ich liebevolle Wünsche vorsichtig hinzufügte. Mit bösen Bemerkungen über meinen Mangel an Zartgefühl stellte mir Herr Beck diesen Brief später zurück, den der Bote ihm übergeben hatte. Almasi, der wahrscheinlich ein Opfer des Krieges wurde, habe ich nicht wieder gesehen, wohl aber nach sieben Jahren das niedere Fenster im Käferthaler Gasthof und den kleinen Hausgarten, und will nicht leugnen, daß mir dabei die Augen feucht geworden sind. In der Zwischenzeit war ich von der Frau Kriegsrätin zu Kirchhöfers und von da zur Familie Marconi gezogen; der Vater war Kontrabassist am Orchester, ein geschickter Musiker und origineller Mensch, wie aus der alten italienischen Komödie herausgestohlen, intrigant, schlau und egoistisch, die ältere Tochter, Seppel genannt, wurde eine bedeutende Lustspielactrice, die jüngste, Nanny, unter dem Namen ihres Gatten, des Landschaftsmalers Schönberger, eine berühmte Sängerin. Damals waren beide ungeschliffene Diamanten, Seppel eine etwas triviale Naive, der jeder neue Verehrer einen Ring opfern mußte; wie man sich etwa von jedem guten Freund einen Vers ins Stammbuch schreiben läßt, trug sie die Zeichen ihrer Eroberungen der Reihe nach an den Fingern, und da sie aus der Natur ihrer Beziehungen kein Geheimnis machte, blieb ihr Ruf nicht unbescholten, wie man aus ihrem Beinamen »Schnippschnapp« entnehmen kann. Die kleine gute Nanny hatte das Prinzip, alles, was sie wünschte, mit Heulen und Schreien erreichen zu wollen, und da sie vieles wünschte, ertönte das Haus den ganzen Tag von ihrem Gebrüll. Die Küche war nicht besser bestellt wie bei der Frau Kriegsrätin, ich mußte viel aus meinen Privatmitteln anschaffen, wiewohl ich dasselbe aber vorsichtig verschloß, war es stets wie durch Hexerei verschwunden, und ich mußte mäuschenstille sein, wenn ich nicht ein Tutti von Seppels geläufiger Zunge, Herrn[66] Marconis deutschverderberischen Grobheiten und der im pfälzischen Dialekt vorgetragenen Empfindlichkeit einer in Gestalt und Wesen viereckigen Magd über mich ergehen lassen wollte. Unterdessen waren die Österreicher so nahe gekommen, daß ihre Kugeln die Festung von einem Ende zum andern durchsausten; sonderbar, daß die Menschen, die offenbar vor einer Katastrophe standen, keine Vorkehrungen trafen. Man gab (am 29. Oktober 1795) im Theater d'Allayracs »beide Savoyarden«, ich sang eben als der eine mit dem Gutsherrn ein Duett, als eine fürchterliche Kanonade das Haus erschütterte, als ob sie von der Straße aus erfolgte. Das Orchester verstummte, die Rufe der französischen Offiziere, daß nichts zu befürchten sei, verhallten wirkungslos, und als wir abgehen wollten, befand sich das ganze Bühnenvölkchen bereits in aufgelöster Disziplin. Acteurs und Statisten in ihren Kostümen, Schneider, Friseure, Zimmerleute und Mägde schleppten Körbe und drängten nach dem Ausgang; unter niederfallenden Kanonenkugeln und prasselndem kleinen Gewehrfeuer traten wir, Seppel als junge Bäuerin mit Strohhütchen und flatternden Bändern, ich als Savoyarde, unseren Heimweg an und dankten dem Himmel, als wir uns unter Dach befanden, das freilich auch keinen sicheren Schutz mehr gewährte. Es brannte in der Nacht in mehreren Stadtteilen, indes ein unerschrockener Priester mit lauttönender Stimme zum Löschen und Retten aufforderte; alle Schrecken des Krieges traten in Erscheinung und erfüllten die Gemüter mit Angst, Schmerz und Trauer. Betty Koch mit ihren Eltern und Iffland hatten sich nach Heidelberg gerettet, warum Herr Beck und wir nicht Gleiches taten, weiß ich nicht mehr oder habe es vielleicht nie gewußt. Diese Abhängigkeit wurde mir immer drückender, je mehr sich Kälte und Unmut meiner Lehrerin bei jeder Fürsorge ihres Mannes für mich steigerten; doch war ihre schließliche Eifersucht nicht ganz grundlos, indem seine Herablassung in eine Neigung übergegangen war, die sich zwar innerhalb des edlen Rollenfaches hielt, das er auf der Bühne spielte, aber für mich die Unannehmlichkeit einer doppelt scharfen Bewachung mit sich brachte. Er verbarg seine Stimmung keineswegs, verlangte von seiner Frau, daß sie sich in seinen Willen fügen und blindlings[67] an seine Rechtlichkeit glauben sollte, und zog in seinem Egoismus meine schiefe Stellung nicht in Erwägung, aus der ich mich je eher, desto lieber heraussehnte. Amazon.de Widgets Nach einer fürchterlichen Nacht brach den 30. Oktober 1795 ein grauenvoller Morgen an. Nach ungewöhnlich starker Kanonade trug der Wind Jammergeschrei aus der Ferne herüber, man hörte deutlich das Pardonflehen, die Kommandos der Offiziere, Zurufe wie »courage, mes enfants«, während die Franzosen der Besatzung händeringend und verzweifelt auf den Straßen umherirrten. Als sich mit Tagesanbruch der Nebel teilte, kam eine Karawane blutender, verstümmelter, sterbender Menschen auf Leiterwagen, Tragen und Pferden die Straße herab; unter unbeschreiblichen Szenen hielt der Vorbeimarsch mehrere Stunden an, eine Bahn von Blut auf ihrem Schmerzenspfade zurücklassend. Die Österreicher hatten unter dem Schutze der Nacht das französische Lager überfallen und ihm eine schreckliche Niederlage beigebracht, aber aus Irrtum auch unter den eigenen Truppen mörderisch gewütet. Von diesem Augenblicke an waren wir den Schrecknissen einer Belagerung preisgegeben, denn die Österreicher standen dicht vor den Wällen. Jedermann floh in die Keller, ich aber folgte aus begreiflichen Ursachen lieber der Familie Marconi als Herrn Beck und seiner Gattin; der Zufluchtsort lag unserer Wohnung gegenüber im Hause des verstorbenen Herzogs von Zweibrücken, neuerdings dadurch merkwürdig, daß Kotzebue darin ermordet wurde. Die sämtliche Einwohnerschaft dieses Kellers hatte ihre Betten und übrigen Habseligkeiten schon in den Vertiefungen des Gewölbes aufgetürmt und in den Ecken auf- und übereinandergehäuft. Mehrere Lampen in den Abteilungen der aneinanderstehenden Keller beleuchteten mit ungewissem Schein die düstere Umgebung. Für einige Bequemlichkeit hatte man gesorgt, Stühle, Tische und Bänke waren vorhanden, und unter anderem Gerät lagen in einer Ecke auch einige Bücher. Während ich, die erste im Keller, mich ein wenig zu orientieren suchte, indem ich meinen Blick bald dahin, bald dorthin wendete, bereitete sich vor demselben eine wahrhaft komische Szene vor, als Kontrast zu dem Trauerspiele, das uns bevorstand. Ein hoch aufgetürmter Ballen wogte eine Weile hin und her; endlich[68] reckte sich ein langes dürres Bein aus der Masse empor. Durch diesen Umstand, wahrscheinlich das Gleichgewicht verlierend, rollte der ganze Ballen mit seinem sonderbaren Inhalte von der bedeutenden Höhe auf den Boden nieder, und aus ihm entwickelte sich mühsam der Eigentümer dieses einen Beines, zu dem sich bald ein zweites gesellte, um mit dem Oberkörper zusammen eine getreue Kopie des weltberühmten Aesop darzustellen. Er war über das zu frühzeitige Heraustreten aus seinem Inkognito so bestürzt, daß er mir nur unter Zittern und Zagen den Bericht erstatten konnte, er sei ein armer Schneiderlehrling, dessen sich niemand annehme, und habe sich oben in die Sachen versteckt, um unten ein Unterkommen zu finden. Mit einem Worte, er hatte seine spindelbeinige Person eingeschmuggelt und wünschte während der Schreckenszeit die Kellerluft mit uns zu teilen. Ich versprach ihm Schutz und Duldung im Namen sämtlicher Einwohner des unterirdischen Reiches. Da ich die Ankömmlinge nicht kannte, unterblieb in den ersten Stunden jede Unterhaltung, und ich suchte in den Büchern nach Zeitvertreib. Da fand ich in Lavaters Physiognomik die Köpfe wieder, deren Anblick mich zu Hause oft ergötzt hatte; eine unbeschreibliche Sehnsucht nach den Meinigen erfaßte mich, und zum erstenmal entlockte mir die Angst vor der Gefahr die bittersten Tränen. Nachdem sich der Keller gefüllt hatte, begann ein methodisches Bombardement, das heißt ein unaufhörliches, das sich in den nächsten Tagen verstärkte, da Mannheim von drei Seiten beschossen wurde. Die Erde schien von der Gewalt des Geschützdonners zu zittern, die Mauern über uns bebten, und doch wurde man auch mit diesen unerhörten Erscheinungen vertraut. Ich und noch ein paar junge Mädchen wagten uns zuweilen in die unteren Zimmer des Hauses, um das Tageslicht wieder einmal zu sehen und etwas von den Neuigkeiten aufzuschnappen, die sich die Männer, die da oben abwechselnd Wache hielten, einander mitteilten. Eines Tages war ich aber so sehr von dem Verlangen ergriffen, die Anstalten und einige Bekannte im Theaterkeller zu sehen, der etwa hundert Schritte entfernt war, daß ich mich auf den Weg machte, das Abenteuer zu bestehen. Daß es mit großer Gefahr verbunden war, brauche ich nicht zu bemerken, indes führte mich[69] der Himmel glücklich zu meinem Ziele. Die Szenen, die sich dort dem Auge boten, sind schwer zu beschreiben, manche ließen sich in ihrer merkwürdigen Beleuchtung Rembrandt vergleichen, andere schienen lebendig gewordene Murillos. Im Bauche großer Fässer hatten ganze Familien ihre Häuslichkeit aufgeschlagen, aber am allerinteressantesten hatte sich Herr von Dalberg eingerichtet. Eine ländliche Theaterdekoration schloß ihn von dem übrigen Publikum ab; das Innere war mit allen Bequemlichkeiten und heller Beleuchtung versehen, und der Ausgang aus diesem kleinen Etablissement geschah durch eine ebenfalls dem Bühneninventar angehörige Tür. Lange hielt ich mich jedoch auf diesem merkwürdigen Schauplatz nicht auf, eingedenk der bedenklichen Reise, die ich wieder heimwärts zu machen hatte. Durch Übung kann man den Kugeln auch etwas von ihrer Pfiffigkeit ablernen, und so kam ich unter dem Schutz des Himmels mitten durch den Kugelregen glücklich zurück; ich hätte übrigens das Wagstück um keinen Preis wiederholen mögen, zumal die Heftigkeit des Schießens beständig zunahm. Der Vorrat der Lebensmittel wurde immer geringer, daß man sich nach zwölf Tagen und Nächten voll Angst und Entbehrung zum Tode verurteilt fühlte ? da versetzte ein Knall wie aus hundert Feuerschlünden, das Aufspringen der Türen, das Geklirre der Fenster über unseren Häuptern, die sämtlichen Kellerbewohner in eine Betäubung, die erst nach und nach Worte fand. Noch waren wir in der äußersten Spannung auf die Lösung des schrecklichen Rätsels begriffen, als sich die obere Kellertüre auftat, die Sonne des Tages in die düsteren Räume hereinstrahlte, in denen das künstliche Licht bereits verloschen war, und Herr Beck wie ein Engel mit dem Palmenzweig erschien, uns zur Auferstehung ins Leben zu rufen. Er brachte die Nachricht, daß durch das Sprengen einer mit Pulver gefüllten Kasematte eine Bresche entstanden sei und die Franzosen dadurch zur Kapitulation genötigt wären. Tausende strömten aus ihren Verliesen in die frische Luft, in die Kirchen; Freunde und Bekannte reichten sich entzückt die Hände, viele eilten den deutschen Siegern entgegen, die nun Herren der Stadt waren, während die französische Besatzung kriegsgefangen abzog.[70] Den folgenden Tag ertönte aus denselben Schlünden, die noch vor kurzem Tod und Verderben verbreitet hatten, unter dem reinen blauen Himmel ein freudiges Victoria, und die ganze Einwohnerschaft, die sich auf den Wällen drängte, ließ ihre Dankgebete für die glückliche Errettung zum Himmel emporsteigen. Bei dieser Feierlichkeit lernte ich den Herzog Georg von Meiningen kennen, der mich während seines mehrwöchigen Aufenthalts fast täglich besuchte und mir beim Abschied versicherte, daß ich auf ihn in allen Fällen rechnen könne. In diesen freundschaftlichen Gesinnungen blieb er sich gleich bis zu seinem Tode (1803), der von seinen Untertanen und allen, die ihn kannten, tief betrauert ward. Nach den überstandenen Schrecknissen begann nun eine schöne Zeit für Mannheim; das österreichische Militär mit seinem Frohsinn brachte wieder Leben ins Theater und hatte auch einen angenehmen Einfluß auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, von denen ich freilich wiederum ausgeschlossen blieb. Ich war viel mit Betty zusammen, im übrigen auf meine Gedanken angewiesen, und als nunmehr Achtzehnjährige zu einer noch strengeren Zurückgezogenheit verurteilt. Indessen war das Marconische Haus dafür ziemlich ungeeignet, denn es war der Sammelplatz aller militärischen Chargen vom General bis zum Fähnrich, und für Seppels Ringsammlung blühte die schönste Ernte. Weil der Ehrgeiz immer die erste Rolle unter meinen Trieben spielte, beschloß ich, mich nie in die fröhlichen Gesellschaften zu mischen, die dicht vor meinem Zimmer versammelt waren. So mußte ich zuweilen ausharren, bis abends um zehn Uhr die Herrschaften ihrem fröhlichen Punsch Valet sagten, hatte dafür aber auch den Genuß, wenn ich meinen Stubenarrest verlassen mußte und aus Höflichkeit einen Augenblick im Gesellschaftszimmer verweilte, mich mit schmeichelhaftem Empressement behandelt zu sehen. Noch einen bedeutenderen Vorteil wußte ich aus diesen Umständen zu ziehen, daß ich nämlich die vornehmen und reichen Leute, die sich bei Marconis eingefunden hatten, wie die Grafen Kolowrat, Clary, Thun, Fürst Liechtenstein und Lobkowitz, um Hilfe für Notleidende ansprach und ihnen stets reichliche Gaben zuführen konnte. In dem Marconischen Zirkel verkehrte auch der Offizier, der uns[71] beim ersten Ausflug aus dem Keller die Besichtigung der Bresche barsch verboten hatte, ein hübscher Mann und Freund von Iffland und Beck. Graf Veterani war ein natürlicher, guter Mensch, liebte die Musik leidenschaftlich und wurde von seinen Kameraden und Vorgesetzten hoch geschätzt; seine äußeren Verhältnisse waren nicht glänzend, aber ausreichend, gestatteten ihm jedenfalls eine freie Wahl. Als er mir Herz und Hand anbot, kannte ich ihn erst kurze Zeit, war aber nicht wenig für ihn eingenommen, obgleich ich das nicht empfand, was, wie ich glaube, nur einmal im Leben das Herz im tiefsten bewegt. Da er meinen Vater und Herrn Beck von allen Verhältnissen unterrichtet hatte, hätte einer Verbindung nichts im Wege gestanden, wenn seine Familie ihr nicht abgeneigt gewesen wäre. Sein Vorgesetzter, Oberstleutnant Kotulinsky, ersann alle möglichen Schikanen und beantragte, als sie nicht zum Ziele führten, Versetzung, so daß er nur hin und wieder im strengsten Inkognito mit Lebensgefahr auf eine Stunde nach Mannheim kommen konnte. Trotz alledem setzte er nach Friedensschluß unsere förmliche Verlobung durch; liebe Freunde, Fürst Reuß, Generalleutnant Graf Figuelemant, Oberst von Stutterheim sowie Herr Beck unterschrieben den Kontrakt, und letzterer erklärte mich sozusagen für mündig, wenn ich auch von meiner Selbständigkeit keinen Gebrauch machte und alles beim alten blieb. Amazon.de Widgets Der Graf ging nach Weimar, um sich meinen Eltern und der Herzogin Anna Amalia vorzustellen, ich sollte unterdessen meine Beziehungen zum Theater aufgeben, was durch die Umstände sehr erleichtert wurde. Der Friede war von kurzer Dauer, und man hegte in Mannheim die Befürchtung, daß sich die kriegerischen Vorgänge wiederholen könnten; die meisten Mitglieder des Theaters wurden deshalb auf unbestimmte Zeit entlassen, mußten sich aber reversieren, auf Anruf zu ihrer Dienstpflicht zurückzukehren. Manche benutzten diese Gelegenheit, anderwärtige Engagements einzugehen, wie Iffland, der mit Berlin abschloß; Betty Koch wurde mit ihrem Vater in Wien engagiert, wo sie sich später als Madame Roose einen bedeutenden Künstlerruf erwarb. Ich reiste mit der Familie Beck, die in Gotha, der Heimat meines Vormunds, die Wendung[72] der Dinge abwarten wollte, meiner Heimat zu. Nach innigem Abschied von Betty verließ ich Mannheim leichten Herzens, denn alle meine Lieben waren entschwunden; und wenn ich auch in keiner privaten Beziehung zu Iffland stand, würde das Verlöschen dieses Sternes meine innere Leere noch vermehrt haben. In einer schwer bepackten Kutsche reisten wir ab, Herr und Madame Beck, Madame Schäffer, ihre Mutter, ich und die zwei Kinder sowie die Köchin neben dem Kutscher. Waren die Landstraßen damals derart, daß man vier Stunden für eine Meile brauchte, so die Nebenwege geradezu halsbrecherisch, und solcher mußten wir uns bedienen, um nicht den Franzosen zu begegnen, die im Hessischen in einzelnen Horden herumzogen. Man lernt sich schließlich in alles finden, und ich würde Schlaf gefunden haben, wenn nicht die kleine Auguste alle Augenblicke von meinem Schoße herabgeglitten wäre und mich in wachem Zustand durch ihre Lebhaftigkeit in Atem gehalten hätte. Dazu hatte Herr Beck ein eigenes Talent in Auswahl der Nachtquartiere, falls der Kutscher uns nicht in Fuhrmannsherbergen absetzte, und so kam ich matt und zerschlagen in Gotha an, wo mir ein dumpfes Zimmer im »Mohren«, ein hochfahrender Kellner ? denn solche hat es gegeben, ehe die Gasthöfe zu Hotels avancierten ? ein nebenan tagender Herrenklub, neue Annehmlichkeiten bereiteten. Am anderen Morgen flog ich meinem Vater in die Arme, der mit meiner Schwester gekommen war, mich abzuholen, trennte mich mit einem kurzen Abschied von der langen Freundschaft, um mit Talbot zu sprechen, von Herrn Beck und seiner Frau, und bestieg den Wagen, der mich nach sechsjähriger Abwesenheit in die Vaterstadt zurückführte. Der Gewinn, den mir Mannheim brachte, bestand in der sorgfältigen Ausbildung meines Talents, während ich mir meinen Charakter selbst formen mußte und den früheren Eindrücken manche gute, aber auch manche überspannte Ideen anschloß. Wenn ich in meinen Erlebnissen fehlerlos und leidend erscheine wie die Heldin eines sentimentalen Romans, so muß ich diesen süßlichen Eindruck durch die nachträgliche Bemerkung zerstören, daß ich leidend war, weil in so früher Jugend ohne alle Freude dahinleben leiden heißt. Fehlerlos[73] aber war ich nicht, denn ich muß mich mancher Nachlässigkeit in meinen kleinen häuslichen Angelegenheiten zeihen, und im übrigen hätte ich fleißiger sein sollen. Die Unklugheit und Unbesonnenheit kommen nicht ganz auf meine Rechnung, ebensowenig das mangelnde gesellschaftliche Benehmen; rühmen kann ich nur meine Gutmütigkeit und die Lebhaftigkeit meines Geistes. Mit solchen Eigenschaften trat ich nun ein neues Leben an, in dem mir vor allem Besonnenheit nötig gewesen wäre, die ich unglücklicherweise nicht besaß. 
 Fünftes Kapitel Fluchtversuche und »Etablissement« (1799?1802)  Ich hatte dem Herzog in den ersten Tagen befohlenermaßen und gern meinen kleinen Reisebericht zugeschickt, er ließ nicht lange auf Antwort warten und ebensowenig auf den darin angekündigten Besuch in Dresden. Der Standpunkt, auf dem ich zu ihm stand, stach freilich von der Herzlichkeit seines Briefes auffällig ab, und der Schluß ging auch nach der Meinung der Frau v. Löwenstern über den Ausdruck des einfachen Wohlwollens weit hinaus. Sein Aufenthalt dauerte nur einen halben Tag; kurze Zeit darauf erkrankte ich an einer Halsentzündung mit dazu gekommener Kopfrose, und zwar so ernstlich, daß ich einige Wochen lang das Bett nicht verlassen konnte und meine gute Frau von Löwenstern genötigt war, über die festgesetzte Zeit in Dresden zu verweilen. So konnte ich die Annehmlichkeiten der schönen Stadt nur wenig genießen und mußte mit einer traurigen Rückreise vorliebnehmen. Frau v. Löwenstern war verstimmt und ich von der Krankheit so angegriffen, daß oft tiefes Stillschweigen im Wagen herrschte, während meine Gedanken mir Unzufriedenheit und Sorge erregten. In Weimar trafen wir alles beim alten, während Frau v. Löwenstern nicht mehr im Zweifel über die Absichten ihres fürstlichen Freundes war und meine glückliche Sorglosigkeit entschwand. Mit schlecht verhohlener Bewegung gab sie ihren Beobachtungen Worte, und wir kamen überein, daß ich die Teestunde ihres Hauses zuweilen verpassen sollte, damit der Herzog in die ruhige Bahn des Wohlwollens zurückkehrte, das mich so glücklich gemacht hatte. Aber das Unternehmen mißlang, infolge meiner Abwesenheit entstand zwischen dem Fürsten und Frau v. Löwenstern eine Art Spannung, und ihre Umgebung beschränkte sich auf stille Beobachtung, so daß schließlich von allen Seiten mein Wiedererscheinen gewünscht wurde; Frau v. Löwenstern sandte mir Boten, der Herzog ließ in scherzhafter Einkleidung seinen Ruf an mich ergehen, die kleine Sängerschar erschien, mich aus meinem Versteck zu[133] holen. Die Maßregel hatte allen und auch mir nur bewiesen, wie weit mein Einfluß auf die Stimmung des Herzogs gediehen war, und diese Wahrnehmung brachte meinem Ehrgeiz und meinem Attachement nicht die frühere Befriedigung. Ich sah es als Verbrechen an, meine gewohnte heitere Laune zu Worte kommen zu lassen, und vermied die Unterhaltung mit dem Herzog soviel als möglich; sah ich aber sein trauriges und von körperlichen Leiden angegriffenes Gesicht, so waren alle Bedenken vergessen, und ich belebte, was ich zerstören, nährte, was ich vernichten wollte. Mit mir entzweit und unzufrieden, verließ ich dann das Löwensternsche Haus, um mich zu Hause mit Vorwürfen und Sorgen zu quälen, bis der treue Gast aus besseren Tagen, ein gesunder Schlaf, mich in seine Arme nahm und meine fieberhafte Aufregung beruhigte. In dieser Zeit lud mich die Fürstin von Rudolstadt ein, am Geburtstage ihres Gemahls eine Gastrolle zu geben und weitere folgen zu lassen, da die weimarische Gesellschaft seit kurzem auf dem dortigen kleinen Theater spielte. Wiederum bestätigte sich die Tatsache, daß Veränderung von Luft und Verhältnissen wohltätig auf Körper und Seele einwirkt; die herrliche Berg- und Waldluft stärkte Brust und Nerven, und die reizenden Naturbilder gaben dem Geist neuen Stoff zur Heiterkeit, so daß ich erfrischt und zur willigen Aufnahme freundlicher Eindrücke vorbereitet die Pforte passierte, die einst von geharnischten Knappen besetzt war, jetzt von einem höflichen Burgwart geöffnet wurde. Meine Ankunft erfolgte gerade in der Stunde des fürstlichen Diners, und während wir unter dem Portale hielten, liefen die Diener mit verdeckten Schüsseln hin und her, deren Düfte mir nach der langen Fahrt die angenehmsten Hoffnungen erweckten. Der Haushofmeister, ein feiner Mann, war unterdes herbeigekommen und führte mich in den zweiten Stock, wo mir die beiden Zimmer angewiesen wurden, die seit dem Tode der Prinzeß Fleckchen nicht bewohnt waren. In diesem ehrenfesten Sitze eines alten Fürstengeschlechts hatte sich die große Einfachheit der Vorfahren auf bewunderungswürdige Art erhalten, namentlich war der Luxus einer späteren Zeit nicht in[134] die hohen Räume meines Gemachs gedrungen. Die Aussicht aus den Fenstern konnte man nur durch Ersteigen einiger Stufen erlangen, aber der herrliche Blick über die kleine Stadt hinweg in die weite, kaum von einem Nebelstrich begrenzte Ferne lohnte die kleine Mühe. Das altertümliche spärliche Ameublement, die Stühle mit gerade aufsteigenden Lehnen, das Himmelbett der Prinzessin, das jetzt meine Ruhestätte wurde, wie die Stühle mit gelbdamastnen Überzügen und Vorhang ? solchen Gegenständen aus der Vergangenheit begegnete man damals nur an den Orten ihrer Entstehung, und so fühlte ich mich den Zeiten nahe gebracht, in denen die abenteuerlichen Romane spielen, die ich immer mit warmem Interesse gelesen hatte. Bald erschien auch ein vortreffliches Diner, und später Fräulein v. Wurmb, eine Nichte der Frau v. Schiller und Hofdame der Fürstin, die ich schon in Weimar kennen gelernt hatte, um mich zu unterrichten, daß sich nebenan die Zimmer der Fürsten befänden, und wie ich meine Geschäfte in der Stadt zu besorgen hätte. Der Diensttuende du jour sollte meine Aufträge in Empfang nehmen, mich in der Hofequipage ins Theater begleiten; zuweilen hatte auch der Läufer den Dienst, und da dieser, getreu seiner eigentlichen Funktion, es vorzog, statt hinten auf dem Wagen seinen Platz zu nehmen, vor demselben herzulaufen, wurde ich in die Notwendigkeit versetzt, mich in den Hintergrund des Wagens zurückzuziehen, um mich vor den tief herabgezogenen Hüten und Knicksen der Vorübergehenden in Sicherheit zu bringen. Frau v. Lengefeld, die Oberhofmeisterin, stellte mich der Fürstin vor, die mich mit würdevoller Freundlichkeit empfing. Ich spielte die Konstanze in der »Entführung« und noch eine andere Opernrolle, wurde aber an weiterer Tätigkeit durch das Wiederauftreten der Dresdner Halsentzündung gehindert. Ich genoß die beste Pflege, teils durch mein eigenes Dienstmädchen, teils durch die Fürsorge der Fürstin, die mir einen guten Arzt sandte und oft selbst die Vorhänge des Bettes zurückzog, um nach mir zu sehen. Nach fünf Wochen durfte ich die Rückreise antreten. Der Herzog hatte Frau v. Löwenstern eingeladen, ihren Sommeraufenthalt in Ettersburg zu nehmen; ich akzeptierte[135] ihre dringende Aufforderung, ebenfalls eine Zeit dort zuzubringen und in dem balsamischen Hauch des Waldes meine Gesundheit zu stärken, zumal die Bühne wegen des Gastspiels der Gesellschaft geschlossen war. Die Bekannten und Freunde aus der Stadt fanden in einer Stunde Wegs kein Hindernis, uns mit ihrem Besuche zu erfreuen, und täglich sahen wir von unserer Höhe herab Wagen und Reiter sich dem kleinen Schlosse nähern, wo fröhlicher Empfang und herrlicher Naturgenuß sie erwarteten. War auch ein tiefer Mißmut im Herzen der Frau v. Löwenstern entstanden, so blieb ihr doch die Gegenwart des Fürsten unentbehrlich, der oft bei uns einkehrte. Als die Gesellschaft von Rudolstadt wieder eingetroffen und ich imstande war, meine Theatergeschäfte wieder aufzunehmen, trieben die rauhen Lüfte die Waldbewohner in die Stadt, und der Winter hielt seinen Einzug, um mich in seinem ganzen Verlauf mit mancherlei Gaben zu überschütten. Ich schließe die schönen Geschenke nicht aus, die mir des Herzogs Güte zu Weihnachten und an meinem Geburtstage überreichte; ich hätte sie von keinem Mann annehmen dürfen, aber meinem Landesherrn gegenüber konnte ich meine Festigkeit nicht dadurch bekunden, daß ich sie zurückwies. Seine Gesundheit hatte sich bedenklich verschlechtert, die immer häufigeren Schwindelanfälle deuteten die Ärzte auf einen bevorstehenden Schlagfluß, doch ließ er sich dadurch nicht abhalten, die gewohnten Unterhaltungen im Freien fortzusetzen, die mit Erkältungsgefahr und großer Ermüdung verbunden waren; er machte kleine Reisen auf offener Kalesche, nahm an allen Parforcejagden teil und verschlimmerte dadurch seinen Zustand. Wenn derselbe es nur irgend erlaubte, erschien er aber nach wie vor im Löwensternschen Hause, wo sich inzwischen mehrere neue Erscheinungen eingefunden hatten, teils fremde, teils einheimische. Unter letzteren befanden sich Kotzebue und Amalie v. Imhof; jener las zuweilen seine Stücke vor und war bei allen rührenden Stellen und den beständigen Resignationen seiner Helden selbst so ergriffen, daß er vor Tränen nicht weiterlesen konnte und lange Pausen entstanden, die einen Teil der Zuhörer zum Lachen veranlaßten. Amalie v. Imhof,[136] Hofdame bei der Herzoginmutter, zeichnete sich durch vielseitige Talente, wissenschaftliche Bildung und interessante Gesichtszüge aus, nur liebenswürdig konnte man sie nicht nennen, weil ihr affektiertes und anspruchsvolles Wesen erkältend und befremdend wirkte. Wie in unseren Kinderjahren brauchte sie, immer mit sich selbst beschäftigt, niemanden, es mußte denn ein Objekt sein, dem sie durch Entwicklung ihrer Vorzüge den Pfeil ins Herz zu stoßen beabsichtigte. Die Männer ziehen aber bei jungen Mädchen anspruchslosere anmutige Verdienste glänzenden Kenntnissen und Talenten vor, und so gingen alle, mit denen sie anbandelte, aus dem Kampfe unverletzt oder mit leichter Verwundung hervor. Ein Schweizer Arzt von vorteilhaftem Äußeren, namens Zwingli, fühlte sich auch in allem übrigen geeignet, in den ersten Häusern zu verkehren, und wurde von Böttiger bei Löwensterns eingeführt; es fehlte ihm nicht an Aplomb, mit Sicherheit aufzutreten, und hätte es ihm daran gefehlt, so wären alle Damen bereit gewesen, ihm denselben beizubringen. Mit diesem dreißigjährigen Doktor, einer hohen Gestalt mit großen lichtblauen Augen, der selbst das Bedürfnis empfand, den Reichtum seines Wesens an den Tag zu legen, ließ sich Amalie v. Imhof auf einen Austausch ein und hatte kein höheres Bestreben, als seine Bewunderung zu erregen. Das mißlang ihr indes, wenigstens ersuchte er Frau v. Löwenstern, für ihn ein gutes Wort bei mir einzulegen, und diese fand in dem Angebot seiner Hand das beste Mittel, den obwaltenden Verwicklungen ein schnelles Ende zu bereiten. Das ging mir vollständig wider den Strich, denn ich hatte einen hohen Grad von Eitelkeit an ihm bemerkt, der oft ans Lächerliche grenzte, wenn er sich zum Beispiel zur Unterhaltung mit dem Herzog drängte und ihn in eine Ecke hineinsprach, aus der ihn nur Gewalt befreien konnte. Zuweilen ergab sich derselbe geduldig in die Gefangenschaft und deutete nur mit feinem Lächeln die Taktlosigkeit meines Anbeters an, jedenfalls stand derselbe nicht in der Kategorie, aus der ich mir meinen Lebensgefährten gewählt haben würde. In dieser Abneigung fand Frau v. Löwenstern Neigung oder gar Liebe für den Herzog, sie wurde von inneren und äußeren Stürmen[137] erschüttert, auf die ich nur mit Tränen antworten konnte, drückte mich bald mit der wärmsten Teilnahme ans Herz, ließ sich bald gegen den Herzog bitter aus, gab bald ihrer eigenen Neigung durch einen Tränenstrom Ausdruck. In solchen Momenten schien es mir ein Verbrechen am Herzog, wenn ich mir eine glückliche Zukunft wünschte, und so entschloß ich mich, den Doktor zu heiraten und ließ ihm sagen, daß ich zwar jetzt noch kein Interesse für ihn empfände, aber versuchen wolle, durch nähere Bekanntschaft solches herbeizuführen. Seine Unterhaltung bestätigte nur meine vorgefaßte Meinung; er war gutmütig, geistlos, leer, selbst die Solidität, auf die ich doch ein Recht hatte, wenn ich ihn ohne Liebe heiraten sollte, konnte ich nicht finden. Dafür sprach er beständig von den Vorzügen des Fräuleins v. Imhof, daß ich ihm endlich riet, seine Neigung gänzlich auf sie zu übertragen; er schwur mir unter Tränen, daß sein Herz nur mir gehöre, und ging mit allen Anzeichen tiefster Traurigkeit. Ich eilte zu Goethen, um mich wegen einer Rolle mit ihm zu besprechen, und als ich nach einer halben Stunde auf die Straße trat, klingelte ein Schlitten lustig daher, in dem mein betrübter Dr. Zwingli mit dem glückstrahlenden Fräulein von Imhof Platz genommen hatte; mit ironischem Blick und tiefer Verbeugung erwiderte ich seinen etwas befangenen Gruß, und als er später bei mir ein trat, gab ich ihm lachend seine Freiheit zurück, an die ich ohnehin noch keine Ansprüche gemacht hatte. Auf einem holprigen Acker suchte er sich Ruhe zu erreiten und stürzte so unglücklich, daß er wochenlang daniederlag und unter Beisein Böttigers sein Testament machte. Er hat sich wieder erholt und ist lange nachher in Zürich gestorben, wahrscheinlich nach Widerruf des mir zugedachten Legats von fünftausend Talern. Die Rolle, von der ich eben sprach, war die Thekla in Wallensteins zweitem Teil, dessen Leseproben in Goethes Hause abgehalten wurden. Der Charakter tritt schon in dieser Abteilung so entschieden auf, daß ich mir kein allzu großes Verdienst zuschreibe, Schillern vollständig zufriedengestellt zu haben. Goethe hat sich wahrscheinlich ausgeschwiegen, denn die hilfsbedürftigen Talente waren ihm immer angenehmer[138] als die, welche aus sich selbst zu schöpfen vermochten, diese Thekla wollte ich aber nach keiner fremden Ansicht, sondern nur nach meinem Gefühle gestalten. Ich sah der Fortsetzung des Trauerspieles, dem Tod Wallensteins und dem Schicksal der Liebenden mit leidenschaftlicher Ungeduld entgegen und empfing endlich meine Rolle mit Zittern und Zagen, als wenn in ihr die Entscheidung meines eigenen Schicksals enthalten wäre. Aus den Stichworten konnte ich anfangs nichts erkennen, desto mehr erschütterte mich, was ich, ohne den Zusammenhang genau zu wissen, aus der Unterredung mit dem schwedischen Hauptmann entnehmen konnte, und weinte über Maxens Tod lange und bitterlich. Aber auf dem Theater benetzte ich das Grab des gefallenen Helden nur mit verhaltenen Tränen und erlaubte Wallensteins starker Tochter nur einmal, sich dem Schmerz maßvoll hinzugeben. Wie ich in diesem ersten Moment die Rolle empfunden habe, so stand das Bild, das ich zu geben hatte, fest und unveränderlich in meiner Seele; ich versichere, daß ich sofort darüber im klaren war, wie tief Thekla ihren Schmerz zu empfinden und wie maßvoll sie ihn zu äußern hatte. Hätte sich das Ideal dieses Charakters nicht schon in mir selbst gestaltet, so würde ich es in unserer Prinzeß Karoline versinnlicht gefunden haben. Wie einst Wieland, als ich seinen Elfenkönig verkörperte, ausrief: »Das ist mein Oberon«, so sagte Schiller: »Das ist meine Thekla«, und nannte mich lange sein Liebesprinzeßchen. Nach der ersten Vorstellung wohnte ich an seiner Seite einem vergnügten Abendessen im Kreise mehrerer Freunde bei Frau v. Wolzogen bei. Amazon.de Widgets Alles übrige hatte sich wenig verändert. Besuche am Hofe und Reisen in militärischen Angelegenheiten nahmen öfter das Interesse des Herzogs in Anspruch, und seine unbeschreibliche Vielseitigkeit beschäftigte außer den politischen Angelegenheiten seinen tatendurstigen Geist: bald ging er in die Gewächshäuser, wo er jede Pflanze, jedes Moos, jede Blume kannte, bald in die Gärten und Parkanlagen, bald zu den Professoren der verschiedenen Fakultäten, bald auf die nahen Kammergüter, wo seine Einsicht und sein richtiges Urteil nicht minder glückliche Resultate erzielten, bald verhandelte[139] er mit Künstlern, bald debattierte er mit den Poeten, bald kaufte er Antiquitäten, bald besichtigte er Bilder. Eine Episode aus meinen Erinnerungen beweist, wie das Geringste seiner Aufmerksamkeit nicht entging, die sich auf eine Unzahl hoher Dinge erstreckte. Als wir einst nach Ettersburg fuhren, wohin uns der Herzog zum Frühstück eingeladen hatte, sahen wir ganz von weitem auf der mit dünnem Gras bewachsenen Bergeshöhe wie dunkle Silhouetten auf weißem Hintergrund zwei Reiter langsam vorwärtsziehen, einen nach dem anderen, und erkannten an diesem Gänsemarsch unseren Landesherrn mit seinem Reitknecht. Vor Ettersburg kam er, wieder in langsamem Schritt, auf uns zugeritten, neben dem Pferde ein Schaf am Bande führend, das ein Schäfer seiner Herde unrechtmäßig einverleibt, er an dem Zeichen des Ettersburger Gutes erkannt und mitten aus der Herde herausgeholt hatte. Seine Unpäßlichkeit hatte den Anschein von Lebensüberdruß angenommen, und im stillen sah ich mich als Ursache dieser trüben Stimmung an; die Worte des schwedischen Hauptmanns: »Man sagt, er wollte sterben«, die mich in Theklas Seele so tief erschütterten, steigerten meine Exaltation derart, daß mir oft war, als müßte ich zu seinen Füßen stürzen und ihn bitten, mein Lebensglück als Opfer für das seine anzunehmen. So wenig ich über seine Gesinnungen im Zweifel sein konnte, ward doch jede Ungewißheit durch einen Brief weggeräumt, in dem er aussprach, daß er nach langer Prüfung zu der Überzeugung gekommen sei, nur ich könne das Glück seiner älteren Tage machen, daß er seine Gemahlin verehre, aber wegen Verschiedenheit der Charaktere von jeher ein liebeleeres Leben mit ihr geführt habe, daß er sich endlich nach häuslichem Glücke sehne und nach einem Wesen verlange, an das er sich gemütvoll anlehnen könne. Er müsse sich das Zeugnis geben, ein solches Glück zu verdienen, da er sich aus dem wilden Treiben seiner Jugend manches Gute gerettet hätte, das ihn der Achtung der Welt würdig mache, um ihm für den Rest seiner Tage die Ruhe zu gönnen, die er nur durch mich erlangen könne. Ich möge nun über sein Schicksal entscheiden; könne ich seine Wünsche nicht erfüllen, so bleibe ihm nur eine Aussicht, und zwar die, welche ihm seine[140] schlechte Gesundheit eröffne. Schrecken und Schmerz überwältigten mich, als das lange Gefürchtete, was sich bislang hinter gefälligen Formen versteckt, zuweilen in weite Ferne geflüchtet hatte, in seiner ganzen Größe vor mir stand und ich dem Fürsten, dem ich gern mein Leben dahingegeben hätte, die ersehnte Hoffnung nicht erfüllen, das gewünschte Glück nicht gewähren konnte. Frau v. Löwenstern gegenüber schwieg ich über das Ereignis, weshalb ich mich aber nicht mit meinen Eltern aussprach, kam daher, daß eine Warnung vor einem Verhältnis zum Herzog mir nichts Neues geboten, eine Begünstigung desselben mir die Achtung genommen hätte. Sicher billigten sie des Fürsten Wünsche nicht, konnten mich weder beruhigen, noch einen Ausweg angeben, und so suchte ich mein Schicksal selbst zu bestimmen. In meiner Antwort ließ ich mich von den Eingebungen des Verstandes leiten, denn würde ich dem Herzen gefolgt sein, so würde der Anteil an seinem Wohl der Absage widersprochen haben, die ich auf die Gefahr, sein mir unentbehrliches Wohlwollen zu verlieren, nicht zurückhalten durfte. Ich hatte in Mannheim durch lebende Beispiele, Lektüre und Gespräche den richtigen Begriff über ein solches Verhältnis und nach meinen Grundsätzen beinahe einen Abscheu davor bekommen; ich stellte dem Herzog also vor, daß ich es nicht ertragen würde, in den Augen der Welt erniedrigt dazustehen, und in meinem Schmerze ihm keine ruhige Zukunft gewähren könnte, während er sich Vorwürfe machen müßte, mein Lebensglück zerstört zu haben, daß ich für ihn zu sterben bereit sei, aber nie mich zur Preisgabe von Ruf und Ehre verstehen würde. Damit sagte ich den vergangenen schönen Tagen Valet, in denen ich mich sorglos seiner Huld erfreuen durfte, und weinte ihnen bittere Tränen nach. Wenn ich auch nicht hoffen konnte, diese schmerzhaften Eindrücke abzuschütteln, wünschte ich mir, Diana möge mich in eine Wolke hüllen und in ein fremdes Land versetzen; mochte der Herzog seine Gesinnungen ändern oder dabei beharren, ich sah nur eine freudenleere Zukunft vor mir, und die Rettungspläne, die ich mit meiner Schwester, der Vertrauten meiner Sorgen, entwarf, scheiterten alle an der Bedingung, das Weh des Fürsten nicht[141] zu vermehren. Übrigens war meine Lage das Geheimnis der ganzen Stadt; Damen, die der Herzogin nahestanden, überbrachten mir die Äußerung, daß ich ihr am angenehmsten wäre, wenn ihr Gemahl solch ein Etablissement errichten wolle; Männer von Ehre und Gewicht, in deren Familien ich verkehrte, versicherten mich ihres Dankes, wenn ich es über mich bringen könnte, aus eigener Initiative zuzustimmen. Der eine hatte den Herzog still und verstimmt gefunden und wußte, was ihm Gesundheit und Heiterkeit zurückgeben würde, ein anderer warnte, da der Herzog in puncto Weiber kein Gewissen habe und mich wie eine ausgepreßte Zitrone beiseite werfen könnte, ein dritter sah mich am Abgrunde, ein vierter einsam und verlassen, weil niemand nach Verlust meines guten Rufes mehr mit mir umgehen würde. Der Hofkammerrat und seine Damen ermahnten mich zum Widerstand und wandten mir erhöhte Achtung und Gunst zu, als sie mich entschlossen sahen, mir treu zu bleiben, am allerlebhaftesten besprachen aber die jungen Mädchen meiner Bekanntschaft die Situation, und jede sann auf Schutz und Rettung. Bald sollte ich mich entführen, bald dem Herzog an die linke Hand trauen lassen, bald durchgehen, bald mit dem Fürsten Gutes wirken, am Ende blieb ich aber so hilflos wie zuvor. Wäre mir die Ruhe des Fürsten gleichgültig gewesen, hätte ich das Rettungsmittel bald gefunden, denn alle Bühnen Deutschlands standen mir offen, Riga bot mir 2600 Taler, Iffland hätte mich sofort aufgenommen, und anderswo würden sich mir rasch Chancen eröffnet haben; aber ich hatte den Herzog lieb und hätte mir ewig Vorwürfe gemacht, wenn ich ihn gekränkt und sein Theater plötzlich verlassen hätte. Da ihn Übelbefinden an zwei Abenden von Löwensterns ferngehalten hatte, sah ich ihn nach meiner Antwort erst im Hofkonzert wieder, wo sich mein Publikum in heiterster Stimmung in meiner Nähe versammelte, bei mir jedoch Ernst und Verstimmung an Stelle der früheren beinahe mutwilligen Heiterkeit obwaltete. Ich gab mir alle Mühe, in den scherzhaften Ton zurückzukommen, aber die Melancholie, die zu einem Teil meines Charakters geworden war, wich nicht zurück, zumal der Herzog einen düsteren Blick auf mir ruhen ließ.[142] Ende Juni 1799 erfreuten der König und die Königin von Preußen, denen sich die reizende Prinzeß Taxis angeschlossen hatte, unser herzogliches Haus mit ihrem Besuche; Frau von Löwenstern, die einigen Hoffesten beigewohnt hatte, konnte mir nicht genug von der Heiterkeit des Herzogs erzählen und dem Entzücken, das ihm Reiz und Liebenswürdigkeit der Fürstin v. Taxis erregt hatten. Wenn auch nicht erfreut, fühlte ich mich doch beruhigt durch den Gedanken, daß er nun selbst einsähe, wie es Gegenstände außer mir gäbe, die sein Herz auszufüllen vermöchten. Die beiden Fürstinnen bezauberten allgemein und verdunkelten auf dem Hofball alles, was Anspruch auf Schönheit machen konnte; mit dem Mut der Überlegenheit hatten sie in ihrer Toilette Jahrtausende übersprungen und die Modelle ihres Kopf- und Leibschmucks vom Parnaß geholt, daß sie wie wandelnde Antiken erschienen, von dem holdseligsten Leben der Gegenwart erfüllt. Unter die Feste dieser Tage gehörte auch die Aufführung von Wallensteins Tod (2. Juli), der damals außer in Weimar noch nirgends gegeben war; während eines Zwischenaktes kam Goethe in seidenem Galakleid mit Degen und Chapeaubas in strengster Haltung auf die Bühne, um mir zu verkünden, daß mich die Königin morgen früh zu sehen wünsche. Ich zog mein schönstes Kleiden, dessen einfachen Fonds der schweizer Weber durch Blumenkränze unterbrochen hatte, während ich die Taille mit einem weißen Atlasband umgürtete, mit dessen langen Enden der Zephir sein Spiel treiben konnte. Die böse Dresdner Kopfrose hatte mir die rötlichen Haare genommen; mit den dunkelblonden Locken war noch nichts aufzustecken, ich ließ ihnen also die Freiheit, sich selbst mit Kopf und Nacken zu ennuyieren. Mein Weg führte mich über den Markt, wo ein Korb mit Blumen feilgeboten wurde; ein Bukett mit halbgeöffneten Rosen blickte so lieblich und duftig zu mir auf, daß ich nicht widerstehen konnte, es zwischen dem Gürtelbande zu befestigen, und, durch die Berichte der Frau v. Löwenstern beruhigt, ging ich mit lange nicht empfundener Freude der schönen Stunde entgegen. Die Königin überhäufte mich mit Güte und dem Lobe über meine Thekla, in das ihre Schwester einstimmte, erinnerte mich auch an[143] mein Versprechen, bald wieder nach Berlin zu kommen; aber es war die Stunde des Abschieds, und während der holde Mund die freundlichsten Worte sprach, ergossen sich bittere Tränen aus den schönen Augen. Nachdem die Verhältnisse wieder in ihren gewöhnlichen Gang zurückgekehrt waren, entschwand auch das Entzücken des Herzogs, das mir Frau v. Löwenstern berichtet und ich mit so viel Hoffnung aufgenommen hatte. Ihre Familie hatte die Abreise von Weimar auf einen nahen Zeitpunkt festgesetzt, und der Herzog wurde dadurch einer angenehmen Gewohnheit und der Gelegenheit beraubt, mit mir zusammenzukommen. Unbegreiflich, daß er in einer Zeit von beinahe zwei Jahren nicht über den Herzenszustand seiner Freundin ins klare gekommen war, genug, er wählte gerade sie, um sich über seine Gedanken und Gefühle mir gegenüber auszusprechen. In der Hauptsache waren mir dieselben bekannt, nur die Motive seines Eingriffs in ein blühendes und hoffnungsreiches Menschenleben hatte er in seinen Briefen nicht berührt. Er fürchtete, daß ein Mädchen von meiner Lebhaftigkeit und Schwärmerei sowie gänzlich mangelnden Welterfahrung die Beute eines Mannes werden würde, der, statt ihr Beschützer zu werden, die Früchte ihres Talents genießen wolle, und daß ich so traurig enden würde wie ich glänzend angefangen hätte. Er dagegen wolle mich vor allen Zufällen sicherstellen, und was die Achtung der Welt beträfe, auf die ich so großen Wert zu legen schiene, so hänge sie von den Umständen und von den Personen ab, so daß man ein wahres Glück nicht Bedenklichkeiten opfern dürfe, die man selber zerstreuen könne. Obwohl meine Liebe ? ich brauche dieses Wort, obwohl es die komplizierte Empfindung nicht wiedergibt ? durch diese Mitteilung noch erhöht wurde, stiegen andererseits Angst und Betrübnis derart, daß ich dem Herzog durch Frau v. Löwenstern mitteilen ließ, trotz aller seiner Fürsorge könne ich meinen Entschluß nicht ändern und wolle eher sterben, als mich in den Augen der Welt erniedrigen. Wahrscheinlich führte sie den Auftrag schonend aus, ohne ihm die Hoffnung ganz zu nehmen, genug, er schrieb mir wieder, indem er die Verzweiflung einer glühenden Liebeoffenbarte, die seinem Leben den einzigen Wert gebe. Schon wollte ich das Schreiben ungelesen zurücksenden, stand aber doch von diesem Äußersten ab, kopierte es als teures Andenken und stellte es ihm bei seiner Rückkehr von einer Inspektionsreise mit der Bitte zu, mir nicht ferner zu schreiben, um mich nicht meinerseits zur Verzweiflung zu treiben. Von da an hatte ich keinen frohen Augenblick mehr, meine Augen wurden nicht mehr trocken; auch auf dem Theater nicht, wo mir der gute Becker fröhlichen Andenkens ein trostreicher Freund wurde und mir Mut einsprach, wenn ich, Tränen im Auge, scherzend und lachend die Szene betreten mußte ? ich habe es ihm nicht vergessen und konnte es ihm später vergelten. So lästig ihr die Gesellschaftsabende unter diesen Umständen wurden, wollte Frau v. Löwenstern bis zu ihrer Abreise doch keine auffallende Veränderung eintreten lassen, und der Herzog folgte seiner Gewohnheit; aber die Stimmung blieb gespannt, und die Angst, durch ein freundliches Wort oder meine Befangenheit noch nicht ganz entschlafene Hoffnungen aufzuwecken, brachte mich in solche Verwirrung, daß ich endlich glaubte, mich nur durch den Tod zu retten ? nicht vor einem Verhältnis, das ich unter keinen Umständen eingehen wollte, sondern ? vor dem Schmerz über die Unmöglichkeit, das zu gewähren, was der Fürst das Glück seines Lebens nannte. Die Freude über diesen Ausweg war so lebendig, daß ich die Bäume umarmte, an mein Herz drückte und die Natur um so schöner fand, je unabweislicher es mir ward, sie verlassen zu müssen. Ich war in einer beständigen Exaltation, die Hofkonzerte wurden mir durch die schmerzlichen Eindrücke peinlich. Wenn ich die Bedienten oder Hofleute in ungewöhnlicher Bewegung sah, der Herzog vor Beendigung der Kur den Saal verließ oder mir von befreundeter Seite gemeldet wurde, man habe nach dem Arzt geschickt, begann für mich ein Zustand, der den Streit zwischen Vorwürfen und Grundsätzen zu einem hoffnungslosen machte. Einmal trat der Herzog zu mir und sagte mir, es könne so nicht weitergehen, er müsse mich sprechen. In einer Unterredung glaubte ich ihn von der Tiefe und Natur meiner Neigung überzeugen, Aufschluß über die Ungleichheiten meines Betragens geben, seine Ansichten widerlegen[147] zu können, und so bat ich ihn im Bewußtsein meines reinen Willens, nach dem Hofkonzert zu mir zu kommen. Von diesem Augenblick an fühlte ich mich frei von der Last, die mich so lange bedrückt hatte, nicht von ihm losgerissen, sondern losgesprochen, da ich mir einbildete, daß er, von meiner ewigen Dankbarkeit und Ergebenheit überzeugt, sich selbst überwinden würde. Nicht ohne Beklemmung, aber mit mehr Freude als Angst, erregt von meinen Illusionen, aber ehrfurchtsvoll und demütig sah ich in meiner Konzerttoilette dem Eintritt meines Gastes entgegen. Mag es Folge meiner gedrückten Kindheit oder ein angeborener Charakterzug sein, ich war immer verlegen, wenn ich Vorzüge, die man in mir zu finden glaubte, rechtfertigen sollte; so hatte mich auch das Bewußtsein, wie wert ich dem Herzog war, nicht zu der Überlegenheit erheben können, mit welcher der Sieger dem Besiegten gegenübertritt. Nur hatte das so lange andauernde Verhältnis meiner Liebe einen Ernst und eine Tiefe gegeben, die, ganz verschieden von dem, was man Leidenschaft nennt, dennoch derselben die Wage hält. In dieser tiefbewegten Stimmung hieß ich den Herzog willkommen, war glücklich, ihm meine Handlungsweise verständlich zu machen, und wiederholte, daß ich für ihn sterben möchte (was ihm keinen Eindruck zu machen schien), aber seine Wünsche nicht erfüllen könne, freilich mich auch nicht gewaltsam loszureißen vermöge, weil der Gedanke, ihn gekränkt zu haben, mir unerträglich sei. Er möge doch einsehen, daß seine Empfindung für mich größtenteils in seiner Imagination bestehe und durch die Schwierigkeiten, die ich ihm in den Weg legte, vergrößert worden sei; wenn er sie überwinde, werde er tausendmal zufriedener sein, als wenn er mich durch seine Schuld unglücklich sehen müßte. Er erwiderte, das Gefühl, das ihn an mich fessele, bedeute Leben oder Tod, meine Grundsätze beruhten auf den allgemeinen Begriffen, aber die Umstände forderten zuweilen Ausnahmen und die vorliegenden besonders. Jung, unerfahren und unbesonnen, würde ich Eindrücke über meine Wahl entscheiden lassen und das Opfer eines Unwürdigen werden, wie das gerade in meiner Sphäre oft vorkomme. Bliebe ich dagegen bei ihm, so mache ich das Glück[148] eines Menschen, der es nicht unwert wäre, daß man ihm Bedenken opfere, die sich in dem Bewußtsein einer guten Handlung verlören. Übrigens wäre es eine Rechtfertigung vor der Welt, daß seine Gemahlin aufrichtig wünsche, meine Neigung möchte mich ihm zuführen, mir also nicht feindlich, sondern wohlwollend gegenüberstehe. Je wärmer und eindringlicher der Herzog sprach, desto größere Gewalt tat ich mir an, keine Nachgiebigkeit zu zeigen; ein einziges Wort, sagte ich mir, kann dich verderben, und beharrte bei meiner Bitte, mich ziehen zu lassen. Endlich fragte mich der Herzog, ob es meine Begriffe von Ehre befriedigen würde, wenn ich mich ihm an die linke Hand trauen ließe, ich erklärte das für eine Form, die das Unerlaubte nur schlecht bedecke, und wies sie weit von mir. »Nun«, schloß der Herzog, »ich habe versuchen wollen, ob der Himmel mir noch ein Glück gönnt, das mir meine Existenz wert machen könnte; ohne eine solche Aussicht halte ich es in dem beschränkten Wirkungskreise und den erkaltenden häuslichen Verhältnissen nicht mehr aus; ich werde in russische Dienste gehen und meiner Frau die Regentschaft übertragen, das Land wird sich wohl dabei fühlen, und ich finde eine angemessene Tätigkeit oder das Ende eines reizlosen Lebens.« Aber wie fest ich auch dem Edelmut und der Wahrheitsliebe des Herzogs vertraute, konnte ich doch den Gedanken nicht abweisen, diese letzte Erklärung solle meine Beharrlichkeit dadurch erschüttern, daß selbst das Wohl des Landes von mir abhängen sollte. Diese Nuance von Mißtrauen erlaubte mir zwar die Bitte, das schreckliche Projekt nicht auszuführen, aber sie bewahrte mich vor einem Versprechen, das sich schon auf die Lippen drängen wollte. Der Herzog verließ mich mit großer Niedergeschlagenheit, und ich war durch die Aussprache nicht erleichtert, sondern zu der schmerzlichen Überzeugung gedrängt, ich müsse fort, und der Herzog werde darüber zugrunde gehen. Bei dem Austritt aus unserem Hause, erzählte er mir später, empfing ihn der Leichenzug der Gräfin Marschall, er mußte, um nicht erkannt zu werden, mitgehen und konnte erst, als die Straße breiter wurde, unbemerkt aus der Reihe treten und den Weg nach dem Schlosse einschlagen.[149] Seit einiger Zeit hatte sich der Sänger Schulz mit Frau und Kind in Weimar aufgehalten; in Wien engagiert und auf der Reise dahin begriffen, machte er mir den Gedanken rege, mich ihm anzuschließen, um Wien und seine Künstler kennen zu lernen und Betty Koch wie meinen Bruder zu besuchen. Der arme Schulz war so brustleidend, daß schwer zu begreifen war, wie er sich die Reise und in Wien die Stellung als erster Tenor zutrauen konnte. Einen Urlaub auf sechs Wochen verdankte ich dem Machtspruch des Herzogs, der gern sah, daß sich mein Talent durch neue Eindrücke erfrischte und meine Phantasie durch neue Bilder belebte; vielleicht wollte er auch sehen, ob das seinige die Konkurrenz bestand und wie sich das weimarische Theater ohne mich behalf. Über die Reise bis nach Prag ist nichts zu berichten; dort konnte Schulz seiner Spielleidenschaft nicht widerstehen und gab den Karl Ruf in der »Schachmaschine«, und zwar trefflich; er hatte aber seine Kräfte überschätzt und wurde tags darauf von einem Blutsturz befallen. Der Wagen durfte sich nur schrittweise vorwärtsbewegen, in einem elenden böhmischen Dorf mußten wir drei, in Znaim zwei Tage liegen bleiben, und als wir endlich in Wien ankamen, war Baron v. Braun noch in Karlsbad und Madame Roose auf dem Lande. Ich brachte meine Zeit in Familien zu, mit denen mich mein Bruder bekannt machte, besuchte das Theater, und als Schulz sich wohler fühlte, begleitete ich ihn zu dem Intendanten, der ihm Vorwürfe über sein Prager Debüt und seine Invalidität machte und auch mich seine gereizte Stimmung kosten lassen wollte, bis er sich meines Berliner Sukzesses erinnerte und mir Gastrollen anbot. Ich besuchte mit meinem Bruder den Komponisten Salieri, einen kleinen Mann in den fünfziger Jahren von verbindlichem Wesen sowie regelmäßigen und geistvollen Zügen, der mit mir später die große Arie der Susanne im letzten Akte des Figaro durchging und mich dadurch wesentlich förderte. Stürmisch aber schlug mein Herz Betty Koch entgegen, die ich in Hietzing aufsuchte, wo ihr Gatte, ein junger Mann mit großen runden Augen, glänzend glattem Gesicht und unverbindlichen Manieren, ein trefflicher Darsteller junger Bauern und in diesem Fache ein großer Liebling der Wiener, mir bereits die Überzeugung[150] aufdrang, daß das ideale, poetische Mädchen in die vollkommenste Prosa übergegangen war. Sie empfing mich, als ob wir uns vor kurzer Zeit getrennt hätten, und brachte meinen Tränen kein Verständnis entgegen; in der großen Welt hatte sie den Blütenstaub ihrer früheren Tage, das Zartgefühl und die sanfte Weiblichkeit eingebüßt, so daß ich statt der liebenswürdigen Betty Koch mit Madame Roose, einer Frau von festem und sicherem Auftreten, vorlieb nehmen mußte. In Wien besuchte ich mit ihr die Kunstläden und erlebte bei der Besichtigung eines Chambre garni eine merkwürdige Szene; die bisherige Bewohnerin trat ihr starr gegenüber, und ihre feindliche Stellung war gleichfalls nicht zu bezweifeln. Bald löste sich die Versteinerung, und beide Frauen ergossen sich in so bitteren Anzüglichkeiten, daß ich zur Türe drängte, die der Besucherin wiederholt gewiesen wurde. Wären die Damen Weiber aus dem Volke gewesen, würde ich mich nicht gewundert haben, aber die eine war die holde Mannheimer Jugendblüte und die andere die Gräfin Lichtenau, die ehemalige Beherrscherin eines königlichen Herzens und jetzige Geliebte eines jungen Troubadours, der sich Fontano nannte und die hübsche Madame Roose ihr vorzog. Zu meinen angenehmsten Wiener Bekanntschaften gehörte das Arnsteinsche Haus und der Arzt Frank mit seiner jungen Frau, geborenen Gherardi, einer brillanten Erscheinung im Reiche des Gesanges; eben im Begriff, mit dem berühmten Marchesi in Italien aufzutreten, reichte ihr Dr. Frank die Hand, beides liebenswürdige Menschen, die mich zärtlichst liebten und in Ausbildung des Gesanges unterstützten. Die Familie Arnstein bewohnte eine Gartenwohnung in der Nähe der Stadt, nahm mich mit großer Artigkeit auf und verdoppelte dieselbe nach meinen glücklichen Debüts. Frau Baronin Arnstein, Frau Baronin Eskeles, ihre Schwester, und Henriette, ihre Tochter, zeigten im Äußeren ganz den Zuschnitt der Frauen aus dem Alten Testament, auch gelang es ihnen nicht, den eigentümlichen Dialekt ihrer Nation ganz zu überwinden, doch wurde das Frappierende durch Eleganz in Formen und Haltung vollständig ausgeglichen. In ihrer sehr hübschen Behausung sah man täglich Fremde aus allen Ländern, auch Lord Nelson mit der durch[151] ihre Attitüden bekannten Lady Hamilton wurde erwartet. Nach vielen Stunden der Ungewißheit, ob die Herrschaften der Einladung Folge leisten würden, erschienen sie endlich; Nelson, ein kleiner, magerer Mann mit einem Auge und einem Arm, dem man den Helden nicht ansah, Lady Hamilton, eine hohe, stattliche Gestalt mit dem Kopfe einer Pallas, hinter ihm drein, seinen Hut unter dem Arme tragend. Sie blieben den ganzen Abend und ließen ihre Wirte in der größten Satisfaktion über die ihnen gewordene Ehre zurück. Ich begann mein Gastspiel mit der Susanne im »Figaro« und wurde durch eine unvermutet warme Aufnahme ausgezeichnet. Die Wiener sind bekanntlich in ihrem Enthusiasmus halbe Italiener, und dieser erhielt mich den ganzen Abend in einer rauschähnlichen Erregung, in der alles gelingt; wenn der Darsteller die tönende Seite in den Gemütern trifft, entsteht ein geheimer Rapport mit dem Publikum, und diese Harmonie spornt die Kräfte zur höchsten Anstrengung. Wie mein Schicksal stets in Extremen verlief, so nahm ich auch alle Erlebnisse mit lautem Jubel oder tiefem Schmerz auf; diesmal konnte aber nur von extremer Freude die Rede sein, denn bei jedem Auftritt während der Vorstellung ward ich mit Applaudissement empfangen und am Ende der Oper stürmisch hervorgerufen. Ein angenehmer Vorteil erwuchs mir daraus, daß Madame Galvani, erste Sängerin und eine sehr schöne und liebenswürdige Frau, seit langem vergeblich um Urlaub angehalten hatte, um nach Venedig zu gehen, wo ihr Mann als Kaufmann etabliert war; durch meine Anwesenheit war ihr Platz ausgefüllt, wie ich nicht ohne Stolz bemerken darf, und aus Dankbarkeit bot sie mir ihre sehr schön eingerichtete Wohnung in der brillantesten Lage an, mit Benutzung aller häuslichen Einrichtungen. Ich spielte noch einmal im »Figaro«, dann noch viermal die Roxelane in den »Drei Sultaninnen« und setzte mich bei dem Publikum so in Gunst, daß Baron Braun mir Anerbietungen machte, die das Weimarer Gehalt fünfmal überstiegen, und man allgemein wünschte, ich möchte mich in Wien engagieren. Daß ich aus Weimar scheiden mußte, blieb mir klar, aber ich wollte es nicht auf eine Weise, daß der Herzog glauben sollte, ich verlasse ihn und sein Theater, weil ich[152] anderswo besser bezahlt würde, er, leidend und lebenssatt, sollte mich nicht für glücklich halten. Die Frage, in welchem Erdenwinkel ich mich verbergen sollte, hatte mich während meines Wiener Aufenthalts beständig beschäftigt und die berauschenden Momente des Beifalls getrübt. Nun reiste ich aus dem Genuß von Ehre und Auszeichnung in mein kleines Weimar zurück, von der Seite bedeutender und angenehmer Künstler zu größtenteils absurden Talenten, von glänzenden Verhältnissen zu gedrückten Umgebungen. Mein an Leidenschaft grenzender Ehrgeiz hatte eine Befriedigung gefunden, wie sie die Heimat nicht im entferntesten bieten konnte, wenn auch meine Illusionen, die das Edelste für selbstverständlich hielten, mich insofern getäuscht hatten, als Baron Braun, dem ich volle Häuser gemacht hatte, mir mangels eines vorher abgeschlossenen Kontraktes ein mittelmäßiges Honorar übersandte. Immerhin konnte ich mir einen hübschen Wagen kaufen, in dem ich mittels Extrapost die Rückreise rascher und bequemer zurückzulegen hoffte als die Hinfahrt. Der Abschied von Wien ging mir nicht so nahe als der von Berlin, doch hatte ich viel erlebt und gesehen, was während der Reise in einzelnen Bildern an mir vorüberging und in stiller Betrachtung erst recht genossen wurde. Das Schauspiel hatte mir keine bedeutenden Eindrücke hinterlassen, desto mehr die Oper, in der ich die Paer mehrfach gesehen und zu meinem Ideal in Spiel und Gesang gemacht hatte. Ebenso bedeutenden Einfluß auf mein Talent hatte Demoiselle Cessentini gewonnen, die Zierde des Balletts, deren mimische Kraft, graziöse Bewegungen und großartige Darstellungsweise meinen Horizont erweiterten. Dem unwiderstehlichen Verlangen, meine künstlerischen Fähigkeiten auf den möglichsten Grad der Vollendung zu bringen, war kein Beitrag zu gering, und wer sucht, der findet; Nuancen, Momente, Bilder, die tausend Künstlerinnen nicht bemerken, faßte ich mit Begier auf und verwandte sie bei meinen Aufgaben. Still in die Ecke meines Wagens gedrückt, verteilte ich meinen größeren und kleineren Gewinn auf meine Rollen, schmückte damit Stellen aus, die bisher ohne auffallende Wirkung vorübergegangen waren, und hätte gleich einen Sprung aus dem Wagen tun mögen, um meine Ideen zu entfalten.[153] Die ersten Tage brachte mir dieses Phantasiespiel hinlängliche Unterhaltung, allmählich gingen aber die in buntem Farbenglanz prangenden Bilder in Tagesbeleuchtung über, die mehr Klarheit als Glanz verbreitet, und von der idealen Kunstbühne wurde ich zu Leben und Wirklichkeit zurückgeführt. Je näher ich der Heimat kam, um so mehr ertappte ich mich auf bekannten Empfindungen und unausgetragenen Stimmungen. Jedesmal, wenn ich von meinen Reisen heimkehrte und der erste Grenzstein mit dem verschlungenen C.A. das weimarische Gebiet ankündigte, fühlte ich mich von einer milden Luft umweht, die im Abendwind sich neigenden Bäumchen, die wogenden Saaten auf den Fluren brachten mir ihre Willkommengrüße, die bekannten Stellen erfüllten mich mit einer weichen Stimmung, und die liebe Stadt mit dem grünen Turme und den schlanken Pappeln verkündete mir eine glückliche Zukunft. Auch diesmal war mein Herz bewegt, aber die Natur hatte einen wehmütigen Charakter angenommen, die Bäumchen am Wege streckten ihre Kinderarme flehend zu mir aus, die grünen Wiesen flüsterten mir Worte treuer Anhänglichkeit ins Herz, und die grauen Mauern erzählten von Gram und Herzeleid. Der Ruf meiner Erfolge war auch hierher gedrungen, ich mußte von meinen Erlebnissen erzählen und unterhielt mein Publikum, das große und das kleine, so angenehm, daß es mir das gewohnte Wohlwollen äußerte, auch Frau v. Löwenstern, die, mit den Zurüstungen zu ihrer Abreise beinahe fertig, mit ihren Gefühlen ins reine gekommen schien oder sich mit großer Kraft beherrschte. Aber ein trüber Geist hatte die Oberhand, die Lage hatte sich so zugespitzt, daß man wie bei einem hoffnungslosen Kranken die Auflösung für das beste hielt, so betrübt man ihr entgegensah. Löwensterns reisten ab, um zunächst noch in den Rheingegenden zu weilen; der Verlust ward allgemein tief empfunden, am tiefsten vom Herzog, es entstand eine große Lücke. Ich kam dadurch meinen Freunden wieder näher, den Herzog dagegen sah ich nur im Theater und höchst selten in den Hofkonzerten, da ich die Mitwirkung unter verschiedenen Vorwänden zu vermeiden suchte. Auch ging ich selten aus und brachte ein trauriges Leben zu,[154] ungeduldig auf die Ankunft einer Sängerin wartend, die meine Stelle ausfüllte, damit ich endlich verschwinden konnte. Auch der Hofkammerrat sah darin meine einzige Rettung, vertröstete mich von einem zum anderen Tag, berichtete mir aber ebenso regelmäßig, wie leidend und verstimmt er den Herzog gefunden hatte und mit welcher Weichheit und Güte er meiner gedachte. Inzwischen hatte ich mit meiner Schwester ein Projekt ausgearbeitet, das die schweren Bedingungen erfüllen sollte, die mein Gefühl mir auferlegte. Ich wollte aus der Welt verschwinden, mich aufopfern, ohne meine Ehre zu gefährden, alle Prätentionen von mir werfen, in der Schweiz oder den Alpen eine Bäuerin werden, mich mit der heiligen Erinnerung an den Herzog und dem erhebenden Bewußtsein meiner Selbstüberwindung der herrlichen Natur ans Herz werfen. Wie Thekla, wenn sie zum Grabe Max Piccolominis schleicht, dachte ich nicht an Vater und Mutter; sie sollten nicht wissen, was aus mir geworden war, nur mein Bruder sollte es erfahren und meine Schwester, deren schöne Stimme sich immer vorteilhafter entfaltet hatte, mich begleiten. Von einem Urlaub, an dessen Gewährung ich nicht zweifelte, wollte ich nicht mehr zurückkehren; kaum aber, daß ich die Einzelheiten dieses phantastischen Planes in Erwägung zog, wurde er durch einen Brief des Herzogs über den Haufen geworfen und ich in die Zeiten des Kummers und der Sorgen zurückversetzt. Eine Unterredung konnte ich ihm nicht verweigern, wenn ich mir auch vornahm, meinen bisherigen Standpunkt zu behaupten. Ein Umbau hatte mich aus dem Hause meines Vaters vertrieben, und ich war mit meiner Schwester in das Logis gezogen, das Frau v. Löwenstern bewohnt hatte. Wie ich um lieber Erinnerungen willen diese Räume mir zum Aufenthalt erwählt hatte, wurde der Herzog durch dieselben an eine angenehm bewegte Zeit gemahnt, und die Weichheit seiner Stimmung ergriff mich tiefer, als wenn er mir seine Gedanken mit feurigster Beredsamkeit vorgetragen hätte. Nach der Löwensternschen Abreise, sagte er, habe er sich noch deutlicher überzeugt, wie notwendig ich zu seiner Zufriedenheit sei; als ich aber meine Einwände wiederholte, begann er dieselben mit einer Gereiztheit und Bitterkeit zu widerlegen, wie ich sie nie[155] an ihm bemerkt hatte. Sein Gesundheitszustand konnte heftige Gemütsbewegungen nicht ertragen, steigerte sie vielmehr zu bedenklicher Höhe, und so sehr ich entschlossen war, diesen Sturm auszuhalten, drohte doch jeden Moment meine Festigkeit mich zu verlassen. Der nächste Augenblick entschied über alle Bedenken: das dunkle Rot, das sich durch die Erregung über Stirn und Wangen verbreitet hatte, wechselte mit Todesblässe, mitten im Satz sank das Haupt mit geschlossenen Augen in die Kissen des Sofas zurück. Ich ergriff in namenloser Angst die kalten Hände und drückte sie weinend an meine Lippen, nur ein sanfter Druck überzeugte mich vom pulsierenden Leben. Nach geraumer Zeit richtete er sich auf, in mir war aber inzwischen ein Entschluß zur Reife gediehen, ehe er noch ein Wort an mich richtete, rief ich aus: »Was ist an meinem Leben und Glück gelegen, wenn von dem Ihrigen die Rede ist! Ich verspreche, hier zu bleiben!« Den innigen Ausdruck seiner Freude vermag ich nicht wiederzugeben, so wenig wie meine Beruhigung nach den kurzen Worten: »Das ist doch ein Wort, nach so viel trüben Stunden!« Ich aber nahm von Jugend und Glück Abschied. Man wird sich schwerlich in meine damalige Stimmung versetzen können, und ich selber finde mich kaum dahin zurück. Ich weiß nur, daß ich dem Herzog, ehe er von mir ging, den Wunsch aussprach, in Mannheim alle Stellen, die ich in der Unschuld meiner früheren Jahre betreten hatte, noch einmal wiederzusehen; die Menschen waren mir gleichgültig, nur zu den Erinnerungen wollte ich noch einmal den Blick erheben und vom Leben Abschied nehmen. Verstand mich der Herzog, oder wollte er mir in der frohen Stimmung seines Herzens keine Unlust erregen, genug, er stimmte zu, und schon am dritten Tage konnte ich meine Reise antreten. Amazon.de Widgets In der Zwischenzeit sah ich ihn noch einmal; er war damit einverstanden, daß ich mit dieser Reise die Erfüllung eines alten Versprechens verband, an das ich von den guten Richters oft gemahnt wurde, nämlich in Göttingen ein Konzert zu geben. Als ich mich von Frau v. Wolzogen verabschiedete, zeigte sie sich vorurteilsfrei genug, in dem mir vom Herzog zugemuteten Schritte keinen Grund zur Verachtung zu finden,[156] und fügte hinzu, daß sie ihn, ohne mir zuzureden, immer gewünscht habe. Als ich aber schmerzbewegt mitteilte, was zwischen mir und dem Herzog vorgefallen war, änderte sie ihre Ansicht, bedauerte mich und wünschte ein Mittel zu meiner Rettung zu ersinnen. So fiel ich in den Sturm zurück, aus dem ich mich durch meinen Entschluß gerettet zu haben glaubte, und die Reue gesellte sich zu meiner Trostlosigkeit, um allen bisherigen Kummer an Tiefe und Höhe zu übertreffen. In diesem Zustand ging ich zum Hofmarschall v. Luck, dem Manne, der mir oft gesagt hatte: »Ach, wenn Sie es über sich gewinnen könnten!« und erschrak über die Wirkung meiner Mitteilung, daß ich mich dem Herzog versprochen hätte. Die Menschen hatten wohl geglaubt, der Herzog werde ewig schmachten, und ich wie eine Marmorstatue kalt und fühllos den Ausdruck seiner Empfindungen in Empfang nehmen; das endliche Resultat frappierte sie, zumal sie nicht wußten, wie künftig meine Stellung zur Welt und ihre Stellung zu mir sein würde. Frau v. Luck umarmte mich unter Tränen, und ihr Gatte mahnte mich, den Herzog daran zu erinnern, daß er mir ein Sort machen solle, wozu jetzt der gegebene Augenblick sei. Ähnliches hatte Frau v. Wolzogen geäußert, mit dem Bemerken, es könnte vielleicht daraus die Möglichkeit entstehen, mich meines Versprechens zu entbinden; ich selbst machte mir darüber keine Gedanken, ich wußte nur, daß mein Entschluß durch die nachfolgenden Vorgänge beinahe wieder in Frage gestellt worden war. Von meiner Reise wäre nichts Besonderes zu sagen, wenn nicht die Achse unseres Wagens etwa eine Stunde vor Mühlhausen gebrochen wäre, so daß wir demütig zu Fuße in die Stadt einziehen mußten. Die anderthalb Tage, die wir dort zubrachten, verwandte ich dazu, das Spiel auf der Gitarre zu erlernen, da ich kurz vorher ein schönes Instrument aus Paris bekommen hatte, und das Liedchen »Es ritten drei Schneider zum Tore hinaus«, das wir in »Reiter« umwandelten, hat mit seiner hübschen Melodie in zweistimmigem Satze mit Gitarrenbegleitung auf unserer weiteren Reise Sensation gemacht. Seitwärts von Mühlhausen liegt meines Vaters Geburtsort, Dingelstedt, wo ich in meiner Kindheit bei meinem[157] neunzigjährigen Großvater geweilt hatte; ich fand noch den Lehnstuhl, in dem ich ihn hatte ruhen sehen, und das große Bett mit den grünwollenen Vorhängen am alten Platze. Dann fuhren wir nach Duderstadt, wo Trompeten, Pfeifen und Klarinetten unter Begleitung der jubelnden Gassenjugend von Haus zu Haus zogen und Transporte von Kuchen und dampfenden Bratwürsten einen Vorgeschmack von dem Schützenfest gaben, das nachmittags die ganze Einwohnerschaft auf einer mit Zelten besetzten Wiese vereinigte. Die Jagemänner und -männinnen setzten uns in der fürchterlichsten Hitze derart mit Essen und Trinken zu, daß ich am Ende alle Dankbarkeit und Höflichkeit hintansetzen mußte, um meine Schwester vor dem Übermaß des sauren Weines und dicken Kuchens zu erretten. Am Ausgang des Festlokals präsentierte die Stadtmiliz umschichtig Gewehr und Hut, um die Hand nach einer Gabe auszustrecken, und der gastfreundlichen Zudringlichkeit und den stürmischen Abschiedskomplimenten glücklich entronnen, fuhren wir in den Abend hinein, der uns mit seiner erfrischenden Kühle und duftendem Heugeruch die überstandenen Leiden vergessen ließ. Den nächsten Mittag trafen wir in Göttingen ein, wo uns Frau Hofrätin Richter mit der traurigen Nachricht empfing, daß ihr Gemahl infolge Podagras sein Schmerzenslager nicht verlassen könne. Da er von unserer Ankunft überrascht werden sollte, stimmten wir vor seinem Zimmer unsere Lieder zur Gitarre an, die zwar nicht Tote erwecken, aber Lebende von ihren Schmerzen befreien konnten, denn der Hofrat zeigte sich mit fröhlichem Antlitz in der Türe und konnte bald die Kollegien wieder aufnehmen, die er in seinem Hause las. Damals in den sechziger Jahren, war er einer der berühmtesten Augenärzte, infolgedessen ein reicher Mann und eine Notabilität der Stadt; süffisant, ungeniert und barsch wie viele großen Ärzte, aber mit seinem trockenen Witz und einer gewissen gemütlichen Fröhlichkeit ein guter Gesellschafter. Seine Gattin, nicht viel jünger als er, eine große, dicke Frau, in einer Mischung von Herzensgüte, Eitelkeit, etwas Hochmut und Unwissenheit ein Original, lebte in liebevoller Feindschaft mit dem Professor Sartorius, ihrem täglichen Tischgast, der in seiner ruhigen,langsamen Deutlichkeit ihr die empfindlichsten Grobheiten sagte, bis sie ihr zum Bedürfnis geworden waren. Der Hofrat annoncierte unsere Anwesenheit in seinem Hause sowie unser Konzert, dessen Programm er drucken ließ, während die Hofrätin die Einlaßkarten schrieb und siegelte, um mir das in einem Körbchen gesammelte respektable Legegeld der studierenden Jugend triumphierend zu zeigen, wenn ich von den Proben zurückkehrte. Von dem überfüllten Hause wurden unsere Produktionen mit rauschendem Beifalle belohnt, und nach der ersten Abteilung war schon die Subskription für ein zweites Konzert fertig. Da trat der Hofrat, der sich inzwischen die »Drei Reiter« oft hatte wiederholen lassen, mit der Gitarre auf das Podium und forderte das Publikum auf, uns das Lied nachzusingen; ein Sohn des berühmten Naturforschers Blumenbach fügte dem einen Vers zwei andere hinzu, und in dieser Form hat es Popularität erlangt. Nach dem Konzert fand im Richterschen Hause große Gesellschaft statt, bei der die studierende Jugend vorwaltete; die beiden Herren v. Arnim, Achim, der leider so früh verstarb, und sein Bruder, der spätere königliche Mundschenk, Graf Luxburg, der nachherige bayrische Gesandte und der junge Blumenbach haben ihre Freundlichkeit gegen das junge Mädchen auf meine späteren Tage übertragen. Am andern Morgen wurde mir der Leibchirurg des Herzogs gemeldet, der mir erzählte, derselbe habe wegen plötzlicher Erkrankung die Reise nach Teplitz nicht antreten können, seine Gemahlin hätte die Nacht bei ihm gewacht und er Kurierpferde genommen, um mir seinen Brief zu überbringen. »Retten Sie mich, wenn Sie können«, war mein letztes Wort an Frau v. Wolzogen gewesen; das fiel mir jetzt aufs Herz, und in höchster Erregung fertigte ich den Boten in der nächsten Stunde ab. Der Herzog schrieb mir, Frau v. Wolzogen habe ihm für Erfüllung seiner Bitte die Bedingung gestellt, mir vierzigtausend Taler zu übergeben; und aus seinem veränderten Tone ging hervor, welch befremdlichen Eindruck diese Eröffnung auf ihn gemacht hatte. Er wäre immer ein Bewunderer meiner vielseitigen schönen Eigenschaften gewesen, bemerke aber jetzt mit Staunen eine respektable Kalkulationsgabe, die seiner Neigung eine andere Richtung gäbe; trotzdem sei er[161] nicht stark genug, ihrer Gewalt zu widerstehen, und wolle mir die Summe überweisen, wenn sie auch nicht sofort aufgebracht werden könne. So waren mit einem Male die schönen Motive meines Widerstandes entstellt und der Charakter meines Opfers vernichtet; in tiefer Entrüstung antwortete ich, daß Frau von Wolzogen in ihrer guten Meinung für mich zu weit gegangen sei und ein unzureichendes Mittel gewählt habe, da er mich mit seinem ganzen Lande nicht für die Verleugnung meiner Grundsätze und den Verlust der allgemeinen Achtung entschädigen könne, von den vierzigtausend Talern keine Rede wäre, und dieser Punkt fürder unberührt bleiben müsse. Nach einem kurzen Aufenthalt in Mannheim werde ich zurückkehren, er solle sich keine weitere Sorge um mich machen; und so wurde das zweite Konzert abgesagt, ich nahm dankbaren Abschied von meinen gastfreundlichen Gönnern und legte ohne Zwischenfall die weitere Reise zurück. In Mannheim erwartete uns ein frisches, ganz neues Leben. Eine adlige Familie, die früher in Weimar lebte, die des Präsidenten v. Kalb, hatte sich hier etabliert, die Frau eine äußerst anziehende Persönlichkeit von lieblichem Äußeren, origineller Naivität, Enthusiasmus für Kunst und Künstler, aber in praktischen Dingen unerfahren wie ein Kind. Ihr Gatte, unverhältnismäßig älter, hatte sie in dieser Kindlichkeit geflissentlich zu erhalten gewußt, alle aber, die sie als Zierde beider Weimarer Höfe gekannt hatten, behielten sie in liebevollem Andenken. In diesem Hause wie bei der Frau Kriegsrätin mit offenen Armen aufgenommen, in andere eingeführt, um die Bekanntschaft von Mädchen meines Alters zu machen, erschien mir Mannheim in einem freundlichen Lichte. In einer mit der früheren Zeit kontrastierenden Unbefangenheit sah ich die Familie Beck wieder, gab mich der angenehmen Gesellschaft hin, die ich an geliebten Stellen fand, und empfand es um so schmerzlicher, wenn ich in den Bewohnern des herzoglichen Palais ganz gewöhnliche Menschen entdeckte oder aus den Fenstern von Ifflands Wohnung von schmutzigen Kindergesichtern angestarrt wurde. Ich wandelte in den Straßen umher, an Bettys Wohnung vorüber nach dem Theater, wo ich die leere Bühne betrat, auf der ich vor Angst gezittert und vor Freude gebebt hatte, bevölkerte[162] die dunklen Logen mit den früheren Insassen, von denen schon viele nicht mehr unter den Lebenden weilten, und trat in die Werkstatt der Arbeiter, die noch vollzählig versammelt waren und mir ihre ehrlichen Hände reichten, froh in der Erinnerung an unsere frühere Intimität, wenn sie mir in der Versenkung oder in hoher Luft die Zeit bis zum Auftreten verkürzten. Die Sehnsucht, die mich hierher getrieben hatte, vor meinem moralischen Tode Abschied von meiner Jugend zu nehmen, erfüllte sich zusehends, doch will ich nicht in Abrede stellen, daß ich zuweilen von meiner tragischen Stimmung abgezogen wurde, die Sorgen vergaß und, als ob ich Lethe getrunken hätte, in eine frohe Laune überging ? es war auch das letztemal in meinem Leben. Auf der Rückreise traf ich in Frankfurt mit Frau v. Löwenstern zusammen, die mir von Fräulein v. Knebel, der Hofmeisterin der Prinzeß Karoline, berichtete, daß sie eher ihre Stelle niederlegen, als einen ferneren Umgang mit mir gestatten wolle, wenn das Verhältnis en question zustande kommen sollte. Ehrgeiz, Stolz und Anhänglichkeitsgefühl, die empfindlichsten Teile meines Wesens, fühlte ich derart verletzt, daß ich in der trübseligsten Stimmung meinen Weg fort setzte und in Weimar wie in mein Unglück einzog. Ich vermochte nicht, dem Herzog meine Ankunft anzuzeigen, der Torschreiber tat es für mich, und als ich ihn froh und gesünder wiedersah, mußte ich mir alle Mühe geben, den trostlosen Zustand meines Innern zu verbergen. Dieser Zwang konnte ihm nicht entgehen, und nach einigen Tagen fragte er mich, ob ich meinen Entschluß bereue; ich konnte das mit gutem Gewissen verneinen, verschwieg aber ebensowenig, daß ich mit Angst einer traurigen Zukunft entgegensähe. Nach kurzem Schweigen erwiderte er: »So müßte ich einer der schlechtesten Menschen auf Erden sein, wenn ich ein solches Opfer annehmen wollte. Geben Sie mir meine Briefe.« Diese plötzliche Entscheidung traf mich wie ein Donnerschlag, ich hatte kaum die Kraft, die Papiere herbeizuholen. Noch hätte ich erwidern können, daß ich versuchen wolle, meinen Schmerz zu überwinden, aber ich fühlte, daß ich zum letzten Male mein Schicksal in der Hand hatte, und in einem seelischen Zustand, welcher der[163] körperlichen Folter nahekam, gab ich ihm die Briefe. In der Küche brannte helles Feuer, der Herzog hielt jeden Brief einzeln darüber, bis er verkohlte, vielleicht, um mir Zeit zur Überlegung zu lassen; aber weil ich das glaubte, preßte ich die Hände aufs Herz und biß die Lippen zusammen, damit kein Wort den Zustand meines Innern verriete. Als endlich der letzte Brief zu Asche geworden war, sagte er: »Leben Sie wohl, wir haben jetzt auf Lebenszeit Abschied genommen.« Ich stand eine Weile unbeweglich, während mein Auge ihm die Treppe hinab folgte; dann brach die verhaltene Qual hervor, ich fiel auf die Knie, und mein formloses Gebet erstickte in Tränenfluten. Meiner Schwester und meinem Mädchen rief ich zu, daß wir morgen nach Berlin fahren würden, und flog, ohne die Wirkung meiner stürmischen Aufregung abzuwarten, zum Hofkammerrat, nicht um Urlaub zu erbitten, sondern meinen Abschied für immer anzuzeigen. Als ich das Erlebnis des Abends erzählte, weinten alle tief erschüttert, und der Hofkammerrat tröstete, der Fürst werde es überwinden und einsehen, daß ich recht gehandelt hätte. Ich hörte seine Worte kaum, denn ich mußte noch zu meinen Eltern, um ihnen einen Vorwand meiner schnellen Abreise mitzuteilen. Das geringe Vertrauen, das ich zu ihnen hatte, bildet eine böse Schattenseite in meinem Charakter, aber die traurigen Verhältnisse im elterlichen Hause, die Härte meines Vaters und die Sorglosigkeit meiner Mutter hatten die innige Gemeinschaft beinahe aufgelöst. Mein Vater erlaubte meiner Schwester, mich zu begleiten, und so ordnete ich in fieberhafter Eile, was vor einer ewigen Trennung geordnet werden mußte. Auf der Anhöhe, von der man Schloß und Stadt übersieht, ließ ich halten, und meine Seele kehrte, wie sie nach frommem Glauben bei der Trennung vom Körper noch einmal bei ihren Lieben verweilen soll, zu denen zurück, an die ich mich mit allen Banden der Liebe und Verehrung gefesselt fühlte. Mit diesem letzten Blick glaubte ich den letzten Abschied zu nehmen, doch hatte sich der gute Hofkammerrat auf der Wegscheide eingefunden, mir seine und der Seinigen treuen Wünsche zu wiederholen; er war unbeschreiblich bewegt, und ich, in Tränen aufgelöst, konnte ihm nur stumm die Hand drücken. Unsere[164] Reise ging zuerst unter allgemeinem Stillschweigen, dann in fortgesetzter Einsilbigkeit, bis zuletzt in fürchterlicher Langsamkeit vor sich, denn damals gab es noch nicht überall Chausseen, und der Gedanke an Eisenbahnen war noch nicht einmal im Entstehen. Nachdem ich am 14. August 1801 in Berlin angekommen war, teilte ich Ifflands, die mich mit warmer Freundschaft empfingen, den Grund meiner schnellen Abreise mit; er war nicht verwundert, da er in dem Ettersburger Bukett meine Zukunft vorausgesehen hatte, da er aber den Herzog liebte, geteilt zwischen Beifall über Festhalten an meinen Grundsätzen und Bedauern über die jenem durch meine Entfernung gewordene Kränkung. Die Königin empfing mich wieder mit der gewohnten Huld, vermied auch nicht, von Iffland über meine Verhältnisse unterrichtet, sich mit mir darüber zu unterhalten, wobei sie manche Motive des Herzogs begriff, ohne ihn zu verdammen, und meine Verhaltungsweise billigte. Diesmal wohnte ich nicht bei Iffland, der sich ein Haus im Tiergarten gebaut hatte, gerade groß genug für sich und die Seinen; es war der Ruhe gewidmet, denn Tranquillitati stand mit goldenen Buchstaben über seinem Portal, nur trat die Unruhe seiner Häuslichkeit, obwohl für den Beschauer interessant genug, dem Wunsche ironisch gegenüber. Ich korrespondierte regelmäßig mit dem Hofkammerrat, der meine Erregtheit zu beruhigen suchte; meine Gedanken, Wünsche und Bestrebungen befanden sich in fortdauernder Verwirrung, ich lebte in der Gegenwart ohne bestimmtes Ziel und blickte in die Zukunft wie durch ein Perspektiv ohne Gläser. Auch diesmal blieb mir die Kunst die liebevolle Mutter, in deren Armen ich Trost und Glück fand; der Erfolg meiner Leistungen war noch glänzender als bei meinem früheren Gastspiele. Bisher hatte noch keine Künstlerin ungestraft das Wagestück unternommen, in den ersten Rollen der dortigen Lieblinge aufzutreten, mir aber ward der rauschendste Beifall, und zwar nicht nur als Sängerin, sondern auch als Schauspielerin im Trauer-und Lustspiel. Diese Vereinigung, die früher durch die Not geboten, selten gleich befriedigende Resultate erzeugt hatte, war in den damaligen anspruchsvolleren Zeiten selten und wird aller Voraussicht nach immer seltener werden.[165] Amazon.de Widgets Mit zutraulichster Offenheit und ohne Befürchtung eines Mißgriffes teilte ich der Königin Luise in meiner Angelegenheit mit, daß mich Briefe aus Weimar beunruhigten und irre machten. Sie beobachtete bei diesen Herzensergießungen eine taktvolle Haltung, ging auf die delikaten Seiten nicht ein und vermied Kälte und Nichtachtung, durch die sie meine unüberlegte Vertraulichkeit, die sie leicht als Mißbrauch ihrer Huld deuten konnte, beschämt haben würde. Im ganzen teilte sie Ifflands Meinung, der sich für eine einstweilige Rückkehr nach Weimar erklärte, weil ein plötzliches Ausscheiden aus den dortigen Theaterverhältnissen dem auch von ihm verehrten Fürsten einen doppelt empfindlichen Eindruck machen müsse. Doch setzte sie voraus, daß ich nach einiger Zeit gänzlich ausscheiden sollte, und für diesen Fall bot sie mir im Einverständnis mit dem König ein Engagement in Berlin als Kammersängerin an, im gleichen Range mit der Schick, mit erhöhter Besoldung und lebenslänglicher Pension. Jetzt, wo ich mit ruhigem, klarem Blick die Vergangenheit betrachte, scheint es mir unbegreiflich, daß ich bloß auf Drängen des Hofkammerrats und Zureden Ifflands nach Weimar zurückgegangen bin, nachdem ich mich mit der größten Überwindung losgerissen und die schmerzhafte Erinnerung beinahe überwunden hatte; ich muß glauben, daß ich durch die erschütternden Szenen und Ereignisse den Kopf und den Blick für den günstigen Moment verloren hatte. Warum sollte ich nicht auch dem Schicksal einen Teil an dieser Wendung zuschreiben, das mich vom Anfang an mit meiner Kunsttätigkeit an die Heimat verwiesen hatte, so oft ich mir auch auswärts eine Existenz begründen konnte! Ich trat die verhängnisvolle Reise nach Weimar in der festen Überzeugung an, das mir immer lieber gewordene Berlin bald wiederzusehen; auch Tränen fehlten dem Abschied nicht, denn Prinz August hatte ? ein letzter Beitrag zu meiner Porträtsammlung ? mein Bild in sein empfängliches Herz aufgenommen und mir seine linke Hand offeriert, auf die ich bei meiner Ansicht von linken Händen schmerzlos Verzicht leistete. Mein Wagen schob sich im tiefen Sande mühsam dahin, bis der Postillion einige Stunden vor Weimar in der Dämmerung Richtung und Spur verlor und meine Zofe, die in[166] einem nahen Dorfe zu Hause war, uns über verschlämmten Boden und Vertiefungen auf einen festen Pfad rettete. Nachdem wir die Nacht auf einem elenden Strohlager zugebracht hatten, erbot sich unser Wirt, uns mit seinen Pferden nach Hause zu fahren, raste aber über Hügel, Steine und Löcher den Ettersberg in einem so wilden Galopp herunter, daß wir am Ende unserer Abenteuer Hals und Beine zu brechen fürchteten, ein Los, das den wütigen Fuhrmann vierzehn Tage später wirklich ereilte. Als ich meine Schwelle überschritt und alles wiederfand, wie ich es bei meinem stürmischen Abschied verlassen hatte, küßte ich wie Tankred den Boden, der mich so warm und innig bewillkommnete. Meine Hausleute empfingen mich mit Freudentränen, das Kirms'sche Haus wie ein Geschenk des Himmels, nur in mir hatte sich viel geändert; Rücksichten der Höflichkeit gegen meine Bekannten, Besorgnis über die Meinung der Welt über meine Rückkehr, Wunsch nach Umgang mit meinen hohen Gönnern, alles das war aus meinen Gedanken geschwunden. Ich hatte mir ein System gemacht, nach dem ich bis zu meinem Weggange als Privatperson tot sein, nur unter fremden Gestalten auf der Bühne erscheinen und durch mein Scheiden mein Kommen rechtfertigen wollte, das mir nach einem dunklen Gefühl als Schwäche und unüberlegte Handlung erschien. Dem Hofkammerrat erklärte ich meinen unwiderruflichen Entschluß, zu Ostern ein Engagement in Berlin anzunehmen, und fand in diesem Gedanken eine Genugtuung, die ich mir schuldig war, und Trost für die Deutungen meiner unvermuteten Rückkehr. Wie sehr ich denselben nötig hatte, zeigte ein Billett der Frau v. Wolzogen, die sich meinen Besuch verbat und allen ferneren Verkehr aufkündigte; ich ging bei Tage nicht aus dem Hause, am Abend nur zur Familie des Hofmarschalls v. Luck, wenn ich sie allein wußte. In die Proben ließ ich mich wie eine Türkin in einer verhangenen Portechaise tragen; meine Türen waren beständig verschlossen, und nur durch meine Schwester, die unbefangen ihre Lebensweise fortsetzte, und im Theater erfuhr ich Nachrichten von der Außenwelt. Die Prinzessin wiederzusehen, erschien mir unstatthaft, zumal mir weder direkt noch indirekt,[167] wie sonst nach meinen Reisen, ein Zeichen des Wohlwollens zugegangen war; ich fühlte das ohne Schmerz und Überraschung und geduldete mich, bis ich zu Ostern von ihr Abschied nehmen würde, die mich sicher nicht aufgegeben hatte. Von meinen Freundinnen, bis auf Amalia, war keine Rede mehr; sie wollten wahrscheinlich erst abwarten, wie sich meine Stellung zur Welt gestaltete, und verließen mich sämtlich ? zum zweitenmal. Den Herzog sah ich nur, wenn ich spielte, von fern in der Hofloge, hinter dem Stuhle seiner Gemahlin; da ich sie in die Situation eingeweiht wußte, durfte ich mir erlauben, mich für die Hofkonzerte zu entschuldigen, und hätte es wahrscheinlich auch ohne jene Voraussetzung getan, denn alle Bedenklichkeiten waren mir geschwunden, wie der Seele einer Sterbenden. So hatte sich nach stürmischer Zeit wieder eine wohltätige Ruhe in meinem Gemüt eingefunden, als der Herzog meine Schwester auf der Straße ansprach und wir in dieser Annäherung den Anfang beunruhigender Ereignisse erblicken mußten, doch folgte der Bresche in den Wall, mit dem ich mich umgeben hatte, kein Sturm auf die Festung. Wenn der Herzog mich wieder aufsuchte, war alles verloren, und mein fernerer Aufenthalt mußte mir unerträglich werden; es befiel mich also eine entsetzliche Angst, als der Herzog die scheinbare Stille durchbrach und mir seinen Besuch ansagte, und ich wußte lange nicht, was ich ihm erwidern sollte. Oft hatte bei meinen Gedanken und Handlungen ein richtiger Takt die Klugheit ersetzt, und es war auch diesmal gewiß ein richtiges Gefühl, das mir riet, mich nicht neuerdings einem Gerede auszusetzen, unüberlegt jedoch, daß ich den Herzog bat, mich nicht in meinem Hause, sondern in dem der Frau v. Luck zu sprechen. Er wurde so empfindlich, daß ich, es mochte kommen was da wolle, ihm zusagte, falls die Meinung der Welt über mich ihm nichts bedeute, und nur die einzige Bedingung daran knüpfte, es möge bei lichtem Tage geschehen, damit niemand auf ein Geheimnis schlösse. Weil ich diesem Besuche eine entscheidende Wichtigkeit beilegte und einen Ausbruch des Unwillens befürchtete, zitterten meine Knie, als ich auf dem Saale seine Schritte hörte, und ich war nicht imstande, mich von dem Tisch zu entfernen, der mir in ziemlicher[168] Entfernung von der Tür zur Stütze diente. Aber sein erstes Wort: »O Karoline!« zeigte keine Spur von Zorn und Bitterkeit, sondern nur Schmerz und Erschütterung; er schritt auf mich zu und drückte mich an seine Brust, als er aber seinen mageren Arm mit den Fingern umspannend ausrief: »Sieh, das hast du aus mir gemacht!«, konnte ich nur mit Tränen antworten. Jedes Bedenken und jede Rücksicht auf mein künftiges Glück verschwand vor dem Entschlusse, dem Teuren Zufriedenheit und Gemütsruhe wiederzugeben, und ich gelobte ihm aufs neue, mein Geschick nicht wieder von ihm zu trennen. Nur zwei Bedingungen machte ich, daß er meiner Fürbitte für Arme und Hilfsbedürftige ein williges Ohr und eine offene Hand entgegenbringen und daß das Verhältnis den Charakter der bisherigen Beziehungen vom Fürst zur Untertanin behalten solle. »Das wird niemand glauben«, erwiderte er, und ich schloß: »Dann wird mich das Bewußtsein schadlos halten.« Nun sah ich den Herzog alle Tage.[169] 
 Viertes Kapitel Die Kammersängerin und Frau v. Löwenstern (1797?1798)  Mein Einfluß auf das Weimarische Theater war ohne Plan und Vorsatz ein sehr guter, denn meine Tätigkeit erfreute die in Mißmut und Gleichgültigkeit, wohl auch in zu große Selbstzufriedenheit versunkenen Talente und reizte den weiblichen Teil, mich zu verdunkeln und auszustechen, so daß ein heilsames, von Hof und Publikum angenehm empfundenes Zusammenwirken entstand. Durch die Veränderung meiner Lage war ich den trüben Eindrücken aus meiner Kindheit nicht völlig enthoben, wurde im Gegenteil durch Ort und Stelle um so lebendiger daran erinnert, es kam mir deshalb oft unfaßbar vor, wenn ich Leuten, die mir einst in unerreichbarer Höhe erschienen waren, jetzt gesellschaftlich nähertrat. Herdern zum Beispiel, den ich früher nur am Altare gesehen hatte, lernte ich in seiner Häuslichkeit kennen, wo ich ihm die herrlichen Melodien der Iphigenia vorsang und seine Ergriffenheit mit Vergnügen wahrnahm. Nicht, daß er sich nicht auch an leichterer Musik erfreute, aber Ernst war der Hauptzug seines Charakters, dem ein edler Anstand zur Seite trat; die damalige Perückentyrannei, der besonders Geistliche und Lehrer unterworfen waren, hatte er für seine Person gemildert und entsprach den Anforderungen der Zeit, ohne den guten Geschmack zu verletzen. Mit Rücksicht auf seine bischöfliche Würde trug er meist violette Kleider und zeigte in seiner ganzen äußeren Erscheinung eine solche ideale Höhe, wie sie keiner seiner Nachfolger wieder erreichte. Seine Stimme war weich und milde, doch konnte er sie auf der Kanzel im Unwillen über eine Störung zu imponierender Stärke erheben; auch eine gewisse Bitterkeit und Satire war manchmal nicht zu verkennen, doch war sie keine ursprüngliche Eigenschaft und wohl nur durch besondere Verhältnisse, die ich nicht beurteilen kann, verschuldet. Seiner Gattin, einer zarten Gestalt mit feinen, obgleich nicht regelmäßigen Zügen und geistvollem Ausdruck des von aschfarbigen Locken umgebenen Gesichts, konnte man[103] bedeutenden Einfluß auf die Stimmung des Generalsuperintendenten zutrauen, der so viele schöne und gute Werke entstammten. Ihre Tochter Luise, wenige Jahre jünger als ich, und ihr ältester Sohn Gottfried, bereits praktizierender Arzt, und dessen junge Frau waren mein intimer Umgang in diesem Hause; erstere glich in den äußeren Formen einer lieblichen Hebe und war nach dem inneren Gehalte letzterer weit überlegen, die langsam in die Vornehmheit der Schwiegereltern hineinwuchs. Mein kleiner Feind August war irgendwo der Bergwissenschaft beflissen, es war also lauter Güte und Liebe, die ich in dieser Familie genoß. Auch Korona Schröter war eins der Wesen, die mir in meiner Kindheit als unerreichbare Sterne erschienen und nun zu mir ? oder ich zu ihnen ? herantraten. Ihre äußere Erscheinung hatte noch immer etwas Ideales; ich habe selten wieder eine so vollkommene Gestalt gesehen als die ihrige. Nicht regelmäßige, aber Verstand und Anmut ausdrückende Züge, verbunden mit der Kunst der Toilette, hatten sie einst zur Schönheit des Tages gemacht, durch Goethes Vermittlung war sie von Leipzig als Hofsängerin nach Weimar gekommen, doch war der Gesang gerade das, was ihr am meisten abging. Mit der ihr eigenen poetischen Natur trat sie immer mit Anstand und Grazie aus den Schranken der steifen Geschmacklosigkeit ihrer Zeit, ihre Toilette erinnerte mehr an die Griechheit als an die französische Mode. In den ersten Regierungs- und Ehestandsjahren des Herzogs wurde sie der Magnet, von dem er sich mächtig angezogen fühlte; Goethe benutzte diesen Umstand, um den Geist des jungen Fürsten angenehm zu unterhalten und in die Einförmigkeit des Hofwesens einiges Leben zu bringen. Ich hatte so viel von jenen Tagen des Glanzes der Schröter gehört, daß ich mich wunderte, als ich sie näher kennen lernte, daß man keine Spur vom Anteil sowohl des fürstlichen feurigen Anbeters als auch dessen, der früher an dem kleinen Hofe seine Kränze mit den ihrigen tauschte, und der ihr Gedächtnis in seinen Werken feierte, sich auf dem stillen Pfad ihres jetzigen Lebens zeigte. Beide sahen sie nicht mehr und hatten sie vergessen, nur die regierende Herzogin sah sie zuweilen bei sich, und bis an ihren Tod genoß sie der allgemeinsten[104] Achtung. Da ich bislang über die gesellschaftlichen öffentlichen Unterhaltungen geschrieben habe, könnte man auf die Idee kommen, die weimarische Jugend sei in einer Brüder- oder Schwestergemeinde erzogen worden, wo Tanz und ähnliche Frivolitäten aus dem Leben gestrichen sind. Dem war nicht so, es wurde gern und viel getanzt, in den anmutigen Unterhaltungen, welche die Klubgesellschaft eingerichtet hatte, versammelte sich der vornehmere Teil des Mittelstands, zu dem auch Adelige hinzutraten, aber wegen der Spannung zwischen beiden Ständen nur als Konterbande, über die man ein Auge zudrückte, weil sich die besten Tänzer darunter befanden. Übrigens war meine Porträtgalerie seit meiner Rückkehr nur durch einen Jenenser Musensohn vermehrt worden, der mir überall, im Park und im Theater, in Gesellschaften und auf Bällen begegnete und durch seine rührende Beharrlichkeit die Gunst aller mir attachierten Mädchen erworben hatte; meinetwegen hat der Stud. med. unzählige Kollegia versäumt. Ein anderes originelles Bild bot der Violinvirtuose Durand, der konzertierend herumreiste, wegen seiner Verschwendungssucht und seines Leichtsinns ebenso berühmt als wegen seines Talents. Sehr oft verließ er die Schauplätze seiner Triumphe mit Hinterlassung seines Instruments und mußte in der nächsten Stadt auf einer elenden Geige so lange den Enthusiasmus erwecken, bis er das Pfand auslösen konnte. Als ich seinem Brautwerber erwiderte, daß ich Bedenken trüge, ihm mein Schicksal anzuvertrauen, erwiderte er mir brieflich, Boileau habe den einen Narren genannt, der sich über eine fehlgeschlagene Hoffnung nicht tröste, er ließ mir also bei seiner Abreise nach Petersburg die Beruhigung zurück, daß ich kein Menschenleben auf dem Gewissen hatte. Als die Zeit des Lauchstädter Gastspiels herangekommen war, beschloß der Hofkammerrat, mich mit seiner Schwester und Nichte zu begleiten. Er wählte aus dem Marstall, dessen Benutzung ihm zu Gebote stand, vier junge, feurige Rappen, um sie bei dieser Gelegenheit an Disziplin zu gewöhnen, und wir fuhren an einem schwülen Julitag gegen Abend einem drohenden Gewitter entgegen. Amalia lachte über meine Angst vor einem Unfalle, dafür schufen ihr bald Oberons Lilienstengel und andere[105] Requisiten Ungemach, eine Fahne drückte den Hofkammerrat im Rücken, und mich ließ ein veritabler Totenkopf, der in einem Stück gleichen Namens seine Rolle spielen sollte, nicht zum Sitzen kommen, kurz unser Wagen paßte in den Train einer herumziehenden Truppe. Als die Unterhaltung sich wieder etwas belebt hatte, begannen rötliche Blitze die Nacht zu erhellen, schlimmer als das, fühlte ich meine Beine im Wasser stehen, das alsbald die Haut berührte, und die anderen wurden wenigstens von gleicher Betrübnis erfaßt, als sich herausstellte, daß die mitgenommenen Bierflaschen sich ihres Inhalts entledigt hatten. Inzwischen ergoß sich der Regen in Strömen, und unter krachenden Donnerschlägen erreichten wir den »Kalten Hasen«, dessen Wirtin der Hofkammerrat wie ein schmachtender Liebhaber mit den glänzendsten Versprechungen um eine Unterkunft anging. Die komischen Seiten unseres Abenteuers ließen uns bald die gute Laune wiederfinden, und nachdem sich der Himmel ausgeweint hatte, setzten wir anderen Tags unsere Reise durch eine erquickende Morgenluft fort, bis mir bei der Ankunft in dem ländlichen Lauchstädt als erstes Haus ein Schafstall ins Auge fiel, den der Hofkammerrat für Thaliens Tempel erklärte. Ich bedachte, daß die Ahnen unserer Kunst ihr Talent in gleichen Räumen produziert hatten, und versöhnte mich in der Zurückversetzung in jene interessante Zeit mit der Geringfügigkeit unseres Schauplatzes. Ein reinliches Logis mit weißgestrichenen hölzernen Möbeln nahm uns auf, aber solche Einfachheit herrschte dort in den meisten Häusern und tat dem Frohsinn der kleinen Lauchstädter Badewelt keinen Eintrag. Ich spielte auch hier als erste Rolle den Oberon, der Mut wollte mir aber fast entsinken, als ich bei der Probe mit meinem Wolkenwagen an den Dachbalken anstieß und wie ein Taschenmesser zusammengeknickt wurde. Bei der Vorstellung am 2. August 1797, einem drückendheißen Tage, verursachte mir der Aufstieg entsetzliche Rückenschmerzen und einen derartigen Blutandrang nach dem Kopfe, daß ich fürchtete, mein Fuhrwerk nicht gesund verlassen zu können; doch als ich zur Erde kam, trat ich dem Publikum unbefangen und fröhlich entgegen, als ob mich Rosenblätter herabgetragen hätten. Da ich mich zu Hause angekleidethatte, trug die einzige vorhandene Portechaise mein in Couleur de chair und Flor eingenähtes Persönchen ins Theater, aber nach Schluß der Vorstellung ließ der eine Träger vergebens warten, und ich mußte mich entschließen, im entgötterten Zustand, von meinen Freunden eskortiert, das vollzählig auf der Straße versammelte Publikum zu durchschreiten, das mich ? es war noch heller Tag ? mit Bravorufen bis zu meiner Wohnung geleitete. Ich betrat die Bühne nie ohne Angst, um so befriedigter legte ich mich diesmal nach kurzgefaßtem Souper mit Amalia zu Bett; wir hatten uns aber kaum in die hochgetürmten Federpfühle versenkt, die nur mit Hilfe eines Stuhls erstiegen werden konnten, als donnerähnliches Getöse uns aufschreckte, eine solenne Nachtmusik ertönte, und unter Pauken und Trompeten ein dreimaliges Lebehoch ausgebracht wurde. Aller guten Sitte zuwider trat der Hofkammerrat im Schlafrock und mit der langen Pfeife in unser Schlafgemach und sprach in meinem Namen dem Publikum aus dem Fenster den Dank aus. Unter nochmaligem Vivat und Musiklärm zerstreute sich die Menge, wir aber beschlossen bei einem Glase Punsch den festlichen Tag, dem bei meinem ferneren Auftreten nicht minder angenehme folgten. Mein Ehrgeiz fand volle Befriedigung, und ich fuhr fort, mit allen Kräften an meiner künstlerischen Ausbildung zu arbeiten; als aber in meiner neuen Lage ein Stillstand eingetreten war, begann ich die Erinnerungen an meinen früheren Aufenthaltsort zu klären und aufzuhellen. Da alle, an denen ich mit schwärmerischer Anhänglichkeit gehangen hatte, Mannheim verlassen hatten, war es für mich ein fremdes Land geworden, aber das Herz will seine Sehnsucht haben. Das Trübe war vergessen, und nur das Erfreuliche lebte in der Phantasie weiter, um es zu einer wehmütigen, beinahe heiligen Erinnerung zu gestalten. Die gastfreundliche Aufnahme, die sich jeder Fremde von Rang und Verdienst von unserem Hofe versprechen durfte, hatte einen hochgebildeten Franzosen, Mounier, bewogen, ein großartiges Institut hier zu errichten, ebenso eine livländische Familie v. Löwenstern, in Weimar ihren Wohnsitz zu nehmen und ihre beiden Söhne jener Anstalt zu übergeben, die hauptsächlich von vornehmen Engländern besucht wurde.[109] Wiederholte Einladungen lehnte ich ab, weil ich die Ehre der Bekanntschaft nicht damit bezahlen wollte, daß ich die Abendzirkel der reichen Leute mit meinem Gesange unterhielt. Da klopfte eines Abends Herr v. Löwenstern an meine Tür, entschuldigte seine Zudringlichkeit mit dem Wunsche seiner von einer schweren Krankheit genesenen Gemahlin, mich kennen zu lernen, und zeigte dabei so viel Herzlichkeit, daß ich wohl oder übel zusagte. Sie empfing mich mit freudiger Überraschung und zeigte so viel menschliches Wohlwollen ohne den Stolz, der so oft mit Rang und Reichtum verbunden ist, daß ich mich angenehm berührt fand. Sie war eine feine Gestalt im Anfange der dreißiger Jahre, ohne sonstige Schönheit, drückten ihre dunkelblauen Augen jede innere Regung beredt aus, schleuderten mit großer Lebhaftigkeit flammende Blicke und tauten wieder sanfte Tränen des Mitgefühls und der Rührung. Oft war sie hart und schroff in ihren Urteilen, aber tief im Herzen lag manch schönes Gefühl, das sich vor den Stürmen des Lebens und den Kämpfen einer nicht glücklichen Ehe gerettet hatte. Da ihre Heftigkeit ihr keine Verstellung erlaubte, ließ sie sich rücksichtslos gehen, konnte gegen Leute, die ihr nicht gefielen, bitter und abstoßend sein, wen sie aber gewinnen wollte, der mußte sie lieben, und wen sie liebte, durfte sich eines dauernden Gewinnes rühmen. Sie hatte blühende Kinder, zwei Söhne von vierzehn bis fünfzehn Jahren und eine Tochter Gustchen, die für ihr Alter von dreizehn Jahren ein Wunder an Kraft und Größe war. Ihre Glieder, nichts weniger als zart, zeigten edle Formen, das frische Jugendblut ergoß sich bis in ihre graziös zugespitzten Finger und gab dem Teint eine Färbung, als ob sie ein Kind der Lüfte oder Wälder wäre; wenn sie bei Spielen, die der Hof auf den Wiesen des Parks veranstaltete, den Spieß warf oder im Wettlauf nach dem Ziele lief, so konnte man auf die Idee kommen, eine aus der Fabel entsprungene Nymphe Dianens zu sehen. Amazon.de Widgets Herr v. Löwenstern konnte etwa fünfundvierzig Jahre sein, eigentlich ein hübscher Mann, der aber weder auf mich noch andere diesen Eindruck machte. Mit dem großen Reichtum kontrastierte die Anspruchslosigkeit der Wohnung und Einrichtung, denn außer einer glänzenden Equipage mit vier[110] schönen Pferden und reichen Livreen war nichts Außergewöhnliches zu erblicken, aber die glanzlosen Räume des beschränkten Logis vereinigten allabendlich Personen aus der guten Gesellschaft Weimars und interessante Fremde der höheren Stände und von künstlerischer Bedeutung. Da zu der bekannten Gastfreiheit des livländischen Adels eine besondere Liebenswürdigkeit und eine große Liebhaberei für die Musik hinzukam, hatte das Löwensternsche Haus große Anziehungskraft, und jedermann verließ die Schwelle mit dem Wunsche, sie bald wieder zu betreten. Frau v. Löwenstern hatte für mich große Neigung gefaßt, und jeder Tag brachte mir eine Einladung für den Mittag oder Abend, bald durch sie selbst, bald durch ihren Gatten, und so herzlich ausgesprochen, daß ich schwer widerstehen konnte, obwohl mich immer eine heimliche Abneigung gegen eine völlige Hingabe beschlich. Die Entschuldigung, daß ich Rücksicht auf meine übrigen Freunde nehmen müsse, ließ Frau v. Löwenstern nicht gelten und zog alle, mit denen ich liiert war, in ihre Zirkel, und da diesen der Aufenthalt ebenso angenehm wie schmeichelhaft erschien, ließ ich mich bald ohne Widerstand an das Haus fesseln. Herr v. Löwenstern, dessen Denkungsart sonst mit seiner Gemahlin nicht selten disharmonierte, hatte das gleiche Wohlwollen für mich, nur glaubte ich darin ein fremdartiges Interesse erkennen zu müssen. So wollte er mir einmal eine Rolle Louisdor schenken, daß ich mir ein Klavier kaufen sollte, ich erklärte ihm jedoch, daß ich sie nur aus den Händen seiner Gattin annehmen würde, eine Handlungsweise, die mir ihre verdoppelte Neigung gewann und mir die Möglichkeit, ihr tröstend und versöhnend beizustehen. Von ihr bis zu dem letzten Dienstboten seufzte alles unter der Laune des Hausherrn, der seine Tyrannei mit dem freundlichsten Lächeln ausübte; deshalb wehte ein frischer Wind, wenn er öfters nach Livland verreiste, bis mit seiner Rückkehr Scherz und Lust wieder verstummten. Einmal, als er nach Leipzig gefahren war, fiel es der Frau v. Löwenstern in der Fröhlichkeit ihres Herzens ein, mich und meine Schwester in seinen Kleidern zu überraschen; es dauerte aber nicht lange, als sich die Tür öffnete und der abwesend geglaubte[111] Despot mit grimmigem Blick hereintrat. Die in ihrer guten Laune gestörte Frau riß den Federhut herunter und schleuderte ihn in Ermangelung eines Donnerkeils nach dem Eindringling, dessen Zornausbrüchen wir Unbeteiligten mit Gleichmut standhielten. Dennoch muß ich, um gerecht zu sein, bekennen, daß er gegen mich immer gleich gütig und freundlich geblieben ist, während ich meinen Dank dadurch abzutragen suchte, daß ich manche harte Maßregel zu mildern, Mißverständnisse auszugleichen und Versöhnungen herbeizuführen strebte, bei denen die rätselhafte Erscheinung zutage trat, daß der Barbar weinen konnte wie ein Kind. Die Soireen bei Löwensterns wurden immer interessanter und glänzender, die fürstlichen Kinder erschienen zu den Konzerten und Bällen, und endlich fand sich auch der Herzog ein, der Geist und Originalität der Frau v. Löwenstern, die er an seinem Hofe und dem seiner Mutter kennengelernt hatte, nach seinem Geschmacke fand. Seine Persönlichkeit übte mit der fürstlichen Haltung und zu Herzen sprechenden Freundlichkeit auf alle einen bezaubernden Eindruck; er wußte gute Gedanken und fröhliche Scherze auf eine Art zu erwidern, daß jeder aus sich herausging und die Unterhaltung einen lebendigen Verlauf nahm. Am Teetisch der Frau v. Löwenstern war sein beständiger Platz und die Plauderei mit ihr am flottesten; sie gewöhnte sich auch derart an seine Gegenwart und Aufmerksamkeit, daß sie merklich stiller und einsilbiger war, wenn er an einem Abend nicht erschien. Selbst wir jungen Mädchen flüsterten einander unser Bedauern zu und sandten unsere Blicke die Straße entlang; wenn er aber endlich doch noch kam, erleuchtete ein Freudenstrahl die Züge der Hausfrau und der Gäste, und die vorher gelähmte Konversation geriet in flotte Bewegung. Durch mein hübsches Talent trat ich oft aus dem Kreise meiner Freundinnen hervor und verschaffte mir eine bedeutende Geltung in der Gesellschaft, indem nicht nur gesungene, sondern auch gesprochene Worte den Leuten gefielen und den Herzog zu unterhalten schienen. Es ist eine der beglückenden Wirkungen der dramatischen Kunst, daß sie ihren Jüngern einen Nimbus verleiht; der Eindruck einer schönen Rolle trägt sich auf den[112] Künstler über, und eine Reihe von guten Leistungen macht ihn zum Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit und des fortdauernden Interesses. Dazu vermehrte es das Empressement der Gesellschaft, daß der Herzog mich viel und gern in die Unterhaltung zog, und so wendeten sich alle mir zu, wie die Sonnenblumen der Seite, wo die Sonne aufgeht. Endlich gab die Ankunft des Prinzen Friedrich von Gotha, der bei Löwensterns vom Herzog eingeführt wurde, den Zirkeln, und die Auszeichnung, die mir von ihm zuteil wurde, meiner Person ein weiteres Relief. Der Prinz besaß ein unbeschreiblich gutes Herz und einen gebildeten Geist, die ihn zu einem Phänomen gemacht haben würden, wenn nicht, wie sich nach seinem Tode herausstellte, ein organischer Fehler seine freie Entwicklung hintangehalten hätte. Seine äußere Erscheinung war von so eigentümlicher Art, daß schwerlich ein anderer mit ihm verglichen werden konnte, es müßte denn sein Bruder, der als Original bekannte Herzog August, gewesen sein. Die große Gestalt hätte man auch eine kräftige nennen dürfen, wenn diesem Begriff nicht ein kalkweißer zarter Teint und ein blasses Auge widersprochen hätten, in dem ein opalartiger Schimmer die blaue Grundfarbe beinahe gänzlich überzog; seine Augen waren stets nach oben gerichtet und bewegten sich unaufhörlich wie der Perpendikel einer Uhr. Über der weißen Stirn erhob sich ein dichter Wald von gelblich blonden, beinahe weißen Haaren, nicht vom Alter gebleicht, denn der Prinz zählte zwanzig Jahre, sondern einem Naturell entstammend, das sich in die Gothaische Fürstenfamilie aus dem Geschlecht der Albinos verirrt hatte. An seinen wunderschönen weißen Händen trug er geschmackvolle, meist antike Ringe, sogar am Daumen, und darauf war er so eitel, daß er sie oft zu seinen Augen emporhielt, sich der Schönheit zu erfreuen, da er abwärts nicht fixieren konnte. Er sang einen dünnen hohen Tenor, der an sich nicht viel bedeutete, aber seine Leidenschaft für Musik vermehrte. Er wandte mir damals seine besondere Gunst zu und hat mir dieselbe erhalten, solange er denken konnte; denn lange vor seinem Ende fiel er in einen Zustand der Umnachtung. In dieser angenehmen, bewegten Zeit sollte noch ein Ereignis[113] mich in freudige Bewegung versetzen, Ifflands Ankunft zu Gastrollen. Ich hatte ihn nur in hoheitsvoller, kalter Haltung gesehen und war gespannt, wie die veränderten Verhältnisse auf ihn wirken würden; um ihm aber meinerseits meine dankbare Erinnerung zu beweisen, offerierte ich ihm meine Wohnung, und der Hofkammerrat, der für seine Unterkunft zu sorgen hatte, war darüber hocherfreut, während Böttiger, der enthusiastische Verehrer des Meisters, mich einstweilen in sein Dachstübchen auf nahm. Iffland kam mit seiner Frau, und das Wiedersehen versetzte mich in innige Bewegung. Zeit und Umstände hatten mir eine gewisse Sicherheit gegeben und mich von der respektuösen Beklemmung befreit, in der ich dem sonderbaren Mann in Mannheim gegenübergestanden war; auch er zeigte sich mir von der liebenswürdigen, nicht mehr der imposanten Seite. Und welche Erinnerungen weckte das Wiedersehen mit Luise Greuhm, seiner nunmehrigen Frau! Sie besaß unter einer ernsten, trockenen Außenseite tiefes Gefühl und war eine edle Natur, die durch ein schönes Auge denen ihr Inneres aussprach, die diese stille Sprache verstanden, aber meist mißverstanden, auch von ihrem Manne verkannt wurde. Ich war aus der früheren Untergeordnetheit zu ihr herangewachsen, sie gefiel sich mit mir, und ich wurde ihr herzlich attachiert. Die Anwesenheit beider war für mich ein Fest und erhielt mich in der freudigsten Aufregung. Die Natur hatte in seinen Zügen eine so frappante Originalität ausgeprägt, daß mir niemand vorgekommen ist, bei dem man von einer Ähnlichkeit hätte sprechen dürfen. Sein dunkles, durchdringendes Auge hätte gegenüber den feinen Zügen zu groß erscheinen können, wenn nicht die reichlich volle Peripherie seines Gesichts einen Ausgleich bewirkt hätte. In der Beweglichkeit seiner Physiognomie lag eine Sprache, die oft die Worte entbehrlich machte, und selbst in seinen Händen ein Ausdruck, so daß zuweilen das Heben eines Fingers hinreichte, einen Effekt hervorzubringen, den andere mit dem Aufgebot aller ihrer Mittel nicht bewirken konnten. Seinen feinen Lippen fehlte zwar der Hintergrund der Zähne, aber nicht eine der gewöhnlichen nachteiligen Folgen war zu bemerken. Sein Organ war nicht das günstigste, und doch konnten seine Töne rühren und erschüttern, wie iches bei allen seinen Nachfolgern nicht bemerken konnte, weil er aus dem Herzen sprach. Schade, daß seine Figur schon frühzeitig etwas zu stark geworden war und ihn aus den jüngeren Rollen in das Fach der komischen, ernsten und heroischen Alten gedrängt hatte, doch wußte er sie so glänzend darzustellen, daß er neben aller Jugend und allem Talent immer die allgemeine Bewunderung auf sich zog. Die Zeit, während der uns Iffland mit seinen herrlichen Leistungen entzückte, ging wie ein schöner Traum vorüber. An den Tagen, an denen er auftreten sollte, war die Stadt ungewöhnlich von Fremden belebt, und an den freien Tagen wechselte ein heiteres Fest mit dem anderen; man strebte, dem liebenswürdigen Künstler das Vergnügen einigermaßen zu vergelten, das er mit besonderer Vorliebe dem weimarischen Publikum gewährte. Der Herzog ließ es sich angelegen sein, ihm seine Anerkennung zu beweisen, und sah ihn gern in seiner Nähe, denn er war als Gesellschafter ebenso interessant wie als Künstler. Ein Frühstück an einem herrlichen Maimorgen im Römischen Hause, dem reizenden Sommersitze des Fürsten, nahm einen besonderen Platz unter Ifflands Weimarer Erinnerungen ein. Der Himmel hatte die schönsten Strahlen seiner Sonne ausgewählt, um über das junge Gesträuch und helle Grün der Wiesen das Mosaik der Frühlingsblumen mit dem Farbenspiel der Tautropfen auszubreiten, die frische Natur in ihrer unbeschreiblichen Schönheit herauszuheben und die mit ebensoviel Pracht als Geschmack ausgestatteten Innenräume der im römischen Stile erbauten und ausgestatteten Villa zu verschönern. Ich wandelte darin mit feierlicher Stimmung einher und betrachtete ehrerbietig die Fülle der Gegenstände, in der sich der hohe Stand, die Einfachheit und das vielseitige Interesse des Besitzers auf das Anziehendste aussprachen. Der Ort, den der Landesfürst zur Freude und Erholung nach Sorge und Zwang sich geschaffen hatte, erregte mein höchstes Interesse, da ich von Jugend auf die Würde dieses Standes mit einer Art Religiosität zu empfinden gewohnt war. Die guten Fürsten, von denen es nach meinen Kindervorstellungen drei gab, nämlich Friedrich den Großen, Joseph den Zweiten und unseren Herzog, kamen in meinen Augen gleich nach dem lieben Gott,[117] und die bösen betrachtete ich als Gottesgeißeln, denen man keinen Widerspruch entgegenzusetzen vermag, bis sie vorüberziehen. Die Ermordung Ludwigs XVI., die ich in Mannheim erlebte, hat mir unendliche Tränen verursacht, und des gräßlichen Frevels am Kaiser Paul denke ich immer noch mit Entsetzen. Den Tod jenes Fürsten konnte man beweinen als Opfer eines wahnsinnig gewordenen Volks, aber dieser Kaisermord erschloß einen trostlosen Ausblick in unbegrenzte Möglichkeiten. Ein zweites Fest wurde der Gesellschaft von dem Herzoge im Jagdschloß Ettersburg bereitet. Das kleine Schloß im altfranzösischen Stile umgibt ein Wald von majestätischen Buchen, die trotz manchen Sturmes, der über ihre Häupter hinwegging, frisch und stark wie Riesenjünglinge das zu ihnen emporstrebende Gesträuch mit ihren Armen schützen und beschatten. Gegenüber dem ziemlich hoch liegenden Gebäude erhebt sich terrassenartig ein Tannenwald, mit dessen finsterer Größe sich das jugendlich grüne Laubholz heiter mischt, während der weite Himmel, an diesem Morgen von azurner Färbung, einen prächtigen Hintergrund abgibt. Am Fuße des Schlosses nahm eine Plattform die Versammlung auf, neben Karl August die Prinzessin Karoline und den Erbprinzen, den Prinzen Friedrich von Gotha und seinen Kammerherrn, v. Haack, Iffland, Goethe, Wieland, Einsiedel, Herrn und Frau v. Löwenstern und Gustchen, Kirms mit Amalia, Böttiger und Loder aus Jena mit seiner schönen Frau, der Tochter des Göttinger Augenarztes Professor Richter, wie andere Männer und Frauen aus der Hofwelt. Sie vereinigten sich in heiterster Stimmung auf dem grünen Teppich der Wiese oder nahmen im kühlen Schatten der dichtbelaubten Kirschbäume Platz, welche die Plattform von einem schmalen, üppig bewachsenen Tale in der Richtung nach dem Tannenwald scheidet. Die Liebenswürdigkeit des Herzogs versetzte alle in wohltuende Behaglichkeit, bis die Ankunft eines Reitenden die Aufmerksamkeit ablenkte, der ein großes Papierpaket emporhielt; der Herzog nahm es ihm selber ab und entfaltete ein Bukett der schönsten Blumen der Treibhäuser von Belvedere. Ich glaubte zu erraten, daß es auf eine Überraschung für Frau v. Löwenstern abgesehen war, aber zum allgemeinen Erstaunen überreichte der[118] Fürst mit dem ihm eigentümlichen freundlichen Ernste und herzlichem Wohlwollen mir das Angebinde. Ich war so konsterniert, daß ich zu danken vergaß; aller Augen sah ich freundlich mir zugewandt, nur bei Frau v. Löwenstern begegnete ich einem glühenden Blicke. Aus meiner sorglosen Fröhlichkeit ward ich in eine mir unbekannte Unbehaglichkeit versetzt und war froh, als sich die Gesellschaft trennte, mit Ifflands statt mit den livländischen Herrschaften nach Hause fahren zu können. Heute ruhen alle Teilnehmer jener Szene im Grabe, samt dem teuren Manne, der mir die Blumen reichte; nur der jetzige Großherzog und Gräfin Gustchen Coudenhoven in Wien weilen noch im Lichte. Als mich Iffland zu Gastrollen in Berlin einlud, dachte ich, obwohl frei von Dünkel und Anmaßung, an keine Schwierigkeit, an kein Wagnis, neben den Lieblingen des Berliner Publikums, der Schick, Unzelmann, Eunicke und Fleck, selbst in deren Rollen aufzutreten, nicht an die Möglichkeit des Mißlingens; ich hatte nur das Angenehme und Ehrenvolle der Sache vor Augen und machte unter innerem Jubel die kleinen Anstalten zur Reise. Mein Vater schrieb mir in das Ausgabebuch, das er mir eingerichtet hatte: »Ich reise am 20. August 1798 nach Berlin, komme Ende September zurück und bringe kein Geld mit, aber Schulden.« »Nein, mein guter Vater, diesmal irrst du dich, ich wohne bei Iffland und mache keine Einkäufe« ? mit diesen fröhlich hingeworfenen Worten nahm ich Abschied und bestieg mit meinem hübschen Dienstmädchen ? denn von jeher habe ich angenehme Umgebung geliebt ? den Wagen, um meine große Laufbahn zu beginnen. Über holprige Gleise und Baumwurzeln, unter ewigen Stößen und Schwankungen ging die Reise langsam vorwärts, nicht selten lag ich wie ein vom Sturm bewegtes Schiff auf der einen Seite beinahe am Boden und litt wirklich an der Seekrankheit. Die Ungeduld hielt mich munter, die Ergebung schläferte mich ein, und so kam ich unter Wachen und Schlafen allmählich bis zur Havel, die meine heiße Stirne mit erfrischender Luft kühlte und mit ihren freundlichen Umgebungen mein Auge erquickte. Alle Müdigkeit war verschwunden, ich konnte mich nicht satt sehen an den Naturerscheinungen und Denkmälern einer großen[119] Vergangenheit. In meiner Jugend las man in den Zeitungen, die ich im väterlichen Hause studierte, beständig von Friedrich dem Großen, nun sah ich den Ort, wo er lebte, das Schloß, das er bewohnte, und meine Phantasie hatte mal wieder reichen Stoff zur Beschäftigung, während ich den langweiligen letzten Teil des Weges zurücklegte, um in der glücklichsten Stimmung die Schwelle des hinter einem Akazienbaum halb versteckten Ifflandschen Wohnhauses vor dem Potsdamer Tore zu überschreiten. Ich fand den freundlichsten Empfang, denn man schien meine Gastfreundschaft in verstärktem Maße erwidern zu wollen, und fühlte mich in der neuen Umgebung bald behaglich, die für den Zuschauer äußerst interessant war. Der dramatische Dichter Iffland brauchte seinen Blick nur auf seine häuslichen Ereignisse zu richten, um das vollständige Personal für seine Stücke beisammen zu haben; schwerer würde es ihm gefallen sein, sich selbst mit all seinen Bizarrerien, seinen glänzenden Vorzügen und Schattenseiten darzustellen, denn so sehr er die Menge mit seiner Kunst, Einzelne und oft auch seine Hausgenossen durch Liebenswürdigkeit und originelle Einfälle seiner frohen, oft kindlichen Laune entzückte, so brauste er doch auch wieder wie ein Sturmwind durch die Zimmer und schleuderte der armen Luise grimmige Blicke zu, die diese Aufwallungen ohne die geringste Ahnung über die Gründe mit der größten Ruhe über sich ergehen ließ. Die Anlässe wechselten beständig: eine Aufmerksamkeit, die ihn gestern rührte, konnte ihm heute als Zudringlichkeit erscheinen, oft vermißte er Rücksichten, die ihm erst lästig gewesen waren, er konnte über eine Kleinigkeit vor Freude jubeln, und eine Kleinigkeit konnte ihn zur Verzweiflung bringen. So konnte die arme Luise mit der Herzogin von Friedland sprechen: Denn gleichwie an ein feurig Rad gefesselt, Bracht' ich ein angstvoll Leben mit ihm hin, es gab aber soviel sublime Augenblicke in diesem Leben, daß sie es nicht gegen ein ruhiges vertauscht haben würde. Auch ließ der sonderbare Gatte es nicht an Aufmerksamkeiten für sie fehlen, und bei besonderen Gelegenheiten, besonders ihrem Geburtstage, war ihm an Blumen und Früchten, Stoffen und Putz nichts zu teuer.[120] Außer seiner Frau, deren ruhiges Wesen er Herzlosigkeit, deren ökonomisches Talent er Geiz nannte, obwohl seiner Genialität gegenüber etwas Prosa nicht übel angebracht war, gehörte Karoline, seine Schwägerin, und Fritz, sein Schwager, zum engeren Familienkreis. Die ganze Familie Greuhm war von ausgesuchter Häßlichkeit, der größere Teil dieser unangenehmen Naturgabe aber Karolinen aufgebürdet, obwohl eine der Grazien, wenn auch nicht die geschickteste, bei ihrer Toilette mitwirkte. Ihre kleine, niedliche Figur hatte einen leisen Anflug von Koketterie, der selbst im Hausgewande nicht zu verkennen war, und durch das griechisch aufgewundene spärliche Haar schlangen sich beflitterte Bänder von Sammet und Seide in immer neuen überraschenden Formen. Standhaft, duldsam und verschwiegen stand sie in jungfräulicher Schüchternheit und mit gesenktem Blick dem chamäleonischen Schwager gegenüber und war dennoch eine starke Stütze für ihre Schwester, denn sie besaß viel Verstand und etwas Intrigengeist, den sie jedoch nur zur Behauptung des Luisen und ihr spärlich genug zugemessenen Terrains benutzte. Ich war der gutmütigen, sanften und freundlichen Person sehr attachiert und habe bis zu ihrem Tode in treuer Anhänglichkeit mit ihr verkehrt. Fritz, etwa fünfundzwanzig Jahre alt, war in seinem Äußeren nicht aus der Art geschlagen, aber der kluge Blick, freundliche Zug um die Lippen, angenehme Witz und die gebildete Rede ließen die Häßlichkeit des kleinen Mannes vergessen. Dabei behauptete er mit diplomatischem Talent und taktvoller Ruhe in den vielfach sich bekämpfenden Interessen des Hauses eine neutrale Stellung, war der einzige, der Iffland imponierte und von ihm aufrichtig geliebt wurde; er starb lange nach ihm als Gesandter in Amerika. Um schließlich auf die Hausfreunde zu kommen, so verkehrten bei Iffland der Kapellmeister Anselm Weber und Friedrich Bethmann, ein junger Schauspieler von ziemlich hübschem Äußeren, aber geringem Talent. Obgleich ein reger Geist und die Flamme des Genies aus Webers Augen strahlten, daß er in beständiger Exaltation zu sein schien, war er mir keine angenehme Erscheinung; für die altfranzösische Musik, die Gluckschen Opern und die ähnlichen Stils enthusiastisch eingenommen, richtete er jetzt seinen ganzen[121] Haß wider die Franzosen und war in dieser Beziehung mit Iffland ein Herz und eine Seele. Nach der französischen Revolution lebten wir bis zu den Napoleonischen Kriegen in friedlichem Zustande, jene beiden ließen aber noch immer Truppen marschieren und Schlachten liefern, und jeder, der sich im Franzosenhasse einer Lauheit schuldig machte, wurde wie ein Paria behandelt. Aus diesem Grunde schloß sich Weber der Greuhmschen Partei an, die den Protegé Ifflands stürzen wollte, da er nicht den Takt besaß, zu bemerken, daß sein tägliches Erscheinen zu Tische und jeder beliebigen Zeit der Hausfrau mißfiel, die ihm vom Hausherrn zugewandte Gunst der übrigen Umgebung unangenehm wurde. Auch mochte Weber, der für mich einiges Interesse zu haben schien, Unwillen empfinden, daß Bethmann in dieser Beziehung seine Ansicht teilte. Meine ersten Schritte führten mich zur Königin Luise, die ich in Mannheim als junge Prinzeß gesehen hatte; sie empfing mich mit Huld und Teilnahme, zeigte mir die Geschenke, die ihr von den Provinzen überreicht worden waren und von ihr neuerdings mit kindlichem Gemüte betrachtet wurden, und sprach ihre Freude aus, meinen Oberon wiederzusehen. Dann ging ich zu den ersten Bühnenkünstlerinnen, die mich alle freundlich begrüßten, um zu Hause neue scherzhafte und ernste Überraschungen zu genießen. Iffland brachte den ganzen Morgen im Theaterbureau und in den Proben zu, daß es ihm nie, von seiner eigenen Unterhaltungsgabe abgesehen, an buntfarbigem Stoffe zur Konversation bei Tische fehlte. Man mußte seine Rastlosigkeit bewundern, denn früh neun Uhr fingen seine Theatergeschäfte an, von denen er meist abgespannt und müde um ein Uhr zurückkehrte; nach Tische erlaubte er sich kaum eine Stunde, mit dem Pöbel ? so nannte er in liebenswürdiger Laune seine Hausgenossenschaft ? auf dem »Gebirge« den Kaffee einzunehmen. Dieses Gebirge war ein zusammengetretener Sandhaufen unter der Akazie, mit der Aussicht auf die Chaussee, und wenn sich der Hausherr dahin begab, war es schon ein Zeichen von der guten Stimmung, in der er unbeschreiblich angenehm sein konnte. Diner und Kaffeestunde waren die einzigen Zeiten, die er seiner Umgebung widmete; dann ging es wieder ins Theater, mochte er spielen oder nicht, wiewohl[122] er meist alle Tage in der Woche spielte. Dort war ein Kämmerchen in der geheimnisvollen Nachbarschaft der Versenkungen für die Feen- und Geisterwelt, nach seiner Form Kapuze genannt, sein deliziöses Plätzchen; dort machte er seine Theatertoilette, gab seine Anordnungen, lernte seine Rollen, empfing Besuche. Begreiflicherweise war seine Stellung als Oberhaupt eines so komplizierten Instituts mit vielen Anstrengungen und Sorgen verbunden, aber der anstrengendste Teil seiner Geschäftsführung wurde ihm leicht, das ganze Personal war ihm so ergeben, daß ein freundliches Wort hinreichte, die größten Opfer zu erlangen. Schnelles Einlernen, plötzliche Übernahme einer Rolle, Durchführen einer undankbaren Aufgabe belohnte er durch ein verbindliches »Ich danke Ihnen«, »Sie haben mir aus einer großen Verlegenheit geholfen«, »Das vergesse ich Ihnen niemals«, und das nächste Mal fanden sich die Künstler ebenso bereit und willig. Es war eine Fortsetzung des Mannheimer Tons, die ich hier wiederfand, und wenn ich Ifflands Geschichte schreiben wollte, könnte ich rührende Beweise seines veredelnden Einflusses auf das Ganze des Berliner Theaters anführen, deren sich die späteren Intendanten, die Intendanten der deutschen Bühnen überhaupt, nicht rühmen können. Ich war noch nicht aufgetreten, als das Herbstmanöver seinen Anfang nahm; Ifflands fuhren hinaus, und wir teilten mit einer unendlichen Reihe von Wageninsassen die frohe Erwartung, die angebetete Königin zum ersten Male nach ihren Wochen willkommen heißen zu dürfen. Ihr Wagen kam langsam angefahren; ein weißer Strohhut mit Feldblumen beschattete das heitere Antlitz, das mit unbeschreiblicher Lieblichkeit und Anmut nach allen Seiten grüßte. Als sie in kurzer Entfernung von uns hielt, sandte sie uns nicht nur einen huldvollen Gruß zu; ein Wink befahl mir, mich zu ihr zu verfügen. Als ich in den offenen Wagenschlag hinaufgestiegen war, empfing ich von der hohen Frau und der Prinzessin Louis, ihrer Schwester, die ich in Mannheim als aufkeimende Rosenknospen gekannt hatte und nun als herrlichste Blüten wiedersah, die schmeichelhaftesten Zeichen ihres Anteils. Man denke sich die vielen Zeugen dieser Begrüßung, und man wird den[123] vorteilhaften Eindruck auf das Publikum begreifen. Im fröhlichen Genuß des Guten, was mir der Himmel gab, ging ich von einem Tag in den anderen, und die nahe Aussicht auf mein Auftreten an der Bühne war, fern von aller Angst, eine Vermehrung meiner Freude. Ich hatte Iffland die Wahl der Rollen überlassen, er wählte für den ersten Abend den kleinen Gott mit dem Lilienstengel, dessen Zauberkraft mich bisher so gnädig beschützt hatte. Iffland war so freundlich, mir zur Garderobe seine allerliebste Kapuze anzuweisen, Luise leistete mir die angenehmste Unterhaltung und begleitete mich mit den besten Wünschen, als ich mich in den Wolkenwagen verfügte. Sie erfüllten sich in vollem Maße, denn als ich hoch in den Lüften schwebte, empfing mich ein allgemeines Applaudissement. Ich bebte vor freudiger Überraschung und schaute auf unzählige freundliche Gesichter herab, die ihre Blicke alle auf mich richteten. Auf der Erde hatte ich mich einer gleich glänzenden Aufnahme zu erfreuen und wurde am Ende einstimmig hervorgerufen; die Mode, fünf- bis sechsmal während der Vorstellung an der Rampe zu erscheinen, war damals noch nicht über die italienische Grenze herübergekommen; es war eine seltene Auszeichnung, die mir zuteil wurde, und auf der Bühne wie in der Kapuze drängte sich alles an mich heran, mir Lob und Glückwünsche darzubringen. Nach so glücklich vollbrachten Taten war der Nachgenuß mit Iffland, den Seinigen und einigen Freunden ein prächtiger Abschluß, und am anderen Tage drückte mir die Königin mit der hinreißenden Güte, die nicht zu beschreiben ist, ihren Beifall aus. Ein glückliches Geschick waltete in den entscheidenden Momenten meines aufgehenden Kunstlebens: in Mannheim war es die nun verklärte Frau Pfalzgräfin, die mich bei meinem ersten Auftreten ermutigte und beglückte, und jetzt war es die allgeliebte Königin, die ein so unverkennbares Wohlwollen an den Tag legte, daß man sich über die Auszeichnung, die ich in Berlin fand, nicht wundern darf. Ich sah bei ihr den Prinzen Georg, ihren Bruder, späteren Großherzog von Mecklenburg-Strelitz, bei dem mich meine angeborene physiognomische Kenntnis wiederum den rechten Weg führte. Er war damals ein vollkommen schöner Jüngling von[124] schlankem, kaum vollendetem Wüchse; seine Züge, ganz verschieden von denen seiner Schwestern, hatten gleichwohl etwas Anmutiges und Liebreizendes, die langen dunklen Wimpern, immer eine schöne Gabe der Natur, verbargen den Blick nicht, der eine schöne Mischung von Geist, Herzensgüte und einer Heiterkeit ausdrückte, die ihm im Genuß des ungetrübten Glückes jener Tage zum Charakterzug geworden war. Er liebte das Schöne mit Begeisterung und vor allem den Gesang, und zwar mit so feinem Urteil, daß ich auf sein Lob stolz sein durfte. Er hat mir sein Wohlwollen bis heute erhalten und mich oft durch geistvolle Briefe von wahrhaft fürstlicher Gesinnung erfreut. Amazon.de Widgets Ich spielte auf allgemeinen Wunsch den Oberon und die Bertha noch einmal, dann noch dreimal in anderen Opern und immer mit demselben Erfolg. Der Gedanke an den Abschied tat mir weh, denn ich hatte mich schon an die großartigen Beifallsäußerungen der großen Stadt gewöhnt und fühlte mich in der kleinen bewegten Welt des Ifflandschen Hauses glücklich und heimisch. Daß ich mich über die Wohlgeneigtheit des Kapellmeisters Weber nicht getäuscht hatte, ward mir durch die Mitteilungen Karolinens und Luisens zur Gewißheit; ebensowenig hatte dieser sich in den Gesinnungen Bethmanns betrogen, der mir äußerst zugetan war12, desto sicherer aber dem Verderben geweiht, als ich zu dessen Werkzeug ausersehen wurde. Man hatte Iffland hinterbracht, er sei kein so großer Franzosenfeind, als er in seinen Augen erscheinen wolle, im Gegenteil habe er sich in meiner Gegenwart vorteilhaft über die Feinde geäußert. Iffland forderte von mir die Wahrheit; mir fiel der arme Murney im »Opferfest« ein, den man beschuldigte, die Sonne gelästert zu haben, aber ich vertauschte die mir zugedachte Rolle der Mirrha mit der Pamina in der »Zauberflöte« und versicherte meinem Sarastro, daß ich von Bethmann niemals derartiges vernommen hätte, wiederholte mein Zeugnis auch in Gegenwart der Widersacher. Luise, Karoline und Fritz fanden sich in stiller Verwunderung, daß meine Neigung rasch zu gewinnen sei, um so leichter in die Sache, als ich dadurch in ihren Augen an Wert verlor; Weber sprach von nun an in anzüglichen Spitzen, aber auf[125] Bethmanns glattem Gesicht lachte ein innerer Triumph. Und Iffland? Eines Morgens trat er, angetan mit seinem weißen Morgenrocke, die lange Pfeife in der Hand, mit dem listigsten seiner Gesichter in mein Gemach. »Der Pöbel schläft noch«, sagte er leise, »ich will Ihnen etwas sagen, das er nicht wissen soll.« Nun sprach er von Bethmanns gutem Charakter, seinen Künstlergaben, seiner Liebe zu mir und wollte wissen, welche Antwort er ihm überbringen könne. Huldigungen von gleichgültigen Personen waren mir immer lästig, auch war ich aufrichtig genug, sie zu verweisen, ich erklärte Iffland also, daß ich nichts für Bethmann fühle, und er bat, obwohl »mit Schmerz über meine Wahrheitsliebe«, über diese Unterredung Stillschweigen zu beobachten. In der Folge ward er immer freundlicher und zutraulicher, Bethmann blieb sich in seiner Ergebenheit gleich, wennschon die frühere Fröhlichkeit nachließ, Weber war zufrieden, daß seinem Mißgeschick keine Neigung zugrunde lag, und so kam alles wieder ins Gleichgewicht. Mein Honorar für sechs Rollen betrug 60 Louisdor; ich hatte Furore, wenigstens immer überfüllte Häuser gemacht, durfte mich aber als angehende Künstlerin nicht beklagen, da die Unzelmann es höchstens auf 15, Iffland auf 20 Louisdor für die Rolle brachte. Soviel Geld hatte ich überhaupt noch nicht besessen, denn nach Abzug der Reiseunkosten blieben mir 40 Goldstücke, die ich im Wagen immer in einem hübschen Kästchen neben mir hatte, sie oft betrachtete und zählte, um sie für die Erziehung meiner Schwester zu bestimmen. Ein glücklicher auswärtiger Erfolg läßt die Verdienste des Künstlers in der Heimat höher erscheinen, und so hielt ich nach meiner Rückkehr in Weimar eine ergiebige Nachlese von den Früchten, die ich in Berlin genossen hatte. Das Löwensternsche Haus empfing mich mit gewohnter Liebe, der Herzog war gütig wie immer, da er aber seit geraumer Zeit körperlich leidend war, trat ein gewisser Ernst an die Stelle des früheren Scherzes und versetzte alles, was ihm attachiert war, in ängstliche Besorgnis. Fortgesetzt nahm er an allen künstlerischen Dingen regen Anteil, und ich hatte seinem scharfen Urteil unendlich viel zu danken; die Großartigkeit seiner Begriffeund Ansichten erhob mich über das Gewöhnliche und öffnete mir den Blick auf Ideale, welche die Beschränktheit des alltäglichen Lebens nicht bieten kann. Unter den gesellschaftlichen Freuden des Winters behaupteten die Abende im Löwensternschen Hause immer noch den ersten Platz, dem Herzog war der dortige Aufenthalt zum Bedürfnis geworden, und seine Aufmerksamkeiten gegen die Hausfrau nahmen einen immer schwärmerischeren Charakter an, der bei seiner Abneigung gegen alle Sentimentalität derart auffiel, daß die Freundinnen es an Anspielungen und Neckereien nicht fehlen ließen. Sie nahm das scherzhaft auf, aber in Wahrheit hatte ein tieferes Gefühl als Freundschaft und geschmeichelte Eitelkeit in ihrem Herzen Platz gegriffen; ihrer Gewohnheit gemäß erfaßte sie die neue Neigung mit Leidenschaftlichkeit und sah darin einen Ersatz für ihre liebeleere eheliche Gemeinschaft. Trotzdem ahnte sie, daß mir ein Anteil an der Anhänglichkeit des Fürsten an ihr Haus und an den Liebenswürdigkeiten gegen ihre Person zuzuschreiben war, denn derselbe war so weit entfernt, seine Gesinnungen gegen mich zu verbergen, daß sie allgemein bemerkt und besprochen wurden und auch ich darüber nicht im unklaren war. So versank sie in ein Meer von Zweifeln, da sie dieselben aber in ihrer stolzen Verschlossenheit niemandem mitteilte, begnügten sich ihre Freunde mit der Erkenntnis, daß sie den ihr so teuren Besitz schwer mit jemandem teilen würde, bis neue Beweise von Herzlichkeit und Teilnahme seitens des Herzogs den Sturm ihres Herzens wieder beschwichtigten. Dieser Wechsel trat so häufig ein, daß an den Abenden, wo der Herzog nicht zugegen war, sich ein fieberhafter Zustand ihrer bemächtigte, und auch mir ward es während des ganzen Winters nicht leicht, eine taktvolle Haltung beiden gegenüber zu bewahren. Soll ich offen sein, so wurde ich von dem Benehmen des Herzogs nach zwei Seiten hin stark erregt. Meinem mächtigen Ehrgeiz gefiel es wohl, mich von ihm auf eine Weise ausgezeichnet zu sehen, die seine Achtung und vielleicht ein wärmeres Gefühl ausdrückte, auch fühlte ich mich geschmeichelt, daß alle sich bewogen fühlten, mir besondere Artigkeit und Höflichkeit zu erweisen. Und zu dieser Schwäche kam die Verehrung[129] des Fürsten, die mit mir aufgewachsen war, durch Dankbarkeit für die Fürsorge, die er meinem Bruder erwies, gesteigert und durch Besorgnis um seinen Gesundheitszustand, der in ihm zuletzt Lebensüberdruß erregt hatte, in Schwärmerei gewandelt wurde. Die Losung unseres jugendlichen Zirkels, sich für das Wohl anderer aufzuopfern, erregte in mir den Wunsch, ihn aus der Gefahr zu retten und mein Leben für ihn hinzugeben, aber von Koketterie und Eitelkeit auf persönliche Vorzüge war keine Rede, nur aufopferungsvolle Ergebenheit und befriedigter Ehrgeiz erfüllten mein Herz. Was des Herzogs Neigung betrifft, so machte ich mir keine weitere Sorge; wie ich so manche kleine Eindrücke auf die Phantasie des Fürsten hatte entstehen und verlöschen sehen, dachte ich, würde auch diese Bewegung vorübergehen. Darüber war die Welt mit mir einverstanden, und scherzend warnten mich meine Freunde, darauf gefaßt zu sein, mein Piedestal zu verlassen, und ich versprach ihnen lachend, mich auf diesen wahrscheinlichen Fall vorzubereiten. Frau v. Löwenstern hatte sich nach und nach an des Herzogs Auszeichnungen meiner Person gewöhnt und die Zeichen seiner Gunst nicht mehr so hoch angeschlagen, doch versetzte sie sein Auftrag, gelegentlich, zum Beispiel zu Weihnachten oder bei meinem Geburtstag, sich nach meinen Wünschen zu erkundigen, in immer neue Aufregung. Sie schwankte immer noch zwischen Vermutung und Gewißheit, denn das Verhalten des Fürsten ihr gegenüber blieb sich gleich, weil es auf keinem wärmeren Gefühle als der Freundschaft aufgebaut war. Sein leidender Zustand stimmte sie milde, und wenn er wegen Unpäßlichkeit manchen Abend versäumt hatte, empfing sie ihn sodann mit verdoppelter Freude, und alles war auf eine Weile wieder gut. Obwohl der Herzog erst im einundvierzigsten Jahre stand, war sein Leiden derart, daß man schlagartige Zufälle befürchtete; er beabsichtigte, sich auf einige Zeit von Weimar zu entfernen, und so kam Frau v. Löwenstern auf den Gedanken, mit Gustchen und mir nach Dresden zu fahren, und da sie sich direkt an den Herzog wandte, ward mir ohne weiteres Urlaub zugesichert. Wenige Tage vor unserer Abreise erhielten wir die Einladung zu einem Frühstück im Parke. Obgleich[130] von einem Abschied auf längere Zeit keine Rede sein konnte, war die Stimmung des Herzogs doch bedeutsamer und herzlicher, als es die Umstände mit sich brachten; er ersuchte Frau v. Löwenstern, ihm von Dresden aus zu schreiben, und befahl auch mir, ihm Nachrichten über meine Reiseerlebnisse zukommen zu lassen. Beim Heimwege waren wir beide schweigsam, unsere Gedanken über die eben verlebten Stunden vertrugen keine Mitteilung und gingen zu weit auseinander. Aber die Ansicht des Königs im »Hamlet«, daß die neuen Länder samt wandelbaren Gegenständen vertreiben können, was im Herzen steckt und worauf der Kopf beständig hinarbeitet, hatten auch wir zu bestätigen; meine Lebhaftigkeit erfreute die leicht erregbare Frau, denn ganz im Gegensatze zu einer Menge von Menschen, die sich das langweilige nil admirari zum Gesetz machen, bewunderte ich bald diese Naturschönheit, bald jenes malerische Bauwerk. Die alte Unbefangenheit fand sich wieder ein, Frau v. Löwenstern war gütig gegen mich, ich ihr dankbar, und so zogen wir in der fröhlichsten Stimmung über die prächtige Elbbrücke in Dresden ein. 
 Drittes Kapitel Wieder in der Heimat (1796-1797)  Mein Vater war sehr bald von der Bewegung, die das Wiedersehen bei ihm hervorgerufen hatte, zu seinem gewöhnlichen Ernst zurückgekehrt und stimmte dadurch meine erste freudige Aufwallung herab. Meine Stiefmama war ohnehin eine erkältende Erscheinung; ihr Einfluß hatte meinen Vater aus seiner poetischen Natur heraus in eine Sphäre gezwungen, in der er sich mit seinen Erinnerungen und seiner früheren Weltanschauung höchst gedrückt fühlen mußte. Meine Schwester war ein kleines, lebhaftes Mädchen von zwölf Jahren, die mich schon auf der Reise von Gotha in den Kreis ihrer Freundinnen eingeführt und über die Auswahl der Lieder und Arien au fait gesetzt hatte, die der Hofkantor ihr einstudierte. Ihre Stimme war von Jugend auf ausgezeichnet schön; wenn sie in ihrem sechsten Jahre die Arien des Belmonte sang und die tadellose Reinheit und das vollkommenste Portamento mit Aktionen begleitete, bei denen nie ein weißes Schnupftuch fehlen durfte, so erregte sie das allgemeine Erstaunen ihrer Zuhörer. Mein Bruder, der nun ungefähr fünfzehn Jahre alt war, genoß in Cassel Tischbeins Unterricht, um sein ausgezeichnetes Malertalent auszubilden. In der ersten halben Stunde eilte ich zu meiner Mutter; das Wiedersehen war sehr bewegt, gemischt aus Freude über ihr körperliches Wohlbefinden und Schmerz beim Anblick der armseligen Einrichtung, die mir die früher mit ihr getragene Last in die Seele zurückrief. Zugleich empfand ich mit Bitterkeit, daß nach sechs Jahren voll Mühen und Entbehrung, glänzender Erfolge und Aussichten nicht soviel Geld in meiner Hand war, um eine erfreuliche Veränderung der Umstände zu gestatten, die mein schönster Traum gewesen war. Da ich in Mannheim meine Gage auf einige Zeit vorausgezahlt bekommen hatte, nahm ich mir vor, wenigstens die notwendigste Hilfe zu leisten, und wurde durch diesen Gedanken soweit beruhigt, daß ich die Hände, die man mir zum Willkommen reichte, herzlich drücken, die Grüße, die[77] man mir entgegenbrachte, mit heiterem Blicke erwidern konnte. Es hatten sich nämlich Mädchen, die mit mir konfirmiert worden waren, Frauen, die mich von der Wiege auf kannten, alle aus den sogenannten niederen Ständen, bei meiner Mutter versammelt und diesen Ort dem Bereiche der Stiefmama vorgezogen, deren Geistes- und Gefühlsarmut ebenso bekannt war wie meiner Mutter gütiges Herz. Aus Taktgefühl nahm ich meine Wohnung trotzdem unter dem Dache meines Vaters, um so williger, als ich mich selbständig genug fühlte, mir durch keinerlei Rücksicht den Verkehr mit meiner Mutter wehren zu lassen. Daß ich ihr mit jener Wahl wehe tat, war freilich eine starke Sordine auf meine kaum erhobene Stimmung, aber ein anderer Entschluß wäre eine Kriegserklärung gegen meinen Vater gewesen. In unserem Hause, in dem, nebenbei gesagt, Luther gewohnt hatte, gab es beim Eintritt von der Straße eine Stube, die von jeher von großem Interesse für mich gewesen ist. Der Plafond war mit altertümlicher Stukkaturarbeit reich verziert, auf den Wänden prangten Tempel, Ruinen, Hirtinnen mit ihren Lieblingsschäfchen, zu ihren Füßen Schäfer, die der Quelle flötend ihr Liebesleid klagten, mit ihren Hunden, und das alles in dunkelroter Farbe auf weißem Grund, mit Gipsschnörkeln und Blumengewinden von Stukkatur umgeben. Dieses Zimmer war stets im alten Zustand erhalten worden, fremden Besuch aufzunehmen, der für Kinder ein aufregendes erfreuliches Ereignis bedeutet. Die Zurüstungen zum Empfange, vom Scheuern der Böden bis zum letzten Räucherkerzchen, betrachtete ich mit Spannung, und wenn die weißmusselinenen Vorhänge zugezogen waren, damit kein greller Sonnenstrahl die Gäste berühren möchte, meine Mutter mit sorgsamem Blicke noch einmal Revue über das Ganze gehalten, endlich die Türen geschlossen hatte, damit kein unberufener Fuß seine Spuren auf dem polierten Boden zurücklassen möge, dann trat ich ehrfurchtsvoll zurück und wandte meinen Blick auf die Straße, auf der die Glücklichen ankommen sollten, denen diese Stube bereitet war. Solcher Besuch hatte überdies viel gute Dinge im Gefolge. Manche Delikatessen erschienen auf dem Tische, die sonst nicht an[78] der Tagesordnung waren, es wurden Spazierfahrten nach Tiefurt und Belvedere gemacht, und wir durften unsere Sonntagskleider in der Woche anziehen. Diese Erinnerungen hatten eine solche Schwärmerei für jenes Zimmer erzeugt, daß ich entzückt war, als es mir zur Wohnung angewiesen ward. Aber welcher Dämon hatte hier gehaust! Das geräumige Gemach war in zwei Teile geteilt, die Wand mit schmutzig gelber Farbe gestrichen, die Hirten und Hirtinnen aus ihrer Landschaft vertrieben, alles unter die Gewöhnlichkeit herabgesunken! Mir war beinahe zumute wie damals, wo ich beim Eintritt in das Zimmer bei der Frau Kriegsrätin aus allen Himmeln gerissen wurde; hauptsächlich betrübte mich der Verfall des geistigen Lebens in unserem Hause, der sich in dieser Veränderung zeigte, aber ich nahm meine vielgeübte Resignation zu Hilfe und zog geduldig in mein entzaubertes gelbes Zimmer ein. Anderen Morgens fuhr ich mit meinem Vater nach Tiefurt, mich der Frau Herzogin vorzustellen. Wie schön war der wohlbekannte Weg! Die Sonne schien prächtig, die Tautropfen glänzten auf dem zarten Moos und üppigen Grase des duftenden Waldes, die Vögel sangen ihre frohen Weisen ? welcher Unterschied zu Mannheim, wo ich nur Kanonenkugeln schwirren hörte! Das Dörfchen suchte sich durch Reinlichkeit der Ehre würdig zu machen, die Fürstin in seiner Mitte zu beherbergen, sonst hatte sich in den sechs Jahren, die so stürmisch an mir vorübergeeilt waren, in diesem Musen- und Freudensitz keine Veränderung zugetragen. Die wohlbekannten Bedienten gingen in alter Weise ihren Geschäften nach, der kleine gipserne Bube auf der einen Seite der Treppe reichte wie immer den Gästen seinen Apfel, die Niobe auf der andern Seite hob noch immer den tränenschweren Blick zu den Göttern. Die Tür des Salons öffnete sich, und ich stand der Fürstin gegenüber, die mich inmitten ihres kleinen Hofstaats erwartete. Das Äußere der hohen Frau besaß widersprechende Einzelheiten, die sich jedoch zu einer fürstlichen Erscheinung vereinten, an ihrem geistigen Ausdruck, vor allem an der frappanten Ähnlichkeit mit Friedrich dem Großen erkennbar. Sie war klein, und ein gebogener[79] Rücken störte die majestätische Haltung, die das Gesicht aufwies, tat aber der Anmut, die über ihr ganzes Wesen ausgegossen war, keinen Eintrag. Nach einem huldvollen Empfang, wie ich ihn nach der letzten Entrevue in Belvedere kaum erhofft hatte, und vielen Fragen nach Herrn v. Dalberg, meiner Lehrerin, dem Grafen Veterani machte mich die Fürstin mit zwei jungen Damen bekannt, um die sich ihr Gefolge inzwischen vermehrt hatte, Fräulein v. Wolfskeel, die zweite Hofdame neben Fräulein v. Göchhausen, die ich von Jugend auf kannte, und Demoiselle Rudorf, die Kammersängerin dieses Hofes. Erstere war eine zarte, graziöse Gestalt, die, ohne schön zu sein, mit ihrem weißen Morgenanzug und rundem Strohhut etwas Idyllisches aufwies und einen sehr angenehmen Eindruck machte. Demoiselle Rudorf, bei der Fürstin in hoher Gunst, schlank und biegsam wie eine Birke im Winde, wiegte auf einem langen, beweglichen Halse einen rotbeturbanten Kopf, dem man eine gewisse Schönheit und ansprechenden Ausdruck nicht absprechen konnte. Dunkelbraune Locken fielen in der Ungezwungenheit der damaligen Mode bis auf die stark gezeichneten, obgleich nicht regelmäßig gezogenen dunklen Brauen und beschatteten zwei schön geformte Augen, die in ungewissem Blau, aber doch vorteilhaft gegen die langen dunklen Wimpern abstachen. Während ich bei Fräulein von Wolfskeel an die Galathee denken mußte, fiel mir bei Demoiselle Rudorf die Sibylle ein; so einfach das Wesen jener war, so kompliziert letztere in der unaufhörlichen Geziertheit, dem Drehen und Wiegen des Kopfes und den Schlangenwindungen des Oberkörpers. Der gute, freundliche, wohlwollende Herr v. Einsiedel ist als Schriftsteller weithin bekannt; seine Charakteristik liegt in diesen drei Adjektiven beschlossen, er wurde deshalb von beiden Höfen der Ami genannt und um seines ehrenwerten Charakters willen von der ganzen Stadt hochgeachtet, indes er den glänzenden Geistern, die am Hofe der Fürstin die Unterhaltung leiteten, mit Originalität und Liebenswürdigkeit zur Seite stand. Nachdem die Frau Herzogin mich mit der Zusicherung ihrer Gnade entlassen hatte, ging sie an ihre Toilette, und wir begaben uns auf den Heimweg; am folgenden Tag aber traf ein Billett an meinen Vater ein, in dem sie erklärte, daß[80] sie mit Erstaunen die glückliche Veränderung meines Wesens wahrgenommen habe und sich darauf freue, mich in ihrem Kreise öfter zu sehen. Meine Ankunftsbesuche hatten sich auf wenige Familien beschränkt, von denen die des Hofkammerrat Kirms aus nachbarlichen Rücksichten nach meines Vaters Ansicht besondere Beachtung erforderte. Seinen älteren fünfzigjährigen Bruder habe ich schon als den Mann mit dem drohenden Finger erwähnt, er selbst stand in den vierziger Jahren, und seine Mutter, damals noch voll Kraft und Umsicht, war eine siebenundsiebzigjährige Greisin. Er war ein vermöge seiner Dienstverhältnisse mächtiger und einflußreicher Mann, dirigierte die Ökonomie des Hofes und eigentlich alles, was zum Hofmarschallamt gehörte, inklusive Hofstall-, Kutscher- und Bedientenwesen, war auch neben Goethe Direktor des Theaters in allem, was das ästhetische Fach nicht direkt berührte, und von ferne war auch dieses nicht ganz vor ihm sicher. Er besaß die große Kunst, seine soi-disant Vorgesetzten in der Täuschung zu erhalten, als wären es ihre Anordnungen und Gedanken, nach denen er handle, während er seine stillen Pläne ausführte, war, nur auf den Vorteil seines Fürsten bedacht, nicht allzu skrupulös in den Mitteln und konnte selbst den lobenswertesten Zweck nicht auf offenem Wege verfolgen, machte sich keinen der ihm zu Gebote stehenden Vorteile zunutze und begnügte sich damit, im stillen zu herrschen. Eine kluge alte Schwester und eine Nichte von achtzehn Jahren, der Augapfel der Familie, vollendeten das Bild, dem ich noch hinzufügen muß, daß auch die Einrichtung und alle häuslichen Umstände von einer patriarchalischen Einfachheit und altmodischen Gediegenheit waren. Sie hatten die fleißigsten, anhänglichsten Dienstmädchen, die gescheitesten Hunde, eine beispiellos große, wohlerzogene Katze, die sich mit dem Ausdruck der höchsten Befriedigung mit dem Kissen am Ofen begnügte, ohne einen der weichen Fauteuils in Beschlag nehmen zu wollen, die mit der altertümlichen Einrichtung des gemütlichen Zimmers harmonierten. In dem kleinen Garten, der durch eine Mauer von dem unsrigen getrennt war, wurden die Rosen größer und voller, der[81] Lack dunkler, stärker und würziger, alle Früchte saftiger und wohlschmeckender als bei anderen Leuten; in dem reinlichen Hofe ergingen sich getigerte, hochtoupierte Hühner in stolzem Bewußtsein und ruhiger Haltung, ohne Fremden auszuweichen, und die seltensten Tauben wohnten über dem Stall eines schönen Rappen, der täglich den Herrn Hofkammerrat in den Stunden seiner Erholung nach Belvedere zu einer Kegelgesellschaft trug, aber im Schritte. Seine Nichte Amelie war eines jener Mädchen, die mich in meiner trüben Zeit verlassen hatten; ich trug ihr nichts nach und nahm die mir entgegengebrachte passionierte Freundschaft dankbar an, wenn ich sie auch nicht voll erwidern konnte, verband mir dadurch ihre Angehörigen und wurde bald wie ein Familienglied von ihnen betrachtet. Amazon.de Widgets Meine Anwesenheit veranlaßte den Herrn Hofkammerrat, kleine Feten zu geben, durch die mir die verschiedenen Teile der Gesellschaft bekannt wurden. Es herrschte jetzt ein anderer Ton wie in meiner Kindheit, und andere Menschen führten das Wort; die nahe Universität Jena entsandte interessante Gelehrte und lernbegierige junge Studenten, und man traf damals in Weimar häufig mit Leuten zusammen, die später mit Auszeichnung im Gebiete der Wissenschaft genannt wurden. Auch sah ich bei Kirms viele der jungen Mädchen wieder, die mich in der Kinderzeit verleugnet hatten; sie näherten sich mir, als hätte keine Entfernung stattgefunden, und baten um Erneuerung des Bundes, den sie selbst zerrissen hatten. So gewann ich in den Gespielinnen meiner Kindheit liebenswürdige Gefährtinnen meiner Jugend, über deren Treue oder Unbeständigkeit freilich erst die Zukunft entscheiden konnte. Zwischen dem Adel und dem übrigen Teil der Gesellschaft bestand damals eine große Kluft, und ich hatte es nur der guten Aufnahme bei der Herzogin sowie meiner bevorstehenden Verbindung mit dem Grafen Veterani zuzuschreiben, der überall einen vorteilhaften Eindruck hinterlassen hatte, daß man mich auch in den vornehmen Zirkeln empfing. Hier fand ich Lotte v. Seebach wieder, die streitbare Kaiserin aus der Kinderzeit, kam mit ihrer Schwester Amalie, einem prächtigen Mädchen, in ein freundschaftliches Verhältnis und erhielt so meinen[82] liebsten, nie unterbrochenen Umgang. Den von allen Seiten ergehenden Einladungen Folge zu leisten, war ich kaum imstande, da kein Tag verging, daß ich nicht im Wittumpalais erscheinen mußte. Dort sah ich auch die Prinzessin Karoline, zu der ich mich sofort hingezogen fühlte, und sie gab ihr Wohlwollen für mich so warm und unverhohlen zu erkennen, daß ich bei keiner Fete fehlen durfte, die ihr von der Gesellschaft gegeben wurde. Der regierende Hof bewies mir seine Achtung dadurch, daß ich mit den jungen Mädchen der höheren Stände zur Prinzessin eingeladen wurde, die ich bald mit ganzer Seele liebte. Obgleich sie einige Jahre jünger wie ich war, gab doch die sorgfältige Erziehung ihr einen Vorsprung vor ihresgleichen, und ich hatte mir eine ungekünstelte Natürlichkeit erhalten, die mich jünger erscheinen ließ als ich war, es störte also nichts die Übereinstimmung unserer Neigungen. Erst als ich Schillers Thekla kennen lernte, wußte ich, mit wem ich ihren gefestigten Charakter vergleichen sollte, ihre äußere Erscheinung aber entsprach dem Ideale eines edlen Fürstenkindes. Die Gestalt schlank und graziös, der Blick des dunkelblauen Auges voll Gefühl, Verstand und Melancholie; dunkelbraunes, schlicht gescheiteltes Haar umgab das bleiche Gesicht, das, ohne regelmäßig schön zu sein, einen unnennbaren Zauber ausübte. Sie war der Liebling ihres Vaters und hing an ihm mit schwärmerischer Zärtlichkeit, während ihre Mutter, sonderbar bei ihren außerordentlichen Vorzügen, eine Art Abneigung gegen sie empfand. Nach einiger Zeit kam Schiller nach Weimar und schlug seinen Wohnsitz dort auf; ich ward in seinem Hause erst freundlich, dann freundschaftlich aufgenommen. Seine Gattin war der Inbegriff von Gutmütigkeit und Wohlwollen, mehr anspruchslos als geistreich, deren Schwester, Frau v. Wolzogen, reicher begabt und weltkundig, mir nicht minder gewogen. Schon bei meiner Ankunft in Weimar hätte ich aber von einer Einwohnerin meines väterlichen Hauses sprechen sollen, von Christiane Neumann, die bereits als Kind mein Interesse erregt hatte und mir jetzt als Gattin des jungen, talentvollen Schauspielers Becker entgegentrat. Wir schlossen uns bald aneinander an, und wenn ich des Abends aus meinen Zirkeln nach[83] Hause kam, erwartete mich noch das Vergnügen, ein Stündchen bei diesen angenehmen Menschen zuzubringen, die trotz ihrer beschränkten Verhältnisse an Fröhlichkeit und guter Laune unerschöpflich waren. Die Kosten der frugalen Soupers trugen wir gemeinschaftlich, denn auch ich litt, trotz alles äußeren Glanzes, an Geldmangel; aber das störte das Vergnügen des Augenblicks in keiner Weise. Madame Becker war eine liebliche Erscheinung, mehr mager als schlank, denn sie trug bereits den Kern der Krankheit in sich, die ihrem Leben ein so frühes Ende bereitete, und ihr schönes Köpfchen mit blondem, leicht gelocktem Haar, das feine freundliche Gesicht hätte man für ein Phantasiebild halten können. Sie war die Tochter eines außerordentlichen tragischen Schauspielers, Schülerin von Korona Schröter und besaß ein schönes, noch nicht ganz ausgebildetes Talent. Kaum zweiundzwanzig Jahre alt, starb sie an der Auszehrung; ihre letzte Rolle war die Euphrosyne in einem verschollenen Zauberstücke »Das Petermännchen«, weshalb Goethe ihr diesen Namen in seinem Nachruf gegeben hat. Seine Teilnahme kann übrigens erst nach ihrem Tode so lebendig geworden sein, denn während ihres Lebens habe ich nicht die geringste Auszeichnung, am allerwenigsten eine Vermehrung der Gage bemerkt, über deren Geringfügigkeit sie sich mir gegenüber oft genug beklagte. Mein damaliges Leben wäre glücklich gewesen, wenn mich die Sorge um meine gute Mutter nicht wieder in das alte Elend gestürzt hätte. Ihre Wohltätigkeit ging weit über ihre Kräfte, und meist wurde sie so mißbraucht, daß sie das, was ich mir jetzt entzog, anderen gab und so niemals im ganzen Leben in Ordnung kam. Mein Vater, der von meiner glänzenden Stellung weder erfreut noch geblendet war, suchte meinen Geist zu der Betrachtung anzuleiten, daß die Gunst der Fürsten veränderlich sei und ein kleiner Umstand das ganze Glück über den Haufen werfen könne. Solche Besorgnisse hielt ich für übertrieben, es verletzte mich sogar, daß mir das Gegenstück der Freuden entgegengehalten wurde, die mir nach Kummer und Sorgen endlich zu lächeln begannen. Das Leben im Hause der Herzogin Anna Amalia war von einer so reizenden Originalität, daß man seine edle Einfachheit und[84] vielseitige Vorzüglichkeit nie vergessen kann. Im Sommer bewohnte sie ein bescheidenes Gutshaus im Dorfe Tiefurt, das nur die Ehrfurcht vor der Bewohnerin Schloß nennen konnte, am Eingang eines kleinen Parks mit herrlichen Bäumen, den die Ilm, sonst verdrießlich und träge, wie ein rauschender Waldstrom durcheilte. Außer ihrem Hofstaat war sie täglich von allem umgeben, was Weimar Vorzügliches besaß, und dessen war damals viel, denn Wieland, Herder, Goethe in der Blüte ihrer Jahre, voll Heiterkeit, ich möchte sagen fröhlichen Übermuts, überboten sich in geistreichen Betrachtungen, Scherzen und Satiren über moralische und psychologische Themen, Erlebnisse, Zeitereignisse und Gedichte, und dazu gesellten sich abwechselnd andere, die mit Witz und Gelehrsamkeit Heiterkeit und Anmut verbreiteten. Der Herzog war die Seele der Unterhaltung, zu der sein lebendiger Geist und seine frohe Laune immer neuen Stoff lieferten, und seine Mutter fühlte sich glücklich, wenn sie den geliebten Sohn in ihrer Nähe wußte. Was vom Ausland an Künstlern und Gelehrten, interessanten Frauen und merkwürdigen Persönlichkeiten nach Weimar kam, fühlte sich von diesem Treiben angezogen wie Tasso am Hofe von Este und verweilte gern in seiner Atmosphäre. Ein kleines, angenehm eingerichtetes Logis in einem reinlichen Bauernhause nahm die Fremden auf, welche die Fürstin länger in ihrer Nähe zu haben wünschte, auch ich brachte dort zuweilen eine geruhsame Nacht zu, wenn der Abend zu schnell eingebrochen war. Das Wittumpalais bezog die Herzogin, wenn die Blätter in Tiefurt gelb wurden und die feuchten Herbstnebel den Aufenthalt im Freien nicht mehr gestatteten. Hier versammelte der Abend die Gesellschaft, in die damals einige französische Emigranten und eine englische Familie Gore eingeführt wurden, ein Vater mit zwei Töchtern, von denen die jüngere eine liebenswürdige Erscheinung war, wie sie nur noch in Romanen existieren, am seltensten unter den Engländerinnen der neuesten Zeit, die den Kontinent besuchen. Emilie Gore hatte einen tiefen Eindruck auf den Herzog gemacht, und außer dem Hause seiner Mutter war der Zirkel dieser Familie der einzige, den er besuchte. Nur das Theater und die Kurtage[85] machten eine Unterbrechung in den Abendgesellschaften Anna Amalias, in denen zuweilen, wenn auch nur auf kurze Zeit, die regierende Herzogin erschien. Das Glück, in diesem Zauberkreise zu verweilen, empfand ich in seinem vollen Werte, während die Gunst der beiden Höfe, der Umgang mit der Prinzeß, vielleicht auch mein Verhältnis zu dem Grafen großen Einfluß auf meine Stellung in der weimarischen Welt äußerten. Ich nahm meinerseits all das Gute unbefangen hin, ließ mich von der Sonne bescheinen, die für mich in allen vier Himmelsgegenden aufging, von den Wellen treiben, wohin sie wollten, da mir an jedem Gestade Blumen blühten, genoß die glückliche Gegenwart, die mich zuweilen meine traurigen Familienverhältnisse vergessen ließ, bis sie mir wieder mit doppelter Schwere aufs Herz fielen. Mein Bruder kam zu meiner größten Freude von Cassel zurück, ein blondgelockter fröhlicher, genialer Junge, aus dessen großen blauen Augen Freundlichkeit und Liebe herausblickten. Er brachte gute Studien mit, und der Herzog, der so gern dem Talente die Hand bot, fand ihn der Unterstützung wert; nach kurzem Aufenthalt sandte er ihn nach Wien, um unter Füger seine Anlagen weiter zu entwickeln, und später nach Paris und Italien. Das Andenken an den Grafen war seit geraumer Zeit in den Hintergrund getreten, denn meine Lage war zu angenehm, um an eine Veränderung zu denken; desto mehr interessierte ich mich fürs Theater, dessen freien Zutritt mir der alles vermögende Hofkammerrat gestattet hatte. Es stand unter Goethes Oberdirektion, die der Hof ihm ohne alle Einmischung überlassen hatte, und nicht nur waren von Bellomo brave Künstler zurückgeblieben, sondern auch andere hinzugekommen, denen ich mein Wohlgefallen nicht versagen konnte, obschon ich durch das musterhafte Mannheimer Theater verwöhnt war. Da war Vohs, ein erster jugendlicher Liebhaber von einnehmendem Wesen und hübscher Gestalt, seine Frau eine allerliebste Soubrette mit etwas Gesangstalent, Becker, ein origineller Komiker, und seine Frau eine liebliche erste Liebhaberin. Malcolmi zeichnete sich in launigen Alten und Bauern aus, und Madame Beck, die Schwägerin meiner Gesangslehrerin, war die beste komische Mutterdieser und der folgenden Zeiten; Graff gab würdige Alte wie den Abbé de l'Epée und Nathan sehr gut, ließ aber in Charakterrollen wie König Philipp im Don Carlos zu wünschen, während Leißring, ein junger Mensch mit außerordentlichem Theatergeschick, das Fach der Naturburschen vertrat. Herr Haide stand als zweiter Liebhaber und wo er sonst hingestellt wurde, im Wege, denn er pflegte auf eine Zeile zwei bis drei Gesten zu verwenden, nahm oft die erste im Entstehen zurück, um sie gegen eine andere zu vertauschen, und gelangte so zu einem wilden Herumfechten, zuweilen zu dem Gestus, mit dem man Hörner bezeichnet. Die Harmonie, welche die genannten Talente sehr lobenswert in den Lustspieldarstellungen erreichten, wurde regelmäßig durch diesen Darsteller durchbrochen. Weniger vorteilhaft war das Trauerspiel ausgestattet, so daß Goethes und Schillers ältere Werke recht unvollkommen zur Erscheinung kamen. Hin und wieder leisteten Vohs, Becker und Frau auch in diesem Genre Ausgezeichnetes, doch fielen unverzeihliche Mißgriffe vor, die heute nicht mehr mit der Nachsicht der damaligen Zeit hingenommen werden würden. Madame Malcolmi sprach die Königin im Don Carlos in estländischem Dialekt, kam betrunken auf die Bühne und improvisierte Dinge, die sich nicht niederschreiben lassen; Macbeth erhielt in der Darstellung des Herrn Malcolmi einen komischen Anstrich, da er ihn im Stile seiner Lustspielfiguren gab und außerdem durch ein barokkes Kostüm die Lachmuskeln reizte. Derlei Störungen fielen im Trauerspiel unzählige vor. Mit der Oper sah es nicht viel besser aus. Außer Herrn Benda, der wirklich eine Tenorstimme und eine gewisse Methode hatte, und Madame Weyrauch, die ohne musikalische Kenntnisse und Vortrag das Verdienst besaß, mit einem dünnen Organ über das dreigestrichene F hinauszusingen, gab es niemanden, der sich Sänger hätte nennen können. Eine Demoiselle Matiegzeck bellte die Donna Anna, Don Juan und Leporello bedeuteten gar nichts; Herr Weyrauch, der den Mangel an Stimme durch ein angenehmes Spiel ersetzte, rettete als Masetto und Madame Vohs durch ihre interessante Erscheinung als Zerline die Vorstellung. Mit solchen unzureichenden Mitteln[89] gab man Figaro, die Zauberflöte und alle damals gangbaren Opern, gut wurden nur die Operetten, besonders die Dittersdorfschen, aufgeführt. Nebenrollen und Ausstattung fanden eine geradezu jammervolle Berücksichtigung; während die drei Genien in der Zauberflöte in Mannheim (wie auf allen Theatern) von hübschen Mädchen in hübschen Kostümen gegeben wurden, fanden hier drei Seminaristen Verwendung, unbeholfene Bauernjungen, denen man ziegelrote Trikots anzog, so weit, daß die Arme wie Hautwülste ausschauten, nicht gerade rein gewaschene Tuniken überwarf, nicht kurz genug, die griechische Form anzudeuten, nicht lang genug, die schmutzigen Stiefel zu bedecken, die struppigen Köpfe mit plumpen, einfarbigen Rosenkränzen zierte und die Backen purpurn schminkte wie Ostereier. Doch das Spiel kann keine Feder schildern; die Hauptsache war, daß sie die Palmzweige wie Zepter von sich weghielten und gelegentlich damit den Takt schlugen. In anderer Art unbegreiflich war es, daß die schwangere Königin der Nacht ihre Arie in der Kulisse sang und eine stumme Stellvertreterin auf der Bühne die Bewegungen machte, daß Papageno in der Szene, wo die Löwen des Herrn Sarastro erscheinen, die Melodie des Liedes »Mag der Sultan Saladin« aus Richard Löwenherz anstimmte, die zu Mozart paßt wie die Faust aufs Auge. Solche von Goethe ausgehende Ideen belachte das harmlos gutmütige Publikum, es lachte auch, wenn Goethe von seinem Stuhl inmitten des Parterre sich erhob und mit donnernder Stimme rief: »Man lache nicht!« Und der Hof mit dem Herzog an der Spitze, die Besseres kannten, sahen in dieser Zeit der Anspruchslosigkeit über die Mängel hinweg, indem sie sich an das besser Gelungene hielten und allmählich auf einen allgemeinen Fortschritt hoffen zu dürfen glaubten. Einen merkwürdigen Grundsatz hatte Goethe auch damit aufgestellt, daß kein weimarischer Schauspieler Gastrollen geben und kein fremder auf der hiesigen Bühne erscheinen dürfe. Der Grund lag in der Besorgnis, die guten Mitglieder möchten durch größere Anerbieten zum Abgang verlockt werden und die mittelmäßigen durch das Auftreten bedeutender Talente dem Publikum in ihrem wahren Lichte erscheinen. Dadurch wurden den einheimischen[90] Künstlern aber Selbsterkenntnis und Fortschritt erschwert, und sie fühlten sich um so unglücklicher, als sie ein karges Auskommen besaßen, durch Vorschüsse an die Scholle gebunden waren und keinen Nebenverdienst sich zu erwerben vermochten. Diese Vorschüsse waren ein Hauptmanöver meines Freundes Kirms, sich seiner Leute fest zu versichern, der Mann tat alles aus Interesse für seinen Herrn, Goethe ließ es geschehen, und der Herzog wußte es nicht. Die Herzogin Amalia war diejenige von den Fürstlichkeiten, die am wenigsten von dem damaligen Stande des Theaters befriedigt wurde. Von der Erinnerung an die glänzende Oper in Italien erfüllt, nahm sie ungern mit der hiesigen Mittelmäßigkeit vorlieb, und wenn sie vom Schauspiel sprach, geschah es nur, um den kleinen, aber vortrefflichen Truppen Kochs und Seilers, die während ihrer Regierung auf dem Schloßtheater gespielt hatten, den Vorzug zu geben. Ein besonderer Umstand war es, welcher der geistvollen, aber leicht erregten Fürstin einen entschiedenen Widerwillen gegen die weimarische Neuschöpfung beigebracht hatte. Demoiselle Rudorf hatte eine sehr schöne Stimme, aber nicht eine Idee von musikalischem Talent, kein Taktgefühl und ein schlechtes Gehör. Da die Frau Herzogin ihr Engagement beim Theater wünschte, wurden Versuche gemacht, die sämtlich mißlangen; sie warf regelmäßig um, verdarb den anderen Sängern das Konzept und beschuldigte den Kapellmeister und das Orchester der Kabale. Ihre Tränenströme und Krämpfe erregten das Mitleid der Fürstin in solchem Maße, daß jene in Ungnade fielen und die kleinen Konzerte, ihre Lieblingsunterhaltung, eine Weile unterbrochen wurden. Am allerschlimmsten aber kam der Hofkammerrat weg, dem Goethe überlassen hatte, das Resultat der Prüfung höchsten Ortes mitzuteilen, und Demoiselle Rudorf sein »Unbrauchbar« dadurch vergalt, daß sie ihn unlauterer Absichten auf ihre Person beschuldigte. Von da ab sah die Herzogin in ihr die verfolgte Unschuld, während Hof und Stadt, der Herzog und Goethe an der Spitze, vom Gegenteil innig überzeugt waren. In der Pause nach dem Mittagsmahle teilte mir die Herzogin oft mit, wie schändlich wieder dieser und jener sich gegen[91] die arme Rudorf benommen hätte, und ich stand nicht an, sie von der Grundlosigkeit dieser Anklagen zu überzeugen. Das war mehr nach Art der Tauben als der Schlangen gehandelt, doch zürnte mir die Herzogin nicht, klopfte mir die Wangen und nannte mich ein gutes Mädchen; auch hatten mir manche der Ungnade Verfallene zu danken, daß sie erlöst wurden, vor allem der Kapellmeister, der über seine unverdiente Verbannung vom Hofe beinahe melancholisch geworden war. Wenn auch der Frieden in Deutschland wieder eingezogen war, rüstete doch Österreich neuerdings gegen Italien, und Graf Veterani, der den Abschied hatte nehmen wollen, war wahrscheinlich durch seine Familie so lange daran verhindert worden, bis sein Regiment Marschordre erhielt und er nicht zurückbleiben konnte. Er beschwor mich, seine Rückkehr abzuwarten und in der Zwischenzeit die Bühne nicht zu betreten, doch leuchtete aus seinem Briefe deutlich eine gewisse Entsagung hervor, und ich brauchte mir keinen Vorwurf zu machen, daß ich das abermalige Hindernis der Verbindung ohne Aufregung ertrug. Sein Bild war in meiner Seele verblaßt, ich würde nur mit Bedauern aus meiner gegenwärtigen Lage geschieden sein, und da mein Vater mich nicht einer weiteren ungewissen Zukunft überlassen wollte, wurde mein Verhältnis zu dem Grafen gelöst. Als diese Veränderung am verwitweten Hofe bekannt wurde, nahmen die Verhältnisse eine andere Gestalt an. Demoiselle Rudorf, im Bunde mit Fräulein v. Göchhausen und einer alten bösen Kammerfrau, der ich unklugerweise nicht den Hof gemacht hatte, wünschte meine Entfernung, und durch kleine Mißgriffe, Verstöße und Unvorsichtigkeiten habe ich zweifelsohne selbst zur Erreichung ihres Zweckes beigetragen. Die Einladungen wurden seltener und verloren sich endlich ganz; zuweilen ließ die Frau Herzogin mich rufen, um mir Verweise über Dinge zu geben, von denen ich nicht ein Sterbenswort wußte, und bei solcher Gelegenheit sagte sie mir auch, daß sie mich nicht auf dem weimarischen Theater zu sehen hoffe. Das geschah aus Erbitterung gegen Kirms, die sie niemals hat verwinden können; ich hatte über meine Zukunft keine Pläne und konnte deshalb weder Ja noch Nein sagen. Jedenfalls war die Prophezeiung[92] meines Vaters in Erfüllung gegangen, die Fürstengunst hatte sich geändert; doch kannte alle Welt die Quelle meines Mißgeschicks, und sowohl der regierende Hof wie meine Bekannten und Freunde verdoppelten die Zeichen ihres Wohlwollens. Der Hofkammerrat aber, der mit der Unbeständigkeit des menschlichen Herzens und dem Wechsel aller irdischen Dinge rechnete, fand den Augenblick gekommen, als mein schwacher Tränenstrom über den Verlust des guten Veterani versiegt war, mit seinem Anstellungsprojekt herauszurücken. Mein Vater zog ein Engagement mit bescheidenem lebenslänglichen Gehalt in der Vaterstadt einem glänzenden im Auslande vor, ich glaubte dem Herzog, der sich tätig für meinen Bruder interessierte, Dankbarkeit schuldig zu sein und hielt es in meiner übertriebenen Großmut und meiner praktischen Unkenntnis für eine Schlechtigkeit, um des Geldes willen das Fürstenhaus zu verlassen, das mir Treue gehalten hatte, als die Herzogin mich fallen ließ. Meine Liebe zur Prinzeß und zu meinen Eltern, die angenehmen Beziehungen zu bekannten Familien und meinen Freundinnen würden mir den Abschied schwer gemacht haben, so daß ich beschloß, dem allgemeinen Wunsch und der Ansicht der Meinigen Folge zu leisten und in Weimar zu bleiben. Ich ward nach den damaligen bescheidenen Verhältnissen mit 600 Taler Gehalt inklusive Garderobegeld und 300 Taler Pension als Hofsängerin engagiert, während meine Verbindlichkeit darin bestand, aller acht Tage im Konzert am Hofe zu singen und als erste Sängerin in der Oper aufzutreten. Im Schauspiel war ich nicht verbunden zu spielen, doch rechnete man auf meine Gefälligkeit, auch bezüglich einiger Gastrollen in Lauchstädt, wo die Gesellschaft die Sommermonate zubrachte. Amazon.de Widgets Die Konzerte am Hofe vermehrten die Annehmlichkeiten meiner Stellung. Die Prinzessin Karoline, der liebenswürdige Erbprinz und viele meiner Freunde aus der Hofgesellschaft besuchten mich im Orchester, wohin die Etikette mich verbannt hatte; nie waren meine Wünsche darüber hinausgegangen, nur glaubte ich diesen Platz am Hofe meiner früheren Beschützerin erlangen zu können. Denen, die nicht am Spieltisch beschäftigt waren, und den fürstlichen Kindern[93] wurde es zur Gewohnheit, den Teil des Orchesters, an dem mir mein Platz angewiesen war, als Versammlungsort zu Betrachten, und schließlich saß ich mitten in der Gesellschaft, angenehm unterhalten und mit Güte und Freundlichkeit überhäuft. Die Prinzeß und ihre Erzieherin, Fräulein v. Knebel, liebten es, wenn ich vor dem Konzert eine halbe Stunde zu ihr kam; wir gingen dann zusammen hinunter und traten aus verschiedenen Türen in den Saal, eine Kleinigkeit, der die Folge Wichtigkeit verleihen wird. Die beiden Fürstinnen beobachteten im Saale mir gegenüber eine Haltung, die den Unterschied ihrer Denkungsart auffallend bezeichnete. Beide waren edel und großmütig, aber die Herzoginmutter ließ sich von einer gewissen Leidenschaftlichkeit und von Eindrücken beherrschen und zu Übereilungen verleiten, die ihr selbst leid taten; die regierende Herzogin war kalt und stolz, stand daher einer Menge Relationen fern, die jene in folge ihres vielseitigen Interesses und Gemüts, wie man heute sagt, beherrschten. Diese Wesensverschiedenheit hatte eine Entfernung beider herbeigeführt, und es geschah nicht selten, daß die eine das protegierte, was die andere fallen ließ; ich würde sagen, daß auch ich den Schutz der regierenden Frau diesem Umstande zu verdanken hatte, wenn ich nicht Ursache hätte, ihn ihrer Gerechtigkeitsliebe zuzuschreiben. Stolz fand man sie, weil sie an der höfischen Etikette der früheren Zeit festhielt, ihrer hohen Gestalt stets eine wahrhaft majestätische Haltung gab und nur dem Adel den Zutritt zu ihren Cercles gestattete, obwohl sie alle Stände nach ihren Verdiensten achtete. Aus diesen Gründen wurde sie eine Zeitlang im Lande nicht geliebt, indes die Herzoginmutter vergöttert wurde, und die scharfe Trennung der Stände samt einer gewissen gegenseitigen Animosität hat sich in Weimar noch lange fortgesetzt und in der früheren Zeit die gesellschaftlichen Verhältnisse der kleinen Stadt gestört. Sobald nun beide Fürstinnen die Runde unter den im Kursaal versammelten Damen gemacht hatten, setzte die Musik ein, und die Bewegung ging in Stille über; Herzogin Luise näherte sich dem Orchester und erwiderte meine tiefe Verbeugung mit huldvollem, doch ernstem Neigen des Hauptes, während sich Herzogin Amalia an den Spieltisch begab,[94] um mir durch das die Musik unterbrechende Geklapper der Marken die Fortdauer ihrer Ungnade kundzutun. Es waren aber auch bei meinem Engagement Dinge vorgefallen, die ihre Unbefangenheit stören mußten. Wenn die Königin Elisabeth von England dem Grafen Essex mit ihrem Handschuh einen Backenstreich versetzte, so bediente sich unsere Herzogin der wirklichen Hand, um meinem Vater, als er ihr die Nachricht meiner Anstellung brachte, eine veritable Ohrfeige zu geben. Derselbe kam vor der gewöhnlichen Zeit zornig nach Hause und ging mehrere Tage nicht ins Palais, bis ein Billett der Fürstin das gute Einvernehmen wiederherstellte. Meine theatralische Laufbahn wurde am 18. Februar 1797 mit Oberon eröffnet, und die Direktion hegte eine so hohe Meinung von meinen Talenten, daß sie die Eintrittspreise erhöhte. Das Haus war zum Erdrücken voll, Wieland saß in der ersten Reihe des Parterres und war entzückt, die Figuren seiner Imagination mit seinem physischen Auge zu sehen; ein über das andere Mal rief er aus: »Das ist mein Oberon, so habe ich ihn mir gedacht!« Ich war aber auch in meinem damaligen Alter kein unwürdiger Repräsentant des kleinen Gottes, mein Erscheinen brachte eine allgemeine Erregung hervor, vielleicht deshalb, weil das Publikum so sehr mit der Mittelmäßigkeit hatte vorlieb nehmen müssen; auch meine beiden anderen Debüts, als Prosper in der »Wilden« (1. März) und als Konstanze in der »Entführung« (11. März) erregten enthusiastischen Beifall; die Herzogin ließ mich zu sich kommen, um mich mit dem Ausdruck ihres Beifalls und dem Geschenke eines Kolliers und eines wunderschönen Kleides zu erfreuen. Diesem glänzenden künstlerischen Etablissement entsprechend, suchte ich nun auch meine häuslichen Verhältnisse umzugestalten und erhob meine Blicke aus der Unterstube zu dem größeren Logis, das von dem Beckerschen Ehepaar verlassen worden war, um mein Ideal von einer eleganten Wohnung auszuführen. Freilich wurde vieles zu Kattun und Musselin, was als Seide in meiner Phantasie geglänzt hatte, aber die Pracht wurde durch Geschmack ersetzt, das Malergenie meines Bruders verzierte die kleinen Räume mit Blumenbordüren und Stoffdraperien, und auf den niedlichen Geschenken meiner Freundinnen[95] verweilte das Auge um so lieber, als sie an die freundliche Absicht der Geber erinnerten. Mit Erlaubnis meines Vaters wohnte meine Schwester Marianne bei mir, und nun strebte ich bei ihr das hervorzurufen, was ich selber in Mannheim nicht besessen hatte, nämlich eine Ordnungsliebe, die jetzt plötzlich in mir erwachte, als ich mein eigener Herr war. So sehr mich die Außenwelt in Anspruch nahm, habe ich für meine Schwester eine mütterliche Sorgfalt entfaltet. Zu Goethe trat ich nach dem Abschlusse meines Engagements in dieselbe Stellung, die ich in Mannheim dem Intendanten gegenüber eingenommen hatte. Die Unterhandlungen waren zwischen dem Hofkammerrat und meinem Vater geführt worden, wobei sich Goethe so steif und gerade verhalten hatte, wie er sich in seiner äußeren Erscheinung zeigte. Ich glaube auch nicht, daß ihm meine Akquisition besonders angenehm war, denn meine Stellung, mein Talent und meine Neigung entzogen mich der sklavischen Unterwürfigkeit, in der er die Theaterdamen sich gegenüber zu sehen wünschte, doch war sein Empfang, als ich ihn als engagiertes Mitglied zum erstenmal besuchte, überaus freundlich und verbindlich. In seinem Wesen lag eine gewisse Pedanterie, in seiner Haltung eine Steifheit, die in früheren Jahren die Jugendlichkeit trotz seines klassisch schönen Gesichts nicht zu voller Erscheinung kommen ließ; der schön geformte Mund, der an den Apoll von Belvedere erinnerte, konnte lachen, ohne freundlich zu sein, das große dunkle, scharf geschnittene Auge blieb immer ernst, selbst wenn der Mund lächelte, und störte die Harmonie, die bei weniger schönen Zügen so angenehm berührt, das Ganze imponierte, sprach aber nicht zum Herzen. Ich gestehe mit Beschämung, daß damals nur gemütliche Eindrücke über meine Handlungen entschieden und daß ich den nächsten Schritt nicht überlegte, auch will ich nicht verhehlen, daß ich von Goethes besten Werken damals noch nichts kannte, was mich hätte veranlassen können, ihm die gewohnte Huldigung darzubringen, und lediglich früher aus der Bibliothek der Herzogin den Götz gelesen hatte. Jetzt fiel es mir nicht ein, mich wie das übrige Theaterpersonal bei Goethe dadurch zu insinuieren, daß ich der Vulpius den Hof machte, so gut ich ihr[96] auch war. In meiner Kindheit wohnte sie neben uns und war ein sehr hübsches, freundliches, fleißiges Mädchen; aus ihrem apfelrunden, frischen Gesicht blickten ein paar brennend schwarze Augen, ihr etwas aufgeworfener kirschroter Mund zeigte, da sie gern lachte, eine Reihe schöner weißer Zähne, und dunkelbraune volle Locken fielen ihr um Stirn und Nacken. Sie ernährte ihren pensionierten Vater und eine alte Tante durch ihre Geschicklichkeit im Verfertigen künstlicher Blumen, und Goethe lernte sie in dieser Dürftigkeit kennen; in den Überfluß versetzt und zu neuen Lebensgenüssen ermuntert, holte sie nicht nur das Vermißte nach, sondern aß und trank dermaßen, daß ihre kindlich naiven Züge den Ausdruck einer Bacchantin annahmen und ihre Gestalt zur Überfülle drängte. Sie war stets umgeben von dem obskuren Teil der weiblichen Talente, aus denen auch Goethe vorzugsweise seine Lieblinge wählte, Schauspieler schlossen sich ihr an, um gut zu leben und dankbare Rollen zu bekommen, und die Zusammenkünfte waren meist lärmender Natur. Der Mann, den sie so tief verehrte, sanktionierte diese Lebensweise, hatte ein Wohlgefallen daran, wenn sie sich rücksichtslos ihren Vergnügungen überließ, und erlaubte ihr, selbst als sie schon seine Gattin war, nach Lauchstädt und Jena zu fahren, um dort zu tanzen und sich von den jungen Herren verspotten zu lassen, wenn sie dem Punschglas so eifrig zugesprochen hatte, daß ihre Zunge lallte und ihr Angesicht wie Feuer glühte. Goethe dachte nicht daran, ein Wesen, das er sich so nahe gestellt hatte, als es noch bildungsfähig war, zum Hohen zu erheben, sondern überließ es seinen niederen Neigungen. Als ich von Mannheim kam, war das Verhältnis öffentlich etabliert, und daß die Vulpius bei Goethe wohnte, für die kleine Stadt etwas Unerhörtes. Er war der erste und einzige, der es wagte, die öffentliche Meinung ohne Scheu zu verachten, und man fand das um so verletzender, als man darin einen Mißbrauch des Vorrechts erkannte, das ihm die fürstliche Freundschaft in mancherlei Hinsicht gewährte. Der Totaleindruck, den ich von dem großen Manne erhielt, war kein ganz vorteilhafter, und wenn man sich meiner selbstgeschaffenen Grundsätze erinnert, wird man diese Wendung begreiflich finden.[97] Als ich ihm durch das Theater näherkam, fanden sich neue Gründe zur Unzufriedenheit, wenn auch nur künstlerische, die sich gleich bei meinem ersten Auftreten offenbarten. In Mannheim war alles einfach, aber anmutig arrangiert, die Versöhnungsszene Oberons und Titanias malerisch geordnet; hier legte Goethe der Wiedervereinigung Schwierigkeiten in den Weg, indem er hinter dem Wolkenwagen, in dem sich Oberon der Erde nähert, um mit der Gattin in die Lüfte zu entschweben, eine durch eine Wolke schlecht versteckte Leiter anbringen ließ, auf der zwei Genien ? wieder jene hausbackenen Seminaristen ? über den Häuptern der neu Versöhnten einen Kranz halten mußten. Durch die Leiter blieben aber die Gatten getrennt, konnten nur die Arme sehnsüchtig ausstrecken und sich einander zuneigen, während das Verschweben in den Wolken ganz wegfallen mußte. Daß meine Titania ein gestreiftes Musselinkleid anhatte, hoch frisiert war und statt fleischfarbener Sandalen schwarze rauhlederne Schuhe mit Schnallen trug, indignierte mich ebenfalls, und die kleinen steifen Röschen, die hie und da auf Kleid und Frisur angebracht waren, konnten mich mit dem lächerlichen Ganzen nicht versöhnen. Ich kam von einer Bühne, die nach Regeln geleitet wurde und auch darin zum Muster dienen konnte, daß der Ton, der unter den Künstlern herrschte, anständig und fein war, während hier Willkür und Despotismus regierten. Das Personal war mit geringer Ausnahme von unglaublicher Roheit, der allgemeine Ton nicht viel von einer herumziehenden Truppe unterschieden. Wie ich früher schon sagte, gehörte es zu den Grundsätzen des Hofkammerrats, die Schauspieler durch Vorschüsse zu fesseln; die Abzüge versetzten dieselben in die drückendste Lage, und so mußte ich mit armen unzufriedenen Leuten und wenig bedeutenden Talenten ? ich spreche nicht von der Oper allein ? meine Aufgaben ausführen, daß mir alle Freude zu neuen Rollen verging. Diese Mängel schrieb ich dem Lenker des Theaters zu und war böse, daß er geschehen ließ, was so leicht besser gemacht werden konnte, auch, daß er für alle Nebendinge kein Interesse hatte, die dem Schauspieler gleichwohl wichtig sind, weil er bei der ersten Auffassung der Rolle sein Spiel daran anknüpft. Wenn zum Beispielin einem Stücke eine Grotte vorgeschrieben war, die mit Kränzen geschmückt werden, eine Laube, in der man lauschen, ein Wasserfall, an dessen Rande man einschlummern sollte, so wurde in der Probe nichts von diesen Requisiten vorgeführt oder auch nur angedeutet, vielmehr rief Goethe aus dem Parterre, wo er zuweilen, aber nicht oft, den Proben beiwohnte: »das supponiere man!« Wenn man sich aber wirkungsvollere Aktionen bis zur Vorstellung supponieren soll, so ist das ein sehr großes Hindernis für die Darstellung und verdirbt dem Künstler die Freude an der Arbeit. Diese Einzelheiten von Goethes Persönlichkeit und Theaterpraxis werden es begreiflich machen, daß ich mich damals, wo Eindrücke allein über mich entschieden, von ihm mehr abgestoßen als angezogen fühlte. 
 Erstes Kapitel Aus der Jugendzeit (1777?1792)  Mein Vater war ein sehr gelehrter Mann; sein langer Aufenthalt in Italien hatte ihm eine gründliche Kenntnis der dortigen Kunstschätze, der Literatur und Sprache verschafft, er fühlte die Schönheit jenes Landes mit all der Wärme, die so viele lebenslang im Busen tragen, die dort heimisch gewesen sind. Diesen Umständen verdankte er den Vorzug, daß die wegen ihrer Geistesbildung und anderer erhabener Eigenschaften allgemein verehrte Herzogin Anna Amalia von Weimar ihm die Verwaltung ihrer Bibliothek übergab, und es gehörte zu seinen Verbindlichkeiten, jeden Morgen mit der Herzogin italienische Schriftsteller zu lesen. Seine eigenen Werke in dieser Sprache sind bekannt, und sein italienisches Wörterbuch galt für das beste, das vorhanden war. Übrigens hatte er nicht die Gabe, noch den Trieb, sich geltend zu machen, sein Schreibtisch war seine Welt. Er konnte recht fröhlich sein in einem kleinen Kreise von geistreichen Leuten, die der Zufall mit ihm zugleich damals in Weimar vereinigte. Einfach in seinen Sitten und Neigungen, strebte er nie nach Dingen, um derentwillen er sich hätte schmiegen müssen; sein Geschäft und seine Kin der, auch ein kleiner Garten am Hause waren seine Freude. Meine Mutter war die Tochter eines Arztes aus Schwabach im Ansbachischen. Mehr eine gelehrte als praktische Erziehung durch eine Mutter, die vermöge ihres wissenschaftlich ausgebildeten Geistes mit gelehrten und berühmten Literaten teils umging, teils in schriftlicher Verbindung stand, hatte sie mit ungewöhnlichen Kenntnissen und dem Sinn für alles Gute und Schöne ausgestattet. Eine große Weichheit des Gemüts, verbunden mit warmer Religiosität, hatte ihr Herz zum Sitz der Wohltätigkeit und Menschenliebe gebildet, und eine äußerst rege Phantasie ließ sie alles mit Heftigkeit ergreifen und empfinden. Und doch verstand sie mit allen diesen vorzüglichen Eigenschaften nicht, glücklich zu sein; sie wußte so viel, sie faßte so leicht, nur das Leben in der wirklichen Welt hatte sie nicht begriffen. Meine Eltern schienen in meiner allerfrühesten Kindheit ein[27] recht angenehmes häusliches Leben zu führen; wir sahen zuweilen kleine Zirkel von Bekannten bei uns, und ich erinnere mich recht wohl, daß bei den heiteren Gesprächen, die unter ihnen stattfanden, mein Vater und meine Mutter auf eine Art Anteil nahmen, die von innerer Zufriedenheit und kummerfreiem Herzen zeugte. In der Einrichtung unseres Hauses herrschte Ordnung und sogar etwas Luxus, von dessen großer Bescheidenheit man freilich in den jetzigen Tagen keinen Begriff hat, der aber in der damaligen einfachen, glücklichen Zeit dennoch seine Rolle spielte. Es ging ruhig und friedlich zu in unserem kleinen Familienkreise. Das änderte sich auf einmal, es traten Mißverständnisse ein, die immer ernster wurden, zuletzt lebten meine armen Eltern in ganz unglücklicher Ehe. Soweit ich zurückdenken kann, waren sie stets bemüht, uns mit den Begriffen von Religion auch vieles durch Gespräche und Erzählungen einzuprägen, was der Jugend gewöhnlich erst später in Schulen oder durch Lehrer beigebracht wird, dann aber nicht selten dem Gedächtnis entschwindet, wenigstens nicht so tiefe Wurzeln faßt, als wenn es der Kindheit zur Unterhaltung dargeboten wird. Wenn meine Mutter jede Gelegenheit benutzte, uns Liebe und Vertrauen zu Gott einzuflößen, kleine Talente in uns zu wecken, so machte es meinem Vater Freude, uns in den Abendstunden, in denen er die Feder wegzulegen pflegte, zu erzählen, was Großes, Edles und Gutes aus der alten und neuen Zeit geeignet war, von uns verstanden und begriffen zu werden. Ich mochte wohl mein sechstes Jahr zurückgelegt haben, als mir und meinem Bruder die Blattern inokuliert wurden. Bei ihm kamen sie zum regelmäßigen Verlauf, bei mir aber warf sich das Gift auf beide Achseln und ging in fürchterliche schmerzliche Geschwüre über. Ich lag, ohne mich rühren zu können, ein ganzes Vierteljahr zu Bette; zweimal des Tags kam der Chirurg, mich zu verbinden, doch das Übel wurde immer ärger, der Knochen lag bloß und entzündet, ich stand entsetzliche Schmerzen aus. Meine arme Mutter erschöpfte sich in allen Mitteln, mir mein Leiden vergessen zu machen; als aber der Wundarzt die Besorgnis äußerte, daß mir die Arme abgenommen werden müßten, ward er als Ignorant verabschiedet und der geschickte Leibchirurgusder Frau Herzogin angenommen, der eigentlich nicht in der Stadt praktizierte, weil er reich war und sich entsetzlich vornehm vorkam. Die erste Dosis Balsam, die er in meine Wunden goß, tut mir heute noch in der Seele wohl; der erste Chirurg hatte mir täglich zweimal die schrecklichsten Schmerzen gemacht, jetzt fühlte ich mich wie im Himmel. Ich wurde nun bald besser, nur war ich außerordentlich schwach geworden und konnte wenig schlafen. Wenn der Tag zu grauen anfing, stand ich, um meine Mutter im Nebenzimmer nicht zu wecken, ganz sachte auf und wurde abermals meiner Einbildungskraft, die immer aus wenig viel zu machen wußte, den verbindlichsten Dank schuldig, denn sie gestaltete die geringfügigen Ereignisse in unserem Hof, in den mein Fenster ging, zu den zeitvertreibendsten Unterhaltungen. Den Hauptstoff lieferten die Katzen, die, wie es schien, den Raum dieses Hofes zu ihrem Versammlungsort gewählt hatten, und wenn ich mich endlich nach dem Tage sehnte, so war es der Hahn, der mir aus unserem Hühnerhause Trost und Hoffnung zukrähte. Das Lesen hatte ich beinahe vergessen, doch ging es mit der Wiedererlangung dieser Wissenschaft so gut wie mit den Fortschritten in meinen Kräften, die nach einigen Wochen vollkommen wiederhergestellt waren. Die Bibliothek der Frau Herzogin war mir ein Heiligtum, welches ich mit meinem Vater zuweilen betreten durfte, wenn er mich belohnen oder beglücken wollte. Dort fand ich in den schönen Kupferwerken und anderen Gegenständen aus dem Kunstgebiete Ideale für die Bildung meines Geschmacks, Nahrung für den Kunstsinn, der sich unverkennbar in mir regte, auch suchte mir mein Vater zuweilen etwas zu lesen aus. So verging mir die Zeit, während er seines Geschäftes waltete, unterhaltend und belehrend zugleich, und ich verließ die klassische Stätte nie, ohne irgendeinen Gewinn für meinen Kopf mit hinwegzunehmen. Ich war damals sieben Jahre alt und wußte schon recht viel, konnte etwas Klavier, war nicht unbekannt mit der Geschichte und Mythologie, hatte meinen Katechismus gut gelernt und war dabei ein sehr fröhliches Kind. Mein Bruder war dreieinhalb Jahr jünger als ich; zuweilen wurde er in einen kleinen Wagen gepackt, und nun[31] ging's fort zu unserer alten ehemaligen Kinderfrau, die nahe am Tore ein kleines Häuschen besaß, wo uns entweder eine gute Milchsuppe oder das große Fest bereitet war, den alten Himbeerstrauch abzuleeren, die einzige Zierde des kleinen Raumes, der Garten hieß, aber eigentlich nichts war als ein großer Schutthaufen, auf dem seit fünfzig Jahren eine Menge Gestrüpp, auch manche bunte Blume nach Gefallen wucherte. Farrenkraut und Rittersporn schauten neugierig und keck von ihrer stolzen Höhe über die niedere Fensterbrüstung des altertümlichen netten Stübchens, in dem die gute Alte beschäftigt war, uns zu bewirten. Ganz am Ende der Stadt lag das kleine Häuschen, in die alte Stadtmauer gebaut, vom Himbeerstrauche aus mit unumschränkter Fernsicht, von der andern Seite mit dem Blick auf den weiten Ettersberg. Zuweilen sah ich, wenn ich die Frau besuchte, einen jungen blassen Menschen von etwa achtzehn Jahren, mit sanftem, freundlichem Wesen, still einherwanken und sich entfernen, weil wir ihm zu laut werden mochten. Es war der jüngste Sohn der lieben Frau, den sie statt Friedrich »Friede« nannten. Als wir wieder einmal hinkamen, war er gestorben, und die Mutter nannte ihn den »seligen Frieden«; sie zeigte ihn uns im Sarge, die erste Leiche, die ich sah, und der Gedanke an den Tod ist seitdem bei mir stets von der Erinnerung an den seligen Frieden begleitet. Im Sommer befand sich die Frau Herzogin auf ihrem Landhaus in Tiefurt, eine halbe Stunde von Weimar. Meinen Vater führten seine Geschäfte alle Wochen ein- oder zweimal dorthin, wo er den Tag zubrachte und bei der Fürstin speiste. Gewöhnlich gingen wir ihm abends mit meiner Mutter entgegen. Welch ein Jubel, wenn wir ihn von weitem am Ende der Allee erblickten, denn wir freuten uns nicht allein des Wiedersehens, wir wußten auch, daß die gütige Fürstin beim Dessert an uns gedacht hatte. Bei solchen kleinen Familienszenen reichten sich die Eltern wohl einmal freundlich die Hände, sonst aber wurde es immer trauriger in unserer Häuslichkeit. Das Unglück einer mißvergnügten Ehe lastete auf mir, so jung ich war, denn ich litt mit meiner Mutter, die ich unendlich liebte, und wahrscheinlich deswegen behandelte[32] mich mein Vater mit Mißtrauen und oft mit Härte. Doch welchen Kummer trägt die Kindheit lange in der Brust! War der Sturm vorüber, dachte ich nicht weiter daran und gehorchte gern jeder Aufforderung meines heiteren Gemütes. Die öffentlichen Maskeraden waren in Weimar ein beliebtes Wintervergnügen und eigentlich was man »bal en masque« nennt, denn die Gesellschaft war gewählt und der Hof zugegen. Am Geburtstage der regierenden Frau Herzogin fand gewöhnlich eine solche Redoute statt und gab Gelegenheit zu allegorischen Aufzügen. Meine Eltern besuchten einst solch ein Fest, und ich durfte sie begleiten, gar zierlich und nett als Spanierin schwarz und rosa angeputzt. Meine Toilette flößte meinem kleinen Bruder solchen Respekt ein, daß er mich Sie nannte und mir mit einem tiefen Bückling die Hand küßte. Ich hatte weißglacierte Handschuhe an und ein kleines Schnupftuch in der Hand, mit Eau de lavande begossen, und als ich zum Spiegel emporgehoben ward, um auch des Glückes teilhaftig zu werden, mich bewundern zu können, war mir sehr feierlich zumute. Mit Staunen sah ich manche von den großen Schöngeistern von Weimar, die es nicht verschmähten, sich unter die Sterblichen zu mischen, Goethe als Orest, Einsiedel als Orpheus, Musaeus als Janus, Bode als Dorfschulmeister mit einer Stutzperücke und einem großen Buche unter dem Arm. Für den Hof war eine drei Stufen hohe Estrade angebracht, mit Fauteuils besetzt, die Rückwand mit großen Spiegeln behangen. Im Saale schwebten die Herren in Dominos und hohen Schwungfedern auf dem Hute an der Seite der Damen auf und ab, und, obgleich die Redoute eigentlich noch nicht begonnen hatte, trieb hier eine Maske ihr rätselhaftes Spiel, verfolgten dort ganze Gruppen einen Pierrot, der seine Hände, auf die es besonders abgesehen schien, unter die langen Ärmel versteckte, oder ein Rudel Zwerge stürzte mit schrillen Tönen unter die friedlich Dahinwandelnden. Da wurden auf einmal die Türen weit geöffnet, der Hofmarschall trat herein, und das Schmettern der Trompeten und das Wirbeln der Pauken kündigte die Ankunft des Hofes an. Als die beiden Fürstinnen ihren Platz eingenommen hatten, bildete sich ein weiter Kreis, und eine Schar kleiner Engel in schneeweißen[33] Gewändern mit goldenen Flügeln an den Schultern kam geflogen und legte Blumen vor ihren Füßen nieder. Ich zitterte schon, daß sie ebenso plötzlich wieder verschwinden möchten, aber nein, sie trieben sich im Saale herum und verzehrten mit größtem Behagen Mustörtchen, die ihnen zum Lohne ihres Wohlverhaltens verabreicht wurden. Nur ein Engelchen schien mir noch nicht entzaubert; wie ein Genius an eine freundliche Frau geschmiegt, nickte es zu der kleinen Spanierin herüber und winkte ihr, worauf ich so lange an meiner Mutter zog, bis wir der Gruppe gegenüberstanden. Es war Luise v. Koppenfels und ihre Mutter; unsere Eltern waren bekannt, die Freundschaft wurde rasch geschlossen. Luise war eine ideale Erscheinung, obwohl gleichfalls erst acht Jahre alt, doch von einer außerordentlichen Festigkeit des Charakters; ich strebte ihr ähnlich zu werden, um des Gefühls der Minderwertigkeit überhoben zu sein, sie ward mein Vorbild in allem. Mit beispielloser Gewissenhaftigkeit huldigte sie der Wahrheit, begnügte sich nicht, zu gestehen, wenn sie gefragt wurde, sondern kam dem freiwillig zuvor. Auch mich zog sie zuweilen vor den Richterstuhl ihrer Mutter, die mit einer kleinen Strafpredigt das Vergehen rügte, aber mit Lob die Aufrichtigkeit belohnte, das beste Mittel, junge Herzen zur Beharrlichkeit in der Tugend zu erziehen. Wir waren selten einen Tag voneinander fern, unsere Unterhaltungen aber ganz eigener Art, ohne Puppenspiel und dergleichen. Wenn abends die Sterne am Himmel heraufzogen, sahen wir in die Winternacht hinaus und fragten die, welche uns am freundlichsten zuzublinken schienen: Amazon.de Widgets Was lächelst du, Sternchen, mich freundlich an? Sprich, hab ich dir etwa was Liebes getan? Und flogen die Wolken stürmisch am herbstlichen Nebelhorizont vorüber, sangen wir uns mit dem Erlenkönig und anderen schauerlichen Dichtungen in Angst und Grauen und empfanden dabei mit doppeltem Wohlbehagen die Sicherheit der warmen Stube. Mein größtes Glück war, wenn ich die Familie auf ihr Landgut Rohrbach begleiten durfte, wo Luisens Geburtstag alljährlich gefeiert wurde; die jüngeren Leute aus dem Dorfe waren alle eingeladen und kamen, mit Bändern[34] geschmückt, den Abend zu tanzen und fröhlich zu sein. Amelie, die zweite Tochter des Hauses, machte die Honneurs mit der ihr eigenen Liebenswürdigkeit, und ihre Teilnahme an dem ländlichen Vergnügen verschönte das anspruchslose Fest. Sie war fünfzehn Jahre alt und stand dem Hauswesen auf dem Lande vor, während ihre ältere Schwester von achtzehn Jahren bei ihrem Vater in der Stadt blieb, da ihn seine Geschäfte als Kanzler am Landaufenthalt verhinderten. Oft, wenn des Sonntags früh Luise und ich dem Schlafe noch fest in den Armen lagen, weckte uns Ameliens heiterer Gesang; wir schlugen die Augen auf, und vor uns stand die anmutige Gestalt wie die Göttin der Jugend, in blendend weißem Kleide, einen frischen Rosenkranz in den dunkelbraunen Locken. Schnell zogen wir die weißen Kleider an, die schön geglättet bereitlagen, und betraten im Rosenschmuck den Kirchenstuhl, angestaunt von den gutmütigen Untertanen der guten Herrschaft. Luise war etwas exaltiert, glaubte an übernatürliche Erscheinungen und ging ungern allein des Abends ohne Licht aus dem Zimmer. Von dieser Schwachheit wollte man sie heilen und gab uns beiden den Auftrag, in der zunehmenden Dämmerung etwas aus dem Saale zu holen. Als wir in die Mitte gekommen waren, regte sich etwas mit so gespenstischem Aussehen, daß wir zu Tode erschraken und ich zurückwich, während Luise dem rätselhaften Dinge entgegenging. Da traten Mutter und Schwester ein, Luisens Mut und meine Furchtsamkeit angesichts des sich seiner Hülle entledigenden Gespenstes zu beleuchten. Dieses kleine Ereignis blieb nicht ohne Eindruck auf meinen Charakter, denn Beispiele wirken auf junge Gemüter alles. Auch ein anderes Rohrbacher Vorkommnis haftet in meinem Gedächtnis. Der Verwalter erkrankte an einem gefährlichen Nervenfieber, und als ich eines Tages mit Luise die Treppe herunterging, glaubte ich ihn zu sehen, wie er mit eingefallenen starren Augen, schweißtriefenden Haaren und blassen Wangen Bouteillen in den Keller trug. Ich freute mich der wiederkehrenden Gesundheit und wollte über den Hof in sein Haus springen, als mir Amelie zuflüsterte: »Der Verwalter ist vor wenig Augenblicken gestorben.« Als ich mein neuntes Jahr zurückgelegt hatte, reiste ich mit[35] meiner Mutter nach ihrem Geburtsort Schwabach, wo sie eine kleine Erbschaftsangelegenheit zu erledigen hatte. Eine Erholung war ihr zu gönnen, denn die häusliche Disharmonie hatte ihre Gesundheit und ihr Gemüt angegriffen; ihre Verwandten und Freunde nahmen sie herzlich auf, und auch meiner kleinen Person kam man so freundlich entgegen, daß ich den Umgang mit meinesgleichen nicht vermißte. Ich fühlte mich in dem Hause meines Großonkels, des Geheimen Rats Greiner, sehr behaglich, obwohl die Haushaltung still und einförmig war, und Sohn und Tochter sich schon dem reiferen Alter näherten. Mein Großonkel, der die erste Würde in der Stadt, die eines Stadtrichters, bekleidete, trug auch im Äußeren seiner Stellung Rechnung. Ein scharlachroter Rock, mit schmalem Gold besetzt, schwarzsamtene Unterkleider, weißseidene Weste und Strümpfe, hohe Schuhe mit vergoldeten Schnallen, feine breite Manschetten, schneeweiße Perücke, das Hinterhaar mit schwarzseidenem Bande zusammengebunden, dessen Enden sich in dem Jabot verloren ? dieser Anzug, den er auf dem Rathause trug, gab der hohen, vom Alter noch ungebeugten Gestalt ein imposantes Ansehen, und die ein öffentliches Amt bekleideten, hielten auf die äußeren Formen. Seine Kinder und die ganze Stadt begegneten ihm mit Liebe und Ehrfurcht, und deshalb schmeichelte seine liebevolle Behandlung meiner Eitelkeit. Auch ein Herr v. Knebel, Dechant an der protestantischen Kirche, zu dem ich mit meiner Mutter oft eingeladen wurde, bereitete mir viel Vergnügen. Er war ein alter, unverheirateter Herr, der den größten Teil seines Lebens in Paris am Hofe Ludwigs XV. zugebracht, mit den Schöngeistern jener Zeit verkehrt hatte und in diesem Geschmacke weiterlebte. Er machte ein sehr angenehmes Haus, pflegte die gediegene Eleganz des französischen Rokoko und ergoß seine Satire am liebsten über deutsches Lustspiel und deutsche Sprache. Er zitierte ganze Stellen aus französischen Komödien und stellte ihnen die deutsche Übersetzung als Parodie gegenüber, was mich alles höchlich interessierte, obwohl er mich vor allem mit französischen Kupfer stichen zu unterhalten suchte ? als ich Abschied von ihm nahm, schenkte er mir die illustrierte Ausgabe von Lafontaine.[36] So gingen meine Tage recht vergnügt dahin, hätten nicht Briefe von Hause zuweilen unseren Frieden gestört. Ich hatte von frühester Kindheit an Freude und Kummer mit meiner Mutter geteilt, zuweilen ihre Tränen getrocknet, ehe ich recht verstand, warum sie flossen. Nun teilte ich auch das Mißgeschick, das ihr das Leben verbitterte, indem ich mit ihr den Unwillen meines Vaters ertrug, der sich mit den Jahren vermehrte. Zu Hause trafen wir die Verhältnisse trostloser als je, meine Schwester vernachlässigt und krank; übelwollende Menschen hatten die Abwesenheit meiner Mutter benutzt, um meinen Vater noch mehr gegen sie einzunehmen. Mein Trost und mein Spielgefährte war mein guter Bruder Ferdinand, der unterdessen geistig mir nähergerückt war; seine Galanterie hatte er beibehalten und erzeigte mir noch immer kleine Artigkeiten. Als ich an einem heißen Nachmittag auf dem Sofa eingeschlafen war, fühlte ich eine Bewegung in meiner Nähe und empfand eine erfrischende Kühle, die mich wie Rosenduft umfloß; beim Erwachen sah ich mich über und über mit Rosenblättern bestreut und ein Körbchen mit Rosen neben mir, während mein Ferdinand eilig zur Tür hinausschlich. In Weimar gab es lange Jahre ein interessantes Institut, die Zeichenschule des Rats Melchior Kraus, die ich eine Zeitlang besuchte, da ich Lust und Anlage zur bildenden Kunst hatte. Das Lokal bestand, angenehm und zweckmäßig für die verschiedenen Klassen, in einem Saale und kleineren Galerien von einem der altertümlichsten Gebäude der Stadt, dem Schlosse, das in den ältesten Zeiten den Herrschern von Weimar zur Wohnung diente, ehe noch das Residenzschloß gebaut war. Diese Räume vereinigten die jungen Damen aus den ersten und mittleren Ständen, die einiges Talent für die Zeichenkunst zu besitzen glaubten oder auch schon eine gewisse Virtuosität darin erlangt hatten; zugleich boten sie Gelegenheit zum Plaudern, oft aber blieben durchreisende Fremde auch vor dieser oder jener Arbeit stehen, die bereits künstlerische Vorzüge aufwies. War die Zeichenstunde um zwölf Uhr beendet, ergingen sich die jungen Damen noch ein Stündchen in dem nahen Park, auf den grünen Matten und im Schatten der Bosquets verteilten sich die Erwachsenen in einzelne[37] Gruppen, in langen Reihen schlossen sich die Kleineren an und durchzogen lachend und spielend die Wiesen, ein anderer Teil zog vor, das Gemäuer des abgebrannten Schlosses zu durchwandeln, damals eine mit Wassergräben und Zugbrücken umgebene Ruine. In manchen Gemächern fand man an den von den Flammen geschwärzten Wänden noch Überreste von Malerei und Vergoldung, die Treppen zum oberen Stock besaßen aber keine Stufen, sondern waren eingerichtet, als ob man hinaufreiten oder fahren sollte. Allein und in den späten Nachmittagsstunden verweilte ich gern in den verfallenen Zimmern und verlor mich in die Vergangenheit. Da hing an einem halbverbrannten Balken ein eiserner Helm in einen kleinen Hof hinaus, der einst eine Kirche gewesen war ? was mochte er für eine Bedeutung haben? Ich stand auf dem ehemaligen Fürstenstuhl: hier betete manche fürstliche Mutter für die in den Kampf gezogenen Söhne, und Lob- und Danklieder ertönten, wenn die Fürsten siegreich in die väterliche Burg zurückkehrten. Heute rauschten junge Birken, die aus dem Schutt der eingestürzten Fensterbrüstungen emporgewachsen waren, leise im Abendwinde, und die fahlen Strahlen der Sonne, die einst Glanz und Hoheit vergoldet hatten, beleuchteten wie treu gebliebene Freunde die Trümmer vergangener Größe. Und in der unterirdischen Gruft hatte sich der Sage nach etwas Grausenerregendes zugetragen, dessen lebendige Ausmalung an Ort und Stelle mir Luise geneidet haben würde. Der Herzog Ernst August, ein strenger und grausamer Herr, hatte erfahren, daß einer seiner Vorfahren das Geheimnis des Goldmachens besessen und in einer Schrift niedergelegt habe, die unter seinem Haupte im Sarge verborgen sei. Ein Herr v. Caumartin erhielt den Befehl, sie herbeizuschaffen; als er aber zurückkam, bestellte er sein Haus, weil er am dritten Tage sterben müsse, und wirklich traf man ihn nach einem ungeheuren Getöse um diese Zeit vom Schlage getroffen. Ich habe die Geschichte von alten Leuten, die Herrn v. Caumartin in seiner Kutsche Abschiedsbesuche machen sahen. Seit mehreren Jahren spielte die Schauspielergesellschaft des Herrn Bellomo, eines Italieners, in Weimar. Meine Eltern besuchten zuweilen das Theater, gestatteten auch mir und[38] meinem Bruder öfters, sie dahin zu begleiten, besonders wenn Opern gegeben wurden, oder wenn eine kleine Actrice spielte, die für uns Gegenstand des größten Interesses und der Bewunderung war. Ihr Vater, einer der ausgezeichnetsten Schauspieler der älteren Zeit, hieß Neumann, sie Christiane, ward aber in der ganzen Stadt Neumanns Christel genannt. Aus den gehörten Opern, besonders aus der »Entführung aus dem Serail«, führten wir, mein Bruder und ich, Szenen auf oder gaben, was wir sonst von der Musik behalten hatten, in lauten Tönen in unserem kleinen Hausgarten oder im Hofe von uns, so daß die ganze Nachbarschaft davon profitieren konnte. Diese Kunstleistungen brachten ganz verschiedene Wirkungen hervor: der sehr talentvolle Sänger des Theaters, Grave, der bei uns im Hause wohnte, lauschte mit Wohlgefallen meiner klangreichen Stimme, während sich auf der entgegengesetzten Gartenmauer ein alter Herr mit drohendem Zeigefinger sehen ließ, der uns mit Donnerstimme zur Ruhe verwies, gerade wenn wir im besten Zuge waren. Das war der Legationsrat Kirms, der später ein großer Verehrer meines Gesanges wurde, ihn aber im Keime am liebsten erstickt hätte, weil er die Mittagsruhe störte, die er in seinem Garten zu halten liebte. Der Sänger aber proponierte meinen Eltern, mich zunächst in den Anfangsgründen der Gesangskunst zu unterrichten und, wenn er von Italien zurückkäme, weiter zu fördern. Er war ein sehr schöner Mann von etwa achtundzwanzig Jahren, ein sehr guter Schauspieler und großer Favorit des Publikums, besonders der Damen. Ich machte bald merkliche Fortschritte, und als Grave nach Italien gegangen war, gab es kein Musikfest in Weimar, bei dem mir nicht, obgleich ich erst elf Jahre alt war, die bedeutendsten Partien übertragen wurden. Ich sang sogar in einer Kirchenkantate eine große Arie zum Erstaunen der Zuhörer und zur Zufriedenheit des Komponisten, des damaligen weimarischen Kapellmeisters Wolf. Nach und nach ward es mein heißester Wunsch, mich ganz dem Gesange zu widmen; meine Eltern hofften, mich dereinst als Kammersängerin bei der Herzogin Anna Amalia angestellt zu sehen, und ich konnte die Zeit bis zur Rückkunft meines Meisters nicht erwarten.[39] Ich spreche hier zum letzten Male von Luise v. Koppenfels, die ich innig liebte, aber mit der Zeit immer weniger sah. In meinen kleinen Verhältnissen hatte die Zeit schon die frühere Einfachheit verdrängt und unser Beisammensein eingeengt; auch waren neue Bekanntschaften hinzugekommen, unter anderem Amalie v. Imhof, deren Umgang mir sehr interessant war, obgleich ich sie nicht liebte. Sie war ganz das Gegenstück von meiner guten und einfachen Luise, verwachsen in ihrem Innern, intrigant, berechnend würde ich sagen, wenn sie besser verstanden hätte, ihre Schattenseiten zu verbergen. Uns beiden treuherzigen Seelen war nicht wohl mit ihr zumute, aber sie brauchte uns auch nicht, benützte nur Zeit und Ort, um sich auf ihre Art zu unterhalten, und trank die Milchschokolade gern, mit der meine gute Mutter sie zu regalieren pflegte. Luise aber hat uns bald auf immer verlassen, kehrte in ihre wahre Heimat, den Himmel, zurück, der sie der Erde nur auf kurze Zeit geliehen hatte. Die Mutter sah in mir ein Andenken der geliebten Tochter und hat mir ihre Zuneigung bewahrt bis an ihren Tod, der viele Jahre nach dem Hinüberscheiden unserer Luise erfolgte. Unterdessen entfaltete Amalie v. Imhof ein Talent von so entschiedenen Anlagen, daß die künftige Dichterin und Malerin nicht zu verkennen war. Wir malten zusammen die Dekorationen und Figurinen zu den Komödien, die wir aufführten und sie zumeist erfunden hatte, während mein Bruder als Farbenreiber und Handlanger angestellt war. Auch in mir waren verschiedene Talente aufgekeimt. Ich zeichnete nicht ohne Geschick, was mir vorkam, Köpfe und Bäume, hatte auch eine Passion für den Scherenschnitt. Zu Anfang kopierte ich die ziemlich steifen Rosenbuketts auf der Wachstuchtapete in meines Vaters Studierzimmer, immer dieselben, bis sie zur Feinheit gediehen; dann ging ich zu Schöpfungen meiner Phantasie über, sowohl in Blumen als Landschaften, und lieferte allmählich Gutes, da ich das Mechanische überwand und vermöge meines bißchen Zeichnens einen malerischen Schwung erreichte. Außerdem hatte all mein Spiel einen künstlerischen Anflug, ich beschäftigte mich eifrig damit, aus Moosen und Gräsern Landschaften zusammenzusetzen, und von der Näh- und Stricknadel[40] floh ich zu immer neuen Versuchen und Experimenten. Wenn ich mich in meine Kindheit zurückversetze, so muß ich erstaunen über die Fülle von Gaben, von denen der größte Teil heute noch ungebraucht und unentwickelt in mir liegt, nicht ruht, sondern sich oft genug bewegt. Aber es ist nun einmal so, beim Menschen wie in der Pflanzen- und Tierwelt, daß nicht alle Blüten Frucht tragen, vieles verkümmern muß, damit eins erstarke. Währenddessen war der finstere Geist in unserem Hause fortgewandelt und hatte sein Werk vollendet; die unvermeidliche Katastrophe trat ein, und meine Eltern wurden geschieden. Meine Schwester, damals vier Jahre alt, und ich durften meiner Mutter folgen, mein Bruder wurde dem Vater zugesprochen; wir wanderten alle drei aus dem väterlichen Hause mit leichtem Herzen, das meinige wenigstens empfand nur die Wohltat, daß meine Mutter wieder froh sein würde. Wir bezogen ein freundliches kleines Logis in der Vorstadt mit dem Blick auf den schönen Ettersberg; in unseren einfachen Räumen war es licht und heiter, und wir fühlten uns in der ersten Zeit wirklich glücklich. Öfters gingen wir zu unserem Vater, der uns freundlicher empfing, als wir es unter seinem Dache gewohnt gewesen waren; es war gleichfalls bei ihm still und friedlich geworden, aber auch einsam und leer, und zuweilen mochte er sich nach uns sehnen. Mein Bruder durfte zu uns kommen, und sein Besuch bedeutete immer ein Fest; aber nach und nach traten Sorgen ein, bei dem geringen Einkommen von 150 Talern, das mein Vater uns jährlich gewährte, allzu begreiflich. Davon sollte gewohnt, gelebt, sollten Kleidungsstücke, Lehrstunden und die tausend namenlosen Ausgaben bestritten werden, kurz, der Himmel unserer stillen Zufriedenheit wurde mit neuen trüben Wolken überzogen. Bei seiner milden Stimmung half mein Vater durch kleine Gaben momentanen Verlegenheiten ab, aber er verheiratete sich wieder, mit einer Tante von Kotzebue, die in allem das Gegenteil meiner Mutter war, und nun nahm alles eine andere Wendung. Mein Bruder durfte uns nicht mehr besuchen, meine Mutter grämte sich darüber, die Entbehrungen wuchsen, und wenn die Aussicht auf eine bessere Zukunft, die mein[41] Talent uns verschaffen sollte, mich auch zuweilen stärkte, so stand sie doch noch in allzu weiter Ferne. Die Herzoginmutter kam aus Italien ohne meinen Meister zurück (1790). Hatte eine übereilte Heirat seinen Ehrgeiz gelähmt, so war derselbe neu entzündet worden, als er auf Kosten der Herzogin nach Italien reiste; er nahm Unterricht bei den besten Meistern und durfte nach dem allgemeinen Urteil großen Erfolg von seinem Auftreten erwarten, für das Zeit und Rolle bereits bestimmt war. Als beides unter nichtigen Vorwänden abgesagt wurde, versank Grave, ein leidenschaftlicher Mensch, der seine Künstlerehre kompromittiert und sich der Früchte eines langen Strebens beraubt sah, in tiefen Schmerz und körperliches Leid, zu denen sich nach Kenntnisnahme der Intrige noch die Wut gesellte. Fräulein v. Göchhausen, die geistreiche Hofdame der Herzogin, die ein Vergnügen darin fand, störend in das Glück oder Vergnügen anderer einzugreifen, hatte nämlich den Impresario auf die Folgen aufmerksam gemacht, wenn Grave nach einem großen Beifall das Weimarer Engagement im Stich lassen sollte, und das war genug für den auf seinen Vorteil bedachten Italiener, seine Beihilfe zurückzuziehen. Die Frau Herzogin war mit ihrem Hofe nach Neapel gegangen (Januar 1789) und wollte eines Tages eine nahegelegene Villa in Augenschein nehmen; vorher besuchte sie mit Fräulein v. Göchhausen Grave, der sich nicht wohl fühlte und einen Vesikator hatte legen lassen. In großer Bewegung bat derselbe die Herzogin, für sein Kind zu sorgen, falls er sterben sollte; als aber Fräulein v. Göchhausen ihm den Trübsinn verscheuchen wollte, brach er in einen Strom von Verwünschungen aus, der sie aus dem Zimmer trieb. Dann hüllte sich Grave in seinen Mantel und warf sich aufs Sofa; als der Arzt nach dem Vesikator sehen wollte, fand er den Kranken blutüberströmt ? er hatte sich das Federmesser ins Herz gedrückt. So verlor ich meinen Meister und mit ihm Trost und Hoffnung. In der Kindheit stehen freilich Kummer und Freude nahe beisammen, und meine Mutter bot gern ihre schwache Hand, uns von letzterer einen Anteil zu verschaffen; sie vertauschte unsere bisherige Wohnung mit einem Gartenhaus, das zufällig[42] beispiellos billig zu vermieten war, und gab meinem angeborenen Frohsinn Gelegenheit zu neuer Betätigung. Um diese Zeit machte ich in Charlotte v. Seebach die Bekanntschaft einer gleichaltrigen Gespielin, um so erfreulicher, als ich an jugendlichem Umgang ganz verarmt war. Wir fanden bald Gefallen aneinander, gingen gern in die Komödie, wie man damals zu sagen pflegte, und wußten uns den Eintritt ohne Unkosten zu verschaffen, erfreuten uns aber ebenso gern der Natur in unserem schönen Garten. Am Fuße des Berges, auf dem er lag, rauschte ein breiter Wasserfall in die Ilm, die sich unter dem Brückenbogen durch hängende Weiden an üppig bewachsenen Ufern hinwand, bis hohe Erlen den Blick begrenzten. Im unteren Garten sprudelte inmitten eines Rasenplatzes ein klarer Quell, auf der Höhe zog sich um das kleine, aber bequeme Haus ein reichhaltiger Obstgarten mit breiten Sandwegen, und dahinter lag eine kleine Terrasse mit allerlei Blumenzier, behütet von den vier Jahreszeiten in Sandstein, kleinen Barockengeln mit dicken Gliedern und lächelnden Pausbacken. Mein Bruder, der sich von dem Verbot der Stiefmutter erfolgreich emanzipierte, besuchte uns Sonntags mit einigen Schulkameraden, und, waren es nun die goldenen Äpfel oder das günstige Spielterrain, was sie anzog, mit jeder Woche wuchs ihre Anzahl. Bald war eine kleine Armee beisammen, die sich in zwei Parteien teilte und gegeneinander zu Felde zog, an den Wochentagen Waffenstillstand hielt und am nächsten Sonntag mit verdoppelter Heftigkeit ausfiel. Lotte und ich sahen den Schlachten anfangs nur zu, bald aber konnten wir die mangelnde Kriegszucht und die ungerechte Behandlung der Helden nicht mehr ertragen und warfen uns zu Heerführern der wilden Rotten auf. Natürlich eigneten wir uns, was Napoleon uns später nachmachte, die höchsten Titel an, Lotte war Kaiserin Katharine von Rußland, ich Kaiserin Maria Theresia von Österreich; gekämpft wurde um einen alten Holzstall, und der Siegespreis bestand in meiner Schwester Marianne, die in einem Schubkarren apathisch ihr Schicksal erwartete. Bald hatte die eine Partei sie erkämpft und flog mit ihr über Stock und Stein, bald die andere sie erbeutet, um sie unter Siegesgeschrei zu entführen, sie wurde soviel[43] herumgeschleift, daß sie es müde wurde und durch einen Apfel oder eine Süßigkeit versöhnt werden mußte. Lotte und ich führten, das Schwert in der Hand, die Schlachtreihen an und waren stets im dichtesten Handgemenge zu finden, bis der Sommer zu Ende ging und wir die Winterquartiere bezogen. Neben ihren militärischen Talenten besaß Charlotte v. Seebach auch die Gabe, die verwickeltsten Geschichten aus dem Handgelenke zu erfinden und in fließendem Stile die überraschendsten Entwicklungen zu erzählen. Als Frau v. Ahlefeld hat sie bewiesen, daß ihre Phantasie mit den Jahren nicht gelitten hat, überhaupt könnte diese unbedeutende Kriegsgeschichte einen sehr ernsten Charakter bekommen, wenn ich das spätere Schicksal derer zusammenstellen wollte, die damals unter uns fochten; mein eigenes dürfte aber doch das auffallendste sein. Unterdes war die Zeit meiner Konfirmation nähergekommen, und meine Mutter mußte sich sorgen, die Kleidungsstücke zusammenzubringen, die für ein anständiges Erscheinen in den Versammlungen nötig waren. Dadurch wurde der Mangel in unserer Häuslichkeit immer größer, oft hatten wir kein Holz, noch öfter kein Brot und andere Lebensmittel; wohl hätten wir Platz bei unseren Verwandten finden können, aber unsere Mutter wollten wir nicht verlassen. Wie das so geht, kamen wir unter Kummer und Sorgen von einem Tag zum andern, aber ich habe doch gelernt, was es heißt, arm sein, hungern und frieren, und später verstanden, warum ich in so früher Jugend diese Erfahrung machen mußte. Wen der Wohlstand verläßt, den verlassen auch die Menschen, und so gaben mich die jungen Mädchen, die mit mir die Religionsstunden besucht und sich anfangs freundlich an mich angeschlossen hatten, bald genug auf, als ich ihre Feste und Partien nicht erwidern konnte. Wenn die fröhlichen Züge an unserer Wohnung vorüber nach einem Ausflugsorte wanderten, sah ich ihnen oft wehmütig hinter dem Vorhange nach und wischte mir die Tränen aus den Augen. Auch ich ging zuweilen diese Wege, um den armen Menschen, denen der Aufenthalt in der Stadt und das Betteln am Tore verboten war, Gaben unserer Armut an einem Orte zu übergeben, wo das mitleidlose Gesetz keine Macht hatte. Das brachte uns frohe Augenblicke,[44] aber ich wäre doch auch gern in der Art vergnügt gewesen wie die Mädchen, die mich in ihrem Glücke nicht vermißten. Inzwischen hoffte ich mit Zuversicht auf eine Zeit, in der ich mein Haupt wieder würde erheben können, ich fühlte in mir die Kraft, zu einem hohen Ziele zu gelangen, und das half mir, den Jammer der Gegenwart zu ertragen. Amazon.de Widgets Den ersten Schritt zur Besserung der Verhältnisse brachte das Erscheinen eines Künstlerpaares, das vor etlichen Jahren bei dem Prinzen August von Gotha, einem großen Freund der Musen, Anstellung gefunden hatte, Herr und Madame Schlick, er ein berühmter Violoncellist, sie eine allerliebste, muntere Italienerin (geborene Strina Sacchi) und große Violinvirtuosin. Diese beiden interessanten Leute brachten zuweilen auf Einladung der Herzogin ganze Wochen in Weimar zu, wohnten im Palais und gewährten mit ihrem Kunsttalent und feinen Umgangsformen der Fürstin und ihrer Umgebung die angenehmste Unterhaltung. Durch meines Vaters Verhältnis zu diesem kleinen belebten Hof blieb ich der Madame Schlick nicht fremd, die meine Stimme so ausgezeichnet fand, daß sie sich vornahm, die Fürstin darauf aufmerksam zu machen, damit sie sich für die Ausbildung interessieren möchte. Es hielt jedoch schwer, sie zu meinen Gunsten zu stimmen, denn ein Feindchen von mir, der kleine August Herder, ein Liebling der Herzogin, die ihn, kinderlieb wie sie war, oft ganze Tage bei sich sah, hatte ihr eine üble Meinung von mir beigebracht. »Karoline«, erklärte sie, »ist ein ungezogenes wildes Mädchen, das mit Gassenjungen Soldaten spielt«; doch gelang es der guten Schlick, sie dahin zu bringen, daß sie mich hören wollte. An einem schönen Frühlingsmorgen machte ich mich auf den Weg nach Belvedere, wo eben die Frau Herzogin residierte. Unter alten herrlichen Kastanienbäumen gelangt man bis zu dem auf einer Höhe gelegenen Schlößchen mit seinen Pavillons, in deren einem den Eheleuten Schlick ihre Wohnung angewiesen war. Ich war so heiter wie der Morgen, nahm bald hier, bald da eine Blume auf meinen Weg mit und hatte die Überzeugung, daß ich mit meiner Bravourarie über alle Ränke triumphieren würde. Ich wurde in einen Salon geführt, wo mich Schlicks neben dem Flügel[45] erwarteten; die Fürstin, die es nicht über sich gewinnen konnte, mich freundlich zu empfangen, weilte im angrenzenden, halboffenen Zimmer. Herr Schlick akkompagnierte mich, und ich sang frischweg mit klarer Stimme, wennschon ohne besondere Kunst und den gehörigen Ausdruck. Die Fürstin rief mich zu sich und sagte mir, doch mit einiger Zurückhaltung, ich hätte eine gute Stimme, möchte aber fleißiger Musik lernen als Soldaten spielen, beschenkte mich mit Bonbons und erlaubte mir beim Abschied, ihre Hand zu küssen. Sie beschloß, etwas für mein Talent zu tun, und die Gelegenheit stellte sich zu meiner Freude rasch ein, als Herr und Madame Beck von Mannheim, er ein vortrefflicher Schauspieler und sie eine der ersten Sängerinnen ihrer Zeit, auf einer Kunstreise nach Weimar kamen und, besonders beim verwitweten Hofe, große Sensation machten. Es wurde beschlossen, mich nach meiner Konfirmation in Mannheim dem Unterricht der Madame Beck zu übergeben, während die Frau Herzogin und mein Vater sich in die Kosten teilten. Nachdem ich aus Herders Händen das erste Abendmahl empfangen hatte, sollte ich mich in wenig Tagen von meiner Mutter trennen, deren Vertraute, Trost und Schutz ich gewesen war. Meine Empfindung war zwischen ungeheurem Schmerz und Freude über das kommende Glück geteilt, von dem ich mir in absehbarer Zeit reichliche Unterstützung meiner Familie versprach, doch mit jedem Schritt, der mich von Weimar entfernte, flossen meine Tränen reichlicher. Mein Begleiter und Beschützer, ein alter Militär von martialischem Äußeren, mit pechschwarzem Schnurrbart und buschigen Augenbrauen, gab sich als Freund unseres Hauses viel Mühe, mich durch flotte Unterhaltung vom Kummer abzulenken, aber erst der Reiz der Neuheit und schönen Natur wies meinen Gedanken eine freundlichere Richtung. Jedes grüne Tal, jeder frisch betaute Busch erfreute mich, die Wartburg, hoch über den dunklen Tannen, weckte mein Entzücken, und als der Main, der erste große Fluß, den ich sah, sich vor meinen Blicken ausbreitete, kleine Nachen auf seinem Spiegel, schöne Landhäuser und herrliche Gärten an seinen Ufern, wurde mir, als müßte ich wie die Lerche in die frische Frühlingsluft hinaussingen.[46] Die erregte Phantasie zauberte mir eine schöne Zukunft vor, und mit ernstem Mut und gespannter Erwartung ging ich ihr freudig entgegen. Abends traf ich über rasselnde Zugbrücken, durch dunkle Festungswerke und über hellerleuchtete Straßen in Mannheim ein und begab mich von der Post zu dem Hause des Beckschen Ehepaares, das mich förmlich und kalt empfing. Auch Iffland ließ sein durchdringendes Auge teilnahmlos über mich hinwegschweifen, denn ich gehörte nicht zu den jungen Wesen, die durch den Ausdruck des Frohsinns beim ersten Anblick die Herzen gewinnen; die Sorge hatte die frische Farbe der Jugend auf meinen Wangen nicht aufkommen lassen, ich war ein kleines blasses Ding mit Sommersprossen und rötlichem Haar und mit meinen dreizehn Jahren ohne hervorstechende Merkmale. Herr Beck brachte mich zur Frau Kriegsrätin Heydel, meiner künftigen Pensionsmutter, die mich inmitten ihrer Kinder, eines Sohnes und einer Tochter ungefähr meines Alters, des Hausfreunds, Herrn Backhaus, und anderer Bekannten freundlich empfing. Zimmer und Mobiliar machten einen ärmlichen Eindruck, und ebenso enthielt mein Gemach, das an das der Frau Kriegsrätin stieß, nichts als ein Bett ohne Vorhang, zwei Rohrstühle und eine Kommode. Ich schluckte die Enttäuschung hinab, verdrängte mit raschem Entschluß meine phantastischen Erwartungen und schlief, müde wie ich war, unter tausend Tränen nach einem innigen Gebet für meine Mutter ein. Es wollte gar nicht wieder Tag werden, doch als ich die Fenster aufstieß, sah ich, daß eine hohe graue Kirchenmauer das Licht fernhielt und sich auf der einen Seite der engen Straße der Wall auftürmte, auf der anderen gerade soviel von einem schönen Platze sichtbar wurde, um unendliche Sehnsucht zu erregen. Jetzt war es um meine Standhaftigkeit geschehen, ich konnte mir nicht denken, daß ich es lange in dieser Umgebung aushalten würde. Dazu machten die Verhältnisse der Frau Kriegsrätin die strengste Sparsamkeit zur Pflicht, so daß nicht einmal der jugendliche Appetit genügende Befriedigung fand; so gut es meine Lehrerin mit mir meinte, schüchterte sie mich durch ihre strenge und stolze Behandlung ein, und ihr Gatte erbitterte mich durch seine kalte, vornehme Höflichkeit. Von[47] niemandem geliebt, fühlte ich mich unglücklich, zumal die Briefe meiner Mutter ausblieben, durch deren Klagen mein Vater das Studium gefährdet glaubte. Bei der entgegengesetzten Wirkung wurde die Maßregel aufgehoben, aber die Mitteilung, daß man der Armen auch meine Schwester genommen hatte, weil die Stiefmutter sparen wollte, war nur geeignet, mir neuen Kummer zu verursachen. Inzwischen machte ich große Fortschritte im Gesang, aber für meine geistige Bildung geschah nichts und ebensowenig für meine Erheiterung. Nach der Meinung des Herrn Beck sollte ich keinen Umgang mit jungen Mädchen haben, meine einzige Zerstreuung bestand in Spaziergängen mit der Frau Kriegsrätin auf dem Walle, die mich aber nur veranlaßten, die Bürgerstöchter um ihre sorgfältige Kleidung und die liebevolle Behandlung seitens ihrer Mütter zu beneiden. In ersterer Beziehung war ich sehr mangelhaft ausgestattet, und in letzterer fühlte ich beständig, daß ich unter Fremden weilte; da aber die Jugend schließlich doch nach einem Anschluß verlangt, nahm ich an den Spielen der Heydelschen Kinder teil und wurde besonders dem Sohne bei der Dekorationsmalerei für sein Marionettentheater eine willkommene Gehilfin. Auch machte mich die Frau Kriegsrätin, die in Stickereien und feinen Näharbeiten sehr geschickt war und deshalb viel im Palais des Herrn Pfalzgrafen verkehrte, mit der Hofdame Gräfin Oynhausen bekannt, die mich trotz allen Standes- und Altersunterschiedes sehr lieb gewann. Meine Lebhaftigkeit, mein Talent und was sonst Gutes in mir lag, wußte sie zu schätzen und wurde meine Gönnerin; durch sie wurde ich dem Herrn Pfalzgrafen und seiner engelgleichen Gemahlin empfohlen und gewann deren unausgesetztes Interesse. Nachdem ich dreiviertel Jahr studiert hatte, war ich soweit gekommen, daß meine Meisterin beschloß, mich in einem der glänzenden Liebhaberkonzerte öffentlich auftreten zu lassen, in denen sich nur ausgezeichnete Künstler und Dilettanten produzieren durften. Der Herr Pfalzgraf, unerachtet des Anteils, mit dem er mich beehrte, mochte schlechte Erfahrungen im Punkte der jugendlichen Talente gemacht haben, denn er brach bei der Nachricht von meinem Auftreten in die Worte aus: »O weh,[48] man wird uns wieder eine junge Katze zu hören geben!« Man hatte mir diese Äußerung mitgeteilt, und ich freute mich in dem Gedanken, den gütigen Fürsten mit dem Gegenteil zu überraschen. Schon die Probe war für mich und meine Meisterin von Bedeutung, denn die Musiker in der Kapelle sind kompetente und strenge Richter. Noch niemand hatte mich gehört, alles war gespannt, da man von einer großen Meisterin wie Madame Beck annehmen durfte, sie würde keiner mittelmäßigen Schülerin erlauben, sich vor einem so verwöhnten Publikum, wie das Mannheimer damals war, hören zu lassen. Mein Gesang übertraf die Erwartung, es war nur eine Stimme zu meinem Lobe, man wünschte mir Glück und drückte meiner kleinen Person die Hand. Obgleich im vollen Fieber, feierte ich ein Fest, zumal wenn ich an den morgenden Abend dachte. Als er erschien, trat ich an der Seite meiner Lehrerin in den hellerleuchteten Saal und setzte mich zitternd und mit niedergeschlagenen Augen auf einen Stuhl. Endlich wagte ich aufzublicken, zwei Reihen vor uns saß der Hof und wandte sich mir freundlich zu, während der Pfalzgraf mir zurief, ich solle Courage haben. Das zog mich von meiner Angst ein wenig ab, als ich jedoch auf das um mehrere Stufen erhöhte Orchester stieg, klopfte mein Herz so stark, daß sich das große Rosenbukett auf meiner Brust im Takt bewegte. Die Frau Pfalzgräfin winkte mir mit ihren schönen Augen Mut zu, die gute Gräfin Oynhausen war in ängstlicher Spannung, das sah ich ihr an ? o Gott, da begann das Ritornell. Nach dem ersten bebenden Ton erhob sich die Stimme und klang frei und stark, der Beifall hielt sich kaum in Schranken, bis ein passender Augenblick ihn erlaubte. Der Herr Pfalzgraf, wirklich so überrascht, wie ich gehofft hatte, war während der Arie dicht vor die Galerie getreten, die das Orchester umgab, und hatte mir wiederholt »Bravo« zugeflüstert; am Ende reichte er mir die Hand und führte mich zu seiner Gemahlin, die mich küßte und mir viel Erfreuliches und Ehrendes sagte. Meine Lehrerin umarmte mich, Herr Beck setzte seinen gewöhnten hohen Ton beiseite, Iffland seine bisherige Gleichgültigkeit, und beide sagten mir die freundlichsten Worte. Amazon.de Widgets Die Frau Kurfürstin von der Pfalz, Tante des Herrn Pfalzgrafen,[49] lebte in Mannheim, während ihr Gemahl in München residierte. Sie pflegte die Liebhaberkonzerte nicht zu besuchen, wünschte mich aber zu hören, so daß ich die Arie im Palais mit Klavierbegleitung wiederholen mußte. Ehe die Zuhörer versammelt waren, kam der Herr Pfalzgraf, um mich von den kleinen Vorschriften zu unterrichten, die ich der Frau Kurfürstin gegenüber zu beobachten hatte, daß ich ihr das Kleid küssen müßte, sie mir die Hand reichen werde usw., und als Madame Beck das Zimmer für den Gesang unvorteilhaft fand, griff der liebenswürdige Fürst selbst mit an, das Instrument in den Salon zu transportieren. Ich sang wieder gut; die Frau Kurfürstin lobte und umarmte mich, die Frau Pfalzgräfin schenkte mir schönen rosa Atlas zu einem Kleide. Unterdessen hatte die Frau Herzogin von Weimar auf Empfehlung des Kapellmeisters Reichardt eine Sängerin engagiert, und meine Aussichten an diesem Hofe gingen unter. Der Intendant v. Dalberg baute darauf die Hoffnung, mich für das Mannheimer Theater zu gewinnen, aber mein Vater hatte große Vorurteile gegen den Schauspielerstand, und nur mit Mühe gelang es den Vorstellungen des Herrn Beck und des Koadjutors v. Dalberg, der großen Einfluß auf meinen Vater hatte, ihm die Erlaubnis abzugewinnen. Am 6. Oktober 1792 spielte ich zum ersten Male den »Oberon« von Wranitzky und mit glänzenderem Erfolg als bei meinem Auftreten im Konzert. Ich ward am Ende hervorgerufen, eine Ehre, mit der man damals nicht so freigebig war wie heute, und dankte mit einer kurzen Rede, die mir Iffland hinter den Kulissen schnell zugeraunt und ich ihm, während das Publikum sich in Beifallslärm erschöpfte, ein paarmal nachgesprochen hatte. Die Kurfürstin, die eine Unpäßlichkeit vom Theater ferngehalten hatte, befahl die Wiederholung der Oper für nächsten Sonntag, und ein gleich großer Beifall des Publikums wie die schmeichelhaften Äußerungen der Frau Kurfürstin lohnten mein Bestreben. Bei meinen beiden andern Debüts ging es mir ebenso gut, und nun war mein Schicksal entschieden. Als ich der guten Gräfin die Nachricht meines bevorstehenden Engagements brachte, bezeugten die hohen Herrschaften die lebhafteste Zufriedenheit. Ihr Wohlwollen verschönerte meine Tage in Mannheim: die Fürstinmutter[50] blieb mir stets eine liebevolle Gönnerin, die Frau Pfalzgräfin, die den Himmel in den Augen trug, schenkte mir, wenn ich in einer hübschen Rolle auftrat, freundliche Blicke, die mich belebten und ermutigten, und Prinz Ludwig, der jetzige König von Bayern, nahm den regsten Anteil an meiner Sangeskunst. Wenn er, meist in Begleitung seiner Mutter, bei der Gräfin erschien, blickte er gewöhnlich schüchtern hinter der Tür des Kabinetts hervor, bis er auf Zureden erschien und sich seine Lieblingslieder von mir vorsingen ließ. Die Gräfin Oynhausen selbst blieb meine unbestechliche Beraterin und mein Trost in allen Herzensnöten, mit ihr durfte ich alles wie mit einer Mutter besprechen und ihr alles Leid wie einem Beichtvater klagen. Auch dankte ich ihr das Glück, die beiden jungen Prinzessinnen von Mecklenburg-Strelitz11 kennen zu lernen, reizende Erscheinungen, deren Glanz in meiner Erinnerung nicht verlischt. So unmöglich es ist, die Wärme der Sonnenstrahlen oder die Frische des Morgenwindes zu malen, so wenig läßt sich die Schönheit ihrer Gestalten und die Hoheit ihrer Blicke und Bewegungen beschreiben. Wer diese Himmelsblumen nicht gesehen hat, dem gibt kein Wort den richtigen Begriff, und wer sie sah, dem wird jedes Bild unzureichend erscheinen. Solche Erlebnisse mußten mich schadlos halten, denn das Engagement, das nach all dem Beifall und Erfolg abgeschlossen wurde, war ein bewundernswert unvorteilhaftes: ich bekam das erste Jahr dreihundert, das zweite vierhundert und die zwei letzten Jahre sechshundert Gulden. Wieder hielten Entbehrung und Sorge bei mir ihren Einzug, daß ich meine Mutter gar nicht oder nur wenig unterstützen konnte, und der gänzliche Mangel an liebendem Zuspruch aus meiner nächsten Umgebung, die ernüchternde Kälte und der zurückstoßende Stolz meiner Lehrerin gewannen einen traurigen Einfluß auf mein Gemüt. Für meine Geistesbildung geschah auch weiterhin nichts, ich lernte nur Musik und Singen; in das wirkliche Leben wurde ich von niemandem eingeführt und mußte mir selbst Charakter und Grundsätze zusammensetzen. Mein Ideal waren die edlen Charaktere, die ich auf der Bühne darstellen sah; daraus und aus dem, was ich im elterlichen Hause[51] gehört und gelernt, was sich mir im Umgange mit Luisen eingeprägt, was der Druck des Schicksals in meiner Seele zurückgelassen hatte, bildete sich ein nicht gewöhnliches Ganzes. Hätte eine sorgsame Erziehung dasselbe geordnet und verfeinert, so wäre ein vorzügliches Resultat herausgekommen, so aber entstanden Extreme, die sich schroff gegenüberstanden und keine Verschmelzung erlaubten. »Entweder oder«, »ganz oder gar nicht« war mein Wahlspruch; der geringste Schein war mir zuwider. Ich übertrieb auch im Guten, Selbstverleugnung und Aufopferung für das Glück anderer war mir unbedingte Pflicht, Recht und Unrecht, Gut und Schlecht waren himmelweit getrennte Begriffe. Daß zwischen ihnen eine Tonleiter existiert, die den grellen Abstand mildert und versöhnend vom einen zum anderen hinüberführt, das hätte mich die Welt gelehrt, wenn ich sie hätte kennen lernen, so aber sind sie stehen geblieben, diese extremen Grundsätze, die oft das Beste anderer befördert, aber nie glücklich auf meinen eigenen Lebenslauf eingewirkt haben. 
