
                                 Hauff, Wilhelm

                                  Lichtenstein

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                                 Wilhelm Hauff

                                  Lichtenstein

             Romantische Sage aus der wrttembergischen Geschichte

                                  Erster Teil

                                   Einleitung

 Von der Parteien Gunst und Ha verwirrt
 Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte;
 Doch euren Augen soll ihn jetzt die Kunst
 Auch euren Herzen menschlich nher bringen: -
 Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang
 Und wlzt die grre Hlfte seiner Schuld
 Den unglckseligen Gestirnen zu.
                                                                        Schiller

Die Sage, womit sich die folgenden Bltter beschftigen, gehrt jenem Teil des
sdlichen Teutschlands an, welcher sich zwischen den Gebirgen der Alb und des
Schwarzwaldes ausbreitet: das erstere dieser Gebirge schliet von Nordwest nach
Sden in verschiedener Breite sich ausdehnend, in einer langen Bergkette dieses
Land ein, der Schwarzwald aber ziehet sich von den Quellen der Donau bis hinber
an den Rhein und bildet mit seinen schwrzlichen Tannenwldern einen dunklen
Hintergrund fr die schne, fruchtbare, weinreiche Landschaft, die vom Neckar
durchstrmt an seinem Fue sich ausbreitet und Wrttemberg heit.
    Dieses Land schritt aus geringem, dunklem Anfang unter mancherlei Kmpfen
siegend zu seiner jetzigen Stellung unter den Nachbarstaaten hervor. Es erregt
dies um so grere Bewunderung, wenn man die Zeit bedenkt, in welcher sein Name
zuerst aus dem Dunkel tritt; jene Zeit, wo mchtige Grenznachbarn, wie die
Stauffen, die Herzoge von Teck, die Grafen von Zollern um seine Wiege gelagert
waren; wenn man die inneren und ueren Strme bedenkt, die es durchzogen und
oft selbst seinen Namen aus den Annalen der Geschichte zu vertilgen drohten.
    Gab es ja doch sogar eine Zeit, wo der Stamm seiner Beherrscher auf ewig aus
den Hallen ihrer Vter verdrngt schien, wo sein unglcklicher Herzog aus seinen
Grenzen fliehen und in drckender Verbannung leben mute, wo fremde Herren in
seinen Burgen hausten, fremde Sldner das Land bewachten, und wenig fehlte, da
Wrttemberg aufhrte zu sein, jene blhenden Fluren zerrissen und eine Beute fr
viele oder eine Provinz des Hauses sterreich wurde.
    Unter den vielen Sagen, die von ihrem Lande und der Geschichte ihrer Vter
im Munde der Schwaben leben, ist wohl keine von so hohem romantischem Interesse,
als die, welche sich an die Kmpfe der eben erwhnten Zeit, an das wunderbare
Schicksal jenes unglcklichen Frsten knpft. Wir haben versucht, sie
wiederzugeben, wie man sie auf den Hhen von Lichtenstein und an den Ufern des
Neckars erzhlen hrt, wir haben es gewagt, auch auf die Gefahr hin, verkannt zu
werden. Man wird uns nmlich entgegenhalten, da sich der Charakter Ulerichs von
Wrttemberg 1 nicht dazu eigne, in einem historischen Romane mit milden Farben
wiedergegeben zu werden; man hat ihn vielfach angefeindet, manches Auge hat sich
sogar daran gewhnt, wenn es die lange Bilderreihe der Herzoge Wrttembergs
mustert, mit scheuem Blick vom ltern Eberhard auf Christoph2 berzuspringen,
als seie das Unglck eines Landes nur allein in seinem Herrscher zu suchen, oder
als seie es verdienstlich, das Auge mit Abscheu zu wenden von den Tagen der Not.
    Und doch mchte es die Frage sein, ob man nicht in Beurteilung dieses
Frsten nur seinem erbittertsten Feinde Ulerich von Hutten nachbetet, der, um
wenig zu sagen, hier allzusehr Partei ist, um als leidenschaftloser Zeuge gelten
zu knnen; die Stimmen aber, die der Herzog und seine Freunde erhoben, hat der
rauschende Strom der Zeit bertubt, sie haben die zugleich anklagende und
richtende Beredsamkeit seines Feindes, jene donnernde Philippica in ducem
Ulericum nicht berdauert.
    Wir haben fast alle gleichzeitige Schriftsteller, die Stimmen eines
lngstvergangenen, vielbewegten Jahrhunderts gewissenhaft verglichen und fanden
keinen, der ihn geradehin verdammt. Und wenn man bedenkt, welch gewaltigen
Einflu Zeit und Umgebungen auf den Sterblichen auszuben pflegen, wenn man
bedenkt, da Ulerich von Wrttemberg unter der Vormundschaft schlechter Rte
aufwuchs, die ihn zum Bsen anleiteten um ihn nachher zu mibrauchen, wenn man
sich erinnert, da er in einem Alter die Zgel der Regierung in die Hnde bekam,
wo der Knabe kaum zum Jngling reif ist, so mu man wenigstens die erhabenen
Seiten seines Charakters, hohe Seelenstrke und einen Mut, der nie zu
unterdrcken ist, bewundern, sollte man es auch nicht ber sich vermgen, die
Hrten damit zu mildern, die in seiner Geschichte das Auge beleidigen.
    Das Jahr 1519, in welches unsere Sage fllt, hat ber ihn entschieden, denn
es ist der Anfang seines langen Unglckes. Doch darf die Nachwelt sagen, es war
der Anfang seines Glckes; war ja doch jene lange Verbannung ein luterndes
Feuer, woraus er weise und krftiger als je hervorging; es war der Anfang seines
Glckes, denn seine spteren Regentenjahre wird jeder Wrttemberger segnen, der
die religise Umwlzung, die dieser Frst in seinem Vaterlande bewerkstelligte,
fr ein Glck ansieht.
    In jenem Jahre war alles auf die Spitze gestellt. Der Aufruhr des Armen
Konrad war sechs Jahre frher mit Mhe gestillt, doch war das Landvolk hie und
da noch schwierig, weil der Herzog sie nicht fr sich zu gewinnen wute, seine
Amtleute auf ihre eigene Faust arg hausten und Steuern auf Steuern erhoben
wurden. Den Schwbischen Bund, eine mchtige Vereinigung von Frsten, Grafen,
Rittern und freien Stdten des Schwaben- und Frankenlandes hatte er wiederholt
beleidigt, hauptschlich auch dadurch, da er sich weigerte, ihm beizutreten. So
sahen also alle seine Grenznachbarn mit feindlichen Blicken auf sein Tun, als
wollten sie nur Gelegenheit abwarten, ihn fhlen zu lassen, welch mchtiges
Bndnis er verweigert habe. Der Kaiser Maximilian, der damals noch regierte, war
ihm auch nicht ganz hold, besonders seit er im Verdacht war, den Ritter Gtz von
Berlichingen untersttzt zu haben, um sich an dem Kurfrsten von Mainz zu
rchen.
    Der Herzog von Bayern, ein mchtiger Nachbar, dazu sein Schwager, war ihm
abgeneigt, weil Ulerich mit der Herzogin Sabina nicht zum besten lebte. Zu allem
diesem kam, um sein Verderben zu beschleunigen, die Ermordung eines frnkischen
Ritters, der an seinem Hofe lebte. Glaubwrdige Chronisten sagen, das Verhltnis
des Johann von Hutten zu Sabina sei nicht so gewesen, wie es der Herzog gerne
sah; daher griff ihn der Herzog auf einer Jagd an, warf ihm seine Untreue vor,
forderte ihn auf, sich seines Lebens zu erwehren und stach ihn nieder. Die
Huttischen, hauptschlich Ulerich von Hutten, erhoben ihre Stimmen wider ihn,
und in ganz Teutschland erscholl ihr Klage- und Rachegeschrei.
    Auch die Herzogin, die durch stolzes, znkisches Wesen Ulerich schon als
Braut aufgebracht und ihm keine gute Ehe bereitet hatte, trat jetzt als Gegnerin
auf, entfloh mit Hlfe Dieterichs von Spt, und sie und ihre Brder traten als
Klger und bittere Feinde bei dem Kaiser auf.3 Es wurden Vertrge geschlossen
und nicht gehalten, es wurden Friedensvorschlge angeboten und wieder verworfen,
die Not um den Herzog wuchs von Monat zu Monat, und dennoch beugte sich sein
Sinn nicht, denn er meinte, recht getan zu haben. Der Kaiser starb in dieser
Zeit; er war ein Herr, der Ulerich trotz den vielen Klagen dennoch Milde
bewiesen hatte; an ihm starb dem Herzog ein unparteiischer Richter, den er in
diesen Bedrngnissen so gut htte brauchen knnen, denn das Unglck kam jetzt
schnell.
    Man feierte das Leichenfest des Kaisers zu Stuttgart in der Burg, als dem
Herzog Kunde kam, da Reutlingen, eine Reichsstadt, die in seinem Gebiete lag,
seinen Waldvogt auf Achalm erschlagen habe. Diese Stdtler hatten ihn schon oft
empfindlich beleidigt, sie waren ihm verhat und sollten jetzt seine Rache
fhlen. Schnell zum Zorn gereizt wie er war, warf er sich aufs Pferd, lie die
Lrmtrommeln tnen durch das Land, belagerte die Stadt und nahm sie ein. Der
Herzog lie sich von ihnen huldigen und die Reichsstadt war wrttembergisch.4
    Aber jetzt erhob sich der Schwbische Bund mit Macht, denn diese Stadt war
ein Glied desselben gewesen. So schwer es auch sonst hielt, diese Frsten,
Grafen und Stdte alle aufzubieten, so weilten sie doch hier nicht, sondern
hielten zusammen, denn der Ha ist ein fester Kitt. Umsonst waren Ulerichs
schriftliche Verteidigungen5; das Bundesheer sammelte sich bei Ulm und drohte
mit einem Einfall.
    So war also in dem Jahr 1519 alles auf die Spitze gestellt. Konnte der
Herzog das Feld behaupten, so behielt er recht und es war nicht zu zweifeln, da
er dann groen Anhang bekommen wrde; gelang es dem Bunde, den Herzog aus dem
Felde zu schlagen, dann wehe ihm, wo so vieles zu rchen war, durfte er keine
Schonung erwarten.
    Die Blicke Teutschlands hingen bange an dem Erfolg dieses Kampfes, sie
suchten begierig durch den Vorhang des Schicksals zu dringen und zu ersphen,
was die knftigen Tage bringen werden, ob Wrttemberg gesiegt, ob der Bund den
Walplatz behauptet habe. Wir rollen diesen Vorhang auf, wir lassen Bild an Bild
vorberziehen, mge das Auge nicht zu frhe ermdet sich davon abwenden.
    Oder sollte es ein zu khnes Unternehmen sein, eine historische Sage der
Vorzeit in unsern Tagen wieder zu erzhlen? Sollte es unbillig sein, zu
wnschen, da sich die Aufmerksamkeit des Lesers einige kurze Stunden nach den
Hhen der Schwbischen Alb und nach den lieblichen Tlern des Neckars wende?
    Die Quellen des Susquehanna und die malerischen Hhen von Boston, die grnen
Ufer des Tweed und die Gebirge des schottischen Hochlandes, Alt-Englands lustige
Sitten und die romantische Armut der Galen, leben, Dank sei es dem glcklichen
Pinsel jener berhmten Novellisten, auch bei uns in aller Munde. Begierig liest
man in getreuen bertragungen, die wie Pilze aus der Erde zu wachsen scheinen,
was vor sechzig oder sechshundert Jahren in den Gefilden von Glasgow oder in den
Wldern von Wallis sich zugetragen. Ja, wir werden bald die Geschichte der drei
Reiche so genau innehaben, als htten wir sie nach den gelehrtesten Forschungen
ergrndet. Und doch ist es meist nur der groe Unbekannte, der uns die Bcher
seiner Chroniken erschlo und Bild an Bild in unendlicher Reihe vor dem
staunenden Auge vorberfhrte; er ist es, der diesen Zauber bewirkte, da wir in
Schottlands Geschichte beinahe besser bewandert sind, als in der unserigen, und
da wir die religisen und weltlichen Hndel unserer Vorzeit bei weitem nicht so
deutlich kennen, als die Presbyterianer und Episkopalen Albions.
    Und in was besteht der Zauber, womit jener unbekannte Magier unsere Blicke
und unsere Herzen nach den bergigten Heiden seines Vaterlandes zog? Vielleicht
in der ungeheuern Masse dessen, was er erzhlt, in der grauenvollen Anzahl von
hundert Bnden, die er uns ber den Kanal schickte? Aber auch wir haben mit
Gottes und der Leipziger Messen Hlfe Mnner von achtzig, hundert und
hundertundzwanzig! Oder haben vielleicht die Berge von Schottland ein
glnzenderes Grn, als der teutsche Harz, der Taunus und die Hhen des
Schwarzwaldes; ziehen die Wellen des Tweed in lieblicherem Blau als der Neckar
und die Donau, sind seine Ufer herrlicher als die Ufer des Rheins? Sind
vielleicht jene Schotten ein interessanterer Menschenschlag als der, den unser
Vaterland trgt, hatten ihre Vter rteres Blut als die Schwaben und Sachsen der
alten Zeit, sind ihre Weiber liebenswrdiger, ihre Mdchen schner als die
Tchter Teutschlands? Wir haben Ursache daran zu zweifeln, und hierin kann also
jener Zauber des Unbekannten nicht liegen.
    Aber darin liegt er wohl, da jener groe Novellist auf historischem Grund
und Boden geht, nicht als ob der unserige weniger geschichtlich wre, aber wir
haben ja schon seit Jahrhunderten uns angewhnt, unter fremdem Himmel zu suchen,
was bei uns selbst blhte, und wie wir die rohen Stoffe ausfhren, um sie in
anderer Form mit Bewunderung und Ehrfurcht als teure Kleinode wieder in unsere
Grenzen aufzunehmen, so bewundern wir jedes Fremde und Auslndische nicht, weil
es gro oder erhaben, sondern weil es nicht in unseren Tlern gewachsen ist.
    Doch auch wir hatten eine Vorzeit, die reich an brgerlichen Kmpfen, uns
nicht weniger interessant dnkt als die Vorzeit des Schotten; darum haben auch
wir gewagt, ein historisches Tableau zu entrollen, das, wenn es auch nicht jene
khnen Umrisse der Gestalten, jenen zauberischen Schmelz der Landschaft
aufweist, und wenn das an solche Herrlichkeiten gewhnte Auge umsonst die se,
bequeme Magie der Hexerei und den von Zigeunerhand geschrzten Schicksalsknoten
darin sucht, ja wenn sogar unsere Farben matt, unser Crayon stumpf erscheint,
doch eines zur Entschuldigung fr sich haben mchte, ich meine die historische
Wahrheit.

                                       I


 Was soll doch dies Trommeten sein?
 Was deutet dies Geschrei?
 Will treten an das Fensterlein,
 Ich ahne, was es sei.
                                                                       L. Uhland

Nach den ersten trben Tagen des Mrz 1519 war endlich am 12. ein recht
freundlicher Morgen ber der Reichsstadt Ulm aufgegangen. Die Donaunebel, die um
diese Jahreszeit immer noch drckend ber der Stadt liegen, waren schon lange
vor Mittag der Sonne gewichen, und immer freier und weiter wurde die Aussicht in
die Ebene ber den Flu hinber.
    Aber auch die engen kalten Straen mit ihren hohen dunkeln Giebelhusern
hatte der schne Morgen heller als sonst beleuchtet, und ihnen einen Glanz, eine
Freundlichkeit gegeben, die zu dem heutigen festlichen Ansehen der Stadt gar
trefflich pate. Die groe Herdbruckergasse - sie fhrt von dem Donautor an das
Rathaus - stand an diesem Morgen gedrngt voll Menschen, die sich Kopf an Kopf
wie eine Mauer an den beiden Seiten der Huser hinzogen, nur einen engen Raum in
der Mitte der Gasse briglassend; ein dumpfes Gemurmel gespannter Erwartung lief
durch die Reihen, und brach nur in ein kurzes Gelchter aus, wenn etwa die
alten, strengen Stadtwchter eine hbsche Dirne, die sich zu vorlaut in den
freigelassenen Raum gedrngt hatte; etwas unsanft mit dem Ende ihrer langen
Hellebarde zurckdrngten, oder wenn ein Schalk sich den Spa machte, Sie
kommen, sie kommen, rief, alles lange Hlse machte und schaute, bis es sich
zeigte, da man sich wieder getuscht habe.
    Noch dichter aber war das Gedrnge da, wo die Herdbruckergasse auf den Platz
vor dem Rathaus einbiegt; dort hatten sich die Znfte aufgestellt; die
Schiffer-Gilde mit ihren Altmeistern an der Spitze, die Weber, die Zimmerer, die
Bruer, mit ihren Fahnen und Gewerbzeichen, sie alle waren im Sonntagswams und
wohlbewaffnet zahlreich dort versammelt.
    Bot aber schon die Menge hier unten einen frhlichen, festlichen Anblick
dar, so war dies noch mehr der Fall mit den hohen Husern der Straen selbst.
Bis an die Giebeldcher waren alle Fenster voll geputzter Frauen und Mdchen, um
welche sich die grnen Tannen und Taxuszweige, die bunten Teppiche und Tcher,
mit welchen die Seiten geschmckt waren, wie Rahmen um liebliche Gemlde zogen.
    Das anmutigste Bild gewhrte wohl ein Erkerfenster im Hause des Herrn Hans
von Besserer. Dort standen zwei Mdchen, so verschieden an Gesicht, Gestalt und
Kleidung, und doch beide von so ausgezeichneter Schnheit, da, wer sie so von
der Strae betrachtete, eine Weile zweifelhaft war, welcher er wohl den Vorzug
geben mchte.
    Beide schienen nicht ber achtzehn Jahre zu haben, die eine grere war zart
gebaut; reiches braunes Haar zog sich um eine freie Stirne, die gewlbten Bogen
ihrer dunkeln Brauen, das ruhige blaue Auge, der feingeschnittene Mund, die
zarten Farben der Wangen - sie gaben ein Bild, das unter unsern heutigen Damen
fr sehr anziehend gelten wrde, das aber in jenen Zeiten, wo noch hheren
Farben, volleren Formen der Apfel zuerkannt wurde, nur durch seine gebietende
Wrde neben der andern Schnen sich geltend machen konnte.
    Diese, kleiner und in reichlicherer Flle als ihre Nachbarin, war eines
jener unbesorgten immer heiteren Wesen, welche wohl wissen, da sie gefallen.
Ihr hellblondes Haar war nach damaliger Sitte der Ulmer Damen in viel Lckchen
und Zpfchen geschlungen, und zum Teil unter ein weies Hubchen voll kleiner
knstlicher Fltchen gesteckt, das runde frische Gesichtchen war in
immerwhrender Bewegung, noch rastloser glitten die lebhaften Augen ber die
Menge hin, und der lchelnde Mund, der alle Augenblicke die schnen Zhne sehen
lie, zeugt deutlich, da es unter den vielerlei abenteuerlichen Gruppen und
Gestalten nicht an Gegenstnden fehle, die ihrer frhlichen Laune zur
Zielscheibe dienen muten.
    Hinter den beiden Mdchen stand ein groer bejahrter Mann; seine tiefen
strengen Zge, seine buschigen Augenbrauen, sein langer dnner, schon ins Graue
spielender Bart, selbst sein ganz schwarzer Anzug, der wunderlich gegen die
reichen bunten Farben um ihn her abstach, gaben ihm ein ernstes, beinahe
trauriges Aussehen, das kaum ein wenig milder wurde, wenn ein Schimmer von
Freundlichkeit, hervorgelockt durch die glcklichen Einflle der Blondine, wie
ein Wetterleuchten durch das finstere Gesicht zog. Diese Gruppe, so verschieden
in sich durch Farbe und Schattierung, wie durch Charakter und Jahre, zog hin und
wieder die Aufmerksamkeit der Untenstehenden auf sich. Manches Auge hing an den
schnen Mdchen, und sie beschftigten eine Weile durch ihre berraschende
Erscheinung jene mige Menge, die schon ungeduldig zu werden anfing, da das
Schauspiel, dessen sie harrten, noch immer sich nicht zeigen wollte.
    Es ging schon stark auf Mittag; die Menge wogte immer ungeduldiger, prete
sich strker, und hin und wieder hatte sich schon einer oder der andere aus den
Reihen der ehrsamen Znfte auf den Boden gelagert, da tnten drei Stckschsse
von der Schanze auf dem Luginsland herber, die Glocken des Mnsters begannen
tiefe volle Akkorde ber die Stadt hinzurollen, und im Augenblick hatten sich
die verworrenen Reihen geordnet.
    Sie kommen, Marie, sie kommen, rief die Blonde im Erkerfenster, und
schlang ihren Arm um den Leib ihrer Nachbarin, indem sie sich weiter zum Fenster
hinausbeugte. Das Haus des Herrn von Besserer bildete die Ecke der vorerwhnten
Strae, von dem Erker konnte man hinab beinahe bis an das Donautor, und hinber
bis in die Fenster des Rathauses, sehen, und die Mdchen hatten also ihren
Standpunkt trefflich gewhlt, um das Schauspiel, dessen sie harrten, ganz zu
genieen.
    Die Gasse zwischen den beiden Reihen des Volkes war indes mit Mhe weiter
gemacht worden, die Stadtwchter stellten sich mit weit ausgestreckten
Hellebarden auf, tiefe Stille herrschte unter der ungeheuren Menge, nur das
Gelute der Glocken tnte noch fort.
    Jetzt hrte man den dumpfen Schall der Pauken, vermischt mit den hohen
Klngen der Zinken und Trompeten, und durch das Tor herein bewegte sich ein
langer glnzender Zug von Reitern. Die Stadtpauker und Trompeter, die berittene
Schar der Ulmer Patriziershne war eine zu alltgliche Erscheinung, als da das
Auge lange darauf verweilt htte. Als aber das schwarze und weie Banner der
Stadt, mit dem Reichsadler, als Fahnen und Standarten aller Gren und Farben,
zum Tor hereinschwankten, da gedachten die Zuschauer, da jetzt der rechte
Augenblick gekommen sei.
    Auch unsere Schnen im Erkerfenster schrften jetzt ihre Blicke, als man die
Menge am untern Teil der Strae ehrerbietig die Mtzen abnehmen sah.
    Auf einem groen starkknochigen Rosse nahte ein Mann, dessen krftige
Haltung, dessen heiteres, frisches Ansehen in sonderbarem Kontrast stand, mit
der tief gefurchten Stirne und dem schon ins Graue spielenden Haar und Bart. Er
trug einen zugespitzten Hut mit vielen Federn, einen Brustharnisch ber ein
enganschlieendes rotes Wams, Beinkleider von Leder mit Seide ausgeschlitzt, die
wohl von neuem recht hbsch gewesen sein mochten, aber durch Regen und Strapazen
eine einfrmige dunkelbraune Farbe erhalten hatten. Weite schwere Reiterstiefel
schlossen sich unter den Knien an. Seine einzige Waffe ein ungewhnlich groes
Schwert mit langem Griffe ohne Korb, vollendet das Bild eines gewaltigen, unter
Gefahren frh ergrauten Kriegers. Der einzige Schmuck dieses Mannes war eine
lange goldene Kette von dicken Ringen, fnfmal um den Hals gelegt, an welcher
ein Ehrenpfennig von gleichem Metall auf die Brust herabhing.
    Sagt geschwind, Oheim! wer ist der stattliche Mann, der so jung und alt
aussieht, rief die Blonde, indem sie das Kpfchen ein wenig nach dem schwarzen
Herrn, der hinter ihr stand, zurckbeugte.
    Das kann ich dir sagen, Berta, antwortete dieser, es ist Georg von
Frondsberg6, oberster Feldhauptmann des bndischen Fuvolkes, ein wackerer Mann,
wenn er einer besseren Sache diente!
    Behaltet Eure Bemerkungen fr Euch, Herr Wrttemberger, entgegnete ihm die
Kleine, indem sie lchelnd mit dem Finger drohte, Ihr wit, da die Ulmer
Mdchen gut bndisch sind!
    Der Oheim aber, ohne sich irremachen zu lassen, fuhr fort: Jener dort auf
dem Schimmel ist Truchse Waldburg, der Feldlieutenant7, dem auch etwas von
unserem Wrttemberg wohl anstnde; dort hinter ihm kommen die Bundesobersten;
wei Gott, sie sehen aus wie Wlfe, die nach Beute gehen.
    Pfui! verwitterte Gestalten! bemerkte Berta, ob es wohl auch der Mhe
wert war, Bschen Marie, da wir uns so putzten? Aber siehe da, wer ist der
junge schwarze Reiter auf dem Braunen? sieh nur das bleiche Gesicht und die
feurigen schwarzen Augen! Auf seinem Schilde steht, ich hab's gewagt.
    Das ist der Ritter Ulerich von Hutten, erwiderte der Alte, dem Gott seine
Schmhworte gegen unsern Herzog verzeihen wolle. Kinder! das ist ein gelehrter
frommer Herr; er ist zwar des Herzogs bitterster Feind, aber ich sage so, denn
was wahr ist, mu wahr bleiben!8
    Und siehe, da sind Sickingens9 Farben, wahrhaftig da ist er selbst; schaut
hin Mdchen, das ist Franz von Sickingen, sie sagen, er fhre tausend Reiter in
das Feld, der ist's mit dem blanken Harnisch und der roten Feder.
    Aber sagt mir Oheim, fragte Berta wieder, welches ist denn Gtz von
Berlichingen, von dem uns Vetter Kraft so viel erzhlt; er ist ein gewaltiger
Mann und hat eine Faust von Eisen; reitet er nicht mit den Stdten?
    Gtz und die Stdtler nenne nie in einem Atem, sprach der Alte mit Ernst;
er hlt zu Wrttemberg.10
    Ein groer Teil des Zuges war whrend diesem Gesprch am Fenster
vorbergezogen, und mit Verwunderung hatte Berta bemerkt, wie gleichgltig und
teilnahmslos ihre Base Marie hinabschaue. Es war zwar sonst des Mdchens Art,
sinnend, zuweilen wohl auch trumend auszusehen, aber heute, bei einem so
glnzenden Aufzug so ganz ohne Teilnahme zu sein, deuchte ihr ein groes
Unrecht. Sie wollte sie eben zur Rede stellen, als ein Gerusch von der Strae
her, ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein mchtiges Ro bumte sich in der
Mitte der Strae unter Ihrem Fenster, wahrscheinlich scheue gemacht durch die
flatternden Fahnen der Znfte. Sein hoch zurckgeworfener Kopf verdeckte den
Reiter, so da nur die wehenden Federn des Baretts sichtbar waren; aber die
Gewandtheit und Kraft, mit welcher er das Pferd herunterri und zum Stehen
brachte, lie einen jungen mutigen Reiter ahnen. Das lange hellbraune Haar war
ihm von der Anstrengung ber das Gesicht herabgefallen, als er es zurckschlug,
traf sein Blick das Erkerfenster.
    Nun dies ist doch einmal ein hbscher Herr, flsterte die Blonde ihrer
Nachbarin zu, so heimlich, so leise, als frchte sie von dem schnen Reiter
gehrt zu werden, und wie er artig und hflich ist! siehe nur, er hat uns
gegrt ohne uns zu kennen!
    Aber das stille Bschen Marie schien der Kleinen nicht viel Aufmerksamkeit
zu schenken; ein glhendes Rot zog ber die zarten Wangen. Ja! wer die ernste
Jungfrau gesehen hatte, wie sie so kalt auf den Zug hinabsah, htte wohl nie
geahnet, da so viel holde Freundlichkeit um diesen Mund, so viel Liebe in
diesem sinnenden Auge wohnen knnte, als in jenem Augenblick sichtbar wurde, wo
sie durch ein leichtes Neigen des Hauptes den Gru des jungen Reiters erwiderte.
    Der kleinen Schwtzerin war unsere flchtige aber wahre Bemerkung ber dem
Anblick des schnen Mannes vllig entgangen; Nur schnell Oheim, rief sie und
zog den alten Herrn am Mantel, wer ist dieser in der hellblauen Binde mit
Silber? Nun?
    Ja liebes Kind, antwortete der Oheim, den habe ich in meinem Leben nicht
gesehen. Seinen Farben nach steht er in keinem besonderen Dienst, sondern reitet
wohl auf seine eigene Faust gegen meinen Herzog und Herrn, wie so viele
Hungerleider, die sich an unseren Tpfen laben wollen.
    Mit Euch ist doch nichts anzufangen, sagte die Kleine und wandte sich
unmutig ab; die alten und gelehrten Herren kennet Ihr alle auf hundert Schritte
und weiter; wenn man aber einmal nach einem hbschen, hflichen Junker fragt,
wit Ihr nichts. Du bist auch so Marie, machtest Augen auf den Zug hinunter, als
ob es eine Prozession an Fronleichnam wre; ich wette, du hast das Schnste von
allem nicht gesehen, und hattest noch den alten Frondsberg im Kopfe, als ganz
andere Leute vorbeiritten!
    Der Zug hatte sich whrend dieser Strafrede Bertas vor dem Rathause
aufgestellt, die bndische Reiterei, die noch vorberzog, hatte wenig Interesse
mehr fr die beiden Mdchen, als daher die Herren abgesessen und zum Imbi ins
Rathaus gezogen waren, als die Znfte ihre Glieder auflsten und das Volk sich
allmhlich zu verlaufen begann, zogen auch sie sich vom Fenster zurck.
    Berta schien nicht ganz zufrieden zu sein. Ihre Neugier war nur halb
befriedigt. Sie htete sich brigens wohl, vor dem alten, ernsten Oheim etwas
merken zu lassen. Als aber dieser das Gemach verlie, wandte sie sich an ihre
Base, die noch immer trumend am Fenster stand:
    Nein! wie einen doch so etwas peinigen kann! Ich wollte viel darum geben,
wenn ich wte, wie er heit; da du aber auch gar keine Augen hast, Marie! Ich
stie dich doch an, als er grte. Siehe, hellbraune Haare, recht lang und
glatt, freundliche dunkle Augen, das ganze Gesicht ein wenig brunlich, aber
hbsch, sehr hbsch. Ein Brtchen ber dem Mund, nein! ich sage dir - Wie du
jetzt nur wieder gleich rot werden kannst, fuhr die Blonde in ihrem Eifer fort,
als ob zwei Mdchen, wenn sie allein sind, nicht von dem schnen Mund eines
jungen Herrn sprechen drften. Dies geschieht oft bei uns; aber freilich bei
deiner seligen Frau Muhme in Tbingen und bei deinem ernsten Vater in
Lichtenstein, kamen solche Sachen nicht zur Sprache, und ich sehe schon, Bschen
Marie trumt wieder, und ich mu mir ein Ulmer Stadtkind suchen, wenn ich auch
nur ein klein wenig schwatzen will.
    Marie antwortete nur durch ein Lcheln, das wir vielleicht etwas schelmisch
gefunden htten; Berta aber nahm den groen Schlsselbund vom Haken an der Tre,
sang sich ein Liedchen und ging, um noch einiges zum Mittagessen zu rsten. Denn
wenn man ihr auch etwas zu groe Neugierde vorwerfen konnte, so war sie doch
eine zu gute Haushlterin, als da sie ber der flchtigen Erscheinung des
hflichen Reiters das Zugemse und den Nachtisch vergessen htte.
    Sie hpfte hinaus und lie ihre Base allein bei ihren Gedanken; und auch wir
stren sie nicht, wenn sie jetzt die schnen Bilder der Erinnerung durchgeht,
die jene Erscheinung mit einemmal aus dem tiefen, treuen Herzen hervorgerufen
hatte, wenn sie jener Zeit gedenkt, wo ein flchtiger Blick von ihm, ein Druck
seiner Hand, ihre Tage erhellte, wenn sie jener Nchte gedenkt, wo sie im
stillen Kmmerlein, unbelauscht von der seligen Muhme, jene Schrpe flocht,
deren freudige Farben sie heute aus ihren Trumen weckten; wir lauschen nicht,
wenn sie errtend und mit niedergeschlagenen Augen sich fragt, ob Bschen Berta
den sen Mund des Geliebten richtig beschrieben habe?

                                       II


 Steigt deine Hoffnung wieder?
 Ist nicht dein Herz entbrannt?
 Du fhlst dich, Jngling wieder
 Im alten Schwabenland.
                                                                       G. Schwab

Der festliche Aufzug, den wir auf den letzten Blttern beschrieben haben, galt
den Huptern und Obersten des Schwbischen Bundes, der an diesem Tage, auf
seinem Marsch von Augsburg, wo er sich versammelt hatte, in Ulm einzog. Der
Leser kennt aus der Einleitung die Lage der Dinge. Herzog Ulerich von
Wrttemberg hatte durch die Unbeugsamkeit, mit welcher er trotzte, durch die
allzuheftigen Ausbrche seines Zornes und seiner Rache, durch die Khnheit, mit
welcher er, der einzelne, so vielen verbndeten Frsten und Herren die Stirne
bot, zuletzt noch durch die pltzliche Einnahme der Reichsstadt Reutlingen den
bittersten Ha des Bundes auf sich gezogen. Der Krieg war unvermeidlich, denn es
stand nicht zu erwarten, da man Ulerich, nachdem man so weit gegangen,
friedliche Vorschlge tun werde.
    Hiezu kamen noch die besonderen Rcksichten, die jeden leiteten. Der Herzog
von Bayern, um seiner Schwester Sabina Genugtuung zu verschaffen, die Schar der
Huttischen um ihren Stammesvetter zu rchen, Dieterich von Spt11 und seine
Gesellen, um ihre Schmach in Wrttembergs Unglck abzuwaschen, die Stdte und
Stdtchen, um Reutlingen wieder gut bndisch zu machen, sie alle hatten ihre
Banner entrollt und sich mit blutigen Gedanken und lstern nach gewisser Beute
eingestellt.
    Bei weitem friedlicher und frhlicher waren bei diesem Einzug die
Gesinnungen Georgs von Sturmfeder, jenes artigen Reiters, der Bertas Neugierde
in so hohem Grade erweckt, dessen unerwartete Erscheinung Mariens Wangen mit so
tiefem Rot gefrbt hatte. Wute er doch kaum selbst, wie er zu diesem Feldzug
kam, da er, obgleich den Waffen nicht fremd, doch nicht zunchst fr das
Waffenwerk bestimmt war. Aus einem armen aber angesehenen Stamme Frankens
entsprossen, war er frhe verwaist von einem Bruder seines Vaters erzogen
worden. Schon damals hatte man angefangen, gelehrte Bildung als einen Schmuck
des Adels zu schtzen. Daher whlte sein Oheim fr ihn diese Laufhahn. Die Sage
erzhlt nicht, ob er auf der hohen Schule in Tbingen, die damals in ihrem
ersten Erblhen war, in Wissenschaften viel getan. Es kam nur die Nachricht bis
auf uns, da er einem Frulein von Lichtenstein, die bei einer Muhme in jener
Musenstadt lebte, wrmere Teilnahme schenkte, als den Lehrsthlen der
berhmtesten Doktoren. Man erzhlt sich auch, da das Frulein mit ernstem,
beinahe mnnlichem Geiste alle Knste, womit andere ihr Herz bestrmten, gering
geachtet habe. Zwar kannte man schon damals alle jene Kriegslisten, ein hartes
Herz zu erobern, und die Jnger der alten Tubinga hatten ihren Ovid vielleicht
besser studiert als die heutigen, es sollen aber weder nchtliche Liebesklagen,
noch frchterliche Schlachten und Kmpfe um ihren Besitz die Jungfrau erweicht
haben. Nur einem gelang es, dieses Herz fr sich zu gewinnen, und dieser eine
war Georg. Sie haben zwar, wie es stille Liebe zu tun pflegt, niemand gesagt,
wann und wo ihnen der erste Strahl des Verstndnisses aufging und wir sind weit
entfernt, uns in dieses se Geheimnis der ersten Liebe eindrngen zu wollen,
oder gar Dinge zu erzhlen, die wir geschichtlich nicht belegen knnen; doch
knnen wir mit Grund annehmen, da sie schon bis zu jenem Grad der Liebe
gediehen waren, wo man, gedrngt von ueren Verhltnissen, gleichsam als Trost
fr das Scheiden, ewige Treue schwrt; denn als die Muhme in Tbingen das
Zeitliche gesegnete, und Herr von Lichtenstein sein Tchterlein zu sich holen
lie, um sie nach Ulm, wo ihm eine Schwester verheiratet war, zu weiterer
Ausbildung zu schicken, da merkte Rose, Mariens alte Zofe, da so heie Trnen
und die Sehnsucht, mit welcher Maria noch einmal und immer wieder aus der Snfte
zurcksah, nicht den bergigten Straen, denen sie Valet sagen muten, allein
gelte.
    Bald darauf langte auch ein Sendschreiben an Georg an, worin ihm sein Oheim
die Frage beibrachte, ob er jetzt nach vier Jahren noch nicht gelehrt genug sei?
Dieser Ruf kam ihm erwnscht; seit Mariens Abreise waren ihm die Lehrsthle der
gelehrten Doktoren, die finstere Hgelstadt, ja selbst das liebliche Tal des
Neckars verhat geworden. Mit neuer Kraft erfrischte ihn die kalte Luft, die ihm
von den Bergen entgegenstrmte, als er an einem schnen Morgen des Februar aus
den Toren Tbingens seiner Heimat entgegenritt, wie die Sehnen seiner Arme in
dem frischen Morgen sich straffer anzogen, wie die Muskeln seiner Faust
krftiger in die Zgel faten, so erhob sich auch seine Seele zu jenem frischen
heiteren Mute, der diesem Alter so eigen ist, wenn die Gewiheit eines sen
Glckes im Herzen lebt, und vor dem Auge, das Erfahrung noch nicht geschrft,
Unglck noch nicht getrbt hat, die Zukunft heiter und freundlich sich
ausbreitet. Wie der klare See, der das heitere Bild, das auf ihn herabschaut,
nicht minder freundlich zurckwirft, und mit diesen reizenden Farben seine Tiefe
verhllt, so hat gerade das Ungewisse dieser Zukunft seinen eigentmlichen Reiz.
Man glaubt im Kopf und Arm Kraft genug zu tragen, um dem Glck seine Gunst
abzuringen, und dies Vertrauen auf sich selbst gibt bei weitem mutigere
Zuversicht, als die mchtigste Hlfe von auen.
    So war die Stimmung Georgs von Sturmfeder, als er durch den Schnbuchwald
seiner Heimat zuzog. Zwar brachte ihn dieser Weg dem Liebchen nicht nher, zwar
konnte er nichts sein nennen als das Ro, das er eben ritt und die Burg seiner
Vter, von welcher der Volkswitz sang:

Ein Haus auf drei Sttzen,
Wer vorn hereinkommt,
Kann hinten nicht sitzen.

Aber er wute, da dem festen Willen hundert Wege offenstehen, um zum Ziel zu
gelangen, und der alte Spruch des Rmers: Fortes fortuna juvat, hatte ihm noch
nie gelogen.
    Wirklich schienen auch seine Wnsche nach einer ttigen Laufbahn bald in
Erfllung zu gehen.
    Der Herzog von Wrttemberg hatte Reutlingen, das ihn beleidigt hatte, aus
einer Reichsstadt zur Landstadt gemacht und es war kein Zweifel mehr an einem
Krieg.
    Der Erfolg schien aber damals sehr ungewi. Der Schwbische Bund, wenn er
auch erfahrenere Feldherrn und gebtere Soldaten zhlte, hatte doch in allen
Kriegen durch Uneinigkeit sich selbst geschadet. Ulerich, auf seiner Seite,
hatte vierzehntausend Schweizer, tapfere kampfgebte Mnner geworben, aus seinem
eigenen Lande konnte er, wenn auch minder gebte, doch zahlreiche und tchtige
Truppen ziehen und so stand die Waage im Februar 1519 noch ziemlich gleich.
    Wo alles um ihn her Partei nahm, glaubte Georg nicht mig bleiben zu
drfen. Ein Krieg war Ihm erwnscht; es war eine Laufbahn, die ihn seinem Ziele,
um Marie wrdig freien zu knnen, bald nahebringen konnte.
    Zwar zog ihn sein Herz weder zu der einen, noch zu der andern Partei. Vom
Herzog sprach man im Lande schlecht, des Bundes Absichten schienen nicht die
reinsten. Als aber durch Geld und Klagen der Huttischen und durch die Aussicht
auf reiche Beute bestochen achtzehn Grafen und Herren, deren Besitzungen an sein
Gtchen grenzten, auf einmal12 dem Herzog ihre Dienste aufsagten, da schien es
ihn zum Bunde zu ziehen. Den Ausschlag gab die Nachricht, da der alte
Lichtenstein mit seiner Tochter in Ulm sich befinde; auf jener Seite, wo Marie
war, durfte er nicht fehlen, und so bot er dem Bunde seine Dienste an.
    Die frnkische Ritterschaft unter Anfhrung Ludwigs von Hutten, zog sich am
Anfang des Mrz gegen Augsburg hin, um sich dort mit Ludwig von Bayern und den
brigen Bundesgliedern zu vereinigen. Bald hatte sich das Heer gesammelt, und
ihr Weg glich einem Triumphzug, je nher sie dem Gebiete ihres Feindes kamen.
    Herzog Ulerich war bei Blaubeuren, der uersten Stadt seines Landes gegen
Ulm und Bayern hin, gelagert. In Ulm sollte jetzt noch einmal zuvor im groen
Kriegsrat der Feldzug besprochen werden, und dann hoffte man in kurzer Zeit die
Wrttemberger zur entscheidenden Schlacht zu ntigen. An friedliche
Unterhandlungen wurde, da man so weit gegangen war, nicht mehr gedacht, Krieg
war die Losung und Sieg der Gedanke des Heeres als ein frischer Morgenwind ihnen
die Gre des schweren Geschtzes von den Wllen der Stadt entgegentrug, als das
Gelute aller Glocken zum Willkomm vom anderen Ufer der Donau herbertnte.
    Wohl schlug auch Georgs Herz hher bei dem Gedanken an seine erste
Waffenprobe; aber wer je in hnlicher Lage sich befand, wird ihn nicht tadeln,
da auch friedlichere Gedanken in seiner Seele aufzogen und ihn Kampf und Sieg
vergessen lieen. Als zuerst, noch in weiter Ferne, das kolossale Mnster aus
dem Nebel auftauchte, als nachher der verhllende Dunstschleier herabfiel und
die Stadt mit ihren dunkeln Backsteinmauern, mit ihren hohen Tortrmen sich vor
seinen Blicken ausbreitete, da kamen alle Zweifel, die er frher tief in die
Brust zurckgedrngt hatte, schwerer als je ber ihn. Schlieen jene Mauern
auch die Geliebte ein? hat nicht ihr Vater seinem Herzog treu, vielleicht in die
feindlichen Scharen sich gestellt, und darf der, dessen ganze Hoffnung darauf
beruht, den Vater zu gewinnen, darf er sich jenem gegenberstellen, ohne sein
ganzes Glck zu vernichten? Und ist der Vater auf feindlicher Seite, kann Marie
mglicherweise noch in jenen Mauern sein. Und wenn alles gut wre, wenn unter
der festlichen Menge, die sich zum Anblick des einziehenden Heeres drngt, auch
Marie auf ihn herabschaut, hat sie auch die Treue noch bewahrt, die sie
geschworen? -
    Doch der letzte Gedanke machte bald einer freudigeren Gewiheit Raum, denn
wenn sich auch alles Unglck gegen ihn verschwor, Mariens Treue, er wute es,
war unwandelbar. Mutig drckte er die Schrpe, die sie ihm gegeben, an seine
Brust, und als jetzt die Ulmer Reiterei sich an den Zug anschlo, als die Zinken
und Trompeten ihre mutigen Weisen anstimmten, da kehrte seine alte Freudigkeit
wieder, stolzer hob er sich im Sattel, khner rckte er das Barett in die
Stirne, und als der Zug in die festlich geschmckten Straen einbog, musterte
sein scharfes Auge alle Fenster der hohen Huser, um sie zu ersphen.
    Da gewahrte er sie, wie sie ernst und sinnend auf das frhliche Gewhl
hinabsah, er glaubte zu erkennen, wie ihre Gedanken in weiter Ferne den suchten,
der ihr so nahe war, schnell drckte er seinem Pferde die Sporen in die Seite,
da es sich hoch aufbumte und das Pflaster von seinem Hufschlag ertnte. Aber
als sie sich zu ihm herabwandte, als Auge dem Auge begegnete, als ihr freudiges
Errten dem Glcklichen sagte, da er erkannt und noch immer geliebt sei, da war
es um die Besinnung des guten Georg geschehen; willenlos folgte er dem Zuge vor
das Rathaus und es htte nicht viel gefehlt, so htte ihn seine Sehnsucht alle
Rcksichten vergessen lassen, und unwiderstehlich zu dem Eckhaus mit dem Erker
hingezogen.
    Schon hatte er die ersten Schritte nach jener Seite getan, als er sich von
krftiger Hand am Arm angefat fhlte.
    Was treibet Ihr, Junker, rief ihm eine tiefe wohlbekannte Stimme ins Ohr,
dort hinauf geht es die Rathaustreppe. Wie? ich glaube, Ihr schwindelt, wre
auch kein Wunder, denn das Frhstck war gar zu mager. Seid getrost, Freundchen,
und kommt. Die Ulmer fhren gute Weine, wir wollen Euch mit altem Remstaler
anstreichen.
    Wenn auch der Fall aus seinem Freudenhimmel, in welchem er einige Minuten
geschwebt hatte, auf den Rathausplatz in Ulm etwas unsanft war, so wute er doch
dem alten Herrn von Breitenstein, seinem nchsten Grenznachbar in Franken, Dank,
da er ihn aus seinen Trumen aufgeschttelt und von einem bereilten Schritte
zurckgehalten hatte.
    Er nahm daher freundlich den Arm des alten Herrn und folgte mit ihm den
brigen Rittern und Herren, die sich von dem scharfen Morgenritte an der guten
Mittagskost, die ihnen die freie Reichsstadt aufgesetzt hatte, wieder erholen
wollten.

                                      III


 Ich hre rauschende Musik, das Schlo ist
 Von Lichtern hell. Wer sind die Frhlichen?
                                                                        Schiller

Der Saal des Rathauses, wohin die Angekommenen gefhrt wurden, bildete ein
groes, lngliches Viereck. Die Wnde und die zu der Gre des Saales
unverhltnismig niedere Decke waren mit einem Getfer von braunem Holz
ausgelegt, unzhlige Fenster mit runden Scheiben, worauf die Wappen der edlen
Geschlechter von Ulm mit brennenden Farben gemalt waren, zogen sich an der einen
Seite hin, die gegenberstehende Wand fllten Gemlde berhmter Brgermeister
und Ratsherrn der Stadt, die beinahe alle in der gleichen Stellung, die Linke in
die Hfte, die Rechte auf einen reichbehngten Tisch gesttzt, ernst und
feierlich auf die Gste ihrer Enkel herabsahen. Diese drngten sich in
verworrenen Gruppen um die Tafel her, die in Form eines Hufeisens aufgestellt,
beinahe die ganze Weite des Saales einnahm. Der Rat und die Patrizier, die heute
im Namen der Stadt die Honneurs machen sollten, stachen in ihren zierlichen
Festkleidern mit den steifen schneeweien Halskrausen wunderlich ab gegen ihre
bestaubten Gste, die in Lederwerk und Eisenblech gehllt, oft gar unsanft an
die seidenen Mntelein und samtenen Gewnder streiften. Man hatte bis jetzt noch
auf den Herzog von Bayern gewartet, der einige Tage vorher eingetroffen, zu dem
glnzenden Mittagsmahl zugesagt hatte, als aber sein Kmmerling seine
Entschuldigung brachte, gaben die Trompeten das ersehnte Zeichen, und alles
drngte sich so ungestm zur Tafel, da nicht einmal die gastfreundliche Ordnung
des Rates, die je zwischen zwei Gste einen Ulmer setzen wollten, gehrig
beobachtet wurde.
    Breitenstein hatte Georg auf einen Sitz niedergezogen, den er ihm als einen
ganz vorzglichen anpries. Ich htte Euch, sagte der alte Herr, zu den
Gewaltigen da oben, zu Frondsberg, Sickingen, Hutten und Waldburg setzen knnen,
aber in solcher Gesellschaft kann man den Hunger nicht mit gehriger Ruhe
stillen. Ich htte Euch ferner zu den Nrnbergern und Augsburgern fhren knnen,
dort unten, wo der gebratene Pfau steht - wei Gott sie haben keinen beln Platz
-, aber ich wei, da Euch die Stdtler nicht recht behagen, darum habe ich Euch
hieher gesetzt. Schauet Euch hier um, ob dies nicht ein trefflicher Platz ist?
Die Gesichter umher kennen wir nicht, also braucht man nicht viel zu schwatzen.
Rechts haben wir den gerucherten Schweinskopf mit der Zitrone im Maul, links
eine prachtvolle Forelle, die sich vor Vergngen in den Schwanz beit, und vor
uns diesen Rehziemer, so fett und zart wie auf der ganzen Tafel keiner mehr zu
finden ist.
    Georg dankte ihm, da er mit so viel Umsicht fr ihn gesorgt habe, und
betrachtete zugleich flchtig seine Umgebung. Sein Nachbar rechts war ein junger
zierlicher Herr, von etwa 25 bis 30 Jahren. Das frischgekmmte Haar, duftend von
wohlriechenden Salben, der kleine Bart, der erst vor einer Stunde mit warmen
Znglein gekruselt worden sein mochte, lieen Georg, noch ehe ihn die Mundart
davon berzeugte, einen Ulmer Herrn erraten. Der junge Herr, als er sah, da er
von seinem Nachbar bemerkt wurde, bewies sich sehr zuvorkommend, indem er Georgs
Becher aus einer groen silbernen Kanne fllte, auf glckliche Ankunft und gute
Nachbarschaft mit ihm anstie, und auch die besten Bissen von den unzhligen
Rehen, Hasen, Schweinen, Fasanen und wilden Enten, die auf silbernen Platten
umherstanden, dem Fremdling aufs Teller legte.
    Doch diesen konnte weder seines Nachbars zuvorkommende Geflligkeit noch
Breitensteins ungemeiner Appetit zum Essen reizen. Er war noch zu sehr
beschftigt mit dem geliebten Bilde, das sich ihm beim Einzug gezeigt hatte, als
da er die Ermunterungen seiner Nachbarn befolgt htte. Gedankenvoll sah er in
den Becher, den er noch immer in der Hand hielt, und glaubte, wenn die Blschen
des alten Weines zersprangen und in Kreisen verschwebten, das Bild der Geliebten
aus dem goldenen Boden des Bechers auftauchen zu sehen. Es war kein Wunder, da
der gesellige Herr zu seiner Rechten, als er sah, wie sein Gast, den Becher in
der Hand, jede Speise verschmhe, ihn fr einen unverbesserlichen Zechbruder
hielt. Das feurige Auge, das unverwandt in den Becher sah, der lchelnde Mund
des in seinen Trumen versunkenen Jnglings schien ihm einen jener echten
Weinkenner anzuzeigen, die auf fein gebter Zunge den Gehalt des edlen Trankes
lange zu prfen pflegen.
    Um der Ermahnung des wohledlen Rates, den Gsten das Mahl so angenehm als
mglich zu machen, gehrig nachzu kommen, suchte er auf der entdeckten schwachen
Seite dem jungen Mann beizukommen. Es war zwar gegen die Gewohnheit des jungen
Ulmers, Wein zu trinken, aber dem jungen Mann zulieb, der etwas so Hohes und
Gebietendes an sich hatte, mute er schon ein briges tun. Er schenkte sich
seinen Becher wieder voll und begann: Nicht wahr, Herr Nachbar, das Weinchen
hat Feuer und einen feinen Geschmack? Freilich ist es kein Wrzburger, wie Ihr
ihn in Franken gewohnt sein werdet, aber es ist echter Ellfinger aus dem
Ratskeller und immer seine achtzig Jahre alt.
    Verwundert ber diese Anrede, setzte Georg den Becher nieder und antwortete
mit einem kurzen Ja, ja - der Nachbar lie aber den einmal aufgenommenen Faden
nicht so bald wieder fallen. Es scheint, fuhr er fort, als munde er Euch doch
nicht ganz, aber da wei ich Rat. Heda! gebt eine Kanne Uhlbacher hieher. -
Versuchet einmal diesen, der wchst zunchst an des Wrttembergers Schlo; in
diesem mt Ihr mir Bescheid tun: Kurzen Krieg, groen Sieg!
    Georg, dem dieses Gesprch nicht recht zusagte, suchte seinen Nachbar auf
einen anderen Weg zu bringen, der ihn zu anziehenderen Nachrichten fhren
konnte: Ihr habt, sprach er, schne Mdchen hier in Ulm, wenigstens bei
unserem Einzug glaubte ich deren viele zu bemerken.
    Wei Gott, entgegnete der Ulmer, man knnte damit pflastern.
    Das wre vielleicht so bel nicht, fuhr Georg fort, denn das Pflaster
Eurer Straen ist herzlich schlecht. Aber sagt mir, wer wohnt dort in dem
Eckhaus mit dem Erker, wenn ich nicht irre, schauten dort zwei feine Jungfrauen
heraus, als wir einritten.
    Habt Ihr diese auch schon bemerkt? lachte jener, wahrhaftig, Ihr habt ein
scharfes Auge und seid ein Kenner. Das sind meine lieben Basen
mtterlicherseits, die kleine Blonde ist eine Besserer, die andere ein Frulein
von Lichtenstein, eine Wrttembergerin, die auf Besuch dort ist.
    Georg dankte im stillen dem Himmel, der ihn gleich mit einem so nahen
Verwandten Mariens zusammenfhrte. Er beschlo den Zufall zu bentzen, und
wandte sich so freundlich er nur konnte, zu seinem Nachbar: Ihr habt ein paar
hbsche Mhmchen, Herr von Besserer...
    Dieterich von Kraft nenne ich mich, fiel er ein, Schreiber des Groen
Rates -
    Ein paar schne Kinder, Herr von Kraft; und Ihr besuchet sie wohl recht
oft?
    Ja wohl, antwortete der Schreiber des Groen Rates, besonders seit die
Lichtenstein im Hause ist. Zwar will mein Bschen Berta etwas eiferschtig
werden, denn im Vertrauen gesagt, wir waren vorher ein Herz und eine Seele, aber
ich tue als merke ich es nicht, und stehe mit Marien um so besser.
    Diese Nachricht mochte nicht so gar angenehm in Georgs Ohren klingen, denn
er prete die Lippen zusammen und seine Wangen frbten sich dunkler.
    Ja lachet nur, fuhr der Ratsschreiber fort, dem der ungewohnte Geist des
Weines zu Kopfe stieg, wenn Ihr wtet, wie sie sich beide um mich reien. Zwar
- die Lichtenstein hat eine verdammte Art freundlich zu sein, sie tut so vornehm
und ernst, da man nicht recht wagt, in ihrer Gegenwart Spa zu machen, noch
weniger lt sie ein wenig mit sich schkern wie Berta, aber gerade das kommt
mir so wunderhbsch vor, da ich eilfmal wiederkomme, wenn sie mich auch zehnmal
fortgeschickt hat. Das macht aber, murmelte er nachdenklicher vor sich hin,
weil der gestrenge Herr Vater da ist, vor dem scheut sie sich, lat nur den
einmal ber der Ulmer Markung sein, so soll sie schon kirre werden.
    Georg wollte sich nach dem Vater noch weiter erkundigen, als sonderbare
Stimmen ihn unterbrachen. Schon vorher hatte er mitten durch das Gerusch der
Speisenden diese Stimmen zu hren geglaubt, wie sie in schleppendem, einfrmigem
Ton ein paar kurze Stze hersagten, ohne zu verstehen was es war. Jetzt hrte er
dieselben Stimmen ganz in der Nhe, und bald bemerkte er welchen Inhaltes ihre
eintnigen Stze waren. Es gehrte nmlich in den guten alten Zeiten, besonders
in Reichsstdten zum Ton, da der Hausvater und seine Frau, wenn sie Gste
geladen hatten, gegen die Mitte der Tafel aufstanden, und bei jedem einzelnen
umhergingen, mit einem herkmmlichen Sprchlein zum Essen und Trinken zu
ntigen.
    Diese Sitte war in Ulm so stehend geworden, da der Hohe Rat beschlo, auch
an diesem Mahl keine Ausnahme zu machen, sondern ex officio einen Hausvater samt
Hausfrau aufzustellen, um diese Pflicht zu ben. Die Wahl fiel auf den
Brgermeister und den ltesten Ratsherrn.
    Sie hatten schon zwei Seiten der Tafel ntigend umgangen, kein Wunder, da
ihre Stimmen durch die groe Anstrengung endlich rauh und heiser geworden waren,
und ihre freundschaftliche Aufmunterung wie Drohung klang. Eine rauhe Stimme
tnte in Georgs Ohr: Warum esset Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?
Erschrocken wandte sich der Gefragte um, und sah einen starken, groen Mann mit
rotem Gesicht - ehe er noch auf die schrecklichen Tne antworten konnte, begann
an seiner andern Seite ein kleiner Mann mit einer hohen dnnen Stimme:

So esset doch und trinket satt
was der Magistrat Euch vorgesetzt hat.

Hab ich's doch schon lange gedacht, da es so kommen wrde, fiel der alte
Breitenstein ein, indem er ein wenig von der Anstrengung, mit welcher er den
Rehziemer bearbeitet hatte, ausruhte.
    Da sitzt er und schwatzt, statt die kstlichen Braten zu genieen, die uns
die Herren in so reichlicher Flle vorgesetzt haben.
    Mit Verlaub, unterbrach ihn Dieterich von Kraft, der junge Herr it
nichts, er ist ein Zechbruder und trefflicher Weinschmecker; hab ich's nicht
gleich weggehabt, da er gerne zu tief ins Glas guckt? Darum tadle ihn keiner,
wenn er sich lieber an den Uhlbacher hlt.
    Georg wute gar nicht wie er zu dieser sonderbaren Schutzrede kam; er war im
Begriff sich zu entschuldigen, als ihn ein neuer Anblick berraschte.
Breitenstein hatte sich jetzt ber den Schweinskopf mit der Zitrone im Maul,
erbarmt, hatte die Zitrone geschickt aus dem Rachen des Tieres operiert, und
begann mit groem Behagen und gebter Hand die weitere Sektion vorzunehmen, da
trat der Brgermeister auch zu ihm, und eben als er an einem guten Bissen kaute,
hub er an: Warum esset Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht? Dieser
sah den Ntigenden mit starren Blicken an, zum Reden hatten seine Sprachorgane
keine Zeit. Er nickte daher mit dem Haupte und deutete auf die Reste des
Rehziemers; der kleine Mann mit der Fistelstimme lie sich aber nicht
irremachen, sondern sprach freundschaftlichst:

So esset doch und trinket satt
was der Magistrat Euch vorgesetzt hat.

So war es nun in den guten alten Zeiten! Man konnte sich wenigstens nicht
beklagen, nur zu einem Schauessen geladen worden zu sein. Bald aber bekam die
Tafel eine andere Gestalt. Die groen Schsseln und Platten wurden abgetragen
und gerumigere Humpen, grere Kannen, gefllt mit edlem Weine, aufgesetzt. Die
Umtrnke und das in Schwaben schon damals sehr hufige Zutrinken begann, und
nicht lange, so uerte auch der Wein seine Wirkungen. Dieterich Spt und seine
Gesellen sangen Spottlieder auf Herzog Ulerich und bekrftigten jeden Fluch oder
schlechten Witz, den einer ausbrachte mit Gelchter oder einem guten Trunke. Die
frnkischen Ritter wrfelten um die Gter des Herzogs und tranken einander das
Tbinger Schlo im Weine ab. Ulerich von Hutten und einige seiner Freunde
hielten in lateinischer Sprache eine laute Kontrovers mit einigen Italienern
wegen des Angriffes auf den rmischen Stuhl, den kurz zuvor ein unberhmter
Mnch in Wittenberg unternommen hatte; die Nrnberger, Augsburger und einige
Ulmer Herren, die sich zusammengetan hatten, waren ber den Glanz ihrer
Republiken in Streit geraten, und so fllte Gelchter, Gesang, Zanken und der
dumpfe Klang der silbernen und zinnernen Becher, den Saal.
    Nur am oberen Ende der Tafel herrschte anstndigere, ruhigere Frhlichkeit.
Dort sa Georg von Frondsberg, der alte Ludwig Hutten, Waldburg Truchse, Franz
von Sickingen und noch andere ltliche, gesetzte Herren.
    Dorthin wandte jetzt auch der Bundeshauptmann Hans von Breitenstein, nachdem
er sich genugsam gesttiget hatte, seine Blicke und sprach zu Georg: Das Lrmen
um uns her will mir gar nicht behagen, wie wre es, wenn ich Euch jetzt dem
Frondsberger vorstellte, wie Ihr in den letzten Tagen gewnscht habt?
    Georg, dessen Wunsch schon lange war, dem Kriegsobersten bekannt zu werden,
stand freudig auf, um dem alten Freunde zu folgen. Wir werden ihn nicht tadeln,
da sein Herz bei diesem Gange ngstlicher pochte, seine Wangen sich hher
frbten, seine Schritte je nher er kam, ungewisser und zgernder wurden. Wen
haben nicht in seiner Jugend, wenn er einem glnzenden, ruhmbekrnzten Vorbild
nahte, hnliche Gefhle bestrmt? Wem sank da nicht sein eigenes Ich zur
Unbedeutendheit zusammen, whrend der Gefeierte zum Riesen wuchs. Georg von
Frondsberg galt schon damals fr einen der berhmtesten Feldherren seiner Zeit.
Italien, Frankreich und Teutschland erzhlten von seinen Siegen, und die
Kriegskunst wird ihn ewig in ihren Annalen nennen, denn er war der Stifter und
Grnder eines geordneten, in Reihen und Gliedern fechtenden Fuvolkes. Sagen und
Chroniken erhielten das Bild dieses Helden bis auf unsere Tage, und wer gedenkt
nicht unwillkrlich jener homerischen Helden wenn er von diesem Manne liest: Er
war so stark an Gliedern, wenn er den Mittelfinger der rechten Hand ausstreckte,
da er damit den strksten Mann, so sich steif stellte, vom Platz stoen, ein
rennendes Pferd beim Zaum ergreifen und stellen, die groen Bchsen und
Mauerbrecher allein von einem Ort zum andern fhren konnte? Zu ihm fhrte
Breitenstein den Jngling.
    Wen bringt Ihr uns da, Hans? rief Georg von Frondsberg, indem er den
hochgewachsenen, schnen, jungen Mann mit Teilnahme betrachtete.
    Seht ihn Euch einmal recht an, werter Herr, antwortete Breitenstein, ob
Euch nicht beifllt, in welches Haus er gehren mag?
    Aufmerksamer betrachtete ihn der Feldhauptmann, auch der alte Truchse von
Waldburg wandte prfend sein Auge herber. Georg war schchtern und blde vor
diese Mnner getreten; aber sei es, da die freundliche, zutrauliche Weise
Frondsbergs ihm Mut machte, sei es, da er fhlte, wie wichtig der Augenblick
fr ihn sei, er bekmpfte die Scham den Blicken so vieler berhmter Mnner
ausgesetzt zu sein, und sah ihnen entschlossen und mutig ins Gesicht.
    Jetzt, an diesem Blick erkenne ich dich, sagte Frondsberg und bot ihm die
Hand, du bist ein Sturmfeder?
    Georg Sturmfeder, antwortete der junge Mann, mein Vater war Burkhardt
Sturmfeder, er fiel, wie man mir sagte, in Italien an Eurer Seite.
    Er war ein tapferer Mann, sprach der Feldhauptmann, dessen Auge immer noch
sinnend auf Georgs Zgen ruhte, an manchem warmen Schlachttag hat er treu zu
mir gehalten, wahrlich sie haben ihn allzufrhe eingescharrt! Und du, setzte er
freundlicher hinzu, du hast dich eingestellt, um seiner Spur zu folgen? Was
treibt dich schon so frhe aus dem Neste und bist kaum flick?
    Ich wei schon, unterbrach ihn Waldburg mit rauher, unangenehmer Stimme;
das Vgelein will sich ein paar Flckchen Wolle suchen, um das alte Nest zu
flicken!
    Diese rohe Anspielung auf die verfallene Burg seiner Ahnen jagte eine hohe
Glut auf die Wangen des Jnglings. Er hatte sich nie seiner Drftigkeit
geschmt, aber dieses Wort klang so hhnend, da er sich zum ersten Male dem
reichen Sptter gegenber recht arm fhlte. Da fiel sein Blick ber Truchse
Waldburg hin durch die Scheiben auf jenes wohlbekannte Erkerfenster; er glaubte
Mariens Gestalt zu erblicken und sein alter Mut kehrte wieder. Ein jeder Kampf
hat seinen Preis, Herr Ritter, sagte er, ich habe dem Bund Kopf und Arm
angetragen; was mich dazu treibt, kann Euch gleichgltig sein.
    Nun, nun! erwiderte jener, wie es mit dem Arm aussieht, werden wir sehen,
im Kopfe mu es aber nicht so ganz hell sein, da Ihr aus Spa gleich Ernst
macht.
    Der gereizte Jngling wollte wieder etwas darauf erwidern, Frondsberg aber
nahm ihn freundlich bei der Hand: Ganz wie dein Vater, lieber Junge, nun du
willst zeitlich zu einer Nessel werden.13 Und wir werden Leute brauchen, denen
das Herz am rechten Flecke sitzt. Da du dann nicht der letzte bist, darfst du
gewi sein.
    Diese wenigen Worte aus dem Munde eines durch Tapferkeit und Kriegskunst
unter seinen Zeitgenossen hochberhmten Mannes, bten so besnftigende Gewalt
ber Georg, da er die Antwort, die ihm auf der Zunge schwebte, zurckdrngte,
und sich schweigend von der Tafel in ein Fenster zurckzog, teils um die
Obersten nicht weiter zu stren, teils um sich genauer zu berzeugen, ob die
flchtige Erscheinung, die er vorhin gesehen, wirklich Marie gewesen sei?
    Als Georg die Tafel verlassen hatte, wandte sich Frondsberg zu Waldburg:
Das ist nicht die Art, Herr Truchse, wie man tchtige Gesellen fr unsere
Sache gewinnt, ich wette, er ging nicht mit halb soviel Eifer fr die Sache von
uns, als er zu uns brachte.
    Mt Ihr dem jungen Laffen auch noch das Wort reden? fuhr jener auf, was
braucht es da? er soll einen Spa von seinem Oberen ertragen lernen.
    Mit Verlaub, fiel ihm Breitenstein ins Wort, das ist kein Spa, sich ber
unverschuldete Armut lustig zu machen, ich wei aber wohl, Ihr seid seinem Vater
auch nie grn gewesen.
    Und, fuhr Frondsberg fort, sein Oberer seid Ihr ganz und gar noch nicht.
Er hat dem Bunde noch keinen Eid geleistet, also kann er noch immer hinreiten,
wohin er will; und wenn er auch unter Euren eigenen Fahnen diente, so mchte ich
Euch doch nicht raten, ihn zu hnseln, er sieht mir nicht darnach aus, als ob er
sich viel gefallen liee!
    Sprachlos vor Zorn ber den Widerspruch, den er in seinem Leben nie ertragen
konnte, blickte Truchse den einen und den andern an, mit so wutvollen Blicken,
da sich Ludwig von Hutten schnell ins Mittel warf, um noch rgeren Streit zu
verhten: Lat doch die alten Geschichten! rief er. Oberhaupt wre es gut,
wir heben die Tafel auf. Es dunkelt drauen schon stark und der Wein wird zu
mchtig. Dieterich Spt hat schon zweimal des Wrttembergers Tod ausgebracht,
und die Franken dort unten sind nur noch nicht einig, ob man seine Schlsser
niederbrennen oder verteilen soll.
    Lat sie immer, lachte Waldburg bitter, die Herren drfen ja heute machen
was sie wollen, Frondsberg wird ihnen doch das Wort reden.
    Nein, antwortete Ludwig Hutten; wenn einer von so etwas reden darf, bin
ich es, als der Blutrcher meines Sohnes; aber ehe noch der Krieg erklrt ist,
mssen solche Reden unterbleiben. Mein Vetter Ulerich spricht mir auch zu heftig
mit den Italienern, ber den Mnch von Wittenberg, und er verschwatzt sich zu
sehr, wenn er in Zorn geratet. Lat uns aufbrechen.
    
    Frondsberg und Sickingen stimmten ihm bei, sie standen auf, und als die
nchsten um sie her ihrem Beispiel folgten, war der Aufbruch allgemein.

                                       IV


 Wollt ihr wissen was die Augen sein,
 Womit ich sie sehe durch alle Land?
 Es sind die Gedanken des Herzens mein,
 Damit schau ich durch Mauer und Wand.
                                                      Walther von der Vogelweide

Georg hatte in dem Fenster, wohin er sich zurckgezogen, nicht so entfernt
gestanden, da er nicht jedes Wort der Streitenden gehrt htte. Er freute sich
der warmen Teilnahme, mit welcher Frondsberg sich des unberhmten, verwaisten
Jnglings angenommen hatte, zugleich aber konnte er es sich nicht verbergen, da
sein erster Schritt in die kriegerische Laufbahn ihm einen mchtigen,
erbitterten Feind zugezogen hatte. Der Truchse war zu bekannt im Heere wegen
seines unvershnlichen Stolzes, als das Georg htte glauben drfen, Huttens
vermittelnde und besnftigende Worte haben jede Erinnerung an diesen Streit
verlscht, und da Mnner von Gewicht, wie Waldburg, in solchen Fllen, der
vielleicht unschuldigen Ursache ihres Zornes die Schuld nicht erlassen, war ihm
aus manchen Fllen wohlbekannt. Ein leichter Schlag auf seine Schulter
unterbrach seine Gedanken und er sah, als er sich umwandte, seinen freundlichen
Nebensitzer, den Schreiber des Groen Rates vor sich.
    Ich wette, Ihr habt Euch noch nach keinem Quartier umgesehen, sprach
Dieterich von Kraft, und es mchte Euch auch jetzt etwas schwer werden, denn es
ist bereits dunkel und die Stadt ist berfllt.
    Georg gestand, da er noch nicht daran gedacht habe, er hoffe aber, in einer
der ffentlichen Herbergen noch ein Pltzchen zu bekommen.
    Da mchte ich doch nicht so sicher darauf bauen, entgegnete jener, und
gesetzt, Ihr fndet auch in einer solchen Schenke einen Winkel, so drft Ihr
doch sicherlich darauf rechnen, da Ihr schlecht genug bedient seid. Aber wenn
Euch meine Wohnung nicht zu gering scheint, so steht sie Euch mit Freuden
offen.
    Der gute Ratsschreiber sprach mit so viel Herzlichkeit, da Georg nicht
Anstand nahm, sein Anerbieten anzunehmen, obgleich er beinahe befrchtete, die
gastfreundliche Einladung mchte seinen Wirt gereuen, wenn die gute Laune
zugleich mit den Dnsten des Weines verflogen sein werde. Jener aber schien ber
die Bereitwilligkeit seines Gastes hoch erfreut; er nahm mit einem herzlichen
Handschlag seinen Arm und fhrte ihn aus dem Saal.
    Der Platz vor dem Rathaus bot indes einen ganz eigenen Anblick dar. Die Tage
waren noch kurz und die Abenddmmerung war ber der Tafel unbemerkt
hereingebrochen; man hatte daher Fackeln und Windlichter angezndet, ihr
dunkelroter Schein erhellte den groen Raum nur sparsam und spielte in
zitternden Reflexen an den Fenstern der gegenberstehenden Huser und auf den
blanken Helmen und Brustharnischen der Ritter. Wildes Ruten nach Pferden und
Knechten scholl aus der Halle des Rathauses, das Klirren der nachschleppenden
Schwerter, das Hin-und Herrennen der vielen Menschen mischte sich in das Gebell
der Hunde, in das Wiehern und Stampfen der ungeduldigen Rosse, eine Szene, die
mehr einem in der Nacht vom Feinde berfallenen Posten, als dem Aufbruch von
einem friedlichen Mahle glich.
    berrasche blieb Georg unter der Halle stehen. Der Anblick so vieler,
frhlicher Gesichter, der krftigen Gestalten, die in jugendlichem Mute
ansprengten, khne Reiterknste bten und dann singend und jubelnd in kleinen
Haufen abzogen und in der Nacht verschwanden, dieser nchtliche, flchtige
Anblick erinnerte ihn, wie ungewi, wie schnell auch diese Tage vorbergehen
werden, wie alle diese frhlichen Gesellen dem tiefen Ernste des Krieges
entgegenziehen, wie mancher, noch ehe der Frhling vllig heraufginge, mit
seinem Krper den grnenden Rasen decken werde. Wie sie gefallen sein werden,
ohne mit ihrem Blute etwas eingelst zu haben, als die Trne eines Kameraden und
den kurzen Ruhm als brave Mnner vor dem Feinde geblieben zu sein.
    Unwillkrlich streifte sein Auge nach jener Seite hin, wo er seinen
Kampfpreis wute. Er sah dort viele Leute an den Fenstern stehen, aber der
schwrzliche Rauch der Fackeln, der wie eine Wolke ber den Platz hinzog,
verhllte die Gegenstnde wie mit einem Schleier und lie sie nur wie ungewisse
Schatten sehen; unbefriedigt wandte er sein Auge ab. So ist auch meine
Zukunft, sagte er zu sich, das Jetzt ist helle, aber wie dunkel, wie ungewi
das Ziel!
    Sein freundlicher Wirt ri ihn aus diesem dstern Sinnen mit der Frage: wo
seine Knechte mit seinen Pferden seien? Wenn der Platz, worauf sie standen,
heller erleuchtet gewesen wre, so htte vielleicht der gute Kraft eine
flchtige aber brennende Rte, die bei dieser Frage ber Georgs Wangen zog,
bemerken knnen. Ein junger Kriegsmann, antwortete er schnell gefat, mu
sich so viel mglich selbst zu helfen wissen, daher habe ich keine Diener bei
mir. Mein Pferd aber habe ich Breitensteins Knechten bergeben.
    Der Ratsschreiber lobte im Weiterschreiten die Strenge des jungen Mannes
gegen sich selbst, gestand aber, da er, wenn er einmal zu Feld ziehe, den
Dienst nicht so strenge lernen werde. Ein Blick auf sein zierlich geordnetes
Haar und den fein gekruselten Bart, berzeugten Georg, da sein Begleiter aus
voller Seele spreche, und die zierliche, bequeme Wohnung, in welcher sie bald
darauf anlangten, widersprach diesem Glauben nicht.
    Das Hauswesen des Herrn von Kraft war eine sogenannte
Junggesellenwirtschaft, denn Herrn Dieterichs Eltern waren lngst abgeschieden,
als er in das Mannesalter und zugleich in seinen Posten beim Groen Rat eintrat.
Er htte sich vielleicht lngst um eine Genossin seiner Herrlichkeit umgesehen,
wenn nicht die Anmut des Junggesellenlebens, der nicht zu verachtende Vorteil,
von allen jungen Damen der Stadt als eine gute Partie (nach heutigen Begriffen)
angesehen und honoriert zu werden, vor allem aber, wie man sich ins Ohr
flsterte, die entschiedene Abneigung, die seine alte Amme und Haushlterin vor
einer jungen Gebieterin hegte, ihn immer von diesem Schritte abgehalten htte.
    Herr Dieterich hatte ein groes Haus nicht weit vom Mnster, einen schnen
Garten am Michelsberg, sein Hausgerte war im besten Stande, die groen eichenen
Kasten voll des kstlichsten Linnenzeuges, das die Kraftinnen und ihre Zofen
seit vielen Generationen in den langen Winterabenden zusammengesponnen hatten,
die eiserne Truhe im Schlafzimmer enthielt eine erkleckliche Anzahl von
Goldglden, Herr Dieterich selbst war ein hbscher, solider Herr, ging immer
geschniegelt und gebgelt, mit gesetztem, anstndigem Gang in den Rat, hatte
einen guten Haus- und Ratverstand, war aus einer alten Familie, war es ein
Wunder, wenn die ganze Stadt sein Leben pries und jedes hbsche Ulmer Stadtkind
sich glcklich geschtzt htte, in diesen bequem ausstaffierten Ehehimmel zu
kommen?
    Georg kamen brigens diese Verhltnisse bei nherer Besichtigung nichts
weniger als lockend vor. Die einzigen Hausgenossen des Ratsschreibers waren, ein
alter grauer Diener, zwei groe Katzen und die unfrmlich dicke Amme. Diese vier
Geschpfe starrten den Gast mit groen, bedenklichen Augen an, die ihm bewiesen,
wie ungewohnt ihnen ein solcher Zuwachs der Haushaltung sei. Die Katzen umgingen
ihn schnurrend, mit gekrmmtem Rcken, die Amme schob unmutig an der ungeheuren
Buckelhaube von Golddraht und fragte, ob sie fr zwei Personen das Abendessen
zurichten solle? Als sie aber nicht nur ihre Frage besttigen hrte, sondern
auch den Auftrag (man war ungewi, war es Bitte oder Befehl) bekam, das
Eckzimmer im zweiten Stock fr den Gast zuzursten, da schien ihre Geduld
erschpft; sie lie einen wtenden Blick auf ihren jungen Gebieter schieen und
verlie mit ihrem Schlsselbund rasselnd das Gemach. Georg hrte noch lange die
hohltnenden Treppen unter ihren schweren Tritten erbeben, und die de Stille
des groen Hauses gab in vielfltigem Echo das Gepolter der Tren zurck, welche
sie im Grimme hinter sich zuwarf.
    Der graue Diener hatte indessen einen Tisch und zwei groe Armsthle an den
ungeheuren Ofen gerckt; den Tisch besetzte er mit einem schwarzen Kasten,
stellte zu beiden Seiten desselben ein Licht und einen silbernen Becher mit Wein
und entfernte sich dann, nachdem er einige leise Worte mit seinem Herrn
gewechselt hatte. Herr Dieterich lud seinen Gast ein, an seiner gewhnlichen
Abendunterhaltung teilzunehmen. Er ffnete den schwarzen Kasten, es war ein
Brettspiel.
    Georg graute vor dieser Unterhaltung seines Gastfreundes, als er ihm
erzhlte, da er seit seinem zehenten Jahre alle Abende mit der Amme an diesem
Spiele sich ergtze. Wie de, wie unheimlich kam ihm das ganze Haus vor. Das
Rennen und Laufen der Amme hatte doch noch an Leben und Bewegung erinnert, jetzt
aber lag Grabesstille ber den weiten Gngen und Gemchern, nur zuweilen vom
Knistern der Lichter, vom Ticken des Holzwurmes im schwrzlichen Getfer und dem
eintnigen Rollen der Wrfel unterbrochen. Das Spiel hatte nie etwas Anziehendes
fr ihn gehabt, seine Gedanken waren auch ferne davon und die tiefe Melancholie
der den Gemcher und der Gedanke, nur wenige Straen von ihr entfernt, doch den
langersehnten Anblick der Geliebten entbehren zu mssen, breitete dstere
Schatten ber seine Seele. Nur die ungeheuchelte Freude Herrn Dieterichs,
beinahe alle Spiele zu gewinnen, die seinem gutmtigen Gesicht etwas Angenehmes
verlieh, entschdigte ihn fr den Verlust der langsam hinschleichenden Stunden.
    Mit dem Schlag der achten Stunde fhrte Dieterich seinen Gast zum Abendbrot,
das die Amme trotz ihres Unmutes, trefflich bereitet hatte, denn sie wollte der
Ehre des Kraftischen Hauses nichts vergeben. Hier ffnete auch der Ratsschreiber
wieder die Schleusen seiner Beredsamkeit, indem er seinem Gaste das Mahl durch
Gesprch zu wrzen suchte. Aber umsonst sphete dieser, ob er nicht von seinem
schnen Mhmchen reden werde; nur eine Ausbeute bekam er, Kraft zhlte unter den
wrttembergischen Rittern, die in Ulm anwesend seien, auch den Ritter von
Lichtenstein auf. Doch schon dieses Wort erweckte dankbare Gefhle gegen die
Wendung seines Schicksales in ihm. Jetzt erst freute er sich, einer Partei
beigetreten zu sein, die ihm sonst auer den berhmten Namen, die sie an der
Spitze trug, ziemlich gleichgltig war. So aber hatte auch ihr Vater sich in dem
Sammelplatze des Heeres eingefunden, und durfte er auch nicht hoffen, da ihm
das Glck vergnnen werde, an der Seite des teuren Mannes zu fechten, so trug er
doch die Gewiheit in der Brust, ihm beweisen zu knnen, da Georg von
Sturmfeder nicht der letzte Kmpfer im Heere sei.
    Der Hausherr fhrte ihn nach aufgehobener Tafel in sein Schlafgemach und
schied von ihm mit einem herzlichen Glckwunsch fr seine Ruhe. Georg sah sich
das Gemach, das man ihm angewiesen hatte, nher an, und fand, da es ganz zu dem
den Hause passe. Die runden, vom Alter geblendeten Scheiben der Fenster, das
dunkle Tferwerk an Wand und Decke, der groe weit vorspringende Ofen, selbst
das ungeheure Bette mit breitem Himmel und steifen, schweren Gardinen, sie
gewhrten ein dsteres, beinahe trauriges Aussehen. Aber dennoch war alles zu
seiner Bequemlichkeit eingerichtet. Frische, schneeweie Linnen blinkten ihm
einladend aus dem Bette entgegen, als er die Vorhnge zurckschlug; der Ofen
verbreitete eine angenehme Wrme, eine Nachtlampe war an der Decke aufgehngt,
und selbst der Schlaftrunk, ein Becher wohlgewrzten warmen Weines, war nicht
vergessen. Er zog die Gardinen vor, und lie die Bilder des vergangenen Tages an
seiner Seele vorberziehen. Geordnet und freundlich kamen sie anfangs vorber,
dann aber verwirrten sie sich, in buntem Gedrnge fhrten sie seine Seele in das
Reich der Trume, und nur ein teures Bild ging ihm heller auf, es war das Bild
der Geliebten.

                                       V


 -Ist's kein Wahn?
 Will der Holde, Vielgetreue,
 Dem ich Herz und Leben weihe,
 Heute noch zu Gru und Kusse nahn?
                                                                         F. Haug

Georg wurde am anderen Morgen durch ein bescheidenes Pochen an seiner Tre
erweckt. Er schlug die Vorhnge seines Bettes zurck und sah, da die Sonne
schon ziemlich hoch stehe. Es wurde wieder und strker gepocht, und sein
freundlicher Wirt, schon vllig im Putz, trat ein. Nach den ersten Erkundigungen
wie sein Gast geschlafen habe, kam Herr Dieterich gleich auf die Ursache seines
frhen Besuches. Der Groe Rat hatte gestern abend noch beschlossen, die Ankunft
der Bundesgenossen auch durch einen Tanz zu feiern, der am heutigen Abend auf
dem Rathause abgehalten werden sollte. Ihm, als dem Ratsschreiber, kam es zu,
alles anzuordnen, was zu dieser Festlichkeit gehrte, er mute die Stadtpfeifer
bestellen, die ersten Familien feierlich und im Namen des Rates dazu einladen,
er mute vor allem zu seinen lieben Mhmchen eilen, um ihnen dieses seltene
Glck zu verkndigen.
    Er erzhlte dies alles mit wichtiger Miene seinem Gaste und versicherte ihn,
da er vor dem Drang der Geschfte nicht wisse, wo ihm der Kopf stehe. Doch
Georg hatte nur fr eines Sinn; er durfte hoffen, Marien zu sehen und zu
sprechen, und darum htte er gerne Herrn Dieterich fr seine gute Botschaft an
das freudig pochende Herz gedrckt.
    Ich sehe es Euch an, sagte dieser, die Nachricht macht Euch Freude und
die Tanzlust leuchtet Euch schon aus den Augen. Doch Ihr sollt ein paar
Tnzerinnen haben, wie Ihr sie nur wnschen knnt; mit meinen Bschen sollt Ihr
mir tanzen, denn ich bin ihr Fhrer bei solchen Gelegenheiten und werde es schon
zu machen wissen, da Ihr und kein anderer zuerst sie aufziehen sollet; und wie
werden sie sich freuen, wenn ich ihnen einen so flinken Tnzer verspreche!
Damit wnschte er seinem Gast einen guten Morgen und ermahnte ihn, wenn er
ausgehe, sein Haus zu merken und das Mittagessen nicht zu versumen.
    Herr Dieterich hatte als sehr naher Verwandter schon so frhe am Tag Zutritt
im Hause des Herrn von Besserer, besonders heute, da ihn seine vielen Geschfte
bei diesem Morgenbesuche entschuldigten.
    Er fand die Mdchen noch beim Frhstck. Wohl htte dort manche unserer
heutigen Damen ein elegantes Dejeuner von gemaltem Porzellain und den, nach den
schnsten, antiken Vasen geformten Schokoladebecher vermit. Aber, wenn es wahr
ist, da natrliche Anmut und Wrde auch im geringsten Kleide sich dem Auge
nicht verhllen, so drfen wir schon mit mehr Mut gestehen, da Marie und die
frhliche Berta an jenem Morgen ein Biersppchen verspeisten. Ob aber dieses
Gestndnis der sthetischen Haltung dieser Damen nicht Eintrag tut? Es mag sein;
wer brigens Marien und Berta in dem weien Morgenhubchen, in dem reinlichen
Hauskleide gesehen htte, wrde gewi auch wie Vetter Kraft, Verlangen getragen
haben, dieses Frhstck mit den holden Mdchen zu teilen.
    Ich sehe dir es an, Vetter, begann Berta, du mchtest gar zu gerne von
unserer Suppe kosten, weil dir deine Amme heute einen Kinderbrei vorgesetzt hat;
aber schlage dir diese Gedanken nur gleich aus dem Sinne; du hast Strafe
verdient und mut fasten -
    Ach, wie wir so sehnlich auf Euch gewartet haben, unterbrach sie Marie.
    Ja wohl, fiel ihr Berta in die Rede, aber bilde dir nur nicht ein, da
wir eigentlich dich erwarteten; nein, ganz allein deine Neuigkeiten.
    Der Ratsschreiber war schon gewohnt von Berta so empfangen zu werden; er
wollte daher, um sie zu vershnen, da er nicht gestern abend noch ihre
Neugierde befriedigt habe, seine Nachrichten in desto lngerem Strome geben;
aber Berta unterbrach ihn: Wir kennen, sagte sie, deine breiten Erzhlungen,
und haben auch das meiste vom Erker aus selbst mit angesehen; von eurem
Trinkgelage, wo es arg genug hergegangen sein soll, will ich auch nichts wissen,
darum antworte mir auf meine Frage. Sie stellte sich mit komischem Ernst vor
ihn hin und fuhr fort: Dieterich von Kraft, Schreiber eines wohledlen Rates,
habt Ihr unter den Bndischen keinen jungen, beraus hflichen Herrn gesehen,
mit langem hellbraunem Haar, einem Gesicht, nicht so milchwei wie das Eure,
aber doch nicht minder hbsch, kleinem Bart, nicht so zierlich wie der Eure,
aber dennoch schner, hellblauer Schrpe mit Silber...
    Ach, das ist kein anderer als mein Gast, rief Herr Dieterich, er ritt
einen groen Braunen, trug ein blaues Wams, an den Schultern geschlitzt und mit
Hellblau ausgelegt?
    Ja, ja, nur weiter, rief Berta, wir haben unsere eigenen Ursachen, uns
nach ihm zu erkundigen.
    Marie stand auf und suchte ihr Nhzeug in dem Kasten, indem sie den beiden
den Rcken zukehrte; aber die Rte, die alle Augenblicke auf ihren Wangen
wechselte, lie ahnen, da sie kein Wort von Herrn Dieterichs Erzhlung verlor.
    Nun das ist Georg von Sturmfeder, fuhr der Ratschreiber fort; ein
schner, lieber Junge. Sonderbar; auch ihr seid ihm gleich beim Einzug
aufgefallen - und nun erzhlte er, was am Gastmahl vorgegangen sei, wie ihm der
hohe Wuchs, das Gebietende und Anziehende in des Jnglings Mienen gleich anfangs
aufgefallen, wie ihn der Zufall zu seinem Nachbar gemacht, wie er ihn immer
lieber gewonnen und endlich in sein Haus gefhrt habe.
    Nun, das ist schn von dir, Vetter, sagte Berta als er geendet hatte, und
reichte ihm freundlich die Hand, ich glaube, es ist das erstemal, da du es
wagst, Gste zu haben. Aber das Gesicht der alten Sabine htte ich sehen mgen,
als Junker Dieter so spt noch einen Gast brachte.
    Oh, sie war wie der Lindwurm gegen Sankt Georg; aber als ich ihr ganz
verblmt zu verstehen gab, es knne wohl geschehen, da ich bald eine meiner
schnen Basen heimfhren werde...
    Ach, geh doch! entgegnete Berta, indem sie ihm hoch errtend ihre Hand
entreien wollte; aber Herr Dieterich, dem sein Mhmchen noch nie so hbsch als
in diesem Augenblicke geschienen hatte, drckte die weiche Hand fester, und
Mariens ernsteres Bild verlor von Sekunde zu Sekunde an Gehalt, und die
Waagschale der frhlichen Berta, die jetzt in holder Verschmtheit vor ihm sa,
stieg hoch in den Augen des glcklichen Ratschreibers.
    Marie hatte indes schweigend das Gemach verlassen, und Berta ergriff mit
Freuden diese Gelegenheit ein anderes Gesprch einzuleiten.
    Da geht sie nun wieder, sagte sie und sah Marien nach, und ich wollte
darauf wetten, sie geht in ihre Kammer und weint. Ach, sie hat gestern wieder so
heftig geweint, da ich auch ganz traurig geworden bin.
    Was hat sie nur? fragte Dieterich teilnehmend.
    Ich habe so wenig wie frher die Ursache ihrer Trnen erfahren, fuhr Berta
fort, ich habe gefragt und immer wieder gefragt, aber sie schttelt dann nur
den Kopf, als wenn ihr nicht zu helfen wre; der unselige Krieg! war alles, was
sie mir zur Antwort gab.
    So ist der Alte noch immer entschlossen, mit ihr nach Lichtenstein
zurckzugehen?
    Ja wohl, war Bertas Antwort, du httest nur hren sollen, wie der alte
Mann gestern beim Einzug auf die Bndischen schimpfte. Nun - er ist einmal
seinem Herzog mit Leib und Seele ergeben, darum mag es ihm hingehen; aber sobald
der Krieg erklrt ist, will er mit ihr abreisen.
    Herr Dieterich schien sehr nachdenklich zu werden; er sttzte den Kopf auf
die Hand und hrte seiner Muhme schweigend zu.
    Und denke, fuhr diese fort, da hat sie nun gestern nach dem Einritte der
Bndischen so heftig geweint. Du weit, sie war zwar vorher schon immer ernst
und dster, und ich habe sie an manchem Morgen in Trnen gefunden; aber als habe
schon dieser Einzug ber das ganze Schicksal des Krieges entschieden, so
untrstlich gebrdete sie sich. Ich glaube Ulm liegt ihr nicht so am Herzen,
aber ich vermute, setzte sie geheimnisvoll hinzu, sie hat eine heimliche Liebe
im Herzen.
    Ach freilich, ich habe es ja schon lange gemerkt, seufzte Herr Dieterich,
aber was kann ich denn davor?
    Du? was du davor kannst? lachte Berta, auf deren Gesicht bei diesen Worten
alle Trauer verschwunden war; nein! du bist nicht schuld an ihrem Schmerz. Sie
war schon so, ehe du sie nur mit einem Auge gesehen hast!
    Der ehrliche Ratschreiber war sehr beschmt durch diese Versicherung. Er
glaubte in seinem Herzen nicht anders, als der Abschied von ihm, gehe der armen
Marie so nahe, und fast schien ihr wehmtiges Bild in seinem wankelmtigen
Herzen wieder das bergewicht zu bekommen. Berta aber lie nicht ab, ihn mit
seiner trichten Vermutung zu hhnen, bis ihm auf einmal der Zweck seines
Besuches wieder einfiel, den er whrend des Gesprches ganz aus den Augen
verloren hatte. Sie sprang mit einem Schrei der Freude auf, als ihr der Vetter
die Nachricht von dem Abendtanz mitteilte.
    Marie, Marie! rief sie in hellen Tnen, da die Gerufene bestrzt und
irgendein Unglck ahnend, herbeisprang. Marie, ein Abendtanz auf dem Rathaus!
rief ihr die beglckte Berta schon unter der Tre entgegen.
    Auch diese schien freudig berrascht von dieser Nachricht. Wann? kommen die
Fremden dazu? waren ihre schnellen Fragen, indem ein hohes Rot ihre Wangen
frbte, und aus dem ernsten Auge, das die kaum geweinten Trnen nicht verbergen
konnte, ein Strahl der Freude drang.
    Berta und der Vetter waren erstaunt ber den schnellen Wechsel von Schmerz
und Freude, und der letztere konnte die Bemerkung nicht unterdrcken, da Marie
eine leidenschaftliche Tnzerin sein msse. Doch wir glauben, er habe sich
hierin nicht weniger geirrt als wenn er Georg fr einen Weinkenner hielt.
    Als der Ratschreiber sah, da er jetzt, wo die Mdchen sich in eine wichtige
Beratung ber ihren Anzug verwickelten, eine berflssige Rolle spiele, empfahl
er sich, um seinen wichtigeren Geschften nachzugehen. Er beeilte sich, seine
Anordnungen zu treffen, und die hohen Gste und die angesehensten Huser zu
laden. berall erschien er als ein Bote des Heils, denn wie die Sage erzhlt,
ist die Freude am Tanzen nicht erst in unseren Tagen ber die Mdchen gekommen.
    Auch seine Anordnungen waren bald getroffen. Es war noch nicht zum Grundsatz
geworden, da man nur in einer langen Reihe von Zimmern, bei flimmernden
Lustres, umgeben von jenen unzhligen, unwesentlichen Dingen, welche die Mode
als notwendig preist, frhlich sein knne. Der Rathaussaal gab hinlnglichen
Raum, und die kunstlosen Lampen, die an den Wnden aufgehngt waren, hatten
bisher Helle genug verbreitet, die schnen Jungfrauen von Ulm in ihrer Pracht zu
sehen.
    Doch nicht seine Anordnungen allein waren dem Ratsschreiber gelungen, er
hatte nebenbei auch manche geheime Nachricht erspht, die bis jetzt nur der
engere Ausschu des Rates mit den Bundesobersten teilte.
    Zufrieden mit dem Erfolg seiner vielen Geschfte kam er gegen Mittag nach
Hause und sein erster Gang war nach seinem Gaste zu sehen. Er traf ihn in
sonderbarer Arbeit. Georg hatte lange in einem schngeschriebenen Chronikbuch,
das er in seinem Zimmer gefunden hatte, geblttert. Die reinlich gemalten
Bilder, womit die Anfangsbuchstaben der Kapitel unterlegt waren, die Triumphzge
und Schlachtenstcke, welche mit khnen Zgen entworfen, mit besonderem Fleie
ausgemalt, hin und wieder den Text unterbrachen, unterhielten ihn geraume Zeit.
Dann fing er an, erfllt von den kriegerischen Bildern, die er angeschaut hatte,
seinen Helm und Harnisch, und das vom Vater ererbte Schwert zu reinigen und
blank zu machen, indem er, zu groem rgernis der Frau Sabine, bald lustige bald
ernstere Weisen dazu sang.
    So traf ihn sein Gastfreund. Schon unten an der Treppe hatte er die
angenehme Stimme des Singenden vernommen; er konnte sich nicht enthalten noch
einige Zeit an der Tre zu lauschen, ehe er den Gesang unterbrach.
    Es war eine jener ernsten, beinahe wehmtig tnenden Weisen, wie sie durch
ihren innern Wert erhalten und fortgetragen, bis auf unsere Tage herabkamen.
Noch heute leben sie in dem Munde der Schwaben, und oft und gerne haben wir,
ergriffen von ihrer einfachen Schnheit, von den gehaltenen Klngen ihrer vollen
Akkorde, an den lieblichen Ufern des Neckars sie belauscht.
    Der Snger begann von neuem:

Kaum gedacht
War der Lust ein End gemacht.
Gestern noch auf stolzen Rossen,
Heute durch die Brust geschossen,
Morgen in das khle Grab.

Doch was ist
Aller Erden Freud und Lst'.
Prangst du gleich mit deinen Wangen,
Die wie Milch und Purpur prangen,
Sieh, die Rosen welken all.

Darum still
Geb ich mich, wie Gott es will.
Und wird die Trompete blasen,
Und mu ich mein Leben lassen,
Stirbt ein braver Reitersmann.

Wahrlich, Ihr habt eine schne Stimme, sagte Herr von Kraft, als er in das
Gemach eintrat, aber warum singet Ihr so traurige Lieder? Ich kann mich zwar
nicht mit Euch messen, aber was ich singe, mu frhlich sein, wie es einem
jungen Mann von achtundzwanzig geziemt.
    Georg legte sein Schwert auf die Seite und bot seinem Gastfreunde die Hand.
Ihr mgt recht haben, sagte er, was Euch betrifft; aber wenn man zu Feld
reitet wie wir, da hat ein solches Lied groe Gewalt und Trost, denn es gibt
auch dem Tode eine milde Seite.
    Nun, das ist ja gerade was ich meine, entgegnete der Schreiber des Groen
Rates, wozu soll man das auch noch in schnen Verslein besingen, was leider nur
zu gewi nicht ausbleibt. Man soll den Teufel nicht an die Wand malen, sonst
kommt er, sagt ein Sprchwort; brigens hat es damit keine Not, wie jetzt die
Sachen stehen.
    Wie? ist der Krieg nicht entschieden? fragte Georg neugierig. Hat der
Wrttemberger Bedingungen angenommen?
    Dem macht man gar keine mehr, antwortete Dieterich mit wegwerfender Miene,
er ist die lngste Zeit Herzog gewesen, jetzt kommt das Regieren auch einmal an
uns. Ich will Euch etwas sagen, setzte er wichtig und geheimnisvoll hinzu,
aber bis jetzt bleibt es noch unter uns; die Hand darauf. Ihr meint der Herzog
habe 14000 Schweizer? Sie sind wie weggeblasen. Der Bote, den wir nach Zrch und
Bern geschickt haben, ist zurck; was von Schweizern bei Blaubeuren und auf der
Alb liegt - mu nach Haus.
    Nach Haus zurck? rief Georg erstaunt, haben die Schweizer selbst Krieg?
    Nein, war die Antwort, sie haben tiefen Frieden, aber kein Geld; glaubt
mir, ehe acht Tage ins Land kommen, sind schon Boten da, die das ganze Heer nach
Haus zurckrufen.
    Und werden sie gehen? unterbrach ihn der Jngling, sie sind auf ihre
eigene Faust dem Herzog zu Hlfe gezogen, wer kann ihnen gebieten, seine Fahnen
zu verlassen?
    Das wei man schon zu machen; glaubt Ihr denn, wenn an die Schweizer der
Ruf kommt, bei Verlust ihrer Gter und bei Leib- und Lebensstrafe nach Haus zu
eilen14, sie werden bleiben? Ulerich hat zuwenig Geld, um sie zu halten, denn
auf Versprechungen dienen sie nicht.
    Aber ist dies auch ehrlich gehandelt, bemerkte Georg, heit das nicht dem
Feinde, der in ehrlicher Fehde mit uns lebt, die Waffen stehlen und ihn dann
berfallen?
    In der Politica, wie wir es nennen, gab der Ratschreiber zur Antwort, und
schien sich dem unerfahrenen Kriegsmann gegenber kein geringes Ansehen geben zu
wollen, in der Politica wird die Ehrlichkeit hchstens zum Schein angewandt; so
werden die Schweizer z.B. dem Herzog erklren, da sie sich ein Gewissen daraus
machen, ihre Leute gegen die freien Stdte dienen zu lassen; aber die Wahrheit
ist, da wir dem groen Bren mehr Goldglden in die Tatze drckten als der
Herzog.
    Nun, und wenn die Schweizer auch abziehen, sagte Georg, so hat doch
Wrttemberg noch Leute genug, um keinen Hund ber die Alb zu lassen.
    Auch dafr wird gesorgt, fuhr der Schreiber in seiner Erluterung fort,
wir schicken einen Brief an die Stnde von Wrttemberg, und ermahnen sie, das
unleidliche Regiment ihres Herzogs zu bedenken, demselben keinen Beistand zu
tun, sondern dem Bunde zuzuziehen.15
    Wie? rief Georg mit Entsetzen, das hiee ja den Herzog um sein Land
betrgen; wollt Ihr ihn denn zwingen, der Regierung zu entsagen, und sein
schnes Wrttemberg mit dem Rcken anzusehen?
    Und Ihr habt bisher geglaubt, man wolle nichts weiter als etwa Reutlingen
wieder zur Reichsstadt machen? Von was soll denn Hutten seine 42 Gesellen und
ihre Diener besolden? Wovon denn Sickingen seine 1000 Reiter und 12000 zu Fu,
wenn er nicht ein hbsches Stckchen Land damit erkmpft? Und meint Ihr, der
Herzog von Bayern wolle nicht auch sein Teil? Und wir? Unsere Markung grenzt
zunchst an Wrttemberg -
    Aber die Frsten Teutschlands, unterbrach ihn Georg ungeduldig, meint
Ihr, sie werden es ruhig mit ansehen, da Ihr ein schnes Land in kleine Fetzen
reiet? Der Kaiser, wird er es dulden, da Ihr einen Herzog aus dem Lande jagt?
    Auch dafr wute Herr Dieterich Rat. Es ist kein Zweifel, da Karl seinem
Vater als Kaiser folgt; ihm selbst bieten wir das Land zur Obervormundschaft an,
und wenn sterreich seinen Mantel darauf deckt, wer kann dagegen sein? Doch,
sehet nicht so dster aus; wenn Euch nach Krieg gelstet, da kann Rat dazu
werden. Der Adel hlt noch zum Herzog, und an seinen Schlssern wird sich noch
mancher die Zhne einbrechen. Wir verschwatzen brigens das Mittagsmahl, kommt
bald nach, da wir erfahren was Frau Sabina uns gekocht hat. Damit verlie der
Schreiber des Groen Rates von Ulm, so stolzen Schrittes, als wre er selbst
schon Obervormund von Wrttemberg, das Zimmer seines Gastes.
    Georg sandte ihm nicht die freundlichsten Blicke nach. Zrnend schob er
seinen Helm, den er noch vor einer Stunde mit so freudigem Mute zu seinem ersten
Kampf geschmckt hatte, in die Ecke; mit Wehmut betrachtete er sein altes
Schwert, diesen treuen Stahl, den sein Vater in manchem guten Streite gefhrt,
den er sterbend seinem verwaisten Knaben als einziges Erbe vom Schlachtfeld
gesendet hatte. Ficht ehrlich, war das Symbolum, das der Waffenschmied in die
schne Klinge gegraben hatte, und er sollte sie fr eine Sache fhren, die ihre
Ungerechtigkeit an der Stirne trug? Wo er der Kriegskunst erfahrener Mnner, der
Tapferkeit des einzelnen die Entscheidung zutraute, da sollten geheime Rnke,
die Politica, wie Herr Dieterich sich ausdrckte entscheiden? Wo ihn der
frhliche Glanz der Waffen, die Aussicht auf Ruhm gelockt hatte, da sollte er
nur den habgierigen Planen dieser Menschen dienen? Ein altes Frstenhaus, dem
seine Ahnen gerne gedient hatten, sollte er von diesen Spiebrgern vertreiben
sehen? Unertrglich wollte ihm auch der Gedanke scheinen, von diesem Kraft sich
belehren lassen zu mssen.
    Doch dem Unmut ber seinen gutmtigen Wirt, konnte er nicht lange Raum
geben, wenn er bedachte, da ja jene Plane nicht in seinem Kopfe gewachsen
seien; und da Menschen, wie dieser politische Ratschreiber, wenn sie einmal ein
Geheimnis, einen groen Gedanken in Erfahrung gebracht haben, ihn hegen und
pflegen wie ihren eigenen; da sie sich mit dem adoptierten Kinde brsten, als
wre es Minerva und aus ihrem eigenen, harten Kopfe entsprungen.
    Mit milderen Gedanken kam er zu seinem Gastfreund, als man ihn zu Tisch
rief.
    Ja, die ganze Ansicht der Dinge wurde ihm nach einigen Stunden bei weitem
ertrglicher, als er sich erinnerte, da ja auch Mariens Vater dieser Partei
folge; es war ihm, als mchte die Sache doch nicht so schwarz sein, welcher
Mnner, wie Frondsberg ihre Dienste geliehen.

Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,
Das schnell sich handhabt wie des Messers Schneide -
- Gleich heit ihr alles schndlich oder wrdig,
Bs oder gut. -

Dieses wahre Wort des Dichters mge die Gesinnung Georgs bezeichnen, die
Gesinnung Georgs, der vielleicht allzuschnell seine Ansicht ber jene Dinge
nderte. Und wie die dsteren Falten des Unmuts, auf einer jugendlichen Stirne
sich schneller gltten, wie selbst schmerzliche Eindrcke in des Jnglings Seele
von freundlichen Bildern leicht verdrngt werden, so erhellte auch Georgs Seele
der freudige Gedanke an den Abend.
    Man hat uns erzhlt, da unter die schnsten Stunden im Leben der Liebe, die
gehren, wo die Erwartung sich an schne Erinnerungen knpft. Der Geist seie da
ahnungsvoller, das Herz gehobener. So mochte auch Georg fhlen. Er trumte von
den schnen Augenblicken, wo es ihm vergnnt sein werde, die Geliebte zu sehen,
sie zu sprechen, ihre Hand zu fassen und in ihrem Auge zu lesen.

                                       VI


 Und als er sie schwingt nun im luftigen Reigen,
 Da flstert sie leise, sie kann's nicht verschweigen.
                                                                       L. Uhland

Wenn es mglich gewesen wre, auf einem Trdelmarke oder in der Auktion eines
Antiquars ein Taschenbuch zum geselligen Vergngen, mit neuen Tanztouren vom
Jahr 1519 aufzufinden, wir htten nicht leicht so angenehm berrascht werden
knnen, als durch einen Fund hnlicher Art, den uns der Zufall in die Hnde
spielte.
    Wir waren nmlich in vorliegender Historie bis an dieses Kapitel gekommen,
das um der Sage zu folgen, von einem Abendtanz handeln soll; da fiel uns mit
einem Male der Gedanke schwer aufs Herz, da wir ja nicht einmal wissen, wie und
was man in jenen Zeiten getanzt habe.
    Wir htten zwar schlechthin sagen knnen, sie tanzten; aber wie leicht
wre es geschehen gewesen, da eine unserer freundlichen Leserinnen einen
Anachronismus gemacht, und etwa Georg von Frondsberg in ihren Gedanken einen
Cotillon htte vortanzen lassen. In dieser Verlegenheit stieen wir auf das sehr
selten gewordene Buch: Vom Anfang, Ursprung und Herkommen der Turniere im
heiligen rmischen Reich. Frankfurt 1564. Wir fanden in diesem teuren
Folianten, unter andern trefflichen Holzschnitten einige, die einen solchen
Abendtanz vorstellten, wie er zu Zeiten Kaiser Maximilians, etwa ein Jahr vor
dieser Historie, gehalten wurde.
    Wir drfen beinahe mit Gewiheit annehmen, da der Abendtanz im Ulmer
Rathaussaal sich in nichts von jenem angefhrten unterschied, und man wird sich
den deutlichsten Begriff eines solchen Vergngens machen, wenn wir eines dieser
Bilder beschreiben.
    Den Vordergrund nehmen Zuschauer und die Pfeifer, Trommler und Trompeter
ein, die, nach dem Ausdrucke des Turnierbuches, eins aufblasen. Zu beiden
Seiten, mehr dem Hintergrunde zu, steht die tanzlustige Jugend, in reiche
schwere Stoffe gekleidet. In unseren Tagen siehet man bei solchen Gelegenheiten
nur zwei Grundfarben, Schwarz und Wei, worein sich die Herren und Damen, wie in
Nacht und Tag geteilt haben; anders zu jenen Zeiten. Ein berraschender Glanz
der Farben strahlt uns aus jenem Bilde entgegen. Das herrlichste Rot vom
brennendsten Scharlach bis zum dunkelsten Purpur, jenes brennende Blau, das uns
noch heute an den Gemlden alter Meister berrascht, sind die freudigen Farben
ihrer malerisch drapierten Gewnder. Die Mitte der Szene nimmt der eigentliche
Tanz ein. Er hat am meisten hnlichkeit mit der Polonaise, denn er ist ein Umzug
im Saale. Den Zug erffnen vier Trompeter mit langen Wappenfahnen an den
Instrumenten; diesen folgt der Vortnzer und seine Dame, diese Stelle begleitet
bei jedem Tanze wieder ein anderer, und es entschied hiebei nicht die
Geschicklichkeit, sondern der Rang des Tnzers. Auf diese folgen zwei
Fackeltrger und dann Paar um Paar der lange Zug der Tanzenden. Die Damen
schreiten ehrbar und zchtig einher, die Mnner aber setzen ihre Fe
wunderlich, wie zu khnen Sprngen, einige scheinen auch mit den Abstzen den
Takt zu stampfen, wie wir auf jeder Kirchweihe in Schwaben noch heutzutage sehen
knnen.
    So war der Abendtanz zu Ulm. Man blies schon lngst zum ersten auf, als
Georg von Sturmfeder in den Rathaussaal eintrat. Seine Blicke schweiften durch
die Reihen der Tanzenden, und endlich trafen sie Marien. Sie tanzte mit einem
jungen, frnkischen Ritter seiner Bekanntschaft, schien aber der eifrigen Rede,
die er an sie richtete, nicht Gehr zu geben. Ihr Auge suchte den Boden, ihre
Miene konnte Ernst, beinahe Trauer ausdrcken; ganz anders als die brigen
Frulein, die in der wahren Tanzseligkeit schwimmend, ein Ohr der Musik, das
andere dem Tnzer liehen, und die freundlichen Augen bald ihren Bekannten, um
den Beifall in ihren Mienen zu lesen, bald ihren Tnzern zuwandten, um zu
prfen, ob ihre Aufmerksamkeit auch ganz gewi auf sie gerichtet sei?
    In gehaltenen Tnen hielten jetzt die Zinken und Trompeten aus und endeten;
Herr Dieterich Kraft hatte seinen Gastfreund bemerkt und kam ihn, wie er
versprochen, zu seinen Muhmen zu fhren. Er flsterte ihm zu, da er selbst
schon fr den nchsten Tanz mit Bschen Berta versagt sei, doch habe er soeben
um Mariens Hand fr seinen Gast geworben.
    Beide Mdchen waren auf die Erscheinung des ihnen so interessanten Fremden
vorbereitet gewesen, und dennoch bedeckte die Erinnerung dessen, was sie ber
ihn gesprochen, Bertas angenehme Zge mit hoher Glut, und die Verwirrung, in
welche sie sein Anblick versetzte, lie sie nicht bemerken, welches Entzcken
ihm aus Mariens Auge entgegenstrahlte, wie sie bebte, wie sie mhsam nach Atem
suchte, wie ihr selbst die Sprache ihre Dienste zu versagen schien.
    Da bringe ich euch Herrn Georg von Sturmfeder, meinen lieben Gast, begann
der Ratschreiber, der um die Gunst bittet, mit euch zu tanzen.
    Wenn ich nicht schon diesen Tanz an meinen Vetter zugesagt htte,
antwortete Berta schneller gefat als ihre Base, so solltet Ihr ihn haben, aber
Marie ist noch frei, die wird mit Euch tanzen.
    So seid Ihr noch nicht versagt, Frulein von Lichtenstein? fragte Georg,
indem er sich zu der Geliebten wandte.
    Ich bin an Euch versagt, antwortete Marie. So hrte er denn zum ersten
Male wieder die Stimme, die ihn so oft mit den sesten Namen genannt hatte, er
sah in diese treuen Augen, die ihn noch immer so hold anblickten, wie vormals.
    Die Trompeten schmetterten in den Saal; der Oberfeldlieutenant Waldburg
Truchse, dem man den zweiten Tanz gegeben hatte, schritt mit seiner Tnzerin
vor, die Fackeltrger folgten, die Paare ordneten sich, und auch Georg ergriff
Mariens Hand und schlo sich an. Jetzt suchten ihre Blicke nicht mehr den Boden,
sie hingen an denen des Geliebten; und dennoch wollte es ihm scheinen, als mache
sie dieses Wiedersehen nicht so glcklich wie ihn, denn noch immer lag eine
dstere Wolke von Schwermut oder Trauer um ihre Stirne. Sie sah sich um, ob
Dieterich und Berta, das nchste Paar nach ihnen, nicht allzu nahe sei. - Sie
waren ferne.
    Ach Georg, begann sie, welch unglcklicher Stern hat dich in dieses Heer
gefhrt!
    Du warst dieser Stern, Marie, sagte er, dich habe ich auf dieser Seite
geahnet, und wie glcklich bin ich, da ich dich fand! Kannst du mich tadeln,
da ich die gelehrten Bcher beiseite legte und Kriegsdienste nahm? Ich habe ja
kein Erbe als das Schwert meines Vaters; aber mit diesem Gute will ich wuchern,
da der deinige sehen soll, da seine Tochter keinen Unwrdigen liebt.
    Ach Gott; du hast doch dem Bunde noch nicht zugesagt? unterbrach sie ihn.
    ngstige dich doch nicht so, mein Liebchen, ich habe noch nicht vllig
zugesagt; aber es mu nchster Tage geschehen. Willst du denn deinem Georg nicht
auch ein wenig Kriegsruhm gnnen; warum magst du um mich so bange haben? Dein
Vater ist alt und zieht ja doch auch mit aus.
    Ach, mein Vater, mein Vater! klagte Marie, er ist ja - doch brich ab,
Georg, brich ab - Berta belausche uns; aber ich mu dich morgen sprechen, ich
mu , und sollte es meine Seligkeit kosten. Ach! wenn ich nur wte wie?
    Was ngstigt dich denn nur so? fragte Georg, dem es unbegreiflich war, wie
Marie statt sich der Freude des Wiedersehens hinzugeben, nur an die Gefahren
dachte, denen er entgegengehe? Du stellst dir die Gefahren grer vor als sie
sind, flsterte er ihr trstend zu: Denke an nichts, als da wir uns jetzt
wiederhaben, da ich deine Hand drcken darf, da Auge in Auge sieht wie sonst.
Geniee jetzt die Augenblicke, sei heiter!
    Heiter? o diese Zeiten sind vorbei, Georg! hre und sei standhaft - mein
Vater ist nicht bndisch!
    Jesus Maria! was sagst du, rief der Jngling und beugte sich, als habe er
das Wort des Unglcks nicht gehrt, herab zu Marien; o sage, ist denn dein
Vater nicht hier in Ulm?
    Sie hatte sich strker geglaubt; sie konnte nicht mehr sprechen; bei dem
ersten Laut wren ihre Trnen unaufhaltsam geflossen; sie antwortete nur durch
einen Druck der Hand, und ging mit gesenktem Haupt nach Kraft suchend, ihren
Schmerz zu bekmpfen, neben Georg her. Endlich siegte der starke Geist dieses
Mdchens ber die Schwche ihrer Natur, die einem so groen, tiefen Kummer
beinahe erlegen wre. Mein Vater, flsterte sie, ist Herzog Ulerichs wrmster
Freund, und sobald der Krieg entschieden ist, fhrt er mich heim auf den
Lichtenstein!
    Betubend wirbelten jetzt die Trommeln, in volleren Tnen schmetterten die
Trompeten, sie begrten den Truchse, der eben an dem Musikchor vorberzog; er
warf ihnen, wie es Sitte war, einige Silberstcke zu, und von neuem erhob sich
ihr betubender Jubel.
    Das leise Gesprch der Liebenden verstummte vor der rauhen Gewalt dieser
Tne, aber ihr Auge hatte sich in diesem Schiffbruch ihrer Liebe um so mehr zu
sagen, und sie bemerkten nicht einmal wie ein Geflster ber sie im Saal erging,
das sie als das schnste Paar pries.
    Aber nur zu wohl hatte Berta diese Bemerkungen der Menge gehrt. Sie war zu
gutmtig, als da Neid darber in ihre Seele gekommen wre, aber sie setzte sich
doch im Geiste an Mariens Platz, und fand, da man vielleicht das Paar nicht
minder schn gefunden htte. Auch das Gesprch, das zwischen den beiden begonnen
hatte, fiel ihr auf. Die ernste Base, die selten oder nie mit einem Mann lange
sprach, schien mehr und angelegentlicher zu reden, als ihr Tnzer. Die Musik
hinderte sie zu verstehen, was gesprochen wurde; die Neugierde, die man
vielleicht nicht mit Unrecht jungen Mdchen ausschlielich zuschreibt, wurde in
ihr rege, sie zog ihren Tnzer nher an das vordere Paar, um - ein wenig zu
lauschen; aber war es Zufall oder Absicht, das Gesprch verstummte als sie nher
kam, oder wurde so leise gefhrt, da sie nichts davon verstand.
    Ihr Interesse an dem schnen, jungen Mann wuchs mit diesen Hindernissen;
noch nie war ihr der gute Vetter Kraft so lstig geworden, als in diesen
Augenblicken; denn die zierlichen Redensarten, womit er ihr Herz zu umspinnen
gedachte, verhinderten sie, jene genauer zu beobachten. Sie war froh, als
endlich der Tanz sich endigte. Denn sie durfte hoffen, da der nchste an des
jungen Ritters Seite desto angenehmer fr sie sein werde.
    Sie tuschte sich nicht in ihrer Hoffnung Georg kam, sie um den nchsten
Tanz zu bitten, der auch sogleich begann, und sie hpfte frhlich an seiner
Seite in die Reihen. Aber es war nicht mehr derselbe, der vorhin mit Marien so
freundlich gesprochen hatte. Verstrt, einsilbig, in tiefe Gedanken versunken,
war der junge Mann an ihrer Seite, und es war nur zu sichtbar, da er sich immer
erst wieder sammeln mute, wenn er eine ihrer Fragen beantworten sollte.
    War dies jener hfliche Reiter, welcher sie, ohne da sie sich je gesehen
hatten, so freundlich grte? War es derselbe, welcher so heiter, so frhlich
war, als ihn Vetter Kraft zu ihnen fhrte? Derselbe, der mit Marien so eifrig
sich unterredet hatte? Oder sollte diese - -? ja es war klar. Marie hatte ihm
besser gefallen, ach! vielleicht weil sie die erste war, die mit ihm tanzte. Je
weniger Berta gewohnt war, sich der ernsten Marie nachgesetzt zu sehen, um so
mehr befremdete sie dieser Sieg ihrer Base, um so mehr glaubte sie sich beeifern
zu mssen, ihren Rang, ihre Gaben geltend zu machen. Sie setzte daher mit ihrer
heiteren Geschwtzigkeit das Gesprch ber den bevorstehenden Krieg, das sie mit
Mhe angesponnen hatte, fort, als sie nach Beendigung des Tanzes zu Marie und
dem Ratsschreiber traten. Nun? und der wievielste Feldzug ist es denn, Herr von
Sturmfeder, dem Ihr jetzt beiwohnet?
    Es ist mein erster, antwortete dieser kurz abgebrochen, denn er war
unmutig darber, da jene ihn noch immer im Gesprch halte, da er mit Marie so
gerne gesprochen htte.
    Euer erster? entgegnete Berta verwundert, Ihr wollt mir etwas weismachen,
da habt Ihr ja schon eine mchtige Narbe auf der Stirne.
    Die bekam ich auf der hohen Schule, antwortete Georg.
    Wie? Ihr seid ein Gelehrter? fragte jene eifrig weiter. Nun, und da seid
Ihr gewi recht weit weg gewesen; etwa in Padua oder Bologna, oder gar bei den
Ketzern in Wittenberg.
    Nicht so weit als Ihr meint, entgegnete er, indem er sich zu Marien
wandte; ich war in Tbingen.
    In Tbingen? rief Berta voll Verwunderung. Wie ein Blitz erhellte dies
einzige Wort, alles was ihr bisher dunkel war, und ein Blick auf Marien, die mit
niedergeschlagenen Augen, mit der Rte der Scham auf den Wangen, vor ihr stand,
berzeugte sie, da die lange Reihe von Schlssen, die sich an jenes Wort
anschlossen, ihren nur zu sicheren Grund haben. Jetzt war ihr auf einmal klar,
warum sie der artige Reiter begrte, warum Marie weinte, die ihn gewi gerne
auf der feindlichen Seite gesehen htte, warum er so viel mit jener gesprochen,
warum er bei ihr selbst so einsilbig war. Es war keine Frage, sie kannten sich,
sie muten sich lngst gekannt haben.
    Beschmung war das erste Gefhl, das bei dieser Entdeckung Bertas Herz
bestrmte, sie errtete vor sich selbst, wenn sie sich gestand, nach der
Aufmerksamkeit eines Mannes gestrebt zu haben, dessen Seele ein ganz anderer
Gegenstand beschftigte. Unmut ber Mariens Heimlichkeit verfinsterte ihre Zge.
Sie suchte Entschuldigung fr ihr eigenes Betragen, und fand sie nur in der
Falschheit ihrer Base. Htte diese ihr gestanden, in welchem Verhltnis sie zu
dem jungen Manne stehe, sie htte ihr nie ihre Teilnahme an ihm gezeigt, er wre
ihr dann, meinte sie, hchst gleichgltig geblieben, sie htte nie diese
Beschmung erfahren. Wir haben es von guter Hand, da junge Damen groe
Beleidigungen, tiefere Schmerzen im Gefhl ihrer Wrde mit Anstand zu ertragen
wissen; da sie aber oft, wenn es sich um geringe Dinge handelt, nicht Gleichmut
genug besitzen, um das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, nicht Gromut genug,
um zu vergessen.
    Berta hat an diesem Abend den unglcklichen jungen Mann keines Blickes mehr
gewrdigt, was ihm brigens ber dem greren Schmerz, der seine Seele
beschftigte, vllig entging. Sein Unglck wollte es auch, da er nie mehr
Gelegenheit fand, Marien wieder allein und ungestrt zu sprechen; der Abendtanz
ging zu Ende, ohne da er ber Mariens Schicksal und ber die Gesinnungen ihres
Vaters gewisser wurde, und Marie fand kaum noch auf der Treppe Gelegenheit ihm
zuzuflstern, er mchte morgen in der Stadt bleiben, weil sie vielleicht
irgendeine Gelegenheit finden wrde, ihn zu sprechen.
    Verstimmt kamen die beiden Schnen nach Hause. Berta hatte auf alle Fragen
Mariens kurze Antwort gegeben, und auch diese, sei es, da sie ahnete, was in
ihrer Freundin vorgehe, sei es, weil sie selbst ein groer Schmerz beschftigte,
war nach und nach immer dsterer, einsilbiger geworden.
    Aber auf beiden lastete die Strung ihres bisherigen freundschaftlichen
Verhltnisses erst recht schwer, als sie ernst und schweigend in ihr Gemach
traten. Sie hatten sich bisher alle jene kleinen Dienste geleistet, welche junge
Mdchen nur noch zu engerer Freundschaft verbinden. Wie ganz anders war es
heute! Berta hatte die silberne Nadel aus dem reichen blonden Haar gezogen, da
es in langen Ringellocken ber den schnen Nacken herabstrmte. Sie versuchte,
es unter das Nachthubchen zu stecken; ungewohnt, diese Arbeit ohne Mariens
Hlfe zu verrichten, kam sie nicht damit zustande, aber zu stolz, ihre Feindin,
wie sie Marien in ihrem Sinne nannte, ihre Verlegenheit merken zu lassen, warf
sie das Hubchen in die Ecke und ergriff ein Tuch, um es um das Haar zu winden.
    Schweigend nahm Marie das verworfene Hubchen wieder auf, und trat hinzu,
das Haar ihrer Base nach gewohnter Weise zu ordnen und aufzubinden.
    Hinweg, du Falsche! rief die erzrnte Berta, indem sie die hilfreiche Hand
zurckstie.
    Berta, hab ich dies um dich verdient? sprach Marie mit Ruhe und Sanftmut.
O wenn du wtest, wie unglcklich ich bin, du wrdest sanfter gegen mich
sein!
    Unglcklich? lachte jene laut auf, unglcklich; vielleicht weil der
artige Herr nur einmal mit dir tanzte?
    Du bist recht hart, Berta, antwortete Marie, du bist bse auf mich, und
sagst mir nicht einmal warum?
    So? Du willst also nicht wissen, da du mich betrogen hast? nicht wissen,
wie mich deine Heimlichkeiten dem Spott und der Beschmung aussetzen? Ich htte
nie geglaubt, da du so schlecht, so falsch an mir handeln wrdest!
    Von neuem erwachte in Berta das krnkende Gefhl, sich hintangesetzt zu
sehen; ihre Trnen strmten, sie legte die heie Stirne in die Hand und die
reichen Locken flossen ber ihr zusammen und verhllten die Weinende.
    Trnen sind die Zeichen milderen Schmerzens; Marie kannte diese Trnen und
fuhr mit mehr Vertrauen fort: Berta! Du schiltst meine Heimlichkeit; ich sehe
du hast erraten, was ich nie von selbst sagen konnte. Setze dich selbst in meine
Lage; ach, du selbst, so heiter und offen du bist, du selbst httest mir dein
Geheimnis nicht vertrauen knnen. Aber jetzt ist es ja aus; du weit, was meine
Lippen auszusprechen sich scheuten; ich liebe ihn, ja ich werde geliebt, und
nicht erst von gestern her. Willst du mich hren? darf ich dir alles sagen?
    Bertas Trnen flossen noch immer; sie antwortete nicht auf jene Fragen, aber
Marie hub an zu erzhlen, wie sie Georg im Hause der seligen Muhme kennengelernt
habe; wie sie ihm gut gewesen, lange ehe er ihr seine Liebe gestanden; alle jene
schnen Erinnerungen lebten in ihr auf, mit glhenden Wangen, mit strahlendem
Auge fhrte sie die Vergangenheit herauf; sie erzhlte von so mancher schnen
Stunde, vom Schwur ihrer Treue, von ihrem Abschied. Und jetzt, fuhr sie mit
wehmtigem Lcheln fort, jetzt hat ihn dieser unglckliche Krieg auf diese
Seite gefhrt; er hrt, wir seien hier in Ulm, er glaubt nicht anders, als mein
Vater sei dem Bunde beigetreten, er hofft, mich durch sein Schwert zu verdienen,
denn er ist arm, recht arm! O Berta, du kennst meinen Vater; er ist so gut, aber
auch so strenge, wenn etwas seiner Meinung widerspricht. Wird er einem Manne
seine Tochter geben, der sein Schwert gegen Wrttemberg gezogen hat? Siehe, das
waren meine Trnen! Ach, ich wollte dir so oft sagen, warum sie flieen, aber
eine unbesiegbare Scham schlo meine Lippen; kannst du mir noch zrnen? Mu ich
mit dem Geliebten auch die Freundin verlieren?
    Auch Mariens Trnen flossen, und Berta fhlte den eigenen Schmerz von dem
grern Kummer der Freundin besiegt. Sie umarmte Marien schweigend und weinte
mit ihr.
    In den nchsten Tagen, fuhr diese fort, will mein Vater Ulm verlassen,
und ich mu ihm folgen. Aber noch einmal mu ich Georg sprechen, nur ein
Viertelstndchen; Berta, du kannst gewi Gelegenheit geben; nur ein ganz kleines
Viertelstndchen!
    Du willst ihn doch nicht der guten Sache abwendig machen? fragte Berta.
    Was nennst du die gute Sache? antwortete Marie. Des Herzogs Sache ist
vielleicht nicht minder gut als die eure; du sprichst so, weil ihr bndisch
seid; ich bin eine Wrttembergerin, und mein Vater ist seinem Herzoge treu. Doch
sollen wir Mdchen ber den Krieg entscheiden? La uns lieber auf Mittel sinnen,
ihn noch einmal zu sehen.
    Berta hatte ber der Teilnahme, mit welcher sie der Geschichte ihrer Base
zugehrt hatte, ganz vergessen, da sie ihr jemals gram gewesen war. Sie war
berdies fr alles Geheimnisvolle eingenommen, daher kamen ihr diese
Mitteilungen erwnscht; sie fhlte, wie wichtig und ehrenvoll der Posten einer
Vertrauten sei und gab sich daher alle mgliche Mhe, dem liebenden Paare mit
ihrem Scharfsinn zu dienen.
    Ich hab's gefunden, rief sie endlich aus, wir laden ihn geradezu in den
Garten.
    In den Garten? fragte Marie schchtern und unglubig, und durch wen?
    Sein Wirt, der gute Vetter Dieterich mu ihn selbst bringen, antwortete
sie, das ist herrlich, und dieser darf auch kein Wrtchen davon merken, la nur
mich dafr sorgen.
    Marie, entschlossen und stark bei groen Dingen, zitterte doch bei diesem
gewagten Schritte. Aber ihre mutige, frhliche Base wute ihr alle
Bedenklichkeiten auszureden, und mit zurckgekehrter, mit erneuerter Hoffnung
und befreit von der Last des Geheimnisses, umarmten sich die Mdchen, ehe sie
sich zur Ruhe legten.

                                      VII


 Und wie ein Geist schlingt um den Hals
 Das Liebchen sich herum:
 Willst mich verlassen, liebes Herz
 Auf ewig? und der bittre Schmerz
 Macht 's arme Liebchen stumm.
                                                                        Schubart

Sinnend und traurig sa Georg am Mittag nach dem festlichen Abend in seinem
Gemach. Er hatte Breitenstein besucht und wenig Trstliches fr seine Hoffnungen
erfahren. Der Kriegsrat hatte sich an diesem Morgen versammelt und
unwiderruflich war der Krieg beschlossen worden. Zwlf Edelknaben waren, die
Absagebriefe des Herzogs von Bayern, der Ritterschaft und gesamter Stdte an
ihre Lanzen geheftet, zum Ggglinger Tor hinausgejagt, um die Feindesbotschaft
dem Wrttemberger nach Blaubeuren zu bringen. Auf den Straen rief man einander
frhlich diese Nachricht zu, und die Freude, da es jetzt endlich ins Feld gehen
werde, stand deutlich auf allen Gesichtern geschrieben. Nur einen traf diese
Kunde wie das schreckliche Machtwort seines Schicksals. Der Gram trieb ihn aus
dem Kreise der frhlichen Gesellen, die jetzt den Weinstuben zuzogen, um in
lautem Jubel das Geburtsfest des Krieges zu begehen und das Los knftiger Siege
im Wrfelspiel zu belauschen. Ach! ihm waren ja schon die Wrfel gefallen! ein
blutiges Schlachtfeld dehnte sich zwischen ihm und seiner Liebe aus, sie war ihm
auf lange, vielleicht auf ewig verloren.
    Eilige Tritte, welche die Treppe heraufstrmten, weckten ihn aus seinem
Brten. Der Ratsschreiber steckte den Kopf in die Tre. Glck auf, Junker!
rief er, jetzt hebt der Tanz erst recht an. Aber Ihr wit es vielleicht noch
gar nicht? der Krieg ist angekndigt, schon vor einer Stunde sind unsere
Absageboten ausgeritten.
    Ich wei es, antwortete sein finsterer Gast.
    Nun, und hpft Euch das Herz nicht freier? Habt Ihr auch gehrt - nein, das
knnt Ihr nicht wissen, fuhr Dieterich fort, indem er zutraulich nher zu ihm
trat, da die Schweizer bereits abziehen?
    Wie, sie ziehen? unterbrach ihn Georg, also hat der Krieg schon ein
Ende?
    Das mchte ich nicht gerade behaupten, fuhr der Ratsschreiber bedenklich
fort, der Herzog von Wrttemberg ist noch ein junger, mutiger Herr und hat noch
Ritter und Dienstleute genug. Zwar wird er wohl keine offene Feldschlacht mehr
wagen, aber er hat feste Stdte und Burgen. Da ist einmal der Hllenstein und
darin Stephan von Lichow, ein Mann wie Eisen. Da ist Gppingen, das Philipp von
Rechberg auch nicht auf den ersten Stckschu ergeben wird; da ist Schorndorf,
Rothenberg und Asperg, da ist vor allem Tbingen, das er tchtig befestigt hat.
Es wird noch mancher ins Gras beien, bis Ihr Eure Rosse im Neckar trnket.
    Nun, nun! fuhr er fort, als er sah, da seine Nachrichten die finstere
Stirne seines schweigenden Gastes nicht aufheitern konnten. Wenn Ihr diese
kriegerischen Botschaften nicht freundlich aufnehmet, so schenkt Ihr vielleicht
einem friedlicheren Auftrag ein geneigtes Ohr. Sagt einmal, habt Ihr nicht
irgendwo eine Base?
    Base? ja, warum fragt Ihr?
    Nun sehet, jetzt erst verstehe ich die verwirrten Reden, die vorhin Berta
vorbrachte. Als ich aus dem Rathaus kam, winkte sie mir hinauf und befahl mir,
meinen Gast heute nachmittag in ihren Garten an der Donau zu fhren. Marie habe
Euch etwas sehr Wichtiges an Eure Base, die sie sehr gut kenne, aufzutragen. Ihr
mt mir schon den Gefallen tun, mitzugehen. Solche Geheimnisse und Auftrge
sind zwar gewhnlich nicht weit her und ich wollte wetten, sie geben Euch ein
Msterlein fr den Webstuhl oder eine Probe feiner Wolle, oder ein tiefes
Geheimnis der Kochkunst, oder gar ein paar Krnlein von einer seltenen Blume
mit, denn Marie ist eine groe Grtnerin - doch, wenn Ihr gestern an dem Mdchen
Gefallen gefunden habt, gehet Ihr wohl selbst gerne mit.
    Mitten in den schmerzlichen Gedanken an die Scheidestunde mute Georg ber
die List der Mdchen lachen; freundlich bot er dem guten Boten die Hand und
schickte sich an, ihn in den Garten zu begleiten.
    Dieser lag an der Donau, ungefhr zweitausend Schritte unter der Brcke; er
war nicht gro, zeugte aber von Sorgfalt und Flei. Die schnen Obstbume waren
zwar noch nicht belaubt und die in wunderlichen Formen abgestochenen Beete
hatten noch keine Blumen, aber ein langer Taxusgang, der an dem Ufer des Flusses
sich hinzog, und in eine gerumige Laube endete, gab durch sein helles Grn
einen lebhaften Anblick und hinlnglichen Schutz gegen die, einem weien Hals
und schnen Armen so gefhrlichen Strahlen der Mrzsonne. Dort, auf dem breiten
bequemen Steinsitze, wo die Lcken der Laube eine freie Aussicht die Donau
hinauf und hinab gewhrten, hatten die Mdchen unter mancherlei Gesprchen der
jungen Mnner geharrt.
    Marie sa traurig, in sich gekehrt; sie hatte den schnen Arm auf eine Lcke
der Laube aufgesttzt, und das von Gram und Trnen mde Kpfchen in die Hand
gelegt. Ihr dunkles, glnzendes Haar hob die Weie ihres Teint um so mehr
heraus, als stiller Kummer ihre Wangen gebleicht, und schlaflose Nchte dem
lieblichen blauen Auge seinen sonst so berraschenden Glanz geraubt und ihm
einen matteren, vielleicht nur um so anziehenderen Schimmer von Melancholie
gegeben hatten. Das vollendete Bild frhlichen Lebens, sa die frische, runde,
rosige Berta neben ihr. Wie ihre gelblichen Locken mit Mariens dunklen Haaren,
ihr rundes, frisches Gesichtchen mit den ovalen, schrferen Formen ihrer Base,
wie ihre freundlichen, beweglichen hellbraunen Augen in auffallendem Kontrast
stunden mit dem sinnenden, geistvollen Blick Mariens: so wurde auch jede ihrer
raschen, lebhaften Bewegungen zum Gegensatz gegen jene stille Trauer.
    Berta schien ihre rosigste Laune hervorgeholt zu haben, um ihre Base zu
trsten oder doch ihren groen Schmerz zu zerstreuen. Sie erzhlte und
schwatzte, sie lachte und ahmte die Gebrde und Sprache vieler Leute nach, sie
versuchte alle jene tausend kleinen Knste, womit die Natur ihre frhliche
Tochter ausstattete; aber wir glauben, da sie wenig ausrichtete, denn nur hie
und da gleitete ein wehmtiges, schnell verschwebendes Lcheln ber Mariens
feine Zge hin.
    Endlich ergriff sie, als gar nichts mehr helfen wollte, ihre Laute, die in
der Ecke stand. Marie besa auf diesem Instrument groe Fertigkeit, und Berta
htte sich sonst nicht leicht bewegen lassen, vor der Meisterin zu spielen. Doch
heute hoffte sie durch ihr Geklimper wenigstens ein Lcheln ihrer Base zu
entlocken. Sie setzte sich mit groem Ernste nieder und begann:

Fragt mich jemand, was ist Minne?
Wt ich gern auch darum meh(r).
Wer nun recht darber sinne
Sag mir, warum tut sie weh?
Minne ist Liebe, tut sie wohl;
Tut sie weh, heit sie nicht Minne.
Oh, dann wei ich, wie sie heien soll.

Wo hast du dies alte, schwbische Liedchen her? fragte Marie, die der
einfachen Musik und dem lieblichen Text gerne ihr Ohr lieh.
    Nicht wahr, es ist hbsch? aber es kommt noch viel hbscher, wenn du hren
willst, antwortete Berta; das hat mich in Nrnberg ein Meistersnger, Hans
Sachs, gelehrt, es ist brigens nicht von ihm, sondern von Walther von der
Vogelweide, der wohl vor dreihundert Jahren gelebt und geliebt hat. Hre nur
weiter:

Ob ich recht erraten knne,
Was die Minne sei? so sprecht ja;
Minne ist zweier Herzen Wonne;
Teilen sie gleich, so ist sie da.
Doch - soll ungeteilt sein,
So kann ein Herz allein sie nicht enthalten;
Willst du mir helfen, traute Jungfrau mein?

Nun hast du geteilt mit dem armen Junker? fragte die schelmische Berta ihre
errtende Base. Vetter Kraft mchte gerne auch mit mir teilen, einstweilen kann
er aber seinen ganzen Part allein tragen. Doch du wirst mir wieder ernst, ich
mu schon noch ein Liedchen des alten Herrn Walthers singen:

Ich wei nicht, wie es damit geschah,
Meinem Auge ist's noch nie geschehen,
Seit ich sie in meinem Herzen sah
Kann ich sie auch ohne Augen sehen;
Da ist doch ein Wunder mit geschehen,
Denn wer gab es, da es ohne Augen
Sie zu aller Zeit mag sehen?

Wollt ihr wissen, was die Augen sein,
Womit ich sie sehe durch alle Land,
Es sind die Gedanken des Herzens mein
Damit schau ich durch Mauer und Wand,
Und hten diese sie noch so gut,
Es schauen sie mit vollen Augen
Das Herz, der Wille und mein Mut.

Marie lobte das Lied des Herrn Walther von der Vogelweide als einen guten Trost
beim Scheiden; Berta besttigte es. Ich wei noch einen Reim, sagte sie
lchelnd, und sang:

Und zog sie auch weit in das Schwabenland,
Seine Augen schauen durch Mauer und Wand,
Seine Blicke bohren durch Fels und Stein,
Er schaut durch die Alb nach dem Lichtenstein!

Als Berta noch im Nachspiel zu ihrem Liedchen begriffen war, ging die
Gartenpforte; Mnnertritte tnten den Gang herauf, und die Mdchen standen auf,
die Erwarteten zu empfangen.
    Herr von Sturmfeder, begann Berta nach den ersten Begrungen, verzeihet
doch, da ich es wagte, Euch in meines Vaters Garten einzuladen; aber meine Base
Marie wnscht Euch Auftrge an eine Freundin zu geben. - Nun, und da wir andern
nicht zu kurz kommen, setzte sie zu Herrn Kraft gewandt hinzu, so wollen wir
eines plaudern und den Abendtanz von gestern mustern. Damit ergriff sie ihres
Vetters Hand und zog ihn mit sich den Gang hinab.
    Georg hatte sich zu Marie auf die Bank gesetzt. Sie lehnte sich an seine
Brust und weinte heftig. Die sesten Worte, die er ihr zuflsterte, vermochten
nicht, ihre Trnen zu stillen. Marie, sagte er, du warst ja sonst so stark,
wie kannst du nun gerade jetzt allen Glauben an ein besseres Geschick, alle
Hoffnung aufgeben?
    Hoffnung? fragte sie wehmtig, mit unserer Hoffnung, mit unserem Glck
ist es fr ewig aus.
    Siehe, antwortete Georg, eben dies kann ich nicht glauben; ich trage die
Gewiheit unserer Liebe in mir so innig, so tief, und ich sollte jemals glauben,
da sie untergehen knne?
    Du hoffst noch? So hre mich ganz an. Ich mu dir ein tiefes Geheimnis
sagen, an dem das Leben meines Vaters hngt. Mein Vater ist so sehr ein bitterer
Feind des Bundes, als er ein Freund des Herzogs ist; er ist nicht nur deswegen
hier, um sein Kind heimzuholen, nein, er sucht die Plane des Bundes zu
erforschen und mit Geld und Rede zu verwirren. Und glaubst du, ein so bitterer
Gegner des Bundes werde seine einzige Tochter einem Jngling geben, der in
unserem Verderben sich emporzuschwingen sucht? Einem, der sich an Menschen
anschliet, die kein Recht, sondern nur Raub suchen?
    Dein Eifer fhrt dich zu weit, Marie, unterbrach sie der Jngling; du
mut wissen, da mancher Ehrenmann in diesem Heere dient!
    Und wenn dies wre, fuhr jene eifrig fort, so sind sie betrogen und
verfhrt, wie auch du betrogen bist.
    Wer sagt dir dies so gewi߫, entgegnete Georg, welcher errtete, die
Partei, die er ergriffen, von einem Mdchen so erniedrigt zu sehen, obgleich er
ahnete, da sie so unrecht nicht habe; wer sagt dir dies so gewi? kann nicht
dein Vater auch verblendet und betrogen sein? Wie mag er nur mit so vielem Eifer
die Sache dieses stolzen, herrschschtigen Mannes fhren, der seine Edlen
ermordet, der seine Brger in den Staub tritt, der an seiner Tafel das Mark des
Landes verprat und seine Bauern verschmachten lt?
    Ja, so schildern ihn seine Feinde, antwortete Marie, so spricht man von
ihm in diesem Heere, aber frage dort unten an den Ufern des Neckars, ob sie
ihren angestammten Frsten nicht lieben, wenngleich seine Hand zuweilen schwer
auf ihnen ruht. Frage jene Mnner, die mit ihm ausgezogen sind, ob sie nicht
freudig ihr Blut fr den Enkel Eberhards geben, ehe sie diesem stolzen Herzog
von Bayern, diesen ruberischen Edlen, diesen Stdtlern ihr Land abtreten.
    Georg schwieg eine Zeitlang nachdenklich; Aber wie entschuldigen denn diese
warmen Verteidiger den Mord des Hutten? fragte er.
    Ihr sprecht immer von Eurer Ehre, antwortete Marie, und wollt nicht
leiden, da ein Herzog seine Ehre verteidige? Hutten ist nicht meuchelmrderisch
gefallen, wie seine Anhnger in alle Welt ausgeschrieen haben, sondern im
ehrlichen Kampfe, worin der Herzog selbst sein Leben einsetzte. Ich will nicht
alles verteidigen, was er tat; aber man soll nur auch bedenken, da ein junger
Herr, wie der Herzog, von schlechten Rten umgeben, nicht immer weise handeln
kann. Aber er ist gewi gut, und wenn du wtest, wie mild, wie leutselig er
sein kann!
    Es fehlt nur noch, da du ihn auch den schnen Herzog nennst, sagte Georg
bitter lchelnd, du wirst reichen Ersatz finden fr den armen Georg, wenn er es
der Mhe wert hlt, mein Bild aus deinem Herzen zu verdrngen.
    Wahrlich, dieser kleinlichen Eifersucht habe ich dich nicht fhig
gehalten, antwortete Marie, indem sie sich mit Trnen des Unmuts, im Gefhl
gekrnkter Wrde abwandte. Glaubst du denn, das Herz eines Mdchens knne nicht
auch warm fr die Sache ihres Vaterlandes schlagen?
    Sei mir nicht bse, bat Georg, der mit Reue und Beschmung einsah, wie
ungerecht er sei, gewi, es war nur Scherz!
    Und kannst du scherzen, wo es unser ganzes Lebensglck gilt? entgegnete
Marie; morgen will der Vater Ulm verlassen, weil der Krieg entschieden ist; wir
sehen uns vielleicht lange, lange nicht mehr, und du magst scherzen? Ach, wenn
du gesehen httest, wie ich so manche Nacht mit heien Trnen zu Gott flehte, er
mge dein Herz hinber auf unsere Seite lenken, er mge uns vor dem Unglck
bewahren, auf ewig getrennt zu sein, gewi du knntest nicht so grausam
scherzen!
    Er hat es nicht zum Heil gelenkt, antwortete Georg, dster vor sich
hinblickend.
    Und sollte es nicht noch mglich sein, sprach Marie, indem sie seine Hand
fate und mit dem Ausdruck bittender Zrtlichkeit, mit der gewinnenden Sanftmut
eines Engels ihm ins Auge sah, sollte es nicht noch mglich sein? Komm mit uns,
Georg, wie gerne wird der Vater einen jungen Streiter seinem Herzog zufhren.
Ein Schwert wiegt viel in solchen Zeiten, sagte er oft, er wird es dir hoch
anschlagen, wenn du ihm folgst, an seiner Seite wirst du kmpfen, mein Herz wird
dann nicht zerrissen, nicht geteilt sein, zwischen jenseits und diesseits; mein
Gebet, wenn es um Glck und Sieg fleht, wird nicht zitternd zwischen beiden
Heeren irren!
    Halt ein! rief der Jngling und bedeckte seine Augen, denn der Sieg der
berzeugung strahlte aus ihren Blicken, die Gewalt der Wahrheit hatte sich auf
ihren sen Lippen gelagert. Willst du mich bereden, ein berlufer zu werden?
Gestern zog ich mit dem Heere ein, heute wird der Krieg erklrt und morgen soll
ich zu dem Herzog hinberreiten? Kann dir meine Ehre so gleichgltig sein?
    Die Ehre? fragte Marie und Trnen entstrzten ihrem Auge; sie ist dir
also teurer als deine Liebe? wie anders klang es, als mir Georg ewige Treue
schwur. Wohlan! sei glcklicher mit ihr als mit mir! Aber mge dir, wenn dich
der Herzog von Bayern auf dem Schlachtfeld zum Ritter schlgt, weil du in unsern
Fluren am schrecklichsten gewtet, wenn er dir ein Ehrenkettlein umhngt, weil
du Wrttembergs Burgen am tapfersten gebrochen, mge dir der Gedanke deine
Freude nicht trben, da du ein Herz brachst, das dich so treu, so zrtlich
liebte!
    Geliebte! antwortete Georg, dessen Brust widerstreitende Gefhle
zerrissen, dein Schmerz lt dich nicht sehen, wie ungerecht du bist. Doch es
sei! da du siehest, da ich den Ruhm, der mir so freundlich winkte, der Liebe
zum Opfer zu bringen wei, so hre mich: Hinber zu euch darf ich nicht. Aber
ablassen will ich von dem Bunde, mge kmpfen und siegen wer da will - mein
Kampf und Sieg war ein Traum, er ist zu Ende!
    Marie sandte einen Blick des Dankes zum Himmel und belohnte die Worte des
jungen Mannes mit sem Lohne. O glaube mir, sagte sie, ich fhle, wieviel
dich dieses Opfer kosten mu. Aber siehe mir nicht so traurig an dein Schwert
hinunter; wer frhe entsagt, der erntet schn, sagt mein Vater, es mu uns doch
auch einmal die Sonne des Glckes scheinen. Jetzt kann ich getrost von dir
scheiden; denn wie auch der Krieg sich enden mag, du kannst ja frei vor meinen
Vater treten, und wie wird er sich freuen, wenn ich ihm sage, welch schweres
Opfer du gebracht hast!
    Bertas helle Stimme, die der Freundin ein Zeichen gab, da der Ratsschreiber
nicht mehr zurckzuhalten sei, schreckte die Liebenden auf. Schnell trocknete
Marie die Spuren ihrer Trnen und trat mit Georg aus der Laube.
    Vetter Kraft will aufbrechen, sagte Berta, er fragt, ob der Junker ihn
begleiten wolle?
    Ich mu wohl, wenn ich den Weg nach Hause nicht verfehlen soll, antwortete
Georg; so teuer ihm die letzten Augenblicke vor einer langen Trennung von Marie
gewesen wren, so kannte er doch die strenge Sitte seiner Zeit zu gut, als da
er ohne den Vetter, als Landfremder bei den Mdchen geblieben wre.
    Schweigend gingen sie den Garten hinab, nur Herr Dieterich fhrte das Wort,
indem er in wohlgesetzten Worten seinen Jammer beschrieb, da seine Base morgen
schon Ulm verlassen werde. Aber Berta mochte in Georgs Augen gelesen haben, da
ihm noch etwas zu wnschen brigbleibe, wobei der uneingeweihte Zeuge
berflssig war; sie zog den Vetter an ihre Seite und befragte ihn so eifrig
ber eine Pflanze, die gerade zu seinen Fen mit ihren ersten Blttern aus der
Erde sprote, da er nicht Zeit hatte, zu beobachten, was hinter seinem Rcken
vorgehe.
    Schnell bentzte Georg diesen Augenblick, Marien noch einmal an sein Herz zu
ziehen, aber das Rauschen von Mariens schwerem, seidenen Gewande, Georgs
klirrendes Schwert weckten den Ratsschreiber aus seinen botanischen
Betrachtungen; er sah sich um, und o Wunder! er erblickte die ernste, zchtige
Base in den Armen seines Gastes.
    Das war wohl ein Gru an die liebe Base in Franken? fragte er, nachdem er
sich von seinem Erstaunen erholt hatte.
    Nein, Herr Ratsschreiber, antwortete Georg, es war ein Gru an mich
selbst, und zwar von der, die ich einst heimzufhren gedenke. Ihr habt doch
nichts dagegen, Vetter?
    Gott bewahre! ich gratuliere von Herzen, antwortete Herr Dieterich, der
von dem ernsten Blick des jungen Kriegsmannes und von Mariens Trnen etwas
eingeschchtert wurde. Aber der Tausend, das hei ich veni, vidi, vici; ich
scherwenzte schon ein Vierteljahr um die Schne, und habe mich kaum eines
Blickes erfreuen knnen. Und heute mu ich nun gar den Marder selbst
herausfhren, der mir das Tubchen vor dem Mund wegstiehlt.
    Verzeihe den Scherz, Vetter, den wir uns mit dir machten, fiel ihm Berta
ins Wort, sei vernnftig und la dir die Sache erklren. Sie sagte ihm, was er
zu wissen brauchte, um gegen Mariens Vater zu schweigen. Mehr durch die
freundlichen Blicke Bertas besnftigt, versprach er zu schweigen, unter der
Bedingung, setzte er schalkhaft hinzu, da sie etwa auch einen solchen Gru an
ihn bestelle.
    Berta verwies ihm, wiewohl nicht allzu strenge, seine unartige Forderung,
und fragte ihn neckend an der Gartentre noch einmal um die Naturgeschichte des
ersten Veilchens, das die Sonne hervorgelockt hatte. Er war gutmtig genug, eine
lange und gelehrte Erklrung darber zu geben, ohne weder durch Mariens leises
Weinen, noch durch Georgs klirrendes Schwert sich unterbrechen zu lassen. Ein
dankender Blick Mariens, ein freundlicher Handschlag von Berta belohnte ihn
dafr beim Scheiden, und noch lange wehten die Schleier der schnen Bschen,
ber den Gartenzaun hin, den Scheidenden nach.

                                      VIII


 Im stillen Klostergarten
 Eine bleiche Jungfrau ging;
 Der Mond beschien sie trbe,
 An ihrer Wimper hing
 Die Trne zarter Liebe.
                                                                       L. Uhland

Ulm glich in den nchsten Tagen einem groen Lager. Statt der friedlichen
Landleute, der geschftigen Brger, die sonst ehrbaren und ruhigen Schrittes
ihrem Gewerbe nach, durch die Straen gingen, sah man berall nur wunderliche
Gestalten mit Sturmhauben und Eisenhten, mit Lanzen, Armbrsten und schweren
Bchsen. Statt der Ratsherren, in ihrer einfachen schwarzen Tracht, zogen stolze
Ritter, mit wehenden Helmbschen, ganz mit Stahl bedeckt, begleitet von einer
groen Schar bewaffneter Dienstleute, ber die Pltze und Mrkte. Noch lebhafter
war dies kriegerische Bild vor den Toren der Stadt; auf einem Anger an der Donau
bte Sickingen seine Reiterei, auf einem groen Blachfelde gegen Sflingen hin,
pflegte Frondsberg sein Fuvolk zu tummeln.
    An einem schnen Morgen, etwa drei bis vier Tage nachdem Marie von
Lichtenstein mit ihrem Vater Ulm verlassen hatte, sah man eine ungeheure Menge
Menschen aus allen Stnden auf jener Wiese versammelt, um diesen bungen
Frondsbergs zuzusehen. Sie betrachteten diesen Mann, dem ein so groer Ruf
vorangegangen war, vielleicht mit nicht geringerem Interesse als wir, wenn wir
die kaiserlichen oder kniglichen Shne des Mars, die Dienste eines Feldherrn
verrichten sahen. Knpft sich ja doch gerade an die Person eines ausgezeichneten
Fhrers das Interesse, das dem ganzen Heere gilt, ja wir meinen oft die
Schlachten, von denen uns die Sage oder ffentliche Bltter erzhlen, um so
deutlicher zu verstehen, wenn wir uns die Gestalt des Heerfhrers vor das Auge
zurckrufen knnen.
    So mochte es wohl auch damals den Bewohnern von Ulm zumut sein, wenn sie
ihre engen Straen verlieen, um den Mann des Tages in seinem Handwerk zu sehen.
Die Geschicklichkeit, mit der er sein Fuvolk, das sonst in zerstreuten Haufen
gefochten hatte, zu geschlossenen Massen vereinigte; die Schnelligkeit, womit
sie sich nach seinem Winke nach allen Seiten schwenkten oder in furchtbare, von
Piken und Donnerbchsen starrende Kreise zusammenzogen; seine mchtige Stimme,
die selbst die Trommeln bertnte, seine erhabene, kriegerische Gestalt, dies
alles gewhrte ein so neues, anziehendes Bild, da auch die bequemsten Brger es
nicht scheuten, einen langen Vormittag auf dem Anger zu stehen, und unbeweglich
dieses Schauspiel zu genieen.
    Der Feldhauptmann schien an diesem Morgen noch freundlicher und frhlicher
zu sein, als sonst. Mochte ihn der warme Anteil, den die guten Ulmer an ihm
nahmen, und der auf allen Gesichtern geschrieben stand, erfreuen? Mochte ihm
hier auen in dem schnen Morgen, unter seinen Waffenbungen wohler sein, als in
den engen, kalten Straen der Stadt? Er blickte so freundlich auf die Menge hin,
da jeder glaubte, von ihm besonders beachtet und begrt zu werden, und der
Ausruf: Ein wackerer Herr, ein braver Ritter, jedem seiner Schritte folgte.
    Besonders freundlich schien er immer an einer Stelle zu sein; wenn er
vorbersprengte, so durfte man gewi sein, da er dort mit dem Schwerte oder der
Hand herbergrte und traulich nickte.
    Die Hintersten stellten sich auf die Zehen, um den Gegenstand seiner
freundlichen Winke zu sehen; die Nherstehenden sahen sich fragend an und
verwunderten sich, denn keiner der versammelten Brger schien dieser
Auszeichnung wrdig. Als Frondsberg wieder vorbersprengte, und die Zeichen
seiner Gnade wiederholte, gaben wohl hundert Augen recht genau acht, und es fand
sich, da die Gre einem groen, schlanken, jungen Mann gelten muten, der in
der vordersten Reihe der Zuschauer stand. Das Wams von feinem Tuch und
Seidenschlitzen, die hohen Barettfedern, mit welchen der Morgenwind spielte,
sein langes Schwert und eine Feldbinde oder Schrpe zeichneten ihn auf den
ersten Blick vor seinen Nachbarn aus, die minder geschmckt als er, auch durch
untersetztere Figuren und breite Gesichter sich nicht zu ihrem Vorteil von ihm
unterschieden.
    Der Jngling schien aber zum rgernis der guten Spiebrger nicht sehr
erfreut ber die hohe Gnade, die ihm vor ihren Augen zuteil ward. Schon seine
Stellung, das Haupt gesenkt, die Arme ber die Brust gekreuzt, schienen nicht
anstndig genug fr einen feinen Junker, wenn er von einem alten Kriegshelden
gegrt wurde. berdies errtete er bei jedem Gru des Feldhauptmanns, dankte
nur durch ein leichtes Neigen, und sah ihm mit so dsteren Blicken nach, als
glte es ein langes Scheiden, und dieser Gru wre der letzte eines lieben
Freundes gewesen.
    Ein sonderbarer Kauz der Junker dort, sagte der Obermeister aller Ulmer
Weber zu seinem Nachbar, einem wackeren Waffenschmidt; ich gbe mein
Sonntagswams um einen solchen Gru von dem Frondsberger, und dieser da muckt
nicht darber. Hie es nicht in der ganzen Stadt, was hat der Meister Kohler mit
dem Frondsberg; waren ja neulich miteinander wie zwei Brder? Oh, die kennen
einander schon lange, hie es dann, und sind gute Freunde von alters her. Ich
kann mich ordentlich rgern, da ein so gescheuter und gewaltiger Herr solch
einen Laffen all Paternosterlang grt!
    Der Waffenschmidt, ein kleiner, alter Kerl hatte ihm seinen Beifall
zugenickt: Gott straf mich, Ihr habt recht, Meister Kohler! Stehen nicht dort
ganz andere Leut, die er gren knnte; ist nicht der Herr Brgermeister auf dem
Platz, und steht dort nicht mein Gevatter, der Herr von Besserer am Eck? Ich
wollt dem Junker den Kopf beugen lernen, wenn ich Herr wre; aber glaubt mir,
der da beugt seinen Nacken nicht, und wenn der Kaiser selbst kme. Er mu auch
etwas Rechtes sein; denn der Ratsschreiber, mein Nachbar, der sonst allen Gsten
feind ist, hat ihn in seiner Behausung.
    Der Kraft? fragte der Weber verwundert, ei, ei! aber halt, dahinter
steckt ein Geheimnis. Das ist gewi so ein junger Potentat, oder gar des
Brgermeisters von Kln sein Sohn, der auch unter dem Heer mitreiten soll. Steht
nicht dort des Kraften alter Johann?
    Wei Gott er ist's, fiel der Waffenschmidt ein, den die Vermutungen des
Webers neugierig gemacht hatten; er ist's, und ich will ihn beichten lassen,
trotz dem Probst von Elchingen. Aber so klein auch der Raum zwischen den beiden
Brgern und dem alten Diener des Kraftischen Hauses war, so konnte doch der
Schmied nicht zu ihm durchkommen, so dicht standen die Zuschauer. Endlich drang
die gewichtige Miene des Obermeisters aller Weber durch, denn er war reich und
angesehen in der Stadt; er erwischte den alten Johann, und zog ihn zu dem
Schmied. Doch auch der alte Johann konnte wenig Bescheid geben, er wute nichts,
als da sein Gast ein Herr von Sturmfeder sei; brigens mu er nicht weit her
sein, setzte er hinzu, denn er reitet ein Landpferd und hat keine Dienstleute
mit sich; meinem Herrn aber wird der Gast bel bekommen, denn unsere alte
Sabine, die Amme ist wie ein Drache, da er die Hausordnung strt, und
ungefragt, nur so mir nichts dir nichts ein fremdes Menschenkind mit Stiefel und
Sporen ins Haus schleppt.
    Nichts fr ungut, fiel ihm der Obermeister in die Rede, Euer Herr,
Johann, ist ein Narr! Die alte Hexe - Gott verzeih mir's - htte ich schon lange
auf die Strae geworfen, wo sie hingehrt. Hat der Herr doch sein gutes Alter,
und soll sich behandeln lassen, als lge er noch in den Windeln.
    Ihr habt gut reden, Meister Kohler, antwortete der alte Diener, aber das
versteht Ihr doch nicht recht. Auf die Gasse werfen? Wer soll denn nachher
haushalten?
    Wer? schrie der erhitzte Weber; wer? ein Weib soll er nehmen, eine
Hausfrau wie ein anderer Christ und Ulmer Brger auch; was hat er ntig als
Junggeselle zu leben? und allen Mdchen in der Stadt nachzulaufen? Hab ich ihn
nicht neulich angetroffen, wie er meiner Katharine schngetan hat? Schiff und
Geschirr htte ich ihm mgen an den Kopf werfen, dem gestrengen Herrn; so aber -
seine Mutter selig hat manch schnes Tafelstck bei mir weben lassen, die brave
Frau - so mut ich meine Mtze abziehen und sagen: Gehorsamen guten Abend, und
was befehlen Euer Wohledlen! Da dich der -
    Ei schau einer! sagte Johann mit unmutigem Gesicht; ich habe immer
gedacht, ein Herr wie der Ratsschreiber, mein Herr, knne in allen Ehren mit
Eurem Tchterlein ein Wort wechseln, ohne da die bse Welt -
    So? ein Wort wechseln, und abends nach der Versperglock im Mrz? Er
heiratet sie doch nicht, und meint Ihr, meines Kindes guter Ruf msse nicht so
rein sein, wie Eures Herrn seine weie Halskrause? Das knnt ich brauchen!
    Der Obermeister hatte whrend seinen eifrigen Reden den alten Johann an der
Brust gepackt und seine Stimme so erhoben, da die Umstehenden aufmerksam
wurden; der Meister Schmidt hielt es daher fr das beste, den Erzrnten mit
Gewalt wegzuziehen, und er verhtete so zwar weitere Streitigkeiten, doch konnte
er nicht verhten, da es schon um Mittag in der ganzen Stadt hie: Herr von
Kraftens Johann habe noch in seinen alten Tagen eine Liebschaft mit des
Obermeisters Tchterlein, und seie von dem erzrnten Vater auf der Wiese darber
zur Rede gestellt worden.
    Die bungen des Fuvolkes waren indes zu Ende gegangen, das Volk verlief
sich, und auch den jungen Mann, der die unschuldige Ursache zu jenem Streit
gewesen war, sah man seine Schritte der Stadt zuwenden; sein Gang war langsam
und ungleich, sein Gesicht schien bleicher als sonst, seine Blicke suchten noch
immer den Boden oder schweiften mit dem Ausdruck von Sehnsucht oder stillem Gram
nach den fernen blauen Bergen, den Grenzmauern von Wrttemberg.
    Noch nie hatte sich Georg von Sturmfeder so unglcklich gefhlt, als in
diesen Stunden. Marie war mit ihrem Vater abgereist; sie hatte ihn noch einmal
beschwren lassen, seinem Versprechen treu zu sein, und wie unglcklich machte
ihn dieses Versprechen! Wohl hatte es ihn damals nicht geringen Kampf gekostet
es zu geben; aber der betubende Schmerz des Abschiedes, der Gram des geliebten
Mdchens hatten berwunden. Doch jetzt, wo er mit festerem Blicke seinen
Umgebungen, seiner Zukunft ins Auge sah, wie traurig, wie schwierig erschien ihm
seine Lage! Nichts davon zu sagen, da alle seine goldenen Trume, alle jene
khnen Hoffnungen von Ruhm und Ehre mit einemmal verschwanden, nichts davon zu
sagen, da auch sein Ziel, das so nahe lag, Marien durch Kriegsdienste zu
verdienen, ungewi in die Weite hinausgerckt war - er sollte auf die Gefahr
hin, von Mnnern, deren Achtung ihm teuer war, verkannt zu werden, diese Fahnen
verlassen, gerade in einem Augenblick, wo man der Entscheidung entgegenging. Von
Tag zu Tag, solange es ihm nur mglich war, verschob er diese Erklrung; wo
sollte er Grnde, wo Worte hernehmen, vor dem alten, tapfern Degen Breitenstein,
seinem vterlichen Freunde seinen Abzug zu rechtfertigen; mit welcher Stirne
sollte er vor den edlen Frondsberg treten? Ach, jene freundlichen Gre, womit
er den Sohn seines tapfern Waffengenossen zu freudigem Kampfe aufzumuntern
schien, hatten ihn mit tausend Qualen gefoltert. An seiner Seite war sein Vater
gefallen, er hatte gehrt, wie der Sterbende den Ruhm seines Namens und ein
leuchtendes Beispiel als einziges Erbe dem unmndigen Knaben zusandte; dieser
Mann war es, der ihm jetzt so liebevoll die Schranken ffnete, und auch ihm
mute er in so zweideutigem Lichte erscheinen.
    Er hatte sich unter diesen trben Gedanken langsam dem Tore der Stadt
genhert, als er sich pltzlich am Arm ergriffen fhlte; er sah sich um, ein
Mann, dem Anschein nach ein Bauer, stand vor ihm.
    Was willst du, fragte Georg etwas unwillig, in seinen Gedanken
unterbrochen zu werden.
    Es kommt darauf an, ob Ihr auch der Rechte seid, antwortete der Mann.
Sagt einmal, was gehrt zu Licht und Sturm?
    Georg wunderte sich ob der sonderbaren Frage und betrachtete jenen genauer.
Er war nicht gro aber krftig; seine Brust war breit, seine Gestalt gedrungen.
Das Gesicht von der Sonne braun gefrbt, wre flach und unbedeutend gewesen,
wenn nicht ein eigener Zug von List und Schlauheit um den Mund, und aus den
grauen Augen Mut und Verwegenheit geleuchtet htten. Sein Haar und Bart war
dunkelgelb und gerollt; er trug einen langen Dolch im ledernen Gurt, in der
einen Hand hielt er eine Axt, in der andern eine runde, niedere Mtze von Leder,
wie man sie noch heute bei dem schwbischen Landvolk sieht.
    Whrend Georg diese flchtigen Bemerkungen machte, wurden auch seine Zge
lauernd beobachtet.
    Ihr habt mich vielleicht nicht recht verstanden, Herr Ritter, fuhr jener
nach kurzem Stillschweigen fort; was pat zu Licht und Sturm, da es zwei gute
Namen gibt?
    Feder und Stein! antwortete der junge Mann, dem es auf einmal klarwurde,
was unter jener Frage verstanden sei; was willst du damit?
    So seid Ihr Georg von Sturmfeder, sagte jener, und ich komme von Marien
von -
    Um Gottes willen, sei still Freund, und nenne keine Namen, fiel Georg ein,
sage schnell, was du mir bringst.
    Ein Brieflein, Junker! sprach der Bauer, indem er die breiten, schwarzen
Kniegrtel, womit er seine ledernen Beinkleider umwunden hatte, auflste, und
einen Streifen Pergament hervorzog.
    Mit hastiger Freude nahm Georg das Pergament; es waren wenige Worte mit
glnzend schwarzer Dinte geschrieben; den Zgen der Schrift sah man aber an, da
sie einige Mhe gekostet haben mochten, denn die Mdchen von 1519 waren nicht so
flink mit der Feder, um ihre zrtlichen Gefhle auszudrcken, als die in unseren
Tagen, wo jede Dorfschne ihrem Geliebten zum Regiment eine Epistel, so lange
als die 3. St. Johannis schreiben kann. Die Chronik, woraus wir diese Historie
genommen, hat uns jene Worte aufbewahrt, welche Georgs gierige Blicke aus den
verworrenen Zgen des Pergamentes entzifferten:

Bedenk deinen Eid. - Flieh beizeit.
Gott dein Geleit. - Marie dein in Ewigkeit.

Es liegt ein frommer, zarter Sinn in diesen Worten; und wer sich ein liebendes
Herz dazu denkt, wie es mit diesen Zeilen in die Ferne fliegen mchte, ein Auge
voll Zrtlichkeit umflort von einem Schleier stiller Trnen, einen holden Mund,
der das Blttchen noch einmal kt, verschmte Wangen, die bei diesem
geheimnisvollen Grue errten - wer dies hinzudenkt, der wird es Georg nicht
verargen, da er einige Augenblicke wie trunken war. Ein freudiger, glnzender
Blick, nach den fernen blauen Bergen hin, dankte der Geliebten fr ihren
trstenden Spruch und wahrlich er war auch zu keiner andern Zeit ntiger gewesen
als gerade jetzt, um den gesunkenen Mut des jungen Mannes zu erheben. Wute er
doch, da ein Wesen, das teuerste was fr ihn auf der Erde lebte, ihn nicht
verkannte. Der Schlu jener Zeilen erhob sein Herz zur alten Freudigkeit, er bot
dem guten Boten die Hand, dankte ihm herzlich und fragte, wie er zu diesen
Zeilen gekommen sei.
    Dacht ich's doch, antwortete dieser, da das Blttchen keinen bsen
Zauberspruch enthalten msse. Denn das Frulein lchelte so gar freundlich, als
sie es mir in die rauhe Hand drckte. Es war vergangenen Mittwoch, da ich nach
Blaubeuren kam wo unser Kriegsvolk stand. Es ist dort in der Klosterkirche ein
prchtiger Hochaltar, worauf die Geschichte meines Patrons des Tufers Johannes
vorgestellt ist. Vor sieben Jahren als ich in groer Not und einem schmhlichen
Ende nahe war, gelobt ich alle Jahre um diese Zeit eine Wallfahrt dahin. So
hielt ich es alle Jahre seit der Zeit, da mich der Heilige durch ein Wunder von
Henkers Hand errettet hat. Wenn ich nun mein Gebet verrichtet hatte, ging ich
allemal zum Herrn Abt, um ihm ein paar schne Gnse oder ein Lamm zu bringen,
oder was er sonst gerade gerne hat. - Aber ich mache Euch Langeweile mit meinem
Geschwtz, Junker?
    Nein, nein, erzhle nur weiter, antwortete Georg, komm, setze dich zu mir
auf jene Bank.
    Das wrde sich schn schicken! entgegnete der Bote, wenn ein Bauer an des
Junkers Seite sitzen wollte, den der Oberfeldhauptmann vor aller Augen so oft
grte; erlaubt mir, da ich mich vor Euch hinstelle.
    Georg lie sich auf einen Steinsitz am Wege nieder, der Bauer aber fuhr auf
seine Axt gesttzt, in seiner Erzhlung fort: Ich hatte diesmal bei den
unruhigen Zeiten wenig Lust zur Wallfahrt, aber gebrochener Eid, tut Gott leid,
heit es, und so mute ich mein Gelbde vollbringen. Wie ich vom Gebet aufstund,
um dem Abt zu bringen was recht ist, sagte mir einer der Pfaffen, da ich
diesmal nicht zu seiner Ehrwrden knne, weil viele Herren und Ritter dort zu
Besuch seien. Ich bestand aber doch darauf, denn der Abt ist ein leutseliger
Herr, und htte mir's nicht verziehen, wenn ich ihn nicht heimgesucht htte.
Wenn Ihr je ins Kloster hinauskommt, so vergesset nicht nach der Treppe zu
schauen, die vom Hochaltar zum Dorment fhrt. Sie geht durch die dicke Mauer,
welche die Kirche ans Kloster schliet, und ist lang und schmal. Dort war es, wo
mir das Frulein begegnet ist. Es kommt mir nmlich ein feines Weibsbild im
Schleier mit Brevier und Rosenkranz die Treppe herab, entgegen; ich drcke mich
an die Wand um sie vorbeizulassen, sie aber bleibt stehen und spricht: Ei Hanns,
woher des Wegs? 
    Woher kennt Euch denn das Frulein? unterbrach ihn Georg.
    Meine Schwester ist ihre Amme und -
    Wie, die alte Rose ist Eure Schwester? rief der junge Mann. Habt Ihr sie
auch gekannt? sagte der Bote, ei seh doch einer! aber da ich weiter sage: ich
hatte eine groe Freude sie wiederzusehen, denn ich besuchte meine Schwester
hufig in Lichtenstein, und habe das Frulein gekannt als man sie noch in ihres
Vaters Schwertkuppel gehen lernte. Aber ich htte sie kaum wiedererkannt, so
gro war sie geworden, und die roten Wangen sind auch weg wie der Schnee am
ersten Mai. Ich wei nicht wie es ging, aber mich dauerte ihr Anblick in der
Seele, und ich mute fragen was ihr fehle, und ob ich ihr nicht etwas helfen
knne? Sie besann sich eine Weile und sagte dann: Ja, wenn du verschwiegen
wrest, Hanns, knntest du mir wohl einen groen Dienst leisten! Ich sagte zu,
und sie bestellt mich bis nach der Vesper.
    Aber wie kommt sie nur in das Kloster, fragte Georg; sonst darf ja doch
kein Weiberschuh ber die Schwelle.
    Der Abt ist mit ihrem Vater befreundet, und da so viel Volk in Blaubeuren
liegt, so ist sie dort besser aufgehoben als im Stdtchen, wo es toll genug
zugeht. Nach der Vesper, als alles still war, kam sie ganz leise in den
Kreuzgang. Ich sprach ihr Mut zu, wie es eben unsereins versteht, da gab sie mir
dies Blttchen und bat mich, Euch aufzusuchen.
    Ich danke dir herzlich, guter Hanns, sagte der Jngling. Aber hat sie dir
sonst nichts an mich aufgetragen?
    Ja, antwortete der Bote, mndlich hat sie mir noch etwas aufgetragen; Ihr
sollt Euch hten, man habe etwas mit Euch vor.
    Mit mir? rief Georg; das hast du nicht recht gehrt, wer und was soll man
mit mir vorhaben?
    Da frage Ihr mich zuviel, entgegnete jener, aber wenn ich es sagen darf,
so glaube ich die Bndischen. Das Frulein setzte noch hinzu, ihr Vater habe
davon gesprochen, und hat nicht der Frondsberg Euch heute zugewinkt und Euch
geehrt wie des Kaisers Sohn, da sich jedermann darob verwunderte? Glaubt nur es
hat allemal etwas zu bedeuten, wenn solch ein Herr so freundlich ist.
    Georg war berrascht von der richtigen Bemerkung des schlichten Bauers; er
entsann sich auch, da Mariens Vater tief in die Geheimnisse der Bundesobersten
eingedrungen sei, und vielleicht etwas erfahren habe, was sich zunchst auf ihn
bezge? Aber er mochte sinnen wie er wollte, so konnte er doch nichts erfinden,
was zu dieser geheimnisvollen Warnung Mariens gepat htte. Mit Mhe ri er sich
aus diesem Gewebe von Vermutungen, indem er den Boten fragte, wie er ihn so
schnell gefunden habe?
    Dies wre ohne Frondsberg so bald nicht geschehen, antwortete er; ich
sollte Euch bei Herrn Dieterich von Kraft aufsuchen. Wie ich aber die Strae
hereinging, da sah man viel Volk auf den Wiesen. Ich dachte, eine halbe Stunde
mache nichts aus, und stellte mich auch hin, um das Fuvolk zu betrachten.
Wahrlich der Frondsberg hat es weit gebracht. - Nun da war mir's, als hrte ich
nahe bei mir Euren Namen nennen, ich sah mich um, es waren drei alte Mnner, die
sprachen von Euch und deuteten auf Euch hin, ich aber merkte mir Eure Gestalt
und folgte Euren Schritten, und weil ich meiner Sache doch nicht ganz gewi war,
so gab ich Euch das Rtsel von Sturm und Licht auf.
    Das hast du klug gemacht, sagte Georg lchelnd aber dennoch komme in mein
Haus, da man dir etwas zu essen reiche; wann kehrst du wieder heim?
    Hanns bedachte sich eine Weile; endlich aber sagte er, indem ein schlaues
Lcheln um seinen Mund zog: Nichts fr ungut, Junker, aber ich habe dem
Frulein versprechen mssen, nicht eher von Euch zu weichen, als bis Ihr dem
bndischen Heer Valet gesagt habt!
    Und dann? fragte Georg.
    Und dann gehe ich stracks nach Lichtenstein, und bringe ihr die gute
Nachricht von Euch; wie wird sie sich sehnen! alle Tage steht sie wohl im
Grtchen auf dem Felsen, und sieht ins Tal hinab, ob der alte Hanns noch nicht
kommt!
    Die Freude soll ihr bald werden, antwortete Georg, vielleicht reite ich
schon morgen, und dann schreibe ich vorher noch ein Brieflein.
    Aber greifet es doch klug an, sagte der Bote, das Pergament darf nicht
breiter sein als jenes, das ich brachte. Denn ich mu es wieder im Kniegrtel
verstecken. Man wei nicht, was einem in so unruhiger Zeit begegnen kann, und
dort sucht es niemand.
    Es sei so, antwortete Georg, indem er aufstand. Fr jetzt lebe wohl, um
Mittag komme zu Herrn von Kraft, nicht weit vom Mnster. Gib dich fr meinen
Landsmann aus Franken aus, denn die Ulmer sind den Wrttembergern nicht grn.
    Sorgt nicht, Ihr sollt zufrieden sein, rief Hanns dem Scheidenden zu. Er
sah dem schlanken Jngling nach und gestand sich, da das holde Pflegekind
seiner Schwester keine ble Wahl getroffen habe, wenn auch die rosigen Wangen
des Kindes bei der ersten Liebe der Jungfrau etwas von ihren blhenden Farben
verloren hatten.

                                       IX


 Was unter dieser Sonne kann es geben,
 Das ich nicht hinzuopfern eilen will,
 Wenn Sie es wnschen? - Fliehen Sie!
                                                                        Schiller

Georg war es von Anfang bange, wie sich sein neuer Bekannter in dem Kraftischen
Hause benehmen werde. Er frchtete nicht ohne Grund, jener mchte sich durch
seine Mundart, durch unbedachte uerungen verraten, was ihm hchst unangenehm
gewesen wre; denn, je fester er bei sich beschlossen hatte, das Bundesheer in
den nchsten Tagen zu verlassen, um so weniger mochte er in Verdacht geraten, in
Verbindung nach dem Wrttemberg hinber zu stehen. Konnte und durfte er ja doch
im schlimmen Falle, wenn der Bote entdeckt wrde, wenn er bekannte, an ihn
geschickt worden zu sein, die Geliebte nicht verraten. Er wollte umkehren und
den Mann aufsuchen, ihn bitten, sich so bald als mglich zu entfernen, aber als
er bedachte, da dieser schon lngst von dem Platz ihrer Unterredung sich
entfernt haben msse, da er indes zu Kraft kommen knne, schien es ihm
geratener, dahin vorauszueilen, um jenem dort die ntigen Winke zu geben und ihn
vor Unvorsichtigkeit zu bewahren.
    Und doch, wenn er sich das khne Auge, die kluge verschlagene Miene des
Mannes ins Gedchtnis rief, glaubte er hoffen zu drfen, da Marie, obgleich ihr
keine groe Wahl brigblieb, keinem unsicheren Mann diese Botschaft anvertraut
haben konnte.
    Und wirklich traute er seinem Auge, seinem Ohr kaum, als ihm um Mittag ein
Landsmann aus Franken gemeldet, und sein Liebesbote hereingefhrt ward. Welche
Gewalt mute dieser Mensch ber sich haben. Es war derselbe, und doch schien er
ein ganz anderer. Er ging gebckt, die Arme hingen schlaff an dem Krper herab,
selten schlug er die Augen auf, sein Gesicht hatte einen Ausdruck von
Bldigkeit, der Georg ein unwillkrliches Lcheln abntigte. Und als er dann zu
sprechen anfing, als er ihn in frnkischer Mundart begrte, und mit der
gelufigen Zunge eines geborenen Franken dem Herrn von Kraft auf seine
mancherlei Fragen antwortete, da kam er in Versuchung, an bernatrliche Dinge
zu glauben; die Mrchen seiner Kindheit stiegen in seinem Gedchtnisse auf, wo
ein freundlicher Zauberer oder eine huldreiche Fee in allerlei Gestalten dem
Dienst zweier Liebenden sich widmet, und sie glcklich mitten durch das
feindselige Schicksal hindurchfhrt.
    Der Zauber war zwar bald gelst, als er mit dem Boten auf seinem Zimmer
allein war, und ihn der gute Schwabe von seiner Persnlichkeit versicherte, aber
doch konnte er ihm seine Bewunderung nicht versagen, ber die Rolle, die er so
gut gespielt.
    Glaubt deshalb nicht minder an meine Ehrlichkeit, antwortete der Bauer,
man wird oft gentigt, von Jugend auf durch solche Knste sich fortzuhelfen,
sie schaden keinem und tun doch dem gut, der sie kann.
    Georg versicherte, ihm nicht minder zu trauen als vorher, der Bote aber bat
dringend, er mchte doch jetzt auch auf seine Abreise denken, er mchte bedenken
wie sehr sich das Frulein nach dieser Nachricht sehne, da er nicht frher
heimkehren drfe, als bis er diese Gewiheit bringen knne.
    Georg antwortete ihm, da er nur noch den Abmarsch des Bundesheeres abwarten
wolle, um in seine Heimat zurckzukehren.
    Oh, da braucht Ihr nicht mehr lange zu warten, antwortete der Bote; wenn
sie morgen nicht aufbrechen, so ist es bermorgen, denn das Land ist offen bis
ins Herz hinein. Ich darf Euch trauen, Junker, darum sag ich Euch dies.
    Ist es denn wahr, da die Schweizer abgezogen sind, fragte Georg, und da
der Herzog keine Feldschlacht mehr liefern kann?
    Der Bote warf einen lauernden Blick im Zimmer umher, ffnete behutsam die
Tre, und als er sah, da kein Lauscher in der Nhe sei, begann er:
    Herr! ich war bei einem Auftritt, den ich nie vergesse, und wenn ich
neunzig Jahre alt werde! Schon unterwegs waren mir auf der Alb groe Scharen der
heimziehenden Schweizer begegnet; ihre Rte und Landamtmnner hatten sie
heimgerufen; bei Blaubeuren standen aber noch ber achttausend Mann, jedoch
lauter gute Wrttemberger und nichts andres drunter.
    Und der Herzog, unterbrach ihn Georg, wo war denn dieser? -
    Der Herzog hatte in Kirchheim zum letztenmal mit den Schweizern
unterhandelt, aber sie zogen ab, weil er sie nicht bezahlen konnte.16 Da kam er
gen Blaubeuren, wo sich sein Landvolk gelagert hatte. Gestern morgen wurde durch
Trommelschlag bekannt gemacht, da sich bis neun Uhr alles Volk auf den
Klosterwiesen einstellen solle. Es waren viele Mnner, die dort versammelt
waren, aber jeder dachte ein und dasselbe. Seht, Junker! der Herzog Ulerich ist
ein gestrenger Herr, und wei den Bauer nicht fr sich zu gewinnen. Die Steuern
sind hart, der Jagdfrevel ist scharf und grausam, am Hof aber wird verprat was
man uns genommen hat. Aber wenn ein solcher Herr im Unglck ist, da ist es
gleich ein anderes Ding. Jetzt fiel uns allen nur ein, da er ein tapferer Mann
und unser unglcklicher Herzog sei, dem man wolle das Land mit Gewalt entreien.
Es ging ein Gemurmel unter uns, da der Herzog wolle eine Schlacht liefern, und
jeder drckte das Schwert fester in der Hand, grimmig schttelten sie ihre
Speere und riefen den Bndlern Verwnschungen zu. Da kam der Herzog -
    Du sahst den Herzog, du kennst ihn? rief Georg neugierig. O sprich, wie
sieht er aus? -
    Ob ich ihn kenne? sagte der Bote mit sonderbarem Lcheln, wahrhaftig ich
sah ihn als es ihm nicht wohl war mich zu sehen. Der Herr ist noch ein junger
Mann, wenn es viel ist, ist er zweiunddreiig Jahr. Er ist stattlich und
krftig, und man sieht ihm an, da er die Waffen zu fhren wei. Augen hat er
wie Feuer, und es lebt keiner, der ihm lange hineinschaute. - Der Herzog trat in
den Kreis, den das bewaffnete Volk geschlossen hatte, und es war Totenstille
unter den vielen Menschen. Mit vernehmlicher Stimme sprach er, da er sich also
verlassen, nimmer zu helfen wte.17 Diejenigen, worauf er gehofft, seien ihm
benommen, seinen Feinden sei er ein Spott; denn ohne die Schweizer knne er
keine Schlacht wagen. Da trat ein alter, eisgrauer Mann hervor, der sprach: Herr
Herzog! habt Ihr unsern Arm schon versucht, da Ihr die Hoffnung aufgebt?
schaut, diese alle wollen fr Euch bluten; ich habe Euch auch meine vier Buben
mitgebracht, hat jeder einen Spie und ein Messer, und so sind hier viele
Tausend; seid Ihr des Landes so mde, da Ihr uns verschmht? Da brach dem
Ulerich das Herz; er wischte sich Trnen aus dem Auge und bot dem Alten seine
Hand. Ich zweifle nicht an eurem Mut, sprach er mit lauter Stimme. Aber wir sind
unserer zu wenig; so da wir nur sterben knnen aber nicht siegen. Geht nach
Haus ihr guten Leute und bleibet mir treu. Ich mu mein Land verlassen und im
bitteren Elend sein. Aber mit Gottes Hlfe hoffe ich auch wieder hereinzukommen.
So sprach der Herzog, unsere Leute aber weinten und knirschten mit den Zhnen
und zogen ab in Trauer und Unmut. -18
    Und der Herzog? fragte Georg.
    Von Blaubeuren ist er weggeritten, wohin wei man nicht. In den Schlssern
aber liegt die Ritterschaft, sie zu verteidigen, bis der Herzog vielleicht
andere Hlfe bekommt. -
    Der alte Johann unterbrach hier den Boten und meldete, da der Junker auf
zwei Uhr in den Kriegsrat beschieden sei, der in Frondsbergs Quartier gehalten
werde; Georg war nicht wenig erstaunt ber diese Nachricht; was konnte man von
ihm im Kriegsrat wollen? Sollte Frondsberg schon ein Mittel gefunden haben, ihn
zu empfehlen?
    Nehmt Euch in acht, Junker, sprach der Bote, als der alte Johann das
Gemach verlassen hatte, und bedenkt das Versprechen, das Ihr dem Frulein
gegeben, vor allem erinnert Euch, was sie Euch sagen lie: Ihr sollt Euch hten,
weil man etwas mit Euch vorhabe. Mir aber erlaubt, als Euer Diener in diesem
Haus zu bleiben; ich kann Euer Pferd besorgen und bin zu jedem Dienst erbtig.
    Georg nahm das Anerbieten des treuen Mannes mit Dank an und Hanns trat auch
sogleich in seinen Dienst, denn er band seinem jungen Herrn das Schwert um, und
setzte ihm das Barett zurecht. Er bat ihn noch unter der Tre, seines Schwures
und jener Warnung eingedenk zu sein.
    Dem unbegreiflichen Ruf in den Kriegsrat und der sonderbar zutreffenden
Warnung Mariens nachsinnend, ging Georg dem bezeichneten Hause zu; man wies ihn
dort eine breite Wendeltreppe hinan, wo er in der ersten Tre rechts, die
Kriegsobersten versammelt finden sollte. Aber der Eingang in dieses Heiligtum
ward ihm nicht so bald verstattet; ein alter brtiger Kriegsmann fragte, als er
die Tre ffnen wollte, nach seinem Begehr, und gab ihm den schlechten Trost, es
knne hchstens noch eine halbe Stunde dauern, bis er vorgelassen werde;
zugleich ergriff er die Hand des jungen Mannes und fhrte ihn einen schmalen
Gang hindurch, nach einem kleinen Gemach, wo er sich einstweilen gedulden solle.
    Wer je in besorgter Erwartung einsam und allein auf der Marterbank eines
Vorzimmers sa, der kennt die Qual, die Georg in jener Stunde auszustehen hatte.
Das ungeduldige Herz pocht der Entscheidung entgegen, alle Nerven sind gespannt,
das Auge mchte die Tre durchbohren, das Ohr schrft sich, wenn in der Ferne
eine Tre knarrt, Schritte ber den Hausgang rauschen oder undeutliche Stimmen
im anstoenden Zimmer lauter werden. Aber die Tren haben umsonst getnt, die
Schritte immer nher und nher kommend, gehen vorber, der ungleiche Ton der
Stimmen sinkt zum Geflster herab. Die Bretter des Fubodens und die Fenster des
Nachbarhauses sind bald gezhlt, und schon wieder zeigt der helle Ton der Glocke
eine umsonst verlebte halbe Stunde an. Das Ohr begleitet alle Glocken und Uhren
der Stadt, bemerkt ihre hohen und tiefen Tne - auch sie haben ausgeschlagen.
Man steht auf, man macht einen Gang durch das enge Gemach, horch! da geht wieder
eine Tre, gewichtige Schritte kommen den Gang herauf, die Klinke der Tre
bewegt sich nach so langer Zeit wieder -
    Georg von Frondsberg lt Euch seinen Gru vermelden, sprach der alte
Kriegsmann, der nach so langer Zeit wieder zu Georg kam, es knnte vielleicht
noch eine Weile dauern; doch sei dies ungewi, darum sollet Ihr hierbleiben. Er
schickt Euch hier einen Krug Wein zum Vespern.
    Der Diener setzte den Wein auf den breiten Fenstersims des Zimmers, denn ein
Tisch war nicht vorhanden, und verlie das Gemach.
    Georg sah ihm staunend nach; er htte dies nicht fr mglich gehalten; ber
eine Stunde war schon verschwunden, und noch nicht? Er griff zu dem Wein, er war
nicht bel, aber wie konnte ihm in seiner traurigen Einsamkeit das Glas munden?
    Es ist ein gewhnlicher Fehler junger Leute in Georgs Jahren, da sie sich
fr wichtiger halten, als es ihre Stellung in der Welt eigentlich mit sich
bringt. Der gereiftere Mann wird eine Beeintrchtigung seiner Wrde eher
verschmerzen oder wenigstens sein Mifallen zurckhalten, whrend der Jngling
empfindlicher ber den Punkt der Ehre leichter und schneller aufbraust. Kein
Wunder daher, da Georg, als er nach zwei tdlich langen Stunden in den
Kriegsrat abgefhrt wurde, nicht in der besten Laune war. Er folgte schweigend
dem ergrauten Fhrer, der ihn hieher geleitet hatte, den langen Gang hin.
    An der Tre wandte sich jener um und sagte freundlich: Verschmht den Rat
eines alten Mannes nicht, Junker, und legt die trotzige, finstere Miene ab; es
tut nicht gut bei den gestrengen Herren da drinnen.
    Georg war in dem Augenblick zu wenig Herr ber sich, als da er den
wohlgemeinten Rat htte befolgen knnen, er dankte ihm durch einen Hndedruck,
ergriff dann rasch die gewaltige eiserne Trklinke und die schwere, eichene
Zimmertre drehte sich chzend auf.
    Um einen groen, schwerflligen Tisch saen acht ltliche Mnner, die den
Kriegsrat des Bundes bildeten. Einige davon kannte Georg. Jrg Truchse,
Freiherr von Waldburg, nahm als Oberster-Feldlieutenant den obersten Platz an
dem Tische ein, auf beiden Seiten von ihm saen Frondsberg und Franz von
Sickingen, von den brigen kannte er keinen, als den alten Ludwig von Hutten;
aber die Chronik hat uns ihre Namen treulich aufbewahrt, es saen dort noch
Christoph Graf zu Ortenberg, Alban von Closen, Christoph von Frauenberg und
Diepolt von Stein; bejahrte, im Heere angesehene Mnner.
    Georg war an der Tre stehengeblieben, Frondsberg aber winkte ihm freundlich
nher zu kommen. Er trat bis an den Tisch, und berschaute nun mit dem freien
khnen Blick, der ihm so eigen war, die Versammlung. Aber auch er wurde von den
Versammelten beobachtet, und es schien, als fnden sie Gefallen an dem schnen,
hochgewachsenen Jngling, denn mancher Blick ruhte mit Wohlwollen auf ihm,
einige nickten ihm sogar freundlich zu.
    Der Truchse von Waldburg hob endlich an: Georg von Sturmfeder, wir haben
uns sagen lassen, Ihr seid auf der Hochschule in Tbingen gewesen, ist dem
also?
    Ja Herr Ritter, antwortete Georg.
    Seid Ihr in der Gegend von Tbingen genau bekannt? fuhr jener fort.
    Georg errtete bei dieser Frage; er dachte an die Geliebte, die ja nur
wenige Stunden von jener Stadt entfernt, auf ihrem Lichtenstein war; doch er
fate sich bald und sagte: Ich kam zwar nicht viel auf die Jagd, auch habe ich
sonst die Gegend wenig durchstreift, doch ist sie mir im allgemeinen bekannt.
    Wir haben beschlossen, fuhr Truchse fort, einen sicheren Mann in jene
Gegend zu schicken, auszukundschaften was der Herzog von Wrttemberg bei unserem
Anzug tun wird. Es soll auch ber die Befestigung des Schlosses Tbingen, ber
die Stimmung des Landvolkes in jener Gegend genaue Nachricht eingezogen werden;
ein solcher Mann kann dem Wrttemberger durch Klugheit und List mehr Abbruch tun
als hundert Reiter, und wir haben - - Euch dazu ausersehen.
    Mich? rief Georg voll Schrecken.
    Euch, Georg von Sturmfeder; zwar gehrt bung und Erfahrung zu einem
solchen Geschft, aber was Euch dran abgeht, mge Euer Kopf ersetzen.
    Man sah dem Jngling an, da er einen heftigen Kampf mit sich kmpfte. Sein
Gesicht war bleich, sein Auge starr, seine Lippen fest zusammengeklemmt. Die
Warnung Mariens war ihm jetzt auf einmal klar; aber wie fest er auch bei sich
beschlo, den Antrag auszuschlagen, wie erwnscht beinahe diese Gelegenheit
erschien, um dem Bunde zu entsagen, so kam ihm die Entscheidung doch zu
berraschend, er scheute sich, vor den berhmten Mnnern seinen Entschlu
auszusprechen.
    Der Truchse rckte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her, als der junge
Mann so lange mit seiner Antwort zgerte: Nun? wird's bald? warum besinnt Ihr
Euch so lange? rief er ihm zu.
    Verschonet mich mit diesem Auftrag, sagte Georg nicht ohne Zagen, ich
kann, ich darf nicht.
    Die alten Mnner sahen sich erstaunt an, als trauten sie ihren Ohren nicht.
Ihr drft nicht, Ihr knnt nicht, wiederholte Truchse langsam, und eine
dunkle Rte, der Vorbote seines aufsteigenden Zornes lagerte sich auf seine
Stirne und um seine Augen.
    Georg sah, da er sich in seinen Ausdrcken bereilt habe; er sammelte sich
und sprach mit freierem Mute: Ich habe Euch meine Dienste angeboten um ehrlich
zu fechten, nicht aber um mich in Feindesland zu schleichen und hinterrcks nach
seinen Gedanken zu sphen. Es ist wahr, ich bin jung und unerfahren, aber so
viel wei ich doch, um mir von meinen Schritten Rechenschaft geben zu knnen;
und wer von Euch, der Vater eines Sohnes ist, mchte ihm zu seiner ersten
Waffentat raten, den Kundschafter zu machen?
    Der Truchse zog die dunkeln, buschigen Augenbrauen zusammen, und scho
einen durchdringenden Blick auf den Jngling, der so khn war, anderer Meinung
zu sein als er. Was fllt Euch ein, Junker! rief er; Eure Reden helfen Euch
jetzt nichts, es handelt sich nicht darum, ob es sich mit Eurem kindischen
Gewissen vertrgt was wir Euch auftragen; es handelt sich um Gehorsam, wir
wollen es, und Ihr mt!
    Und ich will nicht! entgegnete ihm Georg mit fester Stimme. Er fhlte, da
mit dem Zorn ber Waldburgs beleidigenden Ton sein Mut von Minute zu Minute
wachse, er wnschte sogar, der Truchse mchte noch weiter in seinen Reden
fortfahren, denn jetzt glaubte er sich jeder Entscheidung gewachsen.
    Ja freilich, freilich! lachte Waldburg in bitterem Grimm, das Ding hat
Gefahr, so allein in Feindesland herumzureiten. Ha! Ha! Da kommen die Junker von
Habenichts und Binnichts und bieten mit groen Worten und erhabenen Gesichtern
ihren Kopf und ihren tapferen Arm an, und wenn es drauf und dran kommt, wenn man
etwas von ihnen haben will, so fehlt es am Herz. Doch Art lt nicht von Art,
der Apfel fllt nicht weit vom Stamm - und wo nichts ist: da hat der Kaiser das
Recht verloren.
    Wenn dies eine Beleidigung fr meinen Vater sein soll, antwortete Georg
erbittert, so sitzen hier Zeugen, die ihm bezeugen knnen, da er in ihrem
Gedchtnisse als ein Tapferer lebt. Ihr mt viel getan haben in der Welt, da
Ihr Euch herausnehmt auf andere so tief herabzusehen!
    Soll ein solcher Milchbart mir vorschreiben was ich reden soll? unterbrach
ihn Waldburg; was braucht es da das lange Schwatzen? ich will wissen,
Junkerlein, ob Ihr morgen Euer Pferd satteln, und Euch nach unseren Befehlen
richten wollet oder nicht!
    Herr Truchse߫, antwortete Georg mit mehr Ruhe als er sich selbst zugetraut
hatte; Ihr habt durch Eure scharfe Reden nichts gezeigt, als da Ihr wenig
wisset, wie man mit einem Edelmann, der dem Bunde seine Dienste anbot, wie man
mit dem Sohn meines tapfern Vaters sprechen msse. Ihr habt aber als Oberster
dieses Rates im Namen des Bundes zu mir gesprochen und mich so tief beleidigt,
als ob ich Euer rgster Feind wre, darum kann ich nichts tun, als wie Ihr
selbst befehlt, mein Ro satteln, aber gewi nicht zu Eurem Dienst. Es ist mir
nicht lnger Ehre, diesen Fahnen zu folgen, nein, ich sage mich los und ledig
von Euch fr immer; gehabt Euch wohl!
    Der junge Mann hatte mit Nachdruck und Festigkeit gesprochen, und wandte
sich, zu gehen.
    Georg! rief Frondsberg, indem er aufsprang, Sohn meines Freundes! -
    Nicht so rasch, Junker, riefen die brigen, und warfen mibilligende
Blicke auf Waldburg; aber Georg war, ohne sich umzusehen, aus dem Gemach
geschritten, die eiserne Klinke schlug klirrend ins Schlo und die gewaltigen
Flgel der eichenen Pforte lagerten sich zwischen ihn und den wohlmeinenden
Nachruf der besser gesinnten Mnner; sie schieden Georg von Sturmfeder auf ewig
von dem Schwbischen Bunde.

                                       X


 O wenn die Nacht des Grames dich umschlinget,
 Mit schwerem Leid dein wundes Herz oft ringet,
 Wenn nur der Stern, der nach der Sonne stehet,
 Der Liebe Stern in dir nicht untergehet.
                                                                         P. Conz

Georg fhlte sich leichter, als er auf seinem Zimmer ber das Vorgefallene
nachdachte. Jetzt war ja entschieden, was zu entscheiden er so lange gezgert
hatte, entschieden auf eine Weise, wie er sie besser nicht htte wnschen
knnen. So hatte er jetzt einen guten Grund, das Heer sogleich zu verlassen, und
der Oberstfeldlieutenant mute die Schuld sich selbst beimessen.
    Wie schnell hatte sich doch alles in den vier Tagen gewendet; wie
verschieden waren die Gesinnungen, mit denen er in diese Stadt einzog, von
denen, die ihn aus ihren Mauern hinaustrieben! Damals, als der Donner der
Geschtze, der feierliche Klang aller Glocken, die lockenden Tne der Trompeten
ihn begrten, wie schlug da sein Herz dem Kampf entgegen, um Marien zu
verdienen. Und als er das erstemal vor jenen Frondsberg gefhrt wurde, wie
erhebend war der Gedanke, unter den Augen dieses Mannes zu streiten, aus seinem
Munde sich Ruhm zu erwerben! - Und wie erkaltete bald darauf sein Eifer, als der
Bund in seinen Augen jenen Glanz verlor, mit welchem ihn seine jugendliche
Phantasie umgeben hatte; wie schmte er sich, sein Schwert fr die zu ziehen,
die nur von Eigennutz und Habgier getrieben, das schne Land sich zur Beute
ausersehen hatten! Wie schrecklich der Gedanke, Marie und die Ihrigen auf der
feindlichen Seite zu wissen, treu ergeben dem unglcklichen Frsten, den auch er
aus seinen Grenzen zu jagen helfen sollte? Um eine solche Sache sollte er jenes
teure Herz brechen, das unter jedem Wechsel treu fr ihn schlug? Nein! Du hast
es wohl mit mir gemeint, sprach er, indem sein Auge dem Strahl der Abendsonne,
der durch die runden Scheiben hereinfiel, hinauf zu dem blauen Himmel folgte;
du hast es wohl mit mir gemeint, was jedem andern, der heute an meiner Stelle
stand, zum Verderben gewesen wre, hast du fr mich zum Heil gelenkt! Jene
Heiterkeit, die, seit er wute, wie furchtbar sich das Geschick zwischen ihn und
die Geliebte stellte, einem trben Ernste gewichen war, kehrte wieder auf seine
Stirne, um seinen Mund zurck; er sang sich ein frohes Lied, wie in seinen
frohesten Augenblicken. -
    Erstaunt betrachtete ihn der eintretende Herr von Kraft. Nun das ist doch
sonderbar, sagte er, ich eile nach Haus, um meinen Gast in seinem gerechten
Schmerz zu trsten, und finde ihn so frhlich wie nie; wie rume ich das
zusammen?
    Habt Ihr noch nie gehrt, Herr Dieterich, entgegnete Georg, der fr
geratener hielt, seine Frhlichkeit zu verbergen, habt Ihr nie gehrt, da man
auch aus Zorn lachen und im Schmerz singen knne?
    Gehrt hab ich es schon, aber gesehen nie bis zu diesem Augenblick,
antwortete Kraft.
    Nun, und Ihr habt also auch von der verdrlichen Geschichte gehrt,
fragte Georg, man erzhlt sich es gewi schon auf allen Straen?
    O nein, antwortete der Ratsschreiber, man wei nirgens etwas davon, man
htte ja zugleich Eure geheime Sendung nach Wrttemberg damit ausposaunen
mssen. Nein! ich habe, Gott sei Dank, so meine eigenen Quellen, und erfahre
manches noch in der Stunde wo es getan oder gesprochen wurde. Aber nehmt mir's
nicht bel, Ihr habt da einen dummen Streich gemacht!
    So? antwortete Georg lchelnd, und warum denn?
    Bot sich Euch nicht die schnste Gelegenheit, Euch auszuzeichnen? Wem wren
die Bundesobersten mehr Dank schuldig als -
    Sagt es nur heraus, unterbrach ihn Georg, - als dem Kundschafter in des
Feindes Rcken. Es ist nur schade, da mein Vater und die Ehre meines Namens
mich vor, nicht hinter den Feind bestimmt haben, es sei denn, da er vor mir
fliehe.
    Dies sind Bedenklichkeiten, die ich nicht bei Euch gesucht htte; wahrlich,
wenn ich so bekannt in jener Gegend wre, wie Ihr, man htte es mir nicht
zweimal sagen drfen.
    Ihr habt hierzuland vielleicht andere Grundstze ber diesen Punkt, sagte
Georg nicht ohne Spott, als wir in unserem Franken, das htte Truchse von
Waldburg bedenken und einen Ulmer schicken sollen.
    Ihr bringt mich da eben recht noch auf etwas anderes; der
Oberfeldlieutenant! Wie habt Ihr ihn Euch so zum Feinde machen mgen, denn da
dieser Euch das Geschehene in seinem Leben nicht verzeiht, drft Ihr gewi
sein.
    Das ist mein geringster Kummer, antwortete Georg, aber eines tut mir weh,
da ich den bermtigen, der schon meinem Vater Bses getan, wo er konnte, nicht
vor meine Klinge stellen, und ihm zeigen kann, da der Arm nicht so ganz zu
verachten ist, den er heute von sich gestoen hat.
    Um Gottes willen, fiel Kraft ein, sprecht nicht so laut, er knnte es
hren; berhaupt mt Ihr Euch sehr zusammennehmen, wenn Ihr ferner im Heere
unter ihm dienen wollt!
    Ich will den Herrn Truchse von meinem verhaten Anblick bald befreien; so
Gott will, habe ich die Sonne zum letztenmal in Ulm untergehen sehen!
    So wre es wahr, fragte Herr von Kraft mit Staunen, was man noch
dazusetzte und was ich nicht glauben konnte: Georg von Sturmfeder will wegen
dieser Kleinigkeit unsere gute Sache verlassen?
    Verletzung der Ehre ist nirgends eine Kleinigkeit, antwortete Georg ernst,
am wenigsten bei einem Stand wie der unserige; was aber Eure gute Sache
betrifft, so habe ich nachgerade eingesehen, da ich weder fr eine gute Sache
noch fr eine gute Meinung, sondern fr ein paar groe Herren und fr ein paar
Mauern voll Spiebrger mich schlagen sollte.
    Der unangenehme Eindruck, den besonders die letzten Worte auf den
Ratsschreiber machten, entging ihm nicht, er fuhr daher, indem er seine Hand
ergriff und drckte, ruhiger fort: Nehmt mir meine scharfen Worte nicht bel,
mein freundlicher Wirt, wei Gott, ich habe Euch nicht damit beleidigen wollen;
aber aus Eurem eigenen Munde habe ich die Gesinnungen und Zwecke der
verschiedenen Parteien in diesem Heere erfahren, schreibt es Euch selbst zu,
wenn ich meinen eigenen Weg einschlage, da Ihr mir die Binde von den Augen
genommen habt.
    Ihr habt so unrecht gerade nicht, guter Junker; es wird bunt hergehen, wenn
die Herren erst das schne Land da drben unter sich teilen. Aber da habe ich
gedacht, es gehe ja in einem hin, Ihr knntet Euch auch Euer Scherflein dabei
verdienen. Man sagt, Ihr drft es mir aber nicht belnehmen, Euer Haus sei etwas
herabgekommen, da meinte ich -
    Nichts davon, fiel Georg rasch ein, gerhrt von der Gutmtigkeit seines
Gastfreundes, das Haus meiner Vter zerfllt, unsere Tore hngen auf
gebrochenen Angeln, auf der Zugbrcke wchst Moos, und auf dem hohen Wartturm
hausen Eulen. In fnfzig Jahren steht vielleicht noch ein Turm oder ein
Muerchen, und erinnert den Wanderer, da hier einst ein ritterliches Geschlecht
hauste. Aber, wenn auch die morschen Mauern ber mir zusammenstrzen, und den
letzten meines Stammes unter ihren Trmmern begraben, niemand soll von mir
sagen: ich habe fr ungerechtes Gut das Schwert meines Vaters gezogen.
    Jeder nach seiner Weise, antwortete Dieterich, es klingt dies alles recht
schn, aber ich fr meinen Teil wrde mir schon etwas gefallen lassen, um mein
Haus anstndig und wohnlich wieder herzustellen. - Mget Ihr brigens Euren
Entschlu ndern oder nicht, auf jeden Fall hoffe ich, werdet Ihr es Euch noch
einige Tage bei mir gefallen lassen.
    Ich erkenne Eure Gte, antwortete Georg, aber Ihr seht, da ich unter den
gegenwrtigen Umstnden nichts mehr in dieser Stadt zu tun habe. Ich gedenke mit
Anbruch des Morgens zu reiten.
    Nun, und kann man Euch Gre mitgeben? sagte der Ratsschreiber mit beraus
schlauem Lcheln; Ihr reitet doch den nchsten Weg nach Lichtenstein?
    Der junge Mann errtete bis in die Stirne hinauf. Es war zwischen ihm und
seinem Gastfreund seit Mariens Abreise noch nie ber diesen Gegenstand zu
Sprache gekommen, um so mehr berraschte ihn jetzt die schlaue Frage seines
Gastfreundes. Ich sehe, sagte er, da Ihr mich noch immer falsch verstehet.
Ihr glaubet, ich habe dem Bunde nur deswegen den Rcken zugewandt, um mich an
die Feinde anzuschlieen? Wie mget Ihr nur so schlimm von mir denken!
    Ach, geht mir doch! entgegnete der kluge Ratsschreiber; niemand anders
als mein reizendes Bschen hat Euch von uns abwendig gemacht. Ihr httet wohl zu
allem, was der Bund getan, ein Auge zugedrckt, wenn der alte Lichtenstein auch
mitgemacht htte; nun er auf der anderen Seite steht, glaubt Ihr auch schnell
umsatteln zu mssen!
    Georg mochte sich verteidigen wie er wollte, der Ratsschreiber war zu fest
von seiner eigenen Klugheit berzeugt, als da er sich diese Meinung htte
ausreden lassen. Er fand diesen Schritt auch ganz natrlich, und sah nichts
Bses oder Unehrliches darin. Mit einem herzlichen Gru an die Base in
Lichtenstein verlie er das Zimmer seines Gastes. Doch auf der Schwelle wandte
er sich noch einmal um. Fast htte ich das Wichtigste vergessen, sagte er,
ich begegnete Georg von Frondsberg auf der Strae; er lt Euch bitten heute
abend noch zu ihm in sein Haus zu kommen.
    Georg hatte sich zwar selbst vorgestellt, da ihn Frondsberg nicht ohne
Abschied werde ziehen lassen, und doch war ihm bange vor dem Anblick dieses
Mannes, der es so gut mit ihm gemeint, und dessen freundliche Plane er so
schnell durchkreuzt hatte. Er schnallte unter den Gedanken an diesen schweren
Gang sein Schwert um, und wollte eben seinen Mantel zurecht richten, als ein
sonderbares Gerusch von der Treppe her seine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Schwere Tritte vieler Menschen nherten sich seiner Tre, er glaubte Schwerter
und Hellebarden auf dem Estrich seines Vorsaales klirren zu hren, er machte
schnell einige Schritte gegen die Tre, um sich von dem Grund seiner Vermutung
zu berzeugen.
    Aber noch ehe er die Tre erreicht hatte, ging diese auf, das matte Licht
einiger Kerzen lie ihn mehrere bewaffnete Kriegsknechte sehen, die seine Tre
umstellt hatten. Jener alte Kriegsmann, der ihn heute vor dem Kriegsrat
empfangen hatte, trat aus ihrer Mitte hervor:
    Georg von Sturmfeder! sprach er zu dem Jngling, der mit Staunen
zurcktrat, ich nehme Euch auf Befehl eines Hohen Bundesrates gefangen.
    Mich? gefangen? rief Georg mit Schrecken. Warum? wessen beschuldigt man
mich denn?
    Das ist nicht meine Sache, antwortete der Alte mrrisch, doch wird man
Euch vermutlich nicht lange in Ungewiheit lassen. Jetzt aber seid so gut und
reicht mir Euer Schwert und folget mir auf das Rathaus.
    Wie? Euch soll ich mein Schwert geben? entgegnete der junge Mann mit dem
Zorn beleidigten Stolzes, wer seid Ihr, da Ihr mir meine Waffen abfordern
knnet? da mu der Rat ganz andere Leute schicken als Euch, so viel verstehe ich
auch von Eurem Handwerk!
    Um Gottes willen, gebt doch nach, rief der Ratsschreiber, der sich bleich
und verstrt an seine Seite gedrngt hatte, gebt nach; Widerstand kann Euch
wenig ntzen; Ihr habt es mit dem Truchse zu tun, flsterte er heimlicher;
das ist ein bser Feind, bringt ihn nicht noch rger gegen Euch auf.
    Der alte Kriegsmann unterbrach die Einflsterungen des Ratsschreibers: Es
ist wahrscheinlich das erstemal, Junker, sagte er, da Ihr in Haft genommen
werdet, deswegen verzeihe ich Euch gern die unziemlichen Worte gegen einen Mann,
der oft in einem Zelt mit Eurem Vater schlief. Euer Schwert mget Ihr auch
immerhin behalten; ich kenne diesen Griff und diese Scheide, und habe den Stahl,
den sie verschliet, manchen rhmlichen Kampf ausfechten sehen. Es ist lblich,
da Ihr viel darauf haltet, und es nicht in jede Hand kommen lassen mget. Aber
aufs Rathaus mt Ihr mit, denn es wre tricht, wenn Ihr der Gewalt Trotz
bieten wolltet.
    Der Jngling, dem alles wie ein Traum erschien, ergab sich schweigend in
sein Schicksal, er trug dem Ratsschreiber heimlich auf, zu Frondsberg zu gehen
und diesen von seiner Gefangenschaft zu unterrichten. Er wickelte sich tiefer in
seinen Mantel, um auf der Strae bei diesem unangenehmen Gang nicht erkannt zu
werden, und folgte dem ergrauten Fhrer und seinen Lanzknechten.

                                       XI


 Die Eisentr geht auf, des Kerkers schwarze Wand
 Erhellt ein blasser Schein, er hret jemand gehen
 Und stemmt sich auf, und sieht -
                                                                         Wieland

Die Truppe, den Gefangenen in der Mitte, bewegte sich schweigend dem Rathaus zu.
Nur eine einzige Fackel leuchtete ihnen voran, und Georg dankte dem Himmel, da
sie nur sparsame Helle verbreitete; denn er glaubte, alle Menschen, die ihn
begegneten, mten es ihm ansehen, da er ins Gefngnis gefhrt werde. Nchst
diesem beschftigte ihn unterwegs vorzglich ein Gedanke: es war das erste Mal
in seinem Leben, da er in ein Gefngnis gefhrt wurde, er dachte daher nicht
ohne Grauen an einen feuchten, unreinlichen Kerker; das Burgverlies in seinem
alten Schlosse, das er als Knabe einmal besucht hatte, kam ihm immer vor das
Auge; er war einigemal im Begriff, seinen Fhrer darber zu befragen, doch
drngte der Gedanke, man mchte es fr kindische Furcht ansehen, seine Frage
immer wieder zurck.
    Nicht wenig war er daher berrascht, als man ihn in ein gerumiges, schnes
Zimmer fhrte, das zwar nicht sehr wohnlich aussah, denn es enthielt nur eine
leere Bettstelle und einen ungeheuern Kamin, aber in Vergleichung mit den
Bildern seiner Phantasie eher einem Prunkgemach als einem Gefngnis glich. Der
alte Kriegsmann wnschte dem Gefangenen gute Nacht und zog sich mit seinen
Knechten zurck, ein kleiner, hagerer, sehr ltlicher Mann trat ein; der groe
Schlsselbund, welcher an seiner Seite hing und jeden seiner Schritte wie mit
Kettengerassel bezeichnete, gab ihn als den Rathausdiener oder Schlieer kund.
Er legte schweigend einige groe Scheite Holz ins Kamin und bald loderte ein
behagliches Feuer auf, das dem jungen Mann in der kalten Mrznacht sehr
zustatten kam. Auf die Bretter der breiten, leeren Bettstelle breitete der
Schlieer eine groe, wollene Decke, und das erste Wort, das Georg aus seinem
Munde hrte, war die freundliche Einladung an den Gefangenen, sich's bequem zu
machen. Die harten Brettchen nur mit einer dnnen Decke berlegt, mochten nun
freilich nicht sehr einladend aussehen, doch lobte Georg die Bemhungen des
Alten und sein Gefngnis.
    Das ist halt die Ritterhaft, belehrte ihn der Schlieer, die fr den
gemeinen Mann ist unter der Erde und nicht so schn; doch ist sie dafr desto
besuchter.
    Hier war wohl seit langer Zeit niemand? fragte Georg, indem er das de
Gemach musterte.
    Der letzte war vor sieben Jahren ein Herr von Berger, er ist in jenem Bett
verschieden; Gott sei seiner armen Seele gndig! Es schien ihm aber hier zu
gefallen, denn er ist schon in mancher Mitternacht aus seiner Bahre
heraufgestiegen, um sein altes Zimmer zu besuchen.
    Wie? sagte Georg lchelnd, hieher soll er sich nach seinem Tode noch
bemht haben?
    Der Schlieer warf einen scheuen Blick in die Ecken des Zimmers, die von dem
unruhigen Flackern des Kaminfeuers kaum erhellt, sich bald vor-, bald
zurckzudrngen schienen; er legte das Holz mehr zurecht und brummte: Man
spricht so mancherlei.
    Und auf jener Decke ist er verschieden? rief Georg, den bei allem
jugendlichen Mut doch ein unwillkrlicher Schauder berlief.
    Ja, Herr! flsterte der Schlieer leise, dort auf jener Decke ist er
abgefahren, Gott gebe, da es nicht tiefer als ins Fegefeuer ging. Wir nennen
deswegen die Decke nur das Leichentuch, das Zimmer aber heit des Ritters
Totenkammer! Mit leisen Schritten, als frchte er, durch jeden Laut den Toten
zu erwecken, schlich er aus dem Gemach, desto vernehmlicher rauschten auen
seine Schlssel in dem Trschlo, als feierten sie seinen Triumph, einem
greulichen Spuk entflohen zu sein.
    Also auf dem Leichentuch in des Ritters Totenkammer? dachte Georg und
fhlte, wie sein Herz lauter pochte. Man hatte zwar damals das menschliche Gemt
noch nicht wie in unsern Tagen durch eigene Gespenster- und Schauerbcher fr
das Grauenhafte empfnglich gemacht; doch hatten Ammen und alte Knechte
hinlnglich dafr gesorgt, den Geist des Junkers Georg mit diesem reichlich
wuchernden Unkraut anzupflanzen.
    Er war daher unschlssig, ob er sich auf das Leichentuch legen sollte oder
nicht? Aber er sah keinen Stuhl, keine Bank in der ganzen Totenkammer, der Boden
mit Backsteinen zierlich ausgelegt, war noch klter als das kalte feuchte
Leichentuch; er begann sich dieser Untersuchungen, dieses Zgerns zu schmen,
und bald nahm ihn das gastliche Lager des Verstorbenen auf.
    Auch das hrteste Lager ist weich fr den, der mit gutem Gewissen zur Ruhe
geht. Georg hatte sein Nachtgebet gesprochen und war bald entschlummert. Aber
aus dem Leichentuch stiegen wunderliche Trume auf und lagerten sich bange ber
den jungen Mann; er sah deutlich, wie der alte Schlieer zu dem groen
Schlsselloch hereinguckte und sich segnete, da er auf der anderen Seite der
Tre stehe, denn in der Totenkammer begann es recht unheimlich zu werden. Es
fing an, wunderlich umherzurauschen, auf den Backsteinen schlurften alte Sohlen
in hlichen Tnen; Georg glaubte zu trumen, er ermannte sich, er horchte, er
horchte wieder, aber es war keine Tuschung; schwere Tritte tnten im Gemach.
Jetzt wurde das Feuer heller angeschrt; der ungewisse Schein der Flamme spielte
um eine groe dunkle Gestalt; sie bewegte sich, der Weg vom Kamin zum Bette war
gar nicht weit. Die Schritte kommen nher, das Leichentuch wird angefat und
geschttelt; Georg, von unabwendbarer Furcht befallen, drckt die Augen zu, aber
als die Decke gerade neben seinem Haupte gefat wurde, als eine kalte, schwere
Hand sich auf seine Stirne legte, da ri er sich los aus seiner Angst, er sprang
auf, und ma mit ungewissen Blicken jene dunkle Gestalt, die jetzt dicht vor ihm
stand; hell flackerten die Flammen im Kamine, sie beleuchteten die wohlbekannten
Zge Georgs von Frondsberg.
    Ihr seid es, Herr Feldhauptmann? rief Georg, indem er freier atmete und
seinen Mantel zurecht richtete, um den Ritter nach Wrde zu empfangen.
    Bleibt, bleibt, sagte jener und drckte ihn sanft auf sein Lager nieder;
ich setze mich zu Euch auf das Bett und wir plaudern noch ein Halbstndchen,
denn es ist auf allen Glocken erst neun Uhr und in Ulm schlft noch niemand als
dieser Sprudelkopf, dem man zur Abkhlung heute nacht recht hart gebettet hat.
Er fate Georgs Hand und setzte sich zu seinen Fen auf das Bett.
    Oh, wie kann ich diese milde Nachsicht verdienen, sprach Georg, stehe ich
nicht in Euren Augen als ein Undankbarer da, der Euer Wohlwollen zurckstt,
und was Ihr gtig fr ihn angesponnen, mit rauher Hand zerreit?
    Nein, mein junger Freund! antwortete der freundliche Mann, du stehst vor
meinen Augen als der echte Sohn deines Vaters; geradeso schnell fertig mit Lob
und Tadel, mit Entschlu und Rede war er; da er ein Ehrenmann dabei war, wei
ich wohl; aber ich wei auch, wie unglcklich ihn sein schnelles Aufbrausen,
sein Trotz, den er fr Festigkeit ausgab, machten.
    Aber saget selbst, edler Herr! entgegnete Georg, konnte ich heute anders
handeln? Hatte mich nicht der Truchse aufs uerste gebracht?
    Du konntest anders handeln, wenn du die Weise und Art dieses Mannes
beachtetest, welche sich dir letzthin schon kundgab. Auch httest du denken
knnen, da Leute genug da waren, die dir kein Unrecht geschehen lieen. Du aber
schttetest das Kind mit dem Bade aus und liefst weg.
    Das Alter soll klter machen, erwiderte der junge Mann aber in der Jugend
hat man heies Blut; ich kann alles ertragen, Hrte und Strenge, wenn sie
gerecht sind und meine Ehre nicht krnken. Aber kalter Spott, Hohn ber das
Unglck meines Hauses kann mich zum wtenden Wolf machen. Wie kann ein so hoher
Mann nur Freude daran haben, einen so zu qulen?
    Auf diese Art uert sich immer sein Zorn, belehrte ihn Frondsberg; je
klter und schrfer er aber von auen ist, desto heier kocht in ihm die Wut. Er
war es, der auf den Gedanken kam, dich nach Tbingen zu senden, teils weil er
sonst keinen wute, teils auch um dir das Unrecht, das er dir angetan,
wiedergutzumachen. Denn in seinem Sinne war diese Sendung hchst ehrenvoll. Du
aber hast ihn durch deine Weigerung gekrnkt und vor dem Kriegsrat beschmt.
    Wie? rief Georg; der Truchse hat mich vorgeschlagen? So kam also jene
Sendung nicht von Euch?
    Nein, gab ihm der Feldhauptmann mit geheimnisvollem Lcheln zur Antwort;
nein! ich habe ihm sogar mit aller Mhe abgeraten, dich zu senden, aber es half
nichts, denn die wahren Grnde konnte ich ihm doch nicht sagen. Ich wute, ehe
du eintratst, da du dich weigern wrdest, dies Amt anzunehmen. - Nun reie doch
die Augen nicht so auf, als wolltest du mir durch das lederne Koller ins Herz
hineinschauen. Ich wei allerlei Geschichten von meinem jungen Trotzkopf da!
    Georg schlug verwirrt die Augen nieder. So kamen Euch die Grnde nicht
gengend vor, die ich angab? sagte er; was wolle Ihr denn so Geheimnisvolles
von mir wissen?
    Geheimnisvoll? nun so gar geheimnisvoll ist es gerade nicht, denn merke fr
die Zukunft: wenn man nicht verraten sein will, so mu man weder bei Abendtnzen
sich gebrden wie einer, der von Sankt Veits Tanz befallen ist, noch nachmittags
um drei Uhr zu schnen Mdchen gehen. Ja, mein Sohn! ich wei allerlei, setzte
er hinzu, indem er lchelnd mit dem Finger drohte, ich wei auch, da dieses
ungestme Herz gut wrttembergisch ist.
    Georg errtete und vermochte den lauernden Blick des Ritters nicht
auszuhalten. Wrttembergisch? entgegnete er, indem er sich mit Mhe gefat
hatte, da tut Ihr mir unrecht; nicht mit Euch zu Feld ziehen zu wollen, heit
noch nicht sich an den Feind anschlieen; gewi ich schwre Euch -
    Schwre nicht, fiel ihm Frondsberg rasch ins Wort, ein Eid ist ein
leichtes Wort, aber es ist doch eine drckend schwere Kette, die man bricht oder
von der man zerbrochen wird. Was du tun wirst, das wird so sein, da es sich mit
deiner Ehre vertrgt. Nur eines mut du dem Bunde an Eidesstatt geloben, und
dann erst wirst du deiner Haft entlassen: in den nchsten vierzehn Tagen nicht
gegen uns zu kmpfen.
    So legt Ihr mir also dennoch falsche Gesinnungen unter? sprach Georg
bewegt; das htte ich nicht gedacht! und wie unntig ist dieser Schwur! Fr
wen, und mit wem sollte ich denn auf jener Seite kmpfen? Die Schweizer sind
abgezogen, das Landvolk hat sich zerstreut, die Ritterschaft liegt in den
Festungen und wird sich hten, den nchsten besten, der vom Bundesheer
herberluft, in ihre Mauern aufzunehmen, der Herzog selbst ist enflohen -
    Entflohen? rief Frondsberg aus, entflohen? das wei man noch nicht so
gewi; warum htte der Truchse dann die Reiter ausgeschickt? setzte er hinzu;
und berhaupt, wo hast du diese Nachrichten alle her? Hast du den Kriegsrat
belauscht? oder sollte es wahr sein, was einige behaupten wollen, da du
verdchtige Verbindungen nach Wrttemberg hinber unterhltst?
    Wer wagt dies zu behaupten? rief Georg erblassend.
    Frondsbergs durchdringende Augen ruhten prfend auf den Zgen des jungen
Mannes. Hre, du bist mir zu jung und ehrlich zu einem Bubenstcke, sagte er,
und wenn du etwas solches im Schilde fhrtest, httest du dich wohl nicht vom
Bunde losgesagt, sondern auch ferner Wrttembergs Spion gemacht.
    Wie? spricht man so von mir? unterbrach ihn Georg; wenn Ihr nur ein
Fnkchen Liebe zu mir habt, so nennt mir den schlechten Kerl, der so von mir
spricht!
    Nur nicht gleich wieder so aufbrausend, entgegnete Frondsberg und drckte
die Hand des jungen Mannes; du kannst denken, da, wenn ein solches Wort
ffentlich gesprochen wrde, oder ich an diese Einflsterungen glaubte, Georg
von Frondsberg nicht zu dir kme. Aber etwas mu denn doch an der Sache sein. Zu
dem alten Lichtenstein kam fters ein schlichter Bauersmann in die Stadt; er
fiel nicht auf zu einer Zeit, wo so vielerlei Menschen hier sind. Aber man gab
uns geheime Winke, da dieser Bauer ein verschlagener Mann und ein geheimer
Botschafter aus Wrttemberg sei. Der Lichtensteiner zog ab, und der Bauer und
sein geheimnisvolles Treiben war vergessen. Diesen Morgen hat er sich wieder
gezeigt. Er soll vor der Stadt lange Zeit mit dir gesprochen haben, auch wurde
er in deinem Haus gesehen. Wie verhlt sich nun diese Sache?
    Georg hatte ihm mit wachsendem Staunen zugehrt. So wahr ein Gott ber mir
ist, sagte er, als Frondsberg geendet hatte, ich bin unschuldig. Heute frhe
kam ein Bauer zu mir und -
    Nun, warum verstummst du auf einmal, fragte Frondsberg, du glhst ja ber
und ber, was ist es denn mit diesem Boten?
    Ach! ich schme mich, es auszusprechen, und dennoch habt Ihr ja schon alles
erraten; er brachte mir ein paar Worte von - meinem Liebchen! Der junge Mann
ffnete bei diesen Worten sein Wams und zog einen Streifen von Pergament hervor,
den er dort verborgen hatte. Seht, dies ist alles, was er brachte, sagte er,
indem er es Frondsberg bot.
    Das ist also alles? lachte dieser, nachdem er gelesen hatte; armer Junge!
und du kennst also diesen Mann nicht nher? Du weit nicht, wer er ist?
    Nein, er ist auch weiter nichts, als unser Liebesbote, dafr wollte ich
stehen!
    Ein schner Liebesbote, der nebenher unsere Sachen auskundschaften soll;
weit du denn nicht, da es der gefhrlichste Mann ist? es ist der Pfeifer von
Hardt.
    Der Pfeifer von Hardt? fragte Georg, zum erstenmal hre ich diesen Namen;
und was ist es dann, wenn er der Pfeifer von Hardt ist?
    Das wei niemand recht, er war im Aufstand vom Armen Konrad einer der
schrecklichsten Aufrhrer, nachher wurde er begnadigt; seit der Zeit fhrt er
ein unstetes Leben, und ist jetzt ein Kundschafter des Herzogs von Wrttemberg.
    Und hat man ihn aufgefangen? forschte Georg weiter, denn unwillkrlich
nahm er wrmeren Anteil an seinem neuen Diener.
    Nein, das gerade ist das Unbegreifliche; man machte uns so still als
mglich die Anzeige, da er sich wieder in Ulm sehen lasse; in Eurem Stall soll
er zuletzt gewesen sein, und als wir ihn ganz in geheim aufheben wollten, war er
ber alle Berge. Nun, ich glaube deinem Wort und deinen ehrlichen Augen, da er
in keinen andern Angelegenheiten zu dir kam. - Du kannst dich brigens darauf
verlassen, da er, wenn es derselbe ist, den ich meine, nicht allein deinetwegen
sich nach Ulm wagte. Und solltest du je wieder mit ihm zusammentreffen, so nimm
dich in acht, solchem Gesindel ist nicht zu trauen. Doch der Wchter ruft zehn
Uhr. Lege dich noch einmal aufs Ohr und vertrume deine Gefangenschaft. Vorher
aber gib mir dein Wort wegen der vierzehn Tage, und das sage ich dir, wenn du
Ulm verlt ohne dem alten Frondsberg Lebewohl zu sagen -
    Ich komme, ich komme, rief Georg, gerhrt von der Wehmut des verehrten
Mannes, die jener umsonst unter einer lchelnden Miene zu verbergen suchte. Er
gab ihm Handtreue, wie es der Kriegsrat verlangte, der Ritter aber verlie mit
langsamen Schritten die Totenkammer.

                                      XII


 Nur einmal noch la leuchten
 Mir deiner Augen Strahl,
 La hren deine Stimme
 Nur noch ein einzig Mal!
                                                                    C. Grneisen

Die Mittagssonne des folgenden Tages sendete drckende Strahlen auf einen
Reiter, welcher ber den Teil der Schwbischen Alb, der gegen Franken ausluft,
hinzog. Er war jung, mehr schlank als fest gebaut, und ritt ein hochgewachsenes
Pferd von dunkelbrauner Farbe; er war wohlbewaffnet mit Brustharnisch, Dolch und
Schwert; einige andere Stcke seiner Armatur, als der Helm und die aus
Eisenblech getriebenen Arm- und Beinschienen, waren am Sattel befestigt. Die
hellblau und wei gestreifte Feldbinde, die von der rechten Schulter sich ber
die Brust zog, lie erraten, da der junge Mann von Adel war, denn diese
Auszeichnung war damals ein Vorrecht hherer Stnde.
    Er war auf einem Berggipfel angekommen, welcher eine weite Aussicht ins Tal
hinab gewhrte. Er hielt sein schnaubendes Ro an, wandte es zur Seite und geno
nun den schnen Anblick, der sich vor seinem Auge ausbreitete. Vor ihm eine
weite Ebene von waldigen Hhen begrenzt, durchstrmt von den grnen Wellen der
Donau; zu seiner Rechten die Hgelkette der wrttembergischen Alb, zu seiner
Linken in weiter, weiter Ferne die Schneekuppen der Tiroler Alpen. In
freundlichem Blau spannte der Himmel seinen Bogen ber diese Szene, und seine
sanften lichten Farben kontrastierten sonderbar mit den schwrzlichen Mauern
Ulms, das am Fue des Berges lag, mit seinem dunkelgrauen, ungeheuren
Mnsterturm. Die dumpfen Glocken dieser alten Kirche begannen in diesem
Augenblick den Mittag einzuluten, ihre Tne zogen in langen, beruhigenden
Akkorden ber die Stadt ber die weite Ebene, bis sie sich an den fernen Bergen
brachen, und zitternd in das Blau der Lfte verschwebten, als wollten sie auf
ihrer melodischen Leiter die Wnsche der Menschen zum Himmel tragen.
    So begleitet ihr also den Scheidenden wie ihr seinen Eintritt begrt
habt, rief der junge Reiter, mit denselben Tnen, mit denselben feierlichen
Akkorden sprechet ihr zu ihm, wann er kommt und geht; wie anders, wie so ganz
anders deutete ich eure ehernen Stimmen, als mein Ohr euch zum erstenmal
lauschte. Da vernahm ich in euch verwandte Tne, es klang mir wie ein Ruf zur
Geliebten! Und jetzt, da ich scheide, ohne Aussicht, ohne Freude, jetzt ruft ihr
mir dieselben Tne entgegen? Die Geburt meiner seligen Hoffnung habt ihr ebenso
eingelutet, wie jetzt das Grabgelute meiner Hoffnung? Das Bild des Lebens!
setzte er wehmtig hinzu, indem er nach einem langen Abschiedsblick auf dieses
Tal, auf diese Mauern, sein Pferd wandte. Das Bild des Lebens! Um Wiege und
Sarg schweben sie in gleichen Tnen, und die Glocken meiner Hauskapelle haben an
jenem frhlichen Tage, wo man mich zur Taufe trug, mir ebenso getnt, wie sie
mir tnen werden, wenn man den letzten Sturmfeder zu Grabe trgt!
    Das Gebirge wurde jetzt steiler, und Georg, denn als diesen haben unsere
Leser den jungen Reiter schon lngst erkannt, Georg lie sein Pferd langsam
hinschreiten, indem er seinen Gedanken nachhing. Es war der Weg nach seiner
Heimat, und die Vergleichungen, die er zwischen dieser Heimkehr und dem
frhlichen Auszug anstellte, mochten nicht dazu beitragen, seine dsteren
Gefhle aufzuhellen. Der gesterige Tag, der schnelle Wechsel heftiger
Empfindungen, seine Verhaftung, zuletzt noch heute der Abschied von Mnnern, die
ihm wohlwollten, hatte ihn heftig angegriffen.
    Wie treuherzig und gutmtig hatte Dieterich von Kraft sein zierlicher
Gastfreund seine Abreise bedauert; wie gleich war sich dieser gute Mensch in
seinem Wohlwollen gegen ihn geblieben, vom ersten Becher an, den er mit ihm im
Rathaussaale geleert, bis zum Abschiedstrunk, den er seinem Gast noch auf das
Pferd hinauf kredenzte; und wie hatte er ihm gelohnt? Beschftigt mit sich
selbst hatte er ihn wenig geachtet, bersehen. Wie hatte er dem biedern
Breitenstein, wie dem Helden Frondsberg, der ihn vor den Augen eines Heeres wie
seinen Liebling ausgezeichnet hatte, wie hatte er ihnen vergolten? Wahrlich, es
ist fr ein edles Gemt kein Gedanke drckender, als der, fr undankbar zu
gelten bei Mnnern, in deren Augen wir geachtet sein mchten.
    Er hatte unter diesen trben Gedanken eine gute Strecke auf dem
Gebirgsrcken zurckgelegt. Die Strahlen der Mrzsonne wurden immer drckender,
die Pfade rauher, und er beschlo, unter dem Schatten einer breiten Eiche sich
und seinem Pferde Mittagsruhe zu gnnen. Er stieg ab, schnallte den Sattelgurt
leichter und lie das ermdete Tier die sparsam hervorkeimenden Grser
aufsuchen. Er selbst streckte sich unter der Eiche nieder, und so gerne er sich
dem Schlafe berlassen htte, wozu nach dem ermdenden Ritte ihn der khle
Schatten einlud, so hielt ihn doch die Besorgnis, in so unruhigen Zeiten in
einem Lande, das so nahe dem Schauplatz des Krieges lag, um sein Ro und
vielleicht gar um seine Waffen zukommen, einige Zeit wach, bis er in jenen
Zustand versank, wo die Seele zwischen Wachen und Schlafen umsonst mit dem
Krper kmpft, der ungestm seine Rechte fordert.
    
    Er mochte wohl ein Stndchen so geschlummert haben, als ihn das Wiehern
seines Pferdes aufschreckte; er sah sich um und gewahrte einen Mann, der, ihm
den Rcken gekehrt, sich mit dem Tier beschftigte. Sein erster Gedanke war, da
man seine Unachtsamkeit bentzen, und das Pferd entfhren wolle; er sprang auf,
zog sein Schwert und war in drei Sprngen dort. Halt! was hast du da mit dem
Pferd zu schaffen! rief er, indem er seine Hand etwas unsanft auf die Schulter
des Mannes legte.
    Habt Ihr mich denn schon wieder aus Eurem Dienst entlassen, Junker?
antwortete dieser und wandte sich zu ihm; in den listigen, khnen Augen, an dem
lchelnden Mund erkannte Georg sogleich den Boten, den ihm Marie gesandt hatte:
er war noch unschlssig, wie er sich gegen ihn benehmen sollte, denn Frondsbergs
Warnung schreckte ihn ab, Mariens Zuversicht empfahl ihn, doch der Bauer fuhr
fort, indem er ihm eine gute Handvoll Heu vorzeigte: Ich konnte mir wohl
denken, da Ihr keinen Futtersack mitnehmen werdet; auf den Bergen da oben sieht
es noch schlecht aus mit dem Gras, da habe ich denn Eurem Braunen einen Armvoll
Heu mitgebracht; es hat ihm trefflich behagt. So sprach der Bauer, und fuhr
ganz gelassen fort dem Pferd das Futter hinzureichen.
    Und woher kommst du denn? fragte Georg, nachdem er sich ein wenig von
seinem Erstaunen gesammelt hatte.
    Nun, Ihr seid ja so schnell von Ulm weggeritten, da ich Euch nicht gleich
folgen konnte, antwortete jener.
    Lge nicht! unterbrach ihn der junge Mann; sonst kann ich dir frder
nicht vertrauen. Du kommst jetzt nicht aus jener Stadt her?
    Nun, Ihr werdet mich doch nicht schelten, da ich mich etwas frher auf den
Weg machte als Ihr? sagte der Bauer und wandte sich ab; doch entging Georg
nicht, da jenes listige Lcheln wieder ber sein Gesicht zog.
    La mein Pferd jetzt stehen, rief Georg ungeduldig, und komm mit mir
unter die Eiche dort; da setze dich hin und sprich, aber ohne auszuweichen,
warum hast du gestern abend so pltzlich die Stadt verlassen?
    An den Ulmern lag es nicht, entgegnete jener, sie wollten mich sogar
einladen lnger bei ihnen zu bleiben, und wollten mir freie Kost und Wohnung
geben.
    Ja, ins tiefste Verlies wollten sie dich stecken, wo weder Sonne noch Mond
hinscheint, und wohin die Kundschafter und Spher gehren.
    Mit Verlaub, Junker, erwiderte der Bote, da wre ich, wiewohl ein paar
Stockwerke tiefer, in dieselbe Behausung gekommen wie Ihr?
    Hund von einem Aufpasser! rief der Junker ungeduldig, indem Zorn seine
Wangen rtete, willst du meines Vaters Sohn in eine Reihe stellen mit dem
Pfeifer von Hardt!
    Was sprecht Ihr da? fuhr der Mann an seiner Seite mit wilder Miene auf;
was nennt Ihr fr einen Namen? kennt Ihr den Pfeifer von Hardt? Er hatte
vielleicht unwillkrlich bei diesen Worten die Axt, die neben ihm lag, in seine
nervige Rechte gefat. Seine gedrungene feste Gestalt, seine breite Brust, gaben
ihm trotz seiner nicht ansehnlichen Gre, doch das Ansehen eines nicht zu
verachtenden Kmpfers; sein wildrollendes Auge, sein eingepreter Mund mchten
manchen einzelnen Mann auer Fassung gebracht haben.
    Der Jngling aber sprang mutig auf, er warf sein langes Haar zurck, und ein
Blick voll Stolz und Hoheit begegnete dem finsteren Auge jenes Mannes; er legte
seine Hand an den Griff seines Schwertes und sagte ruhig und fest: Was fllt
dir ein, dich so vor mich hinzustellen und mit dieser Stirne mich zu fragen; du
bist, wenn ich nicht irre, der, den ich nannte, du bist dieser Meuter und
Anfhrer von aufrhrerischen Hunden; pack dich fort, auf der Stelle, oder ich
will dir zeigen wie man mit solchem Gesindel spricht!
    Der Bauer schien mit seinem Zorn zu ringen; er hieb die Axt mit einem
krftigen Schwung in den Baum, und stand nun ohne Waffe vor dem zrnenden,
jungen Mann. Erlaubet, sagte er, da ich Euch fr ein andermal warne, da Ihr
Euren Gegner, und sei er auch nur ein geringer Bauersmann wie ich, nicht
zwischen Euch und Eurem Braunen stehen lasset; denn wenn ich Euren Befehl, mich
fortzupacken, htte aufs schnellste befolgen wollen, wre er mir trefflich
zustatten kommen.
    Ein Blick dahin berzeugte Georg, da der Bauer wahr gesprochen habe;
errtend ber diese Unvorsichtigkeit, die beweisen konnte, wie wenig er noch
Erfahrung im Kriege besitze, lie er seine Hand von dem Griff seines Schwertes
sinken, und setzte sich, ohne etwas zu erwidern, auf die Erde nieder. Der Bauer
folgte, jedoch in ehrerbietiger Entfernung, seinem Beispiel und sprach: Ihr
habt ganz recht, da Ihr mir grollt, Herr von Sturmfeder, aber wenn Ihr wtet,
wie weh mir jener Name tut, wrdet Ihr vielleicht meine schnelle Hitze
verzeihen! Ja! ich bin der, den man so nennt, aber es ist mir ein Greuel, mich
also rufen zu hren; meine Freunde nennen mich Hanns, aber meinen Feinden
gefllt jener Name, weil ich ihn hasse.
    Was hat dir dieser unschuldige Name getan? fragte Georg, warum nennt man
dich so? warum willst du dich nicht so nennen lassen?
    Warum man mich so nennt? antwortete jener; ich bin aus einem Dorf, das
heit Hardt, und liegt im Unterland nicht weit von Nrtingen; meinem Gewerbe
nach bin ich ein Spielmann, und musiziere auf Mrkten und Kirchweihen, wenn die
ledigen Bursche und die jungen Mgdlein tanzen wollen. Deswegen nannte man mich
den Pfeifer von Hardt. Aber dieser Name hat sich mit Untat und Blut befleckt in
einer bsen Zeit, darum habe ich ihn abgetan und kann ihn nimmer leiden.
    Georg ma ihn mit einem durchdringenden Blick, indem er sagte: Ich wei
wohl, in welcher bsen Zeit; als ihr Bauern gegen euern Herzog rebelliert habt,
da warst du einer von den rgsten. Ist's nicht also?
    Ihr seid wohlbekannt mit dem Schicksal eines unglcklichen Mannes, sagte
der Bauer finster zu Boden blickend; Ihr mt aber nicht glauben, da ich noch
derselbe bin. Der Heilige hat mich gerettet und meinen Sinn gendert, und ich
darf sagen, da ich jetzt ein ehrlicher Mann bin.
    Oh, erzhle mir, unterbrach ihn der Jngling, wie ging es zu in jenem
Aufruhr? wie wurdest du gerettet, wie kommt's, da du jetzt dem Herzog dienst?
    Das alles will ich auf ein andermal versparen, entgegnete jener; denn ich
hoffe nicht zum letztenmal an Eurer Seite zu sein; erlaubt mir dafr, da ich
auch Euch etwas frage; wo soll Euch denn dieser Weg hinfhren? da geht nicht die
Strae nach Lichtenstein!
    Ich gehe auch nicht nach Lichtenstein, antwortete Georg niedergeschlagen;
mein Weg fhrt nach Franken zu dem alten Oheim; das kannst du dem Frulein
vermelden, wenn du nach Lichtenstein kommst.
    Und was wollt Ihr beim Oheim? Jagen? das knnt Ihr anderswo ebensogut;
Langeweile haben? die kauft Ihr allerorten wohlfeil; kurz und gut, Junker,
setzte er gutmtig lchelnd hinzu, ich rate Euch, wendet Euer Ro und reitet so
ein paar Tage mit mir in Wrttemberg umher; der Krieg ist ja so gut als
beendigt; man kann ganz ungehindert reisen.
    Ich habe dem Bund mein Wort gegeben, in vierzehn Tagen nicht gegen ihn zu
fechten; wie kann ich also nach Wrttemberg gehen?
    Heit denn das gegen ihn fechten, wenn Ihr ruhig Eure Strae ziehet? So
also, vierzehn Tage lang, in vierzehn Tagen glauben sie den Krieg vollendet?
Wird noch mancher nach vierzehn Tagen den Kopf verstoen an den Mauern von
Tbingen. Kommt mit, es ist ja nicht gegen Euren Eid!
    Und was soll ich in Wrttemberg, rief Georg schmerzlich, soll ich recht
in der Nhe sehen, wie meine Kriegsgesellen bei Eroberung der Festen sich Ruhm
erwerben? Soll ich den Bundesfahnen, denen ich auf ewig Lebewohl gesagt und den
Rcken gekehrt, noch einmal begegnen? Nein! nach Franken will ich ziehen, in
meine Heimat, sagte er dster, indem er die umwlkte Stirn in die Hand sttzte,
in meine alte Mauern will ich mich begraben, und trumen, wie ich htte
glcklich sein knnen!
    Das ist ein schner Entschlu fr einen jungen Mann von Euerm Schrot und
Korn! Habt Ihr denn in Wrttemberg gar nichts zu tun, als des armen Herzogs
Burgen zu strmen? Nun, reitet immerhin, fuhr er fort, indem er den Jngling
mit listigem Lcheln anblickte, versucht einmal, ob der Lichtenstein nicht im
Sturm genommen werden knne?
    Der junge Mann errtete bis in die Stirne hinauf, wie magst du nur jetzt
deinen Scherz treiben, sagte er, halb in Unmut, halb lchelnd, wie magst du
mit meinem Unglck spaen?
    Fllt mir nicht ein, Scherz mit meinem gndigen Junker zu treiben,
antwortete sein Gefhrte; es ist mein voller Ernst, da ich Euch bereden
mchte, dorthin zu ziehen.
    Und was dort tun?
    Nun! den alten Herrn fr Euch gewinnen, und die Trnen des bleichen
Fruleins stillen, das wegen Euch Tag und Nacht weint!
    Und wie soll ich auf den Lichtenstein kommen? der Vater kennt mich nicht,
wie soll ich mit ihm bekannt werden?
    Seid Ihr der erste Rittersmann, der nach Sitte der Vter eine freie Zehrung
in einem Schlo fordert? Lasset nur mich dafr sorgen, so sollt Ihr bald auf den
Lichtenstein kommen!
    Der Jngling sann lange Zeit nach, er erwog alle Grnde fr und wider, er
bedachte, ob es nicht gegen seine Ehre sei, statt vom Schauplatz des Krieges
sich zu entfernen, in eine Gegend zu reisen, wohin sich der Krieg notwendig
ziehen mute. Doch als er bedachte, wie mild die Bundesobersten selbst seinen
Abfall angesehen hatten, wie sie sogar im Fall seines vlligen bertrittes zum
Feinde nur vierzehn Tage Frist angesetzt hatten, als ihm Mariens trauernde
Miene, ihre stille Sehnsucht auf ihrem einsamen Lichtenstein vorschwebte, da
neigte sich die Schale nach Wrttemberg.
    Noch einmal will ich sie sehen, nur noch einmal sie sprechen, dachte er. -
Nun wohlan, rief er endlich, wenn du mir versprichst, da nie davon die Rede
sein soll, mich an die Wrttemberger anzuschlieen; da ich nicht als Anhnger
eures Herzogs, sondern als Gast in Lichtenstein behandelt werde, wenn du dies
versprichst, so will ich folgen.
    Fr mich kann ich dies wohl versprechen, antwortete der Bauer, aber wie
kann ich etwas geloben fr den Ritter von Lichtenstein?
    Ich wei, wie du mit ihm stehst, und da du oft zu ihm nach Ulm kamst und
er sein Vertrauen in dich setzt; so gut du ihm geheime Botschaft aller Art
bringen konntest, nicht minder kannst du ihm auch dies beibringen!
    Der Pfeifer von Hardt sah den jungen Mann lange staunend an: Woher wit Ihr
dies? rief er, doch - die, welche mich verfolgten, knnen auch dies gesagt
haben. Nun gut, ich verspreche Euch, da Ihr berall so angesehen sein sollt,
als Ihr wollet; besteiget Euer Ro, ich will Euch fhren, und Ihr sollt
willkommen sein auf Lichtenstein!

                                      XIII


 Da spricht der arme Hirte: Des mag noch werden Rat,
 Ich wei geheime Wege, die noch kein Mensch betrat,
 Kein Mensch mag sie ersteigen, nur Geien klettern dort,
 Wollt Ihr sogleich mir folgen, ich bring Euch sicher fort.
                                                                       L. Uhland

Von jenem Bergrcken, wo Georg den Entschlu gefat hatte, seinem
geheimnisvollen Fhrer zu folgen, gab es zwei Wege in die Gegend von Reutlingen,
wo Mariens Bergschlo, der Lichtenstein, lag. Der eine war die offene
Heerstrae, welche von Ulm nach Tbingen fhrt. Sie fhrte durch das schne
Blautal, bis man bei Blaubeuren wieder an den Fu der Alb kam, von da quer ber
dieses Gebirge, vorbei an der Feste Hohen-Urach, gegen Sankt Johann und
Pfullingen hin. Dieser Weg war sonst fr Reisende, die Pferde, Snften oder
Wagen mit sich fhrten, der bequemere. In jenen Tagen aber, wo Georg mit dem
Pfeifer von Hardt ber das Gebirge zog, war es nicht ratsam, ihn zu whlen. Die
Bundestruppen hatten schon Blaubeuren besetzt, ihre Posten dehnten sich ber die
ganze Strae bis gegen Urach hin, und verfuhren gegen jeden, der nicht zum Heer
gehrte, oder zu ihnen sich bekannte, mit groer Strenge und Erbitterung. Georg
hatte seine Grnde, diese Strae nicht zu whlen, und sein Fhrer war zu sehr
auf seine eigene Sicherheit bedacht, als da er dem jungen Mann von diesem
Entschlu abgeraten htte.
    Der andere Weg, eigentlich ein Fupfad, und nur den Bewohnern des Landes
genau bekannt, berhrte auf einer Strecke von beinahe zwlf Stunden nur einige
einzeln stehende Hfe, zog sich durch dichte Wlder und Gebirgsschluchten, und
hatte, wenn er auch hie und da, um die Landstrae zu vermeiden, einen Bogen
machte, und fr Pferde ermdend und oft beinahe unzugnglich war, doch den
groen Vorteil der Sicherheit.
    Diesen Pfad whlte der Bauer von Hardt und der Junker willigte mit Freuden
ein, weil er hoffen durfte, hier auf keine Bndischen zu stoen. Sie zogen rasch
frba, der Bauer war immer an Georgs Seite, wenn die Stellen schwierig wurden,
fhrte er sorgsam sein Pferd und bewies berhaupt so viele Aufmerksamkeit und
Sorgfalt fr Reiter und Ro, da in Georgs Seele jene Warnungen Frondsbergs vor
diesem Manne immer mehr an Gewicht verloren und er nur einen treuen Diener in
ihm sah.
    Georg unterhielt sich gerne mit ihm; er urteilte ber manche Dinge, die
sonst auer dem Kreise des Landmanns liegen, klug und scharfsinnig und mit einem
so schlagenden Witz, da er dem sonst ernsten, jungen Mann, den seine
zweifelhafte Lage oft trbe stimmte, unwillkrlich ein Lcheln abntigte. Von
jeder Burg, die in der Ferne aus den Wldern auftauchte, wute er eine Sage zu
erzhlen, und die Klarheit und Lebendigkeit, mit welcher er vortrug, bewies, da
er bei manchem Hochzeitschmaus, bei manchem Kirchweihtanz neben seinem Amt als
Spielmann auch das eines Erzhlers bernommen haben msse. Nur sooft Georg auf
sein eigenes Leben, besonders auf jene Periode kommen wollte, wo der Pfeifer von
Hardt eine bedeutende Rolle in dem Aufruhr des Armen Konrad gespielt hatte,
brach er dster ab, oder wute mit mehr Gelufigkeit, als man dem schlichten
Mann zugetraut htte, das Gesprch auf andere Gegenstnde zu bringen.
    So waren sie ohne Aufenthalt fortgereist; Hanns wute immer voraus, wann
wieder ein Gehfte kam, wo sie Erfrischung fr sich und gutes Futter fr das
Pferd finden wrden. berall war er bekannt, berall wurde er freundlich,
wiewohl, wie es Georg schien, meistens mit Staunen aufgenommen. Er flsterte
dann gewhnlich ein Viertelstndchen mit dem Hausvater, whrend die Hausfrau dem
jungen Ritter emsig und freundlich mit Brot, Butter und unvermischtem pfelwein
aufwartete und die Bebla und Mdla den hohen, schlanken Gast, seine schnen
Kleider, seine glnzende Schrpe, die wallenden Federn seines Barettes,
bewunderten. War dann das kleine Mahl verzehrt, hatte Georgs Pferd wieder Krfte
gesammelt, so begleitete das ganze Haus den Scheidenden bis an die Tre, und der
junge Reiter konnte zu seiner Beschmung niemals die Gastfreundschaft der guten
Leute belohnen, mit abwehrenden Blicken auf den Pfeifer von Hardt, weigerten sie
sich standhaft, seine kleinen Gaben anzunehmen. Auch dieses Rtsel lste ihm
sein Begleiter nicht; denn seine Antwort: Wenn die Leute nach Hardt kommen,
kehren sie auch wieder bei mir ein, schien nur eine ausweichende Antwort zu
sein.
    Die Nacht brachten sie ebenfalls in einem dieser zerstreuten Hfe zu, wo die
Hausfrau ihrem vornehmen Gast mit nicht geringerer Bereitwilligkeit auf der
Ofenbank ein Bett zurechtmachte, als sie ihm zu Ehren ein paar Tauben geopfert
und einen dickgeschmlzten Haberbrei aufgetragen hatte.
    Den folgenden Tag setzten sie ihre Reise auf dieselbe Art fort, nur kam es
Georg vor, als ob sein Fhrer mit noch mehr Vorsicht als gestern zu Werke gehe;
denn er lie, wenn sie sich einem Hof nahten, den Reiter wohl fnfhundert
Schritte davon haltmachen, nahte sich behutsam den Gebuden, und erst, nachdem
er alles sorgfltig ausgesphet hatte, winkte er dem Junker, zu folgen. Georg
befragte ihn umsonst, ob es in dieser Gegend gefhrlicher sei, ob die
Bundestruppen schon in der Nhe seien? er sagte nichts Bestimmtes darber.
    Doch gegen Mittag, als die Gegend lichter wurde, und der Weg sich mehr gegen
das ebene Land herabzuziehen schien, schien auch die Reise gefhrlicher zu
werden; denn der Spielmann von Hardt schien sich von jetzt an gar nicht mehr den
Wohnungen nhern zu wollen, sondern hatte sich in einem Hof mit einem Sack
versehen, der Futter fr das Pferd und hinlngliche Viktualien fr sie beide
enthielt; es schien, als ob er meist noch einsamere Pfade als bisher aufsuche;
auch glaubte Georg zu bemerken, da sie nicht mehr dieselbe Richtung befolgen
wie frher, sondern sehr stark zur Rechten einbiegen.
    Am Rand eines schattigen Buchenwldchens, wo eine klare Quelle und frischer
Rasen zur Ruhe einlud, machten sie halt; Georg stieg ab, und sein Fhrer
bereitete aus seinem Sack ein gutes Mittagsmahl. Nachdem er das Pferd versehen
hatte, setzte er sich zu den Fen des jungen Ritters und begann mit groem
Appetit zuzugreifen.
    Georg hatte seinen Hunger gestillt und betrachtete jetzt mit aufmerksamem
Auge die Gegend. Es war ein schnes breites Tal, in welches sie hinabsahen. Ein
kleines Flchen eilte schnell durchhin, die Felder, wovon es begrenzt war,
schienen gut und fleiig angepflanzt, eine freundliche Burg erhob sich auf einem
Hgel am andern Ende des Tales, die ganze Gegend war freundlicher als der
Gebirgsrcken, ber welchen sie gezogen waren.
    Es scheint, wir haben die Alb verlassen? sagte der junge Mann, indem er
sich zu seinem Gefhrten wandte, dieses Tal, jene Hgel sehen bei weitem
freundlicher aus, als der Felsenboden und die den Weidepltze, die wir
durchzogen. Selbst die Luft weht hier milder und wrmer als oben, wo uns die
Winde oft so hart anfaten.
    Ihr habt recht geraten, Junker, sagte Hanns, indem er die Reste ihrer
Mahlzeit sorgfltig in den Sack legte; diese Tler gehren schon zum Unterland,
und jenes Flchen, das Ihr sehet, strmt in den Neckar.
    Wie kommt es aber, da wir so weit vom Weg abbiegen? fragte Georg; es kam
mir schon oben im Gebirge vor, als haben wir die alte Richtung verlassen, aber
du wolltest nie darauf hren. Dieser Weg mu, soviel ich die Lage von
Lichtenstein kenne, viel zu weit rechts fhren.
    Nun, ich will es Euch jetzt sagen, antwortete der Bauer, ich wollte Euch
auf der Alb nicht unntig bange machen, jetzt aber sind wir, so Gott will, in
Sicherheit; denn im schlimmsten Fall sind wir keine vier Stunden mehr von Hardt,
wo sie uns nichts mehr anhaben sollen!
    In Sicherheit? unterbrach ihn Georg verwundert, wer soll uns etwas
anhaben?
    Ei, die Bndischen, erwiderte der Spielmann, sie streifen auf der Alb und
oft waren ihre Reiter keine tausend Schritte mehr von uns; mir fr meinen Teil
wre es nicht lieb gewesen, in ihre Hnde zu fallen, denn sie sind mir, wie Ihr
wohl wisset, gar nicht grn; und auch Euch wre es vielleicht nicht ganz recht,
gefangen vor den Herrn Truchse gefhrt zu werden!
    Gott soll mich bewahren! rief der Junker; vor den Truchse? lieber lasse
ich mich auf der Stelle totschlagen. Was wollen sie denn aber hier? Es ist ja
hier in der Nhe keine Feste von Wrttemberg, und du sagtest mir ja doch, sie
knnen ungehindert durchs Land ziehen; wornach streifen sie denn?
    Seht Junker! es gibt berall schlechte Leute; was ein rechter Wrttemberger
ist, der lt sich eher die Haut abziehen, als da er den Herzog verrt, nach
welchem die Bndler jetzt ein Treibjagen halten. Aber der Truchse soll unter
der Hand einen ganzen Haufen Gold versprochen haben, wenn man ihn fngt; er hat
seine Reiter ausgeschickt, diese streifen jetzt berall und die Leute sagen, es
gebe einige unter den Bauern, die sich vom Gold blenden lassen, und den
Sprhunden alle Klingen und Schlupfwinkel zeigen.19
    Nach dem Herzog sollen sie streifen? Der ist ja aus dem Lande geflohen,
oder wie andere sagen, in Tbingen, auf seinem festen Schlosse, wo ihn vierzig
Ritter beschtzen.
    Ja, die vierzig Edlen sind dort, antwortete der Bauer mit schlauer Miene;
auch des Herzogs Shnlein, der Christoph ist dort, das hat seine Richtigkeit,
ob aber der Herzog selbst dort ist, wei niemand recht. Im Vertrauen gesagt, wie
ich ihn kenne, schliet er sich auch nur zur hchsten Not in eine Feste ein; er
ist ein khner, unruhiger Herr; und es ist ihm wohler in den Wldern und Bergen,
wenn es auch Gefahr hat.
    Den Herzog also suchen sie? also mte er hier in der Nhe sein?
    Wo er ist, wei ich nicht, erwiderte der Pfeifer von Hardt, und ich
wollte wetten, dies wei niemand als Gott; aber wo er sein wird, wei ich,
setzte er hinzu, und es schien Georg, als ob ein Strahl von Begeisterung aus dem
Auge dieses Mannes breche: wo er sein wird, wenn die Not am hchsten ist, wo
seine Getreuen sich zu ihm finden werden, wo manche treue Brust zur Mauer werden
wird, um den Herrn in der Not gegen diese Bndler zu schtzen. Denn ist er auch
ein strenger Herr, so ist er doch ein Wrttemberger, und seine schwere Hand ist
uns lieber als die gleienden Worte des Bayern und des sterreichers.
    Und wenn sie den unglcklichen Frsten erkennen, wenn sie auf ihn stoen?
hat er nicht seine Gestalt verhllt und unkenntlich gemacht? Du hast mir einmal
sein Gesicht beschrieben und ich glaube ihn beinahe vor mir zu sehen, besonders
sein gebietendes, glnzendes Auge. Aber wie ist seine Gestalt?
    Er mag kaum acht Jahre lter sein als Ihr, entgegnete jener, er ist nicht
so gro, als Ihr, aber in vielem Euch hnlich an Gestalt; besonders wenn Ihr zu
Pferd saet und ich hinter Euch ging, da gemahnte es mich oft und ich dachte,
so, geradeso sah der Herzog aus, in den Tagen seiner Herrlichkeit.
    Georg war aufgestanden, um nach seinem Pferd zu sehen; die Worte des Bauern
hatten ihn um seine Sicherheit besorgt gemacht, und er sah jetzt erst ein, wie
tricht er gehandelt, in diesem Kriegesstrudel sich durch ein okkupiertes Land
stehlen zu wollen. Es wre ihm hchst unangenehm gewesen, in diesem Augenblicke
gefangen zu werden; zwar konnte er nach seinem Eide reisen wohin er wollte, wenn
er nur in den nchsten vierzehn Tagen keinen ttlichen Anteil an dem Kampfe
gegen den Bund nahm; aber er fhlte, welch nachteiliges Licht es dennoch auf ihn
werfen mte, in dieser Gegend, so weit von dem Weg nach seiner Heimat
aufgegriffen zu werden, und dazu noch in Gesellschaft eines Mannes, der den
Bundesobersten sehr verdchtig, sogar gefhrlich geschienen hatte. Umzukehren
war keine Mglichkeit, denn es lie sich beinahe mit Gewiheit annehmen, da die
Bundestruppen bereits die ganze Breite der Alb eingenommen haben; das sicherste
schien, sich zu beeilen, ber die uersten Posten des Heeres hinauszukommen;
man hatte dann die Gefahr im Rcken, vor und neben sich aber freie Bahn.
    Das sonst so muntere Tier, das seinen Herrn ber diese Gefahren hinaustragen
sollte, hing die Ohren; die groe Eile und die ermdenden, steinigen Fupfade
hatten seine Kraft geschwcht; zu seinem groen Verdru bemerkte Georg sogar,
da es auf dem linken Vorderfu nicht gerne auftrete, was nach einem
achtstndigen Weg ber scharfe, eckigte Felsen nicht zu verwundern war. Der
Bauer bemerkte die Verlegenheit des Junkers; er untersuchte das Tier, und riet,
es noch einige Stunden stehen zu lassen, gab aber zugleich den Trost, er seie
der Gegend so kundig, da sie eine groe Strecke in der Nacht zurcklegen
knnen.

                                      XIV


 Es ziehen vom Schwabenbunde
 Die Jger durchs Gefild,
 Die spren in die Runde
 Nach einem Frstenwild.
                                                                       G. Schwab

Der junge Mann ergab sich in sein Schicksal, und suchte Zerstreuung in der
lieblichen Aussicht, die sich noch bei weitem herrlicher seinen Augen ffnete,
als ihn der Bauer etwa fnfzig Schritte hher gefhrt hatte. Sie standen auf
einer Felsenecke, die einen schnen Auslufer der Schwbischen Alb begrenzte.
Ein ungeheures Panorama breitete sich vor den erstaunten Blicken Georgs aus, so
berraschend, von so lieblichem Schmelz der Farben, von so erhabener Schnheit,
da seine Blicke eine geraume Zeit wie entzckt an ihnen hingen. Und wirklich,
wer je mit reinem Sinn fr Schnheiten der Natur, ohne himmelhohe Alpen, ohne
Tler wie das Rheingau zu suchen, die Schwbische Alb bestiegen hat, dem wird
die Erinnerung eines solchen Anblickes unter die lieblichsten der Erde gehren.
    Man denke sich eine Kette von Gebirgen, die von der weitesten Entfernung,
dem Auge kaum erreichbar, durch alle Farben einer herrlichen Beleuchtung von
sanftem Grau, durch alle Nancen von Blau, am Horizont sich herzieht, bis das
dunkle Grn der nher liegenden Berge mit seinem sanften Schmelz die Kette
schliet. Auf diesen Gipfeln eines langen Gebirgsrcken erkennt das Auge
Schlsser und Burgen ohne Zahl, die wie Wchter auf diese Hhen sich lagern und
ber das Land hinschauen. Jetzt sind ihre Trme zerfallen, ihre stattlichen Tore
sind gebrochen, den tiefen Burggraben fllen Trmmer und Moos, und die Hallen,
in welchen sonst laute Freude erscholl, sind verstummt, aber damals, als Georg
auf dem Felsen von Beuren stand, ragten sie noch fest und herrlich; sie
breiteten sich wie eine undurchbrochene Schar gewaltiger Mnner zwischen den
Heldengestalten von Staufen und Hohenzollern aus.
    Ein herrliches Land dieses Wrttemberg, rief Georg, indem sein Auge von
Hgel zu Hgel schweifte; wie khn, wie erhaben diese Gipfel und Bergwnde,
diese Felsen und ihre Burgen; und wenn ich mich dorthin wende gegen die Tler
des Neckars wie lieblich jene sanften Hgel, jene Berge mit Obst und Wein
besetzt, jene fruchtbaren Tler mit schnen Bchen und Flssen, dazu ein milder
Himmel und ein guter, krftiger Schlag von Menschen.
    Ja, fiel der Bauer ein, es ist ein schnes Land; doch hier oben will es
noch nicht viel sagen, aber was so unter Stuttgart ist, das wahre Unterland,
Herr! da ist es eine Freude im Sommer oder Herbst, am Neckar hinabzuwandeln; wie
da die Felder so schn und reich stehen, wie der Weinstock so dicht und grn die
Berge berzieht, und wie Nachen und Fle den Neckar hinauf- und hinabfahren,
wie die Leute so frhlich an der Arbeit sind, und die schnen Mdchen singen wie
die jungen Lerchen!
    Wohl sind jene Tler an der Rems und dem Neckar schner, entgegnete Georg,
aber auch dieses Tal zu unsern Fen, auch diese Hhen um uns her haben
eigenen, stillen Reiz; wie heien jene Burgen auf den Hgeln? sage, wie heien
jene fernen Berge?
    Der Bauer berblickte sinnend die Gegend, und zeigte auf die hinterste
Bergwand, die dem Auge kaum noch sichtbar aus den Nebeln ragte. Dort hinten
zwischen Morgen und Mittag ist der Roberg, in gleicher Richtung herwrts, jene
vielen Felsenzacken sind die Hhen von Urach. Dort, mehr gegen Abend ist Achalm,
nicht weit davon, doch knnt Ihr ihn hier nicht sehen, liegt der Felsen von
Lichtenstein.
    Dort also, sagte Georg stille vor sich hin, und sein Auge tauchte tief in
die Nebel des Abends, dort wo jenes Wlkchen in der Abendrte schwebt, dort
schlgt ein treues Herz fr mich; jetzt auch steht sie vielleicht auf der Zinne
ihres Felsens und sieht herber in diese Welt von Bergen, vielleicht nach diesem
Felsen hin. O da die Abendlfte dir meine Gre brchten, und jene rosigen
Wolken dir meine Nhe verkndeten!
    Weiter hin, Ihr sehet doch jene scharfe Ecke, das ist die Teck; unsere
Herzoge nennen sich Herzoge von Teck, es ist eine gute feste Burg; wendet Eure
Blicke hier zur Rechten, jener hohe, steile Berg war einst die Wohnung berhmter
Kaiser, es ist Hohenstaufen.
    Aber wie heit jene Burg, die hier zunchst aus der Tiefe emporsteigt,
fragte der junge Mann; sieh nur, wie sich die Sonne an ihren hellen weien
Wnden spiegelt, wie ihre Zinnen in goldenen Duft zu tauchen scheinen, wie ihre
Trme in rtlichem Lichte erglnzen.
    Das ist Neuffen, Herr! auch eine starke Feste, die dem Bunde zu schaffen
machen wird.
    Die Sonne des kurzen, schnen Mrztages begann whrend diesem Zwiegesprch
der Wanderer hinabzusinken. Die Schatten des Abends rollten dunkle Schleier ber
das Gebirge, und verhllten dem Auge die ferneren Gipfel und Hhen. Der Mond kam
bleich herauf, und berschaute sein nchtliches Gebiet. Nur die hohen Mauern und
Trme von Neuffen rtete die Sonne noch mit ihren letzten Strahlen, als sei
dieser Felsen ihr Liebling, von welchem sie ungern scheide. Sie sank, auch diese
Mauern hllten sich in Dunkel, und durch die Wlder zog die Nachtluft,
geheimnisvolle Gre flsternd dem heller strahlenden Mond entgegen.
    Jetzt ist die wahre Tageszeit fr Diebe und fr flchtige Reisende, wie
wir, sagte der Bauer, als er des Junkers Pferd aufzumte; sei es noch um eine
Stunde, so ist die Nacht kohlschwarz, und dann soll uns, bis die Sonne wieder
aufgeht, kein bndischer Reiter ausspren!
    Glaubst du es habe Gefahr? sagte Georg, indem er seine Hand nach dem Helm
ausstreckte, und das dnne Barett abnahm. Meinst du nicht, wir sollen uns
besser wappnen?
    Lat hngen, Junker, rief der Bauer lachend, solch eine Sturmhaube ist an
sich schon kalt, und gibt in einer frischen Nacht nicht sehr warm; lasset immer
Euer Barett sitzen; in dieser Gegend suchen sie den Herzog nicht, und sollten
sie kommen, wir zwei frchten ihrer vier nicht.
    Der junge Mann lie zgernd seinen schnen Helm am Sattelknopf hngen, er
schmte sich, weniger Mut zu zeigen als sein Begleiter, der unberitten, nur
durch eine dnne lederne Mtze geschtzt, und mit einer einfachen Axt schlecht
bewaffnet war. Er schwang sich auf. Sein Fhrer ergriff die Zgel des Rosses,
und schritt voran den Berg hinab.
    Du meinst also, fragte Georg nach einer Weile, bis hieher werden sich die
bndischen Reiter nicht wagen?
    Es ist nicht wohl mglich, antwortete der Pfeifer, Neuffen ist ein
starkes Schlo und hat gute Besatzung; sie werden es zwar in kurzer Zeit mit
Heeresmacht belagern, aber Gesindel wie die Handvoll Reiter des Truchse wagt
sich doch nicht in die Nhe einer feindlichen Burg.
    Schau! wie hell und schn der Mond scheint, rief der Jngling, der, noch
immer erfllt von dem Anblick auf dem Berge, die wunderlichen Schatten der
Wlder und Hhen, die hellglnzenden Felsen betrachtete; siehe wie die Fenster
von Neuffen im Mondlicht schimmern!
    Es wre mir lieber er schiene heute nacht nicht, entgegnete sein Fhrer,
indem er sich zuweilen besorgt umsah; dunkle Nacht wre besser fr uns, der
Mond hat schon manchen braven Mann verraten. Doch jetzt steht er gerade ber dem
Reienstein, wo der Riese gewohnt hat, es kann nicht mehr lange dauern, so ist
er hinunter.
    Was schwatzt du da von einem Riesen, der auf dem Reienstein gewohnt hat?
    Ja, dort hat vor langer Zeit ein Riese gewohnt20, das hat seine
Richtigkeit; dort ber dem Berg, gerade wo jetzt der Mond steht, liegt ein
Schlo, das heit der Reienstein; es gehrt jetzt den Helfensteinern; es liegt
auf jhen Felsen, weit oben in der Luft, und hat keine Nachbarschaft als die
Wolken und bei Nacht den Mond. Geradeber von der Burg auf einem Berge, worauf
jetzt der Heimenstein steht, liegt eine Hhle, und darinnen wohnte vor alters
ein Riese. Er hatte ungeheuer viel Gold, und htte herrlich und in Freuden leben
knnen, wenn es noch mehr Riesen und Riesinnen auer ihm gegeben htte. Da fiel
es ihm ein, er wolle sich ein Schlo bauen, wie es die Ritter haben auf der Alb.
Der Felsen gegenber schien ihm gerade recht dazu.
    Er selbst aber war ein schlechter Baumeister; er grub mit den Ngeln
haushohe Felsen aus der Alb und stellte sie aufeinander, aber sie fielen immer
wieder ein und wollten kein geschicktes Schlo geben. Da legte er sich auf den
Beurener Felsen, und schrie ins Tal hinab nach Handwerkern, Zimmerleute, Maurer,
Steinmetze, Schlosser, alles solle kommen und ihm helfen; er wolle gut bezahlen.
    Man hrte sein Geschrei im ganzen Schwabenland vom Kocher hinauf bis zum
Bodensee, vom Neckar bis an die Donau, und berallher kamen die Meister und
Gesellen, um dem Riesen das Schlo zu bauen. - Reitet aus dem Mondschein,
Junker, hieher in den Schatten, Euer Harnisch glnzt wie Silber, und knnte
leicht den Sprhunden in die Augen glnzen!
    Nun, um wieder auch den Riesen zu kommen, so war es lustig anzusehen, wie er
vor seiner Hhle im Sonnenschein sa, und ber dem Tal drben auf dem hohen
Felsen sein Schlo bauen sah, die Meister und Gesellen waren flink an der Arbeit
und bauten wie er ihnen ber das Tal hinber zuschrie; sie hatten allerlei
frhlichen Schwank und Kurzweil mit ihm, weil er von der Bauerei nichts
verstand. Endlich war der Bau fertig und der Riese zog ein, und schaute aus dem
hchsten Fenster aufs Tal hinab, wo die Meister und Gesellen versammelt waren,
und fragte sie, ob ihm das Schlo gut anstehe, wenn er so zum Fenster
herausschaue. Als er sich aber umsah, ergrimmte er, denn die Meister hatten
geschworen, es sei alles fertig, aber an dem obersten Fenster wo er heraussah,
fehlte noch ein Nagel.
    Die Schlossermeister entschuldigten sich und sagten, es habe sich keiner
getraut vors Fenster hinaus in die Luft zu sitzen und den Nagel einzuschlagen.
Der Riese aber wollte nichts davon hren, sondern zahlte den Lohn nicht aus, bis
der Nagel eingeschlagen sei.
    Da zogen sie alle wieder in die Burg, die wildesten Bursche vermaen sich
hoch und teuer, es sei ihnen ein geringes, den Nagel einzuschlagen, wenn sie
aber an das oberste Fenster kamen und hinausschauten in die Luft, und hinab in
das Tal, das so tief unter ihnen lag, und ringsum nichts als Felsen, da
schttelten sie den Kopf und zogen beschmt ab. Da boten die Meister zehnfachen
Lohn, wer den Nagel einschlage, und es fand sich lange keiner.
    Nun war ein flinker Schlossergeselle dabei, der hatte die Tochter seines
Meisters lieb und sie ihn auch, aber der Vater war ein harter Mann und wollte
sie ihm nicht zum Weibe geben, weil er arm war. Der fate sich ein Herz und
gedachte, er knne hier seinen Schatz verdienen oder sterben; denn das Leben war
ihm verleidet ohne sie; er trat vor den Meister, ihren Vater, und sprach: Gebt
Ihr mir Eure Tochter, wenn ich den Nagel einschlage? der aber gedachte seiner
auf diese Art loszuwerden, wenn er auf die Felsen hinabstrze und den Hals
breche, und sagte ja.
    Der flinke Schlossergeselle nahm den Nagel und seinen Hammer, sprach ein
frommes Gebet und schickte sich an zum Fenster hinauszusteigen, und den Nagel
einzuschlagen fr sein Mdchen. Da erhob sich ein Freudengeschrei unter den
Bauleuten, da der Riese vom Schlaf aufwachte und fragte was es gebe. Und als er
hrte, da sich einer gefunden habe, der den Nagel einschlagen wolle, kam er,
betrachtete den jungen Schlosser lange und sagte: Du bist ein braver Kerl und
hast mehr Herz als das Lumpengesindel da; komm ich will dir helfen. Da nahm er
ihn beim Genick, da es allen durch Mark und Bein ging, hob ihn zum Fenster
hinaus in die Luft und sagte: Jetzt hau draufzu; ich lasse dich nicht fallen.
    Und der Knecht schlug den Nagel in den Stein, da er fest sa; der Riese
aber kte und streichelte ihn, da er beinahe ums Leben kam, fhrte ihn zum
Schlossermeister und sprach, diesem gibst du dein Tchterlein. Dann ging er
hinber in seine Hhle, langte einen Geldsack heraus, und zahlte jeden aus bei
Heller und Pfenning. Endlich kam er auch an den flinken Schlossergesellen; zu
diesem sagte er: Jetzt gehe heim, du herzhafter Bursche, hole deines Meisters
Tchterlein, und ziehe ein in diese Burg, denn sie ist dein.
    Des freuten sich alle; der Schlosser ging heim und - -
    Horch! hrtest du nicht das Wiehern von Rossen? rief Georg, dem es in der
Schlucht, die sie durchzogen, ganz unheimlich wurde. Der Mond schien noch hell,
die Schatten der Eichen bewegten sich, es rauschte im Gebsch, und oft wollte es
ihm bednken, als sehe er dunkle Gestalten im Wald neben ihm hergehen.
    Der Pfeifer von Hardt blieb stehen, ungeduldig, da ihn der Junker nicht bis
zum Ende erzhlen lasse: Es kam mir vorhin auch so vor, aber es war der Wind,
der in den Eichen chzt, und der Schuhu rief im Gebsch. Wren wir nur das
Wiesental noch hinber, da ist es so offen und hell, wie bei Tag; jenseits fngt
wieder der Wald an, da ist es dann dunkel, und hat keine Not mehr. Gebt Eurem
Braunen die Sporen und reitet Trab ber das Tal hin, ich laufe neben Euch her.
    Warum denn jetzt auf einmal Trab, fragte der junge Mann; meinst du, es
hat Gefahr? Gestehe nur, nicht wahr, du hast sie auch gesehen die Gestalten im
Wald, die neben uns herschlichen. Glaubst du, es sind Bndische?
    Nun ja, flsterte der Bauer, indem er sich umsah, mir war es auch, als ob
uns jemand nachschleiche; drum sputet Euch, da wir aus dem verdammten Hohlweg
herauskommen, und dann im Trab ber das Tal hinber, weiterhin hat es keine
Gefahr.
    Georg machte sein Schwert locker in der Scheide, und nahm die Zgel seines
Rosses krftiger in die Faust. Schweigend zogen sie die Schlucht hinab,
beleuchtet von so hellem Mondschein, da der junge Mann jeden Zug seines
Gefhrten erkennen konnte und deutlich sah, da er seine Axt auf die Schulter
nahm, und ein Messer, das er im Wams verborgen hatte, herausnahm und in den
Grtel steckte.
    Sie wollten eben am Ausgang des Hohlweges in das Tal einbiegen, da rief eine
Stimme im Gebsch: Das ist der Pfeifer von Hardt, drauf Gesellen, der dort auf
dem Ro mu der Rechte sein.
    Fliehet, Junker, fliehet, rief sein treuer Fhrer, und stellte sich mit
seiner Axt zum Kampf bereit; doch Georg zog sein Schwert, und in demselben
Augenblick sah er sich von fnf Mnnern angefallen, whrend sein Gefhrte schon
mit drei andern im Handgemenge war.
    Der enge Hohlweg hinderte ihn, sich seiner Vorteile zu bedienen, und auf die
Seiten auszubiegen. Einer packte die Zgel seines Rosses, doch in demselben
Augenblick traf ihn Georgs Klinge auf die Stirne, da er ohne Laut niedersank,
doch die andern, wtend gemacht durch den Fall ihres Genossen, drangen noch
strker auf ihn ein und riefen ihm zu, sich zu ergeben; aber Georg, obgleich er
schon am Arm und Fu aus mehreren Wunden blutete, antwortete nur durch
Schwerthiebe.
    Lebendig oder tot, rief einer der Kmpfenden, wenn der Herr Herzog nicht
anders will, so mag er's haben. Er rief's, und in demselben Augenblick sank
Georg von Sturmfeder, von einem schweren Hieb ber den Kopf getroffen, nieder.
In tdlicher Ermattung schlo er die Augen, er fhlte sich aufgehoben und
weggetragen, und hrte nur das grimmige Lachen seiner Mrder, die ber ihren
Fang zu triumphieren schienen.
    Nach einer kleinen Weile lie man ihn auf den Boden nieder, ein Reiter
sprengte heran, sa ab und trat zu denen, die ihn getragen hatten. Georg raffte
seine letzte Kraft zusammen, um die Augen noch einmal zu ffnen. Er sah ein
unbekanntes Gesicht das sich ber ihn herabbeugte; Was habt ihr gemacht? hrte
er rufen, dieser ist es nicht, ihr habt den Falschen getroffen. Macht, da ihr
fortkommt, die von Neuffen sind uns auf den Fersen. Matt zum Tode schlo Georg
sein Auge, nur sein Ohr vernahm wilde Stimmen und das Gerusch von Streitenden,
doch auch dieses zog sich ferne; feuchte Klte drang aus dem Boden des
Wiesentales, und machte seine Glieder erstarren, aber ein ser Schlummer senkte
sich auf den Verwundeten herab, und mit dem letzten Gedanken an die Geliebte
entschwanden seine Sinne.


                                  Zweiter Teil

                                       I

 Von vieler Burgen Walle
 Des Bundes Fahnen wehn,
 Die Stdte huld'gen alle,
 Kein Schlo mag widerstehn,
 Nur Tbingen, die Feste
 Verspricht noch Wehr und Trutz.
                                                                       G. Schwab

Der Schwbische Bund war mit Macht in Wrttemberg eingedrungen, von Tag zu Tag
gewann er an Boden, von Woche zu Woche wurden seine Heere furchtbarer. Zuerst
war nach langer mutiger Gegenwehr der Hllenstein, das feste Schlo von
Heidenheim gefallen. Ein tapferer Mann, Stephan von Lichow hatte dort befehligt,
aber mit seinem Paar Feldschlangen, mit einer Handvoll Knechte konnte er den
Tausenden des Bundes und der Kriegskunst eines Frondsberg nicht widerstehen.
Bald nachher fiel Gppingen. Nicht minder tapfer als der von Lichow hatte sich
Philipp von Rechberg gewehrt, hatte sogar fr sich und seine Knechte freien
Abzug erfochten; aber das Schicksal des Landes vermochte er nicht abzuwenden.
Teck, damals noch eine starke, feste Burg, fiel durch Unvorsichtigkeit der
Besatzung; am mutigsten hielt sich Meckmhl, es schlo einen Mann in seinen
Mauern ein, der sich allein mit zwanzig der Belagerer geschlagen htte; sein
eiserner Wille war oft nicht minder schwer als seine eiserne Hand auf ihnen
gelegen. Auch diese Mauern wurden gebrochen, und Gtz von Berlichingen fiel in
des Bundes Hand. Auch Schorndorf konnte den Kanonen Georgs von Frondsberg nicht
widerstehen; es war die festeste Stadt gewesen, mit ihr fiel das Unterland.21
    So war nun ganz Wrttemberg bis herauf gegen Kirchheim in der Bndischen
Gewalt, und der Bayern Herzog brach sein Lager auf, um mit Ernst an Stuttgart zu
gehen. Da kamen ihm Gesandte entgegen nach Denkendorf, die um Gnade flehten. Sie
durften zwar nicht wagen vor dem erbitterten Feind ihren Herzog zu
entschuldigen, aber sie gaben zu bedenken, da ja er, die Ursache des Krieges,
nicht mehr unter ihnen sei, da man nur gegen seinen unschuldigen Knaben, den
Prinzen Christoph und gegen das Land Krieg fhre. Aber vor der ehernen Stirne
Wilhelms von Bayern, vor den habgierigen Blicken der Bundesglieder fanden diese
Bitten keine Gnade. Ulerich habe diese Strafe verdient, gab man zur Antwort, das
Land habe ihn untersttzt, also mit gefangen, mit gehangen - auch Stuttgart
mute seine Tore ffnen.22
    Aber noch war der Sieg nichts weniger als vollstndig; der grte Teil des
Oberlandes hielt noch zu dem Herzog, und es schien nicht, als ob er sich auf den
ersten Aufruf ergeben wollte. Dieses hher gelegene Gebirgsland wurde von zwei
festen Pltzen, Urach und Tbingen, beherrscht, solange diese sich hielten,
wollten auch die Lande umher nicht abfallen. In Urach hielt es die Brgerschaft
mit dem Bunde, die Besatzung mit dem Herzog. Es kam zum Handgemenge, worin der
tapfere Kommandant erstochen wurde, die Stadt ergab sich den Bndischen.
    Und so war in der Mitte des April nur Tbingen noch brig; doch dieses hatte
der Herzog stark befestigt; dort waren seine Kinder und die Schtze seines
Hauses; dem Kern des Adels, vierzig wackeren, kampfgebten Rittern und
zweihundert der tapfersten Landeskindern war das Schlo anvertraut. Diese Feste
war stark; mit Kriegsvorrten wohl versehen, an ihr hingen jetzt die Blicke der
Wrttemberger; denn aus diesen Mauern war ihnen schon manches Schne und
Herrliche hervorgegangen, von diesen Mauern aus konnte das Land wieder dem
angestammten Frsten erobert werden, wenn es sich so lange hielt, bis er Entsatz
herbeibrachte. Und dorthin wandten sich jetzt die Bndischen mit aller Macht.
Ihrer Gewappneten Schritte tnten durch den Schnbuch, die Tler des Neckars
zitterten unter dem Hufschlag ihrer Rosse; auf den Fildern zeigten tiefe Spuren,
wohin die schweren Feldschlangen, Falkonen und Bombarden, die Kugel- und
Pulverwagen, der ganze furchtbare Apparat einer langen Belagerung gezogen war.
    Diese Fortschritte des Krieges hatte Georg von Sturmfeder nicht gesehen. Ein
tiefer, aber ser Schlummer hielt wie ein mchtiger Zauber seine Sinne viele
Tage lang gefangen; es war ihm in diesem Zustand wohl zumut wie einem Kinde, das
an dem Busen seiner Mutter schlft, nur hin und wieder die Augen ein wenig
ffnet, um in eine Welt zu blicken, die es noch nicht kennt, um sie dann wieder
auf lange zu verschlieen. Schne beruhigende Trume aus besseren Tagen
gaukelten um sein Lager, ein mildes, seliges Lcheln zog oft ber sein bleiches
Gesicht und trstete die, welche mit banger Erwartung seiner pflegten.
    Wir wagen es, den Leser in die niedere Htte zu fhren, die ihn
gastfreundlich aufgenommen hatte, und zwar am Morgen des neunten Tages, nachdem
er verwundet wurde.
    Die Morgensonne dieses Tages brach sich in farbigen Strahlen an den runden
Scheiben eines kleinen Fensters, und erhellte das grere Gemach eines drftigen
Bauernhauses. Das Gerte, womit es ausgestattet war, zeugte zwar von Armut, aber
von Reinlichkeit und Sinn fr Ordnung. Ein groer eichener Tisch stand in einer
Ecke des Zimmers, auf zwei Seiten von einer hlzernen Bank umgeben. Ein
geschnitzter, mit hellen Farben bemalter Schrein mochte den Sonntagsstaat der
Bewohner, oder schne selbstgesponnene Leinwand enthalten; das dunkle Getfer
der Wnde trug ringsum ein Brett, worauf blanke Kannen, Becher und Platten von
Zinn, irdenes Geschirr mit sinnreichen Reimen bemalt, und allerlei musikalische
Instrumente eines lngst verflossenen Jahrhunderts, als Zimbeln, Schalmeien und
eine Zither aufgestellt waren. Um den groen Kachelofen, der weit vorsprang,
waren reinliche Linnen zum Trocknen aufgehngt, und sie verdeckten beinahe dem
Auge eine groe Bettstelle, mit Gardinen von grogeblmtem Gewebe, die im
hintersten Teil der Stube aufgestellt war.
    An diesem Bette sa ein schnes, liebliches Kind, von etwa sechzehn bis
siebzehn Jahren. Sie war in jene malerische Bauerntracht gekleidet, die sich
teilweise bis auf unsere Tage in Schwaben erhalten hat. Ihr gelbes Haar war
unbedeckt, und fiel in zwei langen, mit bunten Bndern durchflochtenen Zpfen
ber den Rcken hinab. Die Sonne hatte ihr freundliches, rundes Gesichtchen
etwas gebrunt, doch nicht so sehr, da es das schne jugendliche Rot auf der
Wange verdunkelt htte; ein munteres, blaues Auge blickte unter den langen
Wimpern hervor. Weie faltenreiche rmel bedeckten bis an die Hand den schnen
Arm, ein rotes Mieder mit silbernen Ketten geschnrt, mit blendend weien,
zierlich genhten Linnen umgeben, schlo eng um den Leib; ein kurzes, schwarzes
Rckchen fiel kaum bis ber die Knie herunter; diese schmucken Sachen und dazu
noch eine blanke Schrze und schneeweie Zwickelstrmpfe mit schnen
Kniebndern, wollten beinahe zu stattlich aussehen zu dem drftigen Gemach,
besonders da es Werktag war.
    Die Kleine spann emsig feine, glnzende Fden aus ihrer Kunkel, zuweilen
lftete sie die Gardinen des Bettes und warf einen verstohlenen Blick hinein.
Doch schnell, als wre sie auf bsen Wegen erfunden worden, schlug sie die
Vorhnge wieder zu und strich die Falten glatt, als sollte niemand merken, da
sie gelauscht habe.
    Die Tre ging auf, und eine runde, ltliche Frau in derselben Tracht wie das
Mdchen, aber rmlicher gekleidet, trat ein. Sie trug eine dampfende Schssel
Suppe zum Frhstck auf und stellte Teller auf dem Tische zurecht. Indem fiel
ihr Blick auf das schne Kind am Bette, sie staunte sie an und wenig htte
gefehlt, so lie sie den Krug mit gutem Apfelwein fallen, den sie eben in der
Hand hielt.
    Was fllt der aber um Gottes willa ei', Brbele, sagte sie, indem sie den
Krug niedersetzte und zu dem Mdchen trat, was fllt der ei', da de am Wertich
da nuia rauta Rock zum Spinna anziehst? und au 's nui Mieder hot se an, und, ei
da di! - au a silberne Kette. Und en frischa Schurz und Strmpf no so mir nix
dir nix aus em Kasta reia? Wer wird denn en solcha Hochmuat treiba, du dumms
Ding, du? Woit du net, d mer arme Leut sind? und da du es Kind voma
ouglckliche Mann bist? -A1
    Die Tochter hatte geduldig die ereiferte Frau ausreden lassen; sie schlug
zwar die Augen nieder, aber ein schelmisches Lcheln, das ber ihr Gesicht flog,
zeigte, da die Strafpredigt nicht sehr tief gehe. Ei, so lasset uich doch
b'richta, antwortete sie, was schadet's denn dem Rock, wenn i ihn au amol amma
christliche Wertag ahan? an der silberna Kette wird au nix verderbt, und da
Schurz kann i jo wieder wscha!A2
    So? als wemma et immer gnuag z'wscha und z'putza htt? So sag mer no, was
ist denn in de gfahra, da de so strhlst und scha machst?A3
    Ah was! flsterte das errtende Schwabenkind, wisset Er denn net, da
heut der acht' Tag ist? hot et der tti g'sait, der Junker werd' am heutiga
Morga verwacha, wenn sei Trnkle guete Wirking hb? und do hanne eba denkt -A4
    Ist's um dui Zeit? entgegnete die Hausfrau freundlicher; da host wrle
reacht; wenn er verwacht und sieht lles so schluttich und schlampich, se ist et
guot und knnt Verdru g beim tte. Ih sieh au aus wie na Drach. Gang Brbele;
holmer mei schwaarz Wammas, mei rauts Miader und en frischa Schurz.A5
    Aber Muater, gab die Kleine zu bedenken. Er wendt Ich doch ett do atau
wella? wenn der Junker jetzt no grad verwacha tt? ganget lieber uffe und teant
Ich droban a, i bleib derweil bei em.A6
    Da host et aureacht, MdleA7, murmelte die Alte, lie selbst das Frhstck
stehen und ging, um sich in ihren Putz zu werfen. Die Tochter aber ffnete das
Fenster der frischen erquickenden Morgenluft, sie streute Futter auf den breiten
Sims, viele Tauben und Sperlinge flogen heran, und verzehrten mit Gurren und
Zwitschern ihr Frhstck; die Lerchen in den Bumen vor den Fenstern antworteten
in einem vielstimmigen Chorus, und das schne Mdchen sah, von der Morgensonne
umstrahlt, lchelnd ihren kleinen Kostgngern zu.
    In diesem Augenblick ffneten sich die Gardinen des Bettes der Kopf eines
schnen, jungen Mannes sah heraus; wir kennen ihn, es ist Georg.
    Ein leichtes Rot, der erste Bote wiederkehrender Gesundheit lag auf seinen
Wangen; sein Blick war wieder glnzend wie sonst; sein Arm stemmte sich krftig
auf das Lager. Erstaunt blickte er auf seine Umgebungen; dieses Zimmer, diese
Gerte waren ihm fremd, er selbst, seine ganze Lage kam ihm ungewohnt vor. Wer
hatte ihm diese Binde um das Haupt gebunden? Wer hatte ihn in dieses Bett
gelegt; es war ihm wie einem, der mit frhlichen Brdern eine Nacht durchjubelt,
die Besinnung endlich verliert, und auf einem fremden Lager aufwacht.
    Lange sah er dem Mdchen am Fenster zu; dieses Bild, das erste, das ihm bei
seinem Erwachen aus langem Schlafe, entgegentrat, war so freundlich, da er das
Auge nicht davon abwenden konnte; endlich siegte die Neugierde, ber das, was
mit ihm vorgegangen war, gewisser zu werden; er machte ein Gerusch, indem er
die Gardinen des Bettes noch weiter zurckschlug.
    Das Mdchen am Fenster schien zusammenzuschrecken; sie wandte sich um, ber
ihr schnes Gesicht flog ein brennendes Rot, freundliche blaue Augen staunten
ihn an; ein roter, lchelnder Mund schien vergebens nach Worten zu suchen, den
Kranken bei seiner Rckkehr ins Leben zu begren. Sie fate sich, und eilte mit
kurzen Schrittchen an das Bette, doch machte sie unterwegs mehreremal halt, als
besinne sie sich, ob er denn wirklich wieder aufgewacht sei, ob es sich auch
schicke, da sie zu ihm trete, da er jetzt wieder lebe wie ein anderer Mensch.
    Der junge Mann, nachdem er der Verlegenheit des schnen Kindes lchelnd
zugesehen hatte, brach zuerst das Stillschweigen.
    Sag mir, wo bin ich? wie kam ich hieher? fragte Georg, wem gehrt dieses
Haus, worin ich, mir scheint aus einem langen Schlaf erwacht bin?
    Sind Er wieder ganz bei Ich? rief das Mdchen, indem sie vor Freude die
Hnde zusammenschlug. Ach, Herr Jeses, wer hett des denkt? Er gucket oin doch
au wieder g'scheit an und et so duselig, da oims llamol angst und bang wora
ist.A8
    Ich war also krank? forschte Georg, der das Idiom des Mdchens nur zum
Teil verstand. Ich lag einige Stunden ohne Bewutsein?
    Ei wie schwzet Er doch, kicherte das hbsche Schwabenkind und nahm das
Ende des langen Zopfbandes in den Mund, um das laute Lachen zu verbeien; a
baar Stund, saget Er? Heit nacht wird's grad nei Tag, da se Ich brocht hent.A9
    Der Jngling staunte sie mit ernsten Blicken an. Neun Tage ohne zu Marien zu
kommen! Zu Marien? mit diesem himmlischen Bilde kehrte wie mit einem Schlag
seine Erinnerung wieder, er erinnerte sich, da er vom Bunde sich losgesagt
habe; da er sich entschlossen habe nach Lichtenstein zu reisen, da er ber die
Alb auf geheimen Wegen gezogen sei, da - er und sein Fhrer berfallen,
vielleicht gefangen wurde; gefangen? rief er schmerzlich, sage Mdchen, bin
ich gefangen?
    Diese hatte mit wachsender Angst gesehen, wie sich die klaren Blicke des
jungen Ritters verfinstert hatten, wie seine freundlichen Zge ernst, beinahe
wild wurden. Sie glaubte, er falle in jenen schrecklichen Zustand zurck, wo er
vom Wundfieber hart angefallen, einige Stunden lang gerast hatte; und der
schwermtige Ton seiner Frage konnte ihre Furcht nicht mindern. Unschlssig, ob
sie bleiben oder um Hlfe rufen sollte, trat sie einen Schritt zurck.
    Der junge Mann glaubte in ihrem Schweigen, in ihrer Angst die Besttigung
seiner Frage zu lesen. Gefangen, vielleicht auf lange, lange Zeit, dachte er,
vielleicht weit von ihr entfernt, ohne Hoffnung, ohne den Trost, etwas von ihr
zu wissen! Sein Krper war noch zu erschpft, als da er der trauernden Seele
widerstanden htte; eine Trne stahl sich aus dem gesenkten Auge.
    Das Mdchen sah diese Trne, ihre Angst lste sich augenblicklich in
Mitleiden auf, sie trat nher, sie setzte sich an sein Bett, sie wagte es, die
herabhngende Hand des Jnglings zu ergreifen. Er messet et greina, sagte
sie; Euer Gnada sind jo jetzt wieder g'sund, und - Er kennet jo jetzt bald
wieder fortreita,A10 setzte sie wehmtig lchelnd hinzu.
    Fortreiten? fragte Georg, also bin ich nicht gefangen?
    G'fanga? noi, g'fanga send Er net; es htt zwor a baarmol sei kenna, wia
dia vom Schwbischa Bund vorbeizoga send, aber mer hent Ich llemol guet
versteckt; der Vater hot gsait, mer solle da Junker koin Menscha seah lau.A11
    Der Vater? rief der Jngling, wer ist der gtige Mann? wo bin ich denn?
    Ha, wo werdet Er sei? antwortete Brbele, bei aus send Er in Hardt.
    In Hardt? ein Blick auf die musikalisch ausstaffierten Wnde gab ihm
Gewiheit, da er Freiheit und Leben jenem Mann zu verdanken habe, der ihm wie
ein Schutzgeist von Marien zugesandt war. Also in Hardt? und dein Vater ist der
Pfeifer von Hardt? nicht wahr?
    Er hot's et gern, wemmar em so ruaft, antwortete das Mdchen, er ist
freile sei's Zoiches a Spielma, er hairt's am gernsta, wemmer Hanns zua nem
sait.A12
    Und wie kam ich denn hieher? fragte jener wieder.
    Ja wisset Er denn au gar koi Wrtle meh? lchelte das hbsche Kind, und
bediente sich wieder des Zopfbandes. Sie erzhlte, ihr Vater sei schon seit
einigen Wochen nicht zu Hause gewesen, da sei er einesmals vor neun Tagen in der
Nacht an das Haus gekommen und habe stark gepocht, bis sie erwacht sei. Sie habe
seine Stimme erkannt, und sei hinabgeeilt, um ihm zu ffnen. Er sei aber nicht
allein gewesen, sondern noch vier andere Mnner bei ihm, die eine, mit einem
Mantel verdeckte Tragbahre in die Stube niedergelassen haben. Der Vater habe den
Mantel zurckgeschlagen, und ihr befohlen zu leuchten, sie sei aber heftig
erschrocken, denn ein blutender, beinahe toter Mann sei auf der Bahre gelegen.
Der Vater habe ihr befohlen, das Zimmer schnell zu wrmen, indessen habe man den
Verwundeten, den sie seinen Kleidern nach fr einen vornehmen Herrn erkannt
habe, auf das Bett gebracht; der Vater habe ihm seine Wunden mit Krutern
verbunden, habe ihm dann auch selbst einen Trank bereitet, denn er verstehe sich
trefflich auf die Arzneien: fr Tiere und Menschen. Zwei Tage lang seien sie
alle besorgt gewesen, denn der Junker habe gerast und getobt; nach dem zweiten
Trnklein aber sei er stille geworden, der Vater habe gesagt, am achten Morgen
werde er gesund und frisch erwachen, und wirklich sei es auch so eingetroffen.
    Der junge Mann hatte mit wachsendem Erstaunen der Rede des Mdchens
zugehrt; er hatte sie oft unterbrechen mssen, wenn er ihre zierlichen
Ausdrcke nicht recht verstand oder wenn sie in ihrer Rede abschweifte, um die
Kruter zu beschreiben, woraus der Pfeifer von Hardt seine Arzneien bereitet
hatte.
    Und dein Vater, fragte er sie, wo ist er?
    Was wisset mier wo er ist, antwortete sie ausweichend, doch als besinne
sie sich eines Besseren, setzte sie hinzu Uich kammes jo saga, denn Ihr messet
guet Freund sei mit em Vater; er ist nach Lichtastoi.
    Nach Lichtenstein? rief Georg, indem sich seine Wangen hher frbten; und
wann kommt er zurck?
    Ja er sott schau seit zwoi Tag da sei, wie ner gsait hot. Wennem no nix
gschea ist; d' Leut saget, dia bndische Reiter bassenem uf.A13
    Nach Lichtenstein - dorthin zog es ja auch ihn; er fhlte sich krftig genug
wieder einen Ritt zu wagen, und die Versumnis der neun Tage einzuholen. Seine
nchste und wichtigste Frage war daher nach seinem Ro; und als er hrte, da es
sich ganz wohl befinde und im Kuhstall seiner Ruhe pflege, war auch der letzte
Kummer von ihm gewichen. Er dankte seiner holden Pflegerin fr seine Wartung,
und bat sie um sein Wams und seinen Mantel. Sie hatte lngst alle Spuren von
Blut und Schwerthieben aus den schnen Gewndern vertilgt, mit freundlicher
Geschftigkeit nahm sie die Habe des Junkers aus dem geschnitzten und gemalten
Schrein, wo sie neben ihrem Sonntagsschmuck geruht hatte; lchelnd breitete sie
Stck vor Stck vor ihm aus, und schien sein Lob, da sie alles so schn gemacht
habe, gerne zu hren. Dann enteilte sie dem Gemach, um die frohe Botschaft, da
der Junker ganz genesen sei, der Mutter zu verkndigen.
    Ob sie der Mutter auch gestanden, da sie schon seit einer halben Stunde mit
dem schnen, freundlichen Herrn geplaudert habe, wissen wir nicht; wir haben
aber Ursache daran zu zweifeln, denn jene ltliche, runde Frau hatte Erfahrung
aus ihrer Jugend, und glaubte ihrem Tchterlein die Warnung nie genug
wiederholen zu knnen: Sie solle sich wohl hten, mit einem jungen Burschen
lnger als ein Ave Maria lang zu sprechen.

                                       II


 -Was kmmert's dich? Du fragst
 Nach Dingen, Mdchen, die dir nicht geziemen.
                                                                        Schiller

Als die runde Frau und Brbele von der Bodenkammer herabstiegen, war ihr erster
Gang, nicht in das Gemach, wo ihr Gast war, sondern nach der Kche. Und zwar aus
zweierlei Grnden. Einmal, weil jetzt dem Gast ein krftiges Habermus gekocht
werden mute, und dann - von der Kche ging ein kleines Fenster in die Stube,
dorthin stellte sich die Mutter, um die Mienen des Junkers zu rekognoszieren.
    Brbele stellte sich auf die Zehen und schaute ihrer Mutter ber die
Schulter durchs Fensterlein. Sie staunte und ihr Herz pochte seit siebzehn
Jahren zum erstenmal recht ungestm, denn so hbsch hatte sie sich doch den
Junker nicht gedacht. Sie war zwar oft von seinem Anblick bis zu Trnen gerhrt
gewesen, wenn er mit starren Augen ohne Bewutsein, beinahe ohne Leben, dalag;
seine bleichen, noch im Kampf mit dem Tode so schnen Zge hatten sie oft
angezogen, wie ein rhrendes, erhabenes Bild den frommen Sinn einer Betenden
anziehet, aber jetzt, sie fhlte es, jetzt war es was ganz anderes. Die Augen
waren wieder gefllt von schnem, mutigem Feuer, es wollte dem Brbele auf den
Zehen bednken, als habe sie, so alt sie geworden, noch gar keine solche
gesehen. Das Haar lag nicht mehr in unordentlichen Strngen um die schne
Stirne, es fiel geordnet und reich in den Nacken hinab.
    Seine Wangen hatten sich wieder gertet, seine Lippen waren so frisch wie
die Kirschen an Peter und Paul; und wie ihn das seidengestickte Wams gut
kleidete; und der breite weie Halskragen, den er ber das Kleid herausgelegt
hatte. Aber das konnte das Mdchen nicht ergrnden, warum er wohl immer auf eine
aus wei und blauer Seide geflochtene Schrpe niedersah; so fest, so eifrig, als
wren geheimnisvolle Zeichen eingewoben, die er zu entziffern bemht sei. Ja, es
kam ihr sogar vor als drcke er die Feldbinde an das Herz, als fhre er sie an
die Lippen voll Andacht und Inbrunst, wie man Reliquien zu verehren pflegt.
    Die runde Frau hatte indessen ihre Forschungen durch das Fensterlein
vollendet. 's ist a Herr wie na Prenz, sagte sie, indem sie das Habermus
umrhrte; was er a Wammes a hot; dia Herra z' Stuagerd kennets et schner hau.
Was duet er no mit dem Fetza, won er in der Hand hot? Er guckta jo schier
ausenander! Es ist, ka sei, a bisle Bluat na komma, da ens verzirnt.A14
    Noi sell isch et, entgegnete Brbele, die jetzt bequemer das Zimmer
bersehen konnte; aber wisseter Muater wia mers frkommt? er macht so gar
fuirige Auga druf na; sell ist gewi ebbes von seim Schaz.A15
    Die runde Frau konnte sich nicht enthalten, ber die richtige Vermutung
ihres Kindes etwas weniges zu lcheln, doch schnell nahm sie ihre mtterliche
Wrde wieder zusammen, indem sie entgegnete: A, was woist du von Schz! So na
Kind wia du mua gar an nix so denka. Gang jetzt weg vom Fensterle dort, lang
mir sell Hfele her. Der Herr wird a frnehms Fressa gwohnt sei, i mua am a
bisle viel Schmalz in da Brei dauh.A16
    Brbele verlie etwas empfindlich das Fenster: sie wute, da sie ihrer
Mutter nicht widersprechen drfe, aber diesmal hatte sie offenbar unrecht. Ging
nicht das Mdchen schon seit einem Jahr in den Lichtkarz, wo von den Mdchen des
Dorfes ber Schtzchen und Liebe viel gesprochen und gesungen wurde, hatten
nicht einige ihrer Gespielinnen, die wenige Wochen lter waren als sie, schon
jede einen erklrten Schatz, und sie allein sollte nicht davon sprechen, nicht
einmal etwas davon wissen drfen? Nein, es war recht unbillig von der runden
Frau, ihrem Tchterlein, das, wenn sie sich auf die Zehen stellte, der Mutter
ber die Schulter sehen konnte, solche Wissenschaft geradehin zu verbieten. Aber
wie es zu geschehen pflegt: das Verbot reizt gewhnlich zur bertretung, und
Brbele nahm sich vor, nicht eher zu ruhen, als bis sie wisse, warum der junge
Ritter mit so gar fuirigen Augen auf seine Feldbinde hinschaue.
    Das Frhstck des Junkers war indessen fertig geworden, es fehlte nichts
mehr als ein Becher guten alten Weines; auch dieser war bald herbeigebracht,
denn der Pfeifer von Hardt war zwar ein geringer Mann, aber nicht so arm, da er
nicht fr feierliche Gelegenheiten ein Fchen im Keller liegen hatte; das
Mdchen trug den Wein und das Brot, und die runde Frau ging im vollen
Sonntagsstaat, die Schssel mit Habermus in beiden Fusten, ihrem holden
Tchterlein voran in die Stube.
    Es kostete den jungen Mann nicht geringe Mhe, den vielen Knicksen der
Pfeifersfrau Einhalt zu tun; sie hatte in ihrer Jugend einmal auf dem Schlo zu
Neuffen gedient, und wute was Lebensart war; daher blieb sie mit der rauchenden
Schssel an ihrer eigenen Schwelle stehen, bis ihr der gestrenge Junker
ernstlich befahl, vorzutreten. Die Tochter aber stand errtend hinter der runden
Frau, und ihr verschmtes Gesicht ward nur auf Augenblicke sichtbar, wenn die
Mutter sich recht tief verneigte. Auch sie machte die gehrige Anzahl Knickse,
doch mochten sie nicht so ungemein ehrerbietig sein, denn sie hatte ja schon ein
halb Stndchen mit ihm geplaudert.
    Das Mdchen deckte jetzt den Tisch mit frischen Linnen; setzte dem Junker
das Habermus und den Wein an den Ehrenplatz in der Ecke der Bank unter dem
Kruzifix; dann steckte sie einen zierlich geschnitzten hlzernen Lffel in das
Mus; er blieb aufrecht darin stehen, und es war dies ein gutes Zeichen, da das
Frhstck delikat bereitet sei. Als der Junker sich niedergelassen hatte,
setzten sich auch Mutter und Tochter an den Tisch zu ihrem Suppennapf, doch in
bescheidener Entfernung und nicht ohne das Salzfa zwischen sich und ihren
vornehmen Gast zu stellen. Denn so wollte es die Sitte in den guten, alten
Zeiten.
    Georg hatte, whrend sie das Frhmahl verzehrten, Mue genug, die beiden
Frauen zu betrachten. Er gestand sich, da die Hausehre des Pfeifers von Hardt
eine stattliche Frau sei, die vielleicht manchen weniger khnen Mann als seinen
Fhrer und Erretter unter die Stelzen ihrer gewichtigen Schuhe (Pantoffel hatte
sie wohl nicht) gebracht htte. Auch das Kind des Spielmanns dnkte ihm eine
liebliche Dirne, und ein so schner Kopf, solche freundliche Augen htten
vielleicht in seinem Herzen einen nicht zu verachtenden Raum gewonnen, wre es
nicht von einem Bild schon ganz erfllt gewesen, wre nicht die Kluft so
unendlich gro gewesen, welche Geburt und Verhltnisse zwischen den Erben des
Namens Sturmfeder und der geringen Tochter des Pfeifers von Hardt befestigt
hatte. Nichtsdestoweniger ruhten seine Blicke mit Wohlgefallen auf ihren reinen,
unschuldigen Zgen, und wre die runde Frau nicht mit ihrer Suppe zu beschftigt
gewesen, so wre ihr wohl die Rte nicht entgangen, die auf den Wangen ihres
Kindes aufstieg, wenn zufllig einer ihrer verstohlenen Blicke dem Auge des
jungen Mannes begegnete.
    Der Napf ist leer, jetzt ist es Zeit zu schwatzen. Dieser richtige Spruch
galt auch hier sobald das Tischtuch weggenommen war. Georg lagen vornehmlich
zwei Dinge am Herzen; er mute gewi sein, wann der Pfeifer von Lichtenstein
zurckkommen wrde, weil er nur seine Nachrichten ber die Geliebte abwarten
wollte, um dann sogleich zu ihr zu eilen; und zweitens war es ihm sehr wichtig,
zu erfahren, wo das Heer des Bundes in diesem Augenblick stehe. ber das erstere
konnte er keine weitere Auskunft erhalten, als was ihm das Mdchen frher schon
gesagt hatte; der Vater sei etwa seit sechs Tagen abwesend; habe aber
versprochen am fnften Abend wieder hier zu sein, und sie erwarten ihn daher
stndlich. Die runde Frau vergo Trnen, indem sie dem Junker klagte, da ihr
Mann, seitdem dieser Krieg begonnen, kaum einige Stunden zu Haus gewesen sei; er
sei von frheren Zeiten her schon als ein unruhiger Mann berchtigt; jetzt
murmeln die Leute auch wieder allerlei ber ihn, und gewi bringe er seine Frau
und sein Kind durch sein gefhrliches Leben noch in Unglck und Jammer.
    Georg suchte alle Trostgrnde hervor, um ihre Trnen zu stillen; es gelang
ihm wenigstens insoweit, da sie ihm seine Fragen nach dem Bundesheer
beantwortete.
    Ach Herr, sagte sie; des ist a Graus und a Jomer; 's ist grad wie wenn
der wild Jger uf de Wolka reitet, und mit seine g'schpenstige Hund bers Land
wegzieht. 's ganz Unterland hent se schau, und jetzt got's mit em hella Haufa ge
Tibenga.
    So sind die Festungen alle schon in ihrer Hand? fragte Georg verwundert;
Hllenstein, Schorndorf, Gppingen, Teck, Urach? Sind sie alle schon
eingenommen?
    lles hent se; a Mann vo Schorndorf hot's g'sait, da se de Hollastoi,
Schorndorf und Gppenga hent. Aber von Teck und Aurich kane Uich ganz gnau
berichta, mer send jo koine drei, vier Stund davo. Sie erzhlte nun, am dritten
April sei das Heer vor Teck gezogen; sie haben einen Teil des Fuvolkes vor das
eine Tor gesetzt, und sich mit der Besatzung ber die bergabe besprochen. Da
seien alle Knechte zu diesem Tor geeilt und haben zugehrt, und indessen sei das
andere Tor von den Feinden bestiegen worden. Im Schlo Urach aber seien
vierhundert herzogliche Fuknechte gewesen; diese habe die Brgerschaft nicht in
die Stadt lassen wollen, als der Feind anrckte. Es sei zum Gefecht zwischen
ihnen gekommen, worin die Knechte auf den Markt gedrungen seien, dort aber sei
der Vogt von einer Kugel getroffen, und nachher mit Hellebarden niedergestoen
worden; die Stadt habe sich dem Bunde ergeben. Es ist koi Wunder, schlo die
runde Frau ihre Erzhlung, lle Burga und Schlsser nemmet se ei; denn se hent
lange Feldschlanga und Bombardierstuck, wo se Kugla draus schieet, graier als
mei Kopf, da lle Maura zema brecha, und lle Tirn eifalle maet.
    Georg konnte nach diesem Bericht ahnen, da eine Reise von Hardt nach
Lichtenstein nicht minder gefhrlich sein werde, als jener Ritt ber die Alb,
denn er mute gerade die Linie zwischen Urach und Tbingen durchschneiden. Doch
war Urach schon seit mehreren Tagen von dem Heere verlassen; die Belagerung von
Tbingen mute notwendig viele Mannschaft erfordern, und so konnte Georg dennoch
hoffen, da keine eigentlichen Posten mehr den Strich Landes, den er zu
durchreisen hatte, besetzt halten werden.
    Mit Ungeduld erwartete er daher die Ankunft seines Fhrers. Seine Kopfwunde
war geheilt; sie war nicht tief gewesen, denn die Federn seines Barettes und
sein dichtes Haar hatten dem Hiebe, der nach ihm gefhrt worden war, seine
Schrfe benommen; doch war der Schlag noch immer krftig genug gewesen, um ihn
auf so viele Tage des Bewutseins zu berauben. Auch seine brigen Wunden an Arm
und Beinen waren geheilt, und die einzige krperliche Folge jener unglcklichen
Nacht war eine Mattigkeit, die er dem Blutverlust, dem langen Liegen und dem
Wundfieber zuschrieb; doch auch diese schwand von Stunde zu Stunde, denn ein
frischer Mut und sehnschtige Gedanken in die Ferne, verjagen gar bald solche
schlimme Gste.
    Es gehrte brigens dieser frische Mut und ein wenig jugendliche Neugierde
dazu, ihm die langsam hinschleichenden Stunden ertrglich zu machen; es gehrte
die muntere Tochter des Pfeifers dazu, um ihn vergessen zu lassen, wie
unertrglich lange ihr Vater auf sich warten lasse. Er sah hier, was er sich
schon lange zu sehen gewnscht hatte, eine echte, schwbische Bauernwirtschaft.
Wie drollig kamen ihm ihre Sitten, ihre Sprache vor; sein Franken, so nahe es an
dieses Wrttemberg grenzte, hatte doch wieder einen anderen Schlag von Leuten;
es deuchte ihm, seine Bauern seien pfiffiger, verschlagener, in manchen Dingen
weniger roh als diese. Aber die gutmtige Ehrlichkeit dieser Leute, die aus
ihren Augen, aus ihrer Sprache, aus ihrem ganzen Wesen hervorblitzte; ihre
muntere, unverdrossene Arbeitsamkeit; ihre Reinlichkeit, die ihrer Armut ein
ehrbares, sogar schmuckes Ansehen gab, dies alles machte, da er zu fhlen
glaubte, es haben diese Leute als Menschen mehr inneren Gehalt als die, welche
er in seinen Gauen kennengelernt hatte, wenn sie auch in manchen Dingen nicht so
viel Verschlagenheit zeigten.
    Bewundern mute er auch die trauliche gutmtige Geschwtzigkeit des
Mdchens. Die runde Frau mochte schmlen wie sie wollte, mochte sie noch so oft
ermahnen, den hohen Stand des Ritters zu bedenken, sie lie es sich nicht
nehmen, ihren Gast zu unterhalten, besonders da sie ihren geheimen Plan, zu
erforschen, ob sie in Hinsicht auf die Feldbinde besser geraten habe als die
Mutter, noch nicht aufgegeben hatte. Sie hatte hierber noch ihre ganz
besonderen Gedanken; als nmlich der Junker so gar krank gelegen, war sie in der
Nacht noch lange aufgeblieben, um dem Vater Gesellschaft zu leisten, der am
Bette des Verwundeten wachte. Doch bald schlief sie ber ihrer Arbeit ein; es
mochte ungefhr zehn Uhr in der Nacht sein, da sie von einem Gerusch im Zimmer
aufgeschreckt wurde. Sie sah einen Mann mit dem Vater angelegentlich sprechen;
seine Zge entgingen ihr nicht, obgleich er sich in eine groe Kappe gehllt
hatte, sie glaubte einen Diener des Ritters von Lichtenstein, der schon oft auf
geheimnisvolle Weise zu dem Pfeifer von Hardt gekommen war, und bei dessen
Anwesenheit sie immer das Zimmer hatte verlassen mssen, in ihm zu erkennen.
    Neugierig, endlich einmal zu hren was dieser Mann bei dem Vater zu tun
habe, schlo sie ihre Augen wieder fest zu, denn es war ihr wahrscheinlich, da
ihr Vater sie nur im Zimmer lie, weil er sie fr fest eingeschlafen hielt. Der
Mann erzhlte von einem Frulein, die ber eine gewisse Nachricht untrstlich
sei. Sie habe den fremden Mann gebeten und gefleht nach Hardt zu gehen und
Nachricht einzuziehen, sie habe geschworen, wenn er nicht gute Nachricht bringe,
ihrem Vater alles zu sagen, und zur Pflege des Kranken selbst zu kommen. Solches
hatte der Lichtensteiner heimlich gesprochen; der Vater hatte darauf das
Frulein beklagt, hatte dem Boten den ganzen Zustand des Kranken geschildert und
versprochen, da er, sobald sich der Kranke gebessert habe, selbst kommen werde,
um dem Frulein diesen Trost zu bringen. Der fremde Mann hatte sodann dem
Kranken ein Lckchen von seinen langen Haaren abgeschnitten, es in ein Tuch
geschlagen und unter dem Wams wohl verwahrt; darauf war er vom Vater gefhrt,
aus der Stube gegangen, und kurz nachher hrte sie ihn bei Nacht und Nebel
wieder wegreiten.
    Diese Begebenheit hatten die vielerlei Geschfte der folgenden Tage bald
wieder aus dem leichten, jugendlichen Sinn der Tochter des Pfeifers von Hardt
verdrngt, sie erwachten aber jetzt aufs neue, aufgeregt durch das, was Brbele
durchs Kchenfenster gesehen hatte. Sie wute, da der Ritter von Lichtenstein
eine Tochter habe, denn die Schwester des Spielmanns war ja ihre Amme. Und
dieses Frulein mute es wohl sein, die den Lichtensteiner Knecht gesandt hatte,
um sich so angelegentlich nach dem Kranken zu erkundigen, die sogar selbst
kommen wollte, um ihn zu pflegen.
    Alle Sagen von liebenden Knigstchtern, von Rittern, die krank in
Gefangenschaft gelegen, und von holden Frulein errettet wurden, alles, was ber
dieses Kapitel jemals in der traulichen Spinnstube erzhlt worden war - und es
gab viele grausige Geschichten hierber -, kam ihr in das Gedchtnis. Sie
wute nun zwar nicht, wie es mit der Minne so vornehmer Leute beschaffen sei,
aber sie dachte, es werde den hohen Frulein wohl ungefhr ebenso ums Herz sein,
wie den Mdchen von Hardt, wenn sie an einen schmucken Burschen von
Ober-Ensingen oder Kngen ihr Herz verschenkt haben. Und in dieser Hinsicht kam
ihr das Verhltnis, dem sie in Gedanken nachsprte, gar reizend vor, besonders
dachte sie sich den Schmerz des Fruleins auf ihrer fernen, hohen Burg recht
grausam und rhrend, wie sie nicht wisse, ob ihr Schatz lebendig oder tot sei,
wie sie nicht zu ihm knne, um ihn zu sehen und zu pflegen.
    Sie wute ein Lied, das man oft im Lichtkarz sang; es hatte eine schne
Weise, und kam ihr unwillkrlich auch jetzt in den Sinn; es hie:

Wenn i im Bett lieg und bi krank,
Wer fhrt mer mei Schtzle zum Tanz;
Und wenn i im Grab lieg und faule,
Wer kut no ihr Honigmaule?

Trnen traten ihr in die sonst so frhlichen Augen, als sie bedachte, wie leicht
der Junker seinem Liebchen htte wegsterben knnen, und wie sie dann so einsam
und ohne Liebe gewesen wre, und doch war sie gewi recht schn und eines
vornehmen reichen Ritters Kind. Doch ist nicht der Junker noch viel schlimmer
daran? dachte das gutherzige Schwabenkind weiter; dem Frulein hatte ja der
Vater jetzt Nachricht von ihm gebracht, aber er, er wute ja seit vielen Tagen
kein Wrtchen von ihr; denn frher wute er nichts von sich selbst, und seit er
wieder ganz bei Leben war, konnte er auch nichts wissen; darum hatte er wohl die
Binde, die er gewi von ihr hatte, so beweglich angeschaut und ans Herz und den
Mund gedrckt? Sie nahm sich vor ihm zu erzhlen, was in jener Nacht vorgegangen
sei, vielleicht ist es ihm doch ein Trost, dachte sie.
    Georg hatte bemerkt, wie die frhliche Miene des spinnenden Brbeles nach
und nach ernster geworden war, wie sie ber etwas nachzusinnen schien, ja er
glaubte sogar eine Trne in ihrem Auge bemerkt zu haben. Was hast du, Mdchen,
sagte er, als die Mutter gerade das Zimmer verlassen hatte; warum wirst du auf
einmal so still und ernst? und netzt ja sogar deine Fden mit Trnen?
    Send denn Ihr so lustig, Junker? fragte Brbele, und sah ihm recht fest
ins Auge; i han gmoint, es sei vorig ebbes aus Eure Auga grollt, was selle
Binde dort gnetzt hot. Sell hent Er gwi vo Eurem Schtzle, und jetzt tuet Ichs
loid, da Er et bei er sind.A17
    Sie mochte nahe ans Ziel getroffen haben, denn der junge Mann errtete tief
ber ihre Frage. Du hast vielleicht recht sagte er lchelnd, doch bin ich
deswegen nicht gar zu traurig ich werde sie bald wiedersehen.
    Ach, was des fr a Freud sein wird in Lichtastoi, entgegnete Brbele mit
einem schelmischen Seitenblick.
    Georg erstaunte; sollte ihr der Vater von dem Geheimnis seiner Liebe etwas
gesagt haben? In Lichtenstein? fragte er sie, was weit du von mir und
Lichtenstein?
    Ach, i mag's dem gndigen Frule wohl gnna, da se wieder amol a Freud
hot; mer hot mer gsait, sie hb rechtschaffa g'jomeret, wie Er so krank gwe
send.A18
    Gejammert sagst du? rief Georg, indem er aufsprang und zu ihr trat; so
wute sie um meine Krankheit? O sage, was weit du von Marie? kennst du sie? Was
sagte der Vater von ihr?
    Der Vater hot koi Sterbeswrtle zu mer gsait, und i wit au net, da es a
Frule von Lichtastoi geit, wenn et mei Bas ihr Amm wr. Aber Er meet mer's et
bel nemma, Junker, dasse a bissele g'horcht hau; gucket des Ding ist so ganga:
A19 Sie erzhlte dem Junker wie sie hinter das Geheimnis gekommen sei, und da
der Vater, wahrscheinlich um guten Trost zu bringen, nach Lichtenstein gegangen
sei.
    Georg wurde schmerzlich bewegt durch diese Nachricht, er hatte bis jetzt
geglaubt, Marie werde die Nachricht seines Unfalls zugleich mit der trstlichen
Kunde seiner Genesung erhalten; und jetzt mute er erfahren, da sie mehrere
bange Tage in Ungewiheit geschwebt sei; in der schrecklichen Ungewiheit, ob er
nicht hier noch entdeckt werde, ob er gerettet werde, ob sie ihn je wiedersehen
wrde; er kannte ihr treues Herz, und wie lebhaft konnte er sich ihren Kummer
denken! Wahrlich, sein eigenes Unglck schien ihm gering und nicht zu beachten,
wenn er sich den Jammer des teuren Mdchens vorstellte. Wieviel hatte sie in Ulm
gelitten, wie schmerzlich war ihr der Abschied von ihm geworden; und kaum hatte
ihr Herz wieder freier geatmet in dem Gedanken, da er des Bundes Fahnen
verlassen werde, kaum hatte sie ein wenig heiterer in die Zukunft gesehen, so
kam ihr die Schreckensbotschaft von der tdlichen Wunde. Und dieses alles vor
den Blicken des Vaters verschlieen zu mssen, diesen groen Schmerz allein
tragen mssen, ohne eine, auch nur eine Seele zu haben, bei welcher sie weinen,
bei welcher sie Trost suchen konnte. Jetzt fllte er erst, wie notwendig es sei,
schnell nach Lichtenstein zu eilen, und seine Ungeduld wurde zum Unmut, da
jener, sonst so kluge Mann, gerade in diesen kostbaren Augenblicken so lange
ausbleibe.
    Das Mdchen mochte seine Gedanken erraten, I sieh wohl, Er mchtet gern von
ich fort; wenn no der Vater do wr, denn alloi fendet Er da Weg noch Lichtastoi
net; Er send koi Witaberger, des merke an der Sproch, und so kennet Er leicht
verirra. Wisseter was? i lauf em Vater entgege und mach, da er bald kommt.A20
    Du wolltest ihm entgegengehen? sagte Georg, gerhrt von der Gutmtigkeit
des Mdchens, weit du denn, ob er schon in der Nhe ist; vielleicht ist er
noch stundenweit entfernt, und in einer Stunde wird es Nacht!
    Und wr's so Nacht, da mer da Weg mit de Hnd greifa met, und meet e
laufa bis Lichtastoi, i wett's gern dauh, Er kommet jo no blder zu -A21
errtend schlug sie die Augen nieder, denn trieb sie auch ihr gutes Herz, sich
zum Liebesboten des Ritters anzubieten, so schmte sie sich doch, jenes zarte
Verhltnis, das ihr heute so klar, wie noch nie zuvor einleuchtete, zu berhren.
    Und willst du mir zulieb gehen bis Lichtenstein, so wre es ja tricht von
mir, zurckzubleiben, und erst deinen Vater zu erwarten. Ich sattle geschwind
mein Ro und reite neben dir her, und du zeigst mir den Weg, bis ich ihn nicht
mehr verfehlen kann!
    Das Mdchen von Hardt schlug die Augen nieder und spielte mit dem langen
Zopfband; aber es wird jo scho enera Stund Nacht,A22 flsterte sie kaum
hrbar.
    Ei, was schadet das, dann bin ich um den Hahnenschrei in Lichtenstein,
antwortete Georg, du wolltest dich ja vorhin selbst bei Nacht und Nebel auf den
Weg machen.
    Ja i wohl, entgegnete Brbele ohne aufzusehen, aber Euch ist's gwi et
gsund, wo ner erst krank gw sent, so in der khla Nacht en Weg von sechs Stund
z'macha.A23
    Das kann ich nicht beachten, rief Georg, und die Wunde ist ja geheilt,
ich bin gesund wie zuvor; nein! rste dich immer, gutes Kind, wir brechen
sogleich auf, ich gehe mein Pferd zu satteln. Er nahm den Zaum von einem Nagel
an der Wand, wo er aufgehngt war, und schritt zur Tre.
    Herr! Euer Gnaden! rief ihm das Mdchen ngstlich nach; lasset's lieber
geh. Gucket, 's tuet se et, da mer so selbander in der Nacht fortganget. D'Leut
in Hardt send so gar wunderlich, und mer tt mer gwi ebbes ahnga, wenne -.A24
Wartet lieber bis morga frh, so wille Ich meitwega fhra bis Pfullinga.
    Der Junker ehrte die Grnde des guten Mdchens, und hing schweigend den Zaum
wieder an die Wand. Es mchte ihm freilich lieber gewesen sein, wenn die Leute
von Hardt weniger geneigt waren, Bses zu denken; doch es war hier nichts zu
tun, als sich schweigend in sein Schicksal zu ergeben. Er beschlo daher diesen
Abend und die folgende Nacht noch auf den Pfeifer zu warten; kme er nicht, so
wollte er mit dem frhesten Morgen zu Pferd sein, und unter Leitung seiner
schnen Tochter nach Lichtenstein aufbrechen.

                                      III


 Die linden Lfte sind erwacht,
 Sie schaffen und weben Tag und Nacht,
 Sie suseln an allen Enden,
 O frischer Duft, o neuer Klang!
 Nun, armes Herze, sei nicht bang!
 Nun mu sich alles, alles wenden.
                                                                       L. Uhland

Aber der Pfeifer von Hardt kehrte auch in dieser Nacht nicht nach Haus zurck,
und Georg, der seine Sehnsucht nach der Geliebten nicht mehr lnger zgeln
konnte, sattelte, als der Morgen graute, sein Pferd. Die runde Frau hatte nach
einigen harten Kmpfen, mit ihrem Tchterlein, erlaubt, da sie den Junker
geleiten drfe. Sie wute zwar, da ein so unerhrtes Ereignis viele Abende zur
Unterhaltung in den Spinnstuben von Hardt dienen werde, und sah es deswegen
nicht ganz gerne. Wenn sie aber bedachte, wieviel ihrem Eheherrn an dem jungen
Ritter gelegen sein msse, weil er ihn in sein Haus aufgenommen, und wie einen
Sohn gepflegt hatte, so glaubte sie doch diesen letzten Dienst ihrem Gast nicht
abschlagen zu drfen; doch machte sie die Bedingung, da Brbele vorausgehen,
und ihn eine Viertelstunde hinwarfst an einem Markstein erwarten msse.
    Georg nahm gerhrt Abschied von der stattlichen, runden Frau, die ihm zu
Ehren heute noch einmal in ihrem Sonntagsstaat prangte; er hatte in den
geschnitzten Schrank einen Goldgulden gelegt, ein wichtiges Geschenk fr die
damalige Zeit, und eine bedeutende Summe fr die Reisekasse Georgs von
Sturmfeder. Der Pfeifer von Hardt soll brigens nie etwas von diesem Depositum
erfahren haben; sei es nun, da die gute runde Frau den Goldgulden nicht
gefunden hat, oder da sie ihrem Eheherrn nichts davon berichtete, aus Angst, er
mchte den Junker durch die Rckgabe des Geschenkes beleidigen. Nur so viel ist
gewi, da die Frau des Spielmanns kurze Zeit nach diesem Vorfall mit einem
nagelneuen Rock in der Kirche erschien, zur Verwunderung aller Weiber in der
Gegend, und da ihre Tochter Brbele ein schnes Mieder von feinem Tuch mit
Goldborden auf der nchsten Kirchweihe trug, das man frher nie an ihr gesehen.
Auch soll sie jedesmal errtet sein, wenn die Mdchen das neue Mieder befhlten
und lobten. Welch groen Staat konnte man in den guten Zeiten um einen
Goldgulden machen!
    Georg traf seine Fhrerin auf dem bezeichneten Markstein sitzen. Sie sprang
auf, als er herankam, und ging mit raschen Schritten neben ihm her. Das Mdchen
kam ihm heute noch viel hbscher vor als gestern. Ihre Wangen hatte der frische
Aprilmorgen mit hohem Rot bedeckt, und ihre Augen glnzten freundlich. Ihre
Tracht eignete sich ganz gut zu einem weiten Marsch, denn das kurze Rckchen
hinderte den Fu nicht, flink auszuschreiten. Sie hatte ein Krbchen an den Arm
gehngt, als wolle sie zu Markt in die Stadt gehen. Sie trug aber weder Gems
noch Frchte darin, was sie wohl sonst in die Stadt zu bringen pflegte, sondern
ein Regentuch, mit dem sie sich gegen die wechselnden Launen eines Apriltages
versehen hatte. Der Junker dachte bei sich, als sie so schmuck und rstig neben
ihm hinging, da das Mdchen wohl einmal eine gute, tchtige Hausfrau zu werden
verspreche, und pries den jungen Burschen glcklich, der einst das Kleinod des
Spielmannes von Hardt fr sich gewinnen werde.
    Sie hatte unstreitig viel von dem lebhaften Geiste ihres Vaters geerbt.
Denn, wie auch jener bei der Reise ber die Alb seinem vornehmen Gefhrten durch
Erzhlungen und Hindeutungen auf die Gegend den Weg zu verkrzen bemht gewesen
war, so wute auch sie, sooft das Gesprch zu stocken begann, entweder auf einen
schnen Punkt in den Tlern und Bergen umher, aufmerksam zu machen, oder sie
teilte ihm unaufgefordert eine und die andere Sage mit, die sich an ein Schlo,
an ein Tal oder einen Bach knpften.
    Sie whlte meistens Nebenwege, und fhrte den Reiter hchstens zwei- bis
dreimal durch Drfer, von zwei zu zwei Stunden aber machten sie halt. Endlich
nach vier solchen Stationen sah man in der Entfernung von einer kleinen halben
Stunde ein Stdtchen liegen; der Weg schied sich hier, und ein Fupfad fhrte
links ab in ein Dorf. An diesem Scheidepunkt blieb das Mdchen stehen und sagte:
Was Er dort sehet ist Pfullinga, von dort kann Ich jedes Kind da Weg nach
Lichtastoi zeiga.
    Wie? Du willst mich schon verlassen? fragte Georg, der sich an die
munteren, sinnigen Reden seiner Begleiterin so gewhnt hatte, da ihn der
Abschied berraschte; warum gehst du nicht wenigstens mit mir bis Pfullingen?
Dort kannst du in der Herberge etwas essen und trinken; du willst doch nicht
geradezu nach Haus laufen?
    Das Mdchen suchte freundlich auszusehen und zu scherzen, doch konnte sie
einen schmerzlichen Zug um den Mund und trbe Augen nicht verbergen; denn wohl
mochte auch ihr die Nhe ihres schnen Gastes teurer geworden sein, als sie
vielleicht selbst wute. Do mue i von Ich geh, gndiger Herr, sagte sie, so
gerne au no weiters mitging; aber d'Muetter will's so; dort in dem Drfle am
Berg hanne a Baas, und bei der bleibe heut, und morga gange wieder noch Hardt.
Jetzt b'het Ich Gott der Herr und d' heilig Jungfrau und lle seine Heilige
nemmet Ich in Schutz. Greet mer de Vater und au, setzte sie lchelnd hinzu,
indem sie schnell eine Trne abschttelte, greet mer sell Frhla, die Er so
gern hent.A25
    Dank dir Brbele, entgegnete Georg, und reichte ihr die Hand zum Abschied
vom Pferd hinab. Ich kann dir deine treue Pflege nicht vergelten. Aber wenn du
nach Haus kommst, so schau in den geschnitzten Schrank, dort wirst du etwas
finden, das vielleicht zu einem neuen Mieder oder zu einem Rckchen fr den
Sonntag reicht. Nun, und wenn du es dann zum erstenmal anhast und dein Schatz
dich darin kt, so denke an Georg von Sturmfeder!
    Der junge Mann gab seinem Pferde die Sporen, und trabte ber die grne Ebene
hin dem Stdtchen zu. Zweihundert Schritte weit entfernt, schaute er sich noch
einmal nach der Tochter des Spielmannes um. Sie stand noch dort, wo er sie
verlassen hatte, im roten Mieder, im kurzen Rckchen, mit langen Zpfen und
weien Strmpfen, sie war es und keine andere; aber sie hielt die Hand vor die
glnzenden Augen, und Georg war ungewi, ob sie die Strahlen der Sonne dadurch
abhalten wolle, indem sie ihm nachblickte, oder ob sie vielleicht jene Trne
verwische, die er in ihren Wimpern blinken sah, als sie Abschied nahm.
    Bald war er am Tor der kleinen Stadt angelangt. Er fhlte sich ermdet und
durstig, und fragte daher auf der Strae nach einer guten Herberge. Man wies ihn
nach einem kleinen dsteren Haus, wo ein Spie ber der Tre und ein Schild mit
einem springenden Hirsch geziert, zur Einkehr einluden. Ein kleiner barfuiger
Junge fhrte sein Pferd in den Stall, ihn selbst aber empfing in der Tre eine
junge, freundliche Frau und fhrte ihn zur Trinkstube.
    Es war dies ein weites, finsteres Zimmer, an dessen Wnden sich schwere
eichene Tische und Bnke hinzogen. Die ungeheure Menge von Kannen und Bechern,
die blank gescheuert von den Gestellen am Getfer herabblinkte, bewies, da die
Herberge zum Hirsch sehr besucht sein msse. In der Tat saen auch, obgleich es
erst Mittag war, schon viele Gste beim Wein. Sie schauten den stattlichen
jungen Ritter prfend an, als er an ihren Tischen vorber zum Ehrenplatz, in ein
sechseckiges, wie eine Laterne aus lauter Fenstern erbautes Erkerlein gefhrt
wurde; doch lieen sie sich in ihrem Gesprch durch den vornehmen Gast nicht
lange stren, sondern schwatzten weiter ber Krieg und Frieden, ber Schlachten
und Belagerungen, wie ehrsame Spiebrger in so unruhigen Zeiten, wie etwa anno
1519, zu tun pflegen.
    Die Wirtin schien an ihrem Gast Gefallen zu finden. Sie schaute mit
lchelnder Miene nach ihm herber, wenn sie am Erkerlein vorbeiging, und als sie
ihm eine Kanne alten Heppacher und einen silbernen Becher vorsetzte, zog sich
ihr etwas groer Mund zu holdseliger Freundlichkeit. Sie versprach ihm auch, ein
junges Huhn zu braten und einen Tisch zu decken, wenn er sich nur ein wenig
gedulden wolle; einstweilen solle er sich den Wein gut bekommen lassen. Das
laternenfrmige Erkerlein lag um zwei Stufen hher als die brige Trinkstube,
Georg konnte daher mit Mue die Tische bersehen und trinkend die Gste mustern.
Obgleich er nicht viel in Herbergen und Weinstuben sich herumzutreiben pflegte,
so hatte er doch, vielleicht dadurch, da er weniger sprach als beobachtete,
einen eigenen Takt in Beurteilung solcher Umgebungen gewonnen, der ihn auch bei
seinen jetzigen Beobachtungen untersttzte.
    Die Gesellschaft, die um einen der groen eichenen Tische sa, bestand aus
etwa zehn bis zwlf Mnnern. Sie unterschieden sich auf den ersten Anblick nicht
sehr voneinander; groe Brte, kurze Haare, runde Mtzen, dunkle Wmser gehrten
dem einen so gut wie dem anderen an. Doch sonderte ein schrferer Blick bald
vorzglich drei von den brigen. Der eine, er sa Georg am nchsten, war ein
kleiner, fetter freundlicher Mann. Sein Haar war im Nacken etwas lnger als das
der anderen, er hatte es sorgfltiger gekmmt, auch schien sein dunkler Bart
besser gepflegt zu sein. Ein Mantel von feinem schwarzem Tuch, und ein Filzhut
mit spitzigem Kopf und breiter Krempe, die hinter ihm an einem Nagel hingen,
bezeichneten einen Mann von einigem Gewicht, vielleicht gar einen Ratsherrn. Er
mochte auch eine bessere Sorte trinken als die brigen, denn er schlrfte
bedchtig, und wenn er mit dem Deckel an seinem Krug das Zeichen gab, da er
leer sei, tat er dies mit einem gewissen Anstand, und vernehmlicher als die
brigen. Er sah bei allem, was gesprochen wurde, beraus fein und listig aus,
als wisse er noch manches, ohne es gerade hier preisgeben zu wollen. Auch hatte
er das Vorrecht, das Kellnermdchen in die Wangen zu kneipen oder ihren runden
Arm zu ttscheln, wenn sie ihm die gefllte Kanne brachte.
    Ein anderer Mann, der am entgegengesetzten Ende des Tisches sa, stach nicht
minder gegen seine Umgebungen ab, als der Fette; alles war an ihm lnglich und
hager. Sein Gesicht, von der Stirne bis zu dem langen, zugespitzten Kinn, ma
wohl eine gute Mannesspanne; seine Finger, mit welchen er auf dem Tische den
Takt eines Liedes spielte, das er leise vor sich hin pfiff, hatten etwas
Spinnenartiges, und als sich Georg einmal zufllig bckte, gewahrte er zu seinem
groen Erstaunen, da der hagere Mann lange, dnne Beine, beinahe unter dem
ganzen Tisch hin, ausgestreckt hatte. Er hatte um seine Nase etwas
Hochfahrendes, das sich auch in der Art, wie er allem, was die Brger
vorbrachten, widersprach, ausdrckte; er sah aus, wie einer der viel mit
vornehmen Herren umgegangen ist, ihre Art und Weise angenommen hat, aber doch
nicht recht bequem damit zurechtkommt. Er konnte nicht aus dem Stdtchen sein,
denn er hatte die Wirtin nach seinem Pferd gefragt. Nach Georgs Mutmaungen war
er ein reisender Arzt, wie sie zu jener Zeit im Land umherzogen, um die Menschen
knstlich umzubringen.
    Der dritte Mann, der dem Gast im Erker auffiel, sah etwas zerrissen und
zerlumpt aus; er hatte brigens etwas Bewegliches, Listiges in seinem Wesen, das
ihn von der gutmtigen, behaglichen Ruhe der Spiebrger merklich unterschied.
Er hatte ber dem einen Auge ein groes Pflaster, das andere aber blickte khn
und offen um sich. Ein groer Reisestock mit eiserner Spitze, der neben ihm lag,
und sein lederbesetzter Rcken, worauf er gewhnlich einen Korb oder eine Kiste
tragen mochte, lieen schlieen, da er entweder ein Bote sei, oder
wahrscheinlicher noch einer jener herumziehenden Krmer, die auf Mrkte und
Kirchweihen, nebst wunderbaren Nachrichten aus fernen Landen, fr die Weiber
wirksame Mittel gegen verhextes Vieh, und fr die Mdchen schne bunte Bnder
und Tcher bringen.
    Diese drei waren es auch, die das Gesprch fhrten, das nur hin und wieder
durch einen Ausruf der Verwunderung oder durch ein Klopfen mit den Krugdeckeln
von den brigen ehrsamen Brgern unterbrochen wurde.
    Diese Mnner handelten brigens eine Materie ab, die Georgs Interesse sehr
in Anspruch nahm. Sie sprachen ber die Unternehmungen des Bundes im
wrttembergischen Unterland. Der Krmer mit dem ledernen Rcken hatte erzhlt,
da Meckmhl, worin sich Gtz von Berlichingen eingeschlossen, von den
Bndischen erstrmt, und jener tapfere Mann gefangen worden sei.23
    Der Ratsherr hatte zu dieser Nachricht listig gelchelt, und einen guten Zug
von seiner besseren Sorte getrunken; der Hagere lie aber den Lederrcken nicht
aussprechen, er schlug den Takt mit den langen Fingern etwas vernehmlicher, und
sagte mit hohler Stimme: Das ist erstunken und erlogen, Freund! seht, das ist
gar nit mglich, denn der Berlichingen versteht die schwarze Kunst und ist fest,
das mu ich wissen; und berdies hat er allein mit seiner eisernen Hand in
mancher Schlacht zweihundert Mann maustot geschlagen, was wird er sich denn
fangen lassen?
    Mit Verlaub, unterbrach ihn der fette Herr; dem ist nicht also, sondern
Gtz ist in der Tat gefangen, und sitzt in Heilbronn. Aber nicht weil er erlegen
ist, denn sein Schlo in Meckmhl ist nicht erstrmt worden, sondern die
Bndischen haben ihm und den Seinigen freien Abzug versprochen; wie er aber aus
dem Tor kam, wurde er berfallen, seine Knechte gettet und er gefangen. Seht,
das ist nicht recht, und da hat der Bund schndlich gehandelt.
    Da mu ich doch bitten, Herr, sprach der Lange, da man nicht also von
den Bundesobersten spricht; ich kenne viele Herren davon genau, wie z.B. Herr
Truchse von Waldburg mein geneigter Herr und Freund ist.
    Der fette Herr schien etwas erwidern zu wollen, splte aber das, was ihm auf
der Zunge lag, mit einigem Wein hinunter. Jedoch die Brger brachen bei
Erwhnung so vornehmer Bekanntschaften in ein Gemurmel des Staunens aus, und
lfteten ehrerbietig ihre Mtzen.
    Nun, wenn Ihr bei dem Bunde so gut bekannt seid, sagte der Zerlumpte mit
etwas trotziger Miene, so werdet Ihr uns die beste Nachricht geben knnen, wie
es um Tbingen aussieht.
    Es pfeifet auf dem letzten Loch, antwortete der Gefragte; ich war vor
kurzer Zeit dort, und sah die frtrefflichen und schrecklichen Anstalten zur
Belagerung.
    Ei, - So, - Wie, flsterten die Brger und rckten nher zusammen, als
erwarteten sie wichtige Kunde.
    Der hagere Mann lehnte sich an die Lehne seines Stuhles zurck, steckte die
langen Finger in die Degenkuppel, streckte die Beine um einige Zoll lnger aus
und sprach: Ja, ja ihr Leute, dort sieht es arg aus; alle Ortschaften in der
Nachbarschaft sind in groem Schaden, denn die Obstbume sind alle abgehauen,
man schiet mit aller Macht auf Stadt und Schlo, und die Stadt hat sich schon
ergeben; im Schlo liegen vierzig Ritter, aber sie knnen die paar Muerlein
nicht mehr lange halten!
    Was? ein paar Muerlein? rief der fette Herr und setzte seine Kanne
klirrend auf den Tisch; wer je das Schlo von Tbingen gesehen hat, kann nicht
von ein paar Muerlein reden. Hat es nicht auf den Seiten, wo es an den Berg
stt, zwei tiefe Graben, da die Bndler mit keiner Leiter hinaufknnen, und
Mauern zwlf Schuh dick, und Trme, aus welchen sie ihre Feldschlangen nicht
bel spielen lassen.
    Umgeschossen, umgeschossen! rief der lange Mann mit so greulich hohler
Stimme, da die erschrockenen Brger die Trme von Tbingen krachen zu hren
glaubten; den neuen Turm, den der Ulerich neulich aufbaute, hat der Frondsberg
umgeschossen, wie wenn er nie dagestanden wre.24
    Aber damit ist noch nicht alles hin, antwortete der Zerlumpte. Und die
Ritter machen Ausflle aus dem Schlo, und haben schon manchen auf dem Wrth am
Neckar schlafen gelegt. Und dem Frondsberg haben sie den Hut vom Kopf
geschossen, da er heute noch Ohrensumsen hat.25
    Da seid Ihr falsch berichtet, sprach der Hagere nachlssig; Ausflle?
dafr haben die Belagerer leichte Reiter wie die Teufel; es sind Griechen, ich
wei nicht vom Ganges oder Epiros, man heit sie Stratioten; die haben einen
Obersten, den Georg Samares, der lt keinen Hund aus dem Loch ausfallen.26
    Der hat halt auch ins Gras beien mssen, entgegnete der zerlumpte Mann
mit einem hhnischen Seitenblicke; die Hunde, wie Ihr sie nennt, sind dennoch
ausgefallen, obgleich der Grieche vor dem Loch stand, und haben ihn gebissen und
gefangen, und -
    Gefangen? den Samares? rief der Lange aus seiner vornehmen Ruhe
aufgeschreckt; Freund, das habt Ihr falsch gehrt!
    Nein, antwortete jener sehr ruhig, ich habe die Glocken luten hren, als
man ihn in Sankt-Jrgen-Kirche begraben hat.
    Die Brger schauten aufmerksam nach dem langen Fremden um zu erforschen, was
fr einen Eindruck diese Nachricht auf ihn mache? Er lie seine buschigen
Augenbrauen herab, da von seinen Augen nichts mehr zu sehen war, zwirbelte
seinen langen dnnen Knebelbart, schlug mit der knchernen Hand auf den Tisch
und sagte: Und wenn sie ihn auch in zehn Stcke zerhauen htten, den Griechen,
es hilft doch nichts! das Schlo mu ber, da hilft nichts, und hat man
Tbingen, dann gute Nacht Wrttemberg. Der Ulerich ist zum Land hinaus, und
meine gndige Herren und Gnner sind Meister.
    Wer steht Euch davor, da er nicht wiederkommt? und dann? - - sagte der
kluge, fette Herr, und klappte den Deckel zu.
    Was? wiederkommen, schrie jener; der Bettelmann? wer sagt das, da er
wiederkommt; wer wagt es? He?
    Was geht es uns an? murmelten die Gste unmutig; - wir sind friedliche
Brger, uns ist's einerlei, wer Herr im Land ist, wenn nur die Steuern anders
werden. - Wenn man in der Herberg ist, wird doch auch noch ein Wort erlaubt
sein? So sprachen sie, und der Hagere schien zufrieden, da ihm keiner etwas
Ernstliches entgegnete. Er sah einen um den andern mit stechendem Blicke an, zog
dann sein Gesicht in freundlichere Falten und sagte: Es war nur zur Erinnerung,
da wir den Herzog frder nicht mehr brauchen; mein Seel, mir ist er wie Gift
und Operment, darum gefllt mir auch das Paternoster so gut, das einer auf ihn
gemacht hat; ich will es einmal singen. Die Brger sahen finster vor sich hin,
und schienen nicht sehr begierig auf den Spottgesang, der ihrem unglcklichen
Herzog galt. Jener aber befeuchtete seine Kehle mit einem guten Trunk, und sang
mit heiserer, unangenehmer Stimme:

Vater unser
Reutlingen ist unser.
Der du bist
Elingen hat nicht lange Frist.
Geheiligt werde dein Nam';
Heilbronn und Weil wollen wir han,
Zukomm uns dein Reich,
Ulm sieht uns auch gleich.
Dein Will geschehe
Die Mnz' hat gereiht ein anderes Geprhe.
Unser tglich Brot
Wir haben Geschtz fr alle Not.
Gib uns heut und vergib uns unsere Schuld,
Wir haben des Knigs in Frankreich Huld,
Als wir vergeben unseren Schuldigern,
Wir wollen dem Bund das Maul zusperrn!
La uns nicht versucht werden
Wir wllen bald Kaiser werden.
Sondern erls uns vom bel. Amen!
So behalten wir des Kaisers Namen.27

Er schlo seinen Gesang mit einem fatalen, zitternden Schnrkel, der weiter
keinen Effekt hervorbrachte, als da die Brger einander heimlich anstieen, und
ber die jmmerlichen Tne des Sngers, die Achsel zuckten. Er aber schaute
stolz in dem Kreise umher, als wolle er in den Mienen seiner Zuhrer den
gerechten Beifall lesen.
    Ihr habt da ein gar frommes Lied gesungen, sagte der Zerlumpte, so fein
kann ich's nicht, aber doch wei ich auch ein neues Lied, und will es mit Eurem
Verlaub singen.
    Der Hagere sah ihn scheel und spttisch an, die Brger aber nickten ihm zu,
und er begann mit einem angenehmen Tenor, indem er die Augen halb zuschlo, aber
doch hin und wieder auf den langen Mann hinberschielte, als beobachte er,
welchen Eindruck sein Gesang mache:28

O weh, wo bleibet deine Kraft,
Wrttemberg, du arme Landschaft;
Ich klag dich billig hart und sehr,
Denn der Bader von Ulm, der ist dein Herr.

Der zu Nrnberg die Wetschger macht,
Der Weber von Augsburg treibt auch sein Pracht,
Der Salzsieder von Schwbisch Hall,
Von Ravenspurg die Krmer all.

Von Rottweil die neuen Schweizerknaben
Wollten der Gans auch ein Feder haben,
Und der Schneider von Memming ist in der Sach
Und auch der Krschner von Biberach.

Lrmender Beifall und Gelchter unterbrach den Snger; sie langten ber den
Tisch herber, schttelten dem Zerlumpten die Hand und lobten sein Lied. Der
Hagere sprach kein Wort, sondern warf finstere Blicke auf die Gesellschaft; man
war ungewi, ob er den Beifall des Zerlumpten beneidete, oder ob der Gegenstand
des Liedes ihn beleidigte. Der fette Herr aber sah ungemein klug aus, brummte
die Weise des Liedes mit, und nickte bei jeder Kraftstelle mit dem Haupt.
    Der Snger mit dem ledernen Rcken fuhr fort:

Den Saymer von Kempten ich euch meld
Und Holzhauer von dem Herdtfeld
Und andere, die ich nit nennen will
Der Haufen ist gro und wird gar zu viel.

Und auch der ist in dem Strau,
Der richt' alles mit Ungeld aus,
Ich mein' Junker Ermlich und sein Gesind
Des reichen Barchetwebers Kind.

Da Euch der Kuckuck in den Hals fahr! Ihr Lumpenhund, fuhr der lange Mann
auf, als er die letzten Worte hrte; ich wei wohl, wen Ihr mit dem
Barchetweber meint; meinen gndigen Gnner den Herrn von Fugger. Den soll mir
ein solcher Landlufer verunglimpfen? Er begleitete diese Worte mit einem
ausdrucksvollen Mienespiel, und mit schrecklicher Gebrde.
    Doch der mit dem ledernen Rcken lie sich nicht einschchtern; er stellte
seine ungemein muskulse Faust vor sich hin und sagte: Den Landlufer knnt Ihr
fr Euch behalten, Herr Calmus, man wei wohl wer Ihr seid; und wenn Ihr nicht
augenblicklich Euer Maul haltet, so will ich Euch Eure Rhrlffelarme vom Leib
schlagen.
    Der Hagere stand auf und bedauerte sich selbst, da er in so gemeine
Gesellschaft geraten sei; er zahlte seinen Wein und ging vornehmen Schrittes aus
der Trinkstube.

                                       IV


 Weh mir, ich habe die Natur verndert.
 Wie kommt der Argwohn in die freie Seele?
 Vertrauen, Glaube, Hoffnung ist dahin.
 Denn alles log mir, was ich hochgeachtet.
                                                                        Schiller

Als dieser Mann das Zimmer verlassen hatte, sahen die Gste erstaunt einander
an; es war ihnen zumut, als htten sie ein schweres Gewitter aufsteigen sehen,
es htte gekracht, als ob die Erde bersten wollen, ja, als wre ein
erschrecklicher, ttender Blitz auf sie herabgefahren, und siehe da, es war nur
ein kalter Schlag. Dem Mann mit dem Lederrcken dankten sie, da er den
ungezogenen, bermtigen Gast so schnell entfernet habe, und fragten, was er
wohl von dem hageren Fremden wisse?
    Den kenne ich wohl, antwortete dieser, das ist unseres Herrgotts Tagdieb,
ein fahrender Arzt, der den Leuten Pillen verkauft gegen die Pest, den Hunden
den Wurm schneidet und die Ohren stutzt, die Mdchen von dicken Hlsen befreit
und den Weibern Augenwasser gibt, da sie blind werden. Er heit eigentlich
Kahlmuser, aber weil er ein Gelehrter sein will, heit er sich Doktor Calmus.
Er nistet sich bei allen groen Herren ein, und wenn ihn einer einmal einen Esel
geheien hat, so meint er schon, er sei sein bester Freund.
    Mit dem Herzog mu er aber nicht gut stehen, bemerkte der schlaue Herr,
denn er hat doch lsterlich ber ihn geschimpft.
    Ja, mit Herrn Ulerich steht er freilich nicht gut; das ging aber so: der
Herzog hatte einen schnen dnischen Jagdbund, der hatte sich im Schnbuch einen
Dorn tief in die Pfote getreten. Den Herzog dauerte der Hund, er forschte nach
einem geschickten Mann, der das Tier heilen knnte, und zufllig war der
Kahlmuser da, und bot sich mit wichtigem Gesicht dazu an. Er bekam im Schlo in
Stuttgart alle Tage gut zu essen und eine Ma Wein; das schmeckte ihm nun so
gut, da er ber ein Vierteljahr an der Hundspfote dokterte. Da lie ihn eines
Tages der Herzog samt dem Hund rufen und fragte, was er ausgerichtet habe. Er
soll viel gelehrtes Zeug geschwatzt haben, doch der Herr hat nicht darauf
geachtet, sondern die Pfote selbst untersucht, und da fand es sich, da sie
schon ganz schwarz und brandig war. Da nahm der Herzog den Kahlmuser, so lang
er war, trug ihn an die lange Treppe, auf der man bis in den zweiten Stock
hinaufreiten kann, und warf ihn hinunter, da er halb tot unten ankam. Und seit
der Zeit ist der Doktor Calmus nicht gut auf den Herzog zu sprechen. Andere
sagen auch, er sei der Kundschafter gewesen zwischen dem Hutten und Frau Sabina,
und habe nur deswegen den Hund bernommen, weil er dadurch ins Schlo kam.
    So? mit dem Hutten hat er es gehalten? sagte einer der Brger. Das htten
wir wissen sollen, so htten wir ihm das Fell recht gegerbt, dem Lumpendoktor!
Der Hutten ist doch an all dem unseligen Kriege schuld, mit seiner Liebelei, und
der drre Kahlmuser hat ihm dazu geholfen.
    De mortuis nil nisi bene; man mu die Toten schonen, sagen die Lateiner,
entgegnete der fette Herr; der arme Teufel hat es mit dem Leben teuer genug
bezahlt.
    Aber es ist ihm recht geschehen, rief jener Brger mit groer Hitze; an
des Herzogs Stelle htte ich's gerade auch so gemacht, ein jeder Mann mu sein
Hausrecht wahren.
    Reitet Ihr zuweilen mit dem Vogt auf die Jagd? fragte der fette Herr mit
beraus schlauem Lcheln, da habt Ihr die beste Gelegenheit; ein Schwert habt
Ihr ja, und eine Eiche wird sich auch finden, wohin Ihr seinen Leichnam hngen
knnet.
    Ein schallendes Gelchter der Brger von Pfullingen, belehrte den Gast im
Erker, da jener eifrige Verteidiger des Hausrechts in seinem eigenen Hause
nicht so ganz strenge Justiz ben msse. Er errtete und murmelte einige
unverstndliche Worte in seinen Becher hinein.
    Der Zerlumpte aber, der als Fremder nicht mitlachen wollte, nahm sich seiner
an: Ja wohl hat der Herzog ganz recht gehabt; denn er htte den Hutten auf der
Stelle hngen knnen, ohne da er erst mit ihm focht, er ist ja Freischff vom
westflischen Stuhl, vom heimlichen Gericht, und darf einen solchen
Ehrenschnder ohne weiteres abtun. Und er hatte die besten Beweise gleich bei
der Hand; kennt Ihr das schne Liedlein? Ich will einmal ein paar Verse daraus
singen:

Und im Wald er sich zum Hutten wandt:
Was flimmert dort an deiner Hand?
Herr Herzog 's ist ein Ringelein
Das hab ich von meiner Liebsten fein.

Ei Hanns, du bist ein stattlich Mann
Hast auch ein glden Kettlein an!
Das hat mir auch mein Schatz geschenkt,
Zum Zeichen, da sie mein gedenkt.

Dann heit es weiter:

O Hutten, gib dei'm Gaul die Sporn,
Des Herzogs Auge rollt voll Zorn,
O Hutten, fleuch, noch ist es Zeit,
Er reit das Schwert schon aus der Scheid -

Lat es lieber gut sein, unterbrach ihn der fette Herr mit ernster Miene; es
ist nicht gut, da man in solchen Zeiten dies Lied in der Herberge singt; dem
Herzog kann es nicht mehr ntzen, und die Bndischen sind rings um uns; es
knnte leicht einer etwas davon hren, setzte er mit einem stechenden Blick auf
Georg hinzu, und dann hiee es gleich: Pfullingen zahlt hundert Gulden
Brandsteuer mehr.
    Wei Gott, Ihr habt recht, sagte der Zerlumpte; es ist nicht mehr wie
frher, wo man ein freies Wort sprechen und singen durfte beim Wein in der
Trinkstube; da mu man immer umschauen ob nicht dort ein Herzoglicher, und auf
der andern Seite ein Bndler sitzt; aber den letzten Vers will ich noch singen,
trotz Bayern und dem Schwabenbund:

Es steht eine Eich' im Schnbuchwald,
Gar breit in den sten und hoch gestalt't;
Die wird zum Zeichen Jahrhunderte stahn:
Dort hing der Herzog den Hutten dran.

Er hatte ausgesungen, das Gesprch der Brger sank jetzt zum Geflster herab,
und Georg glaubte zu bemerken, da sie ber ihn ihre Glossen machen. Auch die
freundliche Wirtin schien neugierig, zu wissen, wen sie in ihrem Erkerlein
beherberge. Sie setzte die Speisen, die sie ihm bereitet hatte, vor ihn hin,
nachdem sie ein schnes Tafeltuch ber den runden Tisch ausgebreitet hatte; dann
nahm sie selbst an der entgegengesetzten Seite Platz und befragte ihn, wiewohl
sehr bescheiden, ber das Woher? und Wohin?
    Der junge Mann war nicht gesonnen, ihr ber den eigentlichen Zweck seiner
Reise genaue Auskunft zu geben. Das Gesprch der Gste an der langen Tafel hatte
ihn belehrt, da es hier nicht minder gefhrlich sei, zu gar keiner Partei zu
gehren, als sich fr irgendeine bestimmt zu erklren, er sagte daher, er komme
aus Franken und werde noch weiter hinauf ins Land, in die Gegend von Zollern
reisen, und schnitt somit jede weitere Frage ab; denn die Wirtin war zu
bescheiden, als da sie sich den Ort wohin er gehe, noch nher htte bezeichnen
lassen. Es schien ihm aber eine gute Gelegenheit, sich nach Marien zu
erkundigen, denn er war glcklich, wenn ihm die Wirtin zum Goldenen Hirsch, auch
nur ihren Namen nennen, nur den Saum ihres Kleides beschreiben wrde. Er fragte
daher nach den Burgen umher und nach den ritterlichen Familien, die in der
Nachbarschaft wohnen.
    Die Wirtin schwatzte gerne; sie gab ihm in weniger als einer Viertelstunde
die Chronik von fnf bis sechs Schlssern aus der Gegend, und bald kam auch
Lichtenstein an die Reihe. Der junge Mann holte tiefer Atem bei diesem Namen,
und Schob die Schssel weit hinweg, um seine Aufmerksamkeit ganz der Erzhlerin
zu widmen.
    Nun, die Lichtensteiner sind gar nicht arm, im Gegenteil, sie haben schne
Felder und Wlder, und keine Rute Landes verpfndet: da liee sich der Alte
lieber seinen langen Bart abscheren, obgleich er gar viel darauf hlt und ihn
immer streichelt, wenn er mit den Leuten spricht. Er ist ein strenger, ernster
Mann; was er einmal haben will, das mu geschehen, und sollte es biegen oder
brechen. Er ist auch einer von denen, die es so lange mit dem Herzog hielten;
die Bndischen werden es ihm bel entgelten lassen.
    Wie ist denn seine..., ich meine Ihr sagtet, er habe eine Tochter, der
Lichtenstein?
    Nein, antwortete die Wirtin, indem sich ihr sonst so heiteres Gesicht in
grmliche Falten zog, von der habe ich gewi nicht gesprochen, da ich es
wte. Ja, er hat eine Tochter, der gute alte Mann, und es wre ihm besser, er
fhre kinderlos in die Grube, als da er aus Jammer ber sein einziges Kind
abfhrt.
    Georg traute seinen Ohren nicht; was konnte die Wirtin gerade von Marien so
Arges denken, da sie den Vater glcklich pries, wenn er dieses Kind nicht
htte? Was ist es denn mit diesem Frulein, fragte er, indem er sich vergebens
abmhte, recht scherzhaft auszusehen; Ihr macht mich neugierig, Frau Wirtin;
oder ist es ein Geheimnis, das Ihr nicht sagen drft?
    Die Frau zum Goldenen Hirsch schaute aus dem Erker heraus nach allen Seiten,
ob niemand lausche, aber die Brger waren ruhig in ihrem Gesprch begriffen, und
achteten nicht auf sie, und sonst war niemand in der Nhe, der sie hren konnte.
Ihr seid ein Fremder, hub sie nach diesen Forschungen an, Ihr reiset weiter
und habt nichts mit dieser Gegend zu schaffen, darum kann ich Euch wohl sagen,
was ich nicht jedem vertrauen mchte. Das Frulein dort oben auf dem
Lichtenstein ist ein - ein - ja bei uns Brgersleuten wrde man sagen, sie ist
ein schlechtes Ding, eine lose Dirne -
    Frau Wirtin! rief Georg.
    So schreiet doch nicht so, verehrter Herr Gast, die Leute schauen sich ja
um. Meinet Ihr denn, ich sage, was ich nicht ganz gewi wei? Denkt Euch, alle
Nacht Schlag eilf Uhr lt sie ihren Liebsten in die Burg. Ist das nicht
schrecklich genug, fr ein sittsames Frulein?
    Bedenket, was Ihr sprechet! Ihren Liebsten?
    Ja leider, nachts um eilf Uhr ihren Liebsten; es ist eine Schande und ein
Spott! Es ist ein ziemlich groer Mann, der kommt in einen grauen Mantel gehllt
ans Tor. Sie hat es zu machen gewut, da zu dieser Zeit alle Knechte vom Tor
entfernt sind, und nur der alte Burgwart, der ihr auch in ihrer Kindheit zu
allen losen Streichen half, um den Weg ist; da kommt sie nun allemal, wenn es
drben in Holzelfingen eilf Uhr schlgt, selbst herunter in den Hof, die Nacht
mag so kalt sein als sie will, und bringt den Schlssel zur Zugbrcke, den sie
zuvor ihrem alten Vater vom Bette stiehlt; dann schliet der alte Snder, der
Burgwart, auf, die Brcke fllt nieder, und der Mann im grauen Mantel eilt in
die Arme des Fruleins.
    Und dann? fragte Georg, der beinahe keinen Atem mehr in der Brust, kein
Blut mehr in den Wangen hatte; und dann?
    Ja, dann wird Braten, Brot und Wein geholt; so viel ist gewi, da der
nchtliche Liebste einen ungeheuren Hunger haben mu, denn er hat in mancher
Nacht einen halben Rehziemer rein aufgezehrt, und zwei, drei Nssel Wein dazu
getrunken; was weiter geschieht, wei ich nicht; ich will nichts vermuten,
nichts sagen, aber das wei ich, setzte sie mit einem christlichen Blick gen
Himmel hinzu, beten werden sie nicht.
    Georg schalt sich nach kurzem Nachdenken selbst aus, da er nur einen
Augenblick gezweifelt habe, da diese Erzhlung eine Lge, von irgendeinem
migen Kopf ersonnen sei; oder wenn auch etwas Wahres darin wre, so konnte es
doch nichts sein, das Marien zur Unehre gereicht htte.
    Wenn es wahr ist, da die Liebe eines Jnglings in den guten alten Zeiten
zwar nicht weniger leidenschaftlich war, als in unseren Tagen, aber mehr den
Charakter reiner anbetender Ehrfurcht trug, da nach der Sitte der Zeit die
Geliebte nicht auf gleicher Stufe mit ihrem Verehrer, sondern um eine hher
stand, wenn wir den romantischen Erzhlungen alter Chroniken und Minnebcher
trauen drfen, die so viele Beispiele auffhren, da sich edle Mnner, wenn sie
in Liebe sind, fr die Treue und Reinheit ihrer Dame, auf der Stelle totschlagen
lassen, so ist es nicht zu verwundern, da Georg von Sturmfeder wenigstens auf
diese Indizien hin, von Marien nichts Schlechtes denken konnte. So rtselhaft
ihm selbst jene nchtlichen Besuche vorkommen mochten, so sah er doch klar, es
sei weder bewiesen, da der Vater nichts darum wisse noch da der geheimnisvolle
Mann gerade ein Liebhaber sein msse. Er trug diese Zweifel auch seiner Wirtin
vor.
    So? meint Ihr, der Vater wisse um die Geschichte? sprach sie; dem ist
nicht so. Sehet, ich wei das gewi, denn die alte Rosel, die Amme des Fruleins
-
    Die alte Rosel hat es gesagt? rief Georg unwillkrlich; ihm war ja diese
Amme, die Schwester des Pfeifers von Hardt, so wohlbekannt; freilich wenn diese
es gesagt hatte, war die Sache nicht mehr so zweifelhaft; denn er wute, da sie
eine fromme Frau und dem Frulein sehr zugetan war.
    Ihr kennt die alte Rosel? fragte die Wirtin, erstaunt ber den Eifer,
womit ihr fremder Gast nach dieser Frau fragte.
    Ich? sie kennen? nein, erinnert Euch nur, da ich heute zum erstenmal in
diese Gegenden komme; nur der Name Rosel fiel mir auf.
    Sagt man bei Euch nicht so? Rosel heit Rosina bei uns, und so nennt man
die alte Amme in Lichtenstein; nun seht, diese hlt viel auf mich, und kommt hie
und da zu mir, dann koche ich ein ses Weinmschen, was sie fr ihr Leben gerne
it, und zum Dank vertraut sie mir allerlei Neues. Von ihr habe ich auch was ich
Euch sagte. Der Vater wei gar nichts von diesen nchtlichen Besuchen, denn er
geht schon um acht Uhr zu Bette, die Amme schickte das Frulein jedesmal um acht
Uhr in ihre Kammer. Das fiel nun nach ein paar Tagen der guten Rosel auf. Sie
stellt sich, als gehe sie zu Bette, und siehe da, was geschieht? Kaum ist alles
ruhig im Schlo, so macht das Frulein, das sonst keinen Span anrhrt,
eigenhndig ein Feuer auf den Herd; kocht und bratet, was sie kann und wei,
holt Wein aus dem Keller, holt Brot aus dem Schrank, und deckt in der
Herrenstube den Tisch. Dann schaut sie zum Fenster hinaus, in die kalte schwarze
Nacht, und richtig wenn es drben eilf Uhr schlgt, rasselt die Zugbrcke
nieder, der nchtliche Geselle wird eingelassen, und geht mit dem Frulein in
die Herrenstube; sie hat auch schon gehorcht, die Rosel, was wohl drinnen
vorgehe, aber die eichenen Tren sind gar dick; dann lugte sie auch einmal
durchs Schlsselloch, sah aber nichts als den Kopf des Fremden.
    Nun, und ist er schon alt? Wie sieht er aus?
    Alt? wo denket Ihr hin! Die sieht mir auch darnach aus, da sie es mit
einem Alten htte! Jung ist er und schn, wie mir die Rosel sagt; er hat einen
dunkeln Bart um Mund und Kinn, schnes gerolltes Haar auf dem Kopf, und sah
recht freundlich und liebreich aus.
    Da ihm der Satan den Bart Haar fr Haar auszwicke, murmelte Georg, und
strich mit der Hand ber das Kinn, das noch ziemlich glatt war. Frau! besinnt
Euch, habt Ihr denn dies alles so recht gehrt von der Frau Rosel? hat sie dies
alles so gesagt? machet Ihr nicht noch mehr dazu?
    Gott bewahre mich, da ich ber jemand lstere! Da kennt Ihr mich schlecht,
Herr Ritter! Das alles hat mir Frau Rosel gesagt, und noch mehr hat sie
vermutet, und mir ins Ohr geflstert, was eine ehrliche Frau einem schnen
jungen Herrn nicht wiedersagen kann. Und denket Euch, wie recht schlecht das
Frulein ist, sie hat noch einen andern Liebhaber gehabt, und dem ist sie also
untreu geworden!
    Noch einen? fragte Georg aufmerksam, denn die Erzhlung schien ihm mehr
und mehr an Wahrscheinlichkeit zuzunehmen.
    Ja noch einen; es soll ein gar schner, lieber Herr sein, sagte mir die
Rosel; sie war mit dem Frulein einige Zeit in Tbingen, und da war ein Herr von
- von - ich glaube Sturmfittich heit er - der war auf der hohen Schule; und da
lernten sich die beiden Leutchen kennen, und die Amme schwrt, es sei nie ein
schmuckeres Paar erfunden worden im ganzen Schwabenland. Sie hat ihn auch ganz
schrecklich liebgehabt, das ist wahr und sei sehr traurig gewesen um ihn, als
sie von Tbingen ging; nun ist sie dem armen Jungen untreu geworden, das falsche
Herz; und die Amme heult, wenn sie nur an den schnen, treuen Herrn denkt, er
soll noch viel, viel schner gewesen sein als der, den sie jetzt hat.
    Frau Wirtin, wie oft lasset Ihr mich denn klopfen, bis ich einen vollen
Becher bekomme, rief der fette Herr aus der Trinkstube herauf; denn die Frau
Wirtin hatte ber ihrer Erzhlung alles brige vergessen.
    Gleich, gleich! antwortete sie, und flog an den Schenktisch hin, den
durstigen Herrn mit seiner besseren Sorte zu versehen; und von da ging es zum
Keller, und Boden und Kche nahmen sie in Anspruch, so da der Gast im Erker
gute Weile hatte, einsam ber das, was er gehrt hatte, nachzusinnen.
    Den Kopf auf die Hand gesttzt, sa er da, und schaute unverrckt in die
Tiefe seines silbernen Bechers, so sa er am Nachmittag, so sa er am Abend, die
Nacht war schon lange eingebrochen, und er sa noch immer so hinter dem runden
Tisch im Erker, tot fr die Welt umher, nur hin und wieder verriet ein tiefes
Seufzen, da noch Leben und Empfindung in ihm sei. Die Wirtin wute nicht, was
sie aus ihm machen sollte; sie hatte sich wenigstens zehnmal neben ihn gesetzt;
hatte versucht, mit ihm zu sprechen, aber er hatte ihr gedankenlos mit starren
Augen ins Gesicht geschaut und nichts geantwortet; es war ihr ganz angst dabei
geworden, denn geradeso hatte sie ihr seliger Mann angestarrt, als er das
Zeitliche gesegnete, und ihr den Goldenen Hirsch hinterlie.
    Sie beriet sich mit dem fetten Herrn, und auch der Mann mit dem Lederrcken
gab seine Meinung preis. Die Wirtin behauptete, entweder sei er verliebt bis
ber die Ohren, oder man habe es ihm angetan. Sie belegte ihre Behauptungen mit
einer schrecklichen Geschichte von einem jungen Ritter, den sie gesehen, und der
auch aus lauter Liebe am ganzen Leib erstarrt sei, bis er am Ende gestorben.
    Der Zerlumpte war nicht dieser Meinung; er glaubte, dem jungen Mann sei
vielleicht ein Unglck geschehen, wie jetzt oft im Kriege vorkomme, und er sei
deswegen in so tiefe Trauer versenkt. Der fette Herr aber blinzelte einigemal
nach dem stummen Gast im Erker hinauf, und fragte dann mit sehr pfiffiger Miene,
von welchem Gewchs und Jahrgang der Ritter trinke?
    Nun ich hab ihm Heppacher gegeben von 1480. Es ist das Beste, was der
Goldene Hirsch hat.
    Da haben wir es! rief der kluge Mann; ich kenn den Heppacher Achtz'ger,
den kann solch ein Junkerlein nicht fhren, und der ist ihm zu Kopf gestiegen.
Lat ihn sitzen, lat ihn immer sitzen, seinen schweren Kopf in der Hand, ich
wette, ehe es acht Uhr schlgt, hat er ausgeschlafen und ist wieder so frisch
wie der Fisch im Wasser.
    Der Zerlumpte schttelte den Kopf und sagte nichts dazu, die Wirtin aber
belobte den gewohnten Scharfsinn des fetten Herrn, und fand seine Vermutung am
wahrscheinlichsten.
    Es war neun Uhr in der Nacht, die tglichen Zechgste hatten schon alle die
Trinkstube verlassen, und auch die Wirtin wollte sich zum Abendsegen rsten, als
der fremde Herr aus seinem Zustand erwachte. Er sprang auf, machte einige Gnge
durchs Zimmer, und blieb endlich vor der Hausfrau stehen. Er sah dster und
verstrt aus, und die wenigen Stunden vom Mittag bis jetzt, hatten seinen sonst
so freundlichen offenen Zgen tiefe Spuren des Grames eingedrckt.
    Die Wirtin dauerte sein Anblick, sie wollte ihm, eingedenk des klugen fetten
Herrn, noch ein heilsames Spplein kochen, und ihm dann ein treffliches, weiches
Bett anweisen, doch er schien fr diese Nacht ein rauheres Lager sich erwhlt zu
haben.
    Wann sagt Ihr, hub er mit leiser, unsicherer Stimme an, wann geht der
nchtliche Gast nach Lichtenstein, und wann kommt er zurck?
    Um eilf Uhr, lieber Herr, geht er hinein, und um den ersten Hahnenschrei
kommt er wieder ber die Zugbrcke.
    Lasset mein Pferd satteln, und besorget mir einen Knecht, der mich nach
Lichtenstein geleite.
    Jetzt in der Nacht? rief die Wirtin, und schlug vor Verwunderung die Hnde
zusammen. Jetzt wollet Ihr ausreiten? Ei geht doch, Ihr treibt Spa mit mir.
    Nein, gute Frau, es ist mein wahrer Ernst; aber sputet Euch ein wenig, ich
habe Eile.
    Die habt Ihr den ganzen Tag nicht gehabt, entgegnete jene; und jetzt
wollt Ihr auf einmal ber Hals und Kopf in die Nacht hinaus. Zwar die frische
Luft kann nichts schaden bei solchen Kranken; aber wei Gott Euer Pferd lasse
ich nicht aus dem Stall, Ihr knnt mir herunterfallen oder allerlei Unglck
anrichten, und dann hiee es, wo hat denn die Hirschwirtin wieder den Kopf
gehabt, da sie die Leute so laufen lt.
    Der junge Mann hatte ihre Rede ganz berhrt, denn er war wieder in sein
dsteres Sinnen zurckgesunken; als sie aufhrte zu sprechen schrak er auf und
wunderte sich, da sie seinen Befehl noch nicht befolgt habe.
    Er ging, als sie noch immer zauderte, um sein Pferd selbst zu besorgen; da
gedachte sie, da sie doch keine Gewalt habe, ihn zurckzuhalten und da es
geratener sein mchte, ihn ziehen zu lassen. Lasset dem Herrn seinen Braunen
herausfhren, rief sie, und der Andres soll sich rsten, heute nacht noch ein
Stck Weges zu gehen! - Er hat recht, da er jemand mitnehmen will, sprach sie
fr sich weiter; der kann ihn doch im Notfall halten; zwar sagt man, sie haben
ein paar Sinne mehr, wenn sie etwas im Kopf haben, und es falle keiner so leicht
vom Pferd, wenn er auch hin und her schwankt, wie der Schwingel in der groen
Glocke, aber besser ist besser. - Was Ihr schuldig seid, Herr Ritter? nun Ihr
habt gehabt eine Ma Alten, macht zwlf Kreuzer, und das Essen - nun, es ist
nicht der Rede wert, was Ihr gegessen habt; Ihr habt ja mein Huhn kaum
angesehen. Nun, wenn Ihr fr den Stall und das Essen noch zwei Kreuzer zulegen
wollt, so wird Euch eine arme Witfrau schn danken.
    Nachdem die Rechnung in dem niederen Mnzfu der guten, alten Zeiten
berichtigt war, entlie die Wirtin zum Goldenen Hirsch ihren Gast; sie war ihm
zwar nicht mehr so gewogen wie heute mittag, als er herrlich wie der junge Tag
in ihre Trinkstube getreten war, aber dennoch konnte sie sich nicht verhehlen,
als er beim Schein der Kienfackeln sich aufs Pferd schwang, da sie nicht leicht
einen schneren Mann gesehen habe, und sie schrfte daher ihrem Knecht, der ihn
begleitete, um so sorgfltiger ein, recht genau auf ihn achtzuhaben, weil es bei
diesem Herrn doch nicht ganz richtig im Kopfe sei.
    Vor dem Tor von Pfullingen fragte der Knecht den nchtlichen Reiter, wohin
er reiten wolle; und auf seine Antwort Nach Lichtenstein! schlug er einen Weg
rechts ein, der zum Gebirge fhrte. Der junge Mann ritt schweigend durch die
Nacht hin; er sah nicht rechts, er sah nicht links, er sah nicht auf nach den
Sternen, nicht hinaus in die Weite, seine gesenkten Blicke hafteten am Boden. Es
war ihm wie damals, als ihn die Mrder am Wege niedergeschlagen hatten, seine
Gedanken standen stille, er hoffte nicht mehr, er hatte zu leben, zu lieben und
zu wnschen aufgehrt. Und doch war ihm damals wohler gewesen, als ihm auf dem
khlen Teppich des Wiesentales, die Besinnung schwand, er war ja entschlummert
mit dem erhebenden Gedanken an sie, und die erstarrenden Lippen hatten noch
einmal einen sen Namen ausgesprochen.
    Aber jetzt war die Leuchte verlscht, die seinen Pfad durchs Leben erhellt
hatte. Es war ihm, als habe er nur noch einen kurzen Weg im Dunkeln hinzugehen,
und dann in lichteren Hhen als auf dem Lichtenstein seine Ruhe zu finden; und
unwillkrlich zuckte seine Rechte hie und da ans Schwert, als wolle er sich
versichern, da ihm dieser Gefhrte wenigstens treu geblieben sei, als sei dies
der gewichtige Schlssel, der die Pforte sprengen sollte, die aus dem Dunkel zum
Lichte fhrt.
    Der Wald hatte lngst die Wanderer aufgenommen, steiler wurden die Pfade,
und das Ro strebte mhsam unter der Last des Reiters und seiner Rstung bergan;
doch der Reiter bemerkte es nicht. Die Nachtluft wehte khler, und spielte mit
den langen Haaren des Jnglings, er fhlte es nicht; der Mond kam herauf und
beleuchtete seinen Pfad, beleuchtete khne Felsenmassen und die hohen,
gewaltigen Eichen, unter welchen er hinzog, er sah es nicht; unbemerkt von ihm,
rauschte der Strom der Zeit an ihnen vorber, Stunde um Stunde verging, ohne da
ihm der Weg lang bednkte.
    Es war Mitternacht, als sie auf der hchsten Hhe ankamen. Sie traten heraus
aus dem Wald, und getrennt durch eine weite Kluft von der brigen Erde lag auf
einem einzelnen, senkrecht aus der nchtlichen Tiefe aufsteigenden Felsen der
Lichtenstein.
    Seine weien Mauern, seine zackigten Felsen schimmerten im Mondlicht, es
war, als schlummere das Schlchen, abgeschieden von der Welt im tiefen Frieden
der Einsamkeit.
    Der Ritter warf einen dsteren Blick dorthin und sprang ab. Er band das
Pferd an einen Baum, und setzte sich auf einen bemoosten Stein, gegenber von
der Burg. Der Knecht stand erwartend, was sich weiter begeben werde, und fragte
mehreremal vergeblich, ob er seines Dienstes jetzt entlassen sei?
    Wie weit ist's noch bis zum ersten Hahnenschrei? fragte endlich der stumme
Mann auf dem Steine.
    Zwei Stunden, Herr! war die Antwort des Knechtes.
    Der Ritter reichte ihm reichlichen Lohn fr sein Geleite, und winkte ihm zu
gehen. Er zgerte, als scheue er sich, den jungen Mann in diesem unglcklichen
Zustand zu verlassen; als aber jener ungeduldig seinen Wink wiederholte,
entfernte er sich stille nur einmal noch sah er sich um, ehe er in den Wald
eintrat, der schweigende Gast sa noch immer, die Stirne in die Hand gesttzt,
im Schatten einer Eiche, auf dem bemoosten Stein. -

                                       V


                Durch diese hohle Gasse mu er kommen, es fhrt kein andrer Weg
                nach Knacht - Hier Vollend ich's - die Gelegenheit ist
                gnstig.
                                                                        Schiller

Man hat zu allen Zeiten viel Schnes und Wahres ber die Torheit der Eifersucht
geschrieben, und dennoch sind die Menschen seit Urias' Zeiten darin nicht weiser
geworden. Leute von beraus khler Konstitution werden zwar sagen, wenn jener
berhmte jdische Hauptmann nicht die Torheit begangen htte, seine schne junge
Frau nur fr sich allein haben zu wollen, oder gar auf den Knig David
eiferschtig zu werden, so wre der berchtigte Uriasbrief nie geschrieben
worden, und besagter Hauptmann htte es vielleicht noch weit im Dienste bringen
knnen. Andere aber, denen die Natur heies Blut und einen Stolz, ein Gefhl der
Ehre gegeben hat, das durch Hintansetzung oder Treuebruch leicht aufgeregt und
beleidigt wird, werden beim eintretenden Falle jenem unglcklichen bel
unterliegen, wenn sie auch mit allen Beweisgrnden der klteren Vernunft sich
selbst die Torheit ihres Beginnens vorpredigen.
    Georg von Sturmfeder war nicht von so khlem Blute, da ihn die Nachricht,
die er heute erhielt, nicht aus allen Schranken der Billigkeit und Migung
herausgejagt htte; er war berdies in einem Alter, wo zwar die offene Seele
sich noch nicht daran gewhnt hat, den Menschen a priori zu mitrauen, wo aber
ein solcher Fall um so berraschender ist, um so gefhrlicher wirkt, eben weil
das arglose Herz ihn nie gedacht hat. Da kocht das Gefhl der gekrnkten Treue,
da braust der Stolz auf, der sich beleidigt dnkt; den prfenden Verstand, der
das Falsche vom Rechten zu sondern pflegt, umziehen trbe, dstre Wolken, und
verhllen ihm das Wahre; ein Wrtchen Wahrscheinlichkeit in einem Gewebe von
Lge berzeugt ihn; die Sonne der Liebe sinkt hinab, und es wird Nacht in der
Seele. Dann schleichen sich jene nchtlichen Gesellen: Verachtung, Wut, Rache,
in das von allen guten Engeln verlassene Herz, und die unendliche Stufenleiter
der Empfindungen, welche von Liebe zu Ha fhrt, hat die Eifersucht in wenigen
Augenblicken zurckgelegt.
    Georg war auf jener Stufe der dsteren, stillen Wut und der Rache
angekommen; ber diese Empfindungen brtend, sa er unempfindlich gegen die
Klte der Nacht auf dem bemoosten Stein, und sein einziger, immer
wiederkehrender Gedanke war, den nchtlichen Freund zu stellen, und ein Wort
mit ihm zu sprechen.
    Es schlug zwei Uhr in einem Dorf ber dem Walde, als er sah, da sich
Lichter an den Fenstern des Schlosses hin bewegten, erwartungsvoll pochte sein
Herz, krampfhaft hatte seine Hand den langen Griff des Schwertes umfat. Jetzt
wurden die Lichter hinter den Gittern des Tores sichtbar, Hunde schlugen an,
Georg sprang auf und warf den Mantel zurck. Er hrte, wie eine tiefe Stimme,
ein vernehmliches Gute Nacht sprach. Die Zugbrcke rauschte nieder und legte
sich ber den Abgrund, der das Land von Lichtenstein scheidet, das Tor ging auf,
und ein Mann, den Hut tief ins Gesicht gedrckt, den dunkeln Mantel fest
umgezogen, schritt ber die Brcke, und gerade auf den Ort zu, wo Georg Wache
hielt.
    Er war noch wenige Schritte entfernt, als dieser mit einem drhnenden: Zieh
Verrter, und wehr dich deines Lebens auf ihn einstrzte; der Mann im Mantel
trat zurck und zog; im Augenblick begegneten sich die blitzenden Klingen und
rasselten klirrend aneinander.
    Lebendig sollst du mich nicht haben, rief der andere, wenigstens will ich
mein Leben teuer genug bezahlen! Zugleich sah ihn Georg tapfer auf sich
eindringen, und an den schnellen und gewichtigen Hieben merkte er, da er keinen
zu verachtenden Gegner vor der Klinge habe. Georg war kein ungebter Fechter,
und er hatte manch ernstlichen Kampf mit Ehre ausgefochten, aber hier hatte er
seinen Mann gefunden. Er fhlte, da er sich bald auf die eigene Verteidigung
beschrnken msse, und wollte eben zu einem letzten gewaltigen Sto ausfallen,
als pltzlich sein Arm mit ungeheurer Gewalt festgehalten wurde; sein Schwert
wurde ihm in demselben Augenblicke aus der Hand gewunden, zwei mchtige Arme
schlangen sich um seinen Leib und fesselten ihn regungslos, und eine furchtbare
Stimme schrie: Stot zu, Herr, ein solcher Meuchelmrder verdient nicht, da er
noch einen Augenblick zum letzten Paternoster habe!
    Das kannst du verrichten, Hanns, sprach der im Mantel, ich stoe keinen
Wehrlosen nieder; dort ist sein Schwert, schlag ihn tot, aber mach es kurz.
    Warum wollt Ihr mich nicht lieber selbst umbringen, Herr! sagte Georg mit
fester Stimme; Ihr habt mir meine Liebe gestohlen, was liegt an meinem Leben?
    Was habe ich? fragte jener und trat nher.
    Was Teufel ist das fr eine Stimme? sprach der Mann, der ihn noch immer
umschlungen hielt; die sollte ich kennen! Er drehte den jungen Mann in seinen
Armen um, und wie von einem Blitz getroffen, zog er die Hnde von ihm ab:
Jesus, Maria und Joseph! da htten wir bald etwas Schnes gemacht! aber welcher
Unstern fhrt Euch auch gerade hieher, Junker? was denken auch meine Leute, da
sie Euch fortlassen, ohne da ich dabei bin!
    Es war der Pfeifer von Hardt, der Georg also anredete, und ihm die Hand zum
Gru bot; dieser aber schien nicht geneigt, dieses freundschaftliche Zeichen
einem Manne zu erwidern, der noch soeben das Handwerk des Henkers an ihm
verrichten wollte; wild blickte er bald den Mann im Mantel, bald den Pfeifer an.
Meinst du, sagte er zu diesem, ich htte mich von deinen Weibern in
Gefangenschaft halten lassen sollen, da ich deine Verrterei hier nicht sehe?
Erbrmlicher Betrger! Und Ihr, wandte er sich zu dem andern, wenn Ihr ein
Mann von Ehre seid, so steht mir, und fallet nicht zu zwei ber einen her; wenn
Ihr wit, da ich Georg von Sturmfeder bin, so mgen Euch meine frheren
Ansprche auf das Frulein nicht unbekannt sein, und mit Euch mich zu messen,
bin ich hierhergekommen. Darum befehlet diesem Schurken, da er mir mein Schwert
wiedergebe, und lat uns ehrlich fechten, wie es Mnnern geziemt.
    Ihr seid Georg von Sturmfeder? sprach jener mit freundlicher Stimme und
trat nher zu ihm. Es scheint mir, Ihr seid etwas im Irrtum hier. Glaubet mir
ich bin Euch sehr gewogen, und htte Euch lngst gerne gesehen. Nehmet das
Ehrenwort eines Mannes, da mich nicht die Absichten in jenes Schlo fhren, die
Ihr mir unterleget, und seid mein Freund.
    Er bot dem berraschten Jngling die Hand unter dem Mantel hervor, doch
dieser zauderte; die gewichtigen Hiebe dieses Mannes hatten ihm zwar gesagt, da
er ein Ehrenwerter und Tapferer sei, darum konnte und mute er seinen Worten
trauen aber sein Gemt war noch so verwirrt, von allem was er gehrt und
gesehen, da er ungewi war, ob er den Handschlag dessen, den er noch vor einem
Augenblick als seinen bittersten Feind angesehen hatte, empfangen sollte oder
nicht? Wer ist es, der mir die Hand beut? fragte er; ich habe Euch meinen
Namen genannt, und knnte wohl billigerweise dasselbe von Euch verlangen.
    Der Unbekannte schlug den Mantel auseinander, schob das Barett zurck, und
der Mond beleuchtete ein Gesicht voll Wrde, und Georg begegnete einem
glnzenden Auge, das den Ausdruck gebietender Hoheit trug. Fraget nicht nach
Namen, sprach er, indem ein Zug von Wehmut um seinen Mund blitzte ich bin ein
Mann, und dies mag Euch genug sein; wohl fhrte auch ich einst einen Namen in
der Welt, der sich mit dem ehrenwertesten messen konnte, wohl trug auch ich die
goldenen Sporen und den wallenden Helmbusch, und auf den Ruf meines Hfthorns
lauschten viele hundert Knechte, er ist verklungen. Aber eines ist mir
geblieben, setzte er mit unbeschreiblicher Hoheit hinzu, indem er die Hand des
jungen Mannes fester drckte, ich bin ein Mann und trage ein Schwert,

Si fractus illabatur orbis
Impavidum ferient ruinae.

Er drckte das Barett wieder in die Stirne, zog seinen Mantel hoch herauf, und
ging vorber in den Wald.
    Georg stand in stummem Erstaunen auf sein Schwert gesttzt. Der Anblick
dieses Mannes - es war ihm unbegreiflich - hatte alle Gedanken der Rache in
seinem Herzen ausgelscht. Dieser gebietende Blick, dieser gewinnende,
wohlwollende Zug um den Mund, das tapfere, gewaltige Wesen dieses Mannes,
erfllten seine Seele mit Staunen, mit Achtung, mit Beschmung. Er hatte
geschworen, mit Marien in keiner Berhrung zu stehen, er hatte es bekrftigt mit
jener tapfern Rechten, die noch eben die gewichtige Klinge leicht wie ein Spiel
gefhrt hatte; er hatte es besttigt mit einem jener Blicke, deren Strahl Georg
wie den der Sonne nicht zu ertragen vermochte, eine Bergeslast wlzte sich von
seiner Brust, denn er glaubte, er mute glauben.
    Wenn man bedenkt, wie sehr zu jener Zeit krperliche Eigenschaften gewogen
und angeschlagen wurden, wie man Tapferkeit auch an dem Feinde hochschtzte und
achtete, wie das Wort eines anerkannt tapferen Mannes so fest stand, wie der
Schwur auf die Hostie, wenn man ferner bedenkt, wie gro die Wirkung eines
anmutigen, oder aber eines imponierenden uern auf ein jugendliches Gemt ist,
so wird man sich ber die Vernderung nicht zu sehr wundern, welche in diesen
kurzen Augenblicken mit der Gesinnung des Jnglings vorging.
    Wer ist dieser Mann? fragte Georg den Pfeifer, der noch immer neben ihm
stand.
    Ihr hrtet ja, da er keinen Namen hat, und auch ich wei ihn nicht zu
nennen.
    Du wtest nicht, wer er sei? entgegnete Georg, und doch hast du ihm
beigestanden, als er mit mir focht? gehe! Du willst mich belgen!
    Gewi nicht Junker, antwortete der Pfeifer; es ist, Gott wei es, wahr,
da jener Mann derzeit keinen Namen hat, wenn Ihr brigens durchaus erfahren
wollet, was er ist, so wisset, er ist ein Gechteter, den der Bund aus seinem
Schlo vertrieb; einst aber war er ein mchtiger Ritter im Schwabenland.
    Der Arme! darum also ging er so verhllt? und mich hielt er wohl fr einen
Meuchelmrder! ja ich erinnere mich, da er sagte, er wolle sein Leben teuer
genug verkaufen.
    Nehmt mir nicht bel, werter Herr, sagte der Bauer, auch ich hielt Euch
fr einen, der dem Gechteten auf das Leben lauern soll, darum kam ich ihm zu
Hlfe, und htte ich nicht Eure Stimme noch gehrt, wer wei, ob Ihr noch lange
geatmet httet. Wie kommt Ihr aber auch um Mitternacht hieher, und welches
Unheil fhrt Euch gerade dem gechteten Mann in den Wurf. Wahrlich, Ihr drft
von Glck sagen, da er Euch nicht in zwei Stcke gehauen, es leben wenige die
vor seinem Schwert standgehalten htten. Ich vermute, die Liebe hat Euch da
einen argen Streich gespielt!
    Georg erzhlte seinem ehemaligen Fhrer, welche Nachrichten ihm im Hirsch in
Pfullingen mitgeteilt worden seien. Namentlich berief er sich auf die Aussage
der Amme, des Pfeifers Schwester, die ihm so hchst wahrscheinlich gelautet
habe.
    Dacht ich's doch, da es so was sein msse, antwortete der Pfeifer. Die
Liebe hat manchem noch rger mitgespielt, und ich wei nicht was ich in jungen
Jahren in hnlichem Fall getan htte. Daran ist aber wieder niemand schuld als
meine Rosel, die alte Schwtzerin; was hat sie ntig der Wirtin im Hirsch, die
auch nichts bei sich behalten kann, zu beichten?
    Es mu aber doch etwas Wahres an der Sache sein, entgegnete Georg, in
welchem das alte Mitrauen hin und wieder aufblitzte. So ganz ohne Grund konnte
doch Frau Rosel nichts ersinnen!
    Wahr? etwas Wahres msse daran sein? allerdings ist alles wahr nach der
Reihe; die Knechte werden zu Bett geschickt und die alte Aufpasserin auch, um
eilf Uhr kommt der Mann, vor das Schlo, die Zugbrcke fllt herab, die Tore tun
sich ihm auf, das Frulein empfngt ihn und fhrt ihn in die Herrenstube -
    Nun? siehst du, rief Georg ungeduldig, wenn dieses alles wahr ist, wie
kann dann jener Mann schwren, da er mit dem Frulein - -
    Da er mit dem Frulein ganz und gar nichts wolle? antwortete der Pfeifer,
allerdings kann er das schwren; denn es ist nur ein Unterschied bei der ganzen
Sache, den die Gans, die Rosel freilich nicht gewut hat, nmlich, da der
Ritter von Lichtenstein in der Herrenstube sitzt, das Frulein aber sich
entfernt, wenn sie ihre heimlich bereiteten Speisen aufgetragen hat. Der Alte
bleibt bei dem gechteten Mann bis um den ersten Hahnenschrei, und wenn er
gegessen und getrunken, und die erstarrten Glieder am Feuer wieder erwrmt hat,
verlt er das Schlo, wie er es betreten.
    O ich Tor! da ich dies alles nicht frher ahnete. Wie nahe lag die
Wahrheit und wie weit lie ich mich irreleiten. Aber verflucht sei die Neugierde
und Lstersucht dieser Weiber, die in allem noch etwas ganz Besonderes zu sehen
glauben, und denen das Unwahrscheinlichste und Grellste gerade das Liebste ist!
- Aber sprich, fuhr Georg nach einigem Nachsinnen fort; auffallend ist es mir
doch, da dieser gechtete Mann alle Nacht ins Schlo kmmt; in welch
unwirtlicher Gegend wohnt er denn, wo er keine warme Kost, keinen Becher Weines
und keinen warmen Ofen findet? - Hre, wenn du mich dennoch belgest!
    Des Pfeifers Auge ruhte mit einem beinahe spttischen Ausdruck auf dem
jungen Mann. Ein Junker wie Ihr, antwortete er, wei freilich wenig wie weh
Verbannung tut; Ihr wit es nicht was es heit, sich vor den Augen seiner Mrder
verbergen, Ihr wit nicht, wie schaurig sich's in feuchten Hhlen, in
unwirtlichen Schluchten wohnt, Ihr kennt die Wohltat nicht, die ein warmer
Bissen und ein feuriger Trunk dem gewhre, der bei den Eulen speist und bei dem
Schuhu in der Miete ist; aber kommt, wenn es Euch gelstet; der Morgen bricht
noch nicht an, und in der Nacht knnet Ihr nicht nach Lichtenstein, ich will
Euch dahin fhren, wo der gechtete Ritter wohnt, und Ihr werdet nicht mehr
fragen, warum er um Mitternacht nach Speise geht!
    Die Erscheinung des Unbekannten hatte Georgs Neugierde zu sehr aufgeregt,
als da er nicht begierig den Vorschlag des Pfeifers von Hardt angenommen htte,
besonders auch da er darin den besten Beweis fr die Wahrheit oder Falschheit
seiner Aussagen finden konnte. Sein Fhrer ergriff die Zgel des Rosses und
fhrte es einen engen Waldweg bergab. Georg folgte, nachdem er noch einen Blick
nach den Fenstern des Lichtenstein zurckgeworfen hatte. Sie zogen schweigend
immer weiter, und dem jungen Mann schien dieses Schweigen nicht unangenehm zu
sein, denn er machte keinen Versuch es zu unterbrechen. Er hing seinen Gedanken
nach ber den Mann, zu dessen geheimnisvoller Wohnung er gefhrt wurde.
Unablssig beschftigte ihn die Frage, wer dieser Gechtete sein knnte. Er
erinnerte sich fast wie aus einem Traum, da mehrere Anhnger des vertriebenen
Herzogs aus ihren Besitzungen gejagt worden seien, ja es deuchte ihm sogar, es
sei in der Herberge zu Pfullingen, whrend seines teilnahmlosen Hinbrtens, von
einem Ritter, Marx Stumpf von Schweinsberg, die Rede gewesen, nach welchem die
Bndischen fahnden. Die Tapferkeit und ausgezeichnete Strke dieses Mannes war
in Schwaben und Franken wohlbekannt; und wenn sich Georg die zwar nicht beraus
groe, aber krftige Gestalt, die gebietende Miene, das heldenmtige,
ritterliche Wesen des Mannes ins Gedchtnis zurckrief, ward es ihm immer mehr
zur Gewiheit, da der Gechtete kein anderer, als der treueste Anhnger
Ulerichs von Wrttemberg, Marx Stumpf von Schweinsberg sei.
    Besonders schmeichelhaft fr die Phantasie des jungen Mannes war auch der
Gedanke, einen gefhrlichen Gang mit diesem Tapfern gemacht, und in einem
Gefechte seine Klinge mit der seinigen gemessen zu haben, dessen Ausgang zum
wenigsten sehr unentschieden war.
    So dachte in jener Nacht Georg von Sturmfeder, aber noch viele Jahre
nachher, als der Mann, den er in jener Nacht bekmpfte, lngst wieder in seine
Rechte eingesetzt war, und seinem Hfthorn wieder Hunderte folgten, rechnete er
es unter seine schnsten Waffentaten, dem tapfern, gewaltigen Unbekannten keinen
Schritt breit gewichen zu sein.
    Die Wanderer waren whrend diesem Selbstgesprch des jungen Mannes auf einer
kleinen, freien Waldwiese angekommen; der Pfeifer band das Pferd seitwrts an,
und winkte Georg, zu folgen. Die Waldwiese brach in eine schroffe, mit dichtem
Gestruch bewachsene Abdachung ab; dort schlug der Pfeifer einige verschlungene
Zweige zurck, hinter welchen ein schmaler Fupfad sichtbar wurde, welcher
abwrts fhrte. Nicht ohne Mhe und Gefahr folgte Georg seinem Fhrer, der ihm
an einigen Stellen krftig die Hand reichte. Nachdem sie etwa achtzig Fu
hinabgestiegen waren, befanden sie sich wieder auf ebenem Grund, aber umsonst
suchte der junge Mann nach der Sttte des gechteten Ritters. Der Pfeifer ging
nun zu einem Baum von ungeheurem Umfang, der innen hohl sein mute, denn jener
brachte zwei groe Kienfackeln daraus hervor; er schlug Feuer und zndete mit
einem Stckchen Schwefel die Fackeln an.
    Als diese hell aufloderten, bemerkte Georg, da sie vor einem groen Portal
stehen, das die Natur in die Felsenwand gebrochen hatte; und dies mochte wohl
der Eingang zu der Wohnung sein, wo der Gechtete, wie sich der Pfeifer
ausdrckte, bei dem Schuhu zur Miete war. Der Mann von Hardt ergriff eine der
Fackeln und bat den Jngling, die andere zu tragen, denn ihr Weg sei dunkel, und
hie und da nicht ohne Gefahr. Nachdem er diese Warnung geflstert, schritt er
voran in das dunkle Tor.
    Georg hatte eine niedere Erdschlucht erwartet, kurz und eng, dem Lager der
Tiere gleich, wie er sie in den Forsten seiner Heimat hin und wieder gesehen,
aber wie erstaunte er, als die erhabenen Hallen eines unterirdischen Palastes
vor seinen Augen sich auftaten. Er hatte in seiner Kindheit aus dem Munde eines
Knappen, dessen Urgrovater in Palstina in Gefangenschaft geraten war, ein
Mrchen gehrt, das von Geschlecht zu Geschlecht berliefert worden war; dort
war ein Knabe von einem bsen Zauberer unter die Erde geschickt worden, in einen
Palast, dessen erhabene Schnheit alles bertraf, was der Knabe je ber der Erde
gesehen hatte; was die khne Phantasie des Morgenlandes Prachtvolles und
Herrliches ersinnen konnte, goldene Sulen mit kristallenen Kapitlern, gewlbte
Kuppeln von Smaragden und Saphiren, diamantene Wnde, deren vielfach gebrochene
Strahlen das Auge blendeten; alles war jener unterirdischen Wohnung der Genien
beigelegt. Diese Sage, die sich der kindischen Einbildungskraft tief
eingedrckt, lebte auf und verwirklichte sich vor den Blicken des staunenden
Jnglings. Alle Augenblicke stand er still von neuem berrascht, hielt die
Fackel hoch, und staunte und bewunderte, denn in hohen majesttisch gewlbten
Bogen zog sich der Hhlengang hin, und flimmerte und blitzte, wie von tausend
Kristallen und Diamanten. Aber noch grere berraschung stand ihm bevor, als
sich sein Fhrer links wandte, und ihn in eine weite Grotte fhrte, die wie der
festlich geschmckte Saal des unterirdischen Palastes anzusehen war.
    Sein Fhrer mochte den gewaltigen Eindruck bemerken, den dieses Wunderwerk
der Natur auf die Seele des Jnglings machte. Er nahm ihm die Fackel aus der
Hand, stieg auf einen vorspringenden Felsen, und beleuchtete so einen groen
Teil dieser Grotte.
    Glnzend weie Felsen faten die Wnde ein, khne Schwibbogen, Wlbungen,
ber deren Khnheit das irdische Auge staunte, bildeten die glnzende Kuppel;
der Tropfstein, aus dem diese Hhle gebildet war, hing voll von vielen Millionen
kleiner Trpfchen, die in allen Farben des Regenbogens den Schein zurckwarfen,
und als silberreine Quellen in kristallenen Schalen sich sammelten. In grotesken
Gestalten standen Felsen umher, und die aufgeregte Phantasie, das trunkene Auge,
glaubte bald eine Kapelle, bald groe Altre mit reicher Draperie, und gotisch
verzierte Kanzeln zu sehen. Selbst die Orgel fehlte dem unterirdischen Dome
nicht, und die wechselnden Schatten des Fackellichtes, die an den Wnden hin und
her zogen, schienen geheimnisvoll erhabene Bilder von Mrtyrern und Heiligen in
ihren Nischen bald auf- bald zuzudecken.
    So schmckte die christliche Phantasie des jungen Mannes, voll Ehrfurcht vor
dem geheimnisvollen Wirken der Gottheit, das unterirdische Gemach zur Kirche
aus, whrend jener Aladin mit der Wunderlampe die Sle des Paradieses und die
ewig glnzenden Lauben der Huris geschaut htte.
    Der Fhrer stieg, nachdem er das Auge des Jnglings fr hinlnglich
gesttigt halten mochte, wieder herab von seinem Felsen. Das ist die
Nebelhhle, sprach er; man kennt sie wenig im Land, und nur den Jgern und
Hirten ist sie bekannt; doch wagen es nicht viele hereinzugehen, weil man
allerlei bse Geschichten von diesen Kammern der Gespenster wei. Einem, der die
Hhle nicht genau kennt, mchte ich nicht raten, sich herabzuwagen; sie hat
tiefe Schlnde und unterirdische Wasser, aus denen keiner mehr ans Licht kommt.
Auch gibt es geheime Gnge und Kammern, die nur fnf Mnnern bekannt sind, die
jetzt leben.
    Und der gechtete Ritter? fragte Georg.
    Nehmt die Fackel und folget mir, antwortete jener, und schritt voran in
einen Seitengang. Sie waren wieder etwa zwanzig Schritte gegangen, als Georg die
tiefen Tne einer Orgel zu vernehmen glaubte. Er machte seinen Fhrer darauf
aufmerksam.
    Das ist Gesang, entgegnete er, der tnt in diesen Gewlben gar lieblich
und voll. Wenn zwei oder drei Mnner singen, so lautet es, als snge ein ganzer
Chor Mnche die Hora. Immer vernehmlicher tnte der Gesang; je nher sie kamen,
desto deutlicher wurden die Wendungen einer angenehmen Melodie. Sie bogen um
eine Felsenecke, und von oben herab ertnte ganz nahe die Stimme des Singenden,
brach sich an den zackigten Felsenwnden in vielfachem Echo, bis sie sich
verschwebend mit den fallenden Tropfen der feuchten Steine und mit dem Murmeln
eines unterirdischen Wasserfalles mischte, der sich in eine dunkle,
geheimnisvolle Tiefe ergo.
    Hier ist der Ort, sprach der Fhrer, dort oben in der Felswand ist die
Wohnung des unglcklichen Mannes; hrt Ihr sein Lied? wir wollen warten und
lauschen bis er zu Ende ist, denn er war nicht gewohnt unterbrochen zu werden,
als er noch oben auf der Erde war.
    Die Mnner lauschten und verstanden durch das Echo und das Gemurmel der
Wasser etwa folgende Worte, die der Gechtete sang:

Vom Turme wo ich oft gesehen
Hernieder auf ein schnes Land,
Vom Turme fremde Fahnen wehen
Wo meiner Ahnen Banner stand.
Der Vter Hallen sind gebrochen,
Gefallen ist des Enkels Los,
Er birgt besiegt und ungerochen
Sich in der Erde tiefem Scho.

Und wo einst in des Glckes Tagen
Mein Jagdhorn tnte durchs Gefild,
Da meine Feinde grlich jagen,
Sie hetzen gar ein edles Wild.
Ich bin das Wild, auf das sie birschen,
Die Bluthund wetzen schon den Zahn,
Sie drsten nach dem Schwei des Hirschen,
Und sein Geweih29 steht ihnen an.

Die Mrder han in Berg und Heide
Auf mich die Armbrust aufgespannt,
Drum in des Bettlers rauhem Kleide
Durchschleich ich nachts mein eigen Land;
Wo ich als Herr sonst eingeritten,
Und meinen hohen Gru entbot,
Da klopf ich schchtern an die Htten
Und bettle um ein Stckchen Brot.

Ihr warft mich aus den eignen Toren
Doch einmal klopf ich wieder an,
Drum Mut! noch ist nicht all' verloren,
Ich hab ein Schwert und bin ein Mann.
Ich wanke nicht; ich will es tragen,
Und ob mein Herz darber bricht,
So sollen meine Feinde sagen:
Er war ein Mann und wankte nicht.

Er hatte geendet, und der tiefe Seufzer, den er den verhallenden Tnen seines
Liedes nachsandte, lie ahnen, da er im Gesang nicht viel Trost gefunden habe.
Dem rauhen Manne von Hardt war whrend dem Liede eine groe Trne ber die
gebrunte Wange gerollt, und Georg war es nicht entgangen, wie er sich
anstrengte, die alte feste Fassung wieder zu erhalten und dem Bewohner der Hhle
eine heitere Stirne und ein ungetrbtes Auge zu zeigen. Er gab dem Junker auch
die zweite Fackel in die Hand und klimmte den glatten schlpfrigen Felsen hinan,
der zu der Grotte fhrte, woraus der Gesang erklungen war. Georg dachte sich,
da er ihn vielleicht dem Ritter melden wolle, und bald sah er ihn mit einem
tchtigen Strick zurckkehren. Er klimmte die Hlfte des Felsen wieder herab und
lie sich die Fackeln geben, die er geschickt in eine Felsenritze an der Seite
steckte; dann warf er Georg den Strick zu und half ihm so die Felsenwand
erklimmen, was ihm ohne diese Hlfe schwerlich gelungen wre. Er war oben und
wenige Schritte noch so stand er vor dem Felsengemach des Gechteten.30

                                       VI


 -In wunderbaren Gestalten
 Ragt aus der dunkeln Nacht das angestrahlte Gestein
 Mit wildem Gebsch versetzt, das aus den schwarzen Spalten
 Herabnickt und im Widerschein
 Als grnes Feuer brennt. Mit furchtvermengtem Grauen
 Bleibt unser Ritter stehn, den Zauber anzuschauen.
                                                                         Wieland

Der Teil jener groen Hhle, welchen sie jetzt betraten, unterschied sich
merklich von den brigen Grotten und Kammern. Er war von Sandstein und hatte,
weil dieser Stein die Feuchtigkeit einschluckt, ein trockenes wohnlicheres
Ansehen. Der Boden war mit Binsen und Stroh bestreut, eine Lampe, die an der
Wand angebracht war, verbreitete ein hinreichendes Licht auf die Breite und den
grten Teil der Lnge dieser Grotte. Gegenber sa jener Mann auf einem breiten
Brenfelle, neben ihm stand sein Schwert und ein Hfthorn; ein alter Hut und der
graue Mantel, mit welchem er sich verhllt hatte, lagen am Boden. Er trug ein
Wams von dunkelbraunem Leder und Beinkleider von grobem, blauem Tuche. Ein
unscheinbarer Anzug, der aber seinen krftigen Krperbau und seine feinen edlen
Zge nur noch mehr heraushob. Er mochte ungefhr vierunddreiig Jahre haben, und
sein Gesicht war noch immer hbsch und angenehm zu nennen, obgleich die erste
Blte der Jugend von Gefahren und Strapazen abgestreift schien, und der
verwilderte Bart ihm zuweilen etwas Furchtbares verlieh; diese flchtigen
Bemerkungen drngten sich Georg auf, als er am Eingang der Grotte stillstand.
    Willkommen in meinem Palatium, Georg von Sturmfeder! rief der Bewohner der
Hhle, indem er sich von dem Brenfelle aufrichtete, dem Jngling die Hand bot,
und ihm winkte, auf einem ebenso kunstlosen Sitz von Rehfellen sich
niederzulassen. Seid herzlich willkommen; es war kein bler Einfall unseres
Spielmanns, Euch in diese Unterwelt herabzufhren, und mir einen so angenehmen
Gesellschafter zu bringen. Hanns! du treue Seele, du warst bisher unser
Majordomus, Truchse und Kanzler, wir ernennen dich jetzt zu unserem
Kellermeister und Obermundschenk; siehe, dort hinter jener Sule des schnsten
Granit mu ein Krug stehen, worin sich noch ein Rest alten Weines befindet. Nimm
meinen Jagdbecher von Buchsbaum, das einzige Tafelgeschirr, das wir jetzt
fhren, gie ihn voll bis an den Rand, und kredenze ihn unserm ehrenwerten
Gast.
    Georg sah erstaunt auf den gechteten Mann. Er hatte nach dem Schicksal, das
ihn betroffen, nach seinen unwirtlichen Umgebungen, zuletzt noch nach dem
Klaggesang, den er gehrt hatte, einen Mann erwartet, der zwar unbesiegt von den
Strmen des Lebens, aber ernst, vielleicht sogar finster in seinem Umgang sein
werde; und er fand ihn heiter, unbesorgt, scherzend ber seine Lage, als habe
ihn auf der Jagd ein Sturm berfallen, und gentigt eine kleine Weile in dieser
Hhle Schutz gegen das Wetter zu suchen. Und doch war es ein schrecklicherer
Sturm, als der furchtbarste Orkan der Natur, der ihn aus der Burg seiner Vter
vertrieb, und doch war er ja das gejagte Wild, das gegen die Geschosse der
mordlustigen Jger hier eine Zuflucht fand!
    Ihr schaut mich verwundert an, werter Gast, sagte der Ritter, als Georg
bald ihn, bald seine Umgebungen mit verwunderten Blicken ma, vielleicht habt
Ihr erwartet, da ich Euch etwas weniges vorjammern werde? Aber ber was soll
ich klagen? Mein Unglck kann in diesem Augenblick keiner wenden, darum ziemt es
sich, da man heitere Miene zum bsen Spiele macht. Und saget selbst, wohne ich
hier nicht wie Frsten selten wohnen. Habt Ihr meine Hallen gesehen, und die
weiten Sle meines Palastes? glnzen nicht ihre Wnde wie Silber? wlben die
Decken sich nicht, wie aus Perlen und Diamanten zusammengesetzt? werden sie
nicht getragen von Sulen, die von Smaragden und Rubinen, und allen Edelsteinen
der Erde prangen? Doch hier kommt Hanns, mein Obermundschenk, mit dem Weine;
sprich mein Getreuer! ist das all unser Getrnk, was in diesem Becher ist?
    Wasser so klar als Kristall hat Eure Wohnung, sprach der Pfeifer, der mit
der heiteren Laune seines Gefhrten schon vertraut war, aber auch ein Restchen
Wein, das wenigstens noch drei Becher fllt, ist im Krug und - nun wir haben ja
heute einen Gast, und knnen schon etwas draufgehen lassen - ich will es nur
gestehen, ich habe heute nacht einen vollen Krug alten Uhlbacher hereingebracht,
er steht bei dem andern.
    Das hast du wohl gemacht, rief der gechtete Ritter, und ein Strahl der
Freude drang aus seinem glnzenden Auge; glaubet nicht, Herr Georg, da ich ein
Schlemmer und Sufer bin; aber guter Wein ist ein edles Ding, und ich liebe es,
in guter Gesellschaft den vollen Becher rundgehen zu lassen. Pflanze die Krge
nur hier auf, werter Kellermeister, wir wollen tafeln, wie in den Tagen des
Glckes. Ich bring es Euch, auf den alten Glanz des Hauses Sturmfeder!
    Georg dankte und trank; Ich sollte die Ehre erwidern, sagte er, und doch
wei ich Euren Namen nicht, Herr Ritter. Doch ich bringe es Euch! mget Ihr bald
wieder siegreich in die Burg Eurer Vter einziehen, mge Euer Geschlecht auf
ewige Zeiten grnen und blhen - es lebe! Georg hatte die letzten Worte mit
starker Stimme gerufen, und wollte eben den Becher ansetzen, als das Gerusch
vieler Stimmen vom Eingang der Grotte her, aus der Tiefe emporstieg, die
vernehmlich, Es lebe! lebe! riefen. Verwundert setzte er den Becher nieder.
Was ist das, sagte er; sind wir nicht allein?
    Es sind meine Vasallen, die Geister, antwortete der Ritter lchelnd, oder
wenn Ihr so lieber wollt, das Echo, das Eurem freundlichen Rufe beistimmte. Ich
habe oft, setzte er ernster hinzu, in den Zeiten des Glanzes, das Wohl meines
Hauses von hundert Stimmen ausrufen hren, doch hat es mich nie so erfreut und
gerhrt als hier, wo mein einziger Gast es ausbrachte, und die Felsen dieser
Unterwelt es beantworteten. - Flle den Becher Hanns und trinke auch du, und
weit du einen guten Spruch, so gib ihn preis.
    Der Pfeifer von Hardt fllte sich den Becher, und blickte Georg mit
freundlichen Blicken an: Ich bring es Euch, Junker! und etwas recht Schnes
dazu: das Frulein von Lichtenstein!
    Halloh, sa! sa! trinkt Junker, trinkt, rief der Gechtete und lachte, da
die Hhle drhnte; aus bis auf den Boden, aus! sie soll blhen und leben fr
Euch! das hast du gut gemacht, Hans! sieh nur, wie unserem Gast das Blut in die
Wangen steigt, wie seine Augen blitzen, als ksse er schon ihren Mund. Drft
Euch nicht schmen! auch ich habe geliebt und gefreit, und wei wie einem
frhlichen Herzen von vierundzwanzig Jahren zumut ist!
    Armer Mann! sagte Georg; Ihr habt geliebt und gefreit, und mutet
vielleicht ein geliebtes Weib und gute Kinder zurcklassen!? Er fhlte sich,
whrend er dies sprach, heftig am Mantel gezogen, er sah sich um, und der
Spielmann winkte ihm schnell mit den Augen, als sei dies ein Punkt, worber man
mit dem Ritter nicht sprechen msse. Und den Jngling gereueten auch seine
Worte, denn die Zge des unglcklichen Mannes verfinsterten sich, und er warf
einen wilden Blick auf Georg, indem er sagte: Der Frost im September hat schon
oft verderbt, was im Mai gar herrlich blhte, und man fragt nicht wie es
geschehen sei; meine Kinder habe ich in den Hnden rauher aber guter Ammen
gelassen, sie werden sie, so Gott will, bewahren, bis der Vater wieder
heimkommt. Er hatte dies mit bewegter, dumpfer Stimme gesprochen, doch als
wolle er die trben Gedanken aus dem Gedchtnis abwischen, fuhr er mit der Hand
ber die Stirne, und wirklich gltteten sich die Falten, die sich dort
zusammengezogen hatten, augenblicklich, er blickte wieder heiterer um sich her
und sprach:
    Der Hanns hier kann mir bezeugen, da ich schon oft gewnscht habe, Euch zu
sehen, Herr von Sturmfeder; er hat mir von Eurer sonderbaren Verwundung erzhlt,
wo man Euch wahrscheinlich fr einen der Vertriebenen gehalten und angefallen
hat, indessen der Rechte Zeit gewann, zu entfliehen.
    Das soll mir lieb sein! antwortete Georg. Ich mchte fast glauben, man
hat mich fr den Herzog selbst gehalten, denn diesem paten sie damals auf; und
ich will gerne die tchtige Schlappe bekommen haben, wenn er dadurch gerettet
wurde.
    Ei, das ist doch viel; wisset Ihr nicht, da der Hieb, der nach Euch
gefhrt wurde, ebensogut tdlich werden konnte?
    Wer zu Feld zieht, entgegnete Georg, der mu seine Rechnung mit der Welt
so ziemlich abgeschlossen haben. Es ist zwar schner in einer Feldschlacht vor
dem Feinde bleiben; wenn die Freunde jubeln und die Kameraden umherstehen, um
einem den letzten Liebesdienst zu erweisen. - Aber doch wre ich damals auch
gestorben, wenn es htte sein mssen, um die Streiche dieser Meuchelmrder von
dem Herzog abzulenken.
    Der Gechtete sah den Jngling mit Rhrung an und drckte seine Hand. Ihr
scheint groen Anteil an dem Herzog zu nehmen, sagte er, indem er seine
durchdringenden Augen auf ihn heftete, das htte ich kaum gedacht, man sagte
mir, Ihr seid bndisch.
    Ich wei, Ihr seid ein Anhnger des Herzogs, antwortete Georg, aber Ihr
werdet mir schon ein freies Wort gestatten. Sehet, der Herzog hat manches getan,
was nicht recht ist; zum Beispiel die Huttische Geschichte, sie mag nun sein wie
sie will, htte er unterlassen knnen; sodann mag er mit seiner Frau hart
umgegangen sein, und Ihr mt selbst gestehen, er lie sich doch zu sehr vom
Zorn bemeistern, als er Reutlingen sich unterwarf -
    Er hielt inn', als erwarte er die Antwort des Ritters, doch dieser schlug
die Augen nieder und winkte schweigend dem jungen Mann, fortzufahren: Nun, so
dachte ich von dem Herzog, als ich bndisch wurde, so, und nur etwas strker
sprach man von ihm im Heere; aber eine groe Frsprecherin hatte er an Marien,
und es ist Euch vielleicht bekannt, da ich mich auf ihr Zureden lossagte; nun
bekamen die Sachen bald eine andere Gestalt in meinen Augen, sei es weil ich von
Natur mitleidig bin, und niemand ungerecht mihandeln sehen kann, oder auch weil
ich die Absichten der Bndischen besser durchschaute - ich sah, da dem Herzog
zu viel geschehe, denn der Bund hatte offenbar kein Recht, den Herzog aus allen
seinen Besitzungen, und sogar von seinem Frstenstuhl zu vertreiben und ihn ins
Elend zu jagen. Und da gewann der Herzog wieder in meinen Augen; er htte ja
vielleicht noch eine Schlacht wagen knnen, aber er wollte nicht das Blut seiner
Wrttemberger auf ein so gewagtes Spiel setzen; er htte knnen den Leuten Geld
abpressen und die Schweizer damit halten, aber er war grer als sein Unglck,
und sehet - das hat mich zu seinem Freunde gemacht.
    Der Ritter schlug die Augen auf, seine Brust schien hher zu schlagen, seine
edle Gestalt richtete sich stolzer empor, er sah Georg lange an und drckte
seine Hand an sein pochendes Herz. Wahrlich, sagte er, es lebt eine heilige,
reine Stimme in dir, junger Freund! ich kenne den Herzog wie mich selbst, aber
ich darf sagen wie du sagtest, er ist grer als sein Unglck, und - besser als
der Ruf von ihm sagt. Aber er hat wenige gefunden, die ihm Probe gehalten haben!
Ach, da er nur hundert gehabt htte, wie du bist, und es htte kein Fetzen der
bndischen Paniere auf einer wrttembergischen Zinne geweht. Da du sein Freund
werden knntest! doch es sei ferne von mir, dich einzuladen sein Unglck mit ihm
zu teilen, es ist genug, da deine Klinge und ein Arm wie der deinige, nicht
mehr seinen Feinden gehrt; mgen deine Tage heiterer sein als die seinigen,
mge der Himmel dir deine guten Gesinnungen gegen einen Unglcklichen belohnen.
    Es wehte ein Geist in den Worten des gechteten Ritters, der manch verwandte
Saite in dem Herzen des Jnglings anschlug. War es die Anerkennung seines
persnlichen Wertes, der ihm aus dem Munde eines Tapferen so ermunternd klang,
war es die hnlichkeit des Schicksales dieses Unglcklichen mit seiner eigenen
Armut und mit dem Unglck seines Hauses, war es die romantische Idee nicht fr
das siegende Unrecht, sondern fr die gerechte Sache, gerade weil sie im
tiefsten Unglck war, sich zu erklren. - Georg fhlte sich unwiderstehlich zu
diesem gechteten Mann, zu der Sache, fr die er litt, hingezogen, begeistert
fate er seine Hand und rief: Es spreche mir keiner von Vorsicht, nenne es
keiner Torheit, sich an das Unglck anzuschlieen! mgen andere dieses schne
Land dort oben teilen, und in den Gtern des unglcklichsten Frsten schwelgen -
ich fhle Mut in mir, mit ihm zu tragen was er trgt, und wenn er sein Schwert
zieht, seine Lande wieder zu erobern, so will ich der erste sein, der sich an
seine Seite stellt. Nehmt meinen Handschlag, Herr Ritter, ich bin, wie es auch
komme, Ulerichs Freund fr immer!
    Eine Trne glnzte in dem Auge des Gechteten, indem er den Handschlag
zurckgab. Du wagst viel, aber du bist viel, wenn du Ulerichs Freund bist. Das
Land da oben gehrt jetzt den Rubern und Dieben, aber hier unten ist noch gut
Wrttemberg. Hier vor mir sitzt der Ritter und der Brger, vergesset einen
Augenblick, da ich ein armer Ritter und ein unglcklicher gechteter Mann bin,
und denket ich sei Frst des Landes, wie ich der Herr der Hhle bin. Ha! noch
gibt es ein Wrttemberg wo diese drei zusammenhalten, und sei es auch tief im
Scho der Erde. Flle den Becher Hanns, und lege deine rauhe Hand in die
unsrigen, wir wollen den Bund besiegeln!
    Hanns ergriff den vollen Krug und fllte den Becher. Trinkt edle Herren,
trinkt, sagte er, ihr knnet euch in keinem edleren Wein Bescheid tun, als in
diesem Uhlbacher.
    Der Gechtete trank in langen Zgen den Becher aus, lie ihn wieder fllen
und reichte ihn Georg. Wie ist mir doch? sagte dieser, blhte nicht dieser
Wein um Wrttembergs Stammschlo? Ich glaube man nennt also den Wein, der auf
jenen Hhen wchst?
    Es ist so, antwortete der Gechtete; Rotenberg heit der Berg, an dessen
Fu dieser Wein wchst, und auf seinem Gipfel steht das Schlo, das Wrttembergs
Ahnen gebaut haben. - Oh, ihr schnen Tler des Neckars, ihr herrlichen Berge
voll Frucht und Wein! von euch, von euch auf immer?! Er rief es mit einer
Stimme, die aus einem gebrochenen Herzen voll Schmerz und Kummer heraufstieg,
denn die Wehmut hatte die Decke gesprengt, womit der feste, unbeugsame Sinn
dieses Mannes seine kummervolle Seele verhllt hatte!
    Der Bauer kniete nieder zu ihm, ergriff seine Hand und weckte ihn aus dem
dsteren Hinbrten, dem er sich einige Augenblicke hingegeben hatte. Seid
stark, guter Herr! Ihr werdet sie wiedersehen, frhlicher als Ihr sie verlassen
habt.
    Ihr werdet sie wiedersehen, die Tler Eurer Heimat, rief Georg, wenn der
Herzog einrckt in sein Land, wenn er einziehet in die Burg seiner Ahnen, wenn
die Tler des Neckars und seine weinreichen Hhen widerhallen vom Jubel des
Volkes, dann werdet auch Ihr Eurer Wohnung wieder entgegenziehen. Verscheuchet
die trben Gedanken, nunc vino pellite curas, trinket, vergesset nicht, was wir
vorhin gesprochen haben, ich tue Euch Bescheid in diesem Wrttemberger Weine -
der Herzog und seine Treuen! -
    Ein angenehmes Lcheln ging wie ein Sonnenblick bei diesen Worten auf den
dsteren Zgen des Ritters auf. Ja! rief er, Treue ist das Wort das Genesung
gibt dem gebrochenen Herzen, wie ein khler Trank dem einsamen Wanderer in der
Wste. Vergesset meine Schwche, Junker; verzeihet sie einem Mann, der sonst
seinem Kummer nicht Raum gibt. Aber wenn Ihr je vom Gipfel des Rothenberges
hinabgesehen httet, auf das Herz von Wrttemberg, wie der Neckar durch grne
Ufer zieht, wie mannshohe Halmen in den Feldern wogen, wie sanfte Hgel am Flu
sich hinauf ziehen, bepflanzt mit kstlichem Weine, wie dunkle, schattige
Forsten die Gipfel der Berge bekrnzen, wie Dorf an Dorf mit seinen freundlichen
roten Dchern aus den Wldern von Obstbumen hervorschauen, wie gute fleiige
Menschen, krftige Mnner, schne Weiber auf diesen Hhen, in diesen Tlern
walten, und sie zu einem Garten anbauen - httet Ihr dieses gesehen, Junker,
gesehen mit meinen Augen, und set jetzt hier unten, hinausgeworfen, verflucht,
vertrieben, umgeben von starren Felsen, tief im Scho der Erde! Oh, der Gedanke
ist schrecklich und oft zu mchtig fr ein Mnnerherz!
    Georg bangte, der Ritter mchte durch die traurige Gegenwart und seine
schneren Erinnerungen wieder in seine Wehmut zurckgefhrt werden, daher suchte
er schnell dem Gesprch, eine andere Wendung zu geben: Ihr waret also oft um
den Herzog, Herr Ritter? O saget mir, ich bin ja jetzt sein Freund, saget mir,
wie ist er im Umgang? wie sieht er aus? nicht wahr, er ist sehr vernderlich und
hat viele Launen?
    Nichts davon, entgegnete der Gechtete, Ihr werdet ihn sehen und lernet
ihn am besten ohne Beschreibung kennen. Aber schon zu lange haben wir von
fremden Angelegenheiten gesprochen, von Euren eigenen saget Ihr gar nichts?
nichts von dem Zweck Eurer jetzigen Reise, nichts von dem schnen Frulein von
Lichtenstein? - Ihr schweiget und schlaget die Augen nieder? glaubet nicht, da
es Neugierde sei, warum ich frage; nein, ich glaube Euch in dieser Sache
ntzlich sein zu knnen.
    Nach dem was diese Nacht zwischen uns geschehen ist, antwortete Georg,
ist von meiner Seite keine Zurckhaltung, kein Geheimnis mehr ntig. Es scheint
auch, Ihr wutet lngst, da ich Marien liebe, vielleicht auch, da sie mir hold
ist?
    O ja, entgegnete der Ritter lchelnd, wenn ich anders die Zeichen der
Liebe verstehe und richtig deuten kann; denn sie schlug, wenn von Euch die Rede
war, die Augen nieder, und errtete bis in die Stirne, auch nannte sie Euren
Namen mit eigenem, so eigenem Ton, als gben alle Saiten ihres Herzens den
Akkord zu diesem Grundton an.
    Ich glaube, Euer scharfes Auge hat richtig bemerkt, und deswegen will ich
nach Lichtenstein. Ich war von Anfang willens, als ich mich vom Bunde lossagte,
nach Haus zu ziehen, aber die Alb ist schon halbwegs von Franken hieher, da
dachte ich, ich knnte das Frulein noch einmal zuvor sehen. Der Mann hier
fhrte mich ber die Alb; Ihr wisset was meine Reise um acht Tage verzgerte;
sobald der Morgen herauf ist, will ich oben im Schlo einsprechen, und ich
hoffe, ich komme dem alten Herrn jetzt willkommner, da ich das neutrale Gebiet
verlassen und zu seiner Farbe mich geschlagen habe.
    Wohl werdet Ihr ihm willkommen sein, wenn Ihr als Freund des Herzogs kommt,
denn er ist ihm treu und sehr ergeben. Doch knnte es sein, da er Euch nicht
traute, denn er soll ein wenig mitrauisch und grmlich gegen fremde Menschen
sein. Ihr wisset, wie ich mit ihm stehe, denn er ist der barmherzige Samariter
der mich, wenn ich nachts aus meiner Hhle steige, mit warmer Speise und mit
noch wrmerem Trost fr die Zukunft labt; ein paar Zeilen von mir mgen Euch bei
ihm besser empfehlen als ein Freibrief des Kaisers, und zum Zeichen fr ihn und
manchen andern, nehmet diesen Ring und traget ihn zum Andenken an diese Stunde,
er wird Euch als einen Freund der gerechten Sache Wrttembergs verknden. Er
zog bei diesen Worten einen breiten Goldreif vom Finger. Ein roter Stein war in
die Mitte gefat, und in den drei Hirschgeweihen mit dem Jagdhorn auf dem
Wappenhelm, die darin eingegraben waren, erkannte der junge Mann das Zeichen
Wrttembergs; um den Ring standen erhaben geprgte Buchstaben, deren Sinn er
nicht verstand. Sie hieen:
    U. H. Z. W. U. T. Uhzwut? was bedeutet dieser Name? fragte er. Ist es
etwa ein Feldgeschrei fr die Anhnger des Herzogs?
    Nein, mein junger Freund, antwortete der gechtete Ritter; diesen Ring
trug der Herzog lange an seiner Hand, und er war mir immer sehr wert, ich habe
aber noch viele andere Andenken von ihm, und konnte dieses an keinen Besseren
abtreten. Die Zeichen heien Ulrich, Herzog Zu Wrttemberg Und Teck!
    Er wird mir ewig teuer sein, erwiderte Georg, als ein Andenken an den
unglcklichen Herrn, dessen Namen er trgt, und als schne Erinnerung an Euch,
Herr Ritter, und die Nacht in der Hhle.
    Wenn Ihr an die Zugbrcke von Lichtenstein kommet, fuhr der Ritter fort,
so gebet dem nchsten besten Knecht den Zettel, den ich Euch schreiben werde,
und diesen Ring, solches dem Herrn des Schlosses zu bringen, und Ihr werdet
gewi empfangen werden, als wret Ihr des Herzogs eigener Sohn. Doch fr das
Frulein mt Ihr Eure eigenen Zeichen haben, denn auf sie erstreckt sich mein
Zauber nicht; etwa ein herzlicher Hndedruck, die geheimnisvolle Sprache der
Augen, oder ein ser Ku auf ihren roten Mund; doch, um gehrig vor ihr zu
erscheinen, habt Ihr Ruhe ntig, denn Eure Augen mchten nach einer durchwachten
Nacht etwas trbe sein. Daher folget meinem Beispiel, strecket Euch auf die
Rehfelle nieder, und leget Euren Mantel als Kopfkissen unter. Und du wrdiger
Majordomus, oberster Kmmerer und Mundschenk, Hanns, getreuer Gefhrte im
Unglck, reiche diesem Paladin noch einen Becher zum Schlaftrunk, da ihm jene
Felle zum weichen Pfhl, diese Felsengrotte zum Schlafklosett werde, und ihn der
Gott der Trume mit seinen lieblichsten Bildern besuche!
    Die Mnner tranken und legten sich zur Ruhe, und Hanns setzte sich, wie ein
treuer Hund, an die Pforte der Felsenkammer. Bald kam Morpheus mit leisen
Tritten zu dem Lager des Jnglings und streute seine Schlummerkrner ber ihn,
und er hrte nur noch halb im Traume, wie der gechtete Mann sein Nachtgebet
sprach, und mit frommer Zuversicht zu dem Lenker der Schicksale flehte ber ihn
und jenes unglckliche Land, in dessen tiefem Scho er jetzt ruhte, seinen
Schutz und seine Hlfe herabzusenden.

                                      VII


 Aus einem tiefen grnen Tal
 Steigt auf ein Fels als wie ein Strahl,
 Drauf schaut das Schllein Lichtenstein
 Vergnglich in die Welt hinein.
                                                                          Schwab

Georg konnte sich anfangs nicht recht auf seine Lage, und die Gegenstnde umher
besinnen, als er von dem Pfeifer von Hardt aus dem Schlaf aufgeschttelt wurde;
allmhlich aber kehrten die Bilder der vergangenen Nacht in seine Seele zurck,
und er erwiderte freudig den Handschlag, mit welchem ihn der gechtete Ritter
begrte. So gerne ich Euch noch tagelang in meinem Palast beherbergen wrde,
sprach dieser, so mchte ich Euch doch raten, nach Lichtenstein aufzubrechen,
wenn Ihr anders ein warmes Frhstck haben wollet. In meiner Hhle kann ich Euch
leider keines bereiten lassen, denn wir machen niemals Feuer auf, weil der Rauch
uns gar zu leicht verraten knnte.
    Georg stimmte seinen Grnden bei, und dankte ihm fr seine Beherbergung.
Wahrlich, sagte er, ich habe selten eine frhlichere Nacht beim Becher
verlebt, als in dieser Hhle. Es hat etwas Reizendes, so tief unter den Fen
der Menschen zu atmen und mit Freunden sich zu besprechen. Ich gebe nicht den
herrlichsten Saal des schnsten Schlosses um diese Felsenwnde!
    Ja, unter Freunden, wenn der Becher munter kreist, entgegnete der Bewohner
der Hhle; aber unfreiwillig hier zu sitzen, tagelang einsam in diesen Kellern
ber sein Unglck zu brten, wenn das Herz sich hinaussehnt in den grnen Wald,
unter den blauen Himmel, wenn das Auge, mde dieser unterirdischen Pracht,
hineintauchen mchte in die reizende Landschaft, hinberschweifen mchte ber
lachende Tler zu den fernen Bergen der Heimat; wenn das Ohr, betubt von dem
eintnigen Gemurmel dieser Wasser, die Tropfen um Tropfen von den Wnden
rieseln, und gesammelt in bodenlose Tiefen hinabstrzen, sich hinaussehnt, den
Gesang der Lerche zu hren, zu lauschen wie das Wild in den Bschen rauscht!
    Armer Mann! es ist wahr, eine solche Einsamkeit mu schrecklich sein!
    Und dennoch, fuhr jener fort und richtete sich hher auf, indem ein
stolzer Trotz aus seinen Augen blitzte; und dennoch preise ich mich glcklich,
mit Hlfe guter Leute diese Zuflucht gefunden zu haben. Ja ich wollte lieber
noch hundert Faden tief hinabsteigen, wo die Brust keine Luft mehr zu atmen
findet, als in die Hnde meiner Feinde fallen und ihr Gesptt werden; und wenn
sie dahin mir nachkmen, die blutgierigen Hunde des Bundes, so wollte ich mich
mit meinen Ngeln weiter hineinscharren in die hrtesten Felsen, ich wollte
hinabsteigen tiefer und immer tiefer, bis wo der Mittelpunkt der Erde ist. Und
kmen sie auch dorthin, so wollte ich die Heiligen lstern, die mich verlassen
haben, und wollte dem Teufel rufen, da er die Pforten der Finsternis aufreie,
und mich berge gegen die Verfolgung dieses bermtigen Gesindels. Der Mann war
in diesem Augenblick so furchtbar, da Georg unwillkrlich vor ihm zurckbebte.
Seine Gestalt schien grer, alle seine Muskeln waren angespannt, seine Wangen
glhten, seine Augen schossen Blitze, als suchten sie einen Feind, den sie
vernichten sollten, seine Stimme drhnte hohl und stark, und das Echo der Felsen
sprach ihm in schrecklichen Tnen seine Verwnschungen nach. Obgleich diese
Gradation dem Jngling zu stark vorkommen mochte, so konnte er doch die Gefhle
eines Mannes nicht tadeln, den man, weil er seinem Herrn treu geblieben war, aus
seinen Besitzungen hinausgeworfen hatte, den man wie ein angeschossenes Wild
suchte, um ihn zu tten. Es liegt ein Trost in dieser Gesinnung, sagte er zu
dem Gechteten, und Ihr werdet Euer Unglck leichter tragen, wenn Ihr den
Gegensatz recht scharf ins Auge fasset. Ich bewundre Euch, um Eurer
Seelenstrke, Herr Ritter! aber eben dieses Gefhl der Bewunderung ntigt mir
eine Frage ab, die vielleicht noch immer zu unbescheiden klingt, doch Ihr habt
mich in der letzten Nacht zu oft Freund genant, als da ich sie nicht wagen
drfte; nicht wahr, Ihr seid Marx Stumpf von Schweinsberg?
    Es mute etwas Lcherliches in dieser Frage liegen, das Georg nicht finden
konnte, denn der Ernst, der noch immer auf den Zgen des Ritters gelegen, war
wie weggeblasen, er lachte zuerst leise vor sich hin, dann aber brach er in
lautes Gelchter aus, in welches, wie auf ein gegebenes Zeichen, auch der
Spielmann ein stimmte.
    Georg sah bald den einen, bald den andern fragend an, aber seine verlegenen
Blicke schienen nur die Lachlust der beiden Mnner noch mehr zu reizen. Endlich
fate sich der Gechtete: Verzeihet, werter Gast, da ich das Gastrecht so
grblich verletzte, und mir nicht lieber die Zunge abgebissen habe, ehe ich
etwas von Euch lcherlich fand; aber wie kommt Ihr nur auf den Marx Stumpf?
Kennet Ihr ihn denn?
    Nein, aber ich wei, da er ein tapferer Ritter ist, da er wegen des
Herzogs vertrieben wurde, und da die Bndischen auf ihn lauern; und pat dieses
nicht alles ganz gut auf Euch?
    Danke Euch, da Ihr mich fr so tapfer haltet, aber das mchte ich Euch
doch raten, da Ihr dem Stumpf nicht bei Nacht in den Weg kommet wie mir, denn
dieser htte Euch ohne weiteres zu Kochstcken zusammengehauen. Der Schweinsberg
ist ein kleiner dicker Kerl, einen Kopf kleiner als ich, und darum kam mir
unwiderstehlich das Lachen. brigens ist er ein ehrenwerter Mann, und einer von
den wenigen, die ihren Herrn im Unglck nicht verlieen.
    So seid Ihr nicht dieser Schweinsberg? entgegnete Georg traurig, und ich
mu gehen ohne zu wissen, wer mein Freund ist?
    Junger Mann! sagte der Gechtete mit Hoheit, die nur durch den gewinnenden
Ausdruck der Freundlichkeit gemildert wurde, Ihr habt einen Freund gefunden,
durch Euer tapferes, ehrenvolles Wesen, durch Euren offenen, freien Blick, durch
Eure warme Teilnahme an dem unglcklichen Herzog. Es sei Euch genug, diesen
Freund gewonnen zu haben, fraget nicht weiter, ein Wort knnte vielleicht dieses
trauliche Verhltnis zerstren, das mir so angenehm ist. Lebet wohl, denket an
den gechteten Mann ohne Namen, und seid versichert, ehe zwei Tage vorbeigehen,
sollt Ihr von mir und meinem Namen hren! Es wollte Georg dnken, als stehe
dieser Mann, trotz seines unscheinbaren Kleides, vor ihm wie ein Frst, der
seinen Diener huldreich entlt, so gro war jene unbeschreibliche Hoheit, die
ihm auf der Stirne thronte, so erhaben der Glanz, der aus seinem Auge drang.
    Der Pfeifer hatte unter diesen Worten die Fackeln angezndet, und stand
erwartend am Eingang der Grotte, der gechtete Ritter drckte einen Ku auf die
Lippen des Jnglings und winkte ihm zu gehen. Er ging und wute nicht wie ihm
geschah, noch nie war ihm ein Mensch so freundlich nahe, und doch zugleich so
unendlich hoch ber ihm gestanden, noch nie hatte er gefhlt, wie in jenen
Augenblicken, da ein Mann entkleidet von jenem irdischen Glanze, der das Leben
schmckt, selbst in rmlicher Hlle und Umgebung eine Erhabenheit und Gre von
sich strahlen knne, die das Auge blendet, und das Gefhl des eigenen Ichs so
pltzlich berrascht und hinabdrckt. Mit diesem Gedanken beschftigt, ging er
durch die Hhle; die erhabene Pracht der Natur, die beim Eintritt sein Auge
berrascht und gefesselt hatte, ging fr ihn verloren; er staunte nicht mehr,
da sie im Schoe eines unscheinbaren Berges sich so herrlich und groartig
ausgesprochen habe. War ja doch sein inneres Auge mit einem Gegenstand
beschftigt, in welchem sie sich noch imposanter und groartiger aussprach, als
in der nchtlichen Pracht dieser Felsen, denn er bewunderte die Erhabenheit des
menschlichen Geistes ber jedes irdische Verhltnis, und dachte nach ber die
Majestt einer groen Seele, die auch im Gewande des Bettlers ihren angeborenen
Adel nicht verleugnen kann.
    Ein heller freundlicher Tag empfing sie, als sie aus der Nacht der Hhle zum
Licht herausstiegen. Georg atmete freier und leichter in der khlen Morgenluft,
denn der feuchte Dunst, der in den Gngen und Grotten der Hhle umzieht, und
wovon sie vielleicht den Namen Nebelhhle trgt, lagert sich beengend auf die
Brust. Sie fanden das Pferd des jungen Ritters noch an derselben Stelle
angebunden, munter und frisch wie sonst, und selbst die Waffenstcke, die am
Sattel befestigt waren, hatten durch den Nachttau nicht Schaden gelitten, wie
Georg befrchtet hatte, denn der Pfeifer von Hardt hatte ein grobes Tuch, das
ihm beim Unwetter gegen Regen und Klte dienen mochte, ber den Rcken des
Pferdes ausgebreitet. Georg machte seine Kleidung und das Zeug des Rosses
zurecht, whrend der Bauer diesem einige Hndevoll Heu zum Morgenbrot reichte,
und dann ging es weiter den Berg hinan. Sie waren noch wenige Schritte
vorgerckt, als der Klang einer Glocke aus dem Tal herauftnte, die feierliche
Stille des Morgens unterbrach, eine andere antwortete, drei bis vier stimmten
ein, bis die melodischen Tne von wenigstens zwlf Glocken von den Hhen umher
und aus den Tlern aufstiegen. berrascht, hielt der junge Mann sein Pferd an;
Was ist das! rief er, brennt es irgendwo, oder wie, sollten wir heute ein
Fest im Kalender haben? Wei Gott, ich bin durch meine Krankheit so aus aller
Zeit herausgekommen, da ich den Sonntag nur daran erkenne, da die Mdchen neue
Rcke und frische Schrzen anhaben.
    Es ist wohl schon manchem Kriegsmann so gegangen, antwortete Hanns der
Spielmann; ich selbst habe mich oft erst auf die Zeit besinnen mssen, wenn ich
wichtigere Dinge im Kopf hatte als Mess' und Predigt, aber heute ist es ein
anderes Ding, setzte er ernster hinzu und schlug ein Kreuz, heut ist
Karfreitag. Gelobt sei Jesus Christus!
    In Ewigkeit! erwiderte der Jngling. Es ist das erste Mal in meinem
Leben, da ich den Tag nicht wrdig begehe, wie ich soll; und dieser Tag
erinnert mich an manche schne Stunde meiner Kindheit. Damals lebte noch mein
Vater; ich hatte eine sanfte, gute Mutter und ein ganz kleines Schwesterlein.
Wir beide freuten uns immer, wenn der Karfreitag kam; wir wuten nichts von der
Bedeutung des Tages, aber wir rechneten dann, da es nur noch zwei Tage bis
Ostern sei, wo uns die Mutter schne Sachen bescherte. Requiescant in pace,
setzte er hinzu, indem er seitwrts blickte, um eine Trne zu verbergen; sie
sind drben alle drei, und feiern dort ihren heiligen Freitag.
    Man sollte nicht von so unheiligen Dingen sprechen, sagte der Pfeifer nach
einigem Stillschweigen, aber mein Beichtiger mag es mir schon vergeben. Ich
denke, Ihr solltet nicht traurig sein, Junker! Denen die schlafen, ist es wohl,
und die, die wachen, sollen vorwrts und nicht rckwrts sehen. So wrde ich an
Eurer Stelle daran denken, wie Ihr einst auch Euren Kindlein das Ostern
bescheren knnet, und wie sie sich freuen werden am Karfreitag. Seid Ihr nicht
auf der Brautfahrt, und wird ein gewisses Frulein nicht auch eine gute, sanfte
Mutter werden?
    Georg suchte umsonst ein Lcheln zu unterdrcken, das dieser sonderbare
Trostspruch hervorgelockt hatte. Hre, guter Freund, entgegnete er, dir ist
zur Not ein solches Wort erlaubt; doch mchte ich keinem andern raten, meine
Ohren durch solche sndige Gedanken zu entweihen.
    Nichts fr ungut, Herr! ich wollte weder Euch noch das Frulein damit
beleidigen; soll auch nicht mehr geschehen. Aber sehet Ihr nicht dort schon den
Turm aus den Wipfeln ragen? Noch eine kleine Viertelstunde, und wir sind oben.
    Soviel ich gestern in der Nacht bemerken konnte, ist das Schlo auf einen
einzelnen, jhen Felsen hinausgestellt? bei Gott, ein khner Gedanke, da konnte
wohl niemand hinberkommen, wer nicht mit den Geiern im Bunde war und fliegen
gelernt hatte; freilich jetzt knnte man mit Stckschssen sehr zusetzen.
    Meint Ihr? nun es stehen auch vier gute Doppelhaken in der Halle, die auch
ein Wrtchen antworten wrden. Wenn Ihr recht gesehen habt, so mt Ihr bemerkt
haben, da der Felsen ringsum durch ein breites Tal von den Bergen umher
gesondert ist, dorther knnte man nicht viel Schaden tun; die einzige Seite, die
nher an dem Berge liegt, ist die, wo die Zugbrcke herbergeht. Pflanzet einmal
dort Geschtz auf und sehet zu, ob es Euch der Lichtensteiner nicht in den Grund
schiet, ehe Ihr nur ein Fenster aufs Korn genommen habt. Und wie wollet Ihr
Geschtz herauffhren in diesen Schluchten und Bergen, ohne da Euch wenige
entschlossene Mnner mehr Schaden tun, als das ganze Nest wert ist?
    Da habt Ihr recht, antwortete Georg; ich mchte wissen, wer den Gedanken
gehabt hat, auf den Felsen ein Schlo zu bauen.
    Das will ich Euch sagen, erwiderte der Spielmann, der mit allen Sagen
seines Landes vertraut war; es lebte einmal vor vielen Jahren eine Frau; die
mute viele Verfolgung dulden, und wute sich nicht mehr zu raten. Da kam sie an
diesen Felsen, und sah, wie ein groer Geier mit seiner Familie und allem
Haushalt dort lebte, und gegen alle Nachstellung sicher war. Da beschlo sie den
Geier zu verdrngen. Sie lie das Schlo dorthin bauen, und als alles fertig
war, lie sie die Brcke aufziehen, stieg auf die Zinne ihres Turmes und sprach;
Nun bin ich Gottes Freund und aller Welt Feind. Und es konnte ihr keiner mehr
etwas anhaben. Aber sehet, da sind wir schon. Lebet wohl, vielleicht da ich
Euch schon heute nacht wiedersehe. Ich steige jetzt ins Land hinab, und bringe
dann dem Herrn in der Hhle Kundschaft, wie es dort unten aussieht. Vergesset
nicht, an der Brcke Brief und Ring dem Herrn des Schlosses zu senden, und htet
Euch, das Siegel selbst zu brechen.
    Sei ohne Sorgen! ich danke dir fr dein Geleite, und gre meinen werten
Gastfreund in der Hhle. Georg sprach es, trieb sein Pferd an, und in wenigen
Augenblicken war er vor der ueren Verschanzung von Lichtenstein angelangt.
    Ein Knecht, der das Tor bewachte, fragte nach seinem Begehr und rief einen
anderen herbei, ihrem Herrn das Brieflein und den Ring zu bergeben. Georg hatte
indes Zeit genug, das Schlo und seine Umgebungen zu betrachten. War ihm schon
in der Nacht, beim ungewissen Schein des Mondes und in einer Gemtsstimmung, die
ihn nicht zum aufmerksamsten Beobachter machte, die khne Bauart dieser Burg
aufgefallen, so staunte er jetzt noch mehr, als er sie vom hellen Tag
beleuchtet, anschaute. Wie ein kolossaler Mnsterturm steigt aus einem tiefen
Albtal ein schner Felsen, frei und khn, empor. Weitab liegt alles feste Land,
als htte ihn ein Blitz von der Erde weggespalten, ein Erdbeben ihn losgetrennt,
oder eine Wasserflut vor uralten Zeiten das weichere Erdreich ringsum von seinen
festen Steinmassen abgesplt. Selbst an der Seite von Sdwest, wo er dem brigen
Gebirge sich nhert, klafft eine tiefe Spalte, hinlnglich weit, um auch den
khnsten Sprung einer Gemse unmglich zu machen doch, nicht so breit, da nicht
die erfinderische Kunst des Menschen durch eine Brcke die getrennten Teile
vereinigen konnte.
    Wie das Nest eines Vogels auf die hchsten Wipfel einer Eiche oder auf die
khnsten Zinnen eines Turms gebaut, hing das Schlchen auf dem Felsen. Es
konnte oben keinen sehr groen Raum haben, denn auer einem Turm sah man nur
eine befestigte Wohnung, aber die vielen Schiescharten im unteren Teil des
Gebudes, und mehrere weite ffnungen, aus denen die Mndungen von schwerem
Geschtz hervorragten, zeigten, da es wohlverwahrt und trotz seines kleinen
Raumes eine nicht zu verachtende Feste sei; und wenn ihm die vielen hellen
Fenster des oberen Stockes ein freies, luftiges Ansehen verliehen, so zeigten
doch die ungeheuren Grundmauern und Strebepfeiler, die mit dem Felsen verwachsen
schienen, und durch Zeit und Ungewitter beinahe dieselbe braungraue Farbe, wie
die Steinmasse, worauf sie ruhten, angenommen hatten, da es auf festem Grunde
wurzle, und weder vor der Gewalt der Elemente noch dem Sturm der Menschen
erzittern werde. Eine schne Aussicht bot sich schon hier dem berraschten Auge
dar, und eine noch herrlichere, freiere, lie die hohe Zinne des Wartturms und
die lange Fensterreihe des Hauses ahnen.
    Diese Bemerkungen drngten sich Georg auf, als er erwartend an der ueren
Pforte stand, die wohlverschanzt herwrts ber der Kluft, auf dem Lande den
Zugang zu der Brcke deckte. Jetzt tnten Schritte ber die Brcke, das Tor tat
sich auf, und der Herr des Schlosses erschien selbst, seinen Gast zu empfangen.
Es war jener ernste, ltliche Mann, den Georg in Ulm mehreremal gesehen, dessen
Bild er nicht vergessen hatte; denn die dsteren, feurigen Augen, die bleichen
aber edlen Zge, seine groe hnlichkeit mit der Geliebten, hatten sich tief in
die Seele des Jnglings geprgt.
    Ihr seid willkommen in Lichtenstein, sagte der alte Herr, indem er seinem
Gast die Hand bot, und eine gtige Freundlichkeit den gewhnlichen strengen
Ernst seiner Zge milderte. Was steht ihr mig da ihr Schlingel! wandte er
sich nach dieser ersten Begrung zu seinen Dienern. Soll etwa der Junker sein
Ro mit hinauffahren in die Stube? schnell, hinein mit in den Stall; das
Rstzeug traget auf die Kammer am Saal! - Verzeihet, werter Herr, da man Euch
so lange unbedient stehenlie, aber in diese Bursche ist kein Verstand zu
bringen. Wollet Ihr mir folgen?
    Er ging voran ber die Zugbrcke, Georg folgte. Sein Herz pochte bei diesem
Gang, voll Erwartung, voll Sehnsucht, seine Wangen rteten sich vor Liebe und
vor Scham, wenn er an die letzte Nacht und an die Gefhle zurckdachte, die ihn
zuerst vor diese Burg gefhrt hatten. Sein Auge suchte an den Fenstern umher, ob
es nicht die Geliebte ersphe, sein Ohr schrfte sich um vielleicht ihre Stimme
zu vernehmen, wenn auch ihr Anblick ihm jetzt noch verborgen war. Aber umsonst
suchten seine Blicke diese Mauern zu durchbohren, umsonst fing sein scharfes Ohr
jeden Laut begierig auf, noch schien sie sich nicht zeigen zu wollen.
    Sie gelangten jetzt an das innere Tor. Es war nach alter Art tief, stark
gebaut, und mit Fallgattern, ffnungen fr siedendes l und Wasser, und allen
jenen sinnreichen Verteidigungsmitteln versehen, womit man in den guten alten
Zeiten den strmenden Feind, wann er sich der Brcke bemeistert haben sollte,
abhielt. Doch die ungeheuren Mauern und Befestigungen, die sich von dem Tor an
rings um das Haus zogen, verdankte Lichtenstein nicht der Kunst allein, sondern
auch der Natur; denn ganze Felsen waren in die Mauerlinie gezogen, und selbst
der schne, gerumige Pferdestall und die khlen Kammern, die statt des Kellers
dienten, waren in den Felsen eingehauen. Ein bequemer, gewundener Schneckengang
fhrte in die oberen Teile des Hauses, und auch dort waren kriegerische
Verteidigungen nicht vergessen; denn auf dem Vorplatz der zu den Zimmern fhrte,
wo in anderen Wohnungen husliche Gertschaften aufgestellt sind, waren hier
furchtbare Doppelhaken und Kisten mit Stckkugeln aufgepflanzt. Das Auge des
alten Ritters ruhte mit einem gewissen Ausdruck von Stolz auf diesem sonderbaren
Hausrat, und in der Tat konnten diese Geschtze damals fr ein Zeichen von
Wohlhabenheit und selbst Reichtum gelten, denn nicht jeder Privatmann war
imstande, seine Burg mit vier oder sechs solchen Stcken zu versehen.
    Von hier ging es noch einmal aufwrts in den zweiten Stock, wo ein beraus
schner Saal, ringsum mit hellen Fenstern, den Ritter von Lichtenstein und
seinen Gast aufnahm. Der Hausherr gab einem Diener, der ihnen gefolgt war, mehr
durch Zeichen als Worte einige Befehle, die ihn aus dem Saale entfernten.31

                                      VIII


 -Und der Graf, gerhrt von solches
 Hohen Opfers hohem Geiste
 Bei der Freude ser Regung,
 Kann der Freundschaft mildem Taue
 Der durchs Herz ihm, der durchs Auge
 Schon ihm schleicht, nicht widerstehen.
                                                                         P. Conz

Als die beiden Mnner in dem weiten Saale von Lichtenstein allein waren, trat
der Alte dicht vor Georg hin, und schaute ihn an, als messe er prfend seine
Zge. Ein Strahl von Begeisterung und Freude drang aus seinen Augen, die
Melancholie seiner Stirne war verschwunden, er war heiter, frhlich sogar, wie
der Vater, der einen Sohn empfngt, der von langen Reisen zurckkehrt. Endlich
stahl sich eine Trne aus seinem glnzenden Auge, aber es war eine Trne der
Freude, denn er zog den berraschten Jngling an sein Herz.
    Ich pflege nicht weich zu sein, sprach er nach dieser feierlichen Umarmung
zu Georg, aber solche Augenblicke berwinden die Natur, denn sie sind selten.
Darf ich denn wirklich meinen alten Augen trauen? trgen die Zge dieses Briefes
nicht? ist dieses Siegel echt und darf ich ihm glauben? doch - was zweifle ich!
hat nicht die Natur Euch ihr Siegel auf die freie Stirne gedrckt? sind die Zge
nicht echt, die sie auf den offenen Brief Eures Gesichtes geschrieben? nein, Ihr
knnet nicht tuschen - die Sache meines unglcklichen Herrn hat einen Freund
gefunden!
    Wenn Ihr die Sache des vertriebenen Herzogs meinet, so habt Ihr recht
gesehen, sie hat einen warmen Anhnger gefunden. Der Ruf bezeichnete mir lngst
den Herrn von Lichtenstein, als einen treuen Freund des Herzogs, und ich wre
vielleicht auch ohne den Rat jenes unglcklichen Mannes, der mich zu Euch
schickte, gekommen, Euch zu besuchen.
    Setzet Euch zu mir, junger Freund, sagte der Alte, dessen Augen immer noch
mit Liebe auf dem Jngling zu ruhen schienen; setzet Euch hier und hret was
ich sage. Ich liebe es sonst nicht, wenn die Leute ihre Farbe ndern, ich habe
in meinem langen Leben gelernt, da man die berzeugung eines jeden ehren msse,
und da ein Mann, wenn er nur sonst reine Absichten hat, nicht gerade deswegen
zu verdammen sei, weil er anderer Meinung ist, als wir. Aber wenn man seine
Farbe mit so uneigenntzigen Absichten ndert wie Ihr, Georg von Sturmfeder,
wenn man dem Glck den Rcken kehrt, um sich an das Unglck anzuschlieen, da
hat die nderung groen Wert, denn sie trgt das Geprge einer edlen Tat an der
Stirne.
    Georg errtete ber sich selbst, als er hrte, wie der Lichtensteiner seine
uneigenntzigen Absichten pries. War es denn nicht auch die schne Tochter, was
ihn zu der Fahne des Vaters fhrte? Und mute er nicht in der Achtung dieses
Mannes sinken, wenn ber kurz oder lange dieses Motiv seines bertrittes ans
Licht kam? Ihr seid zu gtig, antwortete er; die Absichten eines Menschen
liegen oft tiefer verborgen, als man auf den ersten Anblick glaubt; seid
versichert, da mein bertritt zu Eurer Sache zwar zum Teil von dem emprten
Gefhl des Rechtes geleitet wurde; doch knnte es auch einen irdischeren
Beweggrund geben, Herr Ritter; und ich mchte nicht, da Ihr mich fr zu gut
hieltet, es wrde mir um so weher tun, wenn Ihr nachher ungnstiger von mir
urteiltet.
    Ich liebe Euch um dieser Offenheit willen nur noch mehr, entgegnete der
Herr des Schlosses, und drckte seinem Gast die Hand. Doch traue ich meiner
Erfahrung und meiner Kenntnis der Gesichter, und von Euch will ich khn
behaupten, da, wenn Euch auch noch eine andere Absicht leitet, als das Gefhl
des Rechtes, diese Absicht doch keine schlechte sein kann. Wer Schlechtes im
Schilde fhrt, ist feig, und wer feig ist, wagt es nicht, den Truchse, den
Herzog von Bayern und den Schwbischen Bund vor den Kopf zu stoen und so
aufzutreten, wie Ihr aufgetreten seid.
    Was wisset Ihr von mir, rief Georg mit freudigem Erstaunen; habt Ihr denn
je von mir gehrt vor diesem Augenblick?
    Der Diener, welcher bei diesen Worten die Tre ffnete, unterbrach die
Antwort des alten Herrn; er setzte Wildbret und volle Becher vor Georg hin, und
schickte sich an, den Gast zu bedienen. Doch ein Wink seines Herrn entfernte ihn
aufs neue. Verschmhet diesen Morgenimbi nicht, sagte er zu dem jungen Mann;
den ersten Becher sollte zwar die Hausfrau kredenzen, wie es die angenehme
Sitte heischt; aber die meinige ist schon lange tot, und meine einzige Tochter,
Marie, die an ihrer Stelle das Hauswesen versiehet, ist ins Dorf hinabgegangen,
um am hohen Feste eine Predigt zu hren und die Messe. Nun, Ihr fragtet mich, ob
ich noch nie von Euch gehrt hatte? Ihr seid ja jetzt unser, daher darf ich Euch
wohl sagen, was man sonst verschweigt. Ich war zur Zeit, als Ihr in Ulm
einrcktet, in jener Stadt, um meine Tochter abzuholen, die sich dort aufhielt,
hauptschlich aber, um manches zu erfahren, was fr den Herzog zu wissen wichtig
war; Gold ffnet alle Pforten, setzte er lchelnd hinzu, auch die des Hohen
Rates, und so hrte ich tglich, was die Bundesobersten beschlossen. Als der
Krieg erklrt wurde, war ich gentigt, abzureisen; ich hielt aber treue Mnner
in jener Stadt, die mir auch das Geheimste berichteten, was vorging.
    War nicht einer davon der Pfeifer von Hardt, fragte Georg, den ich bei
dem Gechteten traf?
    - Und der Euch ber die Alb fhrte? ja wohl! Diese brachten immer
Kundschaft. So erfuhr ich denn auch, da man beschlo, einen Spher hinter den
Rcken des Herzogs zu schicken, etwa in die Gegend von Tbingen, um dem Bunde
sogleich Nachricht von unseren Schritten zu erteilen. Ich erfuhr auch, da die
Wahl auf Euch gefallen sei. Nun mu ich Euch redlich gestehen, Ihr und Euer Name
war mir ziemlich gleichgltig, nur bedauerte ich Euch, als ich hrte, da Ihr
noch solch ein junges Blut seid, denn sobald Ihr ber die Alb kamet als
Kundschafter, wret Ihr ohne Gnade und Barmherzigkeit totgeschlagen oder unter
die Erde gesetzt worden, wo keine Sonne und kein Mond hinscheint. Um so
berraschender war mir und vielen Mnnern die Nachricht, wie Ihr es
ausgeschlagen, und wie tapfer Ihr vor jenen Herren gesprochen. Auch da Ihr
absagtet und auf vierzehn Tage Urfehde schwren mutet, erfuhr ich. Und wie
freut es mich, da Ihr nun gar unser Freund geworden seid!
    Die Wangen des jungen Mannes glhten, sein Auge strahlte vor Freude, brach
ja doch dieser Augenblick alle Schranken, welche die Verhltnisse zwischen ihm
und Marie gezogen hatten. Sein langer Wunsch, dessen Erfllung oft so weit in
die Ferne hinausgerckt schien, war in Erfllung gegangen, er hatte unbewut
Mariens Vater fr sich gewonnen. Ja, ich habe ihnen abgesagt, antwortete
Georg, weil ich ihr Wesen nicht mehr leiden mochte, ich bin Euer Freund
geworden, doch wre es mglich, ich htte mich nicht so bald zu Eurer Sache
bekannt; aber als ich unten in der Hhle neben jenem gechteten Mann sa, als
ich bedachte, wie man mit den Edeln und selbst mit dem Herrn des Landes umgehe,
wie seine gewaltigen Reden so mchtig an meiner Brust anklopften: da war es mir
auf einmal hell und klar, hieher msse ich stehen, hier msse ich streiten. Und
glaubt Ihr, es werde bald etwas zu tun geben? denn ich bin nicht zu Euch
herbergeritten, um die Hnde in den Scho zu legen!
    Das konnte ich mir denken, sagte der Ritter lchelnd; vor vierzig Jahren
hatte ich auch so rasches Blut, und es lie mich nicht lange auf einem Fleck.
Wie die Sachen stehen, wit Ihr; man kann sagen eher schlimm als gut. Sie haben
das Unterland, sie haben den ganzen Strich von Urach herauf. Auf eines kommt
alles an: hlt Tbingen fest, so siegen wir.
    Die Ehre von vierzig Rittern brgt dafr, rief Georg mit Unmut, das
Schlo ist stark, ich habe kein strkeres gesehen, Besatzung ist hinlnglich da,
und vierzig Mnner von Adel werden sich so leicht nicht ergeben. Es kann nicht
sein, es darf nicht sein. Haben sie nicht des Herzogs Kinder bei sich und den
Schatz des Hauses? sie mssen sich halten.
    Wohl, wenn sie alle dchten wie Ihr. Es kommt gar viel auf Tbingen an.
Wenn der Herzog Entsatz bringen kann, so hat er an Tbingen einen festen Punkt,
von wo aus er sein Land wieder erobern kann; es sind groe Kriegsvorrte, es ist
ein groer Teil des Adels dort; solange sie zu seiner Partie halten, ist
Wrttemberg nur dem Boden nach gewonnen, dem Geiste nach ist es noch des
Herzogs! aber ich frchte, ich frchte!
    Wie? unmglich knnen sich die vierzig ergeben!
    Ihr habt noch wenig erfahren in der Welt, erwiderte der Alte, Ihr wit
nicht, welche Lockungen und Schlingen manchen ehrlichen Mann straucheln machen
knnen. Und es ist mancher in der Burg, dem der Herzog zu viel getraut hat. Er
merkt auch wohl, da es nicht ganz lauter und rein hergeht, denn er schickte den
Ritter Marx Stumpf von Schweinsberg an sie mit einem beweglichen Schreiben32,
das Schlo nicht zu bergeben, sondern ihm Gelegenheit zu machen, in dasselbe zu
kommen, weil er dort zu sterben bereit sei, wenn es Gott ber ihn verhnge.
    Der arme Herr! rief Georg bewegt. Aber ich kann nicht glauben, da der
Landesadel so schndlich freveln knne; sie werden ihn einlassen in die Burg, er
wird ihren Mut aufs neue beseelen, er wird Ausflle machen, er wird sie schlagen
die Belagerer trotz Bayern und Frondsberg, wir werden uns an ihn anschlieen,
wir werden fechtend durch das Land ziehen und diese Bndler verjagen.
    Marx Stumpf ist noch nicht zurck, sagte der Ritter von Lichtenstein mit
besorgter Miene; auch haben sie seit gestern das Schieen eingestellt. Sonst
hrte man jeden Stckschu hier auf dem Lichtenstein, aber seit gestern ist es
still wie im Grabe.
    Vielleicht schweigt das Geschtz wegen des Festes; gebt acht sie werden
morgen oder am Ostermontag wieder donnern lassen, da es durch Eure Felsen
hallt.
    Was da! entgegnete jener. Wegen des Festes? seinem Herzog treu zu dienen
ist auch ein frommer Dienst; und es wre den Heiligen im Himmel vielleicht
lieber sie hrten den Donner der Feldschlangen von Tbingens Wllen, als da sie
die Ritter mig sehen. Miggang ist aller Laster Anfang! aber wenn nur der
Stumpf in das Schlo kommt, der wird sie aufrtteln aus ihrem Schlummer.
    Der Herzog hat den Ritter von Schweinsberg nach Tbingen geschickt, sagt
Ihr? der Herzog will ins Schlo, weil die Besatzung seit einigen Tagen zu wanken
scheint? da kann also Ulerich nicht bis Mmpelgard entflohen sein, wie die Leute
sagen; da ist er vielleicht in der Nhe? O da ich ihn sehen knnte, da ich
mich mit ihm nach Tbingen schleichen knnte!
    Ein sonderbares Lcheln zog flchtig ber die ernsten Zge des Alten; Ihr
werdet ihn sehen, wenn es Zeit ist, sagte er. Ihr werdet ihm angenehm sein,
denn er liebt Euch schon jetzt. Und ist das Glck gut, so sollt Ihr auch mit ihm
nach Tbingen kommen, Ihr habt mein Wort drauf. - Doch jetzt mu ich Euch
bitten, Euch ein Stndchen allein zu gedulden. Mich ruft ein Geschft, das aber
bald abgetan sein wird. Nehmt Euch meinen Wein zum Gesellschafter, schauet Euch
um in meinem Haus, ich wrde Euch einladen auf die Jagd auszureiten, wenn ein
solches Vergngen zum Karfreitag pate.
    Der alte Herr drckte seinem Gast noch einmal die Hand und verlie das
Zimmer; bald nachher sah ihn Georg aus dem Schlosse dem Wald zu reiten.
    Als sich der junge Mann allein gelassen sah, fing er an, seinen Anzug ein
wenig zu besorgen, der durch den Ritt in der Nacht, durch seinen Aufenthalt in
der Hhle etwas auer Ordnung gekommen war. Wer je unter solchen Umstnden in
die Nhe der Geliebten kam, wird es ihm nicht belnehmen, wenn er vor einem
kleinen Spiegel von poliertem Metall, den er in diesem Gemach vorfand, und der
wohl zu Mariens Gertschaften gehren mochte, Bart und Haare ordnete, das Wams
ein wenig reinigte, und jede Spur von Unordnung aus seinem Anzug zu verbannen
suchte. Er erging sich dann in dem groen Zimmer, und suchte unter den vielen
Fenstern eines auf, von welchem er auf den Felsenweg hinabschauen konnte, den
Marie von der Kirche im Tal heraufkommen mute.
    Es waren frhliche Gedanken, die sich in bunter Menge an seiner Seele
vorberdrngten, schnell und flchtig wie ein Zug heller Wlkchen, die am blauen
Gewlb des Himmels dahingleiten. Dies war die Burg, die er seit mehr als einem
Jahre im Wachen getrumt, in Trumen klar gesehen hatte; dies die Berge, die
Felsen, von denen sie ihm so oft erzhlte, dies die Gemcher ihrer Kindheit! Es
hat etwas Anziehendes, in den Zimmern zu verweilen, wo die Geliebte gro
geworden ist. Man trumt sich um Jahre zurck, man sieht sie als kleines Mdchen
in diesen Kammern, in diesen Gngen sich umtreiben. Man geht um einige Jahre
vorwrts, man sieht sie noch klein aber verstndig der Mutter jene kleinen
Knste der Haushaltung absphen, die sie viele Jahre nachher als Hausfrau ntig
hat. Doch in dem kleinen Kpfchen gestaltet sich schon jetzt ein eigenes
Hauswesen; es ist vielleicht jene Ecke, dachte Georg lchelnd, wo sie in
kindischer Geschftigkeit, was sie von den Brosamen der Kche erbeutete, zu
Speisen von eigener Erfindung bereitete, wo sie das hlzerne Wesen, das ein
Knecht kunstreich schnitzelte, und die Amme mit einigen bunten Fetzen behngt
hat, fr ein wackeres Kind hlt, und es mit wichtiger Miene zu fttern gedenkt.
    Und dann jene anmutsvolle Stufe zwischen Kind und Jungfrau! wo ist wohl das
stille Pltzchen, wo sich das fnfzehnjhrige Frulein, wenn sie in Garten und
Feld nach Kinderweise getobt hatte, sich ernst und feierlich hinsetzte, die
Kunkel zur Hand nahm und goldene Fden zog, whrend ihr der Vater von der Mutter
und von den Tagen seiner Jugend erzhlte, oder durch weise Lehren und gewichtige
Sprche den Geist der Jungfrau zu erheben suchte?
    Wo ist das Lieblingsfenster, wohin sie sich, immer hher und schner
heranwachsend, gerne setzte, und mit unbewuter, dunkler Sehnsucht in die Ferne
sah, ber das Leben und ihre eigene Zukunft nachsann, und sich in freundliche
Trume versenkte?
    Es war ihm so heimisch, so wohl in diesem Hause, es war ihr Geist, der hier
waltete, der ihn umschwebte, den er, ob sie auch fern war, freundlich begrte;
dieses Grtchen auf einem schmalen Raum am Felsen hatte sie besorgt und
gepflegt, diese Blumen, die in einem Topf auf dem Tische standen, hatte sie
vielleicht heute schon gepflckt! er ging hin, diese Zeichen ihres freundlichen
Sinnes zu begren.
    Er beugte sich herab ber die Blumen, er fhrte die duftenden Veilchen zum
Mund. In diesem Augenblick glaubte er ein Gerusch vor der Tre zu vernehmen; er
sah sich um - sie war es, es war Marie, die staunend und regungslos, als traue
sie ihren Augen nicht, an der Tre stand. Er flog zu ihr hin, er zog sie in
seine Arme, und seine Lippen erst schienen sie zu berzeugen, da es nicht der
Geist des Geliebten sei, der ihr hier erscheine. Wie viel hatten sie sich zu
fragen, bei weitem mehr als sie nur antworten konnten. Es gab Augenblicke wo
sie, wie aus einem Traum erwach, sich ansahen, sich berzeugen muten, ob sie
denn wirklich sich wieder haben?
    Wie viel habe ich um dich gelitten, sagte Marie, und ihre Wangen straften
sie nicht Lgen, wie schwer wurde mir das Herz, als ich aus Ulm scheiden mute.
Zwar hattest du mir gelobt, vom Bunde abzulassen, aber hatte ich denn Hoffnung,
dich so bald wiederzusehen? - und dann, wie mir Hanns die Nachricht brachte, da
du mit ihm nach Lichtenstein kommen wolltest, aber du seiest berfallen,
verwundet worden, das Herz wollte mir bald brechen, und doch konnte ich nicht zu
dir, konnte dich nicht pflegen!
    Wie beschmt war Georg, wenn er an seine trichte Eifersucht zurckdachte,
wie fllte er sich so klein und schwach Mariens zarter Liebe gegenber. Er
suchte sein Errten zu verbergen, er erzhlte, oft unterbrochen von ihren
Fragen, wie sich alles so gefgt habe, wie er dem Bunde abgesagt, wie er ber
die Alb gezogen sei, wie er berfallen worden, wie er der Pflege der
Pfeifersfrau sich entzogen habe, um nach Lichtenstein zu reisen.
    Georg war zu ehrlich, als da ihn Mariens Fragen nicht hin und wieder in
Verlegenheit gesetzt htten; besonders als sie mit Verwunderung fragte, warum er
denn so tief in der Nacht erst nach Lichtenstein aufgebrochen sei, wute er sich
nicht zu raten. Die schnen, klaren Augen der Geliebten ruhten so fragend, so
durchdringend auf ihm, da er um keinen Preis eine Unwahrheit zu sagen vermocht
htte.
    Ich will es nur gestehen, sagte er mit niedergeschlagenen Augen, die
Wirtin in Pfullingen hat mich betrt, sie sagte mir etwas von dir, was ich nicht
mit Gleichmut hren konnte.
    Die Wirtin? von mir? rief Marie lchelnd; nun was war denn dies, da es
dich noch in der Nacht die Berge herauftrieb?
    La es doch! ich wei ja, da ich ein Tor war. Der gechtete Ritter hat
mich ja schon lngst berzeugt, da ich vllig unrecht hatte.
    Nein, nein, entgegnete sie bittend, so entgehest du mir nicht; was wute
die Schwtzerin wieder von mir; gestehe nur gleich -
    Nun lache mich nur recht aus; sie erzhlte: du habest einen Liebsten und
lassest ihn, wenn der Vater schlafe, alle Nacht in die Burg.
    Marie errtete; Unwille und die Lust ber diese Torheit zu lachen, kmpften
in ihren schnen Zgen. Nun, ich hoffe sagte sie, du hast ihr darauf
geantwortet, wie es sich gehrt, und aus Unmut ber eine solche Verleumdung ihr
Haus verlassen? Dachtest vielleicht, du knntest unser Schlo noch erreichen und
hier bernachten?
    Ehrlich gestanden, das dachte ich nicht. Siehe, ich war noch halb krank,
ich glaubte ihr auch anfangs gewi nicht, aber deine Amme, die alte Frau Rosel
wurde aufgefhrt, sie hatte es der Wirtin gesagt, sie hatte mich selbst mit ins
Spiel gebracht und bedauert, da ich um meine Liebe betrogen sei, da - o sieh
nicht weg, Marie, werde mir nicht bs! Ich schwang mich aufs Pferd und ritt vors
Schlo herauf, um ein Wort mit dem zu sprechen, der es wage, Marien zu lieben.
    Das konntest du glauben, rief Marie, und Trnen strzten aus ihren Augen.
Da Frau Rosel solche Sachen aussagt, ist unrecht, aber sie ist ein altes Weib,
klatscht gerne; da die Frau Wirtin solche Sachen nachsagt, nehme ich ihr nicht
bel, denn sie wei nichts Besseres zu tun; aber du, du Georg konntest nur einen
Augenblick so arge Lgen glauben, du wolltest dich berzeugen, da - von neuem
strmten ihre Trnen, und das Gefhl bitterer Krnkung erstickte ihre Stimme.
    Georg zrnte sich selbst, da er so tricht hatte sein knnen, aber er
fhlte auch, da wenn er ein groes Unrecht an der Geliebten begangen hatte, es
nur die Liebe war, die ihn verleitete. Verzeihe mir nur diesmal, bat er;
siehe, wenn ich dich nicht so liebgehabt htte, ich htte gewi nicht geglaubt;
aber wenn du wtest, was Eifersucht ist!
    Wer recht liebt kann gar nicht eiferschtig sein, sagte Marie unmutig;
aber schon in Ulm hast du etwas solches gesagt, und schon damals hat es mich
recht tief betrbt. Aber du kennst mich gar nicht, wenn du mich recht gekannt
httest, wenn du mich geliebt httest wie ich dich, wrest du nie auf solche
Gedanken gekommen.
    Nein! ungerecht mut du doch nicht werden, rief Georg und fate ihre Hand;
wie kannst du mir vorwerfen, da ich dich nicht liebe, wie du mich? htte es
denn nicht mglich sein knnen, da ein Wrdigerer als ich erschienen, da der
arme Georg durch irgendeinen bsen Zauber aus deinem Herzen verdrngt worden
wre; es ist ja doch alles mglich auf der Erde!
    Mglich? unterbrach ihn Marie, und jener Stolz, den Georg oft mit Lcheln
an der Tochter des Ritters von Lichtenstein betrachtet hatte, schien sie allein
zu beseelen. Mglich? wenn Ihr nur einen Augenblick so Arges von mir fr
mglich gehalten httet, ich wiederhole es, Herr von Sturmfeder! so habt Ihr
mich nie geliebt; ein Mann mu sich nicht wie ein Rohr hin und her bewegen
lassen, er mu fest stehen auf seiner Meinung, und wenn er liebt, so mu er auch
glauben.
    Diesen Vorwurf habe ich von dir am wenigsten verdient, sagte der junge
Mann, indem er unmutig aufsprang; wohl bin ich ein Rohr, das vom Winde hin und
her bewegt wird, und mancher wird mich darum verachten -
    Es knnte sein! flsterte sie, doch nicht so leise, da es sein Ohr nicht
erreichte, und seinen Unmut zum Zorn anblies.
    Auch du wirst mich also darum verachten, und doch bist du es, was mich hin
und her bewegt! Ich habe dich auf bndischer Seite gesucht, ich war selig als
ich dich dort fand. Du batest mich davon abzulassen, ich ging; ich tat noch
mehr; ich kam zu euch herber, es kostete mich beinahe das Leben, und doch lie
ich mich nicht abschrecken; ich ergriff Wrttembergs Partei, ich kam zu deinem
Vater, er nahm mich wie einen Sohn auf und freute sich, da ich sein Freund
geworden - aber seine Tochter schilt mich ein Rohr, das vom Winde hin und her
bewegt wird! aber noch einmal will ich mich - zum letztenmal von dir bewegen
lassen; ich will fort, weil du meine Liebe so vergiltst, noch in dieser Stunde
will ich fort!
    Er grtete unter den letzten Worten sein Schwert um, ergriff sein Barett und
wandte sich zur Tre.
    Georg! rief Marie mit den sesten Tnen der Liebe, indem sie aufsprang
und seine Hand fate; ihr Stolz, ihr Zorn, jede Wolke des Unmuts war
verschwunden, selbst die Trnen hemmten ihren Lauf, und nur bittende Liebe
blickte aus ihrem Auge, um Gottes willen, Georg! ich meinte es nicht so bse;
bleibe bei mir, siehe ich will alles vergessen, ich schme mich, da ich nur so
unwillig werden konnte.
    Aber der Zorn des jungen Mannes war nicht so schnell zu besnftigen, er sah
weg, um nicht durch ihre Blicke, durch ihr bittendes Lcheln gewonnen zu werden,
denn sein Entschlu stand fest, das Schlo zu verlassen. Nein! rief er; du
sollst das Rohr nicht mehr zurckwenden. Aber deinem Vater kannst du sagen, wie
du seinen Gast aus seinem Hause vertrieben hast; die runden Fensterscheiben
zitterten vor seiner Stimme, sein Auge blickte wild umher, er entri seine Hand
der Geliebten, gefolgt von ihr schritt er fort, er ri die Tre auf, um auf ewig
zu fliehen, als ihn auf der Schwelle eine Erscheinung fesselte, die wir im
nchsten Kapitel nher beschreiben werden.

                                       IX


 Herrengunst, Aprillenwetter,
 Frauenlieb und Rosenbltter,
 Wrfel, Karten, Federspiel,
 Verkehren sich oft, wer's glauben will.
                                                                Altes Sprichwort

Als Georg die Tre ffnete, richtete sich aus einer sehr gebckten Stellung die
hagere, kncherne Gestalt der Frau Rosel auf. Es war dies eine jener alten
Dienerinnen, die, wenn sie von frher Jugend an in einer Familie bleiben, sich
einbrgern, in die Familie verwachsen und gleichsam ein notwendiger Zweig davon
werden. Sie hatte ihre Ntzlichkeit besonders nach dem Tode der Frau von
Lichtenstein erprobt, wo sie Marie mit groer Sorgfalt pflegte und aufzog. Sie
war so von einer Zofe zur Kindsfrau, von der Kindsfrau zur Haushlterin, von
diesem Posten zu Mariens Oberhofmeisterin und Vertrauten avanciert. Sie hatte
aber wie ein kluger Feldherr sich den Rcken gesichert, sie hatte jene Posten,
aus denen sie in die hheren Stellen vorgerckt war, nicht wieder besetzen
lassen, sondern verwaltete sie alle zusammen, wie sie behauptete, mit groer
Gewissenhaftigkeit, und weil es doch sonst niemand verstehe. Sie hatte durch
diesen Kunstgriff und durch ihre lange Dienstzeit die Zgel der huslichen
Regierung an sich gebracht, das Gesinde ging und kam nach ihrem Blick und sie
gab zu verstehen, da sie beim Herrn alles gelte, obgleich seine ganze Gnade nur
darin bestand, da er sie nicht in Gegenwart der brigen auszankte.
    Mit dem Frulein lebte sie in neuern Zeiten nicht mehr im besten Verhltnis.
Sie hatte in den Tagen der Kindheit und ersten Jugend ihr ganzes Vertrauen
besessen; noch in Tbingen war sie wenigstens halb ins Geheimnis ihrer Liebe
gezogen und Frau Rosel nahm wirklich so ttigen Anteil an allem, was ihr
Frulein betraf, da sie gesagt htte: Wir lieben den Herrn von Sturmfeder aufs
zrtlichste, oder - uns will das Herz beinahe brechen, weil wir scheiden
mssen.
    Diesem Vertrauen machten aber zwei Dinge ein Ende. Das Frulein bemerkte,
da Frau Rosel zu gerne schwatze, sie war ihr auf der Spur, da sie sogar von
ihrem Verhltnis zu Georg geplaudert habe. Sie war daher von jetzt an klter
gegen die Alte, und Frau Rosel merkte den Augenblick, warum dies so geschehe.
Als aber bald darauf die Reise nach Ulm angetreten wurde, als Frau Rosel,
obgleich sie sich einen neuen Rock von Fries und eine kstliche Haube von Brokat
hierzu verfertigt hatte, auf hheren Befehl in Lichtenstein bleiben mute, da
wurde die Kluft noch weiter, denn die Alte glaubte, das Frulein habe es beim
Vater dahin gebracht, da sie nicht nach Ulm mitreisen drfe.
    Das Vertrauen wurde nicht hergestellt, als Marie von Ulm zurckkehrte. Frau
Rosel zwar, die gerner mit der Herrschaft als dem Gesinde lebte, suchte
einigemal Erkundigungen ber Herrn Georg einzuziehen, und so das alte Verhltnis
wieder anzuknpfen, doch Mariens Herz war zu voll, die Amme ihr zu verdchtig,
als da sie etwas gesagt htte. Als daher der gechtete Ritter nchtlicherweile
ins Schlo kam, als das Frulein so geheimnisvoll Speisen fr ihn bereitete und,
wie Frau Rosel glaubte, mit ihm allein war, als sie auch hier nicht mehr ins
Geheimnis gezogen wurde, da schttete sie ihr Herz gegen die Frau Wirtin in
Pfullingen aus, und es war Georg nicht so ganz zu verdenken, da er jenen Worten
traute, kannte er ja doch Frau Rosel nur als Vertraute ihres Fruleins, wute er
ja doch nicht, wie dieses Verhltnis indessen so anders sich gestaltet habe.
    Frau Rosel war im Sonntagsstaat mit ihrer Dame diesen Morgen in die Kirche
gewallfahrtet. Sie hatte ihre Snden, worunter Neugierde ziemlich weit obenan
stand, dem Priester gebeichtet, auch Absolution dafr erhalten und war mit so
viel leichterem Herz und Gewissen auf den Lichtenstein zurckgekehrt, als sie
vorher schwer und unter der Last der Snden seufzend, hinabgestiegen war. Die
salbungsvollen Worte des Paters mochten aber doch nicht so tief gedrungen sein,
um ihre Snden mit der Wurzel auszurotten, denn als sie in ihr Kmmerlein
hinaufstieg, um Rosenkranz und Sonntagsschmuck abzulegen, hrte sie ihr Frulein
und eine tiefe Mnnerstimme heftig miteinander sprechen, es wollte ihr sogar
bednken, ihr Frulein weine.
    Sollte er wohl bei Tag hier sein, weil der Alte ausgeritten? dachte sie;
die natrliche Menschenliebe und ein zartes Mitgefhl zog ihr Auge und Ohr ans
Schlsselloch und sie vernahm in abgebrochenen Worten den Streit, dessen Zeugen
auch wir gewesen sind.
    Der junge Mann hatte die Tre so rasch geffnet, da sie nicht mehr Zeit
gehabt hatte, sich zu entfernen, sondern kaum noch aus ihrer gebckten Stellung
am Schlsselloch auftauchen konnte. Doch sie wute sich zu helfen in solchen
milichen Fllen, sie lie Georg nicht an sich vorber, lie beide nicht zum
Wort kommen, sie ergriff die Hnde des jungen Mannes und berstrmte ihn mit
einem Schwall von Worten:
    Ei, du meine Gte! htt ich glaubt, da meine alten Augen den Junker von
Sturmfeder noch schauen wrden. Und ich mein, Ihr sind noch schner worden und
grer, seit ich Euch nimmer sah! Htt ich das gewut! Steh da wie ein Stock an
der Tr, denke, ei! wer spricht jetzt mit der gndigen Frulein? Der Herr ist's
nicht; von den Knechten ist's auch keiner! Ei was man nicht erlebt! jetzt ist's
der Junker Georg, der da drin spricht!
    Georg hatte sich whrend dieser Reden der Frau Rosel vergeblich von ihr
loszumachen gesucht. Er fhlte, da es sich nicht gezieme, vor ihr zu zeigen,
da er auf Marien zrne, und doch glaubte er keinen Augenblick mehr bleiben zu
knnen. Er rang endlich eine Hand aus der knchernen Faust der Alten, aber indem
er sie frei fhlte, hatte sie auch schon Marie ergriffen, hatte sie, ohne auf
Frau Rosels hhnisches Lcheln zu achten, an ihr Herz gedrckt; er war bei
dieser Bewegung einem ihrer Blicke begegnet, die ihn auf ewig zu bannen
schienen. Jetzt aber erwachte in ihm ein neuer Kampf, eine neue Verlegenheit. Er
fhlte seinen Unmut schwinden, er fhlte, da es Marie nicht so bs mit ihm
gemeint habe - wie sollte er aber jetzt mit Ehren zurckkehren? wie sollte er so
ganz ungekrnkt scheinen? Wre er mit Marien allein gewesen, so war es
vielleicht noch eher mglich, aber vor diesem Zeugen, vor der wohlbekannten Frau
Rosel umzukehren, sich durch einen Hndedruck, durch einen Blick erweichen
lassen und gefangengeben? Er schmte sich vor diesem Weib, weil er sich vor sich
selbst schmte, und wir haben gehrt, da dieses Gefhl der Scham, die
Ungewiheit, wie man, ohne zu errten, zurckkehren knne, schon oft aus einer
kurzen Trennung in Unmut, eine dauernde gemacht und die schnsten Verhltnisse
gebrochen habe.
    Frau Rosel hatte sich einige Augenblicke an der Angst, an dem Gram ihres
Fruleins geweidet, dann aber siegte die ihr angeborne Gutmtigkeit ber die
kleine Schadenfreude, die in ihr aufgestiegen war. Sie fate die Hand des
Junkers fester: Ihr werdet uns doch nicht schon wieder verlassen wollen,
nachdem Ihr kaum ein Stndchen auf dem Lichtenstein verweilt habt? Ehe Ihr etwas
zu Mittag gegessen, lt Euch die alte Rosel gar nicht weiter, das ist gegen
alle Sitte des Schlosses. Und den Herrn habt Ihr wahrscheinlich auch noch nicht
begrt?
    Es war schon ein groer Gewinn fr Mariens Sache, da Georg sprach: Ich
habe ihn schon gesprochen, dort stehen noch die Becher, die wir zusammen
leerten.
    Nun? fuhr die Alte fort, da werdet Ihr wohl noch nicht von ihm Abschied
genommen haben?
    Nein, ich sollte ihn im Schlo erwarten.
    Ei, wer wird dann gehen wollen, sagte sie, und drngte ihn sanft in das
Zimmer zurck; das wr mir eine schne Sitte. Der Herr knnte ja wunder meinen,
was fr einen sonderbaren Gast er beherbergte. Wer bei Tag kommt, setzte sie
mit einem stechenden Blick auf das Frulein hinzu, wer beim hellen Tag kommt,
hat ein gut Gewissen und darf sich nicht wegschleichen wie der Dieb in der
Nacht.
    Marie errtete und drckte die Hand des Jnglings und unwillkrlich mute
dieser lcheln, wenn er an den Irrtum der Alten dachte und die strafenden Blicke
sah, die sie auf Marien warf.
    Ja, ja, wie ich sagte, fuhr Frau Rosel fort, braucht Euch nicht
wegzustehlen wie der Dieb in der Nacht. Wre vielleicht besser gewesen, Ihr
wret schon frher gekommen; im Sprichwort heit es: Sieh fr dich, irren ist
milich; und wer will haben Ruh, bleib bei seiner Kuh! Aber ich will nichts
gesagt haben.
    Nun ja, sagte Marie, du siehst, er bleibt da; was willst du nur mit
deinen Reden und Sprchlein? Du weit selbst, sie passen nicht immer.
    So? aber bisweilen treffen sie doch einen, dem es nicht lieb ist; aber Reu
und guter Rat ist unntz nach geschehener Tat. Ich wei schon, Undank ist der
Welt Lohn, ich kann ja schweigen; Wer will haben gute Ruh, der seh und hr und
schweig dazu.
    Nun so schweige immerhin, entgegnete das Frulein, etwas gereizt;
brigens wirst du wohl tun, wenn du den Vater nicht geradezu merken lt, da
du Herrn von Sturmfeder schon kennst; es wre mglich, er knnte glauben, er sei
wegen uns nach Lichtenstein gekommen.
    Frau Rosel kmpfte zwischen guter und bser Laune. Es tat ihr wohl, da man
sie brauche, da man Stillschweigen von ihr erbitten msse; auf der andern Seite
war sie noch unwillig darber, da das Frulein seit neuerer Zeit so wenig
Vertrauen in sie gesetzt habe. Sie murmelte daher nur einige unverstndliche
Worte vor sich hin, indem sie die Sthle wieder an die Wnde stellte, die Becher
von dem Tisch nahm und die Flecken abwischte, die der Wein auf der
Schieferplatte, womit der Tisch eingelegt war, zurckgelassen hatte. Marie gab
Georg, der sich an ein Fenster gestellt hatte und noch nicht vllig mit sich und
der Geliebten ausgeshnt schien, einen Wink, den er nicht unbeachtet lie. Ihm
selbst war viel daran gelegen, da Mariens Vater noch nichts um ihre Liebe
wute, er frchtete, jener mchte es als einziges Motiv seines bertritts zu
Wrttemberg ansehen, er mchte ihn darum weniger gnstig beurteilen, als er
bisher getan. Dies erwgend, nherte sich Georg der alten Frau Rosel; er klopfte
ihr traulich auf die Schultern und ihre Zge hellten sich zusehends auf. Man
mu gestehen, sagte er freundlich, Frau Rosalie hat eine schne Haube; aber
dies Band pat doch wahrlich nicht dazu, es ist alt und verschossen.
    Ei was! sagte die Alte etwas rgerlich, denn sie hatte sich wohl auf eine
freundlichere Rede gefat gemacht, was kmmert Euch meine Haube, ein jeder fege
vor seiner Tr. Sieh auf dich und auf die Deinen, darnach schilt mich und die
Meinen. Ich bin ein armes Weib und kann nicht Staat machen wie eine
Reichsgrfin. Wenn alle Leute wren gleich, und wren alle smtlich reich, und
wren all' zu Tisch gesessen, wer wollt auftragen Trinken und Essen?
    Nun, so habe ich's nicht gemeint, sagte Georg besnftigend, indem er eine
Silbermnze aus seinem Beutelein zog; aber mir zu Gefallen ndert Frau Rosalie
schon ihr Band; und da meine Forderung nicht gar zu unbillig klingt, wird sie
diesen Dicktaler nicht verschmhen!
    Wer hat nicht an einem Oktobertag trotz Sturm und Wolken die Sonne
durchdringen, und Gewlk und Nebel verjagen sehen? So ging es auch am Horizont
der Frau Rosel freundlich auf. Die artige Weise des Junkers, ihr Lieblingsname
Rosalie, der ihr viel wohltnender dnkte, als das verdorbene Rosel, und endlich
der Dicktaler mit dem Krauskopf des Herzogs und dem Wappen von Teck - wie konnte
sie so vielen Reizen widerstehen? Ihr seid doch der alte freundliche Junker!
sagte sie, indem sie, sich tief verneigend, den Taler in die ungeheure lederne
Tasche an ihrer Seite gleiten lie, und den Saum von Georgs Mantel zum Munde
fhrte. Gerade so wutet Ihr es in Tbingen zu machen. Stand ich am
Jrgenbrunnen, ging ich von der Burgsteig hinab auf den Markt, richtig rief es
hinter mir, Guten Morgen Frau Rosalie, und wie geht es dem Frulein? und wie oft
und reich habt Ihr mich dort beschenkt; wenigstens zwei Dritteile von dem Rock,
den ich hier trage, verdank ich Eurer Gnade!
    La das, gute Frau, unterbrach sie Georg. Und was den Herrn betrifft, so
wirst du -
    Was meint Ihr! erwiderte sie, indem sie die Augen halb zudrckte. Habe
Euch in meinem Leben nicht gesehen. Nein, da knnt Ihr Euch drauf verlassen. Was
ich nicht wei, macht mich nicht hei, und was mich nicht brennt, das blase ich
nicht!
    Sie verlie bei diesen Worten das Zimmer, und stieg in den ersten Stock
hinab, um dort in der Kche ihr Regiment zu verwalten.
    Dankbar und freudig zog sie den Taler aus der Ledertasche, und besah ihn hin
und her; sie pries bei sich die Freigebigkeit des wackern Junkers, und bedauerte
ihn im stillen, da seine Liebe so schlecht vergolten werde, denn da es ihr
Frulein mit einem andern habe, war ihr ausgemachte Sache. Vor der Kche stand
sie gedankenvoll still. Sie war im Zweifel mit sich, ob sie der Sache ihren Lauf
lassen solle, oder ob es nicht besser wre, dem Junker einige Winke ber den
nchtlichen Besucher zu geben? Doch kommt Zeit, kommt Rat, vielleicht sieht er
es selbst und braucht mich nicht dazu. berdies -Ein Rater in zweier Feinde
Mitten, kann es leicht mit beiden verschtten; man kann warten und zusehen, denn
Hitz im Rat, Eil in der Tat, gebren nichts als Schad. Wer will haben gute Ruh,
der seh und hr und - schweig dazu!
    Solchen Rat pflog mit sich selbst Frau Rosel vor der Kche; die Liebenden
aber, denen diese Beratung galt, hatten sich nach ihrem Abzug bald wieder
gefunden. Georg vermochte nicht den bittenden Blicken Mariens zu widerstehen;
und als sie mit den sesten Tnen der Liebe ihn fragte, ob er ihr wieder gut
sei, da vermochte er nicht nein zu sagen, und der Friede war, was selten der
Fall ist, in krzerer Zeit wieder geschlossen, als die Fehde begonnen hatte.
    Mit hohem Interesse hrte Marie auf Georgs fernere Erzhlung, und es gehrte
der feste Glaube des jungen Mannes an die Geliebte und sein Vertrauen in das
Wort des Gechteten dazu, um nicht von neuem auer Fassung zu kommen. Denn als
er beschrieb, wie er auf den Ritter getroffen, und sich mit ihm geschlagen habe,
da errtete sie, sie richtete sich stolzer auf und drckte die Hand des
Geliebten, sie gestand ihm, da er einen wichtigen Kampf bestanden habe, denn
jener Mann sei ein tapferer Kmpe. Und als er erzhlte, wie sie hinabgestiegen
in die Nebelhhle, wie sie den Gechteten besuchten, wie er tief unter der Erde
in rmlicher Umgebung doch so gro und erhaben geschienen, da strzten Trnen
aus ihren Augen, sie blickte hinauf zum Himmel, als bete sie im stillen, er
mchte das traurige Geschick dieses Mannes wenden, und als er fortfuhr und
sagte, was sie gesprochen, und wie der Mann der Hhle sich seinen Freund
genannt, wie er sich zu Wrttembergs Sache, zu der Sache der Unterdrckten und
Vertriebenen mit Wort und Handschlag verpflichtet habe, da strahlte Mariens Auge
von wunderbarem Glanze, sie sah Georg lange an, er glaubte eine Begeisterung in
ihrem Auge, in ihren Zgen zu lesen, die nicht die Freude, da er ihres Vaters
Partie ergriffen habe, allein vorbrachte.
    Georg! sagte sie, es werden viele sein, die dich einst um diese Nacht
beneiden werden. Du darfst es dir auch zur Ehre rechnen, denn glaube mir, nicht
jeden htte Hanns zu dem Vertriebenen gefhrt.
    Du kennst ihn, erwiderte Georg, du weit um sein Geheimnis? o sag mir
doch, wer ist er? Ich habe selten einen Mann gesehen, dessen Auge, dessen Miene,
dessen ganzes Wesen mich so beherrscht htte, wie dieser. Wo lagen seine
Besitzungen, wo ist das Schlo, aus dem er vertrieben ist? Er sagt, er wolle
jetzt keinen andern Namen haben als der Mann, aber sein Arm, dessen Strke ich
gefhlt, sein heller Blick verbrgte mir, da er einst einen berhmten Namen in
der Welt gehabt haben msse.
    Er hatte einen Namen, antwortete Marie, einen, der sich mit den besten
messen konnte. Aber wenn er dir ihn nicht selbst gesagt hat, so darf ich ihn
auch nicht nennen; das wre gegen mein Wort, das ich darauf gegeben. Herr Georg
mu sich also schon noch gedulden, setzte sie lchelnd hinzu, so hart es ihn
auch ankommt, denn er ist ein neugieriger Herr.
    Mir kannst du es ja doch sagen, unterbrach sie Georg; sind wir nicht
eins? Darf das eine ein Geheimnis haben, ohne da es der andere Teil wissen mu?
Schnell! antworte, wer ist der Mann in der Hhle?
    Werde nicht bse, siehe, wenn es nur mein Geheimnis wre, so mtest du es
auch wissen und knntest es mit Recht verlangen, aber so - ich wei zwar, da es
bei dir so sicher wre als bei mir, aber ich darf nicht.
    Sie sprach noch, als die Tre aufsprang und eine Dogge von ungeheurer Gre
hereinstrzte.33 Georg fuhr unwillkrlich auf, denn einen Hund von solcher Gre
und Strke hatte er nie gesehen. Der Hund stellte sich ihm gegenber, schaute
ihn mit rollenden Augen an und fing an zu murren. Es tnte aus seiner breiten
Brust herauf dumpf und hohl wie ein nahender Sturm und die wohlgeordnete Reihe
scharfer Zhne, die er vorwies, zeigten ihn als einen Kmpfer, dessen Zorn man
nicht reizen drfe. Ein Wort von Marie reichte hin, ihn ruhig und besnftigt zu
ihren Fen zu legen. Sie streichelte seinen schnen Kopf, aus welchem die
klugen Augen noch immer bald nach ihr bald nach dem Junker sphten. Er hat
Menschenverstand! sagte sie lchelnd. Er kommt, um mich zu warnen, da ich den
Mann in der Hhle nicht verraten soll.
    Ein herrlicher Hund, wie ich nie einen gesehen! wie er den Kopf so stolz
aus dem goldenen Halshand hervortrgt, als gehre er einem Kaiser oder Knig!
    Er gehrt ihm, dem Vertriebenen, erwiderte Marie, und weil ich auf dem
Sprung war, den Namen seines Herrn zu nennen, kam er mich zu warnen.
    Warum aber fhrt der Ritter seinen Hetzer nicht mit sich? wahrlich, ein Arm
wie der seine, untersttzt von einem solchen Tier, darf sechs Mrder nicht
frchten.
    Das Tier ist wachsam, antwortete sie, aber wild, wenn er es in der Hhle
unten htte, so htte er zwar einen sicheren Schutz; wie aber, wenn durch Zufall
ein Mensch in jene Hhle kme? Sie ist so gro, da man den Mann nicht darin
ahnen kann, aber die Dogge wrde ihn verraten. Sie wrde knurren und anschlagen,
sobald sie Tritte hrte, und sein Aufenthalt wre entdeckt. Darum hat er ihm
befohlen, als er wegging, hierzubleiben, er versteht dies Gebot und ich sorge
fr ihn. Er hat ordentlich das Heimweh nach seinem Herrn, und die Freude
solltest du sehen, wenn es Nacht wird; er wei, da dann sein Herr bald ins
Schlo kommt, und wenn die Zugbrcke niederfllt und die Schritte des Mannes auf
dem Hofe tnen, da ist er nicht mehr zu halten, er wrde sechsfache Ketten
zerreien, um bei ihm zu sein.
    Ein schnes Bild der Treue! doch ein schneres noch ist der Mann, dem
dieser Hund gehrt. Hing er doch ebenso treu an seinem Herrn, und lie sich
verbannen und ins Elend jagen; es ist tricht von mir, setzte Georg hinzu, ich
wei, Neugierde steht einem Mann nicht an, aber wissen mchte ich, wer er ist?
    So gedulde dich doch bis es Nacht wird! wenn der Mann kommt, will ich ihn
fragen, ob du es wissen darfst; ich zweifle nicht, er wird es erlauben.
    Es ist noch lange bis dahin, und jeden Augenblick mu ich an ihn denken;
wenn du mir es nicht sagst, so mu ich mich an den Hund wenden, vielleicht ist
er gtiger als du.
    Versuche es immer, rief Marie lchelnd, wenn er sprechen kann, so soll er
es nur gestehen.
    Hr einmal, du ungeheurer Geselle, wandte sich Georg zu dem Hund, der ihn
aufmerksam ansah, sage mir, wie heit dein Herr?
    Der Hund richtete sich stolz auf, ri den weiten Rachen auf und brllte in
schrecklichen Tnen U-u-u!
    Marie errtete; La doch die Possen, sagte sie, und rief den Hund zu sich,
wer wird mit Hunden sprechen, wenn man in menschlicher Gesellschaft ist!
    Georg schien nicht darauf zu hren. U! hat er gesagt, der gute Hund? der
ist darauf geschult, ich wollte alles wetten! es ist nicht das erste Mal, da
man ihn fragt: wie heit dein Herr?
    Kaum hatte Georg die letzten Worte gesprochen, so fing der Hund mit noch
greulicheren Tnen als vorher, sein U-u-u! zu heulen an. Aufs neue errtete
Marie, sie hie beinahe unwillig den Hund schweigen, er legte sich ruhig zu
ihren Fen.
    Da haben wir's, rief Georg lachend, der Herr heit U! und fing das
sonderbare Wort auf dem Ringe, den mir der Ritter gab, nicht auch mit U an?
Ungeheuer! heit dein Herr vielleicht Uffenheim? oder Uxkll? oder Ulm? oder
vielleicht gar -
    Unsinn! der Hund hat gar keinen anderen Laut als U, wie magst du dir nur
Mhe geben, daraus etwas zu folgern; doch hier kommt der Vater den Berg herauf,
willst du, da es ihm verborgen bleibe, so nimm dich zusammen und verrate dich
nicht. Ich gehe jetzt, denn es ist nicht gut wenn er uns beisammen antrifft.
    Georg gelobte es; er umarmte noch einmal die Geliebte, und versah sich von
ihrem sen Mund auf viele Stunden, um wenigstens an der Erinnerung sich zu
erfreuen, wenn die Gegenwart des Vaters jede zrtlichere Annherung unmglich
machte. Der Hund des Herrn U - sah verwundert auf die liebliche Gruppe; doch,
sei es, da er wirklich Menschenverstand hatte, oder da er bei seinem Herrn
schon hnliches erlebt hatte und einsah, da der Junker das Frulein nicht
umbringen wolle, er machte keine Miene, seiner Dame zu Hlfe zu kommen, und erst
der Hufschlag, der von der Brcke heraufscholl, schreckte die Errtende aus den
Armen des glcklichen Jnglings.

                                       X


 Der Herzog schaut hinunter lang
 Und spricht mit einem Seufzer bang:
 Wie fern, ach von mir abgewandt,
 Wie tief, wie tief liegst du mein Land.
                                                                       G. Schwab

Karfreitag und Osterfest waren vorbergegangen, und Georg von Sturmfeder befand
sich noch immer in Lichtenstein. Der Herr dieses Schlosses hatte ihn eingeladen,
bei ihm zu verweilen, bis etwa der Krieg eine andere Wendung nehmen wrde oder
Gelegenheit da wre, der Sache des Herzogs wichtige Dienste zu leisten. Man kann
sich denken, wie gerne der junge Mann diese Einladung annahm. Unter einem Dach
mit der Geliebten, immer in ihrer Nhe, oft ein Stndchen mit ihr allein, von
ihrem Vater geliebt - er hatte in seinen khnsten Trumen kein hnliches Glck
ahnen knnen. Nur eine Wolke trbte den Himmel der Liebenden, die dstere Wolke,
die zuweilen auf der Stirne des Vaters lag. Es schien, als habe er nicht die
besten Nachrichten von seinem Herzog und dem Kriegsschauplatz. Es kamen zu
verschiedenen Tageszeiten Boten in die Burg, aber sie kamen und gingen, ohne da
der Ritter seinem Gast erffnete was sie gebracht haben. Einigemal glaubte Georg
in der Abenddmmerung sogar den Pfeifer von Hardt ber die Brcke schleichen zu
sehen, er hoffte von diesem vielleicht etwas erfahren zu knnen, er eilte hinab,
um ihn zu begegnen, aber wenn er bis an die Brcke kam, war jede Spur von ihm
verschwunden.
    Der junge Mann fhlte sich etwas beleidigt ber diesen Mangel an Zutrauen,
wie er es bei sich und in seinen uerungen gegen Marie nannte. Ich habe doch
den Freunden des Herzogs mich ganz und gar angeboten, obgleich ihre Partie nicht
viel Lockendes hat, der Mann in der Hhle und der Ritter von Lichtenstein
bewiesen mir Freundschaft und Vertrauen, aber warum nur bis auf diesen Punkt?
warum darf ich nicht erfahren wie es mit Tbingen steht, warum nicht wie der
Herzog operiert um sein Land wiederzuerobern? Bin ich nur zum Dreinschlagen gut,
verschmht man mich im Rat?
    Marie suchte ihn zu trsten. Es gelang oft ihren schnen Augen, ihren
freundlichen Reden, ihn diese Gedanken vergessen zu lassen, aber dennoch kehrten
sie in manchem Augenblicke wieder, und die sorgenvolle Miene des alten Herrn
mahnte ihn immer an die Sache, welcher er beigetreten war.
    Am Abend des Osterfestes konnte er endlich dieses Stillschweigen nicht
lnger ertragen; er fragte auf die Gefahr hin, fr unbescheiden zu gelten, wie
es mit dem Herzog und seinen Planen stehe, ob man nicht auch seiner endlich
einmal bedrfe? Aber der Ritter von Lichtenstein drckte ihm freundlich die Hand
und sagte: Ich sehe schon lange, wackerer Junge, wie es dir das Herz beinahe
abdrcken will, da du nicht teilnehmen kannst an unseren Mhen und Sorgen; aber
gedulde dich noch einige Zeit, vielleicht nur einen Tag noch, so wird sich
manches entscheiden. Was soll ich dich mit ungewissen Nachrichten, mit traurigen
Botschaften plagen? Dein heiterer Jugendsinn ist nicht gemacht, bedchtlich in
ein Gewebe von Bosheit zu schauen, und die knstlich geschlungenen Fden wieder
loszumachen. Wenn die Entscheidung naht, dann, glaube mir, wirst du ein
willkommener Genosse sein, bei Rat und Tat. Nur so viel brauchst du zu wissen,
es steht mit unserer Sache weder schlimm noch gut; doch bald mu es sich
entscheiden.
    Der junge Mann sah ein, da der Alte recht haben knne, und doch war er
nichts weniger als zufrieden mit dieser Antwort. Auch erfuhr er den Namen des
Gechteten nicht. Marie hatte ihn, als er in der nchsten Nacht ins Schlo
gekommen war, gefragt, ob sie ihrem Gast seinen Namen nennen drfe, er hatte
nichts darauf gesagt, als: Noch ist's nicht an der Zeit!
    Noch ein dritter Umstand war es, der Georg beinahe beleidigend vorkam. Er
hatte dem Herrn von Lichtenstein gesagt, wie sehr ihn der Mann in der Hhle
angezogen habe, wie er nichts Erfreulicheres kenne, als recht oft in dessen Nhe
zu sein, und dennoch hatte man ihn nie mit einem Wort eingeladen, eine Nacht mit
dem geheimnisvollen Gaste zuzubringen. Er war zu stolz sich aufzudrngen, er
wartete von Nacht zu Nacht, ob man ihn nicht herabrufen werde, jenen Mann zu
sprechen; es geschah nicht. Er beschlo wenigstens einmal uneingeladen
zuzusehen, wie der Fremde in die Burg komme, und betrachtete sich deswegen die
Gelegenheit genau. Seine Kammer, wohin er regelmig um acht Uhr gefhrt wurde,
lag gegen das Tal hinaus; gerade entgegengesetzt der Seite, wo die Brcke ber
den Abgrund fhrte. Von hier war es also nicht mglich, ihn kommen zu sehen. Das
groe Zimmer im zweiten Stock, das nicht weit entfernt von seiner Kammer lag,
wurde jede Nacht abgeschlossen, von dort aus konnte er also auch nicht
hinabsehen. Auf dem Vorplatz der die Kammern umher und den Saal verband, gingen
zwar zwei Fenster gegen die Brcke hinaus, sie waren aber vergittert und hoch,
so da man zwar ins Freie hinber, aber nicht hinab auf die Brcke sehen konnte.
    Es blieb ihm daher nichts brig, als sich irgendwo zu verbergen, wenn er den
nchtlichen Besuch sehen wollte. Im ersten Stock war dies nicht mglich, weil
dort so viele Leute wohnten, da er leicht entdeckt werden konnte. Doch als er
den Torweg und die Stlle musterte, die unter dem Schlo in den Felsen gehauen
waren, bemerkte er an der Zugbrcke eine Nische, die von den Torflgeln bedeckt
wurde, welche man nur wenn der Feind vor den Toren war, verschlo. Dies war der
Ort, der ihm Sicherheit und zugleich Raum genug zu gewhren schien, um zu
beobachten, was um ihn her vorging; links vor der Nische, schlo sich die
Zugbrcke an das Tor, rechts war die Treppe, die hinauffhrte, vor ihm der
Torweg, den jeder gehen mute, der ins Schlo kam. Dorthin beschlo er in der
kommenden Nacht sich zu schleichen.
    Um acht Uhr kam der Knappe mit der Lampe, um ihm wie gewhnlich ins Bett zu
leuchten. Der Herr des Schlosses und seine Tochter sagten ihm freundlich gute
Nacht. Er stieg hinan in seine Kammer, er entlie den Knecht, der ihn sonst
entkleidete, und warf sich angekleidet auf das Bette; er lauschte auf jeden
Glockenschlag, den die Nachtluft aus dem Dorf hinter dem Walde herbertrug; oft
schlossen sich seine Augen, oft schwebte er schon auf jener unsicheren Grenze,
zwischen Wachen und Schlafen, wo sich die Seele nur mit ermatteten Krften gegen
die Bande des Schlummers strubt, aber immer wieder rang er sich los, wenn seine
Gedanken klar genug waren, um ihm seinen Zweck ins Gedchtnis zurckzufhren.
    Zehn Uhr war lngst vorber; die Burg war still und tot, Georg raffte sich
auf, zog die schweren Sporen und Stiefel ab, hllte sich in seinen Mantel und
ffnete behutsam die Tre seiner Kammer. Er hielt den Atem an, um sich nicht
durch Schnauben zu verraten, die Angeln seiner Tre garrten, er hielt an, er
lauschte, ob niemand diese verrterischen Tne gehrt habe? Es blieb alles
still; der Mond fiel in mattem Schein auf den Vorplatz, Georg pries sich
glcklich, da ihn dieses trgerische Licht nicht zum zweitenmal verraten werde.
Er schlich weiter an die Wendeltreppe, noch einmal hielt er an, um zu lauschen,
ob alles stille sei; er hrte nichts als das Sausen des Windes und das Rauschen
der Eichen ber der Brcke. Er stieg behutsam hinab. In der Stille der Nacht
tnt alles lauter, und Dinge erwecken die Aufmerksamkeit, die man am Tage nicht
beachtet htte. Wenn Georgs Fu auf ein Sandkrnchen trat, so rauschte es auf
der gewlbten Wendeltreppe, da er erschrak und glaubte, man msse es im ganzen
Hause gehrt haben. Er kam an dem ersten Stock vorber; er lauschte, er hrte
niemand, aber auf dem Herd in der Kche flatterte ein lustiges Feuer. Jetzt war
er unten. Zu dem Weg von seiner Kammer bis zum Tor, den er sonst in einem
Augenblick zurcklegte, hatte er eine Viertelstunde verwandt.
    Er stellte sich in die Nische und zog den Torflgel noch nher zu sich her,
so da er vllig von ihm bedeckt war. Eine Spalte in der Tre war gro genug,
da er durch sie alles beobachten konnte. Noch war alles still im Schlo. Nur
flchtige Tritte glaubte er ber sich zu vernehmen, es war wohl Marie, die
geschftig hin und her ging.
    Nach einer tdlich langen Viertelstunde schlug es im Dorfe eilf Uhr. Dies
war die Zeit des nchtlichen Besuches, Georg schrfte sein Ohr, um zu vernehmen
wann er komme. Nach wenigen Minuten hrte er oben den Hund anschlagen, zugleich
rief ber dem Graben eine tiefe Stimme: Lichtenstein!
    Wer da? fragte man aus der Burg.
    Der Mann ist da! antwortete jene Stimme, die Georg von seinem Besuch in
der Hhle so wohlbekannt war.
    Ein alter Mann, der Burgwart, kam aus einer Kasematte, die in den
Grundfelsen gehauen war. Er ffnete mit einem wunderlich geformten Schlssel das
Schlo der Zugbrcke. Indem er noch damit beschftigt war, strzte in groen
Sprngen der Hund die Treppe herab; er winselte, er wedelte mit dem Schwanz, er
hpfte an dem Burgwart hinauf, als wolle er ihm behlflich sein, die Brcke fr
seinen Herrn herabzulassen. Und jetzt kam auch Marie, sie trug ein Windlicht,
und leuchtete damit dem Alten, der mit seinem Aufschlieen nicht zurechtzukommen
schien.
    Spute dich, Balthasar! flsterte sie, er wartet schon eine gute Weile,
und drauen ist's kalt, und es weht ein garstiger Wind.
    Jetzt nur noch die Kette los, gndiges Frulein, antwortete er, dann
sollt Ihr gleich sehen, wie schn meine Brcke fllt. Ich habe auch, wie Ihr
befohlen habt, die Fugen mit l geschmiert, da sie nicht mehr garren, und die
Frau Rosel aus ihrem sanften Schlaf aufwecken.
    Die Ketten rauschten in die Hhe, die Brcke senkte sich langsam nach auen,
und legte sich ber den Abgrund; der Mann aus der Hhle, in seinen groben Mantel
eingehllt, schritt herber. Georg hatte sich das Bild dieses Mannes tief ins
Herz geprgt, und doch berraschten ihn aufs neue seine auffallend khnen Zge,
sein gebietendes Auge, seine freie Stirne, das Krftige, Gewaltige in seinen
Bewegungen.
    Der Schein des Windlichtes fiel auf ihn und Marie, und noch lange Jahre
bewahrte Georg die Erinnerung an diese Gruppe. Die schlanke Gestalt der
Geliebten, das dunkle Haar, dessen Flechten aufgegangen waren und nun um den
zierlichen Hals herabstrmten, die blendende Stirne, das sinnige, blaue Auge,
dem die langen, dunklen Wimpern und die schngeschwungenen Bogen der Brau'n
einen eigentmlichen Reiz gaben, der kleine rote Mund, die zarte Farbe ihrer
Wangen, dies alles, berstrahlt von dem Lichte, das sie in der Hand hielt,
bewirkte, da Georg glaubte, die Geliebte nie so reizend gesehen zu haben, als
in diesem Augenblick, wo der Kontrast gegen die scharfen, krftigen Formen des
Mannes, der neben ihr stand, ihr zartes, liebliches Wesen noch mehr hervorhob.
    Der nchtliche Gast half mit beinahe bermenschlicher Kraft dem alten
Pfrtner die Brcke wieder aufziehen. Dann zog sich der Alte zurck und Georg
vernahm folgendes Gesprch:
    Ist Nachricht da von Tbingen? ist Marx Stumpf zurck? Ich lese Unglck in
Euren Mienen!
    Nein, Herr, er ist noch nicht zurck, sagte Marie, der Vater erwartet ihn
aber noch diese Nacht.
    Da ihm der Teufel Fe mache! Ich mu warten, bis er kommt, und sollte es
Tag darber werden. - Hu! eine kalte Nacht, Frulein, sagte der Gechtete,
meine Schuhu und Kuzlein in der Nebelhhle mu es auch gewaltig frieren, denn
sie schrieen und jammerten in klglichen Tnen, als ich heraufstieg.
    Ja, es ist kalt, antwortete sie, um keinen Preis mchte ich mit Euch
hinabsteigen; und wie schauerlich mu es sein, wenn die Kuzlein schreien; mir
graut, wenn ich nur daran denke.
    Wenn Junker Georg Euch begleitete, ginget Ihr doch mit, erwiderte jener
lchelnd, indem er das errtende Gesicht des Mdchens am Kinn ein wenig in die
Hhe hob; nicht wahr, mit dem ginget Ihr in die Hlle? Was das fr eine Liebe
sein mu! Wei Gott, Euer Mund ist ganz wund; nein gar zu arg mt Ihr es doch
nicht machen mit Kssen.
    Ach Herr! flsterte Marie, indem sich aufs neue eine dunkle Rte ber die
zarten Wangen go; wie mgt Ihr nur so sprechen. Wit Ihr, da ich gar nicht
mehr herabkomme, Euch gar nicht mehr koche, wenn Ihr so von mir und dem Junker
denket?
    Nun, einen Scherz mt Ihr mir schon gelten lassen, sagte der Ritter, und
kniff sie in die errtenden Wangen, ich habe ja in meiner Behausung da unten so
wenig Zeit und Gelegenheit zum Scherzen. Aber was gebt Ihr mir, wenn ich fr den
Junker ein gutes Wort einlege beim Vater, da er ihn Euch zum Mann gibt? Ihr
wit, der Alte tut was ich haben will, und wenn ich ihm einen Schwiegersohn
empfehle, nimmt er ihn unbesehen.
    Marie schlug die schnen Augen auf, und sah ihn mit freundlichen Blicken an.
Gndigster Herr, antwortete sie, ich will es Euch nicht wehren, wenn Ihr fr
Georg ein gutes Wort sprechet; brigens ist ihm der Vater schon sehr gewogen.
    Ich frage, was ich fr ein gutes Wort bekomme, alles hat seinen Preis; nun,
was wird mir dafr?
    Marie schlug die Augen nieder. Ein schner Dank, sagte sie; aber kommt
Herr, der Vater wird schon lngst auf uns warten.
    Sie wollte vorangehen, der Gechtete aber ergriff ihre Hand und hielt sie
auf. Georgs Herz pochte beinahe hrbar, es wurde ihm bald hei bald kalt, er
fate den Torflgel, und wre nahe daran gewesen, diese Frsprache um einen
fixen Preis zu verbitten.
    Warum so eilig? hrte er den Mann der Hhle sagen. Nun, sei es um ein
Kchen, so will ich loben und preisen, da dein Vater sogleich den Pfaffen
holen lt, um das heilige Sakrament der Ehe an euch zu vollziehen. Er senkte
sein Haupt gegen Marie herab, Georg schwindelte es vor den Augen, er war im
Begriff, aus seinem Hinterhalt hervorzubrechen. Das Frulein aber sah jenen Mann
mit einem strafenden Blicke an. Das kann unmglich Euer Gnaden Ernst sein,
sagte sie, sonst httet Ihr mich zum letztenmal gesehen.
    Wenn Ihr wtet, wie erhaben und schn Euch dieser Trotz steht, sagte der
Ritter mit unerschtterlicher Freundlichkeit, Ihr ginget den ganzen Tag im Zorn
und in der Wut umher. brigens habt Ihr recht, wenn man schon einen andern so
tief im Herzen hat, darf man keine solche Gunst mehr ausspenden. Aber feurige
Kohlen will ich auf Euer Haupt sammeln, ich will dennoch den Frsprecher machen.
Und an Eurem Hochzeittag will ich bei Eurem Liebsten um einen Ku anhalten, dann
wollen wir sehen, wer recht behlt.
    Das knnet Ihr! sagte Marie, indem sie ihm lchelnd ihre Hand entzog, und
mit dem Licht voranging; aber machet Euch immer auf eine abschlgige Antwort
gefat, denn ber diesen Punkt spat er nicht gerne.
    Ja er ist verdammt eiferschtig, entgegnete der Ritter im Weiterschreiten;
ich knnte Euch davon eine Geschichte erzhlen, die mir selbst mit ihm begegnet
ist; aber ich habe versprochen zu schweigen. -
    Ihre Stimmen entfernten sich immer mehr und wurden undeutlicher. Georg
schpfte wieder freien Atem. Er lauschte und harrte noch in seiner Nische, bis
er niemand mehr auf den Treppen und Gngen hrte. Dann verlie er seinen Platz
und schlich nach seiner Kammer zurck. Die letzten Worte Mariens und des
Gechteten lagen noch in seinen Ohren. Er schmte sich seiner Eifersucht, die
ihn auch in dieser Nacht wieder unwillkrlich hingerissen hatte. Wenn er
bedachte, in welch unwrdigem Verdacht er die Geliebte gehabt, und wie rein sie
in diesem Augenblick vor ihm gestanden sei! er verbarg sein errtendes Gesicht
tief in den Kissen, und erst spt entfhrte ihn der Schlummer diesen qulenden
Gedanken.
    Als er am andern Morgen in die Herrenstube hinabging, wo sich um sieben Uhr
gewhnlich die Familie zum Frhstck versammelte, kam ihm Marie mit verweinten
Augen entgegen. Sie fhrte ihn auf die Seite und flsterte ihm zu, Tritt leise
ein, Georg! der Ritter aus der Hhle ist im Zimmer; er ist vor einer Stunde ein
wenig eingeschlummert; wir wollen ihm diese Ruhe gnnen!
    Der Gechtete! fragte Georg staunend, wie kann er es wagen noch bei Tag
hier zu sein? ist er krank geworden?
    Nein! antwortete Marie, indem von neuem Trnen in ihren Wimpern hingen;
nein! es mu in dieser Stunde noch ein Bote von Tbingen anlangen, und diesen
will er erwarten. Wir haben ihn gebeten, beschworen, er mchte doch vor Tag
hinabgehen, er hat nicht darauf gehrt; hier will er ihn erwarten.
    Aber knnte denn der Bote nicht auch in die Hhle hinabkommen? warf Georg
ein, er setzt sich ja umsonst dieser Gefahr aus.
    Ach, du kennst ihn nicht, das ist sein Trotz, wenn er sich einmal etwas in
den Kopf gesetzt hat, so geht er nicht mehr davon ab; und nur zu leicht wird er
mitrauisch; deswegen konnten wir ihm nicht sehr zureden, wegzugehen; er htte
glauben knnen, wir tun es nur wegen uns. Sein Hauptgrund zu bleiben ist, da er
sich gleich mit dem Vater beraten will, sobald er Nachricht bekommt.
    Sie waren whrend dieser Reden an die Tre der Herrenstube gekommen, Marie
schlo so leise als mglich auf, und trat mit Georg ein.
    Die Herrenstube unterschied sich von dem groen Gemach im oberen Stock nur
dadurch, da sie kleiner war. Auch sie hatte die Aussicht nach drei Seiten,
durch Fenster mit kleinen runden Scheiben, durch welche sich die Morgensonne in
vielfarbigen Strahlen brach. Decke und Wnde umzog ein Getfer von
schwarzbraunem Holz mit farbigen Hlzern kunstreich ausgelegt. Einige
Ahnenbilder der Lichtensteiner schmckten die Wand, welche kein Fenster hatte,
und Tische und Gertschaften zeigten, da der Ritter von Lichtenstein ein Freund
alter Sitten und Zeiten sei, und seinen Hausrat, wie er ihn vom Grovater
empfangen hatte, auch auf die Tochter vererben wolle. Vor einem groen Tisch in
der Mitte des Zimmers sa der Herr des Schlosses. Er hatte sein Kinn und den
langen Bart auf die Hand gesttzt, und schaute finster und regungslos in einen
Becher, der vor ihm stand. Die Weinkannen und Deckelkrge auf dem Tisch, der
Becher vor dem alten Herrn machte, da man ungewi war, ob er die Nacht beim
Becher zugebracht habe, oder er so frhe am Tage sich durch einen guten Trunk
Krfte sammeln wolle.
    Er grte seinen jungen Gast, als dieser an den Tisch zu ihm getreten war,
durch ein leichtes Neigen des Hauptes, indem ein kaum bemerkliches Lcheln um
seinen Mund zog. Er wies auf einen Becher und an einen Stuhl zu seiner Seite;
Marie verstand den Wink, schenkte einen Becher voll und kredenzte ihn dem
Geliebten mit jener holden Anmut, die allem was sie tat, einen eigentmlichen
Stempel aufdrckte. Georg setzte sich an die Seite des Alten und trank.
    Dieser rckte ihm nher und flsterte ihm mit heiserer Stimme zu: Ich
frchte, es steht schlimm!
    Habt Ihr Nachricht? fragte Georg ebenso heimlich.
    Ein Bauer sagte mir heute frhe, gestern abend haben die Tbinger mit dem
Bunde gehandelt.
    Gott im Himmel! rief Georg unwillkrlich aus.
    Seid still und weckt ihn nicht! er wird es nur zu frhe erfahren;
entgegnete ihm jener, indem er auf die andere Seite der Stube deutete.
    Georg sah dorthin. An einem Fenster der Seite, die gegen den jhen Abgrund
liegt, sa der gechtete Mann. Er hatte den Arm auf den Sims gesttzt, die
sorgenvolle Stirne, das von Wachen mde Auge lag in der tapferen Hand - - er
schlummerte. Sein grauer Mantel war ber die Schulter herabgefallen, und lie
ein abgetragenes, unscheinbares Lederkoller sehen, in das die krftige Gestalt
gehllt war. Sein krauses Haar fiel nachlssig um die Schlfe, und einige Bsche
des gerollten Bartes quollen unter der Hand hervor.
    Zu seinen Fen lag sein groer Hund; er hatte seinen Kopf auf den Fu
seines Herrn gelegt, seine treuen Augen hingen teilnehmend an dem Haupt des
Gechteten.
    Er schlaft, sagte der Alte, und zerdrckte eine Trne in den Augen; die
Natur fordert die Schuld an den Krper, und umhllt die Seele mit einem
wohlttigen Schleier. Er atmet leicht; o da es beruhigende Trume wren, die
ihm vorschweben; die Wirklichkeit ist so traurig, wer sollte ihm nicht wnschen,
da er sie im Traume vergit!
    Es ist ein hartes Schicksal! erwiderte Georg, indem er wehmtig auf den
Schlafenden blickte. Vertrieben von Haus und Hof, gechtet, in die Wste
hinausgejagt! sein Leben jedem Buben preisgegeben, der in der Ferne seinen Bolz
auf ihn anlegt bei Tag unter der Erde, bei Nacht wie ein Dieb umherschleichen zu
mssen; wahrlich es ist hart! Und dies alles, weil er seinem Herrn treu war, und
jene Bndler nach seinen Gtern gelsteten.
    Der Mann dort hat manches verfehlt in seinem Leben, sprach der Ritter von
Lichtenstein mit tiefem Ernst; ich habe ihn beobachtet seit den Tagen seiner
Kindheit bis zu dieser Stunde; ich kann ihm das Zeugnis geben, er hat das Gute
und Rechte gewollt. Zuweilen waren die Mittel falsch, die er anwandte, zuweilen
verstand man ihn nicht, zuweilen lie er sich von der Hitze der Leidenschaft
hinreien - aber wo lebt der Mensch, von dem man dies nicht sagen knnte. Und
wahrlich, er hat es grausam gebt! Er hielt inne, als htte er schon mehr
gesagt, als er sagen wollte, und umsonst suchte Georg ber den Vertriebenen mehr
zu erfahren. Der Alte versank in Stillschweigen und tiefes Sinnen.
    Die Sonne war ber die Berge heraufgekommen, die Nebel fielen, Georg trat
ans Fenster, die herrliche Aussicht zu genieen. Unter dem Felsen von
Lichtenstein wohl dreihundert Klafter tief, breitet sich ein liebliches Tal aus,
begrenzt von waldigen Hhen, durchschnitten von einem eilenden Waldbach, drei
Drfer liegen freundlich in der Tiefe; dem Auge, das in dieses Tal hinabsieht,
ist es, als schaue es aus dem Himmel auf die Erde. Steigt das Auge vom tiefen
Tale aufwrts an den waldigen Hhen, so begegnet es malerisch gruppierten Felsen
und den Bergen der Alb, hinter dem Bergrcken steigt die Burg Achalm hervor, und
begrenzt die Aussicht in der Nhe. Aber vorbei an den Mauern von Achalm, dringt
rechts und links das Auge tiefer ins Land. Der Lichtenstein liegt den Wolken so
nahe, da er Wrttemberg berragt. Bis hinab ins tiefste Unterland knnen frei
und ungehindert die Blicke streifen. Entzckend ist der Anblick, wenn die
Morgensonne ihre schrgen Strahlen ber Wrttemberg sendet. Da breiten sich
diese herrlichen Gefilde wie ein bunter Teppich vor dem Auge aus; in dunklem
Grn, in krftigem Braun der Berge beginnt es, alle Farben und Schattierungen
sind in diesem wundervollen Gewebe, das in lichtem Blau sich endlich mit der
Morgenrte verschmilzt. Welche Ferne von Lichtenstein bis Asperg, und welches
Land dazwischen! Es ist kein Flachland, keine Ebene; viele Strmungen von Hgeln
und Bergen ziehen sich hinauf und herunter, und von Hgeln zu Hgeln, welche
breite Tler und Strme in ihrem Schoe bergen, hpft das Auge zu dem fernen
Horizont.
    Georg betrachtete bewundernd; er strengte seine Augen mehr und mehr an, er
suchte in die Weite zu dringen, und jedes Schlo jedes Dorf auf der weiten
Aussicht zu unterscheiden. Marie stand neben ihm; sie teilte seine Bewunderung,
obgleich sie seit ihrer frhesten Kindheit dieses Schauspiel genossen. Sie
zeigte ihm flsternd jeden Fleck, sie wute ihm jede Turmspitze zu nennen. Wo
ist eine Stelle in teutschen Landen, sprach Georg in diesen Anblick versunken,
die sich mit dieser messen knnte! Ich habe Ebenen gesehen und Hhen erstiegen,
von wo das Auge noch weiter dringt, aber diese lieblichen Gefilde zeigen sie
nicht. So reiche Saaten, Wlder von Obst, und dort unten, wo die Hgel
blulicher werden, ein Garten von Wein! Ich habe noch keinen Frsten beneidet,
aber hier stehen zu knnen, hinauszublicken von dieser Hhe und sagen zu knnen,
diese Gefilde sind mein!
    Ein tiefer Seufzer in ihrer Nhe schreckte Marien und Georg aus ihren
Betrachtungen auf. Sie sahen sich um, wenige Schritte von ihnen stand im Fenster
der Gechtete, und blickte mit trunkenen, glnzenden Blicken ber das Land hin,
und Georg war ungewi, ob jene Worte oder das Andenken an sein Unglck die Brust
dieses Mannes bewegt hatten.
    Er begrte Georg und reichte ihm die Hand. Dann wandte er sich zu dem Herrn
des Schlosses und fragte, ob noch immer keine Botschaft da sei? Der von
Schweinsberg ist noch nicht zurck, antwortete dieser.
    Der Gechtete trat schweigend an das Fenster zurck und schaute in die
Ferne. Marie fllte ihm einen Becher. Seid getrosten Mutes, Herr, sagte sie,
schauet nicht mit so finsteren Blicken auf das Land. Trinket von diesem Wein,
er ist gut wrttembergisch und wchst dort unten an jenen blauen Bergen.
    Wie kann man traurig bleiben, antwortete er, indem er sich wehmtig
lchelnd zu Georg wandte, wenn ber Wrttemberg die Sonne so schn aufgeht, und
aus den Augen einer Wrttembergerin ein so milder blauer Himmel lacht. Nicht
wahr, Junker, was sind diese Berge und Tler, wenn uns solche Augen, solche
treue Herzen bleiben? Nehmt Euren Becher und lat uns darauf trinken! Solange
wir Land besitzen in den Herzen, ist nichts verloren: Hie gut Wrttemberg
allezeit.34
    Hie gut Wrttemberg allezeit, erwiderte Georg und stie an. Der Gechtete
wollte noch etwas hinzusetzen, als der alte Burgwart mit wichtiger Miene
hereintrat. Es sind zwei Krmer vor der Burg, meldete er, und begehren
Einla.
    Sie sind's, sie sind's, riefen in einem Augenblick der Gechtete und
Lichtenstein. Fhr sie herauf.
    Der alte Diener entfernte sich; eine bange Minute folgte dieser Meldung;
alle schwiegen, der Ritter von Lichtenstein schien mit seinen feurigen Augen die
Tre durchbohren, der Gechtete seine Unruhe verbergen zu wollen, aber die
schnelle Rte und Blsse, die auf seinen ausdrucksvollen Zgen wechselte,
zeigten, wie die Erwartung dessen, was er hren werde, sein ganzes Wesen in
Aufruhr brachte. Endlich vernahm man Schritte auf der Treppe, sie nherten sich
dem Gemach; der gewaltige Mann zitterte, da er sich am Tisch halten mute,
seine Brust war vorgebeugt, sein Auge hing starr an der Tre, als wolle er in
den Mienen des Kommenden sogleich Glck oder Unglck lesen - jetzt ging die Tre
auf.

                                       XI


 - - Wie du nun so ganz
 Verlassen dastehst und so ganz entblt,
 Und wie nun ich, dein einz'ger Lehensmann,
 Der einz'ge bin, der dich noch Herzog nennt,
 Und wie nun mir allein die Ehre bleibt,
 Dir Dienst zu leisten bis zum letzten Hauch.
                                                                       L. Uhland

Auch Georg hatte erwartungsvoll hingesehen. Er musterte mit schnellem Blick die
Eintretenden; in dem einen erkannte er sogleich den Pfeifer von Hardt, der
andere war - jener Krmer, den er in der Herberge von Pfullingen gesehen hatte.
Der letztere warf seinen Pack, den er auf dem Rcken getragen, ab, ri das
Pflaster weg, womit er ein Auge bedeckt hatte, richtete sich aus seiner
gebckten Stellung auf, und stand nun als ein untersetzter, starkgebauter Mann,
mit offenen, krftigen Zgen vor ihnen.
    Marx Stumpf! rief der Gechtete mit dumpfer Stimme, wozu diese finstere
Stirne? Du bringst uns gute Botschaft! nicht wahr, sie wollen uns das Pfrtchen
ffnen, sie wollen mit uns aushalten bis auf den letzten Mann?
    Marx Stumpf von Schweinsberg warf einen bekmmerten Blick auf ihn. Machet
Euch auf Schlimmes gefat, Herr! sagte er. Die Botschaft ist nicht gut, die
ich bringe.
    Wie, entgegnete jener, indem die Rte des Zornes ber seine Wangen flog,
und die Ader auch seiner Stirne sich zu heben begann; wie, du sagst, sie
zaudern, sie schwanken? Es ist nicht mglich; sieh dich wohl vor, da du nichts
bereiltes sagst; es ist der Adel des Landes, von dem du sprichst.
    Und dennoch sage ich es, antwortete Schweinsberg, indem er einen Schritt
weiter vortrat; im Angesicht vor Kaiser und Reich will ich es sagen, sie sind
Verrter.
    Du lgst! schrie der Vertriebene mit schrecklicher Stimme. Verrter,
sagst du? Du lgst. Wie wagst du es, vierzig Ritter ihrer Ehre zu berauben? Ha!
gestehe, du lgst.
    Wollte Gott, ich allein wre ein Ritter ohne Ehre, ein Hund, der seinen
Herrn verlt. Aber alle vierzig haben ihren Eid gebrochen, Ihr habt Euer Land
verloren, Herr Herzog! Tbingen ist ber.
    Der Mann, dem diese Rede galt, sank auf einen Stuhl am Fenster; er bedeckte
sein Gesicht mit den Hnden, seine Brust hob und senkte sich, als suche sie
vergeblich nach Atem und seine Arme zitterten.
    Die Blicke aller hingen gerhrt und schmerzlich an ihm. Vor allen Georgs,
denn wie ein Blitz hatte der Name des Herzogs das Dunkel erhellt, in welchem ihm
bisher dieser Mann erschienen war. Er war es selbst, es war Ulerich von
Wrttemberg! In einem schnellen Fluge zog es an seiner Seele vorber, wie er
diesen Gewaltigen zuerst getroffen, wie er ihn tief in der Erde Scho besuchte,
welche Worte jener zu ihm gesprochen, wie sein ganzes Wesen ihn schon damals
berrascht und angezogen hatte; es war ihm unbegreiflich, da er nicht lngst
schon von selbst auf diese Entdeckung gekommen war.
    Eine geraume Weile wagte niemand das Schweigen zu brechen. Man hrte nur die
tiefen Atemzge des Herzogs und das Winseln seines treuen Hundes, der sein
Unglck zu kennen und zu teilen schien. Endlich winkte Lichtenstein dem Ritter
von Schweinsberg, sie traten zu Ulerich, sie faten sein Gewand und Schienen ihn
erwecken zu wollen; er blieb unbeweglich und stumm. Marie hatte weinend in der
Ferne gestanden, sie nahte sich jetzt mit unsicheren zagenden Schritten, sie
legte ihre schne Hand auf seine Schulter, sie blickte ihn bange an, sie fate
sich endlich ein Herz und flsterte: Herr Herzog! hie ist noch gut Wrttemberg
alleweg!
    Ein tiefer Seufzer lste sich aus seiner gepreten Brust, aber seine Hnde
drckten sich fester auf die Augen, er sah nicht auf. Jetzt nahte auch Georg.
Unwillkrlich kam ihm der heldenmtige Ausdruck dieses Mannes in die Seele, jene
gebietende Erhabenheit, die er ihm, als er ihn zum erstenmal gesehen, gezeigt
hatte; jedes Wort, das er damals gesprochen, kehrte wieder, und der junge Mann
wagte es, zu ihm zu sprechen: Warum so kleinmtig, Mann ohne Namen? Si fractus
illabatur orbis, impavidum ferient ruinae!
    Wie ein Zauber wirkten diese Worte auf Ulerich von Wrttemberg. Sei es
dieser sein Wahlspruch, sei es jene Mischung von Seelengre, Trotz und wahrer
Erhabenheit ber das Unglck, was ihm bei seinen Zeitgenossen den Namen des
Unerschrockenen erwarb - er zeigte sich von diesem Augenblick an, seines
Namens wrdig.
    Das war das rechte Wort, mein junger Freund, sprach er zur Verwunderung
aller mit fester Stimme, indem er seine Hnde sinken lie, sein Haupt stolzer
aufrichtete, und das alte, kriegerische Feuer aus seinen Augen loderte, das war
das rechte Wort. Ich danke dir, da du mir es zugerufen. Tretet vor, Marx
Stumpf, Ritter von Schweinsberg, und berichtet mir ber Eure Sendung. Doch
reiche mir zuvor einen Becher, Marie!
    Es war letzten Donnerstag, da ich Euch verlie߫, hob der Ritter an; Hans
steckte mich in diese Kleidung und zeigte mir, wie ich mich zu benehmen habe. In
Pfullingen kehrte ich ein, um zu probieren, ob man mich nicht kenne, aber die
Wirtin gab mir so gleichgltig einen Schoppen, als habe sie den Ritter Stumpf in
ihrem Leben nicht gesehen, und ein Ratsherr, den ich noch vor acht Tagen tchtig
ausgescholten hatte, trank mit mir, als htte ich zeitlebens den Kram auf dem
Rcken getragen. Der junge Herr dort war auch in der Schenke.
    Der Herzog schien sich an dieser Erzhlung zu zerstreuen munterer als man
bei so groem Unglck htte denken sollen, fragte er: Nun Georg, du hast ihn
gesehen; sah er so recht aus wie ein schbiger, filziger Krmer? Wie?
    Ich denke er hat seine Rolle gut gespielt, antwortete der junge Mann
lchelnd.
    Von Pfullingen zog ich abends noch frba bis nach Reutlingen. Dort war in
der Weinstube ein ganzer Trieb Bndischer: Augsburger, Nrnberger, Ulmer, alle
mgliche Stdtler, und jubelierten mit den Reutlingern, da man die
Hirschgeweihe wieder von ihrem Wappen genommen, die Ihr ihnen aufgesetzt habt.35
Sie schimpften und sangen Spottlieder ber Euch, die bewiesen, wie sehr sie Euch
noch immer frchten. Am Karfreitag frh ging ich nach Tbingen. Das Herz pochte
mir, als ich das Burgholz herunterkam und das schne Neckartal vor meinen
Blicken lag, und die festen Trme und Zinnen von Tbingen vom Berg
herberragten.
    Der Herzog prete die Lippen zusammen, wandte sich ab und sah hinaus ins
Weite. Der von Schweinsberg hielt inne und blickte teilnehmend auf seinen Herrn,
doch jener winkte ihm, fortzufahren.
    Ich stieg hinab ins Tal und wandelte weiter nach Tbingen. Die Stadt war
schon seit vielen Tagen von den Bndischen besetzt, und nur wenige Truppen
standen mehr im Lager, das sie ber dem Ammertal auf dem Berge geschlagen
hatten. Ich beschlo, mich in die Stadt zu schleichen und hinzuhorchen, wie es
mit dem Schlo stehe, ehe denn ich auf dem geheimen Wege zur Besatzung ginge.
Ihr kennet die Herberge in der oberen Stadt, nicht weit von
Sankt-Georgen-Kirche, dort trat ich ein und setzte mich zum Weine. Die
bndischen Ritter, so erfuhr ich unterweges, kehrten oft dort ein, daher schien
mir dies der beste Platz zu meinem Zweck.
    Ihr wagtet viel, unterbrach ihn Herr von Lichtenstein; wie leicht konnten
Leute da sein, die Euch abkaufen wollten, und da wre der Krmer bald entdeckt
gewesen!
    Ihr verget, da es Festtag war, entgegnete jener; ich hatte also guten
Grund mein Bndel nicht aufzupacken und anzupreisen nach Krmersitte. Doch so
leicht wre ich wohl nicht entdeckt worden, habe ich doch an Georg von
Frondsberg ein Bchslein mit Wundbalsam verkauft! Wei Gott ich htte lieber mit
ihm gestritten, da er es gleich htte brauchen knnen. - Es war noch das
Hochamt in der Kirche, daher war niemand in der Herberge; vom Wirt aber erfuhr
ich, da die Ritter im Schlo einen Waffenstillstand bis Ostermontag frh
gemacht haben. Als die Kirche aus war, kamen richtig wie ich mir gedacht hatte,
viele Ritter und Herren in die Herberge zum Frhtrunk. Ich setzte mich in einen
Winkel auf die Ofenbank, wie es armen Leuten geziemt in Gegenwart so groer
Herren.
    Wen sahst du dort? fragte der Herzog.
    Ich kannte einige, andere erriet ich aus dem Gesprch, das sie fhrten. Es
war Frondsberg, Alban von Closen, die Huttischen, Sickingen und noch viele; bald
trat auch der Truchse von Waldburg ein. Ich zog die Kappe tiefer ins Gesicht
als ich ihn sah denn er wird noch nicht vergessen haben, wie ich ihn vor
fnfzehn Jahren im Lanzenstechen zu Nrnberg von der Mhre warf.
    Saht Ihr nicht auch den Hauptmann Hans von Breitenstein? unterbrach ihn
Georg.
    Breitenstein? da ich nicht wte, doch ja, so hie wohl jener, der den
Hammelschlegel auf einem Sitz verzehrte! Jetzt fingen sie an von der Belagerung
zu reden und vom Waffenstillstand. Sie sprachen hin und her, oft flsterten sie
auch untereinander, doch ich habe gute Ohren und vernahm was mir nicht lieb war.
Der Truchse nmlich erzhlte, da er einen Pfeil in die Burg habe schieen
lassen, mit einem Brieflein an Ludwig von Stadion. Es mu dies schon mehrere Mal
geschehen sein, denn die Ritter verwunderten sich nicht als er weiter fortfuhr
und sagte, wie er auf demselben Weg eine Antwort erhalten habe.
    Des Herzogs Stirne verfinsterte sich. Ludwig von Stadion! rief er
schmerzlich. Ich htte Huser auf ihn gebaut! Er war mir so lieb, ich tat ihm
alles, was ich ihm an den Augen ansehen konnte - er hat mich zuerst verraten?!
    Im Brieflein stand, da er, der Stadion und noch zwlf andere der Fehde
mde seien, auch schon halb und halb willens gewesen, sich zu ergeben; Georg von
Hewen aber habe ihnen abgeraten.
    Um den hab ich's nicht verdient, sagte Ulerich; ich war ihm gram, weil er
mich oft getadelt hat, wenn ich nicht nach seinem Sinne tat. Wie man sich irren
kann in den Menschen. Htte man mich gefragt, wer mich verraten wrde und wer
dagegen spreche, ich htte dort den Stadion, hier vielleicht Georg von Hewen
genannt!
    Im Brieflein stand auch noch weiter, da Euer Durchlaucht vielleicht
Entsatz bringen oder, wenn dies nicht mglich, auf geheimen Wegen in die Burg
sich begeben wollen. Die Bndischen sprachen mancherlei hierber. Sie waren aber
darin einig, da man die Besatzung zu einem Vergleich bringen msse, ehe Ihr
heranrcket oder gar ins Schlo kmet. Denn dann, meinten sie, knnen sie noch
lange belagern mssen. Wie ich nun dies alles hrte, schien es mir nicht
geraten, durch den geheimen Weg geradezu in die Burg zu gehen und mich zu
entdecken, denn wie leicht konnte Stadion schon die Oberhand gewonnen haben, und
dann war ich verraten. Ich beschlo den Tag noch zu warten; hrte ich bis
Samstag frh nichts Schlimmeres ber die Besatzung, so wollte ich ins Schlo
dringen und Euer Durchlaucht Schreiben bergeben. Ich streifte im Lager und in
der Stadt umher, und niemand hielt mich an; auch suchte ich mich immer in der
Nhe der Obersten zu halten; so kam der Nachmittag.
    Das war noch freitags, an dem Fest? fragte Lichtenstein.
    Am heiligen Freitag war's. Nachmittags um drei Uhr ritt Georg von
Frondsberg mit etlichen andern Hauptleuten vor die Stadtpforte an dem Schlo,
und schrie hinauf, ob sie im Schlosse bauen? Ich stand nicht weit davon, und sah
wie Stadion auf den Wall kam und antwortete: Nein; denn es wre wider den Pakt
des Stillstandes; aber ich sehe, da Ihr im Feld bauet. Georg von Frondsberg
rief: So es geschehen, ist es ohne meinen Befehl geschehen; wer bist du? Da
antwortete der im Schlo: Ich bin Ludwig von Stadion. Drauf lchelte der
Bndische und strich sich den Bart. Ist's also wie du sagst, rief er, so will
ich's wenden, ritt zu ein paar Schanzkrben und warf sie um. Dann rief er dem
Stadion zu, mit einigen Rittern herabzukommen, und miteinander einen Trunk zu
tun.
    Und sie kamen? rief der Herzog; die Ehrvergessenen kamen?
    Auf dem Schloberg vor dem uersten Graben ist ein Platz, dort sieht man
weit ins Land; hinab ins Neckartal, hinauf die Steinlach, hinber an die Alb und
Zollern, und viele Burgen schmcken die Aussicht. Dorthin lieen sie einen Tisch
bringen und Bnke, und die Bundesobersten setzten sich zum Wein. Dann ging das
Tor von Hohen-Tbingen auf, die Brcke fiel ber den Graben, und Ludwig von
Stadion mit noch sechs andern kamen ber die Brcke; sie brachten Eure silbernen
Deckelkrge, sie brachten Eure goldenen Becher und Euren alten Wein, sie grten
die Feinde mit Gru und Handschlag und setzten sich, besprachen sich mit ihnen
beim khlen Wein.
    Der Teufel gesegne es ihnen allen36! unterbrach ihn der Ritter vom
Lichtenstein, und schttete seinen Becher aus. Der Herzog aber lchelte
schmerzlich und gab Marx Stumpf einen Wink, fortzufahren.
    So taten sie sich gtlich bis in die Nacht und zechten bis sie rote Kpfe
bekamen und taumelten; ich stand nicht ferne und keine ihrer verrterischen
Reden entging mir. Als sie aufbrachen, nahm der Truchse den Stadion bei der
Hand; Herr Bruder, sagte er, in Eurem Keller ist ein guter Wein, lasset uns bald
ein, da wir ihn trinken. Jener aber lachte darber, schttelte ihm die Hand und
sagte: Kommt Zeit, kommt Rat. Wie ich nun sah, da die Sachen also stehen,
beschlo ich mit Gott mein Leben dranzusetzen, und in die Burg zu den Verrtern
zu gehen. Ich ging hinaus bis in die Grafenhalde, wo der kleinere, unterirdische
Gang beginnt. Ungesehen stieg ich hinab und drang bis in die Mitte. Dort hatten
sie das Fallgatter herabgelassen und einen Knecht hingestellt; er legte an auf
mich, als er mich durch die Finsternis kommen hrte, und fragte nach der Losung.
Ich sprach, wie Ihr befohlen, das Losungswort Eures tapfern Ahnherrn Eberhards
im Bart Atempto; der Kerl machte groe Augen, zog aber das Gatter auf und lie
mich durch. Jetzt ging ich schnellen Schrittes weiter vor, und kam heraus im
Keller. Ich schpfte einige Augenblicke Luft, denn der Atem war mir schier
ausgeblieben in dem engen Gang.
    Armer Marx! geh trinke einen Becher, das Reden wird dir schwer, sagte
Ulerich; willig befolgte jener das gtige Gehei seines Frsten, und sprach dann
mit frischer Stimme weiter:
    Im Keller hrte ich viele Stimmen, und es war mir als zanke man sich. Ich
ging den Stimmen nach, und sah eine ganze Schar der Besatzung vor dem groen Fa
sitzen und trinken. Es waren einige von Stadions Partei und Hewen und mehrere
der Seinigen. Sie hatten Lampen aufgestellt und groe Humpen vor sich; es sah
schauerlich aus, fast wie das Femgericht. Ich barg mich in ihrer Nhe hinter ein
Fa und hrte was sie sprachen. Georg von Hewen sprach mit rhrenden Worten zu
ihnen, und stellte ihnen ihre Untreue vor; er sagte, wie sie ja gar nicht ntig
haben, sich zu ergeben, wie sie auf lange mit Vorrten versehen seien, wie Euer
Durchlaucht ein Heer sammeln werden, Tbingen zu entsetzen, wie eher die
Belagerer in Not kommen, als sie.
    Ha! wackerer Hewen! und was gaben sie zur Antwort?
    Sie lachten und tranken; Da hat es gute Weile, bis der ein Heer sammelt! wo
das Geld hernehmen und nicht stehlen? sagte einer. Hewen aber fuhr fort und
sagte, wenn es auch nicht so bald mglich sei, so mssen sie sich doch halten
bis auf den letzten Mann, wie sie Euch zugeschworen, sonst handeln sie als
Verrter an ihrem Herrn. Da lachten sie wieder und tranken und sagten: Wer will
auftreten und uns Verrter nennen? Da rief ich hinter meinem Fa hervor: Ich,
ihr Buben, ihr seid Verrter am Herzog und am Land! Alle waren erschrocken, der
Stadion lie seinen Becher fallen, ich aber trat hervor, nahm meine Kappe ab und
den falschen Bart, stellte mich hin und zog Euren Brief aus dem Wams. Hier ist
ein Brief von eurem Herzog, sagte ich; er will ihr sollet euch nicht bergeben,
sondern zu ihm halten; er selbst will kommen, und mit euch siegen oder in diesen
Mauern sterben.
    O Tbingen, sagte der Herzog mit Seufzen, wie tricht war ich, da ich
dich verlie! zwei Finger meiner Linken gebe ich um dich, was sage ich zwei
Finger; die Rechte lie ich mir abhauen, knnte ich dich damit erkaufen, und mit
der Linken wollte ich dem Bund den Weg zeigen! Und gaben sie nichts, gar nichts
auf meine Worte?
    Die Falschen sahen mich finster an, und schienen nicht recht zu wissen was
sie tun sollten. Hewen aber vermahnte sie nochmals. Da sagte Ludwig von Stadion:
Ich komme schon zu spt. Achtundzwanzig der Ritterschaft wollen sich der Fehde
mit dem Bunde begeben, und den Herzog solche allein ausmachen lassen. Komme er
wieder mit Heeresmacht ins Land, so wollen sie getreulich zu ihm stehen, aber
aufs Ungewisse wollen sie den Krieg nicht fortfhren, denn ihre Burgen und Gter
werden so lange beschdigt und gebrandschatzt, bis sie nicht mehr gegen den Bund
dienen. Ich verlangte nun, sie sollen mich hinauffhren in den Rittersaal, ich
wolle versuchen, ob nicht Mnner da seien, das Schlo zu halten, ich zhlte auf,
wen ich noch fr treu halte die Nippenburg, die Gltlingen, die Ow, die beiden
Berlichingen, die Westerstetten, die Eltershofen, Schilling, Reischach, Welwart,
Kaltenthal - der von Hewen aber schttelte den Kopf und sagte, ich habe mich in
manchem geirrt!
    Und Stammheim, Thierberg, Westerstetten, meine Getreuen hast du sie nicht
gesehen?
    O ja, sie saen im Keller beim Stadion, und tranken Euren Wein. Hinauf
wollten sie mich aber nicht lassen. Selbst Hewen, selbst Freiberg und Heideck,
die mit ihm waren, rieten ab, sie sagten, die zwei Parteien seien ohnedies schon
schwierig gegeneinander, der Stadion habe die Mehrzahl fr sich und auch den
grten Teil der Knechte. Wenn ich hinaufgehe, komme es im Schlohof und im
Rittersaal zum Kampfe, und es bleibe ihnen als den Geringeren nichts brig, als
zu sterben. So gerne sie nun auch fr Euch den letzten Blutstropfen aufwenden,
so wollen sie doch lieber in der Feldschlacht gegen den Feind fallen, als von
ihren Landsleuten und Waffenbrdern totgeschlagen werden Da blieb mir nichts
brig als sie zu bitten, sie mchten sich des Prinzen Christoph und Eures zarten
Tchterleins annehmen, und ihnen das Schlo bei der bergabe erhalten. Einige
sagten zu, andere schwiegen und zuckten die Achsel, ich aber gab den Verrtern
meinen Fluch als Christ und Ritter, sagte fnf von ihnen auf, und lud sie zum
Kampf auf Leben und Tod, wenn der Krieg zu Ende sei; dann wandte ich mich und
ging auf demselben Wege aus der Burg, wie ich gekommen war.
    Herr Gott im Himmel! htte ich dies fr mglich gehalten, rief
Lichtenstein. Zweiundvierzig Ritter, zweihundert Knechte, eine feste Burg, und
sie doch verraten! Unser guter Name ist beschimpft; noch in spten Zeiten wird
man von unserem Adel sprechen, und wie sie ihr Frstenhaus im Stich gelassen;
das Sprichwort Treu und ehrlich wie ein Wrttemberger ist zum Hohn geworden!
    Wohl konnte man einst sagen, treu wie ein Wrttemberger, sprach Herzog
Ulerich, und eine Trne fiel in seinen Bart. Als mein Ahnherr Eberhard einst
hinabritt gen Worms, und mit den Kurfrsten, Grafen und Herren zu Tische sa, da
sprachen und rhmten sie viel vom Vorzug ihrer Lnder. Der eine rhmte seinen
Wein, der andere sprach von seiner Frucht, der dritte gar von seinem Wild, der
vierte grub Eisen in seinen Bergen. Da kam es auch an Eberhard im Bart. Von
euren Schtzen wei ich nichts aufzuweisen, sagte er, doch gehe ich abends durch
den dunkelsten Wald, und komm ich nachts durch die Berge und bin md und matt,
so ist ein treuer Wrttemberger bald zur Hand, ich gre ihn und leg mich in
seinen Scho und schlafe ruhig ein. Des wunderten sich alle und staunten und
riefen: Graf Eberhard hat recht! und lieen treue Wrttemberger leben. Geht
jetzt der Herzog durch den Wald, so kommen sie und schlagen ihn tot, und leg ich
meine Treuen in die Burgen, kaum wende ich den Rcken, so handeln sie mit dem
Feind. Die Treue soll der Kuckuck holen - doch fahre fort; gib mir den Kelch bis
auf die Hefe, ich bin der Mann dazu ohne Furcht den Grund zu sehen.
    Nun, da ich's kurz sage, ich hielt mich noch in Tbingen auf, bis ich
Gewiheit bekme, wegen der bergabe. Gestern am Ostermontag sind sie
zusammengekommen, sie haben die Pakten schriftlich aufgesetzt, und nachher durch
den Herold auf den Straen ausrufen lassen, um fnf Uhr abends haben sie das
Schlo bergeben. Ihr seid der Regierung frmlich entsetzt. Prinz Christoph,
Euer Shnlein behlt Schlo und Amt Tbingen, doch zu des Bundes Dienst und
unter seiner Obervormundschaft, und in das brige heit es, werden sich die
Herren teilen. Ich habe viel Jammer erfahren in meinem Leben, ich habe einen
Freund im Lanzenstechen umgebracht, ein liebes Kind ist mir gestorben und mein
Haus abgebrannt, aber so wahr mir Gott gndig sei und seine Heiligen, mein
Schmerz war nie so gro als in jener Stunde, wo ich des Bundes Farben neben Euer
Durchlaucht Panieren aufpflanzen, als ich ihr rotes Kreuz Wrttembergs Geweihe
und den Helm mit dem Jagdhorn bedecken sah!
    So sprach Marx Stumpf von Schweinsberg. Die Sonne war whrend seiner
Erzhlung vllig heraufgekommen, auch an den uersten Bergen war der Nebel
gefallen, und was um die fernen Hhen von Asperg zog, war ein Duft, der wie ein
zarter Schleier vom Horizont herabhing, und die Gegenden, ber welche er sich
breitete, nur in noch reizenderem Lichte durchschimmern lie. Angetan mit dem
sanften Grn der Saaten, mit den dunkleren Farben der Wlder, geschmckt mit
freundlichen Drfern, mit glnzenden Burgen und Stdten lag Wrttemberg in
seiner Morgenpracht. Sein unglcklicher Frst berschaute es mit trben Blicken.
Die Natur hatte ihm einen festen Mut und ein Herz gegeben, das Kummer und Elend
nicht zu brechen vermochte; nicht zu jeder Stunde, nicht jedem teilte er seine
Empfindungen mit, und wenn ein groes Unglck ber ihn kam, pflegte er zu
schweigen und zu handeln.
    Auch in diesen schrecklichen Momenten, wo mit der letzten, festen Burg seine
letzte Hoffnung gefallen war, verschlo er einen groen Schmerz in einer tapfern
Brust. Wer stand je an dem Sarg einer Mutter, und fhlte nicht, wenn er den
letzten Blick auf die teuren, bleichen Zge, auf den verstummten Mund warf,
bittere Empfindungen in sich aufsteigen? Es ist die Reue, was in solchen
Augenblicken den Menschen bermannt. Man erinnert sich, wie unendlich viel sie
fr uns getan, wie sie uns als Kind so liebreich hegte, wie ihr kein Opfer zu
schwer ward, das sie dem Jngling nicht gebracht htte. Und wie haben wir
vergolten? wir waren gleichgltig gegen so viele rhrende Liebe, wir glaubten,
es msse nun einmal so sein, wir waren sogar undankbar und murrten, wenn nicht
alle unsere Wnsche schnell erfllt wurden, wir verpraten ihr Gut, und achteten
nicht auf ihre stillen Trnen.
    Jetzt wo dieses liebevolle Auge uns nicht mehr sieht, wo dieses Ohr auf
immer verschlossen ist, das nur auf unsere Wnsche lauschte, wo diese Hnde
unsern letzten Druck nicht mehr fhlen, diese Hnde, die uns mhsam nhrten:
jetzt bestrmen alle jene Gefhle von Reue, Dankbarkeit, Liebe unsere Brust,
deren eines hingereicht htte in den vorigen Tagen, sie glcklich zu machen!
    Ein hnliches Gefhl der Reue war es, was drckend auf der Brust Ulerichs
von Wrttemberg lag, als er auf sein Land hinabschaute, das auf ewig fr ihn
verloren schien. Seine edlere Natur, die er oft im Gewhle eines prchtigen
Hofes, und betubt von den Einflsterungen falscher Freunde verleugnet hatte,
trauerte mit ihm, und es war nicht sein Unglck allein was ihn beschftigte,
sondern auch der Jammer des okkupierten Landes.
    Als er sich daher nach geraumer Zeit von dem Anblick in die Ferne zu seinen
Freunden wandte, staunten sie ber den Ausdruck seiner Zge. Sie hatten
erwartet, Zorn und Grimm ber den Verrat seiner Edlen auf seiner Stirne, in
seinen Augen zu lesen, aber es war eine tiefe Rhrung, ein stiller, groer
Schmerz, was seinen Mienen einen Ausdruck von Milde gab, den sie nie an ihm
gekannt hatten.
    Marx! wie verfahren sie gegen das Landvolk? fragte er.
    Wie Ruber, antwortete dieser; sie verwsten ohne Not die Weinberge, sie
hauen die Obstbume nieder und verbrennen sie am Wachtfeuer, Sickingens Reiter
traben durch das Saatfeld, und treten nieder was die Pferde nicht fressen. Sie
mihandeln die Weiber und pressen den Mnnern das Geld ab. Schon jetzt murrt das
Volk allerorten, und lasset erst den Sommer kommen und den Herbst! Wenn aus den
zerstampften Fluren kein Korn aufgeht, wenn auf den verwsteten Bergen keine
Weinbeere wchst, wenn sie erst noch die ungeheure Kriegssteuer, die der
Bundesrat umlegen wird, bezahlen mssen - da wird das Elend erst recht angehen.
    Die Buben! rief der Herzog, und ein edler Zorn sprhte aus seinen Augen;
sie rhmten sich mit groen Worten, sie kmen um Wrttemberg von seinem
Tyrannen zu befreien, es zu entheben aller Not. Und sie hausen im Lande wie im
Trkenkrieg. Aber ich schwre es, so mir Gott eine frhliche Urstnd gebe, und
seine Heiligen gndig sein wollen meiner Seele, wenn keine Saat aufgeht in den
verwsteten Tlern des Neckars und auf seinen Hhen keine Traube reift, ich will
kommen und mhen und Garben schneiden - in ihren Gliedern, ich will kommen mit
schrecklichen Winzern, will sie treten und keltern und ihr Blut verzapfen. Ich
will rchen was sie an mir und meinem Land getan, so mir der Herr helfe.
    Amen! sprach der Ritter vom Lichtenstein. Aber ehe Ihr hereinkommt, mt
Ihr auf gute Art hinaus sein aus dem Land.
    Es ist keine Zeit zu verlieren, wenn Ihr ungefhrdet entkommen wollet.
    Der Herzog sann eine Weile nach, und antwortete dann: Ihr habt recht, ich
will nach Mmpelgard; von dort aus will ich sehen ob ich so viele Mannschaft an
mich ziehen kann, um einen Einfall in das Land zu wagen. Komm her du treuer
Hund, du wirst mir folgen ins Elend der Verbannung. Du weit nicht was es heit,
die Treue brechen und den Eid vergessen.
    Hier steht noch einer, der dies auch nicht kennt, sagte Schweinsberg, und
trat nher zu dem Herzog. Ich will mit Euch ziehen nach Mmpelgard, wenn Ihr
meine Begleitung nicht verschmhet.
    Aus den Augen des alten Lichtenstein blitzte ein kriegerisches Feuer: Nehmt
auch mich mit Euch, Herr! sagte er. Meine Knochen taugen freilich nicht mehr
viel, aber meine Stimme ist noch vernehmlich im Rat.
    Marie sah mit leuchtenden Blicken auf den Geliebten, ber die Wangen Georgs
von Sturmfeder zog ein glhendes Rot, sein Auge leuchtete vom Mut der
Begeisterung. Herr Herzog! sagte er. Ich habe Euch meinen Beistand angetragen
in jener Hhle, als ich nicht wute, wer Ihr wret, Ihr habt ihn nicht
verschmht. Meine Stimme gilt nicht viel im Rat, aber knnet Ihr ein Herz
brauchen das recht treu fr Euch schlgt, ein Auge das fr Euch wacht, wenn Ihr
schlafet, und einen Arm, der die Feinde von Euch abwehrt, so nehmt mich auf, und
lasset mich mit Euch ziehen!
    Alle jene Empfindungen, die ihn zu dem Mann ohne Namen gezogen hatten,
loderten in dem Jngling auf, sein Unglck und die erhabene Art, wie er es trug,
vielleicht auch jener aufmunternde Blick der Geliebten, erhhten diese Flammen
zur Begeisterung, und zogen ihn zu den Fen des Herzogs ohne Land.
    Der alte Herr von Lichtenstein blickte mit stolzer Freude auf seinen jungen
Gast, gerhrt sah ihn der Herzog an und bot ihm seine Hand, hob ihn auf von den
Knieen, und kte ihn auf die Stirne.
    Wo solche Herzen fr uns schlagen, sagte er, da haben wir noch feste
Burgen und Wlle, und sind noch nicht arm zu nennen. Du bist mir lieb und wert,
Georg von Sturmfeder, du wirst mich begleiten, mit Freuden nehme ich deine
treuen Dienste an. Marx Stumpf von Schweinsberg, dich brauche ich zu wichtigerem
Geschft als meinen Leib zu decken. Ich werde dir Auftrge geben nach Hohentwiel
und der Schweiz; Eure Begleitung, guter Lichtenstein, kann ich nicht annehmen.
Ich ehre Euch wie einen Vater, Ihr habt getreu an mir gehandelt, Ihr habt mir
allnchtlich Eure Burg geffnet; ich will's vergelten. Wenn ich mit Gottes Hlfe
wieder ins Land komme, soll Eure Stimme die erste sein in meinem Rat.
    Sein Auge fiel auf den Pfeifer von Hardt, der demtig in der Ferne stand:
Komm her, du getreuer Mann! rief er ihm zu, und reichte ihm seine Rechte, du
hast dich einst schwer an Uns verschuldet, aber du hast treu abgebt, was du
gefehlt.
    Ein Leben ist nicht so schnell vergolten, sagte der Bauer, indem er dster
zum Boden blickte, noch bin ich in Eurer Schuld, aber ich will sie zahlen.
    Gehe heim in deine Htte, so ist mein Wille; treibe deine Geschfte wie
zuvor, vielleicht kannst du Uns treue Mnner sammeln, wenn Wir wieder ins Land
kommen. Und Ihr, Frulein! wie kann ich Eure Dienste lohnen? Seit vielen Nchten
habt Ihr den Schlaf geflohen, um mir die Tre zu ffnen und mich zu sichern vor
Verrat! Errtet nicht so, als httet Ihr eine groe Schuld zu gestehen; jetzt
ist es Zeit zu handeln. Alter Herr, wandte er sich zu Mariens Vater; ich
erscheine als Brautwerber vor Euch, Ihr werdet den Eidam nicht verschmhen, den
ich Euch zufhre?
    Wie soll ich Eure Reden verstehen, gndigster Herr, sagte der Ritter,
indem er verwundert auf seine Tochter sah.
    Der Herzog ergriff Georgs Hand und fhrte ihn zu jenem. Dieser liebt Eure
Tochter und das Frulein ist ihm nicht abhold, wie wre es alter Herr, wenn Ihr
ein Prlein aus ihnen machtet? Zieht nicht die Stirne so finster zusammen, es
ist ein ebenbrtiger Herr, ein tapferer Kmpe, dessen Arm ich selbst versuchte,
und jetzt mein treuer Geselle in der Not.
    Marie schlug die Augen nieder, auf ihren Wangen wechselte hohe Rte mit
Blsse, sie zitterte vor dem Ausspruch des Vaters. Dieser sah sehr ernst auf den
jungen Mann: Georg, sagte er, ich habe Freude an Euch gehabt seit der ersten
Stunde, da ich Euch sah; sie mchte brigens nicht so gro gewesen sein, htte
ich gewut, was Euch in mein Haus fhrte.
    Georg wollte sich entschuldigen, der Herzog aber fiel ihm in die Rede: Ihr
vergesset, da ich es war, der ihn zu Euch schickte mit Brief und Siegel, er kam
ja nicht von selbst zu Euch; doch was besinnet Ihr Euch so lange? Ich will ihn
ausstatten wie meinen Sohn, ich will ihn belohnen mit Gtern, da Ihr stolz sein
sollet auf einen solchen Schwiegersohn.
    Gebt Euch keine Mhe weiter, Herr Herzog, sagte der junge Mann, gereizt,
als der Alte noch immer unschlssig schien. Es soll nicht von mir heien, ich
habe mir ein Weib erbettelt und ihrem Vater mich aufdrngen wollen, dazu ist
mein Name zu gut. Er wollte im Unmut das Zimmer verlassen, der Ritter von
Lichtenstein aber fate seine Hand, Trotzkopf! rief er, wer wird denn gleich
so aufbrausen, da, nimm sie, sie sei dein, aber denke nicht daran, sie
heimzufhren, solange ein fremdes Banner auf den Trmen von Stuttgart weht. Sei
dem Herrn Herzog treu, hilf ihm wieder ins Land zu kommen, und wenn du treulich
aushltst: am Tag wo ihr in Stuttgarts Tore einzieht, wo Wrttemberg seine
Fahnen wieder aufpflanzt und seine Farben von den Zinnen wehen, will ich dir
mein Tchterlein bringen, und du sollst mir ein lieber Sohn sein!
    Und an jenem Tag, sprach der Herzog, wird das Brutchen noch viel schner
errten, wenn die Glocken tnen von dem Turme und die Hochzeit in die Kirche
ziehet! Dann werde ich zum Brutigam treten, und zum Lohn fordern was mir
gebhrt. Da guter Junge! gib ihr den Brautku, es ist zu vermuten, da es nicht
der erste ist, herze sie noch einmal, und dann gehrst du mein, bis an den
frhlichen Tag wo wir in Stuttgart einziehen. Lasset uns trinken, ihr Herren,
auf die Gesundheit des Brautpaars.
    Auf Mariens holden Zgen stieg ein Lcheln auf, und kmpfte mit den Trnen,
die noch immer aus den schnen Augen perlten. Sie go die Becher voll, und
kredenzte den ersten dem Herzog mit so dankbaren Blicken, mit so lieblicher
Anmut, da er Georg glcklich pries, und sich gestehen mute, manch anderer
machte um solchen Preis selbst sein Leben wagen.
    Die Mnner ergriffen ihre Becher und erwarteten, da ihnen der Herzog einen
guten Spruch dazu sagen werde nach seiner Weise. Aber Ulerich von Wrttemberg
warf einen langen Abschiedsblick auf das schne Land, von dem er scheiden mute,
einen Augenblick wollte sich eine Trne in seinem Auge bilden, er wandte sich
krftig ab. Ich habe hinter mich geworfen, sagte er, was mir einst teuer war,
ich werde es wiedersehen in besseren Tagen. Doch hier in diesen Herzen besitze
ich noch Lnder. Beklaget mich nicht, sondern seid getrosten Mutes, wo der
Herzog ist und seine Treuen, hie gut Wrttemberg allewege!


                                  Dritter Teil

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 In Schwaben, wo dein Vater Herzog war,
 Wo ihn und dich ein biederes Volk geliebt,
 Wo mancher jetzt auf seiner Feste haust,
 Der unter deinem Banner einst gekmpft,
 Dort mu von dir noch ein Gedchtnis sein,
 Dorthin sei unser irrer Pfad gelenkt,
 Des Schwarzwalds dichter Schatten nehm uns auf.
                                                                       L. Uhland

Wohl nie so schwl hat ein Sommer ber Wrttemberg gelegen, als der des Jahres
1519. Das ganze Land hatte dem Bunde gehuldiget, und meinte es werde jetzt Ruhe
haben. Aber jetzt erst zeigten die Bundesglieder deutlich, da es nicht die
Wiedereinnahme von Reutlingen gewesen sei, was sie zusammenfhrte. Sie wollten
bezahlt sein, sie wollten Entschdigung haben fr ihre Mhe. Die einen wollten,
man solle Wrttemberg unter sie teilen, die andern, man solle es an streich
verkaufen, die dritten wollten es Ulerichs Kindern erhalten - aber unter des
Bundes Obervormundschaft. Sie stritten sich um den Besitz des Landes, auf das
weder der eine noch der andere gerechte Ansprche machen konnte. Das Land selbst
war in Spaltung und Parteien. Es sollte die Kriegskosten decken, und doch war
niemand da, der zahlen wollte. Die Ritterschaft hielt es fr eine erwnschte
Gelegenheit, sich ganz vom Lande loszusagen, und sich fr unabhngig zu
erklren. Die Brger und Bauern waren ausgesogen, ihre Felder waren verwstet
und zertreten, sie sahen nirgends eine Aussicht sich zu erholen; die
Geistlichkeit wollte auch nicht allein bezahlen, und so war alles in Hader und
Streit. Es ging auch vielen tief zu Herzen, da ihr angeborner Frst so schnde
behandelt worden war; manchen kam jetzt, da der Herzog fern von dem Lande seiner
Vter in Verbannung hauste, Reue und Sehnsucht an. Sie verglichen sein Regiment
mit dem jetzigen; es war nicht besser, wohl aber schlimmer geworden. Aber sie
lebten unter zu hartem Zwang, als da sie ihre Schmerzen htten offenbaren
knnen.
    Der Regentschaft des Bundes entging diese Unzufriedenheit des Volkes nicht;
sie mute, wie sich in alten Berichten findet, manche seltsame und bse Rede
hren. Sie suchten durch geschrfte Strenge sich Anhnglichkeit zu erwerben; sie
streuten Lgen ber den Herzog aus.37 Man gebot den Priestern gegen ihn zu
predigen, wer von ihm Gutes rede, soll gefangen werden, wer ihn heimlich
untersttze, soll der Augen beraubt, sogar enthauptet werden.
    Aber Ulerich hatte noch treue Leute unter dem Landvolk, die ihm auf geheimen
Wegen Kunde brachten, wie es in Wrttemberg stehe. Er sa in seiner Grafschaft
Mmpelgard, und harrte dort mit den Mnnern, die ihm ins Unglck gefolgt waren,
auf gnstige Gelegenheit in sein Land zu kommen. Er schrieb an viele Frsten, er
beschwor sie ihm zu Hlfe zu kommen; aber keiner nahm sich seiner sehr ttig an.
Er schrieb an die zur neuen Kaiserwahl versammelten Kurfrsten, sie halfen
nicht; das einzige was sie taten, war, dem neuen Kaiser in seiner Kapitulation
eine Klausel anzuhngen, die Wrttemberg und den Herzog betraf - er hat sie
nicht geachtet. Als sich der Herzog von aller Welt also verlassen sah, wankte er
dennoch nicht, sondern setzte alles daran, sein Land mit eigener Macht
wiederzuerobern. Es waren einige Umstnde, die fr ihn sehr gnstig schienen.
Der Bund hatte nmlich, als er Kunde bekam, da sich niemand des Vertriebenen
annehmen wolle, seine Vlker entlassen. Die meisten Stdte und Burgen behielten
nur sehr schwache Besatzungen, und selbst in Stuttgart waren nur wenige Fhnlein
Knechte gelassen worden.
    Durch diese Maregel aber hatte sich der Bund einen Feind erworben, den man
geringschtzte, der aber viel zur nderung der Dinge beitrug - es waren dies die
Landsknechte. Diese Menschen aus allen Enden und Orten des Reiches
zusammengelaufen, boten gewhnlich dem ihre Hlfe an, der sie am besten zahlte;
fr was und gegen wen sie kmpften war ihnen gleichgltig. Um sie zu halten
mute man ihnen vieles nachsehen, und Raub, Mord, Plnderung, Brandschatzen,
fhrten sie auf ihre eigene Faust aus, um sich zu entschdigen, wenn sie den
Sold nicht richtig bekamen. Georg von Frondsberg war der erste gewesen, der sie
durch sein Ansehen im Heere, durch tgliche bungen und unerbittliche Strenge,
einigermaen im Zaum hielt; er hatte sie in regelmige Rotten und Fhnlein
eingeteilt, er hatte ihnen bestimmte Hauptleute gegeben, er hatte sie gelehrt,
geordnet in Reihen und Gliedern zu fechten. Sie zeigten aber jetzt, da sie aus
einer guten Schule kamen; denn als sie vom Bunde entlassen waren, liefen sie
nicht wie frher, zerstreut durch das Land, um Dienste zu suchen, sondern
rotteten sich zusammen, richteten zwlf Fhnlein auf, erwhlten aus ihrer Mitte
Hauptleute38, und selbst einen Obersten in der Person des langen Peters. Sie
waren schwrig auf den Bund, nhrten sich von Raub und Brandschatzen im Land,
und fhrten Krieg auf eigene Rechnung. Die Anarchie war in Wrttemberg so gro,
da ihnen niemand die Spitze bot. Der Bund hatte sich an Streitkrften entblt,
und war zu sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten beschftigt, als da er das
arme Land von dieser Bande befreit htte; die Ritterschaft war uneinig, sie
saen auf den Schlssern und sahen ruhig diesem Treiben zu; die Besatzung der
Stdte war zu gering, um ihnen mit Kraft Einhalt zu tun, und Brger und Bauern
sahen sogar diesen Haufen gerne, wenn seine Forderungen nur nicht allzu gro
waren, denn die Landsknechte schimpften weidlich auf den Bund, dem niemand hold
war; ja es ging sogar die Sage, diese Kriegsmnner seien nicht abgeneigt, dem
Herzog wieder zu seinem Land zu verhelfen.
    Es war ein schner Morgen in der Mitte Augusts, als sich diese Leute in
einem Wiesentale gelagert hatten, das der Grenze von Baden zunchst gelegen war.
Die riesigen, schwarzen Tannen und Fhren, die das Tal auf drei Seiten
einschlossen, gehrten noch dem Schwarzwald an, und das Flchen, das durch das
Tal eilte, war die Wrm. Halb berschattet vom Wald, halb in den Weidenbschen
des Tales versteckt, lag das kleine Heer in wunderlichen Gruppen und pflegte der
Ruhe. In der Entfernung von zweihundert Schritten sah man Posten aufgestellt,
deren blitzende Lanzen oder rotglhende Lunden schon von weitem Furcht
einjagten. In der Mitte des Tales im Schatten einer Eiche saen fnf Mnner um
einen ausgespannten Mantel, den sie als Tisch gebrauchten, um ein Spiel auf ihm
zu spielen, das heute noch den Namen Landsknecht fhrt. Diese Mnner zeichneten
sich vor ihren brigen Genossen durch breite, rote Binden aus, die sie ber die
Schulter und Brust herabhngen hatten, sonst aber hatte ihre Bekleidung auch das
zerrissene und morsche Aussehen, wie das der brigen Soldateska. Einige hatten
Sturmhauben auf, andere groe Filzhte mit eisernen Bndern beschlagen, dazu
Lederkoller, welche von Regen, Staub und Biwaks alle mgliche Schattierungen
erhalten hatten.
    Bei nherem Blick erkannte man brigens noch zwei Dinge, durch welche sie
sich von ihren Kameraden unterschieden. Sie fhrten nmlich keine Donnerbchsen
oder Spiee, wie sie die Landsknechte gewhnlich trugen, sondern Raufdegen von
ungemeiner Lnge und Breite. Auch hatten sie, wie es damals die Edelleute und
Anfhrer trugen, auf ihren Hten und Sturmhauben, bunte, wallende Federbsche
aus Hahnenschwnzen, um sich ein ritterliches Ansehen zu geben.
    Die fnf Mnner schienen groe Geschicklichkeit im Spiel zu besitzen,
vorzglich aber einer, der sich mit dem Rcken an die Eiche lehnte. Es war dies
ein langer wohlbeleibter Mann. Er hatte einen Hut auf, dessen Rand sich wie ein
bedeutender Mhlstein um den Kopf zog; der Hut war mit einer Goldtresse besetzt,
auf der Stirnseite war er mit dem goldenen Bild des heiligen Petrus geschmckt,
aus welchem zwei ungeheure rote Hahnenfedern hervorragten. Dieser Mann mute
weit in der Welt herumgekommen sein, denn er konnte auf franzsisch,
italienisch, ungarisch fluchen, seinen Bart aber trug er ungarisch, er hatte ihn
nmlich mit Pech so zusammengedreht, da er wie zwei eiserne Stacheln auf beiden
Seiten der Nase eine Spanne in die Luft hinausstarrte.
    Canto cacramento! rief dieser groe Mann mit einem drhnenden Ba, der
kleine Wenzel ist mein; drauf! ich stech ihn mit dem Eichelknig.
    Mein ist er, mit Verlaub, rief sein Nebenmann, und der Knig dazu; da
liegt die Eichelsau!
    Mord de ma Vich, zagt der Franzoz; Hauptmann Lffler, Ihr wollt Eurem
Oberst diesen Stich abjagen? Schmt Euch, schmt Euch; daz ist ein Rebeller, der
daz tut; Gott straf mein Zeel, Ihr wollt mich vom Regiment absetzen? Der groe
Mann funkelte zu diesen Worten grlich mit den Augen, schob seinen groen Hut
auf das Ohr, da seine berhngenden Augenbrau'n und eine mchtige rote Narbe
auf der Stirne sichtbar wurden, die ihm ein ungemein kriegerisches Ansehen
gaben.
    Beim Spiel, Herr Oberst Peter, gilt keine Kriegsordnung, antwortete der
andere Spieler. Ihr knnet uns Hauptleuten befehlen, ein Stdtchen zu
blockieren und zu brandschatzen, aber beim Spiel ist jeder Landsknecht so gut
wie wir.
    Ihr zeid ein Meuter, ein Rebeller gegen die Obrigkeit, Gott straf mein
Zeel, und wre es nicht gegen meine Wrde, ich wollt Euch in Kochstcke
mazakerieren; aber spielt weiter.
    Da liegt ein Daus - drauf der Quater - den stech ich mit dem Zinken, -
Schellenwenzel, wer sticht den? -
    Ich, sprach der Groe, da liegt der Schellenknig, Mordblei! der Stich
ist mein.
    Wie bringst du den Schellenknig rauf? rief ein kleines, drres Mnnchen
mit spitzigem Gesicht und kleinen, giftigen uglein und heiserer Stimme, hab
ich nicht gesehen als du ausgabst, da er unten liegt? Er hat betrogen, der
lange Peter hat schndlich betrogen.
    Muckerle, Hauptmann vom achten Fhnlein! ich rat Euch, haltet Euer Maul,
sagte der Oberst, Bassa manelka, ich versteh keinen Spa; die Mauz zoll den
Lwen nicht erzrnen.
    Und ich sag's noch einmal; wo httest du sonst den Knig her? Vor dem Papst
und dem Knig von Frankreich will ich's beweisen; du falscher Spieler!
    Muckerle, erwiderte der Oberst, und zog kaltbltig seinen Degen aus der
Scheide, bete noch ein Ave Maria und ein Gratias, denn ich schlage dich tot, zo
wie daz Spiel auz ist
    Die brigen drei Mnner wurden durch diese Streitigkeiten aus ihrer Ruhe
aufgeschreckt. Sie erklrten sich fr den kleinen Hauptmann, und gaben nicht
undeutlich zu verstehen, da man dem Obersten wohl dergleichen zutrauen knnte;
dieser aber verma sich hoch und teuer, er habe nicht betrogen. Wenn der
heilige Petruz, mein gndiger Herr Patron, den ich auf dem Hut trage, sprechen
knnte, der wrde mir, zo wahr er ein christlicher Landsknecht war, bezeugen,
da ich nicht betrogen!
    Er hat nicht betrogen, sagte eine tiefe Stimme, die aus dem Baum zu kommen
schien. Die Mnner erschraken und schlugen Kreuze wie vor einem bsen Spuk,
selbst der tapfere Oberst erbleichte und lie die Karte fallen, aber hinter dem
Baum hervor trat ein Bauersmann, der mit einem Dolch bewaffnet war, und eine
Zither an einem ledernen Riemen auf der Schulter hngen hatte. Er sah die Mnner
mit unerschrockenen Blicken an und sagte: Es ist wie ich sagte, dieser Herr da
hat nicht betrogen, er bekam schon beim Ausgeben, Schellen und Eichelknig,
Fnfe und Vier von Laub und den Schippenunter in die Hand.
    Ha! du bist ein wackerer Kerl, rief der Oberst vergngt, zo wahr ich ein
ehrlicher Landsknecht - will zagen Oberst bin, ez ist all wahr waz du gezagt
hast.
    Was ist denn das? rief der kleine Hauptmann Muckerle mit giftigen Blicken,
wie hat sich der Bauer daher eingeschlichen, ohne da unsere Wachen ihn
meldeten? Das ist ein Spion, man mu ihn hngen!
    Zei nicht wunderlich, Muckerle; daz ist kein Spioner; komm, zez dich zu
mir. Bist ein Spielmann, da du die Cittarra umhngst, wie ein Spanier, wenn er
zu zeinem Schtzerl geht?
    Ja Herr! ich bin ein armer Spielmann; Eure Wachen haben mich nicht
angehalten, als ich aus dem Wald kam. Ich sah Euch spielen, und wagte es den
Herren zuzusehen.
    Die Hauptleute dieses Freikorps waren nicht gewohnt so hflich mit sich
sprechen zu hren, daher faten sie Zuneigung zu dem Spielmann, und luden ihn
sehr herablassend ein, sich zu ihnen zu setzen, denn sie hatten in fremden
Kriegsdiensten gelernt, da groe Knige und Feldherren sehr vertraulich mit den
Meistern des Gesanges umgehen.
    Der Oberste tat einen Trunk aus einer zinnernen Flasche, bot sie dem kleinen
Hauptmann und sprach mit heiterer Miene: Muckerle, daz zoll mein Tod zein, waz
ich getrunken, wenn ich nicht allez vergesse; Hader und Zank haben ein Ende; wir
wollen nicht weiterspielen, ihr Herren; ich liebe Gezang und Lautenspiel, wie
wre ez, wenn wir uns aufspielen lieen?
    Die Mnner willigten ein, und warfen die Karten zusammen; der Spielmann
stimmte seine Zither, und fragte was er singen solle?
    Sing ein Lied vom Spiel! rief einer; weil wir gerade dran sind.
    Der Spielmann sann ein wenig nach und hub an:

Von dem Zinken, Quater und As
Kommt mancher in des Teufels Ga,
Von Quater, Zinken und von Dreien
Mu mancher Waffengo schreien,
Von As, Se und Daus
Hat mancher gar ein des Haus,
Von Quater Drei und Zinken
Mu mancher lauter Wasser trinken.
Von Zinken, Drei und Quater
Weinen oft Mutter, Kind und Vater,
Von Zinken, Quater und Se
Mu Jungfrau, Metz und Agnes,
Oft gar lang unberaten bleiben
Will er die Lng das Spiel betreiben.39

Der Oberst Peter und die Hauptleute lobten das Lied und reichten dem Spielmann
zum Dank die Flasche; Gott gesegne es euch, sagte dieser, indem er die Flasche
zurckgab; viel Glck zu eurem Zuge; ihr seid wohl Obersten und Hauptleute des
Bundes und ziehet wieder zu Feld? darf man fragen gegen wen?
    Die Mnner sahen sich an und lchelten, der Oberst aber antwortete ihm:
Ganz unrecht habt Ihr nicht, wir haben frher dem Bund gedient, jetzt aber
dienen wir niemand alz unz zelbst, und wer Leute braucht wie wir zind.
    Die Schweizer werden heuer ein gutes Jahr haben, man sagt ja, der Herzog
wolle wieder ins Land?
    Aller Hund Krmmen komme auf die Schweizer, rief der Oberst; wie bel
zind zie an ihm gefahren; der gute Herzog hat all zeine Hoffnung auf zie
gesetzt, und diavolo maledetto wie haben zie ihn im Stich gelassen bei
Blaubeuren!!
    Sie haben ihn schndlich gelassen, sagte der Hauptmann Muckerle mit
heiserer Stimme; aber doch so man's beim Licht b'sieht, so g'schieht ihm wohl
halb recht, dann er sollt sie je wohl kennt haben; es leit doch am Tag, da sie
kein dick's Brittlein bohren. Der Tfell hol sie all
    Ja, der Herzog hat halt nichts Besseres haben knnen, entgegnete der
Spielmann; freilich wenn er solche Herren gehabt htte, wie ihr und eure
tapfere Fhnlein, da wre der Bund noch bei Ulm.
    Du hast da ein wahrez Wort gesprochen, guter Gezell! Landsknecht' htte er
zollen haben und keine Schwyzer. Und hlt er zich jetzt wieder zu ihnen, zo wei
ich waz ich von ihm halte. Landsknecht' htt er zollen haben, ich zag's noch
einmal. Nicht wahr, Magdeburger?
    Dat well ich man och meenen, antwortete der Magdeburger. Landsknechte
oder keener knnen den Heertog wieder eup den Stuhl setzen. Die Schweizer knnen
man gar nichts als mit den Hellebarden in die Glieder stechen; dat ist all ihre
Kunst. Aber Ihr solltet man sehen, wie wir die Donnerbchsen laden, uf die Gabel
legen un mit dem Lunden drauf, dat dich dat Wetter; dat Manfer macht uns keener
nich nach; Gott straf mir keener. Sie brauchen ein halve Stunde, um ihre Kugeln
loszuschieen, und wir Landsknecht eene halbe Vertelstund.
    Ja, alle Achtung vor den Herren Landsknechten, sagte der Spielmann, und
lftete ehrerbietig die Mtze; freilich euch Herren sollt er haben. Aber der
Bund wird euch so gut belohnt haben, da ihr dem armen Herzog nicht zu Hlfe
ziehen mget.
    Gelohnt, socht er? rief der fnfte Hauptmann und lachte; jo wenn er 's
Geld von Blech schlagen knnt. Der schwbisch' Hund! bei denen gilt's
Sprichwort:

Dien wohl und fordre keinen Sold,
So werden dir die Herren hold.

Ich sog schlecht hot er uns bezohlt; und wenn Seine Durchlaucht der Herr Herzog
mi hoben will, i steh 'nem z'Dienst wie jedem.
    Staberl, du hast recht, sagte der Oberst, und wichste den ungarischen
Bart. Mordblei, die Kaz ist gern, wo man sie strhlet; wenn der Herr Ulerich
gut zahlt, zo wird, Gott straf mein Zeel, unsere ganze Mannschaft mit ihm
ziehen.
    Nun, das werdet Ihr bald sehen knnen, entgegnete der Bauer listig
lchelnd, habt Ihr noch keine Antwort vom Herzog auf Eure Botschaft?
    Der Oberst Peter ward feuerrot bis in die Stirne. Mordelement! wer bist
denn du, Menschenkind, daz du mein Geheimnuz weit? wer hat dir gezagt, daz ich
zum Herzog schickte.
    Zum Herzog hob Er g'schickt, Peter? Wos hobt er denn fr G'heimnis
mitenonder, do wir's nit wissen drften? Sog es nur gleich!
    Nun, ich hab gedacht, ich msse wieder einmal fr euch alle denken wie
immer und hab einen Mann zum Herzog geschickt, ihm in unzerm Namen einen schnen
Gruz entboten und fragen lassen, ob er unz brauchen knnt. Dez Monats fr den
Mann einen halben Dicktaler, uns Obersten und Hauptleut aber ein Goldglden und
tglich vier Maaz alten Wein.
    Dat is keen bitterer Vorschlach, der Teiwel! eenen Goldglden monatlich?
ich bin dabei und es wird keener wat dagegen haben. Hast du Antwort von den
Heertog?
    Bis jetzt noch keine; aber Bassa manelka! wie kamst du zu meinem Geheimnuz,
Bauer? Ich hau dir ein Ohr ab, Gott straf mein Zeel, zo tu ich, wie mein Patron
der heilige Petruz, war auch ein Landsknecht, dem Malchuz, der war von den
jdischen Schwyzern, ein Hellebardierer. Zag schnell oder ich hau.
    Langer Peter! rief der kleine Hauptmann Muckerle, mit ngstlicher Stimme,
la um Gotts willen den gehen; der ist fest und kann hexen; ich wei noch wie
heut, da wir ihn in Ulm fangen sollten und in Herrn von Krafts des
Ratschreibers Stall kamen, wo er sich aufhielt, denn er war ein Kundschafter, so
machte er sich klein und immer kleiner, bis er ein Spatz wurde und ber uns
'naus flog.
    Waz? schrie der tapfere Oberst und rckte von dem Spielmann hinweg, der
ist's? Wo dann der Magistrat auzrufen lie, man zolle alle Spatzen totschieen,
weil zich ein wrttemberger Spioner in einen verwandelt habe? Man heit zie
glaub ich, jetzt noch die Ulmer Spatzen!
    Der ist's, flsterte Muckerle; es ist der Pfeifer von Hardt, ich hab ihn
gleich erkannt.
    Der Oberst und die Hauptleute hatten sich von ihrem Erstaunen noch nicht
ganz erholt. Sie sahen den Mann, von welchem der Ruf so wunderbare Dinge
erzhlte, halb ngstlich, halb neugierig an. Er selbst hatte ein zu wohlgebtes
Ohr, als da er nicht verstanden htte, was diese Leute unter sich flsterten;
aber er tat, als bemerke er ihr Staunen und Verstummen nicht; er beschftigte
sich ruhig mit seiner Zither. Endlich fate sich der lange Peter, wohlbestallter
Oberst dieses Heeres ein Herz, zwirbelte den Bart einigemal, zog dann den
ungeheuern Hut vom Kopf und sprach: Verzeihet doch, lieber Gezelle,
wertgeschtzter Pfeifer, da wir zo ohne alle Umstnde mit Euch verfahren zind;
konnten wir denn wissen, wen wir da neben unz haben? Zeit vielmal gegret, hab
schon oft, Gott straf mein Zeel, gedacht, mchte nur einmal den frtrefflichen
Kerl zehen, den Pfeifer von Hardt, der in Ulm am hellen Tag alz Spatz
auzgeflogen.
    Ist schon gut, unterbrach ihn der Spielmann unmutig; lasset die alten
Geschichten ruhen. Nun, von wegen des Herzogs kam mir die Nachricht zu, ich soll
euch Herren auf den heutigen Tag aufsuchen, und wenn ihr noch geneigt wret, mit
ihm zu ziehen, so wolle er gerne zahlen, was ihr ihm vorgeschlagen.
    Canto cacramento! daz ist ein frommer Herr! ein Goldglden dez Monats und
tglich vier Maaz Wein! Er zoll leben!
    Und wann wird er kommen? fragte der Hauptmann Lffler; wo werden wir zu
ihm stoen?
    Wenn kein Unglck geschehen ist, heute noch. Heute ist er auf Heimsheim
losgebrochen, die Besatzung ist schwach, wenn er sie berwltigt hat, rckt er
heute noch weiter.
    Schaut! reitet dort unten nicht ein Geharnischter? Sieht aus wie ein
Ritter! Die Mnner sahen aufmerksam nach dem Ende des Tales; dort sah man einen
Helm und Harnisch in der Sonne blinken, auch ein Pferd wurde hie und da
sichtbar. Der Pfeifer von Hardt sprang auf und klimmte auf die Eiche hinan; von
diesem hohen Standpunkt konnte er das Tal besser bersehen; noch war der Reiter
zu fern, als da er seine Zge htte unterscheiden knnen, aber er glaubte seine
Feldbinde zu erkennen, er glaubte den Mann zu erkennen, den er in dieser Stunde
erwartete.
    Was siehst du? riefen die Hauptleute, ist es einer, der zufllig durchs
Tal reitet, oder glaubst du, er kommt vom Herzog?
    Richtig, wei und blau ist die Schrpe, sprach der Pfeifer; das ist sein
langes Haar, so sitzt er zu Pferd, ei du Goldjunge, willkommen in Wrttemberg!
Jetzt sieht er eure Wachen, jetzt reitet er auf sie zu, schau wie die Bursche
ihre Lanzen vorstrecken und die Beine ausspreizen!
    Ja, was Landsknechte sind, die verstehen den Kriegsbrauch; darf keiner
vorbei, wo die Hauptleute liegen, ohne da er Rede steht.
    Halt! jetzt rufen sie ihn an; er spricht mit ihnen, sie deuten hieher; er
kommt! Der Pfeifer von Hardt stieg mit freudeglhendem Gesicht vom Baum herab.
    Diavolo maledetto! bassa marendete! Zie werden ihn doch nicht allein reiten
lassen? ez wird doch einer zein Ro am Zgel fhren nach Kriegesbrauch! Wie? ist
ez ein Ritter, der kommt?
    Ein Edelmann so gut wie einer im Reich, antwortete der Pfeifer; und der
Herzog ist ihm sehr gewogen. Bei dieser Nachricht standen die Hauptleute auf,
denn, ob sie sich gleich nicht wenig einbildeten, Hauptleute zu heien, so
wuten sie doch, da sie eigentlich nur Landsknechte und dem Ritter jedes
Zeichen von Ehrerbietung schuldig seien. Der Oberst aber setzte sich
gravittisch am Fu der Eiche nieder, strich den Bart, da er hell glnzte,
setzte den groen Hut mit der Hahnenfeder zurecht, sttzte sich auf seinen
groen Hieber und erwartete so den Ritter.

                                       II


 Der Herzog ist gekommen,
 Er liegt nicht weit im Feld;
 Er hat's dem Feind genommen,
 Er bringt 'nen Sack mit Geld.
                                                                       G. Schwab

Dem Platze, wo die Hauptleute und der lange Peter, ihr Oberst, versammelt waren,
nahte sich jetzt ein geharnischter Reiter, dessen Pferd von zwei Landsknechten
gefhrt wurde. Der Ritter hatte das Visier seines blanken Helmes
herabgeschlagen, die breiten Schultern und die krftigen Lenden und Beine waren
mit Platten und Schienen von Stahl verhllt, aber die wallenden Federn seines
Helmbusches und die wohlbekannten Farben einer Schrpe, die ber den Panzer
herablief, die Haltung und das edle, krftige Wesen des Nahenden hatten dem
Pfeifer von Hardt lngst gesagt, wen er zu erwarten habe. Und er betrog sich
nicht, denn einer der Knechte trat jetzt vor den Oberst und berichtete, da der
Edle von Sturmfeder mit den Anfhrern der gesamten Landsknechte etwas zu
sprechen habe.
    Der lange Peter antwortete im Namen der brigen: Zag ihm, er ist
willkommen, Peter Hunzinger der Oberst, Ztaberl von Wien, Kunrad der
Magdeburger, Balthasar Lffler und der tapfere Muckerle, wohlbestallte
Hauptleute erwarten ihn zum Gesprch. - Gott straf mein Zeel, er hat einen
schnen Harnisch und einen Helm wie der Knig Franz; aber zein Gaul drfte
besser zein, Mordblei! er ist an allen vieren steif!
    Dos ist holt, sog ich, weil er den gonzen Sommer g'stonden ist in
Mmpelgard beim Herzog.
    Die Mnner belchelten den Witz des Wieners, doch hteten sie sich, ihre
Freude laut werden zu lassen, denn der Ritter hielt nicht allzu ferne. Noch
immer machte er aber keine Miene, abzusteigen und sich ihnen zu nahen; er sprach
mit dem Knecht, schlug dann das Visier auf und zeigte ein schnes freundliches
Gesicht. Steht dort nicht Hanns der Spielmann? rief er mir lauter Stimme.
Erlaubet, da er ein wenig zu mir trete.
    Der Oberst nickte dem Pfeifer zu, er ging und der Junker schwang sich vom
Pferde. Willkommen in Wrttemberg, edler Herr, rief der Mann von Hardt, indem
er den Handschlag des Junkers treuherzig erwiderte. Bringt Ihr gute Botschaft?
ich seh's Euch an den Augen an, es steht gut mit dem Herzog.
    Komm! tritt hier ein wenig auf die Seite, sagte Georg von Sturmfeder mit
freudiger Hast. Wie steht es auf Lichtenstein? denkt sie an mich? hast du einen
Brief, ein paar Zeilen? o gib schnell! was lt sie mir sagen, guter Hanns?
    Der Pfeifer lchelte schlau ber die Ungeduld des liebenden Jnglings Einen
Brief hab ich nicht; keine Zeile. Sie ist gesund und der alte Herr auch; das ist
alles was ich wei.
    Wie! unterbrach ihn Georg; keinen Gru? keine Botschaft? So hat sie dich
gewi nicht ziehen lassen!
    Als ich vorgestern Abschied nahm, sagte das Frulein: Sag ihm, er soll sich
sputen, da er einziehet in Stuttgart, sie wurde geradeso rot wie Ihr jetzt, als
sie dies sprach.
    Der junge Mann errtete voll freudiger Gefhle, sein Auge glnzte und ein
freundliches Lcheln zeigte, da er den Sinn dieser Worte verstanden habe.
    Bald, bald werden wir einziehen, so Gott will, sagte er. Aber wie lebten
sie diesen langen Sommer; nur dreimal kam uns Botschaft von ihnen zu! Warst du
oft auf Lichtenstein, Hanns? War sie traurig? was sprach sie?
    Lieber Herr, antwortete der Mann von Hardt, geduldet Euch noch, auf dem
Marsch will ich Euch ein langes und breites erzhlen, fr jetzt nur so viel:
sobald der Alte hrt, da Ihr auf Stuttgart ziehet, will er von Lichtenstein
aufbrechen und Euch die Braut zufhren. Denn er zweifelt nicht, da Ihr die
Stadt berwltiget. Habt Ihr Heimsheim?
    Wir haben es; ich jagte mit zwlf Reitern in die Tore, ehe sie sich's
versahen. Die Besatzung war zwar etwas strker, als wir, aber mutlos und
unzufrieden. Ich handelte mit ihnen in des Herzogs Namen, da glaubten sie, er
liege mit vielen Truppen noch im Hinterhalt und ergaben sich. So weit wren wir
nun in Wrttemberg, aber wie ist der Weg weiterhin?
    Offen, bis ins Herz offen. Ich bringe Euch wichtige Nachricht vom Ritter
von Lichtenstein, da die gewaltigen Herren aus dem Lande sind, wisset Ihr -
    Sie halten einen Bundestag in Nrdlingen40, ist's nicht so? freilich wissen
wir's, denn auf diese Nachricht, brach der Herzog aus Baden auf.
    Nun, und wenn die Katzen fort sind, tanzen die Muse auf dem Tisch! Die
Besatzungen sind berall unbesorgt; an den Herzog denkt kein Bndler mehr, sie
sind nur aufmerksam auf den Bundestag, welchen Herrn wir bekommen werden; den
sterreicher, den Bayer, den Prinzen Christophel oder ob uns der Stdtebund,
Augsburg und Aalen, Nrnberg und Bopfingen regieren werde.
    Welche Augen sie machen werden, rief Georg lchelnd, wenn der Stuhl schon
besetzt ist, um welchen sie streiten!

Der Frosch hpft wieder in sein Pfuhl,
Wenn er auch s auf einem goldnen Stuhl,

sagt's Sprichwort; sie werden ihre Bchsen auf die Schulter nehmen und 's
Regieren sein lassen.
    Und die Wrttemberger? wie denken sie jetzt vom Herzog? glaubst du, er wird
viel Anhang finden? Werden sie uns zu Hlfe ziehen?
    Was Brger und Bauern sind, ja. Von der Ritterschaft wei ich's nicht und
der alte Herr zuckte die Achsel, wenn ich ihn fragte und murmelte ein paar
Flche. Ich frchte, es steht hier nicht alles, wie es soll. Aber Brger und
Bauern, die sind fr den Herzog. Es sind allerlei sonderbare Zeichen geschehen,
die das Volk aufmuntern. So ist neulich im Remstal ein Stein vom Himmel
gefallen, drauf war ein Hirschgeweih eingegraben und die Worte: Hie gut
Wrttemberg allweg und auf der andern Seite soll man auf lateinisch gelesen
haben: Herzog Ulerich soll leben! 41
    Vom Himmel gefallen, sagst du?
    So sagt man. Die Bauern hatten groe Freude dran, aber die bndischen
Herren wurden zornig, nahmen die Schulzen gefangen und wollten ihnen abpressen,
woher der Stein des Anstoes komme. Und als man bei hoher Strafe verbot, vom
Herzog zu sprechen, da lachten die Mnner und sagten, jetzt trumen wir von ihm.
Alles wnscht ihn zurck, denn sie wollen sich lieber von ihrem anerkannten
Herrn drcken als von Fremden die Haut abziehen lassen.
    Gut; der Herzog und seine Reiter knnen in wenigen Stunden hier sein. Sein
Plan ist, sich gerade durchs Land nach Stuttgart zu schlagen. Ist die Hauptstadt
unser, so fllt uns auch das Land zu. Und wie ist es mit den Landsknechten dort?
wollen sie mitziehen?
    Fast htte ich die vergessen, sagte Hanns; sie werden ungeduldig werden,
wenn wir sie zu lange warten lassen. Gehet doch recht klug mit ihnen um, es sind
stolze Gesellen und lassen sich Hauptleute schelten; aber haben wir die fnfe
gewonnen, so sind zwlf Fhnlein des Herzogs. Besonders mit dem Oberst, dem
langen Peter, mt Ihr gar hflich sein.
    Welcher ist der lange Peter?
    Der dicke Mann, der unter der Eiche sitzt. Er hat einen steifen Schnauzbart
und einen vornehmen Hut auf dem Kopf. Der ist der Hchste unter ihnen.
    Ich will mit ihm reden, wie du sagst, antwortete der junge Mann und ging
mit dem Pfeifer zu den Landsknechten. Die lange Unterredung der beiden hatte sie
schon etwas unmutig gemacht und der kleine Muckerle scho stechende Blicke auf
den Gesandten des Herzogs. Als dieser aber mit edlem Anstand und freiem,
siegendem Blick unter sie trat, wurden sie schchtern und verlegen, und als er
sie endlich mit hflichen, schmeichelhaften Worten anredete, wurden ihre tapfere
Herzen von der Anmut Georgs von Sturmfeder fr des Herzogs Sache gewonnen.
    Wohlerfahrner Oberst, sprach er, tapfere Hauptleute der versammelten
Landsknechte, der Herzog von Wrttemberg hat sich den Grenzen seines Landes
genaht, hat die Stadt Heimsheim erobert und ist willens, auf gleiche Weise sein
ganzes Herzogtum wieder an sich zu bringen -
    Gott straf mein Zeel, er hat recht; tt'z auch zo machen -
    Er hat den tapfern Arm und die frtreffliche Kriegskunst der Landsknechte
erprobt, als sie noch gegen ihn standen, er versieht sich zu ihnen, da sie ihm
mit gleichem Mute jetzt beistehen werden, und verspricht ihnen mit seinem
frstlichen Wort, die Bedingungen zu halten, die sie ihm angeboten haben.
    Ein frommer Herr, murmelten sie untereinander mit beiflligem Nicken, ein
Goldglden des Monats - und Mordblei - tglich vier Ma Wein fr die Hauptleut!
    Der Oberst stand auf, entblte sein kahles Haupt zum Gru und sprach, von
manchem Ruspern der Verlegenheit unterbrochen. Wir danken Euch, hochedler
Herr, wollen'z tun, wollen mitziehen - wir wollen dem Schwbischen Bund
heimgeben, waz er unz getan, zo wollen wir. Die allerbesten und tapfersten, wie
auch frtrefflichsten Leute haben zie fortgeschickt, als brauchten zie keine
Landsknechte mehr. Da steht zum Beispiel der Hauptmann Lffler. Wenn'z einen
tapferern Landsknecht gibt in der Christenheit, zo la ich mir die Haut vom Leib
schlen, und la mich braten wie eine Zau. Da steht der Staberl von Wien; zo
einen hat die Zonne noch nie beschienen und der Mond. - Da ist dann der
Magdeburger, wie der, ficht keiner in der Trkei - und der Muckerle da, man
zollt ihm'z nicht anzehen; aber daz ist der beste Schtz mit der Donnerbchs und
trifft auf vierzig Gng inz Schwarze. - Von mir mag ich nicht reden, Eigenlob
stinkt; aber Bassa manelka in Spanien und Holland hab ich gedient und Canto
cacramento in Italia und Teutschland, Mordblei! in jedem Heere kennt man den
langen Peter. Gott straf mein Zeel, wenn ich und die andern hinter den
schwbischen Hund, wollt zagen Bund, komme, diavolo maledetto! da werden zie daz
Haazenpanier ergreifen und mit den Abstzen hinter sich hauen!
    Es war dies die lngste Rede, die der lange Peter in seinem Leben gehalten
hat und noch in spten Jahren, als er lngst bei Pavia den Ruhm der deutschen
Landsknechte mit dem Tod besiegelt hatte, fhrten seine Genossen, wenn sie den
jngern Kameraden vom langen Peter erzhlten, diesen Moment als einen der
erhabensten seines Lebens auf. Wie er dagestanden sei auf das lange Schwert
gesttzt, den groen Hut mit der Hahnenfeder khn auf das Ohr gerckt, die
rechte Hand in die Seite gestemmt und die Beine ausgespreizt, da habe ihm nichts
gefehlt als ein besseres Wams und eine Gnadenkette, um ihn fr einen echten
Oberst und wahrhaften Feldherrn zu halten.
    Die Hauptleute luden jetzt den Junker von Sturmfeder ein, eine Musterung
ber das neugeworbene Heer zu halten. Der dumpfe Schall der ungeheuern Trommeln,
tnte durchs Tal und weckte die Schlfer aus ihrer Ruhe. Noch schien Frondsbergs
kriegerischer Geist und sein strenger Ordnungssinn ber ihnen zu schweben, denn
in wenigen Augenblicken hatten sie sich zu drei groen Kreisen gebildet, die je
aus vier Fhnlein bestanden. Einem Auge, das an die schnelle, taktmige
Bewegung, die schne Haltung und die gleiche Farbe der Regimenter unserer Zeit
gewhnt ist, mchte wohl jener Anblick berraschend, ja lcherlich erschienen
sein. Die Landsknechte waren nach ihrem Geschmack gekleidet, doch hatte die Mode
der Zeit im Schnitt ein wenig Gleichfrmigkeit in ihren Anzug gebracht. Sie
trugen gewhnlich enge Wmser von Leder, oder auch Lederwesten mit rmeln von
grobem Tuch. Die Lenden staken in ungeheuer weiten Pluderhosen, die am Knie
zugebunden, durch ihre Litzenschwere noch etwas tiefer herunterhingen. Die
vollen Waden umgaben grobe Strmpfe von hellen Farben und die Fe waren mit
groben Bundschuhen von ungefrbtem Leder bekleidet. Ein Hut, eine Tuch- oder
Ledermtze, eine erbeutete oder fr eigene Rechnung gekaufte Blechhaube bedeckte
den Kopf und die brtigen Gesichter dieser Mnner, die oft zwanzig Jahre unter
allen Heeren und Himmelsstrichen Europas dienten, hatten einen khnen,
martialischen Ausdruck. Ihre Bewaffnung bestand in einem langen Dolch und einer
Hellebarde, ein Teil war auch mit Donnerbchsen bewaffnet, die man mit Lunden
losbrannte.
    So standen sie mit ausgespreizten Beinen, Fu an Fu geschlossen, wie ein
festes Bollwerk und Georgs kriegerischen Sinn erfreute der Anblick dieser
kampfgebten Mnner, die wohl zu wissen schienen, da sie vereinzelt nichts,
aber in Massen verbunden auch einer zahlreichen Schar von Feinden, furchtbar
seien.
    Die Hauptleute hatten den Kriegesbrauch und das Kommandowort ihrer frheren
Anfhrer wohl im Gedchtnis behalten; sie traten daher mit dem jungen Ritter in
einen dieser Kreise und der tiefe, weit tnende Ba des langen Peters befahl:
Gebt acht ihr Leut! kehrt euch um!
    Schnell hatten sich die Kreise nach innen gekehrt, und vernahmen nun die
Reden ihrer Hauptleute, die ihnen jene Aufforderung des Herzogs von Wrttemberg
auseinandersetzten. Ein freudiges Gemurmel zeigte, da sie mit diesen
Bedingungen zufrieden seien und Ulerich von Wrttemberg so eifrig dienen
wollten, als sie vorher gegen ihn gedient hatten. Die Hauptleute lieen jetzt
auch einige bungen machen und Georg bewunderte die Geschicklichkeit der
Landsknechte und glaubte fest man werde es in der Kriegskunst auf Erden
schwerlich noch viel weiter bringen. Er tuschte sich! Doch sein Irrtum ist so
verzeihlich, als jener unserer Grovter, welche die Heroen des groen
Friederich fr unbertrefflich hielten und den gottlosen Spott ihrer Enkel ber
Zopf- und Kamaschendienst nicht ahneten. Und wird nicht eine Zeit kommen, wo man
auch ber die guten alten Zeiten von 1829 lcheln wird? Freilich, so schlanke
Taillen wie heutzutage sah man bei den Landsknechten und ihren Hauptleuten Anno
1519 nicht. Doch htten jene martialischen Figuren einem ganzen heutigen Heere
mit Normalbrten aushelfen knnen.
    Etwa nach einer Stunde meldeten die Vorposten, da man unten im Tale von der
Gegend von Heimsheim her, Waffen blinken sehe, und wenn man das Ohr auf die Erde
lege, seien die Tritte vieler Rosse deutlich zu vernehmen.
    Das ist der Herzog, rief Georg, fhrt mein Pferd vor, ich will ihm
entgegenreiten.
    Der junge Mann galoppierte durch das Tal hin und die Hauptleute und ihre
Gesellen blickten ihm nach und bewunderten die Kraft und Gewandtheit, mit
welcher er in der schweren Rstung aufs Pferd gesprungen war, lobten seinen
Anstand und seine Haltung, solange sie ihn noch sehen konnten. Bald mischte sich
sein Helmbusch mit den Bschen und Lanzenspitzen, die man unten im Tal bemerkte.
Sie kamen nher, jetzt sah man Helme blinken, jetzt wurden die Reiter bis um die
Brust sichtbar, jetzt erschienen sie auf einmal auf einer kleinen Anhhe und man
konnte die ganze Schar bersehen. Der Pfeifer von Hardt schaute mit blitzenden
Augen in die Ferne. Seine Brust hob und senkte sich, die Freude schien ihn des
Atems zu berauben, sprachlos nahm er den Obersten an der Hand und deutete auf
die Reiterschar.
    Welcher ist der Herzog, fragte dieser, ist'z der auf dem Mohrenschimmel?
    Nein, das ist der edle Herr von Hewen; seht Ihr das Banner von Wrttemberg,
wie, seh ich recht? bei Gott, der Junker von Sturmfeder darf es tragen!
    Daz ist eine groe Ehr! Mordblei, ist erst fnfundzwanzig und darf die
Fahne tragen! in Frankreich darf das nur der Connetabel tun, der erste Mann nach
dem Knig Franz. Dort heit man'z Ohrenflamme und ist aus lauter Gold. Aber
welcher ist der Herzog Ulerich?
    Seht Ihr den im grnen Mantel mit den schwarz und roten Federn auf dem
Helm? er reitet neben dem Banner und spricht mit dem Junker, er reitet einen
Rappen und zeigt gerade mit dem Finger auf uns - seht, das ist der Herzog.
    Die Reiterschar mochte ungefhr vierzig Pferde betragen, sie bestand meist
aus Edelleuten und ihren Dienern, die dem Herzog in seine Verbannung nachgezogen
waren, oder von seinem Einfall benachrichtigt, an der Grenze seines Landes sich
an ihn angeschlossen hatten. Sie waren alle wohlberitten und bewaffnet. Georg
von Sturmfeder trug Wrttembergs Panier, neben ihm ritt ganz geharnischt der
Herzog. Als dieser Zug jetzt den Landsknechten etwa auf zweihundert Schritte
nahe war, erhob der lange Peter seine Stimme und sprach: Gebt acht, ihr Leut.
Wann Zeine Durchlaucht nahe ist, und ich meinen Hut vom Scheitel reie, zo
schreiet: Vivat Ulericus! schwenket die Fhnlein in der Luft; und ihr Trommler,
rasselt auf euren Fellen, da euch das Donnerwetter! schlagt den Wirbel wie beim
Sturm auf eine Festung, Bassa manelka, haut drauf und wenn der Schlegel bricht -
zo begren die tapfern Landsknecht einen Frsten.
    Diese kurze Anrede tat ihre vollkommene Wirkung; die kriegerische Schar
murmelte das Lob des Herzogs, sie schttelten ihre Hellebarden, stampften ihre
Bchsen klirrend auf den Boden und die Trommler faten ihre Schlegel krampfhaft
in die Hand und als jetzt Georg von Sturmfeder, der Bannertrger von
Wrttemberg, ansprengte und hinter ihm hoch zu Ro, erhaben wie in den Tagen
seiner Herrschaft, mit khnen, gebietenden Blicken Herzog Ulerich von
Wrttemberg sich zeigte, da entblte der lange Peter ehrfurchtsvoll sein Haupt,
die Trommeln rasselten wie zum Sturm einer Feste, die Fhnlein neigten sich zum
Gru, und die Landsknechte riefen ein tausendstimmiges Vivat Ulericus!
    Der Bauersmann von Hardt war still in der Ferne gestanden, hatte nicht auf
diese kriegerischen Gre gehrt, seine ganze Seele schien nur in seinem Auge zu
liegen, das trunken an seinem Herrn hing. Der Herzog hielt den Rappen an,
blickte um sich und es war tiefe Stille unter den vielen Menschen. Da trat der
Bauer vor, kniete nieder, hielt ihm den Bgel zum Absteigen und sprach: Hie gut
Wrttemberg alleweg!
    Ha! bist du es, Hanns, mein Geselle im Unglck, der mir den ersten Gru von
Wrttemberg bringt? Meine Edeln habe ich hier erwartet, da sie mich begren
bei meinem ersten Schritt auf wrttembergischem Grund, meinen Kanzler und meine
Rte, wo sind die Hunde? Die Stnde meiner Landschaft, wo blieben sie, will man
mich nicht wiedersehen in der Heimat? Ist keiner von allen da, mir den Bgel zu
halten, als der Bauer?
    Seine Begleiter drngten sich staunend um den Herzog her, als sie ihn also
sprechen hrten. Sie wuten nicht, war es Ernst oder bitterer Scherz ber sein
Unglck; sein Mund schien zu lcheln, aber sein Auge blitzte mutig und seine
Stimme klang ernst und befehlend. Sie sahen einander wegen dieser dstern Laune
zweifelhaft an, aber der Pfeifer von Hardt erwiderte seinem Frsten:
    Diesmal ist's nur der Bauer, der Euch auf Wrttembergs Boden hilft, aber
verachtet nicht ein treues Herz und eine feste Hand. Die andern werden schon
auch kommen, wenn sie hren, da der Herr Herzog wieder im Lande sei.
    Meinst du? sprach Ulerich bitter lachend, indem er sich vom Pferde
schwang. Sie werden auch kommen. Bis jetzt haben wir wenig Kunde davon; aber
ich will anklopfen an ihren Tren, da sie merken sollen, es ist der alte Herr,
der in sein Haus will!
    Sind dies die Landsknecht, die mir dienen wollen? fuhr er fort, indem er
aufmerksam das kleine Heer betrachtete; sie sind nicht bel bewaffnet und sehen
mnnlich aus. Wieviel sind es?
    Zwlf Fhnlein, Euer Durchlaucht, antwortete der Oberst Peter, der noch
immer mit gezogenem Hut vor ihm stand und hie und da verlegen den ungarischen
Bart zwirbelte. Lauter gebte Leut, Gott straf mein Zeel, tut mir leid, wenn
ich geflucht hab, der Knig in Frankreich hat sie nicht besser.
    Wer bist denn du? fragte ihn der Herzog, der die groe dicke Figur mit dem
langen Hieber und dem roten Gesicht verwundert anschaute.
    Ich bin eigentlich ein Landsknecht meines Zeichenz, man nennt mich den
langen Peter, jetzt aber wohlbestallter Oberst verzammelter -
    Was, Oberst! diese Narrheit mu aufhren. Ihr mgt mir wohl ein tapferer
Mann sein, aber zum Hauptmann seid Ihr nicht gemacht. Ich selbst will Euer
Oberst sein und zu Hauptleuten werde ich einige meiner Ritter machen.
    Bassa manelk - tut mir leid, wenn ich geflucht hab, aber erlaubt, Herr
Herzog einem alten Kerl ein Wort, daz ist gegen unzern Pakt mit dem Goldglden
monatlich und den vier Maaz Wein tagtglich. Da steht zum Beispiel der Staberl
aus Wien, 'z gibt keinen Tapferern unter dem Mond -
    Schon gut, Alter, schon gut! auf die Goldglden und den Wein soll mir's
nicht ankommen. Wer bisher Hauptmann war, soll es richtig bekommen; nur den
Befehl mt Ihr abgeben. Habt Ihr Pulver und Kugeln?
    Das will ich meenen! sagte der Magdeburger, wir haben noch von Euer
Durchlaucht eigenem Pulver und Blei, was wir in Tbingen mitgenommen. Wir haben
Munition auf achtzig Schu fr den Mann.
    Gut; Georg von Hewen und Philipp von Rechberg, ihr teilt euch in die
Knechte, jeder nimmt sechs Fhnlein. Ihr da, die ihr euch Hauptleute nennet,
knnet bei den einzelnen Fhnlein bleiben und den beiden Herren an die Hand
gehen. Ludwig von Gemmingen seid so gut, und nehmet den Oberbefehl ber das
Fuvolk. Jetzt geraden Wegs auf Leonberg. Freu dich, mein treuer Bannertrger,
sagte Ulerich, als er sich aufs Pferd schwang, so Gott will, ziehen wir morgen
in Stuttgart ein.
    Die Reiterschar, den Herzog an der Spitze, zog frder. Der lange Peter stand
noch immer unverrckt auf dem Platz, den Hut mit der stolzen Hahnenfeder in der
Hand und schaute den Reitern nach.
    Daz ist einmal ein Frst! sprach er zu den Hauptleuten, die neben ihm
standen. Waz der fr eine gewaltige Stimme hat und wie er greulich mit den
Augen funkelt, daz ez einem angst und bange wird. Hu, ich meine, er woll mich
mit Haut und Haar verschlucken, alz er mich fragte: Wer bist denn du?
    Mir wor's grod, wie wenn einer siedend Wasser ber mein Leib schtten tt.
In Wien ist doch auch 'n Kaiser, aber der tut nit so gwaltig wie der do!
    Also Hauptleut sind wer gwesen, sprach der Hauptmann Muckerle, die
Herrlichkeit hat nit lang dauert.
    Narr! daz ist mir recht. Wrde bringt Brde, zagt ein Sprichwort. Die
anderen haben oft nicht recht gehorcht, wenn wir befohlen haben, Diavolo, hat
doch erst heute einer mich ausgelacht. Hat allez einen besseren Schick, wenn'z
die Herren anfhren; den Goldglden und die vier Maaz haben wir ja doch, und daz
bleibt die Hauptzache.
    Dat meen ich ooch! und dat haben wer dem langen Peter tu verdanken. Er soll
leben!
    Dank' schn! aber daz zag ich, der Herr wird dem Bund aufznden, Mordblei!
wenn der erst ein Schwert in die Hand nimmt, der jagt die Stdtler allein auz
dem Land! Und zeine Rte und Kanzler und die Landschaft! Habt ihr gehrt, wie
greulich er ber die geflucht hat? Ich mcht in keinez Haut stecken.
    Das Wirbeln der Trommeln unterbrach das Gesprch dieser tapferen Krieger;
diese Tne erschollen nicht mehr auf ihren Befehl, aber der lange Peter war in
seinen vielen Feldzgen so sehr an den Wechsel von Glck und Unglck, von Hoheit
und Niedrigkeit gewhnt worden, da er ber den Sturz seines Regiments nicht
trauerte. Gelassen nahm er die Hahnenfeder von dem groen Hut, legte die rote
Schrpe und den langen Hieber, die Zeichen seiner Wrde ab und ergriff eine
Hellebarde. Gott straf mein Zeel, ez ist schwer fr einen Kerl wie ich, zwlf
Fhnlein zu regieren, sagte er, als er sich wieder als guter Landsknecht in die
Reihen seiner Kameraden stellte. Aber bei Sankt Petruz, dem trefflichen
Landsknecht - er mu jetzt auch Oberst zein in den himmlischen Heerscharen Kyrie
Eleyzon! - der Mensch mu allez probieren auf Erden. Die Landsknechte
schttelten ihm die Hand und besttigten es; es tat seinem tapferen Herzen wohl,
zu hren, er habe sein Kommando trefflich verwaltet. Die drei Ritter, ihre
Anfhrer, saen auf und stellten sich zu ihren Fhnlein, die Landsknechte
richteten sich in gewohnter Ordnung zum Marsch und Ludwig von Gemmingen lie die
Trommeln rhren zum Aufbruch.

                                      III


 Erstiegen ist der Wall, wir sind im Lager!
 Jetzt werft die Hlle der verschwiegnen Nacht
 Von euch, die euren stillen Zug verhehlte,
 Und macht dem Feinde eure Schreckensnhe
 Durch lauten Schlachtruf kund -
                                                                        Schiller

Es war in der Nacht vor Mari Himmelfahrt, als Herzog Ulerich vor dem
Rotenbildtor in Stuttgart anlangte. Er hatte auf seinem Zuge schnell das
Stdtchen Leonberg erobert und war dann unaufhaltsam immer weiter gedrungen.
Vieles Volk lief zu, denn wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht verbreitet,
da der Herzog wieder im Lande sei. Jetzt erst zeigte es sich, wie wenig Freunde
der Bund sich erworben hatte; denn berall wurde die Freude laut, da das
gehssige Regiment des Bundes ein Ende habe, da das angestammte Frstenhaus
wieder in seine alten Rechte sich einsetze.
    Auch nach Stuttgart war bald diese Nachricht vorgedrungen und hatte die
verschiedensten Empfindungen dort erregt. Der Adel, der sich in der Stadt
befand, wute nicht, was er sich vom Herzog zu versehen hatte; die bergabe von
Tbingen war noch in zu frischem Gedchtnis, als da er ganz unbesorgt gewesen
wre. Aber die Erinnerung an den glnzenden Hof Ulerichs von Wrttemberg, an die
frhlichen Tage, die sie dort verlebt hatten, die Vergleichung dieser Zeit mit
dem freudenlosen Leben der Bundesrte mochte sie gnstig fr den Herzog stimmen,
wenn auch mancher Ursache hatte, seine Wiederkehr nicht gerade herbeizuwnschen.
Die Brgerschaft konnte ihre Freude ber diese Nachrichten kaum verbergen; sie
verlieen ihre Huser, traten haufenweise auf den Straen zusammen und
besprachen sich ber die Dinge, die ihrer warteten. Sie schimpften leise aber
weidlich auf den Bund, ballten grimmig ihre Fuste in der Tasche, und waren
beraus patriotisch gesinnt. Sie erinnerten sich der erlauchten Ahnen des
vertriebenen Frsten, es war sein Name Wrttemberg, den auch sie trugen, sie
zhlten so manchen wackeren Herrn aus der Familie auf, unter welchem sie und
ihre Vter glcklich gelebt, der Wrttembergs Namen berhmt gemacht hatte. Auch
der Gedanke tat ihnen wohl, da von ihrer Entscheidung fr den einen oder den
andern Teil so viel abhnge, weil man im ganzen Lande auf die Stuttgarter sehe.
Sie waren zwar weit entfernt gegen die bndische Besatzung auf ihre eigene Faust
einen Aufruhr zu unternehmen, aber sie sprachen zueinander: Gevatter, wart nur,
bis es Nacht wird; da wollen wir den Reichsstdtlern zeigen, wo sie her sind,
wir Stuttgarter.
    Dem bndischen Statthalter, Christoph von Schwarzenburg entging diese
Bewegung unter den Brgern nicht. Zu spt sah er ein, wie tricht man getan
habe, das Heer zu entlassen. Er wandte sich an die Bundesstnde, die noch zu
Nrdlingen versammelt waren und begehrte Hlfe, aber er selbst gab die Hoffnung
auf, Stuttgart so lange halten zu knnen, bis ein neues Heer im Feld erschienen
sei. Er traf zwar einige Anstalten zur Gegenwehr, aber die Blitzesschnelle, mit
welcher der Herzog erschien, vereitelte alle seine Bemhungen. Als er sah, da
er den Brgern nicht trauen knne, da ihm der Adel nicht beistehe, da die
Besatzung nicht einmal zur Sicherung der Tore hinreiche entwich er bei Nacht und
Nebel mit den Bundesrten nach Elingen. Ihre Flucht war so eilig und geheim,
da sie sogar ihre Familien zurcklieen und niemand in der Stadt ahnte, da der
Statthalter und die Rte nicht mehr in den Mauern seien. Daher waren die
Anhnger des Bundes noch immer getrosten Mutes, und glaubten nicht an die
Gerchte von der schnellen Annherung des Herzogs.
    Der Marktplatz war damals noch das Herz der Stadt Stuttgart; zwar hatten
sich schon zwei groe Vorstdte, die Sankt Leonhards- und die
Turnieracker-Vorstadt um sie gelagert, welche mit Graben, Mauern und starken
Toren versehen, das Ansehen eigener Stdte bekommen hatten; aber noch standen
die Ringmauern und Tore der Altstadt, und ihre Brger sahen nicht ohne Stolz
herab auf die Vorstdtler. Der Marktplatz war es, wo nach alter Sitte bei jeder
besondern Gelegenheit die Brger sich versammelten; auch an dem wichtigen Abend
vor Mari Himmelfahrt strmten sie dorthin zusammen. Zur Zeit, wo der Brger
noch mit der Wehre an der Seite auftreten durfte, hatte sein ffentlich
gesprochenes Wort auch mehr zu bedeuten als in spteren Tagen, wo Tinte, Feder
und Papier die Oberhand gewannen. Und wahrlich, die Brger von Stuttgart waren
bei Nacht und in Massen versammelt ganz andere Leute als morgens. Mancher, der,
htte man ihn vormittags um seine Meinung wegen des Herzogs gefragt, antwortete:
Was geht es mich an, bin ein friedlicher Brgersmann, erhob jetzt seine Stimme
und schrie: Wir wollen dem Herzog die Tore ffnen, fort mit den Bndischen -
wer ist ein guter Wrttemberger?
    Der Mond schien hell auf die versammelte Menge herab, die unruhig hin und
her wogte. Ein verworrenes Gemurmel drang von ihnen in die Lfte; noch schienen
sie unschlssig, vielleicht weil keiner khn genug war, sich an die Spitze zu
stellen. Aus den hohen Giebelhusern, die den Platz einschlossen, schauten viele
hundert Kpfe auf den Markt hernieder; es waren die Weiber und Tchter der
Versammelten, die ngstlich und gespannt auf das Gemurmel lauschten. Denn die
Stuttgarter Mdchen waren damals ein neugieriges Vlkchen und hielten es im
Herzen aus Mitleiden mit dem Herzog.
    Schon wurde das Murmeln der Menge immer lauter und verstndlicher; der Ruf:
Wir wollen die Knechte vom Tor wegjagen und die Stadt dem Herzog auftun, immer
deutlicher, da sah man einen langen, hageren Mann auf eine Bank am Brunnen
springen, wo er die ganze Menge berragte. Er focht mit ungeheuer langen Armen
in der Luft umher, tat einen weiten Mund auf und schrie mit heiserer Stimme um
Gehr. Es wurde nach und nach stiller auf dem Platz, man vernahm einzelne Worte
aus seiner Rede: Was? die ehrsamen Brger von Stuttgart wollen ihren Eid
brechen - habt ihr nicht dem Bunde geschworen? Wem wollet ihr die Tore ffnen?
Dem Herzog? Er kommt mit ganz geringer Mannschaft, denn er hat ja kein Geld, um
Leute zu bezahlen und da msset dann ihr wieder den Beutel auftun und blechen!
Da wird's heien, Stuttgart zahlt zehntausend Gulden, weil es von uns abgefallen
ist. Hrt ihr? zehntausend Gulden sollt ihr zahlen!
    Wer ist denn der lange Kerl? fragten sich die Mnner. - Er hat nicht
unrecht - werden tchtig zahlen mssen. - Ist er ein Brger, der da oben? Wer
seid Ihr, rief einer der Khnsten; woher wollt Ihr wissen, was wir zahlen
mssen?
    Ich bin der berhmte Doktor Calmus, sprach der Redner mit feierlicher
Stimme, und wei das ganz genau. Und wen wollt ihr vertreiben? Den Kaiser, das
Reich, den Bund; so viele reiche Herren wollt ihr vor den Kopf stoen? und
warum? wegen dem Utz, der euch das Fell ber die Ohren zieht; denkt nur an das
geringere Gewicht, an die harten Jagdfrevel. Jetzt hat er gar kein Geld mehr; er
ist ein Lump, hat alles verspielt in Mmpelgard -
    Halt Er sein Maul, schrieen die Brger, was geht das Ihn an, Er ist kein
hiesiger Brger, fort mit dem Kahlmuser - schlagt ihn tot - werft ihn als Fisch
in den Brunnen - der Herzog soll leben!
    Doktor Calmus erhob noch einmal seine Stimme, aber die Brger berschrieen
ihn. In diesem Augenblick kam ein neuer Trupp Brger aus der obern Vorstadt
herabgesprungen. Der Herzog ist vor dem Rotenbildtor, riefen sie, mit Reiter-
und Fuvolk. Wo ist der Statthalter? wo sind die Bundesrte? Er will in die
Stadt schieen, wenn man nicht aufmacht! - Fort mit den Bndischen - wer ist gut
wrttembergisch?
    Der Tumult wuchs von Sekunde zu Sekunde. Die Brger schienen noch
unschlssig, da bestieg ein neuer Redner die Bank; es war ein feiner Herr, der
durch sein schmuckes uere einen Augenblick den Brgern imponierte: Bedenket
ihr Mnner, rief er mit feiner Stimme, was wird der durchlauchtige Bundesrat
dazu sagen, wenn ihr -
    Was scheren wir uns um den Durchlauchtigen! berschrie man ihn, fort!
reit ihn herab mit dem rosenfarbenen Mntelein und dem glatten Haar - das ist
ein Ulmer! fort mit ihm - auf ihn, er ist von Ulm!
    Aber ehe sie noch diesen Entschlu ausfhrten, trat ein krftiger Mann
hinauf, warf mit einem Schlag den Doktor rechts und den Ulmer mit dem
rosenfarbenen Mntelein links von der Bank, und winkte mit der Mtze in die
Luft. Still! das ist der Hartmann, flsterten die Brger, der versteht's,
hrt was er spricht.
    Hret mich! sprach dieser; der Statthalter und die Bundesrte sind
nirgends zu finden, sie sind entflohen und haben uns im Stich gelassen, drum
greifet diese beiden da, wir wollen sie als Geiseln behalten. Und jetzt hinauf
ans Rotenbildtor. Dort steht unser rechter Herzog, 's ist besser wir machen
selbst auf, als da er mit Gewalt eindringt, wer ein guter Wrttemberger ist,
folgt mir nach.
    Er stieg herab von der Bank, und jubelnd umgab ihn die Menge; die beiden
Frsprecher des Bundes wurden, ehe sie sich dessen versahen, gebunden und
fortgefhrt. Jetzt ergo sich der Strom der Brger vom Marktplatz zum obern Tor,
hinaus ber den breiten Graben der alten Stadt in die Turnieracker-Vorstadt, am
Bollwerk vorbei zum Rotenbildtor. Die bndischen Knechte, die das Tor besetzt
hielten, wurden schnell bermannt, das Tor ging auf, die Zugbrcke fiel herab
und legte sich ber den Stadtgraben.
    Dort hatten indessen die Anfhrer des Fuvolkes ihre besten Truppen
aufgestellt, denn man wute nicht genau, wie die Bndischen sich bei der
Annherung des Herzogs benehmen werden. Ulerich selbst hatte die Posten
beritten. Vergeblich suchte Georg von Sturmfeder ihn zu berzeugen, da die
Besatzung von Stuttgart so schwach sei, da sie ihnen nicht die Spitze bieten
knne, vergeblich stellte er ihm vor, da die Brger ihn zurcksehnen, und
willig ihre Tore ffnen werden; der Herzog schaute finster in die Nacht hinaus,
prete die Lippen zusammen und knirschte mit den Zhnen.
    Das verstehst du nicht, murmelte er dem Jngling zu; du kennst die
Menschen nicht; sie sind alle falsch, traue niemand als dir selbst. Sie drehen
den Mantel nach jedem Wind! - Aber diesmal will ich sie fassen; meinst du, ich
habe mein Land umsonst mit dem Rcken angesehen?
    Georg konnte diese Stimmung des Herzogs nicht begreifen. Im Unglck war er
fest, sogar mild und sanft gewesen, hatte von manchem schnen Brauch gesprochen,
den er einfhren wolle, wenn er wieder ins Land komme, hatte selten Zorn ber
seine Feinde, beinahe nie Unmut ber die Untertanen gezeigt, die von ihm
abgefallen waren; aber sei es, da mit dem Anblick der vaterlndischen Gegenden
auch das Gefhl der Krnkung strker als zuvor in ihm erwachte, sei es, da es
ihm unangenehm auffiel, da der Adel und die Stnde noch nichts hatten von sich
hren lassen, er war, seit er die Grenzen Wrttembergs berschritten, nicht
freudig, gehoben, erwartungsvoll, sondern ein stolzer Trotz blitzte aus seinen
Augen, seine Stirne war finster, und eine gewisse Strenge und Hrte im Urteil,
fiel seinen Umgebungen, besonders Georg von Sturmfeder auf, der sich in diese
neue Seite von Ulerichs Charakter nicht gleich zu finden wute.
    Die Aufforderung an die Stadt mochte wohl schon seit einer halben Stunde
ergangen sein; bald war die Frist abgelaufen, die er ihnen gegeben hatte, und
noch immer war keine Antwort da; man hrte nur ein ngstliches Hin- und
Herrennen in der Stadt, aus welchem man weder gute noch bse Zeichen deuten
konnte.
    Der Herzog ritt zu den Landsknechten vor, die erwartungsvoll auf ihren
Hellebarden und Donnerbchsen lehnten. Die drei Ritter, welche sie fhrten,
standen am Graben, und hielten durch ihre Anwesenheit die Knechte in Ruhe und
Ordnung. Beim Schein des Mondes betrachtete Georg ngstlich Ulerichs Zge. Die
Ader auf seiner Stirne war aufgelaufen, eine tiefe Rte lag auf seinen Wangen,
und seine Augen brannten in dsterer Glut.
    Hewen! la Leitern anschleppen, sagte er mit dumpfer Stimme. Der Donner
und das Wetter! es ist mein eigen Haus, vor dem ich stehe, und die Hunde wollen
mich nicht einlassen. Ich la noch einmal blasen, machen sie dann nicht sogleich
auf, so schmei ich Feuer in die Stadt, da ihre Kfigte zusammenbrennen.
    Bassa manelka, waz mich daz freut! sagte der lange Peter, der in der
ersten Rotte neben dem Herzog stand, leise zu seinen Kameraden. Jetzt werden
Leitern beigeschleppt, wie die Katzen wir hinauf, mit den Hellebarden ber die
Mauer gestochen, daz die Kerl herunter mssen, mit den Bchsen drein gepfeffert,
Canto cacramento!
    Dat will ik meenen! flsterte der Magdeburger, und dann hinunter in die
Stadt, angezndet an den Ecken, geplndert gebrstet! da will ik man och bei
sin.
    Um Gottes willen, Herr Herzog, rief Georg von Sturmfeder, welcher die
Reden des Herzogs und die greuliche Freude der Landsknechte wohl vernommen
hatte; wartet nur noch ein kleines Viertelstndchen, es ist ja Eure eigene
Residenzstadt. Sie beraten sich vielleicht noch. -
    Was haben sie sich lange zu beraten? entgegnete Ulerich unwillig; ihr
Herr ist hier auen vor dem Tor und fordert Einla. Ich habe schon zu lange
Geduld gehabt. Georg' breite mein Panier aus im Mondschein, la die Trompeter
blasen, fordere die Stadt zum letztenmal auf! Und wenn ich dreiig zhle nach
deinem letzten Wort, und sie haben noch nicht aufgemacht, beim heiligen
Hubertus, so strmen wir. Spute dich, Georg!
    O Herr! bedenket eine Stadt, Eure beste Stadt! wie lange habt Ihr in diesen
Mauern gelebt, wollt Ihr Euch ein solches Brandmal aufrichten? Gebt noch Frist.
    Ha! lachte der Herzog grimmig, und schlug mit dem Stahlhandschuh auf den
Brustharnisch, da es weithin tnte durch die Nacht; ich sehe, dich gelstet
nicht sehr in Stuttgart einzuziehen und dein Weib zu verdienen. Aber bei meiner
Ungnade, jetzt kein Wort mehr, Georg von Sturmfeder. Schnell ans Werk. Ich sag,
roll mein Panier auf, blast Trompeter, blast, schmettert sie auf aus dem Schlaf,
da sie merken, ein Wrttemberger ist vor dem Tor, und will trotz Kaiser und
Reich in sein Haus. Ich sag, fordere sie auf, Sturmfeder.
    Georg folgte schweigend dem Befehl; er ritt bis dicht vor den Graben, und
rollte das Panier von Wrttemberg auf. Die Strahlen des Mondes schienen es
freundlich zu begren, sie beleuchteten es deutlich und zeigten seine Felder
und Bilder. Auf eine groe Fahne von roter Seide war Wrttembergs Wappen
eingewoben. Der Schild zeigte vier Felder. Im ersten waren die wrttembergischen
Hirschhrner angebracht, im zweiten die Wrfel von Teck, im dritten die
Reichssturmfahne, die dem Herzog als Reichsbannertrger zukam, und im vierten
die Fische von Mmpelgard, der Helm aber trug die Krone und das Uracher
Jgerhorn. Der junge Mann schwenkte das schwere Panier in der starken Hand, drei
Trompeter ritten neben ihm auf und schmetterten ihre wilden Fanfaren gegen die
verschlossene Pforte.
    Im Tore ffnete sich ein Fenster; man fragte nach dem Begehr. Georg von
Sturmfeder erhob seine Stimme und rief: Ulerich, von Gottes Gnaden Herzog zu
Wrttemberg und Teck, Graf zu Urach und Mmpelgard, fordert zum zweiten- und
letztenmal seine Stadt Stuttgart auf, ihm willig und sogleich die Tore zu
ffnen. Widrigenfalls wird er die Mauer strmen und die Stadt als feindlich
ansehen.
    Noch whrend Georg dieses ausrief, hrte man das verworrene Gerusch vieler
Tritte und Stimmen in der Stadt, es kam nher und nher, und wurde zum Tumult
und Geschrei.
    Gott straf mein Zeel, zie machen einen Auzfall! sagte der lange Peter,
laut genug, um vom Herzog verstanden zu werden.
    Du knntest recht haben, erwiderte dieser, indem er sich pltzlich zu dem
erschrockenen Landsknecht wandte. Schliet dichter an, streckt die Piken vor
und haltet die Lunden bereit; wir wollen sie empfangen nach Verdienst.
    Die ganze Linie zog sich vom Graben zurck, nur die drei ersten Fhnlein
stellten sich da, wo die Zugbrcke sich ans Land legen mute, auf. Ein Wall von
Piken starrte jedem Angriff entgegen und die Schtzen hatten die Donnerbchsen
aufgelegt und hielten die Lunden ber dem Zndloch; tiefe Stille der Erwartung
war auf dieser Seite, desto brausender drang der Lrm aus der Stadt herber. Die
Brcke fiel herab, aber keine Feinde waren es, die zu einem Ausfall
herberdrangen, sondern drei alte graue Mnner kamen aus dem Tor; sie trugen das
Wappen der Stadt und die Schlssel.
    Als der Herzog dies sah, ritt er etwas freundlicher hinzu. Georg folgte ihm
und betrachtete diese bergabe. Zwei dieser Mnner schienen Ratsherren oder
Brgermeister zu sein; sie beugten das Knie vor dem Herrn und berreichten ihm
die Zeichen ihrer Unterwerfung. Er gab sie seinen Dienern und sagte zu den
Brgern: Ihr habt Uns etwas lange warten lassen vor der Tre; wahrhaftig, wir
wren bald ber die Mauer gestiegen und htten eigenhndig eure Stadt zu unserem
Empfang beleuchtet, da euch der Rauch die Augen htte beizen sollen. Der
Teufel! warum lieet ihr so lange warten?
    O Herr! sagte einer der Brger; was die Brgerschaft betrifft, die war
gleich bereit, Euch aufzutun, wir haben auch etliche vornehme Herren vom Bunde
hier, die hielten lange und gefhrliche Reden an das Volk, um es gegen Euch
aufzuwiegeln. Das hat so lange verzgert.
    Ha! wer sind diese Herren? Ich hoffe nicht, da ihr sie habt entkommen
lassen! mich gelstet ein Wort mit ihnen zu sprechen.
    Bewahre, Euer Durchlaucht! wir wissen, was wir unserm Herrn schuldig sind.
Wir haben sie sogleich gefangen und gebunden. Befehlt Ihr, da wir sie bringen?
    Morgen frh ins Schlo! will sie selbst verhren, schicket auch den
Scharfrichter; werde sie vielleicht kpfen lassen.
    Schnelle Justiz, aber ganz nach Verdienst! sprach hinter den beiden
Brgern eine heisere, krchzende Stimme.
    Wer spricht da mir ins Wort? fragte der Herzog und schaute sich um;
zwischen den beiden Brgern heraus trat eine sonderbare Gestalt. Es war ein
kleiner Mann, der den Hcker, womit ihn die Natur geziert hatte, unter einem
schwarzen seidenen Mantel schlecht verbarg; ein kleines spitziges Htlein sa
auf seinen grauen, schlichten Haaren, tckische uglein funkelten unter
buschigen, grauen Augenbrauen und der dnne Bart, der ihm unter der
hervorspringenden Adlernase hing, gab ihm das Ansehen eines sehr groen Katers.
Eine widerliche Freundlichkeit lag auf seinen eingeschrumpften Zgen, als er vor
dem Herzog das Haupt zum Gru entblte, und Georg von Sturmfeder fate einen
unerklrlichen Abscheu und ein sonderbares Grauen vor diesem Mann gleich beim
ersten Anblick.
    Der Herzog sah den kleinen Mann an und rief freudig: Ha! Ambrosius Volland
unser Kanzler! Bist du auch noch am Leben? Httest zwar frher schon kommen
knnen, denn du wutest, da Wir wieder ins Land dringen - aber sei Uns deswegen
dennoch willkommen.
    Allerdurchlauchtigster Herr! antwortete der Kanzler Ambrosius Volland,
bin wieder so hart vom Zipperlein befallen worden, da ich beinahe nicht aus
meiner Behausung kommen konnte; verzeihen daher, Euer -
    Schon gut, schon gut! rief der Herzog lachend, will dich schon kurieren
vom Zipperlein. Komm morgen frh ins Schlo, jetzt aber gelstet uns, Stuttgart
wiederzusehen. Heran mein treuer Bannertrger! wandte er sich mit huldreicher
Miene zu Georg; du hast treulich Wort gehalten, bis an die Tore von Stuttgart;
ich will's vergelten. Bei Sankt Hubertus, jetzt ist die Braut dein nach Recht
und Billigkeit. Trag mir meine Fahne vor, wir wollen sie aufpflanzen auf meinem
Schlo und jenes bndische Banner in den Staub treten! Gemmingen und Hewen, ihr
seid heute nacht noch meine Gste; wir wollen sehen, ob uns die Herren vom
Schwabenbund noch ein Restchen Wein briggelassen haben!
    So ritt Herzog Ulerich, umgeben von den Rittern, die seinem Zuge gefolgt
waren, wieder in die Tore seiner Residenz. Die Brger schrieen Vivat und die
schnen Mdchen verneigten sich freundlich an den Fenstern zum groen rgernis
ihrer Mtter und Liebhaber, denn alle dachten, diese Gre gelten dem schnen
jungen Ritter, der des Herzogs Banner trug und beleuchtet vom Fackelschein wie
Sankt Georg der Lindwurmtter aussah.

                                       IV


 O Burg, von Geistern tapfrer Ahnen
 Die tatenfreudig hier gelebt,
 Und wackrer Frsten Ruhm umschwebt,
 Oh, deren Bild mit frommem Mahnen
 Sich in des Nahen Bilder webt.
                                                                        Ph. Conz

Das alte Schlo zu Stuttgart hatte damals, als es Georg von Sturmfeder am Morgen
nach des Herzogs Einzug beschaute, nicht ganz die Gestalt, wie es noch in unsern
Tagen zu sehen ist, denn dieses Gebude wurde erst von Ulerichs Sohn, Herzog
Christoph aufgefhrt. Das Schlo der alten Herzoge von Wrttemberg stand
brigens an derselben Stelle und war in Plan und Ausfhrung nicht sehr
verschieden von Christophs Werk, nur da es zum grten Teil aus Holz gebaut
war. Es war umgeben von breiten und tiefen Graben, ber welche gegen Mitternacht
eine Brcke in die Stadt fhrte. Ein groer, schner Vorplatz diente in frheren
Zeiten dem frhlichen Hofe Ulerichs zum Tummelplatz fr ritterliche Spiele und
mancher Reiter wurde von des Herzogs eigener gewaltiger Hand in den Sand
geworfen. Die Zeichen dieses ritterlichen Sinnes sprachen sich auch in andern
Teilen des Gebudes aus. Die Halle im unteren Teil des Schlosses war hoch und
gewlbt wie eine Kirche, da die Ritter in dieser Tyrnitz bei Regentagen
fechten und Speere werfen und sogar die ungeheuren Lanzen ungehindert darin
handhaben konnten. Von der Gre dieser frstlichen Halle zeugt die Aussage der
Chronisten, da man bei feierlichen Gelegenheiten dort oft zwei- bis dreihundert
Tische gedeckt habe. Von da fhrte eine steinerne Treppe aufwrts so breit, da
zwei Reiter nebeneinander hinaufreiten konnten. Dieser groartigen Einrichtung
des Schlosses entsprach die Pracht der Zimmer, der Glanz des Rittersaales und
die reichen, breiten Galerien, die zum Tanz und Spiele eingerichtet waren.
    Georg ma mit staunendem Auge diese verschwenderische Pracht der Hofburg. Er
verglich den kleinen Sitz seiner Ahnen mit diesen Hallen, diesen Hfen, diesen
Slen, wie klein und gering kam es ihm vor! Er erinnerte sich der Sage von der
glnzenden Hofhaltung Ulerichs, von seiner prachtvollen Hochzeit, wo er in
diesem Schlo siebentausend Gste aus allen Teilen des deutschen Reiches speiste
und trnkte, wo in dem hohen Gewlbe der Tyrnitz und in dem weiten Schlohofe
einen ganzen Monat lang Ritterspiel und Gelage gehalten wurden, und wenn der
Abend einbrach, hundert Grafen, Ritter und Edelleute mit Hunderten der schnsten
Damen in jenen Slen und Galerien tanzten! Er blickte hinab in den herrlichen
Schlogarten, das Paradies genannt. Seine Phantasie bevlkerte diese Lustgehege
und Gnge mit jenem frhlichen Gewimmel des frhlichen Hofes mit den
Heldengestalten der Ritter, mit den festlich geputzten Frulein, mit allem Jubel
und Sang, der einst hier erscholl. Aber wie de und leer deuchten ihm diese
Mauern und Grten, wenn er die Gegenwart mit den Bildern seiner Phantasie
verglich. Die Gste der Hochzeit, der glnzende, lustige Hof ist verschwunden,
sprach er zu sich, die frstliche Gemahlin ist entflohen, der glnzende
Frauenkreis, der sie einst umgab, hat sich zerstreut, die Ritter und Grafen, die
einst hier schmausten und ein reiches Leben voll Spiel und Tanz verlebten, sind
von dem Frsten abgefallen, die zarten Sprossen seiner Ehe sind in fernen Landen
- er selbst sitzt einsam in dieser herrlichen Burg, brtet Rache an seinen
Feinden und wei nicht wie lange er nur in dem Hause seiner Vter bleiben wird;
ob nicht aufs neue seine Feinde noch mchtiger heranziehen, ob er nicht noch
unglcklicher wird als je zuvor.
    Vergebens strebte der Jngling diese trben Gedanken, welche der Widerspruch
der Pracht seiner Umgebungen mit dem Unglck des Herzogs in ihm erweckt hatten,
zu unterdrcken. Vergebens rief er das Bild jenes holden Wesens herauf, das er
jetzt bald auf ewig sein nennen durfte, vergebens malte er sich sein husliches
Glck an ihrer Seite mit den lockendsten, reizendsten Farben aus, jene trben
Bilder kehrten immer wieder. Sei es, da jener Mann durch die Erhabenheit, die
er im Unglck gezeigt hatte, einen so groen Raum in der Brust des Jnglings
gewonnen hatte, sei es, da ihn die Natur in einzelnen Augenblicken mit einem
unwillkrlichen Gefhl der Ahnung begabte, er blieb sinnend und ernst und es war
ihm, als sei der Herzog nichts weniger als glcklich, als msse er ihn vor
irgendeinem drohenden Unglck warnen.
    So beraus ernst, junger Herr? fragte eine heisere Stimme hinter ihm und
weckte ihn aus seinen Gedanken. Ich dchte doch, Georg von Sturmfeder htte
alle Ursache, heiter und guter Dinge zu sein!
    Der junge Mann wandte sich verwundert um und schaute herab - auf den Kanzler
Ambrosius Volland. War ihm dieser Mann schon gestern durch seine widrige
Freundlichkeit, durch sein katerhaftes, schleichendes Wesen unangenehm
aufgefallen, so war dies heute noch mehr der Fall, da der Kanzler durch
berladenen Putz seine Migestalt noch mehr herausgehoben hatte. Sein
dunkelgelbes verwittertes Antlitz, mit dem ewigen stehenden Lcheln, die grnen
uglein unter den langen, grauen Wimpern, die roten, entzndeten Rnder der
Augenlider, der dnne Katzenbart stachen grell ab gegen ein rotes Barett von
Samt und gegen einen Mantel von hellgelber Seide, der ber den Hcker des
kleinen Mannes hinabflo. Unter diesem trug er einen grasgrnen Anzug, rosenrot
ausgeschlitzt und rosenrote Knieebnder mit ungeheuren Maschen. Sein Kopf stak
in den Schultern und das rote Barett stie hinten sogleich auf den Hcker auf.
Der Scharfrichter von Stuttgart pflegte daher zu sagen, unter allen Menschen,
die er kenne, sei niemand schwerer zu kpfen als der Kanzler Ambrosius Volland.
    Dieser Mann war es, der an Georg von Sturmfeder mit sem Lcheln hinaufsah,
und da ihn dieser noch immer anstarrte, zu sprechen fortfuhr: Ihr kennet mich
vielleicht nicht, wertgeschtzter junger Freund, ich bin aber Ambrosius Volland,
Seiner Durchlaucht Kanzler. Ich komme, um Euch einen guten Morgen zu wnschen.
    Ich danke Euch, Herr Kanzler; viele Ehre fr mich, wenn Ihr Euch deswegen
herbemhtet.
    Ehre, wem Ehre gebhret! Ihr seid ja der Ausbund und die Krone unserer
jungen Ritterschaft! Ja! wer meinem Herrn so treu beigestanden ist in aller Not
und Fhrlichkeit, der hat Anspruch auf meinen innigsten Dank und meine
absonderliche Verehrung!
    Ihr httet das wohlfeiler haben knnen, wenn Ihr mitgezogen wret nach
Mmpelgard, erwiderte Georg, den die Lobsprche dieses Mannes beleidigten.
Treue mu man nie loben, eher Untreue schelten.
    
    Einen Augenblick blitzte ein Strahl des Zornes aus den grnen Augen des
Kanzlers, aber er fate sich schnell wieder zur alten Freundlichkeit. Ja wohl,
das mein ich auch! Was mich betrifft, so lag ich am Zipperlein hart darnieder
und konnte also nicht wohl nach Mmpelgard reisen; werde aber jetzt mit meinem
kleinen Licht, das mir der Himmel verliehen, dem Herrn desto ttlicher zur Hand
gehen.
    Er hielt einen Augenblick inne und schien Antwort zu erwarten; aber der
Jngling schwieg und ma ihn nur hin und wieder mit einem Blick, den er nicht
recht ertragen konnte. Nun, Euch wird die Freude erst recht angehen. Der Herzog
hlt erstaunlich viel auf Euch! Natrlich, Ihr verdient es auch im hchsten Grad
und der Herzog hat seinen Liebling gut gewhlt. Wollet doch erlauben, da
Ambrosius Volland Euch auch eine kleine Erkenntlichkeit zeige. Seid Ihr Freund
von schnen Waffen? Kommet in meine Behausung auf dem Markt, whlet Euch aus
meiner Armatur was Euch beliebt. Vielleicht dienen Euch schne Bcher, habe
einen ganzen Kasten voll; whlet Euch aus, was Ihr wollet, wie es unter Freunden
gebruchlich. Esset auch zuweilen bei mir zu Mittag, meine Base, ein feines Kind
von siebzehn Jahren hlt mir haus; sehet ihr nur, hi, hi, hi - sehet ihr nur
nicht zu tief in die Augen.
    Seid ohne Sorgen, bin schon versehen.
    So? ei das ist recht christlich gedacht; das mu ich loben; man trifft
solchen wackern Sinn nicht immer unter unserer heutigen Jugend. Ich sagte es ja
gleich; der Sturmfeder, das ist ein Ausbund von Tugenden. Nun, was ich noch
sagen wollte, wir sind bis jetzt so zusammen die einzigen von des Herzogs
Hofstaat, stehen wir zusammen, so werden nur Leute aufgenommen, die wir wollen.
Verstehet mich schon, hi, hi, eine Hand wscht die andere. Darber lt sich
noch sprechen; Ihr beehret mich doch zuweilen mit einem Besuche?
    Wenn es meine Zeit erlauben wird, Herr Kanzler.
    Wrde mich gerne noch lnger bei Euch aufhalten, denn in Eurer Gegenwart
ist mir ganz wohl ums Herz; mu aber jetzt zum Herrn. Er will heute frh Gericht
halten ber die zwei Gefangenen, die gestern nacht das Volk aufwiegeln wollten.
Wird was geben, der Beltle ist schon bestellt.
    Der Beltle? fragte Georg, wer ist er?
    Das ist der Scharfrichter, wertgeschtzter, junger Freund.
    Ich bitte Euch! der Herzog wird doch nicht den ersten Tag seiner neuen
Regierung mit Blut beflecken wollen!
    Der Kanzler lchelte greulich und antwortete: Was das wieder Eurem
frtrefflichen Herzen Ehre macht, aber zum Blutrichter taugt Ihr nicht. Man mu
ein Exempel statuieren. Der eine, fuhr er mit zarter Stimme fort, der eine
wird gekpft, weil er von Adel ist, der andere wird gehngt. Beht Euch Gott,
Lieber!
    So sprach der Kanzler Ambrosius Volland und ging mit leisen Schritten die
Galerie entlang den Gemchern des Herzogs zu. Georg sah ihm mit dsteren Blicken
nach. Er hatte gehrt, da dieser Mann frher durch seine Klugheit, vielleicht
auch durch unerlaubte Knste groen Einflu auf Ulerich gewonnen hatte; er hatte
den Herzog selbst oft mit groer Achtung von der Staatsklugheit dieses Mannes
sprechen gehrt; aber er wute nicht warum, er frchtete fr den Herzog, wenn er
sich dem Kanzler vertraue, er glaubte Tcke und Falschheit in seinen Augen
gelesen zu haben.
    Er sah gerade den Hcker und den wehenden gelben Mantel um die Ecke
schweben, als eine Stimme neben ihm flsterte: Trauet dem Gelben nicht! Es war
der Pfeifer von Hardt, der sich unbemerkt an seine Seite gestellt hatte.
    Wie? bist du es, Hanns? rief Georg und bot ihm freundlich die Hand.
Kommst du ins Schlo, uns zu besuchen? Das ist schn von dir, bist mir
wahrhaftig lieber als der mit dem Hcker; aber was wolltest du mit dem Gelben,
dem ich nicht trauen solle?
    Das ist eben der mit dem Hcker, der Kanzler, der ist ein falscher Mann;
ich habe auch den Herzog verwarnt, er soll nicht alles tun, was er ihm rt, aber
er wurde zornig und - es mag wahr sein, was er sagte.
    Was sagte er denn? hast du ihn heute schon gesprochen?
    Ich kam, um mich zu verabschieden, denn ich gehe wieder heim nach Hardt zu
Weib und Kind; der Herr war erst gerhrt und erinnerte sich an die Tage seiner
Flucht und sagte, ich soll mir eine Gnade ausbitten. Ich aber habe keine
verdient, denn was ich getan, ist eine alte Schuld, die ich abgetragen. Da sagte
ich, weil ich nichts anders wute, er soll mich meinen Fuchs frei schieen
lassen, und nicht strafen als Jagdfrevel. Des lachte er und sprach: das knne
ich tun, das sei aber keine Gnade, ich solle weiter bitten. Da fate ich ein
Herz und antwortete: Nun, so bitt ich, Ihr mget dem schlauen Kanzler nicht
allzuviel trauen und folgen. Denn ich meine, wenn ich ihn sehe, er meint es
falsch - 
    So geht es mir gerade auch, rief Georg, es ist, als wolle er mir die
Seele ausspionieren mit den grnen Augen und ich wette, er meint es falsch; aber
was gab dir der Herzog zur Antwort?
    Das verstehst du nicht, sagte er, und wurde bse; in Klften und Hhlen
magst du wohl bewandert sein, aber im Regiment kennt der Kanzler die Schliche
besser als du. Kann sein, ich habe unrecht und es soll mir lieb sein, um den
Herzog! Nun lebet wohl, Junker! Gott sei mit Euch; amen.
    Und wolltest du also gehen; wolltest nicht noch zu meiner Hochzeit bleiben?
Ich erwarte den Vater und das Frulein heute. Bleibe noch ein paar Tage; du
warst so oft der Liebesbote und darfst uns nicht fehlen!
    Was soll so ein geringer Mann, wie ich, bei der Hochzeit eines Ritters?
Zwar knnte ich mich hinaufsetzen zu den Spielleuten und auch eines aufspielen
zum Ehrentanz, aber das tun andere so gut als ich, und mein Haus verlangt nach
mir.
    Nun, so lebe wohl; gre mir dein Weib und Brbele, dein schmuckes
Tchterlein und besuche uns fleiig auf Lichtenstein; Gott sei mit dir.
    Dem Jngling hing eine Trne im Auge, als er dem Bauer die Hand zum Abschied
bot, denn er hatte in ihm einen krftigen, biedern Mann, einen treuen Diener
seines Frsten, einen mutigen Genossen in Gefahren und einen heitern Gesellen im
Unglck erkannt. Wohl schwebte ihm noch manche Frage ber das geheimnisvolle
Walten dieses Mannes, ber seine wunderbare Anhnglichkeit an den Herzog auf den
Lippen, aber er unterdrckte sie, berwltigt von jener unerklrlichen Macht,
von jener natrlichen Gre und Wrde, welche den Pfeifer von Hardt auch im
unscheinbaren Gewand des Bauers umgab.
    Noch eins! rief Hanns, als er eben nach dem letzten Hndedruck des Junkers
scheiden wollte, wisset Ihr auch, da Euer ehemaliger Gastfreund und
zuknftiger Vetter, Herr von Kraft hier ist?
    Der Ratsschreiber? wie sollt der hieher kommen? Er ist ja bndisch!
    Er ist hier, und nicht gerade im anmutigsten Klosett, denn er sitzt
gefangen. Gestern abend, als das Volk zusammenlief wegen des Herzogs, soll er
fr den Bund ffentlich gesprochen haben.
    Gott im Himmel! das war Dieterich Kraft, der Ratsschreiber? Da mu ich
schnell zum Herzog, er richtet schon ber ihn und der Kanzler will ihn kpfen
lassen! Gehab dich wohl!
    Mit diesen Worten eilte der Jngling den Korridor entlang zu den Gemchern
des Herzogs. Er war in Mmpelgard zu allen Tageszeiten zum Herzog gegangen,
daher machten ihm auch jetzt die Trhter ehrerbietig Platz. Er trat hastig in
das Gemach; der Herzog sah ihn verwundert und etwas unwillig an, der Kanzler
aber hatte das ewige se Lcheln wie eine Larve vorgehngt.
    Guten Morgen, Sturmfeder! rief der Herzog, der in einem grnen,
goldgestickten Kleide, den grnen Jagdhut auf dem Kopf am Tisch sa, hast du
gut geschlafen in meinem Schlosse? was fhrt dich schon so frh zu uns? wir sind
beschftigt.
    Die Augen des jungen Mannes hatten indessen unruhig im Zimmer umhergestreift
und den Schreiber des Ulmer Rats in einer Ecke gefunden. Er war bla wie der
Tod, sein sonst so zierliches Haar hing in Verwirrung herab und ein
rosenfarbenes Mntelein, das er ber ein schwarzes Kleid trug, war in Fetzen
zerrissen. Er warf einen rhrenden Blick auf den Junker Georg und sah dann auf
zum Himmel, als wollte er sagen, Mit mir ist's aus! Neben ihm standen noch
einige Mnner und auch ein langer, hagerer Mann, den er schon gesehen zu haben
sich erinnerte. Die Gefangenen wurden von Petrus, dem tapfern Magdeburger und
dem Kasperl aus Wien bewacht. Sie standen mit ausgespreizten Beinen, die
Hellebarden auf den Boden gestemmt, kerzengerade auf ihrem Posten.
    Ich sag, wir haben zu tun, fuhr der Herzog fort; was schaust du nur immer
nach dem rosenfarbenen Menschenkind; das ist ein verstockter Snder; das Schwert
wird schon fr ihn gewetzt.
    Euer Durchlaucht erlauben mir nur ein Wort, entgegnete Georg. Ich kenne
jenen Mann und wollte mich mit Hab und Gut fr ihn verbrgen, da er ein
friedlicher Mann ist und gewi kein Verbrecher, der den Tod verdiente.
    Bei Sankt Hubertus, das ist khn! Die Natur hat sich gendert. Mein
Kanzler, der treffliche Jurist, hat sich aufgeputzt wie ein junger Krieger und
mein junger Krieger dort will den Advokaten machen! Was sagt Ihr dazu, Ambrosius
Volland?
    Hi, hi! ich habe Euer Durchlaucht durch meine Person Spa machen wollen;
wei aus frherer Zeit, da Ihr einen kleinen Scherz liebet; nun, der liebe,
gute Sturmfeder will die Lustbarkeit vermehren und den Juristen spielen. Hi, hi,
hi! wird ihm aber nichts helfen, dem Rosenfarbenen. Majesttsverbrechen! wird
halt doch gekpft, der im Mntelein.
    Herr Kanzler! rief der Jngling vor Unmut glhend. Der Herr Herzog wird
mir bezeugen knnen, da ich mich nie zum Schalksnarren hergegeben habe. Diese
Rolle mache ich andern nicht streitig. Und mit Menschenleben spiele und scherze
ich nie!
    Es ist mein wahrer Ernst, ich verbrge mich mit meinem Leben fr
gegenwrtigen Edlen von Kraft, Ratsschreiber in Ulm. Ich hoffe, meine Brgschaft
kann angenommen werden.
    Wie? sagte Ulerich, das ist wohl der zierliche Herr, dein Gastfreund, von
dem du mir so oft erzhltest? Tut mir leid um ihn, aber er wurde in einem
Aufruhr unter sehr gefhrlichen Umstnden gefangen!
    Freilich! krchzte Ambrosius, ein crimen laesae majestatis!
    Erlaubet Herr! ich habe die Rechte lange genug studiert, um zu wissen, da
hier durchaus nicht von einem solchen Verbrechen die Rede sein kann. Gestern
nacht waren die Bundesrte und der Statthalter noch hier; folglich war Stuttgart
noch in Gewalt des Bundes, und der Ratsschreiber, der durchaus kein Untertan
Seiner Durchlaucht ist, hat nicht anders gehandelt, als jeder bndische Soldat,
der auf Befehl seines Oberen gegen uns zu Felde zog.
    Ei, die Jugend, die Jugend! wie Ihr alles berhaspelt, junger, sehr
wertgeschtzter Freund! Sobald der Herzog die Stadt aufgefordert hatte, und den
animum possidendi hatte, war auch alles, was in den Mauern sich befand, sein.
Folglich wer eine Verschwrung gegen ihn anzettelte, ist ein
Majesttsverbrecher. Besagter Herr von Kraft aber hat schrecklich gefhrliche
Reden an das Volk gehalten.
    Nicht mglich; es wre ganz gegen seine Art und Weise! Herr Herzog! das
kann nicht sein!
    Georg! sagte dieser ernst, wir haben lange Geduld gehabt, dich anzuhren.
Es hilft deinem Freunde doch nichts. Hier liegt das Protokoll; der Kanzler hat,
ehe ich kam, ein Zeugenverhr angestellt, worin alles sonnenklar bewiesen ist.
Wir mssen ein Exempel statuieren! Wir mssen unsere Feinde recht ins Herz
hinein verwunden, der Kanzler hat ganz recht, darum kann ich keine Gnade geben.
    So erlaubt mir nur noch eine Frage an ihn und die Zeugen, nur ein paar
Worte.
    Ist gegen alle Form Rechtens, fiel der Kanzler ein; ich mu dagegen
protestieren, Lieber; es ist ein Eingriff in mein Amt.
    La ihn, Ambrosius; mag er meinetwegen noch ein paar Fragen an den armen
Snder tun, er ist doch verloren.
    Dieterich von Kraft, fragte Georg, wie kommt Ihr hieher?
    Der arme Ratsschreiber, den der Tod schon an der Kehle gefat hatte,
verdrehte die Augen und seine Zhne schlugen aneinander; endlich konnte er
einige Worte herausstoen: Bin hieher geschickt worden vom Rat, wurde Schreiber
beim Statthalter -
    Wie kamet Ihr gestern nacht zu den Brgern von Stuttgart?
    Der Statthalter befahl mir abends, wenn etwa die Brger sich aufrhrerisch
zeigten, sie anzureden und zu ihrer Pflicht und Eid zu verweisen.
    Ihr sehet, er kam also auf hheren Befehl dorthin; wer nahm Euch gefangen?
fuhr Georg zu fragen fort.
    Der Mann, der neben Euch steht.
    Ihr habt diesen Herrn gefangen? also mt Ihr auch gehrt haben, was er
sprach? was sagte er denn?
    Ja, was wird er gesagt haben, antwortete der Brger, er hat keine sechs
Worte gesprochen, so warf ihn der Brgermeister Hartmann von der Bank herunter;
ich wei noch, er hat gesagt: Aber bedenket, ihr Leute, was wird der
durchlauchtigste Bundesrat dazu sagen! Das war alles, da nahm ihn der Hartmann
beim Kragen und warf ihn herunter. Aber dort der Doktor Calmus, der hielt eine
lngere Rede.
    Der Herzog lachte, da das Gemach drhnte und sah bald Georg, bald den
Kanzler an, der ganz bleich und verstrt sich umsonst bemhte, sein Lcheln
beizubehalten. Das war also die gefhrliche Rede, das Majesttsverbrechen? Was
wird der Bundesrat dazu sagen! Armer Kraft! wegen dieses kraftvollen Sprchleins
verfielst du beinahe dem Scharfrichter. Nun, das haben selbst unsere Freunde oft
gesagt: Was werden die Herren sagen, wenn sie hren, der Herzog ist im Land.
Deswegen soll er nicht bestraft werden. Was sagst du dazu, Sturmfeder!
    Ich wei nicht, was Ihr fr Grnde habt, Herr Kanzler, sagte der Jngling,
indem sein Auge noch immer von Unmut strahlte, die Sachen so auf die Spitze zu
stellen, und dem Herrn Herzog zu Maregeln zu raten, die ihn berall - ja ich
sage es, die ihn berall als einen Tyrannen ausschreien mssen. Wenn es nur
Diensteifer ist, so habt Ihr diesmal schlecht gedient.
    Der Kanzler schwieg, und warf nur einen grimmigen, stechenden Blick aus den
grnen uglein auf den jungen Mann. Der Herzog aber stund auf und sprach: La
mir mein Kanzlerlein gehen, diesmal freilich war er zu strenge. Da - nimm deinen
rosenroten Freund mit dir; gib ihm zu trinken auf die Todesangst, und dann mag
er laufen wohin er will. Und du Hund von einem Doktor, der du zu schlecht zu
einem Hundedoktor bist, fr dich ist ein wrttembergischer Galgen noch zu gut.
Gehngt wirst du doch noch einmal, ich will mir die Mhe nicht geben. Langer
Peter! nimm diesen Burschen, binde ihn rckwrts auf einen Esel und fhre ihn
durch die Stadt; und dann soll man ihn nach Elingen fhren - zu den hochweisen
Rten, wo er und sein Tier hingehre. Fort mit ihm.
    Die Zge des Doktor Kahlmuser, in welchen schon der Tod gesessen war,
heiterten sich auf; er holte freier Atem und verbeugte sich tief. Peter,
Kasperle und der Magdeburger fielen mit grimmiger Freude ber ihn her, luden ihn
auf ihre breiten Schultern und trugen ihn weg.
    Der Ratsschreiber von Ulm vergo Trnen der Rhrung und Freude; er wollte
dem Herzog den Mantel kssen, doch dieser wandte sich ab und winkte Georg, den
Gerhrten zu entfernen.

                                       V


 O tu es nicht! Tu's nicht!
 Sieh deine reinen edlen Zge wissen
 Noch nichts von dieser unglcksel'gen Tat:
 Blo deine Einbildungskraft befleckt sie;
 Die Unschuld will sich nicht vertreiben lassen
 Aus deiner hoheitblickenden Gestalt.
                                                                        Schiller

Der Schreiber des groen Rates schien noch nicht Fassung genug erlangt zu haben,
um auf dem Weg durch die Gnge und Galerien des Schlosses die vielen Fragen
seines Erretters zu beantworten. Er zitterte noch an allen Gliedern, seine Kniee
wankten, und oft drehte er sich um und schaute mit verwirrten Blicken hinter
sich, als frchte er, den Herzog mchte seine Gnade gereuen, und der greuliche
Kanzler im gelben Mantel mchte ihm nachschleichen, und ihn pltzlich am Genick
packen. Auf Georgs Zimmer angekommen, sank er erschpft auf einen Stuhl, und es
verging noch eine gute Weile, ehe er geordnet zu denken und zu antworten
vermochte.
    Eure Politika, Vetter! hat Euch einen schlimmen Streich gespielt, sagte
Georg; was fllt Euch aber auch ein, in Stuttgart als Volksredner auftreten zu
wollen? Wie konntet Ihr berhaupt nur Eure bequeme Haushaltung, die sorgsame
Pflege der Amme und die Nhe der holden Berta fliehen, um hier dem Statthalter
zu dienen?
    Ach! sie ist es ja gerade, die mich in den Tod geschickt hat. Berta ist an
allem schuld; ach, da ich nie mein Ulm verlassen htte! Mit dem ersten Schritte
ber unsere Markung fing mein Jammer an.
    Berta hat Euch fortgeschickt? fragte Georg; wie, seid Ihr nicht zum Ziele
Eurer Bemhungen gelangt? Sie hat Euch abgewiesen, und aus Verzweiflung seid Ihr
-
    Gott beht; Berta ist so gut als meine Braut. Ach, das ist gerade der
Jammer! Wie Ihr von Ulm abgezogen waret, bekam ich Hndel mit Frau Sabina, der
Amme; da entschlo ich mich, und hielt bei meinem Oheim um das Bschen an. Nun
habt Ihr aber dem Mdchen durch Euer kriegerisches Wesen gnzlich den Kopf
verrckt. Sie wollte, ich solle vorher zu Feld ziehen und ein Mann werden wie
Ihr. - Dann wolle sie mich heiraten. Ach, du gerechter Gott!
    Und da seid Ihr frmlich zu Feld gezogen gegen Wrttemberg? Welche khne
Gedanken das Mdchen hat!
    Bin zu Feld gezogen; die Strapazen vergesse ich in meinem Leben nicht! Mein
alter Johann und ich rckten mit dem Bundesheer aus. Das war ein Jammer! Muten
oft tglich acht Stunden reiten. Die Kleider kamen in Unordnung, alles wurde
bestaubt und unsauber, der Panzer drckte mich wund; ich hielt es nicht mehr
aus, und Johann lief heim nach Ulm, da bat ich um eine Stelle bei der
Feldschreiberei, mietete mir eine Snfte und zwei tchtige Saumrosse dazu, und
so ging es doch ertrglicher.
    Da wurdet Ihr also zu Feld getragen, wie der Hund zum Jagen. Habt Ihr auch
einem Treffen beigewohnt?
    O ja; bei Tbingen kam ich hart ins Gedrnge. Keine zwanzig Schritte von
mir wurde einer maustot geschossen. Ich vergesse den Schrecken nicht, und wenn
ich achtzig Jahr alt werde! Als wir dann das Land vllig besiegt hatten, bekam
ich die ehrenvolle Stelle beim Statthalter. Wir lebten ruhig und in Frieden; da
kommt auf einmal wieder der unruhige Herr ins Land; ach, da ich meinem Kopf
gefolgt, und mit den Bundesobersten nach Nrdlingen auf den Bundestag gezogen
wre; aber ich scheute die beschwerliche Reise.
    Warum seid Ihr aber nicht mit dem Statthalter davongegangen, als wir kamen.
Der sitzt jetzt im trockenen in Elingen, bis wir ihn weiterjagen.
    Er hat uns im Stiche gelassen und meinem Kopf alles anvertraut; und beinahe
htte ich mit dem Kopf dafr ben mssen. Ich dachte nicht, da die Gefahr so
gro sei, lie mich von Doktor Calmus verfhren, eine Rede ans Volk zu halten
und Wrttemberg dem Bunde zu retten. Das htte gewi Aufsehen gemacht, und Berta
wre noch eins so freundlich gewesen. Aber die Leute da unten in Wrttemberg
sind Barbaren, und ohne alle Lebensart; sie lieen mich nicht einmal zum Wort
kommen, warfen mich herab, und behandelten mich ganz gemein und roh. Seht nur
meinen Mantel an, wie sie ihn zerrissen haben! Es ist schade dafr, er hat mich
vier Goldgulden gekostet, und Berta behauptete immer, da mir rosenfarb so gut
zu Gesicht stehe.
    Georg wute nicht, ob er ber die Torheit des Schreibers lachen, oder es als
hohen stoischen Gleichmut bewundern sollte, da er, kaum dem Tode entgangen,
sein zerrissenes Mntelein bedauern konnte. Er wollte ihn noch weiter ber seine
Schicksale befragen, als ihn ein Gerusch vom Vorplatz des Schlosses her ans
Fenster lockte; er sah hinaus und winkte schnell Herrn Dieterich herbei, um ihm
das Schauspiel gefallener irdischer Gre zu zeigen.
    Der Doktor Calmus hielt seinen Umzug durch die Stadt. Er sa verkehrt auf
einem Esel; die Landsknechte hatten ihn wunderlich ausgeschmckt, sie hatten ihm
eine spitzige Mtze von Leder aufgesetzt, an deren Spitze eine Hahnenfeder
angebracht war. Vor ihm gingen zwei Trommler, zu seinen Seiten sah man in
gravittischen Schritten den Magdeburger und den Wiener, den ehemaligen
Hauptmann Muckerle und seinen tapfern Oberst gehen, die hin und wieder mit den
Enden ihrer Hellebarden den Esel zu khnen Sprngen antrieben. Ein ungeheurer
Volkshaufe umschwrmte ihn und warf ihn mit Eiern und Erde.
    Der Ratsschreiber schaute trbselig auf seinen Gefhrten hinab und seufzte:
's ist hart, auf dem Esel reiten zu mssen, sagte er, aber doch immer noch
besser als gehngt werden. Er wandte sich ab von dem Schauspiel und blickte
nach einer andern Seite des Schloplatzes. Wer kommt denn hier? fragte er den
jungen Ritter. Schaut, in einem solchen Kasten zog ich zu Felde.
    Georg wandte sich um. Er sah einen Zug von Reisigen, die eine Snfte in
ihrer Mitte fhrten. Ein alter Herr zu Pferd folgte dem Zug, der jetzt aufs
Schlo einbeugte; Georg sah schrfer hinab, Sie sind's, rief er, wahrhaftig,
es ist der Vater und in der Snfte wird sie sitzen! In einem Sprung war er zur
Tre hinaus, und der Ratsschreiber sah ihm staunend nach. Wer soll es sein,
welcher Vater? fragte er; er schaute noch einmal durchs Fenster, die Snfte
hielt vor der Zugbrcke des Schlosses, und in demselben Augenblicke strzte
Georg aus dem Tor. Herr Dieterich sah ihn die Tre der Snfte ungestm
aufreien, eine verschleierte Dame stieg aus, sie schlug den Schleier zurck -
und wunderbar! es war das Bschen Marie von Lichtenstein. Ei! sehe doch einer;
er kt sie auf ffentlicher Strae, sprach der Ratsschreiber kopfschttelnd
vor sich hin, was das eine Freude ist. Aber wehe, jetzt kommt der Alte um die
Snfte herum, der wird Augen machen! Der wird schimpfen! - doch wie! er nickt
dem Junker freundlich zu, er steigt ab; er umarmt ihn. Nein! das geht nicht mit
rechten Dingen zu.
    Und dennoch schien es durchaus mit rechten Dingen zuzugehen; denn als der
Schreiber des Groen Rates aus dem Zimmer auf die Galerie trat, um sich zu
berzeugen, da ihn seine Augen getuscht haben mssen, kam sein Oheim der alte
Herr von Lichtenstein die Treppe herauf. An der rechten Hand fhrte er Georg von
Sturmfeder, an der linken - Bschen Marie. Welche Vernderung war mit jenen
holden Zgen vorgegangen, die sich so tief in sein Herz, in sein Gedchtnis
geprgt hatten.
    In Ulm war sie ihm zum erstenmal wie ein Bote aus einem unbekannten Lande
erschienen, so erhaben war der Blick ihrer schnen blauen Augen, so majesttisch
ihre Stirne, so sinnig jenes kleine Fleckchen zwischen den schnen dunkeln Bogen
der Brau'n. Er hatte oft und viel darber nachgedacht, in was denn der Zauber
bestehe, der ihn so unwiderstehlich fele? Die Ulmer Mdchen hatten frischere
Wangen, lebhaftere Augen, ein schalkhafteres Lcheln und den frhlichen frischen
Glanz einer heitern Jugend. Und dennoch war Marie unter ihnen gestanden, still
und gro wie eine Knigin. War es vielleicht der dunkle Schleier ihrer Wimpern,
der sich oft mit unnennbarem Reiz ber das Auge herabsenkte, um das Geheimnis
einer stillen Trne zu verhllen? Waren es die feinen geschlossenen Lippen, von
ser Wehmut umlagert? War es der zarte Wechsel der Farben auf ihren Zgen, die
bald nur gebietende Hoheit auszustrahlen, bald das reizende Geheimnis leidender
Liebe zu verraten schienen? Bertas Heiterkeit, Bertas frhliche neckende Gunst
hatte dieses ernstere Bild lngst aus seinem Herzen verdrngt, und doch fhlte
der arme Herr Dieterich die alte Wunde wieder bluten, als das Frulein von
Lichtenstein sich nahte. Aber welcher unbekannten Macht sollte er es
zuschreiben, da Mariens Zge einen ganz anderen Ausdruck gewonnen hatten? Wohl
lag noch eine hohe Wrde in ihrer Haltung, auf ihrer Stirne, aber in ihren Augen
glhte eine stille Freude, ihr Mund lchelte und scherzte, auf ihren Wangen
waren die schnsten Rosen aufgeblht. Sprachlos hatte Dieterich von Kraft diese
Erscheinung angestarrt, und jetzt erst wurde auch er von dem alten Ritter
bemerkt. Seh ich recht, rief dieser, Dieterich Kraft, mein Neffe! was fhrt
denn dich nach Stuttgart, kommst du etwa zur Hochzeit meiner Tochter mit Georg
von Sturmfeder? Aber wie siehst du aus? Was fehlt dir doch? Du bist so bleich
und elend, und deine Kleider hngen dir in Fetzen vom Leibe!
    Der Ratsschreiber sah herab auf das rosenfarbene Mntelein und errtete:
Wei Gott, rief er, ich kann mich vor keinem ehrlichen Menschen sehen lassen!
Diese verdammten Wrttemberger, diese Weingrtner und Schustersjungen haben mich
so zerfetzt. Aber wahrhaftig! der ganze durchlauchtige Bund ist in meiner Person
angegriffen und beleidigt!
    Ihr drft froh sein, Vetter! da Ihr so davongekommen seid, sagte Georg,
indem er die Angekommenen in sein Gemach einfhrte; bedenket Herr Vater,
gestern nacht, als wir vor den Toren standen, hielt er Reden an die Brger, um
sie aufzuwiegeln gegen uns; da hat ihn heute frhe der Kanzler wollen kpfen
lassen; mit groer Mhe bat ich ihn los, und jetzt klagt er die Wrttemberger
wegen seines zerfetzten Mnteleins an.
    Mit gndiger Erlaubnis, sagte Frau Rosel, und verbeugte sich dreimal vor
dem Ratsschreiber, wenn Ihr meine Hlfe annehmen wollet, so will ich den Mantel
flicken, da es eine Lust ist. Da geht's wie im Sprchwort: Hat der Junge den
Rock zerrissen, hat der Alt' ihn flicken mssen.
    Herrn Dieterich war diese Hlfe sehr angenehm; er bequemte sich zu der Frau
Rosel ans Fenster zu sitzen, um sich seine Gewnder zurechtrichten zu lassen.
Sie zog aus ihrer groen Ledertasche Zwirn von allen Farben und machte sich an
die Wunden, die ihm die Wrttemberger geschlagen hatten. Sie unterhielt ihn
dabei mit ergtzlichen Reden von der Haushaltung und der Zubereitung
verschiedener Speisen, die in Frau Sabinas Kochregister nicht vorgekommen waren.
Entfernt von diesem Paar um die ganze Breite des Zimmers, saen Georg und Marie
im traulichen Flstern der Liebe. Weder der gelehrte Johannes Tethingerus, noch
ein Johannes Bezius, weder Gabelkofer noch Crusius, so wichtige Kunden wir ihnen
ber diese Zeiten verdanken, melden uns, was diese beiden an jenem Morgen
zusammen flsterten, nur so viel knnen wir berichten, da eine se Ruhe auf
Mariens Zgen lag, da sie die schnen Augen bald freudig aufschlug, bald
verschmt wieder senkte, da sie bald lchelte, bald tief errtete, und manche
Frage des Geliebten mit Kssen zurckdrngte.
    Der Leser wird es uns Dank wissen, wenn wir ihn von einer Szene, die so
wenig historischen Grund und Boden, also nach neueren Begriffen auch keinen Wert
hat, hinwegfhren, und den Schritten des Ritters von Lichtenstein folgen. Er
hatte seine Tochter unter der Pflege Georgs, seinen Neffen unter der
kunstreichen Hand der Frau Rosalia gelassen, und schritt nun den Gemchern des
Herzogs zu. Seine Zge, welchen Alter und Erfahrung einen sinnenden Ernst
eingedrckt hatten, erschienen in dieser Stunde noch ernster - beinahe traurig.
Dieser Mann hatte von seinen Vtern die Liebe zum Hause Wrttemberg geerbt,
Gewohnheit und Neigung hatten ihn an die Regenten gefesselt, die whrend seines
langen Lebens ber Wrttemberg geherrscht hatten, und das Unglck und die
Verleumdung, welche auf Ulerich unablssig hereinstrmten, hatten das Herz des
alten Herrn nicht von diesem Herzog losreien knnen - sie fesselten ihn nur mit
noch strkeren Banden. Mit der Freude eines Brutigams, der zur Hochzeit zieht,
mit der Kraft eines Jnglings hatte er den weiten und beschwerlichen Weg von
seinem Schlo nach Stuttgart zurckgelegt, als man ihm gemeldet hatte, da der
Herzog Leonberg erobert habe und auf Stuttgart zu ziehe. Keinen Augenblick
zweifelte er an dem Siege des Herzogs und so traf es sich, da er schon am
andern Morgen der neuen Herrschaft Ulerichs nach Stuttgart kam.
    Nicht so frhlicher Art waren die Nachrichten, die ihm Georg mitteilte, als
er mit ihm und Marien die Treppe heraufstieg. Der Herzog, hatte ihm jener
zugeflstert, der Herzog ist nicht so wie er sollte; Gott wei was er mit
seinem Lande machen will, er hat unterweges sonderbare Reden fallen lassen, und
ich frchte er ist nicht in den besten Hnden. Der Kanzler Ambrosius Volland -
Dieser einzige Name reichte hin, in dem Ritter von Lichtenstein groe
Besorgnisse aufzuregen. Er kannte diesen Volland, er wute, da er zwar gelehrt,
in allen Regierungsgeschften beraus wohlerfahren, zu jedem, auch dem
schwersten Dienst bereit, aber dabei ein Mann sei, der zum wenigsten schon fter
ein gewagtes, wo nicht falsches Spiel gespielt habe.
    Wenn der Herzog diesem sein Vertrauen schenkt, wenn er nur seine Ratschlge
befolgt, dann sei Gott gndig. Dem Ambrosius ist das Land ein Stck Leder, das
man nach Willkr handhaben kann, er wird es zurechtschneiden wollen zu einem
Koller fr den Herzog und die Abschnipfel fr sich behalten. Aber wie Frau Rosel
zu sagen pflegt: Zerschneiden kann jeder Narr, aber wie zusammennhen?  So
sprach der alte Herr von Lichtenstein zu sich, als er durch die Galerien ging;
er streichelte unmutig seinen langen weien Bart, und seine Augen glhten vom
Eifer fr die gute Sache Wrttembergs.
    Er wurde sogleich vorgelassen, und traf den Herzog in groer Beratung mit
Ambrosio. Der letztere hatte eine ungeheure Schwanenfeder in der einen Hand, in
der andern hielt er ein Pergament, das mit schwarzer, roter und blauer Dinte in
vielen zierlichen Schnrkeln beschrieben war. Der Herzog spielte mit einem
groen Sigill, das er in der Hand hielt, er schien mit sich zu kmpfen, er sah
bald seinen Kanzler durchdringend an, bald heftete sich sein Blick wieder auf
das Sigill. Sie waren beide so vertieft, da Lichtenstein einige Minuten im
Zimmer stand, ohne von ihnen bemerkt zu werden; er betrachtete mit groer
Teilnahme die edlen Zge Ulerichs von Wrttemberg. Er sah, wie auf seiner
Stirne, in seinen sprechenden Augen, so verschiedene Empfindungen wechselten.
Bald runzelte sich seine Stirne, seine Augenbrau'n zuckten, sein Auge rollte,
dann gltteten sich diese Falten, aus seinen Blicken strahlte nur ein tiefer
Ernst, der in Nachdenken berging, und oft schien ein Anflug von Gte den
strengen Ausdruck seiner Zge zu mildern. Aber der im gelben Mntelein, mit der
Schwanenfeder in der Hand, stand wie der Versucher vor ihm; er wandt' und drehte
sich vor ihm, wie die Schlange im Paradies, und das ewig stehende Lcheln, der
Ausdruck von Ehrlichkeit, den er seinen grnen uglein zu geben wute, wenn ihn
sein Herr scharf ansah, sollten einladen den Apfel anzubeien.
    Ich kann nicht begreifen, sprach er mit heiserer feiner Stimme, warum Ihr
es nicht tun mget. Hat wohl Csar so lange gezaudert, als er ber den Rubikon
ging? Ein groer Mann hat groe Mittel ntig, und die Mitwelt und die Nachwelt
wird Euch preisen, da Ihr diese Fesseln von Euch geworfen.
    Weit du dies so gewi, Ambrosius Volland? entgegnete der Herzog, indem er
ihn dster anblickte. Man wird sagen: Herzog Ulerich war ein Tyrann. Er hat die
alte Ordnung umgestoen, die seinen Vtern heilig war, er hat den Vertrag, den
er selbst aufgerichtet, gebrochen, er hat sein Land wie ein fremdes behandelt,
er hat die Gesetze nicht gehalten, die -
    Erlaubet, unterbrach ihn jener, es kommt nur allein auf die Frage an: Wer
ist Herr? der Herzog oder das Land? Wenn das Land Herr ist, dann ist's was
anderes. Dann freilich sind allerlei Pakten, Vertrge, Klauseln und dergleichen
ntig. Die Ritterschaft, die Prlaten und die Landschaft sind dann Meister, und
Euer Durchlaucht - nun, sind dann der, welcher den Namen dazu hergibt. Seid Ihr
aber, was man so eigentlich Herr nennt, dann seid Ihr es auch, der Gesetze gibt.
Jetzt habt Ihr das Heft in der Hand; jetzt noch seid Ihr Herr und Meister. Drum
fort mit dem alten Recht, hier ist ein neues - da, nehmt in Gottes Namen die
Feder, unterzeichnet.
    Der Herzog stand noch eine Weile unschlssig, seine Wangen glhten, seine
ganze Gestalt richtete sich hher auf, aber sein Auge haftete noch am Boden.
Jetzt schlug er es auf, und es blitzte vom Gefhl seiner Wrde. Ich heie
Wrttemberg, sagte er; ich bin das Land und das Gesetz - ich unterschreibe.
Er streckte die Rechte aus, die Schwanenfeder aus der Hand seines Kanzlers zu
empfangen, aber mit sanfter Gewalt wurde sein Arm von einer fremden Hand
ergriffen und weggezogen. Erstaunt sah er sich um, und blickte in die ruhigen
aber ernsten Zge des Ritters von Lichtenstein.
    Ha! willkommen, rief er, mein getreuer Lichtenstein; sogleich steh ich
Euch Rede, lasset mich nur zuvor dies Pergament unterzeichnen.
    Erlauben Euer Durchlaucht, sagte der alte Mann, Ihr habt mir eine Stimme
zugesagt in Eurem Rat, darf ich nicht auch wissen um die erste Verordnung, die
Ihr an Euer Land ergehen lasset.
    Mit Euer hochedeln Erlaubnis, fiel Ambrosius Volland hastig ein, das Ding
hat Eile; die Brgerschaft von Stuttgart versammelt sich schon auf der Wiese;
diese Schrift mu ihr vorgelesen werden; es hat wahrhaftig Eile.
    Nun, Ambrosius! sagte der Herzog, So gar eilig ist es nicht, da wir
unserem alten Freund die Sache nicht mitteilen sollten. Wir haben nmlich
beschlossen, uns huldigen zu lassen, und zwar nach neuen Vertrgen und Gesetzen.
Die alten sind null und nichtig.
    Das habt Ihr beschlossen? um Gottes willen, habt Ihr auch bedacht, zu was
dies fhrt? Habt Ihr nicht erst vor wenigen Tagen den Tbinger Vertrag
beschworen?
    Tbingen! rief der Herzog mit schrecklicher Stimme, indem seine Augen von
Zorn glhten. Tbingen! nenne dies Wort nicht mehr. Dort hatte ich all meine
Hoffnung, dort war mein Land, meine Kinder, ha, und dort haben sie mich verraten
und verkauft. Ich bat, ich flehte, sie sollen zu mir halten, ich wolle Gut und
Blut mit ihnen teilen - nichts! man wollte von Ulerich nichts mehr; das neue
Regiment gefiel ihnen besser, im Elend haben sie mich schmachten lassen, haben
zugegeben, da ihr Herzog in Verbannung war, haben geduldet, da der Name
Wrttemberg ein Hohngelchter wurde in allen Reichen - jetzt bin ich wieder Herr
und Meister, habe das Heft in der Hand, und will mir's nicht wieder aus der Hand
wenden lassen. Haben sie ihren Eid vergessen, bei Sankt Hubertus, so ist mein
Gedchtnis auch nicht lnger. Tbinger Vertrag? Ich sag, der Teufel soll alles
holen, was mit diesem Namen sich verknpft!
    Aber bedenken Euer Durchlaucht! sprach Lichtenstein, von diesem Ausbruch
der Leidenschaft erschttert, bedenket doch, welchen Eindruck ein solcher
Schritt auf das Land machen mu. Noch habt Ihr nichts als Stuttgart und die
Gegend; noch liegen in Urach, Asperg, Tbingen, Gppingen, berall noch
bndische Besatzungen. Wird die Landschaft Euch beistehen, den Bund zu verjagen,
wenn sie hrt, auf welche neue Ordnung sie huldigen solle?
    Ich sag: ist mir die Landschaft beigestanden, als ich Wrttemberg mit dem
Rcken ansehen mute? Sie haben mich laufen lassen und dem Bund gehuldigt!
    Vergebt mir, Herr Herzog, entgegnete der Alte mit bewegter Stimme; dem
ist nicht also. Ich wei noch wohl den Tag bei Blaubeuren. Wer hielt da zu Euch,
als die Schweizer abzogen? Wer bat Euch nicht vom Land zu lassen, wer wollte
Euch sein Leben opfern? Das waren achttausend Wrttemberger. Habt Ihr den Tag
vergessen?
    Ei, ei, Wertester! sagte der Kanzler, dem es nicht entging, welchen
mchtigen Eindruck diese Worte auf Ulerich machten. Ei! Ihr sprechet doch auch
etwas zu khnlich. Ist brigens jetzt auch gar nicht die Rede von damals,
sondern von jetzt. Die Landschaft ist von der alten Huldigung gnzlich
abgekommen, hat dem Bunde eine andere Huldigung getan; Seine Durchlaucht ist
jetzt als ein neuangekommener Herr anzusehen; er hat dies Land mit Gewalt
erobere; hat sich nun der Bund auf besondere Vertrge huldigen lassen, so kann
es der Herzog ebenso halten. Neuer Herr, neu Gesetz. Man kann sich in allewege
nach eigenem Gutdnken huldigen lassen. Soll ich die Feder eintauchen, gndiger
Herr?
    Herr Kanzler! sagte Lichtenstein mit fester Stimme, habe alle mgliche
Ehrfurcht vor Eurer Gelahrtheit und Einsicht, aber was Ihr da sagt, ist
grundfalsch und kein guter Rat. Jetzt gilt es zu wissen, wen das Volk liebt. Der
Bund hat durch sein Walten im Land alles gegen sich aufgebracht, es war die
rechte Zeit, da Seine Durchlaucht wiederkam, jetzt fliegen ihm alle Herzen zu
-; wird er sie nicht gewaltsam von sich stoen, wenn er alles Alte umreie und
nach eigener neuerer Satzung schaltet und waltet! Oh, bedenkt, bedenkt, die
Liebe eines Volkes ist eine mchtige Sttze!
    Der Herzog stand mit untergeschlagenen Armen da, dster vor sich
hinblickend, er antwortete nicht. Desto eifriger tat dies der Kanzler im gelben
Mntelein. Hi, hi, hi! wo habt Ihr die schnen Sprchlein her? Liebwerter,
Hochgeschtzter! Liebe des Volkes, sagt Ihr? Schon die Rmer wuten was davon zu
halten sei. Seifenblasen, Seifenblasen! htt Euch fr gescheiter gehalten. Wer
ist denn das Land? hier, hier steht es in persona, das ist Wrttemberg; dem
gehrt's; hat's geerbt und jetzt noch dazu erobert. Volksliebe! Aprillenwetter!
wre ihre Liebe so stark gewesen, so htten sie nicht dem Bunde gehuldigt.
    Der Kanzler hat recht! rief Ulerich aus seinen Gedanken erwachend. Du
magst es gut meinen, Lichtenstein. Aber er hat diesmal recht. Meine Langmut hat
mich zum Land hinaufgetrieben; Jetzt bin ich wieder da; und sie sollen fhlen,
da ich Herr bin. Die Feder her, Kanzler, ich sag so will ich's; so wollen wir
uns huldigen lassen!
    O Herr! tut nichts in der ersten Hitze! wartet bis Euer Blut sich abkhlt.
Rufet die Landschaft zusammen; machet nderungen nach Eurem Sinne, nur jetzt
nicht, nur nicht solange der Bund noch Land besitzt in Wrttemberg; es knnte
Euch schaden bei den brigen. Gestattet nur noch eine kurze Frist. -
    So? unterbrach ihn der Kanzler, da man dann alsgemach wieder in das alte
Wesen hineinkommt. Gebt acht, wenn die Landschaft erst beisammen ist, wenn sie
sich erst zusammen beraten, meinet Ihr, da werden sie so gutwillig nachgeben.
Hi! hi! da wird man Gewalt anwenden mssen, und das macht erst verhat.
Schmiedet das Eisen, solange es warm ist. Oder gelstet Euer Durchlaucht wieder
ganz gehorsamlich unter das alte Joch zu stehen, und den Karren zu ziehen?
    Der Herzog antwortete nicht. Er ri mit einer hastigen Bewegung Feder und
Pergament dem Kanzler aus der Hand, warf einen schnellen durchdringenden Blick
auf ihn und den Ritter, und ehe noch dieser es verhindern konnte, hatte Ulerich
seinen Namen unterzeichnet. Der Ritter stand in stummer Bestrzung; er senkte
bekmmert das Haupt auf die Brust herab. Der Kanzler blickte triumphierend auf
den Ritter und den Herzog. Doch dieser ergriff eine silberne Glocke, die auf dem
Tisch stund, und klingelte. Ein Diener erschien und fragte nach seinem Befehl.
    Ist die Brgerschaft versammelt? fragte er.
    Ja, Euer Durchlaucht! auf den Wiesen gegen Cannstatt sind sie versammelt.
Amt und Stadt; die Landsknechte rcken soeben aus; sechs Fhnlein.
    Die Landsknechte? wer gab die Erlaubnis?
    Der Kanzler zitterte vor dem Ton dieser Frage. Es ist nur wegen der
Ordnung, sagte er, ich habe gedacht, weil es bei solchen Fllen gebruchlich
sei, da bewaffnete Mannschaft -
    Der Herzog winkte ihm zu schweigen; er begegnete einem trben, fragenden
Blick des alten Lichtenstein, der ihn errten machte. Mit meinem Befehl geschah
es nicht, sprach er, doch - es mchte auffallen, wenn wir sie zurckriefen. Es
ist ja gleichgltig. Man bringe mir den roten Mantel und den Hut; schnell!
    Der Herzog trat ans Fenster, und sah schweigend hinaus; der Kanzler schien
nicht recht zu wissen, ob sein Herr erzrnt sei oder nicht, er wagte nicht zu
sprechen, und der Ritter von Lichtenstein verstarrte in seinem trben Schweigen.
So standen sie geraume Zeit, bis sie von den Dienern unterbrochen wurden. Es
traten vier Edelknaben ins Gemach, der erste trug den Mantel, der zweite den
Hut, der dritte eine Kette von Gold und der vierte des Herzogs Schlachtschwert.
Sie bekleideten den Herzog mit dem Frstenmantel von purpurrotem Samt mit
Hermelin verbrmt. Sie reichten ihm den Hut, der die rot und gelbe Farbe des
Hauses Wrttemberg in reichen wehenden Federn zeigte, diese wurden
zusammengehalten von einer Agraffe aus Gold und Edelsteinen, die eine Grafschaft
wert war. Der Herzog bedeckte sein Haupt mit diesem Hut. Seine krftige Gestalt
schien in diesem frstlichen Schmuck noch erhabener als zuvor, und die freie,
majesttische Stirne, das glnzende Auge sahe gebietend unter den wallenden
Federn hervor. Er lie sich die Kette umhngen, steckte das Schlachtschwert an,
und winkte seinem Kanzler aufzubrechen.
    Noch immer sprach der Ritter von Lichtenstein kein Wort; mit bekmmerter
Miene hatte er diesen Anstalten zugesehen, und sich dann abgewendet. Der Herzog
schritt mit leichtem Neigen des Hauptes, an dem alten Ritter vorber zur Tre,
und die wunderliche Figur des Kanzlers Ambrosius Volland folgte ihm mit
majesttischen Schritten. Hatte der Herr den Alten nicht gegrt, glaubte auch
der Kanzler ihm dies nicht schuldig zu sein, er warf nur einen tckischen Blick
nach dem Platz hinber wo jener noch immer stand, und sein groer, zahnloser
Mund verzog sich zu einem hhnischen Lcheln. In der Tre stand der Herzog
stille, er sah rckwrts, seine bessere Natur schien ber ihn zu siegen, er
kehrte zur Verwunderung des Kanzlers zurck und trat zu Lichtenstein.
    Alter Mann! sagte er, indem er vergeblich strebte, seine tiefe Bewegung zu
unterdrcken, du warst mein einziger Freund in der Not, und in hundert Proben
habe ich deine Treue bewhrt gefunden, du kannst es mit Wrttemberg nicht
schlimm meinen; ich fhle, es ist einer der wichtigsten Schritte meines Lebens,
und ich gehe vielleicht einen gewagten Gang; - aber wo es das Hchste gilt, mu
man alles wagen. -
    Der Ritter von Lichtenstein richtete sein greises Haupt auf in den weien
Wimpern hingen Trnen; er ergriff Ulerichs Hand: Bleibet, rief er, nur
diesmal, diesmal folget meiner Stimme; mein Haar ist grau; ich habe lange
gelebt, Ihr erst drei Jahrzehnte. - Indem ertnten die Trommeln der
Landsknechte in dem Hof. Das ungeduldige Stampfen der Rosse drang herauf, und
die Herolde stieen zur Huldigung rufend, in die Trompeten.
    Jacta alea esto! war der Wahlspruch Csars, sagte der Herzog mit mutiger
Miene; jetzt gehe ich ber meinen Rubikon. Aber dein Segen mchte mir frommen,
alter Mann, zum Rat ist es zu spt!
    Der Ritter blickte schmerzlich aufwrts; die Stimme versagte ihm, er drckte
segnend seines Herzogs Rechte an die Brust. Noch zgerte Ulerich bei ihm, da
streckte der Kanzler den langen drren Arm unter dem gelben Mntelein hervor,
winkte ihm mit der Pergamentrolle; er war anzuschauen wie der Versucher, dem es
gelingt, eine arme Seele mit sich hinabzuziehen. Ulerich von Wrttemberg ri
sich los und ging, um sich von seiner Hauptstadt huldigen zu lassen.

                                       VI


 Kein Feuer, keine Kohle
 Kann glhen so hei,
 Als eine stille Liebe,
 Von der niemand nichts wei.
                                                                Altes Sprichwort

Die Besorgnisse des alten Herrn schienen nicht so ungegrndet gewesen zu sein,
als Ambrosius Volland sie dargestellt hatte. Ein sehr groer Teil des Landes
fiel zwar dem Herzog zu, weil die Vorliebe fr den angestammten Regenten, der
Druck des Bundes und die anfangs so siegreichen Waffen Ulerichs, viele bewogen,
die Huldigung, die sie gezwungenerweise dem Bunde getan, zu vergessen und sich
fr Wrttemberg zu erklren.
    Aber die neue Huldigung, die alle frhern Vertrge umstie, das Gercht, da
manche Stadt durch Gewalt zu diesen Formen gezwungen worden sei, bewirkte
wenigstens, da der Herzog keine Popularitt gewann, ein Mangel, der in so
zweifelhafter Lage oft nur zu bald fhlbar wird. Noch beharrten Urach, Gppingen
und Tbingen auf ihren, dem Bund geleisteten Pflichten, denn ihre bndisch
gesinnten Obervgte zwangen sie mit Gewalt dazu; zu Urach hauste Dieterich Spt,
des Herzogs bitterster Feind; er brachte in wenigen Tagen so viel Mannschaft
auf, da er nicht nur sein ganzes Amt im Zaume hielt, sondern auch Einflle in
die Lndereien machte, die dem Herzog wieder zugefallen waren. Es ging auch das
Gercht, die Bundesstnde seien schnell von Nrdlingen aufgebrochen, jeder in
seine Heimat geeilt, um frische Heere aufzubieten und Ulerich zum zweitenmal auf
Leben und Tod zu bekmpfen.
    Ulerich selbst schien weder der einen noch der andern dieser Besorgnisse
Raum zu geben. Er pflog bei verschlossenen Tren mit Ambrosius Volland Rat; man
sah viele Eilboten kommen und abgehen, aber niemand erfuhr, was sie brachten. In
Stuttgart aber glaubte man fest, der Herzog msse in der frhlichsten Stimmung
sein, denn wenn er mit seinem glnzenden Gefolge durch die Straen ritt, alle
schnen Jungfrauen grte und mit den Herren zu seiner Seite scherzte und
lachte, da sagten sie: Herr Ulerich ist wieder so lustig, wie vor dem Armen
Konrad. Er hatte seinen Hofstaat wieder glnzend eingerichtet. Zwar war es
nicht mehr wie frher der Sammelplatz der bayerischen, schwbischen und
frnkischen Grafen und Herren, zwar fehlte die Frstin, die sonst einen schnen
Kranz blhender Frulein um sich versammelt hatte, aber dennoch fehlte es nicht
an schnen Frauen und schmucken Edeln seinen Hof zu verherrlichen, und die Luft
dieser Stadt schien schon damals der Schnheit so gnstig zu sein, da die
bunten Reihen in den Slen und Hallen des Schlosses nicht einer gewhnlichen
Versammlung, sondern einer Auswahl aus den schnen Frauen des Landes glich.
    Tnze und Ritterspiele waren in ihre alten Rechte eingesetzt worden, Fest
drngte sich an Fest und Ulerich schien eifrig nachholen zu wollen, was er in
der Zeit seines Unglcks versumt hatte. Keines der geringsten dieser Feste war
die Hochzeit Georgs von Sturmfeder mit der Erbin von Lichtenstein.
    Der alte Herr hatte sich lange nicht entschlieen knnen, sein Wort zu
halten; nicht da er die Wahl seiner Tochter mibilligt htte, denn er liebte
seinen Eidam vterlich, er sah in ihm seine eigene Jugend wieder aufblhen, er
schlug ihm seine freiwillige Verbannung mit dem Herzog hoch an; aber wie der
Horizont von Ulerichs Glck, so war auch die Stirne des alten Mannes noch immer
umwlkt, denn er ahnte, da es nicht so bleiben werde, wie es jetzt war, und
tief schmerzte es ihn, da der Herzog in so mancher wichtigen Angelegenheit von
seinem Rat nicht Gebrauch machte, sondern alles heimlich mit seinem Kanzler
abhandelte. So hatte er unschlssig und betrbt diesen Tag der Freude immer
hinausgeschoben, aber die schnen Augen seiner Tochter, in welchen er oft einen
leisen Vorwurf zu lesen glaubte, Georgs Bitten ntigten ihm endlich einen
bestimmten Termin ab. Der Herzog lie es sich nicht nehmen, die Hochzeit
auszurichten Er mochte sich jener Nchte erinnern, wo der Vater nicht mde ward,
ihm seine Anhnglichkeit zu bezeugen; wo die zarte Tochter keinen Sturm, keine
Klte scheute, um ihn am Burgtor zu empfangen, um ihn mit warmen Speisen zu
laben. Er mochte sich noch aus der jngsten Vergangenheit der Opfer erinnern,
die ihm der Brutigam gebracht hatte, er zeigte auf glnzende Art, wie er Treue,
Aufopferung und Liebe, die sich ihm so selten bewhrt hatten, zu vergelten
wisse. Der Ritter und seine Tochter waren bisher noch immer seine Gste im
Schlo zu Stuttgart gewesen, jetzt lie er ein schnes Haus nchst der
Kollegiaten-Kirche mit neuem Hausgerte versehen und bergab am Vorabend der
Hochzeit den Schlssel dem Frulein von Lichtenstein, mit dem Wunsche, sie
mchte es, sooft sie in Stuttgart sei, bewohnen.
    Und jetzt endlich war der Tag gekommen, welchen Georg oft in ungewisser
Ferne aber immer mit gleicher Sehnsucht geschaut hatte. Er rief sich am Morgen
dieses Tages das ganze Leben seiner Liebe zurck; er wunderte sich, wie alles so
ganz anders gekommen war, als er sich gedacht hatte. Wie htte er, als er damals
durch den Schnbuch nach der Heimat zog, denken knnen, da das Glck, die
Geliebte ganz zu besitzen, nicht mehr so ferne liegen werde, als er frchtete.
Wie htte er, als er sich an das Bundesheer anschlo, ahnen knnen, da der
Herzog, welchen er zu bekriegen kam, sein Glck grnden werde. Mit welch
heiterer Ruhe dachte er jetzt an die Strme jener Tage zurck, wo es ihm zuerst
wieder mglich geworden war, der Geliebten ein Wrtchen der Liebe zuzuflstern,
wo er die Schreckenskunde vernahm, da ihr Vater ein Feind des Bundes, sie mit
sich hinwegfhren werde; wo er in Bertas Garten die unglcklichste Stunde seines
Lebens im schmerzlichen Abschied von der Geliebten hinbrachte, wo er auf lange,
vielleicht auf ewig verloren glaubte, was heute auf ewig sein werden sollte.
Jedes Wort der Geliebten kehrte wieder in seiner Erinnerung, und er mute aufs
neue ihre hohe Zuversicht, ihren schnen Glauben an ein gtiges Geschick
bewundern, den sie auch damals, wo die Zukunft mit einem dsteren Schleier
verhllt, und keine Aussicht, keine Hoffnung mehr war, nicht verlor, den sie mit
dem letzten Abschiedskusse auch ihm mitzuteilen wute.
    Er hat uns nicht gelogen, dieser Glaube, sprach der junge Mann, von der
Erinnerung bewegt, zu sich, es lebt eine heilige, ahnungsvolle Stimme in ihrer
reinen Seele, und ihr klares Auge das in dem meinigen die Gewiheit meiner Liebe
las, tauchte auch damals tief in die Zukunft und verkndete Glck, es wird sie
auch jetzt nicht tuschen, wenn es ein ses, ungestrtes Glck in unserer
Verbindung liest.
    Ein bescheidenes Pochen an der Tre unterbrach die lange Gedankenreihe, die
sich an den heutigen Tag knpfen, und in die ferne Zukunft hinausziehen wollte.
Es war Herr Dieterich von Kraft, der stattlich geschmckt zu ihm eintrat.
    Wie? rief dieser Schreiber des Groen Rates zu Ulm, und schlug voll
Verwunderung die Hnde zusammen. Wie? in diesem Wams wollet Ihr Euch doch
hoffentlich nicht trauen lassen? Es ist schon neun Uhr, die Gnge und Treppen
des Schlosses wimmeln von Hochzeitgsten, die von Samt und Seide glnzen, und
Ihr, die Hauptperson im Stck, schauet ruhig zum Fenster hinaus, statt Euren
Anzug zu besorgen?
    Dort liegt der ganze Staat, erwiderte Georg lchelnd; Barett und Federn,
Mantel und Wams, alles aufs schnste zubereitet, aber Gott wei, ich habe noch
nicht daran gedacht, da ich dieses Flitterwerk an mich hngen solle. Dies Wams
ist mir lieber als jedes schne neue. Ich habe es in schweren, aber dennoch
glcklichen Tagen getragen.
    Ja, ja! ich kenne es wohl; das habt Ihr bei mir in Ulm getragen, und es ist
mir noch wohl erinnerlich, wie Euch Berta in diesem blauen Kleid abschilderte,
da ich recht eiferschtig ward. Aber Flitterwerk nennt Ihr die Kleider da? Ei,
der Tausend! Htte ich nur mein Leben lang solche Flitter. Ha, das weie Gewand
mit Gold gestickt, und der blaue Mantel von Samt! Kann man was Schneres sehen?
Wahrlich Ihr habt mit Umsicht ausgewhlt, das mag trefflich stehen zu Euren
braunen Haaren.
    Der Herzog hat mir es zugeschickt, antwortete Georg, indem er sich
ankleidete, mir wre alles zu kostbar gewesen.
    Ist doch ein prchtiger Herr, der Herzog, und jetzt erst, seit ich einige
Zeit hier bin, sehe ich ein, da man ihm bei uns in Ulm zuviel getan hat. An
einem solchen Hofe ist es doch was anderes als in den Stdten; und Herzog von
Wrttemberg klingt auch schner als Brgermeister von Ulm. Und doch mcht ich
nicht in seiner Haut stecken; Ihr werdet sehen, Vetter, es geht noch einmal
bergab mit ihm.
    Das ist Euer altes Lied, Herr Dieterich; erinnert Ihr Euch noch, wie Ihr
damals in Ulm grotatet mit Eurer Politika und wie Ihr regieren wolltet in
Wrttemberg? Wie ist es denn jetzt?
    Ist nicht alles eingetroffen, erwiderte der Ratsschreiber mit weiser
Miene; wei noch wie heute, da ich prophezeite die Schweizer ziehen heim, die
Landschaft werden wir fr uns gewinnen, und die Burgen werden wir einnehmen.
    Ja, ja! Ihr habt sie erobern helfen, lachte Georg, seid ja in einer
Snfte zu Feld getragen worden; aber damals sagtet Ihr auch, der Herzog werde
nie zurckkehren, und jetzt sitzt er ganz warm und ruhig hier.
    Nicht so ruhig als Ihr glaubt. Zwar ich wollte ihm und Euch wnschen, er
behielte sein Land; uns hat es doch nichts gentzt, die groen Herren nehmen
alles fr sich, an unsereinen kam nichts als etwa die Ehre fr den Bund gekpft
zu werden; mchte es ihm wohl gnnen; aber - glaubet mir, es sieht nicht so
ruhig aus, als man hier meint. Die vertriebenen Rte haben von Elingen aus an
den Kaiser und das Reich geschrieben und geklagt, der Bund ist wieder auf den
Beinen; bei Ulm steht schon wieder ein neues Heer.
    Gerede, nichts weiter; ich wei gewi, da der Herzog sich mit Bayern
vershnen wird.
    Ja will, aber nicht vershnen wird. Das hat noch manchen Haken. Aber was
sehe ich; Ihr werdet doch nicht den alten Fetzen von einer Feldbinde zu dem
stattlichen Hochzeitschmuck anlegen wollen? Pfui, das pat nicht zusammen,
lieber Vetter.
    Der Brutigam betrachtete die Schrpe mit inniger Liebe. Das verstehet Ihr
nicht, sagte er, wie gut sich dies zum Hochzeitgewande schickt. Es ist ihr
erstes Geschenk; sie flocht sie heimlich bei Nacht auf ihrem Kmmerlein, als ihr
die Kunde kam, da sie bald scheiden msse. Sie hat manche Trne hineingewoben,
hat das Gewebe oft an die Lippen gedrckt, drum ward es mir eine Zauberbinde,
und meinen Augen ein Trost, wenn ich im Unglck auf die Brust herniedersah. Sie
darf nicht fehlen diese Binde, hat sie die Not mit mir getragen, so sei sie mir
ein heiliger Schmuck am Tage des Glckes.
    Nun, wie Ihr wollt, hngt sie in Gottes Namen um, jetzt noch das Barett
aufgesetzt und schnell den Mantel umgehngt, sie luten schon das erste drben
in der Kirche. Sputet Euch, lasset das Brutlein nicht so lange warten!
    Der Ratsschreiber stellte sich noch einmal vor den jungen Mann, und musterte
mit strengen Kenneraugen seinen Anzug. Er zog dort eine Spange schrfer an, er
verwischte dort eine Falte, steckte hier eine Feder hher, und immer zufriedener
wurden seine Blicke. Er gestand sich, da der groe, schlanke junge Mann, sein
schner Kopf, die klaren mutigen Augen ganz des lieblichen Bschens wrdig sei.
Wei Gott, sagte er, Ihr sehet aus, Vetter, als wret Ihr von unserem
Herrgott gerade zum Hochzeiter erschaffen worden. Es ist mir lieb, da Euch
heute Berta nicht sehen kann, es mchte ihr wieder auf acht Tage schwindelnd
werden, dem armen Kind! - Kommt, kommt; ich fhle mich stolz, Euer Geselle zu
sein; wenn ich auch vierzehn Tage zu spt nach Ulm zurckkehre. -
    Georgs Wangen rteten sich, sein Herz pochte, als er sein Gemach verlie.
Die Freude, die Erwartung, die Erfllung jahrelanger Wnsche bestrmten seine
Sinne, und wie trunken ging er neben Herrn Dieterich durch die Galerien. Die
Tre ging auf, und Marie im Glanze ihrer Schnheit stand umgeben von vielen
Frauen und Frulein, die vom Herzog eingeladen, heute ihre Begleitung bilden
sollten. Marie errtete, als sie den Geliebten sah, sie betrachtete ihn
staunend, als seien seine Zge heute mit einem neuen Glanze bergossen, sie
schlug die Augen nieder, als sie seinen freudetrunkenen Blicken begegnete. Was
htte Georg dafr gegeben, die Geliebte an sein Herz ziehen, den Morgengru der
Liebe auf ihre Lippen drcken zu drfen, aber die strenge Sitte der Zeit trennte
an diesem Tage durch eine weite Kluft, was sich sonst schon lngst gefunden
htte. Dem Brutigam war es nicht erlaubt, die Hand der Braut zu berhren, ehe
sie der Priester in die seinige legte, und der Braut wurde es bel aufgenommen,
wenn sie den Brutigam gar zuviel und gar zu lange ansah. Zchtig, ehrbar, die
Augen auf den Boden geheftet, die Hnde unter der Brust gefaltet, mute sie
stehen - so wollt es die Sitte.
    Bei mancher andern mchte diese Stellung erzwungen und steif erschienen
sein, doch, wie die Natur ber ihre lieblichsten Tchter in jeder Lage, in
Trauer und Freude, den Zauber der Schnheit ausgiet, so war auch diese
unnatrliche Haltung der Braut, bei Marien zum gelungensten Bild geworden; die
zarte Rte, die alle Augenblicke auf ihren Wangen wechselte, der se Mund, in
dessen Winkeln ein Lcheln aufzukeimen schien, der feine weiche Vorhang der
gesenkten Lider, die zarten Fransen der dunkeln Wimpern, durch welche die blauen
glnzenden Augen wie eine aufgehende Sonne kaum sichtbar durchschimmerten, sie
gaben ein Bild holder verschmter Liebe, die dem Geliebten die Arme ffnen, die
seinen Namen mit den sesten Tnen aussprechen, die die Augen aufschlagen
mchte, um ihm durch einen Blick ihre Wnsche zu verknden; doch die mchtigere
Natur, das verwirrende Gefhl der Beschmung windet ihr die Hnde nur noch
fester zusammen, schlgt die zarte Hlle der Wimpern vor das glhende Auge
herab, und verschliet den Mund, da er nur heimlich und stille lchelt, aber
das Geheimnis der Liebenden nicht ausspricht.
    Verschwunden war die erhabene Haltung Mariens, verschwunden die Majestt
ihrer Stirne und jener gebietende ernste Blick, der auch den Khnsten gefesselt
htte; aber man war versucht, jene erhabeneren Schnheiten nicht
zurckzuwnschen; lag doch in diesem verschmten Bekenntnis, durch einen Blick
des Geliebten berwunden zu sein, ein hherer Reiz, als wenn das stolze Auge
frei um sich geblickt, und dieser geschlossene Mund das Gestndnis der Liebe
laut und offen ausgesprochen htte. So hatte die Natur Marien an diesem Tage
einen neuen Zauber verliehen, der so mchtig wirkte, da Georg einige Momente
seine Braut verwunderungsvoll betrachtete und sein Herz sich stolzer hob, im
Gefhle dieses liebliche Kind sein nennen zu drfen.
    Jetzt kam auch der Herzog, der den Ritter von Lichtenstein an der Hand
fhrte. Er musterte mit schnellen Blicken den reichen Kreis der Damen, und auch
er schien sich zu gestehen, da Marie die schnste sei. Sturmfeder! sagte er,
indem er den Glcklichen auf die Seite fhrte, dies ist der Tag, der dich fr
vieles belohnt. Gedenkst du noch der Nacht, wo du mich in der Hhle besuchtest
und nicht erkanntest? Damals brachte Hanns, der Pfeifer, einen guten Trinkspruch
aus: Dem Frulein von Lichtenstein! mge sie blhen fr Euch. - Jetzt ist sie
dein, und was nicht minder schn ist, auch dein Trinkspruch ist erfllt; Wir
sind wieder eingezogen in die Burg Unserer Vter.
    Mgen Euer Durchlaucht dieses Glck so lange genieen, als ich an Mariens
Seite glcklich zu sein hoffe. Aber Eurer Huld und Gnade habe ich diesen schnen
Tag zu verdanken, ohne Euch wre vielleicht der Vater -
    Ehre um Ehre, du hast Uns treulich beigestanden, als Wir Unser Land
wiedererobern wollten, drum gebhrte es sich, da auch Wir dir beistanden, um
sie zu besitzen. - Wir stellen heute deinen Vater vor, und als solchem wirst du
Uns schon erlauben, nach der Kirche deine schne Frau auf die Stirne zu kssen.
    Georg gedachte jener Nacht, als der Herzog unter dem Tor von Lichtenstein
sich auf diesen Tag vertrstete, unwillkrlich mute er lcheln, wenn er der
Wrde und Hoheit gedachte, mit welcher die Geliebte den Mann der Hhle damals
zurckgewiesen hatte. Immerhin, Herr Herzog, auch auf den Mund; Ihr habt es
lngst verdient durch Eure gromtige Frsprache; ich denke, auch Marie wird
sich nicht wieder struben, wie damals unter der Halle.
    Wie? rief Ulerich errtend; hat dir das Frulein etwas gesagt?
    Kein Wort, Herr! aber ich stand hinter der Tre und sah zu, wie Ihr so
herablassend gegen des Ritters Tchterlein waret.
    Bei Sankt Hubertus, entgegnete der Herzog lachend, du bist ein
eiferschtiger Kauz. Das mut du dir abgewhnen, sonst hast du keine ruhige
Stunde.
    Freilich, wenn Euer Durchlaucht mir dies raten, so werde ich nie mehr
eiferschtig werden.
    Der Ton dieser Antwort, der einen leisen Spott zu verraten schien, erinnerte
den Herzog, da auch er einst diese Empfindung gehegt, da sie ihn zu einer
blutigen Rache angetrieben habe; er brach schnell ab, denn er liebte solche
Erinnerungen nicht. La es gut sein, sagte er, es ist Zeit in die Kirche zu
gehen. Wer sind deine Gesellen, die dich zum Altar geleiten?
    Marx Stumpf und der Ulmer Ratsschreiber, ein Vetter von Lichtenstein.
    Wie, das feine Mnnlein, den mein Kanzler kpfen lassen wollte? Da hast du
links den zierlichsten, und rechts den tapfersten Mann des Schwabenlandes. Glck
zu junger Herr, doch will ich dir raten, mehr rechts zu halten als links, dann
kann es dir nie fehlen auf Erden, und wrst du so eiferschtig als ein Trke.
Sieh, sieh, da kommt ja der Rechte; sieh, wie seine breite kurze Gestalt sich
wunderlich ausnimmt unter den Frauenzimmern. Und wie er sich stattlich angetan
hat! Den verschossenen grnen Mantel trug er schon Anno eilf, auf Unserer
Hochzeit mit Frau Sabina Lobesan.
    Kann mich nicht viel mit dem Anzug befassen, erwiderte der tapfere Ritter
von Schweinsberg, der die letzten Worte noch gehrt hatte; auch mit dem Tanzen
will es nicht recht gehen, Ihr werdet mich entschuldigen; will aber heute abend
im Ritterspiel der neue Eheherr eine Lanze mit mir brechen, so -
    So willst du ihm aus lauter Zrtlichkeit und Hflichkeit ein paar Rippen
einstoen! lachte der Herzog; das heie ich einen Brutigamsgesellen von
echter Art. Nein, da rate ich dir, Georg, dich lieber links zu halten, der Ulmer
wird dir nicht wehe tun
    Die Flgeltren ffneten sich jetzt, und man sah auf der breiten Galerie das
Hofgesinde des Herzogs in Ordnung aufgestellt. An diese schlossen sich die
Edelknaben an, welche brennende Kerzen trugen; dann folgte der glnzende Zug der
Frulein und Edelfrauen, die sich zu diesem Feste eingefunden hatten. Sie waren
in reiche, mit Gold und Silber durchwirkte Stoffe gekleidet, und jede hatte
einen Blumenstrau und eine Zitrone in der Hand. Die Braut wurde von Georg von
Hewen und Reinhardt von Gemmingen gefhrt. Viele Ritter und Edelleute schlossen
sich an diese an, in ihrer Mitte ging Georg von Sturmfeder; Marx Stumpf zu
seiner Rechten, der Ratsschreiber Dieterich Kraft zu seiner Linken. Sein ganzes
Wesen schien von einer wrdigen Freude gehoben, seine Augen blinkten freudig,
sein Gang war der Gang eines Siegers. Er ragte mit dem wallenden Haar, mit den
wehenden Federn des Baretts weit ber seine Gesellen hervor. Die Leute
betrachteten ihn staunend, die Mnner lobten laut seine hohe, mnnliche Gestalt,
seine edle Haltung, aber die Mdchen flsterten leise und priesen seine schnen
Zge und das freie, glnzende Auge.
    So ging der Zug aus dem Tore des Schlosses nach der Kirche, die nur durch
einen breiten Platz von ihm getrennt war. Kopf an Kopf standen die schnen
Mdchen und die redseligen Frauen, sie musterten die Anzge der Frulein,
strengten die Blicke an, als die schne Braut vorbeiging, und waren voll Lobes
ber den Brutigam.
    Unter den zahlreichen Zuschauern sah man auch eine rstige, runde Bauersfrau
mit ihrem Tchterlein stehen. Diese Frau verneigte sich immerwhrend zu groer
Belustigung der Stdtler umher, die nur der Braut und dem Herzog diese
Aufmerksamkeit bewiesen. Sie unterhielt sich dabei eifrig mit ihrer Tochter. Das
schne Kind an ihrer Seite schien aber wenig auf ihre Reden zu achten; sie
bersah den glnzenden Zug der Frulein, ihre hellen Augen waren nur immer auf
die nahende Braut gerichtet. Je nher diese kam, desto rter frbten sich die
Wangen des Mdchens, das rote Mieder hob und senkte sich ungestm, und das
pochende Herz schien die silbernen Ketten, womit es eingeschnrt war,
zersprengen zu wollen. Sie sah Marien fest und durchdringend an, die hohe
Schnheit der jungen Braut schien sie zu berraschen, ein wehmtiges Lcheln
zuckte um ihren kleinen Mund: Sie ist's! rief sie unwillkrlich aus, und
verbarg dann schnell ihr Gesicht hinter dem Rcken ihrer Mutter, denn die
Umstehenden sahen verwundert nach ihr hin.
    Jo, dia ist's, Brbele! dia ist grausig sch! flsterte die runde Frau,
und neigte sich tief. Jetzt wellet mer uf da Junker bassa.
    Das Mdchen schien diesen Rat nicht erst zu bedrfen, denn sie blickte
lngst hinber nach jener Seite, woher er kommen mute. Er kommt, er kommt,
hrte sie ihre Nachbarn flstern, der ist's in dem weien Kleid, mit dem blauen
Mantel, er geht gerade vor dem Herzog. Sie sah ihn, nur einen Blick warf sie
nach ihm hin, und wagte dann nicht mehr aufzublicken; die tiefe Rte ihrer
Wangen verschwand, als er vorberging, sie zitterte, eine Trne fiel herab auf
das rote Mieder; - jetzt war er vorber, jetzt hob sie das Kpfchen wieder ein
wenig auf, und sandte ihm einen Blick nach, der mehr auszudrcken schien, als
die reine Bewunderung oder das Staunen der Neugierde.
    Als der Zug vorber war, drngten sich die Zuschauer mit Ungestm zu den
Kirchtren, und in einem Augenblick war der Platz, der noch kurz zuvor den
Anblick einer bunten wogenden Menge dargeboten hatte, wie ausgestorben. Die
runde Frau blickte noch immer staunend den schnen geputzten Stadtjungfern nach,
welche mit ihren brokatenen Hauben und goldgestickten Miedern, mit ihren feinen
langen Rcken, an welchen man nur um Hals und Busen den Zeug allzusehr gespart
zu haben schien, in der Bauersfrau mchtige Sehnsucht nach solcher Pracht und
Herrlichkeit erweckt hatten.
    Als sie sich umwandte, erschrak sie nicht wenig, denn ihr holdes Kind hatte
das blhende Gesichtchen in die Hnde verborgen und weinte. Sie konnte nicht
begreifen was dem Mdchen begegnet sein knne, sie fate ihre Hand, zog sie
herab von den Augen - sie weinte bitterlich. Was hoscht denn, Brbele, fragte
sie halb unmutig, doch nicht ohne Teilnahme, was heulscht denn? Hoscht's denn
et gseha? Gang, 's ist jo a Schand! wenn's jo ebber sieht; so sag no worum da
heulscht?
    I wois et, Muater! flsterte sie, indem sie vergeblich ihre Trnen zu
bezwingen suchte; es ist mer so weh im Herz drin, i woi et worum.
    La jetzt bleiba, sag e! Komm, sonst kommemer z'spot in d'Kirch. Hairsch,
wie se musizieret und singet? komm, sonst seha mer nix mai! Die Frau zog bei
diesen Worten das Mdchen nach der Kirche. Brbele folgte, sie bedeckte die
Augen mit der weien Schrze, um nicht den Stadtleuten zum Gesptt zu werden,
aber die tiefen Seufzer, die sich aus ihrer Brust heraufstahlen, lieen ahnen,
da sie einen tiefen Schmerz vergeblich zu unterdrcken suche. Die Orgel
schwieg, der Chorgesang verstummte, als sie an der Kirchtre anlangten; die
Einsegnung des schnen Paares mute in diesem Augenblick beginnen. Aber
vergebens suchte die runde Frau durch die dichten Reihen zu dringen, welche die
Tre fllten, sie wurde, sooft sie sich in einen freien Raum zu schieben suchte,
unwillig und mit Scheltworten zurckgestoen.
    Komm, Muater! sprach das Mdchen, mer wellet hoim; mer sent arme Leut,
uns lasset se et in d'Kirch; komm hoim.
    Was? d'Kircha sind fr lle Leut erschaffa; au fr d'arme. Wia, ihr Herra,
lent es e bisle do nei. Mer sehet jo gar nix.
    Waz! sprach der Mann, an den sie sich gewendet hatte, und kehrte ihr ein
rotbraunes Gesicht mit schrecklichem Bart zu. Waz? packt Euch fort, wir lassen
niemand durch; wir zind die allergndigsten herzoglichen Landsknechte wir, und
nach dem Zanktus, hat der Hauptmann befohlen, darf keine Zeele mehr durch;
Mordblei! tut mir leid, wenn ich in der Kirche fluche, aber ich zag, weg da!
    Die Olte mu weg, sogen wer, ober das Dienderl dorf rein; komm Schtzerl!
Do konnst's recht gut sehen! schaut's, jetzt stecht ihr der Probst den Ring on,
jetzt legt er ihne die Hnd zusommen - gib mir en Schmatzerl, dann darfst sehn.
Der Kasperle von Wien streckte bei diesen Worten seine tapfere Hand nach dem
Mdchen aus, doch diese schrie laut auf, und entfloh weinend; die runde Frau
aber verwnschte die Stadtleute, die Stadtkirchen und die unanstndigen
Landsknechte, und folgte ihrer Tochter.

                                      VII


 So hab ich endlich dich gerettet
 Mir aus der Menge wilden Reihn
 Du bist in meinen Arm gekettet,
 Du bist nun mein, nun einzig mein.
 Es schlummert alles diese Stunde,
 Nur wir noch leben auf der Welt;
 Wie in der Wasser stillem Grunde
 Der Meergott seine Gttin hlt.
                                                                       L. Uhland

Herzog Ulerich von Wrttemberg liebte eine gute Tafel, und wenn in guter
Gesellschaft die Becher kreisten, pflegte er nicht so bald das Zeichen zum
Aufbruch zu geben. Auch am Hochzeitfeste Mariens von Lichtenstein blieb er
seiner Gewohnheit treu.
    Man war, als die heilige Handlung in der Kirche vorber war, in den
Lustgarten am Schlo gezogen; dort hatten sich in den Laubgngen und knstlich
verschlungenen Wegen die Hochzeitgste ergangen, oder an den zahmen Hirschen und
Rehen im Gehege, oder an den Bren die in einem der Grben des Schlosses
umherwandelten, sich ergtzt. Um zwlf Uhr hatten die Trompeten zur Tafel
gerufen. Sie wurde in der Tyrnitz gehalten, einer weiten hohen Halle, die viele
hundert Gste fate. Diese Halle war die Zierde des Schlosses zu Stuttgart. Sie
ma wohl hundert Schritte in der Lnge; die eine Seite, die gegen den Garten des
Schlosses lag, war von vielen breiten Fenstern unterbrochen, und der freundliche
Tag ergo sich durch die vielfarbigen Scheiben, und erhellte berall das
ungeheure Gemach, das mit seinen Wlbungen und Sulen mehr einer Kirche als
einem Tummelplatz der Freude glich. Um die drei brigen Seiten liefen Galerien
mit Teppichen reich behngt, sie waren fr die Geiger und Trompeter und fr die
Zuschauer bei einem frstlichen Mahle bestimmt, oft aber dienten sie den Damen
und Kampfrichtern zu Tribnen, wenn nicht der Klang der Becher, sondern
Schwerthiebe, das Krachen der Lanzen, das Sausen der Speere, und das Gelchter
und Geschrei der Kmpfer beim freien Waffenspiel in der Halle erscholl.
    Aber heute sah man hier einen gemischten Kreis schner Frauen und frhlicher
Mnner um reichbesetzte Tafeln sitzen. Auf den Galerien schwangen die Geiger
lustig ihre Fiedelbogen, die Zinkenisten bliesen ihre Backen auf, die Trommler
schlugen krftig auf die Felle, und mit Jauchzen und Hallo! stimmte die
Volksmenge, die man auf den brigen Teilen der Galerien zugelassen hatte, ein,
wenn die Herren unten einen Trinkspruch ausgebracht hatten. Am oberen Ende der
Halle, sa unter einem Thronhimmel der Herzog. Er hatte seinen Hut weit aus der
Stirne gerckt, schaute frhlich um sich, und sprach dem Becher fleiig zu. Zu
seiner Rechten, an der Seite des Tisches, sa Marie; jetzt wollte die Sitte
nicht mehr, da sie die Augen niederschlug, und sechs Schritte von dem Geliebten
entfernt bleibe. Ein frhliches Leben war in ihre Augen, um ihren Mund
eingezogen; sie blickte oft nach ihrem neuen Gemahl, der ihr gegenber sa, es
war ihr oft, als msse sie sich berzeugen, da dies alles kein Traum, da sie
wirklich eine Hausfrau sei, und den Namen, den sie achtzehn Jahre getragen,
gegen den Namen Sturmfeder vertauscht habe; sie lchelte, sooft sie ihn ansah,
denn es kam ihr vor, als gebe er sich, seit er aus der Kirche kam, eine gewisse
Wrde. Er ist mein Haupt, sagte sie lchelnd zu sich; mein Herr, mein
Gebieter, o der gute Herr! das liebe Haupt!
    Und es war so wie Marie zu bemerken glaubte; Georg fhlte sich gehobener,
mit einer neuen Wrde umgeben; es schien ihm, als zeigen ihm die Junker mehr
Ehrfurcht, als ziehen ihn die lteren Ritter freundlicher zu sich heran, seit er
nicht mehr allein in der Welt stand, sondern wie sie, ein Hausvater, vielleicht
der Stifter eines glnzenden Geschlechtes geworden war. Denn in den guten alten
Zeiten waren die Begriffe noch anders als heutzutag, und man dachte sich den
Edelmann und den Brger nicht anders, als mit Weib und Kindern und berlie das
Zlibat den Mnchen.
    In die Nhe des Herzogs war der Ritter von Lichtenstein, Marx Stumpf von
Schweinsberg und der Kanzler gezogen worden, und auch der Ratsschreiber von Ulm
sa nicht ferne, weil er heute als Geselle des Brutigams diesen Ehrenplatz sich
erworben hatte. Der Wein begann schon den Mnnern aus den Augen zu leuchten und
den Frauen die Wangen hher zu frben, als der Herzog seinem Kchenmeister ein
Zeichen gab. Die Speisen wurden weggenommen, und im Schlohof unter die Armen
verteilt; auf die Tafel kamen jetzt Kuchen und schne Frchte, und die
Weinkannen wurden fr die Mnner mit besseren Sorten gefllt; den Frauen brachte
man kleine silberne Becher mit spanischem, sem Weine. Sie behaupteten zwar
keinen Tropfen mehr trinken zu knnen, doch nippten und nippten sie von dem
sen Nektar immer wieder, bis man die Nagelprobe htte machen knnen. Jetzt war
der Augenblick gekommen, wo nach der Sitte der Zeit dem neuen Ehepaar Geschenke
berbracht wurden. Man stellte Krbe neben Marien auf, und als die Geiger und
Pfeifer von neuem gestimmt hatten und aufzuspielen anfingen, bewegte sich ein
langer glnzender Zug in die Halle. Voran gingen die Edelknaben des frstlichen
Hofes, sie trugen goldene Deckelkrge, Schaumnzen, Schmuck von edlen Steinen
als ein Geschenk des Herzogs.
    Mgen euch diese Becher, wenn sie bei den Hochzeiten eurer Kinder, bei den
Taufen eurer Enkel kreisen, mgen sie euch an einen Mann erinnern, dem ihr beide
im Unglck Liebe und Treue bewiesen, an einen Frsten, der im Glck euch immer
gewogen und zugetan ist.
    Georg war berrascht von dem Reichtum der Geschenke; Euer Durchlaucht
beschmen uns, rief er, wollet Ihr Liebe und Treue belohnen, so wird sie nur
zu bald um Lohn feil sein.
    Ich habe sie selten rein gefunden, erwiderte Ulerich, indem er einen
unmutigen Blick ber die lange Tafel hinschickte, und dem jungen Mann die Hand
drckte, noch seltener, Freund Sturmfeder, hat sie mir Probe gehalten, drum ist
es billig, da wir die reine Treue mit reinem Golde, und edle Liebe mit edlen
Steinen zu belohnen suchen. Doch wie, Eure schne Frau vergiet Trnen? Ich wei
die Quelle dieses klaren Taues, es ist die Erinnerung an unser bitteres
Geschick, die wir selbst heraufbeschworen haben. Hinweg mit diesen Trnen,
schne Frau. Am Hochzeittag ist es kein gutes Zeichen. Doch mit Verlaub Eures
Eheherrn will ich jetzt eine alte Schuld einziehen, Ihr wit noch welche?
    Marie errtete, und warf einen forschenden Blick nach Georg hinber, als
frchte sie, jenes alte bel, das sie oft kaum zu beschwren vermochte, mchte
wiederkehren. Georg wute recht wohl, was der Herzog meine, denn jene Szene, die
er hinter der Tre belauschte, war ihm noch immer im Gedchtnis; doch er fand
Gefallen daran, den Herzog und Marien zu necken, und antwortete als diese noch
immer schwieg: Herr Herzog, wir sind jetzt zusammen ein Leib und eine Seele,
wenn also meine Frau in frheren Zeiten Schulden gemacht hat, so steht es mir zu
sie zu bezahlen.
    Ihr seid zwar ein hbscher Junge, entgegnete Ulerich mit Laune, und
manche unserer Fruleins hier am Tische mchte vielleicht gerne einen solchen
Schuldbrief an Euren schnen Mund einzufordern haben; mir aber kann dies nicht
frommen, denn meine Urkunde lautet auf die roten Lippen Eurer Frau.
    Der Herzog stand bei diesen Worten auf und nherte sich Marien, die bald
errtend bald erbleichend ngstlich auf Georg herbersah; Herr Herzog,
flsterte sie, indem sie den schnen Nacken zurckbog, es war nur Scherz; - ich
bitte Euch. Doch Ulerich lie sich nicht irremachen, sondern zog die Schuld
samt Zinsen von ihren schnen Lippen ein.
    Der alte Herr von Lichtenstein sah bei dieser Szene finster bald auf den
Herzog, bald auf seine Tochter, vielleicht mochte ihm Ulerich von Hutten
beifallen, denn seine Blicke streiften auch ngstlich auf seinen Schwiegersohn.
Der Kanzler Ambrosius Volland aber schaute mit hhnischer Schadenfreude aus den
grnen uglein auf den jungen Mann; Hi, hi, rief er ihm zu; ich leere meinen
Becher auf gutes Wohlsein. Eine schne Frau ist eine gute Bittschrift in aller
Not; wnsche Glck, liebster, wertgeschtzter Herr; hi! hi! 's ist ja auch was
Unschuldiges, solange es vor den Augen des Ehemanns geschieht.
    Allerdings, Herr Kanzler! erwiderte Georg mit groer Ruhe, um so
unschuldiger als ich selbst dabei war, wie meine Frau Seiner Durchlaucht diesen
Dank zusagte. Der Herr Herzog versprach beim Vater fr uns zu bitten, da er
mich zu seinem Eidam annehme, und bedung sich dafr diesen Lohn an unserem
Hochzeittage.
    Der Herzog sah den jungen Mann mit Staunen an, Marie errtete von neuem,
denn sie mochte sich jene ganze Szene ins Gedchtnis zurckrufen, aber keines
von beiden widersprach ihm, sei es, weil sie es fr unschicklich hielten, ihn
Lgen zu strafen, sei es, weil sie ahneten er knne sie belauscht haben. Aber
Ulerich konnte doch nicht unterlassen, ihn heimlich um die nheren Umstnde zu
befragen, er teilte sie ihm in wenigen Worten mit.
    Du bist ein sonderbarer Kauz! flsterte der Herzog lachend, was httest
du denn gemacht, wenn Wir damals ein Kchen erobert htten?
    Ich kannte Euch noch nicht, flsterte Georg ebenso leise, drum htte ich
Euch auf der Stelle niedergestochen und an die nchste Eiche aufgehngt.
    Der Herzog bi sich in die Lippen und sah ihn verwundert an; dann aber
drckte er ihm freundlich die Hand und sagte: Da httest du alles Recht dazu
gehabt, und Wir wren in Unseren Snden abgefahren. - Doch siehe, da bringen sie
wieder Spenden fr die Braut.
    Es erschienen jetzt die Diener der Ritter und Edeln, die zur Hochzeit
geladen waren, die trugen allerlei seltenes Hausgerte, Waffen, Stoff zu
Kleidern und dergleichen; man wute zu Stuttgart, da es der Liebling des
Herzogs sei, dem dieses Fest gelte, drum hatte sich auch eine Gesandtschaft der
Brger eingestellt, ehrsame angesehene Mnner in schwarzen Kleidern; kurze
Schwerter an der Seite; mit kurzen Haaren und langen Brten. Der eine trug eine
aus Silber getriebene Weinkanne, der andere einen Humpen aus demselben Metall,
mit eingesetzten Schaumnzen geschmckt. Sie nahten sich ehrerbietig zuerst dem
Herzog, verbeugten sich vor ihm, und traten dann zu Georg von Sturmfeder.
    Sie verbeugten sich lchelnd auch vor ihm, und der mit dem Humpen hub an:

Gegret sei das Ehepaar
Und leb zusamt noch manches Jahr;
Um euch zu fristen langes Leben
Will Stuttgart euch ein Trnklein geben.
Des Lebens Trnklein ist der Wein,
Komm guter Geselle schenk mir ein.

Der andere Brger go aus der Flasche den Humpen voll, und sprach whrend der
erste trank:

Von diesem Trnklein steht ein Fa
Vor eurer Wohnung auf der Ga.
Es ist vom besten, den wir haben,
Er soll euch Leib und Seele laben;
Er geb euch Mut, Gesundheit, Kraft,
Das wnscht euch Stuttgarts Brgerschaft.

Der erstere hatte indessen ausgetrunken und fllte den Becher von neuem, und
sprach, indem er ihn dem jungen Mann kredenzte:

Und wenn ihr trinkt von diesem Wein
Soll euer erster Trinkspruch sein:
Es leb der Herzog und sein Haus!
Ihr trinkt bis auf den Boden aus;
Dann schenkt ihr wieder frischen ein:
Hoch leb Sturmfeder und Lichtenstein.
Und lstet euch noch eins zu trinken,
Mgt ihr an Stuttgarts Brger denken.

Georg von Sturmfeder reichte beiden die Hand, und dankte ihnen fr ihr schnes
Geschenk; Marie lie ihre Weiber und Mdchen gren, und auch der Herzog
bezeugte sich ihnen gndig und freundlich. Sie legten den silbernen Becher und
die Kanne in den Korb zu den brigen Geschenken, und entfernten sich ehrbaren
und festen Schrittes aus der Tyrnitz. Doch die Brger waren nicht die letzten
gewesen, welche Geschenke gebracht hatten; denn kaum hatten sie die Halle
verlassen, so entstand ein Gerusch an der Tre, wo die Landsknechte Wache
hielten, das selbst die Aufmerksamkeit des Herzogs auf sich zog. Man hrte tiefe
Mnnerstimmen fluchen und befehlen, dazwischen ertnten hohe Weiberstimmen, von
denen besonders eine, die am heftigsten haderte, der Gesellschaft am obersten
Ende der Tafel sehr bekannt schien.
    Das ist wahrhaftig die Stimme der Frau Rosel! flsterte Lichtenstein
seinem Schwiegersohn zu, Gott wei, was sie wieder fr Geschichten hat.
    Der Herzog schickte einen Edelknaben hin, um zu erfahren was das Lrmen zu
bedeuten habe; er erhielt zur Antwort, einige Bauernweiber wollen durchaus in
die Halle, um den Neuvermhlten Geschenke zu bringen; da es aber nur gemeines
Volk sei, so wollen sie die Knechte nicht einlassen. Ulerich gab Befehl sie
vorzubringen, denn die Sprchlein der Brger hatten ihm gefallen, und auch von
den Bauersleuten versprach er sich Kurzweil. Die Knechte gaben Raum, und Georg
erblickte zu seinem Erstaunen die runde Frau des Pfeifers von Hardt mit ihrem
schnen Tchterlein, gefhrt von der Frau Rosel ihrer Base.
    Schon auf dem Wege in die Kirche hatte er die holden Zge des Mdchens von
Hardt, die er nicht aus seinem Gedchtnis verloren, zu bemerken geglaubt; aber
wichtigere Gedanken und die Heiligkeit des Sakraments, die seine ganze Seele
fllten, hatten diese flchtige Erscheinung verdrngt. Er belehrte die
Gesellschaft, wer die Nahenden seien, und mit groem Interesse blickten sie alle
auf das Kind jenes Mannes, dessen wunderbares Eingreifen in das Schicksal des
Herzogs ihnen oft so unbegreiflich gewesen war, dessen Treue ihnen so erhaben,
dessen Hlfe in der Not so willkommen erschienen war. Das Mdchen hatte die
blonden Haare, die offene Stirne, die Zge ihres Vaters; nur die List, die aus
seinen Augen, die Khnheit und Kraft, die aus seinem Wesen sprach, war bei ihr,
wenn sie nicht schchtern und blde war, in eine neckende Freundlichkeit und in
rstiges behendes Wesen bergegangen. So hatte sie Georg erkannt, als er im
Hause des Pfeifers wohnte, doch heute schien sie vor den vielen vornehmen Leuten
etwas schchtern, ja es wollte ihm sogar scheinen, als sei ein neuer Zug in ihr
Gesicht gekommen, den er frher nicht an ihr bemerkt hatte, eine gewisse Wehmut
und Trauer, die sich um ihren Mund und in ihren Augen aussprach.
    Die Pfeifersfrau wute was Lebensart sei, sie verbeugte sich daher von der
Tre der Tyrnitz in einem fort, bis sie zum Stuhl des Herzogs kam. Frau Rosel
hatte noch die Rte des Zornes auf ihren magern Wangen, denn die Landsknechte,
namentlich der Magdeburger und Kaspar Staberl, hatten sie hchlich beleidigt,
und sie eine drre Stange geheien. Ehe sie noch sich sammeln und den
Herrschaften geziemend die Familie ihres Bruders vorstellen konnte, hatte die
runde Frau schon einen Zipfel von des Herzogs Mantel gefat und ihn an die
Lippen gedrckt: Guetan Obed, Herr Herzich, sprach sie dazu mit tiefen
Knicksen; wie got Ich's, seit Er wieder in Schtuagerdt send; mei Ma lot Ich
sch graa; mer komme aber et zum Herr Herzich, noi, zu dem Herra dort drbe
welle mer. Mer hent a Hochzeitschenke fr sei Frau. Do sieztt se jo, gang
Brbele, lang's aus em Krttle.
    Ach! du lieber Gott, fiel Frau Rosel ihrer Schwgerin ins Wort; bitt'
untertnigst um Verzeihung, Euer Durchlaucht, da ich die Leut reingebracht
habe; 's ist Frau und Kind vom Pfeifer von Hardt; ach! du Herr Gott, nehmet doch
nichts bel, Herr Herzog; die Frau meint's gwi gut.
    Der Herzog lachte mehr ber diese Entschuldigung der Frau Rosel, als ber
die Reden ihrer Schwgerin: Was macht denn dein Mann, der Pfeifer? Wird er uns
bald besuchen? Warum kam er nicht mit euch?
    Sell hot sein Grund, Herr! erwiderte die runde Frau; wenn's Krieg geit,
bleibt er gwi et aus; do ka mer'n brauche; aber im Frieda? Noi, do denkt er,
mit graue Herra ist's et guet Kirscha fressa.
    Frau Rosel wollte beinahe verzweifeln ber die Naivett der runden Frau, sie
zog sie am Rock und am langen Zopfhand, es half nichts, die Frau des Pfeifers
sprach zu groer Ergtzung des Herzogs und seiner Gste immer weiter, und das
unauslschliche Gelchter, das ihre Antworten erregten, schien ihr Freude zu
machen. Brbele hatte indessen mit dem Deckel des Krbchens gespielt, sie hatte
einigemal gewagt, ihre Blicke zu erheben, um jenes Gesicht wiederzusehen, das im
Fieber der Krankheit so oft an ihrem Busen geruht, und in ihren treuen Armen
Ruhe und Schlummer gefunden hatte, jenen Mund wiederzusehen, den sie so oft
heimlicherweise mit ihren Lippen berhrt hatte, und jene Augen, deren klarer,
freundlicher Strahl ewig in ihrem Gedchtnis fortglhte. Sie erhob ihre Blicke
immer wieder von neuem doch, wenn sie bis an seinen Mund gekommen war, schlug
sie sie wieder - aus Furcht, seinem Auge zu begegnen - - herab.
    Siehe, Marie, hrte sie ihn sagen, das ist das gute Kind, das mich
pflegte als ich krank in ihres Vaters Htte lag; das mir den Weg nach
Lichtenstein zeigte.
    Marie wandte sich um und ergriff gtig ihre Hand; das Mdchen zitterte, und
ihre Wangen frbte ein dunkles Rot; sie ffnete ihr Krbchen und berreichte ein
Stck schner Leinwand und einige Bndel Flachs, so fein und zart wie Seide. Sie
versuchte zu sprechen, aber umsonst, sie kte die Hand der jungen Frau, und
eine Trne fiel herab auf ihren Ehering.
    Ei, Brbele, schalt Frau Rosel, sei doch nicht so schchtern und
ngstlich; gndige Frulein - wollte sagen, gndige Frau, habt Nachsicht, sie
kommt selten zu vornehmen Leuten. Es ist niemand so gut, er hat zweierlei Mut ,
heit es im Sprchwort: das Mdchen kann sonst so frhlich sein wie eine
Schwalbe im Frhling -
    Ich danke dir, Brbele! sagte Marie, wie schn deine Leinewand ist! Die
hast du wohl selbst gesponnen?
    Das Mdchen lchelte durch Trnen; sie nickte ein Ja! - zu sprechen schien
ihr in diesem Augenblick unmglich zu sein. Der Herzog befreite sie von dieser
Verlegenheit, um sie noch in eine grere zu ziehen. Wahrhaftig, ein schnes
Kind hat Hanns der Spielmann, rief er aus, und winkte ihr nher zu treten;
hoch gewachsen und lieblich anzuschauen! schaut nur, Herr Kanzler, was ihr das
rote Mieder und das kurze Rckchen gut ansteht; wie? Ambrosius Volland, meinst
du nicht, wir knnten durch ein allgemeines Edikt diese niedliche Tracht auch
bei unseren Schnen in Stuttgart einfhren?
    Der Kanzler verzog sein Gesicht zu einem greulichen Lcheln; er beschaute
das errtende Mdchen mit seinen uglein vom Kopf bis zu den Fen. Man knnte
zum Grund angeben, sagte er, da dadurch eine Elle in der Lnge erspart wrde;
so gut Euer Durchlaucht vor einigen Jahren das Ma und Gewicht hat kleiner
machen lassen, habt Ihr nach allen Regeln der Logika auch das Recht dem
Frauenzimmer die Rcklein zu verkrzen. Wre aber damit nichts gewonnen, denn -
hi, hi, hi! schaut nur, was dort wegfiele, mten dann die hiesigen Schnen oben
wieder ansetzen. Und wer wei, ob sie sich gerne dazu verstnden? Sie gehren
zum Geschlecht der Pfauen, und Ihr wit schon, da diese nicht gerne auf ihre
Beine sehen.
    Hast recht! Ambrosius, lachte der Herzog; es geht doch nichts ber einen
gelehrten Herrn! Aber sag einmal, Kind, hast du auch schon einen Schatz? einen
Liebsten?
    Ei was, Euer Durchlaucht! unterbrach ihn die runde Frau, wer wird so
ebbes von so ema Kind denka! Se ist a ehrlichs Mdle, Herr Herzich!
    Der Herzog schien nicht auf diese Bemerkung zu hren; er betrachtete
lchelnd die Verlegenheit, die sich auf den reinen Zgen des Mdchens
abspiegelte; sie seufzte leise, sie spielte mit den bunten Bndern ihrer Zpfe,
sie sandte unwillkrlich einen Blick, aber einen Blick voll Liebe auf Georg von
Sturmfeder, und schlug dann errtend wieder die Augen nieder. Der Herzog, dem
dies alles nicht entging, brach in lautes Lachen aus, in das die brigen Mnner
einstimmten. Junge Frau! sagte er zu Marien, jetzt knnt Ihr billig die
Eifersucht Eures Herrn teilen, wenn Ihr gesehen httet was ich sah, knntet Ihr
allerlei deuteln und vermuten.
    Marie lchelte und blickte teilnehmend auf das schne Mdchen; sie fhlte,
wie wehe ihr der Spott der Mnner tun msse. Sie flsterte der Frau Rosel zu,
sie und die runde Frau zu entfernen. Auch dieses bemerkte Ulerichs scharfer
Blick und seine heitere Laune schrieb es der schnell erwachten Eifersucht zu.
Marie aber band ein schnes, aus Gold und roten Steinen gearbeitetes Kreuzchen
ab, das sie an einer Schnur um den Hals getragen, und reichte es dem
berraschten Mdchen. Ich danke dir, sagte sie ihr dazu; gre deinen Vater
und besuche uns recht oft hier und in Lichtenstein! Wie wre es, wenn du mir
dientest als Zofe? Du sollst es gut haben, und hast ja auch deine Muhme, Frau
Rosel, bei uns.
    Das Mdchen erschrak sichtbar; sie schien mit sich zu kmpfen, oft schien
ein freundliches Lcheln ja sagen zu wollen, aber ebensooft drngte ein
schmerzlicher Zug um den Mund diesen Entschlu zurck: I dank sch; gndige
Frau! antwortete sie, indem sie Mariens schne Hand kte; aber i mue daheim
bleibe; d'Mueter wird alt und braucht me, b'ht Ich Gott der Herr, lle Heilige
walten ber Ich, und die heilige Jungfrau sei Ich gndig. Lebet gsund und froh
mit Euerem Herra, es ist a gueter, lieber Herr! Noch einmal beugte sich Brbele
herab auf Mariens Hand, und entfernte sich dann mit ihrer Mutter und der Base.
    Hr einmal, rief ihr der Herzog nach, wenn deine Mutter einmal zugibt,
da du einen Liebsten bekommst, so bring ihn mir; ich will dich ausstatten, du
hbsches Pfeiferskind!
    Unter diesen Szenen war es vier Uhr geworden, und der Herzog hob die Tafel
auf. Dies war das Zeichen, da sich jetzt das Volk von den Galerien entfernen
msse, die sogleich mit Polstern und Teppichen belegt, und zum Empfang der Damen
eingerichtet wurden. In dem Parterre der Tyrnitz wurden schnell die Tafeln
weggerumt, Lanzen, Schwerter, Schilde, Helme und der ganze Apparat zu
Ritterspielen herbeigeschleppt, und in einem Augenblicke war diese groe Halle,
die noch soeben der Sitz der Tafelfreuden gewesen war, zum Waffensaal
eingerichtet. Wie die Damen in unseren Tagen gerne lauschen, wenn die Mnner
sich in gelehrte Diskussionen und politische Streitigkeiten einlassen, wie jede
wnscht den Geliebten oder Gemahl am scharfsinnigsten urteilen, am
schnellzngigsten disputieren zu hren, so war es in den guten alten Zeiten den
Frauen Freude, selbst blutige Kmpfe ihrer Mnner zu beobachten, und aus manchem
schnen Auge blitzte das Hochgefhl, einem Tapfern anzugehren, manche holde
Wange schmckte ein hheres Rot, nicht wenn der Geliebte in Gefahr, sondern wenn
er sich zurckzuziehen schien, oder seine Hiebe nicht so krftig waren wie die
seines Gegners.
    Es wurden an diesem Abend sogar Pferde in die Halle gefhrt, und Marie hatte
die Freude, ihrem Geliebten den zweiten Dank im Rennen berreichen zu knnen,
denn er machte den Herrn von Hewen zweimal im Sattel wanken. Der tapferste
Kmpfer war Herzog Ulerich von Wrttemberg, eine Zierde der Ritterschaft seiner
Zeit. Meldet ja doch die Sage von ihm, da er an seinem eigenen Hochzeittag,
acht der strksten Ritter des Schwaben- und Frankenlandes in den Sand warf.
Nachdem die Ritterspiele einige Stunden gedauert hatten, zog man zum Tanz in den
Rittersaal, und den Siegern im Kampfe wurden die Vortnze eingerumt. Der
frhliche Reigen ertnte bis in die Nacht; der Herzog schien alle Sorgen vor der
bangen Zukunft auf den Hcker seines Kanzlers geschoben zu haben, der wie die
bse Zeit in einem Fenster sa, und mit bitterem Lcheln einem Vergngen
zuschaute, von welchem ihn seine eigene Migestalt ausschlo.
    Zum letzten Tanz vor dem Abendtrunk wollte Ulerich die Krone des Festes, die
junge, schne Frau Marie aufrufen, doch im ganzen Saal suchte er und Georg sie
vergebens auf, und die lchelnden Frauen gestanden, da sechs der schnsten
Frulein sie entfhrt, und in ihre neue Wohnung begleitet haben, um ihr dort,
wie es die Sitte wolle, die mysterisen Dienste einer Zofe zu erzeigen.
    Sic transit gloria mundi! sagte der Herzog lchelnd; und siehe, Georg, da
nahen sie schon mit den Fackeln, deine Gesellen und zwlf Junker, sie wollen dir
heimznden Doch zuvor leere noch einen Becher mit Uns - Geh Mundschenk! bring
vom Besten.
    Marx Stumpf von Schweinsberg und Dieterich von Kraft naheten sich mit
Fackeln, und boten sich an, Georg nach Hause zu geleiten. An sie schlossen sich
zwlf Junker, ebenfalls mit Fackeln an, um dem jungen Mann diese Ehre zu
erweisen; denn so wollte es die Sitte der guten alten Zeit. Der Mundschenk go
die Becher voll, und kredenzte sie seinem Herzog und Georg von Sturmfeder.
    Ulerich sah ihn lange und nicht ohne Rhrung an; er drckte seine Hand und
sagte:
    Du hast Probe gehalten. Als ich verlassen und elend unter der Erde lag,
hast du dich zu mir bekannt; als jene vierzig meine Burg bergaben und kein
Stckchen Wrttemberg mehr mein war, bist du mir aus dem Land gefolgt, hast mich
oft getrstet und auch auf diesen Tag verwiesen. Bleibe mein Freund, wer wei
was die nchsten Tage bringen. Jetzt kann ich wieder Hunderten gebieten, und sie
schreie: Hoch! auf das Wohl meines Hauses, und doch war mir dein Trinkspruch
mehr wert, den du in der Hhle ausbrachtest, und den das Echo beantwortete. Ich
erwidere es jetzt und gebe es dir zurck: Sei glcklich mit deinem Weibe, mge
dein Geschlecht auf ewige Zeiten grnen und blhen; mge es Wrttemberg nie an
Mnnern fehlen, so mutig im Glck, so treu im Unglck wie du!
    Der Herzog trank und eine Trne fiel in seinen Becher. Die Gste stimmten
jubelnd in seinen Ruf, die Fackeltrger ordneten sich, und seine Gesellen
fhrten Georg von Sturmfeder aus dem Schlo der Herzoge von Wrttemberg.

                                      VIII


 Auch aus entwlkter Hhe
 Kann der zndende Donner schlagen,
 Darum in deinen glcklichen Tagen
 Frchte des Unglcks tckische Nhe.
                                                                        Schiller

Der Weg, den die berhmtesten Novellisten unserer Tage bei ihren Erzhlungen aus
alter oder neuer Zeit einschlagen, ist ohne Wegsule zu finden, und hat ein
unverrcktes, bestimmtes Ziel. Es ist die Reise des Helden zur Hochzeit. Mag
sein Weg sich noch so oft krmmen, wagt er es sogar Abstecher zu machen, und in
Wirtshusern und Burgen ungebhrlich lange zu verweilen, er eilt nachher um so
rascheren Schrittes seinem Ziele zu, und wenn er endlich nach so vielen Leiden
mit gehriger Wrde in die Brautkammer geschoben ist, pflegt der Autor dem Leser
die Tre vor der Nase zuzuwerfen und das Buch zu schlieen. Auch wir htten mit
dem herrlichen Reigen im Schlosse zu Stuttgart schlieen, oder den Leser mit dem
Fackelzug des Brutigams aus dem Buche hinausbegleiten knnen, aber die hhere
Pflicht der Wahrheit und jenes Interesse, das wir an einigen Personen dieser
Historie nehmen, ntigt uns den geneigten Leser aufzufordern, uns noch einige
wenige Schritte zu begleiten, und den Wendepunkt eines Schicksals zu betrachten,
das in seinem Anfang unglcklich, in seinem Fortgang gnstiger, durch seine
eigene Notwendigkeit sich wieder in die Nacht des Elends verhllen mute.
    Das Motto, womit wir diesen Abschnitt bezeichneten, ist eine Geisterstimme,
die warnend durch die Weltgeschichte tnt, die von vielen vernommen, von den
meisten berhrt, von wenigen befolgt wurde; zu allen Zeiten ging ein finsterer
Geist durch das Haus der Erde, man vernahm oft sein Rauschen, man suchte es
durch die Tne der Freude zu bertuben. Ulerich von Wrttemberg hatte jene
Stimme in mancher Nacht vernommen, die er sorgenvoll auf seinem Lager
durchwachte. Er glaubte das Gerusch vieler Gewappneter, und die drhnenden
Tritte eines Heeres zu vernehmen, er glaubte sie nher und nher um ihn sich
lagern zu hren, und wenn er sich auch berzeugte, da es nur die Nachtluft war,
die um die Trme seines Schlosses brauste, so blieb doch eine finstere Ahnung in
ihm zurck, da sein Schicksal noch einmal sich wenden knnte. Jene Warnung des
alten Ritters von Lichtenstein tnte oft in seiner Seele wider, und vergeblich
strengte er sich an, die knstlichen Folgerungen seines Kanzlers sich zu
wiederholen, um ein Verfahren bei sich zu entschuldigen, das ihm jetzt zum
wenigsten nicht genug berdacht schien. Denn seine alten Feinde rsteten sich
mit Macht. Der Bund hatte ein neues Heer geworben und drang herab ins Land,
nher und nher an das Herz von Wrttemberg. Die Reichsstadt Elingen bot fr
diese Unternehmungen einen nur zu gnstigen Sttzpunkt. Sie liegt nur wenige
Stunden von der Hauptstadt, beinahe mitten im Lande, und war, sobald das Heer
des Bundes die Kommunikation mit ihr hergestellt hatte, eine furchtbare Schanze,
um Ausflle nach Wrttemberg zu begnstigen und zu decken. Das Landvolk nahm an
vielen Orten den Bund gnstig auf, denn der Herzog hatte sie durch die neue Art,
wie er sich huldigen lie, ngstlich gemacht. Der Wrttemberger liebt von jeher
das Alte und Hergebrachte. Altes Recht, alte Ordnung, sind ihm goldene Worte,
wenn er auch oft nicht wei, was sie bedeuten, und ob das Neue nicht besser ist.
Seine Ruhe, die er bei anderen Zufllen des Lebens zeigt, verlt ihn, wenn man
von Neuerungen spricht, und ein Eigensinn, der sogar Trotz wird, lt ihn das
Alte mit einer Glut, mit einer natrlichen Begeisterung umfassen, die ihm sonst
fremd ist, und gnzlich auer seinem Wesen, der ruhigen, biederen
Geschftigkeit, liegt.
    Diese Liebe zum Alten hatte der Herzog an seinem Volk erfahren, als er
einige Jahre zuvor seinen Rten folgte, und zur Verbesserung seiner Finanzen ein
neues Ma und Gewicht einfhrte. Der Arme Konrad, ein frmlicher Aufstand
armer Leute hatten ihn nachdenklich gemacht und den Tbinger Vertrag
eingeleitet. Diese Liebe zum Alten hatte sich auf eine rhrende Weise an ihm
gezeigt, als der Bund ins Land fiel, und das Haupt des alten Frstenstammes
verjagen wollte. Ihre Vter und Grovter hatten unter den Herzogen und Grafen
von Wrttemberg gelebt, darum war ihnen jeder verhat, der diese verdrngen
wollte; wie wenig sie das Neue lieben, hatten sie dem Bunde und seinen
Statthaltern oft genug bewiesen.
    Der alte angestammte Herzog, ein Wrttemberger, kam wieder ins Land; sie
zogen ihm freudig zu; sie glaubten jetzt werde es wieder hergehen wie vor
alters; sie htten recht gerne Steuern bezahlt, Zehnten gegeben, Glten aller
Art entrichtet und Fronen geleistet; sie htten ber Schwereres nicht gemurrt,
wenn es nur nach hergebrachter Art geschehen wre. So gut ward es ihnen aber
nicht; die alten Formeln waren aus dem Huldigungseid verschwunden, die Steuern
wurden nicht mehr nach hergebrachter Sitte eingezogen, es war alles anders als
frher, kein Wunder wenn sie den Herzog als einen neuen Herren ansahen, und
murrend nach dem alten Recht verlangten. Sie hatten zu Ulerich kein Zutrauen
mehr, nicht weil seine Hand schwerer auf ihnen ruhte als vorher, nicht weil er
bedeutend mehr von ihnen wollte als frher, sondern weil sie die neuen Formen
mit argwhnischen Augen ansahen.
    Ein Herzog, besonders wenn er einem Ambrosius Volland sein Ohr leiht,
erfhrt selten genau wie man ber ihn denkt, und ob die Maregeln klug berechnet
waren, die ihm seine Rte an die Hand geben. Und dennoch entging Ulerichs hellem
Auge die Unzufriedenheit seines Volkes nicht ganz. Er merkte, da er im
schlimmen Falle sich nicht auf sie werde verlassen knnen, so wenig als auf die
Ritterschaft des Landes, die, seit er wieder im Land war, sich sehr neutral
verhalten hatte.42
    Seine Unruhe ber diese Bemerkungen suchte er jedem Auge zu verbergen. Er
beschwor die wildesten Tne der Freude herauf, und oft gelang es ihm sogar
selbst zu vergessen, vor welchem Abgrund er stehe. Er versuchte, um seinem Volk
und dem Heer, das er in und um Stuttgart versammelt hatte, Vertrauen und Mut
einzuflen, einige Einflle, welche die Bndischen von Elingen aus in sein
Land gemacht hatten, verdoppelt heimzugeben. Er schlug sie zwar und verwstete
ihr Gebiet, aber er verhehlte sich nicht, wenn er nach einem solchen Siege in
seine Stellungen zurckging, da das Kriegsglck ihn vielleicht verlassen
knnte, wenn der Bund einmal mit dem groen Heere im Feld erscheinen werde.
    Und er erschien frhe genug fr Ulerichs zweifelhaftes Geschick. Noch wute
man in Stuttgart wenig oder nichts von dem Aufgebot des Bundes, noch lebte man
am Hof und in der Stadt in Ruhe und in Freude, als auf einmal am zwlften
Oktober die Landsknechte, welche der Herzog ein Lager bei Cannstatt hatte
beziehen lassen, flchtig nach Stuttgart kamen, und von einem groen bndischen
Heer erzhlten, das sie zurckgeworfen habe. Jetzt merkten die Bewohner
Stuttgarts, da eine wichtige Entscheidung nahe, jetzt sahen sie ein, da der
Herzog lngst um diesen drohenden Einfall gewut haben msse, denn er lie an
diesem Tage die mter aufbieten, lie die Truppen sich versammeln, die auf das
Land umher verlegt gewesen waren, und hielt noch am Abend dieses Tages eine
Musterung ber zehntausend Mann.43
    Noch in der Nacht zog er mit einem groen Teil der Mannschaft aus, um die
Stellungen, die ein Teil der Landsknechte zwischen Cannstatt und Elingen
genommen hatte, zu verstrken.
    In jener Nacht wurde in Stuttgart manche Trne von schnen Augen geweint,
denn Mnner und Jnglinge, was die Waffen fhren konnte, zog mit dem Herzog in
die Schlacht. Doch das Rauschen des abziehenden Heeres bertnte die Klagen der
Mdchen und Frauen, sie verhallten wie das Wimmern eines Kindes im Kampf der
Elemente. Mariens Schmerz war stumm, aber gro, als sie den Gatten unter die
Tre herabgeleitete, wo die Knechte mit den Rossen fr ihn und den Vater
hielten. Sie hatten still und einsam, nur mit ihrem Glck beschftigt, die
ersten Tage ihrer Ehe verlebt. Sie dachten wenig an die Zukunft, sie glaubten im
Hafen zu sein, und indem sie nur sich selbst lebten, berhrten sie das
Flstern, die geheimnisvolle Unruhe, die einem nahenden Sturm vorangeht. Sie
waren gewhnt, den Vater ernst und dster zu sehen, es fiel ihnen nicht auf, wie
sein Auge immer trber, seine Stirne finsterer, seine Mienen beinahe traurig
wurden. Er sah ihr ses Glck, er fhlte mit ihnen, er verbarg, um sie nicht zu
frhe aufzustren, was ihm eine bange Ahnung oft genug sagte. Aber endlich nahte
der entscheidende Schlag. Der Herzog von Bayern war bis in die Mitte des Landes
vorgedrungen, und der Ruf zu den Waffen schreckte Georg aus den Armen seines
geliebten Weibes.
    Die Natur hatte ihr eine starke Seele und jene entschiedene Erhabenheit ber
jedes irdische Verhngnis gegeben, die nur in einer reinen Seele und in der
mutigen Zuversicht auf einen hhern Beistand bestehen kann. Sie wute, was Georg
der Ehre seines Namens, und seinem Verhltnis zum Herzog schuldig sei, darum
erstickte sie jeden lauten Jammer, und brachte ihrer schwcheren Natur nur jenes
Opfer schmerzlicher Trnen, die dem Auge, das den Geliebten tausend Gefahren
preisgegeben sieht, unwillkrlich entstrmen.
    
    Siehe, ich kann nicht glauben, da du auf immer von mir gehst, sagte sie,
indem sie ihre schnen Zge zu einem Lcheln zwang; wir haben jetzt erst zu
leben begonnen, der Himmel kann nicht wollen, da wir schon Aufhren sollen.
Drum kann ich dich ruhig ziehen lassen, ich wei ja zuversichtlich, da du mir
wiederkehrst.
    Georg kte die schnen, weinenden Augen, die ihn so mild und voll Trost
anblickten. Er dachte in diesem Augenblick nicht an die Gefahr, der er
entgegengehe, nicht an die Mglichkeit, da vielleicht schon das nchste
Morgenrot seine Leiche bescheinen werde; er dachte nur daran, wie gro fr das
teure Wesen, das er in den Armen hielt, der Schmerz sein mte, wenn er nicht
mehr zurckkehrte: wie sie dann ein langes Leben einsam, nur in der Erinnerung
an die wenigen Tage des Glckes, fortleben knnte. Er prete sie heftiger in die
Arme, als wolle er dadurch diese schwarzen Gedanken verscheuchen, seine Blicke
tauchten tiefer in ihre Augen herab, um dort Vergessenheit zu suchen, und es
gelang ihm, wenigstens trug er ein schnes Bild der Hoffnung und der Zuversicht
mit sich hinweg.
    Die Ritter stieen vor dem Tor gegen Cannstatt zu dem Herzog. Es war dunkle
Nacht, das erste Viertel des Mondes und das Heer der Sterne warfen einen matten
Schein herab; Georg glaubte zu bemerken, da der Herzog finster und in sich
gekehrt sei, denn seine Augen waren niedergeschlagen, seine Stirne kraus, und er
ritt stumm seinen Weg weiter, nachdem er sie flchtig mit der Hand gegrt
hatte.
    Ein nchtlicher Marsch hat immer etwas Geheimnisvolles, Bedeutendes an sich.
Die Sonne, heitere Gegenden, der Anblick vieler Kameraden, der Wechsel der
Aussichten locken bei Tag den Soldaten zum Gesprch, wohl auch zum Gesang. Weil
die Eindrcke von auen strker sind, denkt man weniger nach ber das Ziel des
Marsches, ber das Ungewisse des Krieges, ber die Zukunft, die niemand dunkler
verhngt ist, als dem Kriegsmann im Felde. Ganz anders auf dem Marsch in der
Nacht. Man hrt nur das Gedrhn des Zuges, den taktartigen Hufschlag der Rosse,
ihr Schnauben, das Klirren der Waffen; und die Seele, die durch das Auge keine
Bilder mehr empfngt, wird durch dieses eintnige Gemurmel ernster; Scherz und
Gelchter sind verstummt, das laute Gesprch sinkt zum Geflster herab, und auch
dieses gilt nicht mehr gleichgltigen Gegenstnden, sondern der Entscheidung,
welcher man entgegenzieht.
    So war auch der Zug in jener Nacht, ernst und von keinem Laut der Freude
unterbrochen. Georg ritt neben dem alten Herrn von Lichtenstein, und warf hie
und da ngstliche Blicke auf diesen, denn er hing wie von Kummer gebckt im
Sattel, und schien ernster als je zu sein. Er htte beinahe ohne Leben
geschienen, wenn nicht hin und wieder ein Seufzer aus seiner Brust
heraufgestiegen wre, und seine glnzenden Augen nach den Wlkchen schauten, die
um die bleiche Sichel des Mondes zogen.
    Glaubt Ihr, es werde morgen zum Gefecht kommen, Vater? flsterte Georg
nach einer Weile.
    Zum Gefecht? zur Schlacht.
    Wie? Ihr glaubt also, das Bundesheer sei so stark, da es uns jetzt schon
werde die Spitze bieten knnen? Es ist nicht mglich. Herzog Wilhelm mte
Flgel haben, wenn er seine Bayern herabgefhrt htte, und Frondsberg ist in
seinen Entschlssen bedchtig. Ich glaube nicht, da sie viel ber sechstausend
stark sind.
    Zwanzigtausend, antwortete der Alte mit dumpfer Stimme.
    Bei Gott, das hab ich nicht gedacht, entgegnete der junge Mann mit
Staunen. Freilich, da werden sie uns hart zusetzen. Doch wir haben gebtes
Volk, und des Herzogs Augen sind schrfer als irgendeines im Bundesheere, selbst
als Frondsbergs. Glaubt Ihr nicht auch, da wir sie schlagen werden?
    Nein.
    Nun, ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ein groer Vorteil fr uns liegt
schon darin, da wir fr das Land fechten, die Bndischen aber dagegen; das
macht unseren Truppen Mut; die Wrttemberger kmpfen fr ihr Vaterland.
    Gerade darauf traue ich nicht, sprach Lichtenstein; ja wenn der Herzog
sich anders htte huldigen lassen, so aber - hat er das Landvolk nicht fr sich;
sie streiten, weil sie mssen und ich frchte, sie halten nicht lange aus.
    Das wre freilich schlimm, erwiderte Georg; doch die Schwaben sind ein
biederes, ehrliches Volk, sie werden den Herzog nicht in der Not verlassen! Wo
glaubt Ihr, da wir dem Feind begegnen? wo werden wir uns stellen?
    Zwischen Elingen und Cannstatt, bei Untertrkheim haben die Landsknechte
einige Schanzen aufgeworfen, und stehen dort zu dritthalbtausend Mann; wir
werden uns noch in dieser Nacht an sie anschlieen.
    Der Alte schwieg und sie ritten wieder eine geraume Zeit stille
nebeneinander hin. Hre Georg! hub er nach einer Weile an; ich habe schon oft
dem Tod Aug in Auge gesehen, und bin alt genug mich nicht vor ihm zu frchten;
es kann jedem etwas Menschliches begegnen - trste dann mein liebes Kind,
Marie.
    Vater! rief Georg, und reichte ihm die Hand hinber, denket nicht
solches! Ihr werdet noch lange und glcklich mit uns leben.
    Vielleicht, entgegnete der alte Mann mit fester Stimme, vielleicht auch
nicht. Es wre tricht von mir, dich aufzufordern, du sollst dich im Gefecht
schonen. Du wrdest es doch nicht tun. Doch bitte ich, denk an dein junges Weib,
und begib dich nicht blindlings und unberlegt in Gefahr. Versprich mir dies.
    Gut, hier habt Ihr meine Hand; was ich tun mu, werde ich nicht ablehnen;
leichtsinnig will ich mich nicht aussetzen; aber auch Ihr, Vater, knntet dies
geloben.
    Schon gut, la das jetzt; wenn ich etwa morgen totgeschossen werden sollte,
so gilt mein letzter Wille, den ich beim Herzog niedergelegt habe; Lichtenstein
geht auf dich ber, du wirst damit belehnt werden. Mein Name stirbt hierzuland
mit mir, mge der deinige desto lnger tnen.
    Der junge Mann war von diesen Reden schmerzlich bewegt; er wollte antworten,
als eine bekannte Stimme seinen Namen rief. Es war der Herzog, der nach ihm
verlangte. Er drckte Mariens Vater die Hand und ritt dann schnell zu Ulerich
von Wrttemberg.
    Guten Morgen, Sturmfeder! sprach dieser, indem seine Stirne sich etwas
aufheiterte; ich sag guten Morgen, denn die Hhne krhen dort unten in dem
Dorf. Was macht dein Weib? hat sie gejammert als du wegrittst?
    Sie hat geweint, antwortete Georg; aber sie hat nicht mit einem Wort
geklagt.
    Das sieht ihr gleich; bei Sankt Hubertus, Wir haben selten eine mutigere
Frau gesehen. Wenn nur die Nacht nicht so finster wre, da ich recht in deine
Augen sehen knnte, ob du zum Kampf gestimmt bist und Lust hast, mit den
Bndlern anzubinden?
    Sprecht, wohin ich reiten soll; mitten drauf soll es gehen im Galopp.
Glauben Euer Durchlaucht, ich habe in meinem kurzen Ehestand so ganz vergessen,
was ich von Euch erlernte, da man in Glck und Unglck den Mut nicht sinken
lassen drfe?
    Hast recht; impavidum ferient ruinae; Wir haben es auch gar nicht anders
von Unserem getreuen Bannertrger erwartet. Heute trgt meine Fahne ein anderer,
denn dich habe ich zu etwas Wichtigerem bestimmt. Du nimmst diese
hundertundsechzig Reiter, die hier zunchst ziehen, lt dir von einem den Weg
zeigen, und reitest Trab gerade auf Untertrkheim zu. Es ist mglich, da der
Weg nicht ganz frei ist, da vielleicht die von Elingen schon herabgezogen
sind, uns den Pa zu versperren; was willst du tun, wenn es sich so verhlt?
    Nun, ich werfe mich in Gottes Namen mit meinen hundertundsechzig Pferden
auf sie und hau mich durch, wenn es kein Heer ist. Sind sie zu stark, so decke
ich den Weg bis Ihr mit dem Zug heran seid.
    Recht gut gesagt, gesprochen wie ein tapferer Degen, und haust du so gut
auf sie wie auf mich bei Lichtenstein, so schlgst du dich durch sechshundert
Bndler durch. Die Leute, die ich dir gebe, sind gut. Es sind die Fleischer,
Sattler und Waffenschmiede von Stuttgart und den anderen Stdten. Ich kenne sie
aus manchem Kampf, sie sind wacker, und hauen einen Schdel bis aufs Brustbein
durch. Das Schwert in der Faust, reiten sie dir in die Hlle, wenn sie dir
einmal zugetan sind, und wen sie einmal ans Hirn getroffen haben, der braucht
keinen Arzt mehr auf dieser Welt. Das sind die echten Schwabenstreiche.
    Und bei Untertrkheim soll ich mich aufstellen?
    Dort triffst du auf einer Anhhe die Landsknechte unter Georg von Hewen und
Schweinsberg. Die Losung is Ulericus fr immer. Den beiden Herren sagst du, sie
sollen sich halten bis fnf Uhr, ehe der Tag aufgeht, sei ich mit sechstausend
Mann bei ihnen, und dann wollen wir den Bund erwarten. Gehab dich wohl, Georg.
    Der junge Mann erwiderte den Gru, indem er sich ehrerbietig neigte; er ritt
an der Spitze der tapfern Reiter, und trabte mit ihnen das Tal hinauf. Es waren
krftige Gestalten, mit breiten Schultern und starken Armen, unter den
Sturmhauben hervor blickten ihn mutige Augen und breite ehrliche Gesichter
freundlich an; er fhlte sich ehrenvoll ausgezeichnet eine solche Schar zu
fhren. Bald ging jetzt der Weg bergan, man nherte sich dem Fu des
Rothenberges, auf dessen Gipfel das Stammschlo von Wrttemberg weit ber das
schne Neckartal hinsah. Es war vom Sternenschimmer matt erhellt, und Georg
konnte seine Formen nicht deutlich unterscheiden, aber dennoch blickte er immer
wieder nach diesen Trmen und Mauern hinauf; er erinnerte sich jener Nacht, wo
Ulerich in der Hhle mit Wehmut von der Burg seiner Vter sprach, von welcher er
sonst auf ein schnes Land voll Obst, Wein und Frucht hinabgeschaut, und dies
alles sein genannt hatte. Er versank in Gedanken ber das unglckliche Schicksal
dieses Frsten, das ihm aufs neue den Besitz des schnen Landes streitig zu
machen schien; er dachte nach ber die sonderbare Mischung seines Charakters,
wie hier wahrhafte Gre oft durch Zorn, Trotz und unbeugsamen Stolz entweiht
sei.
    Was Ihr dort unten unterscheiden knnet zwischen den beiden Bumen,
unterbrach ihn der Reiter, welcher ihm den Weg zeigte, ist die Turmspitze von
Untertrkheim. Es geht jetzt wieder etwas ebener, und wenn wir Trab reiten,
knnen wir bald dort sein.
    Der junge Mann trieb sein Pferd an, der ganze Zug folgte seinem Beispiel,
und bald waren sie im Angesicht dieses Dorfes. Hier war eine doppelte Linie von
Landsknechten aufgestellt, welche ihnen drohend die Hellebarden
entgegenstreckten. An vielen Punkten sah man den rtlichen Schimmer glhender
Lunden, die wie Scheinwrmchen durch die Nacht funkelten.
    Halt, wer da? rief eine tiefe Stimme aus ihren Reihen. Gebt die Losung!
    Ulericus fr immer, rief Georg von Sturmfeder. Wer seid Ihr?
    Gut Freund! rief Marx Stumpf von Schweinsberg, indem er aus den Reihen der
Landsknechte heraus, und auf den jungen Mann zuritt. Guten Morgen, Georg; Ihr
habt lange auf Euch warten lassen, schon die ganze Nacht sind wir auf den
Beinen, und harren sehnlich auf Verstrkung, denn dort drben im Wald sieht es
nicht geheuer aus, und wenn Frondsberg den Vorteil verstanden htte, wren wir
schon lngst bermannt.
    Der Herzog zieht mit sechstausend Mann heran, erwiderte Sturmfeder.
Lngstens in zwei Stunden mu er da sein.
    Sechstausend, sagst du? bei Sankt Nepomuk, das ist nicht genug; wir sind zu
dritthalbtausend, das macht zusammen gegen neuntausend; weit du, da sie ber
zwanzigtausend stark sind, die Bndischen? Wie viel Geschtz bringt er mit?
    Ich wei nicht; es wurde erst nachgefhrt als wir ausritten.
    Komm, la die Reiter absitzen und ruhen, sagte Marx Stumpf; sie werden
heute Arbeit genug bekommen.
    Die Reiten saen ab und lagerten sich; auch die Landsknechte lsten ihre
Reihen auf und stellten nur starke Posten auf den Anhhen und am Neckar auf.
Marx Stumpf besichtigte alle Anstalten, und Georg legte sich in seinen Mantel
gehllt, nieder, um noch einige Stunden zu ruhen. Die Stille der Nacht, nur
durch den eintnigen Ruf der Wachen unterbrochen, senkte ihn bald in einen
Schlummer, der seine Seele weit hinweg ber Krieg und Schlachten, in die Arme
seines Weibes entfhrte.

                                       IX


 In schwarzen Pulverdmpfen
 Verbirgt sich Mann und Ro;
 Ihr schlagt euch immer kecker
 Bergunter alle zumal;
 Jetzt sprengt ihr durch den Necker,
 Jetzt fechtet ihr im Tal.
                                                                       G. Schwab

Georg erwachte am Wirbeln der Trommeln, die das kleine Heer unter die Waden
riefen. Ein schmaler Saum war am Horizont helle, der Morgen kam, die Truppen des
Herzogs sah man in der Ferne daherziehen. Der junge Mann setzte den Helm auf,
lie sich den Brustharnisch wieder anlegen und stieg zu Pferd, den Herzog an der
Spitze seiner Mannschaft zu empfangen. Aus Ulerichs Zgen war zwar nicht der
Ernst, wohl aber alle Dsterkeit verschwunden. Sein Auge sprhte von einem
kriegerischen Feuer, und aus seinen Mienen sprach Mut und Entschlossenheit. Er
war ganz in Stahl gekleidet, und trug ber seinem schweren Eisenkleid einen
grnen Mantel mit Gold verbrmt. Die Farben seines Hauses wehten in seinem
groen wallenden Helmbusch. Sonst unterschied er sich in nichts von den brigen
Rittern und Edeln, die ebenfalls in blankes Eisen bis an die Zhne gekleidet,
den Herzog in einem groen Kreis umgaben. Er begrte freundlich Hewen,
Schweinsberg und Georg von Sturmfeder, und lie sich von ihnen ber die Stellung
des Feindes berichten.44
    Noch war von diesem nichts zu sehen; nur an dem Saum des Waldes gegen
Elingen hin, sah man hin und wieder seine Posten stehen. Der Herzog beschlo
den Hgel, den die Landsknechte besetzt gehalten hatten, zu verlassen, und sich
in die Ebene hinabzuziehen. Er hatte wenig Reiterei, der Bund aber, so
berichteten berlufer, zhlte dreitausend Pferde. Im Tal hatte er auf einer
Seite den Neckar, auf der andern einen Wald, und so war er wenigstens auf den
Flanken vor einem Reiterangriff sicher.
    Lichtenstein und mehrere andere widerrieten zwar diese Stellung im Tal, weil
man vom Hgel zu nahe beschossen werden knne; doch Ulerich folgte seinem Sinn
und lie das Heer hinabsteigen. Er stellte zunchst vor Trkheim die
Schlachtordnung auf und erwartete seinen Feind. Georg von Sturmfeder wurde
beordert, in seiner Nhe mit den Reitern, die er ihm anvertraut hatte, zu
halten; sie sollten gleichsam seine Leibwache bilden; zu diesen berittenen
Brgern gesellten sich noch Lichtenstein und vierundzwanzig andere Ritter, um
bei einem Reiterangriff den Sto zu verstrken. In jenen Tagen war ein Treffen
oft in viele kleine Zweikmpfe zerstreut, die Ritter, die einem Heere folgten,
fochten selten in geschlossenen Massen, sondern suchten mit schnellem Blicke
einen Gegner unter den Reihen des Feindes, den sie dann mit Schwert und Lanze
bekmpften. Eine solche Schar war es, die bei Georgs Reiterhaufen stand, und den
Herzog selbst gelstete es, seine ungeheure Kraft, seine weitberhmte Fertigkeit
in einem solchen Zweikampf zu erproben, und nur die instndigen Bitten der
Ritter hielten ihn ab, diese romantische Idee auszufhren. Neben dem Herzog
hielt eine sonderbare Figur, beinahe wie eine Schildkrte, die zu Pferd sitzt,
anzusehen. Ein Helm mit groen Federn sa auf einem kleinen Krper, der auf dem
Rcken mit einem gewlbten Panzer versehen war; der kleine Reiter hatte die
Kniee weit heraufgezogen, und hielt sich fest am Sattelknopf. Das
herabgeschlagene Visier verhinderte Georg zu erkennen, wer dieser lcherliche
Kmpfer sei; er ritt daher nher an den Herzog heran und sagte:
    Wahrhaftig, Euer Durchlaucht haben sich da einen beraus mchtigen Kmpen
zum Begleiter ausersehen. Sehet nur die drren Beine, die zitternden Arme, den
mchtigen Helm zwischen den kleinen Schultern - wer ist denn dieser Riese?
    Kennst du den Hcker so schlecht? fragte der Herzog lachend. Sieh nur, er
hat einen ganz absonderlichen Panzer an, der wie eine groe Nuschale anzusehen,
um seinen teuren Rcken zu verwahren, wenn es etwa zur Flucht kme. Es ist mein
getreuer Kanzler, Ambrosius Volland!
    Bei der heiligen Jungfrau! dem habe ich bitter unrecht getan, entgegnete
Georg; ich dachte er werde nie ein Schwert ziehen und ein Ro besteigen, und da
sitzt er auf einem Tier so hoch wie ein Elefant, und trgt ein Schwert so gro
als er selbst ist. Diesen kriegerischen Geist htte ich ihm nimmer zugetraut.
    Meinst du, er reite aus eigenem Entschlu zu Felde? Nein ich habe ihn mit
Gewalt dazu gentigt. Er hat mir zu manchem geraten, was mir nicht frommte, und
ich frchte er hat mich mit bslicher Absicht aufs Eis gefhrt; drum mag er auch
die Suppe mit verzehren, die er eingebrockt hat. Er hat geweint, wie ich ihn
dazu zwang; er sprach viel vom Zipperlein und von seiner Natur, die nicht
kriegerisch sei; aber ich lie ihn in seinen Harnisch schnren und zu Pferd
heben, er reitet den feurigsten Renner aus meinem Stall!
    Whrend dies der Herzog sprach, schlug der Ritter vom Hcker das Visier auf,
und zeigte ein bleiches, kummervolles Gesicht. Das ewig stehende Lcheln war
verschwunden, seine stechenden uglein waren gro und starr geworden, und
drehten sich langsam und schchtern nach der Seite; der Angstschwei stand ihm
auf der Stirne und seine Stimme war zum zitternden Flstern geworden: Um Gottes
Barmherzigkeit willen, wertgeschtzter Herr von Sturmfeder, viellieber Freund
und Gnner, leget ein gutes Wort ein, beim gestrengen Herrn, da er mich aus
diesem Fastnachtsspiel entlt. Es ist des allerhchsten Scherzes jetzt genug.
Der Ritt in den schweren Waffen hat mich grausam angegriffen, der Helm drckt
mich aufs Hirn, da meine Gedanken im Kreise tanzen, und meine Kniee sind vom
Zipperlein gekrmmt; bitte, bitte! leget ein gutes Wort ein, fr Euren demtigen
Knecht, Ambrosius Volland; will's gewilich vergelten.
    Der junge Mann wandte sich mit Abscheu von dem grauen feigen Snder. Herr
Herzog, sagte er, indem ein edler Zorn seine Wangen rtete; vergnnt ihm, da
er sich entferne. Die Ritter haben ihre Schwerter gelftet und die Helme fester
in die Stirne gerckt, das Volk schttelt die Speere und erwartet mutig das
Zeichen zum Angriff, warum soll ein Feigling in den Reihen von Mnnern
streiten?
    Er bleibt, sag ich, entgegnete der Herzog mit fester Stimme bei dem
ersten Schritt rckwrts hau ich ihn selbst vom Gaul herunter. Der Teufel sa
auf deinen blauen Lippen, Ambrosius Volland, als du Uns geraten, Unser Volk zu
verachten und das Alte umzustoen. Heute, wenn die Kugeln sausen und die
Schwerter rasseln, magst du schauen, ob dein Rat Uns frommte.
    Des Kanzlers Augen glhten vor Wut, seine Lippen zitterten, und seine Mienen
verzerrten sich greulich. Ich habe Euch nur geraten; warum habt Ihr es getan?
sagte er, Ihr seid Herzog, Ihr habt befohlen und Euch huldigen lassen; was kann
denn ich dafr?
    Der Herzog ri sein Pferd so schnell um, da der Kanzler bis auf die Mhnen
seines Elefanten niedertauchte, als erwarte er den Todesstreich. Bei Unserer
frstlichen Ehre, rief er mit schrecklicher Stimme, indem seine Augen blitzten,
Wir bewundern Unsere eigene Langmut. Du hast Unsern ersten Zorn bentzt, du
hast dich in Unser Vertrauen einzuschwatzen gewut; htten Wir dir nicht
gefolgt, du Schlange, so stnden heute zwanzigtausend Wrttemberger hier, und
ihre Herzen wren eine feste Mauer fr ihren Frsten. Oh, mein Wrttemberg! mein
Wrttemberg! da ich deinem Rat gefolgt wre, alter Freund; ja, es heit was,
von seinem Volk geliebt zu sein!
    Entfernet diese Gedanken vor einer Schlacht, sagte der alte Herr von
Lichtenstein, noch ist es Zeit, das Versumte einzuholen. Noch stehen
sechstausend Wrttemberger um Euch, und bei Gott, sie werden mit Euch siegen,
wenn Ihr mit Vertrauen sie in den Feind fhret. O Herr! hier sind lauter
Freunde, vergebet Euren Feinden, entlat den Kanzler, der nicht fechten kann!
    Nein! her zu mir, Schildkrte! an meine Seite her, Hund von einem
Schreiber! wie er zu Rosse sitzt, als htte ihn unser Herrgott hinaufgeschneit,
den Schneemann! Du hast mein Volk verachtet in deiner Kanzlei, und ihnen Gesetze
gegeben mit deiner Schwanenfeder, jetzt sollst du sehen wie sie streiten; jetzt
sollst du sehen wie Wrttemberg siegt oder - untergeht. Ha! seht ihr sie dort
auf dem Hgel? seht ihr die Fahnen mit dem roten Kreuz? seht ihr das Banner von
Bayern? wie ihre Waffen blitzen im Morgenrot, wie ihre Glieder von tausend
Lanzen starren, wie der Wind in ihren Helmbschen spielt. - Guten Tag ihr Herren
vom Schwabenbund! jetzt geht mir das Herz auf; das ist ein Anblick fr einen
Wrttemberg.
    Schaut! sie richten schon die Geschtze, unterbrach ihn Lichtenstein;
zurck von diesem Platz, Herr! hier ist Euer Leben in augenscheinlicher Gefahr;
zurck, zurck, wir halten hier; schickt uns Eure Befehle von dort zu, wo Ihr
sicher seid.
    Der Herzog sah ihn gro an: Wo hast du gehrt, sagte er, da ein
Wrttemberg gewichen sei, wenn der Feind zum Angriff blasen lie? meine Ahnen
kannten keine Furcht, und meine Enkel werden noch aushalten wie sie, furchtlos
und treu! Sieh wie der Berg sich dunkler und dunkler fllt von ihren Scharen.
Siehst du jene weien Wolken am Berg, Schildkrte? hrst du sie krachen? das ist
der Donner der Geschtze, der in unsere Reihen schlgt; jetzt wenn du ein gutes
Gewissen hast, wirst du leichter Atem holen, denn um dein Leben gibt dir keiner
einen Pfennig.
    Lasset uns beten, sagte Marx von Schweinsberg, und dann drauf in Gottes
Namen.
    Der Herzog faltete andchtig die Hnde, seine Begleiter folgten seinem
Beispiel und beteten zum Anfang der Schlacht, wie es Sitte war in den alten
Tagen. Der Donner der feindlichen Geschtze tnte schauerlich in diese tiefe
Stille, in welcher man jeden Atemzug, jedes leise Flstern der Betenden hrte.
Auch der Kanzler faltete die Hnde, aber seine Augen richteten sich nicht
glubig auf zum Himmel, sie irrten zagend an den Bergen umher, und das Beben
seines Krpers, sooft Blitz und Rauch aus den Feldstcken des Feindes fuhr,
zeigte, da seine Seele nicht zu dem sich aufzuschwingen vermge, der aus den
Strahlen seiner Morgensonne ber Freunde und Feinde herabblickte.
    Ulerich von Wrttemberg hatte gebetet, und zog sein Schwert aus der Scheide;
die Ritter und Reisigen folgten ihm, und in einem Augenblick blitzten tausend
Schwerter um ihn her. Die Landsknechte sind schon im Gefecht, sagte er, indem
sein Adlerauge schnell das Tal berschaute; Georg von Hewen! Ihr rckt ihnen
mit tausend zu Fu nach. Schweinsberg lehne sich mit achthundert an den Wald,
und warte bis auf weiteres. Reinhardt von Gemmingen! wollet mit den Eurigen
geradeaus ziehen, und den mittleren Raum zwischen dem Wald und dem Neckar
einnehmen. Sturmfeder, du bleibst mit deiner Abteilung Reitern; doch bist du
jeden Augenblick bereit, vorzubrechen. Gott befohlen, ihr Herren; sollten wir
uns hier unten nicht wiedersehen, so gren wir uns desto freudiger oben. Er
grte sie, indem er sein groes Schwert gegen sie neigte. Die Ritter erwiderten
den Gru und zogen mit ihren Scharen dem Feinde zu, und ein tausendstimmiges
Ulerich fr immer! ertnte aus ihren Reihen.
    Das bndische Heer, das auf dem Hgel, den die Herzoglichen frher besetzt
gehalten hatten, angekommen war, begrte seinen Feind aus vielen Feldschlangen
und Kartaunen; dann zogen sie sich allmhlich herab ins Tal; sie schienen durch
ihre ungeheure Anzahl das kleine Heer des Herzogs erdrcken zu wollen. In dem
Augenblick, als die letzten Glieder den Hgel verlassen wollten, wandte sich der
Herzog zu Georg von Sturmfeder. Siehst du ihre Feldstcke auf dem Hgel?
fragte er.
    Wohl; sie sind nur durch wenige Mannschaft bedeckt.
    Frondsberg glaubt, weil wir nicht ber ihn wegfliegen knnen, sei es
unmglich sein Geschtz zu nehmen. Aber dort am Wald biegt ein Weg links ein,
und fhrt in ein Feld. Das Feld stt an jenen Hgel. Kannst du mit deinen
Reitern ungehindert bis in jenes Feld vordringen, so bist du beinahe schon im
Rcken der Bndischen. Dort lt du die Pferde verschnauben, legst dann an, und
im Galopp den Hgel hinauf, die Geschtze mssen unser sein!
    Georg verbeugte sich zum Abschied, aber der Herzog bot ihm die Hand. Lebe
wohl, lieber Junge! sagte er; es ist hart von Uns einen jungen Ehemann auf so
gefhrliche Reise zu schicken, aber Wir wuten keinen Rascheren und Besseren als
dich.
    Die Wangen des jungen Mannes glhten, als er diese Worte hrte, und seine
Augen blinkten mutig. Ich danke Euch, Herr, fr diesen neuen Beweis Eurer
Gnade, rief er, Ihr belohnt mich schner, als wenn Ihr mir die schnste Burg
geschenkt httet. - Lebet wohl, Vater, und grt mein Weibchen.
    So ist's nicht gemeint! entgegnete lchelnd der alte Lichtenstein; ich
reite mit dir unter deiner Fhrung -
    Nein, Ihr bleibet bei mir, alter Freund, bat der Herzog, soll mir denn
der Kanzler hier im Felde raten? Da knnte ich so bel fahren wie mit seinen
anderen Ratschlssen. Bleibet mir zur Seite; machet den Abschied kurz, Alter!
Euer Sohn mu weiter.
    Der Alte drckte Georgs Hand; lchelnd und mit freudigem Mute erwiderte
dieser den Abschiedsgru, schwenkte mit seinen Reitern ab, und Ulerich fr
immer! riefen die Stuttgarter Brger zu Pferd, welche er in dieser
entscheidenden Stunde gegen den Feind fhrte. Georg betrachtete, als er an dem
Waldsaum hinritt, sinnend die Schlacht. Die Wrttemberger hatten eine gute
Stellung, denn der Wald und der Neckar deckte sie, und ihre Flgel und das
Zentrum waren stark genug, um auch einen mchtigen Sto von Reiterei
auszuhalten. Er konnte sich aber nicht verhehlen, da wenn sie sich aus dieser
Stellung herauslocken lassen, mssen sie alle diese Vorteile verlieren, weil sie
dann entweder zwischen dem Wald und dem linken Flgel einen bedeutenden
Zwischenraum lassen, oder um diesen auszufllen, ihre Schlachtlinie so weit
ausdehnen mten, da sie an innerer Strke verlieren wrden und leichter
durchbrochen werden knnten. Ein groer Nachteil fr die Wrttemberger war auch
ihre geringe Anzahl, denn der Feind zhlte zwei Dritteile mehr. Er konnte zwar
in dem engen Tal seine Streitkrfte nicht entwickeln, und nur wenige Mannschaft
auf einmal ins Treffen fhren, doch war dies immer genug, um die Herzoglichen
unausgesetzt zu beschftigen, der Feind behielt dadurch immer frische Leute, und
es war zu befrchten, da die sechstausend Wrttemberger, wenn sie auch noch so
tapfer standhalten sollten, endlich aus Ermattung werden unterliegen mssen.
    Der Wald nahm jetzt Georg und seine Schar auf; sie rckten still und
vorsichtig weiter, denn Georg wute wohl, wie schwierig es fr einen Reiterzug
sei, im Wald von Fuvolk angegriffen zu werden. Doch ungefhrdet kamen sie bis
auf das Feld heraus, das ihnen der Herzog bezeichnet hatte. Rechts ber dem Wald
hin wtete die Schlacht. Das Geschrei der Angreifenden, das Schieen aus
Donnerbchsen und Feldstcken, das Wirbeln der Trommeln hallte schrecklich
herber.
    Vor ihnen lag der Hgel, von dessen Gipfel eine gute Anzahl Kartaunen in die
Reihen der Wrttemberger spielte; dieser Hgel erhob sich von der Seite des
Wldchens allmhlich, und Georg bewunderte den schnellen Blick des Herzogs, der
diese Seite sogleich erspht hatte, denn von jeder andern Seite wre, wenigstens
fr Reiter, der Angriff unmglich gewesen. Das Geschtz wurde, soviel man von
unten sehen konnte, nur durch eine schwache Mannschaft bedeckt, und als daher
die Pferde ein wenig geruht hatten, ordnete Georg seine Schar, und brach im
Galopp an der Spitze der Reiter vor. In einem Augenblick waren sie auf dem
Gipfel des Hgels angekommen, und Georg rief den bndischen Soldaten zu, sich zu
ergeben.
    Sie zauderten, und die Fleischer, Sattler und Waffenschmiede von Stuttgart
ersparten ihnen die Mhe, denn mit gewaltigen Streichen hieben sie Helme und
Kpfe durch, da von der Bedeckung bald wenige mehr brig waren. Georg warf
einen frohlockenden Blick auf die Ebene hinab seinem Herzog zu, er hrte das
Freudengeschrei der Wrttemberger aus vielen tausend Kehlen aufsteigen, er sah
wie sie frischer vordrangen, denn ihre Hauptfeinde, die Feldstcke auf dem Hgel
waren jetzt zum Schweigen gebracht.
    Aber in diesem Augenblick der Siegesfreude gewahrte er auch, da jetzt der
zweite und schwerere Teil seiner schnellen Operation der Rckzug gekommen sei;
denn auch die Bndischen hatten bemerkt, wie ihr Geschtz pltzlich verstummt
sei, und ihre Obersten hatten alsobald eine Reiterschar gegen den Hgel
aufbrechen lassen. Es war keine Zeit mehr, die schweren, erbeuteten Feldstcke
hinwegzufhren; darum befahl Georg mit Erde und Steinen ihre Mndungen zu
verstopfen, und sie auf diese Weise unbrauchbar zu machen. Dann warf er einen
Blick auf den Rckweg; zwischen ihm und den Seinigen lag der Wald auf der einen,
das feindliche Heer auf der andern Seite. Wurde er nur von Reiterei angegriffen,
so war der Rckweg durch den Wald mglich, weil dann der Feind dieselben
Schwierigkeiten zu berwinden hatte, wie er. Aber seinem scharfen Auge entging
nicht, da ein groer Haufe bndischen Fuvolkes in den Wald ziehe, um ihm den
Rckzug abzuschneiden, und so sah er sich von dem Walde ausgeschlossen. Das
groe Heer des Bundes zu durchbrechen, sich mit hundertundsechzig Pferden durch
zwanzigtausend durchzuschlagen, wre Tollkhnheit gewesen. Es blieb nur ein Weg,
und auch auf diesem war der Tod gewisser als die Rettung. Zur Linken des
feindlichen Heeres flo der Neckar. Am anderen Ufer war kein Mann von bndischer
Seite; konnte er dieses Ufer gewinnen, so war es mglich sich zum Herzog zu
schlagen. Schon waren die Reiter des Bundes wohl fnfhundert stark am Fu des
Hgels angelangt, er glaubte an ihrer Spitze den Truchse von Waldburg zu
erblicken, jedem andern, selbst dem Tod wollte er sich lieber ergeben als
diesem.
    Drum winkte er den tapfern Wrttembergern nach der steilern Seite des Hgels
hin, die zum Neckar fhrte. Sie stutzten; es war zu erwarten, da unter zehn
immer acht strzen wrden, so jhe war diese Seite, und unten stand zwischen dem
Hgel und dem Flu ein Haufen Fuvolk, das sie zu erwarten schien. Aber ihr
junger, ritterlicher Fhrer schlug das Visier auf, und zeigte ihnen sein schnes
Antlitz, aus welchem der Mut der Begeisterung sie anwehte; sie hatten ihn ja
noch vor wenigen Wochen eine holde Jungfrau zur Kirche fhren sehen, durften sie
an Weib und Kinder denken, da er diese Gedanken weit hinter sich geworfen hatte?
    Drauf, wir wollen sie schlachten, riefen die Fleischer, drauf, wir wollen
sie hmmern, riefen die Schmiede, immer drauf, wir wollen sie lederweich
klopfen, riefen ihnen die Sattler nach, drauf, mit Gott, Ulerich fr immer!
rief der hochherzige Jngling, drckte seinem Ro die Sporen ein, und flog ihnen
voran den steilen Hgel hinab. Die feindlichen Reiter trauten ihren Augen nicht,
als sie den Hgel heraufkamen, die verwegene Schar gefangenzunehmen, und sie
schon unten, mitten unter dem Fuvolk erblickten. Wohl hatte mancher den khnen
Ritt mit dem Leben bezahlt, mancher war mit dem Ro gestrzt und in Feindeshand
gefallen, aber die meisten sah man unten tapfer auf das Fuvolk einhauen, und
der Helmbusch ihres Anfhrers wehte hoch und mitten im Gedrng. Jetzt waren die
Reihen des Fuvolkes gebrochen, jetzt drngten sich die Reiter nach dem Neckar -
jetzt - setzte ihr Fhrer an, und war der erste im Flu. Sein Pferd war stark,
und doch vermochte es nicht mit der Last seines gewappneten Reiters gegen die
Gewalt des vom Regen angeschwellten Stromes anzukmpfen, es sank, und Georg von
Sturmfeder rief den Mnnern zu, nicht auf ihn zu achten, sondern sich zum Herzog
zu schlagen und ihm seinen letzten Gru zu bringen. Aber in demselben Augenblick
hatten zwei Waffenschmiede sich von ihren Rossen in den Flu geworfen; der eine
fate den jungen Ritter am Arm, der andere ergriff die Zgel seines Pferdes, und
so brachten sie ihn glcklich ans Land heraus.
    Die Bndischen hatten ihnen manche Kugel nachgesandt, aber keine hatte
Schaden getan, und im Angesicht beider Heere, durch den Flu von ihnen getrennt,
setzte die khne Schar ihren Weg zum Herzog fort. Es war unweit seiner Stellung
eine Furt, wo sie ohne Gefahr bersetzen konnten, und mit Jubel und
Freudengeschrei wurden sie wieder von den Ihrigen empfangen.
    Ein Teil des feindlichen Geschtzes war zwar durch diesen ebenso schnellen
als verwegenen Zug Georgs von Sturmfeder zum Schweigen gebracht worden, aber das
Verhngnis Ulerichs von Wrttemberg wollte, da ihn diese khne Waffentat zu
nichts mehr ntzen sollte; die Krfte seiner Vlker waren durch die immer
erneuerten Angriffe, des an Zahl weit berlegenen Feindes endlich vllig
erschpft worden; die Landsknechte hielten zwar mit ihrem gewhnlichen
kriegerischen Feuer aus, aber ihre Anfhrer hatten sich schon gentigt gesehen,
sie in Kreise zu stellen, um den Andrang der feindlichen Kavallerie abzuwehren;
dadurch war die Linie hin und wieder unterbrochen, und das Landvolk, das man
durch eilige Bewaffnung nicht zu Kriegern hatte machen knnen, fllte nur
schlecht diese Lcken aus. In diesem Augenblick wurde dem Herzog gemeldet, da
der Herzog von Bayern Stuttgart pltzlich berfallen und eingenommen habe, da
ein neues feindliches Heer in seinem Rcken am Flu heraufziehe, und kaum noch
eine Viertelstunde entfernt sei. Da merkte er, da er an diesem Tage sein Reich
zum zweitenmal verloren habe, da ihm nichts mehr brigbleibe, als Flucht oder
Tod, um nicht in die Hnde seiner Feinde zu fallen. Seine Begleiter rieten ihm,
sich in sein Stammschlo Wrttemberg zu werfen, und sich dort zu halten, bis er
Gelegenheit fnde heimlich zu entrinnen; er schaute hinauf nach dieser Burg, die
von dem Glanz des Tages bestrahlt, ernst auf jenes Tal herabblickte, wo der
Enkel ihrer Erbauer den letzten verzweifelten Kampf um sein Herzogtum kmpfte.
Aber er erbleichte und deutete sprachlos hinauf, denn auf den Trmen und Mauern
dieser Burg erschienen rote, glnzende Fhnlein, die im Morgenwind spielten: die
Ritter blickten schrfer hin, sie sahen wie die Fhnlein wuchsen und grer
wurden, und ein schwrzlicher Rauch, der jetzt an vielen Stellen aufstieg,
zeigte ihnen, da es die Flamme sei, welche ihre glhende Paniere siegend auf
den Zinnen aufgesteckt hatte. Wrttemberg brannte an allen Ecken, und sein
unglcklicher Herr sah mit dem greulichen Lachen der Verzweiflung diesem
Schauspiel zu. Jetzt bemerkten auch die Heere die brennende Burg. Die Bndischen
begrten diese Flammen mit einem Freudengeschrei, den Wrttembergern entsank
der Mut, es war ihnen, als sei dies ein Zeichen, da das Glck ihres Herzogs ein
Ende habe.
    Schon tnten die Trommeln des im Rcken heranziehenden Heeres vernehmlicher,
schon wich an vielen Orten das Landvolk, da sprach Ulerich: Wer es noch redlich
mit Uns meint, folge nach, Wir wollen Uns durchschlagen durch ihre Tausende oder
zugrund gehen. Nimm mein Banner in die Hand, tapferer Sturmfeder, und reite
mutig mit uns in den Feind! Georg ergriff das Panier von Wrttemberg, der
Herzog stellte sich neben ihn, die Ritter und die Brger zu Pferd umgaben sie,
und waren bereit, ihrem Herzog Bahn zu brechen. Der Herzog deutete auf eine
Stelle, wo die Feinde dnner standen, dort msse man durchkommen oder alles sei
verloren. Noch fehlte es an einem Anfhrer, und Georg wollte sich an die Spitze
stellen, da winkte ihm der Ritter von Lichtenstein seinen Platz an der Seite des
Herzogs nicht zu verlassen, und stellte sich vor die Reiter; noch einmal wandte
er die ehrwrdigen Zge dem Herzog und seinem Sohne zu, dann schlo er das
Visier und rief: Vorwrts, hie gut Wrttemberg alleweg!
    Dieser Reiterzug war wohl zweihundert Pferde stark, und bewegte sich in Form
einer Keile im Trab vorwrts. Der Kanzler Ambrosius Volland sah sie mit leichtem
Herzen abziehen, denn der Herzog schien ihn ganz vergessen zu haben, und er
hielt jetzt mit sich Rat, wie er ohne Gefahr von seinem hochbeinigen Tier
herabkommen sollte. Doch der edle Renner des Herzogs hatte mit klugen Augen den
Reitern nachgeschaut; solange sie sich im Trab fortbewegten, stand er stille und
regungslos, jetzt aber ertnten die Trompeten zum Angriff, man sah das Panier
von Wrttemberg hoch in den Lften wehen, und die tapfere Reiterschar im Galopp,
auf den Feind ansprengen. Auf diesen Moment schien der Renner gewartet zu haben;
mit der Schnelligkeit eines Vogels strich er jetzt ber die Ebene hin, den
Reitern nach; dem Kanzler vergingen die Sinne, er hielt sich krampfhaft am
Sattelknopf, er wollte schreien, aber die Blitzesschnelle, womit sein Ro die
Luft teilte, unterdrckte seine Stimme; in einem Augenblick hatte er den Zug
eingeholt, so schnell sie ihre Rosse auslaufen lieen, er berholte sie, und so
hatte es der Kanzler in kurzer Zeit bis zum Anfhrer der Reiter gebracht. Der
Feind stutzte ber die sonderbare Gestalt, die mehr einem geharnischten Affen
als einem Krieger glich, noch ehe sie sich recht besinnen konnten, war der
frchterliche Mann mitten in ihren Reihen, die Wrttemberger brachen, trotz des
entscheidenden Augenblickes, in ein lustiges Gelchter aus, und auch dieses
mochte beitragen, die tapfern Truppen von Ulm, Gmnd, Aalen, Nrnberg und noch
zehn andern Reichsstdten, welche dieser unerwartete Angriff traf, zu verwirren;
sie zerstiebten vor der ungeheuren Wucht der zweihundert Pferde, und die ganze
Schar war im Rcken des Feindes. Sie setzte eilig ihren Marsch fort, und ehe
noch die bndische Reiterei zum Nachsetzen herbeigerufen werden konnte, hatte
der Herzog mit wenigen Begleitern sich zur Seite geschlagen; er gewann einen
groen Vorsprung, denn die Reiterei des Bundes erreichte die berittene Schar der
Brger erst vor den Toren von Stuttgart, und es fand sich unter ihnen weder der
Herzog, noch einer seiner wichtigeren Anhnger, auer dem Kanzler Ambrosius
Volland, den man halbtot vom Pferde hob. Die bndischen Kriegsleute behandelten
ihn, nachdem man ihm die gewlbte Rstung vom Leib geschlt hatte, sehr bel,
denn nur seiner frchterlichen, alle Begriffe bersteigenden Tapferkeit,
schrieben sie es zu, da ihnen der Herzog und mit ihm eine Belohnung von tausend
Goldgulden entgangen war. So geschah es, da dieser tapfere Kanzler, nicht wie
sein Herzog in der Schlacht, sondern nach der Schlacht geschlagen wurde.

                                       X


 Wohl wieget eines viele Taten auf -
 Sie achten drauf -
 Das ist um deines Vaterlandes Not
 Der Heldentod.
 Sieh hin, die Feinde fliehen, blick hinan,
 Der Himmel glnzt, dahin ist unsre Bahn.
                                                                       L. Uhland

Die Nacht, welche diesem entscheidenden Tag folgte, brachten Herzog Ulerich und
seine Begleiter in einer engen Waldschlucht zu, die durch Felsen und Gestruche
einen sicheren Versteck gewhrte, und noch heute bei dem Landvolk die
Ulerichshhle genannt wird. Es war der Pfeifer von Hardt, der ihnen auf ihrer
Flucht als ein Retter in der Not erschienen war, und sie in diese Bucht fhrte,
die nur den Bauern und Hirten der Gegend bekannt war. Der Herzog hatte
beschlossen, hier zu rasten, um dann, sobald der Tag graute, seine Flucht nach
der Schweiz fortzusetzen. Wohl wre ihm hiezu die Nacht gnstiger gewesen, denn
die Bundestruppen hatten schon das Land besetzt, und es war wenig
Wahrscheinlichkeit vorhanden, da er sie tuschen und ungehindert entkommen
werde; aber die Pferde waren von dem heien Schlachttag ermdet, und es war
unmglich, den Herzog und seine notwendige Begleitung von neuem beritten zu
machen, ohne die Nachforschung des Feindes nach diesem Schlupfwinkel zu leiten.
    Die Mnner hatten sich um ein sprliches Feuer gelagert. Der Herzog war
lngst dem Schlummer in die Arme gesunken, und verga vielleicht in seinen
Trumen, da er ein Herzogtum verloren habe; auch der alte Herr von Lichtenstein
schlief, und Marx Stumpf von Schweinsberg hatte seine mchtigen Arme auf die
Kniee gesttzt, sein Gesicht in die Hnde verborgen, und man war ungewi, ob er
schlafe oder in Kummer versunken, ber das Schicksal des Herzogs nachdachte, das
sich mit einem Schlag so furchtbar gewendet hatte. Georg von Sturmfeder besiegte
die Macht des Schlummers, der sich immer wieder ber ihn lagern wollte; er war
der jngste unter allen, und hatte freiwillig in dieser Nacht die Wache
bernommen. Neben ihm sa Hanns, der Pfeifer von Hardt; er sah unverwandt ins
Feuer, und seine Gedanken schienen sich in einem Liedchen zu sammeln, dessen
melancholische Weisen er mit leiser unterdrckter Stimme vor sich hin sang. Wenn
das Feuer heller aufflackerte, schaute er mit einem trben Blick nach dem
Herzog, und wenn er sah, da jener noch immer schlafe, versank er wieder in den
flsternden, traurigen Gesang.
    Du singst eine traurige Weise, Hanns! unterbrach ihn Georg, den die
melancholischen Tne dieses Liedes unheimlich anregten; es tnt wie Totengesang
und Sterblieder, ich kann es nicht ohne Schaudern hren.
    Wir knnen alle Tage sterben, sagte der Spielmann, indem er dster in die
Flamme blickte; drum sing ich gerne ein solches Lied, es ist mir, als knnte
ich mit solchen Gedanken wrdiger sterben.
    Wie kommst du auf einmal zu diesen Todesgedanken Hanns? Du warst doch sonst
ein frhlicher Bursche zur Herbstzeit, und deine Zither tnte auf mancher
Kirchweih. Da hast du gewi keine Totenlieder gesungen.
    Meine Freude ist aus, erwiderte er und wies auf den Herzog; all meine
Mhe, all meine Sorge war vergebens; es ist aus mit dem Herrn und ich - ich bin
sein Schatten; auch mit mir ist's aus; htte ich nicht Frau und Kind, ich mchte
heute nacht noch sterben.
    Wohl warst du immer sein getreuer Schatten, sagte der junge Mann gerhrt,
und oft habe ich deine Treue bewundert; hre Hanns! wir sehen uns vielleicht
lange nicht mehr. Jetzt haben wir Zeit zu schwatzen, erzhle mir was dich so
ausschlielich und enge an den Herzog knpft; wenn es etwas ist, das du erzhlen
kannst.
    Er schwieg einige Augenblicke und schrte das Feuer zurecht ein unruhiges
Feuer blitzte in seinen Augen, und Georg war ungewi ob es die Flamme oder eine
innere Bewegung sei, was seine ausdrucksvollen Zge mit wechselnder Rte
bergo. Das hat seine eigene Bewandtnis, sagte er endlich, und ich spreche
nicht gerne davon. Doch Ihr habt recht, Herr, auch mir ist es als werden wir uns
lange nicht mehr sehen, so will ich Euch denn erzhlen. Habt Ihr nie von dem
Armen Konrad gehrt?
    O ja, erwiderte Georg, das Gercht davon kam noch weiter als bis zu uns
nach Franken; war es nicht ein Aufstand der Bauern? wollte man nicht sogar dem
Herzog ans Leben?
    Ihr habt ganz recht, der Arme Konrad war ein bses Ding. Es mgen nun 7
Jahre sein. Da gab es unter uns Bauern viele Mnner, die mit der Herrschaft
unzufrieden waren; es waren Fehljahre gewesen, den Reicheren ging das Geld aus,
die Armen hatten schon lange keines mehr, und doch sollten wir zahlen ohne Ende,
denn der Herzog brauchte gar viel Geld fr seinen Hof, wo es alle Tage zuging
wie im Paradies.
    Gaben denn eure Landstnde nach, wenn der Herr so viel Geld verlangte?
fragte Georg.
    Sie wagten eben auch nicht immer nein zu sagen, des Herzogs Beutel hatte
aber gar ein groes Loch, das wir Bauern mit unserem Schwei nicht zuleimen
konnten. Da gab es nun viele die lieen die Arbeit liegen, weil das Korn das sie
pflanzten, nicht zu ihrem Brot wuchs, und der Wein den sie kelterten, nicht fr
sie in die Fsser flo. Diese, als sie dachten, da man ihnen nichts mehr nehmen
knne als das arme Leben, lebten lustig und in Freuden, nannten sich Grafen zu
Nirgendsheim, sprachen viel von ihren Schlssern auf dem Hungerberge und von
ihren bedeutenden Besitzungen in der Fehlhalde und am Bettelrain; und diese
Gesellschaft war der Arme Konrad.
    Der Pfeifer legte sinnend seine Stirne in die Hand und schwieg.
    Von dir wolltest du ja erzhlen, Hanns! sagte Georg, von dir und dem
Herzog. -
    Das htte ich beinahe vergessen, antwortete dieser. - Nun, fuhr er fort,
es kam endlich dahin, da man Ma und Gewicht geringer machte, und dem Herzog
gab, was damit gewonnen wurde. Da ward aus dem Scherz bitterer Ernst. Es mochte
mancher nicht ertragen, da ringsumher volles Ma und Gewicht, und nur bei uns
kein Recht sei. Im Remstal trug der Arme Konrad das neue Gewicht hinaus und
machte die Wasserprobe.
    Was ist das, fragte der junge Mann.
    Ha! lachte der Bauer, das ist eine leichte Probe. Man trug den Pfundstein
mit Trommeln und Pfeifen an die Rems und sagte: Schwimmt's oben, hat der Herzog
recht; sinkt's unter, hat der Bauer recht.
    Der Stein sank unter und jetzt zog der Arme Konrad Waffen an. Im Remstal und
im Neckartal bis hinauf gegen Tbingen und hinber an die Alb standen die Bauern
auf und verlangten das alte Recht. Es wurde gelandtagt und gesprochen, aber es
half doch nichts. Die Bauern gingen nicht auseinander.
    Aber du, von dir sprichst du ja gar nicht?
    Da ich's kurz sage, ich war einer der rgsten, antwortete Hanns, ich war
khn und trotzig, mochte nicht gerne arbeiten und wurde wegen Jagdfrevel
unmenschlich abgestraft, da trat ich in den Armen Konrad, und bald war ich so
arg als der Gaispeter und der Bregenzer. Der Herzog aber, als er sah, da der
Aufruhr gefhrlich werden knne, ritt selbst nach Schorndorf. Man hatte uns zur
Huldigung zusammenberufen, wir erschienen zu vielen Hunderten - aber bewaffnet.
Der Herzog sprach selbst zu uns, aber man hrte ihn nicht an. Da stand der
Reichsmarschall auf, erhob seinen goldenen Stab und sprach: Wer es mit dem
Herzog Ulerich von Wrttemberg hlt, trete auf seine Seite; der Gaispeter aber
trat auf einen hohen Stein und rief: Wer es mit dem Armen Konrad vom Hungerberg
hlt, trete hieher. Siehe, da stand der Herzog verlassen unter seinen Dienern.
Wir andern hielten zu dem Bettler.
    Oh, schndlicher Aufruhr, rief Georg vom Gefhl des Unrechts ergriffen,
schndlich vor allen die, welche es so weit kommen lieen! Da war gewi
Ambrosius Volland der Kanzler, an vielem schuld?
    Ihr knnet recht haben, erwiderte der Spielmann; doch hret weiter; der
Herzog als er sah, da seine Sache verloren sei, schwang sich auf sein Ro, wir
aber drngten uns um ihn her, doch noch wagte es keiner, den Frsten anzutasten,
denn er sah gar zu gebietend aus seinen groen Augen auf uns herab. Was wollt
ihr, Lumpen! schrie er und gab seinem Hengst die Sporn, da er sich hoch
aufbumte und drei Mnner niederri. Da erwachte unser Grimm, sie fielen seinem
Ro in die Zgel, sie stachen nach ihm mit Spieen, und ich, ich verga mich so,
da ich ihn am Mantel packte und rief: Schiet den Schelmen tot.
    Das warst du, Hanns? rief Georg, und sah ihn mit scheuen Blicken an.
    Das war ich, sagte dieser langsam und ernst; aber es ward mir dafr was
mir gebhrte. Der Herzog entkam uns damals und sammelte ein Heer; wir konnten
nicht lange aushalten und ergaben uns auf Gnad und Ungnad. Es wurden zwlf
Anfhrer des Aufruhrs nach Schorndorf gefhrt und dort gerichtet, ich war auch
unter diesen. Aber als ich so im Kerker lag und mein Unrecht und den nahen Tod
berdachte, da graute mir vor mir selbst, und ich schmte mich, mit so elenden
Gesellen wie die eilf anderen waren, gerichtet zu werden.
    Und wie wurdest du gerettet? fragte Georg teilnehmend.
    Wie ich Euch schon in Ulm sagte, durch ein Wunder. Wir zwlf wurden auf den
Markt gefhrt, es sollte uns dort der Kopf abgehauen werden. Der Herzog sa vor
dem Rathaus und lie uns noch einmal vor sich fhren. Jene eilfe strzten
nieder, da ihre Ketten frchterlich rasselten, und schrieen mit jammernder
Stimme um Gnade. Er sah sie lange an und betrachtete dann mich. Warum bittest du
nicht auch? fragte er. Herr, antwortete ich, ich wei was ich verdient habe,
Gott sei meiner Seele gndig. Noch einmal sah er auf uns, dann aber winkte er
dem Scharfrichter. Sie wurden nach dem Alter gestellt, ich, als der jngste, war
der letzte. Ich wei wenig mehr von jenen schrecklichen Augenblicken; aber nie
vergesse ich den greulichen Ton, wenn die Halsknorpel krachten -
    Um Gottes willen hr auf, bat Georg, oder bergehe das Grliche!
    Neun Kpfe meiner Gesellen staken auf den Spieen, da rief der Herzog: Zehn
sollen bluten, zwei frei sein. Bringt Wrfel her, und lat die drei dort
wrfeln! Man brachte Wrfel, der Herzog bot sie mir zuerst; ich aber sagte: Ich
habe mein Leben verwirkt und wrfle nicht mehr darber! Da sprach der Herzog:
Nun so wrfle ich fr dich. Er bot den zwei andern die Wrfel hin. Zitternd
schttelten sie in den kalten Hnden die Wrfel, zitternd zhlten sie die Augen;
der eine warf neun, der andere vierzehn; da nahm der Herzog die Wrfel und
schttelte sie. Er fate mich scharf ins Auge, ich wei, da ich nicht gezittert
habe. Er warf - und deckte schnell die Hand darauf. Bitte um Gnade , sagte er,
noch ist es Zeit. Ich bitte, da Ihr mir verzeihen mget, was ich Euch Leids
getan , antwortete ich, um Gnade aber bitt ich nicht, ich habe sie nicht
verdient und will sterben. Da deckte er die Hand auf, und siehe er hatte
achtzehn geworfen. Es war mir sonderbar zumut, es kam mir vor als habe er
gerichtet an Gottes Statt. Ich strzte auf meine Kniee nieder und gelobte fortan
in seinem Dienst zu leben und zu sterben. Der zehnte ward gekpft, wir beide
waren frei. -
    Mit immer hher steigender Teilnahme hatte Georg der Erzhlung des Pfeifers
von Hardt zugehrt; aber als er schlo, als sich das sonst so khn und listig
blickende Auge mit Trnen fllte, da konnte er sich nicht enthalten seine Hand
zu fassen, sie fest und herzlich zu drcken. Es ist wahr, sagte der junge
Mann, du hast Schweres an deinem Landesherrn verschuldet, aber du hast auch
schrecklich gebt, denn du hast den Tod dennoch erlitten; jenes schnelle Zcken
des Schwertes ist nichts mehr gegen das Gefhl, so viele bekannte Menschen
hinrichten, und sich den Tod immer nher kommen zu sehen! Und hast du nicht
durch ein Leben voll Treue, durch Aufopferung und Wagnis aller Art den Frsten
vershnt, an den du deine Hand legtest? Wie oft hast du ihm Freiheit, vielleicht
das Leben gerettet; wahrlich, deine Schuld ist reichlich abgetragen.
    Der arme Mann hatte, nachdem er seine Erzhlung geschlossen, wieder mit
dsterem Sinnen ins Feuer geschaut. Er htte ganz teilnahmslos geschienen, wenn
nicht unter den Worten Georgs nach und nach ein trbes Lcheln auf seinen Zgen
erschienen wre. Meint Ihr, sagte er, ich htte gebt und meine Schuld
abgetragen? Nein, solche Schulden tilgen sich nicht so bald, und ein geschenktes
Leben mu fr den aufgesetzt werden, der es uns fristete. Das Umherschleichen in
den Bergen, Kundschaft bringen aus Feindes Lager, Hhlen zeigen wo man sich
verbergen kann, das ist keine schwere Sache, Herr, und das allein tut's nicht.
Ich wei, ich werde noch einmal fr ihn sterben mssen - und dann, Herr, nehmt
Euch meines Weibes und meiner Tochter an.
    Eine Trne fiel in seinen Bart, doch als schme er sich so weich zu sein,
verbarg er sein Gesicht in der Hand und fuhr fort: Doch dazu bin ich noch gut
genug; wie jeder Kriegsmann, wie jeder im Volk, darf ich fr ihn sterben, o
knnte ich durch meinen Tod seine Huldigung abndern, und ihm das Land wieder
verschaffen, noch in dieser Stunde wollte ich sterben!
    Der Herzog erwachte; er richtete sich auf, er sah mit verwunderten Blicken
um sich her, als sei er durch einen Zauber in diese Erdschlucht versetzt, und
sehe jetzt erst diese Felsen und Bume, das sprliche Feuer und die von den
Flammen beschienenen Mnner, seine Begleiter; er bedeckte seine Augen mit der
Hand, doch er sah wieder auf als prfe er, ob diese Erscheinungen bleiben; - sie
blieben, und schmerzlich sah er bald den einen, bald den andern an. Ich habe
heute ein Land verloren, sprach er, es hat mich nicht so geschmerzt als dieses
Erwachen, denn ich habe es im Traume wieder und noch viel schner besessen.
    Seid nicht ungerecht, Herr, sagte Marx Stumpf von Schweinsberg, indem er
sich aus seiner gebckten Stellung aufrichtete; seid nicht ungerecht gegen
diese Wohltat der Natur. Wie unglcklich wret Ihr, wenn Ihr auch im Schlummer,
der Eure Krfte fr das schwere Unglck strken soll, Euren Verlust noch
fhltet, auch da noch so dster darber gebrtet httet. Ihr seid finster und
verschlossen eingeschlummert, jetzt sind Eure Zge freundlicher und milder,
verdanken wir dies nicht auch Eurem Traum?
    So htte ich mgen nie erwachen; oh, da ich Jahrhunderte fortgetrumt
htte, und dann erwacht wre; es war so schn, so trstlich was ich trumte!
    Er sttzte die Stirne in die Hand und schien schmerzlich bewegt. Der alte
Herr von Lichtenstein war von den Stimmen der Sprechenden erweckt worden; er
kannte Ulerich und wute, da man ihn nicht ber seinen schmerzlichen Verlust
brten lassen drfe; er rckte ihm daher nher und sprach:
    Nun, und wollt Ihr uns nicht auch sagen, was Ihr getrumt habt? vielleicht
liegt auch fr uns ein Trost darin, denn wisset, ich glaube an Trume, wenn sie
in einer wichtigen, verhngnisvollen Stunde in unsere Seele einziehen, und ich
glaube sie kommen von oben, um uns zu trsten.
    Der Herzog schwieg noch eine Weile, er schien ber die Worte des Ritters
nachzusinnen; dann fing er an zu erzhlen: Mein Schwager, Wilhelm von Bayern,
hat mir heute zur Probe seiner Freundschaft die Burg meiner Ahnen
niedergebrannt. Dort hausten seit undenklichen Zeiten die Wrttemberger und das
Land, das wir besitzen, trgt von diesem Schlo den Namen. Es scheint als habe
er damit uns eine Todesfackel anznden, und mit diesen Flammen unser Wappen und
Gedchtnis, und selbst den Namen Wrttemberg vertilgen wollen. Und fast knnte
er recht haben; denn mein einziges Shnlein, Christoph, ist in fernen Landen,
mein Bruder Georg, hat noch keine Kinder, und ich - - bin geschlagen, verjagt,
sie haben wiederum mein Land besetzt, und wo ist Hoffnung, da ich es wieder
einmal erlange?! - - Wie ich nun so ganz verlassen und elend hier am Feuer sa,
wie ich nachdachte ber mein kurzes Glck, und wie ich vielleicht mein Unglck
selbst verschuldet habe; wie ich bedachte auf welch schwachen Sttzen meine
Hoffnung beruhe, und wie selbst der Name Wrttemberg auslschen knne, gleich
den letzten Funken in der Asche meiner Stammburg, da bermannte mich der Jammer,
und bitterer als je fhlte ich die Schlge meines Schicksals. Unter diesen
Gedanken entschlief ich. Doch wie im Wachen meine Seele mit Sehnsucht und Trauer
auf den Hhen des Rotenberges, und um die rauchenden Trmmer von Wrttemberg
schwebte, so erging sich mein Geist auch im Traume dort.
    Ulerich hielt inne; es war als flle ein Bild seine Seele, das zu schn, zu
gro sei, um es mit sterblichen Lippen zu beschreiben; ein milder Friede lag auf
den Zgen des unglcklichsten Frsten, und ein wunderbarer Glanz drang aus
seinen aufwrts gerichteten Augen. Die Mnner umher blickten ihn staunend an;
sie hingen an seinen Lippen und lauschten auf seine Rede, die ihnen so Wichtiges
zu verknden schien.
    Hret weiter, fuhr er fort; ich sah herab auf das schne Neckartal. Der
Flu zog wie sonst in schnen blauen Bogen hin, aber das Tal und die Berge
schienen mir lieblicher, glnzender, die Wlder auf den Hhen waren
verschwunden, die Wiesen waren nicht mehr, sondern von Berg zu Berg zog sich ein
groer Garten voll grner Reben, und im Tal sah man Obstbume und schne
blhende Grten ohne Zahl. Ich stand entzckt und schaute und schaute immer
wieder hin, denn die Sonne erschien freundlicher, der Himmel blauer und reiner,
das Grn der Reben und Bume glnzender als jetzt. Und als ich mein trunkenes
Auge erhob und hinberschaute ber den Neckar, da gewahrte ich auf einem Hgel
am Flu ein freundliches Schlo, das im Glanz der Morgensonne sich spiegelte; es
lag so friedlich da, da sein Anblick meiner Seele wohltat, denn keine Grben
und hohe Mauern, keine Trme und Zinnen, kein Fallgatter, keine Zugbrcke
erinnerte an den Zwist der Vlker, und an das unsichere, wechselnde Geschick der
Sterblichen.
    Und als ich verwundert ber den tiefen Frieden des Tales und jenes
unbewachten Schlosses mich umsah, waren auch die Mauern meiner Burg
verschwunden; doch hier wenigstens log mir der Traum nicht, denn ich sah ja
gestern die Zinnen strzen und den Wartturm sinken, von welchem sonst mein
Panier in den Lften wehte. Kein Stein von Wrttemberg war mehr zu sehen, aber
ein Tempel stand dort mit Sulen und Kuppel, wie man sie in Rom und Griechenland
findet. Ich dachte nach, wie dies alles auf einmal so habe kommen knnen, da
gewahrte ich Mnner in fremder Kleidung, die nicht weit von mir standen und auf
das Land hinabschauten.
    Der eine dieser Mnner zog vor den brigen meine Aufmerksamkeit auf sich; er
hatte einen schnen Knaben an der Hand, dem er das Tal zu seinen Fen, und die
Berge umher, und den Flu und die Stdte und Drfer in der Nhe und Ferne,
zeigte. Ich betrachtete den Mann, er trug die Zge meines Bruders Georg45, und
es war mir als msse er zum Stamm meiner Ahnen gehren und ein Wrttemberg sein;
er stieg mit dem Knaben den Berg hinab ins Tal, und die andern Mnner folgten
ihm in ehrerbietiger Entfernung; den letzten hielt ich auf und fragte ihn: wer
jener gewesen sei, der dem Knaben das Land gezeigt habe? Das war der Knig ,
sagte er, und stieg den Berg hinab.
    Der Herzog schwieg und sah die Ritter forschend an, als wollte er ihre
Meinung hren; sie schwiegen lange, endlich nahm der Ritter von Lichtenstein das
Wort und sprach: Ich bin fnfundsechzig Jahre alt, und habe vieles gesehen und
gehrt auf Erden, und manches, worber der menschliche Geist erstaunte, und wo
ein frommer Sinn den Finger der Gottheit sah. Glaubet mir, auch die Trume
kommen von Gott, denn nichts geschieht auf Erden ohne Ursache. Es hat in alten
Zeiten Seher und Propheten gegeben, warum sollte nicht auch in unseren Tagen der
Herr seiner Heiligen einen herabsenden, da er einem Unglcklichen im Traume die
dunkeln Pforten der Zukunft ffnen, und ihn einen Blick in knftige, schnere
Tage tun lasse? Drum seid getrosten Mutes, Herr! Eure Feste hat der Feind
verbrannt, Ihr habt an einem Tage ein Herzogtum verloren, aber dennoch wird Euer
Name nicht verlschen, und Euer Gedchtnis wird nicht verloren sein in
Wrttemberg.
    Ein Knig - sprach der Herzog sinnend, ist es nicht vermessen, jetzt wo
ich hinaus mu ins Elend, jetzt an einen Knig meines Stammes zu denken? Kann
nicht auch die Hlle solche Trume vorspiegeln um uns nachher desto bitterer zu
tuschen?
    Was zweifelt Ihr an der Zukunft? sagte Schweinsberg lchelnd. Htte einer
Eurer ritterlichen Ahnen, die auf Wrttemberg hausten, htte einer wissen
knnen, da seine Enkel Herzoge sein, da das weite, schne Land ihren Namen
Wrttemberg tragen werde? Nehmet Euren Traum als den Wink des Schicksals hin,
da Euer Name in ferner, ferner Zeit auf diesem Lande bleiben, da die sptern
Frsten Wrttembergs die Zge Eures Stammes tragen werden.
    Wohlan, so will ich hoffen, erwiderte Ulerich von Wrttemberg; will
hoffen, da Uns das Land verbleibe, wie dunkel auch jetzt Unsere Lose seien.
Mgen Unsere Enkel nie so harte Zeiten sehen wie Wir; mge man auch von ihnen
sagen, sie sind - furchtlos!
    Und treu! sprach der Bauer mit Nachdruck, und stand auf. Doch es ist
Zeit, Herr Herzog, da Ihr aufbrechet. Das Morgenrot ist nicht mehr fern, und
ber den Neckar wenigstens mssen wir kommen, solange es noch dunkel ist.
    Sie standen auf und waffneten sich; die Pferde wurden herbeigefhrt, sie
saen auf, und der Pfeifer ging voran den Weg aus der Schlucht zu zeigen. Die
Reise des Herzogs zum Land hinaus war mit groer Gefahr verbunden, denn der Bund
suchte seiner mit aller Mhe habhaft zu werden. Um auf einen Weg zu gelangen, wo
er sicher seinen Feinden entgehen knnte, war der Herzog gentigt, noch einmal
ber den Neckar zu gehen. Dieser bergang war nicht ohne Gefahr; ein starker
Gewitterregen hatte den Flu angeschwellt, so da es nicht mglich schien, ihn
mit den Pferden zu durchschwimmen; die Brcken aber waren zum grten Teil von
dem Bunde besetzt worden; doch auch hier wute Hanns guten Rat, denn er hatte
durch treue Leute ausgespht, da die Brcke von Kngen noch frei sei; man hatte
sich wohl nicht die Mhe genommen, sie zu besetzen, weil sie Elingen und dem
feindlichen Lager allzu nahe war, als da man htte glauben knnen, der Herzog
werde dort vorberkommen. Dieser Weg schien wegen seiner groen Gefahr, die
meiste Sicherheit zu gewhren; ihn whlte Ulerich, und so zogen sie stille und
vorsichtig dem Neckar zu.
    Als sie aus dem Wald ins Feld herauskamen, sumte schon das Morgenrot den
Horizont. Sie ritten jetzt auf besserem Wege schrfer zu, und bald sahen sie den
Neckar schimmern, und die hochgewlbte Brcke lag nicht ferne mehr von ihnen. In
diesem Augenblick sah sich Georg um, und gewahrte eine bedeutende Anzahl Reiter,
die von der Seite her, hinter ihnen, zogen; er machte seine Begleiter darauf
aufmerksam; sie sahen sich besorgt um und musterten den Zug, der wohl
fnfundzwanzig Pferde betragen mochte. Es schien bndische Reiterei zu sein,
denn des Herzogs Vlker waren gesprengt, und zogen nicht mehr in so geordneten
Scharen wie diese.
    Noch zogen jene ruhig ihren Weg, und schienen die kleine Gesellschaft nicht
zu bemerken, aber dennoch schien es ratsam, die Brcke zu gewinnen, wo sich drei
Wege schieden, ehe man von ihnen angerufen und befragt wrde. Der Pfeifer lief
voran so schnell er konnte, der Herzog und die Ritter folgten ihm in gestrecktem
Trab, und je weiter sie sich von den Bndischen entfernten, desto leichter wurde
ihnen ums Herz, denn alle bangten nicht fr ihr eigenes Leben, wohl aber fr die
Freiheit Ulerichs.
    Sie hatten die Brcke erreicht, sie zogen hinauf, aber in demselben
Augenblick, wo sie oben auf der Mitte der hohen Wlbung angekommen waren,
sprangen zwlf Mnner mit Spieen, Schwertern und Bchsen bewaffnet, hinter der
Brcke hervor und besetzten den Ausgang; der Herzog sah, da er entdeckt war,
und winkte seinen Begleitern rckwrts; Lichtenstein und Schweinsberg, die
letzten, wandten ihre Rosse, aber schon war es zu spt, denn die bndischen
Reiter, die ihnen im Rcken nachgezogen waren, hatten sich in Galopp gesetzt,
und den Eingang der Brcke in diesem Augenblick erreicht und besetzt.
    Noch war es zu dunkel, als da man den Feind genau htte unterscheiden
knnen, doch nur zu bald zeigten sich seine feindlichen Absichten. Ergebt Euch,
Herzog von Wrttemberg, rief eine Stimme, die den Rittern nicht unbekannt
schien; Ihr sehet, es ist kein Ausweg da zur Flucht!
    Wer bist du, da Wrttemberg sich dir ergeben soll? antwortete Ulerich mit
grimmigem Lachen, indem er sein Schwert zog; du sitzt ja nicht einmal zu Ro;
bist du ein Ritter?
    Ich bin der Doktor Calmus, entgegnete jener, und bin bereit, die vielen
Liebesdienste zu vergelten, die Ihr mir erwiesen habt. Ein Ritter bin ich, denn
Ihr habt mich ja zum Ritter vom Esel gemacht; aber ich will Euch dafr zum
Ritter ohne Ro machen. Abgestiegen, sag ich, im Namen des durchlauchtigsten
Bundes.
    Gib Raum, Hanns, flsterte der Herzog mit unterdrckter Stimme dem
Spielmann zu, der mit gehobener Axt zwischen ihm und dem Doktor stand, geh,
tritt auf die Seite; ihr Freunde schliet euch an, wir wollen pltzlich auf sie
einfallen, vielleicht gelingt es durchzubrechen! Doch nur Georg vernahm diesen
Befehl des Herzogs, denn die andern Ritter hielten wohl zehn Schritte hinter
ihnen den Eingang besetzt, und waren schon mit den bndischen Reitern im
Gefecht, die umsonst dieses ritterliche Paar zu durchbrechen, und zu dem Herzog
durchzudringen versuchten. Georg schlo sich an Ulerich an, und wollte mit ihm
auf den Doktor und die Knechte einsprengen, aber diesem war das Flstern des
Herzogs nicht entgangen. Drauf ihr Mnner, der im grnen Mantel ist's; lebendig
oder tot! rief er, drang mit seinen Knechten vor und griff zuerst an. Sein
langer Arm fhrte einen fnf Ellen langen Spie; er zckte ihn nach Ulerich, und
es wre vielleicht um ihn geschehen gewesen, da er ihn in der Dunkelheit nicht
gleich bemerkte, doch Hanns kam ihm zuvor, und indem der berhmte Doktor
Kahlmuser nach der Brust seines Herrn stie, war ihm die Axt des Pfeifers tief
in die Stirne gedrungen; er fiel, so lang er war, mit Gebrll auf die Knechte
zurck. Sie stutzten, der Bauersmann schien ein schrecklicher Kmpfer, denn
seine Axt schwirrte immer noch in den Lften, er bewegte sie wie eine Feder hin
und her; sie zogen sich sogar einige Schritte zurck. Diesen Augenblick bentzte
Georg, ri dem Herzog den grnen Mantel ab, hing ihn sich selbst um, und
flsterte ihm zu, sein Pferd zu spornen, und sich ber die Brstung der Brcke
hinabzustrzen. Der Herzog warf einen Blick auf die hochgehenden Wellen des
Neckars und hinauf zum Himmel; es schien keine andere Rettung mglich, und er
wollte lieber auf Leben und Tod den Sprung wagen, als seinen Feinden in die
Hnde fallen; doch der Anblick, der sich ihm in diesem schrecklichen Moment
darbot, zog ihn noch einmal zurck.
    Die Knechte hatten die Speere vorgestreckt und drangen vor; der Pfeifer
stand noch immer, obgleich aus mehreren Wunden blutend, und schlug mit der Axt
ihre Speere nieder. Seine Augen blitzten, seine khnen Zge trugen den Ausdruck
von freudiger Begeisterung, und das Lcheln, das um seinen Mund zog, war nicht
das der Verzweiflung, nein, seine mutige Seele erbebte nicht vor dem nahenden
Tod, er blickte ihm mit stolzer Freude entgegen, als sei er der Kampfpreis, um
den er so viele Sorgen und Gefahren auf sich genommen habe. Noch einen schlug er
mit seiner starken Rechten zu Boden, da stie ihm einer der Knechte von der
Seite her die Hellebarde in die Brust, in diese treue Brust, die noch im Tod ein
Schild fr den unglcklichen Frsten war, dem nie ein treueres Herz geschlagen
hatte. Er wankte, er sank zusammen, er heftete das brechende Auge auf seinen
Herrn: Herr Herzog, wir sind quitt! rief er freudig aus, und senkte sein Haupt
zum Sterben.
    An ihm vorber ging der Weg der Knechte, die mit Freudengeschrei nher
zudrangen - da warf sich Georg von Sturmfeder in die Mitte; seine Klinge
schwirrte in der Luft, und sooft sie niederfiel, zuckte einer der Feinde am
Boden. Es war der letzte Schild Herzog Ulerichs von Wrttemberg; sank dieser
noch, so war Gefangenschaft oder Tod unvermeidlich. Drum wandte er sich zum
letzten Mittel; er warf noch einen trnenschweren Blick auf die Leiche jenes
Mannes, der seine Treue mit dem Tod besiegelt hatte; dann ri er sein mchtiges
Streitro zur Seite, spornte es, da es sich hoch aufbumte, wandte es mit einem
starken Druck rechts, und - in einem majesttischen Sprung, setzte es ber die
Brstung der Brcke, und trug seinen frstlichen Reiter hinab in die Wogen des
Neckars.
    Georg hielt inne zu fechten; er sah dem Herzog nach; Ro und Reiter waren
niedergetaucht, doch das mchtige Tier kmpfte mit den Wirbeln, schwamm,
arbeitete sich herauf, und wie die beste Barke schwamm es mit dem Herzog den
Strom hinab. Dies alles war das Werk weniger Augenblicke, einige der Knechte
wollten hinabspringen ans Ufer, um sich des khnen Ritters zu bemchtigen, doch
einer, der Georg am nchsten war, rief ihnen zu: Lat ihn schwimmen, an dem ist
nichts gelegen, das hier ist der grne Vogel, das ist der grne Mantel; den lat
uns fassen. Georg blickte dankbar auf zum Himmel; er lie sein Schwert sinken
und ergab sich den Bndischen. Sie schlossen einen Kreis um ihn, und lieen es
willig geschehen, da er abstieg und zu der Leiche jenes Mannes trat, der ihnen
so schrecklich erschienen war. Georg fate die Hand, welche noch immer die
blutige Axt festhielt. Sie war kalt. Er suchte, ob das treue Herz noch schlage,
aber der tdliche Sto der Lanze hatte es nur zu gut getroffen. Das Auge, das
einst so khn und mutig blickte, war gebrochen, geschlossen der Mund, der auch
in den trbsten Stunden einen ungebeugten, frohen Sinn verkndete; seine Zge
waren erstarrt, aber noch schwebte um seine Lippen jenes Lcheln, das den
letzten Gru, den er seinem Herrn entbot, begleitet hatte. Georgs Trnen fielen
auf ihn herab; er drckte noch einmal die Hand des Pfeifers, schlo ihm die
Augen zu und schwang sich auf, um den Knechten in ihr Lager zu folgen.

                                       XI


 O schner Tag, wann endlich der Soldat
 Ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit -
 Oh! glcklich wem dann auch sich eine Tr,
 Sich zarte Arme sanft umschlingend ffnen.
                                                                        Schiller

Nach einem Marsch von beinahe drei Stunden nherte sich der Trupp der bndischen
Knechte, den Gefangenen in ihrer Mitte, dem Lager. Sie hatten nicht gewagt sich
laut zu unterreden, aber ihre Mienen verkndeten groen Triumph, und Georgs
scharfem Ohr entging es nicht, wie sie flsternd den Gewinn berechneten, den sie
aus dem Herzog im grnen Mantel ziehen werden. Ein freudiges Gefhl bewegte
seine Brust, er glaubte hoffen zu drfen, da der unglckliche Frst durch seine
khne Aufopferung Zeit gewonnen habe, sich zu retten. Nur der Gedanke an Marie
trbte auf Augenblicke seine Freude. Wie gro mute ihr Kummer schon gewesen
sein, als sie die Nachricht von dem Ausgang der Schlacht bekam; er hatte ihr
zwar durch treue Mnner die Nachricht gesandt, da er unverletzt aus dem Streit
gegangen sei; aber wute er nicht, da die traurige Entscheidung von
Wrttembergs Schicksal ihre Seele tief betrben, da ihre Blicke ngstlich dem
Geliebten auf den Gefahren der Flucht folgen werden, da ihre Sehnsucht zu jeder
Stunde seinen Namen nenne und ihn zurckrufe?
    Und durfte er hoffen, vom Bunde zum zweitenmal so leicht entlassen zu
werden, wie damals in Ulm? Gefangen mit den Waffen in der Hand, bekannt als
eifriger Freund des Herzogs - mute er nicht frchten, einer langen
Gefangenschaft, einer grausamen Behandlung entgegenzugehen? Die Ankunft an dem
ueren Posten des Lagers unterbrach diese dsteren Gedanken. Die Knechte
schickten einen aus ihrer Mitte ab, um die Bundesobersten von ihrem Fang zu
benachrichtigen und Befehle einzuholen, wohin man ihn fhren solle. Es war dies
eine peinliche Viertelstunde fr Georg; er wnschte wo mglich mit Frondsberg
zusammenzutreffen, er glaubte hoffen zu drfen, da dieser edle Freund seines
Vaters ihm seine gtigen Gesinnungen erhalten haben mchte, da er ihn zum
wenigsten billiger beurteilen werde als Waldburg-Truchse und so mancher andere,
der ihm frher nicht gnstig war.
    Der Knecht kam zurck; der Gefangene sollte so still als mglich und ohne
Aufsehen in das groe Zelt gefhrt werden, wo die Obersten gewhnlich Kriegsrat
hielten. Man schlug zu diesem Gang einen Seitenweg ein, und die Knechte baten
Georg, seinen Helm zu schlieen, da man ihn nicht erkenne, ehe er vor den Rat
gefhrt wrde. Gerne befolgte er diese Bitte, denn es war ihm in einem solchen
Falle nichts unertrglicher, als sich den Blicken neugieriger oder schadenfroher
Menschen aussetzen zu mssen. Sie gelangten endlich an das groe Zelt. Diener
aller Art waren hier versammelt, und die verschiedenen Farben und Binden, mit
welchen sie geschmckt waren, lieen auf eine zahlreiche Versammlung edler
Herren und Ritter im Innern des Zeltes schlieen.
    Schon mochte die Nachricht unter sie gekommen sein, da einige Knechte einen
Mann von Bedeutung gefangen haben, denn sie drngten sich nahe herbei, als Georg
sich aus dem Sattel schwang, und ihre neugierigen Blicke schienen durch die
ffnungen des Visieres dringen zu wollen, um die Zge des Gefangenen zu schauen.
Ein Edelknabe suchte Raum zu machen, und er mute seine Zuflucht zu dem Namen
der Bundesobersten nehmen, um diese dichte Masse zu durchbrechen, und dem
gefangenen Ritter einen Weg in das Innere des Zeltes zu bahnen. Drei jener
Knechte, die ihn begleitet hatten, durften folgen; sie glhten vor Freude, und
glaubten nicht anders als jene Goldglden sogleich in Empfang nehmen zu knnen,
die auf die Person des Herzogs von Wrttemberg gesetzt waren.
    Der letzte Vorhang tat sich auf, und Georg trat mutig und festen Schrittes
ein, und berschaute die Mnner, die ber sein Schicksal entscheiden sollten. Es
waren wohlbekannte Gesichter, die ihn so fragend und durchdringend anschauten.
Noch waren die dsteren Blicke und die feindliche Stirne des Truchse von
Waldburg seinem Gedchtnis nicht entfallen, und der spttische, beinahe
hhnische Ausdruck in den Mienen dieses Mannes weissagte ihm nichts Gutes.
Sickingen, Alban von Closen, Hutten - sie alle saen wie damals vor ihm, als er
dem Bund auf ewig Lebewohl sagte, aber wie vieles hatte sich verndert. Und eine
Trne fllte sein Auge, als es auf jene teure Gestalt, auf jene ehrwrdigen Zge
fiel, die sich tief in sein dankbares Herz gegraben hatten. Es war nicht Hohn,
nicht Schadenfreude, was man in Georg von Frondsbergs Mienen las, nein, er sah
den Nahenden mit jenem Ausdruck von wrdigem Ernst, von Wehmut an, womit ein
edler Mann den tapferen, aber besiegten Feind begrt.
    Als Georg diesen Mnnern gegenberstand, hub der Truchse von Waldburg an:
So hat doch endlich der Schwbische Bund einmal die Ehre, den erlauchten Herzog
von Wrttemberg vor sich zu sehen, freilich war die Einladung zu uns nicht allzu
hflich, doch -
    Ihr irrt Euch! rief Georg von Sturmfeder, und schlug das Visier seines
Helmes auf. Als shen sie Minervas Schild und sein Medusenhaupt, so bebten die
Bundesrte vor dem Anblick der schnen Zge des jungen Ritters. Ha! Verrter!
ehrlose Buben! ihr Hunde! rief Truchse den drei Knechten zu; was bringt ihr
uns diesen Laffen, dessen Anblick meine Galle aufregt, statt des Herzogs?
Geschwind, wo ist er? sprecht!
    Die Knechte erbleichten. Ist's nicht dieser? fragten sie ngstlich. Er
hat doch den grnen Mantel an.
    Der Truchse zitterte vor Wut und seine Augen sprhten Verderben; er wollte
auf die Knechte hinstrzen, er sprach davon sie zu erwrgen, aber die Ritter
hielten ihn zurck, und Hutten, zornbleich, aber gefater als jener, fragte: Wo
ist der Doktor Calmus, lat ihn hereinkommen, er soll Rechenschaft ablegen, er
hat den Zug bernommen.
    Ach Herr, sagte einer der Knechte, der legt Euch keine Rechenschaft mehr
ab; er liegt erschlagen auf der Brcke bei Kngen!
    Erschlagen? rief Sickingen, und der Herzog ist entkommen? erzhlte ihr
Schurken.
    Wir legten uns, wie uns der Doktor befahl, bei der Brcke in Hinterhalt. Es
war beinahe noch dunkel, als wir den Hufschlag von vier Rossen hrten, die sich
der Brcke nherten, zugleich vernahmen wir das Zeichen, das uns die Reiter ber
dem Flu geben sollten, wenn die Herzoglichen aus dem Wald kmen. Jetzt ist's
Zeit, sagte der Kahlmuser. Wir standen schnell auf und besetzten den Ausgang
der Brcke. Es waren, soviel wir im Halbdunkel unterscheiden konnten, vier
Reiter und ein Bauersmann; die zwei hintersten wandten sich um und fochten mit
unseren Reitern, die zwei vorderen und der Bauer machten sich an uns. Doch wir
streckten ihnen die Lanzen entgegen, und der Doktor rief ihnen zu, sich zu
ergeben. Da drangen sie wtend auf uns ein; der Doktor sagte uns, der im grnen
Mantel sei der Rechte; und wir htten ihn bald gehabt, aber der Bauer wenn es
nicht der Teufel selbst war, schlug den Doktor und noch zwei von uns nieder.
Jetzt stach ihm einer die Hellebarde in den Leib, da er fiel und dann ging es
auf die Reiter. Wir packten allesamt den im grnen Mantel, wie uns der
Kahlmuser geheien, der andere aber strzte sich mit seinem Ro ber die Brcke
hinab in den Neckar und schwamm davon. Wir aber lieen ihn ziehen, weil wir den
Grnen hatten, und brachten diesen hieher.
    Das war Ulerich und kein anderer, rief Alban von Closen ha! ber die
Brcke hinab in den Neckar! das tut ihm keiner nach.
    Man mu ihm nachjagen, fuhr der Truchse auf; die ganze Reiterei mu
aufsitzen und hinab am Neckar streifen, ich selbst will hinaus -
    O Herr, entgegnete einer der Knechte. Da kommt Ihr zu spt; es ist drei
Stunden jetzt, da wir von der Brcke abzogen, der hat einen guten Vorsprung,
und kennt das Land wohl besser als alle Reiter!
    Kerl! willst du mich noch hhnen? ihr habt ihn entkommen lassen, an euch
halte ich mich, man rufe die Wache; ich la euch aufhngen.
    Migt Euch, sagte Frondsberg, die armen Bursche trifft der Fehler nicht;
sie htten sich gerne das Gold verdient, das auf den Herzog gesetzt war. Der
Doktor hat gefehlt und Ihr hrt, da er es mit dem Leben zahlte.
    Also Ihr habt heute den Herzog vorgestellt? wandte sich Waldburg zu Georg,
der stille dieser Szene zugesehen hatte; mt Ihr mir berall in den Weg
laufen, mit Eurem Milchgesicht? berall hat Euch der Teufel, wo man Euch nicht
braucht. Es ist nicht das erste Mal, da Ihr meine Plne durchkreuzet -
    Wenn Ihr es gewesen seid, Herr Truchse߫, antwortete Georg, der bei
Neuffen den Herzog meuchlings berfallen lassen wollte, so bin ich Euch leider
in den Weg gekommen, denn Eure Knechte haben mich niedergeworfen.
    Die Ritter erstaunten ber diese Rede, und sahen den Truchse fragend an. Er
errtete, man wute nicht aus Zorn oder Beschmung, und entgegnete: Was
schwatzt Ihr da von Neuffen; ich wei von nichts; doch wenn man Euch dort
niedergeworfen hat, so wnsche ich, Ihr wret nimmer aufgestanden, um mir heute
vor Augen zu kommen. Doch es ist auch so gut, Ihr habt Euch als einen
erbitterten Feind des Bundes bewiesen, habt heimlich und offen fr den
gechteten Herzog gehandelt, teilet also seine Schuld gegen den Bund und das
ganze Reich, seid berdies heute mit den Waffen in der Hand gefangen worden -
Euch trifft die Strafe des Hochverrats an dem allerdurchlauchtigsten Bund des
Schwaben- und Frankenlandes.
    Dies dnkt mir eine lcherliche Beschuldigung, erwiderte Georg mit mutigem
Ton; Ihr wisset wohl, wann und wo ich mich von dem Bunde losgesagt habe; Ihr
habt mich auf vierzehn Tage Urfehde schwren lassen; so wahr Gott ber mir ist,
ich habe sie gehalten. Was ich nachher getan, davon habt Ihr nicht Rechenschafe
zu fordern, weil ich Euch nicht mehr verpflichtet war, und was meine
Gefangennehmung mit den Waffen in der Hand betrifft, so frage ich euch, edle
Herren, welcher Ritter wird, wenn er von sechs oder acht angegriffen wird, sich
nicht seines Lebens wehren? Ich verlange von euch ritterliche Haft, und erbiete
mich Urfehde zu schwren auf sechs Wochen; mehr knnet ihr nicht von mir
verlangen.
    Wollt Ihr uns Gesetze vorschreiben? Ihr habt gut gelernt bei dem
bermtigen Herzog; ich hre ihn aus Euch sprechen; doch keinen Schritt sollt
Ihr zu Eurer Sippschaft tun, bis Ihr gesteht, wo der alte Fuchs, Euer
Schwiegervater, sich aufhlt, und welchen Weg der Herzog genommen hat.
    Der Ritter von Lichtenstein wurde von Euren Reitern gefangengenommen,
welchen Weg der Herzog nahm, wei ich nicht, und kann es mit meinem Wort
bekrftigen.
    Ritterliche Haft? rief der Truchse bitter lachend. Da irrt Ihr Euch
gewaltig; zeiget vorher, wo Ihr die goldenen Sporen verdient habt! Nein, solches
Gelichter wird bei uns ins tiefste Verlies geworfen, und mit Euch will ich den
Anfang machen.
    Ich denke dies ist unntig, fiel ihm Frondsberg ins Wort; ich wei, da
Georg von Sturmfeder zum Ritter geschlagen wurde; berdies hat er einem
bndischen Edlen das Leben gerettet, Ihr werdet Euch wohl an die Aussage des
Dieterich von Kraft erinnern. Auf Verwenden dieses Ritters wurde er von einem
schmhlichen Tod befreit, und sogar in Freiheit gesetzt. Er kann dieselbe
Behandlung von uns verlangen.
    Ich wei, da Ihr ihm immer das Wort geredet; da er Euer Schokind war,
aber diesmal hilft es ihm nicht, er mu nach Elingen in den Turm, und jetzt den
Augenblick -
    Ich leiste Brgschaft fr ihn, rief Frondsberg, und habe hier so gut
mitzusprechen wie Ihr. Wir wollen abstimmen ber den Gefangenen, man fhre ihn
einstweilen in mein Zelt.
    Einen Blick des Dankes warf Georg auf die ehrwrdigen Zge des Mannes, der
ihn auch jetzt wieder aus der drohenden Gefahr rettete. Der Truchse aber winkte
mrrisch den Knechten, dem Befehl des Oberfeldhauptmanns zu folgen; und Georg
folgte ihnen durch die Straen des Lagers nach Frondsbergs Zelt.
    Nicht lange nachher stand der Mann vor ihm, dem er so unendlich viel zu
danken hatte. Er wollte ihm danken, er wute nicht wie er ihm seine Ehrfurcht
bezeugen sollte; doch Frondsberg sah ihn lchelnd an und zog ihn in seine Arme.
Keinen Dank, keine Entschuldigung! sprach er, sah ich doch alles dies voraus,
als ich in Ulm von dir Abschied nahm, doch du wolltest es nicht glauben,
wolltest dich vergraben in die Burg deiner Vter. Ich kann dich nicht schelten;
glaube mir, das Feldlager und die Strme so vieler Kriege haben mein Herz nicht
so verhrtet, da ich vergessen knnte wie mchtig die Liebe zieht!
    Mein Freund, mein Vater! rief Georg, indem er freudig errtete.
    Ja, das bin ich; der Freund deines Vaters, dein Vater; drum war ich oft
stolz auf dich, wenn du auch in den feindlichen Reihen standest; dein Name wurde
so jung du bist, mit Ehrfurcht genannt, denn Treue und Mut ehrt ein Mann, auch
an dem Feinde. Und glaube mir, es kam den meisten von uns erwnscht, da der
Herzog entkam; was konnten wir mit ihm beginnen; der Truchse htte vielleicht
einen bereilten Streich gemacht, den wir alle zu ben gehabt htten.
    Und was wird mein Schicksal sein? fragte Georg. Werde ich lange in Haft
gehalten werden? wo ist der Ritter von Lichtenstein? O mein Weib! darf sie mich
nicht besuchen?
    Frondsberg lchelte geheimnisvoll. Das wird schwer halten, sagte er, du
wirst unter sicherer Bedeckung auf eine Feste gefhrt, und einem Wchter
bergeben werden, der dich streng bewachen und nicht so bald entlassen wird!
Doch sei nicht ngstlich, der Ritter von Lichtenstein wird mit dir dorthin
abgefhrt werden, und ihr beide msset auf ein Jahr Urfehde schwren.
    Frondsberg wurde hier durch drei Mnner unterbrochen, die in das Zelt
strmten; es war der Feldhauptmann von Breitenstein und Dieterich von Kraft, die
den Ritter von Lichtenstein in ihrer Mitte fhrten.
    Hab ich dich wieder, wackerer Junge, rief Breitenstein, indem er Georgs
Hand drckte. Du machst mir schne Streiche; dein alter Oheim hat dich mir auf
die Seele gebunden, ich solle einen tchtigen Kmpen aus dir ziehen, der dem
Bunde Ehre mache, und nun laufst du zu dem Feind, und haust und stichst auf uns,
und httest gestern beinahe die Schlacht gewonnen, durch dein tollkhnes
Stckchen auf unsere Geschtze.
    Jeder nach seiner Art, entgegnete Frondsberg, er hat uns aber auch in
Feindes Reihen Ehre gemacht.
    Der Ritter von Lichtenstein umarmte seinen Sohn. Er ist in Sicherheit,
flsterte er ihm zu, und beider Augen glnzten von Freude, zu der Rettung des
unglcklichen Frsten beigetragen zu haben. Da fielen die Blicke des alten
Ritters auf den grnen Mantel, der noch immer um Georgs Schultern hing; er
erstaunte, er sah ihn nher an. Ha! jetzt erst verstehe ich ganz, wie alles so
kommen konnte, sprach er bewegt, und eine Trne der Freude hing in seinen
grauen Wimpern; sie nahmen dich fr ihn; was wre aus ihm geworden, wenn dich
der Mut nur einen Augenblick verlassen htte? Du hast mehr getan als wir alle,
du hast gesiegt, wenn wir jetzt auch Besiegte heien; komm an mein Herz, du
wrdiger Sohn.
    Und Marx Stumpf von Schweinsberg? fragte Georg; auch er gefangen?
    Er hat sich durchgehauen, wer vermchte auch seinen Hieben zu widerstehen;
meine alten Knochen sind mrbe, an mir liegt nichts mehr, aber er ist dem Herzog
nachgezogen, und wird ihm eine bessere Hlfe sein als fnzig Reiter. Doch den
Pfeifer sah ich nicht; sage, wie ist er entkommen aus dem Streit?
    Als ein Held, erwiderte der junge Mann, von der Wehmut der Erinnerung
bewegt; er liegt erstochen an der Brcke.
    Tot? rief Lichtenstein, und seine Stimme zitterte; die treue Seele! doch
wohl ihm, er hat getan wie ein Edler, und ist gestorben, treu wie es Mnnern
ziemt!
    Frondsberg nherte sich ihnen und unterbrach ihre Reden. Ihr scheint mir so
niedergeschlagen, sagte er; seid mutig und getrost, alter Herr! das
Kriegsglck ist wandelbar, und Euer Herzog wird wohl auch wieder zu seinem Lande
kommen, wer wei ob es nicht besser ist, da wir ihn noch auf einige Zeit in die
Fremde schickten. Leget Helm und Panzer ab; das Gefecht zum Frhstck wird Euch
die Lust zum Mittagessen nicht verdorben haben. Setzet Euch zu uns. Ich erwarte
gegen Mittag den Wchter, unter dessen Obhut Ihr auf eine Burg gebracht werden
sollet. Bis dahin lasset uns noch zusammen frhlich sein!
    Das ist ein Vorschlag der sich hren lt, rief Breitenstein. Zu Tisch
ihr Herren; wahrlich Georg, mit dir habe ich nicht mehr gespeist, seit dem Imbi
im Ulmer Rathaussaal. Komm, wir wollen redlich nachholen was wir versumten.
    Hans von Breitenstein zog Georg zu sich nieder, die anderen folgten seinem
Beispiel; die Knechte trugen auf, und der edle Wein machte den Ritter von
Lichtenstein und seinen Sohn vergessen, da sie in milichen Verhltnissen, im
feindlichen Lager seien, da sie vielleicht einem ungewissen Geschick, und wenn
sie die Reden Frondsbergs recht deuteten, einer langen Gefangenschaft
entgegengehen. Gegen das Ende der Tafel wurde Frondsberg hinausgerufen; bald kam
er zurck und sprach mit ernster Miene: So gerne ich noch lnger eure
Gesellschaft genossen htte, liebe Freunde, so tut es jetzt not aufzubrechen.
Der Wchter ist da, dem ich euch bergeben mu, und ihr mt euch sputen, wollet
ihr heute noch die Feste erreichen.
    Ist er ein Ritter, dieser Wchter? fragte Lichtenstein, indem sich seine
Stirne in finstere Falten zog; ich hoffe man wird auf unseren Stand Rcksicht
genommen haben, und uns ein anstndiges Geleite geben?
    Ein Ritter ist er nicht, antwortete Frondsberg lchelnd, doch ist er ein
anstndiges Geleite; ihr werdet euch selbst davon berzeugen. Er lftete bei
diesen Worten den Vorhang des Zeltes, und es erschienen die holden Zge Mariens;
mit dem Weinen der Freude strzte sie an die Brust ihres Gatten, und der alte
Vater stand stumm von berraschung und Rhrung, kte sein Kind auf die schne
Stirne, und drckte die Hand des biedern Frondsberg.
    Das ist euer Wchter, sprach dieser, und der Lichtenstein die Feste wo
sie euch gefangenhalten soll. Ich sehe es ihren Augen an, sie wird den jungen
Herrn nicht zu strenge halten, und der alte wird sich nicht ber sie beklagen
knnen; doch rate ich Euch, Tchterchen, habet ein wachsames Auge auf die
Gefangenen, lasset sie nicht wieder von der Burg, gestattet nicht, da sie
wieder Verbindungen mit gewissen Leuten anknpfen, Ihr haftet mit Eurem Kopf
dafr!
    Aber lieber Herr, entgegnete Marie, indem sie den Geliebten inniger an
sich drckte und lchelnd zu dem strengen Herrn aufblickte; bedenket, er ist ja
mein Haupt, wie kann ich ihm etwas befehlen?
    Eben deswegen htet Euch, da Ihr dieses Haupt nicht wieder verlieret;
bindet ihn mit einem Liebesknoten recht fest, da er Euch nicht entlaufe, er
ndert nur gar zu leicht die Farbe; wir haben Beispiele!
    Ich trug nur eine Farbe, mein vterlicher Freund! entgegnete der junge
Mann, indem er in die Augen seiner schnen Frau und auf die Feldbinde niedersah,
die seine Brust umzog; nur eine, und dieser blieb ich treu -
    Wohlan! so halte ferner nur zu ihr, sagte Frondsberg, und reichte ihm die
Hand zum Abschied. Lebe wohl! Die Pferde harren vor dem Zelt; bringet Eure
Gefangenen sicher auf die Feste, schne Frau, und gedenket huldreich des alten
Frondsberg.
    Marie schied von diesem Edeln mit Trnen in den Augen, auch die Mnner
nahmen bewegt seine Hand, denn sie wuten wohl, da ohne seine Hlfe ihr
Geschick sich nicht so freundlich gewendet htte. Noch lange sah ihnen Georg von
Frondsberg nach, bis sie an der uersten Zeltgasse um die Ecke bogen. Er ist
in guten Hnden, sagte er dann, indem er sich zu Breitenstein wandte,
wahrlich, der Segen seines Vaters ruht auf ihm. Ein gutes schnes Weib und ein
Erbe, wie wenige sind im Schwabenland.
    Ja, ja! erwiderte Hans von Breitenstein, seiner Klugheit und Vorsicht hat
er es nicht zu danken; doch wer das Glck hat fhrt die Braut heim; ich bin
fnfzig alt geworden, und gehe noch auf Freiersfen; Ihr auch, Herr Dieterich
von Kraft, nicht wahr?
    Mitnichten und im Gegenteil, sagte dieser wie aus einem Traum erwachend;
wenn man ein solches Paar sieht, wei man was man zu tun hat. In dieser Stunde
noch setze ich mich in meine Snfte, reise nach Ulm und fhre meine Base heim;
lebt wohl ihr Herren!

Als der Schwbische Bund Wrttemberg wiedererobert hatte, richtete er seine
Regierung wieder ein und beherrschte das Land wieder wie im Sommer 1519. Die
Anhnger des vertriebenen Herzogs muten Urfehde schwren und wurden auf ihre
Burgen verwiesen. Georg von Sturmfeder und seine Lieben, die dieses Schicksal
mit betraf, lebten zurckgezogen auf Lichtenstein, und Marien und ihrem Gatten
ging in ihrem stillen huslichen Glck ein neues Leben auf.
    Noch oft wenn sie am Fenster des Schlosses standen, und hinabschauten auf
Wrttembergs schne Fluren, gedachten sie des unglcklichen Frsten, der einst
hier mit ihnen auf sein Land hinabgeblickt hatte; und dann dachten sie nach ber
die Verkettung seiner Schicksale, und wie durch eine sonderbare Fgung auch ihr
eigenes Geschick mit dem seinigen verbunden war; und wenn sie sich auch
gestanden, da ihr Glck vielleicht nicht so frhe, nicht so schn aufgeblht
wre ohne diese Verknpfung, so wurde doch ihre Freude durch den Gedanken
getrbt, da der Stifter ihres Glckes noch immer ferne von seinem Lande, im
Elend der Verbannung lebe. Erst viele Jahre nachher gelang es dem Herzog,
Wrttemberg wieder zu erobern. Doch als er gelutert durch Unglck als ein
weiser Frst zurckkehrte, als er die alten Rechte ehrte und die Herzen seiner
Brger fr sich gewann, als er jene heiligen Lehren, die er in fernem Lande
gehrt, die so oft sein Trost in einem langen Unglck geworden waren, seinem
Volke predigen lie, und einen geluterteren Glauben mit den Grundgesetzen
seines Reiches verband, da erkannten Georg und Marie den Finger einer gtigen
Gottheit in den Schicksalen Ulerichs von Wrttemberg, und sie segneten den, der
dem Auge des Sterblichen die Zukunft verhllt, und auch hier wie immer durch
Nacht zum Lichte fhrte.
    Der Name der Lichtenstein im Wrttemberger Land, ging mit dem alten Ritter
zu Grabe; doch erlebte er noch in hohem Alter die Freude, seine blhenden Enkel
waffenfhig zu sehen. So geht Geschlecht um Geschlecht ber die Erde hin; das
Neue verdrngt das Alte, und nach dem kurzen Zeitraum von fnfzig oder hundert
Jahren sind biedere Mnner, treue Herzen vergessen; ihr Gedchtnis bertnt der
rauschende Strom der Zeiten, und nur wenige glnzende Namen tauchen auf, aus
diesen Fluten des Lethe, und spielen in ihrem ungewissen Schimmer auf den
Wellen. Doch wohl dem, dessen Taten jene stille Gre in sich tragen, die den
Lohn in sich selbst findet, und ohne Dank bei der Mitwelt, ohne Ansprche auf
die Nachwelt entsteht, ins Leben tritt- verschwindet. So ist auch der Name des
Spielmanns von Hardt verklungen, und nur leise Nachklnge von seinem Wirken
wehen uns an, wenn die Hirten der Gegend die Ulerichshhle zeigen und von dem
Mann sprechen, der seinen unglcklichen Herzog hier verbarg; so sind selbst jene
romantischen Zge aus Ulerichs Leben zur Fabel geworden, der Geschichtschreiber
verschmht sie als unwesentliche Auendinge, und sie erscheinen uns nur, wenn
man auf den Hhen von Lichtenstein von dem Herzog erzhlt, der allnchtlich vor
das Schlo kam, und wenn man uns auf der Brcke von Kngen die Stelle zeigt, wo
jener Unerschrockene den Sprung auf Leben und Tod in die Tiefe wagte.
    Und sie erscheinen uns da, diese Sagen, wie ungewisse Schatten, die eine
groe Gestalt vom Berge in die Nebel des Tales wirft, und der kltere Beobachter
lchelt, wenn man ihnen wirkliches Leben und jene Farben verleihen will, die ihr
unsicheres Grau zu einem Bild des Lebens umwandeln. Auch Lichtensteins alte
Feste ist lngst zerfallen, und auf den Grundmauern der Burg erhebt sich ein
freundliches Jgerhaus, fast so luftig und leicht wie jene spanischen Schlsser,
die man in unseren Tagen auf die Grundpfeiler des Altertums erbaut. Noch immer
breiten sich Wrttembergs Gefilde so reich und blhend wie damals vor dem
entzckten Auge aus, als Marie an des Geliebten Seite hinabsah, und der
unglcklichste seiner Herzoge den letzten Scheideblick von Lichtensteins
Fenstern auf sein Land warf. Noch prangen jene unterirdischen Gemcher, die den
Gechteten aufnahmen, in ihrer alten Pracht und Herrlichkeit, und die murmelnden
Wasser, die sich in eine geheimnisvolle Tiefe strzen, scheinen lngst
verklungene Sagen noch einmal wiedererzhlen zu wollen.
    Es ist eine schne Sitte, da die Bewohner dieses Landes auch aus
entfernteren Gegenden, um die Zeit des Pfingstfestes sich aufmachen, um
Lichtenstein und die Hhle zu besuchen. Viele hundert schne Schwabenkinder und
holde Frauen, begleitet von Jnglingen und Mnnern ziehen herauf in diese Berge;
sie steigen nieder in den Scho der Erde, der an seinen kristallenen Wnden den
Schein der Lichter tausendfach wiedergibt, sie fllen die Hhle mit Gesang, und
lauschen auf ihr Echo, welches die murmelnden Bche der Tiefe melodisch
begleiten, sie bewundern die Werke der Natur, die sich auch ohne das milde Licht
der Sonne, ohne das frhliche Grn der Felder, so herrlich zeigt. Dann steigen
sie herauf zum Lichte, und die Erde will ihnen noch schner bednken als zuvor;
ihr Weg fhrt immer aufwrts zu den Hhen von Lichtenstein, und wenn dort die
Mnner im Kreise schner Frauen, die Becher in der Hand, auf die weiten Fluren
hinabschauen, wie sie bestrahlt von einer milden Sonne im lieblichsten Schmelz
der Farben sich ausbreiten, dann preisen sie diese lichten Hhen, dann preisen
sie ihr gesegnetes Vaterland.
    Dann kehrt, wie in den alten Tagen, Gesang und Jubel, und der frhliche
Klang der Pokale auf den Lichtenstein zurck, und weckt das Echo seiner Felsen,
und weckt mit ihm die Geister dieser Burg, da sie die frhlichen Gste
umschweben, und mit ihnen hinabschauen auf das alte Wrttemberg. Ob auch das
holde Frulein vom Lichtenstein, ob Georg und der alte Ritter mit ihnen
heraufschwebt, ob jener treue Spielmann in den Tagen des Frhlings seinem Grab
entsteigt, und wie er im Leben zu tun pflegte, hinaufzieht nach der Burg, das
Fest mit Gesang und Spiel zu schmcken -? Wir wissen es nicht; doch wenn wir im
Abendscheine auf den Felsen gelagert, die Landschaft berschauten, wenn wir von
den alten guten Zeiten und ihren Sagen sprachen, wenn sich die Sonne allmhlich
senkte, und nur das Schlchen noch selig und freundlich in seiner Einsamkeit,
von den letzten Strahlen mit einem rtlichen Schein umgossen, auf seinem Felsen
ruhte - da glaubten wir im Wehen der Nachtluft, im Rauschen der Bume, im
Suseln der Bltter bekannte Stimmen zu vernehmen, es war uns, als flstern sie
uns ihre Gre zu, als erzhlen sie uns alte Sagen von ihrem Leben und Treiben.
Manches haben wir an solchen Abenden erfahren, manches Bild stieg in uns auf,
und schien sich vor unseren Blicken zu verwirklichen, und die es uns woben und
malten, die uns ihre romantischen Sagen zuflsterten, wir glauben es waren - die
Geister von Lichtenstein.

                                    Funoten


1 Ulrich von Wrttemberg, geb. 1487, wurde 1498 in seinem eilften Jahre als
Herzog belehnt mit einer Mitregentschaft, welche in seinem sechszehnten Jahr
aufgehoben wurde und Ulerich von 1503 an allein regierte. Er starb im Jahr 1550.

2 Es ist hier Eberhard im Bart gemeint, der, geb. 1445, gest. 1496, sehr weise
regierte. Er war der erste Herzog von Wrttemberg. Christoph, geb. 1515, gest.
1568, ein Frst, dessen Andenken nicht nur in Wrttemberg, sondern in ganz
Teutschland gesegnet wird. Er ist der Stifter der wrttembergischen
Konstitution.

3 Christ. Tubingii Chron. Blabur ad annum 1516: Maximilianus Caesar ex
suggestione Ducis Bavariae et sororis uxoris Udalrici aliorumque non multum
Udalrico deinceps favere cepit.

4 Das Nhere ber diese Einnahme ist in der trefflichen Geschichte Wrttembergs
von C. Pfaff I. 291, und Sattler, Geschichte der Herzoge von Wrttemberg. II 5,
hauptschlich aber bei Pedius Tethinger in comment. de reb. Wrtemb. sub Ulrico
Lib. I. in fine und ap. Schradii script. rerum germ. Tom. II. pag. 885 zu lesen.

5 Der Herzog hatte mit Landgraf Philipp von Hessen ein Bndnis errichtet auf
zweihundert Reiter und sechshundert zu Fu, ebenso mit Markgraf Ernst von Baden,
aber sie entschuldigen sich beide, da sie selbst mit einem Einfall bedroht
seien.

6 Georg von Frondsberg, geb. 1475, gest. 1528, einer der berhmtesten Feldherren
seiner Zeit, der in Teutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden sich mit
Ruhm bedeckte. Er ist derselbe, der 1521 zu Luther, der auf den Reichstag zu
Worms geladen war, jene denkwrdigen Worte sagte: Munchlein, Munchlein, du
gehst jetzt einen gefhrlichen Gang usw.

7 So nennt ihn Sattler, Geschichte der Herzoge II. 8.

8 Ulerich von Hutten, geb. 1488, starb 1523 in Ufnau am Zrchersee. Er ist
berhmt durch eine groe Anzahl Schriften und als khner Befrderer der
Reformation. Er griff Ulerich von Wrttemberg in Gedichten, Briefen und Reden
an, die der gelehrte Nicolaus Barbatus zu Marburg in sehr gelufigem Latein mit
triftigen Grnden widerlegt. Vergl. Schradius II. 385. Bekannt ist sein
Wahlspruch: Jacta alea esto.

9 Franz von Sickingen, ein berhmter Zeitgenosse des letzteren; er wird in
diesem Krieg von Sattler als sterreichischer Rat aufgefhrt.

10 Gtz von Berlichingen erzhlt in seinem Leben (Ausgabe von Franck von
Steigerwald, Nrnberg 1731) weitluftig wie es sich zugetragen, da er zum
Herzog Ulerich gehalten habe. Seite 142 fhrt er fort: Da zog der Herzog vor
Reutlingen und gewann es auch, darum sich auch Ihre frstliche Gnaden und mein
Unglck anheben tat, da Ihre frstliche Gnaden verjagt worden, und ich darob zu
scheitern ging. Denn der Schwbische Bund nahm nicht Rcksicht darauf, da Gtz
kurz vorher dem Herzog seine Dienste aufgesagt hatte, sondern belagerte ihn in
Mckmhl und nahm ihn gefangen.

11 Die Herren von Spt waren der Herzogin auf ihrer Flucht aus dem Lande
behlflich gewesen. Der Herzog hatte bittere Rache an ihren Gtern genommen.

12 Siehe C. Pfaffs Geschichte. I. 278.

13 Es sind dies Frondsbergs eigene Worte, die er zu Gtz von Berlichingen
sprach, und die dieser in seiner Geschichte, Seite 83, anfhrt.

14 Die Eidgenossen verboten zuerst nur die Werbungen des Herzogs in ihren
Landen, wie aus Sattler, Beilage Nr. 8 zum zweiten Teil der Herzoge erhellt.
Nachher riefen sie ihre Leute ganz zurck, und zwar auf die Vorstellungen des
Schwbischen Bundes.

15 Ein gedrucktes Schreiben des Bundes zu Schwaben an gemeine Landschaft zu
Wrttemberg dieses Inhaltes vom 24. Mart. 1519 findet sich in der Beilage Nr.
12 bei Sattler.

16 Sie zogen den 17. Mrz ab. Der Herzog reiste sogleich nach Kirchheim um sie
aufzuhalten, allein hier kam eine zweite Ordre unter Bedrohung des Verlustes
ihrer Gter und der Leib- und Lebensstrafe nach Haus zu eilen. Sattler II. . 6.
Tethinger pag. 66. Interim cum Helvetiorum primoribus agunt foederati, missis in
urbes eorum legatis, ne Ducis Huldrichi negotio belloque se nunc immisceant suos
abscedere jubeant.

17 Sattler . 6. Ausfhrlich fhrt diese Rede an: Tethinger comment. de reb.
Wrtemb. p. 66.

18 Diese Ergebenheit und Treue der Wrttemberger beschreibt am angefhrten Ort
Tethinger. Als einen sehr wichtigen Grund gegen die Angriffe Huttens fhrt sie
auch Nicolaus Barbatus in seiner zu Marburg gehaltenen Rede auf. Vergl.
Schradius II. 386. Wir machen auf diesen Umstand besonders aufmerksam, weil man
gewhnlich annimmt, es sei den Wrttembergern recht gewesen, da man Ulerich
verjagte; Tethingers Worte sind: Als dies die Wrttemberger hrten, beklagten
sie ihr Schicksal heftig, das ihnen nicht vergnne zu fechten. - Magno fremitu
fortunam suam questi. - Noch merkwrdiger sind die Worte Nicolai Barbati; er
sucht die Beschuldigungen Ulerichs von Hutten zu widerlegen: Welcher Tyrann war
den Seinigen wert? Ulerich lieben die Seinigen. Welcher Tyrann wird, wenn er
verjagt ist, von seinen Untergebenen zurckgewnscht? Mit Bitten und Gebet
wnschen sich seine Untergebenen den Herzog zurck und bitten die Gtter, sie
mchten ihnen den Herrn zurckgeben usw.

19 Ulerich beklagt sich mehreremal ber die Nachstellungen seiner Feinde. Im
Jahr I534 soll ein fr ihn von Dieterich Spt gedungener Meuchelmrder gefangen
worden sein. Sattler, Gesch. d. Herzoge, 3, Seite 47. Im Jahr I536 wurde im Amt
Dornsttten ein Zigeuner verhaftet, welcher aussagte, von Herzog Wilhelm in
Bayern fr Ermordung des Herzogs drei Gulden bekommen zu haben. C. Pfaff,
Geschichte I. 288. Ein Beweis, da solche Versuche vorkamen.

20 Diese Sage erzhlt G. Schwab, der treue, freundliche Wegweiser ber die
Schwbische Alb. Er hat sie in einer Romanze: Der Bau des Reiensteins der
Nachwelt aufbehalten.

21 Ausfhrlicher beschreibt diese Operationen des Bundes Sattler in seiner
Gesch. d. Herz. v. W. II. . 6 usw. Man vergleiche hierber auch die Geschichte
des Herrn von Frondsberg. 2. Buch und Friedrich Stumphardt von Cannstatt,
Chronik der gewaltsamen Verjagung des Herzogs Ulerich. 1534. und Spener, Histor.
Germ. univers. L. III. C. 4. 23.

22 Dieser Verrat von Teck fand wirklich also statt. Vergl. z.B. Sattler II. .
7.

23 Lebensbeschreibung Gtzens von Berlichingen. (von ihm selbst geschrieben),
edit. Pistorius. Nrnberg. 1731.

24 Sattler II. . 9. Hierber ist vorzglich zu vergleichen Fried. Stumphardt,
Chron. . III. Die Geschichte der Herren v. Frondsberg. Frankfurt a. M. 2. Buch,
und Tethinger, Commentarius de Wrt. reb. gest. Lib. II.

25 Bei dieser Belagerung wurde Georg von Frondsberg das Barett vom Kopf
geschossen. So erzhlen Sattler, Stumphardt, Tethinger u.a.

26 Diese Griechen sind eine sonderbare Erscheinung bei der Belagerung von
Tbingen: man hie sie Stratioten; ihr Hauptmann war Georg Samaras aus Corona in
Albanien. Er ist in der Stiftskirche in Tbingen begraben. Ausfhrlich
beschreibt sie Tethinger, Comment. de Wrt. gest. 931. Crusius nennt sie
vorzglich berhmt im Lanzenschwingen. kontario poroysin

27 Man vergleiche ber diesen Volkswitz des Freiherrn von Aretin Beitrge zur
Geschichte und Literatur 1805. 5. Stck, Seite 438.

28 In der Chronik des Georg Stumphardt ber die gewaltsame Verjagung des Herzogs
Ulerich, findet sich als eigener Artikel ein: gereimter Spruch also lautend,
wo in einer groen Menge Knittelversen das Unglck des Herzogs und des Landes
beschrieben ist. Aus diesem Gedicht sind jene Verse im Text entlehnt.

29 Drei Hirschgeweihe, wovon die zwei obersten vier, das untere aber drei Eulen
hat, sind das alte Wappen von Wrttemberg.

30 Diese merkwrdige Hhle haben wir nach der Natur zu zeichnen versucht. Es
bleibt noch brig hier einige Notizen ber ihre inneren Verhltnisse zu geben.
Die Vorhhle betrgt etwas ber 150 Fu im Umfange, von hier aus laufen zwei
Gnge nach verschiedenen Richtungen, die aber nach einer Lnge von beinahe 200
Fu, wieder zusammentreffen. Auf diesen Wegen trifft man zwei Felsensle, den
einen von 100, den andern von 82 Fu Lnge. Wo diese Gnge sich vereinigen,
bilden sie wieder eine Grotte; von hier aus rechts gegen Norden, mehr in der
Hhe, liegt wieder eine kleinere Kammer, es ist die, in welche wir den Leser zu
dem vertriebenen Mann gefhrt haben. Die weiteste Entfernung vom Eingang der
Hhle bis zu ihrem Ende, betrgt 577 Fu. Man vergleiche hierber die so
interessante als getreue Beschreibung der Schwb. Alb von G. Schwab. (Metzler.
Buchhdlg. 1823)

31 Crusius beschreibt in seiner Chronik das Schlchen Lichtenstein, wie wir es
hier nacherzhlen. Er sah es zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts, also etwa
siebzig Jahre nach dem Jahr 1519. Dort findet sich auch die hieher gehrige
Stelle: Im oberen Stockwerk ist ein beraus schner Saal, ringsum mit Fenstern,
aus welchen man bis an den Asperg sehen kann: darin hat der vertriebene Frst
Ulerich, v. Wrttemberg fter gewohnt, der des Nachts vor das Schlo kam und nur
sagte: Der Mann ist da! so wurde er eingelassen. Wo aber wohnte er den Tag
ber? wo hielt sich der Vertriebene auf? Die Frage lag sehr nahe. Jetzt ist in
die Ruinen des alten Schlosses ein Jgerhaus erbaut, das noch immer den Namen
des Lichtensteiner Schlleins trgt, und am frhlichen Pfingstfest einer
lebensfrohen Menge zum Tummelplatz dient.

32 Er schickte einen tapfern Ritter, Marx Stumpf von Schweinsberg an sie mit
einem beweglichen Schreiben, das Schlo nicht zu bergeben sondern, wo sie
solches auch tun wollten, ihm wieder Gelegenheit zu machen, in dasselbe zu
kommen; weil er in selbigem zu sterben bereit sei, wenn es Gott ber ihn
verhnge. Sattler, Gesch. der Herz. v. Wrtemb. II. 15.

33 Diesen merkwrdigen Hund beschreibt Tethinger als einen Liebling Ulerichs
ausfhrlich. A. a. O. S. 1, 58.

34 Hie gut Wrttemberg alleweg. Findet sich oft als Wahlspruch dieser Partei.
Vergl. Pfaffs Geschichte Wrttembergs I. S. 306, in d. Anmerkung.

35 Drei Hirschgeweihe, wovon die zwei obersten vier, das untere aber drei Eulen
hat, sind das alte Wappen von Wrttemberg.

36 Der Tfell gsegen in allen, sind die Worte des Chronisten Stumphardt, die
ihm unwillkrlich entschlpfen, indem er die Unterhandlung der Ritter beim
kielen Wein beschreibt.

37 Herzog Ulerich beklagt sich wiederholt, namentlich in diesem Zeitpunkt, da
seine Gegner so viele Lgen gegen ihn ausstreuen. Er verteidigt sich darber,
besonders in seinen Briefen an die schweizerische Eidgenossenschaft. So streuten
seine Feinde im Jahr 1519 aus, er habe einen Edelknaben, Wilhelm von Janowiz
entzweigehauen. Doch Janowiz lebte noch im Jahr 1562, und war Anno 1550
Kommandant der Feste Asperg. Aber jene Lge machte damals groes Aufsehen, daher
kam es, da ein Schweizer, dem man diesen Mann zeigte und sagte, was die Feinde
des Herzogs von ihm ausgestreut haben, antwortete: Er mu nochten ein guter
Barbier gsyn syn, der den Knaben so suber gehailt hat. (Sattler II. . 24.)

38 Sattler erzhlt dies folgendermaen: Der Schwbische Bund hatte einen groen
Teil seiner Kriegsknechte abgedankt, diese wurden darber schwrig, sie
rottierten sich zusammen, richteten zwlf Fhnlein auf, erwhlten ihre
Hauptleute und machten unter sich nach damaligem Gebrauch eine Regimentsordnung,
es ist sehr wahrscheinlich, da der Herzog diese Leute an sich gezogen.
Geschichte der Herzoge v. Wrt. II. S. 16. Landsknechte schreiben wir, nicht
Lanzknechte wie man in neuerer Zeit getan, und berufen uns auf die Historia der
Herren von Frondsberg etc.

39 Dieses Lied fhrte auch Lessing in der Sammlung auf, die den Namen trgt:
Altdeutscher Witz und Verstand.

40 Der Schwaben- und Frankenbund hielt in diesem Sommer einen Bundestag in
Nrdlingen. Auch die Herzogin Sabina und der Herzog von Bayern fanden sich dort
ein, um hauptschlich ber Wrttemberg zu entscheiden. Sattler II. . 15.

41 Die Regentschaft mute zu jener Zeit viel seltsamer, leichtfertiger und bser
Reden hren. Der Keller in Gppingen berichtete einmal, man habe auf der Strae
zwischen Grunbach und Heppach einen Kieselstein gefunden, auf dessen einer Seite
ein Hirschgeweih mit der Unterschrift: Hie gut Wrttemberg alleweg, auf der
andern Seite ein Jagdhorn mit den Worten: Vive Dux Ulrice zu sehen waren.
Vergleiche Pfaffs Gesch. v. W. I. 306.

42 ber dieses neutrale Verhalten des Adels ist zu vergleichen Sattler II. .
19.

43 Der Herzog zog sich mit ungefhr 6000 Landvolk nach Stuttgart, und die
angeworbenen Knechte legte er nach Cannstatt. Sattler II.  21. Der Herzog,
als er erfuhr, da der Feind so nahe sei, rief die Seinigen schnell aus Stdten
und Drfern herbei, die auch sogleich erschienen. Tethingeri Commentarius etc.
lib. III.

44 Wir bentzen zur Beschreibung dieser Schlacht hauptschlich: Joh. Betzii
hist. Ulrici Ducis Wrt. und Tethinger, der besonders bei dem Angriff der
Reiterei auf den mit Geschtz besetzten Hgel sehr ins einzelne geht.

45 Graf Georg von Wrttemberg und Mmpelgard, der Bruder Ulerichs, ist der
Stammvater des jetzigen Regentenhauses von Wrttemberg. Sein Sohn war Friedrich,
VI. reg. Herzog, der das Herzogtum erhielt, weil Ludwig, Christophs Sohn, ohne
mnnliche Deszendenz starb.

A1 Wir setzen fr Leser, welche dieses Idiom nicht verstehen, hier eine getreue
bersetzung bei: Was fllt dir aber um Gottes willen ein, da du am Werktag den
neuen roten Roch zum Spinnen anziehst? Auch das neue Mieder hat sie an und eine
silberne Kette. Und einen frischen Schurz und frische Strmpfe ungefragt aus dem
Kasten reien! wer wird solchen Hochmut treiben? Dummes Kind, weit du nicht da
wir arme Leute sind, da du die Tochter eines unglcklichen Mannes bist?

A2 Lasset Euch doch berichten! was schadet es denn diesem Rock, wenn ich ihn
einmal an einem christlichen Werktag anhabe; an der silbernen Kette wird auch
nichts verdorben, und den Schurz kann man wieder waschen!

A3 So? als htte man nicht genug zu waschen? Sag mir nur, was ist denn in dich
gefahren, da du dich so aufputzt und schn machst?

A4 Ach! wit Ihr denn nicht, da heute der achte Tag ist? hat nicht der Vater
gesagt, der Junker werde am heutigen Morgen erwachen, wenn sein Trank gute
Wirkung hat, da dachte ich nun -

A5 Ist's um diese Zeit? wahrlich du hast recht! wenn er erwacht und sieht alles
so ohne Ordnung! es wre nicht gut und knnte beim Vater Verdru geben. Ich sehe
aus wie ein Drache. Gehe, bringe mir mein schwarzes Wams, mein rotes Mieder und
einen frischen Schurz.

A6 Aber Mutter, Ihr werdet Euch doch nicht hier ankleiden wollen? wenn der
Junker gerade jetzt erwachte! gehet hinauf, kleidet Euch oben an; ich bleibe bei
ihm.

A7 Du hast nicht unrecht.

A8 Seid Ihr wieder ganz bei Euch? Ach Herr Jesus! wer htte das gedacht! Ihr
schauet doch auch wieder vernnftig aus den Augen, und nicht so verwirre, da
man Bange bekam!

A9 Wie schwatzet Ihr doch! Ein paar Stunden? heute nacht wird es neun Tage, da
man Euch gebracht hat.

A10 Ihr mt nicht weinen! Euer Gnaden sind ja jetzt wieder gesund und knnen
jetzt wieder weiterreiten.

A11 Gefangen? nein gefangen seid Ihr nicht, zwar es htte ein paarmal sein
knnen, wie die vom Schwbischen Bund vorbeigezogen sind doch wir haben Euch
immer gut versteckt, der Vater hat gesagt, wir sollen den Junker keinen Menschen
sehen lassen.

A12 Er hrt es nicht gerne; freilich ist er seinem Gewerbe nach ein Spielmann,
aber er hrt es am gernsten wenn man Hans zu ihm sagt.

A13 Schon seit zwei Tagen sollte er hier sein, wenn ihm nur nichts geschehen
ist; die Leut sagen, die bndischen Reiter passen ihm auf.

A14 Es ist ein Herr wie ein Prinz, welch ein Wams er anhat, die Herren in
Stuttgart knnen es Nicht schner haben, was tut er nur mit dem Fleckchen, das
er in der Hand hat? er sieht es ja beinahe auseinander. Vielleicht kam ein wenig
Blut dorthin, und er ist darber erzrnt.

A15 Nein, das ist es Nicht! aber wit Ihr was ich denke? er macht so feurige
Augen darauf hin, es ist gewi etwas von seinem Mdchen.

A16 Was weit du von einem Schatz; ein Kind wie du soll nichts dergleichen
denken. Gehe jetzt weg vom Fenster, reiche mir das Tpfchen dort. Der Herr wird
vornehm zu essen gewohnt sein, ich mu ihm ein wenig viel Schmalz in den Brei
tun.

A17 Seid Ihr denn frhlich? ich meinte doch es sei vorhin etwas aus Euren Augen
gerollt, was jene Binde genetzt hat. Das habt Ihr gewi von Eurem Liebchen, und
jetzt tut es Euch weh, da Ihr nicht bei ihr seid?

A18 Ach ich mag es dem gndigen Frulein wohl gnnen, da sie einmal wieder
eine Freude hat. Man sagte mir, sie habe gejammert, wie Ihr so krank gewesen.

A19 Der Vater hat kein Wrtchen zu mir gesagt, und ich wte auch nicht, da es
ein Frulein von Lichtenstein gibt, wenn nicht meine Muhme ihre Amme wre. Ihr
mt es mir nicht belnehmen, da ich ein wenig horchte; sehet die Sache ging
so:

A20 Allein knnt Ihr den Weg nicht finden. Ihr seid kein Wrttemberger, man
merkt es an der Sprache, Ihr knnet leicht verirren, doch ich, laufe meinem
Vater entgegen und bewirke, da er schneller kommt.

A21 Und wre es so Nacht, da man den Weg mit den Hnden greifen mte, ich
laufe bis Lichtenstein, ich wollte es gerne tun. Ihr kommet dann blder zu -

A22 Es wird ja schon in einer Stunde Nacht!

A23 Ich wohl, aber Euch ist es gewi nicht gesund, da Ihr kaum genesen seid, in
einer khlen Nacht den Weg von sechs Stunden zu machen.

A24 Lasset es doch! es schickt sich nicht, da wir zusammen in der Nacht
fortgehen; die Leute in Hardt sind wunderlich, man knnt mir manches nachsagen,
wenn ich -

A25 Hier mu ich Scheiden; so gerne ich noch weiter mitginge. Die Mutter will
es so. Dort in dem Dorf am Berge habe ich eine Muhme. Bei ihr bleibe ich heute
nacht. Beht Euch Gott. Grt mir den Vater und jenes Frulein, das Ihr liebt!

