
                                 Spindler, Carl

                                    Der Jude

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                                 Carl Spindler

                                    Der Jude

   Deutsches Sittengemlde aus der ersten Hlfte des fnfzehnten Jahrhunderts

                             Gespenst der Vorwelt:
              Warum rufst Du mich herauf aus meinem dunkeln Grabe?

                                   Zauberer.
               Aus da Du Zeugni gebest von einer dunkeln Zeit.


                                  Erster Band

                                Erstes Kapitel.

 O Marten! Marten!
 Der Korb mu verbrannt seyn,
 Das Geld aus den Taschen,
 Der Wein aus den Flaschen,
 Die Gans vom Spie!
 Da trink und i!
 Wer sich voll zechen kann,
 Wird ein rechter Martinsmann!
                                                                     Altd. Lied.

Der zwlfte November des Jahrs Eintausend vierhundert und vierzehn nach des
Erlsers Geburt, sah mit kaltem und duftigem Morgenantlitz in die
Fensterscheiben der Herberge zum Rebstock in der Reichsstadt Worms. Der Winter
hatte dem Sptherbst tlpisch und zierlich zugleich in's Amt gegriffen; denn,
whrend alles knisterte und knarrte, vor der frh eingebrochnen ungestmen
Klte, hatten die entlaubten Bume weie Wollelckchen angesetzt, und niedliche
Eisblmlein sich angewachsen am Glas und Gestein. Zwar leckte der Sonnenstrahl
gierig an den ber Nacht aufgeschossenen Gewchsen, aber seine Zunge war nicht
mehr feurig genug, sie aufzuzehren. Im untern Geschoe des Rebstocks kam man der
matten Sonnenflamme mit glhendem Ofen zu Hlfe, allein im Oberstocke glimmte
kein Funke, und der mchtige Kachelofen der hbschesten Stube des Hauses, die
nach einem ber der Thre angemalten buntfarbigen Blumenstrau die Maienstube
genannt wurde, war eiskalt, obschon ein stattlicher Gast das Gemach bewohnte.
Die Attribute der Ritterschaft: Schwert, Handschuhe, bespornte Stifel und
Federhut lagen unordentlich hin und her auf dem Boden zerstreut. Der Besitzer
dieser Herrlichkeiten lag aber vllig angezogen zu Bette, beschftigt, den
verwichenen Martinsabend auszuschlafen, der ihm nicht am zutrglichsten gewesen
zu seyn schien. Neben ihm ruhte, in einen Reitermantel gewickelt, ein gar holder
Knabe, dessen still lchelndes Gesicht, vom sanftesten Schlummer befangen, sehr
gegen das aufgedunsene, von Trunkenheit und wsten Trumen entstellte Antlitz
des Nebenschlfers abstach. Der Letztere reckte sich endlich, fuhr mit der
breiten Hand ber Stirne und Augen, und den bereiften Bart und erwachte.
Verwundert betrachtete er die Stube und seine eigene Gestalt; seine Verwunderung
wurde Erstaunen, da er seinen Bettnachbar gewahrte, und er sprang bei dessen
Anblick auf, gleich als ob ihn eine Schlange gestochen. Unverstndliche Worte
vor sich hinbrummend, und vor Klte zitternd fuhr er in die Stiefel, und
stampfte dreimal gewaltig den Boden, da der schlafende Knabe erschrocken
aufschrie, alsobald jedoch wieder in Mdigkeit und Schlummer versank. Ein langer
hagrer Mensch, in der etwas zerlumpten Kleidung eines Herrenknechts, kam zur
Thre herein, und fragte mit winterblauen Lippen nach dem Befehl des gestrengen
Herrn.
    Sag an, Vollbrecht! fragte der Letztere: Wie gieng es denn zu, da ich in
Wamms und Krause zu Bett gekommen? - Euer demthiger Knecht hat Euch selbst
hineingebracht; erwiederte Vollbrecht mit ngstlichem Bckling: Ihr littet
gestern stark am Gebreste des heil. Martin, und so geschah es denn ...
    - Still! befahl der Herr. - Wie komme ich aber zu dem Kind? fuhr er
kleinlaut fort.
    Der gestrenge Junker wolle sich nur gtig erinnern, - sprach Vollbrecht,
ein paar Schritte ausweichend, - wie ich Euch gestern aus der Trinkstube zum
Rosengarten heimleuchtete mit dem Kienspan, den mir die rothbckige Dorothea
aufgedrungen, und wie wir im Scheibenglein unfern von dem Eckstein, an dem das
Muttergottesbild aufgerichtet, den Knaben gefunden, der da eingeschlafen war.
    - Ganz recht; ich besinne mich nun auf Alles; erwiederte der Junker, und
rieb sich die erstarrenden Hnde: Was treibt aber unser Wirth, da nicht einmal
Feuer angemacht wird, bei der grimmen Klte? Sollen wir hier erfrieren?
    Erfrieren; besttigte Vollbrecht, die Thrblinke zur Hand nehmend:
Erfrieren, oder uns von dannen machen; denn der Wirth will nicht lnger borgen,
und verlangt Zahlung unsrer Zeche.
    Nichts Billigers als das; antwortete der Herr: aber Verlangen ist Eins;
Zahlen hingegen ein Anderes. Ich habe keinen Weipfennig mehr in der Tasche.
Alles gieng gestern drauf in Wein, Imbis und Brettspiel. Der alte Narr mu
warten.
    Vollbrecht schttelte den Kopf. Ich zweifle, Herr, sprach er hierauf,
vorsichtig die Thre ffnend. - Der Mensch sagte mir erst vorhin, er werde nach
Pferd und Zaum greifen, wenn nicht noch heute Morgen alles getilgt wrde, was
darauf gegangen ist in dieser Woche.
    Kreuz! Stein und Dorn! brach der Junker los, nach der Klinge fahrend, da
Vollbrecht, - solcher Auftritte nicht ungewohnt, - sich hinter der Thre barg:
was bildet er sich ein, der Wormser Lump? Streckt er eine Kralle nach meinem
Gaul aus, so haue ich sie ihm ab. Gleich soll er kommen, - gleich, und auf der
Stelle; ohne Sumen!
    Vollbrecht sprang die Treppe hinab. Der Junker stlpte trotzig den Hut auf
den Kopf, und schritt, eine Anrede an den Herrn des Rebstocks im Sinne ordnend,
ungeduldig auf und nieder. Bald erschien auch der Gerufene, das verhngnivolle
Kerbholz tragend, aus dem die ziemlich betrchtliche Schuldsumme des Gastes
eingeschnitten zu sehen war.
    Wie viel betrgt meine Zeche? fragte der Letztere barsch, als strotzten
seine Taschen von Golde.
    Zwanzig Turnosen, drei Pfenninge fr den Herrn, den Knecht und das Pferd;
antwortete der Wirth vom Rebstock sehr freundlich.
    Ein Bettelgeld, prahlte der Fremde: obgleich die Zeche bertrieben
theuer. Aber wie gesagt, ein Bettelgeld, wegen dessen Du mir keine Umstnde
machen wirst, guter Freund. Nicht wahr?
    Nicht die Geringsten, erwiederte der Wirth: Ihr habt nur zu bezahlen, und
meine schlechte Schenke ist wieder ganz zu Euern Diensten.
    Du bist harthrig, mein Freund! sprach der Gast mit vornehmem
Augenzwinkern: Ich hatte gestern Unglck im Spiel, und der Martinschmau hat
mich viel gekostet. Heut kann ich Dich nicht befriedigen, aber sobald ich
wiederkehre von Costnitz, soll Dein seyn, was Dir gehrt.
    Der Wirth sah den Sprecher einen Augenblick an, .. zuckte die Achseln und
gieng nach der Thre. - Wohin gehst Du? fragte ihn der Andere.
    Ich gehe, den Stall zuzusperren; versetzte der Brger kalt: Mt Ihr gen
Costnitz, mgt Ihr zu Fue gehen. Euer Pferd bleibt hier zurck, bis mein ist,
was mir gehrt.
    Wie? fuhr der Gast auf: Du ungeschliffener Wirth! weit Du, mit wem Du
also sprichst? Ich bin der Edelknecht Gerhard von Hlshofen, und darum nicht zu
Schild und Helm geboren, um mir von einem elenden Reichsstdter Schmachreden ins
Angesicht sagen zu lassen.
    Ich kenne Euch wohl; erwiederte der Wirth: Wer sollte den verwegensten
Gesellen am Rheinstrome nicht kennen, den der wohlweise Rath von Frankfurt als
seinen Kmpfer und Turnierfechter gedungen; der zwar keinen Gegner unbezwungen
lt, aber auch keinen Becher ungeleert, keine Dirne ungeneckt, und keinen
Herberger ungeprellt. Darum eben nehme ich Euren Gaul.
    Das Pferd gehrt meinen Herren von Frankfurt, rief der Edelknecht patzig.
    So mgen Eure Herren von Frankfurt es auch auslsen; versetzte der
Glubiger gleichgltig. Der ehrsame Rath wird einen Reichsbrger nicht schdig
gen lassen an seinem Gut durch einen Dienstmann.
    Ich bin ein Edelmann, Bursche; brauste der Junker; und wenn ich
Spiebrgern diene, so geschieht es aus gutem Willen, und nicht ...
    Lieber Herr; erwiederte der Wirth: Ich vermag eines Adlichen Thun und
Lassen nicht zu schtzen; allein ich wollte, Ihr httet Euern Martinstag wo
anders zugebracht. Ich hab Euch nicht geladen, und will folglich Eure Zehrkosten
nicht aus eignem Seckel bestreiten. Darum nehme ich Euern Gaul und damit genug.
    Unterstehe Dich! rief Gerhard: Plumper Wicht! Glaubst Du, meine Freunde
werden mich verlassen?
    Ei, Herr Junker, sprach der Wirth lchelnd: Ihr seyd zu alt in der Welt
geworden, um das im Ernste sprechen zu knnen. Freunde werden Feinde, sobald sie
helfen sollen. Und vollends die Euren, mit denen Ihr acht Tage gezecht und
gewrfelt habt. Die Einen sind auf der Landstrae besser zu Hause, als in ihren
vier verschuldeten Pfhlen. Die Andern sind verdorbene Brgersshne, die Gewerb
und Flei an den Nagel gehngt haben, um das vterliche Erbe ohne Verzug durch
die Gurgel zu jagen. Solche Martinsmnner sind aber den Wirthen nur bis zu einem
gewien Zeitpunkte willkommene Gste. Doch horch; .. mich dnkt, ich hre ihrer
Etliche die Stiege heraufstrmen. Versucht Euer Heil, Herr. Zwanzig Turnosen -
die Pfenninge erlasse ich Euch - ffnen die Stallthre, und geben Euerm Gaul
freien Pa nach Costnitz. Kein Albus weniger! Verlat Euch darauf.
    Der Wirth gieng ruhig von dannen, und an seiner Statt tobten vier
Mnnergestalten herein, denen man die Ausschweifungen verwichener Nacht nicht
wenig ansah. Guten Tag! Bruder Hlshofen! brllten sie im Chor und schttelten
dem Verdrlichen die steifgewordenen Hnde? Wie geht es? wie geschlafen? warum
ists hier so verteufelt kalt? - Gerhard zgerte keinen Augenblick, ihnen die
unangenehme Lage, in der er sich befand, zu erffnen. Die Freunde lachten aus
vollem Halse, und konnten sich gar nicht lassen vor muthwilliger Lust.
    Nun, das nenne ich doch in der Brhe sitzen! rief der baumlange Wernher
von Hyrzenhorn: So frhlich wurde die Gans eingelutet, und so traurig ist der
Nachtisch!
    Was ist aber da zu thun! sprach Wolf von Eppenstein: Ich will dem
Schwarzen seyn mit Haut und Haar, wenn ich Dir helfen kann, Bruder Gerhard. Du
weit, da uns der Sattel das tgliche Brod verschafft, - und Deine Dienstherren
gerade, - da sie Gott verdammen mge! - haben es uns so geschmlert, da es
eine Snde ist. Die Conziliumsfahrer haben unserm Seckel zwar etwas eingebracht,
aber Weib und Kind wollen auch leben, und Martinstag will auch gefeiert seyn. Da
haben wir uns denn hier zusammengethan, in Fried und Eintracht die Milch unsrer
lieben Frauen reichlich genossen, und mssen dafr Morgen kahl wieder abziehen.
    Hilf Dir selbst! rief der wilde Hornberger Veit: Brich die Stallthre
auf, und reite dem verdammten Kneibenwirth vor der Nase weg. Ich helfe Dir, und
je mehr Auflauf es gibt, desto besser.
    Die Frankfurter setzen mich auf den Eschenheimer Thurm, erfahren sie
dergleichen, versicherte Gerhard kopfschttelnd. - Euch aber, meine Freunde,
fuhr er fort - Euch wre es ein Leichtes, mir zu helfen, - denn das Frhjahr
bringt Euch wieder Meleute und Marktschiffe, die Euch das kleine Darlehen
reichlich ersetzen, - kann ich's bis dahin nicht erstatten.
    Ich schwre einen krperlichen Eid, da ich nicht helfen kann! betheuerte
der Herr von Hyrzenhorn, und der Eppsteiner holte eine in vergoldetem Kupfer
gefate Reliquie des heil. Marcellinus aus seinem Wamms, auf welche alle drei
Edelleute in aller Eile und bester Form den theuersten Schwur leisteten, da sie
auer Stand seyen fr ihren gemeinsamen Freund das Geringste zu thun. - Gerhard,
wohl wissend, ein solcher Eid mache ein unwiderrufliches Ende, - sey er auch
noch so falsch, - wendete sich alsdann zu dem vierten Freund, der bis jetzt ein
stummer Zuhrer des Auftritts gewesen war. Werde ich auch bei Euch vergebens
anhalten, lieber Trautwein? sprach er zuckers: Ihr habt des Vermgens viel,
habt mir gestern erst im Rosengarten all mein Klingendes abgenommen, und werdet
wohl nicht anstehen, mich der unverdienten Schmach zu entreien.
    Der Goldschmid lchelte aber eiskalt, zuckte die Achseln, und erwiederte:
Gestrenger Herr; im Handel und Wandel braucht man sein Geld, und da des
Letztern nicht zu viel werde, sorgen schon treulich Kaiser und Reich, die
Ehewirthin und ihre Kinderlein, und die Herren vom Stegreif. Deshalb bin ich
ausser Stande etwas zu thun, als Euch die fnf Schillinge nachzulassen, die ihr
mir noch gestern auf Euer Wort schuldig wurdet.
    Ich wollte, alle Martinsfeuer, die gestern brannten, um Wetterschaden zu
verhten, schlgen ber Euch alle zusammen, und kochten Euch zu Brei und Mu;
rief Gerhard in hohem Unmuth: Mein Gaul, mein armer Gaul!
    Uebermorgen soll ich in Costnitz seyn. Ich hab's den Schffen Holzhausen
und zum Braunfels in die Hand geloben mssen. Der Kaiser gibt ein Turnier, auf
dem ich zu Frankfurts und des Reichs Ehre mitstechen soll. Ich bin ewig
beschimpft, erschein ich nicht auf diesem Rennen. Und ohne meinen Roland, ohne
mein gutes Pferd komme ich nicht hin, kann ich nicht mitkmpfen.
    Schlimm! sehr schlimm! meinten die adelichen Herrn, und machten Miene zu
gehen. Willst Du einen Rmer Wrzwein annehmen, so komm' mit uns! sprach der
Horaberger gutmthig, aber Gerhard verweigerte alles mit Ungestm, und lie die
adelichen Brder und Freunde ohne Widerrede ziehen. Trautwein blieb an der Thre
zurck.
    Hrt noch ein Wort, lieber Herr, sprach er mit einiger Theilnahme: Ob es
gleich grimmig kalt in Eurer Stube ist, bin ich doch hinter jenen rohen Gesellen
zurck geblieben, um Euch einen Rath zugeben.
    Nun? fragte Gerhard unwirsch auf und niedergehend. Der Kaiser gibt wohl
bermorgen kein Rennen zu Costnitz, indem er noch in Aachen auf seiner Krnung
verweilt, sagte Trautwein; allein Eure Lage ist doch milich, und liegt auer
meinen Grundstzen und Krften, Euch zu dienen; aber es gibt noch andere Leute,
die es vielleicht gerne thun, wenn einiger Gewinn dabei zu verspren ist.
    Wer sind diese Leute? fragte Gerhard aufmerksam werdend.
    Ei nun, sprach der Goldschmid zgernd: Es sind unsers heil. rmischen
Reiches liebe Kammerknechte ..
    Was? fuhr Gerhard auf: Juden? Hebrer? Seyd Ihr toll geworden mit
Einemmale?
    Wie so? fragte Trautwein gleichgltig: Hebrisch Geld zhlt wie das
unsere; es kmmt ja ohnehin nur aus christlichen Taschen. Frsten und Herren
wissen das wohl.
    Hm! sprach Gerhard berlegend: Mein ganzes Leben hindurch habe ich mich
gehtet den Galgenvgeln in die Hnde zu fallen, und in meinem fnfzigsten Jahre
... indessen ... wer wei ... damit ich nur fortkomme ... wo gelangt man zu dem
Gesindel? Ich will gleich ...
    Der Goldschmid hielt ihn zurck. Ihr werdet doch nicht am hellen lichten
Tage ...? sagte er mibilligend: In eigener Person ...?
    Ihr habt Recht; antwortete Gerhard: Es ist wegen des Geredes ... also
will ich mich gedulden ... diesen Abend, sobald es dunkel ...
    Behte; fiel Trautwein ein: Es ist bei zehn Pfund Heller Strafe verboten,
bei Nacht in ein Judenhaus zu gehen, um zu leihen oder zu zahlen.
    Aber beim Donner! was soll ich denn thun? fragte Gerhard rgerlich.
    Abwarten, bis ich Euch einen vertrauten Mann schicke, mit dem Ihr alsdann
handeln knnt; versetzte Trautwein.
    Einen vertrauten Mann, durch den es die ganze Stadt erfhret, von welchem
Rocken ich spinne, nicht wahr? -
    Gerade im Gegentheil. Ich wei einen, der, wenn ich nicht irre, in der Nhe
von Frankfurt zu Hause ist. Ein verschwiegener Mann, mit dem ich selbst manch
Geschft gemacht. Ist er gerade hier, kann er vielleicht bewogem werden, Euch zu
helfen. Mich dnkt, ich sah ihn gestern unweit von dem Dalbergschen Hause in der
Kmmererstrae. Ich sende ihn Euch, und will besorgen, da mein Gevatter
Rebstockwirth Euch zum mindesten ein Feuer anmache in dem Ofen.
    Nun, so geht, so geht, und plaudert nicht lange! drngte Gerhard, und
schob ihn zur Thre hinaus. Alsdann fieng er wieder seine gewhnliche Rennbahn
in der Stube an, rieb sich die Hnde, die Stirne, brummte einen Fluch nach dem
andern, und schwor sich zu, in der Folge nie mehr auf Freunde sich zu verlassen,
seine Zeche immer nach der Habe zu richten, oder, ... wollte er einen Wirth
prellen - die Sache gescheuter anfangen. Ein leises Schluchzen und Weinen
unterbrach den Lauf seiner Gedanken, und da es sich hinter den Vorhngen des
mchtigen Himmelbetts vernehmen lie, so fiel ihm mit einem Male der Gedanke an
den Knaben, den er gestern aufgenommen, siedendwarm auf die Brust. Er eilte zum
Lager, und sah das vier- bis fnfjhrige Kind aufrecht sitzend, und eng in den
groben Mantel gewickelt, aus dem nichts hervorguckte als der braungelockte
Kindskopf, mit blauen von Thrnen berflieenden Augen. Der Knabe fuhr etwas
zusammen, da er das kupferrothe mit dichtem Bart versehene Gesicht seines
Findelvaters gewahr wurde, aber bald beruhigte er sich wieder in etwas, da er
sich deutlich erinnerte, da ihn derselbe Mann gestern von der offenen Strae
genommen, und den Mden erwrmt, aufs Lager gebracht hatte. Er streckte ihm die
kleinen Arme bittend entgegen, und sah ihn mit einer Wehmuth an, die ihm fast
das Herz abzudrcken schien. Der rauhe Hagestolz fhlte sich gerhrt und
angezogen von der hlflosen Unschuld des Kindes, und nahm es, in Mantel und
Decken gehllt auf seinen Schoos. Komm her, sprach er, und la uns vernnftig
reden, mein Junge! Wir haben gestern Abend nur flchtige Bekanntschaft gemacht.
Heute wollen wir's einbringen. Wie heiest Du, mein Kind? - Hans! antwortete
der Knabe muthig und vernehmlich. Und Dein Vater? - Ich habe keinen mehr. -
Doch eine Mutter hast Du? - Ja, die Mutter und die Gundel. - Wie nennt sich
Deine Mutter? - Ich wei es nicht. - Wo wohnt sie aber? - Ach, weit, weit
von hier! - So? demnach nicht hier in der Stadt? - Wir sind drei Tage
gefahren, bis wir angekommen sind. No ist denn aber die Mutter? - Ja, wenn Du
das nicht weit ... - Der Knabe schttelte traurig den Kopf. Sage mir doch,
Hnschen, fuhr Gerhard neugierig fort: Wie lange bist Du denn hier? - Ich
heie nicht Hnschen, versetzte der Knabe: Hnschen hat vier Fe, und ich
habe zwei; darum heie ich Hans. Hnschen ist aber zu Hause geblieben. Wirst Du
mich wieder heimbringen, fremder Mann? - Wenn ich wei, wo Deiner Mutter Haus
steht, mein Knabe. - Ach, es ist fern, recht fern. Wir haben dreimal
geschlafen, ehe wir gestern in der Nacht ankamen. - Wie kamst Du denn auf die
Strae? - Ich wei es nicht - auf dem Wagen schlief ich ein, und auf der Erde
bin ich aufgewacht. Ach, wie war es so kalt, da Ihr mich aufnahmt. Die Mutter
mu mich verloren haben. - Wie war die Mutter gegen Dich? - Bse, lieber
Mann, immer bse und finster. Aber Gundel ist herzensgut, und zu ihr mchte ich
lieber als zur Mutter, und auch zu Hnschen lieber als zur schwarzen Mutter. -
Zur schwarzen Mutter? Warum nennst Du sie so? - Sie ist immer schwarz
gekleidet, und hat so dunkle Augen; aber Gundel hat helle, und geht immer grn
oder roth. Hnschen ist wei und braun. -
    Der Junker schttelte bedenklich den Kopf, und zweifelte nicht mehr daran,
da der Knabe mit Vorbedacht zurckgelassen worden sey, auf der Durchfahrt durch
die Fremde, im nchtlichen Dunkel verhllten Stadt. Aus dem Knaben war brigens
nichts herauszubringen, als da der Mutter Haus auf einem Hgel stehe, unfern
von einem Strome, da viel Waldung und ein Dorf sich in dessen Nhe befinde, und
nicht allzuweit eine Stadt, in der sich das Kind besann, vor einiger Zeit
gewesen zu seyn, zur Zeit eines Jahrmarkts. Ueber den Namen seines mtterlichen
Hauses, des Stroms, der Stadt, war er in wahrscheinlich geflissentlicher
Unwissenheit erhalten worden. Fern von Jugendgespielen und Gefhrten seines
Alters kannte er niemand, als die schwarze Mutter, die er nicht liebte, die
freundliche Gundel, nach der er sich sehnte, und das vierfige Hnschen, das er
am schmerzlichsten vermite. Gerhard ersah aus Allem, da ihn seine,
grtentheils vom Wein erregte Weichherzigkeit hier in eine sonderbare Historie
verwickelt hatte, und ihm wahrscheinlich eine Last zugefallen war, die er bei
der uersten Beschrnkung seiner Lage nicht auf die Dauer wrde tragen knnen.
Eine pltzliche Vermuthung ergriff ihn; und er durchsuchte die Kleider des
Kindes nach Geld oder Kleinodien, die vielleicht dem Finder als eine
Entschdigung zugedacht seyn mchten; doch war sein Bemhen umsonst. Keine
Blechmnze, kein armseliger Hohlpfennig war bei dem Verlassenen zu finden.
Ausser dem hchst einfachen Gewande des Kindes trug es nichts an sich. Unmuthig
stellte er den Knaben nieder, und gieng, von Neuem gegen sein Geschick grollend,
auf und ab. Das Kind schmiegte sich indessen stille und in sich gekehrt an den
durch Trautweins Vorsorge erwmten Ofen, und weinte nur von Zeit zu Zeit vor
sich hin, theils im Andenken an die gute Gundel, theils im Bewutseyn des
qulenden Hungers, den es versprte. Ein Glck war es, das Gerhard in der Tasche
seiner Pluderhosen noch ein sogenanntes Martinshorn auffand, ein Gebcke, mit
dem er alsobald den seufzenden Knaben beschwichtigte, .... zum Mindesten auf
Augenblicke. Indem er jedoch mit sich selbst zu Rathe gieng, wie die elustige
Brde vom Halse zu schaffen, und sein eignes betrbtes Verhltni zu wenden sey,
lie sich von Auen ein schlrfender leiser Tritt vernehmen, und ein demthiges
Pochen erklang an der eichenen schwerfllig verzierten Thre. Gerhard ffnete
schnell, und vor ihm stand Einer aus dem Volke Abrahams. Seine Statur bot nichts
Ausgezeichnetes dar, noch weniger seine Kleidung, die den wandernden
Handelsjuden bezeichnend, in Schnitt, Farbe und Gestalt hchst unbedeutend
erschien. Aber das Gesicht, das aus dem unscheinbaren grauen Kittel und aus dem
schlecht geflteten Kragen heraussah, war auffallend genug. Ein nicht fern von
den fnfzigen stehendes Antlitz mit Spuren tiefen Kummers entweder, oder
schwerer Erschlaffung, bleich und hager, war von Augen belebt, die, wenn gleich
etwas klein, an Lebhaftigkeit und stechender Schrfe mit denen der Eidechse
wetteiferten. Die kahle Stirne, von wenigen, dnnen und grauen Locken besetzt,
gab groen Spielraum der Beweglichkeit von Gesichtszgen, die wie die
Schlangenwege eines Labyrinths sich nach allen Seiten in merkwrdiger
Verschlingung ausdehnten. Eine breite Narbe, die quer von dem rechten Schlaf
sich ber Wange und Nase herberzog, bis zu dem linken Ohrlppchen, schied das
Gesicht so zu sagen, in zwei ungleiche Hlften. Die Nase vorspringend und
gebogen, zeugte von orientalischer Abkunft, und die Form des Mundes wre gut
gerathen zu nennen gewesen, htte sich nicht in der etwas hngenden Unterlippe
jener, aber schon angedeutete Charakter der Abspannung offenbart, der nicht
vermgend ist, einem menschlichen Angesichte etwas Angenehmes mitzutheilen. Der
Bart, kurz, kraus, grau und schwarz gemischt, pate zu dem Uebrigen. - Der Jude
neigte sich unterthnig vor dem Edelknecht, ohne ein Wort zu sprechen. - Wer
bist Du? fragte ihn der Letztere barsch und kurz. Was willst Du hier?
    Was ich hier soll, mchte ich wissen, gestrenger Herr; erwiederte der Jude
mit unterwrfigem Tone: Der achtbare Meister Trautwein sendet mich zu Euch. Er
sagte mir, Ihr knntet meine Dienste brauchen, und somit biete ich sie Euch an.
    Trautwein? fragte Gerhard. - Durch seine Empfehlung bist Du mir
willkommen, insofern Du nicht hier in Worms geboren oder ansig; denn ich
fordre, da Du schweigest.
    Gestrenger Herr Ritter; versetzte der Jude wie oben: Ich wei zwar nicht,
wie Ihr knnt hegen Zweifel an der redlichen Verschwiegenheit meiner
Glaubensgenossen hier zu Worms. Es sind die Besten von unsern Leuten, .. die
schon vor der Geburt Eures Erlsers eine Synagoge gehabt haben in dieser Stadt,
und diese Synagoge hat durchaus nicht gewilligt in den Tod Eures Messias, der
nur darum sterben mute, weil die Entfernung zu gro ist zwischen dem Rheinstrom
und Jerusalem, und der Bote von der Schule zu Worms um einige Stunden zu spt
gekommen ist, mit der Verwendung von den Wormser Rabbinern und Aeltesten. Nenn
Ihr indessen demungeachtet Grund zu glauben habt, unsere hiesigen Brder zu
beargwohnen, so vertraut Euch mir. Ich stamme von Friedberg, und dieses Zeichen
auf meinem Rocke mag Euch beweisen, da ich nicht von hier bin, wo die
Schiboleth in Vergessenheit gerathen ist.
    Hier zeigte er auf den Ring von gelber Seide, den jeder Jude in und um
Frankfurt auf der linken Brust tragen mute. Gerhard, ungeduldig, die miliche
Angelegenheit ins Reine zu bringen, machte dem Juden eine ausfhrliche
Beschreibung seiner Lage, und verlangte ein Darlehen auf Wort, Schrift und
Glauben. Seine eindringlichen Worte, seine ziemlich herrische Forderung
verriethen wohl, da er eine abschlgige Antwort nicht im Bereich der
Mglichkeit vermuthe; um so mehr befremdete ihn das berlegende und durchaus
nicht billigende Kopfschtteln seines Gegenbers. Nach langer Pause sprach der
Jude endlich: Seht, werther Herr. Wir halten auf das, was die Vter sagten und
uns einprgten. Ben David, sagte der Meinige, dem einst das Paradies sey,
fters: Hte Dich, groen Herren und Kriegsleuten aus das blinde Wort, auf das
leere Geschrift hin zu vertrauen. Das Wort verweht der Wind, und das Papier
zerhaut der Degen, der auch im besten Fall nie richtige Zinsen zu zahlen geneigt
ist. Baare Mnze lacht; ein gutes Pfand macht Muth. - Ich habs nun immer so
gehalten, und Euch, lieber Herr, soll geholfen seyn, wenn Ihr mir Brgschaft
stellt in Dingen von Gewicht und Werth, oder im Wort eines wackern Mannes, dem
die Rechtschaffenheit werth ist, soll er sie auch nur gegen Juden beweisen.
    Da steckt eben der Knoten! polterte Gerhard: Auf Pfand und reichliche
Brgschaft kann jeder Fastnachtsnarr Kappe und Peitsche leihen. Ich habe keine
Kleinodien, nichts von Werth, als meinen Gaul, und von ihm trenne ich mich um
keinen Preis. -
    Das glaube ich; versetzte Ben David: Das ist ein Pferd! Gott! ich habe
Euch gestern reiten sehen, als der heilige Martin in der Procession. Ihr ward so
stattlich, und das Pferd so geputzt und so blank; ... nein! einen solchen Gaul
gibt man nicht her! -
    Wie soll ich aber aus dem verdammten Worms kommen? rief der Junker: Willst
Du die Brgschaft der Herren von Eppstein, von Hornberg und von Hyrzenhorn?
    Was soll mir die Brgschaft von diesen Herren? fragte Ben David: Sie
sitzen mir zu hoch, und haben mich selbst schon zu oft gepfndet, als da ihr
Wort mir ein gltig Pfand seyn knnte Ja, - wenn es der edle Herr von Dalberg
wre, der wackre Kmmerer von Worms, unsers Glaubens Beschtzer; .. oder nur der
Meister Trautwein, .. aber .. setzte er lchelnd hinzu: Der Erste kennt Euch
nicht, und der Zweite ist zu klug, um jemals sich zu verbrgen.
    Kreuz und Dorn! fuhr Gerhard auf: Mach' mich nicht wild, elender
Hundsjude. Ich will Dich lehren, mein adelich Wort zu ehren. Zur Stelle wirst Du
mir gehorsamen! Einem Frsten oder dem Krmermagistrat einer Reichsstadt seyd
Ihr gleich zu Willen mit Geld und Gut. Aber einen wackern Edelmann lat Ihr
verderben.
    Der Jude zuckte die Achseln. Fordert die Stadt unser Geld, sprach er kalt:
so gehts mit Strmen los auf unsere Habe, und der Gewalt weichen wir. Der
Kaiser gibt uns Schutz, und nennt uns seine Kammerknechte; und da wir zufrieden
sind, wenn wir athmen drfen, wenn gleich als Knechte, so geben wir gern dafr,
was unser ist. Dem einzelnen steht aber nicht die Befugni zu, uns gewaltsam zu
plndern, zum mindesten nicht in Worms, wo wir eines billigen Schutzes uns
erfreuen. -
    Bei diesen Worten nherte er sich der Thre, um das Gemach zu verlassen.
Gerhard jedoch, von der Nodwendigkeit des Augenblicks bedrngt, wollte ihn
aufhalten, und gab von seiner Strrigkeit vieles nach, indem er ihm sagte: Es
war nicht so bel gemeint, Ben David. Du solltest aber auch einen ehrlichen Mann
nicht so lang auf die Folter legen.
    Alle Ehrfurcht vor Eurer Ehrlichkeit; erwiederte der Jude: aber Euer
Benehmen macht mich nicht lstern auf ihre nhere Bekanntschaft.
    So la doch mit Dir reden; fuhr Gerhard fort, ihn zurckhaltend. Ich will
mit Dir handeln, wie ich es mit einem braven Christen thun wrde, und mit einem
ebenbrtigen Manne, whrend Du doch keiner von Beiden bist. Ich verschreibe Dir
Zins und Rckzahlung bis zum Sonntag Ltare, kommenden Jahrs mit meinem Namen
und Wappen; und mit der Klausel, da, wofern ich Dir bis dahin nicht gerecht
werden knnte, ich, mein Einlager mit zwei Knechten und drei Pferden hier im
Rebstock halten will, bis Du befriedigt bist.
    Ei! ei! bei meinem Bart! was muthet Ihr mir zu? fragte Ben David. Da
sen zwein im Unglck statt des Einen. Ich, weil Ihr mir meine Schuld nicht
bezahlt, - der Wirth, weil Ihr Euer Einlager nicht bezahlt. Nein; bin ich gleich
ein Jude, will ich doch nicht einen braven Christen, wie diesen Rebstockwirth,
in Schaden bringen. Ich sehe schon; Ihr wrdet mir noch anbieten Eure Hausfrau
als Pfand, wenn Ihr nicht unbeweibt wrt. Gott befohlen!
    Jetzt hast Du Zeit zu gehen, verdammter Sptter! tobte der Junker, und
erwischte sein groes Fechterschwert, das er drohend gegen den Juden schwang:
Hinaus! oder ich lege Dir den Solinger so um die Ohren, da du vielleicht
nachher keine Spur von ihnen findest!
    Ben David wollte schnellfig aus der Thre. Indem sprang aber der kleine
Hans, der bisher hinter dem Kachelofen gelauscht hatte, ngstlich schreiend
hervor, und hing sich an Gerhard, entsetzt von dem gewaltig drohenden Schwerte,
und einen schrecklichen Auftritt frchtend. Der Junker hielt inne, und beugte
sich zu dem Knaben, ihn zu beruhigen. Whrend dessen hatte aber Ben David einen
Blick auf den Letztern geworfen, einen Augenblick theils berrascht, theils
berlegend verbracht, und sich endlich wieder gelassen ber die Schwelle in das
Zimmer verfgt. Was willst Du noch hier? schnauzte ihn Gerhard an, als er nach
flchtiger Liebkosung des Findlings wieder in die Hhe sah.
    Mit Verlaub, gestrenger Herr! sprach Ben David, das linke Auge auf den
Erzrnten, das rechte auf das Kind richtend: Ist das Euer Knabe?
    Kmmerts Dich? fragte Gerhard, wie oben. - Der Jude verneigte sich
geschmeidig, schttelte leicht den Kopf. Um des Knaben Willen mchte ich dann
mit Euch ins Reine kommen. Fuhr er fort. -
    Ich bedaure; versetzte Gerhard: Der Knabe ist nicht mein; obendrein eine
sehr unntze widerliche Last.
    Eine widerliche Last mu man sich schaffen vom Halse; meinte Ben David und
erkundigte sich, neugierig, nach seines Volkes Sitte, um die nhere Bewandtni,
die es mit dem Kinde habe. Gerhard machte auch kein Geheimni aus der Art, wie
er zu demselben gekommen, und aus seinen Mittheilungen, wie unvollkommen sie
auch seyn mochten. Der Jude hrte aufmerksam zu, und in den Muskeln seines
Gesichts zeigte sich eine auffallende Bewegung, die einem bessern
Menschenkenner, als es Gerhard war, unmglich htte entgehen knnen.
Gleichgltig jedoch, dem uern Anscheine nach, wiegte er den Kopf und sprach,
nachdem Gerhard geendet: Es ist seltsam, wie das zusamentrifft. Der Knabe hat
nicht Vater, nicht Mutter, denn die ihn bslich verlassen hat, ist so gut als
todt. Und zuflligerweise kenne ich eine traurende Mutter, die geben wrde, was
in ihren schwachen Krften steht, knnte sie einen Sohn dafr erhalten, in dem
gleichen Alter dessen, den ihr ein frhzeitiger Tod entri. Ueberlat mir und
der jammernden Mutter diesen Verstonen, damit er noch werde die Freude eines
Menschen, und einstens stehe an seinem eigenen Herde.
    Ists eine Christin doch, der Du das Kind bestimmst? schon zu der Ansicht
des Juden sich neigend.
    Die Rechtglubigste; die Wittwe Schechlerin in Friedberg, versetzte Ben
David. Sie besitzt einen kleinen Kram, der gerade hinreicht, sie zu ernhren,
und den Knaben.
    Die Waise zwingst Du nicht zum Judenthum, und schwrst mir's zu? fuhr
Gerhard fort, der sein erwachendes oder zweifelndes Gewissen durch leere Form zu
beschwichtigen dachte.
    Bei dem Haupte meines Vaters schwr ichs Euch! entgegnete Ben David sehr
ernst: Wie knnte ich wohl einst eingehen in's ewige Jerusalem, htte ich mit
Vorbedacht einen Menschen elend gemacht? Der Elendeste aber auf Erden ist ein
Jude.
    Ja wohl, ja wohl! entgegnete Gerhard, den Sinn von Ben Davids Worten nicht
begreifend, mit verchtlichem Blicke: Damit wir aber schnell in's Reine kommen,
... zahle fnfzig Turnosen, und fhre den Knaben hinweg.
    Fnfzig? Du Herr meines Lebens! rief der Jude, wie im grten Erstaunen
die Hnde zusammenschlagend: Wo denkt Ihr hin, lieber Herr? Von zwanzigen war
bis jetzt die Rede; wie soll ich zu fnfzigen ...
    Dort ist die Thre! erwiederte Gerhard trocken, und kehrte ihm den Rcken.
Ben David ging aber nicht, sondern kam nher: Als ich gebe dreiig Turnos, gebe
ich Alles und Alles, was in meiner Macht steht!
    Schmutziger Schacherer! versetzte Gerhard: einen Menschen verkauft man
nicht um solch elendes Geld.
    Ich wette doch, sprach Ben David ironisch: Ihr verkauft mich um ein
Geringeres.
    Um das Vergngen, Dich zwischen zwei Hunden aufhngen zu sehen; brummte
der Junker: Du hast recht. Aber einen Christen verhandelt man nicht um dreiig
Silbergroschen.
    Hat denn nicht Judas den ersten aller Menschen, Euern Herrn, den Born alles
Christenthums um gleiches Geld weggegeben? fragte Ben David.
    Es konnte auch nur ein Jude solchen Handel treiben! polterte Gerhard, roth
werdend vor Zorn: und jetzt packe Dich. Ich frchte ohnehin, da ich Snde
thue, wenn ich die junge Leben Deiner graugewordenen Verworfenheit berlasse.
    Ben David zuckte die Achseln, schlug seufzend die Augen gen Himmel, stellte
sich hierauf zum Tische, langte aus seinem Zwerchsack einen nicht bermig
gefllten ledernen Beutel hervor, und begann Geld aufzuzhlen. Gerherd spielte
hiebei den Gleichgltigen, obgleich er im Innern bereits an seinem Siege
frohlockend zehrte; der Knabe, der arme Unschuldige, um dessen Haut und Haar der
ganze bse Handel ging, ergtzte sich mit kindischer Lust an dem Glanz der
Silberstcke, die aus des Juden hagern Fingern auf den Tisch rollten, und sehr
langsam und sehr bedchtig von ihrem bisherigen Besitzer in Reihe und Schnur
gestellt wurden. Gerhard konnte nur mit Mhe bei dieser geflissentlichen
Langsamkeit seine Ungeduld bndigen. Endlich schttelte der Jude den leeren
Beutel, und sprach: Seht da mein ganzes Vermgen: zweiundvierzig Turnosen -
nicht mehr, und nicht weniger als Alles, was ich habe. Wollt Ihr's, so nehmt.
Die fnfzig kann ich nicht voll machen.
    So trolle Dich, und versieh Dich ein Andermal mit mehrerem Gelde, wenn Du
zu einem Edelmann gerufen wirst; antwortete Gerhard kalt, der nun die
Handlungsweise seines neuen Bekannten begreifen lernte.
    Ich kann nicht mehr geben; fuhr der Jude fort: Ich habe nicht mehr, als
das und mein Leben.
    So behalte Beides in Gottesnamen und scheere Dich fort! versetzte der
Junker mit immer grerer Zuversicht. - Ich finde einen andern.
    Ihr seyd ein bser Kaufmann; meinte Ben David und stellte sich, als wollte
er das Geld zusammenraffen. Da ihn aber Gerhard von diesem Thun nicht abhielt,
so lie er es bleiben, und holte statt dessen einen wollenen Lumpen aus seinem
Sacke, in welchem sich mehr Geld eingeschnrt befand, als in dem geleerten
Beutel gewesen war. - Seht, fuhr er fort: wozu mich Eure Hartnckigkeit
verleitet. Das ist anvertrautes Geld, und ich mu davon entwenden acht Turnos,
um sie Euch zu geben. Ich mchte mich selber schlagen in's Gesicht, da ich das
thue, aber ich bin zu freundschaftlich fr Euch gesinnt, als da ich Euch nicht
helfen sollte aus der Noth. -
    Die fnfzig Turnosen waren voll, und behaglich lchelnd strich der Junker
das Geld ein. - Fr das Geld den Knaben, sprach er: auf Nimmer wieder zu
erstatten; aber erkundigen werde ich mich zu Friedberg, wie Du den Knaben
versorgt.
    Das knnt Ihr, antwortete der Jude mit aller Aufrichtigkeit: Ich schenke
dem Knaben eine wackere Mutter. Komm, Bbchen!
    Der Kleine weigerte sich anfnglich. Der Mann bringt Dich zur Mutter!
redete ihm Gerhard zu. - Ich will, lieber bei Dir bleiben; meinte das Kind. -
Aber auch zur Gundel und dem kleinen Hnschen! setzte Gerhard bei. Der Jude
nickte freundlich grinsend zu dieser Zusage, und der Knabe war schnell fr den
neuen Fhrer gewonnen. Frhlich hieng er sich an seine Hand, und eilte, ohne
viel Abschied zu nehmen, mit ihm von dannen. So springt das unschuldige Lamm
neben seinem Herrn dahin, in harmloser Frhlichkeit, .. nicht wissend, wird es
zur lustigen Weide, wird es zur Schlachbank gebracht.

                                Zweites Kapitel.


 Ein schlicht Gewand
 Deckt in der Welt
 Gar oft den Mann
 Der in der Hand
 Den Zepter hlt
 Wie's ihm gefllt:
 Wer sieht's ihm an?
                                                                        Ballade.

Schon gesattelt und aufgezumt? fragte ein junger lebhafter Mann von
ausnehmend schner Gestalt und vornehmem Wesen den Knecht des Junkes von
Hlshofen, der den erlsten Gaul mit der Reisedecke schmckte. - Dachte nicht,
da es schon so weit seyn wrde, nachdem was ich gehrt! -
    Sprachs, und stand mit wenig Sprngen in der Maienstube vor dem Edelknecht.
Dieser sa bei einem Paglase Malvasier, und kanzelte den demthigen Wirth zum
Rebstock auf gut deutsch ab, wegen seines unziemlichen Benehmens gegen fremde
ehrsame Edelleute. Da er jedoch des Besuchs ansichtig wurde, schickte er kurz
abbrechend den Kneipenmeister zum Teufel, und wendete sich in der frhlichsten
Laune zu dem Jngling.
    Sieh da! sprach er: Edles Herrlein, seyd willkommen. Habt doch Wort
gehalten, ob schon Ihrs im Martinsjubel gabt. Ihr verschmht es nicht, in der
Gesellschaft eines alten Schrankenraufers zu reiten, der Wappen und Freiheit an
Eure Stadt verkaufen mute, um schnden Sold.
    Ei warum denn, possierlicher Mensch? fragte der Jngling. Wer mir auf der
Lebensbahn aufstt, lustig, wohlgemuth wie ich, ist vor Allen mein lieber
Gesellschafter, er schaue nun unter einer Grafenkrone, einer Fechterhaube, oder
einem Gugelhute hervor. - Alter Degenknopf; ich habe von Deinem gebrannten
Herzeleid gehrt, und bin gekommen, Dich zu befreien aus den Schlingen der
Edomiter, die gar zu gern einhergefahren wren auf Deinem Turniergaule! - Hier
klimperte er dem Gerhard gar anmuthig mit einem gefllten Beutel vor den Ohren.
- Ich komme jedoch zu spt, wie ich zu meiner Freude sehe. Wie ist es Dir
mglich geworden, Du durchlchertes Sieb, dem Handel so schnell ein Ende zu
machen?
    Gerhard erzhlte lustig, locker und frech in der Freude seines Herzens die
Art, wie er zu dem Gelde gekommen. Des Jnglings Gesicht verfinsterte sich
jedoch gewaltig, und ungeduldig stampfte er mit dem Fue, da Hlshofen geendet.
- Pfui! pfui! und abermals pfui! rief er: Zerbrich Dein Wappen und Dein
Schwert, Du geldschtiger alter Mensch! Bist Du nicht schlechter als der Jude,
der doch nur eine Christenseele kaufte, die Du verschleudert hast? Gerhard! ist
das eines Edelmanns wrdig? Wrst Du bei Deinem Steigbgel zu Gaste gegangen,
wie die lockern Gesellen, die gestern im Rosengarten mit Dir zechten, httest Du
die Marktschiffe geschunden, wie der grausame Hans von Rudenkheim, dessen
Rckinger Schlo mein Vater vor zehen Jahren niederbrennen half, - httest Du
mit Scharlach gehandelt auf offner Landstrae, ich wrde um Alles die Dich
weniger gescholten haben, als um eines Menschenverkaufs willen; denn der ist vor
allen unritterlichen Streichen der unritterlichste.
    Noth kennt kein Gebot; meinte Gerhard. Httet Ihr gesehen, wie mich der
Wirth beschimpfte, httet Ihr gesehen, wie meine lieben Freunde mich sitzen
lieen, - httet Ihr empfunden, wie kalt dieser Ofen und wie leer mein Magen
war; Ihr wrdet glimpflicher mit mir verfahren.
    Einem Juden? fuhr der junge Mann fort: Der arme Junge! Ich war ja dabei,
als Du ihn gefunden. Noch sehe ich sein holdes Antlitz; ich empfahl ihn Dir noch
auf das Beste, da ich Dich trunknen Mann an der Hausthre Deinem Knechte
berlie; aber was hilft das Alles! Verschachert wie Joseph an die Kinder
Ismaels! Nun, wart, wart! alter Luxbruder! Der heilige Martin wird Dir's
gedenken, wenn die Seele eines Christen durch Dich zum Teufel fhrt.
    Ei nun; erwiederte Gerhard: so berlat es auch dem heil. Martin und
brummt nicht mit mir. Was soll das Hadern? Lat uns den Span in Minne beilegen,
und zu Gaule steigen. Geld klingt in der Tasche, und berall stehen die Fsser
uns offen. Seyd Ihr schon reisefertig?
    Mein Pferd steht vor meiner Herberge; antwortete noch etwas finster der
junge Mann; lat uns dort den Valettrunk halten, denn von Deinem mit
Christenblut bezahlten Sekt nehme ich keinen Tropfen an.
    Der Vorschlag wurde von dem trinklustigen Gerhard recht ausfhrbar befunden,
und die Beiden begaben sich auf den Weg. Der lange Vollbrecht, ohnehin zum
Fumarsch verdammt, machte sich eilends zum Thore hinaus, whrend die Herren
noch lustig im Rosengarten sich zutranken. Die rothwangige Tochter des Hauses
kredenzte den feurigen Wein, und entzckte durch ihre Liebenswrdigkeit den
jungen Mann dergestalt, da er den Arm um ihren schlanken Leib legte, und sich
theuer verma, er wolle ihrer selbst im Getmmel der Feste zu Costnitz eingedenk
seyn.
    Ei, seht doch! schckerte die erfahrne Dirne: Der Junker will wohl gar
noch lugnen, da er in Frankfurt eine schne Amrie zurckgelassen, da
vielleicht in Costnitz eine zweite seiner harrt.
    Der Junker fuhr sich unmuthig ber die Stirne. Was schwatzest Du da fr
Zeug, tolles Mdel! rief er: Man mu Deine Schnheit schtzen, wie ich, um Dir
Deine Unverschmtheit so hingehen zu lassen!
    Nur nicht bse, lieber Herr! bat Dorothea: Es ziemt mir freilich nicht,
also mit ritterlichen Leuten zu scherzen, allein dem willkommnen Mund verzeiht
man fters eine unwillkommne Rede. - Sie bot dem Jngling die frischen Lippen
zum Ku, der auch nicht verweigert wurde. - Ihr drft Euch brigens, fuhr sie
fort, im Ernste darauf gefat machen, Euer Herz in Costnitz zu verlieren, wre
es auch ganz allein an die schne Fremde, die gestern einen Augenblick hier
still hielt auf ihrer Reise nach Costnitz, und trotz der stark einbrechenden
Nacht alsobald weiter fuhr. Sie darf Euch dort begegnen, und Ihr seyd
unwiederbringlich verloren.
    Eine schne Fremde? fragte der Jngling begierig. Jungfrau oder ...
    Ein Frulein ist sie wohl nicht, denke ich; erwiederte das schlau
lchelnde Mdchen: aber eine Wittib ganz gewi, eine junge schne Wittib, der
das schwarze Trauergewand unvergleichlich zu den dunkeln Augen steht.
    Eine Frau in Trauer? fragte Gerhard begierig: die nur einen Augenblick
halten lie?
    Ja; sie lie sich nur einen Trunk Weins belieben, und fuhr schnell von
dannen. Ein Fuhrknecht und eine junge Grtelmagd waren ihre ganze Begleitung.
    Sie ist's! ohne Zweifel! schrie Gerhard. Der Zufall hilft uns auf die
Sprnge!
    Dorothea staunte. Auf welche? fragte der junge Mann; und gab dem vorlauten
Fechtbruder einen derben Rippensto, als dieser von dem gefundenen und
verkauften Knaben anheben wollte. Gerhard schwieg bestrzt, und folgte ohne
Widerrede dem Junkherr, denn, - nachdem er in Krze von Dorothea erfragt, da
die trauernde Fremde in der That den Weg gen Costnitz genommen, und vermuthlich
eine jener fahrenden Frauen sey, die des Gewinns halber die Kirchenversammlung
mitzufeiern gedachten, - rasch zu Gaule stieg, und nebst seinem Begleiter Worms
bald im Rcken hatte.
    Sage mir aber ums Himmelswillen, begann der Jngling nach einer Weile
unmuthig, sage mir, ob Du rein des Satans bist, Du kpfriges Gef? Erst
verhandelst Du eine unmndige Seele an den Moloch, und hinterher willst Du durch
Dein abgeschmacktes Gerede uns in den Mund der plauderhaften Dirne, vielleicht
auf den Scheiterhaufen bringen?
    Nun, nun, fiel Gerhard begtigend ein: Nur nicht bse; meine
Offenherzigkeit ist allzugro, und wenn die Frau wirklich die Frau wre ...
    Schweig! brummte der junge Mann: Du wrst noch im Stande, der
Nchstbesten auf den Kopf zuzusagen, da sie ihr Kind ausgesetzt; blos weil sie
ein schwarzes Kleid trgt. Ich sollte mich billig aufs Neue gegen Dich erzrnen,
Du Seelenverkufer.
    Lat's seyn, meinte Gerhard. Es kmmt bei dem Zanke nichts heraus, als
viel Geschwtz, viel Galle, und am Ende Blut, wenn die Galle berluft. Der
heilige Martin wird die Snde von mir nehmen, und damit genug. Lat uns lieber
von Eurem Herzlieb reden, das Ihr in Frankfurt zurckgelassen; denn ohne Grund
wurdet Ihr nicht roth, da das Kellerdirnel Euch auf das Kapitel brachte.
    Pah! Schnurren und Flausen! lachte der Jngling. Jede Dirne trumt nur
von Minne, und jeder gewschige Hagestolz von unziemlicher Buhlschaft. Ich
antworte Dir darauf Nichts, als da ich zum Dienst des Herrn bestimmt bin, und
also an kein Lieb zu denken habe.
    Gerhard hielt pltzlich seinen Gaul an, stemmte beide Arme in die Seiten,
und brach in ein unmenschliches Gelchter aus. Ho ho! stammelte er unter
demselben, und wischte sich die Lachzhren aus den Augen: Erlaubt mir, da ich
lachend sterbe bei dem Gedanken, Euch dereinst im Chorrock mit geschorner Platte
zu erblicken.
    Stirb zu, alter Pickelhring! entgegnete ihm der Begleiter lustig: Jetzt
hast Du die beste Zeit dazu, denn ich ertheile Dir die Absolution in aller Form,
und einen so nachgiebigen Beichtvater findest Du gewi in Deinem ganzen Leben
nicht mehr. - Was meinst Du aber mit Deinem Narrengelchter eigentlich. Denkst
Du, ich wrde mich schlecht ausnehmen im Megewand oder gar, wenn das Glck
will, in der Inful?
    Bewahre! versetzte der Hlshofen: Ick bedaure vielmehr alle Dirnen und
Frauen, die das Unglck haben, den Ort zu bewohnen, wo Ihr Chor singt, oder den
Hirtenstab regiert. Es macht mir indessen Spa, Euch mir im Pfaffengewand zu
denken, da Ihr doch augenfllig in den Panzer gehrt, - mit dem Rauchfa
bewaffnet, da Ihr doch den Flamberg fhren solltet von Gott und Reichswegen! -
die Kerze in der Faust, die den Sperber zu tragen geschaffen ist.
    Hast Recht; sprach der Jngling, ein wenig nachdenklich werdend: aber was
hilft all das Reden gegen Vatergebot und Muttergelbde? Die gute Mutter! Da sie
mich zur Welt gebracht, gab ihr den Tod; doch um dem Himmel zu danken, da er
nur mich gesund und getrost erschaffen, vermhlten mich ihm ihre sterbenden
Lippen, und gerne schied sie dahin, weil ich nur athmete. Mein Vater - Du kennst
ihn ja, - der alte Diether Frosch, stie sich in meiner Erziehung wenig an den
Schwur der Mutter, und lie mich adeliches Gewerb lehren. Ich lernte reiten,
fechten, wlsch, hungarisch und deutsch tanzen, Falken abrichten und der Jagd
obliegen, die Laute spielen und den Ball schlagen. Nothdrftig begriff ich die
Kunst des Lesens und Schreibens, und war weit entfernt, zu glauben, da es
jemals Ernst werden sollte mit dem Gelbde der Mutter. Aber, da mein Vater ein
anderes Weib nahm, und mir eine bse Stiefmutter gab, wurde es anders.
    Glaub's; schaltete der Edelknecht ein: Kann auch ein Liedlein singen,
wie's den Kindern erster Ehe geht.
    Auf einmal war ander Wetter in unsrem Hause: fuhr der junge Mann fort.
Die Stiefmutter ein blhendes rundes Weiblein, nicht lter denn ich damals
gewesen - nmlich achtzehn Jahren mit Haut und Haar, zog ein in des Brutigams
Gut und Habe, - eine rstige Abigail zu einem ergrauten David. Seinen
Reichthmern hatte die arme Freiin ihre Jugend geopfert; er hatte seine
Selbststndigkeit fr die Rosen ihrer Wangen hingegeben. Der Himmel der neuen
Ehe war blau, so lang die Hochzeitsfeste dauerten, dann thrmten sich
winterliche Wolken daran auf. Die Rosen wollten im Schnee nicht gedeihen;
sehnten sich nach einem andern Grtner. Der Vater hatte nicht klug daran gethan,
den erwachsenen Sohn im Hause zu halten; und ... doch es gilt Dir gleichviel,
wie es geschah, da ich aus Liebe zum Vater mit der Stiefmutter in Unfrieden
gerieth.
    Nur weiter; ich begreife schon; versetzte Gerhard schelmisch lchelnd.
    Mit einem Wort: fuhr der Jngling fort: Pltzlich brach die alte Litanei
los, von dem Gelbde der Mutter, von der Verpflichtung es zu halten, und da nach
Verlauf eines Jahrs die Stiefmutter eines Shnleins gena, war mit einem Streich
mein Schicksal entschieden. Meine Schwester lter als ich und khner, hatte
schon frher das vterliche Haus im Zwist verlassen, und an Thringens Grenze
ein Gut bezogen, das ihr ein Oheim geschenkt, der Prlat eines Klosters in
Wlschland ist, und den sie um Schutz angefleht gegen die bse Mutter. Ich
folgte ihr bald nach, und ward zu dem berhmten Predigermnch Johannes in Obhut
gethan, der das Privium und Quadrivium volle fnf Jahre mit mir durchstberte,
und mich endlich auf den Punkt gebracht hat, wo man eingeht in das Pfaffenthum.
Nun schrieb mein Ohm, der Prlat, dem Vater, und forderte ihn auf, mich ihm zu
senden nach Costnitz, we er Pflichtswegen dem Concilio beiwohnt. Ich soll ihm
gen Wlschland folgen, auf einer hohen Schule meine Studia vollenden, und durch
seinen Einflu einer fetten Pfrnde gewrtig seyn.
    Wohl dem, der heiliger Verwandtschaft sich rhmen kann; meinte Gerhard.
    Und so lie ich denn Alles dahinten, fuhr der Jngling fort: Haus und Hof
und Geld und Gut gehrt dem kleinen Bruder Johannes, und ich berlasse ihm Alles
gern, denn er ist ein lieblicher Bube, sofern als ich mich seiner noch entsinnen
kann, bevor er seiner Gesundheit halber weggethan wurde in die Kost zu einer
Amme unfern des Knigsteins. Mag er in Wohlstand leben, mag ihn die Mutter
verhtscheln, und der Vater Abgtterei mit ihm treiben; mir gleichviel. Mich
ernhrt frder der Altar, und ein faules Chorherrnleben ist eben nicht das
Schlimmste.
    Gott erhalte Eure Lustigkeit, Junker Frosch! rief Gerhard: Mit Euren
Schwnken helft Ihr Euch ber Alles hinber. Und Recht habt Ihr, beim Donner.
'Skommt nur darauf an, wie man die Sache nimmt. Seyd Ihr einmal Stiftsherr,
hat's keine Noth. Die beste Tafel, die sesten Weine stehen Euch zu Gebot. Dm
Morgen vertrumt Ihr im Chor, oder schwnzt die Kirche, habt Ihr gerade nicht
Lust zum Singen und Plrren. Fr die Vesper mgen die Kaplne sorgen, whrend
Ihr in Edeltracht zu Pferde sitzt, oder hinter'm Brettspiel, oder im khlen
Keller. Die Seelsorge kmmert Euch nicht; Ihr habt nur die Mhe, das was Ihr
gelernt, zu vergessen, und wenn Euch dann nach einem Tage voll Last und Plage
Euer seidnes Lager aufnimmt, so finden sich auch wohl ein Paar schne Arme, die
Euch umpfangen, ohne da der Leutpriester den Segen darber sprach.
    Ei du ruchloser Gauch! lachte der Junker: Also verunglimpfst Du das
geistliche Leben?
    Straft mich Lgen, wenn Ihr knnt; rief Gerhard in Eifer: Tretet nur
einmal in ein vornehm Gestift und Ihr werdet mehr noch sehen. Machen's doch die
Pfaffen auf dem platten Lande auch nicht besser. Der Pfarrherr hlt sein Lieb im
Hause, der Vikar sucht es ausserhalb. Der Domherr sieht keine zehnmal im Jahre
seinen Chorstuhl, und der Bischof hat das Uebermenschliche gethan, wenn er die
Weihen empfing, und vielleicht am Osterfeste das Hochamt mit anhrt, auf seinem
Throne sitzend.
    Leider hast Du Recht; erwiederte der Begleiter. Unfug ist eingerissen,
aber ihn zu beseitigen, ist ja die Kirchenversammlung angeordnet. Du wirst sehen
...
    Da eine Krhe der andern die Augen nicht aushackt; unterbrach ihn
Gerhard. - Lat nur die Wlschen hineinplaudern; so ist von vorn herein Alles
verkehrt.
    Vergissest Du, da des Kaisers Majestt selbst sich alle Mhe gab, das
Concil zu Stande zu bringen? da der beredtsame Prediger aus Bhmen daselbst
seine Lehre vertheidigen, sieghaft vertheidigen wird?
    Sieghaft? lachte Gerhard: Ihr habt so viel gelernt und tappt im Dunkeln?
Wie machts der Jger einem strrigen Rden, der die Zhne weit? Er lockt ihn
mit Schmeichelworten, und kommt der dumme Hund heran, bethrt von trgerischer
Freundlichkeit, so liegt ihm der Maulkorb vor der Schnauze ehe er sichs
versieht, und der Knttel auf dem Kreuz. - Wollt Ihr wissen, wie ichs einem
Gegner mache, dessen Fechterknste mir gefhrlich scheinen? Ich lfte den linken
Arm, und whrend er nach der klaffenden Schiene stt, und auf dem schnell
gekehrten Schild die Lanze bricht, spiet ihn meine Glene zwischen Halsberge und
Krebs. Mein Roland schlgt seinem Pferde den Huf in die Seite, und im Sande
liegen Ro und Reiter. - Was brigens den Kaiser angeht, der wie ein Bttel
deutscher Nation durch alle Lnder fuhr, um Gotteswillen die Frsten einzuladen
...
    Schweig, Lsterzunge! fiel ihm scherzend der Andere in die Rede: Den
Kaiser taste mir nicht an. Dagobert! sagte mein Vater beim Abschiede: Ich werde
Deine Tage segnen, so ich Dich einmal in den Wrden unsers Vorfahrers sehe, des
berhmten Wicker Frosch, der Hauskaplan des hchstseligen Kaisers Caroli des
Vierten und dessen rechte Hand gewesen! - Da ich nun also, diesen Zweck zu
erreichen, mich freundlich mit dem Mehrer des heil. rmischen Reichs halten mu,
so verbiete ich Dir jeden Ausfall gegen Seine Majestt.
    Nun in Gottesnamen! versetzte Gerhard: So sey denn Friede zwischen uns,
und ich empfehle Euch, als zuknftigem Kanzler des wackern Herrn, Euern
unterthnigen Knecht von Hlshofen zu beliebiger Versorgung.
    Lustig trabten sie von dannen, und vertrugen sich herrlich auf der ziemlich
weiten Fahrt, die, eine vorzeitige Klte abgerechnet, nichts Besonderes
aufzuweisen hatte. Ungeduldig sah sich Dagobert nach Abenteuern um. Mit gleicher
Ungeduld sphte Gerhard aus nach der Unbekannten im Trauergewande, aber die
Sehnsucht Beider ward getuscht. Nher und nher kamen sie dem Ziele, und waren
nur noch etliche Stunden von Costnitz entfernt, als sich endlich der Schauplatz
um sie her vernderte. Die Straen wimmelten von ab- und zugehenden Wanderern,
von Reitern und Fahrenden. Eine groe Menge von Landleuten schleppte die
Vorrthe des Landes nach der Stadt, in der es summte und brauste, wie in einem
Bienenstocke. Kaufleute, Handwerksgesellen, Gaugler und Bnkelsnger zogen
Hordenweise dem gelobten Lande zu. Alle Herbergen und Schenken waren berfllt
von fremden Gsten, die in jeder Zunge schwatzten, sangen und fluchten. Gerhard
freute sich des bunten Lebens, so lang es ihm nicht den Zutritt zum Keller
versagte, aber seine Erwartung, diese Freude von seinem jungen Begleiter
getheilt zu sehen, betrog ihn gewaltig. Der muntre Dagobert wurde unter dem
ergtzlichen Gewhl still, einsylbig, verdstert, und blickte verdrossen vor
sich hin.
    Lustig! Lustig! rief ihm Gerhard mit ungestmer Theilnahme zu: Es geht ja
hier zu, wie beim Thurmbau zu Babel! Frhlich mitgeschwommen in dem Strome des
heitern Lebens, junger leicht beweglicher Fisch! Jetzt, unter Fremden gilt's,
die blenden Schuppen zu regen, und obenauf zu rudern in trglicher Fluth!
    Deine Ermahnungen erregen nur meinen Unmuth; erwiederte Dagobert. Was ist
es anders, das meinen Geist bekmmert, als eben wandeln zu mssen unter Fremden.
Hier ist nicht mehr Deutschland. Die heimeliche Sitte der Vaterstadt gilt hier
nicht mehr, untergehend unter dem Schwall fremder Gewohnheit, die sich breit
macht auf unsrer Erde. Und nimmer kehre ich vielleicht zurck zu dem Hause, wo
meine Wiege stand; nimmer sehe ich sie vielleicht wieder, die Fluren auf denen
meine Jugend erwuchs. Ein gutgemeintes aber vorschnell Wort schneidet mich aus
dem huslichen Leben; der Groll einer Verschmhten wirft Berge und Strme
zwischen mich und meine Heimath! Was wird mir die Fremde bieten, die nicht meine
Sprache kennt, nicht mein vaterlndisch Herz?
    Ihr schiebt Alles aufs Vaterland! brach Gerhard los: aber der Donner soll
mich erschlagen aus heitrem Winterhimmel, wenn hinter den Gedanken an die
Heimath sich nicht noch birgt das Gedchtni an was Liebes, das Ihr
daheimgelassen.
    Dagobert errthete und sprach nach einer Weile: Fast mchtest Du recht
haben. Ich gestehe es selbst. Ich glaubte nicht, da ein wohlthuend Gefhl,
welches ich seit Jahren bewahre, wie man eine bescheidne Blume bewahrt im
stillen Schlafgemach, so ernstlich geworden sey. - Aber, fuhr er, sich
ermannend, fort: Es ist all Thorheit und Schnack. Ich htte das Blmlein nicht
vor die Brust stecken drfen, wenn ich auch ein Laie bleiben knnte. Der Levit
mu sich ohnehin die Gedanken vergehen lassen.
    Ihr sprecht so zierlich, als ob Ihr bei einem alten Minnesinger in die
Lehre gegangen wret; meinte Gerhard: Lblicher ist es aber noch, sich in
seine Lage finden. Ihr seyd nicht dazu gemacht, fr die Liebe zu sterben in der
Sehnsucht Pein. Schwer ists allerdings, ein Mgdlein zu vergessen, an das man
sich gebunden mit der Herzenskette, so lang man nur seiner gedenkt, und unnthig
ihm die Treue aufbewahrt. Aber federleicht wird's, - glaubt es mir - sobald man
sich vornimmt, Alle zu lieben, die ein fein Gesicht und ein lieblich Ansehen
erhalten haben von dem lieben Gott. Thut ein solches und ihr werdet mich loben.
    Dagobert lachte. - Das ist es ja eben, was ich am meisten frchte; rief
er: Der Himmel hat mir ein butterweiches Herz geschenkt, wie es mein Vater hat,
der noch im sechzigsten Jahre eine Achtzehnjhrige umfing. Ein Paar schne Augen
haben mir's immer angethan, wo die Minne frei walten durfte, und die Sorge,
meinem Schtzlein nicht die Treue bewahren zu knnen, die ich ihr im Herzen
zugeschworen, qult mich halb zu Tode. Doch diese Wolken gehen auch vorber, wie
alle andern, und der Sonnenschein meiner frohen Laune wird nicht ausbleiben. -
Sieh diese herrliche Aussicht ber die Stadt und den Bodensee! Sieh, wie alles
funkelt im winterlichen Mittagsglanz! Wen sollte dieser Anblick nicht froh
machen im tiefsten Leid? Horch! die Glocken luten uns entgegen. Sie knnten
nicht feierlicher schallen, wenn Du der Kaiser wrst, und ich an Deiner Seite
heranritte, als Hauskaplan!
    Durch solche Scherze suchte Dagobert das unangenehme Gefhl zu ersticken,
das sich in seinem Innern bemerkbar gemacht hatte, obgleich ihm nicht recht um's
Scherzen war. Gerhard hrte ihm wohlgefllig zu, lie den Blick ber Stadt, See
und Strom gleiten, und bersah es, da der Weg an einem geringen, aber von Reif
und Novembereis geglttetem Abhang hinunter lief. Pltzlich strauchelte sein
Pferd, und nur ein kecker Griff Dagoberts in die Zgel des stolpernden Rolands,
konnte Gaul und Reiter vom gefhrlichen Sturz erlsen. - Kreuz und Dorn!
fluchte der erschrockne Gerhard, stille haltend: Das kommt davon, wenn man Euch
zuhrt, und sich selbst darber vergit! Die verdammte Halde mit ihrem Abhang!
Es wird besser seyn, wenn wir, - da doch die Mittagsglocken luten - wie andere
ehrliche Christen, von den Pferden steigen, das Kpplein unter den Arm nehmen,
und unsere Thiere betend weiter fhren.
    So sey's, Du wackrer Christ! entgegnete Dagobert: Es wird nebenbei nicht
schaden, da wir bei der Hand sind, wenn jener Reitersmann, der da vor uns
hinkleppert, sich aus dem Sattel begeben sollte. Sein Gaul tanzt wie Deiner auf
der Eisbahn, ... wie Du scheint der Mann in Gedanken versuncken, denn der Zaum
hngt schlaff, und wer wei, wie bald ...
    Alle Teufel! da haben wir's! unterbrach Gerhard sein schon begonnenes
Gebet, und er und Dagobert setzten sich in Lauf, auf die Gefahr ein Bein oder
den Hals zu brechen; denn der besagte Reiter schlug so eben zum Boden nieder,
und das Ro wlzte sich auf ihm. Die Helfer in der Noth schnirten in der Eile
ihre Gule an einer Buche fest mit dem Zgel, und eilten zur Rettung des
Gestrzten herbei. Mit vieler Mhe wurde dieser von der Last seines Pferdes
befreit, das sich mit der grten Anstrengung aufrichten lie, und endlich,
schauernd von Schreck und Schmerz, aber unverletzt neben seinem Herrn stand.
Dieser sa, nach und nach Besinnung und Sprache wieder erlanget, auf der Erde,
und starrte die beiden Schutzengel lange an.
    Gelobt sey Jesus Christus! begann er endlich mit sehr tief und
vollklingender Stimme, whrend er sich das linke Bein rieb, auf dem sein Rappe
gelegen war: Das war ein Sturz, wie er mir doch Zeit meines Lebens nicht
vorgekommen ist.
    Ihr seyd doch ganz und heil, lieber Herr? fragte Dagobert theilnehmend. -
Der Fremde zuckte die Achseln, aber ein zufriedenes Lcheln breitete sich ber
sein braunes mnnliches Angesicht, als er nach wiederholter Ausdehnung seiner
Gliedmaen versprte, da sie unverletzt geblieben. -
    S'ist noch gut genug abgelaufen! meinte er, und wischte sich den kalten
Schwei von der Stirne. Hebt mich auf, ihr guten Leute; ich werde wohl mit
Gottes Hlfe allein stehen knnen. Der Versuch ging ohne Gefhrde glcklich
vorber. Der Fremde stand da, seine beiden Nothhelfer um ein Erkleckliches
berragend, und wandte nun die herrischen Augen gegen den Rappen, der noch
ngstlicher zitterte, als ob er des Herrn Blick schon kenne und dessen Folgen.
Seht da, ihr Herren! sprach der abgeworfene Reiter: seht da einen Gaul, der
mir schon zehen Jahre dient, und mich auf manchem Ritt zu Ernst und Schimpf
getragen, um den man mich gar oftmals beneidet, und den ich Gutfreund getauft,
um seines sichern Schrittes und seiner Aufmerksamkeit willen. Ist's nicht eine
Schande, da er mich heute abgeschleudert in seiner faulen Nachligkeit? Du
bses Pferd - mit unsrer Freundschaft ist's aus: von heute an reite ich dich
nicht mehr.
    Wenn Ihr der Wechselpferde mehrere besitzt, ist's gut fr Euch; versetzte
Gerhard, der den schlichten Lederkoller des Reiters mit Geringschtzung
betrachtete: Indessen hat der Gaul nur ein Versehen verschuldet. Es ist ja kein
Mensch.
    Wackre Freunde und treue Thiere halten sichern Schritt bis an's Ende!
erwiederte der Fremde, die Sache ernster nehmend: Sie sollen seyn ein treuer
Stecken und Stab, der nimmer bricht, als im letzten Stndlein. Wort und Gehorsam
sollen ewig seyn. Der Freund, in dessen Schoo ich nicht sicher ruhen kann - der
Gaul, der durch Trgheit oder Scheu mein Leben in Gefahr bringt - sie gelten mir
Nichts mehr. Darum fresse dieser abgedankte Trger das Gnadenbrod, so lange er
will. Er verkmmre aber unter dem Tro.
    Ihr seyd ein seltsamer Mensch! lachte Gerhard: Um des Bischens Abwerfens
willen! Du lieber Himmel! Mein Roland ist mir um das Reich nicht feil, aber
abgesetzt hat er mich dennoch oft, nur nie, wo's Ernst galt. Kugelt man auch ein
wenig in den Staub, was thuts, so lange die Rippen halten? Ist Euch doch nichts
mehr nichts weniger begegnet, als dem heiligen Vater erst vor Kurzem, da er ber
den Oelberg gen Costnitz zog, und sein Fuhrwerk umschlug.
    Der Fremde brummte ein etwas unwilliges Hm! ergriff den Zgel seines
Rappen und zog ihn, langsam vorschreitend, nach sich. Dagobert hatte die beiden
andern Pferde herbeigebracht, und alle Drei gingen, der Fremde in der Mitte, auf
die Stadt los, die Thiere fhrend. Gerhard der ungern seinem Witz Fesseln
anlegte, war er einmal im Zuge, schwazte weiter im Texte: Wie Ihr so straff und
aufrecht daher schreitet, lieber Herr! Euch kmmerts nicht, ob dieser Fall ein
bses Omen gewesen oder nicht. Doch Se. Heiligkeit ist furchtsamer gewesen, und
es drfte leicht geschehen, da sie Recht hatte, als sie auf dem Oelberg
ausrief: Was hat es zu bedeuten, da uns der Unfall widerfuhr? Gott lenke es zum
Guten!
    Und lehre Dich schweigen, aberwitziges Schneppermaul! platzte der Fremde
los, der, als dis Rede wieder vom Pabste anhob, die Stirne gehssig gerunzelt
hatte: Verspotte nicht das Haupt der Christenheit, oder ...!
    Er schwang den Handschuh der linken Faust drohend gegen den bestrtzten
Gerhard, schien aber weniger Lust zu haben, ihm denselben vor die Fe zu
werfen, als um's Gesicht zu schlagen. Hlshofen griff nach dem Schwertknauf;
Dagobert jedoch, der schnell auf seine Seite gesprungen war, flsterte ihm zu:
Gib Ruhe, Raufbold! willst Du Dich ins Verderben bringen. Wir sind innerhalb
dem Weichbilde der Stadt. Du bist dem Blutbann verfallen, so Du ziehst.
    Dem schlagfertigen Gerhard fiel das strenge Conciliumsgesetz ein, und
murrend lie er die Klinge ruhen, einigen Schimpfworten Luft machend, und den
Fremden mit drohenden Blicken messend. Dagobert drngte sich zwischen Beide. Ihr
mgt seyn, wer Ihr wollt, begann er zu dem Fremden, so bitte ich Euch, Friede zu
halten. Ein Schwank soll nicht mit Blut geshnt werden, und wenn drei
unbedeutende Menschen wie wir zum Schwert greifen, einen tollen Handel
auszufechten, wird es dem heiligen Vater von wenig Nutzen seyn. Ueberdie sind
wir Fremde; da Ihr es seyd, verbrgt mir Eure Mundart. Warum wollen wir den
Hals dem Gesetze dahingeben, whrend wir vielleicht zu einem rhmlichern Streite
aufbewahrt sind.
    Ihr sprecht wie ein Buch; versetzte der Fremde lchelnd: Ihr irrt jedoch,
wenn Ihr glaubt, da ich dem Menschen dort zu Leibe wollte. Beim heiligen Georg!
das kam mir nicht zu Sinne. Mir stnde es wenig an, mich mit ihm gemein zu
machen. Euch hingegen kennen zu lernen, junger Mann, freut mich ganz
absonderlich. Auf stillehrbare Leute kann man sich verlassen, denke ich. Wollt
Ihr mein Freund werden, so sagt mir Euern Namen.
    Dagobert wollte so eben, sich verwundernd, dieselbe Frage an den Fremden
richten, da kam unweit des Stadtthors ein Knecht daher in wei und rothem Rock,
entblte, da er des Unbekannten ansichtig wurde, das Haupt, und blieb am Rande
des Weges stehen. - Nimm dieses Pferd, sprach der Reiter zu ihm, und bring es
in den Stall. In Zukunft reite ich den Schimmel nur.
    Der Knecht empfing, still sich neigend, das Thier, und einen Schritt von
Thor entfernt, fragte der Herr den jungen Frankfurter lchelnd: Werde ich noch
nicht erfahren, wer mir aus der Noth half?
    Dagobert nannte bescheiden seinen Namen, und machte auch Gerhards Stand und
Geschlecht kund. Mit dem Edelknecht hab' ich nichts zu schaffen; versetzte der
Fremde barsch: Er hat den Dienst, den er mir leistete, zu Nichte gemacht, durch
seinen ungebetenen Vorwitz in einem Ding, ob dem ich keinen Scherz verstehe. Ihr
aber, biedrer Altbrger, Ihr seyd mir lieb und werth. Ohne Zweifel werdet Ihr im
Engel Eure Wohnung nehmen, da die Schffen, Euerer Stadt Abgesandte, daselbst
die Einkehr nehmen? Recht lieb wird mir's seyn, von Euch zu hren.
    Nach einem flchtigen Kopfnicken verlie der Mann, ohne weiter das Geringste
hinzuzufgen, die Ankmmlinge, und ging in die Stadt. Die Letztern sahen wohl,
da die Soldwchter ehrerbietig Platz machten, die Brger demthig Hte und
Mtzen rckten, und sothane Ehrfucht auf sie Beide sogar berging, da sie mit
dem geehrten Mann herangekommen waren. Stolz trabten sie und staunend durch das
Thor. Ich frchte, ich habe einen thrichten Streich gemacht, flsterte
Gerhard dem Begleiter zu: Der Mann ist wohl mehr, als wir Beide. - Mglich;
versetzte Dagobert lchelnd, und verwies den Neugierigen an den Knecht, der mit
dem gestrtzten Gutfreund hintendrein kam. Wie nennt sich Dein Herr, guter
Gesell! fragte auch Gerhard den Knecht, und verstummte kleinlaut, als dieser
erwiederte: Seine frstl. Gnaden ist's, der gndigste Herzog Friedrich von
Oestreich-Tyrol.

                                Drittes Kapitel.


                Ein dreitausendjhriges Gesetz! Seine Wurzel, in den Pyramiden,
                seine Wipfel allenthalben Schatten werfend: ein vom Blitz
                gespaltner Stamm, grnend dennoch durch die Thrnenstrme
                ausgestoner Sclaven! ...

Die zwischen dem Mainstrom und der Domkirche gelegene Judengasse zu Frankfurt
war mit ihren alterthmlichen Husern in das Dunkel eines spten Freitags Abends
versunken. Still und einsam war die enge und krumme Strae, und es wimmelte
nicht mehr das geschwtzige Volk darin umher, das wohl zu den Zeiten Ludwigs des
Baiern sich darin bewegte. Das Geschick dieses Volks hatte sich seit dem Tode
jenes Frsten nach und nach gewaltig umgestaltet, und in Folge des harten
Drucks, der sogar dann und wann in offene Schlachten ausbrach, war der
israelitische Stamm zu Frankfurt ausgegangen bis auf wenige Geschlechter. Diese
hausten nun abgezogen von der brigen brgerlichen Welt in ihren halbverfallnen
Gebuden, deren Nachbarhuser in Ermanglung der ehemaligen jdischen Besitzer
die blutrmsten Einwohner der Reichsstadt inne hatten. Diese Letzteren, dem
bittern Mangel unterthan, belauerten mit eiferschtigen Blicken das Thun und
Treiben der Juden, die Bedrfni und Gewinnsucht auf den Handel anwies, und die
alle List anzuwenden hatten, ihren wachsenden Wohlstand vor den neidischen Augen
ihrer Nachbarn zu verbergen. Darum lieen sie ihre Wohnungen von Aussen
verfallen, darum schlichen sie umher in der zerlumpten Tracht mit Zwerchsack und
Wanderstab, darum lieen sie den seltenen Gsten, die sich in ihre Huser
wagten, nur die in Elend und Schmutz versunkene Unterstube sehen; darum schloen
sie sorgfltig am Sabbath ihre Fensterladen und Hausthren, da nicht durch die
Ersteren der Lichter Schein, durch die Letzteren der Geruch der Festspeisen
dringen und einen Schimmer von Wohlhabenheit verrathen mge, der ihnen htte
gefhrlich werden knnen. - So waren auch heute ihre Fenster und Pforten
verliegelt und der Feierabend eingekerkert zwischen vier Mauern. Das Haus des
ltesten unter ihnen, der in der ganzen Umgegend wegen seines Alters, seiner
Leiden und Erfahrungen hochgeachteten David Ben Jochai, machte keine Ausnahme.
Schwarz und dster sah es gleich den brigen in die Strae, aber, hatte man den
endlosen finstern Hausgang durchmessen, die dunkle Wendelsteige berschritten,
und sich durch die Nacht nach dem Hintergebude fortgegriffen, so trat man
pltzlich in einen heiter geschmckten Ort, wo der Sabbath walten durfte in
prchtiger Heimlichkeit. Eine im lnglichen Viereck gebaute Stube, getfelt an
den Wnden, und geschmckt mit Vorhngen und buntem Schnitzwerk war der
Haustempel. Ein groblumiger Teppich bedeckte den grten Theil des Fubodens.
Von der Decke schwebte der siebenarmige Leuchter, unter welchem der runde Tisch
stand, berhangen mit einer rothwollenen Decke, ber die erst wieder eine andere
kleinere gebreitet war, von weiem feinem Linnenzeuge. Um den Tisch, - den drei
silberne und reich gearbeitete Becher schmckten, auf einer silbernen
Kredenzplatte aufgestellt, - standen drei Sthle mit hohen goldverzierten Lehnen
und Polstern von geschornem Sammet. Unfern von der Tafel glnzte aus einer
Nische der Mauer das silberne Waschbecken, in welches, sobald man den oben
angebrachten vergoldeten Hahn umdrehte, das klare Wasser sprudelte. Feine
Linnentcher lagen zum Abtrocknen bereit. In der Ecke war der Tisch zu schauen,
der die Festspeisen trug und den blinkenden Weinkrug. Der Hintergrund der Stube
nahm aber ein auf morgenlndische Weise geordnetes Lager von bequemen
Seidenpolstern ein, berlegt mit einem kstlichen gewirkten Stck. Auf diesem
Lager ruhte nun die Enkelin des Hausherrn, Esther, die an Schnheit ihres
Gleichen nicht hatte am ganzen Rhein- und Mainstrom; angethan mit prchtigen
Gewndern nach der Sitte des Vaterlands geschnitten, glnzende Gehnge in den
Ohren, und viele kostbare Ringe an den Fingern. Sie hielt eine Schnur von
farbigen Glaskugeln in den Hnden, und lie sie gedankenlos auf- und
niedergleiten, - ein erlaubtes Spielwerk. Aber aufmerksam lieh sie ihr Ohr dem
Grovater, der zu ihren Fen sa, in eine schn geftterte Pelzschaube gehllt,
das silberweie Haar mit einem Sammetkpplein bedeckt. Wer ihn betrachtet htte,
den alten Mann, wie er so da sa, gebckt von den Jahren, die Ellenbogen auf die
Kniee gesttzt, und die Hnde lebhaft bewegend wie die redende Lippe, und den
schneeigen, bis ber den Grtel fallenden Bart, htte ihn fr die Zeit selbst
halten sollen, die der Frau Venus Mhrlein erzhlt von vergangenen Tagen. Und in
der That war es auch die Zeit, die auf den Lippen des Alten sa, und die
Vergangenheit gab er wieder in eifrigen Worten. Das Geschick hatte ihn bereits
durch einen Kreis von hundert Lebensjahren gefhrt, und hundert bittre Jahre
waren es, von denen er Kunde geben konnte. Nun ist die Zeit des Leidens die
unerschpflichste; denn whrend ein frohes Jahr vorberschumt wie der brausende
Geist feurigen Weins, schleichen die trben Tage gleich Jahrhunderten dahin,
schauckelnd auf langsamer fauler Woge, und lassen dem Mitschwimmer Muse genug,
in die Tiefen zu schauen - in die Klfte die sich aufreien whrend seiner Bahn.
Damit er sich all ihre Schrecknisse einprge im sichern Gedchtni. Diese
ernsten Anschauungen mitzutheilen, ist ein Bedrfni des Alters, das ohnehin nur
allzuoft den kecken Gang kraftbewuter Jugend in den prfenden Schritt der
alternden Bedchtigkeit verkehren mchte. Der greise Jochi ffnete also auch,
sobald der Ruheabend eingebrochen, den Schatz seiner Rede und Erfahrung, und
unterhielt den Sohn und die Enkelin von den Schicksalen und Begebenheiten ihres
Volks. Heute hrte ihm jedoch nur die reizende Esther zu, da ihr Vater
unbegreiflicher Weise von seiner Handelswanderung noch nicht zurckgekommen war.
Es schien berhaupt an diesem Abend ein besonderer Unstern die Ordnung des
Hauses zu verrcken, denn auch der Diener und Mitgenosse desselben war
ausgeblieben, und sein Platz hinter dem Ofen von der Sabbathmagd, der stummen
Grete, eingenommen, die darin ghnend mit dem Schlafe kmpfte, und nur dann und
wann aus dem Winkel hervorschlich, um die verdsterten Lampen zu putzen.
    Die Mglichkeit, zu vergessen solche Greuel, wie ich sie erlebt, sprach
Jochai, mit gepreter Stimme seine Erzhlung endend, - liegt auer der Gewalt
des Menschen. Der fromme Rabbi Simeon, mein weiser Lehrer, dem das Paradies sey,
sprach zu mir auf seinem Sterbelager, wo er noch in Frieden dahin fuhr: Junger
Bube; wir leben noch anjetzo in goldener Gefangenschaft. Wir haben einen Herrn,
einen harten Herrn, aber er ist gerecht, und gnnt uns den Schatten seiner
Gesetzpalmen. Aber, es wird kommen eine Zeit - wohl mir, da ich sie nicht mehr
sehe, - eine Zeit der hchsten Trbsal und Prfung. Wehe wird gerufen werden
ber Israel! Machet aber nicht, da die Gerechten im Paradiese ber euch Wehe
schreien. Haltet fest an den Bchern eurer Vter, an dem Gesetz, das unmittelbar
gekommen ist, von dem, den ich nicht ausspreche, und habt ihr gekostet die
bittre Frucht der Zeit, so mischet den Wehrmuth ihres Gedchtnisses dann und
wann in die Speise eurer Kinder und Enkel, da sie nicht ablassen zu flehen zu
dem Allmchtigen, dessen Herrlichkeit unmittelbar unsre Scheitel berhrt, damit
er endlich seine Verheiung erflle, und uns den Messias sende, den Ersehnten! -
Ach, sie ist erfllt worden, des frommen Rabbi's Prophezeiung, ... wir haben sie
gekostet, die bittre Frucht der Zeiten, die da sind, aber noch immer zgern die
Jahre, die da kommen sollen im Gefolge des Messiah!
    O, sage doch, lieber Grovater, fragte Esther neugierig: werden sie denn
wirklich so schn seyn, die Tage, ber die der Verheine als Knig gebietet?
    Herrlich, meine Tochter! erwiederte der Greis mit leuchtenden Augen:
herrlich, ber alle Beschreibung. Wir werden wieder seyn wie Sand am Meere,
herrschend ber alle Vlker der Erde. Das Leben wird verflieen in
unvergnglichen Laub- und Friedenshtten! Das neuerbaute Jerusalem wird seyn die
Stadt der Welt, und in seinem Tempel werden alle die vom Weibe geboren sind,
dienen und opfern. An ppigkeit werden die Saaten ins Unendliche gedeihen, das
Korn zu riesenhohen Garben erwachsen, die Weinstcke ungeheure Trauben erzeugen,
die Flsse Milch und Honig fluthen. Selbst die Gestirne werden sich des
herrlichen Zeitalters freuen, der Sonne dreihundertfltiger Strahl den Himmel in
Paradiesesglut tauchen, des Mondes Schein die Nacht zum schnsten Maientag
verklren!
    Welch' reizende Zukunft! rief Ester hingerissen: Warum ist sie nicht
schon zur Gegenwart geworden!
    Noch zrnt der Gebenedeite! versetzte Jochai mit zerknirschter Beugung des
Hauptes: noch hrt er nicht die Stimmen seiner Kinder, die zu ihm schreien aus
der Tiefe. Noch hlt der Vater des Bsen, der Frst der Wildni, der grausame
Sammael das Ohr des Herrn verstopft, weil er nicht will, da unsere Gebeine
ruhen im Schoe des gelobten Landes. Aber endlich wird der Schrei unsrer Noth
dennoch zu dem lieblichen Gabriel dringen, dem Boten der Barmherzigkeit, und
jede neue Morgenrthe kann uns den Verheinen senden, - mit ihm unsre Rettung.
    Kme sie doch morgen schon! seufzte Esther: Ich verliere alle Lust zum
Leben, und mir ist gar oft der sndhafte Gedanke gekommen, als wre doch am Ende
besser eine Christin zu seyn auf Erden, als ...
    Rede nicht aus! fuhr Jochai auf: Der Herr nehme den Greuel von Dir, den
Du gedacht! Warum hegst Du so thricht Verlangen, das Dich in das Feuer der
Gehinnam bringen knnte?
    Verzeihe mir, Grovater! sprach die liebliche Esther, und kreuzte die
Hnde bereuend auf der Brust: aber gestehe, da wir dahin leben, wie die
trauernde Weide am sumpfigen Teiche. Ihr Mnner geht aus in die Welt, seht
Lnder und Menschen, und gewinnt mhsam dem geizigen Gojims Euer Leben ab. Diese
Art zu seyn hat manche Freiheit, manche Lust. Wir aber, wir vertrauern unsre
Tage daheim. Versorgt auch Eure Gte uns mit den Leckerbissen, die uns behagen,
mit der Bequemlichkeit die unsre Lust ist, mit dem kstlichen Putz, der uns so
sehr gefllt, ... was hilft uns dieses Alles? Von der harten Fessel eingeklemmt,
mssen wir all die Herrlichkeit genieen, verstohlen, wie ein Dieb seinen Raub.
Vor der gaffenden Welt erscheinen wir nicht, oder im unscheinbaren Gewande, in
erlogner Drftigkeit. Die gesellige Freude ist ausgeschlossen aus unserm Hause.
Hinter Schlo und Riegel gefllt uns nicht der Prunk, nicht die leckere Tafel,
nicht das weiche Lager, von dem wir uns kaum erheben.
    Verblendete! eiferte Jochai: In Fesseln liegst Du, aber in denen der
verdammlichen Eitelkeit, die ber dem Spiegel das Gesetz vergit.
Gefallschtige! Nicht auf den unzchtigen Tnzen der Unglubigen, nicht bei
ihren heidnischen Feierlichkeiten und unsittlichen Schmausereien sollst Du
glnzen. Gefalle Deinem Vater, gefalle Deinem Manne! Die brige Welt kenne Dich
nicht.
    Purpurfarbe berzog Esthers Gesicht. Verlegen lchelte sie, schlug dann die
groen schwarzen Augen, um Vershnung flehend, zu dem Alten auf, und reichte ihm
die Hand. - Dir und dem Vater will ich ja auch nur gefallen, sprach sie
bittend: und einst dem Manne, den mir Ben David erwhlen wird. - Wo bleibt aber
der Vater? Die Sanduhr zeigt bereits die siebente Stunde. Es wird ihm doch kein
Leid zugestoen seyn?
    Den wahre der Frst Israel! erwiederte Jochai mit glaubigem Vertrauen. -
Gewi ist mein Sohn zurckgehalten worden von den Freunden, oder es hat ihn der
Sabbath auf freiem Felde berrascht, und ein wahrer Gesetzfreund heiligt ihn
durch Ruhe und ein friedlich Mahl, wo es auch sey.
    In dem Augenblicke pochte es gelinde an die Hausthre. Der Schall
verbreitete sich schnell durch den leeren Vorderbau in das festliche Gemach.
Grovater und Enkelin fuhren etwas zusammen. Die alte Christenmagd zndete die
Traglampe an, und langte nach dem Schlssel an der Wand. - Bedchtig!
flsterte ihr Jochai zu: Ich gehe mit, um vom Fenster herab zu ersehen, wer der
Klopfende ist. Komme, alte Magd! Vorsicht ist von Nthen. -
    Die Alte leuchtete dem Hausherrn vor, und Esther blieb allein zurck,
sinnend den Kopf in die Hand gesttzt. Hm! seufzte sie nach einer Weile: der
Grovater hat gut reden. Das Eis seiner hundert Jahre hat eine Rinde um ihn
gelegt, da er das Sehnen und Wnschen der Jugend nicht begreift. Und dennoch,
trotz seinen Ermahnungen und Bureden wird er mich nicht berzeugen. - Ich bin
recht unglcklich! fuhr sie nach einer kleinen Stille fort: unglcklicher als
ich mir's vielleicht selbst trumen lasse, ... und, ach! - nur Eines fehlt zu
meinem Glcke; aber auch das unerringbar Einzige!
    Schwermthig lie sie das Haupt sinken. Da trat Jochai herein, hinter ihm
sein Sohn Ben David, ein Knbchen an der Hand fhrend. Freudig eilte die Tochter
an des Vaters Hals, und erkundigte sich angelegen ob seines langen Wegbleibens.
    Ich brach spt auf von der Nachtherberge, sprach Ben David: der kurze
Wintertag hat mich verlassen, da ich noch ber eine Stunde von hier entfernt
war. Mein Begleiter da konnte auch nur schlecht voran mit seinen Beinchen, und
so trug ich ihn denn die letzte halbe Stunde auf dem Rcken hieher. Die
Einlapforte Hab ich mir geffnet, mit einem dicken Groschen und da bin ich. Gut
Schabbes!
    Esther erwiederte freundlich den Gru, und musterte neugierig den Knaben,
der vor Mdigkeit beinahe in die Kniee sank, und von Ben David auf den Sitz am
Ofen gebracht wurde. Der alte Jochai jedoch sah mit finsterer Miene auf das
Treiben seines Sohns, und sprach: Ich kann nicht segnen Deinen Eingang, denn Du
hast den Sabbath entheiligt durch Deine Reise whrend seines Beginnens, durch
die Last die Du auf Dich nahmst, indem Du diesen Buben auf die Schultern nahmst,
und durch den Einlapfennig, den Du berhrtest zu verbotner Zeit.
    Frommer Vater! versetzte Ben David: so ich gesndigt habe und das Gesetz
beleidigt, indem ich den kleinen Menschen der hinzusinken und zu erfrieren
dachte, in Sicherheit gebracht, so will ich, wenn Du befiehlst, gern auf meinen
Platz verzichten am Tische, am Boden liegen und Fasten, bis Du sagst: genug! nur
befiehl, da der Knabe gesttigt werde, und eines warmen Lagers sich freue.
    Was soll er hier? fragte Jochai streng wie zuvor: Er ist ein
Christenknabe, dessen Leib das Kleid des Unreinen ist, der abstammt von dem Adam
Belial, und nicht Platz soll nehmen im Hause der Gerechten, sondern gehrt in
die Hhle des Esau.
    Vater! erwiederte Ben David unterwrfig: Dein Wort sey gelobt, doch der
Unmndige ist noch Gottes allein, der das Kind regieret in seinen Gedanken und
Werken. Erlaube, da dieser, der noch nicht ist, weder ein Sohn des Gesetzes,
noch ein Sohn Baals, hier bleibe bis ich ihn bermorgen zu seiner Mutter fhre.
    Esther vereinigte ihre Bitten mit denen ihres Vaters, und der rauhe Alte
erlaubte endlich, da der Knabe bleibe, unter der einzigen Bedingung jedoch, -
da die Christenmagd ihn sttige, und in ihrer Kammer zur Ruhe bringe. Grete
nahm demzufolge den bereits Entschlummerten auf die Arme, und trug ihn hinaus. -
Nach einer langen Ermahnung, in Zukunft den Sabbath wrdiger zu feiern, bot
Jochai seinem Sohn den Ku des Friedens, und den Platz am Tische, und das Mahl
begann, nachdem der Greis gleich einem Patriarchen, Brod, Wein, Salz und Fisch
gesegnet, und Ben David sein Haupt bedeckt hatte. Als sie zu Tische saen,
fragten Vater und Tochter neugierig nach Ben Davids Geschften, und besonders
nach dem Abenteuer, das ihn mit dem Kinde zusammengebracht. Der Fnfzigjhrige
legte dem Alten, mit aller Ehrfurcht eines halberwachsenen Sohnes, von seinem
Handel und Wandel genaue Rechenschaft ab; beobachtete jedoch nicht dieselbe
Genauigkeit, als er auf den Kleinen zu sprechen kam. Er behauptete nmlich, das
Kind einige Stunden von Frankfurt, verirrt und umherlaufend gefunden, und von
ihm herausgebracht zu haben, da es nach der Stadt gehre. Aus Mitleid habe er
es mitgenommen, um seinen Vater oder seine Mutter auszukundschaften, und hoffe,
sich dadurch etwas Ansehnliches zu verdienen, da das Kind aus gutem Hause zu
seyn scheine.
    Was der Alte vorhin dem Mitleid ungern einrumen zu wollen bedacht war,
lie er jetzt der Berechnung eines Vortheils hingehen, und belobte des Sohns
Umsicht und Gewandtheit. Zugleich aber beklagte er sich ber Esthers
Unzufriedenheit mit ihrer Lage, und forderte den Vater auf, mit Strenge
dergleichen unziemliche Gedanken in ihr zu ersticken.
    Zrne nicht, Vater! antwortete Ben David hierauf: Schilt nicht die
bermthige Lust, mit welcher die Jugend nach den lockenden Frchten der Welt
blickt, die nun einmal durch des hochgelobten Gottes unerforschlichen Rathschlu
den Gojim bestimmt sind, statt seinem Volke. Dein Bart ist wei geworden im
Kerker und Du sehnst Dich hinaus. Mein Haupthaar ist ergraut unter dem Joch, und
ich drste nach Freiheit. Warum soll das krftige Geschlecht das nach uns kommt,
nicht sich hinaus wnschen aus dem Haus der Gefangenschaft unter die Oelbume
des freien Lebens?
    Jochai schttelte zweifelnd das Haupt, und strich unmuthig den langen Bart.
Ben David fuhr aber zu Esther gewendet, fort: Beruhige Dich, mein Kind.
Vielleicht fgt es sich, da ich Dich im nchsten Frhjahr mit hinausnehme in
den Garten der Welt. Ich gedenke, zu fahren gen Costnitz, woselbst viele der
groen Herren mein bedrfen werden, und wo wir auftreten knnen in Glanz und
Pracht, wie es uns hier die Klugheit verbietet.
    Ei, was sprichst Du? fragte Jochai ngstlich den Sohn. So ich nicht schon
begraben liege an dem Ort der Lebendigen1, wirst Du nicht das Mdchen von meiner
Seite nehmen. Wer soll mich hten, wer mich pflegen, bist Du fern?
    Gib Dich zufrieden, Vater! antwortete Ben David: der gute Knecht Zodick
wird an Dir thun, wie an seinem Vater.
    Zodick? fragte Jochai zweifelhaft: Zodick, der das Gesetz der Vter so
wenig beachtet, da er noch jetzt sich im Hause nicht sehen lie?
    Ich dachte, er sey schon in seine Kammer gegangen! erwiederte Ben David,
und wollte noch einige Bemerkungen ber Zodick's frheres Benehmen hinzusetzen,
als ein frchterlicher Tumult vor dem Hause laut wurde, auf dessen Pforte Schlag
auf Schlag fiel. Erschrocken fuhr die Familie in die Hhe, und Grete strzte
herein, durch ihre heftigen Geberden etwas Ausserordentliches verkndend, das
sich auf der Strae zugetragen. Entsetzen ergriff den Alten und die schne
Esther, denn ein Volksauflauf, mit einer neuen daraus entspringenden
Judenschaft, stand wie ein ungeheures Gespenst vor ihren Gedanken; aber Ben
David beruhigte sie mit wenig Worten, ermahnte sie, die Thre des Hintergebudes
fest zu verriegeln und die Kostbarkeiten bei Seite zu bringen, und folgte, wenn
auch nicht ohne Herzklopfen, der lebhaft voranschreitenden Grete die Treppe
hinab, durch den Hausgang an die Pforte, die von wiederholtem Pochen ertnte,
und vor welcher das Gesumme einer ansehnlichen Menschenmenge sich vernehmen
lie. - Wer pocht so ungestm? fragte Ben David durch das Schlsselloch, und
zurck schrie eine klagende Stimme die Antwort: Herr! ffne! Dein Knecht Zodick
ist's! ffne! bei Deines Vaters Haupt beschwre ich Dich: la mich nicht zu
Schanden werden vor den Edomitern hier auf der Schwelle Deines Hauses! - Und
Gemurre und einzelnes Spottgelchter rings umher. - Ben David, die Verzweiflung
des hlferufenden Hausgenossen nicht verkennend, befahl seinen Leib dem Gott
seines Bundes, und gebot der Magd, zu ffnen. - Das Schlo ging auf sammt den
Riegeln, und kaum klaffte die Thre, als ein Haufe gemeinen Pbels sich
hereindrngte in's Haus: neugierige und hhnisch gezogene Gesichter, von wenigen
Laternen und Kienspnen schwach beleuchtet; in deren Mitte der Diener des
Hauses, Zodick, Gesicht, Hemde und Gewand von Blut befleckt, das reichlich
herabstrmte aus einer breiten Stirnwunde.
    Ben David fuhr bei diesem Anblick erschrocken zurck, hob beide Hnde gen
Himmel, und rief in heiligem Eifer: Zodick! unseliger Knecht! Hat Dich der
Frst der hllischen Nacht berckt, da Du also trunken und blutend von einem
Falle eintrittst in die Htten Israels, und verbrecherisch schndest die
liebliche Knigin Schabbath, die allhier ihren Sitz genommen?
    Zodick winkte verneinend mit der Hand, sank jedoch, unfhig zu reden, auf
die Schwelle der Unterstube. Ben David sah fragend umher in dem Kreis der
Nachbarn, die zum Theil in schmutzigen Nachtgewndern, erst dem Lager entflohen,
als gaffende und schadenfrohe Zeugen den Verwundeten umstanden. - Was hat's
gegeben, liebe Freunde? fragte er mehrmals vergebens, bis endlich ein ltlicher
Mann von rechtlichem Aussehen sich hindurch drngte, und also sprach: Ich will
Dir Auskunft geben, Jude! Ich bin der Schmid Albrecht dort an der Ecke dieser
Gasse, und kam vor Kurzem aus unsrer Herberge. Wie ich nun kaum zwanzig Schritte
von meinem Hause bin, so stolpre ich ber den Rothkopf da, der halb
besinnungslos in der Gasse liegt, wie ein Trunkner. Da ich ihn beleuchte mit dem
Lichtstmplein, das ich in Hnden trug, erkenne ich ihn wohl, und auch er macht
die Augen auf, fhrt zusammen, und ruft: Lat mich los! ich bin unschuldig! Es
war leicht zu sehen, da der Bube in augenscheinlicher Verwirrung befangen war,
und nicht im Rausche. Ich begtigte ihn daher, und nun hat er, da er mich
erkannt, erzhlt, da ihn auf dem Fischerfelde, von wannen er nach Hause gehen
wollen, mehrere Gesellen mit roth und schwarz gefrbten Gesichtern berfallen,
geplndert und mit einem Streithammer verletzt haben; da jedoch zum Glck der
Streich schier fehlgegangen und nur gestreift habe, und er dem Tode entgangen
sey, indem er sich zur Erde fallen lassen, gleich als habe er die letzte lung.
Da er zu Dir verlangte, hab ich ihm erlaubt, sich an meinem Arm zu fhren, und
auf sein klgliches Geschrei sind die Nachbarn herbeigelaufen.
    Nach dieser Erzhlung lief ein Gemurmel durch den Haufen, bedauernd, da der
Jude nicht umgekommen war unter den Streichen seiner Verfolger; und sich
auflsend in ein rohes Gelchter, das sich den an der Stubenthre lehnenden,
keines Worts mchtigen Menschen als Zielscheibe setzte. Ben David, ungeduldig,
dem strenden Auftritt ein Ende zu machen, dankte hflichst dem wohlbeleibten
Schmid fr seinen Beistand, und ffnete die Stube, um den Diener
hineinzubringen. Die Menge quoll aber auch in das Gemach hinein, und musterte
mit Luchsaugen die elenden Gerthschaften, die darin an den Wnden umherstanden.
Mehrere junge Bursche hatten nicht wenig Lust mit ihren flackernden Lichtspnen
ber Gang und Treppe in das Oberhaus zu dringen. Aber Gretens abweisende
Geberden, und noch mehr die Einflsterung lterer Leute, die ihren Uebermuth vor
den in jedem Judenhause verborgenen Fallthren und mit Vorbedacht offen
gelassenen Kellergruben warnten, hielten die Verwegenen von ihrem Vorsatz ab.
Zugleich drngten sich auch einige benachbarte Juden herein, schwatzend,
neugierig wie die brigen, und zudringlich mehr, als hlfreich in ihren
angebotnen Dienstleistungen. Vergebens bat Ben David diese Letztern den
Mihandelten ihm ganz allein zu berlassen, - sie wichen nicht; vergebens flehte
er die anwesenden Christen an, endlich doch mit seinem besten Danke das Haus zu
rumen. Sie gingen nicht, und forderten endlich ziemlich trotzig ihren Lohn, da
sie den Judenknecht nach Hause geleitet hatten. Ben David, solcher unziemlichen
Forderungen nicht ungewohnt, bezeugte sich nun, die Ungestmen auf den Sonntag
zu vertrsten, da ihm das Gesetz verbiete, am Sabbath Geld anzurhren, allein
damit machte er das Uebel nur rger. Seht den Juden an! rief Einer aus der
Schaar: Glte es, unsre Taschen zu leeren, wrde er sich wenig um das Gesetz
kmmern. - Am Sonntag haben wir Schabbes! rief ein Andrer: also mu er heute
zahlen, der Hundsjude. -
    Umsonst suchte Ben David die Ungerechtigkeit zu beschwichtigen; der Pbel
wurde schwrig; die Habschtigsten erwischten von den in der Kammer
umherliegenden Trdelwaaren was ihnen am Dienlichsten schien, und machten sich
damit davon. Die Hndellustigen aber brachen aus in Schimpfworte, und mehrere
geballte Fuste schlugen durch ihre drohende Bewegung die Nachbarjuden in die
Flucht, die ihre Glaubensgenossen feig im Stich lieen, und die Luft nur von
ihrem mrderischen Hlfsruf erschtterten.
    Eine gute Folge schien jedoch ihr Zetergeschrei herbeizufhren, denn der
Oberstrichter der Reichsstadt, der gerade zufllig die Straen durchritt, um die
Nachtschwrmer und Trinkbrder zu Paaren zu treiben, hrte das Getse, und
erschien in schnellem Trab auf dem Schauplatz, wo Ben David gerade in Gefahr
stand, krperliche Mihandlungen zu erfahren. Die Rathsknechte, die des
Oberstrichters Ro umgaben, wiesen mit ihren Hackenstangen die Angreifer bald
zur Ruhe, und der Friedensstifter erfuhr in wenig Augenblicken, von was hier
eigentlich die Rede sey. Gleichgltig zuckte er die Achseln und sprach mit
verchtlichem Tone zu Ben David: Was hat Dein Knecht noch in spter Dmmrung
auf dem Fischerfelde zu schaffen? Kein Wunder ist's, da er in die Hnde der
Blutzapfer fiel, die jetzo wiederum innerhalb und ausser der Stadt ihr Wesen
treiben sollen, wie mir der Kfermeister, Andreas von Liebfrauenberg, vor einer
Stunde geklagt hat, der auch von den Mordbuben nchst dem Hirschgraben
angefallen worden ist, sich aber durch seine Faust befreit, und einige von den
Hunden bel zugerichtet hat. Das vermag freilich ein Hebrer nicht.
    Ein wieherndes Gelchter der umstehenden Knechte und Brger lohnte das
Witzwort des Gewaltigen, der, Stille gebietend, also fortfuhr:
    Ich befehle Dir daher, Jude, da Du Deinen Knecht ehrlich zu Hause haltest.
Fr die heut verursachte Strung hergebrachter Ordnung, - denn die lange Glocke
ist schon lange gelutet worden - be ich Dich um fnf Goldgulden, die Du
unerllich nchsten Montag auf dem Rententhurm zu erlegen gehalten bist. Auch
hast Du von Rechts wegen diesen wackern Brgern zu zinsen, jedem einen dicken
Groschen, da sie Dir den Knecht nach Hause gefhrt; denn die Menschenliebe, die
sich um einen Juden kmmert, mu belohnt werden. Sie mgen am Sonntagsmorgen das
Geld bei Dir in Empfang nehmen.
    Geschmeidig bckte sich Ben David und kte den Mantelzipfel des
Oberstrichters. Erlaubt, o Herr! sprach er demthig: die meisten dieser Leute
haben sich schon gepfndet an meinem Eigenthume, und sind mit Zeug und Linnen
davon gegangen.
    Kannst Du die Leute nennen? fragte der Oberstrichter streng, und fuhr,
ohne eine Antwort abzuwarten, fort: Nein; Du kannst es nicht. Und wrst Du's
auch im Stande, auf Deiner Seite wre immer die grte Schuld. Warum gibst Du
nicht gutwillig, und warum hlst Du Dein Auge nicht auf Deine Lumpen? Schliee
jetzt Dein Haus, und verhalte Dich still. Die leiseste Widerrede kostet Dich
zehn Gulden. Geht nach Haus, brave Brger! Gut Nacht, liebe Freunde!
    Die rasche Schwenkung seines Gauls hatte beinahe den armen Ben David in den
Koth geworfen; dennoch versumte er den letzten Bckling nicht, und lie mit
niedergeschlagenen Augen die spttelnden Nachbarn an sich vorbergehen. Darauf
befahl er der Magd ganz leise die Thre zu verschlieen, und den halb
ohnmchtigen Zodick nach seiner Kammer zu bringen. Er selbst verlor kein Wort
mehr an den Menschen, der ihm so viel Verdru gemacht hatte, und kehrte mit
schwerer Brust und manchem unmuthigen Seufzer in das Hintergebude zurck, wo
Jochai und Esther ngstlich auf jedes Gerusch lauschten, und um den Feiertag
nicht zu schnden, alles in der gewohnten Ordnung hatten liegen und stehen
lassen. Freudig bewillkommten sie den Ruhebringenden, der sich andchtig neigte
vor dem Tische und den schwebenden Lichtern, und sprach: Esau's Sturm hat sich
gelegt. Gebenedeit seyst Du, hochgelobter Gott, dessen Jakob, Herrlichkeit unsre
Scheitel berhrt. Wie schn sind Deine Htten und deine Wohnungen, Israel! Wie
schn ist dein Palast, wohlduftende Knigin Schabbath, du Freude und Trost aller
Glubigen.
    Und sein Mund jubelte, whrend seine Augen von Thrnen, wie sie
tiefempfundene Knechtschaft erpret, berfloen; seine Lippen sprachen
Vershnungsgebete und frohe Psalmen, whrend sein Herz anschwoll von
unterdrckten Bannformeln gegen die Unglubigen. Der greise Jochai murmelte
neben ihm Fluchgebete in den Bart, herausgestoen mit allem Feuer orientalischer
Wortflle. Esther wandte sich aber voll Grauen von seinem Gebete, und sagte nur
Amen zu dem ihres Vaters.
    Am nchsten Morgen, an dem noch der Grovater ruhte, und Ben David, angethan
mit der Zizis und den Tephillim seinen Frhsegen sprach und die Psalmen, die die
Sabbathfeier vorschreibt, da, wo keine Schule die Shne des alten Bundes zum
feierlichen Dienste des Hchsten versammelt, schlich sich seine blhende Tochter
nach der Kammer, wo die Magd Grete ihre Zeit zubrachte, whrend der Festtage.
Auf dem drftigen Lager der Alten, die abwesend war, beschftigt um den kranken
Zodick, schlief noch der Knabe, den Ben David in's Haus gebracht hatte. Auf den
Zehen nherte sich Esther dem Schlummernden, beugte sich ber ihn, und
betrachtete mit Wohlgefallen die Zge seines unschuldigen Gesichts. - Ich habe
mich doch nicht geirrt, flsterte sie in sich hinein, da ich schon gestern
einige Mahnung finden wollte in diesem Antlitz, an ein andres das mir nur
allzutheuer ist. Beschaue ich diese braunen krausen Locken, die hochgezogenen
Augenbraune, die lnglichte Nase und den lchelnden Mund, so bin ich in
Versuchung, zu glauben, sein Bild liege vor mir, und ich mte es ans Herz
drcken, da ich ihn nimmer, ach nimmer umfangen werde!
    Sie setzte sich vertraulich zu dem kleinen Trumer, spielte leicht mit
seinem schnen Haar, und verlor sich in dem Andenken einer Vergangenheit, die
sich ihr reizend bald, und bald betrbend, nur allzuoft aufdrang in ihrer
stillen Einsamkeit. - Bin ich nicht eine Thrin? fragte sie sich am Ende selbst,
aufschreckend aus ihrem Hinbrten: Mache ich mich nicht etwa einer Snde
schuldig, da ich hier mit diesem Bilde eines edeln Christen die Augenblicke
vertndle? Jochai knnte es wohl gar Abgtterei nennen, wie er so gerne zu thun
pflegt, wenn ich mit Liebe an etwas hnge! - Sie stand auf. - Guter Knabe! fuhr
sie nach einer Weile fort, gleichsam wider Willen nach ihm zurcksehend: Weder
Dich, noch den dem Du zufllig gleichst, darf ich mein nennen. Wohl Dir, wohl
ihm, da er so ist, und wehe mir. Ihr seyd nicht geschaffen, um im Elend eure
Tage zu vertrauern. Euch winkt Ehre und Freiheit. Wir kennen Beides nicht. Du
wirst zurckgehen zu Deinen trostlosen Eltern, und mein Vater wird Dich segnen,
wenn sie reich sind und nicht karg den Dienst belohnen. Ich aber, Du holder
Junge, segne Dich, weil Dein Anblick mir die Wonne in die Wirklichkeit zauberte,
die ich nur in der Erinnerung zu genieen, angewiesen bin! -
    Esther wollte scheiden, aber schon an der Thre angelangt, zog es sie
allgewaltig zurck zu dem Knaben. - Ich will gehen? fragte sie sich: Gehen, ohne
den Wunsch, an seinem Anblick mich zu weiden, ganz erfllt zu haben? gengt mir
es denn, diese vom Schlummer erstarrten Zge in Gedanken mit ihm zu vergleichen?
Lebend will ich ihn, offen seine Augen sehen, und in die drstende Brust das
lang hinweggenommene Labsal schlrfen!
    Rasch fuhr sie mit warmer Hand ber die Stirne des Kindes, das ruhig, wie
ein lchelnder Engel die Augen aufschlug, und in die glhenden Esthers schaute.
Gundel! stammelte der Schlaftrunkne, die rmchen nach der Verkannten
ausstreckend. Ben Davids Tochter bog sich aber zurck, und der Knabe ersah
seinen Irrthum. Bekmmert verzog sich sein Mund, die Hndchen fielen auf die
Decke zurck. Du bist es nicht! klagte er: Liebe fremde Frau, wirst Du mich
zur Mutter bringen und zu meinem Hnschen?
    Ich mchte Dir Mutter seyn, holdes Kind! erwiederte Esther freundlich:
wenn ich es nur seyn drfte.
    
    Warum darfst Du denn nicht? fragte der Knabe zutraulich werdend: Du bist
so gut und lieb; Dich mchte ich schon Mutter nennen, viel lieber als die
schwarze Mutter, die mich bestndig schmlen wird, weil ich sie verloren habe.
    Schmlen wrde sie Dich? sprach Esther, ihn an sich drckend, wre sie
dann Mutter? Jubeln wird sie, und dem hochgelobten Gott danken, der Dich wieder
in ihre Arme fhrt.
    Der Knabe starrte sie verwundert an. Gundel hat mir einmal von dem lieben
Gott erzhlt! sprach er hierauf. - Nicht wahr, er ist berall?
    - Ja, mein Kind. -
    Er lt seinen Kindlein nichts Bses geschehen?
    - Nein, mein Knabe. -
    So ist er nicht da, wo die schwarze Mutter ist. Sie hat mir oft wehe
gethan, und Gott hat ihr's nicht verboten. Aber hier ist er, bei Dir, denn Du
bist so gut und so schn, da ich auch immer bei Dir bleiben mchte.
    - Ja; der Ewige ist hier! rief Esther: Er spricht aus Deinem Lallen, er
thut sich kund in meinem Herzen, das Dich sein Kleinod nennen wrde wre es ihm
erlaubt.
    Verblendete! sprach Jochai hinter ihr, der leise eingetreten war: Danke
Dem, den man nicht nennt bei seinem Namen, da es Dir nicht erlaubt ist, diesen
Christenauswurf in Deinen Armen zu hegen. Du sehnst Dich, hinabzusteigen zu den
verworfenen Shnen und unzchtigen Tchtern Kains, wie die Frsten des Himmels,
Asa und Asael, Gelsten trugen zu den Tchtern der Erde. Aber, so wie die
fehlenden Engel hngen mssen zwischen Himmel und Erde, also wird auch Dich der
Zorn des Herrn ereilen, wo Du nicht ablssest vom Irrthume.
    Esther legte die Hand des Grovaters auf ihr Haupt, kniete nieder und
sprach: Vater, ich danke tglich dem Ewigen, da er mich eine Tochter Zions
werden lie. Verkenne mich nicht. - Jochai sah sie streng an, schttelte das
Haupt und redete: Weib, Zgling der Schlange! ob Du wahr sprichst, wei nur Er
allein. Aber Du schndest den Sabbath, da Du hier am Bette des Christenbuben
weilst, whrend ein Sohn des Gesetzes in unserem Hause leidet, auf den noch kein
Strahl Deines Auges fiel.
    Du meinst Zodick? erwiederte Esther kalt, und stand auf: Grete mag ihn
pflegen und heilen. Das Gesetz verbietet mir, am heiligen Tage Wunden zu
verbinden.
    Zodick ist ein getreuer Bekenner des Glaubens und dieser wird ihn heilen,
ohne Dein Zuthun; versetzte Jochai, und fhrte Esther hinweg in die geschmckte
Stube, obgleich sie sich nur ungern von dem weinenden Knaben trennte.
    Was hast Du gegen den getreuen Zodick? fragte Jochai, da Beide sich wieder
in der Sabbathsruhe sich befanden: Sprich, rede offen.
    Mich rgert der Mensch, so oft ich ihn erblicke; antwortete Esther
offenherzig: Seine ungeschlachte Gestalt, sein rothes Haar und sein schielender
Blick sind mir zuwider.
    Liebe Deinen Bruder, spricht die Pflicht; versetzte Jochai: Gewhne Dich,
auch den Hlichen zu lieben, wenn er Dein Mann werden soll; spricht die
Klugheit.
    Esther erbleichte, ... fate sich indessen bald und fragte verlegen
lchelnd: Nicht wahr, Du scherzest, Vater? - Zodick mein Gatte? ....
    So wurde es ausgemacht, zwischen Deinem Vater und dem seinigen, erwiederte
Jochai. Als ihr noch Kinder wart, habt ihr Euch schon die Hnde gereicht, und:
Missal Tobh! gesagt, wie es unsre Rabbinen gesegneten Angedenkens verlangen.
Zodicks Vater ist daheim gegangen, von wannen man nicht wiederkehrt, und auf
seinem Gedchtni sey Friede. Aber der Bund mu gehalten werden, so lange Zodick
ein Mann nach dem Herzen Gottes bleibt. Er dient schon mehr denn sechs Jahre um
Dich, und am Ende des siebenten wird er Dich heimfhren nach Worms, wo noch
unsre Brder athmen drfen, in ihren Ketten.
    Esther las aus den Augen des Alten, da der Sache kein Schwank zum Grunde
liege, und die Angst fiel ihr schwer auf das Herz, um so mehr, da Jochai also
fortfuhr: In der letzten Zeit hab ich dann und wann Zweifel gehegt gegen
Zodicks Frmmigkeit: immer hat er aber meine Zweifel widerlegt, und erst gestern
hat sein trauriges Aussehen besttigt, da er gezwungen nur das Gesetz verletzt.
Darum wollte ich Dich vorbereiten, und Dich bitten, nicht schnde gegen ihn zu
seyn.
    Ich kann immer noch nicht glauben, da Du nicht scherzest, Vater!
antwortete Esther: Ist es jedoch Ernst, was Du mir verkndest, so glaube gewi,
da Du und der Vater mich vielleicht zwingen knnen, den Widerwrtigen zu
ehelichen, da ich ihn aber niemals lieben werde.
    Ein fleiiger Mann verkehrt Kupfer in Gold, die Abneigung des Weibes in
Liebe, meinte Jochai. Du wirst ihn nher kennen lernen, und das Andere findet
sich.
    Ben David trat in die Stube. Ich komme von Zodick, sprach er heiter: die
Wunde heilt, obschon der Kranke, wie das Gebot es will, die abgefallnen Pflaster
nicht mehr auflegen lie. Gott gab seinen Segen.
    Das Vertrauen auf ihn wirkt Wunder! bekrftigte Ben Jochai.
    Auch ich hre Wunderdinge! fiel Esther ihm rasch in's Wort: Besttige sie
mir, Vater. Ich soll den Knecht ehelichen, da er mein Herr werde?
    Mibilligend sah Ben David auf den Vater. Man hat Dir, sprach er, zu frh
von Dingen gesprochen, die ...
    Die mich elend machen; rief Esther heftig, mit Thrnen in den Augen:
elend, Vater; die Du nicht verantworten kannst ... wenn einst der Todesengel
vor Dir steht und der Blitz seiner tausend Augen Deine Thaten prft.
    Zodick denkt edel und gromthig, sprach Jochai: Ich habe ihm
vorgeschlagen, seine unbekannten Gegner, die ihn zu morden dachten, aus ihrem
Dunkel zu ziehen durch die Befragung des Frsten des ls, oder der Hand. Er
schlgt aber alles aus, will seine Feinde nicht kennen, verzeiht ihnen ...
    Und denkt noch nicht des Tags, der Dich mit ihm verbinden soll; unterbrach
ihn Ben David, zu Esther gewendet. - Schweige darum, und la uns den Schabbat
genieen in Frohsinn, Lust und freundlicher Einsamkeit. -
    Und dem geschah also. Jochai und die Seinen verbrachten den Tag in Ruhe und
Festlichkeit. Der arme kleine Hans verlebte ihn auf den Knieen der stummen
Grete. - Da aber die Abendmahlzeit vorber war, der Hausvater Wein, Gewrz und
Brod sammt seinen Angehrigen gesegnet, und durch das Anznden der
Habdalahkerze, wie durch das Kaddischgebet den Sabbath geschieden hatte von der
brigen Woche, und alle sich zur Ruhe begeben wollten, hielt Ben David seine
Tochter allein auf, und gebot ihr, am Morgen des nchsten Tags sich verstohlen
einzuschleichen in das Haus des Altbrgers Diether Frosch, mit Vorsicht in das
Gemach der edeln Frau Margarethe zu dringen, und ihr kund zu machen, Ben David
habe gethan nach ihren Wnschen, und erwarte die Bestimmung der Zeit und des
Orts, die ihr gelegen seyn wrden, seinen Bericht anzuhren. Mit diesem Auftrag
und dem herkmmlichen vterlichen Ku und Segen entlie Ben David seine Tochter.

                                    Funoten


1 Begrbniplatz.


                                Viertes Kapitel.

 Trgt der Bube mein Gesicht?
 Lieber Vater, zweifle nicht.
 Ist das meiner Augen Licht?
 Vater, Vater, zweifle nicht.
 Ist das meiner Nase Zier?
 Vater, Vater, glaube mir!
 Ist des Knaben Mund der meine?
 Grre hnlichkeit gibt's keine.
 Aber, Weib, der Nachbar spricht ...
 Bsen Zungen traue nicht.
                                          Romanze von der verschlagenen Ehefrau.

Du bist heute so saumselig und faul! schalt die Ehewirthin des ehrsamen
Altbrgers Diether Frosch ihre Grtelmagd, die am Sonntagmorgen nicht mit dem
Zpfeflechten fertig werden wollte. - Wenn ich heute die Kirche besuchen
wollte, so knnte ich, nur immerhin im Schlafmantel dahin gehen. Trges
mileidiges Ding! Was Dir seit einigen Tagen im Kopfe steckt, begreife ich
nicht.
    Else schwieg einige Augenblicke und seufzte. Dann aber sprach sie, da gerade
wieder die Gebieterin ihre Ungeduld durch eine heftige Bewegung verrathen hatte:
    Ehrsame Frau! die Schuld, da ich nichts recht mache, mag wohl zunchst in
Euch selbst liegen, denn Ihr seyd seit geraumer Zeit so reizbar und unwirsch,
da Euch immer beim geringsten Anla gleich der Zorn bermannt, und ich nur mit
Zittern und Zagen Kamm und Schnrnadel zur Hand nehme, mein Amt bei Euch zu
verrichten.
    Else schwieg, sich selber ob der Keckheit wundernd, mit der sie zu der
raschen Gebiterin gesprochen, und die bsen Folgen frchtend; aber zu ihrer
greren Verwunderung blieb die Letztere in Schweigen versunken. Die gefalteten
Hnde auf dem Schoo haltend, sah sie vor sich hin, wie von tiefem Nachdenken
gefesselt, blickte dann schnell in die Hhe, strich sich die spiegelglatten
Augenbraunen und sagte: Diemal hast Du nicht Unrecht gute Else. Ich finde das
selbst. Dieser Zustand dauert schon einige Wochen.
    Freilich, liebe gndige Frau! versetzte Else mit gutmthiger Besorgni ihr
ins Gesicht schauend: Ich frchte, Ihr seyd krank, oder auf dem Wege es zu
werden. Eure rosenrothen Wangen haben an Farbe verloren, und Euer Auge sieht oft
aus, als schwmme es in Thrnen, oder, als habe es viel geweint. Ich an Eurer
Stelle wrde den Judenarzt um Rath fragen.
    Frau Margarethe schttelte langsam den Kopf. Der alte Joseph ist ein
geschickter Mann, sprach sie, aber seine Arzeneien heilen mein bel nicht.
    Warum denn nicht? fragte die Magd: Ist er nicht dafr bezahlt, Euch zu
helfen? Ein Jude kann Alles. Wo seine Kruter nicht ausreichen, da hext er die
Krankheit weg.
    Einfltiges Geschwtz! eiferte die Gebieterin Ich werde doch wissen, ob
ich krank bin oder nicht. Das Ganze wird meines Bedenkens nichts anders seyn,
als die Folge der Unruhe, die meinen Schlaf strt, und mir bse Trume
verursacht.
    Die bsen Trume wie die guten kommen von Gott; meinte Else mit einem
frommen Seufzer. - Darum hat er auch zugelassen, da gewie Menschen die Trume
auszulegen vermgen, als lsen sie deren Bedeutung aus einem offenen Buche.
Meiner Mutter Schwester konnte frtrefflich damit umgehen, und bei ihren
Lebzeiten hat man sie oft zu den vornehmsten Geschlechtern berufen, um Trume zu
deuten. Ich habe ihr viel abgelernt, als ich bei ihr wohnte, aber freilich zu
ihrer ganzen Kunst hab ich's nie gebracht. -
    So? fragte Margarethe neugierig werdend: Da Du so geschickt bist, htte
ich beinahe Lust, Dir das Gesicht mitzutheilen, das ich erst verwichne Nacht
hatte, und dessen Andenken noch jetzt mit einem seltsamen Schmerz meine Seele
foltert, obgleich ich wieder Lust htte darber zu lachen.
    Nur nicht lachen! warnte die glubige Else. Ein Traum ist gar ein
ernsthaft Ding. Aber nicht jedes bse Traumgesicht bedeutet darum eine bse
Wirklichkeit. Oftmals verkehrt sich des Schlummers Leid in wachende Freude. Wer
im Schlafe Srge sieht, macht gewhnlich bald eine frhliche Hochzeit, und wer
hinwiederum getrumt, er werde in der Kirche mit der Braut eingesegnet, braucht
gar hufig kurz nachher sein Todtenhemd.
    Nun! versetzte die Frau etwas aufgeheitert: In dem Gesichte, das ich Dir
mittheilen werde, kmmt nichts von Srgen vor, und nichts von einer frhlichen
Trauung. Es wird daher wohl nichts Schlimmes auf sich haben. - Hre mir zu, gute
Else. Sieh! ich schlummerte ein vor Mitternacht, und sah mich, nach manchen
Traumbegebenheiten, auf die ich mich nicht mehr besinnen kann, in einen
herrlichen, zu einem lustigen Bankett geschmckten Saal versetzt. Es war alles
spiegelblank geputzt. Blumenstrue wehten ber allen mit Gold- und Silberstck
gedeckten Tafeln, und ich war, gleichsam als die Knigin des Festes, auf einem
Thronsitz erhht, der ganz von Rosen eingefangen war.
    Ach! das ist herrlich! rief Else: Rothe Rosen bedeuten Glck und Jugend.
    Hre weiter! fuhr Frau Margarethe fort: Da ich nun also gefeiert da sa,
von vielen kstiglich angelegten Herren und Frauen umgeben, die mir dienten, so
fiel mein Blick auf einen Spiegel, der mir gegenber hing, ... von einer Gre,
wie ich mich nicht entsinnen kann jemals gesehen zu haben. Von dem Anblick
berrascht, lchelte ich freundlich meinem Spiegelbilde zu, und gewahre, indem
ich die Lippen ffne, in der Reihe meiner Zhne einen weitblinkenden vom
feinsten Golde gestalteten, wunderbar und zaubrisch mir entgegenleuchtend. Und
wie ich nun, entzckt davon, aus den Hnden eines Pagen einen Becher empfange,
geschnitten aus purem Edelstein, und angefllt mit hispanischem Weine, und ihn
an den Mund setze, so berhrt kaum der erste Tropfen meine Zunge, als pltzlich
mit einem schrillenden Klange, dem gleich, den ein zerschmettertes Kelchglas von
sich gibt, der goldne Zahn gewaltsam losspringt von den brigen, und klingend
zur Erde fllt. Ich bcke mich schnell nach dem Entwurzelten, aber zu meinen
Fen war der glatte Boden des Saals zu wstem Schlamm geworden, der, wie ein
Strudel ghrend, das goldne Kleinod immer tiefer hinabschlrfte in den schwarzen
Mund. Mein Jammer war nicht zu beschreiben, bis eine Hand aus dem neblichten
Dufte um mich her, sich herausstreckte, mit einem blthenweien Zahne zwischen
den Fingern, und ihn an die Stelle des Verlornen setzte. - Aber, Kind, Du bist
bleich geworden, ... rede ... was hltst Du von diesem Traume?
    Frau Margarethe blickte ngstlich zagend in die Augen der Magd, die, eine
bangende Zuhrerin, sich vor ihr niedergekauert hatte, und endlich, die Hnde
der Gebieterin an ihre Brust drckend, ausrief: O, das ist ein bs Gesichte,
liebe Frau! Ach, welch Unheil mag es Euch verkndet haben ...
    Also doch? fragte Margarethe, von einem leichten Frost geschttelt:
Unbarmherzige, Du hrtest noch nicht Alles, und beinahe sollte ich Dir
Schonungslosen das Ende verschweigen. Doch mut Du jetzt Alles wissen, da ich
Dir so viel verrathen. So wisse denn, da, whrend mein Auge hoffnungslos dem
goldnen Punkte folgte, der, immer tiefer sinkend, nur wie ein ferner Stern noch
in dem ghrenden Dunkel sichtbar war, sein neugepflanzter Stellvertreter in
meinem Munde lebendig wurde, sich, in eine graue Schlange verwandelt, auf meine
Brust herabringelte, und mit heiem Schmerze sich da einbohrte, wo das Herz
schlgt ...
    O haltet ein, liebe Frau! seufzte Else unter ngstlichem Zittern: das ist
des Entsetzlichen zu Viel! Eilt, durch Gebet und fromme Gaben des Himmels Zorn
zu wenden, der Euch ein liebes Kleinod rauben will, aus dessen Verlust ein immer
nagender Wurm entspringen und Euer Herz verzehren wird. Betet zu der heiligen
Mutter, zu den Mrtyrern, da sie Euer Wort fhren vor dem Throne, wo der Vater
sitzt mit dem Sohne und dem Geiste. Stiftet Messen, gelobt Wallfahrten, damit
das Unheil sich wende das Euch droht!
    Aberwitziges Geschpf! schalt Frau Margarethe, bemht durch den
aufgeregten Zorn Herr ihrer Bangigkeit zu werden: Schweig jetzt mit Deiner
albernen Rede! Meynst Du ich glaube an Deine tolle Auslegung und widerliche
Besorgni. Lug und Trug ist die Traumdeuterei, und wofern ich hre, da Du diese
wahnsinnige Kunst noch ferner ausbst, um Leichtglaubige zu schrecken und zu
rgern, so lasse ich Dich durch den Stcker aus der Stadt bringen!
    Else, die nicht recht begriff, wie so schnell das Vertrauen der Herrin sich
in Ungnade verkehren konnte, packte, um sich nicht durch Widerrede um den Dienst
zu bringen, alle ihre Gerthschaften zusammen, und lie ohne eine Silbe zu
reden, die Zrnende allein. Margarethe gieng heftig hin und her von Tisch zu
Schrank, vom Spiegel zum Fenster. Sie ri die Flgel des letztern auf, und
starrte in den nakalten Wintertag hinaus; aber die geputzten Leute, die,
Rosenkranz und Kerzen in der Hand, zur Kirche wandelten, paten wenig zu ihrer
grollenden Stimmung; sie ffnete ihren Juwelenschrein, aber das Gefunkel der
Steine ergtzte nicht ihren traurigen Sinn; sie wollte sich in ihr Schlafgemach
einschlieen, aber im Begriff einzutreten, gewahrte sie das Bild ihres
Ehgemahls, das sie von der Wand herab ansah in ernstem Schweigen, und unmuthig
warf sie die halboffne Thre ins Schlo. Aber gerade da sie unruhig sich
niederlie in den breiten Sorgensessel, und der Vernunft das Feld einrumen
wollte, trat ein Gast in die Stube, der nicht zur ungelegenern, und wiederum
nicht zur gelegenern Zeit htte kommen knnen. Ein Laut der berraschung entfuhr
Margarethen, da sie die wohlbekannte Weibergestalt in der Tracht der Nassauer
Buerinnen kerzengerade auf der Schwelle stehen sah.
    Willhild! Willhild! rief sie halblaut, und wollte der Frau entgegeneilen,
aber das Zittern ihrer Kniee verhinderte sie daran. Was bringt Dich so schnell
wieder hieher? Unglcksbotin!
    Die Buerin machte sorglich die Thre hinter sich zu, nachdem sie im
Vorzimmer nachgesehen hatte, ob niemand zugegen; schob den Riegel vor, und
nherte sich verlegen und mit gebcktem Haupte der Frau vom Hause. Bleibt nur
immer ruhig auf Eurem Stuhle, sagte sie zgernd: Ihr spracht nicht unwahr. Ich
bringe kein Glck.
    So ist es denn endlich wahr geworden, was schon lange zu frchten war?
klagte Margarethe mit herzzerreiendem Geflster: Er ist dahin, ... todt ...?
    Willhild nickte trbsinnig mit dem Haupte. Margarethe warf sich in den Stuhl
zurck, und schlug in bittrem Schmerz beide Hnde vor das Gesicht. Es gibt ein
Leiden, das sich weder in Worten, noch in Thrnen ausspricht, und den Krper
eines Starken durch seine entsetzliche Wucht an die Grnzmarke des Lebens
drngt, .. dahin, wo die Sinne schwinden und der Athem vergeht, ohne ihm einen
Laut abzwingen zu knnen. Es ist der lang vorausgesehene Gram, dessen fernher
kommender Tritt schon die Thrnenquelle ffnete. Whrend er nun langsam und
dster verhllt einherkmmt, versiegen schon die Thrnenstrme. Die Augen haben
kein Wasser mehr, wenn der Frchterliche ihnen endlich mit einem Zauberschlage
ganz nahe steht und sein entsetzliches Antlitz weit. Die Brust hat keinen
Seufzer mehr, die Zunge keine Klage, und nur das mhsam arbeitende Herz kmpft
mit dem Grausamen einen kurzen aber um so schrecklichern Kampf, der den
widerstrebenden Sterblichen entweder unter dem eisernen Fu des Schicksals
zermalmt, oder - ein seltnerer Ausgang - ihn zum Herrn und Sieger seines
Verhngnisses macht. - Ein solches Leiden hatte Margarethens Seele berfallen;
gegen ein solches Leiden, stritt sie verzweifelnd, eine bittre Viertelstunde
lang, und ihr ward der Siegerkranz. Willhild stand niedergeschlagen vor der
Trauernden, und murmelte Gebete, als diese mit einem Male die Hnde sinken und
die ble Botschafterin in ein bleiches, ernstes, in starrer Ruhe gehaltnes
Antlitz blicken lie.
    Ermanne Dich, Willhild; sprach sie gefat: Trockne die Tropfen ab, die
dick und schwer an Deinen grauen Augenwimpern hngen. Folge meinem Beispiel. Als
Du vor einigen Wochen mir die erste Nachricht brachtest, gewhnte ich mich nach
und nach an den Gedanken des hchsten Kummers. Du siehst, sein pltzliches
Einbrechen hat mich nicht dahingerafft. - Ich wute schon, was kommen wrde!
setzte sie hinzu, und gedachte schmerzlich ihres Traums, der so schnell in
Erfllung gehen sollte. - Erzhle aber; wie gieng es? Schone mich nicht.
    Ach, gestrenge Frau! versetzte die Alte, in peinlicher Verlegenheit, wie
die Sache anzubringen sey: Die Heiligen mgen es wissen, da keine Sorge
gespart wurde, das junge Herrlein zu erhalten, bis es das zufllige Geschick uns
entri.
    Nichts ist Zufall! fiel Margarethe ein. - Der Knabe mute sterben nach
Gottes Gebot, und ich spreche Dich frei von aller Schuld.
    Vorgestern, fuhr die Alte stockend fort ... vorgestern war das Junkerlein
noch ziemlich munter, aber ... am Abend ... war er nicht mehr bei uns. -
    Schied er unter Schmerzen, der, liebe Knabe? fragte Margarethe.
    Nein ... das nicht, edle Frau, entgegnete Willhild: Im Schlummer ward er
von uns genommen. Gestern haben wir ihm ein Kreuz errichtet.
    Gestern wurde er begraben? fiel Diether's Gattin ein: O mein
warnungsvoller Traum! Johannes, Du bist das goldne Kleinod, das in die schwarze
Grube sinkt ... und mir einen ewigen Stachel zurcklt. Kein Wort mehr,
Willhild. Er ist todt, bestattet; genug bis auf eine Zeit, wo ich werde weinen
knnen. Eine Frage: Du hast doch beachtet, was ich Dir bei Deinem letzten
Hierseyn vorschrieb. Du hast geschwiegen?
    Wie das Grab! betheuerte Willhild. Ich darf einen Eid darauf ablegen:
Auch hat noch keine Christenseele erfahren, da das Herrlein ... nicht mehr bei
uns.
    So sey es auch ferner! sprach Margarethe lebhaft: Sein. Tod sey ein
Geheimni fr die Welt. Der Vater mu jedoch erfahren ... meinte Willhild.
    Er am allerwenigsten; versetzte Margarethe herrisch: Vor der Hand zum
mindesten nicht. Du weit brigens, was ich Dir auf den Fall des Ablebens unsers
Sohnes neulich vertraute?
    Als ob es gestern gewesen wre; erwiederte Willhild.
    Mein Eheherr, fuhr Margarethe fort: kaum von schwerer Krankheit genesen,
hat nicht das geringste von Johannes Siechthum erfahren. Noch weniger erfahre er
seinen Tod, wenn es mir gelingt, wovon ich Dir jngst sagte, und Du mir Deinen
Beistand nicht entziehen willst.
    Gewi nicht! ehrsame Frau! gelobte Willhild. Auch meinen Mann, den
einfltigen Kumpan, will ich schon unterweisen. Er kmmt ohnedie nie hieher gen
Frankfurt.
    Aber der Pfarrherr, den des Knaben Leiche bestattete ...? fragte
Margarethe. -
    I nun! meinte Willhild, nach einigem Besinnen: Wenn Ihr nicht schelten
wollt, mchte ich Euch wohl gestehen, da ich, Euren frhern Reden eingedenk,
dem Leutpriester von Wiesbaden vorgelogen habe, der Knabe sey mein eigner Sohn
gewesen.
    Gut! rief Margarethe und ein Strahl der freude flog ber ihr Angesicht:
diese Lge soll dir herrlich belohnt werden, wenn die Hauptsache erst in
Richtigkeit ist.
    Freilich; versetzte Willhild etwas ngstlich: ich sehe nur nicht ab, wie
ihr das alles in's Werk richten wollt.
    Meine Sorge! sprach die edle Frau: Wenn nur der Zufall seinen Segen gibt.
Es pochte an der Thre, leise und verstohlen. Margarethe fragte auffahrend, wer
ihre Einsamkeit stre. Zu dem Schlsselloch stahl sich aber eine zarte Stimme
in's Gemach, die versicherte, insgeheim und auf der Stelle mit der gestrengen
Frau sprechen zu mssen. Margarethe winkte der Buerin in das Seitengemach, und
ffnete die Thre, durch welche Ben Davids Tochter herein schlich. Wie
verschieden war aber ihr Aussehen, ihre Kleidung von der Tracht und dem Benehmen
des gestrigen Tages. Statt des seidnen Gewandes, mit kstlichen Blumen best,
mit Fransen geschmckt, und von einem silbernen Reif, der Grtelstelle war,
zusammengehalten, hieng heute ein rmlich unsauber Kleid um ihren schngeformten
Krper, dessen Reize in der groben Hlle ihr Grab fanden. Die von wollenen
Streifen umwickelten Fe schlurften in schweren Holzschuhen einher, und das
blhende Gesicht war unkanntlich gemacht durch die tief anliegende Kopfbinde und
den groben kurzen Schleier, der Haar, Wange und Hals neidisch und unbildlich
versteckte. In solcher Vermummung mute, wenn es - wiewohl selten - die
Nothwendigkeit erheischte, die musterhaft gebildete Jungfrau ihr Haus verlassen,
wie ein Weib der niedersten Volksclasse. Diese abscheuliche Larve mute ihren
Wohlstand vor dem Blicke des Neiders, ihre Schnheit vor den Begierden des
Wollstigen sicher stellen und verbergen.
    Die Hausfrau war unangenehm durch die Erscheinung berrascht, und fragte
hastig und unwirsch nach des Mdchens Begehr; aber ihr Gesicht wurde
freundlicher, ihr Wort sanfter, da sie Ben Davids Botschaft vernahm. Sinnend
rieb sie sich die Stirne, und sprach nach kurzem Besinnen: Dein Vater mag noch
diesen Abend kommen, in ehrbarer Tracht. Meine Mgde werde ich aus dem Hause
senden, und eine vertraute Frau zur Thrhterin bestellen. Um die siebente
Stunde erwarte ich ihn, wenn die Glocke Achte schlgt, kommt mein Eheherr nach
Hause, und darf ihn um Alles in der Welt nicht mehr finden. Geh jetzt von
dannen.
    Margarethe wunderte sich nicht wenig, als die Dirne nicht von der Stelle
wich, sondern eines Schauens nach einer Schilderei starrte, die ber dem
Putztische der Altbrgerin hing. Und da das Mdchen auch auf eine wiederholte
Mahnung nicht von dannen ging, so wandte sich Margarethe mit einem ungeduldigen:
Verdammter jdischer Eigennutz! von ihr ab, suchte nach einigen Hohlpfennigen in
ihrem Wetscher1, und drckte dieselben, mit der Weisung, das Trinkgeld zu
nehmen, und endlich zu scheiden, in Esthers widerstrebende Hand. Ben Davids
Tochter kam zu sich, und wies errthend die Gabe von sich. - Bist du so stolz,
schmutzige Jdin, sprach Margarethe dadurch gereizt; da Dir dieser Lohn zu
gering erscheint, fr welchen Andere Deines gleichen einen falschen Eid leisten
wrden.
    Ob mit diesem Gelde ein falscher Schwur sich bezahlen lt, wei ich
nicht; antwortete Esther mit leichtem Unwillen: aber Ihr knntet meinen Gang,
ohne mir durch schndes Almosen weh zu thun, besser vergelten, sonder Geld und
Gabe.
    Wie das? fragte Margarethe stolz.
    Mit einem freundlichen Wort; erwiederte Ben Davids Tochter: Sagt mir
doch, gndige Frau, ... wer ist der Reiter dort auf dem Bilde, der die Schlange
todt sticht unter seines Pferdes Hufen?
    Der Reiter hat nichts mit Dir und Deinem Volke gemein, versetzte Diether's
Gattin nicht ohne Hochmuth. Er ist ein Heiliger unsrer Kirche, ein Streiter fr
den Glauben, der allein selig macht, und man nennt ihn den frommen Ritter
Georg.
    Der Ritter Georg? fragte Esther schlau und ihre Bewegung verbergend: ich
danke Euch, ehrsame Frau. Wie glcklich seyd Ihr, solch ein Bild Euer zu nennen!
Der Maler mu den Heiligen selbst gesehen haben, denn dem schnen Ritter sieht
gewi kein Sterblicher gleich.
    Kein Jude freilich; spottete Margarethe bitter. Der Maler fand aber unter
den Rechtglubigen das beste Vorbild, meinen ... hier errthete sie schnell ...
meinen Stiefsohn.
    Esther sah sie berrascht an, mute aber der herrischen Geberde gehorchen,
mit der Margarethe sie aus dem Gemache wies. Gesenkten Hauptes schlich das
Mdchen, unbemerkt, wie sie gekommen, ber die marmorgefaten Treppen zur weiten
Hauspforte hinaus. Schnell flchtete sie ber den Liebfrauenberg weg, wo die vor
dem Stifte spielenden Jungen ihren kindischen Muthwillen durch Schimpfworte und
Steinwerfen gegen sie uerten, weil sie an dem blaugestreiften Schleier die
Jdin erkannten. Wie ein Reh eilte sie an den Htten der Scherer gegen dem Rmer
ber, vorbei, vor denen Meister und Gesellen mit allerlei migen Gesindel in
herkmmlichem Sonntagsgeschwtz verkehrten, und gern ihren schaalen Witz auf
Kosten aller vorbergehenden Weiber bten. Nicht eher schritt sie langsamer, als
bis sie in der Nhe der Domkirche gekommen war, aus welcher des Hochamts
Orgeltne feierlich zu ihrem Ohre drangen, und der bsen Lust der
Vorbergehenden die Fesseln der Andacht anlegten. Wie gerne htte sie vor der
offenen Pforte verweilen, in das von Weihrauchdften erfllte Gotteshaus
schauen, und sich unter all den Feierklngen, Kerzenflammen und pomphaften
Gebruchen den heiligen Rittersmann wieder vergegenwrtigen mgen, der in
Diether's Hause sie so zauberisch berckt. Aber die Scheu vor roher Mihandlung
trieb sie von dannen, und sie durfte nur in sich hinein flstern: Ihr Stiefsohn
ist's? Er, der Ritter, der mit mir und meinem Volke nichts zu schaffen hat?
Leider ist es so! Nun, da der fr mich bisher namenlose einen Namen trgt, ...
nun, da ich ihn, aussprechen darf, ... nun ist er ganz fr mich verloren ...
auch fr meine Trume. Gewi ... o gewi trennt ihn nicht sein Volk, sein
Glaube, sein Stand allein von mir. Diese Hindernisse sind ja nichts fr ein
Herz, das nur im Erinnerungsbilde liebt, und allem Irrdischen entsagend, nur im
Reiche der Einbildung glcklich zu seyn wnsche. Aber gewi fesseln ihn andere
Bande ... den Angebeteten. Konnte der schne Mann seiner Stiefmutter
gleichgltig bleiben neben den grauen Haaren ihres Gemahls? Da sein Bild in
ihrer Kammer hngt, brgt fr ein geliebtes Andenken, und vereint hat sie die
Liebe! - Esthsr's Gesicht flammte auf in Schaam ber die Ungerechtigkeit ihres
Wahns. Die Liebe? zrnte sie gegen sich selbst: Die Snde htte sie vereint, und
Snde ist dem Herrn meines Herzens fremd. Wahrlich! wahrlich! Wie knnte sonst
sein Antlitz das Bild eines Heiligen seyn? Verzeihe mir, Du, den ich ber alles
liebe, nicht zu nennen wage, und in dem Gtzenbilde verehre, das mein Gesetz
verdammt und verflucht. Nimmer soll eine Eifersucht, wie diese, Dein holdes
Andenken schwchen!
    An der Thre ihrer Wohnung empfieng sie der Vater, der ihr gleichgltig im
Gesprche mittheilte, da es ihm bereits gelungen, die Eltern seines kleinen
Christenfindlings zu ergattern. Esther fragte mit heftiger Neugierde nach deren
Namen. Du wirst es gut finden, wenn ich ihn verschweige, antwortete Ben David
mit scharfem und bestimmtem Tone: Der Greis Jochai hat mir offenbart, welch
unziemlich Gefhl Dich hinzieht zu dem Knaben. Die Thorheit mu nicht ferner
genhrt seyn; denn unbegreiflich ist es ohnehin, wie Du Dich hinneigst zu den
Shnen und Tchtern Amaleks. Der fromme Vater, dem einst der Frieden sey, dringt
darauf, da ich Dich fhre gen Worms, wo eine Schule blht, und die Weisheit
gelehrter Rabbinen. Er will gern die Traurigkeit auf sich nehmen, Dich nicht um
sich zu sehen, wenn sein Angesicht bleich wird; so Du nur wieder des Paradieses
wrdig wirst.
    Fhre mich in den Tod, nur nicht nach Worms; sprach Esther entschieden und
fest. Worms ist Zodicks Vaterstadt, und folglich fr mich der hllische Pfuhl,
aus welchem die Teufel und Nachtgespenster stammen. Ich mu Dir gehorsamen, aber
Dir vergebe dann der hochgelobte Gott!
    Sie entfloh in ihre Kammer, und schlo sich ein, allein mit ihrem
Liebesbilde und ihrem Kummer. Der Vater blickte ihr wehmthig lchelnd nach,
schlug sich die Brust, und sah seufzend empor zum Himmel. Hier ahne ich bse
Strme! sprach er zu sich. Der Ewige wolle Alles zum Guten wenden. Hierauf
verbrachte er den Tag in geschftreicher Mue; ordnete seine Rechnungen,
berzhlte sein Geld, das er im Keller barg, une die brige Habe, und kleidete
sich gegen Abend in feinbrgerliche Tracht. Dann nahm er den Knaben, der
ungestm nach der Mutter verlangte, bei der Hand, und fhrte ihn mit sich an das
Haus der Frosche, wo er mit dem Glockenschlage der siebenten Stunde, wie
befohlen, anlangte. Willhild harrte an der zugelehnten Thre, und so wie sie in
der Dunkelheit den Mann und das Kind herannahen, und die Pfortentreppe besteigen
sah, winkte sie ihm, nher zu kommen und einzutreten. Ben David folgte ihr durch
das menschenleere Gebude, bis in das Vorgemach der edeln Frau, die ihn alsobald
zu sich herein bescheiden lie. Er bergab den Knaben Willhild's Obhut, und ging
bescheidnen und leisen Trittes in Margarethens Stube. Erwartung und Hoffnung in
den Mienen empfing ihn die stolze Frau.
    Was bringst Du mir, David? fragte sie gespannt: Die Mglichkeit, die ich
neulich Dir angab, ist zur bsen Wirklichkeit geworden. Mein Sohn ist
hinbergegangen.
    Ist er? sprach Ben David mit Theilnahme: so bedaure ich die
zurckgebliebene Mutter. Beim hochgelobten Gott! ich bedaure Euch aufrichtig,
denn auch wir Juden wissen, wie lieb uns Kinder sind, und Shne vor Allen. Ach!
auch mir hat der Herr Zweie genommen. Den Einen durch einen grausamen Tod; den
Andern ...... Nun des Herrn Wille geschehe!
    Er geschehe! versetzte Margarethe kurz abbrechend: Aber eben weil dieser
Wille unabnderlich ist, und niemand aus dem Grabe rckkehrt, so ist es nicht
gerathen, in einem vergeblichen Schmerz zu verwelken, und darber das Leben zu
vergessen. Der Himmel wei, da ich Dich nicht gern zu meinem innigern
Vertrauten mache, aber die Lage der Dinge erfordert es. Ich war arm, ehe ich dem
alten Mann meine Hand gab. Die Meinigen sind es noch. Ich bin jung, und will
nicht gern umsonst den Winter meines Eheherrn mit dem Kranze meiner Jugend
geziert haben. Die Vorsehung selbst hat das nicht verlangt, darum gestattete
sie, da meines Gatten einziger Sohn erster Ehe dem Himmel geweiht wurde, seine
Tochter Verzicht leistete auf ihr Erbe, und ich ein Shnlein gebar, das einst
der Besitzer aller Habe seines Vaters zu werden bestimmt war. Fr seine
Gesundheit besorgt, bergaben wir den Knaben einer ehemaligen Dienerin meines
Hauses, die unfern vom Wiesbade verheirathet, den schwchlichen Krper des
Kindes in dem strkenden Heilbrunnen daselbst zu baden angewiesen war, nach der
Vorschrift des Arztes Joseph, der uns den Aufenthalt auf dem Lande, zu
Sommer-und Winterzeit, als das wirksamste Heilmittel fr das krnkelnde Kind
anpries. Vor wenigen Wochen erfahre ich, der Knabe sey krank. Die Mutterangst
reit mich vom Lager des siechen Gemahls, den ich ber diesen Punkt in
Unwissenheit lie; ich sehe meinen Sohn, berzeuge mich von einer unheilbaren
Verzehrung, die ihn berfallen, und denke, trostlos zurckkehrend, sogleich auf
die allzuwahrscheinliche Zukunft. Damals war es, wo ich Dir, der mir schon fter
Vertrauen abgewann, ein greres schenkte, und heute sind wir da, wo ich mich
damals nur hindachte. Hast Du gefunden, was Du suchtest? Eine Mutter, die ihr
Kind fr reichlichen Lohn auf ewig von ihrem Busen weit? oder eine Waise,
wrdig des herrlichen Looses, das ich ihm bereite? Rede! zaudre nicht. Die Zeit
ist kostbar.
    Eine Mutter, die ihr Kind verkauft, fand ich nicht, edle Frau; erwiederte
der Jude: Selten mag wohl dieser Vogel seyn. Aber etwas Besseres fand ich,
einen Knaben, an den die Welt keinen Anspruch hat, der selbst nicht wei, woher
er stammt, von dessen Eltern Ihr keine Forderung zu frchten habt, da sie ihn
verstieen.
    Margarethe horchte aufmerksam auf die Geschichte, die ihr Ben David zu
erzhlen fr gut fand, ohne dabei des Edelknechts von Hlshofen zu erwhnen.
Hat der Knabe alle Eigenschaften, die ich verlangte? fragte sie hierauf:
Braunes Haar, blaue Augen ... eine flchtige hnlichkeit mit den Bildern unsers
Geschlechts? das rechte Alter?
    Alles, wie Ihr's begehrt. Der Zufall konnte nicht besser dienen. -
berzeugt Euch selbst.
    Ben David fhrte den Knaben herein. Willhild erschien mit ihm, und winkte
der edeln Frau mit voller Zufriedenheit zu. Wohlgefllig betrachtete Margarethe
beim hellen Kerzenschein das blde dastehende Kind. - Thrnen stiegen in ihre
Augen. Wahrlich! rief sie mit aufgeregtem Gefhl: sind diese Zge nicht ein
Fingerzeig von Gott, so wei ich's nicht. Sprich, Willhild! Mein Knabe, wre er
gesund und krftig geworden ... htte aussehen mssen, wie dieser. Ach, mein
Johannes!
    Ich heie Hans! sprach der Knabe schchtern.
    Ein neuer Wink von oben! versetzte Ben David: Das Bblein heit wie der
Eure, und leicht kann auf seinem Dorfe der Name also abgekrzt worden seyn.
    In der That! meinte Margarethe, die Zhren trocknend: es ist
auerordentlich, und Alles fgt sich besser, als man's wnschen kann. Komm her,
mein Knabe! wirst Du mich lieben?
    Sie zog den Buben an sich, und kte seine Stirne: er starrte aber zu ihr
empor, spielte mit dem goldnen Kreuz an ihrem Halse, und fragte: Wer bist Du
denn, gute Frau?
    Ei, das ist ja Deine Mutter! antwortete ihm Ben David kurz und bestimmt. -
Der Knabe aber lchelte unglubig, und schttelte zweifelnd mit dem Haupte.
    Das ist Deine Mutter, und ich bin Deine Pflegemutter; bedeutete ihm
Willhilde ebenfalls. Der Knabe sah sie gro an, und schien zweifelhaft zu
werden. Wo ist denn die Gundel, und das Hnschen? fragte er ein wenig
kleinlaut.
    Gundel ist fortgegangen und kmmt nicht mehr wieder; nahm Ben David das
Wort, da die Frauen des Knaben Rede nicht begriffen: Hnschen ist aber schwarz
geworden, weil Du so lange ausgeblieben, setzte er hinzu, und wies auf den
kleinen schwarzen Spitzhund, der zu den Fen der Altbrgerin auf einem
zierlichen Polster schlief. - Der Knabe schlug verwundert die Hndchen zusammen,
warf dann noch einen prfenden Blick auf Margarethens Antlitz, das bekmmert und
freundlich zu ihm niedersah, und flsterte hierauf dem Juden halblaut zu: Die
ist aber doch die Mutter nicht.
    Ungerathener Bube! rief Diether's Gattin, durch einen Wink Ben David's
unterrichtet, und ihre Augen blitzten zrnend auf den blden kleinen Hans;
willst Du mich wohl gleich wieder erkennen? schon zu lang dauert das
Possenspiel. Sprich, wenn Du nicht die Ruthe kosten willst; bin ich Deine
Mutter, oder nicht?
    Der Knabe krmmte ngstlich seinen Rcken, faltete die Hnde, und rief, in
der Scheltenden Schoo geschmiegt: Liebe Mutter, schlage mich nur nicht. Hans
will gut seyn, und er wei ja, da Du seine Mutter bist. Nur nicht schlagen.
    So la ich's gelten! erwiederte Margarethe, und reichte ihm vershnt einen
Zuckerfladen: Sey nur immer gut und folgsam, und Du wirst auch den Vater zu
sehen bekommen.
    Den Vater? fragte der Knabe: ich habe keinen mehr.
    Doch, doch, mein Jngelchen! redete ihm Ben David zu. Einen guten und
liebreichen Vater, der Dich lieben, reich beschenken und unter lauter Freude und
Vergngen gro ziehen wird.
    Das ist schn, da ich einen Vater habe, und eine Mutter, die mich nicht
schlgt! rief hierauf Hans ganz erfreut, und lie sich, in den Zuckerfladen
beiend, vertraulich auf dem Polster des Hndchens nieder, das bald gute
Freuudschaft mit ihm machte, und seinen Kuchen mit verzehren half. Whrend nun
die Beiden spielten, und Frau Willhild sich hineinmischte, um den Knaben mit
sich bekannt zu machen, folgte Ben David Margarethen in ihr Schlafgemach, wo die
Bedingungen des Verkaufs festgesetzt wurden. Nicht geringe waren sie, denn als
Ben David mit Beuteln und Verschreibung beladen, davon zu gehen im Begriff war,
sagte ihm Margarethe: Du verstehst es, Jude, Deinen Vortheil zu beachten. Der
Kinderhandel schlgt Dir gut ein.
    Was wollt Ihr, edle Frau, und was redet Ihr da? fragte Ben David, mit
schlauer Aufrichtigkeit: Kinder sind doch Gottes Segen, und den bezahlt man nie
zu theuer. Am allerwenigsten, wenn man damit gewinnt Erb und Gut. Dem alten
Herrn blht gewi kein Sohn mehr. Ihr seyd zu fromm, um zu beglcken den Freund
statt des Ehemanns. Und dennoch mu der Sohn der ersten Ehe ausgeschlossen
bleiben und Priester werden, und nimmer den Dispens gewinnen, den Stamm
fortzupflanzen in Ermanglung andrer Erben. Der Knabe, den ich Euch berlasse,
ist dennoch allzuwohlfeil erkauft, als Euer grtes Glck und Heil.
    Doch der tiefsten Verschwiegenheit darf ich mich zu Dir versehen? fuhr
Margarethe mit durchdringendem Blicke fort: Wenn Du treulos seyn knntest ...
    Beruhigt Euch, gute Frau; antwortete Ben David lchelnd: wr ich ein
Christ, so wrde ich Euch leisten einen Schwur, und ihn hinterher vielleicht
erst nicht halten. Als Jude darf ich nicht schwren einen Eid ohne den Rabbi,
und dann erst mtest Ihr mir glauben auf's Wort, ob ich recht geschworen habe,
oder nicht; denn ich verstehe Euer Deutsch, aber Ihr nicht mein Hebrisch.
Verlat Euch deshalb auf ein sicheres Pfand: auf meinen Hals. Wenigstens an mein
Leben ginge es, kme es heraus, da ich ein Christenkind verschachert; und mein
Leben ist mir lieb, ist's gleich mir ein elend Judenleben. Gehabt Euch wohl, und
versichert Euch nur der Weiberzunge, die Euer, unser Geheimni theilt.
    Hierauf entfernte sich Ben David schnell, und Margarethe sumte nicht,
seinem Wink zu folgen, und die halb verlegen, halb froh sich benehmende Willhild
zur Bewahrung des Gelbdes aufzufordern, das sie geleistet.
    Ihr knnt mir keck vertrauen, beste Frau; versetzte Willhild: mir fllt
ein Stein vom Herzen, da ich nicht des edeln Herrn Unwillen aushalten mu, der
frchterlich gegen mich entbrennen wrde, trte ich vor ihn hin, und meldete ihm
den Unfall, der seinem Shnlein widerfahren. Aber ... wenn ich mich nur
berzeugen knnte, da es keine Snde sey, einen unbekannten Zweig auf solch
edeln Baum zu pflanzen.
    Wenn ich es nicht fr Snde halte, entgegnete Margarethe stolz, so denke
ich doch wohl ...
    Ach, liebe Frau, Alles gut; versetzte Willhild ngstlich: bei Euch
vornehmen Leuten ist das was anders. Kmmt ein bser Fall auch hie und da vor,
so knnt Ihr mit Geld Euch Abla holen. Wir armen Leute haben aber nichts, als
das nackte Leben, und unser Leutpriester zu Wiesbaden ist ein strenger
gottesfrchtiger Mann, dem ich doch nchste Ostern den ganzen Handel beichten
mu. Er ist im Stande, und schickt mich ohne Abla aus dem Beichtstuhle, und
dann ist es so gut, als ob ich vor der ganzen Gemeinde im Banne lge.
    Sey unbesorgt! erwiederte hierauf Margarethe: kmmt die Zeit heran, so
mache Dir ein Geschft zu Frankfurt, und lege Dein Sndenbekenntni vor meinem
Beichtvater, dem guten Barfermnch Reinhold ab. Der wackre Priester fragt
nicht nach Namen und nhern Umstnden, und lt Deiner Reue um so eher die
gewnschte Lossprechung angedeihen, als Du beschwren kannst, durch besagte
Verwechslung einen unglcklichen Knaben glcklich gemacht zu haben.
    Nun so sey es denn in Gottes Namen! sprach Willhild, und legte muthig ihre
Hand auf das Kruzifix, das ihr Margarethe vorhielt und in dem ein Splitter von
der Hirnschale der heil. Katharina eingefat war: Da mein Seelenheil nicht
gefhrdet seyn soll, so schwre ich das mit aufgelegten Hnden auf die Heiligen
zu den Heiligen, da ich Euch nimmer verrathen werde, so lange mir die Augen
offen stehen, an Niemanden, der da lebt, und vom Weibe geboren ist.
    Hierauf kte sie der Gebieterin die Hand und Beide begannen nun zu
berathschlagen, wie und wann der Knabe in das Haus seiner neuen Eltern
eingefhrt werden sollte. Der kleine Hans sa dabei, ohne von der Verhandlung
etwas zu verstehen, spielte mit dem Spitzhunde und liebkoste Margarethens Hand,
und nannte sie einmal ber das andre seine gute und liebe Mutter. - Ehe jedoch
die Berathschlagung eine vllig gengende Wendung genommen hatte, hrte man von
ferne den Schritt des heimgekehrten Gemahls. - Margarethe sprang mit Herzklopfen
auf. - Kein Zgern mehr! rief sie: das Schicksal will schnellen Entschlu.
Willkommen, Johannes Frosch! Du wirst den Vater sehen!
    Sie drckte den Knaben mit wehmthigen Gefhlen an ihre Brust, und drngte
Willhild mit dem Kleinen in die Kammer. Schnell trocknete sie die Thrne von
ihrer Wimper, schmckte vor dem Spiegel ihr Gesicht mit freundlichem Lcheln,
und erwartete muthig, wiewohl nicht ohne innere Bangigkeit, den Eheherrn, der
auch nicht sumte, bei ihr einzusprechen.
    Guten Abend, Margarethe! sprach Diether in frhlicher Weinlaune auf die
Gattin zugehend, und sie in die Arme schlieend. Er warf einen freundlichen
Blick auf sie, und da er gewahrte, da sie mit gleicher Freundlichkeit zu ihm
aufsah, so freute er sich de, und sagte: Seht, liebe Ehewirthin, so gefallt
ihr mir. Das dstre Gesicht, das schon seit geraumer Zeit Euer alltgliches
geworden war, hat mir viel Nachdenken verursacht. Aber wenn Eure Stirn glnzt,
wie ein Heller Spiegel und Euer Mund so zuckers lchelt, - gerade so wie
jetzt, - dann geht mir das Herz auf.
    Er kte sie zrtlich. Kommt, lat uns Eins plaudern; fuhr er fort, und
zog sie auf den gepolsterten Fenstersitz. Es ist mir jetzt Bedrfni, zu
schwatzen wie eine Elster. Gar unlieb wre es mir gewesen, wenn ich Euch noch
trbsinnig gefunden htte, wie heute zu Mittag, denn ein Glas Rheinfall hat
meine Seele frhlich gemacht, und eine wohlklingende Botschaft ist mir zu Ohren
gekommen von meinem Sohne Dagobert.
    Welche? fragte Margarethe, nicht ohne Theilnahme.
    Ihr seyd ein wackres Weib! versetzte der alte Diether, ihr die Hand
drckend: Ihr nehmt so viel Antheil an dem Jngling, und er ist doch nur Euer
Stiefsohn. Darum sagte ich ja immer, wenn mich meine Freunde und Spielgesellen
aufhetzen wollten gegen Euch in Schnack und Schwank: meine Grete ist ein
herzliebes Ehgespons, das sich weder an meinem grauen Bart stt, noch nach dem
flaumbrtigen Stiefsohn verlangt in Unehren; und darum sollt Ihr auch jetzt
wissen, da der Dagobert glcklich und gesund zu Costnitz angekommen ist, wie
mir - 's ist kaum eine halbe Stunde - der Stadtschreiber Heinrich von Gelnhausen
versichert hat, der in Reitstiefeln, gerade wie er vom Ro gestiegen, auf unsere
Trinkstube Limpurg kam. Der Schffe von Braunfels hat ihn zurckgesandt, um noch
mehrere Schriften nachzubringen, und im Augenblicke der Abreise hat er unsern
Dagobert, der gerade angekommen, begrt. - Nicht wahr, das freut Euch, so wie
mich.
    Von ganzer Seele; versetzte die Frau.
    Der Trunk Weins hat mir absonderlich darauf geschmeckt; versicherte
Diether. Mitten unter der Freude meines Herzens ist mir jedoch eine ernste
Betrachtung angekommen. Sprecht selbst, liebe Ehewirthin: ist's nicht ein
seltsam Schicksal, von dreien Kindern, die uns lieb sind, keines unter unsern
Augen zu haben? Von der Tochter will ich eigentlich nicht reden, denn sie hat
sich selbst losgesagt von uns. Ihr Bruder aber ist fern, auf seinen Beruf
bedacht; und unser Johannes, mir das liebste von den Kindern, da Ihr seine
Mutter seyd, lebt auch von uns entfernt, ohne da wir selbst ihn pflegen
knnten, und seinen schwchlichen Leib.
    Ihr wrdet ihn also gerne wieder um Euch haben? fragte Margarethe
lchelnd, obgleich ihr das Herz beinahe brach.
    Welche, Frage? erwiederte Diether: Zwei Jahre sind es fast, da ich ihn
nicht sah. Das verdammte Zipperlein hat mich gehindert, verwichenen Herbst den
Buben zu besuchen, wie ich mir's vorgenommen. Aber so bald es wieder trocken und
kalt wird, und meine Gicht das Leben im Steigbgel vertragen kann, steige ich zu
Pferde, und gehe den Jungen zu kssen.
    Er ist recht krftig geworden; sprach Margarethe. Willhild hat mir
gestern Botschaft gesandt. Seit ich ihn heimsuchte, hat er um Vieles
zugenommen.
    Hat er? rief Diether: beim Himmel! das ist mir lieb. Ich sagte es oft.
Ein gesunder Stamm trgt auch gesunde Frchte! - Wenn er nur schon so weit wre,
da er wieder kommen knnte in's Vaterhaus.
    Wer wei, ob das nicht bald, recht bald geschieht; meinte Margarethe.
    Bald? recht bald? versetzte Diether mit glnzenden Blicken: Weib, Ihr
wit am Ende, da er kommen darf? Sagt mir's ... ich will ihn abholen, auf
meinen Armen ihn hieher tragen! Wie gerne will ich meinen Bart von ihm zerraufen
lassen, wie gern ihn auf meinen Knien schaukeln, so lange er will, wenn er nur
kmmt, gesund ist, und unsre Freude wird!
    Margarethe bentzte geschickt die freudige Bewegung des Alten, ffnete rasch
die Seitenthre, und legte den staunenden Knaben an die Brust des vor Freude zur
Bildsule gewordnen Gatten. - Sieh hier Deinen Sohn!
    Mein Johannes! stammelte der berraschte, und prete ihn unzhligemal an
sein Herz, an seine Lippen. Er nahm ihn auf die Arme, tanzte mit ihm in der
Stube umher, geberdete sich, als habe die Freude seinen Verstand verrckt.
Endlich setzte er ihn zur Erde nieder, und betrachtete ihn staunend.
    Ich kann nicht zu mir selbst kommen; sagte er. Wie knnen wenige Monate
ein Kind verndern! Wie haben sich die Zge ausgebildet, und die Gestalt! Ja;
so, so mu ein Sohn unsers alten Geschlechts aussehen; stark, krftig, ein
emporstrebendes Stmmchen. Warum bist Du aber so fremd geworden gegen Deinen
Vater? Du betrachtest mich so verwundert, als ob Du mich noch nie gesehen? Was
ist denn mit dem Jungen?
    Auf unserm Maierhofe, begann Willhild ngstlich, hat er viel vergessen.
Zrnt ihm nicht, edler Herr.
    Umarme Deinen Vater, Hans! gebot Margarethe. - Der Knabe warf einen
furchtsamen Blick auf sie, umschlang Diether's Hals, und drckte einen
herzhaften Ku auf dessen Mund. - Willkomm, Vater! sprach er, noch halb
verdutzt: Hab den kleinen Hans lieb!
    Schon der Ku hatte Alles wieder gut gemacht, und die zutraulichen Worte des
Knaben vollendeten Diether's Bezwingung. Kosend und tndelnd trat er, den
Kleinen auf dem Arm, vor den Spiegel, und sprach wohlgefllig: Fast mchte ich
fr wahr halten, was die Amme schon sagte, da sie den neugebornen Buben in
meinen Arm legte, er sieht mir hnlich; recht hnlich! Ist das nicht meine Nase,
mein Mund? Sind das nicht meine Augen? Die hnlichkeit hat sich erst recht
herausgewachsen. Nicht wahr?
    Margarethe und Willhild bekrftigten die Meinung des guten Alten, und sein
Vergngen wuchs zum Muthwillen auf. Die Lsterzungen, raunte er Margarethen
in's Ohr, die ber unsern Ehbund spttelten, werden gelhmt seyn, beim Anblick
dieses Gesichts, das in das Geschlecht der Frosche recht eigentlich gehrt. Sie
prophezeiten mir das gewhnliche Loos des Sechzigjrigen, der zur zweiten Ehe
schritt, und dennoch ....
    Hier wies er triumphirend auf den Knaben, der mit seinen grauen Locken
spielte. Margarethe verschlo ihm aber den ruhmredigen Mund mit einem Kusse.

                                    Funoten


1 Lederne Grteltasche der Frauen.


                                Fnftes Kapitel.

 O, kehre nie zur Heimath wieder,
 Ein Fremdling warst Du ihr.
 Dir tnen nicht mehr ihre Lieder
 Und ihre Sitte widert Dir.
 Was willst Du hier? im fernen Lande
 Fand'st Du ein falsches Glck,
 Und lieest - Thor! - dafr zum Pfande
 Dein ehrlich deutsches Herz zurck!
                                                               Altes Schauspiel.

Dagobert's und Gerhard's Berufswege liefen in entgegengesetzter Richtung. Darum
war es auch weiter kein Wunder, da ihr tglicher Lebensweg ebenfalls ein
verschiedner war. Gerhard lag in dem Gasthause zum Engel, auf der Brenhaut, und
wartete bei Trunk und Spiel mit der grten Gelassenheit auf eine Gelegenheit,
in irgend einem Schimpfspiele als Turnierfechter der freien Reichsstadt
Frankfurt sich auszuzeichnen. Dagobert bentzte hingegen die ersten Tage seiner
Anwesenheit zu Costnitz, die Stadt sammt ihren Kirchen und Merkwrdigkeiten
kennen zu lernen, und nach seinem Oheim zu fragen, der ausdrcklich versprochen
hatte, sich im Gefolge des Papstes Johann auf dem Concilium einzufinden. Um so
seltsamer kam es ihm vor, da es ihm nicht gelang, die mindeste Spur von ihm
ausfindig zu machen. Vergebens forschte er bei Geistlichen und Weltlichen nach
dem Prlaten Hieronymus Frosch: niemand wute ihm Auskunft zu geben. Die
Schffen des Frankfurter Raths selbst hatten nicht das Geringste von einem
solchen gehrt, und so verging schier eine Woche, und der Eifer Dagobert's hatte
schon bedeutend nachgelassen, als ihn mit einemmale ein Diener zu dem Herzog
Friedrich von streich beschied. In sein bestes Kleid gehllt, eilte er nach dem
Hofe, den dieser reiche und prachtliebende Frst mit seinem Gefolge einnahm. Der
Herzog empfing ihn in einem einfach aber edel gezierten Gemache. - Wie
gefllt's Euch zu Costnitz, junger Degen? fragte er den Jngling mit heitrer
Miene: Wie behagt Euch das lustige Treiben und die bunte Menge, die einen
Jahrmarkt eher verkndet, als eine ernste Kirchenversammlung?
    Dagobert bekannte, da er noch wenig gethan, um sich mit dem Gewhl der
vielen Auslnder und fremden vaterlndischen Gste vertraut zu machen.
    Bei Eurer Jugend nimmt mich das hchlich Wunder! sprach der Herzog: Jesus
Christus! wenn ich daran denke, wie ich in Euerm Alter das Leben betrachtet
habe! Es kam mir nicht anders vor, als wie ein groer Pokal, den ich verbunden
sey, Tag fr Tag auszuleeren bis auf die Neige, nach guter alter Trinkersitte.
Wo es recht toll herging, war ich mitten darunter, und nirgends frhlicher als
wo gescheite Leute und Narren um mich schwrmten wie ein Bienenvolk. Ihr, lieber
Freund, seht aus wie ein lockerleichtes Blut, und mt wohl Eure Grnde haben,
wenn Ihr nicht gleich Andern Eures Schlags ber die Schranken haut, wo es
angebracht ist. Ihr habt Euch doch nicht etwa schon vergafft zu Costnitz? Nehmt
Euch in Acht. Es gibt der Schnen viele in dieser Stadt, aber die meisten sind
fremde Zugvgel, die ihr trglich Gefieder hier ausspreiten, weil es in der
Heimath den Werth verloren hat; Hexendirnen, die sich anstellen, als ob sie
Herzen fischten, whrend sie doch nur das Netz nach dem Golde unerfahrner
Lstlinge auswerfen.
    Die Art und List dieser Meerweibchen ist mir - wenn gleich nur aus
Berichten - nicht unbekannt; versetzte Dagobert lustig: Ew. frstl. Gnaden ist
daher im Irrthum. Nicht einem rothwangigen Mgdlein jage ich nach, sondern einem
graubrtigen Manne, der mich hieher berufen, und nun Versteckens mit mir spielt;
meinem Ohm nmlich.
    Euer Ohm? fragte der Herzog aufmerksam werdend: Sein Name?
    Ist der meine; antwortete Dagobert: aber der Trger versteckt sich im
Sumpfe.
    Wre das der Prlat von dem Stifte des heil. Bartholomus bei Cesena?
    Derselbe, gndiger Herr. Der Bruder meines Vaters: Hieronymus Frosch.
    Ei, der ist freilich hier; lachte der Herzog: ist mit mir gekommen, da
ich den heil. Vater hieher geleitete.
    Dagobert stand, steif vor Erstaunen, da.
    Ihr knnt mir's glauben, auf Frstenwort; fuhr der Herzog fort: sein
Logement wurde ihm eingerichtet im Paradiesglein, in dem Hause, zum Pfauen
geschildet.
    Bin ich denn blind gewesen? fragte sich Dagobert halb rgerlich; war ich
denn taub? hab ich nicht umhergespht mit Aug und Ohr wie die Frommen am
Pfingsttage in. der Kirche, da der heilige Geist aus dem Schalloche hernieder zu
schweben hat?
    Seyd zufrieden; versicherte der Herzog: Ihr seyd nicht blind, nicht taub
gewesen. Ihr habt aber bestndig nur nach dem Unrechten gefragt; der
belklingende Name Frosch ist nicht mehr der Euers Ohms. Er hat sich in's
Wlsche bertragen, und wenn Ihr nach dem ehrwrdigen Monsignor Ranocchia Euch
erkundigt, wird er Euch sicher nicht entgehen.
    Wie ist mir denn? rief Dagobert: Unsers ehrlichen Namens, berhmt
geworden durch den Hauskaplan Kaiser Karls des Vierten, schmt sich der Oheim?
    Der Herzog zuckte die Achseln. - Ich habe Euern Vaterbruder nie als einen
Deutschen gekannt, sprach er, und immer nur den Italiner in ihm gesehen.
Macht es auch so. Man wei, ja ohnedie nicht mehr, was heut zu Tage Deutsch ist
oder nicht. Wer findet hier unter dem bunten wllisch, englisch und bhmischen
Geplauder das Vaterland heraus? Jede Nation, nur die unsre nicht, spielt hier
den Herrn, vorab die franzsische. Ein schnackisches Vlklein das: singt hher
dann genotirt, liest anders, denn geschrieben, spricht anders als ihm um's Herz
ist, und steckt uns durch seinen gelehrten Kanzler Gerson gewilich in den Sack.
- O! setzte er mit bitterm Spotte hinzu: die Concilium ist des Luxemburgers
Meisterstcklein!
    Heftig schritt der Herzog einige Schritte vor sich hin, blieb dann stehen
und wandte sich mit einem Male rasch und kurz zu Dagobert.
    Ihr wit nun, wo Euer Ohm zu finden, junger Mann; sagte er, wie man einem
Besuche gern ein Ende machen will: es wird ihn freuen, Euch bald zu sehen, wie
es mir angenehm seyn wird, Euch nicht aus den Augen zu verlieren. Das Pferd, das
Ihr bei Eurer Heimkunft im Stalle finden werdet, thut Ihr mir wohl die Liebe,
als Geschenk fr Eure Hlfe anzunehmen. Es ist ein polnisch Thier und gerade
wild genug fr einen derben Jungen, so wie Ihr.
    Gndigster Herzog ... stammelte Dagobert dankend, aber Friedrich
unterbrach ihn schnell, indem er lchelnd sagte:
    Kein Wort fr die schlechte Gabe. Wr' ich Kaiser, sollte sie besser seyn.
Htte ich Euch nicht aufrichtig lieb, und wollte Euch ablohnen, sollte sie auch
besser seyn. - Ich stehe aber gerne noch ein wenig in Eurer Schuld. Geht mit
Gott, und kommt bald wieder. Ohne den verwnschten Klopffechter seyd Ihr stets
willkommen.
    Mit der grten Freundlichkeit, aber ohne seinem Stande etwas zu vergeben,
beurlaubte der Herzog, steif in der Mitte des Gemachs stehend, und kaum merklich
mit dem Haupte nickend, seinen jungen Freund. Dagobert sumte nicht, da es erst
um die Mittagsstunde war, die Wohnung seines Oheims aufzusuchen. Das
Paradiesglein war bald gefunden, und das Haus zum Pfauen, das ansehnlichste
der Gasse, eben so schnell entdeckt. Die Thre stand offen, und innerhalb
derselben lehnte im Schein der Mittagssonne ein ziemlich nachlig gekleideter
Diener und speiste Nsse. Dagobert erfuhr von dem Migen auf Befragen, da
Monsignor so eben vom Messelesen gekommen sey, und sein Stndchen der
Bequemlichkeit feire, in welchem er sich nicht gerne von Fremden gestrt sehe.
    Ich bin kein Fremder; erwiederte Dagobert kurz: ich bin des Prlaten
Neffe, und hoffe allerdings auf unverzglichen Empfang.
    Der Diener, ein Italiner und mit barbarischem Deutsch behaftet, wurde nun
zwar ehrerbietiger denn zuvor, wies aber den Besucher stumm und trocken ber den
Hof. Dagobert kehrte dem trgen Nufresser den Rcken, und flog, den angegebnen
Weg verfolgend, die Treppe hinan, an der offnen Kche vorbei, die einen
Wohlgeruch ausstrmte, wie er selbst im vterlichen Hause seine Nase nicht
gekitzelt hatte. Auf dem Vorplatze angelangt, der mit Heiligenbildern geschmckt
war, untersuchte Dagobert, welche von den drei vorhandenen Thren diejenige sey,
die zu dem Oheim fhren mchte. Die Eine war verschlossen, die Andre nicht, aber
scheu zog diese der Jngling wieder zu, weil er in ein Gemach gesehen, das
augenfllig von einem Frauenbilde bewohnt war, wie es die zierliche Ordnung, der
Stickrahmen am Fenster und mehrere auf Sthlen ausgebreitete Frauengewnder
andeuteten, obgleich die Besitzerin nicht gegenwrtig war. Die dritte Thre war
noch brig, ebenfalls verschlossen wie die Erste, aber ein daran angebrachter
Glockenzug schien das Mittel sie zu erschlieen anzugeben. Dagobert bewegte die
Schelle leise und bescheiden, und vernahm bald darauf Tritte, die sich nherten,
und Gerusch des aufgezogenen Riegels. Die Thre sprang auf, aber statt eines
grmlichen Dieners mit einem Klostergesichte, wie es Dagobert erwartet, schaute
ein rundes Mdchenantlitz daraus hervor, wie er es nicht erwartet hatte. Das
Antlitz trug freundliches Geprge, bis auf einen finstern Zug zwischen den
Augenbraunen, der zu sagen schien: Was willst Du denn zu dieser Stunde,
Strefried? ..... Dieser Zug verschwand indessen, als ein flchtiger Blick die
Dirne belehrt hatte, da es ein schlanker wohlgebauter Mann sey, der sich hier,
wiewohl nicht in der flieendsten Rede, nach dem Prlaten befrage.
    Dagobert bemerkte indessen die Vernderung in dem Gesichte des Mgdleins,
und fuhr muthiger fort: Fast mu ich befrchten durch den hmischen Unverstand
des Pfrtners an die unrechte Thre gerathen zu seyn, denn ich suche die Zelle
eines Himmelgeweihten, und finde mich nun am Himmel selbst.
    Das Mdchen lchelte ohne weiter um die Schmeichelei ein Wort zu verlieren.
Euer Begehr? fragte sie in gebrochenem Deutsch: Monsignore lt sich nicht
sprechen um diese Stunde. Eure Botschaft will ich ausrichten, so ich es vermag.
    Dagobert betrachtete einen Augenblick lchelnd und kopfschttelnd die
ungewhnliche Thrhterin eines Geistlichen, und erwiederte scherzend: Mein
schnes Kind, das geht nicht an. Meine Botschaften pflege ich selber
auszurichten, und schmeichle mir, weder durch Ton noch Kleid den Knecht zu
verrathen, den man vor der Thre abspeist. Sollte ich brigens eines Namens von
Gewicht bedrfen, um hier den Eingang zu finden, so melde dem Prlaten: mich
sende der Herzog von Ostreich.
    Augenblicklich verneigte sich die Pfrtnerin ehrerbietig, versprach den
Besuch zu melden, und verschwand in dem anstoenden Gemach. Dagobert, dem der
Auftritt Spa machte, nahm von dem Vorzimmerchen Besitz, wo ein Altar der
heiligen Mutter aufgerichtet war, geschmckt mit silbernen und goldnen Blumen,
und wo ein ungemein lieblicher Weihrauchduft herrschte, der aus den Zimmern des
Prlaten sich zu stehlen schien. - Recht so, guter Ohm! flsterte der Neffe
vor sich hin: Du machst Dir die Gelbde leicht, wie mir's vorkmmt, und suchst
das Paradies Dir schon in dieser Welt zu schaffen. Wenn das brige dem, was ich
bereits sah, entspricht, so berredet Niemand leichter zu dem Klosterstande, als
Dein Beispiel!
    Das Mdchen erschien auf der Schwelle des Gemachs, und winkte verbindlich
dem Harrenden, einzutreten. Dagobert wartete keine zweite Einladung ab, und lie
die Schne im Vorzimmer zurck. Er traute aber seinen Augen nicht, da er die
Stube seines Oheims betrat. Er ging auf kostbaren Teppichen, so weich und glatt,
da er seinen eignen Schritt nicht vernahm. Eine gelinde Wrme erfllte das
Gemach, und der Duft balsamischer Spezereien zog behaglich aus der Rucherpfanne
auf, die in der Ecke am Ofen glhte. Warme und schn gewirkte Decken bekleideten
die Wnde vom Simse bis zum Boden. Schwellendgepolsterte Sthle luden zur Ruhe
ein, wie es auch die durch grne Fensterschirme gemilderte Tagshelle that. Ein
glnzend geputzter Kredenzschrein blendete das Auge durch den Schimmer der
vielen da aufgestellten Geschirre und Trinkgefsse. Ein schon zum Mittagsmahle
gersteter Rundtisch mit blinkendem Gerth geziert, in der Nhe einer zierlichen
Khlwanne, aus der kurzhlsige Flaschen guckten, erweckte die Lust nach leckerm
Imbi und Trunk. Von der Hhe des Zimmers schmetterten seltne Singvgel aus
gelben Drahtkstchen ihr muntres Lied herab. Der Besitzer all dieser
Herrlichkeiten aber dehnte sich auf einem ppigen Lotterbette. Das herrlich
geschriebene und in goldbeschlagnen Sammet gebundne Brevier war seiner Hand
entsunken, und ein grauer Sittich hatte sich von seiner unfern stehenden Stange
an langer Kette herunterbegeben, und dem Herrn auf die fleischige Linke gesetzt,
die er mit dem krummen Schnabel liebkosend pickte.
    Dagobert hatte Mue genug, seinen Oheim genau zu betrachten, als sich
derselbe schwerfllig von den Ruhepolstern aufrichtete, ohne jedoch die liegende
Stellung ganz zu verlassen. Das war nicht mehr der hagre bleiche
Augustinermnch, mit dem ernsten Antlitz und den tiefliegenden niedergeschlagnen
Augen, auf den sich Dagobert wohl noch zu Zeiten aus seiner frhsten Kindheit
erinnert hatte. Die Zeit hatte ihn zu einem stark beleibten Prlaten
umgewandelt, der auer dem Kreuze von Topasen und Gold gefertigt, nichts
Mnchisches mehr an sich trug. Die Haare hingen auf die Schulter, und die
Eitelkeit hatte die Graugewordenen durch metallische Mittel kupferbraun gefrbt.
Die Augenbraunen waren auch mit trgerischer Farbe geschmckt, goldne Ringe
hingen in den Ohren, glattgeschoren waren Wange und Kinn. Kostbare Fingerreife
glnzten an den Hnden. Die Flle des Angesichts hatte viel dazu beigetragen,
ihm ein jngeres Ansehen zu geben, und die Augen wie der Mund hatten einen
Anstrich von keckem Stolze gewonnen, der keine Spur der ehemaligen Klosterdemuth
mehr durchblicken, lie. Dagobert, von dieser Erscheinung, die er sich nicht
trumen lie, betroffen, neigte sich schweigend vor dem Prlaten, der durch eine
nicht allzubedeutende Kopfneigung und Handbewegung den Jngling einlud, zu
sprechen. Dagobert hatte sich wenigstens eingebildet, von seinem Oheim bald
erkannt zu werden, und schwieg, ihn unablssig betrachtend. Der Prlat fand
hingegen das Betragen des Fremden sonderbar und fragte daher mit vornehmer
dringender Rede; Was bringt Ihr, junger Herr? Was steht zum Befehl Sr.
frstlichen Gnaden?
    Ach, hochwrdiger Herr! begann Dagobert, bei dem die Rhrung die Oberhand
gewann: Nicht des Herzogs Wille fhrt mich hieher; sondern mein Herz, mein Herz
allein!
    Der Prlat ma ihn mit staunenden Blicken. Seltsam! sprach er alsdann:
was htte ich mit Euerm Herzen zu schaffen, da ich Euer Gesicht nicht kenne,
und Ihr Euern Namen hinter einem ehrenwerthen verbergen mt?
    Brauche ich einen Namen vor Euch? fuhr Dagobert dringender fort: Sprechen
nicht aus meinem Gesichte bekannte Zge zu Euerm Gefhl.
    Ei, junger Gesell, Du wirst doch nicht ... entgegnete der Prlat betreten,
und holte seine Brille aus dem rmel: Sendet Dich etwa ... wie nennt sich Deine
Mutter?
    Wie mgt Ihr nach der Mutter fragen? sprach Dagobert weiter: Die Edle
ruht im Grabe; doch des Vaters Name ......
    Genug, genug, mein Sohn! Unterbrach ihn der Oheim mit wachsender
Befangenheit, und sein Blick suchte den Boden, whrend er die Hand zum Kusse
reichte: Du bringst mir eine bse Nachricht. Rechinald ist todt? Gott genade
ihrer Seele .... Was willst Du aber beginnen ...? Fr Dich zu sorgen wird mir
schwer werden; .... wir armen Geistlichen werden in diesen neusten Zeiten,
gedrckt und gepfndet, als htten wir des Erdreichs Schtze allein; ... ich
werde wahrlich Nichts fr Dich thun knnen.
    Dagobert betrachtete ihn whrend dieser Rede, ohne zu wissen, ob der Prlat
Ernst mache oder Scherz, oder ob er in einer pltzlichen Geistesabwesenheit,
also irre und verworren spreche.
    Wie ist Euch doch zu Sinne? begann er endlich, da die peinliche
Verlegenheit des Geistlichen fortdauerte, und sein Auge gleichsam aus dem Boden
die versagenden Worte auszugraben sich anstellte: Was Ihr mit der Rechinald zu
thun begehrt, der Gott ein langes Leben, - oder, wre sie wirklich gestorben -
eine frhliche Urstnd schenken mge, - das wei ich nicht. Ich habe nie Eine
dieses Namens gekannt, und meine Mutter hie Wallrade, wie meine schlimme
Schwester. Ich wei jedoch ganz ausgemacht, da ich nicht als zudringlicher
Bettler mich bei Euch einfinde, sondern auf Euern ausdrcklichen Wunsch und
Willen, hochwrdiger Herr Ohm! Der Vater lt Euch bestens gren, und die
Stiefmutter. So Ihr mir zum frommen dienen wollt, werd ich's Euch herzlich
danken. So sich aber Eure Willensmeinung gendert htte, kehre ich stehenden
Fues um gen Frankfurt, ohne Groll und Reue.
    Mit jedem Worte des jungen Mannes war der Prlat aufmerksamer, ruhiger und
aufgerichteter geworden. Es spiegelte sich sogar eine Art von Freude in seinem
Gesichte, als Dagobert geendet hatte. Durch die Brille studirte der Oheim einen
Augenblick hindurch die Zge des Letztern, und rief alsdann, ihm beide Hnde
hinreichend: Ach du nrrischer Kautz! Das ist ja etwas ganz Andres! Komm, umarme
Deinen alten Ohm! Die heilige Jungfrau benedeie Deinen Eingang!
    Dagobert umhalste den bldsichtigen Prlaten und setzte sich, wie dieser es
begehrte, neben ihn auf das Ruhebette. - Ja, das ist ganz das Gesicht des
Bruders! sprach Hieronymus: Meine bsen Augen! Vergib mir nur den Migriff,
lieber Neffe. Du hast aber auch eine seltsame Weise, Dich einzufhren. Ich htte
darauf geschworen .... siehst Du ... diese Rechinald ... sie war mein frommes
Beichtkind, da ich noch in Deutschland lebte, ... und .. ihr Sohn .... doch, ich
werde Dir das bei gelegnerer Zeit erzhlen. Gib mir noch einmal die Hand. So!
bist ein hbscher Bursche geworden. Nun, das ist ein Erbtheil unsers
Geschlechts. Aber in Deinem Wesen hatte ich mir nicht weniger als Alles anders
vorgestellt. Wo ist der geistliche Rock, das Piret? der Rosenkranz und der
niedergeschlagene Blick? Du siehst aus, als ob Du zum Herrendienst an den Hof
reiten wolltest, und nicht nach Wlschland in das Bartholomistift.
    Vergebung, Ohm! scherzte Dagobert und zupfte neckend an dem blandamastnen
berkleid des Prlaten: Das ist eben auch nicht das Klostergewand.
    Hm! lchelte der Oheim selbstgefllig: Die Klausur und Regel ist nicht
mehr fr den Geistlichen meines Standes. Wir haben von unten auf gedient, und
drfen uns in reifen Jahren schon eine bequeme Freiheit erlauben, zumal hier in
der Fremde, mit ppstlichem Dispens.
    Hier in der Fremde? wiederholte Dagobert: Ei, lieber Ohm, Ihr seyd ja
hier im Vaterlande.
    Welch Geschwtz! entgegnete der Prlat, das Gesicht verziehend: Wo ist
des Priesters Vaterland? Da, wo der Statthalter Christi wohnt und herrscht mit
den Frsten seiner Kirche. Und wr auch dieses nicht, so braucht man nur einen
Fu nach dem gelobten Lande Italia gesetzt zu haben, um sich frder keine andre
Heimath zu wnschen. Wahrlich, htte nicht die Pflicht geboten, nimmer wre ich
zurckgekommen in das Reich ungehobelter deutscher Nation. Jenseits der Alpen
weht eine heitre warme Luft; hier in Euerm trben Winterlande erstickt mich der
Husten. Dort gehe ich durch helle gerumige Stdte, hier versinke ich im Morast
enger winklicher Gassen, wie man sie in armen Drfern nicht schlechter hat. Dort
trinke ich kstlichen, mild und feurig zugleich schmeckenden Wein, esse
herrliches Obst, Geflgel und Fisch. Hier qule ich mich mit abscheulichem
Krtzer, den Ihr lobt, weil er am Rhein wchst, und kalt und rauh ist, wie Eure
Sitte; hier verderbe ich mir den Geschmack mit Holzpfeln und sauern Trauben.
Dort hre ich eine Sprache, die wie Musika klingt, einen Gesang, dem gleich der
lieben Engelein. Hier mut ich mich bequemen, das widerliche deutsche Pfauen-
und Hahnengeschrei anzuhren, es selbst wieder vorzusuchen, wenn ich mich
verstndlich machen will, und mu noch von Glck sagen, wenn ich nur dann und
wann von ferne ein deutsches Lied singen hre, das gewhnlich nicht anders
klingt, als wie eine knarrende Thre, deren Angeln des ls ermangeln, und zu
welchem Euer verdammtes Instrument, der schnurrende hllische Pommer, die beste
Begleitung abgibt. Ich will nun gar nicht von Eurer plumpen Sitte, von Eurer
schlechten Kche, von Eurer unfltigen Zechlust reden, nicht von Euren
unbequemen Husern, wo man sich einrichten mu, wie Figura zeigt, das heit, wie
ein Bauer in seiner Lehmhtte, und einen Wald in den Ofen zu werfen hat, wenn
nur die Finger nicht erfrieren sollen; nicht von Eurer Raubsucht und
erbrmlichen Kindererziehung, ... denn alle diese Unformen und Migestaltungen
sind an der Zahl Legion. Nur das gebe ich Dir zu verstehen, da Du, um mir
wahrhaft zu gefallen, und meiner Gunst wrdig zu werden, die grobe deutsche
Lebensart ab- und nebenbei eine schickliche geistliche Tracht abzulegen hast.
    Hm! versetzte Dagobert lustig: Das Letztere ist bald gethan, denn der
Schneider macht in einem Tage den Cleriker fertig; aber das Erste wird nicht so
schnell gehen. Mir ist vaterlndische Gewohnheit so an's Herz gewachsen, da es
gewaltiger Mhe bedrfte, sie sammt den Wurzeln herauszureien.
    Wie heit das deutsche Sprichwort? fragte der Prlat: Das eine
Vernnftige unter tausend Albernen? Alles, was Du willt, geschieht, so Dir's
nicht an Muth gebricht. Beherzige das, und folge meiner Weisung; dann kann noch
ein flammend Kirchenlicht aus Dir werden. Vor der Hand lasse Dir's indessen
heute bei mir gefallen, und nimm vorlieb mit meinem Tische.
    Das wird mir nicht schwer fallen, scherzte Dagobert, dessen schelmisches
Lcheln, wie der verstohlne Blick auf die Leibesflle des Oheims dem Letztern
nicht entgingen.
    Hm! sprach dieser mit aufgeworfnem Munde: Freilich findest Du auf meiner
geringen Tafel keine Pfeffertunke, keine Saffranbrhe, wie sie hier erfordert
wird, keinen Wildbraten, der durch seinen Geruch jede feine Nase von dannen
scheucht, aber deutscher Jger und Edelleute kstlichste Speise ist. Eben so
wenig aber darfst Du hoffen, ein schwelgerisches Mahl zu genieen, sondern die
einfache Kost eines Dieners der Kirche, deren Oberhaupt sich einen Knecht der
Knechte nennt.
    Die hbsche Pfrtnerin, deren Neugierde durch den so sehr verlngerten
Besuch auf's Hchste gereizt worden war, steckte, erinnernd an den Imbis, den
Kopf in die Stube. Wir haben einen Gast, rief ihr der Prlat freundlich
nickend zu: Diesen jungen Mann, in welchem ich Euch, werthe Fiorilla, meinen
geliebten Neffen vorstelle.
    Fiorilla staunte ein Weilchen den Jngling an, der so schnell ein Verwandter
des Hauses geworden war; hierauf folgte sie jedoch der empfangenen Weisung,
legte fr den Geladenen Tellerbrod und Tellertuch auf, setzte einen schn
gearbeiteten Becher an seinen Platz, und begab sich hinweg, um die Speisen
herauf frdern zu lassen. Dagobert hatte genau bemerkt, wie sein Ohm mit den
Augen jeder Bewegung der holden Dienerin gefolgt war, und von Zeit zu Zeit auf
ihn selbst einen prfenden Blick geworfen hatte. Er gab sich daher alle Mhe,
recht unbefangen zu scheinen, und fragte den Prlaten mit seinem besten
Gleichmuth, ob Fiorilla etwa auch eine Verwandte sey, oder ob das Verhltni der
Magd sie an dies Haus buche. Hieronymus besann sich eine Weile. Dieses Mdchen
- sagte er hierauf - ist nicht Verwandte, nicht Dienerin; sondern eine Tochter
edeln Hauses, aus Cesena gebrtig, die durch ihr besondres Vertrauen in mich,
meine Freundschaft und vterliche Teilnahme gewann. Ihre Neugierde und ihre Luft
die Welt zu sehen, zu befriedigen, erlaubte ich ihr, einer schutzlosen Waise,
mich hieher zu begleiten, wo sie dann als Freundin mein kleines Hauswesen zu
besorgen unternommen, whrend sie vor der Welt, die in dem reinsten Verhltni
eine Snde wittert, meine Base heit.
    Obschon ich die runde Maid mit den Flammenaugen nicht ungern mein Bschen
nenne, meinte Dagobert: so begreife ich doch nicht, wie ein Mann von Eurer
Wrde und Heiligkeit sich zu dieser Unwahrheit herablassen konnte.
    Ach! Du weit es nicht, seufzte der Ohm, wie die Welt im Argen lebt; wie
sie sich freut ber den Fall des Gerechten, und aus seiner Unschuld die bittre
Schuld saugt. Die Deutschen absonderlich, trotz ihrer Ruchlosigkeit, ihren
unzchtigen Tnzen und heidnischen Philosophemen; Wer ist es, der das Leben des
Priesters einer solch unchristlichen Untersuchung unterwirft, wie noch nie
erhrt worden? Der Deutsche. Wer wagt es, Prlaten, Bischfe, Kardinle, und
Gott sey es geklagt, den Unfehlbaren in Rom selbst in seinem huslichen Thun zu
meistern? Der Deutsche. Wer schreit am ungestmsten nach einer allgemeinen
Kirchenverbesserung? der Deutsche. O der Snde! die Kirche und ihre Satzungen
will er umstrzen und erneuern, gleich als ob sie Menschenwerk wren, und nicht
das Vollkommenste, Gottes und seines Sohnes Werk!
    Dagobert, der den Meinungen seines Oheims nicht offne Fehde bieten wollte,
so sehr auch seine Ansichten von ihnen abwichen, betrachtete still lchelnd die
Schnabelspitzen seiner Stiefel, und athmete freier, als endlich der Imbis
aufgetragen war, und somit das ernstwerdende Gesprchsel ein Ende hatte.
    Bei Tische, whrend des Genusses der feinsten Speisen, die eines Erzbischofs
Tafel zu Ehren gebracht haben wrden, hatte der junge Mann Gelegenheit genug, zu
bemerken, da die Freundschaft seines Oheims zu Fiorillen wirklich eine Groe
war. Die leckersten Bissen legte sie dem Prlaten vor, und dieser schob das
Leckerste von ihnen auf ihren Teller. Seinen und des Neffen Becher fllte er
halb mit Wein, halb mit Wasser, in Fiorillens Kelchglase perlte der reine
italienische Feuerwein. Whrend Dagobert zum Nachtisch mit vaterlndischem Kse
abgespeist wurde, ftterte Oheimchen Fiorillen mit dem schmackhaften in Honig
gefaten Ingwer, und mit der sen Weichsellatwerge. Venedische Mandeln und
Weinbeeren wurden aufgetragen, um von dem Hausherrn benascht, und an Fiorillen
verschenkt zu werden. Endlich betheuerte die Letztere ernstlich, zur Genge
versorgt zu seyn, und bemitleidete scherzend den Gast, da ihm nichts von diesen
Leckereien beschieden gewesen. Dagobert lchelte Achselzuckend; der Oheim sprach
aber trocken: Mein Neffe macht sich sicher nichts aus diesen Sigkeiten, denn
er ist noch ein chter Deutscher, und eine Ochsenkeule ihm lieber als eine seine
Tafel, wr's auch die des Cardinals Zabrella, der auf das Essen etwas hlt.
    Alles gleicht sich aus; erwiederte Dagobert: Derbe Kost gibt derbe
Menschen. Richtig, meinte der Prlat: und feine Speise zieht den feinen
Mann.
    Fiorilla gab einige Worte dazwischen, die nicht undeutlich merken lieen,
da ihr eine krftige Derbheit nicht mifalle, indem sie Brge eines krftigen
Gemths sey.
    Es mu mich wundern, sprach sie endend: Hochwrdiger Herr, da Ihr an dem
Neffen tadeln zu wollen scheint, was ihr an der Nichte gut heit.
    An Euch, mein Bschen? fragte Dagobert munter, und warf, dem eiferschtig
lauernden Ohm zum Trotze, einen seiner feurigsten Blicke in Fiorilla's Augen.
    Nicht doch; antwortete diese errthend: Ich spreche von der Nichte Sr.
Hochwrden. Monsignore gab der Geschwtzigen mit verdrlicher Miene ein
Zeichen zu schweigen. Dagobert, dem auch dieser Wink nicht entging, hatte
Muthwillen genug, weiter zu forschen.
    Seyd Ihr's also nicht, liebes Bschen? fragte er; - oder - von welch
andrer Nichte ist denn hier die Rede, Oheim.
    Von wem sonst, als von Deiner Schwester? brach der Letztere unmuthig los.
    Von Wallraden? rief Dagobert.
    Freilich von ihr; versetzte Fiorilla. Was meint Ihr, - hochwrdiger Herr?
Sie wird viele Freude haben, ihren Bruder zu sehen, der gerade so muthig und
entschlossen zu seyn scheint, wie sie.
    Wie ist mir denn? fragte Dagobert: Wallrade wre hier?
    Ja doch; entgegnete Fiorilla unbefangen: Ihr wutet das nicht?
    Verdrliche Schwtzerin! zrnte der Prlat gegen die Freundin: Mulier
taceat in ecclesiam!
    In ecclesia! verbesserte Dagobert lchelnd: Ein guter Spruch! aber ich
verstehe nicht, warum Ihr mir ein Geheimni aus der Anwesenheit meiner Schwester
machen wollt, guter Oheim? Mir ist sie das gleichgltigste Ding von der Welt,
macht mir nicht Liebe, nicht Ha. Wir Beide, Wallrade und ich, wir konnten uns
von Jugend auf nicht leiden. Ich war ihr zu lustig, sie war mir zu rauh. Ein
Glck, da sie ein Mdchen und nicht ein Bube geworden. Es htte alle Tage
blutige Kpfe gesetzt. Seither sind wir auseinander gekommen, und haben uns
natrlich nicht lieben gelernt. Sie wird mich nicht suchen, wie ich nicht sie.
Wir wrden uns fremd bleiben, wohnten wir auch unter einem Dache.
    Das wut ich ja eben! fiel der Prlat ein: Ich hatte mir's auch so schn
ausgedacht, wie ich euch Trotzkpfe mit guter Art zusammenbringen und vershnen
wollte, ehe ihr noch von eurer gegenseitigen Anwesenheit gewut httet. Durch
die Fiorilla Cicalonilla ist mir das gute Werk vereitelt.
    Es ist nicht meine Schuld, schmollte die Gescholtene, da ich vielleicht
in der besten Absicht Euer Vorhaben zu nichte machte. Ich wute weder von dem
Widerwillen der Geschwister, noch von der bezweckten Vershnung. Ich wette
indessen, setzte sie mit einem verstohlnen Seitenblick auf den Jngling bei, da
Euers Neffen redlich Gemth auch ohne berraschung und Vermittlung den rechten
Weg einschlagen und die Bande fester knpfen werde, die Vorurtheil und Zufall
auflockerten.
    Ihr thut mir viel Ehre an, erwiederte Dagobert hflich: ich mu sie aber
ablehnen. Wallradens hochfahrender Sinn hat sich stets so trotzig erwiesen, in
jedem Verhltni des Lebens, da ich, selbst bei dem redlichsten Willen, die
Hoffnung aufgeben mute, ihn fr meine redlichste Gutherzigkeit zu gewinnen. Auf
der andern Seite bin ich auch, nicht der Mann, der Weiberlaunen unterthan ist,
wren es auch die einer Schwester, die einer geliebten Gattin.
    Du versteigst Dich; unterbrach ihn der Prlat: Nicht denken sollst Du an
eine Gattin, die Du nimmer besitzen wirst.
    Nun denn, rief Dagobert lachend: Ist mir die Liebe verboten, so ist mir
doch die Freundschaft erlaubt. Nicht wahr, mein Bschen?
    Fiorilla nickte heimlich lchelnd, und Dagobert ergriff seinen gefllten
Becher. Auf gute Freundschaft denn! sprach er schmeichelnd, und klang mit
Fiorillens Kelchglas an. Macht kein finstres Gesicht, Oheim! Wir ungehobelten
Deutschen mssen einmal den Becher zur Hand nehmen, ob wir Frieden machen, Krieg
beschlieen, der Minne oder der Freundschaft Bund heiligen. Wir wollen gute,
gute Freunde seyn, Bschen Fiorilla, oder Blmchen! Aber selbst Eure Launen trag
ich nicht.
    Fiorilla setzte das Glas mit lieblicher Geberde an den Mund, und whrend
ihre Lippen nippten, ruhte ihr Auge seelenvoll auf des Jnglings blhendem
Gesicht. Der Prlat rckte unruhig auf dem Stuhle, und drohte der Italinerin
verstohlen mit dem Finger. Die Leichtfertige lachte, Dagobert stellte sich aber,
als habe er es nicht bemerkt, und fuhr in lustiger Laune fort: Ihr seyd mir
noch die Erklrung schuldig, bester Ohm, wie es kmmt, da ich Wallraden hier zu
Costnitz finde? Was fhrt sie her? In welcher Absicht ist sie hier?
    O seht; rief Fiorilla; seht, wie diese Neugierde schon verborgne
Theilnahme verrth.
    Sie kam auf meine Ladung, mich zu besuchen; antwortete der Prlat dem
Neffen kurz und gleichgltig. - Eine Stiefmutter hat Euch Beide aus Eurem
Stammhause vertrieben: ich halte es fr Pflicht, Vaterstelle bei Euch zu
vertreten, die der schwache Vater verlie. Indem ich Wallraden vor sechs Jahren
mein durch Erbschaft mir zugefallenes Gut in Thringen berlie, gab ich ihr
schon ein sorgenfreies Geschick, und behielt mir dafr nichts vor, als die
Befugni, ihr einen Gatten zu whlen, und diesen Gatten denke ich ihr hier zu
freien.
    Das mu eine herrliche Ehe werden! lachte Dagobert: Lieber Ohm, whlt nur
ein recht frommes Schaf, das von Geburt an gewhnt ist, mit Gebi und Trense zu
laufen, und alleine keinen Schritt zu thun. Wie heit der Glckliche, den Ihr
der Sanftmthigen zugedacht?
    Dem Sptter nenne ich ihn jetzt nicht, entgegnete der Prlat verletzt und
hob durch sein Aufstehen die Tafel auf.
    'S ist auch gleichviel! versetzte, Dagobert in obigem Tone:
Bedauernswerth ist er, er heie nun Adam wie der erste Mensch, oder Sylvester
wie der letzte Tag im Jahre. Wohl bekomm ihm die Vernderung und der Hiobstand.
    Unertrglich! murmelte der Prlat zwischen den Zhnen. Gemigter aber
fuhr er fort: Ich habe noch einen Besuch zu machen, bei welchem ich Deiner
Gegenwart entbehren mu, denn er gilt gerade Deiner Schwester. Es wird mich
freuen Dich bald wieder zu sehen, und in schicklicherer Tracht.
    Verlat Euch darauf, erwiederte der muntere Jngling, nach dem Federhute
greifend. Im schwarzen Rock, mit Grtel, Kragen und Kappe schaut Ihr mich
nchstens wieder. Ich bin Euch gern gefllig, wre gerne immer um Euch.
    Ich glaubs; spttelte der Oheim mit einem Seitenblick auf Fiorillen: Du
wirst aber ermessen, da ich Dir keine Herberge unter meinem Dache anweisen
kann, weil mir's die Sorge fr dieser lieben Beichttochter Ehre untersagt.
    Freilich; besttigte Dagobert mit verstelltem Ernst: Ihr mtet nicht
halb so gewissenhaft seyn, werther Ohm, als Ihr wirklich seyd, um solches
zuzugeben. Ich wei mich auch zu bescheiden. Ich verplauderte gerne noch den
ganzen Tag mit meinem wunderlieblichen Bschen, dem Blmlein Tausendschn, ...
weil Ihr denn doch zu Wallraden geht ... aber die Sitte leidet's nicht; ... in
Deutschland mindestens nicht, aber ... hier schwieg er heimlich lchelnd
stille.
    Aber? fragte Fiorilla muthwillig. Aber? wiederholte der Prlat
neugierig, und gedehnt.
    Aber wollt ich sagen, fuhr Dagobert fort - das wird sich schon geben,
wenn ich einmal die Kirchenfarbe trage. Darum will ich eilen, und den Schneider
auf den Tod plagen, bis er meine Heiligkeit gefertigt hat; den Freibrief der in
Euerm Haufe mir das ffnungsrecht verleiht. Gott befohlen, hochwrdiger Oheim!
trumt von mir liebe Base!
    Lachend und plaudernd eilte Dagobert von dem ungewohnten wlschen Weine
aufgeregt, von dannen, und dachte unter der Thre des Vorgemachs das Herz seiner
Begleiterin durch einen glhenden Hndedruck zu versengen, aber indem rief des
Prlaten befehlende Stimme: Fiorilla! und mit einem leise geflsterten
Lebewohl: Addio carino! flog, sie in das Speisegemach zurck.
    Welch einen Burschen hat mir der Bruder da gesendet! sprach der Prlat mit
gefalteten Hnden: Der schwatzt wie ein Franzose, zudringlich, keck und
vorlaut; und suft und ist grob wie ein chter Deutscher.
    Fiorilla verlor kein Wrtlein, sie schmunzelte aber fr sich; versumte
nicht unter dem Aufrumen, am Spiegel sich vorberzudrehen, und strafte in
Gedanken ihren hochwrdigen Freund Lgen.
    Und der Fastnachtsnarr will Priester werden, fuhr der Prlat fort.
    Er will nicht, aber er soll und mu; schaltete Fiorilla ein.
    Ganz recht; er soll! versetzte Monsignore: Aber Gott behte uns in
Gnaden. Das wird ein Kirchenlicht abgeben, von dem einst du Heiland sagen wird:
Besser wr's, es wre niemals angezndet worden.
    Gleich tausend Andern! kicherte Fiorilla vor sich hin, und ftterte den
Sittich mit Honigbrod.

                               Sechstes Kapitel.


 O Johannes Hu!
 Armer Dominus!
 Seufzest Ach und Weh,
 Armer Domine!
 Wrst Du doch daheim geblieben!
 Dein Geleit war falsch geschrieben;
 Ob's der Kaiser selbst verspricht,
 Hlt man's doch dem Ketzer nicht.
                                                           Volkslied jener Zeit.

Die Kirchenversammlung zu Costnitz, die grte die jemals statt gefunden, zeigte
sich bereits in ihrem Anbeginn glnzend und prachtvoll, obgleich das Oberhaupt
des Reichs, Kaiser Sigismund noch in Aachen verweilte, wo seine Krnung vor sich
gegangen war. Der Antheil, welchen ganz Europa an diesem lang vorbereiteten
Concilium nahm, war unbeschreiblich und um so natrlicher, als Jedermann von der
Nothwendigkeit einer ausgleichenden schiedsrichterlichen Versammlung innig
berzeugt war. Die lateinische Kirche, von tiefen Spaltungen zerrissen, zhlte,
statt Eines Statthalters Christi, ihrer Dreie, die einander, von feindlichen
Parteien erwhlt, erbittert gegenber standen, und durch ihr Beispiel, wie durch
ihren Bann, alle Eide und Pflichten locker machten, Christen gegen Christen
aufreizten, und dem Sittenverfall der Priester mig zusahen, theils weil sie zu
schwach waren zu widerstreben, theils weil sie die Verirrten durch strfliche
Nachsicht fr ihre Zwecke zu gewinnen hofften, theils endlich, weil sie nicht
besser waren, denn ihre Untergebenen. Dieses schon in die Lnge dauernde
rgerni, dieses emprende Schauspiel, das drei Afterppste der Welt gaben,
mute geendet werden, aber weder Johann XXIII., der arglistigste unter ihnen,
noch der stolze Benedict XIII., der in Arragonien auf den Schutz des Knigs
trotzte, noch der weit lenksamere, aber zum Werkzeug seiner Umgebungen
herabgewrdigte Gregor XII. waren zum gtlichen Vergleich, zu Entsagung und
aufrichtiger Mitwirkung an dem Geschft der Kirchenverbesserung zu bewegen. Am
lautesten eiferte das deutsche Volk gegen den chaotischen Unfug und Mibrauch,
der die Kirche zum Schauplatz hirnloser Gebruche und zur Ablabude machte; aber
diese laute Mibilligung vermochte es nicht, den Kaiser aus seiner Apathie zu
wecken. Den dringenden Vorspiegelungen der Franzosen war es vorbehalten, seine
Theilnahmslosigkeit in den brennendsten Eifer zu verwandeln. Verschiedene groe
Begebenheiten, die gewhnlichen Vorlufer von wichtigern, spornten endlich seine
Thtigkeit: Hussens Umtriebe und khne Eingriffe in Bhmen, der Osmanen
heranfluthendes Nomadenreich, aus dessen Zelten die wankenden Trmmer des
Griechenreichs kaum noch hervorsahen. - Mit den unerhrtesten Anstrengungen, mit
persnlichen Aufopferungen, die einem Kaiser deutscher Nation wohl so eigentlich
nicht ziemten, aber in den Ansichten Sigismunds ihre Wurzel fanden, brachte
derselbe endlich mit Zustimmung Johannes XXIII., die ersehnte Kirchenversammlung
zu Stande, und vereinte zu Costnitz die englische, italinische, franzsische
und deutsche Nation zu allgemeiner Berathung. Der Papst Johannes, auf die
Gltigkeit seiner Wahl sich sttzend, erschien selbst auf dem Concilium.
Ausgezeichnete Frsten mit ihrem zahlreichen Gefolge schloen sich an die
ungeheure Zahl von Geistlichen aller Wrden, von Doktoren und Meistern der
freien Knste, der Volksmenge nicht zu gedenken, die Schaulust und Gewinnsucht
herbeifhrte. Mit gespannter Aufmerksamkeit wartete man auf den Kaiser, der die
groen Sitzungen in Person erffnen sollte, und da sich seine Ankunft von Woche
zu Woche verzgerte, so suchte die Neugierde ihre Nahrung an andern
Gegenstnden. Ein Mann war es besonders, der die Augen des Volks auf sich zog,
bekleidete ihn auch weder Tiare noch Hermelin, wohnte er gleich in keinem
Palaste. Dieser Mann war niemand anders, als der furchtlose Bhme, Johannes Hu,
der Prediger, einer neuen Lehre, welcher dem Kaiserlichen Worte und dem des
Papstes vertrauend, sondern Scheu sich zu Costnitz eingefunden htte, seinen
Glauben vor den Gottesgelahrten aller Nationen zu vertheidigen. Die
frommglubigen Costnitzer hatten ihn zwar mit gemischten Empfindungen
aufgenommen, da ihm der Ruf eines Ketzers voraus ging, aber der Zauber des
Kaiserlichen Geleitbriefs hatte ihn bisher vor jedem Unbild geschtzt, und seine
schlichte Tugend ihm am Ende die Herzen der Redlichen gewonnen. Wenn er sein
Haus verlie, grten ihn die Brger freundlich, die Kinder hingen sich an seine
Hand, und horchten aufmerksam auf seine milde Rede, wurde sie gleich in
ungelenkem Deutsch gegeben. Diese Anhnglichkeit, die sich so unumwunden zu
uern begann, wirkte widrig auf die Feinde des bhmischen Predigers, und
vermochte sie, die fortdauernde Abwesenheit des Kaisers zu bentzen, und ihrer
Rachsucht den Zgel zu nehmen, damit sie den ersten entscheidenden Schritt thue.
Die Vorbereitungen zu demselben konnten nicht so heimlich gemacht werden, da
nicht die Ahnung, davon nach aussen gedrungen wre. Hussens Freunde, seine von
dem Knig Wenzesla ihm mitgegebnen Wchter, die Edlen von Chlum und Lanzenbrock
wurden gewarnt; er selbst wurde ermahnt, auf seiner Hut zu seyn, aber sein
unbegrnztes Vertrauen auf Gott und Frstenwort, - ein Brge seines groen
Herzens, - lie ihn alle gutgemeinten Winke zu seiner Rettung bersehen.
Furchtlos, wie sonst, wandelte er zu den Verhren, die von mehreren mit der
Untersuchung seiner Glaubenslehren beauftragten Cardinlen gegen ihn eingeleitet
worden waren, und er ahnte nicht, da auf einem dieser Gnge das Unglck
riesengro auf ihn einschreiten wrde.
    Der achtundzwanzigste November war ein heiterer Tag. Papst Johann, von einer
geringen Unplichkeit genesen, sa am halb geffneten Fenster seiner Wohnung,
um die sanft erwrmenden Strahlen der scheidenden Mittagssonne zu geniesen. Vor
ihm stand Herzog Friedrich von streich in eifrigem Gesprch begriffen. Sein
Auge blitzte, und die Rechte ruhte mit stolzem Bewutseyn auf der Brust.
    Meine Quellen lgen nicht; sprach er heftig: Wenn ich Aufpasser
aufstelle, so zahle ich kniglich, und mir dient man besser, als dem Kaiser, der
immer nur das Geld vonnthen hat. Ew. Heiligkeit mag mir glauben auf
Frstenehre, ... sie vollfhren's, ist's nicht heute, so ist es morgen ganz
gewi.
    Der Papst wiegte bedchtig das Haupt hin und her, schob das Fenster zu, und
trat vertraulich zu dem Herzog.
    Lat, lieber Sohn, die Schranken der Frmlichkeit zwischen uns fallen;
sagte er mit so anmuthiger Miene, als sie sein fnistres Gesicht nur zulie: Ihr
gebt demnach den Hu verloren?
    Unwiederbringlich; erwiederte der Herzog, die Cardinle sind darber
einverstanden, glaubt mir's.
    Hm! meinte Johann: im Grunde ist wohl an dem Heresiarchen nichts gelegen.
Der Fanatiker predigt eine Kirchenverbesserung, wo beinahe keine nthig ist. So
lange wir - das sichtbare Oberhaupt der Christenheit diese Nothwendigkeit nicht
einsehen - soll auch ein gemeiner bhmischer Pfaffe das Maul nicht unntz
aufthun.
    Vergebt, heil. Vater; antwortete der Herzog, nothwendig ist ein Umgu
allerdings, doch ist er nicht bequem. Da steckt der Knoten.
    Lat das; versetzte der Papst achselzuckend: Wenn aber der Bhme
ergriffen und gerichtet wird, wie steht es dann mit des Kaisers, wie mit unserm
Wort, das, wir ihm gaben auf seine Unverletzbarkeit?
    Mit Sigmund's Worte steht es schlecht, wie immer; erwiederte Friedrich
spttisch: Den Luxemburger kmmert ein Treubruch nicht, er ist aus einem
Geschlecht, das an Geld stets Mangel, aber an leeren Eiden immer Ueberflu hat.
- Euer Wort knnt Ihr salviren, wenn Ihr gegen das Verfahren Euch verwahrt, von
dem Ihr ohnehin nichts gewut.
    Wird aber die Welt es glauben, da wir um unsrer Kardinle Thun nichts
gewut? fragte der Papst bedenklich.
    Ohne Zweifel; uerte Friedrich kalt: Sie sieht schon jetzo in Euch nur
den Gefangnen Eurer eignen Kirche.
    Wie? rief Johannes.
    Nicht anders, bekrftigte der Herzog wie oben: Tuscht Euch nur selber
ber Eure Lage nicht. Trotz der ehrfurchtgebietenden Pracht, die Euch umgibt,
seyd Ihr wenig anders daran, als der rebellische Ketzer Hu. Droht Euch gleich
nicht der Scheiterhaufen, so hngt doch ein verdammend Urtheil ber Euerm
Haupte, wenn nicht Eure Klugheit und Eurer Freunde Schutz dem bel wehrt. Denkt
selbst, heil. Vater, welch ein Schauspiel Ihr der Welt gegeben. Ein Nachfolger
des heil. Petrus, der dem Kaiser gehorsam gen Deutschland folgt, wo dieser fr
gut gehalten, ein Concilium auszuschreiben. Ein Papst, der unthtig hier auf
denselben Kaiser wartet, der ihn htte erwarten und empfangen sollen; ein
Statthalter Jesu Christi endlich, der Nichts von dem wei, was die um ihn
versammelten Priester beschlieen, wenn nicht ein Freund, oder ein durch
Vaterland und Eigennutz mit ihm verbundner Pfaffe ihm es mittheilen. Was folgt
aus Allem dem?
    Ihr habt Recht, lieber Sohn; entgegnete der Papst bekmmert: O die bse,
bse Zeit! Die Cardinle, die ber den Ort des Concils unterhandeln sollten, und
von mir geheime Weisung erhalten hatten, in keinen zu willigen, der meiner Wrde
Nachtheil bringen mchte, haben mich verrathen. Zu spt werden sie einsehen, wie
sie sich gebettet. Sollte der strrische Benedict triumphiren .....
    Sorgt nicht, heil. Vater! unterbrach ihn der Herzog: Nicht Benedict,
nicht Gregor wird siegen. Die allgemeine Stimme fordert, da Petri Stuhl wieder
erledigt, und neu besetzt werde. Euch darauf zu erhalten, fllt dem Kaiser nicht
ein. Sein bser Wille log Euch frei Geleit, und wr's auch nicht bser Wille,
... der Schwchling vermag Euch nicht zu schtzen gegen den Ha der Englnder,
der Franzosen und der Deutschen, die Eure Legaten anders htten behandeln
knnen.
    Welch einen Abgrund ffnet Ihr vor uns? fragte Johannes bestrzt:
Gestaltet sich Alles, wie Ihr sagt, so sehen wir keine Hlfe ab. Wir mssen
unterliegen.
    Das mu Ew. Heiligkeit nicht; erwiederte der Herzog fest: Wahrlich nicht,
so lange Ihr auf Freunde rechnen knnt, deren starke Arme Euch ber der Fluth
halten. Ihr habt drei nicht unbedeutende Wchter fr Eure Sicherheit aufgestellt
durch kluges Werben. streich, Baden und Burgund halten Euch aufrecht gegen die
gesammte Macht des Ltzelburger's und seines Anhangs.
    Dem Markgrafen traue ich nicht ganz; versetzte Johannes bedenklich: und
der Herzog von Burgund ist weit. Wie, wenn im Augenblicke der Gefahr die beiden
Sttzen wichen?
    Dann habt Ihr mich; antwortete Friedrich mit khnem Stolze: Alles
Erdreich ist streich unterthan! Das Wort ist ewig, und ich halt's Euch, sollt's
mich Land und Leute kosten. Frei fhre ich Euch von bannen, ohne da man's wagen
drfte, Euch ein Haar zu krmmen.
    Wackrer Frst! rief der Papst, von einer dankbaren Regung, bermannt:
Solcher Treue rhmen wir uns in Wlschland nicht. Ihr richtet uns auf in unserm
Kummer, und niemand ist wrdiger, der Bannertrger des heil. Stuhls zu heien,
denn Ihr, edler Habsburger. Der Herr der Heerscharen sey ferner mit Euch!
    Ein Gewoge und Gebrause wurde auf der Strae vernehmlich. Der Herzog trat
an's Fenster, warf einen Blick hinab, und winkte dem Papste, mit den Worten:
Seht, seht, heiliger Vater, ob ich ein falscher Prophet bin. Die Erfllung
folgt meiner Rede auf dem Fue. Da kmmt der Hu die Strae herab, umringt von
Partisanen und gebunden, wie mich dnkt. Das heutige Verhr hat demnach den
Ausschlag gegeben!
    Der Papst eilte an das Fenster, trat aber alsobald schamroth zurck, da er
den Verrathenen ersah, der in seinen Banden ruhig wie ein Heiliger daherschritt,
und, als wollte er den heiligen Vater an sein gegebnes Wort mahnen, den Blick zu
ihm in die Hhe warf. Des Volkes Auflauf tobte um den Gefangenen her, und die
zum Tod entsetzten, in ohnmchtiger Wuth sich verzehrenden Freunde und Hter des
Dulders, waren durch die ungestme Menge von seiner Seite gerissen worden. In
geringer Entfernung von des Papstes Wohnung hatte ein neuer Auftritt in dem Zuge
Statt. Ein untersetzter Kerl, der Diener eines italinischen Doktors hatte sich
Bahn durch das Getmmel gemacht, um den Ketzer zu sehen, dessen Verhaftung dem
blindwthenden Pbel neue Waffen in die Hnde gab. Die Wchter des Gefangenen,
die jede mitleidige Seele mit Lanzensten von ihm jagten, lieen den frechen
Burschen heran, der mit viehischer Roheit den Wehrlosen in's Gesicht schlug. Hu
litt die Mihandlung mit Standhaftigkeit und stummer Lippe, aber die Vergeltung
sa der Unthat schon auf der Ferse. Ein junger Mann packte den tckischen
Italiner beim Kragen, und warf ihn mit einem Fustoe zur Erde nieder. Zugleich
sah er sich kampflustig mit geballten Fausten unter den Umstehenden um,
erwartend, ob nicht jemand Lust haben mchte, die Partei des Geschlagenen zu
nehmen. Die Rechtlichern unter dem Volke und den Zuschauern an den
Huserfenstern riefen ihm Beifall zu. Das Gesindel frchtete sich vor
gleichwichtigen Schlgen. Um so mehr fiel aber die Begebenheit auf, als der
Jngling in die schwarze. lange Schleppentracht junger Subdiakonen gekleidet
war. Die Kappe mit der Quastentroddel sa trotzig in die Stirn gedrckt, die
Schleppe des Gewandes hatte der Kmpfer um den linken Arm gewickelt, den rechten
rmel aufgeknpft und aufgeschrzt. Mit einem derben Haarzauser entlie er den
bestraften Wlschen, da ihm Hu zugerufen hatte: Dank, junger Freund! schone
aber in dem Verblendeten den Menschen! - Eifrig begann er nun, whrend der
Gefangene in die Gasse gefhrt wurde, wo das Kloster, sein angewiesener Kerker,
stand, die alte Ordnung seines Kleides wieder herzustellen. Da vernahm er hinter
sich die Worte, die eine volltnende Frauenstimme sprach: Seht, mein Herr von
Knigseck! das wre ein Mann nach meinem Geschmack. Schnelle Entschlossenheit
und kecke That zieren das starke Geschlecht! - Verwundert sah sich der junge
Mann nach der Sprecherin um, und erblickte die herrliche Gestalt eines stolzen
Weibes, das gerade mit einem Rckblick auf ihn, am Arm eines zierlich
gekleideten Begleiters in die Thre eines ansehnlichen Hauses trat. Der
geschlitzte Hut mit bunten Federn bekrnzt, den das Frauenbild auf dem braunen
Haupthaar trug, die Perlenschnur, mit welcher ihre Stirne geschmckt war, das
bauschige Gewand mit Goldspangen und kstlichem Pelzbesatz, die gelben
Schnabelschuhe mit Pelz gefttert, und die schweren silbernen Schellen, die den
breiten Sammtgrtel zierten, verriethen den Reichthum und den hohen Stand der
schnen, trotz ihrer Blsse anziehenden Frau. Der junge Geistliche war von dem
berraschenden Schauspiel fest gebannt auf seiner Stelle, bis ihn das Gerusch
vieler an ihm vorbeikommenden Menschen erinnerte, da er sich auf der Strae
befinde. Der Herzog von streich kehrte mit seinem Gefolge in seinen Hof zurck.
Prchtig gekleidete Zinkenblser traten dem Geleite voraus, ihre blitzenden
Instrumente ruhig in den Hnden tragend, um sie an jeder Kreuzstrae erschallen
zu lassen, den Ruhm ihres Gebieters zu verknden. Trabanten in streichs Farben,
die Hellebarden auf der Schulter, folgten, und hinter dem stolz flatternden
Banner mit streichs und Tyrols Wappenschildern ritt der Herzog, umgeben von den
Edeln seines Hauses. Pagen berhrten seine Steigbgel, und den goldgeschmckten
Zaum seines Pferdes, und besondre Leibwchter in blanken Brustpanzern, mit
Mordxten bewaffnet, schlossen sich unmittelbar, die Letztern des Zugs, dem
Gebieter an. Das scharfe Auge des Letztern hatte schon vor des Papstes Fenstern
den jungen Mann im geistlichen Gewande erkannt, und sein Finger winkte denselben
an sein Pferd heran. Im weiten Kreise standen abweichend die Begleiter, die
Strae sperrend durch ihr Stillhalten. Der Herzog bckte sich vertraulich ber
den Hals des Gauls zu dem Jngling herab, und fragte halblaut: Was macht Ihr
denn fr Tollmannsstreiche, Dagobert? Faselt auf der Strae umher in dem
Kirchenrock, der Euch nicht kleidet, und begeht noch obendrein das Verbrechen,
Euch eines Unglcklichen anzunehmen! Das wird Euch Verdru bringen und Ha
erwerben.
    Hatt' ich nicht Recht? fragte Dagobert: Ich scheere mich nicht um des
Bhmen Lehre, aber Mensch bleibt Mensch, und Ihr, gndiger Herzog, httet an
meiner Stelle nicht um ein Haar anders gehandelt.
    Friedrich besann sich einen Augenblick, dann nickte er zugebend mit dem
Kopfe, sprechend: Ich glaube es beinahe selbst, aber ... junger Patrizier ...
wollt Ihr Menschenrechte vertheidigen, so zieht die Kutte aus. Man kann darin
den Arm nicht frei regieren, so wenig als den Mund. Auf Wiedersehen!
    Er zog seines Wegs, und Dagobert ging den seinigen. Der Herzog hat nicht
Unrecht, sagte er zu sich selbst, aber wie ist das zu ndern? Fr mein Leben
gern krche ich wieder in mein kurz Rcklein und handthierte mit dem Rappiere,
aber der Mutter Gelbde, mu ich wohl halten. Wie glcklich sind diejenigen, die
frei sich bewegen knnen, wie sie wollen, und den Kelch des Lebens trinken
knnen, wo sie wollen, nur nicht am Altare. Ich Armer kann nichts thun, als sie
beneiden, und mu zusehen, wenn sie hbsche Frauen heimfhren drfen, wie die,
welche ich heute sah. Ich aber mag Psalmen singen, und Prozession laufen, oder
den gewissenlosen Pfaffen machen, vor dem jeder rechtliche Christ das Kreuz
schlgt. Das Letztere verhte aber Gott!
    Ei, um aller Heiligen willen, deren Frsprache mir auf dem Sterbebette Noth
thun mchte! was ficht Euch an, da Ihr also umherwandelt, bei hellem Tage, ein
lebendiger Leichnam, ohne Sinn, Gehr, Gesicht und Wortes? fragte Gerhard's
Stimme pltzlich neben dem Patrizier, der verwundert aufsah, und mit einem
bittern Lcheln antwortete: I nu, lieber Hlshofen, ich freue mich kindisch auf
den Augenblick, wo ich Papst seyn werde.
    Wollte Gott, Ihr wrt's; rief Gerhard, so knnt' ich vielleicht auf
Absolution hoffen, oder auf Dispens von den Fastenspeisen, die mir gegenwrtig
wie Blei im Magen liegen. Unser Wirth im Engel, ein abgefeimter Spitzbube, der
frherhin kaum am Freitage Fleisch, Butter und Eier weglie, ist durch das
Concilium so heilig geworden, da wir Mittwoch, Freitag und Sonnabends nichts
als Fisch, Mehl und l zu sehen bekommen.
    Faste und bete, da Du nichts zu schaffen hast, predigte Dagobert, und
wollte von dannen, aber Gerhard hielt ihn zurck. Thut mir doch die Liebe,
sprach der Edelknecht, und gehet ein Sprnglein mit mir. Ich will mich eben zum
Meister Thomas begeben, dem feinsten Waffen- und Messerschmid zu Costnitz. Ich
lasse von seiner kunstfertigen Hand eine Klinge vom Rost subern, und wollt Ihr
einen Rckenklopfer sehen, wie ihn selbst Seine Majestt Kaiser Karl der Groe
nicht an der Hfte hatte, so kommt mit.
    Was sollen mir Eure Klingen? fragte Dagobert lachelnd: Ich fechte in
Zukunft nur mit Kerze und Weihwedel. berdie ist's mit dem Sonnenschein vorbei,
der Schnee beginnt sich wieder in leichten Flocken einzustellen, und ich sehne
mich nach der Ofenglut.
    O pfui! hhnte Gerhard: Junges Blut! was will aus Euch werden? Kommt mit;
wenn's Euch reut, die Waffe gesehen zu haben, so schlank und blank, da schon
das Anschauen allein in der Faust juckt, will ich nicht selig werden. 'S ist ja
auch nicht weit. Ein Fnfzig Schritte zurck .... seht, dort, wo der Kra mit
Kolbe und Morgenstern ber der Hausthre zu sehen ist.
    Dort? wiederholte Dagobert, und mit einem kurzen: Meinetwegen! hatte er
sich gedreht, und wandelte dem Hause zu, welches kein andres war, als dasjenige,
in dessen Pforte die schne Frau in der stolzen Schellentracht verschwunden war.
Die Werkstatt hinten im Hofe, war erfllt von lustigem Getse. Der Blasbalg
schnaufte, der Hammer klang, und zwischen durch Funkengeknister und Ambosgetn
schallten frhliche Lieder in schwbischer, bairischer und Schweizer-Mundart,
wie sie die Gesellen des Schmids aus ihrer Heimath mitgebracht hatten. Das
khne, unverdrossene Leben, das sich in dem schwarzen Gewlbe bewegte, lftete
wohlthuend Dagobert's Brust. Die starken Gestalten, die hier handthierten, der
winterlichen Klte wie der schmorenden Hitze zum Trotz halb entblst bis zum
Grtel, schwangen rstig die schweren Eisenkeulen, und das sprde Metall fgte
sich ihren Streichen, unter welchen der Gesang nicht verstummte. Dort trug Einer
eine Last Kohlen zur Glut, hier lschte ein Andrer das weigeglhte Eisen im
dampfenden Wasser, dort wurden zierliche Stahlklingen glatt und blank gemacht,
hier versuchte sich der Lehrling an der Vernietung einer Halsberge. Die Gewerbe
der Messerer, Waffenschmide und Harnischer waren hier in Eins verschmolzen, und
in der Mitte der tobenden Schar stand der stattliche Meister, mit prfendem
Blicke einen Turnier- und Brechhut musternd, der so eben fertig geworden war.
    Gr Dich Gott, Thomas! rief ihn Gerhard an: Wie steht's, alter
krauskpfiger Bursche? Was macht mein Stodegen? sitzt er noch im Roste, oder
kann sich ein hbsch Mdel darin beugeln?
    Der Kaspar dort im Winkel putzt gerade den Bgel; erwiederte Thomas:
wollt Euer Schwert betrachten, lieber Herr. Ich hab' den Griff mit baierschen
Hauben beschlagen lassen. Er sieht frnehmer aus, und haftet sichrer in der
Faust.
    Gerhard schritt auf den bezeichneten Kaspar los, und der Meister wendete
sich verwundert zu Dagobert: Womit kann ich Euch dienen, geistlicher Herr?
fragte er: Euer Gewand ist ein unerhrter Gast in meiner Werkstatt. Schwert und
Panzer bedrft Ihr nicht; die Messer zu Eurer Tafel besorgt Eure Kchenmagd, und
ich habe nicht einmal eine Tochter, noch ein Weib, denen zu Gefallen man sich
wohl einmal in die ruige Hhle eines Schmids verirren mchte.
    Ruchlose Gedanken! scherzte Dagobert mit dem Finger drohend: Vor der Hand
bin ich indessen hier nur in Begleitung jenes wackern Meisters vom langen
Schwerts, der sich eine Freude daraus macht, dann und wann die Kirche zu
schirmen. Setzest Du indessen durchaus einen andern Grund voraus, der mich zu
Dir fhrt, so will ich mich zu Deiner Ansicht herunter lassen, und Dir eine
Frage stellen, so kurz vom Zaune abgebrochen und so naseweis, als sich's gerade
schickt. Wer ist die Frau, die in Deinem Hause wohnt, die Stattliche, prchtig
Gekleidete? Mich drngts, darber Auskunft zu erhalten, wahre Kunde,
wohlgemerkt.
    Hm! versetzte Thomas schmunzelnd, und auf einen Menschen weisend, der mit
verschrnkten Armen und lchelndem Gesicht herzugetreten und aufgehorcht hatte:
Ihr knnt Euch an keinen bessern Kundmann wenden, als an diesen, hochwrdiger
Herr! Er wei von seiner Gebieterin vortrefflich zu berichten.
    Dagobert beschaute flchtig das Antlitz des Empfohlnen, und fand es gemein,
einer breiten Ochsenlarve nicht unhnlich, aber geeignet, Vertrauen einzuflen.
    Es ist weiter auch kein Geheimni dabei; sprach der Breitstirnige
gleichmthig: meine Herrin nennt sich das Erbfrulein von Baldergrn am
Harzwalde. Sie ist, wenn nicht die reichste, doch auch nicht die rmste
Edeljungfrau. Zwei freie Sassen zinsen ihr, und, mich dazu gerechnet, zhlt sie
sechzehn Halseigne, die ihr dienen.
    Wird sie lange hier verweilen? fragte Dagobert mit steigender Theilnahme.
    Wei nicht, erwiederte der Knecht achselzuckend: doch sollt' ich's
vermuthen. Es heit, sie werde sich hier vermhlen.
    Vermhlen! rief Dagobert rasch: Mit wem!
    Meiner Treu! lachte der Knecht: Zweie lassen ihr die Wahl. Der Herr von
Knigseck, oder der von Montfort, einer von Beiden wird's am Ende seyn.
    Ich danke Dir! versetzte Dagobert unwillig, ohne der Ursache sich bewut
zu seyn, und kehrte dem Berichter den Rcken zu. Gerhard trat just mit seiner
schngeputzten Waffe herbei, und pries dem Jngling ihre Vorzge. Dieser
berhrte jedoch Alles, was der Gewehrkundige von Bgel, Korb, Stahlschnitt,
Knopf und Spitze sprach, und ging mit ihm hinaus, ohne von Meister und Knecht
Abschied genommen zu haben. Thomas schttelte den Kopf, und die Gesellen
thaten's ihm nach. Sie konnten den jungen Geistlichen nicht begreifen; am
wenigsten konnten's diejenigen, die ihn vor einer halben Stunde in rstigem
Fauststreit gesehen hatten, und nun sein bldzerstreutes Wesen nicht zu reimen
vermochten. Der Knecht jedoch vermochte es am Besten: Dem hat's mein Frulein
angethan; brummte er pfiffig in den Bart, und ging hinauf, seiner Herrin zu
berichten, es sey nun nicht mehr nthig, nach dem jungen Manne zu forschen, wie
sie ihm geboten; dieser habe selbst sich schon nach ihr befragt, und nur eines
Winks bedrft es, ihn ihrem Befehle gehorsam zu machen, wenn sie anders Lust
habe, ihm Befehle zu ertheilen.

                               Siebentes Kapitel.


 In Treuen fest
 Wr' wohl das Best',
 Doch hltst Du es nicht fast in Ehren:
 Du Minnedieb,
 Der Du zum Lieb
 Nur, was Dir nicht ziemt, willt begehren!
                                                                 Fastnachtspiel.

Seit mehreren Tagen hatte sich Dagobert nicht im Hause seines Oheims blicken
lassen, und wurde doch von dem Letztern, wie von dessen Freundin Fiorilla
sehnlichst erwartet, wenn gleich aus verschiednen Beweggrnden. Sein endliches
Erscheinen nach dem sonntglichen Hochamte befriedigte die seiner harrenden
Seelen. Zum groen Befremden des Jnglings schien weder der geistliche Zuschnitt
seines Rockes, noch die ernste gesammelte Miene, mit der er eintrat, einen
besonders gnstigen Eindruck auf den Prlaten zu machen. Im Gegentheile: Er
bewillkommte den Neffen finster und kalt; Fiorillens bedeutende Geberden und
scheues Fortschleichen wiesen auf Sturm. Ist es also, - begann Monsignore,
nach langer ungewisser Pause, - ist's also, da man sich vorbereitet zu dem
heiligen Stande, den man zu ergreifen gedenkt, nach Gottes und des Oheims
Willen? Schme Dich dessen, was ich von Dir vernehmen mute!
    Dagobert fragte schchtern nach der Snde, die er begangen haben sollte.
    Du willst nicht wissen, Dich nicht entsinnen? rief der Prlat:
verstockter, unbufertiger deutscher Tollkopf! Ich will Dir erklren, was ich
meine: Ein Jngling von altbrgerlichem Geschlecht, zum Dienst der
alleinseligmachenden Kirche bestimmt, in ihr Friedenskleid gehllt, wird auf
offener Strae ein faustfertiger Klopffechter, des Pbels Widerpart! Um einen
Ketzer zu vertheidigen, schlgt er einen Christen zu Boden! Das kann nur ein
Deutscher thun, der ein gewaltig zahmes Herz lgt, und, die seinem Gegner zu
beweisen, demselben kaltbltig eine Handvoll Haare, ein halbes Dutzend Zhne
oder ein Auge ausreit. Schme Dich, bereue, und bitte sogedachte Frevel dem
Herrn der Heerscharen ab. Noch einmal ein Wort fr den Ketzer verloren, - noch
einmal zu seinen Gunsten die Faust gezckt, und ich ziehe meine Hand von Dir ab.
- Keine Einwendung! Ich wei wohl, da Ihr in Deutschland selbst im Chorrock das
grobe burische Wesen nicht ablegt, das Ihr adelich Thun nennt; da Eure
Bischfe und Stiftsherren sogar zu Gaule steigen, und Eure Thurneien und
Ringelrennen mitmachen, als wten sie nichts anders zu treiben, als solche
sndliche Lustbarkeiten. An Dir jedoch will ich die Unheil nicht erleben.
Bereue demnach, und begib Dich in Demuth hinweg, um Dich vorzubereiten auf den
Besuch, denn Du Morgen bei Sr. Eminenz dem Erzbischof von Ravenna ablegen wirst.
Ich tafle heute bei dem hochwrdigsten Herrn, und will den gerechten Zorn, den
er gegen Dich empfindet, welchen ich bereits seiner Gunst empfohlen, in die
gewohnte Milde umzustimmen suchen. Doch thue ich dieses nur die Erste- und
Einzigemal; wohl zu merken. Entferne Dich! -
    Dagobert nahm die Predigt stillschweigend hin, verlie ebenso das Gemach,
und wurde von Fiorillen, die seiner auf dem Vorplatze wartete, unter Bedeutung
der vlligsten Heimlichkeit in ihre Stube gewiesen. - Monsignore hlt seinen
Imbi heute auswrts; flsterte ihm die Schlaue zu: bleibt bei mir zu Gaste,
und rhrt Euch nicht, bis der Ohm von dannen ging. - Dagobert lie das Mdchen
lchelnd gewhren, und verschmhte die leckre Kost an dessen Seite nicht. Nach
einer langweiligen Stunde verlie der Oheim das Haus, und Fiorilla rstete die
Tafel mit ausgesuchter Zierlichkeit. Die Speisen wurden durch sie selbst
heraufgeschafft, der umherlauernde Diener mit einem Trinkgeld vergngt, und in's
Weinhaus gesandt; die Thre verschlossen, und Base und Vetter setzten sich in
friedlicher Einsamkeit zu dem Mahle, geschmckt von den Krnzen der Ceres und
des Bacchus. Fiorilla htte nicht ungerne den kleinen heidnischen Gott, der
gewhnlich die Dreizahl voll macht, mit in die Gesellschaft gezogen. Aber
umsonst. So freundlich ihre Worte und Geberden den kleinen Schalk einluden, so
blieb er doch aus; er scheute sich vor Dagobert's Unempfindlichkeit, die, im
Anbeginn unter der gleienden Larve des unbefangensten Frohsinns verborgen,
gegen Ende der Mahlzeit in ein nachdenkliches Schweigen berging. - Fiorilla's
Spott rttelte ihn aus demselben. Da plaudre ich nun, und plaudre mir die Zunge
lahm, rief sie schckernd: und Ihr sitzt da, wie aus Holz geschnitzt. Bekennt,
was Euch so fhllos gegen die Rede einer jungen muntern Dirne macht, die Euch
fr ihr Leben gern gefallen mchte. Was ist's, das Eure Lustigkeit dergestalt
herabstimmen konnte? Ist's die Bupredigt Eures Ohms, so schlagt sie Euch khn
aus dem Sinn. Er ist auch kein Heiliger. Ist's die Erinnerung an ein verlassenes
Liebchen, so vertraut Euren Kummer meiner uneigenntzigen Freundschaft. Oder
wre es vielleicht die Bewerbung um meines Herzens Gunst, die Euch auf der Zunge
sitzt, und muthlos, nicht sich auszusprechen wagt ...? nur keck heraus damit.
Wer wei, sagte ich: Nein darauf.
    Dagobert, ohne einen Augenblick in Verlegenheit zu gerathen, sprach nach
kurzem Besinnen: Lieb Bschen! des Oheims Donnerworte sind mir schon nicht mehr
im Gedchtni߫, bekmmern mich folglich keineswegs. Ich hrte, so zu sagen,
eigentlich gar nicht auf sie. Eben so wenig denke ich um Eure Gunst zu freien.
Soviel ich deren bedarf, um in Euch die uneigenntzige Freundin zu schtzen,
habt Ihr mir bereits zugewendet. Ein Mehreres verbietet mir mein Stand und die
Liebe fr den Ohm zu begehren. Auch denkt Ihr nicht daran. Daher darf ich Euch
frank und frei vertrauen, da Euer Scharfsinn den rechten Zweck getroffen, indem
Ihr von einem verlassenen Lieb spracht, und von dem Gedchtni an dasselbe.
Wenn Ihr's erlaubt, und nicht dem Oheim, mindesten nicht mit rgerlichen
Zustzen, das Gesagte wieder sagen wollt, so mchte ich wohl meinem Herzen Luft
machen durch ein frei Bekenntni, auf die Gefahr hin, von Euch gescholten oder
ausgelacht zu werden, denn die Historie meiner Liebe ist nicht die
gewhnlichste. - So schnell, auch die ersten Worte Dagoberts Fiorillens Antlitz
mit Unmuth beschattet hatten, so schnell erheiterte dasselbe des Mdchens
natrliche Herzensgte, und die dem Geschlechte eigene Neugier und Theilnahme an
Sachen der Minne. Sprecht! versetzte sie: Freundschaft gelobe ich Euch, und
Bewahrung Euers Vertrauens. Nicht dem Schilf am See, nicht dem verschwiegenen
Ofen will ich gestehen, was ich von Euch erfahren soll, sey es eine Wahrheit
oder gefllige Lge! -
    Keine Lge, Mhmlein von Cesena; versicherte Dagobert, die lautere
Wahrheit hingegen. Hrt aufmerksam zu. Es mgen ungefhr zwei Jahre verflossen
seyn - nein; zu nchsten Frhling werden es zwei Jahre; da gab der Rath unserer
Stadt ein groes Kampfspiel auf dem Rmerberg, zu dem alle gute und ebenbrtige
Leute aus Stadt und Gegend geladen waren, und auf dem die altbrgerlichen
Geschlechter mitstritten zu Pferd und zu Fu. Es wre mein Tod gewesen, htte
ich mich von solchem stattlichen Rennen ausschlieen sollen. Ich stach daher
auch mit, in Stahlhaube und Panzer, und ritt meines Vaters tollstes Pferd,
Trotzteufel genannt, das seines Gleichen sucht in Strke und Unbndigkeit.
Ziemlich eitel von Geburt, suchte ich meinen Stolz darin, den Gaul zu reizen mit
Sporn und Zgelri, da er stieg, wieherte, sich herumwarf im Kreise, und
endlich, hinten und vorne ausschlagen, zu bocken begann, da allen Zuschauern
Hren und Sehen verging, und Sand und Kies hinaufsprhte zum Altan, wo die
Stechgrafen saen und die Frauen. Da ich mein Mthchen gekhlt hatte, und mich
wendete, um gegen meinen Mitkmpfer anzusprengen, so hrte ich unfern von mir,
von den Schranken herunter, ein boshaftes Gelchter schallen, und ersah einen
hlichen Kerl, der, in seiner ritterliche Tracht auf dem Geplnke sitzend, wie
toll aufwieherte ber meine Reiterknste, whrend alle brigen Zuschauer sie
bewunderten. Ich drohte zrnend dem geputzten Wicht mit der Faust, und dachte er
wrde Ruhe geben. Statt dessen zieht mir der Bube eine boshafte Fratze. Darber
entrstet, winkte ich schnell den Trompetern zu schweigen, meinen Gegner nicht
anzusprengen; reite darauf gestreckten Zuges an die Planken hin, und schlage dem
rothhaarigen Tlpel, - der das Turniergesetz verletzte, das jede Beleidigung und
Strung der Kmpfenden verpnt, - mit der Glane dergestalt ber die Affennase,
da er von seinem Sitze herab in den Straenkoth purzelt. Da er ohne einen Laut
von sich zu geben, noch irgend eine Urkunde seines Lebens dahinstrzte und
liegen bleibt, gewinnt das Mitleid schnell bei mir die Oberhand. Ich schwinge
mich, des Panzers ungeachtet, schnell vom Pferde und ber die Schranken, und
springe dem Elenden bei, der von neugierigen Zuschauer aufgehoben worden war. So
wie ich aber dem Burschen das Wamms lfte, schlgt er die Augen, auf, und stt
mich mit der geballten Faust zurck, wie ein Wahnsinniger schreiend: Fort! rhr
mich nicht an, verfluchter Goi! Durch diesen Ausruf verrieth er sich als einen
Juden, und weckte auf's Neue meinen Zorn und den aller Umstehenden. Ein Jude!
brllte der Haufen, und hundert Fuste erhoben sich drohend, denn es ist jedem
aus dem Volke Abrahams streng bei uns verboten, einem feierlichen Spiele
zuzusehen, weil der mignstige Blick des Zuschauers schon zum Schaden wirken
kann, geschweige erst die tckische Zauberformel, deren sich oft die Juden
bedienen sollen, um den Christen jede Lust in Leid zu verkehren.
    Das ist wohl ein Aberglaube! meinte Fiorilla, und fuhr etwas verlegen mit
dem feinen Tchlein ber die errthende Stirne.
    Mglich! versetzte Dagobert, gleichmthig: Ich sage nur, was uns von
Kindheit an Amme, Eltern und Schulmeister einprgen. Genug; dem Rothkopf bekam
seine Neugierde bel. Ich konnte mich vor Wuth, von einem Juden mihandelt
worden zu seyn, nicht fassen. Rechts und links schmetterte ich mit dem
Blechfustling dem Buben in das hliche Angesicht, und das Volk ri indessen
die prchtigen Kleider in die er sich verkappt hatte, in Stcken. So hatten wir
ihm eine gute Strecke von dem Schrankewerk hinweg das Geleite gegeben, als
pltzlich einige alte Juden aus ihrer Gasse herbeieilten, sich darein mischten,
den Bestraften ihren Freund und Verwandten nannten, und uns bei allen
Verdiensten der Erzvter beschworen, inne zu halten. Ich wre wenig geneigt
gewesen, dem Geschrei und Gejammer der Langbrte nachzugeben, htte nicht mit
einem Male eine seidenweiche Hand meine drohende Faust aufgehalten, und eine
zarte Stimme zu mir emporgefleht. Verwundert blickte ich hernieder, und sah ein
jdisches Mgdlein vor mir stehen, in reizlose Tracht gekleidet, so wie die
Volk gewhnlich auf der Strae gesehen wird. Verchtlich stie ich sie von mir,
und wollte dem Haufen nach, der sich mit dem Mihandelten und seinen
Frsprechern einige Schritte von meiner Seite gewirbelt hatte, da hielt mich das
Mgdlein zum zweiten Male auf, und wenig htte gefehlt, so wre sie zu meinen
Fen gesunken. Mit einem derben Fluche wollte ich die Zudringliche noch einmal
von dannen weisen, aber da mein Auge zrnend auf ihr Antlitz blitzte, da war im
Nu mein Zorn vorbei, und nicht um die Welt htte ich ferner ein hartes Wort zu
der Dirne gesprochen, die mit den Blicken eines bittenden Engels aus dem groben
Schleier sah, und mit der Zunge der Alles gewinnenden Demuth die Worte zu mir
sagte: O schlagt nicht mehr, lieber Herr! schlagt nicht mehr! Zodick ist ja kein
Hund; er ist unser Knecht, und wird sicher nimmer thun, was Euern Zorn gereizt!
-
    Dagobert lehnte sich hier in den Stuhl zurck, drckte beide Augen, zu, als'
suche er das gegebene Bild noch einmal aus der Vergangenheit zurckzuzwingen in
die Gegenwart, und fuhr dann mit sanfter Stimme fort: Erwartet, liebe Fiorilla,
keine Schilderung der Schnheit dieses Mdchens; selbst die Eure mte ihr
weichen. Erwartet eben so wenig einen Bericht, wie sich pltzlich mein Herz
gewandelt. Genug, es war so. Der Leue war zum Lamm geworden. Mein Grimm hatte
den hmischen Buben der Rache berliefert, mein Frwort entri ihn den Klauen
seiner Feinde. Als ihn nun seine Glaubensbrder hinwegfhrten, fhlte ich einen
heien Ku auf meiner Hand, und siedwarme Thrnen. - Die Dirne war es, die mir
also ihren Dank bezeugte. Die Hand zog ich zurck, doch nicht das Auge, das
eingewurzelt schien in die Flle von Liebreiz., die des Mdchens Antlitz darbot.
Sie war aber umsichtiger als ich; Lebt wohl, guter Junkherr! flsterte sie, ich
mchte Euch zwar gerne sagen, wie hoch ich Euch verehre, aber es ist Euch eine
Schande, eine elende Jdin auf offener Strae anzuhren, darum vergnnt mir nur
die Andenken von Euch mir zuzueignen. Sie bckte sich schnell nach einer
schlechten Feder die meinem Helmbusche entfallen war, drckte sie heftig an die
Lippen, verbarg sie im Busen, und entfernte sich rasch. Wie ein Trumender gieng
ich zu dem Rennen zurck, aber mir war die Kampflust vergangen, ich mied den
Kreis meiner Gesellen, die mit roher Schadenfreude das Abenteuer mit dem Juden
ausposaunten; Kra und Haube warf ich von mir, griff zur Laute, und
verklimperte den Tag und den Abend im einsamen Stblein. Je mehr ich aber
klimperte, je nher trat mir das Bild des Mgdleins; trotz dem Abscheu, den ich
von Kindheit auf gegen das ganze Volk der Hebrer hegte, wurde mir dieses Bild
immer lieber, immer traulicher, so oft ich die Saiten rhrte, die jetzt nur der
Minne klangen, wie frher dem lustigen Scherz, - so trat die liebliche Gestalt
in meine Zelle, neigte sich, und schien mit dem Lcheln der Sehnsucht meinen
Tnen zu lauschen. Wie selig war ich dann! Zwar sagte ich nur oft: du wirst noch
den Veitstanz gewinnen, wenn das Gebreste so fort geht. Sey nicht aberwitzig und
kein Dummbart, der sein Quentlein Verstand an das glhende Gesicht einer Dirne
verliert, die nicht einmal an den Heiland glaubt. Mein Lehrmeister, der
Predigermnch Johannes, ersah wohl meinen Trbsinn, meine wehmthige
Freundlichkeit, errieth deren Ursprung. Die Minne qult Dich und schafft Dir
Herzeleid, sagte er warnend, hte Dich, mein Sohn, Du bist bestimmt der Jungfrau
jungfrulich zu dienen, und darfst dem Geluste der Sinne nicht nachhngen. Bete,
mache das heil. Kreuzeszeichen so oft der Versucher zu Dir tritt, und genese! -
Ich folgte seiner Lehre, ich betete, schlug das Kreuz, und genas doch nicht. Im
Gegentheil: ich lernte immer mehr das verfhrerische Siechthum lieben, in das
ich verfallen war.
    Ihr Glcklicher! rief Fiorilla, ausbrechend in wehmthige Theilnahme:
Euch haben die Rosen des Lebens geblht; nicht jeder sieht diese Blthen mit
unentweihtem Sinn!
    Mein Sinn war rein, und ist es noch jetzt; betheuerte Dagobert, aber im
selben Grade ist krftig meine Brust, und gesund mein Herz. Die Minne und ihre
Sehnsucht wischten nicht das Roth von meiner Wange. Der Trbsinn, eine fremde
Erscheinung in meinem Leben ward nach einiger Dauer von der Frhlichkeit
niedergekmpft. Ich nahm wieder Theil an den Festlichkeiten der Stadt und der
Geschlechter, an den Gelagen meiner Jugendgesellen und Gefhrten, ich stieg
wieder zu Pferd, und besuchte Forst, Hain und Flur. Endlich glaubte ich es ohne
Nachtheil wagen zu drfen, meine Thorheit, wie ich's' nannte, herauszufordern.
Ich ritt durch die Judengasse, und hoffte diejenige zu sehen, die mir's
angethan, hoffte dem unbegreiflichen Zauber Hohn zu sprechen mit gesthltem
Herzen. Aber ... seltsam ... schon beim Eintritt in die schmutzige Strae,
winkte der Bann auf's Neue. Ich, der sonst nur Muthwille halber hier meinen Weg
durchnahm, die Buben und Mgdleins der Ebrer durch das wthende Dahersprengen
meines Rosses erschreckend und in die Flucht treibend; .. ich, der zuerst unter
dem Jubelruf der Freunde es unternommen hatte, in eine jener alterthmlichen
Judenhtten einzureiten, zu Pferd meinem Besuch in der Stube zu machen, wo der
Hausvater mit den Seinen zu Tische sa, und beinahe den Tod hatte vor Schrecken
ob des hhnenden Gastes, der die Runde um die Tafel machte, das Estrich
aufwhlte, und mit Spottgelchter ber die in Staub krachende Schwelle seinen
Abzug nahm; ich lie jetzt das Pferd langsam gehen, und sphte sorgsam nach
beiden Seiten zu den erblindenden Fenstern auf, ob ich nicht die Holde gewahren
mchte, welche mich berckt. Und siehe ... wie verabredet erschien ihr Antlitz,
ihre Gestalt unter der Thre eines Hauses, des ansehnlichsten der Gasse. Mit
gespannter, berraschter Aufmerksamkeit schaute sie zu mir empor, und ein neuer
Reiz schmckte ihr heute von Locken und zierlichen Zpfen bekrnztes Haupt, die
Rosenglut der Scham, der feurige Wiederschein erfllter Sehnsucht. Ich zwang
meine hochklopfende Brust zur Ruhe, meine von schmerzlich sem Leid gespannten
Zge zu kalter Gleichgltigkeit und trabte vorber. Die Dirne grte nicht
...... obgleich sie mich nur allzuwohl erkannte; die Vorsichtige schonte mein
Gefhl. Sie blickte mir aber nach, so weit die krumme Gasse es verstattete, und
da ich an der Ecke zurckschaute, winkten mir noch ihre Augen, wie freundliche
Sterne. Seitdem sah ich sie oft, denn der neugestrkte Zauber trieb mich Tag fr
Tag zur selben Stunde durch den von Pferden und Reitern selten besuchten
Stadttheil. Und wie an der eingestrzten Pforte der Strae meines Rosses erster
Hufschlag erklang, so klang auch das Fensterlein jenes Hauses, und das
Zauberkind umgarnte mich mit neuen, allzulieben Schlingen. Ihr lchelt wohl,
lieb Mmchen, wenn ich Euch sage, da ber ein Jahr diese seltsame Minne
bestand, ohne ein dollmetschendes Wort zu finden; kaum einen dollmetschenden
Blick, da ich immerfort, wenn gerade nicht Klte, doch eine Ruhe heuchelte, die
mir, - sah ich die Schne, - so fremd war, wie der Galle die Sigkeit des
Honigs.
    O ihr Deutsche! lchelte Fiorilla, zgernd legt ihr selbst die Riegel vor
das Paradies.
    Mit Recht! erwiederte Dagobert: Steht die Pforte offen, so ist's das
Paradies nicht mehr. Hinter den Bergen die unsere Fluren bekrnzen, denken wir
uns schnere Auen, blhendere Matten, und finden, - haben wir die Hhen
berklettert, - nur die gewohnten Bsche und Felder wieder. Begehren ist Lust;
im Genusse wird sie stumpf. - Ich ritt also fort und fort meiner schnen Jdin
zu Hofe, und gefiel mir in der Sonderbarkeit meiner Neigung. Da geschah es, da
an einem Abend des verwichenen Sommers, - die Wchter hatten die zehnte Stunde
abgerufen, - Feuer entstand in der Nhe der Judengasse. Ein Reiterknecht war mit
brennendem Spann in den Stall seines Gauls gegangen, und ein Funke hatte den
Brand geweckt. Die Feuerglocke heulte vom Thurme, und auch in meine
Klosterstille drang das Getmmel der zum Brand fluthenden Menschenmenge. Schnell
war ich entschlossen meine thtige Hlfe nicht zu versagen, schnell hatte ich
mich in die Kleider geworfen, und kam athemlos auf dem Platze an, wo lngst dem
Mainstrom eine Reihe von Stllen, Heuschobern und Werkhtten in vollen Flammen
stand. Unser Volk ist brav und rstig, wo es zu retten gilt. Wasser wurde
herbeigeschleppt von allen Orten und Enden; schon einigemal hatte ich auf meinen
Rcken den vollen Bottich herzugetragen, und noch einmal ihn zu fllen, lief ich
weg aus dem Getse, da fiel mir eine weibliche Gestalt in die Augen, die, da wo
man eingeht in die Judengasse, unter dem Vorsprung eines Hauses auf eine Bank
niedergesunken schien. Entfernt von dem Gewhle der Menschen, forderte der
Anblick der hflos Verlassenen, vielleicht Ohnmchtigen, mein Mitleid auf. Ich
trat zu ihr; erstaunt, ein kstlich geschmcktes Mdchen zu finden, dem nur der
Schrecken die Kraft versagt hatte, weiter zu gehen; .... entzckt zugleich in
der festlich Geputzten die zu erkennen, die schon so lang in meiner Seele lebte.
Wir waren beide nur allzusehr betroffen, und kaum konnte ich die Worte stammeln:
Mein schnes Kind, wie kommst Du hierher, in diesen Gewndern? hier ist doch
Deine Stelle nicht! - O Herr, versetzte sie hierauf schchtern und demthig:
Zrnt mir nicht. Das Entsetzen mag mich entschuldigen, wenn ich Unziemliches
gethan. Wir feierten den Sabbath, der gerade heute eingegangen, geschmckt mit
unserm Kstlichsten, als die Feuerglut entstand. Mein Vater und Grovater wurden
aus dem Hause gerissen, und mit Schlgen zum Lschen angetrieben. Die Angst
vermochte mich, ihnen zu folgen, doch verlor ich sie aus den Augen, und sank
hier halb ohnmchtig zur Erde. - Whrend dieser erluternden Rede hatte ich mich
nicht abwenden knnen, von der hohen Schnheit, die hier, in abenteuerlichen
Prachtgewndern, wie sie wohl nur das Morgenland erfunden, vom fernen Glutshain
zauberisch beleuchtet, der Reize hchste dem Bewunderer verrieth. Die funkelnden
Ketten und Armbnder, das Geschmeide im Haare, der Perlengrtel konnten die
Herrliche nicht schner machen. Aber zu einer jener Feenkniginen verklren, von
denen die Minnedichter singen, und die schon oft das Glck eines Sterblichen
begrndet haben sollen. Wie hold bist Du! flsterte ich der Lieblichen in's Ohr,
und strmisch klopfte mein Herz, da sie zchtig und leise antwortete: Niemand
begehre ich zu gefallen, denn Euch, mein Herr. - Herr? fragte ich mit leisem
Vorwurf; Herr? warum nicht Freund? Ich schmiegte sie in meinen bebenden Arm, sie
entzog sich aber demselben und kte meine Hand. Nicht so, sprach sie, Freund
drft Ihr mir nicht seyn, wohl darf ich Euch jedoch meinen Herrn nennen, dem ich
zu eigen seyn mu fr und fr. Du mut, versetzte ich lchelnd; warum? der
Grund? - Nun drckte sie meine Hand an ihren Busen, an ihre Stirne, dann von
neuem an den Mund, und ich meinte, sie wrde meine Finger versengen mit dem
glhenden Hauche ihrer Lippen. Befremdet ob solch leidenschaftlichem Thun,
richtete ich das Mdchen ernst auf, und sagte zu ihr im selben Tone: nicht wolle
es sich lnger ziemen, mit ihr auf freier Strae zu kosen; ich sey bereit sie
nach Hause zu geleiten. Sie wollte das nicht zugeben, und wir hatten den Streit
nicht beigelegt, als eine lange grobe Gestalt um die Ecke tlpelte, mein Mdchen
pltzlich stille schwieg, ihren Finger auf meinen Mund legte, und sich in den
tiefsten Schatten des Vorsprungs zurckzog. Esther! Esther! wo steckst Du denn?
rief der ungebetene Gast mit rauher widerlicher Stimme, in der ich gleich die
des Buben erkannte, der mich auf dem Turniere beleidigt hatte. Nun juckte es in
der Faust, aber ich bezwang mich, und gestattete es, da die Gerufene sich
vllig hinter mir verbarg. Der rothkpfige Knecht starrte mich einen Augenblick
an, wich aber auf mein rauhes: Wer geht da? scheu zurck, und nherte sich dem
Gewhle der Lschenden, immer den Namen des Mdchens rufend. Wir schlpften
alsdann in die menschenleere Strae, und gelangten unter freundlichem Kosen an
Esther's Haus. Die Schatten des Hausganges nahmen uns auf. Hier fragte mich
Esther, ob sie mich wiedersehen werde. Bald zum Letztenmale, antwortete ich, und
vertraute ihr, ohne meinen Namen genannt zu haben, wie ich zum Dienste des
Altars bestimmt sey. - Sie seufzte tief, fate sich jedoch bald, Als Priester
drft Ihr Euch nicht verehelichen, nicht wahr? fragte sie lebhaft.
Kopfschttelnd schwieg ich. O dann ist's recht! sprach sie: Dann bleibt Ihr mein
Gebieter, und ich Eure Magd, wenn uns auch weite Lnder trennen. Dann werde ich
nicht sterben vor Gram, Euch an der Seite einer geliebten Hausfrau zu wissen. -
Wie kannst Du meiner ferner gedenken, fragte ich: meiner? des Priesters eines
Glaubens, den Du hassest? - Denket das nicht, antwortete sie: Ich hasse nicht
Eure Lehre, nicht Euren Messiah. - Wenn auch das wre, fuhr ich fort: so wird
es, frchte ich, Snde seyn, wenn ich Dein Bild bewahre, das der Verlugenden? -
Ist das eine Snde, erwiederte sie schnell, so kommt zurck, wenn Ihr Priester
seyd, und tauft mich. An Eurer Hand gehe ich gern in Euer Himmelreich, ohne das
ewige Jerusalem zu schauen. Aber freilich, setzte sie stockend hinzu: freilich
mte das erst geschehen, wenn der Vater todt seyn wird, und der Altvater
Jochai. Denn es wrde ihnen das Herz brechen, und ich mchte sie gerne in
Frieden dahinscheiden sehen. - Dieser ungeheuchelte Beweis einer reinen Seele
zog meine Lippen an die Ihrigen. Der erste und der letzte Ku ward zwischen uns
gewechselt. Herannahendes Gerusch scheuchte mich aus dem Hause, und nimmer habe
ich seitdem die Reizende gesehen. Ost trabte ich durch die Gasse, nimmer lie
ihr holdes Bild sich mehr schauen, und mein Schicksal ri mich von dannen, ohne
mir das Glck des Lebewohls zu gnnen.
    Fiorilla trocknete eine Thrne, und neigte sich dankend zu dem Erzhler. -
Wie soll ich Euch das Vertrauen vergelten, dessen Ihr mich gewrdigt? Ihr habt
mir das Geheimni Eures Lebens geschenkt, ... ich kann Euch kein hnliches
vertrauen.
    Vertraut mir nichts, Fiorilla! unterbrach sie Dagobert ernst: Ich bin
Euch zu hold, als da ich Euch vor mir errthen sehen mchte. - Bedauert
hingegen mein Migeschick, fuhr er, muntrer werdend fort; das mich beinahe
zwingt, das Andenken, das ich treu bewahrte, aufzugeben fr ein Andres. Ich
htte meinem Herzen nicht so viel Wankelmuth zugetraut; der Flattersinn mu im
Blute stecken. Ein ander Frauenbild hat mich schier bethrt; Esther und dieses
holde Weib streiten in meiner Brust, und dennoch ist Keine auf Erden mir
bestimmt und erlaubt.
    Verwahrt darum Euer Herz; entgegnete Fiorilla schelmisch: Wer ist aber
die, die ihr zu lieben besorgt? Erleichtert Eure Brust. Ich wage nichts bei
Eurem Bekenntni, da Ihr mir schon versichert habt, ich sey nicht im Stande,
Euere Empfindung in Aufruhr zu bringen. Ihr wagt noch viel weniger, denn das
Wichtigere habt Ihr mir schon entdeckt. -
    Dagobert erklrte sich auch scherzend bereit, und erzhlte das Nachspiel zu
dem Abenteuer auf der breiten Strae, wo er den gefangnen Hu gegen die Roheit
seines Beleidigers vertheidigt hatte. Und da er nun die Gestalt seiner neuen
Huldin, wie das Haus beschrieben hatte, in das sie gegangen, so warf sich
Fiorilla lachend in den Polstersessel zurck, und vermochte im Anbeginn, auf
alle Fragen Dagobert's nichts anders zu erwiedern, als eben das schallendste
Gelchter. Der junge Mann stand endlich verletzt auf, und wollte sich mit
finsterm Gesichte entfernen. Fiorilla hielt ihn jedoch zurck. Grollt, mir
nicht; stammelte sie, nach Luft athmend: Das Zusammentreffen ist zu seltsam
und zu lustig. Man rede noch einmal von der Stimme des Bluts, von angebornem Ha
und Vorurtheil, der auch mit verbundnem Auge seinen Feind erkenne. Diejenige,
die Ihr meint, ist niemand anders als Eure Schwester Wallrade, die sich gewi
nicht trumen lie, da es ihr gelingen wrde, den abgeneigten Bruder in einen
sehnschtigen Minneknaben zu verwandeln ......
    Wallrade! fragte Dagobert staunend: Wallrade, das Frulein von
Baldergrn? Der Name des Besitztums, das ihr Monsignore zum Geschenk machte;
erklrte Fiorilla. Sie verabscheut ihren Geschlechtsnamen, da Eure Stiefmutter
ihn fhrt.
    Thrin! eitle, selbstschtige Thrin! rief Dagobert: Wahrlich, lieb
Bschen, Ihr httet mir keine wirksamere Arznei geben knnen, als mir der Name
Wallrade wurde. Wo hatte ich meine Augen, da ich, wenn gleich nach so langer
Zeit, Diejenige nicht erkannte, die mir des Leid's viel, und Nichts zu Liebe
gethan. Toller, toller Zufall! Mich ergtzt es, da auch sie blind gewesen und
mich nicht erkannt. Wie gut ist's, da sich noch nicht die Gelegenheit
dargeboten, ihr den Hof zu machen. Wie wrde der Hageprunk ber meine
Kurzsichtigkeit gespttelt haben! Habt Dank, gute Fiorilla. Empfangt meinen
herzlichen Hndedruck fr Eure Wohlthat. Ich bin nun gesund, und kann ber meine
Narrheit lachen. - Er berlie sich auch dem ungebundensten Frohsinn.
    O des leichten, wandelbaren Bluts! scherzte Fiorilla: Ihr knntet mein
Landsmann seyn.
    Arme Esther! Bei solchem Flattersinn wird Dein Gedchtni schwinden, frh
oder spt, wenn ich's gleich heute vor aller Gefahr zu schtzen so glcklich
war.
    Ihr bereut den Dienst doch nicht, den Ihr dem Judenmgdlein erwiesen?
fragte lchelnd Fiorilla:
    Ihr, die Nichte ... die Freundin eines rechtglubigen Prlaten? Wahrhaftig,
ich mu Eure Duldung bewundern, die Kirche, Gesetz und des Pbels Eigensinn
verdammen.
    Leider! erwiederte Fiorilla seufzend: Ihr mchtet leichtlich staunen,
eine Wlsche, welche die Madame verehrt, also sprechen zu hren. Vielleicht wird
Euch jedoch meine Hinneigung zu der liebenswrdigen Esther erklrlicher, wenn
ich Euch sage, da ich keineswegs aus Cesena, sondern aus dem Ghelto zu Rom
stamme, meine Eltern frh verlor, und durch die Milde Eures Ohms in eine
Bekehrte verwandelt wurde.
    Dieses berraschende Gestndni kitzelte Dagobert's Zwergfell auf's Neue und
Heftigste. Hoho! rief er, lachend wie ein Verrckter: kann denn auf dem
Brocken in der Walpurgisnacht einem Hexlein etwas Tolleres begegnen, als mir? Es
grnzt an's Mhrchenhafte. Ich liebe eine Jdin und meine Schwester, und meine
Vertraute ist eine Neugetaufte! Nein, ich mu mich lossagen von solchen Banden,
damit mir's nicht ergehe, wie den bhmischen Ketzern, und darum guten Abend,
holdes Heidenkind! -
    Schnell hatte er einen Ku auf Fiorillens Wange gepret, und polterte
lachend die Treppe hinunter. Unter der Pforte rannte er an seinem heimkehrenden
Oheim, der ihn, Dank sey es der Dmmerung, nicht erkannte, aber durch ein halb
ngstliches: Wer da! wer seyd Ihr? festzuhalten dachte. Ein Rabbiner, der von
Euch bekehrt seyn mchte! brummte der Spottvogel im tiefsten Register, schob
den Staunenden bei Seite, und entsprang.

                                Achtes Kapitel.


 Weihnachtsfreude, Weihnachtslust!
 ffnest segnend jede Brust!
 Nacht, die unsern Herrn geboren,
 Zur Vershnung auserkoren -
 Du vereinest, die sich hassen,
 Da sie ihren Groll verlassen.
 Doch, wie nur Dein Bann verweht,
 Schnell die Schlange neu ersteht:
 Und sie flieh' mit scheuem Bangen,
 Die sich freundlich kaum empfangen!
                                                                              W.

So wie der Meistersnger, dem es vergnnt ist, vor groer Gesellschaft seine
Kunst zu zeigen, - nachdem er die Ohren seiner Zuhrer mit den sanften Gesngen
der Minne, mit schwrmerischen Balladen und klagenden Liedern ergtzt hat, - auf
einmal aus der weichen Tonweise in die harte umspringt, und die Saiten rhrt zum
frhlichen steyrischen oder hungarischen Tanz, und eine Melodei nach der andern
aufspielt, bis das junge Volk das Morgenroth herbeigestampft hat; .. also war
Dagobert rasch und leicht seiner zuflligen Schwermuth enthoben, und schwamm
wieder - mit Gerhard zu reden - wie ein lustiges Fischlein auf trglicher
Lebensfluth, unbesorgt vor Strudeln und Abgrnden. Wie ein Fuchs um die schlau
ersprte Falle im weiten Bogen von dannen schleicht, also schlich er um
Wallradens Haus, und war seelenfroh, da sie ihm nicht wieder begegnete. Alle
unfriedlichen Auftritte seiner Jugend waren ihm lebhaft vor's Gedchtni
getreten, und er konnte sich der rgsten Dummheit schelten, da er sein
Schwesterlein schn gefunden, sie, die wie eine bse Nixe ihm alle Freude
verdorben hatte, von jeher. An Esther dachte er freilich oft, mit Sehnsucht und
stillem Behagen, aber ... war sie nicht fern von ihm? nicht auf ewig von ihm
getrennt? Darum schttelte er alle Sorge von sich, und lebte mit den Lebendigen,
mit den Frhlichen, deren Viele damals zn Costnitz versammelt waren. Vergebens
meisterte ihn sein Ohm mit aller Strenge, vergebens berhufte ihn der
Erzbischof von Ravenna mit vielem unntzen Geschreibsel zum Behuf der
vorzubereitenden Sessionen: demthig hrte er Monsignore's Lehre an, geduldig,
aber schnell, that er die Arbeiten des Cardinals ab; doch, war sein Nacken, sein
Ohr wieder auf einige Stunden frei, so sah man ihn alsobald im Kreise muntrer
Freunde. Sein ernstes Kleid war berall willkommen, weil der Schalk, der
gutmthige Schalk, darunter verborgen war; die Frauen und Dirnen der besten
Geschlechter sammelten sich um ihn, den freundlichen Snger, den fertigen
Lautenspieler, den erfinderischen Mhrleinschmidt; die Mnner schtzten in ihm
den gebten Reiter, den erfahrnen Waidmann und Falkenabrichter, und den
unverzagten Zecher. Die Geselligkeit schmckte ihn mit ihren besten Krnzen, und
seine Laune wuchs wie eine Pappel in wlschem Boden, schnell und hoch, da bald
in der ganzen Stadt von nichts Anderm gesprochen wurde, als von Junker
Frschleins Schwnken. - Recht so! sagte ihm einst sein Gnner, Herzog
Friedrich: was ich von Euch hre, gefllt mir wohl. Der Most mu brausen, der
Bursch austoben; vorab, wenn er in die hrne Kutte schlpfen soll. Wie lange
dauert's, so werden Eures Ohms Geschfte allhier geendet und Ihr gemigt seyn,
ihm ber die Berge zu folgen, hinter denen deutsche Ehrlichkeit das letzte
Paternoster betet. Dann werdet ihr werden men, wie sie Alle sind, aber
wenigstens aus dem Vaterlande die Erinnerung einer krftig freien Jugend mit
Euch in's Grab nehmen, an dem Euch ohnehin keine Lieben nachweinen drfen. Lat
Euch drum nicht stren in Eurer Freudigkeit, so lange sie neben Sitte und Zucht
bestehen mag, und htet Euch nur vor lsternen Weibern. Einen Haus- und
Kernfluch verzeiht der liebe Gott, eine Ohrfeige im Streite ist kein Todtschlag,
ein Rausch besser, denn ein Fieber; aber der Ku einer falschen Delila stellt
wahrlich eine scharfe Schere vor, die Manneskraft und Simson'shaar mit einem
Schnitte verschndet. Dehalb erfreut sich auch unser allergndigster Kaiser
einer werdenden Glatze, und sein Leibscherer hat bereits, wie man vernimmt, alle
Mhe, den belstand durch knstliche Verflechtung des Haupthaars zu verbergen.
-
    Dagobert schwieg, lchelte aber im Stillen, ber den leidenschaftlichen
Spott, der, - im brigen dem biedern Gemthe des Habsburgers gnzlich fremd -
bestndig vorleuchtete, sprach er von Sigismund. Der Herzog fuhr indessen
schmunzelnd fort: Der gndigste Herr wird, wie es verlautet hat, heute oder
morgen zu Costnitz einreiten. Ein kluger Gedanke! Die Weihnachtsfeier wird uns
demnach den Heiland der Christenheit bringen. Die friedenstiftende Majestt wird
ihren Einzug halten, da man in den Kirchen singt: In dulci jubilo! - Es thut mir
leid, setzte er rasch abbrechend hinzu, da ich zum Empfang des Herrn,
Satteldecke und Steigbgel putzen mu, sonst fnde ich wohl noch Gelegenheit,
mich lnger mit Euch zu unterhalten, guter Dagobert! - Der Letztere verstand
diese schon manchmal vorgekommene Beurlaubung, die immer auf die steigende Galle
des Herzogs deutete, und entfernte sich alsobald. - Da er jedoch heraustrat auf
die winterlich beschneite Gasse, ber die der dunkelblaue Himmel so eben seine
ersten Sterne heraushing; da er ber den Markt schritt, wo in Htten von Holz
und Segeltuch allerlei Spielwerk und Leckerzeug feilgestellt wurde, zur Freude
der Kinder, die am heiligen Abend damit beschenkt werden sollten, einer heitern
Sitte gem; - da wich in ihm die Erinnerung an des Herzogs Worte dem mchtigern
Gedchtni der fernen Heimath und der entschwundnen Jugendjahre. Denn sie war
wirklich unvermerkt herangekommen, die frhliche Weihnachtszeit, der lichte
Stern an trbem winterlichen Himmelszelt, das gemthliche Fest; Eines von denen,
die die heitre Kette schlingen um Haus- und Kirchenaltar, das brgerliche Leben
mit dem Glauben an ein Gttliches, an ein Jenseitiges verbinden. - Eine
freundliche Wehmuth, die man gern und gastlich in den Busen aufnimmt, weil ihre
Pein lebensstrkenden Balsam bereitet, bemeisterte sich der Brust Dagobert's,
und was alle Ermahnungen seines geistlichen Schirmvogts nicht vermocht htten,
brachte sie zu Wege. Der junge Mann schlo sich ein in sein Gemach, fern vom
Gerusch der Welt, und saugte an den Blumen der Erinnerung. Sein redlich Herz
drngte ihn, diese goldne Zeit seiner Knabenfreuden zu feiern, wie es einem
wackern Jngling zustehe. Wie beklagte er es, da ihm die Mittel nicht
beschieden waren, das Glck eines Menschen zu grnden. Wie bedauerte er, da er
keinen Todfeind wute, den er htte vershnt in die Arme schlieen knnen! - Da
fiel ihm pltzlich seine Schwester Wallrade ein, gegen die der beinahe vergene
Groll wieder neu in seinem Herzen aufgeflackert war. - Ja, rief er nach kurzem
Bedenken: Ich will ihr die Hand zur Eintracht bieten, und das feindliche
Verhltni in ein freundliches umgestalten, und also den Christtag wrdig
begehen. Dazu helfe mir Gott und Esther's Gedchtni; das Andenken des lieben,
aber unglcklichen Mgdleins, der die Segnungen unsers Glaubens und seine
erhebenden Feste unbekannt sind! - In seinem Stblein brachte er die Stunde zu,
bis der Weihnachtabend sich still und kalt herniedergesenkt hatte ber Stadt und
See. Nun litt es ihn nicht mehr im engen Hause. - Das Gerusch des kaiserlichen
Einzugs der am Tage Statt gefunden hatte, war nicht vermgend gewesen, ihn
seiner Einsamkeit zu entreien. Der kalten Nacht gelang es, und verhllt, wie
ein Geist, schritt er nach dem Mauerdamm, an dessen Grundfeste die Wellen des
Bodensees brausend anschlugen, des Frostes spottend, der bisher fruchtlos
versucht hatte, ihnen Eisfesseln anzulegen. Des Jnglings heitrer Blick
schweifte ber das dunkle deutsche Meer nach den Gebirgen des Appenzells, die in
ihren Schneegewndern wie riesige am Himmel gelagerte Geister und Weltwchter
herabsahen auf die stolze Bischofsstadt. Alle Glocken des Thurgaus, des
Gallenstifts und der schwbischen Ufer sangen ihr feierliches Lied ber des
See's Spiegelflche, auf welcher das wandelnde Mondbild dahin glitt, wie eine
Silberscheibe auf ebener Eisbahn. Gelobt seyst Du, Nacht des Heils; sprach
Dagobert mit demjenigen erhebenden Gefhl, das das einfachste Menschenwort zum
Gebete stempelt: Vor lnger denn tausend Jahren brachtest Du uns den Glauben,
schner und sanfter als der Mondstrahl, der Dich heute erhellt. Aber noch jetzt,
so oft Du wiederkehrst, senkt sich Friede und Freude in die elendeste Htte, wie
in die stolzeste Frstenburg der Christenheit. Du milde Nacht, den Unschuldigen
hold und ein ersehnter Gast, schenke auch mir den Frieden, Deinen Begleiter.
Schenke ihr dereinst Dein gnadenvolles Licht, ihr, die noch im Dunkel wandelt,
damit ich jenseits sie wieder sehen mag, mit der hienieden keine Vereinigung mir
erlaubt ist. Lenke das Herz derer, die mich hassen, zur Liebe und Vershnung,
und mache alle glcklich, die mir fromm auf dem Lebenspfade die Hand bieten! -
Eine Thrne zitterte im Auge des Betenden; er schmte sich ihrer nicht. Sein
Herz war beklommen, aber nur von ser, ruhiger Wonne. Keiner Schuld sich
bewut, kehrte er in die Stadt zurck, wo die Menge durcheinander wogte, wie am
hellen Mittage. Alle Fenster waren hell erleuchtet; in dem erbrmlichsten
Huslein brannte ein kmmerliches Licht. berall, wo Kindersegen daheim war,
ragten dunkle Tannenbume empor, mit den Frchten des Herbstes geschmckt und
mit schwankenden Kerzen, die sich auf den Zweigen wiegten, wie die Vglein des
Waldes. Festlich geziert alle Stuben, Mohnklse und Leckereien auf jedem Tische,
Entzcken in jedem Kinderauge, wonnevoller Dank zum Hchsten in jedem Vater- in
jedem Mutterblicke. Hier tummelten sich muntre Knaben um den hlzernen Gaul mit
Federn geschmckt, und trumten sich zum ebenbrtigen Ritter, zu Schild und Helm
geboren; dort tanzte der Mgdlein rothwangige Schar um den zierlichen Rocken, um
die glatte Spindel, die das Christkind bescheert; hier brachte eine in
Engelgewnder vermummte Dirne se Fladen und Mandelschnitte, dort sprhte ein
Ruthenbewaffneter Putzenmummel den feurigen Regen vergoldeter Nsse in's Haus.
Allenthalben aber regte sich die Lust, und die Erwachsenen schienen zu Kindern
geworden zu seyn, um kindlichen Jubel zu theilen. Dagobert strich an den
glcklichen Menschenwohnungen vorber, sein Auge, sein Ohr ergtzend, und
dachte, in Theilnahme versunken, kaum daran, da er keinem Sohne, keiner Tochter
das willkommne Christgeschenk werde reichen drfen. Da berraschte ihn die
Mitternachtsstunde, und von dem Thurme der Domkirche riefen die Glocken zur
Mette der heiligen Nacht. Das Menschengewhl der Stadt wlzte sich nach
Klstern, Pfarrkirchen und Dom. Den Letztern betrat auch Dagobert. Schon
mischten sich einzelne Orgeltne in das Summen der heranstrmenden Bet-und
Schaulustigen, die Kerzen an den Altren winkten schon wie flammende Zungen
herbei zum nchtlichen Opfer. Um die Weihkessel an den Eingngen drngte sich
das Volk. Dagobert reichte hflich mit dem gewhnlichen Spruch: Gelobt sey
Jesus Christus und seine gesegnete Weihnacht, seine mit dem benedeiten Wasser
benetzten Finger einer edelgekleideten Frau, die vor dem Gedrnge nicht zur
Sule gelangen konnte, und verstummte berrascht. Seine Schwester stand vor ihm.
An ihrer Seite, der breitstirnige Knecht, den sammetnen Kniepolster unter'm Arme
und das Windlicht in der Hand. Befremdet ma auch den Jngling die finster
blickende Wallrade, warf den Kopf in die Hhe, und drehte ihm den Rcken zu,
langsam vorschreitend gegen den Altar, wo sie ihre Andacht zu verrichten
beschlossen hatte. Dagobert schlo sich jedoch hart an die vom Gewhl
Aufgehaltne, und sprach sanft zu ihr: Wir feiern heute die Geburt des Herrn mit
freudiger Zuversicht. Auch unsre Eltern, Wallrade, haben die unsrige also
begangen, begehen sie noch heute; der Vater auf Erden, lieb Mtterlein im
Himmel. Wollen wir denn, die eine Mutter gebar, nicht endlich den kindischen
Groll fahren lassen, der aus unsern Spielen stammt, und unser Grab feindlich zu
beschatten droht, damit keine Blume der Liebe darauf ersprieen mge? Wollen wir
nicht endlich den Zwist ersticken, das Unkraut aus dem irdischen Vaterhause, das
wahrlich nicht wuchern sollte in dem Hause des ewigen Vaters? - Wallrade stand
aufmerksam stille, heftete die groen Augen auf den milden Redner, und
erwiederte: Ich nahm Antheil an Euch, da ich nicht wute, da Ihr mein
Blutsfreund seyd. Die Trennung mancher Jahre hatte mir Eure Zge fremd gemacht,
aber der Ohm hat mich erinnert, da ich noch einen Bruder habe, den ich nicht
einen Geliebten nennen kann; und da derselbe hier lebe, erfuhr ich ebenfalls
durch ihn. Weder Ihr, noch der Zufall haben etwas gethan, das mein Vorurtheil
htte mindern knnen. Liegt Euch indessen so viel daran, uns vershnt zu sehen,
so reiche ich - der Seltsamkeit wegen - die Hand dazu. - Sie winkte dem jungen
Manne, in dem Betstuhle neben ihr Platz zu nehmen, und raunte ihm, den
Rosenkranz vom Grtel nestelnd zu: Eure Gesellschaft kommt mir noch obendrein
in diesem Augenblicke gelegen; sie bewahrt mich vor schlimmerer. - Wie so,
meine Schwester? fragte Dagobert. - Wallrade sah seitwrts und bezeichnete ihm
durch unmerkliches Augenzwinkern zwei Mnner, die unfern standen, und ihre
Blicke auf sie gerichtet hielten. - Der Eine, sprach sie: der in der bunten
Kleidung, den Ihr schon einmal, wie mich dnkt, an meiner Seite gesehen, ist der
Herr von Knigseck, ein weibisch thuender Gesell, der von Rosmarinl duftet,
sich einschnrt, da er einem Heupferde gleicht, und vor eitel Zierlichkeit
nicht dazu gekommen ist, in irgend einer Fehde die Sporen zu gewinnen. Der
Andre, klein und unansehnlich, verwachsen und mrrisch vom Angesicht, trgt
unter seiner hohen Schulter ein Herz voll Khnheit, Tcke und Leidenschaft. Er
ist ein Graf von Montfort; beide Herren aber sind meine Freier; Beide vom Ohm
begnstigt; Beide mir verhat; der Erste, weil er kein Mann, der Zweite, weil er
hlich und hochfahrend ist. Sie htten sich sicherlich schon an mich gedrngt,
hielte sie Euer geistlich Gewand nicht in Ehrfurcht. Das Letztere danke ich
Euch. - Hiemit neigte sie das Haupt auf die gefalteten Hnde, und lie im
stillen Gebete Kugel auf Kugel durch die Finger schlpfen, ohne den Bruder nur
eines einzigen fernern Worts zu wrdigen. Dagobert betrachtete sie verwundert
von der Seite, und mute sich gestehen, da diese stolze Schnheit wohl im
Stande sey, andre Mnner zu bercken, als den Stutzer und den Migestalteten,
von denen die Rede gewesen. Zugleich aber bekannte er sich, da die fromme
Stimmung nicht mehr vorhanden sey, in welcher er Wallraden angeredet; da das
seltsam schroffe Benehmen Wallradens ihn beinahe bedauern, lie, eine Vershnung
eingeleitet zu haben, die nur um Gotteswillen, wie es schien, angenommen worden
war. - Welch ein Weib! dachte er bei sich: jeder frommen Regung unzugnglich;
die Hrte ihres Gemths sogar bis zu den Ihrem des Herrn tragend, und ohne
Bedenken zur Schau legend! Nicht einmal die heilige Handlung beschftigt sie in
diesem Augenblicke, die Glockentne, die der Menge das Zeichen geben, sich zu
bekreuzen, die Brust zu schlagen, werden von ihr berhrt. Gedankenlos lt sie
die geweihten Kugeln durch die Fingerspitzen gleiten; denn offenbar verweilt bei
andern Gegenstnden ihr Sinn, und bald furcht sich ihre Stirn, bald glttet sie
sich; bald lchelt ihr Mund, bald seufzt er schwer auf, wie man zu thun pflegt,
wenn man sich abmht, der Seele einen Entschlu abzuringen, vor dem man sich
selber scheut. - Wallradens rasches Emporrichten endigte seine Betrachtungen; an
deren Stelle trat des Ohrs Aufmerksamkeit, da Wallrade, von den Donnertnen der
Orgel umbraust, Gelegenheit fand, dem Nachbar etwas Geheimes mitzutheilen. -
Ich will glauben, flsterte sie sanfter denn zuvor, da das Bemhen
aufrichtig ist, mit welchem der Jngling Dagobert gut zu machen sucht, was der
Knabe an der Schwester verbrach. Ich zaudre daher nicht, des Mannes Freundschaft
anzunehmen, mit meinem Vertrauen zu erwiedern, und ihm Anla zu geben, meinen
Dank zu verdienen, so fern er mir zusagt, das Anvertraute zu bewahren wie ein
Mann, nicht wie ein Plauderhaftes Weib.
    Zhlt darauf, Wallrade; erwiederte Dagobert: ich knnte eines
Zauberschatzes Hter seyn, Monden lang, ohne ihn durch ein einzig Wrtlein in
Asche und Kohlen zu verwandeln. Kann ich vollends Euern Dank dadurch verdienen,
bin ich gern bereit zu thun, was Ihr verlangt, um nur Euer Vorurtheil zu
widerlegen.
    Vernehmt denn; sprach Wallrade, vertraulich werdend: Es langte heute in
des Kaisers Gefolge ein Mann an, der sich schwer an mir verging. Dieser Frevel
ist Euch gleichgltig, und somit verschweige ich ihn. Der Anblick dieses Mannes
jedoch ist mir eine Folter, da ich mich nicht thtlich an ihm rchen darf,
obgleich er mich sehr zu frchten hat. Sehr; sage ich Euch: der Verdammte
frchtet nicht also seinen Henker. Ihn zu vertreiben aus meiner Nhe, den
Beleidiger, ist mein einz'ger Wunsch, und, um diesen erfllt zu sehen, spreche
ich Euch, dessen offne Keckheit ich beifllig wahrgenommen, um Hlfe und
Beistand an.
    Wie kann ich aber mich in die seltsame Beginnen einlassen? fragte
Dagobert verwundert. -
    Ein einziger Besuch ist hier hinreichend; versetzte Wallrade. Der, den
wir meinen, heit Rudolph Bilger von der Rhn, und ist einer von des Kaisers
Jagdleuten. Zieht Kunde ein von seiner Wohnung, sucht ihn heim, und sagt ihm
drr heraus: mein Wille sey's, da er wieder von dannen scheide, da mir seine
Anwesenheit rgerni gebe. Diesem Begehren mge er auf's Schleunigste gehorchen,
oder meines Thuns gewrtig seyn. - Das ist Alles. Verspricht er, zu thun, wie
ich begehre, so lat ihn ruhig ziehen; weigert er sich, so fordert ihn vor die
Klinge. Ihr habt den Muth dazu, doch gelobe ich Euch, da es so weit nicht
kommen wird. Keines weitern Eingehens in die Sache, nur meines Namens und eines
befehlenden Tons bedarf's, um sicher den Zweck zu erreichen.
    Ihr scheint Eures Mannes verzweifelt gewi; meinte Dagobert etwas
verlegen: Wie aber kmmt es, Schwester, da Ihr keinem Eurer Freier diesen
Auftrag gebt?
    Weil sie meine Freier sind, antwortete Wallrade; weil ich niemals
heirathen werde, und folglich auch nicht die mindeste Hoffnung dazu geben will.
    Ich werde demnach in diesem Geschfte Euer stummes unwissendes Werkzeug
vorstellen? fuhr Dagobert fort; wie der eigenhrige Knecht, der Hab' und Leben
wagen mu, blos weil sein Herr es will, und die Vernunft der Gewalt gehorcht?
    Befremdet Euch das? fragte Wallrade, aufstehend; denn der das Hochamt
haltende Domprobst sang so eben das feierliche: Ite, missa est: Seht um Euch
her, lieber Bruder Grbler; seht auf Euer Kleid, und nehmt die Vernunft
gefangen. Ihr seyd dem Weltall eigen, das erst, nachdem Ihr ihm Alles geopfert,
vielleicht Euch offenbart, warum dieses seyn mute; Ihr strebt darnach, der
Leibeigne eines Standes zu werden, der fr Alles den Lseschlssel hat, Alles
verzeiht, nur das Vernnfteln nicht. bt Euch vor der Hand in solcher Pflicht,
und gehorcht den Launen eines Weibes, denn nur dadurch erkauft Ihr das Gefhl,
welches Ihr von meinem Herzen verlangt.
    Sie schritt von dannen, der Knecht voraus, Dagobert ihr zur Seite, hart an
den besprochnen Freiwerbern vorber, wie nicht beachtet wurden. - Ich werde
Euch willfahren, Wallrade, sprach der Bruder unter der Pforte: ich habe es
Euch zugesagt; aber weh thut mir's, da eine Art von Schergenhandlung, deren
Zweck und Grund ich nicht begreife, der Preis Eurer schwesterlichen Zuneigung
werden soll, die mir mein redliches Werben, die Bande des Bluts und unsers
Vaters Liebe htten zusichern men. -
    Die Redlichkeit des Mannes ist Lge meistentheils, versetzte Wallrade kalt
und hart: die Verwandtschaft achte ich nicht - Kain erschlug den sanften Abel -
und Diether Frosch, dessen Namen ich nicht mehr trage, hat aufgehrt, mein Vater
zu seyn, da er die Leuenbergerin zur Ehgemahl erwhlte. Schweigt also von
Dingen, die nur in des Bnkelsngers Lied gehren, und sagt mir: thut Ihr, was
ich begehre, oder nicht?
    Das Erstere; verlat Euch darauf; antwortete Dagobert unmuthig. So lat
uns hier Abschied nehmen; versetzte Wallrade: ich untersage Euch, mich nach
Hause zu geleiten. Die Nebenbuhler sind mir auf der Ferse, und ich will keinen
Verdacht erregen, den ich mit dem leistesten Wrtlein zu widerlegen, unter
meiner Wrde halte. - Ohne Widerrede, gerne sogar nahm Dagobert die Weisung an,
und es war ihm fast wohl, da er von der Schwester Seite kam, zu deren Dienst
ihn blos sein voreilig gegebnes Wort, und ein besondres Zusammentreffen der
Dinge bestellt hatten. - Der Wunsch, diesen unangenehmen Frohndienst ungesumt
abzuthun, so wie auch nicht minder die leise Neugier, das Geheinmi der
Schwester vielleicht, wider ihren Willen, zu entrthseln, vermochten ihn, am
folgenden Tage schon seine Nachforschungen zu beginnen. Die Feier des
Christfestes bot ihm hiezu die erwnschteste Gelegenheit dar. Der prachtvolle
Morgengottesdienst am Weihnachttage, begnstigt von dem schnsten kalten Wetter,
versammelte im Dom die Frsten der Kirche, die weltlichen Frsten und an ihrer
Spitze den Kaiser mit seinem ganzen ansehnlichen Gefolge. Ein nicht bis jetzt in
Costnitz erhrter Prunk entfaltete sich bei diesem Anla. Sigmund, ein
wohlgebildeter freundlich blickender Mann mit langem Haupthaare und Bart, dessen
Leutseligkeit bei Hohen und Niedern anerkannt war, so wie seine eifrige
Bewerbung um Frauengunst, und seine vorstechende Eitelkeit, hatte sich mit allem
Pomp umgeben, der einem Kaiser deutscher Nation zu Gebote stand. Alle Frsten
des Reichs, die gegenwrtig waren, halfen treulich dazu, um den vielen Fremden
einen Begriff ihrer eignen Macht zu geben. Herolde, Pannertrger, Musikbanden,
glnzende Leibwachen, Edelknaben und Marschlle schmckten den Zug der Frsten
und Edeln, und es war keine geringe Aufgabe, unter der Fluth von Herren und
Dienern Einen herauszufinden, von dem man nichts wei, als den schlichten Namen.
Dagoberts Bekanntschaft mit Herzog Friedrichs Hause verschaffte ihm Auskunft.
Der Truchse des Herzogs zeigte ihm unter der Schar von grnen Herren im Gefolge
des Kaisers den Wildmeister von der Rhn. Dagobert stutzte bei dessen Anblick.
Diese sanften Zge, diese bescheidne Haltung verriethen durchaus nicht den rohen
Mann, der sich eine Freude daraus macht, sittsame Frauen zu krnken. In dem
ganzen uern des in schnster Alters Blthe stehenden Wildmeisters fand der
Beobachter nicht das Geringste, das seinen Auftrag und den Widerwillen der
Schwester htte rechtfertigen knnen. Unmuthig, seines Versprechens Fessel sich
aufgeladen zu haben, folgte Dagobert nach vollendetem Gottesdienst dem Herrn von
der Rhn in dessen Herberge. Wenige Augenblicke nach dem Letztern trat er in's
Gemach, das der Wildmeister bewohnte, und, wie sich's auswies, nicht allein
bewohnte. Eine junge kindlich hbsche Frau hing so eben bewillkommend an seinem
Halse, ein Kind von zwei Jahren ungefhr lchelte ihm von dem Schooe der Mutter
entgegen. In dem engen Stblein herrschte ein Geist der Ordnung und
Reinlichkeit, der die Zelle einer Nonne nicht vortheilhafter htte schmcken
knnen. Eine Minute beilufig stand Dagobert unschlssig unter der Thre,
unbemerkt von dem zrtlichen Paare; aber des Wildmeisters Brenfnger gewahrte
den Fremden und gab Laut. Der Herr von der Rhn ging - aufmerksam gemacht - dem
jungen Cleriker freundlich entgegen, nthigte ihn einzutreten, und forschte
hflich nach seinem Begehr. Dagobert's Zunge weigerte sich, den Auftrag, der ihn
hieher gefhrt, in Gegenwart der jungen Frau kund zu geben. Er verlangte von dem
Wildmeister geheim Gehr. Bilger berflog den Boten mit seinen Blicken, neigte
sich dann freundlich, und sprach: Wrdiger Herr, - ich denke, da zwischen uns,
die sich noch nie sahen, kein Ding bestehen kann, das meiner lieben Ehefrau ein
Geheimni bleiben mte. Indessen wrde ich dennoch Euerm Wunsche gern
willfahren, aber ich mu bekennen, wie die Herberge von unsers gndigsten
Kaisers Lerten dergestalt eingenommen ist, da mir und den Meinen die kleine
Gemach allein verblieb. Wollet Euch also hier Euers Auftrags entledigen.
    Dagobert wollte reden, aber im Begriff es zu thun, sah er auf Mutter und
Kind, wie diese sich herzten, und Engeln gleich zu dem fremden Manne emporsahen,
und es war ihm, als drfe seine Botschaft nicht das Ohr der Unschuldigen
berhren. Er bat demnach den Wildmeister, ihm. auf die Flur zu folgen. Bilger,
den Kopf schttelnd ber solch seltsam Betragen, ging mit ihm. Mich sendet
Wallrade von Baldergrn, begann Dagobert, und sah alsobald den Wildmeister,
erbleichen wie einen Sterbenden. - Wo ... wo .... ist sie, was begehrt sie?
stammelte er, der Sprache kaum mchtig. - Sie ist hier; antwortete Dagobert
betroffen ber die zaubergleiche Wirkung der ersten Worte. - Hier? - Bilger
mute sich am dem Fensterpfeiler halten. Hier? fuhr er fort, da der Bote,
selbst von Staunen befangen, verstummte. - Und ich ... o sagt es heraus ... ich
bin verloren? - Ich begreife Eure Rede nicht; sprach Dagobert, trstend, denn
ihn erbarmte des Wildmeisters Zustand. Der Unwille Wallradens, wenn gleich, wie
ich jetzt befrchten mu, verschuldet, sucht Euer Verderben nicht. Das
Erbfrulein begehrt nur Eure schleunige Entfernung aus ihrer Nhe. Eure
Gegenwart, sagt sie, sey ihr verhat, und wolltet ihr der Forderung nicht
willfahren, so wrde sie thun, was Euch nicht gefllt! - Die Schreckliche!
seufzte Bilger: O, sie wei zu lohnen, frchterlich zu lohnen. Aber ich werde
... ich mu gehorchen. Ohnedie htte ich nicht lange hier verweilt. Sagt ihr,
wrdiger Herr .... ich wrde scheiden .... sobald die Feiertage verflossen. -
Dagobert sah kopfschttelnd in des Mannes zerstrtes Angesicht. Bilger schlug
die Augen scheu nieder. Wrdiger Herr! begann er dann zgernd: Ich darf Euch
wohl nicht fragen, ob Euch das Nhere bekannt, das zwischen dem Frulein und mir
obwaltende Verhngni ....? - O schweigt., schweigt! unterbrach ihn Dagobert
rasch: hier wittre ich Unheil, und das ist, was ich nicht zu wissen begehre.
Mein Staunen, Euch so leicht und knechtisch unter eines Weibes Wort gebeugt zu
sehen, sey Euch Brge fr meine Unwissenheit. Ich bin Wallradens Bruder, und
kenne weder meiner Schwester Herz noch ihr Schicksal, verlange Beides nicht zu
kennen. Lebt wohl und vergebt mir die Sendung, die Euch also betrbt und
erschreckt hat. - Ohne des Wildmeisters Antwort zu hren, flog Dagobert die
Treppe hinunter. - Ei, was ghnt mich denn so schauerlich aus. diesen
Auftritten an? fragte er sich befremdet: Schier kommt mir Wallrade vor wie ein
bs Gespenst, das den Menschen durch Unthaten zu seinem Leibeignen macht, um
seine Seele mit seinem Leib zu verderben. Nein, Schwesterlein; ich begehre
nicht, in Dein Spiel zu sehen, verschmhe es aber auch, Dein Knecht zu seyn!
    Noch am selben Nachmittage ging er, von mancherlei Gefhlen beseelt,
Wallraden heimzusuchen. In ihrer Wohnung fand er den Oheim, und die Herren von
Knigseck und Montfort versammelt. Alle drei waren hchlich berrascht, ihn
eintreten zu sehen. Die edeln Freier beruhigten sich indessen bald, da sie
vernahmen, der schwarze Herr, der ihnen in vergangner Nacht viel Unruhe
verursacht hatte, sey niemand anders, als der Bruder ihrer Huldin. Monsignore
Ranocchia lieferte dagegen einen Auftritt, der sich recht gut darstellte, wenn
man annahm, Alles, was er vorbrachte, sey ihm Ernst; der aber fr die
Hauptpersonen possirlich wurde, die wenig an des Oheims Aufrichtigkeit glaubten,
und eben nicht besondre Lust versprten, in ihrem eignen Verhltni
Aufrichtigkeit walten zu lassen. Der Prlat sprach viel von der Stimme der
Natur, die endlich doch immer siege, wenn gleich lange durch bsen Zwang
darniedergehalten, - von Geschwistern, die zuletzt doch der gttlichen Liebe
ihren Ha opfern; und mit Freudenthrnen segnete er den heiligen Tag, der
Wallraden und Dagobert wieder zusammengefhrt. Ja! rief er, die klaren
Kunstthrnen in den Wimpern; der Himmel hat mein eifriges Gebet erhrt.
Geschehen ist die Vershnung, die ich zu meinem liebsten Gedanken erhoben hatte.
Dieser wackre Neffe, den ich liebe, wie ein Vater den Sohn. - Dagobert mute
heimlich lachen. - Diese getreue Nichte, die ich im Herzen trage, wie eine
Mutter die Tochter, - Wallrade zuckte mitleidig die Achseln, - sie haben sich
wiedergefunden durch mein Zuthun. Die erhabne Kirche, deren Festlichkeiten die
Ketzer, Wiklefs und Hussens Jnger, zu schmlern und zu entwrdigen gedenken,
pflegt also durch ihre rhrende Feier getrennte Seelen zu vereinigen; und ich,
ihr unwrdig Geweihter, vereinige Euch zum zweitenmale durch diesen
Friedensku! - Er kte Dagoberts, Wallradens Stirne, und nthigte die
Geschwister, sich zu umarmen. Aber wenn es mglich wre, da zwei Bildsulen von
Granit sich in die Arme fielen, herzloser knnten sie nicht Brust an Brust
ruhen, als hier die lebenden, von jugendlichem Blute durchstrmten Menschen. Die
Zuschauer empfanden alle Langweile, die ein solches Schauspiel gewhrt. Die
Vesperglocken brachten daher einen angenehmen Eindruck auf sie hervor. Der
Prlat griff eilig nach Mantel und Hut, um die Kirche nicht zu versumen; der
Herr von Knigseck bot Wallraden seine Begleitung in den Dom an, um daselbst den
lustigen Pomwitzeltanz mit anzusehen, der - ein berbleibsel des Heidenthums -
in der Christtagsvesper um den Altar getanzt wurde. Der Graf von Montfort schlug
einen Gang in's Freie vor, aber Wallrade verweigerte alles, unter dem Vorwande,
mit ihrem Bruder eine Sache von Wichtigkeit abthun zu men.
    Die Herren sammt und sonders fgten sich in ihren Willen. Whrend sie jedoch
mit den verbindlichsten Worten Abschied nahmen, zog der Prlat den Neffen in das
Fenster. Es ist ein Beweis Deiner Klugheit, sprach er, da Du Wallradens
Freundschaft suchtest, und ich belobe Dich dehalb. Die Herren Freier sind -
wenn gleich deutsche ungelenke Thiere - dennoch nicht zu verwerfende Gnner, und
ich fordre von Dir, da Du Deinen augenblicklichen Einflu auf Wallraden dazu
bentzest, einen oder den andern ihr genehm zu machen, damit sie zur Ehe
schreite. Beide sind ganz vernnftig in ihren Bedingungen die sie mir machten.
Der Knigseck zahlt tausend Gulden baar; der Montfort bietet eine Prbende im
Stiftmnster, oder zweihundert Sonnenkronen Jahr fr Jahr, zehn Jahre hindurch.
- Es soll dein Schade nicht sey, wenn Du die Widerspenstige zu Einem oder dem
Andern zu bereden fhig bist. Empfange daher meinen Segen und sey klug.
Besonnenheit und Vernunft verschaffen diesem Rocke Ehrfurcht. - Mit dem edeln
Herzen gieng der Oheim von dannen. Wallrade versicherte sich, da kein Lauscher
nahe sey, trat dann mit durchdringendem Blicke hart vor Dagobert hin, und
fragte: Nun, Bundesgenosse! Habt Ihr gethan nach meinen Worten? - Dagobert
bejahte. - Wird er gehorchen? fuhr sie fort, dringend und fest. - Er wird!
erwiederte der Bruder. In wenig Tagen schon. - Hm! ich wei; sprach Wallrade
mit fliegendem Lcheln: ich erfuhr bereits ... er geht nach Mrsburg, als
bischflicher Jagdmeister. Es kmmt darauf an, ob er mir dort lstig scheint. In
diesem Falle rechne ich auf Euern neuen Beistand, ihn von dannen zu treiben.
    Diese Worte emprten Dagobert's Gefhl, so gut er bis jetzt an sich gehalten
hatte. Ich begreife nicht, sprach er mit Heftigkeit: welch unglcklich
Schicksal diesen Mann, der einem Verbrecher nicht hnlich steht, zu einem
Geachteten, Vogelfreien gemacht hat, der vor der Drohung eines Weibes sich
verbergen mu, jede Sttte verlassend, wo er gedenkt zu bleiben; .. aber so
wenig mir gelstet, der Theilnehmer Eures Geheimnisses zu seyn, so wenig biete
ich auch ferner meine Hand zu dieser im Verbergenen schleichenden
Gewaltttigkeiten. Hat dieser Mann Euch so schwer beleidigt, da nur sein
Verderben Euch zu vershnen vermag .... sagt's, und ich werfe diese Kutte auf
einige Tage von mir, um mit dem Degen in der Faust den zu strafen, der Euch
mihandelte. Das ist Bruderpflicht. Aber Euer Foltersknecht bin ich nicht, werde
es nie seyn. Ich habe des armen Mannes Weib gesehen, sein Kind .... nicht mein
Mund, nicht meine Hand wird das Geringste thun, diese Unschuldigen langsam mit
zu martern durch die Qual des Gatten und Vaters.
    Sein Weib, sein Kind? fragte Wallrade schneidend: Sie sind hier? Diese
Nachricht danke ich Euch. Schon hier? Sehr wohl. Der Herr von der Rhn wird wohl
thun, so schnell als mglich von dannen zu ziehen. Nicht meinetwegen allein;
setzte sie langsam und laurend hinzu: auch wegen des weichherzigen Bruders
Empfindsamkeit, der die Laune hat, jungen Ehefrauen allein zugethan zu seyn,
wre es auch seines eigenen Vaters Weib, seine Stiefmutter.
    Wallrade! rief Dagobert entsetzt, und seine Zunge erstarrte ob der frechen
Anklage.Lugnet! entgegnete ihm Wallrade heftig und frecher: Lugnet, was
ganz Frankfurt wei, was bis in meine tiefe Einsamkeit drang, und meinen Ha
gegen Euch befestigte. Lugnet, was Eure Zunge lhmt, als ob sie Gottes Hand
getroffen. Wagt es, mich zu beschuldigen und Euch heilig zu sprechen. Ich strafe
nur ein Verbrechen, - Ihr lebt aber noch in Schuld und Fehl. Euer falscher Mund,
konnte mich gestern bercken, heute aber steht der eigenschtige,
verlumderische, boshaft-ppige Bube Dagobert wieder in seiner vollen Ble da,
und von nun an keine Gemeinschaft zwischen uns. Thut was Euch beliebt. Das
Schwert des Henkers legt sich zwischen Euch und mein Geheimni, damit es der
Schuldige nicht verrathe. Es ist todt fr Euch. Versucht aber auch ja nicht den
Schleier zu lften; offenkundig machte ich dann Eure eigene Schande, und diesen
Arm ... hier hob sie drohend ihre Rechte ... ist stark genug, auch in des
Bruders Brust Genugthuung zu suchen. - Verlat mich jetzt.
    Stumm vor Krnkung, Wuth und Abscheu ma Dagobert die entartete Schwester
mit einem Blicke der tiefsten Verachtung, und wendete sich von ihr, wie der
fromme Mrtyrer von dem Bilde Baals, dem zu opfern die Tyrannei ihn zwingen
will. Fest entschlossen, die Unheilathmende nie wieder zu sehen, ging er hinweg.

                                Neuntes Kapitel.


 Der Reiter und sein geschwindes Ro,
 Sie sind gefrchtete Gste.
                                                                       Schiller.

Der erste Tag des Jahres Eintausend vierhundert und fnfzehn hatte sich
eingestellt, zur Freude von Alt und Jung; denn obgleich der Winter jetzt erst
anfing, so dachte schon Jedes mit Entzcken an die Fastnachtfreuden, und an die
bald darauf folgenden gelben Himmelsschlssel, die lieblichen Herolde des
Frhlings. In Frankfurt war Alles lebendig, das Fest zu begehen; die Kirchen
waren gedrngt voll, und auf den Gassen summte es frhlich umher. Aus den Pelz-
und Zwillichmnteln schauten vergngte Gesichter, und der Geschenke wurden fast
viel gespendet. Freunde begabten Freunde, Verwandte den Blutsfreund, der Herr
den Diener, der Unterthan seinen Vorgesetzten. Auf dem Rmer saen
Brgermeister, Schulthei und Schffenrath, um die gewohnten Gaben zu empfangen.
In den Gotteshusern waren die Opferstcke dazu geffnet; Genossen der
Brderschaften der heil. Sebastian, Jost, Jrg und Stephan sammelten in
verschlossenen Bchsen fr die milden Stiftungen von Haus zu Haus. Und durch all
dieses Getreibe hpften und johlten schon von frhem Morgen an, die lustigen
Gesellen ohne Haus und Hof, Frau und Kind, die Trinkstuben und Zunfthuser
fllend, weil an diesem Tage die strengen Zechordnungen so gut wie aufgehoben
waren. Den Altbrger Diether Frosch hielt sein Amt als Schffe auf dem Rathhause
fest; seine Ehefrau hatte die Liebfrauenkirche besucht, und wandelte nach ihrer
Wohnung zurck, da der Gottesdienst zu Ende war, als Else, die unter der Thre
auf sie geharrt hatte, von Weitem schon auf sie zusprang. Ach, liebe Frau,
sagte sie eilig: erschreckt nur nicht. Es sitzt ein Gast in Eurer Stube, der
Euch nicht angenehm ist. rgert Euch nicht, und denkt an Eure kostbare
Gesundheit. - Wer ist's, Unheilbringerin? fragte die Altbrgerin ngstlich,
und sah an ihrem Hause in die Hhe; da gewahrte sie, oben aus dem Fenster
schauend, den Mann, dessen Anblick in der That ihrem Herzen nicht wohl that. -
Verdru in Auge und Brust stieg sie hinauf, und trat, ohne denselben zu
verhehlen, in ihr Gemach, wo ein langer Mann in ritterlicher, aber abgetragener
Kleidung, bequem im Lehnsessel sitzend, ihrer wartete. Sein sonnverbranntes
Gesicht mit den Zgen eines Dreiigers trug indessen alle Spuren eines lockern
Lebenswandels, so wie sein briges uere das Geprge der Drftigkeit aufwies.
An seiner, in zwei Farben getheilten Tracht fehlte nichts, was zu dem Anzuge
eines adelichen Herrn gehrt, aber Alles war im beln Zustande. Der Federbusch
auf dem fleckigen Hute hing wie eine trauernde Weide darber her. Die
Metallspangen und Hefteln des Wamms waren erblindet, die Zierrathen des
verblichenen Mantels unscheinbar geworden; Handschuhe und Reitstiefel, sammt
Sporen, Dolch und Raufdegen zeugten von langem Gebrauche und schlechter
Besorgung. Zu der ganzen Gestalt, die von allen Unbilden der Hitze, des Frostes,
des Schwertes und der Armuth gezeichnet war, paten vollkommen die
ungeschlachten Geberden, die vernachligte Sprache, die der Redner immer mit
ausdrucksvollen Bewegungen seiner hagern luftgebrunten Hnde begleitete, und
gaben das getreue Bild eines jener Edelleute, die nichts ihr Eigenthum nannten,
als den drren Klepper, den sie ritten, das Wenige was sie am Leibe trugen, und
ihr Wappen; die an den Kreuzwegen ihr wild Gewerbe trieben, und oft keine
sichere Hhle hatten, um ihre Beute darinnen zu bergen. - Was soll das, Veit?,
fragte Margarethe streng und finster: Du schon wieder hier? Du magst wissen,
da Deine Gegenwart mich befremdet, mich in Unmuth versetzt. - Niemand ist
darob bekmmerter denn ich, antwortete der Fremde: Du weit aber, lieb
Schwesterlein, da ich nicht anders kann. Die Welt bekmmert sich nicht um mich;
ich mu mich daher um sie bekmmern. Die Blutsfreunde laden mich nicht ein;
daher mu ich mich schon selbst einladen. - Du bist ein zudringlicher Gast,
zrnte Margarethe: und jede Nachsicht macht Dich mehr zum Schmarotzer! - Sey
nicht bse, Gretel, versetzte Veit spttisch: Dein schmuckes Angesicht wird
hlich entstellt durch den Zorn, und Du nderst damit doch nichts. Ich bin
einmal da, um Dir ein glcklich Neujahr zu wnschen, und den Festtag bei Dir zu
begehen. - Mit einem Seufzer des Unwillens legte Margarethe Hut und
Hauptfinster1 ab, hngte Mantel und berkleid in den Schrein, und setzte sich
hierauf in ziemlicher Entfernung dem Bruder gegenber. - Wo kmmst du her?
fragte sie kurz und hart. - Zunchst von der Landstrae; erwiederte der rohe
Mensch: eigentlich aus unserm Rattenneste zu Gelnhausen. - Was macht die
Base, wie geht es ihr? - Hm; die Base ist noch lahm wie sonst. Einugig ist
sie jedoch obendrein geworden. Die Katze hieb ihr das rechte Auge aus. Im
Uebrigen befindet sie sich wohl. Sie tratscht ber Kaiser und Reich, und hat
dabei eine frische Elust, trotz mir. Das wre nun freilich all gut, wenn wir
nur mehr zu essen htten. - Man mu gengsam seyn; schaltete Margarethe
trocken ein: Nicht ein Jeder kann im Ueberflusse leben. - Gott's Marter!
rief Veit: Du hast gar schne Sprchlein gelernt, seitdem Du selbst im
Ueberflusse sitzest. Als Du noch daheim lebtest in unserm Gauerbenschlo, war
Dir Alles nicht recht. Gar manch' liebesmal, da wir beieinander saen, bei
unserer Rbensuppe und Klaienbrod, hast Du Dich gekmmert, da nicht alle
Menschen reich sind. Mich wunderts heute noch, da Dich unser Herrgott, trotz
Deinem Schelten, erhrt hat, und Dich der grauhaarige Rathsherr zur Frau nahm.
Seither hast Du uns rein vergessen, und doch ist unser Eulennest noch
bauflliger, unsere Kost noch schmaler geworden. Die ganze Ganerbschaft kann
keinen elendern Haushalt aufweisen, als den Deiner Base und Deines Bruders. Und
doch gaben wir die Einwilligung dazu, da unser Wappen erniedriget wurde durch
Deine Verbindung mit einem jener Altbrger, die sich zwar gern fr Adeliche
ausgeben mchten, im Grunde aber doch keine sind, wenn sie schon selbst der
Kaiser den Letztern gleich hlt. - Genug Deines unverschmten Geschwtzes!
eiferte Margarethe: Lang genug war ich die Thrin die sich in die Wnsche ihrer
geldgierigen Verwandten fgte. Die tausendfltige Untersttzung, die ich Euch
verlieh und die Ihr fr nichts rechnet, soll und mu aufhren, denn verschuldet
ist eure Trbsal. Ernhre ich Euch nicht sammt und sonders seit lnger denn
sechs Jahren? Hast denn Du nur ein einzigmal versucht, Dir das nackte Leben zu
gewinnen? Frei wollt ihr seyn, wie der Sonnenstrahl, und zehren wie dieser an
der Habe Eurer Blutsfreundin, die sich fr Euch einem ungeliebten Gatten
hingab. - - Sprich fr Dich selbst; versetzte Veit kalt. - Bot ich der
kranken Base nicht eine Pfrnde im Stifte der Witwe Wambach? fuhr Margarethe
eifriger fort: Wollte mein Eheherr Dich nicht zum Hauptmann unter den laufenden
Gesellen der Stadt vorschlagen, oder zum Reisigen des Raths, wenn Du zu stolz
wrest mit brgerlichen Hauptleuten zu dienen? Schweige mit den alten
Grillen! fuhr Veit trotzig auf: Du reizest jetzt meine Galle. Dienen, schon
die Wort allein rechtfertigt meine Weigerung. Ich diene dem Kaiser selber
nicht, und will mich eben so wenig, als die Base in ein reichsstdtisches Spital
gehrt, um ein paar Ellen Tuch an die Zunftknige verdingen, die hier das Wort
fhren. Ich will meinem Stande gem leben, und wenigstens frei seyn, ohne Eurer
Brgermeister Brod zu essen.
    So gehe und sey frei! entgegnete Margarethe: Du bist auf dem besten Wege.
Geh hinaus, plndere und faullenze. Werde der Schrecken der Kaufleute und
Handwerksgesellen, und mste Dich von ihrem Schwei. Ich thue nichts mehr fr
Euch, und verweise Dich in Treuen auf das Gewerbe, das Dir lngst kein fremdes
mehr ist.
    Wer kann mir das beweisen? fragte Veit hhnisch: Und thte ich's, was
wr' es anders, als was die meisten meines Gleichen thun.
    Schme Dich, roher Mensch! rief Margarethe: Du schndest unsern Namen. Du
bist der Spiegeselle aller Nachtreiter, die das Land unsicher machen. Der
Verdacht, den Mord des Pfarrherrn von Bonames verursacht zu haben, der vor zwei
Jahren in der Frhe zur Kirche gehend, von Schandbuben erschlagen wurde, ruht
auf Dir. Du hattest ihm blutige Rache geschworen, weil er Dich im Beichtstuhl
nicht losgesprochen.
    Lgen! entgegnete Veit; aber sein Ton wurde gemigter. Die Schwester fuhr
indessen fort: Auf diesen Verdacht hin hat man Dir die Stadt verboten. Wie
kannst Du wagen, hier zu erscheinen? Mensch, Du steckst den Hals selbst in die
Schlinge.
    Am heutigen Fest ist die Stadt ihren rgsten Feinden erlaubt bis
Sonnenuntergang; versetzte Veit: ich wei, wie weit ich mich wagen darf. Ich
bin nicht so einfltig, wie der Wernher von Hyrzenhorn, der sich neulich fangen
lie, und nun auf dem Eschenheimer Thurme sitzt; im Trocknen zwar, aber in Eisen
und Frost. Entsinnst Du Dich noch des riesigen Kumpans der einst von Herzen gern
um Deine Hand gefreut htte?
    Der grobe Junker mit den Sitten eines Trobuben ist mir allerdings noch im
Gedchtni, antwortete Margarethe: unser Vater war vor Zeiten sein
Treuenhnder und Vogt. Pfleger und Mndel verjubelten gemeinsam ihr bischen
Gut! schaltete Veit ein: 's war eine lustige Wirtschaft. Hre, den wackern
Kmpen knntest Du, frherer Bekanntschaft eingedenk, aus seinem Kfich
befreien, wenn Du wolltest, oder ihm mindestens zu billigern Bedingungen
verhelfen, denn man will ihn nicht eher der Haft entlassen, als bis er seinen
Thurm zu Wettershausen der Stadt zu Lehn gestellt, vierhundert Gulden als
Lsegeld erlegt, und vier adeliche Freunde vermocht hat, sich gleich ihm der
Stadt zu Mannen zu verschreiben. Das Erste thut er nicht, das Zweite kann er
nicht, und das Dritte thun die Andern nicht.
    Was soll ich fr ihn bewirken knnen? fragte Margarethe befremdet. -
    Das Vorteilhafteste, erklrte Veit, und das war mit zum Theil der Grund
meines Ritts hieher. Mir ist es wohl bewut, da der Schulthei Dich liebt, und
ein Wrtlein aus Deinem minnekosigen Munde setzt den Waffenbruder in Freiheit,
ohne da ihm besonderer Schaden zugefgt wird.
    Was kannst Du mir zumuthen? fragte Margarethe staunend und bestrzt:
Welchen Begriff machst Du Dir von meinen Sitten, meiner Zucht? Ich liebe den
Schulthei nicht.
    Thue nicht so heilig, mein Tublein! versetzte Veit lachend: Wir wissen
das besser. Der Schulthei ist ein stattlicher Mann; stattlicher noch, als Dein
guter Stiefsohn, der Dir auch gar hold war, und Dein Eheherr ein Lazarus, ein
alter Lazarus obendrein, dessen gichtbrchige Beine ihm den Dienst versagen,
weil er sie nach 66 Jahren noch nicht zur Ruhe legen will.
    Frecher Sptter! sprach Diethers Frau, errthend im stolzen Unwillen:
Beuge Dich vor den grauen Haaren meines Herrn, dem Du Ehrfurcht schuldig bist.
-
    Ehrfurcht! Ei warum denn? lachte der Bruder: Etwa dehalb, weil er mich
darben lt, und Dich angesteckt hat mit seinem schmutzigen Geize? Oder, weil er
gegenwrtig auf dem Rmer sitzen und die Geschenke mit empfangen darf, die der
Pbel seinen saubern Herren bringt? Wohl bekomme ihm das Wrzgeschenk und die
Malvasiersuppe, die ihm die Juden bringen; Gott gesegne ihm die Honigkuchen mit
denen die weien Frauen den Rath heute bedanken. Lieber wr' es mir jedoch fr
Dich und mich, Du httest ihn schon zu Tod gergert, und man snge das De
Profundis ber seinen starren Leib. Du httest dann nicht Noth, den
Tugendspiegel lnger vorzustellen, und ich wrde am Ende Vormnder ber Deinen
Buben, der leider Frosch heien mu, ob er gleich - ich schwre darauf - kein
Frosch ist.
    Diese gemeine Zweideutigkeit fertigte die Verletzte mit einem verchtlichen
Blicke ab, weigerte sich jedoch hartnckig den Knaben herbeibringen zu lassen,
welches der werthe Oheim angenehm dringend, wie immer verlangte; und whrend
dieser Weigerung kam Diether im vlligen Staate eines Schffen nach Hause. War
Margarethens Staunen bei dem Anblick des unwillkommenen Bruders gro gewesen, so
berstieg das unmuthige Befremden Diethers dasselbe noch bei Weitem. Die
Ungezogenheit des Gastes lie es aber nicht zum Ausbruch kommen: Glcklich
Neujahr! schrie er, dem Schffen an den Hals fliegend: so viel Gesundheit, als
dazu gehrt, Methusalems Alter zu erreichen, so viel Geld als der Kaiser
brauchen wrde, um zu sagen: Ich habe genug; und so viel Glck als Tchter der
Freude hier zu Frankfurt hausen! Ich zweifle nicht, da Ihr diese Wnsche mit
einem feinen Geschenk vergelten werdet, und will es in dieser Voraussetzung
dabei bewenden lassen, alter Schwager.
    Diether blickte ihn stumm und achselzuckend an. Mit einem guten Rathe zum
Mindesten will ich des berlstigen Glckwnsche, so widerlich sie sind,
vergelten, sprach er, kommt ja nie mehr gen Frankfurt; stellt Eure
Auflauerungen in der Umgegend ein; haltet Euch fein still zu Gelnhausen. Paul,
der Webergesell aus Bonames ist so eben in seines Meisters Hause in der
Schnarrgasse verschieden, nachdem er ein Bekenntni abgelegt, das ber den zu
Bonames verbten Mord viele, die wichtigsten Aufschlsse gibt. Der Stadtpfaffe2
wird das Bekenntni bei Rathe niederlegen und auf Eure Verdammung antragen. -
    Veit wurde bla; ermannte sich jedoch: Verdammtes Lgengespenst! rief er:
Der Rath hat nicht mich zu verdammen, ich stehe nicht unter ihm.
    So haltet Euch auch fern von seinem Weichbild, ermahnte Diether: die
Unthat ist auf seinem Boden verbt worden, und wir verstehen keinen Scherz. Da
ich Euch jetzo warne, luft schon wider der meine Pflichten. Bercksichtigt aber
mindestens diese Warnung, und bringt ferner uns nicht Gefahr durch Eure
Einkehr.
    Gefahr? lachte Veit mit grimmigem Hohne: Ehre bringe ich Euch; mehr Ehre,
denn Ihr verdient, ungastlicher Mann. Ein Sprosse alten Geschlechts, wie ich
bin, sollte sich Recht vor Recht scheuen, in ein Haus wie das Eure zu treten;
diese Auszeichnung verdankt Ihr nur Eurem Weibe, das sich zu Euch herablie. Ich
hoffe dafr nicht mit Undank belohnt zu werden. Fr's Erste weigert Euch nicht,
mir den Jahrgehalt verabfolgen zu lassen, den Margarethe mir bisher zahlte; zehn
Pfund Heller, nicht mehr, nicht weniger. Gerade so viel kostet's, um Brger bei
Euch zu werden - lege ich zwei Pfund darauf, so kann ich einen Mord abthun vor
Gerichte, wr's auch der des Pfaffen zu Bonames.
    Margarethe schlug beschmt die Augen nieder. Diether sah strenge auf sie,
und sprach: Ich wute wohl, da meine Ehefrau Euch zudringlichen Gesellen dann
und wann mit Almosen bedachte, aber von einem Jahrgehalte wei ich nichts, und
ein so Reichliches erwartet nimmer.
    Ihr wit wohl von Vielem nicht, was Euere Wirthin thut; uerte Veit
hmisch grinsend: 's ist kein Wunder; nicht Eure Haare allein, auch Euer
Verstand und Witz ist alterschwach geworden.
    Glaubt ihm nicht, dem schamlosen Lgner; bat Margarethe den stutzig
werdenden Gatten. Er mibraucht auf unerhrte Weise die Blutsfreundschaft, die
mich leider an ihn fesselt. Ich gab nie so viel; Eure Gebote waren mir heilig,
lieber Herr!
    Glaubt ihr doch; spottete Veit ihr nach: Im Grunde sagt sie die Wahrheit.
Nicht sowohl zu meinem Nutz und Frommen, als zu Andrer Wohlseyn wird sie Euere
Geldtruhe leeren, und wohl bekomm's Euch, schbiger Filz. Indessen sumt nicht,
mir das verlangte Geld einzuhndigen. Ihr mchtet sonst einen Tanz erleben, da
Euch die Haare zu Berge stehen.
    Ihr droht, in meinem Hause? fuhr Diether zornig auf: So ihr Euch verget!
....
    Wir haben ein lustig Sprchlein; sprach Veit unbekmmert weiter: das
lautet also: Rother Hahn und rothes Eisen soll den Brgern Sitte weisen! Merkt
Euch das. Der Hahn kommt geflogen, ehe man sich's versieht; und das Eisen
braucht nur eine khne Faust. Zahlt aus, strzt den Seckel. Schon um die Freude,
mich los zu seyn, sputet Euch.
    Schndlicher Bube! grollte der Altbrger, und knpfte den Beutel ab, den
er am Grtel trug, und dem Schwager verchtlich vor die Fe warf. Dieser hob
ihn aber geschmeidig auf, wog ihn in der Hand, und sagte: 's wird weniger seyn,
denn ich verlangte; dafr seyd Ihr aber auch ein Frankfurter Brger, der sich
nicht schmt, an seinem Wechseltisch mit dem schmutzigsten Gewertschen3 um einen
falschen Schilling zu jdeln; und, wenn ich Zeit habe, hole ich das Fehlende
nach.
    Thut es nicht, entgegnete Diether: es mchte Euch theure Zinsen kosten.
Packt Euch jetzt. Der Imbis wartet auf uns, und fr einen verwiesenen
Landstreicher ist kein Stuhl an meinem Tische.
    So eben brachte Else den kleinen Hans herein, und Veit flog wie ein
Stovogel auf den Knaben zu, und herzte ihn mit widriger Zrtlichkeit, so sehr
Kind, Magd und Mutter es zu wehren suchten. Lat mich doch! rief der Junker:
ist der Bube doch mein Neffe; gewisser mein Neffe, als Euer Sohn, Graubart! -
Hre doch, mein Junge, den alten Mann, welch tolles Zeug er redet. Der Kaiser
kann nicht hochmthiger seyn, als er. Lache ihn aus, dicker Bube, lache ihn
aus.
    Diether, der kaum seinen Zorn noch migen konnte, winkte Elsen zu gehen.
Veit hielt den Knaben zurck, und wollte ihm einen Ku auf die Wange drcken.
Das wilde Gesicht und der hngende Schnauzbart des Ohms schreckte jedoch den
Kleinen, und mit dem Ruf: Lieb Vterlein! hilf mir von dem Manne! entsprang er
dem Leuenberger und eilte in Diether's Arme. Der Junker schlug ein helles
Gelchter auf. Lieb Vterlein! rief er: Lieb Vterlein! Sie haben Dir das
Vaterunser gut gelernt, mein Shnlein, wenn sie auch selbst nicht dran glauben.
Ich wnsche Euch Glck zu dem Buben, Alter. Kein Zug von Euch in seinem
Gesichte; gewi auch keine Ader von Euch im Herzen. Er wird einst Euern
schlechten Namen zu Ehren bringen. Verlat Euch darauf, und lebt wohl. Ich
mchte nicht gerne berlstig seyn, darum gehe ich jetzt schon. Zhlt indessen
immer Geld fr mich ab; und Du, lieb Schwesterlein, vergi nicht fr Deinen
ehemaligen Freiersmann ein gut Wort bei Deinem treuen Freunde einzulegen. -
    Nun war dem Ausbunde roher Bosheit das Niemand schonende Gift ausgegangen,
und er ging davon ber die Schwelle des Hauses, in welchem er den nagenden Keim
des Unfriedens zurcklie. Diether verlor zwar kein Wort ber die abscheulichen
Andeutungen des feinen Buschritters, aber sein Schweigen war der Vorbote einer
bsen Zeit, und Margarethe, von Schuld nicht rein, wenn auch vor des Bruders
Anklage ohne Fehl, that, von Gewissensangst befangen, keinen Schritt, dies
feindliche Schweigen zu brechen, das den frohen Neujahrstag in eine trbe Nacht
stummen Zwistes verwandelte. - Von der andern Seite war es in des Lauenbergers
Brust bei weitem nicht so ruhig geblieben, als vielleicht sein kalter Spott
ahnen lie. Er kochte verzehrenden Grimm, denn die Droh-und Schmachworte, die
sein Schwager gegen ihn gebraucht, hatten den wunden Fleck seines Ehrgefhls
unsanft berhrt. Die Furcht vor den reichsstdtischen Zwang- und Halsgesetzen
allein hatte ihn abgehalten, sich thtige Rache auf dem Fleck zu nehmen. Die
unersttliche Habgier, die, aller Weigerung ungeachtet, demnach in der Zukunft
neue Nahrung erwartete, hatte auch ein begtigend Wort dazu gesprochen; aber die
frchterliche Shne, die der Augenblick nicht gebren drfte, sollte
nichtsdestoweniger in der Folge die Verunglimpfung vergelten. Mit diesem
Gedanken beschftigt, stieg der Herr von Leuenberg in seiner Winkelherberge zu
Pferde, nachdem er sein drftig Mahl und Mittagsruhe gehalten hatte, und
klepperte, sobald die Thore wieder nach der Vesperzeit geffnet worden waren,
von dannen; denn die Sonne ging bereits zu Rste, und die Stunde war im
Schlagen, die den Stadtfeind seinen Gegnern erlaubte.
    Seine raschtrabende Mhre legte mit Windesschnelle den Weg bis ber die nahe
Warte zurck, und hier schpfte der Behutsame neuen Athem. Theils um dem
beginnenden Schneegestber auszuweichen, theils auch um sich zu erfrischen; wohl
auch in der Hoffnung, auf Bekannte zu stoen, lenkte er links von der Heerstrae
ab, nach der Gegend zu, wo zwischen sanft anstrebenden Anhhen ein wenig
besuchter Hohlweg durchluft und zu einer Wstung fhrt, an deren Ende, von
Erdauswrfen, wie von Vertiefungen und krppelhaften Buschwerk gedeckt, eine
elende Schenke stand; die Herberge herren- und gesetzlosen Gesindels
grtentheils, dann und wann der versteckte Schlupf- und Lauerwinkel hungriger
Raubjunker; am seltensten wohl das Nachtlager irgend eines verirrten, von Sturm
und Regen hier zum bernachten gezwungenen ehrlichen Wanderers. Weder dem
Leuenberger, noch seinem Gaule war das rucherige Nest ein unbekannter Ort, denn
in der einbrechenden Dmmerung, wie auf bsem, aufgewhlten und dann wieder
hartgefrornem Pfade erreichten sie ihn blindlings. Der Reiter klopfte, zum
Zeichen, da ein guter Freund angekommen, mit der Gerte an die armseligen
Schiebefenster, zog sein Pferd unter die elende Bedachung von Tannensten, die
einen Stall vorstellen sollte, band es an einen Sparren fest, und trat, nachdem
er ihm Hckerling vorgeschttet, und eine Last Stroh, von dem Httendach
gerauft, untergeworfen, in das Innere der verrufnen Kneipe. Ein altes Weib
kauerte am Herde, und mhte sich ab, das nagewordene Reisig in Flammen zu
blasen; eine junge Dirne von unlieblichem Angesichte, schlief in der Ecke mit
einigen daselbst aufgeflogenen Hhnern um die Wette. Sonst keine Seele in der
Htte, und ein Paar elende Tische aus Balken gezimmert, dergleichen Bnke, und
ein Kandelbret mit unsaubern Krgen und hlzernen Bechern versehen, waren das
ganze Gerthe der Stube, auf deren Estrich man mit der grten Vorsicht wandeln
mute, um nicht in einem der Lcher desselben ein Bein zu brechen. - Ein Glas
Funkelhans!4 rief der Eintretende der Alten zu, die auch alsobald mit tiefem
Reverenz das Verlangte herbei brachte und einen frischen Lichtspan aufsteckte.
Ich werde hier bis morgen verweilen, fuhr Veit mit vornehmen Tone fort: Die
Nacht hat mich bereilt, und ist keines Menschen Freund. - Das Weib nickte
beifllig, versicherte, es werde ihr eine Ehre seyn, den Junker zu beherbergen,
und machte sich wieder an ihr Geschft. - Was braust Du da Alte? fragte Veit,
um das Gesprch nicht ersterben zu lassen. - Habersuppe, edler Herr;
erwiederte die Wirthin, indem sie einen derben Kessel an's Feuer rckte. - Wer
geht heute bei Dir zu Tafel, alte Hexe? fuhr der edle Herr fort: Die Brhe ist
zu lang fr Deinen und Deines Tchterleins Hunger. - Hm! grinste das Weib:
Ihr wit ja wohl, da wir oft Gste haben, und so auch heute. Mein Mann hat bei
Bergen ein Geschft, das ihn bis in den spten Abend vielleicht aufhlt. Wenn er
heim kommt, wird er hungrig seyn, und die Gesellen nicht weniger. - Was gibt's
heut zu Bergen? erkundigte sich der Leuenberger. - 'S ist dort Tanz und offne
Lustbarkeit; klang der Bescheid: Ein reicher Brgersohn von Friedberg, der vor
der Adventzeit die schne Eva von Bergen geehlicht, hlt heute ihren Mahlschatz,
und gedenkt, ihn noch gen Friedberg zu schaffen. - Er gedenkt, ... brummte
Veit hhnisch; so, so! Dein Alter denkt aber weiter, nicht wahr? - Ach groer
Gott! seufzte das Weib, die Augen verdrehend: Man mu freilich sehen, wie man
kmmerlich sein Leben durchbringe. - Kmmerlich! spottete der Gast: Ihr
Lgenvolk! Nur das Schlechte lat ihr liegen; das Beste nehmt Ihr, und heuchelt
obendrein Armuth gegen Leute, die Einiges von Euren Kniffen verstehen. -
Lieber Herr, erwiederte die Wirthin: 's ist lauter Wahrheit. Mit den Kumpanen
mu man theilen; das Kostbarste verscharren, darf das liebe Gut nicht sehen
lassen. Oft sagte ich zu meinem Manne: Marten! sagte ich zu ihm: Wr's nicht
besser, wir fingen an ehrlich zu arbeiten, und knnten ruhig leben und uns wohl
seyn lassen, als von ungerechtem Gut reich seyn, und es verbergen mssen, und
zittern mssen vor Entdeckung? Da lacht er mich aber jedesmal aus, und sagt:
Wart nur, Weib, bis wir genug haben, dann wallfahrten wir nach Compostell,
opfern dem heiligen Jakob eine silberne Krone, holen uns Abla, und kaufen uns
alsdann am Rheine an. - Ein seines Vorhaben, lachte Veit: So habt ihr noch
immer die Aussicht als Ehrenleute zu sterben, vielleicht noch selig gesprochen
zu werden, wenn ihr auf dem Todbette irgend ein Kloster reichlich bedenkt. -
Die Alte wurde empfindlich. Warum sollen wir denn etwa nicht des Paradieses
theilhaftig werden? Mein Marten hat noch keinen Pfarrherrn erschlagen. -
Verfluchte Sptterin! fuhr Veit auf, und griff nach dem Dolche. Die Alte
rannte schreiend nach der Ecke, in der die Tochter schlief, und weckte diese
durch ihr Gejammer.
    Was schreit Ihr denn also? fragte die Erwachende in schlaftrunknem
Gleichmuthe: Der Herr wird Euch nicht im Ernste erstechen wollen, und in Eurem
lderlichen Gewerbe sollt Ihr blanker Messer schon gewohnt geworden seyn. -
Veit mute ber die faule Predigt lachen, die das hliche Mgdlein hielt, und
steckte den Dolch wieder ein. - Komm her, Alte, rief er: 's war nur mein
Scherz. Und Du, garstige Burednerin, lege wieder Dein Haupt zur Ruhe. Unser
Gesprchsel wrde Dein frommes Ohr rgern.
    Das wrde es auch; versetzte die Dirne, wie oben. - Ich will mich daher
lieber drauen im Stalle zur Ruhe legen, als in Eurer Nhe. - Sie stand auf,
und ging. - Mdel, drauen pfeift der Schneewind; rief ihr die Mutter zu. -
Mein Ro steht im Stall, und kann nicht gut Gesellschaft leiden! fgte der
Junker bei. - Was thut das? fragte die Dirne entgegen: Schneeluft ist kalt,
aber klter der Schoo einer gottlosen Mutter. Unter den Hufen eines schlagenden
Rosses schlft der Gerechte besser, als unter'm Schirmdache des Bsen. Gute
Nacht! - Sie verschwand, und bei dem Ernste ihres Abschieds war dem Leuenberger
unheimlich um's Herz geworden. Unheimlicher noch der Mutter, die trbsinnig beim
Feuer sitzend, die Hnde faltete, und in die Flamme starrend, die dicken
Thrnentropfen ungetrocknet lie, die in ihren grauen Wimpern hingen. - Die
Maid bricht noch mein Herz, ... seufzte sie endlich: und ich darf sie nicht
schelten, weil sie die einzige Unschuldige im Hause ist. - Eine Nrrin ist
sie! brummte Veit mrrisch. - Die Alte versetzte aber eifernd: Nein, lieber
Herr, sie ist verstndiger, denn Eine ihres Alters. Die Klostermagd am uralten
Stifte der Reuerinnen zu Frankfurt, war der Dirne Taufpathin, und brachte sie,
da sie zehn Jahre alt geworden, und ich noch rstig dem Haushalt vorzustehen
vermochte, als ihre Helferin in dasselbe Stift. Daselbst wurde unsre Judith
zwanzig Jahre alt, und berlebte ihre Pathin, und trat an deren Stelle, bis ich,
vergelich werdend und an Krften abnehmend, sie wieder zu uns forderte. Sie
weigerte sich auch keineswegs, und kehrte heim, geschickt und gewandt, und
ausgestattet mit Bibel- und Sittensprchen, die sonst an uns gemeinen Leute
nicht kommen. Ihr Verstand merkte bald, wo es leider in unserm Hause hinaus
will, und ihre Frmmigkeit spricht oft Donnerworte gegen uns aus, vor denen
nicht selten mein Mann selbst erzittert. Im Anfang wollte er die Judith
schlagen, aber es war immer, als ob ein Engel seine Hand aufhielte, obgleich die
Dirne gelassen Rcken und Wange bot. Und da wir nun sahen, da sie unverdrossen
ihre Arbeit verrichtet, und das vierte Gebot ehrt wie eine Heilige, so lieen
wir sie reden, und haben uns an ihre harten Ermahnungen gewhnt, beachten sie
gar nicht, wenn sie nicht etwa dann und wann mein Mutterherz zu schonungslos
angreift, wie just heute. Ich habe sie ja doch geboren! -
    Eben darum; versetzte Veit gleichgltig: die Brin mu etwas von ihrer
Brut vertragen knnen. Schlechtes Volk seyd ihr, das leidet einmal keinen
Zweifel. Nehmt immerhin das Kreuz auf Euch, fgt Euch der Tollheit Eures
Sprlings, und dankt dem Satan, wenn die Verrckte Euch nicht einmal an die
Gerichte verrth.
    Die Alte schttelte unglubig den Kopf. Das thut sie nimmermehr! sprach
sie: Ich habe einmal von ihr verlangt, sie sollte einen Eid darauf schwren.
Sie aber hat's nicht gethan, und gesagt: So Ihr auf ein leeres Wort von mir
vertraut, mehr als auf mein kindlich Herz, so verdientet Ihr, da ich hinginge
und Euch verriethe. Sorgt indessen nicht, fr Eure Snden will ich ben, wenn's
Noth thut, weil es geschrieben steht, da die Unthaten der Eltern bis in's
vierte Glied forterben, ... aber nimmer sie vergehen vor der Welt. -
    Desto besser! lachte der Leuenberger: Da habt Ihr ein gutmthig
Schflein, das, wenn einmal der Stab ber Euch gebrochen wird, fr Euch den Hals
streckt, und bei dem lieben Gott Eure Frbitterin wird. Stille aber jetzt mit
dem thrichten Geplauder. Weit Du schon, da Euer alter Geselle, der Weber Paul
von Bonames, gestorben?
    Nein, werther Herr, erwiederte die Alte: Ihm sey das Freudenreich dort
oben, wenn's also sich verhlt.
    Den Teufel auch! schalt Veit: Der Hlle Schwefelpfuhl sey dem
niedertrchtigen Buben, der auf dem Sterbelager zur Plaudertasche wurde, und mir
beln Leumund brachte. Ich kmmre mich freilich wenig um die Ellenreiter zu
Frankfurt, aber verdrlich ist's doch immer, wenn solche Menschlichkeiten zur
offnen Sprache kommen.
    Ja wohl, ja wohl! bekrftigte die Alte: Paul war sonst einer der Besten
unter meines Martens Leuten, bis er fromm wurde, und sich in Reue und trostlosem
Nachgrbeln sein Ende herbeizog. Mein Mann erzhlte oft, der Paul fhre einen
Sto, trotz einem Wlschen, und Stich und Tod sey Eins bei ihm.
    Dem war auch so, versetzte Veit: bis der Kerl zum Schurken wurde.
    Da solche kecke Leute auch dahinfahren mssen! fuhr das Weib fort: Ich
darf es wohl bekennen; die besten Gehlfen Martens, den doch allgemach Augen und
Kraft verlt, kommen nach und nach von seiner Seite. Dreie sind ihm noch
geblieben von der ganzen Schar, die er seit mehr denn zwanzig Jahren mhsam
herangezogen. - Und von diesen Dreien wird nchstens der Beste, der Jude, sich
trennen, wie mir mein Mann mit Verdru geklagt.
    Wie? fuhr Veit berrascht auf: Der Jude, der pfiffigste aller
Galgenvgel, der unverzagteste aller Mrder hat Euch den Dienst aufgekndigt?
Blitz und Strahl! Wegen seiner bin ich eigentlich hier. Seiner Geschicklichkeit
bedarf ich ja gerade am allermeisten.
    Die wird Euch auch nicht entstehen; trstete die Alte: Kann die Arbeit
bald gethan werden, so verrichtet sie der Rothe gern fr Euch. Ihr kennt ihn und
uns ja nicht von gestern. Aber im nchsten Sommer wird er eine Frau nehmen und
gen Worms ziehen, und das Messer an den Nagel hngen, um ein ehrlicher Mann zu
werden. Der Bursche hat gar leicht zu reden und zu thun. Den besten Theil jeder
Beute hat er fr sich genommen, und sein Gewissen ist vollkommen ruhig, denn ein
Jude begeht keine Snde, wenn er einen Christen plndert oder erschlgt, so
wenig als es etwas zu sagen hat, wenn ein Christ einen Hebrer todt macht.
    Schne Weisheitslehren! dachte Veit fr sich, und wnschte sich weit hinweg
von dem entmenschten Weibe in die Gesellschaft der rohesten Mnner. Sein Wunsch
wurde bald erhrt, denn ein dumpfes Gerusch wurde, fern herkommend, vernommen.
Die Alte spitzte das Ohr, ffnete behutsam den Schiebladen, horchte und
flsterte in die Stube herein: Sie kommen, edler Herr; sie sind's! - Auch Veit
legte sich auf die Lauer. Das Gesumme kam nher - leichte Tritte, dann Gestolper
auf dem holprigen Pfade, der von der Bergener Anhhe herunter fhrte, ...
mitunter leises Sthnen, wie das eines Geknebelten - darauf folgende halblaut
hervorgeprete Flche; ... endlich verlor sich Alles hinter der Htte, und
schien pltzlich still zu werden. Mit einer Ungeheuern Seelenangst schlug die
Alte aber das Fensterlein zu, packte den Junker wie eine Verzweifelnde am Arm,
und murmelte mit klappernden Zhnen: Betet, betet ein Paternoster, lieber Herr,
... ein Ave fr die arme Seele: Sie sind zu den Weiden am Sumpfe gegangen ...
Gott erbarme sich! - Veit, dessen Haare sich auf dem Wirbel strubten, machte
sich mit aller Gewalt von der Entsetzlichen los, und wollte zur Thre, zu
welcher eben Judith wie ein bleicher Schatten eintrat, umweht von schaurigem aus
duftiger Nachtferne dringendem Gechze. Wo wollt Ihr hin? fragte die Dirne
hohl und bebend: Bei den Weidenbumen wird das Werk gethan, auch ohne Euch.
Wahrlich! besser wre es, mit dieser Htte umzukommen im feurigen Pfuhl, als den
Mord zu sehen, an welchem wieder ein Gerechter verblutet.
    Ein herzzerreiendes Sthnen aus der Ferne war das Letzte, das gehrt wurde.
Lange blieb es nun stille; endlich hrte man ein Rauschen im Moore, wie das
Versenken schwerer Steine, und kurz darauf kamen hastige Schritte auf die Htte
zu, in welche drei stmmige Kerle traten. Guten Abend! war ihr erstes Wort;
Wer da? ihr zweites, da sie des Fremden gewahrten, der ihnen indessen bald
kein Fremder mehr war, wie die rohe Freundlichkeit des alten Marten bewies, der
ihn zuvorkommend aufnahm. - Wasser! herrschte Einer von den andern
hochgewachsenen Burschen der Dirne zu; und gemessenen Schritts holte diese den
Schwenkkessel vom Kandelbret, in dem sich der Wildblickende die Hnde wusch.
Reinige Deine blutigen Hnde, Zodick; redete das Mdchen zu ihm: von Deiner
Seele geht der rothe Flecken nicht ab, bis er sich vor dem Herrn in hllische
Flammen verkehren wird. - Schweig, Aberwitz! polterte der Jude, die Faust
gegen sie erhebend. Da ich schweige, versetzte die Magd, ist kein Wunder, da
ich Deine Schlge frchte, da aber der dort oben schweigen kann bei solchem
Mordgrul, ist ein unverstndlich Mirakel! - Wahnsinniges Thier! entgegnete
Zodick verchtlich, und setzte sich zu den brigen. Die Alte trug Most auf, und
die Habersuppe, die den brigen mundete. Zodick zog aber ein Stck Brod aus der
Tasche, und einige Zwiebeln, um sie zu speisen, legte dann sein Messer in des
Herdes Kohlen, und forderte seinen besondern Becher, seine besondre Flasche.
Beides, mit eingeschnittnen Zeichen versehen, wurde gebracht; in dem Most, der
ihm vorgesetzt wurde, lschte der gewissenhafte Jude die glhend gewordne Klinge
ab, murmelte: Koscher! koscher! koscher! vor sich hin in den Bart, und trank
und a dann mit den Andern drauf los, die ihrerseits ebenfalls die grte Scheu
zeigten, etwas zu berhren, dessen sich der Hebrer bedient hatte. Wo ist
Jost? fragte die Alte, einen der gewohnten Tafelgenossen vermissend. Der Wirth
zuckte schweigend die Achseln, der Andre blies gleichmthig ber die flache Hand
weg, Zodick aber antwortete frech. - Was gibt's da zu verhehlen? Gebeckert hat
er. So wahr als wir sitzen hier am Tische, so wahr hat ihn der Goi, der nicht
lassen wollte vom Gelde, darniedergestreckt mit einem Hieb. Darum hat er auch
mssen an's Messer, und htt' ich ihn schleppen mssen sechs Stunden weiter, ich
htt' ihm sein Blut nicht geschenkt. - Brenwthig hat sich der Bursche
gewehrt, fuhr Marten fort: er meinte uns alle in die Flucht zu schlagen durch
sein Schwertlein. Aber nichts da. Wolf hieb ihm die Sehne der rechten Faust mit
dem Messer durch, ich rannte ihn zu Boden, und der Jud stie ihm den Knebel in
den vorlauten Schreihals. Fort mit ihm ber Stock und Stein bis hieher, wo ihn
Zodick abkehlte. Er schlafe wohl; im Sumpfe ruht er, sanft gebettet, und kommt
gewi nicht wieder, sein Geschmeide und sein Geld zurckzufordern.
    Gott wird's an seiner Statt, und die Thrne seiner Witwe! sprach Judith
feierlich: Ich aber will am Rande des Moors fr seine arme Seele beten. - Sie
ging hinweg, und die Alte folgte ihr bald nach, um durch aberglubische Formeln
ihr zagendes Gemth zu beschwichtigen.
    Da Du dem unntzen Ding das Gedibber nicht verbieten magst! schalt Zodick
gegen Marten. Verbiete der Gans das Schnattern, antwortete dieser mit vieler
Ruhe. - Mag die Dirne doch reden, was sie will; wir thun, was wir wollen. -
Jetzt zum Beispiel, wollen wir theilen, meinte Zodick mit seiner gewohnten
Grobheit; heraus mit dem Fang; ich mu heute noch zur Stadt, sonst merkt mein
Herr Unrath. - Marten winkte ihm mit den Augen zu, und deutete verstohlen auf
den Leuenberger, der, ohne Antheil an dem Gesprche zu nehmen, ruhig in der Ecke
sitzend, einen gnstigen Augenblick erwartete, sein eigen Gesuch anzubringen.
Zodick verstand Marten's Geberde wohl, aber, lachend die Kappe auf dem Wirbel
drehend, antwortete er: Immer zu! immer zu! 's hat keine Noth. Der Herr ist
nicht dabei zum Erstenmale. Ihr frchtet wohl, er mchte versucht seyn, uns
alles abzunehmen mit seinen Spiegesellen? Weit gefehlt. Dazu ist er zu fein,
und wei, da das Messer der Blutzopfer trifft, hinter'm Schutzgatten, wie
hinter'm Altar.
    Macht Euch keine Sorgen; besttigte Veit unbefangen; vor Euern
Genickfngern habe ich alle Ehrfurcht. Weit entfernt, mich ihnen selbst zum
Ziele zu geben, will ich diesem wackern Rothkopf vielmehr eine Arbeit auftragen,
die ihm wenig Zeit kosten, aber Vortheil bringen wird.
    Desto besser! versetzte Zodick mit abscheulichem Grinsen. Davon nachher.
Vorab die Theilung. Frisch daran. Zahlt die Masumme, putzt die Scheinlinge.
Steht die Wache vor der Thre!
    Meine Alte pat auf; erwiederte Marten, und langte eine schwere Geldkatze
hervor, die - auf den Tisch geleert - eine nicht unbedeutende Sammlung von Geld
und Kleinodien, wie sie die Brgersleute zu tragen pflegten, enthielt. Veit
stand am glimmenden Herde, und schaute auf die drei Schurken herber, die mit
einer ekelhaft habschtigen Schnelligkeit den ganzen Raub in drei Theile
zerrissen, von welchen der grte und beste dem Juden anheimfiel, der obendrein
mit vieler Spitzbberei den andern Bsewichtern, die auf deren Theil gefallnen
Kostbarkeiten um einen Schelmenprei abschacherte, und abdrngte. Noch im
letzten Augenblicke des saubern Geschfts stahl er seinen Gesellen mit gewandten
Fingern einige Silberstcke, und auf ihre Einsprache zuckte sogleich des Juden
blutgewohnte Faust nach dem Dolche, den die Andern so sehr frchteten, da sie
jeden Anspruch auf der Stelle fahren lieen. - Lat doch den Hader, sprach
Veit, sich einmengend; es ist schon spt geworden. Legt Euch zur Ruhe, ihr
Leute. Ich mu mit dem Rothen noch ein Paar Worte reden. - Marten und sein
Kumpan fgten sich in die Rede des gestrengen Herrn, und lagerten sich auf den
Boden am Herde. Zodick machte sich indessen fertig zum Gehen, zog die Mtze
ber's Ohr, band ein schmutziges Tuch darber und unter das Kinn, und winkte dem
Leuenberger, ihm vor die Thre zu folgen. Die Spitzbuben lauern wie die
Fchse! flsterte er seinem Kundmann warnend zu, und zog ihn aus der Htte.
Was soll's? fragte er hier demthig und geschmeidig. Aber kaum hatte Veit den
Namen seines Schwagers genannt, als sich der Bube emporrichtete, mit Augen, die
durch die Finsterni roth funkelten. Ho! rief er mit Zhnknirschen: diesen
Namen kenne ich wohl, und Hab' ihm Rache geschworen; so oft ich gebetet habe das
Gebet Schephot, das verflucht alle, die uns hassen, so habe ich nur gedacht an
den, den ich hasse, und der sich nennt nach seinem Vater. - Du redest irre!
fiel Veit ihm in die Rede. Der Jude verneinte indessen lebhaft, und fragte:
Ist's der Alte, dem ich den Talles geben soll? - Veit bejahte. - Schade,
Schade! versetzte Zodick unmuthig den Kopf nach beiden Seiten bewegend: den
Jungen htte ich lieber geschchtet. - Der ist fern; sprach Veit: erwarte
seine Rckkehr, und schaffe ihn dann hinweg, wenn's Dir beliebt.
    Hm! warum nicht? meinte Zodick: wenn es mir wrde bezahlt! Schon lange
lebte er nicht mehr, htte ich's nicht verschworen, keinen Sto zu thun, als nur
fr baar Geld. So mag's denn bleiben bei dem Aette. Wie schwer wiegt er Euch?
    Fnf Pfund Heller .... keinen Albus mehr! erwiederte Veit. Ich zahle sie
nach gethaner Arbeit. Du weit aus Erfahrung, da ich in hnlichen Fllen Wort
halte.
    Ja, ja, ganz recht! sprach der Jude zgernd: aber 's ist verdammt wenig,
das Ihr bietet. - Fr ein abgenutztes altes Leben, das ohnehin vielleicht in
Kurzem von selber reien wird! - Der Tod dieses abgenutzten Krpers bringt
Euch aber Glck! lachte Zodick hmisch: Bietet mehr, und zahlt etwas voraus.
- Ich biete nicht mehr, und zahle nichts voraus; sprach Veit. - Wei wohl!
entgegnete Zodick. Ihr Herren habt nie Vorrath an Mnze. Mt erst den Sold
irgendwo krimpeln, ehe ihr ihn zahlen knnt. Mag's indessen seyn. Tof! tof!
Sobald ich ihm ankomme an die Rippen, dem Alten, sollt Ihr von mir hren. -
    Die Wrdigen schttelten sich die Hnde, und schieden. Veit legte sich in
der Mordhtte zur Ruhe, und Zodick lief ber Zaun und Steg der Stadt zu. Er
erreichte das Thor gegen Mitternacht und wurde gegen das Sperrgeld von dem
schlaftrunknen Pfrtner in die Stadt gelassen. Der aus dem Schlummer Gestrte
fluchte dem Juden, der so spt vom Handel zurckzukommen vorgab, alle Pest und
Plage an den Hals. Zodick nahm indessen alles gleichmthig hin, und schlpfte
durch die finstern Straen in die Judengasse. Nach Gewohnheit fand er das Haus
verschlossen, ffnete die Thre geschickt mit einem eisernen Haken, drckte sie
wieder zu, und suchte mit leisen Katzentritten das elende Lager, auf welchem
ihn, den im Verbrechen verhrteten Snder bald ein Schlaf beschlich, der, fest
und anhaltend, seine Sinne wieder neu strkte zu neuen verabscheuungswrdigen
Vorstzen.

                                    Funoten


1 Haube.

2 Meister der Rechte, beim Rathe bedienstet, seit 1380; das Amt des Syndikus
verwaltend.

3 Lombarden, gleich den Juden vom Wechsel ausgeschlossen, auf Mkler-, Leih- und
Wuchergeschfte angewiesen.

4 Scharfer Wein oder Obstmost.


                                Zehntes Kapitel.

                Herr! vergib ihnen; sie wissen nicht, was sie thun!

Ben David stand einige Tage nachher eines Morgens zum Ausgehen bereit, als
Zodick in feiertglichen Kleidern zu ihm in die Stube trat. Verwundert ob diesem
Aufzuge, und dem gespreizten Wesen, das der Schachergehlfe an den Tag legte,
befragte ihn der Herr nach deren Ursache. Ich komme bei Dir zu freien um Deine
Tochter, erwiederte Zodick: Du weit, Herr, welch ein Vertrag Dich gebunden
hat an meines Vaters Wunsch, auf dessen Andenken der Friede sey. Die Zeit ist
geflossen dahin, whrend welcher ich dienen mute nach dem Beispiele des
Erzvaters. Ich habe den Lohn verdient, den wir ausgemacht, und die Perle, die
ich wachsen sah, soll mein seyn, nach dem Willen des hochgelobten Gottes und
seiner Elohim, die Dein Wort gehrt und aufgezeichnet haben. - Ben David
schwieg mit sichtlicher berraschung eine Weile; dann antwortete er: Das
siebente Jahr ist noch nicht zu Ende. Der vierzehnte Tag des Mondes Adar, an dem
man feiert das Purimfest, ist derjenige, an dem die Frist verfllt. - Du
sollst nicht zhlen die Tage, wenn es ein Gelbde gilt, erinnerte Zodick
unterwrfig: der Frst der Barmherzigkeit zhlt dann im Thale Josaphat Deine
Snden um so nachsichtiger. - Ben David drohte ihm ernst und schweigend mit dem
Finger. Es bleibt dabei; sprach er: am gedachten Tage komme wieder und freie
mein Kind. - So soll mich der Hammer zerklopfen, wie den verfluchten Haman am
Purim, wenn ich lnger harre! brach Zodick in leidenschaftlicher Hitze aus: So
ich mich gedulde bis dahin, so ich sicher noch lnger mich gedulden mu! Du hast
gedehnt meine Dienstzeit von drei Jahren auf fnf, von fnf auf sieben. Ich bin
es mde. Ich habe Dir gehorcht, als ein redlicher Knecht, will aber nicht mein
Lebenlang seufzen unter'm Joch der Dienstbarkeit, will nicht im Abnehmen meiner
Tage eine hliche alte Reck freien, statt der schnen Rahel. Meine Freunde zu
Worms fordern da ich heimkehre, und ein Weib will ich mitbringen; darum sume
nicht, und gib Deinen Segen. - Ben David war in unangenehme Verlegenheit
versetzt; nach manchen vergeblichen Winkelzgen, die alle an der Beharrlichkeit
des Freiers scheiterten, entschlo er sich, mit der Wahrheit es zu versuchen.
Freund Zodick! redete er: da Du mit Ernst darauf dringst, um jeden Prei
erfahren zu wollen, was ich Dir noch gern verschwiegen htte, so mag's drum
seyn. Dein Vater war mir lieb und werth; ein Gerechter in Israel. Du warst es
nicht minder; aber seit einiger Zeit habe ich berlegt, und gefunden, es mchte
gut seyn, wenn nichts wrde aus dem Verlbni zwischen Dir und Esther. - Wie?
fragte Zodick neugierig und argwhnisch zugleich. - Esther ist Dir nicht hold,
fuhr Ben David ruhig fort, aber als eine gehorsame Tochter wrde ihr Mund Ja
sagen, wo ihr Herz Nein sagt. Ich wrde vor Gott und dem Gesetz die Macht haben,
sie zu nthigen zur Ehe mit Dir; aber ich frchte, sie schlgt aus zu Euerm
Unheil. Esther ist nicht fr Dich, Dein Herz nicht fr sie. - Was kannst Du
aussetzen an meinem Herzen? fragte Zodick rasch und bermthig: Bin ich nicht
immer gewesen ein eifriger Bar Israel? Hab ich nicht, wie es einem rechten
Bechor zukmmt, gehalten meine sechshundert Gebote und Verbote, seitdem ich
geworden war ein Sohn des Gebots? Wer hat fleiiger die Schule besucht zu Worms,
denn ich? Wer hat das gesegnete Hallel eifriger gesungen als ich? Habe ich
einmal versumt zu beten dreimal im Tage die Gebete Schmone Esra und Knias
Schma? Was kann man mir vorwerfen? Ich bin ein Eifriger in Israel, denn ich
halte das Gesetz; ich bin ein rechtschaffener Sohn, denn ich faste jhrlich am
Sterbetage meines Vaters; ich bin ein getreuer Knecht, denn ich will verlahmen,
wenn ich Dich oder einen von unsern Leuten verkrzt habe, um einen Schilling.
Ich bin ein sparsamer Mensch, denn der heilige Gott hat meine Arbeit gesegnet,
da ich etwas vor mich gebracht habe; ich bin wohlthtig, denn ich habe nie
unterlassen, Almosen zu geben an die Armen, damit sie den Sabbath heiligen
konnten. Was kannst Du mehr verlangen? Was darf Deine Tochter mehr begehren? -
Hoffrtiger Mensch! erwiederte ihm Ben David aufgebracht: Willst Du prahlen
mit den Gebruchen, die Deine Hnde verrichten und Dein Mund? Aber Du magst
wissen, da Deine Hnde todt sind, wenn sie sich gleich bewegen, und stumm Dein
Mund, wenn er gleich redet. Das Gesetz des heiligen Gottes ruht nicht auf den
Zhnen, noch auf den Fingerspitzen, sondern im Herzen. Der bse englische
Pfenning ist glnzender als der Gerechte, nichts destoweniger aber falsch. Die
Mesusa an der Thre Deiner Htten mag noch so schn und richtig geschrieben
seyn, und doch geht Sammael ber ihre Schwelle, so Deine Seele nicht rein und
gesegnet wre. Zodick! Zodick! ich frchte, Du wandelst auf bsen Wegen, die da
nicht fhren in das himmlische Zion; sondern in den Feuerstrom, der unter dem
Throne des hochgelobten Gottes herausfliet auf die Hupter der Snder! - Wie
magst Du mich schelten? fragte Zodick mit frecher Fassung: Du schndest mein
Haupt, um Dein Versprechen nicht zu halten! - Davon nachher; entgegnete Ben
David ernst: Fr's Erste entscheide meine Tochter!
    Er ging und kehrte nach einigen Minuten, Esther an der Hand, zurck. Dieser
Mann freit um Dich, sprach er ohne Leidenschaft: ich zwinge Dein Gefhl nicht;
antworte: willst Du sein Weib werden? Zum erstenmal redet wohl ein Hausvater in
Israel also zu seinem Kinde. Bekenne frei und offen: Willst Du sein Weib seyn?
- Esther strzte mit Freudenthrnen zu Ben David's Fen. Da Du mich frei
sprichst, Vater, rief sie frohlockend, so vernimm es, mein Gestndni ohne
Zagen: ich verabscheue diesen falschen Heuchler - ich kann nicht die Mutter
seiner Kinder seyn - Ben David hob sie liebreich auf; Zodick stand da auf den
Kohlen der peinlichsten Beschmung, wort-, bewegungslos. Ben David hatte
Mitleiden mit seiner Qual und sandte die jubelnde Esther durch einen Wink seiner
Hand hinweg. - Du wirst nicht begehren, eine, so Dich hat, in Dein Bette
aufzunehmen, redete er zu Zodick: siehe aber, ich lse mich von Dir mit diesen
zwanzig Mark Silbers. - Er legte den Sack mit dem kostbaren Metall vor Zodick
hin auf den Tisch. - Verlasse aber jetzt mein Haus; fuhr er fort: es kann Dir
hier nimmer wohl seyn. - Eine tiefdunkle Rthe bedeckte Zodick's Gesicht; seine
Brust hob sich mhsam. - Du gehst mit mir um, wie mit einem aus dem verfluchten
Stamme Esau; murrte der vor Zorn zitternde Knecht: hab ich's verdient, da Du
also mit mir verfhrst? Ben David! Ben David! da es Dich nicht gereue! der
heilige Prophet Elias und seine Engel sind allenthalben um uns. Sie haben Deine
Worte gehrt! zittre vor ihrer Rache! - Zittre Du selbst vor ihnen, Sohn der
Unreinigkeit! zrnte Ben David: Ziehe nicht die Heiligen Israels in Deine
Hndel, whrend Du mir allein Rache brtest. Der Prophet hrt Deine Worte wie
die meinen; er belauscht Deine Schritte wie die meinen. Er sieht Dich, wann Du
hinausgehst zur Stunde, wo Lilis, die ungeheure Nachtfrau auf dem Throne sitzt,
und ihre Shne die Teufel aussendet, da sie die Menschen verblenden. Der
Prophet wei, was Du zu jener Zeit verrichtest, da Du ferne vom Hause
umherschwrmst auf dem Pfade verbotner Lust, oder verdammlicher That. Zittre!
geboten ist's, zur Nachtzeit die Schulen zu besuchen, wo deren Daseyn erlaubt
ist; geboten ist's, den Neumond zu feiern mit Dankgebeten; erlaubt ist's, in der
siebenten Nacht unsers Httenfestes hinauszugehen in den Mondschein, um den
Schatten zu befragen nach der Dauer unsers Lebens; - aber verboten ist's, aus
sndlichem Gewerbe herumzustreifen zur Zeit des Schlummers. Dieses thust Du aber
unzhligemale, dieses hat mir Dein bles Trachten verrathen, dieses verweist
Dich aus meinem Hause; der Friede des Herrn komme auf Dich, und sein Segen. Geh'
hin, und meide uns. - Zodick lachte hhnisch dem Scheidenden nach, und ballte
in steigendem Ingrimm die kecke Faust. Du sollst es noch theuer bezahlen, was
Du mir gethan, elender Lgner! sprach er halblaut vor sich hin mit
leidenschaftlicher Geberde: Was Du Bses an dem verdammten Gojim gebt, das
vergelte Dir der hochgelobte Gott mit tausendfltiger Pein, statt mit Wonne, wie
unsre Cohenim es lehren. Er verschliee den Schoo Deiner Tochter, da sie Dein
Blut aussterben lasse in Israel, und verstoen von ihrem Manne dahinwelke in
Schmach und Verachtung! Er schlage Dich mit Jammer wie den ausstzigen Hiob,
verwandle Dein Gold in Staub, Dein Haus in Kohle, Deinen Namen in den der
krummen Schlange! Gras wachse vor Deiner Thre, Hunger sitze an Deinem Tische
und Dein Haar werde wei im Elend! Sammael lhme Dein Gebein, der Teufel
Schafriri Dein Auge, und Deine Zunge bettle das Brod vor den Thren Amaleks!
Lebe, lebe, lebe unendliche Jahre der Noth und Trbsal, bis der Herr, unser
Gott, mit seinem Zorn angethan, Dich hinwegreit zum ewigen Feuer der Gehenna!
Amen.
    Unzhligemale wiederholte der Elende den abscheulichen Fluch, whrend er
seine Habseligkeiten zusammenrumte, um sie wegzuschaffen. Diesen Fluch auf der
Zunge schttelte er vor Ben David's Thre den Staub von seinen Schuhen, und
wanderte zum Dorfe Oberrad, wo er bei einem daselbst geduldeten
Glaubensverwandten fr den Augenblick seine Wohnung nahm. In Ben David's Hause
war seit des zweideutigen Knechts Abzug eine feierliche Stille und Ruhe
eingetreten, nur dann und wann von Jochai's bedenklichem Kopfschtteln gestrt,
der es unverholen mibilligte, da sein Sohn sein Versprechen zurckgezogen und
auf einen bloen Verdacht hin, den Esther bestimmten Brutigam aus dem Hause
verwiesen. Er uerte mit Nachdruck die Vermuthung, die Wormser Judenheit werde
gedachtes Verfahren nicht gut aufnehmen, Ben David wohl in Bann thun; der
Letztere blieb indessen unerschttert. Wre ich doch des Paradieses so gewi,
sprach er, als Zodick das Gesetz mit Fen trat. Der sucht die Nacht, der die
Sonne scheut und das Ruchtbarwerden seiner That. Was die Schule zu Worms
betrifft, so bin ich hier, wo keine blht, der Knig meines Hauses, und schalte
mit meinem Kinde, wie ich will. Lat uns den Herrn preisen, der uns aus der
Gemeinschaft des Gottlosen brachte, und frhlich leben in Eintracht.
    Ben David's, Ruhe erlitt dennoch eine ungemeine Strung, da er in Kurzem
gewahr wurde, da Zodick den Platz zu Frankfurt nicht verlassen hatte, wie er im
Anfang geglaubt. Hufig begegnete er dem tckisch lchelnden Rothkopfe auf
seinen Handels- und Mklergngen. Bald war es ihm auch kein Geheimni mehr, da
derselbe auf die Verkrzung seines Erwerbs ausgehe. berall kam Ben David, der
fleiigste unter den Juden, zu spt; allenthalben sah er seinen Eifer schlecht
belohnt, und allenthalben stack Zodick unter der Decke. Nherte sich Ben David
den Tischen, und Htten auf dem Berge bei St. Niklas, wo die Compsoren
(Wechsler) saen, und bot seine Unterhndlerdienste an, so war Zodick schon da
gewesen und hatte unter den leichtesten Bedingungen alle Auftrge an sich
gerissen; trat er in Palmstrfer's Wechselstube zum Weidenbaum, so ging Zodick
gerade heraus, Rechentafel und Beutel unter'm Arm, und der alte Wechsler und
Altbrger Humbrecht sagte ohne Hehl zu Ben David: Du hast da einen gar guten
Sprhund gezogen, Jude. Er luft wie ein Teufel, schnobert alles aus, und nimmt
geringre Zinsen, denn Du. Darum magst Du jetzt feiern, und Dich pflegen. Zodick
dient uns besser und luftiger als Du, alter Knabe. - War auf dem Gewandhause
eine Versteigerung, und Ben David dachte dabei sein Heil zu versuchen ...
umsonst, Zodick war dabei, kaufte am theuersten, schlug im geringsten Preie
los. Wurde an einem Orte ein Schmuck von edeln Steinen verlangt, und Ben David
hatte bei allen Goldschmiden und Juwelenhndlern mit Mhe und Noth die
Kleinodien zusammengebracht, so war doch alles vergebens; Zodick hatte Wind
davon gehabt und weit schnere Steine herbeigeschafft. Was die Darlehen - den
Haupterwerbszweig der Juden - anbelangte, war Ben David nicht glcklicher.
Zodick drngte sich berall auf, und Geld - zu dem er nach seines ehmaligen
Herrn Einsichten, unmglich auf richtigem Wege gelangt seyn konnte, - stand ihm
in Hlle und Flle zu Gebot. Der ausschweifende Sohn des Oberstrichters, der
leichtsinnige Neffe des Schultheien zogen gegen niedere Zinsen die Mittel zu
ihrer Verschwendung aus Zodick's Beutel. Sogar dem gefangnen Raubritter von
Hyrzenhorn streckte der rothkpfige Strefried die zweihundert Gulden vor,
welche der Verhaftete um nur loszukommen, der Stadt sammt seinem Haus zu
Wettershausen als Lsegeld stellte. Mit einem Worte: Zodick's Bemhungen, auf
den Verderb seines Lehrherrn losgehend, erreichten vollkommen ihren Zweck. Die
grern Geschfte, wie sie nur etwa den Frankfurter Juden erlaubt waren, ri er
zu Ben David's und seiner brigen Glaubensgenossen Nachtheil an sich, und
erschlich sich behende das Vertrauen der Brger, das sich dem Neuen und
Wohlfeilern gern zuwendet. Ben David wurde von Tage zu Tage mimuthiger, und
konnte endlich nicht umhin, dem Judenarzte Joseph, einem stolzen aber nicht
unverstndigen Manne, der ihn einst auf der Strae seiner verdrossenen Miene
halber zur Rede stellte, seinen Gram mitzutheilen. Ei, ei, Ben David!
erwiederte ihm Joseph mit vornehmem Kopfwiegen: Die Klugheit, die gerade vom
Herrn stammt, hat Euch verlassen, und der List des Leviathan's, der eine
schlechte Schlange ist, das Feld gerumt. Lasse nie einen Andern gucken zu tief
in deinen Becher! lautet ein alter Spruch. Lehre Deinem Schler nie Deine besten
Knste, auf da nicht seine junge Wissenschaft Deine bejahrte verderbe, lautet
ein andrer. - Da nun aber der Fehler begangen ist, so halte ich dafr, da Euch
der Quell des Lebens Reichthum bescheert hat, es sey am Besten, damit auf anderm
Boden Euer Heil zu versuchen, bis der, der Euch verderben will, in seinen eignen
Schlingen verdarb. - Wie meint Ihr das, Rabbi? fragte Ben David aufmerksam,
und Joseph erwiederte wichtig und den Mund voll nehmend: Thut doch, was ich
Euch schon vor lngerer Zeit gerathen. Macht Euch auf gen Costnitz, mit Gelde
versehen. Ich wei aus sichrer Hand, da der Herzog von streich bedeutende
Summen sucht, die er hoch verzinsen will, wenn sie unter dem Siegel des
Schweigens verabfolgt werden. Bei mehreren altbrgerlichen Geschlechtern dahier
ist von ihm Anfrage gehalten worden, allein die haben ihr Baares bereits an den
Kaiser und den Kurfrsten von Mainz und Pfalz geliehen. Da wre ein ansehnlicher
Gewinn zu hoffen, und - kehrt ihr zurck, - ist vielleicht schon des undankbaren
Dieners Freudenleben zu Ende. Wer so rasch beginnt, endet sicher rasch. Beim
Flchtigwerden oder Falschmnzen hrt's gewhnlich auf. - Ben David dankte dem
Rathgeber von Herzen, und begab sich mit bessrer Zuversicht nach Hause, denn es
hatte an seinem Leben genagt, da sein Erwerb zu stocken und in die Hnde eines
Andern berzugehen drohte. Erheiterten Sinns erklrte er seiner Esther, da sie
zur Reise gen Costnitz sich bereit halten mchte, und frhlicher denn er die
Kunde gab, nahm sie das Mdchen auf. Nachbars Ephraim, ein junger Bursche, der
an Zodick's Stelle in Ben David's Hause getreten war, wurde angewiesen, dem
Greise Jochai freundlich und gefllig in Allem zu Diensten zu seyn, und nachdem
die Familie noch in huslicher Eintracht den Freudentag gefeiert hatte, der in
den Mond Schebat fllt, fuhren Vater und Tochter, von den Segenssprchen des
Altvaters begleitet, von dannen, im Gefolge eines ansehnlichen Krmerzugs, der
nach dem Bodensee trachtete. Gerathen war es, einem bewaffneten Geleit sich
anzuschlieen, da vor wenig Tagen erst die Junker Bernhard und Wernher von
Keseberg, wegen eines Unbilds, das sie in einem Pferdehandel von dem jdischen
Rotuscher Gombracht zu Steinheim erlitten zu haben vorgaben, der ganzen
Judenschaft und ihren Hohmeistern, wo sie auch seyen, Fehde geboten und durch
ein nach Frankfurt gesendetes untersiegeltes Schreiben erklrt hatten. Das
gedrohte Unheil berhrte sonach weder Ben David noch die schne Esther, die
ungehindert ihres Weges zogen, sondern denjenigen, der in seiner Frechheit es am
allerwenigsten vermuthet hatte. Zodick nmlich, der wohl von dem am Rmer
aufgehngten seltsamen Fehdebriefe gehrt hatte, sich jedoch auf seine Faust und
sein Messer verlie, das er als Vertheidigungswaffe versteckt bei sich trug,
weil die Gesetze jedem Juden untersagten, ffentlich ein Gewehr anzuhngen,
schlenderte eines Abends bei einbrechender Dmmerung mimuthig von Frankfurt
nach Oberrad. Er hatte erfahren, da Ben David die Stadt auf unbestimmte Zeit
verlassen, und es qulte seine Seele, denjenigen nicht mehr tglich zu sehen,
dessen Eigen- und Geldliebe seine Tcke einen so entscheidenden Sto beigebracht
hatte. So sehr es ihn freute, seinen Zweck zum Theil erfllt zu sehen, wie es
die schnelle Entfernung Ben David's zur Genge zu beweisen schien, so war ihm
dieser Erfolg keineswegs genug. Den Wohlstand seines ehemaligen Herrn bis auf
die Wurzel auszurotten, den Dolch des bittersten Leidens bis an's Heft in seine
Brust zu stoen, war seine Absicht, das Ziel seiner glhenden Rache. Doch, wie
er so eben in dem Rsthause seiner boshaften Gedanken whlte, den Pfeil zu
finden, den vergifteten, fernhintreffenden, - fhig, des Gegners Leben zu
verletzen, verkrche dieser sich auch hinter den ewigen Eisbergen im Sden -
ereilte den Grbler selbst ein feindlich Schicksal. Er war so eben an der
deutschen Herren Mhle vorbeigeschritten, als aus dem beschneiten Graben der die
Heerstrae von Feldacker trennte, dunkle Gestalten auftaumelten, und ihn
umringten. Zodick's Hand fuhr nach der Waffe, allein, schon hatte eine Schlinge,
um seinen Hals geworfen, ihn zu Boden gerissen, ein Pechpflaster klebte auf
seinem Munde; im Nu war er entwaffnet, gebunden, und querfeldein geschleppt an
die Ufer des Mains, von dannen auf wenig betretnen Fhrten gen Offenbach. Es war
finstre Nacht, als der Flecken erreicht wurde, und die Straendiebe zerrten ihre
Beute in eine abgelegne Htte, wo einige Mnner in ritterlicher Kleidung bei dem
elenden Schimmer einer llampe Buschkleppertafel hielten, aus der Faust. Die
Gebrder Keseberg und der tolle Veit von Hornberg waren die saubern Herren, die
den Gefangnen mit dem Gejohle wilder Freude empfingen. - Sieh da! sieh da!
lachte Wernher: Ein dicker rother Gimpel zur Fastnachtszeit! Wackre
Vogelsteller, die solches Wild aus dem Schnee zu graben verstehen! Guten Abend,
Judas! Wir haben nicht umsonst Rechnung auf Dich gemacht. Hast Du viel Geld bei
Dir? - Zodick schttelte heftig mit dem Kopfe. Einer der Wegelagerer
versicherte indessen seinem gestrengen Herrn, man habe den Juden zwar noch nicht
durchsucht; er trage jedoch eine erkleckliche Geldkatze um den Leib. - Gut!
erwiederte Bernhard: Nehmt ihm die Last ab. Das ist jedoch das Geringste. Wir
wissen genau, da er die Verschreibung unsers Vetters von Hyrzenhorn bei sich
trgt. Um diese ist's uns zu thun. Hyrzenhorn ist genug zu bedauern, da er den
Frankfurtern sich verschreiben mute; er gedenkt aber nicht lnger der Schuldner
eines schmutzigen Juden zu seyn. Nehmt ihm den Wisch ab, so haben wir unsern
Auftrag redlich erfllt.
    Zodick wehrte sich wie ein Rasender mit Hnden und Fen, aber seine
unsinnige Wuth mute der Kraft des Hornbergers weichen, der, in hnlichem
Gewerbe gebt, ihn mit Blitzesschnelle durchsucht, Alles gefunden, und ihm
entrissen hatte. - Verdammter Fetzen! schrie der Junker bei der letzten
Maulschelle, die er dem Geplnderten gab: Ich will Dir lehren, wie man sich in
Kriegs- und Fehdesitte fgt. - Er griff nun nach der dickknotigen rindsledernen
Sattelpeitsche, und wollte ein frchterlich Gericht ber Zodick ergehen lassen,
als Bernhard sich mitleidig darein mischte. La doch den armen Snder in Ruhe!
sprach er vermittelnd: Wir wehren uns auch mit Zhnen und Klaue, wenn man uns
an's Leben will. Bedenke doch, da man einem Juden mehr als das Leben raubt, in
seinem Gelde. - Mein Bruder hat Recht, setzte Wernher bei: Auch hat mir der
Leuenberger empfohlen, suberlich mit dem Unkraut zu verfahren. Er hat schon oft
unsers Gleichen gute Dienste geleistet durch seine feine Nase. Friede sey darum
mit ihm. Nehmt ihm das Pflaster vom Maule. Weiber und Ebrer mssen plaudern,
sonst wachsen ihnen die Zhne zusammen. - So; setze Dich jetzt zu uns; Du
sollst mit essen, Dich erholen von der ausgestandnen Angst. Hier ist Brod, Kse,
Wurst. Lange zu! - Zodick fuhr mit Abscheu vor dem Dargebotnen zurck. Die
Herren wollten borsten vor Lachen ber die hliche Fratze, die der Mihandelte
zog. - I! rief der Hornberger, mit dem Jagdmesser nach Zodick's linken Auge
zielend: i, rudiger Hund, oder es kostet Dich ein Auge. - Der Jude, wissend,
da in solchen Scherzen der frchterlichste Ernst verborgen lag, nahm ergrimmt
einen Bissen von der verbotnen Speise, und wrgte ihn zornbebend hinunter. -
Auf einen fetten Bissen gehrt ein klarer Trunk! witzelte der Hornberger, und
machte kurz und gut den Vorschlag, den Juden in den Main zu werfen. - Recht!
lachte Zodick mit verzweifelnder Galle: Schmeit mich doch lieber in den Flu,
als da ihr mich zu dergleichen Snde zwingt. Der Gerechte, der gesckt wird in
Edom, geht doch ein in Kanaan! - Der Teufel verstehe das Kauderwlsch des
Brandkopfs! brummte Wernher: Wir gedenken ihm aber nicht zum Marterthum zu
verhelfen. - Wir haben nur dem Rotuscher zu Steinheim den Tod geschworen,
setzte Bernhard bei: Dir, Zodick, wollen wir wohl, da Du so ein gewandter
Stehler bist. Im Grunde galt es nur der Verschreibung, die ich hiemit feierlich
an der Lampe verbrenne. Das Geld, das Du zufllig bei Dir trugst, behalten wir
fr unser Mhewalten. Speise und Trank sey Dir aber vergnnt. Dein Fehler, wenn
Du nicht zugreifst.
    Das Gesetz verbietet mir's; antwortete Zodick; trotzig vor sich
niedersehend. - Gelt! unsre Speisen sind nicht koscher, Schuft? polterte Veit
von Hornberg: Bist denn Du aber koscher genug, um an unsem Tische zu sitzen?
Nein, sage ich, und Du fhrst durch meine Klinge zum Teufel, wenn Du nicht diese
Beleidigung unsers Wappens auf der Stelle gut machst. - Zodick schaute hoch
auf, der neuen Laune des Junkers gewrtig, und des Letztern Spiegesellen riefen
lachend: Hoho! Schwager! was fllt Dir ein? was kann der Schurke da gut machen?
Welche Grille kmmt Dir an? - Keine Grille! versetzte Hornberg, in dessen
Kopfe sich der Wein breit machte: Aber ich schwrs Euch zu bei meiner Seelen
Seligkeit und meines Leibes Urstnd, da ich den vermaledeiten Fuchsbart ber
den Haufen steche, bevor der Morgen graut, wenn er sich nicht in dieser Nacht
noch taufen lt.
    Ein lautes Gewieher war die Antwort auf den berraschend seltsamen
Vorschlag, der jedoch im nchsten Augenblick schon den zu allem Abenteuerlichen
sattsam aufgelegten Herren vllig zusagte, und mit Begierde von ihnen
aufgenommen wurde.
    Vortrefflich! rief Bernhard. Herrlich! rief Wernher: der Jude mu sich
taufen lassen, und wir wollen des Hllenbratens Pathen seyn. - Zodick konnte
vor Wuth und ohnmchtigen Ingrimm keine Silbe vorbringen, aber sein giftiges
Ausspucken und Kopfschtteln redete an seiner Statt. - Wage es, Nein zu
sagen, schrie Veit, ihm den Stahl an die Kehle setzend: und Du fhrst zur
Hlle. Niedertrchtiger Auswurf, dessen Wohlthter wir werden wollen, den wir
mit eignen Hnden aus dem ewigen Pfuhl ziehen! mukse nicht, oder es ist Dein
Letztes.
    Verblassend und verstummend stand Zodick wie niedergedonnert. - Macht fort,
Bruder, sprach Veit gemigter weiter: bestellt Pfarrherrn und Glckner; ich
will indessen dem Hllenbrand mit dem Dolche das Paternoster einkitzeln.
    Die Gebrder Keherberg eilten schnell von dannen und durchstreiften mit
ihren Knechten, wie Gespenster der Nacht, den Flecken, Strae auf, Strae ab,
bis sie in der tiefen Dunkelheit Kirche und Pfarrhaus gefunden. Wohl hrten die
Bewohner Offenbachs die Schritte und rohen Reden der Nachtgste, sahen sie wohl
mitunter durch die Ritzen der Lden, wie sie Waffenrauschend durch die Gassen
lrmten, aber in den damaligen Zeiten des Unfriedens und der Selbsthlfe wagte
sich Keiner aus dem Hause, sondern erwartete in ngstlicher Stille, ob der
Besuch nur eine vorberziehende Wetterwolke sey, oder wie der Blitz ihre
Httendcher entznden werde. Die Wchter des Schlosses fanden ebenfalls keinen
Beruf, sich in das Thun der Fremden zu mischen, hielten sich zur Vertheidigung
gefat, und blieben ruhig. So gelangten die Junkherren ohne Anstand zum
vorgesteckten Ziele. Mit lautem Klopfen wurde der Leutpriester aus dem Schlummer
geweckt, an's Fenster beschieden. Der von Natur Furchtsame erbebte, da er
Bewaffnete vor seinem Hause sah, und fragte demthig nach ihrem Begehren. -
Heraus, Pfaffe! rief ihm Wernher zu: Lege den Chorrock an, und die Stola.
Versieh Dich mit Kerze, l, Salz und Honig und komm zur Kirche. Ein Ketzer will
sich taufen lassen, und schnell, damit der bse Geist ihn nicht abwendig mache
von seinem lblichen Vorsatze. - Ein Ketzer? fragte der erschrockne
Geistliche: Taufen, in spter Nacht, ... wer brgt mir..? - Schweig!
erwiederte ihm Bernhard: Wir brgen, drei Edelleute, des Ketzers Taufzeugen.
Steig herab ohne Sumen; bescheide den Glckner, da er Dir diene; aber wofern
der Bube Lrm macht, oder den Glockenstrang zu ziehen gedenkt, so ist sein
letztes Stndlein da und das Deine. Wir sind zum Trutz gerstet, und unsere
Knechte umlagern schon das Kirchlein. -
    Der Pfarrherr, der an Sprache und Keckheit wohl merkte, mit welchen Gesellen
er zu thun bekam, und durch das traurige Beispiel mehrerer Amtsbrder, die so zu
sagen am Altare ihren Tod durch Mrderhand gefunden hatten, gewitzigt worden
war, sumte nicht, dem gebieterischen Begehren Folge zu leisten. Das Frsteln
der Angst in allen Gliedern warf er sich in die kirchlichen Gewnder, beschickte
den Mener, und da er in Begleitung des Letztern, eines altergrauen Mnnleins,
das vor Schreck sich kaum auf den Fen zu halten vermochte, an die Pforte der
Kapelle kam, langte so eben der Hornberger daselbst an, dessen Knechte den
Tufling an der Leine fhrten, wie einen Rden. Das Kirchlein wurde geffnet,
Wache davor gestellt; ein Bewaffneter htete den Eingang zum Glockenthrmlein,
und die edeln Herren forderten nun den Priester auf, beim Schein einer einzigen
Kerze das heilige Amt an dem stummen, todtbleichen Zodick zu verrichten, den der
wilde Bekehrungseifer und die Drohungen des Hornbergers dazu gebracht hatten,
sich Alles gefallen zu lassen, was man mit ihm vornehmen wrde. - Der Pfarrherr,
der verstndig genug war, einzusehen, da hier die Wrde der Kirche und alles
Recht mit Fen getreten werde sollte, machte nachdrckliche Einsprche in das
Verfahren der drei Ketzerbekehrer, forderte sie auf, den armen Menschen, der wie
das Espenlaub zittre, und keinen armen Laut von sich zu geben vermge, ruhig
ziehen zu lassen, ihn nicht zu einer Handlung zu zwingen, die er nicht begreife,
die er verabscheue, deren er nicht wrdig sey.
    Die drei Gebietenden zogen aber bedeutend und drohend die Schwerter,
stellten sich in den Taufstein, und streckten die Schwrfinger in die Hhe. Wir
haben es gelobt bei den Wunden des Herrn, diesen verstockten Snder zu heiligen,
wider seinen Willen, sprachen sie. Geht seine Seele verloren durch Dein Zaudern,
Pfaffe, so stirbst Du dahin ohne Gnade, erstickt von Deinen Snden. Gib ihm das
ewige Leben, und geniee ferner das zeitliche. Gib ihm den ewigen Tod und theile
ihn mit ihm! - Der Geistliche zuckte die Achseln, und machte sich bereit zu der
Handlung. Die Folgen Eures frevelnden Muthwillens kommen ber Euch! sagte er
feierlich und begann die vorgeschriebnen Gebete. Die Waffendrohenden Zeugen
antworteten auf jede Frage fr den zur starren Bildsule gewordenen Zodick, der
alle Gebruche mit bereinander gebissenen Zhnen ber sich ergehen lie. Das
Glaubensbekenntni legten die verwahrlosten, der Kirche lngst entfremdeten
Pathen mit Mhe und Stottern fr den Tufling ab, - nun aber kam es an die
gefhrlichste Stelle der Handlung; an das einfache, aber aus dem Munde des zu
Taufenden selbst zu verlangende Gelbde. Zu Aller Erstaunen sprach der Jude die
vorgesagten Worte keck und fest nach, machte das Zeichen des Christen mit
sicherer Hand, und nickte ungezwungen mit dem Haupte, da er, dem barbarischen
Rituale jener Zeit gem, seinen bisherigen Glauben, und die ihm anhingen, durch
den Mund des Geistlichen verfluchen mute. - Diese auffallende nderung des
Betragens erleichterte das Herz des Pfarrherrn in etwas; die entweihte Handlung
wurde ruhig beschlossen, und dem Neugetauften der Name Friedrich beigelegt. Auf
dem staubigen Tische der Sakristei schrieb der Pfarrherr das Zeugni des
Ubertritts nieder, hndigte es dem Juden ein, befestigte auf seiner Brust, statt
des gelben Ringes, ein Blechschild mit dem Kreuze und dem Buchstaben C, wie
Neubekehrte es zu tragen verbunden waren, und entlie die seltsame
Taufversammlung mit seinem Segen. - Mit rohen Scherzen zogen die Bekehrer davon,
und berhuften den still rasenden Zodick mit Spottreden und Schmachworten. Vor
dem Flecken umringten sie ihn, trieben noch allerlei Possen mit dem
Unempfindlichen, und gaben ihm nun vllige Freiheit zu gehen, wohin es ihm
belieben wrde. - Geh heim, Shnlein Friedreich, - sprach Wernher hhnisch zu
ihm; wachse im Glauben, und danke es uns fein, da wir dir zum Himmel
verholfen.
    Falle nicht in den alten Baalsdienst zurck; ermahnte ihn Bernhard, der,
der Gutmthigste von den Dreien, sich in der That einbildete, ein dem Himmel
angenehmes Werk verrichtet zu haben: Das Christenthum schenkt zeitliche und
ewige Wohlfahrt. Dem Juden sagte man, den Bekehrten wird Alles lieben, und
allenthalben befrdern. - Merke Dir aber noch das Eine! schlo der Hornberger
drohend: Wofern wir vernehmen, da Du wieder zur Ketzerei Dich wendest, da Du
die Schildlein nicht trgst, und nicht bekennst, da Du freiwillig unsers
Glaubens wurdest, so stirbst Du ohne Barmherzigkeit von meiner Hand. Jetzt aber
bedanke Dich knieend fr die von uns empfangne Wohlthat, und fahre hin, Deines
Wegs. - Zodick mute auf seinen Knieen die Hnde seiner drei Pathen kssen,
geloben, ihnen in Treue zu dienen, wann und wo sie es begehren wrden, und wurde
unter Gelchter und Hohn entlassen. - Als ob ihm der Kopf brenne, lief er aus
dem Bereich seiner Peiniger hinweg; bald verlieen ihn jedoch die Krfte, und er
sank nieder in den Schnee, gerttelt von Gewissensbissen und reggewordner
Verzweiflung. Es gibt Falten im menschlichen Herzen, die der Witz des Gelehrten
nimmer auskundschaften wird. Der blutgierige Bube Zodick hatte geraubt,
gemordet, und sein Gewissen war ruhig geblieben bei der freiwilligen Unthat. Es
waren ja nur Christen, die Unterdrcker Israels; dachte er bei sich selbst. Ihre
Habe ist in unsre Hnde gegeben, ihr Leben selbst, das nicht edler ist, als das
eines Schweins. Nur, wenn ich Einen aus Israel plndre, begehe ich einen Raub;
nur wenn ich einen Sohn meines Gesetzes wrge, begehe ich einen Todtschlag vor
dem Herrn. - Der unfreiwillige Abfiell jedoch von eben diesem Gesetze erfllte
den verhrteten Bsewicht mit allen Qualen der Reue und des Jammers. Vergebens
stellte er sich vor, was ihn in jener frchterlichen Kapelle bewogen hatte,
frisch und frei seinen Mund zu dem frevelnden Werke zu leihen: da nmlich die
Rabbiner lehren, ein gezwungener Eid sey Keiner - ein freiwilliger sogar sey
keiner, sobald man nur geschickt den Worten des Gelbdes einen andern Sinn
beilege in Gedanken, als den Geforderten. - Der Ausweg, den diese letzere
verderbliche Lehre so wohlthtig dem Meineid erffnete, war unzulnglich fr den
Aberglubigen, der sich jammernd und verzweifelnd im Schnee wlzte, um von
seinem Haupte den Gruel einer verabscheuten Religion zu waschen. - Ich bin
verloren! seufzte er aus keuchender Brust: Ein Jude bin ich nicht mehr, ein
Christ kann und mag ich nicht seyn. Alle Paradiese sind mir verschlossen, jedes
Glaubens Hlle mir beschieden! Einen falschen Eid knnte ich verantworten, aber
solche Gruelthat nicht. Wollte ich auch vorschtzen, ich htte es nicht
freiwillig gethan - was ntzt es mir? ... der Mensch steht vor Gott und seine
Werke um ihn her. Der heilige, hochgelobte Gott, der starke eifrige Gott hat
sich gekleidet in Zorn, denn er hat gesehen, wie man mich taufte, ... er hat
gehrt, wie ich geschworen .... wehe mir! wehe! Die Schule zu Worms wird mich in
Bann thun; die grausamen Kinder Esau werden wich ermorden, wofern ich wanke. Mu
ich denn verloren seyn, warum gehen sie nicht mit mir unter, die gottlosen Shne
Amaleks? Verruchte Gojim! ihr habt mir meine Seele gestohlen! Ich fluche Euch!
Ich gelobe Euch Rache, vollgeltende Rache! -
    Dieser Gedanke belebte den Unseligen, von Zweifeln und Muthlosigkeit
Zerrissenen mit dem Funken, der nicht aus dem Himmel stammt, sondern aus der
Tiefe. Zodick raffte sich zusammen, blickte wild, mit wehenden Haaren zu den
jagenden Wolken auf, die vergebens ihre dichtesten Schneeflocken hernieder
sandten, das glhende Molochgebilde abzukhlen. - Der Bund ist zerrissen!
schrie er gellend hinauf, das einzige lebende Wesen unter dem stillen eisigen
Regen: Sammael! Frst der Wildni, Frst des Todes und Gatte der entsetzlichen
Nachtfrau Lilis, der Gebrerin aller Schreckgespenster und Snden! Dir ergebe
ich mich! Schtze mich vor dem Zorne unsers Gottes! berge mich vor der Wuth
Edom's! Lehre mich das Schwert fhren gegen das Gesetz, das nicht mehr mein ist.
Erlaube mir, Rache zu nehmen an Israel, wie an Esau, bis Du einst meinen Geist
dahin nimmst in den Strmen Deines Grimmes!
    Als ob der entsetzliche Sammael ihn verfolge, irrte der Snder auf den
Schneefeldern umher, bis der nchste Morgen grau und kalt heraufstieg, und ihn
zur Htte trieb. Das wachsende Licht des Tages senkt stets mehr Zuversicht in
gute, wie in bse Zweifelnde Herzen. Der Wahnsinn der verweinten oder
verlsterten Nacht schwindet in ruhigeres Nachdenken hin, und auch Zodick wurde
ruhiger, gemigter. Er sah pltzlich ein, wie sehr sein irdischer Vortheil
durch die nothgedrungne Glaubensnderung gewinne, und da es dem jenseits
Verlornen erlaubt seyn msse, hienieden doppelt zu leben in eigner Freude und
fremden Leiden. Er erklrte vogelfrei alle Menschen, wes Glaubens sie auch
seyen, und beschlo, nun das Werk seiner Rache an Ben Davids Hause auf's
glnzendste zu vollenden. Trunken vor Freude ber die entsetzlichen Bilder, die
in seinem Gehirne aufstiegen, dankte sogar der Verblendete der Vorsehung fr die
verwichne Nacht. Sein Aberglaube whnte von dem Schicksale mit Vorbedacht, die
Freiheit erhalten zu haben, ohne Gewissensangst seinen Durst nach Rache lschen
zu knnen, und seine Bosheit schritt langsam, aber khn zur Ausfhrung.

                                Eilftes Kapitel.


 Die Wohlthat ist eine stattliche Pflanze;
 ihre seltenste Blthe aber ist: Dankbarkeit.
                                                             Pers. Sittenspruch.

Allgemach war die Zeit eingetreten, in welcher, nach den Berichten alter
Schriftsteller, die Deutschen zu rasen pflegten, vorstzlich, sich in Gespenster
vermummten, und allen Muthwillen fr erlaubt hielten; die Fastnachtzeit nmlich
- das dreitgige Fest, das einer langen dauernden Reihe von Tagen der Betrbni
und des Fastens vorausgeht. Diese frhliche Zeit, sehnlichst herangewnscht von
allen Stnden, setzte in Costnitz alle Hnde in Thtigkeit, alle Sinne in
Arbeit. Der Ernst und die wichtige Frmlichkeit der Kirchenversammlung, deren
Beschlsse eine allgemeine Sittenverbesserung bezwecken sollten, setzten dieser
Volkslust wenig oder gar keine Schranken entgegen, und der Kaiser Sigismund, ein
gar kurzweiliger, freundlicher Herr, dem Minne- und Larvenspiel nicht abhold,
vermehrte die allgemeine Ergtzlichkeit durch den eifrigen Antheil, den er daran
nahm. - Man mu dem Volke seine Spiele nicht nehmen; sprach er zu den strengen
Sittenrichtern, die ihn gern vermocht htten, aus Rcksicht fr das Concilium
die Fastnachtslust zu beschrnken: Schwerlich wrdet Ihr uns wehren wollen, an
unsrer Hofstatt das Fest zu begehen; allein wir mgen in solcher Zeit keine
Freude genieen, an der nicht Alles, das uns umgibt, Theil nehmen knnte. Die
Herren aus Wlschland und Frankreich mgen sehen, da unsre deutsche Nation ein
lustig Volk ist, und ein Oberhaupt hat, das Kurzweil und Schimpf in Ehren liebt.
Darum wollen wir befehlen, da man jetzo jubilire, wie sonst, denn des Herzens
Frhlichkeit gefllt dem Herrn im Himmel, und darf demnach sich vor seinen
Statthaltern auf Erden nicht scheu verkriechen. - Des Kaisers Wille geschah
diemal ohne fernere Widerrede, und der Fastnachtsonntag trat einher in Prunk
und lustigen Glanz gehllt, wie ein Frst der Freuden. Alle Geschfte blieben
liegen, und nach Auen in das herrliche Frostwetter drngte sich Alles, was
deutsches, nordgewohntes Blut in den Adern trug, und nicht blos aus den Fenstern
der geheizten Gemcher die Ergtzlichkeit mit ansehen wollte, wie die Wlschen
thaten. Dagobert blieb nicht dahinten. Der geistliche Rock wurde in den Schrank
gehngt, das enge Rcklein wieder hervorsucht, und, das Symbolum der Fastnacht,
den grnen Tannenzweig auf dem Hute, suchte der Neffe den Oheim auf, den er, an
Husten und Schnupfen und Gichtbeschwerden laborirend, im Sorgensthle antraf. -
Sieh da! rief der Prlat mit schlecht verborgnem Verdrusse: sieh da, wieder
ein Faschingsgesicht, dem man es ansieht, wie es nur auf die Kirchenglocke
lauert, die das Zeichen geben soll, zu dem grulichen Tollmannswesen! Gleich wie
die blinden Heiden ihre Bacchanalien feierten in Rausch und Unzucht, also siehet
man heutzutage die Christen in den Schlamm der Abscheulichkeit strzen, um sich
auf vierzig Tage satt darinnen zu schlemmen! O du verlorner Sohn Absalom! Deine
Mutter hat es noch dereinst am jngsten Tage zu verantworten, da sie Dich zur
Kirche bestimmt hat. -
    Ihr habt vllig Recht, lieber Ohm, versetzte Dagobert: ich bin selbst
dieser Meinung. Lat uns indessen nicht grollen, nicht hadern an diesen
Freudentagen, Fastnacht kmmt nur einmal im Jahre .. 's thut mir leid, da Euch
das Zipperlein an die Stube fesselt. Ich htte Euch so gerne Euere ehemaligen
Landsleute in ihrer Glorie von Frhlichkeit gezeigt. - Ja, eine Glorie ist's,
antwortete der Prlat: eine Glorie von Flammen aus dem hllischen Pfuhl gewebt.
O, ihr Deutsche, ihr Deutsche! Wohl dem, der sich lossagen kann von Eurer
Gemeinschaft. -
    Spricht lieb Mhmlein desgleichen? fragte Dagobert die lchelnde Fiorilla.
Diese aber schttelte schelmisch mit dem Kopf, und erwiederte: Ich mte lgen,
Vetter. Gestern erst, da zufllig der Kaiser mit seinem Gefolge unter unsers
Hauses Fenstern vorbeiging, lernte ich Eure Landgenossen auf's Neue bewundern.
Welche krftige Gestalten, welch edler Wuchs, welch stolze Haltung! Stark von
Brust und Schultern, aufgerichtet das Haupt, umwallt von krausem Goldhaar, kann
dieses Volk das schnste genannt werden von allen Reichen der Welt.
    Wie das plaudert! wie das schnappert! unedle Sinnenlust! eiferte der
argwhnische Prlat aus seinem Sessel. Dagobert kte aber die Sprecherin auf
die Stirne. -
    Ich bringe Euch den Dank meines Volks; sagte er verbindlich: Ich darf
doch darauf rechnen, Euch zum mindesten in das Festgewhl der belobten
Landsleute fhren zu drfen? Entschuldigend und versagend zeigte Fiorilla auf
den leidenden Oheim, dem dagegen die Rthe des rgers auf die Wange, stieg.
Hebe Dich weg, Versucher! rief er zornmthig: Entfhre nicht dem Kranken die
Pflegerin. Geh zu Wallraden. Dort ist Dein Platz. Sie magst Du fhren, wohin Du
willst. -
    Ach, Oheim! entgegnete Dagobert mit schalkhafter Betrbni: Die Fastnacht
zwischen Wallraden und mir ist schon vorbei. Sie hat bessere Gesellschaft, denn
die Meine.
    Hm! meinte der Prlat, die Nase rmpfend: Die ist nicht schwer zu finden.
Doch .... ein Wort im Vertrauen. - Er zog den Neffen bei dem Arme sich nher,
und Fiorilla entfernte sich auf seinen Wink. - Warum kommst Du gar nicht mehr
zu Wallraden? fragte Monsignore: Ich bat Dich doch, Deinen Einflu fr einen
ihrer Freier zu verwenden. - Ohm! antwortete Dagobert: Ich sagte es Euch:
Mein Einflu ist aus, und dann bin ich ein schlechter Freiwerber. - Du weit
also gar nicht, wie sich die Sachen gestaltet haben? fuhr der Prlat fort:
Wallrade hat mir selbst vertraut, da unser allergndigster Herr, der Kaiser
selbst, ein huldvolles Auge auf sie geworfen. Das geschah am verwichnen Sonntag,
bei dem groen Tanzfeste, das des Kaisers Majestt in ihrer Freigebigkeit
veranstaltet. -
    Der gute Herr ist der Minne Freund; schaltete Dagobert ein: Was soll aber
daraus folgen? - Bldsichtiger! schalt der Oheim! Daraus folgt, da mein,
Dein und Wallraden's Waizen blht, wenn des Kaisers Neigung begnstigt wird. -
Wie so denn? fragte der Neffe mit groen Augen. - Verwnschter deutscher
Querkopf! fuhr der Prlat fort: Wallradens zeitliches Glck, eine herrliche
Pfrnde fr Dich, kstliche Privilegien fr mich und mein Stift, eine
Bischofsmtze vielleicht .... begreifst Du nun? - Ich wrde das Alles
begreifen, versetzte Dagobert bedchtig, wenn Wallrade von Sigmund geehlicht
werden knnte. Ihr verget aber, guter Ohm, da meine Schwester nur eines
Altbrgers Tochter, - da der Kaiser bereits vermhlt. Wie rumt sich also, was
Ihr sagt?
    Der Prlat spielte ungeduldig mit dem Kreuze auf seiner Brust. So alt
schon, sprach er, und noch nicht klger? Ein Weltkind, und unbefangener als
ein Klosterbruder, der nie aus der Zelle kam? Wie rumt sich denn das? Siehst Du
denn nicht ein, da eines Kaisers, eines verliebten Kaisers Leidenschaft sich
nicht an Ring und Priestersegen bindet? da es unendlich vortheilhafter ist, auf
kurze Zeit seine Freundin, als auf ewig seine Gattin zu seyn? Sigismund hat ein
weiches, gottesfrchtiges Herz; er liebt es, Alles um sich her zufrieden zu
sehen, und beginnt unstreitig bei den Blutsfreunden seiner Huldin, wenn sie
vorsichtig einwilligen, ihren Bruder- und Oheimsnamen als Schild zu Schutz und
Trutz vor die verschwiegne Minne halten, und durch solche Wache den Kaiser
beglcken, bis dieser die Geliebte - der Sache ein Ende zu machen - einem
reichen Magnaten als Gattin schenkt. Nun bin ich Dir doch klar genug gewesen,
einfltiger junger Mensch? -
    Wei es Gott; versetzte Dagobert, sich langsam von dem Oheim losmachend:
Klarer ist das ABC nicht, aber ich bin ein ungelehriger, fauler Schler, der es
mit Vorsatz in derlei Dingen nicht einmal bis zu den Buchstaben bringen will;
ein Trotzkopf von Bruder, der einer Wallrade nicht einmal dann etwas verdanken
mchte, wenn es mit Ehren geschehen knnte, geschweige hier, wo es sich um eine
Snde handelt, die bei uns zu Frankfurt, - an Brgersleuten wenigstens - mit
Ruthenstreichen, mit Schande und Tod bestraft wird. Wallrade thue, was sie vor
Gott - thut Ihr, was Ihr vor eurem Gewissen verantworten mgt; ... mich lat aus
dem Spiele. Ich bin zu deutsch, zu dumm, wenn Ihr wollt, um Eure Wrfel zu
fhren. Gute Besserung, Oheim! -
    Was habt Ihr denn, Dagobert? fragte Fiorilla stutzend, da er mit
flammenden Gesichte aus der Stube trat: Diese Rthe auf Eurem Gesichte ....
Ich schme mich, Base; antwortete der Jngling: Der Ohm war so gtig, mich
mit seinen Sittenlehren bekannt zu machen, und ich stehe weiter hinter ihm, als
ich gedacht. Ich eile, mich zu zerstreuen. - Glcklicher! seufzte Fiorilla:
ich mu das Haus hten, und sehe nichts von all den Herrlichkeiten, die sich
drauen vorbereiten. - Ihr sollt wenigstens durch meinen Mund erfahren, was
sich Alles begab; erwiederte Dagobert: so Ihr mir erlaubt, in der zehnten
Stunde ungefhr unter Euer Fenster zu kommen, und ein Viertelstndchen mit Euch
zu kosen; denn des Ohms Haus betrete ich vor der Hand nicht mehr. - Nicht?
rief Fiorilla erschrocken: Was ist geschehen? - Fiorilla! lie sich der
Prlat im Gemache vernehmen. - Ihr sollt Alles wissen, flsterte Dagobert. Um
die zehnte Stunde? - Fiorilla nickte mit dem Haupte, und verschwand.
    Euern Auftrag habe ich erfllt, so gut es in meinen Krften stand, sprach
Gerhard von Hlshofen zu Dagobert, als sie in der Herberge zusammengekommen
waren. Die schnsten Mummenkleider, die der eisgraue Schneider Welsner hatte,
stehen Euch zu Diensten, und Ihr habt unter Dreien die Wahl bis zur
Mittagsstunde. Schaut, da bringt mein Vollbrecht just den Bndel in's Haus. Auf
Eurer Kammer wollen wir dessen Inhalt belugen. -
    Gerhard, um seinen Geschmack in's beste Licht zu setzen, pries nun, eine
Larvenkleidung nach der andern auseinander breitend vor den Blicken des Whlers,
die Vorzge einer Jeden mit behaglicher Lust. - Seht einmal diesen wilden
Mann! sprach er wohlgefllig lchelnd: Neu, wie er von der Nadel kmmt. Schne
gelbe Leinwand, zierliche Schnrlcher und feine venedische Seidenschnur! Mte
Eurer schnen Gestalt stehen, wie angegossen. Das Visir dazu ist sorgfltig
gemacht und aufgeputzt mit den bermigen Augenbraunen, Bart und Haarhaube von
schwarzgefrbten Werg. Der Bltterkranz und Laubgrtel, die Keule und die
ungeschlachten Geisschuhe - Alles liegt dabei, und kann nicht schner seyn. In
dieser Mummerei werdet ihr allenthalben ein willkommner Faschingsgast seyn, und
mt Euch nur von Fackeln entfernt halten, denn das am Kleide verschwendete Werg
und Harz versteht keinen Scherz, und man hat Beispiele, da Leute jmmerlich
verbrannt sind in solcher grlich schnen Haut. - Betrachtet ferner diesen
Schalksnarren, und sagt mir, ob auch ein schnerer Pickelhring noch
vorgekommen? Blitzt nicht auf Wams, Kappe und Unterkleid Grn, Roth, Gelb und
Blau durcheinander, als htte unser Herrgott seinen Regenbogen Stckweise darauf
geklebt? Wie gefllt Euch der prahlende Hahnenlamm an der Gugelmtze? Was sagt
Ihr zu den stattlichen Eselsohren, die an derselben emporragen? Zu den
zierlichen Glocken, an Ohren, Kamm, Grtel, Schienbein, Ellbogen, Knie, ja sogar
an den hochgekrmmten Schuhspitzen? Was haltet Ihr von der lustigen Fratze, die
dazu gehrt, mit der knotigen Nase und dem flatternden Spitzbart? Seht,
Halskragen, Kolbe, und Ruthe sind nicht vergessen! - Beide Anzge jedoch
verdunkelt der, der uns noch zu besehen bleibt. Der wilde Jger, den ich jetzt
vor Eure Augen lege, ist das Schnste, das aus Welsner's Werkstatt hervorging;
so niedlich und zierlich, als ob es ein Materinger von Nrnberg1 zum
Meisterstck bestimmt htte. Grn, wie der lustige Wald das Gewand; golden wie
funkelnder Sonnenschein die Verbrmung, roth wie das Nordlicht der flatternde
Mantel. Wie die Mhne des Pferdes fallen die pechschwarzen Haare aus dem
Spitzhute, an dem die Hahnenfeder des Jgers Wachsamkeit bezeichnet. Das
Jagdmesser blinkt von hellem Beschlge und Elfenbein, der kurze Spie scheint
seine Schrfe in's Mondlicht getaucht zu haben ......
    Genug, genug, guter Freund, unterbrach ihn, vor Lachen beinahe erstickend,
Dagobert. Du bist begeistert von dem Jgerskleide, so da mir bednkt, als
httest Du selbst nicht bel Lust, es zum Bestellerlohn fr dich zu fordern.
    Wo denkt ihr hin, Junkherr? fragte Gerhard, mit begehrlichen Augen das
Gewand musternd: Meiner Treu, .... htte ich auch die Lust, so htte ich doch
nicht die volle Tasche, die zu solchem Spa gehrt. 'S ist ein erbrmlich Leben
hier. Ein einzig Stechen hat bis jetzt der Kaiser angestellt, ein Ringelrennen,
auf dem ich wohl den Preis errang; aber - wie bald war die geringe Gabe in den
Wind gegangen. Meine Hoffnung ist der Frhling, in dem das lustige Ritterspiel
wieder beginnt in voller Pracht. Bis dahin mu ich mich dnken und vergngt seyn
mit der Atzung, die mir meine Herren von Frankfurt hier im Engel verabreichen.
    Armer Schelm! versetzte Dagobert: Solche Entsagung fllt Dir schwer. Eine
Fastnacht sollte vorbergehen, ohne da Du darauf der vornehmste Narr gewesen?
Nimmermehr. Es bleibt dabei, Du nimmst den wilden Jger, den ich bezahle, und
dessen Seckel ich versehen will, damit seine Kehle nicht trocken bleibe, und ich
... je nun, ich stecke mich in den Pickelhring; denn zu dem, was ich vorhabe,
brauche ich eine Larve, die nicht die Einzige ihres Schlags im Gewhle sey, und
einen Begleiter, herzhaft wie der wilde Jger, unter dessen Mantel wohl neben
dem Jagdmesser eine Raufklinge Platz hat.
    Hoho! was spracht Ihr da? rief Gerhard vergngt, und umarmte in seines
Herzens Freude den jungen Gnner: Larvenspuck, Silber in der Tasche, Weinlust
und zum Beschlu eine Rauferei? Ihr macht berselig! - Und verlange nichts
dafr, als Verschwiegenheit; erwiederte Dagobert: Verschwiegenheit und
Aufsparung Deiner Freude bis zum Faschingdienstag. Schlendre bis dahin umher, in
welcher Maske Dir's gefllt; den Jger hebe aber auf, sonst erfhrt man vor der
Zeit aus Deinem sprachseligen Munde, da Du dahinter steckst.
    Ich bin ja kein altes Spittelweib, lachte Gerhard zuversichtlich:
indessen: Euer Wille geschehe. Mein Freund, der Mundkoch aus dem Bischofshofe
hat mir den langen Christoph versprochen, um mich darein zu vermummen, und ich
will mir's gefallen lassen, bis zum Dienstage den Heiligen vorzustellen. Was
ist's aber eigentlich, das ihr vorhabt, liebes Frschlein?
    Htte ich Lust, Dir's mitzutheilen, versetzte Dagobert: so wtest Du's
bereits. Verstanden?
    Gerhard zuckte mit Zweifelhaftem Gesichte die Achseln, wollte reden, schlug
sich aber auf den Mund, und empfahl sich durch einen stummen Bckling dem jungen
Manne zu fernerm Wohlwollen. - Geh hin, altes Sieb, sprach Dagobert, ihm auf
die Schultern klopfend: Deiner Faust und Deinem guten Willen vertraue ich gern;
keineswegs aber Deiner plauderhaften Zunge, die im Trunk und Aberwitz Dein eigen
Seelenheil an den Teufel zu verschwatzen im Stande wre.
    Nachdem der Dicke hinweggegangen, um sich in den groen Christoph zu
verwandeln, setzte sich Dagobert gedankenvoll an den Tisch, sttzte den Kopf in
die Hand, und berlegte, was zentnerschwer auf seinem Herzen lastete. Sein
tiefes Nachsinnen lste sich endlich in ein unzusammenhngendes Selbstgesprch
auf. Wird es gelingen? fragte er sich leise und scheu, als ob er die
zuhorchenden Mauern zu frchten htte: Lieber Gott! wird es denn erfllt
werden, was von drei redlichen Mnnern beschlossen wurde? .... Wenn es Tugend
ist, das Recht von dem Joche einer meineidigen Gewalt zu befreien, dann mu ja
auch der Segen von oben uns beschirmen. - Wehe unsrer Zeit, da wir im
Verborgnen schleichen mssen, das Gute zu thun. - Darf ich aber auch ganz ruhig
seyn? Sndige ich nicht wider mein Gewissen und den Stand, den ich erwhlen mu?
Nicht gegen meines frstlichen Freundes, des Herzogs, Ansichten und Glauben? O
nein, gewi nicht! mein Herz ist ruhig, und Friedrich wrde an meinem Platze
dasselbe thun. Fort, zu ihm, um aus seinem geraden und klaren Blicke Festigkeit
zu saugen und Beharrlichkeit zu dem Werke, eines Mannes, eines deutschen vor
Allen wrdig!
    Da er in des Herzogs Hof eintrat, schallte ihm das frohe Getmmel der
zahlreichen Dienstleute entgegen, an welche die Freigebigkeit des Frsten so
eben zum Eintritt der Fastnacht einen verschwenderischen Vespertrunk gespendet
hatte. In Kche, Vorplatz und den untern Gemchern des Hauses lagen und saen
die Zechenden umher, und lieen sich den Seewein munden, der in Strmen aus den
aufgepflanzten Fssern flo. Treppen und Vorgemcher des Oberstocks waren leer
von Dienern. Dagobert, ein gewhnter Gast, schritt keck auf des Herzogs Zimmer
zu, da gewahrte er in der Ecke der Trabantenkammer einen Menschen, den einzigen
hier athmenden. Der erste Blick auf den Wartenden lie den Juden nicht
verkennen, so wie dessen langer schwarzseidner Rock mit gelbem Futter und
Aufschlag den Reichen ankndigte. Der Jude, ein zerfetztes, bleiches Gesicht,
nherte sich demthig dem stutzenden Jngling. Guter, junger Herr, sprach er:
seit lnger denn einer Stunde warte ich hier auf die Gnade, vor den glorreichen
Herzog gelassen zu werden. Die Diener sind nicht zu meinen Diensten, obgleich
ich wurde hieher beschieden, und ich bin nicht genug frech, um zu dringen ohne
Ansage in das Gemach des vornehmen Frsten von Tyrol. Eurer Huld, edelgesinnter
Herr Ritter, empfehle ich mich; man gelangt ja durch Frsprache in den Himmel,
warum nicht durch ein gutes Wort vor einen Frsten. Ihr seyd einer von dessen
Vertrauten; das sagt Euer Gang und Eure Unbefangenheit; macht mich durch Eure
Gnade zu Eurem Schuldner. -
    berflssiges Geschmeichel! brummte Dagobert: Du willst, ich soll dem
Herzog Deine Anwesenheit melden. Wie nenn' ich Dich?
    Vor den Gewaltigen haben wir keinen Namen als den des Knechts; antwortete
der Jude! Sagt nur, ich sey der Wechsler, der gestern beschieden wurde.
    Dagobert zuckte die Achseln, und ging zum Herzoge hinein. Der Harrende
zhlte indessen zum zehntenmale die Steine, mit welchen der Boden des Gemachs
geplattet war. Bald kam jedoch der junge Mann wieder heraus. Geh hinein, Jude!
sprach er kurz, und schob den in Danksagungen und Verbeugungen Zgernden in die
Thre, die er, drauen verbleibend, hinter ihm schlo. - Der Herzog sa am obern
Ende des Gemachs auf einem Polstersessel, schien gerade von einem kleinen
Schlummer erwacht zu seyn, und kraute seinem Jagdhunde hinter den Ohren. Die
Bcklinge, mit denen der Eintretende den Kopf beinahe zur Erde neigte, machten
einen miflligen Eindruck auf den Frsten. - La die Possen! sprach er hart:
Ich verlange die Ehrfurcht eines Menschen, nicht eines Hundes. So sehr ich Dir
Dank wei, da Du mich nicht in meinem Vesperschlafe gestrt hast, so wenig
billige ich solche Kriecherei. - Er winkte ihm nher zu kommen, in einer
Entfernung von sechs Schritten jedoch stehen zu bleiben. - Du nennst Dich Ben
David? begann er nun: Der geehrte Altbrger zur Hofstatt hat Dich mir sehr
empfohlen in dem Schreiben, das Du mir gestern berreichen lieest. Wir wollen
sehen, ob Du das Vertrauen verdienst, das ich Dir gerne schenken mchte.
    Es kmmt ja nur an auf die Probe; erwiederte Ben David ehrfurchtsvoll:
unser Volk hat immer geehrt und geliebt den Stamm der Habsburger, den
Erlauchten, Weitgepriesenen.
    Schweig! herrschte ihm der Frst zu: Ich hasse die Speichelleckerei zu
der Deine Glaubensgenossen so viele Anlage haben. Gerade und offen in's Gesicht;
hinterm Rcken kein Haarbreit anders; so sey der Unterthan gegen seinen Herrn,
der Geringe gegen den Hohen. Ich wette, diese schmutzige Glattzngigkeit ist Dir
nicht einmal Ernst, denn Dein abscheulich Antlitz wird noch hlicher durch das
erheuchelte Grinsen.
    Ben David zuckte schweigend die Achseln, und verbeugte sich. Der Herzog
blickte ihn scharf an, und schlug alsdann erstaunt die Hnde zusammen. Jesus
Christus! rief er: Wer hat Dich denn also zugerichtet, Jude, da Dein Gesicht
aussieht wie ein zerfetzter und kmmerlich zusammengenhter Turnierhandschuh?
Das nenne ich eine Narbe, wie man sie nur auf dem besten Schlachtfelde holen
kann, obschon Du sie da nicht holtest.
    Ach, gndigster Herr, erwiederte Ben David mit bewegter Stimme: auf dem
ehrenvollsten habe ich diese Narbe erhalten; im Kampfe fr meine Shne, und Ihr,
gromthigster Frst, hier warf sich der Jude weinend zu Friedrichs Fen; Ihr
mtet mich an diesem Denkzeichen erkennen, wenn ein Sohn Israels werth wre der
Erinnerung.
    Der Herzog stand betroffen auf, und musterte mit durchdringendem Auge den
Knieenden, der also fortfuhr: O gewi, gewi, Ihr entsinnt Euch noch des
Reichstags, der vor achtzehn Jahren beilufig zu Frankfurt gehalten wurde, mit
ungeheurer Pracht und groem Zulauf von Frsten und Gewaltigen, unter denen
jedoch hervorglnzte wie der Stern des Morgens der Herzog Leopold von
sterreich.
    Ob ich mich dessen entsinne? fragte Friedrich mit leuchtendem Blicke:
sterreich glnzte da wie die Sonne selbst, nicht wie der Stern, den sie
verscheucht. Steh auf; rede - wie kmmst Du mit Leopold zusammen?
    Des Herzogs Haus war offen wie das Haus eines Vaters seinen Shnen; fuhr
Ben David fort: um Gott und um Ehre wurde daselbst gespeist der Hungrige,
getrnkt der Durstige. Zwei Judenknaben wollten auch mit ansehen die Pracht des
herzoglichen Hofstaats. Ach, sie wuten nicht, da wo der christliche Bettler
Zutritt hat, derselbe dem Juden doch verboten ist. Neugierig durchstreiften sie
den Hof, die weitlufigen Stlle. Dem Einen von ihnen fllt ein kstlich
Sattelzeug in die Augen, mit vergoldeten Buckeln, der Andre greift es kindisch
bewundernd an mit den Hnden; ein Sattelknecht sieht's und ruft: Diebe! Unter
den Fusten des Trosses ben die Kinder ihre unschuldige Neugier. Vergebens
flehen sie an ihre Peiniger! Sie schreien auf zu dem hochgelobten Gott und zu
ihrem Vater. Der Zufall will, da dieser vorbeigeht an den offnen Thoren, hrt
das Gejammer, hineinsieht in den Hof und erkennt seine eignen, gemarterten
Shne. Die Angst jagt ihn unter die rohen Pferdeknechte; ihre Grausamkeit stt
ihn zurck. Mit der Gewalt der Verzweiflung will er entreien sein Blut der
Gefahr, und der Hieb eines scharfen Schneidmessers wirft mich mit blutendem
Gesichte zu Boden, denn ich, ich Herr, war der Vater der armen Kleinen.
    Still! still! rief der Herzog, auf dem Antlitz die edle Scham zeigend,
welche eine gute That darauf malt: Ich wei bereits .... steh' auf; ich
entsinne mich schon.
    Vor der Herrlichkeit Gottes liege ich nicht aufrichtiger im Gebete, als
hier vor Euch in Dankbarkeit! sprach Ben David weiter, und groe Thrnentropfen
fielen in seinen Bart: Ihr habt mich und die Shne gerettet, edler Herzog,
damals in der Jugendblthe. Ihr habt mir gesendet Euern Arzt, der mich heilte;
Ihr habt getrstet mein klagend Weib; Ihr habt beschenkt meine Kinder. Ihr habt
Euch nicht geschmt, herabzusteigen in eines armen Juden Htte, zu sehen unsre
Armuth, unsre Leiden. Gott! spracht Ihr beim Scheiden halb vor Euch hin:
kann man denn Menschen so in den Staub treten? und eine Handvoll Gold liet
Ihr auf meinem Schmerzenslager zurck. Herr! Mensch unter'm Herzogshute! Aus
Euerm Beispiele hab ich gelernt, da es gibt edle Christen. Herr! von Euch habe
ich ererbt Vertrauen auf die dunkle Vorsehung; Herr! Euer Gold hat mir gebracht
Segen, hat mich gemacht reich, und bei dem Haupte meines Vaters gelobe ich's
Euch: Euer ist auch Alles, was mein ist auf der Erde.
    Ben David schwieg erschpft, und kte des Herzogs Stiefel, da Friedrich
emprt zurcktrat, und halb gerhrt, halb unmuthig ausrief: So steh doch auf,
aberwitziger Ebrer! Du wirst mich bse machen mit dem bertriebnen Gewsche. So
seyd Ihr aber, leichtsinniges Volk. Dem Erlser sangt ihr Hosianna, und habt ihn
dann getdtet.
    Ben David richtete sich langsam und bekmmert auf. Gndigster Herzog,
sprach er, gnzlich ablenkend: mein Vater, der seine hundert Jahre zhlt, hat
viel des Guten gethan auf der Welt, und keinen Lohn davon getragen, als ein
schneeweies Haupt und schwache Glieder. Belohnt mich an seiner Statt, edler
Frst, oder sorgt, da der Kaiser es thue.
    Der Herzog sah ihn befremdet an. Wie soll ich das verstehen? fragte er:
Wie kme denn ich, wie der Kaiser dazu, Dich zu belohnen fr die guten Thaten,
die vielleicht Dein Vater verrichtet hat?
    Lchelnd schwieg Ben David eine Weile, trat dann in die vorige
ehrfurchtsvolle Entfernung, und versetzte: Euer Wort ist Wahrheit, Herr, aber
... wenn Ihr nicht an mir das Gute vergelten wollt, das mein Vater vor fnfzig
Jahren that, warum lat Ihr mir entgelten, was mein Volk vor anderthalbtausen
Jahren Bses gethan? -
    Friedrich warf bei der unvermutheten Wendung den Kopf zurck, hielt aber an
sich, bi sich in die Lippen, und bezwang seinen gereizten Stolz mnnlich und
edel, wie es einem klugen und rechtlichen Frsten geziemt, wenn die Wahrheit
sein Vorurtheil besiegt. Was ist aus Deinen Shnen geworden? begann er
leutseliger, als zuvor. Ben David legte die Linke auf die Brust, und seufzte.
Sie haben mir viel Herzeleid. gemacht; sprach er. Der ltere lebt und ist
doch gestorben fr mich. Ich werde ihn nicht wiedersehen im Wohnort der
Gerechten. Mein Bechor hat sich gerissen los von den Seinen, aus einem Sohn der
Gebote ist er geworden ein Abtrnniger, ein Anhnger derjenigen, die sein Volk
unterdrcken!
    Ich verstehe; erwiederte Herzog Friedrich: er ist klger gewesen als Du,
und ist, ein Reuiger, in den Schoo unsrer Kirche eingegangen. Ich mu ihn um
dessentwillen loben. Es ist besser ein schlechter Christ seyn, als der beste
Jude. - Als Ihr sprecht von Essen und Trinken und Bequemlichkeit, gebe ich's
zu; versetzte Ben David ernst: der heilige Gott mge ihm verzeihen. So viel
ich wei, lehrt er jetzt die hebrische Sprache zu Heidelberg an der hohen
Schule. - Wohl ihm; setzte der Herzog hinzu: was geschah aber mit dem
Jngsten? - Auf seinem Gedchtnisse sey der Friede! murmelte der Vater mit
zum Himmel gerichtetem Blicke: Er sitzt oben in der Herrlichkeit Gottes; vor
vier Jahren wurde er zu Budweis erschlagen, da die Christen eine Judenhetze
hielten daselbst.
    Friedrich war betroffen. Ein erbrmlich Schicksal! sprach er, und wandte
sich zum Fenster, um den Ausdruck der Rhrung auf seinem Gesichte zu verbergen.
- - Ben David trocknete eine Zhre von der vernarbten Wange, und fragte
unterthnig, mit welchen Diensten er dem Herzoge aufzuwarten vermge. - Ich
werde vielleicht bald fnf- bis sechstausend Mark Silbers benthigt seyn;
antwortete Friedrich, ohne seine Stellung zu ndern, denn seine Bewegung war
noch nicht vorber: ich habe meine Grnde, warum ich dieses Geld nicht von
meinen Rechneimeistern eintreibe; denn ich verlange strenge Verschwiegenheit.
Kannst Du die Summe schaffen, sobald ich sie zu fordern veranlat seyn knnte?
    Zu jeder Stunde soll sie liegen bereit; versicherte Ben David ohne
Bedenken.
    Wie hltst Du's mit Zinsen und Verschreibung oder Pfandschaft? fuhr
Friedrich wie oben fort.
    Von Euch nehme ich nicht Zinsen; entgegnete der Jude ruhig: Euer Wort ist
das beste Pfand; und eine Schrift begehre ich nicht, seitdem Kaiser Wenzel uns
gezwungen hat, alle Schuldbriefe edler Herren unentgeldlich auszuliefern.
    Was soll das, Jude? fragte der Herzog heftig sich umdrehend: Was nimmst
Du Dir heraus? Ein Herzog in sterreich wird sich von einem Kammerknechte keinen
Zins schenken lassen, und kein Darlehen empfangen ohne Brief und Siegel
auszustellen, gleichsam als wr es eine Gabe. Oder hltst Du mich, den
Habsburger, fhig, von der Armseligkeit, die damals der Luxemburger gegen Euch
ausgebt, Vortheil zu ziehen?
    Ich will doch umkommen auf der Stelle, wenn ich Euch, gndigster Herzog,
habe beleidigen wollen; betheuerte der Jude: nur so viel wollte ich sagen, da
Euer ist meine Habe und mein Leben, da ich Euch weihe meine Dankbarkeit und den
Segen mit dem mich hat berschttet der Gott Israel.
    Schweig, Hebrer! rief Herzog Friedrich, sich aufgebracht stellend: Lege
ein andermal Deine Worte auf die Wage, und bedenke, da ich kein Kohljunker bin,
dessen Drftigkeit sich von Dir etwas gefallen lassen mu. Geh heim; es wird
schon dunkel, und es ist keine Ehre dabei, mit Deinesgleichen zu solcher Stunde
zu verkehren. Mache Deinen berschlag an Zinsen, an vollwichtigen Zinsen, hrst
Du? Herzog Friedrich will keinen Dienst umsonst und mkelt nicht um einen
Heller. Halte Dich sodann bereit sammt Deinem Gelde, wann die Zeit kmmt, da ich
es gebrauche. - Mit dem stolzen Wesen, das dem Herzog so wohl stand,
verabschiedete er den Juden, der sich in gewohnter Demuth und Unterwrfigkeit
davon machte. Dagobert trat ein, den schweren vergoldeten Leuchter in der Hand,
dessen drei flammende Kerzen das Dunkel des Winterabends aus dem Gemache
bannten. -
    Ich frchtete schon, Ew. frstl. Gnaden htte sich in geheime Kabale und
Sterndeuterei mit dem Juden eingelassen; sprach der junge Mann lchelnd: die
Unterredung wollte kein Ende nehmen. - Haltet es dem Zufall zu Gute,
versetzte der Herzog herablassend; wenn heute der neue Bund vor der Thre
harren mute, whrend ich dem alten Gehr gab. Man beschftigt sich ja manchmal
mit Pflanzen, die im Schlamme wachsen, und diese - wahrlich - hat nicht die
belsten Eigenschaften. Dem hlichen Gesichte wre es beinahe gelungen, mein
Herz zu rhren, das sonst geharnischt ist wie eine Fechterfaust. Weg damit. Wie
kmmt's aber, guter Freund, da ich Euch bei mir sehe, heute am ersten
Faschingstage? Rollt das junge Blut wieder langsamer, als es sollte? Wollt Ihr
den Graubart spielen, whrend Alles sich in jugendlicher Lust ergtzt? Wit Ihr
nicht, da es heute auf dem Tanzhause munter hergeht? da der Kaiser selbst sich
in die Freude mischen, da er Ketten, Ringe austheilen wird an die Schnsten,
die das Fest verherrlichen? Geht dorthin. Eurer wartet daselbst mehr Vergngen,
als bei mir und meinem steifen Waldmann. Oder, kann ich Euch in etwas dienen?
Fordert. - Erlaubt, da ich einige Augenblicke um Euch seyn darf; bat
Dagobert mit aufrichtiger Anhnglichkeit: Euer Anschauen wird mich endlich zum
Manne machen. - Greift Euern Jahren ja nicht vor; erwiederte Friedrich: sie
sind die schnsten, die es gibt, und den vollen Keim des Mannes tragt Ihr in der
Brust; des Mannes wie ich ihn liebe: gerade, frei, froh und eisenhart. -
    Warum darf ich bei Euch nicht Ritterschaft lernen, gndigster Herr; klagte
Dagobert. Wenn ich Euch so krftig vor mir stehen sehe, gepanzert gegen alle
Widerwrtigkeit, umgeben von Ehre, Glck und Strke, da pocht mir das Herz vor
Unmuth, da ich in die Kutte kriechen, und kein Ritter werden soll, wie Ihr es
seyd? - Ihr wart ja nicht Eures Schicksals eigner Schmid; versetzte der
Herzog achselzuckend: der Mutter Gelbde ist der Planet, dem Ihr gehorchen
mt. Das trste Euch. Horch! setzte er bei, zum Fenster eilend: Warum wird
denn da unten auf der Gasse so lrmend gepaukt und schalmeit? -
    In der That zog eine Bande von Zinkenblsern, Stopfeifern und Paukern
vorber. Eine Menge Fackeltrger folgte ihnen; in ihrer Mitte der Kaiser zu
Fue, umgeben von angesehenen Frauen der Stadt, mit ihnen freudiglich
dahertanzend unter einem unbndigen Zulauf von Larven und Fastnachtsnarren und
kreischendem Pbel!
    Jesus Christus! begann der Herzog, unmuthig mit dem Fue stampfend: Mein
alter kahlkpfiger Lehrer hat mir Vieles von einem alten Kaiser zu Rom erzhlt,
der seine Wrde so sehr vergessen hat, da er auf einer Bhne vor allem Volk
getanzt und den Gaukelspieler gemacht. Unsre kaiserliche Majestt ist das
leibhaftige Konterfei des blutgierigen Thoren zu Rom. Er schleppt seine Wrde im
Staube nach sich, wie einen unbequemen abgetragnen Reitermantel. Pfui! da die
Auslnder solche Narreteien sehen mssen! - Der Geist des Unmuths kommt ber
Euch; erinnerte ihn Dagobert bescheiden: lat Euch doch des Kaisers Thun nicht
zu Herzen gehen! - Seht Ihr, junger Gesell, wie bel es um meinen Seelenpanzer
steht? rief der Herzog: Der feige Ltzelburger trifft mit seiner Pritsche
allemal die Blse. Ich sitze auf des heiligen rmischen Reichs Frstenbank,
meine Vorfahren saen glorreich und wrdevoll auf dem deutschen Throne, den
Habsburg auch jetzo mit grrer Ehre fllen wrde, als die Luxemburger es im
Stande sind. Ich darf, ich mu mich ereifern ber die strfliche Unbesonnenheit,
die also zur Schau getragen wird. Ist das ein Betragen, eines Kaisers wrdig?
Und dieser Faschingsheld will die Christenheit und ihre Kirche zu berer Zucht
und Ordnung bringen? Von diesem tanz- und minnelustigen Herrn mu der
Statthalter Gottes sich in's Joch der Knechtschaft beugen lassen? Nimmermehr! -
Doch was rede ich da? unterbrach er sich: Guter Dagobert; Ihr mt mir meine
Laune nicht anrechnen, mich nicht fr einen Zankschtigen halten. Es thut wehe,
eine ganze muthige Nation unter der Sohle eines Gauklers zu sehen. Glaubt mir,
der ganze Stamm verdient kein beres Lob, als ich ihm beilege. Der Vater Karl,
in dem nicht Geist, nicht Muth, nicht Adel wohnte, sondern hlzerne Frmlichkeit
allein, hat in seinen Shnen nichts Treffliches hinterlassen. Niemand hatte wohl
triftigere Ursache bei der Krnung den seltsamen Eid zu leisten: mit Gottes
Hlfe nchtern zu seyn und zu leben, als Kaiser Wenzel; niemand hat aber je
einen Schwur schneller gebrochen als Er, den seine Vllerei und Zuchtlosigkeit
um des Reichs Krone brachte. Sigmund ist jedoch um nichts besser: feig,
wollstig, eitel und prunkschtig ersetzt er den Mangel an Trinklust durch Tcke
und unkaiserliche Doppelzngigkeit. Er hat mich leidenschaftlich, in hherm
Grade, als ich ihn verachte, aber er streichelt meine Wange mit der Sammetpfote
einer falschen Katze. Noch diesen Morgen drckte er mich an die Brust, nannte
mich seinen liebsten Vetter, und heute Abend - ich schwr's - nennt er mich im
Kreise seiner Speichellecker nach seiner Gewohnheit den Herzog der
Flaschentrger, und den Erzpaschaler; obgleich ich fr meine Person das heutige
Fest, des Conciliums wrdiger begehe, als Er.
    Der Herzog, der diese lange Erluterung seiner innersten Gedanken mit
steigendem Feuer herausgesprudelt hatte, schwieg, um Athem zu schpfen; warf
sich in seinen Stuhl, klopfte seinem alten Rden die Ohren, und Dagobert, in
gerathenem Schweigen verharrend, erwartete wie gewhnlich die Beurlaubung, die
nach hnlichem Sturme nie auszubleiben pflegte. Wider Vermuthen wurde jedoch des
Herzogs Stimmung gemigter, seine finstre Miene freundlicher. Das unmuthige.
Hm! das zu wiederholten malen seinen Lippen entschlpft war, verwandelte sich
in das Trillern eines Tyroler Verglieds, das der Frst besonders liebte, und das
er oft gebrauchte, um sich in Heiterkeit zu versetzen. Mit einemmale schwieg er,
heftete den Blick auf Dagobert, lchelte, und sprach in berer Laune: Ei, mein
werther Jungherr! Ihr steht an der Thre, wie einer der in unhochzeitlichem
Kleide zum Feste gekommen ist. Gefllt es Euch, meine heutige Einsamkeit durch
einiges Gesprchsel zu beleben, so tretet nher. Setzt Euch zu mir. - Er wies
auf einen Schemel, der unweit von ihm stand. - So freundlich war der Herzog noch
nie gewesen. Der Erlaubni, sich zu setzen, durften berhaupt gar Wenige in
seinem Gemache sich rhmen, und Dagobert war sie noch nicht zu Theil geworden.
Geschmeichelt von der Herablassung des Gnners, gehorchte er gerne, und der
Letztere hob bald also zu sprechen an: Vielleicht habe ich Euch in des Kaisers
Person beleidigt? Sagt es offen heraus, und Euch soll's nicht gegolten haben.
Stellt Euch nicht so befremdet. Oder httet Ihr in der That Eure zeitlichen
Hoffnungen nicht auf Sigmund gebaut, der - ich wei es - um Eurer Schwester
Gunst wirbt? Euer Ohm hat schon hie und da ein Wrtlein fallen lassen; hat schon
dem heiligen Vater, zu dessen Sache er stand, halb und halb entsagt, um von dem
im Augenblick berwiegenden Kaiser desto eher den rothen Hut zu gewinnen. So
redet doch auch Ihr. -
    Dagobert stand bekrnkt auf, und neigte sich ernst. Des Vaters Bruder
handle wie's ihm recht dnkt; die Schwester desgleichen. Ich werde nie durch
Unehre steigen wollen. Ihr habt mich hochgeehrt, gndigster Herr, und mich
erniedrigt im selben Augenblicke. Ich verdiene Euer Mitrauen nicht. Zhlt Ihr
mich zu den Abenteurern, die Hand und Herz dahin lenken, wo der Vortheil am
schwersten zieht, so mu es Euch befremden, mich an Eurer Seite, und nicht zu
Sigmund's Fen zu sehen.
    Wackrer Junge! rief Friedrich zufrieden lchelnd, und die Hand nach ihm
ausstreckend: Lat mich Eure Hand schtteln! Ich habe mich nicht in Euch
getuscht. Ehre und Treue am Guten; das ist Euer Wahlspruch. Wie Ihr, redet nur
die Wahrheit, und was wir am meisten an dem Manne lieben, den wir uns zum Freund
verbinden wollen, ist eben Wahrheit. Ich diene Euch auch damit. Wallradens
Betragen, das den schwachen Herrscher in's Netz der Minne zu ziehen bemht ist,
hat, wie es zu gehen pflegt, mancherlei Eindruck gemacht. Die Verdorbenen ihres
und unsers Geschlechts beneiden sie und den Kaiser. Die Sittlichern - die
kleinere Zahl - verachtet sie dehalb; diejenigen aber, die sich in ihre Reize
vergafften, und durch ihre Lockungen ermuthigt worden waren, sind zur
Verzweiflung, oder zur Wuth gebracht. An der Spitze der Erstern steht der Herr
von Knigseck, ein eitler Lasse, wie nur je deutscher Boden Einen trug. An der
Spitze der Letztern befindet sich der Graf von Montfort. Die Verzweiflung des
weibischen Hageprunks wre zu belachen; die Wuth des khnen Montfort ist es
nicht. Er hat mir seinen Kummer vertraut, denn ich begnstigte sein Werben um
Wallraden. Er hat mir betheuert, seine Geduld werde bald erschpft, seine
Eifersucht bald auf's Hchste gestiegen seyn. Warnt Eure Schwester. Die
Drohungen des Knigseckers mag sie verspotten; Montfort's Rache naht aber
heimlich und schweigend, wie das Unglck selbst. Wallrade sey auf ihrer Hut.
    Sie mate sich stets an, die Klgere zu seyn; versicherte Dagobert: ohne
meiner Mannheit zu vergeben, darf ich die bermthige nicht warnen. Auf meinen
Arm mag sie eher rechnen, wenn der Zufall mich einst zu ihrem Beistand
auffordern sollte, obgleich sie es nicht verdient.
    Warum mt Ihr in's Kloster wandern? fragte der Herzog theilnehmend: Ihr
habt Anlagen genug zum biedersten Rittersmann. Wille und That sind bei Euch Eins
und Dasselbe. Ich habe heute einen weien Raben gefunden, einen dankbaren Juden
nmlich. Lat mich in Euch das gleichseltne Kleinod finden, einen treuen Freund,
wie ihn ein Frst so selten hat, von verschwiegnem Mund, bereitwilligem Arm und
redlichem Herzen.
    Mein gndigster Herr! rief Dagobert berrascht von so viel Zuneigung, und
wollte Friedrichs Hand kssen. Der Herzog zog sie aber zurck. Keine Umstnde!
sprach er ernst: Wre ich Euresgleichen, ich nhme Euch in meine Arme. Dieses
ziemt mir nun freilich nicht, da Gott einen Frsten aus mir gemacht hat, und
Schranken mssen einmal seyn auf Erden. Aber die Hnde drfen sich zwei
Biedermnner wohl schtteln, wenn auch der Eine einen Herzogshut, der Andre ein
einfach Piret trgt, wenn auch der Eine in des Lebens Herbst, der Andre erst in
dessen Frhling tritt. Er stand auf, und schttelte traulich Dagobert's Hand.
Frwahr! fuhr er fort: diese Hand werde ich frher gebrauchen, als Ihr wohl
denkt, und auch den Kopf, meine ich; wenn Ihr anders nichts dagegen habt.
    O sprecht, mein Herzog! bat Dagobert ungestm: Was kann ich thun, um Euer
Vertrauen zu verdienen? Redet; auf der Stelle sey's vollbracht. - Der Herzog
legte den Finger auf den Mund. Noch ist's nicht an der Zeit! begann er: doch
die Zeit wird kommen: verlat Euch darauf. Noch darf ich nicht reden, sondern
nur lauernd harren, bis geschehen mu, was noch jetzt ein Geheimni ist. Gelt,
ein schmachvoll Jahrhundert, in dem sogar ein Frst wie ein gefhrlicher
Verbrecher heimlich thun mu, indem das Recht auf leisen Socken schleichen mu;
whrend der Schelm ohne Scheu so viel Lrm macht, als ihm beliebt. Aber das Gute
und Rechte thun, wenn es auch verboten ist durch schmhliche Gewalt, ist
lblich, und in solchem Falle sind alle Mittel, sofern sie nicht Snde sind, dem
ehrlichen Zwecke gerecht. Ist das Euer aufrichtig Glaubensbekenntni? fragte
Dagobert den Herzog rasch und khn. - Mein aufrichtigstes; entgegnete dieser,
und fgte abbrechend bei: des Besten mich zu Euch versehend, entlasse ich
Euch.
    Und stark auf's Neue in Geist und Kraft scheide ich von Euch, edler
Herzog, antwortete Dagobert, zufrieden von seinem erhabnen Freunde gehend.

                                    Funoten


1 Kandidat der Meisterschaft im Schneiderhandwerk.


                               Zwlftes Kapitel.

 Lat uns rhren die frhlichen Schellen!
 Rstig und schnell in's Gewhl hinein;
 Darf der Thorheit sich Ernst beigesellen,
 Dann ist es Lust ein Narr zu seyn.
 In der Poeten fabelhaft Reich
 Zaubert ein drolliger Fastnachtsstreich!
                                                                              W.

Nun? wie gefall' ich Euch? sprach Gerhard lachend zu Dagobert, als sich Beide
am Nachmittage des Fastnachtdienstags in ihre Larvenkleider gesteckt hatten:
Bin ich nicht der wildeste aller Jger? Kreuz, Stein und Dorn! Was werden die
Leute gaffen, und auch Ihr, Junkerlein, seyd der schmuckste Schalksnarr, der
jemals zu Costnitz die Schellen regte. Wir werden Aufsehen machen, wo wir uns
nur zeigen. - Das verhte Gott! erwiederte Dagobert: Benehme Du Dich nur
nicht auffallend und allzu abenteuerlich. Deine ungehobelte Gestalt ist ohnedie
allzukenntlich, wenn Du nicht den Mantel vernnftig und weit umgeschlagen
trgst, damit, er Dich verhlle. - Ohne Sorge! meinte Gerhard: Ganz Costnitz
ist der Meinung, ich laufe noch immer als groer Christoph umher, denn ich habe
meinem langen Vollbrecht Kleid, Schrbaum und Heiligenschein abgetreten. - -
Herrlich! versetzte Dagobert: Ganz Costnitz wei demnach, da Du in jener
Mummerei steckst, und Wird gewi auch von der Neuen erfahren haben. - Ich will
im nchsten Stechen in jedem Rennen den Sand kssen, wenn eine Seele von dem
wilden Jger wei; betheuerte Gerhard: Mit dem Christoph war's ein ander Ding.
Um einen Begleiter und eine Ansprache zu haben, erlaube ich meinem Knechte
Vollbrecht, mit mir umher zu laufen, und da der einfltige Tropf mich immer
gestrenger Herr nannte in Dorf und Stadt, so war's gleich weltkundig, wer ich
sey. - Eine herrliche Aussicht! fgte Dagobert bei: Der Knecht hat die
Plaudersucht von Dir geerbt. Nur so viel zur Nachricht. Kein Tropfen Weins kommt
in Deine Gurgel mehr, sobald Du verrthst, da ich in diesem Pickelhring
stack. - Verstehe; antwortete Gerhard: werde mich auch hten. Trinke lieber
nach geschehener Arbeit meinen Wein fr Euer Geld, als da ich wie ein chter
Kalandsbruder herum schmarotze mit leerem Seckel. Seyd nicht bange. - Und den
Raufdegen? - Ich trage ihn unterm Mantel am Grtel. Geschliffen ist er wie ein
Schermesser, und wehe den Rippen derjenigen, die mit ihm Bekanntschaft machen
wollen. - Gut; erwiderte Dagobert: Jetzt la uns hinaus in die tolle
Faschingslust, die wohl hufig unter der bunten Tracht den schwarzen Ernst
verbirgt! Komm, wilder Jger, und folge mir Schritt fr Schritt.
    Wo sie hinkamen, die stattlichen Vermummten, empfing sie der Jubel, der
heute ausgelassen und gellend durch alle Straen tobte und sogar der strengen
Stadt- und Conciliumsordnung spottete. Alle Stnde wetteiferten sich in
Tollheiten zu berbieten, und die seltsamen Figuren, die wie eines vielfarbigen
Stromes Wellen, durch die Huserreihen, ber die Pltze strmten, versetzten den
ernstesten Zuschauer in ein fremdes, wunderliches Land, worinnen es schwer fiel,
dem Mitbrger- und Mitnarrenrecht sich zu entziehen. Getrost und munter
umherschwrmend kmmerte sich Keiner um den Andern. Alle nur um die allgemeine
Festlichkeit. Der Schulthei mit dem Hintersassen, die Brgermeisterin mit der
rmsten Pfrndnerin, der Meister freier Knste mit den rohen Bauern, sie hatten
nur ein Ziel. Der Leibeigene schritt seinem Zwingherrn zur Seite, die Magd ihrer
Gebieterin. Der Larven Freiheit vernichtete jede Schranke. Nach dem Mastabe der
Ansprche und des Wohlstandes der Hohen und Niedern im Volke waren, auch die
Lustbarkeiten verschieden, in welche die frhliche Feier zerfiel. Rotten von
verlarvten Spielleuten lieen sich allenthalben hren, und ihre Vorlufer, in
possenhafte Thiergestalten verkleidet, als aufrechtgehende Leuen, Bren und
Greife sammelten an allen Huserpforten fr die unermdeten Pfeifer und
Lautenschlger. Die Freigebigkeit der frohgestimmten Brger ferner in Anspruch
zu nehmen, zogen Buben mit Tannenbumen heran, sie vor die Thren pflanzend, und
das herkmmliche Lied dabei singend: Ich bring' zum Fastelabend einen grnen
Busch! Junge Bursche vom Lande schleppten Pflge zu den Vorstdten, mit farbigen
und goldnen Bndern geschmckt, fingen die muthwillig umherschweifenden Dirnen
in Strohketten auf, und spannten sie an das Ackerfuhrwerk, bis unter dem
Gejauchze des Pbels die armen Gefangnen, von einem Regen von Hckerling und
Sgspnen berstrmt, sich mit ein Paar Hellern oder einem Kusse ihr Lsegeld
bezahlen.
    Solche Ksse sind besser denn Fastnachtswecken! meinte Gerhard, da er mit
seinem Begleiter an einem Auftritte dieser Art vorberging, und Dagobert hatte
nicht wenig Mhe, den wilden Jger von der Theilnahme an der niedern
Volksbelustigung zurckzuhalten. Ei du altes Sieb! sprach der junge Altbrger,
indem er ihm die Kolbe zu kosten gab: Mchtest Du nicht etwa dort auf dem
Kornmarkte mit um das unreine Thier turnieren, dem die vielen Bengel mit
verbundnen Augen und derben Dornknppeln in der Faust zu Leibe gehen? Ein
herrlicher Sieg, die arme an den Pfahl gebundne Bestie vor das Hirn zu schlagen,
und zum Festbraten fr den Abend zu gewinnen! Oder gelstet Dich vielleicht nach
jenem dnnen Hringe, den die beiden Lumpenhnse dort mit den rubesudelten
Gesichtern an der ungeheuern Stange tragen, ein Vorbild der anrckenden
Fastenzeit? - Ach, schweigt mir von der Faste; entgegnete Gerhard grmlich:
Ich mchte mich ja gerne von allen Fastnachtruthen zerprgeln lassen, die heute
von dem verlarvten Gesindel an den Maulaffen von Zuschauern zerhauen werden,
drfte ich den Aschermittwoch sammt Nachfolgern aus dem Kalender streichen, und
flugs auf dem Faschingdienstag den Ostersonntag kommen lassen. Alle Teufel!
unterbrach er sich hier pltzlich, so da Dagobert es der Mhe werth fand, ihn
um die Ursache des schnellen Verstummens zu befragen: Habt Ihr das hliche
Gesicht nicht gesehen, das aus dem Erdgeschoe jenes Hauses blickte? fragte
Gerhard entgegen. Dagobert verneinte. Und auch das Engelantlitz ihm zur Seite
nicht? fuhr Gerhard fort. Eben so wenig; versicherte Dagobert. - Na, so
wnscht Euch zu dem Ersten Glck, und reit Euch die Haare aus dem Kopfe wegen
des Zweiten; flsterte Gerhard. Ein Engel, sage ich Euch, ein Engel neben
einem garstigen Satan, der an seinem Gesichte Larve genug hat, um heute keines
Mummenschanzes weiter zu bedrfen. - Du schwatzest wie ein Verrckter;
entgegnete Dagobert. - Den Teufel auch, murrte Gerhard vor sich hin: Der
Ausbund von Hlichkeit sah mir nur zu vornehm aus, sonst glaubte ich steif und
fest, es sey der Bursche der zu Worms .....
    Willkommen, wilder Jgersmann! schrie eine Schar von Larven, die sich um
den verdutzten Gerhard versammelte: Du lieest lange auf dich warten! - Der
erste Blick belehrte die beiden Gesellen, da eitel Weiber sie umringten, in
grne, lustige Waldfarbe gekleidet, mit Tannenstruern auf den Hten, Bogen,
Pfeile und Jagdlanzen in den Hnden; schn verzierte Hifthrnlein an der Seite.
- Wie konntest Du Waldinen harren lassen, viel zu lange fr ihre Sehnsucht?
rief die Anfhrerin der Schar, die den Sperber auf der Hand trug, und von deren
Sammthtlein ein Strau von grnen Federn nickte: Komm mit uns! - Komm mit Frau
Holda Waldinen! jauchzte die ausgelassene Bande: Hussa! wackrer Waidmann! ho!
ho! mit uns!
    Der verlegene Gerhard, der kein Wort zu erwiedern vermochte, fhlte sich,
alles Widerstrebens ungeachtet, von Dagoberts Seite gerissen, von der Schar der
Jgerinnen im Triumph davon gefhrt, und ein groer Larvenzug, der die Strae
heraufkam, trennte unaufhaltsam die Gefhrten. - Ihn reit sein Schicksal
dahin! dachte Dagobert lchelnd fr sich: und mich beraubt es vielleicht
dadurch eines handfesten Helfers. Immerhin jedoch, was beschlossen ist, mu
geschehen, selbst wenn mir der willkommne Wchter entginge. Frisch hindurch und
mitten unter das Gewhl, damit es fr jetzt mein Herz ergtze! - Er warf sich
Kopfber in den Zug, der aus mehreren hundert Verlarvten bestand, den vornehmern
Leuten angehrend. Von unzhlichen Narren umschwrmt, die wie Besessene durch
das Zuschauergedrnge tobten, mit Ruthen und Peitschen die Hnde der Gaffenden
kitzelten, an Thren und Laden klopften, in die Huser drangen unter dem
Vortritt eines Herolds possenhafter Natur, um daselbst kleine Fastnachtsspiele
aufzufhren, deren Witz oft nicht der zchtigste war, - bewegte sich die
Larvenschar langsam vorwrts, und bot dem Volke ein glnzendes Schauspiel. Ein
Pickelhring mit der Narrenfahne in der Faust erffnete es, auf einem Esel
reitend. Eine Bande von Trompetern, Schalmeiern und Gigenbucklern folgte - ihre
Musikam in den wunderlichsten Tnen auffhrende. Der ewige Jude und der lange
Christoph Arm in Arm schritten dahin mit langen Tannenbumen in den Hngen. Der
wohlgemstete Fasching, auf einer Schleife ruhend, von Schinken, Wrsten und
Krbisflaschen umkrnzt, wurde einhergefhrt von dem drollig geputzten Sonntag,
Montag und Dienstag - den Groen seines Reichs. Ihm folgte ein Trupp von
nhenden Schneidern auf Geisbcken, von zhnefltschenden Affen auf Tigerlarven
sitzend; der Vortrab der herbeigetragnen Fastnacht, dem Weibe des Faschings,
dessen Thron auf den Schultern von verlarvten Bckergesellen in zierlichen
Leinwandkitteln und blauen Schrzen errichtet war, und von welchen eine reiche
Spende von Bretzeln und Hornaffen unter das Volk und die lrmende Jugend
regnete. Nach dieser erfreulichen Augen- und Magenlust ergtzte doppelt die
schwere, knarrende und von bebnderten Ochsen geleitete Guggelfuhre, angefllt
mit den possierlichsten Mummereien, mit langbrtigen Trken, kinnwackelnden
Judenkpfen, verzerrten Mohrengesichtern und klaffenden Bullenbeiern, denen man
zerzauste Haarhauben auf die grmlichen Gesichter gestlpt hatte. Ein lustig
Gesindel von Thorhnsen und Gaukelspringern machte hier, radschlagend,
burzelbumend, schellend, rasselnd und in den hchsten Tnen des
Stimmengejauchzes quinkelirend, das Gefolge, und zugleich den Herold der grten
Pracht des Zuges, des herrlichen Hofs der Frau Venus, wie ihn die schlichte Sage
schildert. Der treue Eckart mit dem weien Stabe ging voraus, warnend und
ermahnend, mit langem Silberbarte, in schlichtem grauem Gewande. Dagobert's
scharfer Blick entdeckte schnell unter dem faltigen Rocke eine fast unmerkliche
Schultererhhung, und wute alsobald, da der Graf von Montfort unter der Larve
stecke. Sein Ahnungsvermgen, von den Muthmaungen der ihn umsummenden
Schaulustigen und in das Larvengeheimni Eingeweihten gerechtfertigt, fand auch
unter den Nachfolgern des treuen Eckarts Bekannte auf. Ein ber ein Stockwerk
hoher Wagen mit vielen stufenweise erhhten Sitzen wurde von acht Schimmeln
gezogen, die, mit prchtigen Decken angethan, an jeder Seite von vier jungen
Leuten in heidnischer Tracht mit bekrnzten Huptern, gefhrt wurden. Zwei
stattliche wilde Mnner lenkten von oben die Zgel, und saen zu den Fen
liebenswrdiger Knaben, die in rosenfarbiger Seide gekleidet waren, silberne
Binden auf der Stirne trugen, und goldne Bogen mit Pfeilen und Kcher in den
Hnden hielten. Hinter denselben saen die drei Gesellschafterinnen und
Gespielinnen der holden Liebesknigin, in weien, blauen und Amaranth-Gewndern
mit Granaten- und Perlschnren geschmckt, und mit flimmernden Piretleins von
Strauenfedern umwallt. Die Eine hielt einen runden Metallspiegel, die Zweite
einen Fcher von weichem Flaumengefieder, die Dritte eine weie Taube mit
vergoldetem Schopfe. ber ihnen thronend jedoch unter purpurnem Himmel, umgeben
von einem zahlreichen Kreise der bestgezierten Frauen, glnzte Frau Venus
selbst, angethan in goldnem Stck, strahlend von blitzenden Kleinodien, eine
geborne Frstin der Schnheit und der Pracht. Es war diemal fr Dagobert eine
schlechte Aufgabe, in der heidnischen Gttin und Fee seine Schwester zu
erkennen, da ihre Eitelkeit sogar die Gesichtslarve verschmht hatte. Der
geschnirgelte, geschnrte, und geleckte Ritter Tannhuser an ihrer Seite konnte
Niemand anders seyn, als der stutzerhafte Herr von Knigseck. Wie spreizte er
sich an dem Ehrenplatze, der ihm zu Theil geworden war! Stolzer brstete er sich
dort oben als der dicke Goliath, das Vorbild aller ausgemsteten Philister, der
hinter dem Prunkwagen zu Pferde sa, und mit seiner Stechlanze die Rotten von
kleinen schwarzen Teufelchen mit Schweif und Scharlachzunge wegprgelte, die
gern zum Thron der Venus aufgeklettert wren, lachend von dem halb erstiegnen
Wagen purzelten, schnell wieder von ihrem Falle erstanden und entweder das
Wagestck von Neuem versuchten, oder die Pfeile ihres derben Witzes gegen den
langen drren und zerlumpten Aschermittwoch kehrten, welcher matt und keuchend,
sich anhaltend an den Schweif des friesischen Goliathhengstes, den Zug durch
seine Jammergestalt beschlo. Du bist der treue Eckart, und warnst Jedermann;
rief Dagobert dem weibrtigen Grafen zu, und warf sich mit klingendem
Schellengetse in den Haufen: Aber Dich selbst warnt Deine Thorheit nicht.
Fliehe die falsche Venus!
    Ehe noch der Graf nach dem aufdringlichen Mahner umschauen konnte, hatte
dieser, kecker als die Teufelchen und unangefochten vor dem Philister, den
Triumphwagen erklimmt, und sich vertraulich zwischen das Liebespaar geschoben.
Mit Gunst! sprach er mit verstellter Stimme, die Schellen lustig schttelnd:
Wo die Minne haut, darf die Thorheit nicht fehlen. Wie gefllt Dir die
Aussicht auf den Eckart dort unten, lieber Tannhuser? Bilde Dir nicht zu viel
ein auf Deinen Schnrleib und Deine wohlriechenden Salben. Frau Venus ist falsch
und in Kurzem gehst Du im Staube wie der treue Eckart. - Tannhuser schaute
hoch auf. Venus wendete sich aber mit verchtlichem Blicke zu Dagobert. Der
Narr mengt sich in Alles, und wei Alles! sprach sie hhnisch. Ei wohl;
versetzte der Schalk dreist und zuthulich: weit Du warum der Zug jetzt hlt?
Weil er unter des Kaisers Fenstern steht. Weit Du, warum Dein linkes Auge
seitwrts schielt? Weil der Kaiser auf dem Altan sitzt, und die Minnefrstin mit
seinen Blicken verschlingt. Frchte Dich vor Kron und Scepter, Tannhuser, und
Du, .. setzte er in Wallradens Ohr flsternd bei: .. Du, frchte Eckarts
Eifersucht! - Abgeschmackter! zrnte sie, erwiederte ugelnd des Kaisers
zrtlichen Gru, heftete ihren Blick auf das Fenster eines benachbarten Hauses
und errthete pltzlich. - Du bist bewegt, Frau Minne! fragte Dagobert
neckisch: La hren; Thorheit heilt das Herz. - Wallrade sah ihm scharf in die
glsernen Larvenaugen, und glaubte eine zrtlichere Theilnahme an dem
Schalksnarren zu bemerken, die sie, die schlaue Mnnerqulerin, nie unbentzt
lie. Du brstest Dich Alles zu wissen? fragte sie lauernd entgegen: Was,
war's, das mich bewegte? - Du sahst an jenem Fenster ein Weib, dessen
Schnheit den Vergleich mit der Deinigen nicht scheut; antwortete der Schelm
schnell und zuversichtlich. Wallradens Stirne zog sich zusammen. Du bist nicht
der zierlichste Narr; erwiederte sie nicht ohne Bitterkeit: Sage mir jedoch,
wer ist die Frau mit dem holden Kinde im Arm? - Frage mich nicht; antwortete
Dagobert scherzend. - Sprich, ich befehle es Dir. - Die Minne gebietet nie
der Thorheit; sie ist ihr unterthan. - Rede, ich lasse Dich nicht. - Das
schne Weib ist die Frau von der Rhn! raunte ihr Dagobert hart und rauh in das
Ohr. - Abscheulicher! schrie Wallrade auf. Was gibts? fuhr Knigseck
dazwischen, dessen argwhnischer Leidenschaft die heimliche Unterredung mit dem
raschen Fremdling schon viel zu lange gedauert hatte. Eine berraschung, guter
Tannhuser, lachte Dagobert ihm in's Gesicht: Weiter nichts! Leb' wohl! -
Klappernd und schellend machte er sich vom Wagen herunter, nachdem er dem
zierlichen Liebesritter seine Kolbe zu kosten gegeben fr das berflssige:
Verdammter Hanswurst! das der edle Herr, seinem Unmuth Luft zu machen, ihm
nachgebelfert hatte. Muthwillig geworden durch den aufregenden Schwank, sprengte
Dagobert wie ein dem Pferch entronnenes Fllen kreuz und quer durch das
ausgelassene Volk, das sich auf den Gipfel der Lustigkeit hinaufschraubte und
immer tollere Streiche machte, je nher die Dmmerung rckte mit ihrem Schatten.
Die Schalkheit des Pbels setzte sich hauptschlich die Klosterleute beiderlei
Geschlechts zum Ziele, die an diesem Tage ihre Clausur zu verlassen,
bevorrechtet waren, und, wenig Zucht und Anstand beobachtend, die Stadt
durchstreiften, mit den Laien in Thorheit wetteifernd. Jedoch, obgleich sie in
Thun und Lassen den Weltkindern nachahmten, so vermochten sie es doch nie, ihren
Stand selbst unter der verhllendsten Maske, ganz zu verbergen. Der
Kuttenschritt verrieth die Mnner, das ungewisse Trippeln und Zusammenhalten in
ansehnlichen Banden den weiblichen Convent; und dieser Umstand setzte die
Zellenbewohner manchen Unannehmlichkeiten aus, wie sie die Ausschweifungen der
Fastnacht mit sich brachten. Flinke und gelenke Pickelhringe nhten eine ganze
Nonnengemeinde zusammen, und trieben sie mit Peitschhieben und tausendfltigem:
Hoho! und Hallah! vor sich her. Das grobe Schiffervolk ri den als Mnche
Beargwohnten die Kopfbedeckung vom Haupte, und stellten ihre Tonsur zur Schau,
und dennoch, kaum entschlpft den Hnden der ungeschlachten Gesellen, setzten
die Ordensleute, ihre Freiheit benutzend, ihre Thorheiten fort, auf Straen,
Pltzen, Tanzhusern und Trinkstuben bis der Morgen herandmmerte und sie
gebieterisch in das Kloster zurckwies, diejenigen ausgenommen, die vom Weine
bermannt, den Taumel erst ausschlafen muten. Bei einem solchen Auflauf, in
welchem ein Paar schchterne Cnobiten geqult und gehnselt wurden, stie der
von seines Ohms Hause kommende Dagobert pltzlich wieder auf den verloren
gegangnen Gerhard. Bei dem Flammenscheine einer Pechpfanne erkannte er Mantel,
Hut und Visier, und die Behaglichkeit, mit welcher der grobhutige Fechtbruder
dem gemeinen Possenspiel zusah, lie dem jungen Manne keinen Zweifel brig.
Gut, da ich Dich finde; sprach dieser zu dem Ungetreuen: Bist Du's, oder
bist Du's nicht, Gerhard? - Na, beim heiligen Georg! wer soll's denn anders
seyn? brummte Gerhard, mit lustiger Vertraulichkeit Dagobert's Hand ergreifend,
und den von Wein unsicher gewordnen Krper auf dessen Schulter neigend: Das ist
Frschlein, fuhr er fort, - Frschlein oder mich soll der Schwarze holen mit
Pferdefu und hllischem Gestank! - Ei Du Trunkenbold! zrnte ihm Dagobert
entgegen und zerrte ihn abseits von dem Menschengewhle: Nimm die Trommel, und
rufe mich aus nach allen vier Winden, Du Schlemmer! Wo kommst Du her, Du
trunknes Ungeheuer? - Aus dem Paradies, versetzte Gerhard lustig: aus dem
Paradies; setzte er burisch grob hinzu, da Dagobert nichts entgegnete: Ihr
knnt mir glauben. Es lebe Frau Holda Waldina sammt ihren schmucken Tchtern,
und ihrem kstlichen Firnewein! -
    Es ergab sich aus den Reden des Edelknechts, da er in eine nichts weniger
als ehrenvolle Gesellschaft gerathen war, nmlich in die von fahrenden Tchtern
und Frauen, deren es um die Zeit des Conciliums eine bedeutende Anzahl zu
Costnitz gab, und die entweder einzeln in den Vorstdten, namentlich aber
zunftweise unter Meisterinnen versammelt, in der nchsten Umgegend der Stadt,
fters auch nur, nach Magabe ihrer Ansprche, in elenden Htten und Zelten sich
aufhielten. Diese Bande, eine der ansehnlichsten, hatte es am heutigen Tage auf
Niemand Geringern, als auf den Kaiser selbst abgesehen gehabt, von dem ein
dunkles Gercht verbreitet hatte, als wolle er selbst, in die Tracht, des wilden
Jgers vermummt, allein und ohne Gefolge die Volkslust in den hchsten, wie in
den niedersten Kreisen verfolgen und beobachten. Die Hoffnung, von dem
leutseligen Herrn ein ansehnliches Geschenk zu gewinnen, hatte diese lockern
Tchter so khn gemacht, ihn im Putze vornehmer Frauen aufzusuchen, und so
zierlich zu bewirthen, als es angehen wrde. Gerhard's Larve tuschte sie, wie
frher schon das lgenhafte Gercht; erst in dem Saale des Gasthauses, in
welchem fr die lebenslustige Schar und ihren seltnen Gast ein Vespertrunk
bereit stand, enthllte sich die Wahrheit. Gerhard lachte die Betrogenen aus,
log ihnen von seinem Geschlechte und seinen Gtern ein Langes und Breites vor,
lie sich ihren Wein schmecken, seinen Beutel wegstibitzen, und entrann mit
leerer Tasche und ziemlich vollem Kopfe den Lockungen des losen Gesindels. -
Sagt nun einmal zur Gte, schlo er seinen Bericht; ob ich nicht Wort
gehalten habe, wie ein Mann. Hier bin ich wieder und stehe Euch zur Seite.
Verlangt, was Ihr wollt. Ich stehe dem Satan selbst, wenn er Lust htte, mit mir
anzubinden.
    Das glaub' ich Dir von Herzen gern; erwiederte Dagobert: denn Dir sitzt
ein Dutzend von Teufeln jetzt im Leibe. Da ich indessen heute eines Menschen
bedarf, der nicht grbelt, da der Weindunst Dir das Grbeln verbietet, und
Deiner Brenkraft das Doppelte, wie ich hoffe, zulegt; so sollst Du der Wchter
einer That seyn, die Dir spter Segen bringen wird, erfhrst Du auch kein Wort
von ihr. - Ihr sprecht ein Deutsch, das klingt wie Latein; meinte Gerhard:
ich will bucklich werden, wie der Montfort, wenn ich ein Wort davon verstehe.
Thut indessen nichts. Sagt mir nur, wo ich hinstehen soll. Kreuz und Dorn! ich
halte fest. - Fr's Erste, sprach Dagobert, indem er ihn in ein finster
Glein zog: fr's Erste nimm Dein Jagdmesser zur Hand. - Was? fragte
Gerhard, den Jngling anglotzend, so gut es die Dunkelheit erlaubte: Ich werde
Euch doch nicht die Gurgel abschneiden sollen? - Schweig! raunte ihm Dagobert
zu: Trenne schnell und sicher jetzo die Schellen von meinem Gewand und meiner
Kappe. - Eine seltsame Grille! versetzte der Hlshofen eine wunderliche
Aufgabe, hier den Schneider zu machen, wo es Pechrabenschwarz um uns her ist.
Schreibt Euch's selbst zu, wenn ich nicht blos die Naht treffe. - Thut nichts;
nur zu. Ich gebe indessen das Zeichen. - Whrend Gerhard mit unbarmherziger
Hand die Schellen abschnitt, und mit jeder derselben ein erkleckliches Stck des
Gewandes wegnahm, schnalzte Dagobert viermal mit der Zunge, als ob eine Wachtel
anschlge aus grnem Felde. Nicht lange war das Zeichen vorber als auch schon
zwei Mnner sich nherten, in schleppenden Rcken. Gerhard, stutzig gemacht,
wollte ihnen ein derbes: Wer geht da? entgegendonnern, aber Dagobert hielt ihm
den Mund zu. Willkomm! sprach der erste Ankmmling in auslndischer Mundart:
Die Mund ist da. - Wie steht's? fragte Dagobert. - Gut; versetzte der
Andre: der Freund auf den zweiten zeigend hat vorgearbeitet. Petrus wird
aufmachen. - Das gebe Gott; antwortete Dagobert, und ging voraus. An der Ecke
warf er seine Narrenglocken in einen Brunnen, und schritt dann schneller
vorwrts. - Ist das der Mensch, von dem Ihr spracht? fragte ihn leise einer
der Fremden, auf den geduldig nachtrabenden Gerhard weisend. Ja, entgegnete
der junge Mann: er ist's, Herr Graf. Zuverlssig, willenlos, und gnzlich
unwissend. - Gut, gut; antwortete der Fremde, und hielt sich mit seinem
Begleiter dicht auf den Fersen des Fhrers, der abermals in ein Glein einbog,
und vor der Pforte und dem Vorsprungshnslein eines Klostergebudes stille
stand. Kein Laut war weder in dem Kloster, noch in der Nachbarschaft zu hren.
Halte hier die strengste Wache! sprach Dagobert zu Gerhard: Wir haben im
Hause zu thun. Solltest Du Lrm hren, so decke unsern Rckzug. Schlage das
feige Gesindel, mit dem Du zu thun bekommen wirst, nur tapfer hinter die Ohren
mit der Klinge. Verletze jedoch nur im allerhchsten Nothfall. - In der Herberge
sehen wir uns im schlimmsten Falle wieder. - Gerhard brummte zu diesem Allen
ein bereitwilliges Ja, pflanzte sich auf ein steinern Bnklein, unfern dem
Kloster, und harrte geduldig der Dinge, die da kommen sollten. Dagobert sammt
Begleitern klopften hingegen leise an das Pfrtlein, und gaben auf die Frage des
von innen heraussphenden Bruders die Antwort: Fastnachtsfreunde. Darauf
ffneten sich die Riegel, und des Thrleins schwarzer Mund verschlang die
Pochenden. Ein fettleibiger Klosterbruder stand vor den Eintretenden mit Lampe
und Schlsselbund, und grte sie, wie der bildlich dargestellte Fasching mit
wankenden Knieen, Brhetriefendem Munde, und in Weineslust verkehrten uglein.
O weh! flsterte Dagobert den Begleitern zu, von denen indessen der zweite
zuversichtlich auf den Pfrtner zutrat, und ihn also anredete: Ihr erinnert
Euch wohl noch meiner, Frater Dominikus! Da sind die Freunde, von denen ich Euch
gestern sprach, und hier der Beutel, der der Eurige wird, sobald Ihr unsern
Wunsch erfllt. - Der Pfrtner lchelte freundlich aber ungewi, schob den
Hauptriegel vor die Thre, und summte die erste Zeile des damals berhmten und
von den Gelehrten hufig gesungnen Fastnachtliedes: Edit Nonna, edit Clerus!
Wollt Ihr nicht in's Stblein treten? setzte er mit schwerer Zunge hinzu: es
ist warm darinnen, und wir knnen daselbst weiter plaudern. - Sind wir denn um
des Plauderns willen Hieher gekommen? fragte Dagobert leise die Seinen: Was
treibt denn der verwnschte Frater? Die Begleiter ermahnten ihn durch Zeichen
zur Geduld. Ad edendum nemo serus! brummte der Frater gleichmthig fort, und
machte seinen Gsten einen unbehlflichen und unsichern Reverenz: Wollt Ihr
Euch nicht niederlassen, meine werthen Herren und Freunde? Ein Trpflein Weins
schadet nicht. - Er setzte einen ungeheuern Weinkrug an den begehrlichen Mund;
schlrfte einen guten Schluck, und reichte das Trinkgef seinem Nebenmanne,
nachdem er mit dem rmel den Rand abgewischt hatte. Bibit ille, bibit illa!
sang er weiter, jedoch sich selbst unterbrechend durch Rede und Frage: Trinkt
herzhaft, ihr Mnner; 's ist vom Guten! Bibit servus cum ancilla. - So! so!
jetzt sagt an .... was steht zu Diensten? - Ei, Dominik! habt Ihr denn bereits
vergessen, was wir ausmachten? fragte Einer von Dagobert's Begleitern entgegen,
whrend der junge Mann einen ziemlich vernehmlichen: Schafskopf! laut werden
lie. Der trunkne Frater zog dem Offenherzigen ein scheel Gesicht, verga aber
auf der Stelle die Beleidigung, und fiel wieder in sein voriges Lied: Bibit
abbas cum priore! - Hm! wenn mir recht ist .... hm! hm! bibit coquus cum factore
.... Was wollt' ich sagen .... helft mir doch wieder ein wenig auf die Spur, ihr
Herren! .... et pro rege .... - Zum Donner! unterbrach ihn der warmblutige
Dagobert: Wir wnschen den armen gefangnen Mann heimzusuchen, den Du zu hten
hast, und ihm zur Fastnacht ein wohlgemeint Geschenk zu bringen. - So! so!
erwiederte der Pfrtner, sich bedchtig im Kreise umschauend, und das Kpplein
lftend: Der Ketzer verdient's gar nicht, da wackre Leute ihn heimsuchen. Et
pro rege et pro papa .... - Macht voran! drngte Einer von den Andern: Den
Lohn habt Ihr empfangen. - An der Thre des Gewlbs knnt Ihr unsrer harren; in
einer halben Viertelstunde ist's abgethan, und Ihr habt das Geld verdient - wir
unser Gelbde gelst. Zaudert nicht. Es ist keine Gefahr dabei. Eure
Vorgesetzten .... - Bibunt vinum sine aqua! tremulirte Dominikus dazwischen,
und griff nach der Lampe: Ihr habt jedoch den besten Augenblick erwhlt ...
stammelte er fortfahrend: Der Prior und die meisten Herren sind drauen in der
Stadt, und die brigen - hm! sie sitzen oben am Spiel und Trunk, und haben mehr
zu thun, als sich um den verdammten Ketzer zu bekmmern, dem Ihr eine
unverdiente Ehre erweisen wollt. - Lat uns aufbrechen! mahnte Dagobert
instndig, schob dem Pfrtner das gewaltige Schlsselgebund in die fehltappende
schwammige Faust, und ihn selbst vor sich her zur Thre. Et pro papa et pro
rege! intonirte der Mensch mit einer Lwenstimme, da sie in den Kreuzgang
traten. Um des Himmelswillen! schweigt! flsterten ihm die Nachschleichenden
unter ngstlichen Rippensten zu; er lie sich jedoch nicht irre machen,
schlurfte in seinem Elephantenschritte fort, und von seinem: Bibunt omnes sine
lege! hallte das Gewlbe wieder. Alles blieb auf dieses, wahrscheinlich zu
dieser Zeit gar nicht ungewohnte Geplrre ruhig; nur im fernen Refektorium war
ein wstes Gejohle hrbar; ein Beweis, welchen Geschften der Convent oblag, und
eine gute Vorbedeutung fr die drei Fremdlinge, deren Vordermann sie eine lange
Treppe, von mehreren Pforten verschlossen, hinunterfhrte, an deren Ende
seitwrts eine ganz niedere mit Eisen schwer beschlagene Thre ffnete, und die
Besucher hindurch kriechen hie. Bibunt primum et secundo summte er whrend
dessen, und rief dann in das tiefgewlbte Kerkerloch hinein: Steht auf von
Euerm Stroh, verruchter Abtrnniger - donec nihil sit in fundo - und Ihr, meine
Herren, fat Euch kurz. - Dagobert schauderte, da er beim Schein der Lampe das
entsetzliche Gefngni gewahrte, in welchem ein Unglcklicher mit langem Barte
und in drftiger Kleidung einem rechtlosen Urtheil entgegen schmachtete. Vater
Johann! Vater Johann! riefen des Jnglings Begleiter mit von Thrnen halb
erstickter Stimme, und warfen sich zu den Fen des Eingekerkerten. Dieser erhob
sich mhsam in seinen Fesseln von dem nassen Lager, und hielt die Hnde vor die,
von ungewohntem Lichtstrahl geblendeten Augen, aber sein Ohr hatte die bekannten
Stimmen vernommen, und sein Herz mit einer, diesem Schreckensorte fremden,
freudigen Rhrung erfllt. Ist das nicht Graf Chlum? fragte er bewegt; ist
das nicht der edle Herr von Lanzenbrock? Ach, ihr meine unglcklichen Freunde
... was fhrt Euch in meinen Kerker? - Lange konnten die zu seinen Fen
Schluchzenden nicht Worte finden, und Dagobert lauschte besorgt nach dem vor der
Thr gebliebnen Frater. Von demselben war jedoch keine Unterbrechung zu
befrchten. Neben der auf die Schwelle gestellten Lampe sitzend, hatte er sich
mit der Zhlung seines leicht erworbnen Geldes beschftigt, und war dabei
eingeschlafen. Eilt, eilt, edle Herren; raunte der junge Altbrger den
bhmischen Edelleuten zu: der Augenblick ist sicher, aber kostbar! - Vater
Hu! begann der Graf dringend: Dich zu befreien sind wir hier! Eile, nur zu
willfahren. Hlle Dich in dieses, mein Gewand. Es ist weit genug, Dich und Deine
Ketten zu verbergen. Diesen jungen Mann, der unter der Larve der Thorheit den
mnnlichsten Willen und den glhendsten Eifer fr das Recht verbirgt, der schon
einmal eine Dir zugefgte Beleidigung edelmthig rchte, haben wir ersehen, Dich
aus der Stadt zu bringen. Er kennt alle Schliche, und die Wege rund um im Land;
er und Lanzenbrock schaffen Dich ber'n See in's Schweizerland, von wannen
sichre Freunde Dich nach der Heimath fhren werden. - Fliehe, fliehe, es drngt
die Zeit. -
    Trume ich denn? fragte Hu, bestrzt um sich schauend. Steht es denn so
schlimm mit mir, da solche Flucht nothwendig wre? - Frchte Alles!
entgegnete Lanzenbrock: Deinem Haupte droht die hchste Gefahr. - Und ich
sollte nicht der Gefahr gedenken, in welche sich der an meiner Statt
zurckbleibende Freund strzen wird? fuhr Hu mit ernstem Vorwurf fort. - Mein
Schicksal kmmre Dich nicht! unterbrach ihn der Graf: Von Dir hngt die
Freiheit unsrer Kirche, unsers Glaubens ab. Tausende meiner Landsleute knnen
fechten wie ich; wie Du zu reden, vermag Keiner auer Dir.
    Kommt, kommt, wrdiger Herr; setzte Dagobert bei: wir meinen's redlich,
und das Glck fr heut nicht minder. Morgen ist's zu spt. - Wer sagt Euch,
sprach der Gefangene mit erhabner Sanftmuth: wer sagt Euch, da ich morgen
anders gesinnt seyn knnte, denn heute? Ich wrde zum Lgner an meiner Lehre,
wollte ich diesen Kerker feig verlassen. Das Wort ist ewig, und mu den Sieg
erringen. Nicht ich bin zu beklagen in meiner Schmach, denn mich bedienen Engel
in dieser dunkeln Gruft; wohl aber diejenigen, die ihren Eid gebrochen haben,
und den Starken vertilgen wollen in dem schwachen Gef, das er sich auserlesen.
Geht meine Freunde; meinen Dank fr Eure Aufopferung, doch Euch zum Frommen
willige ich nicht darein. - Grausamer! seufzte der Graf: Du rennst in Dein
Verderben! Unwiderbringlich verloren bist Du. An Wenzel's Throne bist Du sicher;
in Sigismund's Gewalt des Todes. - Unntze Furcht! lchelte Hu wie ein
Verklrter: Ich bin geweiht vor dem Altare des Herrn; an meinem Haupte werden
sie sich nicht vergreifen, und aus den Fesseln, die den Leib belasten, wird mich
der Hchste befreien, wann das Werk vollendet ist. - Ungeduldig ob solchem
Starrsinn stampfte Dagobert mit dem Fue, und die Bhmen umschlangen mit
liebevollem Ungestm die Kniee des Versagenden, mit Worten und Thrnen ihn
bekmpfend. Sein Entschlu, fest wie ein Fels, begann zu wanken; seine
abweisende Strenge wich dem vereinten Bemhen der Freunde, - schon gab er nach;
schon ward die Mglichkeit einer nahen Freiheit reizend fr seine in Kerkernacht
erstorbnen Sinne, ... schon griff seine Hand zgernd nach dem Rettungsgewande,
... als es mit einemmale ber den Huptern der Befreier lebendig wurde. Von
Ferne, die Treppe herab tnte ein beunruhigendes Laufen und Rennen; Getse von
Stimmen, zugeschlagnen Thren, entferntem Waffenklang. Wir sind verloren!
flsterte Lanzenbrock erschrocken, und Dagobert fuhr auf wie ein Sturm. Die
Zeit ist versumt! rief er: Schreibt Euch's selbst zu, eigensinniger Mann.
Wenig wrde es Euch jedoch helfen, gingen wir um der ungeschehenen That willen
zu Grunde. Wer Muth hat, folge mir frank und frei. Vielleicht bietet sich bald
eine andre Gelegenheit zur Rettung! - Diese Aufforderung, verbunden mit dem so
natrlichen Gefhl der Selbsterhaltung, wirkte auf den Gefangenen und seine
Freunde. Der Erstere beschwor die berraschten, sich dem Unheil zu entziehen,
ihn ruhig seinem Schicksale zu berlassen; die Letztern strzten, da das
Getmmel lauter wurde, mit der Schnelligkeit des Hirsches aus dem Kerkergewlbe,
die Treppe hinan. Dagobert voran strmend wie eine Windsbraut. Den fest
entschlafnen Frater weckte sein Gefangner selbst, und ermahnte den Taumelnden,
doch die Thre zu verschlieen, damit ihm nicht die Lust anwandeln mchte, seine
Haft zu verlassen. Kopfschttelnd ber diese seltne Bitte, gewhrte sie der
trunkne Dominikus, und schleppte sich langsam die Stiege hinan. Indessen war
oben alles in Aufruhr gekommen. Die Veranlassung zu der ganzen unzeitigen
Strung hatte der vor dem Kloster auf einer Steinbank dahinbrtende Gerhard
gegeben, da seine in Schlaf- und Weinlust blinzelnden Augen zwei Klosterherren
erblickten, die, satt von den Freuden des Tages, sich behaglich nach ihren
Zellen zurckzuwlzen im Begriff waren. Seines Wortes eingedenk, niemand
hindurch zu lassen, glaubte er sehr wohl zu thun, wenn er auch diese
Klosterbewohner von ihrer Klause zurckhielt. - Hier geht niemand durch!
murrte er daher barsch den Arglosen entgegen, und stellte sich ihnen, breit und
stmmig, wie er war, in den Weg. Die Mnche, obgleich verdutzt im Augenblicke,
sahen doch gar bald, da sie nur mit einem einzigen, wahrscheinlich trunknen
Manne zu thun hatten, und bestanden auf ihrem Hausrecht. Der Weglagerer lie
dasselbe jedoch nicht gelten, und verbot fortwhrend den Zutritt zur Pforte.
Dringendes Ansuchen von der einen, mrrische Abweisung von der andern Seite. Der
Auftritt nahm bald eine ernstere Gestalt an. Die Klosterleute, wenig gewohnt
sich auf ihrem Grund und Boden die geringste Widerspenstigkeit gefallen zu
lassen, wurden bse und giftig; der Kmpfer dagegen rauh und grob. Von den
Worten kam's zu Thtlichkeiten. Die Geistlichen wollten mit Gewalt den
Schlagbaum auf die Seite schieben. Gerhard's krftige Faust stie jedoch beide
zurck. Der Frevel gegen das heilige Gewand veranlate einen neuen gewaltigern
Angriff, der abermals abgeschlagen wurde. Um seine Drohungen wirksamer zu
machen, zog Gerhard den Stodegen aus der Scheide. Whrend nun einer von den
Mnchen vor der Klinge mit Zetergeschrei zurckwich, schob sich der andre hinter
Gerhard's Rcken vorber nach der Pfortenglocke, und hatte schon betrchtlich
Sturm gelutet, so wie mit Hnden und Fen an die Thre gedonnert, ehe der
Hlshofner ihn von der Schwelle peitschen konnte. Dieses Getse, das der andre
Pater erneuerte, sobald Gerhard, den Ersten verfolgend, den Rcken gedreht
hatte, machte endlich die Schlemmer im Refektorium, so wie die Knechte, die im
Seitengebude bei den Wrfeln saen, aufmerksam Die Erstern schrien um Hlfe,
die Letztern liefen zum Kreuzgange, ihre rostigen Hellebarden nach sich
schleifend. Keiner von den Mnnern allen jedoch hatte den Muth, die verriegelte
Pforte zu ffnen, und den von dem unbekannten Teufelsbraten mihandelten und
zerbluten Herren zu Hlfe zu kommen. Alle schrien nach dem Prior und dem
Pfrtner. Der Erstere war aber vom Schmausen noch nicht zurck, der Zweite
nirgends zu finden. Der Kellermeister fate den Verdacht, der Frater mchte wohl
im Keller stecken, und ein verbotnes Fa verkosten, und eilte, so schnell es
seine Uebehlflichkeit, und das Gedrnge der brigen erlaubte, der Treppe zu,
die nach den untern Gewlben des Hauses fhrte, aber des Todes war er fast vor
Schrecken, da einige Verlarvte die Stiege heraufstrzten, ihn sammt der Lampe,
die er in Hnden trug, - der Einzigen die ein schwaches Licht verbreitet hatte,
die Ampel ausgenommen, welche am Bilde des Gekreuzigten in der Halle hing - zu
Boden warfen, und mit Riesensprngen und Faustschlgen nach allen in den Weg
Tretenden, die Pforte gewannen. Der Pickelhring, der den Vorlufer machte, und
dessen Habit allein in etwas unterschieden werden konnte, ri, mit der
Ortsgelegenheit vertraut, den Riegel auf, und tobte durch die aufklaffende Thre
in's Freie. Seine Begleiter sumten nicht dem Beispiele zu folgen. Aufhalten!
donnerte Dagobert dem Gerhard zu, der indessen noch immer seine Hetze in dem
Glein fortgesetzt hatte, und lief in's Weite; aber der bereitwillige Fechter
konnte nicht verhindern, da einige Klosterknechte dem Flchtigen nacheilten,
dessen buntes Kleid ihnen besser im Auge blieb, als die dunkeln Gewnder der
beiden andern, die nach verschiednen Seiten sich verloren. Unter dem brigen aus
dem Gebude strmenden Gewhl von Mnchen und Laien wthete Gerhard's flache
Klinge mit bermenschlicher Kraft. Bleibt zurck, ihr Schpse! rief er den
Bestrzten entgegen: Bleibt zurck, oder Ihr seyd des Todes. - Greift an!
hetzten die beiden, seiner Wuth entkommenen Klosterherren: Er hat das Schwert
gezogen, und ist in des Kaisers wie in der Kirche Bann! - Der ganze Schwarm
wollte sich nun auf den Einzelnen werfen. Zurck! schrie dieser noch lauter,
denn zuvor: Schufte! habt Ehrfurcht! Ich bin der Kaiser selbst, ihr
Lottergesindel, und will ich meinen Bann hinter die langen Ohren schreiben, da
ihr an mich denken sollt! -
    Diese Aufschneiderei, zu welcher den Edelknecht, dessen Arm schon ermdete,
der Gedanke bewog, da man ihn bereits heute fr den Kaiser angesehen, verfehlte
ihre Wirkung nicht. Die Knechte wichen stumm und erschrocken zurck; der Mund
der anfeuernden Geistlichen verstummte, und indem sich die Blicke bald nach dem
Kaiser, bald nach dem Pfrtner richteten, der unbefangen, als ob er kein Wasser
getrbt und staunend, unter die Menge trat, ging Gerhard stolz und aufrecht von
dannen, weder aufgehalten von seinen Gegnern, noch von dem Volke, das sich um
das Getmmel versammelt hatte. Seinem jungen Freunde war jedoch kein so
ehrenvoller Rckzug vorbehalten. Von den rstigsten Knechten des Convents
verfolgt, sprang er links und rechts, geschmeidig wie ein Aal durch die Straen
und die gaffenden Pbelhaufen, die sich noch in so spter Nacht im Freien
befanden. Gern htte er sich in einen Hausgang geworfen, allein allenthalben
waren die Thren verschlossen. Endlich gewahrte er an einem Hause hinlaufend, in
dem Erdgeschosse desselben Licht, erwischte, um die Ecke strzend, einen zu der
Thre heraustretenden Menschen, welcher bedchtig hinter sich zuschlieen
wollte, beim Kragen, und schleuderte ihn mit Riesenkraft den Nachsetzenden in
die Arme. - Whrend nun diese Letztern den ihnen in die Hnde Laufenden
aufhielten, befragten, und dieser ihnen nichts zu erzhlen wute, da er den, der
ihn um die Ecke geworfen, nicht einmal gesehen hatte, machte sich Dagobert
eilends in die Unterstube, wo er noch zwei Menschen, einen Mann und ein
Frauenbild, fand. Helft! rief er ngstlich dem Manne zu: ich bin des Teufels,
wenn sie mich erwischen! - und ohne eine Antwort abzuwarten, schlupfte er in
die offenstehende Kammer, und kauerte sich unter das darin stehende Bette,
dessen lange Vorhnge jede Spur von ihm verbargen. Der unerwartete Anblick des
Vermummten hatte die Bewohner der Stube in keine geringe Bestrzung versetzt;
doch war stillschweigend ihr Entschlu gefat, ehe noch die Verfolger in die
Stube drangen. - Um des Gottes Abrahams und Jakobs willen! seufzte der Mann,
den die Knechte beim Fittig hereinzogen: liebwerthester Gastfreund! wollt Ihr
mir nicht bezeugen, da ich bin der Elieser, der Sohn des langen Schmuls, der
gewesen ist ein Leibarzt bei des Markgrafen Hoheit zu Baden? Verdiene ich nicht
redlich mein Brod durch Handel und Wandel, und wei ich etwas von dem schlechten
Menschen, der mich hat umgeworfen und getreten mit Fen, ohne da ich wei, wo
er ist hingekommen? - Halt das Maul! fuhr ihn einer von den Klosterknechten
an: Dich suchen wir auch nicht, furchtsamer Jude, aber von Dir zu dem Andern
gewendet von Dir wollen wir erfahren, ob sich nicht hier ein fremder Mann
versteckt hat? - Gesteht es, Ben David! klagte Elieser: bringt nicht Euch
in's Unglck, und nicht mich. - Ich will sterben, wenn ich wei, was ihr
wollt; erwiederte Ben David kalt: Ich habe wohl gehrt, wie ein Mensch rannte
hier vorbei, doch herein ist keiner gekommen. Nicht wahr, Esther? - Wahrlich,
wahrlich, Vater; bekrftigte Esther ganz unbefangen. - Lat sehen! erwiederte
der Klosterknecht, nach dem Lichte greifend: Euch verdammten Juden ist nie zu
glauben. Hier ist er nicht, doch in der Kammer sitzt er ganz sicherlich. - Er
leuchtete in die Kammer hinein; kehrte aber, da er nichts in Unordnung fand, und
auch kein Gerusch hrte, unzufrieden zurck. - Wenn Ihr doch schwarz wrdet,
lderliches Volk! brummte er: bei Euch haben wir die kostbare Zeit verloren,
und wer wei, was indessen daheim vorgefallen ist. - Heraus Bruder! ich hab'
ihn! schrie ein vor dem Hause als Wache zurckgebliebener Knecht, der einen,
harmlos vorberstreichenden Fastnachtsnarren, seines Abwehrens ungeachtet,
aufgegriffen hatte. Die ganze Rotte strmte auch hinaus, versammelte sich um
den Zitternden, der in seiner Betroffenheit aussah, als htte er irgend etwas
bles verschuldet, und schleppte ihn hohnlachend hinweg nach dem Kloster, theils
in der Meinung, sie htten den Rechten erwischt, theils aber auch, um nur nicht
ohne Beute von ihrem Heldenzuge heimzukehren.
    Von Ungeduld und Erschpfung gepeinigt, lag, das Ende des Vorgangs
abzuwarten, Dagobert auf der Erde, als Ben David mit der Kerze in der Hand vor
ihn trat, und ihm anzeigte, da die Gefahr vorber sey. Als der Verfolgte aus
seinem Schlupfwinkel kroch, und die Larve vom Gesichte nahm, erstaunte er nicht
wenig in Ben David den Juden zu erkennen, den er beim Herzog eingefhrt hatte. -
Dienst gegen Dienst! sagte Ben David zu dem jungen Manne, dessen Gesicht,
obgleich verstrt aus der Narrenkleidung schauend, ihm wohl erinnerlich war:
Ihr scheint groe Angst ausgestanden zu haben. Verfolger und Verrther sind
ferne. Geniet ein Glas Wein, wenn es Euch nicht Eckel macht, von einem Juden
die Erquickung anzunehmen. Esther! aus der geschliffenen Flasche dort in der
Ecke! - Dieser Name schlug betubend an des Jnglings Ohr, der sich willenlos in
die grre Stube ziehen lie. Sein Schreck, wenn gleich ein freudiger, war noch
betubender, da Esther selbst in der Blthe ihrer Schnheit vor ihn trat, den
Krystallbecher auf einem spiegelblanken Kredenzteller. Die Bewegung Dagobert's
war nur mit der des Mdchens selbst zu vergleichen, da es unmittelbar nachher
den Mann erkannte, an welchem seine ganze Seele hing. Teller und Becher drohten
ihrer bebenden Hand zu entschlpfen. Ben David nahm der Jungfrau die Last ab.
Es ist Schade, sprach er, da Dein von dem vorigen Auftritte herrhrender
Schrecken Dich unfhig macht, dem edeln Herrn die Labung zu reichen. Von der
Hand der Jugend htte er sie um so lieber genommen. Empfangt sie indessen von
mir, und glaubt, sie ist Euch geboten von einer treuen Hand. - Starr auf die
Tochter blickend, nahm Dagobert das Glas, und trank, ohne mit dem Blick von ihr
zu weichen, gleichsam als ob er auf ihr Wohl den Wein kostete. Die Rthe der
verlegnen Scham frbte Esther's Wangen, doch ihre Lippen waren eben so stumm,
als ihr Herz, fast hrbar pochend, eine laute Sprache fhrte. - Geh zu Bette,
mein Kind; redete ihr der Vater zu: Der heilige Gott segne Deinen Schlaf, wie
den der frommen Rebbecka, und Lilis bleibe fern von Dir. - Esther, schmerzlich
bewegt, so schnell von dem wiedergefundnen Freunde scheiden zu mssen, und
dennoch halbfroh, aus seiner ihr beiderseitiges Geheimni bedrohenden Nhe zu
kommen, neigte sich verschmt vor Dagobert, der den Gru wortlos erwiederte, und
verschwand in die Kammer. - Ruht jetzt aus, werther Herr! sagte Ben David, und
lud den Jngling ein, auf dem Polstersitze Platz zu nehmen: Der Zufall hat mir
gedient, da er mich lie in etwas vergelten, was Ihr an mir gethan. Besonders
ist mein Herz freudig, da Ihr gewi Nichts gethan, das wirklich gescholten
werden knnte, bse. Ihr seyd ein Vertrauter des Herzogs, und der edle Mann kann
nur haben Edle in seinem Vertrauen. Bedrft Ihr das Geringste, so wendet Euch an
mich. Was ein armer Jude thun kann, Euch zu gefallen, soll geschehen. -
Dagobert wich allen Fragen aus, die Ben David mit der geschickten Neugier seines
Volks ihm stellte, um den Hergang des Abenteuers dieser Nacht zu erforschen; das
letztere Anerbieten wies er jedoch nicht frmlich von sich, um sich die
Mglichkeit in Ben Davids Haus wiederzukehren, nicht zu rauben. Er verplauderte
eine geringe Weile mit Esther's Vater, und verlie ihn endlich mit dem
Versprechen, ihn wieder zu sehen. Du wirst doch nicht? flsterte sein
Verstand. - Ach! ich frchte, Du wirst! entgegnete sein Herz, und zerrissen
von berraschung, Wonne und Pein langte er in seiner Herberge an, woselbst er
sich auf's Lager warf, um nicht zu schlummern.

                              Dreizehntes Kapitel.


 Riefst Du einmal nur die Schuld zur Frohne,
 Ewig dienst Du ihr dann als frhnender Knecht.

Wer Liebe und Unschuld vereint und traulich zu Tafel sitzen sehen wollte, mute
an den Tisch des Wildmeisters Bilger von Rhn treten. Mig war er besetzt von
Gsten und Speisen, allein aus den Gesichtern der beiden Ehegatten, wie des
zwischen ihnen spielenden Kindes lachte eine Zufriedenheit, welche die magern
Fastengerichte in einen knigsppigen Pfingstschmau verkehrte. Die Sonne eines
heitern Tages, wie ihn nicht selten der scheidende Hornung bietet, schaute
behaglich durch die weiten Fenster des Mrsburger Schlosses auf den kleinen
Haushalt des Wildmeisters, dem gerade sein Weib in kindlicher Einfalt noch
einmal alle Wunder und Festlichkeiten der Fastnacht zu Costnitz erzhlte, welche
sie schon fters zum Besten gegeben hatte. Mit liebevoller Geduld horchte Bilger
der Geschwtzigen zu; das Tchterlein, halb auf dem Schooe der Mutter gelehnt,
stellte sich eben so aufmerksam, und selbst der Brenfnger Haltan schien, vor
dem Tische aufrecht sitzend, und das Gesicht in die Sammetfalten des
beschauenden Ernstes gelegt, das stille Vergngen seiner Herrschaft zu theilen.
Des Herrn von der Rhn Aufmerksamkeit war dennoch von dem oft gehrten Bericht
nicht so sehr in Anspruch genommen, da er das Gerusch berhrt htte, das sich
in dem Hofe vernehmen lie; den Hufschlag ankommender Pferde, das Rufen der
Reiter, und die langgehaltnen Hornste des Wchters. Er eilte, an das Fenster
zu kommen, und erblickte, da er die gemalten Flgel aufschlug, mehrere in des
Kaisers Farben gekleidete Knechte auf dem Burgplatze, theils zu Gaule sitzend,
theils einen aalglatten Schimmel haltend, dessen reiches Sattelzeug alsobald den
vornehmen Reiter verrieth. Der Pfrtner machte aus seinem Httchen die Geberden
der grten Verwunderung nach dem herabschauenden Wildmeister herber, und das
Rthsel lste sich diesem bald, denn die Thre sprang auf, und der Kaiser selbst
trat im einfachen Reitkleide herein, ... den Vogt verabschiedend, der ihn bis
hieher geleitet hatte. Bilger's und seiner Gattin freudiges Erstaunen wuchs, da
der Frst mit der ihm angebornen Freundlichkeit und Herablassung alle
Bewillkommnung von der Hand wies, Reverenz und Gewandku untersagte, und so
vertraulich am Tische auf einem Schemel ohne Lehne Platz nahm, als sey dieses
seine ihm zustehende Stelle. Keine Zierereien! sprach Sigmund, whrend er
durch seinen Wink den Hausherrn sammt Ehewirthin in die kaum verlanen
Lehnsthle wies, und das lchelnde Kind auf den Schoo zog, in den warmen
Marderpelz: Wenn man gute Freunde heimsucht, thut man sich weder Zwang an, noch
duldet man ihn; und ich denke ja, ich bin bei guten Freunden. Bei den treusten
Dienern Ew. rmischen Majestt; versicherte der Wildmeister. - Ich wollte mich
von Euerm Wohlseyn berzeugen, fuhr der Kaiser fort: und sehen, wie das holde
Weiblein hier im Hauswesen sich benimmt.
    Die Wildmeisterin errthete verschmt; Bilger aber erwiederte: Mit drei
Worten, gndigster Herr, kann ich Euch hierber berichten: ich bin glcklich.
Meine Katharine ist das Gestirn, das mildiglich meinen Lebensweg, berstrahlt,
und sich in unsern Kleinen zu unfrer Wonne verdoppelt hat. - Wie bin ich froh,
solch Zeugni aus Eurem Munde zu vernehmen, Herr von der Rhn, versetzte der
Kaiser: so hat denn doch der Befehl Eures Vaters, dem ihr so lange
widerstrebtet, gute Frchte getragen. So stt man oft die Perle lange zurck,
die uns das Schicksal wohlwollend reicht. Ihr habt noch zu rechter Zeit die Hand
aufgethan. Wohl Euch!
    Mit verdstertem, aber freundlichem Blicke reichte Bilger seinem Weibe die
Hand. Sigmund fuhr indessen fort: Ihr Leute wit gar nicht, wie glcklich ihr
seyd. Ihr freut euch des Daseyns in eurem eignen Hause, whrend Meinesgleichen
in weitlufigen Burgen und Stdten mit dem Mimuth Hand in Hand gehen. Es ist
ein schwer Ding um das Regiment ber Land und Leute. Wie gerne vertauschte ich
den Frstenpelz mit Euerm Rocke, und wrde ein Wildmeister, wie Ihr. Aber so ist
es mein Beruf, der ganzen Welt Hndel zu schlichten, wie es eben geht. Hier soll
ich begnadigen, dort mit dem Schwerte drein schlagen; an allen Orten soll ich
zugleich seyn. Bald machen mich die Stdte unwirsch, bald hab' ich's mit der
Herrenbank verdorben; die Frsten spreizen sich, die Bauern murren, die Ketzer
predigen alles Unheil. Gegenwrtig hab ich's mit der Geistlichkeit zu thun, und
der liebe Gott helfe mir gndig ber diesen stachlichen Zaun. Hab' ich aber auch
mit Angst und Noth dem Staatsleben so ziemlich aufgeholfen, - flugs reiben sich
gewhnliche Finsterlinge an meinem Ansehen im gemeinen Brgerleben. Hat sich
nicht erst vor Kurzem bei einem gewissen verdrielichen Handel ein Dummbart
unterstanden, sich, fr meine Person auszugeben, und mich dadurch vor aller Welt
in einen rgerlichen Verdacht gezogen? Doch bergenug. So wie des rmischen
Reichs erwhlter Kaiser den ersten Mann vorstellt in der Christenheit, so sind
seine Sorgen auch die grten, und darum bitte ich geziemend das liebliche
Weiblein um einen Becher Wein, damit ich auf ihre Gesundheit trinkend, Grab und
bse Erinnerung vom Herzen schwemmen mge.
    Eifrig gehorsam stand die Wildmeisterin auf, griff nach den Schlsseln am
Schenktisch, und eilte nach dem Keller, um dem vornehmen Gast den verlangten
Labetrunk so frisch als mglich zu reichen. Der Kaiser legte das auf seinen
Knieen entschlummerte Mgdlein behutsam, wie eine sorgende Mutter, in's
Ruhebettlein, und setzte sich wieder zutraulich zu dem Wildmeister, der, seinem
Willen zuwider, ebenfalls sitzend verharren mute. - Bilger, sprach Sigismund
leiser: Ich mu Euch bekennen, wie es nicht eitel Zufall ist, da ich mich
hieher begeben, obschon mir angenehm ist, wenn die Leute glauben, da es auf
einem unbestimmten Lustritte, oder Euch zu Liebe allein geschehen sey.
Eigentlich jedoch bin ich hier, um ein Amt zu verrichten, das nicht zu den
Regalien gehrt; das Marschalkenamt nmlich. - Eine edle Frau, an deren
Schicksal ich viel Theil nehme, wnscht einige Tage in strenger
Abgeschlossenheit in diesem Hause zuzubringen, da ihr zu Costnitz, wie sie
befrchtet, eine nicht geringe Gefahr droht. Das schwache Weib zu schtzen ist
jedes Ritters Pflicht; um wie viel mehr die Pflicht des Kaisers also, der ein
Meister ist ber alle Ritter deutschen Volks. Ich habe der edlen Frau meine
Obhut zugesagt in diesem Schlosse, das der Bischof vom Reich zu Lehen trgt, und
vertraue sie Eurem absonderlichen Schirm, so da Ihr keinen Menschen in ihre
Nhe lasset, der ihr Unheil bringen knnte.
    Das Vertrauen meines kaiserlichen Herrn zu rechtfertigen, wird mein
Bestreben seyn; versicherte Bilger von der Rhn. - Heute noch wird das wrdige
Frauenbild hier eintreffen, fuhr der Kaiser fort: Ich verbiete ausdrcklich
nach ihrem Namen und Stand zu forschen. Ich habe ohnedies das Migeschick, meine
Huld gegen ehrenwerthe Frauen hufig verkannt zu sehen; ich will nicht ihre
Namen der Verlumdung Preis geben. Es ist nichts Zarteres, als des Weibes
Leumund. Wie gesagt jedoch: Euerm Schirm vertraue ich die Freundin, und empfehle
sie der Dienstfertigkeit Eurer Ehewirthin, da sie, wie ich vermuthe, ihre Leute
zu Costnitz lassen wird, bis die bse Conjunktur vorber. - Es soll geschehen,
wie kaiserl. Majestt befiehlt; erwiederte Bilger unterwrfig, und der Kaiser
wurde durch solche Bereitwilligkeit dergestalt in gute Laune versetzt, da er
den Becher, den ihm Frau Katharine kredenzte, in einem Zuge auf das Wohlseyn des
Hauses von der Rhn leerte. - Traun! lchelte der Wildmeister: es ist hohe
Zeit. Ich bin der Einzige und Letzte meines Stammes, seit mein Vater vor einem
Jahre zur Grube fuhr, und mir wird das Wappenbild nachgeworfen, wenn meine gute
Hausfrau mich nicht mit einem Sohne erfreut. - Trstet Euch mit Kaisern und
Knigen, denen es dann und wann um nichts besser geht; versetzte Sigmund: und
freut Euch, in dem Alter zu seyn, das eine Hoffnung noch zult. Nun aber,
lieber Wirth, lat uns zu Ro steigen, um eurem holden Gaste entgegenzureiten.
Er kann nicht mehr lange sumen. - Der Kaiser umarmte zum Abschiede Frau
Katharinen auf das Zierlichste, drckte einen Ku auf ihre Stirn und Wange, lie
die goldne Kette von seinem Halse auf das Bettlein des schlummernden Kindes
gleiten, und schied. Der Wildmeister ritt zu seiner Linken, und sie waren noch
nicht weit vor das Stdtlein hinausgekommen, als schon in der Ferne eine Snfte
sichtbar wurde, von einigen Reisigen geleitet. Der Anfhrer derselben, - ein
buntgekleideter Rittersmann, - stolzirte selbstgengsam voran. - In dem
Wiedehopfe erkenne ich meinen Mann! sprach der Kaiser lchelnd zu seinem
Begleiter, und winkte den Scheckigen heran, der auch dienstfertig herzusprengte,
whrend die Snfte zgernd folgte. Drei Schritte von dem Kaiser entfernt, warf
sich der Reiter vom Gaule, und nahte dem Frsten mit allen Zeichen betroffner
Ehrfurcht. Sieh da, mein Herr von Knigseck! redete ihn Sigmund, sich
verwundert stellend, an: Unverhofft kommt oft. Bei des heil. Stephans Krone!
Wie kmmt es, da Ihr Euch aus der warmen Stube in den Frost wagt? Wer ist die
Schnheit, die Ihr in jener festverschlonen Snfte zu geleiten scheint? -
Meine Braut, gndigster Herr; versicherte der Geck wohlgefllig: sie hat den
Wunsch geuert, einige Tage in dem Hause des Wildmeisters zu Mrsburg
zuzubringen, dessen Gattin ihr sehr nah befreundet ist, und ich hielt's fr
meine Pflicht, ihr unterwegs meinen Arm zum Schutz zu leihen. - Ein krftiger
Schirm allerdings; versetzte Sigmund mit leisem Spott: um so unangenehmer wird
es mir, Euch in der Erfllung ser Pflicht zu hemmen. Ich bedarf Eurer; noch in
dieser Nacht sende ich Euch von hinnen in einem wichtigen Auftrage, den ich nur
Eurer Klugheit anvertrauen darf. Sumt also nicht, sogleich in meinem Gefolge
gen Costnitz umzukehren. - Der edle Herr stand verblfft neben seinem Pferde,
und wute nur mit einem Bckling, und einer verlegnen Hinweisung nach der Snfte
zu antworten. - Die Wohlfahrt Eurer Zuknftigen sey Eure geringste Sorge;
versicherte ihm der Kaiser: der Zufall will, da der Wildmeister sich gerade
hier befindet. Er wird fr die Sicherheit der Freundin seines Hauses stehen.
Nicht wahr, mein wackrer Herr von der Rhn? - Wie fr mein eigen Haupt;
entgegnete Bilger, der aus Unterwrfigkeit in eine Sache einging, deren
Zusammenhang er nicht begriff. - Knigseck verharrte indessen noch immer in
Unschlssigkeit. Die Snfte kam immer nher. Nun denn aber auch, beim Erlser!
steigt doch auf! rief der Kaiser dem Zaudernden heftig zu: Des Knigs Wille
geht vor der Minne. Ihr wit, wie ich Euch begnstige; seyd indessen auch meiner
Gnade werth. Frisch zu Gaule! Da die Zucht mir nicht erlaubt, die Dame Eurer
Wahl auf offner Heerstrae, in der Dmmerung des Abends, zu begren, so folgt
mir unverzglich. Der Wildmeister wird die seinem Schutz Befohlne begren, und
Euch, wegen Eures schnellen Abschieds, mit meinem Gebote entschuldigen. - Der
Knigsecker neigte sich verlegen, und stieg langsam in die Vgel. Seht doch den
faulen Knecht! sprach Sigmund, seinen langen Bart streichelnd: Ich htte Euch
mir nicht so saumselig gedacht. Da war der Montfort flinker, da ich ihm heute
befehlen lie, in meinen Geschften nach Frankfurt zu reiten. Kaum nahm er sich
die Zeit, noch eine Messe zu hren, und fort war er, wie ein Irrlicht. Dennoch
ist er dem Tyroler zugethan, mehr, denn Ihr es mir zu seyn scheint. - Diese
Neuigkeit belebte auf einmal den zwischen Pflicht, Minne und Eifersucht
Schwankenden. Gott erhalte Euch, kaiserlicher Herr! rief er hochaufathmend:
so der Montfort von Costnitz gewichen, will ich ja gerne fr Euch reiten, denn
nun wei ich meine Lieb vor seinen Drohungen sicher. Doch ein Wort des Abschieds
mgt Ihr mir wohl gnnen, Herr Knig! - Sigmund winkte ihm kurz, aber
billigend; und, nachdem er dem Wildmeister den Befehl zugeflstert, keiner
Seele, - ihn, den Kaiser ausgenommen - Zutritt zu der Fremden zu gestatten, zog
er mit seinen Stallmeistern seines Wegs, ohne auch nur den Kopf nach der Snfte
zu drehen, die indessen in des Wildmeisters und Knigseck's Nhe anlangte. Der
Letztere ffnete zierlich und geschmeidig die Vorhnge, hinter welchen eine
dichtverschleierte Frau sa, - sprach mit glatten Worten von des Kaisers Willen,
seinem Gehorsam, und dem Schmerz, den er empfinde, sie nicht gnzlich an Ort und
Stelle geleiten zu knnen. Zugleich stellte er ihr den Herrn von der Rhn vor,
als ihren weitern Schirm und Beschtzer. So lebt denn wohl, und nehmt meinen
Dank, Herr von Knigseck! erwiederte eine gleichgltige Stimme, die dem
Wildmeister bekannt und drohend in die Ohren klang: Ich bin mit meinem neuen
Geleitsmann vllig zufrieden, setzte sie hinzu, und aus dem gelfteten Schleier
blickte ein Antlitz, das Bilger's Herz mit starrem Entsetzen erfllte. Er
schwankte auf seinem Rosse, da er in Wallradens Zge schaute. Das Frulein
grte ihn unbefangen, reichte dem scheidenden Brutigam die Hand, und verschlo
wieder sorgfltig die Vorhnge ihres Tragsessels, da Knigseck von dannen
sprengte, und der Zug sich gen Mrsburg weiter bewegte. Bilger war zu Stein
geworden, whrend im innersten Busen sein Herz tobte und hmmerte, wie das eines
flchtigen Verbrechers. Erschttert ritt er der Snfte nach, und blickte
vergebens zum Himmel nach Trost und Fassung auf. Sein Geschick lag schwer auf
ihm, und schwarz war ihm wieder pltzlich die Zukunft geworden, dunkel wie die
Nacht und der Nebelschleier des Firmaments, der nur so viel Mondstrahl
durchlie, als nthig war, um die frchterliche Pracht der kmpfenden
Wolkengebirge bewundern zu knnen. Das ist kein gut Zusammentreffen! seufzte
er vor sich hin: Was soll daraus werden? O ich Unglcklicher! Ich selbst mu
das Unheil in mein Haus fhren, ... mein eignes Verderben an der Flamme meines
Herdes niedersitzen lassen! Wehe mir! -
    Des Wildmeisters Hausfrau empfing die Kommenden auf der Schwelle des
Schlosses mit gastlicher Freundlichkeit. Wallrade erwiederte ihren Gru auf
dieselbe Weise, und wandelte an Katharinens Hand zu der Wohnstube, woselbst ein
einfaches Mahl bereitet war. Frwahr; sprach das Frulein mit zuvorkommender
Sanftmuth, die den Herrn von der Rhn wohlthtig anregte: Ich wei nicht, edle
Frau, wie ich zu einer gengenden Entschuldigung gelangen soll; da ich mich so
strend in Eure Hauswesen drnge. Wahrscheinlich verdanke ich nur der
auserlesensten Frsprache den biedern Willkomm, der mich in Euerm kleinen
Familienkreise schon im Augenblick meines Eintritts heimisch macht. Vergebt
daher der berlstigen. - Bilger's Ehewirthin antwortete auf diese bescheidnen
Worte aus der Flle ihres guten Herzens, und ein gutes Verstndni, wie es
fters zwischen Frauen sich befestigt, - wenn auch nur durch luftgewebte Bande -
spann sich auch hier an. Die Fremde wute durch alle kleine Knste, die sich
unbemerkt in Gesprch und Thun entfalten, das Vertrauen der Hausfrau zu
erringen, und sich ber das Gemth derselben in's Klare zu setzen. Katharine,
die einfach herzlichgute Wesen, schlicht, wie das Kleid, das sie trug, aber
auch rein wie dieses, verhllte nicht lange den Spiegel ihrer Seele, ohne da
sie daran gedacht htte, einen Blick unbescheidner Neugier in die Augen des
Gastes zu werfen. Die von dem Kaiser und ihrem Gatten ihr Anvertraute nahm nun
die erste Stelle in ihrem Hauswesen ein. Sie war das Ziel aller kleinen Sorgen
und Rcksichten geworden. Zart und anspruchslos bot ihr Katharine ihre
dienstfertige Freundschaft, empfahl sie ihrer Gte das aus dem Schlummer
erwachte Kind. Bilger sah die Alles mit an, und freute sich der Milde seines
gefrchteten Besuchs; aber diese Freude war im Grunde nur die scheue Hoffnung
auf einen bessern Ausgang. So unbefangen und heiter auch seine Zge schienen,
wenn der Wohlstand verlangte, dem Gaste einige Worte der Theilnahme zu schenken,
oder auf irgend eine gleichgltige Frage desselben zu antworten, so finster
wurde sein Auge, so sturmbewegt sein Herz, wenn er sein Kind in den Armen der
Fremden sah; wenn er vernahm mit welchen Schmeicheltnen sie das Mgdlein
kirrte, - mit welcher Bereitwilligkeit das Kind ihre Liebkosungen erwiederte.
Ihm war, als msse er dazwischen treten, sein Eigenthum an seine Brust drcken,
um es vor bsem Zauber zu retten; aber kraftlos sank der aufgerichtete Nacken,
und die ausgestreckte Hand, so bald Wallradens Blicke auf ihn fielen, und seine
Gattin in ihrer unschuldigen Frhlichkeit betheuerte, ihre Tochter habe sich
auer den Eltern noch Niemand so liebevoll genhert, als ihrer werthen
Gastfreundin. - Erst spt trennte man sich. Katharine geleitete das Frulein auf
ihr Gemach, und verrichtete den Zofendienst bei ihr, whrend der Wildmeister im
weiten Armsessel bei dstrer Lampe Schimmer einsam und unruhig sich bald hin und
her warf, bald mit verschrnkten Armen wehmthig und kummervoll vor sich hinsah.
Die kurze Viertelstunde, binnen welcher sein Weib abwesend war, dnkte ihm eine
Ewigkeit, und mit einer besondern ngstlichkeit, schlecht verhehlt, um desto
auffallender jedoch, suchte er in den Augen der Zurckkehrenden zu lesen.
Katharine konnte nicht Ausdrcke genug finden, um die sanfte Herablassung und
Bescheidenheit des Fruleins zu beloben, und machte schlielich dem Gatten kund,
da die Fremde ihn morgen auf ihrem Gemache erwarten werde, um ihm einen Auftrag
von hoher Wichtigkeit anzuvertrauen. Flammen schlugen nun aus dem bisher
bleichen Gesichte des Herrn von der Rhn, und Katharinens Unbefangenheit konnte
nicht umhin, diesen schnellen Farbenwechsel zu bemerken. - Was ist Dir, guter
Rudolf? fragte sie besorgt: bist Du krank? Dein Antlitz ist bald Glut, bald
Asche. Du fieberst. Rede doch; - reie mich aus meiner Angst. - Der Wildmeister
lchelte verlegen, und versuchte es, ihrer Besorgni zu spotten. Ei, lieb Weib,
wo denkst Du hin? erwiederte er, so gefat als mglich: Mir ist wohl, trotz
Einem, und Du wirst mir's glauben, wenn ich Dir sage, da ich jetzt noch nach
den Fallen sehen will, die ich im Zwinger stellte. Ich vernahm vorhin einen
Laut, wie das Gebelle eines Fuchses. Gewi hat der Feind unsers Hhnerstalles,
dem ich so lange nachgestellt, die Schnauze oder eine Klaue in der Falle
gelassen. Geh indessen zu Bette; ich komme bald zurck. - Katharine wollte ihn
von diesem spten Rundgange abwendig machen, allein er blieb unbeugsam bei
seinem Vorhaben. Ihm ward leichter, da er in der freien Luft stand, und der
Nachtfrost khlte wie ein weicher Balsam seine glhenden Pulse. Er lschte die
Leuchte, die des Mondes Schein entbehrlich machte, und wandelte in dem
Mauerschatten des schmalen Zwingers nachdenkend und berlegend dahin, bis ihn
endlich im Dahinlaufen auch die Bewegung verlie, und er sich unwillkrlich fest
in die dunkle Ecke schmiegte, welche das vorspringende Marienbild am Brunnen
bildete. Whrend er nun sich in unbeweglicher Fhllosigkeit seinen trben
Gedanken berlie, hrte er jenseits des Verhau's am Graben einen leisen
Werdaruf, und das Gesumme zweier Mnnerstimmen, das im Anfang unverstndlich,
dem aufmerksamen Zuhrer in der stillen Nacht bald vernehmlich wurde. Ei so
rede, Bertram, sprach die eine Stimme: berall verschlossen, sagst Du? - Wie
ein Kloster; erwiederte der andre Mann: Der grimmige Thorhter berichtete mir,
da in der Nacht niemals ein Pfrtchen geffnet werde. - Sie ist aber doch im
Schlosse? fragte der Erste weiter. Ohne Zweifel, antwortete der Zweite: man
hat sie ja in der Dmmerung einreiten gesehen. Der Wildmeister hatte sie
eingeholt. - Teufel! wenn ich genarrt wre! brummte der Erste: Ihr Brieflein
lautet so honigs, aber auch Gift kann man mit Honig wrzen. - Ja wohl, Herr
Graf; meinte der Andre: 's wre nicht die Erste, die einen biedern Rittersmann
Meilenweit am Faden gezogen hat. - Wenn das wre, - wehe ihr! sprach der Herr
mit entschlonem Tone: Morgen wird sich's finden. Bleibt mir auch noch dann der
Zugang zu ihr versperrt, so wei ich, was davon zu halten sey, und kann das
Schwert wetzen nach Lust und Rache. Ha; wre der Kaiser nicht zurckgeritten
nach der Stadt, ich wrde glauben, das Weib lasse sich gefallen, mit uns den
Fasching zu verlngern, aber der Himmel verdamme mich, wenn ich ...... Die
Worte verklangen; weil der Sprechende sich vom Graben entfernte, und auch die
Futritte der beiden Nachtwandrer verhallten bald in den nchsten Gassen. Der
Wildmeister machte sich aus seinem Versteck hervor, und schlich nach seinem
Wohngebude. Bitter lchelnd schttelte er den Kopf, schlug er die Arme
bereinander. Vor einem solchen Weibe mu ich schweigen? seufzte er: Sie, die
mit Jedem ihr Spiel treibt, wie ich ververmuthe, - sie mu ich scheuen! Hartes
Verhngni, das mich in Fesseln schlug, die nur der Tod zu lsen vermag! Rette
nur Weib und Kind von Gefahr. Nur sie verschone!
    Wohl streckte er sich auf das weiche Lager, wohl schlo er die Augen zum
Schlummer, aber das Bette wurde ihm zur Dornenhecke; ein qualvolles Wachen, nur
dann und wann in Fiebertrume ausartend, machte ihm die Nacht zu einer Ewigkeit
von Pein. Und dennoch bangte ihm, da der Morgen graute, vor dem Tage. Zgernd
entwich er seiner Lagersttte, und ngstlich zhlte er die Stunden, bis endlich
diejenige herankam, die ihn zu seinem Gaste beschied. Erst nach wiederholter
Aufforderung von Seiten seiner Gattin trat er den sauren Weg an, und klopfte mit
zagendem Finger an die Thre von Wallradens Gemach. Das Frulein sa mit
weiblicher Arbeit beschftigt unfern von dem Ofen des weitlufigen Zimmers, und
nickte kaum mit dem Haupte auf Bilger's geziemenden Gru. Der Wildmeister
fragte, nher tretend, mit unsichrer Stimme nach der Herrin Begehr. Wallrade
heftete einen langen Blick auf den Schchternen, einen Blick, in dem der Triumph
eines entschiednen bergewichts lag, und sprach, von der Frage abweichend, mit
der Freundlichkeit, die den Scorpionstachel fhrt: Zuvrderst meine
Entschuldigung, Herr von der Rhn. Ich konnte mir jedoch die Lust nicht
versagen, Euch in Eurem Hause heimzusuchen. Meine Ankunft kam Euch berraschend,
frchte ich. - Ich lugne es nicht; antwortete Bilger mit Ruhe: welches
indessen auch der Beweggrund sey; lat mich ihn vernehmen. - Ich stelle Euren
Scharfsinn auf die Probe; fuhr Wallrade nach einer kleinen berlegung fort:
Errathet, was mich zu Euch fhrt. - Drfte ich, sprach Bilger gemessen:
drfte ich Euerm Munde glauben, was er gestern Abend sprach zu mir, zu
Katharinen und dem Kinde, so mchte ich fast hoffen, da Friede in Euerm Gefolge
kmmt. War jene Freundlichkeit nur Larve, so frchte ich um so mehr fr meine
Ruhe. - Das bse Gewissen pocht wieder an die Pforte; entgegnete schlau
lchelnd das Frulein: ich bin indessen nicht so bse, als Ihr glaubt, Bilger.
Ich komme, Euch Gelegenheit zu geben Eurer Snden quitt zu werden, mit
einemmale. Es gilt die Erfllung eines geringen Wunsches, und ich verspreche
Euch, - sie begleitete diese Verheiung mit einem verchtlich niedergleitenden
Blicke - mich ferner weder um Euch zu bekmmern, noch um diejenige, die Ihr
Euer Weib nennt. - O sprecht, .. was ist's? fiel der von der Rhn lebhaft
ein: Sprecht, wodurch werde ich Eurer Verachtung wrdig? womit erkaufe ich das
Glck, mich von Euch vergessen zu sehen? - Es gab eine Zeit, versetzte
Wallrade beiend: wo alle Schtze der Welt Euch nicht ber meine
Gleichgltigkeit htten trsten knnen. Die Jahre wechseln jedoch: mit ihnen des
Menschen Sinnesart. Wohlfeiler kauft Ihr brigens keine Lust auf Erden, als
meine Verachtung, wenn Euer Arm noch nicht verlernte, das Schwert zu fhren,
oder Euch noch ein Keller zu Gebote steht, in dem sich's allenfalls sterben
lt, ohne von der neugierigen Mitwelt zu Grabe geleitet zu werden. - Eure
Worte sind mir eben so viele Rthsel, erwiederte Bilger: spannt meine
Erwartung lnger nicht auf die Folter. Hat jemals Mitleid Eure Brust bewegt, - o
so versetzt Euch in meine Lage. Ein der Hlle Verfallner drstet nach der
Mglichkeit, wieder den Frieden zu gewinnen. Sprecht, ... wie erringt er das
verlorne Kleinod? - Euer huslich Glck hat Euch zum Kinde gemacht; spttelte
Wallrade. Indessen, ohne lange zu grbeln oder zu zgern, vernehmt, was ich von
Euch begehre. Ein Mann wird sich heute oder morgen an den Thoren dieses
Schlosses zeigen, und den Zutritt zu mir begehren; er wird sich auf eine
Aufforderung von meiner Hand sttzen. Ein khner Blick, ein braunes Antlitz und
eine hohe Schulter zeichnen ihn aus. Mit einem Worte: der Graf von Montfort
ist's, den ich zu frchten Grund habe. Der Eitle warb um meine Gunst, bildete
sich ein, in deren Sonnenhhe zu stehen, und hat mir entsetzliche Rache
geschworen, da er seinen Irrthum einsah. Ich, ein schwaches unvertheidigt Weib,
mte frh oder spt seiner Unvershnlichkeit zum Opfer fallen; darum hab ich's
vorgezogen, den Eisenkopf durch List in eine Schlinge zu ziehen, der er nicht
entrinnen soll, sobald Ihr mir die Hand reicht. Der Kaiser hat mich Euch
vertraut; ich wei es, denn ich halte die Fden des Gewebes. Verseht Euer Amt;
der zudringliche Frauenschreck finde an Euerm Schwerte seinen letzten
Augenblick, oder verkmmre auf ewig in Euerm Verliee. So nur sttigt sich mein
beleidigt Ehrgefhl, so nur beruhigt sich mein Herz. - Bilger schwieg betroffen
eine lange Weile; darauf wandte er sein kummertrbes Auge zu Wallraden, und
sprach: Ist es denn nicht genug, Wallrade, da Deine grausame Arglist gerade
mein Haus ausgesucht zum Schauplatze Deiner trgerischen Rnke? Gerade meine
Obhut angesprochen zum Schutze gegen betrogne Freier, zum Deckmantel eines
unwrdigen Verhltnisses, das eine Knigskrone selbst nicht zu adeln vermag? Mu
denn auch meine Hand es seyn, die Du aufforderst in unritterlichem Thun? - Und
wessen Hand sonst? fragte Wallrade kurz und herrisch: Ist sie nicht mein? Ich
dinge keine Miethlingsfaust, so lange ich einer Leibeigenen zu befehlen habe.
Auf Euch kmmt's an, ob Ihr meinem Recht im Stillen huldigen wollt durch
Gehorsam, oder ob ich mein Eigenthum vor dem Reiche zurckzufordern habe. -
Welch einen Prei verlangt Ihr, Unbarmherzige! wendete Bilger seufzend ein:
Um ein Vergehen zu shnen, soll ich ein doppelter Verbrecher werden! -
Whlt! rief Wallrade streng: Der, der mir Rache schwur, darf nicht mehr
athmen unter den Lebendigen. Schafft ihn hinweg, und Vergessenheit des
Vergangnen, die Ruhe Eurer Zukunft sey Euer Lohn. Weigert Euch hingegen, und aus
sey das Gaukelspiel. Ich werde reden, wo Ihr verstummt, und aus meinem Munde
sprudle ich Schande auf Euer zerbrochnes Wappenschild, Schande und Tod auf Euer
Haupt, Zeter und Schmach auf Alle, die Euch angehren. - Halt ein!
giftgeschwollner Wurm, der meines Lebens Blte zernagte! unterbrach Bilger
ungestm die Zrnende: Die tiefste Erniedrigung hat eine Grnze. Zehnfach schon
bte ich fr den mir abgedrungnen Frevel; nicht lnger will ich vor den
Drohungen eines Weibes, zittern, das ich verabscheue. Zu Deinem Wchter wurde
ich bestellt, nicht zu Deinem Mordknechte. Das will der Kaiser nicht, der
getuschte Kaiser, der nicht ahnt, was Deine glnzende Hlle birgt. Aber, er
wird meine Stimme hren; zu seinen Fen will ich Alles bekennen; er wird
verzeihen, mir die Ritterhand reichen! - Verzeihen? retten? lachte Wallrade
tckisch: Thor! verget Ihr, da Sigmund zu meinen Fen liegt; da er seine
Pflichten hintansetzt, um mir hier in stiller Abgeschiedenheit seine Huldigung
darzubringen? Ein Wort nur kostet's mir, und Ihr steht auf dem Rabensteine, ..
Katharine wandert zum Spittel, und Eure Kinder - hrt Ihr? - Eure Kinder,
Bldsinniger, sind schmachbedeckte Bettler! - Mit einem Laut aufzuckender
Verzweiflung taumelte Bilger zur Thre, die jedoch im selben Augenblick von
einem rasch Daherstrmenden aufgerissen wurde. Der Graf von Montfort stand vor
den Staunenden. Ich will doch sehen, sprach er in ungestmer Jast: ich will
doch sehen, ob eine Thre hier im Schlosse dem Geschlechte Montfort verboten
seyn kann, das in Habsburg's Vesten frei aus- und eingeht. Ihr habt unhfliche
Wchter zu Euren Thoren bestellt, Herr von der Rhn. Die Bursche wagten es,
einem Manne von meinem Ansehen den Einritt streitig zu machen, obwohlen mich
Ehre und Minne hieher berufen. - Sie thaten nach meinem Gebot; erwiederte
Rudolph, der in dem Trotz des Fremdlings seine Fassung wieder gefunden hatte. -
Desto schlimmer! brauste der Graf auf: Ich werde, sobald ich diese Dame hier
gesprochen, auch mit Euch ein Wort reden, wie es waffenfhigen Mannen zukmmt.
Bis dahin verlat uns! - Bilger gab nichts auf die wegweisende Geberde, und
versetzte kalt und bestimmt: Ich bin der Hter dieser Edelfrau; befugt,
zudringliche Gste von ihr abzuhalten. Ihr seyd ein solcher, und sie frchtet
von Euch Gefahr. Darum geht in Gutem, ehe ich vergesse, welches Wappen Ihr
fhrt. - Montfort's Heerschild war seinen Gegnern immer schrecklich;
antwortete der Graf mit blitzendem Auge: ich mu mich wundern, in Euch einen
hartnckigen Feind zu treffen, da Euch Niemand aufgefordert, mir die Spitze zu
bieten. Das Frulein von Baldergrn ist von keinem Manne abhngig, und als die
Freundin Eures Ehgemahls nicht Eure Magd geworden. Ihr Wunsch berief mich
hieher; ich begreife dehalb nicht, wie Ihr es wagen mgt, zwischen mich und
meine Braut zu treten. - Eure Braut? lachte Bilger bitter: Gleichviel; ich
mu Euch bitten, auer diesem Schlosse den Freiwerber zu machen; so lange
Frulein Wallrade in dem Hause wohnt, das ich bewache, treibe ich die
berlstigen von meiner Schwelle. - Ein Blick, zermalmend wie der Blitz,
flammte aus Montfort's Auge ber den khnen Wchter, und zornschnaubend wendete
sich der Graf zu Wallraden. So sprecht doch Ihr, Frulein; stammelte er:
sprecht doch selbst. Duldet es nicht, da Euer Brutigam, ein Werdenberg, von
einem Dienstmanne beleidigt werde, wie man einem unverschmten Possenreisser zu
thun pflegt. Redet: bin ich nicht hier mit Eurer Genehmigung, in Folge Eures
Begehrs? - Unverwandten Blicks betrachteten die beiden Mnner Wallraden, die,
gleich einer verschmten Braut, die Augen niederschlug, und endlich zgernd
begann: Was uns bindet, was uns verknpft, edler Montfort - gehrt es wohl vor
den Richterstuhl des harten Mannes, der ohne meine Zustimmung den Meister ber
mich zu spielen wagt? Der Gewalt des Augenblicks unterthan, darf ich nicht
reden, wie mein Herz es verlangt. Wenn Freiheit wieder mir geworden - nur dann
fragt mich wieder. - Bei des Erlsers Geburt! antwortete Montfort, den Kopf
schttelnd: Eure Reden sind mir dunkel wie die sybillinischen Bcher. Das Eine
nur ersieht mein Verstand daraus, da Ihr weniger ein Gast in dieser Burg seyd,
denn eine Gefangene, und wenn ich mir alles zusammenreime ...... so steckt
Lzelburgsche List hier unter der Decke. Darum sollt' ich gen Frankfurt reiten?
Hll' und Teufel! weiche aus dem Gemache, kniglicher Kuppelknecht!
    Die schwere Beleidigung entrstete den Wildmeister dermaen, da er wthend
nach der Klinge fate, aber eine rasche Geberde Wallradens, die ihm ber die
Schulter des vertretenden Grafen ein Zeichen gab, denselben nicht zu schonen,
bndigte das Gefhl gereizter Ehre, um nur der unbegrnztesten Verachtung Raum
zu lassen. Bilger hielt den Arm des streitlustigen Montfort auf, und sprach zu
dem Staunenden: Lat die Waffen ruhen, Herr Graf, und scheltet mich nicht
feige, ob solcher Aufforderung. Schn ist's, fr die Ehre einer tugendhaften
Frau das Leben auf das Spiel zu setzen; aber allzukostbar ist das Blut zweier
Biedermnner, wenn es dem Verrath zum Opfer flieen soll! - Was bedeuten diese
Worte? fuhr der Graf auf: Hinter Euch lauscht der Verrath, der mich verderben
soll, und meines einst'gen Weibes Ehre. - Wnscht Euch das Ungeheuer nicht zum
Weibe! brach Bilger los von Wallradens Trotz emprt: Nicht ich legte Euch
Schlingen; - die Grliche hat selbst Euch verlockt, und mich zu einem
Henkerdienste aufgefordert, den ich ihr verweigerte. Verrathner! Sie hintergeht
Euch, den Knigsecker, und ihren frstlichen Buhler. Ihr Leben war nur eine
Lge. Nie hat diese stolze Felsenbrust das Gefhl gekannt; nie noch Liebe
empfunden. Blos das Feuer wilder Lust, oder des Hasses Glut entzndet ihr Herz.
Die Bande des Blutes, wie der Neigung tritt sie zu Boden, und nimmer noch
verzieh sie dem, der nur mit einem Blicke sie geschmht. Glaubt mir, getuschter
Montfort; ich kenne die in bser Leidenschaft Unersttliche. Verlat sie, folgt
nicht ihrer Spur. Lchelnd mordet sie Euch, und spottet Eurer im Arme eines
Andern, dem ihre Hinterlist ein Grab neben dem Eurigen grbt.
    Bilger schwieg erschpft mit bebender und bleicher Lippe, und seine heftige
Rede hatte ihre Wirkung auf Montfort's Gemth nicht verfehlt. Der Graf stierte
den Sprecher athemlos an, und trat scheu von Wallraden zurck. - Welch ein
Scheusal malt Ihr mir! sprach er endlich mit halb unterdrckter Stimme: Diese
gleisende Hlle wre also wirklich nur der Balg einer giftigen Schlange? Meine
Ahnung, meine innerste Seele htten mich also nicht hintergangen? Ja, ja, Herr
von der Rhn! Ihr habt wahr geredet; Wallradens stumme Lippe bezeugt es, die
Todtenfarbe, die ihr Antlitz berzieht. Eure unerwartete Offenherzigkeit hat
ihre Gestalt in Stein verwandelt, aber diese Hlflosigkeit der Snde erregt
nicht mein Mitgefhl; sie reizt mich nur auf zur That, und ich will untersuchen,
ob auch ihr Herzblut zu Eis geworden ist! -
    Mit einem durchdringenden Schrei flog Wallrade zum Fenster, da der
blindwthende heftige Mann mit dem Stahle in der Faust auf sie zustrzte. Bebend
wie das Laub der Espe umklammerte sie den gehaten Rudolph, der sich mit aller
Mannskraft zwischen die Beiden geworfen hatte, und mit bermenschlichem Ringen
den gereizten Tiger von seiner Beute abhielt. Nach heftigem Kampfe mute der
schwchere Graf von seinem blutigen Vorhaben ablassen, und ergab sich
zhnknirschend in den Willen des berwinders, der seine Pflicht, Wallraden
nichts Leides geschehen zu lassen, als eine heilige behauptete, und den
Bezwungnen ermahnte, augenblicklich das Schlo zu verlassen, und des Knigs
Frieden nicht lnger zu stren, wolle er nicht Hand und Haupt verwrken. Wohl!
keuchte Montfort, mit seinen wilden Blicken Wallraden durchbohrend, die eine
wundersame Mischung von Frechheit, Wuth, Furcht und drohender Schadenfreude in
ihren Zgen trug: Der Bann des Knigs ist mir heilig; des Knigs Metze nicht.
Zittre Weib, mir jemals wieder zu begegnen! Zittre vor meiner Vergeltung.
Montfort kennt nur eine Liebe, aber auch nur einen ewigen Ha! Mit furchtbaren
Geberden ging er davon, schwang sich auf das Ro, das sein Leibknecht im Hofe
hielt, und sprengte wie ein Rasender ber die Schlobrcke. Bilger hatte nach
ihm Wallradens Zimmer verlassen wollen; das Frulein hielt ihn jedoch mit
Riesenkraft zurck, obgleich ihre Pulse flogen, die Lippe zitterte, und der
Busen sich so ungestm hob, da jedes Wort nur gebrochen und klanglos ihrem
Munde entfliehen konnte. Einen Augenblick noch; stammelte sie, whrend die
Hlle in ihrem Auge aufflackerte: hrt mein letztes Wort zu Euch. Ihr habt mich
entehrt und dem Feinde in tiefster Schmach gezeigt. Der Verbrecher hat ber mich
den Sieg davon getragen. Der Himmel mag Euch vergeben, von mir erwartet nun
keine Schonung. Ich berantworte Euch dem Henker, der Schande Eure Buhlerin und
ihre Brut. - Weib! donnerte der Wildmeister rollenden Auges: Verhnge ber
mich, was Du willst. Die Meinigen schone aber. Schone sie, oder ich wrge Dich
hier zu Tode! - Schreckhaft fuhr Wallrade zurck, und erwiederte wie oben: Um
Euch ein neu Verbrechen zu ersparen, wohlan! so whlt eine hrtre Strafe
freiwillig, hrter als der Tod. Flieht hinweg von Euerm Herd .... lat Alles
dahinten, was Ihr mit sndiger Liebe umfat; ... lat Euern Namen vergehen und
Euer Gedchtni, wie das eines Gestorbnen, und ich will schweigen, will genug
haben an Euerm langsamen Dahinwelken auf fremdem Boden, genug an der ewigen
Trauer der verlassenen Waisen! Aber fort mt Ihr seyn, ehe noch das Abendroth
niedergeht; fort ohne jemals wiederzukehren, sonst nehm' ich mein Gnadenwort
zurck. Whlt! Werdet flchtig wie Kain und lebet, oder bleibt und sterbt mit
den Euern! - Die Drohende lie des vernichteten Mannes Hand los, und er
enteilte wie wahnsinnig dem Aufenthalte seiner erbitterten Feindin. Im Sturme
seiner Gefhle hatte er nicht die Hornklnge vernommen, die einen neuen Besuch
angekndigt hatten, welcher eben die Treppe heraufkam. Der Kaiser war es wieder;
zu seiner Rechten die schchterne und ngstliche Hausfrau des Wildmeisters, die
ihrem verstrten Gatten Blicke der furchtsamsten Besorgni zuwarf. Denn Sigmund
war nicht der leutselige herablassende Frst, wie er noch gestern sich gezeigt;
heute glhte die Rthe des Zorns auf seiner Stirne, und von beleidigtem Stolze,
vielleicht auch von Eifersucht glnzten die Augen. Kaum eines Blicks wrdigte er
den Wildmeister. Ihr kommt sehr spt, um meinen Willkomm zu empfangen!
herrschte er dem Bestrzten zu: Auch bin ich in Verlegenheit, wie ich Euch zu
begren habe: als einen minnelustigen Fant, der in einem fremden Garten Frchte
naschen mchte, die ihm nicht bestimmt; oder als einen schlauen, aber ertappten
Kuppler.
    Kaiserliche Majestt! stotterte Bilger, emprt und gekrnkt. - Als einen
schlauen aber ertappten Kuppler! fuhr Sigmund kalt und vernichtend fort: Ich
sagte es, und wahr ist mein kaiserlich Wort, denn so eben hat erst der
pflichtvergene Montfort das Stdtlein und dieses Schlo verlassen. Rechtfertigt
Euch nicht, frchtet meinen Zorn, und weicht ihm aus. Euer Weib wird mich an
Eurer Statt zu dem Gemache des Fruleins von Baldergrn geleiten. - Verchtlich
wandte der Kaiser dem Betroffnen den Rcken, und Catharine, nachdem sie durch
klagende Geberden den Antheil ausgedrckt, den sie am Migeschicke ihres Gatten
nahm, folgte dem Herrscher unterwrfig.
    
    Wie ein Trunkner taumelte Bilger die Stiege hinunter, auf deren letzten
Stufe Preyswerck, des Kaisers Hofnarr und lustiger Rath sa; sein einziger
Begleiter auf dem Ritte zum Liebchen. Der Bursche nickte freundlich mit dem
geschornen Haupte dem Wildmeister zu, und sprach, indem er ihn am Saume des
Gewandes festhielt: Wollt Ihr ein schn Stcklein lernen, wie es die Sperlinge
auf den Dchern, und die Narren auf allen Gassen singen? - Lat mich; gab
Bilger unwirsch zur Antwort: mir ist's jetzo wahrlich nicht um der Narren
Gesang zu thun. - So? fuhr Preyswerck gemthlich fort: so? dann mt Ihr
zwei Stcklein lernen. Das Erste heit: Herrengunst und Vogelsang ist lieblich,
aber dauert nicht lang - und das Andre, das Ihr nothwendig wissen solltet, wrt
Ihr ein vollendeter Waidmann, ist nach des Roland's Melodie zu singen und klingt
also: Edler Falk, man spannt auf Dich, schttle Dein Gefieder! Edler Falk, so
flchte Dich - kehre nimmer wieder! - Habe Dank, ehrlicher Narr! erwiederte
der Wildmeister: Den Rath, den Deine lustige Zunge gab, mu meine Verzweiflung,
befolgen. Gre mein Weib tausendmal und dem Kaiser sage: Bei dem Zorne sey
keine Gerechtigkeit, darum wollte ich auch keine von ihm verlangen, sondern
hingehen, wo man mich nicht zwingt, ein lockres Weib statt des Wildes zu hten.
Catharine mge mein gedenken, und ... Ausbrechende Thrnen machten ihn hier in
seiner Rede verstummen. Gewaltsam: ri er sich von dem lustigen Rathe los,
strzte in das Zimmer, wo seine Tochter harmlos spielte, drckte die Kleine
unzhligemale an seine Brust, schwang sich auf ein ungesattelt Pferd, und
verlie auf dessen schnellen Hufen das Haus, das er wie ein Gechteter und
Gebannter zu fliehen gezwungen war. Der Gedanke, Sigmund's Entrstung werde sich
neu entznden an Wallradens Wuth, gab seinem Rosse den scharfen Sporn, und
weniger sein bedrohtes Leben suchte er in Sicherheit zu bringen, als seine Ehre,
den Leumund der Gattin, und seines Kindes zuknftig Geschick.

                              Vierzehntes Kapitel.


Du fauler Bote! Sag' an Deine Post. Deine Zunge ist lahm, wie
Dein Gaul. - Herr! ich reite auch kein Freudenpferd.
                                                                Alt. Schauspiel.

Die merkwrdige Sitzung des Conciliums, in welcher die Vter desselben, um die
Hyder, die die Christenheit umschlungen hielt, mit einem Streiche zu vertilgen,
die Absetzung der drei Ppste beschlossen, und Papst Johann - zu ohnmchtig und
zu staatsklug, um der bermacht zu widerstreben - in eigner Person die
Absetzungsformel verlesen hatte, war vorber, und die Zuhrer, wie die
Beisitzer, staunend ber das bisher Unerhrte, begaben sich in zahlreichen
gedrngten Scharen nach ihren Husern. Dagobert in seiner geistlichen Tracht war
mitten darunter, und schlenderte unbefangen, dem Vesperbrode entgegenharrend,
durch die Straen, als pltzlich unter dem Schwarme der Vorbereilenden, eine
derbe Faust seine Rechte ergriff und herzlich drckte: Hoch lebe das Concilium,
alle drei heilige Vter und vorab der gefllige und nachgiebige Johannes!
jauchzte der ungestme Freund, der Gerhard in Lebensgre war. - Willkommen!
alter Kumpan! entgegnete ihm der froh berraschte Dagobert: Bist Du wieder zu
Tage gekrochen, wilder Jger? Haben sie Dich aus der Eulen Nest gelassen? Und
rede, wie kmmt's, da Du frei und frank vor mir stehst? - Fr's Erste,
antwortete der Hlshofner, neigt Euch in Demuth vor meinen Tugenden, die Ihr
nie geahnt habt. Drei vllig und gut gezhlte Wochen sa ich im Schatten, wo es
nicht hinregnet noch schneit, wo nicht Thau noch Sonnenstrahl zu sehen, und
whrend dieser Frist, die, reimweis zu reden, keine geringe ist, habe ich kein
Einzigmal geplaudert, denn sonst stolzirtet Ihr wohl nicht so junkerlich und
freiherrlich hier herum. Der Syndikns, ein wahrer Pestilenzer, hat mir zugesetzt
gleichwie mit glhenden Zangen, und dennoch, und dennoch ... dennoch nichts
verrathen. Kreuz und Dorn und Stein! 's hat schier Funken gegeben. Die Pfaffen
gaben verdammte Zeugschaft, die leichtfertigen Jgerinnen, deren Geschwtz mich
in die klgliche Geschichte hinein gebracht hatte, meinten, sie mten mir an
den Hals zur Strafe, da ich der Kaiser nicht gewesen, whrend das
Klostergesindel mich braten wollte, weil's mir eingefallen, zur Unzeit
kaiserliche Majestt zu seyn. Von Euch erfuhr ich nichts; meine Herren von
Frankfurt hatten mich aufgegeben; ich sa in der Brhe, und rgerte mich nur
darber, da ich nicht einmal wute, in welcher. Bald sollte ich einen Ketzer
befreit, bald ein ganzes Kloster an den Rand des Grabes gebracht haben, und was
des tollen Zeugs mehr ist. Ich spielte jedoch den Klugen, schwieg fein und
suberlich, und leugnete wie ein Heide. Zum Glck hatte ich vor der
abscheulichen Verhaftung den wilden Jger in Eure Obhut gebracht, und konnte
mich herzhaft auf den langen Christoph berufen. Das drang denn endlich allgemach
durch; ich bekannte mich selbst nicht schuldig, leugnete daher auch alle
Mitschuldigen, und heute bin ich denn auf Befehl des Kaisers, der den heutigen
Tag als einen groen zu feiern gedenkt, nebst einer Menge von Leuten, die
entweder einem Fastnachtsstreich oder einem minniglichen Abenteuer oder auch
einem harten Glubiger ihre Haft verdankten, in Freiheit gesetzt worden. Mein
gutes Glck lie mich alsobald auf Euch stoen, von dem ich wenigstens als
billige Entschdigung einen Imbis erwarte, wie er lange meinen Gaumen nicht
gekitzelt. - Was meint Ihr zu gefalznen Hechten mit Peterlein, und einem Rmer
Weins aus der Marggrafschaft? Sollst haben, was Dein Herz begehrt,
versicherte ihm der Jngling freundlich: Du bist der bravste Edelknecht in
deutschen Landen, wie der verschwiegenste. Freilich trug auch die magre Kost im
Gewahrsam viel zu dieser letztern Tugend bei; indessen. ... - Indessen ist's
doch immer lobenswerth; unterbrach ihn Gerhard fast grob: Wie viele Leute
gibt's, die selbst beim Wasserkrug das Maul nicht halten knnen? Wunderbarer
ist's, da der alte Schneider Velsner, der die Larven hergeliehen, meine
Verschwiegenheit theilte. - Das ging sehr natrlich zu, mein guter
Altgeselle; erwiederte Dagobert halb scherzend, halb ernst: der Tod tanzte mit
ihm den Kehraus in der Dienstagsnacht. - Das haben sie beide brav gemacht;
sprach Gerhard, andchtig ein Kreuz schlagend: der weie Tnzer, da er kam,
und der graue Schneider, da er sich nicht sperrte, wie eine blde Dirne. Ich
wnsche dem wackern Meister die beste Kundschaft dort oben, obgleich ich ihn
wieder bedauern mu, da er gerade in Aschermittwochs Hungertuch gefallen ist.
- Ei du armer Schelm! lchelte Dagobert: siehst Du doch selbst aus, als ob Du
dem Hungertuche gerade entschlpft wrest. Zum Glck stehen wir, just vor der
Herberge. Komm herein; la Dir's schmecken; aus Dankbarkeit will ich Dein
Kchenmeister und Mundschenk seyn. He da! Wirth und Wirthin herbei! Ihr Mgde
und Kellerbuben spitzt das Ohr, denn der wackerste Kmpfer am Rheinstrome will
tafeln, wie sich's gebhrt, und Eure sparsame Fastenkche es erlaubt. - Gerhard
nahm mit wichtiger Feierlichleit an dem Tische Platz, und Leuchter, Wein und
Becher standen flugs vor ihm aufgepflanzt. - Dagobert machte sich ein Fest
daraus, dem ausgehungerten Schlemmer selbst den wrzigen Trunk von Badens
Rebhgeln zu kredenzen. - Die Wirthin schleppte Teller und Pfannen herbei. -
So, mein alter Kmpe; scherzte Dagobert, whrend er ihm das Tellertuch um den
Hals befestigte: da sitzest Du wie der Kaiser am Krnungsbankett. Dein Bart
knnte zwar saubrer geschoren, Dein Wamms reinlicher seyn, allein Dein guter
Wille, der sich in der Art und Weise offenbart, wie Du nach dem Egerthe
langst, hilft allen brigen Mngeln ab. Du wirst zwar den gewnschten Hecht
vermissen, aber dieser nerrige Stockfisch mit l und sen Rosinen ist auch
nicht zu verachten, und solltest Du es fr nthig erachten, Deinen Durst erst zu
reizen, so versehen jene gersteten Picklinge, gewrzt vom scharfen Leipziger
Senf, vollkommen den Dienst. So, mein Junge. Frisch in's Handgemenge! ich will
Dich krftig untersttzen. - Gerhard nahm sich des Verfechteramts eifrig an,
und arbeitete bald mit vollen Backen, bald mit dem klingenden Messer, bald mit
dem schumenden Becher, auf dessen Grunde er dreimal ein Goldstck mit dem
Geprge des Freistaats Benegia fand. Dankbar drckte er dem Geber und Gastfreund
die Hand und sprach: Solchen Bodensatz im Wein zu finden, lasse ich mir
gefallen. Zu viel aber ist's der Freigebigkeit, da ich wei, da durch Eure
Zwistigkeit mit dem wlschen Ohm Euer Geldseckel in Abnahme gerathen ist. - Der
Herzog Friedrich hat mir erlaubt, dann und wann aus seinem Beutel zu schpfen,
wenn ichs bedarf; antwortete Dagobert: Bei seiner milden Hand magst Du Dich
demnach fr die Geschenk bedanken. -
    Ei, vor dem Herzog alle erdenkliche Ehrfurcht! sprach Gerhard mit einem
Sonnenblicke der Behaglichkeit: Es gab zwar eine Zeit, wo wir Beide nicht auf
dem besten Fue zusammen standen, allein diese Zeit ist nicht mehr. Was konnte
ich in der That auch dafr, da der wackre Herr damals in ein Reiterwamms zu
kriechen beliebt hatte? Am Kragen kennt man den Mann, lautet ein wahres und
liebes Sprichwort. Wenn unser Vater Adam nicht die Kleider erfunden htte, wren
die vornehmen Herren bel daran, und nebenbei auch die gemeinen Leute, die am
Ende nicht wissen wrden, ob sie einem Andern oder sich selbst den Reverenz zu
machen haben. Dem sey nun indessen, wie ihm wolle; ich bin mit dem Herzog
vershnt, und empfange um so lieber die Goldpfenninge, die mir aus seinem
Schatze durch Eure Freigebigkeit zuflieen.
    Vershnt? lachte Dagobert: Altes Sieb, wie kmmst Du mit dem Habsburger
zusammen, der Dich, - gerade heraus gesagt - ungefhr so leiden kann, wie der
Rde den Dachs?
    Leiden konnte, Frschlein, leiden konnte; versetzte Gerhard in seiner
ungestrten Friedlichkeit, indem er die letzten Reste der Piklinge versorgte:
Seine herzogl. Gnaden sind aber jetzo mindestens nicht ungndig auf mich. Im
Gegentheil. Der vershnliche Frst hat mich durch den Herrn Schffen von
Braunfels auffordern lassen, das Turnier, das er am Zwanzigsten dieses Mondes
Mrz zu geben gesonnen, durch meine Tapferkeit und zierlichen Fechterknste zu
verherrlichen; indem - wie er sich huldreichst auszudrcken geruhte - Keiner von
allen anwesenden Kmpen im Bgel- und Ringelrennen, im Kolbenschlag und Fukampf
meines Gleichen sey.
    Beneidenswerther! rief Dagobert, ihm den vollen Becher zubringend: Die
Gewaltigen der Erde werden aufmerksam auf Deine Verdienste, und es kann Dir gar
nicht fehlen, bleibt Deine Rechte nur gesund, und Dein Leib wohl genhrt.
    Das Letztere sey auch mein Hauptaugenmerk bis zum Tag, wo es gilt. Lat
sehen, Junker; wie weit haben wir noch zum Zwanzigsten? - Fnf Tage, mein
Gesell; berichtete ihn Dagobert: Bis dahin fey mein Gast. Du sollst einen
dankbaren Schuldner an mir finden. Was das Concilium an ebaren Stockfischen
aufweisen kann, soll Dein seyn. Der beste Rebensaft werde Dir kredenzt.
Verlangst Du Tafelmusik, sie soll Dir nicht fehlen? Siehst Du reizende
Aufwrterinnen gerne an Deinem Tische? Ich schaffe sie Dir, anmuthiger als die
plumpen Thurgauer Dirnen, die so eben die leeren Schsseln wegtragen, sittsamer
als die leichtfertigen Jgerinnen in Frau Waldina's Gefolge. Kennst Du das
Mhrlein vom Tischlein deck dich? Meine Dankbarkeit soll es an Dir
verwirklichen, und Dich in jene harmlose Zeit versetzen, wo Du noch, ein
langknochiger Bube, die trgen Fe unter Deines Vaters Tisch stecktest, und
ohne Sorgen verzehrtest, was sich gerade vorfand, unbekmmert, ob es die Vglein
vom Himmel, oder Dein Vater von der Heerstrae gebracht. - Der unverzagte Esser
lie den Becher sinken bei diesen Worten, schlug die verglasten Augen auf gen
Himmel, und eine Mischung von Wehmuth und lchelnder Erinnerung breitete sich
ber sein Antlitz. Er reichte dem Nachbar die fleischige Hand und sprach mit
weicher Stimme: Ach, lieb Frschlein! Da habt Ihr's getroffen, wo meine
Halsberge nicht zum Besten schliet. Mein rechtschaffner Vater .... Gott erhalte
ihn bei der Seligkeit! ... er starb wie ein wackrer Edelmann. Thut mir die
Liebe, werthes Frschlein, und thut mir Bescheid auf den Becher, den ich Euch
feierlich zutrinke, als das Gedchtni an einem ehrenwerthen Mann! - Von
Herzen gern! antwortete Dagobert, seinen Wunsch erfllend: Auf das Wohl eines
Biedermannes trinke ich stets, se er auch schon im Fegefeuer. Und auf Dein
Wohl nicht minder, alte deutsche Haut, weil Du Deines Vaters Angedenken
dergestalt in Ehren hltst. Das htte ich nicht hinter Deinem groben Fell
gesucht; und wahrlich, ich werde hinter Deiner Tugend nicht zurck bleiben,
wenn's einst Gott gefallen sollte, meinen Alten zu sich zu rufen. -
    Da ri mit einem Male der Hlshofner die von wehmthiger Weinlaune
feuchtgewordnen Augen auf, sah den jungen Tischgenossen mit einem ganz besondern
Ausdruck von Bedauern an, rieb sich die Stirne, wie einer dem etwas entfallen
war, und der sich, jetzt fast zu spt, dessen verdrlich erinnert, und seufzte:
Guter Junker! wenn ein Sprichwort die Wahrheit sagt, so ist es dasjenige,
welches lautet: Im Wein ist Wahrheit; Ihr habt die Ahnung, ich die Erinnerung
wieder im Becher gefunden. Vergessen hatte ich schndlich, was Ihr doch wissen
mt. Fat Euch, lieber freigebiger, theilnehmender Frosch; und glaubt, da ich
Eure Bekmmerni theilen werde, wie ein Bruder. Ja, ja; schaut mich nur an, wie
den Bischof die verwunderte Katze. Euer Lcheln wird sich verkehren in Trbsal.
Euer Vater hat den Schffenstuhl zu Frankfurt mit dem himmlischen vertauscht. Er
ruhe in Frieden! -
    Mit offnem Munde und gespannten Zgen sa Dagobert dem Hiobsboten gegenber,
dessen Weichmuth in eine Thrnenfluth berging, die einige schnell geleerte
Becher kaum auftrocknen konnten. Sage mir doch, fing Dagobert endlich
kleinlaut an: ist denn noch Fasching, oder heit man am nchsten Sonntag:
Ltare? Unglcksrabe! spricht der Rausch aus Dir, oder ist sie Wahrheit, die
Botschaft, die Du mir, - dem Freien - ans Deinem Gefngni bringst? -
Wahrheit, lieb Junkerchen; versicherte Gerhard ganz treuherzig: die Sache ist
die folgende. Mein erster Weg aus dem Gewahrsam ging zu meinen Herren von
Frankfurt, den Schffen, die hier im Hause wohnen. Der alte Herr Holzhausen nahm
sich heraus, mir einen Text zu lesen, wie er sich in keinem Evangelienbuche
findet, mich einen Wstling und Hndelsucher zu nennen, und was dergleichen mehr
ist, welches auch gerade nicht hieher gehrt. Der Herr von Braunfels nahm sich
meiner an, und die Beiden sagten sich derbe Worte ....
    Um Gottes willen! fiel Dagobert ein: la die Umschweife, vollende!
    Ich bin's eben im Begriff, versicherte Gerhard: denn ich setze mit Sporn
und Gebi ber den Streit der wohlweisen Herren weg, bis zu der Thre, durch
welche gerade und just der Stadtschreiber Heinrich eintrat, der seit geraumer
Zeit weniger fr die Stadt schreibt, als Boten reitet, und gerade wieder, mit
Schriften beladen wie ein Maulthier, von Frankfurt daher getrabt kam. Der Gru
von ihm war kurz, und er warf sich gleich mitten in das Gesprchsel. Wit ihr
etwas Neues, ihr Herrn? rief er: Am Abend des verwichnen Tages der heil.
Felicitas ist zu Frankfurt unfern vom Hirschgraben der wackre Schff und
Altbrger Diether Frosch ermordet worden! - Ermordet? rief Dagobert, entsetzt
vom Tisch aufspringend: Verdammt sey Deine Zunge, die solche
Schreckensbotschaft mir so lange verhehlen konnte! - Hat sich wohl! brummte
Gerhard unwillig: Wo der Kopf vergit, schweigt auch die Zunge ohne bsen
Willen. Erfahrt Ihr's doch jetzo zeitig genug. Sollt' ich Euch das Vespermahl
vergllen? Wo wollt Ihr aber hin? - Zu den Herren von Frankfurt! erwiederte
Dagobert, und suchte sich ngstlich von dem Zurckhaltenden los zu machen. -
Nehmt doch Vernunft an! sprach Gerhard entgegen: die Schffen sind nicht
daheim. Die Abgeordneten der Reichsstdte haben heut ein gro Convivium im
goldnen Brunnen. - So will ich dorthin! rief Dagobert: La mich! - Bleibt
doch! erwiederte Gerhard: Ihr schlagt um Euch wie ein rasendes Fllen, aber
ich leide es doch nicht, da Ihr dort Euren Schmerz zur Schau tragt. - Dagobert
besann sich, Du hast Recht; sprach er: ein schiefes Wort, ein schiefer Blick
nur in dieser Stimmung von einem Fremden, der, wie begreiflich, mein Leid nicht
fhlt, knnte mich zum Mord bewegen. Aber rede doch Du: sieh! ich will mich zu
Dir setzen, ganz ein Mann seyn, trotz Einem, aber sage mir, wie ging das
Entsetzliche zu? Ich werde mich zwingen, mein Gebreste in meiner Seele zu
verschlieen, und nur dann weinen, wann Du es erlaubst; sage mir aber, wie ward
das Grliche vollbracht? wie ward mein Vater ... o, mein Gott! ... wie wurde er
erschlagen? - Junker! antwortete Gerhard, verlegen ob der nicht geahnten
Heftigkeit des jungen Mannes: Ihr fragt mich da nach Dingen, die ich eben so
wenig wei, als Ihr. Vielleicht aber - hier nestelte er den weiten rmel seines
Kollers auf ... vielleicht belehrt Euch die Schreiben eines Bessern. Der
Stadtschreiber brachte es von Frankfurt mit, und Euch es zu bergeben, vertraute
mir's der Herr von Braunfels. Bis auf diesen Augenblick hatt' ich's vergessen,
doch kommt's auch jetzo nicht zu spt. - Da! fuhr er fort, indem er das
wohlversiegelte Schreiben aus dem rmel fischte, und dem gierig darnach
greifenden Dagobert langsam reichte: Da ist der Brief, Euer Vater schreibt Euch
darin die ganze Begebenheit selbst. - Er selbst? fragte verwundert der
Jngling, das Schreiben staunend in den Hnden haltend, und einen Blick auf die
Aufschrift werfend: Wahrhaftig, er selbst! fuhr er fort mit steigender Hitze:
Einfltiger Weinschlauch! und Du konntest mich beinahe zum Tode erschrecken?
Danke es dem Himmel, da keine Waffe an meiner Hfte hngt! Dieser Augenblick
wre Dein letzter! - Frschlein! Ihr redet irre! erwiederte Gerhard, der sich
scheu in die Ecke schmiegte: Was ficht Euch an? Ist das der Dank fr meine
gutmthige Theilnahme? - Ich mchte lachen, wre mir nicht so frchterlich
ernst zu Sinne; begann Dagobert auf's Neue: lachen ob Deiner beklagenswerthen
Einfalt. Mensch! siehst Du denn nicht weiter als ein Maulwurf? Du entsetzest
mich durch die Botschaft von meines Vaters Tode? kann aber der todt seyn, der
mir von diesem Mord geschrieben? - Ich dummer Hans! murmelte Gerhard durch
die Zhne, und schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirne: Dmmer als
ein Gnserich. Es ist auch wahr. Vergebt, Frschlein; gestorben wird er nun wohl
nicht seyn, aber Ihr werdet aus dem Briefe sehen, da gewi etwas Schreckliches
vorgefallen. - Dagobert wollte so eben, seinem Zweifel zu entgehen, die
Wachsplatte von dem wohlverwahrten Schreiben lsen, als er noch einen Blick der
Aufschrift schenkte. Nein! rief er alsdann: bei unsrer lieben Frau vom Berge!
Da htte ich etwas Hbsches angerichtet. Das Schreiben gehrt meinem wrdigen
Ohm, dem Prlaten. Der eifrige Mann wrde mich in Bann thun, kme es verletzt in
seine Hnde. Vergib indessen meiner begreiflichen Neugier, wenn ich Dich jetzo
allein lasse, zur Stunde, wo der Becher Dir am besten mundet. Ich denke das
Versumte nchstens einzuholen. Fr jetzt aber eile ich, den Ohm, so leid mir's
thut, aus seiner abendlichen Bequemlichkeit zu stren, denn bis morgen die
Ungewiheit zu ertragen, vermag mein Gemth nicht. Gute Nacht! - Gute Nacht,
Junker, entgegnete Gerhard: Ihr hegt doch keinen Groll gegen mich? - Sorge
nicht; beruhigte ihn Dagobert: Was kann der Mund, dafr, da er einem
ungeschickten Kopfe gehorcht? I und trink! die freie Tafel bis zum Tage des
Turniers soll darum nicht wegfallen! -
    Der Prlat staunte nicht wenig, die Stille seines Hauses durch ein
ungebhrliches Pochen und Lrmen gestrt zu sehen, und traute kaum dem Bericht
des zur Pforte gesandten Dieners, der die Ankunft des Neffen verkndete, welcher
Haus und Hof wie mit Sturm eingenommen habe. Der furchtsame Geistliche, der sehr
geneigt war, an eine beabsichtigte Gewaltthtigkeit seines Wildfangs von
Anverwandten zu glauben, rief Fiorillen herbei, die ihn nur mit Mhe von dem
Vorhaben abhielt, seine ganze Dienerschaft zu seinem Schutze um sich her zu
versammeln.
    Entschuldigt meinen seltnen, spten und berlstigen Besuch! rief Dagobert
beim Eintreten: Mein Geschft bei Euch ist kurz, aber um so dringender! - Der
Prlat lief einige Schritte zurck, da Dagobert's Hand rasch nach dem Grtel
fuhr, um den Brief herauszuziehen, und die Versicherung Fiorillens, es sey
wirklich nur ein harmloses Papier und keine Mordwaffe, welches der Vetter bei
sich trage, konnte Monsignore kaum beruhigen. Dagobert war genthigt, ihm wie
einem widerstrebenden Kinde die Finger zu ffnen, und den Brief hineinzulegen,
mit der Bitte, doch ja alsobald den Inhalt desselben ihm mitzutheilen.
    Nun begann der Muth des Prlaten wiederum zu wachsen. Per Dio e la
santissima vergine! rief er mit aufgeblasenen Backen, da er den Ungrund seiner
Besorgni einsah: heit das nicht die Roheit eines deutschen Lmmels auf die
hchste Spitze steigern? Wie nanntest Du Dich vorhin? Einen seltnen, spten,
berlstigen Gast? Ja wohl; eine Lge sagtest Du mindestens nicht in diesen
Worten. Ist das eine seine Zucht und Sitte? berfllt bei Nacht und Nebel, einem
Buschklepper gleich, seinen Ohm, einen Prlaten, der noch obendrein aufgebracht
gegen ihn ist, und mit Recht ungehalten auf seinen Lebenswandel. Und warum
dieser strmische berfall, der manchem weniger Beherzten den blassen Tod htte
zufgen knnen? weshalb dieser Grul? Um einen Brief zu berbringen, der morgen
eben so gut gelesen werden knnte, denn heute. -
    Mag seyn, Ohm; erwiederte Dagobert: ich kann Euch aber darum doch nicht
helfen. Meine Besorgni ist zu gro. Meinem Vater ist ein Unfall zugestoen,
dessen nhern Verlauf ich heute noch wissen mu. - Hre doch einmal zu,
Fiorilla! seufzte der Prlat, trostlos die Hnde faltend: Hre doch, wie der
Gelbschnabel zu mir spricht. Wie ein Guardian zu einem Novizen. Was geht mich
denn seine Besorgni an? Warum mu ich denn gerade heute noch das Schreiben
lesen? - Weil es meinen Vater betrifft; versetzte Dagobert heftig, der
freilich nur Euer Bruder ist, und weil ich - kurz und gut - nicht eher aus dem
Hause gehe, als bis ich wei, was den Meinen zugestoen. - Du wirst sehen,
raunte der Prlat Fiorillen in's Ohr - Du wirst sehen, er setzt uns noch auf die
Gasse, und macht sich breit in meinen vier Pfhlen. Sieh nur, er glht im
Gesichte wie ein Kobold. Ob er betrunken ist, oder ob er am Veitstanz laborirt,
oder - was den deutschen Bren fters zu begegnen pflegt - gerade von einer
verderblichen Lust zu morden und zu wthen befallen ist - wer wei das? - Thut
ihm deshalb den Gefallen, den er verlangt; ermahnte Fiorilla: Sohnesliebe
spricht aus ihm. - Nun, wenn Du meinst; versetzte der Prlat: so sey es
drum. Gib mir die Brille, und znde mir im Nebengemach die Lampe an. Du weit
wohl, setzte er leiser hinzu, da ich an dem verdammten krausen Geschrifft lange
studiren mu mit meinen blden Augen, und ich kanns nicht leiden, da der wilde
Laffe davon Zeuge sey. Unterhalte ihn indessen, wenn Du Dich vor ihm nicht
frchtest; und suche ihn zu begtigen, damit der Teufel Ruhe halte, der in ihm
rumort. - Fiorilla versprach ihm, ihr Mglichstes zu thun, und der Prlat
schlich zum Nebengemach, sich an die beschwerliche Arbeit zu machen. Dagobert
hatte sich in einen Sessel geworfen, und starrte erwartungsvoll zur Decke empor.
Fiorilla machte sich allerlei in der Stube zu schaffen, nherte sich dem
Schweigenden, entfernte sich wieder von ihm, hustete, sprach mit dem Sittich,
und da alle die kleinen Mittel nicht verfingen, die sonst wohl der Mnner
Aufmerksamkeit rege machen, trat sie auf's Neue zu dem Jngling und klopfte ihm
leise auf die Schulter. Dagobert tauchte aus der Fluth seiner Gedanken auf, und
sah verwundert in das Auge des lieblichen Mdchens, in welchem sich weder
Leichtfertigkeit, noch stille Sehnsucht, wohl aber die freundlichste Theilnahme
aussprach. Warum so verloren? redete Fiorilla sanft und wohlthuend den Vetter
an: Was kann Euch so sehr betrben und krnken? Euer Vater ist ja nicht
gestorben, da er selber Urkund von sich gibt, und andrer Schmerz belastet Euch
nicht! - Ihr habt Recht, Mhmchen; entgegnete Dagobert leicht: fr heute ist
Ungewiheit mein Einziger. - Wir Frauen mchten so gerne jede Plage von der
Brust des Mannes nehmen, fuhr Fiorilla fort: Wie lohnt ihr mir, wenn ich diese
Frauenpflicht an Euch be? wenn ich vielleicht einen Augenblick Eures Lebens in
die Farbe der Rosen tauche? - Versucht's! sprach Dagobert: Whlt gleich den
jetzigen Augenblick, in dem ich der Erheiterung bedarf. - So entrunzelt Eure
Stirne! Dem Manne, der liebt, und sich der heftigsten Gegenliebe erfreut, ziemt
der dstre Unmuth nicht. - Gutes Mhmchen! Ihr wit um meine seltsame
Liebschaft; es ist wahr. Was soll diese aber hier? Ihr Gedchtni knnte meinen
Unmuth mehren. - Nicht so finster! uerte Fiorilla, neckend drohend: Der
Liebende hrt ja doch sonst mit voller Seele den Werth seines Liebchens von
fremden Zungen preisen. Machtet Ihr hier eine Ausnahme? Ich glaube nicht. So
wit denn, da ich Euch belobe ob der Wahl, die Ihr getroffen. - Ihr? fragte
Dagobert befremdet: Wie knnt ihr wissen? - Erinnert Ihr Euch noch jener
Nacht, in der Ihr, des Bedrfnisses voll, eine Vertraute Eurer kleinen
Geheimnisse zu haben, unter mein Fenster kamt, und mir mit berstrmender Freude
erzhltet, Euer Lieb von Frankfurt befinde sich zu Costnitz, ... Ihr httet sie
gesehen ... gesprochen? ... - Recht wohl entsinne ich mich des Abends, von dem
Ihr sprecht; denn kaum der Wochen dreie sind seitdem verstrichen; wie aber jene
Kunde sich mit dem Beginn Eurer Rede reimt ..... - Das begreift ihr nicht?
Kurzsichtiger! Ihr kennt die Wibegier der Frauen nicht. Diejenige zu schauen,
deren Reize Euch unempfindlich gemacht hatten gegen meine Freundlichkeit, lie
ich mich die Mhe nicht verdrieen, das holde Judenkind aufzusuchen. Bald
entdeckte ich dessen Aufenthalt. Der Vorwand, italienisch Geld gegen deutsche
Mnze umzutauschen, fhrte mich beim Vater ein; meine Jugend und Schmeichelei
machte mich der Tochter angenehm, - das Vorgeben: ich sey noch, was ich einst
war, - ihre Glaubensverwandte - machte dem Vater meinen ftern Besuch bei der
einsamen Tochter wnschenswerth; und mein offnes Bekenntni von meinem bertritt
und meinen ziemlich nahen Beziehungen zu Euch, gewann mir das unumschrnkte
Vertrauen Esthers! - Ists mglich? rief Dagobert: und ich ahnte nicht? ....
-
    Warum kamt Ihr nicht mehr in Ben Davids Haus? fragte Fiorilla: Oft
schlich ich mich von hier weg, um Euch an Esthers Seite zu erwarten. Oft harrte
ich auf einen abermaligen Abendbesuch unter meinem Kammerfenster, um Euch von
dem Gesagten in Kenntni zu setzen. Esther und ich, wir harrten umsonst.
Grausamer! wer wollte kalt an solchem Schatze vorbergehen, und seiner nicht
begehren, nicht um ihn sich bewerben? Welch eine Flle von Reizen, die ich
neidisch bewundre, aber auch welch ein Reichthum von Tugenden, liegt in diesem
Wundermdchen verborgen! Ihr kennt die Blthe nicht, nach welcher Euer Auge
lstern sah, von welcher sich jedoch die Hand scheu entfernte. Das Vorurtheil
ist in Euer Herz eingewachsen, wie sich der stumpfe Splitter fters in der Wunde
vernarbt. Ihr liebt in dem reizenden Geschpfe sein Geschlecht; Ihr hat in ihm
sein Volk. Welch unendliche Liebe fhlt Esther fr Euch! wie lohnt Ihr dieselbe
durch schroffes Verschmhen! Ich habe des Mdchens Leidenschaft durchschaut; ich
bewundere schaudernd den Abgrund dieser stammenden Neigung, wie sie nur die
glhende Sonne des Mittags erzeugt. Esther gleicht dem lodernden Brande; Ihr der
abreisenden Eisklippe. Esther knnte Jahrelang fr Euch sterben ... Ihr wagt es
nicht nur einen Augenblick fr sie zu leben! -
    Erschttert schwieg Dagobert, als Fiorilla geendet hatte. Eure Gleichnisse
sind bel gewhlt; begann er kurz darauf, mit so viel Gleichmuth, als ihm zu
Gebote stand: Und dennoch - ein seltner Fall - treffend in ihrer beln Auswahl.
Sie sprechen das richtigste Urtheil. Brand und Eis sollen nimmer sich verbinden.
Der Augenblick, der sie vereint, ist zugleich der Augenblick des Todes fr
Beide. Mht Euch darum nicht, gutes Mhmchen. Und wre auch endlich - was ich
behaupte - die sittsame, zchtige Esther nicht die Flamme aus der Nachbarschaft
der Wste, und ich, Dagobert Frosch, nicht der eiskalte Sumpfbewohner, den mein
Name verkndet, sondern wir beide ganz gewhnliche Menschen von gemigter und
gegenseitiger Leidenschaft; - dennoch wrde nichts aus Eurer Ehestiftung. Mich
fordert der Altar, wie ihr wohl wit, holde Freundin. -
    Mt Ihr denn, einem blinden Wahne gehorchend, zwei Herzen brechen?
eiferte Fiorilla: Gibt es nicht Lande, wo man vom thrichten Gelbde Eurer
Mutter nichts wei? Flieht dorthin. Esther, ich schwr's Euch zu, wird nach
kurzem Widerstande folgen, ohne Kampf die Lehre lassen, die ihr Herz nicht
liebt; zu dem Glauben sich bekennen, der ihr jetzt schon theuer, weil es der
Eurige ist. Eure Wissenschaft, und adlich Gewerbe sichert den Wohlstand Eurer
Htte. Wagt es glcklich zu seyn, entflieht der Welt, um ihre Freuden ungestrt
zu genieen. Bedrft ihr des Beistands, des Raths? whlt mich. Durch berredung,
That und Anschlag frdre ich Euern Zweck. Esther wird glcklich, Euer Herz
versteinert nicht unter dem Scapulier, und ein blhend Geschlecht wird Euren
Freisinn, Euren Muth segnen und verehren.
    Und rechnet Ihr fr Nichts die Verwnschungen eines glaubenseifrigen,
betrognen Vaters, mit welchen belastet Esther fliehen wrde? fr Nichts den
Fluch des Meinigen? Das Urtheil der Welt, den Bann der Kirche, unser eignes
streng richtendes Gewissen, und endlich den entsetzlichen Augenblick des
Wiedersehens dort oben, wenn meine Mutter mir entgegenkommen und mich fragen
wird: Sohn! wie hast Du mein Gelbde geheiligt? Es ist nicht gelset, und doch
nicht erfllt worden! - Ich danke Euch, Fiorilla, fr Eure angebotne Hlfe,
allein, Gott sey Dank; der Helfer ist in meiner eignen Brust. Lat die Sache
beruhen, und uns lieber geduldigen Gemths vernehmen, was der Ohm, den ich
kommen hre, mir zu verkndigen haben wird.
    Wirklich trat auch der Prlat gewichtigen Schritts aus dem Seitengemach,
Lampe und Brief in der Hand. Sein Antlitz zeugte von einer gerade nicht
unbedeutenden Bewegung, und auch der Gang war nicht so sicher, wie wohl sonst. -
Redet, um der ewigen Barmherzigkeit willen! - rief ihm Dagobert entgegen, der
alsobald ber die Besorgni fr den Vater das so eben abgehandelte Gesprch
vergessen hatte: Martert mich nicht. Was ist geschehen? - Der Herr hat es
noch wohl gemacht; erwiederte Hieronymus, klglich auf die Ruhebank sinkend:
der Bruder lebt, und wird bald vollends genesen seyn, aber ein Unfall hat ihn
betroffen, wie er sich nur in den verwahrlosten deutschen Landen begeben kann.
In der Dmmerung sich nach Hause wendend, begegnete ihm ein Freihart in
Pudelmtze und Wolfspelz, und schaut ihm mit blutroth gefrbtem Angesichte keck
und unverschmt unter das herabgekrampte Piret. Dein Vater fhrt zurck. Der
Wtherich, dem die leere Strae Muth zulegt, fragt ihn hhnisch: Kauf mir ein
Menschenleben ab, Schff! - Und da nun der Bruder ihn zurckstt, und den Mund
ffnet, um nach Hlfe zu schreien, so fhlt er bereits das Messer des Wehrwolfs
unter seinen Rippen sitzen, und sinkt dahin. Gute Nacht, alter Frosch! ruft
ihm noch der hliche Mrder in's Ohr: Dein Frschlein kommt nach! und packt
den Verwundeten an, um ihn an den Rand des Grabens zu schleifen, und
wahrscheinlich kopfber in der Hirsche Revier hinabzustrzen. Da nahen aber
glcklicherweise Leute; um seines Werks wenigstens sicher zu seyn, fhrt der
Verfluchte noch einen Sto gegen die Brust des armen Diether's. Der Stahl prallt
jedoch zum Heil von der Halskette desselben ab, und der Bluthund entflieht. Die
Wunde wurde, von wenig Bedeutung zu seyn, erkannt, und wie gesagt, Dein Vater
ist auf dem Wege zur vollen Besserung.
    Abscheuliches Verbrechen! riefen Dagobert und Fiorilla entsetzt aus.
    Nun ist aber dennoch auf sothanem Schmerzenlager - fuhr der Prlat fort -
der Gedanke in dem Bruder erwacht: es mchte denn doch vielleicht der Herr
einst schnell ber ihn gebieten, und da es lblich ist, in solchem Alter und
solcher Befrchtung noch einmal sein Geschlecht um sich zu versammeln, und sich
mit denjenigen zu vershnen, mit denen ein unbilliger Ha uns entzweit hat, so
verlangt der wackre Diether, ich solle mich in Deiner und Wallradens
Gesellschaft zu ihm begeben, um das Fest seiner Heilung in seinem Hause
feierlich zu begehen. Wallrade soll bei dieser Gelegenheit wieder in alle
Kindesrechte und den Arm des Vaters aufgenommen werden.
    Daran thut mein allzuguter Vater gerecht und wohl; erwiederte Dagobert:
obschon die Schwester diese Liebe nicht verdient, und auch nicht zu wrdigen
vermag. Was beschliet Ihr aber hierauf, mein hochwrdiger Ohm und Herr?
    Hm! sprach Monsignore nach zweifelhaftem Kopfschtteln: Ich meine, da es
vollkommen hinreichen wird, wenn ich hier zu Costnitz in meiner stillen Kammer
dem Herrn fr das meinem Bruder wiederfahrne Heil danke, und zu Ehren unsrer
lieben Frauen, die durch ihre Frbitte des Mrders Sto fehl gehen lie, einige
Messen lese. Wallraden werde ich jedoch zu der Ausshnung bewegen, und
berlassen es Dir gerne, die Schwester nach dem Vaterhause zu geleiten, und
wohlbehalten wieder anher zu fhren.
    Mit nichten; uerte Dagobert aufstehend und kalt: Wallrade bedarf meines
Geleits nicht. Einer ihrer zahlreichen Freier wird dieser sen Pflicht sich
leicht unterziehen, wenn nicht kaiserliche Majestt selbst ihren
Reisestallmeister machen will. Euch berlasse ich es, Ohm, die Liebenswrdige
vorzubereiten. Unstreitig wit Ihr ihren jetzigen Aufenthalt besser denn ich,
der nur dann und wann von migen Stadtzungen Gerchte und Vermuthungen hrt,
die gar nicht zur Ehre unsers Stammes gereichen. Gerne werde ich auch Wallraden
den Vorzug im Vaterhause einrumen, und daher einzurichten suchen, da ich an
dem Tage ankomme, an welchem sie geht. Schlielich danke ich Euch demthigst fr
Eure gehabte Mhe, und werde dieselbe gegen meinen Vater zu rhmen wissen, da es
Euch ohnedies widerstrebt tiefer in das verhate deutsche Geburtsland
vorzudringen. Gute Nacht, wrdiger Herr!
    Der Prlat sah betroffen, beschmt und staunend dem Neffen nach, der - wie
er endlich zu begreifen begann, - unter dem Schimmer jugendlichen Leichtsinns
einen stechenden Ernst barg, welcher einem verweichlichten Gemthe um so
empfindlicher wehe that. Fiorilla leuchtete dem Scheidenden bis zu des Hauses
Pforte. Daselbst ergriff sie seine Hand, sah ihn mit weinenden Augen an, und
sagte: Ihr habt heute durch Eure feste Redlichkeit vermocht, da ich vor mir
selbst errthete. Knnt Ihr mir vergeben, wozu ich Euch verleiten wollte? -
Von ganzem Herzen! erwiederte Dagobert, denn Ihr wart weit entfernt, mich zu
beleidigen. Euch reit die Leidenschaft dahin, und zwingt Euch zum Tribut. Ich
aber bin einer ihrer schlimmsten Zahler, und mein Trachten geht darauf aus, die
ungestme Mahnerin ganz aus meinem Hause zu werfen. Schtzt Euch darum nicht
geringer, mich nicht hher als von nthen. Ihr seyd noch lange nicht der
lodernde Brand, den Euch die wilde Empfindung vorspiegelt, ich noch lange keine
Eisscholle. Esther ist aber viel zu gut, und zu edel, als da ich ihr fr kurze
Wonne eine ewige Reue verkaufen mchte. Gute Nacht!

                              Fnfzehntes Kapitel.


 Hei! wie freut mich der Herrenstand,
 Auf hohem Ro, das Schwert zur Hand!
 Gewappnet vor dem Liebchen stehn,
 Und neben Frst' und Grafen gehn!
 Du grobes Brgerpack, vorbei!
 Nur fr den Adel ist Turnei!
                                               Das Spiel vom hoffrtigen Junker.

Wohl noch nie hat eine Stadt, so weit in deutschen Landen der Lauf des Rhein-
und Donaustroms nicht, einen lustigern und gastlichern Anblick gewhrt, als
Costnitz ihn am zwanzigsten Tage des Monats Mrz darstellte. Geraume Zeit vorher
hatte man gewut, Herzog Friedrich von sterreich-Tyrol werde, das Frhlingsfest
zu verherrlichen, ein Kampf- und Ritterspiel geben, wie es selten noch irgendwo
geschaut worden. Die Zubereitungen, die jedoch in den letzten Tagen getroffen
worden waren, bertrafen durch ihre Pracht Alles, was die gespannte Neugier
erwarten durfte. Und am Morgen des anberaumten Feiertags stand das Werk
vollendet da, ein wundersames Schauspiel fr Costnitzs Bewohner, und weit
herbeigestrmte Gste. Den weiten Rennplatz umgaben zierliche Schranken,
getaucht in die weie und rothe Farbe. In blinkenden Angeln drehten sich die
Pforten, durch welche die Kreiswrtel gingen; mit blanken Schildern, Ketten und
Hacken waren die Schlagbume geziert, durch welche die Kmpfer einreiten
sollten. Rings um den mit Sand und Kies geebneten Platz flatterten in geringen
Zwischenrumen die Banner von sterreich-Tyrol, dem Argu, dem Thurgu und
andern, Friedrichs Herrschaft unterworfnen Stdten und Landen. Hoch aber ber
diesen Bildern und Fahnen der Macht erhoben sich im Halbkreis die leicht und
geschmackvoll gebauten Emporbhnen und Schaugerste, von welchen der Kaiser mit
feines Reichs Frsten, die Vter des Conciliums, und die Blumen der Gesellschaft
und Volksversammlung, die reizenden Frauen, den Spielen zusehen sollten. Des
Kaisers Tribune, von goldnem Stck gleich wie ein Feldherrnzelt erbaut,
berragte mit ihrem Silberdach, umwallt von wehende Reiherbschen und
Federstruen, alle Nachbarbhnen, von deren Gelnder prachtvolle Sammetdecken
mit Wappen, Sinnsprchen und Thierbildern berst, zu den Schranken hinabhingen.
Die nieder gelegenen Sitze der Kampfrichter und Bankspender, die
Trompetergnglein in jeder Ecke des Platzes, die kleinen Htten der Kreiswrtel
und Stechknechte sogar, schlossen sich wrdig durch ihr glnzend einfaches ure
an die Pltze der vornehmern Leute. Jeder Eingang zu dem Platze, jede Treppe zu
den Bhnen wurde von Trabanten des Herzogs bewacht, theils zu Fu, auf ihren
Partisanen lehnend, theils zu Ro, im Silberkra, den Morgenstern an die Faust
geknpft. Die Turniervgte faen bereits mit ihren Stben hinter den vor ihren
Schirmdchern aufgepflanzten Hellebarden. Die Rennknechte in ihren glatt
anliegenden Lederkleidern und Kappen, das Strickmesser am Grtel hngend, hatten
schon die Seile gespannt, und sich dabei gelagert. Am Fue der, zu den Sthlen
der Kampfrichter fhrenden Stufen hielt in glnzender Rstung und buntem
Wappenscapulier, der Turnierherold, umgeben von seinen Dienern, die rings an den
Brstungen-Schrauben die Schilde der turnierlustigen Herren aufzuhngen
beschftigt waren, so wie diese nach und nach herbeigebracht wurden. Die
Fechtpreie, in silbernen und goldnen Kleinodien, kostbarem Stechgezeug,
auserlesenen Waffen und Tigerfellen bestehend, waren in einem eigens dazu
bestimmten Raume prahlend ausgestellt. Auch die Spielleute waren schon an ihren
angewiesenen Stellen, und so oft ein neues Wappenschild feierlich herzugetragen
wurde, um geprft und neben den brigen aufgehngt zu werden, ertnte, von
Pauken, Trompeten und Zinken geweckt, ein frhlicher Turnierruf. Zu all dieser
Pracht, die ein noch herrlicheres Schauspiel verhie, hatte der Himmel den
klarsten Tag geschenkt, der sich nur je im Bodensee gespiegelt. Die Sonne, warm
und lieblich strahlend, streute ihr Gold freigebig auf Land und Fluth, und blau
hatte sich Himmel, See und Gebirgsferne geschmckt. Lustig und leicht tanzten
die schwankenden Khne, angefllt von schaulustigen Leuten, vom jenseitigen Ufer
herber, die Straen rings um die Stadt waren bedeckt mit herzueilenden Rossen
und Fugngern, und vom frhen Morgen an lebten die Gassen der Stadt. Whrend
jedoch Tausende von Gaffern die Schranken des Rennplatzes summend und
durcheinander wimmelnd umgaben, und in den gedrngt vollen Schenkhusern hufig
die Gesundheit des prachtliebenden Herzogs ausgebracht wurde, war Er - der Geber
all dieser Festlichkeit und Freude - daheim, mimuthig in sein innerstes Gemach
zurckgezogen, wo er bald unruhig auf- und niederging, bald eine Last von
Schriften der Flamme seines Kamins opferte, bald mit heimlichem Lachen ein
Schnippchen in die freie Luft schlug, mit dem Finger vor sich hindrohte, und
sein Tyroler Liedlein jodelte, mit dem klirrenden Sporn den Takt dazu tretend.
Er konnte auch wohl unmglich zu einer ebenen Stimmung gelangen, denn der
Geschfte hatte er nebenbei viele. Jetzt war es der Stallmeister, der seine
Befehle einholte, dann der Haushofmeister, welcher wegen der zu reichenden
Erfrischungen, und der dem Volke zugedachten Spenden sich Raths erholen mochte,
hierauf der Turniermarschall, der neuen Geldvorraths bedurfte, und zu diesem
Endzwecke eine Weisung des Herzogs an den Schatzmeister verlangte; zuletzt war
es der Seckelmeister selbst, der sich neuen Zuflu aus dein Beutel Seiner
frstlichen Gnaden erbat. Alle diese dringenden Mahner und Bittsteller
befriedigte der Frst auch mit gemessenen Befehlen und freigebig ausstreuender
Hand. War ein solcher Besuch jedoch abgefertigt, so ging wieder dasselbe
unruhige Getreibe und Gewerbe los, das den Herzog heute nicht verlie. So eben
hatte er einen geistlichen Herrn im violetten, roth verbrmten Habit zur Thre
begleitet, und ihm die Worte nachgerufen: Sagt Euerm Gebieter, er mchte die
Vesperglocke eben so wenig vergessen, als ich mein Wort je verga. Mit einem
Worte: sagt ihm, ich sey ein Habsburger, und damit genug! Der Geistliche ging,
und der Herzog begann wieder seine Gebirgsweise zu singen, als ein neuer Gast
von dem wachhabendem Edeljunker in das Gemach gelassen wurde. Sieh da!
Dagobert! rief Friedrich, angenehm berrascht: Du lssest Dich lange erwarten,
ehrliche Seele! - Aber, Jesus Christus! steckt Ihr wieder in der verwnschten
schwarzen Kutte? So kann ich Euch heute nicht brauchen. - Der Erzbischof hat
mir heute durch meinen Ohm andeuten lassen, ich solle mich nimmer unterstehen,
in weltlicher Kleidung mich sehen zu lassen, und berhaupt mich fertig zu
machen, nach Verlauf von Zehn Tagen nach Cesena in's Kloster zu wandern;
erwiederte Dagobert achselzuckend. - So? fuhr Friedrich fort: Die Herren
eilen, aus dem freudigen Waldfinken eine schmutzige Eule zu formen. Und Eure
Fahrt gen Frankfurt? - Ich will sie morgen antreten, befiehlt man mir;
antwortete Dagobert: binnen neun Tagen mu ich jedoch zurck und nach
Wlschland reisefertig seyn. - Hm! brummte der Herzog lchelnd: Nicht bel
berechnet. Ich sage Euch jedoch, Ihr geht morgen eben so wenig schon nach
Frankfurt, als berhaupt in's Bartholomistift. Ich habe Euch heute vonnthen,
und ein wackrer Altbrgerssohn zieht hoffentlich sein Wort nicht zurck. -
Wahrlich nein! entgegnete Dagobert lebhaft: Ich scheere mich den Teufel um
alle Erzbischfe, wenn Ihr mich eines Auftrags wrdig haltet, gndigster Herr.
- Das dachte ich mir! versetzte Friedrich mit wohlwollender Geberde: Heute
soll's aber nicht heien: das Brevier gebetet; sondern: die Stiefel geschmiert,
die Sporen gewetzt, in die Handschuhe gefahren, den Degen umgeschnallt! - In
Gottesnamen! stimmte Dagobert heiter ein: Das ist meine Lust. Sagt an,
gndiger Herzog! was soll ich fr Euch thun? - Das ist bald gesagt, mein
Geselle; begann Friedrich mit gedmpfter Stimme, und winkte dem Aufmerksamen
von der Thre weg; mehr in seine Nhe: mir liegt daran, einen Mann, an den mich
mancherlei Verbindlichkeiten fesseln, unversehrt aus einer dringenden Gefahr zu
bringen, die, verwirklichte sie sich, mir sogar Unehre zufgen wrde. Euch ist
gleichgltig, ob dieser Mann schuldig oder unschuldig in Gefahr gerathen, denn
ich hoffe, Ihr nehmt fr ihn meine Brgschaft an. - Auf Euer Gehei rette ich
einen Vatermrder vom Scheiterhaufen; betheuerte Dagobert; wie aber ist es zu
vollbringen? - Hrt mir zu; antwortete der Herzog: Ich bedaure, da Ihr kein
Zeuge des heutigen Ritterspiels seyn knnt, vielweniger ein Theilnehmer daran.
Demungeachtet verheie ich Euch einen Prei, kostbarer und ehrenwerther
vielleicht, als jeder von denen, die im Rennen gewonnen werden sollen; meine
Freundschaft, wenn Ihr khn und gescheit vollbringt, warum ich Euch bitte.
Sobald also die Vesperglocke lutet, und alles Volk, dem Turnierplatz
zugestrmt, und Aug und Ohr fr die daselbst zu schauenden Herrlichkeiten hat,
eilt Ihr - meinetwegen in das Rabenkleid gehllt, das Ihr auf dem Leibe tragt,
aber darunter mit Waffen und Rstzeug versehen, zu Ro in meinen Hof. Die
Wchter werden Euch nur gegen das Losungswort: esterreich ber Alles!
einlassen. Unter dem Schuppendache rechter Hand werdet Ihr zwei Mnner finden.
Der Eine, auf einem Maulthiere reitend, ist ein Bekannter von Euch; der Andre
hingegen, auf einem grauen Pferde sitzend, ist derjenige, den es heimlich
fortzubringen gilt. Am Thore gen Schafhausen, zu welchem Ihr Euch mit den
Anbefohlnen zu begeben habt, alle stark, belebten Straen vermeidend, und Euern
Trab frdernd, mgt Ihr Euch von einem Knechte erwarten lassen, der, wo mglich,
ein Fremder seyn mag, und nicht meine Farben tragen darf. Sobald Ihr jedoch
langsam und unbefangen des Thores Bogen durchschritten, gebt Ihr dem Pferde
Sporn und Peitsche zu kosten, und sorgt, da Eure Schutzbefohlnen nicht hinter
Euch bleiben. Ich thue Euch im Voraus kund, da Ihr mit zwei schlechten Reitern
zu schaffen habt; darum wird es gut seyn, wenn Ihr des Graurosses Zgel
ergreift, und der Knecht des Maulthiers sich annimmt; denn so schnell als die
Pferde laufen und die Reiter es ausdauern, mt Ihr Schafhausen erreichen,
woselbst Euch das Weitere berichtet, und die Erlaubni zur Rckkehr ertheilt
werden wird. Ihr seht, die Sache ist nicht verwickelt. Den Mann binde ich Euch
indessen auf die Seele. Sollten Hindernisse sich auf dem Wege finden - treibt
sie ab mit Gewalt oder List; nur bringt unsern Mann sicher und wohlbehalten an
Ort und Stelle. Nun wit Ihr Bescheid, und mgt ohne falsche Scham diesen Beutel
annehmen, der kein Lohn seyn soll. Aber Gold ebnet Berge, schlgt Brcken, und
hat schon oft aus drohender Feindeswuth errettet.
    Sich verneigend nahm Dagobert das Dargebotne, und sprach: So sey es denn,
gndigster Herr. Ich hab Euch's zugesagt, und eher will ich sterben, als, den
Ihr meinem Schirm vertraut, in Gefahr umkommen lassen. - Wohl gesprochen!
antwortete Friedrich: Der Himmel fge es indessen zum Guten. Ich erwartete
indessen keinen andern Bescheid von dem jungen Wagehals, der den Bhmen zu
befreien dachte. - Dagobert stutzte. Der Herzog lchelte aber, drohte ihm mit
dem Finger, und sagte: Lat's gut seyn, mein Geselle. Das Pfaffenvolk mochtet
Ihr hintergehen; ich htte aber bei meinem Herzogshute geschworen auf Eure
Mitwissenschaft. Gott gebe Euch heut ein besser Glck.
    Indem platzte die Schnur, die des Herzogs Hermelinmantel zusammenhielt, und
das kostbare Kleidungsstck sank zur Erde. Ein bses Omen! scherzte Friedrich,
sich nach dem Entfallnen umsehend. Ein andrer als ich, wrde ble
Vorbedeutungen aus diesem Zufall ziehen. Nicht wahr, Dagobert? Kommt, helft mir
die Prunkdecke wieder auflegen, wackrer Gesell. Eure Hnde sind ja dem Altare
verlobt; vielleicht bannt ihre Auflegung das prophezeite Migeschick. - Whrend
Dagobert nun sorgfltig die Schnur wieder in einen knstlichen Knoten schlang,
und unter einer Spange den Schaden verbarg, betrachtete sich der Herzog
kopfschttelnd und spttischen Angesichts. Wahrhaftig! begann er: je mehr ich
mich beschaue und beugle, je mehr mchte ich mich einem edlen Thiere
vergleichen, das man mit Tand und glnzendem Zeug schmckt, damit es vor dem
Gebieter seine eingepeitschten Fertigkeiten und Knste zur Schau lege. Jesus
Christus! und vor welchem Gebieter! Vor einem Ltzelburger, der nicht besser
ist, als seine ehrbedrftigen Vorfahren! Doch nur Geduld! Das Scharwenzeln und
Hfeln und Bcken wird bald ein Ende haben, sammt der freigebigen Gastlichkeit,
die mir, einem Sigmund gegenber, Ernst ist, wie meinem Waldmann das
Aufrechtgehen. - So, mein guter Dagobert, seyd bedankt. Das war wohl der erste
Frstenmantel, den Eure Hand berhrte und meisterte? Die kaiserliche Majestt
mchte sich auch mit diesem Handwerk abgeben, aber, so geduldig auch der Mantel
seyn mag - der Frst steckt nicht im Pelz. - Wahrlich! Ihr bedrft des uern
Prunks nicht; versicherte Dagobert. - Ich wei das; entgegnete Friedrich mit
Selbstgefhl: und in meinem Bauernlande, wie es Sigmund nennt, trage ich auch
nicht mein Herzogthum am Leibe, wie Er die Fetzen des rmischen Reichs. Ha! Ihr
solltet nach Tyrol gerathen! Jesus Christus! das Herz im Leibe wrde Euch
lachen. Ist zwar nur ein Bauernrock, mein Tyrol, aber ein feiner, warmer Rock,
der vor Unwetter schtzt, und den Flitterprunk entbehrlich macht, den ich hier
wie ein Gaukler fr geringes Schildgeld zur Schau tragen mu. Das wei
kaiserliche Majestt; darum hat sie mich auch, aber, bei des ersten Habsburgers
Gebeinen! so wenig Sigmund meines Insprucks vergit, so wenig vergesse ich, was
ich meinen Ahnen, und mir selbst schuldig bin. - Gehabt Euch wohl, biedrer
Altbrger. Das Schicksal kann mir vielleicht in Kurzem die Zhne fletschen, aber
immer werde ich doch noch eine Hand und ein Herz fr die behalten, die ich
liebe. Sigmund war am mchtigsten und grten, als er im Concilium des Papstes
Fe kte, und ihm im Namen der Christenheit fr die - gezwungene - Entsagung
dankte; - ich werde ihm wahrlich nicht nachstehen, sollte ich auch unverdient
unterliegen! -
    Des Herzogs Worte waren bedenkliche Rthsel fr den jungen Mann, allein,
gewhnt, in ihm den trefflichen Mann zu verehren, grbelte Dagobert nicht lange
nach dem dunkeln Sinn, sondern ging, um sich zu seiner Aufgabe vorzubereiten.
Auf der Strae kam ihm Gerhard entgegen, in vollstndigem Fechterzeug, von
vielem Volke umgeben, um sein Wappenschild dem Turnierknige zu berbringen.
Freundlich hielt er bei seinem jungen Freunde, allein dieser merkte bald, da
sogar die Freude ber die bevorstehende Kampfeslust nur schlecht einen
heimlichen rger verbarg, der sich nicht von dem Gesichte des Hlshofners
verdrngen lie. Dagobert fragte nach der Ursache, und Gerhard, der vom Pferde
stieg, und seine Schildtrger allein ziehen lie, zgerte nicht, sie ihm zu
entdecken. Stellt Euch vor; sprach er: der Schuft, mein langer Vollbrecht hat
mir den Dienst aufgesagt. Denkt Euch, der Bursche, der mich seit zehn Jahren
begleitet, wie der Schatten den Krper, hat mir Valet gesagt. Er behauptet, -
der unverschmte Knecht ... er werde mit jedem Tage magrer in meinem Brode.
Abscheuliche Verlumdung! Da habe ich ihn denn ziehen lassen in Gottes Namen,
rgre mich aber dergestalt, da mich eine Katze in den Sand strecken wrde,
falls ich jetzo mit ihr turnieren sollte.
    Nimm mein Bedauern, alter Kmpe; erwiederte Dagobert: ich denke aber,
wenn's zum Treffen kommt, lt Dein Knecht so wenig von Dir, als Du von ihm zu
lassen gedenkst. Es mssen nur erst einige Tage ber dem Zwist vergangen seyn.
La mir den Burschen heute. Ich habe einen Ritt zu thun, der mich bis bermorgen
aussen halten drfte. Vollbrecht soll wohl genhrt werden, whrend dieser Frist,
und ich verspreche Dir im Voraus, da er wieder bei Dir eintritt, wenn Du die
Zusage leisten willst, ihn nicht mehr gar so schmhlich hungern zu lassen, als
bisher. - Von Herzen gern! versicherte der Edelknecht: allein, - wie sagtet
Ihr? Ihr habt einen Ritt vor? heut an diesem Ehren- und Freudentage smmtlicher
Ritterschaft? Wie ist das zu verstehen? - Das heit so viel als: Dich
kmmert's nicht; entgegnete Dagobert. Wo finde ich den Langen? - Im
Maulbeerbaume sitzt er; maulte Gerhard: Ihr seyd aber ein Geheimnikrmer, mit
dem nicht auszukommen ist. Schon gut indessen. Ich hole mir Ruhm und Preie,
whrend Ihr - ich schwr es - auf irgend ein verliebtes Abenteuer zu Dorfe
reitet, und am Ende mit zerblutem Rcken heimkehrt.
    Sie trennten sich, und Dagobert ging nach dem bezeichneten Hause. Wer
indessen Fe hatte zu laufen, und Ellenbogen, sich in dem Gedrnge Platz zu
machen, strmte dem Turnierplatze zu. Die Mittagsstunde kam und ging. Die Sonne
schien hei auf die Scheitel der gaffenden Menge, aber unbeweglich wie eine
Mauer hielt das Volk den Platz besetzt. Die Fenster und Erker und Sller der
umliegenden Huser fllten sich mit Neugierigen, die Giebelzacken und Dachrcken
trugen unzhlige von kecken, schwindelfreien Gesellen, die, gleichsam in freier
Luft schwebend, sich etwas darauf einbildeten, hher zu sitzen als der Kaiser
selbst. Nach und nach wurde allenthalben der Raum enger, denn die zum Kampf
gemeldeten und schildfhigen Ritter und Edle kamen langsam zu Rosse angerckt,
umgeben von reisigen Wappnern mit Fhnleintrgern und Trompetenblsern. In
doppelter und dreifacher Reihe schaarten sie sich um die noch verschlossenen
Schranken der Stechbahn. Zugweise kamen nun auch die anmuthig und kstlich
geschmckten Frauen herbei, und bildeten den schnsten Kranz auf den berfllten
Emporbhnen. Die vornehmen Wrdentrger der Kirche, die, adelicher Geburt und
selbst unter Inful und Cardinalshut weltlicher Ritterlust nicht entsagend, den
Abscheu nicht theilten, mit welchem die Geistlichkeit niedren Ranges die
Kampfspiele betrachtete, nahmen die fr sie bestimmten Bnke ein, und musterten
lchelnd, in fremder wie einheimischer Zunge scherzend, das schne, berzhlig
anwesende Geschlecht. Noch war die Bahn leer, noch lagen die Fallbume und
Gitter im Schlo; da eilten geschftig die Kampfrichter herbei, begaben sich
durch das engste Pfrtlein in den Rennkreis, bestiegen ihre Sthle, und winkten
den Turniervgten zur Ordnung, den Spielleuten zur Pflicht. Von den Sllern der
Letztern ertnte ein vollstimmiger andauernder Jubel, und festlich prangende
Klnge. Denn der Kaiser langte so eben, von dem leuchtenden Geschwader prchtig
gersteter Frsten und Herren umringt, auf dem Platze an. Sein lenksamer
Schimmel, bunt verziert mit Strauen- etc. Federn und Goldbndern tanzte stolz
daher, indessen neben ihm der schwarze Hengst des Herzogs von sterreich-Tyrol
seinen schweren gewichtigen Schritt hielt. Der Herr der Pfalz und Baierns Frst
ritten dicht hinter Friedrich, welcher, den Wirthspflichten getreu, schnell an
der Treppe, die zu des Kaisers Stuhl fhrte, absprang, mit der linken Hand eine
Geberde machte, als berhre er den Steigbgel, und mit der Rechten dem
absteigenden Sigmund die ussersten Fingerspitzen zur Hlfe darreichte, die aber
auch von dem Knig nicht angenommen wurden. Hierauf begngte sich Friedrich mit
der Hand nach der Treppe zu weisen, und dem dahingehenden Sigmund noch einmal
seinen Arm als Sttze anzubieten, der aber ebenfalls versagt wurde. Ein lautes
Lebehoch und Trompetengeschmetter empfieng die Frsten, da sie in dem goldnen
Zelte angelangt waren, und Sigmund lie sich huldvoll nickend, am Rande der
Brstung auf den Brokatsessel nieder. Die Frsten im Kreise um ihn her,
Friedrich zu seiner Linken. Alle noch freien Pltze waren in einem Nu von den
Rittern und Edelknechten, Hofjunkern und Dienstmannen der Gewaltigen
eingenommen, und auf ein mit einem weien Tuche vom Herzog Friedrich gegebnes
Zeichen, sprangen Schlagbume und Pforten auf, und unter dem Getne aller
Instrumente ritten die bezeichneten Kmpfer in geschlossenen Gliedern ein, auf
den Platz, und zogen innerhalb den Schranken rund um denselben, die Paniere
schwingend, die Lanzen neigend, und ihre Rosse in stolzem Schritte haltend.
Hierauf wurden sie in Rotten abgetheilt, nach eigner Willkr und der Anordnung
der Kampfltesten. Die Reihenfolge der Renn- und Fukmpfe wurde bestimmt; des
Knigs Friede und Bann nach allen vier Winden von dem Herolde und seinen Helfern
ausgerufen, und die Seile wieder straff gezogen vor den gewappneten Haufen, die
mit einem Gesammtstechen das Turnier erffnen sollten. Die Spielleute
trommeteten und paukten; die Grieswrtel schlugen an die Lanzen, die Stricke
fielen, und losbrach der Kampf, nach dem sich Ritter und Knecht, Edle und
Geringe mit gleicher Lust gesehnt hatten.
    Whrend nun die Vesperglocke vergebens ihre hellen Klnge in die Luft
sandte, um die Zuschauer von dem Turniere weg zur Kirche zu locken, das
Rittergefecht ein glnzendes Ende nahm, und nun zum Rennen eingeritten wurde,
pochte Dagobert an die wohlverschlossene Pforte des herzoglichen Hofs.
esterreich ber Alles! gab er dem fragenden Wchter zur Antwort, und erhielt
Einla. Der mrrische Thorwart deutete, da er seiner ansichtig wurde, auf das
vorspringende Vordach der Stallung, und Dagobert gewahrte daselbst schon der auf
ihn harrenden Begleiter. Der Herzog hatte dieselben ganz genau geschildert, und
mit leichter Mhe erkannte der Jngling in dem Einen den Juden Ben David, seiner
Esther Vater, der, auf einem Maulthiere hngend, still vor sich hinsah, und wie
es schien, ein Gebet murmelte. War aber schon der Jude wunderlich anzusehen auf
dem langohrigen Thiere, so war es doppelt sein Nachbar, der, mehrere Schritte
von ihm entfernt, des grauen Rosses Zgel um den Arm geschlungen hielt, und
ngstlich bald auf das Pferd, bald auf den vermuthlich nicht angenehmen Nachbar
schielte, bald endlich die Augen gen Himmel drehte, und ebenfalls das uere
eines Beters annahm. Der lange hagre Mann steckte in einem geringen Gewande, wie
es ein unbemittelter Edelmann allenfalls seinen leibeignen Knechten zu geben
pflegt. Ein halb gebtes Auge mute zugleich wahrnehmen, da er nicht
einheimisch in diesem Kleide war. Die Last der Reitstiefel zog die Knie
hernieder; der Koller von Bffelleder hielt Backen und Kinn in unbequemer
Steifheit; die Handschuhe waren zu weit, wie der Grtel, an dem, zurckgeschoben
wie ein unntz und ungewohnt Gerth, ein kurzes Schwert hing. Dasjenige aber,
was das grte Widerspiel zu dem reisigen Gewande bildete, war des Mannes
Gesicht, das aus dem fingerbreiten Halsstreif dunkelbraun heraussah, wie der
Kopf eines Mauren. Die groen Augen, deren Weies grell gegen die Olivenfarbe
abstach, wechselten ungemein schnell mit ihrem Ausdrucke. Jetzt lauerten sie
furchtsam nach der Seite, dann wurden sie ernst und dster nachsinnend; darauf
nahmen sie sogar eine Art von Hoheit an, die mit dem brigen nicht zusammen zu
reimen war. Die Augenbraunen waren dick und schwarz, keine Spur von Backen- oder
Kinnbart war vorhanden; die Haare versteckte eine schwarze Mtze, die beinahe
ber die Ohren herabgezogen war, und auf dieser Mtze sa eine graue Filzkappe,
an welcher ein drftiges Federbschlein schwankte. Dagobert konnte sich eines
leichten Schmunzelns nicht vllig erwehren, da er seine auserlesene
Reisegesellschaft in Augenschein nahm, und erwiederte obenhin den unterwrfigen
Gru Ben Davids. - Nun, mein Freund, wendete er sich zu dem Fremden: sind wir
bereit, abzureiten? Ich dchte, es wre Zeit. - Es ist doch wahrlich Zeit;
fiel der Jude mit einem besorglichen Seitenblick auf den Verkappten ein: lat
uns eilen, gestrenger junger Herr, dieweil die Straen noch sind leer. - Der
Fremde warf einen verdrielichen Blick auf den Plaudrer, nickte dem jungen
Geleitsmann zu, und machte Miene zu Ro zu steigen. Ei, ei, lieber Herr, wie
geberdet Ihr Euch doch? fragte Dagobert halb mitleidig, halb unwillig, da aller
Hlfe ungeachtet das Aufsteigen nicht gelingen wollte: Der mag's bei Gott
verantworten, der Euch zum reisigen Manne stempelte. Ein Glck, da des Herzogs
Leute alle ferne sind, und der Thorwart seine Augen auf seinen brummigen
Lieblingskater gerichtet hat, Ihr wrdet ansonst wohl schwerlich dem
Spottgelchter entgehen. - Parva sustine patientia, mi fili! gab ihm hierauf
der Mann zur Antwort, und kletterte vollends, so zu sagen, ber die Schultern
Dagobert's in den Sattel des Grauschimmels, auf welchem er sich mit aufgezognen
Beinen und in die Mhnen des Pferds verwickelter Rechten nichts weniger als
reiterlich ausnahm. - Dagobert staunte den Lateiner eine Weile an, und schwang
sich dann wieder auf den eignen Gaul, das Zeichen zum Ausritt gebend. Der
Thorwart ffnete die Sperrflgel, und das Dreiblatt klepperte, ohne ein Wort zu
verlieren, durch die engsten und winkeligsten Gassen der Stadt - in welchen das
Sonnenlicht so selten war, als ein Menschengesicht - dem Schafhauser Thore zu.
Hatte Dagobert schon beim Aufsteigen seines Schutzbefohlnen Sorge und Angst
gehabt, so wurde sie noch grer, da er wahrnahm, wie der Fremde so gut als gar
nichts vom Reiten verstand, beim geringsten Trab oder Stolpertritt des Gauls
hoch im Sattel aufflog, wieder niederhutschte, zusammengekrmmt wie ein
tauchender Nir, und den Zgel schier fahren lassend, sein einzig Hort in dem
krampfhaft umklammerten Sattelknopf suchte. Der Maulthierreiter, so vertrackt er
auch sich ausnahm, war ein Turnier- und Kunstreiter gegen den Unbekannten, den
Dagobert endlich vor sich hertraben lie, um bei einem vorkommenden Unfall bei
der Hand zu seyn. - Sage mir doch, Ben David, flsterte er dem Juden zu: da
ihr Juden doch alles besser wit, als unsereins, wolltest Du mir nicht
vertrauen, wer unser Begleiter ist? - Ein schlechter Knecht, der nicht kennt
seinen Hauptmann; erwiederte Ben David lchelnd: ich spreche nicht hier von
mir, sondern von Euch, gestrenger Junker. Ihr seyd getreten oder wollet treten
in den Stamm der Cohenim, und kennt nicht dessen Obersten? Ihr wollet weiden die
Schafe, und kennt nicht den Hirten, der Euch weidet? - Ich will ein Schaf
seyn, wenn ich Dich verstehe; versetzte Dagobert wie oben: Jude, Du bist
verrckt. - Mit nichten; antwortete Ben David; aber werden knnte man's, so
man bedenkt, da das Oberhaupt der Christenheit gezwungen ist, davon zu reiten
seinen Feinden, vermummt als ein Knecht, und im Geleite eines schlechten Juden.
- Herrgott! seufzte Dagobert erschrocken: sagst Du die Wahrheit? - So ich
die Wahrheit gesehen habe, habe ich sie gesagt; entgegnete Ben David: vertraut
hat man mir sie nicht, aber ich habe einen scharfen Blick und will verkrummen,
wenn ich plaudre, was ich gesehen. - Das rathet Dir auch der Himmel! drohte
ihm Dagobert, und ergriff schnell herbeieilend den Zgel des Graurosses, das so
eben von dem erreichten Thore ab, in eine Seitenstrae lenken wollte. Hier
hinaus, Landsmann! rief er, und wollte zwischen den mig an dem Stadtthore
umherlungernden Soldknechten hindurch, als eine Stimme unfern von ihnen ein
lautes: Haltet auf! haltet auf! vernehmen lie, und die Wchter auf diesen Ruf
den Gulen ihre Partisanen vorhielten. Dagobert hatte genug zu thun, den
erblassenden und im Sattel schwankenden Flchtling, auf eine gute, nicht
allzubemerkbare Weise aufrecht zu erhalten, und mute darum schon die Verfolger
ungehindert herankommen lassen. Am unbefangensten, weil er seiner Gesichtszge
am meisten Herr zu seyn wute, drehte sich Ben David nach den beiden Mnnern um,
die Haltauf gerufen hatten, und in welchen nicht der Stadtschreiber von
Frankfurt, noch viel weniger der Rathsweibel von Costnitz, in die Farben der
Stadt gekleidet, zu verkennen waren. Es geschieht indessen wohl fter, da der
launische Geist, der sogern die Handlungen der Sterblichen strt, an dem
Schuldbewuten Unheilahnenden vorbergeht, und nach dem Sorglosen
Unvorbereiteten greift, um ihn in das zermalmende Rderwerk seines schwarzen
Spucks zu ziehen. Also erging es auch in vorliegenden Umstnden dem Vater der
holden Esther. Was wollen die gestrengen Herren? fragte er mit jener
einschmeichelnden Freundlichkeit, die seine Nation so willfhrig annimmt, um den
Zorn des Gegners vor dem Ausbruche zu entwaffnen; aber unfreundlich lautete die
Antwort aus des Stadtschreibers Munde: Dich selbst, Jude! - Ben David
verstummte erbleichend. Wie so? warum? rief Dagobert dazwischen. - Das
kmmert Euch nicht, junger Herr! erwiederte der Stadtschreiber: Der Jude
gehrt dem wohlweisen Rathe zu Frankfurt, und ihn zu verhaften, brachte ich die
Weisung mit. Heute erst fand ich des Burschen Schliche, und grmte mich ba, ihn
ausgeflogen zu wissen, als ich zum Glck seiner jetzt noch zu guter Zeit
ansichtig wurde. Euch bringt es aber wenig Ehre, Junker, mit solchen Gelichter
in die Welt zu reiten. - Hab' ich denn verstanden recht? fragte Ben David
kleinlaut: Verhaften wollt ihr mich? - Ich scherze nie; versicherte Meister
Heinrich: Steig ab, und folge diesem Manne in den Thurm. - Hab' ich doch
nichts verbrochen! seufzte der Jude: Lat mich ledig, bt Barmherzigkeit! -
Steig ab, wiederholte der Stadtschreiber strenger, oder ich lasse Dich von
der Mhre werfen, und geknebelt von dannen bringen. - O mein Herr Gott in
Israel! chzte Ben David, in hchster Bestrzung vom Maulthier gleitend: Werde
ich gefhrt zu meiner Tochter? - Nein! uerte der Stadtschreiber mit Hrte:
Wirst sie wohl nimmer zu sehen bekommen; denn morgen mit dem Frhsten geht's
mit Dir nach Frankfurt; und dann gute Nacht! -
    Ben David entsetzte sich, da seine Kniee wankten. Der Reiter des
Grauschimmels, der indessen ein Gegenstand der Witzeleien der Thorwchter
geworden war, zupfte Dagobert dringend am rmel. Dieser kehrte sich aber nicht
daran, sondern fragte herrisch, da ihm Esthers Vater nicht so gleichgltig war,
als der Jude: Noch einmal! was hat der Mann verbrochen? - Reitet Ihr Eurer
Wege sammt Eurem wunderlichen Dienstmann! antwortete der Stadtschreiber nicht
minder herrisch: Was kmmert den Pfaffen der Ebrer? Fort mit dem Juden!

    Werd' ich auch nicht drfen Abschied nehmen von dem guten jungen Herrn, der
sich meiner annimmt, wie ein Freund? sprach Ben David unterthnig zu dem rauhen
Gerichtsherrn. - Meinthalben, wenn sich der Junker nicht schmt, von Dir Freund
geschmht zu werden; meinte der Stadtschreiber: Mach's indessen kurz.

    Da nherte sich Ben David rasch dem jungen Manne, ergriff seine Hand,
schttelte sie bewegt, und rief: Der Herr Israels, der da ist der hochgelobte
Gott der Welt, segne Euern Ausgang, und streue Palmen auf Euern Heimweg! - Bei
dem Haupte Eures Vaters beschwre ich Euch, setzte er leise hinzu: das
Pergament, so ich hier in Euern Stiefel gleiten lasse, meinem Kinde zu bergeben
- entweder das Geschrift, oder das darin benamste Geld, das ich erheben sollte
zu Schafhausen. Der Frst der Barmherzigkeit wird Euch dafr segnen in der
Stunde des Scheidens. Sagt meiner Esther, sie mge ..... - Verdammter
Mauschel! donnerte der Stadtschreiber, und ri den Juden von Dagobert hinweg:
Was hast Du Heimliches von? Macht Junker, da Ihr Eurer Wege zieht, sonst mu
ich mich auch Eurer Person versichern! - Festina, carissime fili! raunte dem
jungen Manne sein Schutzbefohlner zu, und mit einem zusagenden Kopfnicken gegen
den ngstlich in seinen Augen lesenden Ben David, mit einem verchtlichen
Achselzucken gegen den Meister Heinrich und seinen Schergen - zugleich aber mit
einem krftigen: In Gottesnamen! lie Dagobert seinen Gaul ber die Spiee der
Sldner wegsetzen, ri seinen Begleiter nach sich, und befand sich sammt ihm
bald an der Linde des Kreuzwegs, wo der lange Vollbrecht sich in der Sonne
dehnte. - Holla! auf! du fauler Gesell! rief er dem Knechte zu: Zu Gaule!
und Ihr, mein wrdiger, unbekannter Herr, fgte er gegen den Verkappten bei, -
Ihr erlaubt es wohl, da wir Beide Euer Pferd in die Mitte nehmen, und mit Euch
ausziehen, was das Zeug halten mag, denn nun kommt mir's selbst vor, als ob es
gerathen wre, Euch mglichst schnell von dannen zu schaffen - Der Befragte,
fr welchen schon der kurze Ritt durch die Stadt eine Hllenqual gewesen war,
gab wehmthig seufzend, und der Nothwendigkeit gehorchend, seine Zustimmung zu
des jungen Mannes Vorschlag, und Himmel und Erde vergingen vor seinen Blicken,
als Dagobert und Vollbrecht ihren Gaulen die Sporen gaben und mit dem Dritten
Reiaus nahmen, als gelte es, vor Abend noch der Welt Ende zu erreichen.
    Ohne Gefahr verlief ferner die Reise. ber Heerstrae, Strom und einsamen
Pfad geleitete die Fliehenden das Glck. Aber erst, als sie bei dunkler Nacht
Schafhausen erreicht hatten, und bei des Herzogs Vogt dem oberherrlichen Befehl
gem, wohl aufgenommen worden waren, senkte Dagobert im einsamen Zimmer vor dem
erhabnen Flchtling das Knie zur Erde, um den Worten: heiliger Vater! Ihr seyd
in Sicherheit. Wie der Herzog sein Frstenwort gegen Euch gelst, also hab' ich
meine Zusage gegen ihn erfllt. Ich danke Gott dafr, und bitte um Euern Segen
zur Rckkehr. - Der Papst, obgleich zum Tode ermdet von der ungewohnten
Anstrengung, legte nicht ohne ein Gefhl der Rhrung seine Hnde auf den Kopf
des erwhlten Rstzeuges. - Unsern Dank, und des Himmels Segen nimm hin fr
Deine wohl gelungne That! sprach er feierlich: Zugleich aber empfange von
unsrer Huld ein Geschenk, das auch in der Zeitlichkeit Werth haben mag. Als uns
der Herzog von Deinem Beistande in Kenntni setzte, unterrichtete er uns
ebenfalls, da ein Gelbde der Mutter Euch zum Dienst der Kirche verpflichte,
welchem jedoch Euer Sinn, der nach Thaten und Weltruhm strebt, nicht hold sey.
In Betracht, da dem Herrn nur die Herzen wohlgefallen, die freiwillig seinem
Dienste sich weihen, - da Euerm Ohm, der sich von unsrer Seite losgesagt,
vollends nicht zustehe, dem Herrn einen unwillkommnen und gezwungnen Diener
zuzufhren, - so wie in Betracht Deiner Bereitwilligkeit, uns gefllig zu seyn,
- haben wir dem Herzog versprochen, Deines Gelbdes Bande zu lsen, und lsen
sie wirklich hiemit im Namen der Dreieinigkeit und der von Gott uns Unwrdigsten
anvertrauten Macht. Morgen soll das Breve Dir ausgefertigt werden, zu Deiner
Beruhigung und zum Gedchtni unsrer dankbaren Huld.
    Die rauhe Stimme des erschpften Oberhirten klang wie Musik der Engelein in
Dagobert's Ohr, und sprachlos kte er des Befreiers Hnde und Kleid. Der Papst
winkte ihm jedoch aufzustehen, und warf sich in den Lehnsessel, um mit so viel
Wrde, als es die freilich sehr unvortheilhaften Umgebungen erlaubten, die Schar
der geistlichen und herzoglichen Beamten Schafhausens zu empfangen, die, so eben
von der Ankunft des hchsten und unvermuthetsten alle Gste unterrichtet, noch
in spter Nacht dem Haupte der Kirche und dem Freunde ihres Landesherrn die
schuldige Huldigung darzubringen kamen.

                              Sechzehntes Kapitel.


 Frischen Muth,
 Junges Blut!
 Ziehe nach der Heimath Land
 An der schnsten Frauen Hand!
                                                                           Lied.

Die Flucht Johann's XXIII., die noch am selben Tage, wo sie Statt hatte,
ruchtbar wurde, hatte einen unbeschreiblichen Eindruck auf Frsten, Pfaffheit
und Volk gemacht, und das prchtige Turnier, das Herzog Friedrich zum Deckmantel
seines Vorhabens gebraucht hatte, auf eine rgerliche Weise gestrt und zu Ende
gebracht. Eben so wenig, als die Sache selbst, konnte des Herzogs Mitwirkung
lange ein Geheimni bleiben. Friedrich mhte sich auch keineswegs, seine That zu
lugnen, und berief sich khn auf das sichre Geleit, das er, nebst andern
Herren, dem Papst zugesagt, auf die Gefahr, in welcher Johann geschwebt hatte,
durch des Kaisers Hinterlist und des Conciliums Feindseligkeit Tiare und
Freiheit zu verlieren; auf die Pflicht, die ihm, dem Herzog, daraus erwachsen,
solche Willkr nicht zu dulden; und endlich auf die dem Frsten wie dem
schlechten Edelmann heiligen Turnierartikel, die den Schutz der Unterdrckten
dem adelichen Manne auf das Gewissen binden. Sothane Ritterlichkeit, freudig und
zuversichtlich, ohne Furcht und Reue offen an den Tag gelegt, sollte, nach des
Herzogs Berechnung, die wirksamsten Folgen fr des Papstes Lache haben, - ein
schneidendes Gegenstck zu Sigmund's gegen Hu bewienen Wortbrchigkeit
liefern, - alle weltlichen Stnde auf die Seite des Herzogs bringen, und der
groen Anzahl derjenigen Geistlichen, die nur aus Scheu und Furchtsamkeit Partei
wider Johannes genommen hatten, neuen Muth, Selbststndigkeit und einen festen
Anhalt geben. - Von diesem Allen geschah indessen nicht das Geringste.
Friedrichs Biederkeit und Treue scheiterte an dem Bunde seiner Gegner, wie ein
die offne See befahrendes Schiff an dem verborgnen Felsenriff zerschellt. Der
Herzog hatte Recht gehabt, als er sagte: Sigmund war nie mchtiger, als in dem
Augenblicke, wo er, ein demthiger Knecht, des Papstes Fe kte, und ihm
knieend im Namen der Christenheit fr seine Nachgiebigkeit dankte. Diese
Nachgiebigkeit eben, - ein Schlangenmittel falscher Staatskunst, von Friedrich
mibilligt, hatte Alles verdorben. Wer den Treubruch eines Andern ahnden will,
mu nicht selbst zum Doppelzngler werden. Dem zufolge kettete sich Kaiser und
Concilium fest aneinander. Otto Colonna, ein Frst der Kirche, ehrgeizig und
durchgreifend, wie nur je ein Bewerber um die hchste Macht, trat an die Spitze
der zrnenden Vter. Offen ging er nun seinem, frher verhehlten, Zwecke
entgegen, und benutzte geschickt die dem Kaiser als Reichsoberhaupt zugefgte
Krnkung, um den Bruch zwischen dem Letztern und seinem Reichsstand dem Herzog
unheilbar zu machen. Whrend das Concilium auf der einen Seite die Blitze
schmiedete, welche den protestirenden Papst unrettbar von dem rmischen Stuhle
schleudern sollten, griff auf der Andern Sigmund nach der schrecklichen Waffe,
die den, oft nur Schattengewalt besitzenden Kaisern Deutschlands zu Gebote
stand, - nach des Reiches Acht. - Wie langsam und zgernd auch diese Strafe
vorbereitet wurde, so fand sich doch kein Talisman sie aufzuhalten.
    Friedrich, verlassen von seinen Freunden, feindselig geschmht von denen,
auf deren Beistand er gebaut, mute knirschend dem verhaten Luxemburger das
Feld rumen, ehe noch das Ungewitter zum vlligen Ausbruch kam. Seinem kleinen
Heere von Rittern, Waffenknechten und Dienern hatte er es zu verdanken, da man
den Vorbereitungen zu seinem Abzuge nichts in den Weg legte. Bittrer Unmuth und
die Scham, seinem Todfeinde zu unterliegen, peinigte ihn, und sprach auch aus
ihm, als am Abend vor seinem Wegzuge Dagobert, von Schafhausen rckkehrend, vor
ihm trat. - Was wollt Ihr hier? fragte er den jungen Mann bekmmert:
Entweicht unter dem Fittich der Nacht, - denn - nicht lange wird's dauern, und
gechtet bin ich, wie Alle, so mir anhngen. Jesus Christus! wer htte das
gedacht? Wahrlich, wahrlich; die Deutschen sinds werth, vor eines Schalksnarren
Zobelpelz zu katzenpuckeln. Pfui! pfui! Ehre, Treue und Redlichkeit sind nur
leerer Tand, und der Falschheit gehrt die Welt. Flieht, mein guter Geselle.
Eure Treue kann ich jetzt mit nichts belohnen, als mit der Warnung: verlat
diese Stadt; man spricht schon hie und da von Eurer Theilnahme an meinem
Verrath, wie sie's nennen. Geht aber auch nicht mit mir; ich habe das Spiel
verloren, und das Unglck vererbt sich leicht auf junges Blut. Wird's wieder
Tag, sollt Ihr von mir hren! -

    Dagobert betroffen ber das Unerwartete, das er hier erfuhr, versicherte dem
Herzog seine Treue, seine Ergebenheit, und den Entschlu, dennoch nicht von
seiner Seite zu weichen.

    Der Herzog schttelte mit entschiedner Verneinung das Haupt. - Ich verbiete
Euch, mir anzuhngen! rief er fast unmuthig: Der Teufel ist in die Zeit
gefahren, und was sonst in deutschen Landen unerhrt war, ist an der
Tagesordnung. Gehts nach Sigmunds Sinn, - und warum sollte es nicht nach ihm
gehen? so bleibt mir in Kurzem kein Pfulb um meinen Kopf darauf zu legen. Wie
knnte ich Euren Bedrfnissen steuern. Geht, geht, wohin des Sohns Pflicht Euch
ruft; gen Frankfurt, und denkt mein an dem Tage, wenn der Pfaffe Euch des
Gelbdes entbindet. - Mein Wohlthter! seufzte Dagobert, Friedrichs Hand
kssend: Euch zu lassen, fllt mir schwer. - Doch ist's vonnthen;
entgegnete der Herzog, sich rasch losmachend, um der eignen Rhrung vorzubeugen:
geht heim, kt den Vater und das Mtterlein, und freut Euch des Lebens. Jesus
Christus! wr' ich noch einmal jung und frei wie Ihr! Mit meinen tyroler
Gemsenschtzen wollte ich ein Schieen anstellen, da dem Mehrer des Reichs die
letzten Haare wackeln sollten. Aber heut zu Tage gilt's der eignen Haut sich
wehren. Geht heim, sage ich, und lernt ritterlich Gewerbe. Wer drein schlagen
kann, und das Herz auf dem rechten Flecke hat, verdirbt nicht in unserm
rauflustigen Vaterlande. Und - weil mir's gerade einfllt - ich will Euch zu
guter Letzt noch Gelegenheit geben, ritterliche Pflicht zu ben. Der arme
Schcher, der Jude, dessen Gold mit zu dem bewuten Turniere helfen mute, und
dessen von mir ausgestellten Brief mein Spitzbube von Rentmeister zu Schafhausen
nicht eingelst hat, wie Ihr mir berichtet, ist nach Frankfurt geschleppt
worden; der Himmel wei, was sie mit der Judenseele zu beginnen denken. Die
Tochter des unglcklichen Menschen hat sich mir zu Fen geworfen, und um meine
Frsprache gefleht. Auf meine Frsprache gibt aber jetzo Niemand das Geringste,
denn - wie gesagt - der Teufel ist in die Zeit gefahren. Ich gab ihr jedoch mein
Wort, sie nach der Heimath bringen zu lassen. Ich habe dabei Eurer gedacht, und
bestelle Euch zu des Mdchens Vogt. -

    Mein gndigster Herr - stammelte Dagobert betroffen und bestrzt.
Friedrich fuhr aber gleichmthig fort: Frchtet Euch nicht. Es ist zwar nur ein
Judendirnlein, aber so fein und zart und lieblich, da es manche Heilige nicht
zrnen wrde, schriebe man ihren Namen unter der Jdin Bild. Schafft die
anmuthige Ketzerin nach Hause, ehe sie gezwungen wre, Sigmunds Gerechtigkeit
und Ritterlichkeit in Verlegenheit zu setzen. Ihr wit, um welchen Preis die
Majestt Witwen und Waisen zu schtzen, wie sie das zugesicherte Geleit zu
handhaben pflegt. Jagt das Lamm dem Wolf nicht in die Hnde. Bringt es zur
heimathlichen Herde, und gebt der vaterlosen Maid in meinem Namen das heilige
Versprechen, da ich mich meiner Schuld gegen Ben David entbinden werde, sobald
ich den drohenden Sturm berstanden habe. Geht; ich rechne auf meines Auftrags
sichre Vollziehung. Zieht von dannen, ehe es zu spt wird, und - Gott mit Euch.

    Der Herzog drehte sich kurz und rasch auf dem Absatze um, und ging mit
starken Schritten in das Seitenzimmer, das er heftig hinter sich verriegelte.
Dagobert streckte die Arme nach ihm aus, wie nach einem scheidenden
Jugendfreund, und blieb einige Zeit bewegungslos im Gemache stehen. Dann aber
raffte er sich mnnlich zusammen, und floh aus dem Hause, in dem er bisher das
Ideal eines Ritters, wie er sich es dachte, bewundert hatte. - In dem Hause
seines Ohms fand er eine bestrzte und unfreundliche Aufnahme. Des Prlaten
Blicke maen ihn mit gehigem Ausdruck; Fiorillens Augen mit ngstlicher Scheu
und Beklommenheit.
    Was willst Du noch bei mir? fragte der Ohm nicht ohne Heftigkeit: Freude
bringst Du nie. Du kmmst ungeladen wie eine Krankheit, und gehst nur wie sie
von dannen: nachdem Du Schaden angerichtet. - Ihr seyd frchterlich streng in
Euerm Urtheil, antwortete Dagobert: allein - auch eine Krankheit sieht man
gerne Abschied nehmen, und in keiner andern Absicht hab ich's gewagt, Euch in
dieser Zwielichtsstunde zu berfallen. - Fahre wohl; lautete es aus des
Prlaten Munde: ich frage nicht, wohin Du gehst, denn dem Bsen soll man nie
auf die Ferse blicken; auch bist Du seit lngrer Zeit auf geheimen Reisen
begriffen, deren Geheimni .... - Nicht lange geheim bleibt? fiel der Neffe
lchelnd ein: Ihr Herren habt das Vorrecht, Allem auf die Spur zu kommen,
frher als andre ehrliche Leute. Fr diemal geht meine Fahrt zum Vater, und ich
habe gewnscht, - wie es einem biedern Blutsverwandten zukommt, - mich mit Euch
zu letzen, und Euch zu fragen, ob Ihr mich nicht mit einem Brieflein oder
dergleichen zu beauftragen begehrt. Vom Wiedersehen drfte wohl, nicht leicht
mehr die Rede seyn. Die Lust am lieben deutschen Vaterlande hat in mir berhand
genommen. Jenseits der Berge, frchte ich, ist mein Platz nicht, und das
Bartolomistift bei Cesena sogar ..... - Schweig! fuhr der Prlat mit
zornrothem Antlitz auf, und aus dem fleischigen Antlitz brach ein Strahl von
Grimm und gehssiger Tcke, wie ihn Dagobert noch nie gesehen. Fiorilla zerrte,
von dem jungen Manne unbemerkt, warnend an des Prlaten berkleid, und der Sturm
begtigte sich hierauf, mindestens dem uern Anscheine nach. Monsignore zwang
die aufgeregten Gesichtsmuskeln in ihre alte Ordnung zurck, und fuhr mit
gemigtem Tone, in dem jedoch unverkennbar bittrer Spott lag, fort: Du hast
vollkommen Recht, Neffe. Dort findet, sich kein Platz mehr fr Dich, nach dem,
was Du gethan. - Stelle Dich nicht so unbefangen an. Ganz Costnitz wei von
Deinen Rnken. Der Himmel verzeihe es denen, die Dich dazu verleiteten. Der
Himmel verzeihe auch Dir den Nachtheil, den Du Deinen Angehrigen dadurch
bereitet. Herzog Friedrich wird die treuen Dienste doch mit einer fetten Pfrnde
lohnen in seinem Bauernlande? - Ei was, Ohm; erwiederte Dagobert lustig;
Bauern hin, Bauern her! Im Tyrol legen die Hhner Eier, und tragen die Reben
Beeren, wie in Wlschland, und ein altes Sprichwort sagt: Wo's nicht an Hennen
und Zehnten gebricht, da verdirbt auch die Pfaffheit nicht. Die Prbende, die
der Montfort ausbot - Ihr erinnert Euch - konnte ich nicht verdienen. Ich mu
demnach auf Ersatz denken. - Der Prlat antwortete nichts, sondern kaute
wehmthig, und als wie berlegend an den Lippen. -

    Ernstlich indessen; sprach Dagobert weiter: Der Herzog ist mir nichts
schuldig, und ich habe keinen kaiserlichen Gnner, wie Ihr, wrdiger Ohm, der
mir Ring und Stab aus dem rmel schtteln kann, sobald er nur will, zum Lohn fr
eine Nachsicht zu rechter Zeit. - Toller Schwtzer! rief der Prlat, von
Neuem hitzig werdend: Was kmmert mich der Kaiser? Spare Deinen Spott zu
gelegener Stunde. - O weh! entgegnete Dagobert: Was bedeutet dieser Groll?
trug der Winter die Rosen, und bringt der Frhling den Schnee? Hat Liebstckel
schon im Mrz abgeblht? oder haltet Ihr es nimmer mit dem Kaiser, seit Johannes
es wieder mit der freien Luft hlt. -

    Ich mu gestehen, versetzte der Prlat mit einer gewissen arglistigen
Schalkheit: da dieses das seltsamste Gesprch seyn mag, das jemals zwischen
Ohm und Neffen gefhrt worden ist. In dem wlschen Lande, das Du zu verachten
scheinst, sprechen Todfeinde zierlicher zu einander, als hier in Deiner
gepriesenen deutschen Heimath des Bluts Befreundete. Jedoch, damit Du sehest,
wie wenig ich gewohnt bin, Bses mit Bsem, Trotz mit verdienter Hrte zu
vergelten, will ich Dir erlauben, hier zu verziehen, und einen Abendtrunk
anzunehmen, den Fiorilla besorgen wird, whrend dessen ich, meinen schlechten
Augen zum Trotz, aber meiner brderlichen Liebe zum Frommen, ein Schreiben an
Deinen Vater aufsetze. Ich verspreche Dir; es soll Dir nicht zu Leide
geschrieben seyn, und keck darfst Du es bergeben. Du machst Dich doch morgen
mit dem frhsten davon? - Ich denke es; antwortete Dagobert, sich bequem in
einen Sessel niederlassend. - Thue das; fuhr der Ohm fort, wie oben: lnger
ist's fr Dich nicht geheuer zu Costnitz. Dein Pferd steht im Engel? - Ja,
mein guter Ohm! erwiederte Dagobert: das wackre Ro wird mich auch unter
Engels Schutz und Schirm weiter tragen. Fr den Augenblick bin ich ja sicher
genug in meines Vaterbruders Hause. - Amen! fgte Hieronymus bei, sandte
Fiorilla zum Keller, und begab sich durch die Seitenthre in sein Schlaf- und
Schreibgemach. Dagobert dehnte sich gemchlich in seinem Polsterstuhl, und
sttzte den Kopf in die Hand. Wie ist mir denn? sagte er zu sich selbst:
Komme ich mir doch vor, wie ein Trumender, oder besser, wie ein Trunkner, der
auf schwankenden Eisschollen ber einen Strom zu taumeln versucht. Die
Geschichte dieser letzten Tage ist wie ein toller Spuck gestaltet. Ich denke
einem wider Willen zu einem Verbrechen gereizten Manne, meines Standes
hchstens, das Geleit zu geben, - und siehe da, es ist das Oberhaupt der
Christenheit selbst, das mich zum Lohn von meinen Altarpflichten frei spricht
whrend - wie ich begreife - das ganze Concilium meiner That den Stab bricht.
Ich verlasse den Herzog auf dem Gipfel frstlichen Glanzes, und finde ihn wieder
im Begriff Reiaus zu nehmen vor einer Rotte von Priestermtzen und einem
Kaiser, dem wenig mehr zu Gebote steht, als ein Mund voll Honig, wenn auch Galle
sein Herz erfllt. Ich stand schon auf einem seltsamen Fue mit dem Ohm, ehe ich
gen Schafhausen zog, aber nun stehe ich auf einem weit wunderbarern mit dem
Wackern. Wir sagen uns gegenseitig drre Wahrheiten, drr und stachlich wie die
winterliche Schlehenhecke, und dennoch will er die Sanftmuth vorwalten lassen;
... er, der sich, wie ich beinahe glaube, durch seines neuen Vaterlandes
Doppelzngigkeit um des Papstes und des Kaisers vorbergehende Gunst gebracht
hat? Frei ging ich zu Costnitz einher, nachdem ich einen Ketzer hatte befreien
wollen, und jetzo rth mir der Herzog selbst schnellen Abzug, weil ich dem Vater
der Rechtglubigen aus dem Netze half? - Ja, Friedrich hat Recht: der Teufel ist
in die Zeit gefahren, aber auch dem Schwarzen trotze ich mit dem Freibrief in
meiner Tasche. Bin ich einmal hinter den Mauern meiner Vaterstadt ... dann
fahret wohl, Kaiser, Concilium und Reich. Ich mische mich ferner nicht mehr in
eure Hndel. - Ei sieh da; sprach Dagobert nun laut, und den Kopf nach der
Thre wendend, durch welche Fiorilla mit Wein und Semmeln belastet, eintrat:
sieh da, mein Bschen! Eure Heimath werde ich nicht zu sehen bekommen, aber den
gnstigen Augenblick will ich benutzen, um den Ku des Lebewohls auf Deine
Rosenlippen zu drcken. - Fiorilla entzog sich seinem Arme mit sichtbarer
Befangenheit und Furcht. Warum so ngstlich, nrrische Dirne? flsterte
Dagobert: Noch haben sie mich nicht vogelfrei erklrt; noch darf mich ein
holdes Mgdlein kssen. Oder frchtest Du Dich vor dem Chorrock? Beruhige Dich;
Chorrock und Kutte hnge ich an den Nagel. Oder bangt Dir vor der Nhe Deines
eiferschtigen Freundes? Ohne Sorgen. Der gute Ohm brauchte neulich mehr denn
eine Stunde dazu, einen deutschen Brief zu lesen. Wie viel geben wir ihm wohl
Zeit, einen deutschen Brief zu schreiben? Bis er sich wieder besinnt, wie die
wunderlich gekruselten Buchstaben gemalt werden mssen, ist die Mitternacht da.
Versage mir also Dein Mndlein nicht, holde, dem schwarzen Bocksfu entrissene
Seele! - Noch einmal wies ihn Fiorilla zurck, und prete aus fliegender Brust
die eiligen Worte hervor: Ihr werdet scherzen und Kurzweil treiben, wenn Euch
der Tod ber die Schulter sieht. Verblendeter; verloren seyd Ihr, wenn Ihr nicht
schnell Euch von dannen macht. -
    Ho! entgegnete Dagobert, ernst und aufmerksam werdend: Mdchen! Du gnnst
mir wohl nicht den Wein aus meines lieben Oheims Keller? - Die Freiheit gnne
ich Euch lieber; sprach Fiorilla, wie vorhin: Flieht, weil es noch Zeit ist.
Der Oheim hat Bses gegen Euch im Sinne. Glaubt nicht, da er sich in seinem
Schlafgemach befindet. Vor einem Augenblicke verlie er mit dem Knechte, der die
Leuchte trug, das Haus. Hinter der Thre des Kellers lauschend, hrte ich, wie
er zu dem Burschen sagte: Nimm Dich wohl in Acht, und leuchte vernnftig. Von
des Cardinals Hause lufst Du, was Du kannst, zum Engel. - Sorgfltig die Thre
schlieend, gingen sie davon, Euch zu verrathen. - Zu verrathen? rief
Dagobert, aufspringend: Der Bruder meines Vaters mich verrathen? Zu welchem
Endzweck das Bubenstck? - Ach, Ihr wit noch nicht, was geschehen;
entgegnete Fiorilla mit steigender Besorgni: Wallradens Verstndni mit
Sigmund ist vorbei. Ohnmchtig wthend zog sie von hier ab, verspottet von
ihren Freiern und der Welt. Eures Oheims Glckstern ging schnell unter. Er, der
den Papst verlassen um des Kaisers willen, wird von diesem schnde behandelt,
und seit des heil. Vaters Flucht, die Ihr, wie man allgemein behauptet,
begnstigt, geben die Machthaber vor, in Euerm Ohm einen heuchlerischen Anhnger
des Geflchteten entdeckt zu haben. Die Cardinle, den arglistigen Colonna an
der Spitze, der zum Kaiser hlt, wiesen den Flehenden von ihrer Thre, und zu
allem Unglck gelangte gestern an ihn die unwillkommne, die zermalmende
Botschaft, da sein Capitel, seines langen Ausbleibens und Geldverschwendens
mde, einen Andern statt seiner erwhlt, und diese Wahl zur Besttigung an das
Concilium bereits berichtet. Diese Kunde donnerte den Prlaten vollends nieder,
und nun geht er hin zu dem Colonna, von dem er allein noch Hilfe erbetteln
knnte, und verrth Euch, seinen Neffen, als den Entfhrer des Papstes; in der
Hoffnung .... - durch einen groen Schurkenstreich minder bedeutende wieder gut
zu machen; unterbrach sie Dagobert ungestm: Wohl bekomm's, ungetaufter
Ehrenmann. Gut ausgedacht. Der Eine luft zum Cardinal, mich anzugeben, der
Andre zum Engel, um dort meine Habe zu verhaften. Zum Glck hat mir vom Teufel
getrumt, und ich habe dem Ohm eine Nase gedreht. Meine Pferde stehen in einer
Herberge vor der Stadt, und dahin eile ich jetzt. Vor dem Kaiser wrde ich nicht
Fersengeld geben; aber das Concilium ist ein ander Ding. Ich habe Hussens Kerker
gesehen, und damit genug gehabt.

    Wie aber entweiche ich? Sie haben die Thre verschlossen, sagst Du? - Ich
besitze noch einen Schlssel, antwortete Fiorilla zgernd und roth werdend,
von dem der Ohm nichts wei. Mit diesem ffne ich Euch die Pforte. - Habe
Dank, du listige Schlange; versetzte Dagobert, die Mtze aufstlpend, einen
derben Zug aus dem Becher thuend, und Fiorillen die Hand reichend: Gott segne
Dich, und den glcklichen Buhlen, dem dieser Schlssel wohl schon fter hinter
des ehrwrdigen Freundes Rcken das Pfrtlein aufthat. Wie kann ich Dir
vergelten? - Durch einen kleinen Liebesdienst; erwiederte Fiorilla eilig, und
dennoch verschmt: Gestattet, da ein junger Mensch Euch ein Stckchen Wegs
begleite. Das junge Blut frchtet sich, allein von dannen zu gehen, und dennoch
.... - Und dennoch soll ihn der Ohm hier nicht finden? fragte Dagobert
schelmisch drohend: In des Himmels Namen - er komme. Ich bin schon einmal dazu
bestimmt, der Begleiter von allerlei Menschen zu seyn, die dem Wetter nicht
recht trauen, und selbst, wenn ich auf flchtigen Fen bin, mu ich noch immer
einen Andern mit mir schleppen. Der feine Bube tummle sich indessen. Ich habe
nun weder Ruh noch Rast. Kme der Ohm jetzt zurck, wr's sein Unglck und das
Meine, und Beides htte ich nicht gern auf dem Gewissen. - Eurer Zusage
vertrauend, wartet der Knabe drauen; sprach Fiorilla: bringt ihn ja gut
dahin, wo er zu Hause ist. - Insofern sein Haus an meiner Strae liegt, und
der Bube flink auf den Beinen ist, recht gern, weil dem Bschen so viel an dem
furchtsamen Milchbart liegt. Jetzt die Hand, Fiorilla, und die Wange. So! Gott
lohne Euch die Warnung, und lasse Euch glcklich und vernnftig werden. Lebt
wohl. -

    Schnell verlie er das Zimmer; Fiorilla eilte mit dem Lichte voraus. Auf der
dstern Treppe schlo sich der Gnstling der Italinerin, ein feiner Junge, aber
wunderlich vermummt in einen, der Kleiderkammer des Prlaten entliehenen, weiten
Rock, und eine Stirn und Wange verhllende Kappe, an die Beiden an. Dagobert,
mit seinem eignen Geschick beschftigt, schenkte ihm nur einen flchtigen Blick,
und schritt rstig zu der Pforte, deren Schlo Fiorilla's Schlssel nur zu
langsam fr des Jnglings Ungeduld ffnete. Thrnenden Blicks reichte die Schne
von Cesena dem Letztern die Hand, heftig schluchzend fiel sie dem Vermummten um
den Hals, und Dagobert war schon ziemlich voraus, ehe sein Begleiter, dessen
Schritt von dem langen Gewande gehindert wurde, ihn erreichte. Spute Dich, Du
verliebter Frh-in's-Holz! raunte Dagobert dem Keuchenden zu. Weit ist noch
der Weg bis vor die Stadt, wenn Du auerhalb derselben wohnst? - Der zur Seite
Laufende nickte stumm, und Dagobert setzte sich wieder in den alten Schritt, bis
er in die Strae gelangte, welche er einst, dem Kloster flchtig enteilend,
nicht minder schnell gemessen. Wie ein Blitzstral fuhr ihm aber hier mit
einemmale die Erinnerung an Esther, an des Herzogs Worte, an seine Liebe durchs
Gehirn, und unschlssig blieb er stehen. Wie ist's? berlegte er: soll ich
das Mdchen, das ich liebe, wenn ich's gleich nicht gestehen will, einer
ungnstigen Conjunktur zum Raube lassen? Oder soll ich, sie zu retten, fr mich
selbst die Zeit versumen? Wer brgt mir dafr, da nicht in der nchsten Stunde
den Wachen an allen Thoren die Kunde ward, auf mich ein wachsam Auge zu haben?
Wre ich nicht alsdann verloren, und das Mgdlein schutzlos wie zuvor? Und
dennoch mu ich meine Zusage halten, .... und dennoch mu ich wenigstens
versuchen, ob ich sie retten kann, fr die mein Herz und Friedrichs Gebot das
Wort fhrt. - Herr meines Lebens, seufzte hier eine schwache Stimme neben
ihm, und er gewahrte mit Erstaunen seinen Begleiter neben sich, der die Hnde in
die Seiten gesttzt, verschnaufend an einer Ecke lehnte. - Was gibt's? fragte
Dagobert unmuthig: Junger Fant, was soll das Wehleidigthun? Wer sich in den
Dienst der Frau Venus will begeben, mu kssen, drein schlagen und laufen
knnen, wann es eben seyn mu; denn vom Abenteuer lebt die Minne. - Ich
verstehe Eure Worte nicht, lispelte des jungen Knaben zarte Stimme: aber ich
wei, da ich des Todes bin vor Angst und Gram, wenn Ihr von meiner Seite
weicht, und nicht Mitleid habt mit meiner Schwche. - Dagobert fuhr zusammen
bei dem Klange dieser Stimme. Nein! rief er, mit seinen Augen des Begleiters
Gestalt messend: also spricht kein Mann; das ist Frauensprache, und, wenn mich
nicht ein bser Zauber bethrt, eine Sprache, die mir nicht unbekannt
geblieben. - Knnt Ihr verzeihen? stammelte der Knabe, und wollte zu
Dagobert's Fen sinken, als dieser, pltzlich Esther's Zge unter der
entstellenden Kappe entdeckte, und die furchtsame Dirne krftig in der Hhe
hielt. - Unglckliche! sprach er leise zu ihr: Wie kmmst Du hieher? Doch
gleichviel. Die Erluterung raubt Zeit, und wir bedrfen der letztern. Der
Mondstral hat Dich mir genannt. Deinen Mund la schweigen, bis wir ausser Gefahr
sind. Hnge Deinen Arm in den Meinigen. Sttze Dich auf mich. Nun ich wei, wer
Du bist, mu ich nach Deinen Krften mich fgen. -

    Guter Mann! seufzte Esther, und lehnte sich vertrauend auf des Helfers
Arm, der sie, obgleich die innere Ungeduld mit Nesseln peitschte, langsam durch
die noch ziemlich belebten Gassen dem Thore zufhrte. Die Hter desselben
spotteten des Paars, und machten sich weidlich ber die bezechten Schler
lustig, die nach dem Gelage mit schwerem Kopfe den Weg zur Heimath suchten.
Dogobert lie die rohen Gemther gerne bei dem Glauben, der ihm und seiner
Schutzbefohlnen so frderlich ward, und geleitete besonnen die Entkrftete zu
einer Bank, die am Rande der Heerstrae stand. Einen Augenblick darfst Du hier
ruhen; sprach er zu Esther: sprich jetzt, Mdchen - wie erklre ich mir ...?
- Fiorilla war meine Freundin geworden, wie Ihr bereits wit, edler Herr;
antwortete das Mdchen: sie nahm mich zu sich am gestrigen Tage, und ich lie
mich lieber ihre Zofe nennen, als da ich noch lnger in dem Hause geblieben
wre, wo Nachstellungen aller Art die Vaterlose verfolgten, die selbst zu den
Fen des Herzogs nur ein Versprechen freien Geleits gen Frankfurt erhalten
hatte. Euer Ohm ahnte nichts von dem wahren Zusammenhange meiner Verhltnisse,
und er schien viel Gefallen an der neuen Dienerin zu finden. Ehe jedoch Fiorilla
mit der Bestimmung meines weitern Geschicks im Reinen war, kamt Ihr. O, ich
hrte Euch kommen, ich hrte Euch sprechen, und die Vergangenheit lag wieder vor
mir wie ein Paradiesesgarten. Ich hoffte wieder, ich war beruhigt, ohne mir
genau bewut zu seyn, warum. Fiorilla bestrkte mich in dieser seligen
Beruhigung, als sie pltzlich bei mir eintrat. Esther! sprach sie: Dein Retter
und Geleiter ist gefunden. Man spinnt Verrath gegen den Junker. Ich werde ihn
warnen; er mu fliehen, und Dich mit sich nehmen, ohne zu wissen, wer Du seyst,
denn der Erklrungen und Einwendungen wre dann kein Ende, und dennoch ist die
Zeit nur allzugemessen. Muth, meine Freundin! Dagobert ist ein edler Mann; er
wird Dich nicht verlassen. Vermummt folgte ich Euch, und berlasse es Euerm
Edelmuthe, ob Ihr Fiorillens Zusage erfllen wollt.

    Ob ich will, ist keinem Zweifel unterworfen, antwortete Dagobert kurz und
gemessen, denn er suchte hinter dieser Krze den wahren unruhigen Zustand seines
Herzens zu verbergen. - Aber, setzte er bei: armes Mdchen! Wohin soll ich
Dich fhren? Gen Frankfurt, wo Dein Vater im Kerker liegt? - Mein Vater ist
unschuldig an jedem Fehl - o gewi! glaubt es mir! versetzte Esther mit
Zuversicht: Gewi kmmt er mir ohne Fesseln bereits entgegen, und - wre es
nicht, - so bin ich in des alten Jochai's Armen aufgehoben wie im Schooe der
Mutter! - Wohlan denn! sprach Dagobert: So reiten wir noch diese Nacht.
Jenes Dach beherbergt meine Rosse und meinen Knecht. Folge mir bis dahin, und
wir wollen berlegen, wie Du am schnellsten fortzubringen bist. - Er
untersttzte sie whrend des kurzen Gangs. - Hast Du auch Alles berlegt?
fragte er an der Herbergspforte noch das Mdchen: Ich bin ein junger wilder
Geselle, dessen Arm Dich schon einmal umfing, dessen Lippen schon einmal auf den
Deinen ruhten. Hast Du jener Zeit vergessen, oder meinst Du, ich htte es
gethan? Hegst Du Vertrauen zu mir, und bergibt Dich mir auf der weiten Fahrt
ohne Scheu, ohne Mitrauen? - Ob ich jener Zeit vergessen? fragte Esther
entgegen mit leuchtendem Blicke: Ihr scherzt wohl, edler guter Herr. Aber so
wahr als diese Hecken um uns her den Frhling knden durch ihre Knospen, so wahr
ist das Vertrauen zu Euch, das in mir lebt. Auf der weiten Welt lebt Keiner, dem
ich so zuversichtlich mein Leben anvertraue und meine Ehre. Ihr werdet mich
fhren zum Vater, Ihr werdet durch Eure fromme Hlfe meinen Pfad ebnen, und den
Frieden in mein Herz zurckbringen, wie die scheidende Sonne den Thau auf die
lechzende Wste. Denn auch Ihr werdet dann scheiden von mir, und nur die
Erinnerung in meiner Seele lassen und die Dankbarkeit, die nimmer Verlschende.
Mein Gebet fr Euch sey Friede, und der hochgelobte Gott verwirkliche
hundertfltig den Segen, den schon jetzt mein Mund vom hohen Himmel herab auf
Euch lenken mchte!

    Genug! genug! fiel hier Dagobert rasch und abstoend ein: La uns erst
an's Ziel gelangen, und mge es fr Dich ein Erwnschtes seyn. Die Vergangenheit
werde nie zwischen uns berhrt, und Deine Gesinnung ber diesen Punkt gibt mir
erst den Muth, Dein Gefhrte zu bleiben, bis an Frankfurts Thore. Von da aus
findest Du den Weg in's Vaterhaus allein, und unter uns sey es, als htten wir
uns nie gekannt.
    So sey es! flsterte Esther zgernd und kleinlaut, whrend Thrnen ihre
Wangen benetzten. Der junge Mann hingegen, der jetzt erst einen groen Sieg ber
sein eigen Herz davon getragen, und nun den Talisman gefunden zu haben
vermeinte, jeder Versuchung zu widerstehen, ging sorglosen Muthes hin, die Rosse
zu rsten, und Alles zu der Reise vorzubereiten, die auch mit dem ersten
Frhstral angetreten wurde.

                            Ende des ersten Bandes.


                                  Zweiter Band

                                Erstes Kapitel.

 Der Lenz ist angekommen!
 Habt ihr es nicht vernommen?
 Es sagen's euch die Vgelein,
 Es sagen's euch die Blmelein:
 Der Lenz ist angekommen!

 Ihr seht es an den Feldern,
 Ihr seht es an den Wldern;
 Der Kukuk ruft, der Finke schlgt,
 Es jubelt, was sich froh bewegt:
 Der Lenz ist angekommen.

 Hier Blmlein auf der Heide,
 Dort Schflein auf der Weide!
 Ach seht doch, wie sich alles freut,
 Es hat die Welt sich schn erneut:
 Der Lenz ist angekommen!
                                                         Altd. Lied aus der Sage
                                                                 vom Venusberge.

Es ist doch eine gar schne, muntre und selige Zeit, wenn der Frhling wieder
herein kommt ins Land, der gar nicht unedel von den Dichtern einem Brutigam
verglichen wird, welcher seine Braut zu schmcken und zu umfangen naht, im Glanz
und Prunk des Hochzeittages. Ein Frst der Erde knnte er nicht minder genannt
werden, denn tausend leichtbeschwingte und buntgefiederte Herolde ziehn vor ihm
her, seine Ankunft verkndend; himmelblau und golden ist sein Kleid, an das sich
der fernen Eisberge Saum anschmiegt, wie Hermelinsverbrmung, und alle
Blthenbsche fgt er in eine duftende Krone, womit er sich und seine Liebe
ziert.
    Und die Braut, im Gewande zarter Hoffnung, umgrtet von den Silberbndern,
deren Juwelenschmuck erst wieder lebendig wurde durch des Ersehnten feurigen
Goldblick, winkt dem Nahenden mit jugendlich grnen Zweigen, und scheint ihn
demthig zu fragen: Kommst Du noch einmal, mit mir den Bund zu schlieen in
neuer Verjngung? Nicht umsonst, Geliebter, trgst Du die Farbe der
Bestndigkeit, denn viele tausendmal begingen wir schon unsre Feier, und dennoch
freist Du keine Andre als mich? - Der Hochzeiter schttelt hierauf lchelnd die
wohlriechenden Locken, da Blthe auf Blthe und Perle auf Perle daraus in den
Schoo der Freundin sinkt, als ein Geschenk seiner Freigebigkeit. Keine Andre
als Du, spricht er, schmckt mir Lager und Teppich so bunt und reizend; keine
wlbt mir Lauben luftig und schattig, wie Du; keine andre theilt meine Lust, das
Leben zu beglcken, das aus Dir stammt, in Dir vergeht, und wieder von neuem
aufsprot, sich unsrer zu freuen. Glcklich sey das Geschlecht, whrend meines
Reiches Dauer, denn nach mir kommen strengere Herrscher, und die Sorge, und die
Welkezeit, und die Nacht! -
    Wer hat sich nicht schon gefreut unter dem lindwehenden Panier des
frhlichen Lenzes? Wer, der ein fhlend Herz in der Brust trgt, htte nicht
schon unter dem sonnigen Frhlingsschein die Arme ausgebreitet mit unnennbarem
Sehnen, entzckt von Dankbarkeit, erregt von milder Rhrung? Predigt die schne
Jugendzeit des Jahrs nicht Friede und Vershnung? Entwaffnet sie nicht den Ha
in edeln Gemthern? O wahrlich, diese goldnen Tage sollten kein gezcktes
Schwert schauen, die se Frhlingsluft kein drohend Wort vernehmen! - Aber die
Leidenschaften ziehen eine Eiswand um des Menschen Herz, die auch der Lenz nicht
zu schmelzen vermag; das rohe jngere Geschlecht kmmert sich nicht um den
Wonnemond, weil seine krftige Begehrlichkeit nicht nach der Sonnenwende fragt,
um Wonne zu genieen; und nur des reifen Alters Vorzug ists, das Leben zu
verstehen, ihm Sinn und Deutung zu geben, und zu wissen, da unser irdisch Theil
ein treues Conterfei des Wechsels in dem Weltall darstellt.
    Wenn er's auch nicht aussprach, so fhlte doch Herr Diether, der Altbrger,
dasselbe, da er an einem wunderschnen Morgen in seinem Grtlein lustwandelte,
das vor der Stadt gelegen war, und trotz seinem einfachen Plankengehge, und dem
darin schlicht von Dielen auferbauten Lust- und Werkhuslein hher von Diether
geachtet wurde, als sein stolzes Haus zu Frankfurt selbst. Auf den Arm seiner
Ehefrau gesttzt, - denn noch war die Wunde, an der er darniedergelegen, nicht
vllig vernarbt, schritt er sinnend, aber hellen Auges, auf und nieder, und
erging sich in der wrzigen Luft und dem warmen Himmelshauche. Frau Margarethe,
ihrerseits in Gedanken versunken, aber dennoch ein Auge sorglich auf den
presthaften Gatten geheftet, whrend das andre nach dem kleinen Hans
hinberschweifte, der mit Elsen in einem Winkel des Gartens spielte, schwieg
gleich ihrem Herrn. Da begehrte der Letztere zu sitzen, und Margarethe fhrte
ihn zu der Bank an der Thre des Huschens. Als sie nun beide darauf Platz
genommen, fingen die Glocken der Stadt an ihr Gelute ertnen zu lassen. Diether
schlug die Hnde fromm zusammen, sah eine Weile still vor sich hin, und redete
alsdann: Sie haben in der Stadt ein gottesfrchtig Werk vor. In diesem
Augenblicke legt der hochwrdige Stiftsdechant, Herr Jakob Herdan, den
Grundstein zu einem stattlichen Thurme, der am Damm aufgefhrt werden soll.
Ehrenwerth ist es, da ein Denkmal fr den lieben Herrgott hinzusetzen, wo frher
das Rathhaus stand, auf dem der Brger Wohl besorgt wurde; und ziemlich ist's zu
gleicher Zeit, da ich, den Gebreste verhinderte, von Amtswegen bei der heiligen
Handlung zu seyn, den festlichen Augenblick begehe mit frommer That und Rede.
Seht, meine werthe Hausfrau: ich habe es bis jetzt aufgespart, mit Euch etwas zu
besprechen, das mir am Herzen nagte. Es kann Euch nicht entgangen seyn da ich
seit einiger Zeit wohl nicht derselbe gegen Euch war, der ich frherhin gewesen.
Ich kann leider nicht lugnen, da der Tag, an welchem Euer Bruder uns mit
gewohnter Unverschmtheit heimsuchte, eine Quelle des Argwohns und traurigen
Verdachts fr mich geworden. Ich schme mich schier, die Reden des wsten
Menschen zu wiederholen, die niemals einen Eindruck auf mich htten machen
sollen. Aber der Mensch ist ein schwaches Geschpf. Von dem Kleinern zum Grern
fortzuschreiten, - selbst den Funken zum Brande anzublasen ist ihm ein gering
Geschft. Der Bse verblendete mich ganz, da mich der Meuchelmrder berfallen
und gezeichnet hatte. Ich beklage den Wahn, der mich gehssig gegen Euch
anreizte, da ich eure Hlfe von mir stie, und mich wie ein Toller geberdete,
bis ich ohnmchtig mich Eurer Frsorge berlassen mute. Da gingen mir endlich
nach und nach die Augen auf. Euer still besonnenes Thun, gleich weit entfernt
von dem Trugeifer einer Heuchlerin, wie von der schadenfrohen Sorglosigkeit
eines Weibes, das sich Witwe zu werden sehnt, erweichte mein Gemth, wie meine
Wunde. Dennoch, argwhnisch, wie ich war, las ich aufmerksam in eurem Blicke,
und mir entging die ruhige Freude nicht, mit welcher Euch meine Genesung
erfllte. O, diese berzeugung trug viel zu meiner Herstellung bei, und, als ein
gerechter Mann, der sich nicht scheut, sein Unrecht einzugestehen, frage ich
Euch heute, unterm Blau des Himmels, und in Gegenwart unsers Kindes, ob ihr den
grulichen Verdacht vergeben knnt.
    Mein werther Eheherr .... stammelte Margarethe berrascht und beschmt:
Wie knnt Ihr doch meinen, da ein Groll gegen Euch ....
    Lieb Weib, fiel Diether ein: Ich liebe das Geradezu. Scheltet mich aus,
wie einen Heiden, da ich zweifeln konnte an Eurer Ehre und euerm Christenthum,
auf das Zeugni eines Lgners hin, und auf die That eines meuchlerischen Buben.
Nein, - fuhr er fort, Margarethens Wange und Hand streichelnd - dies fromme
Angesicht konnte mich nicht an einen Andern verrathen; diese Hand, die mich so
zart und sorgsam pflegte, hat nicht auf das Leben eines alten Mannes gezielt. -
    Jesus! seufzte Margarethe erschrocken: Was kommt Euch zu Sinne, lieber
Herr? Die Heiligen mgen Euch verzeihen, wie ich es thue, ob solchem schnden
Verdacht.
    Wenn Ihr vergebt, die Beleidigte, so thun es die Heiligen nicht minder;
antwortete Diether; und frder sollt Ihr nicht klagen knnen. Der Versucher
soll nimmer an mich kommen. Mein Siechthum hat gar Vieles anders gemacht in
meinem Innern. Eine recht se Wehmuth, wie ich sie nie gefhlt, seit ich zum
Erstenmal freite, hat mirs angethan, und den Wunsch in mir erregt, Alle, die mir
nahe angehren, um mich her versammelt zu sehen: den Bruder, den Sohn, und ....
ach ja ... und auch die Tochter, obgleich sie sich von uns geschieden hat mit
Vorbedacht. Seht, Margarethe, auch um dessenwillen mu ich Euch danken. Wallrade
hat Euch schwer beleidigt, und dennoch tratet Ihr nicht zwischen sie und mein
Verlangen.
    Die Jahre werden viel gendert haben; erwiederte Diethers Gattin sauft:
Damals wollte sie nicht meine Tochter heien; jetzt wrde sie vielleicht meine
Freundin.
    O gewi; bekrftigte Diether: die Zeit macht milder, wie das Sprchwort
heit. Aber wehe thut mirs, da bis jetzo auf mein redlich Schreiben weder
Antwort kam, noch der herzliebe Besuch von den Dreien, die sich zu Kostnitz
pltzlich zusammen doch gefunden. Ich hatte mich darauf gefreut wie ein Kind.
Ich hatte mir alles so schn und heimlich ausgedacht, - wie ich Wallraden - die
liebe widerspenstige Tochter - in Deine Arme fhren wollte; wie ich den zu
unsrer Wonne so glcklich gesundeten Sohn an der Geschwister Brust gelegt htte;
... aber meine Freude fiel in den tiefsten Brunnen. Noch am verwichnen Sonntage
zupfte es mich an allen Nhten, und eine falsche Ahnung flsterte mir zu: heute,
- ja, heute kommen sie ganz gewi. Schier htte ich mich auf die Heerstrae
tragen lassen, um ihnen in die Ferne entgegen zu sehen. Der alte Thor htte sich
aber blind geschaut. Dem Greise versagen sich die, die er liebt. -
    Habt Ihr denn nicht uns? fragte Margarethe mit ngstlicher Freundlichkeit,
und hob den Knaben der sich herbei gemacht hatte, auf den Schoo des Gatten,
dessen Nacken sie umschlang. Bedrft Ihr, um glcklich, und zufrieden zu seyn,
noch andrer Herzen, die Euch fremd geworden zu seyn scheinen?
    Nicht doch, geliebte Ehefrau! betheuerte der gerhrte alte Mann, den Buben
und seine Gattin abwechselnd herzend und liebkosend: nicht doch, herzliebes
Shnlein! Aber, wenn ich Euch gleich inniger im Busen trage, als die Vermiten,
.... sie sind doch auch meine Kinder; vorab der Dagobert, der die Freuden des
Hausvaters dahinten lassen mu, um der Mutter zu einer frhlichen Urstund zu
helfen.
    Hier, sagt man, soll ich Herrn Diether finden? fragte am Eingange des
Gartens eine Stimme, die Margarethen nicht fremd, ihrem Gatten eine liebe war.
    Wallrade! riefen beide berrascht, und Diether's wankende Knie versagten
dem Aufstehenden den Dienst. Indessen kam die Unerwartete und dennoch Ersehnte
langsam und stolz herangeschritten, von Elsen begleitet, die ihr den Weg zu dem
Elternpaare wies. Wallrade! Tochter! stammelte Diether unter Thrnengssen der
Freude, die Arme weit ffnend. Willkommen Frulein! setzte die Stiefmutter
hinzu, die Hand ihr reichend. Aber weder in die Arme des Vaters sank die
Tochter, noch ergriff sie die dargebotne Rechte. Einige Schritte von Diether
entfernt, stand sie stille, warf einen durchdringenden Blick auf das Paar, und
schlug die Hnde zusammen. Herrgott! sprach sie in dem tiefen Tone, der nicht
selten auf ein hartes Gemth schlieen lt: Wie verndert finde ich Euch,
Vater! Die letzten Jahre scheinen Euch nicht zugesagt zu haben! Diether
berhrte diese Worte, bewegt von den Gefhlen, die das schwache Alter doppelt
empfindet; aber Margarethe fate sie auf, die wie ein kalter Hauch an ihr
warmgewordnes Herz drangen. Die letzten Tage, wollt Ihr sagen, Frulein!
erwiederte sie empfindlich: Die letzten Jahre waren gut, und von Eurer
Kindlichkeit wird es abhngen, ob der heutige Tag ihnen gleichen soll. Euer
Vater harrt noch immer der schicklichen Umarmung entgegen. Ich mchte Euch nicht
gern umsonst darauf aufmerksam gemacht haben. -
    Wallrade nherte sich dem Vater, kte seine Hand und Wange mit
Frmlichkeit, und neigte sich steif vor Margarethen. O mein liebes Kind!
sprach Diether, der sie neben sich auf das Bnkchen niederzog: Wie erquickt
mich Dein Anblick. Ja, in Frauenherzen wohnt Vershnlichkeit und der Funke der
Liebe. Du, das verloren geachtete Kind, kehrst in's Vaterhaus zurck, whrend
Sohn und Bruder ferne bleiben. - Wallrade zuckte leicht die Achseln und wendete
sich zu Margarethen mit den Worten: Ehrsame Frau; wenn mich der Vater schon
verloren achtete, ... um wie viel strenger mag nicht Euer Urtheil ber mich
gelautet haben? -
    Ihr irrt; versetzte Margarethe ruhig: was das heie Blut der Jugend
fhlte, steht den reifern Jahren zu, wieder gut zu machen. Mein Herr liebt Euch,
darum seyd Ihr auch mir kein unlieber Gast. - Wacker gesprochen, liebe
Wirthin! rief Diether, ihr entzckt die Hand entgegenstreckend: Ihr seyd eine
Perle, wie sie wohl selten ein Greis in seinen Winterkranz flechten darf, und
ich denke, Wallrade soll Euch bald innig befreundet seyn. Umhalst euch vor
meinen Augen. Das letzte widerstrebende Gefhl versinke in der freundlichen
Annherung. - So; und nun, meine wiedergefundne Tochter, ksse auch Deinen
Bruder, den kleinen muthwilligen Johann, die Wonne meiner alten Tage. -
Wallrade sah sich mit verdstertem Antlitz nach dem Jungen um, der, wie
Margarethe erst jetzt bemerkte, sich hinter die Bank und die Gewnder der Mutter
verkrochen hatte. - Johann, wo steckst Du? fragte Diether liebreich: Komm,
umarme Deine Schwester! - Ei, du einfltiger Bube; ermahnte Margarethe den
Weigernden: Was mu denn Schwester Wallrade von Dir denken? Du bist ja kein
Ungeheuer, das sich nicht am Tage sehen lassen darf. Komm, komm doch! - Sie zog
den schchternen Buben, der sich aus allen Krften strubte, mit Gewalt herbei,
und erschrak jetzo selbst ber die Blsse, die sein Gesicht berzogen hatte.
ngstlich gebckt, mit niedergeschlagnen Augen, stand der Kleine da, als htte
er ein Verbrechen begangen. Nichts konnte ihn bewegen, der Fremden nur einen
Blick, eine Sylbe zu schenken. Diese Scheu, welche Diether und Margarethe sich
nicht entrthseln konnten, machte augenscheinlich den widrigsten Eindruck auf
Wallraden. Sie stand auf, - zweifelhaft, ob sie ihr Gesicht dem Knaben zuwenden,
oder es von ihm kehren sollte. Ihre Augen brannten, ihr Mund zuckte und ihre
gespannten Zge drckten die Leidenschaftlichkeit aus, die ihre Brust beseelte.
Ihren Unmuth mhsam bemeisternd, wies sie des Knaben Hand schweigend von sich,
als die Mutter, in deren Arme er sich geflchtet hatte, ihn bewog, ihr die
widerstrebende zu berlassen.
    Zugleich zog sie den Schleier ber Stirn und Augen. Da das Herrlein meinen
Anblick unertrglich findet, - sprach sie mit angegriffener Stimme, - so thue
ich am besten, wenn ich ihm das unwillkommne Gesicht entziehe. - Wirklich
schien es auch, als ob der Knabe sich begtigen wolle, denn seine ngstlichkeit
verlor sich nun so ziemlich, und er heftete dann und wann die blauen Augen
staunend auf das reiche hellfarbige Gewand Wallradens, und auf ihre mit
blitzenden Ringen gezierten Finger. Auf alle Fragen, Ermahnungen und tadelnden
Reden der Eltern erwiederte er nichts; jedoch in demselben Augenblicke, als man
ihn zu vermgen gedachte, zwischen Margarethen und Wallraden niederzusitzen,
erstand wieder die vorige Furchtsamkeit in ihm, und er suchte abermals in
Margarethens Schoo Zuflucht, wie vor einer Gefahr. - Man hat dem Buben ohne
Zweifel angenehme Dinge von mir berichtet; begann Wallrade mit beleidigtem
Stolze: wenn ihm die Schwester als ein Schreckgespenst geschildert wurde, so
mu er sie freilich fliehen, wie die Snde. - Ei, erwiederte Diether: das
hat meine Hausfrau sicherlich nicht gethan, darauf wollte ich schwren. - Mein
werther Herr drfte es auch; bekrftigte Margarethe mit gesteigerter
Empfindlichkeit: Der Knabe hrte kaum des Fruleins Namen nennen. Ich wollte
wetten, er hat vergessen, da er eine Schwester hat. Unerwartet kam ihm daher
deren Anblick; wenn wir nicht annehmen wollten, - setzte sie wie im Scherz
hinzu, obgleich der Ernst hinter ihrem Lcheln lauerte, - da Kinder eine
richtigere Ahnung haben, denn die Erwachsenen, ob man sie von Herzen liebt, oder
ihnen nur des Herkommens wegen Liebkosungen erweit. - Das Letztere mchte
seyn; entgegnete Wallrade rasch und kalt: Ich mu bekennen, da ich Kinder
dieses Alters nicht liebe, wren sie auch die Shne meiner werthen Stiefmutter.
Die Tlpelhaftigkeit der Buben ist mir in der Seele zuwider, und ich werde es
als ein Zeichen Eurer aufrichtigen Freundschaft ansehen, ehrsame Frau, wenn Ihr
mir, so oft ich des Vaters Haus besuche, den Anblick des ungeberdigen
Stiefbrderleins erspart. -
    Soll gerne geschehen, verlat Euch darauf; versetzte Margarethe gekrnkt,
und beschftigte sich damit, die Haare des kleinen Hans unter dem Sonenhtlein
zu ordnen, das sie ihm aufsetzte, - damit ein Zeichen zum Aufbruch gebend. -
    Das wird ja alles werden; sprach Diether begtigend: Was lt mich aber
Deine Rede muthmaen, liebe Wallrade? Du gedenkst nicht zu wohnen in meinem
Hause?
    Nein, mein Vater! antwortete das Frulein bestimmt: Ich bin seit Langem
gewhnt, in meiner Behausung Herr zu seyn; und meine Gewohnheiten knnten Eurer
Ehefrau lstig seyn, so wie mir vielleicht ihre Hausordnung. Daher habe ich's
fr gut erachtet, in der Herberge zum Eichhorn abzutreten. Dadurch erspare ich
uns allen manche Unannehmlichkeit, die um so berflssiger ist, als mein
Aufenthalt zu Frankfurt nur von kurzer Dauer seyn kann. - Diether wollte sein
Bedauern nicht verhehlen, und der Tochter zureden, aber Margarethe unterbrach
ihn schnell.
    Es sey fern von uns, sagte sie hitzig: des Fruleins Willen beschrnken
zu wollen, und darum geschehe nach ihrem Wunsche, aber die Freude, Euch an
unsrem Tische zu bewirthen, werdet Ihr dem Vater doch nicht versagen? - Der
arme, kleine, ungeberdige und tlpelhafte Johann soll nie durch seine Gegenwart
stren. - Ihr verbindet mich immer mehr, gute Frau; erwiederte Wallrade in
gleichem Tone: und damit ihr von meiner Bereitwilligkeit berzeugt werdet, so
fordre ich Euch selbst auf, nach der Stadt zu kehren. An meines Vaters Seite
sitzend, will ich ihm vom Ohm erzhlen, der ihn zrtlich gren lt. - Gru
ersetzt wohl bei Tafelfreuden die Einkehr; entgegnete Diether seufzend, und,
zum Weggehen fertig, sich auf Wallradens Arm sttzend: aber wehe thut mir's
doch, da er nicht selber kam, und da Dagobert ausbleibt, auf dessen treuen
Kindessinn ich Felsen gebaut htte. - Von Dagobert lat mich schweigen;
uerte Wallrade mit geheuchelter Bekmmerni, und war aber im Augenblicke, auf
die Aufforderung der vterlichen Besorgni, bereit, dies Schweigen zu brechen.
Mit dem alten Diether vorausgehend, entwarf sie dem ngstlich Zuhrenden ein mit
hmischer Bemhung ausgemaltes Truggemlde von Dagobert's Lebenswandel zu
Costnitz, und fhrte den Pinsel so gut, da der Vater in dem Verlumdeten bald
den verlornen Sohn beweinte. - Whrend dieser Einflsterungen ging in
betrchtlicher Entfernung hinter Vater und Tochter Frau Margarethe, den Knaben
an der Hand, nachdem sie Elsen voraus zur Stadt geschickt, um zu einem
erweiterten Mittagmahl Anstalten zu treffen. Die Art und Weise, wie die
ungeliebte Wallrade trotz ihrer Schroffheit sich im ersten Augenblicke des
Vertrauens des Vaters bemchtigte, mit geringschtzender Hintansetzung der
Gattin desselben, - die Krnkungen, die Wallrade mit freigebiger Hand an die
Stiefmutter und den Knaben gespendet, griffen hart und bse an das reizbare Herz
der stolzen Leuenbergerin. Wie aber oft das menschliche Gemth, - ein weibliches
insbesondre, - aus Dingen Trost gewinnen kann, die an sich geringfgig sind, so
beruhigte sich auch hier Margarethe mit dem Gedanken, da nicht allein sie
selbst der Widersacherin Wermuth, zu kosten gegeben, sondern da der Knabe sogar
durch seine deutlich ausgesprochne Abneigung der Gegnerin Stolz verletzt habe.
Von dieser kleinen Vergeltung erfreut, bckte sie sich mit grrer
Freundlichkeit, - als sie sonst wohl dem Knaben zuwendete - - zu demselben
hinab, und streichelte seine Wangen. Du bist ein wackrer Bube; sprach sie
belobend zu ihm: ich habe Dich lieb vor Allen, wenn Du gegen Wallraden ferner
Dich betrgst, wie heute. Willst Du? - Was Du befiehlst, Mutter; erwiederte
der Knabe freundlich.
    Recht so, mein guter Hans, fuhr Margarethe fort: Gehe nicht zu der
falschen Frau. Sie wird Dir vielleicht Honigkuchen und Semmelringe bieten, um
dich kirre zu machen. Nimm aber nichts von ihr, hrst Du? Sie meint es bse mit
Dir und mir und mit dem Vater. - Ach Mtterlein! rannte ihr der Knabe ins
Ohr: Ich frchte mich vor ihr. - Thue das immer, mein Shnlein! versetzte
Margarethe: Zieh' ihr immer ein finster Gesicht, und i nicht, was sie Dir
bietet. Fr jeden Leckerbissen, den Du aus ihrer Hand nicht nimmst, gebe ich Dir
deren zwei. - O ja Mtterlein! entgegnete der Knabe hpfend: Du bist ein gut
und anmuthig Mtterlein bei dem ich bleiben will. Zu der schwarzen Mutter will
ich nicht mehr. - Was schwatzest Du wieder von dem schwarzen Weibe? schalt
Margarethe: Du weit, da Du nur von ihm getrumt hast, Bube. Vergi doch
endlich den bsen Traum!
    Ich will ja wohl, lieb' Mutter, sagte der Knabe, eingeschchtert durch den
heftigen Ton: aber Heute war mir's, als finge ich wieder an zu trumen, und die
Fremde ist gewi die Schwarze, die mich schlagen will. - Lcherliches Zeug!
eiferte Margarethe: Wallrade ist Deine Schwester, Hans, und Niemand sonst. Aber
eine bse Schwester ist sie, ob sie gleich ein rothes lustiges Gewand trgt. Sie
will uns arm machen, da wir betteln gehen sollen, wie der arme Hug, dem du alle
Samstag seinen Heller an die Pforte bringst. Denk Dir nur! Je weniger Du sie
aber leiden kannst, je weniger vermag sie uns anzuhaben. - Ich will ihr aus
dem Wege gehen, versicherte der kleine Hans treuherzig: Du mut mir auch
dagegen nichts thun lassen. - Sorge nicht, mein Kind! trstete Margarethe.
Ich will Dich hten wie meinen Augapfel. Folge nur fein meinen Geboten, und es
wird alles gut gehen. -
    Es gieng auch alles nach ihrem Wunsche. Knabe und Stieftochter blieben
einander ferne, weil sie sich nicht suchten. Diether, der, von Gatten- und
Vaterliebe gleich bedrngt, in seiner unwandelbaren Gutmthigkeit bestndig
hoffte, die Mitne seines Hauses wrden sich endlich doch noch in den
gewnschten Einklang auflsen, vermittelte, entschuldigte, sprach zur Shne, wo
und wie es sich nur thun lie, und erhielt auf diese Weise einen Schein von
Friedlichkeit im Hauswesen, welcher bald genug die ganze Stadt tuschte, den
nahen Verwandten- und Freundekreis nicht ausgenommen. Wallrade, die man geraume
Zeit zu Frankfurt vergessen hatte, gewann nun neue Theilnahme durch ihr
musterhaft sittsames Betragen, und durch die reuevolle Vershnlichkeit, mit
welcher sie, nach Diethers jubelvoller Behauptung, den Eltern die Friedenshand
gereicht hatte. Der Altbrger, von den Glckwnschen seiner Freunde
geschmeichelt, schwamm in einem Meere von Entzcken, und gewahrte in seiner
Herzensfreude nicht, wie zwischen Wallraden und Margarethen die Kluft immer
grer wurde, und zwischen Schwester und Brderlein dennoch keine Annherung
sich stiften wollte. Eine Woche war also hingeschwunden, - eine kurze Zeit fr
Seelen, die sich lieben, - eine lange fr solche, die blo das Band verhater
Form verknpft, als Wallrade aus dem Vaterhause unmuthig und dster nach ihrer
Wohnung im Einhorn zurckkehrte. Verdrlich beurlaubte sie den abgeschmackten
Herrn, der durch eine weitlufige Vetterschaft das Recht gewonnen hatte, ihr als
Begleiter auf dem Heimwege lstig zu seyn. Verdrlich trat sie in ihr Gemach,
wo ihre Begleiterin in tiefen Gedanken versunken, am Fenster sa. - Gute
Wallrade, sprach die Letztere, die Eintretende froh begrssend: Wie freue ich
mich, Dich schon so frhe bei mir zu sehen. Mich qulen heute ganz absonderliche
Grillen. - Wie so? fragte Wallrade entgegen. - Der schne Nachmittag hat
mich verlockt, mit meiner Kleinen in's Freie zu gehen; antwortete die andre:
Wir haben die geruschvollsten Straen durchstrichen, und ich erging mich
einmal wieder im warmen Frhlingsschein. Meinen Kummer hatte ich mir durch
Zerstreuung erleichtert; - aber auf einmal wurde er verdoppelt in seiner Last.
Pltzlich war mir's, als ob ich unter dem Gewhle der Menschen meinen armen
Rudolf erblickte. Du glaubst nicht, Wallrade, welchen Eindruck der grne Rock
auf mich machte, den ich unfern von mir durch das Getmmel schimmern sah. Wie
eine aufgescheuchte Taube machte ich mir Bahn, und flog dem rstig dahineilenden
nach. Rudolf! rief ich in meinem Wahn, Vater! lallte mein Mdchen, als ob es
meinen Schmerz theilte. Der Mann sah sich um, - und ich gewahrte ein kaltes,
fremdes Gesicht. O, wie hatte ich mich getuscht! -
    Und wie sehr verdientest du diese Tuschung! erwiederte Wallrade hart:
Verbot ich Dir nicht, Dich in der Stadt zu zeigen? Ich wute es ja wohl, da
Deine unselige Leidenschaft den Gaffern ein Schauspiel geben, und die jungen
migen Thoren in Bewegung setzen wrde. -
    Schilt mich, versetzte Frau Katharine, aber zrne mir nicht ernstlich.
Was wrde aus mir, wenn ich Deine Freundschaft einben sollte? La mich
indessen erst gnzlich meine Erzhlung zu Ende bringen. Einen besondern Zufall
habe ich noch zu berichten. Du kannst Dir vorstellen, in welcher Lage ich mich
befand, als die Hoffnung, den Gatten zu umfangen, mir entwichen, sein Trugbild,
wie ein Gespenst unter meinen Hnden in Nichts zerronnen war. Mich kmmerte das
Anstarren der Gaffer nicht. In meinem, erst recht lebendig gewordnen Schmerze
blickte ich auf zum Himmel, und drckte mein weinendes Kind heftig an die Brust,
- da steht pltzlich ein junger Mann vor mir, in dem ich ohne Mhe jenen
Jngling erkannte, der uns, wie ich Dir schon erzhlt, zu Costnitz den
rthselhaften Besuch abgestattet hat, seit welchem meines Mannes verschlone
Schwermuth anhob. -
    So? unterbrach sie Wallrade berrascht: jener Jngling? Doch gewi war's
abermals nur ein Truggebild Deines Gehirns.
    Nicht doch; fuhr Katharine fort: die wunderfreundlichen Augen des jungen
Mannes habe ich mir zu gut gemerkt, sah ich ihn auch damals nur gleich wie im
Fluge. Eben so freundlich blickte er nun mich an, und schien nicht weniger
berrascht zu seyn, als ich. Ei, Frau von der Rhn, sprach er hierauf: wie
kmmt's, da ich Euch hier zu Frankfurt sehe? Ihr habt sicherlich unter dem
Gedrnge Euern Gatten verloren. Darf ich Euch an seiner Statt nach Hause
bringen? -
    Seht doch! spttelte Wallrade mit einer gewissen Unruhe: wie ritterlich!
Und Du gingst mit ihm, und benahmst ihm ohne Zweifel seinen Irrthum?
    Meine Schaam lie es nicht zu; entgegnete Katharine: ich lie mich zwar
von ihm nach Hause geleiten, konnte mich jedoch nicht berwinden, ihm die
Wahrheit zu sagen, wie angelegentlich er sich auch nach dem Herrn von der Rhn
und der Ursache unsers hiesigen Aufenthalts erkundigte. Auf der Schwelle des
Hauses nahm er Abschied. Da war es aber auch, wo er mir folgende bewerkenswerthe
Worte sagte: Grt Euern Gemahl von dem Unbekannten, edle Frau, und sagt ihm,
er habe keine gute Zeit gewhlt, hier zu verweilen. Sein bser Geist ist um die
Wege. Er mge sich hten, ihm zu begegnen. Ich werde in den nchsten Tagen
selber ihn heimsuchen, und ihm, so Gott will, die Kunde bringen, da die Gefahr
vorber. - Somit schied er, und seitdem ich zu Hause sitze, foltern mich neue
Zweifel, peinigt mich verdoppelte Angst.
    Wallrade schwieg eine Weile mit gerunzelter Stirne, nachsinnend und dster.
Dieser Mensch, sprach sie endlich, ist ohne Zweifel selbst Deines Gatten
Feind, oder das Werkzeug seines bsen Geistes. Hinter seinen rthselhaften
Worten lauert Unheil, - ich wollte darauf einen Eid ablegen. Du mut dem
Fremdling ausweichen; - ich will es. Ohnehin ist meines Bleibens hier nicht mehr
lange.
    Nicht? fragte Katharine ngstlich in Wallraden's Augen lesend: Du wirst
doch nicht vergessen, was Du mir, Deiner Freundin gelobtest? Hieher, erfuhren
wir, habe der beklagenswerthe Flchtling sich gewendet; - hier verliert sich
seine Spur, dem Anscheine nach; allein Du hast mir nhere Auskunft zugesichert,
durch Deines Geschlechts und Deiner Freunde vielseitige Verbindungen. Versume
nicht, fr mich zu handeln. Ich, die Verlassene ohne Verwandte, ohne Gter und
Freund, vermag es ja nicht.
    Was ich gelobte, habe ich nie versumt; erwiederte Wallrade: ich habe fr
Dich gehandelt; ich habe Aufschlu erhalten auf mein beharrliches Forschen; ich
mu Dir nun, so wehe es mir thut, mittheilen, was ich aus der reinsten Quelle
geschpft; denn Deine berspannte Sehnsucht, Deine auf's hchste gereizte
Leidenschaft fr einen Treulosen, der Dich verlie, mu geheilt werden, sey es
auch durch das luternde Feuer des Grams. -
    Gott! was werde ich hren! seufzte Katharine in banger Erwartung, die
Augen starr auf das unheilverkndende Antlitz Wallraden's geheftet, welche hart
und ohne Rhrung fortfuhr, Streich auf Streich gegen das kindlich wehrlose Herz
der Unglcklichen zu fhren. - Nimmer wirst Du ferner den Schndlichen
schauen; sprach sie: nach Frankreich ist er gezogen, um unter franzsischen
oder englischen Fahnen sein Blut zu verspritzen. Nicht des Kaisers Zorn
scheuchte ihn aus den Gemarken seines Vaterlands, sondern die Furcht vor der
Rache Gottes und seiner Kirche. Er liegt im Bann.
    Herr des Himmels! schrie Katharine auf: Im Bann? Was hat der
Unglckselige gefrevelt? Was hat ihn in die ewige Verdammni gebracht? O rede,
rede Wallrade!
    Du forderst mich auf, den grten Jammer. Dir nicht lnger zu verhehlen;
versetzte das Frulein, der Herr von der Rhn hat mit Gottes heiligstem Gebote
seinen verfluchten Spott getrieben. Das Sakrament der Ehe, das der Herr selbst
eingesetzt, hat er mibraucht, um seinen Lsten zu frhnen. Ehe er Dich zum
Weibe nahm in bser Arglist, hatte ihn der Priester schon mit einer andern
eingesegnet vor Gott.
    Halt ein! rief Katharine, entsetzt auffahrend; allein die Unerbittliche
vollendete demungeachtet: Die, die er verlie, um Dich zu betrgen, schmachtet
dahin in Elend und Kummer sammt ihren Kindern. Und dennoch ist sie weniger zu
beklagen, als Du; denn Deine Ehe mit dem Verrther ist Snde und Schmach; Dein
Kind ist unehelich gezeugt in Schuld und Frevel.
    Katharine sank mit einem dumpfen Laut vom Sessel zur Erde, und mitleidige
Ohnmacht schlo ihr Auge. - Aber das Mitleid stand an ihrer Seite nicht.
Wallrade leistete ihr keine Hlfe, sondern lchelte tckisch in das Unglck, das
sie angerichtet. Mit grausamem bermuth heftete sie die wilden Augen bald auf
das arme Weib zu ihren Fen, bald auf dessen, in weichen Kissen schlummerndes
Kind. Grimmiges Rachgefhl verzog ihr Gesicht, hob die khn arbeitende Brust.
Die Hnde schlug sie befriedigt zusammen, und murmelte hhnend zwischen den
Zhnen: Der Siegreich ist gefallen! Fast stehe ich am Ziele. Er, flchtig wie
ein chter; sie, losgerissen von Allem, in meiner Gewalt; sein Kind mein Opfer,
wehrlos hingegeben meiner Vergeltung! So mute es kommen. Leben mu er zu seiner
Qual, und wenn auch die khnste Verzweiflung ihn wieder zum verlanen Herde
triebe, verstohlen, um jeden Prei seine Lieben noch einmal zu sehen, die Sttte
de finden, und nicht wissen, wo sie athmen, die ihm theuer sind. Vergehen mu
er nun langsam in fruchtlosem Jammer; vergehen mu aber auch sie an der trgen
Glut fressenden Grams; und erblassen mu die Tochter in meinem Schoo, verwelken
an dem Genusse des Wermuthbechers, den ich ihr reichen will vom Sonnenaufgang
bis zum Abendroth. Dies zu vollbringen helfe mir das Unglck, das so gerne
feindselig des Menschen Geschick zu untergraben bereit ist! -
    Die Zofe trat hier in die Stube, und bebte zurck, da sie die erblat dahin
Gesunkene ersah. Was solls? fragte Wallrade. Rdiger ist zurck; berichtete
die Magd, ihrer Bestrzung kaum Herr werdend. - Zurck? fragte Wallrade
wiederum, und ein heller Schein berstrahlte ihre Zge: Ich gehe, ihn zu
sprechen. Stehe Du mittlerweile hier der Elenden bei, und bringe sie zur Ruhe. -

    Mit einem hhnenden Abschiedsblick rauschte sie zur Thre hinaus, vor
welcher der Knecht Rdiger wartete. Sie winkte ihm in die Seitenstube. - Sag'
an Deine Mhr; begann sie zu dem Manne. Gesagt ist sie bald, erwiederte
derselbe. Es hat Alles seine vllige Richtigkeit. Der Knabe, von dem Ihr Kunde
haben wollt, ist wirklich derjenige, wofr er ausgegeben wird. - Nicht
mglich! fiel Wallrade ein: Du lgst! - Ihr drft mich einen Lgner
schelten; versetzte der Breitgestirnte gleichmthig: Ihr seyd meine
Herrschaft, und ich Euer halseigner Knecht. Aber trotz dem konnte ich zu
Wiesbaden nichts anderes herausbringen. Die Frau Willhild von welcher mir Else
erzhlte, da ich sie Eurem Gebote gem, geschickt ausforschte, hat richtig
Herrn Diether's Junker erzogen, und ihn verwichnen Herbst zur Stadt gebracht.
Keine Seele in ihrem Wohnorte und zu Wiesbaden wei Anderes davon zu berichten.
All meine Mhe war umsonst. - Schon genug; versetzte Wallrade: Du bist ein
Bffel, und ich werde selbst an Ort und Stelle sehen, ob Du meinen Auftrag
ausgerichtet, wie ich's begehrt. - Das steht Euch frei; entgegnete Rdiger
wie oben: aber, ob Ihr gleich der Herr seyd und ich Nichts gegen Euch
vorstelle, so werdet Ihr doch finden, da ich Recht habe.
    Nachdem er sich entfernt, berlegte Wallrade, mit Ernst und Flei, wie Alles
sich zu ihren schnden Zwecken fgen msse. - Diese schwle Gewitterhitze kann
nicht von Bestand seyn, sprach sie zu sich selbst: bleibe ich lnger, so kmmt
es zur Fehde zwischen der Stiefmutter und mir. Den offnen Bruch mu ich jedoch
vermeiden, bis ich ihr hart an's Leben kann. Jetzt treibt mich die Vorsicht von
hinnen, denn nach dem, was Katharine sprach, ist mein Bruder angelangt, und
brtet sicher in geheimer Stille Verderben gegen mich. Ihm mu ich ausweichen zu
gelegner Zeit, und selbst zu Wiesbaden und an Willhild's Wohnorte die Waffen
suchen, deren ich bedarf, um Margarethen zu vernichten. Denn - falsch ist ihr
Spiel; wie sollte ich den Buben nicht kennen? Warum wre er so scheu und
furchtsam gewesen, da er mich nur sah? Welch ein seltsam Verhngni ihn auch
hieher, gerade in dieses Haus gefhrt haben mag ..... ich will es bentzen.
Zuerst diene er mir als Hebel zum Sturze meiner Feindin; dann erst soll auch ihn
meine verzgerte Rache ereilen. Ehe ich aber die Fahrt antrete, die mir
Gewiheit verschaffen soll, wo Margarethens Sohn hingekommen, mu ich noch ein
Gift bereiten, das ich in Diether's Wunde streuen kann, um sie nie verharrschen
zu lassen.
    Um Gottes Barmherzigkeit willen, lat mich zu ihr! jammerte eine flagende
Stimme drauen, und Bilger's Gattin strzte mit aufgelstem Haar und zerrtteten
Gewndern zu Wallraden herein. Ich konnte sie nicht aufhalten! versicherte die
zagend nachfolgende Zofe, da sie in Wallradens finsterm Blicke den Zorn ber die
unverhoffte und unwillkommne Strung las. Verweint, bleich, mit wankenden Knien
nahte sich Katharine dem Frulein, das durch einen Wink die Dienerin entfernte;
sie ergriff des Fruleins Hand und sah sie mit dem Ausdrucke unaussprechlicher
Wehmuth an. - Was willst Du, Katharine von der Rhn? fragte Wallrade hart und
abgeschlossen. - Verbirg mich vor meiner eignen Schande! schluchzte Katharine,
und nenne den unglcklichen Namen nicht, der mich einst selig machte, und nun
meine ganze Zukunft vergiften wird. - Wie soll ich Dich denn also nennen,
Unselige? fragte Wallrade wie zuvor. - Hab ich denn mein Recht auf Deine
Freundschaft verloren? klagte Katharine: An Deinem Busen fand ich Trost ber
des Gatten Verlust, als er mich und sein Kind so schnde verlassen hatte: Deinem
Zureden folgte ich, als ich unsers gndigsten Kaisers Gnade von mir verwies, die
fr meine Zukunft sorgen wollte. Deiner ernstlichen Zuneigung vertraute ich, als
Du mich auffordertest, mit Dir zu ziehen, um des treulosen geliebten Flchtlings
Spur zu verfolgen. O, steh mir auch jetzt bei in den schwersten Stunden meines
Lebens! Hilf mir in diesem Sturme meines emprten Herzens! - Wie soll ich?
sprach Wallrade mit Klte und unverkennbarem Widerwillen. - Werde mir nicht
fremd; fuhr Bilger's Gattin dringender fort: zrne nicht meiner Scheu, zu
glauben, was meine Seele durchschneidet wie ein Schwert. Ist es auch sichre
lautre Wahrheit, was Du mir berichtet? - Wallrade richtete sich stolz in die
Hhe: Wozu diese Frage? sagte sie mit einem Tone, der die arme unschuldige
Katharine beben machte: Ich lge nicht. Beruhigt Dich aber ein Eid mehr, als
mein Wort, so schwre ich den theuersten, da ich Wahrheit sprach. - Und wer
.... wer ist die, die er zuerst umfing, um sie zu meiden fr meinen Besitz?
fragte Katharine, wie von Eisesklte geschttelt weiter. - Die Unglckliche ist
hier geboren, aus edelm Geschlechte stammend; entgegnete Wallrade zgernd:
sogar nahe - nahe mit mir befreundet. Ihren Namen, wie den Ort, den sie bewohnt
mit ihren vaterlosen Waisen, hoffe nicht von mir zu erfahren. - O nenne mir
ihn! bat Katharine flehend, und auer sich: Nenne mir das Weib, nenne es! -
Mit nichten! hhnte Wallrade: Etwa, damit Du, die leidenschaftlichste aller
Frauen, die ein lodernd Feuer unter harmlosem Antlitz birgt, die stille
Zurckgezogenheit der rmsten stren mgest durch Deine Klagen, Deine
Verwnschungen? - O, wie hart urtheilst Du von mir! versetzte die Frau von
der Rhn: ich habe fr ihn, den falschen Verrther, den sndigen Mann keine
Verwnschung, und ich sollte jener zrnen, die frher von ihm betrogen wurde,
denn ich? - Du sprichst gut; antwortete Wallrade gleichgltig: nur Schade,
da Deine Rede gleiender ist, als die That es seyn wrde. Das Weib ist heftiger
in seinem Ha, als der Mann selbst. berdies kehrst Du die Waffen gegen Dich
selbst, sobald Du ruchtbar machst, da Du den in Bann Verfallnen in
verbrecherischer Ehe umschlungen. So wie Du die Snde mit ihm theiltest, so
mtest Du auch die Strafe mit ihm theilen. Gelstet's Dich, mit geschornem
Haupt und nackten Fen, die gelbe Kerze in der Hand vor der Kirchenpforte zu
knien, Bue zu thun vor den Augen der Gemeinde, und jeden Vorbergehenden um
Vergebung anzubetteln im Namen des barmherzigen Gottes und seiner Heiligen?
Gewhrte es Dir Luft etwa, als Verfhrerin des ruchlosen. Mannes, der, sich
selbst feig der Gefahr entziehend, Dich darinnen umkommen lt, Dein Leben in
einem dumpfigen Kerker bei Wasser und Brod zu vertrauern, whrend Dein Mgdlein
im Schlamm der Schande und des Mangels untergeht? Und doch wren dieses die
Folgen Deiner Unbesonnenheit. Das Geschlecht der rechtmigen Gattin von der
Rhn's wrde Dich auf's grausamste verfolgen. Du wrdest unbezweifelt das Opfer
seyn. -
    Du entfaltest ein erbrmlich Loos vor meinem Blicke; seufzte Katharine mit
Thrnen der Angst in den schnen Augen: wohin ich sehe, droht mir Schande.
Meinen Namen wage ich nicht mehr vor einem fremden Ohre auszusprechen.
    Du mut ihn auch aus der Welt tilgen; forderte Wallrade gebieterisch: Du
darfst nicht mehr nach dem Elenden Dich nennen; nicht Dich, nicht Dein Kind:
denn nur jene Erste fhrt das Wappen derer von de Rhn mit Recht. Und nicht nur
Dein Name, du selbst mut aus dem Alltagsleben verschwinden, - willst Du ruhig,
ungefhrdet seyn, und Reue ben ob dem Frevel, dessen Du Dich theilhaftig
gemacht. -
    So rede! flehte Katharine: Rathe! zeige mir einen Weg, der zu der
Abgeschiedenheit fhrt, die allein mir Heil bringen kann! - Wallrade schwieg
hartnckig, und erst, nachdem Katharine alle Bitten der Freundschaft an sie
verschwendet hatte, begann sie ernst und gemessen, wie folgt: Gerne wrde ich
Dir eine Zuflucht in meinem Hause anbieten, allein mein Gut wirft kaum meinen
Unterhalt ab, und die zahlreiche Nachbarschaft, die in meinem Hofe aus-und
eingeht, knnte Dir gefhrlich werden. Ich mchte meine Freundschaft nicht gern
mit Bann und Interdikt belohnt sehen. -
    Was bleibt mir brig? weinte Katharine und rang die Hnde: Meine Eltern
sind schon lange todt. Zu Bilger's Freunden darf ich nicht, soll nicht das
Grliche an's Tagslicht kommen; des Kaisers Hlfe hab' ich ausgeschlagen ....
    Mit Fug und Recht; unterbrach sie Wallrade herrisch: der Kaiser ist ein
Meister in der Kunst, schwache Weiber zu bethren. Du weit, auf welche Weise er
meine unschuldige Freundschaft fast vergolten htte. Welch ein Schicksal, als
seine Buhlerin angesehen, und in der Folge von dem wankelmthigen Lstling in's
Elend gestoen zu werden! Ich wrde es vorziehen, den weien Stab zur Hand zu
nehmen, und von der Mildthtigkeit meiner Nebenmenschen die Fristung meines
Lebens zu heischen.
    Das ist auch das Einzige, das mir bescheert ist, guter Gott! seufzte die
arme Katharine: Bilger war nicht reich. Das Wenige, das er vor seiner Flucht
gewonnen hatte, und zurcklie, wird bald zerronnen seyn, - und dann, wie Gott
will! Die Freundin stt mich von sich .... was darf ich von fremden Menschen
hoffen? - Sie wankte zur Thre. Mit dem Ausdruck falschen Mitleids rief sie
Wallrade zurck. - Hre mich; sprach die Letztere so gleiend, als sie
vermochte: will ich denn Dein Unglck? Zweifelst Du denn an meinem herzlichen
Bedauern? Vernimm meinen Rath. Er wird Dich von der Reinheit meiner Gedanken,
wie von meiner aufrichtigen Sorge fr Dein Seelenheil, das Du gewissermaen
verwirkt hast durch Deine Verbindung mit dem Snder, berzeugen. Wahr ist's: der
Menschen Satzung spricht ein hart und grausam Urtheil ber das Verbrechen,
dessen Theilnehmerin Du unlugbar gewesen: darum weiche dem Schwert irdischer
Gerechtigkeit aus. Wohin knntest Du aber vertrauensvoller fliehen, als unter
den Schirm Gottes, der die ewige Barmherzigkeit ist, und den Tod des Snders
nicht will? Wirf Dich in die Arme des Erlsers! Vertraue, folge mir, und ich
fhre Dich an seine Brust, welche ihr kostbares Blut vergossen hat, um uns rein
zu waschen von jedem Frevel. Die Oberin des Stifts der weien Frauen ist mir
hold, und wrde auf meine Verwendung Dich gerne unter die Zahl der Reuerinnen
aufnehmen. Hinter jenen uralten Mauern bist Du sicher. Todt ist dort jedes
auerhalb begangene Vergehen; Bue und Vershnung wohnen in dem Schooe jener
ehrwrdigen Schwesterschaft. Durch Arbeit und Gebet wirst Du die verlorne
Zufriedenheit wieder gewinnen, den sndlichen Namen, den Du trgst, vertauschen
mit einem neuen gottgeflligen, und die Krone der ewigen Seligkeit erringen! -
Katharine, bleich wie ein Marmorbild, starrte Wallraden unbeweglich an. Die
Augen waren ohne Thrnen, obschon ein bittrer Schmerz aus ihnen leuchtete. Lange
konnte sie kein Wort der Erwiederung finden. Endlich ffnete sich der blasse
Mund. Wallrade! klagte die Gequlte: Du forderst mich auf, lebendig in's Grub
zu steigen? O, wie oft hrte ich, da hinter Klostermauern der Friede nicht
wohnt! Dort soll ich des Lebens Blthe verwelken sehen? Ich bin ja noch so jung,
Wallrade, ich habe kaum die Welt geschaut, und soll sie schon vergessen in
dumpfiger Zelle? Du begehrst das Schwerste, das ich kaum gewhren knnte!
    Wie's Euch beliebt; antwortete Wallrade kalt: mein Rath war redlich,
Katharine; da ihr ihn nicht befolgt, mchte Euch zu spt gereuen. Mich kmmert
zwar Euer Loos nicht im mindesten. Wollet mir jedoch die Liebe thun, mein Haus
stracks zu meiden. Ich lebe nicht gern mit Fluch und Bann unter einem Dache.
    Die grausame Rede schttelte Katharinens schwaches Widerstreben zu Staub.
Ein Strom von Thrnen prete sich unter den Wimpern der Leidenden hervor, die
wie verzweifelnd sich zu Wallradens Fen warf. O Wallrade! jammerte sie: Bin
ich denn so ganz dem Bsen verfallen in Deinen Augen, da Du mich unerbittlicher
von Dir stest, als es ein Heide thun wrde! Ach, Wallrade! hat jemals Dein
Mund wahrgesprochen, als er mich Freundin nannte, - so jage mich nicht von
dannen, wie den gehetzten Hirsch! Hast Du nicht Mitleid mit mir - weil ich eine
groe Snderin bin, - so habe doch Erbarmen mit meinem unschuldigen Wrmlein,
das nicht entgelten soll die Frevel seiner Erzeuger. Weise uns nicht hinaus in
das wilde feindliche Treiben, das uns verschlingen wrde! Ich habe nie gelernt,
allein zu wandeln die Bahn des Lebens, .... wie soll ich es jetzt beginnen, da
mir alle Sttzen brachen? .. mit ihnen mein Muth?
    Du fhlst es also, zrnte Wallrade, - Du fhlst es, da der Strudel der
Welt Dich hinabziehen wrde, und zgerst noch, in den sichern Hafen zu schiffen?
Du bist Dir bewut, schwcher zu seyn als ein Kind, und strubst Dich, nach dem
treusten Stab, nach dem Kreuze zu fassen? Thrichte, in Snde und eitle
Sinnenlust Verstrickte! Ich sollte Dich vergehen lassen im Verderben, .... aber
noch einmal wendet sich Dir mein Herz zu. Gelobe, ehe es zu spt wird, meinem
Willen zu gehorsamen. Rette Dich zu den weien Frauen. Streng ist ihre Regel,
aber herrlich und s die Zukunft, die sie durch dieselbe erkaufen. Nicht Deine
Strafe allein wendest Du vom schuldbewuten Haupte ab .... auch Deines
verbrecherischen Buhlen Pein kannst du mildern, ihm ein sanfteres Loos in jener
Welt erwirken! ....
    O, welch einen Gedanken fachst Du in meinem Gehirn an! versetzte
Katharine, erhoben durch die Vorspiegelung der Falschen: Wenn mich eine Ursache
bestimmt, - ein Verlagen, so ist es der Wunsch, das Begehren, ihm, der mich
elend machte, durch Wohlthat und Liebe zu vergelten! Ja, ja! ich folge Dir -
unbedingt - sein Seelenheil zu retten! - Aber ... fgte sie erschttert und
schmerzlich hinzu: Aber ... mein Gott! das zerreit mein Herz! ... was wird aus
meinem Kinde?
    Deine Demuth, Deinen Gehorsam belohnt der Herr auf der Stelle! sprach
Wallrade prunkend: Deine Tochter sey die Meine. Nie werde ich mich vermhlen,
und in Deinem Kinde die Mutterfreuden kennen lernen, die ich nicht durch die
Umarmung eines Mannes erkaufen mchte. Von Zeit zu Zeit bringe ich Dir das
Mgdlein in deine Abgeschiedenheit, um es zu kssen, um es zu segnen, und zu
sehen, wie mild und gut ich's mit Dir meine.
    Mit der Wonne hchster Dankbarkeit umschlang Katharine Wallraden. Du bist
eine Heilige! - jubelte die arme Mutter: An Deine hohe Tugend reichen meine
Sinne nicht! Noch vor wenig Augenblicken sah ich eine Feindin in Dir, und nun
zwingst Du mich, als meine grte Wohlthterin Dich zu verehren!
    Wallrade, welcher der herzzerreiende Auftritt, trotz der Siegesfreude, die
ihr daraus erwuchs, zu lange dauerte, beeilte sich, ihm rasch und durchgreifend
ein Ende zu machen. Sie versicherte unter den krftigsten Betheuerungen der
rmsten ihre unwandelbare Zuneigung, ermahnte sie, dem mhsam abgerungenen
Vorsatze treu zu bleiben, und versprach ihr zum folgenden Tag die Einfhrung in
das Kloster der weien Frauen, woselbst unter ihrer Vermittlung die Aufnahme
vorbereitet werden sollte. Hierauf redete sie ihr zu, das Lager zu suchen, um
durch Ruhe den Sturm ihres Gemths zu beschwichtigen, und berlie sich, nach
Katharinens Entfernung, einem tiefen Nachdenken, dessen Ergebnisse am nchsten
Morgen sich offenbaren sollten.

                                Zweites Kapitel.


                Reichthum heit nicht, Gold und Silber zu besitzen, sondern was
                man liebt.
                                                                Serbisches Lied.

Frau Margarethe stand umwlkten Blicks vor dem Kstchen, in welchem auf
schwarzem Sammtgrunde die goldne Kette lag, womit ihr Gemahl sie zur Feier ihres
heutigen Geburtstages bedacht hatte. Sie htte mit sich selber grollen mgen,
die Beschenkte. Herr Diether hatte so herzliche Worte der Liebe zu ihr
gesprochen, und trotz ihrem aufrichtigen Bemhen, solcher Liebe wrdig zu seyn,
konnte sie kein hnlich Gefhl in ihrer Brust hervorzaubern. Ehrfurcht und
Sorgfalt, den greisen Mann zu rchen, fand sie ihre Seele bereit, aber jene
Empfindung, die so zart bewegt, so sanft erwrmt, so selig beglckt, war und
blieb ihr fremd. In der prachtvollen Kette, diesem Zeichen von Diether's
liebevollem Wohlgefallen, sah sie nicht den Schmuck sondern nur die neue Fessel.
Eine befriedigende Selbsttuschung hatte sie bis jetzt verblendet, und
errthend, widerstrebend mute sie sich gestehen, da sie sich betrogen, da sie
fr Diether nur ein Herz habe, - kalt wie das Metall, aus welchem das
vorliegende Festgeschmeide gefertigt. Wie bin ich doch so unglcklich! sprach
sie dster vor sich hin: Ich mchte gerne redlich meine Pflicht erfllen, wie
es meines Eheherrn fromme Gte verdient, und dennoch - meinem Willen zuwieder -
kommt mir wie Heuchelei vor, was ich thue und rede. Ach! htte doch mindestens
der Himmel meinen Johann erhalten; .... ich knnte alsdann in Diether den Vater
meines Kindes lieben! Aber das Unglck war nicht abzuwenden, ... nur zu
verdoppeln durch eine verrtherische Lge ... setzte sie leise und unmuthig
hinzu.
    Rasch warf sie den Deckel des Kstchens zu, und wollte dasselbe in ihre
Spinde schieden, aber mit Staunen bemerkte sie nun, da sie nicht allein
gewesen. Der Schulthei, ein schngewachsener in den fnfziger Jahren noch
stattlich aussehender Mann, dessen Gestalt ein geschmackvoller. Anzug noch
erhob, war, ohne von Margarethe gehrt worden zu seyn, in das Closett getreten.
Diether's Gattin verneigte sich bestrzt, suchte in den Augen des edlen Herrn zu
lesen, ob er etwa vernommen, was beinahe unwillkrlich ihren Lippen entwischte,
ersah jedoch zu ihrem Vergngen nichts anders darin, als nur den freundlichen
Gru eines so eben ber die Schwelle Schreitenden. Der Schulthei, ein Mann von
Sitte und Geschmeidigkeit, zgerte nicht, der sichtbaren Verlegenheit
Margarethens hlfreich entgegen zu kommen, und fragte bescheiden und
angelegentlich nach dem Schffen. Margarethe berichtete ihm, ihr Gatte sey nach
dem Garten gewandelt, um ber die Anpflanzung desselben Befehle zu ertheilen.
Der Schulthei lchelte fein. Freund Diether, sprach er, scheint Blmlein und
Frchte zu lieben; er ist eiferschtig, auf sein Eigenthum, und entzieht aller
Welt dessen Genu. Die schnste Blume seiner Grten lt er in Einsamkeit
vertrauern, statt dann und wann die Zahl anderer Verehrer durch ihren Anblick zu
erfreuen. - Margarethe, deren Scharfsinn gar leicht die Bedeutung der
sinnbildlichen Rede errieth, antwortete durch das Roth auf ihren Wangen, und
duldete es, da der Schulthei betonender fortfuhr: Wir haben Euch so lange
nicht in unsrer Mitte gesehen, ehrsame Frau. Die weitberhmte und herrliche
Gesellschaft auf Limpurg1 hat ihren Reiz und Glanz verloren, seitdem sie Euch
nicht mehr zu ihren Gsten zhlt. Wahrlich, ich werde am Ende von meinem
Stubenmeisterrecht Gebrauch machen mssen, um den sumigen Gesellen Diether
Frosch zur Ordnung und zur Pflicht anzuhalten. Nicht umsonst heit Limpurgs
Banner- und Wahlspruch: Zucht und Ehren soll man mehren, und Freud nicht wehren.
Aber Euer Eheherr wehrt unsrer Freude, indem er uns Eure Holdseligkeit versagt.
- Margarethe erwiederte hierauf besonnen und milde, da der Schulthei zu
strenge ihrem Herrn zur Last lege, was am Ende sie nur allein verschuldet; da
die Einsamkeit des Hauses ihr besser zusage, als die Festlichkeiten Limpurgs;
da sie dehalb freiwillig in denselben verbleibe, besonders seit ihr Shnlein
wiederum gesundet nach der Stadt gekehrt. - Der Schulthei schttelte am
Schlusse dieser Entschuldigung leicht, aber dennoch bedeutend mit dem Haupte.
Es mag seyn, sprach er, da die Liebe zu dem Kinde eines geliebten Mannes in
einer Frauenseele alles brige verdrngt. Ich, der Hagestolz, habe nie
Gelegenheit gehabt, mich davon genau zu unterrichten. Aber all' Eure geschickten
Ausflchte, reichen nicht hin, um mich von deren Wahrhaftigkeit zu berzeugen.
Wo Eifersucht ist, ehrsame Frau, da ist auch Zwang; und eiferschtig ist Diether
im hchsten Grade, so sehr Ihr Euch bemht, ihn zu entschuldigen. Wer wei, ob
ich's nicht auch an seiner Stelle wre. Je strahlender der Edelstein, je nher
der Dieb. Dem sey nun aber, wie es wolle, fgte er mit zierlicher Verbeugung
hinzu: Der Glcklichste auf Erden wrde ich seyn, wolltet ihr mir vergnnen,
Euch in Eurer Einsamkeit die Huldigung darzubringen, die Ihr von der Menge
verschmht; wolltet ihr diese goldne Rose gtig empfangen, die ich Euch an dem
Tage berreiche, der Euch gebar. Sie sollte von Juwelen gebildet seyn, wre ich
ein Frst; - ein einfach Maienrslein, wr ich noch ein Jngling, dessen
Rosenwangen seiner schlichten Gabe das Wort reden knnten. - -
    Er hielt der staunenden Altburgerin die kostbar gearbeitete Goldblume mit
sem Lcheln und hofmnnischer Geberde hin, und stutzte ber die Maen, als
Margarethe das Geschenk mit zierlichen, aber klaren und bestimmten Worten
zurckwies. - Seyd nicht ob meinem Thun beleidigt, Herr Ritter; endigte sie:
Wie drfte ich von Eurer Hand ein Geschenk empfangen, das ich nimmer erwiedern
knnte. Die Sitte, und meine Pflicht gegen Diether verbinden mich, diese Rose
auszuschlagen, welches auch ihre Deutung sey, und welche, ohne Zweifel
untadelhafte, Absicht Ihr bei ihrer berreichung haben mgt.
    Das ist eine harte Weigerung; antwortete der Schulthei, mit dem Ausdruck
gekrnkter Eitelkeit: es kann Euch ja schon lngst kein Geheimni mehr seyn,
schne Frau, welche Gefhle ich fr Euch hege. Schon lngst sehnte ich mich nach
einem Anla, ihnen Worte zu leihen. Heute, an dem schnsten Feiertage, der fr
mich vorhanden, finde ich diese Gelegenheit, und Grausamkeit wird der Lohn
meiner redlichen Empfindung? Bedenkt, holdeste der Frauen, da Ihr durch Eure
Weigerung die Rose nicht allein verwerft.
    Bedenkt, edler Herr, erwiederte Margarethe, gereizt durch den drohenden
Ernst, der in des Schultheien letzten Worten zu liegen schien, - bedenkt, da
ich ein verehlicht Weib bin, das solcher Zweisprache fglich entbehren kann;
kann und mu.
    Ihr verbergt Euch hinter dem Bollwerke der Pflicht; redete der Schulthei
bitter: eine bessre Burg gibt es nicht fr sprde Frauen. Wren aber vielleicht
nur meine Jahre der Feind, dessen Sturm Ihr so muthvoll abschlagt? Ihr mt mir
schon vergeben, ehrsame Frau, wenn ich in Eurem Hause umsonst nach dem Talisman
forsche, der Euch unverletzbar macht. -
    Seht ihn hier; rief Margarethe, da gerade der kleine Hans in die Stube
sprang, und in ihre Arme eilte: seht ihn hier, und zrnt meiner nicht,
gestrenger Herr! -
    Der Schulthei verbarg seinen Unmuth ber die zur Unzeit eingetretne Strung
hinter der Maske wehmuthsvoller Freundlichkeit. Er verbeugte sich mit einem
vielsagenden Blick, und streichelte, der Mutter zu gefallen, des Knaben blhende
Wange. Du liebst wohl Deine Mutter sehr? fragte er den Kleinen.
    ber Alles lieb' ich sie! versicherte der Letztere mit strahlendem Auge. -
Du Glcklicher! seufzte der Ritter, verstohlen Margarethens Antlitz htend:
Du darfst es; Dir gewhrt sie Alles. Wie ist's aber mit Deinem Vater? Liebst Du
ihn gleich Deiner Mutter? -
    Margarethe warf einen der unbescheidnen Frage zrnenden Blick auf den
Schulthei, und wollte dem Knaben den Mund verschlieen, aber schon war die
Antwort heraus:
    Ich habe keinen Vater! rief der kleine Hans, von alten Erinnerungen
erregt, und in dem bermuth seiner Anhnglichkeit fr Margarethen.
Abscheulicher Bube! zrnte diese: Noch einmal diese Antwort, und .... -
Lat ihn doch; meinte der Schulthei lchelnd: der Knabe sagte zu viel; das
ist aber die Art seines Alters. Dehalb wei man doch, woran man zu glauben
hat. - Herr Schulthei! unterbrach ihn Margarethe heftig. Er lie sie
indessen nicht ausreden, faltete des Knaben Hnde, und sagte ihm die Worte vor:
Bitte Deine Mutter, Knabe, sie mge mir um Deinetwillen vergeben, und mir nicht
ferner zrnen. - Der kleine Hans lie sich gern zur Frbitte gebrauchen, und
seine kindliche Unbefangenheit und Drolligkeit zauberte sogar auf Margarethens
Lippen ein leichtes Lcheln. -
    Man soll am Feste der Geburt nicht bse seyn, will ein alter Sittenspruch;
sagte sie, dem Schulthei schnell vershnt die Hand reichend, die er zrtlich
drckte; Man hat sonst Galle das ganze Jahr hindurch. Ihr mt mir dafr
geloben, nicht wieder so freventlich zu reden, wie es sich zu Euerm Amt und
Alter gewilich nicht ziemt. - Der Schulthei nickte gehorsam, obgleich
verdstert durch die Erwhnung seines Alters. - Und als endliche Bedingung
meiner vlligen Vergebung, setzte Margarethe erheiterter hinzu: verlange ich
von Euch die Gewhrung einer geringen Bitte. - Sprecht, Frau Minne!
antwortete ihr der Schulthei neugierig und lchelnd. - Es wre mir beinahe
entfallen, fuhr Diether's Gattin immer unbefangner fort, da mir heute das
Heil wiederfuhr, zur Frbitterin in einer Sache aufgefordert zu werden, die
gewi so geringfgig ist, da sie kaum der Rede lohnt, mit der ich Euer Ohr
belstige. Ein arm Geschpf - mit einem Worte, ein schlecht Judendirnlein kam
heut weinend und schreiend hergerannt, und flehte mich im Namen des Himmels und
der Erde an, durch irgend einen guten Freund zu bewirken, da ihr Vater, - und
wenn ich recht hrte, auch ihr Grovater losgelassen wrden, die schon seit
einiger Zeit im Kerker schmachten. Die Ursache ihrer Haft, schwrt die Dirne,
nicht zu wissen; aber ich bilde mir wohl selbst ein, da der Handel von wenig
Belang seyn wird. Dergleichen Plackereien sind so hufig, da Hebrer, um
kleinen Vorwands willen, in den Thurm wandern mssen, um dann an ihrer Habe
gebt zu werden. Es ist auch ein schlecht Volk, das solchen Zwang verdient,
weit es den Heiland kreuzigte. Ich dchte dennoch, da bei Esther's Vater eine
Ausnahme gar wohl zu machen wre. Er ist ein eifriger Mann; keiner der
unredlichsten, und ich kenne ihn aus manchem Kaufgewerbe, das ihn in mein Haus
gefhrt. Ich mchte gerne dem Armen loshelfen, wenn es mglich wre, und da der
Zufall .... oder nicht der Zufall, es gewollt, da Ihr, gestrenger Herr, mir
Eurer Einkehr Ehre schenktet, so richte ich an Euch die Bitte, beim
Oberstrichter ein gewichtig Wort zu reden, da der Jude bald wieder den Weg aus
dem Gefngnisse finde, und nicht zu hart an seinem Gelde gebrandschatzt werde.
- Man knnte das Gezcht beneiden um die Theilnahme, die Eure Purpurlippen fr
dasselbe aussprechen; - antwortete der Schulthei nicht ohne widrige Anregung:
Ich mische mich sonst nie in des Richters Verfahren; indessen, wo Euch, edle
Frau, ein Dienst geleistet werden kann, mache ich gerne eine Ausnahme. Wie nennt
sich der hebrische Hund? - Ben David ist's, erwiederte Margarethe: der
reichste .... zum mindesten der angesehnste aus der Judengasse. - Aber schon
war des Schultheien Stirne streng gerunzelt, schon hatten sich seine
Augenbraunen dicht zusammengezogen, und finster schttelte er das Haupt. -
Ist's der? fragte er mit Hrte: Dann lat mich aus dem Spiele, edle Frau. Ich
rette den Burschen nicht. - Nicht? entgegnete Margarethe staunend: Hat denn
der Mann so Grliches begangen? - Aus Eurer Frage vernimmt man, da Euch sein
Verbrechen wirklich noch unbekannt; versetzte der Schulthei heftig: welche
Mutter knnte gleichgltig dabei bleiben? - O erzhlt; verlangte Margarethe,
mit bser Ahnung kmpfend: Erzhlt ... eine Mutter, sagt Ihr ...? - Nu ja
doch; erluterte der Schulthei: knnt Ihr Euch Abscheulicheres denken? Die
Hunde haben ein Christenkind, einen Knaben, seiner Mutter gestohlen, oder um
schnden Sold vielleicht ..... -
    Margarethe hrte nichts weiter, denn, in unbeschreiblicher Angst, den
kleinen Johann an sich reiend wie einen gefhrdeten Sohn, ... dann ihn wieder
von sich stoend, wie einen verhaten Fremdling .... sank sie bewutlos mit dem
Haupte vor sich hin auf den Tisch. Entsetzt schrie der kleine Hans auf; der
Schulthei sprang hinzu, um der Ohnmchtigen beizustehen. Die Angst des
Liebenden half ihm in dem ungewohnten Geschfte. Mit Wasser benetzte er die
Schlfe Margarethens; Ksse drckte er auf ihren bleichen, nicht widerstrebenden
Mund, und so geschah es, da sie bald aus der schweren Bewutlosigkeit erwachte.
Beinahe htte sie aber zum Zweitenmale die Augen im Todeskampfe geschlossen,
denn sie sah sich in des zudringlichen Bewerbers Armen, und zu der
gegenberliegenden Thre traten eben unvermuthet und rasch Diether und Wallrade
ein.
    Bestrzung und berraschung lagen auf jedem Angesichte; eine frohe
Betroffenheit jedoch nur auf Wallradens. Diether nahm eine so ernste Stellung
an, da selbst der Schulthei, ein gewandter Mann, und Meister seiner
Bewegungen, nur nach wiederholten milungnen Versuchen, den Faden finden konnte,
den Grund der befremdenden Lage, in der er berrascht worden, - nmlich
Margarethens pltzliche Ohnmacht - anzugeben. Kalt und finster nahm Diether
diese Erklrung auf, und peinigte, whrend Wallrade mit erheuchelter Theilnahme
sich um seine Gattin beschftigte, den unwillkommnen Vorgesetzten mit einer
Frmlichkeit, die demselben bald lstig genug fiel, um sich ziemlich verlegen zu
entfernen. Die Schlange in des Altbrgers Brust fing wieder an zu nagen, und
Wallradens Schadenfreude streute ihr Futter. Denn als Diether benagten Herzens,
auf wankenden Fen von der Hauspforte, zu welcher er den Schulthei geleitet
hatte, zurckkehrte nach der Wohnstube, wo eben Margarethe, deren Schwche einem
wunderlich gereizten Zustand gewichen war, in einem Strom von Thrnen sich
ausweinte, winkte ihm Wallrade mit dem zwinkernden Auge, ein Tuch zu lften,
das, den Hnden der Altbrgerin entsunken, auf dem Tische lag. Im Vorbergehen
that Diether nach der Verrterin Begehr, und enthllte die goldne Rose, die der
Schulthei in dem ngstlichen Drngen der letzten Augenblicke vergessen hatte,
mit sich zu nehmen. Diether's bittres Lachen schreckte die Weinende auf, und
ber ihre bleiche Wange fuhr die Gluth neuer Beschmung, da sie der
unglckseligen Gabe gewahr wurde, die ihr Gatte in der Hand hielt.
    Zu Eis wurde sie, obgleich unschuldig, da sie aus seinem Munde die Worte
hren mute: Glck zu, tugendsame Hausfrau, Ihr berhmt Euch hoher Gunst. Ihr
habt Euch den stattlichsten Freund gewhlt, von besserer Geburt obendrein, als
Euer Griesgram von Ehewirth; sinniger und zierlicher nebenbei in seinen Gaben, -
denn, wo der Gemahl die lstige Kette bietet, opfert der Buhle das lockende
Rslein eines goldnen Maien. O, leicht drfte fr ihn der heutige Tag zum
Rosensonntag geworden seyn! Dem Graukopf gehrt Wermuth, bis er zur Grube
fhrt. - Ihr seyd ungerecht, lieber Herr; erwiederte Margarethe, matt und
erschpft: Diese Rose ist nicht mein. Falsch ist Euer Wahn. - Falsch? lachte
Diether grimmig: So falsch etwa, als Eure Ohnmacht? Am Busen des willkommnen
Trsters hat Euch der Sinnentaumel bermannt. Vor Wonne wart ihr auer Euch.
Nichts weiter. Woher sonst dieser Magdalenenblick, woher die sndige Scheu, die
noch jetzt Eure Zge peinigt? Zehnfache Schaam mge Euch foltern, da Ihr in
dieses Knaben Gegenwart sogar Eurer heiligsten Pflichten vergessen konntet. -
Stumm, ohne eine Sylbe zu finden, wand die Altbrgerin die Hnde. Wallrade
wollte den Augenblick bentzen, um des Knaben, den sie schon eine lange Weile
mit glhenden Blicken gemessen hatte, sich zu bemeistern.
    Komm, Kleiner, sagte sie zu ihm, seine Hand ergreifend: komm, la uns
gehen. Wenn die Eltern hadern, mu der Bube vor der Thre stehen! - Der Knabe
wehrte sich aber wie ein ungeberdig Pferd gegen sie, ri seine Hand aus der
Ihrigen, und floh mit Lauten der Angst zu Margarethens Knieen. Lat mich!
schrie er: Ich darf nicht mit Dir gehen, ... ich darf nicht mit Dir reden ....
Mtterlein hat's verboten! -
    Hrt Ihr, Vater? fragte Wallrade tckisch: Hrt Ihr, wie Euer Weib den
Ha zwischen Geschwister pflanzt? - Noch einmal wollte sie den Knaben mit sich
von bannen ziehen, aber noch einmal mit verdoppelter Angst vertheidigte sich
derselbe. La mich! kreischte er: Du willst uns arm machen, .... ich soll
betteln gehen, .... la mich ... Du bist die Schwarze, wenn du schon ein roth
Jplein trgst ...! -
    Wallrade erbleichte pltzlich, und machte eine Geberde, als wollte sie durch
einen Schlag den Jungen zum Schweigen bringen; aber er kreischte noch heftiger,
und reizte die erschpfte Margarethe auf, da sie empor sprang, und wie eine
zrnende Lwin der verstummenden Wallrade sich entgegenstellte. Wage es -
Boshafte! schrie sie: Wage es, dies Kind zu der berhren, und das Tageslicht
sahest Du zum letztenmale! - Weib, was ficht Dich an! rief Diether, zwischen
die Frauen sich werfend: Kennst Du Deines Mannes Tochter nicht mehr? Und Du,
Wallrade, was deuten die seltsamen Reden des Knaben? - Diese Frage lste das
Zauberband, das Wallradens Zunge bisher gefangen gehalten. Was werden sie
deuten? sprudelte sie heftig heraus: was werden sie deuten, diese Reden eines
mit Flei eingewurzelten Hasses? Euer Weib wird mich dem Buben als einen Teufel,
einen schwarzen bsen Geist geschildert haben, und also sieht mich auch des
Knaben verrcktes Hirn!
    Pfui Wallrade! erwiederte Diether mit strengem Vorwurf: Fast mcht' ich
selbst Dich einen unsaubern Geist schelten, da Du Deinen Bruder, meinen
geliebten Sohn sinnverwirrt und hirnverrckt schelten magst. Das ist sndlich
Zungenspiel, das nimmer aus gutem Herzen kommt. Denn, wie Gott dem Knaben gerade
Glieder schenkte, so gab er ihm auch vlligen Verstand, und nur ein Hexenweib
kann solchen gotteslsterlichen Ausdrucks sich bedienen! - Wallrade zuckte
mitleidig lchelnd die Achseln. Margarethe erwiederte jedoch auf Diethers Rede:
Das Kind vertheidigt Ihr; den Leumund der Gattin gebt Ihr aber unbedacht der
bsen Zunge einer neidischen Erbschleicherin Preis. Meines Krpers Schwche
verhinderte mich, Eure ungerechten Beschuldigungen, wie sie's verdienen, zu
beantworten. Jetzt habe ich aber meine Strke, und mein Bewutseyn
wiedergefunden, und sage Euch: Unwahr ist, was Euer Argwohn und die
Einflsterungen dieser bsartigen Maid Euch vorgespiegelt. Dies Kleinod mgt Ihr
darum dem Schulthei wieder zustellen, und von ihm selbst zu Eurer Beschmung
erfahren, wie es sich damit verhlt. - Sie wollte hinauseilen, Diether hielt
sie jedoch zurck, und sprach mit weicher Stimme: Gott wei, Margarethe, wie
schmerzlich mir's wre, Euch Unrecht zuzufgen. Ich will ja gerne glauben, da
Ihr rein seyd, wie der Schnee des Gebirgs; ich will ja zugeben, da ein neidisch
Auge durch einen bsen Blick den Unfrieden in unsre Wirthschaft bannte; lat uns
darum, dem Teufel zum Trotz, Frieden halten. Die Hnde lat uns verschrnken,
da an diesem Feiertage unsers Hauses der unselige Zauber seine Kraft verliere.
- Schmeichelnd bemchtigte er sich der rechten Hand Margarethens, die wie ein
zagender aber vershnlicher Engel nach ihm herberblickte. - Mchtet Ihr doch
diese Hand auch Wallraden reichen; fuhr er, zum Vermittler werdend, fort: zum
Abschiede; setzte er schnell hinzu, da Margarethe finster das Haupt schttelte:
zum Abschiede; denn sie besteht darauf, Morgen mit dem Frhesten Frankfurt zu
vertauschen mit ihrem eignen Besitzthum. - Das Frulein thue, wie ihr's
gefllt; versetzte Margarethe, kein Auge nach Wallraden kehrend, die den Rcken
gegen das Zimmer und die Sprechenden gewendet, durchs Fenster sah: Es hat
verschmht, meine Freundin zu werden, und fahre wohl. Ich verschmhe, einen
Handschlag zu geben, der nicht von Herzen kmmt, und hchstens nur das Behagen
ausdrcken knnte, Wallraden Abschied nehmen zu sehen. -
    Starrsinnige Weiber! sagte Diether verlegen, wie er sich zu benehmen habe,
um nicht der Tochter, nicht der Gattin allzuwehe zu thun: Nur Eure Eitelkeit
strubt sich gegen eine Nachgiebigkeit, die in Euern Herzen einheimisch ist. -
    Ich gebe das Beispiel der Nachgiebigkeit; antwortete Margarethe kalt:
denn ich gehe, und rume Eurer Tochter das Feld. Ich wrde ein strender Zeuge
Euers Abschieds seyn, und entferne mich daher. Auch beim Imbi, fr den ich
Sorge tragen werde, soll meine Gegenwart nicht beschwerlich fallen. - Lblich
von Euch; versetzte Wallrade in gleichem Tone, und ohne ihre Stellung zu
verndern: ich berhebe euch jedoch dieses Zwangs; denn ich finde heute noch an
dem Tische der frommen Waldburga im Stift der Reuerinnen meinen Platz. - Desto
besser; schlo Margarethe das wunderliche Gesprch: die Reue gnne ich Euch
von Herzen.
    Hierauf verschwand sie schnell und fhrte den Kleinen mit sich hinweg.
Diether, sah ihr lange beklommen nach, stand eine Weile sinnend da, und verbarg
alsdann grollend mit sich selbst die goldne Rose, welche noch auf dem Tische
lag, in eine Lade des Schreins. Whrend er noch, wie ein Trumender, die Hand am
Schlssel hielt, drehte sich Wallrade rasch um, nherte sich ihm, legte ihre
Rechte auf seine Schulter, und sprach mit Schrfe und greller Betonung: Gott
strke Euch, mein Vater. Ich werde ferne seyn, und die Zeit Eurer Prfung erst
beginnen. - Ei, welche Gedanken! entgegnete Diether, mit Mhe die Unruhe
verbergend, die von der bsen Prophezeihung in seiner Seele wieder erzeugt
wurde. - Friede im Haus ist ein gut Kissen; sprach Wallrade weiter: Unfriede
zwischen Eheleuten hingegen ein Stachel, dem jeder Tag an Schrfe zulegt. Ihr
werdet whnen, der Unfriede ziehe mit mir von dannen, - aber weit gefehlt. Die
Warnerin geht von Euch; das Unheil bleibt. - Du bist ungerecht und grausam
zugleich; uerte Diether: Du verunglimpfst mein Weib, und berlssest mich
doch dem bsen Geschick, das Du voraussagst. - Mein Maierhof fordert seine
Gebieterin, erwiederte Wallrade hingeworfen: die Felder sollen bestellt
werden, ..... in Euerm Hause ist das Feld schon vom bsen Smann bestellt. Ich
thue Euch und mir eine Liebe, wenn ich gehe. - O Du hartherzige Tochter!
versetzte Diether schmerzlich: Also belohnst Du meine Zrtlichkeit. Ich dachte
Alles wieder in's alte Gleis der Sitte zu bringen, Dir das Erbtheil zuzuwenden,
dem Du freiwillig entsagst ...... - Gebt mir's vor Euerm Tode, spottete
Wallrade, damit ich Euch ernhren knne, wenn Euer Weib und Eure Shne Euch
verlassen. Im Ernste aber; lat uns Abschied nehmen. In dem Hause wo man mich
einen hllischen Geist, eine Erbschleicherin nennt, weile ich nicht mit Freuden.
Lat uns Lebewohl sagen. Mein Platz im Hause wird bald durch einen willkommnern
Gast besetzt seyn. - Bses Kind, antwortete Diether: Warst Du nicht der
Willkommenste? - Vielleicht fr Euch; lachte Wallrade giftig: Fr Euer Weib
ist wahrlich und gewilich Dagobert der Willkommnere. - Was sprichst Du da,
Argwhnische! rief Diether: Und wie kme denn Dagobert, der Pflichtvergessene,
hieher zu uns, die er meidet? - Er ist schon hier, seit mehreren Tagen hier;
erluterte Wallrade: so seltsam es Euern Ohren klingen mag, so wahr ist's doch.
Ein wackerer Sohn, der Tage lang in derselben Stadt athmet, in der sein Vater
wohnt, und des Vaters Angesicht scheutet! Vielleicht frchtet er auch nur meine
Gegenwart; vielleicht bewegt ihn auch ein wichtigerer Grund, Euer Auge zu
meiden. - Ich wei kaum, was Du sprichst, betheuerte Diether: Mir wirbelts
vor den Sinnen. Dagobert kmmt, da Du gehst? - Er thut sehr wohl daran;
lchelte das Frulein: Ich will auch als ein freundlich Schwesterlein des
Bruders Vergngen nicht hemmen. Lebt wohl, Vater, und wird es euch zu eng in
Frankfurt, so kommt auf Baldengrn. Willkommen seyd Ihr da, erscheint Ihr
allein, ohne Euer zweites Weib. - Unvershnliche! sprach Diether mit
berstrmenden Augen, indem er Wallraden wehmthig an sich drckte: Den Kindern
sind doch sonst der Frauen Herzen hold; la nicht das Brderlein den Widerwillen
theilen, den Du, - ich schwr es, ohne Grund, - gegen die Mutter hegst. Willst
du das zarte Bblein nicht kssen zum Lebewohl, so sprich doch nur gegen mich
ein Wort der ausgeshnten Schwesterliebe. - Schwesterliebe? fragte Wallrade
wie verwundert, whrend sie sich mit argem Lcheln aus des Vaters Armen wand:
Ihr sprecht doch von dem kleinen Johann? Ich wre dessen Schwester? Ei, das
wolle Gott nicht. Nennt mich lieber seine Muhme, guter Vater. - Wie soll ich
verstehen, was du sprichst? fragte Diether erbleichend entgegen. - Wallrade zog
jedoch mitleidig die Schultern in die Hhe und verneigte sich ausweichend.
Erlat doch mir die Erklrung; sprach sie hhnisch: fragt die Stadt, und wenn
Ihr auch dieser nicht glaubt, so wendet Euch an den heiligen Georg selbst, der
ber dem Putztische Eures Weibes hngt. Ein feiner Rittersmann, dessen Ebenbild
zu seyn, Euerm Sohne - dem Johann nmlich - - keine Schande bringen wird, so
lange Euch selbst die Sache Freude macht. Lebt indessen wohl, und dreimal wohl,
mein Vater. Gott mit Euch!
    Einen Ku der Pflicht fhlte Diether auf seiner Wange; einen Augenblick
hielt ihn die Tochter umschlungen, und schon war die Thre hinter ihr in's
Schlo gefallen. Lange starrte aber noch der graue gebeugte Vater vor sich hin,
wie ein, von jhem Tod Erblater, und als dann nun wieder Regsamkeit in seine
Glieder trat, wandte er den Blick; gezwungen fast, zu dem Bilde des Heiligen,
das auf ihn herniedersah wie eines Todfeinds verhates Antlitz, trug es gleich
die Zge des einstens zrtlich geliebten Dagoberts. Aber also ist das
unglckselige Wesen des Argwohns und der Eifersucht, da durch ein Wort, durch
einen aufgerttelten Gedanken das Theuerste ein Gegenstand bittrer Verfolgung
werden, Liebe sich in Wuth verkehren kann. Und dieser leise Grimm, ein fressend
Ungethm in der Brust des Leichtglubigen, baut sich fester und fester ein, je
angelegentlicher man ihn vertilgen mchte. In gefhrlicher Stille wchst der
Funke an zur verderblichen Glut, und so kann es geschehen, da selbst unter dem
Eise des Alters ein ghrendes Flammenmeer wogt, denn im Mittelpunkt des Lebens
strmt und braust es hei und krftig, wenn auch seine Grnzen allgemach in
Frost erstarren. Mit der festesten Willensgewalt vermochte nur Diether den bsen
Geist zu bndigen; nicht jedoch um die Augen mit Vertrauen zu ffnen, und ihn
dadurch vllig zu berwinden, sondern um ihn zu pflegen, und grer zu ziehen in
Schweigen und Heimlichkeit. Darum berlie er sich selbst dem Fehler, dem er auf
die Spur zu kommen trachtete, der Heuchelei. Mit freier Stirn berlie er sich
der Umarmung Margarethens, die ihm ihre Dankbarkeit bezeugte, da er Wallraden
nicht lnger in ihrer Nhe aufgehalten; ohne mit einer Miene seinen tiefen
Verdacht, seinen heimlichen Groll zu offenbaren, tndelte er mit dem Knaben, den
ihm die Ehefrau schmeichelnd in die Arme legte. Stundenlang scherzte er mit dem
Buben, verwendete er kein Auge von ihm; aber nicht vterliches Wohlgefallen, wie
wohl ehedem, bewog ihn dazu, sondern die Begierde, Johanns Zge sich fest
einzuprgen; und so oft sein Blick vergleichend von des Knaben Antlitz zu dem
Bilde des heiligen Rittersmannes schweifte, bohrte sich ein neuer Dolch in des
Argwhnischen Gemth, und je gewisser ihm die Aehnlichkeit wurde, je wster
tobte es in seinem Innern, so freundlich er auch seine Runzeln glttete, so
peinlich er auch den Mund zum Lcheln zwang. Die Nacht, die auf diesen Tag
qulender Unruhe folgte, war fr den von Jahren, Gebreste und Verdacht
geschwchten Mann keine Erfreuliche, und, dem Geizhalse zu vergleichen, der auf
seiner Geldtruhe nur von Raub und Mord zu trumen pflegt, sah Diether Dagoberts
und des Schultheien hmisch lchelnde Hupter um sein Lager kreisen.
Liebesgirren, und Minnegekose folterte sein Ohr, so tief er den Kopf in die
Kissen whlte, und hundertmal verlie er sein Bette, um an Margarethens
Kammerthr zu lauschen, ihre Athemzge zu zhlen, und sich zu berzeugen, da
kein kecker Buhle ihre Einsamkeit theile. Den Ermdeten hatte kaum ein
mitleidiger Morgenschlummer berrascht, und schon weckte ihn eine Botschaft, die
ihm vor wenig Tagen noch eine freudige gewesen wre; die Kunde von der Ankunft
Dagoberts. Der Sohn nicht ahnend, da er im Vaterhause fremd geworden, strzte
mit dem Jubel ungeheuchelter Liebe an des berraschten Vaters Brust. Ach! die
herzlich gemeinte Freude des Wiedersehens konnte nur auf drftige Augenblicke
den unseligen Wahn von Diethers Bette scheuchen. Ohne Sumen kehrte er wieder
zurck. Dem unbefangnen Jngling sogar konnte die Vernderung nicht entgehen,
die sich mit seinem Vater zugetragen, allein er schrieb auf Rechnung des
Siechthums, was auf Rechnung eines verblendeten Gemths kam. Aufrichtig und
strmisch, wie er war, konnte er seine Gedanken nicht lange bei sich behalten.
Sagt mir doch, herzlieber Vater, sprach er mit jener Zutraulichkeit im Auge,
welcher man so selten widersteht: Sagt mir doch, ob es nur eine Einbildung ist,
oder Wahrheit, da ich Klte und eine gewisse Fremdheit in Euerm Empfang
wahrnehme; und wenn es wahr seyn sollte, ob das noch von Eurer Krankheit stammt,
ob nicht. Sprecht aufrichtig vom Herzen weg, damit es alsdann wieder zwischen
uns werde, wie vormals. -
    Diether blickte prfend in des Jnglings redlich Gesicht, aber die
Aufrichtigkeit war bei ihm hinter die Wege gezogen. Den Scheingrund schob er
ohne langes berlegen vor. Wie kommt es, - fragte er beinahe hart, - da mir
jetzo erst Dich zu sehen erlaubt ist, whrend Du bereits seit einigen Tagen hier
verweilst? Ich Vater? fragte Dagobert betreten, und htte gerne verneint,
unbefangen verneint. Diether ging aber ohne Zgern auf den Grund, und drngte
mit neuer strengerer Frage, so da am Ende der Jngling den besten Theil
erwhlte. So mgt Ihr's denn wissen; sprach er: ich verstehe mich schlecht
aufs Lgen, besonders wenn Ihr mir in's Auge seht, denn vor dem Manne, den ich
am meisten ehre und liebe, habe ich kein Falsch. Es sey also darum. Wahr ist's;
seit vorgestern Mittag bin ich hier, und habe mich sorgfltig von Euerm Hause
fern gehalten, weil - Ihr mgt mir darob nicht zrnen - weil Schwester Wallrade
darinnen ein- und ausging. Heut sah ich sie jedoch mit Ro und bepacktem Wagen
von dannen ziehen, und sumte lnger nicht, hier einzusprechen. Gott gesegne
Euch die Ostertage. Die Fladen mit Euch zu verzehren bin ich hier, und will sie
mir schmecken lassen, so der Himmel will, und Ihr mich gerne an Euerm Tische
seht. - Du bringst nicht die Eintracht zu dem Feste; antwortete Diether
mrrisch: der Bruder flieht den Ort, wo seine Schwester haust? - Ihr wit ja,
Vater, da wir's von jeher also hielten; entgegnete Dagobert mit leichtem
Scherz: Was Hnschen jung gewohnt, das thut es auch im Alter. Doch, weil ich
eben seinen Namen nenne, - was macht mein Brderlein? Ihr sollt sehen, ob wir
nicht besser zusammenhalten, als ich mit Wallraden. - Wirklich? spttelte
Diether: Man sollte es kaum glauben. Ein Stiefbruder ist gewhnlich nicht der
Geliebtere. - Hm! lachte Dagobert: es hat mit dem Kleinen ein besonder
Bewandni. - Dem Vater stieg eine dunkle Flamme der Beschmung bis unter die
Haare. - Der arme Junge war stets krank, fuhr Dagobert frhlich fort: nun ist
er aber gesundet, wie ich hre. Seht, schon dieses freut mich ungemein. Doppelt
lieb mu ich aber den Burschen haben, weil .... - Weil ...? unterbrach ihn
Diether gespannt und heftig. - Weil ich komme, um mit dem armen Schelm sein
Erbe zu theilen. Seht mich nur verwundert an. So wie Ihr mich vor Euch erblickt,
habe ich mich mit der Kirche abgefunden, oder sie vielmehr mit mir. Sie kann
mich nicht brauchen, und hat der Mutter Gelbde gelst, als ob es auf's Beste
erfllt worden wre. - Wie? fragte Diether: das ist nicht mglich. Wie
solltest Du ...? - Wenn Ihr Latein verstndet, fiel hinwiederum Dagobert ein:
so wrde Euch dies Pergament genug sagen, um zu glauben, was ich sage. Ich habe
aber der Ursachen mehr, zu staunen ob Euerm seltsamen Betragen, Vater. Brachte
ich Euch die frohe Mhr ein Jhrlein frher, so lagt Ihr voll Entzcken an
meinem Halse. Heute geberdet Ihr Euch just, als wr es Euch zuwider, was ich
bringe, und doch habt Ihr selbst mehr denn hundertmal mein Geschick beklagt, da
es noch unabwendbar schien. - Wie soll ich mich freuen, brach Diether los,
wenn ich aus Allem entnehmen mu, da Dein wster Lebenswandel allein hier den
Ausschlag gegeben. Nicht wrdig hat man Dich befunden, das Megewand zu tragen
und zu binden und zu lsen. Ich wei, was Costnitz und des Conciliums Vter von
Dir denken, wie unzhligemal Du Deinen Ohm gekrnkt, mihandelt, da er am Ende
seine Vterhand von Dir abgezogen. - Ho! versetzte Dagobert, sich mit dem
Zeigfinger auf die Stirne tippend: Jetzt wei ich mit einemmale, woher es
blitzt. Wallradchen hat mein Bettlein aufgerttelt, und mir's sein bequem
gemacht im Vaterhause. Recht so; wo sich der Teufel anlehnte, macht sich auch
der weieste rmel voll Ru. Was lieb Schwesterlein indessen gesagt haben mag,
... glaubt mir, lieber Vater; es ist erlogen. Was den wrdigen Ohm betrifft, so
mu ich lachen, und behalte mir vor, Euch kund zu thun, wie ich meine Hand von
ihm abgezogen habe. Des Papstes Breve aber, aus dem man vielleicht ein Zeugni
meiner lderlichen Sitten machen mchte, soll Euch Pater Johannes verteutschen.
Bis dahin habt mich jedoch lieb, und lat mich das Brderlein kssen. - Deinem
Wunsche kann alsobald Genge geschehen; erwiederte Diether: hier kmmt so eben
die Mutter sammt dem Sohne.
    Frau Margarethe erschien wirklich sammt dem kleinen Hans, und stutzte
merklich bei Dagobert's Anblick, obschon dessen Ankunft ihr bekannt. Dieses
Befremden fand indessen seinen Grund in Dagobert's Kleidung und Gestalt. Die
Stiefmutter hatte darauf gerechnet den angehenden Mnch zu finden, mit hohlem
Fastengesichte und hrenem Gewande, und statt dessen stand ein krftiger junger
Mann vor ihr, im Schmucke des wohlhabenden Sohns eines altbrgerlichen
Geschlechts, blhender noch, als da er von dannen gezogen.
    Wer mag dem Getriebe des Herzens folgerechten Zwang anlegen? Auf dieses
Befremden drngte sich augenblicklich die mchtige Erinnerung vor Margarethens
Seele, .... das Andenken an ihren Eintritt in dieses Haus, an jene Zeit der
Sehnsucht, in welcher die Jugend nur mit Widerwillen dem Alter gehrte, und
eines jugendlichen Freundes begehrte. Dieser Freund, verboten ihr durch Sitte
und Kirchengebot, dennoch erkoren von ihr mit leidenschaftlichem Verlangen,
dieser Freund, der feindlich sie verschmhte, und in ihr jenes wunderliche
Gefhl erzeugte, das uns fter antreibt, mit blutendem Herzen diejenigen zu
hassen, die wir demungeachtet dauernd und ewig lieben, ohne sie unser nennen zu
drfen, - dieser Freund stand nun wieder vor Margarethens Augen; er malte ihr in
seinem stummen Bilde eine schmerzlich selige Vergangenheit; - zugleich auf ihre
Wangen jene zauberische Rthe, ... der Schaam wie des Entzckens heilige Farbe.
- Dagobert hatte sich vorgenommen, der Stiefmutter freundlich entgegenzukommen,
um sie mitleidig der ersten so begreiflichen Verlegenheit zu entreien; aber ihr
unerwarteter Empfang, ... die berraschung, die sich in ihrem ganzen uern
gestaltete wie die Verwirrung einer geschmigen Braut, bte gleichwirkende Kraft
auf den Jngling. Auch er fhlte seine Wangen glhen; auch er verneigte sich
stumm, stotterte alsdann einige Worte, die unzusammenhngend seinem Munde
entschlpften, und beugte sich schnell, um der Begrten das Schauspiel seiner
Bldigkeit zu entziehen, zu dem Knaben, der fremd und verwundert zu ihm
aufschaute. Ach! rief er aus: wie schn, wie stark, wie blhend ist der Junge
geworden. Werthes Stiefmtterlein, empfangt meinen Glckwunsch; und auch Ihr,
mein guter Vater, erlaubt, da ich Euch die Hand schttle, wie ein Freund dem
andern, und dem Buben einen Ku auf den trotzigen Mund drcke, zum Pfand meiner
Liebe. Ja, herziger Knabe, wir werden Freunde seyn; Deine hellen Augen sprechen
ganz anders zu meiner Seele als Wallradens stechender, nirgends verweilender
Blick. - Er kte den Knaben, der auch seiner Seits freundlich die Arme zu ihm
emporstreckte, und wie ein Eichhrnlein auf seine Knie kletterte. Hast Du mich
lieb, kleiner Hans? fragte Dagobert in seiner Frhlichkeit kosend den Knaben.
Gewi, lieber Herr; antwortete Hans, den zierlichen Bart des Jnglings
streichelnd: willst Du mein Vterlein seyn? - Ei, du einfltiger Hans;
erwiederte Dagobert lachend wie ein ausgelassener Gesell: welch tolles Zeug
bringst Du zu Markte? Haben sie Dir in Frankfurt nichts bessres gelehrt? Dort
steht Dein Vater; er zeigte auf Diether, der, halb abgewendet, seinen
steigenden Groll kaum mehr zu migen vermochte: auch mein Vater ist er, und
wir beide wollen gute Brder seyn. Herzgeliebte Eltern; fuhr er fort, indem er
aufstand, und den Knaben wegsetzte: Wallrade mag von mir geplaudert haben wie
und was sie wolle, - ich bin dennoch nicht so schlecht, als sie Euch berreden
mochte. Glaubt ja nicht, da ich heim komme, um den kleinen Knirbs, mein
Brderlein, zu plndern und zu verkrzen um das Erbtheil, das ich ihm
abgetreten. Davor bewahre mich der liebe Gott. Er hat mir schon genugsam
bescheert, da er mich vom Pfaffenthum entbinden lie, durch seinen Statthalter
auf Erden. Was ich gelernt, bringt mich schon anderweitig durch, und komme ich
vielleicht einmal aus irgend einer Fehde als ein lahmer Krppel heim, und wei
mit meinem alten Arm nichts mehr zu gewinnen, so erinnert sich wohl der Johann
der Liebe, die ich fr ihn hatte, und fttert mich alsdann von seinem berflu.
-
    Die biedre klare und aus voller Brust gesprochne Rede Dagobert's prete in
Diether's Augen Zhren der Rhrung; sie waren aber nicht vermgend den Panzer zu
erweichen, den der Geist des Verdachts um des Schffen Milde gezogen. Der
Verblendete hatte Margarethens, Dagobert's Errthen gesehen; er hatte, von
Fieberfrost geschttelt, des Knaben unschuldige Worte vernommen, und ihnen eine
giftige Deutung untergelegt. Ein Felsen lag auf seiner unruhig steigenden Brust,
und erstickte jedes Wort der Erklrung. Heftig wandte er dem Sohne den Rcken,
und ging aus dem Gemach. Verwundert und gekrnkt sah ihm Dagobert nach. Ehrsame
Frau, begann er nach einer Weile zu Margarethen, die den Blick auf den Boden
geheftet vor ihm stand, - unschlssig, ob ihr zu gehen, ob ihr zu bleiben zieme,
- zgernd, von dannen zu scheiden, ngstlich, noch lnger in des Gefhrlichen
Nhe zu verweilen, - Ehrsame Frau. Knnt Ihr mir nicht erklren, wie es
eigentlich um den Vater stehe? Welch unheimlich Geberden, welche grollende
Verschlossenheit hat er angenommen? - Sein Unfall ... antwortete Margarethe
stockend:  ... seine Wunde, die noch nicht geschlossen, .... - Ach, wehe
uns; seufzte Dagobert: wehe uns, wenn jener meuchlerische Bube tdtlich den
Fleck verletzte, wo die Liebe fr den treuen Sohn sitzt. Tuscht mich nicht,
gute Stiefmutter. Ich will nicht glauben, da Ihr mich so gnzlich hinterrcks
aus dem Felde geschlagen. Ich habe Euch ja nie Leides gethan, und liebe Euern
Sohn, als ob ihn meine eigne Mutter geboren; aber, Wallrade .....? - Margarethe
nickte heftig mit dem Kopfe, und Dagobert fuhr fort: Gelt? ich hab's getroffen?
O die verlumderische Heuchlerin! Doch will ich nicht verzweifeln. Den Vater
will ich zwingen, seine Gunst mir wieder zuzuwenden, und Ihr, mein zweites
Mtterlein, sprecht ein gutes Wort fr mich. Ich bin ein ehrlicher Geselle;
verlat Euch darauf, und redet mir zur Minne. - Bittend hatte er ihre beiden
Hnde ergriffen, die sie, erschrocken ber die heftige Bewegung ihres Gemths,
schnell aus den seinigen zog, obgleich ihre Augen mit einem sanften Ausdruck auf
dem Stiefsohne ruhten. - Mitraut mir nicht; sprach sie langsam: ich hoffe,
es wird sich Alles geben. Mein Herr wird nicht in seinem Irrthum beharren. Vor
meinen Augen seyd Ihr rein, - rein, wie dieser! - Sie deutete auf das Bild des
heiligen Georg, und verlie eilig mit dem Knaben die Stube. Dagobert konnte sich
lange nicht von dem nie gehofften Eindruck erholen, den der Empfang im
Elternhause auf ihn gemacht. Wehmthig sinnend sa er da, den Kopf in beide
Hnde gesttzt, wischte sich dann eine Thrne, wie nur gekrnkte Treue sie
weint, aus dem Auge, und richtete seine Blicke auf St. Georgii Bild. Die gute
Stiefmutter! sprach er halb lchelnd zu sich selbst: Wenn sie recht htte, und
ich ein Gotteskmpfer wre, wie der heilige Reitersmann dort oben. Den Teufel
wollte ich mich um alle Wallraden und Prlaten des heiligen rmischen Reichs
scheeren, wren sie auch alle meine Schwestern und Vettern. Der Verlumdung
stiee ich die Rennstange wohlgemuth zwischen die Zhne, bis sie verendete, und
beim Vater mte der liebe Herrgott ein Wort der Shne einlegen, krftiger als
das Frwort aus Frau Margarethens Munde, obschon dieser Mund allerliebst ist,
und vielleicht nur von einem Einzigen in ganz Teutschland bertroffen wird.
    Er schritt durch das Gemach, und blieb alsdann mit verschrnkten Armen vor
dem Bilde stehen. - Ein schmuckes Gemlde! begann er, sein Herz durch
Zerstreuung von schwerer Sorge abzulenken: hab's noch niemals in Vaters Hause
gesehen. Hu! wie der Schimmel springt und steigt! Wie des Reiters braune Locken
im Winde flattern! wie stolz und stattlich er im Sattel sitzt! Ja! solch ein
Mann zu seyn .... das wre eine Lust! Die Dirne mchte ich sehen, die mir dann
sprde widerstnde! - Nrrischer Schalk! unterbrach er sich, lachend: als ob
mir's darum zu thun wre! Wie sang der arme Barfer, der drauen im Haus der
Ausstzigen verkmmert, whrend aus seinem fruchtbaren Kopfe unzhlige Lieder
der Minne und Geselligkeit entspringen, und in ganz Teutschland nach geflligen
Weisen gesungen werden? Ein Fischlein mir gar wohl gefllt, doch darf ich sein
nicht kosten! Drum sey der Fischzug eingestellt ... Die Angel mag nun rosten!
Das ist auch mein Bescheid, und kalt, wie ein rechter Frosch will ich seyn,
trotz dem wackern Kmpfer Georg, dessen anmuthig Gesicht ich schon irgendwo
gesehen haben mag, so bekannt spricht mich's an. Und, wenn mir recht ist, so
ist's gar mein Brderlein Johann, das dem Heiligen gleicht. Wahrlich, wahrlich!
Ein feiner Sprling, der Bube; und eben dessen Zge waren mir beim ersten
Zusammentreffen so wenig fremd, da ich darauf htte schwren mgen, ich htte
ihn vor Kurzem erst, zu Costnitz oder irgendwo, gesehen. Es mag aber leichtlich
nur ein Traumbild gewesen seyn; denn mein guter Predigermnch sagte gar vielmal,
da es Beispiele gegeben, wie gewisse Menschen andere im Traume gesehen, die sie
nachher auf dem, Lebenswege angetroffen, und lieb gewinnen mssen. - Ach! auch
Esther war ein Bild meiner frhsten Trume; nicht selten ist sie eine
Erscheinung meiner jetzigen; und zu verwundern ist's, wie einem frommen Christen
von einer halben Heidin trumen, ... wie diese an des Rechtglubigen Herz
wachsen darf, whrend sie doch nimmer in seine Arme wachsen darf!

                                    Funoten


1 Versammlungshaus und Trinkstube der edelsten Geschlechter von Frankfurt.


                                Drittes Kapitel.

 Was ist schrfer, denn ein Pfeil?
 was giftiger als Schlangengeifer? -
 Die Zunge des Bsen, der den
 Feind will verderben.
                                                           Persisches Gleichni.

Am Morgen des Samstags in der heiligen Charwoche war ein reges Getreibe auf dem
Rmer. Die Osterfeiertage waren vor der Thre, und alle Geschfte des Raths, wie
des Gerichts muten bis auf den Punkt vorbereitet werden, die Ostertage hindurch
ohne Gefahr und Nachtheil ruhen zu knnen. Die Kanzelleien waren angefllt von
fleiigen Schreibern, harrenden Boten, befehlenden und in die Feder sagenden
Rathsherren; die Vorgemcher wimmelten von ungeduldigen Clienten und Parteien,
unter welchen wie geschmeidige Aale Frsprecher und Momparne hin und her
schlpften, bald zu gtlichem Vergleich beredend, bald zu ernstem Streit vor dem
Richter anhetzend. Glubiger mit ihren Schuldnern, Treuenhnder mit ihren
Mndeln, Tabellionen mit Kauflustigen gingen Thren aus, Thren ein, und ein
schwirrendes Getse erfllte das weite stattliche Gebude, die Sle ausgenommen,
wo hinter schweren Flgelpforten die vierzehn Schffen ihre Gerichtsbank
hielten, oder Brgermeister und Rath im weiten Kreise versammelt saen, des
Regiments zu pflegen. Wichtig thuende Schreiberknechte flogen mit Schriftbndeln
beladen, die Treppen auf und ab; mrrische Rathsdiener schreckten durch die
Gnge. Altbrger, im Bewutseyn ihres stdtischen Ansehens, und Gewichts,
stiegen gravittisch umher, und maen mit finsterm Blicke die zahlreichen
Edelleute vom platten Lande, die, um Hndel und Spne mit der Stadt beizulegen,
herbeigekommen waren, um wider Willen ihr hohnlchelndes Haupt vor der
Rechtspflege der reichsfreien Brger zu beugen. Nebst all diesen, mehr oder
weniger im Heiligthume der Gerechtigkeit beschftigten Leuten, drehte sich noch
in den Hallen eine nicht unbedeutende Anzahl miger Gesellen, die heute schon
die Osterzeit begonnen hatten, um allenthalben ihr neugierig und faul Angesicht
zur Schau zu tragen, - und eine Menge Gesindels, das, keinem znftigen Gewerbe
zugethan, sein elend Stcklein tglichen Brods tglich aus der blauen Luft holt,
wie eine Lerche auf gut Glck den Acker bestreift und mit leichter Mhe aus der
Furche den Waizen holt, der im Grunde nicht fr sie bestimmt ist, und von
welchem sie noch nicht wute in verwichner Nacht. Die Einen dieses Gelichters
hielten vor dem Gebude die Pferde der Junker vom Lande, die Andern zeigten den
Fremden die Eingnge zu den verschiednen Kanzleien; die Trgsten endlich
bettelten geradezu die Vorbergehenden an, oder bildeten, an Mauer und
Treppengelnder gelehnt, eine Strae von Gaffern, durch welche Alles hindurch
mute, um gehrig bewitzelt und beruchert zu werden. Fr diesesmal hatte jedoch
der Mund dieser Faulthiere Feiertag, wie ihre bestndig ruhenden Hnde, und
eines unverwandten Blicks starrten sie hinab zur Eingangspforte, hinaus auf die
Gasse, wie Menschen, die auf etwas Auerordentliches gespannt sind. Es war
nmlich durch einen nicht allzuverschwiegnen Diener des peinlichen Stuhls
ruchtbar geworden, da heute der hundertjhrige Jude und sein Sohn vor dem
Oberstrichter im stillen Verhre erscheinen wrden. Dem Gesindel war es schon
ein Fest, diejenigen von Angesicht zu sehen, gegen welche schon der Name ihres
Volks den allgemeinen Hohn, die grlichste Erbitterung rege machte. Seit Wochen
bereits lagen die Juden im Thurm, und noch war die Art und Gattung ihres Frevels
nicht laut geworden unter dem Volke. Ursache genug, die grausame Neugier zu
verdoppeln, und den Wunsch zu erhhen, bald ein blutiges Urtheil aussprechen zu
hren, vollstrecken zu sehen. Denn; todeswrdig, - so vernnftelte das Volk -
todeswrdig mte ihr Vergehen seyn, und unmenschlich die Strafe. - Mit Ungeduld
harrte die Menge auf ihre Opfer, um ihnen schon diesen ersten sauern Weg durch
Verwnschungen und Schmhungen noch schrecklicher zu machen. Pltzlich lief ein
Gemurmel durch die Reihen. Seht ihr den Rothkopf..? flsterten sie unter
einander: Kennt ihr den Juden, der sich taufen lie? Dort schleicht er die
Treppe hinan. Was will der hier? - Scheuen Blicks schritt Zodick durch das
murmelnde Volk, grte hier demthig einen ihm begegnenden Vornehmen, der vor
ihm ausspuckte; warf dort einem bsen Schuldner, der ihm auswich, einen
drohenden Wink zu; zog vor dem Kruzifix der Vorhalle andchtig kriechend den
Hut, und berhrte darauf furchtsam die Zizis, die er streng verborgen unter
seinem Taufschilde und unter dem faltigen Wams auf der bloen Brust trug, um den
hochgelobten Gott der Snde wegen, da er den Sabbat entheiligen msse, um
Vergebung zu bitten. -
    Er verlor sich in den schwach erhellten Gang, der zu der Thre der
peinlichen Kammer fhrte. Whrend dessen entstand eine lebhaftere Unruhe unter
dem in den Sulengewlben harrenden Pbel. Von starker Wache geleitet,
schleppten sich in schwerer, schwerer Eisenlast zwei lebende Bilder des Leidens
ber die Stufen des Gebudes: Der Greis Jochai und sein Sohn. Das Elend einer
kurzen, aber entsetzlichen Haft hatte Wunder des Jammers an Beiden gewirkt; aber
dennoch waren jetzo ihre todtenfahlen Wangen gerthet, ihre im Moderduft des
Kerkers erloschnen Augen in flackernde Flmmchen verkehrt, denn vor einigen
Augenblicken erst hatten sie sich wiedergesehen, die Nichts mehr von einander
wuten. Sie hatten die schmerzliche Freude empfunden, sich in gleichem Leide als
Genossen zu finden, und von halb menschlichen Wchtern begnstigt, des Glcks
genossen, sich zu umarmen im Schmuck der Verbrecher. Sie durften zwar kein Wort
wechseln, aber ihre Blicke sagten sich genug, hatten auch ihre Augen das Weinen
verlernt. - Dieses Paar, in unscheinbare berreste feiner Gewnder gehllt, Haar
und Bart triefend von Nsse, starrend von Schimmel und Moder, wankenden Fues
einherschreitend, niedergezogen von schleifenden Ketten, dieses Paar des
Erbarmens, wurde mit Hohngelchter und Geschrei bewillkommt. Nicht die Leiden
der Seele und des Krpers, die in unverkennbaren Zgen auf Ben Davids Gesichte
verzeichnet waren, - nicht des hchsten Menschenalters rhrende Ehrwrdigkeit
auf Jochai's Antlitz rhrte das unbarmherzige Volk. Die Wchter hatten zu
wehren, da nicht im Hause der Gerechtigkeit Frevel an den Gefesselten verbt
wurden. Den Schmhworten konnten sie indessen nicht steuern, und beladen mit
Drohungen und Flchen aller Art erreichten die Gefangenen die Hhe der Treppe;
hier begegnete ihnen ein bekanntes Gesicht. Der Judenarzt Joseph war's, der
gerade von einem, whrend der Sitzung unplich gewordnen Rathsgliede kam. Kaum
hatte er jedoch der Unglcklichen gewahrt, so wendete er scheu und verdrielich
den Kopf hinweg, bersah den Gru Ben David's und schob sich, so schnell es
seine Wohlbeleibtheit verstattete, die Stiege hinunter, tobend und scheltend
gegen den Pbel, der dem, wenn gleich vornehmern und hher gehaltnen Juden den
giftigsten Spott nicht schenkte. Erst nachdem sich die Thre der Kanzlei des
peinlichen Gerichts hinter Ben David und seinem Vater geschlossen, waren sie dem
schadenfrohen Getmmel entronnen, und nur die Zielscheibe der unziemlichen
Scherze, welche sich Schreiber und Diener gegen sie erlaubten, bis sie auf das
Zeichen einer Glocke in die Verhrkammer gebracht wurden, woselbst der
Oberstrichter, umgeben von dem dstern Geprnge des Blutgerichts, ihrer harrte,
sammt dem vereideten Geheimschreiber. - Nachdem der gestrenge Herr die
Kettenbelasteten eine Weile mit finstern Augen gemessen, befahl er dem
anwesenden Rathsknecht, ihnen die Bande abzunehmen, und sich zurckzuziehen. -
Sobald dem Befehle gehorcht worden war, lehnte sich der Richter in den breiten
Sessel zurck, winkte dem Schreiber, die Feder zur Hand zu nehmen, und wendete
sich mit den hergebrachten Eingangsfragen an die Juden. Auf die Frage nach Namen
und Stand erwiederte der hundertjhrige Greis: Gewaltiger Herr! Ich nenne mich
David Ben Jochai; mein Sohn, Jochai Ben David, was so viel heit, als: Sohn des
David. Unsre Leute haben sich aber gewhnt, uns zu nennen, der Krze halber,
mich Jochai; meinen Sohn Ben David. Wir sind von jeher gewesen arme aber
fleiige Leute im Handel und Wandel, Trdel und Schacher, und ehrliche Darleiher
in guter Mnze gegen billige Zinsen. Ich habe zurckgelegt das hundertste Jahr
mit der Hlfe des barmherzigen Gottes, welcher zhlt die Haare und die Tage des
Menschen; mein Sohn ist gewesen funfzig Jahre, wenn mich nicht trgt mein altes
Gedchtni. Der Herr in Israel hat uns auch gesegnet in der Fremde, bis wir sind
gekommen in so viel Leid und Trbsal, als wir hier vor Euch stehen. Man hat uns
gebunden mit Ketten; man hat uns geworfen in frchterliche Lcher, wo wir mssen
waten bis an den Knchel im Wasser, wo unser Angesicht bleich wird und unser
Auge blde; und noch hat man uns nicht gesagt, wessen wir beschuldigt sind, und
unser Herz ist doch rein wie das Ei, wenn es glatt und zu rechter Zeit aus der
Schale geht. - Schweig! unterbrach ihn der Oberstrichter streng: Deine Zunge
rhrt sich ungemessen zur unrechten Zeit. Die Ursache Eurer Haft sollt Ihr heute
noch erfahren, ihr Ketzer, wenn ihr nicht vorziehen solltet, Euer Verbrechen
reuig zu bekennen. - Wie knnen wir doch bekennen, was wir nicht wissen?
fragte Ben David mit ngstlichen Geberden: Wir wissen uns rein, und knnen auf
die Thora, auf welcher Gottes Herrlichkeit ruht, beschwren, da wir unschuldig
sind an jedem Fehl. Der hochgelobte Frst und Herr in Israel wird's uns sogar
nicht anrechnen, da wir jetzo den Sabbat entheiligen durch Zeugni und
Verantwortung vor Gericht; denn Noth kennt kein Gebot. - Stille! rief der
Oberstrichter ihnen auf's Neue zu: Wer wird sich darum bekmmern? Macht ihr's
mit eurem Gtzen aus. Wir wissen nichts von Eurem Baalsdienste. Eine Frage an
Euch insgesammt, Vater und Sohn. Was ist aus dem Christenkinde geworden, das
Einer von Euch vor fnf Monden etwa in Euern Schlupfwinkel in der Judengasse
geschleppt hat? - Jochai, besonders aber Ben David stutzte heftig. - Nun?
fuhr der Richter barsch fort: Wird's bald mit der Antwort? Wahrheit oder Lge!
Wo kam das Kind hin? - Ich wei doch von keinem Kinde, antwortete Ben David
schnell, ehe der zweifelnde Jochai durch ein schwankendes Wort das Gegentheil
verrathen konnte. Der Greis, in dessen Augen schon ngstlichkeit sichtbar
geworden war, zgerte indessen nicht, wrtlich die Aussage des Sohns zu
wiederholen. Ihr wit also nichts? fragte der Richter bitter lchelnd weiter:
Ihr habt wohl noch nie ein Christenkind in Eurem Hause gesehen? - Als uns
Gott soll helfen, erwiederte Ben David ausweichend: Wir wissen nicht, von
welchem Kinde Ihr sprecht. - Mein Alter macht vergelich; fgte Jochai bei,
welcher nicht bejahen, doch auch nicht ganz verneinen wollte: Ich wte mich
nicht zu besinnen, ob jemals .... -  Ihr lugnet? sprach der Oberstrichter
drohend: Desto strenger wird das Urtheil fallen. - Gott soll uns helfen, und
sich Israels erbarmen! klagten Vater und Sohn: Wir sind unschuldig, man mag
uns zeihen, wessen man begehrt. Wir haben stets gezahlt als redliche Leute unsre
Abgaben, den Opferpfenning, die Kronsteuer, des Kaisers Hof- und Kesselgeld. Wir
haben richtig eingeliefert Pfnder und Briefe von Herren und Edeln, als der
Knig Wenzel es befohlen. Wir haben nicht beschnitten das Geld, noch bse
gemnzt. Wir haben nicht betrogen, nicht geschunden; wir haben vom ehrsamen Rath
nur geringe Zinsen genommen, und ihm unser bischen Armuth immer offen gehalten.
Wir finden keine Schuld an uns, und sollten unsre Brder gefrevelt haben, so
kmmerts doch uns nicht, denn der heilige Gott, spricht: Indem Einzelnen soll
gethan werden nach seinen Werken. - Spricht Euer Gtze so? erwiederte der
Oberstrichter mit hartem Hohne: Wohlan, so sey es auch also. Es ist hier nicht
die Rede von Euern Ketzerbrdern; von Euch selbst, verworfnes Gelichter; und da
ihr nicht gestehen wollt, was Ihr begangen, so will ich's Euch beweisen lassen,
von unverwerflichen Zeugen. -
    Er zog die Glocke, und flsterte dem eintretenden Diener ein Wort in's Ohr.
Kurze Weile nachdem sich dieser wieder entfernt hatte, schlich Ben David's
Sabbatmagd, die stumme Grete, herein; mit gefalteten Hnden, in welchen der
Rosenkranz hing; mit thrnenden Augen und blassem Angesichte. Sie verneigte sich
demthig vor dem Richter und dem Bilde des Erlsers, das ber dessen Stuhle
hing, und schlug, seitwrts auf die Beklagten blickend, ein verstohlnes Kreuz. -
Die Schwrfinger in die Hhe! gebot der Richter: Du schwrst vor der heiligen
Dreifaltigkeit und bei dem Gedchtni an unsers Heilands bittres Leiden die
Wahrheit, sofern sie Dir bewut, zu bekennen durch unverdchtige Zeichen? Nicke
mit dem Kopfe! - Die Alte that, wie man ihr hie, und zitterte vor andchtiger
Furcht an allen Gliedern. - Nachdem sie der Oberstrichter ber ihren Namen,
Gewerb und die Zeit, whrend welcher sie bei den Beklagten in Diensten
gestanden, befragt, ging er zur weitern Untersuchung ber, und auf seine
dringenden Ermahnungen gestand nach und nach das arme Weib, so deutlich es nur
aus seiner Zeichensprache anging, da vor einiger Zeit Ben David einen
Christenknaben in sein Haus gebracht, von einer fernen Wanderung zurckkommend;
da sie selbst den Knaben zwei Nchte hindurch in ihrer Kammer beherbergt; da
er aber in der dritten verschwunden, und nicht mehr zum Vorschein gekommen sey.
- Hast Du nicht wahrgenommen, fuhr der Oberstrichter in seinem Verhr fort,
ob nicht Einer von diesen anwesenden Juden gegen den Knaben einen besondern
Widerwillen und Ha bezeigt? - Grete nickte nach einigem Nachsinnen mit dem
Haupte, und deutete auf den Greis Jochai. - Nun denn, ihr schndliches
Gesindel, fuhr der Richter die Juden an: Gesteht Ihr bis hieher ein, was die
Alte angedeutet?
    Ben David lugnete frisch weg die ganze Sache, und Jochai, der es erwartet
hatte, wie sein Sohn sich benehmen wrde, stimmte, ohne zu zgern, in das
Lugnen ein. Der Oberstrichter wurde braunroth im Gesichte, zog zum Zweitenmale
die Glocke, und nach einer kurzen von den Beklagten bang durchathmeten Stille
trat, keck wie die sichre Wahrheit selbst, Zodick in die Kammer, achtete nicht
des Schrecks, mit welchem Jochai und Ben David bei seinem Anblick
zusammenfuhren, sondern nherte sich furchtlos dem Richter, dessen Gewand er
unterthnig berhrte, und vor dessen Gerichtstafel er sich mit erhobener Hand
stellte, die frechen Augen auf das Kruzifix und den Verhrenden gerichtet, wie
einer, der schon oft dabei gewesen. Die Geberde, die er machte, kam jedoch den
Juden so unerwartet und so grlich vor, da Jochai, seinen Unmuth vergessend,
dem Menschen mit ngstlicher Stimme zurief: Zodick! ach Zodick! ist es denn
wahr, was von Dir gesagt haben unsre Leute? Hast Du abgeschworen den einzigen
Gott, um zu opfern dem fremden? - Zodick, was thust Du? setzte der von Nichts
wissende Ben David berrascht hinzu. Der Oberstrichter rief aber dazwischen:
Schweigt, ihr Hundsjuden, sonst lasse ich euch stupen zum Lohne fr eure
verfluchte Schwatzhaftigkeit. La Dich's nicht kmmern, Friedrich, setzte er
gemigter bei, und schwre vor der heiligen Dreifaltigkeit und ihren Heiligen,
und bei dem kostbaren Blute unsers gekreuzigten Erlsers, den Du hast erkennen
gelernt durch der heiligen Mutter Frbitte und ihres barmherzigen Sohns
unendliche Gnade, die Wahrheit zu sprechen, sonder Furcht und Mitleid. - Ich
schwre, entgegnete Zodick kurz und fest, und nachdem er auf Befehl des
Oberstrichters den Glauben gebetet und das Kreuz vor Stirn und Brust geschlagen
hatte, - wobei Ben David unruhig den Kopf schttelte, und Jochai mit geschlonen
Augen der jdischen Schulen Bannformel zwischen den Zhnen murmelte, - begann er
ein Zeugni, oder besser, eine Klage abzulegen, whrend welcher die Stille des
Grauens also eintrat mit ihren Schauern in das unheimliche Verhrgemach, da
auch keine Sylbe aus des Klgers Munde einem der Anwesenden entging. -
    Es sind fnf Monden etwa verflossen, sprach Zodick, - und es war so gegen
das Ende des Monds Monchesran, da die Juden, wie mich dnkt, den letzten Shabbat
des Monds feierten, als Ben David, der hier steht in billiger Haft, - mein
damaliger Herr, dieweil ich noch bin gewandelt im Finstern, - heimkehrend von
einem Gang ber Feld, wie er fters zu thun pflegt, des Handels wegen, - ein
Kind mit sich brachte, einen Knaben, und von christlicher Geburt. Am Abend des
eingehenden, so wie am Abend des ausgehenden Festes sah ich den Knaben nicht,
denn ich lag darnieder an einer Wunde, die mir bse Menschen geschlagen hatten.
Ben David sagte mir mit keinem Worte von dem Kinde, und nicht Esther, seine
Tochter, und Jochai war der Einzige, dem in der Geschwtzigkeit seines Alters
die Kunde entschlpfte gegen mich, es befinde sich im Hause ein Knabe, den der
Herr gefhrt habe, man wisse nicht von wannen, und bringen wolle, man wisse
nicht, wohin. Von dem Schmerz meiner Wunde geplagt, achtete ich auch nicht auf
des Alten Geplauder. Da aber nach dem Habdalah mein Leib wundersam schnell
wieder genesete, und ich am folgenden Tage blos um zu ruhen, zu Bette lag in
meiner einsamen Kammer, da trat dieser Greis Jochai, als es schon wieder zu
dmmern begann, zu mir, und sprach: Steh auf, Zodick, so Du ein guter Knecht
meines Sohns bist, und Deines Leibes Schmerzen er vertragen, und folge mir
eiligst mit Schaufel und Haue. - Sogleich, Raaf, antwortete ich dem Alten
gehorsam, denn zu der Zeit ehrte ich ihn, wie alle Juden zu thun pflegen, da er
das Gesetz kennt und auslegt. Ich stand auch alsobald auf, nahm nach seinem
Willen Schaufel und Haue, und folgte ihm, der trotz seinen blden Augen rstig
voranschritt ber die dunkeln Stiegen zu dem Keller; in dessen Gewlbe, das
unter dem Hinterhause fortluft, und durch einen Verschlag geschieden ist, von
dem Vordern, wo man Holz und Wintergemse aufbewahrt, rastete der Alte, und
befahl mir, Feuer anzuschlagen und die Leuchte anzuznden, die er unter seinem
Rocke hervorzog. Dieses geschah. Run setzte sich der Alte auf einen Stein, und
sprach: Jetzo, mein guter Knecht, nimm die Werkzeuge zur Hand, und haue hier
vor meinen Fen eine Grube von anderthalb Schritten in der Lnge, und von der
Breite eines Ellbogenmaaes. Ich zgerte nicht, mich an die Arbeit zu machen,
in der Meinung, man wollte hier Kostbarkeiten vergraben, wie die Juden gar oft
zu thun pflegen, denn sie hegen Verdacht gegen Alles, was sie umgibt, und
besitzen gar hufig Dinge, die nicht kommen drfen sobald an den Tag. Da mir nun
aber Jochai ferner gebot, die Tiefe von zwei Ellbogenlngen zu nehmen, und
suberlich gerumig zu machen die Grube, ward ich doch stutzig. Raaf! sagte
ich, kopfschttelnd: Ihr mt viel kstliche Habe zusammenbringen, um dies Loch
nur zur Hlfte auszufllen. - Er hie mich jedoch einen frwitzigen Mancher,
und befahl mir, zu frdern die Arbeit. Ich that es nun auch, und whrend dessen
begann der Alte eitel verdchtige und seltsame Reden, und fragte mich, ob ich
etwas verstnde von Zauberei und geheimen Mitteln. Gott soll hten! versetzte
ich hierauf, und fluchte den Zauberern. Der Raaf sah mich, schnell an, und
sprach: Verflucht seyen die Schedim, aber heilig die Zauberer, die den
Schemhamphorath verstehen, und damit die Sprache der Thiere, der Teufel und die
Kenntni der Mittel, die gro machen Israel in Edom. Hast Du nie davon gehrt,
fuhr er fort, da eines unmndigen, vom Berge Seir1 stammenden Knaben Herz, in
der Nacht des Amalekitischen Sabbats von gesegneten Hnden ausgerissen, zu Staub
verbrannt, und am Abend des Festes Haman in geheiligtem Weine genossen, Glck,
bringt und groen Reichthum? Ich schaute dem Raaf bestrzt in's Gesicht, und
habe nicht erwiedert ein Wort. Nachdem ich aber die Grube vollendet, und den
Grund geschaufelt auf einen Haufen, mute ich noch verstopfen mit Stroh und Holz
die Luftlcher des Gewlbes, und wurde von dem Alten angewiesen, mich zu begeben
hinauf, und dem Herrn zu sagen; es sey geschehen im Namen des Propheten Elias.
- So wie ich nun aber an des Kellers Thre gelange, kommen mir Schritte
entgegen, und herab steigt bereits der Herr, und trgt auf der Schulter einen
Knaben, in Schlummer versunken. Er stutzte sehr, da er mein wurde ansichtig, und
der Raaf sprach zu ihm wie im Zorne: Warum kommst Du geschlurft zur Unzeit? Der
Knecht sollte Dir erst sagen, war's beschlossen .... - Ben David stotterte ein
Paar unverstndliche Worte, und hie mich gehen von bannen mit der Lampe, so er
mit sich gebracht; und mich legen zu Bette, ohne zu verweilen. Ich ging, und
hinter mir schlossen sie die Thre zu mit allen Riegeln. Da ich nun aber die
Stiege emporging, lie mir's nicht Rast und nicht Ruh, und ich mute sehen, was
da unten vorging, und htte ich frchten sollen, zu werden blind, wie Einer, der
die Scheching, das heit, die Herrlichkeit Gottes anschaut, wenn sie gerade auf
den Fingernspitzen des Cohen's sitzt, welcher segnet. Ich zog daher aus die
Schuhe, und blies aus die Lampe, und tappte in finstrer Nacht in das Hflein,
und sah hinunter in den Keller durch eine Ritze, die ich mit Vorbedacht gelassen
hatte in einer der Fensterverkleidungen. Ich mu geworden seyn kalt wie Eis, da
ich gewahrte, was vorging im Gewlbe. Ben David hatte den Knaben entkleidet, und
die Klte den Armen geweckt. Zu dem leise Wimmernden trat der Raaf, und fragte
ihn, wie die Juden zu fragen pflegen am Feste Jom Kippur2, das da fllt im Monde
Tisri: Jngelchen, ber welches der Mohel3 nicht gekommen. Willst Du seyn mein
Kappora?4 - Das Bblein machte Ben David nicken mit dem Haupte, und pltzlich
stopfte ihm der Raaf einen Knebel in den Mund, da es nur leise und dumpf
sthnen konnte, whrend dessen seine Augen hervortraten aus den Hhlen, wie die
eines Lamms, das man schchtet. Und herbei aus dem Winkel schleppte der Raaf ein
roh gezimmertes Kreuz; Ben David streckte darauf den Gepeinigten aus, und voll
zitternder Begierde, mit vor Alter bebenden Hnden, nagelte ihn der Raaf auf das
Leidensholz, indem er das Gebet murmelte, das leider unter den Juden heimisch
ist, und also lautet: Dies Opfer soll mir dienen als Wechsel und Tausch; es
komme an meine Statt; es gehe in den Tod und ich mit allem Volke! Israel in's
ewige Leben! Furcht und Angst komme ber die Gojim! Verflucht, seyen die
Wohnungen des Berges Seir! Verflucht und vertilgt die Htten Amaleks! Verflucht
und vertilgt Ammon, Edom und Moab Offenbart und endlich geschenkt deinem Volke
seine Erlsung! -
    Whrend dieses Gebets hat Ben David dem zuckenden Wrmlein gespieen in's
Angesicht, und gerufen mit Hohn: Gegrt seyst Du uns, Knig in Israel! Herrlich
und gesegnet seyst Du, Frst der Juden! - Darauf hat er die Lampe ergriffen und
bedeutet dem Raaf, er mge ein Ende machen denn der Knabe drohe schon jetzo zu
verscheiden. Und der Raaf ergriff ein blank geschliffen Messer, und heiligte es
in den von den Gliedern des Opfers rinnenden Tropfen, und nherte sich damit her
Stelle, wo das ngstliche Herzlein pickte, und zeichnete hier ein blutiges Kreuz
......
    Ersticke, und verdammt seyst Du, verfluchter abtrnniger, Sohn des
Leviathan! kreischte hier der alte Jochai, und sank unter Zuckungen zur Erde
nieder. Ben David stand ihm, obwohl selbst kraftlos taumelnd, bei, und wandte
zum Himmel die trocknen Augen, in welchen eine wilde, verzweiflungsvolle Frage
an das Verhngni lag. Der Oberstrichter nahm jedoch keinen Antheil an Jochai's
Zustand, und gebot dem frchterlichen Klger zu enden. Mit tckischer
Behaglichkeit ging auch Zodick zu Ende. Das Bblein ist verschieden unter dem
Messer des Raaf, und sein weitres Schicksal wei ich nicht; schlo er. Ob sie
das Krperlein vergraben, - ob sie es geworfen in den Flu, wei ich nicht, da
ich mich entfernte, whrend sie noch darber gestritten. Der Raaf war fr das
Erstere, und Ben David fr das Zweite; denn er hat mir nicht getraut, da ich ihn
kommen gesehen mit den Knaben. Ich aber konnte nicht mehr aushalten in Ben
Davids Nhe, und habe bentzt die erste Gelegenheit, um aus der Gemeinschaft zu
treten mit dem Raaf und seinem Sohne. Das ist, so wahr mir helfe der
Barmherzige, der mich gerettet von der Ketzerei, die reine, lautre Wahrheit;
Amen. -
    Ein tiefes Schweigen beherrschte den dstern Schauplatz. Jochai lag
bewutlos, Ben David war zu Stein geworden, - Grete betete in Gedanken ihren
Rosenkranz zum Heil der hingeopferten Seele; - Zodick rastete von der
Anstrengung seiner Rede, und selbst der Oberstrichter und sein Gehlfe, gewhnt
an Schrecknisse und Frevelklagen, erholten sich von den unerhrten Grueln, die
sie vernommen. - Endlich fate sich der Richter, und wendete sich mit donnernder
Stimme an Ben David: Du hast gehrt, Abscheulicher, sprach er: wessen man
dich anklagt. Ein Genosse Deines Hauses, Dein ehemaliger Glaubensbruder, Dein
getreuer Knecht ist es, der den Schleier von dem ungeheuern Verbrechen zieht,
das Du mit Deinem Vater begingst. Wirst Du ferner lugnen, und dadurch das
Schwert der Vergeltung schrfen? Wirst Du verharren in dem giftigen Groll Deiner
irrglubigen Verstocktheit?
    Herr! antwortete Ben David mit frostklappernden Zhnen: Ich soll reden,
und kann kaum finden ein Wort auf meiner Zunge. Ich knnte Euch zuschwren unsre
Unschuld bei dem heiligen, hochgelobten Gott, den Grbern unsrer Voreltern, und
Allem, was uns heilig ist in Israel, - Ihr wrdet uns aber nicht glauben, denn
wir sind schlechte Juden, - ich knnte herbeibringen das Zeugni meiner
unschuldigen Tochter Esther, - aber Ihr wrdet sagen, es gelte nicht, weil es
meine Tochter gab. - Warum jedoch glaubt Ihr dem abtrnnigen Knecht, der gegen
uns zeugt, warum der Magd, die in ihrer Stumpfheit Alles bejaht, was man ihr
vorsagt? Unschuldig sind wir, unschuldig, unschuldig an dem grlichen Frevel,
den man uns auflgt. Fnf Monden sollen seyn verflossen seither, und nun erst
kommt der gottlose Bube hier vor Eure Bank, und schreit Zeter ber uns? Warum
hat er nicht alsobald aufgerufen zur Rache Himmel und Erde, nachdem, - wie er
lgt - die Unthat geschehen? - Wirst Du schweigen, verfluchter ausstziger
Jude! zrnte der Oberstrichter, indem er heftig aufsprang: Sollte sich der
arme Mann Eurer Rache aussetzen? Ihr Judengeschmei klebt an einander wie
Kletten, und dieser hier wre nicht der Erste, den ihr erschlagen habt, um seine
Gestndnisse zu verhindern, oder zu bestrafen. Ehe er mit Euch in's verdiente
Gericht ging, mute er aufhren in Eurer hllischen Mitte zu leben. Er that's,
er hat sich dem Himmel, dem allbarmherzigen Schoo des wahren Glaubens
zugewendet, und kann nun offen gegen Euch auftreten, von unsrer Macht geschtzt.
Noch mehr, die Seele des unschuldigen Knbleins, das Ihr unserm Heilande zu
schmhlichem Spott zu Tode gemartert habt, ist diesem neuen Christen zu
wiederholten Malen im Traume erschienen, und hat ihn aufgefordert bei seiner
eignen Seele Heil und Frieden, die Gruelthat offenkundig zu machen, und zu
rchen schon, in dieser Welt. Blutdrstiges Schelmenvolk! Deine Bosheit liegt am
Tage, und noch in dieser Stunde lasse ich euch Beide in Eures Hauses Keller
fhren, der noch bis jetzt mit meinem Siegelring verpetschirt liegt. Ich will
mir ein Fest daraus machen, durch eigne Untersuchung des Klgers Angaben zu
beglaubigen, und am letzten Tage der Leidenswoche unsres Herrn zwei Mrder und
Gotteslsterer zu entlarven, die mit seinem Namen und seinem Erlsungswerke
todeswrdigen Spott getrieben.
    Die Schelle erklang von Neuem, und Rathsdiener erschienen. Reit den alten
Bsewicht von der Erde auf; befahl der Oberstrichter, dessen blinde Hitze im
Steigen war: es ist eitel Lug und Trug mit seiner Hinflligkeit. Die Wahrheit,
die er nicht lugnen kann, hat ihn umgeworfen. Schleift ihn an Stricken mit
euch. Den andern Hllenhund werft wieder in seine Fesseln. Der Stcker soll
herbei mit seinen Knechten, und das Gezcht nach der Judengasse bringen, denn
keinem ehrlichen Manne steht's zu, seine Hand an den Ungeheuern hier zu
verunreinigen. Ich folge alsobald.
    Der gestrenge Herr warf den Mantel ber, winkte dem Schreiber, dem Zodick
und der stummen Magd, ihm nachzukommen, und ging aus der Kammer. Ben David hatte
keine Augen fr das tckische Lcheln, mit welchem Zodick an ihm vorberstrich,
sondern lauschte sorgsam auf die Athemzge seines sich erholenden Vaters, von
welchem er sich nicht trennte, obgleich man ihn neben demselben in Ketten
schlug.
    Einer der Rathsknechte lief, befohlnermaen, nach dem Stcker und seinem
Geleite, der Andre ging vor die Thre, um den Wachen und neugierigen Gaffern
redselig zu beschreiben, in welcher Wuth der Oberstrichter von dannen gegangen,
und welche Worte er drohend und zrnend gesprochen. Die Gefangnen blieben einige
Augenblicke allein, und Ben David kte mit Entzcken die Hnde seines
erwachenden Vaters. Ach! seufzte dieser ermattet: so war es kein Traum! O
Herr in Israel! wie kannst Du dulden solche Nichtswrdigkeit! Ich bin zu alt, um
machen zu knnen Anspruch auf's Leben, denn ich habe gelebt fr zwei Menschen
auf der Erde, aber ... Du - mein Sohn - und Esther, das Enkelchen! Weh mir! was
soll das noch werden, wenn Du bestehst darauf, zu schweigen, und nicht zu sagen,
wo Du hingefhrt den Knaben aus Edom. -
    Ich darf nicht, Vater, versetzte Ben David fest: ich wrde machen
unglcklich, die jetzt glcklich sind. Ich habe versprochen, zu schweigen, und
will halten, was ich versprochen.
    Und wenn Du httest geschworen, fiel Jochai eifrig ein: so gilt der
Schwur nichts, da es geht an den Hals. Ich will Dich entbinden Deines Gelbdes,
wie ein rechter Lehrer in Israel. Ungltig soll seyn der Schwur, den man
geleistet an die Mnner und Frauen von Amalet. Wir wollen beten das Gebet Col
niddre, und Dein Schwur soll Dir erlassen seyn.
    Vater; antwortete Ben David ernst: Du magst mich entbinden des Eids, doch
nicht der Zusage, so ich geleistet als redlicher Mann. Wenig Gewinn wrde
entstehen aus meinem Bekenntni; es wrde mir kosten den Kopf, und Estherchen
Hab und Gut, und Dir Schande bringen und den Bettelstab.
    Weh mir! jammerte der Alte: In welchen Handel hast Du Dich begeben?
unbesonnener Mann; Geld ist gut, doch besser das Leben. So Du aber sterben mut,
und Esther verarmen, begehre ich auch nicht lnger zu athmen. Denn mehr als todt
ist ein Alter von hundert Jahren, das in Kummer und Hunger versiegt. -
    Beruhige Dich, Vater; versetzte David: wir werden nicht sterben, Du
sollst nicht hungern. Die Leute, die da wissen, da ich reden knnte, werden
schon helfen, ehe es seyn wird zu spt. Verlasse Dich darauf!
    Und wenn sie uns peinigen? klagte der Greis mit wachsendem Eifer: Wenn
sie uns tdten, schnell wie die Hand des Herrn? Sohn, Sohn! traue nicht auf der
Gojim Hlfe und Versprechen! traue nicht auf das Wort, es komme aus der Erde,
oder falle vom Himmel! Beten wir nicht tglich: Herr, bau Zion wieder, die
Gottesstadt und ihren Tempel? La ihn geboren werden und kommen den Messias, den
man nennen wird gleich Dir, den Sohn Davids? Und noch ist Zion nicht gebaut, und
noch der Messias nicht gekommen; und also werden wir von bannen genommen seyn,
ehe Hlfe kommt und Rath; als Opfer Deines unseligen Handels, und Deines
Eigensinns.
    Verzagst Du denn so ganz an der Hlfe des hochgelobten Gottes? fragte Ben
David, den Alten, der zwischen Wahn, Glaube und Unglaube ngstlich schwankte,
wehmthig bei der Hand ergreifend: Vertraust Du denn nicht auf unsre Unschuld
selbst, deren Stimme endliche uns frei sprechen wird von dem teuflischen
Lgengewebe?
    Ach, seufzte der Alte, zweifelnd und befangen: fnf Stimmen gibt's, die
nicht hrbar von einem Ende der Welt zum andern gehen; aber die Stimme der
Unschuld ist nicht darunter. Sie ist nicht die Stimme des fruchtbaren Baums, den
man fllt, - nicht die Stimme der Schlange, die man schindet, nicht die eines
vom Manne erkannten, von einem Manne geschiednen Weibes; nicht die Stimme des
neugebornen Kindes ....!
    Besinne Dich, Raaf! unterbrach ihn Ben David sanft: Ist das Kind nicht
das Bild der Unschuld? Halte Dich am Glauben, und la uns vertrauen. -
    Mit vielem Gerusch trat die Wache ein, die ohne Schonung den Greis mit
Stricken band, und ihn neben seinem Sohne durch das wilde Volksgedrnge
hindurch, an die Pforte des Rmers fhrte, wo auf den Stufen der Nachrichter mit
seinen Knechten die rmsten erwartete, die er im geheiligten Rathhause selbst
nicht abholen durfte.

                                    Funoten


1 Bezeichnender Name der Christenheit, gleich Edom, Amalek etc.

2 Der lange Tag - Fest der Vershnung.

3 Der, welcher die Beschneidung verrichtet.

4 Opfer.


                                Viertes Kapitel.

                Wo ist das Auge, das schrfer she, als das der Liebe? Wo die
                Hand, die krftiger schirmte, als die des Liebenden? Er htet
                sein Kleinod mit freudigem Muthe, und nimmt es auf mit einer
                Welt, die ihm widerstrebt!
                                                                              W.

Dagobert war noch immer nicht einheimisch in seines Vaters Hause geworden.
Diether hatte zwar viel von seinem mrrischen Wesen abgelegt, aber seine
Freundlichkeit war Novembersonne. Er schien den Sohn eher zu meiden, als zu
suchen, und der frhliche Ostersonntag war vor der Thre, ohne da er seinem
Dagobert nur ein einzigmal gesagt htte, ob es ihn freue, da ihn der Papst
freigesprochen, - ob nicht. Der Sohn blieb daher ungern in dem Hause, wo er nur
trbe Gesichter sah, denn auch Margarethe war von einer unbeugsamen Schwermuth
befallen. Die zwei Tage, die er bei den Eltern zugebracht, waren ihm
schneckenlangsam hingekrochen, und Zerstreuung zu suchen, befahl er seinem
Vollbrecht, - der's vorgezogen hatte, bei dem leutseligen Herrn zu verbleiben, -
die Pferde zu satteln, und einen Lustritt mit ihm zu machen. Der lange Knecht
war's wohl zufrieden, und bald trabten sie im Freien. Ei, welches ist denn
jenes Gebude dort an der Anhhe? fragte Vollbrecht, da sich zu ihrer Linken
ein Haus zeigte mit einem Thrmlein dessen farbig Ziegeldach lustig leuchtete im
Mittagstrahl. Dagobert blickte hin, und hielt sein Ro an. Sieh doch, sprach
er: das ist der Schellenhof, der meinem Vater zusteht. Eine Meierei, auf
welcher ich als Knabe manch heitern Tag verlebt. Es ist schon recht lange her,
seit ich das wohnliche Haus zum Letztenmale gesehen, und ich verspre eine Lust
in mir, die alte Crescentia zu begren, die dort als unsre Schaffnerin haust,
und manch liebes Mal meinen Gaumen mit einem Becher Milch, oder mit saftigen
Kirschen erquickt hat. Da wir eben keinen absonderlichen Zweck vor Augen haben,
dchte ich, wir ritten an den Hof hinan. - Gesagt, gethan. In kurzer Frist
hatten die Pferde den breiten Landweg, der zum Gebude fhrte, gemessen, und die
Reiter stiegen an der mit Reben umkrnzten Pforte ab. Zwei krummbeinige
Dachshunde, die im warmen Sonnenscheine auf den Stufen lagen, umkreisten bellend
die Pferde, und ber die Halbthre des Hauses lehnte sich ein altes aber
freundliches Gesicht, den Ankmmling mit Vergngen bewillkommend. Gr Dich
Gott, alte Magd! sprach Dagobert treuherzig, und reichte ihr die Hand: Sieh,
es freut mich in der Seele, da ich Dich lebendig und munter antreffe, wie einen
rstigen Wchter. Kennst Du mich denn noch? - Ei, wie sollte ich nicht?
antwortete die Frau mit vieler Rhrung, und die Pforte weit ffnend: An meinem
alten Krper sind die Augen noch das Beste. Ein Gesicht, wie das Eure vergit
sich auch nicht so leicht. Tretet ein, lieber Junker Dagobert, tretet nur einen
Augenblick ein in meine Klause. - Der Jngling folgte ihr bereitwillig und lie
sich's in dem engen Stblein gefallen, wo Crescentia mit Schrze und Borstwisch
Ordnung schaffte, den Tisch rein machte, die Katze vom Ofen, die Lieblingshenne
vom Fensterbrett jagte, und einen ledernen Sorgenstuhl herbeischleppte fr den
lieben Gast. Dagobert sah sich, der Knabenzeit eingedenk, in dem kleinen Gemache
um, das ihn heimisch ansprach mit Allem, was darinnen stand und lag. Da waren
noch die alten Schrnke zu schauen, und der mchtige Tisch mit dem knaufigen
Gestell, und die bunte Truhe, und das Himmelbett mit den blau und wei
geflammten Vorhngen, und der Weihkessel an der Thre, und das Kruzifix zwischen
den Fenstern, und selbst die Dreiknigskreuze ber dem Eingang standen wieder
da, mit Kreide angemalt, wie vor Zeiten. - Hier war ich glcklich! sprach
Dagobert, all die veralteten Herrlichkeiten musternd: Glcklicher als jetzt,
und jene Glckseligkeit verdankte ich Dir, gute Frau. - Ei, warum solltet Ihr
denn jetzt nicht eben so viel und doppelt so viel Freude haben, denn sonst?
fragte Crescentia, ihm gutmthig auf die Hand klopfend: Ihr verdient's ja,
glcklich zu seyn; das sagt mir Euer gesundes und wackres Angesicht, und
gewilich seyd Ihr brav geblieben, wie Ihr's wart. Ach, sagte oft mein Seliger:
wenn ich's nur erleben knnte, den kleinen Junker als unsern Herrn zu sehen.
Sein Vater ist zwar gut, aber zehnmal besser wrde der Sohn. Nun freilich, fuhr
sie fort mit einem Seufzer: diese Zeit hat mein Alter nicht erlebt; er wrde
sie auch nicht erlebt haben, wenn er noch so alt geworden wre; wir wuten
damals noch nicht, da Eure Mutter, der Gott gndig seyn wolle, Euch der Kirche
verlobt habe. - Gott erhalte Euch meinen Vater noch lange, erwiederte
Dagobert: einen bessern Gebieter findest Du schwerlich wieder. - Mag seyn,
versetzte Crescentia trocken: das Bessre, sagt ein Sprichwort kmmt nicht immer
nach. - Eure Schwester, das Frulein Wallrade, war krzlich hier. - So?
fragte Dagobert gleichgltig: Wie kam's, da sie sich hieher verirrte? - Ei,
fuhr die Schaffnerin fort: in solchen Angelegenheiten mag sich's wohl der Mhe
verlohnen, auch dem kleinen Schellenhof einen Besuch zu schenken. Das Frulein
hat alle Baulichkeiten und Lndereien betrachtet, Stall und Garten besichtigt,
und nach allen Einknften und Zinsen des Guts gefragt. Das ist eine genaue
Herrin, und wird Vieles ndern, wenn sie den Hof antritt. - Wallrade? fragte
Dagobert, mit mehrerer Theilnahme schon: Wallrade? Ei, wie kme sie dazu? -
Sie hat mir versichert, sprach die Alte, da sonder Zweifel die Meierei an
sie fallen wrde; und sich berhaupt so herrisch und stolz betragen, als ob Euer
Vater schon auf dem Schragen lge, und sie die einzige Erbin sey. - Hm!
schaltete Dagobert ein: Nicht bel. Es drfte aber leicht anders kommen, gute
Crescenz. La uns von andern Dingen reden, denn - Du weit wohl - Geschwister
hren nicht gerne von Geschwistern sprechen. - Ich bin gekommen, Eins mit Dir,
zu plaudern, gute Seele, von Deinen kleinen Sorgen, von Deinem bescheidnen
Wohlstande, von Deinen Leiden und Freuden, mit einem Worte. - Ach, versetzte
die Alte lchelnd: was soll ich Euch denn sagen, lieber Junker, das Euerm
gelehrten Verstande nicht langweilig vorkommen sollte? Der Leiden habe ich, dem
Himmel sey Dank, nur wenig. Die Vergangenheit hatte mir deren mehr bescheert.
Die wenigen Freuden schaffe ich mir selbst, oder die Jahreszeit bringt sie.
Damals war eine bse Zeit, als mein Wolfram starb. Euer Vater hatte just zum
zweiten Male gefreit, und Eure Stiefmutter war eingezogen in aller Pracht und
Herrlichkeit, aber auch mit allem bermuth einer leichtsinnigen Jugend. Da
sollte Alles neu erstehen und aufgeputzt werden; da war Alles zu alt und zu
verjhrt. Das alte Gerthe aus dem Hause, und die alten Diener hinterdrein, hie
es damals. Ich hatte das Unglck, den Groll der schnen Frau auf mich zu ziehen,
weil ich ihr nicht den gehrigen Reverenz erwiesen, da sie den Schellenhof zum
Erstenmal besucht. Aber, Du lieber Gott, - mein Wolfram war gerade gestorben, -
im Hause Alles drunter und drber; ich fand kaum ein Wort fr mich, geschweige
denn fr die gestrenge Frau. Sie zrnte dehalb auf mich, und ich war die Erste,
die aus Euers Vaters Dienst entlassen wurde, - eine arme Wittib, ohne Habe, und
Mutter eines noch unerwachsnen Mgdleins. Zudem hatte mein Alter noch Schulden
hinterlassen, die ich nicht tilgen konnte, und schon wollte ich, das Kleid, das
ich auf dem Leibe trug, allein behaltend, meinen Rosenkranz auf meines Mannes
Grab legen1 und dann mit meinem Kinde betteln gehen, als ein Menschenfreund
durch seine unvermuthete Hlfe uns von der bittersten Armuth rettete. Wir zogen
auf das nahe Dorf, und lebten von der Untersttzung des biedern Helfers. Meiner
Hnde Arbeit versorgte den Mund, die Milde jenes Edeln half unsern brigen
Bedrfnissen ab. Indessen hatte hier ein Grtner aus Wlschland sein Wesen
getrieben, des Meierhofs Nutzen verkleinert, die Herrschaft betrogen. Durch
unsern Freund kam die Schelmerei an den Tag, durch unsers Freundes Frbitte
wurde ich wieder hier eingesetzt, nachdem ich sechs Monden lang dies Haus hatte
meiden mssen. Die gestrenge Frau, die ihre Voreiligkeit in ihrer Herzensgte
gerne wieder verbesserte, hat mich seither gut behandelt, und vor zwei Jahren
meine Else zu sich als Grtelmagd genommen. So gut ich meiner Else Arme hier im
Hause htte brauchen knnen, so wollte ich doch ihre Dienste einer Gebieterin
nicht weigern, die mit einer alten Frau menschlich umgeht. Von jener Zeit an
lebe ich hier allein und einsam. Der Lenz erfreut mich mit seinen Blumen, der
Sommer mit seinen Garben, im Herbste breche ich die Frchte der Bume, ... -
Und im Winter? fiel Dagobert ein: im Winter? Wie steht es da? Nicht dem
Sturme des Nords allein bist Du Preis gegeben, sondern auch dem Muthwillen, der
Raublust bser Gesellen, denen Du in Deiner Einsamkeit nicht widerstehen
knntest. - Ei warum denn nicht? fragte Crescentia lchelnd: Glaubt ja
nicht, da ich so ganz Mutterseelen allein sey. Mit nichten. Ein Paar rstige,
Knechte sind immer hier zur Hand. Nicht bestndig bin ich einsam, gerade wie
heute. Heute ist ein besondrer Fall. Meine Leute sind nach der Stadt gelaufen,
weil, wie es heit, die gefangnen Juden vor Gericht gestellt werden. Ich htte
nicht selbst das traurige Schauspiel sehen mgen, aber wissen will ich doch, was
an der Sache ist, weil der Eine der Gefangnen mir besonders am Herzen liegt, und
ich mir nicht einbilden kann, was er verbrochen haben soll. - Wen meint Ihr
da? fragte Dagobert aufmerksam. - I nu, den armen Mann Ben David, der mit
seinem Vater im Gefngni liegt, versetzte Crescenz: und der eben jener
Wohlthter war, welcher ein halbes Jahr hindurch mein und meines Kindes Leben
fristete. - Ben David, sagt Ihr? fuhr Dagobert heftig fort: der Jude Ben
David? Er heute vor Gericht? Er noch nicht frei? und auch Jochai im Kerker? Beim
Himmel! Du weit nicht, Crescenz, welche Nachricht Du mir mittheiltest. Ich mu
fort, - zur Stelle fort; Vollbrecht! die Pferde vor! - Ei, was habt Ihr denn,
mein guter Junker? rief Crescentia: So schnell, und auf diese Nachricht hin
wollt Ihr scheiden? Wie ist mir denn? Kennt Ihr den Juden? Habt Ihr schon etwa
vernommen, wessen er beschuldigt? - Aber ihre Fragen, und ihr Rufen verhallte,
denn schon sa Dagobert zu Ro, schon flog er mit seinem Knechte den Sandweg
hinab zur Heerstrae, und erreichte in Kurzem die Stadt. Wie im Fluge ging's,
Zwingen und Gassen entlang bis zur Judenstrae. Hier waren jedoch die Reiter
gezwungen, ihre Pferde zu bndigen, denn die Gasse stand gedrngt voll von
Menschen. Aller Augen auf Ben David's Haus gerichtet, Aller Lippen in unruhig
schwatzender Bewegung. Die Bewohner der Gasse hielten sich in ihren Wohnungen
verkrochen, Wache hatte die Pforte von David's Hause besetzt, aber dennoch
strmten Menschen darin aus und ein, und so eben fhrte man daraus ein
ohnmchtiges Weib auf die Gasse, in Gewndern, wie sie die Brgerinnen kleiner
Landstdte zu tragen pflegten. Das arme Weib! scholl es theilnehmend aus dem
Munde aller Anwesenden: Ein, wahres Unglck hat sie just heute zur Stadt
gefhrt! - Was gibt's denn hier? erkundigte sich Dagobert bei einem Kerl,
der, Langes und Breites erzhlend, unter einem Haufen von Handwerksgenossen
stand, deren rothgelbe Jacken die Zunft der Lher verriethen. - Des Juden
Keller ist durchsucht worden; erluterte der Geselle: ich selbst war unten.
Das getdtete Kind hat man zwar nicht gefunden - die Buben haben's in den Main
geworfen, - aber viel andres Zeug, das wohl bewhrt, welch ein Handwerk die
Schelmen von Juden im Stillen getrieben haben.
    Was denn fragten die neugierigen Zuhrer. - Kleidungsstcke mit Blut
befleckt, fuhr der Erzhler fort: Lumpen sowohl als Staatsgewnder, einige
Kostbarkeiten, - lauter gestohlnes Gut, und endlich eine Kette mit blutrothen
Steinen, kenntlich fr den Eigenthmer durch die Steine selbst und die Arbeit
des Silberschmids. Der Schmuck hat auch schon seinen Eigenthmer gefunden. Das
arme Weib, das dort ohnmchtig liegt und just gelabt wird, hat ihn erkannt.
Erkannt? rief der Hause. - Jeder von Euch, sprach der Lher weiter, hat ja
wohl einmal von dem schnen Evchen von Berger gehrt? Weit und breit war das
wunderholde Kind berhmt. Weit und breit wurde Hermann, der junge Metzger aus
Friedberg beneidet, da er endlich das schmucke Mdel heimfhrte. Nun, schaut hin
auf das arme Weibsbild, ob man eine Spur der ehemaligen Schnheit auf ihrem
Gesicht erkennt; und doch ist sie's. Ihr Mann aber wurde erschlagen, da er mit
der Ausstattung seiner jungen Frau nach Friedberg fuhr, und die Halskette mit
den blutrothen Steinen, ein Erbtheil von Evchens Gromutter hat einen Theil der
Mitgabe ausgemacht, und sich so eben in dem Keller des verfluchten Juden
gefunden. - Das ist nicht wahr! donnerte dem Erzhler Dagobert zu, whrend
die Umstehenden sich bekreuzten. Der Kerl gaffte ihn mit offenem Maule an. -
Nu, wenn Ihrs besser wit, Herr, antwortete er flmisch, so httet Ihr den
wackern Leuten hier das Ding erzhlen sollen. Dagobert wollte mit dem Ro auf
den Lmmel einsprengen, aber Vollbrecht war diemal der Besonnenere, und ri den
Herrn zurck. Bedenkt doch die Uebermacht! flsterte er dem Heftigen zu, und
lasse uns frder ziehen. - Nimmermehr! erwiederte Dagobert: sehen mu ich,
welch ein Ende der verdammte Auftritt nimmt! - Die Fluth des Volks wlzte sich
gerade mit aller Macht gegen Ben-David's Thre; denn die Gefangenen wurden eben
herausgebracht. Der Oberstrichter, erhitzt von Eifer und Zorn ging voraus; ihm
folgten Knechte mit Krben und Bndeln, die das Gefundene fortschleppten;
hierauf erschien Zodick mit siegreicher Miene, und lange nach ihm die Gebundenen
selbst, von Soldknechten umringt. Nachrichter und Gesellen folgten erst weit
hintendrein, denn der Oberstrichter hatte dennoch fr gut befunden, sie nur als
schreckende, nicht dienende Leute mit zu fhren. Beim Erscheinen der sogenannten
Verbrecher entfaltete das Volk wieder all seine Rohheit, denn es schmte sich
nicht, aus vollem Halse das Lied anzustimmen, das in der Rumpelwoche in den
Kirchen gesungen wurde, begleitet vom einem tobenden Lrm ungezogener
Handwerksgesellen und Straenbuben: Ach, Du armer Judas! Was hast Du gethan?
Wei ich doch sonst was, das geht Dich auch an. Ach, du armer Judas! Was hast Du
gethan! - Unter diesem Geheule, dem der blutdrstigen Wlfe zu vergleichen,
fiel ein neuer Austritt vor herzzerreiender als der, den das schne Evchen
gegeben hatte, und schmerzlich im hchsten Grade fr Dagobert. Eine Dirne
strzte herbei, mit aufgelstem Haare, bleich wie der Tod, aber bildschn im
hchsten Kummer selbst; Esther, die verzweifelnde Esther, die herzueilte, jetzt
erst von dem schrecklichen Gange unterrichtet, den ihr Vater thun mute, welchen
bisher zu sehen, ihr nicht vergnnt gewesen. Zu seinen Fen drngte sie sich
durch, seine Hnde drckte sie mit Inbrunst an's Herz, die ihrigen streckte sie
nach Jochai aus, - aber wilde Gewalt stie sie von ihren Lieben zurck.
Vergebens jammerte, vergebens flehte sie, vergebens bot sie, was sie von Werth
bei sich trug, fr die Gnade, ein paar Augenblicke lang sich mit dem
Unglcklichen zu letzen ..... ihre Bitten prallten ab von den Panzern der
Wchter, und da endlich diese Letztern es nicht ferner ber sich gewinnen
konnten, die rhrende Schnheit unbarmherzig mit ihren Waffen zurckzuweisen, so
kam eilfertig der Stcker herbei, um zu thun, was dem Krieger wiederstrebte.
Aber, so wie er die Arme ausstreckte, um Esther zu ergreifen, fhlte er einen so
heftigen Schlag im Genicke, da ihm die Lust verging, weiter vorzudringen. -
Gott verdamme Dich, ungehobelter Gesell! rief dem bestrzt zurckschauenden
Dagobert in's Ohr, welcher die Peitsche schwang, um nthigenfalls seine krftige
Zurechtweisung zu wiederholen: So Du noch einmal Dich unterfngst, die Dirne
hier durch Deine schndliche Berhrung unehrlich machen zu wollen, so breche ich
Dir den Hals! - Der Nachrichter schrie nach Hlfe. Das Volk lachte den
Verhaten aus, und hhnte ihn. Da kehrte der Oberstrichter zurck. Was gibts
da? herrschte er: Wer nimmt Partie fr die Jdin? Ich Herr, entgegnete ihm
Dagobert trotzig: Ich Dagobert Frosch, des Schffen und Altbrgers Sohn. -
Schande fr Euch! eiferte der Oberstrichter: Stcker! schafft das freche
Geschpf weg! - Dem Schurken kostets die Ohren! versetzte Dagobert, seinen
Dolch ergreifend: Er wage es nicht. Schande ist's fr Euch, edler Herr, solche
Gesellen in Eurem Gefolge zu fhren. Den Verdammten ergreife der Henker, - den
Unschuldigen nicht. - Die Jdin gehrt mein! lie sich der Stcker vernehmen:
Sie hat dem Gebot zuwider gehandelt, und ist auf die Gasse gelaufen ohne
Schleier und Judenzeichen. Das Halseisen gebhrt ihr, und mein gehren ihre
Haarflechten, so sie dieselbe nicht mit Geld lsen mag. - Der Teufel auf
Deinen eignen geschornen Schdel gehrt Dir, Galgenrabe! zrnte Dagobert dem
Burschen entgegen: Soll die Dirne deshalb ben, da sie in ihres Herzens Angst
Euer Verbot vergessen? - Sie ist eine schlechte Jdin! rief der
Oberstrichter. - Ein Jude ist auch ein Mensch! antwortete ihm Dagobert
zorniger denn zuvor: Und kurz und gut, Ihr lat sammt Euern Helfershelfern das
Mdel in Frieden, oder ich will Euch zeigen, wie man mit Hunden umgeht! - Der
Stcker entwich bei der furchtbaren Bewegung, die der Jngling gegen ihn machte.
Aber zu gleicher Zeit rissen auf einen Wink des Richters, die Knechte, die
Gefangenen von dannen, welche indessen Mue gehabt hatten, einige Worte mit
Esther zu wechseln. Diese Letztere aus den Klauen der Schergen und des Pbels zu
retten, der nur des Richters Entfernung erwartete, um an der rmsten seine rohe
Willkr zu ben, war Dagoberts Bestreben von nun an. Komm Dirne, mit mir! rief
er dem Mdchen zu: ich fhre Dich in's Freie! - Dankend nherte sich ihm
Esther, von Thrnen berstrmt. Der Oberstrichter lachte hhnisch auf. - Ein
wackres Ritterstcklein! versetzte er: Werd's zu rhmen wissen, und Euch
deshalb beloben! wie's Euch beliebt! rief dem Scheidenden Diether's Sohn
nach: Wir sprechen uns wohl noch anderswo, Herr Oberstrichter! - Der Letztere
warf ein kurzes: Ich denk's! zurck, und ging trutziglich davon. Fa meinen
Steigbgel an! sprach hierauf Dagobert zu der zitternden Esther, um die sich
der Pbel brausend drngte, im Begriff seinen Schmhungen Luft zu machen: Halte
Dich fest; und Du, Vollbrecht, reite auf des Mgdleins anderer Seite. Ihr aber,
Gesindel, bleibt zurck, oder wahrt Eure Kpfe! - Nach dieser Warnung ging es
so schnell davon, als die zwischen den Pferden gehende Ester Schritt zu halten
vermochte. Bis an den Ausgang der Strae wogte die Menschenmasse nach; da
indessen einige wohl angebrachte Peitschenhiebe ihres Zwecks nicht verfehlten,
und die Unbndigsten des Pbels in ihre Schranken wiesen, blieben die Uebrigen
zurck, und blo mehrere Steinwrfe, die nicht trafen, gaben das letzte Zeugni
von der ohnmchtigen Wuth des Volks. Wohin soll ich Dich bringen? fragte
Dagobert, um die verwunderten Gaffer an den Hausthren unbekmmert: Esther,
sprich! Wo hausest Du denn Mdchen? - Vor die Stadt bringt mich, edler Herr!
seufzte Esther: Vor die Stadt nur geleitet mich. - So la den garstigen
Steigbgel fahren, erwiederte Dagobert: und ergreife die Quaste meiner
Satteldecke - Dies geschah; ehe jedoch noch des Zwingers Graben erreicht war,
ruhte Esthers Hand schon in der Rechten Dagoberts. Vor dem Thore, zu welchem
kurz zuvor der Jngling herein geritten, sa er ab, und sprach zu Esther: Nun
sage an, mein Kind, wohin Du Deine Schritte zu lenken gedenkst? Warum entfliehst
Du den Ringmauern der Stadt? Hast Du kein sicheres Obdach in derselben? -
Wehmthig schttelte Esther, das von Perlen der Kindesliebe geschmckte Haupt. -
Ei, so sage doch, um Gott, wo Du weiltest in den verflossenen Tagen? fuhr
Dagobert betroffen fort: Ich whnte Dich in Deines Grovaters Haus und Armen.
Sprich doch, Du armes Mgdlein, sprich. - Jochai liegt im Gefngni, gleich
meinem Vater; antwortete Esther schluchzend: An die Thren unsrer Nachbarn und
Glaubensfreunde wandte ich mich; aber von allen wies man die Tochter, der als
Verbrecher gehaltenen Leute zurck. Als ob mich die Schule in Bann gethan,
flohen mich alle Bekannte, und nur bei dem Judenarzt Joseph fand ich eine
Aufnahme, nach langem, langem Bedenken von seiner Seite; nach vielem Einreden
seines Weibes. - O Du bemitleidenswerthes Geschpf! sprach hier Dagobert
theilnehmend, und schmeichelnd ihre Hand fassend: da Du gezungen wurdest, bei
dem hoffrtigen Manne Brod und Wohnsttte zu begehren! Da ich Dich schonungslos
solchem Zufall berlie! Wie aber wurdest Du von ihm gehalten? Warum kehrst Du
nicht zu ihm zurck? - Erlaubt mir, davon zu schweigen! bat Esther mit
niedergeschlagenen Augen und geschmiger Wange. - Nein, Esther; fuhr der
heftige Jngling fort: Wissen mu ich's, Du darfst mir's nicht verschweigen! -
Da er mich gleich einer dienenden Magd behandelte, sagte Esther zgernd und
oft innehaltend, - hatte ich ihm gern verziehen; die Hlflosigkeit mu ja immer
Sklavendienste leisten; - aber, - da er eines schndlichen Handels Hoffnung auf
meinen Kummer, auf meine Liebe zum Vater baute, ..... das kann ich ihm kaum
vergeben, und nimmer kehre ich darum zurck zu dem abscheulichen Mann.
    Von welchem Handel sprichst Du? fragte der Jngling bebend: ..... rede,
mein Kind, ich mu es erfahren; .... hrst Du? .... ich mu. - Dem Schulthei
wollte er mich verkaufen, antwortete Esther, ihr Antlitz mit den Hnden
verbergend: ich sollte fr meines Vaters leichtere Haft einen Preis zahlen, den
.... ach; erlat mir das brige. - Schurke! knirschte Dagobert. - Ich
widerstand; sprach Esther weiter: ich zrnte dem Unholde; da entdeckte er mir
schonungslos, was mein Vater verbrochen haben soll, und da er gerade jetzo zum
Hause seiner Vter geschleppt worden sey. Halb gekleidet, wie ich war, heulend
vor Schmerz und Angst enteilte ich dem Hause Josephs, fest entschlossen, nimmer
dessen Schwelle wieder zu betreten.
    Da sey Gott vor! entgegnete Dagobert, mit der Faust gegen die Stadt
drohend: Dem hageprunkenden Fettwanst will ich's gedenken, sollte er mir einst
unter die Augen kommen. Wo aber, wo, mein gutes Dirnlein, wo gedenkst Du hin? Wo
leben die Freunde, wo Verwandte, die Dein Schicksal beweinen? - Ach, nirgends,
Herr; klagte die Verlassene: ich habe Niemand, den eine Pflicht verbnde, mir
zu helfen. Hingehen will ich aber auf irgend ein Dorf, und in einem Stalle mich
betten, und tglich nach der Stadt ziehen, und tglich zu den Fen der Wchter
meines Vaters um die Gnade betteln, ihn sehen zu drfen in seiner
Gefangenschaft. Vielleicht wird einmal doch meine Bitte erhrt, - vielleicht
gewhrt man mir endlich die grre, im Kerker zu bleiben, bei ihm, dem meine
Sorgfalt, mein Leben gehrt. - Esther! Mdchen! sprach Dagobert bekmmert:
Betrbe mich nicht also, und handle nicht wie eine Mrderin an Dir selbst! Du
solltest eine Beute des rohen Bauernvolkes werden; - am Ende dennoch durch Deine
unablssigen Bitten und Versuche in die Hnde des saubern Gelichters gerathen,
denen ich Dich so eben entrissen? Wahrlich; das gebe ich nicht zu. - Vollbrecht
gaffte mit offnem Munde dem seltnen Auftritt zu; Dagobert, der es jedoch
bemerkte, gab ihm den Befehl, die Rosse heimzufhren. Obwohl ungern, jedoch vom
Gefhl des Gehorsams beseelt, that Vollbrecht, wie ihm geheien. - Da er sich
entfernt hatte, bog Dagobert, im Gesprch mit Esther, in den Sandweg ein, den er
kurz vorher beritten. - Du mut mir eine Liebe thun, sagte er zu Esther, die
in stiller Erwartung neben ihm ging. - Welche? mein guter Herr? fragte sie,
die sanftleuchtenden Augen zu ihm erhebend: Sprecht. Nach dem Vater gehre ich
Euch allein. - Ich habe Dich sonder Gefhrde hieher geleitet von Costnitz,
sprach Dagobert weiter; Dich unter Wegs gehalten wie ein ehrlich Frauenbild,
und mich wie einen ehrlichen Gesellen. - Das wei der Himmel! betheuerte
Esther mit dankbarer Neigung: Einer ehrsamen Brgerin gleich habt Ihr mich
gehalten, und nicht wie eine schlechte Jdin. Das vergelte Euch der hochgelobte
Gott, der es auch gndig mit ansieht, wie Ihr also wandelt mit mir im Freien,
ohne Schaam und Scheu, - mit mir, der von aller Welt Verstoenen. - Wolltest
Du mir wohl ferner vertrauen? fragte Dagobert mit weicher Stimme. - Bis an's
Ende, Herr, unwandelbar; antwortete Esther. - Deine Habe hast Du mir bereits
vertraut, da wir schieden; sagte Dagobert ferner: Herzog Friedrichs Brief habe
ich in Hnden, und werde Dir einst Rechnung davon stellen; aber nun sollst Du
Dich selbst mir anvertrauen. - Gerne, Herr! versetzte das Mgdlein ohne
Sumen. - So nimm eine Herberge an von mir; sprach der Jngling, den ruhigen
Blick auf sie heftend. - Eine Herberge, Herr? fragte sie staunend: Bei Euch?
das ziemt sich nicht. - Nein, wahrlich; lchelte der Junker: bei mir? das
wrde sich freilich nicht ziemen. Aber in einem Hause, dem eine wackre Freundin
vorsteht ... was meinst Du dazu? - Ohne Bedenken; antwortete Esther mit
frohem Danke: Wohin Ihr mich fhrt, darf ich gehen. - Auf die Gefahr, da ich
des Schultheien Vorliebe fr hbsche Dirnen theilte? fragte Dagobert mit
Laune. Esther sah ihn ernst an, schttelte lchelnd den Kopf, und sprach:
Verkleinert Euch doch nicht selbst; im Scherze nicht einmal. Woran soll man
erkennen den Mann, wann er sich selbst den bsen Leumund anhngt? - An seinen
Handlungen, treffliche Dirne! antwortete Dagobert rasch, indem er unwillkrlich
ihr die Hand drckte: Und nun, komme mit mir zum Schellenhofe. Die alte
Crescenz will mir wohl und Dein Vater steht bei ihr nach dem Heilande in den
grten Ehren. Dort, mein armes Kind, dort wirst Du sicher seyn.

                                    Funoten


1 Gesetzlicher Gebrauch, sobald die Wittib ihres Mannes Schulden nicht bezahlen
konnte. Nach geleistetem Eide sie durch obige Handlung aller Verbindlichkeit
quitt.


                                Fnftes Kapitel.

 Eia, Eia!
 Ostern ist da!
 Fasten ist vorber,
 Das ist mir lieber;
 Eier und Wecken
 Viel besser schmecken!
 Eia, Eia!
 Ostern ist da!
                                                Altd. Kinderlied zum Osterfeste.

Der Heilige Ostertag hatte sich einen schnen Schmuck von Sonnenschein und Wrme
angelegt, allein an dem Abend desselben war glnzendere Helle, wenn gleich nur
von Kerzenlicht, und eine viel angenehmere Wrme in den Stuben des adelichen
Gesellenhauses Limpurg zu finden. Die Gemcher waren geschmckt wie zu einer
Hochzeit. Bunte Vorhnge waren an den Fenstern aufgemacht, allenthalben
vielarmige Wand- und Deckenleuchter angebracht, und der Fuboden entweder mit
gewrkten Teppichen belegt, oder mit wei und rothem Sand bestreut, den man in
allerlei seltsamen Figuren aufgeschttet hatte. Auch die Tafel, an welcher heute
recht viele der edeln Gesellen sammt ihren Frauen und Tchtern und Schwestern
das abendliche Ostermahl begehen wollten, war herrlich hergerichtet in dem
Saale, welcher der Schauplatz der Schmuse und Geschlechtertnze zu seyn
pflegte. Blendendweie Tischtcher mit buntem Rande, die Ecken in zierliche
Knoten geschlungen, bedeckten die Tafel, mit schimmerndem Gerth versehen, so
wie der gegenberstehende Kredenztisch mit prchtigen Gefen besetzt war. Die
Becher der Gste waren schon bekrnzt mit den zum Fest gehrigen Maaslieben oder
Osterblmchen, und voll angehuften Zinnschsseln mit bemalten Ostereiern
standen hin und wieder auf Tisch und Schrein aufgepflanzt, um den hin und her
wandelnden Herren und Frauen als eine kleine Ergtzlichkeit des Gaumens zu
dienen, bis das Zeichen zum Mahle gegeben seyn wrde. Der grre Theil der
ungemein ansehnlichen Zahl von anwesenden Stubengenossen war im groen
Vorgemache versammelt, um den mchtigen Ofen, dessen Flchen mit dem in Farben
ausgefhrten Wappen der Vaterstadt geschmckt waren, so wie die Wnde umher mit
der langen Reihe von Limpurgs Geschlechterwappen, mit den auf groen
Pergamenttafeln geschriebnen Ordnungen der Ttrinkstube, dem bedeutenden
Namens-Verzeichni von Meistern und Gesellen, und den Panieren der Gesellschaft.
Plaudernd und schckernd unterhielten sich die geputzten Gste von dem, was der
Tag gerade gebracht hatte. Die jngern Anwesenden sprachen von Scherz und Liebe,
zeigten sich gegenseitig die prachtvollen Ostereier, die sie empfangen, gesandt
in zierlichen Krben, oder auf seidnen und duftenden Kissen, und mit den
niedlichsten Sprchen bemalt. Der zrtliche Freier benutzte das Dmmerdunkel des
Ofenschattens, um der Geliebten das Geschenk wieder zum Geschenke zu machen, und
einen sen Blick dafr zu erhalten. Gespielinnen und Freunde bekrnzten sich
gegenseitig mit den Blumen, in welchen die Ostergeschenke gelegen, und mancher
zrtliche Reimspruch ging von Munde zu Munde. Whrend dessen redeten die jungen
Frauen von der Herrlichkeit der bevorstehenden Frhlingsfeste, die ltern von
dem Barfer, der heute das wirksamste und ergtzlichste Ostergelchter erdacht,
von der Deutschherrenkirche, in welcher das ansehnlichste Osterlicht zu schauen
gewesen, und von dem Bcker, der die schmackhaftesten Fladen zum Feste
geliefert. Unter den Mnnern ging hingegen vom Wechsel und Gewerbe die Sprache,
von Gerichten, Fehden und dem Concilium. Trotz diesen ganz verschiednen
Redestoffen stand dennoch die Menge beisammen auf einem Knaul, als ob das
Gesprch nur einen und denselben Gegendstand betrfe; zwei Herren allein hatten
sich von der Versammlung abseits gezogen, und besprachen sich eifrig in einer
Ecke des Gemachs: der Schulthei und der Oberstrichter. - Ihr wrdet mich zur
ewigen Dankbarkeit verpflichten, sagte der Letztere, das Gesprch zu Ende
leitend, wenn Ihr dem Jungen irgend einen Denkzettel anhngen wolltet. Ihr
findet eher die Gelegenhenheit hiezu, denn ich. Mir drfte er schwerlich in's
Gehege kommen. - Ich denke, mir ist er schon in's Gehege gerathen; entgegnete
der Schulthei finster: seyd unbesorgt, ehrbarer Herr; was man sucht, findet
sich wohl; ich bin vielleicht sogar bald im Stande, Euch ber wichtigere Dinge
Aufschlu zu geben, denn ich vermuthe nicht mit Ungrund, da in jenem Hause
gewisse Verhltnisse obwalten, die bis jetzt gut gethan haben, sich mit dem
Schleier des Geheimnisses zu verhllen. - Meint Ihr, gestrenger Herr? fragte
der Oberstrichter schnell: Das wre Wasser auf meine Mhle, und wenn die Dinge
von der Art wren, mein Amt zu beschftigen, .... um desto besser. - Ich
verspreche noch nichts; antwortete der Schulthei einlenkend: ich wei von
nichts. Die Zeit wird lehren, wie ich mich zu verhalten haben werde. - Der
Andre bckte sich mit der Freundlichkeit, die willig vor dem Mchtigern
verstummt, und ihre Neugier in den Zaum nimmt. Das Stubenmeisteramt, das der
Schulthei bekleidete, machte ihm die nchsten Anordnungen der Tafel zur
Pflicht, und als Alles besorgt war, und er schon mit dem silbernen Stabe in das
Gemach schreiten wollte, um der harrenden Gesellschaft das Zeichen zum Mahle zu
geben, kam ihm der Altbrger Diether Frosch hastig entgegen und zog ihn in das
Tafelzimmer zurck. - Der Schulthei errthete leicht bei diesem unverhofften
Zusammentreffen, fate sich jedoch bald wieder, und sprach: Willkommen, mein
wackrer Schff! Sehnlichst haben wir Eurer gewartet. Und Eure Ehefrau .... Ihr
habt sie doch mit Euch gebracht, darf ich hoffen? - Mit nichten, Herr;
versetzte Diether: Doch zweierlei Botschaft bringe ich, die Frau Margarethen
angeht, und von der ich auch reden mu, ehe Ihr zu Tische sitzt. Ihr habt
neulich eine Rose in meinem Hause zurckgelassen, .. ein feines Kleinod, und
viel zu kostbar fr meine Wirthin, die es Euch durch mich zurckstellen lt.
Ferner habt Ihr die Gte gehabt, heute Morgen Euern Buben in mein Haus zu
senden, der ein blankes Krblein trug, mit diesem silbernen Granatapfel,
angefllt von wohlriechender Essenz, und verziert mit einem Minnespruch. Der
alte Diether, der, wie alle Sechziger, wenig schlft, und frh das Lager
verlt, fand den Buben, der an Frau Margarethens Thre harrte, und nahm ihm das
zarte Geschenk ab. Er bringt Euch nun Beides wieder: die Rose von Gold, den
Apfel von Silber, mit der Bitte, seinen kleinen Hausstand mit solcher
Freigebigkeit ferner nicht zu beschmen. Sein Haus war stets ein Wohnsitz der
Zucht und Ehrbarkeit, und wird und soll es ferner bleiben, wozu Gott helfe! -
    Der Schulthei, der schon vorausgesehen, was des Alten grmliche Miene
verkndete, nahm heftig die Kleinodien aus Diether's Hand, und sagte halblaut zu
dem Schffen: Ihr habt recht gut die Zeit gewhlt, mich zu beleidigen, denn
rings um uns wandeln Leute hin und her, die mit ihren Falkenblicken in Eurem
zornigen Antlitz zu lesen verstehen. Ihr mgt indessen Eurem Ehgemahl berichten,
da Versehen und Irrthum nur die Geschenke, fr andre, geschtzte Freundinnen
bestimmt, in ihren Bereich gebracht, und da ich mich zu hoch dnke, an dem
Honig zu naschen, in welchem ein alterschwacher Thor, und ein lasterhafter
Stiefsohn geschwelgt. - Seyd brigens vershnt, guter Schffe, setzte er mit
dem freundlichsten Lcheln hinzu, um die neugierigen Gaffer irre zu fhren, -
da ich Euch den heutigen Abend nach Krften gedenken werde. - Diese Worte,
mit welchen der Ritter dem Altbrger den Rcken kehrte, demthigten Margarethens
Gatten um so empfindlicher, je stolzer er in dem Gefhle seines Rechts und des
vom Schultheien beabsichtigten Unrechts gewesen war. Drr ausgesprochen,
schonungslos herausgesagt, hatte er nur den Verdacht gehrt, den er schon lngst
im stillen Herzen bewahrt, und von Emprung und Schaam zugleich bedrngt, wollte
er die Trinkstube verlassen, als der Schulthei an der Spitze der
Paarweisgehenden Gste wieder eintrat, und ihn so vertraulich unter dem Arme
nahm, als wre niemals etwas zwischen ihnen vorgefallen. - Biedrer und ehrsamer
Freund, sprach der gestrenge Herr mit lauter Stimme und freundlicher Geberde,
da alle Umstehende seine Worte vernehmen muten: es ist schon lange her, seit
Euer Unfall Euch hinderte an unserm geselligen Mahle Theil zu nehmen. Da Ihr nun
gewissermaen heute auch das Fest der Auferstehung feiert, so beliebe es Euch,
hier zwischen den Sthlen der Stubenmeister, und an meiner Seite Platz zu
nehmen. Wir haben oft zusammengesessen im Rathe, zusammen gestritten im Felde;
lat uns nach geraumer Zeit wieder zusammen tafeln. - Ehe noch der greise
Diether ein Wort des Widerstrebens zu finden vermochte, hatten ihn schon die
brigen Stubenmeister zu einem Sessel gefhrt, und ihn mit freundschaftlicher
Gewalt genthigt, sich darauf niederzulassen. Die brigen Tafelgenossen reihten
sich nach Rang und Wrden um den Tisch, und hinter den Sthlen der Frauen und
Tchter sammelten sich die jungen Mnner, die entweder zu spt gekommen waren,
um einen Sitz zu finden, oder deren Lebhaftigkeit es vorzog, sich an keinen Ort
binden zu lassen. Sie stellten sich entweder gleich wie Edelknechte, bereit, auf
den ersten Wink der Dame von dannen zu fliegen, und auszurichten, was sie
befohlen, oder sie kauerten und knieten nieder auf gepolsterten Schemeln, um
ihren Bruten, Liebchen oder Freundinnen kurzweilige Reden und zrtlich
Geflster in die Ohren zu wispern. Nach und nach sammelte sich jedoch der groe
Schwarm um das untere Ende der Tafel, wo ein junger Mann in feiner Kleidung das
Wort fhrte, und allerlei lustige Sprche und Fndlein an die Reihe kommen lie.
Der frhliche Erzhler war Dagobert, der erst vor Kurzem eingetreten und seinen
Standpunkt hinter dem Lehnstuhle der Frau von Drningen genommen, einer
Adelichen aus der Gegend von Friedberg, die, nur zum Besuch, ber das Fest nach
Frankreich gekommen war. Mit ihr, der freundlich und gemthlich gestimmten
Wittib in dem besten Alter, und mit ihrer Tochter, einem gar muntern und
lieblichen Mgdlein von vierzehn Jahren hchstens, beschftigte sich Dagobert
vorzglich, da, den trocknen Vetter der Dame ausgenommen, beinahe niemand der
Anwesenden ein Wort an die Fremden richtete. Die Mutter wute den Liebesdienst
des ehrlichen Junkers zu schtzen, und hrte seinem Gesprche gern zu; mit
grrer Theilnahme jedoch die holde Regina, welche den hellen Blick kaum von des
angenehmen Gesellschafters Lippen verwendete, lchelnd seinen Worten mit dem
lauschenden Ohre folgte, und zchtig errthete, so oft seine Augen auf ihrem
Antlitz verweilten. Der schelmische Jngling schien es nicht zu bemerken, und
machte sich ein Vergngen daraus, seine Scherze fast immer an das Mdchen selbst
zu richten, und dadurch die umstehenden Junggesellen schier eiferschtig zu
machen. Vergnnt mir, sprach er unter anderm: vergnnt mir Euer Ritter zu
seyn, holde Jungfrau aus der Fremde! Nennt mir Eure Farbe, damit ich sie trage
zum Zeichen, da ich der Eurige bin. - Unsers Wappens Farbe ist blau und
Silber und grn, erwiederte das Mdchen unbefangen: ich selbst jedoch, nicht
wahr, Mutter? ich habe noch keine Farbe, mit der ich Euch zieren knnte. - Die
Mutter nickte lchelnd. Das ist schlimm! scherzte Dagobert: So werdet Ihr mir
mindestens erlauben, Euch dies Osterei zu berreichen, mit dem Spruch, den ich
mir dabei denke? - Und dieser ist? fragte Regina neugierig. - Er lautet ganz
einfach; versetzte Dagobert: Ich wnsche, Liebchen, froh und frei, mich Dir,
Dich mir zum Osterei. Ei wie schn! rief Regina, von einer strahlenden Rthe
bergossen; die Mutter streichelte ihr aber die glhende Stirn und das goldne
gescheitelte Haar, und sagte mit scherzhaftem Vorwurf: Nicht doch, junger Herr!
Euer hfelndes Gerede macht die Dirne eitel. - Warum sollte sie auch nicht
eitel seyn? fragte Dagobert lustig entgegen: Hat sie doch schon in der Taufe
die Vollmacht und das Recht erhalten, eitel und stolz herabzusehen auf uns
brige? Was bedeutet denn Regina anders als eine Knigin? Und wenn diese kleine
Knigin bestimmt ist, Hunderte zu beherrschen durch die Macht ihrer
Holdseligkeit, .. warum nicht auch mein Herz, eines der Empfnglichsten? -
    Diese glatten Reden voll Muthwillen passen wenig zu dem geistlichen Stande,
dem Ihr bestimmt seyd, junger Herr! warf der Vetter der Frau von Drningen, ein
hagrer, aller Lust feindseliger Patrizier von steifsten Schrot und Korn ein.
Diether's Sohn schaute ihn gro an, und erwiederte: Lieber Herr, das mache ich
mit meinem Gewissen aus. Wollt mir das gtig erlauben. Habt Ihr mir keinen
Spruch entgegen zu schenken? fuhr er fort, sich lchelnd an Reginen wendend. O
ja, entgegnete die Dirne geschwtzig: hrt nur zu, ob ich mich recht darauf
besinne; ich, Du, das Ei, das sind unser drei. Theilen wir das Ei, bleiben unser
zwei. - Das Mdchen schwieg, als ob der Spruch zu Ende sey. Dagobert lachte.
Man kann den berlstigsten Freier nicht besser abfertigen! betheuerte er:
Ihr habt aber den Schlu des Reims vergessen, schne Maid. Er schliet also:
Einen wie uns zwei, bleibts bei Einerlei. Oder nicht? - Bleibts bei Einerlei!
wiederholte halb ernstlich, halb schalkhaft das Frulein mit einer lustigen
Verneigung, und ein frhlich Gelchter erscholl aus dem Munde der Umstehenden,
whrend des Oberstrichters Sohn, der ausschweifende Jungherr Schweikard, der
nach dem eiteln Ruhme geizte, berall der einzig gefeierte Lustigmacher zu seyn,
mit mimuthiger Geberde dem Beifall entfloh, der einem andern zu Theile wurde,
und seinem Vater einige Worte in's Ohr raunte. Dieser nickte beifllig, und
wandte sich heimlich flsternd an den unsern sitzenden Schulthei. Die Beiden
wechselten viele und schnelle Worte, mit drohenden Blicken bald auf den, jetzt
erst bemerkten Dagobert hinzielend, bald auf dessen Vater, der schon lngst wie
auf Kohlen neben dem Schulthei sa, aber der Schicklichkeit halber, dem
Brgermeister, der auf der andern Seite sein Nachbar war, und ihn in Fluthen von
Erzhlungen lngst vergener Begebenheiten vertiefte, zuhren mute. Dem
Altbrger war es klar, da der Schulthei mit seiner berraschenden
Freundlichkeit und vorhergegangnen Schimpf, nur bezwecke, vor der Gesellschaft
den Zwist sammt dessen Ursache zu verbergen, oder ihm eine noch empfindlichere
Beleidigung zufgen zu knnen. Daher konnte ihm kein Bissen schmecken, kein
Tropfen munden, und ihm war es sehr willkommen, als der Stubendiener ihn
benachrichtigte, im Vorgemach harre ein Knecht, der ihm Wichtiges zu verknden
habe. Er stand schnell auf; indessen erschien aber auch bereits der Hausmeister
und rief mit vollen Backen; Ihr werdet Euch wundern, ehrsamer Herr Frosch. Das
Unglck .... mir selbst zittern alle Glieder! - Nun, was gibt's? fragte der
Schulthei mit schadenfroher Ahnung, whrend der Brgermeister den erschrocknen
Diether wieder auf den Stuhl niederzog. - Eure Tochter, das tugendbelobte
Frulein Wallrade .... - stammelte der Schwtzer ferner.
    Meine Tochter? entgegnete Diether mit erlschender Stimme. - Sie ist in's
Unglck gerathen, da sie eine Stunde Feldwegs von Wiesbaden gekommen! platzte
der Hausmeister heraus: Die Herren vom Stegreif, welche dort und hier die
Landstraen unsicher machen, haben sie aufgefangen, und, Gott wei in welches
ihrer Raubnester gebracht. Erst gestern wurden ihre Leute freigelassen und mit
verbundnen Augen in der Nacht an einem Kreuzwege ausgesetzt, wenig Stunden von
hier, unfern auch von dem Gebirge. Knecht und Zofe haben die erschreckliche
Kunde mitgebracht, und Eure Hausfrau fordert Eure Heimkehr, Herr! - Gleich,
gleich, stotterte Diether halb auer sich, und nach Mantel und Piret rufend,
welches ihm der Stubendiener zgernd und faul herbeibrachte. Indessen ging die
Nachricht schnell um die ganze Tafel, und Dagobert sprang ebenfalls auf, um dem
Vater zu folgen, der sich gerade der Thre nherte, als der Schulthei zu dem
Brgermeister laut genug sagte: Wie knnt Ihr nur eine Frage verschwenden nach
dem Thter, wohlweiser Herr? Wie die Sachen in jenem Hause stehen, ist mir nicht
fremd. Man mu wissen, da die Stiefmutter und der eigne Bruder die arme
Schwester stets verfolgten, und da der Erstern leiblicher Bruder ein
weitberchtiger Buschklepper ist, der im Stadtbann wie im Kirchenbann liegt, um
den ganzen Handel begreifen zu knnen. - Diether horchte hoch auf; schleuderte
dann einen vernichtenden Blick auf seinen Sohn, und rannte ungestm aus der
Thre. Dagobert, den Groll des Vaters bersehend, trat jedoch festen Schritts
und schnell auf den Schultheien zu, und sagte mit Gewicht: Wie mgt Ihr nur,
edler Herr, solch unberlegt Wort in offner Gesellschaft meinem Vater und mir
zum Gehre reden? Wie mgt Ihr meine Stiefmutter beschimpfen, die des
Leuenberger's sittenlosen, beln Wandel nicht theilt, sondern stets ein Muster
von Rechtschaffenheit fr die ganze Stadt gewesen? -
    Der Ritter ma den Jngling, auf den sich alle Blicke richteten, vom Kopf
bis zu den Fen, und verzog hhnisch den Mund. Wenn ich auch sehr gut
begreife, sprach er, wie es kommt, da hier der Stiefsohn fr die Stiefmutter
so heftig Partei nimmt, so mchte ich das Recht wohl kennen, das Euch zusteht,
mich zur Rede zu setzen? Ich mu Euch auffordern, vorlauter Mensch, zu
schweigen, wenn ich nicht reden soll. - Frei heraus: entgegnete Dagobert, in
welchem das vom Schulthei gegen Esther beabsichtigte Unbill die Flamme schrte:
Frei heraus! Ich habe schon gesehen, da ihr scheel auf mich schaut. Vielleicht
erfahre ich jetzt, warum. Doch rathe ich Euch, jede Schmhung gegen Vater oder
Mutter unterwegs zu lassen, soll ich nicht vergessen ... - Migt Euch!
flsterten ihm mehrere theilnehmende Freunde zu, und ein begtigender Blick von
der Frau von Drningen machte ihn schweigen. - Ihr habt Euch schon vergessen;
braute der Schulthei auf; doch soll man nicht sagen, als wollte ich
vergelten, was der Jugend Thorheit, oder der Trunk aus Euch spricht; als Ritter
und als Schulthei vergebe ich Eure rohe Unart. Aber als Stubenmeister dieser
lblichen und reinadelichen Gesellschaft habe ich ein Wort zu Euch zu sprechen,
das frher schon gefallen wre, htte ich frher Eure Anwesenheit bemerken, oder
Euern Vater nicht schonen wollen. Warum, junger, unbesonnener Gesell, erfordern
unsre Ordnungen acht Ohrenschilder zur Aufnahme in die Genossenschaft? Damit nur
reinadeliche Gesinnung in diesem Kreise herrsche. Wer gegen Sitte, Zucht und
Biederkeit handelt, was schlechter Gesellschaft plegt, zum Abschaum des Pbels
herniedersteigt, und mit Rohheit den Adel und die Wrde schmht, wird aus diesem
Haus gewiesen, und also thue ich Euch. - Mir? fuhr Dagobert auf, und rings
ward es stumm. - Euch! wiederholte der Schulthei mit der zu Boden schlagenden
Hohheit, die ihm zu Zeiten eigen war: Denkt des gestrigen Tags, und fragt Euch
selbst, ob Ihr ferner wrdig seyd, auf diesem Boden zu stehen. Wer mit Juden,
Mrdern und Dieben verkehrt, sie gegen die ffentliche Gewalt in Schutz nimmt,
den Richter in seinem Amte lstert und bedroht, wer sich nicht schmt, an den
unehrlichen Stcker auf offner Gasse Hand zu legen, um das Gesindel zu befreien,
.. der stehe nicht mehr unter uns, nicht heut, nicht morgen und nimmer. Dort ist
die Thre. Geht! -
    Um aller Heiligen willen! was ist vorgefallen? fragten die meisten aus der
Versammlung, und zur Antwort flog die Erzhlung des Vorfalls gestrigen Tags,
entstellt, vergrert und gehssig gemacht, rings umher, von dem Oberstrichter,
seinem Sohne und des Schultheien Neffen verbreitet. Die Dagobert
Zunchststehenden wichen um mehrere Schritte zurck, denn der Angeklagte hatte
ja mit Juden zu thun gehabt, und den Nachrichter berhrt, war vielleicht von dem
letztern wieder berhrt worden. Die Frauen, die am lngsten fr ihn Theilnahme
gehegt, rmpften, da sie von der Judendirne hrten, hhnisch die Nase. Die Frau
von Drningen mit ihrer Tochter sah scheu und befangen, obwohl nicht zrnend
nach dem Jngling. So sehr indessen Mehrere auf des Schultheien rcksichtslose
Schmachrede einen heftigen Ausbruch von Dagobert's Wuth befrchteten, den wieder
andre, der Folgen wegen, wnschten, so sehr hatten sich diese geirrt. Die
letzten Worte des Stubenmeisters hatten eine himmlische Ruhe ber das Antlitz
des Beleidigten verbreitet. - Ich dachte bis jetzo unter gefhlvollen Menschen
zu stehen; erwiederte er, sich ernst umschauend: doch hab' ich mich geirrt. Es
ist wohl keiner unter all' diesen edeln Herren, der nicht sein Geld
verschwendete, um einem lahmen Pferde wieder auf die Beine zu helfen; keine
unter all' diesen Frauen, die nicht ihr Herz zerrissen fhlte, she sie ihren
Schoohund in Gefahr. Doch sprechen sie ber mich das Urtheil, weil ich mit den
erbarmenswerthesten Menschen Mitleid fhlte; weil ich eine Grausamkeit abwehrte,
die nur in dem traurigsten Verfolgungsgeist, nicht im Richteramte ihren Grund
findet. In Gottesnamen denn; ich wute nicht, da Juden weniger als Hunde und
Gule sind, und diese Lehre ist der Verweisung aus diesem Hause wohl werth. Ich
gehe mit Freuden, und thue dieses ohne Groll, denn ich erzhle nicht einmal den
ehrsamen Anwesenden, was zwischen dem gestrengen Herrn Schulthei und dem
schlechten Judenarzt Joseph abgeredet worden ist. - Mit einem mitleidigen
Blicke streifte er noch einmal alle Umstehenden, besonders den hhnisch
lchelnden Oberstrichter und den verlegnen Schulthei, grtete langsam seinen
Stodegen um, band das Piret unterm Kinn fest, und verlie ohne irgend ein
Zeichen des Lebewohls, wie ein im Rckzuge noch furchtbarer Feind, das
Tafelzimmer. Sein Scheiden war das Zeichen zu offnem Zwiste in der Gesellschaft.
Manche, mit dem Geschlechte der Frosche theils befreundet, theils verschwgert
und verbunden, erkhnten sich, dem Stubenmeister Vorwrfe ber sein hartes
Benehmen gegen den Sohn eines angesehenen Altbrgers und Schffen zu machen.
Ohne Dagobert's Schuld an dem Vorfalle in der Judengasse vertheidigen zu wollen,
theils von Vorurtheile befangen, theils zu muthlos, um gegen die Vorurtheile
Andrer anzukmpfen, sprachen sie von dem zahlreichen Anhange Diether's, der sich
in seinem Sohne schwer beleidigt sehen wrde; von der Rache, die wohl auf eine
oder die andre Weise nachfolgen drfte. Die Widersacher bestritten hingegen
verchtlich alle Mahnungen, verlachten jede Drohung, und gedachten des
Ausgewiesenen und seines Vaters mit den ehrenrhrigsten Beinamen. Sie mgen
versuchen, wie weit ihre Ohnmacht reicht; rief der Schulthei: ich habe meine
Pflicht gethan, und werde als Stubenmeister wie als Schulthei mein Recht
behaupten. - Fr rebellische Brger gibt es noch Thrme! drohte der
Oberstrichter. - Was ist hier auch viel zu scheuen? lachte des Schultheien
Neffe: Dagobert's Wandel auf dem Concil ist stadtbekannt, sein Leumund nicht
ehrenvoll. - Der verruchte Mensch will nicht einmal der Mutter Gelbde
erfllen, und Pfaffe werden! klagte der Vetter der Frau von Drningen mit
heuchlerischer Miene. - Wohl uns, wenn der lderliche Pickelhring sich nicht
mehr in adliger Gesellschaft zeigen darf; schrie des Oberstrichters Sohn, und
der Schulthei fgte, wie mit prophetischer Zuversicht hinzu: Es drften
vielleicht bald ganz andre Dinge von dem Hause der Frosche zur Sprache kommen!
- Die dem geschmhten Geschlechte Anhngenden brachen schmollend und zrnend
auf; die Freuden des Festes waren gestrt, und aus der frhlichen Ostertafel
eine gallige Gasterei geworden, an welcher Feindseligkeit und Ha ihr Panier
aufsteckten. -
    Verachtung gegen seine Feinde, aber auch ein ruhiges Bewutseyn im Herzen,
hatte Dagobert sein vterlich Haus wiedergefunden. Vollbrecht ffnete ihm die
Thre. Wo ist mein Vater? fragte er den Knecht. - Der gestrenge Herr hat sich
durch den Peter zum Stadthauptmann leuchten lassen, um ihm die Anzeige von dem
Raube zu machen. - Gut; versetzte Dagobert: Die zurckgekommenen Leute
meiner Schwester? - Sie schlafen schon in wohlverriegelten Stuben, berichtete
Vollbrecht: denn die ehrsame Frau meinte, sie knnten wohl selbst allenfalls
das arme Frulein getdtet, oder an einen Ruber verkauft haben. - Mglich wr
es allerdings; erwiederte Dagobert: ich will morgen die Leute sprechen. Gib
mir die Kerze, und warte indessen auf den Vater. - Dem wie aus dem Himmel
herabgefallnen Bubenstck nachsinnend, stieg Dagobert die Treppe empor, und kam
eben an Frau Margarethens Gemache vorber, als dessen Thre sich leise ffnete,
und der Altbrgerin Stimme ein leises: Junker Dagobert! seyd Ihr's? daraus
vernehmen lie. - Ja freilich ehrsame Frau; antwortete der junge Mann: Beht'
Euch Gott und segne Euern Schlaf. - O bleibt, flsterte Margarethe, mit der
weien Hand aus dem Halbdunkel, hervorwinkend: lat mich den Augenblick
benutzen und tretet bei mir ein. - Dagobert stutzte, und Margarethens frhere
unverholne Leidenschaft fr ihn, und auch zugleich etwas von des gyptischen
Josephs Geschichte fiel ihm ein. Er zgerte. - Um der gttlichen Barmherzigkeit
willen! seufzte die Stiefmutter dringend: Einen Augenblick nur hrt mich an.
Frchtet nichts, mein lieber Sohn! - Die Bitte klang so rhrend, da Dagobert
ferner kein Bedenken trug, einzutreten in das warme trauliche Gemach, in
welchem, beim halben Schimmer einer verdeckten Lampe, die schne Margarethe im
tiefen Nachtgewande ihn empfing. Sein Herz pochte, seine Hand zitterte in der
ihrigen, aber besonnener als sie, zog er den Schirm von der Lampe, und fhlte
eine Art von Beruhigung, da er in kein von lsternem Verlangen erregtes Gesicht,
sondern in ein Antlitz voll Kummer und Gram, in thrnenvolle Augen sah. - Was
begehrt Ihr? fragte er sanft und mitleidig die weinende Frau: Ich bin bereit
mit Wille und That; nur einen Rath verlangt nicht, denn ich bin gerade in einer
ganz besondern Stimmung, wo mir Alles bunt durch den Kopf geht. - Ich bin
grnzenlos unglcklich! brach Margarethe unter bittern Thrnen aus, und sank
auf einen Stuhl: Ich bin ein armes Weib, nicht fehlerfrei, aber so entsetzlich
sollt' ich doch nicht fr meine unschweren Vergehen ben! - Der Gedanke und
der Wunsch nach einem Fehltritt macht ihn oft zur Folter, als sey er schon
vollbracht, meinte Dagobert; doch bereute er schnell den Stachel seines Worts,
und setzte hinzu: redet, und gebe Gott, da ich helfen knne. - Mein Herr,
Euer Vater war hier; sprach Margarethe in kurzen Abstzen. - Er hat
unmenschlich gegen mich gewthet. Argwohn und Grimm theilen sich in seine Seele.
Unbezweifelt scheint es ihm, da mein Bruder Wallraden aufgefangen, und da ich
die Anstifterin des Frevels gewesen. Ich kann bei dem ewigen Gott beschwren,
da ich unschuldig bin, aber Herr Diether glaubt meinen Schwren nicht. Wie soll
ich ihn berzeugen? Sprecht; Ihr knnt mir Euern Rath nicht verweigern, noch
Eure Hlfe; denn auch Euch verwickelt der Argwohn in seinen Verdacht. Er glaubt
ein Verstndni zwischen uns beiden wahrzunehmen. - Ein schnes Vertrauen in
Gattin und Sohn! erwiederte Dagobert aufwallend: Uns traut er einen Bund von
dieser Schndlichkeit zu? Wir sollten einen Menschen, unsre Verwandte an Ruber
verkauft, wohl gar aus dem Wege gerumt haben? Der Vater hat sich sehr gendert.
Aber Ihr habt Recht, arme Stiefmutter. Wer nicht glauben will, mu die
berzeugung in der Hand sehen. Um Euern Ruf und den meinigen zu retten, setze
ich mich morgen zu Pferde, und reite in der Welt herum, bis ich die Spur des
Unkrauts gefunden. - Ihr seyd ein wackrer edler Mensch! sagte Margarethe mit
auflebender Hoffnung, seine Hand in ihre gefalteten nehmend: Seyd Ihr mein
Hort, wenn mich die ganze Welt verlt, ... dann frchte ich nichts. Guter
Dagobert; fuhr sie mit dem Ausdruck verschmter Dankbarkeit fort: leider kann
ich noch nicht so offen gegen Euch seyn, als ich es sollte, denn Ihr seyd
unfhig, mich zu verrathen und unglcklicher zu machen, als ich schon bin.
Indessen, kehrt Ihr zurck, so sollt Ihr mehr erfahren, von dem Ihr Euch nicht
trumen lat; und dann beklagt mich vollends, und flucht mir nicht. - Ich
verstehe Euch nicht; entgegnete Dagobert unbefangen: ich hoffe auch nicht,
jemals aus Euerm Munde etwas Fluchwerthes zu erfahren; aber bei dieser
Gelegenheit entsinne ich mich pltzlich eines Auftrags, den ich von guter Hand
erhalten, und dessen ich mich gegen Euch entledigen mu, bevor ich ausreite,
lieb Schwesterlein zu suchen. Der arme Jude Ben David, der unter der Anklage
unerhrter Verbrechen im Kerker jammert mit seinem hundertjhrigen Vater, lt
Euch dringend um Hlfe anflehen.
    Margarethe erblate. - Es sey die hchste Zeit, lt er Euch vermelden,
fuhr Dagobert fort: die Folter sey ihm schon angedroht, und er wrde sie am
Ende nicht aushalten knnen. Ihr mchtet also, da er von Euch allein Hlfe
erwarten knne, damit nicht sumen, und seiner Ergebenheit gewi seyn. - Nicht
sumen! wiederholte Margarethe langsam und erschpft: Dieses setzt meinem
Elend die Krone auf. Wie soll ich ihn, wie mich retten? setzte sie hnderingend
und auer sich hinzu. - Beruhigt Euch, sprach Dagobert trstend: Euch rette
ich vom schmhlichen Verdacht, und einer Frbitte ist der arme Jude wohl werth.
Die Schffen werden ber den Elenden richten, und ein gutes Wort an den Vater
ist wohl nur mit dem Ansuchen gemeint. Schlgt's der Vater ab, so habt Ihr
Menschenpflicht gethan, und knnt ruhig seyn. - Ruhig? rief Margarethe wie in
Verzweiflung: Ich mu den Juden retten .... bald retten, oder ich bin verloren!
Dagobert! Edler Mensch! Mann, den ich leidenschaftlich liebte, den ich noch
verehre wie einen Heiligen! nimm Dich meiner an. Es streitet wider Dein eignes
Recht, aber ... rette den Juden, rette mich! Das Schicksal droht mein Verhngni
mit Fen zu treten, wie das des Kindes, das in jener Kammer schlft. -
Johann's? fragte Dagobert bestrzt: Ehrsame Frau! Der Himmel behte Eure
Vernunft. Ihr redet irre! - O nein, nein! schluchzte Margarethe: Euch allein
und dem Himmel befehle ich mein und des Knaben Loos! O, dieser Knabe ... er hat
keinen Vater .... Dagobert! nehmt Euch seiner an! Werdet Ihr des Knaben Vater!
    Dagobert trat erschrocken zurck, als die Frau ihm zu Fen sank, und wie
vernichtet die Hnde vor das Gesicht schlug, da Dieter, heimkehrend, pltzlich
in das Zimmer trat. Entsetzt blieb der Greis am Eingang stehen, und Dagobert
eilte, nachdem er die Stiefmutter aufgehoben und in den Sessel gebracht, auf ihn
zu: Liebster Vater! rief er, ohne in seiner Seele nur eine Ahnung von dem
bsen Schein zu haben, den dieses spte und seltsame Beisammenseyn auf ihn und
Margarethen warf: Ihr kommt zu rechter Zeit. Nehmt die Mutter in Euern Schutz.
Ihr Verstand leidet unter dem Argwohn, den Ihr auf sie geworfen. Mich schmerzt
es, da Ihr auch mir mitraut. Doch, Euch zu berfhren, verla ich Morgen mit
dem Frhsten die Stadt, um Wallraden aufzusuchen, und ohne sie kehre ich nicht
wieder. Vergnnt mir nur, ihren Knecht mit mir zu nehmen, denn sein bedarf ich,
und versprecht mir, gegen den Schulthei, der mich heut auf's grblichste
beleidigte, meine Sache zu fhren bis zu meiner Heimkehr, damit der Ritter und
sein Gelichter nicht glauben, da ich aus Feigheit oder Beschmung ihnen
ausgewichen. - Diether schwieg eine lange Weile hindurch, den finstern Blick
zur Erde geheftet. Dann sprach er kurz: Ich werde allezeit meines Hauses Ehre
zu bewahren wissen. Mache was Du willst. Du thust aber Recht, wenn Du nicht
ferner weilst. - Dagobert sah ihn gro an; um aber des Vaters Grimm nicht zu
reizen, ging er still davon. Diether starrte wild zum Himmel auf. Die Gewiheit
ist da, die ich erbeten! grollte er dumpf in sich hinein; dann fgte er, zu der
Frau gewendet, hinzu: Beschmt stand ich vor meinem Sohne, nachdem ich Eure
Worte gehrt. Es kann also ferner nicht zwischen uns bleiben, wie bisher. Ich
hasse das Aufsehen und die Lsterungen; befehle Euch jedoch, Eure Stuben nicht
zu verlassen, und weder mit noch ohne den Knaben einen Versuch zu machen, bis zu
mir zu dringen. Ich will Euch ferner nicht mehr sehen, und in Stille und Ruhe
berlegen, wie ich, ohne Euch vor der Welt zu Schanden zu machen, noch mich
herabzuwrdigen, Euer Geschick bestimmen mge. - Dies sagend kehrte er der in
Schmerz und Angst aufgelsten Gattin unerbittlich den Rcken und verschlo sich
in seinem Gemache.

                               Sechstes Kapitel.


 Ist auch mein Haus nicht gro und schn,
 Und leer Gewlb und Speicher,
 Brauch' ich vom Thurm nur umzusehn,
 Und wer ist dann noch reicher?
 Ich denke ber Feld und Hain
 Der einzige Herr und Frst zu seyn
 Und da die Unterthanen mir es glauben
 Will ich sie, eh' ein and'rer kmmt, berauben.
                                                                        Ballade.

Der Leuenberger Veit sa auf einem Vorsprunge in der Burg zu Gelnhausen, von
welchem er durch ein Gitter in's Freie schauen konnte. Seine Base Petronelle
hinkte um den Herd des anstoenden Gemachs, das zugleich Kche, Wohnstube und
Schlafkammer vorstellte, und blinzelte nur von Zeit zu Zeit nach dem Vetter, der
sich gerade beschftigte, seinem Falken ein neues Geschhe anzupassen. Der Falke
machte ein sehr verdrlich Gesicht, aber sein Herr noch ein verdrlicheres.
Seinem ungeduldigen Blick und noch ungeduldigeren Hnden wollte das Nesteln und
Schnallen der langen und kurzen Gefe und Wurfschnre nicht schnell genug
gelingen. Warte, verdammter Falk! schalt er: deinen Trotzkopf werde ich schon
zu beugen wissen. Seit neun Monden machst du mir das Leben sauer, und bist so
einfltig, als ob du gerade aus dem Gestude gehoben wrst. Aber hungern sollst
du und wachen, da dir der Kitzel vergehen wird in kurzer Zeit. - Damit packte
er den wilden Vogel auf, zog ihm die Haube bern Kopf und setzte ihn drinnen auf
die Stange. Als nun aber Veit pfeifend und mit auf den Rcken gelegten Hnden
wieder hinaus auf den Vorsprung ging, und in's Weite starrte, konnte die Muhme
nicht lnger an sich halten. - Wenn Hunger und Nachtwachen jeden Trotzkopf zahm
machen knnten, keifte sie vom Heerde her, so mte auch der Deinige schon
lange in der Ordnung seyn, Neffe. - Habt Ihr etwas geredet, Muhme? sprach der
Leuenberger spitzig zu ihr hinber. - Schon lange, toller Mensch, erwiederte
Petronella, nach dem Blasebalge greifend: Aber was hilfts? Der Herr mag noch so
reichlich die Heerstraen segnen, Du bringst gewi nichts heim, das der Mhe
werth wre. Da gestern der Weinhndler von Nrnberg mit seinen Fssern
ungeschlagen hier vorbeikam, werde ich Dir nimmer vergessen. - Pah! rief
Veit, und schlug ein Schnippchen in die blaue Luft: Den Ksebergern mu man
auch aus Freundschaft etwas gnnen. - Ei ja; spttelte die Alte: Deine alte
getreue Base kann aber daheim darben, whrend ihr ein Becher Rheinwein dann und
wann so gut thun wrde. - Trinkt klares Wasser, lachte Veit: 's macht helle
Augen, und Euer einziges wird nachgerade schadhaft, wie Eure Nase stumpf, denn
Ihr seht und riecht nicht, da unser Linsengericht in der Pfanne anbrennt. -
Ei potz Velten! schrie die Muhme erschrocken, und hob die Pfanne vom Feuer:
Ich mu auch die Augen berall haben, weil Du Dich um nichts kmmerst. Komm,
Veitchen, komm, setz' Dich zu Tische; komm, i mein armer Junge. - Sie schob
mit dem Ermel alles Hinderliche von dem morschen Rundtische, warf eine geblumte
Schrze darauf, und setzte das unlieblich dampfende Gercht auf das unreinliche
Pfannenholz. Von Tellern war keine Rede, und die rostigen Gabeln und Messer
gaben eben keinen sonderlichen Begriff von dem Hauswesen des Edelmanns. Veit
setzte sich wankend zum Essen und lachte spttisch ber das Endchen Wurst, das
die Muhme triumphirend aus den Linsen fischte, und gewissenhaft mit dem Neffen
theilte. Ein feiner Braten in der Osterwoche! sprach er verdrlich, und
schnitt ein Stck Gerstenbrod der Muhme ab: Ich sag's Euch, Base; wenn dieses
Leben noch lange dauert, so hnge ich mich am nchsten Nagel auf. Diese
unaufhrliche Armuth bei so vielen Gefahren halte ich nicht lnger aus. Seitdem
der verdammte Schwager zu Frankfurt mir den Brodkorb hher hngte, ist es zum
Teufelholen. - Du haderst immer mit dem Schicksale, statt es zu verbessern;
predigte die Alte, tapfer die Schssel angreifend: Drei Landstraen stehen Dir
offen; warum passest Du nicht auf, wie Andere? - Warum bin ich ein rmerer
Schlucker als andere? fragte Veit hhnisch entgegen: Der Eppsteiner und die
Kseberger und All' die Brder in der Runde haben Rosse wie Stahl und Eisen, die
achtzehn Stunden in einem weg trappen, ohne da ihnen ein Huf wehe thut. Meinem
Klepper kann ich kaum mehr einen Ritt von hier gen Frankfurt in einem Tage
zumuthen, und wenn ich ihn in den Sprung bringe, so bekommt er gleich das
Keuchen. Die obige Sippschaft hat Geld, um die Kundschafter tchtig zu bezahlen;
mir verrathrn die Bursche kaum einen wandernden Schuhflicker, weil ich ihre
Klauen nicht versilbern kann. Das Schlechteste kommt an mich, und, theil ich mit
Andern, habe ich sicher den kleinsten Theil. Bring ich etwas heim, so geht's in
Rauch auf, wie's gewonnen wurde, und Schmalhaus zhlt uns immer die Brocken zu.
Pest und rother Hase! Ich hab's satt, und dreimal satt. Ich habe Wind und Wetter
ausgehalten, verstehe mein Gewerbe, wie ein Alter, und soll Leben aus, Leben
ein, am Hungertuche nagen, whrend andere im Wohlleben schwimmen, und kein Haar
besser sind als ich? Gott verdammne mich, wenn ich's lnger mit ansehe! - Du
bist ein trotziger ungengsamer Mensch, ein fauler Brenhuter oben drein!
versetzte die Muhme: Schau einmal unsere Nachbarn unter den Burgleuten an.
Betrachte den Jost, der just unter unserm Gemache haut, und dessen Kinder uns
den Kopf toll machen mit ihrem Geschrei. Die Stube voll Wrmchen, und die ewig
kranke Frau, und den lahmen Vater; und bei alle dem auch nichts als den
Grauschimmel und Sattel und Stegreif. Da heit es, die Ohren steif halten.
Gedenke nur des Henne von Riedlingen, der im andern Flgel wohnt, dicht am
Hundezwinger. Eine Stube, wie ein Stall, und darinnen eingepfercht zu seyn mit
Kind und Kegel, und gezwungen zu seyn, fr die vielen Muler Tag aus Tag ein,
die Kost aus dem Forste, oder vom Vogelherde, oder aus dem verbotenen Teiche zu
holen! Um wie viel glcklicher bist Du, ein unbeweibter Mann, dem eine
sorgfltige und regsame Base das Hauswesen fhrt! Du gehst, wenn Du willst, Du
kmmst, wenn Dir's einfllt, und findest immer etwas fr den Schnabel, bald
wenig bald viel, bald vollauf bald knapp, je nachdem Dein Gewerbe geht oder
stockt. Daheim kannst Du Deinen Leib pflegen, Falken abrichten, die Fenster
verkleben, wenn es Noth thut, und auf Deinem wohlgefllten Strohsacke lungern,
so lange Dir's gefllt. Ich wette darauf, Deine ungerathene Schwester, die uns
vergit, wie alle Reiche zu thun pflegen, hat in ihrem berflusse der Sorgen
mehr als Du. - Mglich! antwortete Veit: Ich wrde dennoch gleich mit ihr
tauschen. Schaut einmal mein Wamms an, Muhme. Der Ellbogen des rechten rmels
ist geplatzt. - Ei, so gib her! versetzte die Muhme geschftig; und lange
mir vom Fenstergesims Nadel und Faden. Das mu auf der Stelle ausgebessert
werden, denn die Katze hat sich heute gar oft hinter den Ohren gekratzt, und mir
juckt die Stirne bestndig. Beides bedeutet aber einen Besuch, der heute nicht
ausbleibt. Ach, mchte es doch ein Guter seyn! murrte Veit, unruhig auf und
abgehend: nicht der Junker von Hagen, dem ich noch sechs Schillinge vom
Brettspiel schulde, und nicht der Landschaden, dem ich vor acht Tagen das Heu
mit Gewalt dem Schober nahm und nicht der Jude Nathan, von dem ich ein Pfund
Heller entlehnte auf meinen nchsten Fang. - Du wirst doch all die Leute nicht
frchten, Neffe? sprach Petronella: Den von Hagen vertrste, den Landschaden
fahre nur grob an, und den Juden wirf die Wendelstiege hinunter, da er den Hals
bricht, wenn er sich untersteht; denn der Hund ist Dir nicht ebenbrtig, und
darf Dich in der adlichen Ganerbschaft nicht beleidigen.
    Sey indessen unbesorgt. Es kribbelt mir in Einem fort an der linken Hand,
und das bedeutet allemal ein Stck Geld, das man einnimmt, oder ein Glck, das
Einem bevorsteht. - Wollte Gott, Ihr httet Recht, Base! rief der Junker, und
stellte sich an den in der Ecke des Gemachs stehenden Schleifstein, um seinen
Dolch und sein Jagdmesser abzuziehen: Wenn ich nur der Kaiser wre, Frankfurt
mte ich im Sturme gewinnen, und alle Brger niedersbeln lassen, .... die
hochfahrenden Hunde, - und in ihre Huser wrde ich lauter Adliche setzen, die
in Teutschland ein unverdientes ungnstiges Schicksal tragen. - Du bist noch
immer ein kindischer Gesell, lchelte die Muhme beifllig, .. Obschon nicht
mehr der Jngste. Ach, wie Dich Deine gute Muhme liebhaben wrde, knntest Du
ihr ein sorgenfreies Ende bereiten! - Das glaube ich; versetzte Veit, wacker
drauf los schleifend: Km's auf ein Wort an, oder eine Handvoll Stahls, wir
wrden bald reicher seyn, als der alte Frosch, den neulich der ungeschickte
Tlpel so schlecht getroffen hat. - Ich mchte wissen, wer wohl eigentlich dem
Altbrger an die Kehle wollte; brummte die Alte nachsinnend. - Mag's gewesen
seyn, wer da will, erwiederte der Neffe unwirsch: Den Schafskopf von Mrder
sollte man aber vom Handwerk jagen. Die Galle peitscht mir das Blut
durcheinander, wenn ich daran denke, wie viel wir an uns htten ziehen knnen,
wre der Alte gefat worden, wie sich's gehrt. Pah! weg mit den Grillen, fgte
er schnell hinzu: Von etwas Anderm. Erzhlt mir ein Mhrlein, deren Ihr so
viele wit, Muhme, oder besser: singt mir ein Lied aus der alten Zeit. Der
Schleifstein wlzt sich dann hurtiger, und das verdrliche Geschft geht
schneller von der Hand. - Gern, mein guter Junge: erwiederte Petronella; hing
das fertig gewordne Wamms an den Wandhacken, vergngte mit dem berrest des
rmlichen Mahls die hungrige Katze, und begann, indem sie die Pfanne suberte
und scheuerte, mit gellender Stimme ein Lied zu singen, von dem Kaiser Rothbart
und der Burgmannstochter Gela, das zu jener Zeit in und um Gelnhausen, unter
Brgern und Landvolk, stark im Schwange ging. Whrend nun die Base sang, und das
Schleifrad flog, und die Klingen lust'ge Funken sprhten, und der Falk auf
seiner Stange ungeduldig kauete und das Gefieder strubte ob dem strenden Lrm,
kam des Burgmanns und Nachbars Jost ltester Bube eilig heraufgesprungen ber
die drhnende Wendelstiege, und rief in das offen stehende Gemach: Edler
Nachbar! mein Vater lt Euch berichten, Ihr mchtet in Wamms und Stiefel
fahren, und die Mtze brsten, denn der Hornberger Herr ist eben angekommen mit
Ro und Wagen, und wird gleich bei Euch seyn. Er beschickt nur Pferde und
Gefhrt im Stall! Der Bube sprang mit drei Stzen die Treppe hinab, und schon
verkndete das wohlbekannte Gebell des weit in der Wetterau gefrchteten
dnischen Bullenbeiers, des Hornbergers Anwesenheit. - Hab ich's nicht
gesagt? rief die Muhme munter und lustig: Einkehr, freundliche Einkehr hat uns
die Katze prophezeit. - - Ich htte den blauen Teufel von der freundlichen
Einkehr! maulte der Neffe, indem er die schweren Holzsohlen in die Ecke
schlenderte, Stiefel und Wamms berwarf, und eine Wolke von Staub aus dem
drftigen Federstrau seines Barets blies: Der Hornberger ist ein armer
Schlucker wie ich. Nur versteht er das Schmarotzen, trgt feinere Kleider und
reitet einen bessern Gaul. - Und treibt sein angewiesen Gewerb besser als Du;
entgegnete die Muhme, zusammenrumend und unter den Heerd werfend, was ihr nicht
geeignet schien, vom Gast auf den ersten Blick wahrgenommen zu werden: Der gute
Herr hat Dich oft zum Theilnehmer an eintrglichem Geschft erwhlt, und merke
auf: aus keiner andern Absicht kmmt er heute. - Die Muhme war mit ihrem
Aufrumungsgeschfte noch nicht zu Ende, als schon der klingende Tritt der
Edelknechte, sein heller Pfiff und das ungezogene Schnauben seines Hundes hrbar
wurde, und Herr und Thier zugleich in das Gemach strmten, beide gleich
belgerathene Gesellen.
    Guten Tag! schrie der Erstere, schttelte dem entgegenkommenden
Namensbruder die Hand, klopfte der Muhme derb auf den gekrmmten Rcken, und
brach in ein ungestmes Gelchter aus, als sein Bullenbeier Petronella's Katze
ansichtig wurde, mit einem Riesensprunge die Fliehende ber Heerd, Tisch und
Schemel verfolgte, die Paar Tpfe der Haushaltung in Staub und Scherben legte,
und ein frchterliches Gebell erhob, als die Katze durch das Gitter des
Vorsprungs einen Ausweg gefunden hatte. - Mein Packan ist ein kreuztolles
Thier! jubelte der Hornberger die Fuste in die Seite stemmend: ein Hund ohne
Gleichen; ich lieb' ihn wie einen Bruder. Lat Euch den Plunder nicht kmmern,
Frulein Hinkebein. Eure Tpfe mgen immer beim Teufel seyn. Ich bezahle sie. -
Er warf vornehm eine Handvoll von Weipfenningen auf den Tisch, und klimperte
obendrein mit dem Geldvorrath in seiner Tasche. - Die Muhme machte urpltzlich
ein freundlich Gesicht, und ihr Neffe fragte halb neugierig, halb neidisch: Du
thust ja dicke und gro, wie der Schatzmeister des rmischen Reichs? Welcher
Kaufherr oder Mller hat Dir seine Kisten oder Sparhafen ffnen mssen? -
Bruder! rief Hornberg vergngt: Bruder! ein Fang, wie er nicht alle Wochen
vorkmmt; ich schwr's bei meinem Schutzpatron! Das Wichtigste aber mu ich
jetzt gleich vom Herzen drcken. Base, Peterlein, und Du mrrische
Rauchschwalbe! Angezogen, aufgeputzt, aufgesessen; ich bringe Euch die Aussicht
auf eine Schlemmerei von vierzehn Tagen wenigstens. - Eine Schlemmerei?
fragte Veit mit gespitztem Ohre, von vierzehn Tagen? wiederholte die Muhme,
deren Antlitz die frohste Hoffnung auf eine Frist des Wohllebens abspiegelte. -
So ist's, versetzte der Hornberger; ich bin geritten wie ein Dieb, und ehe es
noch zwlfe schlgt, mssen wir aufbrechen. Unser guter alter Degen, der
ehrliche Bechtram von Vilbel ladet Euch beide schnstens zu Gaste auf seine
Veste. - Bechtram von Vilbel? begann die Muhme staunend. - Ei, wie kmmt
denn der geizige Hellerfuchs dazu, uns einzuladen? setzte Veit mitraurisch
bei: Seitdem er aufgehrt hat, der Feldhauptmann der Frankfurter Spieburger zu
seyn, und wieder adlich Handwerk treibt, hat er sich nie um mich bekmmert,
obgleich er mir das Raufen lehrte; um die Muhme noch weniger. - Wie soll ich
denn die Einladung verstehen? - Redlich und annehmbar; antwortete Hornberg:
Mein adlich Wort darauf. Jetzt aber, Gott verdamme mich, mag die Base sich zum
Aufbruch rsten; denn in diesem Aufzug einer Kchenhexe nehm' ich sie nicht
mit. - Aber Du liebes junges Blut, entgegnete die Alte, verlegen umher
trippelnd: wenn ich nur erst wte .... ist es Ernst? .... und wie werde ich
fortkommen, ohne Pferd noch Esel .....? - Dafr ist gesorgt, fuhr Hornberg
fort: Aber, potz Kreuz und Dorn! So sputet Euch doch einmal. Whrend Ihr Euch
in den Staat werft, will ich Eure Neugierde befriedigen. - In's Himmels-Namen
denn! seufzte die Alte, suchte aus ihren Taschen, den selten gebrauchten
Schlssel zur Truhe des Hauses, und hinkte in eine Ecke des Gemachs, wo der ber
einen ausgespannten Strick gehngte, abgetragene und hie und da durchlcherte
Reitmantel des Leuenberger's, Petronellen's Lagersttte und ihre wenigen
Habseligkeiten dem unbescheidnen Auge des Besuchers sprlich und nothbedrftig
verbarg. Der Hornberger setzte sich indessen auf den Spreusack, der mit
Kalbfellen bedeckt, das Bett seines Freundes vorstellte, kratzte dem
Bullenbeier gndig den Kopf, und hob an zu erzhlen, wobei Petronella und ihr
Neffe, der mittlerweile, ber eine Schssel voll Wasser gebckt, das Geschft
des Bartscherens vornahm, eifrig zuhrten. Ich war ber Land geritten, sprach
er, dieweil ich zu Hause nicht Holz hatte, um mich zu wrmen, noch Wein, mich
zu erquicken; und das fiel in die heilige Woche. Ich wollte den Reiffensteiner
heimsuchen, fand ihn aber nicht, und die Frau schien nicht Lust zu haben, mich
den Mann, der nach Franken geritten war, erwarten zu lassen. Ich schnallte daher
meinem Gaul den Gurt fester, wie auch mir, und trabte gen Neufalkenstein, wo
auch der Eppsteiner seyn sollte, wie ich vernommen. Der alte Bechtram ist zwar
nicht freigebig, aber seine Hausehre, Frau Else, lt einen wackern Rittersmann
nicht Noth leiden, wenn er Grnde halber die Feiertage in ihres Herrn Hause
zuzubringen verlangt. Die Anstalten zu dem Feste waren auch richtig schon
gemacht. Frau Else handthierte am Backtroge, und die Knechte im Hofe brachen ein
Paar Rehe auf, bei deren Anblick mir das Wasser im Munde zusammenlief. Es war
Morgens um die neunte Stunde etwa, und der Ritter sa schon mit dem Eppsteiner
und dem Wernher von Hyrzenhorn bei einem Trunke Weins und einigen in Essig
gesottnen Fischen. Die Herren empfingen mich auch gar frhlich und guter Dinge.
Absonderlich, sagte der Hausherr: Da kmmt der Hornberger; ein grober, aber
ausgepichter Ostergast. - Hierauf mute ich mich zu ihnen setzen, und der alte
Bechtram schenkte so fleiig ein, als ich es noch nie an ihm gewohnt gewesen.
Der Becher ging tapfer in der Runde umher, bis dem langen Wernher der Kopf
schwer wurde, und er entschlief. Nun begann Bechtram erst mir zu reden: Er
htte nicht zu gelegenerer Zeit kommen knnen, ungeschlachter Hornberger. Wir
haben etwas vor, der Eppenstein und ich; so dies und jenes, und eins und das
andere, wobei wir Euch brauchen knnen. - Ich war dessen bereitwillig, und
wunderte mich nur, da sie den Hyrzenhorn nicht angeworben, der doch ein schier
noch rstigerer Kmpe sey, denn ich. Da verzog der Eppsteiner das Gesicht, und
Bechtram sagte: Der Teufel hole alle Frankfurter, und die, die es aus Feigheit
mit ihnen halten; womit er des Hyrzenhorners spottete, der sich der Stadt zu
eigen verschrieben. Ich habe lange genug den Schwefelkrmern das Panner
getragen; fuhr Bechtram fort: Wie haben sie mir's vergolten? Dafr will ich
ihnen jetzt auch das Licht halten, da ihnen die Haut schauern soll. - Nun
verabredeten wir ein Paar Ritte gen Peterweil und Erlebach; vorzunehmen nach der
heiligen Zeit. Alsdann nahm mich aber Bechtram bei Seite und redete zu mir:
Wollt Ihr Eure Osterfladen in meinem Hause und ein brav Stck Geld nebenbei
verdienen, so mgt Ihr Euch morgen mit mir zu Gaule setzen, und auf das Wiesbad
zureiten. Der Eppstein hat ein Gelbni gethan, nicht eher zu satteln, als bis
die Glocken von Rom zurckkommen. Dasselbe Gelbde habe ich zwar auch gethan,
mit dem Eppenstein zu gleicher Zeit, als uns die Erzbischflichen von Mainz
schier beim Kragen gepackt hatten, und die Heiligen haben uns darum auch
durchgeholfen. Jedoch hab' ich nicht Noth, mein Gelbni zu halten, weil mich
vor drei Wochen der Pfarrherr zu Offenbach in Bann gethan; und ich bin nicht
gesonnen, einen Hauptgewinn von der Hand zu weisen. Ein vornehmer Mann hat mir
aufgetragen, ein gewisses Frulein aufzufangen und fest zu halten, das von
Frankfurt nach dem Thringer Walde zu ziehen vor hat, und dessen Kostbarkeiten
und Geld mein seyn sollen, ohne Ausnahme, benebst einem reichlichen Lohngelde
und Atzungsvorschu, so mir der biedre Edelmann zu zahlen verspricht. Seit
lnger denn einer Woche hat mein guter Geselle Kunz Doring das Frulein zu
Frankfurt belauert, und mir gestern gemeldet, da es sich pltzlich
entschlossen, gen Wiesbaden zu ziehen; zwar nur auf einen Tag oder anderthalb,
wie man aus dem Geplauder ihres Knechts vernommen. So hab' ich denn beschlossen,
das Weib, wenn es von Wiesbaden von dannen fhrt, aufzufischen, und bedarf eines
rstigen Beistands, denn der Reiffenberger und der von Wiede, meine Freunde und
Helfer, sind den Rhein hinab, um einen Zllner leicht zu machen, und Doring's
Arm ist mir nicht hinreichend, im Fall die Frau mit starkem Geleite daher kme.
- Es versteht sich, da ich ohne Bedenken einschlug, und am stillen Freitage
lagerten wir schon auf der Heerstrae zwischen dem Wiesbad und Frankfurt, weil
unser Frulein nach der Stadt zurck wollte. Die Sache verzog sich indessen bis
zum Sonnabend, weil ein Aberglaube ist, da man am Charfreitage Unglck hat, zu
reisen. Die Sonne war gerade aufgegangen, als sich der Wagen sehen lie; und
wir, drauf und dran und drber her, und ich machte die Arbeit ganz allein,
schlug den Knecht vom Gaule, schnitt die Strnge los, warf die Zofe vom Wagen,
knebelte die Gebieterin, obgleich sie sich wehrte, als wre sie ein verkappter
Mann, rumte den Karren aus, und band das Frulein auf's Sattelpferd. Whrend
nun Doring einem Buerlein vergebens nachsprengte, das hinten auf den Wagen
gesessen, und sich beim berfall schnell auf und davon und nach dem Wiesbad
zurckgemacht hatte, Bechtram die Habseligkeiten der Gefangnen seinem Pferde
aufpackte, und sein Knecht die Dienstleute derselben an Knebel und Leine legte,
trabte ich mit dem Frulein, einem saubern, ja man mchte sagen, schnen
Weibsbilde, die Kreuz und die Quer, ber Acker und Hecken und Bach davon, auf
Neufalkenstein zu. Dem armen Geschpfe wurde der harte Trab bald zu viel, und es
htte wenig gefehlt, so htte die Arme den Geist im Sattel aufgegeben. Bisher
hatte ich dazu gelacht, denn der vornehme Herr hatte sich ausbedungen, da man
ohne Schonung mit ihr verfhre; da sie aber schwankte und den Kopf sinken lie,
und bleich wurde, wie der Tod, hatte ich Mitleid, lste ihr den Knebel vom
Munde, nachdem ich sie mit dem Erwrgen bedroht, wofern sie schreien wrde, und
vergnnte ihr, an einem einsamen Waldrande ein wenig zu rasten. Ich bot ihr
sogar einen Bissen von dem Brode und dem Knoblauch an, das ich im Sattelbeutel
bei mir fhrte. Sie schlug die Labung zwar aus; betrug sich aber so friedlich,
klug und stille, da ich meine Freude daran hatte, und ihr alle Erleichterung
angedeihen lie, bis wir in der Dmmerung nach dem Schlosse gelangten, wo wir
denn auch die brigen versammelt fanden. Die Dienstleute lie man am andern
Morgen, ohne ihnen zu sagen, wo sie gewesen, laufen, und die schne Gefangne
blieb allein zurck. - -
    Aber, Gotts Marter! rief Veit, der sich indessen in seinen besten Putz
geworfen: Was kmmert uns denn die verdammt lange Historie? Dergleichen
Begebenheiten an Kreuz- und Hohlwegen sind mir doch, bei Gott! bekannt genug. -
Was Euch die Historie kmmert? lachte der Hornberger: Sehr viel; denn Ihr
verdankt Ihr ein Paar zehr- und zechfreie Wochen, und die Bekanntschaft mit
einer liebenswerthen Base, denn keine andre ist Bechtram's Gefangne, als Eurer
Margarethe Stieftochter Wallrade. - Wallrade? kreischte die Base hinter dem
Mantel hervor; Veit sah aber den Hornberger mit unglubigem Lcheln an. - So
wahr ich, wie ein chter Christ, meine sterliche Zeit gehalten habe,
betheuerte der Hornberger, so vllig hat mein Wort seine Richtigkeit. Das
Frulein von Baldergrn ist's, und ihre Klugheit und Besonnenheit hat mir viel
Freude gemacht. Sie benimmt sich so gleichgltig, als ob sie ein Rittersmann
wre, dem das Glck der Fehde untreu geworden. Aber im Innern scheint's dennoch
unheimlich zu strmen, und damit sie nicht krank werde, und etwa sterbe, bevor
die Atzungskosten angewachsen, und das Fanggeld bezahlt, haben Bechtram und Frau
Else den Entschlu gefat, Euch, dem Frulein zur Erheiterung, einladen zu
lassen. Wallrade soll durch den Besuch ihrer Blutsfreunde berrascht werden, und
sich an den Mhrlein Petronellens ergtzen. - Ich zweifle, da unser Besuch
die hochmthige Dirne erheitern werde; entgegnete Veit schadenfroh grinsend:
aber mir wird's ein Fest seyn, das Krmerfrulein in seiner Erniedrigung zu
sehen. - Ja wahrlich; Du hast Recht, guter Neffe! fiel Petronella ein, die in
ihrem Staats- und Abendmahlsrocke aus ihrem Winkel rauschte: Mich gelstet
sehr, meine eitle Verwandte zu begren, die es fr einen Schimpf gehalten, da
das Leuenberg'sche Wappen zu ihres Vaters Hause herabgestiegen ist. Sage doch,
guter Veit, ob mein Gewand in den gehrigen Falten liegt, und noch im Stande
ist, die Stiefnichte zu rgern, und dem Hause der Leuenberger, wie dem Hause
meiner alten Freundin, der Frau Else von Vilbel, Ehre zu machen. - Veit
musterte aufmerksam und wichtig das veraltete Prachtgewand, das sich schon seit
einem Jahrhundert beilufig von einer Leuenbergerin auf die andre vererbt hatte,
und der Hornberger bi sich in die Lippen, da sie schier bluteten, um nicht
beim Anblick des greisen Fruleins in ein allzubeleidigendes Gelchter
herauszuplatzen. Der wunderliche, mit Figuren seltsamer Art gezierte Zeug des
Gewandes von gelb und blarother Farbe, war von Veit's Urgrovater, der eine
Fahrt nach Wlschland gemacht hatte, aus Venedig heimgebracht worden, in der
Absicht, daraus zwei Megewnder fertigen zu lassen, die er, whrend eines
Meersturms, in seine Taufkirche verlobt hatte. Wie es nun aber sich fters
trifft, da die eifrigsten Gelober, - ist die Noth vorber - die saumseligsten
Bezahler werden, so traf sich's auch hier. Das Ehgemahl des Heimkehrenden
schnitt sich aus dem schweren Zeuge ein Gewand mit ungeheuer bauschigen rmeln
und ausgesteiften, mit Draht unterlegten Falten, in welchem die gelbe,
unaussprechlich hagre und kleine Muhme kaum zum Vorschein kommen, kaum sich
bewegen konnte. Der gewichtige Besatz von Sammetstreifen und wollenen Zotteln
fiel so tief herab, da kaum der leinwandne Strumpf und der halbe Schuh des
rechten Fues sichtbar werden konnte; des linken, verkrzten, gar nicht zu
gedenken. Ein ungeheurer Wetscher an einem breiten Lendengrtel mit einst
versilbert gewesenen Buckeln beschlagen, hinderte die Geputzte stark im Gehen;
die vergilbte, aber auf die Dauer von einer Ewigkeit berechnete Halskrause fate
das vertrocknete einugige Antlitz wie in einen Korb, und der Hauptschmuck von
gesteiftem Schleiertuche, zwischen welchem die ergrauten Haarflechten der
adelichen Jungfrau zu sehen waren, schien in seiner ungeflligen Gestalt
keineswegs geeignet, das nicht geflligere Angesicht der Geschmckten im
Geringsten zu verschnern. Petronella hatte ein kleines Bndelchen
zusammengewrfelt, das sie unter'm Arme trug. An Veit's Seite stolzirte der
Raufdegen, auf seinem Kopfe prangte der befliederte Hut. Des Hornberger's
Weipfenninge klapperten in einem weitschimmernden Beutel an Veit's Grtel, und
somit waren alle zum Aufbruch fertig. Macht ein Ende, drngte Hornberg mit
einem seiner krftigen Hausflche. Eh' es Zwlfe brummt, mssen wir auf und
davon seyn, und doch wird's hart halten, vor stockfinstrer Nacht Neufalkenstein
zu erreichen, wenn auch Rder und Hufe Feuer geben. Fr einen Wagen nmlich ist
gesorgt. Die Muhme mchte einen Ritt, selbander auf dem Rosse, nicht allzuwohl
aushalten. Petronella verneigte sich geschmeichelt, und nahm nun, mit einemmale
erheitert, die Katze, die sich heimlich wieder herbeigeschlichen, unter'm Arm. -
Donner und Wetter! rief aber Veit: Dem alten Bechtram ist gewi sein
Stndlein nahe, da er uns sogar einen Wagen schickt. - Meine Vorsorge, lachte
der Hornberger: zwei Stunden von hier fllt mir pltzlich ein, wie ich denn
wohl die Base vom Platze bringen werde, und ich bin schon halb und halb
entschlossen, sie als hflicher Rittersmann vor mich auf's Pferd zu nehmen, als
mir, gerade wie gerufen, ein Bauer begegnet, der gen Frankfurt und Hchst zu
fahren gedenkt mit einem Wgelein voll des besten Stroh's, auf dem ein
Bettelmnch sitzt, schmutzig, wie sie alle sind, aber nicht so feist, wie sie
gewhnlich zu seyn pflegen. Den Bauer anhalten, ihm befehlen, mit mir
umzukehren, und dann mit einer neuen Ladung hinzufahren, wo es mir belieben
wrde, war eins, und schnell abgethan. Der Hund wollte sich weigern. Da hieb ich
einem von seinen beiden Gulen die Sehne am linken Hinterfue durch, und drohte,
den andern eben so zu zeichnen, falls er nicht gehorsam seyn wolle. Die Lehre
half, und er fuhr mit zurck. Den Pfaffen, der nach Frankfurt gedenkt, wollte
ich vom Wagen jagen; der Mensch wies mir aber seine wunden Fe, und so lie ich
ihn denn in Ruhe, weil ich mit dem Gesindel barmherzig bin, da man nicht wei,
wo man einmal eine Kutte brauchen kann. Bauer, Mnch und Fuhrwerk hab' ich unten
im Stalle eingesperrt, und meinen Knecht als Wache zurckgelassen, damit die
Geschichte nicht in der Stadt vertrtscht wird. Den wunden Gaul mach ich Dir zum
Geschenk, Veit, und dem Bauer wollen wir unterwegs schon wieder ein andres Pferd
schaffen.
    Die Muhme versicherte, da sie nun noch einmal so gern die Fahrt mitmache,
da ein Gesalbter des Herrn ihr Nachbar seyn wrde, hngte den vergenen
Rosenkranz an die Hand, das kupferne Kreuz an den Hals, und forderte nun die
Mnner auf, zu gehen. - Veit nahm den Falken auf die Faust, und warf noch einen
Blick in dem Gemache umher. Habt Ihr die Truhe verschlossen, Muhme? fragte er
dann leise: habt Ihr das Eisengerth wohl verwahrt, das ich neulich
heimbrachte, und die Gefe, die vor Kurzem aus der Marxkapelle.abhanden
gekommen sind? Alles ist wohl verwahrt, Neffe, erwiederte Petronella, indem
sie das Gemach nach den vier Weltgegenden mit Weihwasser besprengte, das an der
Thre hing: Gott und seine Heiligen werden in unsrer Abwesenheit unsre stille
Klause wohl bewahren. Damit lie sie das Schlo zuschnappen, und hinkte den
Mnnern nach, belastet mit Katze und Bndel. Veit hatte indessen dem Nachbar
Jost die Aufsicht ber seinen kleinen Palast empfohlen, und einen Sattel von ihm
geliehen, ein, dem Nachbar, dessen Pferd erst krzlich gefallen, sehr
entbehrliches Gerth.
    Des Leuenberger's Klepper wurde geschirrt, Petronella auf denWagen neben den
in seine Kaputze verhllten Mnch gehoben; die edeln Herren saen zu Pferde, des
Hornberger's Knecht auf dem Hintertheile des Karrens. Die Fenster und Pforten
der angrnzenden Burgwohnungen waren von den edeln Ganerben und ihren
Sippschaften besetzt, die theils lachend auf das schlechte Fuhrwerk blickten,
theils den Leuenberger beneideten, der trotz seiner, der Ihrigen nichts
nachgebenden Armuth zu fernen Festlichkeiten auf so viele Stunden Wegs abgeholt
wurde. Der arme Fuhrbauer warf noch einen trben Blick auf den verletzten Gaul,
der in einem fremden Stalle zurckbleiben mute, um wohl nimmer zu seinem Herrn
wiederzukehren. Dann schwang er mit einem Seufzer und abgewandtem Gesichte die
Peitsche; das dienstbare Ro zog an; der Bullenbeier bellte, und fort gings,
wie auf einer Rennbahn.

                               Siebentes Kapitel.


 Ach, da die Hlfe aus Zion ber Israel
 kme, und der Herr sein gefangen Volk
 erlste! So wrde Jakob frhlich seyn,
 und Israel sich freuen!
                                                                   Psalm Davids.

Schlsser und Riegel klangen. Eine helle Stube that sich auf. Die Augen der
Gefangenen die hineingelassen wurden, zogen sich zusammen, ob der ungewohnten
Klarheit. -
    Was sollen wir hier? fragte Ben David den Schlieer, der beiden wenigstens
die Schellen an den Hnden abnahm. - Wem haben wir zu verdanken die Wolthat,
wieder beisammen zu seyn? setzte Jochai hinzu, und rieb sich den Arm, wo die
engen Ketten gesessen hatten. - Werdet's schon sehen! brummte der Wrter
entgegen: Ihr werdet heute mancherlei Besuch haben, den man nicht in euer
Verlie fhren kann. - Eine lange Stille folgte, whrend welcher der Wchter
sich auf einen Schemmel setzte, und die Juden sich forschend beobachteten.
Drfen wir denn miteinander reden? erkundigte sich Jochai demthig. - In
Gottesnamen; erwiederte der Wchter: der ehrbare Herr Oberstrichter meint, es
knne nichts verschlagen. Denn ob Ihr bekennt oder nicht; auf jeden Fall brennt
man Euch zu Asche. - Eine Bewegung zaghafter Angst konnten die Gefangenen bei
dieser rohen Rede nicht unterdrcken. Ben David fate sich jedoch zuerst, und
gieng auf den bleichen Vater zu: Wie geht Dir es Vater? fragte er in dem
Dialect, der, aus hebrischen und deutschen Worten zusammengesetzt, fr den
Zuhrer von Amtswegen, beinahe unverstndlich war. - Frage die im Moor
verdorrende Weide; antwortete Jochai schmerzhaft: Die Lampe brennt aus
allmhlich, und bald werde ich liegen in dem angstvollen Zustande, wo die Seele
unstt umherluft durch alle Glieder und zittert vor der Nhe des Todesengels. O
Sohn! Sohn! Dein Eigensinn und Starrmuth wird mich von der Welt bringen, dessen
Liebe Dich zur Welt brachte. - Ben David rieb sich bekmmert die Stirne. Es
ist beinahe verflossen eine Woche .... sprach er wie verloren vor sich hin:
keine Kunde doch von Esther und ihrem Auftrag. - Weit du nichts von dem
Kinde? - Der Wrter hat mir zweimal Wein gebracht; antwortete Jochai: Gewi
hab' ich nur Esther's Liebe verdankt diese Strkung.
    Ben David wendete sich an den Kerkerknecht: Guter Mann, sagte er: wit
Ihr uns nichts zu sagen von Esther, unserm Kind? Kmmt sie noch wohl wie frher
tglich an die Pforte, und fragt nach ihrem Vater und dem Greise Jochai? - Was
wei ich? polterte der Wrter: Ich htte viel zu thun, wollte ich auf all die
Leute merken, die mir Jahr aus Jahr ein die Ohren voll jammern und heulen. Ihr
Gesindel bekmmert euch wenig um die, die im Pfeffer sitzen. Eine Dirne
ausgenommen, die ein Paarmal Wein fr den Alten brachte, hat Niemand nach Euch
gefragt. - Diese Dirne ist Esther! Gott segne sie dafr im Reiche des
Messias! stammelte Jochai unter Freudenthrnen.
    Hm! grunste der Knecht: Eine Jdin ist das Mdel nicht, denn es trgt ein
Kreuz am Halse; aber hlich ist sie dafr, da es alle Tage in eure Sippschaft
gezhlt werden knnte. - Also Esther ist's nicht! seufzte Ben David, und sah
kummervoll zu Boden.
    Wie kommt die Barmherzigkeit in die Seele der Tochter aus Edom? murmelte
kopfschttelnd der Greis. - Wo mag wohl hingekommen seyn mein Kind? fuhr Ben
David fort, und lehnte sich trostlos an das mit Gittern von innen und aussen
verwahrte Fenster.
    Einer Glocke Schall rief den Wchter hinaus. Ben David und sein Vater sahen
mit gespannter Erwartung nach der Thre, ob nicht der angekndigte Besuch
hereintreten wrde. Endlich erklangen Stimmen und Tritte, und der Wrter trat
wieder ein, - hinter ihm Zodick. Die Blicke der Juden wendeten sich voll Abscheu
von dem Abtrnnigen, dessen Zge einen sonderbaren Ausdruck von Wildheit,
ngstlichkeit und verstellter Teilnahme angenommen hatten. Auf einen Wink von
ihm trat der Wchter ab. Ben David und Jochai, sprach der Convertit ernst und
bedchtig: Ich habe ein Wort mit Euch zu reden, gewichtig fr Hunderte. - O,
da Dich doch Deine Mutter geboren htte stumm! eiferte Jochai in kaum
verhaltenem Groll; Ben David schwieg aber finster und erwartungsvoll. Der
hochgelobte Gott wei, fuhr Zodick leiser fort, wie schwer mir's ist geworden,
aufzutreten als Werkzeug seiner Vergeltung. Ich habe doch mit ihm gerungen, wie
einst der Erzvater in dem Lande jenseits des Meeres. Aber des barmherzigen und
zornigen Herrn Wille geschieht in Ewigeit. - Lstre nicht den Herrn, ermahnte
Ben David: Du bekleidest ihn mit Schande durch Deine schndliche blutgierige
Lge, die uns bringt in des Henkers Hand. - Scheltet mich immer einen Lgner,
erwiederte Zodick: beweit aber, da ich es bin. - Ben David zeigte ruhig gen
Himmel. - Auf Erden will man Schwarz auf Wei, oder einen besiebneten Eid;
versetzte spttisch Zodick: und mein Schwur wrde allenfalls hher gelten, als
der Eurige. - Er zeigte auf das Kreuz an seinem Wamms, und Jochai, durch diese
Geberde ausser sich gebracht, htte einen Schlag dagegengefhrt, wenn ihn nicht
sein Sohn zurckgehalten. Was thust Du, Raaf? schrie er dem zornentflammten
Greise zu, whrend Zodick ihn hhnisch angrinste. La ihn doch, sprach dieser:
la ihn, Ben David. Es gbe noch eine Klage mehr von Gotteslsterung und
Kreuzentweihung. Die Snde huft sich ohnehin auf Eurem Kopf, ohne da ich etwas
thue dazu. Der Halsschmuck, den man gefunden in Eurem Keller .... er hat
gedibbert wie eine Elster, und euch genannt Hehler und Stehler von der
Blutzapferrotte. Verrathen ist es durch aufrichtigen Bericht der Judenschaft zu
Worms, die immer offen handelt und ehrlich gegen die von Gott eingesetzte
christliche Obrigkeit, da Du, Ben David, daselbst den Buben gekauft, den Ihr so
schmhlich ermordet habt. Der Rittersmann, dem Du das Knblein abgeschachert,
ist gar wohl bekannt, und wird Euch Verstockte bringen zum Gestndni. Ihr seyd
verloren, und mir blutet das Herz als Mensch und als Christ, denn der Gott, den
ich jetzt habe erkannt, will nicht, da der Snder sterbe, wie ihn sterben lt
das Gesetz. - Ben David und Jochai, obgleich von Zodick's unheildrohender Rede
erschttert, warfen ihm einen Blick der Verachtung zu, und schwiegen. - Rechnet
es daher meiner Erbarmni zu Gute, fuhr der Heimtckische fort, da ich jetzt
komme zu euch, ein Bote der ewigen Milde, des Frsten der Barmherzigkeit. Zwei
Wege thun sich vor euch auf, zum Leben. Schon mancher Jude hat sich gekauft los
vom Scheiterhaufen und dem Strang. Versucht auch ihr das Mittel. Vertraut mir,
wo Ihr vergraben Euer Geld, denn des Silbers wenig hat man gefunden bei Euch.
Hab' ich Euch gebracht in Babylon durch des hochgelobten Gottes Frsicht und
Wille, kann ich Euch auch bringen wieder heraus durch die Kraft der Masumme, der
die Gojim selten widerstehen. - Deine Mitbrder willst du sagen, abscheulicher
Mancher! schalt Jochai, dessen Gesicht sich bei der bloen Erinnerung an
Zodick's bertritt krampfhaft verzog. Der Gescholtne ma den Zrnenden mit den
frechen Augen, und wendete sich alsdann wieder mit fragendem Blicke zu Ben
David. Dieser, nachdem er den Vater durch eine bittende Geberde veranlat, Ruhe
zu halten, sprach nicht ohne Bewegung. Jetzt erst gibt sich blo der Heihunger
des Gerichts und der Deine nach meinem Golde und meiner andren geringen Habe.
Aber eben so wenig, als mich werden vermgen die grulichsten Martern zu
bekennen eine Snde, die ich nicht begangen, eben so wenig soll mich berreden
Deine Zunge, dir des Sammaels, zu bezeichnen den Ort, wo ich vergraben und
verborgen, was mein ist. Was Werth hat an Silber und Gold und Edelstein, ist uns
theuer, denn davon leben wir armes, verachtetes Volk. Edom wrde uns ja
mignnen die Luft, so wir athmen, htten wir nicht Stein und Metall, seinen
Lsten zu frhnen. Darum vertheidigen wir mit dem Leben unsern kleinen Schatz,
eben weil er ist unser Leben. Aber einen Schlssel dazu will ich Dir geben, so
fern Du mir gibst Kunde von dem grten Schatze den ich besitze: von meiner
Tochter Esther. Ist auch sie gerathen in die Hnde von Amalek durch Deinen
treulosen Mund? Sind auch ihre zarten Glieder bedroht von Folter und Schmach?
Das arme Geschpf, .. es wei ja von Nichts: unschuldig ist es gekommen zur
Welt; unschuldig wird es gehn von dannen. Oder hat sich des Mgdleins etwa
bemchtigt Deine gierige Lust? Gib mir Gewiheit, und ich will nicht
herabfluchen den Zorn des starken und eifrigen Gottes auf Dein Haupt. Gewiheit
ber Esther's Schicksal - sey's die traurigste - gib dem trauernden Vater! -
Mir thuts leid, erwiederte Zodick, der bei all diesen Reden bestndig Zeichen
einer ungewissen, von ngstlichkeit beengten Haltung an den Tag gelegt hatte:
Das Mdel geht wie Ihr entgegen dem Stcker und seiner Flamme. - Halte mich,
Herr in Israel! sthnte Jochai, whrend Ben David erschrocken nach Zodick's
Hand griff. - Ich will verkrummen, ist's nicht wahr; betheuerte dieser
Letztere keck: Esther ist in Buhlschaft verfallen mit einem rechtglubigen
Jngling. Der unbesonnene Altbrger, der jngst Euch und eure Dirne allen
Gesetzen zum Trotz vertheidigte, hat sie aus der Stadt gebracht, und hlt sie
irgendwo versteckt zu eigner Kurzweil. - O ihr ewigen Schaaren der Elohims!
seufzte der gebeugte Greis Jochai: Also hat die krumme Schlange eine von Zions
Tchtern mit Schmach bedeckt. Sohn, Sohn, Vater Deiner Esther! Wie wirst Du
bestehen, vor dem Frsten des Gerichts und dem Throne des Messias, da Du durch
Deinen Eisenkopf all das Unheil, das wir erleiden und befrchten, erzeugt hast!
- Ben David machte eine heftige Bewegung und unterbrach den Vater lebhaft:
leide ich nicht wie Du, Raaf, und befrchte ich weniger? Hab' ich Dich nichs
geehrt und geliebt, wie ein gerechter Bechor? Mut Du nicht darum auch willigen
zu theilen meine Noth? Wir haben zusammen gewonnen Geld, Gut, und haben getheilt
manche Freude. La uns thun ein Gleiches mit dem Leide. Nicht meine Schuld, ..
die Lge hat uns hieher gebracht, und der hochgelobte Gott, dessen Herrlichkeit
unser Haupt berhrt, und Deine Fingerspitzen, so Du mich segnest, wird uns nicht
umkommen lassen durch die Unglubigen. Schrecklich wr es, wenn Esther in den
Stricken lge der Wollust, der Buhlerei mit einem fremden Manne ... aber, es
heit in den Bchern der Vter: So Dich einer einmal belogen, und falsch
Zeugni gegeben von Dir, so glaube ihm nicht ein andermal, und nicht ein
drittesmal, und nicht zum hundertenmale, denn die Zunge desselben ist ein
schlecht Stck Fleisch, das verdorren wird im Thale der Auferstehung. - -
    Zodick wies hhnisch die Zhne. Wahrlich, sage ich Euch: sprach er, -
Esther und der junge Altbrger Frosch sind verfallen dem Scheiterhaufen, so die
Gerechtigkeit der Obern sie ereilt. Noch ist ihr Aufenthalt nicht entdeckt, aber
ganz gewi wird er nicht entgehen meiner Wachsamkeit, da mich der Herr bestellt
hat zum Mittler in Euerm traurigen Schicksal. Ihr aber nehmt zu an Verblendung
und Lge, wie das wachsende Kind an Kraft und Mark, da ihr Euch weigert, die in
Gesellschaft der Blutzapfen geraubten Schtze herauszugeben, um Euer Blut zu
retten. Der Tag, der Eure Rechnung vllig schliet, ist jedoch noch nicht
angebrochen, und der Prophet Elias, der immer um Euch ist, sieht betrbt, wie
sich vermehrt die Last Eurer Snden. Es ist schier auer Zweifel, da Du es
gewesen, Ben David, der an dem alten Rathsschffen Frosch das Mordstcklein
gewagt, das ihn beinahe in den Talles gelegt. - Sohn! Sohn! Sohn der Gebote
und meines Gebets! stammelte Jochai: Unseliger Mann! wohin bist Du versunken?
Bringt doch jeder Augenblick eine neue Klage auf Haut und Haar, jeder Augenblick
einen neuen Herzsto fr den greisen Vater! O weh mir! weh mir! warum hab' ich
gelebt der Jahre zweimal fnfzig und darber? Warum verlt mich der Gott
David's und Samuel's also in meiner Noth, da ich schauen mu, wie mein
Geschlecht langsam versinkt in Blut, Schande und den Flammen des unehrlichen
rothen Mannes! David! David! So wahr du trgst den Namen des Erlsers, den wir
hoffen, so wahr will ich Deinem Schweigen ein Ende machen; bekenne Deine
Unschuld wider Deinen Willen. Zodick! rufe herbei den Richter! Ich will reden;
der alte Jochai will reden, und Wahrheit sagen. Geh! geh! und Dir vergebe der
hochgelobte Gott Deine Snde an uns, die Dir nicht abgenommen werden kann weder
durch den Tag der Vershnung und das Kapporah des Bocks Hazazel, noch durch die
Fasten, Esther und Gedalja und die Feier der Tempelzerstrung. - Der Greis
schwieg erschpft; Ben David verharrte in mibilligendem Schweigen. - Nicht um
Dein Geschrei zu hren, habe ich geredet; sprach Zodick mit schadenfrohem
Vorwurf zu dem Alten: um Euch ein Mittel anzugeben vielmehr, das Euch, wenn
nicht zur Freiheit und zum Leben, dennoch zu einem sanftern Tode verhelfen
wrde, so Ihr es annehmen wolltet. Denn dem Tode seyd Ihr gewi, wenn Ihr Euere
Habe verhehlt, und der Tod in Flammen ist schrecklich Bekennst Du hingegen, Ben
David, da Du den Altbrger Frosch ermorden wolltest, auf Anstiften und Anregen
seiner Ehefrau, so will der Altbrger selbst ein Frwort einlegen, da Eure
Strafe in die leichteste verwandelt werde, weil er seinem Mrder Gutes zu thun
wnscht. Beeilst Du Dich, die Gnade des Herrn zu verdienen, so knnte wohl gar
noch werden bewiesen, da Jochai im Wahnsinne gehandelt, da er den Knaben
gekreuzigt im Keller, und knnte ihm, ob seines Alters Elend, noch werden
geschenkt das Leben. - Jochai befhlte sich bei diesen seltsamen Erffnungen
den Kopf, gleich als ob er aus einem bsen, bsen Traume aufzuwachen im Begriff
stnde. Ben David hingegen gewann eine Ruhe und Heiterkeit, die gleich sehr
gegen den dumpfen Jammer des Vaters, wie gegen die befangene Frechheit Zodicks
abstach. Ich sehe jetzo; sprach er recht laut und vernehmlich: da ganz
Frankfurt toll geworden. Das Ungeheure knnte mich schier bringen zum Lachen.
Wenn jetzo pltzlich aufstiege ein Nebel des Gewssers, und unsichtbar machte
die Brckenthrme oder Sachsenhaufen .... was gilts ... der arme David mte sie
gestohlen und seinem Vater gesteckt haben in den Schnappsack. Geh, geh, Du
lcherlicher Bote! Du hast gewilich am heiligen Sabbat zu weite Schritte
gemacht im Kundschafterdienst, denn diese schwchen Gesicht und Verstand. Du
bist, ob ein Lgner, ob ein Irrsinniger, gleichviel. Kannst Du mir jedoch
bringen wahrhaftige Kunde von Esther, und ein Zeichen von ihr, - ein
glaubhaftes, da sie lebt und frei ist, wenn gleich versunken in dem Laster,
dessen Du gedacht, - so soll's Dein Schade nicht seyn; ich schwr's auf die
Torah; und dieses heilige Gesetz wird mir geben die Kraft durch mein Gebet des
Mdchens Seele abzulenken vom Bsen, und sein irrdisch Theil zu retten von
schimpflicher Strafe. - Zodick warf spttisch den Mund auf, und ging hinweg,
ohne ein Wort zu erwiedern. - Ben David nherte sich dem Vater, der wie eine
Bildsule vor sich hinstarrte. Du willst bekennen, Raaf; fragte er ihn sanft
und sehr leise: was willst Du denn bekennen, da Du nichts weit, als da der
Knabe nicht gestorben, sondern seinen Freunden wiedergegeben? Sage tausendmal,
da ich unschuldig sey, und Du nicht schuldig, und tausendmal werden sie Dir
nicht glauben, .. selbst dann nicht, wenn ich's wollte und knnte beweisen.
Wisse aber, da ich eher auf der Folter die Zunge verschlucke, ehe ich rede;
weil ich gethan ein Gelbde, das ich halten werde fester als eins, das ich in
der Schule geleistet. - Jochai sah ihn fragend und kopfschttelttd an. Weh
mir! sagte er: Ein Eid, und wann hast Du ihn gethan? - Er ist noch nicht so
alt, als Zodick's Besuch; erwiederte Ben David: ich hab' ihn geschworen bei der
Lade des Bundes im Allerheiligsten meiner Gedanken. Raaf! setzte er leise
flsternd hinzu: Raaf! ich habe bse gethan, fhle ich jetzt, denn ich habe
gehandelt mit Menschenblut. Das Schndliche solchen Beginnens ist mir geworden
klar, da mir einfiel, wie Esther jetzo hlflos einem gleichen Handel Preis
gegeben ist, der vielleicht das Kleid ihrer Ehren in Koth tritt, vielleicht ihr
junges Leben erstickt. Darum will ich ben, und, sollt' ich ersterben in Graus
und Schmerz, nicht durch mein Zuthun den Versuch machen, zu lindern mein
Schicksal. -
    Jochai wollte in ein Geschrei des Jammers ausbrechen; Ben David bedeutete
ihn jedoch heftig, zu schweigen, und raunte ihm in's Ohr: Spare Deine Worte,
die unser Elend nur beschleunigen, denn hinter jener Wand lauschen verborgne
Zeugen, die Zodick's Unterredung mit uns behorchten. Mir hat's verrathen sein
ngstlich Lauschen, und ich warne Dich. Man kmmt schon: hrst Du? Ermanne
Dich. Dein Leben werd' ich gewilich retten. Meine Vertheidigung mu der
hochgelobte Gott unternehmen. Eine Menschen-Zunge allein rettet einen Juden
nicht.
    Der Oberstrichter kam herein mit gewohnter Wrde; in seinem Gefolge ein
Schreiber, das Verhrprotokoll unter'm Arme, das Schreibzeug am Grtel. Der
Gefangenwrter schob den Tisch zurecht, und ging. - Jude Jochai und Du, sein
Sohn David! begann der Richter: Man hat uns gemeldet, da die Aufrichtigkeit
in eurer Seele die Oberhand gewonnen, ehe wir noch der Folter bedurft, um sie zu
wecken. Ihr thut klug daran, zu bekennen, denn eure Missethaten brechen von Tag
zu Tage mehr hervor aus dem Schleier, mit welchem Eure Rnke sie umhllt hatten.
Gerhard von Hlshofen - erbleicht ihr nicht noch deutlicher unter eurer Blsse?
- wird nicht sumen, vor unsern Schranken Zeugni gegen euch abzulegen, um also
die Schuld wieder gut zu machen, so er als rechtglubiger Christ zu bser Stunde
auf sich geladen. Des armen Friedbergers Schmuck, von seiner Witwe erkannt,
bezeichnet Euch als Glieder der verruchten Mordbande, die ihre Verbrechen sogar
in unsern Mauern ausbt. Nichtswrdige Gesellen, die schon seit lange in unsern
Verlieen schmachten, und ehemals mit jener Rotte Korah in Verbindung gewesen,
entsinnen sich auch recht gut, einen der Hauptmrder mit dem Namen: der Jude
bezeichnen gehrt zu haben, und wrden gewi den David von Angesicht zu
Angesicht erkennen, wre er ihnen damals nicht immer in einer unkenntlichen
Vermummung erschienen. Kurz: die Zeit bricht ein Stck nach dem andern von dem
Bollwerke ab, das eure Heuchelei um die Wahrheit gezogen hat. Gerade jetzt ists
noch Zeit zu bekennen, um die schwere Hand der gesetzlichen Rache in ihrem Falle
etwas aufzuhalten, und ein milderes Loos zu gewinnen, wenn es seyn kann. Wir
haben daher auch nicht gesumt, der an uns gegangenen Aufforderung diesenfalls
zu entsprechen, und begehren von Dir, Jochai, da du sonder Ausschweife an den
Tag gebest, was Du zu bekennen hast. - Zu bekennen, Herr! sagte der durch
Hingebung seines Sohns muthiger gewordne Greis: Gott soll mir helfen, wenn ich
wei, was ich bekennen soll, wenn es nicht ist unsre Unschuld. - Ben David
schwieg befriedigt, aber des Oberstrichters schlaufreundliche Miene wandelte
sich in eine frostige um, da er die Weigerung des Alten hrte. - Wie? fragte
er: Hast Du Deinen Vornamen sobald gendert? Man sagte mir doch ... - Edler
Herr! versezte Jochai mit scheinbarer Offenherzigkeit: So uns der hochgelobte
Herr der Welt Strke verleiht, so werden wir selbst unter Folterpein nicht
aussagen, was uns, sind wir gleich fleckenlos wie das Lamm, den Stab bricht; um
wie viel mehr mten wir die Zunge schelten, die an uns zur Lgnerin werden
wollte, freiwillig, ohne Noth. - Aber, polterte der Richter aufwallend, Du
sagtest doch selbst, alter Snder .... - Jochai schttelte schweigend den Kopf,
wie Einer, der seiner Sache sehr gewi ist, und, mit einem Lcheln, nur den
Unglauben eines Andern straft. Diese Geberde machte indessen den Richter
hitziger. Lugne nicht, Jude, sprach er drohend: Friedrich hat die Lgen
verabscheuen gelernt im Schoose des wahren Glaubens. Du warst geneigt zu
bekennen .... so bekenne denn. Deine Aufrichtigkeit kann nur wohlttigen Einflu
auf Dein, selbst auf deines Sohns Geschick haben. Bekenne die erschreckliche
Kreuzigung des Knaben, die hauptschlich dir zur Last gelegt wird, hast Du
einmal diese erste und grte Missethat von Allen gestanden, dann, wird das
Bekenntni der brigen leichter. - Jochai warf einen verstohlenen Blick auf den
unerschtterlichen Ben David, und sagte dann entschlossen: Gestrenger Herr
.... mir sollen alle Glieder erstarren zu Eis, wenn ich anders sagen kann, als:
Wir sind unschuldig. Der abtrnnige Knecht Zodick hat auch heute gelogen wie
in seiner Klage. Gras wachse vor seiner Thr, und Er soll seyn der Lezte nach
allen Menschen auf der Erde. Ich werde nicht bekennen, was ich nicht wei. -
    Ja, verdammter Jude! brach der Oberstrichter los: Du hast Bekenntni und
Lge in einer Tasche. Die wenigen Augenblicke, die du mit diesem Elenden hier
allein geblieben, alter Thor, waren hinreichend, dich umzustimmen, und nun soll
Friedrich gelogen haben, obgleich ....
    Hier verstummte der edle Herr, weil ihn beinahe der Zorn veranlat hatte, zu
gestehen, da er alles hinter jener Wand verborgen, mit angehrt. Jochai
entgegnete jedoch mit treffendem Blick und bitterm Lcheln: Und wenn ihr
selbst, gestrenger Herr, mit Euern eigenen Ohren gehrt haben wolltet, was Euch
Zodick sagte, so mte ich erklren, da Ihr Euch irrt. - Genug; fuhr der
Oberstrichter fort: Ich sehe, da Ihr unverbesserliches Gesindel seyd. Was
jener blut- und raubdrstende Mensch, dein Sohn, an Kraft und Geschick, das Bse
zu thun, vor Dir voraus hat, das ersetzest du durch deine hundertjhrige
Schlauheit und Tcke. Aber - was es nun auch sey - boshafte Lge, beginnender
Wahnsinn des Alters, oder jene Vergelichkeit, die den ergrauten Bsewicht
zuweilen befllt, und seinem Gedchtnisse schwere Frevel entrckt, als ob sie
nie vollfhrt worden wren, ... ich will Dich schon zum Gestndni bringen. Die
Verworfenheit, die rund um unser Weichbild, und innerhalb desselben, das Haupt
zu Raub, Todschlag und Brand erhebt, zittert vor meinem Namen, meinem Ansehen
und Eifer. Diese Schrecken der Zgellosigkeit sollen auch nicht an zwei
erbrmlichen Juden erlahmen. -
    Gebraucht Eure Macht, ehrbarer und strenger Herr; sprach Jochai mit
leidender Demuth: der Mensch ist ein schwach Gef in den Hnden seines
zornigen Feindes, sagt der Rabbi Jose, auf welchem der Friede sey, und das
Paradies seinem Andenken. Der groe Tag, jenseits des Meeres, hat aber ein
Andrer gesagt, wird ausgleichen Alles, was geschehen ist zwischen Auf- und
Niedergang. Ich sage nicht, was nicht ist, wenn ich unsre Unschuld bekrftige.
Der Wahnsinn, dieser Aussatz, mit welchem die Schedim den innern Menschen
schlagen, wie Job geschlagen ist worden von dem Frsten der Wildni, von dem
haarigen Bocke, redet auch nicht aus mir. Aber auch nicht Vergelichkeit,
erzeugt vom bermaae der Verbrechen, hat entrissen meinem Gedchtnisse, was
einst, wichtig wie allenfalls seyn kann ein Mord, sich ihm einprgte. Ich wei
noch herzuzhlen an den Fingern die zweihundert und acht und vierzig Gebote, wie
die dreihundert fnf und sechzig Verbote, denen ich mich mute unterwerfen, da
ich wurde im dreizehnten Jahre meines Lebens ein Ban Mitzra, das ist: ein Sohn
des Gesetzes. Ich habe mich gewhnt, aufzuzeichnen und zu behalten im Kopfe alle
glckliche und unglckliche Tage meiner Jahre. Der glcklichen hatte ich wenig
aufzuzeichnen: der unglcklichen jedoch zu behalten viele, denn ich bin ein
schlechter Jude. -
    Was soll das Gewsche? fragte der Oberstrichter barsch: Spare die
erheuchelnden Thrnen fr die Folterbank und den letzten Gang, elender grauer
Dieb. Was hast Du noch vorzubringen? Kurz; sage ich Dir.
    Ich werde seyn schnell zu Ende; antwortete Jochai, mit schmerzlichen
Lcheln in die Hnde hauchend und ber seine nassen Augen fahrend. Ich will nur
reden von der Zeit gestrenger Herr, da Ihr noch wart ungeboren, Euer Vater ein
Knabe noch beinahe, und Euers Vaters Vater noch ein rstiger Mann. Herr, ich
habe erlebt, was sich jetzt noch die Enkel des damaligen Geschlechts erzhlen
mit behaglichem Grausen. Herr, ich war schon gewesen ein Mann von vierzig
Jahren, da des hochseligen Kaisers Carl IV. Majestt genau drei Jahre am
Regiment gewesen, und da wir zhlten das fnftausend einhundert und neunte Jahr
der Welt, in welchem man allenthalben begann, die Juden zu schlachten, weil sie
vergiftet haben sollten die Brunnen, verzaubert das Vieh und herbeigeflucht die
groe Pest. Mir gedenkt's wie der Tag von gestern, da das Gemetzel losbrach,
hier zu Frankfurt, als die Geiler eingezogen waren mit Fahnen und Kerzen, und
den vielen Bildern des gekreuzigten Mannes. - Der Heiland! verbesserte der
Oberstrichter finster; unterbrach jedoch, mit einer Art von Theilnahme sich
vorlehnend, den Greis nicht, so sehr auch der Schreiber, den die anhebende
Erzhlung langweilte, mit ungeduldiger Geberde zum Unterbrechen mahnte. -
    Die Geiler haben gesungen durch die Straen: Ach, so hebet eure Hnde, da
sich doch das Sterben wende! fuhr Jochai fort: Mittlerweile aber sie sich die
Rcken zerfleischten, und den Staub der Gassen dngten mit ihrem Blute, ist ein
Feuer ausgebrochen, und weh! weh! in der ganzen Stadt gerufen worden. Unfern von
unsrer Gasse war durch Nachligkeit oder vorsetzlichen Frevel der Brand
aufgegangen. Ich stand gerade fertig, um ber Land zu gehen, und zu holen mein
Weib, da heimgesucht hatte seine Eltern ber dem Rheine. In meiner Mutter Stube
stand ich, da die Glocken anfingen zu wimmern, und das Getse berhand nahm in
den Straen. Die arme alte Frau von siebzig Jahren, erblindet durch die Mhen
des Gerwerbes, erschrack zum Tode, und schickte mich fort, zu sehen, was es
gabe. Ich lief, ich schrie, ich entsetzte mich. Die Juden haben den Brand
gemacht! schrieen die rasenden Geiler auf den Gassen: Wir haben's gesehen!
Sie haben geschossen mit feurigen Pfeilen aus dem Hause zum Storch nach dem
Rathhause! Und das Volk schrie nach, und drstete Rache, und brach ein in die
Huser, die Geiler bestndig voran, die raubten und sengten und metzelten.
Herr! da kam ich heim, vor Angst und Ermattung halbtodt, um zu retten die blinde
arme Mutter. Die war in ihrer Herzensnoth herausgegangen zur Stube, und hatte
sich zur Treppe gefhlt, war aber gestiegen hinauf, statt hinunter, und also
gerathen auf den Speicher, wo nebenan des Nachbars Haus brannte lichterloh. Und
ich stand vor'm Hause, und konnte nicht hinein, weil alles voll Plnderer wogte,
und sah die liebe Frau, die mich geboren, am Giebelfenster stehen, wie sie die
Hnde rang und hinausrief in die Flammen, die sie nicht sah: Sohn! Sohn!
Jochai! Sohn Davids! wo bist Du? verla mich nicht! Ich sah endlich, wie die
Ruber zu ihr hinaufdrangen, und konnte, selbst geschlagen und mihandelt, nicht
herzu. Heule nicht! Judenvettel! donnerte der Verzweifelnden ein Mann zu,
erhitzt von Wuth und angethan mit Grausamkeit: Dort ist Sein Sohn! fahr gesund
zum Teufel! Und in die Flammen des Nachbarhauses flog die Blinde. Auf ihrer
Asche sey der Friede! -
    Eine tiefe Stille folgte dieser Erzhlung Jochai's. Der Oberstrichter
starrte ungewissen Auges zu dem Gitter des Fensters empor; sprach aber keine
Sylbe. Da schlo Jochai also: Die Blinde, Herr, ist gewesen meine Mutter, und,
der sie in das Feuer warf, Euer Grovater, Herr. Ich kenne demnach, was ein Jude
zu gewrtigen hat von Euerm Geschlecht, und Ihr habt ein Pfand, da ich nicht
bin so vergelich, als Ihr glaubt. Was der Grovater brig gelassen, mag nun
verderben der Enkel.
    Der Oberstrichter schwieg noch immer mit uerst nachdenklichem Gesichte. Er
rieb sich heftig die Stirne, zog die Augenbraunen zusammen, und hing an einer
unangenehmen Erinnerung. Du bist also ...? fragte er mit einemmale, wie
bewutlos, unterbrach sich aber schnell, und wendete sich zu dem Schreiber. Ich
bedarf Euers Diensts nicht; sagte er: Geht, und nehmt diesen Alten mit Euch.
Der Thurmwchter soll ihm ein luftigeres und reinlicheres Gefngni geben, und
ihm frder die Ketten nicht mehr anlegen.
    Der Schreiber winkte dem staunenden Jochai, auf den Ben David schnell
zuging, um ihn zu umarmen, und ihm die Hand zu kssen. Ein Strahl der Milde
bricht in die Htten Jakobs! sagte er heftig bewegt: Raaf! zage nicht, und
vertraue dem Herrn! - Jochai schwankte hinaus mit dem Begleiter. Der
Oberstrichter hatte seinen ganzen frchterlichen Ernst wieder gesammelt, und
redete zu Ben David. Du siehst, wie barmherzig ich seyn kann. Ich habe Wille
und Vollmacht, fr Dich ein Gleiches zu thun, wenn Du weniger halsstarrig seyn
wolltest. Friedrich's Klage ist klar wie die Sonne, aber ein schwerer Verdacht,
der sich in des Volkes Stimme gegen Dich erhebt, bedarf Deines besttigenden
Gestndnisses. Bekenne, da Du Diether's Mrder seyn wolltest, angereizt und
besoldet von seinem treulosen Weibe. Gestehe ohne Scheu. Eine gndige
Behandlung, ein leichter Tod sey Dein Lohn dafr. - Heer! erwiederte Ben
David ohne Bedenken: Wr' ich allein in das Gewebe verflochten, das mich
Unschuldigen droht zu erwrgen, so sagte ich ohne Wahl und Furcht ein lautes:
Ja! Zu glcklich, um damit zu erkaufen Linderung der Kerkerqual, und einen
schnellen, beschleunigten Tod unter den Fittigen des Boten der Barmherzigkeit,
Gabriel, welcher die Seelen der unschuldig Sterbenden hinberfhrt gen Canaan.
Aber es ist wider das Gebot, eine fremde, schuldlose Seele mit zu tdten durch
falsches Zeugni. Ich kenne die Ehewirthin des Altbrgers nicht. - Du lgst;
entgegnete der Oberstrichter gereizt: Du warst oft in ihrem Hause; ich habe
Zeugen. - Gehandelt hab' ich mit der ehrsamen Frau; gab David zu: Doch soll
mir Gott helfen, kenn' ich sie weiter. - Du lgst! zrnte der Oberstrichter
heftig: Man hat Dich zur dunkeln Nachtzeit aus dem Hause schleichen sehen, in
welches Du hineingekommen warst, unbemerkt, von Niemand geachtet. Du warst in
fremder Tracht, beladen mit Geld, wie es schien, und doch wurde von einem
Diebstahl nichts gehrt. Also hast Du damals den Lohn des blutigen Werks im
Voraus empfangen, und den Handel geschlossen. - Gestrenger Herr! entgegnete
Ben David, seine Betroffenheit knstlich verbergend: Da Meister Diether Frosch
angefallen wurde, war ich zu Costnitz, und getrumt hat dem, der mich vermummt
gesehen haben will.
    Du ermdest meine Langmuth! schalt der Oberstrichter: In der Folterkammer
wirst Du geschmeidiger werden, sage ich Dir indessen voraus. Denk an mich!
    Ich will es erwarten, Herr; antwortete Ben David ruhig, und lie sich
geduldig die Ketten wieder anlegen, und in sein trauriges Verlie zurckbringen.

                                Achtes Kapitel.


 Ich bin ein leibeigner Bauer,
 Mein Leben wird mir sauer;
 Ich steige auf den Birkenbaum,
 Davon haue ich mir Sattel und Zaum;
 Ich bind meine Schuhe mit Bast,
 Ich fll' meinem Junker den Kast,
 Leiste dem Pfarrherrn die Pflicht
 Und wei von Gott und seinem Worte nicht.
                                                       Lieflndisches Volkslied.

Wohin? fragte Diether, im Begriff, sein Haus zu verlassen, um in seinem Garten
Zerstreuung zu suchen, einen Mann in burischer Tracht, der, einen Tragkorb auf
dem Rcken, die Treppe hinanstieg. Der Mann hielt auf diese rasche, unvermuthete
Frage still, sah mit offnem Munde hinauf, strich sich die Haare von der Stirne,
und fragte, die Mtze in der Hand, entgegen, ob hier die Frau Altbrgerin
Margarethe Frosch wohnhaft sey. Diether bejahte, und winkte dem Zaudernden nher
zu kommen. Was soll denn die ehrsame Frau? begann er, dessen Mitrauen durch
die scheu umherschweifenden Blicke des Bauern erregt wurde. - Ich mu selbst
mit ihr reden; meinte hierauf der Letztere, und die liebe Dummheit sprach sich
in seinen Zgen und Worten aus: Der Herr soll nichts davon erfahren, hat mein
Weib gesagt; oder - seyd Ihr vielleicht der Herr? - Nicht doch; erwiederte
Diether kurz: Ich bin Frau Margarethens vertrautester Freund, und Du kannst
nichts Besseres thun, als auch mir Dein Gewerb vertrauen, weil die ehrsame Frau
verreist ist, und unter einigen Tagen nicht wiederkehrt. - So? sprach der
Bauer, auf den Stock gelehnt: Das ist einfltig, guter Freund. Wer wird mir
denn abnehmen, was ich in meinem Kober trage? - Tritt hier herein! befahl
Diether, die Thre seiner Stube ffnend: Ich will Dir Botschaft und Werth
abnehmen, Deine Zunge und Deinen Rcken ledig machen. - Der Bauer sah sich
verwundert in der Stube um, und wute nicht recht, ob er niedersetzen oder
fortgehen sollte. Diether gebot ihm hingegen nachdrcklich, den Inhalt des
Korbes vorzuweisen; und mit einer dummpfiffigen Miene gehorchte endlich der
Mensch. Mit einem verstockten Lcheln zog er die grobe Leinwand von dem Korbe,
in welchem ein kleines Mgdlein sa, das seine Hndchen bittend dem Alten
entgegenstreckte. Diether nahm das holde Kind schnell aus dem unbequemen
Versteck, und ma staunend bald den Trger, bald seine Brde. Was soll das?
fragte er: Ein Kind? - Der Bauer lachte, und wiederholte: Mein Seel, Herr, es
ist ein Kind. - Wessen Kind? Sag an? - Hm! versetzte der Bauer langsam, und
kratzte sich auf dem Wirbel: Herr, wenn ich das wte, mein Seel, ich wollt's
Euch sagen. - Ist der Mann hier Dein Vater? sagte Diether zu dem Kinde, das
sein Kpfchen an des Alten Brust legte. Es schttelte aber auf diese Frage das
Haupt, und antwortete mit kindischem Lallen: Nein, nein, Vater weit, Mutter
weit, Agnes ganz allein gelassen! - Diether begtigte das Mgdlein, so gut er
es vermochte, und wendete sich wieder zu dem dmischen Boten, der mit
eingebogenen Knieen und vorgestrecktem Halse da stand, ein gleichgltiger
Zuschauer. - Wer bist denn Du, Mensch, und wie hngt das Alles zusammen?
fragte der Altbrger. - Mein Seel, entgegnete der Bauer: guter Herr und
Freund, ich will Euch wohl sagen, da man mich Paul getauft hat, und da ich ein
eigner Mann des gestrengen Grafen von Katzenelnbogen bin. Wir armen Leute wissen
nicht, wie alt wir sind, aber, da der Johannistag heuer zum ein und zwanzigsten
Mal wiederkommt, seitdem ich mich mit meiner Willhild habe einsegnen lassen
drfen zu Wiesbad, - denn wir zu Moorweiler haben keinen Pfaffen fr uns, - das
wei ich genau. - Willhield? wiederholte Diether; wre die Pflegerin meines
Shnleins ... des Herrn Diether's - wollte ich sagen, - wre sie Dein Weib? -
Mein Seel, Herr, sie ist's, wenn uns anders der Leutpriester recht eingesegnet
hat. - So rede schnell. Was ist's mit dem Kinde, und was soll es bei Frau
Margarethen? - I nu, redete Paul: mein Weib meint, da es am Besten da
aufgehoben wre, weil es doch einmal die Tochter von der Frau ist. - Wer?
rief Diether mit gallebewegtem Blute: Wer ist Margarethens Tochter. Ho, die
mt Ihr wohl kennen, wenn Ihr der Freund vom Hause seyd; entgegnete der Bauer:
das schne Weibsbild, das vorige Woche von der Heerstrae gestohlen wurde. -
Wallrade? -
    Recht, so heit sie; fuhr Paul fort: und ihr Tchterlein ist das Kind
hier, das sie bei uns zurckgelassen hat. Wir sollten's ihr aufheben, bis sie
wieder kme. - Wallradens Kind? sprach Diether bestrzt und entsetzt vor sich
hin: Barmherziger Gott! in welchen Hllenschlingen finde ich bei jedem Schritte
Alle, die ich liebe! - Wie kam denn das Frulein zu Euch! setzte er laut
hinzu. Zu Wagen, lieber Freund; antwortete Paul: Was die Weiber mit einander
schwtzten, wei ich nicht, denn ich hatte die Frohne fr meinen gestrengen
Herrn, und die Willhild sagt mir auch nicht viel. Genug, da es Sonnabend war vor
des Herrn Geburt, sollte ich mit herein und auf Alles Ja sagen, was die Frau,
die Mutter nmlich von diesem Kinde, erzhlen und vorbringen wrde. - Vor des
Herrn Geburt? wiederholte Diether kopfschttelnd: Mensch, bist Du irre; vor
Ostern vielleicht? - Meinetwegen vor Ostern, wenn das nicht Eins ist, was wir
ungelehrte Leute nicht wissen. Es ist einmal noch nicht lange her. Die Frau war
sehr aufgebracht und sagte einmal ber das Andremal: Ich will zurckkommen, ich
will dem Vater sagen ... doch, das geht Euch nichts an, und ich wei es auch
nicht mehr so recht. - O meine Ahnung! murmelte Diether durch die Zhne:
Strahlende Gewiheit bist Du geworden. Wallrade hat den wunden Fleck meines
Hauses getroffen, Willhild zum Bekenntni gebracht, den Bastard in meinem
Geschlechte entlarvt. Ich mte ihr danken, htte sie nicht hnliche Schande auf
mein Haus gehuft! Er sah bei diesen Worten das Kind auf seinen Armen finster
an, und drang in Paul, endlich doch fortzufahren, und zu endigen.
    Ich bin schon zu Ende: versicherte der Bauer! Die Frau wurde gestohlen,
und ich lief heim, ohne zu wissen, wo sie hingekommen. Einer von den
Teufelsburschen hat mich gejagt wie einen Hasen, und Willhild mich noch
obendrein ausgescholten. Und da die Frau nicht widerkam in den nchsten Tagen,
und keine Kunde von hier aus, so redete meine kluge Willhild zu mir: Morgen,
Paul, nimmst Du das Mgdlein im Korbe mit Dir, und trgst es zu Frau
Margarethen, denn die Mutter, frchte ich, ist dahin, und ich knnte nicht ruhig
sterben, wenn das Kind nicht versorgt wre. Sage der ehrsamen Frau, sie soll mir
nicht bse seyn, allein ich mute reden, um unser beider Seelenheil, und da der
alte Herr nicht ferner betrogen sey. - Hrst Du, alter Thor? fragte Diether
knirschend in sich hinein: - Weiter, Paul! - La Dich aber nicht vom Herrn
erwischen, sagte das gute Weib ferner, fuhr Paul fort: Es knnte mit diesem
Kinde auch einen Hacken haben, wie mit dem Johannes, und zu viel Verdru auf
einmal mu man dem lieben Herrn nicht machen. -
    Schweig! herrschte Diether dem Erzhler zu, welcher erschrocken
zusammenfuhr: Aus Deinem Munde will ich nicht wissen, was noch zurck ist. La
das Kind hier, und packe Dich, so lieb Dir Dein Leben ist, schnell aus der Stadt
in die Heimath. Mit Dir, Du Tlpel, habe ich nichts zu schaffen. Aber Willhild
soll kommen; bermorgen soll sie hier seyn, oder es schwer bereuen. Hinweg! -
Na, na, lieber Freund, sprach Paul begtigend: ich will's wohl ausrichten,
und die arme Willhild wird freilich kommen, wenn sie kann. Aber ... hier kratzte
er sich wieder hinter den Ohren - es ist ein kitzlich Ding. - Wie so? fragte
Diether strenge. - Das arme Weib wird wohl gestorben seyn; versetzte Paul
weinerlich: der Pfaffe gab ihr, da ich heute frh aufbrach, nur zwei Stunden
noch zu leben. - Verflucht! zrnte Diether dumpf, und setzte das Kind nieder.
- Wenn Ihr jedoch ein vertrauter Freund des Herrn wart, wie der ehrsamen Frau,
fuhr Paul fort, so wollte ich Euch wohl ein Brieflein fr denselben zustellen.
- Das Bekenntni meiner Schande! seufzte Diether fr sich, und griff finster
nach dem Zettel, den ihm der Bauer reichte. Ein verkleideter Mann gab ihn mir,
da ich Moorweiler verlie; setzte dieser hinzu: Er mag wohl seine Ursachen
haben, warum er ihn nicht selbst berbringt.
    Diether ffnete bedchtig den Zettel, und las zu seiner Verwunderung ganz
andre Worte, als er vermuthet hatte. Es standen darin folgende: Wisset, Schff
und Rathsherr, Diether Frosch, da ein Freund seine Ehre bewahrt will haben, und
Euch verrathen, an welchem Ort sich befindet Eure Tochter Wallrade. So Ihr am
Tage, da der nchste Vollmond eintritt zur elften Stunde der Nacht Euch wollt
einfinden an dem Feld-und Bannsteine, das Sprnglin genannt, unfern von Bergen,
und mitbringen wollt einen Sack mit vierhundert Mark lthigen Silbers, sollt Ihr
Alles wissen und erfahren, wie Ihr wieder zu Eurer Tochter gelangen knnt. Kommt
allein, sonder Gefhrde, sonst sucht Euch der rothe Hahn daheim. Ich bin der
Niemand. -
    Mit finster gerunzelter Stirne sah Diether von dem Zettel zum Boten auf;
Letzterer hatte aber fr gut gefunden, sich - einem Unwetter vorzubeugen - aus
dem Staube zu machen. Diether rief seinen Leibdiener herbei. Der Mensch wollte
jedoch nichts von dem Bauern gesehen haben. - Eitel! sprach Diether unwirsch,
da sein Auge wieder auf das Kind fiel, das still und furchtsam in der Ecke sa:
ist meiner Tochter Knecht noch nicht heimgekehrt von dem Streifzuge des
Jungherrn? Der Diener verneinte. - Liegt die Magd noch krank? fuhr der
Hausherr fort. - Eitel berichtete, da seit dem gestrigen Tage das Fieber
nachgelassen habe, das von dem Schrecken des berfalls erregt, die Dirne bisher
auer Stand gesetzt hatte, auer dem Bette zu bleiben, und Antwort auf die ihr
vorgelegten Fragen zu ertheilen. Diether befahl, die Zofe heraufzusenden.
berlegend ging er auf und nieder. Soll ich denn von der Magd erfahren, was
mein Blut jetzt schon sieden macht? was mir jetzt schon klar wie der Tag ist?
fragte er endlich: Nein! Diether, - antwortete er entschlossen; - Nein, sey
Du gerade, bleibe Du redlich, wenn Dich auch der hinterlistige Verrath umgibt.
Schirme, so viel als mglich, die Ehre Deines Namens.
    Er fhrte das Kind in die Kammer, und unmittelbar darauf trat die Zofe
Wallradens, eine hbsche, etwas blasse Dirne zu ihm in's Gemach, gewrtig, seine
Befehle zu empfangen.
    Du bist eine feine Magd; begann Diether ernst: Deine Gebieterin
schmachtet in arger Haft, und Du denkst nicht einmal an das Kind, das sie
hlflos zurckgelassen? Ihr Kind? entgegnete die Dirne betroffen, und ihr
Angesicht wurde bluthroth: Ach, gestrenger Herr, Ihr wit ...? - Wie sollt'
ich nicht? fragte Diether mit scheinbarer Unbefangenheit entgegen, obgleich die
Besttigung von Paul's Bericht sein Herz durchschnitt: Unverzeihlich ist es von
Euch, zugegeben zu haben .... - Ach Herr, seufzte das Mdchen ngstlich:
Vergebt uns. Der Diener mu gehorchen und schweigen, so die Herrschaft
befiehlt. Und da es Gott so gut gemacht hatte mit dem Kleinen, ... in welchen
Hnden konnten wir das Kind lieber sehen ....? - Als in Willhildens Htte, bei
der Sterbenden? unterbrach sie Diether rasch: Unverzeihliches Beginnen der
Mutter und der Pfleger! und mir ein Geheimni aus dem zu machen, was ich wute,
blieb das arme Kind verwahrlost zurck? - Die Magd wollte reden. - Kein Wort,
bei meinem Zorn! fuhr Diether auf: Ich sehe hell und brauche Euer Deuteln
nicht. Hier ist das Kind - er fhrte das Mgdlein aus der Kammer .... heute
mag es noch bei Dir im Hause bleiben; ich mache Dir's jedoch zur Pflicht, vor
Niemand es sehen zu lassen; vor meiner ... vor Frau Margarethen am
allerwenigsten. - Wo die Mutter nicht gern gesehen ist, wird das Kind
verachtet; schaltete er bitter ein, und endigte mit dem Versprechen, der Zofe
und dem Tchterlein mit dem nchsten Tage eine Zuflucht anzuweisen, in welcher
sie die Befreiung der Mutter zu verbleiben htten. - Die Zofe schwieg gehorsam;
in ihren Augen war jedoch ein gewisses Staunen nicht wohl zu verkennen, da
Diether ihr das Mgdlein hinreichte, das sich mit dem Schmeichelworte: Ach, Du
liebe Gundel! Du bist da? an der Errthenden Brust schmiegte. Sieh da, Agnes,
Du hier? entgegnete der Mund der Letztern endlich, und nachdem sie noch einige
Fragen des Altbrgers, die er, geflissentlich den Aufenthalt im Wiesbad und die
Geschichte des Kindes umgehend, ber einige Umstnde des Raubes auf der
Heerstrae an sie richtete, beantwortet hatte, ging sie stille und demthig mit
der mden Agnes hinweg.
    Diether sa lange da, und konnte des Grollens in seiner verwundeten Brust
nicht Herr werden. Der Groll wich endlich auf kurze Weile, und ein unsglicher
stummer Schmerz trat fr ihn ein. Der Gedanke, von Weib und Sohn sich verrathen,
von der tugendhaft geglaubten Wallrade entehrt zu sehn, prete dem alten Manne
dicke Tropfen der innersten Marter aus den Augen, und in solcher
Niedergeschlagenheit fand ihn der Oberstrichter, welcher pltzlich in dem
Gemache erschien. Der Eintritt desselben machte keinen unangenehmen Eindruck auf
den Leidenden. In einer nicht unbedeutenden Reihe von Jahren durch die Geschfte
des Kriegs und des Friedens verbunden, hatten sich beide einander
freundschaftlich genhert, ohne innige Freunde geworden zu seyn. Der
Oberstrichter, dessen grter Fehler ein Jhzorn war, leicht zu wecken, schwer
zu besnftigen, hatte keinen Grund gehabt, Diethern gehssig zu seyn, und dieses
letztere Mitrauen, von des hfelnden Schultheien Bewerbungen um Margarethens
Gunst aufgereizt, hatte den fr Frauen nicht empfnglichen Oberstrichter
unverwehrt dann und wann das Haus besuchen lassen. Sogar der verdrieliche
Auftritt mit Dagobert auf Limpurg hatte Diether nicht von dem Richter entfernt,
obschon der letztere unverholen auf des Schultheien Seite gewesen. Gewohnheit
hatte sie, die beide gegen Dagobert grollten, zusammen gehalten. Auch heute
reichte Diether dem Gaste die Hand zur stummen Begrung. - Gott walte im
Hause! sprach der Oberstrichter: Vergebt, Alter, da ich einbreche wie ein
Kundschafter. Von Eurer Wallrade ist noch keine Spur zu finden, und der
Stadthauptmann in Verzweiflung, Euch nicht krftiger dienen zu knnen. Die
Aussagen des Knechts reichen nicht hin, und nicht die der Zofe, wie ich
vernehme. Beide wissen nur, da die Veste, in welche man sie geschleppt, weit
von hier liegen mu, und aussieht wie ein jedes Schlo im Innern auszusehen
pflegt. Man mu von der Zeit erwarten, was sich jetzo nicht frdern mag. Ein
ander Geschft bringt mich hieher. Ich suche Vollbrecht, Euers Sohnes Knecht.
Sein ehemaliger Herr ist in den Handel des Juden verwickelt, und am Ende wei
der Knecht mehr davon, als wir alle. - Vollbrecht ist mit Dagobert auf die
Streife gezogen, erluterte der Altbrger. - Hm! brummte der Oberstrichter:
da werden wohl beide nimmer heimkehren. Euerm Sohne ist's schwerlich Ernst, die
Schwester aufzusuchen, deren Gefngni ihm bekannt genug seyn mag. Und das bse
Gewissen wird schon das brige thun. Ich bedaure Euch, alter Freund, Ihr habt
keine Freude an dem Erben Euers Namens, denn ... was den Johannes betrifft ....
- Schweigt um's Himmelswillen! unterbrach ihn Diether: Schmerz und Zorn
zersprengen mein Herz. Nicht der leiseste Zweifel bleibt mir mehr. Die sey Euch
genug. Mein lasterhaftes Weib ist aus meiner Liebe gestoen, wie ich es schon
aus meinen Armen stie. - Und dennoch wollt Ihr nicht glauben, was die ganze
Stadt glaubt; erinnerte der Oberstrichter: das Laster geht riesengro einher,
sobald man es nicht im Wachsthum tdtet. Glaubt mir; Ben David wollte Euch
erwrgen; Ben David wurde dafr von Margarethen gedungen. Schttelt nicht das
Haupt. Die Zeit trifft zusammen. Eitel, euer Knecht, glaubt in jenem Manne, der
bei Nachtzeit aus dem Hause schlich, den mit Geld beladnen Juden entdeckt zu
haben. Dagobert hatte dazumal schon den Freibrief von dem Papste erwirkt;
Dagobert sollte zurckkehren. Gatte und Vater war im Wege. - O da ich es
glauben mu! seufzte Diether trostlos: aber, hrten meine Ohren nicht selbst,
wie die Snderin ihrem Buhler die Rettung des Juden so dringend empfahl? Warum,
wenn nicht ....? - Hrt ferner: fuhr der Oberstrichter fort In unserm Thurme
liegt ein junger Bube, ein angehender Helfershelfer der Blutzapfer; ein Lehrling
des Webergesellen Borames. Ein einzigmal ist der Bube in der Mrder Genossame
gekommen, ohne, wie er schwrt - einen einzigen derselben zu kennen, noch den
Ort wieder bezeichnen zu knnen, an den er damals in einer Schneenacht gefhrt
worden. In jenem Mordwinkel jedoch, behauptet er gehrt zu haben, da ein Ritter
mit dem Juden einen Handel abgeschlossen, Euch aus der Welt zu schaffen; um zehn
Pfund Heller glaubt er, seyet Ihr verkauft worden. - O der
Niedertrchtigkeit! rief Diether emprt: und dieser Ritter ....? - Dagobert
oder Euer Schwager von Leuenberg; antwortete der Freund achselzuckend. -
Schndlich! jammerte der trostlose Vater: Ich bin Preis gegeben dem
abscheulichsten Meuchelmord, und wei es nicht, in welcher Hand der Dolch mich
bedroht. - Das Mittel, hell zu sehen, fuhr der Oberstrichter fort, wre, der
Anklage freien Lauf zu geben, die ich gegen Euer Weib verhngen will, und die
das Gestndni des Juden bekrftigen mu. Die Wahrheit mu alsdann durch Gottes
Frsicht an den Tag kommen. - Nimmermehr; erklrte Diether mit schneller
Fassung: nicht also beschimpfe ich selbst mein Haus. Das Weib, das ich einst
liebte, sollte ich der ffentlichen Schande Preis geben, einem schmhlichen Tode
berliefern? Nein! ich will nicht klagen, und verbiete Euch, es zu thun. Ich
werde die Snderin von mir entfernen, ber als eine letzte Gnade empfange sie
ihr Leben von mir. - Ihr seyd die Milde selbst, uerte der Oberstrichter:
ich wei jedoch nicht, ob ich Eurer Barmherzigkeit werde willfahren knnen. Des
Schultheien Befehl drften ... - Der Schulthei wird nicht als Klger
auftreten knnen, so lange ich schweige, versetzte Diether heftig. - Wohl und
recht; sprach der andre nach einer Weile: erlaubt jedoch, da ich Euch auf
eine Pflicht aufmerksam mache, die Ihr - bslich, will ich nicht glauben - aber
lssig zu bersehen scheint. - Hiemit ging der Oberstrichter nach der Thre,
sah behutsam hinaus, ob Niemand um die Wege, kehrte dann zurck, und zog
Margarethens Gatten in die Ecke. Euer Sohn, sprach er, hat ein gewaltig
rgerni gegeben, und seine Vergehen sind weltbekannt. Er hat geschndet Euer
Haus in strflichem Bunde mit Eurem Weibe; er hat entehrt Euern Stamm, der einen
wilden Zweig in seiner edeln Krone trgt. Er hat hchst wahrscheinlich einen
Mrder gedungen gegen Euch; er hat das richterliche Amt verletzt auf
ffentlicher Strae, eine schlechte Judendirne vertheidigend; er lebt, nach
wohlverbrgten Angaben in Buhlerei mit dieser Jdin, deren Schlupfwinkel die
Gerechtigkeit nur zu erfahren strebt, um ihr den wohlverdienten Lohn werden zu
lassen. Blutschande, Verletzung kaiserlicher Majestt, Mord, Abfall vom
christlichen Glauben nennt man obige Vergehen. Ihr hemmt den Arm der
ffentlichen Rechtspflege; aber die Snde soll nicht ungestraft bleiben, da auch
im Verborgnen gerichtet wird unter dem hchsten Knigsbann. Ich frage Euch also,
Diether Frosch, Schppe der heimlichen beschlossenen Acht, ... was werdet Ihr
thun? - Diether fuhr heftig zusammen, und mute sich an dem Gesimse anhalten,
um nicht hinzusinken. Der Oberstrichter raunte ihm hierauf in die Ohren: Denkt
Euers Eides, und Eurer frei-kaiserlichen Schppenpflicht. Einmal habe ich
gewarnt. Ich thue es nicht das zweite Mal. Nchsten Dienstag wird gehegt, und
der Stuhl erwartet Eure Klage. - Um Gott! seufzte Diether: Dieses Grliche
hat mir nicht geahnt. Um des Heilands willen! eben so gut htte ich meinem
Sohne, der doch mein Fleisch und Blut bleibt, den Dolch in die Brust stoen
knnen, denn - mu ich dort klagen, ist er ohne Gnade dahin. - Ertapptet Ihr
ihn auf handhaftiger That, so wr's an Euch, in des Knigs Namen zu richten;
versetzte der Oberstrichter kalt: verbessert jetzo Euern Fehler. Die Pflicht
ist schwer, ich geb' es zu; aber eines echten Freischffen schwerste Pflicht ist
seinem Eide etwas Leichtes. Lebt wohl, Bruder. Gedenkt Euers Schwurs. - Der
Oberstrichter berlie den Altbrger seinen Betrachtungen, wie unerbittlichen
Henkern ein vergebens widerstrebendes Opfer.
    Da nun der ehrbare Herr sich dem Rathhause nherte, sah er an dessen Pforte
den Schulthei stehn, im vertraulichen Gesprche mit Zodick, den er jedoch bald
entlie, da er des Oberstrichters ansichtig wurde. Der Letztere sumte nicht,
seinem Gnner und Freunde zu berichten, da durch seine Bemhungen alles
Verdchtige in Diether's Hause sich zu entwickeln im Begriffe stehe. Der
Schulthei lchelte freundlich bei dieser Kunde. - Recht, mein guter Herr und
Freund; sprach er: hier gilt es viel zu thun fr Euern Eifer, das Bse, das
sich halsstarrig Euerm Falkenblick zu entgehen strebt, an's Tagslicht zu ziehen.
Mir, setzte er lchelnd hinzu: mir ist das Glck nicht so gnstig. So oben
benachrichtigt mich der getaufte Jude, da es ihm noch nicht gelungen, den
Aufenthalt Esther's auszuwittern, und ich darf Euch versichern, da ich des
Geldes nicht schonen wrde, ihn zu entdecken. - Der Oberstrichter wiegte
achselzuckend den Kopf. Ich konnte nicht wissen, entgegnete er, da die
armselige Jdin Euch es angethan. Ich htte sie wahrlich nicht so wohlfeilen
Kaufs damals entkommen lassen. - O, Ihr wit nicht, was schn ist! versetzte
der Schulthei seufzend: Das verwilderte Gesicht eines Mrders, der schon Jahre
lang in Euern Kerkern modert, hat der Reize mehr fr Euch als die Rosenwangen
des schnsten Frauenbildes. Schafft mir diejenige wieder, nach deren Besitz ich
mich unaussprechlich sehne, und verlangt von mir, was Ihr wollt. Mein schner
floreicher Weiher am Feldberg hat Euch bestndig so wohl gefallen. Er ist Euer
mit all seinen Fischen, fr das einzige Fischlein, das Ihr aus dem Netze liet,
weil Ihr seinen Werth nicht zu schtzen wutet. - Traun, Herr Schulthei,
lachte der Oberstrichter: ich war all mein Tage ein schlechter und lssiger
Dirnenfnger, aber dort seh' ich, wie mich dnkt, einen ganz andern Fisch die
Strae heraufschwimmen, der noch nicht einmal wei, an welcher Angel er hngt.
- Es wlzte sich auch wirklich durch die ziemlich enge Gasse ein Schwarm von
Menschen daher mit Sing und Sang und Pfeifenklang, die sich gar frhlich
geberdeten. Zwei Gestalten in buntfarbiger Kleidung, - junge Mnner, die ihre
jugendlichen Gesichter mit ungeheuern falschen Brten verziert hatten, -
erffneten den kleinen Zug, lange Schwerter auf den Schultern tragend. Ein
Panner- und Schildtrger folgte auf sie, und ihnen nach jubelte die ganze Zunft
der Harnischer und Waffenschmiede, dem Reiter, der in ihrer Mitte langsam und
gravittisch einherklepperte, ein helles Lebehoch! bringend.
    Ist das nicht der von Hlshofen? fragte der Schulthei, die Hand vor die
Augen haltend, um besser zu sehen. - So ist's, gestrenger Herr, erwiederte der
Oberstrichter: auf meine Einladung in Euerm Namen kehrt er zurck, und ich
gnnte ihm gerne das kurze Festgeprnge, das ihm die Waffenschmiede zugedacht,
da er in Costnitz durch seine Fechterkunst unsrer Stadt viel Ehr' und Ruhm
erworben. An Euch ist es nun, ihm anzuknden, wozu er eigentlich hieherberufen.
- Das geschehe auch auf der Stelle, meinte der Schulthei, und zog sich mit
seinem Freunde an die innere Treppe zurck, da die ankommende Menge schon
anfing, die Pforte zu belagern. Mit einem dreimaligen Vivat, dem Kmpfer und der
Vaterstadt dargebracht, wurde Gerhard vom Gaule gehoben, und betrat die Schwelle
des Heiligthums der Gerechtigkeit. Zu seiner Linken trug man sein Wappen und die
Waffenstcke, die er im Rennen zu Dank erhalten; zu seiner Rechten das Panner
der Zunft, und die in Turnieren eroberten Stechfhnlein. Mit einer bescheidnen
Unterwrfigkeit, aber nicht ohne jenes Selbstbewutseyn, das so gerne dem
wirklichen oder Schein-Verdienst entspringt, nherte sich der Fechter dem
Vorsteher der Stadt, und empfahl sich seinem Wohlwollen, mit der Bitte, ihm die
Ursache wissen zu lassen, die seinen also schnellen Aufbruch von Costnitz nthig
gemacht. - Der Schulthei erwiederte mit Wrde: man wrde ihm diese Ursache
nicht vorenthalten, sobald er sein Geleite verabschiedet haben wrde. - Nun, so
geht denn hin, ihr guten Jungen; sprach Gerhard zu den jubelnden Freunden:
Gott hat meinen Einritt gesegnet, und mich mit allerlei Ruhm bekrnt
wiederkehren lassen. Eure Freude thut meinem Herzen wohl, aber noch wohler wird
meiner drftenden Kehle der Firnewein thun, den ich von Eurer Freigebigkeit zu
erhalten hoffe, gehet darum hin auf Eure Stube, und pflanzt die weien
Holzbecher auf, die ich so sehr liebe, und diese Waffen und Fhnlein, die Zeugen
der Tapferkeit, mit welcher ich das Ansehen Eurer Stadt in der Fremde
behauptete. Mit den gestrengen Herren allhier habe ich noch einige Worte zu
wechseln, und dann bin ich bei Euch, ehe Ihr's Euch verseht. - Die Meister der
Zunft schttelten dem erprobten Zecher und Raufer die mchtige Faust, die
Gesellen schlugen die kleinen Tartschen und Kolben aneinander, mit denen sie
sich der Festlichkeit halber geschmckt hatten. Die Pfeifer blieen zum Rckzug,
und unter gellendem Freudengeschrei wurde dieser auch wirklich angetreten.
Gerhard stieg mit den beiden Machthabern die Treppe vollends hinan, und
erschpfte sich in prahlerischen Redensarten, und in der Wiederholung der Gre
und Freundschaftsversicherungen, welche ihm, seinen Betheuerungen zu Folge,
Frsten und Herren an den wohlweisen Rath von Frankfurt aufgetragen, mit auf den
Weg gegeben hatten. In dem Strome seiner langathmigen Rede dahinschwimmend, und
wie ein geschickter Schtze immer das vorgesteckte Ziel erreichend, und die
Hoffnung berhrend, die er auf die bekannte Gromuth und Freigebigkeit des
Magistrats gesetzt, bemerkte Gerhard nicht, da Schulthei und Oberstrichter
hartnckig schwiegen, und kein Wrtlein auf all diese zudringlichen
Hflichkeiten zu erwiedern Lust hatten. Da aber die Thre des Schffengemachs
hinter ihnen zugefallen war, und Gerhard sich noch immer vergebens nach einem
freundlichen Gesichte umsah, statt dessen jedoch nur zwei ganz ernsthafte vor
sich erblickte, wurde ihm anders zu Sinne. Er schwieg ebenfalls, und manche
lngst vergessene Schalkheit, fr die er jetzo zur Verantwortung gezogen zu
werden befrchtete, drang sich seiner Erinnerung auf; indessen glaubte er aus
allen Himmeln zu fallen, als ihn der Schulthei folgendermaen anredete: Herr!
Ihr habt Euch zu Costnitz gehalten wie ein Mann; glaubte ich nicht den Berichten
der dort anwesenden Schffen, ich mte es Euerm ruhmredigen Mund unbedingt
glauben; allein nicht um Eurer Thaten willen belobt zu werden, wurdet Ihr
zurckberufen, sondern um Rechenschaft zu geben von einer Handlung, die sich
eben so wenig mit Euerm Wappen, als mit Euerm Stand als Dienstmann dieser
reichsfreien Stadt vertrgt. Darum werdet Ihr Belieben tragen, Eure Wehr an den
ehrbaren Herrn hier zu meiner Seite abzuliefern, und in seinem Hause fr's Erste
ritterliche Haft Euch gefallen zu lassen. Von Euerm Benehmen und Euern
Gestndnissen wird es abhngen, ob Ihr daselbst verbleiben drft, oder hrtern
Gewahrsams schuldig seyd.
    Der Edelknecht stand verblfft, und spielte in seiner Verlegenheit mit dem
Wehrgehnge. Gestrenger Herr, versetzte er endlich: Gott der Herr behte
meine Ohren; ich frchte aber, sie haben falsch gehrt. Ich wte nicht, welcher
Popanz von Glubiger mich verklagt haben knnte. In Costnitz hat der Wirth zum
Engel mein Kerbholz feierlich zerbrochen, und in allen Ehren auf der
Schiefertafel das Zeichen, das mich vorstellte, ausgelscht. Ich bin frei dort
weggegangen wie der Barfer, der den besten Schmaus mir mit einem Gratias
vergilt. Kleine Lumpereien zu geschweigen, welche einige gemeine
Hintersassenseelen allhier von mir zu fordern haben, bin ich ohne alle Schulden,
und begreife darum nicht, warum ich in des ehrbaren Herrn Oberstrichters Hause
meine Schlafsttte aufschlagen soll1. Hier ist ein Irrthum, liebe Herren und
Meister.
    Mit nichten, Junker; erwiederte der Oberst-richter: Von Eurer
gewhnlichen Krankheit ist diesmal nicht die Rede. Ihr gebt einen sehr
unvortheilhaften Begriff von Euerer christlichen Gewissenhaftigkeit, da Ihr
keine Ahnung von dem Vergehen kund gebt, dessen man Euch bezchtigt. Da sich
jedoch Eure Erinnerungen meistentheils nur an Herbergen und Trinktische knpfen,
so brauche ich Euch nur den Wirth zur Traube zu Worms in's Gedchtni zu rufen,
um Euch mit einemmale von Allem in Kenntni zu setzen. - Ha! der Schelm!
braute Gerhard auf: Ich wollte, ich drfte bei einem Ringelrennen seinen
nichtswrdigen Glotzkopf vom Rumpfe stechen. Der Bursche lgt, wenn er das
Kleinste noch an mich begehrt. Hie Paar Turnosen, die ich ihm schuldig wurde,
weil er immer doppelt und dreifach in's Holz schneidet, sind ihm lngst bezahlt;
das will ich durch einen gestabten Eid erhrten und bekrftigen. - La das!
antwortete der Schulthei verchtlich: Da Ihr zahltet, wissen wir. Sagt uns
lieber, wie Ihr bezahlet.
    Je nun, .... hob Gerhard an, und verstummte aber in selbigem Augenblick,
da ihm pltzlich der Handel mit dem Juden beifiel. - Der Oberstrichter fiel
dagegen siegreich ein: Da haben wir's. Dieses Stocken verrth den ganzen
Hergang. Die Wormser Juden haben Recht, und Junker Gerhard wird sich freisam
herausreden mssen, wenn er mit ehrlichem Schild aus dem Gedrnge zu kommen Lust
hat. - Gerhard nahm mit einer wehmthigen Miene das Schwert von der Hfte und
reichte es wie ein armer Snder dem Oberstrichter hin. - Getrenge Herren,
stammelte er verlegen: Eure Weisheit und Gerechtigkeit wird ja wohl einen
Fehler von einem Verbrechen unterscheiden. Nicht alles, was Juden und hnliche
Heiden ber einen eifrigen Christen aussagen, ist ein Evangelium. - Ich
vermuthe, fuhr er immer verzagter fort, whrend seine Zuhrer das Lachen
verbeien muten, - da hier von einem gewissen Knaben die Rede werden drfte,
der mir zu Worms pltzlich zu, und noch pltzlicher abhanden gekommen seyn soll.
Ich kann jedoch einen krperlichen Eid darauf ablegen, da der verdammte Jude,
.... - hier ist nicht der Ort zu Eurer Rechtfertigung, noch zum Eide,
unterbrach ihn der Schulthei: Der Oberstrichter wird Euch beides abfordern,
wann er es fr nthig erachtet. Folgt ihm jetzt. - Gerhard rieb sich ngstlich
die Stirne. Euer Haus, liebster Herr, seufzte er, ist so nahe am Eschenheimer
Thurm, da ich nichts Gutes aus meiner Einkehr bei Euch erwachsen sehe. Und
dennoch - Ihr werdet sehen - bin ich eigentlich schuldlos. Lat mich daher zum
mindesten im Staat gewahrsam. Ich gebe Euch meinen adlichen Handschlag, durch
kein Pfrtlein noch Thor zu entwischen. - Der Oberstrichter verneinte. - Traut
Ihr dem Worte eines biedern Edelmanns nicht, so verstattet mir einen Brgen;
fuhr Gerhard dringender fort. Mein bester Freund lebt zum Glcke hier, Herr
Dagobert Frosch des Schffen Sohn. Er wird sich fr meine Redlichkeit und Haft
verbrgen, und mir ein vorteilhaft Zeugni geben knnen, da, wie mir gerade
einfllt, er selbst just bei dieser ganzen Wormser Begebenheit gegenwrtig
gewesen.
    Dagobert Frosch? fragte der Oberstrichter schnell. - Der junge Mann hat
ja berall die Hnde im Spiel; setzte der Schulthei mit Schadenfreude hinzu,
und dem armen Gerhard wurde es mit einemmale recht klar, da er des Freundes
wohl zu vorschnell erwhnt hatte. Nun half ihm kein Zgern mehr. Der Schulthei
wie ihn blo auf ein aufrichtiges Bekennen an, und, statt auf der Zunftstube
Wein und Lob im ungeheuern Mae zu genieen, mute er dem Oberstrichter ohne
Widerrede folgen. Wie ein Sieger war er eingezogen, und sa nun zwischen vier
kahlen Wnden. Von einer Sule des Ruhms hatte ihm getrumt, und vor den Gittern
seines Fensters streckte sich der Eschenheimer Thurm in die Hhe, sein knftiger
Aufenthalt, wenn Zufall oder Willkr oder Gerechtigkeit seine Lage verschlimmern
wrden. Von Dagoberts Klugheit allein hoffte er einen Ausweg aus diesem Gewirre
von bsen Folgen einer beln That, und darum war bald der Entschlu in ihm fest
geworden, den jungen Mann ohne Rckhalt mit in die Geschichte zu verwickeln;
berzeugt, da der Verstand desselben gewi Sieger werden wrde.

                                    Funoten


1 Des Oberstrichters Wohnung war in der Regel das Schuldgefngni angesehener
Leute.


                                Neuntes Kapitel.

 Ein wenig Lieb' ist karg und leer,
 Ein wenig Lieb' ist keine;
 Viel Lieb' ist eben auch nicht mehr;
 Lieb' ist die vllig Eine,
 Lieb' ist nicht wenig und nicht viel,
 Deine Lieb' ist ohne Ma und Ziel.
                                                                      St. Schtz

Leb' wohl, mein ses Kind! Gott behte Dich, arme Maid! hatte Dagobert bei
seinem Abschiede zu Esther gesprochen, und dieses einfache herzliche Lebewohl
war der Verlaenen fest im Gedchtni geblieben. An jedem Tage wiederholte sie
wohl tausendmal die Worte ihres Beschtzers, wie ein frommes Gebet, denn sie
schienen ihr einen unfehlbaren Segen zu enthalten. Die gute Crescenz, die - ein
seltnes Beispiel in ihrer finstern Zeit - Dankbarkeit hher achtete, denn
Vorurtheil, bemhte sich, an Esther aus Krften zu vergelten, was sie von deren
Vater empfangen, und war treu in der Sorgfalt, die sie dem scheidenden Junker
Dagobert gelobt hatte. Auf diese Weise konnte es denn geschehen, da Esther auf
dem Schellenhofe einige Tage verlebte, so ruhig, als sie nur, den Umstnden
nach, seyn konnten. In einem versteckten Giebelstbchen hausend, von niemand
bemerkt. Allen im Hause fremd, - die gutmthige Pflegerin ausgenommen - hatte
sie vllige Mue, ihres treuen Freundes zu denken, und ihres armen Vaters, den
sie nicht sehen zu wollen dem Junker, welcher fr ihre eigne Freiheit zitterte,
hatte versprechen mssen. Sobald jedoch die Dmmrung heranschlich, durfte sie
auch von den Gegenstnden ihrer Liebe sprechen, denn Frau Crescenz nahm alsdann
Platz an ihrer Seite im traulichen Kmmerlein, und geschwatzt wurde von der
Vergangenheit und gebaut auf die Zukunft. Wollte nun auch Estehr's Vertrauen auf
diese letztere wanken, so war die fromme Hauswirthin bereit, mit unzhligen
Trost- und Denksprchen dieses Vertrauen zu befestigen, erinnerte die Zagende an
die Unschuld ihres Vaters, die denn doch gewi, wie Alles, an den Tag kommen
mte, an den Freund, den ihr die Vorsicht zugesandt, und an die unendliche
Gnade Gottes, die auch an ihr sich wunderthtig erweisen werde. - Glaube mir;
sprach die wackre Alte dann: was auch Deine Rabbiner sagen mgen, - Ihr habt
keinen andern Gott, denn wir. Er ist der Einzige der alle Mensch mit gleicher
Liebe umfat. Es ist freilich ein Unglck, da Du noch in den Irrthmern Deiner
Glaubensbrder verstrickt liegst, allein der Herr wird Euch schon davon
befreien, wann es zu Euerm wahren Heil seyn wird. Ich denke, Euerm Beschtzer,
der sich ja ohnehin der heiligen Kirche zu weihen hat, wird das fromme Werk
Eurer Bekehrung vorbehalten seyn, und einen bessern Tufer findet Ihr niemals.
Bis dahin trste Dich jedoch mit dem Beispiele andrer Unglcklichen, die aus
ihren tiefen Nthen zum Herrn emporschreien und seufzen, je nachdem sie ihr
Elend offenkundig machen drfen, oder geheim halten mssen. Geld und Gut macht
nicht glcklich, die liebe Gesundheit des Leibes sogar nicht, aber die weit
bessre Gesundheit der Seele und des Gewissens, die Zufriedenheit in Herz und
Haus. Sieh nur einmal die Eltern unsers ehrsamen Junkers Dagobert: Reichthum die
Hlle und Flle, und doch nicht glcklich, nicht einig. - Esther horchte auf,
und fragte nach der Ursache. Crescentia schttelte bedeutend den Kopf, und
meinte, Gerchte wie sie des Pbels lgenhafter Mund ersinne, zu wiederholen,
gezieme einer gottesfrchtigen Frau nicht. - Meine Else hat mir auch mehr des
Unheils ahnen lassen, als wirklich erzhlt; setzte die Alte bei: aber ein
bser Wurm mu an dem Leben und dem Frieden der beiden Eheleute nagen. Sie sind,
wenn gleich von derselben Mauer umschlossen, getrennt in ihrem eignen Hause, und
der Himmel wei, welch Unheil noch aus all den bsen Vorzeichen sich entwickeln
wird. Eh, als eine treue Dienerin des Hauses, baue fest auf die Vermittlung des
jungen Herrn, der wohl bald im Kleide des Friedens zwischen die beiden treten
und sie vershnen wird. - Jawohl! bekrftigte Esther mit schwrmerischem
Ausdruck: Er ist ja ein vershnender Engel! ein gar holder lieblicher Diener
des barmherzigsten Herrn, wie er sie nicht hufig zur Erde niedersendet. - Du
sprichst ja fromm und zart, wie ein heiliges Buch! bemerkte Crescenz
wohlgefllig lchelnd: Wandle fort in dieser Bahn, so wirst Du bald den Herrn
in seiner reinsten Glorie erkennen lernen. Verehre immerhin den tugendhaften
Junker als einen Heiligen und liebe ihn wie einen solchen. Es ist vllig in der
Ordnung, da er sich nimmer ehelich verbinden darf. Er gehrt nmlich unter die
seltnen Mnner, die zu edel sind, um blos als Mnner geliebt zu werden. Meinst
Du nicht auch? - Verschmt und stumm gab ihr Esther vollkommen Recht, insofern
ihr Haupt nickte. Was aber auf dem Grunde ihres Herzens vorging, mochte sie der
freundlichen Wirthin doch nicht enthllen. Sie mochte ihr nicht entdecken, wie
Dagobert so ganz der Abgott ihrer Seele geworden, wie sie sich sehne, ihn zu
umfangen hier auf der Erde wie jenseits in den Himmeln. Sie mochte ihr nicht
gestehen, da selbst des Vaters Leiden nicht den Sturm in ihrer Brust erregten,
als der einfache Gedanke, es mchte dem geliebten Dagobert auf seinem Zuge ein
Leid begegnen. Zerrissen von herbem Kummer, und beseligt von verschwiegener
Liebe verschlo Esther den Schmerz und die Lust ihrer Abgeschiedenheit in sich,
um flehte tglich zu dem Gott ihrer Vter um die Erfllung ihrer heiesten
Wnsche: um Dagobert's Rckkehr, um Ben David's und Jochai's Befreiung durch des
Edeln Hlfe und Macht, um ungestrte Verborgenheit bis zu diesem ersehnten
Zeitpunkte. Diese Verbogenheit aber konnte sie dem Geschick nicht abringen. Am
folgenden Tage wurde Crescentia, da sie gerade ihrer Schutzbefohlnen das
Vesperbrod gebracht hatte, durch den Klang der wohlbekannten Thorschelle
abgerufen, um einen Besuch zu empfangen. Esther, deren Busen hoch schlug in der
Erwartung des Geliebten, lauschte an der Treppe, ob nicht die erfreuliche Stimme
des Junkers unten laut wrde. Sie hrte Reden aus mnnlichem und weiblichem
Munde wechseln, und endlich in Crescentia's Wohnstube verhallen, und bereits
wollte sie, mimuthig ber die Tuschung ihres sehnsuchtvollen Herzens, in ihre
Klause zurckkehren, um sich einzuriegeln, als ein leiser knisternder Schritt
sich auf den Treppen hren lie, die zu ihrem Versteck fhrten. Die Hoffnung
erneute sich in ihrer Brust. O gewi! dachte sie, ... o gewi ist er
zurckgekehrt, und gedenkt mich zu berraschen mit einer Flle von Seligkeit,
mit seinem wonnigen Anblick, Leise erklimmt er die Stufen, um wie eines
Schutzengels Erscheinung pltzlich vor mir zu stehen; aber er soll mich
vorbereitet finden. Er soll sehen, da ich nur an ihn denke, da meine Sinne nur
nach ihm gerichtet sind, da ich durch mein dankbares Vertrauen seines Schutzes
werth geworden bin! -
    Erfllt von diesen entzckenden Gedancken beugte die Lauschende dem Nahenden
ber die Spitze der Treppensule den Kopf entgegen, und blieb stehen wie ein in
gebckter Stellung ausgehauenes Steinbild, da der Anblick, welcher sich ihr
darbot, ihr alle Krfte zum Fliehen fr den Augenblick benahm. Denn nicht
Dagobert's blhendes Antlitz, umwallt von braunen Locken, - ein Rothkopf mit
blassem hlichem, aber wohlbekanntem Angesichte schaute sie an. Ei,
Schickselchen, flsterte der Hliche, in welchem der abscheuliche Zodick nicht
zu mikennen war: ei, lieb Estherchen! Sind' ich Dich endlich? O Du bs
Vgelein! hast Du doch endlich nicht entkommen mgen dem Vogelsteller, der so
lange hat geharrt umsonst? - Der Mensch stand nun lebensgro vor der
Versteinerten, und gab ihr das Leben wieder, da er es versuchte, ihre Hand zu
ergreifen. Zurck! Grlicher! rief sie mit vor Entsetzen halb erstickter
Stimme: Du wagst es? Diese Hand, die meine Vter ermordet, wagt's, mich zu
berhren? .. - Zodick gebot ihr mit einer halb spttischen, halb drohenden
Geberde Schweigen, und zog sie in die offne Thre der Giebelkammer. La ein
vernnftig Wort finden Platz in Deinem Ohre; ermahnte er mit leiser Stimme:
kmmre Dich nicht um das, was ich unternommen gegen Deinen Vater und Jochai.
Solche Dinge gehren nicht fr das Weib, und ich werde verantworten alles, so
ich gethan, an jenem Tage des Zochs und der Barmherzigkeit. - La ab von mir,
seufzte Esther wie kmmst Du hieher, ungetreuer Sohn Jakob's? welch bser Frst
des Unglcks hat Dir verrathen, wo ich athme? - Zwei scharfe Diener meines
Willens; entgegnete Zodick: meine beiden hellen Augen. Beruhige Dich. Nicht
von heute erst ist die Entdeckung. Ich schlich Euch nach, da Ihr diesen
Schlupfwinkel suchtet, Dein Buhle und, Du. - Esther erblate. - Beruhige Dich,
sage ich noch einmal, wiederholte Zodick scharf: da ich bis jetzo Dich nicht
an die Gojim verrieth, die Deiner Freiheit Ketten schmieden mchten, sey Dir
Brge, da ich Dich noch nicht verrathen will. - Lgner! zrnte Esther. - Er
fuhr jedoch kalt und gemessen fort: Ich spreche die Wahrheit. Ich will nicht
gehen gerade von hier, wenn ich lge. Warum sollte ich auch gehssig seyn Dir,
die ich zur Frau machen wollte, ehe der Goi Deine Gunst errang? Hast Du doch
nicht den Christenknaben gekreuzigt, und nicht erschlagen den Friedberger. Hast
Du Dich versndigt mit einem Edomiter, ist es Deine Sache allein, und Deinem
Geschlechte der Treubruch angeboren. Schon Hera hat gefrevelt vor dem Gesetz.
Warum nichts Du? Die Obrigkeit wrde Dich dehalb auf den Scheiterhaufen setzen,
aber ich vergebe Dir. - Welche. Sprache? fragte Esther entrstet: Bist Du
gekommen, meiner zu spotten, ehe Du mich dem Henker berlieferst? Geh' oder ich
rufe nach Hlfe. - Und bereitest dadurch Dein eigen Verderben; ergnzte
Zodick boshaft: thue es doch ja. Es sitzt ein Gast bei der alten Beschlieerin,
der es nicht ungerne she, wenn er mit der Verfhrerin seines Sohns bekannt
wrde. Herr Diether Frosch nmlich, der Altbrger. Verloren bist Du, gibst Du
einen Laut von Dir. Ich verhafte Dich dann im Namen der Obrigkeit. -
Barmherziger, hochgelobter Gott! klagte Esther die Hnde ringend: Entziehe
mir nicht gnzlich Deine Huld! La mich nicht umkommen in den Schlingen meiner
Feinde. Oder, .. wr' es nicht besser, ich theilte die Fesseln meines Vaters,
als da ich hier noch kurze Frist athme unter der Faust des unmenschlichen
Henkers? - Oder, .. ffte Zodick nach ... wr' es nicht besser, ich gbe
mich gutwillig in die Fesseln des Schultheien, als da ich schmachte noch
lnger ohne Liebesku und Spiel, wie eine Wittib? - Esther erschrak mehr ber
die Mahnung an des Schultheien Sinnlichkeit, als ber die rohe Beleidigung, die
sie aus diesem Munde erwarten mute. Der Abtrnnige fuhr aber fort: Bist Du
klug, Estherchen, so schweigst Du, und vertraust auf meine Gte. Ich hab' es
berlegt: Du bist zu schn und zu holdselig fr die lsternen Richter aus
Amalek. Ich gnne Dich ihnen nicht; aber auch dem jungen Goi gnne ich Dich. Der
Bube hat mich einst geschlagen mit Faust und Kolben, und das vergesse ich ihm
nie, so wahr ich gedenke meines Vaters, dem das Paradies sey. Denn es heit: Wer
einen schlgt aus dem Volke Israel, dessen Stamm wird verdorren und sein
Geschlecht ausgerottet werden mit der Schrfe des Schwerts, oder durch den
Strahl des Himmels. Was der Herr bs gemacht hat durch meine Hand und meinen
Mund, will er wieder gut machen auf dieselbe Art. Ergib Dich mir zum Weibe, und
Ben David soll nicht sterben; - auch Jochai nicht, setzte er nach einigem
Bedenken hinzu. - Esther starrte ihn unbeweglich an und stumm emprt.
    Besinne Dich nicht lange; fuhr er fort: gemessen ist die Zeit. Kurz ist
nur der Augenblick, der mir erlaubt hat, Dir zu nahen. Seit manchem Tage
umschleiche ich das Haus, aber immer liegt die Pforte im Riegel, oder das alte
Weib steht daran wie der feurige Wchter am Paradiese. Die Ankunft des Herrn hat
auch meine Einkehr begnstigt. Aber lange darf ich nicht weilen, sollst nicht Du
verloren seyn. Entscheide also. Gib auf den Goi, dem die Hlle sey, und rede zu
mir, wie die Braut zum Verlobten. - Unsinniger Bsewicht! erwiederte Esther
heftig, und entzog sich seinen Armen: Welch ein Wahnsinn blendet Dich. Weit Du
nicht, da des Scheiterhaufens Flamme mir willkommner wre, als eine Liebkosung
aus Deinem Munde? Hinweg! thue was Du willst, aber ich sterbe eher, ehe ich Dein
sndlich Verlangen erwiedre. - Gemach! gemach! flsterte Zodick, dessen
linkes Ohr bestndig gegen die Treppe gespitzt war: Estherchen, geberde Dich
doch nicht wie die krumme Schlange. Warum eiferst Du also? Sehe ich doch hier
nichts Besondres. Du bist einst gewesen die Tochter des reichen Ben David, und
ich Dich Knecht, den Du verschmhtest. Jetzt bist Du das Kind eines zum Tod
verdammten armen Snders, und ich hingegen mehr als Du; nmlich ein Christ. Die
schlechte Jdin sollte sich's zur Erde rechnen, bewirbt sich ein Bekehrter um
sie. Allein sie gedenkt von liebrer Hand die Taufe zu empfangen. Ich merke das.
Wie dem auch sey. Dein Struben hilft nichts, und nicht Deiner Schmhungen
ergiebige Quelle. Bei meines Vaters Gebet und Todeskampf! Ich hole Dich heim,
ehe noch des Mondes Scheibe sich fllt; magst Du mich nun erwarten, geschmckt
wie die Braut, oder thrnend wie das gebundne Opferthier. Hoffe nicht, mir zu
entrinnen, denn es heit: Dem Falken gehrt die Welt, und meinem Falkenblick
wie meinen Sphern entkmmst Du nicht. - Mensch! stammelte Esther,
Todtenblsse auf den Wangen: Was willst Du beginnen in Deiner tollen
Grausamkeit? Hast Du geschworen zu verderben mein Geschlecht, so ermorde mich.
Kannst Du erringen Geld und Belohnung, so verrathe mich an das Gericht. Welchen
Vortheil bringt Dir's aber, so Du mich qulst mit Zumuthungen, deren
Grlichkeit mir den Tod wnschenswerth macht?
    Nrrchen! lachte Zodick hhnisch: Du wirst mich kennen lernen besser,
denn bisher. Leb wohl, und setze all Deine Hoffnung auf mich. - Noch eins!
setzte er bei, an der Thre umkehrend: ich habe versprochen Deinem Vater, zu
bringen von Dir ein Zeichen des Lebens und des Wohlseyns. Der hochgelobte Gott
will, da ich ihn dadurch trste in der Nacht seines verdienten Kerkers. Gib mir
den Ring Deines Fingers, oder die Flechtenspitze von Deinem Haupte, auf da sie
Zeugni geben fr mich bei Deinem Vater! - Esther sah den Menschen lange und
forschend an. O sage mir, Zodick, sprach sie alsdann: rede, und sage mir, wer
Du bist, eigentlich und wahr. Ob ein Abschaum der Verworfenheit, auf welchem
immer die Lge schwimmt, oder ein wahnsinniger Thor, den der Herr geschlagen,
da er die Welt unglcklich mache durch seine bsen Trume und giftigen Reden,
oder aber ein cerblendeter unglcklicher Mensch, der bse handelt aus Rache und
Ha, und gern wieder gut handeln mchte, um seinem bessern Theile zu gengen,
und dem Gesetze, und dem emprten, zagenden Gewissen? Der Erste scheinst Du zu
seyn, da Du Unschuldige in den Kerker legst, und durch falsche Eide den Tod
herabrufst auf ihr Haupt; als den Zweiten gibt Dich Dein Erscheinen kund in
dieser Kammer, und die Reden, die Du darin ausgestoen; aber zugleich mchte ich
Dich fr den Letzten halten, so Du mir betheuern knntest, da keine Hinterlist
hinter Deinem Begehren lausche. - Wofern ich nicht habe versprochen Deinem
Vater, ihm zu bringen ein Pfand Deines Lebens und Deiner Freiheit, hob langsam
und beschwrend Zodick an, - so will ich verkrummen und werden wie ein lahmer
Wurm, der im Staube verscheidet. Die Seligkeit meines Vaters soll von ihm
genommen seyn und dessen unstte flchtige Seele zurckkehren zu dieser Welt, um
mich zu peinigen durch sieben Ewigkeiten, und alle Blutschuld von Israel und
Edom falle ber mein Haupt zusammen wie die Felsen von Josaphat. Also geschehe
mir, wofern .... - Halt ein mit dem grlichen Schwur, der den Unglubigsten
berzeugen mte von der Wahrheit dessen, was Du gesagt! unterbrach ihn Esther
schaudernd, indem sie mit schneller Hand eine Locke vom Haupte schnitt, und sie
dem falschen Boten hinreichte: Da; nimm, rthselhafter Mensch, der bald die
Hlle selbst in sich erschliet, bald eine menschliche Regung kund gibt. Bringe
den armen Gefangnen in Babylon Trost durch dieses Zeichen, und la den
hochgelobten Gott Deine Seele lenken, da Du erwachsen mgest aus dem Schlummer
der Snde, und widerrufest, was Du gelogen und falsch beschworen. Zodick! fuhr
sie fort, da er stumm und stier, wie nachsinnend vor sich hinsah, und sie dieses
Schweigen fr eine menschliche Rhrung nahm: Zodick! Hre mich! Noch habe ich
mich nicht herabgelassen, zu flehen bei Dir; heute aber thue ich es. Hre den
Jammer eines Kindes, das seinen Vater sieht sterben in Noth und Pein. Auch Du
willst einst Vater werden. La Dich rhren das Schicksal Ben David's, Deines
vterlichen Freundes. Nimm sie zurck, diese Anklage, die drei Menschen
erbrmlich hinwrgt, wie schuldlos gepeinigte Lmmer.
    Schweige! entgegnete Zodick berrascht: Das geht nicht; aber, Gott soll
mir helfen, das rgste will ich treiben ab, so Du mir sagst: Massal tosch! -
    Mit einem Blicke des Abscheus wendete sich Esther ab, und der freche
Brautwerber drohte ihr grinsend mit dem Finger: Was man oft verweigert in
Gte, murmelte er spottend, das gewhrt man oft der Gewalt. Gute Feiertage,
Schickselchen. Wir sehn uns wieder. Denk an mich. -
    Mit der Schnelligkeit eines Kobolds huschte der Mensch ber die Treppen
hinunter, und entkam glcklich, wie sich aus der Ruhe des Hauses schlieen lie.
Statt seiner fand sich bald die alte Crescentia ein, und weckte Esther aus den
bsen Trumen, in welche sie der Besuch des gefrchteten Zodick versetzt hatte.
- Gute Esther, sprach die Frau, nicht ohne eine kleine innere Bewegung zu
verrathen: ich bitte Dich, ja recht ruhig Dich hier oben zu verhalten, damit
Deine Unwesenheit nicht kund werde. - Nun erst fiel Esthern der Besuch des
alten Diether ein, und aufschreckend fragte sie: Bin ich entdeckt? Hat mich
Herr Frosch ausgekundschaftet? - Crescenz schwieg ein wenig betroffen, dann
entgegnete sie: Ei, ei, Mgdlein, wie kannst Du wissen, da Herr Frosch der
Altbrger hier gewesen, wenn Du nicht gelauscht hast an der untern Treppe? Diese
Neugierde ist euch Juden angeboren, htte Dich aber diesmal in groe Gefahr
bringen knnen. Der alte Herr war ohnehin so aufgeregt und unwirsch, ... und
wenn er vollends Dich gesehen, - erfahren htte, wen ich hier ohne sein
Vorwissen beherberge .... - beim Stcker sest Du, und ich wre um den
kommlichen ruhigen Dienst. - Esther erwiederte nichts, da sie es nicht gerathen
hielt, den gehabten Besuch anzuzeigen, und die geschwtzige Crescenz fuhr fort:
Zum Glcke hat es diesmal nicht Dir gegolten, Du mein armes neugieriges
Heidenkind; aber neue Hausbewohner hat der Herr auf den Schellenhof gebracht,
und da dieselben gerade unter dieser Giebelstube ihren Sitz aufgeschlagen haben,
so empfehle ich Dir leise Socken und ein hbsches feines Schweigen. - Neue
Hausbewohner? fragte Esther: Herr Diether Frosch hat sie gebracht? -
Jawohl; seufzte die Alte, und schlug, achselzuckend gen Himmel sehend, ein
Kreuz: Die Welt wird immer bser und verdrossener von Tag zu Tage. Komm' ich
mir doch beinahe vor, wie der Gefngniwrter hten, die man in der Stadt nicht
wohl aufheben mag. - Esther seufzte tief auf. - Nu, nu, fuhr die Alte fort:
das soll Dir nicht zum Gehr geredet seyn, mein Duschen. Du bist, abgerechnet,
da Dein Vater ein Jude ist, wofr Ihr beide, er und Du nichts knnt, ein seines
reines Mgdlein, und ich wollte auf Deine Ehrbarkeit einen Eid schwren, blos
allein, weil Junker Dagobert Dich seines Schutzes wrdigt; allein die da unten
ist nicht mehr rein wie der Schnee und die Apfelblthe an meinen Bumen, und ich
wollte alles verwetten, da in ihr der Grund alles Zwiespalts im Froschiachen
Hause aufzusuchen ist. - Wer ist diejenige, von welcher Ihr sprecht? fragte
Esther. - Die Magd ist's, die so eben der alte Diether hieher geleitet, und
sammt einem holden Tchterlein in meine Verwahrung gegeben hat, bis auf weiteren
Befehl. Er nimmt Antheil und Sorge an dem Tchterlein, sagt er, und ich glaube
es wohl, denn man mte blind seyn um nicht die Wahrheit zu errathen. Er findet
es nicht gerathen, das Mgdlein und deren Mutter in seinem eignen Hause zu
beherbergen. Das meine ich auch, sintemalen die Hausfrau daselbst das Regiment
fhrt, und solche vom Himmelgefallene Kinderleins mit scheelen Augen ansehen
wrde. Da soll denn nun mein guter ehrlicher Schellenhof das Nest seyn, wo
fremde Eier, Kuckuckseier, verwahrt werden mgen. - Aber, was bedeuten denn
diese Reden? fragte Esther: was meint Ihr damit? - Da den alten Herrn der
Leidige zu unrechter Zeit geblendet hat, eiferte die fromme Crescentia; und
da hier die Schande verborgen werden soll. Meinethalben; ich bin eine alte
Magd, und mich kmmert nicht, was die Herrschaft thut oder lt; ich sehe daher
auch ganz ruhig zu, und will, - dem Befehl des Herrn zu folgen, sogar mich
bezhmen, und die Dirne, die gleichmthig dasitzt wie die Unschuld selbst, nicht
einmal ausfragen, sondern die Sachen gehen lassen, wie sie eben knnen, aber,
wenn die ehrsame Frau heraus kmmt, wie sie in jedem Frhling ein Paarmal zu
thun pflegt, und mich die Stuben aufsperren heit, und die ganze Bescheerung
sieht, dann wasche ich meine Hnde in Unschuld, und dem alten Herrn von sechzig
Jahren und darber, dem ich stets etwas Besseres zugetraut htte, geschieht dann
recht. - Aber, setzte sie, pltzlich leicht errthend hinzu: da bemerke ich so
eben, da ich in der Flle meines Herzens und meiner Gedanken alles
herausgesprochen habe, was ich mir als Wahrheit einbilde. Das will sich fr eine
alte treue Wchterin nicht wohl geziemen. Du magst es jedoch der Geschwtzigkeit
des Alters zu Gute halten, und es wieder vergessen. Besonders empfehle ich Dir,
gegen den Jungherrn bei dessen Rckkehr nicht das geringste merken zu lassen,
denn Kinder mssen nichts erfahren von den Verirrungen ihrer Eltern, selbst
nicht einmal so wrdige und wackre Shne, wie Junker Dagobert. -
    Als die Alte hinweggegangen war, setzte sich Esther in einen Winkel, und
machte ihrem gepreten Herzen durch einen Strom von Thrnen Luft. Wie
unglcklich bin ich! klagte sie still und leise vor sich hin: Und wie kommt
es, da mir jetzt gerade einfllt das wahrsagende Wort, so einst der Altvater
Jochai zu mir gesprochen, da er mich warnte vor der Hinneigung zu den Bekennern
des Gekreuzigten? Hat er nicht damals vor meinen Augen gestellt das Schicksal
der Engel Asa und Asael, denen es gelstete nach Bruten der Erde? Seit
Jahrtausenden schweben die Armen zwischen Himmel und Erde, wo sie aufgehngt hat
in seinem Zorn der eifrige und hochgebenedeite Gott. Und ihr Schicksal ... ist
es nicht das Meine? Einer Liebe hingegeben, die bald wie eine sanfte Glut mein
Innerstes erwrmt und veredelt, bald aber wie ein ungeduldig Feuer meine Seele
qult und anschmiedet an einen Gegenstand, der unstt und rastlos sich immer
meiner Sehnsucht entzieht, bin ich bald niedergezogen zur Tiefe, bald schwebe
ich auf zur Hhe der Himmel. Die Pflicht ruft mich gebieterisch auf die Schwelle
wenigstens des Kerkers, in welchen meine Vter athmen, da die rohe Willkr mir
das Glck versagt, ihn mit denselben zu theilen; die Liebe aber hlt mich hier
in diesem engen Raume zurck. Ihr vertrauend, die mir Schutz und Beistand den
Meinigen verheit, berlasse ich Jochai und Ben David ihren Leiden. Wird aber
dieses Vertrauen sich erfllen? Wird denn der Freund erfllen knnen, was er zu
erfllen wnscht? Reit mich da Verweilen auf dieser Sttte nicht endlich auch
in den Abgrund, aus welchem ich meinem Vater nimmer emporreichen werde knnen
die rettende Hand? O Mutter, welcher das Paradies sey, und die Palme des ewigen
Friedens, Mutter, erinnere Dich, wenn gleich ein abgeschiedner Geist, Deiner
Tochter, und leiste Hlfe! Ureiniger Gott, zu den Jakob's Shne beten, wie die
Verehrer des Menschgewordnen, schtze Du den edeln Mann, den ich ehre wie einen
Seligen und Gesegneten des Herrn, da er bald zurckkehre, und durch seine Kraft
und Gromuth das Truggewebe zerreie, das meines Vaters Unschuld, unser aller
Geschick umhllt! Schon drang der Verrath ber diese Schwelle; wer wei, wie
lange der verbrecherische Unhold seine Drohungen aufschiebt? Wer wei, ob mich
nicht vielleicht der nchste Tag verrathen und verkauft in den Hnden der Feinde
sieht? Ich mchte fliehen, und wage es doch nicht. Wie entkomme ich den
Kundschaftern des Unseligen, die vielleicht hinter jedem Baume lauern? Wohin
knnte und drfte ich entfliehen? Wo lebt der Mensch, der mich aufnehmen, .. wo
ist die Veste, die mich schtzen wrde? Wo weilt er, der einzige Hort, auf den
ich baue? Kann meine angstvolle Stimme ihn rufen ber Berg und Thal? Hrt denn
sein Ohr den flchtigen Schritt meiner Sohle? O, da meine Klage ein
Zauberspruch wre, der ihn fesselte, und herbeizge mit unwiderstehlicher
Gewalt; da der hochgelobte Gott die Schwester doch wieder in seine Hand gegeben
htte, damit er Zeit gewinnen mge, an seine unwrdige Magd zu denken! Welche
Leiden ich auch schon erduldet habe, - welcher Kummer mir auch noch bevorstehen
mag, seine Nhe allein dnkt mir schon ein Balsam fr alle Wunden, die das
Schicksal schlgt. Und meine allzugefllige Einbildungskraft gaukelt mir nur zu
oft eine schmeichelnde Tuschung vor. Pocht mein Herz bang und ungeduldig, so
hre ich den Hufschlag seines geschwinden Rosses. Zittern meine Pulse, so
vernehme ich seinen nahenden Schritt. In den Glocken, die gerade jetzt
herbertnen aus der Stadt, spricht seine anmuthige Stimme, aus dem Abendroth
dort an den Bergen schaut sein freundlich Angesicht. Ungeduldig berge ich mich
hinter diesen Riegeln, da ich doch von jenen Hhen den geliebten Namen
ausschreien mchte durch die Welt. Zrnend sieht mein Auge jenes verschlossene
Fenster an, das mir die Aussicht nach der Heerstrae verbirgt, auf welcher er
daher ziehen wird. Wenn er kme, jetzt kme, im Andrange der hchsten Noth! Wenn
ich ihm knnte entgegeneilen auf den Flgeln des Auges, um ihn zu begren,
schon im fernen Dmmerschein? Warum nicht jenes Fenster, das unntze Vorsicht
verschlo, kann erffnen die muthige Hand. Vom Aufgange kommt alles Gute, alles
Wahre. Vom Sonnenaufgange her sieht der hochgelobte Gott in unsre Tempel; von
dort mu auch Dagobert wieder heimkehren! - Khn schlug ihre Hand den
verschlonen Laden des Fensterleins auf, und ihr Blick suchte unter den Rosen,
die der Niedergang dem blaudunkeln Osten zuwarf, den Geliebten. Umsonst! Leer
war und blieb die Strae. Lngs der Gartenmauer jedoch kroch ein Mann schwer und
unbehlflich am Straenrande hin, beschftigt, wie es schien, Kruter zu sammeln
im thauigen Abendschein. Zufllig richtete sich auf ihn Esther's Auge, -
zufllig blickte er zu dem klingenden Fenster empor, - und schnell fuhr das
Mdchen zurck. Es war der Judenarzt Joseph, der dort unten verkehrte, und
Esther flehte zum Himmel um die Gnade, von dem Gefrchteten nicht erkannt worden
zu seyn.

                                Zehntes Kapitel.


                Komm, Alte, komm, erzhle uns ein Mhrlein! Gern, liebe
                Pppchen; werdet Ihr aber auch das Grausen vertragen knnen? Wer
                kein gut Gewissen hat, setze sich vor die Thre, und bete
                indessen ein Vaterunser!
                                                                 Kindermhrchen.

Das Schlo Neufalkenstein, der Sitz des Ritters Bechtram von Vilbel, hatte seit
Langem nicht so viel Geplauder und Gelrm in seinen Mauern gefat, als seit der
Zeit, da der Graft von Montfort dem Besitzer einen Besuch abgestattet, und
demselben aufgetragen hatte, das schne Frulein von Baldergrn von der
Heerstrae wegzufangen, zum schuldigen Dank fr so manche Unbill, die der Graf
zur Zeit, da er um das Edelfrulein warb, hatte ertragen mssen. Dem in
dergleichen Auftrgen gebten Bechtram, welcher, nachdem er lange Jahre hindurch
der Hauptmann der Reichstadt Frankfurt in Ehren und Frieden gewesen, vorgezogen
hatte, das unedlere Gewerbe der Wegelagerei wieder zu ergreifen, war des Grafen
von Montfort Aufgabe ber alle Maen trefflich gelungen, und die Beute richtig
geworden. Ein solcher Fang warf zu viel an Gewinn ab, und war berhaupt so
selten in der Rechnung der Herren vom Stegreif, als da sich die Letztern nicht
htten etwas zu Gute thun sollen. Bechtram mit seinen Genossen bankettirte Tag
aus, Tag ein, was doch sonst seine Sache nicht war; seine Hausfrau hatte alle
Hnde vollauf zu thun, um ihre Gste zu bewirthen, und Wallrade hatte in ihrem
mnnlichen Geiste mit berraschendem Scharfblick den Standpunkt erfat, von
welchem sie ohne weitere Demthigung in das Gewhl um sie her herniedersehen
konnte. So finster es auch in ihrem Innern wogte, so heiter und glatt hatte sie
die Stirne gelegt. - Nicht die Gefangene schien sie zu seyn, - preisgegeben der
harten Willkr ruberischer Wchter; - eine Frstin vielmehr, die sich es
gefallen lt, auf kurze Zeit von dem Gipfel ihrer Gre in's gemeinere Leben
herniederzusteigen, und durch ihre Gegenwart das Haus eines ihrer rmern
Wasallen zu beglcken. Den Zwang, der sie drckte, wute sie unvermerkt in den
Hintergrund zu drngen, und zu ihrem Diener zu machen, da es den Anschein
hatte, als sey jede Beschrnkung ihre freie Wahl. Sie sah auf den Lippen oder
der Stirne ihrer Hter keinen Befehl, keinen Wunsch schweben, den sie nicht
pltzlich errathen, und zu ihrem eigenen Willen gemacht, ihn also geuert
htte. Sie vermochte es ber sich, dem ganzen Abenteuer eine scherzhafte Seite
abzugewinnen, und dann und wann mit feinem Spott ihren Umgebungen merken zu
lassen, da der ganze Vorfall ihr nichts weniger, als wichtig erscheine, sondern
im Gegentheile kurzweilig und ergtzlich, da er ber Kurz oder Lang dennoch ein
fr sie erwnschtes Ende nehmen werde. Mit verchtlicher Klte hatte sie ihre
Kleinodien und ihre Baarschaft den Rubern hingegeben, mit unbefangner Ruhe
hatte sie es mit angesehen, da Frau Else, Bechtram's Hauswirthin, ihre
breitschultrige, unangenehme Gestalt mit diesen Kostbarkeiten geschmckt, und
sich ihr also geputzt wie in hhnendem Scherz vorgestellt hatte. Den derben
bermuth des Burgherrn und seiner Freunde vergalt sie eben so mit
unempfindlicher Derbheit, des Leuenberger's und Petronellen's schadenfrohen
Spott mit schalkhaften Antworten, die die Lacher auf ihre Seite brachten; und
stand im Ganzen genommen da, nicht wie ein eingekerkert schwaches Weib, sondern
wie ein zu Schutz und Trutz gersteter Kmpfer, der keine Ble gibt, ohne die
des Gegners zugleich zu treffen. - Je unerwarteter dieses Benehmen den Innsassen
und Gsten Neufalkensteins war, je weniger verfehlte es seinen Zweck, und die
krftige Wallrade hatte die Genugthuung, bald den Erfolg zu beobachten. -
Bechtram, sein Weib und seine Gesellen, rauhe Menschen, wie das wilde Leben in
Fehde, Forst und abgeschiedner Veste sie zu gestalten pflegt, htten die
stillduldende Sanftmuth einer Unglcklichen unerbittlich zu Boden getreten; aber
der unduldsame Trotz, die kecke Widerspenstigkeit und Spottsucht Wallradens
erschienen den Harten als Eigenschaften, eines bessern Schicksals, wie einer
gnstigern Behandlung wrdig. Bechtram lchelte, wenn das Frulein ihn einen
grauen Taugenichts, seine Veste ein Raubnest schalt. Else duldete scherzend den
Spott, welchen die gezwungne Gastfreundin ber ihre unschmackhafte Kche
aussprudelte. Der wilde Hornberger gerieth in Entzcken, sah er Wallraden auf
dem Rcken seines Gauls, dessen Koller sie mit aller Kraft eines Mannes im wenig
gerumigen Zwinger bndigte. Der schielende Doring, der wste Reifenberger, der
dicke Henne von Wiede, - Bechtram's Gefhrten - so wie der ab und zu fahrende
Eppsteiner bemhten sich um die Wette, das in Haft liegende Frulein durch
kurzweilig Gesprchsel zu vergngen, oder durch ein Spiel im Brette, oder durch
ein vom Zuge mitgebrachtes Geschenk. Der Leuenberger legte nach und nach, von
Stunde zu Stunde, mehr von der Schroffheit ab, die er gegen seine Stiefnichte
geuert hatte, und wandelte sein Betragen in eine gewisse tlpische Hflichkeit
und Augendienerei um, die von Wallraden nicht unbemerkt, so wie von allen
brigen nicht ungeneckt blieb. Die Base Petronella endlich, verblfft von dem
ungezwungnen und freien Benehmen Wallradens, hatte so ziemlich ihre beiende
Zunge zur Ruhe verwiesen, und ihren gewhnliche Standpunkt eingenommen; nmlich
den einer Zeitvertreiberin, weil ihre Mhrlein und Schnurren weit und breit in
den adelichen Genossamen der Gegend guten Klang und Ruf hatten. Frau Else liebte
das Erzhlen im traulichen Kreise, und Wallrade forderte oft selbst die Muhme
dazu auf, wenn sie den Zudringlichkeiten des Leuenbergers ein Ende machen
wollte. War die Alte dann im Zuge, so entfernte sich Diether's Tochter
gewhnlich unvermerkt, und erklimmte den Wartthurm, wo sie sich zwischen den
mchtigen Zinnen niederlie auf die Steinbank, in die weite Luft hinausstarrte,
und ihren strmischen, mit bermenschlicher Kraft zurckgepreten Gefhlen den
Lauf lie. Der Thurmwchter, der seiner tauben Ohren halber aus den Reihen der
reisigen Knechte in die Hhe verwiesen worden war, wo seine scharfen Augen noch
gute Dienste zu leisten vermochten, sa dann gewhnlich vor der ffnung, die auf
des Thurmes Platte seinem elenden Schlafwinkel als Thre und Fenster diener, und
schneiderte an den Kleidern der Burgleute, oder kmmte seinen Hund, und begriff
nicht, wie sich das schne gefangne Frulein so ganz allein zu unterhalten
vermge auf der einsamen Warte. Wallrade legte aber die glhende Stirne an die
kalten Steine, und blickte hinaus gen Frankfurt, von wannen immer noch kein
Retter nahen wollte. Immer noch war es ihr nicht gelungen, eine Botschaft den
Vater zu senden; von Tag zu Tage verzgerte sich ihre Befreiung. Unwillig klagte
sie den Himmel an, da er sie, gleich wie auf einem Siegerzuge, aufgehalten,
whrend sie im Begriff gestanden, des Unfriedens und der Zwietracht hchstes
Maa ber das Haupt des Vaters und der Stiefmutter auszugieen. Unwillig fragte
sie die Vorsehung, wie lange sie noch hier zu verharren habe in einem Zwang des
Willens und der Empfindung, der ihr an's innerste Leben zu greifen begann, trotz
Verstellung und Standhaftigkeit. Zagend und zrnend zugleich gedachte sie des
Augenblicks, in welchem der Graf von Montfort; - dessen Zuthun bei der
verwnschten Begebenheit sie leicht errieth, wenn gleich Bechtram seinen Namen
nicht auszusprechen wagte, - auf der Veste erscheinen und durch seine Gegenwart
die durch seine Unritterlichkeit Gefangene am tiefsten demthigen wrde. Allein,
wie sehr sie auch klagte, zrnte und zagte, der Zeitpunkt ihrer Erlsung lag
immer noch ferne, denn ein geheimnivoller Schleier bedeckte vor jedem fremden
Auge die auf Neufalkenstein verwahrte Beute. - Der Aufenthalt der von Gelnhansen
geladenen Gste hatte bereits mehrere Tage gedauert, und Wallrade, von trben
Gedanken in ihrer engen Kammer gepeinigt, war gerade nach dem Imbis zu dem
Wartthurm emporgestiegen, um die laue Frhlingsluft in ihrer klaren Reinheit zu
trinken, und ruhiger zu werden. Der Weg, welcher unfern der Veste vorberlief,
war leer und de wie immer, seitdem die Nachbarschaft von Bechtram's neuen
Unternehmungen vernommen hatte. Ein frischer Luftstrom erquickte aber Auge und
Stirn der Gefangenen, und ihr Blick schweifte khn ber die Hhen und Ebenen,
ber Gewsser und dstre Tannenwipfel, und senkte sich tief in das Innere der
kleinen, zu ihren Fen liegenden Veste. Ihr Herz ergrimmte auf's Neue, da sie
jetzt erst wahrnahm, wie gering und unbedeutend der Kerker war, der sie
einschlo. Der an und fr sich nicht sehr ergiebige Raum war von dem Erbauer
haushlterisch bentzt worden. Ein tiefer Graben umschlo die unregelmig
gebaute Veste, deren Eingang ein schmales Thor, blos fr einen Mann zu Pferde
breit und hoch genug bildete. Zugbrcke und Pforte verschlo diesen Eingang
bestndig, wie eine von aller Welt abgeschnittene Klause. Hinter den dicken, am
Graben emporragenden Mauern schlngelte sich der enge Zwinger, in welchem
Knechte und Pferde und Hunde, sammt dem geraubten Zug- und Melkvieh ihre Htten
und Stlle fanden. Eine elende Waffenschmiede, in welcher die auf Raubzgen
zerhacken Blechhauben und Drahtwmser nothdrftig zusammengeflickt wurden,
streckte hier ihren rauchenden Schlot. Dicht daneben hatten die Burgleute zu
ihrem Vergngen eine bald zum Armbrustschieen, bald zum Regelschieben bentzte
Bahn angelegt; der einzige Fleck, auf welchem allenfalls ein Ro zugeritten
werden konnte. Wer aus diesem Zwinger in das Innerste dringen wollte, mute
durch ein niedres, von schwerem eichenen Gegatter fest verschlones Pfrtlein
kriechen, hinter welchem der enge finstre Hof das Wohngebude des Herrn
einfate, zu dessen, ungefhr acht bis neun Schuhe von dem Boden erhhten
Schwelle eine in Klammern gehngte Holztreppe fhrte, die im Nothfall
weggenommen werden konnte, um einem Feinde oder einem Ruber den Eingang zu den
Schtzen und Vorrthen des Hauses unmglich zu machen oder mindestens zu
erschweren. In dem Hofraume schnatterte und lrmte des Federvieh's bedeutende
Menge, rauchte der Ofen, in welchem die thtige Hausfrau das Brod bereitete,
umfangen von hohem, ruigem Gemuer, das in die Fensterffnungen des
Erdgeschosses der Burg nur den bleichsten Strahl des Tages eindringen lie. Und
dennoch waren hier die Rume, in welchen die Geschfte der Wirthschaft und des
Hauswesens verrichtet werden muten. Hier war die Halle, welche den mchtigen
Herd in sich fate, und den in tiefer Schlucht quillenden Brunnen der Veste, und
den Eingang in die unterirdischen Waarenkammern und Weinkeller des Hauses, so
wie die Treppe zu den obern Gemchern, deren zwei sich in der Burg befanden, in
eben so vielen Stockwerken vertheilt. Das erste, zu welchem die Wendeltreppe
fhrte, - das Gemach der mnnlichen Bewohner, - zugleich die grte Stube der
Veste, in welcher Trinkgelage und Mahlzeiten gehalten wurden, nahm den ganzen
Raum des Stockwerks ein, eine Kammer ausgenommen, in welcher auf Stroh- und
Rohrgefllten Scken, berdeckt mit Wolfs- oder Brenfllen die Mnner des
Schlafs genossen, umgeben von ihren Gewndern, Waffen und den Satteln ihrer
Pferde. Stieg man die fortlaufende Wendeltreppe empor, so gelangte man im
zweiten Stockwerke zu dem Gemach der Frauen, das, wenn gleich zierlicher
geputzt, als das der Einrichtung hatte. In jedem der vier ziemlich breiten aber
niedern Fenster zwei steinerne Ecksitze, an den Wnden fortgehende Bnke mit
Polstern; in jedem Winkel des Gemachs ein schwerer Schwenktisch oder
Kleiderschrein, geschmckt mit glnzendem Schlo und zierlich geputzten
Krbissen und Pfauenfederstruen, Truhe und Spinnrocken und Garnwinde nicht zu
vergessen. Vorspringende Erker von kleinen Schartenfenstern erhellt, enthielten
die Lagerstellen der Frauen des Hauses, und der lngs der Vorderseite des obern
Stockwerks hinlaufende Sller bot ihnen eine willkommne Stelle dar, um in freier
Luft zu arbeiten, zu beten, zu plaudern, oder in stiller Unthtigkeit dem
Treiben und Leben des Taubenvolks zuzuschauen, das oben an des Schlosses Zinne
seinen Schlag besa, und auf und nieder flatterte an den steil gezackten
Giebelseiten des bunten Ziegeldachs. Rings um war oben die Aussicht frei, nur an
der Seite nicht, wo der lange und runde Wartthurm in die Hhe strebte, welcher
aus dem Gemuer des innern Hofraums entsprang, - in seinem Erdgeschosse die enge
und kleine Kapelle der Burg enthielt, und drei Stockwerke zhlte, bis zu der
Zinnen rumlicher Krone, drei Verliee enthaltend, von welchen das oberste des
Lichts geno, das mittlere einer milden Dmmerungshelle sich erfreute; das
unterste aber, zu welchem nur ein rundes Loch den Eingang bot, tief hinabging in
schaurig dunkle Gruft, wohin blos die ferne Stimme des in der Kapelle die Messe
singenden Priesters drang, da der schreckliche Schlauch des Verliees dicht
hinter dem Altar sich abwrts senkte. Auch dieser schwache Trost war jedoch zu
gegenwrtiger Zeit dem Unglcklichen versagt, der vielleicht diese
Schreckensgrfte bewohnen mute. Der Herr dieser Behausung, welcher weiter
nichts Merkwrdiges als das schon Berhrte aufzuweisen hatte, war in den
Kirchenbaum gethan worden; der Pfaffe, der den Kapellendienst im Schlosse
versehen hatte, war ausgeblieben, und dumpfiges Schweigen herrschte Tag und
Nacht in dem verdeten Kirchlein, wie der Staub auf seiner Glocke. Wallrade
wute nicht, ob das unterste Verlie des Wartthurms, auf dem sie stand, einen
Gefangenen barg; aber da im mittlern Stockwerke des Erkergebudes Menschen in
Haft lagen, war unbezweifelt, da von Zeit zu Zeit, trotz dem dicken Gemuer und
den schmalen Luftluchen klagende oder singende Stimmen herausdrangen, nur hrbar
fr den auf der Thurmspitze aufmerksam Lauschenden. Im Vergleich mit diesen
armen, zwischen dstern Wnden eingesperrten Leuten mute Wallrade freilich ihr
Schicksal glcklich preisen, und sie that es auch, so lange ihr Auge Erholung
suchte in den freien Himmelsrumen. Sah sie jedoch hinab in die enge Veste,
welcher sie dennoch nicht entrinnen konnte, da wollte ihre Brust beinahe
zerspringen. Montfort htte keine bitterere Qual fr sie ersinnen knnen, als
den Verlust ihrer Freiheit; und alles Gold der Welt htte sie fr die Erlaubni
gegeben, einen jener Renner zur Flucht besteigen zu knnen, die so eben im
Zwinger zu einem Zuge fertig gemacht und gezumt wurden. Die Knechte der Burg,
vielleicht ein Dutzend an der Zahl, krochen gerstet aus ihren Htten, und
jagten sich, plumpe Scherze treibend, auf dem Rasen umher, whrend der Schmied
die Hufe der Rosse besichtigte, und in Eile zusammenpfuschte, was verdorben war,
oder nicht mehr halten wollte. Mittlerweile traten die Herren des wrdigen
Trosses aus der Gatterpforte: Bechtram mit seinen Gefhrten. Ihr Anzug verrieth
deutlich, da sie nicht zu einem Lustritt gingen. Bewaffnet bis an die Zhne
stiegen sie zu Pferde, winkten der Hausfrau, die dem scheidenden Gatten noch die
Hand durch's Gatter reichte, ein Lebewohl, und zogen durch das schmale Thor ber
die schwankende Brcke in's Freie. Der Leuenberger, der zur Bewachung des Hauses
zurckgeblieben war, ertheilte dem Thorwchter die nthigen Befehle zur
Verschlieung der Burg. Die Brcke ging knarrend in die Hhe; die wenigen
zurckgebliebenen Burgleute gingen an ihr Geschft, oder an das zeitvertreibende
Spiel, und die ausgezogenen Mnner waren noch nicht an die Spitze des
Tannenbruchs gelangt, als schon in der Veste wieder eine Ruhe herrschte, gleich
der des Grabes. Es whrte indessen nur kurze Zeit, so kamen rasche Tritte den
Thurm herauf, und der gegenwrtige Schirmvogt der Veste stand pltzlich vor
Wallraden. Das Gefhl und Bewutseyn des wichtigen Amts, das er in diesem
Augenblicke zu bekleiden erkoren war, sprach aus seiner Haltung und seinen
Zgen. - Beschftigt, alle Rume des mir anvertrauten Schlosses zu
besichtigen, sprach er mit widerlichem Lcheln, - mu ich doch auch sehen, wie
und wo sich meine werthe Gefangene befindet.
    Sie lugt hier nach dem Zuge der freien Lerchen, entgegnete Wallrade
ebenfalls lchelnd: und kann nicht begreifen, wie sich diese holden Snger
diesem finstern Thurme nhern mgen, in welchem die Knechtschaft weint. -
    Ei, was kmmern Euch die Knechte im Thurm? versetzte Veit mit einer
plumpen Verbeugung: Ihr seyd die Herrin von Neufalkenstein, mehr denn Frau Else
selbst. - O spart Euer hhnisch Schmeichelwort, erwiederte Wallrade leicht,
und vor Allem lat ja dergleichen Frau Else nicht hren, Ihr wit, sie versteht
nicht lange Scherz, und ist eiferschtig auf die Oberherrschaft. -
    Wie ich auf einen Blick von Euerm holden Augenpaar; fgte Veit wie oben
bei. Wallrade zuckte die Achseln, und gab sich die Miene, seinen Worten keinen
Glauben beimessen zu wollen, daher nahm der Leuenberger seine Zuflucht zu
Betheuerungen. - Pest und rother Hahn! rief er: Schnes Frulein, ich will
den Hals brechen zur Stelle, wenn ich eine Lge spreche. Ich wrde lgen wie ein
Schelm, wenn ich sagen wollte, da ich Euch von Anbeginn gern gesehen, aber das
Wohlwollen, und - lat es mich heraussagen, - die Liebe nistet sich ein, ohne
da man's vorher sieht, oder geradezu merkt. Das wit Ihr auch gar wohl, denn
Ihr seyd ein verstndig Frauenbild, und knnt unterscheiden, was blanke
Zierhfelei ist, was Ernst und baare Mnze. - Guter Leuenberger, erwiderte
Wallrade: die Mnner sprechen alle auf diese Weise, wenn sie ein Frauenherz zu
bercken suchen. - Pah, lachte Veit: Zeit meines Lebens habe ich mich noch
nie damit abgegeben, Weiberherzen zu kirren, und habe das Falkenabrichten immer
der Minne vorgezogen. Wie man einen Stovogel zhmt, wei ich; aber nicht, wie
man ein Weib gewinnt. - Wallrade gab ihm in ihren Gedanken vllig recht. Er
fuhr jedoch fort: Hier ist der Spie umgekehrt. Ihr habt mich berckt, ob ich
gleich bis auf den heutigen Tag mein Herz bewahrte, und ob Ihr gleich meine
Stiefnichte seyd. - Ihr schreibt mir einen groen Sieg zu; versetzte Wallrade
scherzend, aber einen der gefhrlichsten Blicke hinzufgend, deren sie nur
Meister war. Dieser Blick ermuthigte den unbeholfnen Ritter, in seiner
Herzensergieung fortzufahren. - Mich soll der Schwarze reiten, hier vor Euren
Augen, sprach er, wenn, was ich sage, nicht mein voller Ernst ist; wenn ich
Euch nicht verehre, wie eine Nonne ihr Muttergottesbild. Ich habe in meinem
Leben noch vor keinem Strau gezittert, und bin auch jetzo zu jeder Probe
bereit, die Ihr mir auferlegen wolltet, um meine Treue zu erwahren. Vergebt mir:
ich rede sonst nicht viel mit Weibern, aber heute, und Euch gegenber bin ich in
den Zug gekommen. Ihr wit jetzt mein Geheimni, von welchem ich nicht einmal
der Base ein Sterbenswrtlein verrathen habe. Erwiedert mein Vertrauen mit dem
Eurigen. Lat mich wissen, ob ich vielleicht hoffen drfte. - Eure Rede wird
sehr dringend und ernstlich; meinte Wallrade, eine Aufmerksamkeit verrathend,
die des liebetrunknen Junkers Glut anfachte. - Wenn Ihr nur endlich das
Ernstliche einseht; rief er: Kreuz und Stein! Wie soll ich's anfangen,
deutlicher zu reden? Ich denke, mit einem Wort, so gut als Euer Vater und meine
Schwester ein Paar werden konnten, - so gut knnten wir's auch werden, und
sollte die Verwandtschaft ein Hinderni machen wollen, so martre ich einen
Pfaffen so lange, bis er einen Dispens herausgibt, gltig wie einer von Rom. -
Ei, Ihr sprecht ja ruchlos, wie ein bhmischer Ketzer! rief Wallrade
scherzhaft: Nimmer werdet Ihr mich von der Wahrheit einer Liebe berzeugen
knnen, die sich so gotteslsterlich ausdrckt. - Pest und rother Hahn!
eiferte der Leuenberger, heftig mit seinen braunen Hnden die Luft sgend:
Fordert eine Probe meiner Liebe, - mehr kann ich ja doch nicht thun, als Euch
die Wahl lassen. Soll ich den tauben Hund von Wchter, der dort wie ein Klotz
auf der Matte kauert, und in die Ferne stiert. Kopf ber Kopf unter vom Thurm
werfen? Oder soll ich mich mit Dreien raufen auf Leben und Tod? Oder soll ich in
Frankfurt einreiten, trotz dem Stadtbann, in dem ich liege, und mich wieder
herausschlagen, und das Dintenfa des Stadtpfaffen vom Rmer mit heimbringen?
Gebietet; was Ihr wollt, soll geschehen, und wenn sich der Satan dreimal
dazwischen legte. - Ihr stellt Euch Aufgaben, allzuschwer, als da ich Euch
beim Worte nehmen knnte; entgegnete Wallrade; - und gerade durch solches
berbieten in Gefahren, die Ihr bestehen wollt, macht Ihr mich mitrauisch. Kann
ich an die Liebe des Mannes glauben, der, um mir zu gefallen, Andre mordet; mich
selbst jedoch, ohne vor Schaam und Unwillen zu errthen, in dem Schlamm der
Demthigung sehen kann? Wie mgt Ihr, ein freier adelicher Mann, Euch ein
gefangen Liebchen whlen, das Ihr doch nicht erlsen wollt? Ihr fordert, da ich
Euer Herz prfe. Wohlan; geht hin, ffnet mir die Pforte dieses Kerkers, lst
meine Fesseln, und dann bewerbt Euch um meine Gunst. Oder, - thut das Leichtere:
meldet nur meinem Vater den Ort meiner Gefangenschaft, und dann - nachdem ich in
seine Arme zurckgekehrt, - dann fordert meine Hand. - Der Leuenberger schwieg
eine Weile betroffen, whrend Wallrade den scharfen Blick auf ihn heftete.
Verlegen spielte er mit den Knpfen seines rmels, strich sich den Bart und
kaute an den Lippen. Edles Frulein, - sprach er endlich bedchtig: Was Ihr
verlangt, geht ber meine Krfte. Wir Edelleute halten fest an unserm Wort, und
Bechtram hat das Meine; und von Euerm Vater vollends erwarte ich nichts als
Undank. Er wrde mir zehnmal eher vor dem Gallusthor zu Frankfurt Nase und Ohren
abschneiden lassen, als mich in seiner Sippschaft aufzunehmen. - Ich wei
nicht, in wiefern Herr Diether Euch gehssig ist; erwiederte Wallrade seufzend;
allein ich dchte, auch meiner Dankbarkeit solltet Ihr in etwas vertrauen. -
Der Blick, den sie bei dieser Rede auf Veit's Antlitz warf, sollte heftiger
znden, als die vorigen, aber seine Kraft prallte ab, an der Scheu des
Leuenberger's vor Bechtram's Rache und Diether's gegrndetem Ha. - Ei was!
brummte er: Eure Haft kann ja doch wahrlich nicht ewig whren. Hat Bechtram vom
Montfort erst erhalten, was er will, liegt ihm ferner nichts daran, Euch zu
fttern. Dann wre es an der Zeit, meinen Wnschen zu gengen, und eine
frhliche Ritterehe zu schlieen, zu welcher man nichts braucht, als einen
Bettelmnch, der den Segen gurgelt, und ein stilles, sichres Kmmerlein. Was
sagt Ihr dazu, mein ses Lieb? - Da Ihr ein Abscheulicher seyd, der meine
Verachtung verdient, aber nicht die Minne einer ehrsamen Jungfrau; erwiederte
ohne Hehl Wallrade, der das Blut in die Wangen geschossen war, bei dem
unziemlichen Antrag des Stegreifritters. Veit, welcher seine Furcht vor den von
dem Frulein vorgeschlagenen Prfungen hatte hinter der Larve eines rauhen
Muthwillens verbergen wollen, schwieg wie ein ertappter und geschlagener
Schler, und lehnte sich verlegen auf die Brustwehr des Thurms. Einfltiger,
tlpischer Klotz! murmelte Wallrade vor sich hin, und sttzte verdrlich den
Kopf in die Hand. Der Leuenberger gewahrte aber so eben seine Base am
Erkerfenster der Burg, und winkte ihr und Frau Elsen, heraufzukommen auf die
luftige Hhe. - Muhme Petronella soll uns ein Mhrlein erzhlen, sprach er mit
lppischem Lcheln zu Wallraden:sie wird Euch dadurch auf andre Gedanken
bringen, und mich vergessen machen, was ich von Euch vernehmen mute. -
Wallrade machte eine unwillige Bewegung gegen ihn, und stand auf, um zu gehen.
Der Versuch war aber umsonst, denn schon knarrte die Thre des Thurms, und die
schwerflligen Tritte der Frauen kamen bald nher und nher heran. Frau Else
schritt wackrer und rstiger zu, als die hinkende Base, und hielt die auf der
Hhe der Steige unschlssig verweilende Wallrade auf. Ei, wo hinaus? fragte
sie mit ihrer mnnlichen Stimme, die im Hause Befehle ertheilte, donnernd wie
der Schlachtruf eines Feldhauptsmanns: Da geblieben! Nicht davon gelaufen. Wir
sind jetzt die alleinigen Herrn im Hause, und wollen uns gtlich thun auf der
khlen Warte. - Somit drehte sie Wallraden mit einer Schwenkung des Ellbogens
um, und reichte der mhsam heranklimmenden Base die Hand. - Herauf! Herauf!
alte Nixe! rief sie der Keuchenden entgegen: Hier oben ist's wohl seyn. Hast
Du dem Wilpert gesagt, da er uns eine Kanne khlen Weins heraufschleppe, und
einen Korb mit Brod und Fleischkuchen? - Petronella bejahte; Else klopfte
beifllig und munter in die mchtigen Hnde, und zog Rocken und Spindel aus dem
breiten Ledergrtel, der ihren stmmigen Leib umschlo. Der Thurmwchter mute
dem zgernden Wilpert entgegeneilen, und die Frauen machten sich's bequem auf
den Mauerbnken zwischen den Zinnen. - Wie ist es doch so schn hier oben!
sprach Petronella, nachdem ihr Husten, von dem Treppensteigen und der Einathmung
reinerer Luft erregt, nachgelassen hatte: Himmlischer Vater! wenn das Alles,
was wir hier vor Augen sehen, unser wre! Was meint Ihr, liebe Frau Else? -
    Bechtram's Ehewirthin zuckte verchtlich mit den Lippen. Man hrt's Euern
Reden wohl an, Frulein, sprach sie derb, da Ihr kein Haus als Eigenthum
besitzt, sonst wrdet Ihr nicht so tolle Wnsche von Euch geben. Mir kommt ein
hnlicher Gedanke nicht, denn ich bin zufrieden in meinem Hauswesen, und wenn
dieses mir nach Wunsch geht, so frage ich nicht nach Allem, was um uns her liegt
an Wald und Feld, an Hufern und Hfen. - Hier beschrieb sie mit dem hoch und
drohend geschwungnen Rocken einen groen Kreis rings um sich her, und schlug
damit auf die Schulter des Leuenberger's, der in Gedanken verloren, den Weibern
den Rcken gekehrt hatte. - Frau Else! Frau Else! rief der Erschrockene, sich
die Schulter reibend: Ihr fhrt einen harten Zepterstab, und der Ritterschlag
von Eurer Hand ist nicht sanfter, als der von einer Mnnerfaust. - Meint Ihr?
entgegnete die Frau von Vilbel: Ich mchte auch wissen, wie ich wohl zurecht
kommen wrde unter dem Gelichter, das in unserm Hause aus- und einfhrt, wie die
Hexen aus und in den Schlot. - Vergebt aber, Leuenbergerin, da ich gerade von
bsen Hexen sprach. Ich sollte wissen, da Ihr's nicht liebt, wenn man von
Truden redet. - Hm! meinte Petronella: so man nur davon redet, mag es
hingehen. Nur ber die Schwelle drfen sie nicht kommen, und dafr habt Ihr
gesorgt, Frau Else, denn das Hufeisen, das unter Eurer Pforte angenagelt ist,
bleibt ein wahres Gottesmittel dagegen, und so Ihr vollends nicht versumt,
jeden Morgen zwei Strohhalme kreuzweis drber zu legen, so kmmt Euch nimmer
eine Hexe zu nahe. - Ihr seyd eine kluge Jungfrau, erwiederte Frau Else, und
ich werde mir noch manches von Euern Erfahrungen merken, ehe Ihr von dannen
scheidet. - Ho, die Base ist gelehrter, als ein Meister der freien Knste,
fiel der Leuenberger ein; besonders im Erkennen zauberischer, bernatrlicher
und verborgner Dinge. - So? fragten Else und Waltrade. Das htte man
versuchen knnen; fuhr die Erstere fort: Ihr httet meinem Manne des heutigen
Zuges Ausgang und Erfolg weissagen mssen. - Hm! meinte Petronella, den Kopf
bedenklich wiegend: dem Gastfreund geziemt's eigentlich nicht, des Wirths Thun
und Lassen zu deuteln, aber, wenn man Achtung hat, auf das was um uns vorgeht,
so kann man manches in seinen Handlungen ndern, was ersprielich und von Nutzen
wre. - Ihr sprecht als ob's Lateinisch wre, lchelte Else: ich verstehe
Euch nicht. - Der Hund hat die ganze Nacht im Zwinger jmmerlich geheult,
sprach die Alte weiter: die Eule hat geschrien und die Todtenuhr hat gehmmert,
als wollte sie nimmer aufhren. Das bedeutet nicht viel Gutes. Zudem ist heute
kein glcklicher Tag, und ich htte an Eurer Statt den Ritter nun nimmermehr
reiten lassen. - Ihr macht mir bange! versetzte Else, ohne jedoch weiter eine
Bewegung zu uern: Mein Mann lacht ber solche Dinge, und frchtet sich nicht,
weil er ein geweihtes Amulet bei sich trgt, das er einem Pilger abgenommen, der
es gerade von des Erlsers Grab geholt hatte. Wenn ihm nur das Heiligthum noch
hilft, da er jetzo im Banne liegt? - Ei, wie sollte es denn nicht? fragte
Petronella entgegen: die hochwrdigen Barfer Ordensherren weihen ja
gewhnlich diese Schutzmittel, und man wei ja, da sie sich nicht viel um Bann
und Interdikt kmmern. - Ihr beruhigt mich wieder vllig; antwortete Else,
dem alten Frulein gutmthig und derb auf den hohen Rcken klopfend: ich hatte
schon den Gedanken gefat, trotz Bann und Strahl eine Messe in der Kapelle lesen
zu lassen auf die glckliche Heimkehr meines Alten. - Eine Messe? lachte
Petronella: wie das? - Wer versteht das Handwerk hier? spottete Wallrade:
etwa der edle Herr, der vor uns steht, oder der taube Wchter, der endlich mit
dem ersehnten Vorrath anlangt? - Hoho! fiel Else ein: nur nicht so hhnisch,
gefangnes Frulein Naseweis. Wir haben wohl noch andre Leute hier im Schlosse,
die Kutte und Platte tragen. Da unter uns sitzt ein armer Pater im Khlen, dem
Eure Gesellschaft, Leuenbergerin, Unglck gebracht hat, und der wohl jetzo,
obschon Mittag vorber, nchtern genug wre, um das Meopfer zu bringen. -
Wie? schrie Petronella, erstaunt die Hnde faltend: Wie? Der arme Mann, der
mit uns hier angelangt? - Derselbe; versetzte Frau Else kaltbltig: er sammt
dem Buerlein, das Euch den Wagen lieh, bewohnt unsern Thurm, weil mein Alter
meinte, die Leute seyen mit der Gegend zu bekannt, als da nicht der Gewahrsam
der schnen Wallrade verrathen htte werden mssen. Sie werden sich's nun
gefallen lassen, so lange hier zu verharren, bis des Fruleins Haft vorber. -
Ha, Euer Herr macht wackre Streiche! rief Wallrade keck; an schwachen Frauen
und wehrlosen Mnchen erprobt sich des Helden Muth. - O lat den Heldenmuth
aus dem Spiele, gutes Frulein: entgegnete Else: einen schnen Falken lt der
tapferste und gromthigste Mann nicht aus den Hnden. Wahrlich, Wallrade, htte
ich einen Sohn, ich liee Euch gar nicht mehr von meiner Seite; Ihr mtet meine
Schwieger werden, und noch heute mte der Pfaffe da unten Euch trauen. - Das
ist ein Wort, vortrefflichste Nichte; sprach Petronella beiend: Frau Else
denkt nicht an ihr alt Geschlecht. - Ihr habt Recht, Base Stolperwitz; lie
sich Wallrade vernehmen: unser halbadelig Wappen wrde nicht zu dem des Ritters
Bechtram passen, wenn er gleich Ruberei treibt. Beruhigt Euch indessen. Meine
verehrte Wirthin hat ja keinen Sohn, der ihre Drohung verwirklichen knnte. -
Freilich nicht; setzte Else seufzend hinzu: das ist's, was mir oft blutige
Thrnen kostet. Was ntzt meinem Alten seine schwere Mhe und saure Arbeit? Was
ntzt ihm langes Leben und Gedeihen? Wir haben ja doch niemand, dem wir
hinterlassen knnten, was er mit Schwei und Blut erobert. Der Tag, an dem unser
Philipp starb, der wilde Bube, war ein harter Tag, und auch damals schrie die
Eule wie ein wahrer Unglcksvogel. Der Junge mute gerade seinen Kopf aufsetzen,
und ein Pferd in die Schwemme reiten wollen. Mein Alter erlaubte es dem Frwitz,
und gestrzt, vom Ro geschleift und zertreten, brachten uns die Leute den Buben
sterbend in's Haus zurck. - Else wischte sich eine Thrne ab, die in ihr
finstres Auge gedrungen war. - Den leibeigenen Knecht, der das Unglck, ohne zu
helfen, geschehen lie, lieen wir todt peitschen, setzte sie mit frchterlich
gepreter Stimme hinzu, allein unsern Philipp machte es nicht lebendig. - Eine
tiefe Stille folgte auf diese kurze und grliche Erinnerung. Frau Else richtete
sich indessen schnell in die Hhe, stampfte einigemal mit dem Fue auf das
Pflaster, fuhr sich verstohlen mit dem rmel ber die Augen, und langte die
Kanne mit Wein an Wallraden. Trinkt! thut Bescheid! sprach sie mit ganz
verndertem Tone: dem Gaste gebhrt die Ehre. Dann die kluge Leuenbergerin,
dann ihr Vetter, und zuletzt ich. Petronella ist hernach so gut, und gibt uns
eine Sage oder Legende zum Besten. Man vertreibt damit die Zeit am Besten, und
der Faden am Rocken wird noch einmal so glatt und eben, und die Kuchen schmecken
noch einmal so gut. - In Gottesnamen denn, fgte Wallrade hinzu, und drehte
dem Leuenberger den Rcken, da er ihr einige verbindliche Worte in's Ohr
flstern wollte: in Gottesnamen, Muhme. Hebt an, und erzhlt.
    Veit stemmte maulend den Kopf in beide Hnde, und pfiff in die Luft hinaus:
die Alte setzte sich indessen zurecht, roch ein Paarmal mit besinnender und
bedchtiger Miene an dem Bisamapfel, den sie auf der Brust trug, und graute sich
am Kinn. Lieben Freunde, begann sie, indem sie den Finger an die Nase legte:
eine Sage, die Ihr nicht schon wtet, fllt mir gerade nicht ein; eine
Geschichte von den lieben Heiligen ziemt sich nicht zu berichten, an einem Orte,
wo kein Gottesdienst gehalten werden darf; demzufolge will ich Euch lieber, da
wir von Kindern gesprochen haben, auch ein Kindermhrchen erzhlen; nicht das
beste, nicht das schwerste, das jemals von einer Amme oder einer treuen Mutter
erfunden worden ist. - Meinethalben; entgegnete Frau Else: nur sey es nicht
zu lustig und schnurrig, mein kluges Frulein. Das Ernsthafte und Schauerliche
ist mir lieber, und stimmt besser zu meinem heutigen Gemth. - Wie Ihr
befehlt, meine gute Wirthin; antwortete hierauf des Leuenbergers Base, und hob
an, mit lebhaften Geberden und wackelndem Kinn, wie folgt:
    Es sind wohl lnger denn zweitausend Jahre her, und viel darber, als es
einen reichen Mann gab, der eine gar schne, fromme und sittige Wirthin in sein
Haus gefhrt hatte, und mit ihr des Lebens Glck geno im hchsten Maae,
ausgenommen das Glck, ein Kind zu haben. Da geschah es einmal, da die
Ehewirthin an einem frischen Wintertage unter dem Mandelbaume sa, der im Hofe
stand, und einen Apfel schlte. Das Messer glitt jedoch ab, und fuhr ihr in den
Finger, da ihr Blut in den Schnee rann. Ach! sagte sie hierauf und seufzte aus
innrer Brust: Ach, wohl ist wei der Schnee und roth das Blut, und htte ich
hoch ein Kindlein roth und wei wie sie beide. Kaum hatte die Frau diese Worte
gesprochen, als ihr recht frhlich und heimlich um's Herz wurde, denn sie hatte
nicht umsonst geredet und geseufzt. Ein Mond ging hin und der Schnee ging weg;
der zweite Mont fand alles grn, im dritten kamen die Blmelein aus der Erde, im
vierten alle Bume in's Holz, worin die Vgelein sangen, und die Blten fielen.
Und wie der fnfte Mond vorbei war, da stand die Frau unter dem Mandelbaum, der
gar zu lieblich roch, und ihr Herz war froh und konnte sich nicht fassen vor
stiller Freude. Und der sechste Mond vorber war, da begannen die Frchte
aufzugehen und stark zu werden; sie aber wurde ganz still. Im siebenten Mond
griff sie nach den Mandelbeeren, a davon und ward borsthaft und traurig. Da
aber der achte Mond hingegangen war, da rief sie ihren Mann, und weinte, und
sagte zu ihm: Wenn ich sterbe, so begrabe mich unter den Mandelbaum. - Nun wurde
ihr wieder ganz wohl und getrost zu Sinne, und kaum war der neunte Mond vorbei,
so gebar sie ein Kind, wei wie der Schnee und roth wie Blut, und freute sich
da, und starb. Ihr Mann begrub sie unter den Baum, wie er es versprochen, und
fing an zu weinen gar sehr, eine Weile lang; nach und nach und allgemach legte
sich aber das Herzeleid, und dann hrte er auf zu greinen, und dann whrte es
nur eine kurze Zeit, so nahm er sich wieder ein Weib. - Mnnertreue! sprach
Wallrade bitter: Ihr erzhlt kein Mhrlein, Muhme. Da ich Euch also nennen
mu, beweist, da wirklich im Leben geschieht, was in der Ammenstube erdichtet
wird. - Petronella zog ein verdrieliches Gesicht, und ihr Vetter schlug eine
spttische Lache auf. Frau Else aber schlug allen beginnenden Hader durch den
Wunsch nieder, das Mhrlein weiter zu hren, und das Frulein von Leuenberg fuhr
fort: Die Stiefmutter gebar eine Tochter in's Haus, und diese war ihre Liebe,
und der Sohn der Verstorbenen wurde ihr Ha, und sie dachte ihn zu verderben.
Und der Gott sey bei uns fgte es, da einstens der Junge aus der Schule kam,
und von der Mutter 'nen Apfel begehrte. Sie machte ein finster Gesicht und
glhende Augen, und begehrte von dem Buben, da er heraufkomme zur Dachkammer,
wo eine Kiste stand mit scharfem Schlo von Eisen, und da sie den Deckel
aufmacht, und dem armen Jungen befiehlt, sich einen Apfel aus der Truhe zu
holen, und der unschuldige Knabe sich hineinbiegt ... Puff! Schgt sie den
Deckel zu, da des Buben Kopf unter die rothen pfel fiel. Darauf hat sie mit
einem weien Tuch das Haupt wieder an den Krper gebunden, den Knaben vor die
Thre gesetzt, und ihm einen Apfel in die Hand gegeben. Und da sie in der Kche
stand, und einen Topf mit heiem Wasser brudeln lie, da kam ihr Tchterlein
traurig zur Kche, und sprach: Ach Mutter mein! Vor der Thre sitzt das
Brderlein und sieht aus wie der Schnee, und it nicht seinen Apfel und
antwortet nicht, ob ich ihn gleich gebeten; mir von dem Apfel zu geben. - Ei,
sagt die Mutter, wenn der bse Bube nicht reden will, so ziehe ihn an den Ohren.
Lenchen ging hin, und that wie ihr die Mutter geheien, und da lag der Bruder
todt zur Erde. Da hat nun das arme Mgdlein geschrien und geweint, und die
Mutter hat gesprochen: Ach, Lene, Lene, was hast Du gethan. Komm, da wir's dem
Vater verbergen! Und sie hackte den Jungen in Stcken, und steckte diese in den
Topf mit Wasser und kochte sie zum Imbi; Lenchen stand aber dabei, und weinte,
und weinte, da alle Thrnen in den Topf fielen, und das Gericht brauchte weiter
kein Salz. - Aber, Frulein! sprach hier Frau Else: welch schreckliche Mhr
erzhlt Ihr uns da? Gott vergebe der bsen Stiefmutter!
    Und es ist doch nur 'ne Stiefmutter; entgegnete Petronella mit hlichem
Lcheln, und manche wahre und echte Mutter hat also gethan an ihrem Kinde -
Else schlug ein Kreuz; Veit wollte sich todt lachen ber die Schnurren, die
seine Base auftischte; Wallrade war jedoch ganz still, und sah ernst vor sich.
Die Leuenbergerin nahm dafr den Faden wieder auf, und erzhlte:
    Wie nun der Vater kam aus dem Wald, und warf die Art weg und setzte sich
zum Tisch, so fragte er: Wo ist denn der Bube? - Zuerst antwortete die Mutter
nicht, und trug das Essen auf; du jedoch Lenchen die Zhren nicht verbergen
konnte, so fragte der Vater wieder: Weib, wo ist denn der Bube, mein Sohn? -
ber Land ist er gegangen, antwortete ihm die Frau hierauf, als ob sie kein
Wasser getrbt htte: er will beim Groohm verweilen sechs Wochen lang und ich
habe ihm's nicht versagen mgen. - Ach, was ist doch dem Buben eingefallen?
versetzte hierauf der Vater gar wehmthig: Wie konnte er doch fortgehen, ohne
mir gesagt zu haben: Leb' wohl Vater, und bleib' gesund? - Der gute Mann wurde
recht wehmthig, und wollte nichts genieen; da er aber den ersten Bissen der
Grlichen Speise gekostet, wurden ihm Augen und Mund weit, und er a und a,
und a ganz allein, und lie keinem Menschen einen Bissen brig, und vom ganzen
Gerichte nur die Beinlein, die das kleine Lenchen in ein seiden Stck wickelte,
verstohlen, da es die Mutter nicht sah, und damit von dannen ging, unter den
Mandelbaum, wo sie des Bruders berreste niederlegte in's grne Gras, und sie
befeuchtete mit blutigen Thrnen. Da geschah es aber mit einemmale, da der
Mandelbaum begunnte sich zu bewegen, und der Wipfel nickte freundlich, whrend
dessen die Zweige auseinander rauschten, und wieder zusammenschlugen, wie
frhliche Leute mit ihren Hnden zu thun pflegen, und die Wurzeln hpften
hpften und zuckten, wie die Fe eines tanzlustigen Gesellen. Und dabei ging
eine Nebelwolke aus von dem Baume und in der Wolke brannte ein schnes rothes
Fetter, und aus dem Feuer flog so ein schner Vogel heraus, wie er nimmer
gesehen wird in deutschen Landen; der sang lieblich und wohlgemuth und flog in
die hohe Luft. Unter dem Mandelbaume war jedoch alles wie zuvor, und das Gras
spielte im Winde, die Bltter regten sich leise, aber des Brderleins Gebeine
waren verschwunden, wie das seidne Stck, so da Lenchen's Herz weit wurde, wie
das eines Glcklichen, und sie sich nicht anders vorstellen konnte, als da lieb
Brderlein noch lebe. Worauf sie vergngt nach Hause ging. Der bunte Vogel
setzte sich inzwischen auf eines Goldschmids Haus, und sang vernehmlich: Die
Mutter hat mich erschlagen, - Verzehrt hat mich des Vaters Mund, - Mein
Schwesterlein tht mich begraben, - Beim Mandelbaum im khlen Grund! Kywitt!
kywitt! welch ein schner Vogel bin ich! - Meister Goldschmid sa gerade in der
Werkstatt und fertigte eine goldne Kette. Der Gesang des fremden Vogels auf
seinem Dach gefiel ihm ber die Maen, und er lief, ob er gleich Schuh' und
Schurzfell in der Eile verlor, auf die Strae, wo die Sonne so hell schien, wie
das goldne Geschmeide in seiner Hand. - Ach Vgelein! rief, der kunstreiche
Mann: wie singst Du doch so schn! Wiederhole die Weise noch einmal. Der Vogel
kratzte sich darauf schelmisch am Kopf, und er wiederte: Gibst Du mir die goldne
Kette in Deiner Hand, so singe ich noch einmal. Umsonst thu' ich's jedoch nicht.
Der Goldschmid reckte ihm hierauf die Kette dar vom reinsten Golde, und der
Vogel packte sie in die Kralle, und setzte sich vor dem Goldschmid nieder und
sang: Die Mutter hat mich erschlagen, - Verzehrt hat mich des Vaters Mund, -
Lieb Schwesterlein tht mich begraben, - Beim Mandelbaum im khlen Grund!
Kywitt! kywitt! welch ein schner Vogel bin ich! - Traun! schaltete hier der
Leuenberger ein: man kann nicht leichter zu goldnen Ketten kommen. -
Unterbrecht doch die Muhme nicht, schalt Else dagegen: Ihr seyd ein unruhiger
Zuhrer. Nehmt ein Beispiel an Eurer Nichte, welche da sitzt wie ein fleiig
Mgdlein in der Kinderlehre.
    Petronella schenkte der aufmerksamen Zuhrerin einen gnstigern Blick, denn
zuvor, und lie sich weiter vernehmen: Der Vogel flog von dannen und setzte
sich auf eines Schusters Dach, wo er abermals sein Lied sang, und damit Meister
und Frau , Kinder und Gesellen auf die Strae lockte, wo die Sonne nicht heller
schien, als die goldne Kette um des Vogels Hals. Und da ihn der Schuster
aufgefordert hat, das Stcklein noch einmal zu pfeifen, so gurrte der Vogel, als
ob er sich besnne, und fragt: Gibst Du mir die rothen Schuhe, die Du gerade
vollendet hast, so will ich singen; umsonst thu' ich's aber nicht. - Was will
ich machen? versetzt der Meister, und reicht die Schuhe dem Vogel, der sie
erpackt, auf des Schusters Schulter fliegt, und das Lied wiederholt, das wir
schon wissen. Weit davon stand aber eine Mhle, die ging klipp klapp, klipp
klapp vom Morgen bis zur spten Nacht, und zwanzig Mllerknechte standen darin
und behaupten einen Stein, und ihre Hmmer klangen: hick, hack, hick hack
zwischen durch der Mhle Klipp klapp, klipp klapp. Ein Lindenbaum stand gar
lustig vor der Mhle und darauf setzte sich der bunte Vogel mit Kette und
Schuhen, und sang sein Lied, da einer von den Gesellen nach dem andern aufhrte
zu hauen, und alle herausgelaufen kamen, und den wunderlichen Vogel anstarrten,
der so vernehmlich singen konnte wie ein Mensch, und so bedenklich obendrein. Da
sie nun verlangten, er mchte seine Weise wiederholen, so entgegnete der Vogel:
Gebt Ihr mir den Mhlenstein, so Ihr behauen habt, so will ich wohl. Umsonst
aber thu ich's nicht. Die Gesellen pflogen hierauf Raths unter sich, und wurden
endlich eins, da der Stein dem Vogel gehren sollte. Da sie nun mit Hebeln und
Stobumen ansetzten, um den schweren Stein zu erheben, so kam der Vogel
herbeigeflogen, die Kette in der rechten, die Schuhe in der linken Kralle,
steckte sich den Mhlstein an den Hals, wie einen Helmkragen, und da er noch
einmal gesungen hatte, so flog er weit, weit weg mit Stein, Kette und Schuhen,
nach seines Vaters Hause.
    Dort fliegt Staub auf am Waldrande! rief der Leuenberger, mit der Hand
nach der Heerstrae deutend: Es wirbelt lustig durcheinander. Was gilt's, unser
wackrer Hauswirth kehrt heim! - Else warf einen Blick nach der Strae, und
erwiederte gelassen; Gottlob! Aber noch sind die Mnner fern, und das Frulein
hat alle Mue, ihre schne Mhr zu endigen, deren Schlu ich mit Neubegier
erwarte. - Gewi! setzte Wallrade mit einem gezwungnen Lcheln bei, whrend
ihr Auge bald gespannt auf Petronellens Munde haftete, bald scheu den Boden
suchte. Die Base, nachdem auch sie den fernen Ankmmlingen einen Blick ihres
Auges geschenkt hatte, fuhr lebhafter und mit feierlichem Antlitz fort: In der
Stube des Hauses saen der Vater, die Mutter, und Lenchen am Tisch, und der
Vater sagte: Mir wirb so wohl und frei um die Brust, ob ich schon nicht wei,
warum. Die Frau sagte dagegen: 's wunderlich. Mir wird so schwl zu Sinne, als
ob ein Wetter ber'm Schlot stnde. - Lenchen aber mute verstohlen greinen und
weinen, so kamen ihr die Thrnen in die Augen. Pltzlich fliegt der Vogel
herbei, und so wie er sich auf das Dach setzt. - Ach! sagt der Vater: Mir ist
heut sonnenwohl und heiter, als ob ich einen guten alten Freund wiedersehen
sollte. Die Frau sagt dagegen: 's ist wunderlich! mir wird so bang, und die
Zhne klappern mir, und es kriecht wie Feuer durch meine Adern, und das Mieder
will mit zerspringen vor Gebreste. Lenchen sagte kein Wort, und weinte, da die
Schrze na wurde, wie ein Regentuch. Inzwischen war der Vogel auf den
Mandelbaum geflattert, und indem er durch die Scheiben stierte, als wre jeder
seiner Blicke eine Stechlanze, sang er: Die Mutter hat mich erschlagen .... da
hielt die Frau die Ohren zu, und kniff die Augen zusammen, da sie nicht hren
und nicht sehen mochte. Doch vor den Ohren braute es ihr wie alle Waldstrme
des Fichtelgebirgs, und vor den Augen zuckte ein Blitz nach dem andern. -
Verzehrt hat mich des Vaters Mund .... sang der Vogel weiter, und obgleich der
Mutter das Lied klang wie Todtenglocken, so war's doch dem Vater als ob Engel
singen zu goldnen Harfen, und ein ser Geruch wie Rosmarin und Holderblthe
herabrieselte von dem Wipfel des Baum in die sonnenhelle Stube, Lieb
Schwesterlein tht mich begraben, tnte des Vogels Stimme weiter, und Lenchen
mute, um sich satt zu weinen, den Kopf auf die Knie legen. Der Vater konnte
hingegen nicht mehr im Hause bleiben, und wollte heraus, nach dem seltsamen
Vogel zu schauen, was er auch that, ob ihn schon die Frau beim rmel zurckhielt
und stammelte: Geh nicht! Geh nicht! Es wankt ja das Haus, und steht's nicht in
Flammen? - Da der Vater nun den Vogel beschaute, und sich seines Gefieders
freute, wie auch sich wunderte ob der befremdlichen Worte, die er sang: Beim
Mandelbaum, im khlen Grund, .. kywitt! kywitt! welch ein schner Vogel bin
ich! so lie der Snger die goldne Kette fallen, gerade um des Vaters Hals, da
sie ihm stand, wie der Schmuck eines Ritters oder Marschalls. Als er nun freudig
hineinging, und der Frau das Geschmeide wies; so konnte die Sndige sich kaum
aufrecht erhalten, weil der Vogel wieder anhob, wie mit tausend Zinken- und
Heroldsstimmen: Die Mutter hat mich erschlagen! - O mein Herz! seufzte die
bse Frau: O lge ich doch tausend Klafter unter dem Boden, da ich nicht hren
mte, was das Gespenst dort auf dem Baume krchzt. Der Vogel kam nun an die
Weise: Lieb Schwesterlein tht mich begraben, und nun mute auch das Mgdlein
hinaus, um den Vogel zu schauen, der ihr die rothen Schuhe herunter warf, auf
denen sie frhlich in die Stube zurcktanzte. Da schmetterte der Vogel fein:
Kywitt! kywitt! wie ein rstiger Trompeter durch die Luft, und hrte nicht
damit auf, da der falschen Mutter die Haare zu Bergen standen, wie Feuerflammen
und wehende Waldbume. - Ach! schrie sie verzweifelnd: Geht denn die Welt
nicht unter? Hrt denn der Bube nicht auf zu schreien? Ich mu hinaus zu ihm, ob
es mir wohl mein Herzblut kosten wird! - Rannte hinaus, und vom Mandelbaum
polterte der Buchtstein herab, da sie elendiglich zerschellt dahin sank, viele
Fu tief in die Erde, aus welcher der Stein nimmer gehoben werden konnte. Der
Vater und Lenchen rangen die Hnde, da Dampf und Feuer aufging von der Sttte.
Als aber der Rauch verzogen, die Flamme erloschen war, da war es unter dem
Mandelbaume wie zuvor, das Gras spielte im Winde, die Bltter regten sich leise
und der kleine stand, wei wie Schnee, und roth wie Blut, und lebendig wie ein
Hirsch vor dem Vater und dem Schwesterlein, und sprach: Guten Tag, ihr Lieben,
und wohl mir, da ich wieder bei Euch bin. Und wie sie sich frhlich zu Tisch
setzen, ist das Mhrlein zu Ende.
    Blase, Brenhuter! schrie Veit: dem Wchter in die Ohren, der langsam und
faul nach dem Horn griff, da die Reiter schon nahe am Graben waren. - 'S ist
wahrlich mein Alter! rief Else unter dem Geschmetter des Horns: Gott und alle
Heiligen seyen gelobt. - Indem sie jedoch schnell aufstand, bemerkte sie mit
Schrecken, da Wallrade von der Steinbank zur Erde gegleitet war, und ihrer
Sinne verlustig geworden, dahin liegend wie eine Leiche. Die Frauen sprangen der
Ohnmchtigen bei. Der Junker sah ihnen hhnisch lchelnd ber die Achseln. Seht
doch einmal! rief er: Das Frulein ist ja doch sonst hart wie Stahl und Eisen,
und weder Ha noch Liebe erschttert sie. Wie kommt's, da ein Kindermhrlein
die Starke umwirft? Ich laufe, die Zugbrcke herab zu lassen. - Er berlie die
Bewutlose ihren Pflegerinnen, und eilte hinab an das Thor der Veste, um den
Ankommenden den Einritt zu verstatten. Sie kehrten alle wohlbehalten zurck,
aber mit verdrlichen Gesichtern. Bechtram ritt eines Knechts Mhre, und sein
eignes Pferd kam hinkend hinterdrein. Das war ein Miserereritt! rief er dem
Leuenberger entgegen: Gotts Marter! wer sagt mir denn, was meinem Hengste
fehlt? Die bockbeinige Mhre hat mich abgeworfen, da ich ihr das Hinken mit den
Sporen austreiben wollte, und das hat unserm Zug ein pltzliches Ende gemacht,
denn der Satan versuche an dem Tage sein Glck weiter, wo sein Leibpferd ihm
abwarf. Das gedeutet Unglck, und vielleicht sogar Hexere. - Wir hatten der
bsen Zeichen viele, rief der Hornberger dazwischen: eine alte Vettel war der
erste Mensch, der uns begegnete, und der Teufel selbst kann kein grer Unglck
herbeifhren. - Die brigen hatten indessen das Pferd umringt, und belugten das
Thier von allen Seiten, wie schon im Freien geschehen war, ohne die Ursache
seines Gebrestes und seines Kollers entdecken zu knnen. - Kreuz und Stern!
rief Bechtram ungeduldig, und zauste seinen grauen Knebelbart: Irgend etwas mu
doch die Schuld tragen. Wer wei, ob Deine Base den Gaul nicht verhert hat,
Leuenberg. - Die brigen brachen in lautes Gelchter aus. Doring fate brigens
den Gedanken auf, und versicherte ernsthaft und kopfschttelnd, es sey hier wohl
eher die Wahrscheinlichkeit einer Zauberei da, als nicht. - Es wre mglich,
da die Krmer zu Frankfurt Dir den Gaul geknpft htten; meinte der
Reifenberg, und der von Wiede schwor bei allen Wettern, Zauberei stecke
dahinter, und weiter nichts. Sie standen mit untergeschlagenen Armen im Kreise
um den Gaul, und Bechtram sprach endlich verdrlich: Was verzaubert ist, mu,
sich auch entzaubern lassen, wenn man's nur verstnde. - Warum liegt Ihr im
Bann? wieherte der Hornberger: Warum nahm Euer Kaplan Reiaus? Die Schorkpfe
kennen Teufelei und Hexenwerk wie ihr Mebuch, und beten dem Satan die Hrner
stumpf. - Wenn's nur das ist, da kann abgeholfen werden, meinte Bechtram: in
meinem Verliee steckt ja ein Kuttenknecht, und man knnte ihn ja eine Weile aus
dem Kfig lassen, um hier seine Schuldigkeit zu thun. - Ja wohl, pflichtete
der Leuenberger bei: und so Ihr begehrt, verlange ich von Eurer Hausfrau die
Schlssel, und schleppe Euch den hagern Burschen her. - Bechtram gab nach
einigem Bedenken die Einwilligung, und Veit eilte, seinen Auftrag auszurichten,
und kehrte bald mit dem Mnch zurck, dessen Gang sich sehr von dem
schleichenden Katzentritt seiner Ordensbrder unterschied. Kraftlosigkeit lag
jedoch ber sein ganzes Wesen ausgebreitet, und das Gesicht hielt er in der
Kaputze verborgen, durch deren ffnung ein verwirrter Bart sich sehen lie.
Willkommen, hochwrdiger Herr; redete ihn Bechtram spottend an: Ihr mgt
vergeben, da meines Gewerbes strenge Beschftigung mir noch nicht die Mue
gnnte, einen werthen Gast, wie Ihr seyd, von Angesicht zu Angesicht zu schauen.
Ich hoffe indessen, da Euch und euerm Begleiter die nothwendige Atzung nicht
gefehlt haben werde. Der arme Schelm! schaltete Doring mitleidig ein: Frau
Else hat nur fr trocken Brod und klares Wasser gesorgt. - Bechtram warf ihm
einen finstern Blick zu, und entgegnete mit trockner Klte: Ein Jeder, Freund,
wird in meinem Hause gehalten, wie es seinem Stande geziemt. Mnch und Bauer
sind auf die nchternste Kost angewiesen, und darum hat meine Wirthin ihre Tafel
also geordnet. Ich mchte Euch indessen, wrdiger Vater, gern zu einem bessern
Trunk und leckerem Bissen verhelfen, wenn Ihr mir dieses Pferd hier, das am
Hinterfu verzaubert und gebannt ist, wieder zurecht bringen wolltet durch euern
Segen und Beschwrung. - Der Mnch, der bis daher noch kein Wort gesprochen
hatte, sah auf den Gaul und dessen Herrn hernieder wie ein Frst, und erwiederte
ruhig: Ich verstehe das nicht, Herr, was Ihr begehrt. - Bechtram war mit der
Antwort nicht zufrieden. - Ausflchte, sprach er lchelnd: Ihr Klosterleute
pflegt doch sonst eher mehr zu versprechen als ihr halten knnt, und allzugroe
Bescheidenheit ist eure Sache nicht. Hngt sie an den Nagel, und stellt mir das
Thier wieder her. Es soll euer Schade nicht seyn. Hher als eines Menschen Leben
schtze ich das Ro, und meine Dankbarkeit ist Euch gewi.
    Ich wiederhole Euch, Herr, versetzte der Mnch gelassen, da ich nichts
von Beschwrungen verstehe. - Bechtram's Stirne wurde glutroth, und der
Hornberger fuhr auf. - Bist Du ein Pfaffe, schrie er, und kannst nicht einmal
ein verhextes Vieh lsen? Schwnke ber Schwanke! Das Zaubern lernt ihr aus
euern Chorbchern, die keine andre Christenseele versteht. Merkt Ihr nicht,
Bechtram, da der schmutzige Barfer Euch nur zum Besten hat? da es ihm Freude
macht, Euern Renner krumm und lahm zu sehen? Die Pfaffen sind Eure geschwornen
Feinde. La diesem hier nur die Peitsche geben, bis er sich bequemt. Kreuz und
Dorn! ich mache nie so viele Umstnde mit den braunen Unthieren. - Hm,
erwiederte Bechtram: ich werde doch in sechzig Jahren nicht weniger gelernt
haben, als Ihr, mein Herr von Hornberg? Lat das Hofmeistern auf gelegnere Zeit,
wenn Euch der Bart grau geworden. Ich wei schon selbst, wie mit
Widerspenstigen, umzuspringen ist. - Der Hornberger wurde empfindlich ber die
ffentliche Zurechtweisung. Bei allen Gewittern! rief er: Nicht so hitzig und
beiig, Meister Bechtram. Da ein grauer Bart nicht vor Thorheit schtzt,
beweit Ihr gerade jetzo, da Ihr einen erprobten Freund wegen eines Pferds und
eines Tagediebs beleidigt. - Schweig! Gelbschnabel, erwiederte Bechtram mit
zorniger Geberde, indem er an die Hfte schlug, wo das breite Schwert hing. -
Friede! Friede! riefen jedoch die Andern dazwischen. Der Leuenberger nahm es
ber sich, den Hornberg zu besnftigen, und der ltere Dring machte sich an
Bechtram. Die beiden gereizten Mnner ergaben sich nicht alsobald in den Willen
der Vermittler, und strubten sich lange gegen eine Vershnung des so schnell
ausgebrochnen Zwists. Endlich hngte sich noch der Reifenberg an den Hornberger,
Henne von Wiede an den Burgherrn, und sprachen, so gut es ihre rauhe und der
Schmachreden mehr denn der Friedensworte gewohnte Zunge vermochte, krftig genug
zur Shne. Whrend nun die eine Partei unter lebhaften Geberden auf der
Scheibenbahn des Zwingers auf und ab lief, und die andre, heftige Worte
wechselnd, sich an das Gatterthor gezogen hatte, besah der Mnch das arme Ro
nach allen Regeln der Kunst, so da sich die Knechte selbst ob der
Unerschrockenheit wunderten, mit welcher ein des Reitens unkundiger
Klosterbruder das wilde und ungeduldige Thier zu behandeln wagte. Er war mit
seiner Untersuchung zu Ende gekommen, als gerade die friedestiftenden Freunde
auch an das Ende ihrer Bemhungen gelangt waren. Des Hornberger's Hitze war
grtentheils verdampft; der kltere Bechtram hatte erwogen, da er des
unerschrocknen Kmpen wohl noch ferner bedrfe, und beide boten endlich willig
die Hand zur Ruhe und Minne. - Lat's gut seyn; brummte Bechtram, des Junkers
Rechte schttelnd. - Gott strafe mich, wenn ich's Euch gedenke; erwiederte der
rohe Mensch, dem ltern Kumpan um den Hals fallend: aber, setzte er hinzu: da
sich zwei wackre Edelleute um solches Ungethm - auf den Mnch zeigend -
vermeinigt haben, so mu der Bube uns beiden Genugthuung leisten, und auf der
Stelle den Teufel beschwren, der in dem Gaule sitzt, oder es geht ihm nicht
gut. - Recht, Hornberg; bekrftigte Bechtram, der sich mit dem bergewichte
eines hochmthigen Zwingherrn gegen den Mnch wendete: Mache Dich fertig,
Pffflein, sonder Widerrede, heile mir das Pferd. Ehe die Abendsonne hinter jene
Linde sinkt, mu es geschehen seyn. Mangelt Dir etwas vom geistlichen Staat, so
zu diesem Werke nthig wre, so soll es Dir gereicht werden. Weihkessel und
Wedel, Stola und Merock findet sich in meiner Kapelle. Darum sprich und treibe
Deine Schwnke, damit mein Gaul gesunde, und es Dir wohl gehe auf Erden.
    Mu ich denn wiederholen, was ich frher sagte? fragte der Mnch
achselzuckend, mit etwas verchtlicher Miene, so weit sich sein blasses Gesicht
unter der Kaputze erkennen lie. - Bechtram stampfte wild mit dem Fue. Hagel,
Sturm, Pest und rother Hahn! schrie der vorlaute Hornberg: Tagdieb! willst Du
wohl gehorchen? Seit einer Stunde schon gibt Dir ein biedrer Rittersmann die
besten Worte, und Du, schmutziger Bettelgnger, treibst Deinen Spott mit ihm?
An's Werk, oder ich lhme Dich wie den Gaul hier. -
    Er griff nach seinem Lieblingswerkzeug, dem Messer am Grtel. - Bist Du
denn toll? rief ihm der Leuenberger in's Ohr, und hielt seinen Arm. Der wilde
Junker strubte sich jedoch ungeberdig, und rief auer sich: La mich, Veit,
la mich! Ich will die Kniesehne des Faullenzers treffen, so gut als die eines
Pferdes! - Leuenberg lie indessen nicht ab, und die brigen standen ihm bei.
Der Mnch kehrte sich gelassen zu Bechtram, und sprach: Ich wei wohl, da der
gute ungestme Junkherr Wort halten wrde. Einen Menschen zu verstmmeln wie ein
Thier fllt ihm nicht schwer. Demungeachtet kann ich Euerm Wunsche durch eine
Beschwrung nicht gengen, wohl aber durch leichtere Hlfsmittel. Das Ro ist
nicht behext, und wenn es der Hufschmidt Sr. kaiserlichen Majestt behaupten
wollte. In seinem Hufe sitzt die ganze Zauberei, und diese Krankheit nennt man
die Steingalle. Gefllt es Euch, so will ich noch diese Nacht ein wundtzend
Wasser bereiten, und morgen das Pferd damit von Grund aus heilen. Mit Zauberei
gebe ich mich aber nicht ab. - Die Edelleute standen unglubig und stumm bei
diesen Worten. Als aber der Mnch mit gewandter Faust des Pferdes Huf aufhob,
und ihnen Allen den kleinen braunrothen Fleck darinnen zeigte, den ihr ungebter
Blick bersehen hatte, und sie sich berzeugten, da bei der Berhrung dieses
verletzten Fleckchens das Thier zusammenschauerte, und mit aller Macht zu hauen
und zu beien verlangte, da kam ihnen doch nach und nach zu Sinne, da der
verachtete Klostermann wohl Recht haben knnte, und eine gewisse Art von
Bewunderung trat an die Stelle des pbelhaften Hohns. - Ei, hochwrdiger Herr,
sprach Bechtram so verbindlich als es ihm mglich war: Ihr verrathet einen
Mann, der nicht in die braune Haut gehrt, die Ihr auf dem Rcken tragt. Solch
adlich Reitergewerbe zu verstehen, wie Ihrs versteht, was sich aus Euren
Handgriffen und zuversichtlichen gerechten Worten ermessen lt, - das lernt man
sonst in Euern Klstern nicht, worin der Bettelesel das einzige Thier ist, das
von Ferne eine hnlichkeit mit dem edlen Rosse hat. Sagt, womit ich Euch
erfreuen kann; nur die Freiheit mu ich Euch fr jetzo versagen, da mir es eine
andre Pflicht gebietet. - Ich wei zwar nicht, welche Pflicht Euch gebieten
kann, - versetzte der Mnch, - die Gewaltthtigkeit fortzusetzen, die jener
junge unbesonnene Mann an mir und meinem armen Fuhrmann verbt hat. Allein eben
in die Gewalt mu man sich fgen, so man nicht der Strkre ist. Heile ich Euch
jedoch den Hengst, und findet Ihr morgen, da ich nicht zu viel versprochen, so
erleichtert in etwas das Schicksal des armen Bauers, der mit mir in Euerm Thurme
schmachtet. Bedenkt, da er ein Weib daheim hat, und fnf Kinder, die nicht
ahnen, wohin ihr Ernhrer gerathen ist, und die vielleicht vergehen in Noth und
Jammer, wie Er dahin schwindet in Heimweh und verzehrendem Gram. Behandelt ihn
nicht schlechter als Euere Rden, die denn doch dann und wann eine bessere
Atzung erhalten, als verdorbnes Haferbrod und schlammiges Wasser. Mit einem
Worte: haltet den Unschuldigen wie einen Menschen; dann habt Ihr mir reichlich
den geringen Dienst vergolten, welchen ich Euch leisten will. - Bechtram
schwieg etwas beschmt. Die edeln Herren sahen sich der Reihe nach verwundert
an. - Ein wunderlicher Heiliger! lachte der Hornberger, der sich aus seiner
Wuth wieder zum Scherz gefunden hatte: Wenn Ihr ihn auf der Fahrt hieher
gesehen httet, ... geschworen httet Ihr, der Mensch sey stumm. Auch kein
Wrtlein hat er verschwendet, so tapfer Leuenberger's Base ihn in's Gebet nahm.
Ohren und Augen in die Kutte gehllt, sa er da, wie ein Bild von Holz, und ich
schwrs, er hat auch kein Wort gehrt, was wir gesprochen. Jetzo aber geht ihm
der Mund frisch weg, wie ein fleiiges Rdlein. Glck zu, Pater! - Man rede
nur zur gelegnen Zeit; versetzte der Mnch ruhig. - Man rede aber auch alsdann
fr sich, und nicht fr Andre; fgte Bechtram mit einer Gutmthigkeit bei, die
ihm um so besser anstand, als er selten darein verfiel: Mir wr's lieber, bei
Gott; Ihr verlangtet etwas Bessres, als ein Stck Fleisch fr den dummen Bauer.
- Mein Gewand ist das der Demuth; entgegnete der Mnch kurz: ich begehre
nichts fr mich; aber hindert Euch denn dieses, mir freundlich entgegen zu
kommen? - Fr heute wnsche ich nichts als Ruhe, und da man mir verstatten
mge, in den Thurm zurck zu kehren, um das Wundwasser fr das Pferd zu
bereiten. - Wohl wird es khl und dmmrig hier im Zwinger, - meinte Bechtram,
- und wir wollen Euch unter Dach und Fach bringen, guter Klostermann. Aber bei
leibe nicht in den Thurm. An unserm Hausherde knnt Ihr weit leichter Euern
Balsam brauen, und an unsrem Trinktische sitzt sich's besser, als in dem Kerker.
Kommt mit; einige Becher edeln Getrnks werden Euch strken, und ein Stck
kstlichen Wildbratens-Euern Gaumen vergngen. Ihr erzhlt uns dabei aus Euerm
Leben, und aus der Ferne, denn, weit seyd Ihr hergekommen, und helft uns also
den Abend verkrzen. - Ich bin ein schlechter Erzhler, antwortete der Mnch:
im Thurm aber wird mein Begleiter, der arme Bauersmann, meine Gesellschaft
vermissen. Mein Trost allein und mein Zuspruch drckten ihm die Augen zu auf
seinem elenden Strohlager. - Pah! rief der Leuenberger: solch Volk braucht
kein Einlullen. - Keine Genossenschaft, als die der Ratzen und Spinnen,
setzte Hornberg hinzu. - Ja wahrlich! bekrftigte Bechtram: Ich sende dem
Manne einen Becher Wein, daran mag er sich Rausch und Schlaf zutrinken, und
frhlich seyn. Ihr aber, Pater, - Kreuz und Stein! Ihr mt mit, und ohne
Zgern.
    Der Ritter nahm den Arm des Mnchs unter den feinigen, und das ganze
Huflein der Gste nahm seinen Weg zu dem Gatterthore, an welchem die Hausfrau
ihnen entgegen kam, und den Eheherrn bewillkommte. Wo ist das Frulein? fragte
er schnell, und jeder Mund wiederholte die Frage, und jeder Blick suchte sie.
Frau Else gab jedoch eine unbedeutende Unplichkeit vor, versicherte, da
dieselbe bald vorber seyn wrde, und fhrte die Herren sammt und sonders in das
Gemacht des ersten Stockwerks, wo auf dem eichenen Tisch Speisen aufgestellt
waren, und vom Kandelbrett die glnzenden zinnernen Kannen herableuchteten, mit
den sauber geformten ngstern, den mchtigen Paglsern und den bauchigen
Krgen. Wie heihungrige Wlfe fielen die Gste ber die derben Keulen her, und
der duftige Wein strmte in die Becher. Frau Else schnitt das Fleisch vor, das
Frulein von Leuenberg kredenzte in Ermanglung eines reizendern Mundschenks den
Trunk, und bald verwirrte sich Alles in scherzhaften Gesprchen und
Alletagsreden. Doring und Weide griffen nach der reisenden Uhr1, sich die Zeit
zu vertreiben; der Reifenberger krhte ein Minnelied zu Petronellens Ehre,
welches der tolle Hornberger mit einer verstimmten Laute begleitete; Bechtram,
der Leuenberger und der Mnch saen beisammen, und schwatzten von Jagd und
Falkeniererskunst, in welcher der Letztere nieder ungemeine Fertigkeit verrieth,
und den Zuhrern manch Jgerstcklein und Falknergeheimni zum Besten gab, von
dem sie sich nichts hatten trumen lassen. Bald jedoch nahm der Wein in
Bechtram's, wie in Veit's Kopfe berhand, und es entspann sich zwischen ihnen
ein Hader ber Wilderei und Forstherrngerechtsame. Die brigen, nicht minder vom
Wein erglht, mischten sich in den Handel, und ehe man sich's recht versehen
konnte, saen alle beisammen an einem Tische, um sich mit weniger Aufwand an
Stimme und Geberden zanken zu knnen. Petronella nahm keinen Theil an dem
Mnnerzwist, sah sich vergebens nach Elsen um, die aus der Stube verschwunden
war, und steuerte endlich auf den geistlichen Herrn zu, der jedoch von ihrem
Vornehmen etwas merken mute, da er pltzlich aufstand, und aus dem Gewirre und
Gelrm der Bezechten, wie vor der Redseligkeit der alten Jungfrau froh, um an
den verglimmenden Kohlen des Herdes die Wundarznei zu bereiten, und daneben
seine Schlafstelle zu suchen. Die Glut knisterte schon unter dem Topfe, in
welchem das Wasser ghrte, vermischt mit dem nothwendigen Wein und Gewrz, und
der lange braune Mann stand sinnend, mit bereinander geschlagenen Armen, ber
die Dmpfe des Topfes hinwegsehend in den finstern Schlot, bis ihn ein Gerusch
aufzuschauen bewog. Frau Else stand neben ihm, ergriff seine Hand, und kte
seinen rmel. Da sich nun der Mnch darob verwundert anstellte, so redete Frau
Else also, mit demthigem Gesichte: Liegen wir gleich jetzo im Baum hier zu
Falkenstein, so sind wir doch getaufte Christen, und keine Heiden oder Juden,
die es gerne sehen, wenn die Geweihten des Herrn in Trbsal schmachten und Noth.
Hochwrdiger Herr; es hat mir oft das Herz geblutet, da mein Alter Euch
gefangen halten mu, seiner eignen Sicherheit wegen, und da sich Euch nicht
besser bewirthen durfte, als bisher geschehen: ich bin aber die Frau, wrdiger
Herr, und der Mann fhrt den Befehl. Vergebt mir also. - Hab' ich Euch
gezrnt, Frau? fragte der Mnch dagegen: Wollt mir gtigst hier eine Weile
beistehen, so lange das Wasser kocht; setzte er hinzu: denn ich mu Euch
bekennen, da ich des Kchenhandwerks nicht allzu gewohnt bin. - Ich glaub' es
wohl, hochwrdiger Vater; erwiederte Frau Else: das Geschft schickt sich eher
fr weibliche Hand, und ich will gerne, so Ihr mir begreiflich macht, was dabei
zu beobachten ist, es ganz an Eurer Statt zu Ende bringen, wenn Ihr geneigt
wrt, einer armet mit sich selbst und ihrem Gott zerfallnen Frau einen
Liebesdienst zu erweisen, wie ihn die Kirche und der Heiland fordern und
eingesetzt haben. - Wie meint Ihr das, Frau, und ist von Euch die Rede?
fragte der Mnch ernsthaft. - Nicht von mir gerade, liebster Herr; sprach Frau
Else heimlicher: ich liege im Bann durch meines Mannes Schuld, und darf ja von
der Kirche nichts begehren, bevor wir nicht losgesprochen. Aber da ist eine Frau
im Schlosse, eine Verwandte von uns, mt Ihr wissen; und diese Frau sehnt sich
pltzlich nach dem Sakrament der Beichte und Bue, wie ein Sterbender nach dem
Liebesmahl. Ich hab's nicht gern gethan, allein ich mute ihrem Bitten
nachgeben, da der Zufall gewollt hat, da mein Herr Euch aus der engen Haft
entlassen. Wollt also sagen: Ja, und die Schlssel zur Kapelle empfangen, denn
in das Gemach der Schwermthigen darf ich Euch nicht bringen, weil die Mnner es
merken knnten, und der Jhzorn meines Alten ist ohne Grnzen, weil er im Bann
liegt, und er kann daher nicht leiden was geistlich, oder geistlicher
Verrichtung ist. Ich sende Euch die Bubedrftige, ... in einer halben Stunde
ist alles abgethan, und Ihr nehmt einen Gotteslohn mit Euch. -
    Der Ordensmann war whrend dieser Erluterung verlegen und unruhig geworden.
Mit einer gewissen Heftigkeit weigerte er sich des Antrags, und schob der
Weigerung, Schuld auf das Interdikt, das auf der Veste ruhe. Frau Else warf ihm
dagegen ein, da die Fremde nicht dem Banne unterliege, und es demnach nicht
gegen das Gewissen des Paters laufen wrde, wenn er das Verlangte thue. Durch
die abschlgige Antwort noch obendrein ein wenig gereizt, setzte das mnnliche
Weib mit unverholner Bestimmtheit hinzu: Ihr Herren macht ja sonst keine
Umstnde, wenn es darauf ankmmt, einen Beichtheller zu gewinnen. Den heilige
Vater mag Stdte und Weichbilder in Bann thun, und alle andre Welt- und
Ordenspriester mit Kreuz und Fahnen von dannen ziehen, Ihr bleibt zurck, und
singt Eure Metten und Vesper, nach wie vor. Fgt Euch darum heute auch
gutwillig, versteht Ihr mich? Eure Tafel soll Eure Willfhrigkeit verspren,
hrt Ihr? Hier ist der Schlssel zum Kirchlein, setzte sie hinzu, indem sie den
Mchtigen von dem breiten Schlsselringe losmachte: hier steht eine Leuchte, mit
der Ihr vorsichtig umgehen mgt, denn es liegt allerlei brennbares Zeug in der
Kapelle, und sie ist etwas in Unordnung gerathen, aber zum Beichtsitzen ist
Platz genug vorhanden. Geht voraus; gleich sende ich Euch das Frulein. Lat es
aber unterwegs, mit demselben vielleicht eine List anzuspinnen, um zu entkommen;
unsre Augen, sind scharf; man hintergeht nicht mich, nicht meinen Alten. -
Somit drehte sie, ohne eine Antwort abzuwarten, dem Mnch den Rcken, und ging
nach der Treppe, ber welche das Gebrll der Zecher, die ein Fechtlied
angestimmt hatten, in die Halle schallte. Wartet! wartet, ihr Trunkenbolde!
schalt die Hausknigin, indem sie ihre Faust mit einem Besen bewaffnete: Ich
will Euch zur Ruhe bringen, da der Lrm aufhre bei nachtschlafender Zeit. Ihr
mt fromm seyn, wenn Ihr noch einen Tropfen Weius bekommen wollt! - In der
That verfgte sie sich auch vorerst in die Trinkstube, brachte durch ihre
Vorwrfe und durchdringende Stimme die Lrmenden zu besserer Erkenntni, und
nachdem sie die Ruhe wieder in etwas hergestellt, begab sie sich in das hhere
Stockwerk, das Frauengemach, wie ihre schweren Schritte auf der steinernen
Stiege vernehmen lieen. Der Mnch zndete indessen die Leuchte an der Flamme
des Herds an, schob sein Gebrude von der Glut, lchelte dann seltsamlich, und
blickte nachdenkend gen Himmel. - Sollte es denn wohl eine Snde seyn, fragte
er vor sich hin, wenn ich mich in diese Zumuthung fge? Nicht doch; setzte er
nach kurzem Bedenken bei: dies Gewand schon erheischt es, und dann ist es ja
eine Trostbedrftige in Ruberhnden, die nach der Theilnahme eines Menschen
verlangt, in dessen Worten sie den allmchtigen Gott zu finden hofft. -
Vermuthlich, trotz der Verwandtschaft, von welcher Frau Else sprach, eine gleich
mir Gefangene, .... vielleicht diejenige, um deren Willen man mich und den
Unglcklichen, der mich fuhr, zurckhlt, ob wir gleich in unsrer
Abgeschiedenheit nicht einmal ihren Namen erfuhren? Werde ich sie aber trsten
knnen, ich, der Trostsuchende und Trostlose? Vielleicht denn doch: auf die
Lippen des Leidenden setzt sich wohl zuweilen ein Engel, welcher andern
Geprften das Heil einer gesegneten Zukunft verkndet. La sehen!
    Er fate Leuchte und Schlssel, und schlich ber die Holztreppe in den engen
Hof, in welchem er nach wenigen Schritten das Kirchlein erreichte, dessen
niedrige Pforte mit einem groen Kreuze bezeichnet, und von einem halb
verwitterten Fliederbaume drftig beschattet war. Schon hatte die Spinne ihr
Gewebe ber die ffnung des Schlosses gezogen, schon hatte der Rost sich in die
Angeln gesetzt, da sie knarrten wie Rder, als der Mnch die Pforte aufthat. -
Was macht Ihr da, frommer Herr? fragte eine Stimme ber die Brustwehr der
Hofmauer aus dem Zwinger herber, leise und mit Theilnahme. Ein Knecht guckte
herber, der gerade vier Stunden lang die Rundwache hatte, und auf dem
Mauergnglein einherschlenderte. - Ich gehe beten! versetzte der Mnch ohne
eine Betroffenheit zu verrathen, die ihm htte Schaden bringen knnen. - Ei
Herr, sprach wieder der Knecht, ein junges Blut mit treuen Augen: darf man
denn beten, wo der Bannfluch haust? - Warum nicht? redete der Mnch: Gott
ist berall, und seine Mondesscheibe sieht die Gebannten an, wie die Freien. -
Ach, wie dank' ich Euch, wrdiger Herr, versetzte der Knecht: ich habe mich
gescheut, den englischen Gru zu beten, seit ich auf der Veste bin, whrend
ganzer drei Wochen, und war doch daheim gewohnt, nie ohne Gebet
einzuschlummern. - Bete Du auch hier! versicherte ihn der Mnch; fromm seyn
bringt Segen berall. Behte Dich Gtt! - Und Euch; flsterte dankbar der
Knecht: so Ihr etwas Geheimes da drinnen zu verrichten habt, habe ich Euch
nicht gesehen. Ave Maria, Herr! - Ohne weitere Strung trat der Mnch in die
Kapelle, und es wurde ihm seltsam um's Herz, da er das kleine Gotteshaus in so
ganz anderm Zustande antraf, als man es wohl an solchen Gebuden gewohnt seyn
durfte. In einem Winkel aufgethrmt lagen Betschemel, Bahre und Abendmahlbnke,
umflort von Staub und Spinnenfden. Die Hlfte des Kirchleins war angefllt mit
Laubhaufen und Strohbndeln, wie mit einem Heuvorrath, welchen zu ergnzen oder
wegzunehmen die Burgknechte den bequemsten und krzesten Weg gefunden hatten,
nmlich durch das an die Zwingermauer stoende Fenster der Kapelle, wo die
Leiter lehnte, welche diese Geschftsgnge zu erleichtern bestimmt war. Die
hlzernen Stufen des Altars waren zertrmmert; der Altar selbst in dem
traurigsten Zustande. Der Burgpfaffe hatte die Monstranz mit sich genommen, und
das Tabernakel stand offen und verdet. Das Bild unsrer lieben Frau neigte sich
dem Beschauer von der Hhe entgegen, ber seines Schmucks entkleidet, und von
dem Haupte des Bildes hingen noch wenige verwelkte und vertrocknete Blumen, die
einst eine fromme Hand zu einem Kranze fr dasselbe gewunden hatte. Der
Priesterornat, wie die Gefe des Altars lagen in dem Schrein, dessen Thre weit
offen stand, so wie der Zufall und neugierige Finger sie unter einander geworfen
hatten. Die Fetzen eines alten Kirchenpaniers flatterten im Zugwinde traurig von
der bestaubten Stange, und die Lampe, die ewige genannt, nunmehr aber auch
erloschen, bewegte sich, von einer Kette losgerissen, blos noch von der andern
emporgehalten, klirrend im Luftstrome hin und her. Der Besucher dieser de hatte
nicht lange Mue, alle Gegenstnde genau zu betrachten, die sich ihm in finstrer
Unordnung in diesem engen Raume, aufdrngten. Bald vernahm er die Schritte eines
nher kommenden Menschen, und er hatte kaum noch Zeit gefunden, sich in den
Beichstuhl zu setzen, den man zur Herberge alter und verdorbener Satteldecken
gemacht hatte, als die Pforte wieder leise aufging, und eben auf diese Weise
zugemacht wurde. Wallrade trat ein, in dichte Gewnder und einen trben.
Schleier gewickelt, warf im Vorbergehen gegen den Altar einen Blick in den
Stuhl der Reue, und nickte dem Darin sitzenden langsam zu. Alsdann warf sie sich
vor den Stufen des Altars nieder, und Thrnen, seltne, seit Langem ungewohnte
Gste, heute schon einmal erschienen, besuchten die Erschtterte zum
Zweitenmale. Ihre Lippen beteten, wie ihre Augen weinten, heftig, strmisch, und
ihr Flehen stieg leise aber dennoch strmisch wie das vom Orkan gepeitschte
Meer, wenn man es aus der Ferne sieht, zum Himmel empor. - Herr der Erde und
aller Welten! stammelte ihre Empfindung in unhrbaren Worten: Wie ist doch
mein Herz heute erfat worden auf wunderbare Weise, und bist Du es, oder einer
Deiner strafenden Ellgel, der also zu mir redete durch den Mund der aberwitzigen
Alten? O gib mir doch einen Wink, da Du es bist, oder verrathe mir, da es der
Geist der Ohnmacht allein gewesen, der ber mich kam, und mich schwcher machte,
denn ein unbeholfenes Kind! ... Ha, wie dieses Wort mich ergreift. Warum hasse
ich den Namen des Kindes, warum verachte ich den der Mutter, und warum dennoch
ergriff mich so allgewaltig das mhrchenhafte Beispiel der Grausamkeit einer
Mutter, des Leidens eines Sohns? Warum klang es wie mit metallnen Schlgen an
mein Herz, da auch ich .... o weh mir! Wer hilft aus diesem Wirrsal! Wer sagt
mir, was ich thun soll, und ob ich recht thue, indem ich meinem entsetzten
Gewissen folge, und zur Bue schreiten will, die mich vielleicht verwirft, die
ich vielleicht verwerfen sollte, wenn meine Kraft noch die alte wre? Heilloses
Schwanken! traurige Furcht vor den Gespenstern meiner Einbildung! Ich habe ja
nicht gemordet! was will ich denn eigentlich bekennen? Gott schtze mich und
meine Vernunft! -
    Sie erhob sich entschlossen, nherte sich rasch dem Beichtstuhle, in welchem
der Geistliche lehnte; zu dessen Fen die hell aufflackernde Leuchte brannte.
Und als sie den Schleier zurckwarf und auf die Stelle des Reuigen treten, die
Knie beugen wollte, tnte ein schmerzliches Ach! von den Lippen des Mnchs,
und er schien in Bewutlosigkeit zu vergehen. Wallrade, erschrocken, heftig wie
sonst, reit die Lampe auf, leuchtet in das Gesicht des Todtblassen, und
entsetzt sich nicht minder. Denn nicht nur das Antlitz, das sich gewaltsam
emporreit aus den Banden des umklammernden Halbtodes, auch die Stimme ist's,
die sie erkennt und frchtet. Die Augen des Mnchs gehen auf wie drohende
Mordbilder, seine Hand erfat mchtig die erkaltende Wallradens; mit der Linken
entreit er ihr die Leuchte, die sie so eben sinken lassen will, und seine Zunge
stammelt ein schreckliches: Jesus! Jesus! sehen wir hier uns wieder? - Kennst
Du mich? setzt er heftiger bei, und sie nickt stumm mit dem zitternden Haupte,
und hlt sich schwindelnd fest in den Armen dessen, den sie hat, damit sie
nicht niedergleite zum kalten Boden. Und der Mann, der Zrnende, hat Mitleid mit
der Vernichteten, und ein freundlicherer Ton seines Mundes ruft sie wieder auf
zum Leben, zum Schauen. - O da in solchen Augenblicken der hereinbrechenden
Wahrheit, Reue und Beschmung ein falsches Herz nicht bricht, um rein unter die
Erde zu gehen! Da mit der Besinnung und der wiederkehrenden Kraft auch die
vorberblitzende Schaam schwindet, und das Bedrfni der Shne! Da auf der
Schwelle zum Licht, der finstre Geist seine Verbndeten zurckzuhalten vermag!
Da jeder gute Vorsatz durch der Lge gift'gen Athem in der Blthe vergeht, wie
das Wort der Vertheidigung auf den Lippen des schchternen Mgdleins! Von
Wallraden wich der gute Engel trauernd, in einem Augenblicke der wichtigsten
Warnung, und gerade dem gegenber, dessen pltzliches Erscheinen das Siegel auf
ihren Bund mit der Bue htte drcken sollen.

                                    Funoten


1 Schach- und Brettspiel, Wrfel etc.


                                Elftes Kapitel.

                Bist Du ein Weib? Du sollst mir keine Kinder gebren.
                                                                        Macbeth.

Wallrade! kennst Du mich? wiederholte der Mnch mit schmerzlicher Stimme, und
Wallrade wand sich stolz aus seinen umfangenden Armen. Wie sollte ich nicht,
Rudolph? fragte sie bitter: Ich finde Euch immer im Gewande der Lge. Trug ist
Euer steter Begleiter, und nimmer stand ein offner Helm ber Euerm Wappen. Was
sucht Ihr hier? wie kommt Ihr hieher? - Weib! entgegnete der Herr von der
Rhn, dessen bleiche Wange sich hher frbte bei dieser schnden Anrede: Weib!
sieh selbst, was Du aus mir gemacht hast. Hab' ich denn so schwer gesndigt, da
ich umherirren mu wie ein Flchtiger, dem Henker Verfallner? Du hast mich
fortgetrieben aus meinem Hause, von Allem, was ich liebte. Zu stolz, um mich
einen Thoren schelten zu lassen von den Freunden, die mir auf dieser seltsamen
Flucht begegnen mchten, - zu schwach hingegen, ohne Scheu dem schimpflichen
Tode entgegenzutreten, der von einem Worte Deiner Lippen abhing, beschlo ich,
auch den Namen des Unglcklichsten aller Menschen von der Erde verschwinden zu
lassen. Weg warf ich alle Zeichen meiner bessern Herkunft, weg die Erinnerung,
da ich einst am Tische des Knigs Platz genommen. Diese Erinnerung verband sich
ja zu nahe mit derjenigen meines gezwungnen Abschieds von meinen Theuern. In das
Gewand der Demuth und Drftigkeit gehllt, zog ich nach den Wallfahrtsorten der
Schweiz, und fand an dem Fue der Altre keinen Ersatz fr das, was ich
zurckgelassen. Durch das Elend ermannte sich aber mein Geist, der dem
unmenschlichen Gebote zu widerstreben begehrte. Zurck trieb es mich nach dem
Wohnsitze meiner Lieben, trotz Deinen frchterlichen Drohungen. Was empfand aber
mein Herz, da ich diesen Sitz, des huslichen Friedens verdet und verwaist
fand, alles von dannen genommen, was meinem Leben Werth zu verleihen vermochte,
alle Blthen entwendet, durch die Hand, die von jeher mein Unglck machte; durch
die Deinige. Lchle nicht so hhnisch. Du kennst die Bitterkeit dieser
Empfindungen nicht. Du hingst nie aufrichtig und treu an einer Seele auf Erden.
Wohin? stammelte mein Mund, wohin? fragte meine Zunge, und achselzuckend, - denn
meine Fragen klangen absonderlich und verwirrt, - wendeten sich Alle, die ich
fragte, von dem sinnverwirrten Pilger. Zu Costnitz erfuhr ich, da Du zur
Heimach gekehrt seyst, zu den Deinigen nmlich, an Thringens Grnze, da eine
Frau mit einem Kinde in Deinem Gefolge sey. Ein neuer Donnerschlag! Mein Weib,
mein Kind in Deinem Gefolge! Nachgeschleppt an Deine Kette, wie stumme Zeugen
Deines grausamsten Sieges! Ich erkannte Deine Tcke, aber die Gegenstnde meiner
Zrtlichkeit Dir zu entreien, beschlo ich alsobald. Die Fluren, die ich seit
Jahren mied, weil auf ihnen mir die Hlle erwuchs, betrat ich wieder, gestrkt
durch den Gedanken an Katharinen. In jenem Hause, das meine Verblendung und den
Ursprung unsers unseligen Zwistes sah, suchte ich meine Lieben, und fand sie
nicht, - leer die Sttte, wo ich mich einst in den Himmel trumte, whrend ich
einen finstern Geist umarmte. - Redet deutlicher; unterbrach ihn Wallrade
kalt: Ihr meint das Haus Euers Weibes, in welchem Ihr Euer unrechtmiges Weib
und Eure Bastardtochter suchtet. - Wallrade! fuhr der Herr von der Rhn
empor, besann sich aber schnell, und sprach gemigt fort: Ich mu mich
schmen, da ich nicht gelassen Euern Vorwurf erdulde, da ich doch die Schuld
mit leichtem Muthe begangen, deren Ihr mich zeiht. Aber, Wallrade, des Menschen
Zorn soll nicht durch Ewigkeiten dauern. Vergebt endlich; ich mu glauben, da
ein erschttertes Herz Euch in dieser Kapelle Einsamkeit gefhrt, wo Ihr einen
Priester des Herrn, einen Trster zu finden hofftet. Lat die seltne Regung in
Eurer Brust nicht ganz verschwunden seyn! Lat aus der Gefangenschaft, die uns
beide hier fesselt, die Blthe der Vershnung entsprieen. War ich hart und
ungerecht gegen Euch, so vergebt mir, wie ich Euch verzeihe, was Ihr mir Bses
zugefgt. Lat ab, mich zu verfolgen, wegen dessen, was unwiderruflich einmal
geschehen, - nicht mehr zu ndern ist. - Wallrade sah ihn verchtlich an: Ihr
traut Euch viel Werth zu, sprach sie, da Ihr glaubt, mein Ha knnte wirklich
niemals eine Grnze finden. Ich habe Euch es gedroht, aber der Jammer, in
welchem ich Euch muthlos versunken sehe, bewegt meine Brust. Konnte ich einst
Euch lieben? das frage ich mich selbst erstaunt, da ich Euch winselnd um meine
Gnade flehen hre. Ist das der Mann, der einst alle Schranken bersprang, um
mein zu seyn? Seines Vaters Befehl, meine eigne Abneigung gegen jedes feste
Band? Ach, schon damals htte ich ahnen mssen, was die Folge bringen wrde. Ihr
scheutet Euch, im hellen Sonnenlichte mir zu gehren, und diese Scheu gefiel
meinen abenteuerlichen Gedanken, meiner gedemthigten Sprdigkeit, die gern vor
aller Welt die Larve der Unberwindlichkeit vorbehalten htte. Eure
Flatterhaftigkeit, Euer Wankelmuth enttuschte mich frchterlich. Der Segen des
Priesters war ein Zauberwort gewesen, das unser Wohl vernichtet hatte. Lat mich
ber jene Zeit hinweggehen, wo Ihr mich berreden wolltet, ich sey pltzlich ein
Teufel geworden, whrend Ihr mich zuvor den Engel Euers Lebens nanntet. Von
Eifersucht und Unzufriedenheit zerrissen, verliet Ihr mich und Euer Kind, um
der Gatte einer andern zu werden. Wre ich wirklich so bse gewesen, als Ihr
betheuertet, schon damals htte ich unsre Ehe bekannt gemacht, Euch und Euer
Kebsweib der Schande preis gegeben. Ich that es nicht; nur mag mir vergeben
werden, da ich denjenigen nicht mehr in meiner Nhe dulden wollte, dem ich's
verdanke, da ich mit dem Leben zerfallen bin. - Bin ich es weniger? fragte
Bilger entgegen, und sah sie durchdringend an: Weib, das durch seine
gleinerische Beredsamkeit meinen Fehler in eine unverzeihliche Snde verkehren
mchte. Frulein von Baldergrn! gedenkt des deutschen Herrn, Eures weitlufigen
Verwandten, Eures nahen Freundes! Lat mich schweigen! Seine Hlfe schlo unsern
Bund, seine Hand hielt unsern Knaben zur Taufe, - sein tckischer Sinn
vergiftete mein Glck, und gab Dir Muth, in Deiner wahren Gestalt aufzutreten.
Hier ein Bndni, das mir nicht ehrenhaft mehr schien, um es laut zu offenbaren,
ein Weib, das ich, das mich hassen gelernt hatte, ein Freund, der unter dem
Mantel der Blutsfreundschaft und der Sittenreinheit eine unumschrnkte Gewalt
ber Dich und mein Kind ausbte, - kurz eine Zukunft voll Verzweiflung und
blutigen Ausgangs, - dort hingegen ein greiser Vater, der es in die Hand seines
Waffengenossen geschworen hatte, seine Tochter nach dessen Tode zu erziehen, und
seinem Sohne zu vermhlen, - diese Tochter selbst, ein Urbild von Sanftmuth und
Unschuld, gegen deren Vorzge Deiner Reize gefhrlicher Zauber mich
unempfindlich gemacht hatte, - Scheu, falsche Schaam, dem Vater zu gestehen was
vorgegangen, das nagende Gefhl, kein Glck an Deiner Seite, nur Elend zu
finden, - das Bewutseyn, da Katharine um meinetwillen vergehe in stillein
Liebesgram, - mit einem Worte, ich war ein Mensch, und fehlte vor Kirche und
Gesetz, whrend mein Herz mich frei sprach. -
    Eitle Reden! erwiederte Wallrade streng: Die Schmhungen, mit denen Ihr
mich, und den Herrn von Issing berhuft, verzeihe ich Euerm Gewissen, das
schwindelnd an dem Abgrunde steht, und jeden Strohhalm fest halten mchte, um
nicht rettungslos zu versinken. Ihr seyd fortan ein unwrdiger Gegenstand meines
Hasses. Geht hin! ... - Bilger hielt die, zum Entweichen Gewendete zurck, und
fragte mit Thrnen der Angst im Auge: O Wallrade! ich will ja gerne schweigen,
und glauben, da die Tugend, die Ihr heuchelt, eine wahre ist; allein nicht
dieser kalte und leere Bescheid gengt mir. Seyd nicht die Schlange, die in
einem Augenblicke sich zahm um die Hand des Neugierigen wickelt, in dem nchsten
jedoch ihn tdtlich verwundet. Sprecht, .. wo ist meine Katharine, ... wo meine
Agnes ...? soll ich beide nimmer wieder sehen?
    Wallrade sah mit einem stechenden Lcheln in das blasse Antlitz des
Gengsteten. Ich habe bewiesen, sprach sie langsam, indem ich Mutter und
Tochter der Hlflosigkeit entri, in welche Euer Abschied sie versetzt hatte, -
da ich keinen Groll hege gegen sie, die ich doch wahrlich - den Umstnden nach
- nicht lieben konnte. -
    Ihr httet in Gutem fr sie gesorgt? fragte von der Rhn mitrauisch:
Ihr? wre es auch, wr's doch kein Verdienst; Ihr selbst triebt ja den Gatten
und Vater von ihnen. - Schweigt! herrschte ihm Wallrade zu: Ich konnte sie
verschmachten lassen, und that es nicht; ich konnte sie dem Hohn der Welt preis
geben, und that es nicht. Nach Baldergrn wollte ich sie fhren. Der Gedanke
gefiel mir, gerade ihnen wohl zu thun. Allein ... begehrt Ihr ihr ferneres
Schicksal zu wissen, - so mu ich befrchten wirklich der Schlange zu gleichen,
von welcher Ihr spracht. - O sagt's heraus! unterbrach sie Bilger schnell und
verstrt: Euer Zgern gibt mir im Voraus den Tod. O welches Wort sprach ich
jetzt aus? setzte er hinzu, und schauderte: Mute ich ihn nennen, den Tod? Und
steht er nicht in Verbindung mit dem, was ich von Euch erfahren werde? -
    Mglich; antwortete Wallrade kalt: Gewiheit ist indessen besser als der
Zweifel. Durch meines Herzens Bezwingung erhielt ich Katharinens Freundschaft,
allein weder Trost noch Freigebigkeit konnten ihr Leben erhalten. Mit ihrem
Kinde im Arms strzte sie sich in die Fluthen des Mains. - Der Herr von der
Rhn sank langsam nieder auf die Trmmer der Altarstufen. - In die Fluthen des
Mains! wiederholte er mit der eisigen Klte der Verzweiflung, die jedes Wort
mit Zentnergewicht belegt, damit es ja unerbittlich die Seele zerschmettre. -
In die Fluthen des Mains? Das, unglckseliges Weib, war also deiner Tugend
Ziel? das das letzte Schlafstndlein meines Kindes? O, wahr ist es, wahr, da
die Snde nimmer Gedeihen bringt, aber nur der Teufel bringt die Snde auf die
Welt.
    Lat doch meine Hand los! sagte Wallrade zitternd, da sie sich von
Bilger's eisiger Rechten erfat fhlte: Die Klte des Todes zuckt in Euern
Fingern! - Warum habt Ihr nicht recht? jammerte der Herr von der Rhn, und
erleichternde Thrnen schossen in seine Augen, wie der Angstschwei auf die
Stirne: Warum liege ich nicht auch, ein erstarrter Leichnam, im Abgrund des
trgerischen Stroms? Ach, ich habe ja doch nur sie geliebt. Was frher mein Herz
bewegte, war eitler Tand, ... sie nur war das Juwel, die Perle meines Lebens.
Aber so wie die Perl emporsteigt aus der Tiefe der Fluth, so hat sie sich
hinunter gesenkt auf den khlen Moosgrund, weil die Welt zu arm war, dies
Kleinod zu kaufen und zu hten.
    Ihr werdet wahnsinnig! versetzte Wallrade; lat mich! - Nicht eher, als
bis Du mich hingefhrt hast zum Grabe meines Weibes! sprach Bilger: Wo ruht
sie? wo mein Kind? O sage es mir, - Du, ihre letzte Pflegerin, Du ihre
Mrderin!
    Spart Euern Witz! antwortete das Frulein kalt: Eure Snden haben sie
umgebracht. Ihre Leiber fand man aber nicht, und gewi hat die Fluth sie
hinausgefhrt in's offne Meer, damit nicht christlich geweihte Erde die
Theilnehmerin wie die Frucht schndlicher Doppelehe bedecke! - Nicht einmal
ihr Grab werde ich sehen? klagte Bilger, ohne auf Wallradens Schmachrede zu
hren: Wie elend bin ich nun? Mochte ich doch flchtig umherirren ... ich
wute ja doch, da fern von mir zwei Herzen voll Liebe fr mich schlagen! Und
diese sind jetzt zur Ruhe gegangen! O, ich Schndlichen! Du, Grausame! wir
haben sie gemordet! Ein unerbittlich Strafgericht hat mich gen Frankfurt
gefhrt, und in diese Hhle des Raubes, damit ich erfahre, wie ganz verwaist ich
nun bin? Meine Katharine! meine kleine, holde, unschuldige Agnese! - Seht da,
in welcher Erbrmlichkeit und Ble Euer unmnnlicher Schmerz Euch darstellt!
sprach hierauf Wallrade, deren Bsen hoch aufklopfte bei diesem Anblick: Ihr
trauert um das Weib, das Euch nicht gehrte, - um das Kind der Unzucht; und Eure
rechtmige Gattin verabscheut Ihr? nach Euerm Sohn sendet Ihr kein fragend Wort
aus? - Wlfin! seufzte Bilger, trostlos ihr in's Auge sehend: Erbarmte mich
nicht des Knaben Schicksal? hielst Du ihn nicht von mir entfernt, und begannst
meine Strafe, indem Du ihn mir entzogst?
    Weil ich mein Kind nicht als einen Fndling in Euerm Hause wissen wollte;
erwiederte Wallrade: Tuschung verabscheut mein Herz. Der Knabe sollte Euern
Namen nicht fhren, aber unter Katharinens Herrschaft stehen? Nimmermehr! Ich
behielt ihn, damit er mir stets Euer Verbrechen vergegenwrtige, und - ich
lugne es nicht - zu meinem Rcher wollte ich ihn erziehen. - Mein Sohn sollte
Dich an mir rchen? fragte Bilger entsetzt: Weib! Du hast keinen menschlichen
Blutstropfen in Deinen Adern. Wo wird er zu diesem abscheulichen Geschft
erzogen? - Ich hatte ihn dem Freiherrn von Issing vertraut; entgegnete
Wallrade ruhig, obgleich bei diesem Namen ein Blitz aus Bilger's nassem Auge
schlug: allein der edle, von Euch verkannte Mann war schon in Preuen in einem
Volksaufruhr gefallen, und der Knabe selbst wurde mir geraubt. - Geraubt?
stammelte Bilger: Geraubt? O sprecht es aus: Er ist auch todt? - Ich wrde es
Euch nicht verhehlen! erwiederte das Frulein fest: allein ich sage die
Wahrheit. Euch hatte ich zuerst im Verdacht; aber nun habe ich erkundet, wo der
Knabe ist, und werde ihn - so bald ich befreit bin - zurckfordern. - Wo, wo
ist er? fragte Bilger dringend: Dieses Kind knnte mir allein die Ruhe
wiedergeben. Wenn noch ein Anklang jener Zeit in Deinem Busen lebt, die uns das
Trugbild einer schnen Zukunft vorspiegelte, so verhehle mir auch nicht - des
Knaben Aufenthalt. Wer hat ihn entfhrt? Wer hat sich seiner angenommen? O, wenn
ich ihn auch nicht mein nennen darf, - nur sehen, sehen mchte ich ihn! Ihn
kssen und fliehen bis in mein Grab!
    Ihr seyd berauscht von Euerm Schmerz; versetzte Wallrade: Ich bedaure
Euch; aber des Knaben Wohnort nenn ich Euch nicht. Eure Unbesonnenheit und Euer
Ungestm knnten mir mein Eigenthum rauben, ehe meine Ketten sich hier lsen.
    O warum bin ich ein ohnmchtiger, wehrloser Mann? rief Bilger: Warum kann
ich Euch nicht befreien, da Ihr mich hinfhren knntet zu dem holden Knaben,
den Ihr zu unnatrlichem Dienste bestimmt. O gewi! meine Reue, meine Liebe
wrden schon in dem Kinde die Rache, des Mannes entwaffnen! Ich wrde ruhig und
ferne sterben knnen! - Der List, welche ohnmchtig scheint, und es nicht ist,
gelingt oft mehr als der Strke und Gewalt! sprach Wallrade: Euerm Gewande
sollte, selbst in der Mitte dieser rohen Bsewichter, nichts unmglich seyn.
Wollt Ihr dem Sohne zu Liebe thun, was Ihr der Mutter nie zu Gunsten thun
wrdet, so trachtet, mich zu befreien. Dann fhre ich Euch zum Sohne. Im
Gegenfalle sterbe ich eher, als ich an Euch verrathe, wo der Knabe lebt. Sinnt
nach! An Mue dazu fehlt es in dem Gefngnisse nicht. Ich lohne Euch mit
gnzlichem Vergessen, und mit einer Umarmung unsers Johanns. Vielleicht thue ich
auch mehr, wenn ich Vertrauen zu Euerm Vaterherzen fassen kann. Nunmehr lat uns
aber scheiden. Im nahen Dorfe schlgt die elfte Stunde, und, so ich nicht irre,
vernehme ich von fern Frau Elsen, die mich abzuholen kmmt. -
    Sie verlie den zerknirschten Mann, der unbeweglich auf des Altars Stufen
ruhen blieb. Frau Else kam ihr wirklich im Hofe entgegen, und der Anblick der
Gefangnen erheiterte die harten und finster gewordenen Zge der Frau von Vilbel.
- Sieh, sieh, sagte diese Letztere, die Lampe in ihren Hnden putzend: das
war ein lang Gewerbe in dem Kirchlein. Ich dachte, es wrde kein Ende nehmen,
midi frchtete bereits, Ihr mchtet mit dem Ordensmanne durch die Luft davon
gegangen seyn. Nun, nun, wenn man Bue thut, so thue man sie recht; das ist auch
meine Meinung, und ich wrde auch recht fleiig zur Kirche gehen, wenn mein
Alter nicht bestndig im Interdikt lge. Kommt jetzo nur mit hinaus. Ich habe
die Trunkenbolde alle zu Bett geschickt, denn ich sa wegen Eurer auf Nadeln
zwischen den ungehobelten Gesellen. Der Weg zu unserm Gemache ist rein und
still. - Whrend Wallrade auf das Gebude zuschritt, rief Else in die offne
Kapellenthre: Kommt, ehrwrdiger Herr! Ihr werdet mde seyn, und ich habe Euch
am glimmenden Herde ein Lager bereitet, worauf ihr schlafen knnt, wie ein
Kaiser. - Indem trat der Herr von der Rhn auf sie zu, und vor seinem
leichenmigen Antlitz entsetzte sich Bechtram's Ehewirthin. - Um Gott!
flsterte sie: Was ist Euch zugestoen, hochwrdiger Herr? Ist es doch, als
httet Ihr ein Gespenst gesehen, oder wrt selber eins! - Da nun aber der
sogenannte Mnch nicht antwortete, sondern unwillkrlich nach der Thre des
Thurms ging, in welchem er bisher gewohnt war, seine Behausung zu sehen, so nahm
ihn Frau Else ohne Umstnde beim Arm, und sagte: Was treibt Ihr denn, guter
Herr? Seyd Ihr schlaftrunken, oder hat Euch ein Gesicht erschreckt? Kommt,
kommt; dort in der Halle ist es warm und heimlich. Dort werdet Ihr ruhen und
Eurer bisherigen Leiden vergessen. Ich werde meinem Alten sagen, da es anders
mit Euch wird. Kommt nur! kommt! - Sie schlo die Kirchenthre zu, und fhrte
sorglicher, als man von dem harten Weibe htte erwarten drfen, den von seinem
Schreck noch nicht zu sich Gekommenen, in das Haus. Wallrade floh bei seiner
nnherung die Stiege hinan, und Bilger sank, nachdem Else mit eigner Hand die
Holztreppe des Hauses in die Hhe gewunden, und in dem Schlo befestigt hatte,
ermdet von Gram und Entbehrung auf die drftige Ruhesttte, die ihm die
mitleidige Ritterfrau am Fue des Herdes bereitet hatte. Die Stunden schlichen
aber ber seinem Haupte hin, wie saumselig zgernde Grabgestalten; und Gestalten
des Grabes sah auch nur sein wacher Traum. Er hatte Wallraden nur wieder
gesehen, um neues Unbill von ihr zu erfahren. Ein grres hatte sie ihm indessen
niemals zugefgt; denn die Kunde von Katharinen's und Agnesen's Tode schlug
seinen Muth vllig darnieder. Die Ungewiheit ber seines Sohnes Schicksal, den
er nur mit bangem Widerstreben, um sein Geheimni nicht zu enthllen, Wallraden
berlassen hatte, vermehrte seine entsetzliche Stimmug, und der Gedanke, da er
Wallraden zuvor befreien msse, ehe er erfahren werde, wo sein Sohn hingekommen,
scheuchte auch die leiseste Annherung des Schlummers von seinem Haupte. Und da
gegen Morgen die Erschpfung ihr Recht geltend machen wollte, umstanden schon
die Herren und Gste des Hauses sein Lager, und weckten ihn unter Scherzen, wie
sie in der Genossenschaft gng und gbe waren. - Aufgestanden, Hexenmeister!
rief der Hornberger, aus dessen rothen Augen noch die Flamme der gestrigen
Ausschweifung loderten: Halloh! an's Werk! Bechtram's Ro mu gesund seyn, ehe
noch die Sonne ganz ber den Bergen ist. Wo seyd Ihr denn gestern
hingekommen? fragte Bechtram, der dem Herrn von der Rhn vom Lager aufhalf.
Nicht weiter als hieher, ich wette! lachte der Leuenberger: Der feurige
Steinwein war dem armen Burschen ein ungewohnt Ding, und er ging an die Arznei,
als schon der Kopf nicht mehr sein war. Da hat er sich gewilich whrend des
Kesselschwenkens nieder gelegt, um sanft zu entschlafen und selig. - Kommt,
ihr Herren, erwiederte Bilger nach all diesen freundlichen und spttischen
Reden: ich denke, ich werde nicht zu viel versprochen haben. - Der Versuch
fiel glcklich aus. Bechtram's Gaul spitzte muthig die Ohren, da die
schmerzhafte Heilung vorber war, und scharrte mit dem Huf, als wollte er in's
Weite. Bechtram jubelte ob dem Gelingen, und lie sorgfaltig den Gaul in den
Stall zurckbringen. - Habt Dank, Meister Kuttenmann! sprach er freundlich zu
Bilger: Meine Anerkennung will ich Euch thtig beweisen, so bald ich kann. Vor
der Hand knnt Ihr frei gehen, so weit der Zwinger reicht, und meine Hausfrau
soll Euch nichts abgehen lassen. Ich hab' es ihr befohlen, und will bei meiner
Rckkehr hren, ob sie Wort gehalten. - Der Herr von der Rhn nickte
gleichgltig mit dem Kopfe, und entfernte sich langsam in's Innre der Burg. -
Ein nrrischer Kumpan! spottete der Hornberger: Kurz angebunden, als ob er, -
wei Gott wer - wre. Und wie nennt man ihn denn? - Die brigen muten
bekennen, da sie es eben so wenig wuten. Wozu auch einen Namen? rief der
Leuenberg: Ist Pfaffe nicht genug? Pfaffe, und damit gut. Mag er uns ein
Freudenamt singen, wenn unser Wirth gesund und wohlbehalten von Frankfurt
wiederkehrt. - Willst Du im Ernste hin? fragte Doring den Ritter: und
lchelnd bejahte er es. Doring schttelte den Kopf. Traue den Krmerfchsen
nicht! sprach er warnend: Du wirst Dich verlassen auf das freie Geleit, da
sie Dir vor einer Woche zustellen lieen, fr den heutigen Tag, und den
morgenden, im Fall sich die Unterhandlungen in die Lnge dehnen sollten. Aber
wir erleben heut zu Tage gar oft das Beispiel, da frei Geleit gebrochen wird,
sonder Scham und Reue. Geh nicht hin. - So tapfer im Strau, so feig im Rath!
versetzte lchelnd wie oben der Burgherr: Ich traue den Frankfurtern, und habe
eher Recht, als sie, wenn sie mir vertrauen wollten. War ich nicht geraume Zeit
ihr Stadt- und Feldhauptmann? Sie werden nicht hinterlistig handeln gegen einen
Mann, der ihre Fahne trug. - Eben darum! fuhr Doring lebhafter fort: Httest
Du den Lappen nie getragen! Und wozu soll denn wohl der vorgeschlagene Vergleich
dienen? Du wirst doch nicht die Artikel halten wollen, die das Brgerpack Dir
aufschwatzen mchte? - Beschwren und halten ist nicht einerlei; sprach
Bechtram dagegen: aber mir kann's nicht einerlei seyn, wenn ich sehe, da die
vorsichtigen Pfefferscke mir die Heerstrae rein halten, so weit das Auge
reicht. Darum will ich sie wieder kirre machen, und wimmelts alsdann wie ehedem
von Krnern, Mezgerzgen und Weinfuhren, so will ich ihnen die Leichtglubigkeit
eintrnken, und meine Vorrthe anhufen. Jhrlich einen Span mit Frankfurt, und
jhrlich wieder Vershnung! Dabei finde ich gute Rechnung. Haltet mich darum
nicht auf, meine Freunde. Den alten Fuchs von Vilbel fngt man nicht so leicht,
und die Herren von Frankfurt frchten mich und meine Drohungen. - Donner und
zehntausend Teufel! rief der Hornberger dazwischen: Das drfen sie auch. Wir
heien nicht umsonst die wilde Jagd in der Wetterau. Eine Lohe wollten wir
anschren ber den Giebeln der Stadt, da die Engel im Himmel die Fe
zusammenziehen sollten vor Brandschmerz; .. und so viel Achtung und
Freundlichkeit mir das Frulein von Baldergrn eingeflt hat, - das Haupt
schlge ich ihr vom Rumpfe, und schickte es ihren Landsleuten zum Geschenke,
wenn sie sich an unserm biedern Wirth vergreifen wollten. -
    Erbrmliche Prahlerei! sprach der Leuenberger halblaut zu dem von Wiede:
Ich wollt es ihm doch rathen, des Fruleins Kopf ungeschorn zu lassen. -
Donner und Pestilenz! erwiederte der Junker von Hornberg, der die uerung
gehrt hatte: Wer spricht da? Veit! Veit! nimm Dich in Acht mit Deiner
vorlauten Zunge! Einen Prahler schilt mich Keiner zweimal. - 's kme darauf
an, es zu versuchen! entgegnete Veit, und warf die Nase in die Hhe: Es gibt
Dinge, die ich nicht einmal im Scherz begreife. - Wahre Dich vor dem
Hornberger! redete Bechtram lachend dazwischen: Du weit ja, da er mir
gestern beinahe in aller Freundschaft und Kumpanei den Hals gebrochen htte.
Schme Dich aber auch, alter, groer Leuenberg, da Du so unritterlich dem
Frulein den Hof machst. Schon lngst hab' ich's gemerkt, und ich glaube, in der
ganzen Veste gibt es Keinen, dem es ein Geheimni wre. Es gibt, wei Gott,
nichts Lcherlicheres, als einen verliebten Burschen, der schon beinahe ber die
Jahre hinaus, und in seinem ganzen Leben der Schnste nie gewesen ist. - Die
Genossen des Ritters lachten hell auf, whrend eine Art von Schaamrthe in
Veit's braunes Gesicht stieg. - Bechtram fand Anerkennung seines rohen Witzes,
und fuhr daher kecker fort: Den Hornberg lob' ich mir dagegen. Die Blicke einer
Dirne prallen von ihm ab, wie die Pfeile des Schtzen von dem Kra. Und doch
wre er ein andrer Mann als Du, mein guter Veit Lustiger, offner, und ... ich
mu es sagen, - weit kecker als Du. Whrend Du auf der faulen Haut liegst, und
denkst, die Sonne soll Dir Wein, Brod und fleisch in die Kammer scheinen, sitzt
der Hornberg risch und straff zu Gaule, und ist in der Wetterau gefrchtet, wie
ich es nur war in meiner besten Zeit. Aber derselbe Muth, der im freien Felde,
sich herumschlgt, gewinnt auch in einsamer Kammer die Herzen der Weiber. Merke
Dir das, Veit; und vergib mir, da ich Dir in etwas die Wahrheit sagte, wie man
nur einem Freunde zu thun pflegt. - An Eurer Ausrichtigkeit ist mir nie
eingefallen zu zweifeln, versetzte Veit, seinen auf's Hchste gestiegenen
Unmuth hinter einem bittersen Lcheln verbergend: ob es geziemend ist, einen
Gast durch solche Reden zu krnken vor ansehnlicher Ritterschaft, meine ich
nicht; allein ich bersehe es Euch, da Ihr eben mein Gastfreund und obendrein
mein Lehrer seyd, und Eures Alters wegen ein Wort voraushaben mgt. Da ich
berall dabei bin, wo es gilt, und ich einen Vortheil absehe, da ich in
Khnheit und Muth es aufnehme mit Jedem, der es mit mir wagen will, behaupte
ich, so wie, da ich Jedem den Hals breche, der an den des Fruleins will. Sie
ist meine Base, und wahrlich weder der Graf von Montfort, noch Ihr, verehrlicher
Ritter habt Euch durch ihren Raub Ruhm erworben. - Horch! horch! spottete
Hornberg, die Weise eines damalig beliebten Liedleins nachffend: Wie anders
die Schalmeye klingt, denn sie zuvor erklungen! wie anders doch der Buhe singt,
denn er zuvor gesungen! Wie hat der Leuenberg vor wenig Tagen noch gesprochen,
und wie spricht er jetzo? So lernt man minnen, was man hate. Was gilt's, hol'
mich der Satan, er bedauert, der arme Schelm, da ihn die Frankfurter in den
Bann gethan. In die Krmerladen wrde er sich stellen, und das Einmal Eins
lernen, und die Elle handhaben, um sein Liebchen zu gewinnen! - Wenn Du nicht
schweigst! - schrie Veit, nach dem Dolche fahrend. Bechtram stie ihn indessen
kurz und bndig zurck.
    Friede! rief er barsch dazwischen: Stern und Kreuz! Ihr habt mich gestern
verhindert zu raufen, ob ich gleich der Herr vom Hause bin. Heute sollt Ihr mir
dafr keinen Lrm und Hader anzetteln, und mte ich euch Beide vor das Schlo
werfen. Vertragt Euch, und damit ihr's knnt, soll meine Wirthin Wein schaffen!
- Er klatschte in die Hnde, pfiff seinen wohlbekannten Forstruf, und da das
Fenster erklang, und Frau Else herausschaute, begehrte er einen Valet-und
Satteltrunk. - Ich bin heute so vergngt; fuhr er fort, und sah sich munter im
Kreise um: Ich gedenke heute einen frohen Tag zu feiern, und morgen sptestens
wieder behaglich in Eurer Mitte zu seyn. - Alle, sogar des maulende Veit
reichten ihm die Hnde. Doring sagte jedoch kopfschttelnd: Gott verdamme den
Weg, den Du machst, Bechtram. Ich habe bse Ahnung, Dein Gaul hat gestern das
Vorzeichen gegeben. Es droht Dir entweder zu Frankfurt Unheil, oder Du bringst
es von dannen nach Deinem Hause. Bleib daheim. -
    Plaudertasche! versetzte Bechtram lchelnd, ihn beim Schnauzbart zupfend:
Sorge nicht; mir begegnet nichts Bses. Der alte Auerstier ist die Furcht des
Waldes, und wre ich's auch nicht allein, den die Stdter frchten, so sind es
doch meine Freunde. Sieh einmal hin, auf die Hand voll Menschen, keck wie die
Hhne, gespornt wie sie, und nicht minder hitzig. Ihr lat mir nichts geschehen,
Freunde, und in diesem Vertrauen lat uns die Becher leeren auf frhlich
Wiedersehen! - Frau Else kredenzte den Trunk, und mit einem Jubel aufflogen die
geleerten Humpen in die Luft. - Nun keinen Tropfen mehr! rief der
Reifenberger. Auf morgen, oder heute Abend schon, das brige! setzte Henne von
Wiede hinzu. - Wiedersehen! murmelte Doring, dem Bechtram die Rechte
schttelnd. - Ehe wir aber uns hinsetzen, um ber die hintergangnen
Reichsstdter in's Fustchen zu lachen, mssen wir unsern Freund an Frankfurts
Thore geleiten! sprach lebhaft der Hornberger. - Ja! das mssen, das wollen
wir! jubelten alle insgesammt. - Ich reite mit ihm in Sachsenhausen ein!
fgte der von Wiede hinzu: ich gehe ihm nicht von der Seite! - Warum darf ich
nicht ein Gleiches thun! brummte Doring: Aber ich habe einen Span mit dem
Rathe, und traue nicht. - Wir erwarten den Bechtram zu Oberrad! schlug der
Hornberger vor, und Bechtram willigte gerne in das Geleit seiner Freunde und
Genossen. - So sey's! sprach er: so bald ich mit dem Magistrate im deutschen
Hause Frieden geschlossen, komme ich zu Euch, und sollte jener Unglcksvogel,
der Kunz, recht haben, und sie mich einsperren auf ein Lsegeld, trotz Geleit
und Furcht, so kommt der Wiede doch, und bringt Euch Kunde.
    Wehe dann, der Stadt! betheuerten Alle mit Lrm und Geschrei. - Dir, mein
werther Schler und Freund, wendete sich Bechtram zu Leuenberg: Dir glaube ich
eine Liebe zu thun, wenn ich Dich abermals zum Hter der Frauen und des Hauses
bestelle. Wallradens Gefangenschaft wird Dir weniger grausam erscheinen, wenn
sie nur Deine Gefangene ist. Du magst indessen die liebe Base trsten. Bleibt
der Montfort noch eine Weile aus, trotz Versprechen und Wort, so liefre ich das
Frulein wieder aus an ihren Vater, der mir ein schweres Lsegeld dafr bezahlen
soll. Dann magst Du um dasselbe freien nach Herzenslust, guter Veit, insofern
Herr Diether Frosch Deine Armuth, und der Papst die Blutsfreundschaft bersieht.
Bewahre mir also vor der Hand Thurm und Haus mit treuem Sinn, und sorge, da
meiner Hausfrau und Deinen Basen nichts Bses, widerfahre. - Die Herren
schwangen sich auf die Gule, und nachdem Frau Else einen kurzen und mnnlichen
Abschied von dem Gatten genommen, zogen die Reiter von dannen, einige wenige
Knechte auf ihrer Spur. Der Leuenberger sah ihnen durch das Vorsprungfensterlein
am Thore nach, und sprach zu sich: Viel Glck auf den Weg, lieben Freunde;
elendes Volk und Gesindel, das sich berhebt, als wre es schon vor der
Sndfluth geadelt worden. Da der Hornberg ein vorlauter, bser Geselle ist, war
mir lngst bekannt, und seine Freundschaft, so viel Wesens die Base Petronella
davon macht, hat mir nie Erkleckliches in den Seckel gelockt. Ich hasse den
Buben jetzt von ganzer Seele, aber ich denke, ich hasse den alten Bechtram noch
weit mehr seit einer Stunde. Wie mich der Graubart hingestellt hat vor aller
Welt, wie man einen gemeinen Dieb an's Halseisen legt! Was er sich nur
einbildet? Auf was er nur pocht? Auf seine Habe? Der Teufel danke ihm sein Geld,
seinen Wein und seinen fetten Tisch. Htte ich ein Paar Dutzend Knechte, und
einige arme, aber handfeste Schlucker wie der Doring, der Wiede oder der
Reifenberg zu meinem Befehl, ich wollte mich auch bald reich gearbeitet haben. -
Oder pocht er auf seinen Stamm? Mein Adel ist so alt als der seine, und dem
Kaiser wird es schon lange leid thun, da er ihn zum Ritter geschlagen. Was
ntzen ihm die goldnen Sporen? Wenn es um den Scharlachhandel zu thun ist, oder
darauf ankmmt, ein Paar elende Kaufleute nieder zu werfen, so ist der Edelmann
mit der besten Faust der tauglichste, er sey nun Ritter oder Junker. Eine gute
Faust konnte man dem Bechtram nicht ablugnen, aber er ist schon ein alter Br
geworden. Ich htte mich wohl unterfangen, mit ihm anzubinden, aber ich habe die
brigen gefrchtet. Indessen soll er an mich denken, und es bereuen, da er mich
wie einen Schmarotzer und Krippenreiter behandelt hat. Ich frchte, seine
Hoffnung auf das Lsegeld aus Diether's Hand schlgt fehl, denn ich kenne Einen,
der ihm zuvorkommen wird. Heute haben wir Vollmond, und ich meine, Meister
Diether werde auf der Bergener Strae zu finden seyn. Ist das Geld in meinen
Hnden, dann wird auch Wallrade mir folgen mssen, wenn auch nicht in ihr
vterlich Haus, und die Frankfurter brennen zum schuldigen Dank dem hochmthigen
Bechtram den Schornstein ober, dem Haupte weg.
    Pest und rother Hahn! Ein herrliches Fndlein, setzte er bei, indem er
vergngt sich die Hnde reibend, aufstand: Mit einem Streiche erlange ich
Diether's Geld, Wallradens Demthigung, Bechtram's Verderben, und zuletzt mu
mein verhater Schwager erst noch, getuscht, mit langer Bahn von diesen Mauern
abziehen! Noch einmal: Glck auf den Weg, ihr Herren und Freunde! der
Leuenberger macht Euch Alles wett! -
    Die Stunden verstrichen in sorgloser Stille. Die Veste lag einsam, und weder
Ro noch Mann weit hinaus in die Runde war zu sehen. Die Sonne sank, und im
Zwinger und Burghof wurde es schon schattig und dster. Die Frauen beschlossen,
abermals auf dem Wartthurme luftige Helle zu suchen. Whrend sie jedoch die Hhe
erklimmten, lie der Leuenberger seinen Gaul aus dem Stalle ziehen, und die
Pforte ffnen. - Wilpert; sprach er zu dem Knechte, der ihm das Pferd
vorfhrte: ich kehre erst zur Nacht zurck. Der Frau magst Du sagen, da ich,
meines Falkens Steigen zu erproben, ein wenig in's Freie geritten sey. Bleibe
hbsch auf Deiner Hut, und hab' Acht auf das Thor. - Der Knecht nickte mit dem
Kopfe, und der Junker ritt aus, und lenkte seinen Klepper gleich ausser der Burg
auf versteckte Waldpfade, da die auf dem Wartthurme sitzenden Weiber nicht das
Geringste davon bemerkten. - Ihr seyd also vllig wieder hergestellt? fragte
Petronella das Frulein mit erheuchelter Theilnahme: Ihr werdet mir nun sagen
knnen, ob der Luftzug ber die Zinnen, oder mein arm, unschuldig Mhrlein an
Euerm Zufalle schuld gewesen? - Keins, von beiden; versicherte Wallrade
spitzig: im Ganzen war es nur ein belbefinden, das mich fter anwandelt; ein
Schwindel; weiter nichts. Ihr kennt ja solche Zuflle, ob sie gleich bei Euch
vom Alter ihren Ursprung nehmen, und bei mir das junge heie Blut daran Ursache
ist. - Frau Else lachte, whrend das Frulein von Leuenberg die Stirne verzog
und die spitzige Nase rmpfte. - Mag ich doch der Jahre so viele zhlen, als
der Erzvater Methusalem; sprach sie bitter: ich bleibe doch immer jung gegen
das Alter unsers adeligen Stammes. Nicht alle Leute knnen sich solcher Herkunft
rhmen. - Nicht alle Leute mgen hoffrtige Armuth einem bequemen Brgerthum
vorziehen; versetzte Wallrade gereizt: vergebt mir, Frulein; es mag alles
wahr seyn, was Ihr mir von Euerm schnen Schlosse zu Gelnhausen zu erzhlen fr
gut fandet, allein es ist wohl bessres zu finden, als schmale Kost und magre
Mhrlein, wie Ihr sie Euerm Vetter auftischt. Das wute Eure Base Gretchen sehr
gut; sie scheute sich keineswegs dem Wohlleben eines Frankfurter Brgers ein
leeres Wappen zum Opfer zu bringen. - Dieses Opfer unbesonnener Jugend hat
auch schier mein Herz gebrochen; erwiederte Petronella: der Falk soll nie auf
einem Finkenneste horsten. Merkt Euch das, gute Nichte. - Warum hatten doch
eure Warnungen keine krftigere Wirkung? fuhr Wallrade glhend und mit Spott
fort: Meinem Hause wre viel Unfriede erspart gewesen, - und viele Schande. -
Schande? schrie Petronella, erstickend fast vor Unwillen: Welch bser Geist
spricht denn heute diese Lsterungen aus Euch, da Ihr Euch noch gestern geberdet
habt, wie ein reuiges Schflein? So man auch wollte, man knnte sich doch nicht
mit Euch vertragen, denn Ihr seyd schlimm, wie ein schneidiges Messer. -
Allerdings; gab Wallrade zu: in ungeschickten Hnden werde ich dazu, und das
ist bei Euch der Fall. - Was sollen, denn die Stachelreden? fiel Else derb
und heftig ein: Wenn Verwandte sich also erzrnen, was sollen denn wildfremde
Menschen thun? Gebt Euch zufrieden. Beide seyd Ihr mir gleich liebe Gste, -
und, setzte sie scherzend hinzu: - das Frulein von Baldergrn ist mir schier
noch angenehmer, als Ihr, Leuenbergerin. - Weil das Frulein mit goldnen
Ketten und Geschmuck den gezwungnen Aufenthalt bezahlen mu; ergnzte
Petronella. - Und Ihr das erwnschte Traktament nur mit Mhrlein; setzte
Wallrade verhhnend hinzu: Ihr verdankt meinem Unglcke, das aber dennoch, wie
Alles, ein Ende nehmen wird, ein Paar lustige Gelagwochen, Euer alter Kater ist
schon in seinem Fett erstickt, und auch Eure hagre Gestalt beginnt sich zu
runden. Whrend dessen aber mu der arme Bauersmann, der Euch gefahren, im
Thurme verzweifeln. - Was kmmert mich der Mensch? fragte Petronella
unwirsch: Ich bin sammt meinem Vetter in Ehren geladen hieher gekommen, und es
steht Euch schlecht an, mich fr eine Schmarotzerin geltend zu machen. Der
Hochmuth ziemt Eurer Lage nicht. Meinen Adel, meine Freiheit, mein gutes
Gewissen habt Ihr doch nicht. Lacht nicht, mit dem Gewissen ist's wirklich nicht
richtig; die gestrige Ohnmacht, und die pltzliche Bekehrung, die darauf folgte,
beweisen es, und der Mnch, der Eure Beichte anhrte, wrde viel zu erzhlen
haben, wenn er anders erzhlen drfte. - Keine Beleidigung! zrnte Wallrade;
aber Petronella htte unerbittlich fortgefahren, wenn nicht Frau Else dazwischen
getreten wre. Ei, beim Wetter! rief sie: Ist des Haders noch kein Ende?
Schmt Euch, Frulein von Leuenberg. Euer Alter sollte vernnftiger seyn. Schmt
Euch, noch einmal, - und nehmt Euch in Acht vor dem Vetter Veit, denn es
scheint, als htte er seine Nichte zu lieb gewonnen, als da er Euch nicht den
Kopf zurecht setzen wollte, wenn Ihr das Frulein schmht. - Das wolle Gott
verhten! seufzte Petronella mit niedergeschlagenen Augen: Der Bruder wird
doch nicht dem Beispiele der Schwester zu folgen trachten? - Und wenn es
wre? entgegnete Wallrade mit verchtlichem Scherz. - Mein Tod wre es; fuhr
Petronella giftig fort: der letzte Nagel zu meinem Sarge. - So sterbt
immerhin; sprach Wallrade hhnisch weiter, whrend Frau Else des Lachens kein
Ende finden konnte: - der Junker von Leuenberg macht mir den Hof, und hat
geziemend um meine Hand geworben. - O der dumme Christoph! seufzte das alte
Frulein schmerzlich, und machte ihre Augen gro auf. - Noch mehr! fuhr
Wallrade schnell fort: er wird mich befreien; er hat's versprochen. -
Befreien? versprochen? stammelte Petronella und sank auf ihren Sitz zurck:
Ich bin verloren. Der undankbare Mensch kann seiner Muhme also vergessen? mich
wrde er aus dem Hause stoen wollen, um eines Brgers Tochter in unser Schlo
zu setzen? Abscheulich! Wo ist er, der Wtherich? hren will ich's; aus seinem
Munde will ich's hre! - Ihr erfahrt es frh genug; versicherte Wallrade.
Ich gebe Euch indessen mein Wort, da ich mich lange besinnen werde, ehe ich zu
Euers Vetters Zrtlichkeiten ein gutes Gesicht mache. - Und warum? fragte die
Alte ereifert: Ein junger Edelknecht von Veit's einnehmender Gestalt, ist
Jungfrauen von zweideutigem Brgeradel immer willkommen und wenn ich's beim
Lichte besehe, so kann ich's nicht dulden, da Ihr meinen Vetter ausschlagt. Es
wre ein Schimpf fr unser gutes Wappen, das Kaiser Karl der Groe unserm
wohlverdienten Ahnherrn gab. Der Frosch soll sich's zur Gnade schtzen, mit dem
Leuen auf dem Berge wandeln zu drfen. - Ihr sprecht verwirrtes Zeug,
Frulein; fuhr Frau Else dazwischen: das Alter und die Galle machen Euch
thricht vor der Zeit. Lat das Ding nur seinen Weg gehen, und kmmert Euch
nicht darum. Unser lieber Gast Wallrade hat mit Euch sich einen Scherz erlaubt.
Der Vetter Veit wird sie weder zum Altar fhren, noch befreien, ehe mein Alter
nicht klingendes Geld dafr gewonnen. Riegel und Knechte brgen uns fr ihre
Ruhe und stilles Verhalten, wenn die Freundlichkeit, womit wir die Gefangene
behandeln, es nicht thut. Ich habe indessen - glaubt mir's Leuenbergerin - ein
weit besseres Vertrauen zu des Leuenberger's Redlichkeit gegen uns, und zu des
Fruleins Aufrichtigkeit, als Ihr. Glaubt Ihr wohl, ich zgerte im Geringsten,
die ehrsame Wallrade zu bitten, aus meinem Schreine die Stickarbeit zu bringen,
die ich vor einigen Tagen begonnen, und ihr zu diesem Behuf meinen ganzen
Schlsselbund anzuvertrauen? Hier habt Ihr diese theuern Schlssel, mein
Frulein von Baldergrn. Eure Bereitwilligkeit brgt mir dafr, da Eure jungen
Beine meinen ltern den Liebesdienst erweisen werden. - In der Bitte der Frau
Else lag ein Befehl; Wallrade zgerte daher nicht, mit erknstelter
Freiwilligkeit zu thun, wozu sie sich nicht gerne htte zwingen lassen. Schnell
nahm sie die Schlssel, verneigte sich boshaft vor der Base Petronella, und
sprach: Vergebt, edle Blutsfreundin, meiner vielgeliebten Stiefmutter, da der
Wunsch unsrer verehrten Gastfreundin mich hindert, Euch jetzt schon zu sagen,
was der Frosch zu dem Leuen sagen knnte, wenn er mit demselben auf dem Berge
lustwandelt. Dieses sinnige Gleichni hoffe ich indessen spter mit Euch abthun
zu knnen, und diese Hoffnung wird nicht der geringste Beweggrund seyn, der mich
zur Eile antreibt. - Sie flog die Treppen hinab, und erschrack beinahe, da sie,
an des Thurmes Pforte angelangt, den Herrn von der Rhn erblickte, der mit
verschrnkten Armen auf der Steinbank an der Kapellenthre sa, und in tiefe
Betrachtung versunken zu seyn schien. Die Gebte fate sich jedoch schnell, warf
dem Aufschauenden einen verchtlichen Blick zu, und ging stolz vorber nach dem
Wohngebude. Bilger sah ihr nach, bis sie innerhalb der Thre desselben
verschwunden war, und ein schwerer Seufzer lste sich von seiner Brust. Unmuthig
in der Erinnerung seiner Verirrung und seiner Leiden, wollte er in den
verborgensten Winkel des Hofs entfliehen, um nicht zum Zweitenmale den Anblick
der Frau ertragen zu mssen, die er einst fr eine Heilige gehalten, und die er
jetzo nur verabscheuen konnte, als ber die Mauer herber eine nicht unbekannte
Stimme kam: Gott gre Euch, und gelobt sey Jesus Christus, frommer Vater! -
Bilger sah den jungen Knecht ber die Brustwehr lugen, mit dem er in verwichner
Nacht geredet, und dankte ihm nach Art der Mnche. Hochwrdiger Herr! fuhr der
Geselle vertraulicher und leiser fort: ich bin Euch viel Dank schuldig. Die
Erlaubni zu beten, die Ihr mir gabt, hat mich erquickt, und im Schlaf heute
Morgen ist mir mein Mtterlein erschienen, und hat mich aufgefordert, wieder
heimzukehren aus der ruchlosen Gemeinschaft. - Gott geleite Dich, mein Sohn!
erwiederte Bilger: Bete Du dann auch fr mich. - Ach, Herr! meinte der
Knecht: frei seyn ist edler, denn Alles. Wie gerne wollte ich Euch frei machen
, wenn ich's nur vermchte - Indem vernahm man ein Rennen und Laufen im
Zwinger, und der Balken der Zugbrcke knarrte, wie der Riegel des Thors. - Was
gibt's denn da drauen? fragte der Herr von der Rhn den freundlichen Knecht. -
Denkt doch! flsterte dieser herab: das bse Zeichen! der Gaul, auf dem heut
der Herr fortgeritten, kmmt schon wieder gesattelt und gezumt. Das Ro rennt
wie toll am Abhang auf und ab, und hin und her. Die Knechte machen sich hinaus,
um's einzufangen. Ach Herr! was wre das ein Augenblick des Heils fr Euch, wenn
das verdammte Gatterthor nicht wre? Brcke nieder, Thor auf, Knechte zerstreut,
ein Pferd, halb beschlagen, steht verlassen an der Schmiede. Warum knnt Ihr
nicht hinauf, und dann im Abendschein in den grnen Wald hinein! - So eben rief
ein andrer Knecht den Plaudernden von dannen, und alles Getse verlor sich in
der Ferne. Bilger blinzelte durch das Gitterlein am Gatterthor, und sah, wie
Recht sein junger Freund gehabt. Alles leer, auf der herabgelassenen Brcke ein
einziger gaffender Knecht, ... der an der Schmiede verlassene Schimmel ruhig
grasend, mit schleppender Trense. - Nach Freiheit klopfte des Gefangenen Brust,
und mit leuchtenden Augen kehrte er sich, Groll und Kummer vergessend, zu
Wallraden, die gerade mit Frau Elsens Stickerei aus dem Hause trat. - Dort ...
stammelte er, mit dem Finger durch das Gitter zeigend: ein Augenblick der
Rettung ... wer zu dieser Pforte den Schlssel htte! - Wallrade stand
betroffen, dann fate sie schnell nach dem Schlsselgebunde, schleuderte Frau
Elsens Stickerei in die dunkle Hausflur zurck, und lief nach dem Thurme, dessen
Pforte sie in einem Nu zuzog, und mit dem ihr bekannten Schlssel sperrte. Wie
ein entschloner Held zauderte sie keinen Augenblick, den Schlssel zu suchen,
welcher das Gatterthor ffnete, und ein gnstiger Engel leitete ihre Hand. Der
zweite, mit dem sie es versuchte, schlo die Pforte auf. Bilger eilte ihr voraus
in den Zwinger; das Schlsselgebund flog in den Nesselbusch am Eingange; des
Wildmeisters gebte Hand bemchtigte sich des Schimmels, und hob Wallraden
schnell auf dessen Rcken. Trotz der Kutte und der unbehlflichen Holzsohlen
sprang er nach, und der Gaul, begrt von Zungenschlag und Rippensto, entsetzt
von der ungewohnten Doppellast, die sich ihm pltzlich aufgeschwungen, tobte wie
rasend gegen das Thor, und war schon durch Gewlb und Blckenbogen, ehe dem
wachhabenden aber in die Ferne schauenden Knechte es einfiel, Halt! zu
schreien. Dieser Ruf kam zu spt, denn schon verloren sich Ro und Flchtlinge
hinter Kieferstmmen und Buschwerk, als erst die im Weiten nach Bechtram's
Renner laufenden Burgleute das Geschrei vernahmen. Der Schimmel verstand seinen
gezwungenen Dienst auf's Trefflichste, denn er stand nur erst nach einer langen
zurckgelegten Strecke still; auf einem Waldplatze, der einsam zwischen hohen
Bumen lag, und auf welchem man nur schwach die Hornste vernahm, die von
Neufalkenstein's Warte ertnten. Wallradens Gesicht berflogen, trotz der
Ermdung und Erschtterung, Streiflichter der boshaften Schadenfreude, da sie
diese Nothtne vernahm. - Ein Mark Silbers gbe ich darum, stammelte die fast
athemlos im Grase Ruhende, knnte ich auf jenem Wartthurme Zeuge der Verwirrung
der beiden niedertrchtigen Weiber seyn. O, da sie den Hals brchen von der
Zinne herab! Wie wird Bechtram fluchen bei seiner Heimkehr! Er ist im Stande und
mordet die Weiber mit eigner Hand! Se Wonne der Vergeltung, wenn diese Kunde
mein Ohr berhrte! - Seyd doch nicht unvershnlich und gehssig in der Stunde,
da es gilt, den Himmel anzuflehen um vllige Befreiung; ermahnte Bilger sich
aufraffend: Eure ruchlosen Wnsche mchten leicht den Engel von uns scheuchen,
der unsre allzukhne Flucht bis jetzt beschirmte! - Wallrade sah ihn finster
an; er bersah es jedoch, und drngte zur schleunigen Fortsetzung der Fahrt. -
Wir haben keinen Augenblick zu entmigen; sprach er heftig: durch jene
Bsche sehe ich im falben Abendglanz die Heerstrae schimmern. Die Sonne ist
fast erloschen, und das Dunkel beginnt. Noch lange jedoch sind wir nicht auf
befreundetem Boden, und ich frchte, mit dem Pferde haben wir keine Zeit zu
verlieren. Seht, wie es keucht und schnauft, als ob es dem Herzgespann
unterliegen wollte! - Wohlan denn! entgegnete Wallrade, aufgeregt von der
Mglichkeit, wieder angehalten zu werden, und lie sich wieder auf des Schimmels
Rcken heben: Kommt, und eilt, wenn auch das Thier in der nchsten Stunde zu
Schanden gehen sollte! - Rasch brachen sie durch auf die Strae, und immer
hastiger ging's voran. Der Herr von der Rhn hatte keinen andern Gedanken als
den der Flucht, und alles brige vergessend, hielt er mit dem rechten Arme
Wallraden umschlungen, whrend die Linke den Gaul regierte, wie es sich eben mit
dem unzulnglichen Zgelriemen thun lie. Wallrade fand aber unter Gefahr und
banger Furcht noch Zeit zum unbescheidnen Scherz. Ihr thut ja so eifrig, und
umschlingt mich so fest, sprach sie, spttisch lchelnd zu ihm zurckgewendet,
als wr' ich nur erst Euer geliebtes Brutlein, und nicht Eure verhate
Ehefrau! Oder vermeint Ihr etwa, mein rascher Rittersmann, mich wieder in den
Arm zu nehmen, weil Euer wahres Lieb der Sensenmann umfangen? - Der unzarte
Scherz griff eiskalt wie die Hand des Sensenmanns an Bilger's Herz, und von
Wallradens schlankem Leibe wich schaudernd seine Rechte, und der schwache Zaum
entsank seiner Linken, und alsobalb strzte der Gaul, ber Baumwurzeln
stolpernd, nieder, um nimmer wieder aufzustehen. Ein Vorderfu war gebrochen,
und auch die keuchende Brust des Thiers, vom scharfen Ritte lngst entwhnt, war
am Verathmen. - Euerm Frevel folgt doch gleich der Fluch auf der Ferse! zrnte
Bilger, und ri Wallraden unsanft in die Hhe: Jetzt mag unsrer eignen Fe
Kraft uns weiter tragen. - Feiger Mann! schalt Wallrade verchtlich entgegen:
Das schreckt Euch? Jeder Weg ist gut, fhrt er zum Ziele. Mag auch Dorn und
Kies meine Sohlen zerreien, - gleichviel - entgehe ich nur dem schndlichen
Bechtram, und dem noch schndlichern Montfort! - Ho! wer gedenkt hier meiner?
rief sie ein Mann an, der zu Pferde um die, einen Schritt entfernte Waldecke
bog, und Wallradens Knie brachen, denn selbst in der mchtig einbrechenden
Dmmerung war des Grafen verwachsne Gestalt, die wie ein Kobold im Sattel sa,
nicht zu verkennen. Der bestrzte Bilger lie die Erbleichende aus seinem Arm,
und dies war der Augenblick, in welchem sich der vom Ro springende Montfort der
willkommnen Beute bemchtigte. Ei, was seh' ich? rief er schadenfroh und
berrascht: Ist das nicht die tugendsame Jungfrau, der ich so eben zu Hofe zu
reiten im Begriff bin? Wollte sie mir entgegeneilen, oder httest Du es gewagt,
lsterner Klostermann, mein Tubchen zu entfhren? Fort mit Dir, soll ich mich
nicht an Deiner Glatze vergreifen! - Herr Graf! entgegnete Bilger trotzig:
Ihr werdet nicht so unedel seyn, dies Weib auf offner Strae zu rauben, da es
mir angehrt. - Der Teufel ist hier Graf, und Dir gehrt auch nur der Teufel
an! fuhr ihn Montfort an, indem er die bloe Wehr gegen ihn erhob: Weiche,
verdammter Kuttentrger, und erkhne Dich nicht, meinen Namen nur auszusprechen,
weil er zu edel fr Deinen Mund ist. - Wallrade machte eine Bewegung um zu
entkommen; des Grafen Arm hielt sie jedoch fest; den vor Zorn erglhenden Bilger
hielt er mit dem vorgestreckten Schwerte zurck. - Ich hre Schnauben von
Rossen, und Stimmen von ferne; jammerte die neuerdings Gefangene, die aber die
Besonnenheit nicht in dem Grade verlor, um zu vergessen, da nur dann erst Alles
verloren war, wenn beide wieder gefangen wrden: die Verfolger sind's! Weicht
der bermacht, frommer Vater! Rettet Euer Leben! - Ja, fliehe, geschorner
Wicht! donnerte ihm Montfort zu: fliehe, weil ich Dir's vergnnen mu, da ich
allein bin, und ohne Geleite. Fliehe, mir ist's nur um diese hier zu thun, an
welcher die Welt nichts verliert, mag sie Dir vorgelogen haben, was sie will,
geflliger Beichtvater! Kommen hingegen die Andern heran, denen Ihr entlieft, so
mchte es Dir nicht gut gehen. - Flieht! Ihr macht uns alle unglcklich!
schrie ihm Wallrade zu, und deutete heftig nach der Gegend hin, wo Frankfurt
lag, und da pltzlich Frau Elsens gellende Stimme auf der Hhe des Wegs laut
sich vernehmen lie, so fand Bilger's Unschlssigkeit ihr Ende schnell, und mit
der Schnelligkeit eines Hirsches warf er sich abermals in das dicke Forstgehge
hinein, wohin kein Pferd dringen konnte, und das Rauschen seiner Schritte
verscholl, ehe noch der Tro herbeikam, welcher in der That aus Leuten von
Neufalkenstein bestand, die je zwei und zwei auf einem Ackergaule oder Lastesel
hngend, herbeiklepperten. An ihrer Spitze war Frau Else selbst, quer auf einer
grauen Stute sitzend, einen runden kleinen Schild am linken Arme fhrend, und
mit einem breiten Waidmesser bewaffnet, das an ihrer Hfte hing. Sah man den
hinkenden Lauf ihres Rosses, das im aufgehenden Mondlicht erglnzende Regentuch,
das um ihr Haupt flatterte, den im Abendwinde schwimmenden und wehenden Grtel,
und das abenteuerliche Huflein, das ihr folgte, so war man versucht, sie fr
die wilde Hexen- und Waldfrau zu halten, von deren Spuck und Gespenstergeleite
die Sagen des Thringerwalds, und des Brockens so viel zu erzhlen muten. -
Halt! rief sie ihrer Rotte zu, da sie gewahrte, da ihre Beute eingeholt
worden: Halt! herab von den Thieren! Kreuz, Nagel und Dorn! Gr Euch Gott, so
ich Euch recht erkenne, Herr Graf von Montfort. Der Teufel auf Euern verdammten
Schlangenkopf, listiges Frulein! Haben wir Euch wieder? Alle vierzehn heilige
Nothhelfer muten Euch gerade diese Strae fhren, Herr Graf. Heda! Bursche;
nehmt das Weibsbild, und bindet es recht fest mit Zweigen und Riemen, da sich
die falsche Hexe nicht rhren kann. -
    Frau Else! entgegnete Wallrade emprt: so Ihr dieses an mir thun lat, so
ersticke ich mich selbst. Das Unglck hat mich in Eure Gewalt gebracht, und kein
Verbrechen! - Seht doch! eiferte die Mann-Frau, indem sie die Fuste in die
Seite stemmte: ist es kein Verbrechen, mein Vertrauen zu betrgen? meine Leute
zu verfhren? - Ich antworte Euch nicht mehr; versetzte Wallrade: aber ich
tdte mich, wenn Ihr mich mihandelt; verlat Euch darauf. - Verruchte Krte!
murrte Else in sich hinein, und der Graf sprach mit beiendem Spott: Bedenkt
doch, Frau von Vilbel! es geht wahrlich nicht, da wir eine Leiche mit heim
bringen, statt der holden Verlobten, in deren Armen ich Ersatz fr meine mhsame
Reise zu finden hoffte. berlat das Frulein meiner alleinigen Obhut. Ich will
es so zierlich, als ein Kmpe von der Tafelrunde in das so schnde verlassne
Kmmerlein zurckbringen, und Wallrade, die sanfte, reizende Wallrade wird
meinen Schutz sicher nicht verschmhen. Nicht wahr, mein Frulein? - Lchelnd
hielt er ihr den Steigbgel seines Pferds, und Wallrade erwiederte, indem sie
sich ungeduldig aufschwang: Herr Graf! unter solchen Umgebungen hat Eure
berredung eine so unwiderstehliche Gewalt, da ich Euch noch hundertfach mehr
verabscheuen mte, als ich es wirklich thue, um nicht Eure Gesellschaft
derjenigen einer wthenden Frau vorzuziehen, die es mir nicht vergeben will,
hbsch listig versucht zu haben, was sie selbst in hnlicher Lage, - wenn auch
grber und unbehlflicher, in's Werk gesetzt haben wrde. - Die Leuenbergerin
hat Recht; entgegnete Frau Else bitter: Ihr seyd ein schneidig Messerlein, dem
nicht zu trauen ist. Traut ihr nur ja nicht, bester Graf. Den Leuenberger Veit
hat sie verfhrt, da er ihr durchgeholfen, und den Mnch hat sie mitgenommen.
Er und der arme Gaul, der hier am Boden liegt, mchten in Gottes Namen seyn, wo
sie knnen, wenn wir nur des ungetreuen Schirmvogts, des Leuenbergers habhaft
wrden. Der Vogel hat aber sicherlich die Gefahr davon gesprt, und ist auf und
davon gegangen. - - Wallrade schwieg hartnckig und ergtzte sich im Stillen an
dem falschen Verdachte der Alten, obschon die getuschte Hoffnung ihr Gehirn und
Brust zusammenprete, da die Tropfen bittrer Thrnen in ihre Augen traten.
Stumm wurde der Zug nach der kaum verlassenen Veste zurckgelegt. Auf Frau
Elsens Ruf ffnete sich die Burg; als sie aber ber die Zugbrcke zu dem Hofe
ritten, entsetzten sich Wallrade und der Graf, und auch die rohen, des
Bannfluchs gewohnten Knechte bekreuzten sich, und beteten einen Stoseufzer,
denn an den Thorpfeilern hingen zwei Leichname. Auf Befehl der strengen Hausfrau
hatte hier der Thorwchter geendet, welcher Wallradens Flucht nicht auf der That
gehindert, und der alte Schmied, der von dem Schimmel gegangen war, dessen sich
Bilger bemchtigt hatte. - Spiegelt Euch daran! sprach Frau Else hartherzig
und trocken zu Wallraden: Allen, die es mit Euch halten, geht es also, und
mte ich den Letzten mit eigner Hand aufhenken. Diese Schlssel aber, - sie
zeigte hohnlachend das wiedergefundne Gebund, - diese Schlssel vertraue ich
nimmer Eurer gefhrlichen Hand, obschon es mit dem Einsperren im Wartthurm nicht
so vieles auf sich hatte. Ihr habt vergessen, da der Thurmwrter eine Axt, und
die grobe Frau Else Fuste besitzt, die allenfalls, mit Eisen bewaffnet, ein
Schlo auch ohne Schlssel zu ffnen verstehen. Euch jedoch soll frder weder
Axt noch Schlssel zu Gebote stehen, bis mein Herr sich mit dem Grafen
abgefunden, und Euer Schicksal entschieden hat. - Der innere Raum der Veste
wurde nun verrammelt, als ob ein die Acht vollstreckendes Heer des Kaisers vor
derselben lge. Frau Else bewirthete ihren unvermutheten, aber lngst erwarteten
grflichen Gast in der Trinkstube, und Wallrade betrat beschmt und von Zorn
zerrissen, aber nicht verzweifelnd, das Frauengemach, das sie vor wenig Stunden
auf ewig verlassen zu haben glaubte, und in welchem Petronella, vom Schreck ber
die pltzliche Flucht der Gefangenen, und die muthmaliche Theilnahme ihres
Vetters, zusammengeschttelt, krank zu Bette lag, und die mit dem Geschick
grollende mit den hrtesten Vorwrfen empfieng.

                               Zwlftes Kapitel.


Hast du gethan, was nicht recht, so trage den Lohn mit Geduld,
La' vom verdienten Geschick nicht allzutief Dich beugen:
Willst Du die zrnende Welt von Reue berzeugen,
Whle die Mittel nur gut, sonst mehrst Du die vorige Schuld.
                                                                       Anonymus.

Was bringt Ihr mir, wrdiger Vater! sprach Frau Margarethe Frosch, da sie den
Beichtvater Reinhold bei sich eintreten sah, und eilte ihm hoffend entgegen: O
sagt, - sagt, mein guter Herr, bringt Ihr Leben oder Tod? - Der Mnch machte
das Zeichen des Kreuzes auf die Stirne der angstvoll Harrenden, und entgegnete:
Liebe Schwester im Heiland! die Kirche und ihr Diener bringen nie den Tod, so
lange ein glubiges Vertrauen in sie gesetzt wird; wohl aber immer das wahre
Leben durch den himmlischen Trost, wenn auch der beschrnkte Menschenverstand
dagegen ankmpft. Auf Euren Gatten, liebe Frau, hofft indessen nicht mehr. Er
ist hart wie ein Fels, und will weder durch Eure Bitten, noch durch meinen
Zuspruch, der Rhrung Eingang verschaffen. Es haben sich bse Mchte seiner
angenommen, die sein Ohr verstopfen, und seine Sinne umnebeln; darum gieng ich
auch nicht zum ussersten, und habe ihm nichts entdeckt, was seine Wuth noch
htte reizen knnen. - Er wei also nicht? fragte Margarethe mit langem
Athemzuge, er wei nicht, und zrnt mir dennoch unvershnlich? - Schwerer
Verdacht; versetzte der Mnch achselzuckend: Sein Sohn Dagobert scheint ihm
der Ruber seiner Ehre zu seyn, und sein Sohn Johannes eine Frucht unziemlichen
Verstndnisses. - So ist es denn nun herausgesagt, was ich ahnte? klagte
Margarethe mit hervorquellenden Thrnen: und dennoch, bin ich unschuldig,
unschuldig, wie die Sonne! - Allerdings; stimmte Reinhold bei, ohne Zweifel,
ob ihr gleich den jungen Mann geliebt, wie niemand besser wissen kann, denn ich.
Ihr habt Euch mnnlich herausgerissen aus den Schlingen, in die Euch der Satan
verstricken wollte; eifrig habt Ihr Bue gesucht, und darum sie auch gefunden.
- Und dennoch also verkannt? fiel Margarethe ein. - Nehmt dieses hin als eine
Strafe fr den Fehl, den Ihr begangen; erinnerte Reinhold: Da Ihr, wie ich
aus Eurer Beichte wei, einen fremden Knaben statt des Euern verstorbenen
eingepflanzt, wre nichts, denn, was wir nicht wissen, ist nichts, und ein
glcklicher Wahn ist besser, denn eine bittere Wahrheit; allein die Mittel zu
dem Zwecke waren nicht gut, sondern verdammlich gewhlt. Einen Juden zum
Vertrauten zu machen, ... eine Kreatur, weit verabscheuungswrdiger, denn die
schwarzen Heiden im Lande Afrika, die doch nur halbe Menschen seyn sollen ... o!
das wird Euch bse Frchte tragen. Mich befremdets, da Euer Name nicht schon
vor dem Richterstuhl genannt worden ist, und Gott hat mir noch nicht den Ausweg
gezeigt, der endlich diesem Wirrsal ein Ende machen werde. - Sollte Wahrheit
nicht die beste Wahl seyn? fragte Margarethe khn entschlossen: Sollte es mir
nicht den Frieden wiedergeben, wenn ich hintrte und offen eingestnde, was ich
gethan? - Der Pater schttelte bedenklich den Kopf. Ein altes Sprichwort
ist's, sagte er, da man den schlafenden Wolf nicht wecke. Ist einmal der
Pfeil vom Bogen, dann halte ihn auf, wer kann. Nicht doch. Ihr wrdet Euch
vielleicht unnthig der Schande preis geben, whrend jetzt nur ein Verdacht Euch
belastet. Was ist ein Verdacht, wenn man sich unschuldig fhlt? Eine
giftberaubte Schlange zu unsern Fen. Hundert Frauen tragen ja geduldig den
gegrndeten Verdacht. Da sie die Treue nicht bewahrten, ihre Stiefshne kten,
immerhin! Aber mit einem Juden solchen Menschenhandel getrieben zu haben. - Das
wrde keine von sich sagen lassen wollen. Zudem, wo ist die Gewiheit, da
Johannes das Kind sey, das der Jude ermordet haben soll? Ist's unwahrscheinlich,
da der Bsewicht ein ander Kind gemartert habe? Noch hat er nicht geplaudert,
und bermorgen wird sein und seines Vaters Urtheil gesprochen. Knnte er mit dem
Gestndni seinen Hals retten, - sicher htte er's nicht unterlassen. Ich werde
brigens das Nhere morgen wissen, denn ich will versuchen, ob's mglich wre,
diese heidnischen Blutzapfer vor ihrem grlichen Ende zu bekehren. - Ihr
verwerft also ein offen reuiges Bekenntni? fragte Margarethe noch einmal. -
Gott und seiner Kirche ist man verbunden, Alles zu entdecken und aufzuthun die
geheimsten Falten des Herzens; erwiederte Reinhold kalt; das Laienvolk braucht
nicht Alles zu wissen. Einen einzigen Mann kenne ich, bei welchem Euer
Bekenntni Nutzen bringen mchte; indem sein Schutz und Schirm Euch aus der
peinlichen Lage reien wrde, in die Euch der Argwohn Diethers versetzt hat. Ich
meine den Schulthei. Der Ritter hat lngst nach Eurer Gunst gestrebt. Mit
Begierde wird er die Gelegenheit ergreifen, sie zu verdienen. Ein Wort von Euch,
und die gefhrlichen Juden sterben pltzlich dahin, der Schff wird
beschwichtigt oder zur Ruhe gezwungen, und Johannes bleibt, was er seyn soll,
Euer Erbe.
    Nimmermehr! entgegnete Margarethe unwillig: Aus Eurem Munde diesen Rath?
Nein; ich habe nicht Lust wirklich zu werden, wofr mein Eheherr mich hlt. -
Wie ihr meynt; sprach Reinhold gelassen: ich preise Eure Tugend, welche
verwirft, was Tausende thun wrden, um die Mglichkeit zu vermeiden, vor der
Welt ein rgerni zu geben. Ihr seyd aber nicht wie Andere, obwohl auch aus
heiligen Bchern Beispiele anzufhren wren, da selbst die frmmsten Weiber
sich nicht scheuten, dem besten Zwecke manche Bedenklichkeit zu opfern. Denkt an
Judith, die dem wilden Holofernes sich berlie ... - Schweigt, wrdiger
Herr! bat Margarethe: Ich vermag nicht, was Ihr jetzo begehrt. Lat es daher
beruhen, und sprecht mir von Derjenigen, die noch ferner um das Geheimni wei;
... von Willhild. Ich wei nichts von ihr und ihr Schweigen macht mir bange.
- Ich kann Euch beruhigen, antwortete der Mnch: Ich habe mich befragt.
Willhild und ihr Mann sind vor wenigen Tagen gen Compostell gezogen, auf eine
Wallfahrt. Besorgt nichts von ihnen. Der Mann ist bldsinnig zu nennen, und die
Frau, die vor Kurzem erst sehr krank gewesen, kmmt sicher aus Hispania nicht
wieder heim. - Ich htte nimmer geglaubt, da die Hoffnung auf eines Menschen
Tod mich beruhigen knnte; versetzte athemholend Margarethe. - O die Hoffnung
ist immer s, sagte der Pater, wenn sie sich auch auf Grber richtet, die
sich erst ffnen sollen. Haben den Juden die Flammen erstickt, die unzuverlige
Willhild die Mhseligkeiten der Wallfahrt hinweggerafft ... wie lange dauert's,
und sie tragen einen alten Schffen zur Gruft? Dann fallen Eure Fesseln; dann
feiert Ihr schon hienieden die Auferstehung. - - Ach, hochwrdiger Herr!
seufzte Margarethe: Gehe es mit mir, wie es wolle; aber dieser Augenblick
bleibe fern. Kann ich den Greis auch nicht lieben, wie eine Braut den geflligen
Brutigam, so ehre ich doch sein graues Haupt, und bin ihm dankbar, da er mein
drftiges Leben mit berflu gekrnt hat. - Hm! entgegnete Reinhold: Jedem
das Seine. Der reiche Prasser kann zwar, sitzt er im Schwefelpfuhle der Hlle
mit all seinem Golde nicht einen Tropfen Wasser erkaufen, aber hienieden steht
ihm die schnste Blume zu gebot, da sie an seiner kalten Brust verwelke. Hat
Diether Euer Leben mit berflu gekrnt, so krnt er es jetzt mit unverdienter
Schmach. Ihr seyd im Vortheil gegen ihn, und Er mu Euch dankbar seyn fr die
edle Gesinnung, die ihr fr ihn hegt. Der alte Mann ist derselben nicht wrdig,
da er beinahe unverholen ahnen lt, er schreibe Euch jenen Mordberfall zu, und
versehe sich eines Zweiten, wenn nicht seine Klugheit vorbaue. - Schrecklich!
rief Margarethe emprt: Die Schlange erneut sich stets in seiner Brust. Er
frchtet einen Meuchelmord von seiner Gattin! - Noch mehr, versetzte der
Mnch: er achtet ihn ganz nahe. Heute just, frchtet er, lauern Mrder auf sein
Leben; Mrder von Euch gedungen und Eurem Bruder, vielleicht von Dagobert, wie
der Argwhnische sich nicht schmt, zu glauben. Ein Unbekannter hat ihm
gemeldet, da er erfahren wrde, wo Wallrade hingekommen, wenn er in der
heutigen Nacht, mit Geld versehen, am Bannsteine von Bergen, das Sprnglin
genannt, erscheinen wolle. Diese Nachricht hlt er von Euch erdichtet, und
wittert Verrath, und wird nicht gehen, niemand senden. - Am Sprnglin? sagt
Ihr? fragte Margarethe neugierig. So ist's, antwortete Reinhold: Ich, an
seiner Statt, wrde doch Jemand hinaussenden; denn ich traue eher dem, der um
Geldes willen mir ein Ding zu verrathen verheit, als der reinen Menschenliebe
wegen. Indessen, Euch kann's gleichviel seyn. Wallrade mag Euch nie zu lange
aussen bleiben; wohl aber der gute Dagobert, dessen keckes Handeln Euch und
Eurer Sache nur Vortheil gewhren kann. Nicht wahr? -
    Margarethe schlug die Augen vor den forschenden des Paters nieder, welcher
nach einer Pause fortfuhr: Wie ich vernommen, hat der junge Mann sich von der
Kirche, welcher er verlobt gewesen, lsen lassen. Meines Bednkens hat er bel
daran gethan, und sogar sein hochmthiger Lehrer, der Predigermnch Johann, der,
wie alle seines Ordens, dem unsrigen nicht hold ist, weil er am Evangelium
reiner hngt, denn alle Andern, mu mir Recht geben. Wre der Junkherr Priester
geworden, es wre ihm nicht geschehen, was seit heute Morgen das Gerede der
ganzen Stadt ist. - Um Gotteswillen! sprach Margarethe ngstlich: Was ist
ihm geschehen? welch Unheil? redet. - Ihr wit nicht? fragte Reinhold
entgegen: Da sieht man wohl, wie sehr Recht das Lied hat, welches sagt:
Jenseits bin ich wohl bekannt, - Fremdling doch im eignen Land! Da Eure Zofen
aus Schonung Euch's verschwiegen haben, gebe ich zu, - aber der Rachbegierde
Eures Eheherrn htt' ich das Schweigen nicht zugetraut. - Heute morgen hat Euer
Knecht Eitel, als er des Hauses Thre ffnete, ein Pergament daran geheftet
gefunden, und die drei Spne, die aus der Pforte gehauen worden waren,
entdeckten dem des Lesens Unkundigen gleich das Wahre, wie auch dem Pbel, der
schon lange gaffend vor dem Hause stand. Eine Ladung der heimlichen Acht ist es,
gerichtet an den Junkherrn Dagobert Frosch, welcher auf den nchsten Dienstag
vorgefordert wird vor den Stuhl zu Sachsenhausen, um sich zu verantworten ber
schwere Missethaten, deren er angeklagt worden. -
    Heiliger Gott! stammelte Margarethe: die heimliche beschlossene Acht?
armer Dagobert! welch' ein Teufel hat Dich vor diese Schranken gefordet, wo der
Klger nur Recht erhlt? Hochwrdiger Herr! Um meinetwillen, - o gewi, um
meinetwillen ist er in diese Verderbni gerathen! Wie soll ich mir jetzt rathen,
...: wie soll ich mir helfen? - Der Mnch zuckte die Achseln, verwies die
Klagende auf den Willen Gottes, und auf das eigne Schweigen, und begab sich mit
dem Versprechen hinweg, bald wieder einzusprechen, und ihr sogleich zu wissen zu
machen, wann der gefangene Jude ein gefhrliches Gestndni besorgen lassen
sollte.
    Eine unsgliche Angst bemchtigte sich Margarethens, da sie wieder allein
war, und in ihrem erschtterten Geiste Alles zusammenstellte, was sich in den
letzten Tagen zugetragen, und ihr Schicksal auf solch entsetzliche Weise
verwirrt hatte. Ihres Fehls bewut, drngte es sie, etwas zu unternehmen,
wodurch sie die Schuld ihres Gewissens in etwas zum mindesten zu shnen
vermchte, und dieses Etwas wurde, trotz seiner gefhrlichen Abenteuerlichkeit,
bald in ihr zum festen Entschlu. Ich will ihn zwingen, wenigstens nicht das
rgste von mir zu glauben, sprach sie zu sich selbst; nicht die Bosheit,
Wallraden aus dem Wege geschafft, noch die grre, Mrder gegen sein Leben
aufgestellt zu haben. Ist es Gottes Wille, da ich in meinem Vornehmen umkomme,
so sey es darum; - wo nicht, so sey der Engel gepriesen, der mir diesen Weg
gezeigt, wieder etwas in der heillosen Verwirrung gut machen zu knnen, worein
meine leichtsinnige Verblendung mein Haus gestrzt hat. - Sie sammelte mit
zitternder Hand die Kleinodien und den kleinen Schatz von Denkmnzen und seltnen
Goldpfennigen, die sie der Freigebigkeit ihres Gatten verdankte, und whlte aus
ihrem Kleiderschreine einen dichten, weitverhllenden Regenmantel, welcher ihr
zu ihrem Vorhaben geeignet schien. Hierauf sagte sie zu Elsen, die sich mit dem
kleinen Johannes bei ihr eingefunden hatte: Gute Dirne! Du hast schon viele
Heftigkeit von mir ertragen und meinem aufbrausenden Zorn stille Geduld
entgegengesetzt. Nun, da ein bses Geschick mir die Augen geffnet, und mir
selbst Duldung zur Pflicht gemacht hat, danke ich Dir fr Deine Nachgiebigkeit,
welche immer mit der seltensten Treue gepaart war. Du hast treu bei mir
ausgehalten, seit mich ein widriges Gestirn in die Tiefe des huslichen Unglcks
versenkte; nicht Dein Mund, nicht ein Blick von Dir hat mich fhlen lassen, wie
sehr die Gegenwart meine Vergangenheit in Schatten stellt. Empfange dafr meinen
herzlichsten Dank, und gib mir Gelegenheit, Dir eine noch wrmere Dankbarkeit
widmen zu knnen. Willst Du, meine gute Else? - Die Zofe staunte bei dieser
ungewohnten und aufrichtigen Sanftmuth ihrer Herrin, und versicherte sie ihrer
Bereitwilligkeit. - Entsinnst Du Dich noch des Traums, den ich Dir vor manchen
Monden erzhlte? fuhr Margarethe fort! Ich spottete damals Deiner finstern
Ahnung, obwohl mir der Spott nicht von Herzen ging. Nun aber erwahrt sich das
Gebilde jener Nacht auf eine furchtbare Weise. Aus der Zeit ist eine Schlange
erwachsen, aus Allem dem, was ich fr das Theuerste achtete, ist ein Ungeheuer
entsprungen, das mir das Herz abfrit. Ich wei, um diese Schrecken zu mildern,
nur einen Ausweg, und diesen zu ergreifen, sollst Du mir behlflich seyn. -
Else kte der Gebieterin Hand, und fragte unter Thrnen: Was soll ich thun,
ehrsame Frau, das Euch genehm wre, und das Mittel darbte, den Frieden in Euer
Haus und Herz zurckzubringen? Wenn eine schwache Magd vollbringen kann, was Ihr
begehrt, so zhlt auf mich. - Ich mu fort; sprach Margarethe mit gedmpften
Tone weiter: noch in dieser Nacht mu ich fort. Begnstige diesen Vorsatz; hilf
mir hinaus aus diesem Gebude, wo mich Kummer und Angst tdtet. - Fort?
fragte Else erstaunt: Fort? Ei, um unsrer lieben Frauen willen? was wollt Ihr
beginnen? Wollt Ihr Euern Herrn verlassen, und Euern guten Leumund zu Grunde
richten? oder wollt Ihr Euch ein Leides anthun? Ach, liebe Meisterin, unterlat
doch dieses Vornehmen! Ihr seyd jung, Ihr seyd Mutter und Hausfrau. Verzweifelt
nicht an der Barmherzigkeit, die Allen hilft. Ist der Kummer unverschuldet, der
Euch drckt, ... und wie knnte es anders seyn? ... so wird er Euch nicht
tdten, und der Allmchtige Euch nicht umkommen lassen. Die Wahrheit mu ja doch
endlich an's Tageslicht kommen, und Eure Feinde verderben. Man lebt nur einmal,
gute Frau, und was helfen Euch alle Ehrenkronen auf Euerm Grabe, so bald Ihr die
Augen nicht wieder aufthun knntet. - Nicht doch; versetzte Margarethe mit
schmeichelnder berredung: Gutes Kind, Du irrst. Ich will weder flchtig gehen,
noch mir das Leben nehmen, und, wenn die Sterne mir gnstig sind, bin ich morgen
bei guter Zeit wieder zurck. Sollte ich jedoch nimmer wiederkehren, so sage
meinem Herrn, da er von Deiner Mutter erfahren wrde, wohin ich gegangen, und
wie mein letzter Gru an ihn gelautet. Du aber bete dann fr meine Seele,
Mdchen! - Ihr wollt mich beruhigen, ehrsame Frau; begann Else nach einer
kleinen Weile, in welcher sie die Gebieterin stumm betrachtet: und dennoch
mehrt sich meine Angst. Wohin wollt Ihr gehen, da Ihr vielleicht nimmer
lebendig wiederkehren drftet. O, liebe Frau, denkt an Euern Knaben! - Sie
fhrte den wehmthig die Hnde faltenden Johannes zu Margarethen. Die
Altbrgerin betrachtete den Knaben kummervoll, legte die Hand auf seinen Kopf,
und sagte: Armer Junge! Du bist die Quelle des Unheils, das uns betroffen, und
doch unschuldiger, als wir Alle! Traue auf Gott, und er wird wohl an Dir machen,
was Menschensinn verdarb. Du wirst, wie auch Dein Geschick sich wende, an Herrn
Diether einen Vater finden. - Das walte Gott! seufzte das Mdchen: Was wird
aber der rauhe, argwhnische Herr an dem Knaben thun, da Ihr, die Mutter, so
kalt von ihm scheidet? - Du schiltst mein Mutterherz? fragte Margarethe
heftig, und ihr Auge suchte weinend am dmmernden Himmel den Wohnsitz des
verblichnen Sohns. Sie fate sich jedoch bald wieder, und fuhr gelaner fort:
Die Nacht bricht ein, mein Kind. La mich nicht vergebens bitten. Bleibe mir
treu; ich fordre es vielleicht zum Letztenmale von Dir. Berichte mir, wenn Herr
Diether heut Abend das Haus verlt, und ffne mir alsdann die Thr, wenn Du's
vermagst. Ich selbst habe die Schlssel des Hauses nicht mehr, da sie mein Herr
mir abfordern lie, allein ich denke ... - Gute Frau, fiel Else ein: ich
habe Mitleid mit Euch. Herrgott! so jung, so schn und reich zu seyn, und doch
nicht glcklich! Das kann uns armen Leuten nicht recht zu Sinne gehen, wenn wir
nicht in Herrendiensten sind. Ich sehe es aber hier deutlich, und will gerne die
Hand zu einem Schritte bieten, von welchem, wie Ihr sagt, meine wackre Mutter
wei. Aber Ihr verget, da der ehrsame Herr, so oft er Abends das Haus verlt,
die Thre sperrt. Wie wird es mglich seyn, zu entweichen, wenn es auch
geschehen knnte, da keine Magd und kein Knecht Euch she? - Welch ein
Hinderni! klagte Margarethe: und heute, gerade heute mu ich fort! Sinne
nach, kluge Dirne, sinne nach, und hilf. Schon steigt der neue Mond herauf am
Himmel; wir haben nicht lange Zeit zu verlieren, denn weit ist der Weg, den ich
unternehme. - Es wird mir schauerlich zu Muthe, erwiederte Else, hr' ich
Euch also sprechen. Ihr werdet doch nicht zu einer Hexenfrau gehen, um Euch die
Zukunft deuten zu lassen durch verbotnen Zauber? Gute Frau, ... das thut nimmer
gut, nicht hier, nicht jenseits ber den Himmeln. - Schwtzerin! schalt
Margarethe halb scherzhaft, ihr auf die Wange klopfend: Vergissest Du, da
Deine Mutter um die Sache wissen wird, und da sie eine allzufromme Christin
ist, um sich mit Hexenwerken einzulassen? Sey ruhig, und ffne mir einen Weg aus
dem Hause. Hre aber vorerst, was das Gerusch bedeutet, das ich in den Gngen
vernehme. - Die Zofe ging hinaus, um nach dem Willen der Gebieterin zu thun.
Der kleine Johannes nherte sich aber der in Trbsinn versinkenden Frau; faltete
nochmals seine Hndchen, und sprach: Lieb Mtterlein! Du kommst doch wieder? Du
lssest mich doch nicht allein bei dem finstern Manne, der uns nicht mehr sehen
nicht mehr hren will? - Ich komme wieder, Johannes! versicherte Margarethe,
seine Hand streichelnd: und wenn ich auch nicht wieder kme, so verzage nicht.
Du bist ja ein unschuldig Kind. Dir werden sie nichts zu Leide zu thun. - Ach,
dem kleinen Hans ist schon viel zu Leide gethan worden, - klagte der Knabe:
die schwarze Mutter hat ihn viel geschlagen, und endlich gar verlassen. Und Du
bist so eine freundliche Mutter, und wolltest auch von mir gehen? - Ei, Hans;
zrnte Margarethe leise: Wie magst Du denn schon wieder an Deine Trume denken?
Getrumt hat Dir von der schwarzen Mutter ... nichts weiter. Wie kmmt es denn,
da Du wieder an die Tollheiten kmmst? - Seit heute Nachmittag, lieb
Mtterlein; erklrte der Bube gesprchlicher: Es mu am Ende doch wahr seyn,
was ich getrumt habe. Else hat mich hinausgefhrt auf die Gassen unter die
andern Buben, und wir haben gespielt. Und da ich mde wrde, und Else sich vor
einem groen schnen Hause mit mir hinsetzte, mir das Htlein abnahm, und den
Schwei abtrocknete, - ja, da hab' ich den Mann gesehen, der mich gefunden hat,
da meine schwarze Mutter von mir gegangen war, und es ist just so vor mir
gestanden, Alles, wie damals, als es mir getrumt hat, wie Du sagst. - Welchen
Mann? fragte Margarethe mit pochendem Herzen. - Der Knabe besann sich ein
wenig; dann versetzte er: ich habe bei ihm geschlafen, ... ganz gewi, ... und
bin auf seinem Knie geritten; ... ach Mtterlein! welch ein groer Schnauzbart;
und den hat er noch. - Ei, wo sahst Du ihn denn, Hans? - Am Fenster stand er,
fuhr der Bube fort, und ein schwarzer groer Herr neben ihm, und sie sahen mich
auch lange an; der Mann htte gewi mit mir geredet, wenn er nicht im Hause
gewesen wre, und ich auf der Gasse. - Gewi, versetzte Margarethe, leichter
athmend: da er aber nicht zu Dir heraus kam, sey Dir ein Beweis, da es doch
nichts war, als ein Traum, was Du Dir einbildest; ein Traum, von dem zu reden
ich Dir ernstlicher verbiete als jemals; hrst Du? Wenn Du haben willst, da ich
nicht mehr zurck komme, so magst Du thun, was ich verboten habe. - O, mein
Mtterlein! antwortete schmeichelnd der Bube: Wieder kommen! nichts sagen, -
gewi nicht, herziges Mtterlein. - Da trat Else wieder in die Stube. - Ersame
Frau, sprach sie, auf den Zehen heranschleichend: es ist, als ob ein Zauber
Euern Ausgang begnstigen wollte: wir haben Besuch bekommen; der Bruder des
Herrn, der Prlat aus Wlschland ist so eben im Hause eingekehrt, mit einem gar
holdseligen Frulein, das wohl seine Haushlterin oder eine Verwandte seyn mag.
Der Herr Schff ist berrascht auf seiner Stube ihnen entgegen gegangen, und hat
die Gste bewillkommt, und in den groen Gaden gefhrt. Darauf hat er dem Eitel
befohlen, spanischen Wein heraufzubringen, und ein Nachtmahl anzuordnen, wie es
in der Eile sich wrde thun lassen. Das Gesinde ist in Kche und Keller
beschftigt, die Thre ist offen, das Glck und die Nacht sind Euch gnstig,
wenn Ihr ferner bei Eurem Vornehmen beharrt. - Ob ich dabei beharre? fragte
Margarethe lebhaft: Hartnckiger denn zuvor. Den Prlaten, welcher Wallraden
liebt, wie seinen Augapfel will ich nicht eher sehen, als bis ich etwas gethan,
das unlugbar von meinem guten, aber schnd verkannten Sinne zeugt. Komm, Else,
hilf mir, und Du, mein Junge, setze Dich dort in den Winkel, und weine nicht,
und plaudre nicht. Ich werde wiederkommen, und Dir schne Sachen mitbringen. -
Hans that, wie ihm geheien war, und Else warf der Gebieterin den Mantel um.
Gott schtze Euch! schluchzte die gute Seele, da sie die schweren silbernen
Hacken am Halse Margarethens zumachte, und ihr das Kstchen unter den Arm schob:
Der Himmel gebe, da wir alle es nicht bereuen mgen, da Ihr heute
fortgegangen von Euerm Herrn und Sohne. - Das gebe der Himmel! erwiederte
Margarethe, und ffnete die Thre des Gemachs leise und vorsichtig. Else folgte
der voranschleichenden Herrin, wie ein lauschender Dieb, und der Zufall wollte,
da kein Verrther ber ihren Weg ging. Die schwere Hauspforte wurde halb
aufgezogen, und in die braune Dmmerung entschwand Margarethe.
    Die aufgeregte Einbildungskraft zeigt uns oft, wenn uns die Nacht auf Haide
und Blachfeld berrascht, am Saume der Wolken Schatten und Gestalten, die dahin
gleiten wie in Flren und weit verhllenden Gewndern schwebend, Klagefrauen
hnlich, die um den in Meeresfluthen begrabnen Tag trauern, und die Hnde
ringen. Also durcheilte Margarethe die Straen der Stadt, ber welche der neu
eingetretne Vollmond einen feuchten, dstern Himmel gespannt hatte. Mit der
Sonne hatte auch das schne Wetter Abschied genommen, und gewitterliche Wolken
den Schauplatz bezogen. Wohl leuchtete der Mond, aber seine Scheibe war bleich,
und diese blasse Helle deutete auf herannahenden Sturm und Regengu, so wie die
Mitternacht herankommen wrde. Wann htte jedoch des Firmaments Beobachtung
einen Menschen abgehalten von dem Vorsatz, zu welchem ihn der feste Wille
treibt, oder die unerschtterliche Nothwendigkeit? Auch das schwchre Weib
zittert nicht vor den drohenden Schrecken der Natur, wenn sein Herz zu hhern
Pflichten, zu wirklichen oder eingebildeten ruft, und Margarethe bemerkte, rasch
fortschreitend, nicht den stillen Wolkenkampf am Himmelsbogen, nicht das
dumpfige Wehen der nlichen Luft. Es war ein seltnes Schauspiel, um jene
vorgerckte Abendstunde ein Weib aus dem bessern Stande allein auf den Gassen
der Stadt zu gewahren, und mehr als ein zudringlicher Junker bot der Eilfertigen
seine Begleitung an. Kaum hrte sie jedoch die Begrung der Schchternen, die
Frechern wies sie mit harten Worten zurck, und verschlo ihre Ohren vor den
Spttereien der Wchter am Thore. Ein Ziel vor Augen habend, ging sie muthig
hinaus in's Weite, und das Mondlicht sowohl, als auch dann und wann ferne am
Feldberg aufzudeckende Blitze leuchteten ihr mitleidig auf dem Weg zum
Schellenhof. Keine menschliche Seele war ihr vor der Stadt begegnet. Zge von
Dohlen und Krhen, die, vor dem fern druenden Sturm einen Zufluchtsort suchend,
dicht am Boden vorberflatterten, waren die einzigen lebenden Geschpfe, die
sich zeigten. Frau Margarethe, trotz aller Standhaftigkeit dennoch solcher
einsamen Wanderungen ungewohnt, dankte dem Himmel im Stillen, als die Hunde des
Schellenhofs bei ihrer Annherung anschlugen, obwohl hier erst der halbe Weg zur
Gefahr berwunden war. Die Hunde tobten an der Kette, und der geschlone
Fensterladen im Erdgeschoe ging auf. Crescentia, die nach der Ursache des
Gebells aussah, erschrack in die tiefste Seele, als sie die Stimme der
Dienstherrin vernahm, die auf einen Augenblick den Eintritt in' Haus verlangte.
Die Beschlieerin gehorchte indessen auf der Stelle, und that ihr gastliches
Gemach auf, in welchem Margarethe einen langen Mann gewahrte, welcher so eben
einen migen Nachtimbis einnahm, und verlegen aufsprang, da Margarethe in die
Thre trat. - Sieh da, Vollbrecht! rief die Altbrgerin, schmerzlich und
freudig betroffen von dem Anblick des Knechts: Du hier? Ei, sprich, wo ist Dein
Herr, und kehrt er zurck? - Ehrsame Frau! lautete die Antwort: Wir sind
herumgezogen in der Irre, wie Roland's Knappen, haben aber nichts erlauert,
nichts ersprt. Wir haben zwar manchen Span bestanden mit den adelichen Herren,
die rundum an den Straen und Flssen die Schlagbume machen, und von Freund und
Feind den Zoll heischen, - aber, die wir suchten, fanden wir nicht, und des
Fruleins leibeigner Knecht Rdiger, nachdem er uns lange links und rechts und
kreuz und quer im Lande umhergefhrt hatte, meinte endlich, er werde doch nimmer
das Schlo erkennen, in welchem sie gesteckt, - das Frulein, Er und die Zofe, -
und glaube steif und fest, man habe das Frulein umgebracht, weil auch kein Laut
mehr, von ihr zu hren sey. Darauf haben wir uns auf den Rckweg gemacht, und
wollten heut zur Vesperzeit in Frankfurt einreiten, als mit einemmale der
Rdiger krank wurde, und so bresthaft, da er wohl nimmer erstehen wird. Der
Mensch hat sich so viel Gedanken um seiner Herrschaft Schicksal gemacht, und
sich so sehr darob gegrmt, da, er sicher schon verschieden wre, wenn er nicht
etwas auf dem Gewissen gehabt htte, das ihn, wie er sagt, seit geraumer Zeit
gedrckt hat, wie ein Fels. Der Junkherr hat ihm zugesprochen, wie ein
Beichtherr, denn das versteht er aus dem Grunde, und endlich hat der Knecht sich
drein ergeben, und versprochen, ihm Alles zu bekennen, und sein Herz zu
erleichtern vor dem Ende. - Was kmmert mich der Knecht? schaltete Margarethe
dringend ein: Wo ist Dein Herr? das will ich wissen. - Ich bin ja gleich zu
Ende; erwiederte der Knecht gehorsam: Wir waren gezwungen, in einer schlechten
Winkelschenke einzukehren, nicht allzufern von hier, da der Rdiger nicht weiter
konnte, vor Frost und Hitze, und wenn man ihn auf's Pferd gebunden htte. Und da
es den sterbenden Mann drngte, meinem Herren zu vertrauen, was ihn qult, und
mir, dem Knecht, nicht nthig und ziemlich ist, davon zu wissen, so hat der
Junker gesagt: Reit Du indessen gen Frankfurt, Vollbrecht, und sieh nur, wie's
dorten steht, ob sich vielleicht durch Gottes und eines andern Biedermanns Hlfe
die Schwester daselbst wieder eingefunden, und wie es mit dem lieben Vater
steht, der Mutter und dem kleinen Hans. Vergi jedoch nicht, vorerst auf dem
Schellenhofe einzusprechen, und der wackern Frau Creszens meinen Gru zu
bringen, mit dem Vermelden: es stehe bis auf die getuschte Hoffnung, wohl mit
mir, und sie solle es nur weiter sagen. Sobald des Rdigers Zustand es erlaubt,
komme ich selbst. - Um Gotteswillen nicht! fiel hier Margarethe eifrig ein:
Fliege zurck zu ihm, und bringe ihm diese Kunde! Nur gen Frankfurt nicht. Die
Heimath wird sein Grab. Er bleibe fern, denn seine Feinde haben die tdtlichsten
Pfeile auf ihn gerichtet. Die heimliche Acht hat ihn vorgeladen, und von ihren
Schranken kehrt kein Gerechter wieder.
    Jesus Maria! seufzte die Beschlieerin, und schlug ein groes Kreuz. Der
lange Vollbrecht faltete erschrocken die Hnde, und sprach kein Wort. - Wenn
ihm sein Leben, wenn ihm meine Ruhe lieb ist, so bleibe er fern, so verberge er
sich in entlegnen Landen vor den Schffen der Vehme! fuhr Margarethe bewegter
fort: Sage ihm, Vollbrecht, ich htte gehrt, da der Kaiser allein die
Vervehmten zu schtzen vermge. Er suche zu Sigmunds Fen die Lossprechung von
jener furchtbaren Ladung. Er fliehe zu den Fen des heiligen Vaters, denn in
Deutschland sollen Hunderttausend Dolche auf die Brust des Gechteten lauern.
Doch, was rede ich? setzte sie sich besinnend bei: ich sollte ihn wegscheuchen
vom heimatlichen Boden, ohne ihm erst zu sagen, wie sich Alles gestaltet? Nein,
nein, nein! Guter Vollbrecht! vergib mir, wenn ich verwirrt rede, aber
wiederhole ihm getreu meine Worte. Sie verrathen selbst in ihrer Verwirrung die
Liebe, die dankbare Freundschaft, die ich fr ihn empfinde. Er soll mir glauben,
Vollbrecht, - nicht whnen, als sey es Bosheit einer Stiefmutter, die den Sohn
erster Ehe aus dem Vaterhause treiben mchte! Ich bin ja selbst gechtet, ...
selbst verstoen! Aber recht! reden mu ich noch einmal zu ihm. Ich mu ihn
sprechen, obgleich ich nicht wei, ob ich morgen noch lebe! Sage ihm, treuer
Knecht, sage ihm, da er morgen, um diese Stunde - hier erscheine - er wrde
mich finden, ihm Lebewohl zu sagen; bis dahin mge er jedoch verborgen bleiben;
denn Alles sey gegen ihn verschworen. Und nun mache Dich zur Stelle auf, und
eile von dannen. Vielleicht ist jetzt schon Rdiger des Todes, oder genesen.
Vielleicht geht jetzt schon der Sorglose, Unbefangne seinem Untergange entgegen,
ohne Warnung, ohne Ahnung! Geh! geh! guter Vollbrecht! -
    Um den schwankenden Entschlu des zgernden Burschen zu beschleunigen,
drckte sie ihm ein Geldstck in die Hand, und diese Freigebigkeit, verbunden
mit der aufrichtigsten Anhnglichkeit an seinen Herrn bestimmte den Knecht, sich
alsobald auf zu machen. Frau Margarethen fr ihr Geschenk das Kleid kssend,
Crescenzien fr das Nachtmahl dankbar die Hand schttelnd, sprang er hinaus,
warf sich auf den harrenden Gaul, und suchte auf gut Glck in dunkler Nacht den
Weg, den er gekommen. Die Schaffnerin hatte kaum ihren Ohren getraut, als sie
die Reden vernommen, die Margarethens Mund, wie vom Sturme beflgelt, gesprochen
hatte. Es schien ihr noch immer, wie ein Traum, das ihre Meisterin jetzt, zu
dieser Stunde in ihrem Gemache stehe, und eine ngstliche Neugierde bemchtigte
sich ihrer, zu erfahren, was der seltne und verstrte Gast eigentlich hier
begehre. Die Altbrgerin lie diese Neugier nicht zu Worte kommen, denn auch sie
wurde von der vorrckenden Nacht gemahnt, ihr Gewerbe hier zu Ende zu bringen. -
- Das Morgen wird kommen, sagte sie ernst zu der Dienerin: Ich werde
vielleicht nicht wiederkehren, denn meines Lebens bin ich nicht sicher auf dem
Wege, den ich heute gehen mu. Versprich mir aber, Crescenz, da, wofern ich
morgen in des Tages frhe nicht zurckkehrte, Du meinen Herrn aufsuchen wollest,
und ihm melden: Ich htte es nicht ferner tragen knnen, meine Unschuld fr bse
Schuld abgewogen zu sehen. Ich sey ihm immer treu gewesen und hold, - Dagobert
sey rein, wie das Sonnenlicht, - ich htte weder meinen Herrn und zu Ehewirth zu
morden begehrt; noch sein Herz zu zerreien durch Wallradens Raub, den er mir
ebenfalls zugeschrieben. Um ihn zu berzeugen, da ich wahr und redlich
gehandelt, sey ich heut hinausgegangen zum Sprnglinsteine, um dort zu
verrichten, was Herr Diether, von Argwohn und Mitrauen befangen, nicht
unternehmen wollte. Er mchte mir daher vergeben, was ich vielleicht im
Leichtsinn der Jugend an ihm gefrevelt. Bses habe mein Herz dabei nie im
Schilde gefhrt. Er mge mir auch verzeihen, was ich Schwereres begangen, und
mir nicht als Snde zurechnen, was ein irre geleitetes Gefhl verbrach. Er mge
endlich meiner in Frieden gedenken, und von dem kleinen Hans seine Hand nicht
abziehen, wie auch die Dinge kommen sollten. Verstehst Du mich, gute Crescenz?
    Die Alte hatte zugehrt, und immer aufmerksamer Auge wie Ohr geffnet. Nun
aber, da Margarethe zu reden aufgehrt, starrte sie dieselbe unbeweglich an.
Ich werde ausrichten, was Ihr befehlt, ehrsame Frau, sagte sie, in ihrer
Bestrzung verharrend, - aber ich will nicht getauft seyn, wenn ich begreife,
was das Alles heien soll? Hat Euch denn der liebe Herrgott Euer Sterbestndlein
offenbart? oder welche Ursache habt Ihr dann, da Ihr solche bedenkliche Reden
fhrt? Oder htte Euer huslich Kreuz Euren Verstand beschdigt? Ich sollte Euch
wahrlich nicht fortlassen in der dunklen Nacht. - Keine Widerrede: befahl
Margarethe herrisch, und Crescenz zog sich alsobald in die Schranke der Demuth
zurck: Hre noch das letzte: setzte die Altbrgerin hinzu: Athme ich morgen
noch, so werde ich am Abend hier mit meinem Stiefsohne ein Wort des Abschieds
reden, - in Gegenwart Deiner beiden Augen, unter der Obhut Deiner verschwiegenen
Zunge. Hat jedoch der Herr des Lebens ber mich geboten, so sage dem jungen,
unglcklichen, durch mich unglcklich gewordnen jungen Manne: Bis zu meinem
letzten Athemzuge sey er mir der theuerste Mensch auf Erden gewesen. Die Zeit,
da ich ihn verstohlen liebte, wie ein unerreichbar hchstes Gut, sey meine
glcklichste; die Zeit in der ich ihn hate in verirrter Leidenschaft, meine
elendeste gewesen. Seine vergebende Freundschaft war Paradieseshauch in meinem
huslichen Jammer, sein Bild der Heilige zu dem ich betete. Bekenne ihm in
meinem Namen, da ich, die Unwrdige, glcklich war, in der Erinnerung an ihn,
und da, wenn es mglich ist, mein Geist sich von oben herabneigen wird, um ber
seine Schritte zu wachen, da ich ihn aber bitte mit der verzweifelnden Liebe
einer Mutter, sich selbst zu erhalten, und die Sttte zu meiden, wo ffentlich
und heimlich die hchste Gefahr ihm droht, wo selbst der eigne Vater von
schnder Rachlust entbrannt ist gegen den Unschuldigen. Beschwre ihn, ... -
hier hemmten Thrnen die Worte Margarethens, und mit einem schmerzlichen: Ich
kann nicht mehr; lebe wohl! strzte sie aus dem Gemach. Die angstvolle
Crescentia folgte ihr ermahnend, bittend und klagend. - Die Altbrgerin war
unerbittlich gegen ihr Flehen; - noch unter der Hausthre mute ihr die Alte in
dem ungewissen Dunkel die Richtung bezeichnen, die sie gen Bergen zu nehmen
htte, und unter dem Gebell der wachbaren Hunde, entwich die khne, auf's
uerste gefate Frau den Augen der alten Dienerin. - Kopfschttelnd sah ihr die
Letztere nach, schob alsdann den Riegel vor, und sendete das Gesinde, das durch
das Hundegebell aufgeschreckt worden war, wieder zum Lager zurck. Sie setzte
sich hierauf in den Sorgenstuhl, und dachte im unruhigen Geist nach ber die
Begebenheiten des Abends. Nach allem berlegen schien ihr endlich nichts klarer
und gewisser zu seyn, als da der angehufte Gram und Unmuth Margarethens
Verstand in Unordnung gebracht habe, und sie begann, sich die bittersten
Vorwrfe zu machen, da sie die Sinnverwirrte hinausgelassen in die einsame
Finsterni, wo ihr unstter Fu gar leicht in des Wassers Fluth gerathen, oder
ein Blitz ihr Haupt zerschmettern konnte. Sie schalt sich einfltig, da sie gar
nicht bedacht, wie ungndig Herr Diether ihr Betragen, - kam's zu Tage -
aufnehmen wrde, und bedauerte abwechselnd die arme Frau, sich selbst, und den
guten Junker Dagobert, den die Botschaft, die Margarethe seinem Knechte
aufgegeben, unbedingt zum Tode erschrecken msse. - Der biedre Junker! sagte
sie vor sich hin, whrend sie ihr Nachtkleid berwarf: Wie er Alles liebt, das
ihm vertraut. Wie dankbar, gedenkt nicht sein die Stiefmutter, die ihn hate?
Wie zart denkt er nicht Aller, deren er sich angenommen! Wie werde ich das gute
Judendirnlein morgen mit der Nachricht erquicken, da er gesund und wohl ist.
Der lange Knecht lie sich's gewi nicht trumen, da der Gru an die alte
Crescenz auch noch jemand Anderm galt! Wie aber in aller Welt, kommt es, da der
biedre junge Herr vor die Vehme gerathen ist, von der ihm nur der Kaiser
loshelfen mag? - Ei! unterbrach sie sich, gegen das Fenster lauschend: war
mir's doch, als ob die Hunde sich wieder bewegten, und leise knurrten. 'sist
aber wieder Alles stille. - Und dennoch, setzte sie nach einer Pause hinzu:
dennoch regt sich drauen etwas, und ich hre die Hunde schnaufen und
schmatzen, als ob sie etwas kstliches zu fressen erhalten, htten. - Schon
griff die herzhafte Frau nach der Lampe, als eine behutsame Faust einigemal
leise an den Laden klopfte. - Da haben mir's! flsterte die Alte vor sich:
Das ist ein frecher Dieb, der meinen Hunden mit Gift das Maul gestopft hat, und
nun herein mchte. - Sie erfate schnell eine Haue, die in der Ecke stand,
ffnete das Fensterlein, und sprach durch die Ritze des Ladens hinaus: Du
diebischer, ungeschlachter Gesell, wer du auch seyst, - packe Dich fort, denn
meine Leute sind beim ersten Schrei wach und hellmunter. Auch halte ich eine
Haue in der Hand, die dir den Kopf zerschmettert, wenn Du in's Fenster
einzubrechen wagst. Zieh darum ab. Ich bin 'ne arme Frau, und hier ist nichts zu
holen, als ein blutiger Kopf. - Macht keinen Lrm! flsterte es von drauen
herein: Ich bin kein Dieb, sondern ein ehrlicher Mann. Ich komme doch nur, um
Euch zu warnen, Mtterlein. - Wofr? Du Schalksgesell? fragte Crescenz, noch
immer unglubig. Der Fremde vor dem Fenster fuhr aber fort: Man ist Ben David's
Esterchen gekommen auf die Spur; Du gutes Weiblein. Sie werden kommen, ehe
vergeht eine Stunde, mit Spieen und Stangen, um die Jdin zu fangen, und um
Dich, als Hehlerin, zu setzen auf den Thurm bei Wasser und Brod. - Crescentia's
Herz klopfte heftig, - denn sie konnte nicht an dem guten Wissen des Klopfenden
zweifeln. Sie ffnete scheu den Laden, obgleich nur halb, und beleuchtete
vorsichtig Zodick's hliches Antlitz, das sich herein bog. Wer bist denn Du,
Nachtlufer? fragte sie halb erschrocken. - Kennst Du mich denn nicht, Mmme!
sagte Zodick entgegen: Bin ich doch gewesen der Knecht, der Dir so oft gebracht
hat mildthtige Beisteuern von David, dem Sohne Jochai. Du mut Dich noch
besinnen auf meine Gestalt. - Ach! Du bist's? rief die Alte erschreckt:
Weiche von dannen, Du Lgner, der seinen Herrn zum Tode bringt, durch seine
blutige Bosheit! - Ich bin nicht derselbe; hie es entgegen: Jener Zodick,
der geklagt hat in Edom, ist nicht mehr, sondern ein reuiger Zodick lebt noch,
und darum will er retten, die Tochter seines Herrn, die Einer aus Israel
verrathen hat an den wollstigen Schulthei. - Um Gotteswillen! fiel die Alte
klglich ein: Der Schulthei? das arme Kind ... wer war der Verrther? -
Joseph der Arzt; erwiederte Zodick leise: Um die elfte Stunde kommen des
Oberstrichters Trabanten heraus, und wehe Dir, wenn man die Dirne findet. Mir
hat's gesagt der kleine Finger, und ich will holen das Estherchen, und es
bringen zum Vater. - Zum Vater? fragte Crescentia mitrauisch: Faule Fische,
rothkpfiger Jude. - Ich will sprudeln Gift und Galle ein Jahr lang,
betheuerte Zodick, wenn es nicht ist wahr. Ich habe herausgebracht den Alten
aus dem Thurm, und ihm versprochen, weil er selber ist krank und schwach, die
Tochter zu retten aus den Klauen der haarigen Bcke.
    Ei, Du unverschmtes Lgenmaul! eiferte die Alte: Du hlst mich fr eine
Schnattergans, da Du solch Possenzeug mir wei machen willst. Esther ist nicht
hier, ist noch nie hier gewesen, magst Du wissen, Du schleichender Sprhund.
Hier haut eine andre Jungfer, die mit Euch Juden nichts gemein hat: weit Du
das? Deine Mhrlein von dem Oberstrichter und seinen Knechten trage nur
anderwrts hin, hrst Du? -
    Lat doch das lcherliche Gedibber; versetzte Zodick unwillig: Wer im
Giebelstbchen wohnt, wei ich gar wohl, so gut als der Prophet Elias. Ruf' mir
das Schickselchen herab, und ich fhre sie zum rte, ehe noch die Gewalt kommt
ber Euch. - Wenn Du nicht alsobald gehst, erwiederte die Alte derb, so
kommt die Gewalt meiner Haue und meiner Hunde ber Dich; wenn Du nicht die
Letztern vergiftet hast, da ich keinen Laut von ihnen hre. - Ohne Sorgen,
Mtterlein; sagte Zodick schmeichelnd: sie leben, die Thiere; aber thun werden
sie mir nichts, denn ich verstehe das Handwerk, und habe ihnen gegeben Kuchen,
besser als der Kuchen Levi in der Nacht des Passah. Du, la mich aber hinein,
da nicht Unglck einzieht bei Dir und Estherchen frei werde, von Amaleks
sndigen Richtern. - Nimmermehr! wiederholte Crescenz: Ich traue Dir nicht,
ich glaube Dir nicht, Du abtrnniger Mensch, dem's mit dem wahren Glauben eben
so wenig Ernst ist, als mit dem falschen. Du bist ein Gezeichneter. Mache, da
Du von hinnen kmmst! -
    Ein blitzendes Messer zngelte wie ein Strahl durch die ffnung des Ladens;
Creszens gewahrte jedoch noch zu rechter Zeit des meuchelmrderischen Versuchs,
sprang zurck, und ri den Laden mit einer Gewalt zu, da die Klinge zerbrach. -
Der Mordbube fluchte drauen halblaut ber des Weibes Klugheit, und den Verlust
seines Gewehrs. Crescenz belferte ihm aber zu: Rothhaariger Schuft! wo Du nicht
gleich Reiaus nimmst, rufe ich meine Leute, und Dein letztes Brod ist gebacken,
Du Schurke. - Eilig, wie ein rollender Kiesel, entsprang der Bsewicht, und die
Hunde, wie von einem Zauberspruch betubt, rhrten sich nicht in ihren Htten.

                              Dreizehntes Kapitel.


                O, hret doch, wie sein Donner zrnet, und welch eherne Rede von
                seinem Munde ausgeht! Er siehet unter allen Himmeln, und sein
                Blitz scheinet auf die Enden der Erde!
                                                                           Hiob.

Die gute Crescenz hatte nichts Eiligeres zu thun, als den Weg nach der
Giebelkammer zu suchen, um die holde Esther, die kaum, von Thrnen und Leid
erschpft, entschlummert gewesen, aus der sen Ruhe zu wecken. Das Mdchen fuhr
erschrocken empor, und ihr Schrecken verdoppelte sich, als ihre Pflegerin ihr
in's Ohr rief: Du bist verrathen, Mgdlein! auf! Dein Heil ist nur die
schnellste Flucht! - Verrathen? stammelte Esther: woher wit Ihr ....? wer
hat das gethan? - Crescenz sumte nicht, so schnell als ihre Zunge es
gestattete, den Auftritt mit Zodick der staunenden Zhrerin zu berichten, die
sich hierauf in Danksagungen gegen sie erschpfte. - Ei, so la Dank und glatte
Worte bei Seite! schalt endlich die Alte: was ich dabei gethan, ist gar keines
Lobes wrdig. Welcher Mensch in der Welt wird solch ein Galgengesicht gutwillig
in's Haus und sich die Gurgel abschneiden lassen? darauf hatte es der Schurke
doch am Ende bei uns beiden abgesehen. Die Gefahr ist jedoch nicht vorbei,
sondern sie kmmt erst heran. Entweder ist es wahr, was der Bursche behauptete,
und der Judenarzt hat Dich an den Schulthei verschwatzt, und in diesem Falle
mut Du schleunig fort; oder, es ist nicht wahr, und der Schandbube gibt selber
Dich an; dann mut Du auch fort. Darum kleide Dich, und laufe; es blutet mir das
Herz, da ich Dich vor die Thre stoen mu, - aber berall wirst Du besser
seyn, als in den Hnden des lustgierigen Schultheien. - Hochgelobter
gepriesener Gott! seufzte Esther trostlos: Kann Dein Vaterauge sehen solche
Bedrngni ohne zu helfen? O, da er fern seyn mu, auf den ich baute, wie auf
einen Engel. -
    Crescenz htte gerne der Klagenden den Trost gegeben, da Dagobert nicht
mehr ferne sey, allein sie bedachte noch zu rechter Zeit, da diese Kunde den
Schmerz des Mdchens, und ihren Widerwillen gegen die pltzliche Trennung vom
Schellenhof vermehren wrde, und dennoch war, ihrer Meinung nach, kein bessres
Mittel vorhanden, dem nahenden Unheil zu entgehen. Sie begngte sich daher, der
trauernden Esther aufzutragen, sich in Wald und Busch so lange verborgen zu
halten, bis der nchste Abend herangekommen seyn wrde, und alsdann fein
vorsichtig auf dem Hofe sich wieder zu melden. Unnachsichtlich drngte sie
indessen jetzo zum Abschiede, denn neben der Furcht, das Mdchen selbst in der
Feinde Schlingen fallen zu sehen, beunruhigte sie das Loos gar sehr, das ihrer
warten drfte, ward ihre Theilnahme an dem heimlichen Handel bekannt. - Aber so
sehr sie auch drngte und trieb, so sehr Esther sich beeilte, ihrem Willen
folgsam zu seyn, und kaum sich die Zeit nahm, die schnen Locken mit
Crescentia's eignem Miedertuche vor dem gegen die Fenster schwirrenden Regen zu
schtzen, - so waren doch Warnung und Vorsicht zu spt gekommen. Die Hunde, die
sich bisher nicht geregt hatten, fuhren auf einmal mit wthendem Toben aus ihren
Htten, und an ihrem kurz darauf folgenden erbrmlichen Geschrei war bald zu
merken, da einige derbe Schlge sie zur Ruhe verwiesen. Zugleich polterten
mehrere Ste gegen die Hausthre, und barsche Stimmen, verlangten Einla. -
Herrgott! schtze Deine Magd! sthnte Crescenz, und lschte schnell die Lampe
aus, die sie mit in die Kammer gebracht hatte. Halte Dich ganz ruhig und still,
Estherchen, flsterte sie derselben zu, die sich, an allen Gliedern bebend, in
eine Ecke des Stbleins verkroch: bis ich hinunterkomme und Licht mache, und
dem Gesindel die Thre ffne, fllt mir vielleicht ein Nothbehelf ein, und ich
rette Dich vor der Nase dieser Sprhunde. - Rasch, wie ein Mann im rstigsten
Alter, tappte die Alte die Treppen hinab, und begann durch das Schlsselloch mit
den Bewaffneten vor dem Hause zu unterhandeln. Diese waren jedoch keineswegs
gelaunt, Scherz oder Zgerung mit sich treiben zu lassen, und drohten, Thr und
Fenster in Stcken zu hauen, wofern nicht alsogleich aufgethan wrde. Da sich
nun Crescenz entschuldigte mit Mangel an Licht, so erboten sich die Belagerer,
ihre eignen Laternen herzugeben, um das Haus zu durchsuchen. Wie sie dann nun
immer heftiger wurden, und ohne Aufhren im Namen des Oberstrichters die ffnung
begehrten, auch indessen das Gesinde zusammengelaufen war, und sich wunderte
ber den muthwilligen Verzug der Schaffnerin, so blieb der Letztern nichts
brig, als in Gottesnamen dem rohen Sldnerhaufen Einla zu geben. Der Anfhrer
der grimmigen Schaar fuhr sogleich mit Donnerstimme ber die Alte her: Den
Judenbalg gib heraus, den Du in Deinem Hause versteckt hltst! heraus! ohne
Widerstand und Ausflucht. Du bist des Todes, wenn Du nicht blitzschnell thust,
was wir begehren! - Crescenz spielte die berraschte, die Unwissende, aber ihr
linkisches Lugnen machte die Herren noch dringender, die gar nicht bel
unterrichtet zu seyn schienen. - Lge, da Du erstickst! schrie der Fhrer:
Wir werden doch wissen, welch Nestlein wir hier auszuheben haben! Spare also
Deine Winkelzge, und freue Dich auf den Pranger, alte Kupplerin, welche Shne
von ehrlichen Brgern verfhrt zur Gemeinschaft mit nichtswrdigen Jdinnen.
Mach' Dich fertig, und steige voran. Wir wollen schon finden, was unser ist. -
Je nher die Gefahr rckte, je trotziger wurde indessen die Alte, und htte sich
beinahe verleiten lassen, eine Betheuerung darauf abzulegen, da die gesuchte
Jdin sich nicht im Hofe befinde. Indem drngte sich eine neue Figur in den
Kreis, und der hliche Zodick stand wieder frech und leibhaftig wie vor einer
halben Stunde vor dem zankenden Weibe. Glaubt nicht der Hexe! rief er den
Sldnern zu: Die Dirne ist nicht gekommen aus dem Hause. Ganz Mokum1 will sie
an der Nase fhren, da sie selbst komme davon mit ganzen Ohren. Doch ich will
Euch sagen, was sie nicht will schmusen. Das Vgelein steckt oben im Nest. So
Ihr erklimmt die Stiege, hrt Ihr's schon piepen und flattern. - Der Jude hat
eine Nase wie der Teufel! schwor der Anfhrer der Hscher, welche lrmend,
gegen die Treppe vordrangen. Vergebens suchte Crescenz den grinsenden Zodick
Lgen zu strafen, vergebens gegen ihn selbst eine schwerere Anklage zu richten;
sie wurde nicht gehrt, ihr Geschrei bertubt, und der andrngende Haufe ri
sie in seinem Wirbel mit fort. Den schlagendsten Beweis, da sie mit Rnken
umgehe, schien obendrein das Erscheinen einer Dirne zu liefern, die oben auf dem
ersten Treppenabsatz sich sehen lie, gehllt in unordentlich bergeworfene
Nachtkleider, und mit ngstlicher Stimme herunterschrie: Aber Frau, Frau, um
Alles in der Welt! was soll das Getse? was gibt es denn? -
    Das ist sie! rief Zodick dem Hscheranfhrer in's Ohr. Das ist sie!
donnerte der ganze Haufe, und zwanzig Hnde streckten sich nach der Dirne aus
die - ersehend, da es auf sie gemnzt sey, mit jmmerlichem Geschrei: Mein
Kind! mein Kind! Hlfe! Hlfe! zurcksprang, und eine schwere Thre hinter sich
in's Schlo warf. - Siehst Du, alte Vettel! donnerte der bestrzten
Schaffnerin, die vergebens eine Erklrung versuchte, der Anfhrer zu, und gab
ihr einen groben Rippensto: da ist das Geschpf, das wir suchen. Nicht die
Dirne, noch ihr Junges soll uns entkommen, und brennen sollen sie beide! Sperr'
auf die Thre. - Crescenz, von tdtlichem Schreck erkltet, suchte
zhneklappernd einen Schlssel nach dem andern in das Schlsselloch zu passen;
da jedoch die Angst den rechten ihr nicht finden lie, so machten die
Bewaffneten krzere Wirthschaft, und rannten die Thre ein. Wie ein Knaul von
Wahnsinnigen strzte der helle Haufe in das Gemach, und erwischte die schreiende
Dirne, da sie eben, besinnungslos vor Entsetzen, mit einem Kinde im Arme, zum
hohen Fenster hinausspringen wollte. Whrend nun Crescenz in der Mitte des
Getmmels umsonst ihre Lunge anstrengte, um zu beweisen, da die Gefangene nicht
diejenige sey, die man suchte, whrend die Gefangene selbst in Thrnen zerflo,
und das Kind jammerte, - whrend die Hscher Stricke und Riemen hervorsuchten,
um nicht nur allein die muthmaliche Esther, sondern auch die Schaffnerin und
ihr Hausgesinde zu binden, hatte Zodick, seinen Vortheil ersehend, einem
gaffenden Knechte die Leuchte aus der Hand gerissen, und war damit unter dem
allgemeinen Getse verschwunden, um den obern Theil des Hauses zu durchsuchen.
Wild klopfte sein Herz, als er die Stufen zum Giebelstbchen erstieg, denn er
dachte an die Mglichkeit, da Esther bereits seiner Wuth entgangen seyn mchte;
aber, so wie er die Kammer ffnete, und mit gierigem Auge in das Dunkel
leuchtete, so machte sein ahnender Zorn, hohnlachender Freude Platz. Die arme
Esther hatte in ihrer Unruhe, geqult von banger Furcht, nicht an die Flucht
gedacht, und sich wie ein Opferlamm in das grliche Schicksal ergeben. Nicht
die Thre hatte sie verriegelt, und lag betend, aber ohne zu wissen, was die
Lippen beteten, in dem Winkel auf ihren Knien. Hier ergriff sie die Faust des
siegenden Feindes; hier raunte ihr seine entsetzliche Stimme in die Ohren: Du
bist mein, Estherchen! Gedenkst Du meiner Worte? Der Vollmond ist da, und ich
komme, Dich zu holen heim. Zgre nicht, zaudre nicht, kleine Spinne! Komm, da
ich Dich fhre vom Berge Seir! - Abscheulicher! versetzte Esther, mit
verachtender Wrde sich erhebend: Hier sind meine Hnde, fessle sie, aber hre
auf zu mihandeln die Frau, die mich hat gepflegt wie der Rabe der Wste. Ihr
Geschrei dringt herauf zu mir, Unhold. La es verstummen. - Alles verstummt
unter den Fen des Herrn! entgegnete Zodick hhnisch: Auch Deine Schmhung
wird verstummen, Weib. Mag ich Dir seyn wie Gabriel, der Frst der
Barmherzigkeit, oder wie Sammael, der Frst der finstern Wildni; gleichviel.
Folge mir, und schweige wie in der Neumondnacht, die unsers Lebens Dauer uns
kund thut. - Behutsam lschte er die Leuchte aus; packte Ester's rechte Hand
fest in die seinige, und stieg vorsichtig mit ihr die Treppe hinab. Noch dauerte
das Getse in der Stube des ersten Stockwerks; da der Bsewicht dieses hrte,
zwang er auf einmal seine Beute, geschwinder zu entlaufen, stlpte ihr seine
weite Mtze ber Kopf und Augen, und entfhrte sie also hinaus in's Weite, trotz
den heulenden Hunden. Der Regen flo rieselig und kalt hernieder. Esther
schauderte am Arm ihres grlichen Fhrers, und lie sich eine gute Weile durch
Sand und Moor mit fortziehen im schweigenden Dunkel, bis sie endlich so viel
Besinnung gewann, die lederne Mtze vom Haupte zu reien, pltzlich stille zu
stehen, und mit der Stimme der Verzweiflung zu fragen: Was ist das, Zodick?
Warum rissest Du mich denn weg aus dem Hause? warum hast du mich nicht bergeben
den tobenden Hschern, da sie mich bnden und fortschleppten? und wohin fhrst
Du mich? nicht gen Frankfurt? was soll ich in diesem Gestrpp oder in den
Furchen des Feldes? wohin schleppst Du mich, unsaubrer Geist? - Nach der
Hochzeitkammer, Liebchen? antwortete grinsend der Schurke: Nach dem
Hochzeitsbette, und von dannen in's Paradies. - Ach! schrie Esther: Du
willst mich tdten in Schmach? - Nicht doch, Schickselchen; versetzte Zodick
kalt: Du wirst leben im berflu, so Du thust meinen Willen. Doch ist nicht
hier der Ort, wo zu reden ist von der Zukunft. Komm, komm, Estherchen? 's ist
nimmer weit! - Die berzeugung, ohne Rettung verloren zu seyn, gibt dem
Menschen fters bermenschlichen Muth, und ungewhnliche Krfte. Esther empfand
tief, da der Augenblick gekommen sey, diese Krfte zu wecken mit dem
verzweifelnden Willen. Mit einer Heftigkeit, die nur dem aus brennender Zone
stammenden Blute eigen ist, warf sie sich wild und kreischend auf den
Niedertrchtigen; der sie weiter nach seiner Hhlen schleppen wollte.
Weiblichkeit und die zarte Sanftmuth abstreifend, welche sonst ihre Zierde
waren, gestaltete sich Esther aus einem duldenden Lamme zu einem khnen Tiger
um, und griff den Feind mit offner That an. Der berraschte wehrte sich im
Anbeginn nur schwach; da es aber Esther zu gelingen schien ihn zurckzudrngen
und von seiner Klaue sich lozureien, da ergrimmte der frchterliche Mensch.
Vom Sturme des Zorns und der Leidenschaft hingerissen, bot er alle Krfte gegen
die Widerstrebende auf; seine riesigen Arme wurden lnger, seine Fuste strker,
und die rmste, deren Krfte endlich in dem ungleichen Kampfe erlagen, sank
keuchend und wimmernd auf den nassen Sand zu den Fen des Schrecklichen, dessen
eherne Hand sie beinahe zermalmte, whrend er nach seinem Grtel griff, um die
Bezwungene damit zu binden. Der entsetzlichsten Mihandlung Preis gegeben,
nderte Esther ihre Handlungsweise. Die Schlauheit ihres Geschlechts in das
Treffen fhrend, lie sie ab von dem fruchtlosen Kampfe, faltete die Hnde wie
eine Flehende, und beschwor unter Schluchzen und Thrnen den bermchtigen Feind
ihrer zu schonen. Sie wolle die Seine werden, sobald er ihr Zeit gnnen wrde,
sich zu fassen, zu erholen von dem grlichen Sturme in ihrer Seele. -
Befriedigt lchelnd horchte Zodick auf die seinem Ohre willkommenen Worte, und
zog die Bittende unsanft vom Boden in die Hhe. - So gefllst Du mir,
Estherchen! sprach er, tief Athem holend: Du hast mir warm gemacht; aber Du
kennst nun auch, was es heit, mit mir anbinden. 's wr' ein schlecht Geschft,
ein Druck des Fingers, um Dich zu vernichten hier in der Einde; drum ist's
besser, Du ergibst Dich in des Herrn Befehl, und folgst mir zur Kammer. Eile
aber jetzo. Wir sind bald zur Stelle. - Unaufhaltsam ri er das Mdchen mit
sich fort, durch Sandgetriebe, Weidenbsche und verdete Triften, bis es endlich
schroff ber Kies und Gerll hinunterging zu einer nackten Vertiefung, in
welcher bei der Mondhelle ein Sumpf stand, wie ein trber Spiegel, und daneben
eine schwarze Htte, aus deren Lcken ein mattes Licht schimmerte, dem
Johanniswrmchen gleich, in schwarzer Hecke. Zodick befahl Esthern, leise
aufzutreten, und schlich an die lichtspendende ffnung, um den forschenden Blick
in das Innre zu tauchen. Esther's Brust hob sich indessen wie die Brust einer
Sterbenden. Und war sie nicht eine solche? Den theuern Schwur, sich eher zu
tdten, als beschimpfen zu lassen, dachte sie unverbrchlich zu halten, und
jenes traurige Moor schien ihr vom Geschick auserlesen zu seyn, ihr Todesbette
zu werden. Welche Schrecken aber noch bis dahin an ihrem Geiste vorbergehen
konnten, daran gedachte sie bebend. Zodick hatte indessen erkundschaftet, da
nicht gefhrliches in der Htte verborgen sey. Er pochte leise an das
Fensterlein, und gab ein kauderwlsches Losungswort von sich, nach welchem man
von innen fragte. Hierauf zog er Esther mit sich zum niederen Pfrtchen der
Htte, welche schon aufgethan worden war. Gut Zeit! sagte er zu dem alten
Weibe, das, den brennenden Span in der Hand, die Einkehrenden empfing, und
sorgfltig hinter ihnen zumachte: Ist sauber die Luft, und rein Alles von
Gefahr? - Drinnen ist Alles rein, erwiederte die Alte, und ma verwundert die
bleiche Esther vom Kopf bis zu den Fen. - Ist Marten daheim? fuhr der
Mordknecht fort, argwhnisch in alle Winkel schielend. Das Weib bejahte, und
stie die Thre zur elenden Stube der Mordherberge auf, in welcher der Anfhrer
der Blutzapferrotte sich auf einer schmutzigen Bank wiegte, - die Augen roth und
glhend vom bermaa des berauschenden Getrnks. Esther fuhr zusammen bei dem
Anblick dieses Menschen und seiner Umgebung, und setzte sich stumm, mit
verbissenem Schmerz auf einen Schemel in der Ecke. Das alte Weib des trunknen
Marten ging forschend und lauernd vor der Fremden auf und nieder, und htete sie
mit Drachenblicken. Marten reichte dafr dem begrenden die blutgewohnte Hand,
mit dem Vorwurfe, da er sich lange nicht habe sehen lassen. - Hab' Andres zu
schlichten, erwiederte der Mensch: bring' Euch da einen Gast, welcher aufwiegt
alle Tchter in Israel, und will ihn Euch geben in Obhut, wenn es rein und
koscher ist bei Euch. -  's ist Alles leer; versicherte der alte Ruber: die
Gesellen sind alle in Thringen gezogen, und an den Rheinstrom, weil's die
Witterung erlaubt, in der Ferne sich Nahrung zu holen. Kein Mensch ist hier als
das Weib und die Tochter, denn die drei Rittersknechte, die seit heut Nachmittag
hier eingekehrt sind, sind nicht zu rechnen. Einer von ihnen liegt am Tode, und
wir haben sie und ihre Rosse in die Scheuer eingestellt, am Moor. - Zodick
winkte dem Schwtzer mit einem Seitenblick auf Esther zu. Zu dieser Nacht
verlange ich die Kammer hier nebenan, fr mich und mein Weib; sprach er, und
die alte Frau entgegnete dienstwillig, sie stehe bereit, allein es sey kein
Fenster darinnen angebracht. - Zodick schlug ein freches Gelchter auf. Braut
und Brutigam fragen nicht nach Helle und Licht, scherzte er, und wr's auch
die Schechinah des hochgelobten Gottes selbst. Wir werden sie gern entbehren.
Nicht wahr, Liebchen? - Mit Abscheu wendete sich Esther, stumm die Hnde
ringend, von ihm. - Der rohe Marten lachte. Das Mgdlein sprach er, geht so
frei und lustig nach dem Brautbett, wie das junge Thier zum Metzgerhaus. Wohl
bekomm's Euch beiden. Ich fr mein Theil wollte, es kme endlich mein Knecht
Wolfhard. 's geht an die elfte Stunde, und ich mu noch heut hinaus. -
Inzwischen hatte sich Zodick zu Esther herabgebeugt, und raunte ihr drohend zu:
Gib Dich in Dein Schicksal. Wo Du schreist, wo Du Widerstand wagst, hast Du den
Talles. Besinne Dich kurz; ich gebe nicht mehr Frist. Ich will nicht werden alt
wie Abraham, ohne zu kosten Deine Reize. Du kannst werden glcklich und leben
lang, sobald Du wirst bekennen, wo Dein Vater hat hinvergraben seine Schtze.
Der schlechte Mann hat mir gelugnet ab, da er welche besessen. Du weit aber
sicher darum, und nur diesem Bekenntni wirst Du zu danken haben Dein Leben.
Bleibst Du stumm, mach' ich Dich ewig stumm nach der Hochzeit.
    Grausamer! tdte mich jetzt, da ich noch bin wie das Lamm der Weide!
flehte Esther: ich wei nicht von dem, was Du begehrst. - Zodick kehrte ihr
drohend den Rcken, und strzte ein Glas des Weins hinunter, den die
katzenfreundliche Wirthin aufgestellt hatte. Indessen ging die Thre auf, und
Judith, Marten's und des Weibes Tochter, kam langsam und finstern Angesichts
herein. Ohne zu gren, betrachtete sie abwechselnd Zodick wie Esther mit
durchdringendem Auge. Der Jude wendete sich verchtlich von ihr, - Esther nicht
minder, da sie in den groben und dstern Zgen der Dirne eine neue Feindin zu
entdecken glaubte. Judith blieb in ihrer Stellung, bis der Vater sie anfuhr: Wo
streifst Du herum, Dirne? Woher so spt? - Ich komme vom Moor, antwortete sie
gelassen: ich habe dort gebetet. - Du sollst verschwarzen, Greinerin! zankte
Zodick giftig: Bei dem Reitergesindel hat sie gesteckt in der Scheuer. - Dort
ist der Tod; entgegnete Judith trbe: Du witterst den Tod, blutiger Mann,
darum bist Du hier. - Zodick spie verchtlich vor der seltsamen Magd aus, und
strzte noch ein Glas hinunter. - Schlinge nur, schlinge, nimmersatte Gurgel!
sprach die Dirne ernst: Bald wirst Du hier Blut zu saufen haben, Zodick. - Der
Genannte wie die andern schwiegen betroffen, und Judith wendete sich zu Esther
mit der Frage: Wie kommt es denn, da die Reinheit eingegangen ist in diese
Mordhtte an der Hand des blutigen Frevels? Bedauernswerthe Jungfrau, - denn Du
bist's, - warum bist Du gekommen an diese Sttte des Verderbens? - Esther
suchte zagend in den Augen der Sprecherin, ob Wahnsinn oder eiserne Vernunft aus
ihr rede. Judith errieth ihre Gedanken, und sprach viel milder: Ich bin nicht
toll, mein schnes Bild. Alles um Dich her ist nicht Wahnsinn oder Trug; es ist
frchterliche Wahrheit. Dies ist ein verfluchtes Haus; jener dort im Kleid des
Elends und der Trunkenheit ist mein Vater; und dieses entmenschte Weib ist die
Mutter, die mich Erbarmenswerthe geboren. Steh' auf, Weib, von der Seite der
Unschuld, da ich sie nher kennen lerne. - Mit einer gebieterischen Geberde
befahl sie der Mutter von Esther's Seite zu weichen, und das Weib, das hhere
Zungen aus ihrem Kinde zu hren vermeinte, that wie sie begehrte. Zodick machte
eine ungeduldige Bewegung: Wr' mein Kind der verfluchte Lsterbalg, murrte
er, den Kopf htt' ich ihm eingedrckt in den Windeln. Ein Wort jedoch Alter!
- Er zog den Alten bei Seite, und befragte ihn scharf nach den in der Scheuer
liegenden Reitern. Marten blieb dabei, von denselben sey keine Gefahr zu
besorgen. Der Eine sey sterbend, ein Zweiter zu seiner Pflege bestimmt, und der
Dritte sey, wie er meine, schon von dannen geritten. - Sind's Reisige, die
zurckkommen aus einer Fehde, sagte Zodick berlegend, so knnte zu finden
seyn Beute bei ihnen. Warum gehen wir nicht dahin, und bringen sie um, und
nehmen, was sie haben? Zum mindesten sind werth die Gule ihren Schilling. -
Recht; erwiederte Marten: wenn nur kein Sterbender in der Scheuer lge! Aber
s'ist ruchlos, da zu plndern, wo ein an Gebreste Verschmachtender verscheidet.
Das bringt Unglck, weit Du wohl. Glck bringen nur die Leichen, die wir selbst
mit rothen Wunden gezeichnet. - Zustimmend nickte Zodick. Du hast Recht,
Marten, sagte er alsdann: s'ist gefhrlich und nicht geheuer. Steht doch zu
den Fen des Sterbenden der Engel des Todes mit seinen tausend Augen, und
schlgt herum mit seinem scharfen Schwerte, da man geblendet rennt in dessen
Schrfe! Nein, - wir wollen verharren, bis er seyn wird starr, und alles Wasser
hinweggegossen2; dann wollen wir sehen. Schofel ist's aber, da in der heutigen
Nacht nicht kann werden etwas gewonnen, bevor ich steige zu Bett mit dem
Liebchen. -
    Ho! wenn Dir das Noth anthut und Zwang, so wte ich wohl zu helfen;
meynte Marten mit schalkhaftem Zhnefletschen: Hab's Euch nur nicht anbieten
wollen, Zodick, ... oder ... vergebt, ... Friedrich, wollt ich sagen. - Lat's
beim Alten, trunkener Goi; schaltete Zodick finster lchelnd ein, und lat
hren, was es ist. - Ein glockenhell und unvereitelbarer Fang; antwortete
Marten leise: Ich wei von guter Hand, da heut gegen Mitternacht am Sprnglin
Brger von Bergen nach einem Schatz zu graben gedenken, den ihnen eine
nchtliche Flamme verrathen, und ein Pfaffe verheien haben soll. Die Dummkpfe
haben Geld zusammengebeutelt aus allen Kisten und Truhen, denn sie mssen
hundert Mark Silbers auf den Platz bringen, und nur ber dem Gelde kann die
Beschwrung gehalten werden. Merkst Du nun, Jude? Die armen Schlucker sind wohl
darauf gefat, den Teufel in eines Hundes Gestalt auf dem Schatze zu finden,
doch auf zwei rstige Mnner mit rothgefrbten Gesichtern und scharfen Messern
sind sie nicht vorbereitet. Geh mit, Zodick, und wir heben den sichern Schatz.
Ich htte dem Wulfhard gern den Antheil gegnnt; der Bube bleibt aber aus, und
Deine Faust ist doch die gewandtere. - Topp! sprach der andre: ich gehe mit,
doch mu zuvor Dein Weib geloben, meine Esther dort zu hten, wie den Stern des
Auges, und mir sie aufzubewahren sonder Falsch. - Ei, warum denn nicht?
lachte die Alte frech, die hinter die Sprechenden geschlichen war. Bei meiner
Seligkeit will ich geloben ... Nichts da! fuhr Zodick dazwischen: Bei Deiner
Gurgel schwre, Alte; denn Du trgst sie nicht ganz davon, wenn ich nimmer finde
mein Lieb. - Die Alte betheuerte noch mit aller Zuversicht, sie wolle ihre
Kehle wagen, denn es sey unmglich, da Esther entfliehen knne aus ihrem
Gewahrsam. Die Mnner mchten nur bald wiederkehren, und ihr und der Tochter
einen gehenkelten Silbergroschen verehren. - Putze die Schemmlinge; sprach
noch Zodick zu der Alten: Du hast zu hten zwei Schlangen. Esther und das
bldsinnige Thier, Deine Tochter. Wahrlich, wren nicht zu verdienen hundert
Mark, ich wollte eher verlieren das Paradies, denn weggehen von der Dirne,
meinem Lieb. Aber Dein Leben Alte, ist mir Brge, da ich finde Alles im Alten.
- Verlat Euch darauf; schwur noch einmal die Alte, und die beiden Mrder
machten ihren scheulichen Aufzug zurecht. Die entblten Arme wurden feuerroth
angestrichen, so wie die verzerrten Gesichter, rauhe Kappen ber den Kopf
gezogen, und ein Lederwamms ber die Brust geknpft, von welchem ein nicht mit
der grten Sicherheit gefhrter Sto oder Hieb abprallen mute, wie von einem
eisernen Bruststck. Zodick whlte, sein zerbrochenes Handmesser zu ersetzen,
einen schneidenden Dolch aus Marten's Rstkammer, und da er die Waffe in seinen
Grtel steckte, schien er sich mit verdoppelter Grausamkeit und Bosheit
ausgestattet zu haben. Von Habsucht und Mordlust glhend, drang er nun selbst in
Marten, aufzubrechen, und nachdem er der von seinem groen Ansehen
zurckbebenden Esther noch einmal seine Drohungen wiederholt, und sie abermals
der Wachsamkeit der Wirthin empfohlen hatte, strmte er mit seinem trunknen
Gefhrten dem Schauplatze eines neuen Frevels zu. -
    In welchen Qualen Esther zurckblieb, lt sich denken, nicht beschreiben.
Sprachlos starrte sie zu der berucherten Decke der elenden Stube hinauf, und
flehte in ihrer Seele um Vernichtung. Judith sa an ihrer Seite mit gefalteten
Hnden, und betete mit lauter Stimme ein lateinisches Gebet. Die Mutter, nachdem
sie die Htte wieder verschlossen, fragte die Tochter mrrisch, was sie denn
daher plaudere in unverstndlicher Sprache? - Es ist ein Gebet fr die Todten;
antwortete die Dirne kurz und ernsthaft. - Ei, welch thricht Beginnen; schalt
die Mutter: Draussen ist's schwarze Nacht, und schauerlich ist's, jetzo an die
Bahre und das Grab zu denken. - Stirbt nicht einer draussen in der Scheuer am
Moor? fragte Judith entgegen: Liegt nicht einer schon lngst begraben im Moor?
Ach, du verderbte und leichtsinnige Mutter! Ich frchte, wir werden bald zu
Grabe singen mssen, und zehn Jahre meines Lebens gbe ich darum, wre diese
Nacht schon vorbei. - Verdient Euch einen Gotteslohn, jammerte Esther, vor
innerer Bewegung aufspringend, ... und schafft mich vom Leben, noch ehe sie
vergeht diese Nacht, und wiederkehrt mein Henker! - Httest Du mir auch nicht
gesagt, da Du nicht getauft bist, entgegnete Judith verweisend, - ich wrde
es an Deiner Rede hren. Verzweifle nicht an dem Gott ber uns, denn so weit
sein Sternendach, so weit und unendlich seine Gnade. Er lt nicht zu Schanden
werden, wer ihm vertraut. Fr den Glubigen wird das Eisen in der Hand des
Mrders zum khlenden Palmblatt; denn unser Gott ist nicht zornig, wenn er uns
tdtet. Seine Liebe giebt uns den Tod, weil er uns ferner nicht zu missen vermag
in dem Vaterhaus der Himmel; und vor bitterer Schmach bewahrt er uns durch den
Tod. - Ich verstehe Dich, rief Esther: und Dein Mund bekrftigt mir, was ich
schon geahnt im Geiste. In dieser Htte geht aus der Quell meines Lebens. -
Wenn Gott es will, ja, versetzte Judith: aber nicht vorgreifen darfst Du ihm.
Und wahrlich, wahrlich, Du wirst ferner athmen; ich verknde dir Leben im
Angesicht des bejammernswerthen Weibes, das Dich bewacht, wie das verkaufte
Schflein unter dem Messer. Du wirst leben, denn mein Gebet hat Kraft, und meine
Ahnung wird lebendig. - Tochter! Du hast den Verstand wahrlich verloren!
seufzte die Mutter, unruhig in der Stube umherwandelnd. - Nein, Mutter, redete
Judith: Du aber hast Dein Heil verloren, unglckliches Weib, und sie ist,
frchte ich, verstrichen die Zeit der Besserung. Du wirst zur Hlle gehen
mssen, wenn nicht meine Thrnen ihre Flammen auslschen. -
    Ach, wie lieblos bist Du gegen mich vor der Fremden! klagte die Alte mit
schmerzlich bewegtem Gewissen. - Ich hasse Dich ja nicht, antwortete Judith
milde, und nahm die Hand der Mutter: Komm, wir wollen uns letzen, da noch nicht
die Stunde da ist. Wir wollen uns vergeben, wie Leute die von der Jammerwelt zu
scheiden begehren. Du bist ja meine Mutter, und Dein Schoo hat mich getragen;
aber besser wre es, Du wrst ein unfruchtbarer Baum geblieben, oder noch
besser, Deine Mutter hatte nie geboren. Schn ist ein Stamm mit gesunder Blthe
und Frucht, aber den gifttragenden sollte man abhauen. Thue Bue, Mutter, da es
noch nicht an der Stunde ist, dahinzugehen in das Dunkel drben.
    Du wirst mich noch aufbringen durch Dein abgeschmackt Gewsch; versetzte
die Alte, deren Geduld auszugehen begann: Schweige, ungerathnes Kind, deren
Thorheit wir unbegreiflich lange nachgegeben haben. Schweige. - Das kann ich,
entgegnete Judith aufstehend: Ich bin nicht die einzige Stimme in der Welt,
welche erstickt wird im Unrecht, Ich will hinausgehen an das Moor, wo mich das
Schilf versteht, nur Einer mit mir betet aus der kalten Tiefe. Denn auch aus
Schlamm und Rhrig dringt der Todten Gebet zum lieben Gott. - Nicht von der
Stelle! eiferte die Frau, sie zurckhaltend: Du sollst mich nicht allein
lassen in dieser Nacht. Du hrst's, ber die Berge kommt ein Wetter daher, und
es donnert dumpf und grulich. Du sollst dableiben, sage ich Dir. - Judith
besann sich eine Weile, kehrte dann ruhig um, kauerte sich zu den Fen der
Mutter am Heerde, und sagte weich: Ich will bei Dir bleiben, Mutter. Ich will
Dir noch gehorsam seyn, und erfllen, was ich Dir gelobte, bis an's Ende. Denn
bald wird sie vorber seyn, die Zeit des Gehorsams, denke ich. Deine Zeit,
unglckliche Mutter. - Sprich doch nicht so frevelhaft; schalt die Alte:
Mich schauert vor Deiner Liebe, wie vor Deiner Bupredigt.
    Fhlst Du das, - fragte Judith langsam, - fhlst Du das bei meiner Liebe,
was soll ich fhlen, wenn Du mich Deine liebe Tochter nennst? - Doch, sieh, die
Fremde ist entweder im Kummer dahingegangen, oder sie ist entschlummert vor
Ermattung. Sie scheint von uns die unglcklichste zu seyn, und ist doch viel,
viel reicher, als wir. Sie hat ein gut Gewissen, und einen Vater, der unschuldig
im Kerker leidet. Unschuldig, Mutter. Aber, nicht wahr, Du kennst das Wort nicht
mehr? Gib mir die Hand, armes Weib; ich will Dir vergeben im Namen des Herrn,
der ber uns gebietet, wenn nur ein Funken von Reue in Deiner rauhen Brust
aufschlgt. - Die Alte schlug erbittert die dargebotene Hand aus, und stand
ergrimmt auf. Judith seufzte aus tiefer Brust, und lie, ruhig sitzen bleibend,
geduldig geschehen, da die Mutter die arme Esther ziemlich derb und roh aus
ihrer Betubung aufschttelte, und ihr befahl, sich in die Kammer zu begeben, wo
sie bis zu Zodick's Rckkehr eingeschlossen verbleiben sollte. Esther warf
scheue Blicke um sich her, als befrchte sie, den grlichen Brutigam zu
schauen; dann schlug sie die Augen noch einmal mit bitterm Vorwurf gen Himmel,
und lie sich halb bewutlos von der Alten an die Thre der elenden, ringsum
dunkeln Kammer gleiten. Judith war indessen aufgestanden, und fate auf der
Schwelle ihre Hand. Thue nicht vorschnell! ermahnte sie das leidende Mdchen:
Der Mensch kann sich aus dem Leben reissen, wann und wo er will, aber nicht zu
rasch beginne er das traurige Werk. Bete in dem Dunkel dieser Kammer, aber tdte
Dich nicht, und kmpfe gegen die Verzweiflung. Wahrlich, ich sage Dir, Du wirst
leben, und Dein Frhling wird nicht in dieser Sturmnacht untergehen, denn schon
rollt ber Himmel und Gebirge der Wagen desjenigen, der Dich retten wird, so
gewi als sein Sohn Mensch geworden ist.
    Die Alte stie Judith unwillig zurck: Bldsinnige! schalt sie: Deine
Tollheit steigt. La die Dirne im Frieden. Nicht jeder bringt sich um, der damit
droht, und was gilts. Ehe es Morgen wird hat die Sprde hier in des Buhlen Arm
den abgeschmackten Vorsatz vergessen, und begehrt nichts besseres, denn zu
leben. - Mit einem Blicke der tiefsten Verachtung wendete sich Esther von der
Unverschmten, und gieng stolz in die Kammer, deren Thre die Alte hinter ihr
verriegelte. Judith zuckte die Achseln mit finsterm Gesicht, und gieng zum
Fensterlein; whrend Marthen's Weib still und verdrossen an den Herd schlich,
und sich auf seinen gewohnten Platz niederlie. Mutter und Tochter sprachen kein
Wrtlein, und eine angstvolle Stille lagerte sich in der Stube, nur unterbrochen
von dem Schluchzen Esthers, das manchmal laut wurde, und von dem nher und nher
rauschenden Hochgewitter. Die Kienspne flackerten traurig, und der Blitz der
Wolken welcher von Zeit zu Zeit einen Strahl seines blendenden Lichtes in die
Htte warf, schien der armseligen Fichtenflamme zu spotten. Mit der Heftigkeit
des Gewitters stieg die Beklommenheit des alten Weibes, das alle berreste von
Buseufzern und Wettergebeten aus seinem Gedchtnisse hervorsuchte, um dieselben
gedankenlos mit bebender Lippe abzuplrren. Die Alte sang bald, bald betete sie
mit lauter Stimme ein Stcklein eines andern Betspruchs, bald grommelte sie
zwischen den Zhnen Worte ohne Verstand und Zusammenhang. Dabei wurde ihre Angst
immer mchtiger, und Judith, die das verzweiflungsvolle Treiben der Mutter
ersah, trat endlich wieder zu ihr. - Mutter; sagte sie zu ihr: Nicht thuts
Noth, Euern Leib zu peinigen, da doch die Seele nimmer gesunden will. Was sollen
die Worte der Angst aus Eurem Munde, da doch das Herz nichts von ihnen wei?
Warum zerschlagt Ihr die Brust, da doch nicht der Heiland darinnen seinen Tempel
erbaut? Ach Mutter, so Ihr nicht Euer Elend erkennt, wird Euch die Bitte auch
nur zum Fluch. Aber auch nur ein Gedanke kann hinwiederum Euch retten; ich
besorge jedoch, er wird sich nicht einfinden in Euerm verstockten Gehirne, der
Gedanke Eures entsetzlichen Jammers, erzeugt durch die Ruchlosigkeit Eures
Wandels. Verdreht nicht die Augen, seufzt nicht, als ob ein Berg auf Eurer Brust
lge, denn nicht Eure Schuld belastet Euch, sondern die Mahnung an das Ende.
Stot mich nicht von Euch, denn wie bald werden nicht Eure zitternden Hnde nach
mir langen? O Mutter, .. Mutter, die mich gesugt hat zum elenden Daseyn! Warum
ist Dein Haar schon grau vom Schimmel des Alters? Warum ist Dein Leib
vertrocknet, und darinnen nicht minder Dein Herz? Da Du zum Kinde werden
knntest, mit offenen Ohren und vertrauender Seele, und weichem Gefhl. Du
wrdest dann in jenem Donner der Hhe nicht den Schritt des zornigen Gottes
vernehmen, sondern die Siegesklnge seiner Liebe ... Du wrdest Dich sehnen
hinaufzugehen zu ihm auf der Leiter seiner flammenden Blitze; - aber nicht dem
himmlischen Feuer ist Dein Leben verfallen, Unglckliche. - Das Wort
auffahrenden Zornes auf der Zunge der mitten in ihrer Angst erbitterten Mutter
erstarb unter dem krachenden Gebrll eines frchterlichen Donnerschlags, welcher
die Erde beben machte. Der Blitz, der mit ihm zugleich vom Himmel fiel, schien
die Umgegend rings in Feuer zu setzen; er war indessen schon lange erloschen,
als seine falbe Helle noch von den geblendeten Augen der Weiber flatterte, die
nun langsam sich weiter auftathen. Ihre Ohren summten aber noch lange den
grulichen Wetterschlag nach, der noch jetzt dumpf und langsam fortdrhnte, und
sich wie in einen jammernden Schmerzruf aus der Ferne auflste. Judith, die der
armen Esther klagende Stimme zu vernehmen dachte, lehnte lauschend das Haupt an
der Kammer Thr. Das Mdchen darinnen betete laut in hebrischer Sprache, eifrig
und stark. Durch das Fenster jedoch, das Sturm und Wettergewalt aufgerissen
hatte, drang durch den heftig niederstrmenden Regen der vorige Schmerzruf in
die Stube, und wollte nimmer verstummen, und erneute sich immer wieder, und
wurde grlicher, je lnger er whrte, und schien der Htte nher zu kommen. --
Judith's Haar strubte sich, und die Mutter rief mit frostig klappernden Zhnen:
Horch! Horch! O mein Herrgott! Judith! das ist der Todte aus dem Sumpfe, und
verlangt nach seiner Habe! - O nein! o nein! Mutter! entgegnete langsam und
hohl die sehr ergriffene Tochter: Den Todten singt der Donner das Schlaflied,
aber, der jetzt heraufkriecht zur Htte, und dessen Sthnen unterm Fenster
klingt, will erst ein Todter werden, und sich hinunterlegen, von wannen wir zum
Gerichte gehen. - Um des Heilands willen! was redest Du denn? jammerte die
Mutter: Mich berluft eine Gnsehaut. Es wird doch nicht Einer von unserm
Hause sterben? - Ja! erwiederte Judith mit gebrochener Stimme, da ein
leichenblasses Gesicht zum Fenster auftauchte: Vor seinem Hause ... der Vater
ist's. - Jesus! kreischte die Mutter, herzuspringend mit dem brennenden Span:
Christus! Marten! Ach wie bist du voll Blut. - La mich ein! stammelte der
am Kopf auf's Entsetzlichste Verwundete, - sich mit den schwachen Hnden an das
Fenster klammernd: Mach auf ... ich will drinnen ein Ende machen. - Er sank
trotz aller Anstrengung, wieder zum Boden nieder, und wurde ohne Sinnen von Weib
und Tochter hereingebracht, und auf Judith's drftiges Lager gebracht, das
hinter einer elenden Scheidewand von Rohr hergerichtet war. Die Alte geberdete
sich wie eine Verzweifelnde, warf sich ber den Krper des rchelnden Mannes,
und zerraufte sich das sprliche graue Haar. Indessen schaffte Judith, besonnen
und klaglos Alles herbei, was zur Erleichterung des Verwundeten gereichen
konnte. Aber nicht Wasser, nicht Wein konnte das Blut stillen, das aus der
grlichen Todeswunde flo, und der Verlorne dankte es nicht den Bemhungen der
Tochter, die seine Lebensgeister wieder erregte: Der Tanz ist aus! lallte er
in wildem Sterbekampfe: Heut holt mich der Schwarze, und morgen den verdammten
Edelmann, der mich zusammenhieb. - Wo ist der Jude? schrie ihm Judith in's
Ohr. - Marten machte mit der Rechten eine Bewegung zur Erde, als ob er auf einen
zu Boden Gestreckten deutete. - Halleluja! betete die Tochter mit heiterm
Gesichte bei diesen Worten, obgleich sich die Zge des Vaters frchterlich
verzerrten, und die Mutter wthend rief: Schlange! Du preisest den Himmel an
Deines Vaters Sterbelager? - Die Dirne schob dem Vater den Polster zurecht, und
verlie dann sein Bett, um in einen Winkel zu knieen. Die Alte badete den
erstarrenden Mann mit siedenden Thrnen, ballte die Fuste gen Himmel, und spie
Gebete aus, die wie Lsterungen klangen. Marten erwiderte hierauf
unverstndliche Worte, und vermochte bald nur stumm die Lippen zu bewegen.
Judith! Judith! krchzte die Heulende: Er stirbt! Hilf! Hilf, Du jetzt,
Betschwester hilf! - Lat ihn doch vergehen! antwortete diese eintnig: Ich
sagte es ja, ich wrde heute ein Todtenlied singen mssen; und ... ach Herrgott!
wre doch die Nacht schon vorbei, Mutter. Mein Herz ist noch nicht ruhig
geworden, und meine Ahnung ist noch lebendig. Weint ber Euch, Mutter, nicht um
den verlornen Mann. - Die Alte drohte ihr mit Wuthgeberde, warf sich jedoch
wieder ber den Sterbenden, und berlie sich allen Ausschweifungen eines im
wildesten Gramm auflodernden Herzens. Judith ersah den Augenblick, wo die Alte
ihr Gesicht in die rauhe Decke des Lagers gedrckt hatte, und stille
verschnaufte. Sie hob den Schlssel auf, der dem Weibe entfallen war, und
schlich leise zu Esther's Kammerthre. Komm heraus! flsterte sie, das Schlo
behutsam ffnend: Der Jude ist todt: der Vater stirbt. Entfliehe! - Wie auf
den Flgeln der Hoffnung strzte ihr das Mgdlein in die Arme, und beide
schlpften an der Rohrwand vorbei aus der Stube, ohne von der Alten bemerkt zu
seyn. Ach, wohin in diesem tobenden Sturme? fragte zitternd Esther, da vor der
Thre der pfeifende Zugwind die Flechten ihres schnen Haars durcheinander
peitschte: Ich sterbe, stest Du mich hinaus in das Brausen des Wetters. -
Komm - erwiederte Judith ... komm zur Scheuer! Unter den wilden
Kriegsknechten bist du sichrer, denn unter uns. O, diese Nacht ist noch nicht
vorber, sagt mir ein finstrer Geist. Komm, da ich Deine Unschuld rette aus dem
Neste des Verbrechens. - Am Brunnen und dem wsten Grtlein vorber, vorbei am
Moore, das selbst unter dem Rauschen des Windes und des Regens still und bleiern
zu liegen schien, umfangen von traurig den Ufern, leitete Judith die Zitternde
zu der Scheuer leichtem Bau. Rosse stampfend darinnen, und da Judith die breite
Thr ffnete, sahen die Eintretenden zwei Mnner bei einer verhllten Leiche
sitzend, und wachend beim Schimmer einer dem Verlschen nahen Leuchte. Die
Mnner fuhren beim Gerusch auf, und nach den Waffen, aber mchtiger denn Waffe
und Wehr war Esther's staunender Blick. Denn vor seinem Leuchten sank des einen
Mannes Schwert zur Erde, ein himmlisches Lcheln streifte ber sein verstrtes
Antlitz, und mit dem Rufe: Esther! geliebte Esther! wo kommst Du her bei dunkler
Nacht? strzte er dem aufschreienden Mdchen um den Hals. Die Erschtterte, die
sich in Dagobert's Armen, an seiner Brust fhlte, dachte nicht daran, seiner
pltzlich, allen Fesseln zum Trotz, hervorbrechenden Liebe zu widerstehen, und
berlie sich mit Freude und erneutem Vertrauen seinen Liebkosungen. - Whrend
hundert und wieder hundert Fragen von ihrem und seinem Munde flogen, und keine
beantwortet wurde, und doch eine jede auf Antwort drang, rieb sich Judith
verwirrt die Stirne, und sah bald betroffen auf die Gruppe der Neuvereinten,
bald auf den Knecht Vollbrecht, welcher, ohne viel mehr zu begreifen, regungslos
dabei stand. -
    Verblendete Welt! rief sie endlich, zwischen Dagobert und Esther tretend:
Ist es an der Zeit, im Rachen des Todes sndliche Flammen zu schren? Mann!
seyd Ihr ein Christ? und umarmt eine unglubige Jdin? Weib, willst Du also das
Bad der Taufe verdienen? Flieht, rettet Euch. Hier ist Eures Bleibens nicht.
Mrder sind um die Wege. Fort, ohne Sumen, denn ich wei ... ich wei ... die
Zeit die ich frchte, ist da. -
    Ohne weiter ein Wort zu verlieren, eilte Judith davon, um zu den Eltern
wiederzukehren. Aber am Sumpfe hielt sie ihre Schritte an, und lauschte scheu
nach dem flirrenden Rhricht, auf welchem die Tropfen des langsam fallenden
Regens knisterten, und aus dessen Grunde Schatten zu nicken schienen, mit
glhenden Augen und verzerrten Gesichtern. Hier, an dem Ufer warf sich die Dirne
auf die Knie, und breitete ihre Hnde aus ber das stille Moor, und sprach, wie
eine beschwrende Hexenfrau: Unschuldig Gestorbner auf dem Grunde und im
Schilf! Zrne nicht mehr der Seele meines Vaters, denn sie verlt den Leib
gerade jetzo mit Angst und Seufzen. Zwei Augen haben sich zugethan, die den
Herrn nimmer erkannt haben. Vergib den beiden, die noch offen stehen, um des
Erlsers Willen, und ruhe frder im Frieden. Und Du, barmherziger Gott!
entsndige die, die mich zeugten, und sollten ihre Laster alle auf mein Haupt
fallen; la aber auch die schmachtende Unschuld nicht verderben, wenn es in
Deinem Rathschlusse ist, und schone dann mein Herz nicht. - Ihrer aufgeregten
Einbildungskraft war es just, als ob aus dem bleischwarzen Sumpf eine weie Hand
sich herausstreckte, lang und hager, die Ihrige zu fassen, wie zum Pfande Ihres
Gelbnisses, und sie ri sich entsetzt von der unheimlichen Sttte. Indem sie
mit Befriedigung dem Hufschlage der Pferde lauschte, die aus der Scheune
heraustrabten, und sich jenseits gen Bergen hin verloren, - indem sie Gott
dankte, da er die fremde Jungfrau in seinen Schutz genommen, - hrte der Regen
auf, und die zerreienden Wolken lieen schwaches Licht hernieder. Es leuchtete
grlich fr Judith, denn sie erblickte den Schatten eines Mannes durch das
Dunkel nach der Htte eilen und darin verschwinden. Der Gedanke: Wenn Zodick
nicht todt, ... wenn der Jude jener Schatten wre! stie wie ein scharfes
Schwert in ihr Gehirn, und die Erinnerung an seine entsetzliche Verheiung
schlich frstelnd durch ihre Adern. - Wenn er wirklich zurckgekehrt wre aus
dem gelogenen Tode! murmelte sie zwischen den Zhnen, und sah vor sich hin in
das Dunkel: O, welch ein Ende wrde das Elend nehmen? Aber nur auf Gott
vertraut! Er kann binden, er kann lsen! - Noch eine Weile horchte sie, dann
drang ein entsetzliches Geschrei aus der Htte. - Herrgott! die Mutter!
stotterte die heftig Zusammenfahrende: Weh mir! Der blutige Mann bringt sie um,
und fort wollte sie, um dem Mrder die eigne Brust zu bieten, statt des
Mutterherzens. Aber ihre Fe konnten nicht von der Stelle. Riesenkrftig
strebte sie vorwrts, aber wie eingewurzelt hielt sie der Boden. In erbrmlicher
Angst arbeitete ihr Busen; der Mund versuchte zu schreien, doch seine Stimme war
erloschen; alle Sinne und Krfte schienen allmhlig von ihr zu entweichen; nur
das Ohr blieb in grausamem Gehorsam, denn sie mute hren, hren, wie nach und
nach das Geschrei zum Gejammer, die Klage zum Gewimmer wurde, wild unterbrochen
von Zodick's fluchender Wolfsstimme. Und schwcher wurde das Gesthne, und
endlich gelang es der gefolterten Tochter, sich zu ermannen, und loszureien von
dem Platze des Entsetzens. Allein, nicht hinweg von dem Orte des Schreckens, -
hin drngte sie der schwarze Geist des Augenblicks. Sehen - sehen wollte sie,
und dem Wthrich in's Auge schauen. Wie eine wuthentflammte Lwin, die Zge bald
in bleiche Angst, bald in rothen Zorn getaucht strzte sie in die Htte, und
vernahm in der Stube das chzen der Mutterstimme, die Verwnschungen des
Unholden, der Thren zu sprengen, Kisten und Kasten zu zerschlagen im Begriff zu
seyn schien. Welch ein Anblick, da Judith in das Gemach drang? Umgestrzt die
Rohrwand, und blutend darauf ausgestreckt die Wirthin des Hauses ... das Messer
in der Brust. Des Vaters starrer Leichnam halb aus dem Lager geschleudert, in
welchem die gierigen Hnde des Rubers gewhlt hatten. Schrank und Truhen
erbrochen; der Raub von manchem Jahre hervorgezerrt an's Licht der Herdesflamme,
und zerstreut auf dem Boden liegend. Und mitten in dem Grul dieser Umgebung der
schndliche Zodick selbst stehend, durchnt von Regenfluthen und Blut,
plndernd, whlend, verwerfend, und Gotteslsterungen und gruliche Flche aus
dem giftigen Munde sprudelnd. Das schauderhafte Bild entlockte der eintretenden
Judith einen lauten Schrei. Die endende Mutter hrte ihn noch, faltete bittend
die Hand gegen die Tochter, und verschied. Aber auch dem Mordbuben war die
Gegenwart der verhaten Judith nicht entgangen. Sein grliches Auge blitzte ihr
Verderben entgegen, sein schumender Mund stammelte: Verflucht seyst Du,
hliche Brut, und whrend die Linke den Sack sinken lie, in welchem er das
Kostbarste von Marten's Habe geworfen hatte, um es fortzuschleppen, suchte die
wuthzitternde Rechte das Messer an der Hfte. Judith verstand die
unglcksschwangere Bewegung, und kam ihr zuvor, denn das Eisen, das der von Raub
und Mord zerstreute Bube am Grtel whnte, ri sie aus der Brust der
Hingeschlachteten, und zckte es schreiend gegen Zodick selbst. Dem
Meuchelmrder fehlte die Faust, was sie nicht mit Stahl bewaffnet, und der feige
Verbrecher erstarrte vor dem beherzten Weibe. Komm an! rief ihm das Letztere
entgegen: Jude! gottesmrderischer Jude! erwrge mich jetzo, wie Du meine
Mutter erwrgt hast. - Ich hatt' ihr's geschworen! erwiederte Zodick frech,
indem er sich gegen die Wand zurckzog: Ihr habt davon geholfen meinem Lieb,
und dafr hat die alte Kehle bezahlt. - Niedertrchtiger! schrie Judith unter
heien Thrnen schmerzlichen Grimms; wr' ich ein Mann, Du kmst nicht lebend
ber diese Schwelle; aber ich bin ein Weib, gerade noch stark genug, Dir das
Messer in den Hals zu rennen, so Du mir nahst. Doch spricht der Herr zu Dir, aus
meinem Mund: Dein Weg auch naht sich seinem Ende. Vier Augen, die ich schonen
mute, sind geschlossen auf ewig, aber die Deinen, die ich hasse, drfen nicht
allein offen bleiben. Raube hier, und stehle, was Dir gefllt. Mir wrde grauen,
von dieser blutgetrnkten Habe ein Stck zu nehmen. Doch Dir sey sie Verderben.
Ich habe nicht mehr den Vater, nicht die Mutter zu verschonen; und jetzt noch, -
heute - von diesen Leichen weg gehe ich nach Frankfurt. - Gott soll mir
helfen! rief der berraschte Zodick, wie zusammensinkend: Das thtst Du,
Ungeheuer? Drache des Amalek? - Der Himmel will's! antwortete Judith gehoben:
Versuch's, mich aufzuhalten, da der Herr mir befiehlt, zu gehen! - Eher
sollst Du verschwarzen! brllte der Jude, auf sie losfahrend. Da strzte die
Leiche des alten Rubers vollends herab vom Lager, vor die Fe Zodick's, und
dieser Sturz hemmte seinen Lauf, da er erbebend stille stand. - Judith ri die
Thre auf: Siehst Du, wem ich vertraue? rief sie siegreich: der Gott der Welt
ist mit mir. Die durch Dich elend Gemachten werden nicht sterben, ... - Deine
Bosheit wird enthllt, und verfllt dem Schwerte. Verzweifle, ich gehe gen
Frankfurt! -
    Sie warf sich entschlossen aus der Thre, und rannte wie eine Gemse davon
ber Hgel und Sandstrze, das Keuchen und Schnauben des sie verfolgenden
Mrders hinter ihr. Ihrem krftigen Vertrauen, dem Bewutseyn ihrer, wie von
Gott selbst auferlegten Pflicht gelang es, den Vorsprung im gewaltigen Laufe zu
vermehren, statt eingeholt zu werden. Zodick's Flche wurden dumpfer, das
Keuchen seiner Brust, wie seine Schritte verhallten hinter ihr, und da sie,
unfern vom Schellenhofe inne hielt, um von dem gewaltigen Rennen sich zu
erholen, war der Nachsetzende ganz zurckgeblieben. Sie zog sich hinter einen
Versteck von Schlehenstruchen zurck, um ruhig sich zu erholen, und nach dem
Aufgange, wo schon der Tag bleichte, lenkte sich ihr Auge, in welchem jetzt die
Thrnen ausbrachen, die der Schmerz ber den frchterlichen Tod ihrer Erzeuger
darin angehuft hatte. Feierlich betete sie ein De profundis fr die des
himmlischen Lichts unwrdigen Seelen, und eine gewisse Freudigkeit entstand in
ihr, da sie dieser letzten Kindespflicht gengt hatte, und an die schnere
Pflicht dachte, die sie jetzt zu erfllen sich vorgenommen. Diese Freudigkeit
verlie sie auch nicht, als blutrothe Flammen in der Ferne aufstiegen, und Htte
und Scheuer emporloderten im gefrigen Feuer. Dort feiert der Mrder sein
Fest! sagte sie ruhig und betrachtend: Seine ohnmchtige Rache zerstrt das
Haus des Meineids und des Mords. Fahrt wohl, arme verirrte Eltern! Besser ist's,
das Feuer verzehrt Euer Gebein, als der unehrliche Stcker mte es auf dem
Anger begraben. Euerm unsterblichen Theil sey aber der Herr der Himmel gndig,
wie auch mir, da meine Stimme nicht verhalle in der Wste, und Segen entspriee
aus dem Grabe der Meinigen!

                                    Funoten


1 die Stadt

2 Jdischer Gebrauch nach dem Tode eines Hausgenossen.


                              Vierzehntes Kapitel.

 Fasset Muth im Sturm der Wellen,
 Euern Mast hlt Gottes Hand;
 Nimmer wird der Kiel zerschellen,
 Der euch fhrt in's freie Land!
 Nur, wenn das Vertrauen bricht,
 Geht ihr unter, eher nicht!
                                                                          Moore.

Der Altbrger Diether Frosch betrat mit zornflammendem Gesichte und heftiger
Geberde das Vorzimmer des Schffensaals im Rathause, und fragte auffahrend und
rauh nach dem Schulthei. Der Rathsknecht wies ihn in das Verhrgemach, in
welchem der Ritter, die Hnde auf den Rcken gelegt, und finster simulirend auf
und nieder ging. Es war noch frh am Tage; darum war der edle Herr noch vllig
allein. Als er den Schffen hereinkommen sah, blieb er stutzig in der Mitte des
Zimmers stehen, und nahm eine drohende Haltung an, da er um des ganzen Wesens
des Alten willen auf einen strmischen Angriff rechnen konnte. Diether
rechtfertigte diese Vermuthung, und fing mit belverhaltnem Groll an: Mir ist's
lieb, da ich Euch allein treffe, Schulthei, - oder auch nicht lieb, denn ich
htte Euch auch gerne vor Zeugen gesagt, was ich nicht auf dem Herzen behalten
kann. Ihr seyd ein frecher unritterlicher Mann, der viel zu kurz kommen mchte,
wrde ihm Rechenschaft von seinem Handeln abgefordert. - Herr! ... entgegnete
der Schulthei emprt; der Schffe lie ihn jedoch nicht vollenden, sondern fuhr
fort: Es ist ein Unglck, das ffentliche Wohl in den Hnden eines Mannes zu
wissen, der; im Innersten verderbt, seinen Leidenschaften jeden Zgel schieen
lt, das Beispiel der Unsittlichkeit gibt, und in jedem Dirnengesicht einen
Stachel fr seine Wollust findet. - Seyd ihr toll geworden, Schff? fragte
der Schulthei trotzig: oder plagt Euch der Teufel der Eifersucht abermals? -
Keine Ausflchte! fuhr Diether heftig fort: Was soll die Geschichte
vergangener Nacht bedeuten? Warum habt Ihr mein Eigenthum, den Schellenhof,
verletzt durch unziemlichen und verbotnen Angriff? Warum habt Ihr Leute, die ich
dorthin gesetzt, gefangen wegfhren lassen? Ist ein ehrlicher Mann nicht mehr
hinter seiner Grnze und Feldmark sicher? Oder ist mein Haus ein Sammelplatz,
eine Herberge lderlichen Gesindels? Ich verlange, da Ihr Abbitte leistet, und
die unschuldig Gefangenen losgebt. - Ihr redet irre, guter Mann, erwiederte
spttisch und kalt der Ritter: Von dem Auftritte verwichner Nacht wei ich
wohl, doch ging er nicht auf mein Gehei vor sich. Was htte ich auch auf Euerm
Schellenhof zu suchen? Der Oberstrichter jedoch hatte Fug und Recht, Kraft
seines Amtes, den Versuch zu machen, ein gefhrliches Weib, dem man lange schon
auf der Spur gewesen, aus dem Nest zu heben, das ihm sicherlich Euer Sohn auf
Euerm Eigenthum bereitet. Man hat statt dieser Dirne, die wohl, frher gewarnt,
die Flucht nahm, eine Andre ergriffen, die Euch ziemlich nahe angehen mag, und
die, sammt ihrem Kinde, wenn sie das bliche Verhr ausgehalten, Euch wieder
zurckgegeben werden wird. Das ist der Zusammenhang der Sache, und ich finde es
frech von Euch, Schff, da Ihr Euch herausnehmt, mich bei jedem Anla zu
verunglimpfen. Fr meine Wrde ziemt sich indessen Vergebung besser, denn Rache,
und ich behalte mir vor, einmal spter mit Euch die ganze Rechnung abzuthun auf
einmal.
    Ihr seyd eine glatte Schlange; entgegnete der gereizte Diether: Der
Oberstrichter schiebt die Schuld auf Euch, und Ihr wlzt alle Verantwortlichkeit
auf den Richter. - Hagel, Blitz und Strahl! fuhr der Schulthei auf:
Wahnwitziger Mann! treibt mich nicht aufs uerste. Eurer groben Tcke bin ich
schon lngst herzlich mde. Solch Verfahren steht Eurem Greisenalter wenig an,
schier so wenig als es sich fr Euch schickt, eine fahrende Tochter sammt ihrem
Bankert auf Euerm Hofe zu halten. Ihr gebt das Beispiel der Unsitte und
schlechten Zucht, und es ist gar kein Wunder, da Sohn und Frau nicht aus der
Art schlagen. Schmt Euch und schreibt es Euch selbst zu, wenn die Gerichte Euch
auf dem Halse liegen. Es gehen unerbauliche Dinge in Euerm Hause vor, und Ihr
selbst habt Rath und Brgerschaft in Eure miliche Hndel gezogen. Auf allen
Gassen spricht man von der Historie Eurer Ehewirthschaft: Auf allen Straen
laufen Sprer umher, nach Eurer Tochter zu forschen, die, - wer wei, in welchem
Waldneste, mit einem Buschklepper Buhlerei treibt, mit dem sie willig entlaufen?
Euer Argwohn hat ja nicht geruht, bis ich dem Stadthauptmann erlaubte, gestern
einen Tro seiner laufenden Gesellen nach dem Sprnglin zu senden. Wie ich
vernommen, hat sich die kaiserlich freie und heimliche Acht nicht minder in die
Unthaten Eures Sohns gemischt. Donner und Teufel! was soll nach solcher Menge
von rgerni, die Euer Haus gegeben, die stolze verletzende Rede, welche Euer
Mund so freigiebig fhrt? Ich wei sehr gut, da Ihr wnscht, jetzo ein Basilisk
zu seyn, um mich mit einem Blicke zu erstechen, weil Ihr noch immer so thricht
seyd, zu glauben, ich htte Euerm Weibe nachgestellt. Allein ich lache Eures
possierlichen Grimms, und wenn Ihr's noch rger macht. - Diether stand wort-
und bewegungslos da, so gewaltig hatte ihn des Schultheien Rede zerschmettert,
weil sie eine Masse von Unrecht auf ihn warf, die er nicht mit einem heftigen
Worte abzuschtteln die Macht besa. - Der Schulthei dagegen freute sich, den
beraus verhaten Schffen, so recht in's Leben treffen zu knnen, und sprach
mit boshaftem Lcheln weiter: Wie steht's mit Euerm Weibe, Diether? Ich hrte
schon in aller frhe, Margarethe sey entlaufen. Lugnet nicht, denn ich wei es
von guter Hand, wie es schon die Stadt wei, und mich wundert nur, da Ihr mir
nicht auf den Kopf zusagt, ich htte sie Euch gestohlen. Wie es aber auch damit
gegangen seyn mag, ... ich kann ihr nicht Unrecht geben. Einmal ist es hart fr
eine Frau von lockern Sitten, bei einem mrrischen Manne auszuhalten, der den
strengen unertrglichen Sittenrichter spielt, ob er gleich unfern der Stadt sein
eigen Lieb in stiller Kammer hlt; zum Andern ist sie wahrscheinlich von ihrem
Buhler Dagobert, der seine Ursachen hat, nicht nach der Stadt zurckzukommen,
beschieden worden, - und endlich, denke ich, hat sie gerade die rechte Zeit
gewhlt, zu gehen, um dem weltlichen Gerichtsarm zu entlaufen. - Diether
staunte den Ritter finster an .... Ich vergebe Euch die Schmchungen, mit denen
Ihr mich berhuft, ... sagte er, kaum vernehmbar vor innrer Bewegung; ...
aber ... habt die Gnade, mir zu erklren, wie meine Hauswirthin Margarethe dem
Gericht verfallen seyn kann, da ich noch nicht als Klger vor die Schranken
trat? - O, mein lieber Herr, entgegnete der Schulthei: Das soll Euch nicht
vorenthalten bleiben, und gewi wird Euch's noch diesen Morgen kund. - Der
Rathsknecht meldete: der Stadthauptmann und ein Rottmeister der Stadt forderten
Gehr bei dem strengen Herrn, um zu berichten, was bei'm Sprnglin vorgefallen.
- Recht; erwiederte der Schulthei: Herr Frosch: Ihr seyd ja am meisten bei
der Sache im Spiele. Verharrt, und hrt mit an, was uns die Leute sagen werden.
Ihr mgt hren, da Alles, Euerm Wunsch gem und in strengstem Geheimni
ausgerichtet worden. Die Gemeldeten erschienen, und der Stadthauptmann fragte
den Schulthei, ob es ihm gefllig wre, zu vernehmen, was der Rottmeister
Sebald erzhlen werde. Ich habe ihn, sprach er, als einen geschickten Mann
auserwhlt, mit zehn laufenden Sldnern den Zug nach dem Bannsteine von Bergen,
das Sprnglin genannt, zu verrichten, und er ist gestern um die neunte Stunde
der Nacht von dannen gegangen, und heute, als die Thoren wieder geffnet wurden,
hereingekommen. - Der Schulthei gebot dem Rottmeister kund zu thun, was ihm
und seinen Leuten begegnet sey, und getreulich begann dieser Folgendes zu
berichten: Wie der edle Hauptmann Euch erffnet, sagte er, so bin ich mit
meinem Huflein von dannen gezogen, da es gerade neun Uhr am Abend seyn mochte,
und das Wetter drohte, nicht das Allerbeste zu werden. Deshalb lie ich meinen
Bieber frisch drauf los treten, und wir waren auf Feld- und Hohlwegen in die
Gemarkung von Bergen gelangt, ehe wir es nur merkten, und kehrten ein in dem
einzelnen Gehft, das man gewhnlich im Tannicht nennt. Versteckter htten wir
allerdings in der Martenschenke gelegen, die am Sandgbel steht, und wo man
gemeiniglich bessern Trunk erhlt, obschon nicht immer die besten Kunden sich da
zusammen finden. Aber vom Tannicht aus hatten wir den Sprnglinstein, so zu
sagen im Gesichte, wenn man also reden darf in der Nacht um die zehnte Stunde,
wo der Mond gerade ausgegangen war, und es stockdunkel wurde, da man die Hand
nicht vor Augen sehen konnte, geschweige das Sprnglin, das vierhundert Gnge
weit vom Tannicht liegt. Ferner ist zu merken, da in der Martenschenke es nicht
geheuer ist, und um dieselbe am Moor Gespenster zu gehen pflegen, die auch den
herzhaftesten Kriegsknecht erschrecken knnen. Denn wie Ew. Gestrenger wei, so
ist dorten die Abdeckerei gestanden, und des Marten's Grovater ist selbst 'mal
Stcker gewesen. - Du wirst allzuweitluftig, Freund; versicherte der
Schulthei ghnend: Spute Dich. Wir haben noch mehr zu verrichten, als Dich
anzuhren. - Der Rottmeister machte ein verdrlich Gesicht, verschluckte aber
den rger: und fuhr rascher fort: Wie Ihr befehlt. Kurz, wir steckten im
Tannicht, und ein Knecht stand unfern vom Bannsteine auf der Wacht und Lauer.
Die eilfte Stunde kam heran, und wir alle waren noch recht wohl nchtern, als
der Wchter in das Gehft sprang, und meldete: es sey gerade jetzo von Bergen
her ein Mann zu Gaule gezogen, der am Sprnglin abgesessen sey, und dabei
lustwandle, trotz dem aufziehenden Wetter und dem Sturme, der sich zu erheben
begann. - Pat auf, sagte ich: Pat auf. Das wird unser Mann seyn. Jetzt
reibt die Ohren rechtschaffen, damit Ihr mein erstes Wort versteht. - Denn,
beilufig zu bemerken, ich hatte, sintemal mir das Geheimni auf die Seele
gebunden gewesen, noch bis jetzo keinem von den Leuten gesagt, was eigentlich
hier im Schilde gefhrt wrde. Wir demnach hinaus, und umzingeln fein leise den
Platz, und schleichen uns nher um den verdchtigen Mann heran, und sehen, da
er, den Gaul am Zgel mit ihm hin und her geht, als ob's im schnsten
Sonnenschein wre, und er htte einen guten Freund am Arme. Da ist uns schier
schauerlich geworden, allen sammt und gar, und haben uns in der Ferne
zusammengethan, und mit einander gewispert, und etliche von uns haben gemeint,
der Mann mchte am Ende wohl nicht ein Mann von Fleisch und Bein seyn, sondern
ein Verstorbner, der zur Nachtzeit mit Sporn und Gaul herausmsse aus dem Grabe,
um Wacht zu halten bis um Zwlfe. Ich habe den Burschen jedoch die Ammenfurcht
verwiesen, und zumal, da ich vernahm, wie der Fremde vernehmlich niete, was ein
Gespenst nicht thut, so machte ich mich auf, und ging wieder leise an ihn heran.
Da wurde es mir bald klar, da er ein rechter Mensch sey, denn er fluchte recht
verstndlich: Gott verdamme das vertrackte Zgern, und den vermaledeiten
Regen! - Ein guter Geist redet nicht von der Verdammni, ein Bser nicht von
dem lieben Herrgott, und aus dem bischen Regen machen sie sich Beide nichts;
also war der Mann ein rechter Mann, und ich ging strack und beherzt auf ihn zu.
Er sa just auf dem Bannsteine, den Zgel seines Gauls um den Arm, und in seinem
Gesichte konnt' ich nichts erkennen, als eine groe Nase und einen Schnauzbart.
Er fuhr in die Hhe, da er mich endlich gewahrte, und antwortete auf mein
barsches: Wer da? mit einem drohenden: Der Teufel, Kerl, wenn Du Dich nicht
packst! - Er machte eine sehr auffallende Bewegung, und ich denke, er htte
nach mir geschlagen, htte ich nicht die Hellebarde blitzen lassen, und gesagt:
er solle ja das Schlagen unterlassen, denn ich sey Rottmeister der edeln Stadt
Frankfurt, und ein Rudel meiner Knechte, sey nicht fern. Da besann er sich
freilich, setzte sich wieder auf den Bannstein, und fragte was wir von ihm zu
begehren htten. Ich sagte ihm nun fr's Erste fein hflich, um keinen Versto
zu machen, er mchte mir melden, was er um diese Stunde hier zu schaffen habe. -
Ich treibe Sternguckerei, antwortete er, und sah steif und fest nach dem
Himmel, auf welchem wohl zu merken, Wetterwolken genug zu schauen waren, aber um
tausend Goldgulden kein Stern. Da ich ihm dieses nun bemerkte, so lachte er laut
auf, und sagte: Wann Ihr blind seyd, kmmerts mich nicht. Ich sehe einen Wald
von Sternen, und lat mich jetzt ungeschoren. Es versteht sich, da ich ging,
denn mir war nicht aufgetragen, Einem zu verwehren, sich am Sprnglin nach
Sternen umzusehen. Doch schickte ich nach einer Weile einen Knecht an ihn mit
derselben Frage, die ich gethan, und demselben erwiederte er, er sey um frische
Luft zu schpfen, vom Hanauer Schlo herbergeritten; und bedrohte den Frager
mit einer Tracht Prgel, wenn er noch einmal kme. Dieser kam auch nicht
wieder, aber ich schickte einen Zweiten, welchem der Nachtwandler den Bescheid
gab: Er warte hier auf seine Maid, die ihm ein Minnestndlein versprochen
habe. Zugleich aber fing er an, dem Knechte die Tracht Prgel zu geben, die er
dem Andern versprochen hatte. Ich traute nicht, mich darein zu mischen, weil mir
in den Kopf gekommen war, der Mann mchte wohl einer von den jungen Herren von
Hanau seyn, die ihrer verliebten Schwnke wegen in der ganzen Wetterau bekannt
sind, und mit denen einen Span zu haben, nicht gut ist. Zudem blitzte und
donnerte es redlich um uns her, und es war gerathener, im Gestruch zu liegen
und zu passen. Whrend sich nun die beiden am Bannsteine prgelten, und ich
vergebens dem Bastian pfiff und rief, umzukehren, so kmmt schnell durch das
Gebsch geraschelt, ein Weib im Regenmantel und Regentuch, und prallt zurck, da
sie beim Blitzschein uns erblickt. Ich, nicht faul, packe sie am Gewand, und
frage, wer sie ist. Sie hat mir kauderwlsch darauf geantwortet, und da sie in
der That ein Weibsbild, und mir nicht befohlen war, am Sprnglin eine Frau zu
fahen; ... da mir auch der Zusammenhang der Historie klar wurde, so fragte ich
sie schlau und pfiffig, ob sie nicht ein Stndlein am Sprnglin zu besuchen, im
Begriff stehe, und auf ihre Bejahung lie ich sie zum Bannsteine fhren, und
sagte zu dem Reiter, der den Knecht noch immer an den Ohren hatte: er mchte
doch einmal aufhren, denn hier sey ja das Weib, das er erwarte. Drauf lie er
den Bastian los, und besah sich die Frau von oben bis unten, und, da mir nicht
befohlen war, ein Paar Liebesleute am Sprnglin zu stren, so lie ich meine
Leute wieder unter die Bume kehren, wo mir der scheltende Bastian vertraute, er
wolle sich henken lassen, wenn der, mit dem er sich gerauft, nicht der
Leuenberger gewesen. Das war dann nun verdchtig; denn der Leuenberger ist im
Stadtbann, und auf ihn hatte ich absonderliche Weisung. Darum rasch mit
geflltem Spie gegen das Sprnglin zurck im hellen Haufen, und wir sahen, weil
der Himmel von allen Seiten flammte, wie der Mann und das Weib noch auf der
Matte standen, und die Frau sich geberdete, als wolle sie verzweifeln. Was sie
aber sprachen, hrten wir vor Donner und Getse nicht, sondern schrien wie aus
einem Halse: Gib Dich, Leuenberger! Gib Dich! - Wie wir jedoch also auf ihn
anrckten, und er Unrath merkt, so nimmt er das Weib auf den Arm, springt mit
ihr und dem Gaule ber einen Graben in ein Gerstenfeld, und ruft uns zu:
Zurck, Ihr Schufte, - mit Verlaub vor Ew. Gestrengen - zurck, denn hier ist
des Grafen von Katzenelnbogen Mark und Eigenthum, und er brennt die Stadt
nieder, so Ihr sein Gebiet verletzt. - Da half dann nun freilich nichts: Mit
dem Grafen ist nicht zu spassen, und da wir nur fr das Sprnglin Auftrag
hatten, und es hier offenbar nur einem Liebeshandel galt, so blieben wir zurck,
absonderlich, da uns ein wahres Mordgeschrei vom Tannicht her, zu Ohren kam. Wie
das wthende Heer, trotz Blitz und Sturm jagen wir zurck und fallen gerade in
ein Gemetzel, das zwei verkappte und bewehrte Buben an einigen Leuten verben
wollen, die mit Leuchte und Haue und einem Pfaffen von Bergen gekommen waren, um
beim Tannicht nach Schtzen zu graben. Hier war unsere Hlfe nthig, und wir
schlugen auf die Ruber los, wie die Bren, ohne da sie recht verwuten, woher
das neue Wetter kam. Der Eine wollte just dem Pfaffen an die Kehle, weil er Geld
bei sich trug; der Andere balgte sich mit den beiden andern Leuten herum. Den
Ersten rannte ein Lanzensto, wie ich glaube, nieder, und dem Zweiten spaltete
der Bastian, den der Leuenberger bse gemacht hatte, mit der Hellebarde den
Kopf, da er niederschlug, als htte er nie gestanden. Zum Unglck verlschte
pltzlich im gewaltigsten Platzregen die schwache Leuchte, und wir sahen unter
einander herumschlagend beim nchsten Blitze nur, da wir in Gefahr waren, uns
selbst und gegenseitig todt zu machen. Der Teufel mochte es lnger im Freien
aushalten. Es wetterte nieder, wie eine Sndfluth, und wir, wie die Leute von
Bergen kamen wie gebadet in dem Gehfte zum Tannicht an. Das Hllengestrme
hrte indessen bald auf, und wir suchten nachher in allen Richtungen auf dem
Platze nach, aber keine Spur von den Erschlagenen war zu finden, und sicher hat
sie der Teufel whrend des frchterlichen Donnerschlags geholt, der uns sammt
und sonders unter Dach trieb. Nicht einmal ein Saum von Blut war mehr auf dem
Boden zu schauen. Der Regen hatte Alles abgesplt. Whrend wir nun lange Zeit
suchten und lugten, so sah Einer vor uns, wie von fern ein Brand aufging, und da
wir drauf los eilten, so kamen wir gerade an die Martenschenke, die lichterloh
brannte, dergestalt, da sich keiner von uns hinein wagte. Entweder war die
Htte ganz verlassen, oder alle Leute waren darin umgekommen, denn es war nichts
zu hren als das Jauchen der Flamme, und das Geprassel der Balken. Von dannen
kehrten wir zur Stadt zurck. - Und habt bewiesen, da Ihr trunkne Mannen
gewesen, die man in der Folge zum Ochsentreiben, aber nicht zum Spitzbubenfang
aussenden wird; versetzte der Schulthei mit erknstelter Strenge, obschon es
ihn ergtzte, da Diethers Hoffnung auf ein gnstigeres Ergebni getuscht
worden war: Ihr, Hauptmann, httet besser daran gethan, einen verstndigern
Gesellen zum Fhrer zu whlen, als diesen breitmuligen Erzhler, den der rohe
Witz eines Gaudiebs dergestalt berlisten konnte. Mir thut es leid, - fgte er
aufstehend, und gegen Diether gewendet, hinzu, - da Ihr um nichts gelehrter
seyd, nach diesem Zuge, und lade Euch ein, von diesem Handel abzubrechen, da ich
Leute nahen sehe, die unsre Aufmerksamkeit anderweitig in Anspruch nehmen
werden. - Sogleich; entgegnete Diether finster grollend: Was ist aber aus
dem Leuenberger geworden, und dem Weibe, das zu ihm sich gefunden? - Traun,
lieber Herr, antwortete der Rottmeister verdutzt: Das mgen die Beiden am
Besten wissen. Hat sie nicht der Blitz erschlagen, werden sie wohl mit heiler
Haut davon gekommen seyn. - Dummkopf! murrte Diether dem Fortgehenden nach,
und sprach dann vor sich hin: Bleibt mir denn eine Wahl der Gedanken und
Vermuthungen? Margarethe war das Weib ... und ihr bs Gewissen hat sie von mir
gejagt. O, ich stehe allein unter entmenschten Geschpfen, gezwungen zu hassen,
die ich liebe, ein verlassener, betrogener, mihandelter Greis! -
    Macht Euch auf Weiteres noch gefat; sprach der Oberstrichter sanft zu
ihm, und Diether gewahrte beim Aufschauen das Gemach von Leuten angefllt, in
deren Kreise sich zu finden er sehr betroffen war. Da waren eingetreten, auer
dem Richter in der Amtstracht, der Barfermnch Reinhold, der Predigermnch
Johannes, berhmt durch seine Gelehrsamkeit und seines herrlichen Gemths
Vorzge, der Edelknecht Gerhard von Hlshofen, welcher, bla und abgefallen,
kaum mehr zu erkennen war; und im Hintergrunde verweilten noch zwei langbrtige,
schattenhnliche Gestalten, Jochai und sein Sohn David. Frei ging der
hundertjhrige Vater einher, aber schwere Ketten belasteten die Hnde des Sohns,
dessen Blick indessen furchtlos war, obschon die Glieder bebten, vor Schwche
theils, theils vor Angst. Ganz zuletzt bemerkte Herr Diether an der Hand des
Bettelmnchs einen Knaben, seinen Sohn. - Hochwrdiger Herr, sprach er
bestrzt zu Reinhold: wie kommt der Knabe hieher, und was soll er in dieser
Versammlung? - Ihr werdet's sehen, antwortete der Mnch mit finsterm Blick,
und auch der Predigermnch schwieg mit mibilligenden Mienen, da der Schffe an
ihn sich wandte. Der Knabe schien an des Beichtvaters Hand nicht furchtsam zu
seyn; aber den Hlshofen betrachtete er mit aufmerksamem Gesichte und
unverwandt. - Nachdem der Knecht die Thre verschlossen hatte, vor dem Andrange
des Volks, das in dem Wahne stand, die Juden mten heute zum Flammentode
verdammt werden, begann der Oberstrichter, nachdem er Platz genommen, und dem
Schulthei, dem Schffen und den Ordensmnnern Sitze angeboten, mit feierlichem
Tone: Es sind oft Dinge vor den Schranken des peinlichen Rechts anhngig, die
es nthig machen, da man abgehe von der Weise des Herkommens und der
geschriebenen Satzungen. So haben wir denn beschlossen, heut, anstatt des
geheimen und stillen Verhrs der angeklagten Juden, wobei dieselben doch immer
auf ihrem Lugnen beharren wrden, ein offen Verhr anzustellen, wobei alle
diejenigen erscheinen mochten, die schon in der Klage verwickelt sind, oder zur
Aufklrung des Geheimnisses Theil daran zu nehmen wnschen. Jochai und David
sind angeklagt auf Haut und Haar, ein Christenkind gemartert und ermordet zu
haben. Der Edelknecht von Hlshofen ist mit reuigem Muthe gestndig, einen
Knaben an den Juden David verkauft zu haben, um wenige Turnosen; doch lugnete
es der Jude ab, und sollte heute, nach langen leeren Drohungen wirklich auf die
Folter gesetzt werden, als sich gestern pltzlich ein Umstand ergeben, der die
Sache verwickelter, die Klage trgerisch, und dennoch den Gegenbeweis nicht
leichter macht. Der Junker von Hlshofen hat auf seinen Eid geschworen, in
diesem Knaben den erkannt zu haben, welchen er am Tage nach dem des heiligen
Martin im verwichnen Jahre an den Juden David verhandelt hat. Dieser Knabe ist
Herrn Diether Frosch, des Schffen Shnlein, oder wird dafr gehalten. Um in's
Klare zu kommen, soll der Kleine in seines Vaters Gegenwart befragt werden. -
Mit vieler Milde richtete der Oberstrichter viele Fragen an den Knaben, die er
in seiner Einfalt und kindlichen Erinnerung so beantwortete, da kein Zweifel
brig blieb, da er es wirklich gewesen, welchen Gerhard gefunden. - Mit
Verlaub, gestrenge Herren, betheuerte der Edelknecht nach ergangner
Aufforderung: der Henker soll mein Wappen unterm Galgen zerbrechen, wenn das
nicht der Bube ist, von dem ich sprach. Nicht wahr, mein Junge? In meinem Mantel
hast Du geruht, ... vor meinem Barte bist Du erschrocken, ... Malvasier hast Du
bei mir gekostet, und mit dem schbigen Juden dort, dem zerfetzten Haman, bist
Du gegangen? Sag's frisch heraus, und Ihr, meine Herren, knnt Ihr noch an der
Wahrheit deuteln, da der Bube bejaht? Glhte ich nicht wie die lustige
Sommersonne mitten im November zu Worms? und bin ich nicht jetzo von Kummer,
Reue, betrbter Haft und schmaler Kost ein rechtes Charfreitaggesicht geworden?
Und dennoch kennt mich der Bube, und entsinnt sich meiner. Nicht wahr, mein
kleiner Hans? - Der Knabe bekrftigte so gut er's vermochte, des Edelknechts
Behauptung, und Diether's funkelnde Augen zeugten von einer ungewhnlichen
Sehnsucht, auf den Grund dieser Verwirrung zu kommen. Gerhard suchte von dem
Augenblicke Nutzen zu ziehen, und sagte demthig: Nun, Ihr Herren, wre ich im
Reinen. Reu und Leid thue ich von Herzen, und will auch die Armen reichlich
bedenken, so ihr mich von hinnen lat. Ihr seht, der Bube ist ein Christenbube
geblieben und in reiche Sippschaft gerathen. Ich wasche meine Hnde in Unschuld.
Der verdammte Jude, der von meiner Trbsal Nutzen zog, mag es entgelten. Spart
nur die Folter nicht an dem Hunde, bis er bekennt, was er mit dem Knaben
vorgenommen, bis er ihn so weit gebracht. Mich jedoch lat ziehen mit Verlaub.
- Ein ernster Blick des Schultheien brachte mit einemmale den Schwtzer zum
Schweigen, und der aufgerufene Jochai bezeugte mit zitternder Stimme: Dieser
sey wirklich der Knabe, den einst David in sein Haus gebracht, aber auch wieder
von dannen geschafft habe, ohne zu sagen, wohin.
    Ben David trat nach ihm vor, und sagte bescheiden und ruhig: Mir soll Gott
helfen ... Das ist das Jngelchen, leibhaftig, und ich will nicht lugnen
frder. - Aber bei den Wunden des Herrn! fuhr Diether auf: wie verwickelt
sich denn pltzlich meines Hauses Ehre mit diesem ekelhaften Judengesindel? Was
ist da vorgegangen? Wer ist der Knabe? Ist dieser Bube mein Sohn ... ist er's
nicht? Rede, verruchter Menschenkufer! - Der Schulthei lchelte tckisch, und
hing mit den Blicken an Ben David's Antlitz, welcher sich ruhig neigte und laut
erwiederte: Bei der Hoffnung Israels! Euer Sohn ist's, Herr; Ihr mgt's
glauben! - Gelobt sey doch der Herr, unser Gott, und gepriesen, da er endlich
aufgethan den Mund des Stummen! betete Jochai aus dem Grunde seines Herzens,
und umarmte den Sohn, welcher die weitern Fragen des Richters, wie des Schffen
erwartete. - Aber, ... bei den Mrtyrern! begann der Letztere mit unruhig
pochender Brust: ... ist der Bube mein ... wie kam er nach Worms, wie in Deine
Hnde, Jude? Hast Du begonnen, die Wahrheit zu reden, so vollende auch, oder
bekenne, da Du in diesem Augenblicke gelogen. An Deinen Worten hngt Schuld
oder Unschuld meines Eheweibes. - Das Frau Margarethe rein in dieser Sache
war, wie der Abendstern, bekrftige ich mit meinem priesterlichen Worte;
entgegnete Reinhold wichtig und vernehmlich, ohne sich durch des Schultheien
drohendes Antlitz ausser Fassung bringen zu lassen: es ist an der Zeit, da Ihr
endlich von Euern verderblichen Irrthmern wiederkehrt zum Vertrauen, Herr
Diether. Gerade nicht die, die Ihr hat, wollte Euern Gram und Verderben,
sondern die, die Ihr unverdient geliebt. Es thut mir weh, da ich hier das
Vergehen einer unnatrlichen Tochter aufzudecken habe; allein ich rede vor
Mnnern, und die Wahrheit soll man sagen ohne Menschenfurcht. Eure Tochter
Wallrade, von Ha entbrannt gegen eine Stiefmutter, die ihr Erbe und Vaterliebe
zu schmlern schien, hat Euer Kind aus Willhild's, der Pflegerin Htte
gestohlen, und mit sich gen Worms gefhrt auf ihrer Fahrt gen Costnitz. Dort hat
sie den Knaben ausgesetzt dem Mangel und der Hlflosigkeit, ihn schlafend auf
der Strae verlassen. Gott wollte, da dieser Mann das Kind finden mute, und
sich dessen annahm, und der Jude, der den wohlbekannten Sohn einer Frau, die ihn
im Handel gnstig stets bedacht hatte, in dem Buben entdeckte, sumte nicht, ihn
zu erkaufen, und der zum Tod betrbten Mutter heimzubringen. Zu den Fen
derselben hatte sich indessen die trostlose Willhild geworfen, und sie
angefleht, ihre Sorglosigkeit nicht dem Zorne des Vaters Preis zu geben. Um der
Verzweifelnden zu schonen, und des Vaters Herz nicht zu brechen, schwieg die
barmherzige Mutter, und verbarg ihren Gram in sich. Allein ihr Gebet war eifrig,
und blieb nicht unerhrt. Aus den Hnden eines verworfenen Hebrers lie er fr
Euer Haus das Heil erwachsen, und den Knaben wieder hervorgehen. Und als endlich
durch Wallradens Erscheinen im Vaterhause der leise genhrte Verdacht, da sie
des Knaben Ruberin gewesen, besttigt wurde durch ihr Erschrecken bei seinem
unverhofften Anblick, durch des Kindes Struben gegen sie, die ihn mihandelt
hatte, und durch dessen eigne kindliche Gestndnisse, ... da zeigte sich dafr
die Tugend Margarethens in ihrem schnsten Lichte. Sie verbot der eifrigen
Willhild, die Euch, edler Schffe, in's Geheimni ziehen wollte, jede
Einmischung: sie verzieh gromthig der bittenden Feindin nach den Worten des
Heilands: Segnet, die Euch fluchen! thuet denen Liebes, die Euch Bses gethan! -
Sie schwieg um nicht des Vaters Herz von der Tochter zu reien, und ahnte nicht,
da der unseligste Argwohn so bald ihren Frieden trben wrde. Verkannt duldete
sie jede Krnkung und schwieg, und floh lieber das Haus ihres Eheherrn, um nicht
vor den Schranken des Gerichts eine Tochter anklagen zu mssen, die sie lieben
mchte. Da aber nun pltzlich die Dinge und der bse Handel dieser Juden eine
solche bedauerliche Wendung nehmen, und das ehrliche Haus eines wackern
Altbrgers mit in den Strudel der Verworfenheit hinab zu reien drohten, konnte
und mochte ich nicht lnger schweigen, und entdecke, um die Abwesende zu
vertheidigen, lieber frei und offen, was sie mir, nicht unter dem Siegel der
Beichte, wohl aber im engsten Vertrauen lngst geoffenbart.
    Der Mnch hielt inne mit seiner Rede, die er mit strmischem Eifer
vorgetragen hatte, und alle Anwesende schwiegen eine Weile. Diether sah starr
auf den Knaben, der sich an die grobe Kutte des Mnchs schmiegte, der
Oberstrichter kaute an den Ngeln, der Schulthei lehnte sich mit vornehmer
Geberde, ein unglubiges Lcheln auf dem Antlitze, in den Sessel zurck. - Und
was sagst Du, Jude? fragte der Oberstrichter endlich den harrenden Ben David.
Dieser zuckte die Achseln, und entgegnete: Was fragt Ihr doch nach meinem
Gezeugnisse, gestrenger Herr, da schon der gelehrte und heilige Mann dort
gezeugt hat, und geredet? Ich bin nur ein schlechter Jud; aber auch unsre Leute
glauben alle an die vom Stamme Levi. - Welche Widersprche! rief der
Schulthei: Mit Erlaubni, hochwrdiger Herr; allein wie mag's geschehen, da
der Jude geschwiegen bis jetzt? - Das mge er selbst verantworten; versetzte
Reinhold mit scharfem Seitenblicke auf Ben David. Der Letztere nahm auch
alsobald das Wort: Ich habe gehandelt recht, da ich den Buben zurckgab der
Mutter, und das Recht ist ein gut Kopfkissen im Thurme sogar. Ich habe auch
immer gehofft, wir wrden seyn gerettet durch der ehrsamen Frau Margarethe
Beistand, und nicht verlassen htte uns diese Zuversicht bis zum Ende. Darum
habe ich nicht genannt ihren Namen vor dem Gericht, weil ein edler Name nicht
gehrt davor. - Schurke! murmelte Gerhard zwischen den Zhnen: ich wollte,
mein Name wre auch hier nicht genannt worden. - Ihr habt freilich nicht am
Vortheilhaftesten Euch ausgezeichnet, meinte der Oberstrichter: allein ohne
Euer Zeugni wre das Ganze nicht enthllt worden, denn niemand, auch Frau
Margarethe nicht, konnte ahnen, da von diesem Knaben gerade die Rede sey, in
der Anklage gegen die Juden. Aber, erklrt uns lieber, Junker voll Hlshofen,
wie es wohl geschehen seyn mag, da der Sohn des ehrsamen Schffen, der junge
Dagobert, den kleinen Stiefbruder nicht erkannte, da er doch bei dem Funde
gegenwrtig gewesen, wie Ihr behauptet habt. - Ei Herr, antwortete Gerhard,
begierig, sich so schnell als mglich aus dem Handel zu wickeln, der einen
berraschend guten Ausgang fr ihn darzubieten schien: das geschah am
Martinsabend, wo wir alle nicht recht im Stande gewesen wren, unsre Vter und
Mtter zu erkennen, geschweige denn unsre Brder. Da der Jude den Buben
erkannte, - am folgenden Tag nemlich, - das glaube ich recht gern; er war
betroffen; aber die Hoffnung, Gewinn zu ziehen, machte ihn schweigen, damit ich
ihm nicht etwa zuvorkme; ich begreife das. -
    Der Herr wei, wie wir handeln; fgte Ben David schlau lchelnd bei. -
Mich ergtzt es ungemein, hob hier der Predigermnch Johannes an, der bis
jetzt keine Sylbe zu dem Gesprch gegeben hatte, da durch des Junkers Aussage
mein guter Dagobert von jeder Mitwissenschaft an dem dunkeln Gewebe dieses
seltnen Menschenkaufs freigesprochen wird. Mich hat es tief betrbt, da ich
hrte, da auch in dieser grulichen Judensache meines Zglings Name
vorgekommen. Ein teuflischer Unhold scheint sich seit kurzer Frist Mhe gegeben
zu haben, alles Unheil ber dem Haupte Dagoberts, des Schuldlosesten aller
Menschen, zusammenzublasen, und sein eigner Vater sogar hat an die Lgen der
Leidenschaft und des Zufalls geglaubt. Dehalb habe ich mich aufgemacht von
meiner Zelle, um hier ein Wort der Shne fr den Zgling zu sprechen, der -
abwesend - nicht selbst seine Sache zu fhren vermag; denn ich kenne sein Herz,
- ich habe es gebildet; ich darf - ich kann - ich mu mich fr ihn verbrgen. -
Reinhold schaute, whrend Diether vor der Hoheit des beredten Priesters die
Augen niederschlug, den Mann eines verhaten Ordens, scharf von der Seite an,
und sprach: Das mgt Ihr allerdings, gelehrter Herr; allein lat uns im Geleise
bleiben. Dagobert findet seinen Richter in und auer sich. Hier handelt sich's
jedoch um andre Dinge: um dieses Knaben Wohlfahrt, um die Unschuld seiner
Mutter. - Rede, Hans! hob nun mit einem tiefen Athemzuge Diether an, und nahm
den Buben freundlich bei der Hand: Sage uns selbst, mit eignem Munde, wer Dich
davon gefhrt hat, von Willhild. - Der Knabe sah ihn fragend an. - Wer verlie
Dich zu Worms? fgte der Oberstrichter bei. - Ei, die schwarze Mutter!
antwortete das Kind: sie hat mich erbrmlich geschlagen, und dann auf der Gasse
liegen lassen, da ich schlief. Der Mann hier hat mich darauf zu sich genommen.
- Ganz recht, Knabe; versetzte Reinhold: wer ist aber die, die Du eine
schwarze Mutter nennst? - Schwester Wallrade ist's, entgegnete Hans nach
kurzem Besinnen: Da sie wieder kam und mich kssen wollte, hatte sie ein roth
Rcklein an; ich habe sie aber doch wieder erkannt.
    Wer ist Dein Vater, Knabe? - fragte der Schulthei pltzlich und scharf.
Der Knabe stutzte ob der heftigen Anrede; aber ein ermunternder Hndedruck des
Paters an seiner Seite gab ihm Muth, und er deutete scheu und verzagt auf
Diether. - Also ist die Gewalt eines liebevollen Herzens, das gleichsam wider
Willen von Groll umsponnen wurde, da der geringste Anla den Geist der Liebe
wieder darinnen mchtig weckt. Diether erfuhr es in diesem Augenblicke. Die
scheue, - man mchte sagen - sclavische Geberde des Kleinen gewann ihm pltzlich
die Zrtlichkeit des Alten, weil es demselben schmeichelte, dadurch vor der Welt
sein Recht, das er selbst beinahe im Argwohn aufgegeben, behauptet zu sehen. Er
zog den Buben an seine Brust, kte ihn, und rief: Ja, ja, du armer kleiner
Hans! Du sollst den Vater nicht lnger missen. Bitte nur den Himmel, da er
vlliges Licht in diese Wildni von Zweifeln sende. - Das ist Dein Vater
also; fiel der Schulthei ein, welcher gar zu gerne den Knaben auf einem
Fehlwort ertappt htte: Wer aber ist Dagobert? ... Mein lieber Bruder!
erwiederte Hans vergngt und munter. - Und Frau Margarethe? ... fuhr der
Versucher fort. - Mein liebes, liebes Mtterlein! hie die unbefangene
Antwort, und der Schulthei sprang auf mit den Worten: In Gottes Namen denn!
Selig sind die da glauben, und nicht sehen! Diether sah gehssig auf den
Unmuthigen, der zum Fenster trat, und wandte sich dann zu dem Oberstrichter und
den geistlichen Herren. Gewisse Vorflle, sprach er, die sich whrend meiner
Tochter Anwesenheit zwischen ihr und dem Knaben ereignet, so wie die Aussagen
des Kleinen bestimmen mich schier, an die Gewiheit der Aufklrung, die Ihr
gegeben, wrdiger Pater Reinhold, zu glauben. Ich danke Euch auch mit
zerknirschtem Herzen dafr, denn ich beginne mein Unrecht einzusehen, und
verzeihe sowohl dem Junker von Hlshofen, als auch dem elenden Juden hier, da
sie mit meinem Blute einen Handel getrieben. In diesem Augenblicke schmerzt mich
nichts mehr, als da meine Wirthin einen Schritt gethan, der ihr nicht erlaubt,
selbst hier das Gesagte zu bekrftigen. Willhild, welche um die Sache vollkommen
wissen mu, hat sich am zweiten Tage nach Wallradens unbegreiflichem Raube, auf
eine weite Wallfahrt begeben, und ich habe nichts von ihr gehrt; allein
Wallradens Zofe, unstreitig eine Vertraute des Frevels, ist in diesen Mauern,
und sie ist es, die Ihr gefangen haltet, Herr Schulthei, weil sie das Unglck
hatte, von Euern Hschern fr eine Andre gehalten zu werden. - Weder ein
Unglck fr sie, entgegnete der Ritter stolz, noch eine Snde von mir. Der
Oberstrichter hat ber die Magd sammt ihrem Kinde zu verfgen, und wird sich
nicht weigern, sie vorfhren zu lassen.
    Der Oberstrichter zog die Schelle, und befahl, die Magd aus dem Gefngnisse
zu holen. Whrend nun Diether mit dem Bettelmnche und seinem Buben in
freundlicherm Gesprche verkehrte, der Predigermnch von dem von Hlshofen sich
den Hergang des Abenteuers zu Worms berichten lie, und der Schulthei voll
stillen Grimms die Fensterscheiben einsam und verdrossen zhlte, nahten sich die
beiden Juden dem Oberstrichter ehrfurchtsvoll, und kten den Saum seines
Gewandes, und Jochai hob an: Gestrenger Herr! Groer Richter ber uns. Die Zeit
hat angefangen zu werden gut, nachdem sie lange ist gewesen bse. Werdet auch
Ihr gut wie die Zeit, und hat nicht meinen Sohn, und haltet ihn nicht lnger
wie einen Mrder, denn er ist ja keiner, und ihm wird einst seyn das Paradies
der Gerechten, und auf seinem Andenken Friede. Ihr habt mich gewrdigt einer
groen Barmherzigkeit, fr die Euch des gepriesenen Gottes Herrlichkeit wird
segnen mit vielen Gtern und vielen Jahren in der Zeitlichkeit; denn Ihr habt
seit geraumer Frist geschont mein weies Haar, gespeist meinen Leib, und das l
der Gnade gegossen in die Wundmale, die ich an mir trug von den Ketten der
Gefangenschaft. Lat Ausgehen diese Barmherzigkeit nicht minder ber meinen
Einzigen, weil er auch schuldlos ist, damit er nicht verkmmre und verkrumme im
Elend. - Was soll das Gewsch? fuhr der Oberstrichter mit Hrte auf: Soll
ich ihn auf Teppiche betten, und in Prunkgemchern wandeln lassen? Mit Deinem
Alter hatte ich Mitleid, und weil .... der Oberstrichter verschluckte was er
sagen wollte. Kurz darauf fuhr er indessen mit der obigen Hrte fort: Ein fr
allemal, Ihr seyd ein zudringliches Volk. Reicht man Euch den Zaum, wollt Ihr
gleich das Pferd nicht minder. Was wollt Ihr denn? Ihr seyd nicht
gerechtfertigt, nicht frei. Eine Anklage wie die Eurige auf Haut und Haar wird
nicht aus der Luft gegriffen seyn. Einen Buben mgt Ihr verkauft, einen andern
gemartert haben, und Euer Antheil an der Blutzapfer entsetzlichem Gruel, ist
unlugbar. Gesteht darum lieber, denn der Folter werdet ihr nicht entgehen, ich
schwre es Euch. - Peinigt uns doch nicht! bat Ben David: Mein Vater ist
rein wie der Schnee, und ich nicht weniger schuldlos an den Grlichkeiten, die
man mir aufgebrdet. Aber wir wrden beide bekennen das, was nie geschehen,
unter den Martern der Folter. Sollen wir denn verwirken das Leben durch ein
gezwungen falsches Gestndni? - Ausflchte, schalt der Oberstrichter: Schon
zu lange hat die Untersuchung gedauert, und der Rath zrnt meiner zgernden
Nachsicht. Es mu zu Ende gehen; so oder so. Die Kerker liegen voll. Wir haben
Eile. - Ei, ehrsamer Herr, sprach hierauf der Predigermnch, der sich in das
Gesprch mischte: Frommt denn die Eile im Blut- und Knigszwang? Gibt es denn
Frchterlicheres als einen Richterstuhl, vor welchem die Sandkrner ngstlich
gezhlt werden, weil das Urtheil nach dem Falle einer gewissen Zahl derselben
gefllt werden mu? - O, mein edler Herr! Gedenkt der traurigen Geschichte die
sich beim Halsgericht zu Friedberg ereignet hat. Ein Jude war auch dort der
Angeschuldigte, Zauberei mit einem Kinde getrieben zu haben, und whrend hier
durch Gottes Zulassen die Wahrheit an den Tag kam, hatten die Friedberger dort
bereits den Armen verbrannt. - Das geschah nicht minder mit der Zulassung des
Herrn; antwortete der Oberstrichter kalt: Jedem das Seinige, hochwrdiger
Herr. Ihr seid ein Held auf der Kanzel, wie an dem Arbeitstische; lat mich auf
dem Richterstuhle gewhren. Euch mag ein Snder, der aus seiner Verstockheit
zurckkehrt zum Heil, angenehmer seyn als tausend Gerechte, die nie gestrauchelt
sind; denn die gttliche Milde spricht durch Euern Mund zu uns. Wir aber sind
die Diener weltlicher Macht, und das Schwert ist in unsre Hand gegeben, - nicht,
da wir damit spielen, sondern da wir es gebrauchen, und besser ist's, wenn
zehn Unschuldige fallen, als da ein Schuldiger aufrecht stehen bleibe. -
Grlicher Grundsatz, seufzte Johannes, whrend die Juden sich bekmmert
ansahen: Eine Vorschrift, die der heimlichen Acht wrdig wre, welche den Stab
ohne Unterschied ber jeden bricht, der einen feindlichen Klger gefunden hat.
- Wit Ihr das so genau? fragte der Oberstrichter mit feinem Lcheln: Ein
Glck ist's da Euer Gewand Euch sicher stellt vor der Vehme, sonst mchtet Ihr
doch ob solchen Reden Ungelegenheit erfahren. - Hier ist brigens ein offen
Gedinge, und ber Zwang und Hinterlist drfen sich die Beklagten nicht
beschweren. - So lat, um ehrlich und redlich zu verfahren, - fiel Johannes
ein, - zum Nutzen und Frommen dieser armen Leute, die, wenn gleich Verirrte und
in bsem Wahne befangen, dennoch Menschen sind, jetzt alsobald, um wenigstens
den Handel ber diesen Knaben in Ordnung zu bringen, die Anklger vorfordern und
mit dem Kinde zusammenstellen, damit sie aussagen, ob es dasjenige wirklich sey,
das damals in des Juden Haus erschien. Auf das Zeugni der stummen Grete wre
noch am Ersten zu bauen, denn der getaufte Jude soll Zorn und Ha gegen seinen
ehemaligen Meister hegen, und die macht seine Klage verdchtig.
    Ei, das hebt sich auf; antwortete der Oberstrichter: diese Juden haben
sich nicht entbldet, Abscheuliches von ihrem ehemaligen Glaubensbruder zu
berichten. Die Magd, von der Ihr redet, ist whrend der Zeit gestorben, und
Friedrich steht allein gegen die Juden, aber um so gewichtiger und bestimmter
ist seine Klage, die durch ihre Umstndlichkeit jeden Zweifel niederschlgt, und
dann verdient sein Wort ein unbedingteres Vertrauen, weil ihn der Himmel so
sichtbarlich erleuchtet hat durch seine Gnade, und er gleich und den Erlser
verehrt, den diese Hunde lugnen. - Ach! seufzte der Mnch, mit einem Blicke
der tiefsten Wehmuth auf die Unglcklichen, die ihre Augen niederschlugen zur
Erde, um der bittern Dehmthigung nicht in die Augen zu schauen: gestrenger
Herr! Der Buchstabe nicht und nicht das Wort macht lebendig, denn beide sind nur
ein leerer Schall, wenn sie der Geist nicht belebt. Eben so wenig, guter Herr,
als unsre Psalmen, an der Bahre eines Todten gesungen, wieder Athem hauchen in
dessen Brust, - eben weil sie todt und starr ist, - eben so wenig wird im
Glauben derjenige leben, welcher nie im Glauben wandelte. - Indessen - setzte
er mit einem leichten bergange hinzu, - will ich nicht an der Bekehrung dieser
Beiden hier zweifeln, da der eifrige Vater Reinhold sein Werk mit ihnen
begonnen, und schon die vorige Nacht im Kerker mit ihnen zugebracht. -
    Jochai schauderte zusammen bei dieser Vermuthung, und Ben David schttelte
unwillkhrlich und fast unmerklich den Kopf. Indem ging die Thre auf, und der
abgeschickte Rathsknecht kam eilig herein, und gieng verstrt auf den
Oberstrichter zu, den er geschftig auf die Seite zog. - Ben David bckte sich
mittlerweile vor dem gelehrten Johannes, und kte den rmel seines Gewandes,
obgleich ihn Jochai von dieser, eines eifrigen Juden unwrdigen Handlung
zurckzuhalten versuchte. Ihr seyd ein Mensch; - sprach er bewegt, mit nassen
Augen: Der hochgelobte Gott lohne Euch Euer mildes Mitleid, denn ihr geht
einher, wie der Frst der Barmherzigkeit. Euch sind wir keine Fremdlinge, wie
unser Name uns nennt1, und Ihr seyd es nicht fr uns, weil Ihr achtet unser
menschlich Angesicht, und versteht unsre Sprache; denn wir wissen gar wohl, da
Ihr das Buch Hiob entbunden habt aus den Ketten fremder Zunge, und es gelegt
habt auf die Lippen der Deutschen2; und auch wir kennen den Mann aus dem Lande
Uz, und auch ber unserm Haupte hat geleuchtet die Leuchte des Herrn, und gleich
ihm ist sie uns ausgegangen in der tiefen Finsterni, wo wir denn hlflos
tappen, wenn nicht eine Freundeshand uns fhrt, wie die Eure. - Der Mnch
wollte so eben die Lobrede des Juden unterbrechen, als der Oberstrichter mit
lauter Stimme durch das Gemach rief: Der Thrmer mu in's Wasserloch. Bei den
Wunden des Heilands. Die Dirne entwischen zu lassen. Lieber Freund! Die Zofe des
Fruleins von Baldergrn, wie der ehrsame Schffe hier die Dirne nennt, ist
entsprungen samt ihrem Kinde. Ein neuer Beweis fr des hochwrdigen Vaters
Reinhold; die Magd hat dem Wetter nicht getraut, und das bse Gewissen hat ihre
Fersen leicht gemacht.
    So komm denn, mein Sohn! sprach Diether zu dem Kleinen, den er liebreich
auf den Arm nahm, indem er dem Pater Reinhold die Hand reichte: Habt Dank,
wackrer Mann, fr Euern Zuspruch. Ich will alles aufbieten, die Verlorne wieder
zu finden, und bewhrt sich ihre Unschuld, wie Ihr sie verbrgt, so soll sie
wieder die Meine seyn, wie ehedem. - Lieber Herr, flsterte Gerhard dem
Lehrer Dagoberts zu: Sprecht doch ein Wrtlein zu dem Richter, da er mich
mindestens in Stadtgewahrsam versetze. Ich will zur Stechlanze werden, wenn ich
lnger die verdammte einsame Haft aushalte. - Sohn, Sohn, sprach indessen
Jochai schmerzlich zu Ben David: Du wirst sehen, sie geben ihn los, der Schuld
ist am ganzen Handel, und uns sperren sie ein in hrtere Gefangenschaft. -
    Noch hatte Johannes keine Zeit gefunden, das erbetne gute Wort zum
Oberstrichter zu reden, als der ganze Schauplatz mit einemmale eine andere
Gestalt gewann. Denn wie Sturmes Brausen tobten Menschenstimmen und
Menschentritte ber die Gnge, und der Thrsteher meldete athemlos, da ein
Volksmeer das gerumige Haus berschwemme. An der Spitze der anstrmenden Haufen
ziehe eine hliche aber rstige Dirne heran, ber deren Haupt ein schwarzes
Tuch herabhnge, und welche wie begeistert zu dem Volke rede, und dasselbe
auffordere, unverzagt voran zu gehen. - Der Schulthei, durch diese Nachricht
seiner finstern Grillen enthoben, und seiner Wrde zurckgegeben, ging vornehm
und schnell dem tobenden Menschenstrudel entgegen, vor welchem so eben die mit
Mhe von den Knechten zugehaltnen Flgelpforten des Gemachs aufgehen muten. In
die Stube quollen die ersten des Haufens; in ihrer Mitte Judith, aus deren
Zgen, Gang und Geberden ein heftiger Schmerz und eine wilde Entschlossenheit
sprach, welche vor der unnachahmlichen Hoheit des Schultheien nicht verstummte!
- Richter und Herren dieser Stadt! rief sie mit starker Stimme: Da Ihr zu
hren vermgt, so hrt, hrt, was der Herr von mir begehrt hat, Euch wissen zu
lassen! - Die auffallende Erscheinung des Mdchens fesselte jede Zunge, und
Judith fuhr fort: Lasset los, die Ihr gebunden, und fanget diejenigen, so Ihr
frei gelassen, denn ich will das Gewebe der Lge zerreissen, da es noch Zeit
ist, und keine Seele dehalb gestorben. Also spricht der Herr, unser Gott: Ich
will nicht, da Verirrte den Tod leiden sollen, da sie doch nichts Todeswrdiges
verschuldet haben. Ich begehre aber, da das Blut gercht werde an dem Blute des
Schuldbewuten. Lasset darum los diese Juden, denn es ist kein Fehl an ihnen,
und ihr Anklger allein ist der Frevel voll, ein gerttelt Maa. -
    Ist das Weib wahnsinnig? fragte der Oberstrichter heftig, da der
Schulthei nur Blicke des Staunens hatte, welche aber die entschlossene Judith
nicht aus der Fassung brachten. - Lge ist Wahnsinn; erwiederte diese Letztere
stark: aber Wahrheit ist gesunder Sinn. Der ewige Lgner hat Euch angesteckt:
hrt mich jedoch an, und Ihr werdet genesen. - Das umstehende Volk, welches
schon durch die Gassen der Stadt der Rednerin gefolgt war, und an jeder
Kirchthre aus ihrem Munde Worte vernommen hatte, deren Sinn und Zusammenhang es
sich nicht zu deuten wute, gewann nun Ehrfurcht vor der Khnen, welche mit den
Vtern der Stadt eben ohne Scheu und Zurckhaltung redete, wie zu ihm, und die
Rathsherren, die nach und nach in dem Gedrnge sich einfanden, Brgermeister und
Schulthei an der Spitze, achteten bald die berspannung der melancholischen
Dirne fr keine Tollheit mehr, und forderten sie auf, endlich herauszusagen, was
sie auf dem Herzen trage. - Diese Aufforderung klang wie Himmelsmusik in
Judith's Ohr, und sie begann freudig: Euer Wille, edle Herren, ist mir Gottes
Stimme. Derjenige, der mich errettet hat aus den Klauen des unvershnlichen
Feindes, beweit sich wieder stark und krftig in dieser Mahnung, und wird die
Saat zur Frucht aufgehen lassen durch sein himmlisch Wort. So hrt denn zu, wie
ich beginne vor allem Volke, im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen
Geistes!
    Langsam beginnend, aber immer schneller vorschreitend, - immer beredsamer
werdend durch die Anspannung seiner Gedanken und Krfte entwickelte das muthige
Mdchen vor den Augen derer, zu welchen es redete, eine lange Reihe von
Gruelbildern, deren Wiege ihr vterlich Haus gewesen war, eine traurige Kette
von Freveln, deren Schauplatz die berchtigte Schenke, deren Grab das dunkle
Moor geworden. Die Zuhrer bebten bei dieser furchtbaren Rechnung, und
schauderten, als sie erfuhren, da in jenem abgelegenen Winkel die Herberge
jener entsetzlichen Mrder gewesen, unter deren Dolchen seit langen Jahren die
ganze Umgegend gezittert hatte. Noch hher stieg ihr Abscheu, da endlich aus
diesem Gewirr von grlichen Thaten eine Gestalt aufdmmerte, deren
Scheulichkeit Alles berbot, was in gewhnlichen Diebskreisen gefrevelt wird;
ein Riesenmann an Blutgier und Mordsucht. Alle Augen richteten sich auf Ben
David, da Judith diesen Hauptmrder anfnglich mit dem Namen: der Jude
bezeichnete, aber alle Augen flogen furchtsam und beschmt vor dem ruhigen
Blicke Ben David's zur Erde, als Judith Zodick's Namen nannte, unnachsichtlich
jedes Bubenstck enthllte, dessen Zeuge sie gewesen war; als sie Ben David von
jeder Gemeinschaft mit den Rubern frei sprach; als sie erzhlte, da Zodick des
Schffen Mord unternommen, da Zodick den Schmuck der bedauernswerthen Wittib
des Brgers von Friedberg um seiner Kenntlichkeit willen in Ben David's Keller
verborgen, - eine That, deren sich der Niedertrchtige nachher noch oft bei
Trunk und Scherz gerhmt; da Zodick endlich die Wurzel des Truggespinnstes sey,
das Jochai und Ben David bisher im Kerker gehalten. Da sie nun endlich an die
letzte Schreckensbegebenheit in ihres Vaters Htte kam, - an das Elend, das dort
gewaltet, ... an die Leichen, die der Brand, von den Hnden des Ungeheuers
entzndet, zu Asche gebrannt hatte, ... da schwammen nicht nur allein in den
Augen der Umstehenden Thrnen, sondern auch in die Ihrigen trat wieder das helle
Wasser, und das Schluchzen machte ihre Stimme versagen, denn sie dachte nun ganz
lebhaft daran, da sie nie auf dem Grabe ihrer Erzeuger sitzen knne, da sie
ihrer nie in Liebe gedenken knne, und da sie gehalten sey, statt einer
kindlichen Todtenfeier, ihre Laster und Verbrechen schonungslos zu enthllen.
Und als, - nachdem eine lange Stille vorber, und das darauf folgende Gemurmel
der Menge verrauscht war - der Oberstrichter sie ernst und mahnend fragte, ob
dieses auch alles wahr sey, und warum sie nicht frher diesen Schurken Einhalt
gethan, durch ein offnes Gestndni, da antwortete sie mit wehmthigem Vorwurf:
Ihr verget, ehrsamer Herr, da es mein Vater und meine Mutter waren, die an
der Spitze jener Horde standen. Die, denen ich das Leben verdanke, auf das Rad
zu bringen, htte ich nicht vermocht, und wenn noch Tausend unter dem Messer des
Juden und seiner Gefhrten htten verbluten mssen. Ihr gestriges Schreckensende
hat mich frei gemacht, und ich schwre beim Himmel und all seinen Heiligen, da
ich die Wahrheit gesagt habe. Oft hab' ich mich angstvoll auf dem Lager hin und
her geworfen, und mit meiner Kindespflicht gerungen, wie Jakob mit dem
gewaltigen Herrn. Aber ... die Verbrecher blieben doch immer meine Eltern. Die
Natur hat ein Schlo vor meinen Mund gelegt, und gestern erst hat der gndige
Gott es aufgethan mit seiner Kraft und unergrndlichen Weisheit. Darum verachtet
nicht die einfltige Rede, so ich gesprochen, und lasset leben, die da ohne Fehl
sind, und lasset sterben den, der den Tod verdient hat. - Judith schwieg
erschpft, und schlug die Augen nieder vor den dankbaren Blicken, welche die
Juden auf sie richteten. Die Meister des Raths standen indessen noch mit
gefalteten Stirnen in tiefes Nachsinnen verloren, und der Schffe Diether war
der Erste, welcher die Sprache wiederfand, und ausrief wie ein von schwerem
Traum Erwachender: Gottlob! Gottlob! grlicher Argwohn fllt Stckweis ab von
meiner Brust. Gesegnet seyst Du, muthige Magd, die da eingetreten ist zu rechter
Zeit! - Der Priester Johannes wendete sich an die Vorsteher der Stadt: O redet
ein mildes Wort; sagte er bewegt: Seht diese armen Leute, welche zitternd da
stehen, und selbst nicht begreifen knnen, wie ihre Unschuld so schnell an den
Tag gekommen. Wenn auch ihre Fesseln jetzt noch nicht fallen drfen, so
erleichtert sie ihnen doch durch ein Wort des Trostes und der Hoffnung. Viel
Freude und Glck ruht auf den Lippen der Mchtigen, wenn sie es aussprechen
wollen gegen das Elend. - Die Dirne mu beweisen, was sie vorgebracht, -
entgegnete der Oberstrichter: oder die Zeit beweise und brge fr sie. Ich habe
ausgesandt nach Friedrich, und wehe ihm, wenn sich alles so befindet, wie dieses
Weib gesagt.
    Der Mrder ist eine schlaue Natter; versetzte Judith: er wird sich hten,
in die Falle freiwillig zu gehen. Hier sind aber meine Hnde, damit man sie
binde. Freudig will ich den Kerker beziehen, und keine Schmach daran finden;
denn der Herr, der mich hiehergefhrt, wird mein und dieser Armen nicht
vergessen, als ein rechter Richter und Helfer der Waisen. Er wird die Hand des
Gottlosen zerbrechen, und aufstehen zu unsrer vlligen Rettung! -
    Ein Wink des Oberstrichters beendigte den ergreifenden Auftritt. Judith
wurde zu leichter Haft in das Haus der Reuerinnen gesendet, und die Juden in den
Kerker zurckgefhrt. Judith wurde von einer jubelnden Menge begleitet, wie ein
siegreicher Kmpfer von seiner Freunde Schaar, - Jochai und Ben David waren von
einer lautlosen Volksmasse umgeben, die ihren Schritten, wie mit einer innern
Beschmung folgten. Auch die Herren vom Gerichte theilten diese stille Schaam,
und mancher beklagte nun im Geheimen die Schmach, die den Untadelhaften
widerfahren war. Ben David sagte aber mit freudethrnenden Augen zu Jochai:
Nun, Raaf? was sagst Du nun? Die Leuchte des hochgelobten Gottes ob unserm
Haupte beginnt wieder zu brennen, und des Herrn Finger ruht auf uns. Gepriesen
sey der Gott Abrahams, der die Htten Jakobs beschirmt, der den Bsen versenkt
in die Grube, die er selbst gegraben, - der dessen Fu fngt in dem Netze, so er
selbst gestellt. - Preis ihm und Dank ihm, antwortete, den Kopf wie beim
Gebete neigend, der alte Jochai: mit uns will er es wohl machen, der starke,
eifrige Gott; sein guter Segen wird salben unser Haupt mit Balsam, und sein
Fluch verderben den Feind; - aber wie wird es geschehen mit Esther, unsrer
Tochter? Mir will zerspringen die Brust, so ich an sie denke, - die Freude
unsers Alters, das Leid unsrer Liebe. Sie irrt umher in Amalek, gerathen unter
die Hnde des Gottlosen, woraus sie errettet worden, um vielleicht zu fallen in
rgere Stricke. Das, mein David, das qult mich, und frit an meiner Freude. -
Vertraue, Raaf; erwiederte Ben David, ob er gleich sein eigen kummervolles
Antlitz nicht bergen konnte: Vertraue; auch sie wird unverletzt wieder kommen
zu uns, und werden unsre starke Sttze. In dieser Zuversicht will ich betreten
mein Gefngni, wie ein Knig seinen hohen Saal, und mich niederlassen auf mein
Strohlager, wie auf das kstliche Bette des Passah, denn mein Herr ist wieder
mit mir, und die Hlfe in der Noth, und der Glaube, da wir noch schauen werden
das Glck im Lande der Lebendigen.
    Sie standen an der Thre ihres Thurms, und Jochai segnete den Sohn, mit der
Liebe, die den Erst- und Einziggebornen bei seinem Eintritt in die Welt zu
empfangen pflegt. Alle Eigenheit, herstammend von Volkssitte und Gewohnheit war
whrend dieser Augenblicke in einem Jeden von ihnen verschwunden, und sie waren
nur Menschen, freudige Menschen. Nach langer, von Jubelthrnen gefeierten
Umarmung trennten sie sich seufzend, aber Beide traten, wie mit Kronen
geschmckt, in ihre Gefngnisse, beide hatten eine herrliche Begleiterin in
ihrem Gefolge: die Hoffnung, die frisch und grn bekrnzte Hoffnung!

                            Ende des zweiten Bandes.

                                    Funoten


1 Hebrer - Fremdlinge.

2 Der Predigermnch Johann von Frankfurt hat wirklich das genannte Buch
bertragen.


                                  Dritter Band

                                Erstes Kapitel.

                Ist's der Ha, der wehe thut mit seinen grimmigen Streichen?
                Argwohn und Mitrauen schmerzen tiefer, - die fressenden
                Schlangen.
                                                                           W ...

Das zweifelhafteste und unschlssigste Herz, das jemals geschlagen, schlug in
des Altbrgers Diether's Brust. Die Erffnungen, welchen er auf dem Rathhause
beigewohnt, hatten das Gebude seines Argwohns bis zum Grunde erschttert, aber
es nicht gnzlich niederzuwerfen vermocht. Da nicht Margarethe, da nicht
Dagobert den Mord gegen ihn gedungen, da weder Sohn noch Gattin die geliebte
Wallrade geraubt, da der kleine Hans wirklich sein, bei Willhild verpflegter
Johannes sey, das war ihm vllig klar geworden; die Bilder seiner Hausfrau,
seines wackern Dagobert's, trb und dster umflort, bisher in dem Hintergrunde
seiner Erinnerung verweilend, nherten sich ihm, heller, glnzender, wie Sterne,
die das dunkle Gewlb durchbrechen, aber noch immer zweifelte er an ihrer
vlligen Reinheit; noch immer versagte er ihrer Unschuld die vollstndige
Anerkennung; noch immer fand er es mglich, da ein verbrecherischer Bund
zwischen Beiden bestanden, da Johannes die Frucht desselben gewesen. Und
dennoch, - so wankelmthig, - - so ungleich in seinem Wollen ist der Mensch, -
dennoch umklammerte er jetzt mit aller Liebe den Knaben. In ihm sah er jetzt die
letzte Sttze seines Alters und seines Hauses; im nchsten Augenblicke frchtete
er den Bastard in ihm zu erkennen. Aber trotz diesen Zweifeln, trotz diesem
Treiben zwischen Vaterliebe und der Angst eines Getuschten, htschelte und
pflegte er den Knaben, da er der Einzige zurckgebliebne, der Letzte seiner
Lieben war. Margarethens Flucht war ihm entsetzlich, und senkte einen nimmer
ruhenden Stachel in seine Brust. Wo war sie hingeflohen? Durfte er jemals
hoffen, sie wiederzusehen? Sollte er bereuen, was er gegen sie gethan? Sollte er
sich beruhigen mit dem Gedanken, da er ihr gethan, wie sie verdient? hnliche
Zweifel bestrmten ihn, gedachte er Dagobert's, dessen Heimkehr nach der
geschehenen Ladung des heimlichen Gerichts sich nicht erwarten lie, da bei dem
Namen schon der beschlossenen Acht der Gerechte wie der Schuldbewute scheu das
Kreuz schlug, und entwich, wo er nur entweichen konnte. Und Wallrade endlich?
War sie nicht die Beute eines Rubers, vielleicht das Opfer des Mords geworden?
Und, kam sie jemals auch in's Vaterhaus zurck, - mit welcher Stirne sollte er
sie empfangen? Mute er sich nicht, - wie sie sich einst von seinem Hause
losgesagt, - lossagen von ihr, die ihm den Sohn geraubt, ihn der Hlflosigkeit
Preis gegeben hatte, von ihr, die den Unfrieden verschwenderisch in seinen
Garten gest hatte, whrend sie doch selbst auf der Bahn der Schuld geschritten
war, wie nur zu deutlich das Tchterlein bewies, mit welchem die furchtsame Magd
entkommen war, ehe man darber vllige Auskunft hatte sammeln knnen. Die Zofe
hatte auf alle Fragen, die Diether an sie gerichtet, mit der grten Seelenangst
geantwortet, und dadurch den Verdacht einer thatkrftigen Mitwissenschaft an der
geheimen Verbindung Wallradens auf sich geladen, die sie endlich nicht mehr
lugnen konnte. Den Namen des Mannes, der Wallradens Gatte geworden war, hatte
sie genannt; einen Namen, den Diether vorher nie gehrt. Den Ursprung jener
Liebe, die Begebenheiten bis zur ehelichen Verbindung des Paars hatte sie
ziemlich genau angegeben. Ein Wetterstrahl hatte eine Scheuer auf Wallradens
Gute entzndet, und die Feuergefahr den Htten der Knechte, wie dem Wohnhause
gedroht. Die Nothglocke auf dem Thrmchen des einsam gelegenen Maierhofs hatte
die fern wohnenden Nachbarn herbeigelockt, und einer der fernsten, gerade zu
jener Zeit im anstoenden Forste auf seinen Wildgngen verweilend, war mit den
brigen herbeigekommen, und hatte durch seine entschlossene Besonnenheit das
Allermeiste zur Rettung von Wallradens Habe beigetragen. Diese Hlfleistung
hatte dem Junker von der Rhn, einem nicht reichen, aber altadelichen schnen
Manne, gewisse Rechte auf des Fruleins Dankbarkeit gegeben. Liebe ward daraus,
und ein Feind dieser Liebe entstand: des Junkers Vater, der Wallradens minder
adelichen Stamm verachtete, und einer Zusage zufolge, seines seligen
Waffenbruders verwaiste Tochter, zur Gattin fr seinen Sohn erzog. Hingegen fand
sich auch ein helfender Freund; ein deutscher Herr, der im nchsten Stdchen in
Angelegenheiten seines Ordens verkehrte, und tglich auf Baldergrn zur Einkehr
war. Er war es, der eines Abends einen Mnch zum Maierhofe brachte, der das
Paar, vterlichem Verbote zum Trotz, einsegnete, zu einer Ehe, aus welcher ein
Kind entsprang. -
    Bis hieher hatte der Altbrger durch unablssiges geschicktes Forschen die
Magd in ihren Gestndnissen gebracht. Es schien, nach ihrer Verwirrung und ihrer
Angst, die sie oft zu Thrnen zwang, noch manches Geheime an's Licht des Tages
treten zu wollen, - da unterbrach des Schultheien Willkr, und der Dirne leicht
verzeihliche Flucht die Reihe ihrer Bekenntnisse, und Diether fand darin nur die
einzige untrgerische Gewiheit, da Wallrade seiner ausgezeichneten Liebe nicht
wrdig gewesen. Zwar fand das Frulein einen krftigen Vertheidiger an dem
Prlaten, welchen das Unglck - die unabnderlich erfolgte Absetzung und
Verweisung aus seinem Stifte zu Cesena - wieder zum Stammhause getrieben hatte,
als einen Obdach suchenden und Pflege heischenden Gast. Allein, so innig Diether
auch den gelehrten Bruder geliebt hatte, so konnten dennoch seine Reden nicht
mehr den Eindruck machen, wie vor lngerer Zeit, denn Diether erkannte, je
lnger, je mehr, den Geist der Heuchelei, des demthelnden Stolzes, der in dem
Prlaten regierte, und der Vaterlandsliebe des Altbrgers galten die Worte des
Bruders schon dehalb gering, weil dieser Letztere deutsche Sitte und Ordnung
nicht aufhrte zu schmhen, und dagegen Wlschlands Vorzge zu preisen, ob er
gleich jetzo aus seiner zweiten Heimath gestoen, unter einem deutschen Dache
sein Haupt niederlegen mute, an einem deutschen Tische seinen Platz um der
Liebe willen fand, aus deutscher, ehrlich erworbner Habe seiner Bedrfnisse
Gewhrung schpfte, und von all seiner wlschen Herrlichkeit nur das
zweideutigste Kleinod, Fiorillen behalten hatte. Es fiel dem zu Argwohn und
Verdacht gereizten Diether nicht schwer, das wahre Verhltni zwischen dem
Prlaten und seiner Freundin zu ergrnden; theils jedoch benahm das von
Gebrechen aller Art belastete Alter des Monsignore dieser Verbindung das
ffentliche rgerni, - theils schlo sich Fiorilla mit wahrer inniger Liebe an
den kleinen Knaben Hans, der ohne alle weibliche Pflege geblieben war, weil
Diether, bei der ersten Kunde von Margarethens Flucht, im Aufwallen seines
Zorns, die, jede Mitwissenschaft laugnende Else, aus dem Dienste gejagt hatte.
Der arme Kleine fand in Fiorilla's Sorgfalt Elsens Pflege in doppeltem Maae
wieder, und Diether, - sah er die Liebe der Pflegerin zu dem Knaben - bedauerte
nur eins so sehr, da ihm der Zufall Wallradens holdes Tchterlein geraubt, und
ihm kein Mittel zu Gebote stehe, etwas Gewisses von dem Schicksale der kleinen
hbschen Agnes zu erfahren. ber das Geschick ihrer sogenannten Mutter kam er
dafr binnen einigen Tagen in's Klare.
    Eine Mnchsgestalt, vom Fieber geschttelt, und von Blsse entstellt, trat
eines Morgens, - der zweite nach jenem Verhre auf dem Rmer, - auf einen Stab
gesttzt, vor den Altbrger. Dem Leidenden eine milde Gabe zu reichen, war
Diether's erster Gedanke, - aber wie erstaunte er, da der Mnch nicht allein
jede Gabe verschmhte, sondern ihn selbst mit einer unerwarteten Kunde
beschenkte: mit der Botschaft von Wallradens Aufenthalt, von ihrer vereitelten
Flucht, von ihrer Rckkehr in die traurige Haft, - von der Gefahr in welcher sie
schwebe, von ihrem einzig auf den Vater gesetzten Vertrauen. - Diether, - obwohl
in Zorn glhendob Wallradens Vergehen, fhlte doch sein Vaterherz beben bei dem
Berichte ihrer Leiden. Allein, so schnell auch sein Entschlu gefat war, Alles
aufzubieten, um sein Kind zu retten, so schnell gesellte sich diesem Vornehmen
auch der Verdacht bei. Mitrauisch ma er den Mnch von Kopf bis zum Fu,
verwickelte er ihn in verfngliche Fragen, und lie ihm nicht undeutlich merken,
da er versucht sey, ihn fr ein Werkzeug jener Ruber zu halten, und die ganze
Botschaft fr eine Schlinge, welche seiner Habe, - wo nicht gar seinem Leben -
gelegt sey, wie jene Ladung zum Sprnglinsteine gewesen. - In dem matten Auge
des Mnchs blitzte eine Flamme ritterlichen Unmuths auf, und seine Lippe warf
sich auf, um khn und trotzig den schnden Verdacht von sich zu wlzen. Doch
bezwang er sich, und erwiederte, so ruhig als die erregte innere Bewegung ihm
verstattete, da er sich willig als Brge und Geiel darstelle fr jedes von ihm
gesprochne Wort, da brigens das heftige Fieber, das ihn auf einem unfern
gelegenen Dorfe ergriffen, und ihn abgehalten, am verwichnen Tage bereits in
Frankfurt zu seyn, schon der beste Brge fr sein Verweilen in jeder beliebigen
Haft sey, und da er frchte, es werde - sollte ihm Hlfe und milde Sorgfalt
noch ferner entstehen - mit seinem Leben bald zu Ende seyn. Der eisige Frost,
welcher des Gequlten Glieder durcheinanderschttelte, und ihn beinahe zu Boden
warf, machte Diether's natrliche Barmherzigkeit rege. Er lie den todtkranken
Mnch auf einer Tragbahre in das Kloster des Ordens bringen, zu welchem der
Unglckliche, seiner Kutte nach, zu gehren schien, und empfahl ihn der
angelegentlichen Frsorge des Paters Reinhold, Margarethens Beichtvaters. Er
selbst jedoch eilte auf den Rmer, um die erhaltne Botschaft dem Rathe zu
verknden. Seine Freunde in demselben staunten; seine Feinde schttelten
unglubig die Kpfe, und behaupteten, der Schff tusche Meister und Rath mit
unhaltbaren Gerchten, und halte muthwilliger Weise die Stadt sammt ihrer
bewaffneten Gewalt in Athem. Htte er einen andern als Ruber genannt, - riefen
sie, - dann wre ein Schein von Glaubwrdigkeit vorhanden; aber gerade diesen
Bechtram von Vilbel zu nennen, diesen alten wackern Kmpen, der so lange der
Stadt treu gedient, der sich in der letzten Frist nur, gewisser Ansprche wegen,
mit der Reichsstadt veruneinigt hat! Und diese Ansprche, sind sie nicht
geschlichtet? Dieser Span, - ist er nicht in Minne beigelegt worden? Hat nicht
vor drei Tagen erst Bechtram Friede mit uns gemacht, sonder Gefhrde, in Treu
und Glauben, und in Gegenwart der verehrlichsten Zeugen, der ritterlichen Herrn
vom deutschen Orden? Ein Mhrchen also der ganze Bericht; der Schff, entweder
selbst getuscht, oder im Begriffe uns zu tuschen, und die Klage ohne Grund! -
Diether's, wie des Mnchs Wahrhaftigkeit wurde jedoch um ein Gutes verbrgt und
vergewissert, da der jngste Brgermeister mit einem Gesichte voll Zorn und
Wildheit in die Versammlung trat, den Wirth vom Einhorn auf seinen Fersen. Gott
verdamme doch alle Verrther und Meineidige! begann er heftig, wie man es an
ihm gewohnt war, bei wichtigem Anla: Vernehmt doch, ihr liebe Herren und
Freunde, welche Mhr unser guter Brger und Wirth zum Einhorn Euch zu bringen
hat. Der Wirth erzhlte also nach vorhergegangener Aufforderung, da schon seit
manchem Jahre der Kaufdiener Conrad Schwarz, gemeinhin, seines Vaterlandes und
seiner Mundart halber, der Schwabe oder das Schwbeln genannt, und zu Diensten
des weltberhmten Hauses Ulrich Arzt in Augsburg stehend, auf seinen Mezgen
und Reisen in's Brabant sich in der Herberge zum Einhorn eingefunden habe, und
stets als ein ehrlicher Geselle und guter Zahler von dannen gefahren sey. Ein
solches sey ebenfalls vor dreien Tagen geschehen, an dem Tage selbst, da
Bechtram von Vilbel und des Raths Freunde und Abgesandte im Deutschherrenhause
ihren Frieden gemacht. Nun habe aber Er, der Wirth zum Einhorn, heute Morgen
durch einen Landmann vom Maingehft einen Zettel erhalten, den ein reisiger
Knecht demselben zur Bestellung bergeben; einen Zettel, von dem Schwaben selbst
geschrieben, worinnen er berichtet, der Herr von Vilbel habe ihn am bewuten
Shntage, im Heimreiten begriffen, von der Strae aufgefangen, nach
Neufalkenstein geschleppt, und ihn genthigt, diesen Brief zu schreiben, damit
der Wirth zum Einhorn zweihundert Mark Silbers als Lsegeld fr den Gefangenen
nach Neufalkenstein trage. Er, der Wirth, begehre nun zwar nicht, das Verlangte
zu thun, sintemalen ihm bang geworden um sein Geld und seinen eignen Leib; er
habe jedoch nicht verfehlen wollen, denen gestrengen Herren solches zu
berichten, damit sie in ihrer Weisheit das Nthige beschlieen mchten, ob
vielleicht der ehrliche Kaufdiener aus seiner Angst erlset werden knnte. -
Diese Erzhlung, untersttzt durch den vorgewiesenen Zettel, weckte den Unwillen
der ganzen Versammlung, und Diether's Angabe fand nun unbedingten Glauben. Der
Schulthei und Diether's Feinde, die so sehr auf Bechtram's Redlichkeit gepocht
hatten, traten nun auf die Seite derjenigen, die seinen Treubruch schmhten, und
vollwichtige Rache fr den auf dem Gebiete der Stadt verbten Frevel forderten,
und fr den hhnenden Meineid, den der alte Buschklepper am Tage selbst der
Friedensstiftung in frechem Muthe begangen. Die Furcht vor der Wuth des
Raubritters und seiner Diebsgesellen in der Wetterau wich nun zurck, indem man
die der freien Stadt wiederfahrene Beleidigung fest in's Auge fate, und eine
Stimme nur war's, die aus jedem Munde die Befreiung der Brgerin Frankfurts und
des fremden Gastes forderte. Als aber die Mittel dazu zur Sprache kamen, da
waren wieder die Zungen uneins geworden. Die Khnsten riethen zu einem Auszug,
wie er im Jahre 1404 gegen Rckingen, das Schlo des Hans von Rudenscheim, des
Marktschiffschinders, statt gehabt hatte. Die Vorsichtigern verwarfen die offne
Gewalt, die alle Genossen des Rubers gegen die von Streitern ziemlich entblte
Stadt anhetzen wrde, und sprachen von List und besonnener Klugheit. Die Feigen
schlugen vor, die Hlfe eines benachbarten Frsten anzurufen; ein Vorschlag, der
den Vaterlandsfreunden, welche jede fremde Einmischung in die Hndel der Stadt
haten, vollkommen widerlich war; aber demungeachtet einen Streit entspann,
welcher die Berathung der Versammelten in eine wilde Ghrung verwandelte, aus
welcher sich Diether, um mit seinem Gram und seinen Entwrfen allein zu seyn,
rettete. Aber auch dieses Alleinseyn, dieser Strom von Gedanken, den er einsam
an sich vorbeirauschen lie, fhrte sein Herz nicht zur Ruhe, und er suchte sein
Haus auf, um Zerstreuung in der Gesellschaft seines Bruders, seines Knaben zu
finden. Wie vom Blitze gerhrt, stand er jedoch da, als ihm sein Knecht Eitel
berichtete, Dagobert sey angelangt, als Vollbrecht, der Knecht des Junkherrn,
ihm den Reverenz machend, vorberging, und Dagobert selbst ihm auf der Stiege
entgegen kam. - Des Vaters Verwirrung war grnzenlos, und Schreck und Beschmung
knickten seine Knie ein, da er das Gelnder der Stiege erfassen mute, um nicht
zurckzusinken. Dagobert ersah diese pltzliche Schwche, und reichte ihm
schnell die helfende Hand, an welcher er den Vater zu seinem Schlafgemach
geleitete. Schwer athmend lie sich der Schffe in den Sorgenstuhl nieder, und
erst, nachdem er einige Zeit lang den Blick auf den Boden, alsdann auf das
mildfreundliche Antlitz des gegenber sitzenden Sohns geheftet hatte; wagte er
die Anrede: Du hier, Dagobert? Und Wallrade? ... - Mein Bemhen war
vergeblich; entgegnete der Sohn bedauernd: Eben so leicht htte ich den groen
Kaiser Karl finden mgen, der seit sechshundert Jahren im Brunnen der Beste zu
Nrnberg sitzen soll. Dafr, - hab' ich vernommen - habt Ihr selbst gelegnere
Kunde erhalten, wozu ich Euch und mir von Herzen Glck wnsche, Herr Vater. -
Dir? fragte Diether mit spttelnd unglubiger Miene. - Wei es der Himmel,
auch mir; versetzte Dagobert: Ich habe zwar nicht viel Ursach, Wallraden Gutes
zu wnschen, aber mehr denn sie, lieb' ich meinen guten Leumund, und bin
herzlich froh, da endlich die Stadt erfahren wird, - und auch Ihr beineben,
Herr Vater, - da ich Wallraden nicht hab' stehlen lassen. - Diese Worte,
obgleich mit mildem Ernst, weit von jeder Anmahnung an grollenden Spott
gesprochen, trieben dem Alten die Rthe der Schaam auf die gefurchte Wange. Das
eigne Gewissen ist des Menschen frnehmster Richter; sprach er stockend, und
Dagobert entgegnete gelassen: Das ist's, Herr Diether. Mein Gewissen ist jedoch
heil, wie ein frisches Auge: darum bin ich auch hier, wo der Teufel recht
geschftig gewesen ist, mich anzuschwrzen vor aller Welt. Ein biedrer Mensch
weicht dem Satan nicht aus, sondern nimmt ihn bei den Hrnern und wirft ihn aus
dem Wege. - Du sprichst khn! meinte Diether, der ihm forschend in's Auge
sah. - Ich vertraue auf den Himmel; antwortete Dagobert muthvoll: ich bin dem
lieben Gott von Herzen treu und hold, und er wird's mir nicht minder seyn; darum
frchte ich auch nicht den Schulthei, nicht den Oberstrichter, nicht des
Prlaten, der hier in's Nest gezogen ist, Verlumdungen; auch die heilige Acht
nicht, die mich einer Ladung vor ihren Stuhl gewrdigt hat. - Diether's Wange
sank von hoher Rthe in die Blsse des Todes herab: Unglcklicher; murmelte
er: Du frevelst. Frchte jenen Stuhl, vor welchem der Snde die letzte Larve
entfllt, und die Wahrheit sich aufthut in finstrer Nacht.
    Ich scheue die Wahrheit nicht; entgegnete Dagobert fest: ich wnsche sie,
mein Vater. Wollte Gott, die unbekannten Herren ergrndeten sie beim frhlichen
Sonnenlicht; aber auch um Mitternacht stehe ich ihrer Ladung, und morgen soll
der Frohne nicht umsonst meiner warten. - Du wolltest ernstlich ... - Soll
ich mich verfehmen lassen, mein Vater, um unter dem Messer irgend einer
Blindschleiche der Acht zu fallen, sonder Gehr und Vertheidigung? Oder wre das
ernste Gericht im Grunde nur ein Fastnachtsschwank, den man nur auffhrt, sobald
sich Zuschauer eingefunden haben; und unterlt, sobald kein Mensch seine Ohren
dazu leihen will, trotz Heroldsruf und Pfeifenklang? Ich halte mehr von dem
finstern Richterstuhle und will ihm meine Reverenz nicht versagen, damit ich
vernehme, wessen man mich eigentlich beschuldigt hat, und mich rein wasche von
der aufgelogenen Snde. - Eine trotzige Zuversicht! schaltete Diether warnend
ein. - O, da Ihr sie nicht theilen mgt, Vater; sagte hierauf der Jngling,
und ergriff wehmthig Diether's widerstrebende Hand: o, da Ihr der Erste seyd,
der den Stein auf mich geworfen, und der Letzte, der ein offnes Ohr fr meine
Schuldlosigkeit haben wird! Ich kenne mich selbst kaum mehr, seitdem ich geahnt,
seitdem ich vernommen, was in Euerm Herzen vorgegangen, wie sich dasselbe so
ganz von mir gewendet. Ich bin irre an mir geworden, ich habe meiner Gedanken
innerste Kammer durchsucht, und nicht eine Spur von Gottlosigkeit darin
gefunden. Und Ihr - der Gerechte - zweifelt an meiner Seele, - Ihr verdammt
mich, whrend ich rein bin, wie ein hlfloses Kind! Doch habe ich gegen Euch
keine Waffen. Im Gegentheile; ich whle Euch zu meinem Beistande vor dem Stuhle
zu Sachsenhausen, und gewi schlagt Ihr mir's nicht ab, mich dahin zu begleiten,
wo die Wahrheit sich aufthut in finstrer Nacht. -
    Diether schrack sichtlich zusammen, und die Vorwrfe seines Gewissens
pochten so heftig an sein Herz, da er kaum eine ngstliche Weigerung
hervorbringen konnte. Dagobert sah verdstert vor sich hin, seufzte, und sagte:
Ihr verstot mich ganz, mein Vater. So mu ich denn allein den dunkeln Weg
machen. In Gottesnamen; aber mich betrbt's, da Ihr mir verweigert, warum
Wallrade an meiner Statt sicher nicht vergebens gebeten haben wrde. - Nichts
von Wallraden! rief Diether ngstlich und unwillig: Ich bin nicht ungerecht in
der Liebe, die ich meinen Kindern schenke. Ich liebte Wallraden, da ich sie
fleckenlos glaubte; aber nun, ... selbst gegen den ihr gehssigen Bruder
vertheidige ich sie nicht. - Ich hasse ja Wallraden nicht; sprach Dagobert
ruhig; doch ihrem Ha vermag ich nicht verschwenderische Liebe entgegen zu
setzen, und darf Euch mit dem heiligsten Eide versichern, da diese Schwester,
Eure Tochter niemals wrdig war, unsern Namen zu fhren. Wollt Ihr Beweise ...?
- Schweig! unterbrach ihn Diether heftig: aus Deinem Munde will ich nicht
wieder hren, was ich schon wei. Welch ein Sieg fr Dich und Margarethen! -
Dagobert zuckte schweigend die Achseln. - Diether fuhr aber entrstet fort:
Schlange nennst Du Wallraden; sag' an, gelehrter Sohn: welch Urtheil fllst Du
ber Margarethen? Schenkst Du ihr einen Heiligenschein, oder mut Du beschmt
bekennen, da sie schlimmer fehlte, als Wallrade? - Dagobert schwieg nicht
lange. Dies Bekenntni vermag ich nicht zu leisten, sagte er: da jedoch Frau
Margarethe fehlte, Eurer unwrdig handelte, will ich nicht lugnen. Leider darf
ich's nicht. - Triumphirend sah Diether zu ihm empor und rief: Dank Dir, mein
Gott, da des Snders Mund so eben die eigne Schuld bekennt in der fremden. -
Ich begreife kaum mit Sinn und Ohr, was Euer Mund spricht, erwiederte
Dagobert; doch schwr ich's Euch, da meine Lippen manches enthllen knnten,
was ich verschweige, weil Frau Margarethe Eure Hausfrau, meine zweite Mutter
ist. Die Zeit ersetze das, was ich versume. - Recht; doppelzngiger Mensch;
rief Diether gereizt: Hlle Dich nur ein in rthselhafte Reden. Deine Vergehen
blicken berall hervor, und das strafende Gericht wird nicht ausbleiben. Die
Ehre Deines Vaters hast Du mihandelt; Deine eigne Ehre in den Staub getreten;
Dein Leben verwirkt durch Deine Buhlerei mit der Jdin, von welcher die ganze
Stadt wei. - Vater! rief Dagobert mit flammenden Augen und eilenden Worten:
Beschtzt habe ich Eure Ehre, und nie besudelt die meinige. Vater, wer an die
reine Sitte der Unglcklichen tastet, der ich Beschtzer ward, weil sie keinen
Freund auf der weiten Erde hat, - wer Ben David's Tochter schmht, blos dehalb
weil sie eine Jdin und mir lieb ist, - gegen den zieht mein Zorn zu Felde, und
wre ich gleich sein Sohn. Buhlerei, sagt Ihr? Die Farbe des reinen Himmels
reicht nicht an Esther's Unbescholtenheit; eine Schurkerei habe ich noch nie
gedacht. Aber unter meinem Schilde ruht die Taube sicher; ich verrathe ihre
Zuflucht den Feinden nicht, und wrde jetzt schon der Holzsto fr mich
angezndet.
    Prahlender Wstling! zrnte Diether: Tritt immer auf in Deiner wahren
Gestalt; fliehe aber die Sttte wo ein Freistuhl Westphalens steht. Hufe nicht
noch den Jammer auf mein Haupt, Dich an einem Stadtthore von den heimlichen
Rchern aufgehngt zu erblicken. -
    Der Herr wurde unschuldig gerichtet; erwiederte Dagobert mit vlliger
Seelenruhe: beneidenswerth wre ich, ein schwacher Sohn des Staubes, trfe mich
ein gleiches Loos. Lebt wohl indessen, Vater. Ich scheide. Lieblich war mir dies
Haus, da ich noch eine frhliche Jugend darin herumtrug, von Stiege zu Stiege,
von Speicher zu Flur, von Gemach zu Gemach, und mich berall in die Arme eines
guten Vaters, in den Schoo einer treuen Mutter legen konnte. Aber, nun die
getreue Mutter zum Himmel gezogen ist, und das Vaterherz ein doppelt Erz
angethan hat, sind mir erst diese Wnde eng geworden, und niedrig wie Srge
diese Gemcher. Ich will Euch, Herr Vater, wie den wlschen Ohm mit meinem
Anblick verschonen, und frder allein fr mich meine Strae ziehen. Beht' Euch
Gott, und lebet wohl. - Auf der Schwelle stie Dagobert, in dessen Augen der
Thrnen Gewalt drckte und prete, auf den kleinen Hans, den Fiorilla an der
Hand fhrte. Fiorilla begrte den Jngling mit jener Fremdartigkeit, die vor
den Zeugen die nhere Bekanntschaft zu verbergen strebt; der kleine Hans jedoch
jubelte laut auf und kletterte an Dagobert empor. Dieser wurde roth vor
berraschung, und setzte den Knaben stumm wieder nieder, ohne seine
Liebkosungen, wie wohl vordem, zu erwiedern. Hans machte ihm kindliche Vorwrfe
wegen dieses Kaltsinns. - Die gute Mutter ist fortgegangen, klagte er, und
Else ist fortgegangen, und der Mann dort macht ein finster Gesicht. Was soll ich
denn anfangen, Dagobert, wenn auch Du nichts mehr von mir wissen willst?
    Gerhrt blickte Dagobert auf den Knaben herab, betrachtete ihn aufmerksam,
nickte dann mit dem Kopfe und sprach: Wahrlich, Du armes Kind, ... Du bist bel
daran, ... bler als Du weit und verdienst. - - Hier wendete er sich rasch zu
Diether, aber der schon zum Reden geffnete Mund verstummte vor dem stieren
Blick, mit welchem der Vater seine Shne beobachtete. berlasse Alles dem
Herrn! flsterte der Jngling in sich hinein und bckte sich wieder zu dem
Knaben herab: Gutes Kind! sagte er halblaut zu demselben: Vaterloser Knabe!
fasse Muth und strke Dich zu jedem Unglck. Bist Du einst Allen fremd geworden
und ich lebe noch, so komm zu mir; ich will Dir Vater seyn! - Ach ja;
wiederholte der Knabe, seinen Lockenkopf vertraulich auf Dagobert's Schulter
lehnend: Du mein Vater. - Ich, mein Sohn; ja! beim ewigen Gott! ich ....
stammelte Dagobert unter Thrnen, umarmte das Kind, legte es in Fiorillens Arm
und entfloh dann aus dem Gemach. Fiorilla brachte den sehnsuchtsvoll nach dem
Scheidenden blickenden Knaben auf Diether's Schoo. Der zornige Mann stie ihn
aber von sich, und rief: So geh' doch hin zu Deinem Vater, junger Kuckuck, und
verwnscht sey die Stunde, in der mich mein leichtglubig Herz abermals betrog!
-

                                Zweites Kapitel.


                Schauet doch, und sehet, ob irgend ein Schmerz sey, wie mein
                Schmerz, der mich getroffen hat! Denn der Herr hat mich voll
                Jammer gemacht am Tage seines grimmigen Zorns!
                                                                       Jeremias.

Es geschah, da an dem Abend desselben Tags, an welchem Dagobert nach Hause
kehrte, ein bses Stcklein in der Stadt verbt wurde. Es war in der Neustadt
ein Haus belegen, das man Zum heien Stein nannte, und worin schon mancher
seine Hlle auf Erden gefunden hatte. Man pflog nmlich daselbst des Spiels mit
Wrfeln und Brett, und es ging scharf dabei her, mit Geld und Gut und fahrender
Habe. Zu verschiedenen Malen war schon der Reiche als ein Bettler aus diesem
Hause getreten; seltner jedoch der Habenichts als ein vermglicher Mann, weil
der Zufall nicht immer allein waltete in diesen Spielen, sondern auch gar oft
und hufig die geschickte Hand und der falsche Wrfel. Es hatte sich schon
hufig, - namentlich whrend der Messen zugetragen, da trgliche Spieler aus
dem Fenster waren geworfen, oder dem Arm des Gerichts bergeben worden, das
ihnen nachher zum Lohn fr ihre Frevel die Augen hatte ausstechen, sie selbst
aber in den Main werfen lassen. Diese schreckliche Strafe hatte indessen die
Frevler nicht ausgerottet, sondern nur ihre Behutsamkeit und Vorsicht vermehrt,
indem es doch immer fr Abenteurer aus der Fremde eine gar zu lockende
Gelegenheit blieb, um leichtsinnige Brgershne, oder bermthige Prahlhnse von
Junkern, oder unerfahrne Kaufleute und Diener zu rupfen, und um ihr blankes Geld
zu bringen. Wurde hin und wieder ein solcher Spielgauner ertappt, so wute er
schon recht gut, welch ein Schicksal seiner harrte, und er wehrte sich daher,
oft von Spiegesellen untersttzt, seiner Haut dergestalt, da die Rauferei
nicht immer zum Vortheil der Rechthaber ausfiel. Der heie Stein wurde dann oft
ein blutiger, und nur die ffentliche Gewalt vermochte in der wsten
Spielherberge Ruhe und Friede herzustellen. Ein hnlicher Handel fiel auch an
dem benannten Abende vor, denn ein wlscher Gaudieb, der sich ber die Messe zu
Frankfurt verweilt hatte, war dem Verbot des Raths zum Trotze, welcher selbst
die Wrfel an den heien Stein lieferte, mit eignen aus Wlschland gebrachten
Wrfeln daselbst aufgetreten. Wie denn das Neue immer dem Gewohnten vorgezogen
wird, so waren die Spielgste, junge Brausekpfe aus reichen
Brgergeschlechtern, mit dem Willen des Fremden einverstanden, und zwangen den
Spielwirth, die auslndischen Wrfel auflegen zu lassen. - Und also ging dann
das Rumoren und Geklapper los, und der Italiner gewann und gewann, und sein
Beutel wurde immer straffer, whrend die Geldtaschen der Mitspieler sich leerten
bis auf den Grund. Aber nicht minder die Geduld der Verlierenden versiegte, und
da des Fremdlings Gewinn immer mehr und mehr anschwoll, so ergriff einer von den
heftigsten Spielern im Zorn die Wrfel, die ihm so eben die letzten Goldkronen
gekostet hatten, und warf sie mit dem Rufe: Ei so sey doch Du verdammt, sammt
Deinem Spielzeuge, vermaledeiter Schelm! dergestalt auf den Boden, da einer
derselben zersprang, und es sich ergab, da er mit Blei gefttert gewesen, und
immer die Sechsen, wenn die geschickte Hand des Wlschen die Knochen regierte,
oben liegen muten. Darob ergrimmten denn die Herren sammt und sonders, und
derselbe, der zur Entdeckung Anla gegeben, nahm sich auch des Rcheramts an,
und ging dem Gauner mit dem Degen zu Leibe. Allein derselbe war ein Raufhahn
nebenbei, und wehrte sich mit dem langen wlschen Rappiere dermaen, da,
obgleich die Andern dazwischen sprangen, und der Wirth nach Hlfe lief, der
Angreifer durchbohrt auf dem Estrich lag, ehe noch die Klingen dreimal gekreuzt
worden waren. Der Schreck, den der Fall des Fechters einflte, half dem
Spitzbuben zur Flucht, und die herbeikommende Nachtwache fand weder Mrder, noch
Zeugen mehr im Hause, sondern einzig und allein den todten Mann, den man fr des
Oberstrichters Sohn, einen leidenschaftlichen, ausschweifenden Menschen,
erkannte. Sprach nun gleich die ganze Stadt, es sey an dem Wstling gar nicht
viel verloren, so redete das Vaterherz doch anders, und der Oberstrichter, der
von vielen Kindern diesen Einzigen gro gezogen hatte, berlie sich der stummen
Verzweiflung, da ihm die abgerissne letzte Blthe seines Stammes heimgetragen
wurde. Die Morgenrthe fand ihn neben dem starren Sohne sitzend, und dessen Hand
in der seinigen haltend, und brtend ber dem Verhngni. Da nun die Sonne
heraufstieg, und das Trauerhaus eben so gut mit Gold bekleidete, wie das Haus
der Freude, - da nun der gebeugte Vater sich erinnerte, da sein Schmerz,
obgleich der eines Gewaltigen, im weiten Kreise der Welt nur ein schwacher Punkt
sey, unbeachtet von Allen denen, welchen des Mrders Klinge nicht gleich ihm
in's Innerste des Herzens gedrungen war, da legte sich die Verzweiflung zur
Ruhe, und ein milder Schmerz trat an dessen Stelle; nicht der nach Rache
drstende Jammer, sondern der vershnliche weinende Gram. Zitternd blickte der
alte Mann in sein Leben zurck, und suchte nach einer Wurzel dieses Verderbens,
das sein ganzes Geschlecht dahingerafft, denn der Mensch greift zum Aberglauben,
um den leitenden Faden zu finden, den ihm sein unbewaffnetes Auge nicht zeigt im
Leben. Er gedachte seines strengen Amts, der vielen Schuldigen, die seine Thrme
verschlungen hatten; ... der wenigen Unschuldigen, die wieder daraus
hervorgegangen waren. Er gedachte jener Vielen, die noch unter der Hand des
Henkers ihre Unschuld betheuert hatten, und qulende Zweifel, ob er auch immer
recht gerichtet, stiegen in ihm auf. Pltzlich erinnerte er sich der Juden, die,
allen Zeugnissen zu Folge, schuldlos und unverdient, - hchstens nur einer
leichten Bung wrdig, im Kerker schmachteten, und an diese Gestalten des
Elends reihte sich eine andre, aus ferner Vergangenheit, ... die blinde Mutter,
die des Oberstrichters Vater in die Flammen geworfen hatte, und bis an seinen
Tod nicht wegbringen konnte von seinem Kopfkissen, wie er oft dem Sohne mit
bitterlicher Reue geklagt. - Wer wei, seufzte der betrbte Richter, .. wer
wei, ob nicht von jener unbesonnen grulichen That das Unheil ausgebrtet
wurde, das mich und die Meinen schon betraf? Wer wei, welch grliches
Verhngni meiner noch im schwachen Alter wartet, wenn ich nicht vergte, was in
meiner Macht steht? - Diesen trbsinnigen Gedanken nachhngend, kmpfte der
Oberstrichter lange mit dem wilden Vorurtheile; ri sich alsdann mnnlich empor,
und begab sich mit einer Hast, als mchte es im nchsten Augenblicke schon zu
spt seyn, zum Thurme, in welchem Ben David und sein Vater schmachteten. Der
Wchter zog achselzuckend ein langes Gesicht, da der ehrsame Herr nach dem alten
Jochai fragte. Mit ihm wird's wohl am lngsten gedauert haben, brummte der
rohe Mensch: seit gestern Abend hat's ihn angefallen, wie ein tdtlich
Gebreste, und mein Schwager, der Scherer am Liebfrauenberge, der den Alten
gesehen, meint, es gehe mit der Judenseele zu Ende. - Der Oberstrichter
entsetzte sich, ohne jedoch ein Wort des Mitleids vor den Ohren des
Kerkermeisters zu wagen. Hat man denn dem alten Manne keine Hlfe gereicht?
fragte er schier gleichgltig. - I wozu, ehrbarer Herr? fragte der Wchter
entgegen: Das Gesindel bedarf keiner Arznei. Der Teufel hilft seinen Jungen
ohnehin, wenn sie nicht sterben sollen, und er holt sie auch in seinen Pfuhl,
wenn's an der Zeit ist. Dann hilft kein Struben, und der alte Schelm von
hundert Jahren fhrt auch gerade zu in die Flammen; so hat der hochwrdige Pater
Reinhold gesagt, der erst vor Kurzem hinwegging. Der verfluchte Hundsjude hat
sich nicht bekehren wollen, und der Pater versichert, da ihm angst und bang bei
dem Snder geworden sey: dermaen habe der Teufel, der in ihm sitzt, geschnauft
und gefaucht und geknurret, so oft der Pfaffe mit Gebet und Beschwrung
angesetzt. - Ist denn der Sohn bei dem Sterbenden? fragte der Richter, und
der Wrter schttelte den Kopf. Das Kopfschtteln begann wieder, als er den
Befehl erhalten hatte, David zu Jochai zu fhren. Gott genade unsern Ohren!
sprach der Brummbr, nach den Schlsseln suchend: das verdammte Volk wird ein
Geschrei und Geklage anheben, da man sein eigen Wort nicht versteht, und es
hilft doch zu nichts. Der Schurke mu dennoch fort. - Der Oberstrichter
wiederholte kalt und bestimmt seinen Befehl, und lie sich indessen Jochai's
Gemach ffnen. Da lag der Greis, ausgestreckt auf einem elenden Lager, das doch
immer im Vergleich mit seinem vorigen modernden Strohbette eine kstliche
Ruhestelle war, - ganz allein, ohne Hlfe, ohne Labung, und nur der Tod war bei
ihm, begriffen in seinem traurigen Geschft. Das Gesicht hatte schon beinahe die
Zge angenommen, die der alte Arzt Hippokrates als die letzten bezeichnet; die
Brust hob sich ngstlich und keuchend, weil in ihr das Leben sich strubte gegen
das Erlschen, whrend schon die Glieder regungslos ruhten, unvermgend, den
armseligen Wasserkrug, der zu Haupten des Bettes stand, an die fieberisch
zitternden Lippen des Sterbenden zu bringen. Der Oberstrichter erwies diesen
Dienst dem Hlflosen, er untersttzte dessen Haupt, und sprach sanfte Worte zu
ihm. Das Labsal der khlenden Tropfen und der milden Rede rief den
Entschlummernden zur Besinnung zurck, und die starren Augen belebten sich
wieder, und sahen in der feindlichen Amtstracht einen Menschen an dem Bette des
Todes stehen. - Der hochgelobte Gott soll Euch vergelten, sprach der Greis,
welcher den Oberstrichter gar wohl erkannte: mich hat berfallen die elende
Zeit, da uns der Herr hinweggehen heit aus dem Leben, und Vershnung befiehlt
mit dem Feinde. - Auch unser Gott nicht minder will Vershnung im Sterben;
entgegnete der Richter mit trbem Blicke und dumpfer Stimme: Vergib meiner
Pflicht, was ich Dir Bses gethan, und fluche meinem Namen nicht. - Da sey
Gott vor, redete Jochai, da ich fluche dem, der meinen Mund genetzt hat mit
khlem Wasser. Genommen sey von Euch jeglicher Fehl und das Vergehen Euers
Vaters, denn ich kann Euch vergeben fr Israel, doch nicht fr den gebenedeiten
Gott, welcher Edom verdammt hat zum Feuer. Ich will aber bitten fr Euch im
Thale Josaphat, so Ihr mir gewhren wollt zwei Bitten. - Sprich! erwiederte
der Oberstrichter. - Jaget den Pfaffen von meinem Lager, versetzte der
Sterbende wehmthig: seine Gtter sind mir ein Grul des Baal, und weil kein
Rabbi stehen kann zu meiner Seite, und keiner von den Freunden, so will ich seyn
allein mit dem Engel, der da bringt das Ende. - Der Oberstrichter nickte, und
der Alte fuhr fort: Sehen mchte ich noch den Sohn, meinen Bechor, und dessen
Tochter, die arme Esther. - Von Esther wei ich nicht, uerte der Richter:
jedoch Dein Sohn, ... so eben bringt man ihn. -
    Man mu den leidenschaftlichen Schmerz der Vlker des Sdens gesehen haben,
um Davids furchtbaren Kummer sich denken zu knnen. Er strebte gewaltsam
vorwrts aus den Hnden der Wchter, die im Begriff waren, ihm die Ketten
abzunehmen, und htte sich mit der ganzen schweren Eisenlast ber den Krper des
Vaters geworfen, wenn man es zugelassen htte. - Endlich, von den Banden
befreit, strzte er an dem Bette nieder auf die Knie, fate die erschlafften
Hnde des Sterbenden, kte sie und den bleichen Mund unter Thrnen und
Schluchzen und stie von Zeit zu Zeit ein Geschrei und eine laute Klage aus, die
man im Munde des Weibes, aber nicht auf den Lippen des alternden Mannes erwartet
haben wrde. Der Ungestm dieses Auftrittes, welchem der Oderstrichter mit
Thrnen im Auge entfloh, um nach dem Hause seiner eigenen Trauer zu kehren, und
zu berlegen was ferner zu thun sey, dauerte eine gute Weile hindurch, und
Jochai schien diese heftigen Schmerzusserungen als den schuldigen Tribut der
kindlichen Liebe hinzunehmen. Endlich verstummte jedoch der allzulaute Jammer in
ngstliches Sthnen, und auch dieses hrte auf, da Ben David das bekmmerte Auge
auf Jochai's erlschendes richtete, gleichsam als wolle er die Augenblicke
zhlen, die noch dem Sterbenden brig blieben. Der Greis begann nun mit
brechender Stimme ein Gebet zu murmeln, in welches der Sohn einstimmte, und das
bald beendigt war. Nun sprach Ben David trostlos und zgernd: Raaf! wirst du
mich segnen, bevor Du hinweggehst, oder wird mein Name verflucht seyn von Dir?
Raaf! Du hast mir gegeben das Leben, und ich habe Dir gegeben den Tod; ach! es
ist wahr geworden, was Du gesagt hast in Weisheit. Du stirbst hin in
edomitischen Banden, und ich hab es verschuldet, da Dein Angesicht bleich wird
ausser Israel und den Htten Jakobs! - Sohn; entgegnete Jochai sanft: So Du
mir httest Gift gegossen in den Leib, wrde ich Dir doch verzeihen, nun ich
sterbe, denn wir werden doch theilen das Paradies mit den verderbten Kindern, da
wir ihnen nicht entziehen das Erbtheil dieser Welt?1 Aber Du bist nicht gewesen
die Schlange der Wildni, und weil mich der Herr geschlagen hat mit Schwche und
Bldheit da ich lebte, so hat er mir verliehen Gewalt und Kraft vor dem Tode.
Ich gehe nicht dahin aus Leid, mein Sohn, ich gehe dahin aus Freude, weil die
Herrlichkeit Israels hat gesiegt, und der Vter Frbitte bei dem Ewigen an's
Licht gebracht unsre Unschuld. Das ist ein freudevoll Hinscheiden, mein Sohn,
und ich verdanke es Dir. - Dankbar prete David die milde Hand Jochai's an
seinen Mund.
    Wir haben gelitten viel; fuhr der Greis mit schwcherer Stimme fort: aber
die Freude ist grer, denn die Qual. Aus Amalek fhrt uns der Weg in's
Paradies, wo der Herr waltet, als oberster Frst und gastlicher Wirth, und den
Behemoth fttert, wie den Leviathan zur Kost der sieben Schaaren der Gerechten
aus Israel2. Mag auch ausgehen die Leuchte unsers Lebens, .. wenn doch nur
strahlt die Leuchte ober unserm Haupte: die Herrlichkeit des hochgelobten
Gottes. Meines Hand ist kraftlos geworden, Sohn, und ich kann sie nicht auflegen
Deinem Haupte, wie die Vter es gethan, aber meine Zunge spricht ihn noch aus,
den Segen, der Dich geleite zum ewigen Leben der Wonnen, zu dem ich vorangehen
will. Finde Gold auf Deinen Wegen, und der Herr strke Dein Gesicht und Deine
Hnde, auf da Du mgest sehen die Stricke Edoms, und gewinnen Deine verlorne
Habe. Der hochgelobte Gott lasse Dich fahren unter die Gerechten, und Deine
Tochter Esther nicht minder. - Ben David seufzte schwer. Jochai fhlte es, und
fuhr, wiewohl eremattet, fort: Gelobe mir, mein Sohn, da Du - so Du wieder
findest unser verlornes Kind, - da Du es erhalten willst auf dem Wege des
Heils. Da sie nicht anhnge einem Goi aus Edom! - Wie soll ich geloben, was
ich nicht kann hindern? fragte David ngstlich: Ich kann nicht legen Fesseln
an ihr Herz, kann nicht machen ungeschehen, was vielleicht schon ist. - So
gelobe mir, sprach der Sterbende mit mhsam erhhter Stimme weiter, sie nicht
zu lassen zu dem verruchten, vermaledeiten Bad, das sie die Wiedergeburt nennen;
halte sie ab, da sie nicht abschwre vor dem Volke den Glauben aus Canaan. -
Schwre, gelobe! setzte er zornig bei, da Ben David zgerte und zauderte:
Schwre, denn dort zu meinen Fen richtet sich schon der Engel des Todes auf.
- Halb ohne Bewutseyn gelobte David, was der Alte begehrte. Jochai beruhigte
sich merklich, und sprach: Der Segen folge diesem Eide, und dem Kinde, das sich
nennt wie das Pflegkind Mardochai's. Und nun, mein Sohn, binde mir auf das
Haupt, um die Hand die Tephilum, da mein Gebein schwach geworden ist. - David
that, wie ihm geheien war. Jochai's Auge wurde wieder starrer, und seine Stimme
verwirrt. Die Seele wird unstt im Leibe, seufzte er unter den Bewegungen des
nahenden Endes: sie durchluft zitternd die Glieder, weil sie bebt vor dem
Engel, der dort steht, und feurige Augen trgt vom Wirbel bis zur Sohle. Hte
Dich, David, da Du nicht gerthst unter das Schwert des Wilden, der dort unten
tanzt wie ein trunkner Fechter. Halte Dich an mich, denn das ist Samael, der die
Seelen nimmt derjenigen, die sterben ausserhalb dem heiligen Lande. Hilf mir,
Sohn! Gib mir die Erde des Herrn, die Du trgst auf Deiner Brust, da ich in der
Heimath sterbe, und der Engel Gabriel meine Seele hole3. - Ben David ri das
Pckchen von der Brust, und schob er unter den Kopf des Verscheidenden, dessen
Blicke noch einmal aufloderten in dem Scheine einer wehmthigen Freude. Gro
ist der Herr! stammelte seine Zunge: gekannt in Juda, und sein Name herrlich
in Israel. Zu Salem ist sein Gezelt, und seine Wohnung zu Zion! Lat uns ihn
preisen, den hochgelobten Gott! - Hier stockte die Zunge des Erblassenden;
seine Augen umdsterte die in's Leben hereinbrechende Nacht; noch einmal ffnete
sich der Mund, und von dem Schwerte des Todesengels fiel der an der Spitze
hngende Galltropfen hinein, von welchem das Angesicht bleich wird, und die
Seele entflieht4. Aber ein guter Engel, der Frst der Barmherzigkeit mute hier
gewaltet haben, weil freundlich das Angesicht wurde und still wie der Friede. -
Ben David zog dem Todten das armselige Kissen weg unter dem Kopfe, strzte den
Wasserkrug um, in welchem vielleicht der Todesbote sein Schwert abgewaschen
hatte; zerri fein Gewand, und warf sich nieder auf dem Boden, wo er trauerte im
Schweigen, oder betete, oder jammernd im Staube sich wlzte.
    In diesem Zustand fand ihn am Abend der Oberstrichter. Die Wahrhaftigkeit
seines Schmerzens hatte selbst die rauhe Brust des Thurmwrters gerhrt, da er
es nicht gewagt, die theure Leiche dem Trauernden zu entreiffen, bevor der
Befehl dazu gekommen seyn wrde. Starr und schweigend, ohne sich zu erheben, sah
Ben David in des Oberstrichters Antlitz, als suche er in den Augen desselben zu
lesen. Die Starrheit seiner Zge milderte sich jedoch, da er nichts als
Mitgefhl in des Richters Blicken wahrnahm. - Stehe auf, David; sprach
derselbe zu ihm: Stehe auf, ich will zu Dir reden. - Herr; versetzte Ben
David: ich darf nicht aufstehen; so will es das Gesetz, weil die Erde ist das
Lager der bittern Armuth, und verschlingt unsern wahren Reichthum. Erlaubt mir,
da ich dem Gesetze folge, und redet zu mir, wie ein milder Herr zu seinem
Hunde. - Steh auf, David, wiederholte der Oberstrichter: mich kmmert nicht
Dein Gesetz; und Du magst es ben an anderm Orte und zu andrer Frist. Denn Du
sollst frei seyn. - Frei? fragte Ben David staunend: Herr! redet Ich auch
wahr und redlich? Schwer ist die Kette, aber sie wird schwerer, denn die Welt,
wenn man versprach, sie zu lften, und nicht dem also thut. - Ich lge Dir
nicht; erwiederte der Oberstrichter ernst: Du sollst frei seyn. - Frei?
wiederholte Ben David noch einmal: hab ich's doch ganz verlernt, wie man ist
frei. Gehen in freier Luft, ohne Bande, schlafen unter freiem Dache, ohne
Schmerz und Sorge? Versteh ich Euch? und hat der Rath endlich erkannt die
Wahrheit?
    Er hat sie erkannt; sagte der Oberstrichter: der Schurke Zodick ist
flchtig gegangen, und Werkzeuge seiner mrderischen Frevel hat man in seiner
Wohnung gefunden. Was den abscheulichen Menschenhandel betrifft, den Du
getrieben, so will der Rath Gnade fr Recht ergehen lassen, in Rcksicht auf die
bse Zeit, die ihr, auf Mord und Raub beklagt, ausgestanden habt, damit nicht
gesagt werde, wir htten Euch ungerecht behandelt. Allein, da es sich doch nicht
geziemen wrde, da ein von einem Betrger irre gefhrter Richterstuhl bekenne,
da er sich bereilte, und die peinliche Rathbank nimmer darauf eingehen wird,
sich gegen einen Juden ferner zu erklren, so fiel der Schlu dahin aus, da Dir
zwar die Thren des Kerkers geffnet werden sollen, jedoch ohne ffentlichen
Freispruch; da die Dokumente dieses Handels vernichtet werden mgen, und Du
binnen sechs Jahren verbannt bleibest aus dieser Stadt und ihrem Weichbilde, bei
Verlust der Ohren und des rechten Daumens, so Du Dich wieder betreten lieest,
binnen der aufgegebenen Bannfrist. Diese Pn magst Du hinnehmen, als Vergeltung
fr den Kauf eines Christenknaben. Im brigen danke der Milde des Gerichtes, und
entferne Dich noch disen Abend. - Herr! versetzte Ben David nach langer
berleguug: Es mte nicht gelten die Freiheit, wenn ich nicht annhme Euern
Antrag. Aber der Bann, der Bann macht mich zum Verbrecher. Mein Haus wird
verfallen, Gras wachsen vor meiner Thr, meine Freunde werden mich suchen, und
fragen: Wo ist er hingegangen, da wir ihn nicht finden? Und meine Tochter,
mein Esterchen! Herr! ich werde doch nicht knnen fort. - So mu ich Dich mit
Gewalt wegbringen lassen; entgegnete der Oberstrichter gleichgltig: und wehe
dann Deinem Kopf und Deiner Faust, im Falle des Wiederbetretens. - O Herr!
seufzte der Jude: Ihr seyd grausam in Eurer Barmherzigkeit. Und doch ist ein so
herrliches Gut die Freiheit! Ich wollte gerne gehen, ob ich gleich nackt bin,
wie ein Bettler, arm wie das Kind das eben zur Welt gebar der Schoo des Weibes.
Denn ich habe nicht vergraben Schtze, ich habe nicht verborgen mein Gold. Meine
einzige Habe ist ein elend Geschrifft, das der Wind mag zerstckeln, und
vielleicht schon weggefhrt hat die Fluth. Dennoch wollte ich gehen hinaus in
die Welt, um zu seyn frei; ich wollte legen den Schlssel meiner Thr in die
Hnde des Nachbars, und aushalten den Baun, mit dem Brandzeichen des
Verbrechens, und zu suchen, und wieder zu finden mein Kind; aber diese Leiche,
... mein Vater .... ich kann sie doch nicht tragen auf meinen Schultern davon,
und was wird aus ihr werden? Soll sie doch jetzt schon ruhen in der Erde, weil
der Herr befiehlt, da die Trauer nicht schlafe ber Nacht im Hause. Was
geschieht aber mit ihr: Werdet Ihr sie auf den Anger werfen lassen, oder in den
Flu? Wehe, wehe ber Israel und seine Schmach! Mein Herz wallet mir im Leibe,
denn mein Elend ist gro! - Beruhige Dich, versetzte hierauf der
Oberstrichter: Deine Glaubensgenossen sollen Morgen den Todten von hinnen
holen, und ihn nach ihrer Weise bestatten drfen; bei meinem Eide! - Da ging
Ben David hin zu der geliebten Leiche, bckte sich ber sie, und fragte: Raaf,
wirst Du Zorn fhlen gegen mich in Deiner unstten Seele, wenn ich nicht
aushalte hier die Tage der Trauer? Ich will mich ja aufmachen, zu suchen meine
Esther, - das Kind, das Du geliebt, das Kind, das Du getragen hast in Deinem
Herzen, wie in Deinem Arm. Ich will, ein Verbannter, aufsuchen das Land, wo
Deine Htten stehen, Jakob, und das Gesetz gelehrt wird. Ich will dort die
doppelte Zeit hindurch fasten und beten, und sitzen auf der Erde mit zerrissenem
Gewand. Zrne mir jetzo nicht, ich darf ja nicht beerdigen Deinen Leib, ich darf
ja nicht folgen Deinen Gebeinen zur Grube. Verzeihe mir, Raaf, dem das Paradies
sey, und lebe wohl! - Er kte noch einmal zrtlich und ehrerbietig die Stirne
und den Mund des Todten, drckte ihm die Augen zu, und band die Tephillum des
Haupts darber. Dann breitete er ein Tuch ber das erblate Gesicht, und wendete
sich zu dem Oberstrichter mit den Worten: Befehlt, ehrsamer Herr, ich will
gehorchen. - So gehe hin, sobald der spte Abend dmmert; sprach der Richter:
Der Kerkerknecht wird Dich nach Sachsenhausen hinber geleiten. Dort magst Du
weilenbis Morgen. Mit dem frhesten des Tages jedoch schttle den Staub von
Deinen Schuhen, und wandre, wandre weit von hier. Dem erbarmenden Gefhle in
meiner Brust habe ich genug gethan, da ich Dich losgebettelt habe bei dem Rathe.
Zwinge mich nicht, Deine Strafe aussprechen zu mssen, und halte Deinen Bann. -
Schon dmmert der Sptabend; entgegnete Ben David langsam, durch die Fenster
schauend, auf die nchsten Huser, in welchen die Lichter angezndet wurden:
Das Brckenthor wird bald gesperrt werden; ich will daher jetzt gehen, Herr, so
Ihr befehlt. - Der Wchter erschien mit Licht an der Thre, und der
Oberstrichter machte sich auf, das Zimmer zu verlassen. Ben David that einige
Schritte, und blieb dann wie eine Bildsule stehen. Ist mir doch, stammelte er,
als ob michs hielte bei den Haaren und Salomon's Ring mich festbannte, da ich
nicht kann fort! - Fasse Muth, Jude, - antwortete der Oberstrichter hierauf:
Die Freiheit winkt. Spare die ungemessene Trauer. Der alte Mann stand lange
schon am Ziele seines Lebens, und der Vater stirbt vor dem Sohne nach dem Laufe
der Natur. Mich beklage, denn ich gehe von hier zum Sarge meines Erben! - Ben
David gedachte seiner Shne, wendete mit dem schmerzlichsten Seufzer den Kopf
noch einmal nach dem Entschlummerten, und folgte alsdann, sich wie in der
Verzweiflung losreissend, dem Kerkerknecht. - Der Mann warf ihm, whrend sein
Gehlfe dem Richter des Thurmes Thre ffnete, ein wollnes Wamms zu, und sagte:
Das schickt Dir die Barmherzigkeit der verrckten Dirne, die des getauften
Schurken Frevelthaten an das Licht gebracht. Die Jacke war fr den Alten
bestimmt, doch kommt sie Dir jetzo auch zu gut, so wie diese Flasche Wein, die
von derselben Geberin geschickt worden ist. Die nrrische Dirne hat Euch schon
frherhin, da Eure Leute sich nicht um Euch bekmmerten, manchmal Wein
geschickt, und er hat, - wenn gleich nicht koscher - Euern Judengurgeln wohl
geschmeckt. Da, nimm auch diesen. - Was soll mir Wein? fragte Ben David
bitter lchelnd: Ich bin getrnkt mit Sorge und Bangigkeit. Trinke Du, mein
Freund. - Lieber Pech und Schwefel; erwiederte der grobe Knecht: lieber des
Teufels heiesten Trunk, als Rdesheimer, der schon einmal fr jdische Ketzer
bestimmt ist. Darauf haftet schon der Fluch. Trink, und dann komm. Ich wrde
Dich an die Leine nehmen, wie der Schlchter das Schwein, euern Erbfeind; aber
ich schmte mich, wenn mich in der Dmmerung ein Mensch in Deiner Gesellschaft
erkennte. Darum will ich Dir erlauben, frei vor mir zu gehen, und ich zhle auf
Deine schwachen Beine, da Du mir nicht in der Stadt entkmmst. - Ben David
antwortete nicht auf die pbelhaften Beleidigungen, zwang sich, einen Zug aus
der bersandten Flasche zu thun, und folgte, nachdem er seine zitternden Glieder
mit dem warmen Wamms bedeckt, seinem rohen Fhrer, der ihn auf der Gasse
vorschreiten lie, um ihn im Auge zu haben. Er trieb den armen geschwchten
Juden hastig an, und brummte ohne Aufhren vor sich hin, da er die Gnade des
Magistrats nicht begreife; da er es vorgezogen haben wrde, den berlebenden
Juden wo mglich zweimal verbrennen zu lassen, damit ihm die Strafe des
Gestorbenen zu gute komme; und da die Juden das schlechteste, aber auch
zugleich das glcklichste Gesindel von der Welt seyen, dem Herren und Frsten
allzugndig gar Vieles durch die Finger shen. Am Brckenthor angelangt, wo
schon die Pforten gesperrt werden sollten, schickte er seinen Begleiter unter
derben Flchen zum Teufel, und befahl den Wachen an, dem Juden, falls er sich
heute noch herber wagen wollte, mit der Hellebarte die Nase aus dem Gesicht zu
hauen, und ihn zu weiterer Bestrafung, einzufangen. - Ben David hatte indessen
vllige Freiheit, zu gehen, wohin er wollte. Wankend vor Schwche schritt er
durch die Haufen der nach Sachsenhausen kehrenden Handwerker hin, und er, dessen
Schicksal eine geraume Zeit hindurch auf allen Zungen gewesen war, blieb
unbemerkt und unbeachtet. Der Rath htte kein besseres Mittel whlen knnen,
allem Deuteln des Pbels wie der Bessern auszuweichen, als den mihandelten
Juden gerade um diese Zeit wegweisen zu lassen. Ben David suchte auch nicht,
sein Schicksal Jemand mitzutheilen, oder sein sehr kennbares Gesicht bei Lichte
zu zeigen; dehalb setzte er sich, da feine Mattigkeit ihm nicht erlaubte,
weiter frba zu ziehen, in einen entlegenen Winkel der Gasse, in welcher die
Maternuskapelle lag, ein unausgebautes, seit bald fnfzig Jahren de und wst
stehendes Kirchlein, das dem Mden wohl ein besseres Obdach gegeben htte, aber
als eine christliche Tempelsttte, schon mit dem Namen eines heiligen Patrons
begabt, von dem gewissenhaften Juden nicht zum Schlummerplatz erwhlt wurde. -
Die Gedanken, die einen betrbten Sohn und noch betrbtern in alles Ungemach des
Lebens und der Armuth herausgestossenen Vater qulen, belagerten auch die Sinne
des unglcklichen Ben David, und verwehrten dem mildernden Schlummer allen
Zugang zu dem Gepeinigten. Wohin sollte er sich jetzt wenden, um das verlorne
Kleinod seines verbitterten Lebens aufzusuchen? Wohin hatten die wilden Reiter,
von denen Judith sprach, die bedauernswerthe Esther entfhrt? Und wenn er das
Kind seiner Tage wieder in die Arme schlo, welche Schande weilte nicht
vielleicht im verborgenen Hintergrunde? Seine grausame Einbildungskraft stellte
die ganze wunderliebliche und verfhrerische Gestalt der Verlornen vor seine
Augen, und bekmmerter hob sich seine Brust, denn so viel Liebreitz konnte
nimmer der Gefahr entgangen seyn. O Gott meiner Vter! seufzte er aus dem
Grunde seines Herzens in die rings um ihn still gewordene Nacht hinaus: O Du,
der Du gemacht hast die Sterne, die dort oben funkeln in der Krone Deines
Haupts! Wie liege ich doch hier, so geplagt und gepeinigt, wie ein von Deinem
Angesichte Verstossener? Ich bin unglcklicher, denn der arme Mann Job und der
Bettler vor der Thre des Reichen. Ich habe gehabt Geld und Gut, ich habe
gepflegt einen greisen Vater, ich wurde bedient von einer geliebten Tochter; ich
habe hinausgeschickt in die Fremde zwei Shne, zu werden der Stolz meiner Tage,
und meine Freude im Tode. Weh mir! weh mir! was ist geworden aus diesem
Reichthum? Wahrlich, wahrlich; auch gegen mich hat sich der Schrecken gekehrt,
und hat verfolgt wie der Wind meine Herrlichkeit, und wie eine laufende Wolke
meinen glckseligen Stand. Das Schwert hat gefressen den einen meiner Shne;
abgefallen ist der zweite von dem Gesetze seiner Vter. Geschieden ist mein
Vater in den Banden der Knechtschaft, und verstummt ist unter dem Himmel die
Klage meiner Tochter. Wo ist sie, die blhende Rose aus meinem Garten? Ach, sie
ist vergangen wie ein Schatten, und von dannen gerafft worden, wie meine Habe,
und betteln mu ich mein Brod vor den Htten Jakobs, oder den Wohnungen Amaleks,
das mir den Tod wnscht, statt Gedeihen, weil ich hnge an dem Gesetz, an Deinem
Gesetz, hochgelobter, gepriesener Gott! weil ich mich nenne nach Israel, das Du
geweiht hast vor allen Vlkern der Erde. Gerechtigkeit war mein Kleid, mein
Recht der frstliche Hut meines Haupts! Hast Du denn so gar groe Snde gefunden
an Deinem Knecht, o Herr, da Du ihn schlgst mit Deinem unendlichen Zorn? oder
willst Du prfen, ob ..... Das leise Flstern der bebenden Lippen verlosch in
lauschende Stille, denn Gestalten, wie die Schatten der Nacht in dstre Gewnder
gehllt, eilte unfern von dem Platze des Juden vorber. Gingen ihrer gleich
mehrere zusammen, so wurde dennoch kein Wort gewechselt, und dieses schnelle und
ganz geruschlose Vorbertreiben der nchtlichen Wanderer machte nicht auf Ben
David allein einen unheimlichen Eindruck, denn ein guter Brger, welcher
gegenber, vielleicht der letzte Wachende in seiner ganzen Strae, beim dstern
Lampenschimmer am halb geffneten Fenster sa, schlug bei obigem Anblick mit dem
halblauten Rufe: Ach Jesus Maria! das Fensterlein zu, und lschte schnell den
Lichtschein, um scheu in sein Lager zu kriechen. - Ben David, mit
Gespensterfurcht wenig bekannt, sah in den verhllten Leuten keine Schrecknisse
des Grabes; wohl aber erinnerte ihn seine Vernunft gar bald an das im Finstern
waltende Gericht, das von Zeit zu Zeit auf Sachsenhausens Boden gehegt wurde,
und von dem Volke gefrchteter und gehater war, als von den Juden, die nicht
vor die heimliche Acht gezogen wurden. Diese Freiung sicherte indessen diese
Letztere nicht vor unglubiger Mihandlung, so sie in dem Umkreise der
Vehmsttte als lauschende und neugierige Spher aufgefunden wrden, und, um von
den hin und her schweifenden Vermummten nicht ertappt zu werden, versuchte Ben
David, trotz seiner Erschpfung, von dannen zu schleichen, als eine bekannte
Stimme, die sich in geringer Entfernung hren lie, ihn neuerdings vermochte,
sein Ohr aufzuthun, und zu verharren. Bis hieher, und nicht weiter; sagte eine
Stimme freundlich: hat anders die Sage des Pbels einen Grund, so mu ich im
Bereich der Maternkapelle meine Leute finden. Habe Dank, da Du mich bis hieher
geleitet, denn, da ich hier der Feinde so viele und mchtige zhle, wird mir
bald selbst vor Meuchelmord bange.
    Wer wei, ob Ihr nicht einem hnlichen Schicksale entgegen geht;
antwortete eine andere Stimme: Seht, guter Dagobert, ich mchte Euch gar zu
gerne wieder mit mir zurck nehmen nach der Stadt. Lat das Wagstck bleiben,
und geht in's Kloster, oder in die Fremde auf Abenteuer; dann lassen Euch die
Finsterlinge ungeschoren! - Wahre Deine Zunge; entgegnete Dagobert: hier ist
die Luft nicht rein; und von meinem Vorhaben bringst Du mich nicht ab. Um Deines
freundlichen Geleits willen jedoch verzeihe ich Dir, da Du mich so feig in
Deinen bsen Handel verwickeln wolltest, und nehme all meinen Groll zurck. -
Ihr habt gut reden, Junker; versetzte der Andre, - Gerhard von Hlshofen: -
und Ihr selbst httet alsobald dem ganzen Ding eine andre Wendung geben knnen,
httet Ihr die Augen bei Euch gehabt, und den Jungen als Euern Bruder erkannt.
- Du hast Recht; sprach Dagobert mit einem Seufzer, nach kurzer Stille: 's
ist meine Schuld. Mir war der Knabe fremd. Geh aber jetzt mit Gott von dannen.
Mir ist, als stnde ich in einem Zauberkreise, und keinen Zweiten mcht' ich in
mein Geschick verwickeln. Frage morgen im Einhorn nach mir; bin ich am Leben
noch, so wollen wir einen Valettrunk halten, trotz dem im Rosengarten zu Worms,
denn mir ist Vaterhaus und Vaterstadt verleidet, und ich will fort. Bei dieser
Gelegenheit magst Du ber Deinen langen Vollbrecht staunen. Die Kost in meinem
Dienste schlug dem Burschen trefflich an, und er beginnt, Dir's gleich zu thun.
- Ihr knnt noch scherzen, sprach Gerhard: und mir pocht das Herz wie einem
armen Snder! Ein gut Gewissen mag ein wackrer Harnisch seyn, allein .... -
Das ist es auch; meinte Dagobert: noch einmal, geh! Komm ich nicht wieder, so
gr' den Vater und den Lehrer Johannes, und nimm mein Pferd, das Beste meiner
Habe. Leb wohl aber jetzt. - Ein Handschlag noch, und fort eilte der Begleiter.
Dagobert sah sich unschlssig auf der Kreuzstrae um, und brummte in den Bart:
Am besten ist's, ich warte hier, bis man mich ausgewittert. Ist's denn wohl der
Nachtthau, der meine Augen feucht macht, oder etwas Besseres? Der plumpe Wicht
sogar htte mich bald weich gemacht, und an den Vater, und an sie will ich gar
nicht denken, sonst heule ich den unbekannten Herrn etwas vor, statt wie ein
Mann zu reden. Und wahrlich, dieses Letztere zu thun, ist Noth, denn dort
gilt's, wie es heit. In Gottes Namen, und im Namen der Dreifaltigkeit: ich bin
gefat. - Er schlug den Mantel fester um die Schultern, und blickte scharf nach
der Seite, von wo sich etwas gegen ihn bewegte. Den linken, in den Mantel
gewickelten Arm vorgehalten wie ein Schild, und die rechte Faust am Griffe des
kurzen Schwerts, das an seiner Seite hing, rief er dem Nahenden fein: Wer geht
da? entgegen. Statt der stumpfen Stimme eines harrenden Freifrohnen redete ihn
jedoch Ben David's Stimme an, die er alsobald erkannte; erschrocken rief er ihm
zu: Unglcklicher, woher kmmst Du? was willst Du hier? Rede, oder besser:
fliehe! Man bringt Dich in Deinen Kerker zurck, oder die Diener der Acht
schleudern Dich in den Main, so Du nicht eilig auf und davon gehst! - Ich bin
nicht entsprungen, Herr! erwiederte der Jude schwerathmend und demthig: ich
will weiter wandern jedoch, um zu retten mein armselig Daseyn fr mein Kind.
Doch, eben dieses Kind ... Herr, ... Ihr habt es gekannt, ... Ihr habt es
beschtzt ... Ihr habt es vielleicht geliebt, wie ein Edelmann nicht soll lieben
eine schlechte Jdin. - Ben David! rief der Junker halb zrnend, aber der
Jude lie ihn nicht weiter sprechen, sondern fuhr fort: Hab' ich gesagt eine
Lge, so verzeiht mir, und der liebe Gott wird es nicht minder thun. Und htte
ich gesagt die Wahrheit, und wr Esther geworden ein Spiel Eurer Mue und Eures
raschen Bluts, ... Herr, ... ich mu Euch vergeben, da Ihr ein Christ seyd, und
ich nur ein elender Jude; aber ich will auch vergeben, wenn Ihr barmherzig seyn
wollt, und mir nur einen Wink gebet, wo ich sie wiederfinden kann, das Licht
meiner Augen, - den Stab meiner schwachen Hand. - Aber, was rede ich? setzte
er hinzu, da Dagobert noch vor Bestrzung schwieg: Ich bin ein Thor; bldsinnig
bin ich geworden, und vergelich wie das Hirn eines alten Weibes. Wei ich denn
nicht, da der verfluchte Zodick sie geraubt aus Euerm Gewahrsam, .... da sie
geworden ist eine Beute des Kriegsvolks? ... Weh mir! weh mir! wehe geschrieen
ber mich und Israel! -
    Der arme erschtterte Mann war im Begriff, in laute Klagen auszubrechen und
mit seinem Jammer Nacht und Nachbarschaft aufzustren. Dagobert hatte
besorgliches Mitleid mit den Vater seiner Esther. Fasse Dich; sagte er
eindringlich zu dem Winselnden, indem er ihn mit starker Hand emporhielt: Du
strzest Dich in's Verderben durch Dein zweckloses Gewimmer. Deine Furcht ist
grundlos. Esther ist in Sicherheit; Gott und ich - wir haben sie nicht
verlassen. Du wirst mich besser kennen lernen. - Engel, Frst der
Barmherzigkeit! stammelte der froh berraschte Vater, Dagobert's Hnde kssend:
Ihr habt Segen gepflanzt auf meinen dunkeln Weg, l gegossen in die Wunden
meines Grams. Erfllt das Maa Eurer Menschenliebe .... zeigt mir den Weg zu
Esther. Besorgt nicht, da ich sie reie mit mir in's Unglck. Ist sie Euer
Eigenthum geworden; wie der Knecht das des Herrn, ich raube sie Euch nicht, ...
ist sie geworden Euer Gut, wie das Lieb des Buhlen, ich verfhre sie Euch nicht;
aber letzen mu ich mich mit ihr, damit ich hinfahren knne in Frieden.
    Merke auf; versetzte Dagobert schnell und bewegt: Morgen schon magst Du
im Arme Deines Kindes liegen. Unfern von der Stadt Friedberg liegt das Drninger
Schlo, und in dem Walde, der das Ritterhaus umgibt, steht, eingehgt wie das
Veilchen im weitverbergenden Wieswachs, die Forsthtte des Schlosses. Darin
haust Esther, dort magst Du sie finden, und mein in Frieden gedenken, sollte ich
nimmer dahin zurck kommen. Geh' aber jetzt, Alter, denn sicher bleibt diese
Sttte nicht mehr lange leer. - Er ri die zwar nicht berflssig gefllte
Brse vom Grtel, und drckte sie dem Freudevollen in die widerstrebende Hand.
Mit dankbarer Inbrunst kte Ben David den Saum seines Mantels, stammelte die
Worte: Herr des Lebens! Herr der Gnade! Und Dich konnte ich nennen grausam?
und lief, ohne ferner zu verweilen, fort gegen das Gatterthor zu, das aus
Sachsenhausen einen Ausweg darbot, und seine Flgel vor der Freigebigkeit des
eiligen Wandrers willig ffnete. - Die Begierde, ber den Strom zurck zu
kommen, strzt vielleicht den armen Mann in die Fluthen, ehe noch das
Morgenlicht den Schiffer weckt, die Fhre zu rsten! sagte Dagobert vor sich
hin, und schritt mit aufmerksamem Ohre hin und her. - Es dauert lange! fuhr er
nach einer kurzen Stille fort: wte ich nur ein Mittel, mich den Herren
bemerkbar zu machen; denn gehegt wird heute. Die schwarzen Vgel strichen schon
an mir vorbei. - Indem er nun mit verschrnkten Armen zu den Sternen emporsah
in ungeduldiger Erwartung, und in der schmerzlichen Erinnerung an die Ferne,
Ersehnte, - fiel ihm ein Lied ein, das zu jenen Zeiten im Munde aller
gefhlvollen oder minneholden Jnglinge war; und da dessen einfach rhrender
Inhalt sich vollkommen nach dem Zustande seiner innersten Seele richtete, so
sang er es vor sich hin mit halblauter Stimme, damit wieder Ruhe und Fassung in
seine Brust kehrte:5 Vom Vaterland, so fern so fern, - hat mich erkannt der
Abendstern, - und lacht mich an; ich kenne Dich, und Deine Bahn; hier siehst
Du mich! -
    Nachdem er diesen ersten Vers vollendet, und sein Herz in neuer Kraft
aufschlagen fhlte, war es ihm, als ob sich unfern von ihm wieder etwas regte.
Er lauschte; das Gerusch hatte aber aufgehrt. So begann er denn den zweiten
Vers des ermunternden Liedes: Ich blick' Dich an, ach Abendstern, auf Deiner
Bahn, so nah und fern, Wie freu' ich mich, Dich hier zu sehn; Du kannst -
nicht ich, zum Liebchen geh'n. - Zum Liebchen gehn! wiederholte er
schmerzlich, und hielt die Hand vor die thrnenden Augen. Neben ihm lie sich
indessen eine freundliche Mannsstimme vernehmen: Habt Dank, guter Geselle: Euer
Lied kam von Herzen, und ging auch zu Herzen. Gott segne den wackern Snger, der
es machte, und lasse es ihm wohl gehen; se er auch in Schmach und Elend, ...
vergngt mte er seyn, da die Dichtkunst und die liebliche Musika ihm dienen,
und sie sind beide gar holdselige Engelein. -
    Dagobert schaute verwundert auf den Nachbar mit der leisen gemthlichen
Rede, und wre fast erschrocken, da er in demselben einen kleinen verkappten
Mann wahr nahm, ber dessen Haupt die Kaputze eines dunkeln Mantels tief
herabfiel. Ich mu Euch aber jetzo bitten, sprach der Mann weiter: diesen
Platz zu meiden. Es wird hier herum die kaiserliche beschlossene Acht gehegt,
und wir haben Fug und Recht vom Kaiser, hier nur Geladene zu dulden. Ich hab'
Euch nur das Liedlein wollen vollenden lassen, und denke, Ihr werdet ohne Sumen
heim gehen. - Ei, mein Freund, antwortete Dagobert fast lustig und
wohlgemuth: ich bin ja ein Geladener, und wenn Ihr, wie ich denke, ein Diener
der Heimlichen seyd, so thut mir die Liebe, mich hinzufhren, wo man meiner
bedarf, denn es ist nicht eben frhlich, hier das Grab umsonst zu hten6. Die
Stunde ist spt, und vom Main weht keine sommerliche Luft. - Der kleine Mann
warf sich bei diesen Worten etwas in die Brust, und fragte nach dem Namen des
Andern. Als derselbe sich genannt, staunte der Frohn ein wenig. - Ihr seyd
allzufertig, Junkher Frosch; sagte er mit einer Art von Verbeugung: Nur ein
gut Gewissen stellt sich, ohne die dritte Ladung abzuwarten, vor die Schranken.
Glck auf, Herr, und folgt mir. Ich will hoffen, Euch wohlbehalten wieder hieher
zurck zu bringen. - Gott geb's! versetzte Dagobert: Schreitet voran, Ihr
da; ich komme nach. - Erlaubt, da ich Euch mit diesem Tuche die Augen
blende; entgegnete der Frohn: wir haben nicht weit zu gehen, und der Gebrauch
will es so. Auch Eure Waffen gebt mir, falls Ihr deren bei Euch tragt. -
Dagobert besann sich ein wenig; dann sagte er: Und warum denn nicht? Mein Recht
bedarf keines Schwerts, und die schwache Klinge wrde nicht der Gewaltthat
Vieler sich erwehren knnen. - Er reichte dem Frohn die Waffe, und lie sich
geduldig das Antlitz verhllen, worauf ihn der Frohn bei der Hand nahm, und
behutsam mit ihm voranging. - Wre ich Freigraf und Schppenbank in Einem,
wisperte der Kleine dem Jngling zu: so htte ich Euch schon dort auf dem
Kreuzwege freigesprochen; denn ein Mann, der solche Liedlein singt, und singt,
wie Ihr es thut, .. der hat nimmer einen Frevel im Schilde gefhrt. - Ihr habt
viel Vertrauen, obschon Ihr zu den Heimlichen gehrt; meinte Dagobert: knntet
Euch wohl irren. - Nicht doch; versetzte der Frohn: ich kenne Euch auch
nicht erst seit heute, und schon, da Ihr mit Singen aufhrtet, und zu sprechen
begannt, hab' ich wohl gewut, wer Ihr seyd. Ich kenne Euch recht gut und Euer
Haus. - Ei, so soll mich Gott! .. sagte Dagobert, im Gehen inne haltend: Ihr
seyd mir auch nicht fremd, und manches Stiefelpaar hat mir Eure Hand gefertigt,
Meister Freudenberger, wenn mich meine Ohren nicht abscheulich hinters Licht
fhren. - Pst! antwortete der Andere, und weiter nichts. - Wie kommt denn
Ihr, der frhliche Meister und kunstgerechte Chor- und Stubensnger, - wie kommt
Ihr unter diese Eulen der Nacht? fragte Dagobert theilnehmend weiter. Der Frohn
drckte ihm aber rasch die Hand, und flsterte: Stille, um des Himmels Willen.
Wir sind unfern dem Stuhle, und haben nur das Zeichen zu erwarten. - Lautlos
standen Beide stille, und nachdem verschiedne Stimmen, brummend und flsternd an
ihnen vorber gegangen waren, geschahen unweit von ihrer Sttte sieben
Hammerschlge auf ein drhnendes Brett, und mehrere Menschen kamen heran. Ben!
rief der Eine, mit viel Frohsinn in dem Ausdruck seiner Rede: 's hat hart
gehalten, aber, Gott sey Dank; Recht ist Recht geblieben. Wie wird sich meine
Mutter freuen, wenn ich wohlbehalten nach Hause komme. Sein ferneres Geplauder,
wie eine Mahnung der Begleiter sich ruhig zu verhalten, verscholl in der Weite.
- Dieser Mensch hat's glcklich berstanden; dachte Dagobert fr sich: die
Vehme scheint also nicht aus eitel Bluthunden zu bestehen; darum Muth, Freund
Dagobert. Muth und offnen Helm! -
    Rasch fhlte er sich nun fortgefhrt; sein Fu betrat glattes Steinpflaster;
er hrte ein Gerusch um sich summen, wie Reden aus dem Munde Vieler, die sich
an den Bogen eines Gewlbes brechen. Der Frohnbote hie ihn stille stehen, und
nahm ihm die Verhllung von den Augen. Dagobert erkannte angenblicklich die
Maternuskirche als die Sttte des heimlichen Gerichts. Auf den Stufen, den Altar
zu tragen bestimmt, war eine schlichte Tafel errichtet, hinter welcher der
Freigraf auf einem Stuhle, die sieben ihn umgebenden Schppen auf niedern Bnken
saen. Vor dem Erstern lag ein Schwert und der Zweig einer Weide. Hinter den
Sitzen der Richter standen und saen theils einzeln, theils in mannichfachen
Gruppen, eine Anzahl von Mnnern, deren sorgfltige Verhllung, jener der
Richter gleich, andeutete, da sie mit zu den Wissenden gehrten, ob als
Frohnboten, oder als echte und rechte Schppen, jedenfalls ohne an dem Gerichte
thtigen Theil zu nehmen. Um den Vorgeladenen standen einige Diener des Gerichts
in bescheidentlicher Entfernung. Zwei Lampen, von welchen die eine an der Thre
gehalten wurde, die Andre vor dem Grafen stand, leuchteten in diesem dstern
Bau. Die Unterredung der im Kreise Sitzenden dauerte mit Lebhaftigkeit fort, bis
endlich der Frohnbote den Freigrafen bescheidentlich erinnerte, da der
Vorgeladene des Weitern harre. Ein Schlag auf den Tisch stellte die Ruhe her.
Aller Augen richteten sich - unter den bergenden Kaputzen hervor - auf den
Jngling, dessen Ruhe und Sicherheit in dem Maae zunahm, als er mehr und mehr
gewahr wurde, mit welcher Sorglosigkeit die so gefrchteten Richter ihr Geschft
betrieben. - Der Freigraf erhob zuerst seine Stimme, und sprach: Ich frage
Dich, Frohne, ob es noch wohl an der Zeit seye, in Statt und Stuhl unsers
allergndigsten Herrn, des rmischen Kaisers, da ich ein Gericht und heilig
Ding hege, zu richten unter'm Knigsbanne. - Der Frohne antwortete: Sintemalen
Ihr von der Freigrafschaft, und von der leiblichen Hand des rmischen Knigs Fug
und Recht zu hegen empfangen habt, so mgt Ihr noch immer thun zu Rechten an
diesem Beklagten, Geladenen und Gegenwrtigen. - Hierauf wurde dem Jngling
abermals das Haupt verhllt; dagegen enthllten Freigraf und Schppen ihr
Antlitz, und entblten ihre Hupter. Sie legten die Mntel zurck auf die
Schultern und warfen die Handschuhe ab. In Aller Namen sprach der Freigraf die
Worte: So hege ich denn ein Gericht und billig gefeimtes Geding unter'm
Knigsbann, auf des Knigs Bank, Sttte und Stuhl mit diesen echten, rechten
freien Mnnern des Knigs, und frba mit diesen andern Freischppen; wie sich's
mit Recht gebhrt unter'm Knigszwang und bei der hchsten Strafe des Strangs.
- Die Richter verhllten sich wieder, setzten sich, und dem Geladenen wurden die
Augen freigegeben. Nach den Eingangsfragen, aus welche Dagobert mit harmloser
Unbefangenheit antwortete, kam die Reihe im schnell und oberflchlich gefhrten
Verhr auf die Missethaten, deren der Vorgeladene von einem Wissenden
beschuldigt worden sey. Dagobert's Herz emprte sich bei der Aufzhlung der
Verbrechen, die ihm zur Last gelegt wurden, aber diese edle Zorn bermannte
nicht das Bewutseyn seiner Unschuld, und raubte ihm nicht die Sprache des
khnen Mannes, der sich stark und krftig gegen solche Unbill vertheidigt. Mit
hinreiender Beredsamkeit schilderte er den Unbekannten seines Lebens klaren
Weg; wie ihm ein gesundes, gutes Herz stets das hchste Kleinod gewesen, wie er
immer seine Eltern geliebt und geehrt, - wie er selbst die Stiefmutter, die ihn
gehat, so kindlich behandelt, da sie endlich seine vertrauende mtterliche
Freundin geworden. Er sagte klar und frei heraus, wie Wallrade ihn stets
verfolgt und gehat, wie er ihr freundlich die Hand geboten, doch ohne Erfolg.
Er sprach von der nothwendig guten Beziehung, die Judith's letzte Aussagen, und
die Kunde vom Aufenthalt Wallradens auf seine Sache haben mten.
    Ich habe also nicht des Vaters Leben einem Mrder verdungen; sprach er:
ich habe nicht die Schwester in Rubers Hand geliefert; ich habe keinen Theil
an dem Verkauf des Knaben Johannes gehabt. Die Vernunft spricht mich frei davon.
Wird es mir, erleuchteten und weisen Mnnern gegenber, schwer fallen, meine
Unschuld in den brigen Anklagen zu beweisen? Nicht die That steht mir zu diesem
Endzweck zu Gebote; nur das Wort. Aber auch nicht die That kann man als Beweis
gegen mich aufbringen; nicht das Wort. Mein Wandel war unstrflich bis hieher.
Ich habe meinen Vater stets geehrt, und geachtet seine grauen Haare. Ich habe
ihm nicht den schlechtesten Pfenning entzogen, und sollte mich an dem hchsten
Schmuck seines Hauses, an dem Herzen seines geliebten Weibes zum Diebe gemacht
haben? Die abscheulichkeit kann nur aus dem Grunde einer verlumderischen Brust
kommen, und ich verachte sie als Mann und als Christ. Die letzte Beschuldigung
endlich, ihr Herren des Vehmgedings, ist nicht minder ungegrndet. Buhlschaft
unterhalten mit einer Jdin, und dadurch zum Ketzer werden? Wer zeiht mich
dessen? Ich habe die arme verlane, von der Welt gehate und verachtete Dirne in
meinen Schutz genommen, ohne strfliche Absicht. Ich halte sie verborgen vor
ihren Feinden, und bin frhlich, da es mir gelungen ist. Vergebens befragte man
mich nach ihrer Zufluchtssttte. Das Lamm, das ich rettete, verkaufe ich nicht
selbst den Wlfen, und ich mte mich zuvrderst berzeugen, ob nicht hinter
diesen Gewndern, die Euch, ihr Herren, verhllen, von diesen Wlfen einige
verborgen wren. Verzeiht mir dieses dreiste Wort; berfhrt mich jedoch vom
Gegentheil; und knnt Ihr mir verbrgen, da Esther, Ben David's Tochter,
gehalten werden soll, wie eine ehrliche Dirne, und nicht wie ein verworfnes
Thier, - knnt Ihr mir verbrgen, da sie Hnden bergeben wird, die redlich und
ohne Ha ihr Bestes wahren, - dann erst sollt Ihr ohne Widerrede erfahren, wo
sie weilt. Ich aber habe mich in Eure Gewalt gegeben, ob Ihr meinen Worten
trauen wollt, ob nicht. Es wre mir nicht schwer geworden, manches Bse zu
enthllen, das ich von denen erfahren, die ich verletzt haben soll, allein Rache
und bse Vergeltung ist meiner Seele fremd. Ich bin ein deutscher Junge, handle
schlicht und recht, und denke in dem kaiserlich freien Gericht, vor dem ich mich
sonder Furcht gestellt, nicht den Stuhl zu finden, vor dem die Wahrheit flieht,
und die Lge das Haupt erhebt, wie das Volk insgemein befrchtet; sondern einen
Verein von deutschen Mnnern, die des Knigs heiligen Namen ehren, und nicht
minder den untadeligen Menschen, den Gott nach seinem Ebenbilde schuf. -
    Als nun der herzhafte Jngling schwieg, verbreitete sich ber den ganzen
Raume eine Stille sonder Gleichen, und jeder von den Unbekannten berlegte, ob
denn Dagobert gesprochen wie ein Beklagter, oder vielmehr wie ein Wissender
selbst, der den Stuhl des Grafen besteigen will. Der Freigraf hob, der Erste,
wieder an zu reden, und sagte: Gott walte, da auf dieser Vehmsttte die
Unschuld wissentlich verderbe. Der Mann, so das Reich htet, - unser gndigster
Herr und Knig hat nicht darum seine hchste Macht ber Gut, Ehr' und Leben in
unsre Hand gelegt, da wir tdten sollen den Schuldlosen, und erhhen den
Strflichen. Bedeutet das Schwert hier vor uns das Kreuz, an welchem der Erlser
gelitten, und die Gestrengigkeit unsers Gerichts, so wie die Weide die Strafe
der Bsen, um ihre Missethat; so hat uns doch der Herr die Weisheit gegeben, die
das Wahre unterscheiden mag vom Falschen. Gleichwie der erste Stuhl auf rother
Erde der Spiegel des Reichs genannt wird, in welchem Alles zu schauen, wie es
ist; also jede Vehmsttte fr die ihr Untergeordneten durch kaiserliche Satzung.
Ich finde nicht die Schuld an Euch, deren Ihr bezchtigt worden, und die Stimmen
dieser sieben Freien mgen zur Sprache kommen. - Whrend die Schppen rings um
die Tafel leise ihre Entscheidung dem Freigrafen mittheilten, bemerkte Dagobert,
da in einer Ecke, halb von einer vorspringenden Sule verdeckt, einer der
Verhllten sich wie ein trostloser Mensch geberdete, das Haupt gegen die Sule
stemmte, und sich nicht durch das Zureden einiger um ihn Versammelten begtigen
lie. -
    Die Schppen der heimlichen Acht finden keinen Fehl an Euch; begann der
Freigraf feierlich, und damit Ihr sehet, da wir redlich richten, sonder
Willkr und Minne, so rufe ich den Wissenden, Euern Klger vor die Schranken,
hiemit zum ersten, zweiten und dritten Male. - Der Verhllte, von dem frher
gesprochen, wankte heran, umgeben von seinen Begleitern. - Schppe; sprach der
Freigraf ernst: wir finden Eure Klage ungegrndet. Wollt Ihr sie beschwren auf
Euern Eid, oder beweisen, da Ihr den beklagten Mann ergriffen auf handhafter
That? oder weiter fhren die Klage vor die Kammer des Reichs zu Dortmund? - Der
Klger schttelte den Kopf, und sprach mit halberloschner Stimme: Nein, mein
Herr Graf. Nimmer soll das geschehen. Die schwerste Pflicht hab' ich als
redlicher Freischppe in Treuen und Wahrhaftigkeit zu erfllen geglaubt. Der
Himmel will, da ich erliege mit meiner Klage. Ich schwre nicht auf meinen Eid
und meine Pflicht; denn dieser wre dann verloren, und Gott will, da er frei
ausgehe. Auf handhaftiger That hab' ich ihn nicht ergrisfen, und kann nicht
Zeugni stellen ohne Lge, und vor dem Spiegel der rothen Erde trage ich meine
Schande frder nicht. - Das Blut in Dagobert's Adern starrte, denn die Stimme
seines leiblichen Vaters war in der des Klgers nicht zu verkennen. Gewaltsam
mute er an sich halten. Als aber der Gedemthigte fortfuhr: So unterwerfe ich
mich denn der Strafe, die des Freigerichts Ordnung selbst gegen den Wissenden
verhngt, und biete meinen Hals der Weide, wie der Beklagte htte thun mssen;
... da konnte Dagobert nicht ferner schweigen; sondern strzte mit dem Ausrufe:
Barmherziger Himmel! mein Vater! gegen den Stuhl hin: mein armer getuschter
Vater sterben fr mich? O ihr Herren der Vehme! Das nicht, das nicht dem rmsten
betrogenen Greise, den ein grausam Verhngni gezwungen hat, den Sohn selbst
anzuklagen auf peinliche Strafe! - Der Freigraf winkte ihm Stille zu. Indem
trat ein Andrer auf, dessen Rede und Geberde den Oberstrichter verrieth: Herr
Graf, sagte er: Dieses heutige Freigeding ist merkwrdig durch den leichten
Sieg, den eines Jnglings beredte Zunge und scheinbare Freimthigkeit sonder
Beweise ber eines Wissenden Klage davon getragen. Jedoch; Euer Spruch, ihr
Herren, ist einmal geschehen, und unumstlich fr uns. bt jedoch Nachsicht
gegen den Klger, der mit Ehren seit langer Frist unter uns gesessen. Seine
Klage war Pflicht; eine gebotene. Die klare Wahrheit ist noch nicht am Tage.
Sprecht daher kein blutig Urtheil. Es sey hinlnglich, ihn unfhig zu machen,
ferner zu sitzen und zu klagen an gespannter Bank. - Diese Schande? rief
Diether heftig entgegen: Nimmermehr! nehmt meinen Kopf, damit jener Mensch
lebe!
    Vater! Vater! sagte hier Dagobert mit berwallendem Schmerze: Vater! Ihr
versndigt Euch an mir. Habt Ihr denn mein Leben gewollt? O dann Ihr Herren,
nehmt es hin. Nehmt es in diesem Augenblicke. Hat mich gleich der Vater
unverdient, so will ich dennoch lieber alle Missethat bekennen, die man mir
aufgebrdet, und als Ketzer und Ehrenschnder sterben, als da nur ein Haar
meines Vaters gekrmmt, seine Ehre nur mit einem Hauche verletzt werde. - Und
diesen Sohn konntet Ihr verfolgen, Schppe? fragte der Freigraf mit strengem
Vorwurf: Und die verderbliche Leidenschaft tobt noch in Euch? Weniger zu
hassen, als zu bemitleiden seyd Ihr, ein Spielwerk in den Hnden des Zufalls und
falscher Freunde. Ich sah voraus, in welchen Kampf Eure Seele gerathen wrde,
bei dieser unseligen Klage, die ich mit blutendem Herzen angenommen habe. Um
dieses Mitleid zu ben, greife ich zu dem Mittel, das schon als ein letztes
bereit lag, wre auch der junge Mann berwiesen worden der Beschuldigung. Denn -
nicht solle es heien, da unter meinem Vorsitze der Vater den Sohn gemordet
habe auf der Sttte des Gerichts. Ich erklre daher unsern Spruch nicht als ein
krftig Unheil, sondern weise die Klage ab. Der Junker Dagobert Frosch ist
gefreit von der Vehme. Er ist der Kirche verlobt, und schon als Cleriker zu
halten. Null und nichtig ist die Freisprechung, die ihm Johannes, der Papst,
zugewendet. Johann war seines heiligen Amtes entsetzt, hatte selbst die Formel
der Absetzung verlesen im Concilio, und war nicht mehr befugt, ein solches
Kirchenrecht zu ben. Sein Mund konnte nicht mehr lsen was gebunden war durch
fromme Gelbde: Dagobert Frosch, des Altbrgers Sohn, ist demnach noch Priester,
frei von dem Zwang der Vehme, und wir berlassen es dem geistlichen Amte und dem
Bischof, ihn zu seinen Kirchenpflichten anzuhalten, von welchen wir, da wir die
Ladung gaben, nichts gewut. Also haben wir abgeurtheilt nach altem Herkommen
und Gesetzen des Kaisers und des Reichs, und zum Frommen legen wir dem Beklagten
den Eid auf, geheim und hehr zu halten, was er an diesen Schranken des
Freigedings westphlischen Gerichts gesehen und gehrt. -
    Dagobert wollte zwar anfangs mit keckem Muthe widersprechen, da der Freigraf
von der Nichtigkeit feiner Freisprechung durch den Papst handelte, aber der
Gedanke, da dieses der einzige Weg sey, sich und den Vater von Schimpf und
Schmach zu retten, verschlo ihm den Mund. Eben so willig leistete er den
verlangten Eid auf das vorgehaltne Schwert, und lie sich von dem Frohnboten
wieder von dannen bringen. Der gute Mann nahm theilnehmend Abschied von dem
Junkherrn, und sagte: Ja, Herr; Gott hat es wohl gemacht; aber er erhalte uns
auch noch lange den edeln Freigrafen, der selbst unter den Wissenden strenges
Recht bt. Ihr habt ihn, - er Euch vielleicht noch nie gesehen, aber der
gottesfrchtige Mann macht keinen Unterschied. Sie sind nicht alle so sanft und
gerecht, wie Er, mein lieber Herr. Doch hier seyd Ihr unfern dem Brckenthore.
Gehabt Euch wohl. Ich mu zurck. Es gibt noch heute eine Ladung anzuschlagen;
und da der Bursche flchtig ging, und darum der Brief an alle Warten geheftet
werden mu, so haben wir, meine Gefhrten und ich der Mdigkeit noch viel, des
Schlummers wenig zu gewarten. Dem guten Dagobert ging's nicht besser. Schien
ihm doch die Begebenheit der Nacht nicht als ein bser Traum.

                                    Funoten


1 Die jdische Lehre verbietet, ein Kind zu enterben, aus welchem Grunde es auch
geschehen mchte.

2 Andeutungen aus dem Talmud.

3 Reichere Juden pflegten sich aus Palstina Erde kommen zu lassen, mit welcher
sie einen Polster oder ein kleines auf der Brust zu tragendes Amulet anfllten,
damit sie ihnen beim Sterben unter das Haupt gelegt werde.

4 Nach den Angaben und Lehrstzen mehrerer Rabbiner; vielleicht der schnste
poetische Gedanke des Talmud.

5 Dieses Lied an den Abendstern ist wirklich ein dem Mittelalter angehrendes,
welches durch seine naiven Worte einen eignen Zauber ber das Gefhl des Lesers
bt.

6 Sprichwrtl. Redensart, entsprungen dem Gebrauche, in der heil. Woche das Grab
des Heilands in den Kirchen von Schlern gegen eine Vergtung an Geld und Speise
hten zu lassen.


                                Drittes Kapitel.

                In des Lwen Hhle fhren wohl die Futapfen; ... wer sagt mir
                aber, ob zurck?
                                                                          Fabel.

Ihr knnt mir glauben, lieb Herrlein, sprach am andern Morgen Gerhard zu dem
Sohne Diether's: Ihr knnt mir glauben, da ich von Herzen froh bin, Euch
wiederum zu sehen, lebendig anzutreffen, und erlst aus den Klauen des schwarzen
heimlichen Gesindels, ob mir gleich ein schnes Ro dadurch entgeht, und Ihr
nicht einmal meiner Neugierde etwas von der Historie, die drben vorgefallen
ist, zum Besten geben wollt. Aber dennoch bin ich nichts weniger, denn
zufrieden mit Euch, und ich mchte ausrufen, so oft ich Euch ansehe, wie Ihr da
sitzt, trb vor Euch hinstarrend und wortkarg: Wo sind sie hin, die Tage von
Costnitz? und wie bedaure ich es, da sie von hinnen gerauscht sind. Und noch
mehr: wo sind sie hin, die Abende von Costnitz, wo wir andres zu thun hatten,
als der Vehme unsere Reverenz zu machen? Damals blhtet Ihr wie ein
Borsdorferapfel, und ich war mit meinem Fett zufrieden; heute seht Ihr bla, und
mein Wamms wirft, - Dank der Atzung im Oberstrichters Hause, - verdrieliche
Falten. Damals gleitete der Wein durch unsre Kehlen auf der Bahn lglatter
Bissen, lecker bereitet und hungrig verschlungen; heute schenkt Ihr nicht einmal
einen Blick den herrlichen Fleischschnitten und dem Wrztrunk, mit welchen Euch
der freundliche Wirth vom Einhorn zum Frhimbi bedacht hat; geschweige, da Ihr
noch so viel Gastfreundschaft bewahrt httet, mich an Eurer Statt zum Mahle zu
laden. -
    Der Edelknecht wartete brigens die Einladung nicht ab, sondern griff nach
dem Becher und nach dem Messer. Dagobert nickte ihm halblchelnd zu, und sagte:
Nur zu, altes Sieb; nur zu. Ich gnne Dir's von Herzen, und wrde selig und
vergngt seyn, knnte ich Dir's nachthun. Ich htte nimmer geglaubt, da ich
mich einst an Deine Stelle wnschen mchte; allein, alles, was ich besitze,
Eines ausgenommen, gbe ich darum, knnte ich seyn ein frhlicher Thor, wie Du.
- Ein Lobspruch, der mich rgern knnte; erwiederte Gerhard mit vollen Backen:
aber .... ich vergebe Euch: Ihr seyd verliebt, und der Hagel soll mich treffen,
wenn Ihr nicht das Judendirnlein minnt; das wunderholde Gesicht, das whrend der
Mummerei zu Costnitz neben des vertrakten David's narbigem Gesichte aus dem
Fenster sah. Ist das jedoch eine Liebe, wie sie einem kecken Manne geziemt? Lat
das Seufzen und Grmeln einem siechen Weiberknecht, oder einem dnnleibigen
Minnesnger; lat es den scheinheiligen Pfaffen, die sich mit Demuth und
Wehmuth, und verdrehten Augen und schmunzelnden Lippen in das Herz einer Dirne
schwatzen, bis sie darin ganz unverschmt den Herrn und Meister spielen. Stillt
Eure Sehnsucht und kmmert Euch nicht um die Welt. Der Kutte seyd Ihr ledig, und
mir zum Mindesten kmmt's nicht wie eine Todsnde vor, eine hbsche Judenmagd zu
lieben. Der liebe Gott hat viel Unkraut erschaffen, das demungeachtet anmuthig
aussieht, und erquickt durch Farbe und Geruch. - Dem Schwtzer war's gelungen,
durch die dreiste Auslegung seiner Lebensweisheit dem ernsten Dagobert ein neues
Lcheln abzugewinnen. Guter Freund; antwortete dieser: bin ich gleich nicht
einverstanden mit Deinen wilden Gedanken, die aufschieen wie das Unkraut, so
beurtheilst Du mich doch falsch. Nicht die Minne pret mein Herz, da es seufzt,
und schwerem Gebreste unterliegt. Die Minne ist's allein, die mich aufrecht
erhlt, und mein Gram wurzelt nur im Vaterhause.
    Ei, so lat das trichte Haus liegen, wo es liegt, unfern der
Liebfrauenkirche zu Frankfurt am Mainstrom, meinte Gerhard: und geht dahin, wo
Euer die Sttze der Liebe wartet. Die Dinge in Eures Vaters Hause sind bse, bis
auf das Fleisch hinein, wie ich wohl merke. Lat darum Eure Hnde davon; nehmt
Euer Lieb, hinaus damit in die Welt, und wollt Ihr gar gewissenhaft seyn, so
lat das Mgdlein taufen. Dann mag der Teufel selbst es Euch nicht rauben. -
Du malst die Zukunft leicht und schn; entgegnete Dagobert leichtern Herzens:
und wer wei, ob ich Deinem Rathe nicht folge. Der Herzog von sterreich-Tyrol
hat wieder Friede gemacht mit dem Kaiser, und ich glaube doch, ich mchte wohl
hinter seinen Alpen ein Pltzlein finden, meinen Herd zu grnden; auch ohne
Vatershlfe. - Ei, der Herzog soll leben! rief Gerhard, den Becher leerend:
Ist er gleich derb wie ein Eichenknorren, so ist er doch gut wie ein Kind. Ihr
wit, wir sind zuletzt aus Feinden die besten Freunde geworden, und ich habe dem
Kaiser die Pest auf den Hals gewnscht, da er dem Herzog die Eidgenossen auf
den Hals hetzte, in der grten Noth, und Schuld war, da die Lnder im Argau,
Thurgau und Breisgau zum Teufel gingen. Aber von Tyrol hielt Sigmund die groe
Nase weg, und Friedrich, wird er gleich der mit der leeren Tasche genannt,
vermag es doch noch, einen Freund wie Ihr seyd, warm und trocken zu setzen. -
Gerhard wollte sich just noch eines Breitern ber Dagobert's hingeworfenen
Vorsatz auslassen, als der Wirth des Hauses schnell hereintrat. Denkt Euch
doch, Ihr Herren! begann er, wider seine Gewohnheit schnell und lebhaft redend:
Ein Bauersmann, der meine Kche versorgt mit den Frchten seines Ackers, sitzt
so eben unten, und erzhlt, er sey dem Schelmenritter, dem von Vilbel begegnet,
der nach Hayn zum Grafen von Katzenelnbogen ritt; einzig und allein von zwei
Knechten geleitet. Kennst Du mich, Buerlein? hat er den armen Mann angefahren,
der demthig in's Wagengeleis getreten war, und sein Kpplein abgezogen hatte.
Und da der Bauer bejahte, so fuhr der Ritter fort: Ziehst Du nach Frankfurt auf
den Markt, so gre mir die Herren auf dem Rmer, und lade sie in meinem Namen
ein nach Erlebach fr diesen Abend. Meine Buben, die wilde Jagd aus der Wetters,
feiern heute dort den Kirchweihtag, und ich will noch selbst darauf den Reigen
erffnen, trotz meinen alten Beinen. - Nachdem er diesen Spott von sich
gesprudelt, hieb er den Bauer mit der Peitsche ber den geschornen Kopf, da er
taumelte, und die Knechte warfen ihn aus Muthwillen in den Graben, da all die
Waaren, die er im Korbe trug, verdorben im Morast lagen. Sagt nun, ihr Herren;
wr's wohl gerathen, den Herren auf dem Rmer die Mhr anzuzeigen, da sie den
Erlebachern Hlfe schicken, die der Wthrich gewi heut Nacht mit Brand und Mord
bedroht? -
    Thut wie es Euch gefllt, guter Wirth; erwiederte Dagobert: viel helfen
wird's jedoch nicht, wenn auch der Ruber in seinem bermuth, frech genug die
wahre Frthe verrieth. Die Herren des Raths sind unschlssig, uneins, und ich
denke wohl, da meine Schwester graue Haare haben, und Euer Gast, der Kaufdiener
verhungert seyn wird, wann einmal der Beschlu herauskmmt, ernstlich auf deren
Befreiung zu sinnen. - Der Wirth begab sich, durch Dagobert's Worte unschlssig
geworden, kopfschttelnd hinweg, und der junge Altbrger sprach munter und eilig
zu dem Edelknecht: Glaubt Ihr wohl, da diese Kunde mich wieder aufregte zum
Leben? Ihr habt Recht: Trbsinn und Schwermuth machen uns bresthaft, ohne zu
helfen. Mnnlich Wollen und Thun gibt uns hingegen neue Kraft. Ich liebe meine
Schwester nicht; wei Gott, ich mte es lgen, allein das erneuerte Angedenken
an ihre schmhliche Haft emprt mich; nicht minder die Saumseligkeit des Raths,
der mit Drohungen stets, zur That aber selten gerstet ist. La uns die
Vollstrecker des Befehls werden, den die Brgermeister geben werden, wann es zu
spt seyn wird. Mich drngt es ohnehin, diese Mauern zu verlassen, die mir
vorkommen, wie ein Grab meiner angebornen Frhlichkeit. La uns reiten, und auf
dem Wege nach Hayn in Hinterhalt uns legen. Ich will doch auch einmal versuchen,
wie sich's thut, wenn man auf der Landstrae den Feind niederwirft, und - will's
Gott, - mu Bechtram unser seyn, ehe noch die Sonne im Mittag steht. Er wird
sich frdern im Geschfte mit dem Grafen, um rasch wie der Blitz am hellen Tage
noch an unsrer Stadt vorber zu ziehen, und Abends bei seinen Gefhrten zu seyn;
denn einen blutigen Tanz hat er sicher vor, wenn auch wohl nicht zu Erlebach. -
Beim heiligen Martin! rief Gerhard: Ihr habt mir aus der Seele geredet. Ich
habe ohnehin mit dem alten Bsewicht einen Faden vom Rocken zu spinnen. Mgt
Ihr's glauben, da der Graukopf, zur Zeit, da er noch Hauptmann der Stadt
gewesen, dergestalt vom Teufel des Hochmuths geplagt worden ist, da er es
abschlug, mit mir Brderschaft zu trinken, ... blos, weil er dem Kaiser die
Sporen abgegaunert hatte? Donner und Strahl! heute ist der Tag, an dem ich ihm
jene Unbill in den Bart reiben knnte. Darum, mein wackrer Geselle! auf, und
nicht gesumt. Ich will gerne ohne Trunk die Mittagshitze verwinden, wenn wir
nur nicht die Gelegenheit versumen, dem Schurken einen Stein in den Garten zu
werfen, und uns dafr einen solchen bei der Stadt in's Brett zu setzen. - Das
Letztere mag Deine Sorge seyn; versetzte Dagobert spttisch, und rief nach
Vollbrecht, um Alles ohne Aufsehen zum Auszuge rsten zu lassen. - Bei dem Namen
des Knechts faltete sich des Hlshofners Stirne: Wr's nicht, da wir Dreie
seyen gegen Dreie, sprach er, so mchte ich wohl, da wir den Langen zu Hause
lieen. Der Anblick des Burschen demthigt mich in etwas, denn er trgt seine
Wohlbeleibtheit so stolz vor sich her zur Schau, als wollte er mir immer sagen:
Gelt, Du armer Fechtbruder; ich bin in die Pfingstwoche gerathen, whrend Du
noch immer am Aschermittwoch kauest? - La den wackern Knecht ungeschoren,
erwiederte Dagobert freundlich, und wendete sich gegen die aufgehende Thre. Wie
staunte er aber nicht, da nicht Vollbrecht hereinkam, sondern der unerwartetste
von allen Menschen: Diether der Altbrger, fein Vater! Verlegen und glhenden
Antlitzes ging er auf den berraschenden zu, ohne eines Wortes mchtig zu seyn.
Der Alte, gewohnt sein ueres bei ffentlichen Gelegenheiten und Anlssen zu
beherrschen, nickte langsam grend mit dem Haupte, und blickte auf den
Edelknecht, als wollte er fragen, warum sich ein unerwnschter Dritter hier
befinde. Dagobert verstand den Wink besser, als der glotzende Gerhard, und
fandte ihn hinweg mit der Bitte, im Stalle nach dem Rechten zu sehen. - Als nun
Vater und Sohn allein waren, begann der Erste, nachdem er sich gesetzt: Du
willst fort, Dagobert? - Dieser bejahte gelassen. - So leicht also wre es Dir
schon geworden, von Deiner Heimath und Deinem Vater zu gehen? - Dagobert
schwieg, um sich nicht in unangenehme Errterungen einzulassen. Diether fuhr
langsam fort: Dagobert, Du warst ja sonst ein harmloser Mensch, dessen
Gutmthigkeit, wie ein Kind, nach Allem in der Welt griff, um es an die Brust zu
drcken, wren es auch Schlangen gewesen. O dieses kindliche Vertrauen kann noch
nicht ganz aus Deiner Seele gewichen feyn! Das bse tckische Schicksal kann
Dich nicht so kalt gemacht haben, da Du nicht fr die Reue eines Vaters ein
Ohr, fr seine Bitte ein vershnlich Herz, fr seine zitternde, Vergebung
suchende Rechte eine freundliche, offene Sohneshand httest! -
    Dagobert war auf ganz andere Reden gefat gewesen; um so berraschender
klang die herzliche, erschtternde des Alten, untersttzt von seiner
dargebotenen Hand, von der Thrne die in seinem Auge bebte, von der schwachen
Rthe, welche die Beschmung in seine blassen Mangen trieb. Auch in Dagoberts
Augen strzten Tropfen des heiligsten Gefhls, und zu den Fen des Vaters sank
er nieder, als ob er der verlorne Sohn sey, und der Verbrechen unzhlige zu
bekennen htte. Diether war so ergriffen, da er nicht aufstehen, den Knieenden
nicht aufheben konnte, sondern blo mit seinen Hnden dessen Wangen streichelte,
und Perle auf Perle in dessen braune Locken, auf dessen Stirne fallen lie. -
O, mein Sohn, - sprach er nach langem Schweigen: Du kennst meinen unbeugsamen
Willen, - Dir ist nicht fremd, da ich eher in Zorn gerathe, als in Rhrung;
allein, ich fhle, seit Gestern bin ich anders geworden. Mein Wahnsinn mute
mich auf den hchsten Gipfel treiben, um zu erliegen den glhenden Worten eines
Fremden. Welche Nacht habe ich zugebracht in den quallvollsten Leiden meines
Innern! Mit welcher Pein wurde ich wiedergeboren, und wie strubte sich mein
eiserner Sinn gegen die Reue, welche dem Beleidigten die Hand reichen mu, ...
wie wehrte sich mein Fu gegen den ersten Schritt, welcher der Bue auferlegt
ist. Endlich hat der Herr gesiegt, und mein bessrer Theil; abgeschttelt habe
ich alle Schaam, allen Hochmuth, ... und in dem Gewande der Demuth bin ich vor
den Sohn getreten, um ihn zu bitten, da er mir verzeihe, was ich schwer an ihm
verschuldet, - da er mir den schimpflichen Verdacht vergebe, den ich gegen ihn
gehegt, - und da er darein willige, wieder in mein verwaistes und verdetes
Haus zu ziehen, geschmckt mit der Frhlichkeit seiner frhern Zeit, und mit
ungetrbtem Vertrauen gegen einen Vater, der die noch kurze Frist seines Daseyns
gerne hingeben wrde, knnte er damit die vergangenen Schreckenszeiten
zurckkaufen. - Ach, mein Vater; antwortete Dagobert sanft und schonend: wie
weh und dennoch, wie wohl thut mir nicht Eure Rede. Wenn es mich schmerzen mu,
den Vater mich anflehen zu hren, wie kaum ein reuiges Kind thun mchte, so
wollte ich doch gerne aufjubeln vor Freude, da Ihr endlich mein Herz erkannt
habt, das stets rein geblieben ist, und ohne Falsch. Schier wre ich verzweifelt
an der Hoffnung, mich wieder treu und liebevoll an Eure Brust legen zu drfen:
ein guter Gott hat aber dafr gesorgt, da nicht getrennt bleibe, was der
Allvater gndig zusammenfgte. Glcklich werde ich seyn, mein Vater, wenn Ihr
mich wieder in Eure Arme aufnehmen wollt, und lge es an mir, Euer Leben zu
verschnern ....... - Deine Rede beschmt mich immer mehr; versetzte Diether
aufstehend, und des Sohnes Hand schttelnd: La uns reden, wie es Mnnern
geziemt, ohne viele Worte, die nur weich machen, wo das Herz wieder stark werden
soll. Wir wollen wieder Eins seyn, Freunde, gute Freunde, nicht wahr mein Sohn?
- Wahrlich, Vater! versicherte Dagobert aufrichtig. - Wir wollen vergessen
und hinter uns werfen, was unser Gefhl beleidigt hat, und zerrissen unsre
Herzen! - Das wollen wir, Vater! - Wir wollen nicht zgern, der Welt zu
zeigen, da wir uns wieder vereinigten, und ablassen von jedem Groll, den wir
hegen knnten, gegen Feinde und falsche wohldienerische Freunde! - In
Gottesnamen, Vater. - Nun denn, setzte Diether hinzu: So komm mit mir, mein
Erstgeborner, mein Wiedergeborner, damit der Gang in unser Haus mir lieblicher
werde, als der saure Gang hierher, wo ich den Sohn unter Fremden suchen mute.
- So Ihr mir erlaubt, alsdann auf einen Ritt zu gehen, den ich nicht
verschieben kann? - Gerne, mein Sohn, Zwang soll Dich nicht drcken. Nur einen
Augenblick ruhe wieder aus in meinem Hause, damit der Geist der Zwietracht
vllig daraus entweiche. - Sie gingen, Arm in Arm, durch die Gassen, wo alle
Fenster aufgingen, und alle Hausthren, an welchen sie vorberkamen. Der Zwist
zwischen Vater und Sohn war zum Geschwtze der Stadt geworden; ihre Vershnung
wurde es nicht minder. Die wahren Freunde winkten ihnen lchelnd zu, die falchen
zogen sich beschmt auf die Seite, und der Schulthei warf klingend die
Fensterflgel zu, an welchen er zuflligerweise ein Zeuge dieses rhrenden
Schauspiels gewesen war. Bei dem Eintritte in das vterliche Haus sah Dagobert
den Mann ihm entgegentreten, in welchem er alsobald - nchst Gott - die Wurzel
dieser ershnten Vereinigung erkannte: den Predigermnch Johannes, seinen
wrdigen Lehrer. O, wie lieb ist mir's, rief Dagobert: da dieses weie
Friedenskleid mir entgegen kommt, und nicht die schwarze Kutte meines Ohms. Gott
segnet meinen Eingang hier durch Euern Empfang, hochwrdiger Herr! - Der
Mensch ist nur ein schwaches Gef, so lang ihn seine Begierde regiert;
erwiederte Johannes: aber herrlich und stark, wenn der Herr ihn besucht, in
seiner Gnade. Seht hier einen solchen Herrlichen und Starken - fgte er bei,
indem er auf Diether deutete, der mit seligem Lcheln daneben stand, und die
Hand auf Dagoberts Schultern hielt, als ob er befrchte, den Wiedergefundenen
auf's Neue zu verlieren. - O mein Lehrer und Freund! fragte Diethers Sohn:
Noch Gestern so unglcklich, - Heute so glcklich in den Armen des Vaters!
womit vergelte ich diese unerwartete Gnade? - Mit Vershnung; entgegnete
Johannes, nach der Thre zeigend, durch welche sich langsam und feierlich der
Prlat von Cesena herein bewegte. Das Gespreizte und Gezwungene seiner Haltung,
die heuchelnde Freundlichkeit, die auf seinen Lippen und Wangen sa, whrend der
finstere Zug auf der Stirne ein still brtendes Mivergngen verrieth, htte den
scharfblickenden Neffen sicher wieder von der geforderten Vershnung
zurckgeschreckt, wenn nicht der Mnch seine Linke, der Vater seine Rechte
ergriffen htte, um ihn zu dem Eintretenden zu geleiten. - Die Annherung
indessen, welche, selbst der Liebe entbehrend, durch den Einflu geliebter
Freunde dennoch nur zgernd zu Stande gekommen wre, machte sich leichter durch
die salbungsvolle Anrede des Prlaten, welcher aus vollem Munde seinen Reffen
ein Pax cum tibi, mi fili! entgegenrief. Der Versto gegen die rmische Sprache,
der darinnen lag, half glcklich ber das letzte Hinderni weg, denn Dagobert
erinnerte sich, in sich lachend, der Zeit, in welcher er den Ohm ber manchen
hnlichen Schnitzer aufgeklrt hatte, und in diesem Angedenken an lustige Tage,
gab er denn seine Hand in die feiste des Prlaten, und sagte; Gleichfalls,
lieber Ohm und wrdigster Herr! Willkommen auf deutschem Grund und Boden. Es
wird Euch schwer gefallen seyn, wieder zur Heimath zu kehren, aber besser spt,
denn niemals. Gott lasse Euch noch lange deutsche Luft genieen, und uns Freunde
seyn. Vergebt mir, was ich vielleicht gegen Euch gesndigt, und ich will Euch
herzlich gern jenen Gang zum Cardinal vergeben. - Verstummend sah der Prlat
verlegen auf den Saum seines Gewandes; aber Johannes erbarmte sich seiner
Verlegenheit, und brachte ihn auf einen Text, der angenehmer war, - auf den
Unterschied der deutschen und wlschen Lebensweise. Monsignore gerieth in
verwickelte Abhandlungen, und Dagobert, nachdem er, guter alter Sitte gem, vor
dem Altar des Hauses ein kurzes Gebet verrichtet hatte, machte Anstalt, wieder
zu scheiden. - In Kurzem bin ich wieder zurck, sagte er zu Diether, der ihn
schwer wieder von der Seite lie: und mir glckt's vielleicht, etwas zu
gewinnen, das Euch lieb und genehm ist, mein Vater! - Was kann mir lieber
seyn, als Deine Nhe, und die des kleinen Hans? fragte Diether schmerzlich,
sich umschauend: So weit ich sehe durch das gerumige Haus, so fehlt doch immer
die darinnen, welche fleiig hier waltete, ... eine ehrsame Hausfrau, bis mich
der Satan beschlich. Nicht minder fehlt die Tochter .... ach, und diese wird
immer fehlen, da ich in ihr die Schlange erkannt habe. Ich beklage nur ihr
Schicksal, das meines Hauses so ganz unwrdig ist, und zu dessen Entscheidung
Bitten und Dringen den Rath noch nicht vermgen konnte. Und das Kind der
Unglcklichen ....
    O schweigt, schweigt: fiel Dagobert rasch ein: Ihr spracht wahr, ... sie
ist eine Schlange, aber dieses Kind, von welchem Ihr redet, ist ihr fremd, - und
gerade darum, ... o mein Vater .... ich wage es nicht diese Rthsel zu lsen, da
ich nur einer mildern, gnstigern Zeit es vertrauend berlasse! Dem sey, wie ihm
wolle; Wallradens Haft bleibt ein Brandmal fr unsre ganze Sippschaft, wenn wir
sie nicht mit Gewalt zu Ende fhren. Dieser Pflicht gilt mein heutiger Ritt, und
es wird sich zeigen, ob ich Glck mitbringe oder getuschte Hoffnung. - Zum
Lebewohl reichte er dem staunenden Vater die getreue Hand, und begegnete auf des
Hauses Schwelle dem kleinen Hans mit Fiorillen. Gr Dich Gott, Mhmlein! rief
er lustig: Der Teufel ist mit Gottes Hlfe ausgetrieben, obgleich der Ohm noch
im Oberstocke wohnt; bete fr mich, schne Bekehrte, da der Schwarze gnzlich
aus dem Wege bleibt! - Florille deutete sorglich nach der Treppe, und winkte
dem Jngling Schweigen zu. Ich sehe es gerne, sagte sie flchtig und scheu,
da Ihr Eure Laune wieder himmelblau gekleidet habt, - aber die
Vertraulichkeit, die Ihr mir zu Kostnitz schenktet, migt vor der Eifersucht
des Prlaten, und dem Ernste Eures Vaters, und den Lauerblicken des Gesindes.
Ich verlange nun nichts mehr zu gelten, als eine Magd, und frage nur aus
teilnehmenden Herzen nach der holden Esther, deren Haus so schmhlich zu Grunde
gieng. - Dagobert flsterte ihr in's Ohr, da Esther sicher sey, und wollte
fort. Da klammerte sich Hans an ihn, und fragte: Schon wieder, lieb Brderlein,
willst Du scheiden ohne Gru und Ku fr den armen kleinen Hans? - Ach, Du
armer Bube! redete Dagobert zu ihm, und zog ihn zu sich empor: Du armes
Unglcksmnnlein! kannst Du mir nicht sagen, wo der rechte Johannes ist? - Der
Knabe sah ihn gro an, und erwiederte: Ich verstehe Dich nicht, lieber
Dagobert. Aber in der Erde oder im Himmel mu er seyn, glaube ich. - In der
Erde, im Himmel? versetzte Dagobert dster: O Du sagst die Wahrheit, Du armer
Bube. - Was habt Ihr denn, guter Junker? fragte Fiorilla theilnehmend. - Du
verstehst mich auch nicht, Blmchen, erwiederte Dagobert, seinen Trbsinn zum
Scherz zwingend, und wollte Gott, ich verstnde mich selbst nicht, und wre noch
wie wohl sonst, und knnte hier den Buben lieb haben, wie sonst, und wte nicht
.... aber wahrhaftig, ich rede thricht Zeug, und wnsche doch nicht, da Dein
Mund meine Tollheit verrathe, meine Freundin. Hrst Du? - Habt Ihr nicht
erfahren, da ich schweigen kann? fragte Fiorilla entgegen: Aber so gebt doch
dem guten Jungen, der schon lange sein Mulchen spitzt, einen Ku, bevor Ihr
geht. - Das will ich; sagte Dagobert, indem er dem Hans einen derben Schmatz
aufdrckte: Da, mein kleiner Hans! Und wenn ich wiederkehre, bringe ich Dir
einen Butterwecken mit, damit Du glaubest an meine Freundschaft. - O ja, rief
der Kleine frhlich hpfend: Einen Wecken und die gute, liebe Mutter; nicht
wahr, Dagobert? - Deine Mutter? Deine gute, liebe Mutter? fragte Dagobert
schnell und berrascht; dann setzte er mit einem stillen Seufzer hinzu: Ja,
mein Hans, Deiner Mutter gilt auch mein Gang. Leb' wohl! - Mit einem bittern
Zug um den Mund stellte er den Knaben nieder, und eilte, was er nur konnte, dem
Thore zu, unter dessen Schwibbogen Gerhard und Vollbrecht seiner harrten, denn
der Mittag kam mit Macht heran. Der Hlshofner fluchte wie ein Heide ber des
Junkers langes Aussenbleiben, und behauptete: entweder sey der Gaudieb schon
wieder seines Wegs zurckgekehrt, oder die Mittagssonne wrde sie verschmachten
lassen, bevor sie einen dienlichen Hinterhalt erreicht haben wrden. Dagobert
ermangelte nicht, ihm wie gewhnlich Trost zuzusprechen, und seinen erkalteten
Eifer anzufachen. Er verhie ihm frischbelaubte, starkschattige Eichbume, um
sich darunter zu lagern, eine khle Quelle, um den verdorrenden Gaumen zu
netzen, und Abends, ob nun das Gelingen den Plan krnen wrde, ob nicht, etwas
Besseres, als khles Wasser zur Erquickung. Diese Prophezeiungen willig fr ein
Evangelium haltend, trabte Gerhard dem voraneilenden Dagobert nach, der, seinen
Gedanken nachhngend, wenig auf die vielen Fragen des Kmpfers erwiederte. Eine
ziemliche Strecke von der Stadt entfernt, dem Gutleuthause gegenber, fanden die
Reiter gut, zu rasten. Aber da war nicht Eichbaum, nicht Quelle, sondern ein
drrer Erdaufwurf, hoch genug, Gaul und Reiter zu verbergen, umschattet von
magern Schlehenbschen, die dem kleinsten Sonnenstrahl willig den Durchgang
lieen. Vollbrecht hatte jedoch in betrchtlicher Entfernung einige Gestalten
auf dem krummlaufenden Wege bemerkt, die aus dem Forste zu kommen, und Reisige
zu seyn schienen. Gerhard hatte sich dehalb in sein Schicksal ergeben, in die
Ginsterbsche niedergestreckt, und den Schatten seines Pferdes in Anspruch
genommen. Dagobert hielt rstig und lauernd hinter den Schlehenbschen, durch
welche sein scharfes Auge, sowohl den Gayner Weg, als auch das jenseitige Ufer
des Mains im Visir hatte. Vollbrecht hingegen, hatte seinen Klepper an einen
Erlenstrauch geschnrt, und kroch auf allen Vieren, von Haidekraut und
Dornbschen versteckt, nach der Richtung zu, in welcher er die besagten
Gestalten wahrgenommen zu haben vermeinte, um Kundschaft zu bringen, und der
Erste bei der Hand zu seyn. Je weiter er auf diese Art kriechend vorrckte, je
gewisser wurden seinem Blicke die Umrisse der Gestalten, und er erkannte endlich
deutlich drei Reiter, von denen einer vor dem andern daherzog. Ihre Annherung
verzgerte sich indessen ausserordentlich, da ihrer Pferde Schritte bald inne
hielten, bald langsam vorwrts rckten. Lange versuchte Vollbrecht vergebens,
die Ursache dieses ungleichen Rittes zu entrthseln; endlich aber bemerkte er,
wie auf einem querfeldein laufenden Feldwege ein Wagen daherkam, bedeckt mit
einem Segeltuche, und von zwei Pferden bespannt; ein Fuhrwerk, wie es sich die
Kaufleute der Landstdte zu ihren Reisen ber Land anzukaufen pflegten. Da nun,
je nher der schneckenhnliche Wagen kam, auch die Reiter je mehr und mehr inne
hielten, und sich endlich an den Saum des Weges zogen, wo einige dicht
verwachsene Hecken und Bume sie verstecken konnten; so zweifelte Vollbrecht
keineswegs daran, da die Herren es auf den Karren abgesehen hatten, und machte
sich unverzglich auf den schnellsten Rckweg. Bei seinem Herrn angelangt, fand
er diesen und sogar den von der Hitze trg gewordenen Gerhard schon bereit,
loszugehen auf die fernen Reiter. Es ist kein Zweifel sagte Dagobert, nachdem
er Vollbrechts Bericht angehrt, es ist kein Zweifel, da es der alte
Raubgeselle Bechtram ist, der dort hinter dem Busche lauert. Mir sagts meine
Ahnung. Aber nicht minder ist kein Zweifel, da, wofern wir nicht eilen, der
Ruhm, hier den Strau begonnen zu haben, uns entgehen werde, denn ich vermuthe,
der Rath war diemal seiner Seits auch wachsam. Dort bei den drei Buchen ber'm
Main sehe ich Bewaffnete ans Ufer laufen. Sie tragen die Stadtfarbe, und ich
wette, sie suchen die Frth, um ihres Wildes nicht zu fehlen. Drum frisch voran,
ihr Gesellen! - Wie der Wind sprengte er den Andern voran; ihm nach trabte
Hlshofens schwerflliger Hengst, auf welchem der Edelknecht sa wie ein Mann
von Erz. Vollbrecht knpfte sich den Streithammer an die Faust, und spornte
seinen Klepper dergestalt, da er nur wenig hinter seinem Herren zurckblieb.
Die Raubscene hatte schon begonnen, als die Reiter noch fern von dem Schauplatze
waren. Der Besitzer des Wagens, der vllig sorglos unter dem schattigen Dache
sa, ein schlichter Wollen- und Hanfhndler aus der Gegend, wurde zu seinem
Schrecken von dem Anrufe der Buschklepper aus dem Schlummer geweckt, in welchen
ihn die drckende Hitze gewiegt hatte. Schlaftrunken griff er mit der Rechten
nach dem Haudegen zu seiner Seite, whrend er mit der Linken, am Leitseil
reiend, die mden, vom Sandweg erschpften Gule zu einem wiewohl vergeblichen
Rennen antreiben wollte. Dieser Versuch belohnte sich aber schlecht. Ein
grausamer Stich streckte das Leitpferd nieder, und ein gewaltiger Hieb lhmte
den Arm des unglcklichen Kaufherrn. Der Wagen hielt. Mchtige Fuste langten
unter die Decke, und zogen den von Schmerz halb ohnmchtigen Eigenthmer hervor
in's Freie, - warfen ihn unter den Wagen, wie ein unntzes Stck Holz. Der Arme
konnte diese Mihandlungen nur mit einem ngstlichen Gewimmer erwiedern, das die
Unmenschen verlachten, die sich alsobald an die Beraubung des Wagens machten.
Die Bndel und Pcke, die darin aufgeschichtet lagen, schienen ihnen theils zu
gering an Gehalt, theils zu unbequem zum Fortschaffen, und so eben rissen sie
unter den grimmigsten Drohungen den Kaufmann in die Hhe, um ihn nach Geld zu
durchsuchen, oder ihn zu zwingen zu gestehen, wohin er sein Geld verborgen habe,
als der den Befehl fhrende Ritter einen Blick in die Hhe warf, und zu seinem
Mivergugen wenige Pferdslngen von der Sttte entfernt, drei Reiter ersah, die
gerade auf ihn und seine Leute losrannten, mit unverholner drohender Geberde. -
Hagel! Strahl und Pestilenz! schrie er: Auf, ihr Buben, schlagt den Hund vor
den Schdel, und setzt Euch zur Wehre! Frisch, auf die Schurken dort! - Zum
Glck fr den Kaufmann, der unter dem Eisen der Knechte sein letztes Stndlein
mit Zittern und Zagen erwartete, waren die Retter schnell da, wie Gottes Blitz
und seine Gerichte. Gezwungen, sich vor den einhagelnden Hieben zu schtzen, und
zum Beistand ihres Herrn angerufen, lieen die reisigen Knechte den Mihandelten
ledig, und das Handgemeng begann zu wthen. Dagobert war auf den Ritter
losgestrzt, und beschftigte ihn mit blitzschneller Klinge, whrend Gerhard
einen nach dem Andern von den Knechten vom Gaule rannte, durch die Wucht seines
Ansprengens allein. Gib Dich, grauer Raubknecht! donnerte er hierauf dem Herrn
von Vilbel zu, und hieb ihn mit der flachen Klinge auf die Faust, da er des
Pferdes Zgel fahren lassen mute. - Kreuz, Stein und Strahl! Vermaledeiter
Hlshofen! fluchte Bechtram, und Dagobert ri ihn vollends vom Pferde. Der alte
Raubgeselle wehrte sich noch am Boden, wie verzweifelt, aber sein Grimm erstarb
in Ohnmacht, und Thrnen der Wuth perlten in seinen grauen Bart, da er seine
Hnde gebunden, und sich aller Waffen beraubt fhlte. Die Sldner der Stadt, die
mittlerweile ber den Strom gesetzt hatten, machten vollends reine Arbeit und
knebelten die beiden Knechte des Stegreifritters. - Ritterliche Haft!
ritterliche Haft! bat der berwundne und gedemthigte Bechtram, die gebundnen
Hnde zu Gerhard und Dagobert aufhebend. Den Teufel auf Deinen
Schurkenschdel! antwortete ihm der Hlshofen: Ich will Dich lehren, wackern
Kmpen die Freundschaft zu versagen, hochmthiger Dieb! Sieh her, wie Du den
armen Mann zugerichtet hast; setzte er hinzu, auf den Kaufmann zeigend, der sich
mhsam herbeischleppte: armer Heinz Duke! wohl erkenne ich Dich in dieser
Jammergestalt. Ich habe schon manches Wollenwamms bei Dir gekauft und auch
manches geborgt. Stehe ich allenfalls noch auf Deinem Kerbholze, so kannst Du
mich dieses Dienstes wegen auslschen, und Dir die Freude machen, aus Deinem
schnen Hanf einen Strick fr diesen Buben zu drehen, der ihm fein und glatt zum
dicken Halse stehen soll.
    Niedertrchtiger Klopffechter! schnaubte Bechtram wild, und dieses Wort
wre mit einer entsetzlichen Mihandlung bestraft worden htte sich nicht
Dagobert des Gefangenen angenommen, den berwindern Migung gepredigt, und
darauf gedrungen, schnell nach der Stand zurckzukehren mit der guten Beute. -
Seine Worte wurden befolgt, - Ritter und Knechte auf die Gule geschnrt, und
Reiter, Fuknechte und Wagen zogen bald wie stolze Sieger in der wichtigsten
Fehde in Frankfurt ein. Der Jubel des Volks donnerte auf allen Gassen, da es den
gefrchteten Feind in seiner Gewalt sah, und Dagobert's, wie Gerhard's Namen
schwebten gepriesen und erhoben zum Himmel auf allen Zungen. Sogleich
versammelten sich Brgermeister, Schffen und Rath, und der Schulthei, an der
Spitze der gesammten Vter der Stadt, mute, so schwer es ihm auch wurde, dem
verhaten Sohne Diether's den Dank der Brgerschaft verheien. Diether umarmte
seinen Dagobert mit der Liebe, die den Knaben in's Leben geleitet hatte, und
rief: Ja, Du bist ein treuer Mensch. Die Feindin zu retten, wagst Du Dein
Leben! - Die Feindin? fragte Dagobert wehmthig entgegen: Verht' es Gott,
Wallrade ist meine Schwester, aber unwrdig leider unsers Namens. Ich hasse sie
jedoch nicht, und wrde, sie zu befreien, wohl noch mehr thun, als einen Ruber
niederwerfen. - Dieser Ruber war ein Felsen von Verstocktheit. Sein Lugnen,
sein Hohn gegen die Vorwrfe, mit welchen ihn des Raths Vorsteher berhuften,
seines Treu- und Friedensbruchs wegen, berstieg an Frechheit Alles, was man
bisher aus Rubersmund vernommen hatte. Seine Knechte, in der Schule des
Verbrechens gro gezogen, folgten dem Bespiele ihres Gebieter, bis der
Oberstrichter ihnen mit der Folter drohte, und zum Beweise, da er es ernstlich
meine, die schrecklichsten Folterwerkzeuge herbeibringen lie. Dieser
grausenvolle Anblick erschtterte die Standhaftigkeit der Reisigen; sie wankten,
lieen nach von ihrem Starrsinn, und bekannten endlich unter der Bedingung, ihr
elendes Leben zu behalten, eine Unzahl von blutigen Thaten und Raubfreveln, die
ihr Brodherr binnen der letzten Frist verbt hatte. Keine Schandthat war zu
denken, die nicht von Bechtram und feiner wilden Jagd begangen worden wre, und
der graue Snder erblate selbst, da man ihm die Litanei seiner Bubenstcke
vorhielt. Sein Trotz und bermuth verwandelte sich, da er seine Helfershelfer
von ihm gewendet sah, in pltzliche Muthlosigkeit, und in eine finstre Ahnung
des Schicksals, das ihn betreffen mchte. Unter solchen Umstnden wurde es dem
Oberstrichter leicht, noch in der Nacht desselben Tages das Bekenntni von ihm
zu erringen, da Wallrade und der Kaufdiener Schwarz und noch einige andere arme
Leute in seinem Raubneste gefangen gehalten wrden; ... und die Furcht vor einem
schmhlichen Tode, - die Hoffnung, Leben und Freiheit zu erhalten, bewog den an
der Vorsehung und seinen Freunden Verzweifelnden, an seine Hausfrau folgende
Zeilen zu schreiben: Der ehrbaren Else von Vilwyl, meiner lieben Hausfrauen,
meinen freundlichen Gru zuvor. Liebe Hausfrau! ich lasse Dich wissen, da mich
die von Frankfurt gefangen haben; darum befehle ich Dir, die Gefangenen von
Stund an laufen zu lassen, weil ich gefunden habe, da ich nichts mit ihnen,
noch sie etwas mit mir zu schaffen haben. So Du das thust, ist mir's lieb.
Gegeben unter meinem Insiegel. Zum Wahrzeichen schicke ich Dir Deinen eignen
Siegelring. Bechtram von Vilwyl, Ritter.
    Dieser Brief, die Befreiungsurkunde der in Haft gehaltnen, war geschrieben,
aber der Bote fehlte, welcher ihn berbracht htte, indem die Hrte und grausame
Rohheit der Frau von Vilbel, wie der Genossen des Ritters im ganzen Gau bekannt
war, und selbst der Entschlossenste den Tod frchtete, als sichern Lohn der
Botschaft. Vergebens befahl der Rath: seine Diener meinten, ihr Leben kme nicht
wieder, wenn man auch den Bechtram alsdann der Rache opfern wollte, und Geld und
Versprechungen bewogen keinen, nach dem belberchtigten Schlosse Neufalkenstein
zu reiten. Schande genug fr so viele im Kriegshandwerk ergraute Leute! schalt
Dagobert, da er diese unaufhrlichen Weigerungen erfuhr: Gebt mir Brief und
Ring, und ich hole die Gefangenen unversehrt aus der Hhle des Wolfs. Trifft
mich dabei ein Unglck; nun, so lat eine Messe fr meine Seele lesen, und damit
gut. Es soll nicht gesagt werden, da sich in ganz Frankfurt kein Mann gefunden,
der es gewagt htte, den Rubern in das Weie des Augs zu sehen. - Auf dieses
kecke Anerbieten hin, fanden sich Viele, die nun das Wagstck unternommen
htten, allein Dagobert blieb fest bei seinem Begehren, und der Schulthei
untersttzte es, gegen alle Einwendungen des Vaters und der Freunde des
Jnglings. Dagobert erkannte wohl den bsen Sinn seiner Worte und Bemhungen,
freute sich aber ihrer Untersttzung und ritt von dannen, geleitet von
Vollbrecht und einem Trompeter der Stadt, als ob er zu einem frhlichen
Kirchweihfeste geladen wre. - 's ist doch mein alter bser Fluch, - brummte
er lchelnd vor sich hin, - da ich immer wie der ew'ge Jude umherziehen mu im
Lande, und die Pfoten in's Feuer stecken fr Leute, die mich vergiften mchten;
aber, was thuts? Mit meinem Frohsinn wchst meine Zuversicht, und meine Lust,
jedem zu helfen, der meines Diensts begehrt. Mit dem Vater habe ich mich
vershnt, und das ist denn doch die Hauptsache. Mtterlein und Bruder Hans im
Himmel werden mich dafr segnen, und es nicht bel nehmen, wenn ich mich auch um
die entartete Schwester, um die verirrte Stiefmutter bekmmre, und den armen
kleinen Hans nicht aus dem Hause stoe, wenn er gleich nicht hinein gehrt.
Seine Mutter ist ja doch unser eigen Blut. - Frisch also vorwrts! Ich gehe auf
dem Wege des Rechten, und darf mich nicht frchten; wartet doch meiner Segen,
und ein freundlicher Blick aus Esther's holdem Auge.
    Das Bild der Lieblichen, das in ihm emporstieg, machte ihn selig, aber
traurig zugleich. Denn ob er gleich, nach langem Widerstreben seiner Liebe zu
dem Mdchen so klar bewut geworden, da er sie nicht mehr lugnete, so war ihm
doch das Ende, welches dieses Gewirr von Begebenheiten nehmen wrde, nichts
weniger als klar. Denn, wenn seine Zrtlichkeit sich auch ber die Vorurtheile
der vornehmern Stnde hinwegsetzte - immer ri sich eine unbersteigbare Kluft
zwischen ihm und Esther auf. Ihr Vater trat immer dazwischen, wie ein strender
Geist, und diesem Mann hatte er jetzt selbst den Aufenthalt seines Kindes
verrathen, ... diesen Mann war er gewi, bei Esther zu finden. Wie wrde sich
alles entwickeln, - wie sich lsen? - Esther mit sich vereinigt zu denken,
schien ihm vom Schicksale zu viel gefordert. Eine Trennung von ihr? Ach, wie
weit schob seine sehnschtige Liebe diese Mglichkeit in den fernsten
Hintergrund der Zukunft! -
    Neufalkenstein ragte vor ihnen empor im Mittagsglanze. Der Wchter auf dem
Wartthurme blies aus Leibeskrften sein Horn, da der Trompeter der Stadt die
Annherung eines Besuchs verkndigt hatte. Ein unruhiges Hin- und Herlaufen im
Zwinger wurde durch die Fensterlucken und Schiescharten der Mauer bemerkbar,
und eine Stimme rief durch das Gitter am Thorbogen den jenseits des Grabens
haltenden Reitern zu. Ich habe eine Botschaft zu werben bei der Frau von
Vilbel! antwortete Dagobert: im Namen der freien Reichsstadt Frankfurt. -
Frau Else ist krank, lautete die Gegenrede. - Thut nichts; ich werde nur wenig
mit ihr sprechen, und nur einen Brief bergeben. - Die Stimme innerhalb dem
Thore verstummte, und die Boten der Stadt harrten lange vergebens. Indessen
waren auf dem Wartthurme Leute erschienen, unter ihnen ein Frauenbild mit
wehendem Schleier, das starr und unverwandt auf Dagobert und seine Begleiter
herniedersah. - Wenn die Sonne mich nicht blendet, sagte Vollbrecht, so ist
das Frauenbild Eure Schwester, Herr. Sie trgt dasselbe Kleid, in welchem sie
von Frankfurt abfuhr, da Ihr mich auf ihre Spur sandtet. - Sie lebt also! sie
lebt! jauchzte Dagobert: Ich werde ihr mit Gutem vergelten knnen, was sie
Bses an mir versucht. - So eben klirrte die Zugbrcke wieder, und des Thores
Flgel ffneten sich. Vollbrecht wollte seinem Herrn folgen, aber dieser wies
ihn zurck. - Bleibe hier bei diesem Manne, sprach er: bleib' ich aus, so
meldet's zu Frankfurt, und Du, mein Vollbrecht, sagst es an in der Forsthtte zu
Drningen. Gott befohlen indessen. - Gelassen und stolz ritt er ber die Brcke
durch das Thor, und rief hier freierlich aus vor dem Haufen Bewaffneter, die ihn
umgaben: Ich bin ein Herold und unverletzlicher Bote der Stadt, und, so ihr ein
Haar krmmt auf meinem Haupte, sage ich diesen Mauern Brand zu, und Euch allen,
die da halfen, den Tod auf dem Rade. - Als er nach diesem Eingange sich vom Ro
geschwungen, so bemerkte er wohl, wie unnthig seine Drohung gewesen sey, denn
bleiche Gesichter standen um ihn her; kein Trotz war in der Mienen zu schauen,
sondern eine wilde ngstlichkeit, eine Unruhe, wie sie Verbrecher vor dem Gange
zur Strafe zu berfallen pflegt. Am Thore des innern Hofes empfing den Jngling
Frau Else mit rothen Augen und kraftlos einherschreitend, - die mchtige Frau.
Kaum vermochte sie sich den Schein der stolzen Gebieterin zu geben, die des
Boten Gewerbe gleichgltig erwartet; aber auch dieser Schein verging, als
Dagobert ihr den Brief verlesen, und den bewahrheitenden Ring berreicht hatte.
Ihre Kniee zitterten, wie ihre Lippen. - So ist es denn sicher und gewi,
sprach sie zu dem alten Doring, der neben ihr stand. - Ich konnte es bis jetzo
noch nicht glauben. Mein Alter in den Hnden der Frankfurter! Sprecht, Doring,
... was soll ich thun? - Befolgen, was er Euch befiehlt; erwiederte der Alte,
dem die Augen feucht geworden waren: Gebt frei die Gefangenen, damit Euer Herr
lebe und frei sey. Zgert nicht. - Alsobald; versetzte die Frau, und suchte
an ihrem Schlsselgebunde die Schlssel zum Thurme, und konnte sie lange in der
Verwirrung nicht finden.
    Nicht wahr, fuhr sie weichmthiger, denn je fort, als Doring mit den
Schlsseln hinweggegangen war: nicht wahr, Bechtram wird nicht sterben, da ich
thue, was Er und Ihr verlangt. Nicht wahr, mein guter Herr! Ihr versprecht mir
das? - Wie kann ich das, gute Frau? fragte Dagobert, den die Erschtterung
dieses mnnlichen Weibes nicht unbewegt lie: Unsre Herren zu Frankfurt haben
darber zu richten, doch werden sie milde seyn, denke ich. - Wallrade flog
herbei, und umarmte den berraschten Dagobert wie den herzlichsten Freund.
Willkommen, Bruder! rief sie mit der Freundlichkeit der Schlange: Willkommen
hier als Bote der Erlsung! Auf Dich habe ich gehofft, auf Dich gebaut; von Dir
meine Rache erwartet. Der Gatte dieses schndlichen Weibes, - auf Else deutend,
- ist gefangen, wie ich vernehme, und sein Tod ist unsre Freiheit. Dank dem
Himmel! - Ha! fuhr Else, durch die boshafte Rede des Fruleins gereizt,
empor: Wenn ich das wte! wenn er sterben mte, trotz Eurer Loslassung!
Erwrgen lie ich Euch zur Stelle, und diesem Boten das Haupt abschlagen, als
vorausgenommene Rache. - Der herbeigekommene Conrad Schwarz, sammt einigen
Bauern, die in Neufalkensteins Kerker gesessen hatten, sammelten sich
erschrocken um den furchtlosen Dagobert; denn sie hatten die in Wuth auflodernde
Frau schon kennen gelernt. Wallrade hielt sich zitternd an seinen Arm. Er machte
sich aber ruhig los von der Falschen, und erwiederte Frau Elsen: Versuchts,
mein Amt zu verletzen, und erwartet alsdann die frchterlichen Folgen. - Was
knnte denn noch Schrecklicheres kommen, wenn Bechtram verloren wre? klagte
Else mit dumpfem Tone: Wir sind so lange zusammen gegangen; ber dreiig Jahre
sind's, haben Freud und Leid, Ehr' und Schmach getheilt und getragen. Wahnsinnig
mte ich werden, ginge er vor mir heim wie ein schimpflicher Verbrecher, ...
und noch einmal ... wt' ich's im Voraus, ... weder das bse Frulein hier,
noch Ihr, der Bruder, trgt Eure Kpfe ganz hinweg! -
    La uns gehen, mein Bruder; drang Wallrade in Dagobert: la uns gehen.
Hre nicht auf die Worte des Weibes. Komm. - Alsobald, mein Frulein;
antwortete Dagobert kalt. Erlaubt nur, da ich zuvor Frau Elsen auf das
Ernstlichste befrage, ob kein Gefangner mehr in der Veste Verborgen? - Else
schttelte schweigend mit niedergeschlagenem Blicke das Haupt. - Keiner,
keiner, mein Bruder! antwortete fr sie und ungestm Wallrade: Komm, la uns
eilen! - Indessen hatte ein junger Knecht dem muthigen Dagobert zugeflstert,
er mge nicht glauben; es sey noch eine Frau im Schlosse verborgen. Dagobert
fragte unerschrocken nach der Versteckten. Wallrade, roth vor Zorn und Ungeduld,
bestritt einstimmig mit Elsen die Forderung des Bruders. Dagobert stellte den
Lugnenden den Knecht gegenber, nachdem er ihm Freiheit und Leben zugesichert.
- Verrther! herrschten nun diesem Elsens Lippen entgegen, und auch Wallradens
Munde entfloh eine leise Verwnschung.
    Was soll dieses verstockte Lgengewebe? fragte Dagobert, als sey er der
Herr Neufalkensteins: Denkt Ihr mit mir und meinem gndigen Herrn ein frevelnd
Spiel zu treiben? Zittert: ihr mchtet es bereuen. Eine kleine Strecke von hier
rastet ein Fhnlein gut Bewaffneter. Glaubt Ihr denn, ich htte mich allein in
Euern Schlupfwinkel gewagt, da Ihr meinem Begehren solch unverschmten
Widerstand geleistet? Heraus an's Tageslicht mit der Unglcklichen, die Ihr
verborgen haltet; heraus, oder das Spiel endet sich mit Euch nicht gut. -
Wren nur der Hornberger und Eppensteins Wolf zugegen, Ihr solltet bald zahm
werden! murmelte Henne von Wiede grollend. Gewi die saubern Gesellen, die
gestern Nacht zu Erlebach brannten, sengten und plnderten, wie gottvergessene
Heiden? fragte Dagobert wild entgegen: Die Missethter entlaufen ihrem Galgen
nicht. Ihr rettet aber Euern Herrn, wenn Ihr ohne Widerrede bekennt, und heraus
gebt, wen Ihr widerrechtlich zurckzuhalten Lust bezeigt. - Else schwieg noch
unentschlossen; da drngte sich aus dem Haufen der Burgleute der Leuenberger
vor, mit seiner gewohnten Frechheit gerstet, und seine Unverschmtheit
gleichsam berbietend: Thut nicht so patzig, Neffe! rief er: Auch den
Heroldsrock sammt dem Herzen darunter, zerreit mein Stahl, wenn's nthig ist.
Hier aber habt Ihr eben so wenig Recht, das Wort des Herrn zu fhren, als wir
der Heimlichkeit bedrfen, um unser Recht darzuthun. Das Weib, das hier
zurckbleiben mu, wird, und sogar will, ist meine Schwester, Eures Vaters Frau,
die er schndlich aus dem Hause hat gestoen, er - der Krmer, eine adeliche
Leuenbergerin. Schutz hat sie bei mir gesucht, und bei Pest und rothem Hahn; ich
will sie schirmen wie der Vogt das Kloster. Euere Schwester nehmt immerhin mit
Euch; sie ist eine Hexe, die den Klgsten kirre macht, und hinterher verlumdet.
Ihre Schlangen htte mir fast das Leben gekostet. Fort mit ihr; aber Margarethe
bleibt bei mir. - Frau Margarethe hier? fragte Dagobert staunend: Margarethe
hier in Haft? Wenn Euch Euer Leben lieb ist, gebt sie heraus. - Das Weib geht
mich nichts an, erwiederte Else trotzig: Der Bruder hat Gewalt ber die
Schwester. - Der Mann hat grre ber sein Weib! versetzte Dagobert: Gebt
sie heraus, die Hausfrau eines Altbrgers von Frankfurt. -
    Der Teufel hole Frankfurt, seine Brger und alle leichtfertige Waare, wie
Wallrade ist! fluchte der Leuenberger: Neffe, reizt mich nicht. Meine arme
Base ist schon von Eurer Schwester in's Grab gergert worden. Meine Schwester
soll nicht zu Grunde gehen in Euern buhlerischen Armen, denn nur fr Euch
gedenkt Ihr sie heimzufhren! - Verdammter Hund! brach Dagobert los, und
griff nach dem Schwerte. Die Schaar von Taugenichtsen gerieth in Bewegung; Veit
zog seine Klinge blank und Frau Else schrie Zeter. Mord und Tod! rief sie
wild: Seht, wie der Herold selbst sein Recht verletzt. Thor zu! Brcke auf!
Geht dem Frankfurter Wichte zu Leibe! - Da Veit seine aufmahnende Stimme mit
der ihrigen vereinte, schickten sich die Knechte willig an, Folge zu leisten.
Einer der entfernt Stehenden langte die Armbrust vom Haken und zielte auf den in
den Sattel gesprungnen Jngling, um welchen sich das Huflein der wehrlosen
Gefangenen drngte, das von ihm Rettung und Befreiung erwartete. Der
heimtckische Schtze fehlte jedoch sein Ziel, da ein schnell Herbeikommender
ihm mit aller Gewalt die Waffe aus der Hand schlug: Schurke! rief er: hte
Dich vor Meuchelmord, und Ihr, Frau Else, gedenkt Euers Herrn und seines
Schicksals, das auf der Spitze einer Nadel wirbelt. Kommt herzu, ehrsame Frau,
setzte der Mann bei, indem er ein bekmmertes Weib in die Mitte der emprten
Streiter leitete: stiftet Ihr den Frieden, und endigt durch Euern Ausspruch
diesen Auftritt, der dem Rasenden hier nur Gefahr bringen wrde, und den ich
ferner nimmer ansehen kann. - Graf von Montfort! rief Dagobert mit dsterm
Blicke: wie kommt Frau Margarethe zu Euerm Schutz? Ich bekenne, da Ihr Euch
der Weiber unsers Hauses allzusehr annehmt, wenn Bechtram wahr sprach, als er
Euch den Stifter des Raubes an dieser hier auf Wallraden zeigend nannte. -
Wahr sprach er! fiel Wallrade giftig ein: dieser unedle Rittersmann befahl
den Frauenraub, und kam selbst, an meiner Qual sich zu weiden, und mich mit
seinen unziemlichen Wnschen zu verfolgen. - Das Letztere ist Lge, versetzte
Montfort: das Erstre lugne ich nicht und bereue, da ich, von der Leidenschaft
des Hasses und der Rache geblendet, unedel an der Nichtswrdigen handeln konnte,
und in Gemeinschaft treten mit dem ruberischen Bechtram, dessen Schandgewerbe
mir erst klar wurde, da ich in das Junre seiner Wohnnug trat. Seinen Dienst
bezahlte ich mit meinem Golde, und Euch, mein khner Degen, biete ich Vergeltung
im ehrlichen Zweikampfe, damit mein Schild rein werde von der bsen That. Jetzo
aber entscheidet rasch das Schicksal dieser Allen, und nehmt sie fort mit Euch.
- Dagobert antwortete ihm nicht, sondern heftete den Blick auf Margarethen, die
wie eine ergebne Dulderin da stand, mit gertheter Wange und fliegendem Busen. -
Den will ich sehen, der mir die Schwester raubt; sprach Veit frech und khn:
ihr eigner Wille ist's, zu bleiben. - Wie, ehrsame Frau? fragte Dagobert
staunend: Spricht der Mensch die Wahrheit? - Der Wille, recht zu handeln,
entgegnete Diether's Gattin, hat mich aus meines Herrn Hause gefhrt und in
dieser Leute Hand gegeben. Ich frchte jedoch, ich darf nimmer wiederkehren zu
meinem Herrn, und eh' ich der unverdienten Schande mich berlasse ..... - Eher
wolltet Ihr dem Straenruber folgen? fragte Dagobert ernst: Mutter, das
sprach nicht Euer guter Wille, und um den bsen Geist zu bannen, schwr' ich's
Euch, Ihr werdet offne Arme in Euerm Hause finden. - Dann, ja dann ...
lispelte Margarethe berrascht und zgernd. - Nichts dann! nimmer dann! fiel
Veit brausend und tobend ein: Pest und rother Hahn! Eine Leuenbergerin wieder
zurckkehren zu dem Ellenprinzen, gleichsam wie in Sack und Asche? Des Todes ist
der Bube, wenn er nur Deine Fingerspitze berhrt, wankelmthige Grete. - Der
Leuenberger hat Recht, schrie Else dazwischen; und ich bin die Herrin auf
Neufalkenstein, und ehre wohl den Herold der Stadt Frankfurt, aber den
ungeschliffenen Gast, der in meines Hauses Rechte greift, la ich in's Verlie
werfen. Thor zu! Brcke auf, sage ich noch einmal! - Nun eilten die Knechte,
den Befehl zu vollziehen; Montfort sprang jedoch zwischen Veit, welcher
Margarethen mit sich fortreien wollte, und Dagobert, der wthend wie ein Lwe
unter das Gesindel sprengen wollte. - Weib! rief er der zornrothen Else zu,
die so eben dem verrtherischen Knecht den Strang zum Lohne verhie: Weib! Du
selbst bringst Deinen Mann unter das Beil des Henkers! und in demselben
Augenblicke lieen sich schmetternde Trompetenste vor der Burg vernehmen, die
von einigen Hrnern in der Ferne beantwortet wurden. Diese kriegerischen Tne,
Dagobert selbst unerwartet, machten auf die Burgleute den Eindruck wie Posaunen
des letzten Gerichts. - Ihr bringt uns alle auf's Blutgerste! brllte Doring
dem erstarrenden Leuenberger zu: Der Bursche hat nicht gelogen. Drauen liegen
die Helfer, und wir sind verloren, ein schnell berwundnes Huflein. Lat das
Weibsbild ziehen, und rettet Eure Haut! - Veit lie es geschehen, da Montfort
die frohlockende Margarethe an Dagobert bergab, und Else weigerte sich eben so
wenig, die Wiedererffnung, des Thors zu befehlen. Die Gefangenen zogen aus, und
Wallrade fhlte die Demthigung, sehen zu mssen, wie Dagobert Margarethen auf
sein Pferd hob, und dasselbe am Zgel fhrend, neben herging, ohne einen Blick,
ohne ein Wort ihr, der Heuchlerin, zu schenken. - Frau Else sank, - in
ohnmchtigem Grimm und banger Ahnung vergehend, trostlos, am offnen Thore
nieder, den Abziehenden nachstarrend, und ein Gebet fr ihren Gatten versuchend;
der Leuenberger rennte im Hofe wie ein hintergangner Teufel auf und nieder; die
Knechte glotzten unmuthig und leise fluchend dem Zuge nach, und sandten, da
derselbe schon ferne war, noch einige Bolzen und Steine hinterdrein, die jedoch
ihr Ziel nicht erreichten. - Wir sehen uns wieder, hatte Montfort beim
Scheiden zu Dagobert gesagt: und dann stehe ich Euch Rede! - Wallrade hatte
ihm einen vernichtenden Giftblick zugeworfen und schritt verdrossen neben
Dagobert hin. In kleiner Entfernung kamen den Befreiten Vollbrecht und der
Trompeter entgegen, und jubelten, Dagobert gesund und unversehrt wieder zu
erblicken. - Wahrlich, sprach der Knecht: wir hatten Angst, da die Zeit
verrann und Ihr nicht wiederkehrtet. Und als nun vollends die Brcke aufflog,
glaubten wir Euch hingemetzelt und sprengten fort. Doch, kaum an jenes
Tannengehege gelangt, ersehen wir eine Schaar von Gersteten, die eilig
heranziehen. Der Trompeter blst, das Hifthorn des Fhrers antwortet, und ein
Reiter voran, schwingt im Sonnenstrahl die. Lanze. Frankfurter sind's, und,
trge ich mich nicht, an ihrer Spitze der Edelknecht, mein ehemaliger Herr. -
Die Sldner kamen so eben heran, und der Hlshofner in eigner Gestalt sprang vom
Gaule, und fiel seinem Freunde um den Hals. - Gott sey Dank, rief er, da
Euers Vaters Besorgni vergebens war, und wir, die Nachgesandten, Euch wohl und
heil antreffen. Was mich betrifft, der ich freiwillig diesen Ritterzug, Euch zu
beschirmen, unternahm, ich bin schier aufgebracht darber, da ich nicht fr
Euch Sturm laufen, nicht fr Euch mich herumbalgen darf. Die Hunde sollten meine
Faust gesprt haben. - Er erblickte nun Wallraden, und bot ihr, hflich genug
fr einen rohen Gesellen, sein eigen Pferd zum Dienste an. Das Frulein schlug
es, mit einem unwilligen Blick aus ihren Bruder, aus. Dagobert gebot seinem
Knechte, sein sanftes Pferd Wallraden zu leihen, und half ihr in den Sattel.
Whrend dessen sprach Wallrade hmisch zu ihm: Dein unzartes Benehmen gegen
mich war mir ein Rthsel. Der Edelknecht hat es gelst. Der Vater hat sicher
Friede mit Dir gemacht, und Dein bermuth lie die berwundne zu Fue gehen,
neben dem Rosse Deiner so sehr geliebten Stiefmutter. Nicht wahr, Du stilles
Wasser, Du ehrliches Auge Du? - Ich antworte Dir nur, versetzte Dagobert
still, aber, ernst, da ich Dir rathe, Deine giftige Zunge im Zaume zu halten.
Wisse, Unselige; Rdiger starb in meinen Armen: gebeichtet hat er mir Deine
Frevel. Ein Versuch von Dir, den huslichen Frieden meines Vaters zu stren, und
ich spreche ohne Schonung, Du entartetes Weib, Du gefhllose Mutter! - Wallrade
wurde bleich, wie der Schnee, und Dagobert kehrte, ohne ihre Erwiederung zu
erwarten, und sie der Leitung Gerhard's berlassend, zu Margarethen zurck,
welcher der Unmuth in seinen Mienen nicht entging. - Ihr habt mit Wallraden
Zwist gehabt? fragte sie: O erzrnt Euch nicht um dieses Weibes willen. Gott
strke nur mich. In den wenigen Tagen, die ich auf Neufalkenstein verlebte, hat
Wallrade mir durch ihre Bosheit fast das Blut vom Herzen gesaugt; was wird
meiner erst warten, betret' ich wieder Diether's Haus, vor welchem ich mich
frchte, wie vor der Hlle?
    Der Vater ist vershnlich geworden, entgegnete Dagobert: der bse Geist
ist von Saul gewichen. - Ihr seyd das Vertrauen selbst, sagte Margarethe;
und warum solltet Ihr auch nicht ein Kind seyn, das frhlich und treu Glauben
gibt, und Glauben fordert? Ihr seyd edel und bieder, ohne Falsch, ohne
strafendes Bewutseyn, .... nicht ich also, mein Freund, und darum scheue ich
meines Herrn Antlitz und meine Rckkehr in sein Haus! - O, Mutter, redete
dagegen Dagobert: wie unglcklich habt Ihr selber Euch gemacht durch einen
Schritt vom Pfade der Wahrheit! Versucht nicht, mir Alles zu bekennen, denn ich
wei schon Alles, und als Euer Sohn schweige ich in Ehrfurcht vor Euch. Aber, so
wie Euer Mund schweigen mag gegen mich, also mgt Ihr ihn aufthun gegen den
Mann, dem Euer Vertrauen gebhrt, gegen meinen Vater. Bekennt ihm offen Eure
Schuld, damit er nicht aus dem Munde des Zufalls sie erfahre; vertraut seiner
Liebe zu Euch, die nicht erlosch unter der Last von Argwohn, welche er auf
seinem Herzen trug, - die nicht unterging unter der Fluth von Verlumdung, mit
welcher Neid und Bosheit Euern guten Ruf besteckte. Ihr werdet Euer Schicksal
durch die Hand geschftiger Freunde entweder, oder durch ein Verhngni, das
Euch wohl zu wollen scheint, gestellt finden, da Euer Bekenntni Euch unnthig,
vielleicht gefhrlich vorkommen drfte. Traut aber dieser einflsternden Stimme,
die nicht Euer Bestes will, nicht mehr. Das Verhngni kann gleien und Euch um
so tckischer verderben; Willhild knnte pltzlich wiederkehren .... - Ja; Ihr
wit Alles! rief Margarethe hnderingend: Ihr wit Alles, und Ihr schwiegt bis
jetzt? O, welch ein Zufall hat Euch entdeckt ....? Warum habe ich gegen Euch
geschwiegen ...? warum ...? Htte ich wiederkehren knnen aus dem Garne, in dem
mein abenteuerlicher Vorsatz mich verstrickt hat, auf dem Schellenhofe, wohin
ich Euch beschied, htte ich Alles Euch vertraut, ich htte ....
    Unnthige Mhe; versicherte Dagobert: ich wre nicht erschienen. Der
unschuldigen Gattin meines Vaters war ich ein aufmerksames Ohr, eine hlfreiche
Hand schuldig; der des Fehls bewuten hingegen durfte ich nicht folgen, um gegen
den Vater in eine Verschwrung zu treten.
    Margarethe schwieg beschmt. Dagobert, darber betroffen, und unwillig ber
seine Freimthigkeit, suchte ein frhliches Ende an den betrbten Anfang des
Gesprchs zu binden.
    Lat's gut seyn, Mutter! sprach er: ich wollte Euch nicht krnken,
sondern Euch Muth machen, und die Erkenntni Eures bessern Theils in Euch
erwecken. Nicht vergeblich hab' ich das gewollt, und darum bin ich der Eure mit
Hand und Mund, sobald Ihr aufrichtig und Eurer wrdig zu seyn begehrt. Mag dann
der Vater auch vielleicht aufbrausen und den Zorn, den gerechten, anlegen, -
nehmt's hin in Geduld um Eurer Snden willen, und da es nicht zu arg werde, und
zu jmmerlichem Ausgang fhre, - dafr lat mich sorgen. Ich bin mit der Vehme
fertig geworden, ich habe Wallraden kirre gemacht, und das Diebsgesindel dort in
seinen eignen Schlupfwinkeln zu Paaren getrieben - ich werde doch wahrhaftig an
einem guten Vaterherzen nicht erlahmen. Es ist ein herrlich Ding, zur Shne
reden, und Friede stiften, und ich will's frder treiben, wenn auch nicht im
Chorrock. Doch, ich merke, da die Schatten lnger wurden und die Pferde ermdet
einherschreiten. Wir wollen daher in der Schenke dort unser Nachtlager
ausschlagen, um Morgen mit dem Frhsten in der Stadt einzuziehen, wie es den
Siegern fr eine gute Sache geziemt. -
    Margarethens Angst hatte keine Eile, in Diether's Haus zurckzukehren;
Gerhard hatte nicht das Mindeste gegen einen Rastabend, der sich beim Becher
ruhig zubringen lie; Wallradens Gewissen hatte das Frulein unwohl und
krankhaft gemacht. Die brigen zu Fue laufenden befreiten Gefangnen waren mde
geworden, und Alle sehnten sich nach Ruhe. Dagobert lie das ganze Haus von den
Sldnern umlagern, schaffte Margarethen in die beste Stube des Gebudes; trennte
Wallraden von ihr, und schlief, um die Hinterlistige zu verhindern, frher als
er dem Vaterhause zuzueilen, auf seiner Schwester Schwelle. Vollbrecht aber
sprengte noch am selben Abend nach der Stadt, um die frhliche Botschaft ohne
Verzug zu hinterbringen.

                                Viertes Kapitel.


 Strker noch als Frauenhaar, -
 Starke Fesseln doch frwahr, -
 Strker auch als Frstenhand,
 Die regiert das ganze Land,
 Ist des Vaters treue Lieb'!
                                                             Helvet. Denkspruch.

Das abgelegenste und verschlossenste Pltzchen, viele Meilen in der Runde, war
in dem Forste um das Ritterhaus Drningen, die Stelle, auf welcher die
Forsthtte erbaut war. Das Gebude, fest und stark aus Baumstmmen
zusammengefgt, war auf einer Grasflche errichtet, die dem schnsten bunten
Teppiche aus den Niederlanden glich, rings umgeben von einem schwarzgrnen
dichten Waldsaum, welcher, durch angepflanzte Hecken zu einer undurchdringlichen
Wand gemacht, nur einen einzigen Eingang auf die Htte zulie. Dieser Zugang,
war demungeachtet nicht leicht zu finden, unter den vielen Schlangenwegen, die
durch den Wald liefen, und der Fremde, um zur Htte zu gelangen - mute es
entweder dem gnstigen Zufalle verdanken, oder etwa dem Schall der Glocke
folgen, die zur Mittagszeit vor der Htte gelutet wurde, um das im Forste
gehegte Wild zum Futter zu rufen. Der Pfleger dieser Waldthiere, die in
ungemeiner Anzahl gehalten wurden, weil die Frau von Drningen, weder an der
Jagd Freude hatte, noch tglich einen Wildbraten fr ihren Tisch verlangte, -
wohnte nun in dem aus Baumstmmen erbauten Hause, warf dem Wildvolke sein Futter
vor, whlte die zur Kche bestimmten Stcke aus, und wachte zunchst ber die
Sicherheit der Waldung, die frherhin hufig von unbefugten Schtzen und
Holzfrevlern beunruhigt worden war. Der Herr von Drningen selbst war von einem
solchen Wilddiebe mit einem Bolzen durch die Brust geschossen worden, wie er
gerade vor der Thre der Htte stand, und seine Rehe berzhlte; er war auch
alsobald auf diesem Platze gestorben, und seine Wittib hatte sich nicht
entschlieen knnen, jemals wieder die Stelle zu sehen, auf welcher das Blut
ihres lieben Eheherrn geflossen war. Desto fter schlich sich dagegen Regina,
der Freiin Tochter und einziges Kind auf die bunte Wiesenflche, setzte sich
nieder auf den Buchenstumpf, neben welchem ihr Vater verschieden, gedachte in
frhlich wehmthiger Erinnerung seiner, ob sie gleich bei seinem Tode nur ein
ganz junges Mgdlein gewesen, und es duchte ihr, als knnten nirgends die
Blumen des Feldes schner blhen, als gerade auf dem Hgel um den Buchenstrunk.
Es traf sich oft, da sie mit dem frhesten Morgen schon sich auf der bethauten
Sttte einfand, um die perlgefllten Waldglocken zu pflcken, und mit
Butterblumen in einen Kranz gewunden, an den Resten des Buchenbaumes
aufzuhngen, weil sie denselben hher wie die Grabsttte des Vaters selbst
hielt. Es war nicht minder nichts Ungewhnliches, sie am Abend wiederkehren zu
sehen, um Kruter zu pflcken zu krftigen Suppen fr die krnkelnde Mutter. Zu
dieser Zeit war sie auch immer die frhliche, unbefangen aufblhende Dirne im
schnsten Lebensalter, und nicht beschlich sie die Trauer, wie wohl am Morgen
geschah. Sie scherzte mit dem zahmen Hirschlein, das auf der Forsthtte gehalten
wurde, spielte mit den braun und weigefleckten Hunden des Waldwrters, oder
plauderte kindisch geschwtzig noch mit dem Staarvogel des Hauses, welcher die
Jgerrufe: Hussa! Sa sa! Hoho! gelernt hatte, und ausschrie in den hallenden
Wald; oder sie hrte dem alten Forstwart selbst aufmerksam zu, wenn er von
seinen Lebensabenteuern anhob, bis die blaudftige Abendluft khler wurde, und
das Rosenlicht der Sonne an den Tannenwipfeln verglhte. Dann eilte sie,
schnellfig wie die Rehe, die hie und da ber ihren Pfad schwirrten, - so da
kaum der Wrter, ihr gewhnlicher Begleiter zu Abend, ihr zu folgen vermochte,
nach dem Edelhof zurck. Die Mutter wute von ihren Waldgngen sehr genau und
umstndlich, aber sie dachte nicht daran, der Tochter diese harmlose Lust zu
verbieten, weil sie gefahrlos zu genieen war. Der Wald war nmlich, seit der
alte Ammon auf der Forsthtte hauste, so sicher geworden, als er vor dem
unsicher gewesen. Pltzlich hatten die Diebereien darinnen aufgehrt, und die
losesten Gesellen und Gaunervgel scheuten sich in die Nhe von Ammons Wohnung
zu kommen, und schlugen ein Kreuz, so sie der Zufall dann und wann Abends am
Rande des Forstes vorberfhrte. Der Forstwart stand nemlich in dem Rufe, einen
Bund mit dem Bsen gemacht zu haben; ein Glaube, der im Bauervolke nicht
auszurotten war. Der Alte, obgleich geboren auf dem Hofe der Drninger, kam den
Nachbarleuten dennoch vor, wie ein Fremdling. Er war als ein trefflicher Falken-
und Sperberlehrer, mit Befugni seines Leib- und Zwingherrn, in die Fremde
gegangen, um seine Wissenschaft zu erweitern, ein Stck Geld zu verdienen, und
nach Verlauf der ihm erlaubten drei Jahre zurckzukehren mit wohlabgerichteten
Beitzvgeln fr den Herrn. Er kehrte aber nicht wieder, und konnte auch keine
Falken senden; denn Neubegier und Leichtsinn hatten ihn ber das pyrenische
Gebirg nach dem Lande Hispanien gefhrt, woselbst er in die Gewalt der
unglaubigen Mauren gerieth, jedoch bald aus einem geplagten Knecht der Liebling
des Knigs seines Herrn wurde, seiner Geschweidigkeit und kecken Natur halber.
Von diesem Knige, nach manchem Jahre, in Afrika gesendet, um ein Gespann von
Leuen zu erhandeln, und nach Spanien zu bringen, als eine Zierde der kniglichen
Grten; kam's ihm pltzlich ein, da es doch besser sey, umherzuschweifen wie
der freie Lwe, statt wieder in den goldnen Kfich zu kriechen. Ohne sich zu
besinnen, suchte er den Weg zum gelobten Lande, wo der Herr gewandert ist in
Menschengestalt. Ein widriges Geschick verfolgte ihn in Palstina, und nackt wie
ein Bettler, schiffte er von einem mitleidigen Schiffer aufgenommen, bers Meer,
zurck gedenkend nach der Heimath. Strme verschlugen das Fahrzeug an die Ksten
des griechischen Kaiserthums, und ein Seeruber von dem tapfern muhamedanischen
Volke, das schon beinahe ganz Griechenland unterjocht hatte, fieng es auf mit
Mann und Maus. Wieder manches Jahr verlebte Ammon unter den Zelten der
Sarazenen, und begehrte, an dem wilden Leben Freude findend, schier nimmer von
ihnen weg, als nach einer schweren Krankheit pltzlich ihn das Heimweh berfiel,
das schon Manchen in der Fremde den Garaus gespielt hat. Da trieb es ihn fort
auf nackten Sohlen und in die Lumpen des Elends gehllt, durch die Wildnisse und
Morste der Bulgarei, ohne Sumen, ohne Ruhe, bis er die Lnder erreicht hatte,
wo man weder den Propheten anruft, noch auf griechische Weise das Kreuz macht.
So kam er endlich an in der Gegend, wo er geboren worden, ein fremder,
unbekannter Mensch, mit ungewohnten Sitten, auslndischen Gebruchen und in der
heidnischen wilden Sprache besser erfahren, denn in der vaterlndischen. Als ein
schmucker Bursche war er von dannen gezogen, und ein wilder rauher Greis kam er
heim, mit der Rthe eines heien Himmelsstrichs auf den benarbten Wangen, und
mit geschornem Kopfe, aus welchem nur sparsam die Stoppelspitzen des weien
starren Haars wieder heraufteimten. Der Herr von Drningen hatte Erbarmen mit
dem alten Landstreicher und setzte ihn in den Wald als Forst- und Wildhter. Er
hatte just den Diener in sein Haus gefhrt, und ihm die Zahl der Rehe angegeben,
als sein Stndlein schlug. Ammon schwur dem unbekannten Thter und seinem
Gelichter unvershnliche Rache, und hielt sein Wort. Mit der grlichsten
Strenge gieng er zu Werke; die Holzdiebe peitschte er zum Sterben; die auf's
Wild lauernden Ruber ereilte er leise wie der Tod, und ehe sie sich's versahen,
sa ihnen auch schon der Tod im Herzen, den der wilde Ammon aus einer tragbaren
Donnerbchse, die er selbst verfertigt hatte, schleuderte, ohne nur einmal
seines Ziels zu verfehlen. Diese Sicherheit im Schu, und der Umstand, da ihn
nimmer ein Bolzen getroffen, von denen, die man oft aus Busch und Dickicht
meuchlings gegen ihn versandte, schreckte die Bsewichter schon, die auf
bernatrliche Knste zu schlieen gern bereit sind. Bald theilte das ganze
Landvolk, um und um, diese Meinung. Ammon ging nie zur Kirche, wurde nie betend
gesehen, und zeigte sich immer so finster und verschlossen, da Jedermann,
darauf schwur, er stehe mit dem Gottseybeiuns im Pakt. Dieser Glaube schien
nicht ohne Grund zu seyn, da Ammon hufig bei Nachtzeit in Wald und Moor
herumlief, Ottern suchte, und ihr Fett zu gewissen Salben bereitete, und seine
Htte offen stehen lie, ohne Furcht. Einige Waghlse hatten zwar einmal den
Augenblick bentzen wollen, da der Alte nicht zu Hause war, um dasselbe zu
berauben, oder in Asche zu legen, allein sie fanden in einer ungeheuren
Wolfsfalle auf spitzigen Pfhlen den Tod, und Ammon hing ihre Leiber zur Warnung
fr Andre an den Fichten auf, neben welchen der Eingang in den Wald fhrte. Nun
floh ihn und seinen Aufenthalt, was in der Umgegend lebte, Regina ausgenommen,
die das Geheimni gefunden hatte, sich die gutmthige Theilnahme des
verwilderten Greisen zu gewinnen, indem sie seinem polternden Wesen
Gleichgltigkeit entgegensetzte, seinen Erzhlungen ihr aufmerksames Ohr nicht
entzog, und ihn auf jede Weise in Schutz nahm, wenn nachbarliche Zungen die
fromme Mutter vor dem alten Knechte warnten, der zu keiner Messe gieng, und den
geselligen Verkehr mied, wie die Snde. Nach wie vor fand das Frulein seines
Tages Freude auf dem stillen Waldplatze, und war eines Morgens, wie gewhnlich,
beschftigt, einen Kranz von Wiesenblumen zu flechten, als der Schall mehrerer
menschlichen Stimmen unter den Baumgewlben vernehmbar wurde, - Stimmen, die
sich anriefen, und Verirrten, des Weges unkundigen zu gehren schienen. -
Ammon; sagte Regina zu dem Alten, der, unweit von ihr, ein Jgernetz
ausbesserte: Geh doch hin, und weise die Leute zu recht. - Ei was! brummte
der Forstwart entgegen: Haben sie sich hereingefunden, mgen sie auch sehen,
wie sie wieder hinauskommen. Fhrt sie der Weg hierher, dann will ich ihnen
schon den Weg weisen. - Diese letzten Worte begleitete er mit einer sehr
nachdrcklichen Geberde, die auf keinen guten Empfang der ungeladeuen Gste
schlieen lie. - Regina warf ihm seine Unvertrglichkeit vor, und verbot ihm
ernsthaft jede Gewaltthat, insofern die Verirrten hieher gerathen, und nach dem
Wege fragen sollten. Sie hatte kaum ausgeredet, als sich schon am Eingange des
Platzes ein Mann zeigte, welchem ein Frauenbild folgte, und ein anderer Mann,
der einige Gule nach sich durch den Wald zog. Ach! wie ging in Reginens Seele
die Erinnerung an den letzten Osterabend auf, den sie in Frankfurt zugebracht.
Denn der junge Mann, der so bescheiden sich nahte, um nach der rechten Strae zu
fragen, war - sie wute es ganz gewi - der anmuthige Junker, sie eine Knigin
genannt, und der erste Mann gewesen, der wohlthuend ihren Reitzen vor aller
Augen Gerechtigkeit hatte wiederfahren lassen. Der ernsthafte Ausgang jenes
frhlich begonnenen Ostermahls hatte ihre, jugendliche Brust wit Bewunderung fr
den khnen Jngling erfllt, der die unverletzlichen Menschenrechte muthig
vertheidigte gegen den schnden Vorwurf, - und dann und dann und wann war des
Jngling Bild noch wiedergekehrt vor ihre Seele, und hatte immer den Wunsch im
Gefolge gehabt, ihn einst wieder zu sehen, - ihn bald wieder zu sehen; nicht im
Ernst eines schon Standes und Alters, sondern noch im Schmuck, in der frhlichen
Freiheit jugendlichen Lebens, Pltzlich nun war dieser Wunsch erfllt worden,
und Regina, davon berrascht, zgerte nicht, ein harmloses Kind der Natur, dem
Ankmmling entgegen zu eilen, ihn zu begrssen, seine Hand zu schtteln wie ein
Mann, und ihm das Anerbieten zu machen, ihn zu ihrer Mutter zu fhren, die
erfreut seyn wrde ihn zu sehen. Dagobert, wohlthtig berrascht von diesem
Empfang, den er in diesen Wldern nicht erwartet hatte, warf einen forschenden
Blick um sich her, und sprach zu Reginen: Mein gutes Frulein! Es ist als ob
mich Gott hiehergefhrt htte, in diesen traulichstillen Wald, und in Eure Nhe.
Ihr befehlt als Herrin hier, und so Ihr wollet, knntet Ihr mir grere Huld
verleihen, als ich Euch je vergelten knnte. Wir sind seit Mitternacht geritten
auf's Geradewohl in die Welt hinein, verfolgt von Ungewitter und gefhrlichen
Menschen, die es auf dieser Jungfrau Leben abgesehen hatten. Die Unglckliche
hat jedoch kein Obdach fr die erste Zeit, und heilige Pflichten rufen mich auf
mehrere Tage von ihrer Seite. Wret Ihr wohl geneigt, meine liebliche Knigin,
in deren duftigen Wald und Blumenreiche wir angekommen sind, eine kurze Zeit
hindurch, die edle, sonder Verschulden in's Elend gerathene Mdchen in diesem
stillen Hause verborgen zu halten vor Jedermann, - die Mutter selbst nicht
ausgenommen, - weil die Jungfrau hier noch keine Christin ist, sondern sich erst
vorbereiten will, zum heiligen Bunde zu treten? Eine kurze Frist nur, - dann
sorge ich ferner fr Esther's Geschick; ... den alten Mann dort wenn er ihr
verschwiegener Hter seyn wollte, wrde ich lohnen, wie ein Frst nur kann, und
ewig dankbar seyn, mein Frulein.
    Es wallte sich in Reginens Busen die Begierde auf, dem bewunderten jungen
Manne einen Dienst zu leisten, und es schmeichelte nicht wenig ihrer kleinen
Eitelkeit, hier, ganz im Stillen, eine Handlung der Oberherrschaft auszuben.
Ihr Auge verweilte indessen forschend und ernst auf Esther's Angesichte, und je
reizender ihr dieses vorkam, je deutlicher wurde ihr ein geheimer Widerwille,
der in ihr aufstieg, und ihr widerrathen wollte, sich der allzuschnen Fremden
anzunehmen. Ihre Haltung wurde dadurch gemessener. Der schlanke Leib, sonst in
Geberden und Bewegung zwanglos frei sich regend, nahm die Stellung einer
prfenden, mibilligenden Herrin an, und ihr Blick wandte sich halb verlegen
gegen Ammon, in dessen Gesichte sie indessen zu ihrer Verwunderung keine finstre
Verwirrung, sondern eine wohlgefllige, seltne Heiterkeit wahrnahm. - Sprecht
doch mein Urtheil, sagte hierauf. Dagobert schmeichelnd, und fhrte Esther dem
Frulein entgegen: Seht, holdes Frulein, dieses seltne Geschpf, und gesteht,
da selbst unter dieser niedern Hlle eine Blthe verborgen ist, die mit den
Schnsten Eures stilles Reichs den Wettstreit beginnen kann, ... Eure Majestt,
wie sich's gebhrt, ausgenommen. - Das Frulein mute ber diese scherzhafte
Schmeichelei lcheln, und schon lie ihre angeborne Frhlichkeit die Larve der
gezwungenen Bedenklichkeit sinken. - Esther, die es deutlicher fhlte, was in
dem Busen Regineus, der kaum entwickelten Jungfrau, vorging, schwieg, ergeben in
ihr Schicksal, und senkte erwartungsvoll die schne Wimper ber das schnre
Auge. - Regina, zweifelnd, zgernd, nachgebend und dennoch widerstrebend, lie
sich in abgebrochenen Worten vernehmen. Sie uerte, es falle ihr schwer, vor
ihrer lieben Mutter ein Geheimni zu haben, ob sie gleich im selben Augenblicke
zugab, es sey nichts leichteres, als das Geheimni zu bewahren, weil die Frau
von Drning nimmer diesen Platz besuche. Aber ihre Bedenklichkeiten beschrnkten
sich endlich darauf, da sie nicht wisse, ob es nicht eine Snde sey, eine Jdin
heimlich zu hegen, und ob Ammon sich bewegen lassen wrde, die Unglubige in
seinem Hause aufzunehmen. Dagobert bekmpfte den ersten Theil dieses Vorwandes
mit der Betheuerung, Esther verlange nichts Sehnlicheres, als eine Christin zu
werden, und Ammon stellte seinerseits Reginen vllig sicher. Mir ist gleich,
sprach er, ob's ein Trke, ein Heide, oder ein Jude ist, der unter meinem Dache
haut, so Ihr's befehlt, mein Frulein. Gott ist berall, und - getauft oder
nicht getauft, - Gottes Sonne bescheint uns berall, und dem Heiden wachsen so
gut seine Saaten, als dem Christen; und des Christen Feld zerschlgt der Hagel
eben so gut, als des Unglubigen Korn. Sagt, ob Ihr wollt, Frulein, und mehr
bedarf es nicht. - Und da Regine einen neuen, wohlwollendern Blick auf die
schne Fremde warf, und sich nicht verhehlen konnte, da sie eben so schn sey,
und rein in ihren Zgen, als wie das kunstreiche Marienbild im Edelhofe; - als
endlich Esther ihre Augen aufschlo, das Frulein in den ganzen Zauber dieser
Paradiesessterne sehen lie, und mit der schmelzend weichen Stimme, der nichts
widerstehen konnte, die Worte sprach: Verstot mich nicht, gute, edle Jungfrau,
und vergelten wird's Euch der hochgepriesne Gott, und meines Vaters Segen, und
meines edeln Freundes Dankbarkeit! - Da htte Regina nicht das gefhlvolle,
reine Mdchen seyn mssen, um nicht einzuwilligen von Herzen. -
    So wohnte denn nun, von jenem Augenblicke an, Esther in der Htte des Forsts
zu Drningen, und der alte Ammon sorgte fr ihre Bedrfnisse, so gut als er es
vermochte, denn er war geschmeidig geworden durch die Erinnerung, durch diesen
Zauber, der den Menschen durch das Leben geleitet, und im Greise strker wirkt,
als im Jngling selbst, weil sein Daseyn blos nur in der Vergangenheit liegt.
Auch der wilde Falkenjger hatte einst geliebt, da sein Scheitel noch umwallt
war von braunen Locken, und seine Jugend in der schnsten Blthe stand; und
diese Liebe war ein Maurisches Mdchen gewesen, herstammend aus glhender Zone,
und hnlich den Zgen Esther's. Seit vierzig Jahren war diese Dirne aus den
Lebenden geschieden, von gher Krankheit dahingerafft, in einer Zeit, wo Ammon
seiner Vter Glauben willig hingeworfen htte, um das schne Kleinod sein zu
nennen. Seit vierzig Jahren feierte Ammon alljhrlich des Mdchens Todestag, und
nun, da Kida's Bild merklich schon abgebleicht worden war in der Kammer seines
Gedchtnisses, - nun war sie gleich wie auf's Neue lebendig geworden in der
reizenden Esther, zu ihm getreten in seine Wildni, - ein freundlicher Engel,
ein Trost fr seine leere Brust. Darum hatte er auch dem Mdchen die einzige
Stube des Hauses eingerumt, und sich auf den Speicher gebettet: darum hatte er,
rund um die Htte, neue, gefhrliche Fallen und Gruben angelegt, damit ihm
Niemand bei Nacht die Anvertraute stehle; - darum ging er wie ein sorgsamer
Knecht hinter der Gebieterin her, um ihren Wnschen sein Ohr zu leihen, und ihr
so viel Annehmlichkeiten zu verschaffen, als in seinen schlechten Krften stand.
Er fand in Esther's Lobe kein Ende, wenn Regina kam, nach ihr zu fragen, und
mibilligte es sehr, da das Frulein sich weigerte, die schne Fremde nher
kennen zu lernen, da es gleichgltig die warmen Dankesuerungen Esther's
zurckwies, und sich ihren einsamen Beschftigungen berlie, wie zuvor, ohne
seinen Schtzling zu verstatten, ihm nher zu kommen, und vertraulicher zu
werden. Ammon wute nicht, da weder der niedre Stand Esther's, noch ihr Glaube
sie von Reginens mitleidigem Herzen entfernte, sondern gerade der Vorzug, den
das Frulein ihr einrumen mute: der Vorzug, Dagobert's Freundin zu seyn. Ammon
bemerkte es nicht, wie oft Regina im Grase sitzend, in tiefes Nachdenken
versank, und Viertelstunden lang nach dem Waldgange blickte, als msse er jetzt
kommen, ... als msse er dann den fremden Gast hinwegfhren, und dann allein
wieder kommen, und tglich wiederkehren, und endlich gar nicht mehr von dannen
gehen. - An Dagobert's Statt kam aber eines Mittags Ben David an, - drftig und
verschmachtend - blos von der Hlle bedeckt, die ihm das Mitleid zugeworfen.
Ammon hatte schon nach der Peitsche gegriffen, um den verdchtig aussehenden
Bettler aus dem Reviere zu treiben: Esther's Freude- und Angstruf entwaffnete
ihn. Dem Vater von Kida's Ebenbilde konnte er nichts bles zufgen, und er
besann sich, da auch ihn einst sein Vater unsglich geliebt hatte, da auch er
einst an seinem Vater mit Treue gehangen; er begriff Esther's Empfindung, und
wehrte dem Alten nicht, die Wohnung seiner Tochter zu theilen. Vater und Tochter
waren vllig ungestrt, denn eine Unplichkeit hielt Reginen vom Walde fern,
und Ammon machte doppelt eifrig seine Runde. Esther's und David's
Wiedersehensfreude, wie ihr Leid um Jochai's Hinscheiden und ihre Verstoung aus
der Stadt, die ihnen Schirm und Heimath gewesen, durfte ohne strende Zeugen
sich aussprechen, fessellos, wie es der Schmerz, frei, wie es die Lust verlangt.
Aber schon am folgenden Tage begehrte David zu wissen aus Esther's Munde, wie
ihr Verhltni gewesen sey zu dem Junker. Esther's Wange errthete zwar; doch
hatte ihr Mund keine Schuld zu bekennen, und ihre Rede, einfach und erklrend,
trug der Wahrheit Stempel. Ben David scharfes Auge, allen seinen
Glaubensgenossen mehr oder minder eigen, sah indessen durch den Schimmer der
Wahrheit hindurch einen dunkeln Punkt in dem Herzen seiner Tochter; ein
verschleiertes Gefhl, dessen Decke zu heben sie nicht begehrte. Er fate daher
ihre Hand, und sprach! Geliebtes Kind; Du verschweigst mir, was Du nicht
solltest, und wegen dessen ich Dir nicht zrnen mag, denn es ist nur die Folge
der Vergangenheit. Dagobert ist gewesen Dein Schirm, Dein Alles, weil ich lag in
Banden. Dagobert hat Dich genhrt und gepflegt, und gerettet aus tausend
Gefahren; der hochgelobte Gott wird ihn darob segnen und ihn eingehen lassen
in's Paradies, weil er Gutes gethan an Israel; weil er es hat gethan
uneigenntzig, und nicht hat befleckt Dein Kleid der Ehren. Friede sey mit ihm,
und auch auf seinem Andenken sey einst Friede, wie auf Zodick's Gedchtni
Schmach sey und der Zorn Gottes, und ihm selbst das Feuer der Gehenna! Aber,
liebste Tochter, mein Kind: dergestalt, wie Du den abtrnnigen Knecht Zodick
mut hassen, - dergestalt hast Du gelernt lieben den seltnen Mann, der da
handelte, als stamme er aus den Lenden Jakob's, und nicht vom Berge Seir.
Gesteh' es mir, mein Kind. - Vater, erwiederte Esther stockend: Deiner
Klugheit kann nichts verborgen bleiben. Ich mu es bekennen, und wenn es Snde
wre vor Dir und dem Gesetz. Nach dem hochgelobten Gott, den ich frchte, - nach
Dir, mein Vater und Herr, den ich ehre, lebt Niemand mehr auf der Welt, denn Er,
den ich bewundre, den ich liebe, .... o la mich nicht vollenden. - Nein,
meine Tochter; vollende nicht; versetzte David ngstlich: Du liebst ihn nicht,
wie der Dankbare den Wohlthter, .... Du liebst ihn nicht, wie das Kind den
Vater, ... nicht wie die Schwester den Bruder; ... Du liebst ihn wie die
Jungfrau den Mann, und Wehe geschrieen ber mich und Dich ... was soll aus
dieser Liebe werden? - Was Gott wird beschlieen, und Du, mein Vater: sagte
Esther ergeben, wiewohl sie erbleichte, und erkannte, da sie nun an den
Markstein ihres Lebens getreten. - Ich kann nichts beschlieen; antwortete
seufzend der Vater, mit grrer Fassung, weil er auf sein eigen Unglck
zurckkam: Ich bin ein armer, geschlagener, zu Nichts gewordener Mann; sie
haben mich hinausgestoen in die Welt, und ich habe von all meinem Gute nichts
mitgenommen, als die Last der Dankbarkeit gegen den Jngling Dagobert, dessen
freigebige Hand mir noch einige Pfenninge zuwarf. Des Herzogs Glckstern ist
erloschen, und mein Gold, das ich ihm lieh, gewi verloren. Meine brige Habe,
theils in Costnitz zurckgeblieben, theils in unserm Hause zu Frankfurt
verwahrt, ist eine Beute geworden, dort betrgerischer Freunde, hier der
habschtigen Richter, die noch nach verborgenen Schtzen lechzten, von welchen
ihnen der abscheuliche Zodick vorgelogen. Ich mu wieder hinaus in die Welt, wie
ich gekommen bin herein, um zu erjagen, wo mglich, ein neues Glck; und Dich,
mein einzig Kleinod, mu ich lassen hinter mir, auf da Du nicht verderbest
unter'm Druck des Elends und der Entbehrung meiner flchtigen Wanderschaft. Du
magst nun entscheiden, Tochter: ich lasse Dir die Wahl: willst Du Dich werfen in
die Arme Edoms? willst Du zurckbleiben unter unsern Leuten, zu Worms entweder,
oder zu Nrnberg? Wir haben zwar nicht Freunde mehr, nicht Verwandte, aber
Israel wird nicht lassen von David's unglcklicher Tochter. - Esther sprang
auf, fate heftig ihres Vaters Hand, und rief mit ausbrechenden Thrnen im Auge:
Vater! bei der Herrlichkeit des Reiches, das uns vom Messiah gebracht werden
soll! Nimm mich mit Dir; ich will leiten Deine Schritte durch Fels und Sand; ich
will schlummern neben Dir auf Haidekraut und Moor, ich will nicht mehr begehren,
denn ein Stcklein verschimmeltes Brods, um mein Leben zu fristen; und am Ende
auch dieses Leben willig verlieren, erliegend unter Bekmmerni und Gottes, des
Herrn Schickung. Aber nimmer geh' ich nach Worms, nimmer nach Nrnberg. Unsre
Leute, zu denen ich flchtete zu Frankfurt, haben mich verrathen an die Wollust,
ein Sohn der Gebote hat Dich verrathen und den Raaf Jochai getdtet; was soll
ich erwarten von ihnen? Die Arme wird seyn verachtet und arm in Ewigkeit: eine
Magd werde ich seyn mssen in Schmach und Kummer. Vater, Dir will ich folgen,
aber nicht frder dem Gesetz und seinen Bekennern. Der Herr hat uns verderben
lassen in der Noth, die Brder haben uns lassen verzweifeln. Der Christ hat mich
errettet. Ihm gehren, nach Dir, meine Tage. Weisest Du mich von Dir, so bin ich
sein Eigenthum, wenn er's verlangt, seine Dienerin, denn er ist mehr als ein
Mensch; ein Engel des Heils, ein Erlser und Erretter! - Weh mir! weh mir!
entgegnete Ben David bekmmert: O, wie ist Dir doch angeflogen der Mehlthau aus
Amalek! Du willst nicht mehr seyn eine Tochter Zion's! Du brausest auf in
Leidenschaft und Hitze, und hrst nicht die Stimme des Herrn und des Vaters!
Erwarte nicht, da ich Dir fluche, nicht da ich zu Dir flehe! Aber gerettet
mchte ich Deine Seele wissen. Ich wrde Dich ermorden, wenn ich Dich mit hinaus
nhme in Sonnenbrand und Nachtsturm, um mir mein Brod suchen zu helfen unter den
Hefen des Volks, begleitet von Verachtung und Hohn. Deine Blthe wrde nicht
gro gezogen, um zu ersticken im Kothe. So bleibe denn lieber in Edom, und halte
Dich zu den Unglubigen. Vielleicht, da einst der Herr in seiner Barmherzigkeit
Deine Seele berhrt mit dem Stabe seiner Gnade, - vielleicht, da Du einst
zurckkehrst in den Schoo des Gesetzes, nicht zu spt fr Deine
Paradieseshoffnung, wenn gleich zu spt fr meine in Kummer und Todesgram
erloschenen Augen! - Wehmthig und beklommen stand der Vater auf, und berlie
Esther dem Strome von Thrnen, in welchen sich die Erschtterung ihrer Brust
auflste. Ben David legte sich hinter der Htte in's ppige Waldgras, von Mcken
umtanzt, von Vgeln umgeben, deren Gezwitscher herrlich und frei aus dem Wipfel
der Bume zum Himmel stieg. In dieser Einsamkeit legte sich der Sturm seines
Vorurtheils und, zu der blauen Decke hinaufblickend dachte er, da dieses schne
Zelt ja fr Jeden erbaut sey, und da die Hand des Herrn alle Menschengrber mit
Gras und Blumen ziere. Die Brust wurde ihm weiter, und mit ihr auch die Fesseln,
die seine knechtische Glaubenslehre ihm von Jugend an ber den Nacken geworfen.
Er beseufzte das Geschick, das ihn unter diesem Himmelsstriche in Jakobs's
Htten hatte hervorgehen lassen; er wnschte um seiner Esther willen, in den
Reichen der Gojim geboren zu seyn; er dachte sich die Mglichkeit, sie mit
Dagobert vereint zu sehen; er gnnte ihr den edeln Mann, ihm die reine
vollendete Jungfrau; aber wie ein Felsstck von der Hhe eines Alpengebirgs
rollte die Erinnerung an jenen Schwur, den er in des sterbenden Jochai's Hnde
hatte leisten mssen, auf sein Herz. - Ich darf sie ja nicht zulassen zu dem
Bade, das in Edom ein Bad der Wiedergeburt genannt wird; sprach er vor sich
hin: ich darf sie ja nicht abschwren lassen vor dem Volke ihren Glauben! O,
Herr! hochgelobter Herr! halte mich aufrecht, da ich nicht verdiene den Zorn
meines abgeschiedenen Raaf's. Erleuchte mich in meinem Haupte, damit ich den
Ausweg finde - den rechten, untrglichen! Leite mich Herr, und Du, Seele meines
Vaters, auf dessen Andenken der Friede sey! - David versank in ein eifriges
Gebet, das er in den folgenden Tagen, nach kurzen Zwischenrumen immer wieder
fortsetzte im Dickicht des Waldes. Er sprach kein Wort mehr ber das Vergangene
mit Esther. Seine Zunge schien gleichmthig geworden zu seyn, wie seine Stirne.
Er hatte seinen Entschlu gefat und harrte sogar mit Ungeduld auf Dagobert's
Ankunft, welcher auch Esther's Herz sehnlichst entgegenschlug, denn auch ihr
Herz, ihre Vernunft war zu einem Entschlusse gelangt, zu dem hchsten, dem
seltensten in der Seele und dem Munde eines leidenschaftlich liebenden Weibes,
zu dem Entschlusse der Entsagung.
    Dagobert lie sich nicht allzulang erwarten. Eines Abends schnaubte sein Ro
am Waldgehege; seine Schritte wurden hrbar vor Esther's Kammer, und ein trat er
zu den ihm entgegen Eilenden, wie ein verklrter Lebensbote. - Gre Dich Gott,
Du vielgeprfte Dirne; sagte er, dem Mdchen treuherzig und liebevoll die Hand
reichend: und auch Du, armer Ben David, sey gegrt. Als ich von dannen ritt
aus diesem Walde, dachte ich nicht, mit so viel Glck beladen, wieder zu kommen.
Esther, Du liebes treues Kind, freue Dich mit mir. Mit dem Vater ausgeshnt,
habe ich auch die Mutter, ungekrnkt und gleichsam wie eine zweite junge Braut
an sein Herz gelegt. Wallrade, die Stifterin des Bsen, ist verwiesen aus dem
Hause, und mein Vater hat aus ihrem Munde kein Wort vernehmen wollen. Graf
Montfort, dem ich Schonung zu erweisen im Stande war, will dankbar mich dem
Herzog Friedrich anempfehlen, da meine Freilassung von dem Kirchendienst vom
neuen Papst besttigt werde, und da der Herzog so schleunig als er kann, das
Geld ersetze, so er von Dir geliehen, armer Ben David. Mein, Vater, willfhrig
gegen meine Wnsche geworden, hat mir erlaubt ihm eine Tochter zuzufhren,
sobald mein Handel mit Rom ausgeglichen und will nicht fragen nach ihrem Stand,
nicht nach ihrem Namen, nicht nach ihrer Habe.
    So bringe ich denn, mein zierlich Mgdlein, mein Werben bei Dir an. Das
Geschick hat uns so oft und wunderlich zusammengefhrt, da es des Himmels seyn
mu, da wir uns nher angehren. Schlag' ein in meine Hand: Dein Vater wird
sich nicht weigern, in Dein Glck zu willigen.
    Bei dieser Zuversicht berflog eine zitternde Bewegung Esther's Krper, und
ihr Mund stammelte: Herr! Ihr berrascht mich ... diese Gte, ... dieser Vorzug
....
    Ei, meine Esther, ist Liebe denn Gte oder Gnade? fragte Dagobert
lchelnd. Wenn's ein Vorzug ist, da ein Reicherer eine minder begterte
Ehewirthin whlt, so hast Du diesen Vorzug ber alle Maen verdient durch Deine
zarte Weiblichkeit, durch Deine Engelstugend, und durch Deine Schnheit.
    Die Schnheit verblendet Euch; sprach Ben David, schchtern seine Stimme
erhebend: wird sie jedoch Euern Vater blenden? Wei er, da Ihr eine Jdin
begehrt, und verpnen nicht Eure Gesetze solchen Bund mit der Strafe des
Feuers? -
    Nun, bei Gott! rief Dagobert: wenn Esther eine Jdin ist, so mchte ich
die Christin sehen, die ihr gleich kmmt. Alle Menschen gleich zu lieben,
befiehlt uns der Heiland; und wenn seine Worte nicht immer und allenthalben
befolgt werden, so ist es nicht des gttlichen Lehrers Schuld: kein Mensch auf
Erden ist der Taufe wrdiger, als Deine Tochter. Sie sehnt sich darnach, sie hat
eingewilligt, aus Eurem Bunde zu treten, und als Christin wird sie vor Gott und
Menschen mein Weib! -
    Welch ein Mann! seufzte Esther, die Hnde faltend; Ben David's Stirne
berzog ein finstrer Schleier, da er die Augen auf seine Tochter heftete. Du
sehnst Dich nach der Taufe? fragte er dster und langsam: Du hast
eingewilligt? Tochter! was soll ich Dir sagen, jetzt noch in dieser Stunde? Soll
ich zerreien mein Kleid, wie fr einen werthen Gestorbenen, oder soll ich mich
freuen Deines Glcks in der Zeitlichkeit? Und Ihr, Herr Frosch, ist's Euer
ernstlicher Wille, da Esther sich scheide von mir, und frchtet Ihr nicht
mindestens die Zungen der Welt, wenn Ihr gleich gefangen habt das Herz eines
allzuschwachen Vaters?
    Eines gerechten Vaters, verbesserte Dagobert: ich scherze nicht mit einer
Leidenschaft. Ich gebe ihr auch nicht leichtsinnig Raum. Aber hier bin ich fest
entschlossen. Du mut zugeben, da Deine Tochter ihre Irrthmer abschwrt; Du
mut zugeben, da sie mein Weib werde; und damit die Zungen der Welt unser Glck
nicht stren, und meines Vaters Tage nicht trben, will ich mich fern von der
Vaterstadt huslich niederlassen, einsam mit meinem schnen Kleinod. Lieb und
angenehm ist mir's, wenn Du, Ben David, auch den falschen Herrn vertauschen
willst gegen den wahren Glauben, aber selbst im Gegentheile auch soll Dir in der
Ferne eine namhafte Untersttzung nicht entstehen; nur magst Du, vor der Welt
zum mindesten, meine Schwelle meiden. - Entscheide jetzt und sey klug.
    Also frgt man den Verdammten um Entscheidung seines Schicksals;
entgegnete Ben David, betrbt und im Kampfe mit sich selbst: Herr! ich bin
geworden zu alt, um wegzuwerfen mein Licht und Hort wie ein unntzes Kleid.
Herr! ich habe keine Stimme der Gewalt gegen eine Tochter, die da liebt, und
einen Mann, der mir mein Hchstes nimmt mit dessen Befugni. Herr! ich bin Euch
Dank schuldig, denn Ihr seyd ein vornehmer Mann, und begehrt mein Kind, eine
schlechte Jdin, in Ehren. - Ich bin geworden Euer ewiger Schuldner, da Ihr
gehandelt habt wie ein Bruder an ihr, wie ein Sohn an mir. - Ich bin Euch, Gott
soll mir helfen, verpflichtet, als Knecht, weil ich gesndigt habe gegen Euer
Haus, und Ihr mir dennoch wollt vergeben ...
    Die Verirrung meiner Mutter wird sich milde lsen, entgegnete Dagobert:
ich hege keinen Groll dehalb gegen Dich, ob ich gleich wei, da Du vor
Gerichte die Wahrheit nicht gesagt, und da der kleine Hans nicht mein Bruder
ist. - Gott soll mir helfen, versetzte David eifrig, wenn ich nicht habe
gesagt Alles, so wie mir's der Beichtvater Eurer Mutter im Thurme hat befohlen.
- Ich dachte mir's, sprach Dagobert: darum sey ruhig, und fahre fort in
Deiner Rede, deren Bedenklichkeit ich mit den Worten der Wahrheit beantworten
will. - Herr; begann Ben David wieder: Ihr habt gesagt, ich mte willigen
in Esther's bergang, in Esther's Ehe mit Euch. Vor dem Gesetze Eurer Herren
mte ich's, denn ich bin ein elender Jude, den man aufhngt zwischen Hunden,
wenn man seiner los seyn will. Aber ich mu nicht vor meinem Herzen; ich mu
nicht vor dem Euern, das da ist ein gutes, und treues Herz, welches sogar in den
Kindern des alten Bundes ersieht seine Nebenmenschen. Aber die Dankbarkeit ist
mir mehr geworden, als das Gesetz Eurer Herren. Aber die Dankbarkeit lt mich
dazu lcheln, da Ihr so grausam seyn wollt, auf ewig meinen grten Schatz zu
nehmen, zum Lohne fr das, so Ihr gethan an uns. Ich will jauchzen, wenn mir
gleich das Herz brechen mchte, und ich will segnen das Band, weil ich will
lsen meine Schuld, und nicht laden will auf mich den Fluch meines Kindes, mag
auch dann aus mir werden, was da wolle.
    Esther und Dagobert wurden tiefbewegt durch diese Rede, die Keines von ihnen
erwartet hatte, durch diese Einwilligung, in welcher ein groer Schmerz sich
kund that. Die Flamme der Beschmung schlug in Dagobert's Gesichte auf, und sein
redlicher Mund verhehlte nicht, was in ihm sich vorbereitete. Wahrlich, sprach
er: Ben David, Du bist kein gemeiner Jude, der seine Rede nur setzen lernt, um
einem Kufer ein Stck schlechter Waare fr ein gutes auszuschwatzen; Du hast
die Kunst erlernt, zum Innern der Seele zu reden, und Dir mchte es gelingen mir
das Theuerste, das ich kenne, damit von der Brust zu reien. Ich will nicht
grausam seyn, und die Dankbarkeit, die Du mir vielleicht schuldest, als eine
Schlinge gebrauchen, in welcher Deines Lebens Freuden ersticken sollen. Davor
bewahre mich der Allmchtige. Aber Deine Tochter, deren Lebensglck ich gerne
stiften mchte, hat doch auch in diesem Handel eine Stimme. Sie rede frei, ohne
Zwang, ohne berredung. Wird sie dem Vater und seinem Irrthume folgen, oder dem
Verlobten in den Bund der wahren Kirche? - Ben David schwieg, wie Dagobert
verstummte, und die Blicke beider hefteten sich unruhig auf Esther, die in den
grausamsten Kampf verfiel, wie eine Siegerin jedoch, sich schnell und besonnen
daraus emporri. -
    Dagobert! rief sie, ihren Arm fest um seinen Nacken schlingend: Mensch,
der nicht von der Erde stammt! Herr meiner Gedanken und meiner Seele! Da ich
Euch liebe und an Euch hnge fr alle Zeit; .. das Erstemal ist's, da ich es
wage, Euch es zu gestehen; aber, Engel des Friedens! wrde ich seyn Eurer werth,
wenn ich zauderte in diesem Kampfe? Ich glaube fest, da uns Alle jenseits
vereinigen wird Ein Paradies. Dort Euer zu seyn, Dagobert, wird meinem Glauben
der hochgelobte Gott gewhren. Hier .... o seht den Schmerz des Vaters! Ich kann
nicht tdten den, der mir gegeben hat das Licht; - Vater! nimm mich mit Dir;
ber Berg und Thal, ber Feld und Meer! Dein gehr' ich bis an's Ende Deiner
Tage! -
    Von dem Halse des Geliebten sich losreiend, warf sie sich in die Arme des
Vaters, der berrascht auf seinen Fen wankte, der Tochter Stirne mit Kssen
bedeckend, und Perlen der Angst und der Freude auf seinen benarbten Wangen
tragend. So wie aber die Feier des groen Siegs verrauscht war, und Ben David's
Auge sich nach Dagobert umschaute, und den erbleichenden Jngling gewahrte, wie
er sich kaum aufrecht zu halten vermochte, und demungeachtet seiner Esther
Beifall zulchelte; - als David auf Esther blickte, die, nicht minder zum Tode
bla, unter dem Gewichte der erfllten Pflicht zu erliegen dachte; da wurde sein
Gesicht wieder trbe und ngstlich, und er trat an das Fenster, und sah in das
Grne hinaus, und betete zum Herrn und zu der Seele seines verstorbnen Vaters.
Endlich wendete er sich um zu dem Paare, das stillschweigend sich die Hnde
erfat hatte, als sollte schon jetzt Trennung und Abschied hereinbrechen, und
sprach recht milde und recht leise, wie er's gewohnt war, mit Esther zu reden:
Ich danke Dir, meine Tochter. Du hast wir wieder gemacht Muth, und Jehovah wird
lohnen, wo ich es nicht kann. Aber Dich mitnehmen auf meinen Wegen, ... ich kann
es nicht. Und zu unsern Leuten kehren willst Du nicht, und Menschen, die sich
also lieben, reien von einander; das soll nicht seyn, spricht der Herr unser
Gott, sobald er abgelegt hat den Rock des Zorns, und anlegt das Gewand der Milde
und Barmherzigkeit. Darum will ich denn auch, so schwer mir's wird, gestehen,
was ich wei, um zu frdern Euer Glck, und mir zu erwerben Euer dankbar
Angedenken. -
    Ehe er begann, schpfte er mhsam Athem; sein kurzes berlegen war schon
eine Ewigkeit fr Dagobert und Esther, die mit wibegierigen Blicken
erwartungsvoll an seinem Munde hingen. Endlich hob er an, und sprach mit kurzen
Unterbrechungen und Zwischenrumen: Mein Weib - ihre sey das Paradies - hat mir
geboren zwei Shne, und das letzte Kind, das es mir schenkte, war ein Mgdlein,
an das ich mich gewhnte schneller und leichter, denn an die Buben, was selten
ist bei unsern Leuten, die nach Shnen streben, wie nach Reichthum. So oft ich
ging ber Feld, legte ich das Tchterlein der Mutter auf's Gewissen, und drohte
ihr, wofern dem Kinde widerfhre etwas Leides, sie zu verstoen aus dem Hause
und der Ehe, so wie's das Gesetz erlaubt. Gewi, - Gott soll mir helfen - ich
htt' es nicht gethan, aber die Angst war gekommen auf das Weib, und es meinte,
sterben zu mssen auf dem Fleck, als es eines Morgens - da ich abwesend war, und
mein Tchterlein erst alt drei Wochen - das Kind todt fand in der Wiege; denn
die Katze hatte sich hereingeschlichen vom Nachbarhause, und sich gelegt auf des
Kindes Hals, und dasselbe also erstickt. Die Mutter erhob kein gro Geschrei,
denn sie wollte nicht kund geben ihre Nachlssigkeit, allein sie setzte sich in
den Winkel neben das todte Kind, und weinte bitterlich, und da gerade der Vater
Jochai hereinkam, so redete sie zu ihm: Raaf! sieh hier das Kind. Dein Sohn
verstt mich; so er's erfhrt, und ich bin doch unschuldig. Hilf mir, da wir
beten ber das Kind, ob es vielleicht erwache, ehe noch der Vater heimkommt mit
den Buben. Und sie beteten ber das Kind, und Gabriel erweckte es nicht. Da nun
mein Weib wieder, anhob zu klagen, so sagte der kluge Greis Jochai: Schweige,
Weib: Ich will gehen hinaus, und sehen, was mir der Herr eingibt, oder der
Prophet Elias. - Und nicht lange war er fort gewesen, so kehrte er wieder zu der
betrbten Mutter, und trug ein klein Mgdlein auf dem Arme, und redete: Weib!
sieh hier; was mir hat Gott bescheert. Drauen an der Strae hab' ich gefunden
ein Bettelweib im Sterben, und das Wrmlein hier an dessen Brust, die doch keine
Nahrung mehr gab. - Mutter, sagte ich, weil mir's der Herr eingab: willst Du mir
erlauben Dein Kind, ehe es mit Dir stirbt? Ich bin ein ehrlicher Mann. - Das
Weib sah schon nicht mehr hell und wute nicht, da ein Jude zu ihm sprach: es
reichte mir aber das Mgdlein hin, und sagte: Nimm' ehrlicher Mann, und Gott
vergelt's. Getauft ist das Kind, und heit Marie. - Es war der Armen letztes
Wort; sie starb, und hier bringe ich Dir die Kleine, damit sie eine Jdin werde,
und Davids Herz nicht betrbt sey bis in den Tod. Legten die beiden das lebende
Kindlein von gleichem Alter und selbem Ansehen an die Stelle des todten, das sie
heimlich fortschafften, und da ich wiederkam, liebte ich das Kind wie zuvor, und
habe es erzogen, und nicht anders gewut; als bis ich von Jochai auf seinem
Sterbelager erfahren, was er gethan; wofr ich ihn noch segne, denn mein Weib
ist hinber gegangen im huslichen Frieden, mein Herz war nicht betrbt bis in
den Tod, und ich vermag's, zwei Herzen zu verbinden, die sich lieben, denn Du,
Esther, .. wahrlich ... Du bist jenes Kind.
    Eine Christin? rief Dagobert frohlockend. Nicht Deine Tochter? fragte
Esther mit einer Empfindung gemischt aus Freude und Wehmuth: So steht ja unserm
Bunde nichts im Wege? fuhr Dagobert fort: Marie! Geraubt aus unsrer Kirche
kehrst Du doch wieder dahin zurck, zum Glck der Zeitlichkeit, zum Glck des
ewigen Lebens. Marie! o la uns den Greis segnen, der noch am Sterben seinen
Betrug offenbarte; la uns diesen ehrlichen Juden segnen, der die Hinterlist
seines Volkes verschmhend, uns bekannt gemacht mit dem Geheimnisse, das uns
ohne Widerrede verbindet! - Dankbar gerhrt reichten Beide dem Juden die Hnde.
Es qult mich, wie es mich entzckt, da ich nimmer Deine Tochter seyn soll;
sprach Esther: Ganz verwaist stehe ich nun da in dieser Welt. - Hast Du nicht
mich, Deinen Freund, Deinen Gatten? erwiederte Dagobert: Hast Du nicht den
Heiland wieder gefunden, Du, nach seiner Mutter genannte? O, ich ahnte oft, was
sich jetzt entdeckt! Du warst nie eine Jdin; du theiltest nie den Ha jenes
Volkes gegen Andersglaubende, Du warst stets so rein, so zchtig, wie die
Heilige, deren Namen Du fhrst. - Ich bin wie im Traume! stammelte Esther,
sich dem Arm des entzckten Jnglings berlassend: Was ich wnschte, wonach ich
mich gesehnt, ist lngst geschehen, ich bin schon eine Christin; darf nicht vor
allem Volke den Schwur leisten, nicht erst betteln um das Bad der Weihe, denn
ich hab es schon empfangen, oder, mein Freund, mu dieser Gebranch erneuert
werden, um .....? - Nein, nein, fiel Ben David ngstlich ein: Nein, nein,
mein Kind. Es wird ja nur getauft einmal, und war' es nicht Snde, zum zum
zweitenmale es zu begehren? - Sndlich und berflsiig; versicherte Dagobert:
Wozu ein neues Hinderni auf die Bahn zu unserm Glcke schleudern? Marie! Nun
bist Du mein. Nun hat dieser Mann keinen Theil mehr an Dir, keinen Anspruch, als
auf meine Dankbarkeit, die ihm allenthalben folgen, ihn berall erreichen wird.
- Ben David! setzte Esther weinend hinzu: Ich habe Euch geliebt, wie eine
Tochter den Vater; ich habe wegen Euer mich wollen reissen los von dem edlen
Mann, der mein Alles ist in der Welt. Vergebt mir meine Freude darum, ihm jetzt
schon nher anzugehren, und empfangt meinen Dank. - Ei! ei! antwortete Ben
David kopfschttelnd und schmerzlich lchelnd: Seht doch, wie ihre Gesichter
sich tauchen, nicht allein in's Abendroth, sondern auch in das Roth der Freude.
Vor einer Weile hatte ich noch eine Tochter, jetzt nicht mehr. Vor einer Weile
wollte mir folgen eine treue Seele in's Elend; jetzo stehe ich verwaister, als
die Palme in der Wste. Gelobt sey der Herr! Gesegnet sey meine Zunge und Ihr,
deren Glck einzig ist mein Werk. - Mit Thrnen in den Augen ri er sich von
den Wonnetrunkenen los, und gieng hinaus in den Forst, wohin er durch eine Lcke
im Gehege drang. Unter einem von Buchen gewlbten Dome warf er sich auf seine
Knie, und betete, nach seiner Vter Weise, zum Herrn der Himmel, der hoch oben
seine Sterne schon angezndet hatte. Vergib mir, Gott Israels! beteten seine
Lippen zum Schlusse: vergib mir, wenn ich gehandelt habe wider Deine Gebote;
aber ich - habe gehandelt nach der ewigen Thora, die da wohnt in jedes Menschen
Brust. Verzeih', da ich freiwillig dahin gab eine Tochter Zions, da sie doch,
spt oder frh, gezogen wre zum Berge Seir, statt zu wohnen, in dem herrlichen
Salem! So habe ich doch gehalten den Eid, den ich geschworen in meines Vaters
sterbende Hand, so habe ich doch gebt Dankbarkeit, so habe ich doch gelassen
mein Kind im Schutze der Gewalt und der Macht, nicht im Staube Deines
auserwhlten Volks, das noch immer Dein Zorn darniedertritt, wie einen Grashalm.
O baue, baue Zions Zinnen recht bald, starker eifriger Gott! O la mich finden
im Paradiese die Tochter und den heldenmthigen tugendhaften Jngling! Du
prfest ja Herzen und Nieren! vor Dir ist der Behemoth eine Milbe. Und also kann
auch Deine Gnade reinigen den Unglubigen zum Sohne Jakobs. Mit mir aber, so
lange ich auf Erden lebe, thue nach Deinem Gefallen, Herr. Ich bin geworden
unter Deinem Zorne und den Streichen der Feinde ein Wurm statt eines Menschen,
ein Spott der Leute, eine Verachtung des Volkes, aber gesegnet sey Dein Wille,
gelobt Dein Name, gepriesen Deine Herrlichkeit; hochgelobter, unendlicher ewiger
Gott! - Gestrkt und ermuthigt stand der arme David auf, und ging davon; allein
zu Esther kehrte er nicht mehr zurck.

                                Fnftes Kapitel.


                Sieh doch zu, Junge, wer jener Mann ist. Sein Gesicht weissagt
                nichts Gutes, so wie sein Rock nur Trbsal. Den hagern gelben
                Leuten traue ich nicht eine Spanne weit!
                                                  Aus einem veralt. Schauspiele.

Lat den Hund laufen, gelehrter Herr! Der Bube entluft seinem Galgenholze
nicht. Schade, da mein Bolzen ihm nicht in's Bein flog, sondern durch die
Mtze. Er wre ansonst gewilich nicht davon gerannt wie ein Heide! - Der
elende Mensch! antwortete dem alten Ammon der Mann, der, schier gekleidet wie
ein Cleriker, vor dem Jger auf einem Feldsteine sa, und ausschnaufte: Mein
ganz Gepcke hat er mitgenommen, und ich dank es nur Deiner Hlfe, guter Mann,
da ich mit dem Leben davon gekommen bin; der Schurke hatte nicht wenig Lust,
mich auch des Geldes zu berauben, das ich im Grtel trage. - Aber sagt mir
doch, fragte Ammon, wie's kommt, da ein gelehrter Herr, wie Ihr, um diese
Abendzeit allhier im Busche zu finden ist? Euch Herren gehts doch nicht, wie
einem armen Teufel, der seine Fe brauchen mu, statt des Fuhrwerks. - Du
weit es alsobald; versetzte der Mann im aufgeschrzten Talar: Von Frankfurt
fuhr ich weg, um gen Friedberg zu gelangen. Der Karren brach jedoch, eine Stunde
Wegs von hier, so ungefhr. Ich sa mimuthig und halb zerschlagen am Rande der
Heerstrae, und wartete bei meinem Gepck die Rckkehr des Fuhrmanns ab, der auf
dem Gaule nach Leuten und Hlfe geritten war. Wenig Menschen auf der Strae.
Kommt pltzlich durchs Feld und ber Wiesenpfade ein Mann daher, rstig und
stark darauf losschreitend, den Dornstock in der Hand, und also scharf um sich
blickend, und dennoch sorglos vor sich hingehend, als sey er wohlbekannt auf all
diesen Stegen und Wegen rings im Land. Da mir's zu lange dauerte, bis mein
Knecht zurckkam, so fragte ich den Wanderer nach demselben, und verrieth ihm
meinen Unfall. Da meinte er, ich knnte wohl noch lange vergebens warten, und am
Ende schon zu Friedberg seyn, ehe der Geselle vom Dorfe zurckgekommen, wenn ich
nur ihm folgen wollte auf abkrzendem Pfade, den er genau zu finden wisse. Mir
war der Vorschlag recht, und ich trug nur Zweifel wegen meines Gepcks. Der
breitschulterige Mann lachte, und meinte, es wre ein bloes Kinderspiel fr
ihn, mir das Gepck zu tragen bis zur Herberge zu Friedberg, und wenn ich ihm
daselbst zum Lohne einen frischen Trunk wollte reichen lassen, so wrde er's
dankbar annehmen, und herzlich damit zufrieden seyn. - Er hatte noch nicht
ausgeredet, und ich auch noch nicht Ja gesagt, und flucks hatt' er den Bndel
auf dem Rcken, und wanderte rstig voraus. Ich folgte ohne Argwohn, und kam mit
ihm in solch Gesprch, da ich nicht bemerkte, wie er mich in diese Gegend
gefhrt hatte, wo rings um uns einsam Gestrppe steht, doch weit und breit kein
Thurm noch Thor von Friedberg. Und da ich endlich es bemerke, und ihn dehalb
zur Rede stelle, so lugte er frech hinauf zum Himmel und ringsum, und spricht:
er werde sich wohl im Pfad geirrt haben; der Abend sey jedoch noch nicht weit
vorangerckt, und wir wrden zeitig noch nach Friedberg gelangen, dessen Thurm
schon zu sehen sey. Wie er mir nun zeigt, nach welcher Seite ich sehen msse um
ihn zu gewahren, und ich dem bsen Rathe des falschen Menschen folge, sauste mir
sein Dornstock in's Genick, da ich hinfalle, und ihm, dem Ruber, keinen
Widerstand zu leisten fhig bin. Mein Schreien war jedoch nicht vergeblich, und
- wohl mir - Dein Ohr hat's zeitig genug vernommen, ehe der Schurke mich
geplndert. Mag er doch laufen mit dem Pack; der Herr wird ihn schon lassen
verlahmen und steif werden wie das Eis, und, .....
    Mehrere andere Verwnschungen, die der Fremde auf seiner Zunge hatte,
verhallten in dumpfem Gemurmel. Ammon erwiederte darauf lachend: Nur heraus mit
dem Gewetter und Gefluche. Ein meilenlanger Fluch erleichtert recht das
mnnliche Herz, und Ihr seyd ja jetzt im Freien und nicht in Eurer Schule, wo es
sittsam und friedlich hergehen mu. Wenn ihr wolltet, knnte ich Euch trkische
und wallachische Flche lehren, die weit besser klingen, als unsre matten in
Deutschland. Allein im Grunde hilft doch der wetterlichste Schwur Euch nimmer zu
Eurer Habseligkeit. Besser wr's gewesen, ich htte den vertrakten Schurken in's
Knie geschossen; dabei bleib ich. Wo wollt ihr aber jetzt hin, gelahrter Herr?
Die Stadt ist an zwei Stunden Wegs von hier; dort links, und schwer zu finden
fr einen Fremden. Ich wollt Euch gern dahin geleiten, mt ich nicht in meinen
Wald zurck. Auch trautet Ihr wohl meinem Gesichte nicht; denn die Leute sagen,
der alte Ammon sehe aus, wie der leibhaftige Teufel selbst. -
    Htte ich nur dem Gesichte jenes Schurken nicht getraut; seufzte der
Fremde: der Bube hatte Gaunerzge, und brandrothes Haar! - Htet Euch vor den
Gezeichneten; schaltete Ammon ein: Wit Ihr jedoch sonst nichts, das auf die
Spur des Snders fhren knnte? Ich wollte lauern lassen auf den Burschen, wie
auf einen Iltis. -
    Ich wei nichts, das mir ausser seinem Gesichte aufgefallen wre; sprach
der Fremde weiter. Ein Schild, das er auf seiner linken Brust trug, knnte
vielleicht einen Neubekehrten verrathen; doch traue ich darin meinen Augen
nicht. - Einen getauften Juden! rief Ammon: das wre mglich; und das ist
gefhrlich Gesindel. Das vertauscht seinen Gott, wie ein Sldner seinen
Hauptmann. Und dennoch ist es immer Eins, woran man glaubt. Das hab' ich auf
meinen Kreuzzgen oft genug erfahren. Mir gilt der Heide, wie der beste Christ,
und wenn Ihr, gelahrter Herr, in meiner schlechten Htte bernachten wolltet, so
wre ich gern bereit, Euch ein unglubig Dirnlein zu zeigen, das seines Gleichen
sucht in der getauften und ungetauften Welt. - So? murmelte der Fremde, der
in Gedanken versunken war, vor sich hin; dann setzte er bei: Ich nehme es an,
Meister Graurock. Ich gehe mit Euch, aber einzig und allein um eines warmen
Obdaches willen, weil mich mein Genick schmerzt, - nicht der schnen Dirne
wegen.
    Mir recht; versetzte Ammon: Ich hab' noch nie aus freien Stcken 'nen
Gast in meine Htte gefhrt. Ihr seyd der Erste, und ein warmes Heulager soll
Euch nicht entstehen. Morgen wandern wir dann selbander auf Friedberg los.
Kommt; lat Euch fhren, denn Mohren und Cordova! Ihr wankt auf den Fen; ...
was ist Euch denn? Warum stieret Euer Auge also in die Ferne, als wollte er in
dem Hohlweg sich verlieren? Ihr werdet ja immer bleicher, Herr! Was ficht Euch
an? -
    Der Fremde war starr und steif stehen geblieben, und zeigte unverrckt mit
Aug und Hand auf einen Mann, der schnell, obgleich mhsam aus dem Hohlwege, zur
Seite kletterte, rasch auf die Gehenden loskam, scheu von der Seite sie
anblickte, und, ob vor Ammons Zgen, oder dem Gesichte des Fremden erschreckend,
pltzlich die Kappe in die Stirne drckte, mit einem Laute des Unwillens oder
der berraschung sich abwendete, und, als wie von einem Gespenste gejagt, ber
die buschige Flche sich verlor. Whrend der Fremde ihm bewegungslos
nachstarrte, schrie Ammon, der ihn erkannt hatte, wild hinterdrein: Hoho! sa
sa! Jude! wohinaus? Wirst doch nicht gestohlen haben? halt auf, Jude, halt auf!
- Sein greller Ruf scheuchte den Fliehenden nur noch flchtiger von dannen, und
Ammon brach da er dieses sah, in ein wstes Fluchen und Toben aus, das nur die
wiederholte, dringende Frage des Fremden unterbrach: ob der Jger den Flchtigen
kenne, und wer dieser sey? - Ei, potz Reiher und Falk! schrie Ammon: ob ich
ihn kenne? Der narbige Ketzer ist kenntlich genug. Das ist eben der Vater der
schnen Esther, von der ich Euch geredet.
    Esther? Ihr Vater? rief der Fremde an seine Stirne fhlend, ob denn auch
alles um ihn her wirklich sey, oder ein Traum: Gepriesener Gott! ich kenne ihn
auch, diesen Mann. Sein Name? - Der leidige Teufel kennt ihn besser als ich,
antwortete Ammon, mit der Faust nach der Gegend drohend, in welcher der
Fliehende verschwunden war: ich knnt' ihn nicht behalten. - Ben David? fiel
der Fremde ein: rede, Mann des Himmels! So Du sagst ja, werde ich Dich halten
wie einen Freund, wie einen Bruder. - Nun denn, in aller Hexen Ramen: Ja! -
rief Ammon: So heit der Bursche. Warum aber der Mensch davon luft, als habe
er die Kleinodien des Reichs gestohlen? Warte, Hund! Wenn ich zu Hause etwas
Unrechtes merke, wenn meiner guten Esther etwas geschehen ist, so verschreibe
ich mich dem Teufel wirklich und leibhaftig, um nur Deiner habhaft zu werden,
Jude, und Dir die Fusohlen mit glhenden Peitschen streichen zulassen.
    Esther! Ben David! wiederholte der Fremde indessen hufig hinter einander,
und geberdete sich ganz seltsam, die Hnde zusammenschlagend, mit dem Kopfe
nickend und schttelnd, Fe und Hnde und Krper bewegend in lebhaften und
wunderlichen Geberden, whrend sein blasses eingefallenes Gesicht bald Freude,
bald Kummer, bald ngstlichkeit, bald eine Art von wildem Unmuth verrieth. -
Gott sey bei uns! rief Ammon derb und roh dazwischen: Trgt Ihr nicht einen
Rock wie ein christlicher Schulherr, ich wrde Euch fr 'nen Rabbiner halten, so
verzerrt ihr Leib und Angesicht. Lat doch die Possen, und tretet derb auf; ich
kann nicht erwarten, zu sehen, was daheim ist vorgefallen. - Daheim! ja
daheim! wiederholte der Fremde, unbekmmert um Ammon's Reden: ja, zu Esther
la uns eilen. Ich kenne sie, ich kenne ihn, ihn, der an uns vorbeiflog. Ich mu
ihr Schicksal wissen; ich mu .... - Ihr mt in's warme Heu! polterte Ammon:
Kreuz und Mond! Des Galgenstricks Dornknittel hat Euern Verstand getroffen, und
nicht allein das Genick. Geduldet Euch indessen, und werdet mir nicht vollends
toll, bevor wir unter Dach sind. Seht, seht, hier ist schon der Pfad; dort zeigt
sich der Htte Giebel, noch ein Paar Schritte hurtig gemacht, und wir sind allen
Kobolden zum Trotz, zur Stelle. - Ammon's Unruhe wurde bald besnftigt, da er
die Hunde frhlich anschlagen hrte, wie sonst, und Esther gewahrte, die auf dem
Platze sa, den Regina wohl sonst einzunehmen pflegte, Dagobert's Braut sa in
die se Schwermuth vertieft, welche zrtliche Gemther am Vorabend ihres
Liebesglcks gerne beschleicht. Der treue Freund hatte Abschied genommen, um
nach der Stadt zu reiten, und am nchsten Abend, mit Geschenken und neuen
Gewndern fr sein Lieb beladen, zurckzukommen. Sie hatte ihm das Geleit bis
zum Waldpfade gegeben, dann in die tnenden Forsthallen Ben Davids Namen
gerufen, und sich endlich niedergelassen in's thauige Gras, um des wackern
Mannes zu harren. Ammon, der zuerst am Eingange des Gehegs erschien, war ihr
willkommen, und in demjenigen, der seinen Schritten folgte, vermuthete sie den
Vater. Aber ein fremdes Gesicht neigte sich vor ihr an seiner Statt, und je mehr
sie dieses Gesicht betrachtete, und von demselben mit glhenden Blicken
durchbohrt wurde, je mehr war es ihr kein fremd Gesicht mehr. Aus der Tiefe
ihres Gedchtnisses, aus dem Born kindlicher Erinnerungen mute sie schpfen, um
sich dieses schmale Antlitz, mit der Adlernase, und dem geklemmten Munde zu
vergegenwrtigen, und sie hrte nicht auf Ammon's Stimme, noch auf dasjenige,
was der Jger schwatzte, sondern nur auf die schon verklungenen Laute des
Fremden, welcher gesagt hatte: Esther! Ben Davids Tochter! Dich htt' ich
nimmer wieder erkannt, - aber wirst Du auch nicht mehr kennen mein Antlitz? -
Esther's Erinnerungen waren brigens mangelhaft, nur mit einem Seufzer aus
tiefer Brust mute der Fremde ihr zu Hlfe kommen, in den Worten: Ich habe
einst geheissen Ascher, Du Tochter Ben Davids, und wirst Du mich kennen noch
nicht? - Jehovah! unser Gott! schrie Esther auf: Ascher! mein Bruder Ascher!
Sey gegrt, sey willkommen, Du Verlorner!
    Die Dirne hat den ganzen Sabbat vom Brocken hieher gelockt; murrte der
Forstwart vor sich hin: und was gilt's, sie wandelt meine Htte um in eine
Judenherberge. Vater und Bruder sind schon gekommen, und wer wei, wer noch
alles folgt. Nein, Jungferlein: Also geht es nicht; und morgen wei die Frau von
Drning Alles. - Er ging mimuthig zu seinen Hunden und in die Htte, whrend
das Gesprch zwischen Esther und dem Ankmmling so ernst wurde, da sie Ammon's
gnzlich vergaen. - Verlorner! sagtest Du; sprach Ascher wehmthig, Esther's
Hand ergreifend: die Wahrheit kommt nicht reiner vom Himmel, als in diesem
Worte aus Deinem Munde. Verloren war ich, verloren bin ich, und wrde es
bleiben, wollte ich nicht zu rechter Zeit mich wieder gewinnen. Ach, sieh mich
nicht an, Esther. Ich habe schon des Vaters Zorn gesehen; la mich nicht schauen
auch Deine Berachtung. Vergib mir, da ich hingegangen bin vom Glauben zum
Irrthum, von dem Gesetz der Vter zu einem fremden. Die berredung hat mich
verleitet, der finstre Geist des flschen Wissens hat mich verfhrt; Hoffnung
auf ein zeitliches Glck hat mich bethrt, da ich gethan, was ich jetzt bereue
von Herzen, wie der groe Knig David bereut hat seine Snden.
    Ei, was mu ich hren: fragte Esther dagegen: Du bereust, der Thora
abgeschworen, dem reinen Gesetze gehuldigt zu haben? O schwanke nicht in diesem
neuern herrlichen Glauben! Zittre vor Wankelmuth, und halte Dich fest an dem
Leitfaden, den des Ewigen Milde Dir erlaubte. - Versteh' ich Dich? sprach
Ascher verwundert: Ist das meine Schwester, die Tochter meiner Mutter, der
einzigen Tochter des frommen Alliba zu Oppenheim, auf dem der Friede sey, wie
auf ihr die Ruhe und Segen? Spricht also die Tochter David's, des Sohnes Jochai,
die nimmer versumt hat eine von den vielen Pflichten, die zu erfllen hat ein
Sohn des Gebots? Wie kommt es, da Du mich schiltst, da ich thue, was Recht ist?
Reue und Bue.
    Ach, Ascher! entgegnete Esther milde unk freundlich: Ich htte Euch nicht
gehat, so auch noch Alles geblieben wre, wie ehedem, denn die Gojim, wie Du
und Deine Brder sie nenne, sind mir doch immer vorgekommen, wie unsre wahren
Brder. Aber; es ist alles ganz anders geworden. Ich heie nicht mehr Esther;
mein Name ist Maria, und eine Christin bin ich von Geburt an; nicht Davids
Tochter, nicht Deine Schwester. - Nicht Davids Tochter? fragte Ascher: nicht
meine Schwester? Wie fasse ich das? - Esther erzhlte vom Ungemach des Vaters
an, bis auf den heutigen Tag, und das Gestndni Davids Alles, der Wahrheit
getreu, und Ascher traute kaum seinen Ohren. Weh geschrieen! rief er, da das
Mdchen vollendet hatte: Gott! was habe ich gehrt? Der Herr segne den Raaf im
Paradiese, und der Raaf verzeihe dem Vater die Lge, die er auf jenes Grab
gepflanzt. Eine Lge? - Ich will sterben zur Stunde und ohne Gebet und ohne
Beistand dahin fahren, wie der Abtrnnigen Grlichster in seinen Snden, wenn
das wahr ist, was der Vater mir berichtet. - Wie? - O, David ist ein sanfter
Herr seinen Kindern; er will sie glcklich sehen; er will allein tragen den
Vorwurf, damit das Gewissen seiner Kinder frei bleibe vom Vorwurf. Er will
selbst werden ein Snder, bevor, er zugbe, da Du, Esther, eine Snde begehest.
Du, Esther, Du bist Davids Tochter, und keine andre. An Deiner Wiege sa ich
ber einen Mond, wachend und Dich wartend in einer Krankheit, die mit der Geburt
ber Dich gekommen war. Ich und, mein Bruder sind niemals mit dem Vater gewesen
ber Land. Nie hatte sie Statt, die angebliche Verwechslung. Der Raaf htte
nimmer ein Christenkind in's Haus eines Glubigen gefhrt, nimmer sich
theilhaftig gemacht einer solchen Snde wider das Gesetz; und dieser hebrische
Buchstab an dem kleinen Finger Deiner linken Hand ist eingetzt worden von dem
kunstreichen Raaf, da Du noch keine Woche alt gewesen, als Zeichen unsers
Hauses. Ich gelobe Dir's, beim Haupte des Vaters: Du bist von seinem Blute und
aus Israel. -
    Herr Gott im Himmel! feufzte Esther ngstlich und niedergeschlagen: Wenn
das wre! Entsetzlich! Wo ist der Vater? Du wirst sehen, Ascher! ... - Nicht
doch, mein Kind; versetzte Ascher, seiner Sache gewi: Ich werde nicht einmal
den Vater sehen, denn er ist geflohen vor meinem Antlitze. - Esther's Staunen
mehrte sich, da sie nun erst erfuhr, was auf dem Wege hieher vorgefallen. - O,
gewi, ist es, gewi, schlo er: Vaterliebe seltner Art hat Ben David's Zunge
regiert. Aber Bruderliebe ist noch gekommen zu guter Zeit, um dich zu retten fr
die Ewigkeit, die ohne Ende ist in ihren Freuden, aber auch unendlich in ihren
Qualen. Hre mich an, Schwester, hre mich an, und glaube, was ich rede. Der
Vater hatte mich bestimmt zu lehren in der Schule, und ich habe darum gelernt
das Geschrift und die Kunst zu lesen unsre Sprache nach der Wissenschaft, und
die Kabbala in all ihren Zweigen. Da kam mir's pltzlich an, als wrde ich
machen mein Glck unter den Christen, und ein vornehmer Mann von Mainz, der sich
im Hebrischen oft Raths bei mir erholte, rieth mir dringend an, zu thun, wie
ich gesonnen. Meine Jugend war mde, immer Knecht zu seyn von andern, und zu
gehren zu der Sohle von ganz Deutschland. Ich schwor daher der Vter Lehre ab,
auf da es mir wohl gehe auf Erden. Meine Wissenschaft wurde nun hervorgezogen
aus dem Staube der Erniedrigung, und jener vornehme Mann wirkte mir einen
Lehrstuhl aus zu Heidelberg, um die hebrische Sprache zu lehren, nachdem ich
ihn selber vorher einige Jahre unterrichtet hatte. Mir ging es wohl, und der
Lehrer Taufkirch war wohl gelitten allenthalben, verfehlte keine Messe, keine
Predigt, und hatte ausgezogen den verachteten Juden, - kaum mehr zu erkennen an
der Mundart. Nichts htte gestrt mein Glck, wenn es nicht war der Wurm in
meiner Brust, der pltzlich anfing, sich zu heben, mich zu qulen. Mein Amt
begehrte, da unsre heiligen Bcher sich einprgten in meinen Kopf, und da fand
ich denn nach langem Sinnen, da alle unsre Lehre, wie die Vter sie befolgten,
der Grund der Lehre vom Erlser sey, und da ohne diesen Grund die Letztere
nicht habe knnen entsteh'n und wachsen. Und nun schlug mir das Gewissen, und
nachdem ich einige Jahre hindurch gekmpft, gelitten, und mich halb gegrmt zum
Tode, hat des Himmels Herrlichkeit und Israels Gott den Sieg gewonnen ber meine
zeitlichen Begierden; weggeworfen habe ich das Amt, um heimzukehren zum Vater,
wie der verlorne Sohn, zu den Schulen, wie das verirrte Schaf. Da erfuhr ich zu
Frankfurt Euer grausam Schicksal, des Vaters Flucht, wie sie es nennen, den Tod
des Jochai, und Dein Verschwinden. Auf's Gerathewohl habe ich mich gehen lassen
in die Welt, und die Reihe von Abenteuern, die mich bis hieher gebracht zu
diesem abgelegenen Winkel, verbrgt mir, da es Gottes Wille sey, da ich Dich
rette! - Hochgelobter Gott! jammerte Esther: Welche spitzige Widerhaken
wirfst Du in meine Brust? Ben David entflohen? und ich dennoch sein Kind?
dennoch aus Israel? Bruder! sey barmherzig, und sage, da Alles gewesen ist Lge
und leerer Schaum. - So wahr ich lebe, und der Himmel gemacht ist vom Herrn,
so wahr ist mein Mund; betheuerte Ascher dster und dringend: ich bin
gesendet, ein Prophet zu der am Abgrund schwebenden Zion, die einst Knigin der
Stdte gewesen, und nun sich herablassen will zur Magd der Edomiter! O hre auf
meine Stimme, Esther, hre sie, damit Du nicht einst bereuen mgest, was Du
gethan. Lasse ab von dem Jngling, der zu Rom hlt. Lasse ab von dem Gedanken,
zu werden, wie er. - Trste Dich nicht mit dem Gedanken, nicht Du, sondern
David, unser Vater, msse verantworten die Lge, die seine unendliche Liebe
gewagt hat, auf die Gefahr, seine eigne Seligkeit zu verlieren. Aber der Herr,
der hochgelobte Gott, ein starker und eifriger Gott, zchtigt fr die Snden der
Vter die Kinder bis in's tausendste Glied. Unglck und Schande wurde erwachsen
aus Deiner sndigen Ehe, Ungeheuer an Leib und Seele daraus hervorgehen, den
Teufeln gleich, die Leviathan mit Lilis zeugte. - Halt ein, Ascher! rief die
Verzweifelnde. Der Schonungslose fuhr aber dennoch fort: Hre mich, verfhrte
Tochter Salem's! Gib Dich nicht in Moloch's Gewalt. Du sollst seine Sklavin
seyn. Warum wird er nicht ein Sohn Jakobs, wenn seine Liebe eifrig ist? Warum
sollst Du zu seiner Lehre schwren? Weil er Abrahams Saamen verachtet, weil er
Dich sndigen machen will, damit Du sein und der Hlle seyst, auf immerdar. Denn
Snde ist dieser Tausch, - glaube mir, dem Sndigen. Wer seinem angebornen Herrn
untreu wird, seinem Gott; wie kann der ferner treu seyn im Haus, im Ehebett? wie
kann ein solcher Treue verlangen? und wie wird einst seine Sterbestunde seyn? O,
glaube, glaube an die Qualen des Abtrnnigen; ich habe sie gefhlt, ich fhle
sie noch, und werde nur erst dann ruhig werden, wenn ich gebt habe in einer
Schule. O kehre um, setzte er wie in Verzweiflung hinzu: Kehre um, da es noch
Zeit ist, und Du dieser Bue nicht bedarfst. Sieh mich an, wie mich der Herr
geschlagen hat: Wie meine Gebeine geschwunden sind, wie mein Leib zum Schatten
geworden. Nicht Schlaf, nicht Ruhe kommt ber mein Auge, nicht die Hoffnung in
meine Brust, und dieser Zustand mu sich ndern, sollte ich auch Jahre lang vor
der Thre einer Synagoge liegen, und mit meinem Rcken den Glubigen zur
Schwelle dienen1. Aber selbst dann wrde ich nicht wieder seyn, wie zuvor, wenn
ich Dich nicht gerettet; versiechen wrde ich im Jammer, wie auch versiechen
wird in Elend und Trostlosigkeit David, unser guter, allzu guter Vater. Dir
gehrt dann sein Tod; und mein letzter Seufzer wird seyn Dein Werk! -
    O schweige, schweige, grausamer Bruder! schluchzte Esther, trostlos die
Hnde ringend, Du greifst frchterlich mein Herz an, das doch nichts Bses
wollte, das doch nur glcklich zu seyn begehrte! Aber nicht Dein Tod, nicht der
unsers Vaters komme ber mich. Wie knnte ich die Freuden des Lebens finden,
mte ich mir vorwerfen, sie seyen erkauft durch das Eure. Nimmermehr! Ich will
seyn stark, strker als mein Geschlecht, strker als der Mann selbst, der nicht
freiwillig ablt von dem, was er liebt. - Dann segne Dich Jehovah!
entgegnete Ascher freudig: O gehe mit mir, Schwester, wiedergefundne Tochter
Abrahams und Jakobs. Noch besitze ich Geld und Gut, zu fristen unsre Tage. Komm,
theile mein bescheiden Loos, trste mich in meiner Bue, in meiner Reue; halte
bei mir aus, und der Herr wird uns wiederschenken den Vater, dessen Schmach und
Elend gewilich nur eine Folge ist meiner Missethat. - Ein Lebewohl, - das
Letzte, werde ich doch dem Freunde bringen drfen? - Nein, nein! herrschte
Ascher: Fliehe die glatte Zunge aus Midian, fliehe den Mund, der Dich bethrte.
Ein Hauch der Schlange reicht hin, Dich und uns Alle zu verderben. Du mut mir
folgen! O, warum ist die Nacht schon dunkel geworden? Warum leuchtet nicht die
Sonne? Gleich mtest Du gehen mit mir. Aber morgen, morgen, so wie es Tag wird,
folge mir! - Du brichst mein Herz und meine Gefhle, wie Binsen! rief Esther
schmerzlich: Aber, mag ich doch das Opfer seyn, da der Herr nicht zrne, und
da es den Meinen wohl gehe auf der Erde! - Ich will mir denken, Er sey mir
untreu geworden, whrend ich doch meineidig werde gegen ihn. Ich will mir
denken, da er in den Tagen, wo ich fr ihn zitterte, ein Opfer der Vehme
gefallen sey; aber werden diese Gedanken mich beruhigen? Werden sie nicht
entsetzliche Geieln und Stacheln seyn, um zu zerfleischen mein Inneres? Mein
Bewutseyn erhalte mich aufrecht, und mein hochgelobter Gott, der mich
geschaffen. In seinem heiligen Namen, - Bruder - ich folge Dir!

                                    Funoten


1 Eine ehemalige Bungsart der Juden.


                               Sechstes Kapitel.

                Du bist ein hartgesottener Snder!
                                                              Schiller's Fiesko.

Der arme Dagobert hatte nicht die kleinste Ahnung von dem, was in seiner
Abwesenheit vorgegangen war. Mit der Freude eines Liebenden, der auf sein nahes
Glck hofft, hatte er aus den Kauflden der Stadt das Schnste und Beste
zusammengelesen, um seine Liebe damit zu zieren, und es vermag der Mensch keine
grre Seligkeit zu fhlen, als er, da er am folgenden Abend am Forstgehege
anlangte, und klopfenden Herzens sich der Htte nherte. Dort sa eine weibliche
Gestalt, harrend, nachdenkend, wie es ihm schien, und ihr schmuckloses Gewand
war wie Esther's anzusehen. Der Jngling verdoppelte seine Schritte, - er flog
der Theuern entgegen; - und sie war es nicht. An ihrer Statt begrte Regina den
Betroffenen, und bei seinem Anblick stiegen ihr Flammen auf die Stirne, Zhren
in's Auge. - Mein Gott! stammelte Dagobert: mein gutes Frulein! Ihr hier?
Genesen, aber allein? Was verkndet mir diese Stille? diese Bewegung in Euerm
Antlitze? Wo ist Esther? - Ich soll Euch ihr Lebewohl bringen; entgegnete
Regina halblaut und schchtern; aber diese Verlegenheit wurde zum Schreck, da
sie den jungen Mann fast bewutlos hinsinken sah. Kaum vermochte sie alsdann
seinen strmischen Fragen Genge zu leisten. Sie erzhlte, so gut ihre eigne
Erschtterung es zulie, wie sie heute in aller Frhe zum Wald gekommen, um sich
des schnen Morgens zu freuen, da die Krankheit sie so lange in der Kammer
daheim gehalten; wie Esther ihr in Begleitung eines finstern Mannes - aber sonst
ohne Geleit, schon fern von dem Httenpfade begegnet, - wie sie bestrzt das
Mdchen angeredet habe, und nach Dagobert gefragt. O mein holdes Frulein, hatte
Esther gesprochen: sagt ihm, der heute vergebens sich dieser Sttte nahen wird,
- sagt ihm mein letztes, herzliches Lebewohl. Sagt ihm, da Ben David uns
wohlmeinend getuscht, da mein Bruder mich errettet aus der Snde, in die ich
unschuldig fast gerathen wre; da ich meinen Gott nicht verlugnen darf, aber
ewig ihn, mein Heiligenbild, im Buen tragen werde; ... da er mich beklage,
sich aber dennoch meines Sieges freuen mge, und ... setzte Regina verschmt
hinzu; in der Liebe einer Andern, Bessern glcklich sey. -
    Keine Schilderung von Dagobert's Gefhlen. Nach langem Kampfe sich mhsam
erhebend, seufzte er: Nun dann! so ist er vorbei der schne Traum, der mich
beglckte. So ist dahin, was ich in meinen Nchten gesonnen, warum ich im
Sonnenlichte gekmpft, wonach ich gestrebt mit allem Feuer meiner Jugend. Der
Aberglaube, eines Bruders finstre Glaubenswuth reit Alles zusammen, was ich,
dem Verhngni zum Trotz erbaute; den Tempel meines Glcks. In Gottes Namen
also. Das Unheil soll auch seinen Mann an mir finden; aber, da sich also lste,
was so eng verbunden wurde, da die holde Fessel so schnde gesprungen; ... das
thut mir weh, und darum wird diese Wunde nimmer vernarben. O, welche Menschen!
Mein Vertrauen also zu tuschen! Ben David lgt mir ein Glck, das ich kaum
ahnte, ... sein Sohn entreit es mir, und Esther reit sich kalt von allen
Banden los, die sie an mich schlossen: Wehe mir! - Ach, mein guter, trauriger
Junker! sprach Regina trstend und legte ihre Hand auf die Seine, und heftete
ihren Taubenblick auf sein dstres Auge: wer sagte denn, da sie kaltsinnig
schied, deren Flucht euch bekmmert? Heie Thrnen weinte sie, und darum ....
ich will Euch gestehen, da ich sie vorher nicht liebte ... darum aber gewann
sie meine Theilnahme im Augenblick der Trennung. - Wenn Ihr sie gekannt
httet! klagte der Jngling: Tugendhaft und rein war sie, wie Ihr, mein
Frulein. Eine Seltne in dem Kranz der Frauen, die Einzige in den Reihen ihres
Volks, das geadelt wurde durch ihren Besitz. O, diese Htte hier! eine Kapelle
sollte man auf ihre Sttte bauen, weil die Liebliche durch kurze, allzukurze
Frist hier verweilte. - Ihr sprecht ja nicht wie ein Christ! sagte Regina mit
lchelndem Vorwurf: ich sollte bse auf Euch werden, wenn ich nicht die
Vertraute Eurer Liebe geworden wre. Ach, mein Antheil an ihr ist mir schlimm
bekommen. Der garstige Ammon hat heute der Mutter Alles auf's Kleinste
berichtet, denn er frchtete die Folgen; und Mtterlein hat mich gescholten, und
gesagt, es zieme sich fr ein Edelfrulein nimmer, um solche Abenteuer zu
wissen, und sie werde mir verbieten, je den Wald wieder zu besuchen. Dennoch
bin ich ihrer Wachsamkeit entgangen, denn Ihr mutet ja erfahren, wie Alles kam,
und ich wre gestorben htte ich Euch in Ungewiheit lassen mssen. Nehmt Ihr
Theil an mir, holde Dirne? fragte Dagobert weich und dankbar. - Regina wurde
roth, entzog ihm ihre Hand, und sagte ausweichend: Wenigstens wollte ich's gern
ertragen, da mein Mtterlein mich schmlt, knnte ich Euern Schmerz nur wenden.
Ich liebe traurige Gesichter nicht. Seh' ich jedoch Euch in Gram versunken, so
mchte ich flugs mit Euch weinen, ob es vielleicht Euern Kummer lindern mchte.
Lindern? gewi! rief Dagobert: Die Thrnen der Unschuld, die des
allerreinsten Gefhls sind Lebensbalsam fr den Trauernden. Ja, mein
wunderholdes Mgdlein; die Zuversicht, .. das glubige Vertrauen auf eine helle
Zukunft, diese heilige Schrift, die in Euern Augen zu lesen ist, klar und
deutlich, wie das Licht der Sonne, ... sie gibt mir Trost, und Muth zu leben,
... mu ich auch allein auf meiner Bahn zu Ende wandeln. - Allein? fragte
Regina neugierig: wie meint Ihr das? - Ich werde nimmer um eine Jungfrau
minnen; versetzte Dagobert: einsam bleiben, und allein, keinen Herd mir bauen,
keine Htte, sondern flchtig seyn und unstt.
    Um Gottes willen nicht! rief Regine: Nur das, ehrsamer Junker, das thut
nicht. Viel Hundertmale hrte ich meine Mutter sagen, ein Hagestolz htte nicht
Freude und nicht wahre Lust am Leben, er bese nicht einmal ein Herz fr seinen
Hund; und ich will's glauben, lieber Herr. Da ist der Vetter Schwarzbach, und
der Ohm von Miltenberg, vor denen mir schon bang wird, wenn sie unser Haus
betreten. Da geht's Treppe auf, Treppen ab, mit beschmutzten Stiefel und
ungekmmten Brten, mit Halloh und Hassah durch Feld und Wald, und nur dem
Becher wird ein freundlich Gesicht gemacht, und Frauen hingegen bestndig ein
scheeles. Zu solchem Leben seyd Ihr nicht gemacht, guter Herr. Ihr seyd so
freundlich, und wart so froh, da es Schade wre, wenn Euch einer Jdin Verlust
zum Trbsinn brchte. - Anmuthige Regina! erwiederte Dagobert: wollte der
Himmel, die Sachen stnden noch wie am verwichnen Ostertage. Damals glaubte ich
mich noch frei, und Euer Liebreiz nur allein htte mir eine Fessel anlegen
knnen. - Ach nicht doch! kicherte das Edelfrulein verneinend, und hielt die
Hnde vor das geschmige Antlitz. Indem trat, von Ammon begleitet, die Frau von
Drningen an den Eingang des Geheges. Regina! rief sie ernst, und Dagobert
eilte, das erschrockne Mdchen zu der Mutter zu fhren. - Ich danke Euch Eure
Gegenwart nicht, Junker; sagte die Edelfrau, da ich nun - zu spt nur - durch
Ammon erfahren habe, was mir meiner Tochter Mund verschwieg. Ihr habt unedel
genug die Eitelkeit meiner Tochter mibraucht, um einer Dirne von schlechten
Herkommen und ungewissem Leumund eine Zuflucht auf meinem Boden zu gewinnen; und
Ihr versucht's vielleicht, jetzt noch die Leichtglubigkeit der unerfahrnen
Jungfrau zu verfhren, da Euers Herzens Lieb Euch untreu geworden. Ich bin ein
Weib, und kann, ohne mnnlichen Schutz, mit dem Manne nicht rechten, wie sich's
gebhrte. Thut mir jedoch die Liebe, so schnell als mglich mein Eigenthum zu
meiden. - Euer Mitrauen, gestrenge Frau, betrbt mich; antwortete Dagobert
gelassen: ich weiche jedoch gerne aus Euerm Eigenthume, in welchem ich das
meines Herzens verlor, um Eurer fleckenlosen Tochter ferner keinen Kummer zu
verursachen. Habt Dank, Frulein, fr das, was Ihr an Esther und mir gethan, und
belehrt, berzeugt Eure Mutter eines Bessern, damit sie nicht aufhre, mich zu
achten, wie einen Ehrenmann. - Schweigend verneigte er sich und verschwand. -
Seinen qulenden Gefhlen konnt' er jedoch nicht entgehen, wie den strafenden
Blicken der argwhnischen Mutter. Viele Male hielt er auf seiner Strae inne,
und berlegte bei sich selbst, ob er zurck gen Frankfurt kehren solle, - ob er
es versuchen werde, Esther's Spur zu finden. Gegen diesen letzten, von keinem
Hlfsmittel untersttzten Versuch strubte sich sein Stolz. Ward ihr's so
leicht, von dir zu scheiden ohne Frage, ohne Wahl und Lebewohl, sagte dieser,
so la sie. Sie hat deine Liebe nicht verstanden, oder war ihrer nicht wrdig.
- Und dennoch flsterte sein Herz im nchsten Augenblicke: Ach, freilich hat
sie dich verstanden, so wie auch du ihre Liebe, die heilige, tadelreine
verstehst. Freilich war sie deiner wrdig, und auch in der Ferne wird sie's
bleiben. Und hierauf dachte er an das Vaterhaus, an den Vater, der ihm wieder
lieb geworden, an die reuige Mutter, an den kleinen Hans, und den biedern
gelehrten Johannes, und er fhlte, da auer der Liebe noch das Leben Ansprche
an ihn, und Pflichten fr ihn habe, und da daheim nur das heilende Krutlein -
vielleicht auch nur - wachsen mchte, seiner Seele Wunden zu snftigen. Gegen
alle Weltgegenden breitete er daher seine Arme aus, als wollte er die Verlorne
damit an sein Herz ziehen, und wre sie am uersten Ende der Welt. Ihren Namen
rief er laut und oft in die Luft hinaus und himmelan; dann waffnete er sich mit
neuem Muthe, und wandte sich nach der Vaterstadt, ... nicht ein Vergessender,
sondern ein in seines Herzens Muth und zuversichtlicher Kraft Getrsteter.
    Er hatte kaum den Scheideweg verlassen, der ihm die Strae frei lie nach
Friedberg und weiter in's Land, oder nach dem Mainstrome, als eine leise Stimme,
hinter einem Haselbusche hertnend, fragte: Aber Veit! warum fendest Du dem
Schurken nicht einen Pfosten nach - oder in Ermanglung - einen guten derben
Stein?
    Ei, la mich doch, Leuenberg, antwortete der Hornberger; denn die beiden
Ehrenmnner waren's, die hinter dem Busche lagen: ich bin noch mde, wie ein
kolleriges, Pferd, das seinen Meister gefunden hat. Der scharfe Ritt schon hatte
mich angestrengt, und Du, guter Geselle, warst in eine verdammt schlechte
Sippschaft gerathen, deren Arme nicht von Wachs gewesen sind. Sag' mir doch, wie
kamst Du unter das Gelichter?
    s' hat weiter kein Bedeuten, entgegnete Leuenberg, und mein wunder
Schdel schmerzt mich dermaen, da ich nicht viel reden mag. Seit ich von
Neufalkenstein wegging, hat mich tausend Noth verfolgt. Wie hab' ich's bereut,
da ich dem ngstlichen Doring folgte, der von der Burg ausri, als htten ihn
schon die Hscher der Stadt beim Helmkragen. Der Taugenichts ging seine Wege,
ich die meinigen. Auf der Gelnhuser Burg hatte ich nichts zu leisten, nichts zu
thun, und schlug mich hieher, wo ich auf dem Anstand herumlungerte, ohne ein
glcklicher Schtze zu seyn. Ein Paar arme Bauern, nicht der Mhe werth, sie zu
durchsuchen, - das war Alles, was die Heerstrae bot. Doch halt! bald htt'
ich's vergessen: einen Schelm bot sie auch: den rothen Juden Zodick, oder wie
der Teufelskopf in der Taufe genannt wurde. - Ho! fiel der Hornberger ein:
wie schn! Friedreich, mein Pathchen! Was treibt der hier herum? - Der Gauner
stiehlt auf eigne Faust, zu Fu zwar, wie ein rechter Dieb, versetzte
Leuenberg, allein dem hebrischen Hund war das Gewerbe im stillen Busche weit
gnstiger, als mir auer dem Feld und Holz. Gestern hat er einen Reifenden
geplndert, und heute den Plunder zum Verkauf getragen. Hier wollt er sich
einfinden, sagt' er. Ich schlenderte indessen zu Gaule hin und her, bis der
verdammte Wechsler daher fuhr, in dessen Gefolge ich eben so wenig nassauische
Reitersknechte vermuthet htte, als den Tod, und den ich also blind und thricht
angriff. Wie mir's erging, weit Du so gut wie ich, denn ohne Dein Hinzukommen
wre ich jetzt steif und starr. Hab' Dank, da Du mich hieher geschleppt hast;
ich wollte gerne meine Wunde verschmerzen, wenn ich meinen guten Klepper, den
die Hunde niederstieen, wieder lebendig machen knnte, oder wenigsten das Blut
jenes breitmuligen Junkers gesehen htte, der Deiner Trgheit verdankt, da ihm
sein erbrmliches Leben geblieben ist. Oder war's etwa eine gewisse
ngstlichkeit, die Dich zurckhielt? Willst Du Reu und Leid machen? und hat Dich
das, was Du in Frankfurt saht, auf ernsthaftere Gedanken gebracht? - Mglich
wr's schon gewesen, beim Donuer; hie des Hornberger's Antwort: Dich htt'
ich an meiner Stelle sehen wollen. Ich ritt ganz ruhig und verkappt in der Stadt
ein, und kaufte mir die Dolchklinge hier. Da nun die Gassen wimmelten von
neugierigen Leuten und Alles sich dem Bockenheimer Thore zuwlzte, konnte ich
mich nicht enthalten, nach der Ursache zu fragen. Der verdammte Ruber, der alte
Bechtram von Vilbel, wird gerichtet; gab mir der Krmer zur Antwort, und ich
htte ihm dafr die Rippen durchbohren mgen. Aber, so entsetzt ich auch war,
von der Kunde, den, den ich wo mglich zu befreien gekommen war, auf dem Wege
zum Tode zu finden, ... dabei mute ich seyn und es mit ansehen, kostete es mir
auch selbst den Hals. O, welch bedauerlich Schauspiel, Freund Leuenberg! Du
httest sehen mssen, wie unser wackrer alter Ritter daherschritt in den
Stricken der Soldknechte, die er einst angefhrt hatte. Donner und Strahl! so
weh mir dieser Anblick that, so war ich dennoch hoch entzckt, zu sehen, wie er
noch den alten Trotz und die ritterliche Wrde auf seiner Stirne festhielt, vor
welcher sie Krmerlmmel die Augen niederschlagen muten. Und so blieb er auch
bis zum Ziele. Vor dem Thore auf dem Anger war ein schwarzes Tuch ausgebreitet,
und auf demselben lie man den alten Mann niederknien wie einen Verbrecher. Ich
htte ein Gewitter seyn mgen, um ber die abscheulichen Rathsschnauzen
herzufallen, die so steif und hlzern dem Bechtram das Urtheil wieder vorlasen,
als ob sie im Recht sen, und der von Vilbel im Unrecht. Und dennoch hatte er
sie Gefangenen losgegeben, und folglich ward ihm von treubrchigen Hunden das
Leben abgesprochen. Mit diesem letztern war's auch bald vorbei. Ein Rottmeister
brachte ein Tuch heran, um dem Sterbenden die Augen zu verbinden, ... aber
tausend Hagelwetter! der Bube kannte unsern Alten nicht, welcher das Tuch
verweigerte und die Augen muthig offen hielt, unterm Schwert des Henkers, das
schon blitzte, und nach welchem die in unzhliger Menge versammelten
Reichsstdter schielten, wie abgestandne Fische, denn das Gesindel frchtet
sogar die Klinge, die es selbst aber noch mein Unstern wollen, da, whrend ich
also in Zuschauen und grimmiger verhaltner Wuth versunken, auf meinem Gaule
hielt, und hervorragte ber den Pbel an der Erde, ... da Bechtram das Auge zu
mir empor hob, und trotz meines falschen Bartes mich erkannte. Unwillig rief er
aus, mir winkend: Hoho! Hornberger! Du hier, und ich mu sterben? Hilf! - Im
selben Nu siel sein Kopf, aber alle andre Kpfe drehten sich nach mir, der ich
meinem Gaule wthend die Spornen gab, um mich aus dem Strudel zu arbeiten, der
um mich her summte, wie ein Schwarm wilder Bienen, und mir kein bessres
Schicksal verhie, blieb ich in seiner Mitte hngen. Halt auf! halt auf! schrie
es um mich her, und manche kecke Faust griff zu nach meinem Zgel; ich aber,
nicht faul, hieb mit der Peitsche um mich her wie ein toller Mann, und habe
manchen Spiebrger gezeichnet, da er ewig an den wilden Hornberger denken
wird. Reiter hinter mir drein ... Steine durch die Luft ... und ich voran wie
die Windsbraut, und narrte sie hinter mir her bis an die Warte. Dann streckte
ich dem Lumpenpack die Zunge heraus, und ritt gemchlicher durch Feld und Flur
und Saat, bis ich in Deine Hndel fiel. Aber geschworen hab' ich's, heute
wenigstens keiner Christenseele ein Leid zu thun, weil mich des armen Bechtram's
Tod doch sehr bestrzt gemacht, und dehalb lie ich auch den Fant ziehen, den
Du nicht leiden kannst. - Hol' ihn der Teufel, und nicht minder den Juden, der
seines Vaters Brust verfehlte! brummte Veit von Leuenberg grollend: Da ich
mich nicht rhren konnte! Ich htte den Buben kalt gemacht wie seine Landsleute
an Bechtram thaten, der brigens auch noch lebte; wenn auf Neufalkenstein mein
Rath befolgt, und der saubre Neffe gehangen worden wre. - Pah! erwiederte
der Hornberg: hrt man Dich allein, so hast Du zu Allem das Beste gerathen, und
von Allem das Beste gethan. Geht man auf den Grund, ist wenig dahinter. Ich
denke, die meisten Leute leben noch, denen Du den Tod geschworen! - Keinen
Schimpf! drohte Veit, sich mhsam auf den Ellbogen sttzend: gerade hier bin
ich dem Platze nahe, wo ich zum Erstenmale einen Menschen auslschte. Es war
mein Probestck, auf einem Wildgange, der mich durch den ganzen Forst gefhrt
hatte. Bei der Futterhtte des Waldes sah ich einen Mann stehen, einen Edelmann,
nach Kleid und Wehr zu halten; er zhlte seine Rehe, und mir wsserte in dem
Versteck der Mund, da mir's jetzo so leicht seyn wrde, ein Wild aus diesem
gedrngten Haufen herauszuschieen; da mir aber nicht gestattet sey, das
Geschossene zu holen. - Ich ergrimmte bei diesen Gedanken, und dachte: wie wr's
denn, Veit, wenn Du den breitschulterigen Mann holtest, der, wie ein
frohlockender Geizhals seinen Reichthum berzhlt, von dem dir nichts gehrt?
Der Gedanke war auch sogleich die That, und wie hineingeblasen sa der Pfeil der
Armbrust dem Menschen in der Gurgel. Ich auf und davon, sah ihn von ferne noch
taumeln, strzen, und kam selber glcklich davon. Hinterher erfuhr ich, da ich
den Herrn von Drning erschossen. - Ei, das ist ja eine grliche That, ein
Jugendstreich, wie es wenige gibt; versetzte der Hornberg: aber Dir hnlich,
Leuenberg. Einen wehrlosen Mann aus dem Busche zu treffen, oder einen
friedlichen Pfarrherrn vom Kirchwege in's Grab zu legen, das ist Deine Sache. -
Schweig mit dem Spotte! eiferte Leuenberg wild werdend: Ein Jeder treibt's
nach seiner Lust und Freude. Dieser in geruschloser Nacht, jener in Rauferei
und offnem Streit. Da kmmt aber Einer, dem das wahre Mordhandwerk noch keiner
jemals besser nachfft, als er's treibt. - Der getaufte Jude Zodick schlich
sich eben auf Kreis- und Schneckengngen aus dem Gehlz daher. Sein Rcken war
ohne Last, sein Aussehen verrieth indessen wenig den glcklichen Vertrdler
geraubter Sachen, als vielmehr den zornigen erbitterten Bsewicht. Vorsichtig
und wie ein Falke blinzelte er hinter jeden Strauch, und trat, nachdem er sich
berzeugt, da es rings umher still geworden, mit zuthulicher Frechheit zu den
Junkern, die ihn starr ansahen, aber seinen Gru kaum erwiederten. Bringst Du
Geld? fragte der Leuenberg: heraus damit, ohne Widerrede und Umstnde. Du
siehst, Jude, da ich Hlfe in diesem Manne erhalten habe. Weigre Dich demnach
nicht ferner. - Euer Knecht, Herr von Hornberg; versetzte der Jude flchtig:
wie seyd Ihr gekommen in die Wildni, die da beherbergt zwei von Euern besten
Bekannten? - Um Dich zu sohn, mein Taufsohn! grinste der Hornberger dem Buben
zu: Wie steht's mit Dir, Bursche? - Gut, Herr; entgegnete Zodick boshaft
lchelnd: ich habe den Fehdebrief geschrieben der ganzen Welt, meine Freunde,
die edeln Herren hier, ausgenommen. Ich hatte gebaut so schn mein Haus, und die
krumme Schlange hat's eingeschlagen. Zu Frankfurt verlangen sie meinen Kopf, und
das Vehmgeding hat mich geladen vor seinen Stuhl. Was thue ich aber mit der
Ladung? Damit ich nicht erst zurckgehen mu, bleibe ich gleich ganz weg. -
Das Beste; meinte Hornberg lachend: wie bringst Du Dich jetzt durch? - Ich
nehme; was mir berlassen die adelingen Herren; antwortete Zodick schnell: und
mu obendrein stehlen fr den Mann, der mir noch schuldig ist fnf Pfund Heller
fr ein Menschenleben. - Verdammte Brut! fuhr Leuenberg wthend auf: Die
fnf Pfund, die Du erhieltest, waren noch viel zu viel fr Deine
Ungeschicklichkeit. - Ungeschicklichkeit? spttelte der Jude: so man mir
zahlt halb, morde ich auch nur halb, und halb hatte der Alte seinen Rest, was
man nicht lugnen kann. Was sollen mich im brigen kmmern Eure Hndel, Herr, da
Ihr Euch nicht umseht um die meinigen? Der arme Friedreich mu Alles ausfechten
mit seiner eignen Hand, und kein Mensch steht ihm bei.
    Elender Jude! murrte der Leuenberg. - Der Hornberger erwiederte jedoch
halb ernst, halb scherzhaft: Ei bei leibe, Bruder Veit! Ich bin Freidrichs
Taufgevatter, und behaupte gegen Juden sein Christenthum. Heisse ihn den
schlechtesten Burschen im rmischen Reiche, nur keinen Juden. - Wr' ich doch
geblieben ein Jude! lachte Zodick hhnisch: die heimliche Acht htte mich dann
wohl in Ruhe gelassen. Wr' ich doch geblieben ein Sohn Jakobs, so wre doch
vielleicht Esther geworden mein, und Alles nicht geschehen, was sich begeben
hat. Wr' ich doch gewesen ein vorsichtiger Mensch, ... ich htte gewittert, da
das ganze Nest in meiner Nhe war! - Dummer, dummer Zodick! - Er schlug sich
bei diesen Worten einigemal tchtig vor die Stirne, und die edlen Herrn wollten
sich, trotz Wunden und Mdigkeit ausschtten vor Lachen. - Der Hund ist
verrckt geworden! meinte Leuenberg - Gottes Wunden und Zeichen! versetzte
Zodick mit verzerrtem Gesicht: Verrckt und mischukke vor Zorn und wthiger
Sehnsucht. Ich soll theilen mit Euch mein erworbenes Geld ... und Ihr haltet
nicht einmal meine Feinde auf, die an Euch mssen seyn vorbergezogen! Das ganze
Geschlecht, das ich verfluchte in's tausendste Glied ist gewesen hier ... aber
mein Fluch hat es wieder zerstreut in alle Welt. Htt' ich doch gewut, da der
Soi, den ich gestern geplndert habe, kein Goi gewesen! da er gehrte zu der
Sippschaft die ich hasse wie den Tod; ich htte nicht gerastet, nicht geruht,
bis er htte verseufzet seinem Athem unter meiner Faust! - So rede doch
vernnftig; sag at, was hast Du denn? fragte der Hornberger heftig, und Zodick
erzhlte von der Forsthtte, von Esther, Ben David und dem Bruder aus der
Fremde. - Dummer Bube! maulte Hornberg: uns das nicht frher wissen zu
lassen! Eine schmuke Dirne wre mir lieb, wenn gleich nur eine Jdin. Wir htten
sie aus dem Bette gestohlen. - Wie erfuhrst denn Du? fragte Leuenberg. Ich
kam zu vertrdeln meine gewonnene Habe zu Drning, antwortete der Jude: und
dem Gesindel im Hofe erzhlte der alte Ammon, der Forstwart, die ganze
Begebenheit. Der Schurke werde krumm, lahm und taub, weil er mir gestern hat
abgewehrt, und heut von den Dingen erzhlt, die schon vorbei waren. Noch dachte
ich zu erwischen den jungen Frosch, und ihm zu werfen einen Stein zwischen die
Fe, aber auch diesen entzog mir der Frst der Finsterni. Verdammt und
vermaledeit; und ich ruhe doch eher nicht, bis ich mich blutig gercht habe an
dem Wicht ohne Bart. - Traum; ich mchte wissen, welcher von uns sich ber den
Fant nicht zu beklagen htte? fragte Veit von Leuenberg ungestm: Hat er mir
nicht Schimpf und Schmach angethan zu Neufalkenstein? Hat er nicht die
Freilassung der gefangenen Hunde ertrotzt, und dadurch dem Henker das Zeichen
gegeben, unsern Bechtram abzuthun. - Ja wahrhaftig, bei meinem Eide! fgte
Hornberg, wild drohend, hinzu: Soll mich doch tausend Ewigkeiten hindurch der
Teufel mit Pech und Feuer laben, wenn ich die Hinterlist dem Buben nicht
vergelte. - Und ihm allein gebhrt nicht Vergeltung! eiferte Leuenberg, sich
erhebend: die ganze Sippschaft ist mir zuwider Opperment und Krtengift. Der
alte, schbige, schmutzige Filz; die nichtswrdige Grete, die all adlich Blut
verlugnet hat, um zu dem Spiebrger zu kehren; der kleine Wechselbalg sogar,
der Hans, der, bei Gott, nichts Anders ist, als ein Bastard von Mutter und Sohn,
und endlich vor Allem der Abschaum von Niedertrchtigkeit; Wallrade, an die ich,
moosiger Bursche, mich noch vergaffen mute, Dank sey es ihren Teuselsknsten,
und die alsdann mich selbst anklagte, ich htte ihr und dem Pfaffen
durchgeholfen; dem verdammten Pfaffen, der uns verrieth. Ich htte meinen Hals
hergeben drfen, htte mich nicht mein holdseliges Schwesterlein mit ihren
Kleinodien ausgelst. Wenn ich den Streich der spitzbbischen Schlange je
vergesse, so will ich schon jetzt um Haut und Haar seyn. - Wie gewonnen, so
zerronnen, spottete Hornberg: Mit Deiner Schwester war's eine verworrene
Geschichte. Sie hatte sich aus ihres Mannes Haus geflchtet, und in Deinen Arm
geworfen, wie Du uns zum mindesten gesagt. Und dennoch geberdete sie sich
untrstlich, und dennoch gieng sie freiwillig zurck? - La' die
verdrielichen Tage dahinten! fiel Veit ein, dem diese Fragen unangenehm
wurden: ich wollte nur sagen, da ich hasse, was Frosch heit, meine eigne
Schwester nicht ausgenommen; und ein Fest sollte es fr mich seyn, die ganze
Brut auf einem Holzstosse sich verzappeln zu sehen, mindestens durch einen Dolch
niedergeworfen. Ein Kinderspiel fr einen Blutzapfer, wie der, der hier vor uns
sitzt, wre er nicht so erbrmlich ungeschickt geworden, da das morsche Leben
eines Weikopfs noch einen stichfesten Panzer gegen seinen Stachel abgibt. -
Zodick, der bis jetzt, halb dem Gesprche zuhrend, halb in sich hinein brtend,
auf einem Steine gesessen hatte, die Hnde auf den Knien, und das teuflisch
lauernde Gesicht vorgebeugt wie ein tief nachsinnender Mann, richtete sich bei
diesen Worten rasch auf, und sagte: Ihr habt gut reden von Ungeschick, edler
Herr. Doch das Gedibber allein fhrt nicht zum Zweck. Versucht's einmal selbst,
oder besser, folgt dem Rath, den ich Euch gebe. Es kommt mir bald vor wie
Schofel und Jammer, wenn man sein Messer zuckt auf einen Einzigen, der doch nur
ein Sandkorn ist in der Welt. Das thut auch nur ein verworfner Jude um ein Paar
Groschen willen, oder ein Paar Lumpen, Handel damit zu treiben. Fr edle Herren
wie Ihr, ist's schner und muthiger und frecher, zu schneiden hinweg ganze
Geschlechter, wie die Sichel auf dem Felde die Garben. Ich bin ein Hund gegen
Euch. Ihr sagt's, und ich will mich hten, anders zu denken. Aber der Hund hat
jetzt gleich Schicksal mit dem Herrn. Einer ist vogelfrei, wie der Andre. Lat
uns darum erklren Allen den Krieg, weil Alle ihn fhren gegen uns. Der alte
Frosch sterbe nicht allein, aber mit ihm sein Haus, und mit diesem ganz
Frankfurt, und Verderben sey ber seinen Brgern und ihrem Geschlecht. - Die
beiden Mnner sahen den Juden staunend an, und Hornberger sagte endlich: Beim
Stern und beim Kreuz und beim Hammer! Kerl! Du faselst, oder Du hast da einen
Streich ausgesonnen, wie ihn die Welt noch nicht gekannt hat, und wie er selbst
in meinem frischen, kecken Hirn sich nicht gefunden hatte.
    Diether und all' die Seinen? ganz Frankfurt sammt seinen Mnnern, Weibern
und Kindern? fragte Leuenberg neugierig, und die Begierde nach Mord, Brand und
Beute leuchtete aus seinen aufflammenden Augen: Rede, Jude! rede! zgre nicht.
-
    Die Wildni hat Ohren wie der Hund, meinte Zodick: in einsamer Kammer
spricht sich's besser von solchen Dingen. Zudem ist's schon dunkel geworden, und
khl weht die Nachtluft. - Ich spr's wohl an meines Schdels Verletzung;
erwiederte Leuenberg, schmerzhaft nach der Wunde greifend: aber ich wei hier
nirgends in der Runde ein sichres Wirthshaus fr uns. - 's wird wohl am besten
seyn, die Nacht unter'm Mantel zuzubringen, setzte Hornberg bei: der Teufel
traue in diesen ersten Tagen nach Bechtram's Hinritt dem Frieden! - Ei, nicht
doch; schmunzelte Zodick: als Ihr kommen wollt mit mir, will ich Euch fhren,
wo Euch niemand sucht, und im Fall des Suchens, niemand findet. Ein prchtig
Haus, und sicher wie im Schooe Abrahams, soll mir Gott helfen. - Nun, so hol
der Schwarze das harte Lager hier und die Abendluft; rief Leuenberg, und machte
sich auf die Beine. Vordem schlief ich, that's Noth, unter meinem treuen Gaule.
Der ist nun dahin, - entschlafen wie die einugige Muhme. Gott trste sie beide,
und bescheere uns ein Strohlager und einen wrmenden Trunk. Sollen wir aber dem
Hundsjuden da so unbedingt trauen? setzte er zu Hornberg gewendet hinzu. -
Warum nicht? lachte dieser mit gewohnter Rohheit: 's war sein eigner Schade.
Denn mein Messer schlitzt ihm den Bauch auf, ehe ein Verrther uns ergreift. -
Gott foll hten! entgegnete hhnisch der Jude! Hab' ich doch meinen Leid zu
lieb, und meine Herren und Freunde. Wandert herzhaft mit mir: ich kenne auch
hier die Schliche, und unsre Leute sind berall!

                               Siebentes Kapitel.


                Schnell ist der Pfeil, schneller die Rache, am schnellsten die
                Reue.
                                                             Pers. Sittenspruch.

Du kommst allein, mein Sohn? fragte Diether staunend und freundlich zugleich,
als Dagobert zu ihm hereintrat in's Gemach, wo er mit Frau Margarethen in
vlliger Eintracht sa, den kleinen Hans auf seinen Knieen. Dagobert bejahte
stumm, reichte seinen Eltern die Hnde, warf einen prfenden Blick auf
Margarethen, und kte den Knaben. - Sieh, begann Diether wieder und
liebevoll: sieh, das freut mich; ich lugne es nicht. Es ist erfllt worden,
warum ich Gott in meinen letzten Nchten gebeten habe. Du hast muthig eine
unziemliche Leidenschaft bekmpft, deren Gegenstand nur als unsre Tochter
aufgenommen worden wre, um Dir einen Beweis unsrer ausserordentlich Liebe zu
geben, nicht aus Neigung unsers Herzens, da wir in der Jdin, selbst wenn sie
die Taufe empfangen, nur die nicht mit Rechten unserm Kreise Angehrige sehen
knnen.
    Ja, setzte Margarethe bei, die ihr Auge vor dem Dagobert's
niedergeschlagen hatte, nun es aber mit freundlicher Klarheit zu ihm erhob;
bester Sohn; obgleich ich Euer Glck von ganzer Seele wnsche, so ist mir's,
wie meinem Herrn genehm, da Ihr der hebrischen Magd entsagt habt. Mit unserm
Verlangen stimmt es berein. Was mein Herr noch ferner auf den Herzen trgt,
berlasse ich ihm selbst, zu erklren gegen Euch. - Was ferner, mein Vater?
fragte Dagobert sanft. - Deine Stimne gibt mir Muth; erwiederte Diether: es
mge Dir nicht grausame Willkr scheinen, was ich von Dir jetzt fordre. Lege es
aus Rechnung meines durch manchen Fehl betrbten Herzens, das recht innig und
aufrichtig Friede schlieen mchte mit dem Himmel. Deiner Mutter Gelbde, ...
Sohn, ... la mich nicht vollenden. Der Eid, den sie gethan, ist nicht gelset,
denn des Papstes Brief verliert die Kraft, so bald er nicht mehr das Recht
besitzt, zu lsen. Also spricht der wrdige Vater Reinhold, also spricht der
gelehrte Dechant des Doms, Herr Herdan; darauf dringt Dein Ohm, der Prlat, -
Pater Johannes selbst, der sehr zu Deinem Vortheil neigt, zuckt hiebei die
Achseln. Ich wei keinen Weg zu finden aus der Gewissensangst, die mich
belastet, und der Dechant hat schon geuert, er wolle an den bischflichen
Stuhl berichten .... - Nicht doch, mein Vater, unterbrach ihn Dagobert
gelassen und heiter: der wrdige Herr mag diese Mhe sparen, wie Ihr die Sorge,
nach Worten zu suchen, die Eure Absicht aussprechen sollen, ohne mir wehe zu
thun. Nicht Ihr, nicht Herdan, nicht Reinhold, nicht einmal der Ohm, die
Hauptquelle dieser Einwirkung der Kirche ... keiner von ihnen fgt mir dadurch
ein Leides zu, sondern ihre Worte sind aus meiner Seele genommen. Ja, mein
Vater: ich will Priester seyn, und will den Bischof um die Weihen bitten, sie
mir nicht aufdringen lassen. - Sohn! Dagobert! rief der Vater entzckt, so
schnell am Ziele zu seyn: ist es mglich, da ich recht hrte? Du wolltest?
wahrlich, Du bist mehr als ein gewhnlicher Mensch, und grnzest an den
Heiligen, der dort - Dein Ebenbild - von der Wand herab uns zulchelt. -
Dagobert warf schnell den Blick auf das Gemlde, welches den heiligen Georg in
seinen Zgen darstellte. Seine Bescheidenheit hatte nie geahnt, da dieses Bild
ihn selbst vorstelle, und er errthete. Dann verneigte er sich vor Margarethen,
und redete: Ehrsame Frau, Euer Befehl schuf jenes Bild, und ich mu Euch
herzlich um Vergebung bitten. Ich dachte, vom Haus geschieden, in schlechterm
Andenken bei Euch zu stehen. - Ihr jedoch, mein Vater, preiset allzusehr mein
schwach Verdienst. Ich bin kein Heiliger, begehre auch nicht, es zu seyn; aber
wohl ein gehorsamer Sohn und ein Mensch, der allein seyn will mit Vergangenheit
und Gegenwart. Es bleibt dabei, mein Vater. Morgen, heute noch spreche ich mit
Pater Johannes ber diese Sache, oder mit Reinhold, wenn Ihr meint. Ich liebe
raschen Entschlu, und denselben rasch zu vollfhren. - Geh', wohin Dein Herz
Dich zieht; versetzte Diether: die Mutter wird vom Himmel herab Dich segnen,
und Dein Bruder Johannes Deiner Tugend huldigen. Ich gehe, um den Dechant und
den Vater Reinhold von Deinem freien Willen zu unterrichten. Im Barferkloster
wartet meiner ohnehin eine andre Pflicht. Der Mnch, der mir von Wallrade Kunde
brachte, ist genesen, und soll meinen Dank empfangen. Reinhold, der ihn in der
Krankheit oft gepflegt, betheuert, der Mann sey nicht Priester, sondern von
ritterlicher Herkunft, wie er aus Worten vernommen, die seinem Munde in der
Hitze des Fiebers entwischten. Wie dem auch sey, - ob eine Ordensregel, ob
Unglck oder ein Gelbde den Mann in diese Kutte zwang; ich will ihm vergelten,
so gut ich's vermag; denn er war mir ein froher Bote, und seine Botschaft darf
nichts gemein haben mit meinem Zwiste mit Wallraden, - Wallrade! die
Unglckliche und Unselige! rief Dagobert theilnehmend aus: Wo ist sie? sicher
nicht in diesem Hause, denn ich sehe, hier wohnt endlich her Friede. - Ja
wahrlich! bekrftigte Diether, mit einer herzlichen Umarmung seines Weibes:
Der khne Gang zum Bannstein hat Margarethen gereinigt in meinen Augen, wie ein
heiliges Feuer. Sie ist eine wackre Hausfrau, eine biedre Mutter, und pflegt mit
voller Liebe den Knaben, der uns fast so schnde verloren gegangen wre, durch
die Schlange, meine Tochter; durch mein eignes Kind! Ha, diese That hat mich
emprt, wenn ich ihr gleich den Fehltritt verziehen htte, der sie in jenes
Edelmanns Arme fhrte. Gott schtze ihr unglcklich Kind, das, wer wei, auf
welchem Strom des Lebens jetzo schwimmt, aber sie, die nichtswrdige Tochter und
Mutter, will ich nicht mehr wiedersehen, kein Wort mehr von ihr hren. Mge sie
in dem Hause der Reuerinnen, wohin sie sich grollend zurckzog, Reue lernen und
Gefhl. Ich bin mit ihr fertig. - Ach, lieber Herr, seufzte Margarethe:
bezwingt doch diese Unvershnlichkeit. Bedenkt, in welchen Jammer uns Eure
Hrte ohne Gottes Beistand gebracht haben wrde. - O sieh, sieh, Dagobert!
sprach Diether entzckt: sieh diesen beleidigten Engel, der fr die
Beleidigerin bittet. Ich lese in Deinen Augen gleiche Wnsche, aber, um nicht
weich zu werden, entziehe ich mich lieber Euern Bitten, bis ich klter und
ruhiger geworden bin. - Er ging rasch hinaus, und Dagobert sagte
kopfschttelnd: Der Vater gleicht einem gewandten Gesellen, der auf der
Mummerei Tag und Nacht vorstellt. Argwhnisch und gehssig in einer Stunde, -
entzckt und das Vertrauen selbst in der andern. Ich sehe, nur ein guter
Schiffer vermag sicher durch dies trgliche Meer zu steuern. Euer Schifflein
jedoch, meine Mutter, geht hohl und einer Klippe zu. - Sprecht; fuhr er zu
der Verlegnen, sich herabneigend, fort: Sprecht doch, ehrsame Frau! Wie mgt
Ihr doch in lgendes Schweigen der Wahrheit vorziehen, die sich berall Bahn
bricht: Noch, wie ich hre, wei mein Vater nichts von dem falschen Johannes.
Und ich bat Euch doch so sehr! Soll ich denn reden an Eurer Statt? Und mu ich
es nicht vielmehr? - Vater Reinhold rieth mir zu schweigen; antwortete die
Betroffene ngstlich: Seine Klugheit .... - Sucht hinter Eurer Lge die
eigene - wohlgemeinte - zu verbergen, mit welcher er Euern Leumund rettete;
unterbrach sie Dagobert: aber, ihn trifft nicht der Blitz, der Euer Haupt nicht
verfehlen wrde, erfhre mein Vater durch andre Zungen, was sich begeben.
Verachtet doch endlich die Winkelzge. Ihr habt mich einst sehr geliebt, Ihr
liebt mich noch; wie eine treue Mutter den frommen Sohn, denke ich. Thut mir
doch zu Liebe jenes Gestndni, da Euch se Frchte tragen wird. Thut es bald,
denn die Zeit verrauscht, und jeder Tag knnte Euch unrettbar verderben.
berlegt, und lat mich, - kehr' ich wieder, - Euch entschlossen finden. -
    Kurze Zeit, bevor Dagobert aus seines Vaters Hause ging, um sich zu seinem
geliebten Lehrer Johannes zu begeben, hatte der Herr von der Rhn, von den
Schmerzen des heftigen Fiebers erstanden, das Barferkloster verlassen, um zu
lustwandeln im Strahle des sommerlich leuchtenden Tages, neue Krfte zu
gewinnen, und seine wunderliche Lage genau zu bedenken. Schon im einsamen
Krankenzimmer des Klosters hatte er gehrt, da Diether's Tochter zurckgekehrt
war aus der Haft des ruberischen Bechtrams, der ein blutiges Ende gefunden. Er
lenkte unwillkrlich halb, und dennoch halb von Sehnsucht getrieben, seine
Schritte nach Diether's Wohnung. Er umschlich sie einigemale, und lugte empor zu
den Fenstern des Hauses, um vielleicht Wallraden zu gewahren, einen Anla, sie
zu sprechen, zu suchen, um von ihr zu hren, wo sein Knabe, - die einzige
Hoffnung seines Lebens, sey. Freilich mahnte ihn fters die innere Stimme, der
Arglistigen, die seine Feindin geworden war, nicht blindlings zu vertrauen;
freilich beschlich ihn die Furcht, sie mchte ihn - nun sie in Freiheit, -
tuschen, wie sie schon oft gethan, allein - nach dem Strohhalme greifend, wie
ein Schiffbrchiger, treibend auf wallender See, sehnte er sich dennoch nach dem
Anblicke der Gehaten. Ihr Antlitz, so widerlich es ihm geworden, war das Ziel,
nach welchem seine Blicke suchten, allein vergebens war sein Bemhen. Die
Fensterflgel alle standen offen, um die balsamische Luft in das dunkle Gebude
zu lassen; jedoch an keinem dieser Fenster war Wallrade zu ersphen. Ein
freundliches Gesicht, - Margarethens, - neigte sich wohl fters aus den Bogen;
kein anderes war aber zu schauen. Seiner Fassung nicht vertrauend, um
unvorbereitet in das Haus, unter die Augen der Unvershnlichen, oder ihres
Vaters, des strengen Mannes zu treten, kehrte er seufzend, sein Vorhaben auf
gnstigere Zeit verschiebend, den Mauern, in welchen Wallrade, das Unglck
seines Lebens, geboren wurde, den Rcken, und ging weiter, ohne ein bestimmtes
Ziel sich zu stecken. An den Htten vorber, in welchen Bettlerrotten ihr
unverschmtes Gewerbe trieben, und in Horden die Vorbergehenden anfielen1,
schritt er gedankenvoll dem Rauerberge zu, um von dannen an den Mainstrom zu
gelangen; nicht die Aussicht ber den Flu zog ihn dahin; wohl aber die
schmerzliche Lust, die Fluthen wogen zu sehen, in welchen sein geliebtes Weib,
sein theures Kind zu Grunde gegangen waren. Wie er nun so dahin ging, dieser
verlornen Lieben im Innersten wehmthig gedenkend, so strich eine junge
Betteldirne an ihm vorber, die ein Kind auf dem Arme hielt, und dem
Mnchsgewand eine fromme Verneigung schenkte. Als wie durch eine Fgung
gezwungen, drehte Bilger den Kopf nach ihr, und indem er das Kind gewahrte auf
ihren Armen, schlug wie ein Donnerstreich der Gedanke durch sein Gehirn: Rudlf!
dieses Kind! ist's nicht das Deine? - Und zu stehen befahl er der Dirne, und
auch ihre Zge waren ihm bekannt, als wie aus frher, dmmernder Zeit. - Wer
bist Du, Maid? stammelte er betroffen, und hielt die Bettlerin mit zitternden
Hnden fest: Wer bist Du, Unglckliche, und wessen ist dies Kind? - Seiner
heftigen Bewegung zu Folge fiel die Kaputze von seinem Haupte, und sein Antlitz
erschien im Sonnenlichte, - der bestrzten Magd so schrecklich und drohend, da
sie aufschrie: Um aller Heiligen Willen! Herr von der Rhn! Ihr seyd's? O
welche Freude! - Kunigund! stammelte er, wie von einem neuen Fieberanfall
geschttelt: Antworte mir .... antworte! dieses Mdchen! - Ist das Eure,
Herr; erwiederte Gundel, sich vor ihm auf die Kniee werfend: verzeiht,
vergebt, Herr, ich wute nicht, da Ihr zu Frankfurt; ich frchtete mich ....
mich schreckte der Kerker. Bettelnd hab' ich meine und des Kindes Tage
gefristet, um nur Frau Wallradens Rckkehr zu erwarten. - Wallrade? rief
Bilger entsetzt, indem er das schreiende Kind, das den Vater in der rauhen
Hlle, entstellt von Blsse und verwildertem Varte, nicht erkannte, auf seinen
Arm ri: Wallrade? ich entsinne mich. Welch frchterliches Licht! Sie nannte
mir das Kind todt! - Todt? fragte befremdet Kunigunde: Todt? ach nein,
lieber Herr! - Des Kindes Mutter jedoch? ... - fuhr Bilger mit steigender
Angst und Hoffnung fort. - Auch sie lebt, guter Herr! betheuerte Gnudel. -
    Abschaum der Hlle! schrie von der Rhn in heftigster Bewegung:
Niedertrchtige Wallrade! Wo ist mein Weib, wo? sprich, Dirne, sonst ist Dein
Ende da! - Ich schwre, da ich es nicht wei, Herr, entgegnete Gundel
schluchzend und die Hnde ringend: htte ich den sonst nicht der Mutter ihr
Kind gebracht, das nur mich allein hatte in der Welt? Ach, Herr, Wallrade ist
bse, und ich berene mit blutigen Thrnen, da ich um ihre Frevel wei. Euer
Sohn, o Herr! ... - Nachher von meinem Sohne! donnerte von der Rhn:
nachher! jetzt aber, von ihr, der Lgnerin! Wo finde ich sie? wo? - Erst
gestern hab' ich ihren Aufenthalt erfahren, antwortete Gundel schnell: die
btissin der Reuerinnen ist ihre Freundin, und sie wohnt darum im Hause der
weien Frauen. - Der Teufel im Hause der Bue? fragte von der Rhn mit wilden
Zornesflammen im Gesichte: Wenn ich sie finde, wenn ich sie treffe! ... - Mit
diesen Worten enteilte er, das Kind auf dem Arme, dem Kreise von neugierigem
Pbel, der sich um diesen seltsamen Auftritt versammelt hatte, und strtzte mit
der Hast eines Wthenden der Mainpforte zu. - Um Gottes und Christi Willen!
jammerte Gundel, nachrennend.: Ihr strtzt Euch in's Verderben, Herr! Hrt
mich! hrt! - Aber so wie ihr Geschrei, - das eines schwachen Weibes fruchtlos
verhallte unter dem Toben der Menge, also war berhaupt nicht mehr aufzuhalten
das Rad des Unglcks, das vom Zufalle entfesselt worden war, und nun
zerschmetternd daherrollte. Der Stifterin alles bels nahte ihre verhngnivolle
Stunde, denn sie begegnete, wenige Schritte von der Pforte dem Rasenden, der wie
ein bser Geist an sie heranstrmte. - Willkommen, Ungeheuer! rief er ihr zu,
da sie entsetzend vor ihm wich, und sich an ihre Begleiterin festhielt: Kennst
Du dies Kind? Kennst Du mich? und soll ferner noch Dein schndlich Lgengewebe
bestehen? Wo ist die Mutter dieses Kindes?
    Gott der Barmherzigkeit! flsterte erschrocken Wallradens Begleiterin, und
das Frulein schrie: Kommt Willhild, kommt! befreit mich von dem
Tollgewordenen! - Wo ist dieses Kindes Mutter? brllte der Verzweifelnde, und
schleuderte sie mit mchtiger Faust zurck: In dem Strome? Lge ist's! darum
bekenne, oder frchte das uerste, Hllengespenst! -
    Der Mensch will mich ermorden! jammerte Wallrade, verblassend und bebend
an allen Gliedern: Willhild! helft mir von dannen! - Ermorden? ja bei Gott!
donnerte Bilger: Nicht leben sollst Du, wenn Du nicht auf der Stelle bekennst!
- Vor seinen frchterlichen Blicken wich die Menge zurck, die das Schauspiel
umbraute. Wache von der Pforte nherte sich nun, um auf Willhild's
durchdringendes, Geschrei Ruhe zu stiften. Bilger strzte jedoch mit der Wuth
eines Tigers auf den Anfhrer der Sldner und entri ihm gewaltsam die blanke
Waffe. Sie in einem leuchtenden Kreise schwingend, schreckte er die Knechte von
sich, und verdoppelte Wallradens Angst, an welche er die vorige Frage
wiederholte, auer sich vor Zorn und Grimm. Da gewahrte Willhild den Junker
Dagobert, der, von der heulenden Gundel geleitet, sich durch das Volk drngte,
und schrie, was sie vermochte, nach Hlfe, und nach seinem Schutz. - Erbarme
Dich meiner, Bruder! wimmerte Wallrade, vor dem Wthenden zurckweichend. - Du
schweigst? stammelte dieser: So stirb, Verfluchte! - Und mit einem gewaltigen
Schwertsto auf die Brust der Feindin warf er sie in den Staub, da sie, schwer
blutend und chzend zusammenfiel, ohne ferneres Zeichen des Lebens. -
    Zeter! schrie der Haufe und fuhr weit zurck vor dem Herrn von der Rhn:
Ein Mord! Genade der Armen Gott! Ein Mord! - Wer bist Du, Entsetzlicher! rief
Dagobert, der die in seinen Arm Gesunkne, Willhild und Gundel berlie. Der Herr
von der Rhn war beim Anblick der Verletzten und der Strme ihres Bluts wie
gefhllos geworden, und dieser Schreck gewann ihm die Herzen des Pbels, und
Dagobert's Mitleid, der seinen Mann pltzlich erkannte, und wie von einem
Gespenste berhrt, zurcktaumelte. - Herr von der Rhn? schrie er:
Unglcklicher! Abscheulicher! was habt Ihr gethan? -
    Stot mich nieder, antwortete ihm Bilger wie bewutlos, und die triefende
Klinge entfiel seiner Hand. - Das walte Gott! versetzte Dagobert schaudernd:
Dort naht schon die zurckkehrende Wache, Schffen an der Spitze. Euer Blut
komme nicht ber mich, flieht! - Flieht! flieht! schrie die Menge: Flieht,
unglcklicher Vater! Nach der Freistadt, nach der Freistadt! fort, fort! - Wo?
wo? stotterte Rhn, in dem die Lust zum Leben wieder erwachte. - Nach dem
deutschen Hause! raunte ihm Dagobert in das Ohr, und stie ihn in das Gewhl
des Volks, das dem bewutlos Fliehenden gerumigen Platz machte. - So versorgt
Ihr mein Kind? entgegnete der arme Vater, und im Nu hatte es Dagobert schon auf
seinen Armen gezogen. Bilger entfloh, so schnell, als seine Fe es erlaubten
und die unbequeme Tracht. Das Mitleid der aus den Husern laufenden Brger
bahnte ihm den Weg. Lat ihn durch! riefen einige Stimmen: er ist ein armer
Mrder! - Zu den deutschen Herren mit ihm! riefen wieder andre. Haltet die
Wache auf! schrieen die Khnsten, Meister und Knechte der Metzgerzunft, und
schleuderten Steine, xte und dergleichen Dinge mehr den eifrig Nachsetzenden
zwischen die Beine. Am Brckenthore wollten die Sldner den Mnch nicht
durchlassen. Metzgerfuste stieen sie zurck. Zweie von der handfesten
Schifferzunft packten den ermatteten Bilger bei den Hnden, nahmen ihn in die
Mitte, und rannten mit ihm, schnell wie der Wind, ber die Brcke. Wagen sogar
muten ausweichen, und aus den Fenstern des Deutschherrenhauses wurde der
Auflauf gesehen. Eiferschtig, ihr heiliges Vorrecht zu ben, gaben die Obern
Befehl, die Thre weit zu ffnen. Bilger nahte dem Ziele, aber auch die
Verfolger waren nur einen Schritt hinter ihm zurck. Auch sie machten sich durch
Hellebardenschlge und Rippenste Luft und freien Weg, und ihre Hnde berhrten
schon die Kutte des Unglcklichen, als er die Schwelle des deutschen Hauses
erreichte, und athemlos darauf zusammen sank.
    Rhre nur die Mauer an, armer Mann! riefen ihm Mitleidige zu, und seine
matte Hand erfate einen Stein der Pfortensule, als der Schffe anlangte, ihn
in Haft zu ziehen. - Dieser Letztere, ein rstiger, noch junger Mann, wollte
sich ohne weitere Umstnde seiner Beute bemchtigen, und auf seinen Wink griffen
die zweifelhaft zgernd Sldner zu, allein Bilger klammerte sich mit der Kraft
eines Verzweifelnden an die rettende Pforte, und gewhrte einen augenblicklichen
Widerstand, der dem Oberreiter des Hauses Zeit lie, sich in den Handel zu
mengen. Er wies die Angreifenden mit Wort und That zurck, und das umstehende
Volk nahm seine und des unglcklichen Verbrechers Partei. Der Schff schien
jedoch hierauf nicht zu achten in seinem Ungestm, und legte in Person Hand an
den Herrn von der Rhn. Verloren schien dieser in seiner Verfolger Gewalt, als
der Komthur des Hauses rasch aus der Pforte kam, und mit khner Faust den
Ergriffenen wieder frei machte.
    Wer wagt's, sich an unsern guten Rechten zu vergreifen? fragte er trotzig:
Hat uns der Stuhl zu Rom und Kaiser und Reich dieselben darum gegeben, da ein
Rathsherr, von Frankfurt mit ihnen verfahren knnte, wie ein Kind Mit seinem
Spielwerke? Lat die Hand ab, und geht mit Gott ohne diesen Mann. - Der Schff
behauptete, der Verfolgte habe noch nicht die gefegten Steine berhrt gehabt,
als man herangekommen; aber die Stimme des Volks widersprach seinen Worten, und
der Komthur hielt sich an die Rede des Volks. - Zieht ab; rief er: ohnehin
gehrt der Mnch vor sein eigen geistliches Gericht. - Er ist kein wirklicher
Mnch! entgegnete der Schffe zornig: Er trgt die Kutte ohne Beruf und
Vergunst. Unser mu er seyn. - Und wenn's der Teufel selbst wre im
Barfergewand, - berschrie den Rathsherrn der Komthur, - so mu er sicher
seyn unter unserm schwarzen Kreuze, sonst sperren wir das Haus, und ziehen Euch
vor dem Reichstage zu Rede und Antwort. Lat darum den Mann und uns in Frieden;
ber vier Wochen mgt Ihr wiederkommen!2 - Mit diesen Worten, ohne seine Rede
ferner zu vergeuden, zog der Komthur den Herrn von der Rhn nach sich in's Haus,
und riegelte mit eigner Hand die Pforte zu, sich wenig bekmmernd um das Toben
und Schelten der abziehenden Rathsknechte und Sldner. Bilger folgte seinem
Schutzherrn ohne jede berlegung in-den Saal des Erdgeschosses, wo sich zu
gleicher Zeit der Trappierer und der Pfaffe des Hauses einfanden, um den
Ankmmling neugierig zu betrachten.
    Ihr habt Euer Probe- und Meisterstcklein herrlich gemacht, Herr Komthur!
sprach der Pfaffe schmunzelnd zu dem Ritter: Ihr seyd mit den Leuten
umgesprungen, als ob Ihr seit einem Jahrzehend mit ihnen zu Felde gelegen. -
Hm! entgegnete der deutsche Herr lchelnd: Ihr wit ja, Pater, da man die
Kinder hat, wie man sie zieht. Gleich von Anbeginn den Daumen wacker auf die
Augen gedrckt, bewahrt vor dem Allzuhellsehen. Nun aber zu Dir, Du sauberer
Vogel; fuhr er fort, zu Bilger gewendet: Du hast ein leichtfertig und
verpntes Stcklein gemacht, wie ich vernommen. Der Todschlag mit offner Wehr
kommt sonst in Deinem Gewand selten vor. Sag' darum an, ob der Schffe
wahrgesprochen, da er schwur, Du seyst kein Mnch, und bekenne: wer bist Du
denn? - Bilger hatte indessen den Blick starr und steif auf den Komthur
gerichtet, schwieg noch eine Weile, und antwortete hierauf mit dumpfer Stimme:
Ich bin bereit, Euch zu sagen, was Ihr verlangt, Herr, doch eben und gerade nur
Euch. - Da mu Erbauliches dahinterstecken, was wohl nicht mit einer Bue von
vier Wochen abgethan seyn drfte, spottete der Ritter, beurlaubte indessen
seine Freunde mit einem stolzen Kopfnicken und blieb mit dem von der Rhn
allein. Dieser, statt ein Wort zu reden, begngte sich, vor den Komthur
hinzutreten, ihm fest in's Auge zu sehen, und die Kaputze vom Haupte zu ziehen.
Der Ritter starrte ihn verwundert an, aber nur nach langem Zweifeln stieg eine
Erinnerung in ihm empor, die seine Augenbraunen hoch emporzog und die kahle
Stirne in trbe Falten legte. - Bei meinem Eid! begann er endlich: seh' ich
recht? tuscht mich auch nicht der Bart und das fahle Gesicht, oder seyd Ihr's
wirklich, Rudolph Bilger? - Ich bin's, Herr, entgegnete der von der Rhn,
und an Eurer gerunzelten Stirne sehe ich, da Ihr mir ferner Euern Schutz nicht
gewhren werdet fr ein Verbrechen, dessen Wurzel eigentlich nur in Euch zu
suchen ist; wit, ich erschlug Wallraden! - Da wurde der deutsche Herr bleich
wie die Wand, und so ergriffen, da er sich an das Fenstergesimse lehnen mute.
Wallrade? seufzte er kaum vernehmlich: Wallraden habt Ihr erschlagen? Er
hielt die Hand vor die Stirne und Augen, und da er sie wieder wegzog, war die
braune Rthe abermals auf sein Antlitz gestiegen, und seine Augen leuchteten
wieder wie herausfordernde Irrwische und der Mund warf sich wieder trotzig auf
unter dem borstigen Knebelbarte wie zuvor. Seyd mir willkommen, von der Rhn!
sagte er, dem Staunenden die Hand reichend: Obschon Ihr an meinem Schutze
verzweifelt, so liefre ich Euch dennoch nicht aus; gerade jetzo nicht, denn der
heilige Georg hat nicht besser gethan, da er den Lindwurm verletzte, als Ihr, da
Ihr diesen Teufel zur Heimath sandtet. Wohl bekomm's der falschen Metze! Sie
hat's verdient an manchem Biedermann! - Euch, gerade Euch also reden zu hren
...? hob Rudolph an: Wie reim' ich das?
    Reimt's wie Ihr wollt; antwortete der Komthur: aber ich bin ein reifer
geworden in der Welt, seit wir uns nicht sahen. Ich bin ein wildes Blut gewesen,
und die Leute sagen, ich wr' es noch, obgleich der Sbel eines verfluchten
Polen meinen Schdel - seht diese Narbe - in der Feldschlacht also zugerichtet
hat, da mir mit den Haaren auch der Satan darunter htte ausgehen mssen, wenn
Alles mit rechten Dingen zuginge. Aber meine Wildheit reicht noch lange nicht an
die Schlechtigkeit der Dame von Baldergrn. Nachdem meine Wunde geheilt worden
war, und der Heermeister im Kapitel den Komthursstab als Pflaster darauf gelegt
hatte, als ich wieder auf meiner Fahrt hieher durch meine Heimath wieder auf
meiner Fahrt hieher durch meine Heimath und Thringen kam, wo man mich
allenthalben anstaunte wie einen todtgeglaubten Mann, ... was hrte ich nicht
von Wallraden? Wie manchen wackern Mann nannte man mir nicht, der sich zeither
in den Schligen der Hexe gefangen und sehr bel darnach befunden hatte? War sie
frher nur ein Spiel meiner Leidenschaft gewesen, so wurde sie jetzo ein
Gegenstand meines Abscheus. Ich wute wohl, da sie sich hier befinde, aber
tausend Jahre htte sie leben knnen, ohne mich zu sehen. Vetter Issing ist fr
sie nicht mehr auf der Welt. Noch einmal: wohl bekomme ihr der ghe Tod. Was
aber ist aus Euerm Johannes geworden, von der Rhn? - O, Ihr reit eine Wunde
auf, deren ich in dieser unglcksschwangern Stunde ganz vergessen htte; rief
Bilger auer sich, und erzhlte nun dem aufmerksamen Komthur seiner Leiden
bedauernswrdige Geschichte, wie er geglaubt, Weib und Tochter verloren zu
haben, wie er seine einzige Hoffnung auf den Knaben gesetzt, und wie ihm das
grausame Verhngni die Tochter wieder in die Arme gefhrt habe, um ihm sie,
ihre geliebte Mutter, den von fremder Gnade lebenden Sohn, und berhaupt alles
Glck, alle Freude des Lebens durch einen im Zorn verbten Mord unerbittlich zu
rauben.
    O ich bin ein sehr unglcklicher Mensch! schlo der arme Mann mit jener
starren Verzweiflung, die auch im hchsten Schmerz keine erleichternde Thrne in
das trockne Auge lt: und besser frwahr wre es, Ihr bergbet mich alsobald
den Hnden des Halsgerichts, das vor der Thre lauert, und dem ich nach kurzer
Frist ohnehin zum Raube werden mu. Das Elend, in welchem ich vergehe,
beschreibt keine Zunge, und wenn ich mich ber den Verlust meiner irdischen
Freude trsten mchte, so kann ich's nicht, denn mein Bewutseyn ist voll
Schuld, denn auf mir lastet - auer der blutigen That, die mir vielleicht der
Barmherzige vergbe - eine Snde wider Ihn und seine Gebote, die nicht Er, die
nicht seine Kirche verzeiht und erlt; die Snde der Doppelehe, gleich zu
rechnen der Blutschande und strflichen Unzucht. Wer hilft mir aus diesem
Gewirre von Freveln, und werde ich sie denn auf dem Blutgerste sogar abben
knnen? - Der Komthur blickte unter seinen buschigen Augenbraunen hervor auf
das zerstrte Gesicht des jammernden Bilger's, und er sagte mit roher
Gutmthigkeit: Denkt doch nicht jetzt schon an's Sterben und den unehrlichen
Henker. Noch habt Ihr Frist genug dazu, und die Bullenbeier auf unsers Hauses
Schwelle mgen sich vor der Hand die Nase stumpf wittern. Erholt Euch; aus einem
Scheinfreunde bin ich Euer wahrer Freund geworden, und will Euch Gutes thun, wie
ich nur vermag. Weib und Kind kann ich Euch nicht wieder schaffen, und Euern
Hals nicht sichern vor dem Schwerte der Frankfurter, aber lustiger und
gemchlicher sollt Ihr die Zeit hinbringen, und erwarten, ob nicht etwa ein
Cardinal oder der heilige Vater selbst, oder der Kaiser diese Strae ziehe; das
sind Leute, deren Anblick allein Gnade bringt und Freiheit. Hofft, auf was Ihr
wollt; auf ein Wunder, auf des Himmels Einsturz sogar; das gilt mir gleich! aber
hofft nur, und schlagt Euch den Stcker aus dem Sinne. Werdet wieder ein Mensch,
der Alles hinter sich wirft, und glttet die Stirne. Wir im deutschen Hause sind
keine Kopfhnger, und lieben Tafel, Wein und Scherz. Selbst mit den Weibern
nehmen wir's nicht genau, - sind sie uns gleich verboten. Anlsse genug um
frhlich zu seyn mit den Frhlichen. Vier Wochen sind eine Ewigkeit fr den
zuversichtlichen Grillenfeind. Euer Trbsinn hilft nicht; darum jagt ihn weg,
und lat fr die Zukunft den Herrgott sorgen!

                                    Funoten


1 Auf dem Liebfrauenberge.

2 Ein Mrder war in dem Hause der deutschen Herren eine Frist von vier Wochen
hindurch vor dem Blutrichter sicher.


                                Achtes Kapitel.

                Wenn auch kein Balsam mehr des Leibes Wunden heilen mag, so
                nehmt von der Zunge des Scheidenden die Schuld, und legt darauf
                den sen Balsam der Vergebung, da er frhlich hinscheide.
                                                                           W ...

So wie der Haufe des neugierigen Pbels vor dem Hause der deutschen Herren stand
und die geschlossene Thre angaffte, sammt den Sldnern des Raths, die vor der
derselben auf der Lauerwache standen, also auch die Menge des Volkes vor dem
Klosterthore der weien Frauen, nachdem man Wallraden hineingetragen hatte,
blutig und entstellt, eine erbarmenswerthe Leiche. Wie ein Blitz hatte die
Schreckenskunde die Stadt durchflogen, und nicht zuletzt Diethers Haus erreicht.
Der Altbrger war abwesend, und Margarethe, - allen Groll vergessend, nur der
Stimme des Mitleides und weiblicher Milde Gehr gebend, die in ihrem Herzen laut
wurde, flog auf den Flgeln, der Angst und des Schreckens nach dem Kloster, um
wo mglich Wallraden vor ihrem Hintritt noch zu sehen, ihr den Tod leichter zu
machen durch die Vershnung. Die Zelle, die Wallrade als Gast des Klosters
bewohnte, war gedrngt voll von Menschen. Um das von Blut gerthete Lager
standen dienende Frauen des Klosters, ... Gundel kniete zu Haupten des Bettes
und flehte zum Himmel, da er ihr nicht den Tod der Gebieterin anrechnen mge;
zu den Fen des Bettes lag Willhild auf ihren Knien, und betete, ohne
aufzuhren, oder ihren Lippen einen Stillstand zu gnnen. Die Oberin des
Klosters, die stolze Walburg, die innige Freundin Wallradens, war beschftigt
mit ihren kunsterfahrnen Hnden und Augen die Wunde der Bewutlosen zu
untersuchen, und Judith, die Magd half ihr bei diesem mhsamen Geschfte. In der
Ecke aber stand Dagobert mit blassem Angesichte, die kleine Agnes noch auf dem
Arme, und im Auge den trostlosen Anblick einer sterbenden Schwester, gegen
welche er jeden Zorn verschwunden fhlte. Ihr Leiden hatte ihn entwaffnet, und
dankbar schier reichte er Margarethen die Hand, da sie zu ihm trat. Gott
vergelte Euch den guten Herzenswillen, ehrsame Frau; sprach er: Ihr verschmht
es nicht, einer in den Staub gefallenen Euch zu nahen, und zum Frieden zu reden,
wie mir's Euer himmelklares. Angesicht sagt; - eine deutliche Schrift. Ich
frchte jedoch, - Ihr kommt zu spt. Dennoch aber, setzte er leiser, hinzu, auf
Willhild deutend: - dennoch frh genug, um diese hier zu sehen. - Margarethe
erbleichte jhlings, da sie das gefrchtete Weib ersah, und nherte sich
demselben. Mit gepreter kaum vernehmbarer Stimme fragte sie die
Hochaufschauende, wie sie daher gekommen, und welcher Endzweck sie zu Wallraden
gefhrt habe. - O liebe Frau, entgegnete Willhild: Ich habe gelernt, wie
nichts besser sey, denn Wahrheit. Konnte diejenige, die dort verscheidet, mir
die Wahrheit abschwatzen mit Trug und List, warum sollte ich sie nicht
ffentlich bekennen? Erschrocken, da ich Eurer Stieftochter, in Krankheitsangst
und von meinem bldsinnigen Manne versucht, entdeckt, was ich nicht entdecken
sollte, frchtete ich Euren Anblick, und da mein Paul wieder heim kam, und mir
glaublich wurde, da er Euern Gemahl selbst gesprochen, da dieser um Alles
wute, und frchterlich strafen wrde, da ward ich pltzlich gesund von dem
Gebreste. Die Angst hatte mich geheilt, und mein Herz sehnte sich nach dem
Compostell, um dort Vergebung meiner Snde zu holen. Aber aus einem Kloster auf
der Grnze von Elsa sandte man mich zurck. Der Prior versagte um jeden
Beistand zur weitern Pilgerfahrt, wenn ich nicht heimkehren, selbst Alles reuig
bekennen wrde, und Vergebung erhielte. Meinen Mann zurcklassend eilte ich
zurck auf wunden Sohlen, und gelangte heute hieher. Wie htte ich ohne Schutz
vor Euer Antlitz treten knnen, vor Euch, die ich verrathen? - Eine
Frsprecherin glaubte ich in dem Frulein zu finden, was ein bedauernswerther
Zufall mir in den Gassen der Stadt begegnen lie. Wallraden's Freude ber mein
Erscheinen war ausserordentlich. So mgen sie denn Alle mich Lgen strafen!
sagte sie recht hmisch: Ich habe hier den besten Zeugen gefunden, und aus dem
Hause soll mir die Frau und der Bube. Kommt mit, Wilhild. Seyd herzhaft und
dreist, und Euer Schade soll's nicht seyn. - Nun merkte ich wohl, da ich vor
die unrechte Schmiede gerathen war, allein hier half keine Widerrede. Angstvoll
der Dinge wartend, die da kommen wrden, folgte ich Eurer Stieftochter, als mit
einemmale das Unglck in dem wahnsinnigen Mnche einherraste. - Und was
gedenkst Du jetzt zu thun? fragte Margarethe forschend. - Ich mu Herrn
Diether Alles bekennen, ehrsame Frau; versetzte Wilhild: Sie sprechen mich
sonst nicht los zu Compostell. Aber Euch, die ich so sehr getuscht, will ich
berlassen, wann es geschehen soll. - Dagobert winkte Margarethen zu, und sie
verstand den gutgemeinten Wink. - Ich rufe Dich; sagte sie zu Wilhild, die
sich sofort wieder zum Beten anschickte, und ging an das Bette der unglcklichen
Wallrade. Gesegnet sey der Herr, sprach so eben Walburga: noch lebt die
rmste, und heilbar scheint mir die schwere Wunde. Alles drngte sich dem Lager
nher, um zu sehen, wie stufenweise das Leben wieder in die Glieder der
Verwundeten trat, um zu hren, wie endlich der erste Seufzer ihren Lippen
entschwebte, und das erste Wort aus ihrem Munde ging, dem alsdann wieder der
erste Blick folgte. Doch das Auge Wallradens schlo sich wie geblendet vor den
Zgen Margarethens, und die Schaam jagte eine flchtig vergehende Rthe, auf die
todtenfarbigen Wangen des Fruleins. - Warum nicht todt? stammelte ihr Mund:
warum gerade diese vor meinen Augen? - Die Oberin, um das Gemth ihrer
Freundin, und einen schmerzlichen Auftritt zwischen ihr und ihren Angehrigen,
nicht der Neugierde und dem Tadel fremder Augen blozustellen, entfernte die
Frauen des Klosters. Unter ihnen, oder vielmehr nach ihnen entfernte sich auch
Judith, die sich erinnerte, da sie ber dem grulichen Mordschauspiele
vergessen hatte, der armen Frau, die im Kloster eingesperrt war und gehalten
wurde, wie eine Wahnsinnige, ihre Kost zu bringen. Das Versumte eilte die
Mitleidige nachzuholen, lie sich von der Kchenmeisterin Speisen und Schlssel
geben, und trat zu der abgehrmten Frau in die drftige, enge und wohlverwahrte
Clause. - Seyd nicht bse, redete sie so sanft als mglich, und versuchte ihre
unschnen Zge durch Freundlichkeit geflliger zu machen: seyd nicht bse,
liebe Frau Katharine. Ich bin ein unwrdig, vergelich Ding, das allenthalben
seine Hnde bieten mchte, und dabei immer Einem oder dem Andern ein Leid thut.
Mir thut es herzlich weh, da Ihr gehungert habt um meinetwillen. Vergebt mir.
- Ach, was bist Du eine gute treue Magd; erwiederte Katharina wehmthig
freundlich, richtete sich aber nicht empor, aus der nachdenkenden Stellung, in
welcher sie von Judith gefunden worden: Habe Dank! beruhige Dich jedoch. Mich
hungert nicht, ... denn wie sollte ich in meinem Elend mich erinnern, da ich
ein Weib bin, da noch frder zu leben gedenkt? Sage mir, liebe, gute Judith, ob
noch keine Frau nach mir gefragt hat, ... ob noch kein Kind gebracht worden ist,
das ich umarmen soll? - Judith verneinte, bekmmert lchelnd, denn sie meinte,
die Frau sprche wieder im Wahnsinn. - Das ist doch recht traurig, sprach
Katharine weiter, und das Haupt lie sie in ihre Hand sinken, wie die hellen
Thrnen aus den Augen: Sieh, Judith, sieh, das wird mich wahnsinnig machen,
wenn ich's nicht schon bin. - Und sie hatte mir's so heilig versprochen und
gelobt! setzte sie, vor sich hinredend hinzu: und sie bleibt aus, mit meinem
Kinde. - Esset doch, gute Frau! ermahnte Judith: Es segne der Herr Eures
Krpers Gedeihen, und zugleich das Licht Eures Haupts. - La mich doch;
versetzte Katharine schwermthig: Glaubst denn Du auch, da ich thricht im
Gehirn bin? O la doch die Leute reden. Leider habe ich meinen Verstand, und
wenn ich ihnen nur sagen drfte, wer ich bin, und wie ich mich nenne, und wenn
meine Freundin kme und she, wie man hier mit mir verfhrt, grausam, wie mit
einem wilden Thiere ... dann sollte Alles anders werden. Aber wo wird sie seyn,
die Zeit? wo sind sie, meine Lieben? - Wehrt doch Euern Thrnen, Frau,
ermahnte Judith dringender: Das Wasser des Auges hilft nie von dem, was das
Auge gesehen, noch zu dem, was es verloren hat.
    Verloren? fragte Katharina schnell: Verloren? Wahrlich, wahrlich, Du hast
Recht. Hin ist hin, verloren ist verloren, und nimmer, - ach nimmer kehrt das
Verlorne wieder. Glaube mir doch ja, setzte sie langsamer und schwermthig
hinzu: Glaube doch ja, da ich nicht wahnsinnig bin, und sage es der
hochwrdigen Frau Walburg; ich knnte aber verwirrt im Haupte werden, wenn man
mich frder zwingen mchte, mit meinem Schmerz und meiner ungewissen Angst
allein zu seyn. Erzhlt mir aber jetzt, meine gute Magd, wie es kam, da Du
heute so lange weggeblieben? - Judith erzhlte, was vorgefallen war, aber mit
vieler Vorsicht, um das Gemth der Seelenkranken nicht allzuheftig zu
erschttern. Gleichgltig fast fragte endlich Katharina nach dem Namen der zum
Tode Verwundeten, und Judith glaubte ihr nicht verheelen zu mssen. Nun war es
aber gerade, als ob alle Flammen der Leidenschaft aus der schwermtigen Frau von
der Rhn schlgen, denn sie fuhr auf, da selbst die herzhafte Judith
erschrecken mute. Wallrade! rief sie: Wallrade? o bittre, allzubittre
Tuschung! Sie hat in diesen Mauern gelebt, und lie mich im Kerker? .... Auf
ihren Befehl liege ich also hier im Ketten? O, der Gruelstunden meines Lebens
schrecklichste komme ber ihr Haupt! Doch nein, nein .... eitzte sie gemigter
hinzu: hat sie denn Gottes Gericht nicht schon getroffen? Liegt sie nicht
darnieder, wie ein abgerissener Zweig! Fluche ihr nicht Katharine, aber fluche
auch deinem Gatten nicht, dessen Leummuth die Schlange gewi nur vergiftet hat,
um meine Ruhe zu morden! - Ach, welche Erinnerung thut sich mir auf beim
Angedenken meines Gatten! Judith! Judith! denke Dir den Jammer einer Mutter! Hat
gleich das schwere Schicksal und Dein eigner starrer Wille Dich bestimmt, nie
die Mutterfreuden zu genieen, so bist Du doch ein Weib; Du ahnest doch Leiden
und Wonne des Weibes; hilf mir darum heraus, heraus aus diesem Kerker, - hinaus
zu der Sterbenden, .... denn ich mu mit ihr reden, .... ich mu sie sehen ....
- Gute Frau, - entgegnete Judith, welche noch immer auf dem Glauben an
Katharinens Wahnsinn beharrte, und in ihrem Schmerz nur einen heftigen Anfall
der Krankheit sah: Fat und migt Euch, .... ich vermag nicht, was Ihr
begehrt, und zudem ist es leider gewi schon zu spt. Wallrade lebt gewi nicht
mehr. - Barmherziger Gott! kreischte Katharina grlich auf: Sie lebte nicht
mehr? Was sagst Du, Unselige? Das kann nicht seyn! Sie darf nicht todt seyn,
.... sie kann nicht sterben! Sie mu mir ja sagen, wo mein Kind hingekommen ist
.... ich bin ja Agnesens Mutter, .... sie darf mir ja nicht verhelen ... O um
Gotteswillen, Judith! Judith! la mich fort an ihr Sterbelager. - Judith suchte
in dem Vorrath ihrer Bibelsprche vergebens Einen, der als Talisman gedient
htte, die gegen jeden fernern Zwang rstig Aufstrebende zurckzuhalten, ...,
die Gewalt ihrer Hnde gegen die Unglckliche zu gebrauchen, weigerte sich ihr
Mitleid, welches die Mglichkeit, da hier nicht Wahnsinn sowohl, als endloses
Leid die Sprache fhren mge, gar wohl ahnte. Sie war daher auf dem Punkte, dem
ihr auferlegten Gebote zum Trotz, die als thricht Eingesperrte dahin zu lassen,
wohin ihrer ganzen Seele Sehnsucht strebte, als Walburg's Eintritt sie aus der
Verlegenheit ri. Das Gesicht der strengen, unerbittlichen Oberin war finster
und trug die Spuren einer unangenehmen Beweg. Sie trat langsam vor Katharinen
hin, betrachtete die in Schmerz Vergehende, welche, aus Furcht verstummend,
umsonst nach Worten suchte, der Nonne zu sagen, was sie der Magd gesagt hatte,
und schttelte ernst das Haupt. - Ich bin arg hintergangen worden; sagte sie
alsdann, - oder aus der Verwundeten spricht die Glut des Fiebers. Wahr soll es
seyn, da Ihr Eure Vernunft besitzt: da Ihr nicht wahnwitzig geworden ber den
Tod eines Kindes ....? - Mein Kind lebt! fiel Katharine ein: hochwrdige
Frau! um Gotteswillen, mein Kind lebt; sagt mir nicht anders. Ich will Euch ja
von Herzen vergeben, was Ihr Bses an mir gethan. Ihr wart hintergangen, - Ihr
seyd ein schwacher Mensch gleich mir; der Satan hatte Euch umstrickt; .... aber
damit ich Euch verzeihe, sagt mir nur nicht, da mein Kind todt ist. Sie wird es
doch nicht gemordet haben, - die Abscheuliche? Sagt nicht. - Ja wrdige Frau.
Des Kindes Vater hat sie ins Elend getrieben; ... sie wird doch nicht das
Tchterlein erwrgt haben? - Nein, nein, ehrsame Frau; antwortete Walburg
zuversichtlich: Dieses Kind lebt; ich will es Euch zeigen sogar, in Eure Arme
es legen, denn diese Mutterangst ist nicht Tollheit, und ich frchte, ich habe
mich sehr versndigt an Euch. Kommt mit mir, arme Frau, und bringt ein
vershnlich Herz zu der Todtkranken, damit sie nicht auf ihren Snden hinab,
sondern auf ihrer Reue zum Himmel steige. - Ohne ein Wort zu erwiedern, behende
wie die Lwin, die, zur Hhle kehrend, ihre Jungen nicht mehr findet, und
hinausstrmt, um ihre Spur zu entdecken, folgte Catharine der Oberin, und Judith
murmelte hinter ihnen her: O ja, ihr Menschenkinder. Thut Bue, und bt Reue,
denn Ihr wit nicht, wann die Zeit da ist, weil Ihr nicht glaubt an Wunder,
Zeichen und Ahnung. Liee ich mir nicht die Hand abhauen, wenn ich meinem Vater,
meiner Mutter einen tod htte bereiten knnen, wie ihn hier die Verbrecherin
stirbt, im Schoo der Reue? Eitle Wnsche! Barmherzig ist der Herr und er kann
Alles thun, was er begehrt, weil auf seinen Fingern einst die Ruhe, und strafe
ihren Mrder nach Verdienst. Wenn jemals die Bitten einer Tochter Eingang fanden
zu seinem Ohre, so wird, so mu dieses Gebet erfllt werden. Amen! -
    Mit vershnlichem Herzen, und mit dem aufrichtigsten Willen, zu vergeben,
betrat Catharina an Walburg's Hand Wallradens Zelle, aber nur einen
schmerzlichen Blick warf sie auf die Todbleiche, die so eben von Margarethen und
Willhild aus einer Ohnmacht geweckt wurde, - und zu strzte sie auf die kleine
Agnese, die von Dagoberts Armen ihr entgegenlchelte und jauchzte. Die treue, im
Entzcken versunkene Mutter hatte keinen andern Gedanken von da an, als ihr
Kind, kauerte sich mit demselben in einen Winkel, koste mit ihm, herzte es,
machte tausend Fragen an seinen geschwtzigen Mund, und verga Alles um sich
her. Wallraden, die wieder zu sich gekommen war, that es wohl, von der
Mihandelten nicht angeredet zu werden, und sie fuhr in der offenen Beichte
fort, die sie schon frher gegen Margarethen begonnen hatte, - von der kurzen
Bewutlosigkeit unterbrochen. Es ist hart, lispelte sie, da ich um mich nur
Menschen sehen kann, denen ich weh gethan, die ich hinterging. Das Schwert des
Mrders hat der Reue eine frchterliche Bahn in meinem Busen gemacht, und nur
Eure Gegenwart, Margarethe, ... Eure Milde ist Arznei fr mich. Die ich am
meisten hate stehen bei mir, ... die Andern verlieen mich. Lat mich endigen,
Stiefmutter; lat mich Eurer freundlichen Sorge das Kind empfehlen, das von mir
ausgestossen wurde, und alles Unheil in Euer Haus und ber Andere brachte, ...
der unschuldige Knabe. Ich hatte nie ein Mutterrherz: ich habe nie das Kind
geliebt, dessen Vater ich hate. Ich berlie dem, der mich verlassen, den
Knaben nicht, damit er keine Freude an ihm erleben sollte; ich mihandelte den
Buben, weil ich in ihm des Vater Ebenbild zu demthigen glaubte: ich stie ihn
hinaus in die Welt, weil mir endlich sein Anblick untertrglich wurde, da sich
in seinem Gesichte, durch Zufall oder geheimen Zusammenhang der
Blutsfreundschaft, die Zge des verabscheuten Bruders entwickelten. Gundel und
Rdiger waren Zeugen meiner Thaten, und der unverflschlichste ist der Knabe
selbst, denn Er ist Euer kleiner Johannes. - Staunend schlug Margarethe die
Hnde zusammen, und versank in dstres Nachdenken. - Lat ihm nicht entgelten,
was seine Mutter verbrach, ... flehte Wallrade: Stot ihn nicht von Euch, wie
ich gethan; .... Dagobert, ... sey Du des Knaben Schirm. Ach, der Vater wird ihn
ja nicht ganz verlassen, denn er hat mich Unwrdige ja einst geliebt, obschon
sein Zorn ihm jetzo nicht erlaubt an meinem Todtenbette zu stehen. Dagobert!
Sorge Du fr den kleinen Hans! Versprich es mir! - Ich gelobe, antwortete
Dagobert, Wallradens Hand fassend, - des Knaben Freund und treuer Ohm zu seyn;
ihn nimmer zu verlassen, und zu halten wie einen Sohn. - Das erheitert mein
schrecklich Ende; flsterte Wallrade; dann setzte sie mit erhabener Stimme
hinzu: O meine Lieben und Freunde: knnte ich Euch doch eine Hoffnung
zurcklassen zum Ersatz fr all das Bse, das ich Euch in Wirklichkeit gethan.
Vergebens werdet Ihr das Kreuz auf dem Grabe Eures Shnleins suchen. Willhild's
Angst vor der gerechten Strafe ihrer Unvorsichtigkeit wlzte eine Schuld auf
sie, die alles Andre nach sich zog. Johannes starb nicht bei ihr. - Nicht?
rief Margarethe heftige aus, und beugte sich tiefer zu Wallradens Lippen. Hab'
ich auch recht vernommen? Johannes starb nicht? Um Gotteswillen! Willhild; was
soll das bedeuten? - Willhild drckte furchtsam und schuchzend das Antlitz in
die Kissen des Lagers; Wallrade versuchte vergebens zu sprechen; Dagobert jedoch
ergnzte mit vorsichtiger Krze das Mangelnde. Rdiger, der Knecht, sprach er,
hat mir im Sterben gestanden, was er dem Manne Willhildens, dem halb
bldsinnigen Paul entlockt hatte: Der Knabe krnkelte sehr, und war nahe dem
Versiechen, da rief eines Tages ein nothwendig Feldgeschft Willhild und Paul
zur Bestellung ausserhalb der Htte. Das seltne freundliche Sptherbstwetter,
bewog die Pfleger, den ihnen anvertrauten Sohn nicht in der Htte einzusperren,
wie sie sonst wohl gethan, wenn sein berhandnehmendes Gebreste es verhinderte,
ihn mit auf's Feld zu nehmen. Sie lieen dem Buben Wies und Grtlein frei, und
da sie von der einsamen Wohnung gingen, hatte sich das kranke Kind in den
Sonnenschein auf eine kleine Bank gelagert, die am Gehege stand, und war
eingeschlummert vor Schwche. Die Leute blieben stehen vor dem Knaben, und ihnen
war, als sollten sie nicht von dannen gehen, und das Herz wurde ihnen weich beim
Anblick des abgemagerten Gesichts und Krperleins. Sie trauten sich jedoch
nicht, den Kleinen zu wecken, breiteten noch ein Tchlein ber sein Antlitz, und
begaben sich hinweg. Da sie aber wieder zurckkehrten, war der Bube nicht mehr
da, und nicht in Haus und Hof, nicht auf Wies und Feld zu finden, und bis auf
den heutigen Tag nirgends eine Spur von ihm anzutreffen gewesen. - Dagobert
schwieg, und der Schmerz der Mutter nahm nun das Wort: O, wie erneuert diese
Erzhlung blutende Wunden! klagte sie: Wie doppelt fhle ich jetzt den Gram um
meinen Einziggebornen! Bis jetzt glaubte ich ihn in khle Erde versenkt, im
geweihten, christlichen Grabe, und jetzt erst mu ich befrchten, da ihn ein
wildes Thier hinweggetragen, das herabgekommen ist von des Haynreichs waldigem
Rcken1. Seine Gebeine sind ein Spott der Vgel geworden, und dngen den Boden
des Forstes! Willhild! Willhild! Was hast du auf dem Gewissen, Unglckliche? Und
ist Alles wahr, was ich vernommen?
    Willhild vermochte nur, stumm den Kopf zu neigen, und brach in lautes Weinen
aus. Wallrade winkte ebenfalls bekrftigend, und faltete die Hnde, wie um
Vergebung fr die reuevolle Pflegerin zu bitten. - Das hat lange auf meiner
Brust gelastet, begann Dagobert; und ich konnte mich nicht berwinden, es zu
entdecken, aber das Unglck schenkt dem Menschen nichts. Fat Euch daher, gute
Mutter, und setzt Eure Zuversicht auf Gott, wie Ihr auf diese arme Frau keinen
Groll werft, sondern die Liebe des Gerechten, das Mitleid Eurer Seele. - Dann
sterbe ich leichter, sprach Wallrade, die wieder zu Krften gekommen war:
ruhiger, unter Verzeihenden eine Vergebende, denn ich nehme alle Schuld von
meinem Mrder, dem unglcklichen von der Rhn. -
    Von der Rhn? fragte Catharina, aus ihrem zrtlichen Kosen mit dem Kind
aufschreckend: Was ist mit ihm? Wallrade, ich beschwre Euch bei der
Barmherzigkeit Gottes, ... bei Eurem Seelenheil, ... wo ist der dessen Namen Ihr
nanntet? Auch dieses lallende Kind nannte ihn .... was soll ich glauben, was
werde ich hren? Redet, ... nur ein Wort, mein Frulein, wo ist mein Gatte, ...
was geschah mit ihm? - Wallrade schlug die Augen gen Himmel, blickte dann
fragend nach der btissin, im Begriff zu reden. Walburg raunte jedoch befehlend
in das Ohr der Verwundeten: Schweigt, .... lat mich der Schwerbedrngten
antworten, damit die Kunde von der Wahrheit sie nicht tdte aus unsrer Mitte. -
Euer Gatte lebt: sprach sie hierauf zu der gespannten Zuhrerin: Noch mehr;
Ihr werdet ihn sehen; macht euch gefat, ihn im Schooe des Glcks zu finden,
... - Des Glcks? fragte Catharine rasch entgegen: Hochwrdige Frau, ... wie
konnte Bilger glcklich seyn, ohne die, die ihn lieben? Ach, mchte er in Armuth
und Drftigkeit darniederliegen ... mein Anblick, der Anblick seines Kindes wird
ihm willkommen seyn. Ich will ihn pflegen, ich will sein Leben erleichtern.
Gott! Alles will ich thun, Alles leiden, Hunger und Pein mit ihm leiden, wenn
ich ihr nun sehen, in seiner Nhe seyn kann, denn so wie ich liebt ihn keine
Andere, so hat ihn jene sicher nicht geliebt, der er gehuldigt, bevor er mir die
Treue gelobte. - Wallrade zuckte schmerzhaft zusammen. Walburg versetzte; ber
die Vergangenheit, gute Frau, lat uns einen Schleier werfen, und uns freuen,
da auch die Zukunft hinter einem Schleier liegt. Verlat Euch indessen darauf:
Euern Gatten sollt Ihr sehen. Vielleicht schon morgen, vielleicht noch heute
Abend. Bleibt aber ruhig jetzt, und geht auf Eure Zelle mit Eurem Kinde. Ihr
sollt wohl gehalten seyn; denn ich will mein Unrecht gut machen; betet aber
dafr ein Vaterunser und ein Stogebet fr diese im Todeskampfe Leidende! -
Dagobert glaubte, indem er einen Blick auf der Schwester Antlitz warf, da sie
schon verschieden sey, doch Margarethens Ohr hrte das fast unmerkbare Athmen
ihrer wunden Brust, und winkte Allen stille zu seyn. Dieser Schlummer, der die
Arme befallen, schien derjenige, der oft dem allerletzten Schlummer, in welchem
der Odem erlischt, vorausgeht. Katharina entfernte sich mit ihrer kleinen Agnes
um in der Hoffnung des Wiedersehens zu schwelgen, Walburg betete bei dem Lager
der Freundin. Dagobert sa neben ihr, wie ein treuer Wchter. Margarethe,
nachdem sie eine kleine Weile berlegt, flsterte zu Dagobert: Bleibt Ihr, mein
guter Sohn; ich kann sie nicht verscheiden sehen. Ich gehe, meine lngst
versumte Pflicht zu erfllen, und vor Diethers Augen die Wahrheit zu enthllen.
Weh mir, da meine Schwche, mein Wankelmuth bis jetzt das Gestndni
verzgerte: bis jetzt, wo es ein entsetzliches Verhngni aus meinem Busen
reit. Indessen einmal besser als nie. Komm, Willhild, komm, von diesem
Sterbelager mssen wir rein gehen, und nur zu den Fen meines Herrn ist jetzt
unsre Stelle. - Gott segne Euern Weg; erwiederte Dagobert mit
freudeleuchtenden Augen: Es wird hell in unserm Hause werden, und nur zu
beklagen ist's, da hier Nacht werden mu, damit es dort tage. Geht mit
Zuversicht und Muth; ich frchte, ich werde auch bald folgen knnen. - Er warf
einen besorglichen Blick auf die schwerathmende Schwester. Margarethe zerdruckte
eine Thrne im Auge, und schlug ein groes Kreuz ber die Leidende. Willhild,
die sich mit einem Seufzer von der Erde erhob, besprengte Wallradens Lager mit
einigen Tropfen Weihwasser, und wankte der schnell davonschreitenden Altbrgerin
nach. So still ihr Gang durch die Straen war, so still war ihr Empfang zu
Hause. Herr Diether bemerkte kaum, in sein Leid versunken, die Eintretenden.
Gleichgltig sah er auf Willhilds bebende Gestalt, aber mit erzwungner Ruhe
fragte er Margarethen: Ihr kommt von ihr? Sie ist hinber? - Die Gattin
schttelte den Kopf, und sagte mit geheimer Angst, wie sie denn wohl das harte
Bekenntni einleiten mchte: Sie lebt noch, mein werther Herr, und sie hoffte,
Euch an ihrem Bette zu sehen, als ein vershnter Vater. - Zerreit mir ihr Tod
nicht das Herz? fragte Diether mit ausbrechender heftiger Wehmuth: Ist sie
denn nicht meine Tochter? Ich bin kein Thier des Waldes, das sich die Gebeine
seiner Jungen selbst zur Nahrung whlt; ich bin ein Mensch, ein alter Mann von
rauhen Sitten, aber meine Brust ist nicht fhllos. Bei meinem scheidenden Kinde
zu weilen, wre mir eine heilige Pflicht, knnte ich mit ganz reinen,
ungemischten Gefhlen die Tochter wiedersehen. Aber, mit dem Mitleid wrde der
Groll kmpfen, mit der Vershnung der Ha, mit dem Segen der Fluch, und besser
ist's, ich bleibe weg von ihr, als da mir in ihrem letzten Stndlein, wieder in
ihrer Nhe beikme, was sie gegen mich, gegen uns verbrochen hat.
    Margarethe wollte in seine Rede fallen, aber Diether gab es nicht zu. -
Kein Wort zu ihrer Vertheidigung, sprach er heftig: verzeihen kann ich ihr,
segnen will ich sie, aber nicht selbst ihr das Wort der Vergebung bringen, aber
nicht selbst die Hand auf ihr Haupt legen, aber nicht vergessen da sie es war,
die alles Elend ber uns gebracht, da sie das Kind uns gestohlen, um es dem
Jammer hinzuwerfen, wie ein armes junges blindes Thier in den reienden Strom!
- O Herr, rief Margarethem seine Knie umfassend: hemmt doch Euern Zorn, hemmt
doch Eueren Groll. Wallrade hat viel verbrochen, aber unschuldig ist sie an
diesem Vergehen. - Unschuldig? wiederholte Diether, und sah mit Bestrzung,
wie auch Willhild sich heulend vor ihm niederwarf, und nun aus dem Munde der
Frauen ein Bekenntni zu Tage stie, das sich der alte Mann nicht htte trumen
lassen. Und da er nach und nach heller sah in der verworrenen Geschichte, hrte,
wie er hintergangen, und wie diese schnde List der Anfang alles Unglcks seines
Hauses gewesen, da emprte sich sein Gemth; das Blut wallte siedend uaf in
seiner Brust und seinem Gehirn. Der gewohnte Ungestm wollte hervorbrechen aus
den kaum geschmiedeten Fesseln, verstoen wollte er die schuldige Gattin, der
strengsten Strafe berliefern ihre Mithelferin; aber ein Augenblick gestaltete
sein Inneres anders. Margarethe, in ihrer Reue schner noch, als an dem Tage, da
sie in Diether's Hause einzog, - eine siegreiche Braut, - sah auf zu ihm aus der
Vernichtung, in welcher sie vor ihm lag. Alle Engel des Erbarmens schienen um
sie her im Kreise auf den Knieen zu liegen vor dem zrnenden Greise, ihre Hnde
gegen ihn zu falten, und seiner strmischen Seele Friede zuzufcheln mit ihren
bunten und goldnen Schwingen. Der Zauber, der ber des Kindes wie ber des Alten
vernderlich Gemth eine strenge Herrschaft bt, wirkte auch hier. Gegen die
entwaffnete Bue hatte er nur Rhrung zu stellen, wiederkehrende Liebe, und all
diese Gefhle wurden geheiligt durch eine erhebende Ahnung der ewigen,
unabnderlichen Vorsehung. So konnte es denn geschehen, da sein Grimm pltzlich
vernichtet dahin fiel, da wehmthige Freundlichkeit ber seine Zge schlich,
und da die Hand, die vor einem Athemzuge noch, die vor ihm Knieende
hinwegstoen wollte, dieselbe jetzo aufhob, wie ein Vater das liebe Kind
aufhebt. - Steht auf, meine Ehefrau; sprach er gtig, und siegreich im Kampfe
der Leidenschaft: Ihr habt mir so vieles zu vergeben, da ich, obgleich
schmerzlich aus der Himmelshoffnung meines Alters gerissen, nicht anders thun
kann. Kein Wort mehr von dem, was gewesen ist. - Er schttelte Margarethen
treuherzig die Hand, sie kte die seine schluchzend und dankbar. Hierauf hob er
auch Willhild auf, und sagte zu ihr, wenn gleich mit strengem Blicke: Dich
knnte ich fragen: Wo ist das Kind, das ich Dir vertraute? Aber, .... ich
bezwinge mich. Der Herr hat's gegeben, - der Herr hat's genommen, - der Name des
Herrn sey gelobt. Der arme kranke, todtschwache Knabe wird freilich von uns nie
mehr gesehen werden, setzte er weich hinzu: und auch seine berreste werden wir
nicht finden. Das Haus bleibt aber darum doch nicht ohne Erben, und auch der
kleine Hans soll nicht unglcklich seyn, um der Missethat seiner Mutter willen.
Jetzt aber, kommt zu eben dieser Mutter Sterbebette, da ich jetzo sie mit
heiterm Muthe segne, und ihr aus vollem Herzen das shnende Lebewohl zurufe!

                                    Funoten


1 Haynreich - ein mittelalterlicher Name des Taunusgebirges.


                                Neuntes Kapitel.

                Wenn die Noth am grten, ist die Hlfe am nchsten!
                                                                     Sprichwort.

Im Scheine des gelblich flammenden Abends sa Bilger von der Rhn an einem
Fenster des Deutschordenshauses, das hinaussah auf die wallende Fluth des
Stroms, und vor dem die Schiffe und Khne, die darauf zu Berg und zu Thal
tanzten, sich tummelten, wie die Fischlein im Grunde ihrer nassen Heimath. Aber
das lustige und rege Leben auf Strom und Brcke regte den in kummervolles
Nachdenken Versunkenen nicht an, sondern vermehrte nur seinen Schmerz, sich
hinausgestoen zu wissen aus der Mitte des Volks, gechtet, seiner Freiheit,
seiner Ehre, seines Lebens selbst am Ende verlustig. Er sah voraus, wie alles um
ihn her sich noch schwrzer und dstrer gestalten wrde, als es schon bis jetzt
geworden war, und seine lebendige Einbildungskraft zeigte ihm hinter den
Gefahren der Gegenwart und der Zukunft die Gestalten seiner Lieben, wie sie,
gleich verwiesenen Engeln, ihre Hnde ausstreckten nach dem Vater und Freund,
ohne ihn retten, oder an sich ziehen zu knnen. Bei diesen trostlosen Gedanken
berraschte ihn manchmal auch der verzweifelnde, einen Weg zum Strom zu suchen,
um darin alles Kummers und Elends auf einmal quitt zu werden. Dieser Gedanke, -
in seiner Frchterlichkeit dem Gefolterten ein Freund, hatte ihn von der Tafel
des Komthur's gejagt, dessen rohe und leichtsinnige Reden, im Verein mit der
Schlemmerei in Mahl und Trunk, welche die drei Herren des Hauses trieben, seine
Brust grausam verletzt hatten. Die deutschen Herren jener Zeit, sowohl Ritter,
als Amtleute und Geistliche waren in ihrem bermuthe, der sich auf die
Reichthmer, die Gewalt und Vorrechte ihres Ordens grndete, weit ber alle
Schranken gegangen. Hang zum Wohlleben, Habsucht und Willkr waren die
bezeichnenden Eigenschaften der grern Mehrzahl der Ordensglieder, die vom
Volke nicht geliebt, aber wohl gefrchtet wurden, um ihrer weit um sich
greifenden Macht willen. Unter den Schwelgern und Trotzkpfen, die der Orden
aufzuweisen hatte, stand der Herr von Issing in der vordersten Reihe. So wie er
der Tapfersten einer im Felde war, ... seinem Muthe verdankte er die Komthurei,
- so war er im Frieden einer der Stolzesten und Unvertrglichsten, der mit Hrte
und Eigenmchtigkeit Alles durchsetzte, was zum Besten des Gesammten war, sollte
auch Recht un gut Andrer dabei zu Grunde gehen. Ohne ein bses Herz zu haben,
besa er doch alle Untugenden eines zum Laster aufgelegten Mannes, und vom
Augenblick, von der Laune, die dieser ihm gerade einflte, hing der Werth
seiner Handlungen ab. Eine gutmthige Rohheit sprach sich in ihm aus, hatte er
gerade seine beste Stunde; kalte Unbarmherzigkeit oder grausamer Zorn brachte
vielleicht die nchste, minder gnstige. Von frhster Jugend an den Weibern
ergeben, hatte er seine hchste Glckseligkeit in den Ausschweifungen sinnlicher
Liebe gefunden. In seinen mnnlichern Jahren hatte sich die aufkeimende Lust an
Schmaus und Gezech mit Frau Venus und ihrem Gefolge in sein Herz getheilt, und
bei der wohlbesetzten Tafel war es immer, wo er seine unbndige Frhlichkeit
frei daher gehen lie, seine Scherze, nicht die zartesten, freigebig auftischte,
und gleich wilde Lustigkeit von seinen Tischgesellen verlangte. Der Pfaffe des
Hauses, ein rstiger Trinker, lie sich nicht lange auffordern, Issing's Farbe
zu tragen, und der Trappierer, ein durchtriebener Schelm, voll Geiz und
Schlauheit versumte nicht, dem Komthur, von dessen Nachsicht er mancherlei
Vortheile bei seiner Amtsfhrung erwartete, dienstfertig zu hfeln, und ihn
schier noch zu berbieten in schwelgerischer Elust und unziemlichen Reden. In
der Mitte dieser Mnner konnte einem Unglcklichen unmglichst wohl seyn, da die
grausame Rohheit der Genossen immer wie mit eiserner Faust an das wunde Herz des
Armen griff; und Bilger vollends htte gewnscht, einer jener drftigen
Unglcklichen zu seyn, denen man, um eines Verbrechens willen, zwar die
Freistadt im Hause gnnte; um welche man sich aber nicht bekmmerte; denen man
berlie, fr ihr Obdach und ihren Unterhalt so gut zu sorgen, als sie konnten.
Der Komthur hatte aber seinen Stolz darein gesetzt, gegen den Herrn von der Rhn
von der freundlichsten Bereitwilligkeit zu seyn, und ihn zu halten, wie es sein
Stand und sein Name wohl verdiente. Daher mute Bilger eine stundenlange Qual an
dem tische des Hauses aushalten, und sich, wie ein Dieb, bei guter Gelegenheit
fortschleichen, um ungestrt seiner Traurigkeit nachhngen zu drfen ... Zwar
war dieses Alleinseyn schmerzlich, aber des Unglcklichen einzig Eigenthum
bleibt ja nur noch sein Schmerz. Bilger horchte also nicht auf die fern her
gellende Stimme des Ordenspriesters, der in trunknem Muthe die Hymne an den
heiligen Johannes, den Patron der Snger1, zum Besten gab, sondern er lauschte
auf die angstvollen Schlge seines Herzens, auf die Geisterstimmen, die
klanglos, aber verstndlich zu seinem Ohre sprachen, und sah nicht, wie es
dmmerte immer mehr und mehr. Aber das Gerusch welches der eintretende Komthur
machte, rief ihn zurck aus der Welt seiner sehnschtigen Trume. - Ei! bei den
Dornen und Wunden unsers Herrn! rief der Herr von Issing: von der Rhn! was
ficht Euch den an, den einsamen Saal hier unserer heimlichen Estube
vorzuziehen? Schickt doch Eure Grillen zur Hlle. Meint Ihr denn, die alten
Ordensherren, deren gemalte Gesichter uns so kriegerisch anglotzen durch den
dmmerigen Abendschein, werden Euch helfen aus der Noth? Die Lebenden sind's,
auf welche Ihr hoffen mt, und so lang Ihr unter dem Schutze des Kreuzes steht,
soll Kaiser und Reich die Hand von Euerm Leibe halten. Seyd demnach hbsch
munter, und - behagt Euch etwa unsre Kumpanei nicht, so sagt's nur frisch
heraus, von Brust und Leber: ich kann Euch auch wohl andere Gesellschaft
zuweisen, mit welcher Ihr zufrieden seyn mchtet. - Herr Komthur! antwortete
Rudolph ernsthaft: mein Unglck hat mich unter Euern Schirm gebracht; doch
gewinnt Ihr nicht dadurch das Recht, meiner und meines Grams zu spotten.
Bedenkt, da von Euch selbst alles bel meines Lebens seinen Ursprung nimmt. -
Nun, bei meinem Eid! lachte Issing schonungslos: es ist lustig, da Ihr mir
aufbrden wollt, was Eure freie Wahl und eines schlechten Weibes
Niedertrchtigkeit verschuldet hat; indessen, weil Ihr unglcklich seyd, nehme
ich's nicht so genau, und behaupte Euch ruhig in's Angesicht, da ich Eurer nie
gespottet habe, und nimmer spotten werde. Der Zufall erlaubt mir, Euch sogar
gute Botschaft zu bringen. Aus dem Weifrauenkloster erhalte ich Kunde, da
Wallrade nicht gestorben, da sogar die Hoffnung gehegt wird, sie zu heilen und
ihr Leben zu erhalten. So wenig ich es der Elenden gnne, so lieb mag's Euch
seyn, da sie ein Katzenleben hat. - Wirklich? fragte Rudolph mit frohem
Blicke: sie lebt wirklich noch? O habt Dank, Herr von Issing, da Ihr meiner
Seele dieses Labsal brachtet. Meinen Hals befreit die Kunde freilich nicht, aber
mein Gewissen wird leicht dagegen und gesnder. Habt Dank. Knntet Ihr mir nur
gleich gute Mhr von meinem Kinde bringen, ... von meinem Weibe ... o Gott! -
Bilger lie den Kopf, auf die Brust, die Hnde in den Schoo sinken, und schwieg
seufzend. Der Komthur zuckte die Achseln, und sprach: Davon wei ich nicht,
mein Freund. Vielleicht wre jedoch der Bote besser unterrichtet, der vom
Kloster nach unserm Hause kam. Wr's Euch recht, ihn zu sehen, selbst zu
sprechen? Man mag ihm wohl vertrauen, sonder Gefhrde! - Zwar sollte ich jeden
Menschen scheuen, entgegnete von der Rhn: allein, - ob ich mich jetzo nenne,
ob nicht; es ist gleichviel. Lebt Wallrade noch, o so hat ihr Mund mich genannt;
Gundel hat mich verrathen, Dagobert gegen mich gezeugt; ich darf frder nicht
hoffen, unerkannt mein Leben zu lassen, ohne Schande fr meines Hauses Wappen!
Verstattet mir daher, den Mann zu sehen, Herr Komthur. - Gern! antwortete
dieser, und stie mit des Schwertes Scheide auf den steinernen Boden, da es an
der Decke des Saals wiederhallte, worauf die Flgelthre sich ffnete, und ein
blendender Kerzenschimmer hereinstrahlte.
    Die pltzliche Helle schlo Bilger's Augenlied, aber schnell erffnete er es
wieder, als eine se Stimme seinen Namen rief, und die Freude rstete ihn mit
starkem Arme empor, da seinem Blick hinter dem Diener, der die Kerzen
hereintrug, die Gestalten sich zeigten, die seine Einsamkeit schon diesen Abend
besucht hatten; diesmal aber keine vergebens nach ihm sich sehnende
Engelsbilder, sondern lebende, verkrperte Gestalten, die an sein Herz flogen,
die ihn mit Liebesarmen umschlangen, und ihm abwechselnd zuflsterten oder
zujubelten: Gatte! Vater! wir sind hier, ... wir, Dein Weib, Dein Kind! Wir
sehn Dich wieder!
    Rudolph's Augen, vor Kurzem noch berflieend von den Zhren des Jammers,
strmten nun ber von den Thrnen der Freude, der dankbarsten Freude. Aber nicht
in seinen Wimpern allein hingen diese kstlichen Perlen des Gefhls: auch die
Gattin schluchzte an seinem Halse, auch die kleine Agnes weinte unter ihren
freundlichen Liebkosungen, - und an der Thre stand die harte Judith, aufgelst
in Rhrung; in der Mitte des Saals stand der Komthur und fhlte sein rauhes Herz
erschttert von menschlicher Bewegung. Die Glcklichen, die sich wiedergefunden
hatten, vergaen die Zeugen um sich her, und verloren sich in Fragen und in
Antworten, in dem Labyrinth der Rede, welche der laute Herold des innern Gefhls
ist. Ach, nun erfuhr Rudolpf, da Katharine von seiner ersten Ehe wute, wenn
gleich nicht das Daseyn des Knaben Johannes. - Diese Knde war ein bittrer
Tropfen in Bilger's Freudenkelch, und er nahm ihn hin wie ein reuiger Snder,
ohne zu lugnen, obschon Katharine mit ngstlichem Blicke dieses Lugnen
erwartete, und einer Sylbe von seinen Lippen mehr geglaubt htte, als allen
Schwren Wallradens, deren entsetzliche Falschheit sie kennen gelernt hatte. Als
jedoch Bilger reuevoll um Vergebung bettelte, da wurde aus den schmerzlichen
Vorwrfen der Gattin der barmherzige Trost eines Engels, und sie vergab, und
forderte ihn auf, sie, und Agnes ferner nicht zu verlassen. Wer auch jene Andre
sey, rief sie begeistert: sie liebt Dich nicht wie ich; sie hat Dich nie also
geliebt; unglcklich mu sie Dich gemacht haben, denn Du bist denen treu, die Du
im Herzen trgst, ... obgleich Du auch von uns gegangen bist, von mir und Deiner
Agnes! - Katharine schwieg schluchzend und kauerte sich zu dem Mgdlein
hernieder, um ihre nassen an dessen Halse zu verbergen. Der Herr von der Rhn
rief dagegen, den Komthur heftig bei der Hand fassend: Seht her, edler Herr,
seht her; welch ein Weib! Ihr habt nur Sinn fr die uere Blthe der Frauen,
aber ahnen mgt ihr dennoch, was Liebe, was Tugend, was Hingebung und Opfer fr
den Geliebten sey! Weh mir, da ich solch ein Herz zu betrben geschaffen bin,
und da ich noch Schande hufe, auf dieses theure Haupt. Wehe Euch, Herr, denn
Ihr habt mich zu jenem abscheulichen Bunde berredet; Ihr gabt dem Zagenden, dem
blden Jngling die Mittel zur Hand, die Kette unwiderruflich zu schmieden, nach
welcher sein ahnend Herz bald verlangte, welche es bald verwarf. O htte ich
doch nimmer die Stunde erlebt, in welcher ich das verhngnivolle Ja gesagt,
htte ich doch nimmer den dienstfertigen Mnch geschaut, den Eure Hand auf
Baldergrn einfhrte, dessen Segensspruch - der Fluth meines Lebens - dieses
edle Weib zu meiner Krebsfrau, dieses holde Kind zu einem Bastard macht, - und
mich gefesselt hlt an die unselige Wallrade! - Wallrade! schrie Katharine
laut auf, und sank von der berraschung berwltigt, zu Boden. Judith flog auf
die Erblassende zu, und mit dem Rufe: Barmherziger Gott! sie stirbt! wollte
sich Rudolph neben ihr niederwerfen. Issing hielt ihn heftig zurck. Seyd ein
Mann! sprach er ernst und doch nicht unfreundlich: das ist nicht der Tod; eine
Schwche blos, aus welcher dieses Weib hier die Unglckliche rtteln mag. Ich
dafr will Euch aus einer verderblichern Ohnmacht zum Leben reizen, aus den
Ketten einer verderblichen Wahns. Hrt mich an, und wohl mir, da mein Spott am
Heiligsten mir gnnt, euch Heil zu verknden. Wallrade hatte mich unterjocht,
und wnschte, meiner fast berdrig, und Euch mit flcht'ger Liebe umfassend,
eng mit Euch verbunden zu seyn, um den zaudernden blden Freier unauflslich an
sich zu binden. In einer schwachen Stunde entlockte sie mir den Eid, selbst die
Hand dazu zu bieten. Ich konnte nicht zurck, fhlte ich gleich die ganze Hlle,
selbst den Segen ber die Geliebte und den verhaten Nebenbuhler sprechen zu
mssen. Aber meine Arglist verfiel auf eine Auskunft. Ich wollte Euch binden,
aber nur vor Euern Augen; und einst euch niederdonnern mit dem grimmigsten
Hohne, Euch erniedrigen vor meiner Verachtung. Der Kirche Segen durfte nur ein
Possenspiel seyn, und ein Ordensknecht, der dem Noviziat im Bettelkloster davon
gelaufen war, stellte den Mnchspopanz vor, der Euch verband mit ruchloser
Spottrede und entweihter Stola. - Wie? stammelte von der Rhn, zurckfahrend.
- Wie die Dinge nachher wurden, sprach der Komthur weiter, so war mir's nicht
gelegen Euch den Irrthum zu benehmen, denn ich sah Euch unglcklich seufzen
unter dem eingebildeten Joche, und meiner Rache Ziel war erreicht. Dieses
Stckleins habe ich mich stets gefreut, und Ihr mgt es jetzt meinem weichen
Herzen und der Rhrung Eures schnen Weibes danken, da ich Euch den Aufschlu
gab. Der vorgebliche Mnch ruht aber lngst schon in der Erde. Ein ungeheuerer
Polacke hieb ihn neben mir zusammen, in demselben Kampfe, der mir die kahle
Stirne eintrug. - Komthur! rief Bilger auer sich vor Freude: nimmer hat ein
Teufel dem Menschen so viel des beln zugefgt, als Ihr, schwerverirrter Mann,
mir des Guten gethan habt, in bser Tcke. Weib, Gattin, Katharine! erwache und
freue dich mit mir. Ich bin Dein, nur einzig und allein Dein Gatte. Keine Fremde
hat Theil an mir, und unverletzt ist Deine Ehre, unsers Kindes Herkunft. Mag man
mich nun auch von hinnen reien, mich foltern, und mein Haupt vom Rumpfe
trennen, weil ich in blindem Wthen meinen Feind zu erschlagen begehrte, ... ist
doch diese Schuld, die grliche Gewissensschuld von mir genommen. - Ich bin
ein gndiger Beichtiger! lachte der Komthur, wieder in seinem Gleichmuth
zurcksinkend: seyd Ihr hingegen ein kluges Beichtkind, und tdtet nicht durch
vorlaute Rede die Arme, die jetzt erst mhselig aus der Ohnmacht wiederkehrt.
Sie wei noch nicht, was Ihr begangen, warum Ihr Euch hier befindet. Mitleidig
verschwiegen ihr's die Oberin des Weifrauenklosters, und Wallradens Freunde,
damit sie gelinder und gemildert die Unglckspost aus Eurem Munde hre.
    Der Herr von der Rhn schreckte heftig bei dieser Erffnung zusammen. Das
Schwerste war ihm demnach noch brig, und langsam mute er das Gestndni seiner
That, die blutige Hoffnung seiner Zukunft den dringender und dringender
werdenden Aufforderungen Katharinens entgegensetzen, welche begehrte, er mchte
alsobald mit ihr und dem Kinde dies Haus verlassen, und niemals wieder von ihnen
weichen.
    Die Tiefen des Gemths, zumal des weiblichen Gefhls, sind unergrndlich.
Ungleich weniger als der Name Wallradens in obiger Beziehung Katharinen
erschreckt hatte, erschtterte sie die Nachricht von Bilger's Schuld und
gefhrlicher Lage. Trotz ihrem weichen vershnlichen Herzen fhlte sie eine Art
von schreckhafter Freude da sie hrte, da der Arm des beleidigten, verhhnten,
getuschten Rudolph's das Werkzeug der Vergeltung gewesen war, da durch ihn das
gerechte Verhngni die Frevlerin in den Staub gestrzt hatte. Denn ihre
Leichtglubigkeit hoffte aus diesem blutigen Vorgange Wallradens Besserung
erwachsen zu sehen, und ihre Unerfahrenheit bersah spielend das drohende
Schwert, das ber ihres Gatten Haupte hing, an einem leisen Faden hing. Hatte er
doch nur im gerechten Zorne das Schwert entblst, und gebraucht; war doch
Wallrade nicht an der Wunde verschieden, und sogar die Hoffnung da, sie wieder
herzustellen. Die kindliche Frau glaubte, es mten recht bald dem Flchtling
die Thore geffnet werden zum Auszug in die Freiheit; sie dachte schon daran,
wie sie vielleicht durch eine Frbitte die Frist abkrzen knne. Bilger
hingegen, welcher wohl wute, da der Bruch des Stadtfriedens, das Beginnen des
Mordes die strengsten Richter finden wrde, und da die Gesetze der Reichsstadt
fr den Fremden mit Blut geschrieben waren, schwieg trbe und dster bei den
Vorstzen und Hoffnungen, die Katharine in ihrem wachsenden Muthe an den Tag
legte, und konnte es nicht ber sich gewinnen, durch ein beiflliges Lcheln die
Arme zu tuschen. - Gute Katharine! sprach er bewegt: ich danke dem Himmel
aus vollem Herzen, da er mir das Glck gewhrt hat, Euch noch einmal zu
schauen, meine Lieben, die ich jetzt mit allem Recht mein nennen kann. Mehr zu
begehren geziemt jedoch nicht meiner Schuld, nicht meinem jetzigen Zustande. Ihr
habt selbst von den Soldwachen gesprochen, die des Hauses Pforte belagern; Ihr
habt mir selbst ihre Wachsamkeit geschildert, die Strenge, mit welcher sie Euch
befragten, und den Argwohn, mit welchem sie Euch nachsahen, da Ihr mit Erlaubni
des Komthurs durch dieses Thor eingingt. Diese Wachsamkeit wird sich nur von Tag
zu Tag verdoppeln; begierig werden sie die Stunden zhlen, nach deren Verlauf
ich ihnen verfallen bin, und - ist die letzte verronnen, mir frder keinen
Augenblick mehr schenken. Ihren Ketten entgehe ich nicht, wie mein Haupt dem
Spruche des Blutgerichts. betrge Dich darum nicht mit eitler Hoffnung, gute
Katharine. Wir haben uns wiedergefunden, um uns in Kurzem wieder zu verlieren,
denn also ist's beschlossen im Himmel, und die Erfllung dieses Beschlusses
schreitet schnell auf Erden. - O, was sagst Du, mein Rudolph? seufzte
Katharine aus bangem Herzen: Du willst mir jede Hoffnung rauben? Du
verzweifelst an jeder Rettung? - Warum mich hinhalten mit trgerischer Ahnung,
mit falschem Vertrauen? - entgegnete von der Rhn: Ich bin nur reich durch
Euch, meine Lieben! Gold und Silber habe ich nicht; und wo findet der Arme einen
uneigenntzigen Retter? -
    Der Komthur, der bisher geschwiegen hatte, lchelte hierbei halb spttisch,
halb gutmthig, und rief: Bei Kreuz, Dorn und Wunden, Herr! Ihr wit die Waffen
zu fhren, habt gekmpft und die Wildbahn beritten wie ein erfahrner Jgersmann,
und wollt nicht vertrauen auf das Glck, das so oft da hilft, Wo weder Klinge
noch Pfeil noch der Arm ausreicht? Ich bleibe dabei: noch lange habt Ihr Frist,
und wer wei, ob nicht in diesem Augenblicke schon Euer Retter Euch nahe steht?
    Rasche Schritte kamen den Gang herauf, und auf die Thre des Saals zu. -
Mehrere Stimmen wurden laut. - Ei, zum Donner! fragte de Komthur: wer strt
uns denn noch am spten Abend? - Die Antwort auf diese Frage gab der
eintretende Oberreiter, der einen Boten des Herzogs Friedrich von sterreich
meldete, und welchem auch der bemeldete Bote auf dem Fue folgte. Von der Rhn
fuhr bei seinem Anblick zusammen, denn Dagobert, Wallradens Bruder, war es in
leibhafter Gestalt. Mit ungezwungnem Anstande, ohne kaum einen Blick auf den
Unglcklichen und dessen Gattin zu werfen, nherte er sich dem Komthur, und
redete ihn an: Zuvrderst, edler Herr, hab' ich Euch zu berichten, da Se.
frstliche Gnaden, der Herzog dich hinter mir einherzieht, und von Eurer
Gastfreundschaft eine willige Aufnahme in Euerm Hause erwartet, wo er, die kurze
Zeit, die er zu Frankfurt zu verweilen gedenkt, wohnen will. - Ehre und
Schuldigkeit; erwiederte der Komthur, und sandte den Oberreiter sogleich an den
Trappierer, um die nthige Vorbereitungen treffen zu lassen: Se. frstlichen
Gnaden sind ein lieber Gast, und sollen gut gehalten werden in unsers Ordens
Hause, das der Freigebigkeit der sterreichischen Frsten viel verdankt. Wie
aber nenne ich Euch, mein Herr, der mir die frohe Kunde bringt? - Mein Name
ist nicht wohlklingend fr diese Mannes Ohr, entgegnete Dagobert mit einem
Seitenblick auf Bilger: er mge aber wissen, da ich nicht als sein Feind
erscheine, sondern lediglich als des Herzogs Vorlufer, zu dem mich der Zufall
gemacht hat, da ich diesen Nachmittag, eine gute Strecke vor der Stadt
lustreitend, unversehens auf des Herzogs Geleite stie. Ich heie Frosch, des
Altbrgers Diether Sohn. - Issing bi sich betroffen in die Lippen; sammelte
jedoch seine Fassung schnell wieder, und nickte bewillkommend mit dem Kopfe.
Judith ersah aber den Augenblick, welchen das tiefe Schweigen, das nun auf allen
Lippen herrschte, ihr gnnte, um Katharinen zuzuflstern: es sey nun die hchste
Zeit nach dem Kloster zurckzukehren. Seufzend wand sich die Arme, den Gesetzen
der Ehrbarkeit gehorchend, aus Rudolph's Arm, und gelobte hoch und theuer,
morgen sicher wiederzukehren, wenn der Komthur es erlauben wrde. Verbindlich
antwortete dieser: er wisse sich nur weniger Flle aus seinem Leben zu erinnern,
wo er gegen Frauen unerbittlich gewesen sey, und er finde vollends keinen Willen
in sich, der leidenden Schnheit zu wiederstehen. Geht mit Gott, edle Frau,
sprach er zum Abschiede: und mit Gott kehrt wieder, so oft Ihr wollt. Dieses
Haus ist eine Zuflucht fr den Verfolgten, und wird durch solche liebliche
Unschuld doppelt geheiligt, wie durch des Priesters Spruch. Euern Gatten sollt
Ihr unverletzt wieder finden, verlat Euch darauf. - Der Herr von der Rhn
geleitete Katharinen, vor welcher ein Diener des Hauses mit einem Windlicht zu
schreiten befehljgt war, bis zur Pforte, und whrend dessen hob Dagobert
freimthig und zutraulich zu dem Komthur an: Erlaubt, gestrenger Herr, da ich
ein billig Wort zu Euch rede. Ihr seyd noch nicht lange an diesem Platze; die
Stadt hat Euch indessen als einen unbeugsamen strengen Mann kennen gelernt, und
frwahr, man darf Euch nur in das Gesicht sehen, um dasselbe zu glauben. Sollte
ich mich denn wohl tuschen, wenn ich bei Euch auch einen unbeugsamen Willen zum
Guten voraussetze? Ihr habt der Gelegenheit manche, Gutes zu ben, und gerade
jetzt wre eine herrliche vorhanden. Dieser unglckliche Mann, der bei Euch
Schutz und Schirm gesucht und gefunden, - soll er denn aus diesen Pforten
endlich doch wieder in die Hnde der Schergen gelangen, welchen er mit genauer
Noth entkam? Wollt Ihr ihm nur auf dreiig elende Tage das Leben gerettet haben,
damit es nach dieser Frist dennoch des Henkers Beute werde? Rettet ihn fr
immerdar, Herr, und werdet der Wohlthter von drei dankbaren Menschen. - Der
Komthur ma lchelnd den vor ihm stehenden Jngling, in dessen Auge das reinste
Feuer strahlte, die Begeisterung fr Barmherzigkeit und Milde gegen das Elend. -
Ich soll mich ber Eure Reden wundern, begann er hierauf, und Euch fr einen
leidigen Versucher halten, der gern entrthseln mchte, was ich im Schilde
fhre. Ihr seyd Wallradens Bruder, und Blutrache zu ben wre Eure erste
Pflicht, denke ich. - Wofr haltet Ihr mich? fragte Dagobert khn entgegen:
Ich sollte einen armen Menschen tdten, der im aufwallenden Zorn die That
beging, die ihn - ich wei es - reut? Nimmermehr; und hier, Herr, stehen die
Dinge anders denn gewhnlich. Gestern hat sich's entschieden, da Wallrade
wieder auf das Leben hoffen darf; der Bufertigen eigner Wunsch ist's, ihren
Mrder frei zu wissen und straflos. Soll ich auf die Seite des unerbittlichen
Gesetzes, - jede menschliche Regung mit Fen treten? Lernt mich besser kennen,
Herr, und folgt meinem Beispiele. Mir ist durch des sterbenden Rudiger's Mund
bekannt, da Ihr Antheil genommen an jenem Unglcksbunde auf Baldergrn; lat
Euch nicht durch eiferscht'ge Rache verleiten, hier grausam zu seyn, der
Tigerkatze berm Meer zu gleichen, von der die Sage geht, da sie unbarmherzig
noch mit dem Opfer spiele, das unter ihren Klauen zittert - ihm einen Schein,
eine Hoffnung - eine Spanne von Freiheit lasse, um es im nchsten Augenblicke
unerbittlich zu zerfleischen! - Da sah der Komthur den jungen Mann mit einem
auflodernden Blicke an, der den Ausdruck einer fast beleidjgten Seele annahm. -
Bei meinem Eid! rief er: Ihr nehmt Euch etwas viel heraus, junger Degen, und
frwahr, Euer Name ist nicht geeignet, mich nachsichtiger gegen Euch zu machen,
aber Euer khner Muth gefllt mir, ob er mich gleich zu unrechter Zeit an
Baldergrn und Wallraden erinnert hat. Ihr mgt wissen, da der Ritter von
Issing keiner Weisung bedarf, um Gutes zu thun. Sein eigen Gemth befiehlt ihm,
keine fremde Zunge. Ihr mgt wissen, da er schon bei sich beschlossen hatte,
den armen Mann zu retten, um Gottes und seines Weibes und Kindes willen, und da
er nur den Augenblick erwartet, der ihm erlaubt, ohne ihn der Strafflligkeit
gegen seine Pflicht und gegen den Rath der Stadt zu unterwerfen, der doch einmal
unsers Ordens Haus bevogtet und bewacht. - Der Augenblick ist gefunden;
versetzte Dagobert freudig, des Ritters Hand ergreifend und dankbar schttelnd:
wann erschiene er gelegner, wann so gnstig? Der Herzog kmmt; von seinem
starken Gefolge wird das Haus, werden Sachsenhausens Gassen wimmeln. Die
lauernden Sldner vor der Pforte werden durch die Zahl der Fremden - mehr noch
durch des Frsten Gegenwart, der keinen Hscher in der Nhe duldet,
zurckgedrngt - genthigt, aus der Ferne dies Haus zu beobachten, damit der
Mrder ihren Netzen nicht entschlpfe. Morgen Mittag geht ein groer Theil des
Comitats auf demselben Wege zurck. In dessen Mitte, im hellen Glanz der Sonne
entschlpfe der Verfolgte. Fr reisige Gewnder sorge ich, wie fr die
Bewilligung des Herzogs Farbe tragen zu drfen, bis er in Sicherheit seyn wird.
Die berraschende Einkehr des Frsten, der dadurch veranlate Tumult im Hause, -
die Verwirrung unter den Ein- und Abziehenden rechtfertigt Euch, Herr Ritter,
und der von der Rhn ist gerettet, ohne da Ihr ffentlich die Hand dazu
geboten. -
    Schn ausgedacht, erwiederte der Komthur spttelnd: fein schnell und
leicht auszufhren, aber ein jugendlich Vornehmen, das erst die That will, und
dann die berlegung. Wie steht's denn mit dem Manne, wenn er seinen Gefahren
entronnen ist? Hlflos ist er in die Welt gejagt, und die Seinen erliegen unter
der Last des Unglcks, und unter dem Kummer, den Vater abermals von ihnen
getrennt zu wissen. - Der Herzog wird helfen; antwortete nach kurzem
Nachsinnen Dagobert: O, gewi, er wird helfen. Er hat wieder mit dem Kaiser
Friede gemacht, und besitzt, wenn gleich an Lnderthum geschmlert, noch manche
Hufe Landes, auf welcher ein unglcklicher Hausvater eine sichre Sttte finden
mag. Ich hatte ja beschlossen, fr mich seine Gunst anzuflehen; aber mit mir
ist's ohnehin vorbei, und so mag dem rmern werden, wessen ich nichts mehr
bedarf. Ich darf mich der Huld des Herzogs rhmen, und rede heute noch mit ihm
davon. Ihr aber, Herr Komthur, nehmt meinen Dank fr Euer redlich Wollen. Ihr
habt mich dadurch mit Euerm Namen ausgeshnt, der mir aus Rdiger's Munde nicht
lieblich geklungen hat. Bereitet Ihr den Herrn von der Rhn und seine Gattin
vor, und lat mich gnzlich dabei aus dem Spiele. Es ziemt sich nicht wohl, da
meiner Schwester Feind auf meinem Rcken davon schwimme, und ich mchte seinem
wunden Herzen durch kein Wort verrathen, da er mir, gerade mir, Wallradens
Bruder, Dank fr sein gerettet Leben, fr seine gesicherte Zukunft schuldig
sey. - Ihr seyd ein wackrer Mensch; versetzte der Komthur etwas beschmt, wie
es die Rthe seiner Wange bezeugte: 's ist seltsam, da ein Stamm nebeneinander
die herrlichste und die bseste Frucht zu tragen im Stande ist. Um dieses
Stckleins willen, so Ihr's vollfhrt, mu Eure Seele, wenn's zum Letzten geht,
gerade auf zum Himmel fahren, des Fegefeuers quitt und ledig. Ich begreife wohl,
da der Dank dreier Menschen eine feste Himmelsleiter seyn mag, und der Herr
rechnet vielleicht an meinen Snden ein Geringes ab, wenn ich mein Scherflein zu
der biedern That hinzufge. Es bleibt also dabei; indessen, so sehr ich mich
darob freue, so thut mir weh, da wir dem Armen nicht den Trost mitgeben knnen,
da er wisse, wo sein Knabe weilt. Wallrade hat nichtswrdig an dem Kinde
gehandelt, und ihr unmtterliches Herz wei wohl nicht, wo der Bube aufgehoben
ist, - im Himmel, oder auf der Erde. Der Knabe ist mein Taufenkel; ich mchte
wohl fr ihn sorgen, wte ich nur ..... - Fr Johannes ist gesorgt;
unterbrach Dagobert den Komthur freundlich und zuversichtlich: er lebt, und
lebt in Wohlbehagen und Freude Er vermit nicht die herzlose Mutter, nicht den
Vater, den er nicht gekannt. Aber seines Lebens Sttte und Heimath verschweige
ich barmherzig dem Vater. Soll diesem einst Glck blhen in seiner frisch
aufstrebenden Huslichkeit, so bleibe ihm und seiner Gattin der Sohn fremd. Fr
beide wre der Unschuldige nur eine qulende Erinnerung, die den Frieden ihres
Hauses vergiften, ihm ein trauriges Leben bereiten wrde. Ich gelobe es Euch,
Herr Komthur, Johannes ist in den besten Hnden, und einst sollt Ihr Euch selber
davon berzeugen. So viel ich Euch jetzt gesagt, mgt Ihr dem bekmmerten Vater
auf Euern Rittereid ungefhrdet mittheilen. Nur unsers Geschlechts Namen nicht
dabei genannt. Lat dem Herzog vor allem und Euch zunchst das Verdienst der
guten That, und Gott gebe hiezu sein gndiglich Gedeihen. -
    Pferde und Wagen brauten und rollten in den Hof. Das lebendige Getmmel
eines reisigen Zugs, das Gelrme des frstlichen Trosses spottete der still
gewordnen Nacht, und brachte in das einsame Deutschordenshaus alles Gerusch
eines mchtigen Frstenhofs. Der Komthur eilte, den Herzog ehrerbietig an der
Pforte des Hauses zu empfangen, und lie den Hof von Fackeln erleuchten, da er
im Mittagschein zu liegen schien. Mit einem freundlich herablassenden Grue
stieg Friedrich aus den Bgeln, und schritt auf den Komthur und den
herzukommenden Dagobert gesttzt, die Treppe hinan, nach den Prunkgastzimmern
des Gebudes, die durch die Sorgfalt des Trappierers schon bereit standen, den
hohen Fremdling gebhrend aufzunehmen. Der Herzog, mde von der Reise,
verschmhte das angebotne Mahl, entlie bald den Komthur, dem er nur auf wenig
Tage lstig zu fallen verhie, und behielt nur seinen wiedergefundnen jungen
Freund, seinen Dagobert, bei sich zurck, den er vermocht hatte, die Nacht mit
ihm zu verplaudern, in welcher der von Schlaflosigkeit geplagte Frst ohnedies
seit geraumer Zeit keine erquickende Schlummerruhe fand. - Der kommende Tag
begann eben so geruschvoll, als der vorige geendet hatte. Die Wachen des
Herzogs geriethen in Hndel mit den Sldnern des Raths, die sich nicht
zurckziehen wollten. Friedrich sandte einen seiner Junker nach dem Rmer, um
von seinem Erscheinen Meldung zu thun, und den rgerlichen Streit beizulegen.
Eine Ehren- und Schildwache des Raths besetzte nun die Pforte des
Deutschherrenhauses, die Hscher zogen sich in die nchsten Straen, und muten
auf ihr Amt so gut als verzichten, da das Volk, so wie es von der Einkehr des
Herzogs erfuhr, in hellen Haufen herbeieilte, um das Haus anzugaffen, in welchem
sich der Mann befand, der es gewagt hatte, zu Ehren deutscher Treuen und
Redlichkeit, dem Kaiser wie einem groen Concilio die Spitze zu bieten, und
lieber einen groen Theil seiner Habe aufgeopfert hatte, als seinen Schwur, sein
Frstenwort. So verstrich die Hlfte des Morgens, und die anwallende Fluth der
Menge, welche bestndig hoffte, den Herzog ausreiten zu sehen, stieg immer
hher, so da die Gesandtschaft der Stadt, da sie gegen Mittag zum deutschen
Hause kam, um den erhabnen Gast zu begren, kaum Raum genug finden mochte, um
hindurch zu dringen. Was den Ermahnungen der Vter der Stadt nicht gelang,
gelang den mchtigen Pferden, die auf groen Wagen die Gaben heranzogen, welche
das gemeine Wesen der Stadt dem Frsten, der Sitte der Zeit gem, darzubieten
hatte. Diese Huldigungsgeschenke bestanden in Wein, Heu, Hafer und Fischen, und
der Schulthei, umgeben von den Brgermeistern, dem Oberstrichter und den
Schffen, alle in ihre Amtstracht gekleidet, bat den Herzog, vor dessen
Angesicht endlich die Gesandtschaft gelangt war, die Geschenke als einen Beweis
des guten Willens der Brgerschaft, und ihrer Anhnglichkeit an den Stamm
streich, von dem schon mancher um das deutsche Reich verdienter Frst
ausgegangen, huldvoll anzunehmen. - Der Herzog, umringt von seinen Marschllen,
Dienstjunkern und den Kreuzherren, seinen gastfreundlichen Wirthen, nahm sowohl
die Rede des Schultheien, als auch die zu Hofe gebrachten Gaben mit der ihm
eignen Leutseligkeit auf, und erwiederte dagegen: Seyd bedankt, ihr lieben
Herren und Freunde, fr das, was Ihr mir aus gutem Herzen reicht, und auch jetzo
wieder, - Gott sey Preis und Lob, - reichen drft; denn unser Haus ist wieder
erlst von des Reiches Acht, und wir sind wieder einig geworden mit unserm
lieben Herrn, dem Kaiser. - Der Herzog bemhte sich, die bittre Miene, die sein
Antlitz bei diesen Worten beschlichen hatte, in eine freundliche umzuwandeln,
und fuhr fort: Darum mgt Ihr mir wohl vergnnen, einige Tage unter Euch zu
weilen, und mich in Euern Mauern umzusehen, dieweilen ich wichtige
Angelegenheiten gerne schlichten mchte, ber die Euch mein Kanzler eines
Weitern belehren wird. Zugleich jedoch habe ich gehofft, hier eine Sache
abzuthun, die mir nicht minder am Herzen liegt; ich habe indessen vernommen, da
sich mir Hindernisse entgegenstellen. Ich habe an den Juden David, Sohn des
alten Jochai, der Eures Schutzes geno, Gelder zu entrichten, die er mir
vorgeschossen. Ungern mute ich hren, da der Mann sich nicht mehr in hiesiger
Stadt befindet, wie auch niemand seiner Angehrigen. - Er hat sich flchtig
gemacht; versetzte Achselzuckend der Oberstrichter; und uns mangelt Kunde, wo
er hingerathen. - Das ist schlimm, ihr Herren; entgegnete Friedrich ernst:
wir dachten, in Gnaden uns des Mannes anzunehmen, und ihn nach Innsbruck zu
setzen, als unsern Hofwechsler; denn wahrlich, er ist der Erlichsten einer, und
mit Bedauern erfuhr ich, da man ihn allhier unredlich beklagt, bel gehalten,
und seinen ganzen Wohlstand zertrmmert habe.
    Der Oberstrichter zuckte wieder mit verlegnem Gesichte die Achseln; der
Schulthei aber, den des Herzogs Rede spitzer traf, antwortete: Mag seyn,
gndiger Herr; allein der Schein war wider den Mann, und noch hat er sich vor
unserm Stuhle, vor welchen er doch mit Leib und Leben gehrt, nicht vollkommen
gereinigt. - Die Betonung, mit welcher der Schulthei diese Worte vorbrachte,
verfehlten ihren Entzweck nicht. Der Herzog furchte die Stirne, und sagte: Gar
wohl, mein Herr Ritter und Schulthei. Ich habe nicht Befugni, mich in Eure
Gerechtsame zu mischen, welche von Kaiser und Reich besttigt und verbrgt sind.
Ich meine jedoch, da Recht und Urtheil Jedem gleich seyn soll, sey er nun
getauft, oder nicht. Ihr habt hier, wie ich hre, einen Judenarzt, dem Ihr Euren
Krper anvertraut, sonder Furcht und Angst; warum schenkt Ihr dem, der vor Euern
Schranken steht, nicht gleiches Vertrauen? Doch, geschehen ist geschehen, und
ich bin bereit, die fraglichen Gelder einem berhmten hiesigen Manne zu
bergeben, damit der Jude, kehrt er jemals wieder, oder wird uns von ihm Kunde,
wieder zu seinem Eigenthum komme. Ich glaube zu diesem Entzweck keinen bessern
aus Euch whlen zu knnen, ihr Herren, als den Schffen Diether Frosch; einen
biedern, ehrlich strengen Mann, den ich bitte, sich mir vorzustellen. - Diether
trat aus den Reihen der Schffen, und verneigte sich ehrbar vor dem Herrn. Der
Herzog lie eine Weile den Blick auf ihm ruhen, wendete sich dann zur Seite, und
sprach zu Dagobert, den er aus der Schaar seiner Umgebung zu sich winkte:
Dieser also ist Dein Vater, Dagobert? - Dagobert bejahte freundlich, und
grte den Vater. - Mich freut's, ihn kennen zu lernen; fuhr der Herzog fort,
dem Altbrger die Hand reichend: seyd mir willkommen, alter Herr, und empfangt
meinen Glckwunsch zu Euerm wiederhergestellten Hausfrieden, wie zu Euerm Sohne.
Ja, lieben Freunde! setzte er hinzu, dem jungen Manne vertraulich und
wohlwollend auf die Achsel klopfend, einen bessern Mann als diesen hier, hat
Frankfurt sicher nicht aufzuweisen, und vielleicht nicht allzuviele die ihm
gleichen. Es macht mich froh, die Tugenden und seltnen Eigenschaften des Junkers
vor Euer Aller Augen wrdigen und preisen zu knnen. Er ist der treuste,
redlichste und heiterste Mensch, den ich kenne, und Schade wre es, wenn so viel
Gutes in einem Kloster verkmmern sollte, wie es den Anschein hat. Nicht wahr,
liebe Herren und Meister? - Der Schulthei kaute an den Lippen, ber des
Oberstrichters Stirne flogen trbe Wolken, aber beide bckten sich gleich den
Andern, und stammelten ein: Freilich, gndigster Herr, ... aber ... Beweggrnde
... ...
    Schon gut; meinte der Herzog mit einem verchtlichen Blicke auf sie: ich
wei bereits Alles. Vielleicht kenne ich aber auch ein Mittel, diese
Ungerechtigkeit des Muttergelbdes wieder gut zu machen. Ich wertze heute noch
an den hochwrdigen Dechant Herdan, der am heftigsten, wie der Ohm des jungen
Mannes, auf dessen Weihe besteht, einen pergamentnen Brief senden, in welchem
der heilige Vater, Martin V., die Freilassung die der abgetretne Pabst dem
Dagobert Frosch ertheilte, im Ganzen besttigt, mit dem Vorbehalte jedoch, da
ein anderes Glied der christlichen Gemeine, sey es nun ein Mann, oder sey es ein
Weib, an seiner Statt das kirchliche Gelbde ablege. Ich zweifle nicht, da eine
fromme christliche Seele zu diesem Berufe bald sich finden werde, und ermahne
sowohl den Vater Dagobert's, als auch smmtliche Herrn vom Rathe, wie vom
Kapitel, denselben von dem Gelbde, das er durchaus ablegen will, abzuhalten;
bedenkend, da Gott kein Gefallen hat an einem Diener, der sich ihm nur opfert,
weil er mit der Welt zerfallen zu seyn glaubt. - Stille, guter Freund,
flsterte er nach diesem dem Sohne Diethers zu, welcher einige Worte der
Weigerung auf der Zunge hatte: Montfort hat mich nicht frher an diese Pflicht
gemahnt, als mein Herz es schon gethan hat. Erlaubt mir daher, den Weg zu Euerm
Besten, - sey's auch fr Heute Euerm Wunsche zuwider, - krftig fortzusetzen. -
Dagobert verstummte ehrfurchtsvoll; dagegen ward es an dem Hofthore laut und
geruschvoll. Die Blicke aller Anwesenden flogen durch die Reihe stattlicher
Fenster hinab gegen die Pforte, und befremdet sah der Herzog die Rathsherren an,
da er einen Streit zwischen Leuten seines Gefolges und den Stadtwchtern
gewahrte. Ei, was gibts dort, ihr Herren? fragte er mit gerunzelter Stirne.
Ein Brgermeister wollte hierauf sogleich hinunter, um nach der Veranlassung des
Vorfalls zu forschen, allein der Oberreiter welcher eintrat, verkndete sie,
indem er meldete, die um das Haus vertheilten Wchter seyen ob der bedeutenden
Zahl von Reitern, die dasselbe verlassen wollten, argwhnisch geworden, und
witterten unter denselben den Verbrecher, der sich hier versteckt halte. - Des
Comthur's Stirne, so wie Dagobert's Wange flammte; der Herzog lie sich nicht
aus seiner strengen Haltung bringen, sondern nahm eine noch drohendere Stellung
an. Was soll das heissen? rief er, indem ein Zorngewitter ber seine Zge
lief: Bin ich denn Herzog Friedrich oder ein Landstreicher, von dem man nicht
wei, von wannen, er kommt, wohin er geht, und dem man nicht ber den Zaun
traut? Jesus Christus! Werden sterreichs Farben nicht hher geachtet, als der
Bettelbrief eines Gauners? Nein frwahr; das mgt Ihr abstellen, ihr Herren,
denn ich werde mich nimmer herablassen, Eure Erlaubni zu fordern, will ich mein
Geleit zurcksenden, wie Heute geschieht. Um Eure Verbrecher kmmre ich mich
nicht, und frei will ich Alle sehen, die mein Wappen und Zeichen tragen. Darum
befehlt stracklich und ohne Verzug, da man meinen Wildmeister auf Schlo
Ambras, sammt seinem, in jenem Rollwagen befindlichen Weibe und Kinde und dem
anvertrauten Gefolge, das ich gen Tyrol sende, ungehindert ziehen lasse, bei
meiner Ungnade. - Diese ernstlichen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Ein
Schffe eilte, um das Gebot des Frsten schleunigst vollziehen zu lassen, und
mahnte die Wchter ab, die sich noch immer ungestm in den Weg des reisigen
Trosses warfen, und sich auch nicht so willig den Geboten des Schffen fgten,
als dieser es erwartet hatte. - Seht, ehrsamer Herr! behauptete der Anfhrer
der Sldner: ich will nicht selig werden, wenn das Weib, das sich so ngstlich
hinter jenes Wagens Vorhnge verbirgt, nicht dasselbe ist, das gestern und erst
noch Heute mit einem Kinde zu diesem Hause kam, um den darin versteckten Mrder
heimzusuchen, und ganz gewi befindet sich der Letztere unter diesem
bermthigen Trosse. - Und wenn es wre, erwiederte der Schffe heftig, - so
befiehlt, doch hier der Rath, und an Euch ist's Gehorsam zu ben. - Ei, so
waschen wir unsre Hnde in Unschuld; antwortete der Fhrer unmuthig, und
wendete sich gegen die Seinigen. Indem ritt der Anfhrer des Zuges heran, und
fragte: Wird's bald, Herr Schff? Wie lange soll's noch dauern, frage ich? -
Der Schffe, der dem Frager in's Auge sah, vermochte nichts zu entgegnen, denn
er selbst, der den Todtschlger vor wenig Tagen bis zu der Thre des deutschen
Hauses verfolgt hatte, glaubte in dem schmucken Jgersmann den Gebannten zu
erkennen. Dachte er sich den wirren Bart sauber geschoren, die grobe Kutte
vertauscht mit einem grnen prchtigem Rock, an der Stelle des Grtelstricks
sterreichs. Schrpe, so waren es die Augen, die Zge, die Gestalt, die Stimme
des flchtigen Mrders. Der Schffe, ein junger Mann, war in feiner berraschung
auf dem Punkte, das Gebot seiner Herren eigenmchtig zu wiederrufen, aber zu
eben derselben Zeit donnerte der Ruf des Hauptsmanns: Lat freien Pa! durch
die Reihen der Fuknechte; auseinander flog der drohende Trupp; und unter
Hrnerschall jubelte der reisige Tro, den bedeckten Wagen in der Mitte, durch
die staunenden Hter hindurch, entlang die Straen von Sachsenhausen, hinaus aus
dem Thore, und ohne Sumen fort auf dem Heerwege, den der Herzog am verwichenen
Tage einhergezogen. Und als die Warte, hinter den Reitern lag, und mit ihr die
Grnze der Reichsstadt, da nherte sich der Anfhrer, nach dankbarem, den
Vornehmsten des Geleits gereichten Handschlage, dem Wagen, aus welchem ein in
Thrnen schwimmendes Frauenantlitz, und ein rosiges Kindergesicht ihn
anlchelten. Gerhrt reichte er die Hand seinen Lieben, und rief: Segne Gott
den edeln Herzog und den biedern Comthur. Wir sind frei, und ein guter Engel
mge Dich, Katharine und unser Mgdlein erhalten zu meiner langen Freude, und
mich einst ruhig sterben lassen in Euern Armen. Sieh, mein gutes Weib, dort
hinter jenen aufdmmernden Bergen, dort liegt unsre neue Heimath. La' uns
vergessen, was bis jetzo uns schmerzlich gepeinigt. Ich hatte die schwere
Prfung verschuldet, aber Gott ist gndig und Deine Frbitte, Du Reine, von ihm
erhrt worden. Wir drfen - ich ahne es, - wir drfen noch glcklich seyn! -

                                    Funoten


1 Das dem Musikkenner wohlbewute Lied, welches seine Anfangssylben zu Bildung
der Tonleiter hergab, und in mittelalterlicher Zeit als Mittel gegen die
Heiterkeit gesungen wurde. Ut queant resonare fibris etc.


                                Zehntes Kapitel.

 Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren,
 Und nicht in Dir, Du bleibst noch ewiglich verloren.
                                                             Geistlicher Spruch.

In einer einsam Zelle des Predigerklosters sa Dagobert, die Laute in der Hand,
und sang mit halblauter Stimme ein frommes Lied, zu welchem das schwermthige
Antlitz des Jnglings, wie die klagenden Tne, die er den Saiten entlockte,
passende Begleiter waren. Er berhrte, ganz seinem Tiefsinn hingegeben, da man
schon einigemal leise an die Thre gepocht hatte, bis dem rstigen Klopfer
draussen die Zeit lange wurde, und seine Hand die Klinke ffnete, ohne ferner
ein einladendes Wort von innen zu erwarten. Dagobert staunte, den Hlshofner vor
sich zu sehen; allein, da mit dem Gesichte des Bekannten auch zugleich manche
wohlthuende Erinnerung wieder vor seiner Seele wach wurde, so verzog sich
unwillkrlich sein ernst geschlossener Mund zu einem freundlich bewillkommenden
Lcheln, und er fragte sanft: Ei, alter Freund, wie kommt Dein frhlich
Angesicht in diese Klause? Mich befremdet das, obgleich ich Dich gerne hier
sehe. - Lat mich Euch mit einer andern Frage antworten; entgegnete Gerhard,
der sich ohne weiters neben den jungen Mann setzte: Wie kommt der weiland
frhlichste Geselle in der Wetterau in diese enge Zelle, wo alle Freuden des
Lebens schon vor der Thre Valet nehmen? Traun, ich htte nimmer gedacht, Euch
wieder zu finden, schmal und bla, trotz einem bufertigen Snder, der zur
Seelgerette noch vor seinem Ende in eine Kutte kriechen will, um sich darin in
den Himmel zu stehlen. -
    Deine Vergleichung knnte mich krnken, versetzte Dagobert gelassen, wenn
ich sie nicht Deiner Narrheit zu gut hielte, Freund. - Narr hin, Narr her,
erwiederte Gerhard lchelnd: Lat das gut seyn, Junker. Schon oft hat ein
lustiger Narr durch seine freie Rede mehr Gutes gestiftet, als der hohlugigste
Fastenprediger durch seine abschreckende Tugend. Ihr konntet mich einst wohl
leiden, und dehalb habe ich's, nach meiner Rckkehr von einer lustigen
Rheinfahrt unternommen, Euch auf den Zahn zu fhlen, und meine Meinung zu sagen,
- deutsch und gerade heraus, wie ich mir sie denke. Bei allen Kreuzen und
Dornen! Ihr seyd nicht mehr der Schatten dessen, der Ihr ehemals wart. Und desto
schlimmer ist's, da Ihr Euch selbst zum Schatten machtet. Hui! wie viele Freude
machtet Ihr mir, da Ihr auf dem Wege wart, ein recht ungeschlachter Kapitelherr
zu werden, geistlich aus Zwang, aber rstig bei Jagd und Gelage! Aber nun, da
das Gelbde Eurer Mutter den Stachel verloren hat, und es Euch frei steht, einen
Andern an Eure Stelle zu schieben, nun zieht Ihr freiwillig die Kaputze ber die
Ohren, um darunter ein rechter Tuckmuser zu werden, aus eigner Wahl! Schmt
Euch, zum Frmmler seyd Ihr nicht geboren, und der Friede belohnt niemals solch
widernatrlich Beginnen. - Du schiltst mich unverdient; antwortete Dagobert,
ohne jedoch eine leichte Rthe bezwingen zu knnen, die ber seine bleiche Wange
hinlief: Mein Bewutseyn verheit mir den Frieden, wenn ihn auch diese Mauern
nicht verleihen sollten. Ich habe Ruhe und Glck in meines Vaters Haus
zurckgefhrt. Darinnen, in dieser berzeugung finde ich trstenden Balsam fr
mein ganzes Leben, das jeder andern Blthe tckisch beraubt worden ist. -
    Gerhard lachte wieder und rieb sich mit einer Art von Freude die Hnde. Der
liebe Gott, sprach er, hat mich zur Abwechslung einmal wenigstens im Leben
vernnftiger gemacht, denn Euch. Ich traue kaum meinen Ohren, da ich Euch also
reden hre. Ich begreife aber leicht, warum Herzog Friedrich, Euer Freund und
Gnner, sich so schnell davon gemacht hat. Es thut weh, den Busenfreund verrckt
zu sehen. Ich will mit meiner steifen Zunge die blo an das Vorwrts! Kolbe auf!
Lanze ab! Schlagt zu! Hopp, mein Fuchs! und an das beliebte: Eingeschenkt!
grtentheils gewhnt ist, versuchen, Euch klar und heiter darzustellen, wie Ihr
gehandelt habt. Nrrisch fr's Erste, denn Ihr zieht ohne Noth den Mnch ber
Euern ritterlichen Leib. Der zaundrre Dominik Pflber aus dem Lamprechtglein,
der feiste Henne Wiedling unter den neuen Krmen, beide arme Teufel, die um ein
Stck Geld augenblicklich baarfu gehen, und den Bettelsack umwerfen wrden,
haben Euch um aller Heiligen willen gebeten, ihnen an Eurer Statt zum Himmel zu
verhelfen. Ihr habt's nicht gethan, obgleich Euch beide Schlucker um ein Paar
Pfund Heller feil gewesen wren. - Eitel und thricht handelt Ihr fr's Zweite
Ihr meynt, Ihr habt Glckliche gemacht? O, Ihr irrt Euch sehr. Was Euer
Biedersinn gut gemacht hat, verdirbt Euer verderblicher Dumpfsinn um so
gewisser. Seht Euern Vater an, der nach einem Erben seiner Habe aussieht, und
nur die Wahl hat, seinen Stamm gleich einem unfruchtbaren Baum abdorren zu
sehen, oder Alles seinem Enkel zu berlassen, dessen Anblick ihm, der Mutter
willen, jedesmal einen Stich versetzt, da wo sich die linke Schulterplatte des
Harnisches ffnet. Seht Eure Stiefmutter, die ihr ganzes wiedererworbenes
Lebensglck durch den Gedanken vergllt sieht, Euch, ihren Heiland, unglcklich
zu wissen. Seht den kleinen Johannes, der einst vergebens an der Brust des
liebeleeren Mnchs den Freund suchen wird, zu welchem ihm der beweibte Mann
geworden seyn mte. Seht endlich Euern vterlichen Lehrer Johannes, dessen
Antlitz ber Euer Beginnen von Gram gefurcht ist, der seufzend schweigt, da die
Pflichten seines Standes ihm verbieten, Euch zu ermahnen, demselben nicht
beizutreten. So steht's um das Glck Eurer Angehrigen, und ich will nicht
einmal davon reden, wie mir's ums Herz ist, der ich Euch so viel verdanke, und
wahrlich fr Euch gerne Messe lesen wrde, wenn ich zu dem verdammten Latein
nicht schon gar zu alt wre. Glcklich durch Euer freiwillig Unglck wird nur
der Pater Reinhold, der fr sein Kloster im Trben fischen wird, bei Eurer
Stiefmutter, wird nur der hochnsige Prlat, Euer Ohm, der in Euerm Hause liegt,
wie ein schmarotzender Blutigel, und sich an Euerm Erbe fr den lumpigen
Maierhof zu entschdigen gedenkt, den er einst der bsen Wallrade abgetreten.
Lachen wird nur der Schulthei, der Euch weniger leiden mag, als mein Ro eine
Bremse; sich freuen wird nur der Oberstrichter, der, weil er seinen lderlichen
Sohn in so verdrielichem Handel verlor, Eurem Vater herzlich den Verlust des
seinigen gnnt. O, ich knnte, da ich einmal in Flu gerathen bin, dieses Bild
noch sehr in die Lnge dehnen, aber schon wird meine Zunge trocken, und ich mu
eilen, Euch noch zu guter Letzt vorzurcken, wie unverzeihlich bldsinnig ihr
drittens und schlielich handelt. Ihr sagt, alle Blthen htten Euerm Leben
abgeblht, alle wren Euch tckisch geraubt worden? Donner und Hagel! Ist das
eine Sprache fr einen Mann, oder berredet sich nicht vielmehr also ein krankes
Gemth, eingesperrt in dumpfiger Zelle? Welches Glck vermit Ihr? Den Besitz
einer Jdin, vor der jeder Rechtglubige ein Kreuz schlgt, weil sie ein
Satanskind ist, wenn gleich ein recht feines. Glaubt mir, junges Herrlein, ob
ich gleich nicht gelahrt bin, wie Ihr, durch die Juden ist alles Unglck auf die
Erde gekommen. Wer erschlug den guten Christen Abel? Der abscheuliche
rothkpfige Jude Kain. Wer hat unsern Herrn und Heiland verrathen und verkauft,
den rechtschaffensten Christen seitdem die Welt steht? - Der verfluchte
rothhaarige Jude Ischarioth. Wer hat den wackern Haman aufhngen lassen, und den
ganzen Hofstaat des damaligen rmischen Kaisers Ahasverus? Wer anders als die
abscheuliche Esther, die einen Ohm hatte, zehnmal schlechter als der Eure? Seht,
indem ich also an Alles das denke, was mir in der Jugend der Leutpriester zu
Friedberg eingeblut hat, so dreht sich mir das Herz um bei dem Namen Esther.
Ihr und ich, und die Euern wren nimmer dergestalt in die Trnke gekommen, wren
Ben David der Jude nicht gewesen, und nicht dessen Tochter Esther, an deren
Haupt Ihr die Hrner nicht sehen wollt, wie unter den Fransen ihres Kleides
nicht die Pferdefe. Wit Ihr, woher das kmmt? Weil sie Euch einen Liebestrank
beigebracht hat bei zunehmendem Mond. Wenn sie Euch liebte, warum lie sie sich
nicht taufen? Warum lief sie davon? Eine schne Sippschaft in die Ihr schier
gerathen wrt. Der Vater hngt vielleicht schon irgendwo am lichten Galgen, oder
sucht in der Ferne ein Paar neue Ohren. Der aus den Wolken gefallne Bruder wird
vielleicht in diesem Augenblick als Falschmnzer in kochendem l gesotten, und
das heuchlerische Esterchen ..... Nun, nun! runzelt nur die Stirne nicht also,
und haltet Eure Geduld nur ein klein wenig noch fest. Ich meine es ja nicht so
bse, aber ich denke, der liebe Herrgott wird wenig Freude daran haben, wenn er
Euch vor seinem Altare stehen sieht, im Megewand, den Kelch mit seinem heiligen
Blute in Hnden, und das Bild einer unheiligen Jdin im Herzen! -
    Dagobert unterbrach durch eine heftige Bewegung den Redeflu des
Edelknechts, der in seinem ganzen Leben nicht so viel auf einmal geredet hatte,
und, nachdem er der Freundschaft dieses unerhrte Opfer gebracht, sich
allenthalben und vergebens in der drftigen Zelle nach einem Trunk Wein umsah,
um snen drren Gaumen zu netzen. Wir sind Freunde gewesen, so Du weiter
fortfhrst, altes Sieb! sagte Dagobert heftig, und ein Funke des alten
lebendigen Geistes schlug aus seinen Augen. Beinahe kommt mir der Glaube an,
da man Dich, den wunderlichen Redeknstler, abgesandt, um mich kirre zu machen.
An den unberlegten Worten eines rohen Fechtmeisters soll mein Vorsatz stumpf
werden, der schon Vaters Ermahnungen, den Bitten der Mutter und der Mibilligung
des hochwrdigen Johannes widerstand? Welch ein Mensch wr' ich dann? Du, - Ihr
Alle begreift es nicht, was ich an Esther verloren; Ihr wit nicht, da dieses
Mdchen in seinem Irrthume reiner und heiliger ist, als die frmmste Nonne. Ihr
ahnt nicht den Werth des Kleinods, das von meiner Brust fiel in das tiefste
Meer. Die Welt bietet mir keine Freude mehr; aber diese kleine Zelle, in welcher
ihr Bild zum allererstenmale in mir emporstieg, ist jetzt noch von ihm erfllt,
wird es ewig seyn. Darum will ich selbst der Mutter Schwur erfllen, und nicht
feilen Miethlingen die Sorge berlassen. Htte ich einen Seelenfreund, einen
Blutsverwandten, der aus reiner Anhnglichkeit fr mich das Kreuz auf sich
nehmen wollte, vielleicht htte ich, wenn gleich wider Wunsch und Willen, den
Bitten der ltern willfahrt; aber da dieses nicht war, nicht ist, so ist's
beschlossen, auf immerdar, hier in Abgeschiedenheit die Lust zu genieen,
welcher ich in der Welt entbehren wrde auf ewig! -
    Thor aller Thoren! rief Gerhard aufspringend aus: Ihr redet also, und
drauen lacht der blaue Himmel, rauschen die dichten Zweige, und zwischen ihre
Schatten streut Frau Sonne ihre Goldstrahlen, welche den Saft der Traube kochen,
und im Voraus Jedem Frhlichkeit in's Auge blitzen, wie in's Herz? Wie anders
wrdet Ihr reden, httet Ihr mit mir die heitre Rheinfahrt gemacht auf dem
blankem Wasserspiegel, durch gesegnete Fluren und heitre Stdte; httet Ihr mit
mir erklimmt die Burgen der Freunde, wo es treuen Hndedruck gab, und Sang und
Klang und Berglust; httet Ihr mit mir die Thler besucht, wo aus jeder Htte
ein freundlich Dirnengesicht lacht, von jedem Giebel schier der lustige
Tannenbusch schwankt, und mit Fidel und Schalmei die Erndte gesammelt wird;
httet Ihr mit mir gekostet vom herrlichen Weine, den der Keller des Brgers
aufweisen kann, wie die Gewlbe der Schlsser und das plumpe Fa des Weinbauers!
Kreuz und Dorn! Wer jemals zu Bacharach sa auf dem Stalecker Fels, den Scheitel
mit Reblaub bekrnzt, ein Mdel im Arm, den Pokal in der Hand, und den Blick
weit schweifend ber Strom, Stdte, Schlsser, Berge und Ebenen, - und hat nicht
den Herrn gepriesen unter dem Dache seines prachtvollen Hauses, ... der freilich
hat an der ganzen schnen Welt keine Freude, und mag sich auf den Friedhof
legen, wann es ihm gefllt, ihm zum Nutzen und seinem Nachbar zum Frommen. Aber
das knnt Ihr nicht; das sagt mir Euer glnzendes Auge, das sich aufgethan hat
bei meinen Worten, Eure hochathmende Brust, die sich endlich wieder hebt, wie es
einem jungen Kmpen geziemt, und die Leibfarbe der kecken Jugend, die sich
abermals auf Euerm Gesichte zeigt. Werft sie vollends ab, diese Trauer, diese
unmnnliche Schwermuth. Ich bin ein rauher und derber Geselle, aber weinen
mchte ich, wie ein gepeitschtes Kind, sehe ich Eure angeborne Frhlichkeit in
solch traurigen unnatrlichen Banden liegen. - Dagobert rieb sich die Stirne,
hielt die Hand einen Augenblick auf der Brust, schttelte dann mit
mildwehmthigem Lcheln seine Locken, und des Freundes Hand. Wahrlich, sagte
er: Gerhard! ich htte nicht so viele Anlagen zu einem Snger hinter Dir
gesucht. Deine Worte haben mich um so mehr ergriffen, als ich ihrer aus Deinem
Munde nicht gewrtig war. O, warum sprachst Du nicht blos von dem, was Du
besonders liebst: von Deinem Rosse, Deinen Fechterknsten, Deiner Trinklust und
Deinen Schulden? Ich wre im Geleise geblieben, und das Leben mir noch
abgestandner erschienen, denn zuvor, aber wie ein Zauber hat Deine Rede auf mich
gewirkt. Seit Wochen schon glaubte ich, mit mir fertig geworden zu seyn. Indem
ich das Vaterhaus verlie, und wieder zu dieser Zelle zog, dachte ich die ganze
Welt dahinten gelassen zu haben, aber nun war mir es pltzlich, als mte ich
mindestens noch einmal hinaus in die weite Schpfung, und noch einmal ihr ganzes
Bild in meine Augen ziehen, um sie dann auf ewig in Klosternacht zu schlieen.
Der alte Muth hat angeklopft in meiner Brust; der alte Frohsinn lftete meine
Stirn, und wenn auch gleich diese herrliche entzckende Bewegung nicht zur That
werden darf, so habe Dank dafr, Du gute treue Seele. Gehrte mein die
Jakobskirche zu Compostell mit all ihren Kronen und Schtzen, - wren mein die
Kleinodien des Reichs, - Dein mten sie werden fr das Hochgefhl dieses
Augenblicks. - Seht Ihr wohl, wie Ihr schwrmt! lchelte Gerhard zufrieden:
Die Kronen des heiligen Jakob, wie unsers Herrn und Kaisers wolltet Ihr
hinwerfen um den Schatten dessen, was Euch die Wirklichkeit umsonst bietet, und
eine Grille nur verhindert anzunehmen! Ich schenke Euch indessen meinen Lohn
nicht, und Ihr werdet, statt mir Silber und Gold zu schenken, mir etwas zu Liebe
thun.
    Sprich! entgegnete Dagobert mitrauisch. - Thut einen einzigen Schritt
noch zurck in die Welt, der Ihr Valet zu sagen denkt; sprach Gerhard:
erheitert noch fr einen Augenblick das Haus Euers Vaters. Er feiert heute den
Jahrstag seiner Vermhlung, und - ich darf's nicht lugnen, - er, der ehedem nie
gute Freundschaft mit mir hielt, er hat mich aufgesucht, und mich gebeten, auf
meine Weise zu versuchen, was nicht seinem Munde und nicht dem Munde Frau
Margarethens gelingen mochte. - Dagobert schwieg erschttert; dann sagte er,
den Kopf schttelnd: Dieser Gang wird mir weh thun; denn alle Proben meiner
Standhaftigkeit werden sich verdoppelt erneuern. - Ei, so zeigt Euch doppelt
standhaft; versetzte mit gutmthigem Scherz der Edelknecht: kommt aber mit
mir; noch ehe der Pfrtner das Kloster schliet, bringe ich Euch frei und frank
hieher zurck, und Ihr mgt Euch meinentwegen Morgen schon die Platte scheeren
lassen. Aber heute seyd noch einmal den Euern; heute fehlt nicht in Eurer Eltern
Mitte; denn nicht froh wrden sie seyn, sagten sie, wenn der Schutzgeist ihres
Glcks unter ihnen fehlte. Darum, wollet nicht des Tages Freudenwein durch Eure
halsstarrige Weigerung in Wermuth verkehren. Es gibt ja in dem Ehestand. Galle
genug durch's ganze brige Jahr.
    Dagobert's Augen wurden feucht; seine Blicke flogen gen Himmel und mit einem
freundlichen: Keinen Wermuth in den Becher meiner ltern! ergriff er das
Barett, die Hand des Freundes und verlie mit ihm schneller, als dieser es
gedacht hatte, das Haus des heiligen Dominikus, um seinen ltern festliche
Wohnung einmal, das Letztemal - dachte er - vor seiner Einkleidung zu betreten.
- Wie wurde ihm zu Muthe, da er dieses Haus wieder sah, geschmckt mit der alten
gediegenen Pracht, die nur bei den feierlichsten Anlssen hervorgeholt wrde aus
den bergenden Schreinen. Schon die Flur, die Treppe verkndete Festlichkeit, und
aus den Mienen der, dem Sohne des Hauses entgegeneilend Diener leuchtete das
Behagen, den willkommensten Gast, zu empfangen. Der alte Diether, von der guten
Botschaft erfreut, umarmte den Sohn auf der letzten Treppenstufe, und Frau
Margarethe trug in ihren zarten Hnden den aus silbernen Mnzen kunstfertig
zusammengefgten Pokal herbei, um ihn, mit duftendem Weine gefllt, dem lieben
Dagobert zu kredenzen.
    O, meine ltern! sprach der berraschte und gerhrte Jngling, ihre
Liebkosungen dankbar vergeltend, ... wie macht Ihr mir es doch so schwer,
dieses Haus wieder zu betreten, da ich es ja doch wieder meiden mu? Aber Euers
Vermhlungsfestes Jahrstag, der zugleich meiner wackern Mutter Geburtstag ist,
forderte meine Gegenwart, obgleich noch in diesen unheiligen Kleidern dabei
erscheinen mu.
    Vor dem Herrn ist der reine unbescholtne Sinn das hochzeitlichste Gewand,
sprach dagegen der Predigermnch Johannes, der, Wallradens Shnlein an der Hand,
zu den Umschlungenen trat: Ein drolliger Schalk hat Dich der Klause entlockt,
guter Dagobert, in welcher ich Dich ungerne sah. Mge ein guter Engel es fgen,
da Du nicht mehr dahin zurckkehrest. - Der junge Mann sah ihn betroffen an.
Whrend dessen aber ergriff Diether ihn bei der Hand und fhrte ihn in die Stube
ein, um deren Tafel ein bunter Kranz frhlicher Gste sich reihte. Die Mnner,
grtentheils nahe Freunde des Hauses, begrten den Sohn mit dem gewichtigen
Handschlage; die geladenen Frauen mit sittiger Kopfneigung, und er rieb sich
verwundert die Augen, als ihn der Vater zu seiner Rechten setzte, und er in
seinen Nachbarinnen die Edelfrau von Drning und ihre anmuthige Tochter Regina
erkannte. Beide Frauen, seine berraschung gewahrend, theilten sie
gewissermaen, in einer Befangenheit verharrend, die sich in Mutter und Tochter
gleich aussprach, obschon von verschiedenen Beweggrnden erzeugt. Ihr staunt,
ehrsamer Junker, begann endlich die Edelfrau, Ihr staunt, uns hier
anzutreffen. Allein die Ursache, da wir seit kurzer Frist in diesem Hause fast
heimisch geworden, ist zugleich die Ursache der Beschmung, die mir es schier
verwehrt, ohne Rckhalt mit Euch zu reden. Es ziemt jedoch dem Fehlenden, zuerst
den Mund zum Vergleiche aufzuthun. So mag ich Euch denn nicht bergen, da mir
schon lange in der Seele leid gethan, was ich damals in bitterm ungerechten
Verdachte Euch gesagt vor unserm Scheiden. Meine Regina, die kein Geheimni mehr
vor ihrer Mutter hat, hat mir erklrt, wie die Dinge zusammenhingen und wie
ehrenwerth Euer Schmerz um Esther, wie rein Euer Verhltni zu Regina gewesen.
Glaubt mir, da ich einen Anla herbeiwnschte, um gut machen zu knnen, was ich
verbrach, und wider Vermuthen fand sich dieser. Da Eure berhand nehmende
Schwermuth Euch gewaltsam aus dem Hause Eurer ltern ri, so wurde der Sinn
Euers Vaters also erweicht, da er seine Habe darum gegeben htte, Esther wieder
aufzufinden und in Eure Arme selbst zu fhren, wofern sie nur zum Bund der
wahren Kirche treten wollte. In dem Bemhen seiner Vatersorge wendete er sich
auch an mich, ob ich denn von keiner Spur des Mdchens je gehrt. Leider mute
ich verneinen. Diese Zuflligkeit jedoch hat uns mit den Euern bekannt gemacht
und mich veranlat, der Einladung Eurer Mutter zu dem heutigen Tage
nachzukommen, weil ich mir die Mglichkeit dachte, vielleicht Euch sehen und von
Munde zu Munde sagen zu knnen, da ich herzlich meinen Argwohn gegen Euch
bereue, und Euch um Vergebung bitte. - Ich mte wohl jetzo ein recht
hartherziger unvershnlicher Feind seyn, entgegnete Dagobert lchelnd, um
solche Bitten aus hochgeehrtem Munde tagelang mir wiederholen zu lassen. Leider
aber erfordert mein zuknftiger Stand Friedensliebe und Vershnlichkeit, und
somit ertheile ich Euch, edle Frau, von Herzen die gewnschte Absolution, ob
mich gleich noch nicht die Weihe des Bischofs dazu befugt hat. - Also ist es
doch wahr? fragte Regina ein wenig vorschnell und ein wenig erschrocken: Ihr
wolltet wirklich in's Kloster gehen, edler Junkherr? einen weien Rock anlegen,
wie der lange Mnch dort, der Euch immer so freundlich anlchelt? Thut das ja
nicht, Herr. Das ritterliche Kleid steht Euch viel besser an, und Ihr seyd fr
das Kloster viel zu ... viel zu jung.
    Ei, Regina! unterbrach die Mutter die Stockende mit verweisendem Blicke:
Was soll das heien, was soll der Junker von Deiner Frmmigkeit halten, wenn Du
also unehrerbietig von den heiligen Klstern sprichst? - Eure Tochter hat
selbst die Frmmigkeit einer Heiligen, versetzte Dagobert: Diese bindet sich
nicht an ein Kloster oder einen Wallfahrtsort, sondern an den lieben Herrgott
selbst, und die Seinen. Rechtet aber mit der heiligen Kirche dehalb nicht, mein
Frulein. Dringt gleich der feiste Herr dort oben, mein Ohm, der Prlat, auf
meinen Profe, fordert ihn gleich der wrdige Herr Dechant, - derselbe, der so
eben nach der Pfeffertunke langt, als eine unerlliche und unaufschiebbare
Pflicht, .... so zwingen mich doch die Genannten nicht, und nicht der Bischof,
und nicht der heilige Vater sammt dem Concilium: mein Wille thuts, und meines
Herzens Gefhl. - Das ist traurig; sprach Regina niedergeschlagen, und lie
das Haupt sinken: Ich glaubte Euch nicht, als Ihr damals bei der Forsthtte den
Vorsatz ausspracht, in Zukunft einsam in der Welt zu leben. Aber ich sehe, da
Ihr bittern Ernst macht, denn Ihr httet wohl sonst nicht eigensinnig Alle die
zurckgewiesen, die fr Euch der Mutter Eid lsen wollten. -
    Ich verabscheue den Beter um Sold, entgegnete Dagobert kurz, und besitze
auf der Welt kein Freundesherz, das freiwillig, nur um meinetwillen fr mich
eintrte. -
    Nicht? fragte rasch Regina, und ihre Augen blitzten auf, so schnell als
ihre Lippen weiter sprachen: Wie aber, wenn ich den Schleier nhme, um Euch zu
lsen?
    Dagobert schwieg berrascht und bestrzt. Sein Blick, der verwundert dem
Blicke Reginens begegnete, flog pltzlich vor diesem zu Boden, und sein Mund
wute kein Wort zu bilden, um so mehr, als Regina in ihrer kindlichen
Unbefangenheit weiter plauderte: Lat mich doch immerhin, Mtterlein. Ob Ihr
mich am Gewande zupft, oder mit dem Ellbogen tippt, es ist ja doch wahr. Von
dieser Tafel ginge ich zum Kloster, wenn es dem Junker frommen mchte, - und
nimmer, .... ach mein Gott, gewi nimmer wrd' es mich gereuen. - Die Edelfrau
warf einen halb lchelnden, halb mibilligenden Blick auf Reginen, die das von
stolzer Zufriedenheit strahlende Antlitz hoch emporhielt, und Dagobert konnte
nur, von seltsamen Gefhlen befangen, erwiedern: Um die Rosen Eurer Jugend wre
es Schade, mein liebliches Frulein. Solcher Liebreiz ist zu gut fr's Kloster.
Seyd indessen bedankt, da Ihr mir ein theilnehmend Herz erschlossen, fgte er
nach kurzem Schweigen hinzu: Das Bewutseyn, von Euch bemitleidet zu werden,
soll der Engel seyn, der nimmer von mir weichen darf in meinem vom Schicksal
erlesenen, freiwillig gewhlten Kerker. - Ist das die Rede eines jungen
Deutschen? fragte Diether, der die letzten Worte des Gesprchs vernommen hatte:
Ist das eines jungen Reichsstdters, eines Altbrgers Sprache? O, mein Sohn,
wie schmerzlich betrbst Du Deinen Vater. Bedenke: mein Gewissen, - das des
greisen Mannes ist ruhig geworden, da alle Zweifel beseitigt wurden, und der
heilige Vater Dir die Wahl freigestellt, und Dein Starrsinn verschmht die Huld
der Kirche. -
    Dagobert erwiederte einige Worte der Beruhigung, und versuchte, dem Vater
vorzustellen, da er weniger in ohnmchtigem Groll gegen das Schicksal handle,
als nach innigem Pflichtgefhl. Diether schttelte unglubig den Kopf, und
versank in jenes Zuhren, das nur das Ohr in Anspruch nimmt, ohne den Verstand
zu berzeugen. Pltzlich wurden aber seine Zge lebhafter; Frau Margarethe, die,
den Schlsselbund an der Seite, als geschftige Hauswirthin um die Tafel ging,
gab ihrem Gemahl einen Wink mit den Augen, und deutete verstohlen auf die Thre
des Nebengemachs. Sieh, wie unsere Gste froh sind! sprach Diether, Dagobert's
Hand fassend: Die zahlreichen Trinksprche, die der Hlshofen ausgebracht,
haben die Kpfe erhitzt, und der Mund geht ber in raschem Gesprchsel. Die
Frauen sind nicht minder lebendig geworden, und schmausen plaudernd die
venedischen Mandeln und Weinbeeren, die in Flle vor ihnen stehen. Alles ist
froh bei diesem Doppelfeste, an welchem ich Deiner Mutter ersten Lebenstag
feiere, wie meinen zweiten Hochzeitstag, damit Jedermann sehe, da ich meiner
Frauen Unschuld erkannt, und sie wieder aufgenommen habe, in mein Herz, in meine
Arme. La mich dieser Feier eine dritte Bedeutung hinzufgen: lasse sie auch das
Fest Deiner Befreiung seyn. Komm mit mir, mein Sohn. Die Mnner vermissen nicht
den Wirth, die Frauen nicht die Hausfrau; uns bleiben einige Augenblicke. O, da
sie gnstig whren fr uns, wie fr Dich! - Er zog, rasch aufstehend, seinen
Sohn schnell mit sich in's Nebenzimmer, wohin auch Frau Margarethe folgte.
Dagobert, der nicht wute, wie ihm geschah, und was alles dieses zu bedeuten
haben mchte, prallte an der Thre vor Erstaunen zurck, da er im Hintergrunde
des Gemachs auf einem Lehnsessel ruhend, eine bleiche Frauengestalt erblickte,
deren Gesichtszge man frher genau gekannt haben mute, um in ihnen diejenigen
der, ehemals so reizenden, Wallrade wieder zu finden, Von Diether's, wie von
Dagobert's Anblick bewegt, erhob sich die Jammergestalt, untersttzt von der
hlfreichen Oberin des Weifrauenklosters, die mit der Freundin gekommen war,
und streckte die Hnde dem Vater entgegen. Endlich sehe ich Euch wieder, mein
Vater; sprach sie mit annoch sehr schwacher Stimme: Nachdem Eure Hnde segnend
mein Haupt berhrt hatten, da ich noch im Todeskampfe zu ringen schien, entzogt
Ihr mir Euern Anblick, und die Kunde meiner Wiedergenesung entfernte Euch von
mir, denn Ihr fhltet Euch nur stark genug, der Sterbenden, nicht der Lebenden
zu verzeihen. Ich murrte nicht gegen Euern Entschlu; ich habe Euern Zorn
verschuldet. Aber zrnt mir nicht, da ich nach einem Mittel forschte, Euern
Unwillen zu mildern. Frau Margarethe, die gute Frau, die ich bisher schmhlich
mikannt, und die mein Krankenlager bis auf den heutigen Tag umgeben hat, wie
ein helfendes Engelsbild, zollte meinem Vorsatze Beifall, und ermuthigte mich,
zu Euern Fen mich zu werfen, da ich Vergebung erhalten mge. - Der gerhrte
Vater hinderte Wallradens Kniebeugung, und ermahnte sie liebevoll, auf ihrem
Sessel zu verbleiben, und nicht ihm, der schon von Allem wisse, sondern dem
Bruder zu verknden, was sie, von Gott erleuchtet, beschlossen habe, und bereit
sey, zu vollfhren. - Erwartungsvoll sah Dagobert auf die entstellte Schwester,
die, wie ein Bild des Leides ihn eine kleine Weile stumm betrachtete, und
nachdem die in ihrem Antlitz aufgestiegnen dstern Schatten verdmmert waren,
also begann mit langsamen Worten aber vernehmlicher Stimme: Obgleich, mein
Bruder Dagobert, eine Mutter uns gebar, so haben wir uns dennoch nie geliebt,
und es wird einst dort oben zur Sprache kommen, wessen Schuld es gewesen.
Indessen hat mein unglckselig Geschick mir durch die Schreckensthat, die an mir
verbt worden, den Fingerzeig gegeben, da man noch hienieden selbst die Hand
zum Frieden und zum Guten bieten msse, weil die Zeit verinnt, und schnell
herbeikmmt der Tod. Verzeihe mir daher, mein Bruder, so ich Dich beleidigt. -
    Auf Deinem Schmerzenslager habe ich Dir vergeben, Dich gesegnet;
erwiederte Dagobert: ich kenne keinen Groll mehr gegen Dich. - So nimm auch
ein Geschenk von mir; fuhr Wallrade fort. - Was Deine Liebe mir zugedenkt;
entgegnete Dagobert: mein sey es, und ich will Dir's danken, als ein Pfand
unsers Geschwisterbundes.
    Du schwrst mir, da Du nichts verschmhst, es sey auch noch so drftig und
gering, oder noch so kstlich und begehrenswerth? - Ich schwr' Dir's zu,
Schwester; antwortete Dagobert rasch, und ber die Gesichter aller Anwesenden
ging die Sonne der Freude auf. - So empfange von mir Deine Freiheit; sprach
gewichtig und betonend Wallrade: Unser Vater verzweifle nicht kinderlos. Bleibe
Du ihm, da sein lieberer Sohn ihm starb. Des Papstes Brief lt zu, da Mann
oder Weib Deine Stelle im Chor vertrete. Ich thue das Gelbde an Deiner Statt,
und lse also das Deiner Mutter, die auch die meinige war. - Das hatte Dagobert
nicht gedacht; unberlegt hatte er sich in der Betheuerung fangen lassen, und
suchte nun auf Wallradens Stirne zu erforschen, ob Wahrheit, ob Lge sie sprach.
Wallradens Antlitz blieb sich jedoch gleich, als wie aus Stein geformt, und
dankend umarmte sie Margarethe, und dankend schttelte ihr der Vater die Hand,
obgleich der Eltern Brust erbebt hatte unter der schonungslosen Berhrung des
Absterbens ihres kleinen Johannes. Dagobert allein sah lange stumm vor sich hin,
und reichte hierauf ziemlich khl und verstimmt ebenfalls der Schwester seine
Rechte. - Ich will wohl glauben, sprach er, da das Vergangene Dein Herz
gewendet, Schwester. Ein Erdsto strzt ja auch Felsen ein. Allein, die Art, wie
Du das Gute thust, ist ganz der Schlangenlist hnlich, die Dich frherhin
beseelt. Du hast mich in einer Schlinge gefangen, und zerstrst grausam das
Gebude eines wehmthig stillen Einsiedlerglcks, da sich meine Einbildung in
die Zukunft hinein, aus der Welt hinaus gebaut hatte. Ich mte nicht ein Mann
seyn, dem sein Wort heilig ist, ich mte nicht die Freudenthrnen meines
Vaters, meiner zweiten Mutter sehen, wenn ich lnger unerbittlich bleiben
sollte. In Gottesnamen denn! geh' hin an meiner Statt, und diene dem Herrn, aber
diene ihm ohne Falsch, mit redlichem Herzen. Erwarte aber keinen Dank von mir,
denn ihr Alle, die ihr mich liebt, ihr raubt mir die Ruhe, die ich hoffte, und
schleudert mich als Beute hin dem Strudel eines unruhvollen Lebens, auf dessen
schnsten Fluren mir dennoch ewig das Schnste fehlen wird. - Nicht wie einer,
dem eine wohlthtige Hand die unverdienten Ketten abgenommen, - nein; - wie ein
Knecht, den tyrannische Gewalt erst auf die Ruderbank gezwungen, ging er zu der
Versammlung zurck. - Kehrt Euch nicht an den Sonderling, Wallrade! sprach zu
dieser entschuldigend Margarethe: Wir achten oft eine Wohlthat gering, die wir
nachher nicht hoch genug zu schtzen vermgen. -
    Lat das, liebe Frau; erwiederte Wallrade kalt: Nicht ihm zum Guten,
sondern mir zu Liebe thue ich das, was ihm mifllt. Mein Gewerbe ist jetzo hier
vollendet, darum, Vater, bitt' ich um ein trstend Aschiedswort, und sag' Euch
Lebewohl. -
    Wie? fragte Diether besorgt: Schon willst Du scheiden? nicht den Freunden
unsers Hauses diejenige zeigen, deren Aufopferung mir den Erben erhlt? - Wo
denkt Ihr hin, Vater? fragte Wallrade bitter lchend entgegen: Mein
abgezehrtes Antlitz taugt nicht in den Kreis der Frhlichen. Ihre Blicke, ihr
Flstern, ihr Achselzucken wrde mir den Tod geben. Ich gehe zu meiner Zelle
zurck. - Aber, Wallrade, - redete Margarethe sanft in ihr Ohr: wollt Ihr
nicht wenigstens den Knaben sehen, der Euch angehrt? Euern Johannes? - Da fuhr
Wallrade empor, und scho einen Blick auf Margarethen, da diese zusammenfuhr,
denn alle Flammen einer auflodernden Hlle sprhten daraus ihre Funken. Dabei
schttelte sie heftig den Kopf, und rief aus gepreter Brust: Nein! nein!
nimmer! in Ewigkeit nicht! -
    Whrend sie bei diesen Worten den Schleier rasch zusammenzog, da er
gnzlich verhllend herabfiel ber die drohende Gestalt, und das noch drohendere
Antlitz, fate Margarethe den staunenden Diether bei der Hand, und zog ihn
hinweg aus der Thre. O kommt! flsterte sie: Ich frchte mich. Gewi hat sie
sich nicht ganz gebessert, denn unmglich kennt ein Mutterherz solche Hrte und
Grausamkeit, hat es die Snde nicht versteinert, -
    Eben so kopfschttelnd, als Diether seiner Gattin folgte, also blickte die
Oberin Walburg, die Freundin an, da sie zusammen zum Kloster gekehrt waren.
Erklre mir doch das grte Rthsel, sprach sie mit forschendem Auge.
Wallrade erklre Dich selbst; denn ich hre auf, Dich zu begreifen. Wo ist die
Weichheit hin, die unter bitterm Leiden Deine Stirn verklrte, und jedes Deiner
Worte in Honigseim tauchte? Wohin die Liebe, die Du damals fr den Sohn
aussprachst, den Du mihandelt? Welche Wendung nahm der Auftritt heute in Deines
Vaters Hause? Die gottgeweihte Magd, - die, die sich selbst hingibt, um Andrer
Willen, zum Shn- und Lseopfer, - in Dir habe ich sie nicht erkannt. Deine
Liebe scheint von Erz zu seyn, die Wohlthaten, die Du spendest, - obgleich
ungezwungen und freiwillig, - sie erwecken Grauen. Mir selbst erscheinen sie,
wie verhngnivolle Gaben, die das Verderben unter angenehmer Hlle bergen, und
fast mchte ich lieber der Knabe seyn, den Du so unmtterlich verwirfst, als zu
Jenen gehren, die sich Deiner Liebe erfreuen, wie die, welche wir verlassen
haben. - Wallrade lchelte hierauf nachdenklich und arg, und versetzte
unbefangen: Der Geist, mit dem wir in's Leben traten, begleitet uns auch bis
zum Grabe, und ist unterthan dem Krper, obgleich dieser nur ein Leib aus Staub
und Asche ist. Sind unsre Glieder schwach, so erlahmt auch Wille und That. Sind
sie stark, so erstarkt auch unsre Seele. Daraus erklre Dir selbst, meine
Freundin, die mich schon seit meiner frhsten Jugend kannte, wie ich in meinem
Siechthum so ganz anders reden und handeln konnte, als ich frher that, und
ferner thue und reden werde. An den Pforten des Todes war ich nicht mehr
Wallrade, - nur ein zur Grube taumelndes, irrdisch, schwaches Weib. Aber, so wie
die Krfte wuchsen, so kam auch der alte Geist wieder zurck, und obgleich noch
nicht vllig hergestellt, so spre ich doch die ehemaligen Gefhle wieder die
Flgel regen, und ich werde seyn wie ehemals. - Du wirst mir unerklrbarer;
schaltete Walburg ein: Du, wie ehemals? Du, mit Deinem Hange zu den Freuden der
Auenwelt, willst in ein Kloster Dich verkriechen, und dennoch seyn wie
ehemals? -
    Glaube mir, antwortete Wallrade. Der elende Mrder hat mich nicht zum
Tode getroffen, aber an seinem Eisen blieb die Blthe meines Lebens. Weg aus der
Welt mit der Unvermhlten, deren Rosenwangen und Krperschnheit zu Grabe ging.
Dem schnen Weibe gehrt die Welt mit ihren Knigen und Helden; der Verblichenen
ein Altar und hinter demselben ein sptes Grab. Und ich vollends .... ich,
bermannt von der Last von Vorwrfen, die die Welt auf mich geschleudert, weil
bse Zuflle und ein tckisches Geschick mich zu Boden warfen; ... ich sollte
wieder hinaustreten in diese Welt? Nimmermehr! Ich werfe mich in die Arme der
Kirche, - doch nicht als reuige, bufertige Snderin: eher wrd' ich sterben.
Aber segnen, benedeien mssen mich noch diejenigen, die ich hasse, und bis zum
Grabe hassen werde. Die Hand mssen sie noch kssen, die sie zchtigt, und laut
ausrufen: Sie ist unsere Wohlthterin geworden! Wir haben sie verkannt. Indem
ich mich also aufopfere fr das Beste dieses Bruders, so bereite ich mir einen
Heiligenschein, und jenen in der Brust eine glimmende Hlle. Bleibt Dagobert im
Vaterhause, so baut des Argwohns Schlange wieder dort ihr schwer zerstrbares
Nest, Eifersucht und Trug werden dort wieder heimisch, und Dagobert selbst, der
in seiner Schwrmerei im Kloster glcklich geworden wre, wird der
Unglcklichste der Sterblichen. Durch diesen Schritt werfe ich dem Prlaten, der
sein frheres Wohlseyn nicht benutzt hat, wieder den Maierhof zurck, den er mir
einstens berlassen; und mich ergtzt's, da er, der mich an alle Frsten
verkauft haben wrde, um seinen Beutel zu fllen, jetzo mir ein drftiges
Almosen danken mu. Die nichtswrdige Frucht meiner Ehe mit dem von der Rhn
weise ich somit gnzlich an die Mildthtigkeit der Blutsfreunde, und bin freier
in meinem Kloster, als ich es vielleicht jemals auer demselben war, lebe meiner
Behaglichkeit, und der Hoffnung auf schwere Rache an allen meinen Feinden. -
Hr' auf! bat Walburg: mir zittern die Glieder, so ich Dich anhre. -
Meiner Freundschaft verdanckst Du diese seltne Aufrichtigkeit; entgegnete
Wallrade ernst: von Deiner Freundschaft hingegen erwarte ich Geduld,
Verschwiegenheit und ehrliche Behandlung. Eine andre Lebensfrist beginnt hierin
fr mich. Herab vom Himmel will ich Rache flehen, und wie die Ritterdame vom
Sllen einem Turniere, so aus dem Klosterfenster ruhig dem Wirrsal zusehen, das
ein unbeugsam Geschick ber meine Feinde verhngen wird; ... und somit,
Freundin, Oberin, la die Kirche schmcken zum Empfange einer neuen Braut, raube
mir die Locken, in welchen sich schon manch Gewaltiger hing, ziere mich mit dem
Kranze, und dann: Salve Regina! -

                                Elftes Kapitel.


                Die weite Stadt fat nicht die Zahl der Gste, .....
                                                                       Schiller.

So sehr lieblich auch der Lenz gewesen war, so stellte sich doch der Sommer ein,
als ein glhender Gast, der Fluren und Matten versengte, Bche austrocknete, und
den verschmachtenden Menschen und Pflanzen kaum einige khle Nachtstunden zur
Erholung gnnte. Indessen, je mehr er andauerte, je mehr lie er wieder nach,
von seiner brennenden Strenge, und ein heiterer gewitterleerer Sptsommer
entschdigte fr des Augustmonats entsetzliche Hitze. Darum strmten auch, wie
neubelebt, aus allen Gegenden des Vaterlandes und der Fremde, zahlreiche
Schaaren zu der alten Herbstmesse, die zu Frankfurt wieder eingelutet wurde,
und sie versprach, weit glnzender zu werden, als in vielen vergangenen Jahren.
Die Zge der Kaufherren, die nach einander unterm Geleite der Reichsstadt, des
Erzbischofs von Mainz und des Pfalzgrafen bei Rhein eintrafen, berboten sich an
Zahl und Reichthum. Nicht blo die Stdte am mchtigen Rheinstrome, von Basel
beginnend bis gen Cln, sandten ihre besten Handelswaren, nicht aus dem reichen
Nrnberg und Augsburg, oder aus den gewerbfleiigen Niederlanden allein eilten
die Frsten des Handels herzu, sondern auch aus weit entlegnern Landen fanden
sich Kufer und Verkufer ein. Wlschlands Werkherren, die Gevertschen aus der
Lombardei, und die Wechsler aus Burgund, die Stahlarbeiter und Wollentuchhndler
aus Engelland, die Pelzverkufer aus den nrdlichen Reichen, dem fernen Polen,
und dem noch fernern Reuenland, der mchtigen Stadt Neugart, fllten die
Gewlbe Frankfurts mit ihren Waaren, und genossen freundliche Aufnahme in der
von Menschen aller Vlker wimmelnden Stadt. Bis unter die Lucken der Dcher
lebte und webte jedes Haus, und dennoch schien die Zahl der Gebude zu klein, um
all die Gste zu fassen, denn auf dem Fischer- und Klapperfelde standen Lager
von lustigen Zelten, und auf den Gassen drngte sich unaufhrlich ein rastlos
tobendes Menschenmeer. Stolzer als sonst wohl, sah nun jeder Frankfurter Brger
aus seinem Fenster in das Gewhl vor demselben, und pries glcklich sich und
seine Heimath, auf deren Markt das fernste Ausland seine Erzeugnisse brachte,
und sein klingend Geld, oder seine gltigen Wechselbriefe. Durch alle Thore
rollte der Seegen des Handels, durch alle Pforten zogen heitre Menschen mit
lebenslustiger Stirne und schwergeflltem Beutel; den Mainstrom herab kamen die
berfllten Marktschiffe aus Franken unterm Knall der zum Jubel losgebrannten
Donnerbchsen und dem Gesange der Mannschaft; den Strom herauf zu Berg steuerten
die reichbeladenen Fahrzeuge vom Neckar und vom Rhein. Und welche Frhlichkeit
entfaltete ihr Panier, fanden sich in der weiten Stadt Landsleute zu
Landsleuten, Bekannte zu Bekannten. Die Glockenschlge und Trompeterstcklein,
die vom Thurme den Ankmmlingen entgegenschallten, stimmten zur Freude, denn nun
war sie ja berstanden, die gefahrvolle Reise, auf welcher schon manch
Unglcklicher Leben und Habe verlor, unter den Mordklauen des ruberischen
Gelichters, das Heerstrae, wie Strom unsicher machte. Nun befanden sich ja die
sicher Geleiteten unter dem Schutze eines wohlgeordneten Gemeinwesens, hinter
schirmenden Mauern, und im Schooe geregelter Gesetze, die den Mefremden gar
gnstig waren, und insonderheitlich keiner Freude wehrten. Darum schwang sich
auch das Rad des ernsten und eifrigen Gewerbes scheinbar leicht wie das Spielrad
einer Knabenmhle; die Wichtigkeit des Geschfts gewann den Anstrich eines
sorgenlosen Tauschvertrags, und ber den dstersten angeflltesten Gewlben und
seinen emsigen Dienern und Schreibern wehte die Wimpel der Heiterkeit. - Welch
ein reges Leben in allen Theilen der Stadt, und lngs dem Flusse, wo sowohl die
zweckmigste Lage, als auch Gewohnheit die Hauptsammelpltze der Kaufmannschaft
geordnet haben. Still und besonnen treiben die Tuchhndler aus den flandrischen
Stdten, die reichen Antwerper, die stolzen Genter und die verschmitzten Herren
von Brgge ihr Werk, ohne viel Gerusch, aber mit sicherer Geschftigkeit. Neben
ihren Niederlagen preisen die Schleierhndler von Straburg den vorberziehenden
Frauen ihre dnne und kstliche Waare, sammt den Gold- und Silberspitzen, die
sie lockend und prahlend zugleich am hellen Sonnenlichte durch die feinen Finger
gleiten lassen. - Whrend auf der Schwelle einer einladenden Weinschenke feurig
glhende Weinhndler aus dem Elsa den Kauflustigen das duftende l ihrer Fsser
rhmen, und mit Schwank und Scherz ihren Handel richtig zu machen suchen, rufen
an ihrer Seite die Kaufleute vom Rhein ihre Hte und Handschuhe zum Verkauf, und
nicht fern davon die Schweizerhndler in ihrer rauhen Mundart die Teppiche und
Zeuge von seltner Gte, die sie aus ihren Bergen zu Markte bringen. In der Bude
des Bhmen klingelt die zerbrechliche Glaswaare, wie in des Steuermrkers Laden
das dauernde Eisen rasselt. Gegenber jedoch wiegt der kluge Kaufherr aus
Sachsen schweigend und bedchtig die Silberstangen, um welche die Mnzwardeine
und der Silberschmiede gelehrte Schaar prfend steht; nicht minder vermit
nebenan der Ulmer seine schne Leinwand mit geruschloser Fertigkeit, und spart
die freundlichen Worte nicht, um die ehrsamen Hausfrauen, die sein Gewlbe
fllen, zu seinem Vortheil zu stimmen. Mag immerhin der Krmer aus Pisa oder
Lukka aus vollem Halse sein Gewrz, seine wohlriechenden Salben ausschreien, ...
lchelnd und still erwartend lehnen unfern die Kaufleute der Hansee an ihren
Ladenthren, durch welche blankes Schiegewehr, kstliche Nordfelle auf die
Strae sehen. Des Zuspruchs holder Frauen sind die schweigsamen Mnner nicht
gewrtig, ausgenommen vielleicht die Verkufer der gesalzenen und getrockneten
Seefische, und nur Mnner suchen in diesen entlegenen Buden und Kellern ernstere
Waare, die Metalle und Erze des Nordens, das gefhrliche Pulver, die schweren
Brandweine in den ungeheuren Tonnen. Hier vorber geht es aber wieder in das
dicke Gewhl des Gewerbes hinein. Die langen Reihen von Fssern, die aus
Thringen herbeigeschafft werden, und Pech, Theer und Kienru enthalten, ziehen
das Volk der Schiffer an; die Frber und Wollenhndler strmen dagegen zu den
Niederlagen der Erfurter, welche den nicht genug herbeizuschaffenden Waid
feilbieten. Hier spielen die Waidtrger mit ihren Krben und Tragen den Herrn
und Meister; die Messerschmiede, eine unhfliche Zunft, schlieen sich mit ihren
Kramstellen an die Thringer, an diese die Holzwaaren- und Messinghndler von
Nrnberg, die Seidenweber von Augsburg, und berall dieselbe Regsamkeit,
allenthalben derselbe Eifer, von dem Lehrjungen an, der auf eine Kiste das
Zeichen seines Kauf- und Lehrherren pinselt, bis zu dem Ostfriesen, der vor
Rittern und Herren die ausgesuchten Rosse tummelt, die er auf den bedeutenden
Markt gebracht. - Doch nicht allein fr das Ntzlichste ist allenthalben im
berflu gesorgt, ... auch das Lustige und das Seltsame will sein Recht
behaupten. Nicht im Handel und Wandel allein sollen die Beutel geleert und
gefllt werden; das abenteuernde Volk der Kunst will auch, da man der Thorheit
seinen Zoll entrichte, und an Wunderlichkeiten der Natur nicht ohne Spende
vorbergehe, .. besondere Geschicklichkeit nicht unbelohnt lasse. Hat die
Handelwelt ihre Throne auf dem Rmerberg, im Saalhofe und am Ufer des Mainstroms
errichtet, so baut dagegen die Kunst, die sich zur Schau stellt, anderwrts ihre
luftige Bhne, oder durchzieht wandelnd die Gassen, Brgern und Fremden vor die
Thre bringend, wonach, sie aus der Thre keinen Schritt thun wrden. Wandernde
Dichter und Snger ziehen umher, von Herold und Pickelhring begleitet, und
halten Wettkmpfe der Begeisterung oder possenhaften Reimerei. Hufig ist der
blaue Himmel das Dach ihres Schauplatzes, und aus den Fenstern der Huser und
den Thren der Laden fliegen die Heller, die ihre Anstrengungen belohnen sollen.
fter jedoch ziehen sie es vor, die heimlichen gewlbten Stuben der Kfermeister
zu besuchen, die in der Messe niemals leer werden, weil ihr Kranz und Busch
immer grn, und der dadurch verheissene Wein immer duftig und khl ist. Der
Snger liebt der Rebe Gold, der wohlgenhrte Brgersmann ist freigebig; die
Fsser laufen ber, und in der Laune des Trunks fliegt aus der Gste Hand oft
das Doppelte dessen in des Herolds Mtze, das der Geber zu steuern sich
vorgenommen. Auf dem Romarkte bereitet sich indessen ein ernsterer Wettkampf
vor, obgleich im Grunde auch nur Posse und Spielerei. Ein hohes Gerste
besteigen so eben zwei Fechter, die das Volk unter lautem Jubel herbeigefhrt.
Die Schelme, die so fremd gegeneinander thun, und sich drohend messen mit den
Blicken, und die Nase rmpfen, da der gewaltige falsche Schnurbart sich in die
Hhe zieht, - sie kennen sich recht gut, und sind nur zu verschiedenen Thoren
eingezogen, um das leichtglubige Volk zu tuschen, ihre Fertigkeit in hhern
Werth zu setzen, und ihre Rechnung dabei doppelt zu finden. Eine Brgerfreude
ist solch ein Fechteraufzug; die grte Wonne des Pbels zwei fremde Kmpfer
aneinander zu hetzen. Die lederne Sturmhaube auf dem Kopfe, geschmckt mit einer
langen Feder, die schon bei manchem Strau gewesen, ein ungeheures
Schlachtschwert auf der Schulter tragend, ... seltsam aufgeputzt mit farbigen
Bndern, erklimmen die Klopffechter die Bhne, um dort zu siegen oder zu
unterliegen, je nachdem gerade die Reihe an einem oder dem andern ist. Das Volk
klatscht sich die Hnde wund, schreit sich die Kehle rauh, und aus den, bis zum
Gibel mit zahllosen Zuschauern besetzten Husern des Romarktes regnet reiches
Schaugeld, von einem kecken Hannswurst erbettelt, in den Seckel der
Schalksgesellen, die in's Fustchen lachen, und vielleicht, um dem Schauspiel
ein glnzendes Ende zu verleihen, sich gegenseitig den Doctorgrad des langen
Schwertes unter albernen Gebruchen ertheilen.
    Ich will doch des Donners und des Hagels seyn, - sprach Gerhard von
Hlshofen zu Dagobert, mit welchem er durch das Gewhl schlenderte, - wenn ich
nicht die beiden angeputzten Hasenfe auf jenem Gerste, so barsch und
reckelhaft sie sich auch haben, mit einem Pfannenstiele in die Flucht jage, so
weit der Himmel blau ist. Das sollen Fechterhiebe seyn? Buffelei, weiter nichts,
mein guter junger Herr. Was meint Ihr dazu? - Dagobert blickte den Frager mit
der Miene eines Mannes an, der so eben aus einem tiefen Schlaf erwacht, und
nicht eine Sylbe von dem gehrt hat, was man ihm seit Stunden vorgeredet. -
Gerhard schttelte unwillig den Kopf. Seyd wieder in Eurer besten Laune, mein
Lieber; brummte er: Ich rathe Euch, lscht Eure Lampe aus, und sagt der Welt
Gute Nacht; s'ist eine Schande fr alle Junggesellen des rmischen Reichs, da
Ihr, der Wackersten Einer, Euch geberdet, wie ein trumend Kind. Ihr helft der
ganzen Welt aus dem Eisen, wie die Historia mit dem Wildmeister erst krzlich
bewiesen, obgleich der Herzog Alles gethan haben mute; ... aber Euch selbst
knnt Ihr nicht helfen. Schmt Euch, und kommt zu bessern Gedanken. Da Ihr
nicht heirathen wollt, wie es Euer Vater wnscht, ist gut, ... denn nur der
unbeweibte Mann ist ein ganzer, - aber der Grund, warum Ihr's nicht thun wollt,
ist ein schlechter Grund. Fr diemal sey's genug, aber seyd doch lustig, in's
Teufels Namen, s'ist Mezeit, Jubel und Freude an allen Ecken, und der wohlweise
Rath so sanft wie ein Lamm, er wei schon warum. Alle fahrende Frauen und
Tchter sind losgelassen, und drfen schwrmen auch ausserhalb dem Rosenthale1.
Die Schenken sind offen die ganze Nacht hindurch, und kein sauertpfischer Wirth
darf mich auf die lange Glocke verweisen, wenn ich nach neun Uhr mein
herzhaftes: Eingeschenkt, ber den Tisch donnre. Ich mag jetzo meine lngste
Stoklinge an die Hfte stecken, und damit den Waden der jungen Fante
beschwerlich fallen, whrend ich sonst mein krzestes Schwertlein anhngen mu,
das nicht besser aussieht, als das Wetzeisen am Grtel eines Schlchters. Ja,
mir ist's sogar nicht verwehrt, Sonntags meinen Bart scheeren zu lassen, so
mir's gefllt. Es lebe die Mefreiheit! Sagt, kann man wohl glcklicher seyn?
Jagt darum die Grillen zum Teufel. Sprecht, wohin wollen wir? Soll ich Euch etwa
zu dem Wundarzt fhren, der an der Ecke der Klauskirche seine Latwergen und
Pillen verkauft? Vielleicht hat er ein Mittel gegen Euren Bldsinn, oder sein
Schalksnarr zwingt Euch zum Lachen, was das Herz froh macht, und hungrig den
Magen; oder wollen, wir den Vogel Strau sehen, von welchem Alt und Jung
erzhlt, oder das ungeheure Elephantenthier, in dessen Wanst, wie das Volk
behauptet, der Teufel selbst stecken soll? - Besieh Du allein diese
Seltenheiten, erwiederte Dagobert kopfschttelnd: lat mich jedoch hier unter
der Menge von Menschen, die mir grtentheils fremd sind, und folglich auch
meine Brde nicht kennen. - Glaubt Ihr denn, ich wrde Euch allein lassen,
guter Freund? fragte Gerhard lachend: Behte Gott; ich bin wie zu Eurem
Wchter bestellt. Ihr wrt im Stande, in Euerm Trbsinn geradezu in den Strom zu
gehen, oder Euch zum Mindesten von dem einflltigsten Spitzbuben Eure Brse vom
Grtel stehlen zu lassen; - denn der Diebe gibt es hier zu Frankfurt ein
ansehnlich Gelichter. Wenn der Markt eingelutert ist, mgen Schelme und
Strolchen zur Stadt kommen, bis wieder ausgelutet wird. Wohl dann den
Liebesrittern, wenn sie viele solche Junkherrn antreffen, die, wie Ihr,
eihergehen, die Hnde auf dem Rcken, die Augen in der Luft, und nicht
bemerkend, was um sie her sich begibt. Schaut! whrend ich so rede, hat sich ein
abscheuliches Gesicht an Eure Seite gedrckt. Zieh' aus, Schelm! - Dagobert
blickte neben sich, und ersah einen Menschen, welcher der drohenden Geberde
Gerhards entlief, und im Entspringen gegen den Edelknecht hhnisch die Zunge
herausstreckte. - Pfui! rief Dagobert: welch ein abscheulich Gesicht,
entstellt noch obendrein durch das Pflaster, das die Hhle des verlornen Auges
bedeckt. Wahrlich! wren dem Burschen nicht schwarze Borsten gewachsen, ich
wrde ihn fr des elenden Judenknechts Ebenbild halten, den ich einmal von den
Schranken schlug. - Wer wei, - setzte er nach langem Schweigen hinzu: wer
wei auf welchem Anger der Schdel des Bsewichts bleicht, ... aber sein
schrecklich Angedenken verbindet sich so innig mit einem unaussprechlich
wehmthigen, - mit Esther's Gedchtni, da ich schier Thrnen in meinem
Augenwinkel fhle. - O weh! klagte Gerhard rgerlich: da sind wir wieder auf
der alten Fhrte. Die Pest ber alle Liebesnarren. Das Gesicht des hlichen
Gauners erinnert sie an ihres Liebchens Antlitz. Kaum wage ich's, Euch auf jene
Bande von holden Dirnen aufmerksam zu machen, die kosend und lachend an des
Goldschmieds Laden stehen. Der glatzkpfige Bube hatte gewi lange keinen so
freundlichen und willkommenen Besuch. Seht wie er in seinen kleinen Schreinen
kramt und whlt, als ob seine gichtbrchigen Finger erst vor sechzehn Jahren
gewachsen wren; wie er den Mund slchelnd zusammenkneift, da die blhenden
Dirnen das mangelhafte Gebi nicht bemerken sollen. Euch, liebes Herrlein, ist
freilich seit geraumer Frist der Anblick schner Weiber ein Gruel geworden.
Erlaubt aber immerhin, da ich mich ein Weilchen daran ergtze. Das runde kleine
Mgdlein in der Ecke, - dasselbe, das so verlegen in dem Kstlein sucht, und an
ihres Grtels Hacken ebenfalls etwas zu suchen scheint, - ich wei nicht was? -
Das Mgdlein sticht mir ganz besonders in die Augen, und wen mich diese nicht
hinters Licht fhren, so ist die Maid eine Bekannte, sowohl von Euch, als auch
von mir. - Wer? wer? fragte Dagobert hastig, warf einen Blick nach der Bude,
und ein hoher Grad von berraschung malte sich in seinen Zgen: Ist das nicht,
.. setzte er staunend hinzu - ist das nicht das Frulein ... Regina ... von
Drning? - Freilich! erwiederte der Freund: das liebliche Frulein von
Drning, wie es leibt und lebt. Wer ist denn aber der junge Mann, er vor mir
steht? Seyd Ihrs denn noch, Freund Dagobert? euer Gesicht glitzert ja wie das
Abendroth? - Thut es das? fragte Dagobert hinwieder mit einer gewissen
ngstlichkeit: O so komm', alter Kumpan, komm', la uns von dannen eilen. -
Warum zupft Ihr mich so ungestm am rmel? lachte Gerhard: ein schn
Dirnengesicht ist doch keine Teufelsfratze, die uns begehren knnte. Macht der
schnen Maid Eure Reverenz und geht dann! - Um Gotteswillen nicht! entgegnete
Dagobert ngstlicher, und suchte zu entkommen; allein im Nu drehte sich auch
Reginens Gesicht nach dem seinigen, und die Flucht mute unterbleiben. Das
anmuthige Geschpf, obschon in dessen Zgen eine zarte jungfruliche Verwirrung
ihre Rosensaat ausgestreut hatte, neigte sich freundlich gegen den Erkannten,
und faltete wie flehend die zierlichen Hnde, mit der Bitte doch absobald nher
zu treten. Dagobert konnte sich der Einladung nimmer entziehen, und nherte sich
fragenden Blicks. Regina flsterte ihm hierauf rasch und heimlichst in das Ohr:
Ach, mein lieber, ehrenwerthester Junkherr! Ihr erscheint, recht wie ein Engel,
mir zum Troste. Die blasse Kunigunde dort, eine liebe Gespielin von uns allen
hier Versammelten, geht zum Advent in's Kloster, und sie soll ein Andenken von
uns Allen haben. Ringe sind der Freundschaft Sinnbild und Kette, sagt man. Eine
jede hat daher einen goldnen Reif erhandelt, zum Geschenk fr die Freundin, und
auch ich nicht minder; da gewahre ich jetzt erst, da mir ein bser Mensch
meiner Wetscher vom Grtel gestohlen hat. Meine kleine Baarschaft war darinnen,
und doch mchte ich von dem Goldschmied nicht als eine leichtsinnige Kuferin
oder Borgerin angesehen, noch von des Vetters hochnsigen Tchtern ausgespottet
werden. Werdet Ihr daher Brge fr mich, lieber Junkherr. Die Mutter wird,
sobald als ...... - Die Liebliche durfte nicht ausreden, und schon hatte der
Kaufmann, was ihm gehrte. Wie nun Dagobert bemerkte, da sein Gefhrte mit den
brigen Jungfrauen in's Gesprch getreten war, und diese Letztem begierig auf
die Fabeln horchten, die des Edelknechts ruhmrediger Mund zum Besten gab, so
sprach er ferner zu der dankbar bewegten Regina: Ihr werdet mir doch wohl
erlauben, mein anmuthiges Frulein, da ich den Augenblick, in dem ich so
glcklich war, Euch einen geringen Dienst zu erweisen, ebenfalls an eine Kette
legen darf, wie Ihr mit dem Gedchtni Eurer Freundin zu thun begehrt? Der
einfache Goldreif taugt immerhin fr die Nonne, die nur in stiller Zelle
dergleichen Weltherrlichkeiten beschauen darf; Euerm Liebreiz und Eurer freien
Jugend gebhrt jedoch ein schnes Geschenk. - Somit langte er mit sicherm
Finger in des Goldschmieds Vorrathskasten, und holte den allerschnsten Ring
heraus, der sich unter den brigen ausgenommen hatte, wie ein Knig unter seinen
Vasallen. Er war von wlscher Arbeit, und hielt einen Saphir umfat mit einer
herrlichen Krone von Gold und Perlen. Regina wute nicht, wie ihr geschah, als
ihr Dagobert das blitzende Kleinod an den Daumen schob, wo die vornehmsten
Frauen ihre Prachtringe zu tragen pflegten, und mit einem gewissen Befremden,
mit einer sen ahnenden Lust jedoch zugleich, sah sie auf das Juwel hernieder,
ohne mit Worten es anzunehmen, ohne sich dessen mit Worten zu weigern. Der
Goldschmied pries indessen die Freigebigkeit, mit welcher Dagobert ihm seine
Forderung bewilligte, erzhlte mit gelufiger Zunge, da solch ein Wunderwerk in
deutschen Landen nicht gefertigt worden, sondern, da Neapolis dessen
Heimathland gewesen; da vor einem Jahrzehnd ungefhr eine vornehme Frau dieses
Kleinod nebst vielen andern bei ihm verpfndet, und auch nach verstrichener
Lsefrist gelassen habe, und setzte schelmisch lchelnd und flsterlich hinzu:
Der gestrenge Herr mge nicht bersehen, da dieser Ring ein Verlobungs- und
Ehereif sey. - Unangenehm berrascht sah Dagobert nach dem Kleinod hin, welches
Regina so eben wieder vom Finger zog, und sinnig lchelnd betrachtete. Ja, ja,
.... lispelte sie, wie in einem holden Traum befangen, vor sich hin: Das war
er .... der war gemeint; .... - wandte sich dann zu Dagobert, und sagte mit
einer Verneigung: Es ist vielleicht nicht recht, mein edler Herr, da ich von
Euch ein Geschenk empfahe, und obendrein will sich ein kstliches, wie dieses,
fr mich nicht ziemen, aber dennoch behalte ich den Ring und danke Euch. Wollt
mir jedoch nicht zrnen, wenn ich ihn nicht am Finger trage, sondern der Nonne
gleich, in einsamer Zelle nur beschaue. - Thut, wie's Euch gefllt,
entgegnete Dagobert sichtlich erleichtert; Doppelt geehrt ist ein Geschenk und
dessen Geber, wenn man es der stillen Aufmerksamkeit wrdigt, ohne sein im
alltglichen Gebrauche zu vergessen. - Regina warf einen verlegenen Blick auf
den Jngling, und der Ring verschwand schnell in dem golddurchwirkten Mieder.
Nun erst besann sich das Frulein auf ihre Gespielinnen, allein diese waren
indessen dem schwatzhaften Gerhard bis an die Ecke der Strae gefolgt, wo ein
Wildbr in starken Ketten tanzen mute, um welches Schauspiel sich eine Fluth
von Neugierigen drngte; Dagobert schlug seiner holden Gefhrtin vor, sie dahin
zu fhren. - Was soll ich in dem wilden Gewhl? fragte sie sanft und mit
leuchtenden Augen: Vor Allem, was soll ich jetzt dort? Fhrt mich lieber zu
unsrer Wohnung, guter Junkherr. Die Mutter wird sich freuen, Euch wieder zu
sehen. - Ei, lchelte Dagobert: der Ton mit dem Ihr langsam und gezogen
diese Worte spracht, liee mich beinahe das Gegentheil vermuthen. Wie kommt es
berhaupt da Ihr, die Herrlichkeit der Messe anzuschauen, in Eures steifen
Vetters Haus gezogen seyd, welches in abgelegner, finstrer Gasse steht, und
nicht vielmehr in das unsrige, mitten im Gewhl emporragende, in welches Euch
obendrein der Mutter und des Vaters freundliche Einladung berief? - Regina
betrachtete im Gehen verlegen die Schnabelspitzen ihrer Schuhe, und antwortete
anfnglich gar nicht. Alsdann erwiederte sie zgernd: Fragt mich doch nicht,
ehrsamer Herr. Ich kann Euch ja hierauf nicht berichten, und ich darf es ja auch
nicht. - Ihr kommt mir rthselhaft vor, versetzte Dagobert, dem die Wangen
hei wurden, ohne da er sich bewut war, warum: Hingen Eure Augen nicht so
fest am Boden hin, wie Eure zierlichen Fchen, ich mchte wohl die Wahrheit in
ihrem klaren Spiegel erforschen. Ein Kummer scheint Eure heitre Stirne zu
trben. Was ist's, da Euch ein Kind des Himmels zu bekrnken vermag? - Regina
seufzte schwer, und entgegnete so leise, da kaum der lauschende Dagobert sie
vernahm: O Herr, auch ich habe meinen Gram, wie jeder andre Mensch, ... wie Ihr
zum Beispiel selber, Junkherr. - Wolle Euch doch der Himmel vor solchen Leiden
bewahren! rief der junge Mann erschrocken: Eure Leid ist nur das eines
harmlosen Kindes, und vergeht schnell wie der Mrzschnee, aber ich, ich sehe
meinem Trbsinn kein Ende. - Da blickte ihn Regina von der Seite an, mit einem
Gesichte, als wollte sie sagen: Schelm! Du solltest ewig grmlich bleiben? - Ihr
Mund sprach aber zu dem Betroffenen die Worte: Nehmt Euch zusammen, Herr. Macht
doch Euch, euern ltern, und nur Euern Freunden wieder Freude. Glaubt mir, euer
Trbsal wird sich endigen, und bald, sage ich Euch. - Ho, mein Frulein,
versetzte Dagobert leicht scherzend: Seyd ihr etwa eine weise Sybille, die in
der Zukunft oder in den Sternen liest? Prophezeit mir nur recht viel Gutes,
reizendes Wunderkind. Was Eure Kirschenlippen verkunden, mu der Himmel
verwirklichen, wie eines Engels Ausspruch. - Regina schttelte heimlich
lchelnd den Kopf und erwiederte: Ihr redet heidnisch, denke ich. Hier bedarf
es jedoch nur einer trstenden Zuversicht. Ich habe meine Sache auf die heilige
Mutter gestellt, und sie wird mir gndig seyn, das wei ich; seit einer Stunde
wei ich's ganz gewi. - Seit einer Stunde? fragte Dagobert neugierig und
ahnend: O, mein Frulein, Ihr versteht es, einen ehrlichen Burschen auf die
Folter zu legen. Wer hat Euch denn gesagt ....? - Der Ring, den Ihr mir gabt,
hat mir Alles gesagt; platzte Regina heraus, und setzte schnell hinzu,
gleichsam, als frchte sie, fr ihr Zartgefhl zu viel gesagt zu haben: Nun
aber kein Wort mehr, guter Junkherr. Seit die Glocken luten, stehen wir schon
an des Vetters Thre. Wenn die Mutter mich sah, so ergeht mir's nicht gut. lebt
wohl, mein Freund; ich sende Euch durch Ammon, was Eure Gte fr mich
ausgelegt. - Warum diese Erinnerung zum Abschiede? fragte Dagobert, dem es
jetzt schwer fiel, sich von der Anmuthigen zu trennen: Sagt mir lieber, ob ich
Euch nicht wiedersehe? sagt mir, wann es geschieht. - Ihr fragt mich zu viel,
antwortete Regina eilig und ernsthaft: da wir uns aber wiedersehen ....
verlat Euch darauf. - Mit diesen Worten war sie innerhalb der Pforte
verschwunden, und Dagobert's Auge starrte ihr nach in den dunkeln Gang, in
dessen Hintergrunde ihr flatterndes Gewand von dannen rauschte. Eine rauhe
Stimme lie sich hinter ihm mit einem gezogenen: Guten Tag, edler Herr!
vernehmen. - Wie? Du hier, altes wildes Gesicht? fragte Dagobert den
begrenden Ammon, der mit einem Korbe beladen, in's Haus wollte. - Euch zu
Diensten, gestrenger Junker! antwortete der Alte. Mgt zugleich wissen, da
auch die Edelfrau zu Frankfurt ist, und in kurzer Frist hier seyn wird. Sie
folgt mir auf dem Fue. Lat Euch hier nicht von ihr finden, Herr. - Warum
denn nicht, alter Jger? - Als ob Ihr's nicht wtet! versetzte hmisch
lchelnd Ammon: Ihr verrckt Getauften wie Ungetauften den Kopf, und das
Schlimmste bei der Sache ist, da Ihr ausseht, als httet Ihr nimmer ein Wasser
getrbt. - Du bist toll, Alter. - Ich nicht, aber das Frulein wohl mit
mitunter, denn es spricht nur von Euch, denkt nur an Euch, und ich wette, seine
Trume sind nur von Euch, und da Ihr dennoch ehelos bleiben wollt, was soll die
Mutter anders thun, als die Tochter hten vor Eurer gefhrlichen Nhe? Macht,
da Ihr von dannen kommt. Ihr wit nun zu Deutsch, was die Glocke schlug, und
mgt Euch darnach richten. Gott befohlen. Dort kmmt die Frau von Drning. -
    Dagobert konnte sich selbst nicht Rechenschaft geben von der innern Gewalt,
die in seiner Seele aufbrauste, und ihn von dannen ri vor der nahenden
Edelfrau, wie ein gescheuchtes Reh vor dem Jger, wie einen flchtigen Feind vor
dem Verfolger. Genug, er entging den Blicken der Frau von Drning schnell und
gewandt, und holte erst in der dritten engen Nachbargasse Athem, um zu
berlegen, warum er eigentlich die Flucht ergriffen. Habe ich denn ein bses
Gewissen? fragte er sich aufrichtig und ehrlich, und glaubte, die Frage
verneinen zu drfen. Wehalb also diese pltzliche Scheu? Wenn ich glaube, was
mein Herz mir zuflstert, so frchte ich, da Regina meiner Nhe gefhrlich
werden knnte. Und welcher tckische Geist mute mich verleiten, ihr das
Geschenk zu bieten, das, ich fhl' es, pltzlich zu einem geheimen zauberischen
Bindemittel zwischen uns geworden ist; der Ring einer Kette, die uns zu vereinen
strebt, obgleich ich selbst dadurch zerrissen werde in zwei sich abstoende
Hlften? Gehrt denn nur ein Augenblick dazu, die Vorstze eines Mannes zu
zertrmmern, ein geliebtes Bild zu vernichten, und ein andres an dessen Statt
aufzustellen? nur ein Augenblick, um mit Schaam die Blicke zu verschleiern, die
noch vor ganz kurzer Frist frank und offen einem Jeden unter den Helm sahen? -
Nicht doch, Dagobert; setzte er hinzu, und ermannte sich gewaltsam: Was dir
den Mangel an Selbstgefhl und Selbstvertrauen zuflstert, - das ist nicht ...
nein! das ist nie gewesen. Esther! Deine Vorurtheile, Deine Hrte haben Dich von
mir geschieden, aber mein Herz wird Dir dennoch immer sehnschtig nachweinen. Du
hast meine Brust zerfleischt, aber diese Brust fhlt bis zum letzten
Lebensfunken nur fr Dich. Den Schwur, den ich Deinem Angedenken leistete - ich
will ihn halten. Vom Altar ri mich das Flehen meines Vaters, aber nicht in die
Arme einer Gattin soll sein Befehl mich stoen, so lange Du lebst, Geliebte, -
und wie knnte ich Dich berleben? - so lange Du mir treu bleibst, trotz
Trennung und Glaube, - und wie knnte mein Gehirn so wahnsinnig und
verbrecherisch seyn, Deine Untreue nur mglich zu achten? -
    Dagobert, nachdem er auf diese Weise mit seinem Gefhl und Gewissen in's
Reine gekommen zu seyn glaubte, bemerkte, da sein Selbstgesprch, oder vielmehr
die Geberden, mit welchen er dasselbe begleitete, Zuschauer an die kleinen
Fenster der umstehenden Huser gezogen hatten. Er schmte sich dehalb, hier ein
Schauspiel gegeben zu haben und eilte mit hastigen Schritten, in der nchsten
Kirche seine brennende Wange zu verbergen und die Heftigkeit seiner
Gemthsbewegung zu migen. Da er nun eben mit dem eisigen Weihwasserborn seine
glhende Stirne khlte unter dem Zeichen des Kreuzes, kam ihm aus dem Halbdunkel
des Betgewlbes, in welchem sich - die Mittagsstunde nahte - nur wenige Glubige
befanden, eine Frauengestalt entgegen, die, bekannt und freundlich zwar, ihm
schon lange eine Gleichgltige geworden war; jetzo aber, Dank sey es den
feierlich vorragenden Schatten des Gotteshauses und der vorhergegangenen
Gewissensforschung, einen neuen Werth fr ihn erhielt. - Ei, mein Bschen!
fragte er leise und vertraulich, die Hand der Entgegenkommenden fassend:
Bschen Fiorilla! unter dem Dache des Herrn begegnen wir uns, was unter dem
unsrigen fast nimmer zu geschehen pflegt. Woher, wohin, mein Kind? plaudre mir
die Grillen weg durch ein paar se wlsche Worte, Bschen. Wir sind hier
ungestrt und zu Hause meidest Du mich ohnehin wie das Fieber. - Wir meiden
uns gegenseitig; lchelte Fiorilla: Ihr, weil Eure Schwermuth jede, vor allen
weibliche Gesellschaft flieht. Ich, weil meinem Herzen nichts gefhrlicher ist,
als der Anblick eines traurigen Jnglings, der von Liebesgram verzehrt wird.
Heute indessen kommt Euer Zusammentreffen mir erwnscht. Fr's Erste darf ich
Euch Lebewohl sagen. Morgen scheiden wir. - Scheiden? fragte Dagobert
zerstreut: wer denn? Du von mir? -
    Der hchwrdige Oheim und Prlat, versetzte das Mdchen; und in seinem
Gefolge ich, seine treue Dienerin. - Ja, ja, sprach Dagobert wie oben, und
Fiorillen theilnehmend ansehend: Ja, gute Fiorilla. Du bist dem Satan verfallen
auf immerdar. Weine nicht, mein Kind, ich habe es nicht bse gemeint, und um der
Taufe willen mu man sich auch schon etwas gefallen lassen. Zrne mir nicht, und
sage mir lieber, was den Ohm forttreibt? Er vermit gewilich hier das wlsche
Ungeziefer, die wlsche Zaunknigskost, und unser Rinderbraten ist ihm ein Grul
geworden. Nicht also? - O nein, bester Dagobert; erwiederte Fiorilla: er
thut nur, was ihm einzig brig bleibt. Er hat von der Nichte wieder angenommen,
was er ihr einst gromthig abgetreten, sein Gut zu Baldergrn; zu glcklich,
auf einer deutschen Hufe sein Leben beschlieen zu knnen, da zu Cesena Glck
und Ehre ihm verloren ging. Vorbereitungen zu unsrer Reist zu treffen, hatte ich
das Haus verlassen, und bin erfreut, auf der Rckkehr von den Geschften Euch zu
begegnen, bester Junherr! - Mit feuchtem Blicke drckte sie die Hand des
Jnglings, und zog ihn in einen stillen Winkel des Gebudes, wo selbst noch
Vorbergehende die Sprechenden nicht leicht gewahren mochten. - - Zugleich,
spann sie dort den Faden des Gesprchs weiter, ... zugleich bin ich entzckt,
vom Zufall in den Stand gesetzt zu seyn, Euch eine Kunde mitzutheilen, die, je
schmerzlicher sie Euch im Augenblicke betroffen mag, um so wohlthtiger in ihren
belohnenden Folgen sich bewhren wird. - Eine schmerzlich Kunde? fiel
Dagobert ein: Ich bin des langsam fressenden Leids schon gewohnt, und sehne
mich nach einem harten Schlage des Schicksals; der durch seine bermacht meine
Sehnen wieder spanne und aufwecke zum Widerstand. Indessen scheint Dir
vielleicht schmerzlich, was mir gleichgltig geworden. Vater, Mutter und Neffe
leben und freuen sich des Lebens. Da bin ich also nur von einer Seite
verwundbar, und diese wird Dein Pfeil nicht treffen. - Und wenn ich Euch den
Namen: Esther nenne? fragte Fiorilla langsam, ihm prfend in's Auge sehend.
Seine Farbe vernderte sich mit einemmale, seine Hand fuhr nach der Brust, und
ohne zu reden, nickte er der Freundin zu, ihre Mhr anzuheben. - Esther ist
hier, sprach Fiorilla gemigt: ich habe sie gesehen, gesprochen. Der Zufall
fhrte mich heute bei ihr ein, wie einst zu Costnitz meine Neugier. - Hier?
gesehen, gesprochen? stammelte Dagobert, mit ngstlich wartendem Auge des
fernern Berichts lauschend. - Ihr frheres Unglck in dieser Stadt zwingt sie,
in Verborgenheit zu leben, fuhr Fiorilla fort: aber, wr' auch dieses nicht,
... Euch, Dagobert, wrde sie nimmer sehen, und Ihr letztes Lebewohl Euch zu
bringen, hat sie mich beauftragt. - Dagobert fhlte nach seiner Stirn, um sich
zu berzeugen, da er wach sey, da er lebe, da er selbst es sey, der Alles
dieses hre, entgegnete aber keine Sylbe. Fiorilla sprach weiter: Ihr wrdet
sie kaum mehr erkennen, denn selbst das scharfe Auge der Liebe wrde geblendet
seyn, von der Pracht, dem berflu, welche die Holde umgeben. Wie eine Knigin
des Morgenlandes stand sie vor mir und sprach von Euch in Worten der Liebe, der
in Freundschaft bergegangenen Liebe. -
    Also nicht im Elend? sprach Dagobert, leichter Athem schpfend, und
Fiorillens letzte Worte berhrend, vor sich hin: Gottlob! - Und auch nicht
gut; setzte er mit Thrnen im Auge hinzu: Bin ich nicht der Bewahrer ihrer
Habe? Die Grausame! als Bettlerin htte sie mir wohl ihren Augenblick gegnnt,
und des Herzogs Geld gefordert. Im Schoo des Reichthums verschmht sie das
falsche Erz und den treuen Freund. - Sie schont den letzten, entgegnete
Fiorilla, und trgt billige Scheu, vor ihm zu erscheinen. - Wie? fragte
Dagobert mit voller Glut der aufflammenden Liebe: sie zweifelt an mir? Hat sie
mich denn jemals geliebt, wen sie dieses kann? Wei sie nicht, da Liebe
unendlich ist, wie die Sonne, und so mild, wie diese? Sie hat mich zum Tode
betrbt durch ihre Flucht, durch diese entsetzliche Tuschung meiner Hoffnung,
aber sie ist's allein, die ich im Herzen trage. Sie kehre wieder; kein Vorwurf
betrbe sie, sie bettle nicht um Vergebung. Sie sey mein, sie werfe endlich
Starrsinn und Vorurtheil weg; sie empfange die Taufe des Herrn, und vor aller
Welt sollen unsre Hochzeitskerzen brennen! -
    Zu spt! seufzte Fiorilla dazwischen, aber der leidenschaftliche junge
Mann fuhr heftig fort: Zu spt? warum? Sind wir denn in den wenigen Monden
unsrer Trennung steinalte Leute geworden? Findet sich kein Priester mehr, sie
aufzunehmen in den Bund der Christen, zu segnen den unsern? O Fiorilla, ich
vertraue Dir ganz. Du hast gewi zu meinem Vortheile geredet, aber die Sprache
der Freundschaft berredet nicht wie die der Minne. Sprich, wo ist sie? wo finde
ich ihre Wohnung? Den Feinden sey sie verborgen, dem Freunde nicht, da er zu
ihr rede, da er sie umgarne mit den Zauberworten seines Mundes, da er sie
wider Willen fhre zum Glck! - Zu spt; wiederholte Fiorilla mit Thrnen des
Mitgefhls im Auge: indem wir sprechen, entfhrten leichte Rosse die Schnste
ihres Volks diesen gefhrlichen Mauern. Sie wird Euch nimmer wiedersehen; aber
... fgte sie langsam und eintnig hinzu: des Herzogs Gold mgt Ihr bereit
legen. Ihr Mann wird es heute noch bei Euch abholen. - Dagobert's Sinne drohten
zu vergehen, und kalter Todesschwei trat auf seine Stirne. Aber sich ermannend,
drckte er grimmig Fiorillens Hand, und fragte mit bebendem Munde: Wie sagtest
Du? Ihr Wann .... ihr Mann? O wiederhole mir dies Schreckenswort.
    Einmal mutet Ihr's doch erfahren; versetzte Fiorilla, die
niederschlagende Rede mildernd, so gut es in ihrer Kraft stand: ihr Ehemann,
der Wechsler Jol von Lttich, des Bischofs rechte Hand in Geldsachen, und
reich, wie der griechische Kaiser. Esther's Bruder zwang sie, dem reichen Manne
die Hand zu reichen, obschon ihr Herz geblutet. Allein, da der Bruder Gewalt
ber sie hat an Statt des noch bis heute rthselhaft verschwundnen Vaters, und
keine Mglichkeit, Euch je mit ihr vereint zu sehen, sich zeigte, so ergab sie
sich endlich in den Willen des Bruders und des Geschicks, und wurde Jol's Weib.
Seit drei Monden vermhlt, ... setzte Fiorilla schonend hinzu, hat sie den
redlichen Mann, wie sie versichert, lieben gelernt, und um so sichrer den
Unverstand der ersten Liebe eingesehen, die niemals belohnt worden wre. Sie
wird Mutter werden .....
    Genug! versetzte Dagobert mit bewegter Stimme: genug; obgleich diese
letzten Worte mich nicht mehr erschttern. Das Erste war allein vermgend, mich
noch einmal zum Kinde zu machen, das, ohnmchtig und lcherlich zugleich, seine
schwache Wuth gegen den grollenden Gewitterhimmel auslassen mchte. Esther
abgewichen von der Bahn der Treue, von dem Gelbde, das ihr das eigne Herz
aufgedrungen haben mute, that es auch kein fremder Mund? Das heit Alles in
sich fassen, das ein Mnnerherz zermalmen oder heilen kann. Und an diesem
unerwarteten Schreckni soll mein Herz nicht zerschellen. Genesen soll es, wie
der Kranke, dessen Wunde ein glhend Eisen ausbrennt, mit schmerzlich
wohlthtiger Gewalt; ... wie der Vergiftete, dem der besonnene Arzt ein
schrecklicheres Gift aufzwingt, damit es mit dem verderblichen Vorgnger in den
Kampf gehe und ihn berwinde. Alle Segenswnsche der Erde ber Dein Haupt,
Fiorilla. Das Messer Deiner Rede hat tief in meine Seele geschnitten, da sie
gesunde. ber Dein Haupt der Segensruf der Glcklichen, die ich jetzo machen
werde und machen darf. - Wie verstehe ich Euch? fragte Fiorilla neugierig und
besorgt nach der Hand des Entweichenden greifend. - Es ist das Leichtste und
das Angenehmste von der Welt; erwiederte Dagobert mit bitterm Lcheln: ich
will das vierte Gebot erfllen und thun, wie mein Vater will, und meine zweite
Mutter begehrt. Die Frau des Juden Jol ziehe immerhin gen Lttich, wie der Ohm
nach Baldergrn. Mit der Erstern sey der Gott der Barmherzigkeit und der
Vergebung Engel, fr den Zweiten mag meine fromme Schwester beten. Ich aber fr
mein Theil, will hingehen und, ein gehorsamer Sohn, die ltern fragen: Wo ist
die, die ich freien soll? Zeigt und nennt sie mir, da ich thue nach euerm
Willen. - Ihr wolltet wirklich ...? fragte Fiorilla halb frhlich berrascht,
halb ngstlich: Ohne zu whlen, ... ohne zu berlegen..,? - Dagobert zckte
spttisch die Achseln. Hatte ich nicht schon gewhlt, und stehe jetzo doch
allein? fragte er: Lat mich gewhren. Die Zeit eilt. Die Stunden sind
gezhlt, wie meines Vaters graue Haare. Ehe er von hinnen geht, soll er Freude
an seinem Sohne erleben, und wenn mir auch das Herz darber brche. Leb' wohl,
Fiorilla, und habe Dank.

                                    Funoten


1 Der Ort, in welchem der Rath diese Personen gebannt hatte. -


                               Zwlftes Kapitel.

 .... ein nomadisch Volk,
 Diebisch, listig und verwegen,
 Heidenbrut aus Afrika,
 Vogelfrei und dennoch furchtbar.
                                                               Romanisches Lied.

Die edle Frau von Drning stand ihrer Tochter gegenber, und beide schienen ihr
Wesen gegen einander ausgtauscht zu haben. Regina, die sonst gewohnt war, mit
niedergeschlagenen Augen der Mutter Worte anzuhren, wie ein demthig Kind,
stand nun aufgerichtet vor ihr; im offnen geraden Blicke freudige
Unbefangenheit, Lichter einer seligen Lust, die auch ihre Zge mit rosigem
Schimmer verklrten. Frau von Drning hingegen hatte die Augen zu Boden
gerichtet, sah sinnend vor sich hin, und um ihren Mund spielte das leichte
Lcheln, das sich einfindet, wenn uns eingetroffen ist, was wir fr unmglich
hielten, und was wir berrascht in eine nicht unangenehme Wirklichkeit treten
sehen. So wie in Reginens Gesichte etwas Siegerisches lag, so prgte sich in der
Mutter Zgen ein gewisses Nachgeben aus, das nicht Zwang und Gewalt, sondern
mtterliche Liebe allein herbeigefhrt zu haben schien, und in dem dazu
gehrigen Tone, wiewohl in der obigen Stellung noch verharrend, fragte sie die
Tochter: Bist Du nun zufrieden, mein Kind? - Zufrieden und glcklich, mein
Mtterlein! erwiederte Regina, und der Mutter Sanftmuth zog das Mdchen
unwiderstehlich an deren Brust. Fast kmmt mir's vor, wie ein Traumbild, hob
wieder die Edelfrau an, schttelte lchelnd den Kopf, und trat an das offne
Fenster. Dort gehen aber noch beide, fuhr sie fort: der alte Herr in seinem
stattlichsten Feierkleide, und sein Sohn in dem schlichten kurzen Rocke, der ihm
so gut steht, wie ich nicht mehr lnger lugnen mag. - Regina blintzelte
verschmt ber die Schulter der Mutter, und lispelte: Leb' wohl, und kehre
recht bald wiedeer, Du guter, guter Mensch. - Er wird wohl nur zu bald
wiederkehren; meinte die Mutter schalkhaft: ist's doch, als ob der junge Mann
in den Krieg mte, so eilt er sich mit Freierei und Einsegnung. Ei, wer htte
gestern dieses schon gedacht? - Lieb Mtterlein, versetzte Regina: seit
gestern wute ich's ganz gewi, da Dagobert, mein Herr wird, und kein Andrer.
- Sieh doch! schaltete die Edelfrau ein: So la doch hren, Du verstndig und
vorwitzig Kind.
    Ich will Euch dessen haarklein berichten, antwortete die Tochter
freundlich, und setzte sich zu der Mutter Fen auf den gepolsterten Schemel:
Euch war es lange nicht nicht mehr unbekannt, da ich den Junker liebgewonnen
hatte seit verwichnem Osterfeste, und noch viel mehr zur Zeit, da er in unsern
Forst kam mit der armen Dirne, die er leider damals liebte, wie sie's nicht
verdiente, weil sie eine Jdin war, und weil sie ihm nicht treu blieb. Seither
habt Ihr mir verboten, ihm merken zu lassen, da ich ihm hold sey, und nachdem
wir in seinem Hause seiner Eltern Hochzeittag begangen, habt Ihr mir untersagt,
an ihn zu denken, weil er damals frei heraus gesagt, er werde, obgleich vom
Kircheneide frei, nimmer heirathen in seinem Leben. Aber, gute Mutter; das
untersagt sich leichter, als sich's thun lt, dem Verbote zu gehorchen. Wider
Willen sogar mute ich stets an ihn denken, und ich hatte ihn jetzt weit lieber
denn zuvor, und grmte mich schier, als unsere Nachbarin vom Wildenstein
Hochzeit machte, und ich sah, wie die beiden Brautleute sich herzten, und ich
mir immer sagen mute, Dagobert und ich wrden nimmer ein glckliches Paar
werden drfen. Da begab es sich einstmal - es mgen drei Sonntage seitdem
vergangen seyn, - da Ihr nach Friedberg gefahren wart, und ich das Haus htete.
Ich hatte Langeweile in den Stuben, und keine Kurzweil in unserm kleinen Garten,
weil die Blumen schon meistens abgeblht haben, und auch die Bume fruchtleer
stehen, des Frostes wegen, der die Blthen verdarb. Gar zu gern htte ich mich
unter die Hofleute gemischt, die unter der groschattigen Linde des Burgplatzes
saen, und mit Plaudern und Scherz und Gesang sich den Feiertag vertrieben; aber
Ihr habt mir oft gesagt, da sich das fr mich nicht mehr zieme, und so
unterlie ich's denn, mich bezwingend, vom Fenster aus, ihrem frhlichen Weben
und Leben zuzuschauen mit sehnschtiger Freude. Da gewahrte ich, da die Wurzel
aller Freude jener Leute ein Mann war, von hlichem Aussehen zwar, der jedoch
der possenhaften Geberden viel trieb, zu einer ganz verstimmten Laute Lieder
sang nach lustigen Weisen und mit lcherlichem Nasentone, und sich berhaupt
vorgenommen hatte, fr ein Paar Pfenninge und einen Trunk die Burgleute zu
unterhalten. Den meisten Spa aber machte er den Zuhrern, da er ihnen aus der
Hand wahrsagte, nach der Reihe, einem nach dem andern, und so oft er dem
Neugierigen gesagt, was sich ferner mit ihm begeben werde, so erschallte laut
und anhaltend das Gelchter der brigen. Ich wei nicht, wie es kam, da ich mit
einemmale auf der Schwelle des Hauses stand, und Eure Grtelmagd vorberging,
mit den Worten: Der kann mehr als Brod essen, gutes Frulein. Er hat uns alles
gesagt, was wir schon erlebt haben, und, da er es so gut getroffen, so mu auch
wahr seyn, was er von der Zukunft uns gelehrt.
    Um so neugieriger sah ich nach dem fremden Manne, und pltzlich stand er vor
mir, da ich schier erschrocken wre vor seinem hlichen Gesichte, und dem
Pflaster auf seinem Auge. - Frchtet Euch nicht, lieb Frulein! sprach er mit
unangenehmen Lachen: Der Mensch kann nichts fr sein Gesicht. Gott gibt die
Schnheit und die Hlichkeit; die Klugheit jedoch nicht minder. Erlaubt, da
ich Euch wahr sage aus der Zukunft. -
    Unwillkrlich halb, und halb mit Wibegier reichte ich ihm die Linke, in
deren Flche er lange Zeit schaute und blinzelte, heimliche Worte murmelnd.
Endlich begann er mir zu erzhlen aus meiner Jugend, und sagte mir unverholen,
ich sey in meinem Herzen einem jungen Mann gar hold und zugethan. Wie ich da
erschrack! Gut war es nur, da er nicht des Jnglings Namen genannt; ich wre
sonst vergangen vor Schaam. Hierauf versicherte er mir, ich wrde nchstens eine
Hausfrau werden, und derjenige ganz gewi mein Liebster und mein Ehegatte seyn,
der mir einen Goldring schenken wrde mit 'nem blauen Stein und zwei
verschlungnen Hnden unter einem Kranze. - Nun wollte ich nichts weiter hren,
reichte ihm eine reichliche Gabe, und dachte mir die Prophezeihung aus den
Sinnen zu schlagen. Des Fremdlings Geschicklichkeit bewhrte sich indessen schon
in der folgenden Nacht. Dem Freisassen Kunz vom Wildensteine, der mit unsern
Leuten trank und scherzte, hatte er vorausgesagt, er solle sein locker Leben
einstellen, denn es stehe ihm ein gewaltsam Ende bevor, und der Freisa hatte
ihn verhhnt, verspottet und fr verrckt gehalten. Aber in derselben Nacht
wurde er auf seinem Hofe jmmerlich um's Leben gebracht, und seine Stlle und
Ksten geplndert, man wei zur Stund noch nicht, von wem. Von da an mute ich
tglich, stndlich sogar der Voraussagung gedenken, und - stellt Euch vor, -
gestern schenkte mir Dagobert einen Ring, gerade so, wie ihn der Wahrsager
beschrieben, ... denselben, den er heute von mir verlangt, und feierlich, zum
Zeichen unsrer Verlobung, an den Finger mir gesteckt. - Denselben Ring, den Du
mir verheimlicht; versetzte die Mutter mit sanftem Vorwurf: es ist wahrlich
Zeit, da Du aus meiner Obhut trittst, sonst erlebte ich noch das Bittre, das
ganze Vertrauen meines Kindes zu verlieren. - Nicht bse, mein Mtterlein!
flehte die bewegte Regina, und ihrem schmeichelnden Tone konnte die Frau von
Drning nicht widerstehen. Sie nahm die blhende Braut in die Arme, herzte und
kte sie unter mtterlichen Thrnen, und sprach dann, sich ermannend: Gott
segne Dich, mein Kind; das ist mein bester Wunsch. Ich denke, Du wirst einen
wackern Eheherrn erhalten; gehorche ihm wie einem Vater, liebe ihn mehr als Dich
selbst, und vor allem erinnere ihn niemals Dein Mund an die Liebe, deren
Vertraute Du gewesen. Sah er gleich ein, wie unwrdig der Gegenstand derselben
war, so blutet doch vielleicht sein Herz bei der Erinnerung noch. La die Wunde
ganz verharrschen: rede nicht von ihr, bis er selbst einst lchelnd es zu thun
vermag. Schon manche Hausfrau hat die zrtliche Liebe ihres Gatten verloren,
weil sie unzart verschollne Schwchen aus den Schleiern der Vergangenheit an's
Licht zog. Hte Dich vor gleichem Schicksale. Webe still und emsig Rosen in des
Mannes Leben. Er empfinde tief, welchen Schatz er in Dir besitzt, und werde
nicht gemahnt an das Spielwerk seiner Neigung, das ihm entrissen wurde. - Nun
aber, mein Kind, lasse mich von Dir, damit ich gehe, und dem Vetter, wie unsern
Freunden die schnelle Vernderung Deines Standes bekannt machen darf. Ich werde
viel Widerspruch erfahren; es ist auer dem Geleise der Sitte, an einem Tage um
die Braut zu freien, am andern sie schon heimzufhren; allein ich werde
standhaft seyn, mein Kind, und der Frmlichkeit unsrer Basen, wie dem
Widerwillen, den der Vetter gegen die Sippschaft des Schffen Frosch von jeher
hegte, muthig die Sorgfalt fr Dein Glck entgegensetzen, ber welches zu wachen
mich das Schicksal berufen hat. - Die Edelfrau warf das Piret auf das Haupt,
band es fest, zupfte vor dem Spiegel die Haubenkannten gerade, hing Kette und
Wetscher an Hals und Grtel, und ging nach freundlichem Abschiede von dannen.
Regina blieb mit ihrer Frhlichkeit allein, und schritt in dem einsamen Gemache
mit gefalteten Hnden auf und nieder, den trunknen Blick zum Himmel hebend, und
ihm dankend fr die gewhrte Seligkeit. Bald jedoch eilte sie an's Fenster, um
in das Gewhl zu schauen, das so eben durch die enge Gasse durchwogte. Ein Zug
von neu ankommenden Kaufleuten, welchem sich ein Trupp von Wallfahrern aus der
Wetterau angeschlossen hatte, der nach St. Wendels Kapelle ging, um die
Schafheerden von dem Veitstanz loszubeten, erregte das Getse. Eine Menge Volks
lief den Fremdlingen und den Pilgern nach, und Regina's Scharfblick gewahrte
unter diesem Pbeltro des Wahrsagers, von welchem sie so eben der Mutter
berichtet hatten Der Mensch sah gerade mit einem neugierigen Gesichte herauf,
und ehe sie es selbst noch bedacht hatte, hatte Regina ihm gewinkt, und herein
in's Haus war er geschlpft, die Thre des Gemachs hatte er gefunden, und stand
mit demthiger Frage, nach des Fruleins Befehl, vor demselben, die Filzmtze
unterm Arme, wie sich's fr den Geringern geziemt, und das freie Auge blinzelnd
in neugieriger Erwanung. - Du hier? fragte ihn Regina staunend: Bist Du denn
berall? - Wie der Wind, schne Maid, erwiederte der Mensch; berall, wo es
Geld gibt und mitleidige Seelen. - Du solltest des Mitleids gar nicht
bedrfen, meinte Regina: Deine Geschicklichkeit sollte Dir Kisten voll Gold
einbringen. - Freigebigkeit ist geworden selten in der Welt; hie die
Antwort. - Ich will nicht die Kargste seyn, sprach Regina, dem Staunenden
einen Beutel mit Silbermnze hinlangend: Deine Prophezeiung ist eingetroffen,
Du hlicher, aber kluger Bursche. Der Ring mit dem blauen Steine kam, und mit
ihm mein Hochzeiter. Auch von ihm kannst Du noch einen reichlichen Lohn
gewinnen, stellst Du Dich ihm morgen, an unserm Ehrentage vor. - Euerm
Hochzeiter? fragte der Mensch neugieriger und lauernd. - Ja doch; erwiederte
Regina lchelnd: dem ehrsamen Altbrgersohn Dagobert Frosch, wenn Dir etwa sein
Name noch nicht bekannt seyn sollte. Wir werden morgen ein Ehepaar, und mchten
im Vorgefhle einer glcklichen Zeit den Herold derselben belohnen, wenn er's
nicht verschmht. - Verschmhen? fragte der Fremde mit scharfem Lcheln: Ein
Bettelmann wirft nichts hinter die Thr, am wenigsten den Dank, den ich nicht
erwartet htte von Euerm jungen Eheherrn. Ich werde kommen zum Schmaus, und
nicht alleine, hoffe ich. Ein Hochzeitgeschenke soll mich begleiten, und Ihr
werdet seyn glcklich in Ewigkeit, so Ihr's fromm und geduldig empfahen mgt.
Valet, junge Braut. Mit diesen Worten war der Mensch mit dem klimperden Beutel
wie der Blitz davon, und lie Reginen allein, die ber das seltsame Benehmen des
Fremdlings nicht genug sich wundern, es nicht genug belcheln konnte. Whrend
sie sich jedoch den Kopf vergebens zerbrach, ruderte der Fremdling mit schnell
arbeitenden Ellbogen durch die Menschenerfllten Gassen, unter schadenfrohem,
heimlichem Lachen, und mit wildfreudig klopfender Brust. Er strzte sich in das
dickste Volksgedrnge, und entfaltete hier sein eigentlich Gewerbe. Mit
scharfer, im rmel verborgnen Scheere schnitt er hier eine Geldtasche von einem
Frauengrtel, dort einen Beutel von des Mannes Hfte. Die goldnen Troddeln an
den Kaputzen der Mntel wurden hufig auf dieselbe Weise sein, und wo er, von
Andrer Augen gehtet, nicht das Kostbare erobern mochte, schnitt er, nur um zu
schaden, die kstlichen Pelzverbrmungen der Frauenrcke, wie auch die
herrlichen Sammetschauben der Vornehmen in Stcken. Trotz diesem eifrig
betriebnen Geschfte drang er doch unaufhaltsam in einer geraden Richtung fort
bis zum Mainstrome, wo er mit dem Mittagsgelute eintraf. Andchtig, wie alle
Vorbergehende entblte en den schwarz und rauh behaarten Kopf, und warf sich
auf die Knie, die Brust klopfend und die Stirne bekreuzend; dann spie er
verstohlen aus, und schlpfte in eine von den Breterschenken, die, luftig und
fr den Augenblick erbaut, zum Besten der Kaufleute am Ufer errichtet waren. In
einem verborgnen Winkel derselben verzehrte er hastig und gefrig den Knoblauch
und das harte Brod, das er in der Tasche trug, und schlrfte dazu seine halbe
Kanne schlechten Weins, das Geld im Verborgnen berzhlend, das er auf seinem
Gewerbgange erobert. - Nach kurzer Ruhe erhob er sich wieder wie ein Fuchs vom
Lager, strich am Herde vorber, warf die ganze Pfefferbchse auf ein Gericht von
Fischen, das dort in der Pfanne schmorte, stie einen vor der Htte stehenden
mit Wecken gefllten Korb mit einem schnellen Futritt in den Strom und
verschwand innerhalb dem Bereiche mehrerer Zelthtten, die von einigen
Meisterinnen fahrender Tchter unfern davon aufgeschlagen worden waren, und in
welchen das lderliche Herren-und Pbelgesindel seine Schwelgereien feierte,
unter'm Schutze der Mefreiheit. Der Beutelschneider, aller Wege und Stege in
diesen Htten der Ausschweifung wohl bewut, brachte schnell bei den ppigen
Dirnen die Quasten und Troddeln an, die er gestohlen, und die sie ihm dreifach
bezahlen muten, um ihrer unverschmten Eitelkeit und ihres Sndenerwerbs
willen. Der Handel fiel glcklich aus, und im Davongehen stie der Dieb auf
einen hagern Mann in brgerlicher Tracht, der seinen Weg gegen die Zelte zu
nehmen schien. Wohin? wohin? edler Herr? fragte der Erstere halblaut, und dem
Manne vertraulich auf den Leib rckend: Schleicht man doch nicht im
Mittagsscheine zum Liebchen, und httet Ihr wohl was Beres zu thun, als hier im
Schlamm zu verderben Zeit und Masumme! - Halts Maul, Jud! raunte ihm der
Andre ergrimmt zu: Scheer' Dich Deiner Wege. - Nichts da; versetzte der
Gescholtne: Ihr werdet mir folgen in den Knippling, und vernehmen allda, was
sich begeben, oder nichts haben von der Brut. -
    Verdammter Hund! murrte der Andre vor sich hin, und drehte sich aber um,
dem Kerl zu folgen, der wie ein Wiesel, durch die Straen dahin scho, und sich
nach mannichfachem, wiederholtem Umschauen nach seinem Nachfolger, in das engste
Gassengewinkel der Altstadt verlor. Hier, - in einem Sackglein, zu dem Jahr
aus, Jahr ein kein Sonnenstrahl den Weg zu bahnen sich vermochte, weil die eng
an einanderstoenden berhnge der Huser jeden Luftzugang versperrten, hier
stand, - rechts und links von dstern Stiftsgebuden eingefangen, - eine elende
Schenke, - zum Knippling genannt, im Munde des Volks, und allerdings nicht allzu
wohl berchtigt, obgleich im Herzen der Stadt belegen. Der Wirth, ein eisgrauer
Hagestolz hatte es gleich von Anbeginn nicht darauf abgesehen, eine klare,
ehrliche Wirthschaft zu errichten, und hatte nur die niedern Brger an sich
gezogen durch wohlgeil Getrnke. Anfnglich hatte er auch ein Kupplerwesen in
der Stille getrieben, und mancher Altbrger, wie auch mancher Chorherr des
benachbarten Stifts hatte wohl damals, bis an die Augen vermummt, unter'm Schirm
der finstern Nacht, des pfiffigen Brndlings Haus besucht; aber seit der Rath
die ble Wirthei ergattert, und der Stcker, als Herr und Meister der fahrenden
Weiber, bei hellem Tage die Dirnen aus dem Knippling getrieben hatte in's
Rosenthal unter seinen eignen Bannbereich, - seitdem hatte der vornehme stille
Zuspruch aufgehrt, und aus der Bekanntschaft mit den Stiftsherren war fr
Brndling nur der Vortheil erwachsen, da er ferner ungestrt auf dem Grund und
Boden des Kapitels verweilen durfte. Von Stund an hatte sich auch nichts
Unredliches vom Knippling weiter hren lassen, aber rechtliche Leute mieden
bestndig die Spelunke, in welcher nach wie vor nur sparsamer Pbeltro, oder
arme Mekrmer, oder listige Megauner ihre Einkehr hielten. In dieses finstre
Haus traten die beiden Kumpane, begrten den ghnenden Wirth wie einen alten
Bekannten und begaben sich in die kleine gewlbte Stube, in welcher zwei andre
Mnner an einem schmutzigen Brettspiele saen. Ho! rief der Gefhrte des
Beutelschneiders: Da komm ich ja guter Stunde: Schon da, Namensvetter? Gr
Dich Gott, und auch Dich, Bruder Reifenberg! - Das Brettspiel flog nach diesen
Worten unter den Tisch, die Dreie schttelten sich die Hnde und umarmten sich,
wie alte Freunde. Der Vierte, der schwarzborstige Diebsgeselle, stand daneben,
rieb die Hnde und lachte wie ein Satan. Der Eine der Fremden sah sich nach ihm
um, und sprach: Du auch hier, Pathchen? Herrlich! ein ganzes Nest znftiger
Vgel. Wein her, Brndling! Wein! und nun rund um den Tisch, ihr Leute, und
aufgethan den Schnabel, und erzhlt wie es hier steht. Friedrich! mach Du den
Anfang, denn in Deinen Augen .... Donner und Pestilenz! - da wetterleuchtet es,
wie unter den Braunen des Teufels! -
    Brndling schleppte, auf leisen Socken schleichend, einige Kannen herbei,
empfahl seinen Gsten Behutsamket und heimliches Gesprch, und ging, um an der
Thre Wache zu halten, da sie nicht berfallen wrden von ungebetnen Gefhrten.
-
    's ist alles reif, begann Zodick: reif, als mir Gott soll helfen im
Sterben. Alle die, die einst gedient haben unter dem trunknen Marten, Alle, die
bis jetzo entgangen sind dem Blutgericht, sind hie, und vertheilt in den
Erdhtten und schlechten Bayes auf dem Klapperfeld und dem Fischerfeld. Ich
steh' fr sie ein, mit Gut und Blut. Sie zittern nicht, sie zagen nicht. Als ich
ihnen sag': Stot zu! so stoen sie auf den Fleck, bis er nichts mehr fhlt. -
Die zwanzig angeworbnen Sldner sind ebenfalls um die Stadt herum versteckt;
setzte der Leuenberger, Zodick's Kumpan, hinzu: tchtige Leute, ein wahres
Mordgesindel, das den Pfaffen am Altar ermordet, und aus des Papstes Hand den
Kelch stiehlt, wann man's haben will. - Herrlich, beim Blitz und Strahl!
jubelte der Hornberger Veit, Reifenberger's Begleiter: Siebzig Knechte haben
wir im Gefolge und rings im Feld und Acker aufgestellt, die alle vor Begierde
brennen, sich an den hochmthigen Ellenreitern zu rchen, die sie herrenlos
gemacht! - Gott sey Lob und Dank; lie sich der Reifenberger vernehmen, - so
drfen wir doch hoffen, unserm armen Bechtram eine Todtenfeier zu halten, bei
welcher die Frankfurter Geisel- und Rmerfahrt, das groe Sterben und die Gruel
der Judenschlacht vergessen sollen. Sagt aber, ihr Freunde, wann soll's
beginnen? - Morgen! fiel Zodick hastig ein: Morgen, edle Herren, und nicht
frher, und nicht spter. - Hoho! riefen die Andern: Friedrich! Dir funkeln
schon die Finger nach der Plnderung; aber so schnell wird's nicht seyn knnen!
- Gott soll mir helfen; betheuerte der Jude: - entweder morgen, und ich bin
dabei, oder nicht - morgen, und ich ziehe ab meine Hand. - Dummer Hecht!
versetzte der Leuenberg: hier knnen wir nicht ohne Dich seyn, Du sollst uns
den Pbel aufhetzen lassen, da er an dem Spiele Theil nehme, Du sollst uns zu
den Kisten und Ksten der Reichen fhren, und uns zeigen, welches Haus frher
brennen mu, als das andre. - Das will ich! versicherte Zodick: aber ich
will verkrummen, und schwarz werden wie die Nacht, so ich's an anders thue, denn
morgen. Ich will nicht haben umsonst mich gestrzt in die Gefahr des Todes; denn
auf diesen Gassen liegt der Strick fr meinen Hals; ich will Euch friedigen die
Lust nach, und die Lust nach Rache. - Geld und Rache! rief Hornberg: Bei
Donner und Strahl! der Jude, - Friedrich, wollt' ich sagen - hat Recht. Ist's
denn nicht auch unsre Losung? Geld fr uns! Rache fr Bechtram's Henkertod! -
Ganz recht! polterte Leuenberg: die Pest auf die Frankfurter und der rothe
Hahn ihre Huser; aber noch einmal: nichts bereilt! Vorsicht; ihr Freunde! -
Versumen wir's um einen Tag, erluterte Zodick, so gehn die reichsten
Niederlnder fort, denn schon stehen leer ihre Gewlbe, und voll sind ihre
Kasten; zaudern wir, so geht fr mich verloren das hchste Glck der Rache. Mein
Feind, der junge Frosch, macht morgen Hochzeit. Hat er gewonnen die Hand der
Braut, soll er doch nicht gewinnen ihren Leib. Ich schlachte ihn am
Hochzeitschmause mit seinem Ette, und will nichts weiter dafr, Herr von
Leuenberg; aber ich will lahm werden wie ein Hund, wenn sie nicht die Ersten
sind, die da kriegen den Talles. Ich hab's geschworen, ihr Herren, und halten
will ich's bei Gott! - Den jungen Frosch! den alten Snder daneben? fiel
Leuenberg wild ein: Vortrefflich! das bewegt mich, und bringt mich zu Allem. Am
Hochzeittag? Drauf und dran! Bei dem blutgen Hochzeitsmahl tanz ich mit meiner
Grete den Kehraus und mit Wallraden. Sie haben's um mich verdient! - In
Gottesnamen! wie Ihr wollt! stimmte Hornberg ein: Je frher es an's Gemetzel
geht, je freudiger schlage ich zu. - All' gut, meinte der Reifenberger: 's
will aber doch beredet seyn, wie wir's vollfhren, denn Kopf und Fu mu eine
Sache von dieser Wichtigkeit haben; das begreift Ihr wohl. Lat uns darum
berlegen, wie's am Besten anzufangen ist, und in's Reine bringen, wo und wann
der Angriff statt zu finden hat; wo zu seugen und zu plndern, wie die Beute
dann zu theilen ist. - Der lange Zodick mag zuerst sein Scherflein anbringen;
sprach der Leuenberg: er kennt hier Zeit und Ort am Besten, und sein eigner
Vortheil ist's, fhrt er uns gut und zur gelegnen Stunde. - Mir recht!
antwortete Zodick: ich will Euch vorschmusen, wie ich mir's hab' gedacht.
Erlaubt jedoch, da ich zuvor werfe die rohaarne Haube und 's Pflaster vom
Kopf. Die Stirne glht mir darunter wie ein Ofen. - Indem er davon redete,
hatte er auch die tuschende Verhllung vom Haupte gerissen und sein rothes
struppiges Haar, wie das blasse, zernagte und zerstrte Gesicht zu Tage
gefrdert. Indessen bemerkte Reiffenstein, der nach dem Fenster blickte, vor
demselben einen Mann, der durch die Scheiben glotzte, als suchten seine Augen
einen Bekannten in der Stube. - Die Mummerei vor's Gesicht! rannte er dem
Juden, der davon nichts gewahr worden war, zum und gab ihm einen
bedeutungsvollen Wink. Zodick sah sich rasch um, und gewahrte noch den Mann, der
so eben von Brndling bemerkt und angerufen worden war.
    Gott soll mir helfen, wenn mich der lennt; sprach er gleichgltig und
lchelnd zu dem Reiffenberg: Ich kenn' ihn doch auch nicht: aber Vorsicht ist
recht, und ich will darauf halten. Er stlpte die Haarhaube auf den Kopf, und
schlich mit den Andern an die Thre der Stube, um zu horchen, wer wohl
eigentlich der Fremde sey, und was er hier begehre. Sie vernahmen alsobald auch
Brndlings Rede, die sich also vernehmen lie: Ei, ei, Meister Freudenberger!
seit wann ist es denn Sitte, ungebeten in die Zechstube zu schauen, und zu
hren, was die Gste darin verhandeln? - Seyd nur nicht bse, Brndling;
erwiederte der Fremde: Ich hab' nur einen Augenblick hineingeschaut, um zu
sehen, ob Ihr daheim, und gehorcht hab' ich vollends nicht. Ihr wit, mich
kennen die Schenken nicht viel. Meine Einkehr gilt Euch; ich habe noch aus Euerm
Hause ein Paar Schillinge zu fordern fr Schuharbeit, und mchte Euch bitten,
mir das lngste Schuldige zu zahlen, weil ich Leder zur Messe kaufen mu. -
Ho! entgegnete Brndling grob, whrend seine Hnde vergebens in den leeren
Taschen nach Mnze suchten; der Bettel wird doch noch gut bei mir stehen,
Meister Freudenberger? Ihr seyd ein unhflicher Mahner, so s Ihr auch Eure
Worte vorbringt, und kommt tglich zweimal, wie der Hunger. Setzt Euch doch
hinein in die Stube, und sauft die kleine Schuld vom Kerbholze ab. Euch
Schuhworten kmmt ja ohnehin selten genug ein Glas Wein in die trockne Gurgel.
- Ich trinke nicht bei Euch, lieber Nachbar; versetzte Freudenberger gelassen
und freundlich: will ich meine Kanne trinken, wei ich auch schon bessere
Huser. Bemht Euch um Geld, Lieber; ich komme morgen am Abend wieder. - Oder
bermorgen lieber, antwortete Brndling grob und aufgeblasen, wie zuvor:
bermorgen zahle ich Alles bei Heller und Pfennig. - Also bermorgen,
entgegnete Freudenberger, wie oben: Will aber doch morgen wieder nachfragen.
Gott befohlen, Nachbar. - Der Schuster ging, und Brndling belferte ihm ein:
Da Du den Staupenschlag httest, frmmelnder Schurke! nach. Freudenberger sah
sich nicht einmal mehr um, und zog ruhig seines Weges fort. Indessen trat Zodick
zu Brndling, und rief ihm in's Ohr, whrend er ihm den Schopf beutelte: Wenn
Du noch einmal lt kommen solch verdchtigen Goi in unsere Nhe, so hast Du
gegessen Dein letzt Brod, Du fauler und trger Wirth! - Die edeln Herren
versicherten dem seine Unschuld Betheuernden ein Gleiches, und wollten, sich
beglckwnschend, da kein gefhrlicherer Mann in dieses Freudenbergers Haut
gesteckt, wieder an ihre Berathungen gehen, als in der Strae, nach welcher man
eine Handbreit Aussicht aus Brndlings Kneipe hatte, ein Gelufe und Getobe
entstand, als ob die Stadt mit Sturm genommen wrde. Pest und rother Hahn!
donnerte Leuenberg, und griff nach der verborgnen Wehr: was geht dort los?
Schelm von einem Wirth! hast Du uns verrathen und verkauft, oder sind uns andre
im frommen Werk zuvorgekommen? - Soll mich doch gleich der Blitz zehn Klafter
in die Erde schlagen; schrie Brndling weinerlich, denn Veit von Hornberg hatte
ihm im Voraus schon, auf Abschlag, einen Schlag in's Genick versetzt, da er
sich kaum aufrecht zu halten vermochte: ich wei von Nichts: aber ein Sprung an
die Ecke, Ihr Herren, und ich sag' Euch, was vorgeht! - Nicht ohne mich;
setzte der Hornberger bei, und packte den Wirth unter den Arm: Wir gehen
zusammen, Kumpan, und bei der mindesten Falschheit sitzt Dir mein Schnepper in
der Gurgel, Du schielender, krummbeiniger Hund! - Somit schleppte er den sich
strubenden Wirth mit sich, und in einiger Entfernung folgten die brigen Drei,
durch ihre Verkleidung keck gemacht, und sicher genug, von niemand unter diesen
Federn erkannt zu werden. So wie sie aus dem Sackglein hervortaten, und aus
dem Gebrause des sie umstrmenden Volkes einige Worte klar auffischen mochten,
so sahen sie die Nichtigkeit ihres Argwohns ein. Hundert Stimmen antworteten auf
ihr Befragen: Die braunen Leute aus gypten kommen! der Herzog aus dem Lande
Afrika wird gleich hier vorbei ziehen, und Zodick, der auf seinen Kreuzzgen
durch das platte Land schon die Vorlufer dieser braunen Leute kannte, sumte
nicht seinen Spiegesellen alsobald auf's Eiligste mitzutheilen, welche
Bewandni es mit diesem Volke habe. Es hatten sich nmlich seit ganz kurzer
Frist eine Menge von landstreicherischen Horden im Osten des deutschen Landes
gezeigt, von fremder Abkunft, dunkler Farbe, zerlumpter abentheuerlicher
Kleidung und kauderwlscher Sprache, wie auch von unbekannten Sitten. Diese
Eigenschaften, - mehr aber noch als diese - der Fremdlinge berkeckes Thun und
Treiben, hatten die Landbewohner in Staunen und Bestrzung versetzt, denn nichts
von dem, was klingt und leuchtet und glnzt, war sicher vor den habschtigen
Fingern der Fremden;. aber auch Hhnerhfe, Taubenschlge und Ferkelstlle
leerten sie aus, verzehrend, was ihnen gerade behagte, vertauschend gegen Geld,
was sie gerade im berflusse besaen, und verderbend, was ihnen unntzlich
schien. Mit Unwillen sah der Bauer das zuchtlose Betragen des gleichwie vom
Himmel geschneiten Gesindels, dessen Ursprung, Namen, Zunge und Bestimmung auch
dem Gelehrtesten unbekannt war; er htte gerne die frevelnden Gste mit offner
Gewalt vertrieben, denn Muth im ehrlichen Streite schien eben ihre Sache nicht
zu seyn; aber die Menge, die stets sich erneuend wie aus dem Boden wuchs,
ersetzte hier die Tapferkeit, und die Tausende, auf Leben und Tod durch die
Bande ihres unbekannten Vaterlandes verknpft zu dem gefhlichen Zug, durch
fremde Lnder, bildeten eine furchtbare Macht, welcher selbst das wohlbewahrte
Frankfurt den Durchzug, - und was mehr noch ist, - einige Rasttage nicht
verbieten zu knnen glaubte. An dem Morgen des heutigen Tages waren, nach dem
Berichte mehrere Brger, die erzhlend und neugierig unter dem Getmmel standen,
waren die Herolde des braunen Volks vor Schulthei, Burgermeister und Rath
erschienen, und hatten Geleitsbriefe vorgelegt von Knigen, Frsten und Herren,
und im Namen ihres Herzogs den Durchzug gefordert, gegen Westen und Mittag, und
der Magistrat, geschreckt von der im Munde des Volks weit bertriebenen und
vergrerten Zahl der zu einer Einzigen versammelten Horden, hatte dem Begehren
willfahrt. In dieser Stunde kamen sie eben an, die Fremdlinge, gefhrt vom
Oberstrichter selbst, und umgeben von Sldnern des Raths, die von Zug zu Zug
verhindern sollten, da Einer von den gyptern sich in die Stadt verliere, und
zugleich ihnen als Begleitung dienen, bis zu der wst liegenden Maternuskapelle
in Sachsenhausen, wo sie ihre Rastzeit zubringen sollten. Helle Haufen von
Weibern braunen Angesichts, mit glnzend schwarzen Haaren, ihre Kinder theils
fhrend an der Hand, theils tragend auf dem Rcken, erffneten, an langen Stben
wandernd, den langen Zug. Zerlumptes Mnnervolk mit Zwerchscken, Bndeln und
Schluchen auf den Schultern, Hahnenfedern auf den Mtzen und kurzen Messern an
der Seite, folgten. Ihre Gesichter waren meistens dunkel, wie die braune
Kastanie, ihre Augen schwarz und lebendig, das Haar kurz und von gleicher Farbe,
die Zhne lang und glnzend, wie das Elfenbein. Diese Horden, wenn gleich
zahlreich und aus handfesten Leuten bestehend, waren indessen nur die Vorlufer
der eigentlichen Volks- und Heeresmacht der gypter. Ein wildes Getse lie sich
in der Ferne vernehmen. Koppeln von Hunden wurden tobend vorbei getrieben,
einzelne Bewaffnete auf drren Eseln oder kleinen unansehnlichen Kleppern, mit
dicken Kpfen und armseligen Schweifen, reitend; lieen sich unter dem dichter
werdenden Getmmel sehen, und eine barbarische Musik rckte heran: Schaaren von
Sngern und Spielleuten, die mit kleinen Trommeln, Handpaucken, Schellen,
blechernen Klingdeckeln, Dudelscken und kleinen Mohrenpfeifen, einen wsten
Jubel erhoben und unterhielten. Hinter ihnen wurde die Stange, mit vergoldetem
Knopfe und Bscheln von Rohaaren geschmckt, getragen, von welcher an goldnen
Schnren der groe pergamentne Freipa herabhing, den Kaiser Sigismund dem aus
fernem Osten heranziehenden gyptischen Volke hatte ausfertigen lassen, und den
viele groe Herren und Stdte durch ihr Insiegel bekrftigt hatten. Die
prchtige Kleidung des Herzogs dieser Horden, der unter dem Schatten jenes
Pergament-Paniers auf einem schellengeschmckten Maulthiere einher trabte, stach
grell gegen die zerlumpte Tracht seiner Untergebenen ab. Das ungarische Gewand
starrte von goldnen Zierrathen, auf seiner Mtze prangte ein Busch von rothen
Hahnenfedern, und unter dem pelzverbrmten Rande dieses Hauptschmucks blitzten
Augen hervor, die des Mannes Beruf, ber das ungeschlachte Volk den Stab der
Gewalt zu schwingen, auf's Bndigste bekrftigten. Um ihn her wurden die
Kochgeschirre der Horde getragen, Schluche mit Wein, Scke mit Mundvorrthen;
Weiber und Mnner. Die rstigsten aus Allen, - mit langen Speeren bewehrt,
folgten dem Heere, und an diese schlo sich, die Nachhut des ganzen Zuges
bildrnd, ein unzhlbarer Schwarm von Gesindel, Trovolk und schwarzgebrannten,
mit langen Knebelbrten gezierten Burschen, die den verwegnen Blick nach allen
Seiten richteten, und bereit schienen, bei der ersten verdchtigen Bewegung des
gaffenden Volks, wie blutlechzende Hunde in dessen Reihen einzubrechen, und zu
morden und zu plndern nach Gefallen und Willkhr. - Also zog unter dem Summen
der neugierigen Brgermenge, dem widerlichen Getne der Brumm und Gellpfeifen,
und unaufhrlich aufwirbelnden Staubwolken die wunderliche Heeresmacht vorber,
und hinter ihr flo das nachdrngende Volk in einen Knaul zusammen, um die
seltsamen Fremdlinge und ungebetnen Gste nach ihrer Ruhesttte zu geleiten.
    Zodick und seine Gefhrten machten sich dagegen nach dem Knippling zurck,
wo ihnen Brndling, da sich indessen in der Schenkstube einheimische Zecher
eingefunden hatten, ein dunkles abgelegnes Hinterstblein anwie, in welchem sie
sich um den Tisch lagerten, die Paglser fllten, und weiter sprachen von ihren
verderblichen Planen. - Gottes Wunder! rief Zodick schmunzelnd und sich
wohlgefllig das Kinn reibend: Ihr edlen Herren und Genossen! Kann man finden
einen bessern Deckel fr unsre Sache, so wir nicht verschieben die Ausfhrung?
Das gyptische Volk hlt hier Ruhtag, begreift Ihr, wackre Herren? Man frchtet
das Volk, man traut ihm nicht. Was wir anznden, werden gethan haben sie die
Fremden. Was wir zum Kapporah nehmen, werden geschchtet haben sie. So wir geben
das Zeichen zur Gewalt, so werden auch sie ergreifen das Schwert und bringen die
letzte Verzweiflung ber Mokum. Tausend Helfer haben wir errungen, in jenen;
darum zgert nicht. - Donner und Teufel! rief der wilde Hornberger mit
Freudengelchter; das trifft sich, wie gerufen, und unser Herrgott hat selbst
der hochmthigen Reichsstadt das Ziel gesteckt. auf das Wohl der gypter, wei
auch keine Seele, welcher Kukuk diese Satanseier in unser Nest gelegt hat. Wohl
bekomme ihnen, und den Frankfurtern das Fest, zu dem wir die Melodey aufspielen
wollen. Sie mgen Sachsenhausen und den erbrmlichen Strich, wie auch die Buden
am Main plndern, und Tod und Feuer allenthalben hinbringen. Bis sie sich an die
Arbeit machen, haben wir in Alt- und Neustadt schon die Augen von der Brhe
geschpft, und suchen das Freie. Mag dann das Heidenvolk keinen Stein auf den
andern lassen. Desto besser fr uns. - Und keinem Zweifel unterliegt's,
setzte Leuenberg hinzu, da die brannen Gesellen in unser Horn blasen. - Ob
sie's thun? fragte Reiffenberg: Art lt nicht von Art. - Zeigt dem Wolf nur
Blut; bekrftigte Zodick mit hmischem Spotte: Er wird es dann suchen mit
Begier. - Nun aber, erhob Reiffenberg noch einmal die Stimme: Vergleicht
Euch; wie ist's zu beginnen, zu vollfhren? Unsre Leute men morgen mit dem
Frhsten schon Bescheid wissen. - Warum denn? fragte Zodick mit ngstlicher
Schlauheit: Wollt Ihr geben unsre Hoffnung in hundert Mnner? Dann sitzen wir
morgen Alle auf dem Brckenthurm, denn unter hundert Menschen, die ein Geheimni
wissen, sind achzig geneigt es auszudibbern. Eh's losgeht, - den Augenblick
zuvor, sollen sie's erfahren, und nur an uns ist's, zu bestimmen unter uns,
wie's losgehen soll. Auch wir sind schon um vier Augen zu stark, wenn man will
seyn vorsichtig. - Schweig, Hund, mit solchem Diebsgeschwtz! schnauzte ihn
der Leuenberger an: Rath, Anleitung und Handdienst verlangen wir von Dir;
weiter Nichts. - Wir sind die Herren, stimmte Hornberg mit flammenden Augen
ein: vergi nicht, da Du weniger bist als mein schlechtester Knecht, dessen
Eltern und Voreltern schon getauft waren. - Das heit: schlo der
Reiffenberger: Halte Dein Judenmaul, wenn Du nicht gefragt wirst. Jetzo aber
befehlen wir Dir, uns kurz und bndig zu sagen, wie Du ber das Besprechen
denkst und was Du rthst. - Zodick warf unter den buschigen Augenbraunen einen
grimmigen Blick auf die stolzen Herren und Freunde; er bezwang aber bis zu
gelegner Zeit, klug und vorsichtig, die Galle, die ihm schon auf die Lippen zu
treten drohte, und erluterte nun den Edelleuten, wie er sich das Ganze
ausgesonnen. Die zehnte Stunde der Nacht sollte die zum grlichen Werk
bestimmte seyn. Der erste Schritt des Verderbens sollte nach Diethers Hause im
Mittelpunkte der Stadt geschehen. Zodick und Veit von Leuenberg wollten daselbst
mit den aufgebotnen berresten der Blutzapferrotte ein entsetzlich Schauspiel
geben, und den alten Diether, seinen Sohn, Margarethe, den Schulthei,
Oberstrichter und die Schffen, die sich, wie sie nicht zweifelten, beim
Schmause befinden wrden, so wie Wallraden, die sie auch nicht dabei fehlend
dachten, mit Blitzesschnelle hinmetzeln, das Haus plndern, und dann in Brand
stecken. Dieses Geschft von gebten Mrderfusten verbt, sollte bald abgethan,
und die am Liebfrauenberge himmelansteigende Flamme das Zeichen fr die brigen
am Rmerberg, und in der Neustadt verborgenen Rotten unter dem Hornberger und
dem von Reiffenberg seyn. Die Huser der reichsten Brger, der Geschlechter
Glauburg, Goldstein, zur Hofstatt, deren von Clle, zum Kranich, von Holzhausen,
der Mnzberechtigten Altbrger Klabelauch wurden den Rubern zum vornehmsten
Ziele gegeben. - Gold, Gold und Mord! hie der Wahlspruch. Und nach all diesem
Brand und Verwstung. Reiffenberg bernahm es, den Stadthauptmann von Dudenhofen
im Bette zu erschlagen, und somit den Arm aller Sldner des Rathes zu lhmen.
Zodick versprach, die Geldvorrthe der ersten Wechslerstuben aufzurumen.
Leuenberg gelobte der niederlndischen Kaufleute Niederlagen zu plndern, und
hinwegzuschaffen, und Feuer in alle Holzhtten zu werfen. Der Hornberger verma
sich hoch und theuer das Gewandhaus abzubrennen, die Gewlbe der Goldschmiede
auf sich zu nehmen, und der reichen Stifter nicht zu schonen. Alle Gefngnisse
sollten aufgesprengt, alle Megauner zur Theilnahme aufgefordert, der Pbel, ihn
zu gewinnen, in den Weinkellern der Reichen berauscht werden. Die Schiffe am
Mainufer sollten gekappt, einige von ihnen, mit dem Raube beladen, und also gen
Mainz gesteuert werden. Und endlich, nachdem, wie zu hoffen stand, vom Dunkel
der Nacht, wie von der schlaftrunknen Ohnmacht der zum Verderben Bestimmten,
begnstigt, das Werk unter Flammen, Blut und Mordgeheul zu seiner schnsten
Blthe erwachsen, - dann wollten die Verschwornen die Brckenthore mit Gewalt
erffnen, und die Fremdlinge, das ruberische Volk herberrufen zum Kehraus;
whrend dessen sich auf dem Strome von dannen treiben lassen, und auf irgend
einem befreundeten Raubnest des Rheinthals die khn errungne Beute theilen. -
Nachdem Zodick also gesprochen, konnten ihm die Andern ihren Beifall nicht
versagen, und der Hornberger staunte nur, da der Gedanke zu solchem Heldenwerk
in eines Zodick's Hirn entspringen konnte, frher als in dem seinigen und seiner
Gefhrten. Wahrlich! rief er: bei Hagel und Donnerstrahl! der Friedreich ist
ein andrer Bursche geworden, denn zuvor. Ein schlechter Beutel- und
Kehlabschneider war er, ein khner Waghals ist er geworden. Der heilige Geist
hat ihn wundersam in der Taufe berschattet, und mich freut's, ihr Herren, da
ich bei dem Kindlein Gevatter stand. - Mehr freut mich's, sprach der
Leuenberger, da endlich der Augenblick der Rache vor der Thre ist: Pest und
rother Hahn! Jetzt ist die Reihe an mir, Euch zu vergelten, Ihr Frankfurter
Wichte. Die Frsche niedermetzeln, Wallraden und Margarethen zeichnen, da sie
meiner gedenken, - hu! welche Lust. Und das Eine, Ihr Brder und Freunde, das
Eine mt Ihr mir versprechen; schenkt keinem der aus Frankfurt ist, aus der
verdammten Stadt, das Leben. Stot jeden nieder, der Euch in den Wurf kommt.
Kind, Jngling, Greis, Mann oder Weib, schont ihrer nicht, der verfluchten
Brut! - Ei, so sollen mich tausend Teufel zerreien, ehe ich etwas Anders
thue, als du begehrst! fluchte Hornberger mit seinem entsetzlichsten
Kampfgesichte. Und mich! fgte der Reiffenberg, - und mich, setzte Zodick
langsam hinzu; - Amen! sprach der Leuenberg, und da gerade die Viere nach den
Kannen griffen, um sich zuzutrinken, schlug ein tiefer Seufzer an ihr Ohr. Wild
fuhren sie in die Hhe, der Eine nach der Thre, der Andere nach dem
vergitterten Fenster. Zodick jedoch hatte das gebteste Gehr und suchte hinter
dem Kachelofen nach dem verborgenen Zeugen ihres Gesprchs. Eine Knabe von zwlf
bis dreizehn Jahren lag dort auf der Ofenbank, und hatte sich furchtsam
zusammengekauert, da Zodick mit allen Zeichen der berraschung und Wuth an ihn
herantrat. - - Verflucht seyen die Brste, die Dich sugten, niedertrchiger
Goi! sprudelte der Jude, und spie dem Knaben seinen Geifer in's Angesicht: Fr
Dein Ohr mu zahlen Dein Hals! - Mit keckem Schlchtergriff packte er den armen
Jungen bei der Kehle und zerrte ihn aus dem Winkel nach dem Tische, auf welchem
sein Messer lag. Der Knabe, mit dem Ersticken kmpfend unter der riesigen Faust
des Elenden vermochte nur ein krchzendes Gesthne hervorzubringen, und sich mit
der Gewalt der Todesangst an den Fuboden und die Kniee des Mrders
anzuklammern, so da dieser, einige Schritte vom Tische entfernt, und den Hals
seines Opfers, - um es stumm zu machen, - nicht lassend, nicht von der Stelle
konnte, und von dem Reiffenberg schumend den Dolch verlangte. - Dieser weigerte
sich dessen, und behauptete, der Junge msse zuvor reden, und - mte er sterben
- zuvor auf alle Flle noch beten drfen. Leuenberg widersprach dieser Regung
von menschlichem Gefhl; Hornberg dagegen, obgleich der Wildeste unter
Seinesgleichen sprang auf des Reifenbergers Seite, und begehrte von Zodick, er
solle den Buben loslassen. - Gott soll mich strafen an Leib und Seel! rief er,
da der Jude verneinte; ich haue Dir die Faust vom Rumpfe, wenn Du nicht Deine
Krallen von dem Buben lssest. Dir aber, Bube, befehl ich, alles Geheul und
Wehklagen von dannen zu lassen, und fein leise und still mir zu sagen, wie Du
hieher gekommen. Beim ersten Schrei fhrt Dir mein Stahl in die Gurgel? -
Zodick lie zitternd vor Wuth und Grimm dem Buben ein wenig Luft, und der Arme
schleppte sich dumpfwimmernd zu den Fen des Hornbergers, obgleich ihn Zodick
noch immer fest hielt, wie ein Fanghund die angeschossne Beute. Reiffenberg
suchte indessen den von Leuenberg zu begtigen. Auf Befragen des Hornbergers
berichtete der Knabe schluchzend: er sey Brndlings Vetter Heinrich, von ihm an
Sohnsstadt aufgenommen, und zur Kfnerei bestimmt. Er sey verwichne Nacht als
Aufwrter bei einem Benderschmaue gewesen, und md zum Tode heimgekommen. Nach
dem Mittagimbi habe er noch seine Hausarbeit verrichtet, sey dann in diese
Stube gedsselt, und auf der Ofenbank eingeschlafen, auf welcher er vor einigen
Augenblicken erst erwacht. Er betheuerte, von dem Gesprch der Herren nicht das
Geringste vernommen zu haben, und bat um Vergebung und um sein Leben. - Der
Bube lgt, wie ein Schelm! rief Zodick dazwischen: Seht doch, wie er wird roth
bei jedem Wort. Der ist cochem wie ein Fuchs. Darum nieder mit ihm. - Er
krallte seine Faust wieder um den Knabenhals, und zuckte das Messer. - Der
Hornberg zuckte die Achseln, und wendete sich ab. Reiffenberg fiel dem Juden in
den Arm, und sprach: Blutunke! bedenke doch ... das Geschrei des Knaben, sein
Rcheln, man wird es vernehmen ... die Folgen ...!
    Sorgt nicht! spottete der Jude: ich verstehe es, wie man schchtet, ohne
da das Lmmchm schreit! und wieder zu Boden warf er den Knaben, als mit
einemmal die Thre aufging, und Brndling hereintrat, der wei vor Angst und
Entsetzen wurde, da er seines Vetters Bedrngni sah. - Wie ein wthender Mensch
sprang er auf den Juden zu, zerrte ihm sein Opfer aus der Faust, und fragte mit
blauen bebenden Lippen nach der Ursache solch grausamen Verfahrens.
    Ein Wort des Hornbergers reichte hin, ihm Aufschlu zu geben, und seinen
Mund zur flehenden Bitte zu ffnen. Ach ihr Herren, seufzte er: verlangt
Alles von mir, nur nicht, da ich in diese that willigen soll. Der Bube ist mein
leiblicher Schwestersohn, ein guter Bursche, ohne Trug und Falsch, und - ohne
Ruhm zu melden, - weit besser als wir alle sammt und sonders sind. Nimmer knnt'
ich mir vergeben, htte ich meinen Schwestersohn umkommen lassen in Gefahr. Seyd
nur diemal barmherzig, ihr Herren, und Gott wird Euch um so reichlicher segnen,
in dem was ihr vorhabt, und mir einen doppelten Theil zuwenden. - Heuchle
keine Menschlichkeit, du krummer Katzenbuckel! schalt der von Leuenberg: Der
Bube hat uns behorcht, und fort mu er. - Und den Talles bekmmst auch Du,
wenn Du ihn nicht gibst heraus, den Horcher! fgte der Jude bei, und griff
abermals nach dem Knaben. Brndling bewies aber durch die Heftigkeit, mit
welcher er den Knaben in die Arme schlo, wie sehr es ihm Ernst sey, um das, was
er vorhin gesagt, denn er ri den zitternden Heinrich zu der Thre hin, drckte
die Faust auf die Klinke, und sprach mit der klanglosen bebenden Stimme des
auf's hchste Gereizten: Versuchts, ihr Herren! versucht's! Stecht mich
zusammen, aber im Fallen reie ich die Thre auf, und mein Gebrll ruft die
Schifferknechte, von welchen die Schenke wimmelt, hieher, und verloren seyd Ihr
dann; noch im Sterben verrathe ich Alles, was ich wei, und geheim halten will
wie der Pfaffe die Beichte, wann Ihr ablat von dem Knaben. - Brndling, hat
Recht! fiel der Hornberger ein: Wegen seiner auf's Rad gesetzt zu werden,
gelstet mir nicht. Sag aber an, welche Brgschaft leistest du fr den Buben? -
denn haften mut Du fr ihn mit Haut und Haar! - Das will ich auch, Herr!
erwiederte der Wirth, von schwerer Angst erlst, und freier athmend: Schwren
soll der Knabe, da, wenn er auch etwas vernahm, nichts ber seinen Mund gehe,
es zu verrathen.
    Gottes Wunder! hhnte Zodick: Was soll uns helfen ein leerer Schwur? -
Schweig! murrte Reiffenberg: Dem Kinde da ist ein Eid heilig wie der
Tabernakel. Leuenberg lachte unglubig, Zodick fletschte verdrossen die Zhne,
und Hornberg hielt unterdessen dem Knaben das Kreuz seines Schwerts vor, indem
er ihm die Eidesformel vorsprach: Ich gelobe handlich und festiglich auf dieses
Kreuz das des Erlsers Kreuz bedeutet, keiner Seele, die da lebt auf Erden, zu
vertrauen, und zu verrathen, was ich in der heutigen Nacht als unberufner Zeuge
gehrt und vernommen. Verdammt will ich seyn in Ewigkeit, und das schrecklichste
Gebrest und Siechthum erdulden in dieser Welt, wenn ich den Eid nicht halte, den
ich hier schwur mit aufgehobenen Hnden zu Gott, seinem Sohne und allen
Heiligen. Amen. -
    Der Knabe sprach deutlich und sichtlich ergriffen und bewegt den Eid nach,
und zerflo nach dessen Leistung in Thrnen. Reiffenberg nickte, zufrieden
gestellt, mit dem Kopfe, und der Hornberger bergab den Buben seinem Vetter
Brndling. Das Letzte fr unsre Ruhe und Sicherheit ist noch an Dir, zu thun,
sprach er: Sperre den Buben ein in Deinen tiefsten Keller, und lasse ihn nicht
eher los und ledig, als bis es Zeit geworden ist. Solch kurze Frist hindurch ist
ein glatter Aal zu hten; warum nicht ein junger Bursche? So Du redlich unsern
Willen thust, sind wir Dir gewogen, alter Brndling. Beim mindesten Versehen
hingegen, und bei der kleinsten Falschheit sollst Du der Erste seyn, der den
verdienten Lohn erhlt. - Brndling, Treue und Gehorsam gelobend, riegelte vor
den Augen der wilden Gste den Vetter Heinrich, - ein duldsames Lamm, - in das
hinterste Gewlbe seines Hauses, und beruhigt suchten die Verbndeten ihr
drftiges Lager.

                              Dreizehntes Kapitel.


                Ich nehme den angeklagten ungehorsamen Mann hier aus den
                Rechten, aus dem Frieden, aus den Freiheiten, die Kaiser Carolus
                gesetzet, Papst Leo confirmiret hat, und von allen Frsten,
                Herrn, Rittern, Knechten, Freien und Freischppen beschworen und
                geleistet worden, in dem Lande zu Sachsen, und werfe ihn nieder
                vom hchsten Grade, und thue ihn mit all' seinen Freiheiten,
                Frieden und Rechten in des Knigs Bann, und strafe ihn mit
                hchstem Unfrieden und Ungnade, und mache ihn unwrdig, achtlos,
                rechtlos, siegellos, redelos und unfhig zu allen Rechten und
                Verfahren, und setze ihn aus nach den Satzungen der heimlichen
                Acht, und verfalle seinen Hals dem Strange, seinen Leichnam den
                Vgeln des Himmels und den Thieren der Luft zur Atzung, und
                befehle seine Seele Gott im Himmel in seine Macht und Gewalt,
                und erklre seine Lehen und Gut fr heimgefallen ihrem Herrn von
                dem sie zu Lehen rhren, oder der heiligen Kirche, sein Weib
                eine Wittib, seine Kinder Waisen!
                                Der heimlichen Acht Bannfluch auf Haut und Haar.

Der arme Heinrich erlebte eine ble Nacht auf dem Spreusack, den die Hand des
mitleidigen Vetters ihm zugeworfen hatte, um sich bequemer auf den feuchten
Boden des Kellers zu betten. Der Vorfall des Abends schien dem geschreckten
Knaben nur ein Fieberbild, wie uns der unruhige Schlummer zuweilen vorfhrt,
allein zu bald nur erinnerte er sich an die Wirklichkeit des Gruelauftritts,
indem er in der Stille der Nacht sich nach und nach aller Reden wieder
erinnerte, welche von den bsen Gesellen gefhrt worden waren, und die er von
Anbeginn alle vernommen, ob er gleich in der Todesangst es gelugnet; denn er
war kurz nach dem Eintritt der furchtbaren Mnner erwacht, und hatte sich, von
einer dem Knabenalter sehr gewhnlichen Scheu ergriffen, nicht getraut, seine
Anwesenheit kund zu geben, und mit Herzklopfen den Augenblick erwartet, in
welchem die Schrecklichen gehen wrden, bis ihm das Entsetzliche ihres
unverholen ausgesprochenen Vorhabens einen tiefen schmerzlichen Seufzer
ausgepret. Und betrbter noch seufzte er jetzt in seines Kerkers Einde, weil
er Klugheit und Gefhl genug besa, um das Verderben, das ber die Stadt
verhngt worden, zu wrdigen, und das jammervolle Schicksal der zum Tod
bestimmten Brger voll inniger Wehmuth beklagte. Und der grliche Eid vollends,
den er geschworen, den ihm der Vetter selbst noch dringend an's Herz gelegt; den
er seinem Glauben und Gewissen zufolge, nicht einmal dem Priester im
Beichtstuhle entdecken durfte, um nicht hienieden elend zu sterben, und jenseits
auf ewig zur hllischen Flamme verdammt zu seyn! Der Knabe litt unaussprechlich,
und zu diesen Seelenleiden noch krperliche Angst. Wenn ein Luftzug durch das
hoch gelegne Luftloch hereinstrich, glaubte er das mordgierige Schnauben Zodicks
zu vernehmen; wenn eine Ratte an den Riegeln und Angeln der Thre
emporkletterte, frchtete er die Annherung seiner grausamen Feinde zu hren.
Seines Vetters Gestalt sogar, die sich frh und Mittags zeigte, um den kleinen
Gefangenen Atzung hinzustellen, beruhigte seine aufgeregten Sinne nicht. Er
wute ja leider, da sein Verwandter selbst zu der abscheulichen Rotter gehrte;
er durfte argwhnen, da vielleicht in der nchsten Stunde der entartete Mann
selbst die Hand zu seines unschuldigen Vetters Tode bieten mchte. Und nher und
immer nher schlich schon wieder der Abend, und nher und nher kam die Zeit des
Verderbens, und er, der um Alles wute, mute schweigen, an Schwur und Kerker
gefesselt! - Da wurden hastige Schritte in dem Vorgewlbe hrbar: geschftige
Hnde riegelten auf und drehten den Schlssel der Thre behende, und Brndling,
bla und verstrt rannte in den Keller. Der erschrockene Knabe, nur seinen Tod
ahnend, floh in die Ecke des Gewlbes, aber Brndling beruhigte ihn durch Wort
und Geberde, indem er zu ihm sprach: Guter Vetter, lieber Heinrich! Du warst
von jeher ein wackrer Knabe und Verwandter, und nicht meine Schuld ist's - du
weit es wohl, - da Du hier sitzest, gleichwie in der Lwengrube. Zrne mir
darum nicht, und thu' mir das zu Liebe. - Der Knabe war bereitwillig, und
Brndling fuhr fort: Ein schlechter Mensch von meinen Zechgsten hat den
Weinstecher Veit verrathen, da ich dann und wann, stummen Wein ausschenke. Du
lieber Gott! in der Zerstreuung geht wohl manchmal dergleichen vor, und ich habe
nicht 'mal recht gewut, da ich ein unklar Fa im Keller habe. Veit war aber
da, er hat's gefunden und ist hinweg gegangen, mit der Drohung, noch heut' den
Stckerknecht zu schicken, da er das Fa abhole und vor dem Rmer auslaufen
lassen. Bedenke Henrich, - welche Schande, ... welcher Anla zu andern
Entdeckungen! Wenn Du nicht hilfst, so kann mich's heute an den Galgen bringen.
Veit ist mir nicht hold, aber Dir, mein Neffe und Shnlein, den er aus der Taufe
hob, um desto mehr. - Deine selige Mutter war ihm lieb und werth, und - nun - es
wird schon alles gut werden, wenn Du stracks zu ihm laufen, und fr mich eine
Frbitte einlegen wolltest. Nur den Stcker lasse er zu Hause, und zahlen will
ich, was er will, - Morgen schon bezahlen, - und den Wein vertilgen im Geheim.
Willst Du, mein Shnlein? - Heinrich bejahte gtmthig. - 's ist jetzt die
beste Zeit, sprach Brndling weiter: die Wtheriche sind nicht daheim, bis auf
einen., der oben in der Giebelkammer faullenzt. Es sieht dich Niemand fortgehen,
und zurck bist Du, ehe und ohne da dich eine Seele bemerkt. Aber, - Heinrich,
- gutes Kind, denke an Deinen Eid, und an Deine ewige Seligkeit, und plaudre an
keinem Menschen aus was Du Unglckseliger vielleicht gehrt! - Heinrich gelobte
es noch einmal in des falschen Mannes Hand, und entrannte, wie ein flchtiges
Reh, dem unbequemen Kerker. - Die Sonne neigte sich zum Untergange, und des
Pathen Haus war, obgleich fern, - doch bald erreicht. Der treuherzigen Frbitte
des Knaben konnte der biederherzige Veit nicht lange widerstehen, und lie ihn
endlich mit guter Botschaft, aber auch mit der strengen Warnung fr den Ohm
ziehen. Heinrich flog wieder heimwrts; allein, da es um die Zeit war, da alle
Handwerksgesellen durch die Straen jubelten, von der Arbeit kommend, - die
reichern Kaufleute ihre Laden schlossen, und die Vornehmem der Stadt behaglich
lustwandelten durch die Straen in der abendlichen Khle, - da wurde dem Knaben
das Herz schwer, seine Tritte wurden langsamer, da er der Grul gedachte, die in
diesen froh lebendigen Straen bald wthen sollten. Hausvter und ihre Frauen,
ihre Kinder und Enkel saen vor den Thren, durch welche der Mord eingehen
sollte, - buntgekleidete Musikanten, Lustigmacher und dergleichen Volk
durchstreiften die Gassen, und wenn man sie fragte: wohin die Reise? so
antworteten alle: Zu des Altburgers Froschen Haus; 'sist Hochzeit dort, und die
Stopfeifer drfen zum Tanz nicht fehlen! - Diese Worte zerrissen Heinrichs
Brust, und ohne Bewutseyn und Willen fast, flchtete er sich in die uralte
Kirche der Weien-Frauen, die noch offen stand fr Reuige und Leidende. Ein
innrer Trieb zwang den Knaben, sich vor den Stufen des vergitterten Chors nieder
zu werfen auf seine Kniee, und inbrnstig zu Gott zu beten, um Erleichterung, um
Trost, um Hlfe und um Eingebung von Oben. Nachdem er sein Gebet verrichtet, sah
er sich um in der Kirche und sie war leer; er blickte, mit Anstrengung auf den
Zehen sich erhebend, durch das Chorgitter, und gewahrte eine von den weien
Frauen, die auf einen Betschemel kniete, und zu beten schien; sonst niemand. Da
fuhr dem aufgeregten Knaben ein abentheuerlicher Gedanke durch den Kopf, und er
schritt auf der Stelle zur Ausfhrung, - dem Zufall es berlassend, ob seine
Saat auf guten Boden falle, oder auf Stein. Die Nonne dort konnte ja schlafen, -
sie konnte taub seyn oder unglubig; aber - Gott wird ja Alles zum Besten
lenken, dachte der Knabe, ... und Deinen Schwur hast Du nicht gebrochen. - Er
wendete sich daher frischen Muths knieend mit ausgespannten Armen zu dem
Magdalenenbild, das, verwittert und. bemoot am Eingange des Chors trauerte, und
sprach mit vernehmlicher Zunge: O Du, mein heiliges Steinbild, la Dir
vertrauen, was ich geschworen habe, keiner lebenden Seele zu verrathen, und wann
der Herrgott nicht ein Wunder thun will, und Dir den steinernen Mund ffnet, da
Du redest, - so behalte in Deinem tauben Ohre meine Rede. Wisse, da die Stadt
in groer Gefahr ist, da bse Gesellen sich verschworen haben, mit der zehnten
Stunde Glockenschlag noch heute den Hochzeitschmau in der Froschen Hause in ein
Blutbad zu verwandeln, und zu erwrgen Alles, was sich dort zusammenfindet, vom
Brutigam bis zur Magd. Wisse, da auf diesen Mord die Stadt angestossen werden
soll mit Feuer, und geplndert der Reiche, und ermordet Arm und Reich. Wisse,
da die gypter herbergerufen werden sollen, um Stein von Stein zu reien,
whrend die Mrder den Main hinunterschwimmen wollen auf abgekappten Schiffen,
von Blut und Beute schwer. Wisse die All', du heiliges Steinbild, denn mein
Herz kann's nicht bewahren, und die Zunge soll's doch verschweigen. Wahr ist's;
dazu helfe mir Gott, und von dem Tode all' den armen Leuten, die morgen nicht
mehr leben sollen. Amen! - Der Knabe hatte dieses Bekenntni kaum abgelegt, als
er mit der Eile eines flchtigen Wildes die Kirche verlie, um heimzulaufen.
Seine Worte waren nicht ungehrt verhallt. Die weie Frau hatte sich horchend
erhoben, und keine Sylbe verloren; aber nicht minder hatte eine dienende
Schwester, die von einem vorspringenden Grabmal verdeckt, dem Blick des Knaben
entgangen war, alles gehrt mit zagender entsetzter Seele. Der kleine Redner war
auch kaum ausser der Kirche, als die Schwester zu der Nonne trat, und dringend
fragte: Habt Ihr gehrt, hochwrdige Frau! - Die Nonne nickte stolz mit dem
Kopfe. - Um aller Heiligen willen! fuhr die Andere fort: war das ein
wahnsinniger Bube, oder ein gesunder Herold der Wahrheit? Die Nonne zuckte die
Achseln. - Die Schwester sprach ngstlicher, und die Hnde ringend weiter: Wie
mgt Ihr doch so kalt und gleichgltig seyn, wrdigste Frau, da doch die
Schreckenskunde euer eigen Haus betrifft? Die Stimme des Herrn ist die eines
Lwen, da Zion sie vernehme! - Was wollt Ihr denn thun, Schwester Judith?
fragte die weie Frau langsam und bedchtig. - Reden, reden will ich;
antwortete Judith heftig: des Herrn Gnade verknden. Du sollst Dein Licht nicht
unter den Scheffel stellen. Die Oberin, der Beichtvater, der Rath soll wissen
und erfahren, du Himmelsknigin und Jesu Christe! es ist keine Zeit zu
verlieren.
    Die Nonne blickte starr und schweigend vor sich hin. Judith machte sich
indessen fertig, dem Chor zu melden, pltzlich jedoch besann sie sich, und sagte
zu sich selbst: Die Pflicht geht vor. Thue zuerst, was Du mut, und dann erst,
was Du sollst. Bald htte ich den Geielstrick der Oberin aus dem Gewlbe
mitzunehmen vergessen. Gleich, setzte sie zu der Nonne gewendet hinzu:
gleich, hochwrdige Frau, bin ich zurck, und dann lat uns den Mund aufthun,
um zu reden mit der Stimme der Gewitter, wie der Herr gethan hat, auf den Hhen
Horeb; denn zornig ist der Herr, und doch allmchtig in dem Schwachen. - Bei
diesen Worten schob sie den schweren Riegel vor der Fallthre des
Geielgewlbes, und bemhte sich, die ungeheuern Eichenbohlen aufzuheben; mit
aller Anstrengung gelang es ihr nicht, und sie wollte schon das Werk verlassen,
als die Nonne sich selbst herablie, ihre Hlfe anzubieten, und zu leisten. Der
vereinten Kraft der Weiber fgte sich die schwere Last, und lie sich in ihren
Angeln herumlegen. Judith, den scheidenden Abendstrahl, der durch die Fenster
schimmerte, als einzige Leuchte mit sich nehmend, eilte die Treppe hinab,
nachdem sie noch gesehen, wie die Nonne durch die Seitenthr in den Kreuzgang
verschwunden war. Kaum aber war der Klang ihrer Schritte schwcher geworden, und
sie im Gewlbe selbst angekommen, als schnell die Nonne zurckkehrte, auf die
Gruft zueilte, die eiserne Sttzstange der Fallthre wegri, und die Pforte
donnernd und drhnend in ihre Fugen fallen lie. Der Schlag hallte schrecklich
im ganzen Gebude wieder, und vor ihrer eignen Handlung erschreckend, floh die
Boshafte nach ihrer Zelle. Dort athmete sie ruhiger. - Muth, Wallrade! sagte
sie zu sich: geht heut die Rache nicht in Erfllung, so verzichte ich auf sie
in Ewigkeit. Die schwatzhafte Judith schmachte, bis die Stunde vorber. Ihr
ohnmchtiges Poltern an der Grabespforte wird die furchtsame Beschlieerin zum
Gespensterspuck rechnen, und mit scheuem Kreuzschlage ihres Weges ziehen. Ein
Zufall entschuldigt wohl spter der Laienschwester unwillkommne Haft. Ich aber
will spielen mit dem Schicksal, das jetzt in meiner Hand liegt. Die zehnte
Stunde mu erst geschlagen haben, ehe ich durch meine Worte die Stadt rette. Ich
will sehen, wie in meinem Hause da Unglck schreitet; ob ich allein dazu
verdammt bin, oder Andre mit. Falscher Dagobert! so schnell konntest Du Deine
Liebe vergessen, und treulos in die Arme einer andern sinken? So war es nicht
gemeint. Ich raubte Dir der Zelle Trost, damit Du der Entsagung und der
Tuschung Foltern schmeckest dein Lebelang; damit Du Unkraut sest im
Vaterhause, wie bisher. Glcklich wollt ich Dich nicht sehen, und heute - welche
Freude - heute trittst Du an Deines Glckes Grnze. Die Pforte dazu ist auch
schon sein Markstein. Fahre hin; und Du, einfltige Braut, und Du, scheinheilige
Stiefmutter, welche einen Sieg ber mich errungen zu haben whnt; fahrt hin, ihr
Lsterzungen alle, die ihr meinen Leumund zerfleischt habt, und an meiner Feinde
Hochzeitstisch zu prassen denkt. Schon rstet sich der Pfaff zu Eurer
Todtenmesse! - Sie schauderte selbst vor dem entsetzlichen Gedanken zurck, und
ein Bild mit greisen Zgen und weien Haaren, ein Bild voll Liebe und Gram
stellte sich langsam in der Dmmerung vor ihre Augen. - Mein Vater! seufzte
sie unter menschlicher Regung: Mein Vater! Er ist der Einzige in jenem Hause,
der nicht fallen sollte wie die Andern? Er ist aber auch der tugendhafteste,
setzte sie, in grausamem Wahn sich selbst belgend, hinzu: und Gott thut Wunder
an dem Gerechten. Wenn Gott nicht will, so erlahmt der Arm des Mrders, sein
Stahl zerbricht, und frei aus geht der Gute unter'm frchterlichsten Wirrsal.
Fasse Muth, Wallrade, rede nicht matt und feige. Gott wird unter den Sndern die
Seinen finden und behten. - Also ihr bses Trachten mit ihrem nagenden
Gewissen trotzig, und schlau vereinbarend, lie die tckische Wallrade die
Stunde hinschleichen, und schwelgte im Voraus in den Schreckensauftritten, die
im Vaterhause vorfallen sollten. Ihres Vaters gedachte sie zwar hufig, -
weniger, ihres armen Sohnes, aber die Glut wilder Leidenschaft und eine gewisse
freche Lust, das Schicksal in die Schranken zu fordern, erstickte den Funken von
Kindesliebe in ihrer Brust. Mutterliebe hatte sie nie gekannt, und das Andenken
an den so gehaten Vater des kleinen Johannes war allein schon hinreichend, um
sie zu bewegen, den Knaben einem druenden Unheil sonder Mitleid zu berlassen.
Whrend nun die Schreckliche also still und einsam in der dunkeln Zelle brtete,
und die arme Judith im ganzen Kloster wie verschwunden schien, dmmerte tiefer
und tiefer der Abend nieder; die Straen wurden leerer, die Trinkstuben voller,
und auch im Knippling ging es lustig und geruschvoll her. In der vordern Stube
johlten Waidtrger, Lher und Schiffknechte, in dem hintersten Gemache saen die
Verbndeten mit mehreren ihrer Helfershelfer beim schumenden Trunke. Die neunte
Stunde hatte schon lngst geschlagen, und mit Ungeduld harrten die Raublustigen,
auf die zehnte. Um sich die Langeweile und Unruhe zu vertreiben, trank der
Hornberger Zug fr Zug einen Becher leer, und der Reiffenberger, wie auch Veit
von Leuenberg thaten herzhaft Bescheid. Zodick hingegen hielt sich nchtern, und
ermahnte die Fhrer der, bereits auf ihren Sammelpltzen versteckten Knechte,
die sich ebenfalls zum Abendtrunk hier eingefunden hatten, klar und hell im
Kopfe zu bleiben, um den Dienst nicht zu versumen. - Wie der Jude schwatzt!
rief der Reiffenberger unwirsch: Ein rstiger Mann und ein wackrer Fuknecht
mssen trinken wie Teufel, um, gleich Teufeln, losschlagen zu knnen .. Im
offenen Streit ist ein kleiner Weinnebel an seiner Statt; man sieht nicht lange,
wo man hinschlgt. Um eine Kehle abzuschneiden, bedarf man freilich klarerer
Augen. - Mein! mein! versetzte Zodick giftig: wir wollen sehen, wer lacht
von uns am letzten: ich mit meinen hellen Scheinlingen, oder Ihr mit Euern
trben. Ich und meine Gesellen, und diese guten Freunde, wir werden noch immer
thun mssen das Beste. - Pest und rother Hahn! polterte Leuenberg dazwischen:
frhlich gelebt und frhlich gestorben ..... wie heit das Sprchlein, Bruder
Hornberg? -
    La mich doch ungeschoren mit Deinem Possenschwank! antwortete ihm der
Hornberger, eine Kanne leerend, und damit auf den Tisch klopfend: Ich wei ein
beres Liedlein: Firnewein vor der Schlacht, hat viele, zu Helden gemacht! und
so wollen wir's heute halten. Donner, Strahls Hagel und Gewitter! keine halbe
Stunde mehr, und der Tanz geht los. Bis hieher haben uns alle Heilige bewahrt
und geschirmt. Von all den Stadtschurken, die uns vorgekommen sind, hat uns kein
einziger gekannt, - nicht mich, der ich mit der Stadt meine Spne haben, - nicht
den Reiffenberg, der hier so viel schuldig ist, da er von dem Gelde sein
verfallnes Dach mit Goldgulden decken, und seinem Hof damit pflastern knnte; -
nicht den Leuenberg, der im Stadtbann liegt, er wei wohl, warum ...? - Nicht
einmal den verfluchten Judenchristen hier haben sie erwittert; fiel der
Leuenberg ein, - ob er gleich von Stadt, Kaiser und Reich verfehmt und gechtet
ist. - Zodick lachte pfiffig. - Wit ihr, ihr Herren, sprach er: woher das
kommt? weil ich mir nie getrunken habe einen Rausch, weder im Wein, noch im
Frelhannes. Nchtern seyn, ist klug. Fr den Groschen, den hinauswirft der
trunkne Mann, gewinnt der nchterne ein Pfund. - Pah! rief der von Leuenberg:
wie knnte, auch ein Jude frhlich seyn, wie ein christlicher Rittersmann. Gebt
dem Gelichter 'ne Zwiebel, schimmlich Brod und faul Wasser; glcklich ist's
dabei, wenn es nur Mnze zusammenscharren mag. - Da Ihr doch lahm wrdet,
verfluchte Gojim! murmelte Zodick in den Bart, whrend er, es zu verbergen,
sich unter den Tisch bckte, als wollte er ein Messer aufheben. - Lat doch den
Friedrich; brummte der Hornberger: der ist ein Christ, so gut wie einer, und
wer ihn schimpft, hat's mit mir zu thun. Aber, Donner und Teufel! wo steckt der
Wirth? Vergebens klopfe ich seit einer ewigen Frist nach einer frischen Kanne,
und doch ist zu Frankfurt mehr des Weins in den Kellern, als Wasser in den
Brunnen! Heda! eingeschenkt! -
    Vergebens mahnte der vorsichtigere Zodick ab; Hornberg polterte aus allen
Krften mit den Kannen auf den Eichentisch, bis endlich Brndling erschrocken
zur Thre hereinsprach. Der Mann hatte zwar in der Freude ber Heinrichs
willkommne Botschaft, so wie in der heimlichen Seelenangst vor der kommenden
Nacht, ebenfalls viele Schlucke ber den Durst gethan, und wankte unsicher auf
seinen Beinen umher, aber die Sorge fr die Sicherheit seines Hauses und seiner
Gste verlie ihn selbst in diesem Zustande nicht. Um der ewigen Barmherzigkeit
willen! rief er: Ihr Herren macht doch nicht des Lrmens so viel. Die Trinker
in der Stube werden aufmerksam werden, und wissen wollen, wer dahinten also
rumort. Und denkt 'mal; wer Euch also she, bewahrt und bewaffnet, wie Ihr seyd
.... - Halt's Maul, Hund! fuhr ihn der Hornberger an: Schenk ein: wir sind
die Herren, Du der Knecht, und nicht lange whrt's, so haben wir ganz Frankfurt
unter unsrer Sohle. Schaff Wein herbei, und sey nicht lssig im Dienst, sonst
schneide ich Dir, - Gott verdamme meine arme Seele,- fr jede Kanne einen
Kerbstrich in Dein Hundeantlitz, da Du aussehen sollst, wie ein bemalter
Turnierpfahl. Wein, Schurke! Wein! Wasser unter'n Wein! Wasser darunter!
flsterte Zodick dem erschrocknen Brndling zu, welcher verblfft seinen Abtritt
nahm, und bald neuen, sehr getauften Weinvorrath brachte. Mit ihm trat ein
Knecht des Reiffenberg in die Stube, auf welchen alle neugierig losgingen und
taumelten. Sieh da, Eckart! fragte sein Herr: Wie ist's? wie steht's? was
bringst Du? - Alles ruhig, ihr Herren; meldete der Knecht: die Leute alle
auf ihrer Stelle im Hinterhalt. Ich gab noch den Befehl, da keiner von ihnen
sich unterstehen solle, etwas zu beginnen, bevor Ihr nicht mit Euern Freunden an
ihrer Spitze seyd. Sie erwarten das Zeichen ungeduldig. - Wahrlich nicht mit
grrer Ungeduld als wir; antwortete der Hornberger: Gewitter und Strahl! will
denn die Zeit stehen bleiben? Sag an, Bursche: welche Stunde ist's? - 's mu
im Augenblicke Zehne schlagen; antwortete der Knecht: in Sachsenhausen drben
riefen die Wchter schon die Stunde ab, doch pflegen sie's stets frher zu thun,
als hier herben die Glocke schlgt. - Ei, so lat uns die Krge leeren!
sprach der Hornberger: Gott sey gelobt; wir stehen am Ziele. - Krge, aus,
Waffen an! lallte der Leuenberg: Bruder Reiffenberg, schnalle mir den Gurt
fester; meine Hand ist schwer und ungeschickt geworden. - Du wirst doch nicht
zu viel im Kopfe haben? fragte der Hornberger spttisch: Ich fhle Brenmark
in meinen Knochen, und wollte einen Eichbaum spalten. - Um den Beweis zu
fhren, hob er die schwere Klinge mit Macht, und wollte einen Hieb gegen den
Ofen thun, allein die niedre Stubendecke wehrte dem Streich, und die Waffe fiel
klirrend aus des Zechers Hand. - Weh geschrieen! weh geschrrieen! begann
Zodick, der unruhig wurde: Was soll daraus werden. Hab' ich doch gezhlt auf
einen Simson, und es wird nicht da seyn ein Davidchen! Ihr Leute, ihr
Waffenknechte: haltet Euch besser als eure Herren, und folgt dem, was ich werde
befehlen; denn ich werde gehen sicher, und zustoen ohne Fehl, und wenn
herabkme vom Himmel der Melach der Knige!
    Bist Du gewesen an der Frosche Haus? fragte er sodann den Eckart leise.
Dieser bejahte, und berichtete, Alles gehe dort hell auf, von Kerzenschimmer
funkle Fenster und Thor, die Pauke wirble, der Bombard schnurre und die Pfeifer
bliesen lustig zum Tanz. - Zodick rieb sich, teuflisch lachend, die Hnde,
whrend die Edelleute in Braus und Verwirrung ihre Waffen und Wehr ordneten,
zusammensuchten, schalten und lsterten, und die Knechte alle Hnde voll zu thun
hatten, ihre Gebieter zum Strau zu rsten; und sprach vor sich hin: Ich danke
Dir, hochgelobter Gott, da Du mich lssest Rache nehmen an meinen Feinden. Ich
war flchtig wie Kain, aber bald werden sie vor mir fliehen; ich war getreten in
den Staub, aber bald werd' ich sie stoen in's Elend! Warum kann ich nicht mit
diesem blanken und haarscharfen Messer trennen vom Rumpfe der Menschheit alle
Hlse meiner Feinde? Warum ist Ben David gegangen in die Welt? Jochai geflohen
von wannen man nicht kehrt heim, und Esther gewandert mit ihrem Bruder in's
Weite, wohin mein Dolch nicht trifft? Aber euch verfolge mein Fluch; euch sey
die Hlle und das Feuer der Geheime, Amen! - Indem blies vom nahem Stiftsthurme
der Wchter, und die Glocken schlugen die zehnte Stunde an. Halloh! halloch!
rief der Hornberger: rstig, ihr Genossen! der Teufel ist: los! - Hand in
Hand noch einmal lat uns stehen! sprach der Reiffenberg, und schwren,
ehrlich an einander zu halten, und unsre Pflicht zu thun. - Wir schwren's,
riefen Edle und Knechte. - Du, Jude, thue Deine Schuldigkeit. - Gott soll mir
helfen, da ich sie thue; erwiederte Zodick, sich die Mtze fest bindend. -
Geschwinde! rief Eckart in die Thre: Stunde schlug, Thr' ist offen, der
Wirth harrt unser, leis an der Stube vorbei, hinaus auf die Gasse! - Baschol!
baschol! trieb nun Zodick selbst eilfertig und heimlich: wir haben gewonnen,
so wir behalten den Kopf frei und die Hand. Wenn ich nicht vollfhre, was ich
versprochen, so will ich den Talles haben im Augenblick ohne Gebet und
Barmherzigkeit. Fort! fort! Der Schwarm von Menschen drngte sich zur Thr, als
diese rasch aufging, und Brndling's geisterbleiches Angesicht hereinsah. -
Halt! halt! stammelte er entsetzt: wir sind verloren ...! - Verloren?
donnerte ihm der Hornberger zu, und hob das gewichtige Schwert; aber, wenn
gleich des Schenkwirths Stimme versagte, so ergab sich doch alsobald der
Bescheid auf des Hornbergers Frage. Im Namen der kaiserlich freien
beschlossenen Acht! schallten mehrere Stimmen drauen, begleitet von Schlgen
an Wand und Thre. - Die heimliche Vehm! riefen die Sldner verwirrt, und aus
ihren Hnden fiel die Wehr, einige verkrochen sich unter Tische und Ofen, wohin
auch Brndling sich geflchtet hatte, andere schmiegten sich auf die Bnke an
Wand und Ecke. Selbst den Leuenberg und den von Reiffenberg hatte dieser
Schreckensname dergestalt erschttert, da sie auf ihre Sthle zurcksanken, und
der Hornberger senkte das druende Schwert, hinter der Thre lauschend, durch
welche einige vermummte Gestalten rasch und keck hereintraten, und wie Falken
nach allen Seiten die Augen drehten. Keiner rhre sich! schrie der Erste von
ihnen mit rauher Stimme, und wer ein frommer Mann ist, sitze still! - Da
ergriff den Zodick eine entsetzliche Angst. Wild sprang er auf, schlug die Lampe
um, und wollte durch die Geheimen durch in's Freie brechen; allein der Schimmer
eines Windlichts, das durch die ffnung der Thre blitzte, blendete ihn, und der
Verhllte ri ihm indessen Kappe, Haarhaube und Pflaster, vom Kopf und Gesicht.
- Der ist's! rief er, den Schaudernden gegen seine Begleiter stoend, und
diese antworteten in tiefem Tone: Bei unserm Eid! der ist's! - Jehova!
Sammael! Christus! rette mich! schrie der verzweiflungsvolle Jude, da ihn nun
eine frchterliche Ahnung durch's Herz zuckte: Weh mir! helft ihr Freunde! -
Aber die Freunde blieben scheu und unthtig, weder Himmel noch Hlle that zu des
Frevlers Gunsten ein Wunder, und der heftige Dolchsto, den seine erprobte Faust
mit aller Gewalt auf die Brust des Anfhrers der Verhllten fhrte, brach sich
an dem Panzer, den dieser trug. Ein heftiger Schlag schleuderte ihm die Waffe
aus den Fingern, und eine feste Schlinge flog um seinen Hals, und ri ihn, seine
Kehle zuschnrend, zu Boden. - Genade Dir Gott, Missethter! riefen die
Trabanten der heimlichen Acht, und schleppten den ohnmchtig widerstrebenden vor
die Thre. Vor ihrem Anblick flohen die brigen Gste, -bisher neugierige
Zuschauer, zur Pforte und Gasse hinaus. - Macht geschwinde! herrschte der
Schffe seinen Frohnen zu: Henkt ihn auf. - Wohin, Herr? fragten diese. -
Knpft ihn an den Kettenhaken neben der Thr! befahl der Schppe kalt; und
dies Todesurtheil brachte den halb bewutlosen Mrder zu sich selbst. - Gott!
hochgelobter Gott! sthnte er, auer sich: Ich bin doch unschuldig! Ihr
Mnner! ich bin unschuldig. - Du bist verfehmt, erwiederte der Schppe: und
all ist zu spt. Gott genade Dich. - Schon ward der Strick um den Haken
geschlungen. - In wthiger Todesangst brllte Zodick: Ich gehre nicht vor Euer
Gericht. Ich bin ein Jude, des Kaisers Kammerknecht ....! - Wardst Du nicht
getauft, abtrnniger Hund? riefen die Frohnen: Fahr' hin! - Der Elende
schwebte in die Hhe. All' seine Glieder strebten an gegen den hart
einbrechenden Tod, ... seine erstickende Kehle schnappte nach Luft, sein Mund
versuchte noch den letzten Fluch, aber unter dem dumpfen: Fahr' hin! Zeter!
fahr' hin! genade Dir Gott! stockte das verhate Leben und der Grliche war
nicht mehr. Die Frohnen streckten ihn aus, der Schppe stie sein Messer in den
Thrpfosten, und alle entfernten sich eilig durch die verdete Gasse - denn alle
Gste der Schenke hatten die schnellste Flucht ergriffen vor den Vollstreckern
der gefrchteten heimlichen Acht. Die zum Mordbrand Verschwornen, sammt ihren
Sldnern und Gesellen hatten sich nicht minder, von blindem Schreck gejagt, nach
allen Seiten hin zerstreut. Der Unbndigste und Frechste aus ihrer Mitte war vom
schnellen Tod dahingerissen worden, den seine frevelnde Zunge gerade
herbeigerufen, - und Jeder der brigen war sich mancher schweren Schuld geheim
bewut. Die Spannung der Trunkenheit war gewichen, die Erschlaffung der Krfte
und die Pein des Gewissens war zurckgeblieben. Ohne ferner an die Verbung des
grlichen Mordplans zu denken, irrten die Teilnehmer desselben in den Gassen
der Stadt umher, und ihre Furcht wuchs mit jedem Augenblicke mehr heran, denn
mit Staunen und Herzklopfen hrten sie, wie pltzlich, rasch hintereinander alle
Glocken auf den Kirchthrmen wach und lebendig wurden, wie die Wchterhrner von
den Zinnen bliesen, laut und dringend, wie das Gmperlein1 lutete, die Schnurre
durch die Straen lief, wie die Trommel vor dem und Quartier der Sldner
wirbelte und die Trompete die Reisigen zu dem Sammelplatze rief. Lichter und
Laternen wurden allenthalben ausgesteckt, in allen Husern wurde es hell und
lebhaft. Die Znfte, Rotten und Fhnlein der Brger und Sldner strmten
zusammen auf ihren Lrmpltzen. Die Brgermeister mit den Bannern, den laufenden
Gesellen und den Znften der Altstadt hielten auf dem Samstagsberge und vor dem
Falkenstein; in der Neustadt riefen die Hauptleute vor St. Marthen und Katharina
die ihrigen auf. Der Schulthei jagte zu Pferde, wie ein Wthender zu seinen
Reitern auf dem Liebfrauenberge; und nach Sachsenhausen hinber der
Oberstrichter, um dort den Befehl zu bernehmen, und die verdchtigen, daselbst
gelagerten gypter zu bewachen und zu beobachten. Um die Verbindung mit der
Stadt zu unterhalten, blieben die Brckenthore offen, wiewohl mit Wachen und
freiwillig herbeieilenden Brgern besetzt; denn es hatte sich das Gercht
verbreitet, die Stadt sollte mrderisch angestoen werden mit Feuer und Schwert,
und jeder zitterte fr seine Habe, und jeder entbrannte in Begierde, fr das
gemeine Wesen sein Schwert zu ziehen. Die vielen Fremden, aus dem Schhlummer
aufgeschreckt durch das Getse und die Besorgni ihrer Wirthe, hatten sich, in
Landsmannschaften getheilt, und bewaffnet, um ihre Niederlage versammelt;
streifende Rotten von Spiesknechten durchflogen die Straen, aufgreifend Alles,
was verdchtig schien, und vor dem Rmer glimmten die Lunten der Hakenschtzen,
kampf- und streitfertig. Noch suchte jedoch das Auge der Gewarnten und
Gersteten vergebens den bewehrten Feind. Er hatte die Waffen weggeworfen und.
irrte vermummt und verzweifelnd ber Pltze und Gassen, das Dunkel suchend, und
einen rettenden Ausweg. Dieser letztere war aber nicht zu finden, und so muten
die Verschwornen sich begngen, einen Schlupfwinkel fr den gefhrlichsten
Augenblick zu ersphen. Am Schlimmsten war daran der von Leuenberg, in dessen
Gehirne noch der Taumel des Weins tobte, whrend seine Fe Blei waren, und der
Hornberger, der mitleidig bei ihm aushielt, alle Mhe hatte, ihn mit Gewalt von
der Stelle zu schleppen. Zodick's Hinrichtung hatte den frchterlichsten
Eindruck auf ihn gemacht, und er sah sich selbst schon unterm Schwert des
Nachrichters. So prahlend seine Zunge sonst gewesen, so feige war sie jetzt, und
er htte sich zum Mnch scheeren lassen um den Prei seiner Rettung. Aber diese
Rettung war ihm nicht beschieden. Die schwarze Stunde trat auf seine Ferse. Am
Ausgang eines Gleins warf sich den Flchtigen ein Trupp von Fuknechten in den
Weg, und trennte sie. Whrend auf der einen Seite der Hornberger angehalten
wurde, und seine Kunst, so frech zu lgen, da man's glauben mute, in Anwendung
brachte, verbarg sich Leuenberg unter die Bank eines Eckhauses, und kroch
schwerfllig hervor, da die Sldner weiter gezogen waren. Mit aller Schwere
seines Krpers und seines eiligen Laufs fiel er einem unfern gehenden Manne, den
er fr Hornberg hielt, um den Hals und in die Arme. Pest und rother Hahn! rief
er, obwohl leise genug: Du hast Dich meisterlich durchgelogen, Veit; und nun
la' uns weiter gehen. - Der Mann brummte einige unverstndliche Worte, und
suchte sich los zu machen. Um so fester klammerte sich der Leuenberg an ihn, und
raunte ihm hastig und bebend in's Ohr: Hornberger! Du wirst mich doch jetzt
nicht verlassen wollen? Nur jetzt nicht Bruder, denn beim Teufel, ich bin
schwach wie ein Kind, und in meinem Herzen spr' ich 'ne Angst, wie ich sie
nicht versprt, da ich dem Drning den Rest gab, ob's gleich mein erstes
Stcklein war. - Da stie der Mann, Veits bser Engel - einen gellenden Schrei
der berraschung aus, und eine derbe Faust packte den Raubjunker wild bei der
Brust. Hund! rief eine fremdartige Stimme: Du bist's also? Du der Schelm, der
meinen Herrn ermordet hat? Nieder mit Dir, Mordbube! - Beim auflodernden Schein
eines Pechkranzes sah Veit mit strubendem Haar in ein wstes, grausam
verzerrtes Gesicht, und dieser Blick war sein letzter, denn Ammon's Jagdmesser
bte die langgenhrte Blutrache frchterlich und schnell, da kein Laut dem
Darniedersinkenden mehr ber die erbleichenden Lippen ging. Ammon stand eine
Weile mit wilder Zufriedenheit bei dem Entseelten, steckte den rchenden Stahl
in die Scheide, und murmelte: Wenn das nur Zufall war, so bin ich ein Schurke,
und will schlechter seyn, als der gemeinste Heide. Nach so langer Frist mute
ich hieher gerathen, um dem Todtschlger des Herrn seinen Lohn zu geben? Und er
ging heim, ohne zu wissen, wer ihn heimschickte? und ich erschlug ihn, ohne mehr
von ihm zu kennen, als sein selbstgestndiges Verbrechen? Lieber Herr dort oben,
bitt' fr mich, wenn's eine Snde war, die ich gethan! - Er wendete sich nun
schnell von dieser Stelle, und wollte von dannen, als unfern von dem Platze eine
Flamme aufging, und das ganze Gewhl der in den Straen strmenden Volksmenge zu
der Rettung eines brennenden Hauses aufforderte. Ammon, - nicht gelaunt, dem
Gewhle zu folgen, hielt sich gegen den Strom fest an der Ecke des Nebenhauses.
Fugnger und Berittene gingen ber den Leuenberger weg, ohne im allgemeinen
Drange der gefrchteten Gefahr sonderlich auf den in dunkler Gasse Erschlagenen
zu achten, und da der Menschensturm etwas nachlie, drngte sich ein Mann, mit
einem Kinde an der Hand, quer durch, und wendete sich mit Heftigkeit an den
harrenden Ammon. - Der Lrm und das Getse hat mich verwirrt gemacht; sagte er
mit unruhiger Hast: Wollt mir berichten, wo man zum Liebfrauenberg am
schnellsten gelangt. - Ich gehe dahin; erwiederte Ammon, den Zerlumpten
mitrauisch betrachtend:. Habt Ihr ein gut Gewissen, mgt Ihr folgen; wo nicht,
so bleibt zurck; der Schulthei befehligt dort. - Auf meinem Wege frcht' ich
ihn nicht; antwortete der Andere ruhig, und folgte mit seinem kleinen Begleiter
getrost dem schnell vorangehenden Ammon.

                                    Funoten


1 Sturmglocke; eigentlich viel spter erst aufgehngt.


                              Vierzehntes Kapitel.

                Findet ihr den Trost nicht in der Nhe, so erhebt euch und sucht
                ihn immer hoher; der Paradiesvogel flieht aus dem hohen Sturm,
                der sein Gefieder packt und berwltigt, blos hher hinauf, wo
                keiner ist.
                                                                      Jean Paul.

Noch eine Stunde vor jenem wsten Lrm und Getse, von welchem jetzt die
bedrohte Stadt wiederhallte, war Diethers Haus ein Schauplatz stiller geselliger
Freude gewesen, und ein froh' und zrtliches Brautpaar hatte bei Tafel und Tanz
die Ehrenmter des Hauses verwaltet, um den Gsten gefllig zu seyn. Das
Prunkgemach des Gebudes, das ganze Jahr hindurch verschlossen, und nur bei
feierlichen Anlssen erffnet, hatte auch diesmal den Freunden und Geladenen
seine Herrlichkeiten aufgethan. Lngs der blank getfelten Wand streckte sich
der reichbelastete Tisch, von Polsterbnken und zierlich geschnitzten Schemeln
umgeben; ein reicher Schenktisch strahlte neben der bemalten Eingangsthre.
Gegenber fanden die Spielleute ihren erhhten Platz. An den Wnden flammten
Armleuchter, von der gemalten Decke schwebten an grnen Laubgewinden viele
Kerzenreife herab, von welchen lange und buntglnzende Bnder
herniederflatterten bis auf die Scheitel der Tanzenden mitten im Saale. Denn das
junge Volk hatte, Braut und Brutigam an der Spitze, den Tisch verlassen, um
sich an rascher Bewegung zu ergtzen. Die Alten waren zurckgeblieben, und
lieen sich das letzte Prachtstck der reichen Tafel, den kstlichen Mandelkse
schmecken, der bei keiner hnlichen Festlichkeit fehlen durfte, und auf dessen
Zubereitung die grte Sorgfalt verwendet wurde. Whrend nun also Alt und Jung
dem Vergngen frhnte in erlaubter Hingebung, brach pltzlich von aussen die
Strung ein, die das lustige Band der Geselligkeit zerri. S'ist Feuer! schrie
Alles, und die Mnner, besorgt fr ihr Hab und Gut, machten sich bereit, dahin
zu gehen, wo ihre Gegenwart erforderlich seyn mchte. Auch Heer Diether sumte
nicht, seiner Schffenpflicht zu gehorchen, die ihn zum Mittelpunkte der Gefahr
rief. Vergebens waren die Bitten Margarethens, umsonst die Vorstellungen des
Sohns, der sich erbot, an seiner Statt auf den Rmer zu eilen, und fr ihn
einzustehen in der gefhrlichen dunkeln Nacht. - Der unbeugsame alte Mann hatte
zu viel Eifer, einen all zu hohen Begriff von seiner Wrde, als da er hier sich
htte berreden lassen knnen; er ging, und lie seinem Dagobert noch obendrein
den Befehl zurck, als Schirmvogt im Hause zurck zu bleiben, und fr das Wohl
der Frauen besorgt zu seyn. Darauf ging er hinweg, und wollte kaum dem
Edelknecht von Hlshofen, den Dagobert zum Beistand aufgefordert, erlauben, an
seiner Seite zu bleiben, damit er unversehrt wieder nach Hause kehre. Das
Hochzeithaus gewann nun ein ganz anders Ansehen. Das Gesinde wurde ausgeschickt,
und nur einige rstige Knechte zur Hut der Pforte zurckbehalten; die
zurckgebliebenen Frauen hatten sich in einen dichten Kreis um Frau Margarethen,
die Frau von Drningen, und den Pater Johannes gedrngt, der am Morgen selbst
die Trennung verrichtet hatte, und nun all seine Beredsamkeit aufbieten mute,
um seinen ngstlichen Zuhrerinnen nur eine Quelle des Trostes zu erffnen. In
dem Erker stand Dagobert, unruhig nach dem Himmel blickend, ob er sich nicht von
Brandgluth rthe, oder niederschauend nach dem unfernen Liebfrauenberge, wo die
Reisigen der Stadt ihre Rosse tummelten, und des Lrms viel war. Seine junge
Gattin stand neben ihm, seine Hand in des Geliebten Antlitz, nach dem Zustande
seines Gemths. Da fiel ein Blick der Liebe aus des jungen Mannes Auge auf die
Brutliche, und er sprach mit zarter Stimme, ihre Wange streichelnd: Sey nicht
also beklommen, gute Regina. Es scheint zwar ein gewaltig Unheil die Stadt zu
bedrohen, oder schon betroffen zu haben, aber die Brger von Frankfurt sind ein
starkes Volk, zusammenhaltend wie an sthlerner Kette, und Brust an Brust zu
einer Mauer reihend gegen den gemeinschaftlichen Feind. Da prallen denn
gewhnlich auch die Pfeile des Unglcks machtlos ab, findet sich in der
druendsten Gefahr. Darum fasse Muth. So lange mein Am Dich umschlingt, soll Dir
nicht Brand, nicht Feind Schaden zufgen. - Er umfate sie liebreich, und zog
sie an sich, die sich ihm anschmiegte, wie ein vertrauendes Kind. Sie hob die
hellen Augen zu ihm empor, lchelte sanft, und erwiederte: Bei Euch, lieber
Herr, frchte ich auch nichts, was von Menschen kmmt. Aber, - sollte diese
unbegreifliche Strung, die unsre Hochzeitfreuden zerstrt, - sollte sie nicht
eine Vorbedeutung seyn von mehrerem Unheil, das unsern neuen Stand betreffen
soll? - Gott verhte, mein Kind, da solcher Wahnglaube Wurzel in Deinem
Herzen fasse; sagte Dagobert ernst, wiewohl milde: Da fhrtest dann selbst den
Feind in unser stilles Hauswesen. La' dem Volke seinen Aberwitz, und vertraue
auf Gott, der nicht mit seinen Kindern ein muthwilliges Spiel treibt. Liebst Du
mich herzlich, so wie ich Dich, so werden wir stets glcklich seyn. - Dann
mt Ihr mich aber auch stets lieben; hob Regina wichtig an. - Nun freilich;
lachte Dagobert: Wie knnte ich anders, meine Knigin? - Ach, ich glaube euch
so gerne; versetzte Regina mit leisem Seufzer, und dennoch nicht ohne
Schalkhaftigkeit: aber ich habe mir schon meine eigenen Gedanken gemacht, und
ich darf sie Euch jetzo gestehn, da Ihr ... da Ihr mein Herr seyd. - Du mut
sogar; schaltete Dagobert scherzend ein, und fate die Erglhende beim Kinn,
da sie ihm nicht den Anblick ihrer lieblichen Schnheit entziehe. Rede also zu
Deinem Herrn. - Da Ihr um mich geworben, guter Dagobert, - fuhr Regina nach
kurzem Innehalten ermuthigt fort, - das, das war mir lieb, sehr lieb sogar; -
aber, da es so schnell gekommen, da dieses Werben sich so dringend
ausgesprochen, das lie mich im Stillen befrchten, Euer Gemth mchte noch
nicht ruhig, und jenes Bild, das Euch einst verzaubert hatte, noch darin
geschftig seyn. Mir war's, als ob ich das Mittel seyn sollte, das der Leidende
auf's Ungefhr ergreift, ob es ihn vielleicht gesunden mache, - das er jedoch,
lindert es seine Qualen nicht, unmuthig wegwirft. - Ach, mein verehrter Herr,
und lieber Dagobert, - fuhr sie, da ihr Gatte lchelnd, aber schweigend, ihr in
das liebliche Antlitz sah, - fort, wenn Ihr je mich also wegwerfen knntet, -
wenn jemals eine Zeit kommen sollte, in welcher Ihr Euch sagtet: O, da ich sie
doch nicht gesehen, nicht gefreit htte! O, da doch die Andre mein wre, die
ich unsglich liebte, und die jetzo noch mein ganzes Herz erfllt! das wre ein
Unglck, lieber Herr, und ich wollte dann lieber des Vetters Schwarzbach
Hausfrau seyn, von dem ich schon am Altare wute, da er seinen Brenfnger mehr
liebt, als Weib und Kind. - Seht doch, welche Grillen! entgegnete Dagobert,
ruhig und gelassen, und sah offen und ehrlich dem bekmmerten Weiblein in das
schwimmende Auge: Diese Zweifel thun mir weh; inde ist ein Vertrau'n des
Andern wrdig. So wisse denn, mein Kind, da ich nicht von heute, nicht von
gestern an, dich in meiner Brust trage, als eine liebe Freundin. In den Fesseln
einer seltnen und seltsamen Liebe befangen, hatte ich darum nicht minder Sinn
fr Deinen Liebreiz, Deine kindliche Anmuth, und ich hatte in der letzten Frist
Mhe genug, gegen mein Gefhl anzukmpfen, und die Stimmung zu behaupten, die
das Erlschen meiner thricht getrumten Glckssonne in mir erzeugt hatte. Ich
floh wohl dann und wann sogar Deine Nhe, mein ses Kind, und jener Ringkauf an
des Goldschmids Laden war ohne meinen Willen nur vom Zufall, oder der Bestimmung
herbeigefhrt. Ich lugne es nicht, da dabei mein Herz schwer verwundet wurde,
und gleich darauf, wie ein Donnerschlag aus heiterm Himmel, kam mir die Kunde,
da sie, um die ich trauerte, sich gnzlich losgerissen von meinem Herzen und
Gedchtni. Mein Ergrimmen gegen das Geschehene war vergeblich, unntz,
kindisch, und meine Pflicht gegen den Vater trat vor meine Seele. Ich will
verschweigen, welchen Eindruck der Besuch des Wechslers Jol auf mich machte.
Das finstre, grmliche Gesicht des Buntgekleideten, seine flache Einsilbigkeit,
beleidigten meine Eitelkeit. Ihn, der nur fr das Geld Sinn hatte, das ihm mein
Vater hinzhlte, - ihn, der so kalt und theilnahmlos mir die wenigen Geschenke
wieder reichte, die Esther einst von mir empfangen, - ihn hatte sie mir
vorziehen, - diesen Juden mit ihrer Hand begaben knnen! - Unwillig entlie ich
den Mkler, gehssig dachte ich an sein Weib zurck; und Deine Schnheit, Deine
jungfruliche Tugend trat, wie durch einen Zauberschlag, lichtglnzend und
strahlend, wie eine Himmelsgestalt, vor mich. Mit diesem Engelbilde besuchte
mich auch mein guter Geist, und zu dem Lehrer meiner Kindheit, meiner Jugend
fhrte er mich mit Sturmgewalt, da ich durch seine Weisheit das Gute vom Bsen
unterscheiden lernen, und den wrdigen Theil erwhlen mge. Ich vermag es nicht,
Dir die Worte zu wiederholen, die seinem Munde entquollen, mir zum Troste und
zur Belehrung. Genug; ich verdankte ihnen meine Ruhe und die Rckkehr meines
heitern Sinns, das Bewutseyn, Dich nicht leichtsinnig gefreit zu haben, meine
gute, meine liebliche Regina. Johannes hat mich berzeugt, da Segen und
Zufriedenheit wohl nimmer aus dem Bunde zwischen Esther und mir entsprungen
wren, htten beider Herzen sich auch unvernderlich geliebt. Die Kluft ist zu
gro gewesen, selbst fr die Edelsten und Besten, und sie berspringen zu
wollen, war nur der Wunsch, die Sehnsucht einer feurigen, rcksichtslosen
Jugend. So habe ich mich denn schnell entschlossen, mein ses Weib, um Deine
Hand zu werben, und mit dem Kranze der Zufriedenheit meiner ltern Dach zu
zieren. Da ich am Altare schwur, war ich fertig mit der Vergangenheit, die
freundliche Erinnerung abgerechnet, die mich zum Grab geleiten wird; mein
Frohsinn hat sich wieder eingestellt, und dies Fest nicht unwrdig begangen. Ich
bin der Alte geworden, und selbst die Strme dieses Abends, wie sie sich auch
noch gestalten mgen, sollen mich nicht darnieder beugen, rette ich nur Dich,
mein Kleinod, unversehrt aus dem Gedrnge. -
    Regina warf sich mit dem vollsten Vertrauen der Liebe in Dagoberts Arme, und
die Neuvermhlten vergaen in ihrer Seligkeit den Saal um sich her, mit seinen
dster brennenden Kerzen und seiner ngstlich lauschenden Bewohnerinnen, wie
auch das auf der Gasse auf- und niederwogende Toben, Lrmen und Treiben, dessen
Ursache noch kein Mensch, allem Fragen zum Trotze, angeben konnte. Da erdrhnte
von wiederholten Schlgen die Pforte des Hauses, da alle Anwesende
zusammenfuhren, und der hinter dem Ofen entschlummerte kleine Hans erschrocken
aus dem Schlafe taumelte, und in die Arme der gtigen Margarethe lief. - Was
giebt's da unten? rief Dagobert dem kurz darauf eintretenden Ammon zu, und
dieser winkte ihm, jedoch die brigen mit einigen Worten beruhigend, auf die
Seite. - Ein Mann ist draussen, der Euch zu sprechen wnscht; flsterte er
wichtig: fast bedaure ich's, ihn hieher gefhrt zu haben; denn erst beim
Laternenschimmer im Hausgange ersah ich, da der Bursche einer von dem
gyptischen Volke ist, das gestern hier eingezogen ist, und in Sachsenhausen
Rasttag hlt. Vor solch Gesindel mu man auf der Hut seyn, darum hab' ich seine
Gefhrten bei dem Pfrtner zurckhalten lassen, - als Geiel fr Eure Sicherheit
Herr, und die des Hauses. Draussen im Vorgemache wartet der zerlumpte Mensch. -
    Dagobert folgte dem Forstwart mit Zuversicht und Muth, und stand alsobald
vor dem dunkelbraunen Gesellen, dessen Gesichtszge die herunterhngenden Haare
verbargen. - Da jedoch Dagobert die Rede an ihn richtete, da strich der Mann die
Haare zurck, und fragte mit wohlbekannter Stimme: Kennt Ihr mich nicht mehr.
Herr Frosch? Bin ich Euch geworden ganz fremd? Er streckte die Hand dem
Staunenden entgegen, welcher jedoch betroffen einige Schritte, zurcktrat, und
schier erschrocken aus rief: Ben David! Mensch! bist Du's, oder fft mich ein
possenhafter Zufall mit Deinem Gesichte und Deiner Stimme? - Soll mir Gott
helfen, als ich's selber bin, wie mich geboren hat die Mutter; erwiederte Ben
David, und griff nach des Jnglings, Hand, wie ein Freund nach des Freundes
Hand. - Aber Dagobert wies die dargebotne Rechte erschrocken zurck, und fragte
dringend und ngstlich: Mensch! Was willst Du hier? Du bist gebannt; zittre vor
Deiner Strafe; und fliehe, fliehe, armer Mensch! Dein Gesicht ist gekommen, um
mir den heutigen Abend vollends zu trben, und kein Glck bringt Dir dieser
Gang!
    Weh' mir! weh mir! seufzte Ben David beklommen, faltete die Hnde, und sah
hierauf wehmthig und bekmmert in das Gesicht Dagobert's: bin ich gekommen
darum, da ich empfangen werde also mit Schmach und Verweis? Ist das ein
Willkomm fr den Schwher, fr den Vater Eurer Braut? - Meiner Braut? fragte
Dagobert noch staunender. - Hab' ich doch lassen rufen Euch, damit nicht
erschrecke mein Estherchen vor meinem laugen Bart, in meiner zerlumpten
Kleidung, fuhr Ben David fort: Hab' ich doch geglaubt zu finden in Euch ein
menschlich Herz; aber jetzo werdet Ihr mich fhren zu meiner Tochter, damit ich
sehe, ob sie verlernt hat jede Liebe zu ihrem Ette, jede Anhnglichkeit an das
Gesetz, das sie verlassen. - Mit der Zudringlichkeit, die seinem Volke und der
leidenschaftlichen Bewegung eigen ist, wollte Ben David neben Dagobert vorbei in
das Gemach dringen; der junge Mann, der jetzt erst den Miverstand begriff,
hielt ihn stark aber mitleidig zurck. - Halt ein, Unglckseliger! rief er:
Du bist im Irrthum, obgleich im Verzeihlichern. - Nicht? stammelte verblfft
der Jude, und hielte inne, schlug die Hnde ber dem Kopf zusammen, und setzte
hinzu: Nicht? unglcklicher Vater! - Hierauf verklrte sich aber pltzlich
sein Gesicht, wie zum Danke erhoben sich seine Arme, und ein: Nicht? Gelobt sey
Gott, der hochgelobte Herr und Knig! entschwebte seinem zitternden Munde. -
Dagobert betrachtete ihn, mit bittern Gefhlen kmpfend, und Ben David ging bald
aus seiner freudigen Erschtterung in eine unangenehme ber. - Wer wei,
murmelte er vor sich hin .... wer wei, ob es nicht also ist geworden
schlimmer? Sagt mir, gndigster Junker, sprach er laut, den Saum von Dagobert's
Rocke kssend, - sagt mir, wo Esther ist gekommen hin? Vielleicht wr' es doch
gewesen besser, sie htte geschlossen mit Euch den Bund, als .... - Beruhige
Dich! versetzte Dagobert der ein bittres Lcheln nicht unterdrcken konnte:
Sie ist Eurer wrdig geblieben. Sie ging mir voraus in der Ehe, und Lttichs
reichster Jude, Jol ist ihr Mann! - berrascht und zweifelnd starrte Ben David
den Jngling an; da er aber in dessen Augen Wahrheit keine Falschheit las, so
verkehrte sich schnell sein Trbsinn in Jubel, auer sich voll Freude fiel er
vor dem Junker auf die Kniee, und jauchzte: Heil sey Euch, Herr, und der Segen
des hochgelobten Gottes in Israel. Dank dem Propheten Elias und dem Frsten der
Barmherzigkeit, die gndig regiert haben das Herz meiner lieben Esther, die ich
nun mit Freuden nenne mein eignes liebes Kind. Also belohnt der Herr die Treue,
die an ihm hlt fest wie Eisen und Gold. Ihr httet mir geben knnen alle Kronen
von Perl und Edelgestein, und sie htten nicht also erquickt mein Herz und meine
Augen, als Eure Worte es gethan. Gern will ich seyn ein schlechter Jude und
unter Euern Schuhen der Staub, weil es also gekommen ist; gern nicht mich
brsten, mit dem Namen Eures Schwhervaters und ohne mein Kind in Pracht und
Herrlichkeit zu sehen, umsonst gekommen seyn zur Hochzeit. Doch. fgte er, sich
besinnend, hinzu: Nein! umsonst bin ich nicht da, gestrenger Junker. - Du
meinst des Geldes wegen, das Dir der Herzog schuldete? fragte Dagobert, der
hinter Davids Rede jdischen Eigennutz witterte. Das Gold hat Deiner Tochter
Gatte, Jol, schon empfangen. - Recht! erwiederte David ruhig: ist's doch
meines Kindes Erbtheil, von dem ich nicht gesprochen, da ich einen grern
Schatz trage auf meiner Brust, - die Haarlocke meiner Esther, fr welche ich
einst verrathen habe mein letztes verstecktes Geld an den grausamen Zodick; ein
Kleinod, das mich ermannt hat in jeglicher Gefahr, das mich gefhrt hat wie
Zauberwerk durch jedes Elend; kstlicher denn Gold und Geschmuck, das mir der
hochgelobte Gott gesendet hat durch die Hand des Bsen, wie seine
unerforschliche Klugheit heilt durch Gift und reif macht durch Kummer, Mhe und
Last. Nein, Herr! ich habe nicht geredet, von dem Gelde des Herzogs, - ich habe
nicht begehrt ein Geschenk von Eurer Freigebigkeit; ich bin gekommen zu bringen
ein Geschenk fr Euer Haus und Euer Hochzeitfest. Ich habe vermeint, zu
schmeicheln den schmutzigen hebrischen Schwhervater ein in das Haus der
Hochzeitfreude; aber, - ist mir gleich dieses verwehrt, - so wird sie doch
angenehm seyn, des Landstreichers Gabe, und bersehen lassen sein unhochzeitlich
Kleid, und ihm erwerben ein verschwiegen Obdach in Euerm Hause. - Eine Gabe?
Du? fragte halb lchelnd, halb mitrauisch Dagobert. - Lat Euch sagen:
erwiederte der Jude geschftig, zutraulich und eilig: Gottes Wunder sind gro.
Ich bin gelaufen gen Hungarn, um dort zu finden mein Brod oder den Tod, und zu
besuchen die Stdte, wo sie gemordet haben meinen Sohn. Das Gespenst des Andern
hat mich gejagt, .... doch Ihr versteht nicht, was ich rede, und darum sag' ich
Euch, da ich gekommen bin zu der gyptischen Horde, die von Aufgang herzieht
gen Niedergang, und an welche sich angeschlossen haben viele Verfolgte von
unsern Leuten, um also zu gelangen in's Abendland, das sie nicht erreicht haben
wrden, als Juden, allein und hlflos. Denn mir war's eingekommen pltzlich zu
wandern nach dem hispanischen Land, und zu suchen mein Glck. Geschah es eines
Tags, da ich finde bei einem gestorbnen gypterweibe, das im Graben lag, ein
Knblein, fein und flink, das bitter weinte, fragte ich ihn nach seinem Leid,
und erzhlt mir der Bube, da hier seine Pflegerin liege, todt, und da er sey
hlflos in der Welt, denn die Alte habe versprochen, ihn zu fhren zurck bei
seinen Eltern, denen er gestohlen worden sey von wlschem Bettvolk, das ihn, der
krank und schwach gewesen, brauchen wollte, um der Allmosen mehr zu gewinnen fr
das sieche Kind. Da aber die Bettelfahrt das Kind gesund gemacht, statt es noch
gnzlich aufzureiben, so ist der Knabe bald geworden ein unntzig Emaul fr die
Bettler, und sie haben ihn in Hungarn verkauft an das Weib, das todt vor mir
lag. - Ei, Jungelchen, sprach, ich: weit Du denn, Du junges Blut, wer sie
sind Deine Eltern, und wo sie wohnen? - Der Knabe lachte, und hat gesagt in
seiner halb kauderwlsch gewordnen Sprache: Freilich wei ich's Alter! Hei ich
doch Johannes Frosch, das liebe Junkerlein von Frankfurt; denn also hat mich die
Willhild genannt, alle Tage da ich bei dir gewesen bin auf dem Dorfe. - Gott!
Gott! da wurde mir, als ob die Schechinah des Herrn herunter stiege von den
Fingern der Cohenim und sich setzte auf meine freudige Brust. - Mensch! fiel
Dagobert ein: ist das wieder eine Lge? oder spricht ein gndiger Gott Wahrheit
aus Deinem Munde? - Wahrheit, Herr, Gott soll mir helfen! versetzte der Jude
gerhrt, mit Thrnen in den Augen, und die Worte schnell herausstoend: Denn
wir sind gekommen an, und waren bald verzweifelt, weil man uns drben streng
bewacht, da keiner herber komme, und ich nicht traute, ob des Bannes, dem
Oberstrichter Alles zu entdecken. Morgen wre es jedoch geschehen, .... da hat
der Herr uns heut befreit. In dem Getmmel und Geschrei, da man die Stadt
verrathen wolle und anbrennen, haben wir gewonnen die Flucht, und sind herber
gekommen ganz und heil; lat den Buben holen, der beim Pfrtner sitzt, .... lat
ihn holen, Herr, denn bei dem Gotte Israels, und bei des Vaters Seele, auf der
der Friede sey; der Knab' ist Euer Bruder, Euers Vaters Sohn! - Johannes!
rief Dagobert entzckt, und eilte nach der Treppe. Da tnte schon von unten die
Stimme der alten Willhild, die schon am Tage verstohlen in's Haus gekommen war,
um bei Frau Margarethen und dem Brautpaar ihren Glckwunsch abzustatten. Sie kam
dem Sohne Diether's auf der Stiege entgegen, den Knaben schon im Arme, den sie
so eben beim Pfrtner gesehen, ihn kssend unter Thrnen, und ihn an's Herz
pressend, wie das eigne Kind: Herr! stammelte sie schluchzend, und den Knaben
in des Bruders Arme legend: Herr! preit Gottes Barmherzigkeit. Johannes ist
der Knabe, - frisch, gesund und von graden Gliedern ist er, - er hat mich
erkannt, er nennt seine Eltern, - er bringt Freude und Glck in Ihr Haus! -
Und Ruhe, Friedensruhe in meine Brust! setzte Ben David in seliger
Zufriedenheit verstohlen bei, gen Himmel blickend: So hab' ich doch nicht
umsonst gelebt; so hab' ich doch nicht gelitten umsonst. Leid ist gekommen durch
mich ber dieses Dach, - Freude, Freude fhre ich an meiner Hand wieder,
hinein! - Indessen hatte Dagobert die Thre aufgerissen, und den
Wiedergefundenen im Triumph in das Gemach getragen, auf Frau Margarethens
Schoo. - Mutter! Euer Sohn! rief er freudetrunken, und der Knabe, der in
seinen, des aus ihrem Gedchtni Verschwundnen, Armen unruhig und ngstlich
geworden war, brach in lauten Jubel aus, da er die Mutter wieder sah, deren Zge
ihm nicht fremd geworden waren. Mutter! Mtterlein! schrie er, weinend vor
Entzcken: Mtterlein, ich bin wieder da. Johannes, das liebe Junkerlein von
Frankfurt ist wieder da. Nicht mehr von Dir lasse mich, Mtterlein, und dem
guten Manne, der mich wiedergebracht! Hrst Du, Mtterlein! hrst Du? den armen
Johannes behalte bei Dir! -
    Wer hat Mutterfreude je gesehen? Wer hat das Entzcken je genossen, das vom
Himmel herabfllt, pltzlich unerwartet in die Nacht des Grauens, wie ein
duftiger Blumenkranz in ein dstres Verlie? wie ein erquickender Himmelsthau
auf die lechzende Flur? Margarethe, die krftige, starke Frau, erlag dem
bermaa der Wonne nicht, aber die Kunst des Malers, der es versuchen wollte,
diesen Jubelauftritt zu schildern, wrde unterliegen. Eine groe Freude hat
aber, wie ein groes Leid das Eigene, da sie beklemmend auf die Brust
derjenigen fllt, die nicht auf's innigste Theil nehmen an dem Freudevollen.
Also auch hier. Die meisten der Anwesenden zogen sich in entferntere Gemcher
zurck, oder verlieen das Haus, da das Getse auf den Gassen nachlie, und nur
die eng Befreundeten blieben wohlwollend darin zurck, wie ein kleiner Hofstaat
die glckliche Mutter umgebend, die den Thron der reinsten Zrtlichkeit
bestiegen hatte. Aber weder Margarethe, noch die Zeugen ihres Glcks bemerkten,
da drauen Alles ruhiger wurde, da Hornklang, Glockenschall und Trommelschlag
aufhrten, .... niemand bemerkte, da ein Gast in die Stube getreten war, bis
derselbe sich selbst ankndigte. Dagobert, Margarethe und alle Umstehende
staunten, denn es war der Schulthei. Mit einem edel ritterlichen Anstande
nherte er sich der Gattin Diether's, hengte sich auf ihre Hand, sie kssend,
und redete: Ich war nur Willens, ehrsame Frau, hier einen Becher Weins zu
heischen, - ein Labsal, das Ihr gewi dem ermdeten Feinde nicht versagt haben
wrdet, ... allein, zum Zeugen dieses rhrenden Auftritts geworden, - wre, ich
in Versuchung, Euch um Verzeihung vergangner Unbilder zu bitten, wenn ich wte,
da mir diese Vergebung nicht entstehen mchte. Ich war ein thor, ein bser
Thor; ich habe Euer Unglck fr Schuld, Eurer Jugend leichten Sinn fr
Tugendlosigkeit gehalten; .... doch ich bereue, ich sehe Euch nun rein, wie den
Thautropfen im Blumenkelch vor mir; und die heutige Nacht, die durch ihre
drohenden Schrecken auf's Neue alle biedern Brger an einander schlo zu
gemeinschaftlichem Streben, gibt mir den Muth, mit Zuversicht Euch mein
Gestndni abzulegen. - Reicht mir die Hand, Dagobert. Verget, und werdet mein
Fsprecher bei Euer Mutter, bei Eurem Vater, der sich heute durch seinen Eifer,
seine Thtigkeit meine hchste Bewundrung und den Dank der Vaterstadt errungen.
- Welcher Augenblick wre zur Vershnung geeigneter gewesen? Dagobert reichte
frhlich dem Ritter die Hand, und Frau Margarethe lispelte mit niedergeschlagnen
Augen: Ich habe Euch nie gezrnt, gestrenger Herr. Ich beklagte nur Eure
Verblendund, und bin erfreut, da Ihr mir Eure Hochachtung ferner nicht versagt.
Wo ist aber mein Eheherr? fragte sie lebhafter, den Knaben an sich drckend: Wo
weilt er? Ihr spracht von drohenden Gefahren? Sind sie vorber, oder? ... -
Vorber; erwiderte der Ritter beruhigend: vorber durch die redliche
Hochherzigkeit einer schlichten Magd, die unter dem hrnen Kittel ein Gemth
voll Adel brgt. Ohrenzeuge einer Verschwrung geworden, die Leben und Habe
aller Brger, - die Eure vor allen - betraf, wollte sie, was sie gehrt,
entdecken. Teuflische Schadenfreude am Bsen trat ihr hinterlistig in den Weg.
Die arme Dirne konnte aus einem Kerker, in den man sie gesperrt, nicht
entwischen, als in den letzten Augenblicken vor der bestimmten Stunde des
Verbrechens, wo es ihr gelungen war, ihre Stimme Andern vernehmbar zu machen.
Die Tcke ihrer Gegnerin, - einer Klosterfrau, leider diesem Hause befreundet, -
kam schnell an den Tag. Die Oberin lie die Strenge walten, und hat die
Unverbesserliche zu ewiger Clausur verdammt. Fr die Welt, der sie nur schaden
wollte, ist sie verloren. Indessen, rief Judith, die wackre Magd, mich und die
Brgermeister aus dem Schlummer; mit uns die Stadt. Gott hat gndig den Schild
vor uns gehalten. Viele verdchtige Gesellen fielen in unsere Hnde. Ein Schiff,
angefllt mit andern, entkam auf dem Strome. Einen abscheulichen Rdelsfhrer
hat die Vehme gerichtet; einen andern, bis zur Unkenntlichkeit von Rossen und
Menschen zerstampften Leichnam fand man auf der Strae. Mit der grten
Wachsamkeit konnte man dennoch nicht verhten, da ein Haus, von Mefremden
grtentheils bewohnt, von dem mord- und raublustigen Gesindel mit Feuer
angestoen wurde. Dort, begriffen zu lschen, zu retten und zu schirmen,
befindet sich Euer Gemahl, ehrbare Frau. Bald wird er heimkehren, seine
Brgerkrone, Euch zu Fen zu legen, und sich mit den Freuden des Wiedersehens
seines Sohns zu bekrnzen. Glck auf! aber auch Dank dem Biedermanne, der also
sein Unrecht gut gemacht, und vergessen an der Thre steht, wie ein Fremder.
Komm nher, David, den ich wohl erkenne! frchte nichts! Der Bann soll von Dir
genommen werden, und, dies bewirkend, will ich beweisen, da ich's frder
redlich meine mit diesem Hause und seinem Frieden. - Die Zuhrer, die bisher
der Rede des Schultheien mit ngstlichem Schauer gelauscht hatten, verklrten
nun ihr Antlitz zum Lcheln der Zufriedenheit und beeiferten sich um die Wette,
dem Juden, dem die innere Gemthsbewegung auf dem unschnen Gesichte stand, die
redlich verdiente Dankbarkeit durch Wort und Handschlag zu beweisen. Sogar
Ammon, der an der Thre lauschte, fhlte sich davon ergriffen, sprte eine
Thrne in seinem Auge, und htte es nicht ber sich gewinnen knnen, dieses Fest
der Herzen durch die Kunde seiner That zu stren. Gott segne meine Edelfrau!
sprach er in sich hinein: Sie und ihre Tochter sind so selig, wie fast nie.
Darum sollen sie auch nie erfahren, da ihr Vater und Gatte blutig gercht
wurde. Wei ich's doch, und war doch die That gercht. - Pltzlich scho der
Diener Eitel an ihm vorber, ri die Thre auf, und rief freudig: Der Herr
kehrt heim! Der gute Herr! welche Freude wird das seyn! - Dem Ankommenden
strmte Alles entgegen, und alle Zungen sprachen zu ihm, und alle Augen
strahlten ihm Freude zu, und alle Hnde legten dem von Lust und berraschung
Trunknen seinen Knaben, seinen Sohn in die zitternden Vaterarme. Vater! Vater!
bist Du's, und kennst Du das liebe Junkerlein aus Frankfurt noch? fragte der
wahre Johannes in seiner kindischen ausgelassenen Wonne: Gelt! ich hab' Euch
wiedergefunden, ihr meine Eltern? Gelt, ich bin gesund heimgekommen, und ich
darf jetzt bei Euch bleiben? Ich mu nicht wieder zu Willhild, auf das Dorf, wo
man die schlafenden Kindlein stiehlt? - Nein, nein! betheuerte der
begeisterte Greis: Nicht mehr aus diesem Hause, nicht mehr aus diesen Armen! -
Indem nun Diether, vorschreitend, den um ihn gesammelten Kreis durchbrach, und
vergebend und vergessend dem Schulthei die Hand schttelte, wurden hinter ihm
zwei Gestalten sichtbar: ein Mann in wohlhabender Kleidung und ein verschleiert
Frauenbild. - Dagobert erschrack heftig, denn der Mann war Jol, der Wechsler
aus Lttich, und unter dem bergenden Schleier konnte nur Esther athmen. Es
schnrte ihm das Herz zusammen, whrend Margarethe den Eheherrn nach den Fremden
fragte. -
    Das Haus, in dem sie wohnten, brannte nieder, erklrte, sich
entschuldigend, der Altbrger. Ihr Habe habe ich gerettet, und bot ihnen ein
Unterkommen fr diese Nacht, obschon sie sich strubten, mir hieher zu folgen.
Aber, - seh ich recht? setzte er bei: Hier erst, guter Freund, erkenne ich Eure
Zge. Beim Blitz, Ihr seyd der Mann, dem ich das Geld gezahlt, das seinem
Schwhervater zugehrt, und diese Frau .... - Gottes Wunder! schrie hier
pltzlich Ben David auf, dessen bis jetzt die dem alten Erzhlenden in der
Freude ihres Herzens kaum erwhnt hatten, und der demthig hinter den Vornehmern
stand: Gottes Wunder! es ist nicht gewesen sein Geist ... er ist es selbst!
Ascher! Ascher! mein Sohn! mein Sohn! seh ich Dich wieder, ... und weg
geschrieen, ... wie seh ich Dich wieder? - Vater! Vater! hochgelobter Gott in
Deiner Gnade! rief mittlerweile die Verschleierte, deren Verhllung sank, deren
Zge Esther's waren, deren Knie brachen, und welche hingleitete in des
bestrzten Dagobert's Arm, sogleich untersttzt von ihrer glcklichen
Nebenbuhlerin Regina. Dieser Auftritt wandelte die Zuschauer zu Stein, den
Schulthei ausgenommen, der, von Esther's Anblick beschmt, davon schlich aus
dem Saale, und ausgenommen Ascher, der auf seinen Vater zugelaufen war, und mit
ihm, lebhaft und unterwrfig sich geberdend, einen wichtigen Zweisprach hielt in
hebrischer Zunge.
    Esther! Tochter Ben David's! rief Dagobert der Erwachenden in's Ohr:
Sage, Du hier? Du betrittst dies Haus? - Die Augen ffnend, aus welchen die
zrtlichste Liebe auf Dagobert strahlte, erwiederte die Liebliche, reizend
selbst in der Blsse der Ohnmacht: Euch, verehrter Herr, sollte ich noch einmal
sehen; Zeuge Euers Glcks seyn sollte ich; Euch finden mute ich im Arme der
Braut und der wonnevollen Eltern. So wollte es das Schicksal und der hochgelobte
Gott, der noch einmal prfen wollte dies Herz. - Aber, - setzte sie mit
himmlischer Zufriedenheit auf Stirn' und Wange hinzu: gepriesen sey seine Huld!
Ich kann Euch offen sehen in's Auge, ohne neidisch zu seyn auf Euer Wohl, und
gut hat er's gemacht und recht in seiner unerforschlichen Weisheit! - Wie
staunend und sprachlos auch Dagobert und seine junge Gattin an den Lippen der
Redenden hingen; - ihre Staunen, ihre berraschung steigerte sich, da Esther in
ihres Vaters Arme flog, der gerade seinen wiedergefundenen Sohn gesegnet hatte;
denn Ben David sprach: Gesegnet sey der Herr, der meine Augen offen gehalten,
da ich sehe zurckkehren zu den schnen Htten Jakobs den Verlornen, und
preisen darf das Loos derjenigen, die ich liebe, trotz einem Sohne, weil sie
nicht gefallen ist in die Schlingen der Abtrnnigkeit! Ist mir's jedoch gewesen
wie ein Traum, da man mir gesagt, Du seyst vermhlt, mein Kind! wo ist Dein
Mann, Kind, da ich ihn segne mit den Fingern meiner Hand und dem Spruche des
Gerechten? - Da blhte das Gestndni des grten Edelmuths, den je ein Weib
bewiesen, in Purpurflammen auf Esther's Angesichte auf; und sie schttelte
ehrerbietig den Kopf, und beugte sich nieder vor Ben David, und ihre Lippe
stammelte: Bei dem Gedchtni des Raaf! Ich bin Jungfrau, und unvermhlt! -
Dagobert's Hand zuckte heftig in Regina's Hand bei diesem Gestndni, und noch
einmal erhob sich mit Sturmesgewalt eine Bewegung in seiner Brust, auf welcher
sich der bse Geist, der in den Tiefen schlummert, herauf arbeiten wollte, zur
Geschftigkeit und That. Du warst getuscht! raunte er dem erbleichenden
Brutigam zu: Verrathen und betrogen um Dein Lebensglck! Warum ist sie schon
fern Fiorilla, die Lgnerin? warum Dir so nahe, - unauflslich an Dich
geschmiedet, die minder als Esther geliebte Regina? Giebt es kein Mittel, zu
ndern, was vorgegangen? - Das Geflster des bsen Geistes verstummte jedoch,
und zurck wogte die finstre Welle, auf welcher er gekommen, denn Dagoberts
Treue und Mnnlichkeit behielt den Sieg. Beruhigend und liebevoll blickte er auf
Reginen hernieder, die, von Esthers Bekenntni erschreckt, mehr denn Dagobert,
ngstlich das Haupt an seine Brust gelegt hatte, das Auge zu ihm emporgerichtet,
als wollte sie fragen: Mein Geliebter! wankst Du nun? bereuest Du nun? und bin
ich die Deine noch, oder schon von Dir getrennt? Er umschlang sie mit der
Innigkeit eines wahren und redlichen Gefhls, drckte einen Ku auf ihre Stirne,
und wendete sich mit offnem Gesichte zu Esther, die, in den Armen des Vaters
liegend, mit wehmthiger Freundlichkeit nach ihm herber sah. - Seltsames
Mdchen! sprach er, ohne Vorwurf, ohne Bitterkeit: Ich wei nicht, soll ich
Dir zrnen, oder Deinem Gedchtni eine doppelte Liebe schenken? Bunt und
tuschend schimmernd, wie eine Schlange, windest Du Dich zu dem Ziele der
Tugend, und frchtest nicht, einst zu bereuen? - Nimmermehr, mein theurer
Freund, den ich also nennen darf, vor allen, die uns umstehen! erwiederte
Esther himmlisch lchelnd: So wie wir getheilt haben die Liebe einer
abwechselnd dstern und rosigen Zeit, also mten wir auch die Reue theilen, und
man fhlt diese nicht im Besitze eines reinen, schnen, tugendhaften Wesens, wie
Eure Braut; man fhlt sie nicht in dem Bewutseyn erfllter Pflicht. Glnzen
nicht hier in jedem Auge Thrnen der Freude und der Rhrung? Zwei Vter, zwei
Mtter segnen meinen Entschlu, und aus der schlechten Jdin, die, hatte sie
auch erschlichen durch die Taufe das Brgerrecht in diesem Hause, dennoch immer
darin geblieben wre eine Fremde, ist geworden auf einmal eine Freundin, ein
Geschpf, das man duldet um ihres Gemths willen. Ich kann nicht dankbar genug
preisen den Herrn, der mir Strke genug gegeben, auf mich selbst zu wlzen eine
Schuld, um Euch, theurer Herr, zu bewegen, den Schritt zu thun, der, uns
pltzlich auf ewig trennend, Eure Sinne zurckfhren mute in den Kreis der
Euern, Euers Standes, Eurer Pflichten. Ich wollte Euch nicht mehr sehen, und
grollte fast mit dem hochgelobten Gott, da er mich noch einmal in Eure Nhe
gefhrt, weil ich zu stren glaubte, - nicht meiner Seele Frieden, der
unerschtterlich besteht, - sondern Euer harmlos Erstlingsglck; allein nun
benedeie ich Jehovah und sein Gesetz, da sie mir zum Lohne wieder finden lieen
den schmerzlich beweinten Vater! - Sie warf sich entzckt von neuem an den Hals
Ben David's. - Liebenswerthes Mdchen! rief Margarethe, und umschlang, das
Vorurtheil vergessend, Esther's Nacken; Wandle stets auf dieser Bahn!
ermahnte, ihre Hand ergreifend, die bewegte Edelfrau; sieh hier mehr als eine
Christin! sprach Dagobert in seligem Entzcken zu Regina: sieh hier eine
Heilige! Diether trocknete sich, halb abgewendet, sein nasses Auge, und sagte:
Gott segne Euch, ihr armen, verirrten, verblendeten Menschen, die mir aber
Gutes gethan haben, wie Brder, und Die ich schier lieben mu, wie solche! -
Sprecht indessen! Ihr habt mir den Sohn wieder gebracht, die Lust meines Alters,
so wie sein lterer Bruder der Stolz desselben ist. Ich bin nicht undankbar!
fordert meine Habe! hin geb' ich sie Euch, mit Freuden fr dieses Kleinod, das
Ruhe und Heiterkeit auf ewige Zeiten unter mein Dach zurckfhrt. Warum bin ich
nicht der Mann, der das rmische Reich bewacht und htet? beneidenswerth sollte
euer Loos seyn! - Ben David lchelte, seine Kinder umschlingend, da seine
vernarbten Zge fast einen angenehmen Anblick gewhrten. Ehrsamer, Herr! rief
er froh bewegt: bin ich nicht schon geworden ein gekrnter Knig, voll Ehren
und Freude? Wer sieht mich in der Kinder Mitte, und beneidet mich nicht?
Behaltet, Herr, eure Gaben, und lat dafr fallen einen Blick der Gnade auf
einen Armen, der bis jetzt im Winkel gestanden ist, wie einer, der nicht zu den
Frhlichen gehrt. - Er fhrte den armen kleinen Hans, der sich schchtern
hinter einen Sessel gezogen hatte, dem Grovater zu, an dessen Halse noch der
Wiedergefundne ruhte. Hans hatte die Augen voll Thrnen, Schmerz auf den Lippen,
und seine Hndchen falteten sich bittend. Verstoe mich nicht, Vater! seufzte
er: und Du, mein gutes Mtterlein! was hab' ich Dir gethan, da Du mich nicht
mehr ansiehst, um des fremden Buben willen, der mir ein bs Gesichte macht? -
Fast beschmt bogen sich Diether und Margarethe schmeichelnd zu der gekrnkten
Unschuld hernieder; als aber Dagobert, dessen Blicken nichts entging, des echten
Bruders grollendes auf Hans gerichtetes Auge ersah, da trat er in die Mitte,
Reginen an der Hand, und sagte: Was ich einst gelobte, will ich jetzo halten,
so Gott mir hilft, und mein redliches Weiblein einstimmt. Dieses Kind eines
unglcklichen Bundes, einer Schwester, die uns hate und hassen wird bis zu
Ende, .. es entgelte nicht die trbe Stunde seiner Geburt. Mein Sohn sey Hans,
und - willst Du, meine Hausfrau - der erste Sprling unsrer jungen Ehe! - Die
liebliche Regina beugte sich, von Mutterahnung berrascht, zu dem Knaben nieder,
und weihte ihn durch ihren reinen Liebesku zu ihrem Sohne. - Lobend und
glckwnschend drngten sich die ltern um das Paar; Esther zog aber rasch und
strmisch Vater und Bruder in das Seitengemach. - Ich kann, ich darf dies
Schauspiel nicht wieder sehen! sprach sie mit bewegtem Herzen: Ich fhle dann,
da ich nur bin ein schwaches Wesen von Staub. In Eurer Mitte lat mich seyn
beruhigt und frhlich in meiner Pflicht, und lat uns entweichen aus Frankfurt,
wo ich nimmer athmen kann! - Wir gehen, wohin mich ruft eines wackern Frsten
Gnadenstimme, gen Innsbruck! versetzte froh der Vater, die Hnde dankbar gen
Himmel hebend: Ich bin wieder geworden ein schuldloser Mann, und von mir wird
weichen Bann und Makel; ich halte wieder bei mir den verlornen Sohn, der in Bue
und Noth wiedergefunden hat Israel. Ich rhme mich einer Tochter, die erkannt
hat, da die Leidenschaft demthiger seyn mu, als die Liebe zu dem Herr, und
der Lehre, in der wir geboren! Freude also in Israel und in den Zelten der
Gerechten! Du, Ascher, wirst meinen Stamm fortpflanzen auf die sptsten Zeiten,
wie es thaten die Voreltern, auf denen der Friede sey, und Du, mein Kind Esther,
wirst den Lohn Deiner Tugend an der Hand eines rechtschaffenen Mannes aus Israel
finden! - Nimmer, mein Vater; erwiederte rasch, aber ernst und fest
entschlossen Esther: Nicht dem Manne aus Edom, nicht dem Sohne Jakobs gehre
jemals Dein Kind. Ich will Dich pflegen, bis Dein Angesicht bleich wird, und
dann erlschen, einsam und ruhig, das schwr' ich bei Gott! Schilt mich nicht.
Nur einmal blht im Lenz der Baum, die Blume. Die Liebesblthe meines Frhlings
ist dahin, kehrt niemals wieder. Die Erinnerung labe mich fortan, und des
Wiedersehns Hoffnung. Freudig sehe ich zurck auf meinen Pfad, freudig und
zuversichtlich in die Ferne. Dem hochgelobten Herrn bin ich treu geblieben, und
ihn, den Freund, finde ich wieder - glaubt mir's - unter den Palmen des ewigen
Zions; seiner wrdig ist geblieben meine Seele, und sie wird mit der reinsten
Wonne ihn und die Gattin umschlingen unterm Klang der goldnen Harfen der
Gerechten, - unter der Engel Hallelujah!

                                     Ende.
