
                                 Hauff, Wilhelm

                    Mitteilungen aus den Memoiren des Satan

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                                 Wilhelm Hauff

                              Mitteilungen aus den

                               Memoiren des Satan

                                  Erster Teil

                                   Einleitung

 Marte, e'rassembra te, qualor dal quinto
 Cielo, di ferro scendi e d'orror cinto.
                                                      Tasso. Jerus. librt. V. 44


                                 Erstes Kapitel

             Der Herausgeber macht eine interessante Bekanntschaft

Wer wie der Herausgeber und bersetzer vorliegender merkwrdiger Aktenstcke in
den letzten Tagen des Septembers 1822 in Mainz war und in dem schnen Gasthof Zu
den drei Reichskronen logierte, wird gewi diese Tage nicht unter die verlorenen
seines Lebens rechnen.
    Es vereinigte sich damals alles, um das Gasthofleben, sonst nicht gerade das
angenehmste, das man fhren kann, angenehm zu machen. Feine Weine, gute Tafel,
schne Zimmer, htte man auch sonst wohl dort gefunden, seltener, gewi sehr
selten so ausgesuchte Gesellschaft. Ich erinnere mich nicht, jemals in meinem
Leben, weder vor- noch nachher, einen meiner damaligen Tisch- und Hausgenossen
gesehen zu haben, und dennoch schlang sich in jenen glcklichen Tagen ein so
zartes enges Band der Geselligkeit um uns, wie ich es unter Fremden, deren
keiner den andern kannte, oder seine nheren Verhltnisse zu wissen wnschte,
nie fr mglich gehalten htte.
    Der schne Herbst von 1822, mit seiner erfreulichen Aussicht, dieser Herbst
am Rhein genossen, mag allerdings zu dieser ruhigen Heiterkeit des Gemts, zu
diesem Hingeben jedes einzelnen, fr die Gesellschaft beigetragen haben, aber
nicht mit Unrecht glaube ich diese Erscheinung einem sonderbaren, mir nachher
hchst merkwrdigen Mann zuschreiben zu mssen.
    Ich war schon beinahe 11/2 Tage in den Drei Reichskronen vor Anker gelegen;
htte mich nicht ein Freund, den ich seit langen Jahren nicht gesehen hatte, auf
den 25. oder 30. bestellt, ich wre nicht mehr lnger geblieben, denn die
schrecklichste Langeweile peinigte mich. Die Gesellschaft im Hause war
anstndig, freundlich sogar, aber kalt; man lie einander an der Seite liegen,
wenig bekmmert um das Wohl oder das Weh des Nachbars; wie man einander die
schnen geschmorten Fische, den feinen Braten, oder die Saladire darzubieten
habe, wute jeder, aber das Genie, ich meine den Geist, wies sich nicht
gehrig an der Tafel, noch weniger nachher aus.
    Ich sah eines Nachmittags aus meinem Fenster auf den freien Platz vor dem
Hotel herab, und dachte nach ber meine Forderungen an die Menschen berhaupt
und an die Gasthofmenschen (worunter ich nicht Wirt und Kellner allein
verstand), insbesondere; da rasselte ein Reisewagen ber das Steinpflaster der
engen Seitenstrae, und hielt gerade unter meinem Fenster.
    Der geschmackvolle Bau des Wagens lie auf eine elegante Herrschaft
schlieen, sonderbar war es brigens, da weder auf dem Bock, noch hinten im
Cabriolet ein Diener sa, was doch eigentlich zu den vier Postpferden, mit
welchen der Wagen bespannt war, notwendig gepat htte.
    Vielleicht ein kranker Herr, den sie aus dem Wagen tragen mssen, dachte
ich, und richtete die Lorgnette genau auf die Hand des groen, stattlichen
Oberkellners, der den Schlag ffnete.
    Zimmer vakant? rief eine tiefe, wohltnende Mnnerstimme.
    So viele Euer Gnaden befehlen, war die Antwort des Giganten.
    Eine groe, schlanke Gestalt schlpfte schnell aus dem Wagen und trat in die
Halle.
    Nro. 12 und 13, rief die gebietende Stimme des Oberkellners, und Jean und
George flogen im Wettlauf die Treppe hinan.
    Die Wagentre war offen geblieben, aber noch immer wollte kein zweiter
heraussteigen.
    Der Oberkellner stand verwundert am Wagen, zweimal hatte er hineingesehen,
und immer dabei mit dem Kopf geschttelt.
    Bst, Herr Oberkellner, auf ein Wort, rief ich hinab, wer war denn -
    Werde gleich die Ehre haben, antwortete der Gefllige, und trat bald
darauf in mein Zimmer.
    Eine sonderbare Erscheinung, sagte ich zu ihm; ein schwerer Wagen mit
vier Pferden und nur ein einzelner Herr, ohne alle Bedienung.
    Gegen alle Regel und Erfahrung, versicherte jener, ganz sonderbar, ganz
sonderbar; jedoch der Postillon versicherte, es sei ein Guter, denn er gab immer
zwei Taler schon seit acht Stationen. Vielleicht ein Englnder von Profession,
die haben alle etwas Apartes.
    Wissen Sie den Namen nicht? fragte ich neugieriger, als es sich schickte.
    Wird erst beim Souper auf die Schiefertafel geschrieben, antwortete jener;
haben der Herr Doktor sonst noch etwas? -
    Ich wute zu meinem Verdru im Augenblicke nichts; er ging und lie mich mit
meinen Konjekturen ber den Einsamen im achtsitzigen Wagen allein.
    Als ich abends zur Tafel hinabging, schlpfte der Kellner an mir vorber,
eine ungeheure Schiefertafel in der Hand. Er wurde mich kaum gewahr, als er in
einer Hand ein Licht, in der andern die Tafel, vor mich hintrat, mir solche
prsentierend.
    v. Natas, Particulier, stand aufgeschrieben. Hat er noch keine
Bedienung? fragte ich.
    Nein, war die Antwort, er hat zwei Lohnlakaien angenommen, die ihn aber
weder aus - noch ankleiden drfen.
    Als ich in den Speisesaal trat, hatte sich die Gesellschaft schon
niedergelassen, ich eilte still an meinen Stuhl, gegenber sa der Herr v.
Natas.
    Hatte dieser Mann schon vorher meine Neugierde erregt, so wurde er mir jetzt
um so interessanter, da ich ihn in der Nhe sah.
    Das Gesicht war schn, aber bleich, Haar, Auge und der volle Bart von
glnzendem Schwarz, die weien Zhne, von den feingespaltenen Lippen oft
enthllt, wetteiferten mit dem Schnee der blendend weien Wsche. War er alt?
war er jung? man konnte es nicht bestimmen; denn bald schien sein Gesicht mit
seinem pikanten Lcheln, das ganz leise in dem Mundwinkel anfngt und wie ein
Wlkchen um die feingebogene Nase zu dem mutwilligen Auge hinaufzieht, frh
gereifte und unter dem Sturm der Leidenschaften verblhte Jugend zu verraten;
bald glaubte man einen Mann von schon vorgerckten Jahren vor sich zu haben, der
durch eifriges Studium einer reichen Toilette sich zu konservieren wei.
    Es gibt Kpfe, Gesichter, die nur zu einer Krperform passen und sonst zu
keiner andern. Man werfe mir nicht vor, da es Sinnentuschung seie, da das
Auge sich schon zu sehr an diese Form, wie sie die Natur gegeben, gewhnt habe,
als da es sich eine andere Mischung denken knnte. Dieser Kopf konnte nie auf
einem untersetzten, wohlbeleibten Krper sitzen, er durfte nur die Krone einer
hohen, schlanken, zartgebauten Gestalt sein. So war es auch, und die
gedankenschnelle Bewegung der Gesichtsmuskeln, wie sie in leichtem Spott um den
Mund, im tiefen Ernst um die hohe Stirne spielen, drckte sich auch in dem
Krper durch die wrdige, aber bequeme Haltung, durch die schnelle, runde,
beinahe zierliche Bewegung der Arme, berhaupt in dem leichten, kniglichen
Anstande des Mannes aus.
    So war Herr von Natas, der mir gegenber an der Abendtafel sa. Ich hatte
whrend der ersten Gnge Mue genug, diese Bemerkungen zu machen, ohne dem
interessanten Vis--vis durch neugieriges Anstarren beschwerlich zu fallen. Der
neue Gast schien brigens noch mehrere Beobachtungen zu veranlassen, denn von
dem obern Ende der Tafel waren diesen Abend die Brillen mehrerer Damen in
immerwhrender Bewegung, mich und meine Nachbarn hatten sie ber dem Mittagessen
hchstens mit bloem Auge gemustert.
    Das Dessert wurde aufgetragen, der Direktor der vorzglichen Tafelmusik ging
umher, seinen wohlverdienten Lohn einzusammeln. Er kam an den Fremden. Dieser
warf einen Taler unter die kleine Mnzensammlung, und flsterte dem berraschten
Sammler etwas ins Ohr. Mit drei tiefen Bcklingen schien dieser zu bejahen und
zu versprechen, und schritt eilig zu seiner Kapelle zurck. Die Instrumente
wurden aufs neue gestimmt.
    Ich war gespannt, was jener wohl gewhlt haben knnte; der Direktor gab das
Zeichen, und gleich in den ersten Takten erkannte ich die herrliche Polonaise
von Osinsky. Der Fremde lehnte sich nachlssig in seinen Stuhl zurck, er schien
nur der Musik zu gehren; aber bald bemerkte ich, da das dunkle Auge unter den
langen schwarzen Wimpern rastlos umherlief - es war offenbar, er musterte die
Gesichter der Anwesenden, und den Eindruck, den die herrliche Polonaise auf sie
machte.
    Wahrlich! dieser Zug schien mir einen gebten Menschenkenner zu verraten.
Zwar wre der Schlu unrichtig, den man sich aus der wrmern oder kltern
Teilnahme an dem Reich der Tne auf die grere oder geringere Empfnglichkeit
des Gemts fr das Schne und Edle ziehen wollte; heult ja doch auch selbst der
Hund bei den sanften Tnen der Flte, das Pferd dagegen spitzt die Ohren bei dem
mutigen Schmettern der Trompeten, stolzer hebt es den Nacken und sein Tritt ist
fester und straffer.
    Aber dennoch konnte man nichts Unterhaltenderes sehen, als die Gesichter der
verschiedenen Personen bei den schnsten Stellen des Stckes; ich machte dem
Fremden mein Kompliment ber die glckliche Wahl dieser Musik, und schnell hatte
sich zwischen uns ein Gesprch ber die Wirkung der Musik auf diese oder jene
Charaktere entsponnen.
    Die brigen Gste hatten sich indessen verlaufen, nur einige, die in der
Ferne auf unser Gesprch gelauscht hatten, rckten nach und nach nher.
Mitternacht war herangekommen, ohne da ich wute, wie, denn der Fremde hatte
uns so tief in alle Verhltnisse der Menschen, in alle ihre Neigungen und Triebe
hineinblicken lassen, da wir uns stille gestehen muten, nirgends so
tiefgedachte, so berraschende Schlsse gehrt oder gelesen zu haben.
    Von diesem Abend an ging uns ein neues Leben in den Drei Reichskronen auf.
Es war, als habe die Freude selbst ihren Einzug bei uns gehalten, und feiere
jetzt ihre heiligsten Festtage; Gste, die sich nie htten einfallen lassen,
lnger als eine Nacht hierzubleiben, schlossen sich an den immer grer
werdenden Zirkel an, und vergaen, da sie unter Menschen sich befinden, die der
Zufall aus allen Weltgegenden zusammengeschneit hatte. Und Natas, dieses
seltsame Wesen, war die Seele des Ganzen. Er war es, der sich, sobald er sich
nur erst mit seinen nchsten Tischnachbarn bekannt gemacht hatte, zum Matre de
plaisir hergab. Er veranstaltete Feste, Ausflge in die herrliche Gegend und
erwarb sich den innigen Dank eines jeden. Hatte er aber schon durch die
sinnreiche Auswahl des Vergngens sich alle Herzen gewonnen, so war dies noch
mehr der Fall, wenn er die Konversation fhrte.
    Jenes ergtzliche Mrchen von dem Hrnchen des Oberon schien ins Leben
getreten zu sein; denn Natas durfte nur die Lippen ffnen, so fhlte jeder
zuerst die lieblichsten Saiten seines Herzens angeschlagen, auf leichten
Schwingen schwirrte dann das Gesprch um die Tafel, mutwilliger wurden die
Scherze, khner die Blicke der Mnner, schalkhafter das Kichern der Damen, und
endlich rauschte die Rede in so fessellosen Strmen, da man nachher wenig mehr
davon wute, als da man sich gttlich amsiert habe.
    Und dennoch war der Zauberer, der diese Lust heraufbeschwor, weit entfernt,
je ins Rohe, Gemeine hinberzuspielen. Er griff irgendeinen Gegenstand, eine
Tagesneuigkeit auf, erzhlte Anekdoten, spielte das Gesprch geschickt weiter,
wute jedem seine tiefste Eigentmlichkeit zu entlocken und ergtzte durch
seinen lebhaften Witz, durch seine warme Darstellung, die durch alle
Schattierungen von dem tiefsten Gefhl der Wehmut, bis hinauf an jene Ausbrche
der Laune streifte, welche in dem sinnlichsten, reizendsten Kostm auf der
feinen Grenze des Anstandes gaukeln.
    Manchmal schien es zwar, es mchte weniger gefhrlich gewesen sein, wenn er
dem Heiligen, das er antastete, geradezu Hohn gesprochen, das Zarte, das er
benagte, geradezu zerrissen htte; jener zarte, geheimnisvolle Schleier, mit
welchem er dies oder jenes verhllte, reizte nur zu dem lsternen Gedanken,
tiefer zu blicken, und das ppige Spiel der Phantasie gewann in manchem Kpfchen
unsrer schnen Damen nur noch mehr Raum; aber man konnte ihm nicht zrnen, nicht
widersprechen; seine glnzenden Eigenschaften rissen unwiderstehlich hin, sie
umhllten die Vernunft mit sem Zauber, und seine khnen Hypothesen schlichen
sich als Wahrheit in das unbewachte Herz.

                                Zweites Kapitel


                             Der schauerliche Abend

So hatte der geniale Fremdling mich und noch zwlf bis fnfzehn Herren und Damen
in einen tollen Strudel der Freude gerissen. Beinahe alle waren ohne Zweck in
diesem Haus, und doch wagte keiner, den Gedanken an die Abreise sich auch nur
entfernt vorzustellen. Im Gegenteil, wenn wir morgens lange ausgeschlafen,
mittags lange getafelt, abends lange gespielt und nachts lange getrunken,
geschwatzt und gelacht hatten, schien der Zauber, der uns an dies Haus band, nur
eine neue Kette um den Fu geschlungen zu haben.
    Doch es sollte anders werden, vielleicht zu unserem Heil. An dem sechsten
Tage unseres Freudenreiches, einem Sonntag, war unser Herr v. Natas im ganzen
Gasthof nicht zu finden. Die Kellner entschuldigten ihn mit einer kleinen Reise;
er werde vor Sonnenuntergang nicht kommen, aber zum Tee, zur Nachttafel
unfehlbar da sein.
    Wir waren schon so an den Unentbehrlichen gewhnt, da uns diese Nachricht
ganz betreten machte, es war uns, als wrden uns die Flgel zusammengebunden und
man befehle uns zu fliegen.
    Das Gesprch kam, wie natrlich, auf den Abwesenden und auf seine
auffallende, glnzende Erscheinung. Sonderbar war es, da es mir nicht aus dem
Sinne kommen wollte, ich habe ihn, nur unter einer andern Gestalt, schon frher
einmal auf meinem Lebenswege begegnet; so abgeschmackt auch der Gedanke war, so
unwiderstehlich drngte er sich mir immer wieder auf. Aus frheren Jahren her
erinnerte ich mich nmlich eines Mannes, der in seinem Wesen, in seinem Blick
hauptschlich, groe hnlichkeit mit ihm hatte. Jener war ein fremder Arzt,
besuchte nur hie und da meine Vaterstadt, und lebte dort immer von Anfang sehr
still, hatte aber bald einen Kreis von Anbetern um sich versammelt. Die
Erinnerung an jenen Menschen war mir brigens fatal, denn man behauptete, da,
sooft er uns besucht habe, immer ein bedeutendes Unglck erfolgt sei, aber
dennoch konnte ich den Gedanken nicht loswerden, Natas habe die grte
hnlichkeit mit ihm, ja es sei eine und dieselbe Person.
    Ich erzhlte meinen Tischnachbarn den unablssig mich verfolgenden Gedanken
und die unangenehme Vergleichung eines mir so grausenhaften Wesens, wie der
Fremde in meiner Vaterstadt war, mit unserm Freunde, der so ganz meine Achtung
und Liebe sich erworben hatte; aber noch unglaublicher klingt es vielleicht,
wenn ich versichere, da meine Nachbarn ganz den nmlichen Gedanken hatten; auch
sie glaubten unter einer ganz andern Gestalt unsern geistreichen Gesellschafter
gesehen zu haben.
    Sie knnten einem ganz bange machen, sagte die Baronin von Thingen, die
nicht weit von mir sa. Sie wollen unsern guten Natas am Ende zum Ewigen Juden
oder Gott wei, zu was sonst noch machen!
    Ein kleiner ltlicher Herr, Professor in T., der seit einigen Tagen sich
auch an unsere Gesellschaft angeschlossen, und immer stillvergngt, hie und da
etwas weinselig, mitlebte, hatte whrend unserer vergleichenden Anatomie, wie
er es nannte, still vor sich hin gelchelt und mit kunstfertiger Schnelligkeit
seine ovale Dose zwischen den Fingern umgedreht, da sie wie ein Rad anzusehen
war.
    Ich kann mit meiner Bemerkung nicht mehr lnger hinter dem Berge halten,
brach er endlich los, wenn Sie erlauben, Gndigste, so halte ich ihn nicht
gerade fr den Ewigen Juden, aber doch fr einen ganz absonderlichen Menschen.
Solange er zugegen war, wollte wohl hie und da der Gedanke in mir aufblitzen,
Den hast du schon gesehen, wo war es doch? aber wie durch Zauber krochen diese
Erinnerungen zurck, wenn er mich mit dem schwarzen umherspringenden Auge
erfate.
    So war es mir gerade auch, mir auch, mir auch, riefen wir alle verwundert.
    Hm! he, hm! lachte der Professor. Jetzt fllt es mir aber von den Augen
wie Schuppen, da es niemand ist als der, den ich schon vor zwlf Jahren in
Stuttgart gesehen habe.
    Wie, Sie haben ihn gesehen und in welchen Verhltnissen? fragte Frau v.
Thingen eifrig, und errtete bald ber den allzu groen Eifer, den sie verraten
hatte.
    Der Professor nahm eine Prise, klopfte den Jabot aus und begann: Es mgen
nun ungefhr zwlf Jahre sein, als ich wegen eines Prozesses einige Monate in
Stuttgart zubrachte. Ich wohnte in einem der ersten Gasthfe und speiste auch
dort gewhnlich in groer Gesellschaft an der Wirtstafel. Einmal kam ich nach
einigen Tagen, in welchen ich das Zimmer hatte hten mssen, zum erstenmal
wieder zu Tisch. Man sprach sehr eifrig ber einen gewissen Herrn Barighi, der
seit einiger Zeit die Mittagsgste durch seinen lebhaften Witz, durch seine
Gewandtheit in allen Sprachen entzcke; in seinem Lob waren alle einstimmig, nur
ber seinen Charakter war man nicht recht einig, denn die einen machten ihn zum
Diplomaten, die andern zu einem Sprachmeister, die dritten zu einem hohen
Verbannten, wieder andere zu einem Spion. Die Tre ging auf, man war still,
beinahe verlegen, den Streit so laut gefhrt zu haben; ich merkte, da der
Besprochene sich eingefunden habe und sah -
    Nun? ich bitte Sie! denselben, der uns - denselben, der uns seit einigen
Tagen so trefflich unterhlt. Dies wre brigens gerade nichts bernatrliches,
aber hren Sie weiter: zwei Tage schon hatte uns Herr Barighi, so nannte sich
der Fremde, durch seine geistreiche Unterhaltung die Tafel gewrzt, als uns
einmal der Wirt des Gasthofs unterbrach: Meine Herren, sagte der Hfliche,
bereiten Sie sich auf eine kstliche Unterhaltung, die Ihnen morgen zuteil
werden wird, vor; der Herr Oberjustizrat Hasentreffer zog heute aus, und zieht
morgen ein.
    Wir fragten, was dies zu bedeuten habe, und ein alter grauer Hauptmann, der
schon seit vielen Jahren den obersten Platz in diesem Gasthof behauptete, teilte
uns den Schwank mit: Gerade dem Speisesaal gegenber wohnt ein alter
Junggeselle, einsam in einem groen den Haus; er ist Oberjustizrat auer
Dienst, lebt von einer anstndigen Pension, und soll berdies ein enormes
Vermgen besitzen.
    Derselbe ist aber ein kompletter Narr und hat ganz eigene Gewohnheiten, wie
z.B. da er sich selbst oft groe Gesellschaft gibt, wobei es immer flott
hergeht. Er lt zwlf Couverts aus dem Wirtshaus kommen, feine Weine hat er im
Keller, und einer oder der andere unsrer Marqueurs hat die Ehre zu servieren.
Man denkt vielleicht, er hat allerlei hungrige oder durstige Menschen bei sich?
Mitnichten! alte, gelbe Stammbuchbltter, auf jedem ein groes Kreuz, liegen auf
den Sthlen, dem alten Kauz ist aber so wohl, als wenn er unter den lustigsten
Kameraden wre; er spricht und lacht mit ihnen, und das Ding soll so greulich
anzusehen sein, da man immer die neuen Kellner dazu braucht, denn wer einmal
bei einem solchen Souper war, geht nicht mehr in das de Haus.
    Vorgestern war wieder ein Souper, und unser neuer Franz dort schwrt Himmel
und Erde, ihn bringe keine Seele mehr hinber. Den andern Tag nach dem Gastmahl
kommt dann die zweite Sonderbarkeit des Oberjustizrats. Er fhrt morgens frh
aus der Stadt, und kehrt erst den andern Morgen zurck; nicht aber in sein Haus,
das um diese Zeit fest verriegelt und verschlossen ist, sondern hierher ins
Wirtshaus.
    Da tut er dann ganz fremd gegen Leute, welche er das ganze Jahr tglich
sieht, speist zu Mittag, und stellt sich nachher an ein Fenster, und betrachtet
sein Haus gegenber von oben bis unten.
    Wem gehrt das Haus da drben? fragt er dann den Wirt.
    Pflichtmig bckt sich dieser jedesmal und antwortet: Dem Herrn
Oberjustizrat Hasentreffer, Ew. Exzellenz aufzuwarten. - Aber Herr Professor,
wie hngt denn Ihr toller Hasentreffer mit unserem Natas zusammen? fragte ich.
    Belieben Sie sich doch zu gedulden, Herr Doktor, antwortete jener, es
wird Ihnen gleich wie ein Licht aufgehen. Der Hasentreffer beschaut also das
Haus und erfhrt, da es dem Hasentreffer gehre. Ach! derselbe, der in Tbingen
zu meiner Zeit studierte? fragt er dann, reit das Fenster auf, streckt den
gepuderten Kopf hinaus, und schreit Ha-a-asentreffer - Ha-a-asentreffer.
    Natrlich antwortet niemand, er aber sagt dann, Der Alte wrde es mir nie
vergessen, wenn ich nicht bei ihm einkehrte, nimmt Hut und Stock, schliet sein
eigenes Haus auf, und so geht es nach wie vor.
    Wir alle, fuhr der Professor in seiner Erzhlung fort, waren sehr erstaunt
ber diese sonderbare Erscheinung, und freuten uns kniglich auf den morgenden
Spa. Herr Barighi aber nahm uns das Versprechen ab, ihn nicht verraten zu
wollen, indem er einen kstlichen Scherz mit dem Oberjustizrat vorhabe.
    Frher als gewhnlich versammelten wir uns an der Wirtstafel und belagerten
die Fenster. Eine alte baufllige Chaise wurde von zwei alten Kleppern die
Strae herangeschleppt, sie hielt vor dem Wirtshaus; Das ist der Hasentreffer,
der Hasentreffer, tnte es von aller Mund, und eine ganz besondere Frhlichkeit
bemchtigte sich unser, als wir das Mnnlein, zierlich gepudert, mit einem
stahlgrauen Rcklein angetan, ein mchtiges Meerrohr in der Hand, aussteigen
sahen. Ein Schwanz von wenigstens zehn Kellnern schlo sich ihm an; so gelangte
er ins Speisezimmer.
    Man schritt sogleich zur Tafel; ich habe selten so viel gelacht, als damals,
denn mit der grten Kaltbltigkeit behauptete der Alte, geraden Weges aus
Kassel zu kommen, und vor sechs Tagen in Frankfurt im Schwanen recht gut logiert
zu haben. Schon vor dem Dessert mute Barighi verschwunden sein, denn als der
Oberjustizrat aufstand, und sich auch die brigen Gste erwartungsvoll erhoben,
war er nirgends mehr zu sehen.
    Der Oberjustizrat stellte sich ans Fenster, wir alle folgten seinem
Beispiele und beobachteten ihn. Das Haus gegenber schien de und unbewohnt; auf
der Trschwelle sprote Gras, die Jalousien waren geschlossen, zwischen einigen
schienen sich Vgel eingebaut zu haben.
    Ein hbsches Haus da drben, begann der Alte zu dem Wirt, der immer in der
dritten Stellung hinter ihm stand. Wem gehrt es? Dem Oberjustizrat
Hasentreffer, Eurer Exzellenz aufzuwarten.
    Ei, das ist wohl der nmliche, der mit mir studiert hat? rief er aus; der
wrde mir es nie verzeihen, wenn ich ihm nicht meine Anwesenheit kundtte. Er
ri das Fenster auf, Hasentreffer - Hasentreffer, schrie er mit heiserer Stimme
hinaus - Aber wer beschreibt unseren Schrecken, als gegenber in dem den Haus,
das wir wohl verschlossen und verriegelt wuten, ein Fensterladen langsam sich
ffnete; ein Fenster tat sich auf, und heraus schaute der Oberjustizrat
Hasentreffer im zitzenen Schlafrock und der weien Mtze, unter welcher wenige
graue Lckchen hervorquollen; so, gerade so pflegte er sich zu Haus zu tragen.
Bis auf das kleinste Fltchen des bleichen Gesichtes, war der gegenber der
nmliche wie der, der bei uns stand. Aber Entsetzen ergriff uns, als der im
Schlafrock mit derselben heiseren Stimme ber die Strae herberrief: Was will
man, wem ruft man? he!
    Sind Sie der Herr Oberjustizrat Hasentreffer? rief der auf unserer Seite,
bleich wie der Tod, mit zitternder Stimme, indem er sich bebend am Fenster
hielt.
    Der bin ich, kreischte jener, und nickte freundlich grinsend mit dem Kopfe;
steht etwas zu Befehl?
    Ich bin er ja auch, rief der auf unserer Seite wehmtig, wie ist denn dies
mglich?
    Sie irren sich, Wertester, schrie jener herber, Sie sind der dreizehnte;
kommen Sie nur ein wenig herber in meine Behausung, da ich Ihnen den Hals
umdrehe; es tut nicht weh.
    Kellner, Stock und Hut! rief der Oberjustizrat, matt bis zum Tod, und die
Stimme schlich ihm in klglichen Tnen aus der hohlen Brust herauf. In meinem
Haus ist der Satan, und will meine Seele; - vergngten Abend meine Herrn; setzte
er hinzu, indem er sich mit einem freundlichen Bckling zu uns wandte, und dann
den Saal verlie.
    Was war das? fragten wir uns, sind wir alle wahnsinnig? -
    Der im Schlafrock schaute noch immer ganz ruhig zum Fenster hinaus, whrend
unser gutes altes Nrrchen in steifen Schritten ber die Strae stieg. An der
Haustre zog er einen groen Schlsselbund aus der Tasche, riegelte - der im
Schlafrock sah ihm ganz gleichgltig zu -, riegelte die schwere, knarrende
Haustre auf, und trat ein.
    Jetzt zog sich auch der andere vom Fenster zurck, man sah wie er dem
unsrigen an die Zimmertre entgegenging.
    Unser Wirt, die zehn Kellner waren alle bleich von Entsetzen und zitterten:
Meine Herren, sagte jener, Gott sei dem armen Hasentreffer gndig, denn einer
von beiden war der Leibhaftige. -
    Wir lachten den Wirt aus, und wollten uns selbst bereden, da es ein Scherz
von Barighi sei, aber der Wirt versicherte, es habe niemand in das Haus gehen
knnen, auer mit den beraus knstlichen Schlsseln des Rats, Barighi sei 10
Minuten, ehe das Grliche geschehen, noch an der Tafel gesessen, wie htte er
denn in so kurzer Zeit die tuschende Maske anziehen knnen, vorausgesetzt, auch
er htte sich das fremde Haus zu ffnen gewut. Die beiden seien aber einander
so greulich hnlich gewesen, da er, ein zwanzigjhriger Nachbar, den echten
nicht htte unterscheiden knnen. Aber um Gottes willen, meine Herrn, hren Sie
nicht das grliche Geschrei da drben?
    Wir sprangen ans Fenster, schreckliche trauervolle Stimmen tnten aus dem
den Hause herber, einigemal war es uns, als shen wir unsern alten
Oberjustizrat, verfolgt von seinem Ebenbild im Schlafrock am Fenster
vorbeijagen. Pltzlich aber war alles still.
    Wir sahen einander an; der Beherzteste machte den Vorschlag, hinberzugehen;
alle stimmten berein. Man zog ber die Strae, die groe Hausglocke an des
Alten Haus tnte dreimal, aber es wollte sich niemand hren lassen: da fing uns
an zu grauen; wir schickten nach der Polizei und dem Schlosser, man brach die
Tre auf, der ganze Strom der Neugierigen zog die breite, stille Treppe hinauf,
alle Tren waren verschlossen; eine ging endlich auf, in einem prachtvollen
Zimmer lag der Oberjustizrat im zerrissenen stahlfarbigen Rcklein, die
zierliche Frisur schrecklich verzaust, tot, erwrgt auf dem Sofa.
    Von Barighi hat man weder in Stuttgart, noch sonst irgendwo jemals eine Spur
gesehen.

                                Drittes Kapitel


                             Der schauervolle Abend

                                 (Fortsetzung)

Der Professor hatte seine Erzhlung geendet, wir saen eine gute Weile still und
nachdenkend. Das lange Schweigen ward mir endlich peinlich, ich wollte das
Gesprch wieder anfachen, aber auf eine andere Bahn bringen, als mir ein Herr
von mittleren Jahren in reicher Jagduniform, wenn ich nicht irre, ein
Oberforstmeister aus dem Nassauischen, zuvorkam.
    Es ist wohl jedem von uns schon begegnet, da er unzhlige Male fr einen
andern gehalten wurde, oder auch Fremde fr ganz Bekannte anredete, und
sonderbar ist es, ich habe diese Bemerkung oft in meinem Leben besttigt
gefunden, da die Verwechslung weniger bei jenen platten, alltglichen,
nichtssagenden Gesichtern, als bei auffallenden, eigentlich interessanten
vorkommt.
    Wir wollten ihm seine Behauptung als ganz unwahrscheinlich verwerfen, aber
er berief sich auf die wirklich interessante Erscheinung unseres Natas; Jeder
von uns gesteht, sagte er, da er dem Gedanken Raum gegeben, unsern Freund,
nur unter anderer Gestalt, hier oder dort gesehen zu haben, und doch sind seine
scharfen Formen, sein gebietender Blick, sein gewinnendes Lcheln ganz dazu
gemacht, auf ewig sich ins Gedchtnis zu prgen.
    Sie mgen so unrecht nicht haben, entgegnete Flahof, ein preuischer
Hauptmann, der auf die Strafe des Arrestes hin, schon zwei Tage bei uns
gezaudert hatte, nach Koblenz in seine Garnison zurckzukehren, Sie mgen recht
haben; ich erinnere mich einer Stelle aus den launigen Memoiren des
italienischen Grafen Gozzi, die ganz fr Ihre Behauptung spricht: Jedermann,
sagt er, hat den Michele d'Agata gekannt und wei, da er einen Fu kleiner und
wenigstens um zwei dicker war, als ich, und auch sonst nicht die geringste
hnlichkeit in Kleidung und Physiognomie mit mir gehabt hat.
    Aber lange Jahre hatte ich alle Tage den Verdru, von Sngern, Tnzern,
Geigern und Lichtputzern als Herr Michele d'Agata angeredet zu sein und lange
Klagen ber schlechte Bezahlung, Forderungen usw. anhren zu mssen. Selten
gingen sie berzeugt von mir weg, da ich nicht Michele d'Agata sei.
    Einst besuchte ich in Verona eine Dame; das Kammermdchen meldet mich an,
Herr Agata. Ich trat hinein und ward als Michele d'Agata begrt und
unterhalten, ich ging weg und begegnete einem Arzt, den ich wohl kannte; Guten
Abend, Herr Agata, war sein Gru, indem er vorberging. Ich glaubte am Ende
beinahe selbst, ich sei der Michele d'Agata.
    Ich wute dem guten Hauptmann Dank, da er uns aus den ngstigenden
Phantasien, welche die Erzhlung des Professors in uns aufgeregt hatte, erlste.
Das Gesprch flo ruhiger fort, man stritt sich um das Vorrecht ganzer Nationen,
einen interessanten Gesichterschnitt zu haben, ber den Einflu des Geistes auf
die Gesichtszge berhaupt und auf das Auge insbesondere, man kam endlich auf
Lavater und Konsorten; Materien, die ich hundertmal besprochen, mochte ich nicht
mehr wiederkuen, ich zog mich in ein Fenster zurck. Bald folgte mir der
Professor dahin nach, um gleich mir die Gesichter der Streitenden zu betrachten.
    Welch ein leichtsinniges Volk, seufzte er, ich habe sie jetzt soeben
gewarnt und die Hlle ihnen recht hei gemacht, ja sie wagten in keine Ecke mehr
zu sehen, aus Furcht, der Leibhaftige mchte daraus hervorgucken, und jetzt
lachen sie wieder und machen tolle Streiche, als ob der Versucher nicht immer
umherschliche?
    Ich mute lachen ber die Amtsmiene, die sich der Professor gab; Noch nie
habe ich das schne Talent eines Vesperpredigers an Ihnen bemerkt, sagte ich,
aber Sie setzen mich in Erstaunen durch Ihre khnen Angriffe auf die bse Welt
und auf den Argen selbst. Bilden Sie sich denn wirklich ein, dieser harmlose
Natas...
    Harmlos nennen Sie ihn? unterbrach mich der Professor, heftig meine Brust
anfassend, harmlos? Haben Sie denn nicht bemerkt, flsterte er leiser, da
alles bei diesem feinen.... Herrn berechneter Plan ist. Oh, ich kenne meine
Leute!
    Sie setzen mich in Erstaunen, wie meinen Sie denn?
    Haben Sie nicht bemerkt, fuhr er eifrig fort, da der gebildete Herr
Oberforstmeister dort mit Leib und Seele sein ist, weil er ihm fnf Nchte
hindurch alles Geld abjagte, und den Ausgebeutelten gestern nacht
fnfzehnhundert Dukaten gewinnen lie? Er nennt den abgefeimten Spieler einen
Mann von den nobelsten Sentiments und schwrt auf Ehre, er msse ber die Hlfte
wieder an den Fremden verlieren, sonst habe er keine Ruhe. - Haben Sie ferner
nicht bemerkt, wie er den konomierat gekrnt hat?
    Ich habe wohl gesehen, antwortete ich, da der konomierat, sonst so
moros und misanthrop, jetzt ein wenig aufgewacht ist, aber ich habe es dem
allgemeinen Einflu der Gesellschaft zugeschrieben.
    Behte. Er luft schon seit zwanzig Jahren in den Gesellschaften umher und
wacht doch nicht auf; auf dem Weg ist er ein Bruder Lderlich zu werden; der
Esel reist krank im Lande umher, behauptet einen groen Wurm im Leib zu haben
und macht allen Leuten das Leben sauer mit seinen exorbitanten Behauptungen, und
jetzt? jetzt hat ihn dieser Wundermann erwischt, gibt ihm ein Plverlein, und
rt ihm, nicht wie ein anderer vernnftiger Arzt, Dit und Migkeit, sondern er
soll seine Jugend, wie er die fnfzig Jahre des alten Wurms nennt, genieen,
viel Wein trinken etc., und das et cetera und den Wein bentzt er seit vier
Tagen rger als der verlorne Sohn.
    Und darber knnen Sie sich rgern, Herr Professor? der Mann ist sich und
dem Leben wiedergeschenkt -
    Nicht davon spreche ich, entgegnete der Eifrige, der alte Snder knnte
meinetwegen heute noch abfahren; sondern da er sich dem nchsten besten
Charlatan anvertraut und sich also ruinieren mu, ich habe ihn vor acht Jahren
in der Kur gehabt, und es besserte sich schon zusehends.
    Der Eifer des guten Professors war mir nun einigermaen erklrlich, der
liebe Brotneid schaute nicht undeutlich heraus. -
    Und unsere Damen? fuhr er fort, die sind nun rein toll. Mich dauert nur
der arme Trbenau, ich kenne ihn zwar nicht, aber bermorgen soll er hier
ankommen, und wie findet er die gndige Frau? Hat man je gehrt, da eine junge
gebildete Frau in den ersten Jahren einer glcklichen Ehe sich in ein solches
Verhltnis mit einem ganz fremden Menschen einlt, und zwar innerhalb fnf
Tagen! -
    Wie, die schne, bleiche Frau dort? rief ich aus.
    Die nmliche bleiche, antwortete er, vor vier Tagen war sie noch schn
rot, wie eine Zentifolie, da begegnet ihr der Interessante auf der Strae,
fragt, wohin sie gehe, hrt kaum, da sie rouge fin kaufen wolle (denn solche
Toilettengeheimnisse auszuplaudern, heit bon ton), so bittet und fleht er, sie
solle doch kein Rot auflegen, sie habe ein so interessantes je-ne-sais-quoi, das
zu einem blassen Teint viel besser stehe. Was tut sie? wahrhaftig, sie geht in
den nchsten Galanterieladen und sucht weie Schminke; ich war gerade dort, um
ein Pfeifenrohr zu erstehen, da hre ich sie mit ihrer sen Stimme den
rauhhrigen Bren von einem Ladendiener fragen, ob man das Wei nicht noch etwas
therischer habe? Hol mich der T....! hat man je so was gehrt?
    Ich bedauerte den Professor aufrichtig, denn wenn ich nicht irrte, so suchte
er von Anfang die Aufmerksamkeit der schnen Frau auf den schon etwas
verschossenen Einband seiner gelehrten Seele zu ziehen. Da es aber mit Natas
und der Trbenau nicht ganz richtig war, sah ich selbst; von der
Schminkgeschichte, die jenen so sehr erboste, wute ich zwar nichts, aber wer
sich auf die Exegese der Augen verstand, hatte keinen weitern Kommentar ntig,
um die gegenseitige Annherung daraus zu erlutern.
    Der Professor hatte, in tiefe Gedanken versunken, eine Zeitlang geschwiegen;
er erhob jetzt sein Auge durch die Brille an die Decke des Zimmers, wo allerlei
Engelein in Gips aufgetragen waren; Himmel, seufzte er, und die Thingen hat
er auch; Sie glauben nicht, welcher Reiz in diesem ewig heitern Auge, in diesen
Grbchen auf den blhenden Wangen, in dem Schmelz ihrer Zhne, in diesen
frischen, zum Ku geffneten Lippen, in diesen weichen Armen, in diesen runden
vollen Formen der schwellenden -
    Herr Professor! rief ich, erschrocken ber seine Ekstase, und schttelte
ihn am Arm ins Leben zurck. Sie geraten auer sich, Wertester, belieben Sie
nicht eine Prise Spaniol?
    Er hat sie auch, fuhr er zhneknirschend fort, haben Sie nicht bemerkt,
mit welcher Hast sie vorhin nach seinen Verhltnissen fragte? wie sie rot ward?
Jung, schn, wohlhabend, Witwe - sie hat alles, um eine angenehme Partie zu
machen; geistreiche Mnner von Ruf in der literarischen Welt, buhlen um ihre
Gunst, sie wirft sie an einen - Landstreicher hin; ach, wenn Sie wten, bester
Doktor, was mir neulich der Oberkellner aber mit der grten Diskretion; da man
ihn vorgestern nachts aus ihrem Zimmer...
    Ich bitte, verschonen Sie mich, fiel ich ein, gestehen Sie mir lieber, ob
der Wundermensch Sie selbst noch nicht unter den Pantoffel gebracht hat.
    Das ist es eben, antwortete der Befragte verlegen lchelnd, das ist es,
was mir Kummer macht. Sie wissen, ich lese ber Chemie; er brachte einmal das
Gesprch darauf, und entwickelte so tiefe Kenntnisse, deckte so neue und khne
Ideen auf, da mir der Kopf schwindelte; ich mchte ihm um den Hals fallen und
um seine Hefte und Notizen bitten, es zieht mich mit unwiderstehlicher
Geisterkraft in seine Nhe, und doch knnte ich ihm mit Freuden Gift
beibringen.
    Wie komisch war die Wut dieses Mannes, er ballte die Faust und fuhr damit
hin und her, seine grnen Brillenglser funkelten wie Katzenaugen, sein kurzes
schwarzes Haar schien sich in die Hhe zu richten.
    Ich suchte ihn zu besnftigen; ich stellte ihm vor, da er ja nicht rger
losziehen knnte, wenn der Fremde der Teufel selbst wre; aber er lie mich
nicht zum Worte kommen.
    Er ist es, der Satan selbst logiert hier in den Drei Reichskronen, rief
er, um unsere Seelen zu angeln. Ja, du bist ein guter Fischer, und hast eine
feine Nase, aber ein ....r Professor, wie ich, der sogar in demagogischen
Untersuchungen die Lunte gleich gerochen, und eigens deswegen hieher nach Mainz
gereist ist, ein solcher hat noch eine feinere als du.
    Ein heiseres Lachen, das gerade hinter meinem Rcken zu entstehen schien,
zog meine Aufmerksamkeit auf sich; ich wandte mich um, und glaubte Natas
hhnisch durch die Scheiben hereingrinsen zu sehen. Ich ergriff den Professor am
Arm, um ihm die sonderbare Erscheinung zu zeigen, denn das Zimmer lag einen
Stock hoch; dieser aber hatte weder das Lachen gehrt, noch konnte er meine
Erscheinung sehen; denn als er sich umwandte, sah nur die bleiche Scheibe des
Mondes durch die Fenster dort, wo ich vorhin das greulich verzerrte Gesicht des
geheimnisvollen Fremdlings zu sehen geglaubt hatte.
    Ehe ich noch recht mit mir einig war, ob das, was ich gesehen, Betrug der
Sinne, Ausgeburt einer aufgeregten Phantasie oder Wirklichkeit war, ward die
Tre aufgerissen, und Herr von Natas trat stolzen Schrittes in das Zimmer. Mit
sonderbarem Lcheln ma er die Gesellschaft, als wisse er ganz gut, was von ihm
gesprochen worden sei, und ich glaubte zu bemerken, da keiner der Anwesenden
seinen forschenden Blick auszuhalten vermochte.
    Mit der ihm so eigenen Leichtigkeit hatte er der Trbenau gegenber, neben
der Frau von Thingen Platz genommen, und die Leitung der Konversation an sich
gerissen. Das bse Gewissen lie den Professor nicht an den Tisch sitzen, mich
selbst fesselte das Verlangen, diesen Menschen einmal aus der Ferne zu
beobachten, an meinem Platz im Fenster. Da bemerkten wir denn das Augenspiel
zwischen Frau v. Trbenau und dem gewandtesten der Liebhaber, der, indem er der
Tochter des konomierats so viel Verbindliches zu sagen wute, da sie einmal
ber das andere bis unter die breiten Brler Spitzen ihrer Busenkrause
errtete, das feingeformte Fchen der Frau von Thingen auf seinem
blankgewichsten Stiefel tanzen lie.
    Drei Mcken auf einen Schlag, das heie ich doch - meiner Seel, aller Ehre
wert, brummte der zornglhende Professor, dem jetzt auch seine letzte
Ressource, die konomische Schne, so was man sagt, vor dem Mund weggeschnappt
werden sollte. Mit tnenden Schritten ging er an den Tisch, nahm sich einen
Stuhl und setzte sich, breit wie eine Mauer, neben seine Schne. Doch diese
schien nur Ohren fr Natas zu haben, denn sie antwortete auf seine Frage, ob sie
sich wohl befinde, bermorgen, und als er voll Gram die Anmerkung hinwarf, sie
scheine sehr zerstreut, meinte sie I fl. 30 kr. die Elle.
    Ich sah jetzt einem unangenehmen Auftritt entgegen. Der Professor, der nicht
daran dachte, da er durch ein Sonett oder Triolett alles wieder gut machen, ja
durch ein paar ottave rime sich sogar bei der Trbenau wieder insinuieren
knnte, widersprach jetzt geradezu jeder Behauptung, die Natas vorbrachte; und
ach! nicht zu seinem Vorteil; denn dieser, in der Dialektik dem guten
Kathedermann bei weitem berlegen, fhrte ihn so aufs Eis, da die leichte Decke
seiner Logik zu reien und er in ein Chaos von Widersprchen hinabzustrzen
drohte.
    Eine lieblich duftende Bowle Punsch unterbrach einige Zeit den Streit der
Zunge, gab aber dafr Anla zu desto feindseligeren Blicken zwischen Frau von
Trbenau und Frau von Thingen. Diese hatte, ihrer schnen runden Arme sich
bewut, den gewaltigen silbernen Lffel ergriffen, um beim Eingieen die ganze
Grazie ihrer Haltung zu entwickeln; jene aber kredenzte die gefllten Becher mit
solcher Anmut, mit so liebevollen Blicken, da das Bestreben, sich gegenseitig
soviel als mglich Abbruch zu tun, unverkennbar war.
    Als aber der sehr starke Punsch die leisen Schauer des Herbstabends
verdrngt hatte, als er anfing, die Wangen unserer Damen hher zu frben, und
aus den Augen der Mnner zu leuchten, da schien es mir mit einem Mal, als sei
man, ich wei nicht wie, aus den Grenzen des Anstands herausgetreten; allerlei
dumme Gedanken stiegen in mir auf und nieder, das Gesprch schnurrte und summte
wie ein Mhlrad, man lachte und jauchzte und wute nicht ber was? man kicherte
und neckte sich, und der Oberforstmeister brachte sogar ein Pfnderspiel mit
Kssen in Vorschlag. Pltzlich hrte ich jenes heisere Lachen wieder, das ich
vorhin vor dem Fenster zu hren glaubte; wirklich, es war Natas, der dem
Professor zuhrte, und trotz dem Eifer und Ernst, mit welchem dieser alles
vorbrachte, alle Augenblicke in sein heiseres Gelchter ausbrach.
    Nicht wahr, meine Herren und Damen, schrie der Punsch aus dem Professor
heraus, Sie haben vorhin selbst bemerkt, da unser verehrter Freund dort jedem
von Ihnen, nur in anderer Gestalt, schon begegnet ist? Sie schweigen? Ist das
auch Rson, einen so im Sand sitzen zu lassen? Herr Oberforstmeister! Frau von
Thingen, gndige Frau! sagen Sie selbst; namentlich Sie, Herr Doktor!
    Wir befanden uns durch die Indiskretion des Professors in groer
Verlegenheit; ich erinnere mich, gab ich zur Antwort, als alles schwieg, von
interessanten Gesichtern und ihren Verwechslungen gesprochen zu haben, und wenn
ich nicht irre, wurde auch Herr von Natas aufgefhrt.
    Der Benannte verbeugte sich, und meinte, es sei gar zuviel Ehre, ihn unter
die Interessanten zu zhlen; aber der Professor verdarb wieder alles.
    Was da! ich nehme kein Blatt vor den Mund! sagte er, ich behauptete, da
mir ganz unheimlich in Dero Nhe sei, und erzhlte, wie Sie in Stuttgart den
armen Hasentreffer erwrgt haben; wissen Sie noch, gndiger Herr?
    Dieser aber stand auf, lief mit schrillendem Gelchter im Zimmer umher und
pltzlich glaubte ich den unglckbringenden Doktor meiner Vaterstadt vor mir zu
haben; es war nicht mehr Natas, es war ein lterer, unheimlicher Mensch.
    Da hat man's ja deutlich, rief der Professor, dort luft er als Barighi
umher.
    Barighi? entgegnete Frau von Trbenau, bleiben Sie doch mit Ihrem Barighi
zu Hause, es ist ja unser lieber Privatsekretr Gruber, der da hereingekommen
ist.
    Ich mchte doch um Verzeihung bitten, gndige Frau, unterbrach sie der
Oberforstmeister, es ist der Spieler Maletti, mit dem ich in Wiesbaden letzten
Sommer assosiert war.
    Ha! Ha! wie man sich doch tuschen kann, sprach Frau von Thingen, den auf
und ab Gehenden durch die perlmutterne Brille beschauend, es ist ja niemand
anders, als der Kapellmeister Schmalz, der mir die Gitarre beibringt.
    Warum nicht gar, brummte der alte konomierat, es ist der lustige
Kommissr, der mir die gute Brotlieferung an das Spital in D - n verschaffte.
    Ach! Papa, kicherte sein Tchterlein, jener war ja schwarz und dieser ist
blond! Kennen Sie denn den jungen Landwirt nicht mehr, der sich bei uns ins
Praktische einschieen wollte?
    Hol mich der Kuckuck und alle Wetter, schrie der preuische Hauptmann,
das ist der verfluchte Ladenprinz und Ellenreiter, der mir mein Lorchen
wegfischte! Auf Pistolen fordere ich den Hund, gleich morgen, gleich jetzt. Er
sprang auf und wollte auf den immer ruhig auf und ab Gehenden losstrzen; der
Professor aber packte ihn am Arm: Bleiben Sie weg, Wertester! schrie er, ich
hab's gefunden, ich hab's gefunden, kehrt seinen Namen um, es ist der Satan!

                                Viertes Kapitel


                                 Das Manuskript

So viel als ich hier niedergeschrieben habe, lebt von diesem Abend noch in
meiner Erinnerung; doch kostete es geraume Zeit, bis ich mich auf alles wieder
besinnen konnte; ich mu in einem langen, tiefen Schlaf gewesen sein, denn als
ich erwachte, stand Jean vor mir und fragte, indem er die Gardine fr die
Morgensonne ffnete, ob jetzt der Kaffee gefllig sei?
    Es war eilf Uhr; wo war denn die Zeit zwischen gestern und heute
hingegangen? Meine erste Frage war, wie ich denn zu Bett gekommen sei?
    Der Kellner staunte mich an und meinte mit sonderbarem Lcheln, das msse
ich besser wissen, als er.
    Ah! ich erinnere mich, sagte ich leichthin, um meine Unwissenheit zu
verbergen, nach der Abendtafel....
    Verzeihen der Herr Doktor, unterbrach mich der Geschwtzige; Sie haben
nicht soupiert; Sie waren ja alle zu Tee und Punsch auf Nr. 15.
    Richtig, auf Nr. 15, wollte ich sagen; ist der Herr Professor schon auf?
    Wissen Sie denn nicht, da sie schon abgereist sind? fragte der Kellner.
    Kein Wort! versicherte ich staunend.
    Er lt sich Ihnen noch vielmal empfehlen, und Sie mchten doch in T. bei
ihm einsprechen; auch lt er Sie bitten, seiner und des gestrigen Abends recht
oft zu gedenken, er habe es ja gleich gesagt.
    Aha, ich wei schon, sagte ich, denn mit einem Mal fiel mir ein Teil des
gestern Erlebten ein; wann ist er denn abgereist?
    Gleich in der Frhe, antwortete jener, noch vor dem konomierat und dem
Herrn Oberforstmeister.
    Wie? so sind auch diese weggereist?
    Ei ja! rief der staunende Kellner, so wissen Sie auch das nicht? auch
nicht, da Frau von Thingen und die gndige Frau von Trbenau -
    Sie sind auch nicht mehr hier?
    Kaum vor einer halben Stunde sind die gndige Frau weggefahren,
versicherte jener. Ich rieb mir die Augen, um zu sehen, ob ich nicht trume,
aber es war und blieb so; Jean stand nach wie vor an meinem Bette und hielt das
Kaffeebrett in der Hand.
    Und Herr von Natas? fragte ich kleinlaut.
    Ist noch hier; ach das ist ein goldener Herr, wenn der nicht gewesen wre,
wir wren heute nacht in die grte Verlegenheit gekommen.
    Wieso?
    Nun bei der Fatalitt mit der Frau von Trbenau; wer htte aber auch dem
gndigen Herrn zugetraut, da er so gut zur Ader zu lassen verstnde?
    Zur Ader lassen? Herr von Natas?
    Ich sehe, der Herr Doktor sind sehr frhzeitig zu Bette gegangen, und haben
eine ruhigere Nacht gehabt, als wir; Jean belehrte mich in leichtfertigem Ton:
es mochte kaum eilf Uhr gewesen sein, die Geschichte mit der Polizei war schon
vorbei -
    Was fr eine Geschichte mit der Polizei?
    Nun, Nr. 15 ist vorn heraus, und weil, mit Permi zu sagen, dort ein ganz
hllischer Lrm war, so kam die Runde ins Haus und wollte abbieten; Herr von
Natas aber, der ein guter Bekannter des Herrn Polizeilieutenants sein mu,
beruhigte sie, da sie wieder weitergingen. Also gleich nachher kam das
Kammermdchen der Frau von Trbenau herabgestrzt, ihre gndige Frau wolle
sterben. Sie knnen sich denken, wie unangenehm so etwas in einem Gasthof nachts
zwischen eilf und zwlf Uhr ist. Wir wie der Wind hinauf, auf der Treppe
begegnet uns Herr von Natas, fragt, was das Rennen und Laufen zu bedeuten habe,
hrt kaum wo es fehlt, so luft er in sein Zimmer, holt sein Etui, und ehe fnf
Minuten vergehen, hat er der gndigen Frau am Arm mit der Lanzette eine Ader
geffnet, da das Blut in einem Bogen aufsprang; sie schlug die Augen wieder auf
und es war ihr bald wohl, doch versprach Herr von Natas, bei ihr zu wachen.
    
    Ei! was Sie sagen, Jean! rief ich voll Verwunderung.
    Ja warten Sie nur! kaum ist eine Stunde vorbei, so ging der Tanz von neuem
los; auf Nr. 18 lutete es, da wir meinten, es brenne drben in Kassel; des
Herrn konomierats Rosalie hatte ihre histrionischen Anflle bekommen; der Alte
mochte ein Glas ber Durst haben, denn er sprach vom Teufel, der ihn und sein
Kind holen wolle; wir wuten nichts anderes, als wieder unsere Zuflucht zu Herrn
von Natas zu nehmen; er hatte versprochen, bei Frau von Trbenau mit dem
Kammermdchen zu wachen; aber lieber Gott! geschlafen mu er haben wie ein
Dachs, denn wir pochten drei-, viermal, bis er uns Antwort gab, und die
Kammerkatze war nun gar nicht zu erwecken.
    Nun, und lie er der schnen Rosalie zur Ader?
    Nein, er hat ihr, wie mir Lieschen sagte, Senfteig zwei Handbreit aufs Herz
gelegt, darauf soll es sich bald gegeben haben.
    Armer Professor! dachte ich, dein hbsches Rschen mit ihren sechzehn
Jhrchen, und dieser Natas in traulicher Stille der Nacht, ein Pflaster auf das
pochende Herz pappend.
    Der Herr Papa konomierat war wohl sehr angegriffen durch die Geschichte?
fragte ich, um ber die Sache ins klare zu kommen.
    Es schien nicht, denn er schlief schon, ehe noch Lieschen mit dem
Hirschhorngeist aus der Apotheke zurckkam. Aber es lutet im zweiten Stock und
das gilt mir. Er sprach's und flog pfeilschnell davon.
    So war also mit einem Male die lustige Gesellschaft zerstoben; und doch
wute ich nicht, wie dies alles so pltzlich kommen konnte. Ich entsann mich
zwar, da gestern bei dem Punsch etwas Sonderbares vorgefallen war; was es aber
gewesen sein mochte, konnte ich mich nicht erinnern.
    Sollte Natas mir Aufschlu geben knnen? Doch, wenn ich recht nachsann, mit
Natas war etwas vorgefallen; der Professor schwankte in meiner Erinnerung umher
- am besten deuchte mir, zu Natas zu gehen und ihn um die Ursache des schnellen
Aufbruchs zu befragen.
    Ich warf mich in die Kleider, und ehe ich noch ganz mit der kurzen Toilette
fertig war, brachte mir ein Lohnlakai folgendes Billet:

Ew. Wohlgeboren wrden mich unendlich verbinden, wenn Sie vor meiner Abreise
von hier, die auf den Mittag festgesetzt ist, mich noch einmal besuchen wollten.
                                                                      v. Natas.
Neugierig folgte ich diesem Ruf und traf den Freund reisefertig zwischen Koffern
und Kstchen stehen. Er kam mir mit seiner gewinnenden Freundlichkeit entgegen,
doch genierte mich ein unverkennbarer Zug von Ironie, der heute um seinen Mund
spielte, und den ich sonst nie an ihm bemerkt hatte.
    Er lachte mich aus, da ich mich vor den Damen als schwachen Trinker
ausgewiesen und einen Haarbeutel mir umgeschnallt habe, erzhlte mir, da ich
selig entschlafen sei, und fragte mit einem lauernden Blick, was ich noch von
gestern nacht wisse.
    Ich teilte ihm meine verworrenen Erinnerungen mit, er belachte sie herzlich,
und nannte sie Ausgeburten einer kranken Phantasie.
    Die Abreise der ganzen Gesellschaft gab er einer groen Herbstfeierlichkeit
schuld, welche in Worms gehalten werde; sie seien alle, sogar der morose
konomierat dorthin gereist; ihn selbst aber rufen seine Geschfte den Rhein
hinab.
    Die Zuflle der Trbenau und der schnen Rosalie ma er dem starken Punsch
bei, und freute sich, durch Liebhaberei gerade so viele medizinische Kenntnisse
zu besitzen, um bei solchen kleinen Zufllen helfen zu knnen.
    Wir hrten den Wagen vorfahren, der Kellner meldete dies und brachte von dem
dankbaren Hotel eine Flasche des ltesten Rheinweins. Natas hatte sie verdient,
denn wahrlich nur er hatte uns so lange hier gefesselt.
    Sie sind Schriftsteller, lieber Doktor? fragte er mich, whrend wir den
narkotisch duftenden Abschiedstrunk ausschlrften.
    Wer pfuscht nicht heutzutage etwas in die Literatur? antwortete ich ihm;
ich habe mich frher als Dichter versucht, aber ich sah bald genug ein, da ich
nicht fr die Unsterblichkeit singe. Ich griff daher einige Tne tiefer und
bersetzte unsterbliche Werke fremder Nationen frs liebe deutsche Publikum.
    Er lobte meine bescheidene Resignation, wie er es nannte, und fragte mich,
ob ich mich entschlieen knnte, die Memoiren eines berhmten Mannes, die bis
jetzt nur im Manuskript vorhanden seien, zu bersetzen? Vorausgesetzt, da Sie
dechiffrieren knnen, ist es eine leichte Arbeit fr Sie, da ich Ihnen den
Schlssel dazu geben wrde, und das Manuskript im Hochdeutschen abgefat ist.
    Ich zeigte mich, wie natrlich, sehr bereitwillig dazu, dechiffrieren
verstand ich frher und hoffte es mit wenig bung vollkommen zu lernen. Er
schlo ein schnes Kstchen von rotem Saffian auf, und berreichte mir ein
vielfach zusammengebundenes Manuskript. Die Zeichen krochen mir vor dem Auge
umher wie Ameisen in ihren aufgestrten Hgelchen, aber er gab mir den Schlssel
seiner Geheimschrift und die Arbeit schien mir noch einmal so leicht.
    Wir umarmten uns und sagten uns Lebewohl; unter warmem Dank fr seine Gte,
die er noch zuletzt fr mich gehabt, fr die schnen Tage, die er uns bereitet
habe, begleitete ich ihn an den Wagen; die Wagentre schlo sich, der Postillion
hieb auf seine vier Rosse, sie zogen an und die interessante Erscheinung flog
von hinnen; aber aus dem Innern des Wagens glaubte ich jenes heisere Lachen zu
vernehmen, das ich von gestern her unter den Bruchstcken meiner Erinnerung
bewahrte.
    Als ich die Treppe hinanstieg, hndigte mir der Oberkellner einen Brief ein.
Der Professor habe ihm solchen zu meinen eigenen Hnden zu bergeben befohlen;
ich ri ihn auf -
    Verehrter, Wertgeschtzter!
    Ich bin im Begriff, mein Ro zu besteigen und aus dieser Hhle des
brllenden Lwen zu entfliehen. Ich sage Ihnen schriftlich Lebewohl, weil Sie
aus der todhnlichen Betubung, die Sie hrter als uns alle befallen hat, nicht
zu wecken sind. Da unser frhliches Zusammenleben so schauerlich endigen mute!
Nicht wahr, lieber Zweifler, jetzt haben Sie es ja klar, da dieser Natas nichts
anderes als der leibhaftige Satan war!
    Er schaut mir vielleicht in diesem Augenblick ber die Schulter und liest,
was ich sage, aber dennoch schweige ich nicht. Den armen konomierat und sein
Tchterlein, die blasse Trbenau, meine schne Thingen, den Hauptmann und den
Oberforstmeister hat er in seinem Netz. Gott gebe, da er Sie nicht auch
gekdert hat. Mich hat er halb und halb, denn ich habe allzu tief eingebissen,
in seine mit chemischen Ideen bespickte Angel. Ich reie mich los und mache, da
ich fortkomme.
    Adieu Bester! Montag den 7. Oktober, frh 6 Uhr.
    Jetzt kehrten meine Erinnerungen in Scharen zurck. Ja, es war der Teufel,
der sein Spiel mit uns gespielt hatte; es war der Teufel dem es gestern Spa
gemacht hatte, uns zu ngstigen; es muten des Teufels Memoiren sein, die ich in
der Hand hielt.
    Wer stand mir aber dafr, da diese Schriftzge mir nicht durch die Augen
ins Hirn hinaufkrochen und mich wahnsinnig machten; und konnte ich mich nicht
gerade dadurch, da ich den Dechiffreur und Dekopisten des Satans machte,
unbewut in seine Leibeigenschaft hineinschreiben?
    Ich packte die Handschrift in meinen Koffer und reiste dem Professor nach,
um ihn um Rat zu fragen. Aber in Worms traf ich keine Spur von irgendeinem der
lustigen Gesellschaft in den Drei Reichskronen. Entweder hat sie der Satan
eingeholt, und in seinem achtsitzigen Wagen in sein ewiges Reich gehaudert, oder
hatte er mich in den April geschickt. Das letztere schien mir wahrscheinlicher.
    In Worms aber traf ich einen frommen Geistlichen, der an der Domkirche
angestellt war. Ich trug ihm meinen Fall vor, und erhielt den Bescheid, ich
solle so viele Messen darber lesen lassen, als das Manuskript Bogen enthalte.
Der Rat schien mir nicht bel. Ich reiste in meine Heimat und schickte am
nchsten Sonntag den ersten Satans-Bogen in die Kirche. Probatum est; am Montag
fing ich an, zu dechiffrieren, und habe noch nicht das geringste Spukhafte weder
an dem Papier noch an mir bemerkt.
    Von meinen Genossen in Mainz habe ich indessen wenig mehr gehrt. Der
Professor fhrt fort, durch seine Entdeckungen in der Chemie zu glnzen, und ich
frchte, er ist auf dem Wege, dem Satan Gehr zu geben, der ihn zu einem
Berzelius machen will. Der Hauptmann soll sich erschossen haben, Frau von
Thingen aber, die schne Witwe, hat, nach einer Anzeige im Hamburger
Correspondenten, vor nicht gar langer Zeit wieder geheiratet.

                                       I



           Die Studien des Satan auf der berhmten Universitt ....en

 Betrogene Betrger!
 Eure Ringe sind alle drei nicht echt;
 der echte Ring vermutlich ging verloren.
                                                         Lessing, Nathan. III. 7


                                Fnftes Kapitel

                            Einleitende Bemerkungen

Alle Welt schreibt oder liest in dieser Zeit Memoiren; in den Salons der groen
und kleinen Residenzen, in den Ressourcen und Kasinos der Mittelstdte, in den
Tabagien und Kneipen der kleien spricht man von Memoiren, urteilt nach Memoiren
und erzhlt nach Memoiren, ja es knnte scheinen, es sei seit zwlf Jahren
nichts Merkwrdiges mehr auf der Erde, als ihre Memoiren. Mnner und Frauen
ergreifen die Feder, um den Menschen schriftlich darzutun, da auch sie in einer
merkwrdigen Zeit gelebt, da auch sie sich einst in einer Sonnennhe bewegt
haben, die ihrer sonst vielleicht gehaltlosen Person einen Nimbus von
Bedeutsamkeit verliehen.
    Gekrnte Hupter, nicht zufrieden, sich aus ihrer frhern Grandezza, wo sie,
wie in der Bilderbibel, mit der Krone auf dem Haupt zu Bette gingen, erhoben zu
haben; nicht zufrieden damit, da sie auf Kurierreisen Europa von einem Ende bis
zum andern durchfliegen, um sich gegenseitig von ihrer Freundschaft versichern,
schreiben Memoiren fr ihre Vlker, erzhlen ihnen ihre Schicksale, ihre Reisen.
Die Mitwelt ist zur Nachwelt gemacht worden, man hat ihr einen neuen Mastab,
wornach sie die Handlungen richte, in die Hnde gegeben es sind die Memoiren.
    Groe Generale, berhmte Marschlle, weit entfernt, das Beispiel jenes
Rmers nachzuahmen, der in der Mue des Friedens die Taten der Legionen unter
seiner Fhrung der Nachwelt wrdig zu berliefern glaubte, wenn er von sich nur
immer in der dritten Person sprche, haben den bescheideneren Weg eingeschlagen,
sprechen von sich, wie es Mnnern von solchem Gewichte ziemt als ich, bauen aus
ihren Memoiren ein Odeon in verjngtem Mastabe, und treten herzhaft vorne auf
der Bhne auf. Mit Schlachtstcken im groen Stil dekorieren sie die Kulissen,
Staatsmnner und berhmte Damen, die groe Armee und ihre lorbeerbekrnzten
Adler, die ganze Mitwelt stellen sie im Hintergrund als Figuranten auf, sie
selbst aber spielen ihre Sulla oder Brutus wrdig des unsterblichen Talma.
    Mundus vult decipi, d.i. die Leute lesen Memoiren; was hlt mich ab,
denselben auch ein solches Gericht Gerngesehen vorzusetzen?
    Man wendet vielleicht ein, der Schuster bleibe bei seinem Leisten, der
Satan hat sich nicht mit Memoirenschreiben abzugeben. Ei! wirklich? Und wenn
nun dieser Satan doch einen Beruf htte, Memoiren in die Welt zu streuen, wenn
er doch so viel oder noch mehr gesehen htte, als jene kriegerischen Diplomaten
oder diplomatischen Krieger, welche die Welt mit ihrem literarischen Ruhme
anfllen, nachdem die Bulletins ihrer Siege zu erwhnen aufgehrt haben; wenn
nun dieser arme Teufel einen Drang in sich fhlte, auch fr einen homo literatus
zu gelten?
    Ja, ich gestehe es mit Errten, je lnger ich mich in meinem lieben
Deutschland umhertreibe, desto unwiderstehlicher reit es mich hin, zu
schriftstellern; und wenn es den Damen erlaubt ist, die Finger mit Dinte zu
beschmutzen, so wird es doch dem Teufel auch noch erlaubt sein?
    Und da komme ich auf einen zweiten Punkt; man sagt vielleicht gegen meine
schriftstellerischen Versuche, ich sei kein Literatus, kein Mann vom Gewerbe
etc. Aber frs erste habe ich soeben die Damen, welche, wenn sie noch so
gelehrt, doch keine Gelehrte von Profession sind, anzufhren die Ehre gehabt;
sodann berufe ich mich auf jene Shne des Lagers, die unter Gefahren gro
geworden, unter Strapazen ergraut, keine Zeit hatten, Humaniora zu studieren,
und dennoch so glnzende Memoiren schreiben; ich behaupte drittens, da das
Vorurteil, ich sei ein unstudierter Teufel, ganz falsch ist, denn ich bin in
optima forma Doktor der Philosophie geworden, wie aus meinen Memoiren zu
ersehen, und kann das Diplom schwarz auf wei aufweisen.
    Der Erzengel Gabriel, als ich ihn mit dem Plan meine Memoiren auszuarbeiten
bekannt machte, warnte mich mit bedenklicher Miene vor den sogenannten
Rezensenten. Er gab mir zu verstehen, da ich bel wegkommen knnte, indem
solche niemand schonen, ja sogar neuerdings selbst Doktoren der Theologie in
Berlin, Halle und Leipzig hart mitgenommen haben. Ich erwiderte ihm nicht ohne
Gelehrsamkeit, da das Sprichwort clericus clericum non decimat fglich auch
auf mein Verhltnis zu den Rezensenten angewandt werden knne; werde ich ja doch
schon im Alten Testament satn adversarius, das ist Widersacher genannt, was
ganz auch auf jene passe; den schlagendsten Beweis nehme ich aber aus dem Neuen
Testament; dort werde ich diabolos oder Verleumder genannt, da nun diaballein
soviel sei als acerbe recensere, so msse er, wenn er nur ein wenig Logik habe,
den Schlu von selbst ziehen knnen.
    Der Erzengel bekam, wie natrlich, nicht wenig Respekt vor meiner
Gelehrsamkeit in Sprachen, und meinte selbst, da es mir auf diese Art nicht
fehlen knne.
    Man wird bei Durchlesung dieser Mitteilungen aus meinen Memoiren vielleicht
nicht jenes systematische, ruhige Fortschreiten der Rede finden, das den Werken
tiefdenkender Geister so eigen zu sein pflegt. Man wird krzere und lngere
Bruchstcke aus meinem Walten und Treiben auf der Erde finden, und den innern
Zusammenhang vermissen.
    Man tadle mich nicht deswegen; es war ja meine Absicht nicht, ein Gemlde
dieser Zeit zu entwerfen, man trifft deren genug in allen soliden Buchhandlungen
Deutschlands.
    Der Memoirenschreiber hat seinen Zweck erreicht, wenn er sich und seine
Stellung zu der Zeit, welcher er angehrt, darstellt und darber reflektiert,
wenn er Begebenheiten entwickelt, die entweder auf ihn oder die Mitwelt nhere
oder entferntere Beziehungen haben, wenn er berhmte Zeitgenossen und seine
Verhltnisse zu ihnen dem Auge vorfhrt. Und diese Forderungen glaube ich in
meinen Memoiren erfllt zu haben, sie sind es wenigstens, die mich bei meiner
Arbeit leiteten, die meine Khnheit vor mir rechtfertigen, vor einem gelehrten
Publikum als Schriftsteller aufzutreten.1
    ber Persnlichkeit, ber berhmte Abstammung oder glnzende Verhltnisse
hat der Teufel nichts zu sagen. Was etwa darber zu sagen sein knnte, habe ich
in dem Abschnitt Besuch bei Goethe ausgesprochen, und verweise daher den Leser
dahin.
    Fleiige Leser, d.i. solche, die Bogen fr Bogen in einer Viertelstunde
durchfliegen, mgen daher doch diesen Abschnitt nicht berschlagen, da er sehr
zu besserem Verstndnis der brigen eingerichtet ist; sittsamen und ordentlichen
Lesern habe ich hierber nichts zu sagen, als sie sollen das Buch weglegen, wenn
sie sich langweilen.

Ehe sein Diener mit dem zweiten Bogen aus der Messe zurckkommt, hat der
Unterzeichnete noch Zeit, einige Bemerkungen einzuflicken. Es scheint ihm
nmlich, der Satan besitze eine ziemliche Dosis Eitelkeit; man bemerke nur, wie
wichtig er von jenem Abschnitt spricht, worin er ber sich einige Bemerkungen
macht; es wre genug gewesen, wenn er nur angedeutet htte, da dies oder jenes
darin zu finden sei, aber dem Leser zu empfehlen, er mchte doch den Abschnitt,
in welchem jene enthalten sind, nicht berschlagen, ist sehr anmaend.
    Sodann die Unordnung, in welcher er alles vorbringt! Ein anderer, wie z.B.
der Herausgeber htte doch, wenn auch nicht mit dem Taufschein, was nun freilich
beim Teufel nicht wohl mglich ist, doch wenigstens mit der Begebenheit
angefangen, die der Chronologie nach die erste ist. Ich habe das Manuskript
flchtig durchblttert (zu lesen, ehe jeder Bogen hinlnglich geweiht, nehme ich
mich wohl in acht), und fand, da er mit Ereignissen anfngt, die der ganz neuen
Zeit angehren, und nachher in buntem Gemische Menschen und ihre Taten von zehn,
zwanzig Jahren her auftreten lt; man sieht wohl, da er keine gute Schule
gehabt haben mu.
    Zu grerer Deutlichkeit, und da der geneigte Leser trotz dem Teufel whlen
kann was er will, habe ich den Inhalt jedem einzelnen Kapitel vorangesetzt.
                                                                 Der Herausgeber

                                Sechstes Kapitel


Wie der Satan die Universitt bezieht, und welche Bekanntschaften er dort machte

Deutschland hat mir von jeher besonders wohl gefallen, und ich gestehe es, es
liegt diesem Gestndnis ein kleiner Egoismus zugrunde; man glaubt nmlich dort
an mich wie an das Evangelium; jenen khnen philosophischen Waghlsen, die auf
die Gefahr hin, da ich sie zu mir nehme, meine Existenz geleugnet und mich zu
einem lcherlichen Phantom gemacht haben, ist es noch nicht gelungen, den
glcklichen Kindersinn dieses Volkes zu zerstren, in dessen ungetrbter
Phantasie ich noch immer schwarz wie ein Mohr, mit Hrnern und Klauen, mit
Bocksfen und Schweif fortlebe, wie ihre Ahnen mich gekannt haben.
    Wenn andere Nationen durch die sogenannte Aufklrung so weit
hinaufgeschraubt sind, da sie, ich schweige von einem Gott, sogar an keinen
Teufel mehr glauben, so sorgen hier unter diesem Volke sogar meine Erbfeinde,
die Theologen, dafr, da ich im Ansehen bleibe. Hand in Hand mit dem Glauben an
die Gottheit schreitet bei ihnen der Glaube an mich, und wie oft habe ich das
mir so se Wort aus ihrem Munde gehrt: Anathema sit, er glaubt an keinen
Teufel.
    Ich kann mich daher recht rgern; da ich nicht schon frher auf den
vernnftigen Gedanken gekommen bin, meine freie Zeit auf einer Universitt zu
verleben, um dort zu sehen, wie man mich von Semester zu Semester systematisch
traktiert.
    Ich konnte nebenbei noch manches profitieren. Alle Welt ist jetzt
zivilisiert, fein, gesittet, belesen, gelehrt. Schon oft, wenn ich einen guten
Schnitt zu machen gedachte, fand es sich, da mir ein guter Schulsack, etwas
Philosophie, alte Literatur, ja sogar etwas Medizin fehle; zwar, als das
Magnetisieren aufkam, habe ich auch einen Kursus bei Memer genommen, und
nachher manche glckliche Kur gemacht. Aber damit ist es heutzutage nicht getan;
daher die elenden Sprichwrter, die in Deutschland kursieren: ein dummer Teufel,
ein armer Teufel, ein unwissender Teufel, was offenbar auf meine vernachlssigte
wissenschaftliche Bildung hindeuten soll.
    Es ist noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, und ich bin vom Himmel
gefallen, aber nicht als gelehrt; darum entschlo ich mich, zu studieren, und
womglich es in der Philosophie so weit zu bringen, da ich ein ganz neues
System erfnde, wovon ich mir keinen geringen Erfolg versprach. Ich whlte
....en, und zog im Herbst des Jahres 1819 daselbst auf.
    Ich hatte, wie man sich denken kann, nicht versumt, mich meinem neuen
Stande gem zu kostumieren. Mein Name war von Barbe, meine Verhltnisse
glnzend, das heit, ich brachte einen groen Wechsel mit, hatte viel bar Geld,
gute Garderobe, und htete mich wohl, als Neuling, oder wie man sagt, als Fuchs
aufzutreten; sondern ich hatte schon allenthalben studiert, mich in der Welt
umgesehen.
    Kein Wunder, da ich schon den ersten Abend hfliche Gesellschafter, den
nchsten Morgen vertraute Freunde, und am zweiten Abend Brder auf Leben und Tod
am Arm hatte. Man denkt vielleicht, ich bertreibe? wre ich Kavalier, so wrde
ich auf Ehre versichern und Holmichderteufel als Verstrkungspartikel dazusetzen
(denn auf Ehre und Holmichderteufel verhalten sich zueinander wie der Spiritus
lenis zum Spiritus asper), in meiner Lage kann ich blo meine Parole als Satan
geben.
    Es waren gute Jungen, die ich da fand. Es begab sich dies aber
folgendermaen: man kann sich denken, da ich nicht unvorbereitet kam; wer die
deutschen Universitten nur entfernt kennt, wei, da ein an Sprache, Sitte,
Kleidung und Denkungsart von der brigen Welt ganz verschiedenes Volk dort
wohnt. Ich las des unsterblichen Herrn von Schmalz Werke ber die Universitten,
Sands Aktenstcke, Haupt ber Burschenschaften und Landsmannschaften etc., ward
aber noch nicht recht klug daraus, und merkte, da mir noch manches abging. Der
Zufall half mir aus der Not. Ich nahm in F. einen Platz in einer Retourchaise;
mein Gesellschafter war ein alter Student, der seit acht Jahren sich auf die
Medizin legte. Er hatte das savoir vivre eines alten Burschen, und ich befli
mich in den sechs Stunden, die ich mit ihm der Musenstadt zufuhr, an ihm meine
Rolle zu studieren.
    Er war ein groer wohlgewachsener Mann von 24 - 25 Jahren, sein Haar war
dunkel und mochte frher nach heutiger Mode zugeschnitten sein, hing aber, weil
der Studiosus die Kosten scheute, es scheren zu lassen, unordentlich um den
Kopf, doch bemhte er sich, solches oft mit fnf Fingern aus der Stirne zu
frisieren. Sein Gesicht war schn, besonders Nase und Mund edel und fein
geformt, das Auge hatte viel Ausdruck, aber welch sonderbaren Eindruck machte
es; das Gesicht war von der Sonne rotbraun angelaufen; ein groer Bart wucherte
von den Schlfen bis zum Kinn herab, und um die feinen Lippen hing ein vom Bier
gerteter Henri quatre.
    Sein Mienenspiel war schrecklich und lcherlich zugleich, die Augbrauen
waren zusammengezogen und bildeten dstere Falten; das Auge blickte streng und
stolz um sich her, und ma jeden Gegenstand mit einer Hoheit, einer Wrde, die
eines Knigsohnes wrdig gewesen wre.
    ber die unteren Partien des Gesichtes, namentlich ber das Kinn konnte ich
nicht recht klug werden, denn sie staken tief in der Krawatte. Diesem
Kleidungsstck schien der junge Mann bei weitem mehr Sorgfalt gewidmet zu haben,
als dem brigen Anzug; diese beilufig einen halben Schuh Hhe messende Binde
von schwarzer Seide zog sich, ohne ein Fltchen zu werfen, von dem Kinn
inklusive bis auf das Brustbein exklusive, und bildete auf diese Art ein feines
Mauerwerk, auf welchem der Kopf ruhte; seine Kleidung bestand in einem
weigelben Rock, den er Flaus, in zrtlichen Augenblicken wohl auch
Gottfried nannte, und welchem er von Speisen und Getrnken mitteilte; dieser
Gottfried Flaus reichte bis eine Spanne ber das Knie und schlo sich eng um den
ganzen Leib; auf der Brust war er offen und zeigte, soviel die Krawatte sehen
lie, da der Herr Studiosus mit Wsche nicht gut versehen sein msse.
    Weite, wellenschlagende Beinkleider von schwarzem Samt schlossen sich an das
Oberkleid an; die Stiefel waren zierlich geformt und dienten ungeheuern Sporen
von poliertem Eisen zur Folie.
    Auf dem Kopfe hatte der Studiosus ein Stckchen rotes Tuch in Form eines
umgekehrten Blumenscherben gehngt, das er mit vieler Kunst gegen den Wind zu
balancieren wute; es sah komisch aus, fast wie wenn man mit einem kleinen
Trinkglas ein groes Kohlhaupt bedecken wollte.
    Ich hatte Zacharis unsterblichen Renommisten zu gut studiert, um nicht zu
wissen, da, sobald ich mir eine Ble gegen den Herrn Bruder gebe, sein Respekt
vor mir auf ewig verloren sei; ich merkte ihm daher seine Augenbrauenfalten,
sein ernstes, abmessendes Auge, soviel es ging, ab, und hatte die Freude, da er
mich gleich nach der ersten Stunde auffallend vor dem Philister und dem
Florbesen, auf deutsch einem alten Professor und seiner Tochter, welche unsere
brige Reisegesellschaft ausmachten, auszeichnete. In der zweiten Stunde hatte
ich ihm schon gestanden, da ich in Kiel studiert und mich schon einigemal mit
Glck geschlagen habe, und ehe wir nach .....gen einfuhren, hatte er mir
versprochen, eine fixe Kneipe das heit eine anstndige Wohnung auszumitteln,
wie auch mich unter die Leute zu bringen.
    Der Herr Studiosus Wrger, so hie mein Gesellschafter, lie an einem
Wirtshaus vor der Stadt anhalten, und lud mich ein, seinem Beispiele zu folgen,
und hier auf die Beschwerden der Reise ein Glas zu trinken. Die ganze
Fensterreihe des Wirtshauses war mit roten und schwarzen Mtzen bedeckt, es war
nmlich eine gute Anzahl der Herren Studiosi hier versammelt, um die neuen
Ankmmlinge, die gewhnlich am Anfang des Semesters einzutreffen pflegen, nach
gewohnter Weise zu empfangen. Wrger, der alte lngst bemooste Bursche, hatte
sich schon unterwegs mit dem Gedanken gekitzelt, da seine Kameraden uns fr
Fchse halten werden, und wirklich traf seine Vermutung ein.
    Ein Chorus von wenigstens 30 Bssen scholl von den Fenstern herab, sie
sangen ein berhmtes Lied, das anfngt:

                         Was kommt dort von der Hh!

Whrend des Gesanges entstieg mein Gefhrte majesttisch der Chaise, und kaum
hatte er den Boden berhrt, so erhob er sein furchtbares Haupt, und schrie zu
den Fenstern empor:
    Was schlagt ihr fr einen Randal auf, Kamele! Seht ihr nicht, da zwei alte
Huser aus diesem Philisterkarren gestiegen kommen? (auf deutsch: lrmt doch
nicht so sehr, meine Herren, Sie sehen ja, da zwei alte Studenten aus dem Wagen
steigen.)
    Der allgemeine Jubel unterbrach den erhitzten Redner: Wrger! du altes
fideles Haus! schrien die Musenshne, und strzten die Treppen herab in seine
Arme; die Raucher vergaen, ihre langen Pfeifen wegzulegen, die Billardspieler
hielten noch ihre Queues in der Hand. Sie bildeten eine Leibwache von
sonderbarer Bewaffnung um den Angekommenen.
    Doch der Edelmtige verga in seiner Glorie auch meiner nicht, der ich
bescheiden auf der Seite stand, er stellte mich den ltesten und angesehensten
Mnnern der Gesellschaft vor, und ich wurde mit herzlichem Handschlag von ihnen
begrt. Man fhrte uns in wildem Tumult die Treppe hinan, man setzte mich
zwischen zwei bemooste Huser an den Ehrenplatz, gab mir ein groes Paglas voll
Bier und ein Fuchs mute dem neuen Ankmmling seine Pfeife abtreten.
    So war ich denn in .....en als Student eingefhrt, und ich gestehe, es
gefiel mir so bel nicht unter diesem Vlkchen. Es herrschte ein offener,
zutraulicher Ton, man brauchte sich nicht in den Fesseln der Konvenienz, die
gewi dem Teufel am lstigsten sind, umherzuschleppen, man sprach und dachte,
wie es einem gerade gefiel. Wenn man bedenkt, da ich gerade im Herbst 1819
dorthin kam, so wird man sich nicht wundern, da ich mich von Anfang gar nicht
recht in die Konversation zu finden wute. Denn einmal machten mir jene
Kunstwrter (termini technici) von welchen ich oben schon eine kleine Probe
gegeben habe, viel zu schaffen; ich verwechselte oft Sau, das Glck, mit
Pech, was Unglck bedeutet, wie auch holzen, mit einem Stock schlagen, mit
pauken, mit andern Waffen sich schlagen.
    Aber auch etwas anderes fiel mir schwer; wenn nmlich nicht von Hunden,
Paukereien, Besen oder dergleichen gesprochen wurde, so fiel man hinter dem
Bierglas in ungemein transzendentale Untersuchungen, von welchen ich anfangs
wenig oder gar nichts verstand, ich merkte mir aber die Hauptworte, welche
vorkamen, und wenn ich auch in die Konversation gezogen wurde, so antwortete ich
mit ernster Miene Freiheit, Vaterland, Deutschtum, Volkstmlichkeit.
    Da ich nun berdies ein groer Turner war, und eigentlich teufelmige
Sprnge machen konnte, da ich mir berdies nach und nach ein langes Haar wachsen
lie, solches fein scheitelte und kmmte, einen zierlich ausgeschnittenen Kragen
ber den deutschen Rock herauslegte, mich auch auf die Klinge nicht bel
verstand, so war es kein Wunder, da ich bald in groes Ansehen unter diesem
Volke kam. Ich benutzte diesen Einflu soviel als mglich, um die Leute nach
meinen Ansichten zu leiten und zu erziehen, und sie fr die Welt zu gewinnen.
    Es hatte sich nmlich unter einem groen Teil meiner Kommilitonen ein
gewisser frmmelnder Ton eingeschlichen, der mir nun gar nicht behagte und nach
meiner Meinung sich auch nicht fr junge Leute schickte. Wenn ich an die jungen
Herrn in London und Paris, in Berlin, Wien, Frankfurt etc. dachte, an die
vergngten Stunden, die ich in ihrem Kreise zubrachte, wenn ich diese Leute
dagegenhielt, die ich ihren schnen hohen Wuchs, ihre krftigen Arme, ihren
gesunden Verstand, ihre nicht geringen Kenntnisse nur auf dem Turnplatz, nicht
im Tanzsaal, nur zu berschwenglichen Ideen und Idealen, nicht zu lebhaftem
Witz, zu feinem Spott, der das Leben wrzt und aufregt, anwenden sah, wenn ich
sie, statt schnen Mdchen nachzufliegen, in die Kirche schleichen sah, um einen
ihrer orthodoxen Professoren anzuhren, so konnte ich ein widriges Gefhl in mir
nicht unterdrcken.
    Sobald ich daher festen Fu gefat hatte, zog ich einige lustige Brder an
mich, lehrte sie neue Kartenspiele, sang ihnen ergtzliche Lieder vor, wute sie
durch Witz und dergleichen so zu unterhalten, da sich bald mehrere anschlossen.
Jetzt machte ich khnere Angriffe. Ich stellte mich sonntags mit meinen Gesellen
vor die Kirchtre, musterte mit gebtem Auge die vorbergehenden Damen, zog
dann, wenn die Schflein innen waren, und der Kster den Stall zumachte, mit den
Meinigen in ein Wirtshaus der Kirche gegenber, und bot alles auf, die Gste
besser zu unterhalten, als der Dr. N. oder der Professor N. in der Kirche seine
Zuhrer.
    Ehe drei Wochen vergingen, hatte ich die grere Partie auf meiner Seite.
Die Frmmeren schrieen von Anfang ber den rohen Geist, der einreie; gaben zu
bemerken, da wir christliche Bursche seien; aber es half nichts, meine
Persiflagen hatten so gute Wirkung getan, da sie sich am Ende selbst schmten,
in der Kirche gesehen zu werden, und es gehrte zum guten Ton, jeden Sonntag vor
der Kirchtr zu sein, aber bis hieher und nicht weiter. Die Wirtshuser waren
gefllter als je, es wurde viel getrunken, ja es ri die Sitte ein, Wettkmpfe
im Trinken zu halten und, man wird es kaum glauben, es gab sogar eigentliche
Kunsttrinker!
    Es predigte zwar mancher gegen das einreiende Verderben, aber die
Altdeutschen trsteten sich damit, da ihre Altvordern auch durch Trinken
exzelliert haben; die Frmmsten lieen sich groe Humpen verfertigen und zwangen
und mhten sich so lange, bis sie wie Gtz von Berlichingen, oder gar wie
Hermann der Cherusker schlucken konnten. Den Feineren, Gebildeteren war es
natrlich vom Anfang auch ein Greuel, ich verwies sie aber auf eine Stelle bei
Jean Paul. Er sagt nmlich in seinem unbertrefflichen Quintus Fixlein:
    Jerusalem bemerkt schn, da die Barbarei, die oft hart hinter dem
schnsten, buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt, eine Art von strkendem
Schlammbad sei, um die berfeinerung abzuwenden, mit der jener Flor bedrohe; ich
glaube, da einer, der erwgt, wie weit die Wissenschaften bei einem
Studierenden steigen, dem Musensohne ein gewisses barbarisches Mittelalter - das
sogenannte Burschenleben - gnnen werde, das ihn wieder so sthlt, da die
Verfeinerung nicht ber die Grenze geht.
    Wenn ein Meister, wie Jean Paul, dem ich hiemit fr diese Stelle meinen
herzlichen Dank ffentlich sage, also sich ausspricht, was konnten die
Kleinmeister und Jnger dagegen? Sie setzten sich auch in die schwarzgerauchte
Kneipe, verschlammten sich recht tchtig in dem barbarischen Mittelalter,
und hatten kraft ihres inwohnenden Genies meine lteren Zglinge bald berholt.

                               Siebentes Kapitel


                Satan besucht die Kollegien, was er darin lernte

Indessen ich auf die beschriebene Weise praktisch lebte und leben machte, verga
ich auch das dic cur hic nicht, und legte mich mit Ernst aufs Theoretische.
Ich hrte die Philosophen und Theologen, und hospitierte nicht unfleiig bei den
Juristen und Medizinern. Ich hatte, um zuerst ber die Philosophen zu reden, von
einem der hellsten Lichter jener Universitt, wenn in der Ferne von ihm die Rede
war, oft sagen hren, der Kerl hat den Teufel im Leib. Eine solche
geheimnisvolle Tiefe, wollte man behaupten, solche berschwengliche Gedanken,
solche Gedrungenheit des Stils, eine so hinreiende Beredsamkeit sei noch nicht
gefunden worden in Israel. Ich habe ihn gehrt und verwahre mich feierlich vor
jenem Urteil, als ob ich in ihm gesessen wre. Ich habe schon viel ausgestanden
in der Welt, ich bin sogar Ev. Matthi am VIII. 31 u. 32 in die Sue gefahren,
aber in einen solchen Philosophen? - Nein, da wollte ich mich doch bedankt
haben.
    Was der gute Mann in seinem schlfrigen unangenehmen Ton vorbrachte, war fr
seine Zuhrer so gut als Franzsisch fr einen Eskimo. Man mute alles gehrig
ins Deutsche bersetzen, ehe man darber ins klare kam, da er ebensowenig
fliegen knne, wie ein anderer Mensch auch. Er aber machte sich gro, weil er
aus seinen Schlssen sich eine himmelhohe Jakobsleiter gezimmert und solche mit
mystischem Firnis angepinselt hatte; auf dieser kletterte er nun zum blauen
ther hinan, versprach aus seiner Sonnenhhe herabzurufen, was er geschaut habe,
er stieg und stieg, bis er den Kopf durch die Wolken stie, blickte hinein in
das reine Blau des Himmels, das sich auf dem grnen Grasboden noch viel hbscher
ausnimmt, als oben, und sah wie Sancho Pansa, als er auf dem hlzernen Pferd zur
Sonne ritt, unter sich die Erde so gro wie ein Senfkorn und die Menschen wie
Mcken, ber sich - nichts.
    Sie kommen mir vor, die guten Leute dieser Art wie die Mnner von Babel, die
einen groen Leuchtturm bauen wollten fr alles Volk, damit sich keines verlaufe
in der Wste, und siehe da, der Herr verwirrte ihre Sprache, da weder Meister
noch Gesellen einander mehr verstanden.
    Da lobe ich mir einen andern der dortigen Philosophen; er las ber die Logik
und deduzierte jahrein jahraus, da zweimal zwei vier sei, und die Herren
Studiosi schrieben ganze Ste von Heften, da zweimal zwei vier sei. Dieser
Mann blieb doch ordentlich im Blachfeld und wanderte seinem Ziele mit grerer
Gelassenheit zu, als seine illustren Kollegen, die, wenn ein anderer ihr
Gewsche nicht Evangelium nannte, Antikritiken und Metakritiken der Antikritiken
in alle Welt aussandten.
    Ich gestehe redlich, der Teufel amsiert sich schlecht bei so bewandten
Dingen. Ich schlug den Weg zu einem andern Hrsaal ein, wo man ber die Seele
des Menschen dozierte. Gerechter Himmel! wenn ich so viel Umstnde machen mte,
um eine lderliche Seele in mein Fegefeuer zu deduzieren! Der Mensch auf dem
Katheder malte die Seele auf eine groe schwarze Tafel, und sagte, so ist sie,
meine Herren, damit war er aber nicht zufrieden, er behauptete, sie sitze oben
in der Zirbeldrse.
    Ich quittierte die Philosophen und besuchte die Theologen. Um meine Leute
nher kennenzulernen, beschlo ich, an einem Sonntag nach der Kirche einem oder
dem andern meine Visite abzustatten. Ich kleidete mich ganz schwarz, da ich ein
ziemlich theologisches Air hatte, und trat meinen Marsch an; man hatte mir
vorhergesagt, ich sollte keinen zu voreiligen Schlu auf den reinen und frommen
Charakter dieser Mnner machen; sie seien etwas nach dem alttestamentarischen
Kostm, vernachlssigen uere Bildung, und fallen dadurch leicht ins Linkische.
    Mein Herz mit Geduld gewaffnet, trat ich in das Zimmer des ersten Theologen.
Aus einer blulichen Rauchwolke erhob sich ein dicker ltlicher Mann in einem
grogeblmten Schlafrock, eine ganz schwarze Meerschaumpfeife in der Hand. Er
machte einen kurzen Knicks mit dem Kopf und sah mich dann ungeduldig und fragend
an. Ich setzte ihm auseinander, wie mich die Philosophie gar nicht befriedige,
und da ich gesonnen sei, einige theologische Kollegien zu besuchen. Er murmelte
einige unverstndliche, aber wie es schien, gelehrte Bemerkungen, verzog
beifllig lchelnd den Mund und schritt im Zimmer auf und ab.
    Ich setzte die Einladung, ihn auf seinem Spaziergang zu begleiten, voraus,
und schritt in ebenso gravittischen Schritten neben ihm her, indem ich
aufmerksam lauschte, was sein gelehrter Mund weiter vorbringen werde. Vergebens!
Er grinzte hie und da noch etwas weniges, sprach aber kein Wort weiter,
wenigstens verstand ich nichts als die Worte: Pfeife rauchen? ich merkte, da
er mir hflich eine Pfeife anbiete, konnte aber keinen Gebrauch davon machen,
denn er rauchte wahrhaftig eine gar zu schlechte Nummer.
    Ich habe mir schon lange abgewhnt, ber irgend etwas in Verlegenheit zu
geraten, sonst htte dieses absurde Schweigen des Professors mich gnzlich auer
Fassung gebracht. So aber ging ich gemchlich neben ihm her, kehrte um, wenn er
umkehrte, und zhlte die Schritte, die sein Zimmer in der Lnge ma. Nachdem ich
das alte Ameublement, die verschiedenen Kleider- und Wscherudera, die auf den
Sthlen umherlagen, das wunderliche Chaos seines Arbeitstisches gemustert hatte
wagte ich meine prfenden Blicke an den Professor selbst. Sein Aussehen war
hchst sonderbar. Die Haare hingen ihm dnn und lang um die Glatze, die
gestrickte Schlafmtze hielt er unter dem Arm. Der Schlafrock war an den
Ellbogen zerrissen, und hatte verschiedene Lcher, die durch Unvorsichtigkeit
hineingebrannt schienen. Das eine Bein war mit einem schwarzseidenen Strumpf und
der Fu mit einem Schnallenschuh bekleidet, der andere stak in einem weiten,
abgelaufenen Filzpantoffel, und um das halbentblte Bein hing ein gelblicher
Socken. Ehe ich noch whrend dem unbegreiflichen Stillschweigen des Theologen
meine Bemerkungen weiter fortsetzen konnte, wurde die Tre aufgerissen, eine
groe drre Frau mit der Rte des Zornes auf den schmalen Wangen, strzte
herein.
    Nein, das ist doch zu arg, Blasius! schrie sie, der Kster ist da und
sucht dich zum Abendmahl; der Dekan steht schon vor dem Altar und du steckst
noch im Schlafrock?
    Wei Gott, meine Liebe, antwortete der Doktor gelassen, das habe ich
hlich vergessen! doch sieh, einen Fu hatte ich schon zum Dienste des Herrn
gerstet, als mir ein Gedanke einfiel, der den Doktor Paulus weidlich schlagen
mu.
    Ohne darauf zu achten, da er sich beinahe der letzten Hlle beraube, wollte
er eilfertig den Schlafrock herunterreien, um auch seinen brigen Kadaver zum
Dienst des Herrn zu schmcken; sein Eheweib aber stellte sich mit einer
schnellen Wendung vor ihn hin, und zog die weiten Falten ihrer Kleider
auseinander, da vom Professor nichts mehr sichtbar war.
    Sie verzeihen Herr Kandidat, sprach sie, ihre Wut kaum unterdrckend; er
ist so im Amtseifer, da Sie ihn entschuldigen werden. Schenken Sie uns ein
andermal das Vergngen. Er mu jetzt in die Kirche.
    Ich ging schweigend nach meinem Hut, und lie den Ehemann unter den Hnden
seiner liebenswrdigen Xanthippe. Ein schner Anfang in der Theologie! dachte
ich, und die Lust, die brigen geistlichen Mnner zu besuchen, war mir gnzlich
vergangen; doch beschlo ich, einige Vorlesungen mit anzuhren, was ich auch den
Tag nachher ausfhrte.
    Man denke sich einen weiten, niedrigen Saal, vollgepfropft mit jungen Leuten
in den abenteuerlichsten Gestalten; Mtzen von allen Farben und Formen, lange
herabwallende, kurze emporsteigende Haare, Brte, an welchen sich ein Sappeur
der alten Garde nicht htte schmen drfen, und kleine zierliche Stutzbrtchen,
galante Fracks und hohe Krawatten, neben deutschen Rcken und ellenbreiten
Hemdkrgen; so saen die jungen geistlichen Herren im Kollegium; vor sich hatte
jeder seine Mappe, einen Sto Papier, Dinte und Feder, um die Worte der Weisheit
gleich ad notam zu nehmen. O Platon und Sokrates, dachte ich, htten eure
Studiosen und Akademiker nachgeschrieben, wie manches Wort tiefer, heiliger
Weisheit wre nicht umsonst verrauscht; wie majesttisch mten sich die
Folianten von Socratis opera in mancher Bibliothek ausnehmen! -
    Jetzt wurden alle Hupter entblt. Eine kurze, dicke Gestalt drngte sich
durch die Reihen der jungen Herren dem Katheder zu, es war der Doktor
Schnatterer, den ich gestern besucht hatte; mit Wonnegefhl schien er die
Versammlung zu berschauen, hustete dann etwas weniges und begann:
    Hochachtbare, hochansehnliche! (damit meinte er die, welche sechs Taler
Honorar zahlten).
    Wertgeschtzte! (die welche das gewhnliche Honorar zahlten).
    Meine Herren! (das waren die, welche nur die Hlfte oder aus Armut gar
nichts entrichteten), und nun hob er seinen Sermon an, die Federn rasselten, das
Papier knirschte, er aber schaute herab wie der Mond aus Regenwolken.
    Ich htte zu keiner gelegeneren Zeit diese Vorlesungen besuchen knnen, denn
der Doktor behandelte gerade den Abschnitt De angelis malis, worin ich
vorzglich traktiert zu werden hoffen durfte. Wahrhaftig, er lie mich nicht
lange warten: Der Teufel, sagte er, berredete die ersten Menschen zur Snde,
und ist noch immer gegen das ganze Menschengeschlecht feindlich gesinnt. Nach
diesem Satz hoffte ich nun eine philosophische Wrdigung dieses Teufelsglaubens
zu hren; aber weit gefehlt. Er blieb bei dem ersten Wort Teufel stehen, und da
mich die Juden Beelzebub geheien htten. Mit einem Aufwand von Gelehrsamkeit,
wie ich sie hinter dem armen Schlafrock nicht gesucht htte, warf er nun das
Wort Beelzebub dreiviertel Stunden lang hin und her. Er behauptete, die einen
erklren, es bedeute einen Fliegenmeister, der die Mcken aus dem Lande
treiben solle, andere nehmen das sephub nicht von den Mcken, sondern als 
Anklage wie die Chalder und Syrier. Andere erklren sephul als Grab,
sepulcrum; die Federn schwirrten und flogen, so tiefe Gelehrsamkeit hrt man
nicht alle Tage. Zu jenen paar Erklrungen hatte er aber volle dreiviertel
Stunden verwendet, denn die Zitaten aus heiligen und profanen Skribenten nahmen
kein Ende. Von Anfang hatte es mir vielen Spa gemacht, die Dogmatik auf solche
Weise getrieben und namentlich den Satan so grndlich anatomiert zu sehen; aber
endlich machte es mir doch Langeweile und ich wollte schon meinen Platz
verlassen, um dem unendlichen Gewsch zu entfliehen, da ruhte der Doktor einen
Augenblick aus, die Schnupftcher wurden gebraucht, die Fe wurden in eine
andere Lage gebracht, die Federn ausgespritzt und neu beschnitten - alles
deutete darauf hin, da jetzt ein Hauptschlag geschehen werde.
    Und es war so; der groe Theologe, nachdem er die Meinungen anderer
aufgefhrt und gehrig gewrdigt hatte, begann jetzt mit Salbung und Wrde seine
eigene Meinung zu entwickeln.
    Er sagte, da alle diese Erklrungen nichts taugen, indem sie keinen
passenden Sinn geben; er wisse eine ganz andere, und glaube sich in diesem Stck
noch ber Michaelis und Dderlein stellen zu drfen. Er lese nmlich saephael
und das bedeute Kot, Mist und dergleichen. Der Teufel oder Beelzebub wrde also
hier der Herr im Dreck, der Unreinliche, To pneyma akatarton, der Stinker
genannt, wie denn auch im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein
gewisser unanstndiger Geruch verbunden sei.
    Ich traute meinen Ohren kaum; eine solche Sottise war mir noch nie
vorgekommen; ich war im Begriff, den orthodoxen Exegeten mit dem nmlichen
Mittel zu bedienen, das einst Doktor Luther, welcher gar keinen Spa verstand,
an mir probierte, ihm nmlich das nchste beste Dintenfa an den Kopf zu werfen;
aber es fiel mir bei, wie ich mich noch besser an ihm rchen knnte, ich
bezhmte meinen Zorn und schob meine Rache auf.
    Der Doktor aber schlug im Bewutsein seiner Wrde das Heft zu, stand auf,
bckte sich nach allen Seiten und schritt nach der Tre; die tiefe Stille,
welche im Saal geherrscht hatte, lste sich in ein dumpfes Gemurmel des Beifalls
auf.
    Welch ein gelehrter Mann, welch tiefer Denker, welche Flle der tiefsten
Gelehrsamkeit! murmelten die Schler des groen Exegeten. Emsig verglichen sie
untereinander ihre Hefte, ob ihnen auch kein Wrtchen von seinen schlagenden
Beweisen, von seinen khnen Behauptungen entgangen sei; und wie glcklich waren
sie, wenn auch kein Jota fehlte, wenn sie hoffen durften, ein dickes,
reinliches, vollstndiges Heft zu bekommen.
    Sobald sie aber die teuren Bltter in den Mappen hatten, waren sie die alten
wieder; man stopfte sich die ellenlangen Pfeifen, man setzte die Mtze khn auf
das Ohr, zog singend oder den groen Hunden pfeifend ab, und wer htte den
Jnglingen, die im Sturmschritt dem nchsten Bierhaus zuzogen, angesehen, da
sie die Stammhalter der Orthodoxie seien, und recta via von der khnsten
Konjektur des groen Dogmatikers herkommen?
    So schlo sich mein erster theologischer Unterricht, ich war, wenn nicht an
Weisheit und Einsicht, doch um einen Begriff meiner selbst, an den ich nie
gedacht htte, reicher geworden.
    Ich schwor mir selbst mit den heiligsten Schwren, keinen Theologen dieser
finstern Schule mehr zu hren. Denn, wenn der oberste unter ihnen solche grasse
Begriffe zu Markt brachte, was durfte ich von den brigen hoffen? Aber der
orthodoxen saephael oder Dr-ck-Seele hatte ich Rache geschworen, und ich war
Manns genug dazu, sie auszufhren.

                                 Achtes Kapitel


            Der Satan bekmmt Hndel und schlgt sich; Folgen davon

Indessen ereignete sich etwas anderes, das ich hier nicht bergehen darf, weil
es als ein Kommentar zu den Sitten des wunderlichen Volkes, unter welchem ich
lebte, dienen kann. Ich hatte schon seit einiger Zeit fleiig die Anatomie
besucht, um auch die rzte kennenzulernen, da geschah es eines Tages, da ich
mit mehreren Freunden um einen Kadaver beschftigt war, indem ich ihnen durch
Zergliederung der Organe des Hirns, des Herzens etc. die Nichtigkeit des
Glaubens an Unsterblichkeit darzutun suchte.
    Auf einmal hre ich hinter mir eine Stimme, Pfui Teufel! wie riecht's
hier!
    Ich wandte mich rasch um und erblickte einen jungen Theologen, der mich
schon in jener dogmatischen Vorlesung durch den Eifer und das Wohlbehagen, mit
welchem er die unsinnige Konjektur des Professors niederschrieb, gegen sich
aufgebracht hatte. Als ich nun diese uerung pfui Teufel, wie riecht's hier!
die ich in jenem Augenblick aus des Theologen Munde nur auf mich, als den Herrn
im Kot bezog, hrte, sagte ich ihm ziemlich stark, da ich mir solche
Gemeinheiten und Anzglichkeiten verbitte.
    Nach dem uralten heiligen Gesetzbuche der Burschen, das man Komment heit,
war dies eine Beschimpfung, die nur mit Blut abgewaschen werden konnte. Der
Theologe, ein tchtiger Raufer, lie mich daher am andern Tage sogleich fordern.
Ein solcher Spa war mir erwnscht, denn wer sein Ansehen unter seinen
Kommilitonen behaupten wollte, mute sich damals geschlagen haben, obgleich das
Duell an sich von meinen Freunden als etwas Unvernnftiges, Unnatrliches
angesehen wurde. Ich hatte meinen Gegner bestimmen lassen, die Sache in einem
Vergngungsort, eine Stunde vor der Stadt, auszumachen, und beide Partien
erschienen zur bestimmten Zeit an Ort und Stelle.
    Feierlich wurde jeder einzelne in ein Zimmer gefhrt, der Oberrock ihm
ausgezogen, und der Paukwichs, das heit, die Rstung, in welcher das Duell
vor sich gehen sollte, angelegt. Diese Rstung oder der Paukwichs bestand in
einem Hut mit breiter Krempe, die dem Gesicht hinlnglichen Schutz verlieh,
einer ungeheuern, fubreiten Binde, die ber den Bauch geschnallt wurde; sie war
von Leder, gepolstert und mit der Farbe der Verbindung, zu welcher man gehrte,
ausgeschmckt; eine ungeheure Krawatte, wogegen Herrn Studiosus Wrgers ein
Groschenstrick war, stand steif um die Gegend des Halses und schtzte Kinn,
Kehle, einen Teil der Schultern und den obern Teil der Brust. Den Arm, vom
Ellbogen bis zur Hand, bedeckte ein, aus alten seidenen Strmpfen verfertigtes
Rstzeug, Handschuh genannt. Ich gestehe, die Figur, in diese sonderbare Rstung
gepret, nahm sich komisch genug aus; doch gewhrte sie groe Sicherheit, denn
nur ein Teil des Gesichtes, der Oberarm und ein Teil der Brust war fr die
Klinge des Gegners zugnglich. Ich konnte mich daher des Lachens nicht
enthalten, wenn ich im Spiegel meinen sonderbaren Habit betrachtete; der Satan
in einem solchen Aufzuge und im Begriff, sich wegen des schlechten Geruchs auf
der Anatomie zu schlagen!
    Meine Genossen aber nahmen dieses Lachen fr einen Ausbruch der Khnheit und
des Muts, gedachten, es sei jetzt der rechte Augenblick gekommen, und fhrten
mich in einen groen Saal, wo man mit Kreide die gegenseitige feindliche
Stellung auf dem Boden markiert hatte. Ein Fuchs rechnete es sich zur hohen
Ehre, mir den Schlger vorantragen zu drfen, wie man den alten Kaisern
Schwert und Szepter vorantrug. Jener war eine aus poliertem Stahl schn
gearbeitete Waffe mit groem, schtzendem Korb und scharf geschliffen wie ein
Schermesser.
    Wir standen endlich einander gegenber; der Theologe machte ein grimmiges
Gesicht und blickte mit einem Hohn auf mich, der mich nur noch mehr in dem
Vorsatz bestrkte, ihn tchtig zu zeichnen.
    Wir legten uns nach alter Fechterweise aus, die Klingen waren gebunden, die
Sekundanten schrien los, und unsere Schlger schwirrten in der Luft und fielen
rasselnd auf die Krbe. Ich verhielt mich meistens parierend gegen die wirklich
schnen und mit groer Kunst ausgefhrten Angriffe des Gegners, denn mein Ruhm
war grer, wenn ich mich von Anfang nur verteidigte, und erst im vierten,
fnften Gang ihm eine Schlappe gab.
    Allgemeine Bewunderung folgte jedem Gang; man haue noch nie so khn und
schnell angreifen, noch nie mit so vieler Ruhe und Kaltbltigkeit sich
verteidigen sehen. Meine Fechtkunst wurde von den ltesten Husern bis in den
Himmel erhoben und man war nun gespannt und begierig, bis ich selbst angreifen
wrde; doch wagte es keiner, mich dazu aufzumuntern. Vier Gnge waren vorber,
ohne da irgendwo ein Hieb blutig gewesen wre. Ehe ich zum fnften
aufmarschierte, zeigte ich meinen Kameraden die Stelle auf der rechten Wange,
wohin ich meinen Theologen treffen wolle. Dieser mochte es mir ansehen, da ich
jetzt selbst angreifen werde, er legte sich so gedeckt als mglich aus und
htete sich, selbst einen Angriff zu machen. Ich begann mit einer herrlichen
Finte, der ein allgemeines Ah! folgte, schlug dann einige regelmige Hiebe, und
klapp! sa ihm mein Schlger in der Wange.
    Der gute Theologe wute nicht, wie ihm geschah, mein Sekundant und Zeuge
sprangen mit einem Zollstab hinzu, maen die Wunde und sagten mit feierlicher
Stimme: Es ist mehr als ein Zoll, klafft und blutet, also Ansch-߫; das hie
soviel als: weil ich dem guten Jungen ein zollanges Loch ins Fleisch gemacht
hatte, war seiner Ehre genug geschehen.
    Jetzt strzten meine Freunde herzu, die ltesten faten meine Hnde, die
jngeren betrachteten ehrfurchtsvoll die Waffe, mit welcher die in der
Geschichte einzige und unerhrte Tat geschehen war; denn wer, seit des groen
Renommisten Zeiten durfte sich rhmen, vorher die Stelle, die er treffen wollte,
angezeigt und mit so vieler Genauigkeit getroffen zu haben?
    Ernsten Blickes trat der Sekundant meines Gegners herein und bot mir in
dessen Namen Vershnung an. Ich ging zu dem Verwundeten, dem man gerade mit
Nadel und Faden seine Wunde zunhte und vershnte mich mit ihm.
    Ich bin Ihnen Dank schuldig, sagte er zu mir, da Sie mich so gezeichnet
haben. Ich wurde, ganz gegen meinen Willen, gezwungen, Theologie zu studieren;
mein Vater ist Landpfarrer, meine Mutter eine fromme Frau, die ihren Sohn gerne
einmal im Chorrock sehen mchte. Sie haben mit einem Mal entschieden, denn mit
einer Schmarre vom Ohr bis zum Mund, darf ich keine Kanzel mehr besteigen.
    Die Burschen sahen teilnehmend auf den wackern Theologen, der wohl mit
geheimer Wehmut an den Schmerz des alten Pastors, an den Jammer der frommen Mama
denken mochte, wenn die Nachricht von diesem Unfall anlangte; ich aber hielt es
fr das grte Glck des Jnglings, durch eine so kurze Operation der Welt
wieder geschenkt zu sein. Ich fragte ihn, was er jetzt anzufangen gedenke, und
er gestand offen, da der Stand eines Kavalleristen oder eines Schauspielers ihn
von jeher am meisten angezogen htte.
    Ich htte ihm um den Hals fallen mgen fr diesen vernnftigen Gedanken,
denn gerade unter diesen beiden Stnden zhle ich die meisten Freunde und
Anhnger; ich riet ihm daher aufs ernstlichste, dem Trieb der Natur zu folgen,
indem ich ihm die besten Empfehlungsbriefe an bedeutende Generale und an die
vorzglichsten Bhnen versprach.
    Dem ganzen Personale aber, das dem merkwrdigen Duell angewohnt hatte, gab
ich einen trefflichen Schmaus, wobei auch mein Gegner und seine Gesellen nicht
vergessen wurden. Dem ehemaligen Theologen zahlte ich nachher in der Stille
seine Schulden, und versah ihn, als er genesen war, mit Geld und Briefen, die
ihm eine frhliche, glnzende Laufbahn erffneten.
    Meine geheime Wohlttigkeit war so wenig, als der glnzende Ausgang meiner
Affaire ein Geheimnis geblieben. Man sah mich von jetzt wie ein hheres Wesen
an, und ich kannte manche junge Dame, die sogar ber meine gromtigen
Sentiments Trnen vergo.
    Die Mediziner aber lieen mir durch eine Deputation einen prachtvollen
Schlger berreichen, weil ich mich, wie sie sich ausdrckten, fr den guten
Geruch ihrer Anatomie geschlagen habe.
    Die Welt bleibt unter allen Gestalten die nmliche, die sie von Anfang war.
Dem Bsen, selbst dem Unvernnftigen huldigt sie gerne, wenn es sich nur in
einem glnzenden Gewande zeigt; die gute, ehrliche Tugend mit ihren rauhen
Manieren und ihrem ungeschliffenen, rohen Aussehen wird hchstens Achtung,
niemals Beifall erlangen.

                                Neuntes Kapitel


                        Satans Rache am Dr. Schnatterer

Als ich sah, wie weit die Philosophie und Theologie in .....en hinter meinen
Vorstellungen, die ich mir zuvor gemacht hatte, zurckbleibe, legte ich mich mit
Eifer auf sthetik, Rhetorik, namentlich aber auf die schne Literatur. Man
wende mir nicht ein, ich habe auf diese Art meine Zeit unntz angewendet. Ich
besuchte ja jene berhmte Schule nicht, um ein Brotstudium zu treiben, das
einmal einen Mann mit Weib und Kind ernhren knnte, sondern das dic-cur-hic
das ich recht oft in meine Seele zurckrief, sagte mir immer, ich solle suchen,
von jeder Wissenschaft einen kleinen Hieb zu bekommen, mich aber so sehr als
mglich in jenen Knsten zu vervollkommnen, die heutzutage einem Mann von
Bildung unentbehrlich sind.
    Bei Gelegenheit eine Stelle aus einem Dichter zu zitieren, ber die
Schnheit eines Gemldes kunstgerecht mitzusprechen, eine Statue nach allen
Regeln fr erbrmlich zu erklren, fr die Mnner einige theologische Literatur,
einige juridische Phrasen, einige neue medizinische Entdeckungen, einige
exorbitante philosophische Behauptungen in petto zu haben, hielt ich fr
unumgnglich notwendig, um mich mit Anstand in der modernen Welt bewegen zu
knnen, und ohne mir selbst ein Kompliment machen zu wollen, darf ich sagen, ich
habe in den paar Monaten in .....en hinlnglich gelernt.
    Ich habe mir nach dem Beispiel meiner groen Vorbilder im Memoirenschreiben
vorgenommen, auch die geringfgigsten Ereignisse aufzufhren, wenn sie lehrreich
oder merkwrdig sind, wenn sie Stoff zum Nachdenken oder zum Lachen enthalten.
Ich darf daher nicht versumen, meine Rache am Doktor Schnatterer zu erzhlen.
    Besagter Doktor hatte die lbliche Gewohnheit, Sonntag nachmittags mit noch
mehreren andern Professoren in ein Wirtshaus ein halbes Stndchen vor der Stadt
zu spazieren. Dort pflegte man, um die steifgesessenen Glieder wieder
auszurenken, Kegel zu schieben und allerlei sonstigen Kurzweil zu treiben, wie
es sich fr ehrbare Mnner geziemt; man spielte wohl auch bei verschlossenen
Tren ein Whistchen oder Piquet, und trank manchmal ein Glschen ber Durst, was
wenigstens die bse Welt daraus ersehen wollte, da sich die Herren abends in
der Chaise des Wirtes zur Stadt bringen lieen.
    Der ehrwrdige Theologe aber pflegte immer lang vor Sonnenuntergang
heimzukehren, man sagt, weil die Frau Doktorin ihm keine lngere Frist erlaubt
hatte; er ging dann bedchtlichen Schrittes seinen Weg, vermied aber die breite
Chaussee und schlug den Wiesenpfad ein, der dreiig Schritte seitwrts neben
jener hinlief; der Grund war, weil der breite Weg am schnen Sonntagabend mit
Fugngern beset war, der Doktor aber die hhere Rte seines Gesichtes und den
etwas unsichern Gang nicht den Augen der Welt zeigen wollte.
    So erklrten sich die Bsen den einsamen Gang Schnatterers; die Frommen aber
blieben stehen, schauten ihm nach und sprachen: Siehe, er geht nicht auf dem
breiten Weg der Gottlosen, der fromme Herr Doktor, sondern den schmalen Pfad,
welcher zum Leben fhrt.
    Auf diese Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan gebaut. Ich
pate ihm an einem schnen Sonntagabend, der alle Welt ins Freie gelockt hatte,
auf, und er trat noch bei guter Tageszeit aus dem Wirtshaus. Mit demtigem
Bckling nahte ich mich ihm, und fragte, ob ich ihn auf seinem Heimweg begleiten
drfe, der Abend scheine mir in seiner gelehrten Nhe noch einmal so schn.
    Der Herr Doktor schien einen kordialen Hieb zu haben; er legte zutraulich
meinen Arm in den seinigen, und begann mit mir ber die Tiefen der
Wissenschaften zu perorieren. Aber ich schlug sein Auge mit Blindheit, und indem
ich als ehrbarer Studiosus neben ihm zu gehen schien, verwandelte ich meine
Gestalt und erschien den verwunderten Blicken der Spaziergnger als die schne
Luisel, die berchtigste Dirne der Stadt. - Ach! da Hogarth an jenem Abend
unter den spazierengehenden Christen auf dem breiten Wege gewandelt wre! Welch
herrliche Originale fr frommen Unwillen, starres Erstaunen, hmische
Schadenfreude htte er in sein Skizzenbuch niederlegen knnen.
    Die Vordersten blieben stehen, als sie das seltsame Paar auf dem Wiesenpfad
wandeln sahen, sie kehrten um, uns zu folgen, und rissen die Nachkommenden mit.
Wie ein ungeheurer Strom wlzte sich uns die erstaunte Menge nach, wie ein
Lauffeuer flog das unglaubliche Gercht: Der Doktor Schnatterer mit der schnen
Luisel! von Mund zu Mund der Stadt zu.
    Wehe dem, durch den rgernis kommet! riefen die Frommen; hat man das je
erlebt von einem christlichen Prediger?
    Ei, ei, wer htte das hinter dem Ehrsamen gesucht? sprachen mit
Achselzucken die Halbfrommen, wenn der Skandal nur nicht auf ffentlicher
Promenade -!
    Der Herr Doktor machen sich's bequem! lachten die Weltkinder, er predigt
gegen das Unrecht, und geht mit der Snde spazieren.
    So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Brger und Studenten, Mgde und
Straenjungen erzhlten es in Kneipen, am Brunnen und an allen Ecken; und
Doktor Schnatterer und schn Luisel war das Feldgeschrei und die Parole fr
diesen Abend und manchen folgenden Tag.
    An einer Krmmung des Wegs machte ich mich unbemerkt aus dem Staube, und
schlo mich als Studiosus meinen Kameraden an, die mir die Neuigkeit ganz warm
auftischten. Der gute Doktor aber zog ruhig seines Weges, bemerkte, in seine
tiefen Meditationen versenkt, nicht das Drngen der Menge, die sich um seinen
Anblick schlug, nicht das wiehernde Gelchter, das seinen Schritten folgte. Es
war zu erwarten, da einige fromme Weiber seiner zrtlichen Ehehlfte die
Geschichte beigebracht hatten, ehe noch der Theologe an der Hausglocke zog; denn
auf der Strae hrte man deutlich die frchterliche Stimme des Gerichtsengels,
der ihn in Empfang nahm, und das Klatschen, welches man hie und da vernahm, war
viel zu volltnend, als da man htte denken knnen, die Frau Doktorin habe die
Wangen ihres Gemahls mit dem Munde berhrt.
    Wie ich mir aber dachte, so geschah es. Nach einer halben Stunde schickte
die Frau Doktorin zu mir, und lie mich holen. Ich traf den Doktor mit hoch
aufgelaufenen Wangen, niedergeschlagen in einem Lehnstuhl sitzend. Die Frau
schritt auf mich zu und schrie, indem sie die Augen auf den Doktor
hinberblitzen lie: Dieser Mensch dort behauptet, heute abend mit Ihnen vom
Wirtshaus hereingegangen zu sein; sagen Sie, ob es wahr ist, sagen Sie!
    Ich bckte mich geziemend und versicherte, da ich mir habe nie trumen
lassen, die Ehre zu genieen; ich sei den ganzen Abend zu Haus gewesen.
    Wie vom Donner gerhrt, sprang der Doktor auf, der Schrecken schien seine
Zunge gelhmt zu haben: Zu Haus gewesen? lallte er, nicht mit mir gegangen, o
mit wem soll ich denn gegangen sein, als mit Ihnen, Wertester?
    Was wei ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind? gab ich lchelnd zur
Antwort. Mit mir auf keinen Fall!
    Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus, heulte die wtende Frau, was
sollten Sie nicht wissen, was die ganze Stadt wei; der alte Snder, der
Schandenmensch! man wei seine Schliche wohl; mit der schnen Luisel hat er
scharmuziert!
    Das hat mir der bse Feind angetan, raste der Doktor und rannte im Zimmer
umher; der Bse, der Beelzebub, nach meiner Konjektur der Stinker.
    Der Rausch hat dir's angetan, du Lump, schrie die Zrtliche, ri ihren
breitgetretenen Pantoffel ab und rannte ihm nach; ich aber schlich mich die
Treppe hinab und zum Haus hinaus und dachte bei mir, dem Doktor ist ganz recht
geschehen, man soll den Teufel nicht an die Wand malen, sonst kmmt er.
    Der Doktor Schnatterer wurde von da an in seinen Kollegien ausgepocht, und
konnte, selbst mit den khnsten Konjekturen, den Eifer nicht mehr erwecken, der
vor seiner Fatalitt unter der studierenden Jugend geherrscht hatte. Die
Kollegiengelder erreichten nicht mehr jene Summe, welche die Frau Professorin
als allgemeinen Mastab angenommen hatte, und der Professor lebte daher in
ewigem Hader mit der Unvershnlichen. Diesem hatte, sozusagen, der Teufel ein Ei
in die Wirtschaft gelegt.

                                Zehntes Kapitel


                     Satan wird wegen Umtrieben eingezogen
                    und verhrt; er verlt die Universitt

Um diese Zeit hrte man in Deutschland viel von Demagogen, Umtrieben,
Verhaftungen und Untersuchungen. Man lachte darber, weil es schien, man
betrachte alles durch das Vergrerungsglas, welches Angst und bses Gewissen
vorhielten. brigens mochte es an manchen Orten doch nicht ganz geheuer gewesen
sein; selbst in dem sonst so ruhigen .....en spukte es in manchen Kpfen
seltsam.
    Ich will einen kurzen Umri von dem Stand der Dinge geben. Wenn man
unbefangen unter den Burschen umherwandelte und ihren Gelagen beiwohnte, so
drngte sich von selbst die Bemerkung auf, da viele unter ihnen von etwas
anderem angeregt seien, als gerade von dem nchsten Zweck ihres Brotstudiums;
wie einige groes Interesse daran fanden, sich morgens mit ihren Glubigern und
deren Noten (Philister mit Pumpregistern) herumzuzanken, nachher den Hund zu
baden und ihn schne Knste zu lehren, sodann Fensterparade vor ihren Schnen zu
machen usw., so hatten sich andere, und zwar kein geringer Teil auf Idealeres
geworfen. Ich hatte zwar dadurch, da ich sie zum Studium des Trinkens anhielt,
dafr gesorgt, da die Herren sich nicht gar zu sehr der Welt entziehen mchten;
aber es blieb doch immer ein geheimnisvolles Walten, aus welchem ich nicht recht
klug werden konnte.
    Besonders aber uerte sich dies, wenn die Kpfe erleuchtet waren; da sprach
man viel von Volksbildung, von frommer deutscher Art, manche sprudelten auch
ber und schrien von der Not des Vaterlandes, von -. Doch das ist jetzt
gleichgltig, von was gesprochen wurde, es gengt zu sagen, da es schien, als
htte eine groe Idee viele Herzen ergriffen, sie zu einem Streben vereinigt.
Mir behagte die Sache an sich nicht bel; sollte es auf etwas Unruhiges
ausgehen, so war ich gleich dabei, denn Revolutionen waren von jeher mein
Element; nur sollte nach meiner Meinung das Ganze einen eleganteren, leichteren
Anstrich haben.
    Es gab zwar Leute unter ihnen, die mit der Gewandtheit eines Staatsmannes
die Menge zu leiten wuten, die sich eine Eleganz des Stils, eine Leichtigkeit
des Umgangs angeeignet hatten, wie sie in den diplomatischen Salons mit Mhe
erlernt und kaum mit so viel Anstand ausgefhrt wird; aber die meisten waren in
ein phantastisches Dunkel geraten, munkelten viel von dem Dreiklang in der
Einheit, von der Idee, die ihnen aufgegangen sei, und hatten Vergangenheit und
Zukunft, Mittelalter und das Chaos der jetzigen Zeit so ineinandergeknetet, da
kein Theseus sich aus diesen Labyrinthen herausgefunden htte.
    Ich merkte oft, da einer oder der andere der Koryphen in einer traulichen
Stunde mir gerne etwas anvertraut htte; ich zeigte Verstand, Weltbildung, Geld
und groe Konnexionen, Eigenschaften, die nicht zu verachten sind, und die man
immer ins Mittel zu ziehen sucht. Aber immer, wenn sie im Begriff waren, die
dunkle Pforte des Geheimnisses vor meinen Augen aufzuschlieen, schien sie, ich
wei nicht was, zurckzuhalten; sie behaupteten, ich habe kein Gemt, denn
dieses edle Seelenvermgen schienen sie als Probierstein zu gebrauchen.
    Mochte ich aber aussehen, wie ein verkappter Jakobiner, mochte ich durch
meinen Einflu auf die Menge Verdacht erregt haben? Eines Morgens trat der
Pedell mit einigen Schnurren in mein Zimmer und nahm mich im Namen Seiner
Magnifizenz gefangen. Der Universittssekretr folgte, um meine Papiere zu
ordnen und zu versiegeln, und gab mir zu verstehen, da ich als Demagoge
verhaftet sei.
    Man gab mir ein anstndiges Zimmer im Universittsgebude, sorgte eifrig fr
jede Bequemlichkeit, und als der Hohe Rat beisammen war, wurde ich in den Saal
gefhrt, um ber meine politischen Verbrechen vernommen zu werden.
    Die Dekane der vier Fakultten, der Rector Magnificus, ein Mediziner, und
der Universittssekretr saen um einen grnbehngten Tisch in feierlichem
Ornat; die tiefe Stille, welche in dem Saal herrschte, die steife Haltung der
gelehrten Richter, ihre wichtigen Mienen ntigten mir unwillkrlich ein Lcheln
ab.
    Magnificus zeigte auf einen Stuhl ihm gegenber am Ende der Tafel,
Delinquent setzte sich, Magnificus winkte wieder und der Pedell trat ab.
    Noch immer tiefe Stille; der Sekretr legt das Papier zum Protokoll zurecht,
und schneidet Federn; ein alter Professor lt seine ungeheure Dose herumgehen.
Jeder der Herren nimmt eine Prise bedchtlich und mit Beugung des Hauptes,
Doktor Saper, mein nchster Nachbar, schnupft und prsentiert mir die Dose, lt
aber das teure Magazin, von einem abwehrenden Blick Magnifici erschreckt, mit
polterndem Gerusch zu Boden fallen.
    Alle Hagel, Herr Doktor, schrie der alte Professor, alle Achtung beiseite
setzend.
    O Jerum, chzte der Sekretr und warf das Federmesser weg, denn er hatte
sich aus Schrecken in den Finger geschnitten.
    Bitte untertnigst! stammelte der erschrockene Doktor Saper.
    Diese alle sprachen auf einmal durcheinander und der letztere kniete auf den
Boden nieder und wollte mit der Papierschere, die er in der Eile ergriffen
hatte, den verschtteten Tabak aufschaufeln.
    Magnificus aber ergriff die groe Glocke und schellte dreimal; der Pedell
trat eilig und bestrzt herein, und fragte, was zu Befehl sei, und Magnificus
mit einem verbindlichen Lcheln zu Doktor Saper hinber sprach: Lassen Sie es
gut sein, Lieber, er taugt doch nichts mehr; da wir aber in dieser Sitzung
einiges Tabaks bentigt sein werden, glaube ich dafr stimmen zu mssen, da
frischer ad locum gebracht werde.
    Doktor Saper zog schnell sein Beutelein, reichte dem Pedell einige Groschen,
und befahl ihm, eilends drei Lot Schnupftabak zu bringen. Dieser enteilte dem
Saal; vor dem Haus fand er, wie ich nachher erfuhr, die halbe Universitt
versammelt, denn meine Verhaftung war schnell bekannt geworden, und alles
drngte sich zu, um das Nhere zu erfahren. Man kann sich daher die Spannung der
Gemter denken, als man den Pedell aus der Tre strzen sah; die vordersten
hielten ihn fest und fragten und drngten ihn, wohin er so eilig versendet
werde, und kaum konnte man sich in seine Beteurung finden, da er eilends drei
Lot Schnupftabak holen msse.
    Aber im Saal war nach der Entfernung des Gtterboten die vorige, anstndige
Stille eingetreten. Magnificus fate mich mit einem Blick voll Hoheit, und
begann:
    Es ist uns von einer hchstpreuslichen Zentral-Untersuchungskommission der
Auftrag zugekommen, auf gewisse geheime Umtriebe und Verbindungen, so sich auf
unserer Universitt seit einiger Zeit entsponnen haben sollen, unser Augenmerk
zu richten. Wir sind nun nach reiflicher Prfung der Umstnde vollkommen darber
einverstanden, da Sie, Herr von Barbe, sich hchst verdchtig gemacht haben,
solche Verhltnisse unter unserer akademischen Jugend dahier herbeigefhrt und
angesponnen zu haben. Hm! Was sagen Sie dazu, Herr von Barbe?
    Was ich dazu sage? Bis jetzt noch nichts, ich erwarte geziemend die
Beweise, die mein Leben und Betragen einer solchen Beschuldigung verdchtig
machen.
    Die Beweise? antwortete erstaunt der Rektor, Sie verlangen Beweise? ist
das der Respekt vor einem akademischen Senate? Man fhre selbst den Beweis, da
man nicht im strflichen Verdacht der Demagogie ist.
    Mit gtiger Erlaubnis, Euer Magnifizenz, entgegnete der Dekan der
Juristen, Inquisit kann, wenn er eines Verdachtes angeklagt ist, in alle Wege
verlangen, da ihm die Grnde des Verdachtes genannt werden.
    Dem medizinischen Rektor stand der Angstschwei auf der Stirne; man sah ihm
an, da er mit Mhe die Beweisgrnde in seinem Haupte hin- und herwlze. Wie ein
Bote vom Himmel erschien ihm daher der Pedell mit der Dose und berichtete
zugleich mit ngstlicher Stimme, da die Studierenden in groer Anzahl sich vor
dem Universittsgebude zusammengerottet haben und ein verdchtiges Gemurmel
durch die Reihen laufe, das mit einem Pereat oder Scheibeneinwerfen zu bedrohen
scheine.
    Kaum hatte er ausgesprochen, so strzte eine Magd herein, und richtete von
der Frau Magnificussin an den Herrn Magnificus ein Kompliment aus, und er mchte
doch sich nach Haus salvieren, weil die Studenten allerhand verdchtige
Bewegungen machen.
    Ist das nicht der klarste Beweis gegen Ihre geheimen Umtriebe, lieber Herr
von Barbe? sprach die Magnifizenz in klglichem Tone. Aber der Aufruhr steigt,
videant Consules ne quid detrimenti - man nehme seine Maregeln; - da auch der
Teufel gerade in meine Amtsfhrung alle fatalen Hndel bringen mu! - Domine
Collega, Herr Doktor Pfeffer, was stimmen Sie?
    Es ist eigentlich noch kein Votum zur Abstimmung vorgebracht und zur Reife
gediehen, ich rate aber, Herrn von Barbe bis auf weiteres zu entlassen, und ihm
-
    Richtig, gut, rief der Rektor, Sie knnen abtreten, wertgeschtzter
junger Freund, beruhigen Sie Ihre Kameraden, Sie sehen selbst, wie glimpflich
wir mit Ihnen verfahren sind, und zu einer gelegeneren Stunde werden wir uns
wieder die Ehre ausbitten; damit aber die Sache kein solches Aufsehen mehr
erregt - wei Gott, der Aufruhr steigt, ich hre pereat- so kommen Sie morgen
abend alle zum Tee zu mir, Sie auch, lieber Barbe, da denn die Sachen weiter
besprochen werden knnen.
    Ich konnte mich kaum enthalten, den ngstlichen Herren ins Gesicht zu
lachen. Sie saen da, wie von Gott verlassen, und wnschten sich in Abrahams
Scho, das heit in den ruhigen Hafen ihres weiten Lehnstuhls.
    Was steht nicht von einer erhitzten Jugend zu erwarten? klagten sie;
seitdem etzliche Lehrer von den Kathedern gestiegen sind, und sich unter diese
himmelstrmende Zyklopen gemischt haben, ist keine Ehrfurcht, kein Respekt mehr
da. Man mu befrchten, wie schlechte Schauspieler ausgepfiffen oder am hellen
Tage insultiert zu werden.
    Vom Erstechen will ich gar nicht reden, sagte ein anderer, es sollte
eigentlich jeder Literatus, der nicht allewege ein gut Gewissen hat, einen
Brustharnisch unter dem Kamisol tragen.
    Indessen die Philister also klagten, dankte ich meinen Kommilitonen fr ihre
Aufmerksamkeit fr mich, sagte ihnen, da sie nachts viel bessere Gelegenheit
zum Fenstereinwerfen haben, und bewog sie durch Bitten und Vorstellungen, da
sie abzogen. Sie marschierten in geschlossenen Reihen durch das erschreckte
Stdtchen, und sangen ihr a ira, a ira, nmlich: Die Burschenfreiheit lebe
und das erhabene Rautsch, rautsch, rautschitschi, Revolution!
    Ich ging wieder in den Saal zurck und sagte den noch versammelten Herren,
da sie gar nichts zu befrchten haben, weil ich die Herren Studiosen vermocht
habe, nach Hause zu gehen. Beschmung und Zorn rtete jetzt die bleichen
Gesichter, und mein bichen Psychologie mute mich ganz getuscht haben, wenn
mich die Herren nicht ihre Angst entgelten lieen. Und gewi! meine Ahnung hatte
mich nicht betrogen. Magnificus ging ans Fenster, um sich selbst zu berzeugen,
da die Aufrhrer abgezogen seien; dann wendete er sich mit erhabener Miene zu
mir, und er, der noch vor einer Viertelstunde mein wertgeschtzter Freund zu
mir sagte, herrschte mir jetzt zu: Wir knnen das Verhr weiter fortfhren,
Delinquent mag sich setzen!
    So sind die Menschen; nichts vergit der Hhere so leicht, als da der
Niedere ihm in der Stunde der Not zu Hlfe eilte, nichts sucht er sogar eifriger
zu vergessen, als jene Not, wenn er sich dabei eine Ble gegeben, deren er sich
zu schmen hat.
    Nach der Miene des Magnificus richteten sich auch die seiner Kollegen. Sie
behandelten mich grob und mrrisch. Der Rektor entwickelte mit groer
Gelehrsamkeit den ersten Anklagepunkt.
    Demagog kmmt her von dhmos und agein. Das eine heit Volk, das andere
fhren oder verfhren. Wer ist nach diesem Begriff mehr Demagog, als Sie? Haben
wir nicht in Erfahrung gebracht, da Sie die jungen Leute zum Trinken
verleiteten? Da Sie neue Lieder und Kartenspiele hieher verpflanzten? Auch von
andern Orten werden diese Sachen als die sichersten Symptome der Demagogie
angefhrt; folglich sind Sie ein Demagog. -
    Mit triumphierendem Lcheln wandte er sich zu seinen Kollegen; Habe ich
nicht recht, Doktor Pfeffer? Nicht recht, Herr Professor Saper? Vollkommen,
Euer Magnifizenz, versicherten jene und schnupften.
    Zweitens, jetzt kommt der andere Punkt, fuhr der Mediziner fort; das
Turnen ist eine Erfindung des Teufels und der Demagogen, es ist, um mich so
auszudrcken, eine vaterlandsverrterische Ausbildung der krperlichen Krfte.
Da nun die Turnpltze eigentlich die Tierparks und Salzlecken des demagogischen
Wildes, Sie aber, wie wir in Erfahrung gebracht haben, einer der eminentesten
Turner sind: so haben Sie sich durch Ihre Saltus mortales und Ihre brigen
Knste als einen kleinen Jahn, einen offenbaren Demagogen gezeigt. Habe ich
nicht recht, Herr Doktor Bruttler? sage ich nicht die Wahrheit, Herr Doktor
Schrag?
    Vollkommen, Euer Magnifizenz! versicherten diese und schnupften.
    Demagogen, fuhr er fort, Demagogen schleichen sich ohne bestimmten uern
Zweck ins Land, und suchen da Feuer einzulegen; sie sind unstete Leute, denen
man ihre Verdchtigkeit gleich ansieht; der Herr Studiosus von Barbe ist ohne
bestimmten Zweck hier, denn er luft in allen Kollegien und Wissenschaften
umher, ohne sie fr immer zu frequentieren oder gar nachzuschreiben; was folgt?
Er hat sich der Demagogie sehr verdchtig gemacht; ich fge gleich den vierten
Grund bei: man hat bemerkt, da Demagogen, vielleicht von geheimen Bnden
ausgerstet, viel Geld zeigen und die Leute an sich locken; wer hat sich in
diesem Punkt der Anklage wrdiger gemacht, als Delinquent? Habe ich nicht recht,
meine Herren?
    Sehr scharfsinnig, vollkommen! antworteten die Aufgerufenen unisono und
lieen die Dose herumgehen.
    Mit Majestt richtete sich Magnificus auf: Wir glauben hinlnglich bewiesen
zu haben, da Sie, Herr Studiosus Friedrich von Barbe, in dem Verdacht geheimer
Umtriebe stecken; wir sind aber weit entfernt, ohne den Beklagten anzuhren, ein
Urteil zu fllen, darum verteidigen Sie sich. - Aber mein Gott! wie die Zeit
herumgeht, da lutet es schon zu Mittag; ich denke, der Herr kann seine
Verteidigung im Karzer schriftlich abfassen; somit wre die Sitzung aufgehoben;
wnsche gesegnete Mahlzeit, meine Herren.
    So schlo sich mein merkwrdiges Verhr. Im Karzer entwarf ich eine
Verteidigung, die den Herren einleuchten mochte. Wahrscheinlicher aber ist mir,
da sie sich scheuten, einen jungen Mann, der so viel Geld ausgab, aus ihrer
guten Stadt zu verbannen. Sie gaben mir daher den Bescheid, da man mich aus
besonderer Rcksicht diesmal noch mit dem Concilium verschonen wolle, und
setzten mich wieder auf freien Fu.
    Als Demagog eingekerkert zu sein, als Mrtyrer der guten Sache gelitten zu
haben, zog einen neuen Nimbus um meinen Scheitel, und im Triumph wurde ich aus
dem Karzer nach Haus begleitet; aber die Freude sollte nicht lange dauern. Ich
hatte jetzt so ziemlich meinen Zweck, der mich in jene Stadt gefhrt hatte,
erreicht, und gedachte weiterzugehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, vorher
noch den Titel eines Doktors der Philosophie auf gerechtem Wege zu erringen. Ich
schrieb daher eine gelehrte Dissertation, und zwar ber ein Thema, das mir am
nchsten lag, de rebus diabolicis, lie sie drucken und verteidigte sie
ffentlich; wie ich meine Gegner und Opponenten tchtig zusammengehauen, erzhle
ich nicht aus Bescheidenheit; einen Auszug aus meiner Dissertation habe ich
brigens dem geneigten Leser beigelegt.2
    Post exantlata oder nachdem ich den Doktorhut errungen hatte, gab ich einen
ungeheuern Schmaus, wobei manche Seele auf ewig mein wurde. Solange noch die
guten Jungen meinen Champagner und Burgunder mit schwerer Zunge prften, lie
ich meine Rappen vorfhren, und sagte der lieben Musenstadt Valet. Die Rechnung
des Doktorschmauses aber berbrachte der Wirt am Morgen den erstaunten Gsten,
und manches Pochen des ungestmmen Glubigers, das sie aus den sen
Morgentrumen weckte, mancher bedeutende Abzug am Wechsel erinnerte sie auch in
sptern Zeiten an den berhmten Doktorschmaus und an ihren guten Freund, den
Satan.

                                       II



            Unterhaltungen des Satan und des ewigen Juden in Berlin

                Die heutigen dummen Gesichter sind nur das boeuf  la mode der
                frheren dummen Gesichter.
                                                                   Welt und Zeit


                                Eilftes Kapitel

                       Wen der Teufel im Tiergarten traf

Ich sa, es mgen bald drei Jahre sein, an einem schnen Sommerabend im
Tiergarten zu Berlin, nicht weit vom Weberischen Zelt; ich betrachtete mir die
bunte Welt um mich her und hatte groes Wohlgefallen an ihr; war es doch schon
wieder ganz anders geworden als zu der frommen Zeit Anno dreizehn und fnfzehn,
wo alles so ehrbar, und, wie sie es nannten, altdeutsch zuging, da es mich
nicht wenig ennuyierte. Besonders ber die schnen Berlinerinnen konnte ich mich
damals recht rgern, sonst ging es sonntags nachmittags mit Saus und Braus nach
Charlottenburg oder mit Jubel und Lachen die Linden entlang nach dem Tiergarten
heraus; aber damals -? Jetzt aber ging es auch wieder hoch her. Das Alte war dem
Neuen gewichen, Lust und Leben wie frher zog durch die grnen Bume, und der
Teufel galt wieder was, wie vor Zeiten, und war ein geschtzter, angesehener
Mann.
    Ich konnte mich nicht enthalten, einen Gang durch die buntgemischte
Gesellschaft zu machen. Die glnzenden Militrs von allen Chargen mit ihren
ebenso verschieden chargierten Schnen, die zierlichen Elegants und
Elegantinnen, die Mtter, die ihre geputzten Tchter zu Markt brachten, die
wohlgenhrten Rte mit einem guten Griff der Kassengelder in der Tasche, und
Grafen, Baronen, Brger, Studenten und Handwerksbursche, anstndige und
unanstndige Gesellschaft - sie alle um mich her, sie alle auf dem
vernnftigsten Wege, mein zu werden! In frhlicher Stimmung ging ich weiter und
weiter, ich wurde immer zufriedener und heiterer.
    Da sah ich, mitten unter dem wogenden Gewhl der Menge ein paar Mnner an
einem kleinen Tischchen sitzen, welche gar nicht recht zu meiner frhlichen
Gesellschaft taugen wollten. Den einen konnte ich nur vom Rcken sehen, es war
ein kleiner beweglicher Mann, schien viel an seinen Nachbar hin zu sprechen,
gestikulierte oft mit den Armen, und nahm nach jedem greren Satz, den er
gesprochen, ein erkleckliches Schlckchen dunkelroten Franzweins zu sich.
    Der andere mochte schon weit vorgerckt in Jahren sein, er war rmlich aber
sauber gekleidet, beugte den Kopf auf die eine Hand, whrend die andere mit
einem langen Wanderstab wunderliche Figuren in den Sand beschrieb, er hrte mit
trbem Lcheln dem Sprechenden zu und schien ihm wenig, oder ganz kurz zu
antworten.
    Beide Figuren hatten etwas mir so Bekanntes, und doch konnte ich mich im
Augenblick nicht entsinnen, wer sie wren. Der kleine Lebhafte sprang endlich
auf, drckte dem Alten die Hand, lief mit kurzen schnellen Schritten, heiser vor
sich hinlachend, hinweg, und verlor sich bald ins Gedrnge. Der Alte schaute ihm
wehmtig nach und legte dann die tiefgefurchte Stirne wieder in die Hand.
    Ich besann mich auf alle meine Bekannten, keiner pate zu dieser Figur; eine
Ahnung durchflog mich, sollte es - doch was braucht der Teufel viel Komplimente
zu machen? Ich trat nher, setzte mich auf den Stuhl, welchen der andere
verlassen hatte, und bot dem Alten einen guten Abend.
    Langsam erhob er sein Haupt und schlug das Auge auf, ja er war es, es war
der Ewige Jude.
    Bon soir, Brderchen! sagte ich zu ihm, es ist doch schnackisch, da wir
einander zu Berlin im Tiergarten wiederfinden, es wird wohl so achtzig Jhrchen
sein, da ich nicht mehr das Vergngen hatte?
    Er sah mich fragend an; So, du bist's? prete er endlich heraus; hebe
dich weg, mit dir habe ich nichts zu schaffen!
    Nur nicht gleich so grob, Ewiger, gab ich ihm zur Antwort; wir haben
manche Mitternacht miteinander vertollt, als du noch munter warst auf der Erde,
und so recht systematisch lderlich lebtest, um dich selbst bald unter den Boden
zu bringen. Aber jetzt bist du, glaube ich, ein Pietist geworden.
    Der Jude antwortete nicht, aber ein hmisches Lcheln, das ber seine
verwitterten Zge flog, wie ein Blitz durch die Ruine, zeigte mir, da er mit
der Kirche noch immer nicht recht einig sei.
    Wer ging da soeben von dir hinweg? fragte ich, als er noch immer auf
seinem Schweigen beharrte.
    Das war der Kammergerichtsrat Hoffmann, erwiderte er.
    So der? ich kenne ihn recht wohl, obgleich er mir immer ausweicht wie ein
Aal; war ich ihm doch zu mancher seiner nchtlichen Phantasien behlflich, da
es ihm selbst oft angst und bange wurde, und habe ich ihm nicht als sein eigener
Doppelgnger ber die Schultern geschaut, als er an seinem Kreisler schrieb? als
er sich umwandte und den Spuk anschaute, rief er seiner Frau, da sie sich zu
ihm setze, denn es war Mitternacht und seine Lampe brannte trb. - So, so, der
war's? und was wollte er von dir, Ewiger?
    Da du verkrmmest mit deinem Spott; bist du nicht gleich ewig wie ich, und
drckt dich die Zeit nicht auch auf den Rcken? Nenne den Namen nicht mehr, den
ich hasse! Was aber den Herrn Kammergerichtsrat Hoffmann betrifft, fuhr er
ruhiger fort, so geht er umher, um sich die Leute zu betrachten; und wenn er
einen findet, der etwas Apartes an sich hat, etwa einen Hieb aus dem Narrenhaus,
oder einen Stich aus dem Geisterreich, so freut er sich ba und zeichnet ihn mit
Worten oder mit dem Griffel. Und weil er an mir etwas Absonderliches versprt
haben mag, so setzte er sich zu mir, besprach sich mit mir und lud mich ein, ihn
in seinem Haus auf dem Gendarmenmarkt zu besuchen.
    So, so? und wo kommst du denn eigentlich her? wenn man fragen darf?
    Recta aus China, antwortete Ahasverus, ein langweiliges Nest, es sieht
gerade aus, wie vor fnfzehnhundert Jahren, als ich zum erstenmal dort war.
    In China warst du? fragte ich lachend, wie kommst du denn zu dem
langweiligen Volk, das selbst fr den Teufel zu wenig amsant ist?
    La das, entgegnete jener, du weit ja, wie mich die Unruhe durch die
Lnder treibt; ich habe mir, als die Morgensonne des neuen Jahrhunderts hinter
den mongolischen Bergen aufging, den Kopf an die lange Mauer von China gerannt,
aber es wollte noch nicht mit mir zu Ende gehen, und ich htte eher ein Loch
durch jene Gartenmauer des himmlischen Reiches gestoen, wie ein alter Aries,
als da der dort oben mir ein Hrchen htte krmmen lassen.
    Trnen rollten dem alten Menschen aus den Augen; die mden Augenlider
wollten sich schlieen, aber der Schwur des Ewigen hlt sie offen, bis er
schlafen darf, wenn die andern auferstehen. Er hatte lange geschwiegen, und
wahrlich, ich konnte den Armen nicht ohne eine Regung von Mitleid ansehen. Er
richtete sich wieder auf. - Satan, fragte er mit zitternder Stimme, wieviel
Uhr ist's in der Ewigkeit?
    Es will Abend werden, gab ich ihm zur Antwort.
    O Mitternacht! sthnte er, wann endlich kommen deine khlen Schatten und
senken sich auf mein brennendes Auge? Wann nahest du, Stunde, wo die Grber sich
ffnen, und Raum wird fr den Einen, der dann ruhen darf?
    Pfui Kuckuck, alter Heuler! brach ich los, erbost ber die weinerlichen
Manieren des ewigen Wanderers; wie magst du nur solch ein poetisches Lamento
aufschlagen? glaube mir, du darfst dir gratulieren, da du noch etwas Apartes
hast; manche lustige Seele hat es an einem gewissen Ort viel schlimmer, als du
hier auf der Erde; man hat doch hier oben immer noch seinen Spa, denn die
Menschen sorgen dafr, da die tollen Streiche nicht ausgehen. Wenn ich so viele
freie Zeit htte, wie du, ich wollte das Leben anders genieen. Ma foi,
Brderchen, warum gehst du nicht nach England, wo man jetzt ber die galanten
Abenteuer einer Knigin ffentlich zertiert? Warum nicht nach Spanien, wo es
jetzt nchstens losbricht? Warum nicht nach Frankreich, um dein Gaudium daran zu
haben, wie man die Wnde des Kaisertums berpinselt, und mit alten Gobelins von
Louis des Vierzehnten Zeiten, die sie aus dem Exil mitgebracht haben, behngt.
Ich kann dich versichern, es sieht gar nrrisch aus, denn die Tapete ist berall
zu kurz und durch die Risse guckt immer noch ernst und drohend das Kaisertum,
wie das Blut des Ermordeten, das man mit keinem Gips auslschen kann, und das,
sooft man es wei anstreicht, immer noch mit der alten bunten Farbe
durchschlgt!
    Der alte Mensch hatte mir aufmerksam zugehrt, sein Gesicht war immer
heiterer geworden, und er lachte jetzt aus vollem Herzen: Du bist, wie ich
sehe, immer noch der alte, sagte er, und schttelte mir die Hand, weit jedem
etwas aufzuhngen, und wenn er gerade aus Abrahams Scho kme!
    Warum, fuhr ich fort, warum hltst du dich nicht lnger und fter hier in
dem guten ehrlichen Deutschland auf? Kann man etwas Possierlicheres sehen, als
diese Duodezlnder? Das ist alles so - doch stille, da geht einer von der
geheimen Polizei umher; man knnte leicht etwas aufschnappen, und den Ewigen
Juden und den Teufel als unruhige Kpfe nach Spandau schicken; aber um auf etwas
anderes zu kommen, warum bist du denn hier in Berlin?
    Das hat seine eigene Bewandtnis, antwortete der Jude; ich bin hier, um
einen Dichter zu besuchen.
    Du einen Dichter?! rief ich verwundert; wie kmmst du auf diesen
Einfall?
    Ich habe vor einiger Zeit ein Ding gelesen, man heit es Novelle, worin ich
die Hauptrolle spielte; es fhrte zwar den dummen Titel Der Ewige Jude, im
brigen ist es aber eine schne Dichtung, die mir wunderbaren Trost brachte! Nun
mchte ich den Mann sehen und sprechen, der das wunderliche Ding gemacht hat.
    Und der soll hier wohnen, in Berlin? fragte ich neugierig, und wie heit
er denn?
    Er soll hier wohnen, und heit F. H. Man hat mir auch die Strae genannt,
aber mein Gedchtnis ist wie ein Sieb, durch das man Mondschein giet!
    Ich war nicht wenig begierig, wie sich der Ewige Jude bei einem Dichter
produzieren wrde, und beschlo, ihn zu begleiten. Hre Alter, sagte ich zu
ihm, wir sind von jeher auf gutem Fu miteinander gestanden, und ich hoffe
nicht, da du deine Gesinnungen gegen mich ndern wirst; sonst -
    Zu drohen ist gerade nicht ntig, Herr Satan, antwortete er, denn du
weit, ich mache mir wenig aus dir, und kenne deine Schliche hinlnglich, aber
deswegen bist du mir doch als alter Bekannter ganz angenehm und recht; warum
fragst du denn?
    Nun, du knntest mir die Geflligkeit erweisen, mich zu dem Dichter, der
dich in einer Novelle abkonterfeite, mitzunehmen; willst du nicht?
    Ich sehe zwar nicht ein, was fr Interesse du dabei haben kannst,
antwortete der Alte, und sah mich mitrauisch an; du knntest irgendeinen Spuk
im Sinne haben, und dir vielleicht gar mit bsen Absichten auf des braven Mannes
Seele schmeicheln; dies schlage dir brigens nur aus dem Sinn; denn der schreibt
so fromme Novellen, da der Teufel selbst ihm nichts anhaben kann; - doch
meinetwegen kannst du mitgehen.
    Das denke ich auch; was diese Seele betrifft, so kmmere ich mich wenig um
Dichter und dergleichen, das ist leichte Ware, welcher der Teufel wenig
nachfragt. Es ist bei mir nur Interesse an dem Manne selbst, was mich zu ihm
zieht. brigens in diesem Kostm kannst du hier in Berlin keine Visiten machen,
Alter!
    Der Ewige Jude beschaute mit Wohlgefallen sein abgeschabtes braunes Rcklein
mit groen Perlmutterknpfen, seine lange Weste mit breiten Schen, seine
kurzen, zeisiggrnen Beinkleider, die auf den Knien ins Brunliche spielten; er
setzte das schwarzrote dreieckige Htchen aufs Ohr, nahm den langen Wanderstab
krftiger in die Hand, stellte sich vor mich hin und fragte:
    Bin ich nicht angekleidet stattlich wie Knig Salomo und zierlich wie der
Sohn Isais? Was hast du nur an mir auszusetzen? Freilich trage ich keinen
falschen Bart wie du, keine Brille sitzt mir auf der Nase, meine Haare stehen
nicht in die Hhe  la Wahnsinn; ich habe meinen Leib in keinen wattierten Rock
gepret, und um meine Beine schlottern keine ellenweite Beinkleider, wozu
freilich Herr Bocksfu Ursache haben mag -.
    Solche Anzglichkeiten gehren nicht hieher, antwortete ich dem alten
Juden; wisse, man mu heutzutage nach der Mode gekleidet sein, wenn man sein
Glck machen will, und selbst der Teufel macht davon keine Ausnahme. Aber hre
meinen Vorschlag. Ich versehe dich mit einem anstndigen Anzug und du stellst
dafr meinen Hofmeister vor; auf diese Art knnen wir leicht Zutritt in Husern
bekommen und wie wollte ich dir's vergelten, wenn uns dein Dichter in einen
sthetischen Tee einfhrte.
    sthetischer Tee, was ist denn das? in China habe ich manches Ma Tee
geschluckt, Blumentee, Kaisertee, Mandarinentee, sogar Kamillentee, aber
sthetischer Tee war nie dabei.
    O sancta simplicitas! Jude, wie weit bist du zurck in der Kultur; weit du
denn nicht, da dies Gesellschaften sind, wo man ber Teebltter und einige
schne Ideen genugsam warmes Wasser giet und den Leuten damit aufwartet? Zucker
und Rum tut jeder nach Belieben dazu und man amsiert sich dort trefflich.
    Habe ich je so etwas gehrt, so will ich Hans heien, versicherte der
Jude, und was kostet es, wenn man's sehen darf?
    Kosten? nichts kostet es, als da man der Frau vom Haus die Hand kt, und
wenn ihre Tchter singen oder mimische Vorstellungen geben, hie und da ein
wundervoll oder gttlich schlpfen lt.
    Das ist ein wunderliches Volk geworden in den letzten achtzig Jahren. Zu
Friedrichs des Groen Zeiten wute man noch nichts von diesen Dingen. Doch des
Spaes wegen kann man hingehen; denn ich verspre in dieser Sandwste gewaltig
Langeweile.
    Der Besuch war also auf den nchsten Tag festgesetzt; wir besprachen uns
noch ber die Rolle, die ich als Eleve von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren, er
als Hofmeister zu spielen htte, und schieden.
    Ich versprach mir treffliche Unterhaltung von dem morgenden Tage. Der Ewige
Jude hatte so alte, unbehlfliche Manieren, wute sich so gar nicht in die
heutige Welt zu schicken, da man ihn im Gewand eines Hofmeisters zum wenigsten
fr einen ausgemachten Pedanten halten mute. Ich nahm mir vor, mir selbst so
viel Eleganz, als dem Teufel nur immer mglich ist, anzulegen und den Alten
dadurch recht in Verlegenheit zu bringen. Zerstreuung war ihm berdies hchst
ntig, denn er hatte in der letzten Zeit auf seinen einsamen Wanderungen einen
solchen Ansatz zur Frmmelei bekommen, da er ein Pietist zu werden drohte.
    Der Dichter, zu welchem mich der Ewige Jude fhrte, ein Mann in mittleren
Jahren, nahm uns sehr artig auf. Der Jude hie sich Doktor Mucker, und stellte
in mir seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg vor. Ich richtete meine
uere Aufmerksamkeit bald auf die schnen Kupferstiche an der Wand, auf die
Titel der vielen Bcher, die umherstanden, um desto ungeteilter mein Ohr, und
wenn es unbemerkt mglich war, auch mein Auge an der Unterhaltung teilnehmen zu
lassen.
    Der alte Mensch begann mit einem Lob ber die Novelle vom Ewigen Juden; der
Dichter aber, viel zu fein und gebildet, als da er seinen Gast htte auf diesem
Lob stehenlassen, wandte das Gesprch auf die Sage vom Ewigen Juden berhaupt,
und da sie in ihm auf jene Weise aufgegangen sei. Der Ewige schnitt, zur
Verwunderung des Dichters, grimmige Gesichter, als dieser unter anderm
behauptete: es liege in der Sage vom Ewigen Juden eine tiefe Moral, denn der
Verworfenste unter den Menschen sei offenbar immer der, welcher seinen Schmerz
ber getuschte Hoffnung gerade an dem auslasse, der diese Hoffnungen erregt
habe; besonders verworfen erscheine er, wenn zugleich der, welcher die Hoffnung
erregte, noch unglcklicher erscheine, als der, welcher sich tuschte.
    Es fehlte wenig, so htte der Herr Doktor Mucker sein Inkognito abgelegt,
und wre dem wirklich genialen Dichter als Ewiger Jude zu Leib gegangen. Noch
verwirrter wurde aber mein alter Hofmeister, als jener das Gesprch auf die
neuere Literatur brachte. Hier ging ihm die Stimme vllig aus, und er sah die
nchste beste Gelegenheit ab, sich zu empfehlen.
    Der brave Mann lud uns ein, ihn noch oft zu besuchen, und kaum hatte er
gehrt, wir seien vllig fremd in Berlin, und wissen noch nicht, wie wir den
Abend zubringen sollen, so bat er uns, ihn in ein Haus zu begleiten, wo alle
Montag ausgesuchte Gesellschaft von Freunden der schnen Literatur bei Tee
versammelt sei; wir sagten dankbar zu und schieden.

                                Zwlftes Kapitel


           Satan besucht mit dem Ewigen Juden einen sthetischen Tee

Ahasverus war den ganzen Tag ber verstimmt; gerade das, da er in seinem Innern
dem Dichter recht geben mute, genierte ihn so sehr. Er brummte einmal ber das
andere ber die naseweise Jugend (obgleich der Dichter jener Novelle schon bei
Jahren war), und den Verfall der Zeiten und Sitten. Trotz dem Respekt, den ich
gegen ihn als meinen Hofmeister htte haben sollen, sagte ich ihm tchtig die
Meinung, und brachte den alten Bren dadurch wenigstens so weit, da er hflich
gegen den Mann sein wollte, der so artig war, uns in den sthetischen Tee zu
fhren.
    Die siebente Stunde schlug; in einem modischen Frack, wohlparfmiert, in die
feinste, zierlichst gefltelte Leinwand gekleidet, die Beinkleider von Paris,
die durchbrochenen Seidenstrmpfe von Lyon, die Schuhe von Straburg, die
Lorgnette so fein und gefllig gearbeitet, wie sie nur immer aus der Fabrik der
Herren Lood in Werenthead hervorgeht, so stellte ich mich den erstaunten Blicken
des Juden dar; dieser war mit seiner modischen Toilette noch nicht halb fertig
und hatte alles hchst sonderbar angezogen, wie er z.B. die elegante, hohe
Krawatte, ein Berliner Meisterwerk, als Gurt um den Leib gebunden hatte, und
fest darauf bestand, dies sei die neueste Tracht auf Morea.
    Nachdem ich ihn mit vieler Mhe geputzt hatte, brachen wir auf. Im Wagen,
den ich, um brillanter aufzutreten, fr diesen Abend gemietet hatte, wiederholte
ich alle Lehren ber den gesellschaftlichen Anstand.
    Du darfst, sagte ich ihm, in einem sthetischen Tee eher zerstreut und
tiefdenkend als vorlaut erscheinen; du darfst nichts ganz unbedingt loben,
sondern sehe immer so aus, als habest du sonst noch etwas in petto, das viel zu
weise fr ein sterbliches Ohr wre. Das Beifallcheln hochweiser Befriedigung
ist schwer, und kann erst nach langer bung vor dem Spiegel vllig erlernt
werden; man hat aber Surrogate dafr, mit welchen man etwas sehr loben und
bitter tadeln kann, ohne es entfernt gelesen zu haben. Du hrst z.B. von einem
Roman reden, der jetzt sehr viel Aufsehen machen soll; man setzt als ganz
natrlich voraus, da du ihn schon gelesen haben mssest, und fragt dich um dein
Urteil. Willst du dich nun lcherlich machen und antworten, ich habe ihn nicht
gelesen? Nein! du antwortest frisch drauf zu: Er gefllt mir im ganzen nicht
bel, obgleich er meinen Forderungen an Romane noch nicht entspricht; er hat
manches Tiefe und Originelle, die Entwickelung ist artig erfunden, doch scheint
mir hie und da in der Form etwas gefehlt und einige der Charaktere verzeichnet
zu sein.
    Sprichst du so, und hast du Mund und Stirne in kritische Falten gelegt, so
wird dir niemand tiefes und gewandtes Urteil absprechen.
    Dein Gewsch behalte der Teufel, entgegnete der Alte mrrisch; meinst du,
ich werde wegen dieser Menschlein, oder gar um dir Spa zu machen, sthetische
Gesichter schneiden? Da betrgst du dich sehr, Satan, Tee will ich meinetwegen
saufen, soviel du willst, aber -
    Da sieht man es wieder, wandte ich ein, wer wird denn in einer honetten
Gesellschaft saufen? wieviel fehlt dir noch, um heutzutage als gebildet zu
erscheinen! nippen, schlrfen, hchstens trinken - aber da hlt schon der Wagen
bei dem Dichter, nimm dich zusammen, da wir nicht Spott erleben,. Ahasvere!
    Der Dichter setzte sich zu uns, und der Wagen rollte weiter. Ich sah es dem
Alten wohl an, da ihm, je nher wir dem Ziele unserer Fahrt kamen, desto bnger
zumut war. Obgleich er schon seit achtzehn Jahrhunderten ber die Erde wandelte,
so konnte er sich doch so wenig in die Menschen und ihre Verhltnisse finden,
da er alle Augenblicke anstie. So fragte er z.B. den Dichter unterwegs, ob die
Versammlung, in welche wir fahren, aus lauter Christen bestehe, zu welcher Frage
jener natrlich groe Augen machte, und nicht recht wissen mochte, wie sie
hieher komme.
    Mit wenigen, aber treffenden Zgen entwarf uns der Dichter den Zirkel, der
uns aufnehmen sollte. Die milde und sinnige Frmmigkeit, die in dem zarten
Charakter der gndigen Frau vorwalten sollte; der feierliche Ernst, die stille
Gre des ltern Fruleins, die, wenngleich Protestantin, doch ganz das Air
jener wehmtig heiligen Klosterfrauen habe, die, nachdem sie mit gebrochenen
Herzen der Welt Ade gesagt, jetzt ihr ganzes Leben hindurch an einem
groartigen, interessanten Schmerz zehren.3 Das jngere Frulein, frisch, rund,
blhend, heiter, naiv, sei verliebt in einen Gardelieutenant, der aber, weil er
der ltern nicht sinnig genug sei, nicht zu dem sthetischen Tee komme. Sie habe
die schnsten Stellen in Goethe, Schiller, Tieck usw., welche ihr die Mutter
zuvor angestrichen, auswendig gelernt und gbe sie hie und da mit allerliebster
Przision preis. Sie singt, was nicht anders zu erwarten ist, auf Verlangen
italienische Arietten mit knstlichen Rouladen; ihre Hauptforce besteht aber im
Walzerspielen.
    Die brige Gesellschaft, einige schne Geister, einige Kritiker,
sentimentale und naive, junge und ltere Damen, freie und andere Frulein4
werden wir selbst nher kennenlernen.
    Der Wagen hielt, der Bediente ri den Schlag auf und half meinem bangen
Mentor heraus; schweigend zogen wir die erleuchtete Treppe hinan; ein lieblicher
Ambraduft wallte uns aus dem Vorzimmer entgegen; Gerusch vieler Stimmen und das
Gerassel der Teelffel tnte aus der halbgeffneten Tre des Salons, auch diese
flog auf, und umstrahlt von dem Sonnenglanz der schwebenden Lsters, sa im
Kreise die Gesellschaft.
    Der Dichter fhrte uns vor den Sitz der gndigen Frau und stellte den Doktor
Mucker und seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg, vor. Huldreich neigte
sich die Matrone, und reichte uns die schne zarte Hand, indem sie uns
freundlich willkommen hie; mit jener zierlichen Leichtigkeit, die ich einem
Wiener Incroyable abgelauscht hatte, fate ich diese zarte Hand, und hauchte ein
leises Kchen der Ehrfurcht darber hin. Die artige Sitte des Fremdlings schien
ihr zu gefallen, und gern gewhrte sie dem Mentor des wohlgezogenen Zglings die
nmliche Gunst; aber o Schrecken! indem er sich niederbckte, gewahrte ich, da
sein grauer, stechender Judenbart nicht glatt vom Kinn wegrasiert sei, sondern
wie eine Kratzbrste hervorstehe; die gndige Frau verzog das Gesicht grimmig
bei dem Stechku, aber der Anstand lie sie nicht mehr, als ein leises Gejammer
hervorsthnen; wehmtig betrachtete sie die schne weie Hand, die rot
aufzulaufen begann, und sie sah sich gentigt im Nebenzimmer Hlfe zu suchen;
ich sah, wie dort ihre Zofe aus der silbernen Toilette Klnisches Wasser nahm
und die wunde Stelle damit rieb; sodann wurden schne glacierte Handschuhe
geholt, die Kppchen davon abgeschnitten, so da doch die zarten Fingerspitzen
hervorsehen konnten, und die gndige Hand damit bekleidet.
    Indessen hatten sich die jungen Damen unsere Namen zugeflstert, die Herren
traten uns nher und befragten uns ber Gleichgltiges, worauf wir wieder
Gleichgltiges antworteten, bis die Seele des Hauses wieder hereintrat. Die Edle
wute ihren Kummer um die aufgelaufene Hand so gut zu verbergen, da sie nur
einem huslichen Geschft nachgegangen zu sein schien, und sogar der alte
Snder selbst nichts von dem Unheil ahnete, das er bewirkt hatte.
    Die einzige Strafe war, da sie ihm einen stechenden Blick fr seinen
stechenden Handku zuwarf, und mich den ganzen Abend hindurch auffallend vor ihm
auszeichnete.
    Die Leser werden gesehen haben, da es ein ganz eleganter Tee war, zu
welchem uns der Dichter gefhrt hatte; die massive silberne Teemaschine, an
welcher die jngere Tochter Tee bereitete, die prachtvollen Lsters und Spiegel,
die brennenden Farben der Teppiche und Tapeten, die knstlichen Blumen in den
zierlichsten Vasen, endlich die Gesellschaft selbst, die in vollem Kostm,
schwarz und wei gemischt war, lieen auf den Stand und guten Ton der Hausfrau
schlieen.
    Der Tee wies sich aber auch als sthetisch aus; gndige Frau bedauerte, da
wir nicht frher gekommen seien; der junge Dichter Frhauf habe einige Dutzend
Stanzen aus einem Heldengedicht vorgelesen, so innig, so schwebend, mit so viel
Musik in den Schlureimen, da man in langer Zeit nichts Erfreulicheres gehrt
habe; es stehe zu erwarten, da es allgemein Furore in Deutschland machen werde.
    Wir beklagten den Verlust unendlich, der bescheidene, lorbeerbekrnzte junge
Mann versicherte uns aber unter der Hand, er wolle uns morgen in unserm Hotel
besuchen, und wir sollten nicht nur die paar Stanzen, die er hier preisgegeben,
sondern einige vollstndige Gesnge zu hren bekommen.
    Das Gesprch bekam jetzt aber eine andere Wendung; eine ltliche Dame lie
sich ihre Arbeitstasche reichen, deren geschmackvolle und neue Stickerei die
Augen der Damen auf sich zog; sie nahm ein Buch daraus hervor und sagte mit
freundlichem Lispeln: Voyez-l das neueste Produkt meiner genialen Freundin
Johanna; sie hat es mir frisch von der Presse weg zugeschickt, und ich bin so
glcklich, die erste zu sein, die es hier besitzt; ich habe es nur ein wenig
durchblttert, aber diese herrlichen Situationen, diese Szenen, so ganz aus dem
Leben gegriffen, die Wahrheit der Charaktere, dieser glnzende Stil -
    Sie machen mich neugierig, Frau von Wollau, unterbrach sie die Dame des
Hauses, darf ich bitten -? ah, Gabriele, von Johanna von Schopenhauer; mit
dieser sind Sie liiert, meine Liebe? da wnsche ich Glck.
    Wir lernten uns in Karlsbad kennen, antwortete Frau von Wollau, unsere
Gemter erkannten sich in gleichem Streben nach veredeltem Ziel der Menschheit5,
sie zogen sich an, wir liebten uns; und da hat sie mir jetzt ihre Gabriele
geschickt.
    Das ist ja eine ganz interessante Bekanntschaft, sagte Frulein Natalie,
die ltere Tochter des Hauses; ach! wer doch auch so glcklich wre! es geht
doch nichts ber eine geniale Dame; aber sagen Sie, wo haben Sie das
wunderschne Stickmuster her, ich kann ihre Tasche nicht genug bewundern.
    Schn, - wunderschn! - und die Farben! - und die Girlanden! - und die
elegante Form! hallte es von den Lippen der schnen Teetrinkerinnen und die
arme Gabriele wre vielleicht ber dem Kunstwerk ganz vergessen worden, wenn
nicht unser Dichter sich das Buch zur Einsicht erbeten htte. Ich habe die
interessantesten Szenen bezeichnet, rief die Wollau, wer von den Herren ist so
gefllig, uns, wenn es anders der Gesellschaft angenehm ist, daraus vorzulesen?
    Herrlich - schn - ein vortrefflicher Einfall - ertnte es wieder, und
unser Fhrer, der in diesem Augenblicke das Buch in der Hand hatte, wurde durch
Akklamation zum Vorleser erwhlt; man go die Tassen wieder voll und reichte die
zierlichen Brtchen umher, um doch auch dem Krper Nahrung zu geben, whrend der
Geist mit einem neuen Roman gespeist wurde, und als alle versehen waren, gab die
Hausfrau das Zeichen, und die Vorlesung begann.
    Beinahe eine Stunde lang las der Dichter mit wohltnender Stimme aus dem
Buche vor; ich wei wenig mehr davon, als da es, wenn ich nicht irre, die
Beschreibung von Tableaux enthielt, die von einigen Damen der groen Welt
aufgefhrt wurden; mein Ohr war nur halb oder gar nicht bei der Vorlesung; denn
ich belauschte die Herzensergieungen zweier Fruleins, die, scheinbar
aufmerksam auf den Vorleser, einander allerlei Wichtiges in die Ohren
flsterten. Zum Glck sa ich weit genug von ihnen, um nicht in den Verdacht des
Lauschens zu geraten, und doch war die Entfernung gerade so gro, da ein Paar
gute Ohren alles hren konnten; die eine der beiden war die jngere Tochter des
Hauses, die, wie ich hrte, an einen Gardelieutenant ihr Herz verloren hatte.
    Und denke dir, flsterte sie ihrer Nachbarin zu, heute in aller Frhe ist
er mit seiner Schwadron vorbeigeritten, und unter meinem Fenster haben die
Trompeter den Galoppwalzer von letzthin anfangen mssen.
    Du Glckliche! antwortete das andere Frulein, und hat Mama nichts
gemerkt?
    So wenig als letzthin, wo er mich im Kotillon fnfmal aufzog; was ich
damals in Verlegenheit kam, kannst du gar nicht glauben. Ich war mit dem...schen
Attach engagiert und du weit, wie unertrglich mich dieser drre Mensch
verfolgt; er hatte schon wieder von den italienischen Gegenden Sddeutschlands
angefangen und mir nicht undeutlich zu verstehen gegeben, da sie noch schner
wren, wenn ich mit ihm dorthin zge, da erlste mich der liebe Fladorp aus
dieser Pein; doch kaum hatte er mich wieder zurckgebracht, als der
Unertrgliche sein altes Lied von neuen anstimmte, aber Eduard holte mich noch
viermal aus seinen glnzendsten Phrasen heraus, so da jener vor Wut ganz stumm
war, als ich das letztemal zurckkam; er uerte gegen Mama seine
Unzufriedenheit, sie schien ihn aber nicht zu verstehen.
    Ach, wie glcklich du bist, entgegnete wehmtig die Nachbarin, aber ich!
weit du schon, da mein Dagobert nach Halle versetzt ist? Wie wird es mir
ergehen!
    
    Ich wei es und bedaure dich von Herzen, aber sage mir doch, wie dies so
schnell kam?
    Ach! antwortete das Frulein und zerdrckte heimlich eine Trne im Auge;
ach, du hast keine Vorstellung von den Kabalen, die es im Leben gibt. Du weit,
wie eifrig Dagobert immer fr das Wohl des Vaterlandes war; da hatte er nun
einen neuen Zapfenstreich erfunden, er hat ihn mir auf der Fensterscheibe
vorgespielt, er ist allerliebst; seinem Obersten gefiel er auch recht wohl, aber
dieser wollte haben, er solle ihm die Ehre der Erfindung lassen; natrlich
konnte Dagobert dies nicht tun und, darber aufgebracht, ruhte der Oberst nicht
eher, bis der Arme nach Halle versetzt worden ist. Ach, du kannst dir gar nicht
denken, wie wehmtig mir ums Herz ist, wenn der Zapfenstreich an meinem Fenster
vorbeikommt, sie spielen ihn alle Abend nach der neuen Erfindung, und der,
welcher ihn machte, kann ihn nicht hren!
    Ich bedaure dich recht; aber weit du auch schon etwas ganz Neues? da sie
bei der Garde andere Uniform bekommen?
    Ist's mglich? o sage, wie denn? woher weit du es?
    Hre, aber im engsten Vertrauen: denn es ist noch tiefes, tiefes Geheimnis.
Eduard hat es von seinem Obersten und gestand mir es neulich, aber unter dem
Siegel der tiefsten Verschwiegenheit: sieh, die Knpfe werden auf der Brust
weiter auseinandergesetzt und laufen weiter unten enger zu, auf diese Art wird
die Taille noch viel schlanker, dann sollen sie auch goldene Achselschnre
bekommen, das wei aber der Oberst, und ich glaube selbst der General noch nicht
ganz gewi; - Eduard mu aussehen wie ein Engel - siehe bisher...
    Sie flsterten jetzt leiser, so da ich ber den Schnitt der Gardeuniform
nicht recht ins klare kommen konnte. Nur so viel sah ich, da schne Augen bei
platonischen Empfindungen ein recht schnes Feuer haben, da sie aber viel
reizender leuchten, bei weitem glnzendere Strahlen werfen, wenn sich sinnliche
Liebe in ihnen spiegelt.

                              Dreizehntes Kapitel


                         Angststunden des Ewigen Juden

Der Vorleser war bis an einen Abschnitt gekommen und legte das Buch nieder.
Allgemeiner Applaus erfolgte, und die gewhnlichen Ausrufungen, die schon dem
Stickmuster gegolten hatten, wurden auch der Gabriele zuteil. Ich konnte die
Geistesgegenwart und die schnelle Fassungskraft der beiden Frulein nicht genug
bewundern, obgleich sie nicht den kleinsten Teil des Gelesenen gehrt haben
konnten, so waren sie doch schon so gut geschult, da sie voll Bewunderung
schienen; die eine lief sogar hin zu Frau von Wollau, fate ihre Hand und
drckte sie an das Herz, indem sie ihr innig dankte fr den Genu, den sie allen
bereitet habe.
    Diese Dame sa aber da, voll Glanz und Glorie, wie wenn sie die Gabriele
selbst zur Welt gebracht htte. Sie dankte nach allen Seiten hin fr das Lob,
das ihrer Freundin zuteil geworden, und gab nicht undeutlich zu verstehen, da
sie selbst vielleicht einigen Einflu auf das neue Buch gehabt habe; denn sie
finde hin und wieder leise Anklnge an ihre eigenen Empfindungen, an ihre
eigenen Ideen ber inneres Leben und ber die Stellung der Frauen in der
Gesellschaft, die sie in traulichen Stunden ihrer Freundin aufgeschlossen.
    Man war natrlich so artig, ihr deswegen einige Komplimente zu machen,
obgleich man allgemein berzeugt war, da die geniale Freundin nichts aus dem
innern Wollauschen Leben gespickt haben werde.
    Der Ewige Jude hatte indes bei diesen Vorgngen eine ganz sonderbare Figur
gespielt. Verwunderungsvoll schaute er in diese Welt hinein, als traue er seinen
Augen und Ohren nicht; doch war das Bemhen, nach meiner Vorschrift sthetisch
oder kritisch auszusehen, nicht zu verkennen. Aber weil ihm die bung darin
abging, so schnitt er so greuliche Grimassen, da er einigemal whrend des
Vorlesens die Aufmerksamkeit des ganzen Zirkels auf sich zog, und die Dame des
Hauses mich teilnehmend fragte, ob mein Hofmeister nicht wohl sei.
    Ich entschuldigte ihn mit Zahnschmerzen, die ihn zuweilen befallen, und
glaubte alles wiedergutgemacht zu haben. Als aber Frau von Wollau, die ihm
gegenber sa, ihren Einflu auf die Dichterin mitteilte, mute das prezise
geschraubte Wesen derselben dem alten Menschen so komisch vorkommen, da er laut
auflachte.
    Wer jemals das Glck gehabt hat, einem eleganten Tee in hchst feiner
Gesellschaft beizuwohnen, der kann sich leicht denken, wie betreten alle waren,
als dieser rohe Ausbruch des Hohns erscholl. Eine unangenehme, totenstille Pause
erfolgte, in welcher man bald den Doktor Mucker, bald die beleidigte Dame ansah;
die Frau des Hauses, eingedenk des stechenden Kusses, wollte schon den unartigen
Fremden, der den Anstand ihres Hauses so grblich verletzte, ohne Rckhalt
zurechtweisen, als dieser, mit mehr Gewandtheit und List, als ich ihm zugetraut
htte, sich aus der Affaire zu ziehen wute:
    Ich hoffe, gndige Frau, sagte er, Sie werden mein allerdings unzeitiges
Lachen nicht miverstehen, und mir erlauben, mich zu rechtfertigen. Es ist Ihnen
allen gewi auch schon begegnet, da eine Ideenassoziation Sie vllig auer
Contenance brachte, ist doch schon manchem, mitten unter den heiligsten Dingen
ein lcherlicher Gedanke aufgestoen, der ihn im Mund kitzelte, und je mehr er
bemht war, ihn zu verhalten und zurckzudrngen, desto unaufhaltsamer brach er
auf einmal hervor, so geschah es mir in diesem Augenblick. Sie wrden mich
unendlich verbinden, gndige Frau, wenn Sie mir erlaubten, durch offenherzige
Erzhlung mich bei Frau von Wollau zu entschuldigen.
    Gndige Frau, hchlich erfreut, da der Anstand doch nicht verletzt sei,
gewhrte ihm freundlich seine Bitte und der Ewige Jude begann: Frau von Wollau
hat uns ihr interessantes Verhltnis zu einer berhmten Dichterin mitgeteilt,
sie hat uns erzhlt, wie sie in manchen Stunden ber ihre schriftstellerischen
Arbeiten sich mit ihr besprochen, und dies erinnerte mich lebhaft an eine
Anekdote aus meinem eigenen Leben.
    Auf einer Reise durch Sddeutschland verlebte ich einige Zeit in S. Meine
Abendspaziergnge richteten sich meistens nach dem kniglichen Garten, der jedem
Stand zu allen Tageszeiten offenstand; die schne Welt lie sich dort, zu Fu
und zu Wagen, jeden Abend sehen; ich whlte die einsameren Partien des Gartens,
wo ich, von dichten Gebschen gegen die Sonne und strende Besuche verschlossen,
auf weichen Moosbnken mir und meinen Gedanken lebte.
    Eines Abends, als ich schon lngere Zeit auf meinem Lieblingspltzchen
geruht hatte, kamen zwei gutgekleidete, ltliche Frauen und setzten sich auf
eine Bank, die nur durch eine schmale, aber dichtbelaubte Hecke von der meinigen
getrennt war. Ich hielt nicht fr ntig, ihnen meine Nhe, die sie nicht zu
ahnen schienen, zu erkennen zu geben; Neugierde war es brigens nicht, was mich
abhielt, denn ich kannte keine Seele in jener Stadt, also konnten mir ihre Reden
hchst gleichgltig sein. Aber stellen Sie sich mein Erstaunen vor, Verehrteste,
als ich folgendes Gesprch vernahm:
    Nun? und darf man Ihnen Glck wnschen, Liebe? haben Sie endlich die
hartnckige Elise aus der Welt geschafft?
    Ja, antwortete die andere Dame, heute frh nach dem Kaffee habe ich sie
umgebracht.
    Schrecken durchrieselte meine Glieder, als ich so deutlich und gleichgltig
von einem Mord sprechen hrte, so leise als mglich nherte ich mich vollends
der Hecke, die mich von jenen trennte, schrfte mein Ohr wie ein Wachtelhund,
da mir ja nichts entgehen sollte, und hrte weiter:
    Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht; wie gewhnlich durch Gift? oder
haben Sie die Unglckliche, wie Othello seine Desdemona, mit der Bettdecke
erstickt?
    Keines von beiden, entgegnete jene, aber recht hart ward mir dieser Mord;
denken Sie sich, drei Tage lang hatte ich sie schon zwischen Leben und Sterben,
und immer wute ich nicht, was ich mit ihr anfangen sollte; da fiel mir endlich
ein gewagtes Mittel ein: ich lie sie, wie durch Zufall, von einem Steg ohne
Gelnder in den tiefen Strom hinabgleiten, die Wellen schlugen ber ihr
zusammen, man hat von Elisen nichts mehr gesehen.
    Das haben Sie gut gemacht, und die wievielte war diese, die Sie auf die eine
oder die andere Art umbringen?
    Nun das wird bald abgezhlt sein, Pauline Dupuis, Marie usw., aber die
erstere trug mir am meisten Ruhm ein; es waren dies noch die guten Zeiten von
1802, wo noch wenige mit mir konkurrierten.
    Die Haare standen mir zu Berg; also fnf unschuldige Geschpfe hatte diese
Frau schon aus der Welt geschafft. War es nicht ein gutes Werk an der
menschlichen Gesellschaft, wenn ich einen solchen Greuel aufdeckte und die
Mrderin zur Rechenschaft zog?
    Die Damen waren nach einigen gleichgltigen Gesprchen aufgestanden und
hatten sich der Stadt zugewendet; leise stand ich auf und schlich mich ihnen
nach, wie ein Schatten ihren Fersen folgend; sie gingen durch die Promenade, ich
folgte; sie kehrten um und gingen durchs Tor, ich folgte; sie schienen endlich
meine Beobachtungen zu bemerken, denn die eine sah sich einigemal nach mir um,
ihr bses Gewissen schien mir erwacht, sie mochte ahnen, da ich den Mord wisse,
sie will mich durch die verschiedene Richtung der Straen, die sie einschlgt,
tuschen, aber ich - folge. Endlich stehen sie an einem Hause still; sie ziehen
die Glocke, man schliet auf, sie treten ein. Kaum sind sie in der Tre, so gehe
ich schnell heran, merke mir die Nummer des Hauses und eile, getrieben von jenem
Eifer, den die Entdeckung eines so schauerlichen Geheimnisses in jedem aufregen
mu, auf die Direktion der Polizei.
    Ich bitte den Direktor um geheimes Gehr; ich lege ihm die ganze Sache,
alles was ich gehrt hatte, auseinander; wei aber leider von den Gemordeten
keine mit ihrem wahren Namen anzugeben, als eine gewisse Pauline Dupuis, die im
Jahre 1801 unter der mrderischen Hand jener Frau starb. Doch dies war dem,
unter solchen Fllen ergrauten Polizeimann genug; er dankt mir fr meinen Eifer,
schickt sogleich Patrouillen in die Strae, die ich ihm bezeichnete, und fordert
mich auf, ihn, wenn die Nacht vollends herangebrochen sein werde, in jenes Haus
zu begleiten, die Nacht whle er lieber dazu, da er bei solchen Auftritten den
Zudrang der Menschen und das Aufsehen wo mglich vermeide.
    Die Nacht brach an, wir gingen; die Polizeisoldaten, die das Haus umstellt
hatten, versicherten, da noch kein Mensch dasselbe verlassen habe. Der Vogel
war also gefangen. Wir lieen uns das Haus ffnen und fingen im ersten Stock
unsere Untersuchung an. Gleich vor der Tre des ersten Zimmers hrte ich die
Stimmen jener beiden Frauen; ohne Umstnde ffne ich und deute dem
Polizeidirektor die kleinere, ltliche Dame als die Verbrecherin an.
    Verwundert stand diese auf, trat uns entgegen und fragte nach unserem
Begehr; in ihrem Auge, in ihrem ganzen Wesen hatte diese Dame etwas, das mir
imponierte; ich verlor auf einen Augenblick die Fassung und deutete nur auf den
Direktor, um sie wegen ihrer Frage an jenen zu weisen. Doch dieser lie sich
nicht so leicht verblffen; mit der ernsten Amtsmiene eines Kriminalrichters
fragte er sie ber ihren heutigen Spaziergang aus; sie gestand ihn zu, wie auch
die Bank, wo sie gesessen; ihre Aussagen stimmten ganz zu den meinigen, der Mann
sah sie schon als berwiesen an; die Frau fing an, ngstlich zu werden, sie
fragte, was man denn von ihr wolle, warum man ihr Haus, ihr Zimmer mit
Bewaffneten besetze, warum man sie mit solchen Fragen bestrme?
    Der Mann der Polizei sah in diesem ngstlichen Fragen nur den Ausbruch eines
schuldbeladenen Gewissens; er schien es fr das beste zu halten, durch eine
verfngliche Frage ihr vollends das Verbrechen zu entlocken: Madame, was haben
Sie Anno 1801 mit Pauline Dupuis angefangen? leugnen Sie nicht lnger, wir
wissen alles, sie starb durch Ihre Hand, wie heute frh die unglckliche Elise!
    Ja, mein Herr! ich habe die eine wie die andere sterben lassen, antwortete
diese Frau mit einer Seelenruhe, die sogar in ein boshaftes Lcheln berzugehen
schien.
    Und diesen Mord gestehen Sie mit so viel Gleichmut, als htten Sie zwei
Tauben abgetan? fragte der erstaunte Polizeidirektor, dem in praxi eine solche
Mrderin noch nicht vorgekommen sein mochte; wissen Sie, da Sie verloren sind,
da es Ihnen den Kopf kosten kann?
    Nicht doch! entgegnete die Dame, die Geschichte ist ja weltbekannt.
-Weltbekannt? rief jener, bin ich nicht schon seit zweiundvierzig Jahren
Polizeidirektor, meinen Sie, dergleichen knne mir entgehen?
    Und dennoch werde ich recht haben, erlauben Sie, da ich Ihnen die Belege
herbeibringe?
    Nicht von der Stelle ohne gehrige Bewachung; Wache! zwei Mann auf jeder
Seite von Madame; bei dem ersten Versuch zur Flucht - zugestoen!
    Vier Polizeidiener, mit blanken Seitengewehren begleiteten die Unglckliche,
die mir den Verstand verloren zu haben schien. Bald jedoch erschien sie wieder,
ein kleines Buch in der Hand.
    Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Mord finden, sagte sie,
indem sie uns lchelnd das Buch berreichte.
    ,Taschenbuch fr 1802', murmelte der Direktor, indem er das Buch aufschlug
und durchbltterte, was Teufel, gedruckt und zu lesen steht hier: Pauline Dupuis
von -. Mein Gott, Sie sind die Witwe des Herrn von -, und wenn ich nicht irre,
selbst Schriftstellerin?
    So ist es, antwortete die Dame, und brach in ein lustiges Lachen aus, in
welches auch der Direktor einstimmte, indem er, vor Lachen sprachlos, auf mich
deutete.
    Und Elise, wie ist es mit diesem armen Kind? fragte ich, den Zusammenhang
der Sache und die Frhlichkeit der Mrderin und des Polizeimannes noch immer
nicht verstehend.
    Die liegt ermordet auf meinem Schreibtisch, sagte die Lachende, und soll
morgen durch die Druckerei zum ewigen Leben eingehen. -
    Was brauche ich noch dazuzusetzen? meine Herren und Damen! ich war der Narr
im Spiel und jene Frau war die rhmlichst bekannte, interessante Th. v. H. Die
Erzhlung Pauline Dupuis ist noch heute zu lesen; ob die geniale Frau ihr Elise,
die sie am Morgen jenes Tages nach dem Kaffee vollendet hatte, herausgegeben,
wei ich nicht. Ich mute aus S. entfliehen, um nicht zum Gesptte der Stadt zu
werden. Vorher aber schickte mir der Polizeidirektor noch eine groe
Ditenrechnung ber Zeitversumnis, weil ich durch jene lustige Mordgeschichte
den Durstigen von seinem gewhnlichen Abendbesuch in einem Klub abgehalten
hatte. -
    Der Ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wendung an Frau von Wollau
geendet; allgemeiner Beifall ward ihm zuteil, und ein gndiges Lcheln der
Hausfrau sagte ihm, wie glcklich er sich gerechtfertigt hatte; und, wie die
finstern Blicke dieser Dame vorher die Mnner aus seiner unglcklichen Nhe
entfernt hatten, ebenso schnell nahten sie sich ihm wieder, als ihn die
Gnadensonne wieder beschien. Man zog ihn fter ins Gesprch, man befragte ihn
ber seine Reisen, namentlich ber jene in Sddeutschland; denn wie Schottland
und seine Bewohner fr London und Alt-England berhaupt, so ist Schwaben fr die
Berliner, welche nie an den Rebenhgeln des Neckars, und an den frhlich
grnenden Gestaden der obern Donau eines jener sinnigen herzlichen Lieder aus
dem Munde eines luschtiga Bebles oder eines rstigen hochaufgeschrzten
Mdles belauschten, ein Gegenstand hoher Neugierde.
    Welch sonderbare Meinungen ber jenes Land, selbst in gebildeten Zirkeln,
wie dieser elegante Tee, im Umlauf seien, hrte ich diesen Abend zu meinem
groen Erstaunen. In einem Zaubergarten, von sanften Hgeln, von klaren blauen
Strmen, von blhenden, duftenden Obstwldern, von prangenden Weingrten
durchschnitten, wohne, meinten sie, ein Vlkchen, das noch so ziemlich auf der
ersten Stufe der Kultur stehe; immense Gelehrte, die sich nicht auszudrcken
verstnden, phantasiereiche Schriftsteller, die kein Wort gutes Deutsch
sprechen. Ihre Mdchen haben keine Bildung, ihre Frauen keinen Anstand; ihre
Mnner werden vor dem vierzigsten Jahre nicht klug, und im ganzen Land werden
alle Tage viele Tausende jener Torheiten begangen, die allgemein unter dem Namen
Schwabenstreiche bekannt seien.
    Mir kam dieses Urteil lcherlich vor; ich war manches Jahr in Schwaben
gewesen, und hatte mich unter den guten Leutchen ganz wohl befunden; htte ich
nicht befrchten mssen, aus der Rolle eines Zglings zu fallen, ich htte
sogleich darauf geantwortet, wie ich es wute; so aber ersparte mir mein Mentor
die Mhe, welcher, unglcklich genug, die gute Meinung, die er auf einige
Augenblicke gewonnen hatte, nur zu schnell wieder verlieren sollte!
    Ob die Berliner, sagte er, mehr innere Bildung, mehr Eleganz der uern
Formen besitzen, als die Schwaben, ob man hier im Brandenburgischen mit mehr
Feinheit ausgerstet auf die Erde, oder vielmehr auf Sand kommt, als in
Schwaben, wage ich nicht zu untersuchen, aber so viel habe ich mit eigenen Augen
gesehen, da man dort im Durchschnitt unter den Mdchen eine weit grere Menge
hbscher, sogar schner Gesichter findet, als selbst in Sachsen, welches doch
wegen dieses Artikels berhmt ist.
    Quelle Sottise, hrte ich Frau von Wollau schnauben, welche abgeschmackte
Behauptungen dieser gemeine Mensch -
    Umsonst winkte ich dem Ewigen mit den Augen, umsonst gab ihm der Dichter
einen freundschaftlichen Rippensto, ihn zu erinnern, da er sich unter Damen
befinde, die auch auf Schnheit Anspruch machten, ruhig, als ob er den erzrnten
Schnen das grte Kompliment gesagt htte, fuhr er fort:
    Sie knnen gar nicht glauben, wie reizend dieser verschriene Dialekt von
schnen Lippen tnt; wie alles so naiv, so lieblich klingt; wie unendlich hbsch
sind diese blhenden Gesichtchen, wenn man ihnen sagt, da sie schn seien, da
man sie liebe; wie schelmisch schlagen sie die Augen nieder, wie unschuldig
errten sie, welcher Zauber liegt dann in ihrem Trotz, wenn sie sich verschmt
wegwenden und flstern: Ach ganget Se mer weg, moinet Se denn, i glaub's?6 Hier
in Norddeutschland gibt es meist nur Teegesichter, die einen Trost darin finden,
sthetisch oder therisch auszusehen; sie mssen den Atem erst lange anhalten,
wenn sie es je der Mhe wert halten, ber dergleichen zu errten.
    O Jude, welchen Bock hattest du geschossen. Kaum hast du das zornblickende
Auge einer Dame vershnt, so begehst du den groen Fehler, vor zwlf Damen die
schnen Gesichtchen zweier Lnder zu loben, und nicht nur sie nicht mit
aufzuzhlen, sondern sogar ihren therischen Teint, ihre interessante
Mondscheinblsse fr Teegesichter zu verschreien!
    Die jungen Damen sahen erstaunt, als trauten sie ihren Ohren nicht, die
ltern an; diese warfen schreckliche Blicke auf den Frevler und auf die brigen
Herren, die, ebenso erstaunt, noch keine Worte zu einer Replik finden konnten.
Die Teetassen, die goldenen Lffelchen klirrten laut in den vor Wut zitternden
Hnden der Mtter, die seit zehn Jahren mit vieler Mhe es dahin gebracht
hatten, da ihre Tchter nobel und edel aussehen mchten - wozu heutzutage auer
dem Gefhl der Wrde etwas Leidendes, beinahe Krnkliches gehrt - welche die
immer wieder anschwellende Flle ihrer Tchter, die immer wiederkehrende Rte
der Wangen doch endlich zu besiegen gewut hatten.
    Und jetzt sollte dieser fremde, abenteuerliche gemeine Mensch sie und ihre
Freude, ihre Kunst zuschanden machen; er sollte es wagen, die Damen dieses
deutschen Paris mit jenen schwerflligen Bewohnerinnen des unkultivierten
Schwabens auch nur in Parallele zu bringen, und ihnen den ersten Rang zu
versagen?! Und dies sollten sie dulden?
    Jamais!! Gndige Frau nahm das Wort mit einem Blick, der ber das eiskalte
Gesicht des stillen Zornes wie ein Nordschein ber Schneegefilde herabglnzte:
Ich mu Sie nur herzlich bedauern, Herr Doktor Mucker, da Sie das schne
Schwaben und seine naive Bauerdirnen so treulos verlassen haben; und ich bitte
Sie, Lieber, fuhr sie fort, indem sie sich zu dem Dichter, der uns eingefhrt
hatte, wandte, ich bitte Sie, muten Sie diesem Herrn da nicht mehr zu, meine
Zirkel zu besuchen. Jotte doch, er knnte bei unsern Damen seine robusten
Naturen und jene Naivitt vermissen, die er sich so janz zu eigen jemacht hat.
    Triumphierend richteten sich die Gebeugten auf, die Mtter spendeten Blicke
des Dankes, die Frulein kicherten hinter vorgehaltenen Sacktchern, die jungen
Herren hatten auch wieder die Sprache gefunden und machten sich lustig ber
meinen armen Hofmeister. Doch der feine Takt der gndigen Frau lie diesem
Ausbruch der Nationalrache nur so lange Raum, bis sie den Doktor Mucker
hinlnglich bestraft glaubte. Beleidigt durfte dieser Mann in ihrem Salon nie
werden, wenn er gleich durch seine rcksichtslose uerung ihren Unwillen
verdient hatte; sie beugte also schnell mit jener Gewandtheit, die
feingebildeten Frauen so eigentmlich ist, allen weitern Bemerkungen vor, indem
sie ihren Neffen aufforderte, sein Versprechen zu halten, und der Gesellschaft
die lngst versprochene Novelle preiszugeben.
    Dieser junge Mann hatte schon whrend des ganzen Abends meine Aufmerksamkeit
beschftigt. Er unterschied sich von den brigen jungen Herren, die leer in den
Tag hinein plauderten, sehr vorteilhaft durch Ernst und wrdige Haltung, durch
gewhlten Ausdruck und kurzes, richtiges Urteil. Er war gro und schlank gebaut,
mnnlich schn, nur vielleicht fr manche etwas zu mager. Sein Auge war glnzend
und hatte jenen Ausdruck stillen Beobachtens, der einen Menschenkenner oder
wenigstens einen Mann verriet, der das Leben und Treiben der groen und kleinen
Welt in vielerlei Formen gesehen und darber gedacht hatte.
    Er hatte, was mich sehr gnstig fr ihn stimmte, an dem Gesprch des Ewigen
Juden und an seiner Persiflage mit keinem Wort, ich mchte sagen, mit keiner
Miene teilgenommen. Zum erstenmal an diesem ganzen Abend entlockte ihm die Frage
seiner Tante ein Lcheln, das sein Gesicht, besonders den Mund noch viel
angenehmer machte; wahrlich, in diesen Mann htte ich mich, wenn ich eines der
anwesenden Frulein gewesen wre, unbedingt verlieben mssen; aber freilich,
junge Damen haben hierber ganz andere Ansichten als der Teufel, und das
einfache schwarze Gewand des jungen Mannes konnte natrlich die glnzende
Gardeuniform und ihren khnen, die drallen Formen zeigenden Schnitt nicht
aufwiegen.

                              Vierzehntes Kapitel


                                   Der Fluch

                                    Novelle

Ich habe mich vergebens abgemht, gndige Tante, sprach der junge Mann mit
voller, wohltnender Stimme, eine artige Novelle oder eine leichte, frhliche
Erzhlung fr diesen Abend zu ersinnen. Doch um nicht wortbrchig zu erscheinen,
mu ich schon den Fehler einigermaen gutzumachen suchen. Wenn Sie erlauben,
will ich etwas aus meinem eigenen Leben erzhlen, das, wenn es nicht ganz den
romantischen Reiz und den anziehenden Gang einer Novelle, doch immer den Wert
der Wahrheit fr sich hat.
    Die Tante bemerkte ihm gtig, da die einfache Wahrheit oft grern Reiz
habe, als die erfundene Spannung einer Novelle, ja sie gestand ihm, da sie
etwas sehr Interessantes erwarte, denn er sehe seit der Zurckkunft von seinen
Reisen so geheimnisvoll aus, da man auf seine Begebnisse recht gespannt sein
drfe.
    Die lteren Damen lorgnettierten ihn aufmerksam, und gaben dieser Bemerkung
vollkommen Beifall; der junge Mann aber hub an zu erzhlen:
    Als ich vor fnf Jahren in diesem Saal von einer groen Gesellschaft,
welche die Gte meiner Tante noch einmal um den Scheidenden versammelt hatte,
Abschied nahm, warnten mich einige Damen - wenn ich nicht irre, war Frau von
Wollau mit davon - vor den schnen Rmerinnen, vor ihren feurigen, die Herzen
entzndenden Blicken. Ich nahm ihre Warnung dankbar an, noch krftigeren Schutz
aber versprach ich mir von jenen holden blauen Augen, von jenen freundlichen
vaterlndischen Gesichtchen, von all den lieblichen Bildern, die ich in feinem
und treuem Herzen aufbewahrt, mit ber die Alpen nahm.
    Und sie schtzten mich, diese Bilder, gegen jene dunkeln Feuerblicke der
Rmerinnen, wie sie aber vor sanften blauen Augen, welche ich dort sah, sich
unverantwortlich zurckzogen, wie sie mein armes, unbewahrtes Herz ohne
Bedeckung lieen, will ich als bittere Anklage erzhlen.
    Der s.... sche Gesandte am ppstlichen Hofe hatte mir in der Karwoche eine
Karte zu den Lamentationen in der Sixtinischen Kapelle geschickt; mehr, um den
alten Herrn, der mir schon manche Geflligkeit erwiesen hatte, nicht zu
beleidigen, als aus Neugierde, entschlo ich mich, hinzugehen. Ich war nicht in
der besten Laune, als es Abend wurde, statt einer lustigen Partie, wozu mich
deutsche Maler geladen, sollte ich einen Klaggesang mit anhren, der mir schon
an und fr sich hchst lcherlich vorkam.
    Nie hatte ich mich nmlich von der Heiligkeit solcher Ritualien berzeugen
knnen, selbst in dem ehrwrdigen Klner Dom, wo die hohen Gewlbe und Bogen,
das Dunkel des gebrochenen Lichtes, die mchtigen vollen Tne der Orgel manchen
andern ernster stimmen mgen, konnte ich nur ber die Macht der Tuschung
staunen.
    Meine Stimmung wurde nicht heiliger als ich an das Portal der Sixtinischen
Kapelle kam. Die ppstliche Wache, alte, ausgediente schneiderhafte Gestalten,
hielten hier Wache mit so meisterlicher Grandezza, als nur die Cherubim an der
Himmelstre. Der Glanz der Kerzen blendete mich, da ich eintrat, und stach
wunderbar ab gegen den dunklen Chor, in das die Finsternis zurckgeworfen
schien. Nur der Hochaltar war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet.
    Ich hatte Mue genug, die Gesichter der Gesellschaft um mich her zu mustern.
Ich bemerkte nur sehr wenige Rmer, dagegen fast alles, was Rom an Fremden
beherbergte.
    Einige franzsische Marquis, berchtigte Spieler, einige junge Englnder von
meiner Bekanntschaft, standen ganz in meiner Nhe. Sie zogen mich auf, da auch
ich mich habe verfhren lassen, dem Spectacle, wie sie es nannten, beizuwohnen;
Lord Parter aber meinte, es seie dies wohl der Schnen zu Gefallen geschehen,
die ich mitgebracht habe. Er deutete dabei auf eine junge Dame, die neben mir
stand. Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Strae, und schien sehr unglubig,
als ich ihm damit nicht dienen zu knnen behauptete.
    Ich betrachtete meine Nachbarin nher; es war eine schlanke hohe Gestalt,
dem Wuchs nach keine Rmerin; ein schwarzer Schleier bedeckte das Gesicht und
beinahe die ganze Gestalt, und lie nur einen Teil eines Nackens sehen, so rein
und wei, wie ich ihn selten in Italien, beinahe nie in Rom gesehen hatte.
    Schon pries ich im Herzen meine Hflichkeit gegen den alten Diplomaten,
hoffend, eine interessante Bekanntschaft zu machen; wollte eben - da begann der
Klaggesang und meine Schne schien so eifrig darauf zu hren, da ich nicht mehr
wagte, sie anzureden. Unmutig lehnte ich mich an eine Sule zurck, Gott und die
Welt, den Papst und seine Lamentationen verwnschend.
    Unertrglich war mir der monotone Gesang. Denken Sie sich, sechzig der
tiefsten Stimmen, die unisono, im tiefsten Grundton der menschlichen Brust,
Bupsalmen murmeln. Der erste Psalm war zu Ende, eine Kerze auf dem Altar
verlschte. Getrstet, die Farce werde ein Ende haben, wollte ich eben den
jungen Lord anreden, als von neuem der Gesang anhub.
    Jener belehrte mich zu meinem groen Jammer, da noch alle zwlf brigen
Kerzen verlschen mssen, bis ich ans Ende denken knne. Die Kirche war
geschlossen und bewacht, an ein Entfliehen war nicht zu denken. Ich empfahl mich
allen Gttern, und gedachte einen gesunden Schlaf zu tun. Aber wie war es
mglich? Wie Strahlen einer Mittagssonne strmten die tiefen Klnge auf mich zu.
Zwei bis drei Kerzen verlschten, meine Unruhe ward immer grer.
    Endlich aber, als die Tne noch immer fortwogten, drangen sie mir bis ins
innerste Mark. Das Erz meiner Brust schmolz vor den dichten Strahlen, Wehmut
ergriff mich, Gedanken aus den Tagen meiner Jugend stiegen wie Schatten vor
meiner Seele auf, unwillkrliche Rhrung bemchtigte sich meiner, und Trnen
entstrzten seit Jahren zum erstenmal meinem Auge.
    Beschmt schaute ich mich um, ob doch keiner meine Trnen gesehen. Aber die
Spieler, wunderbarer Anblick! lagen zerknirscht auf ihren Knieen, der Lord und
seine Freunde weinten bitterlich. Zwlf Kerzen waren verlscht. Noch einmal
erhoben sich die tiefen, herzdurchbohrenden Tne, zogen klagend durch die Halle,
immer dumpfer, immer leiser verschwebend. Da verlschte die letzte Kerze, und
zugleich mit das Feuermeer der Kirche, und bange Schatten, tiefe Finsternis
drang aus dem Chor, und lagerte sich ber die Gemeine. Mir war, als wr ich aus
der Gemeinschaft der Seligen hinausgestoen in eine frchterliche Nacht.
    Da tnten aus des Chores hintersten Rumen, se klagende Stimmen. Was jenes
tiefe, schauerliche Unisono unerweicht gelassen, zerschmolz vor diesem hohen
Dolce der Wehmut. Rings um mich das Schluchzen der Weinenden, vom Chor herber
Tne, wie von gerichteten Engeln gesungen, glaubte ich nicht anders, als in
einer zernichteten Welt mit unterzugehen und zu hren, der Glaube an
Unsterblichkeit sei Wahn gewesen.
    Der Gesang war verklungen, Fackeln erhellten die Szene, die Menge ergo sich
durch die Pforten und auch ich gedachte mich zum Aufbruch zu rsten, da gewahrte
ich erst, da meine schne Nachbarin noch immer auf den Knien niedergesunken
lag. Ich fate mir ein Herz.
    Signora, sprach ich, die Tore werden geschlossen, wir sind die letzten in
der Kapelle.
    Keine Antwort. Ich fate ihre Rechte, die auf der Seite niederhing, sie war
kalt und ohne Leben. Sie lag in Ohnmacht.
    Ich befand mich in sonderbarer Lage. Die Nacht war schon weit vorgerckt;
nur noch einige Flambeaux zogen durch die Kirche, ich mute alle Augenblicke
befrchten, vergessen zu werden. Ich besann mich nicht lange, rief einen der
Fackeltrger herbei, um mit seiner Hlfe die Dame aufzurichten.
    Wie ward mir, als ich den Schleier aufschlug. Der dstere Schein der
halbverlschten Fackel fiel auf ein Gesicht, wie ich es auch auf den
herrlichsten Kartons von Raffael nie gesehen! glnzendbraune Locken hatten sich
aufgelst und fielen herab bis in den verhllten Busen und umzogen das liebliche
Oval ihres Angesichtes, auf dem sich eine durchsichtige Blsse gelagert hatte.
Die schnen Bogen der Brauen versprachen ein ernstes, vielleicht etwas
schelmisches Auge, und den halbgeffneten Mund, umkleidet mit den weiesten
Perlen, konnte Gram, konnte Scherz so gezogen haben.
    Als wir sie aufrichten wollten, schlug sie das herrliche, blaue Auge auf,
dessen eigener, schwrmerischer Glanz mich so berraschte, da ich einige Zeit
mich zu sammeln ntig hatte. Sie richtete sich pltzlich auf, stand nun in ihrer
ganzen Schne mir gegenber. Welch zarte Formen bei so vielem Anstand, bei so
ungewhnlicher Hhe des Wuchses. Sie schaute verwundert in der Kirche umher,
lie dann ihre Blicke auf mich herbergleiten:
    Und Sie hier, Otto? sprach sie, nicht italienisch, nein, in reinem,
wohlklingendem Deutsch.
    Wie war mir doch so wunderbar! sie sprach so bekannt zu mir, ja sogar meinen
Namen hatte sie genannt; woher konnte sie ihn wissen? - Sie schien verwundert
ber mein Schweigen.
    Nicht bei Laune, Freund? und doch haben Sie mich so freundlich untersttzt?
Doch! lassen Sie uns gehen, es wird spt.
    Sie hatte recht. Die Fackel drohte zu verlschen. Ich gab ihr den Arm. Sie
drckte zrtlich meine Hand.
    Was sollte ich denken, was sollte ich machen? Betrug von ihr war nicht
mglich - das Mdchen konnte keine Dirne sein. Verwechslung war offenbar. Aber
sie wute mich bei meinem Namen zu nennen, sie war so ohne Arg. - Ich wagte es -
ich bernahm die Rolle eines verstimmten Verehrers, und schritt schweigend mit
ihr durch die Hallen.
    Am Portal geht mein Jammer von neuem an. Welche Strae sollt ich whlen, um
nicht sogleich meine wahre Unbekanntschaft zu verraten? Ich nahm allen meinen
Mut zusammen, und schritt auf die mittlere Strae zu.
    Mein Gott, rief sie aus, und zog meinen Arm sanft seitwrts, Otto, wo sind
Sie nur heute, hier wren wir ja an die Tiber gekommen.
    Oh! wie hrte ich so gerne diese Stimme! Wie lieblich klingt unsere Sprache
in einem schnen Munde. Schon oft hatte ich die Rmerinnen beneidet, um den
Wohllaut ihrer Tne; hier war weit mehr, als ich je in Rom gehrt; es mute
offenbar ein deutsches Mdchen sein, ich sah es aus allem, und doch so reine,
runde Klnge ihrer Sprache! Als ich noch immer schwieg, brach sie in ein leises
Weinen aus. Ihr trnendes Auge sah mich wehmtig an, ihre Lippen wlbten sich,
wie wenn sie einen Ku erwarteten.
    Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach knntest du mir zrnen, da ich
die Lamentationen hrte? Oh! zrne mir nicht. Doch du hast recht, wre ich
lieber nicht hingegangen. Ich glaubte Trost zu finden, und fand keinen Trost,
keine Hoffnung. Alle meine Lieben schienen dem Grab entstiegen, schienen ber
die Alpen zu wehen, und mit Tnen der Klage mich zu sich zu rufen. Wie bin ich
so allein auf der Erde, weinte sie, indem ihr blaues Auge in das nchtliche Blau
des Himmels tauchte, wie bin ich so allein - und wenn ich dich nicht htte, mein
Otto. -
    Meine Lage grenzte an Verzweiflung, das schnste, lieblichste Kind im Arme,
und doch nicht sagen knnen, wie ich sie liebte! Als ihre Trnen noch nicht
aufhren wollten, flsterte ich endlich leise: Wie knnte ich dir zrnen?
    Sie schaute freudig dankbar auf - Du bist wieder gut? und oh! wie siehst du
heute doch gar nicht so finster aus, auch deine Stimme klingt heute so weich!
Sei auch morgen so, und la nicht wieder einen ganzen langen Tag auf dich
warten.
    Sie nherte sich einem Haus und blieb davor stehen, indem sie die Glocke
zog. Und nun gute Nacht, mein Herz, sagte sie, wie gerne s ich noch zu dir auf
die Bank, aber die Signora wartet wohl schon zu lange. Ich wute nicht wie mir
geschah, ich fhlte einen heien Ku auf meinen Lippen und weg war sie.
    Ich merkte mir die Nummer des Hauses, aber die Strae konnte ich nicht
erkennen. Nur einen Brunnen, und gegenber von ihrem Haus eine Madonna in Stein
gehauen, konnte ich als Zeichen fr die Zukunft anmerken. Ich wand mich mit
unsglicher Mhe durch das Gewirre der Straen und war doch nicht froh, als ich
endlich mein Haus erreichte. Bis an den lichten Morgen kein Schlaf. Zuerst lie
mich der Mond nicht schlafen, der mich durchs Fenster herein angrinste, und als
ich die Gardine vorzog, schien gar der Engelkopf des Mdchens hereinzublicken;
mitunter zogen auch die Lamentationen durch meinen wirren Kopf, und ich
verwnschte endlich ein Abenteuer, das mich eine schlaflose Nacht kostete.
    Sehr frhe am andern Morgen traten Lord Parter und einer seiner Freunde bei
mir ein. Sie wollten mir begegnet sein, als ich meine rtselhafte Schne zu Haus
brachte, und schalten mich neckend, da ich sie gestern gnzlich verleugnet
habe. Als ich ihnen mein Abenteuer, dem grern Teil nach, erzhlte, wurden sie
noch ungestmer und behaupteten, mich deutlich schon mehreremal mit derselben
Dame gesehen zu haben. Immer klarer ward mir, da irgendein Dmon sich in meine
Gestalt gehllt habe, da ja auch das Mdchen mich so genau zu kennen schien, und
ich war nicht minder begierig, das liebe Mdchen, als das leibhafte Konterfei
meiner Gestalt zu Gesicht zu bekommen. Die beiden Englnder muten mir
Stillschweigen geloben, indem ich mich vor dem Spott meiner Bekannten frchtete,
zugleich versprachen sie auch, mir suchen zu helfen.
    Nach langem Umherirren, wobei wir tausend Lgen ersinnen muten, um die
erwachende Neugierde unserer Freunde zu tuschen, fanden wir endlich in dem
entlegensten Winkel der Stadt jene Merkzeichen, die Madonna und den Brunnen. Ich
sah das Haus der Holden, ich sah die Bank an der Tre, auf welcher ich htte
selig werden sollen, aber hier ging auch unser Weg zu Ende. Als Fremde htten
wir zu viel gewagt, so weit entfernt von den uns bekannten Straen, unter einer
Menschenklasse, die besonders den Englndern so gram ist, uns in ein fremdes
Haus einzudrngen. Wir zogen mehreremal durch die Strae, immer war die Tre
verschlossen, immer die Fenster neidisch verhngt. Wir verteilten uns, bewachten
tagelang die Promenaden, weder meine Schne noch mein Ebenbild lieen sich
sehen.
    Geschfte riefen mich in dieser Zeit nach Neapel. So angenehm mir sonst
diese Reise gewesen wre, so war sie mir in meiner gegenwrtigen Spannung hchst
fatal. Unaufhrlich verfolgte mich das Bild des Mdchens, im Traum wie im Wachen
hrte ich die liebliche Stimme flstern. Hatten mich die Gesnge in der Kapelle
so weich gestimmt, hatte das flchtige Bild der Schnen vermocht, was der Geist
und die Schnheit so mancher andern nicht ber mich vermochte?
    Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde Gegenstnde, die
ernsten Geschfte, der Reiz der Gesellschaft, nichts gab mir meine Ruhe wieder.
    Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom zurckkehrte. Durfte ich
hoffen, im Gewhle der Menge den Gegenstand meiner Sehnsucht herauszufinden?
Meine englischen Freunde waren abgereist, ich hatte niemand mehr dem ich mich
vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich mehrere Tage verstreichen lassen, ich
war nicht zu bewegen, mich unter die Freuden des Karnevals zu mischen.
    Wie erstaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten Tages der
Karnevalswoche der Gesandte fragte, wie ich mich gestern amsiert habe. Ich
sagte ihm, ich sei nicht im Korso gewesen. Er erstaunte, behauptete, mich von
seinem Wagen aus mit einer Dame am Arm gesehen und begrt zu haben. Er schwieg
etwas beleidigt, als ich es wieder verneinte. Aber pltzlich kam mir der
Gedanke, wie wenn es die Gesuchten wren? - Man war in allen Zirkeln sehr
gespannt auf diesen Abend. Ein prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den
edelsten rmischen Husern eine Rolle bernommen hatten, sollte das Karneval
verherrlichen. Ich gab dem Drngen meiner Bekannten nach und ging mit in den
Korso.
    Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses Schauspiels. Zu jeder andern
Zeit wrde ich ihm alle meine Aufmerksamkeit geschenkt haben, nicht nur weil es
mir als Volksbelustigung sehr interessant gewesen wre, sondern weil sich der
Charakter der Rmer gerade hier am meisten aufdeckt. Aber wenn ich sage, da von
dem ganzen Abend, von allen Herrlichkeiten des Korso nur noch ein Schatten in
meiner Erinnerung geblieben und nur ein heller Stern aus dieser Nacht auftaucht,
so werden Sie vergeben, wenn ich ber das interessante Schauspiel Ihre Neugierde
nicht zur Genge befriedige.
    Die lange, enge Strae war schon gefllt, als wir durch die Porta del popolo
hereintraten; unabsehbar wogten die Wellen der Menge durcheinander; und das Auge
gleitete unbefriedigt darber hinweg, weil es unter der Mischung der grellsten
Farben keinen Punkt fand, der es festhielt. Die Erwartung war gespannt. berall
hrte man von dem Maskenzug reden, der sich nun bald nahen msse. Ein
rauschendes Beifallrufen drang jetzt von dem Obelisken auf der Piazza herber
und verkndete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten sich dorthin. Von
den Balkons und Gersten herab wehten ihnen Tcher und winkten schne Hnde
entgegen, indem die Equipagen sich in die Seiten drngten, um den Wagen des
Zuges Platz zu machen. Er nahte. Gewi ein herrlicher Anblick. Die Gtter der
alten Roma schienen wieder in die alten Mauern eingezogen zu sein, um ihren
Triumph zu feiern. Liebliche, majesttische Gruppen! Welch herrliche Umrisse in
den Gestalten des Apoll und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man konnte es
nicht fr Unbescheidenheit halten, sondern mute gerade hierin den schnsten
Triumph finden, wenn das Volk mit Ungestm den Gttinnen zurief, die Masken
abzunehmen. Unendlich wurde aber der Beifall, als die Grfin Parvi, die edlen
Formen des Gesichtes unverhllt, als Psyche sich nahte! Wahrlich, dieser
liebliche Ernst, diese sanfte Gre htten einen Zeuxis und Praxiteles
begeistern knnen.
    Der Abend nahte heran, man rstete sich, die Gerste zu besteigen, weil das
Pferderennen beginnen sollte. Ich stand ziemlich verlassen auf der Strae,
musternd mit sehnschtigen Blicken die Galerien und Balkone, ob meine Schne
nicht darauf zu treffen sei. Pltzlich fhlte ich einen leisen Schlag auf die
Schulter. So einsam? tnte in der lieben Muttersprache eine se Stimme in mein
Ohr. Ich sah mich um. Eine reizende Maske, in der Kleidung einer Tirolerin,
stand hinter mir. Durch die Hhlen der Maske blitzten jene blauen Augen, die
mich damals so sehr berraschten. Sie ist's - es ist kein Zweifel. Ich bot ihr
schweigend die Hand, sie drckte sie leise. Du bser Otto, flsterte sie, den
ganzen Abend habe ich dich vergebens gesucht. Wie mute ich schwatzen, um die
Signora loszuwerden!
    Die Wache rckte die Strae herab. Es war hohe Zeit, die Galerien zu suchen.
Ich deute hinauf, sie gab mir ihren Arm, sie folgte. Ein heimliches Pltzchen
hinter einer Sule bot sich dar, sie whlte es von selbst. Karneval,
Pferderennen, alle Schnheiten Roms waren fr mich verloren, als mein stiller
Himmel sich ffnete, als sie die Maske abnahm. Noch lieblicher, noch unendlich
schner war sie als an jenem Abend. Die zarte Blsse, die sie damals aus der
Kapelle brachte, war einer feinen, durchsichtigen Rte gewichen; das Auge
strahlte noch von hherem Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmtige
Ernst der Zge, wie sie sich mir damals zeigte, war durch ein Lcheln gemildert,
das fein und flchtig um die zarten Lippen wehte.
    Sie heftete wieder einige Minuten schweigend ihr Auge auf mein Gesicht,
strich mir spielend die Haare aus der Stirne, und rief dann pltzlich: Jetzt
bist du's wieder ganz! ganz wie an jenem Abend in der Kapelle, den du mir so
hartnckig leugnest! Gestehst du ihn deiner Luise noch nicht?
    Welche Pein! was sollte ich sagen? da fiel pltzlich das Signal, die Pferde
rannten durch den Korso. Meine Schne bog den Kopf abwrts, und ich, meiner
Sinne kaum mchtig, flchtete hinter die nchste Sule, um nicht im Augenblick
vor dem arglosen Mdchen als ein Tor, oder noch etwas Schlimmeres zu erscheinen.
Und was war ich auch anders, wenn ich mich selbst recht ernstlich fragte? Was
wollte ich von dem Mdchen, was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine so
weit getriebene Neugierde Frevel?
    Whrend ich noch so mit mir selbst kmpfte, ob es nicht ehrlicher sei, ein
Abenteuer aufzugeben, dessen Ende nur ein trichtes sein knnte, bemerkte ich,
da meine Stelle schon wieder besetzt sei. Ich schlich nher herzu, um
wenigstens zu hren, wer der Glckliche sei, da ich ihn, ohne meine
unbescheidene Nhe zu verraten, nicht sehen konnte.
    Wie magst du nur so zerstreut fragen, sagte Luise, du selbst hast mich ja
heraufgefhrt.
    Ich htte dich gefhrt, der ich diesen Augenblick erst zu dir trete?
Gestehe, du betrgst mich: wer hat dich hergeleitet?
    Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, beharrte sie auf dem, was sie vorhin
sagte. Du bist auch wie unser Wetter ber den Alpen, soeben noch so freundlich,
und jetzt so kalt, so finster.
    Jener stand schnell auf: Ich bin nicht gestimmt, meine Gndige, das Ziel
Ihrer Scherze zu sein, sagte er, und wenn Sie sich in Rtsel vertiefen, wird
meine Gesellschaft Ihnen lstig werden. Er brach auf und wollte gehen. Ich
konnte die Leiden der Armen nicht mehr verlngern, trat hervor hinter der Sule,
um mich als Auflsung des Rtsels zu zeigen. Aber wie ward mir! Meine eigene
Gestalt, mein eigenes Gesicht glaubte ich mir gegenber zu sehen. Die
berraschende hnlichkeit -

                              Fnfzehntes Kapitel


                          Das Intermezzo - Die Trinker

Ein schrecklicher Angstschrei, ein Gerassel, wie Blitz und Donner einander
folgend, unterbrach den Erzhler. Welcher Anblick! Der Jude lag ausgestreckt auf
dem Boden des Saales, berschttet mit Tee, Trmmer seines Stuhles und der
feinen Meiner Tasse, die er im Sturz zerschmettert, um ihn her. Der rger ber
eine solche Unterbrechung war auf allen Gesichtern zu lesen; zrnend wandten die
Damen ihr Auge von diesem Schauspiel, von den Herren machte keiner Miene, ihm
beizustehen. Er selbst aber blieb sekundenlang liegen, ohne sich zu rhren und
schaute verwundert herauf.
    Ich sprang auf, ihm beizustehen, ich hob ihn auf und sah mich nach einem
andern Stuhl um, auf welchen ich ihn setzen knnte. Aber ein Verwandter des
Hauses raunte mir in die Ohren, ich mchte machen, da wir fortkommen, mein
Hofmeister scheine sich nicht in dieser Gesellschaft zu gefallen.
    Wir folgten dem Wink und nahmen unsere Hte. Als ich mich von der gndigen
Frau beurlaubte, sagte sie mir viel Schnes und lud mich ein, sie recht oft zu
sehen; meinen armen Hofmeister wrdigte sie keines Blickes. Sie neigte sich so
kalt als mglich, und lie ihn abziehen. Gelchter schallte uns nach, als wir
den Saal verlieen, und ich hatte mit meiner Inkarnation so viel menschliche
Eitelkeit angezogen, da mich dieses Lachen ungemein rgerte.
    Wie gern htte ich die Erzhlung jenes interessanten jungen Mannes zu Ende
gehrt7, wieviel Wichtiges und Psychologisches htte ich noch von dem
Gardeuniform-liebenden Frulein erlauschen knnen; und war ich selbst nicht
ganz dazu gemacht, junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein junger, reicher,
ich darf sagen, hbscher Mann auf Reisen, findet, wo er hinkommt, freundliche
Augen, durch welche er so leicht in die Herzen einzieht - und dies alles hatte
mir das ungeschliffene Wesen des alten Menschen verdorben. Ich htte ihn wrgen
mgen, als wir im Wagen saen.
    War es nicht genug, sagte ich, da du mit deinem scharfen Judenbart die
zarte Hand der Gndigen empfindlich brstetest? mutest du auch noch die Frau
von Wollau durch dein unzeitiges Gelchter beleidigen? und kaum hast du es
wieder gut gemacht, so bringst du aufs neue alles gegen dich auf? was gingen
dich denn die Schwabenmdel an, da du ihre Schnheit an den Teetischen Berlins
predigest? darfst du denn sogar in China einer Schnen sagen, sie habe ein
Teegesicht? Und jetzt, nachdem du die spitzigen Worte der ungndigen Frau
eingesteckt hattest, jetzt als alles auf das erste vernnftige Thema, das diesen
Abend abgehandelt wurde, lauschte, jetzt fllst du, wie der selige Hohepriester
Eli im zweiten Kapitel Samuelis, rcklings in den Saal, und zerschmetterst -
nicht den eigenen hohlen Schdel, wie jener wrdige jdische Papst - nein! einen
zierlich geschnitzten Fauteuil und eine Tasse von Meiner Porzellan; sage,
sprich, schlechter Kamerade, wie fingst du es nur an?
    In Eurer Stelle, Herr Satan, wre ich nicht so arrogant gegen unsereinen,
antwortete er verdrielich, Ihr wit, da Euch keine Gewalt ber meine Seele
zusteht, denn seit anderthalb tausend Jahren kenne ich Eure Schliche und Rnke
wohl. Was aber die Elis-Geschichte betrifft, so will ich Euch reinen Wein
einschenken, vorausgesetzt, Ihr begleitet mich in eine Auberge, denn der
lpperichte Tee hier, mit dem man in China kaum die Tassen aussplen wrde, mit
dem noch schlechtern Arrak, haben mir ganz miserabel gemacht.
    Ich lie vor einem Restaurateur halten und fhrte den verunglckten Doktor
Mucker hinein. Es war schon ziemlich tief in der Nacht, und nur noch wenige,
aber echte Trinker in dem Wirtszimmer. Wir setzten uns an einen Tisch zu vier
oder fnf solcher nchtlichen Gesellen; ich lie fr den alten Menschen
Burgunder auftragen, und in gelufigem Malabarisch, wovon die Trinker gewi
nichts verstanden, forderte ich ihn auf, zu erzhlen.
    Nachdem der Ewige Jude durch etliche Schlcke sich erholt hatte, begann er:
    Ich glaube, es ist ein Teil des Fluches, der auf mir ruht, da ich, sobald
ich mich in hhere Sphren der Gesellschaft wage, lcherlich werde; ein paar
Beispiele mgen dir gengen:
    Du weit, da ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens zu vertreiben,
zuweilen einen Liebeshandel suche - nun verziehe dein Gesicht nur nicht so
spttisch, ich bin eine Stereotypausgabe von einem krftigen Fnfz'ger, und ein
solcher darf sich schon noch aufs Eis wagen -; nun hatte ich einmal in einem
kleinen schsischen Stdtchen eine Schne auf dem Korn. Ich hatte schon seit
einigen Tagen Zutritt in das elterliche Haus und die kleine Kokette schien mir
gar nicht abgeneigt. Ich kleidete mich sorgfltiger, um ihr zu gefallen, ich
scherwenzelte um sie her, wenn sie spazierenging, kurz, ich war ein so
ausgemachter Geck, als je einer ber das Pflaster von Leipzig ging. In dem
Stdtchen gehrte es zum guten Ton, morgens um neun Uhr an dem Haus seiner
Schnen vorbeizugehen; schaute sie heraus, so wurde mit Grce der Hut gezogen,
und etwas weniges geseufzt.
    Dies hatte ich mir bald abgemerkt, und zog nun pflichtgem, wenn die Glocke
neun Uhr summte, an jenem Haus vorber, und ich hatte die Freude, zu sehen, wie
mein Engel jedesmal zum Fenster herausschaute und huldreich lchelte. Eines
Morgens war es sehr kotig auf der Strae; ich ging also, um die weiseidenen
Strmpfe zu schonen, auf den Zehenspitzen und machte Schritte wie ein Hahn. Aber
vor dem Haus meiner Schnen war der Schmutz reinlich in groe Haufen
zusammengekehrt, denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und mute den
Einwohnern ein gutes Beispiel geben; wie freute sich mein Herz ber diese
Reinlichkeit! ich konnte dort fester auftreten, ich konnte mit dem rechten Bein,
wenn ich mein Kompliment machte, zierlich ausschweifen, ohne mich zu
beschmutzen. Mein Engel schaute huldreich herab, freudig ziehe ich den Hut von
dem schnfrisierten Toupet, schwenke ihn in einem khnen Bogen und - o Unglck -
er entwischt meiner Hand, er fhrt wie ein Pfeil in den aufgeschichteten Unrat,
da nur noch die Spitze hervorsieht.
    Wie schn sagt Schiller:

Einen Blick
nach dem Grabe
seiner Habe
sendet noch der Mensch zurck.

So stand ich wie niedergedonnert an dem Unrat. Sollte ich in zierlicher Stellung
mit den Fingerspitzen den Hut herausziehen? aber dann war zu befrchten, da er
ganz ruiniert sei; sollte ich vllig chapeau bas weiterziehen, wie einer, der
ohne Hut dem Galgen oder dem Tollhaus entsprungen?
    Wie ein silbernes Feuerglckchen schlgt jetzt das lustige Lachen meiner
Dulcinea an mein Ohr; brummend wie die schweren Totenglocken, das Grabgelute
meiner Hoffnung, antworten zehn Bsse aus dem gegenber stehenden Kaffeehaus,
Husarenlieutenants, Schreiber, Kaufleute brllen aus den aufgerissenen Fenstern,
und Hussa, Sultan, such verloren! tnt die Stimme meines furchtbarsten Rivalen,
des Grafen Lobau. Eine englische Dogge von Menschenlnge strzt hervor, packt
den verlornen Hut mit gebter Schnauze, rennt auf mich zu, stellt sich auf die
Hinterbeine, tappt mit seinen Pfoten auf meine Schultern und prsentiert mir das
triefende corpus delicti.
    Was ich dir hier mit vielen Worten erzhle, mein Bester, war das Werk eines
Augenblicks; wie angefroren war ich dagestanden, und erst die Zudringlichkeit
des hflichen Hundes gab mir meine Fassung wieder. Wieherndes, jauchzendes
Gelchter scholl aus dem Caf, und auch bei ihr waren alle Fenster mit Lachern
angefllt; und als ich einen zrtlichen Blick, den letzten, hinauflaufen lie,
sah ich, wie sie das battistene Schnupftuch in den Mund schob, um nicht vor
Lachen zu bersten; da verlor ich von neuem die Fassung. Wtend ergriff ich den
Hut und schlug ihn der Dogge ins Gesicht; aber die Bestie verstand keinen Spa,
sie packte mich an der zierlichen Busenstreife, ich lie ihr diese Spolien und
machte mich eilends davon, durch dick und dnn galoppierend, aber die Bestie
folgte, und andere Hunde und Gassenjungen strzten nach und die schreckliche
Jagd nahm erst ein Ende, als ich atemlos in das Portal meines Gasthofes strzte.
    Da es mit meiner Liebe aus war, kannst du denken, besonders da ich nachher
erfuhr, die Kokette habe alle ihre Anbeter um diese Stunde in das Kaffeehaus
bestellt, um tglich meine Fensterparade zu bewundern!
    Ich bedauerte den Armen von Herzen, er aber griff ruhig nach seinem Glas,
trank und fuhr dann fort:
    Kann dich versichern, so hundsfttisch ging es mir von jeher, besonders
aber in der neuern aufgeklrten Zeit, wo man so ungemein viel auf das
Schickliche hlt und verzweifeln mchte, wenn der vortreffliche Reifrock der
Etikette ein wenig unsanft berhrt wird. Darum ist es mir bei einem Gastmahl
immer hllenangst. Wird fette Sauce umhergegeben, so sehe ich schon im Geiste,
da ich damit zittern und sie verschtten werde; kmmt dann der Bettel an mich,
so bricht mir der Angstschwei aus, die Saucire klappert in meiner zitternden
Hand frchterlich, sie schwankt, ich fahre mit der andern Hand darnach und -
richtig meine freundliche Nachbarin hat die ganze Bescherung auf dem neuen drap
d'or, oder genuesischen Samtkleid, da alles im schnsten Fett schwimmt. Habe
ich aber endlich eine solche Fegefeuertour durchgemacht, ohne Sauce zu
verschtten, ohne ein Glas umzuwerfen, ohne einen Lffel fallen zu lassen, ohne
den Schohund auf den Schwanz zu treten, ohne der Tochter des Hauses die grten
Sottisen zu sagen, wenn ich hflich und pikant sein will, so fat mich irgendein
Unheil noch zum Schlu, da ich mit Schande abziehe wie heute.
    Nun, fragte ich, und was warf dich denn heute mitten ins Zimmer?
    Als der langweilige Mensch seine Erzhlung anhub, wie er ein paar Pfaffen
habe singen hren, und wie er einem hbschen Mdchen nachgelaufen sei - was man
berall tun kann, ohne gerade in Rom zu sein - da bermannte mich die
Langeweile, die eines meiner Hauptbel ist, und so setzte ich, um mich zu
unterhalten, meinen Stuhl rckwrts in Bewegung und schaukelte mich ganz
angenehm, auf einmal, ehe ich mich dessen versah, schlug der Stuhl mit mir
rckwrts ber und ich lag -
    Das habe ich leider gesehen, wie du lagst, sagte ich, aber wie kann man
nur in honetter Gesellschaft so ganz alle gute Sitte vergessen und mit dem Stuhl
schaukeln.
    Sei jetzt ruhig und bringe mich nicht auf mit der verdammten Geschichte,
ich habe heute abend kein Glck gemacht, das ist alles. Bibamus diabole! sagte
der alte Mensch, indem er selbst mit tchtigem Beispiel voranging und dann
schmunzelnd auf das dunkelrote Glas wies: Der ist koscher, Herr Bruder, guter
Burgunder, echter Chambertin und wenigstens zwanzig Jahre alt. Du magst mich
jetzt auslachen oder nicht, aber ein gutes altes Weinchen vom Sdstamme ist noch
immer meine Leidenschaft, und ich behaupte, die Welt sieht jetzt nur darum so
schlecht aus, weil so viel Tee, Branntwein und Bier, aber desto weniger Wein
getrunken wird.
    Du knntest recht haben, Jude!
    Wie stattlich, fuhr er im Eifer fort, wie stattlich nahmen sich sonst die
Wirtshuser aus; breite, gedrungene, krftige Gestalten, den dreispitzigen Hut
ein wenig auf die Seite gesetzt, rote Gesichter, feurige Augen, ins Bluliche
spielende Nasen, honette Buche - so traten sie, das hohe mit Gold beschlagene
Meerrohr in der Faust, feierlich grend ins Zimmer; wenn der Hut am Nagel hing,
der Stock in die Ecke gestellt war, schritt der Gast dem wohlbekannten Pltzchen
zu, das er seit Jahren sich zu eigen gemacht hatte, und das oft nach ihm getauft
war; der Wirt stellte mit einem Wohl bekomm's die Weinkanne vor den ehrsamen
Trinker, die gewhnlichen Becher-Nachbarn fanden sich zur bestimmten Stunde ein,
man trank viel, man schwatzte wenig und zog zur bestimmten Stunde wieder heim;
so war es in den guten alten Zeiten, wie die Menschen sagen, die nach Jahren
rechnen, so war es, und nur der Tod machte darin eine nderung. Jetzt hngen sie
alles an den Putz, machen Staat wie die Frsten, und sitzen den Wirten um zwei
Groschen die Bnke ab. Luftiges unstetes Gesindel fhrt in den Wirtshusern
umher, man wei nie mehr, neben wen man zu sitzen kmmt, und das heien die
Leute Kosmopolitismus. Hchstens trifft man ein paar alte weingrne Gesichter
von der echten Sorte, aber dies Geschlecht ist beinahe ausgestorben!
    Schau nur dorthin, fiel ich ihm ein, du Prediger in der Wste, dort
sitzen ein paar echte; sieh nur das kleine Mnnlein dort in dem braunen
Rckchen, wie es so feurig die roten Augen ber die Flasche hinrollen lt; er
scheint mir ein rechter Kenner, denn er trinkt den Nierensteiner Kirchhofwein,
den er vor sich hat, in ganz kleinen Zgen, und zerdrckt ihn ordentlich auf der
Zunge, ehe er schluckt. Und dort der groe dicke Mann mit der roten Nase, ist er
nicht eine Figur aus der alten Zeit? Nimmt er nicht das Glas in die ganze Faust,
statt wie die Heutigen den kleinen und den Goldfinger zierlich auszustrecken?
Ist er nicht schon an der vierten Flasche, seit wir hier sind, und hast du nicht
bemerkt, wie er immer die Pfropfen in die Tasche steckt, um nachher zu zhlen,
wie viele Flaschen er getrunken?
    Wahrhaftig, diese sind echt! rief der begeisterte Jude. Ich bin jung
gewesen und alt geworden, aber solcher gibt es nicht viele; la uns zu ihnen uns
setzen, mi fratercule!
    Wir hatten nicht fehl geraten; jene Trinker waren von der echten Sorte, denn
schon seit zwanzig Jahren kommen sie alle Abende in das nmliche Wirtshaus. Man
kann sich denken, wie gerne wir uns an sie anschlossen; ich, weil ich solche
Kuze liebe und aufsuche, der Ewige Jude aber, weil der Kontrast zwischen dem
eleganten Tee und diesen Trinkern in seinen Augen sehr zugunsten der letzteren
ausfiel; er wurde so kordial, da er zu vergessen schien, da er mit ihren
Urvtern schon getrunken habe, da er vielleicht mit ihren spten Enkeln wieder
trinken werde.
    Die alten Gesellen mochten jetzt ihre Ladung haben, denn sie wurden
freundlich, und fingen an zuerst leise vor sich hin zu brummen, dann gestaltete
sich dieses Brummen zu einer Melodie, und endlich sangen sie mit heiserer
Weinkehle ihre gewohnten Lieder. Auch den alten Menschen fate diese Lust. Er
dudelte die Melodien mit, und als sie geendet hatten, fing auch er sein Lied an.
Er sang:

                          Des Ewigen Juden Trinklied

Wer seines Leibes Alter zhlet
Nach Nchten, die er froh durchwacht,
Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,
Sich um den Groschen lustig macht,
Der findet in uns seine Leute,
Der sei uns brderlich gegrt,
Weil ihn, wie uns der Gott der Freude
In seine sanften Arme schliet.

Wenn von dem Tanze sanft gewieget,
Von Fltentnen s berauscht,
Fein Liebchen sich im Arme schmieget,
Und Blick um Liebesblick sich tauscht;
Da haben wir im Flug genossen
Und schnell den Augenblick erhascht,
Und Herz am Herzen festgeschlossen
Der Lippen sen Gru genascht.

Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,
Doch ist sein Feuer bald verraucht,
Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,
In seine Geisterglut dich taucht;
Uns, die wir seine Hymnen singen,
Uns leuchtet seine Flamme vor,
Und auf der Tne freien Schwingen
Steigt unser Geist zum Geist empor.

Drum, die ihr frohe Freundesworte
Zum wrdigen Gesang erhebt.
Euch gr ich, wogende Akkorde,
Da ihr zu uns herniederschwebt!
Sie tauchen auf - sie schweben nieder,
Im Vollton rauschet der Gesang,
Und lieblich hallt in unsre Lieder
Der vollen Glser Feierklang.

So haben's immer wir gehalten
Und bleiben frder auch dabei,
Und mag die Welt um uns veralten,
Wir bleiben ewig jung und neu.
Denn, wird einmal der Geist uns trbe,
Wir baden ihn im alten Wein.
Und ziehen mit Gesang und Liebe
In unsern Freudenhimmel ein.

Ob dies des Ewigen Juden eigene Poesie war, kann ich nicht bestimmt sagen, doch
lie er mich zuzeiten merken, da er auch etwas Poet sei; die zwei alten
Weingeister aber waren ganz erfllt und erbaut davon; sie drckten dem alten
Menschen die Hand, und gebrdeten sich, als htte er ihnen die ewige Seligkeit
verkndigt.
    Es schlug auf den Uhren drei Viertel vor zwlf Uhr. Der Ewige Jude sah mich
an und brach auf, ich folgte. Rhrend war der Abschied zwischen uns und den
Trinkern, und noch auf der Strae hrten wir ihre heiseren Stimmen in
wunderlichen Tnen singen:

Und wird einmal der Geist uns trbe.
Wir baden ihn im alten Wein.
Und ziehen mit Gesang und Liebe
In unsern Freudenhimmel ein.


                                      III

                       Satans Besuch bei Herrn von Goethe

                     Nebst einigen einleitenden Bemerkungen
                ber das Diabolische in der deutschen Literatur

 Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern
 Und hte mich, mit ihm zu brechen,
 Es ist gar hbsch von einem groen Herrn
 So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.
                                                                          Goethe


                              Sechzehntes Kapitel

                        Bemerkungen ber das Diabolische
                           in der deutschen Literatur

Die Idee eines Teufels ist so alt als die Welt und nicht erst durch die Bibel
unter die Menschen gekommen. Jede Religion hat ihre Dmonen und bsen Geister -
natrlich weil die Menschen selbst von Anfang an gesndigt haben und nach ihrem
gewhnlichen Anthropomorphismus das Bse, das sie sahen, einem Geiste
zuschrieben, dessen Geschft es sei, berall Unheil anzurichten. So wrde ich
ungefhr sprechen, wenn ich es bis zum Professor der Philosophie gebracht htte,
und nun ber die Idee eines Teufels mich breitmachen mte.
    In meiner Stellung aber lache ich ber solche Demonstrationen, die
gewhnlich darauf auslaufen, da man mich mit zehnerlei Grnden
hinwegzudisputieren sucht; ich lache darber und behaupte, die Menschen, so dumm
sie hie und da sein mgen, merken doch bald, wenn es nicht ganz geheuer um sie
her ist, und mgen sie mich nun Ariman oder das bse Prinzip, Satan oder Herrn
Urian nennen, sie kennen mich in allen Vlkern und Sprachen. Es ist doch eine
schne Sache um das dicier hic est, darum behagt mir auch die deutsche Literatur
so sehr. Haben sich nicht die grten Geister dieser Nation bemht, mich zu
verherrlichen, und, wenn ich's nicht schon wre, mich ewig zu machen?
    In meiner Dissertatio de rebus diabolicis sage ich unter anderm hierber
folgendes:  8. Die Idee, das moralische Verderben in einer Person
darzustellen, mute sich daher den Dichtern bald aufdrngen; diese waren, wie es
in Deutschland meistens der Fall war, philosophisch gebildet, doch war ihre
Philosophie wie ihre Moral von jener breiten, dicken Sorte, die nicht mit
Leichtigkeit ber Gegenstnde hinzugleiten wei, daher kam es, da auch die
Gebilde ihrer Phantasie jenes philosophische Blei an den Fen trugen, das sie
nicht mit Gewandtheit auftreten lie; sie stolperten auf die Bhne und von der
Bhne, machten sich breit in Philosophemen, die der Zehendste nicht sogleich
verstand, und drehten und wandten sich, als sollten sie auf einer engen Brcke
ohne Gelnder in Reifrcken einander ausweichen.
    Daher kam es, da auch die Teufel dieser Poeten gnzlich verzeichnet waren.
Betrachten wir z.B. Klingers Satan. Wie vielen Bombast hat dieser arme Teufel
zuerst in der Hlle und dann auf der Erde herzuleiern!
    Klingemanns Teufel! glaubt man nicht, er habe ihn nur geschwind aus dem
Puppenspiel von der Strae geholt, ihm die Glieder ausgereckt, bis er die rechte
Gre hatte, und ihn dann in die Szene gesetzt? man begreift nicht, wie ein
Mensch sich von einem solchen Ungetm sollte verfhren lassen!
    Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetme, die hier aufzufhren
der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir von jeher viel Spa gemacht, und ich
kam mir oft vor, wie der Polichinello des italienischen Lustspiels; ich war bei
diesen Leuten eine stehende Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt, doch
immer wieder die Hrner herausstreckte, und unter welche man zu besserer
Kenntnis ein Ecce homo, sehet, das ist der Teufel, schrieb.
    Doch auch dem Teufel mu man Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagt ein
Sprichwort, folglich mu der Teufel zur Revanche auch wieder gerecht sein. Ein
jeder gibt, wie er's kann, fuhr ich in der Dissertation fort, und wie sich in
jenen Poeten das moralische Verderben bei jedem wieder in andern Reflexen
abspiegelte, so gaben sie auch ihre Teufel. Daher kommt es, da Herr Urian bei
Klopstock wieder bei weitem anders aussieht.
    Jener Abadonna ist ein gefallener Engel, dem das hllische Feuer die Flgel
versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel und wrdig ausnehmen soll. Aber
leider ist dieser Zweck doch ein wenig verfehlt, mir wenigstens kmmt dieser
Klopstockische Gottseibeiuns vor, wie ein Elegant, der wegen Unarten aus den
Salons verwiesen, sich in den Tabagien und spiebrgerlichen Klubs nicht recht
zu finden wei und darum unanstndig jammert.
    So ungefhr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation aus, und ich
gebe noch heute zu, da die Auffassung wie jeder Idee, so auch der des Teufels
sich nach den individuellen Ansichten des Dichters ber das Bse richten mu;
dies alles aber entschuldiget keineswegs jenen berhmten Mann, der, kraft seines
umfassenden Genies, nicht den engen Grenzen seines Vaterlandes oder der Spanne
Zeit, in welcher er lebt, sondern der Erde und knftigen Jahrhunderten angehren
knnte, es entschuldigt ihn nicht darin, da er einen so schlechten Teufel zur
Welt gebracht hat.
    Der Goethische Mephistopheles ist eigentlich nichts anders, als jener
gehrnte und geschwnzte Popanz des Volkes. Den Schweif hat er aufgerollt und in
die Hosen gesteckt, fr die Bocksfe hat er elegante Stiefel angezogen, die
Hrner hat er unter dem Baret verborgen - siehe da den Teufel des groen
Dichters! Man wird mir einwenden, das gerade ist ja die groe Kunst des Mannes,
da er tausend Fden zu spinnen wei, durch die er seine khnen Gedanken, seine
hohen berschwenglichen Ideen an das Volksleben, an die Volkspoesie knpft. -
Halt Freund! ist es eines Mannes, der, wie sie sagen, so hoch ber seinem
Gegenstand steht, und sich nie von ihm beherrschen lt, ist es eines solchen
Dichters wrdig, da er sich in diese Fesseln der Popularitt schmiegt; sollte
nicht der knigliche Adler dieses Volk bei seinem populren Schopf fassen und
mit sich in seine Sonnenhhe tragen?
    Verzeihe, Wertester, erhalte ich zur Antwort, du vergissest, da unter
diesem Volke mancher eine Percke trgt, wrde ein solcher nicht in Gefahr sein,
da ihm der Zopf breche und er aus halber Hhe wieder zur Erde strzte? Siehe!
der Meister hat dies besser bedacht; er hat aus jenen tausend Fden, von welchen
ich dir sagte, eine Strickleiter geflochten, auf welcher seine Jnger suberlich
und ohne Gefahr zu ihm hinaufklimmen. Der Meister aber setzet sie zu sich in
seine Arche, gleich Noah schwebt er mit ihnen ber der Sndflut jetziger Zeit
und schaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn der
kleinen Poeten strmt.
    Ein wsseriges Bild! entgegne ich, und zugleich eine Sottise; befand sich
denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menschen? und will der Meister warten,
bis die Flut sich verlaufe und dann seine Stierlein und Eselein, seine Pfauen
und Kamele, Paar und Paar auf die Erde spazieren lassen?
    Will er vielleicht wie jener Patriarch die Erfindung des Weines sich
zuschreiben, sich ein Patent darber ausstellen lassen und ber seine Schenke
schreiben, hier allein ist Echter zu haben, wie Maria Farina auf sein Klnisches
Wasser, so fr alle Schden gut ist?
    Aber, um wieder auf Mephistopheles zu kommen; gerade dadurch, da er einen
so beraus populren und gemeinen Teufel gab, hat Goethe offenbar nichts fr die
Wrde seines schnsten Gedichtes gewonnen. Er wird zwar viele Leser
herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende werden ausrufen: Wie herrlich!
das ist der Teufel wie er leibt und lebt. Um die brigen Schnheiten des
Gedichtes bekmmern sie sich wenig, sie sind vergngt, da es endlich einmal
eine Figur in der Literatur gibt, die ihrer Sphre angemessen ist.
    Aber erkennst du denn nicht, wird man mir sagen erkennst du nicht die
herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem Mephistopheles liegt?
    Ironie? und welche? ich sehe nichts in diesem meinem Konterfei, als den
gemeinen Ritter von dem Pferdefu߫, wie er in jeder Spinnstube beschrieben
wird. Man erlaube mir, dieses Bild noch nher zu beleuchten. Ich werde nmlich
vorgestellt als ein Geist, der beschworen werden kann, der sich nach magischen
Gesetzen richten mu:

Gesteh ich's nur, da ich hinausspaziere,
verbietet mir ein kleines Hindernis
der Drudenfu auf Eurer Schwelle;

und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten

Bedarf ich eines Rattenzahns,

daher befiehlt:

der Herr der Ratten und der Muse,
der Fliegen, Frsche, Wanzen, Luse

in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer die Kante, welche ihn
bannte, zu benagen. Auch kann ich nicht in das Studierzimmer treten, ohne da
der Doktor Faust dreimal Herein! ruft. In andere Zimmer, wie z.B. bei Frau
Martha und in Gretchens Stbchen trete ich ohne diese Erlaubnis. Doch den
Schlssel zu diesen sonderbaren Zumutungen finden wir vielleicht in dem Vers:

Gewhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hrt,
Es msse sich dabei auch etwas denken lassen!

Doch weiter.
    Ich stehe auf einem ganz besondern Fu mit den Hexen. Die in der Hexenkche
htte mich gewi liebevoller empfangen, aber sie sah keinen Pferdefu, und um
mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimieren, mache ich eine unanstndige
Gebrde.

Mein Freund, das lerne wohl verstehen,
Das ist die Art, mit Hexen umzugehen.

Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel besser bekannt. Das
Gehen behagt mir nicht, ich sage daher zum Doktor:

Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?
Ich wnschte mir den allerderbsten Bock.

Auch hier

Zeichnet mich kein Knieband aus,
Doch ist der Pferdefu hier ehrenvoll zu Haus.

Um unter diesem gemeinen Gelichter mich recht zu zeigen, tanze ich mit einer
alten Hexe und unterhalte mich mit ihr in Zoten, die man nur durch
Gedankenstriche

Der hatt ein - - - - -
So - es war, gefiel mir's doch

anzudeuten wagt.
    Ich bin, selbst in Fausts Augen, ein widerwrtiger, hmischer Geselle, der

- - kalt und frech
Ihn vor sich selbst erniedrigt -

Ich bin ohne Zweifel von hlicher, unangenehmer Gestalt und Gesicht,
zurckstoend, was man, mit mildem Ausdruck markiert, intrikant und im gemeinen
Leben einen abgefeimten Spitzbuben zu nennen pflegt.
    Daher sagt Gretchen von mir:

Der Mensch, den du da bei dir hast,
Ist mir in tiefer innrer Seele verhat.
Es hat mir in meinem Leben
So nichts einen Stich ins Herz gegeben
Als des Menschen widrig Gesicht. -
Seine Gegenwart bewegt mir das Blut,
Ich hab vor dem Menschen ein heimlich Grauen. -
- Kommt er einmal zur Tr herein
Sieht er immer so spttisch drein
Und halb ergrimmt. -
Es steht ihm an der Stirn geschrieben,
Da er nicht mag eine Seele lieben etc.

Daher sage ich auch nachher:

Und die Physiognomie versteht sie meisterlich,
In meiner Gegenwart wird ihr, sie wei nicht wie,
Mein Mskchen da weissagt verborgnen Sinn,
Sie fhlt, da ich ganz sicher ein Genie,
Vielleicht wohl gar der Teufel bin.

Soll dies bei Gretchen Ahnung sein? Ist sie befangen in der Nhe eines Wesens,
das, wie man sagt, ihren Gott verleugnet? Ist es etwa ein unangenehmer Geruch,
eine schwle Luft, die ihr meine Nhe ngstlich macht? Ist es kindlicher Sinn,
der den Teufel frher ahnet, als der schon gefallene Mensch, wie Hunde und
Pferde vor nchtlichem Spuk scheuen, wenn sie ihn auch nicht sehen? Nein - es
ist nur allein mein Gesicht, mein Mskchen, mein lauernder Blick, mein
hhnisches Lcheln, das sie ngstlich macht, so ngstlich, da sie sagt:

- Wo er nur mag zu uns treten,
mein ich sogar, ich liebte dich nicht mehr -

Wozu nun dies? warum soll der Teufel ein Gesicht schneiden, das jedermann
Mitrauen einflt, das zurckschreckt, statt da die Snde, nach den
gewhnlichsten Begriffen, sich lockend, reizend sehen lt?
    Wer hat nicht die herrlichen Umrisse ber Goethes Faust von dem genialen
Retsch gesehen! Gewi, selbst der Teufel mu an einem solchen Kunstwerk Freude
haben. Ein paar Striche, ein paar Pnktchen bilden das liebliche, sinnige
Gesicht des kindlichen, keuschen Gretchens, Faust in der vollendeten Blte des
Mannes steht neben ihr, welche Wrde noch in dem gefallenen Gttersohn!
    Aber der Maler folgt der Idee des Dichters, und siehe, ein Scheusal in
Menschengestalt steht neben jenen lieblichen Bildern. Die unangenehmen Formen
des drren Krpers, das ausgedrrte Gesicht, die hliche Nase, die
tiefliegenden Augen, die verzerrten Mundwinkel - hinweg von diesem Bild, das
mich schon so oft gergert hat.8
    Und warum diese hliche Gestalt? frage ich noch einmal. Darum, antworte
ich, weil Goethe, der so hoch ber seinem Werk schwebende Dichter, seinen Satan
anthropomorphisiert; um den gefallenen Engel wrdig genug darzustellen, kleidet
er ihn in die Gestalt eines tief gefallenen Menschen. Die Snde hat seinen
Krper hlich, mager, unangenehm gemacht. In seinem Gesicht haben alle
Leidenschaften gewhlt und es zur Fratze entstellt, aus dem hohlen Auge sprht
die grnliche Flamme des Neides, der Gier; der Mund ist widrig, hmisch wie der
eines Elenden, der alles Schne der Erde schon gekostet hat und jetzt aus
bersttigung den Mund darber rmpft; der Unschuld ist es nicht wohl in seiner
befleckenden Nhe, weil ihr vor diesen Zgen schaudert.
    So hat der Dichter, weil er einen schlechten Menschen vor Augen hatte, einen
schlechten Teufel gemalt.
    Oder steht etwa in der Mythologie des Herrn von Goethe, der Teufel knne nun
einmal nicht anders aussehen, er knne sein Gesicht, seine Gestalt nicht
verwandeln? Nein, man lese:

Auch die Kultur, die alle Welt beleckt,
Hat auf den Teufel sich erstreckt;
Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen,
Wo siehst du Hrner, Schweif und Klauen?
Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut,
Ich bin ein Kavalier, wie andre Kavaliere;

Und an einem andern Ort lt er mich mein Gesicht ein Mskchen nennen;
folglich kann er sich eine Maske geben, kann sich verwandeln; aber wie gesagt,
der Dichter hat sich begngt, das nordische Phantom dennoch beizubehalten, nur
da er mich von Hrnern, Schweif und Klauen dispensiert.
    Dies ist das Bild des Mephistopheles, dies ist Goethes Teufel, jenes
nordische Phantom soll mich vorstellen; darf nun ein vom Dichter so hoch
gestellter Mensch durch eine so niedrige Kreatur, die sich schon durch ihre
Maske verdchtig macht, ins Verderben gefhrt werden? darf jener groe Geist,
der noch in seinem Falle die brigen hoch berragt, darf er durch einen
gewhnlichen Bruder Lderlich, als welchen sich Mephisto ausweist,
herabgezogen werden? Und - mu nicht diese Maske der Wrde jener Tragdie
Eintrag tun?
    Doch ich schweige; an geschehenen Dingen ist nichts zu ndern, und meine
verehrte Gromutter wrde ber diesen Gegenstand zu mir sagen:
    Shnchen! Diabole! Bedenke, da ein groer Dichter ein groes Publikum
haben, und um ein groes Publikum zu bekommen, so populr als mglich sein mu.

                              Siebzehntes Kapitel


                                   Der Besuch

Bei diesem allem bleibt Faust ein erhabenes Gedicht, und Goethe einer der
ersten Geister seiner Zeit, und man darf sich daher nicht wundern, da ich ein
groes Verlangen in mir fhlte, diesen Mann einmal zu sehen. Ich htte ihm einen
unerwarteten Besuch machen knnen, ja wenn ich oft recht rgerlich ber mein
Zerrbild war, stand ich auf dem Sprung, ihm einmal im Kostm des Mephistopheles
nchtlicherweile zu erscheinen, und ihm einigen Schrecken in die Glieder zu
jagen; aber eine gewisse Gutmtigkeit, die man zuweilen an mir gefunden hat,
hielt mich immer wieder ab, dem alten Mann eine schlaflose Nacht zu machen.
    Ich entschlo mich daher, als Doctor legens, ein ehrsamer Titel auf Reisen,
ihn zu besuchen, und als solcher kam ich in Weimar an. Es ist mit berhmten
Leuten wie mit einem fremden Tiere; kmmt ein ehrlicher Pchter mit seiner
Familie in die Stadt auf den Jahrmarkt, so ist sein erstes, da er in der
Schenke den Hausknecht fragt: Wann kann man den Lwen sehen, Bursche? Mein
Herr, antwortet der Gefragte, die Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu
haben, der Lwe aber ist am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leib hat,
daher rate ich, um jene Zeit hinzugehen.
    Geradeso erging es mir in Weimar; ich fuhr von Jena aus mit einem jungen
Amerikaner hinber. Auch in sein Vaterland war des Dichters Ruhm schon lngst
gedrungen, und er machte auf der groen Tour durch Europa dem berhmten Mann zu
Ehren schon einen Umweg von zwanzig Meilen. In dem Gasthof, wo wir abgestiegen
waren, fragten wir sogleich, um welche Zeit wir bei Herrn von Goethe vorkommen
knnten? Wir waren in Reisekleidern, die besonders bei meinem Gefhrten etwas
unscheinbar geworden waren; der Wirt musterte uns daher mit mitrauischen
Blicken und fragte, ehe er noch unsere Frage beantwortete, ob wir auch Fracks
bei uns htten?
    Wir waren glcklicherweise beide damit versehen, und unser Wirt versprach,
uns sogleich anmelden zu lassen. Sie werden wahrscheinlich nach dem Diner, um
fnf Uhr angenommen werden, um diese Zeit sind Seine Exzellenz am besten zu
sprechen. Zweifle auch gar nicht, da Sie angenommen werden, denn wenn man, wie
der Herr hier, eigens deswegen aus Amerika nach Weimar kmmt, wre es doch
unbarmherzig, einen ungesehen wieder fortzuschicken.
    Dieser Patriotismus ging doch wahrhaftig sehr weit; doch wir lieen den
guten Mann auf dem Glauben, der junge Philadelphier komme recta nach Weimar, und
gehe von da wieder heim; brigens hatte er richtig prophezeit: Doctor legens
Supfer, wie ich mich nannte, und Forthill aus Amerika, waren auf fnf Uhr
bestellt.
    Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. Der Dichter wohnt
sehr schn. Eine sanfte, geschmackvolle, mit Staten dekorierte Treppe fhrt zu
ihm; eine tiefe, geheimnisvolle Stille lag auf dem Hausgang, den wir betraten;
schweigend fhrte uns der Diener in das Besuchzimmer. Behagliche Eleganz,
Zierlichkeit und Feinheit, verbunden mit Wrde, zeichneten dieses Zimmer aus.
Mein junger Gefhrte betrachtete staunend diese Wnde, diese Bilder, diese
Meubles. So hatte er sich wohl das Stbchen des Dichters nicht vorgestellt.
Mit der Bewunderung dieser Umgebungen schien auch die Angst vor der Gre des
Erwarteten zu steigen. Alle Nancen von Rot wechselten auf seinem angenehmen
Gesicht; sein Herz pochte hrbar, sein Auge war starr an die Tre geheftet,
durch welche der Gefeierte eintreten mute.
    Ich hatte indes Mue genug, ber den groen Mann nachzudenken. Wieviel
weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen Gaben des
Geistes als der zufllige Glanz der Geburt.
    Der Sohn eines unscheinbaren Brgers von Frankfurt hat hier die hchste
Stufe erreicht, die dem Menschen, nach dem gewhnlichen Lauf der Dinge,
offensteht. Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen. Geschftsmnner vom Fach
haben vom bescheidenen Pltzchen an der Tre alle Sitze ihrer Kollegien
durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der zunchst am Throne steht, sie in seine
Arme aufnahm. Mancher hat sich auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkmpft. -
Goethe hat sich seine eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm noch keiner
voranging, noch keiner gefolgt ist; er hat bewiesen, da der Mensch kann, was er
will; denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie, von einem
Geist, der sein Zeitalter gebildet, es stufenweise zu dem Hheren gefhrt habe -
das Zeitalter hat ihn gebildet.
    Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben Werther in das liebe
Deutschland machte. Die Lotten schienen wie durch einen Zauberschlag aus dem
Boden zu wachsen; die Zahl der Werther war Legion. Aber was war hierin Goethes
Verdienst? Hatte es wirklich nur daran gefehlt, da er das Hrnchen an den Mund
setzte, und bei dem ersten Ton, den er angab, mute Pfaffe und Laie, Nnnchen
und Dmchen in wunderlichen Kapriolen ihren Sankt-Veits-Tanz beginnen? Wie heit
dieses groe schpferische Geheimnis? Alles zu rechter Zeit. Der Siegwart
hatte die harten Herzen aufgetaut und sie fr allen mglichen Jammer, fr
Mondschein und Grber empfnglich gemacht, da kommt Goethe.
    Die Tre ging auf - er kam.
    Dreimal bckten wir uns tief, und wagten es dann an ihm hinauf zu blinzeln.
Ein schner, stattlicher Greis! Augen so klar und helle, wie die eines
Jnglings, die Stirne voll Hoheit, der Mund voll Wrde und Anmut; er war angetan
mit einem feinen schwarzen Kleid, und auf seiner Brust glnzte ein schner
Stern. - Doch er lie uns nicht lange Zeit zu solchen Betrachtungen; mit der
feinen Wendung eines Weltmannes, der tglich so viele Bewunderer bei sich sieht,
lud er uns zum Sitzen ein.
    Was war ich doch fr ein Esel gewesen, in dieser so gewhnlichen Maske zu
ihm zu gehen. Doctores legentes mochte er schon viele Hunderte gesehen haben.
Amerikaner, die, wie unser Wirt meinte, ihm zulieb auf die See gingen, gewi
wenige; daher kam es auch, da er sich meist mit meinem Gefhrten unterhielt.
Htte ich mich doch fr einen gelehrten Irokesen oder einen schnen Geist vom
Mississippi ausgegeben. Htte ich ihm nicht Wunderdinge erzhlen knnen, wie
sein Ruhm bis jenseits des Ohio gedrungen, wie man in den Kapanen von Louisiana
ber ihn und seinen Wilhelm Meister sich unterhalte? - So wurden mir einige
unbedeutende Floskeln zuteil, und mein glcklicherer Gefhrte durfte den groen
Mann unterhalten.
    Wie falsch sind aber oft die Begriffe, die man sich von der Unterhaltung mit
einem groen Manne macht! Ist er als witziger Kopf bekannt, so whnt man, wenn
man ihn zum erstenmal besucht, einer Art von Elektrisiermaschine zu nahen. Man
schmeichelt ihm, man glaubt, er msse dann Witzfunken von sich strahlen, wie die
schwarzen Katzen, wenn man ihnen bei Nacht den Rcken streichelt; ist er ein
Romandichter, so spitzt man sich auf eine interessante Novelle, die der Berhmte
zur Unterhaltung nur geschwind aus dem rmel schtteln werde; ist er gar ein
Dramatiker, so teilt er uns vielleicht freundschaftlich den Plan zu einem neuen
Trauerspiel mit, den wir dann ganz warm unseren Bekannten wieder vorsetzen
knnen. Ist er nun gar ein umfassender Kopf wie Goethe, einer der, sozusagen, in
allen Stteln gerecht ist - wie interessant, wie belehrend mu die Unterhaltung
werden; wie sehr mu man sich aber auch zusammennehmen, um ihm zu gengen.
    Der Amerikaner dachte auch so, ehe er neben Goethe sa; sein Ich fuhr, wie
das des guten Walt, als er zum Flitte kam9, ngstlich oben in allen vier
Gehirnkammern, und darauf unten in beiden Herzkammern wie eine Maus umher, um
darin ein schmackhaftes Ideenkrnchen aufzutreiben, das er ihm zutragen, und
vorlegen knnte zum Imbi. Er blickte angstvoll auf die Lippen des Dichters,
damit ihm kein Wrtchen entfalle, wie der Kanditat auf den strengen Examinator,
er knickte seinen Hut zusammen, und zerpflckte einen glacierten Handschuh in
kleine Stcke. Aber welcher Zentnerstein mochte ihm vom Herz fallen, als der
Dichter aus seinen Hhen zu ihm herabstieg, und mit ihm sprach, wie Hans und
Kunz in der Kneipe. Er sprach nmlich mit ihm vom guten Wetter in Amerika, und
indem er ber das Verhltnis der Winde zu der Luft, der Dnste des wasserreichen
Amerika zu denen in unserem alten Europa sich verbreitete, zeigte er uns, da
das All der Wissenschaft in ihm aufgegangen sei, denn er war nicht nur lyrischer
und epischer Dichter, Romanist und Novellist, Lustspiel- und Trauerspieldichter,
Biograph (sein eigener) und bersetzer - nein, er war auch sogar Meteorolog!
    Wer darf sich rhmen, so tief in das geheimnisvolle Reich des Wissens
eingedrungen zu sein? Wer kann von sich sagen, da er mit jedem seine Sprache,
d.h. nicht seinen vaterlndischen Dialekt, sondern das, was ihm gerade gelufig
und wert sein mchte, sprechen knne. Ich glaube, wenn ich mich als reisender
Koch bei ihm aufgefhrt htte, er htte sich mit mir in gelehrte Diskussionen
ber die geheimnisvolle Komposition einer Gnseleberpastete eingelassen, oder
nach einer Sekundenuhr berechnet, wie lange man ein Beefsteak auf jeder Seite
schmoren msse.
    Also ber das schne Wetter in Amerika sprachen wir, und siehe - das
Armesndergesicht des Amerikaners hellte sich auf, die Schleusen seiner
Beredsamkeit ffneten sich - er beschrieb den feinen weichen Regen von Kanada,
er lie die Frhlingsstrme von New York brausen, und pries die
Regenschirmfabrik in der Franklinstrae zu Philadelphia. Es war mir am Ende, als
wre ich gar nicht bei Goethe, sondern in einem Wirtshaus unter guten alten
Gesellen, und es wrde bei einer Flasche Bier ber das Wetter gesprochen, so
menschlich, so kordial war unser Diskurs; aber das ist ja gerade das groe
Geheimnis der Konversation, da man sich angewhnt - nicht gut zu sprechen,
sondern gut zu hren. Wenn man dem weniger Gebildeten Zeit und Raum gibt zu
sprechen, wenn man dabei ein Gesicht macht, als lausche man aufmerksam auf seine
Honigworte, so wird er nachher mit Enthusiasmus verknden, da man sich bei dem
und dem kstlich unterhalte.
    Dies wute der vielerfahrene Dichter, und statt uns von seinem Reichtum ein
Scherflein abzugeben, zog er es vor, mit uns Witterungsbeobachtungen
anzustellen.
    Nachdem wir ihn hinlnglich ennuyiert haben mochten, gab er das Zeichen zum
Aufstehen, die Sthle wurden gerckt, die Hte genommen, und wir schickten uns
an, unsere Abschiedskomplimente zu machen. Der gute Mann ahnete nicht, da er
den Teufel zitiere, als er gromtig wnschte, mich auch ferner bei sich zu
sehen, ich sagte ihm zu, und werde es zu seiner Zeit schon noch halten, denn
wahrhaftig, ich habe seinen Mephistopheles noch nicht hinuntergeschluckt. Noch
einen - zwei Bcklinge, wir gingen. -
    Stumm und noch ganz stupid vor Bewunderung folgte mir der Amerikaner nach
dem Gasthof; die Rte des lebhaften Diskurses lag noch auf seiner Wange,
zuweilen schlich ein beiflliges Lcheln um seinen Mund, er schien hchst
zufrieden mit dem Besuch.
    Auf unserem Zimmer angekommen warf er sich heroisch auf einen Stuhl, und
lie zwei Flaschen Champagner auftragen. Der Kork fuhr mit einem Freudenschu an
die Decke, der Amerikaner fllte zwei Glser, bot mir das eine, und stie an auf
das Wohlsein jenes groen Dichters.
    Ist es nicht etwas Erfreuliches, sagte er, zu finden, so hoch erhabene
Mnner seien wie unsereiner? War mir doch angst und bange vor einem Genie, das
dreiig Bnde geschrieben; ich darf gestehen, bei dem Sturm, der uns auf offener
See erfate, war mir nicht so bange, und wie herablassend war er, wie vernnftig
hat er mit uns diskurriert, welche Freude hatte er an mir, wie ich aus dem neuen
Lande kam! Er schenkte sich dabei fleiig ein, und trank auf seine und des
Dichters Gesundheit, und von der erlebten Gnade und vom Schaumwein benebelt,
sank er endlich mit dem Entschlu, Amerikas Goethe zu werden, dem Schlaf in die
Arme.
    Ich aber setzte mich zu dem Rest der Bouteillen. Dieser Wein ist von allen
Getrnken der Erde der, welcher mir am meisten behagt, sein leichter flchtiger
Geist, der so wenig irdische Schwere mit sich fhrt, macht ihn wrdig, von
Geistern, wenn sie in menschlichen Krpern die Erde besuchen, gekostet zu
werden.
    Ich mute lcheln, wenn ich auf den seligen Schlfer blickte; wie leicht ist
es doch fr einen groen Menschen, die andern Menschen glcklich zu machen; er
darf sich nur stellen, als wren sie ihm so ziemlich gleich, und sie kommen
beinahe vom Verstand.
    Dies war mein Besuch bei Goethe, und wahrhaftig, ich bereute nicht, bei ihm
gewesen zu sein, denn:

Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern,
Und hte mich mit ihm zu brechen,
Es ist gar hbsch von einem groen Herrn,
So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.


                                       IV

                            Der Festtag im Fegefeuer

                                  Eine Skizze

                Das grte Glck der Geschichtsschreiber ist, da die Toten
                nicht gegen ihre Ansichten protestieren knnen.
                                                                Welt und Zeit. I


                              Achtzehntes Kapitel

                            Beschreibung des Festes.
                  Satan lernt drei merkwrdige Subjekte kennen

Ich teile hier einen Abschnitt aus meinen Memoiren mit, welcher zwar nicht mich
selbst betrifft, den ich mir aber aufzeichnete, weil er mir sehr interessant
war, und vielleicht auch anderen nicht ohne einiges Interesse sein mchte. Er
fhrt die Aufschrift Der Festtag im Fegefeuer, und kam durch folgende
Veranlassung zu diesem Titel. Es ist auf der Erde bei allen groen Herrn und
Potentaten Sitte, ihre Freude und ihre Trauer recht laut und deutlich zu
begehen. Wenn ein aus frstlichem Blute stammender Leib dem Staube wiedergegeben
wird, haben die Kster im Land schwere Arbeit, denn man lutet viele Tage lang
alle Glocken. Wird eine Prinze oder gar ein Stammhalter geboren, so verkndet
schrecklicher Kanonendonner diese Nachricht. Landesvterliche oder
landesmtterliche Geburtstge werden mit allem mglichen Glanz begangen; die
Brgermilizen rcken aus, die Honoratioren halten einen Schmaus, abends ist
Ball, oder doch wenigstens in den Landstdtchen bire dansante; kurz, alles lebt
in dulci jubilo an solchen Tagen.
    Um nun meiner guten Gromutter eine Ehre zu erweisen, hielt ich es auch
schon seit mehreren Jahrhunderten so. Im Fegefeuer, wo sie sich gewhnlich
aufhlt, ist immer an diesem Tage allgemeine Seelenfreiheit. Die Seelen bekommen
diesen Tag ber den Krper, den sie auf der Oberflche hatten, ihre Kleider,
ihre Gewohnheiten, ihre Sitten. Was von Adel da ist, mu Deputationen zum
Handku der Alten schicken (in pleno knnen sie nicht vorgelassen werden, weil
sonst die Prozession einige Tage lang dauerte). Ehemalige Hofmarschlle,
Kammerherren usw. haben den groen Dienst, und schtzen es sich zur Ehre, die
Honneurs zu machen, die Festlichkeiten zu leiten, die Touren bei den Bllen,
welche abends gegeben werden, zu arrangieren usw.
    Ich erflle durch diese Festlichkeiten einen doppelten Zweck; einmal fhlt
sich chre Grande-Mama ungemein geschmeichelt durch diese Aufmerksamkeit,
zweitens gelte ich unter den Seelen fr einen honetten Mann, der ihnen auch ein
Vergngen gnnt, drittens macht dieser einzige Tag, in Freude und alten
Gewohnheiten zugebracht, da die Seelen sich nachher um so unglcklicher fhlen;
was ganz zu dem Zweck einer solchen Anstalt, wie das Fegefeuer ist, pat.
    An einem solchen Festtag gehe ich dann verkleidet durch die Menge; manchmal
erkennt man mich zwar, ein tausendstimmiges: Vivat der Herr Teufel! vive le
diable! erfreut dann mein landesvterliches Herz, doch wei ich wohl, da es
nicht weniger erzwungen ist, als ein Hurra auf der Oberwelt, denn sie glauben,
ich drcke sie noch mehr, wenn sie nicht schreien.
    In meinem Inkognito besuche ich dann die verschiedenen Gruppen; tout comme
chez vous, meine Herren, nur etwas grotesker, Kaffeegesellschaften, Tee von
allen Sorten, diplomatische, militrische, theologische, staatswirtschaftliche,
medizinische Klubs finden sich wie durch natrlichen Instinkt zusammen, machen
sich einen guten Tag und fhren ergtzliche Gesprche, die, wenn ich sie
mitteilen wollte, auf manches Ereignis neuerer und lterer Zeit ein hbsches
Licht werfen wrden.
    Einst trat ich in einen Saal des Caf de Londres (denn, nebenbei gesagt, es
ist an diesem Tag alles auf groem Fu und hchst elegant eingerichtet) ich traf
dort nur drei junge Mnner, die aber durch ihr ueres gleich meine Neugierde
erweckten und mir, wenn sie ins Gesprch miteinander kommen sollten, nicht wenig
Unterhaltung zu versprechen schienen. Ich verwandelte daher meinen Anzug in das
Kostm eines flinken Kellners und stellte mich in den Saal, um die Herrschaften
zu bedienen.
    Zwei dieser jungen Leute beschftigten sich mit einer Partie Billard; ich
markierte ihnen und betrachtete mir indes den dritten. Er war nachlssig in
einen gerumigen Fauteuil zurckgelehnt, seine Beine ruhten auf einem vor ihm
stehenden kleineren Stuhl, seine linke Hand spielte nachlssig mit einer
Reitgerte, sein rechter Arm untersttzte das Kinn. Ein schner Kopf! das Gesicht
lnglich und sehr bleich; die Stirne hoch und frei, von hellbraunen,
wohlfrisierten Haaren umgeben, die Nase gebogen und spitzig wie aus weiem Wachs
geformt, die Lippen dnn und angenehm gezogen, das Auge blau und hell, aber
gewhnlich kalt und ohne alles Interesse langsam ber die Gegenstnde
hingleitend; dies alles und ein feiner Hut enger oben als unten, nachlssig auf
ein Ohr gedrckt, lieen mich einen Englnder vermuten. Sein sehr feines
blendend weies Linnenzeug, die gewhlte, beraus einfache Kleidung konnte nur
einem Gentleman, und zwar aus den hchsten Stnden gehren. Ich sah in meiner
Liste nach, und fand, es sei Lord Robert Fotherhill. Er winkte, indem ich ihn so
betrachtete, mit den Augen, weil es ihm wahrscheinlich zu unbequem war, zu
rufen, ich eilte zu ihm, und stellte auf seinen Befehl ein groes Glas Rum, eine
Havannazigarre und eine brennende Wachskerze vor ihn hin.
    Die beiden andern Herren hatten indes ihr Spiel geendigt und nahten sich dem
Tische, an welchem der Englnder sa; ich warf schnell einen Blick in meine
Liste und erfuhr, der eine sei ein junger Franzose, Marquis de Lasulot, der
andere ein Baron von Garnmacher, ein Deutscher.
    Der Franzose war ein kleines untersetztes, gewandtes Mnnchen. Sein
schwarzes Haar und der dichtgelockte schwarze Backenbart standen sehr hbsch zu
einem etwas verbrannten Teint, hochroten Wangen und beweglichen, freundlichen
schwarzen Augen; um die vollen roten Lippen und das wohlgenhrte Kinn zog sich
jenes schne unnachahmliche Blau, welches den Damen so wohl gefallen soll, und
in England und Deutschland bei weitem seltener, als in sdlichern Lndern
gefunden wird, weil hier der Bartwuchs dunkler, dichter und auch frher zu sein
pflegt, als dort.
    Offenbar ein Incroyable von der Chaussee d'Antin! Das elegante Neglig, wie
es bis auf die geringste Kleinigkeit hinaus der eigensinnige Geschmack der
Pariser vor vier Monaten (so lange mochte der junge Herr bereits verstorben
sein) haben wollte. Von dem, mit zierlicher Nachlssigkeit umgebundenen
ostindischen Halstuch, dem kleinen blaroten Shawl mit einer Nadel  la Duc de
Berry zusammengehalten, bis herab auf die Kamaschen, die man damals seit drei
Tagen nach innen zuknpfte, bis auf die Schuhe, die, um als modisch zu gelten,
an den Spitzen nach dem groen Zehen sich hinneigen, und ganz ohne Absatz sein
muten, ich sage bis auf jene Kleinigkeiten, die einem Ungeweihten, geringfgig
und miserabel, einem, der in die Mysterien hinlnglich eingefhrt ist, wichtig
und unumgnglich notwendig erscheinen, war er gewissenhaft nach dem neuesten
Geschmack fr den Morgen angezogen.
    Er schien soeben erst seinem Jean die Zgel seines Cabriolets in die Hand
gedrckt, die Peitsche von geglttetem Fischbein kaum in die Ecke des Wagens
gelehnt zu haben und jetzt in meinen Kaffee hereingeflogen zu sein, um mehr
gesehen zu werden, als zu sehen, mehr zu schwatzen, als zu hren.
    Er lorgnettierte flchtig den Gentleman im Fauteuil, schien sich an dem
ungemeinen Rumglas und dem Rauchapparat, den jener vor sich hatte, ein wenig zu
entsetzen, schmiegte sich aber nichtsdestoweniger an die Seite Seiner Lordschaft
und fing an zu sprechen:
    
    Werden Sie heute abend den Ball besuchen, mein Herr, den uns Monseigneur le
diable gibt? Werden viel Damen dort sein, mein Herr? ich frage, ich bitte Sie,
weil ich wenig Bekanntschaft hier habe.
    Mein Herr, darf ich Ihnen vielleicht meinen Wagen anbieten, um uns beide
hinzufhren; es ist ein ganz honettes Ding, dieser Wagen, habe ich die Ehre, Sie
zu versichern, mein Herr; er hat mich bei Latonnier vor vier Monaten
achtzehnhundert Franken gekostet. Mein Herr, Sie brauchen keinen Bedienten
mitzunehmen, wenn ich die Ehre haben sollte, Sie zu begleiten, mein Jean ist ein
Wunderkerl von einem Bedienten.
    So ging es im Galopp ber die Zunge des Incroyable. Seine Lordschaft schien
sich brigens nicht sehr daran zu erbauen. Er sah bei den ersten Worten den
Franzosen starr an, richtete dann den Kopf ein wenig auf, um seine rechte Hand
frei zu machen, ergriff mit dieser - die erste Bewegung seit einer halben Stunde
- das Kelchglas, nippte einige Zge Rum, rauchte behaglich seine Zigarre an,
legte den Kopf wieder auf die rechte Hand, und schien dem Franzosen mehr mit dem
Auge als mit dem Ohr zuzuhren und auch auf diese Art antworten zu wollen, denn
er erwiderte auch nicht eine Silbe auf die Einladung des redseligen Franzosen
und schien, wie sein Landsmann Shakespeare sagt:

                           der Zhne doppelt Gatter

vor seine Sprachorgane gelegt zu haben.
    Der Deutsche hatte sich whrend dieses Gesprches dem Tische genhert, eine
hfliche Verbeugung gemacht und einen Stuhl dem Lord gegenber genommen. Man
erlaube mir, auch ihn ein wenig zu betrachten. Er war, was man in Deutschland
einen gewichsten jungen Mann zu nennen pflegt, ein Stutzer; er hatte blonde, in
die Hhe strebende Haare, an die etwas niedere Stirne schlo sich ein
allerliebstes Stumpfnschen, ber dem Mund hing ein Stutzbrtchen, dessen
Enden hinaufgewirbelt waren, seine Miene war gutmtig, das Auge hatte einen
Ausdruck von Klugheit, der wie gut angebrachtes Licht auf einem grobschattierten
Holzschnitt keinen blen Effekt hervorbrachte.
    Seine Kleidung, wie seine Sitten schien er von verschiedenen Nationen
entlehnt zu haben. Sein Rock mit vielen Knpfen und Schnren war polnischen
Ursprungs; er war auf russische Weise auf der Brust vier Zoll hoch wattiert,
schlo sich spannend ber den Hften an, und formierte die Taille so schlank,
als die einer hbschen Altenburgerin; er hatte ferner enge Reithosen an, weil er
aber nicht selbst ritt, so waren solche nur aus dnnem Nanking verfertigt, aus
ebendiesem Grund mochten auch die Sporen mehr zur Zierde und zu einem
wohltnenden, Aufmerksamkeit erregenden Gang, als zum Antreiben eines Pferdes
dienen. Ein feiner italienischer Strohhut vollendete das gewhlte Kostm.
    Ich sehe es einem gleich bei der Art, wie er den Stuhl nimmt und sich
niedersetzt, an, ob er viel in Zirkeln lebte, wo auch die kleinste Bewegung von
den Gesetzen des Anstandes und der feinen Sitte geleitet wird; der Stutzer
setzte sich passabel, doch bei weitem nicht mit jener feinen Leichtigkeit, wie
der Franzose, und der Englnder zeigte selbst in seiner nachlssigen, halb
sitzenden, halb liegenden Stellung mehr Wrde als jener, der sich so gut
aufrecht hielt, als es nur immer ein Tanzmeister lehren kann.
    Diese Bemerkungen, zu welchen ich vielleicht bei weitem mehr Worte verwendet
habe, als es dem Leser dieser Memoiren ntig scheinen mchte, machte ich in
einem Augenblick, denn man denke sich nicht, da der junge Deutsche mir so lange
gesessen sei, bis ich ihn gehrig abkonterfeit hatte.
    Der Marquis wandte sich sogleich an seinen neuen Nachbar. Mein Gott, Herr
von Garnmacker, sagte er, ich mchte verzweifeln; der englische Herr da
scheint mich nicht zu verstehen und ich bin seiner Sprache zu wenig mchtig, um
die Konversation mit gehriger Lebhaftigkeit zu fhren; denn ich bitte Sie, mein
Herr, gibt es etwas Langweiligeres, als wenn drei schne junge Leute beieinander
sitzen, und keiner den andern versteht?
    Auf Ehre, Sie haben recht, antwortete der Stutzer in besserem Franzsisch,
als ich ihm zugetraut htte; man kann sich zur Not denken, da ein Trke mit
einem Spanier Billard spielt, aber ich sehe nicht ab, wie wir unter diesen
Umstnden mit dem Herrn plaudern knnen.
    J'ai bien compris, Messieurs, sagte der Lord ganz ruhig neben seiner
Zigarre vorbei, und nahm wieder einigen Rum zu sich.
    Ist's mglich, Mylord? rief der Franzose vergngt, das ist sehr gut, da
wir uns verstehen knnen! Marqueur, bringen Sie mir Zuckerwasser! O das ist
vortrefflich, da wir uns verstehen, welch schne Sache ist es doch um die
Mitteilung, selbst an einem Ort, wie dieser hier.
    Wahrhaftig, Sie haben recht, Bester! gab der Deutsche zu; aber wollen wir
nicht zusammen ein wenig umherschlendern, um die schne Welt zu mustern? Ich
nenne Ihnen schne Damen von Berlin, Wien, von allen mglichen Stdten meines
Vaterlandes, die ich bereist habe; ich hatte oben groe Bekanntschaften und
Konnexionen, und darf hoffen, an diesem verfl... Ort manche zu treffen, die ich
zu kennen das Glck hatte; Mylord nennt uns die Schnen von London, und Sie,
teuerster Marquis, knnen uns hier Paris im kleinen zeigen.
    Gott soll mich behten! entgegnete eifrig der Franzose, indem er nach der
Uhr sah, jetzt, um diese frhe Stunde wollen Sie die schne Welt mustern?
    Meinen Sie, mein Herr, ich habe in diesem dtestable purgatoire so sehr
allen guten Ton verlernt, da ich jetzt auf die Promenade gehen sollte?
    Nun, nun, antwortete der Stutzer, ich meine nur, im Fall wir nichts
Besseres zu tun wten. Sind wir denn nicht hier wie die drei Mnner im
Feuerofen? Sollen wir wohl ein Loblied singen wie jene? Doch wenn es Ihnen
gefllig ist, mein Herr, uns einen Zeitvertreib vorzuschlagen, so bleibe ich
gerne hier.
    Mein Gott, entgegnete der Incroyable, ist dies nicht ein so anstndiger
Kaffee, als Sie in ganz Deutschland keinen haben? Und fehlt es uns an
Unterhaltung? Knnen wir nicht plaudern, soviel wir wollen? Sagen Sie selbst,
Mylord, ist es nicht ein gutes Haus, kann man diesen Salon besser wnschen,
nein! Monsieur le diable hat Geschmack in solchen Dingen, das mu man ihm
lassen.
    Une confortable maison! murmelte Mylord, und winkte dem Franzosen Beifall
zu. Et ce salon confortable.
    Gute Tafel, mein Herr? fragte der Marquis, nun die wird auch da sein, ich
denke mir, man speist wohl nach der Charte? Aber meine Herren, was sagen Sie
dazu, wenn wir uns zur Unterhaltung gegenseitig etwas aus unserem Leben erzhlen
wollten? Ich hre so gerne interessante Abenteuer, und Baron Garnmacker hat
deren wohl so viele erlebt als Mylord?
    God damn! das war ein vernnftiger Einfall, mein Herr, sagte der
Englnder, indem er mit der Reitgerte auf den Tisch schlug, die Fe von dem
Stuhl herabzog, und sich mit vieler Wrde in dem Fauteuil zurechtsetzte; noch
ein Glas Rum, Marqueur!
    Ich stimme bei, rief der Deutsche, und mache Ihnen ber Ihren glcklichen
Gedanken mein Kompliment, Herr von Lasulot. - Eine Flasche Rheinwein, Kellner! -
Wer soll beginnen, zu erzhlen?
    Ich denke, wir lassen dies das Los entscheiden, antwortete Lord
Fotherhill, und ich wette fnf Pfund, der Marquis mu beginnen.
    Angenommen, mein Herr, sagte mit angenehmem Lcheln der Franzose; machen
Sie die Lose, Herr Baron, und lassen Sie uns ziehen, Nummer zwei soll beginnen.
    Baron Garnmacher stand auf und machte die Lose zurecht lie, ziehen und die
zweite Nummer fiel auf ihn selbst.
    Ich sah den Franzosen dem Lord einen bedeutenden Wink zuwerfen, indem er das
linke Auge zugedrckt, mit dem rechten auf den Deutschen hinberdeutete; ich
bersetzte mir diesen Wink so: Geben Sie einmal acht, Mylord, was wohl unser
ehrlicher Deutscher vorbringen mag. Denn wir beide sind schon durch den Rang
unserer Nationen weit ber ihn erhaben.
    Baron von Garnmacher schien aber den Wink nicht zu beachten; mit groer
Selbstgeflligkeit trank er ein Glas seines Rheinweins, wischte in der Eile den
Stutzbart mit dem Rockrmel ab und begann:

                              Neunzehntes Kapitel


                       Geschichte des deutschen Stutzers

Als mein Grovater, der kaiserlich-kniglich -
    Ich bitte Sie, mein Herr, unterbrach ihn der Incroyable, schenken Sie uns
den Gropapa, und fangen Sie gleich bei Ihrem Vater an; was war er?
    Nun ja, wenn es Ihnen so lieber ist, aber ich htte mich gerne bei dem
Glanz unserer Familie lnger verweilt; mein Vater lebte in Dresden auf einem
ziemlich groen Fu -
    Was war er denn, der Herr Papa? Sie verzeihen, wenn ich etwas zu neugierig
erscheine, aber zu einer Geschichte gehrt Genauigkeit.
    Mein Vater, fuhr der Stutzer etwas mimutig fort, war Kleiderfabrikant en
gros -
    Wie, fragte der Lord, was ist Kleiderfabrikant? Kann man in Deutschland
Kleider in Fabriken machen?
    Hol mich der Teufel, wie er schon getan! rief der Stutzer unwillig, und
stie das Glas auf den Tisch; das ist nicht die Art, wie man seine Biographie
erzhlen kann, wenn man alle Augenblicke von kritischen Untersuchungen
unterbrochen wird; mein Vater hatte ein Haus am Alt-Markt, darin hatte er ein
Atelier und hielt Arbeiter, welche Kleider fr die Leute machten!
    Mon dieu, also war es, was wir tailleur nennen? ein Schneider?
    Nun in Gottes Namen! nennen Sie es, wie Sie wollen, kurz, er hatte die Welt
gesehen, machte ein Haus, und wenn er auch nicht den Adel und die ersten Brger
in seinen Soires sah, so war doch ein gewisser guter Ton, ein gewisser Anstand,
ein gewisses, ich wei nicht was, kurz es war ein ganz anstndiger Mann, mein
Papa.
    Mich selbst erfate der Lachkitzel, als ich den garon tailleur so
perorieren hrte, doch fate ich mich, um den Marqueur nicht aus der Rolle
fallen zu lassen. Der Marquis aber hatte sich zurckgelehnt und wollte sich
ausschtten vor Lachen, der Englnder sah den Stutzer forschend an, unterdrckte
ein Lcheln, das seiner Wrde schaden konnte und trank Rum; der deutsche Baron
aber fuhr fort:
    Sie htten mich, meine Herren, auf der Oberwelt in Daumenschrauben pressen
knnen und ich htte meine Maske nicht vor Ihnen abgenommen. Hier ist es ein
ganz anderes Ding; wer kmmert sich an diesem schlechten Ort um den ehemaligen
Baron von Garnmacher? Darum verletzt mich auch Ihr Lachen nicht im geringsten,
im Gegenteil, es macht mir Vergngen, Sie zu unterhalten!
    Ah! ce noble trait! rief der Incroyable und wischte sich die Trnen aus
dem Auge, reichen Sie mir die Hand, und lassen Sie uns Freunde bleiben. Was
geht es mich an, ob Ihr Vater duc oder tailleur war. Erzhlen Sie immer weiter,
Sie machen es gar zu hbsch.
    Ich geno eine gute Erziehung, denn meine Mutter wollte mich durchaus zum
Theologen machen, und weil dieser Stand in meinem Vaterland der eigentlich
privilegierte Gelehrtenstand ist, so wurde mir in meinem siebenten Jahre mensa,
in meinem achten amo, in meinem zehnten typto, in meinem zwlften pacat
eingebleut. Sie knnen sich denken, da ich bei dieser ungemeinen Gelehrsamkeit
keine gar angenehmen Tage hatte; ich hatte, was man einen harten Kopf nennt; das
heit, ich ging lieber aufs Feld, hrte die Vgel singen, oder sah die Fische
den Flu hinabgleiten; sprang lieber mit meinen Kameraden, als da ich mich oben
in der Dachkammer, die man zum Musensitz des knftigen Pastors eingerichtet
hatte, mit meinem Brder, Buttmann, Schrder, und wie die Schrecklichen alle
heien, die den Knaben mit harten Kpfen wie bse Geister erscheinen,
abmarterte.
    Ich hatte berdies noch einen andern Gang, der mir viele Zeit raubte; es
war die von frher Jugend an mit mir aufwachsende Neigung zu schnen Mdchen.
Sommers war es in meiner Dachkammer so glhend hei, wie unter den Bleidchern
des Palastes Sankt Marco in Venedig; wenn ich dann das kleine Schiebfenster
ffnete, um den Kopf ein wenig in die frische Luft zu stecken, so fielen
unwillkrlich meine Augen auf den schnen Garten unseres Nachbars, eines reichen
Kaufmanns; dort unter den schnen Achazien auf der weichen Moosbank sa Amalie,
sein Tchterlein und ihre Gespielinnen und Vertraute. Unwiderstehliche Sehnsucht
ri mich hin; ich fuhr schnell in meinen Sonntagsrock, frisierte das Haar mit
den Fingern zurecht und war im Flug durch die Zaunlcke bei der Knigin meines
Herzens.
    Denn diese Charge begleitete sie in meinem Herzen im vollsten Sinne des
Wortes. Ich hatte in meinem eilften Jahre den grten Teil der Ritter- und
Ruberromane meines Vaterlandes gelesen, Werke, von deren Vortrefflichkeit man
in andern Lndern keinen Begriff hat, denn die erhabenen Namen Cramer und Spie
sind nie ber den Rhein oder gar den Kanal gedrungen. Und doch, wieviel hher
stehen diese Bcher alle, als jene Ritter- und Ruberhistorien des Verfassers
von Waverley, der kein anderes Verdienst hat, als auf Kosten seiner Leser recht
breit zu sein. Hat der groe Unbekannte solche vortreffliche Stellen wie die,
welche mir noch aus den Tagen meiner Kindheit im Ohr liegen: Mitternacht,
dumpfes Grausen der Natur, Rdengebell, Ritter Urian tritt auf.
    Wem pocht nicht das Herz, wem strubt sich nicht das Haar empor, wenn er
nachts auf einer den, verlassenen Dachkammer dieses liest; wie fhlte ich da
das Grausen der Natur! und wenn der Hofhund sein Rdengebell heulte, so war die
Tuschung so vollkommen, da sich meine Blicke ngstlich an die schlecht
verriegelte Tre hefteten, denn ich glaubte nicht anders, als Ritter Urian trete
auf.
    Was war natrlicher, als da bei so lebhafter Einbildungskraft, auch mein
Herz Feuer fing? Jede Berta, die ihren Ritter die Feldbinde umhing, jede Ida,
die sich auf den Sller begab, um dem, den Schloberg hinabdonnernden Liebsten
noch einmal mit dem Schleier zuzuwedeln, jede Agnes, Hulda usw. verwandelte sich
unwillkrlich in Amalien.
    Doch auch sie war diesem Tribut der Sterblichkeit unterworfen. Aus ihrer
Sparbchse nmlich wurden die Romane angeschafft. Wenn einer gelesen war, so
empfing ich ihn, las ihn auch, trug ihn dann wieder in die Leihbibliothek, und
suchte dort immer die Bcher heraus, welche entweder keinen Rcken mehr hatten,
oder vom Lesen so fett geworden waren, da sie mich ordentlich anglnzten. Das
sind so die echten nach unserem Geschmack, dachte ich, und sicher war es ein 
Rinaldo Rinaldini ein Domschtz, ein alter berall und Nirgends, oder sonst
einer unserer Lieblinge.
    Zu Hause band ich ihn dann in alte lateinische Schriften ein, denn Amalie
war sehr reinlich erzogen, und htte, wenn auch das Innere des Romans nicht
immer sehr rein war, doch nie mit bloen Fingern den fetten Glanz ihrer
Lieblinge betastet. Ehrerbietig trug ich ihn dann in den Garten hinber, und
berreichte ihn; und nie empfing ich ihn zurck, ohne da mir Amalie die
schnsten Stellen mit Strickgarn oder einer Stecknadel bezeichnet htte. So
lasen und liebten wir; unsere Liebe richtete sich nach dem Vorbild, das wir
gerade lasen; bald war sie zrtlich und verschmt, bald feurig und strmisch, ja
wenn Eifersuchten vorkamen, so gaben wir uns alle mgliche Mhe, einen
Gegenstand, eine Ursache fr unser namenloses Unglck zu ersinnen.
    Mein gewhnliches Verhltnis zu der reichen Kaufmannstochter war brigens
das eines Edelknaben von dunkler Geburt, der an dem Hof eines groen Grafen oder
Frsten lebt, eine unglckliche Leidenschaft zu der schnen Tochter des Hauses
bekommt, und endlich von ihr heimliche, aber innige Gegenliebe empfngt. Und wie
lebhaft wute Amalie ihre Rolle zu geben; wie gtig, wie herablassend war sie
gegen mich! wie liebte sie den schnen, ritterlichen Edelknaben, dem kein
Hindernis zu schwer war, zu ihr zu gelangen, der den breiten Burggraben (die
Entenpftze in unserm Hof) durchwadet, der die Zinnen des Walles (den
Gartenzaun) erstiegen, um in ihr Gartengemach (die Moosbank unter den Achazien)
sich zu schleichen. Tausend Dolche (die Ngel auf dem Zaun, die meinen
Beinkleidern sehr gefhrlich waren) tausend Dolche lauern auf ihn, aber die
Liebe fhrt ihn unbeschdigt zu den Fen seiner Herrin.
    Das einzige Unglck bei unserer Liebe war, da wir eigentlich gar kein
Unglck hatten. Zwar gab es hie und da Grenzstreitigkeiten zwischen dem armen
Ritter, meinem Vater, und dem reichen Frsten (dem Kaufmann), wenn nmlich eines
unserer Hhner in seinen Garten hinbergeflogen war, und auf seinen Mistbeeten
spazierenging; oder es kam sogar zu wirklicher Fehde, wenn der Frst einen
Herold (seinen Ladendiener) zu uns herberschickte und um den Tribut mahnen lie
(weil mein Vater eine sehr groe Rechnung in dem Kontobuch des Frsten hatte).
Aber dies alles war leider kein ntigendes Unglck fr unsere Liebe, und diente
nicht dazu, unsere Situationen noch romantischer zu machen.
    Die einzige Folge, die aus meinem Lesen und meiner Liebe entstand, war mein
hartes Unglck, immer unter den letzten meiner Klasse zu sein, und von dem alten
Rektor tchtig Schlge zu bekommen; doch auch darber belehrte und trstete mich
meine Herrin. Sie entdeckte mir nmlich, da des Herzogs (des Rektors) ltester
Prinz um ihre Liebe gebuhlt und sie aus Liebe zu mir den Jngling abgewiesen
habe; er aber habe gewi unsere Liebe und den Grund seiner Abweisung entdeckt
und sie dem alten Vater, dem Rektor, beigebracht, der sich dafr auf eine so
unwrdige Art an mir rche. Ich lie die Gute auf ihrem Glauben, wute aber
wohl, woher die Schlge kamen; der alte Herzog wute, da ich die
unregelmigen, griechischen Verba nicht lernte, und dafr bekam ich Schlge.
    So war ich fnfzehn, und meine Dame vierzehn Jahre alt geworden, ungetrbt
war bis jetzt der Himmel unserer Liebe gewesen, da ereigneten sich mit einem Mal
zwei Unglcksflle, wovon schon eines fr sich hinreichend gewesen wre, mich
aus meinen Hhen herabzuschmettern.
    Es war die Zeit, wo nach dem Frieden von Paris die Fouqschen Romane
anfingen, in meinem Vaterlande Mode zu werden....
    Was ist das, Fouqusche Romane? fragte der Lord.
    Das sind lichtbraune, fromme Geschichten; doch durch diese Definition
werden Sie nicht mehr wissen als vorher. Herr von Fouqu ist ein frommer
Rittersmann, der, weil es nicht mehr an der Zeit ist, mit Schwert und Lanze zu
turnieren, mit der Feder in die Schranken reitet, und kmpft, wie der gewaltigen
Whringer einer. Er hat das ein wenig rohe und gemeine Mittelalter modernisiert,
oder vielmehr unsere heutige modische Welt in einigen frommen Mystizismus
einbalsamiert, und um fnfhundert Jahre zurckgeschoben. Da schmeckt nun alles
ganz slich und sieht recht anmutig, lichtdunkel aus; die Ritter, von denen man
vorher nichts anders wute, als sie seien derbe Landjunker gewesen, die sich aus
Religion und feiner Sitte so wenig machten, als der Grotrke aus dem sechsten
Gebot, treten hier mit einer bezaubernden Courtoisie auf, sprechen in feinen
Redensarten, sind hauptschlich fromm und kreuzglubig.
    Die Damen sind moderne Schwrmerinnen, nur keuscher, reiner, mit steifen
Krgen angetan, und berhaupt etwas ritterlich aufgeputzt. Selbst die edlen
Rosse sind glnzender als heutzutage und haben ordentlich Verstand, wie auch die
Wolfshunde und andere solche Getiere.
    Mon dieu! solchen Unsinn liest man in Deutschland? rief der Franzose und
schlug vor Verwunderung die Hnde zusammen.
    O ja, meine Herren, man liest und bewundert; es gab eine Zeit bei uns, wo
wir davon zurckgekommen waren, alles an fremden Nationen zu bewundern; da wir
nun, auf unsere eigenen Herrlichkeiten beschrnkt, nichts an uns fanden, das wir
bewundern konnten, als die tempi passati - so warfen wir uns mit unserem
gewhnlichen Nachahmungseifer auf diese und wurden allesamt altdeutsch.
    Mancher hatte aber nicht Phantasie genug, um sich ganz in jene herrliche
vergangene Zeiten hineinzudenken, man fhlte allgemein das Bedrfnis von
Handbchern, die, wie Modejournale neuerer Zeit, ber Sitten und Gebruche bei
unseren Vorfahren uns belehrt htten, da trat jener fromme Ritter auf, ein
zweiter Orpheus, griff er in die Saiten und es entstand ein neu Geschlecht; die
Mdchen, die bei den franzsischen Garnisonen etwas frivol geworden waren,
wurden sittige, keusche, fromme Frulein, die jungen Herren zogen die modischen
Fracks aus, lieen Haar und Bart wachsen, an die Hemder eine halbe Elle Leinwand
setzen, und Kleider machen Leute sagt ein Sprichwort, probatum est, auch sie
waren tugendlich, tapfer und fromm.
    God damn! Sie haben recht, ich habe solche Figuren gesehen, unterbrach ihn
der Englnder, vor acht Jahren machte ich die groe Tour und kam auch nach der
Schweiz. Am Vierwaldsttter See lie ich mir den Ort zeigen, wo die Schweizer
ihre Republiken gestiftet haben. Ich traf auf der Wiese eine Gesellschaft, die
wunderlich, halb modern, halb aus den Garderoben frherer Jahrhunderte sich
gekleidet zu haben schien. Fnf bis sechs junge Mnner saen und standen auf der
Wiese und blickten mit glnzenden Augen ber den See hin. Sie hatten wunderbare
Mtzen auf dem Kopf, die fast anzusehen waren wie Pfannkuchen. Lange wallende
Haare fielen in malerischer Unordnung auf den Rcken und die Schultern; den Hals
trugen sie frei und hatten breite, zierlich gestickte Krgen, wie heutzutage die
Damen tragen, herausgelegt.
    Ein Rock, der offenbar von einem heutigen Meister, aber nach antiker Form
gemacht war, kleidete sie nicht bel; er schlo sich eng um den Leib und zeigte
berall den schnen Wuchs der jungen Mnner. In sonderbarem Kontrast damit
standen weite Pluderhosen von grober Leinwand. Aus ihren Rcken sahen drohende
Dolchgriffe hervor, und in der Hand trugen sie Beilstcke, ungefhr wie die
rmischen Liktoren. Gar nicht recht wollte aber zu diesem Kostm passen, da sie
Brillen auf der Nase hatten und gewaltig Tabak rauchten.
    Ich fragte meinen Fhrer, was das fr eine sonderbare Armatur und Uniform
wre, und ob sie vielleicht eine Besatzung der Grtli-Wiese vorstellen sollten?
Er aber belehrte mich, da es fahrende Schler aus Deutschland wren.
Unwillkrlich drngte sich mir der Gedanke an den fahrenden Ritter Don Quijote
auf, ich stieg lachend in meinen Kahn und pries mein Glck, auf einem Platz, der
durch die erhabenen Erinnerungen, die er erweckt, nur zu leicht zu trumerischen
Vergleichungen fhrt, eine so groteske Erscheinung aus dem Leben gehabt zu
haben. Die jungen Deutschen shnten mich aber wieder mit sich aus, denn als mein
Kahn ber den See hingleitete, erhoben sie einen vierstimmigen Gesang in so
erhabener Melodie, mit so wrdigen, ergreifenden Wendungen, da ich ihnen in
Gedanken das Vorurteil abbat, welches ihr Kostm in mir erweckt hatte.
    Nun ja, da haben wir's, fuhr der Baron von Garnmacher fort, so sah es
damals unter alt und jung in Deutschland aus; auch ich hatte Fouqusche Romane
gelesen, wurde ein frommer Knab, trug mich wie alle meine Kameraden altdeutsch
und war meiner Herrin, der wunnigen Maid mit einer keuschen, inniglichen Minne
zugetan. Auf Amalien machte brigens der Zauberring, die Fahrten Thiodolfs etc.
nicht den gewnschten Eindruck; sie verlachte die sittigen, lichtbraunen,
blauugigen Damen, besonders die Bertha von Lichtenrieth, und pries mir
Lafontaine und Langbein, schlpfrige Geschichten, welche ihr eine ihrer
Freundinnen zugesteckt hatte.
    Ich war zu erfllt von dem deutschen Wesen, das in mir aufging, als da ich
ihr Gehr gegeben htte, aber der lsterne Brennstoff jener Romane brannte fort
in dem Mdchen, das sich, weil sie fr ihr Alter schon ziemlich gro war, fr
eine angehende Jungfrau hielt, und kurz - es gab eine Josephsszene zwischen uns;
ich hllte mich in meinen altdeutschen Rock und meine Fouqusche Tugend ein und
floh vor den Lockungen der Sirene; wie mein Held Thiodolf vor der herrlichen
Zoe.
    Die Folge davon war, da sie mich als einen Unwrdigen verachtete, und dem
Prinzen, des Rektors Sohn, ihre Liebe schenkte. Ob er mit ihr Lafontaine und
Langbein studierte, wei ich nicht zu sagen, nur so viel ist mir bekannt, da
ihn der Frst, Amaliens Vater, einige Wochen nachher eigenhndig aus dem Garten
gepeitscht hat.
    Ich sa jetzt wieder auf meinem Dachkmmerlein, hatte die hebrische Bibel
und die griechischen Unregelmigen vor mir liegen und auf ihnen meine Romane.
An manchem Abend habe ich dort heie Trnen geweint und durch die Jalousien in
den Garten hinabgeschaut, denn die zuchtlose Jungfrau sollte meinen Jammer nicht
erschauen, sie sollte den Kampf zwischen Ha und Liebe nicht auf meinem Antlitz
lesen. Ich war fest berzeugt, da so unglcklich wie ich, kein Mensch mehr sein
knne und hchstens der unglckliche Otto von Trautwangen, als er in Frankreich
mit seinem vernnftigen lichtbraunen Rlein eine Hhle bewohnte, konnte
vielleicht so kummervoll gewesen sein wie ich.
    Aber das Ma meiner Leiden war nicht voll; hren Sie, wie aus entwlkter
Hhe, mich ein zweiter Donner traf.
    Der alte Rektor hatte seinen Schlern ein Thema zu einem Aufsatz gegeben,
worin wir die Frage beantworten sollten, wen wir fr den grten Mann
Deutschlands halten? Es sollte sein Wert geschichtlich nachgewiesen, Grnde fr
und wider angegeben und berhaupt alles recht gelehrt abgemacht werden. Ich
hatte, wie ich Ihnen schon bemerkt habe, meine Herren, immer einen harten Kopf,
und Aufstze mit Grnden waren mir von jeher zuwider gewesen, ich hatte also
auch immer mittelmige oder schlechte Arbeit geliefert. Aber fr diese Arbeit
war ich ganz begeistert, ich fhlte eine hohe Freude in mir, meine Gedanken ber
die groen Mnner meines Vaterlandes zu sagen und meine Ideale (und wer hat in
diesen Jahren nicht solche) in gehriges Licht setzen zu knnen.
    Geschichtlich sollte das Ding abgefat werden? was war leichter fr mich als
dies; jetzt erst fhlte ich den Nutzen meines eifrigen Lesens; wo war einer, der
so viele Geschichten gelesen hatte als ich? Und wer, der irgendeinmal diese
Bcher der Geschichten in die Hand nahm, wer konnte in Zweifel sein, wer die
grten Mnner meines Vaterlandes seien? Zwar war ich noch nicht ganz mit mir
selbst im reinen, wem ich die Krone zuerkennen sollte; Hasper a Spada? es ist
wahr, es war ein Tapferer, der Schrecken seiner Feinde, die Liebe seiner
Freunde; aber, wie die Geschichte sagt, war er sehr stark dem Trinken ergeben
und dies war doch schon eine Schlacke in seinem frtrefflichen Charakter; Adolph
der Khne, Raugraf von Dassel? Er hat schon etwas mehr von einem groen Mann;
wie schrecklich zchtigt er die Pfaffen! Wenn er nur nicht in der Historie nach
Rom wandeln und Bue tun mte, aber dies schwcht doch sein majesttisches
Bild. Es ist wahr, Otto von Trautwangen glnzt als ein Stern erster Gre in der
deutschen Geschichte, dachte ich weiter, aber auch er scheint doch nicht der
grte gewesen zu sein, wiewohl seine Frmmigkeit, die sehr in Anschlag zu
bringen ist, jeden Zauber berwand.
    Island gehrte wohl auch zum deutschen Reich, wahrhaftig unter allen
deutschen Helden ist doch keiner, der dem Thiodolf das Wasser reicht. Stark wie
Simson, ohne Falsch wie eine Taube, fromm wie ein Lamm, im Zorn ein Berserker,
es kann nicht fehlen, er ist der grte Deutsche.
    Ich setzte mich hin und schrieb voll Begeisterung diese Rangordnung nieder;
wohl zehnmal sprang ich auf, meine Brust war zu voll, ich konnte nicht alles
sagen, die Feder, die Worte versagten mir, wohl zehnmal las ich mir mit lauter
Stimme die gelungensten Stellen vor; wie erhaben lautete es, wenn ich von der
Strke des Islnders sprach, wie er einen Wolf zhmte, wie er in Konstantinopel
ein Pferd nur ein wenig auf die Stirne klopfte, da es auf der Stelle tot war,
wie gromtig verschmht er alle Belohnung, ja er schlgt einen Kaiserthron aus,
um seiner Liebe treu zu bleiben, wie kindlich fromm ist er, obgleich er die
christliche Religion nicht recht kannte, wie schn beschrieb ich das alles; ja!
es mute das harte Herz des alten Rektors rhren!
    Ich konnte mir denken, wie er meine Arbeit mit steigendem Beifall lesen, wie
er morgens in die Klasse kommen wrde, um unsere Aufstze zu zensieren; dann
sendet er gewi einen milden, freundlichen Blick nach dem letzten Platze, wohin
er sonst nur wie ein brllender Lwe schaute, dann liest er meine Arbeit laut
vor und spricht: Kann man etwas Gelungeneres lesen als dies, und ratet, wer es
gemacht hat? Die Letzten sollen die Ersten werden; der Stein, den die Bauleute
verworfen haben, soll zum Eckstein werden; tritt hervor, mein Sohn, Garnmachere!
Ich habe immer gesagt, du seiest ein bte, konnte ich ahnen, da du mit so
vielem Eifer Geschichten studierst? Nimm hin den Preis, der dir gebhrt.
    So mute er sagen, er konnte nicht anders, ohne das schreiendste Unrecht zu
tun. Eifrig schrieb ich jetzt meinen Aufsatz ins reine, und um zu zeigen, da
ich auch in den neueren Geschichten nicht unbewandert sei, sagte ich am Schlu,
da ich nach Erfindung des Pulvers den deutschen Alcibiades, und nchst ihm
Hermann von Nordenschild fr die grten Mnner halte. Man knne ihnen den
Ritter Euros, welcher nachher als Domschtz mit seinen Gesellen10 so groes
Aufsehen gemacht habe, was die Tapferkeit betreffe, vielleicht an die Seite
stellen, doch stehen jene beiden auf einem viel hheren Standpunkt.
    Ich brachte dem Rektor triumphierend den Aufsatz und mute ihm beinahe ins
Gesicht lachen, als er mrrisch sagte: Er wird wieder ein schnes Geschmier
haben, Garnmacher!
    Lesen Sie, und dann - richten Sie, gab ich ihm stolz zur Antwort und verlie
ihn.
    Wenn in Ihrem Vaterlande, Mylord, eine Preisfrage gestellt wrde, ber den
wrdigsten englischen Theologen, und es wrden in einer gelehrten, mit Phrasen
wohldurchspickten Antwort die Vorzge des Vicar of Wakefield dargetan, wer wrde
da nicht lachen? Wenn Sie, werter Marquis, nach der wrdigsten Dame zu den
Zeiten Louis XIV. gefragt wrden und Sie priesen die Neue Heloise, wrde man Sie
nicht fr einen Rasenden halten? Hren Sie, welche Torheit ich begangen hatte!
    Der Samstag, an welchem man unsere Arbeiten gewhnlich zensierte, erschien
endlich. Sooft dieser Tag sonst erschienen war, war er mir immer ein Tag des
Unglcks gewesen; gewhnlich schlich ich da mit Herzklopfen zur Schule, denn ich
durfte gewi sein, wegen schlechter Arbeit getadelt, ffentlich geschmht zu
werden. Aber wieviel stolzer trat ich heute auf, ich hatte meinen besten Rock
angezogen, den schnsten, feingestickten Hemdkragen angelegt, mein wallendes
Haar war zierlich gescheitelt und gelockt, ich sah stattlich aus und gestand
mir, ich sei auch im ueren des Preises nicht unwrdig, welcher mir heute
zuteil werden sollte.
    Der Rektor fing an, die Aufstze zu zensieren; wie rmliche, obskure Helden
hatten sich meine Mitschler gewhlt: Hermann, Karl der Groe, Kaiser Heinrich,
Luther und dergleichen - er ging viele durch, immer kam er noch nicht an meine
Arbeit; ja es war offenbar, meine Helden hatte er auf die Letzt aufgespart - als
die besten!
    Endlich ruhte er einige Augenblicke, rusperte sich und nahm ein Heft mit
rosenfarber berdecke, das meinige, zur Hand; mein Herz pochte laut vor Freude,
ich fhlte, wie sich mein Mund zu einem triumphierenden Lcheln verziehen
wollte, aber ich gab mir Mhe, bescheiden bei dem Lob auszusehen; der Rektor
begann:
    Und nun komme ich an eine Arbeit, welche ihresgleichen nicht hat auf der
Erde (earth) ich will einige Stellen daraus vorlesen: er deklamierte mit
ungemeinem Pathos gerade jene Kraftstellen, welche ich mit so groer
Begeisterung niedergeschrieben hatte; ein schallendes Gelchter aus mehr als
vierzig Kehlen unterbrach jeden Satz, und als er endlich an den Schlu gelangte,
wo ich mit einer khnen Wendung dem furchtbaren Domschtzen noch einige Blmchen
gestreut hatte, erscholl Bravo! Ancora! und die Tische krachten unter den
beifalltrommelnden Fusten meiner Mitschler. Der Rektor winkte Stille und fuhr
fort: Es wre dies eine gelungene Satire auf die Herren Spie und Konsorten,
wenn nicht der Verfasser selbst eine Satire auf die Menschheit wre. Es ist
unser lieber Garnmacher. Tritt hervor du dedecus naturae, hieher zu mir!
    Zitternd folgte ich dem frchterlichen Wink. Das erste war, als ich vor ihm
stand, da er mir das rosenfarbene Heft einmal rechts und einmal links um die
Ohren schlug; und jetzt donnerte eine Strafpredigt ber mich herab, von der ich
nur so viel verstand, da ich ein bte war, und nicht wute, was Geschichte sei.
    Es begegnet zuweilen, da man im Traum von einer schnen, blumigen
Sonnenhhe in einen tiefen Abgrund herabfllt; man schwindelt, indem man die
unermelichen Hhen herabfliegt, man fhlt die unsanfte Erschtterung, wenn man
am Boden zu liegen glaubt, man erwacht und sieht sich mit Staunen auf dem alten
Boden wieder; die Hhe, von der man herabstrzte, ist mit all ihren Bltengrten
verschwunden, ach, sie war ja nur ein Traum!
    So war mir damals, als mich der Rektor aus meinem Schlummer aufschttelte,
ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort, die ich ihm geben konnte, ich war
arm wie jener Krsus, als er vor seinem Sieger Cyrus stand, auch ich hatte ja
alle meine Reiche verloren!!
    Ich sollte bekennen, woher ich die Romane bekommen, wer mir das Geld dazu
gegeben habe; konnte, durfte ich sie, die ich einst liebte, verraten? Ich
leugnete, ich hielt den ganzen Sturm des alten Mannes auf, ich stand wie Mucius
Scaevola.
    Der langen Rede kurzer Sinn war brigens der, da ich von meinem Vater ein
Attestat darber bringen msse, da ich das Geld zu solchen Allotriis von ihm
habe, und berdies habe ich am nchsten Montag vier Tage Karzer anzutreten.
Verhhnt von meinen Mitschlern, die mir Thiodolf, deutscher Alcibiades und
dergleichen nachriefen; in dumpfer Verzweiflung ging ich nach Hause. Es war gar
kein Zweifel, da mich mein Vater, wenn er diese Geschichte erfuhr, entweder
sogleich totschlagen, oder wenigstens zum Schneidersjungen machen wrde. Vor
beidem war mir gleich bange; ich besann mich also nicht lange, band etwas
Weizeug und einige seltene Dukaten und andere Mnzen, welche mir meine Paten
geschenkt hatten, in ein Tuch, warf noch einen Ku, und den letzten Blick nach
des Nachbars Garten, sagte meinem Dachstbchen Lebewohl, und eine Viertelstunde
nachher wanderte ich schon auf der Strae nach Berlin, wo mir ein Oheim lebte,
an welchen ich mich vors erste zu wenden gedachte.
    In meinem Herzen war es de und leer, als ich so meine Strae zog; meine
Ideale waren zerronnen. Sie hatten also nicht gelebt, diese tapferen, frommen,
liebevollen, biederen Mnner, sie hatten nicht geatmet jene lieblichen Bilder
holder Frauen; jene bunte Welt voll Putz und Glanz, alle jene Stimmen, die aus
fernen Jahrhunderten zu mir herbertnten, die mutigen Tne der Trompete,
Rdengebell, Waffengeklirr, Sporenklang, se Akkorde der Laute - alles, alles
dahin, alles nichts als eine lschpapierene Geschichte, im Hirn eines Poeten
gehegt, in einer schmutzigen Druckpresse zur Welt gebracht!
    Ich sah mich noch einmal nach der Gegend um, die ich verlassen hatte; die
Sonne war gesunken, die Nebel der Elbe verhllten das liebe Dresden, nur die
Spitzen der Trme ragten vergoldet vom Abendrot ber dem Dunstmeer.
    So lag auch mein Trumen, mein Hoffen, Vergangenheit und Zukunft in Nebel
gehllt, nur einzelne hohe Gestalten standen hell beleuchtet wie jene Trme vor
meiner Seele; wohlan! sprach ich bei mir selbst:

O fortes, pejoraque passi
Mecum saepe viri, nunc cantu pellite curas
Cras ingens iterabimus aequor.

Noch einmal breitete ich die Arme nach der Vaterstadt aus, da fhlte ich einen
leichten Schlag auf die Schulter und wandte mich um.

Der Herausgeber ist in der grten Verlegenheit; er hat bis auf den Tag, an
welchem er dies schreibt, dem Verleger das Manuskript zum ersten Teil
versprochen, und doch fehlt noch ein groer Teil des letzten Abschnittes; er ist
noch nicht geweiht, die Messe ist schon vorber und eine eigene ber die paar
Bogen lesen zu lassen, findet sich weder ein gehriger Vorwand, noch wrde das
Werkchen diese bedeutende Ausgabe wert sein. Wir versparen daher die Fortsetzung
des Festtages in der Hlle auf den zweiten Teil.


                                  Zweiter Teil

                                    Vorspiel

Worin von Prozessen, Justizrten die Rede,
nebst einer stillschweigenden Abhandlung
was von Trumen zu halten sei?

Dieser zweite Teil der Mitteilungen aus den Memoiren des Satan erscheint um ein
vlliges Halbjahr zu spt. Angenehm ist es dem Herausgeber, wenn die Leser des
ersten sich darber gewundert, am angenehmsten, wenn sie sich darber gergert
haben; es zeigt dies eine gewisse Vorliebe fr die schriftstellerischen Versuche
des Satan, die nicht nur ihm, sondern auch seinem bersetzer und Herausgeber
erwnscht sein mu.
    Die Schuld dieser Versptung liegt aber weder in der zu heien Temperatur
des letzten Sptsommers, noch in der strengen Klte des Winters, weder im Mangel
an Zeit oder Stoff, noch in politischen Hindernissen; die einzige Ursache ist
ein sonderbarer Proze, in welchen der Herausgeber verwickelt wurde, und vor
dessen Beendigung er diesen zweiten Teil nicht folgen lassen wollte.
    Kaum war nmlich der erste Teil dieser Memoiren in die Welt versandt und mit
einigen Posaunensten in den verschiedenen Zeitungen begleitet worden, als
pltzlich in allen diesen Blttern zu lesen war eine

                               Warnung vor Betrug

Die bei Fr. Franckh in Stuttgart herausgekommenen Memoiren des Satan sind nicht
von dem im Alten und Neuen Testament bekannten und durch seine Schriften:
Elixiere des Teufels, Bekenntnisse des Teufels, als Schriftsteller berhmten
Teufel, sondern gnzlich falsch und unrecht; was hiemit dem Publikum zur
Kenntnis gebracht wird.
    Ich gestehe, ich rgerte mich nicht wenig ber diese Zeilen, die von niemand
unterschrieben waren. Ich war meiner Sache so gewi, hatte das Manuskript von
niemand anders als dem Satan selbst erhalten, und nun, nach vielen Mhen und
Sorgen, nachdem ich mich an den infernalischen Chiffern beinahe blind gelesen,
soll ein solcher anonymer Totschlger ber mich herfallen, meine literarische
Ehre aus der Ferne totschlagen und besagte Memoiren fr unecht erklren?
    Whrend ich noch mit mir zu Rate ging, was wohl auf eine solche
Beschuldigung des Betruges zu antworten sei, werde ich vor die Gerichte zitiert
und mir angezeigt, da ich einer Namensflschung, eines literarischen Diebstahls
angeklagt sei und zwar - vom Teufel selbst, der gegenwrtig als Geheimer Hofrat
in persischen Diensten lebe. Er behaupte nmlich, ich habe seinen Namen Satan
mibraucht, um ihm eine miserable Scharteke, die er nie geschrieben,
unterzuschieben; ich habe seinen literarischen Ruhm bentzt, um diesem
schlechten Bchlein einen schnellen und eintrglichen Abgang zu verschaffen;
kurz, er verlange nicht nur, da ich zur Strafe gezogen, sondern auch da ich
angehalten werde, ihm Schadenersatz zu geben, dieweil ihm ein Vorteil durch
diesen Kniff entzogen worden.
    Ich verstehe so wenig von juridischen Streitigkeiten, da mir frher schon
der Name Klage oder Proze Herzklopfen verursachte; man kann sich also wohl
denken, wie mir bei diesen schrecklichen Worten zumute ward. Ich ging
niedergedonnert heim und schlo mich in mein Kmmerlein, um ber diesen Vorfall
nachzudenken. Es war mir kein Zweifel, da es hier drei Flle geben knne:
entweder hatte mir der Teufel selbst das Manuskript gegeben, um mich nachher als
Klger recht zu ngstigen und auf meine Kosten zu lachen; oder irgendein bser
Mensch hatte mir die Komdie in Mainz vorgespielt, um das Manuskript in meine
Hnde zu bringen, und der Teufel selbst trat jetzt als erbitterter Klger auf;
oder drittens, das Manuskript kam wirklich vom Teufel, und ein miger Kopf
wollte jetzt den Satan spielen und mich in seinem Namen verklagen.
    Ich ging zu einem berhmten Rechtsgelehrten und trug ihm den Fall vor. Er
meinte, es sei allerdings ein fataler Handel, besonders weil ich keine Beweise
beibringen knne, da das Manuskript von dem echten Teufel abstamme, doch er
wolle das Seinige tun und aus der bedeutenden Anzahl Bcher, die seit Justinians
Corpus juris bis auf das neue birmanische Strafgesetzbuch ber solche Flle
geschrieben worden seien, einiges nachlesen.
    Das juridische Stiergefecht nahm jetzt frmlich seinen Anfang. Es wurde, wie
es bei solchen Fllen herkmmlich ist, so viel darber geschrieben, da auf
jeden Bogen der Memoiren des Satan ein Ries Akten kam, und nachdem die Sache ein
Vierteljahr anhngig war, wurde sogar auf Unrechtskosten eine eigene Aktenkammer
fr diesen Proze eingerumt; ber der Tre stand mit groen Buchstaben: Acta
in Sachen des persischen G. H. R. Teufels gegen Dr. H-f, betreffend die Memoiren
des Satan.
    Ein sehr gnstiger Umstand fr mich war der, da ich auf dem Titel nicht
Memoiren des Teufels, sondern des Satan gesagt hatte. Die Juristen waren mit
sich ganz einig, da der Name Teufel in Deutschland sein Familienname sei, ich
habe also wenigstens diesen nicht zur Flschung gebraucht; Satan hingegen sei
nur ein angenommener, willkrlicher, denn niemand im Staate sei berechtigt, zwei
Namen zu fhren. Ich fing an, aus diesem Umstand gnstigere Hoffnungen zu
schpfen, aber nur zu bald sollte ich die bittere Erfahrung machen, was es
heie, den Gerichten anheimzufallen. Das Referat in Sachen des et cetera war
nmlich dem berhmten Justizrat Wackerbart in die Hnde gefallen, einem Mann,
der schon bei Dmpfung einiger groen Revolutionen ungemeine Talente bewiesen
hatte, und neuerdings sogar dazu verwendet wurde, bedeutende Unruhen in einem
Gymnasium zu schlichten. Stand nicht zu erwarten, da ein solcher berhmter
Jurist meine Sache nur als eine cause clbre ansehen, und sie also handhaben
werde, da sie, gleichviel, wem von beiden Recht, ihm am meisten Ruhm
einbrchte? Hiezu kam noch der Titel und Rang meines Gegners; Wackerbart hatte
seit einiger Zeit angefangen, sich an hhere Zirkel anzuschlieen, mute ihm da
ein so wichtiger Mann, wie ein persischer geheimer Hofmann, nicht mehr gelten
als ich Armer?
    Es ging wie ich vorausgesehen hatte. Ich verlor meine Sache gegen den
Teufel. Strafe, Schadenersatz, aller mgliche Unsinn wurde auf mich gewlzt, ich
wunderte mich, da man mich nicht einige Wochen ins Gefngnis sperrte oder gar
hngte. Man hatte hauptschlich folgendes gegen mich in Anwendung gebracht:

                             Entscheidungs-Grnde
                                     zu dem
                     vor dem Kriminalgericht Klein-Justheim
                      unter dem 4. Dezbr. 1825, gefllten
                                   Erkenntnis
                           in der Untersuchungssache
                                     gegen
                          den Dr ....f wegen Betrugs.

1. Es ist durch das Zugestndnis des Angeklagten erhoben, da er keine Beweise
beizubringen wei, da die von ihm herausgegebenen Memoiren des Satan wirklich
von dem bekannten, echten Teufel, so gegenwrtig als Geheimer Hofrat in
persischen Diensten lebt, herrhren. Ferner hat der Angeschuldigte ....f
zugegeben, da die in den ffentlichen Blttern darber enthaltene Ankndigung
mit seinem Wissen gegeben sei.
    2. Die letztgedachte Ankndigung ist also abgefat, da hieraus die Absicht
des Verfassers, die Lesewelt glauben zu machen, da Die Memoiren des Satan von
dem wahren, im Alten und Neuen Testament bekannten und neuerdings als
Schriftsteller beliebten Teufel geschrieben sei, nur allzu deutlich
hervorleuchten tut.
    3. Durch diese Verfahrungsart hat sich der Angeklagte ....f eines Betruges,
alldieweilen solcher im allgemeinen in jedweder auf inpermissen Commodum fr
sich oder Schaden anderer gerichteten unrechtlichen Tuschung anderer, entweder
indem man falsche Tatsachen mitteilt oder wahre dito nicht angibt - besteht;
oder um uns nher auszudrcken, da hier die Sprache von einer Ware und
gedrucktem Buch ist - einer Flschung schuldig gemacht: Denn, durch den Titel
Memoiren des Satan und die Anpreisung des Buches wurde der Lesewelt flschlich
vorgespiegelt, da das Buch ausdrcklich von dem unter dem Namen Satan
bekannten, k. persischen Geheimen Hofrat Teufel verfat sei, was beim Verkauf
des Werkes verursachte, da es schneller und in grerer Quantitt abging, als
wenn das Bchlein unter dem Namen des Herrn ....f, so dem Publico noch gar nicht
bekannt ist, erschienen wre, und wodurch die, so es kauften, in ihrer schnen
Erwartung, ein echtes Werk des Teufels in Hnden zu haben, schnde betrogen
wurden.
    4. Wenn der Herr Dr ....f, um sich zu entschuldigen, dagegen einwendet, da
der Name Satan in Deutschland nur ein angenommener sei, worauf der Teufel, wie
man ihn gewhnlich nennt, keinen Anspruch zu machen habe, so bemerken wir
Kriminalleute von Klein-Justheim sehr richtig, da sich ....f auf den Gebrauch
jenes angenommenen, brigens bekanntermaen den Teufel sehr wohl bezeichnenden
Namen nicht beschrnkt, sondern in dem Werke selbst berall durchblicken lt,
namentlich in der Einleitung, da der Verfasser derjenige Teufel oder Satan sei,
welcher dem Publico, besonders dem Frauenzimmer, wie auch denen Gelehrten durch
frhere Opera, z.B. die Elixiere des Teufels et cetera rhmlichst bekannt ist,
wodurch wohl ebenfalls niemand anders gemeint ist, als der Geheime Hofrat
Teufel.
    5. Man mu lachen ber die Behauptung des Inkulpaten, da das in Frage
stehende Opusculum, wie auch nicht destoweniger seine Anzeige, eigentlich eine
Satire auf den Teufel und jegliche Teufelei jetziger Zeit sei! Denn diese
Entschuldigung wird durch den Inhalt der Schrift selbst widerlegt; ja, jeder
Leser von Vernunft mu das auch wohl eher fr eine etwas geringe Nachffung der
Teufeleien, als fr - eine Satire auf dieselben erkennen. Wre aber auch, was
wir Juristen nicht einzusehen vermgen, das Werk dennoch eine Satire, so ist
durchaus kein gnstiger Umstand fr ....f zu ziehen, weil derjenige Kufer, der
etwas Echtes, vom Teufel Verfates kaufen wollte, erst nach dem Kauf entdecken
konnte, da er betrogen sei.
    6. Auer der vllig rechtswidrigen Tuschung der Lesewelt, Leihbibliotheken
et cetera, ist in der vorliegenden Defraudation auch ein Verbrechen gegen den
begangen, dessen Name oder Firma mibraucht worden; nmlich, und specialiter
gegen den Geheimen Hofrat Teufel, welcher sowohl als Gelehrter und
Schriftsteller, als von wegen des Honorars seiner brigen Schriften, sehr dabei
interessiert ist, da nicht das Geschreibsel anderer als von ihm
niedergeschrieben, wie auch erdacht, angezeigt und verkauft werde.
    7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet, da er das Buch arglos
herausgegeben, ohne das Klein-Justheimer Recht hierber zu kennen, da ihn auch
bei der Flschung durchaus keine gewinnschtigen Absichten geleitet htten, so
ist uns dies gleichgltig, und haben nicht darauf Rcksicht zu nehmen, denn
Flschung ist Flschung, sei es, ob man englische Teppiche nachahmt und als echt
verkauft, oder Bcher schreibt unter falschem Namen; ist alles nur verkufliche
Ware und kann den Begriff des Vergehens nicht ndern, weil immer noch die
Tuschung und Anschmierung der Kufer restiert und zwar ebenfalls nichts
destominder auch alsdann, wenn die Memoiren des Satan gleichen Wert mit den
brigen Bchern des Teufels htten (was wir Klein-Justheimer brigens
bezweifeln, da jener Geheimer Hofrat ist), weil dem Ebengedachten schon durch
das Unterschieben eines fremden Machwerkes unter seinem Namen ein Schaden in
juridischem Sinne sein tut.
    Es ist daher, wie man getan hat, erkannt worden usw. usw.
                                                     Gez. Prsident und Rte des
                                           Kriminalgerichtes zu Klein-Justheim.

Hast du, geneigter Leser, nie die berhmten Nrnberger Gliedermnner gesehen,
so, kunstreich aus Holz geschnitzelt, ihre Gliedlein nach jedem Druck bewegen?
Hast du wohl selbst in deiner Jugend mit solchen Mnnern gespielt und allerlei
Kurzweil mit ihnen getrieben, und probiert, ob es nicht schner wre, wenn er
z.B. das Gesicht im Nacken trge und den Rcken hinunterschaue, oder ob es nicht
vernnftiger wre, wenn ihm die Beine ein wenig umgedreht wrden, da er vor-
und rckwrts spaziere, wie man es haben wolle. Das hast du wohl versucht in den
Tagen deiner Kindheit und es war ein unschuldiges Spiel, denn dem Gliedermann
war es gleichgltig, ob ihm die Beine ber die Schulter herberkamen oder nicht,
ob er den Rcken herabschaute oder vorwrts, er lchelte so dumm wie zuvor, denn
er hatte ja kein Gefhl, und es tat ihm nicht weh im Herzen, denn auch dieses
war ja aus Holz geschnitzelt, und wahrscheinlich aus Lindenholz.
    Aber selbst ein solcher Gliedermann sein zu mssen in den tppischen Hnden
der Klein-Justheimer Kriminalen! Sie renkten und drehten mir die Glieder,
setzten mir den Kopf so oder so, wie es ihnen gefllig, oder auch nach
Vorschrift des Justinian, drehten und wendeten mein Recht, bis das Kadaver vor
ihnen lag auf dem grnen Sessionstisch, wie sie es haben wollten, mit verrenkten
Gliedern, und sie nun anatomisch aufnotieren konnten, was fr Fehler und Kuriosa
an ihm zu bemerken, nmlich, da er das Gesicht im Nacken, die Fe einwrts,
die Arme verschrnkt et cetera trage, ganz gegen alle Ordnung und Recht.
    Ware, Ware! nannten sie deine Memoiren, o Satan, Ware! als wrde dergleichen
nach der Elle aus dem Gehirn hervorgehaspelt, wie es jener Schwarzknstler und
Eskamoteur getan, der Bnder verschluckte und sie herauszog Elle um Elle aus dem
Rachen. Warenflschung, Einschwrzen, Defraudation, o welch herrliche Begriffe,
um zu definieren was man will. Und rechtswidrige Tuschung des Publikums, wer
hat denn darber geklagt? wer ist aufgestanden unter den Tausenden und hat Zeter
geschrien, weil er gefunden, da das Bchlein nicht von dem Schwarzen selbst
herrhre, da er den Missetter bestraft wissen wolle fr diese rechtswidrige
Tuschung? O Klein-Justheim, wie weit bist du noch zurck hinter England und
Frankreich, da du nicht einmal einsehen kannst, Werke des Geistes seien kein
nachgemachter Rum oder Arrak, und gehren durchaus nicht vor deine Schranken.
    Traurig musterte ich das Manuskript des zweiten Teiles, der nun fr mich und
das Publikum verloren war; ich dachte nach ber das Hohngelchter der Welt, wenn
der erste nur ein Torso, ein schlechtes abgerissenes Stck, verachtet auf den
Schranken der Leihbibliotheken sitze, trbselig auf die hohe Versammlung der
Romane und Novellen aller Art herabschaue, und ihnen ihre abgentzten Gewnder
beneide, die den groen Furor, welchen sie in der Welt machen, beurkunden, wie
er seine andere Hlfte, seinen Nebenmann, den zweiten herbeiwnsche, um
verbunden mit ihm schne Damen und Herren zu besuchen, was ihm jetzt als einem
Invaliden beinahe unmglich war. Da wurde mir eines Morgens ein Brief
berbracht, dessen Aufschrift mir bekannte Zge verriet. Ich ri ihn auf, ich
las:

Wohlgeborner, sehr verehrter Herr!
Durch den Oberjustizrat Hammel, der vor einigen Tagen das Zeitliche gesegnet,
und an mein Hoflager kam, erfuhr ich zu meinem groen rger die miserabeln
Machinationen, die gegen Euch gemacht werden. Bildet Euch nicht ein, da sie von
mir herrhren. Mit groem Vergngen denke ich noch immer an unser
Zusammentreffen in den Drei Reichskronen zu Mainz, und in meiner jetzigen
Zurckgezogenheit und bei meinen vielen Geschften im Norden komme ich selten
dazu, eine deutsche Literaturzeitung zu lesen, aber einige Rezensenten, welche
ich sprach, versichern mich, mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren herausgegeben
habt, und da das Publikum meine Bemhungen zu schtzen wisse. Der Proze, den
man Euch an den Hals warf, kam mir daher um so unerwarteter. Glaubet mir, es ist
nichts als ein schlechter Kunstgriff, um mich nicht als Schriftsteller aufkommen
zu lassen, weil ich ein wenig ber ihre Universitten schimpfte, und die
sthetischen Tees, und Euch wollen sie nebenbei auch drcken. Lasset Euch dies
nicht kmmern, Wertester; gebet immer den zweiten Teil heraus, im Notfall knnet
Ihr gegenwrtiges Schreiben jedermann lesen lassen, namentlich den Wackerbart,
saget ihm, wenn er meine Handschrift nicht kenne, so kenne ich um so besser die
seinige.
    Ich kenne diese Leutchen, sie sind Raubritter und Korsaren, die jeden
berhmten Proze, der ihnen in die Hnde fllt, fr gute Prise erklren, und
wenn sie ihn fest haben in den Krallen, so lange deuteln und drehen, bis sie ihn
dahin entscheiden knnen, wo er ihnen am meisten Ruhm nebst etzlichem Golde
eintrgt. Was war bei Euch von beiden zu erheben? Ihr, ein armseliger Doktor der
Philosophie und Magister der brotlosen Knste, was seid Ihr gegen einen
persischen Geheimen Hofrat? Denket also, die Sache sei ganz natrlich
zugegangen, und grmet Euch nicht darber. Was den persischen Geheimen Hofrat
betrifft, der meine Rolle bernommen hat, so will ich bei Gelegenheit ein Wort
mit ihm sprechen.
    Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuskriptchen bei, ich habe es in den
letzten Pfingstfeiertagen in Frankfurt aufgeschrieben, es ist im ganzen ein
Scherz und hat nicht viel zu bedeuten; doch schaltet Ihr es im zweiten Teile
ein, es gibt vielleicht doch Leute, die sich dabei freundschaftlich meiner
erinnern.
    Gehabt Euch wohl; in der Hoffnung Eure persnliche Bekanntschaft bald zu
erneuern, bin ich
                                                 Euer wohlaffektionierter Freund
                                                                     Der Satan.

Man kann sich leicht denken, wie sehr mich dieser Brief freute. Ich lief
sogleich damit zu dem wackern Mann, der meine Sache gefhrt hatte, ich zeigte
ihm den Brief, ich erklrte ihm, appellieren zu wollen, an ein hheres Gericht,
und den Originalbrief beizulegen.
    Er zuckte die Achseln und sprach: Lieber, sie wohnen zusammen in einer
Hausmiete, die Kriminalen; ob Ihr um eine Treppe hher steigen wollet, aus dem
Entresol in die Beletage zu den Vornehmeren, das ist einerlei, Ihr fallet nur um
so tiefer, wenn sie Euch durchfallen lassen. Doch an mir soll es nicht fehlen.
    So sprach er und focht fr mich mit erneuerten Krften; doch - was half es;
sie stimmten ab, erklrten den persischen fr den echten, alleinigen Teufel, der
allein das Recht habe, Teufeleien zu schreiben, und - der Proze ging auch in
der Beletage verloren.
    Da fate mich ein glhender Grimm; ich beschlo, und wenn es mich den Kopf
kosten sollte, doch den zweiten Teil herauszugeben, ich nahm das Manuskript
unter den Arm, raffte mich auf und - - erwachte.
    Freundlich strahlte die Frhlingssonne in mein enges Stbchen, die Lerchen
sangen vor dem Fenster und die Bltenzweige winkten herein mich aufzumachen, und
den Morgen zu begren.
    Verschwunden war der bse Traum von Prozessen, Justizrten, Klein-Justheim
und alles was mir Gram und rger bereitete, verschwunden, spurlos verschwunden.
    Ich sprang auf von meinem Lager, ich erinnerte mich, den Abend zuvor bei
einigen Glsern guten Weins ber einen hnlichen Proze mit Freunden gesprochen
zu haben; da war mir nun im Traume alles so erschienen, als htte ich selbst den
Proze gehabt, als wre ich selbst verurteilt worden von Kriminalrichtern und
Klein-Justheimer Schppen.
    Ich lchelte ber mich selbst! wie pries ich mich glcklich, in einem Lande
zu wohnen, wo dergleichen juridische Exzesse gar nicht vorkmen; wo die Justiz
sich nicht in Dinge mischt, die ihr fremd sind, wo es keine Wackerbrte gibt,
die einen solchen Fund fr gute Prise erklren, das Recht zum Gliedermann machen
und drauflos hantieren und drehen, ob es biege oder breche; wo man Erzeugnisse
des Geistes nicht als Ware handhabt, und Satire versteht und zu wrdigen wei,
wo man weder auf den Titel eines persischen Geheimen Hofrats noch auf irgend
dergleichen Rcksicht nimmt.
    So dachte ich, pries mich glcklich und verlachte meinen komischen
Prozetraum.
    Doch wie staunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch! Nein, es war
keine Tuschung, da lag er ja, der Brief des Satans, wie ich ihn im Traum
gelesen, da lag das Manuskript, das er mir im Briefe verheien. Ich traute
meinen Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und immer wurde mir der
Zusammenhang unbegreiflicher.
    Doch ich konnte ja nicht anders, ich mute seinen Wink befolgen, und seinen
Besuch in Frankfurt dem zweiten Teile einverleiben.
    Ich gestehe, ich tat es ungern. Ich hatte schon zu diesem Teile alles
geordnet, es fand sich darin eine Skizze, die nicht ohne Interesse zu lesen war,
ich meine jene Szene, wie er mit Napoleon eine Nacht in einer Htte von
Malojaroslawez zubrachte, und wie von jenen Augenblicken an, so vieles auf
geheimnisvolle Weise sich gestaltet im Leben jenes Mannes, dem selbst der Teufel
Achtung zollen mute, vielleicht - weil er ihm nicht beikommen konnte, doch -
vielleicht ist es mglich, dieses merkwrdige Aktenstck dem Publikum an einem
anderen Orte mitzuteilen.
    Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschftigt, da wurde die
Tre aufgerissen, und mein Freund Moritz strzte ins Zimmer.
    Weit du schon? rief er. Er hat ihn verloren.
    Wer? was hat man verloren?
    Nun, von was wir gestern sprachen, den Proze gegen Clauren meine ich,
wegen des Mannes im Monde!
    Wie? ist es mglich! entgegnete ich, an meinen Traum denkend; unser
Freund, der Kandidatus Bemperlein? den Proze?
    Du kannst dich drauf verlassen, soeben komme ich vom Museum, der Verleger
sagte es mir, soeben wurde ihm das Urteil publiziert.
    Aber wie konnte dies doch geschehen! Moritz! war er etwa auch in
Klein-Justheim anhngig?
    Klein-Justheim? Du fabelst, Freund! erwiderte der Freund, indem er besorgt
meine Hand ergriff; was willst du nur mit Klein-Justheim, wo gibt es denn einen
solchen Ort?
    Ach, sagte ich beschmt, du hast recht; ich dachte an - meinen Traum.

                                   Der Fluch


                                    Novelle

                                 (Fortsetzung)

Man kann sich denken, da ich in Rom immer viele Geschfte habe. Die heilige
Stadt hatte immer einen berflu von Leuten, die in der ersten, zweiten oder
dritten Abstufung mein waren.
    Man wird sich wundern, da ich eine Klassifikation der guten Leute (von
anderen Snder genannt) mache; aber, wer je mit der Erde zu tun hatte, hat den
Menschen bald abgelernt, da nur das Systematische mit Nutzen bei ihnen
betrieben werden knne. Es ist dies besonders in Stdten wie Rom, unumgnglich
notwendig; wo so vielerlei Nanzen guter Leute vom roten Hut bis auf die Kapuze,
vom Frsten, der die Macht hat, Orden zu verleihen, bis auf den Armen, dem
solche um dreiig Taler angeboten werden, sich vorfinden, da mu man Klassen
haben. Ich werde in der Bibel und von den heutigen Philosophen als das
negierende Prinzip vorgestellt, daher teilte ich meine guten Leute ein, in: I.
Klasse, mit dem Prdikat recht gut, solche, die geradehin verneinen; als da
sind: Freigeister, Gottesleugner, etc. 2. Klasse, gut. Sie sagen mit einigem
Umschweif nein; gelten unter sich fr Heiden, bei Vernnftigen fr liberale
Mnner, bei der Menge fr fromme Menschen. In dieser Klasse befinden sich viele
Trken und Pfaffen. Die dritte Klasse mit dem Prdikat mittelmig, sind jene,
die ihr Nein nur durch ein Kopfschtteln andeuten. Es sind jene, die sich
selbst fr eine Art von Gott halten, mgen sie nun Abla verkaufen, oder als
evangelisch-mystisch-pietistische Seelen einen Seperatfrieden mit dem Himmel
abschlieen; der letzteren gibt es brigens in Rom wenige.
    Es lt sich annehmen, da das Innere dieses Systems, die verschiedenen
bergnge der Klassen beinahe mit jedem Jahr sich ndern. Geld, Sitten, der
Zeitgeist ben hier einen groen Einflu aus, und machen beinahe alle zwei Jahre
eine Reise an Ort und Stelle notwendig.
    Als ich vor einiger Zeit auf einer solchen Visitationsreise in Rom
verweilte, war ich Zeuge folgender Szenen, die ich aufzuzeichnen nicht
unterlassen will, weil sie vielleicht fr manchen Leser meiner Memoiren von
Interesse sein mchten.
    Ich ging eines Morgens unter den Sulengngen der Peterskirche spazieren,
dachte nach ber mein System und die Vernderungen, die ihm durch die Missionre
in Frankreich, und das berhandnehmen der Jesuiten drohte, da stie mir ein
Gesicht auf, das schon in irgendeiner interessanten Beziehung zu mir gestanden
sein mute. Ich stand stille, ich betrachtete ihn von der Seite. Es war ein
schlanker, schner, junger Mann; seine Zge trugen die Spuren von stillem Gram;
dem Auge, der Form des Gesichtes nach, war er kein Italiener - ein Deutscher,
und jetzt fiel mir mit einem Male bei, da ich ihn vor wenigen Monaten in
Berlin, im Salon jener Dame gesehen hatte, die mir und dem Ewigen Juden einen
sthetischen Tee zu trinken gegeben hatte. Es war jener junge Mann, dessen
anziehende Unterhaltung, dessen angenehme Persnlichkeit mir damals ein so
groes Interesse eingeflt hatten. Er war es, der uns damals eine Avantre aus
seinem Leben erzhlt hatte, die ich fr wrdig fand, bei der Beschreibung jenes
Abends mit aufzuzeichnen.
    Ob ihn wohl die Liebe zu jener jungen Dame noch einmal in die heilige Stadt
gezogen hatte? Ob ihm, wie mir, der dstere Himmel seines Landes und die se
Langeweile der sthetischen Tees im Hause seiner Tante so drckend wurde, da er
sich unter eine sdlichere Zone flchtete? Ich beschlo seine Bekanntschaft zu
erneuen, um ber jenes interessante Begegnis, dessen Erzhlung der Jude
unterbrochen, um ber ihn selbst, ber seine Schicksale, etwas Nheres zu
vernehmen. Er stand an einer Sule des Portals, den Blick fest auf die Tre
gerichtet; fromme Seelen, schne Frauen, junge Mdchen strmten aus und ein, ich
sah, er blieb gleichgltig, wenigstens schien ihn keine dieser Gestalten zu
interessieren. Endlich erscheint ein kleiner Florentiner Strohhut in der Tre;
war es die Form dieses Hutes, waren es die weien wallenden Federn, war es die
einfache Rose, aus welcher dieser Busch hervorwallte, was dem jungen Mann so
reizend, so bekannt dnkte? Noch konnte man weder Gestalt noch Gesicht der Dame
sehen, aber seine Augen glnzten, ein Lcheln der erfllten Hoffnung flog um
seinen Mund, seine Wangen rteten sich, er richtete sich hher auf, und schaute
unverwandt den Sulengang hin. Noch verdeckten zwei Pfaffen mit ihren Kapuzen
die Nahende, jetzt bogen sie rechts ein, und ich sah ein holdes, ses Wesen
heranschweben.
    Wer, wie ich, erhaben ber jede Leidenschaft, die den Sterblichen auf der
Erde qult, die Dinge betrachtet wie sie sind, nicht wie sie euch Liebe oder
Ha, oder eure tausend befangenen Vorurteile schildern, dem ist eine solche
seltene Erscheinung ein Fest, denn es ist etwas Neues, Originelles. Ich gedachte
unwillkrlich jener Worte des jungen Mannes, wie er uns den Eindruck beschrieb,
den der Anblick jener Dame zum erstenmal auf ihn machte, mit welchem Entzcken
er uns ihr Auge beschrieb; - ich war keinen Augenblick im Zweifel, da diese
liebliche Erscheinung, die auf uns zukam, und jene rtselhafte Dame eine und
dieselbe sei.
    Ein glhendes Rot hatte die Zge des Jnglings bergossen. Er hatte den Hut
gezogen, es war, als schwebte ihm ein Morgengru, oder eine freundliche Rede auf
den Lippen, und berrascht von der stillen Gre des Mdchens sei er verstummt.
Auch sie errtete, sie schlug die Augen auf, als er sich verbeugte, sie warf
einen fragenden Blick auf ihn, hielt einen kurzen Moment ihre Schritte an, als
erwarte sie, von ihm angeredet zu werden; er schwieg, sie eilte bewegt weiter.
    Der junge Mann sah ihr mit trben Blicken nach, dann folgte er langsamen
Schrittes; oft blieb er, wie in Gedanken verloren, stehen. Ich ging ihm einige
Straen nach, er trat endlich in ein Kaffeehaus, wo sich die deutschen Knstler
zu versammeln pflegen. Hatte schon frher dieser Mensch und seine Erzhlung
meine Teilnahme erregt, so war ich jetzt, da ich Zeuge eines flchtigen, aber so
bedeutungsvollen Zusammentreffens gewesen war, um so neugieriger, zu erfahren,
in welchem Verhltnis der Berliner zu dieser Dame stehe; da es kein glckliches
Verhltnis, kein gewhnliches Liebesverstndnis war, glaubte ich in ihren
Mienen, in ihrem sonderbaren Benehmen gelesen zu haben.
    Man wird sich erinnern, da ich als hoffnungsvoller Zgling des Ewigen
Juden, als Herr von Stobelberg die Bekanntschaft dieses Mannes machte. Daher
trat ich in dieser Rolle in das Caf. Der junge Herr sa in einem Fenster, und
las in einem Brief. Ich wartete eine Weile, ob er wohl bald ausgelesen haben
werde, um ihn dann anzureden, aber er las immer. Ich trat von der Seite hinter
ihn, um nach dem Schlu dieses riesengroen Briefes zu blicken - es waren wenige
Zeilen von einer Frauenhand, die er, wie es schien, gedankenlos anstarrte.
    Habe ich die Ehre, Herrn von S. vor mir zu sehen? fragte ich in deutscher
Sprache, indem ich vor ihn trat.
    Der bin ich, antwortete er, indem er den dsteren Blick von dem Brief auf
mich schlug, und mein Kompliment durch ein leichtes Neigen des Hauptes
erwiderte.
    Sie scheinen mich nicht mehr zu kennen; und doch war ich so glcklich,
einmal einen Abend im Hause Ihrer Tante in Berlin zu genieen, den vorzglich
Ihre Unterhaltung, Ihre interessanten Mitteilungen mir unvergelich machen.
    Im Hause meiner Tante? fragte er, aufmerksamer werdend. Wie, war es nicht
ein hchst ennuyanter Tee? Waren nicht einige mnnliche Weiber und einige
zartweibliche Herren zugegen? Ich erinnere mich, ich mute etwas erzhlen. Doch
Ihr Name, mein Lieber, ist mir leider entfallen.
    Baron von Stobelberg; ich reiste damals mit -
    Ah - mit einem ganz sonderbaren Kauz von Hofmeister, jetzt erinnere ich
mich ganz, er war so unglcklich, allen Damen, ohne es zu wollen, Sottisen zu
sagen und berschnappte endlich, nmlich mit dem Stuhl?
    So ist's; wollten Sie erlauben, meinen Kaffee hier zu trinken? Ich bin noch
so fremd hier, ich kenne keine Seele. Sie sind wohl schon lange hier bekannt?
    Ein melancholisches Lcheln zog um seinen Mund. O ja, bin schon lange hier
bekannt, antwortete er dster. Ich war frher in Geschften hier, jetzt zu -
zu meiner Erholung.
    Sie erinnern mich da auf einmal wieder an den Abend bei Ihrer Tante, mein
Hofmeister brachte mich damals um einen kstlichen Genu. Sie erzhlten uns ein
kleines Abenteuer, das Sie mit einer Deutschen in Rom gehabt. Ihre Erzhlung war
auf dem Punkte, eine Wendung zu nehmen, die uns ber vieles, namentlich ber
Ihre sonderbare Verwechslung mit einem Ebenbilde aufgeklrt htte, da zerstrte
mein Mentor durch seinen Fall meine schne Hoffnung, ich war gentigt, mit ihm
den Salon zu verlassen und plage mich seitdem mit allerlei Mglichkeiten,
Wahrscheinlichkeiten, wie es Ihnen mchte ergangen sein? Ob Sie sich mit Ihrem
Ebenbilde geschlagen haben? Ob Sie auch ferner der schnen Luise sich nahen
konnten, ob nicht endlich ein Liebesverhltnis zwischen Ihnen entstanden? Kurz,
ich kann Sie versichern, es peinigte mich tagelang, die tollsten Konjekturen
erfand ich, aber nie wollten sie passen.
    Der junge Mann war whrend meiner Reden nachdenklich geworden; es schien
etwas darin zu liegen, das ihm nicht ganz recht war; vielleicht ahnete er meine
unbezwingliche Neugierde nach seiner Avantre, er blickte mich scharf an, aber
er wich in seiner Antwort aus.
    Ich erinnere mich, sagte er, da wir damals alle bedauerten, Ihre
Gesellschaft entbehren zu mssen. Sie waren uns allen wert geworden, und die
Damen behaupteten, Sie haben etwas Eigenes, Anziehendes, das man nicht recht
bezeichnen knne, Sie haben einen hchst pikanten Charakter. Nun, Sie werden in
der Zeit diese Damen entschdigt haben; wann waren Sie das letzte Mal bei meiner
Tante?
    Ich sah ihn staunend an; Ich hatte nie die Ehre, bei Ihrer Tante gesehen zu
werden, als an jenem Abend.
    Er entgegnete hierauf nichts, sprach vom Papst und dergleichen, kam aber
immer wieder darauf zurck, mich durch eine Zwischenfrage nach Berlin, ins Haus
seiner Tante zu verlocken. Was wollen Sie nur immer wieder mit Berlin? fragte
ich endlich, ich war seit jenem Abend nicht mehr dort, und reiste in dieser
Zeit in Frankreich und England. Sehen Sie einmal in meinem Pa, welch ungeheure
Tour ich in dieser Zeit gemacht habe!
    Er warf einen flchtigen Blick hinein und errtete; Verzeihen Sie, Baron!
rief er, indem er meine Hand ungestm drckte; vergeben Sie, ich hielt Sie fr
einen Spion meiner Tante. -
    Ihrer Tante? fr einen Spion, den man Ihnen bis Rom nachschickt?
    Ach, die Menschen sind zu keiner Torheit zu gut. Ich halte mich etwa seit
zwei Monaten wieder hier auf. Meine Verwandten toben, weil ich meinen Posten im
Bureau des Ministers pltzlich und ohne Urlaub verlassen habe; sie bestrmten
mich mit Briefen, ich kam nicht; sie wandten sich an die preuische
Gesandtschaft hier; sie fand aber nichts Verdchtiges an mir, und lie mich
ungestrt meinen Weg gehen. Vor einigen Tagen schrieb mir ein Freund, ich solle
auf meiner Hut sein, man werde einen Spion in meine Nhe senden, um alle meine
Schritte zu bewachen.
    Ist's mglich? und warum denn dies alles?
    Ach, es ist eine dumme Geschichte, eine Anordnung meines verstorbenen
Vaters legt mir Pflichten auf, die - ein andermal davon - die ich nicht erfllen
kann. Und Sie, lieber Stobelberg, hielt ich fr den Spion. Vergeben Sie mir
doch?
    Unter zwei Bedingungen, erwiderte ich ihm. Einmal, da Sie mir erlauben,
Sie recht oft zu begleiten, um der Spion Ihres Spion zu sein. Halten Sie mich
nicht fr indiskret, es ist wahre Teilnahme fr Sie, und der Wunsch, Ihnen
ntzlich zu werden. Sodann - teilen Sie mir, wenn es Ihnen anders mglich ist,
den Schlu Ihres Abenteuers mit.
    Den Schlu? rief er und lachte bitter, den Schlu? ich wnschte, es
schlsse sich, knnte es auch nur mit meinem Leben schlieen. Doch kommen Sie,
wir wollen unter jene Arkaden gehen. Die Knstler kommen um diese Zeit hieher,
wir knnten nicht ungestrt reden: wer wei, ob man nicht einen von ihnen zu
meinem Wchter ersehen hat.
    Ich folgte Otto von S.... - so hie der junge Mann - unter die Arkaden. Er
legte seinen Arm in den meinigen, wir gingen eine Weile schweigend auf und ab;
er schien mehr nachdenklich als zerstreut.
    Es ist etwas, was mir Vertrauen zu Ihnen einflt, hub er lchelnd an;
ich habe ber den Ausspruch jener Damen in Berlin nachgedacht und finde ihn, so
komisch er mir damals vorkam, dennoch besttigt. Es ist mir, in den paar
Viertelstunden, die wir beisammen sind, als seien Sie ein Wesen, das ich lngst
kannte, als seien Sie schon jahrelang mein Freund. Und doch haben Sie nicht
jenes Gutmtige, Ehrliche, was an den Deutschen sogleich auffllt, was bewirkt,
da man Ihnen gerne vertraut; Sie haben fr Ihre Jahre viel Beobachtungsgeist in
Ihrem Auge, und um Ihren Mund in gewissen Augenblicken einen Zug, der nicht
immer das besttigt, was Sie sagen wollten. Und dennoch fhle ich, da mir der
Zufall viel geschenkt hat, der Sie in jenes Haus fhrte, ich fhle auch, da man
Ihnen trauen kann, mein Lieber.
    Ich halte nichts auf Gesichter, und habe durch Erfahrung gelernt, da sie
nicht immer der Spiegel der Seele sind. Es freut mich brigens, wenn etwas an
mir ist, das Ihnen Vertrauen einflt. Es ist vielleicht der rege Wunsch, Ihnen
dienen zu knnen, was Ihnen einiges Vertrauen gibt?
    Mglich; doch ich bin Ihnen einige Aufschlsse ber mich und mein Abenteuer
hier in Rom schuldig. Ich erzhlte Ihnen wie ich mit Luise von Palden bekannt
wurde -
    Erlauben Sie, nein! diesen Namen hre ich zum erstenmal. Sie erzhlten uns,
da Sie eine junge Dame in den Lamentationen der Sixtinischen Kapelle
kennenlernten, die Ihre ganze Aufmerksamkeit erregte. Sie wurden von ihr mit
einem andern verwechselt, Sie gefielen sich in diesem Quiproquo, und versetzten
sich unwillkrlich so in die Stelle des Liebhabers, da Sie das Mdchen sogar
liebten -
    Und wie liebe ich sie! rief er bewegt.
    Sie suchten die Dame lange vergeblich in Rom, der Zufall fhrte endlich das
schne Kind im Karneval als Maske an Ihre Seite. Es ist schon dunkel, sie glaubt
in Ihnen den Freund zu finden; Sie, lieber Freund, bentzen die Gelegenheit noch
einmal, diesen Scherz, der Ihnen so angenehm ist, fortzufhren. Sie bringen die
Dame auf eine Loge, um das Pferderennen anzusehen. Da erscheint auf einmal der
rechte Liebhaber, und Sie - erblicken sich. Bis hieher hrte ich damals. Sie
knnen sich denken, wie begierig ich bin, zu hren, wie es Ihnen erging.
    Ich gestehe, fuhr Herr v. S. fort, mir selbst fiel die hnlichkeit dieses
Mannes mit meinen Zgen, meiner Gestalt, selbst meiner Kleidung berraschend
auf. Das letztere hatte wohl die Mode verschuldet, die damals alle junge Welt
zwang, sich schwarz zu kleiden. Doch auch fr die groe hnlichkeit unserer
Zge, so auffallend sie ist, hat man Beispiele. Sie erinnern sich vielleicht des
Falles, der in Frankreich vorkam. Zwei Franzosen trafen in Amerika zusammen.
Ihre hnlichkeit war so gro, da man sie gewhnlich miteinander verwechselte,
der eine starb, der andere, ein armer Teufel, wute sich seine Papiere zu
verschaffen, reiste nach Frankreich zurck und lebte mit der Frau des
Verstorbenen noch lange Jahre, bis der Betrug an den Tag kam.11
    Der Herr und die Dame schienen nicht weniger berrascht als ich; die
letztere errtete, sie gedachte vielleicht jenes Kusses, und es wurde ihr wohl
mit einemmal klar, da es schon an jenem Abend nicht ihr Otto gewesen sei, gegen
den sie sich so zrtlich bewiesen. Der Herr mit meinen Gesichtszgen fragte mich
in etwas barschem Ton in schlechtem Franzsisch, wie ich dazu komme, diese
Komdie zu spielen. Ich nahm, nicht aus Furcht vor seinem rollenden Auge,
sondern im Gefhl, ein Unrecht, vielleicht eine Unschicklichkeit wieder gut
machen zu mssen, alle Artigkeit, die ich in der Welt gelernt hatte, zusammen,
und bat die Dame, mir einen Scherz zu vergeben, zu dem sie mich selbst verleitet
habe. Sie selbst? rief bei diesen Worten jener Mann, und seine Zge verzogen
sich immer mehr zum Zorn, sie selbst? Es ist ein abgekartetes Spiel, ich sehe
schon, ich bin der betrogene Teil. Doch ich will nicht stren- Er sagte dies vor
Wut zitternd, indem er sich von seinem Platz entfernen wollte. Luise - o ich
habe sie nie so s, so wundervoll gesehen, wie in jenem Augenblicke; sie schien
mit aller Hingebung der Zrtlichkeit an diesem Manne zu hngen; sie ergriff
bebend seine Hand, sie rief ihn mit den liebevollsten Tnen; sie beteuerte, sich
unschuldig zu wissen, sie rief mich zrnend zum Zeugen auf. Ich war hingerissen
von diesem Zauber der Liebe, der sich mir hier zum erstenmal in seiner ganzen
Schnheit darstellte. Es ist etwas Schnes um ein Mdchen, das in sanfter,
stiller Liebe ist, es ist etwas Heiliges, mchte ich sagen. Aber der Schmerz
inniger Liebe, das Zittern zrtlicher Angst, und diese Trnen in den blauen
Augen, dieses Flstern der sesten Namen von den feinen Lippen, und diese Rte
der Angst und der Beschmung auf den zarten Wangen, es ist ein Bild, irdischer
zwar als jenes, aber von einer hinreienden Gewalt.
    Ich kenne das, unterbrach ich diese rednerischen Schilderungen des
verliebten Berliners, dem die Dame seines Herzens in jeder neuen Form wieder
lieblicher schien, ich kenne das, so was Heiliges, so was Weinendes,
Madonnenartiges, Grazienhaftes, Ses, Bitterschmerzliches, kurz so was
Klagendes, Anziehendes, ich kenne das; aber wie war es denn mit dem zornigen
Patron, der Euer Wohlgeboren so hnlich?
    Er glaubte ihren Versicherungen nicht, war es Eifersucht, war es sein
leidenschaftlicher Zorn, den er nicht bemeistern konnte, er stie sie zurck, er
drohte, sie nie mehr zu sehen. Das Mdchen setzte sich weinend auf ihren Stuhl.
Die tobende Freude der Rmer an dem Pferderennen, ihr Jauchzen, ihr Rufen stand
in schneidendem Kontrast mit dem stillen Schmerz dieses Engels. Ich fhlte
inniges Mitleid mit ihr, ich fhlte mich tief verletzt, da ein Mann, eine Dame,
ein Liebender, die Geliebte so schnde beleidigen knne. Mein Herr, sagte ich,
das Wort eines Mannes von Ehre kann Sie vielleicht berzeugen, da die Schuld
dieser Szene allein auf mir ruht. Eines Mannes von Ehre? rief er hhnisch
lachend; so kann sich jeder Tropf nennen. Jetzt glaubte ich die Formen der
gesellschaftlichen Hflichkeit nicht weiter beobachten zu mssen. Ich gab ihm
ein wohlbekanntes Zeichen, flsterte ihm meinen Namen, die Nummer meines Hauses
und die Strae zu, in welcher ich wohnte, und verlie ihn.
    Es waren widerstreitende Gefhle, die in meiner Brust erwachten, als ich zu
Haus ber diesen Vorfall nachdachte. Ich mute mir gestehen, da ich unbesonnen,
tricht gehandelt hatte, die Rolle eines andern bei diesem Mdchen zu
bernehmen. Es ist wahr, der Zufall war so berraschend, die Gelegenheit so
lockend, ihre Erscheinung so reizend, so anziehend, da wohl keiner der
Versuchung widerstanden htte. Aber mute mich nicht schon der Gedanke
zurckschrecken, da es ihr bei dem Geliebten schaden knnte, traf er uns beide
zusammen? in welch ungnstigem Lichte mute ich, mute auch sie ihm erscheinen!
    Und doch - wo ist der Mensch, der nicht in einem solchen Falle sich vor sich
selbst zu entschuldigen wte; ich fhlte, da ich dieses unbekannte, reizende
Wesen liebe, und wie leicht entschuldigt Liebe! und weil ich sie liebte, hate
ich den begnstigten Mann. Er war ein Barbar in meinen Augen; wie konnte er die
Geliebte so grausam behandeln; wie durfte er, wenn er sie wahrhaft liebte, an
ihrer Tugend zweifeln, und wer, der jemals in dieses treue, seelenvolle Auge
gesehen, wer konnte an der Reinheit dieses Engels zweifeln?
    Am Morgen nach dieser Begebenheit bekam ich einen italienischen,
schlechtgeschriebenen Brief, er enthielt die Bitte einer Signora Maria Campoco
dem berbringer des Briefes in ihr Haus zu folgen, wo sie mir etwas Wichtiges zu
sagen habe. Ich kannte keine Dame dieses Namens, ich fragte den Diener nach der
Strae, er nannte mir eine, von welcher ich nie gehrt hatte. Eine Ahnung sagte
mir brigens, dieser Brief knnte mit meinem Abenteuer von gestern
zusammenhngen; ich entschlo mich zu folgen. Der Diener fhrte mich durch viele
Straen in eine Gegend der Stadt, die mir vllig unbekannt war. Er beugte
endlich in eine kleine Seitenstrae, ein Brunnen, eine Madonna von Stein fiel
mir ins Auge, es war kein Zweifel, ich befand mich an dem Haus, wohin ich Luisen
aus den Lamentationen begleitet hatte.
    Es war ein kleines unscheinbares Haus, dessen Tre der Diener aufschlo;
ber einen finstern Gang, eine noch dunklere Treppe, brachte er mich in ein
Zimmer, dessen Eleganz nicht mit dem brigen Ansehen des Hauses bereinstimmte.
Nachdem ich eine Weile gewartet hatte, erscholl das Klaffen vieler Hunde, die
Tre ffnete sich - aber nicht meine Schne, sondern eine kleine, wohlbeleibte,
ltliche Frau trat, umgeben von einer Schar kleiner Hunde, ins Zimmer.
    Es dauerte ziemlich lange, bis Tasso, Ariosto, Dante, Alfieri und wie die
Klffer alle hieen, ber den Anblick eines fremden Mannes beruhigt waren, und
die kleine Dame endlich zum Wort kommen konnte. Sie sagte mir sehr hflich, sie
habe mich rufen lassen, um wegen einer Angelegenheit ihrer Nichte, Luise von
Palden mit mir zu sprechen. - Das Verlangen, das schne Kind wiederzusehen, mich
bei ihr selbst zu entschuldigen, gab mir eine Notlge ein: ich fragte sie in so
miserablem Italienisch, als mir nur mglich war, ob sie Franzsisch oder Deutsch
verstehe? Sie verneinte es, ich zuckte die Achsel und gab ihr mehr durch Zeichen
als Worte zu verstehen, da ich der italienischen Sprache durchaus nicht mchtig
sei. Sie besann sich eine Weile, sagte dann, ich knne in ihrer Gegenwart mit
ihrer Nichte sprechen, und entfernte sich.
    Wie schlug mein Herz von Erwartung, von Liebe bewegt! Wie beschmt fhlte
ich mich, in ihren Augen als ein Nichtswrdiger zu scheinen, der ihren Irrtum
auf so indiskrete Art bentzte! die hndische Leibwache der Signora verkndete,
da sie nahe. Ich fhlte seit langer Zeit zum erstenmal eine Verlegenheit, ein
Beben; ich fhlte, wie ich errtete, jene Sicherheit des Benehmens, das mich
jahrelang begleitet hatte, wollte mich in diesem Augenblicke verlassen.
    Sie kam, sie dnkte mir in dem einfachen, reizenden Neglig lieblicher als
je, und ihre Verwirrung, als sie mich sah, der Unmut, den ich in ihrem Auge zu
lesen glaubte, vermochte ihre Anmut nicht zu schwchen. Mein Herr! es ist eine
sehr sonderbare Begebenheit, die Sie in dieses Haus fhrt, sprach sie mit jenen
klangvollen Tnen, die ich so gerne hrte; Sie mssen selbst gestehen, setzte
sie hinzu, aber sei es, da die Erinnerung an jenen Abend sie zu unangenehm
berhrte, sei es, da sie einem meiner Blicke begegnete, die vielleicht mehr als
Ehrfurcht ausdrckten, sie schlug die Augen nieder, errtete aufs neue und
schwieg.
    Ich fate mich, ich suchte mich zu entschuldigen so gut es ging; ich
erzhlte ihr, wie ich sie hilflos und in Ohnmacht in der Kirche gefunden, wie
ich ihren Irrtum nicht habe berichtigen knnen, aus Furcht, sie mchte meine
Begleitung ablehnen, die ihr in ihrem damaligen Zustande so notwendig war. Meine
zweite Unbesonnenheit schob ich auf die Maskenfreiheit des Karnevals, ich suchte
einen Scherz daraus zu machen, ich behauptete, es sei an diesem Abend erlaubt,
jede Maske vorzunehmen, und so habe ich die ihres Freundes vorgenommen. Ich
glaubte, sagte ich, in diesen Scherz um so eher eingehen zu drfen, da wir
Landsleute sind, und die Deutschen in Rom als Kinder einer Heimat, nur eine
groe Familie sein sollten.
    Eine gefhrliche Verwandtschaft! erwiderte ich dem jungen Berliner, indem
ich mich im stillen ber seine jesuitische Logik freute; wie? brachte die Dame
nicht das Corpus juris und den - --- gegen Sie in Anwendung? In Schwaben mchte
zur Not ein solches Verwandtschaftssystem gelten, oder bei den Juden, welche
Herren und Knechte, Norden und Sden unsere Leute nennen; aber Deutschland?
bedenken Sie, da es in zweiunddreiig Staaten geteilt ist, wo ist da ein
Verwandtschaftsband mglich? Wenn Sie sich im Himmel oder in der Hlle treffen,
so heien sie nur sterreicher, Preuen, Hechinger und frstlich Reuische
Landeskinder!
    Luise mochte auch so denken, fuhr er fort. Doch ntigte ihr meine
Deduktion ein Lcheln ab; es schien ihr angenehm, ber diese Punkte so leicht
weggehen zu knnen. Sie klagte sich selbst an, diesen Irrtum veranlat zu haben,
sie vergab, sie erlaubte mir, ihre schne Hand zu kssen. Doch ihre Blicke
wurden wieder dster. Sie sagte, wie sie nur zu deutlich bemerkt habe, da ich
tiefbeleidigt weggegangen sei, da dieser Streit noch eine gefhrliche Folge
haben knne. Ihr Auge fllte sich mit Trnen, als sie dies sagte. Sie beschwor
mich, ihrem Freund zu vergeben, sie suchte ihn zu entschuldigen, ihn, der sie
selbst so tief beleidigt hatte, sie sprach mit so zrtlicher Wrme fr den Mann,
der so ganz vergessen hatte, da die wahre Liebe glauben und vertrauen msse,
der so niedrig war, dieser reinen Seele gegenber gemeine Eifersucht zu zeigen.
Ich wre glcklich, selig gewesen, htte dieses Mdchen so von mir gesprochen!
    Ich fragte sie, ob sie in seinem Auftrag mir dieses sage? Sie war betreten,
sie antwortete, da sie gewi wisse, da es ihm leid sei, mir jene Worte gesagt
zu haben; ich versprach, wenn er mir dies selbst sagen werde, nicht mehr an die
Sache zu denken. Wie heiter war sie jetzt, sie scherzte ber ihren Irrtum, sie
verglich meine Zge mit denen ihres Freundes, sie glaubte groe hnlichkeit zu
finden, und doch schien es ihr unbegreiflich, wie sie nicht an meinen Augen,
meiner Stimme, an meinem ganzen Wesen ihren Migriff erkannt habe. Sie rief
ihrer Tante zu, da sie ihren Zweck vollkommen erreicht habe.
    Signora Campoco, die whrend der ganzen Szene am Fenster gesessen, und bald
die Leute auf der Strae, bald ihre Hndchen, bald uns betrachtet hatte, kam
freundlich zu mir, dankte fr meine Geflligkeit, ihr Haus besucht zu haben, und
bemerkte: sie htte nie geglaubt, da unsere barbarische Sprache so wohltnend
gesprochen werden knne. Sie sehen, ich hatte jetzt nichts mehr in diesem Hause
zu tun; so gerne ich noch ein Stndchen mit Frulein von Palden geplaudert
htte, so neugierig ich war, ihre Verhltnisse in Deutschland und ihre Lage in
Rom zu erfahren - der Anstand forderte, da ich Abschied nahm, mit dem
unglcklichen Gefhle Abschied nahm, diese Schwelle nie mehr betreten zu knnen.
Signora, sie htte sich vielleicht gekreuzt, htte sie gewut, da ein Ketzer
vor ihr stehe, Signora empfahl mich der Gnade der Heil. Jungfrau, und Luise
reichte mir traulich die Hand zum Scheiden. Ich fragte sie noch, wie der Herr
heie, mit welchem ich das Glck gehabt habe, verwechselt zu werden. Sie
errtete und sagte: Er will zwar hier nicht bekannt sein und so zurckgezogen
als mglich leben, doch warum sollte ich Ihnen seinen Namen verhehlen? Ich
mchte so gerne, da Sie Freunde wrden. Er heit - - - - und wohnt - - - -
    So, etwas breit nach Art der lieben Jugend hatte mir der junge Mann den
weiteren Verlauf seines Abenteuers erzhlt, ich hrte ihm gerne zu, obgleich
nichts peinlicher fr mich ist, als eine lamentable Liebesgeschichte recht lang
und gehrig breit erzhlen zu hren; aber interessant war mir dabei die Art, wie
er mir erzhlte. Sein ausdrucksvolles Auge schien die Glut seiner Gefhle
widerzustrahlen, seine Zge nahmen den Charakter dsterer Wehmut an, wenn er
sich unglcklich fhlte, und ein angenehmes Lcheln erheiterte sie, wenn er mir
die Reize der jungen Dame zu beschreiben suchte. Pltzlich, als er mir eben
erzhlte, wie er das Haus der Signora verlassen habe, drckte er meinen Arm
fester und brach in einen kleinen Fluch aus. So mu der Teufel diesen Pfaffen
doch berall haben, rief er und wandte sich unmutig um. Ich war erstaunt,
welchen Pfaffen sollte ich denn berall haben? Ich fragte ihn, was ihn so
aufbringen knne.
    Sehen Sie nicht hin, sonst mssen wir gren, gab er mir zur Antwort, ich
kann ihn nicht ansehen, den Jesuiten.
    Ich stellte mich, als befolge ich treulich seinen Befehl, doch konnte ich
nicht umhin, einen Seitenblick in die Strae zu werfen, und sah wirklich ein
hchst ergtzliches Schauspiel. Die Strae herauf kam ein hoher Prlat der
Kirche, der Kardinal Rocco, ein Mann, der schon lngst als einer der zweiten
Klasse mit dem Prdikat gut auf meinen Tafeln verzeichnet ist. Eine groe
majesttische Gestalt voll stolzer Wrde; sein weies Haar, von einem einfachen
roten Kppchen bedeckt, stach sonderbar ab gegen ein Gesicht, das man eigentlich
reich nennen knnte. Gewlbte Brauen, groe Augen, eine Adlernase, die
Unterlippe etwas bermtig gezogen, das Kinn und die Wangen voll und krftig.
ber das rollende Untergewand trug er einen Talar, dessen eines Ende er in
malerischen Falten ber den Arm gelegt hatte; das andere Ende hielt in einiger
Entfernung hinter ihm herschleichend sein Diener, ebenfalls ein Mnch, ein
drres bleiches Geschpf, dessen tckische Augen nach allen Seiten sphten, ob
seine Eminenz von den Glubigen ehrfurchtsvoll, wie es sich gebhrt, begrt
werden.
    Der Gang des Kardinals war der Gang eines Siegers, und eine solche
Erscheinung in diesen Straen erinnerte nur zu leicht an die Senatoren der
Ewigen Stadt.
    Sehen Sie, wie er hingeht, dieser Phariser, flsterte der junge Mann mit
den Zhnen knirschend. Sehen Sie, wie der Pbel sich zum Handku drngt, mit
welcher Wrde, mit welcher Grazie er seinen Segen erteilt.
    Theaterpossen! wenn diese Leute wten, was ich von ihm wei, sie wrden
diesem Phariser, diesem Verflscher des Gesetzes die Insignien seiner Wrde vom
Leibe reien, oder sie wren wert, von einem Trken beherrscht zu werden.
    Was bringt Sie so auf! verehrter Freund? Wer ist dieser Ehrenmann? was hat
er Ihnen zuleid getan? hngt er mit Ihren Abenteuern zusammen? Ich mute lange
fragen, bis er mich hrte, denn er schaute mit durchbohrenden Blicken der
Eminenz nach, und murmelte Verwnschungen wie ein Zauberer.
    Ob ich ihn kenne? ob er mir etwas zuleide getan? Oh! dieser Mensch hat ein
Leben vergiftet, ein Herz zu Boden getreten, das - doch Sie werden mehr von ihm
hren; es ist der Kardinal Rocco, der Satan ist nicht schwrzer als er; mit
seinem roten Hut deckt er alle Snden zu, aber trotzdem, da er geweiht ist,
wird ihn dennoch der Teufel holen!
    Da hat es gute Wege, dachte ich; Nro. 2, gute Sorte! doch was konnte dieser
Berliner gegen Rocco haben; unmglich konnte ich glauben, da sein
Protestantismus so tief gehe, da er jeden, der violette Strmpfe trug, in die
Hlle wnschen mute. Er hatte sich wieder gesammelt: Vergeben Sie diese Hitze,
Sie werden mir einst recht geben, so zu urteilen, wenn ich Sie erst mit dem
Treiben dieser Menschen bekannt mache. Doch jetzt noch einiges zum Verstndnis
meines Abenteuers. Die Geschichte mit - - - war bald abgetan. Er schickte einen
Franzosen zu mir, der mir erklrte, da jener sich in mir geirrt habe und um
Verzeihung bitte. Durch ihn erfuhr ich auch, da Luisens Geliebter frher
Offizier, und zwar in ....schen Diensten gewesen sei.
    Um diese Zeit kam die Schwester des schsischen Gesandten nach Rom, sich
einige Zeit mit ihrer Familie bei ihrem Bruder aufzuhalten. Ich war am ersten
Abend ihres Aufenthaltes zufllig zugegen, und - stellen Sie sich einmal mein
Erstaunen vor, als ich hrte, wie sie eine andere Dame fragte, ob nicht ein
Frulein von Palden hier lebe? Ich wandte mich unwillkrlich ab, um nicht dem
ganzen Kreise mein Errten, mein Entzcken zu zeigen; es war mir etwas so Neues,
so Schnes, Luisens Namen aus einem fremden Munde zu hren. Jedoch keine der
anwesenden Damen wollte von ihr wissen, und ich fhlte mich nicht berufen,
unaufgefordert mein Geheimnis mitzuteilen.
    Deutsche, besonders Frauen pflegen immer groen Anteil an Landsleuten zu
nehmen; es konnte daher nicht anders sein, als da man seine Verwunderung laut
darber aussprach, da ein deutsches Frulein in Rom lebe, die auch keinem von
allen bekannt sein sollte? Wer ist sie? ist sie schn? wie kommt sie nach Rom?
fragte man einstimmig, und wie lauschte ich, wie pochte mein Herz, endlich ber
das interessante Wesen etwas zu hren.
    Sie erzhlte, wie sie in ...th Luisen kennengelernt, die damals durch ihr
schnes uere, durch ihre Liebenswrdigkeit, ihren Verstand die ganze Stadt
beschftigt, ihre nheren Bekannten bezaubert habe. Um so auffallender sei auf
einmal ein Liebeshandel gewesen, der sich zwischen einem Offizier, einem
brgerlichen Subjekt, und der Tochter des Geheimen Rats Palden entspann. Dieser
Mensch habe auer seiner schnen Figur und einem blhenden Gesicht keine
Vorzge, nicht einmal gute Sitten gehabt. Dem Vater sei diese Geschichte zu
ernstlich geworden, er habe den Offizier zu einem Regiment zu versetzen gewut,
das mit einem Teil der franzsischen Armee nach Spanien bestimmt war. Man habe
sich in ....th allgemein gefreut ber die Art, wie sich Frulein Palden in diese
Wendung fgte; doch bald erfuhr man, da die Verbindung mit dem Offizier nichts
weniger als abgebrochen sei, sondern durch Armeekuriere und dergleichen, Briefe
gewechselt werden. Es vergingen so beinahe zwei Jahre. Die Armee kehrte zurck,
doch nicht mit ihr jener Offizier. Man sagte in Gesellschaften und in Luisens
Nhe, er sei wegen einer Ehrensache aus dem Dienst getreten. Seine Kameraden
schwiegen hartnckig hierber, doch gab es einige Stimmen im Publikum, die von
einer vorteilhaften Heirat, andere, die von einer Entfhrung oder von beiden
sprachen, kurz man bemerkte, da Herr v...., so hie der Offizier, seiner Dame
ungetreu geworden sei. Um diese Zeit starb der alte Herr von Palden. Seine erste
Frau war eine Rmerin, das Frulein entschlo sich auf einmal, zu groer
Verwunderung der Stadt ....th zu ihren Verwandten nach Rom zu ziehen.
    So viel wute die Schwester des Gesandten von Luisen. Es war mir genug, um
ihr Verhltnis zu ..... ganz in der Ordnung zu finden, nur war es mir
unbegreiflich, was ihn bewogen haben knnte, nach Rom zu gehen? oder kam er erst
nach ihr hieher? und warum heiraten sie sich nicht, da doch ihre Hand jetzt frei
und von niemand abhngig ist?
    Ich qulte mich mit diesen Gedanken. Ich htte so gerne mehr und immer mehr
von dem holden Kind erfahren; ich fhlte lebhaft den Wunsch, sie wiederzusehen,
zu sprechen; ich wollte ja nicht geliebt werden, nur sehen, nur lieben wollte
ich sie. Da fiel mir bei, wie ich dies so leicht mglich machen knnte. Ich
durfte ja nur der Schwester des Gesandten sagen, wo sich Luise aufhalte, und
dann konnte ich gewi sein, sie schon in den nchsten Tagen im Hotel des
Gesandten zu sehen. Ich tat dies, und mein Wunsch wurde erfllt.
    Ein Bekannter des Herrn von S. gesellte sich hier zu uns und unterbrach zu
meinem groen rger die Erzhlung. Ich machte noch einige Gnge mit ihnen unter
den Arkaden; als ich aber sah, da der Bekannte sich nicht entfernen wolle,
fragte ich den Berliner nach seiner Wohnung, und ging, mit dem Vorsatz, ihn am
nchsten Morgen zu besuchen. Ich mu gestehen, ich fing an, die Geschichte des
jungen Mannes weniger anziehend zu finden, weil sie mir in eine gewhnliche
Liebesgeschichte auszuarten schien. Doch zwei Umstnde waren es, die mir von
neuem wieder Interesse einflten, und mich bestimmten seine Abenteuer zu hren.
Ich erinnerte mich nmlich, wie berraschend sein Anblick, sein ganzes Wesen in
Berlin auf mich gewirkt hatten. Es war nicht der gewhnliche Kummer der Liebe,
wie er sich bei jedem Amoroso vom Mhlendamm ausspricht, es war ein Gram, ein
tieferes Leiden, das mir um so anziehender dnkte, als es nur ganz unmerklich
und leise durch jene Hlle schimmerte, womit die gesellschaftlichen Formen die
weinende Seele umgeben. Er schien ein Unglck zu kennen, zu teilen, das ihn
unausgesetzt beschftigte, zu welchem ihn die Erinnerung sogar mitten in einem
sthetischen Tee rettungsvoll zurckfhrte.
    Das zweite, was mich zu dem jungen Mann und seinem Abenteuer zog, war die
Szene, die ich morgens vor der Peterskirche beobachtet hatte. Ich hatte dort
bemerkt, da er sie mit Sehnsucht erwarte; sie war gekommen, aber es schien kein
frhliches Zusammentreffen. Sie schien ihn etwas mit ihren Blicken zu fragen,
das er nicht beantworten, sie schien etwas zu verlangen, das er nicht erfllen
konnte; wie schwer mute es ihm werden, in der Ferne zu stehen, und dem holden
Mdchen durch keine Silbe zu antworten, er lie sie gehen wie sie gekommen: aber
dann sandte er ihr Blicke voll zrtlicher Liebe nach. Warum sagte er ihr nicht
auf der Stelle, wie er sie liebe? Welche Gewalt mute sie ber ihn ausben, um
ihn in diese engen Schranken einer beinahe blden Bescheidenheit zurckzuweisen?
Wieviel es sie koste, sah ich an ihrem Auge, in welchem eine Trne perlte, als
sie weiterging.
    Diese Fragen drngten sich mir auf, als ich ber den jungen Mann und die
rtselhafte Dame nachdachte. Wo nicht ein blindes Fatum waltet, und ein Uhrwerk
die Gedanken der Sterblichen treibt, da lernt keiner aus, sei er Gott oder
Teufel, wohl sagt der Mensch, der kleinlich nur auf die Resultate seiner
Geschichte sieht: Es wiederholt sich alles im Leben. Aber wie es sich
wiederhole, wie der endliche Geist in seiner kurzen Spanne Zeit wchst und ringt
und strebt, und gegen die alte Notwendigkeit ankmpft, das ist ein Schauspiel,
das sich tglich mit ewig neuem Reize wiederholt; und das Auge, das von
Weltintrigen gesttigt, vom Anschauen der Kmpfe groer Massen ermdet ist,
senkt sich gerne abwrts zum kleineren Treiben des einzelnen. Drum mge es
keinem jener verehrlichen Leute, fr die ich meine Memoiren niederschreibe,
kleinlich dnken, da ich in Rom, wo so unendlich viel Stoff zur Intrige, ein so
groer Raum zu einem diabolischen Festtagsspiel ist, mit einer Liebeshistorie
mich befasse - . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . !
    Am Abend dieses Tages fuhr ich mit einigen griechischen Kaufleuten auf der
Tiber. Wir hatten eine der greren Barken bestiegen, und die freien Sitze des
Vorderteils eingenommen, weil das Zelt in der Mitte, wie uns die Schiffer
sagten, schon besetzt war. Der Abend war schwl und wirkte selbst mitten im Flu
so drckend und ermattend auf diese Menschen, da unser Gesprch nach und nach
verstummte. Ich vernahm jetzt ein halblautes Reden und Streiten im Innern des
Zeltes, ich setzte mich ganz nahe hin und lauschte. Es waren zwei Mnner und
eine Frau, soviel ich aus ihren Stimmen schlieen konnte. Sie sprachen aber
etwas verwirrt und gebrochen; der eine hatte gutes, wohltnendes Italienisch, er
sprach langsam und mit vieler Salbung, die Dame mischte unter sechs italienische
Worte immer zwei spanische und ein franzsisches; der andere Mann, der wenig,
aber schnell und mit Leidenschaft sprach, hatte jene murmelnde, undeutliche
Aussprache, an welcher man in Italien sogleich den Deutschen oder Englnder
erkennt.
    Ein kleiner Ri in der Gardine des Zeltes lie mich die kleine Gesellschaft
berschauen; und o Wunder! jene salbungsvolle Rede entstrmte dem Kardinal
Rocco! Ihm gegenber sa eine Dame, schon ber die erste Blte hinaus, aber noch
immer schn zu nennen. Ihre beweglichen schwarzen Augen, ihre vollen roten
Lippen, ihr etwas nachlssiges Kostm, dessen Schuld der schwle Abend tragen
mute, zeigten, da sie mit den ersten Dreiig die Lust zum Leben noch nicht
verloren habe. An ihrer Seite glaubte ich auf den ersten, flchtigen Anblick
Otto von S. zu erkennen. Doch die Zge des Mannes im Zelte waren dsterer, sein
Auge blickte nicht so offen und frei, wie das des Berliners - ich war keinen
Augenblick im Zweifel, es mute sein verkrperter Doppelgnger, .... sein. Aber
wie! Die Dame war nicht Luise von Palden; durfte dieser Mann so traulich neben
einer andern sitzen, ohne dieselbe Schuld wirklich zu tragen, die er der
Geliebten aufbrden wollte?
    Gilt dir denn meine Liebe, meine Zrtlichkeit gar nichts? hrte ich die
Dame sagen; nichts meine Aufopferung, nichts meine Leiden, nichts meine
Schande, der ich mich um deinetwillen aussetzte? Ein Wort, ein einziges Wort
kann uns glcklich machen. Du sagst immer morgen, morgen! Es ist jetzt Abend,
warum willst du morgen doch wieder nicht?
    Mein Sohn! sprach der Kardinal; ich will nichts davon sagen, da Euer
langes Zgern, Eure fortwhrende Weigerung, fr unsere heilige Kirche
Beleidigung ist. Ich wei zwar wohl, nicht Ihr seid es, der diese Zgerungen
verschuldet; der Teufel, der leibhaftige Satan spricht aus Euch; es ist das
letzte Zucken Eurer ketzerischen Irrtmer, was Euch die Wahrheit nicht sehen
lt; aber beim heiligen Kreuz, den Ngeln und der heiligen Erde beschwre ich
Euch, folget mir; lasset Euch aufnehmen in den heiligen Scho der Kirche, zur
Verherrlichung Gottes.
    Ha! dachte ich, den haben sie gerade recht in den Krallen. Ein schnes Weib,
ein Kardinal Rocco, und ein paar Gewissensbisse, wie der Herr im Zelte zu haben
schien. - Da kann es nicht fehlen! - Er seufzte, er blickte bald die Dame, bald
den Priester mit unmutigen Blicken an. Ich will ja alles tun, ins Teufels
Namen, alles tun, sagte er, mein Leben ist ohnedies schon verschuldet und
vergiftet, aber wozu diese sonderbare Prozedur? Warum soll ich vor der Welt zum
Narren werden, um die Ehre von Donna Ines wiederherzustellen?
    Mein Sohn, mein Sohn! wie frevelt Ihr! zum Narren werden, sagt Ihr? oh! Ihr
verstockter Ketzer, ihr alle seid von eurer Taufe an, wo der Satan zu Gevatter
steht, Renegaten, Abtrnnige! Es ist also nur eine Rckkehr; kein bertritt,
keine Ableugnung eines frheren Glaubens. Ihr hattet ja vorher keinen Glauben;
Ihr werdet doch nicht die Ketzerei so nennen wollen, die der Erzketzer in
Wittenberg aus den Fetzen, die er dem Heiligtum gestohlen, zusammenstckelte?
    Lasset mich, Eminenz! es ist einmal gegen meine berzeugung; ich mte mich
ja vor ganz Deutschland schmen.
    O verstockter Ketzer! Schmen, sagt Ihr? hat sich der liebe Mann, der Herr
von Haller, auch geschmt? Schmen! wie ein Heiliger wrdet Ihr dastehen,
braucht sich ein Heiliger zu schmen? Hat sich der treffliche Hohenlohe
geschmt, umgeben von Ketzern, seine Wunder zu verrichten? Es sei gegen Eure
berzeugung, saget Ihr? da sieht man wieder den Deutschen, nicht wahr Donna
Ines, den ehrlichen Deutschen! Zu was denn immer berzeugung? Das ist ja gerade
das Wunderbare am Glauben, da er von selbst wirkt ohne berzeugung. Gesetzt Ihr
wret krank, mein lieber Freund; man schickt Euch den ersten Arzt der
Christenheit; Ihr seid nicht berzeugt, da er der alleinige, wahre Arzt ist,
aber Ihr lat Euch gefallen, seine Arzneien einzunehmen, und siehe, sie wirken
auf Euren Krper ohne berzeugung, gerade wie unser Glaube auf die Seele.
    Otto! sprach Dame Ines mit schmelzenden Tnen, teurer Otto! Siehe, wenn
mich der heilige Mann hier nicht absolviert und beruhigt htte, ich mte ja
schon lngst verzweifelt sein, einen Ketzer so innig zu lieben! Wie leicht wird
es dir gemacht, einer der Unsrigen zu sein, und dann ein Weib auf ewig glcklich
zu machen, das dir alles opferte! Und bedenke die schne Villa an der Tiber, und
das kstliche Haus neben dem Palast Seiner Eminenz; dies alles will uns der
Heilige Vater zur Ausstattung schenken; bist du nicht gerhrt von so vieler
Liebe?
    Nicht verhehlen kann ich es Euch, mein Sohn, fuhr der beredte Mann mit dem
roten Hute fort, nicht verhehlen kann ich es Euch, da man im Lateran noch
heute von Euch sprach, da es sogar Seiner Heiligkeit selbst auffllt, da Ihr
so lange zgert. Bis ber acht Tage naht ein groes Fest heran, welch herrliche
Gelegenheit, etwas zu Gottes Ehre zu tun bietet sich Euch dar!
    Wozu doch diese ffentlichkeit? fragte .... , ich hasse dieses Rhmen und
Ausschreien in alle Welt. Lasset mich still in einer Kapelle die Zeremonie
verrichten; was ntzt es Euch, ob ich laut und offen das Opfer bringe. O Luise,
Luise. Es ttet sie, wenn sie es hrt!
    Elender! rief die Dame, indem sie in Trnen ausbrach; sind das deine
Schwre? Du falsches Herz; ich habe dir alles, alles geopfert, und so kannst du
vergelten? O Barbar! gehe hin zu ihr, lege dich nieder in ihre Fesseln, aber
wisse, da ich mich in die Tiber strze, ber meine armen Wrmer, meine
unglcklichen Kinder mag sich Gott erbarmen!
    Kinder, Kinder! Meine fromme Tochter, mein lieber, aber verblendeter Sohn;
wozu dieser Skandal, diese Szene auf dem Schiffe; stillet Eure Trnen, schne
Frau; es wird noch alles gut werden; kommet, ich will einen vterlichen Ku auf
Eure Augen drcken, so. Und Ihr, wisset Ihr nicht, da Ihr Euch versndiget
gegen Donna Ines? Was wollet Ihr nur immer wieder mit der Ketzerin, die einst
Eure Sinnen zu bestricken wute? Haben wir Euch nicht Beweise genug gegeben, da
sie in einem strafwrdigen Verhltnis zu dem Teufel ist, der Eure Gestalt und
Sprache angenommen hat?
    Welch einfltiges Mrchen! rief der junge Mann; was wollet Ihr auch den
Teufel ins Spiel ziehen, ein ehrlicher Berliner ist er, ein Tropf, dem ich das
Mdchen nicht gnnen mag, wenn sie mich auch zehnmal betrog?
    Mein Sohn, die Heilige Jungfrau schtze uns, aber der Satan selbst ist es;
hat es nicht letzthin meinem dienenden Frater Piccolo getrumt, der Teufel gehe
hier in der heiligen Stadt spazieren? Alle seine Trume sind noch eingetroffen;
der deutsche Baron ist der hllische Geist selbst. Wer es aber auch sei; sie hat
Euch betrogen. Hat nicht die fromme Frau Maria Campoco Euch selbst dieses
Gestndnis ber ihre Nichte gemacht? was wollet Ihr nur auf die treulose
Ketzerin Rcksicht nehmen! - Und schaut, was ich Euch hier mitgebracht habe,
fuhr Seine Eminenz fort, indem sie ein groes Papier entfaltete; sehet wie ich
Wort halte; ich habe Euch versprochen, die Liste aller derer mitzubringen,
welche in Eurem Deutschland ffentliche Ketzer, im geheim aber gute Christen der
wahren Kirche sind; da, leset!
    Der junge Mann las und staunte; er sah den Kardinal fragend an, ob er denn
wirklich dieser Schrift trauen drfe? Donna Ines, welche bemerkte, welch
gnstigen Eindruck diese Liste mache, zog die Hand des heiligen Mannes an den
Mund, und bedeckte sie mit feurigen Kssen der Andacht.
    Nicht wahr, fuhr Rocco fort, da stehen wohlklingende Namen? Professoren,
Grafen, Frsten sogar, freilich diese Leute knnen nicht so ffentlich sich
erklren, Freundchen, die Politik, die Rcksicht auf ihre ketzerischen
Untertanen erlaubt das nicht; aber im Herzen, im Herzen sind sie unser; da,
dieser Nr. 8, ich kann Eure barbarischen Namen nicht aussprechen, der wird sich
sogar ffentlich erklren und seine Irrtmer abschwren. Der da oben wird auch
einen wichtigen Schritt vorwrts tun. Oh! und bedenket, was erst in Frankreich,
selbst in England fr uns getan wird, bald, vielleicht erlebe ich es noch, bald
werdet ihr allesamt und sonders zu uns zurckgekehrt sein. Wie herrlich mu dann
ein Name wie der Eurige leuchten, der nicht mit der Menge, sondern lang zuvor
auf unsere heiligen Tafeln verzeichnet wurde!
    Aber o Himmel, Kardinal! ich bin ja schlechter als die ganze Liste dieser
Heimlichen. Ihr selbst wisset, da, wenn ich zu Eurer Kirche abfalle, es nur
geschieht, um den ewigen Klagen der Donna Ines zu entgehen. Diese Heimlichen
haben keinen Vorteil bei ihrer Heimlichkeit. Sie gelten von auen als echte
Lutheraner, und was haben sie davon, da sie von innen rmisch sind?
    O Einfalt! es ist gut, da Ihr nicht die ketzerische Theologie studiert
habt; Ihr wret durch das Examen gefallen! Was ist denn das Schne an unserer
Kirche? he? Nicht nur da sie die Alleinseligmachende, da sie gleichsam eine
Brandversicherungsanstalt gegen die Hlle, eine Seelenassekuranz gegen den Tod
ist! denn schon aus physischen Grnden kann man annehmen, da keine Seele von
den Unsrigen lange im Fegfeuer oder gar in der Hlle verweilt, wenn sie auch
ohne Beichte abfhrt. Antonio Montani hat berechnet, da im Durchschnitt
hundertundzwanzig Millionen Menschen in der Hlle und ebenso viele im Fegfeuer
sind. Nun kann man annehmen, da seit Eurer verfluchten Reformation neunzig
Millionen Ketzer, zwanzig Millionen Trken und zehn Millionen Juden
hinabgefahren sind; das macht zusammen hundertundzwanzig.
    O wie gut haben wir es, hochwrdiger Herr! sagte Ines mit zauberischem
Lcheln. Ach Otto! dich soll ich an jenem Ort wissen, in der Gesellschaft des
Teufels und seiner Gromutter? O Gott! es ist nicht mglich!
    Sodann weiter, fuhr der Salbungsvolle fort, euer Erzketzer in Berlin, der
Schleiermacher, nimmt selbst an, da alle Menschen prdestiniert sind, und zwar
so beilufig die Hlfte zum Bsen. Diese mssen nun eine Art von Seelenwanderung
in verschiedenen Stationen des Elends machen, bis sie selig werden, und fangen
mit der Hlle an; der Mann hat vernnftige Gedanken, und wre wert einst nur ins
Fegfeuer zu kommen; aber das wei er doch nicht recht; wenn einer auch zehenmal
prdestiniert, zur Hlle plombiert, zum Teufel rekommandiert ist, wir knnen ihn
doch absolvieren und recta in den Himmel schicken. Nun, und wenn man annimmt,
da das Fegfeuer hundertundzwanzig Millionen fat, und darunter hundert
Millionen Trken, und zwanzig Millionen Ketzer, so ist, wei Gott, auch dort
wenig Raum fr eine etwas lderliche Seele.
    Ihr wisset, Eminenz, was ich von solchen Berechnungen halte, machet mir
doch Eure Sache nicht noch lcherlicher. Eure Seelenassekuranz kann mich nicht
locken; doch ist sie gut frs Volk, und ich begreife nicht, warum Ihr nicht
schon lange ganze Regimenter, Divisionen, ja Armeen, Kavallerie, Infanterie,
Artillerie, samt dem Generalstab ffentlich verassekuriert habt. Das wre eine
Anstalt  la Mahomed, die Kerls wrden sich schlagen wie der Teufel, denn sie
wten, wenn sie heute erschossen werden, wachen sie morgen im Paradiese auf.
Lasset mich lieber noch einen Blick in die Liste werfen, sie ist mir
trstlicher, denn es stehen ganz vernnftige Mnner dort.
    O da Ihr nur ein Jahr auf einer deutschen Universitt zugebracht httet!
unsere Agenten geben uns herrliche Berichte, die ketzerische Jugend soll
gegenwrtig ganz absonderlich fromm, heilig und mystisch sein; das Mittelalter,
das gute, liebe Mittelalter versetzt sie in diesen liebenswrdigen Schwindel.
Sie neigen sich schon ganz zu uns, und lasset nur erst die Jesuiten recht in
Deutschland berhandnehmen, dann sollt Ihr erst Wunder sehen! Auch einige brave
Mnner, Professoren nehmen sich unserer Sache an: seht dieser da Nro. 172 Signor
Crusado, der umhllt sie mit einem so tiefen symbolischen Dunkel, da sie bald
unser sind. Wahrlich, der Hofmechanikus Seiner Heiligkeit, der berhmte Sgn.
Carlo Fiorini hat vollkommen recht. Er hat berechnet, wenn Deutschland einige
Grade sdlicher lge, wenn ihr eine schnere Natur, ein wenig mehr Sinnlichkeit
und Phantasie httet - die Ketzerei htte nie aufkommen knnen, oder ihr wret
wenigstens schon lange wieder zurckgekehrt.
    Die Barke stie bei diesen Worten ans Land; wie gerne htte ich diesem
trefflichen Pfaffen noch lnger zugehrt, wie er diese deutsche Seele
bearbeitete, es war ein schweres Stck Arbeit, ich gestehe es. Ein Mensch ohne
Phantasie, der in den Zeremonien nur Zeremonien sieht, der die Tendenz dieser
Rmer durchschaut, der durch keinen weltlichen Vorteil zu blenden ist, wahrlich
ein solcher ist schwer zu gewinnen. Doch fr diesen war mir nicht bange. Ein
Kardinal Rocco und ein schnes Weib haben schon andere geangelt als diesen.
    Der heilige Mann stieg aus; mit Ehrfurcht empfingen die Schiffer seinen
Segen, den er mit einer Wrde, einem Anstand, wrdig eines Frsten der Kirche,
erteilte. Donna Ines folgte. Ich bewunderte, whrend sie ber das Brett ging,
ihren feinen, zierlichen Wuchs, die Harmonien in ihren Bewegungen und die Glut,
die aus ihren Augen strahlte, und den Abend schwl zu machen schien. Sie reichte
dem geliebten Ketzer ihre schne Hand mit so besorgter Zrtlichkeit, mit einem
so bedeutungsvollen Lcheln, da ich im Zweifel war, ob ich mehr seine
transmontanische Klte belcheln, oder den Mut bewundern sollte, mit welchem er
den geistlichen Lockungen dieser in Liebe aufgelsten Circe widerstand. - Am
Ufer hielt ein schner Wagen; der dienende Bruder Piccolo, welchem ich im Traum,
in Rom spazierengehend, erschienen war, stand am Schlag und erwartete Seine
Eminenz. Es kostete einige Zeit, bis dieser sein Gewand zu gehriger Wirkung
drapiert hatte, dann erst folgte der Frater Piccolo; der Ketzer und seine Dame
schlugen einen Fupfad ein, und gingen der Stadt zu.
    Wer sind diese? fragte ich den Schiffer.
    Kennt Ihr den heiligen Mann, den Kardinal Rocco nicht; o es ist einer der
besten Fe des Heiligen Stuhles! Alle Abende fhrt er in meiner Barke auf dem
Flu.
    Und die Dame?
    Ha! das ist eine gute Christin, antwortete er mit Feuer. Sie fhrt
beinahe immer mit dem Kardinal, zuweilen allein mit ihm, zuweilen mit dem Mann,
den Ihr gesehen. Dem traue ich nicht ganz, es ist entweder ein Deutscher oder
ein Englnder, und die sind doch Kinder des Teufels.
    So? da sagt Ihr mir etwas Neues, und dieser Mann, ist er ihr Gemahl?
    Bewahre uns die Heilige Jungfrau! Ihr Gemahl! wo denkt Ihr hin? da wrde er
nicht so zrtlich mit ihr spazierenfahren. Ich denke es ist ihr Geliebter.
    So ist es, sagte einer der griechischen Kaufleute, die Dame wohnt nicht
weit von mir. Sie lebt allein mit ihren Kindern. Sie sieht niemand bei sich, als
einige fromme Geistliche und diesen jungen Mann; es ist ihr Geliebter. Aber sie
fhren ein Hundeleben zusammen. Man hrt sie oft beide weinen und zanken und
schreien. Der junge Mann flucht und donnert und jammert mit schrecklicher
Stimme, und die Donna weint und klagt, und die Kinder erheben ein Zetergeschrei,
da die Nachbarn zusammenlaufen. Dann strzt oft der junge Mann verzweifelnd aus
dem Haus und will fliehen, aber die Donna setzt ihm mit fliegenden Haaren nach,
und die Kinder laufen heulend hintendrein; sie fat ihn unter der Tre am
Gewand, sie achtet nicht auf die Menschen, die umherstehen; sie zieht ihn zurck
ins Haus und besnftigt ihn, und dann ist es oft auf viele Tage stille, bis das
Wetter von neuem losbricht.
    Heilige Jungfrau, rief der Schiffer, und hat er sie noch nie totgestochen
im Zorn?
    Wie Ihr sehet, nein! erwiderte der Grieche; aber krank ist sie schon oft
geworden, wenn er so greulich raste; dann lief er schnell zu drei, vier
Doktoren, um sie wieder ins Leben zurckzurufen. Es sind doch gute Seelen, diese
Deutschen!
    So sprachen diese Mnner, und ich ging von ihnen in tiefen Gedanken, ber
das was ich gehrt und gesehen hatte. Jenes Wort des jungen Berliners fiel mir
wieder bei, der den Kardinal Rocco beschuldigte, ein schnes, gutes Herz
gebrochen zu haben. Welches andere Herz konnte dies sein, als Luisens? Ich
glaubte deutlich zu sehen, da der Priester den Kapitn der Geliebten entzogen,
indem er sie verleumdet, da er ihn in die Fesseln dieser Donna Ines geschmiedet
habe, um ihn fr die Kirche zu gewinnen. Aber wie war alles dies geschehen? Wie
hatte er diesen Mann aus den Armen seines Mdchens ziehen, von einem Herzen
hinwegreien knnen, das ihn mit so heier Glut umfing; sollten jene
Beschuldigungen von Untreue wahr sein, die der Kardinal dem Kapitn
einflsterte, hatte sie wirklich den jungen Mann, der ihm so hnlich sah,
vorgezogen? Doch ich wute ja, wo ich mir Gewiheit verschaffen konnte; ich
beschlo bei guter Zeit am nchsten Morgen den Berliner wieder aufzusuchen.

Herr von S..... schien mich liebgewonnen zu haben, denn er empfing mich mit
Herzlichkeit und einem Wohlwollen, das selbst den Teufel erfreut, wenn er auch
schon an dergleichen gewhnt ist. Ich hatte mir vorgenommen, von meiner
gestrigen Fahrt und den Wunderdingen, die ich gehrt hatte, noch nichts zu
erwhnen, um den Verlauf seiner Geschichte zuvor desto ungestrter zu vernehmen.
    Von allem Unglck, das die Erde trgt, fuhr er zu erzhlen fort, scheint
mir keines grer, schmerzlicher und rhrender als jener stille, tiefe Gram
eines Mdchens, das unglcklich liebt, oder dessen zartes, glhendes Herz von
einem Elenden zur Liebe hingerissen und dann betrogen wird. Der Mann hat Kraft,
seinen Gram zu unterdrcken, den Verrat seiner Liebe zu rchen, die geprete
Brust dem Freunde zu ffnen; das Leben bietet ihm tausend Wege, in Mhe und
Arbeit, in weiter Ferne Vergessenheit zu erringen. Aber das Weib? - Der
husliche Kreis ist so enge, so leer. Jene tglich wiederkehrende Ordnung, jene
stille Beschftigung mit tausend kleinen Dingen, der sie sich in der Zeit
glcklicher Liebe frhlich, beinahe unbewut hingab, wie drckend wird sie, wenn
sich an jeden Gegenstand die Erinnerung an ein verlorenes Glck heftet. Wie
trge schleicht der Kreislauf der Stunden, wenn nicht mehr die sen Trume der
Zukunft, nicht der Zauber der Hoffnung, nicht die Seligkeit der Erwartung den
Minuten Flgel gibt, wenn nicht mehr das von glcklicher Liebe pochende Herz den
Schlag der Glocke bertnt!
    Doch, wozu Sie auf ein Unglck vorbereiten, das Sie nur zu bald erfahren
werden? hren Sie weiter: Mein Wunsch, Luise von Palden im Hause des Gesandten
zu sehen, gelang. Schon nach einigen Tagen wurde sie durch seine Schwester dort
eingefhrt. Sie errtete, als sie mich zum erstenmal dort sah, doch sie schien
mich wie einen alten Bekannten dort zu nehmen, es schien sie zu freuen, unter so
vielen fremden Mnnern einen zu wissen, der ihr nherstand. Denn so war es; sei
es, da die Erinnerung an unser sonderbares Abenteuer, mich aus einem Fremden
zum Bekannten machte, sei es, da sie gerne zu mir sprach, weil ich die Zge
ihres Freundes trug, sie unterschied mich auffallend von allen brigen Mnnern,
die dieser seltenen Erscheinung huldigten. Sie lcheln, Freund? Ich errate Ihre
Gedanken -
    Ich finde, Sie sind zu bescheiden; knnte es nicht auch Ihre eigene
Persnlichkeit gewesen sein, was das Frulein anzog?
    Nein, denken Sie nicht so von diesem himmlischen Geschpf; ich gestehe, ich
war ein Tor, ich machte mir Hoffnung, sie fr mich gewinnen zu knnen; ja
Freund, ich sagte ihr sogar, was ich frchte -
    Und Sie wurden nicht erhrt? Das treue, ehrliche Kind! und ihr Kapitn lag
vielleicht gerade in den Armen einer andern!
    Der Berliner stutzte; Wie? was wissen Sie? fragte er betroffen; wer hat
Ihnen gesagt, da West noch eine andere liebe?
    Nun, Sie selbst haben mich genug darauf vorbereitet, erwiderte ich;
sagten Sie nicht, da jener das Mdchen betrog?
    Sie haben recht; - nun, ich wurde lchelnd abgewiesen, abgewiesen, auf eine
Art, die mich dennoch glcklich, unaussprechlich glcklich machte. Sie war
keinen Augenblick ungehalten, sie gestand mir, da ich ihr als Freund willkommen
sei, da ihr Herz keinem andern mehr gehren knne. Sie sagte mir auch manches
von ihren Verhltnissen, was ganz mit dem bereinstimmt, was uns die Schwester
des Gesandten erzhlte, sie gestand, da sie nur darum nach Rom gezogen sei,
weil den Kapitn seine Verhltnisse hieher riefen; sie gestand, da er einen
Rechtsstreit wegen einer Erbschaft hier habe, da er, sobald die Sache
entschieden sei, vielleicht schon in wenigen Wochen, sie zum Altar fhren werde.
    Etwa eine Woche nach diesem aufrichtigen Gestndnis, rief mich eines Abends
der Gesandte aus dem Salon, in welchem die Gesellschaft versammelt war, zu sich.
Es war nichts Seltenes, da er sich mir in Geschftssachen mitteilte, weil ich
sein Vertrauen auf eine ehrenvolle Art besa; doch die Zeit war mir auffallend,
und es mute etwas von Wichtigkeit sein, weswegen er mich aus dem Kreis der
Damen aufstrte.
    Kennen Sie einen gewissen Kapitn West? fragte er, indem er mich mit
forschenden Blicken ansah.
    Ich habe einen Kapitn West flchtig kennengelernt, gab ich ihm zur Antwort.
    Nun, so flchtig msse es doch nicht sein, entgegnete er mir, da ich ein
Duell mit ihm gehabt.
    Ich sagte ihm, da ich Streit mit ihm gehabt, wegen einer ziemlich
gleichgltigen Sache, es sei aber alles gtlich beigelegt worden. Dennoch war es
mir auffallend, woher der Gesandte diesen Streit erfahren hatte, den ich so
geheim als mglich hielt, und von welchem Luise in seinem Hause gewi nichts
erwhnt hatte.
    Wegen einer Dame haben Sie Streit gehabt, sagte er; doch mchte ich Ihnen
raten, solche Hndel wegen einer so zweideutigen Person zu vermeiden. Sie wissen
selbst, wenn man einmal einen ffentlichen, besonders einen diplomatischen
Charakter hat, ist dergleichen in einem fremden Lande wegen der Folgen fr beide
Teile fatal.
    Der Ton, worin dies gesagt wurde, fiel mir auf. Er war sehr ernst, sehr
warnend; noch schmerzlicher berhrte mich, was er ber jene Dame sagte,
zweideutige Person! Und doch sa gerade diese Person als Krone der Gesellschaft
in seinem Salon, er selbst, ich hatte es deutlich gesehen, er selbst hatte noch
vor einer halben Stunde mit ihr auf eine Art gesprochen, die mich in dem alten
Herrn einen aufrichtigen Bewunderer ihrer Reize und ihres glnzenden Verstandes
sehen lie. Ich konnte eine Bemerkung hierber nicht unterdrcken, ich bat ihn
hflich, aber so fest als mglich, in meiner Gegenwart nicht mehr so von einer
Dame zu sprechen, die ich achte, und die einen so entschiedenen Rang in der
Gesellschaft einnehme. Ich wolle davon gar nicht reden, da er selbst sein Haus
beschimpfe, wenn er in solchen Ausdrcken von seinen Gsten spreche.
    Er sah mich verwundert an; er sagte mir, er knne meine Reden nicht
begreifen, denn weder behaupte die Dame einen Rang in der Gesellschaft, die er
sehe, noch habe sie je einen Fu ber seine Schwelle gesetzt. Die Reihe zu
erstaunen war jetzt an mir; ich sah, da hier ein Irrtum vorwalte, und belehrte
ihn, da Frulein von Palden die Dame sei, um die wir uns schlagen wollten.
Verzeihen Sie, rief er, man sagt mir, Sie haben sich wegen der Geliebten dieses
Kapitn West geschlagen, daher glaubte ich Ihnen dies sagen zu mssen.
    Und wenn dies nun dennoch wre? fragte ich; kennen Sie denn die Geliebte des
Kapitn?
    Gott soll mich bewahren, entgegnete er. Nein, ich glaube er hat schon selbst
genug an seiner Portugiesin.
    Ich staunte von neuem; Von einer Portugiesin sprechen Sie? wie kommen Sie
nur darauf? Ich wei bestimmt, da der Kapitn eine deutsche Dame liebt.
    Um so schlimmer fr das arme Kind in Deutschland, war seine Antwort; wie die
Sachen stehen, scheint man im Lateran ernstlich daran zu denken, den goldenen
Quadrupeln der schnen Donna Gehr zu geben, und ihre frhere Ehe, weil sie
nicht ganz gltig vollzogen war, fr nichtig zu erklren. Der Kapitn macht eine
gute Partie, aber - jeder Mann von Ehre wird diesen Schritt mibilligen.
    Ich stand wie vom Donner gerhrt vor dem alten Mann; entweder lag hier eine
Verwechslung der Namen und Personen zugrunde, oder es war ein schreckliches
Geheimnis, und der Kapitn ein Betrger, der Luisens Glck vielleicht auf ewig
zerstrt hatte.
    Ich sagte dem Gesandten geradezu, da er mit mir ber Dinge spreche, die mir
vllig unbekannt seien. Er staunte, doch glaubte er, da er schon so viel gesagt
hatte, mir die weitere Erklrung dieser Rtsel schuldig zu sein. Dieser Kapitn
West ist ein Sachse, erzhlte er; er diente frher im Generalstab, und wurde
dann zu einer diplomatischen Sendung nach Spanien verwandt; er soll ein Mann von
vielen Talenten, aber etwas zweideutigem Charakter sein. Warum die Wahl gerade
auf ihn fiel, da noch ltere Leute und aus guten Husern im Departement waren,
ist mir unbekannt; nur so viel erfuhr ich zufllig, da man ihn damals von
Dresden habe entfernen wollen. Man erzhlt sich, er habe in Madrid in einem
Verhltnis zu einer schnen, jungen Frau gelebt; sie war eine Spanierin, aber an
einen alten Englnder verheiratet, der sie vielleicht nicht so strenge unter
Schlo und Riegel hielt, wie man sonst in Spanien zu tun pflegt.
    Als aber endlich dieses Verhltnis zu den Ohren des Englnders kam, bewirkte
dieser, da der Kapitn von seinem Posten abgerufen und sogar aus dem Dienst
entlassen wurde. Doch sagen andere, er selbst habe aus rger ber seine schnelle
Abrufung quittiert. Doch das Beste kommt noch; einige Wochen nach seiner Abreise
war die Frau des Englnders mit ihren beiden Kindern pltzlich verschwunden, man
kann sagen, spurlos verschwunden, denn so viele Mhe sich ihr Gatte gab, ihrer
habhaft zu werden, alles war vergeblich. Vielleicht scheiterten auch seine
Bemhungen an den Unruhen, die gerade in jener Zeit ausbrachen und die
Kommunikation mit Frankreich sehr erschwerten.
    Der Verdacht dieses Englnders fiel, wie natrlich, vor allem auf den
Kapitn West. Er wute es zu machen, da dieser in Paris angehalten und verhrt
wurde. Man sagt, er solle sehr betreten gewesen sein, als er die Nachricht von
der Flucht dieser Dame hrte; er wies sich aber aus, da er die Reise bis nach
Paris allein gemacht habe, und bekrftigte mit einem Eid, da er von diesem
Schritt der Donna nichts wisse.
    Etwa ein Vierteljahr nachher kam er nach Rom, und lebt seitdem hier sehr
still und eingezogen, besucht keine Gesellschaft, hat keinen Freund, keinen
Bekannten, vorzglich vermeidet er es, mit Deutschen zusammenzutreffen.
    Um diese Zeit, fuhr der Gesandte fort, sei von seinem Hofe die Anfrage an
ihn ergangen, ob dieser West sich in Rom befinde; wie er lebe, und ob er nicht
in Verhltnis mit einer Spanierin sei, die sich ebenfalls hier aufhalten msse.
Man habe ihm dabei die Geschichte dieses Kapitn West mitgeteilt und bemerkt,
da der Englnder von neuem Spuren von seiner Frau entdeckt habe, die beinahe
mit Gewiheit annehmen lassen, da sie in Rom sich aufhalte. Man habe deswegen
von Spanien aus sich an die ppstliche Kurie gewandt, es scheine aber, man wolle
sich hier der Dame annehmen, denn die Antwort sei sehr zweifelhaft und
unbefriedigend ausgefallen. Der Gesandte machte die ntigen Schritte und erfuhr
wenigstens so viel, da jener Verdacht besttigt schien. Er wandte sich nun auch
an Consalvi, um zu erfahren, ob der rmische Hof in der Tat die Dame in seinen
Schutz nehme und erhielt die, in eine sehr bestimmte Bitte gefate, Antwort, man
mchte diese Sachen beruhen lassen, da die Ehe der Donna Ines mit dem Englnder
wahrscheinlich fr ungltig erklrt werde.
    Dies erzhlte mir der Gesandte; er sagte noch hinzu, da er aus besonderem
Interesse an diesem Fall dem Kapitn immer nachgesprt habe, und so sei ihm auch
der Streit zu Ohren gekommen, den ich im Karneval mit jenem wegen einer Dame
gehabt habe.
    Sie knnen sich denken, Freund, welche Qualen ich schon whrend seiner
Erzhlung empfand; und als ich das ganze Unglck erfahren hatte, stand ich wie
vernichtet. Der Gesandte verlie mich, um zu der Gesellschaft zurckzukehren;
ich hatte kaum noch so viel Fassung, ihn zu bitten, er mchte niemand etwas von
diesen Verhltnissen wissen lassen, das Warum? versprach ich ihm auf ein
andermal.
    Ich konnte von dem Zimmer, wohin der Gesandte mich gerufen, den Salon
bersehen, ich konnte Luisen sehen, und wie schmerzlich war mir ihr Anblick. Sie
schien so ruhig, so glcklich. Der Friede ihrer schnen Seele lag wie der junge
Tag freundlich auf ihrer Stirne; ihr sanftes blaues Auge glnzte, vielleicht von
der Erwartung einer schnen Abendstunde, und das Lcheln, das ihren Mund
umschwebte, schien der Nachklang einer freudigen Erinnerung hervorgelockt zu
haben. Nein, es war mir nicht mglich, diesen Anblick lnger zu ertragen, ich
eilte ins Freie, um dieses Bild durch neue Bilder zu verdrngen; aber wie war es
mglich? der Gedanke an sie kehrte schmerzlicher als je zurck, denn der Friede
der Natur, der zauberische Schmelz der Landschaft, die se Ruhe, die diese
Fluren atmeten, erinnerten sie mich nicht immer wieder an jenes holde Wesen? und
die Wolken, die sich am fernen Horizont schwrzlich auftrmten, und ein
nchtliches Gewitter verkndeten, hingen sie nicht ber der friedlichen
Landschaft wie das Unglck, das Luisen drohte?
    Ich ging nach Hause; ich dachte nach, ob nicht Rettung mglich sei, ob ich
sie nicht losmachen knne von dieser schrecklichen Verbindung. Doch, war nicht
zu befrchten, da sie mir mitrauen werde? Sie wute, ich liebe sie, kannte sie
mich hinlnglich, um nicht an der Reinheit meiner Absichten zu zweifeln? Ich
konnte es nicht ber mich gewinnen, ihr selbst ihr Unglck zu verknden. Nur
einen Ausweg glaubte ich offen zu sehen; ich wollte ihn selbst zur Rede stellen,
den Elenden, ich wollte ihn bewegen, einen entscheidenden Schritt auf die eine
oder die andere Seite zu tun. Ja, darin glaubte ich einen glcklichen Weg
gefunden zu haben; er selbst mute ihr sagen, da er nicht mehr verdiene von ihr
geliebt zu werden; und dann, dachte ich, dann wird sie zwar unglcklich sein,
aber ich will versuchen, sie glcklich zu machen, durch ein langes Leben voll
Treue und Liebe will ich ihr Unglck zu mildern suchen.
    Aber wie konnten Sie glauben, rief ich, ber diese romantischen Ideen
unwillkrlich lchelnd, wie konnten Sie glauben, Freund, da ein Kapitn West
zu diesem sonderbaren Gestndnisse sich hergeben werde? In Romanen mag dies der
Fall sein, aber Herr! in der Wirklichkeit? Haben Sie je einen Narren der Art
gekannt?
    Ach, ich dachte zu gut von den Menschen, antwortete er. Ich dachte, wie
ich mu jeder fhlen - Ich ging in die Wohnung des Kapitn West. Er wohnte
schlecht, beinahe rmlich. Ich traf ihn wie er einen schnen Knaben von acht
Jahren auf den Knien hatte, welchen er lesen lehrte. Errtend setzte er den
Knaben nieder, und stand auf, mich zu begren. Ei Papa! rief der Kleine, wie
sieht dir dieser Herr so hnlich.
    Der Kapitn geriet in Verlegenheit und fhrte den Knaben aus dem Zimmer.
Wie, sagte ich zu ihm; Sie haben schon einen Knaben von diesem Alter? waren Sie
frher verheiratet?
    Er suchte zu lachen, und die Sache in einen Scherz zu drehen; er behauptete,
der Knabe gehre in die Nachbarschaft, besuche ihn zuweilen und nenne ihn Papa,
weil er sich seiner annehme.
    Er gehrt wohl der Donna Ines? fragte ich, indem ich ihn scharf ansah. Noch
nie zuvor hatte ich gesehen, wie schrecklich das bse Gewissen sich kundtut; er
erblate; seine Augen glnzten wie die einer Schlange, ich glaubte er wolle mich
durchbohren. Noch ehe er sich hinlnglich gesammelt hatte, um mir zu antworten,
sagte ich ihm gerade ins Gesicht, was ich von ihm wisse und was ich von ihm
verlange, um das Frulein nicht vllig unglcklich zu machen.
    Er lief in Wut im Zimmer umher, er schimpfte auf Zwischentrger und
Zudringliche; er behauptete, ich habe die ganze Geschichte aufgedeckt, um Luisen
von ihm zu entfernen. Ich lie ihn ausreden; dann sagte ich ihm mit kurzen
Worten, wie ich sein Verhltnis zu der Spanierin erfahren habe, und bat ihn noch
einmal mit den herzlichsten Tnen unserer Sprache, das Frulein so schonend als
mglich von sich zu entfernen.
    Es gelang mir ihn zu rhren; aber nun hatte ich eine andere unangenehme
Szene durchzukmpfen; er klagte sich an, er weinte, er verfluchte sich, das
holde Geschpf so schndlich betrogen zu haben; er schwor sich von der Spanierin
zu trennen; er flehte mich an, ihn zu retten; er gestand mir, da er sich von
einem Nerz umstrickt sehe, das er nicht gewaltsam durchbrechen knne, weil
einige hohe Geistliche der Kirche kompromittiert wrden. Er ging so weit, mich
zu zwingen, seine Geschichte anzuhren, um vielleicht milder ber ihn urteilen
zu knnen. Es war die Geschichte eines - Leichtsinnigen. Dieses Wort mge
entschuldigen, was vielleicht schlecht genannt werden knnte. Es lag in dem
Wesen dieses Mannes ein Etwas, das ihn bei den Frauen sehr glcklich machen
mute. Es war der uere Anschein von Kraft und Entschlossenheit, die ihm
brigens sein ganzes Leben hindurch gemangelt zu haben schienen. Er mute eine
fr seinen Stand ausgezeichnete Bildung gehabt haben, denn er sprach sehr gut,
seine Ausdrcke waren gewhlt, seine Bilder oft wahrhaft poetisch, er konnte
hinreien, so da ich oft glaubte, er spreche mit Eifer von einem Dritten,
whrend er mir seinen eigenen beklagenswerten Zustand schilderte. Ich habe dies
oft an Menschen bemerkt, die sonst ihrem Triebe folgen, in den Tag hinein leben,
ohne sich selbst zu prfen, und erst in dem Moment der Erzhlung ber sich
selbst flchtig nachdenken. Sie werden dann durch die Sprache selbst zu einem
eigentmlichen Feuer gesteigert, sie sprechen mit Umsicht von sich selbst, doch
eben weil diese ihnen sonst abging, ist man versucht zu glauben, sie sprechen
von einem Dritten.
    Es war Luise, die ihn zuerst liebte; er erkannte ihre Neigung; Eitelkeit,
die herrliche aufblhende Schnheit, die Tochter eines der ersten Huser der
Stadt fr sich gewonnen zu haben, ri ihn zu einem Gefhl hin, das er fr Liebe
hielt. Der Vater sah dies Verhltnis ungerne. Ich konnte mir denken, da es
vielleicht weniger Stolz auf seine Ahnen, als die Furcht vor dem schwankenden
Charakter des Kapitns war, was ihn zu einer Hrte stimmte, die die Liebe eines
Mdchens wie Luise immer mehr anfachen mute. Er soll ihr, was ich jetzt erst
erfuhr, auf seinem Sterbebette den Fluch gegeben haben, wenn sie je mit dem
Kapitn sich verbinde.
    West suchte die Geschichte mit der Frau des Englnders auf Verfhrung zu
schieben. Ich habe eine solche bei einem Mann, der das Bild der Geliebten fest
im Herzen trgt, nie fr mglich gehalten. Doch die Strafe ereilte ihn bald. Er
gestand mir, da er froh gewesen sei, als er, vielleicht durch Vermittlung des
Englnders, von seinem Posten zurckberufen wurde. Donna Ines habe ihm allerlei
sonderbare Vorschlge zur Flucht gemacht, in die er nicht eingehen knnen; er
sei, ohne Abschied von ihr zu nehmen, abgereist. Was ihn eigentlich bestimmte,
nach Rom zu gehen, sah ich nicht recht ein, und er suchte auch ber diesen Punkt
so schnell als mglich hinwegzukommen. Er erzhlte ferner, wie er durch Luisens
Ankunft erfreut worden sei, wie er sich vorgenommen, nur ihr, ihr allein zu
leben. Doch da sei pltzlich Donna Ines in Rom erschienen, sie habe sich mit
zwei Kindern geflchtet, sei ihm nachgereist, und habe jetzt verlangt, er solle
sie heiraten.
    Es entging mir nicht, da der Kapitn mich hier belog. Ich hatte von dem
Gesandten bestimmt erfahren, da jener schon in Paris angehalten und ber die
Flucht der Donna zur Rede gestellt worden sei; er konnte sich also denken, da
sie ihm nachreisen werde, und dennoch knpfte er die Liebe zu Luisen von neuem
an. Ferner, wie htte es Ines wagen knnen, ihm zu folgen, wenn er ihr nicht
versprochen htte, sie zu heiraten, wenn er sie nicht durch tausend
Vorspiegelungen aus ihrem ruhigen Leben herausgelockt und zur Abenteurerin
gemacht htte?
    Er schilderte mir nun ein Gewebe von unglcklichen Verhltnissen, in welche
ihn diese Frau, die mit allen Kardinlen, namentlich mit Pater Rocco, schnell
bekannt geworden, gefhrt habe. Es wurde ernstlich an der Auflsung ihrer
frheren Ehe gearbeitet, und es war als bekannt angenommen worden, da er die
Geschiedene heiraten werde.
    Sie sagten mir hier nichts Neues, antwortete ich ihm; dies alles beinahe
wute ich vorher. Aber ich hoffe, da Sie als Mann von Ehre einsehen werden, da
das Verhltnis zu Frulein von Palden nicht fortdauern kann, oder Sie mssen
sich von der Spanierin lossagen.
    Das letztere knne er nicht, sagte er, er habe von ihr und dem Kardinal
Rocco Vorschsse empfangen, die sein Vermgen bersteigen, er knne also
wenigstens im Augenblick keinen entscheidenden Schritt tun.
    Im Augenblick heit hier nie, erwiderte ich ihm. Sie werden sich aus diesen
Banden, wenn sie so beschaffen sind, nie mit Anstand losmachen knnen. Ich halte
es also fr Ihre heiligste Pflicht, Luisen nicht noch unglcklicher zu machen;
denn was kann endlich das Ziel Ihrer Bestrebungen sein?
    Er errtete und meinte, ich halte ihn fr schlechter als er sei. Doch er
fhle selbst, da man einen Schritt tun msse. Er glaube aber, es sei dies meine
Sache. Er trete mir Luisen ab, ich solle mir auf jede Art ihre Gunst zu erwerben
suchen und sie glcklich machen. Er hatte Trnen in den Augen, als er dies
sagte, und ich sah mit beinahe zu mitleidigen Augen, wie weit ein Mensch durch
Leichtsinn kommen knne.
    Ich ging um nichts weiser geworden, ohne da ein wirklicher Entschlu gefat
worden war, von dem Kapitn; mein Gefhl war eine Mischung von Verachtung und
Bedauern. Auf der Treppe begegnete mir wieder der schne Knabe und fragte, ob er
wohl jetzt zu Papa kommen drfte.
    Ha! und jetzt setzten Sie wohl alle Segel auf, Freundchen, fragte ich;
jetzt machten Sie wohl Jagd auf die schne Galeere Luise?
    Ja und nein, antwortete er trbe; sie schien meine Liebe zu bersehen,
nicht zu achten, aber bald bemerkte ich, da sie ngstlicher wurde in meiner
Nhe, es schmerzte sie, da mir ihre Freundschaft nicht gengen wolle. Und jener
Elende, sei es aus Bosheit oder Leichtsinn, zog sich nicht von ihr zurck, ich
vermute es sogar, er hat sie vor mir gewarnt. So standen die Sachen, als die
Zeit, die ich in Rom zubringen sollte, bald zu Ende ging. Im Kabinett des
Gesandten arbeitete man schon an Memoiren, die man mir nach Berlin mitgeben
wollte, man wunderte sich, da ich noch keine Abschiedsbesuche mache - und ich,
ich lebte in dumpfem Hinbrten, ich sah nicht ein, wie ich dieser Reise
entfliehen konnte, und dennoch hielt ich es nicht fr mglich, Luisen zu
verlassen, jetzt da ihr vielleicht bald der schrecklichste Schlag bevorstand.
Oft war ich auf dem Punkt, ihr alles, alles zu entdecken, aber wie war es mir
mglich, ihre himmlische Ruhe zu zerstren, das Herz zu brechen, das ich so
gerne glcklich gewut htte?
    Da strzte eines Morgens der Kapitn West in mein Zimmer; er war bleich,
verstrt, es dauerte eine lange Zeit, bis er sich fassen und sprechen konnte.
Jetzt ist alles aus, rief er, sie stirbt, sie mu sterben, dieser Kummer wird
sie zerschmettern! Er gestand, da Donna Ines oder der Kardinal Rocco seine
Liebe zu Luisen entdeckt htten, ihr schrieben sie sein Zgern, sein Schwanken
zu, und der Kardinal hatte geschworen, er wolle an diesem Tage zu dem deutschen
Frulein gehen, und sie zur Rede stellen, wie sie es wagen knne, einen Mann,
der schon so gut als verehelicht sei, von seinen Pflichten zurckzuhalten.
    Ich kannte diesen Priester und seine tckische Arglist; ich erkannte, da
die Geliebte verloren sei. Ich wei Ihnen von dieser Stunde, von diesem Tag
wenig mehr zu erzhlen. Ich wei nur, da ich den Kapitn in kalter Wut zur Tre
hinausschob, mich schnell in die Kleider warf, und wie ein gejagtes Wild durch
die Straen dem Hause der Signora Campoco zulief. Als ich unten an dieser Strae
anlangte, sah ich einen Kardinal sich demselben Hause nhern. Er schritt stolz
einher, Frater Piccolo trug ihm den Mantel, es war kein Zweifel, es war Rocco.
Ich setzte meine letzten Krfte daran, ich rannte wie ein Wahnsinniger auf ihn
zu, doch - ich kam eben an, als mir Piccolo mit teuflischem Lcheln die Tre vor
der Nase zuwarf.
    Eine Art von Instinkt trieb mich, all diesem Jammer zu entfliehen. Ich ging
wie ich war zu dem Gesandten und sagte ihm, da ich noch in dieser Stunde
abreisen werde. Er war es zufrieden, gab mir seine Auftrge, und bald hatte ich
die heilige - unglckselige Stadt im Rcken. Erst als ich nach langer Fahrt zu
mir selbst kam, als meine Vorstellungen sich wieder ordneten und deutlicher
wurden, erst dann tadelte ich meine Feigheit, die mich zu dieser bereilten
Flucht verfhrte. Ich tadelte meine ganze Handlungsweise, ich klagte mich an,
die Unglckliche auf diesen Schlag nicht vorbereitet zu haben; - doch es war zu
spt, und wenn ich mir meine Gefhle, meine ganze Lage zurckrief, ach, da
schien es so verzeihlich, die Geliebte verschont zu haben! So kam ich nach
Berlin, in dieser Stimmung trafen Sie mich dort, und ein Teil dieser Geschichte
war es, den ich damals im Hause meiner Tante erzhlt habe.
    Der junge Mann hatte geendet; seine Zge hatten nach und nach jene Trauer,
jene Wehmut angenommen, die ich in seinem Wesen, als ich ihn in Berlin sah, zu
bemerken glaubte; er war ganz derselbe, der er an jenem Abend war, und die Worte
seiner Tante, er sehe seit seiner Zurckkunft so geheimnisvoll aus, kamen mir
wieder in den Sinn, und lieen mich den richtigen Blick dieser Dame bewundern.
An seiner ganzen Historie schienen mir brigens nur zwei Dinge auffallend.
Unglckliche Mdchen wie das Frulein, abenteuernde Damen wie Ines, intrigante
Priester wie Kardinal Rocco hatte ich auf der Welt schon viele gesehen. Aber die
beiden Mnner waren mir, als Menschenkenner, etwas rtselhaft.
    Der Kapitn hatte allerdings schon einen bedeutenden Grad in meinem
Reglement erlangt, aber unbegreiflich war es mir, wie sich dieser Mann so lange
auf einer Stufe halten konnte, da doch nach moralischen wie nach physischen
Krften, ein Krper, welcher abwrts gleitet, immer schneller fllt. Er war
falsch, denn er spielte zwei Rollen, er war leichtsinnig, denn er verga sich
alle Augenblicke, er war eiferschtig, obgleich er es selbst mit zwei Frauen
hielt, er war schnell zum Zorn reizbar, als deutscher Kapitn liebte er
wahrscheinlich auch das Est, Est, Est, Eigenschaften, die nicht lange auf einer
Stufe lassen. Ein anderer an seiner Stelle wre vielleicht aus Eifersucht und
Zorn schon lngst ein Totschlger geworden, ein zweiter wre, leichtsinnig wie
er, all diesem Jammer entflohen, htte die Donna Ines hier, und Frulein Luise
dort, sitzenlassen, und vielleicht an einem andern Ort eine andere gefreit; ein
dritter htte vielleicht der Donna Gift beigebracht, um die schne Schsin zu
besitzen, oder aus Verzweiflung die letztere erdolcht.
    Aber wie langweilig dnkte es mir, da das Frulein noch in demselben
Zustande war, da die beiden Anbeter noch nicht in Streit geraten waren, da das
Ende von diesen Geschichten ein bertritt zur rmischen Kirche, eine Hochzeit
der Donna Ines und vielleicht eine zweite, Luisens mit dem Berliner werden
sollte?
    Denn eben dieser ehrliche Berliner! er stand zwar in etwas entfernten
Verhltnissen zu mir, doch wute ich, wenn ich ihm das Ziel seines heimlichen
Strebens, das Frulein, recht lockend, recht reizend vorstellte, wenn ich ihren
Besitz ihm von ferne mglich zeige, so machte er Riesenschritte abwrts, denn
seine Anlagen waren gut. Ich beschlo daher, mir ein kleines Vergngen zu
machen, und die Leutchen zu hetzen.
    Whrend diese Gedanken flchtig in mir aufstiegen, wurde dem Herrn von S.
ein Brief gebracht. Er sah die Aufschrift an und errtete, er ri das Siegel
auf, er las, und sein Auge wurde immer glnzender, seine Stimme heiterer. Der
Engel! rief er aus, sie will mich dennoch sehen! wie glcklich macht sie mich!
Lesen Sie, Freund, sagte er, indem er mir den Brief reichte; mssen solche
Zeilen nicht beglcken?
    Ich las:

Mein treuer Freund!

Mein Herz verlangt darnach, Sie zu sprechen. Ich wollte Sie nicht mehr sehen,
nicht mehr sprechen, bis Sie mir gute Nachrichten zu bringen htten; Sie selbst
sind es eigentlich, der diesen Bann aussprach. Doch heben Sie ihn auf, Sie
wissen, wie trstlich es mir ist, mit Ihnen sprechen zu knnen. Der Fromme ist
wieder hier; er verspricht sich das Beste von West. Ach! da er ihn
zurckbrchte von seinem Abwege, nicht zu mir, meine Augen drfen ihn nicht mehr
sehen, nur zurck von dieser Schmach, die ich nicht ertragen kann.
                                                                         L. v. P

N. S. Wissen Sie in Rom keinen Deutschen, der in Mecklenburg bekannt wre? West
hat dort Verwandte, die vielleicht in der Sache etwas tun knnten.

Ich kann mir denken, da dieses schne Vertrauen Sie erfreuen mu߫, sagte ich,
doch einiges ist mir nicht recht klar, in diesem Brief, das Sie mir brigens
aufklren werden. Wegen der Verwandten in Mecklenburg kann sich brigens das
Frulein an niemand besser wenden, als an mich, denn ich war mehrere Jahre dort,
und bin beinahe in allen Familien genau bekannt.
    Der junge Mann war entzckt, dem Frulein so schnell dienen zu knnen. Das
ist trefflich! rief er, und Sie begleiten mich wohl jetzt eben zu ihr? Ich
erzhle Ihnen unterwegs noch einiges, was Ihnen die Verhltnisse klarer machen
wird.
    Ich sagte mit Freuden zu, wir gingen.
    In Berlin, erzhlte er, hielt ich es nur zwei Monate aus; ich hatte
niemand hier in Rom, der mir ber das unglckliche Geschpf htte Nachricht
geben knnen, und so lebte ich in einem Zustand, der beinahe an Verzweiflung
grenzt; nur einmal schrieb mir der schsische Gesandte: Der Papst habe sich
jetzt ffentlich fr den Kapitn West erklrt, man spreche davon, da der Preis
dieser Gnade, der bertritt des Kapitns zur rmischen Kirche sein solle. In
demselben Brief erwhnte er mit Bedauern, da die junge Dame, die uns alle so
sehr angezogen habe, die mich immer besonders auszuzeichnen geschienen, sehr
gefhrlich krank sei, die rzte zweifeln an ihrer Rettung.
    Wer konnte dies anders sein, als die arme Luise. Diese letzte Nachricht
entschied ber mich. Zwar htte ich mir denken knnen, da das, was ihr der
Kardinal mitteilte, Krankheit, vielleicht den Tod zur Folge haben werde, aber
jetzt erst, als ich diese Nachricht gewi wute, jetzt erst kam sie mir
schrecklich vor; ich reiste nach Rom zurck, und meine Bekannten hier haben sich
nicht weniger darber gewundert, mich so unverhofft zu sehen, als meine
Verwandten in Berlin, mich so pltzlich wieder entlassen zu mssen. Besonders
die Tante konnte es mir nicht verzeihen, denn sie hatte schon den Plan gemacht,
mich mit einer der Frulein, die Sie beim Tee versammelt fanden, zu verheiraten.
    Erlassen Sie es mir, zu beschreiben, wie ich das Frulein wiederfand! Nur
eins schien diese schne Seele zu betrben, der Gedanke, da West zu seiner
groen Schuld noch einen Abfall von der Kirche fgen wolle. Ich lebe seitdem ein
Leben voll Kummer. Ich sehe ihre Krfte, ihre Jugend dahinschwinden, ich sehe,
wie sie ein Herz voll Jammer unter einer lchelnden Miene verbirgt. Um mich zu
noch ttigerem Eifer, ihr zu dienen, zu zwingen, gelobte ich, sie nicht mehr zu
sprechen, bis ich von dem Kapitn erlangt htte, da er nicht zum Apostaten
werde, oder - bis sie mich selbst rufen lasse. Das letztere ist heute geschehen.
Es scheint, sie hat Hoffnung, ich habe keine; denn er ist zu allem fhig, und
Rocco hat ihn so im Netze, da an kein Entrinnen zu denken ist.
    Aber der Fromme, fragte ich; soll wohl der seine Bekehrung bernehmen?
    Auf diesen Menschen scheint sie ihre Hoffnung zu grnden. Es ist ein
deutscher Kaufmann, ein sogenannter Pietist, er zieht umher, um zu bekehren;
doch leider mu er jedem Vernnftigen zu lcherlich erscheinen, als da ich
glauben knnte, er sei zur Bekehrung des Kapitns berufen. Eher setze ich einige
Hoffnungen auf Sie, mein Freund, wenn Sie durch die Verwandten etwas bewirken
knnten; doch auch dies kommt zu spt! Wie sie sich nur um diesen Elenden noch
kmmern mag!
    Viel versprach ich mir von diesem Besuch bei dem Frulein von Palden. Was
ich von ihr gesehen, von ihr gehrt, hatte mir ein Interesse eingeflt, das
diese Stunde befriedigen mute. Ich hatte mir schon lange zuvor, ehe ich sie
sah, ein Bild von ihr entworfen, ich fand es, als sie mir damals im Portikus
erschien, beinahe verwirklicht; nur eines schien noch zu fehlen, und auch das
hatte sich jetzt besttigt; ich dachte mir sie nmlich etwas fromm, etwas
schwrmerisch, und sie mute dies sein, wie konnte sie sonst einem deutschen
Pietisten die Heilung des Kapitn West zutrauen?
    Wir wurden von der Signora Campoco und ihren Hunden freundlich empfangen;
den Berliner fhrte sie zu ihrer Nichte, mich bat sie in ein Zimmer zu treten,
wo ich einen Landsmann finden werde. Ich trat ein. Am Fenster stand ein kleiner
hagerer Mann, von kaltem, finsterem Aussehen. Er heftete seine Augen immer zu
Boden, und wenn er sie einmal aufschlug, so glhten sie von einem trben,
unsicheren Feuer. Ich machte ihm mein Kompliment, er erwiderte es mit einem
leichten Neigen des Hauptes und antwortete: Gegret seist du mit dem Grue des
Friedens!
    Ha! dachte ich, das ist niemand anders als der Pietist! Solche Leute sind
eine wahre Augenweide fr den Teufel, er wei wie es in ihrem Innern aussieht,
und, diese herrliche Charaktermaske, lcherlicher als Polischinello, komischer
als Passaglio, pathetischer als Truffaldin, und wahrer als sie alle, trifft man
besonders in Deutschland, und seit neuerer Zeit in Amerika, wohin sie die
Deutschen verpflanzt haben. Diese Protestanten glauben im echten Sinne des
Wortes zu handeln, wenn sie gegen alles protestieren. Der Glaube der
katholischen Kirche ist ihnen ein Greuel; der Papst ist der Antichrist, gegen
ihn und die Trken beten sie alle Tage ein absonderliches Gebet. Nicht zufrieden
mit diesem, protestieren sie gegen ihren eigenen Staat, gegen ihre eigene
Kirche. Alles ist ihnen nicht orthodox, nicht fromm genug. Man glaubt
vielleicht, sie selbst sind um so frmmer? O ja, wie man will. Sie gehen
gesenkten Hauptes, wagen den Blick nicht zu erheben, wagen kein Weltkind
anzuschauen. Ihre Rede ist Ja, ja, nein, nein. Auf weitere Schwre und
dergleichen lassen sie sich nicht ein. Sie sind die Stillen im Lande, denn sie
leben einfach und ohne Lrm fr sich; doch diese selige Ruhe in dem Herrn
verhindert sie nicht, ihre Mitmenschen zu verleumden, zu bestehlen, zu betrgen.
Daher kommt es, da sie einander selbst nicht trauen. Sie vermeiden es, sich
ffentlich zu vergngen, und wer am Sonntag tanzt, ist in ihren Augen ein
Ruchloser. Unter sich selbst aber feiern sie Orgien, von denen jeder andere sein
Auge beschmt wegwenden wrde.
    Drum lacht mir das Herz, wenn ich einen Mystiker dieser Art sehe. Sie gehen
still durchs Leben und wollen die Welt glauben machen, sie seien von Anbeginn
der Welt als extrafeine Sorte erschaffen und plombiert worden, und der heilige
Petrus, mein lieber Cousin, werde ihnen einen nheren Weg, ein Seitenpfrtchen
in den Himmel aufschlieen. Aber alle kommen zu mir; Separatisten, Pietisten,
Mystiker, wie sie sich heien mgen, seien sie Kathedermnner oder Schuhmacher,
alle sind Nr. 1 und 2, sie verneinen, wenn auch nicht im uern, denn sie sind
Heuchler in ihrem Herzen von Anbeginn.
    Ein solcher war nun der fromme Mann am Fenster. Ihr seid ein Landsmann von
mir, fragte ich nach seinem Gru, Ihr seid ein Deutscher?
    Alle Menschen sind Brder und gleich vor Gott, antwortete er; aber die
Frommen sind ihm ein angenehmer Geruch.
    Da habt Ihr recht, erwiderte ich, besonders wenn sie in einer engen Stube
Betstunde halten. Seid Ihr schon lange hier in dieser gotteslsterlichen Stadt?
    Er warf einen scheuen Blick auf mich und seufzte: O welche Freude hat mir
der Herr gegeben, da er einen Erweckten zu mir sandte; du bist der erste, der
mir hier saget, da dies die Stadt der Babylonischen H-, der Sitz des
Antichrists ist. Da sprechen sie in ihrem weltlichen Sinne von dem Altertum der
Heiden, laufen umher in diesen groen Gtzentempeln, und nennen alles Heiliges
Land, selbst wenn sie Protestanten sind; aber diese sind oft die rgsten.
    Wie freut es mich, Bruder, dich gefunden zu haben. Sind noch mehrere Brder
und Schwestern hier? Doch hier kann es nicht fehlen; in einer Gemeinde, die der
Apostel Paulus selbst gestiftet hat, mssen fromme Seelen sein.
    Bruder, geh mir weg mit dem Apostel Paulus, dem traue ich nur halb; man
wei allerlei von seinem frheren Leben, und nachher, da hat er so etwas
Gelehrtes wie unsere Professoren und Pfarrer; ich glaube, durch ihn ist dieses
bel in die Welt gekommen. Zu was denn diese Gelehrtheit, diese Untersuchungen;
sie fhren zum Unglauben. Die Erleuchtung macht's, und wenn einer nicht zum
Durchbruch gekommen ist, bleibt er ein Snder. Ein altes Weib, wenn sie
erleuchtet ist, kann so gut predigen und lehren in Israel als der gelehrteste
Doktor.
    Du hast recht, Bruder, erwiderte ich ihm; und ich war in meinem Leben in
der Seele nicht vergngter, nie so heiter gestimmt als wenn ich einen Bruder
Schuster, oder eine Schwester Spitlerin das Wort verkndigen hrte. War es auch
lauterer Unsinn was sie sprach, so hatte ihr es doch der Geist eingegeben, und
wir alle waren zerknirscht. Doch sage mir, wie kommst du ins Haus dieser
Gottlosen?
    Bruder, in der Stadt Dresden im Sachsenland, wo es mehr Erleuchtete gibt
als irgendwo, da wohnte ich neben ihrem Haus. Damals war sie ein Weltkind, und
lachte, wenn die Frommen am Sonntagabend in mein Haus wandelten, um eine Stunde
bei mir zu halten. Als ich nun hieher kam in dieses Sodom und Gomorra, da gab
mir der Geist ein, meine Nachbarin aufzusuchen.
    Ich fand sie von einem Unglck niedergedrckt. Es ist ihr ganz recht
geschehen, denn so straft der Herr den Wandel der Snder. Aber mich erbarmte
doch ihre junge Seele, da sie so sicherlich abfahren soll, dorthin wo Heulen
und Zhnklappern. Ich sprach ihr zu und sie ging ein in meine Lehren, und ich
hoffe, es wird bei ihr bald zum Durchbruch kommen. Und da erzhlte sie mir von
einem Mann, den der Satan und der Antichrist in ihren Schlingen gefangen haben,
und bat mich, ob ich nicht lsen knne diese Bande kra des Geistes, der in mir
wohnet. Und darum bin ich hier.
    Whrend der fromme Mann die letzten Worte sprach, kam der Berliner mit dem
Frulein. Jener stellte mich vor, und sie fragte errtend, ob ich mit der
Familie des Kapitns West in Mecklenburg bekannt sei. Ich bejahte es; ich hatte
mit mehreren dieser Leute zu tun gehabt und gab ihr einige Details an, die sie
zu befriedigen schienen.
    Der Kapitn ist auf dem Sprung, einen sehr trichten Schritt zu tun, der
ihn gewi nicht glcklich machen kann, S. hat Ihnen wohl schon davon gesagt, und
es kmmt jetzt darauf an, ihm das Miliche eines solchen Schrittes auch von
seiten seiner Familie darzutun.
    Mit Vergngen; dieser fromme Mann wird uns begleiten; er ist in geistlichen
Kmpfen erfahrner als ich; ich hoffe, er wird sehr ntzlich sein knnen.
    Es ist mein Beruf, antwortete der Pietist, die Augen greulich verdrehend,
es ist mein Beruf, zu kmpfen, solange es Tag ist. Ich will setzen meinen Fu
auf den Kopf der Schlange, und will ihr den Kopf zertreten wie einer Krte;
soeben ist der Geist in mich gefahren. Ich fhle mich wacker wie ein gewappneter
Streiter, lieben Brder, lasset uns nicht lange zaudern, denn die Stunde ist
gekommen; Sela!
    Gehen wir! sagte der Berliner; sein Sie versichert, Luise, da Freund
Stobelberg und ich alles tun werden, was zu Ihrer Beruhigung dienen kann. Fassen
Sie sich, sehen Sie mutig, heiter in die Zukunft, die Zeit bringt Rosen.
    Das schne, bleiche Mdchen antwortete durch ein Lcheln, das sie einem
wunden Herzen mhsam abgezwungen hatte. Wir gingen, und als ich mich in der Tre
umwandte, sah ich sie heftig weinen.
    Wir drei gingen ziemlich einsilbig ber die Strae, der Pietist, vom Geiste
befallen, murmelte unverstndliche Worte vor sich hin, und verzog sein Gesicht,
rollte seine Augen wie ein Hierophant. Der Berliner schien an dem guten Erfolg
unseres Beginnens zu zweifeln und ging sinnend neben mir her, ich selbst war von
dem Anblick der stillen Trauer jenes Mdchens, ich mchte sagen, beinahe
gerhrt; ich dachte nach, wie man es mglich machen knnte, sie der Schwrmerei
zu entreien, sie dem Leben, der Freude wiederzugeben, denn so gerne ich ihr den
Himmel und alles Gute wnschte, so schien sie mir doch zu jung und schn, als
da sie jetzt schon auf eine etwas langweilige Seligkeit spekulieren sollte.
Durch den Berliner schien ich dies am besten erreichen zu knnen; besser
vielleicht noch durch Kapitn West, der mir ohnedies verfallen war, doch
zweifelte ich, ob man ihn noch von der Spanierin werde losmachen knnen.
    Auf der Hausflur des Kapitns lie uns der Pietist vorangehen, weil er hier
beten und unsern Ein- und Ausgang segnen wolle. Doch, o Wunder! als wir uns
umsahen, nahm er nach jedem Stoseufzer einen Schluck aus einem Flschchen, das
seiner Farbe nach einen guten italienischen Likr enthalten mute. Ha! jetzt mu
der Geist erst recht ber ihn kommen, dachte ich, jetzt kann es nicht fehlen, er
mu mit groer Begeisterung sprechen.
    Der Kapitn empfing uns mit einer etwas finsteren Stirne. Der Berliner
stellte uns ihm vor, und sogleich begann der Pietist vom Geist getrieben, seinen
Sermon.
    Er stellte sich vor den Kapitn hin, schlug die Augen zum Himmel und sprach:
Bruder! was haben meine Ohren von dir vernommen? So ganz hat dich der Teufel in
seinen Klauen, da du dich dem Antichrist ergeben willst? Da du absagen willst
der heiligen, christlichen Kirche, der Gemeinschaft der Heiligen? Sela. Aber da
sieht man es deutlich. Wie heit es Sirach am 9. im dritten Vers? He? Fliehe die
Buhlerin, da du nicht in ihre Stricke fallest. -
    Zu was soll diese Komdie dienen, Herr von S., sprach der Kapitn gereizt.
Ich hoffe, Sie sind nicht gekommen, mir in meinem Zimmer Sottisen zu sagen.
    Ich wollte Sie mit Herrn von Stobelberg, der Ihre Familie kennt, besuchen,
da lie sich dieser fromme Mann, der gehrt hat, da Sie bertreten wollen,
nicht abhalten, uns zu begleiten.
    Groe Ehre fr mich, geben Sie sich aber weiter keine Mhe, denn -
    Hret, hret wie er den Herrn lstert, in dessen Namen ich komme, schrie
der Pietist; der Antichrist krmmet sich in ihm wie ein Wurm, und der Teufel
sitzt ihm auf der Zunge. O warum habt Ihr Euch blenden lassen von Weltehre? Was
sagt derselbe Sirach? La dich nicht bewegen von dem Gottlosen in seinen groen
Ehren; denn du weit nicht, wie es ein Ende nehmen wird. - Wisse, da du unter
den Stricken wandelst, und gehest auf eitel hohen Spitzen!
    Sie kennen meine Familie, Herr von Stobelberg? Sind Sie vielleicht selbst
ein Landsmann aus Mecklenburg?
    Nein, aber ich kam viel in Berhrung mit Ihrer Familie, und bin mit einigen
Gliedern derselben sehr nahe liiert. So zum Beispiel mit Ihrem Oncle F., mit
Ihrer Tante W., mit Ihrem Schwager Z.
    Wie? Der Satan hat ihm die Ohren zugeleimt, rief der fromme Protestant,
als sein abtrnniger Bruder ihn vllig ignorierte. Auf, ihr Brder, ihr
Streiter des Herrn, lasset uns ein geistliches Lied singen, vielleicht hilft
es. Er drckte die Augen zu und fing an, mit nselnder, zitternder Stimme zu
singen:

Herr, schtz uns vor dem Antichrist,
Und la uns doch nicht fallen;
Es streckt der Papst mit Hinterlist
Nach uns die langen Krallen;
Und la dich erbitten,
Vor den Jesuiten
Und den argen Missionaren
Wollest gndig uns bewahren.

Sie sind des Teufels Knechte all,
Nur wir sind fromme Seelen;
Wir kommen in des Himmels Stall,
Uns kann es gar nicht fehlen;
Denn nach kurzem Schlafe
Ziehn wir frommen Schafe
In den Pferch fr uns bereitet,
Wo der Hirt die Schflein weidet.

Dort scheidet er die Bcke aus -

Man kann eben nicht sagen, da der Fromme wie eine Nachtigall sang, aber komisch
genug war es anzusehen, wie er vom Geist getrieben, dazu agierte; auf den Wangen
des Kapitns wechselte Scham und Zorn, und man war ungewi, ob er mehr ber die
Unverschmtheit dieses Proselytenmachers staunte, oder mehr ber den Inhalt der
frommen Hymne erbost sei. Als der Pietist nach einem tiefen Seufzer den dritten
Vers anhub, ging die Tre auf, und die hohe, majesttische Gestalt des Kardinals
Rocco trat ein. Er war angetan mit einem weien, faltenreichen Gewand, und der
Purpur, der ber seine Schultern herabflo, gab ihm etwas Erhabenes,
Frstliches. Er bersah uns mit gebietendem Blick, und die Rechte, die er
ausstreckte, mochte vielleicht den ehrwrdigen Ku eines Glubigen erwarten.
    Der Kapitn war in sichtbarer Verlegenheit; er fhlte, da der Kardinal uns
den Protestantismus sogleich anriechen, da es ihn erzrnen werde, seinen
Katechumenen in so schlechter Gesellschaft zu sehen. Er nannte der Eminenz
unsere Namen, doch als er Herrn v. S. erblickte, trat er erschrocken einen
Schritt zurck und flsterte dem Frater Piccolo in der violetten Kutte zu: Das
ist wohl der Teufel, den du im Traume gesehen?
    Piccolo antwortete mit drei Kreuzen, die er ngstlich auf seinen Leib
zeichnete, und der Kardinal fing an, leise einige Stellen aus dem Exorzismus zu
beten. Whrend dieser Szene hatte sich der fromme Kaufmann, dem das Wort auf der
Lippe stehengeblieben war, wieder erholt; er betrachtete die imponierende
Gestalt dieses Kirchenfrsten, doch schien sie ihm nicht mehr zu imponieren,
nachdem er bei sich zu dem Resultat gelangt war, da nur ein frommer
protestantisch-mystischer Christ zur Seligkeit gelangen knne. Er hub im
heulenden Predigerton auf italienisch an: Siehe da, ein Sohn der Babylonischen,
ein Nepote des Antichrists. Er hat sich angetan mit Seide und Purpur, um eure
armen Seelen zu verlocken. Hebe dich weg, Satanas!
    Ist der Mensch ein Narr? fragte der Kardinal, indem er nher trat und den
Prediger ruhig und gro anschaute. Piccolo, merke dir diesen Menschen, wir
wollen ihn im Spital versorgen.
    Der Pietist geriet in Wut: Baalspfaffe, Gtzendiener, Antichrist! schrie
er, du willst mich ins Spital tun? Ha, jetzt kommt der Geist erst recht ber
mich. Ich will barmherzig sein mit dir, Sodomiter! ich will dich lehren die
Hauptstcke der Religion, da du deine ketzerischen Irrtmer einsehest. Aber
zuvor ziehe sogleich den Purpur ab, zu was soll dieser Flitter dienen? Meinst
du, du gefallest dem Herrn besser, wenn du violette Strmpfe anhast? O du Tor!
das sind die eiteln Lehren des Antichrist, des Drachen, der auf dem Stuhle
sitzt, in Sack und Asche mut du Bue tun.
    Jetzt glhte Roccos Auge vor Wut, seine Stirne zog sich zusammen, seine
Wangen glhten: Jetzt sehe ich, Kapitn! rief er, was Euch so lange zgern
macht; Ihr haltet Zusammenknfte mit diesen wahnsinnigen Ketzern, die Euch in
Eurem Aberglauben bestrken. Ha! bei der heiligen Erde, Ihr habt uns tief
gekrnkt.
    Herr Kardinal! fiel ihm Herr von S. in die Rede, ich bitte uns nicht alle
in eine Klasse zu werfen; wenn jener Mann dort den Trieb in sich fhlt, alle
Welt zu bekehren, so knnen wir ihn nicht daran verhindern; doch meine ich, man
habe sich nicht darber zu beklagen, denn Ew. Eminenz wissen, da es gleichsam
nur Repressalien fr die Missionen und die Jesuiterei sind, mit welcher man
gegenwrtig alle Welt berschwemmt.
    Jetzt war der rechte Zeitpunkt, die Leutchen zu hetzen; jetzt galt es, sie
zu verwickeln, um sie nachher desto lnger trauern zu lassen. Herr von S.,
sagte ich, der Herr Kapitn will, denke ich, durch sein Schweigen beweisen, da
er Seiner Eminenz recht gebe. Zwar schliet mich mein Bewutsein von den
wahnsinnigen Ketzern aus, ich mache keine Proselyten, ich unterrichte niemand in
der Religion; aber Ihrer werten Familie in Mecklenburg werde ich bei meiner
Rckkehr sagen knnen -
    Stille! rief der Pietist mit feierlicher Stimme; Bruder, Mann Gottes,
willst du dich so versndigen, mit dem Baalspfaffen zu rechten? Er geht einher
wie ein Phariser, aber es wre ihm besser, ein Mhlstein hnge an seinem Hals,
und er wrde ertrnket wo es am tiefsten ist.
    Hte dich, einen Pfaffen zu beleidigen, ist ein altes Sprchwort, und der
Kapitn mochte auch so denken; ich sah, da Beschmung vor uns, von Rocco wie
ein Schulknabe behandelt zu werden, und die Furcht, ihn zu beleidigen, in seinem
Gesicht kmpfte.
    Ich mu Ihren Irrtum berichtigen, Eminenz, entgegnete er; diesen Mann
hier kenne ich nicht, und er kann sich auch entfernen wann er will, denn seine
schwrmerischen Reden sind mir zum Ekel, aber ber diese Herren hier haben Sie
eine ganz falsche Ansicht. Herr von Stobelberg bringt mir Nachrichten von meiner
Familie, Herr von S. besucht mich. Ich wei nicht, welche bsliche Absicht Sie
darein legen wollen.
    Weit entfernt, den Kardinal durch diese Worte zu besnftigen, brachte er ihn
nur noch mehr auf, doch bezhmte er laute Ausbrche desselben, und seine stille
Wut wurde nur in kaltem Spott sichtbar; Ja, ich habe mich freilich hchlich
geirrt, sagte er lchelnd, und bitte um Verzeihung, meine Herren. Ich dachte,
Ihr Besuch betreffe religise Gegenstnde, doch nun merke ich, da es
friedlichere Absichten sind, was Sie herfhrt. Herr von S. wird wahrscheinlich
den Herrn Kapitn wieder in die sen Fesseln des deutschen Fruleins legen
wollen? Trefflich! ob auch eine andere Dame darber sterben wird, es ist ihm
gleichgltig; ich bewundere nebenbei auch Ihre Gutmtigkeit, Capitano! da Sie
sich von demselben Mann zurckfhren lassen, der Sie so geschickt aus dem Sattel
hob!
    Zu welch sonderbaren Sprngen steigert doch den Sterblichen die Beschmung.
Gefhl des Unrechts, wirkliche Beleidigung, Zorn, alle Leidenschaften seiner
Seele htten den Kapitn wohl nicht so auer sich gebracht, als das Gefhl der
Scham, vor deutschten Mnnern von einem rmischen Priester so verhhnt zu
werden. Die Achtung, Signor Rocco, sagte er, die Achtung, die ich vor Ihrem
Gewand habe, schtzt mich, Ihnen zu erwidern, was Sie mir in meinem Zimmer ber
mich gesagt haben. Ich kenne jetzt Ihre Ansichten ber mich hinlnglich, und
wundere mich, wie Sie sich um meine arme Seele so viele Mhe geben wollten.
Diesem Herrn, der, wie Sie sagten, mich aus dem Sattel hob, werde ich folgen;
doch wissen Sie, da, was er getan hat, mit meiner Zustimmung geschah: ich werde
ihm folgen, obgleich es zuvor gar nicht in meiner Absicht lag; nur um Ihnen zu
zeigen, da weder Ihr Spott, noch Ihre Drohungen auf mich Eindruck machen; und
wenn Sie ein andermal wieder einen Mann meiner Art unter der Arbeit haben, so
rate ich Ihnen, Ihren Spott oder Ihren Zorn zurckzuhalten, bis er im Schoe der
Kirche ist.
    Das reiche, rosige Antlitz Roccos war so wei geworden, als sein seidenes
Gewand. Geben Sie sich keine Mhe, entgegnete er, mir zu beweisen, wie wenig
man an einem seichten Kopf Ihrer Art verliert. Glauben Sie mir, die Kirche hat
hhere Zwecke, als einen Kapitn West zu bekehren -
    Wir kennen diese schnen Zwecke, rief der Berliner mit sehr berflssigem
Protestantismus; Ihre Plane sind freilich nicht auf einen einzelnen gerichtet,
sie gehen auf uns arme Seelen alle. Sie mchten gar zu gerne unser ganzes
Vaterland und England und alles was noch zum Evangelium hlt, unter den heiligen
Pantoffel bringen. Aber Sie kommen hundert Jahre zu spt, oder zu frh; noch
gibt es, Gott sei Dank, Mnner genug in meinem Vaterlande, die lieber des
Teufels sein wollen, als den Heiligen Stuhl anbeten.
    Bringe mir meinen Hut, Piccolo! sagte der Priester sehr gelassen, Ihnen,
mein Herr von S., danke ich fr diese Belehrung; doch lag uns an den dummen
Deutschen wenig. Es liegt ein sicheres Mittel in der Erbrmlichkeit Ihrer Nation
und in ihrer Nachahmungssucht. Ich kann Sie versichern, wenn man in Frankreich
recht fromm wird, wenn England ber kurz oder lang zur alleinseligmachenden
Kirche zurckkehrt, dann werden auch die ehrlichen Deutschen nicht mehr lange
protestieren. Drum leben Sie wohl, mein Herr, auf Wiedersehen. Die Zge des
Kardinals hatten etwas Hohes, Gebietendes, das mir beinahe nie so sichtbar
wurde, als in diesem Moment. Ich mute gestehen, er hatte sich gut aus der Sache
gezogen und verlie als Sieger die Walstatt. Frater Piccolo setzte ihm den roten
Hut auf, ergriff die Schleppe seines Talars, und mit Anstand und Wrde grend
schritt der Kardinal aus dem Zimmer.
    Der Berliner fhlte sich beschmt und sprach kein Wort; der Pietist murmelte
Stogebetlein, und war augenscheinlich dpiert, denn der Streit ging ber seinen
Horizont, an welchem nur die Ideen von dem Antichrist, dem Drachen auf dem
Stuhl des Lammes, dem Baalspfaffen, der babylonischen Dame, dem ewigen
Hllenpfuhl und dem Paradiesgrtlein in lieblichem Unsinn verschlungen,
schwebten.
    Dem Kapitn schien brigens nicht gar zu wohl bei der Sache zu sein. Ich
erinnerte mich, gehrt zu haben, da er von Donna Ines und diesem Priester
bedeutende Vorschsse empfangen habe, die er nicht zahlen konnte; es war zu
erwarten, da sie ihn von dieser Seite bald qulen wrden, und ich freute mich
schon vorher, zu sehen, was er dann in der Verzweiflung beginnen werde. Auch zu
diesem Auftritt hatte ihn sein Leichtsinn verleitet, denn htte er bedacht, was
fr Folgen fr ihn daraus entstehen knnen - er htte sich von falscher Scham
nicht so blindlings hinreien lassen. Der Berliner fuhr brigens bei dieser
Partie ebenso schlimm. Ich wute wohl, da er die Hoffnung auf Luisens Besitz
nicht aufgegeben hatte, da er sie mchtiger als je nhrte, da sie ihn heute
hatte rufen lassen; ich wute auch, da sie den Kapitn nicht gerade zu sich
zurckwnschte, sondern ihn nur nicht katholisch wissen wollte, ich wute, da
sie dem Berliner vielleicht bald geneigt worden wre, weil sie sah, mit welchem
Eifer er sich um sie bemhe; und jetzt hatte der Kapitn vor uns allen
ausgesprochen, da er das Frulein wiedersehen wolle; und so war es.
    Es ist mein voller Ernst, Herr von S., sagte er, ich sehe ein, da ich
mich diesen unwrdigen Verbindungen entreien mu. Knnen Sie mir Gelegenheit
geben, das Frulein wiederzusehen, und ihre Verzeihung zu erbitten?
    Ich wei nicht, wie Frulein von Palden darber denkt, antwortete der
junge Mann etwas verstimmt und finster; ich glaube nicht, da nach diesen
Vorgngen -
    Oh! Ich habe die beste Hoffnung, rief jener, ich kenne Luisens gutes
Herz, und kann nicht glauben, da sie aufgehrt habe, mich zu lieben. Hren Sie
einen Vorschlag. Signora Campoco hat einen Garten an der Tiber; bitten Sie das
Frulein, mit ihrer Tante heute abend dorthin zu kommen. Ich will sie ja nicht
allein sehen, Sie alle knnen zugegen sein; ich will ja nichts, als Vergebung
lesen in ihren Augen, ein Wort von ihr soll mir genug sein, um mich mit mir
selbst und mit dem Himmel zu vershnen. Ach, wie schmerzlich fhle ich meine
Verirrungen!
    Gut, ich will es sagen, erwiderte der Berliner, indem er mit Mhe nach
Fassung rang. Soll ich Ihnen Antwort bringen?
    Ist nicht ntig; wenn Sie keine Antwort bringen, bin ich um sechs Uhr als
reuiger Snder in dem Garten an der Tiber.

Ich gestehe, der Berliner hatte ein sonderbares Geschick. Das Verhngnis zog
ihn in diese Verhltnisse, seine Gestalt, sein Gesicht, zufllig dem Kapitn
West sehr hnlich, bringt ihm Glck und Unglck; es zieht ihn in die Nhe des
Mdchens, er lernt ihr Schicksal kennen, er sieht sie leiden, er leidet mit ihr;
die Zeit, die alle Wunden heilt, bewirkt endlich, da sie den Kapitn vielleicht
nicht mehr so sehnlich zurckwnscht; sie will nur, da er jenen Schritt nicht
tue, den sie fr einen trichten hlt, sich selbst unbewut, gibt sie dem armen
S. Hoffnungen; er glaubt sie errungen zu haben durch die vielen Bemhungen um
ihre Wahl, und jetzt mu er den gefhrlichen Nebenbuhler, einen Mann, den er
verachtet, zu ihr zurckfhren!

Ich war begierig auf diesen Abend; der Berliner hatte mir gesagt, da sie
einwillige, ihn, von Signora Campoco begleitet, zu sehen. Sie hatte ihn
eingeladen, zugegen zu sein, und er bat mich, ihn zu begleiten, weil er diese
Szene allein nicht mit ansehen knne. Als ich seiner Wohnung zuging, trat mir
auf einmal Frater Piccolo in den Weg, mit der Frage, wo er wohl den Kapitn
finden knnte?
    Ich forschte ihn aus, zu welchem Zweck er wohl den Kapitn suche, und er
sagte mir ohne Umschweife, da er ihm von dem Kardinal einen Schuldschein auf
fnftausend Scudi zu berreichen habe, die jener zwlf Stunden nach Sicht
bezahlen msse. Wertester Frater Piccolo, erwiderte ich ihm, das sicherste
ist, Ihr bemhet Euch nach sechs Uhr in den Garten der Signora Campoco, welcher
an der Tiber gelegen; dort werdet Ihr ihn finden, dafr stehe ich Euch. Er
dankte und ging weiter. Da er diese Nachricht dem Kardinal, vielleicht auch
Donna Ines mitteilen werde, glaubte ich voraussetzen zu drfen. Fnftausend
Scudi, zwlf Stunden nach Sicht! sagte ich zu mir, ich will doch sehen, wie er
sich heraushilft!
    Den armen Berliner traf ich sehr niedergeschlagen. Er schien zu fhlen, da
seine Hoffnungen auf ewig zerstrt seien; doch nicht nur dies Gefhl war es, was
ihn unglcklich machte; er frchtete, Luise werde nicht auf Dauer glcklich
werden; Dieser West! rief er; ist es nicht immer wieder Leichtsinn, was ihn
zu uns, zu ihr zurckfhrt! Wie leicht ist es mglich, wenn einmal die Reue ber
ihn kommt, die Spanierin so unglcklich gemacht zu haben, wie leicht ist es
mglich, da er auch Luisen wieder verlt.
    Ja, dachte ich, und wenn erst das Wechselchen anlangt und er nicht zahlen
kann, und wenn ihn Donna Ines mit den funkelnden Augen sucht und bei der Fremden
findet, und wenn erst der Kardinal seine Knste anwendet. Die Schule der
Verzweiflung hat er noch nicht ganz durchgemacht. Aber auch das Frulein, hoffe
ich, wird jetzt auftauen, und ihre Hilfe zu kleinen Teufeleien und Hllenknsten
nehmen, und der gute Berliner soll wohl auch bekannter mit mir werden mssen!
    Wir gingen hinaus an die Tiber zum verhngnisvollen Garten der Signora
Campoco. Unterwegs sagte mir der junge Mann, das Frulein sei ihm unbegreiflich.
Als er ihr die Nachricht gebracht, wie sich im Hause des Kapitns auf einmal
alles so sonderbar, wie durch eine hhere Leitung gefgt habe, wie West nicht
nur zur protestantischen Kirche zurcktreten, sondern auch als reuiger Snder zu
ihr zurckkehren wolle, da sei, so sehr sie ihn zuvor angeklagt, ein seliges
Lcheln auf ihren schnen Zgen aufgegangen. Sie habe geweint vor Freude, sie
habe mit tausend Trnen ihre Tante dazu vermocht, uns in ihrem Garten zu
empfangen. Und dennoch sei sie jetzt nicht mehr recht heiter; eine sonderbare
Befangenheit, ein Zittern banger Erwartung habe sie befallen, sie habe ihm
gestanden, da sie der Gedanke an den Flach ihres Vaters, wenn sie je die Gattin
des Kapitns werde, immer verfolge. Es sei als liege eine schwarze Ahnung vor
ihrer sonst so kindlich frohen Seele, als frchte sie, trotz der Rckkehr des
Geliebten, dennoch nicht glcklich zu werden.
    Unter den Klagen des Berliners, unter seinen Beschuldigungen gegen das ganze
weibliche Geschlecht, hatten wir uns endlich dem Garten genhert. Er lag, von
Bumen umgeben, wie ein Versteck der Liebe. Signora Campoco empfing uns mit
ihren Hndlein aufs freundlichste; sie erzhlte, da sie das deutsche Geplauder
der Vershnten nicht mehr lnger habe hren knnen, und zeigte uns eine Laube,
wo wir sie finden wrden. Errtend, mit glnzenden Augen, Verwirrung und Freude
auf dem schnen Gesicht, trat uns das Frulein entgegen. Der Kapitn aber schien
mir ernster, ja es war mir, als mte ich in seinen scheuen Blicken eine neue
Schuld lesen, die er zu den alten gefgt.
    Dem Berliner war wohl das schmerzlichste der feurige Dank, den ihm das
schne Mdchen fr seine eifrigen Bemhungen ausdrckte. Sie umfing ihn, sie
nannte ihn ihren treuesten Freund, sie bot ihm ihre Lippen, und er hat wohl nie
so tief als in jenem Augenblick gefhlt, wie die hchste Lust mit Schmerz sich
paaren knne. Mir, ich gestehe es, war diese Szene etwas langweilig; ich werde
daher die nhere Beschreibung davon nicht in diese Memoiren eintragen, sondern
als Surrogat eine Stelle aus Jean Pauls Flegeljahren einschieben, die den
Leser weniger langweilen drfte: Selige Stunden, welche auf die Vershnung der
Menschen folgen! Die Liebe ist wieder blde und jungfrulich, der Geliebte neu
und verklrt, das Herz feiert seinen Mai, und die Auferstandenen vom
Schlachtfelde begreifen den vorigen, vergessenen Krieg nicht. So sagt dieser
groe Mensch, und er kann recht haben, aus Erfahrung; ich habe, seit sich der
Himmel hinter mir geschlossen, nicht mehr geliebt, und mit der Vershnung will
es nicht recht gehen.
    Bei jener ganzen Szene ergtzte ich mich mehr an der Erwartung als an der
Gegenwart. Wenn jetzt mit einemmal, dachte ich mir, Frater Piccolo durch die
Bume herbeikme, um seinen Wechsel honorieren zu lassen - welche Angst, welcher
Kummer bei dem Kapitn, welches Staunen, welcher Mimut bei dem Frulein! Ich
dachte mir allerlei dergleichen Mglichkeiten, whrend die andern in sem
Geplauder mit vielen Worten nichts sagten - da hrte ich auf einmal das
Pltschern von Rudern in der Tiber. Es war nach sechs Uhr, es war die Stunde, um
welche ich Frater Piccolo hieher bestellt hatte; wenn er es wre! - Die
Ruderschlge wurden vernehmlicher, kamen nher, weder die Liebenden noch der
Berliner schienen es zu hren. Jetzt hrte man nur noch das Rauschen des
Flusses, die Barke mute sich in der Nhe ans Land gelegt haben. Die Hunde der
Signora schlugen an, man hrte Stimmen in der Ferne, es rauschte in den Bumen,
Schritte knisterten auf dem Sandweg des Gartens, ich sah mich um - Donna Ines
und der Kardinal Rocco standen vor uns.
    Luise starrte einen Augenblick diese Menschen an, als sehe sie ein Gebild
der Phantasie. Aber sie mochte sich des Kardinals aus einem schrecklichen
Augenblick erinnern, sie schien den Zusammenhang zu begreifen, schien zu ahnen,
wer Ines sei, und sank lautlos zurck, indem sie die schnen Augen und das
erbleichende Gesicht in den Hnden verbarg. Der Kapitn hatte den Kommenden den
Rcken zugekehrt, und sah also nicht sogleich die Ursache von Luisens Schrecken.
Er drehte sich um, er begegnete zornsprhenden Blicken der Donna, die diese
Gruppe musterte, er suchte vergeblich nach Worten; das Gefhl seiner Schande,
die Angst, die Verwirrung schnrten ihm die Kehle zu.
    Schndlich! hub Ines an, so mu ich dich treffen? Bei deiner deutschen
Buhlerin verweilst du, und vergit, was du deinem Weibe schuldig bist?
Ehrvergessener! statt meine Ehre, die du mir gestohlen, durch Treue zu ersetzen,
statt mich zu entschdigen fr so groen Jammer, dem ich mich um deinetwillen
ausgesetzt habe, schwelgst du in den Armen einer andern?
    Folget uns, Kapitn West! sagte der Kardinal sehr strenge; es ist Euch
nicht erlaubt, noch einen Augenblick hier zu verweilen. Die Barke wartet. Gebt
der Donna Euren Arm und verlasset diese ketzerische Gesellschaft.
    Du bleibst! rief Luise, indem sie ihre schnen Finger um seinen Arm
schlang und sich gefat und stolz aufrichtete; schicke diese Leute fort. Du
hast ja noch soeben diese Abenteuerin verschworen. Du zauderst? Monsignor, ich
wei nicht, wer Ihnen das Recht gibt, in diesen Garten zu dringen; haben Sie die
Gte, sich mit dieser Dame zu entfernen.
    Wer mir das Recht gibt, junge Ketzerin? entgegnete Rocco, diese
ehrwrdige Frau Campoco; ich denke ihr gehrt der Garten, und es wird sie nicht
belstigen, wenn wir hier verweilen.
    Ich bitte um Euren Segen, Eminenz, sagte sich tief verneigend Signora
Campoco; wie mget Ihr doch so sprechen? Meinem geringen Garten ist heute Heil
widerfahren, denn heilige Gebeine wandeln darin umher!
    Nicht gezaudert, Kapitn! rief der Kardinal; werfet den Satan zurck, der
Euch wieder in den Klauen hat; folget uns, wohin die Pflicht Euch ruft. - Ha!
Ihr zaudert noch immer, Verrter? soll ich, fuhr er mit hhnischem Lcheln
fort: soll ich Euch etwa dies Papier vorzeigen? Kennet Ihr diese Unterschrift?
Wie steht es mit den fnftausend Scudi, verehrter Herr? soll ich Euch durch die
Wache abholen lassen? -
    Fnftausend Scudi? unterbrach ihn der Berliner, ich leiste Brgschaft,
Herr Kardinal, sichere Brgschaft. -
    Mitnichten! antwortete er mit groer Ruhe, Ihr seid ein Ketzer; haeretico
non servanda fides; Ihr knntet leicht ebenso denken und mit der Brgschaft in
die Weite gehen. Nein - Piccolo! Sende einen der Schiffer in die Stadt; man
solle die Wache holen.
    Um Gottes willen, Otto! was ist das? rief Luise, indem ihr Trnen
entstrzten. Du wirst dich doch nicht diesen Menschen so ganz bergeben haben?
O Herr! nur eine Stunde gestattet Aufschub, mein ganzes Vermgen soll Euer sein;
mehr, viel mehr will ich Euch geben als Ihr fordert -
    Meinst du, schlechtes Geschpf! fiel ihr die Spanierin in die Rede,
meinst du, es handle sich hier um Gold? Mir, mir hat er seine Seele verpfndet;
er hat mich gelockt aus den Tlern meiner Heimat, er hat mir ein langes seliges
Leben in seinen Armen vorgespiegelt, er hat mich betrogen um diese Seligkeit; du
- du hast mich betrogen, deutsche Dirne, aber sehe zu, wie du es einst vor den
Heiligen verantworten kannst, da du dem Weib den Gatten raubst, den Kindern,
den armen Wrmern, den Vater!
    Ja, das ist dein Fluch, alter Vater! sagte Luise, von tiefer Wehmut
bewegt; das ist dein Fluch, wenn ich je die Seine wrde; er nahte schnell! Ich
htte dir ihn entrissen, unglckliches Weib? Nein, so tief mchte ich nicht
einmal dich verachten. Er kannte mich lngst, ehe er dich nur sah, und die
Treue, die er dir schwur, hat er mir gebrochen!
    Von dieser Snde werden wir ihn absolvieren, sprach der Kardinal; sie ist
um so weniger drckend fr ihn, als Ihr selbst, Signora, mit einem anderen, der
hier neben sitzt, in Verhltnissen waret. Zaudere nicht mehr, folge uns; bei den
Gebeinen aller Heiligen, wenn du jetzt nicht folgst, wirst du sehen, was es
heie, den Heiligen Vater zu verhhnen!
    Der Kapitn war ein miserabler Snder. So wenig Kraft, so wenig Entschlu!
Ich htte ihn in den Flu werfen mgen; doch es mute zu einem Resultate kommen,
drum schob ich schnell ein paar Worte ein: Wie? was ist dies fr ein Geschrei
von Kindern, rief ich erstaunt; es wird doch kein Unglck in der Nhe geben?
    Ha! meine Kinder, weinte die Spanierin, o weinet nur, ihr armen Kleinen;
der, der Euch Vater sein sollte, hat Erz in seiner Brust. Ich gehe, ich werfe
sie in die Tiber, und mich mit ihnen; so ende ich ein Leben, das du,
Verfluchter! vergiftetest!
    Sie rief es und wollte nach der Tiber eilen; doch das Frulein fate ihr
Gewand; bleich zum Tod, mit halbgeschlossenen Augen, fhrte sie Donna Ines zu
dem Kapitn, und strzte dann aus der Laube. Ich selbst war einige Augenblicke
im Zweifel, ob sie nicht denselben Entschlu ausfhren wollte, den die Donna fr
sich gefat; doch der Weg, den sie einschlug, fhrte tiefer in den Garten, und
sie wollte wohl nur diesem Jammer entgehen. Der Berliner aber lief ihr ngstlich
nach, und als sich auch der Kapitn losri, ihr zu folgen, strzte die ganze
Gesellschaft, der Kardinal, ich und Signora Campoco in den Garten.
    Wir kamen zu ihnen, als eben Luise erschpft und der Ohnmacht nahe
zusammensank. S. fing sie in seine Arme auf, und trug die teure Last nach einer
Bank. Dort wollte ihn der Kapitn verdrngen, er wollte vielleicht seinen
Entschlu zeigen, nur ihr anzugehren, er glaubte heiligere Rechte an sie zu
haben, und entfernte den Arm des jungen Mannes um den seinigen unterzuschieben.
    Doch dieser, ergriffen von Liebe und Schmerz, aufgeregt von der Szene, die
wir gesehen, stie den Kapitn zurck. Fort mit dir, rief er: gehe zu Pfaffen
und Ehebrechern, zu Schurken deines Gelichters. Du hast deine Rolle knstlich
gespielt; um diese Blume zu pflcken, mutest du dich den Armen jenes
hergelaufenen Weibes noch einmal entreien. Hinweg mit dir, du Ehrloser!
    Was sprechen Sie da? schrie der Kapitn schumend, es mochte in der Rede
des jungen Mannes etwas liegen, was als Wahrheit um so beiender war. Welche
Absichten legen Sie mir unter? was htte ich getan? erklren Sie sich
deutlicher!
    Jetzt hast du Worte, Schurke, aber als dieser Engel zu dir flehte, da hatte
deinen Mund die Schande verschlossen. Rhre sie nicht an, oder ich schlage dich
nieder.
    Das kann dir geschehen, entgegnete jener, und einem Blitze gleich fuhr er
mit etwas Glnzendem aus der Tasche nach der Brust des jungen Mannes. - In
Spanien lernt man gut stoen. Der Berliner hatte einen Messerstich in der Brust,
und sank, ohne das Haupt der Geliebten zu lassen, in die Knie.
    Jetzt wird der tapfere Hauptmann gewi katholisch! war mein Gedanke, als
das Herzblut des jungen Mannes hervorstrmte; jetzt wird er sich bergen im
Schoe der Kirche! Und es schien so zu kommen. Denn willenlos lie sich der
Kapitn von Ines und dem Kardinal wegfhren, und die Barke stie vom Lande.

Wenige Tage nach diesem Vorfall erschien jener glorreiche Tag, an welchem der
Papst vor dem versammelten Volk mir, dem Teufel, alle Seelen der Ketzer
bermacht; ich habe zwar durch diese Anweisung noch nie eine erhalten, und wei
nicht, ob Seine Heiligkeit falliert haben und nun auf der Himmelsbrse keine
Geschfte mehr machen, also wenig Einflu auf das Steigen und Fallen der Seelen
haben, oder ob vielleicht diese Verwnschung nur zur Vermehrung der Rhrung
dient, um den Wirten und Gewerbsleuten in Rom auf versteckte Weise zu verstehen
zu geben, da sie sich kein Gewissen daraus machen sollen, den Beutel der
Englnder, Schweden und Deutschen, zu schrpfen, da ihre Seelen doch einmal
verloren seien.
    An einem solchen Tage pflegt ganz Rom zusammenzustrmen, besonders die
Weiber kommen gerne, um die Ketzer im Geiste abfahren zu sehen. Man drngt und
schlgt sich auf dem groen Platz, man hascht nach dem Anblick des Heiligen
Vaters, und wenn er den heiligen Bannstrahl herabschleudert, durchzckt ein
mchtiges Gefhl jedes Herz, und alle schlagen an die Brust und sprechen: Wohl
mir, da ich nicht bin wie dieser einer. An diesem Tage aber hatte das Fest
noch eine ganz besondere Bedeutung; man sprach nmlich in allen Zirkeln, in
allen Kaffeehusern, auf allen Straen davon, da ein berhmter, tapferer,
ketzerischer Offizier an diesem Tage sich taufen lassen wolle. Dieser Offizier
machte seine Grade erstaunlich schnell durch. Am Montag hie es, er sei Kapitn,
am Dienstag er sei Major, am Mittwoch war er Obrist, und wenn man am Donnerstag
frhe ein schnes Kind auf der Strae anhielt, um zu fragen, wohin es so schnell
laufe, konnte man auf die Antwort rechnen: Ei, wisset Ihr nicht, da zur Ehre
Gottes ein General der Ketzer sich taufen lt, und ein guter Christ wird, wie
ich und Ihr?
    Wer der berhmte Tufling war, werden die Leser meiner Memoiren leicht
erraten. Endlich, endlich war er abgefallen! Sie hatten ihn wohl nach der Szene
in Signoras Garten so lange und heftig mit Vorwrfen, Bitten, Drohungen,
Versprechungen und Trnen bestrmt, da er einwilligte, besonders da er durch
den bertritt nicht nur Absolution fr seine Seele, was ihm brigens wenig
helfen wird, sondern auch Schutz fr die Justiz bekam, die ihm schon
nachzuspren anfing, da der Berliner einige Tage zwischen Leben und Tod
schwebte, und sein Gesandter auf strenge Ahndung des Mordes angetragen hatte.
    Ich stellte mich auf dem Platze so, da der Zug mit dem Tufling an mir
vorberkommen mute. Und sie nahten! Ein langer Zug von Mnchen, Priestern,
Nonnen, andchtigen Mnnern und Frauen kam heran, ihre halblaut gesprochenen
Gebete rollten wie Orgelton durch die Lfte. Sie zogen im Kreis um den
ungeheuren Platz, und jetzt wurden die Rmer um mich her aufmerksamer. Ecco,
ecco lo, flsterte es von allen Seiten; ich sah hin - in einem grauen Gewand,
das Haupt mit Asche bestreut, ein Kruzifix in den gefalteten Hnden, nahte mit
unsicheren Schritten der Kapitn. Zwei Bischfe in ihren violetten Talaren
gingen vor ihm, und Chorknaben aller Art und Gre folgten seinen Schritten.
    Ein schner Ketzer, bei St. Peter! ein schmucker Mann! hrte ich die
Weiber um mich her sagen. Welch ein frommer Soldat!
    Wie freut man sich, wenn man sieht, wie dem Teufel eine Seele entrissen
wird! -
    Werden sie ihn vorher taufen oder nachher? -
    Vorher, antwortete ein schnes, schwarzlockiges Mdchen, vorher, denn
nachher verflucht der Heilige Vater alle Ketzer, und da wrde er ihn ja auf ewig
verdammen, und nachher segnen und taufen. -
    Ach das verstehst du nicht, sagte ihr Vater, der Papst kann alles was er
will, so oder so.
    Nein, er kann nicht alles, erwiderte sie schelmisch lchelnd; nicht
alles!
    Was kann er denn nicht? fragten die Umstehenden. Er kann alles; was
sollte er denn nicht knnen?
    Er kann nicht heiraten! lachte sie; doch nicht so schnell folgt der Donner
dem Blitz, als die schwere Hand des Vaters auf ihre Wange fiel.
    Was? Du versndigst dich, Mdchen, schrie er; welche unheiligen Gedanken
gibt dir der Teufel ein? Was geht es dich an, ob der Papst heiratet oder nicht?
Dich nimmt er auf keinen Fall.
    Das Volk begann indes in die Peterskirche zu strmen; und auch ich folgte
dorthin. Es ist eine lcherlich materielle Idee, wenn die Menschen sich
vorstellen, ich knne in keine christliche Kirche kommen. So schreiben viele
Leute C. M. B. (Caspar, Melchior, Balthasar) ber ihre Tren und glauben, die
drei Knige aus Morgenland werden sich bemhen, ihre schlechte Htte gegen die
Hexen zu schtzen.
    Ich drngte mich so weit als mglich vor, um die Zeremonien dieser Taufe
recht zu sehen. Der tapfere Kapitn hatte jetzt sein graues Gewand mit einem
glnzend weien vertauscht, und kniete unweit des Hochaltars. Kardinle,
Erzbischfe, Bischfe standen umher, der ungewisse Schein des Tages, vermischt
mit dem Flackern der Lichter der Kerzen, welche die Chorknaben hielten, umgab
sie mit einem ehrwrdigen Heiligenschein, der jedoch bei manchem wie
Scheinheiligkeit aussah. Auf der andern Seite kniete unter vielen schnen Frauen
Donna Ines mit ihren Kindern. Sie war lockender und reizender als je, und wer
Luisen und ihr sanftes blaues Auge nicht gesehen hatte, konnte dem Tufling
verzeihen, da er sich durch dieses schne Weib und einen listigen Priester
unter den Pantoffel Skt. Petri bringen lie.
    Neben mir stand eine schwarzverschleierte Dame. Sie sttzte sich mit einer
Hand an eine Sule, und ich glaube, sie wre ohne diese Hlfe auf den
Marmorboden gesunken, denn sie zitterte beinahe krampfhaft. Der Schleier war zu
dicht, als da ich ihre Zge erkennen konnte. Doch sagte mir eine Ahnung, wer es
sein knnte. Jetzt erhoben die Priester den Gesang, er zog mit den blauen
Wlkchen des arabischen Weihrauchs hinauf durch die Gewlbe, und berauschte die
Sinne der Sterblichen, bertubte ihre Seelen, und ri sie hin zu einer Andacht,
die sie zwar ber das Irdische, aber auch ber die ewigen Gesetze ihrer Vernunft
hinwegfhrt.
    Die Priester sangen. Jetzt fing er an sein Glaubensbekenntnis zu sprechen.
    Er hat mich nie geliebt, seufzte die Dame an meiner Seite, er hat auch
dich nie geliebt, o Gott, verzeihe ihm diese Snde!
    Er sprach weiter, er verfluchte den Glauben, in welchem er bisher gelebt.
    Gib Frieden seiner Seele, flsterte sie; wir alle irren, solange wir
sterblich sind; vielleicht hat er den wahren Trost gefunden! la ihn Friede
finden, o Herr!
    Da fingen die Priester wieder an zu singen. Ihre tiefen Tne drangen
schneidend in das Herz der Dame. Jetzt wurde das Sakrament an ihm vollzogen, der
Kardinal Rocco, im vollen Ornat seiner Wrde segnete ihn ein, und Donna Ines
warf dem Getauften frohlockende Gre zu.
    Vater, la ihm mein Bild nie erscheinen, betete die Dame an meiner Seite,
da nie der Stachel der Reue ihn qule! La ihn glcklich werden!
    Und mit dem Pomp des heiligen Triumphes schlo die Taufe, und der Kapitn
stand auf, zwar als ein so groer Snder wie zuvor, doch als ein rechtglubiger
katholischer Christ. Das Volk drngte sich herzu und drckte seine Hnde, und
Donna Ines fhrte ihm mit holdem Lcheln ihre Kinder zu. Aber noch war die Szene
nicht zu Ende. Kardinal Luighi fhrte den Getauften an die Stufen des Altars,
stieg die heiligen Stufen hinan und las die Messe.
    Die Dame im schwarzen Schleier zitterte heftiger, als sie dies alles sah;
ihre Knie fingen an zu wanken. Wer Ihr auch seid, mein Herr! flsterte sie mir
pltzlich zu, seid so barmherzig und fhrt mich aus der Kirche, ich fhle mich
sehr unwohl. Ich gab ihr meinen Arm, und die frommste Seele in Sankt Peters
weiten Hallen ging hinweg, begleitet vom Teufel.
    Auf dem Platze vor der Peterskirche deutete sie schweigend auf eine
Equipage, die unfern hielt. Ich fhrte sie dorthin, ich ffnete ihr den Schlag,
und bot ihr die Hand zum Einsteigen. Sie schlug den dunkeln Schleier zurck, es
war, wie ich mir gesagt hatte, es waren die bleichen, schnen Zge Luisens. Ich
danke Euch, Herr! sagte sie, Ihr habt mir einen groen Dienst erwiesen. Noch
zitterte ihre Hand in der meinigen, ihre schnen Augen wandten sich noch einmal
nach Sankt Peter und fllten sich dann mit einer Trne. Aber schnell schlug sie
den Schleier nieder und schlpfte in den Wagen; die Pferde zogen an, ich habe
sie - nie wieder gesehen.
    Eine wichtige Angelegenheit, die wankende Sache der Hohen Pforte, welcher
ich immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt habe, rief mich an diesem Tag nach
...., wo ich mit einem berhmten Staatsmann eine Konferenz halten mute. Man
kennt die Zuneigung dieses erlauchten Veziers eines christlichen Potentaten zum
Halbmond; und ich hatte nicht erst ntig, ihn zu berzeugen, da die Trken
seine natrlichen Alliierten seien. Von .... eilte ich zurck nach Rom. Ich
gestehe, ich war begierig, wie sich jene Verhltnisse lsen wrden, in welche
ich verflochten war, und die mir durch einige Situationen so interessant
geworden waren.
    Der erste, den ich unter der Porta del Popolo traf, war der deutsche
Kaufmann. Er sa in einem schnen Wagen, und hatte, wie es schien, Streit mit
einigen ppstlichen Polizeisoldaten. Ich trat als Stobelberg zu ihm. Lieber
Bruder, sagte ich, es scheint, du willst Sodom verlassen gleich dem frommen
Lot?
    Ja, fliehen will ich aus dieser Sttte des Satan, war seine Antwort; und
hier lt mich der Drache auf dem Stuhl des Lammes noch einmal anhalten, aus
Zorn weil ich einen seiner Baalspfaffen im Christentume unterweisen wollte.
    Ich sah hin und merkte jetzt erst die Ursache des Streites. Die Polizei
hatte, ich wei nicht aus welchem Grunde, den Wagen noch einmal untersucht. Da
war man auf ein Kistchen gestoen und hatte den Pietisten gefragt, was es
enthalte. Geistliche Bcher, antwortete er. Man glaubte aber nicht, schlo
auf, und siehe da, es war ein gutes Flaschenfutter, und die Polizeimnner
wollten wegen seines Betruges einige Scudi von ihm nehmen.
    Aber, Bruder! sagte ich ihm; eine fromme Seele sollte nach nichts drsten
als nach dem Tau des Himmels, nach nichts hungern als nach dem Manna des Wortes,
und doch fhrst du ein Dutzend Flaschen mit dir, und hier liegt ein ganzer Pack
Salamiwrste? Pfui, Bruder, heit es nicht, was werden wir essen, was werden wir
trinken, nach dem allem fragen die Heiden?
    Bruder, erwiderte jener, und drehte die Augen gen Himmel; Bruder, bei dir
mu es noch nicht vllig zum Durchbruch gekommen sein, da du einen Mann von so
felsenfestem Glauben, da du mir solche Fragen vorlegst. Gerade, da ich nicht
zu seufzen brauche: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit uns
kleiden? gerade deswegen habe ich mir den neuen Rock hier gekauft, habe meinen
Flaschenkeller gefllt, und diese aus Eselsfleisch bereiteten Wrste gekauft; es
geschah also aus reinem Glaubensdrang, und der Geist hat es mir eingegeben. Da,
ihr lumpigten Shne von Astaroth, ihr Brut des Basilisken, so auf dem Stuhl des
Lammes sitzt und an seinen Klauen Pantoffeln fhrt, da nehmet diesen
hollndischen Dukaten und lasset mir meine geistlichen Bcher in Ruhe! - So, nun
lebe wohl, Bruder! der Geist komme ber dich und strke deinen Glauben!
    Da fuhr er hin, und wieder wurde ich in dem Glauben bestrkt, da diese
christlichen Phariser schlimmer sind als die Kinder der Welt. Ich ging weiter,
den Korso hinab. Am unteren Ende der Straen begegnete mir der Kardinal Rocco
und Piccolo, sein Diener. Der Kardinal schien sehr krank zu sein, denn ganz
gegen die Etiquette trug ihm Piccolo nicht die Schleppe nach, sondern fhrte ihn
unter dem Arm, und dennoch wankte Rocco zuweilen hin und her. Sein Gesicht war
rot und glhend, seine Augen halb geschlossen, und der rote Hut sa ihm etwas
schief auf dem Ohr.
    Siehe da, ein bekanntes Gesicht! rief er, als er mich sah, und blieb
stehen. Komm hieher, mein Sohn, und empfange den Segen. Haben wir uns nicht
schon irgendwo gesehen?
    O ja, und ich hoffe, noch fters das Vergngen zu haben; ich hatte die Ehre
Ew. Eminenz im Garten der Frau Campoco zu sehen.
    Ja, ja! ich erinnere mich, Ihr seid ein junger Ketzer; wisset Ihr, woher
ich komme? geraden Wegs von dem Hochzeitschmause des lieben Paares!
    Jetzt konnte ich mir die Krankheit des alten Herrn erklren; die spanischen
Weine der Donna Ines waren ihm wohl zu stark gewesen, und Piccolo mute ihn
jetzt fhren. Ihr waret wohl recht vergngt? fragte ich ihn; es ist doch Euer
Werk, da die Donna den Kapitn endlich doch noch berwunden hat?
    Das ist es, lieber Ketzer! sagte er stolz lchelnd, mein Werk ist es,
kommet, gehen wir noch ein paar hundert Schritte zusammen! - Was wollte ich
sagen? ja - mein Werk ist es, denn ohne mich htte die Donna gar keine Kunde von
ihm bekommen; ich schrieb ihr, da er in Rom sich befinde; ohne mich wre ihre
frhere Ehe nicht fr ungltig erklrt worden; ohne mich wre der Kapitn nicht
rechtglubig geworden, was zur Glorie unserer Kirche notwendig war; ohne mich
wre er nicht von seiner Ketzerin losgekommen - kurz ohne mich - ja ohne mich
stnde alles noch wie zuvor.
    Es ist erstaunlich!
    Hret, Ihr gefallt mir, lieber Ketzer. Hrt einmal, werdet auch
rechtglubig; brauchet Ihr Geld? knnet haben soviel Ihr wollt, gegen ein
Reverschen zahlbar gleich nach Sicht; oh! damit kann man einen kstlich in
Verlegenheit bringen. Brauchet Ihr eine schne, frische, reiche Frau? Ich habe
eine Nichte, Ihr sollt sie haben. Brauchet Ihr Ehren und Wrden? Ich will Euch
pro primo den goldenen Sporenorden verschaffen; es kann ihn zwar jeder Narr um
einige Scudi kaufen - aber Ihr sollet ihn umsonst haben. Wollet Ihr in Eurer
barbarischen Heimat groe Ehrenstellen? drfet nur befehlen; wir haben dort
groen Einflu, geheim und ffentlich; na! was sagt Ihr dazu?
    Der Vorschlag ist nicht bel, erwiderte ich; Ihr seid nobel in Euren
Versprechungen, ich glaube, Ihr knntet den Teufel selbst katholisch machen?
    Anathema sit! anathema sit! Es wre uns brigens nicht schwer, antwortete
der Kardinal. Wir knnen ihn von seinen zweitausendjhrigen Snden absolvieren,
und dann taufen. berdies ist er ein dummer Kerl, der Teufel, und hat sich von
der Kirche noch immer berlisten lassen!
    Wisset Ihr das so gewi?
    Das will ich meinen; zum Beispiel, kennet Ihr die Geschichte die er mit
einem Franziskaner gehabt?
    Nein, ich bitte Euch, erzhlet!
    Ein Franziskaner zankte sich einmal mit ihm wegen einer armen Seele. Der
Teufel wollte sie durchaus haben, und hatte allerdings nach dem Ma ihrer Snden
das Recht dazu. Der Mnch aber wollte sie in majorem dei gloriam fr den Himmel
zustutzen. Da schlug endlich der Satan vor, sie wollen wrfeln, wer die meisten
Augen mit drei Wrfeln werfe, solle die Seele haben. Der Teufel warf zuerst,
und, wie er ein falscher Spieler ist, warf er achtzehn, er lachte den
Franziskaner aus. Doch dieser lie sich nicht irremachen; er nahm die Wrfel und
warf - neunzehn; und die Seele war sein.
    Herr! das ist erlogen, rief ich, wie kann er mit drei Wrfeln neunzehn
werfen?
    Ei, wer fragt nach der Mglichkeit? Genug, er hat's getan, es war ein
Wunder. Nun, kommet morgen in mein Haus, lieber Sohn, wir wollen dann den
Unterricht beginnen.
    Er gab mir den Segen und wankte weiter. Nein, Freund Rocco! dachte ich, eher
bekomme ich dich, als du mich, von dir lt sich der Satan nicht berlisten. Es
trieb mich jetzt, nach dem Hause des Berliners zu gehen, den ich schwer
verwundet verlassen hatte. Zu meiner groen Verwunderung sagte man mir, er sei
ausgegangen und werde wohl vor Nacht nicht zurckkehren. So mute ich den
Gedanken aufgeben, heute noch zu erfahren, wie es ihm ergangen sei, wie das
Frulein sich befinde, ob er wohl Hoffnung habe, jetzt, da der Kapitn auf immer
fr sie verloren sei, sie fr sich zu gewinnen; es blieb mir keine Zeit, ihn
heute noch zu sehen, denn den Abend ber wute ich ihn nicht zu finden, und auf
die kommende Nacht hatte ich eine Zusammenkunft mit jenen kleineren Geistern
verabredet, die als meine Diener die Welt durchstreifen.
    Ich trat zu diesem Zweck, als die Nacht einbrach, ins Coliseum, denn dies
war der Ort, wohin ich sie beschieden hatte. Noch war die Stunde nicht da, aber
ich liebe es, in der Stille der Nacht auf den Trmmern einer groen Vorzeit
meinen Gedanken ber das Geschlecht der Sterblichen nachzuhngen. Wie erhaben
sind diese majesttischen Trmmer in einer schnen Mondnacht! Ich stieg hinab in
den mittleren Raum. Aus dem blauen, unbewlkten Himmel blickte der Mond durch
die gebrochenen Wlbungen der Bogen herein, und die hohen berwachsenen Mauern
der Ruine warfen lange Schatten ber die Arena. Dunkle Gestalten schienen durch
die verfallenen Gnge zu schweben, wenn ein leiser Wind die Gestruche bewegte,
und ihre Schatten hin und wider zogen. Wo sie schwebten, diese Schatten, da sah
man einst ein frhliches Volk, schne Frauen, tapfere Mnner, und die ernste,
feierliche Pracht der kriegerischen Kaiser. Geschlecht um Geschlecht ist
hinunter, diese Mauern allein berdauerten ihre Zeit, um durch ihre erhabenen
Formen diese Sterblichen zu erinnern, wie unendlich grer der Sinn jenes Volkes
war, das einst ein Jahrtausend vor ihnen um diese Sttte lebte. Die ernste Wrde
der Konsuln und des Senates, der kriegerische Prunk der Csaren und - dieser
rmische Hof und diese Rmer!
    Der Mond war, whrend ich zu mir sprach, heraufgekommen und stand jetzt
gerade ber dem Zirkus. Ich sah mich um, da gewahrte ich, da ich nicht allein
in den Ruinen sei. Eine dunkle Gestalt sa seitwrts auf dem gebrochenen Schaft
einer Sule; ich trat nher hin - es war Otto von S.... Ich war freudig
erstaunt, ihn zu sehen, ich warf mich schnell in den Herrn von Stobelberg, um
mit ihm zu sprechen. Ich redete ihn an und wnschte ihm Glck, ihn so gesund zu
sehen. Er richtete sich auf; der Mond beschien ein sehr bleiches Gesicht,
weinende Augen blickten mich wehmtig an, schweigend sank er an meine Brust.
    Sie scheinen noch nicht ganz geheilt, Lieber! sagte ich; Sie sind noch
sehr bleich, die Nachtluft wird Ihnen schaden!
    Er verneinte es mit dem Haupt, ohne zu sprechen. Was war doch dem armen
Jungen geschehen, hatte er wohl von neuem einen Korb bekommen? Nun, ein Mittel
gibt es wohl, Sie gnzlich zu heilen, fuhr ich fort; jetzt steht Ihnen ja
nichts mehr im Wege, jetzt wird sie hoffentlich so sprde nicht mehr sein. Ich
will den Brautwerber machen; Sie mssen Mut fassen, Luise wird Sie erhren, und
dann ziehen Sie mit ihr aus dieser unglcklichen Stadt, fhren sie nach Berlin,
zu der Tante; wie werden sich die sthetischen Damen wundern, wenn Sie Ihre
Novelle auf diese Art schlieen, und die holde Erscheinung aus den Lamentationen
persnlich einfhren!
    Er schwieg, er weinte stille.
    Oder wie! haben Sie etwa den Versuch schon gemacht? Sollten Sie abgewiesen
worden sein? Will sie die Rolle der Sprden fortspielen?
    Sie ist tot! antwortete der junge Mann.
    Ist's mglich! hre ich recht? So pltzlich ist sie gestorben?
    Der Gram hat ihr Herz gebrochen; heute hat man sie begraben.
    Er sagte es, drckte mir die Hand, und einsam weinend ging er durch die
Ruinen des Coliseums.

                            Mein Besuch in Frankfurt



          1. Wen der Satan an der Table d'hte im Weien Schwanen sah

Kommt man um die Zeit des Pfingstfestes nach Frankfurt, so sollte man meinen, es
gebe keine heiligere Stadt in der Christenheit; denn sie feiern daselbst nicht
wie z.B. in Bayern 1 1/2, oder, wie im Kalender vorgeschrieben, 2 Festtage,
sondern sie rechnen vier Feiertage; die Juden haben deren sogar fnf, denn sie
fangen in Bornheim ihre heiligen bungen schon am Samstag an, und der Bundestag
hat sogar acht bis zehen.
    Diese Festtage gelten aber in dieser Stadt weniger den wunderbaren
Sprachknsten der Apostel, als mir. Was die berhmtesten Mystiker am
Pfingstfeste morgens den guten Leutchen ans Herz gelegt, was die immensesten
Rationalisten mit moralischer Salbung verkndet hatten, das war so gut als in
den Wind gesprochen. Die Fragen: ob man am Montag oder am Dienstag, am zweiten
oder dritten Feiertag ins Wldchen gehen, ob es nicht anstndiger wre, ins
Wilhelmsbad zu fahren, ob man am vierten Feiertag nach Bornheim oder ins
Vauxhall gehen solle, oder beides, diese Fragen schienen bei weitem wichtiger,
als jene, die doch fr andchtige Feiertagsleute viel nherlag, ob die Apostel
damals auch Englisch und Plattdeutsch verstanden haben?
    Mu ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreuen, der an solchen Tagen
mehr Seelen fr sich gewinnt, als das ganze Judenquartier in einer guten
Brsestunde Gulden? Auch diesmal wieder kam ich zu Pfingsten nach Frankfurt.
Leuten, die von einem berhmten Belletristen verwhnt, alles bis aufs kleinste
Detail wissen wollen, diene zur Nachricht, da ich im Weien Schwanen auf Nr. 45
recht gut wohnte, an der groen Table d'hte in angenehmer Gesellschaft
trefflich speiste, den Kchenzettel mgen sie sich brigens von dem Oberkellner
ausbitten.
    Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und Sthnen, das aus dem
Zimmer nebenan zu dringen schien. Ich trat nher, ich hrte deutlich, wie man
auf gut deutsch fluchte und tobte, dann Rechnungen und Bilanzen, die sich in
viele Tausende beliefen, nachzhlte, und dann wieder wimmerte und weinte, wie
ein Kind, das seiner Aufgabe fr die Schule nicht mchtig ist.
    Teilnehmend, wie ich bin, schellte ich nach dem Kellner und fragte ihn, wer
der Herr sei, der nebenan so beraus klglich sich gebrde?
    Nun, antwortete er, das ist der stille Herr.
    Der stille Herr? lieber Freund, das gibt mir noch wenig Aufschlu, wer ist
er denn?
    Wir nennen ihn hier im Schwanen den stillen Herrn, oder auch den Seufzer,
er ist ein Kaufmann aus Dessau, nennt sich sonst Zwerner, und wohnt schon seit
vierzehn Tagen hier.
    Was tut er denn hier? ist ihm ein Unglck zugestoen, da er so gar
klglich winselt?
    Ja! das wei ich nicht, erwiderte er, aber seit dem zweiten Tag, da er
hier ist, ist sein einziges Geschft, da er zwischen zwlf und ein Uhr in der
neuen Judenstrae auf und ab geht, und dann kommt er zu Tisch, spricht nichts,
it nichts, und den ganzen Tag ber jammert er ganz stille und trinkt Kapwein.
    Nun das ist keine schlimme Eigenschaft, sagte ich, setzen Sie mich doch
heute mittag in seine Nhe. Der Kellner versprach es, und ich lauschte wieder
auf meinen Nachbar.
    Den 12. Mai - hrte ich ihn sthnen, Metalliques 84 3/4. sterreichische
Staatsobligationen 87 3/8. Rothschildsche Lotterielose, der Teufel hat sie
erfunden und gemacht! 132. Preuische Staatsschuldscheine. 81! o Rebekka!
Rebekka! wo will das hinaus! 81! Die Preuen! ist denn gar keine Barmherzigkeit
im Himmel?
    So ging es eine Zeitlang fort; bald hrte ich ihn ein Glas Kapwein zu sich
nehmen, und ganz behglich mit der Zunge dazu schnalzen, bald jammerte er wieder
in den klglichsten Tnen und mischte die Konsols, die Rothschildschen
Unverzinslichen, und seine Rebekka auf herzbrechende Weise untereinander.
Endlich wurde er ruhiger. Ich hrte ihn sein Zimmer verlassen und den Gang
hinabgehen, es war wohl die Stunde, in welcher er durch die neue Judenstrae
promenierte.
    Der Kellner hatte Wort gehalten. Er wies, als ich in den Speisesaal trat,
auf einen Stuhl: Setzen sich der Herr Doktor nur dorthin, flsterte er, zu
Ihrer Rechten sitzt der Seufzer. Ich setzte mich, ich betrachtete ihn von der
Seite; wie man sich tuschen kann! Ich hatte einen jungen Mann von
melancholischem, gespenstigem Aussehen erwartet, wie man sie heutzutage in
groen Stdten und Romanen trifft, etwa bleichschmachtend und fein wie Eduard,
von der Verfasserin der Ourika, oder von schwchlichem, beinahe lderlichem
Anblick, wie einige Schopenhauersche oder Pichlersche Helden. Aber gerade das
Gegenteil; ich fand einen untersetzten, runden jungen Mann mit frischen,
wohlgenhrten Wangen und roten Lippen, der aber die trben Augen beinahe immer
niederschlug, und um den hbschen Mund einen weinerlichen Zug hatte, welcher zu
diesem frischen Gesicht nicht recht pate.
    Ich versuchte, whrend ich ihm allerlei treffliche Speisen anbot, einige
Male mit ihm ins Gesprch zu kommen, aber immer vergeblich; er antwortete nur
durch eine Verbeugung, begleitet von einem halbunterdrckten Seufzer. In solchen
Augenblicken schlug er dann wohl die Augen auf, doch nicht, um auf mich zu
blicken; er warf nur einen scheuen, finstern Blick geradeaus, und sah dann
wieder seufzend auf seinen Teller.
    Ich folgte einem dieser Blicke, und glaubte zu bemerken, da sie einem Herrn
gelten muten, der uns gegenber sa und schon zuvor meine Aufmerksamkeit auf
sich gezogen hatte.
    Er war gerade das Gegenteil von meinem Nachbar rechts. Seine schon etwas
kahle, gefurchte Stirne, sein brunlichtes, eingeschnurrtes Gesicht, seine
schmalen Wangen, seine spitze, weit hervortretende Nase deuteten darauf hin, da
er die fnfundvierzig Jhrchen, die er haben mochte, etwas schnell verlebt habe.
Den auffallendsten Kontrast mit diesen verwitterten, von Leidenschaften
durchwhlten Zgen, bildete ein ruhiges sliches Lcheln, das immer um seinen
Mund schwebte, die zierliche Bewegung seiner Arme und seines Krperchens, wie
auch seine sehr jugendliche und modische Kleidung.
    Es saen etwa fnf oder sechs junge Damen an der Tafel, und nach den
zrtlichen Blicken, die er jeder zusandte, dem sen Lcheln, womit er seine
Blicke begleitete, zu urteilen, mute er mit allen in genauen Verhltnissen
stehen. Dieser Herr hatte, wenn er mit der abgestorbenen, knchernen Hand einen
Spargel zum Munde fhrte und slich dazu lchelte, die grte hnlichkeit mit
einem rasierten Kaninchen, whrend mein Nachbar rechts wie ein melancholischer
Frosch anzusehen war.
    Warum brigens der Seufzer das Kaninchen mit so finsteren Augen ma, konnte
ich nicht erraten. Endlich, als die Blicke meines Nachbars dsterer und lnger
als gewhnlich auf jenem ruhten, fing das Kaninchen an, die Schultern und Arme
grazis hin und her zu drehen, den Rcken auf knstliche Art auszudehnen, und
das spitzige Kpfchen nach uns herber zu drehen; mit sem Lcheln fragte er:
Noch immer so dster, mein lieber Monsieur Zwerner? etwa gar eiferschtig auf
meine Wenigkeit!
    An dem zarten Lispeln, an der knstlichen Art das r wie gr
auszusprechen, glaubte ich in ihm einen jener adeligen Salonsmenschen zu
erkennen, die von einer feinen, leisen Sprache Profession machen. Und so war es,
denn mein Nachbar antwortete: Eiferschtig, Herr Graf? auf Sie in keinem Fall.
    Graf Rebs, so hrte ich ihn spter nennen - faltete sein Mulchen zu einem
feinen Lcheln, drckte die Augen halb zu, bog die Spitznase auf komische Weise
seitwrts, strich mit der Hand ber sein langes knchernes Kinn, und kicherte.
    Das ist schn von Ihnen, lieber Monsieur Zwerner; also gar nicht
eiferschtig? und doch habe ich die schne Rebekka erst gestern abend noch in
ihrer Loge gesprochen. Ha, ha! Sie standen im Parterre und schauten mit
melancholischen Blicken herauf. Darf ich Sie um jenes Ragout bitten, mein Herr?
    Ich war allerdings im Theater, habe aber nur vorwrts aufs Theater, und
nicht rckwrts gesehen, am wenigsten mit melancholischen Blicken.
    Herr Oberkellner, lispelte der Graf, Sie haben die Trffeln gespart; aber
nein! Monsieur Zwerner, wie man sich tuschen kann! Ich htte auf Ehre geglaubt,
Sie schauen herauf in die Loge mit melancholischen Blicken. Auch Rebekka mochte
es bemerken und Frulein v. Rothschild, denn als ich auf Sie hinabwies -
Kellner, ich trinke heute lieber roten Engelheimer, ein Flschchen - ja, wollte
ich sagen - das ist mir nun whrend des Engelheimers gnzlich entfallen, so geht
es, wenn man so viel zu denken hat.
    Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich schlechte Gedchtnis des Grafen
nicht behagen; obgleich er vorhin das Kaninchen ziemlich barsch abgewiesen
hatte, so schien ihm doch dieser Punkt zu interessant, als da er nicht weiter
geforscht htte. Nun, auch Frulein von Rothschild hat bemerkt, da ich
melancholisch hinaufsahe, fragte er, indem er seine bitteren Zge durch eine
Zutat von Lcheln zu versen suchte; freilich, diese hat ein scharfes Gesicht
durch die Lorgnette -
    Richtig, das war es, erwiderte Rebs, das war es; ja, als ich auf Sie
hinabwies und Rebekkchen Ihre Leiden anschaulich machte, schlug sie mich mit
ihrem Jockofcher auf die Hand, und nannte mich einen Schalk.
    Mein Nachbar wurde wieder finster, seine roten Wangen rteten sich noch
mehr, und die ansehnliche Breite seines Gesichtes erweiterte sich noch durch
wilden Trotz, der in ihm wtete. Er zog den Kopf tief in die Schultern, und
blitzte das Kaninchen hin und wieder mit einem grimmigen Blick an. Er hatte nie
so groe hnlichkeit mit einem angenehmen Froschjngling, der an einem warmen
Juniabend trauernd auf dem Teichel sitzt, als in diesem Augenblicke.
    Graf Rebs bemerkte dies. Mit angenehmer Herablassung, wobei er das r noch
mehr schnurren lie, als zuvor, sprach er: Werter Monsieur Zwerner. Sie drfen
aus dem Schlag mit dem Jockofcher keine argen Folgerungen ziehen. Es ist nur
eine Faon de parler unter Leuten von gutem Ton. Wegen meiner drfen Sie ruhig
sein. Zwar solange man jung ist, fuhr er fort, indem er den Halskragen hher
heraufzog und schalkhaft daraus hervorsah, wie das Kaninchen aus dem Busch,
zwar solange man jung ist, macht man sich hie und da ein Spchen. Aber ein
ganz anderer Gegenstand fesselt mich jetzt, Liebster! Haben Sie schon die Nichte
des englischen Botschafters gesehen, die seit drei Tagen hier in Frankfurt ist?
    Nein, antwortete mein Nachbar, leichter atmend.
    Oh, ein delizises Kind! Augenbraunen wie, wie - wie mein Rock hier, einen
Mund zum Kssen und in dem schnen Gesicht so etwas Pikantes, ich mchte sagen
so viel englische Race. Nun, wir sind hier unter uns, ich kann Sie versichern,
es ist auffallend aber wahr, ich sollte es nicht sagen, es beschmt mich, aber
auf Ehre, Sie knnen sich drauf verlassen, obgleich es ein ganz komischer Fall
ist, brigens hoffe ich mich auf Ihre Diskretion verlassen zu knnen; nein, es
ist wirklich auffallend, in drei Tagen...
    Nun so bitte ich Sie doch um Gottes willen, Herr Graf, was wollen Sie denn
sagen?
    Es war ein eigener Genu, das Kaninchen in diesem Augenblick anzusehen. Ein
Gedanke schien ihn zu kitzeln, denn er kniff die uglein zu, sein Kinn
verlngerte sich, seine Nase bog sich abwrts nach den Lippen, und sein Mund war
nur noch eine dnne, zarte Linie; dazu arbeitete er mit dem zierlich gekrmmten
Rcken und den Schulterblttern, als wolle er anfangen zu fliegen, und mit den
abgelebten Knchlein seiner Finger fuhr er auf dem Tisch umher. Noch einmal
mute der Seufzer ihn ermuntern, sein Geheimnis preiszugeben, bis er endlich
hervorbrachte: Sie ist in mich verliebt. Sie staunen; ich kann es Ihnen nicht
belnehmen, auch mir wollte es anfangs sonderbar bednken, in so kurzer Zeit;
aber ich habe meine sicheren Kennzeichen, und auch andere haben es bemerkt.
    Sie Glcklicher! rief der Seufzer nicht ohne Ironie, wo Sie nur
hintippen, schlagen Ihnen Herzen entgegen; brigens rate ich, diese Englnderin
ernstlicher zu verfolgen, bedenken Sie, eine so solide Partie -
    Merke schon, merke schon, entgegnete Rebs mit schlauem Lcheln, es ist
Ihnen um Rebekka, Sie wollen, ich solle dort gnzlich aus dem Felde ziehen.
Solide Partie! Sie werden doch nicht meinen, da ich schon heiraten will? Gott
bewahre mich! aber wegen Rebekkchen drfen Sie ruhig sein; ich ziehe mich
gnzlich zurck. Und sollte vielleicht eine vorbergehende Neigung in dem
Mdchen - Sie verstehen mich schon -, das wird sich bald geben, ich glaube
nicht, da sie mich ernstlich geliebt hat.
    Ich glaube auch nicht, entgegnete der Seufzer mit einem Ton, in welchen
sich bittere Ironie mit Grimm mischte. Die Gesellschaft stand auf, wir folgten.
Graf Rebs tnzelte lchelnd zu den Damen, welchen er whrend der Tafel so
zrtliche Blicke zugeworfen; ich aber folgte dem unglcklichen Seufzer.

                             2. Trost fr Liebende


Was war doch dies fr ein sonderbarer Herr? fragte ich meinen Nachbar, indem
ich mich dicht an ihn anschlo. Findet er wirklich bei den Damen so sehr
Beifall, oder ist er ein wenig verrckt?
    Ein Geck ist er, ein Narr! rief der Seufzende, indem er mit dem Kopf aus
den Schultern herausfuhr, und die Arme umherwarf; ein alter Junggeselle von
fnfundvierzig, und spielt noch den ersten Liebhaber. Eitel, tricht, glaubt,
jede Dame, die er aus seinen kleinen uglein anblinzelt, ist in ihn verliebt,
drngt sich berall an und ein -
    Nun da spielt dieser Graf Rebs eine lcherliche Rolle in der Gesellschaft,
da wird er wohl berall verhhnt und abgewiesen?
    Ja, wenn die Damen dchten wie Sie, wertgeschtzter Herr! aber so
lcherlich dieser Gnome ist, so tricht er sich berall gebrdet, so - o
Rebekka! der Teufel hat die Weiberherzen gemacht.
    Ei, ei! sagte ich, indem ich schnell Nro. 45 aufschlo und den
Verzweifelnden hineinschob, ei! lieber Herr Zwerner, wer wird so arge
Beschuldigungen ausstoen. Und auf Frulein Rebekka, setzen Sie sich doch
geflligst aufs Sofa, auf das Frulein sollte er auch Eindruck gemacht haben,
dieser Gliedermann?
    Ach, nicht er, nicht er; sie sieht, da er lcherlich ist und geckenhaft,
und doch kokettiert sie mit ihm; nicht mit ihm, sondern mit seinem Titel. Es
schmeichelt ihr, einen Grafen in ihrer Loge zu sehen, oder auf der Promenade von
ihm begrt zu werden, vielleicht wenn sie eine Christin wre, htte sie einen
solidern Geschmack.
    Wie, das Frulein ist eine Jdin?
    Ja, es ist ein Judenfrulein; ihr Vater ist der reiche Simon in der neuen
Judenstrae, das groe gelbe Haus neben dem Herrn von Rothschild, und eine
Million hat er, das ist ausgemacht.
    Sie haben einen soliden Geschmack, und wie ich aus dem Gesprch des Grafen
bemerkt habe, knnen Sie sich einige Hoffnung machen?
    Ja, erwiderte er rgerlich, wenn nicht der Satan das Papierwesen erfunden
htte. So stehe ich immer zwischen Tre und Angel. Glaube ich heute einen festen
Preis, ein sicheres Vermgen zu haben, um vor Herrn Simon treten, und sagen zu
knnen: Herr! wir wollen ein kleines Geschft machen miteinander, ich bin das
Haus Zwerner und Comp. aus Dessau, stehe so und so, wollen Sie mir Ihre Tochter
geben? Glaube ich nun so sprechen zu knnen, so lt auf einmal der Teufel die
Metalliques um zwei, drei Prozent steigen, ich verliere, und meinem
Schwiegerpapa, der daran gewinnt, steigt der Kamm um so viele Prozente hher,
und an eine Verbindung ist dann nicht mehr zu denken.
    Aber kann denn nicht der Fall eintreten, da Sie gewinnen?
    Ja, und dann bin ich so schlecht beraten wie zuvor. Herr Simon ist von der
Gegenpartei. Gewinne ich nun durch das Sinken dieser oder jener Papiere, so
verliert er ebensoviel, und dann ist nichts mit ihm anzufangen, denn er ist ein
ausgemachter Narr und reif fr das Tollhaus, wenn er verliert. Ach, und aus
Rebekkchen, so gut sie sonst ist, guckt auf allen Seiten der jdische Geldteufel
heraus.
    Wie, sollte es mglich sein, eine junge Dame sollte so sehr nach Geld
sehen?
    Da kennen Sie die Mdchen, wie sie heutzutage sind, schlecht, erwiderte er
seufzend. Titel oder Geld, Geld oder Titel, das ist es, was sie wollen. Knnen
Sie sich durch einen Lieutenant zur Gndigen Frau machen lassen, so ist er ihnen
eben recht, hat ein Mann wie ich Geld, so wiegt dies den Adel zur Not auf, weil
derselbe gewhnlich keines hat.
    Nun, ich denke aber, das Haus Zwerner und Comp. in Dessau hat Geld, woher
also Ihr Zweifel an der Liebe des Fruleins?
    Ja, ja! sagte er etwas freundlicher, wir haben Geld, und so viel, um
immer mit Anstand um eine Tochter des Herrn Simon zu freien; aber Sie kennen die
Frankfurter Mdchen nicht, werter Herr! Ist von einem angenehmen,
liebenswrdigen jungen Mann die Rede, so fragen sie, Wie steht er? Steht er nun
nicht nach allen Brsenregeln solid, so ist er in ihren Augen ein Subjekt, an
das man nicht denken mu.
    Und Rebekka denkt auch so?
    Wie soll sie andere Empfindungen kennenlernen in der neuen Judenstrae?
Ach! Ihre Neigung zu mir wechselt nach dem Kurs der Brsenhalle! Man wei hier,
da ich mich verfhren lie, viele Metalliques und preuische
Staatsschuldscheine zu kaufen. Mein Interesse geht mit dem der hohen Mchte und
mit dem Wohl Griechenlands Hand in Hand. Verliert die Pforte, so gewinne ich und
werde ein reicher Mann; gewinnt der Grotrke und sein Reis-Effendi, so bin ich
um zwanzigtausend Kaisergulden rmer, und nicht mehr wrdig, um sie zu freien.
Das wei nun das liebenswrdige Geschpf gar wohl, und ihr Herz ist geteilt
zwischen mir und dem Vater. Bald mchte sie gerne, da die Pforte das Ultimatum
annehme, um mein Glck zu frdern; bald denkt sie wieder, wieviel ihr Vater
durch diese Spekulation des Herrn von Metternich verlieren knnte, und wnscht
dem Effendi so viel Verstand als mglich. Ich Unglcklicher!
    Aber, lieben Sie denn wirklich dieses edle Geschpf? fragte ich.
    Trnen traten ihm in die Augen, ein tiefer Seufzer stahl sich aus seiner
Brust. Wie sollte ich sie nicht lieben, antwortete er, bedenken Sie,
fnfzigtausend Taler Mitgift, und nach des Vaters Tod eine halbe Million, und
wenn Gott den Israelchen zu sich nimmt, eine ganze. Und dabei ist sie vernnftig
und liebenswrdig, hat so was Feines, Zartes, Orientalisches; ein schwarzes Auge
voll Glut, eine khn geschwungene Nase, frische Lippen, der Teint, wie ich ihn
liebe, etwas dunkel und dennoch rtlich. Ha! und eine Figur! Herr! wie sollte
man ein solches Geschpf nicht lieben!
    Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen, den Grafen Rebs?
    Oh, einige Judenjnglinge, bedeutende Huser, buhlen um sie, aber ihr Sinn
steht nach einem soliden Christen; sie wei, da bei uns alles nobler und freier
geht als bei ihrem Volk, und schmt sich, in guter Gesellschaft fr eine Jdin
zu gelten. Daher hat sie sich auch den Frankfurter Dialekt ganz abgewhnt und
spricht Preuisch; Sie sollten hren, wie schn es klingt, wenn sie sagt, it
es mchlich? oder: Es jienge wohl, aber es jeht nich.
    Der Seufzer gefiel mir; es ist ein eigenes, sonderbares Volk, diese jungen
Herren vom Handelsstand. Sie bilden sich hinter ihrem Ladentisch eine eigene
Welt von Ideen, die sie aus den trefflichsten Romanen der Leihbibliotheken
sammeln; sie sehen die Menschen, die Gesellschaft nie, es sei denn wenn sie
abends durch die Promenade gehen oder sonntags, gekleidet wie Herren comme il
faut, auf Kirchweihen oder sonstigen Bllen sich amsieren. Reisen sie hernach,
so dreht sich ihr Ideengang um ihre Musterkarte und die schne Wirtin der
nchsten Station, welche ihnen von einem Kameraden und Vorgnger empfohlen ist;
oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers, die, wie sie glauben, noch lange
um den schnen, wohlgewachsenen, jungen Mann weinen wird. Sie haben irgendwo
gelesen oder gehrt, da der Handelsstand gegenwrtig viel zu bedeuten habe;
drum sprechen sie mit Ehrfurcht von sich und ihrem Wesen, und nie habe ich
gefunden, da einer von sich sagte: Kaufmann oder Bnderkrmer, sondern: Ich
reise in Geschften des Hauses Buerlein oder Zwierlein, und fragte man in
welchen Artikeln, so kann man unter zehn auf neun rechnen, sie ganz bescheiden
antworten hren: Knpfe, Haften und Haken, Tabak, Schnupf-und Rauch-, und
dergleichen bedeutende Artikel. Haben sie nun gar im Stdtchen ihrer Heimat ein
Schtzchen zurckgelassen, so darf man darauf rechnen, sie werden, wenn von
Liebe die Rede ist, ihre sehr interessante Geschichte erzhlen, wie sie
Frulein Jettchen beim Mondschein kennengelernt haben, sie werden die
Brieftasche ffnen und unter hundert Empfehlungsbriefen Annoncen von Gasthfen
etc., ein Seidenpapier hervorziehen, das ein Prbchen Haar von der Stirne der
Geliebten enthlt.
    Glckliche Nomaden! Ihr allein seid noch heutzutage die fahrenden Ritter der
Christenheit; und wenn es euch auch nicht zukommt, mit eingelegter Lanze  la
Don Quijote eurer Jungfrauen Schnheit zu verteidigen, so richtet ihr doch in
jeder Kneipe nicht weniger Verwstung an, wie jener mannhafte Ritter, und seid
berdies meist euer eigener Sancho Pansa an der Tafel.
    Eine solche liebenswrdige Erziehung, aus Comptoir-Spekulationen, Romanen,
Mondscheinliebe und Handelsreisen zusammengesetzt, schien nun auch mein Nachbar
Seufzer genossen zu haben. Nur etwas fehlte ihm, er war zu ehrlich. Wie leicht
wre es fr einen Mann von Zweimalhunderttausend gewesen, Kuriere nicht von
Hchst, oder von Langen, sondern von Wien, sogar mit authentischen Nachrichten
kommen zu lassen, um seinem Glcke aufzuhelfen. Ist denn auf der Erde nicht
alles um Geld feil? und wenn Rothschild mit Geld etwas machen kann, warum sollte
es ein anderer nicht auch knnen, wenn sein Geld ebensogut ist, als das des
groen Makkabers?
    Zwar ein solcher Sperling macht keinen Sommer; eine solche Handelsseele mehr
oder weniger mein, kann mir nicht ntzen; doch die Nanzen ergtzen mich, jenes
bunte Farbenspiel, bis ein solcher Hecht ins Netz geht, und darum beschlo ich
ihm zu ntzen, ihn zu fangen.
    Ich bin, sagte ich zu ihm, ich bin selbst einigermaen Papierspekulant,
daher werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihre bisherige Verfahrungsart etwas
sonderbar finde.
    Wie meinen Sie das? fragte er verwundert. Als ich in Dessau war, lie ich
mir nicht jeden Posttag den Kurszettel schicken? und hier, gehe ich nicht jeden
Tag in die Brsenhalle? gehe ich nicht jeden Tag in die neue Judenstrae, um das
Neueste zu erfragen?
    Das ist es nicht was ich meine, ein Genie wie Sie, Herr Zwerner (er
verbeugte sich lchelnd), das heit, ein Mann mit diesen Mitteln, der etwas
wagen will, mu selbst eingreifen in den Lauf der Zeiten.
    Aber mein Gott, rief er verwunderungsvoll, das kann ja jetzt niemand als
der Rothschild, der Reis-Effendi und der Herr von Metternich; wie meinen Sie
denn?
    ber Ihr Glck, Sie geben es selbst zu, kann ein einziger Tag, eine einzige
Stunde entscheiden; zum Beispiel, wenn die Pforte das Ultimatum verwirft, die
Nachricht schnell hieher kmmt, kann eine Krisis sich bilden, die Sie strzt.
Ebenso im Gegenteil, knnen Sie durch eine solche Nachricht sehr gewinnen, weil
dann Ihre Papiere steigen?
    Gewi, gewi߫, seufzete er; aber ich sehe nur noch nicht recht ein -
    Nur Geduld; wer gibt nun diese Nachricht, wer bekommt sie? Das Ministerium
in Wien, oder ein guter Freund, der sehr nahe hingehorcht und dem groen Portier
ein Stck Geld in die Hand gedrckt hat, lt noch in der Nacht einen Kurier
aufsitzen; der reitet und fhrt und fliegt nach Frankfurt, und bringt die
Depesche, wem?
    Ach, dem Glcklichsten, dem Vornehmsten!
    Nein, dem, der am besten zahlt. Einen solchen Kurier kann ich Ihnen um Geld
auch verschaffen, ich habe Konnexionen in Wien. Man kann dort mancherlei
erfahren, ohne gerade der sterreichische Beobachter zu sein; kurz, wir lassen
einen Brief mit der Nachricht einer wichtigen Krisis, eines bedeutenden
Vorfalls, kommen -
    Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder der Kaiser von Ruland
sei pltzlich -
    Nichts davon, das ist zu wahrscheinlich, als da es die Leute glauben;
Unwahrscheinliches, berraschendes, mu auf der Brse wirken -
    Also etwa der Frst von M. sei ein Trke geworden; habe dem Islam
geschworen?
    Ich sage Ihnen ja, nichts Wahrscheinliches; nein, geradezu, die Pforte habe
das Ultimatum angenommen. Bekommen Sie nun diese Nachricht mit allem mglichen
geheimnisvollen Wesen, lassen Sie den Kurier sogleich ein paar Stationen
weiterreisen, lassen Sie den Brief einige Geheimniskrmer lesen, gehen kurze
Zeit darauf in die Brsenhalle, so kann es nicht fehlen, Sie sind ein wichtiger
Mann und setzen Ihre Papiere mit Gewinn ab.
    Aber, lieber Herr, erwiderte der Kaufmann von Dessau klglich, das wre
ja denn doch erlogen, wie man zu sagen pflegt, eine Snde fr einen rechtlichen
Mann, bedenken Sie, ein Kaufmann mu im Geruch von Ehrlichkeit stehen, will er
Kredit haben.
    Ehrlichkeit, Possen! Geld, Geld, das ist es, wornach er riechen mu, und
nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie am Ende Ehrlichkeit? ob Sie Ihre
Kunden bei einem Pfunde Kaffee betrgen, ob Sie einem alten Weib ihr Lot
Schnupftabak zu leicht wiegen, oder ob Sie dasselbe Experiment im groen
vornehmen, das ist am Ende dasselbe.
    Ei, verzeihen Sie, da mu ich denn doch bitten; an der Prise, die das Weib
zu wenig bekmmt, stirbt sie nicht, wie man zu sagen pflegt, aber wenn ich einen
solchen Kurier kommen lasse, so kann er durch seine falsche Nachricht ein
Nachrichter der ganzen Brse werden; viele Huser knnen fallieren, andere
wanken und im Kredit verlieren, und das wre dann meine Schuld!
    So, mein Herr? sagte ich mit mitleidigem Lcheln zu der schwachen Seele,
so, Sie schmen sich nicht, die Moral, das Herrlichste was man auf Erden hat,
so zu verhunzen? also wegen der Folgen wollen Sie nicht? nicht vor dem Beginnen
an sich, als einem unmoralischen, beben Sie zurck? Wer den Anfang einer Tat
nicht scheut, darf auch ihr Ende nicht scheuen, ohne fr eine kleine Seele zu
gelten. Oder glauben Sie, eine Rebekka knne man dadurch verdienen, da man im
Weien Schwanen wohnt und seufzt, da man zur Tafel geht und mit dem Kaninchen,
dem Grafen Rebs, grollt?
    Aber, mein Herr, rief der Seufzer etwas pikiert, ich wei gar nicht, was
Sie mir, als einem ganz Fremden fr eine Teilnahme erzeigen; ich wei gar nicht,
wie ich das nehmen soll?
    Mein Herr, das haben Sie sich selbst zuzuschreiben; Sie haben mir Ihre Lage
entdeckt und mich gleichsam um Rat gefragt, daher meine Antwort. brigens bin
ich ein Mann, der reist, um berall das Treffliche und Erhabene kennenzulernen.
In Ihnen glaubte ich gleich auf den ersten Anblick solches gefunden zu haben; -
    Bitte recht sehr, eine so ganz gewhnliche Physiognomie wie die meine -
    Das knnen Sie nicht so beurteilen, wie ein anderer; auf Ihrer Stirne
thront etwas Freies, Mutiges, um Ihren Mund weht ein anziehender Geist -
    Finden Sie das wirklich, rief er, indem er lchelnd meine Hand fate und
verstohlen nach dem Spiegel blickte; es ist wahr, man hat mir schon dergleichen
gesagt, und, in Stuttgart hat man mich sogar versichert, ich sei dem berhmten
Dannecker auf der Strae aufgefallen, und er sei eigens deswegen einigemal in
den Knig von England gekommen, um von mir etwas fr seinen Johannes abzusehen.
    Nun sehen Sie, wie mu es nun einen Mann, wie ich bin, berraschen, so
wenig Mut, so wenig Entschlu hinter dieser freien Stirne, diesem mutigen Auge
zu finden!
    Ach, Sie nehmen es auch zu strenge; ich habe ja Ihren Vorschlag durchaus
nicht verworfen, nur einiges Bedenken, einige kleine Zweifel stiegen in mir auf,
und - nun Sie haben wahrlich nicht unrecht, ich fhle einen gewissen Mut, eine
gewisse Freiheit in mir, es ist ein gewisses Etwas, ja - so gut es ein anderer
tun kann, will ich es auch versuchen. Es sei, wie Sie sagten, ich will es
daranrcken und einen Kurier kommen lassen; wir wollen die Metalliques
steigern!

                          3. Ein Schabbes in Bornheim


Der einzige Zweifel, der den seufzenden Dessauer noch qulte, war die Furcht,
den Vater seiner Geliebten in bedeutenden Verlust zu strzen, wenn er seine
Operation nach meinem Plane einrichte. Doch auch dafr wute ich ein gutes, sehr
einfaches Mittel. Er mute den Herrn Simon in der neuen Judenstrae auf seine
Seite bringen, mute ihm bedeutende Winke von der nahenden Krisis geben;
entweder nahm dann der Jude an dem ganzen Unternehmen unbewut teil und gewann
zugleich mit dem Dessauer, oder, er war wenigstens gewarnt und mute einige
Achtung vor einem Mann bekommen, der so genau die politischen Wendungen zu
berechnen wute, der seine Kombinationen so geschickt zu machen verstand.
    Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von selbst auf den Gedanken, noch an
diesem Tage mit dem alten Simon zu sprechen, und lud mich ein, mit ihm nach
Bornheim zu fahren, wo der Schabbes heute die noble Welt des alten
Judenquartiers, der neuen Judenstrae, berhaupt alle Stmme Israels versammelt
habe.
    Wir fuhren hinaus; der Seufzer schien ein ganz anderer Mensch geworden zu
sein. Sein trbseliges Gesicht leuchtete freundlich vom Glanze der Hoffnung,
sein Auge hob sich freier, um seine Stirne, seinen Mund war jede Melancholie
verschwunden, sein groer runder Kopf steht nicht mehr zwischen den Schultern,
er trgt ihn freier, erhabener, als wollte er sagen: Seht ihr Frankfurter und
Bornheimer, ich bin es, das Haus Zwerner und Comp. aus Dessau, nchstens eine
bedeutende Person an der Brse, und wenn es gut geht, Brutigam der schnen
Rebekka Simon in der neuen Judenstrae!
    Aus dem Garten des Goldenen Lwen in Bornheim tnten uns die zitternden
Klnge von Harfen und Gitarren, und das Geigen verstimmter Violinen entgegen;
das Volk Gottes lie sich vormusizieren im Freien, wie einst ihr Knig Saul,
wenn er bler Laune war. Wir traten ein; da saen sie, die Shne und Tchter
Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit funkelnden Augen, khn gebogenen Nasen, fein
geschnittenen Gesichtern, wie aus einer Form geprgt, da saen sie vergngt und
frhlich plaudernd, und tranken Champagner aus saurem Wein, Zucker und
Mineralwasser zubereitet, da saen sie in malerischen Gruppen unter den Bumen,
und der Garten war anzuschauen, als wre er das gelobte Land Kanaan, das der
Prophet vom Berge gesehen, und seinem Volk verheien hatte. Wie sich doch die
Zeiten ndern durch die Aufklrung und das Geld!
    Es waren dies dieselben Menschen, die noch vor dreiig Jahren keinen Fu auf
den breiten Weg der Promenade setzen durften, sondern bescheiden den Nebenweg
gingen; dieselben, die den Hut abziehen muten, wenn man ihnen zurief: Jude,
sei artig, mach dein Kompliment! Dieselben, die von dem Brgermeister und dem
Hohen Rat der freien Stadt Frankfurt jede Nacht eingepfercht wurden in ihr
schmutziges Quartier. Und wie so ganz anders waren sie jetzt anzuschauen.
berladen mit Putz und kstlichen Steinen saen die Frauen und Judenfrulein;
die Mnner, konnten sie auch nicht die spitzigen Ellbogen und die vorgebogenen
Knie ihres Volkes verleugnen, suchten sie auch umsonst den ruhigen, soliden
Anstand eines Kaufherrn von der Zeile oder der Million zu kopieren, die Mnner
hatten sich sonntglich und schn angetan, lieen schwere goldene Ketten ber
die Brust und den Magen herabhngen, streckten alle zehn Finger, mit blitzenden
Solitairs besteckt, von sich, als wollten sie zu verstehen geben: Ist das nicht
was ganz Solides? Sind wir nicht das auserwhlte Volk? Wer hat denn alles Geld,
gemnzt und in Barren, als wir? Wem ist Gott und Welt, Kaiser und Knig
schuldig, wem anders als uns?
    Dort sitzt sie, die Taube von Juda, dort sitzt sie, die Gazelle des
Morgens, rief der Seufzer in poetischer Ekstase, und zerrte mich am Arm;
schauen Sie dort, unter dem Zelt von hlzernem Gitterwerk. Der mit dem runden
Leib, der langen Nase und den grauen Lckchen am Ohr, ist der Vater, Herr Simon
aus der neuen Judenstrae, die dicke Frau rechts mit den schwarzseidenen Locken
und dem rotbraunen Gesicht ist die Tante; eine fatale Verwandtschaft, aber man
wei sich in Zukunft zu separieren nach und nach.
    Aber wo ist denn die Gazelle, die Taube, ich sehe sie noch nicht -
    Geduld, noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante, das Gestirn des
Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir nher. Doch eben fllt mir bei, ich
mu Sie vorstellen; wie nenne ich Sie, mein lieber Freund und Ratgeber?
    Ich bin der k. k. Legationsrat Schmlzchen aus Wien, gab ich ihm zur
Antwort, reise in Geschften meines Hofes nach Mainz.
    Ah, rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlich-kniglich an den Hut
gegriffen hatte, Le-Legationsrat, wirklicher, und nicht blo Titular ums liebe
Geld? Das freut mich, Dero werte Bekanntschaft zu machen. Htte es mir gleich
vorstellen knnen, Sie haben einen gar tiefen Blick in die Staatsaffren.
Wahrhaftig, htte es Ihnen gleich ansehen knnen; haben so etwas Diplomatisches,
Kabinettsmiges in Dero Visage.
    Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehen wir zum Juden, ich hoffe Ihnen
ntzlich sein zu knnen.
    Wir traten zu dem Zelt aus hlzernem Gitterwerk. Mein Begleiter errtete
tiefer, je nher er trat; seine Wangen liefen vom Hellroten ins Dunkelrote, von
da ins blulich Schattierte an, und als wir vor dem Herrn Simon standen, war er
anzusehen wie eine schne dunkelrote Herzkirsche. Die Tante, das neidische
Gewlk, erhob sich, und nun ward auch das Gestirn des Morgens sichtbar. Das
Schickselchen, die Kalle, ich meine Rebekka des Juden Tochter, war nicht bel. -
Sie hatte, um mich wie Graf Rebs auszudrcken, viel Race und ihre Augen konnten
den Seufzer wohl bis aufs Herz durchbrennen, obgleich er zur Vorsicht und aus
Eleganz drei Westen angetan hatte.
    Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus Dessau bei der Familie
wohlgelitten schien, vorgestellt hatte, machte er sich an die Taube von Juda,
und berlie es mir, den alten Simon zu unterhalten. Mein Titel schien ihm
einigen Respekt eingeflt zu haben. Haben da ein schnes Fach erwhlt, Herr
von Schmlzlein, bemerkte er wohlgefllig lchelnd; habe immer eine
Inklination fr die Diplomatik gehabt, aber die Verhltnisse wollten es nicht,
da ich ein Gesandter oder dergleichen wurde. Man wei da gleich alles aus der
ersten Hand; man kann viel komplizieren und dergleichen; was lieen sich da fr
Geschfte machen!
    Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten Verhltnisse
kennen. Allein aber schauen S', das Ding hat auch seinen Haken. Man wei oft
eigentlich zu viel, es geht einem wie ein Rad im Kopf umher.
    Der Jude rckte nher. Mit einem Wiener Diplomaten, mochte er denken, nehme
ich es auch noch auf. Zeviel? sagte er; ich fr meinen Teil kann nie zeviel
wissen. Was die Papiere betrifft, da kann ein Fingerzeig, ein halber, ein
Viertelsgedanke oft mehr tun, als eine lange Rede im Frankfurter Museum. Nu, Sie
stehen solide in Wien. Ihr Staat ist ein gemachtes Haus trotz einem; was der
Herr von M. auf dem Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach.
    Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!
    Gut, trs bien bon! gut gegeben, hi! hi! hi! apropos, wissen Sie Neues aus
daher? Er rckte mir schon nher und wurde verfnglicher.
    Herr Simon, sagte ich mit Artigkeit ausweichend, Sie wissen, es gibt
Flle -
    Wie! rief er erschrocken, Gotts Wunder! Neue Fallissements, waas! ist
nicht die Krisis vom letzten Winter schon ein Strafgericht des Herrn gewesen?
Waas?
    Um Jottes willen, Papa! schrie Rebekka, indem sie den Arm des zrtlichen
Seufzers zurckstie und aufsprang, doch kein Unglck? Mein Jott! doch nich
hier in Frankfort?
    Beruhigen Sie sich doch, gndiges Frulein, ich sprach mit Ihrem Herrn Papa
ber Politik, und rechnete einige Flle auf; und er hat mich holter nicht recht
verstanden.
    Sie prete mit einem zrtlichen, hinsterbenden Blick auf den erschrockenen
Dessauer, ihre Hand auf das Herz und atmete tief. Nee! was ich erschrocken bin
jeworden, da machen Sie sich keenen Bejriff von! lispelte sie. Mein Herz pocht
schrecklich! Na, erzhlen Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie htten ins
Parterre jestanden und wren melancholisch jewesen?
    Das Geflster der Liebenden wurde leiser und leiser: die Blicke des Seufzers
wurden feuriger, er zog als das Gewlke ein wenig im Garten auf und ab ging,
die niedliche Hand der Jdin an die Lippen und gestand ihr, wenn ich anders
recht gehrt habe, da nchstens die Metalliques und die ...... um drei Prozente
steigen werden.
    Herr von Schmlzlein! sagte der Alte, nachdem er einigen koscheren Wein zu
sich genommen, Sie haben mir da einen Schreck in den Leib gejagt, den ich nie
vergesse. Fallen, Flle, wie kann man auch nur dies Wort in Gesellschaft
aussprechen!! Nun, Sie wollten sagen?
    Es gibt Affren, fuhr ich fort, wo der Diplomat schweigen mu. ber das
Nhere meiner Sendung z.B. werden Sie selbst mich nicht befragen wollen; nur so
viel kann ich Ihnen aber, mein Herr Simon, im engsten Vertrauen! -
    Der Gott meiner Vter tue mir dies und das! rief er feierlich; so ich nur
meinem Nachbar oder seinem Weib, oder seinem Sohn, oder seiner Tochter das
Geringste -
    Schon gut! ich traue auf Ihre Diskretion, kurz, so viel kann ich Ihnen
sagen, da nchstens eine bedeutende Krisis eintreten wird; ganz zu allernchst.
Fr oder gegen wen darf ich nicht sagen; doch Herr von Zwerner -
    Von Zwerner?
    Nun, ich nenne ihn so, man wei ja nicht, was geschieht; an ihn war ich
besonders empfohlen vom Frsten, und ich glaube, wenn ich anders richtig
schliee, er mu in den nchsten Tagen Kuriere aus Wien bekommen.
    Der Zwerner?! ei, ei! wer htte das gedacht! Zwar ich sagte immer, hinter
dem steckt etwas; geht so tiefsinnig, kalkulierend umher, hat wahrscheinlich
nicht umsonst so unsinnig viele Metalliques gekauft; ei, sehe doch einer! Hlt
sich Kuriere mit Wien! Und, wenn man fragen darf, es handelt sich wohl um das
Ultimatum mit der Pforte?
    Ja.
    Ei, darf man fragen? wie ist es ausgefallen? Hat er eingewilligt, der
Effendi? Hat er?
    Mein Herr Simon, ich bitte -
    O ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen, aus Politik, aus
Politik, aber er hat, er hat?
    Trauen Sie auf nichts, ich warne Sie, auf keine Nachricht trauen Sie, als
auf authentische. Der Herr dort wei vielleicht mancherlei, und hat nicht das
drckende Stillschweigen eines Diplomaten zu beobachten.
    Ei, htte ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von Wien, und der
Zwerner aus Dessau; zwar er ist ein solides Haus, das ist keine Frage, aber denn
doch nicht so auerordentlich. Ob sich wohl was mit ihm machen liee? setzte er
tiefer nachsinnend hinzu, indem er seine Nase herunter gegen den Mund bog, und
das lange Kinn aufwrts drckte, da sich diese beiden reichen Glieder
begegneten und kten. Dies war der Moment, wo er anbeien mute, denn er nagte
schon am Kder. Ich gab dem Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu
nhern, und nahm seinen Platz bei der Gazelle des Morgenlandes ein.

                         4. Das gebildete Judenfrulein


Wie war sie grazis, das heit geziert, wie war sie artig, nmlich kokett, wie
war sie naiv, andere htten es lstern genannt.
    Ich liebe die Tiplomattiker, sagte sie unter anderem mit feinem Lcheln
und vielsagendem Blick; es is so etwas Feines, Jewandtes in ihren Manieren; man
sieht ihnen den Mann von jutem Jeschmack schon von die Ferne an, und wie
angenehm riechen sie nach Eau de Portugal!
    O gewi, auch nach Fleur d'Orange und dergleichen. Wie nehmen sich denn die
hiesigen Diplomaten? kommen sie viel unter die Leute?
    Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die lteren Herren haben sechs bis sieben
Monate Ferien und reisen umher. Die jngeren aber, die indessen hierbleiben und
die Geschfte treiben, sie mssen Psse visieren, sie mssen Zeitungen lesen, ob
nichts Verfngliches drein is, sie mssen das Papier ordentlich zusammenlegen
fr die Sitzungen; nun, was nun solche junge Herren Tiblomen sind, das sein janz
scharmante Leute, wohnen in die Chambres garnies, essen an die Tables d'hte,
jehen auf die Promenade schn ausstaffiert comme il faut, haben zwar jewhnlich
kein Jeld nich, aber desto mehr Ansehen.
    Da haben Sie einen herrlichen Shawl umgelegt, mein Frulein, ist er wohl
echt?
    Ah, jehen Sie doch! meinen Sie, ich werde etwas anderes anziehen, als was
nicht janz echt ist? Der Shawl hat mir jekostet achthundert Gulden, die ich in
die Rothschildischen Los gewunnen. Und sehen Sie, dieses Kollier hier kostet
sechzehnhundert Gulden, und dieser Ring zweitausend; ja, man jeht sehr echt in
Frankfort, das heit, Leute von den jutem Ton wie unsereine.
    Ach, was haben Sie doch fr eine schne, gebildete Sprache, mein Frulein!
wurden Sie etwa in Berlin erzogen?
    Finden Sie das och? erwiderte sie anmutig lchelnd, ja, man hat mir schon
oft das Kompliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie, ich bin hier
erzogen worden; aber es macht, ich lese viel und bilde auf diese Art meinen
Jeist und mein Orkan aus.
    Was lesen Sie? wenn man fragen darf.
    Nu, Bellettres, Bcher von die schne Jeister; ich bin abbonniert bei Herrn
Dring in der Sandjasse, nchst der Weien Schlange, und der verproviantiert
mich mit Almanachs und Romancher.
    Lesen Sie Goethe, Schiller, Tieck und dergleichen?
    Nee, das tu ich nicht. Diese Herren machen schlechte Jeschfte in
Frankfort; es will sie keen Mensch, sie sind zu studiert, nich natrlich jenug.
Nee, den Jthe lese ich nie wieder! das is was Langweiliges. Und seine
Wohlverwandtschaften! Ich werde rot, wenn ich nur daran denke; wissen Sie, die
Szene in der Nacht, wo der Baron zu die Baronin - ach man kann's jar nicht
sagen, und jedes stellt sich vor -
    Ich erinnere mich, ich erinnere mich; aber es liegt gerade in diesem
Gedanken eine erstaunliche Tiefe - ein Chaos von Mglichkeiten -
    Nu, kurz den mag ich nich; aber wer mein Liebling ist, das is der Clauren.
Nee, dieses Leben, diese Farben, dieses Studium des Herzens und namentlich des
weiblichen Jemts, ach, es is etwas Herrliches. Und dabei so natrlich! Wenn mir
die andern alle vorkommen, wie schwere vierhndige Sonaten mit tiefen
Bapartien, mit zierlichen Solos, mit Trillern, die kein Mensch nicht verstehen
und spielen kann, so wie der Mozart, der Haydn, so kommt mir der Clauren akkurat
so vor, wie ein anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach, das
Tanzen kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest; es ist etwas Herrliches!
    Fahren Sie fort, wie gerne hre ich Ihnen zu. Auch ich liebe diesen
Schriftsteller ber alles. Diese andern, besonders ein Schiller, wie wenig hat
er fr das Vergngen der Menschheit getan. Man sollte meinen, er wolle
moralische Vorlesungen halten; er ist, um mich eines anderen Gleichnisses zu
bedienen, schwerer, dicker Burgunder, der mehr melancholisch als heiter macht.
Aber dieser Clauren! er kommt mir vor wie Champagner, und zwar wie unechter, den
man aus Birnen zubereitet; der echte verdunstet gleich, aber dieser unechte,
setzt er auch im Grunde viele Hefen an, so brsselt er doch mit allerliebsten
tanzenden Blschen auf und ab eine Stunde lang, er berauscht, er macht die Sinne
rege, er ist der wahre Lebenswein.
    O sehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unseren Clauren vormachen mit
Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden Wein, so etwa die Hlfte, jiet
Mineralwasser dazu, und nun jeben Sie acht; ich werfe Zucker in das Janze, und
unser Clauren ist fertig. Sehen Sie, wie es siedet, wie es sprudelt und
brsselt, wie anjenehm schmeckt es nicht, und ist ein wohlfeiles Jetrnke. Nee,
ich mu sagen, er ist mein Liebling. Und das Anjenehmste is das, man kann ihn so
lesen ohne viel dabei zu denken, man erlebt es eigentlich, es is, meine ich,
mehr der Krper, der ins Buch schaut, als der Jeist. Und wie angenehm lt es
sich dabei einschlafen!
    Ich glaube gar, ihr seid in einem gelehrten Gesprch begriffen, rief
lachend der alte Jude, indem er, den Desaster an der Hand, zu uns trat; nicht
wahr, Herr Legationsrat, ich habe da ein gelehrtes Ding zur Tochter? Sie spricht
auch wie ein Buch und liest den ganzen Tag.
    Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner, haben wohl tiefe Handelsjeheimnisse
abjemacht? Darf man auch davon hren, wie werden sie in der nchsten Woche
stehen, die Metalliques? recht hoch? hab ich es erraten?
    Stille Kind, stille! kein Wort davon! mu alles geheimgehalten werden! Mu
einen groen Schlag geben. Ist ein Goldmnnchen der Herr von Zwerner. Setzen Sie
sich zu ihr hin und klren ihr alles auf. Sie ist auf diesem Punkt ein
verstndiges Kind und wei zu rechnen, die Rebekkchen.
    Was schlich denn jetzt durch das Gras? was hpfte auf zierlichen Beinchen
heran? was lchelte schon von weitem so freundlich nach der Kalle des Herrn
Simon? war es nicht das Grfchen Rebs, das alte, freundliche Kaninchen, das in
alle Damen, verliebt ist, und alle bezaubert? Er war es, er kam
herangeschwnzelt.
    Er schnaufte und chzte als er heran war, und doch konnte er auch in dem
Zustand hchster Erschpfung, in welchem er zu sein schien, sein liebliches,
ses Lcheln nicht unterdrcken. Er warf sich ermattet neben Rebekka in einen
Sessel, streckte die dnnen Beinchen, so mit zierlichen Sprnchen zum
Spazierengehen beschlagen, heftete den matten, sterbenden Blick auf die schne
Jdin und sprach: Habe die Ehre, vergngten Abend zu wnschen; ich sterbe, mit
mir geht's aus!
    Mein Jott! Herr Israels! Graf Rebs was haben Sie doch? Ihre Wangen sind
janz einjeschnurrt, Ihre Augen bleiben stehen; er antwortet nicht! Herr
Tipplomat, Eau de Cologne! haben Sie keines bei sich in die Tasche?
    So rief das schne Judenkind und beschftigte sich um den Ohnmchtigen mit
zarter Sorgfalt. Da ich kein Eau de Cologne bei mir trug, so begann sie etwas
weniges verzweifeln zu wollen, und verlangte von dem Dessauer, er solle ihm
Tabaksrauch in die Nase blasen. Doch der Vater wute besseren Rat: Da geht
einer, rief er freudig, da geht ein charmanter junger Herr, ist in Kondition
nicht weit von uns, der trgt bestndig etzliches Klnerwasser in seiner
Rocktasche!
    Wie ein Pfeil scho er auf den jungen Mann zu und war, als er ihm mit
schrecklichen Gebrden das Eau-de-Cologne-Flschchen abforderte, anzusehen wie
Sir John Falstaff, als er die Krmer beraubt. Maria Farinas Lebenstropfen
brachten das arme Kaninchen bald wieder zu sich; er schlug die Augen auf,
seufzete tief und lchelte, mich gehorsamst zu bedanken, lispelte er mit
zitternder Stimme, fr die gtigst geleistete Hilfe. War mir aber recht elend
zumut; fast als htte ich mehr Bier getrunken als dienlich.
    Sind Sie oft solchen Zufllen unterworfen? fragte Rebekka, ihn etwas
mifllig betrachtend.
    Mitnichten und im Gegenteil, erwiderte er, indem er den Rcken zierlich
wendete und drehte, mit den Schultern ber die Brust herausfuhr, und mannhaft
mit den Sprnchen klirrte; mitnichten, habe sonsten eine beraus starke
Konstitution. Aber der dicke Pfarrer, der dicke Pfarrer...
    Die Juden schwiegen, und Rebekka schlug die Augen nieder, wie immer wenn von
christlichen Pfarrern oder Zeremonien, oder auch von Schweinfleisch in ihrer
Nhe gesprochen wurde. Der Seufzer aber, dem die Erscheinung des Grafen etwas
lstig schien, fragte ihn ziemlich boshaft, ob er etwa im Goldenen Brunnen
gewesen, sich allda etwas betrunken, und nachher mit dem ehrsamen Pastor Mnster
Streit und kirchlichen Skandal angefangen, nach seiner Gewohnheit?
    Nach meiner Gewohnheit! rief das Kaninchen erschrocken, ich ein
Unruhstifter oder Sufer, ich in dem Goldenen Brunnen, ich, der ich nur die
allernobelsten Hotels, den Pariser und den Englischen Hof, den Weidenbusch, in
welchem ich logiere, und den Weien Schwanen mit meinem Besuch beehre? Nein! er
ist mir begegnet der Pfarrer, und als er an mir vorbeiging, sah er mich mit
schrecklichen Augen an und sagte: Das ist auch so ein Stein des Anstoes, auch
so ein Mystiker. Herr Pfarrer, sagte ich, guten Abend, aber ein Mystiker bin ich
nicht und will auch fr keinen gelten, am wenigsten ffentlich, auf der Chaussee
nach Bornheim. So, Sie wollen keiner sein? antwortete er, indem er nher auf
mich zutrat, so da sein Bauch und das Cachet seiner Uhr mir gerade auf die
Brust zu sitzen kamen und mich heftig drckten; wollen keiner sein? Warum kommen
Sie denn nicht mehr ins Museum? Warum haben Sie an ffentlichen Wirtstafeln, im
Pariser, Weiden und anderen Hfen geschimpft ber mich, da ich ein gewisses
Gedicht von Langbein in besagter Gesellschaft vorgelesen? Es ist wahr, ich hatte
mich ziemlich stark darber ausgeprochen, aber nicht aus Mystizismus, sondern
weil ich glaubte, es knne zarte Damenohren und weiche Gemter unangenehm
berhren, jenes Gedicht. Aber er nahm keine Entschuldigung an; ich schlpfte ihm
unter dem Bauch weg und wollte schnell weitergehen, aber er setzte mir mit
weiten Schritten nach, ging neben mir her und beschuldigte mich, seinem
Gegenpart, dem mystischen Pfarrer, zu einer reichen Frau verholfen zu haben, er
behauptete auch, da ich mich jeden Morgen, statt des Frhstcks, magnetisieren
lasse, und dergleichen; und erst hier an der Gartentre lie er mit einer
mrrischen Reverenz von mir ab.
    Aber was hat denn dies alles zu bedeuten? fragte ich; halten denn die
Pfarrer hier auf der Landstrae Kirche, wie es Sitte war zur Zeit der Apostel?
    In Frankfurt, belehrte mich der Kaufmann aus Dessau, in Frankfurt ist
gegenwrtig ein groer Krieg zwischen den Pfarrern, und ihre Partien befehden
sich ebenfalls. Mystiker und Rationalisten schelten sie sich hin und her, der
eine wirft dem andern vor, er predige nur Moral, der andere entgegnet, sein
Gegner rede tiefen Unsinn. Nicht nur in den Kirchen, auf den Kanzeln, sondern
auch in den Weinhusern und Trinkstuben, auf Chausseen und Kasinos, wird
gekmpft, und so konnte es leicht geschehen, da der Herr Graf einem Eiferer der
Vernunft in die Hnde fiel. - Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht irre so fhrt
dort der Lord und seine Nichte; nicht so? und sie halten vor dem Garten, sie
steigen aus?
    Ah, sie hat mich bemerkt, rief das Kaninchen sehr freundlich, sie schaut
schon herber und wedelt, wenn ich nicht irre, mit dem Taschentuch mir zu.
Verzeihen allerseits, da ich mich entferne; Mi Mary hat ein Auge auf mich
geworfen, und Sie wissen selbst, bei solchen Affren -
    Er schlpfte unter diesen Worten aus dem Zelt und eilte mit zierlichen
Sprnglein zu der Gartenpforte, wo er in dem Drang seines Herzens die junge Dame
auf den glacierten Handschuh kte. Es mochte ihr brigens dieses Zeichen seiner
Verehrung beraus komisch vorkommen, denn ihr Lachen drang bis zu uns herber,
und mit tiefem Ba begleitete sie der Lord, indem er dem Kaninchen das Pftchen
schttelte.
    Das Gewlk, die Tante Simon, kam jetzt zurck und beklagte sich, da es
schon etwas khl werde. Der Jude lie daher seinen schnen Wagen vorfahren und
verlie mit den Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte das Glck, Rebekkchen in
den Wagen heben zu drfen, und kam mit ganz verklrtem Gesicht zurck. Sie hatte
ihm unter der Tre noch die Hand gedrckt und gestanden, da sie sich diesen
Nachmittag janz frtrefflich amsiert habe, und der Alte hatte ihn eingeladen,
morgen und alle Tage den Abend in seinem Hause zuzubringen.

                        5. Der Kurier aus Wien kommt an


Ich knnte dir, geneigter Leser meiner Memoiren, vieles Ergtzliche und
Interessante erzhlen, was ich in der freien Stadt Frankfurt erlebt; nicht von
frheren Zeiten her, wo ich oft hinter den Sthlen der Kurfrsten stand, und den
Kaiser whlen half, wo ich so oft unter guten Freunden im Rmer und beim Rmer
sa, wenn das neue Haupt des vielgliedrigen Leibes, Deutsches Reich genannt, mit
der Krone geschmckt worden war, nein von den heutigen Tagen knnte ich dir viel
erzhlen, von dem tiefen, geheimnisvollen Wesen der Diplomatie, von dem
herrlichen Junitag, in welchem es niemals Abend oder Nacht wird, ich meine den
deutschen Bundestag, von dem herrlichen Treiben und Blhen des Mystizismus, und
wie ich das Feuer anschrte zwischen seinen Anhngern und den Rationalisten, und
wie es im Wirtshaus zum Goldenen Brunnen einigemal zu bedeutenden Raufereien kam
zwischen beiden Partien, da heit - nur mit schneidenden Zungen und stechenden
Blicken; ich knnte dir erzhlen, wie ich in einem Institut, woselbst man junge
Frulein fr die Welt zustutzt, ntzlichen Unterricht gab im Gitarrespielen und
anderen Kleinigkeiten, so eine junge Dame kennen mu, wenn sie in die Welt
tritt. Ich knnte dir erzhlen von jener Strae, Million genannt, wo meine
speziellsten Freunde wohnen, deren der Geringste ber Millionen gebietet.
    Doch ich schweige von diesem allem, weil ich mir vorgenommen, dir einen
kleinen Abri zu geben von der Art, wie ich den ehrlichen seufzenden Sohn
Merkurs aus Dessau zu einem Teufelskind machte. Der erste Schritt vom ehrlichen
Mann zum schlechten oder Betrger ist an sich klein, und dennoch bedeutend, weil
man leicht, sozusagen, in Schu kmmt und unaufhaltsam bergab, bergab geht,
anfangs im Trott, nachher im Galopp. Mein guter Seufzer hatte sein bedeutendes
Vermgen mit einem ehrlichen Gemt geerbt. Er ging in seinen Geschften den
geraden, ehrlichen Weg, nicht weil er ihm angenehmer war, sondern weil er es
unbequem finden mochte, Winkelzge und Umwege zu machen.
    Es ist dies die Ehrbarkeit, die Tugend, die nie auf der Probe war und daher
ein negativer Begriff, ein Nichts, auf jeden Fall keine Tugend ist.
    Nicht der Geldgewinn, er ist ziemlich zufrieden mit seinem Los, sondern die
Liebe zu der schnen Kalle des alten Simon macht ihn straucheln, oder vielmehr,
wie Gelegenheit Diebe macht, die se Art, wie ich es ihm eingab; jetzt ist er,
um das Kind beim rechten Namen zu nennen, aus dem ehrlichen Mann ein Betrger
geworden; er wird, weil es ihm diesmal leicht wird, zu betrgen, das nchste Mal
hnliches versuchen; das Gewissen, die Ehrlichkeit, die Ruhe, die
Selbstzufriedenheit ist ja doch schon zum Teufel, warum soll er sich also
genieren? Der groe Gewinn fr mich liegt aber darin, da die ersten Versuche
des ehrlichen Mannes, ein Betrger zu werden, gewhnlich gut ausfallen, und zur
Wiederholung locken; denn wer mit mir Geschfte macht, kann, solange es tunlich
ist, darauf rechnen, sie mit Glck zu machen, und unglckliche Spekulanten, von
denen die Sage geht, da sie sich erhngt oder ersuft haben, hatten durch Reue
und Selbstanklage den Kopf verloren, hatten mir zu wenig vertraut und nicht ich
war es, der sie verlie, sie hatten sich selbst verlassen.
    Doch wo gerate ich hin? habe ich mich von dem dicken Pfarrer anstecken
lassen, zu moralisieren? Ist es denn mein Zweck, mit psychologischen
Abhandlungen meinen Leser zu ermden, oder sogar abzuschrecken? oder wie, lie
ich mich etwa von den Winken einiger gelehrten Leute verfhren, die behaupteten,
es liege zu wenig psychologische Teufelei oder teuflische Psychologie in meinen
Memoiren? ich sei fr einen deutschen Schriftsteller, als welchen ich mich im
Leipziger Messekatalogus einregistrieren lassen, nicht grndlich genug?
    Der Teufel soll es holen! mchte ich mir selbst zurufen; sobald man vom Wege
abgeht, gert man immer mehr auf Abwege, so auch im Niederschreiben von
Memoiren. Ich werde kurz sein.
    Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren, welche Gedanken der
Reis-Effendi in einer Privatunterredung mit Herrn von Minciaky ber das
russische Ultimatum geuert; ja, um redlich zu sein, ich hatte selbst groen
Anteil an jener Wendung der Dinge, weil mir dadurch das sogenannte Gleichgewicht
etwas auf die Spitze gerckt zu werden schien, und mehr Leben in das
schlummernde Europa kommen konnte, das von Revolutionen und anderen lustigen
Artikeln nur trumt, und im Schlafe spricht. Ich hatte diese Nachricht frher
vernommen als sie selbst nur nach Petersburg kommen konnte, und in meiner Hand
lag es, die Papiere steigen oder fallen zu machen. Der Vater der schnen Rebekka
hatte in den letzten Tagen auf meinen Rat und seine eigene Einsicht hin seine
Papiere so umgesetzt, da er beim geringsten Steigen der - - auf groen Gewinn
zhlen konnte. Groe Spannung herrschte in dem Hause des Herrn Simon in der
neuen Judenstrae. Der Alte versicherte, seine Gebeine erzittern, sooft er
ansetze, einen wichtigen Brief zu schreiben; die Tante, das neidische Gewlk,
mochte ahnen, was vorging, und schlich trbe und chzend im Haus umher; die
Kalle war die mutigste von allen. Zwar war auch sie in einiger Bewegung, denn
sie las nicht mehr, weder in Clauren noch in verschiedenen Almanachs, sogar das
Modejournal wollte sie nicht ansehen, sie spielte auch nicht mehr auf der Harfe,
aber doch trug sie das Kpfchen noch so hoch wie zuvor, und ermutigte durch
manche Rede die zagenden Bundestruppen.
    Der Seufzer war gnzlich vom Verstand gekommen. Bald war er tiefsinnig und
zweifelte an seinem Glck, besonders in der Nhe der schnen Jdin, wenn er sich
die Hhe seiner Seligkeit, den Besitz der lieblichen Kalle dachte; dann war er
wieder ausgelassen frhlich, und sprach allerlei verwirrtes Zeug, wie er ein
Millionr zu werden gedenke, wie und wo er sich ein Haus bauen wolle, und was
dergleichen berschwengliche Gedanken mehr waren, der Kalle aber flsterte er
ins Ohr, da er sich wolle adeln lassen, und sie zur gndigen Frau Baronesse von
Zwerner zu Zwernersheim machen, welcher Ort noch auf der Landkarte auszumitteln
wre.
    Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag, und die Mdchen und
Frauen spazierten schon scharenweise hinaus an den Main, um sich bersetzen zu
lassen nach dem Wldchen, und die Mnner riefen ihnen nach, nur einstweilen
alles zuzursten daselbst, weil sie nur noch auf die Brse gingen und bald
nachkmen, indem heute nichts Bedeutendes vorkomme, und auch die alte Baubo, die
schnde Hexe, zog hinaus, doch diesmal nicht auf dem Mutterschwein, sondern in
einem eleganten Wagen; sie hatte ihre schnen Stieftchter bei sich und nickte
mir freundlich zu, als wollte sie sagen, Dich kenne ich wohl, Satan, obgleich
du jetzt in schwarzem Frack und seidenen Strmpfen einherzuwandeln beliebst, und
meiner Elise dem allerliebsten Kind, praktische Gitarrestunden gibst, dich kenne
ich wohl, komm aber nur hinaus ins Wldchen, da sprechen wir wohl wieder ein
Wort zusammen. Da fuhr sie hin, die gute Alte, eine der ersten Palastdamen
meiner Gromutter, und sehr angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in
Walpurgisnacht, da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend fromme
Frankfurter Seelen ihr nach, die alle das Gebot in feinem Herzen trugen: Du
sollst den Feiertag heiligen, und an Pfingsten auch den dritten und vierten.
    Jetzt war es Zeit zu operieren. Den Tag zuvor hatte man sich allgemein mit
dem Gercht getragen, da die Pforte das Ultimatum nicht annehmen werde, und man
erwartete von heute nichts Besonders. Da jagte um eilf Uhr ein Kurier durch das
Tor, ganz mit Schwei und Staub bedeckt, er sprengte, grulich auf dem Posthorn
blasend, durch die Strae, Million genannt, und in einem Umweg durchs neue
Judenquartier, die Leute rissen die Fenster auf und fuhren mit den Kpfen
heraus, um zu schauen nach dem schrecklichen Trompeten- und Straenlrm; Wo
kmmt Er hr? Wo will Er hn? riefen sie. In Weien Schwanen, schrie er, ich
habe den Weg verfehlt, wo geht's in Weien Schwanen? Der Herr is wohl
Korrier? Freilich, nur schnell, rief er, und zog einen Brief mit groem
Sigill aus der Tasche, das kommt von Wien, und ist an den Herrn Zwerner aus
Dessau im Weien Schwanen. Da an der Ecke geht's rechts, dann die Strae
links, dann kmmt Er auf die Zeile, da reitet Er bis an die Hauptwache, und von
dort ist's nimmer weit. So riefen sie, schauten ihm nach, wie er mit der
Peitsche knallend davonjagte und besprachen sich dann ber die Strae hinber,
was wohl die Depesche aus Wien enthalten mchte. Der Kurier war aber niemand
anders als einer meiner dienstbaren Geister in die Uniform eines hessischen
Postillons gekleidet.

             6. Der Reis-Effendi und der Teufel in der Brsenhalle


Im Briefe stand mit drren Worten, da der Reis-Effendi dem Herrn von Minciaky
die vertrauliche, jedoch halb offizielle Mitteilung gemacht habe, da die
Pforte das Ultimatum, soweit es Ruland betreffe, annehmen werde.
    Der Seufzer bekam nun die ntige Instruktion, was er zu tun hatte; er fuhr
mit dem Brief sogleich zu Papa Simon und mit diesem zu Herrn von R........ , dem
Papst der Brse, dem sichtbaren Oberhaupt der unsichtbaren papierenen Kirche.
Dieser prfte die Depesche genau; er selbst hatte schon zu oft hnliche Mittel
angewendet, Pariser Kuriere aus Mainz, und Wiener aus Aschaffenburg kommen
lassen, als da er so leicht konnte hintergangen werden. Er lie daher ein Licht
bringen und prfte zuerst Geruch und Flssigkeit des Siegellacks. Gotts
Wunder! sprach er bedchtlich riechend. Gotts Wunder! das ist echtes
Kaisersiegellack, wie es nur in Wien selbst zubereitet wird, und was Eingeweihte
zu solchen Depeschen zu verwenden pflegen. Dann betrachtete er genau das
Couvert des Briefes und fand darauf die gedruckten Zeichen jeder Poststation von
Wien bis Frankfurt, und keines fehlte. Er verglich sodann diese Zeichen mit der
Liste der Postzeichen, die er zur Hand hatte, und - sie waren richtig.
    Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus Dessau, als ein kleines
Paarmalhunderttausend-Gulden-Mnnchen so obenhin behandelt, wie der Lwe das
Hndchen; so wuchs jetzt seine Achtung mit unglaublicher Schnelle. Er htte zwar
am liebsten selbst den Kurier bekommen, samt der inhaltschweren Depesche, doch,
da dies nicht mehr zu ndern war, machte er gute Miene zum bsen Spiel, dankte,
da man ihn sogleich von der wichtigen Nachricht avertiert habe und berechnete
dabei, welche Summen dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben knnte, indem
er annahm, dieser Kaufmann msse die Preise, die er in Wien fr solche Winke
bezahlte, berboten haben. Es war Brsenzeit, er selbst fuhr mit auf die
Brsenhalle.
    Brsenhalle! unter diesem Namen stellt sich wohl der Fremde, der diese
Einrichtung noch nie gesehen, ein weitlufiges Gebude vor, wie es der Stadt
Frankfurt wrdig wre, mit weiten Slen, Seitengngen, schnen Portalen und
dergleichen. Wie wundert er sich aber und lchelt, wenn er in diese Brsenhalle
tritt! Man stelle sich einen ziemlich kleinen, gepflasterten Hof, von
unansehnlichen Gebuden eingeschlossen, vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde
striegeln, Wagen reinigen, waschen, Hhner und Gnse fttern, und dergleichen
solide husliche Hantierungen verrichten knnte. Statt des ehrwrdigen
Truthahns, statt der geschwtzigen Hhner und Gnse, statt des Stallknechts mit
dem Besen in der Faust, statt der Kchendame, die hier ihren Salat wascht -
sieht man hier zwischen zwlf und ein Uhr mittags ein buntes Gedrnge; Mnner
mit dunkelgefrbten, markierten Gesichtern, mit schwarzen Brten und lauernden
Augen, mit khn gebogenen Nasen und breiten Mulern, mit schmutzigen Hemden und
unsauberer Kleidung schleichen mit gebogenen, schlotternden Knien und spitzigen
Ellbogen, den Hut tief in den Nacken zurckgedrckt umher, und fragen einander,
Nu, wie stehen sie heute? Du wandelst staunend durch dieses Gewhl und fhlst
einen kleinen unbehaglichen Schauer, wenn dich eine der unsauberen Gestalten im
Vorbergehen anstreift. Du begreifst zwar, da du dich unter den Kindern Israels
befindest, aber zu welchem Zweck treiben sie sich hier unter freiem Himmel in
einem Hhnerhof umher? Endlich wirst du eine Tafel, etwa wie ein Wirtshausschild
anzusehen, gewahr; drauf steht mit goldenen Buchstaben deutlich zu lesen: -
Brsenhalle. Also in der Brsenhalle der freien Stadt Frankfurt befindest du
dich; du hrst heute ein sonderbares Gemunkel und Geflster; die Leute gehen
staunend umher, mehr mit Blicken als mit Worten fragend:  Korrier es Wien? -
Gotts Wunder. Wer hat'n gekriecht?  Fremder, der Zwerner von Dessau. - Wie?
kaner von unsere Lait? Nicht der Rothschild, der graue Baron, nicht der
Bethmann? Auch nicht der Mezler? Waas.
    Was hat'r gebracht, der Korrier! Abraham, wie stehen se?
    Wie werden se stehen! Wer kann's wissen, solange der Zwerner aus Dessau
nicht ist auf der Brsenhalle!
    Levi! hat er's Oltemat'm angenommen, der Reis-Effendi? hat er oder hat er
nicht? Wie werden se stehen?
    Ich hab's genug, 'sis a Vertel auf eins, und noch will keiner verkaufen,
aus Schrecka vor die Korrier. Wr nur der Zwerner aus Dessau da! Auch der
Rothschild bleibt so lang aus und der Simon von die neue Strae. Wirst sehen, 's
wird geben  graue Operation! Der Herr wird verstockt haben das Herz des
Effendi, a er hat nicht angenomme das Oltematum von dem Moskeviter?
    Bethmannische Obligationen, will man nicht kaufen, sind gefallen um
Vertelpurzent!
    Wie steht's mit die Metalliques? Wie verkauft sie der Mezler? Wie stehen
se, Abraham? tu mer de Gefallen und sag, die Metalliques, wie stehen se?
    A ich der sag, ich wei nicht, wo mer steht der Kopf, wei heut keiner,
wer i Koch oder Keller? a ich nicht kann riechen wie se stehen, die
Metalliques!
    Pltzlich entsteht ein Gerusch, ein Gedrnge nach der Tre zu. Ein Wagen
ist vorgefahren, die Leute stehen auf die Zehen, machen lange Hlse, um die
Mienen der Kommenden zu sehen. Drei Mnner arbeiteten sich durch die Menge und
stellen sich ernst und gravittisch an ihrem Platz zur Seite, wie es
wohllblicherweise auf anderen Brsen der Brauch ist, wo nur die Mckler
umherlaufen und sich drngen. Es war der groe Baron, der an der Seite stand, zu
seiner Rechten das Gestirn des Tages, der Kaufmann Zwerner aus Dessau, jetzt
nicht mehr Seufzer zu nennen, denn sein Herz schien zu jubilieren und allerlei
verliebte Streiche ausfhren zu wollen, whrend er doch die Sinne bedchtlich
und gesetzt beisammen behalten mute, um sich nicht zu verrechnen. Zur Linken
stand der Jude Simon, angetan mit seinem Sabbater-Rock und einer schneeweien
Halsbinde, mit feierlicher, hochzeitlicher Miene, so da sein Volk gleich sah,
es msse was ganz Auerordentliches sich zugetragen haben.
    Jetzt nahten die Kufer und Verkufer, und fragten nach den Preisen. Sie
wurden bleich, sie sanken in die Knie und schlichen zitternd umher; sie
lamentierten schrecklich mit den Armen, sie steckten die Finger in den Mund, sie
fluchten ebrisch und syrisch auf den Christen, der sich einen Kurier kommen
lassen, auf den Vater, der den Kurier gezeugt, auf das Pferd, welches das Pferd
des Kuriers zur Welt gebracht, auf seinen Kopf, auf seine vier Fe, kurz auf
alles, selbst auf Sonne, Mond und Sterne, und auf Frankfurt und die Brsenhalle.
Jetzt merkte man, warum der schlaue Simon seine Papiere in den letzten Tagen
umgesetzt habe; jetzt konnte man sich den Tiefsinn des Kaufmanns aus Dessau
erklren -! Das Ultimatum ist angenommen, scholl es durch den Hof, der
Reis-Effendi hat zugesagt, hallte es durch die Ecken; und obgleich die drei
wichtigen Mnner nur entfernt auf ihren Brief anspielten, nur einige nhere
Umstnde angaben, nichts Bestimmtes aussprachen, so stiegen doch die
streichischen, die Rothschildschen und wenige andere Papiere, von welchen durch
Zwerners und des alten Simons Sorge gerade nicht sehr viele auf dem Platz waren,
in Zeit von einer halben Stunde um vier und einen halben Prozent. Mehrere
Huser, die sich nicht vorgesehen hatten, fingen an zu wanken, eines lag schon
halb und halb, und hatte es nur seiner nahen Seitenverwandtschaft mit dem
regierenden (Brsen-)Hause zu verdanken, da ihm noch einige Sttzen
untergeschoben wurden.
    Als man um ein Uhr auseinanderging, lautete der Kurszettel der Frankfurter
Brsenhalle:
        Metalliques 87 5/8.
        Bethmnnische 75 1/2.
        Rothschildsche Lose 132.
        Preuische Staatsschuldenscheine 84.
In den brigen war nichts gendert worden.

                                7. Die Verlobung


Dieses kleine Brsengemetzel entschied ber das Schicksal des Seufzers aus
Dessau. In den zwei nchsten Tagen wirkte er durch die groe Menge Metalliques,
die er in Hnden hatte, mchtig auf den Gang der Geschfte, und als einige Tage
nachher Herr von Rothschild Privatmitteilungen aus Wien erhielt, wodurch seine
Nachrichten vollkommen besttigt wurden, da drngte sich alles um den
hoffnungsvollen, spekulativen Jngling, um den genialen Kopf, der auf
unglaubliche Weise die Umstnde habe berechnen knnen.
    Seine Zurckgezogenheit zuvor galt nun fr tiefes Studium der Politik, seine
Schchternheit, sein geckenhaftes Sthnen und Seufzen fr Tiefsinn, und jedes
Haus htte ihm freudig eine Tochter gegeben, um mit diesem sublimen Kopf sich
nher zu verbinden. Da aber die Polygamie in Frankfurt derzeit noch nicht
frmlich sanktioniert ist, und das Herz des Dessauers an Rebekka hing, so schlug
er mit groer Tapferkeit alle Strme ab, die aus den Verschanzungen in der
Zeile, aus den Trancheen der Million, selbst aus den Salons der neuen
Mainzerstrae mit glhenden Liebesblicken und Stckseufzern auf ihn gemacht
wurden.
    Der alte Herr Simon, konnte sich auch der Dessauer in Hinsicht auf Geld und
Glcksgter ihm nicht gleichstellen, rechnete es sich dennoch zur besonderen
Ehre, einen so erleuchteten Schwiegersohn zu bekommen. Ja, er sah es als eine
glckliche Spekulation an, ihn durch Rebekka gefangen zu haben. Er sah ihn als
eine prophetische Spekulationsmaschine an, die ihn in kurzer Zeit zum reichsten
Mann Europas machen mute; denn, wenn er immer mit seinem Schwiegersohn zugleich
kaufte oder verkaufte, glaubte er nie fehlen zu knnen.
    Frulein Rebekka ging ohne vieles Struben in die Bedingungen ein, die ihr
der Zrtliche auferlegte; da er eine gewisse Abneigung versprte, ein Jude zu
werden, so hielt er es fr notwendig, da sie sich taufen lasse. Sie nahm schon
folgenden Tages insgeheim Unterricht bei dem Herrn Pastor Stein, und gab dafr
auf einige Zeit ihre Klavierstunden auf, wobei, wie sie behauptete, noch etwas
Erkleckliches profitiert wrde, da sie dem Klaviermeister einen Taler fr die
Stunde hatte bezahlen mssen. Sie selbst legte dafr dem Dessauer die Bedingung
auf, da er sich fr einige hundert Gulden in den Adelsstand erheben lassen, und
in dem jttlichen Frankfort leben msse.
    Er ging es freudig ein, und berlie mir dieses diplomatische Geschft. Um
nun auch von mir zu reden, so traf pnktlich ein was ich vorausgesehen hatte.
Der Seufzer beschwichtigte frs erste sein Gewissen, das ihm allerlei vorwerfen
mochte, z.B. da das ganze Geschft unehrlich und nicht ohne Hlfe des Teufels
habe zustande kommen knnen. Sobald er mit dieser Beschwichtigung fertig war,
war auch seine Dankbarkeit verschwunden. Weil ihn alles als den sublimsten Kopf,
den scharfsinnigen Denker pries, glaubte er ohne Zaudern selbst daran, wurde
aufgeblasen, sah mich ber die Achsel an, und erinnerte sich meiner, sehr gtig,
als eines Menschen, mit welchem er im Weien Schwanen einigemal zu Mittag
gespeist habe.
    Was mich brigens am meisten freute, war, da er die Strafe seines Undanks
in sich und seinen Verhltnissen trug. Es war vorauszusehen, da seine
prophetische Kraft, sein spekulativer Geist sich nicht lange halten konnten.
Miglckten nur erst einige Spekulationen, die er, auf sein blindes Glck und
seinen noch blinderen Verstand trauend, unternahm, verlor er erst einmal fnfzig
oder hunderttausend, und zog seinen Schwiegerpapa in gleiche Verluste, so fing
die Hlle fr ihn schon auf Erden an.
    Rebekkchen, das liebe Kind, sah auch nicht aus, als wollte sie mit dem neuen
Glauben auch einen neuen Menschen anziehen. War sie erst Gndige Frau von
Zwerner, so war zu erwarten, da die Liebesintrigen sich hufen werden; junge
wohlriechende Diplomaten, alte Snder wie Graf Rebs, fremde Majors mit
glnzenden Uniformen, waren dann willkommen in ihrer Loge und zu Hause, und der
Dessauer hatte das Vergngen, zuzuschauen. Und wie wird dieser sanfte Engel,
Rebekka, sich gestalten zur Furie, wenn die spekulative Kraft ihres Eheherrn
nachlt, und damit zugleich sein Vermgen, wenn man das glnzende Hotel in der
Zeile, die Loge im ersten Rang, die Equipage und die hungernden Liebhaber samt
der kstlichen Tafel aufgeben, wenn man nach Dessau ziehen mu, in den alten
Laden des Hauses Zwerner und Comp.; wenn die gndige Frau herabsinkt aus ihrem
geadelten Himmel und zur ehrlichen Kaufmannsfrau wird, wenn man den Gemahl statt
mit Papieren, wie es nobel ist und gro, mit Ellenwaren und Bndern, ganz klein
und unnobel handeln sieht! Welche Perspektive!!
    Doch, am vierten Pfingstfeiertag 1826, dachte man noch nicht an dergleichen
im Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstrae. Da war ein Hin- und
Herrennen, ein Laufen, ein Kochen und Backen; es wurde ungemein viel
Gnseschmalz verbraucht, um koscheres Backwerk zu verfertigen; ein Hammel wurde
geschcht, um kstliche Ragouts zu bereiten.
    Der geneigte Leser errt wohl, was vorging in dem gesegneten Hause? Nmlich
nichts Geringeres als die Verlobung des trefflichen Paares. Die halbe Stadt war
geladen und kam. Hatte denn der alte Simon nicht treffliche alte Weine? Speiste
man bei ihm, das Gnsefett abgerechnet, nicht trefflich? Hatte er nicht die
schnsten jdischen und christlichen Frulein zusammengebeten, um die
Gesellschaft zu unterhalten durch geistreiche Spiele und herrlichen Gesang?
    Auch Graf Rebs, das treffliche Kaninchen, war geladen, und nur das brachte
ihn einigermaen in Verlegenheit, da nicht weniger als zwanzig Frauen und
Frulein zugegen waren, mit denen er schon in zrtlichen Verhltnissen gestanden
hatte. Er half sich durch ausdrucksvolle Liebesblicke, die er allenthalben
umherwarf, wie auch durch die eigene Behendigkeit seiner Beinchen, auf welchen
er berall umherhpfte und jeder Dame zuflsterte: sie allein sei es eigentlich,
die sein zartes Herz gefesselt. Die bergroe Anstrengung, zwanzig auf einmal zu
lieben, da er es sonst nur auf fnf gebracht hatte, richtete ihn aber dergestalt
zugrunde, da er endlich elendiglich zusammensank, und in seinem Wagen nach
Hause gebracht werden mute.
    Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm, und bewies sich nach Herrn
Simons Begriffen sehr gesittet und anstndig, denn als er am Abend, nachdem alle
sich entfernt hatten, mit seiner Tochter Rebekka, das Silber ordnete und zhlte,
riefen sie einmtig und vergngt:
    Gotts Wunder! Gotts Wunder! was war das fr noble Gesellschaft, fr
gesittete Leute! Es fehlt auch nicht ein Kaffeelffelchen, kein
Dessertmesserchen oder Zuckerklmmchen ist uns abhanden gekommen! Gotts Wunder!

                            Der Festtag im Fegefeuer


                                  Fortsetzung

 Am Horizont in diesem Jahr
 Ist es geblieben, wie es war.
                                                                     M. Claudius


        1. Der junge Garnmacher fhrt fort, seine Geschichte zu erzhlen

Das Manuskript, aus welchem wir diese infernalischen Memoiren dechiffrieren und
ausziehen, fhrt bei jener Stelle, die wir im ersten Teile notgedrungen
abbrachen, fort, die Geschichte des jungen deutschen Schneider-Baron zu geben.
Er ist aus seiner Vaterstadt Dresden entflohen, er will in die weite Welt, frs
erste aber nach Berlin gehen, und erzhlt was ihm unterwegs begegnete.
    Meine Herren, fuhr der edle junge Mann fort, als ich mich umsah, stand
ein Mann hinter mir, gekleidet wie ein ehrlicher, rechtlicher Brger; er fragte
mich, wohin meine Reise gehe und behauptete, sein Weg sei beinahe ganz der
meinige, ich solle mit ihm reisen. Ich verstand so viel von der Welt, da ich
einsah, es wrde weniger auffallend sein, wenn man einen halberwachsenen Jungen
mit einem lteren Mann gehen sieht, als allein. Der Mann entlockte mir bald die
Ursache meiner Reise, meine Schicksale, meine Hoffnungen. Er schien sich sehr zu
verwundern, als ich ihm von meinem Oncle, dem Herrn von Garnmacher in der
Dorotheenstrae in Berlin erzhlte. Euer Oncle ist ja schon seit zwei Monaten
tot! erwiderte er, o du armer Junge, seit zwei Monaten tot; es war ein braver
Mann, und ich wohnte nicht weit von ihm, und kannte ihn gut. Jetzt nagen ihn die
Wrmer!
    Sie knnen sich leicht meinen Schrecken ber diese Trauerpost denken, ich
weinte lange und hielt mich fr unglcklicher als alle Helden; nach und nach
aber wute mich mein Begleiter zu trsten: Erinnerst du dich gar nicht, mich
gesehen zu haben? fragte er; ich sah ihn an, besann mich, verneinte. Ei, man hat
mich doch in Dresden so viel gesehen, fuhr er fort; alle Alten und besonders die
Jugend strmte zu mir und meinem jungen Griechen.
    Jetzt fiel mir mit einemmal bei, da ich ihn schon gesehen hatte. Vor
wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit einem jungen unglcklichen Griechen
gekommen; er wohnte in einem Gasthof und lie den jungen Athener fr Geld sehen,
das Geld war zur Erhaltung des Griechen und der berschu fr einen
Griechenverein bestimmt. Alles strmte hin, auch mir gab der Vater ein paar
Groschen, um den unglcklichen Knaben sehen zu knnen. Ich bezeugte dem Mann
meine Verwunderung, da er nicht mehr mit dem Griechen reise.
    Er ist mir entlaufen, der Schlingel, und hat mir die Hlfte meiner Kasse und
meinen besten Rock gestohlen, er wute wohl, da ich ihm nicht nachsetzen
konnte; aber wie wre es, Shnchen, wenn du mein Grieche wrdest? Ich staunte,
ich hielt es nicht fr mglich; aber er gestand mir, da der andere ein
ehrlicher Mnchner gewesen sei, den er abgerichtet und kostmiert habe, weil nun
einmal die Leute die griechische Sucht htten.
    Wie? unterbrach ihn der Englnder, selbst in Deutschland nahm man Anteil
an den Schicksalen dieses Volkes? und doch ist es eigentlich ein deutscher
Minister, der es mit der Pforte hlt und die Griechen untergehen lt.
    Wie es nun so geht in meinem lieben Vaterland, antwortete Baron von
Garnmacher, des Schneiders Sohn, was einmal in einem anderen Lande Mode
geworden, mu auch zu uns kommen. Das wei man gar nicht anders. Wie nun vor
kurzem die Parganioten ausgetrieben wurden und bald nachher die griechische
Nation ihr Joch abschttelte, da fanden wir dies erstaunlich hbsch, schrieben
auf der Stelle viele und dicke Bcher darber und stifteten Hilfsvereine mit
sparsamen Kassen. Sogar Philhellenen gab es bei uns und man sah diese Leute mit
groen Brten, einen Sbel an der Seite, Pistolen im Grtel, rauchend durch
Deutschland ziehen. Wenn man sie fragte, wohin? so antworteten sie: In den
heiligen Krieg, nach Hellas gegen die Osmanen! Bat sich nun etwa eine Frau, oder
ein Mann, der in der alten Geographie nicht sehr erfahren, eine nhere Erklrung
aus, so erfuhr man, da es nach Griechenland gegen die Trken gehe. Da
kreuzigten sich die Leute, wnschten dem Philhellenen einen guten Morgen und
flsterten, wenn er mit drhnenden Schritten einen Fupfad nach Hellas
einschlug, Der mu wenig taugen, da er im Reich keine Anstellung bekommt und
bis nach Griechenland laufen mu.
    Ist's mglich? rief der Marquis, so teilnahmelos sprachen die Deutschen
von diesen Mnnern?
    Gewi; es ging mancher hin mit einem schnen Gefhl, einer unterdrckten
Sache beizustehen; mancher um sich Kriegsruhm zu erkmpfen, der nun einmal auf
den Billards in den Garnisonen nicht zu erlangen ist; aber alle barbierte man
ber einen Lffel, wie mein Vater zu sagen pflegte, und schalt sie Landlufer.
    Mylord, sagte der Franzose; es sind doch dumme Leute, diese Deutschen!
    O ja, entgegnete jener mit groer Ruhe, indem er sein Rumglas gegen das
Licht hielt. Zuweilen; aber dennoch sind die Franzosen unertrglicher, weil sie
allen Witz allein haben wollen.
    Der Marquis lachte und schwieg. Der Baron aber fuhrt fort: Auf diese Sitte
der Deutschen hatte jener Mann seinen Plan gebaut, und noch oft mu ich mich
wundern, wie richtig sein Kalkl war. Die Deutschen, dachte er, kommen nicht
dazu, etwas fr einen weit aussehenden Plan, fr ein fernes Land und dergleichen
zu tun; entweder sagen sie: Es war ja vorher auch so, lasset der Sache ihren
Lauf, wer wird da etwas Neues machen wollen. Oder sie sagen: Gut, wir wollen
erst einmal sehen, wie die Sache geht, vielleicht lt sich hernach etwas tun.
Fllt aber etwas in ihrer Nhe vor, knnen sie selbst etwas Seltenes mit eigenen
Augen sehen, so lassen sie es sich etwas kosten.
    Man war dem Griechen frher oft in mancher kleinen Stadt sehr dankbar, da
er doch wieder eine Materie zum Sprechen herbeigefhrt habe, eine Seltenheit,
welche die Weiber beim Kaffee, die Mnner beim Bier traktieren konnten.
    Was fr Aussichten blieben mir brig? mein Oncle war tot, ich hatte nichts
gelernt, so schlug ich ein, Grieche zu werden. Jetzt fing ein Unterricht an, bei
welchem wir bald so vertraut miteinander wurden, da mir mein Fhrer sogar
Schlge beibrachte. Er lehrte mich alle Gegenstnde auf neugriechisch nennen,
bleute mir einige Floskeln in dieser Sprache ein, und nachdem ich hinlnglich
instruiert war, schwrzte er mir Haar und Augbraunen mit einer Salbe, frbte
mein Gesicht gelblich, und - ich war ein Grieche. Mein Kostm, besonders das fr
vornehme Prsentationen war sehr glnzend, manches sogar von Seide. So zogen wir
im Land umher, und gewannen viel Geld.
    Aber mein Gott, unterbrach ihn der Franzose, sagen Sie doch, in
Deutschland soll es so viele gelehrte Mnner geben, die sogar Griechisch
schreiben. Diese mssen doch auch sprechen knnen; wie haben Sie sich vor diesen
durchbringen knnen?
    Nichts leichter als dies, und gerade bei diesen hatte ich meinen grten
Spa; diese Leute schreiben und lesen das Griechische so gut, da sie vor
zweitausend Jahren mit Thukydides htten korrespondieren knnen, aber mit dem
Sprechen will es nicht recht gehen; sie muten zu Haus immer die Phrasen im
Lexikon aufschlagen, wenn sie sprechen wollten; da hatte ich nun, um aus aller
Verlegenheit zu kommen, eine herrliche Floskel bereit: - - - - Mein Herr! das
ist nicht griechisch. Mein Fhrer unterlie nicht, sogleich, was ich gesagt, dem
Publikum ins Deutsche zu bersetzen, und jene Kathedermnner kamen gewhnlich
ber das Lcheln der Menschen dergestalt auer Fassung, da sie es nie wieder
wagten, Griechisch zu sprechen.
    So zogen wir lngere Zeit umher, bis endlich in Karlsbad die ganze Komdie
auf einmal aufhrte. Wir kamen dorthin zur Zeit der Saison und hatten viele
Besuche. Unter andern fiel mir besonders ein Herr mit einem Band im Knopfloch
auf, der mir groe hnlichkeit mit meinem Vater zu haben schien. Er besuchte uns
einigemal und endlich, denken Sie sich mein Erstaunen, hre ich, wie man ihn
Herrn von Garnmacher tituliert. Ich strzte zu ihm hin, fragte ihn mit
zrtlichen Worten, ob er mein verehrter Herr Oncle sei, und entdeckte ihm auf
der Stelle wie ich eigentlich nicht auf klassischem Boden in Athen, sondern als
kngl. schsisches Landeskind in Dresden geboren sei. Es war eine rhrende
Erkennungsszene. Das Staunen des Publikums, als der Grieche auf einmal gutes
Deutsch sprach, die Verlegenheit meines Oheims, der mit vornehmer Gesellschaft
zugegen war, und nicht gerne an meinen Vater den marchand tailleur erinnert sein
wollte, die Wut meines Fhrers, alles dies kam mir trotz meiner tiefen Rhrung
hchst komisch vor.
    Der Fhrer wurde verhaftet, mein Oncle nahm sich meiner an, lie mir Kleider
machen und fhrte mich nach Berlin. Und dort begann fr mich eine neue
Katastrophe.

                        2. Der Baron wird ein Rezensent


Mein Oncle war ein nicht sehr berhmter Schriftsteller, aber ein berchtigter,
anonymer Kritiker. Er arbeitete an zehn Journalen, und ich wurde anfnglich dazu
verwendet, seine Hahnenfe ins reine zu schreiben. Schon hier lernte ich nach
und nach in meines Oncles Geist denken, fate die gewhnlichen Wendungen und
Ausdrcke auf und bildete mich so zum Rezensenten. Bald kam ich weiter; der
herrliche Mann brachte mir die verschiedenen Klassen und Formen der Kritik bei,
ber welche ich brigens hinweggehen kann, da sie einen Fremden nicht
interessieren.
    Nein, nein! rief der Lord; ich habe schon fters von dieser kritischen
Wut Ihrer Landsleute gehrt. Zwar haben auch wir, z.B. Edinburg und London
einige Anstalten dieser Art, aber sie werden, hre ich, in einem ganz anderen
Geiste besorgt als die Ihrigen.
    Allerdings sind diese Bltter in meinem Vaterlande, eine sonderbare, aber
eigentmliche Erscheinung. Wie in unserer ganzen Literatur immer noch etwas
Engbrstiges, Eingezwngtes zu verspren ist, wie nicht das, was leicht und
gesellig, sondern was mit einem recht schwerflligen gelehrten Anstrich
geschrieben ist, fr einzig gut und schn gilt, so haben wir auch eigene
Ansichten ber Beurteilung der Literatur. Es traut sich nmlich nicht leicht ein
Mann oder eine Dame in der Gesellschaft ein Urteil ber ein neues Buch zu, das
sich nicht an ein ffentlich ausgesprochenes anlehnen knnte; man glaubt darin
zu viel zu wagen. Daher gibt es viele ffentliche Stimmen, die um Geld und gute
Worte ein kritisches Solo vortragen, in welches dann das Tutti oder der Chorus
des Publikums einfllt.
    Aber wie mgen Sie ber diese Institute spotten, mein Herr Baron?
unterbrach ihn der Lord; ich finde das recht hbsch. Man braucht selbst kein
Buch als diese ffentlichen Bltter zu lesen, und kann dann dennoch in der
Gesellschaft mitstimmen.
    Sie htten recht, wenn der Geist dieser Institute anders wre. So aber
ergreift der, welcher sich nach diesen Blttern richtet, unbewut irgend eine
Partie, und kann, ohne da er sich dessen versieht, in der Gesellschaft fr
einen Goethianer, Mllnerianer; Vossiden oder Creuzerianer, Schellingianer oder
Hegelianer, kurz fr einen Y-aner gelten. Denn das eine Blatt gehrt dieser
Partie an, und haut und sticht mehr oder minder auf jede andere, ein anderes
gehrt diesem oder jenem goen Buchhndler. Da mssen nun frs erste alle seine
Verlagsartikel gehrig gelobt, dann die seiner Feinde grimmig angefallen werden,
oft mu man auch ganz diplomatisch zu Werk gehen, es mit keinem ganz verderben,
auf beiden Achseln (Dichter-) Wasser tragen und indem man einem freundlich ein
Kompliment macht, hinterrcks heimlich ihm ein Bein unterschlagen.
    Aber schmen sich denn Ihre Gelehrten nicht, auf diese Art die Kritik und
Literatur zu handhaben? fragte der Marquis; ich mu gestehen, in Frankreich
wrde man ein solches Wesen verachten.
    Ihre politischen Bltter, mein Herr, machen es nicht besser. brigens sind
es nicht gerade die Gelehrten, die dieses Handwerk treiben. Die eigentlichen
Gelehrten werden nur zu Kernschssen und langsamen, grndlichen Operationen
verwandt, und mit vier Groschen bezahlt. Leichter, behender sind die
Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs der Literatur. Sie plnkeln mit dem
Feind, ohne ihn gerade grndlich und mit Nachdruck anzugreifen; sie richten
Schaden in seiner Linie an, sie umschwrmen ihn, sie suchen ihn aus seiner
Position zu locken. Auch drfen sie sich gerade nicht schmen, denn sie
rezensieren anonym, und nur einer unterschreibt seine kritischen Bluturteile mit
so kaltem Blute, als wollte er seinen Bruder freundlich zu Gevatter bitten.
    Das mu ja ein eigentlicher Matador sein! rief der Lord lchelnd.
    Ein Matador in jedem Sinne des Worts. Auf spanisch - ein Totschlger, denn
er hat schon manchen niedergedonnert; und wahrhaftig, er ist der hchste Triumph
dieser Matador, und zhlt fr zehen, wenn er Pacat ultimo macht. Und bei den
literarischen Stiergefechten ist er Matador! denn er, der Hauptkmpfer ist es,
der dem armen gehetzten und gejagten Stier den Todessto gibt.
    Gestehen Sie, Sie bertreiben; - Sie haben gewi einmal den unglcklichen
Gedanken gehabt, etwas zu schreiben, das recht tchtig vorgenommen wurde, und
jetzt zrnen Sie der Kritik?
    Der junge Deutsche errtete. Es ist wahr, ich habe etwas geschrieben, doch
war es nur eine Novelle, und leider nicht so bedeutend, da es wre rezensiert
worden; aber nein; ich selbst habe einige Zeit unter meines Oncles Protektion
den kritischen kleinen Krieg mitgemacht, und kenne diese Affren genau. Nun,
mein Oncle brachte mir also die verschiedenen Formen und Klassen bei. Die erste
war die sanftlobende Rezension. Sie gab nur einige Auszge aus dem Werk, lobte
es als brav und gelungen, und ermahnte auf der betretenen Bahn fortzuschreiten.
In diese Klasse fielen junge Schriftsteller, die dem Interesse des Blattes
entfernter standen, die man aber fr sich gewinnen wollte. Hauptschlich aber
war diese Klasse fr junge schriftstellerische Damen.
    Wie? erwiderte der Lord, haben Sie derer so viele, da man eine eigene
Klasse fr sie macht?
    Man zhlte, als ich noch auf der Oberwelt war, sechsundvierzig jngere und
ltere; Sie sehen, da man fr sie schon eine eigene Klasse machen kann, und
zwar eine gelinde, weil diese Damen mehr Anbeter und Freunde haben, als ein
junger Schriftsteller. Die zweite Klasse ist die lobposaunende. Hier werden
entweder die Verlagsartikel des Buchhndlers, der das Blatt bezahlt, oder die
Parteimnner gelobt. Man preist ihre Namen, man ist gerhrt, man ist glcklich,
da die Nation einen solchen Mann aufweisen kann. Die dritte Klasse ist dann die
neutrale. Hier werden die Feinde, mit denen man nicht in Streit geraten mag,
etwas khl und diplomatisch behandelt. Man spricht mehr ber das Genus ihrer
Schrift und ber ihre Tendenz, als ber sie selbst, und gibt sich Mhe, in recht
vielen Worten nichts zu sagen, ungefhr wie in den Salons, wenn man ber
politische Verhltnisse spricht, und sich doch mit keinem Wort verraten will.
    Die vierte Klasse ist die lobhudelnde. Man sucht entweder einen, indem man
ihn scheinbar und mit einem Anstrich von Gerechtigkeit ein wenig tadelt, zu
loben, oder umgekehrt, man lobt ihn mit vielem Anstand und bringt ihm einige
Stiche bei; die ihn entweder tief verwunden oder doch lcherlich machen. Die
fnfte Klasse ist die grobe, ernste; man nimmt eine vornehme Miene an, setzt
sich hoch zu Ro und schaut hernieder auf die kleinen Bemhungen und geringen
Fortschritte des Gegners. Man warnt sogar vor ihm und sucht etwas Verstecktes in
seinen Schriften zu finden, was zu gefhrlich ist, als da man ffentlich davon
sprechen mchte. Diese Klasse macht stillen, aber tiefen Eindruck aufs Publikum.
Es ist etwas Mystisches in dieser Art der Kritik, was die Menschen mit Scheu und
Beben erfllt. Die sechste Klasse ist die Totschlger-Klasse. Sie ist eine Art
von Schlachtbank, denn hier werden die Opfer des Zornes, der Rache,
niedergemetzelt ohne Gnade und Barmherzigkeit, sie ist eine Sge- und
Stampfmhle, denn der Mller schttet die Unglcklichen, die ihm berantwortet
werden, hinein, und zerfetzt, zersgt, zermalmt sie.
    Aber, wer trgt denn die Schuld von diesem unsinnigen Vertilgungssystem?
fragte Lasulot.
    Nun, das Publikum selbst! Wie man frher an Turnieren und Tierhetzen die
Freude hatte, so amsiert man sich jetzt am kritischen Kriege; es freut die
Leute, wenn man die Schriftsteller mit eingelegten Lanzen aufeinander anrennen
sieht, und - wenn die Rippen krachen, wenn einer sinkt, klatscht man dem Sieger
Beifall zu. Lndlich, sittlich! Ein Stier, ein Stier, ruft's dort und hier! In
Spanien treibt man das in der Wirklichkeit, in Deutschland metaphorisch, und
wenn ein paar tchtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen, und sich zu
Helden an ihm beien, wenn der Matador von der Galerie hinab in den Zirkus
springt,

und zieht den Degen
und fllt verwegen
zur Seite den wtenden Ochsen an -

da freut sich das liebe Publikum, und von Bravo! schallt die Gegend wider!
    Das ist kstlich! rief der Englnder, doch war man ungewi, ob sein
Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte, den er zu sich nahm; und ein
solcher Klassen-Kritikus wurden Sie, Master Garnmacher?
    Mein Oncle war, wie ich Ihnen sagte, fr mehrere Journale verpachtet;
wunderbar war es brigens, welches heterogene Interesse er dabei befolgen mute.
Er hatte es so weit gebracht, da er an einem Vormittag ein Buch las, und sechs
Rezensionen darber schrieb, und oft traf es sich, da er alle sechs Klassen
ber einen Gegenstand erschpfte. Er zndete dann zuerst dem Schlachtopfer ein
kleines gelindes Lobfeuer aus Zimtholz an; dann warf er kritischen Weihrauch
dazu, da es groe Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten und die
Augen beizten. Dann dmpfte er diese niedlichen Opferflammen zu einer dsteren
Glut, blies sie dann mit dem kalten Hauch der vierten Klasse frischer an, warf
in der fnften einen so groen Holzsto zu, als die Sancta simplicitas in
Konstanz dem Hu, und fing dann zum sechsten an, den Unglcklichen an dieser
mchtigen Lohe des Zornes zu braten und zu rsten bis er ganz schwarz war.
    Wie konnte er aber nur mit gutem Gewissen sechserlei so verschiedene
Meinungen ber einen Gegenstand haben? Das ist ja schndlich!
    Wie man will. Ich erinnere Sie brigens an die liberalen und an die
ministeriellen Bltter Ihres Landes; wenn heute einer Ihrer Publizisten eine Ode
an die Freiheit auf der Posaune geblasen hat, und ihm morgen der Herr von ...
einige Sous mehr bietet, so hlt er einen Panegyrikus gegen die linke Seite, als
htte er von je in einem ministeriellen Vorzimmer gelebt.
    Aber dann geht er frmlich ber, bemerkte der Marquis; aber Ihr Oncle,
der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen und zwlf Augen, die Hlfte mehr
als der Hllenhund.
    Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen Knsten und
Handarbeiten weit gebracht, erwiderte mit groer Ruhe der junge Mann. So auch
in der Kritik. Als mich nun mein Oncle so weit gebracht hatte, da ich nicht nur
ein Buch von dreiig Bogen in zwei Stunden durchlesen, sondern auch den Inhalt
einer unaufgeschnittenen Schrift auf ein Haar erraten konnte, wenn ich wute,
von welcher Partei sie war; so gebrauchte er mich zur Kritik. Ich will dir,
sagte er, die erste, zweite, fnfte und sechste Klasse geben. Die Jugend, wie
sie nun einmal heutzutag ist, kann nichts mit Ma tun. Sie lobt entweder ber
alle Grenzen, oder sie schimpft und tadelt unverschmt. Solche Leute, besonders
wenn sie ein recht scharfes Gebi haben, sind brigens oft nicht mit Gold zu
bezahlen. Man legt sie an die Kette bis man sie braucht, und hetzt sie dann mit
unglaublichem Erfolg, denn sie sind auf den Mann dressiert, trotz der besten
Dogge. Zu den Mittelklassen, zu dem Neutralittssystem, zu dem verdeckten Tadel,
zu dem ruhigen, aber sicheren Hinterhalt gehrt schon mehr kaltes Blut.
    So sprach mein Oncle und bergab mir die Krnze der Gnade und das Schwert
der Rache. Alle Tage mute ich von frhe acht bis ein Uhr rezensieren. Der Oncle
schickte mir ein neues Buch, ich mute es schnell durchlesen und die
Hauptstellen bezeichnen. Dann wurden Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen und dem
Alten zurckgeschickt. Nun schrieb er selbst 3 und 4, und war dann noch ein
Hauptgericht zu exequieren, so lie er mir sagen: Mein lieber Neffe; nur immer
Nr. 5 und 6 draufgesetzt; es kann nicht schaden, nimm ihn ins Teufels Namen
tchtig durch; und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Rhrung bis zum
Himmel erhoben, denselben verdammte ich jetzt bis in die Hlle. Vor Tisch wurden
dann die kritischen Arbeiten verglichen, der Oncle tat, wie er zu sagen pflegte,
Salz hinzu, um das Gebru pikanter zu machen; dann packte ich alles ein und
verschickte die heil- und unheilschweren Bltter an die verschiedenen Journale.
    God damn! habe ich in meinem Leben dergleichen gehrt? rief der Lord mit
wahrem Grauen; aber wenn Sie alle Tage nur ein Buch renzensierten, das macht ja
im Jahr 365! Gibt es denn in Ihrem Vaterland jhrlich selbst nur ein Dritteil
dieser Summe?
    Ha! da kennen Sie unsere gesegnete Literatur schlecht, wenn Sie dies
fragen. So viele gibt es in einer Messe, und wir haben jhrlich zwei. Alle Jahre
kann man achtzig Romane, zwanzig gute und vierzig schlechte Lust- und
Trauerspiele, hundert schne und miserable Erzhlungen, Novellen, Historien,
Phantasien etc., dreiig Almanachs, fnfzig Bnde lyrischer Gedichte, einige
erhabene Heldengedichte in Stanzen oder Hexametern, vierhundert bersetzungen,
achtzig Kriegsbcher rechnen, und die Schul-, Lehr-, Katheder-, Professions-,
Konfessionsbcher, die Anweisungen zum frommen Leben, zu Bereitung guten
Champagners aus Obst, zu Verlngerung der Gesundheit, die Betrachtungen ber die
Ewigkeit, und wie man auch ohne Arzt sterben knne, usw. sind nicht zu zhlen;
kurz man kann in meinem Vaterland annehmen, da unter fnfzig Menschen immer
einer Bcher schreibt; ist einer einmal im Mekatalog gestanden, so gibt er das
Handwerk vor dem sechzigsten Jahr nicht auf. Sie knnen also leicht berechnen,
meine Herren, wieviel bei uns gedruckt wird. Welcher Reichtum der Literatur,
welches weite Feld fr die Kritik!
    Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer Ehrfurcht, mit einer
Andacht gesprochen, die sogar mir hchst komisch vorkam; der Lord und der
Marquis aber brachen in lautes Lachen aus, und je verwunderter der junge Herr
sie ansah, desto mehr schien ihr Lachreiz gesteigert zu werden.
    Monsieur de Garnmackre! nehmen Sie es nicht bel, da ich mich von Ihrer
Erzhlung bis zum Lachen hinreien lie߫, sagte der Marquis, aber Ihre Nation,
Ihre Literatur, Ihre kritische Manufaktur kam mir unwillkrlich so komisch vor,
da ich mich nicht enthalten konnte, zu lachen. Ihr seid sublime Leute! das mu
man euch lassen.
    Und der Herr hier hat recht, bemerkte Mylord mit feinem Lcheln. Alles
schreibt in diesem gttlichen Lande, und was das schnste ist, nicht jeder ber
sein Fach, sondern lieber ber ein anderes. So fuhr ich einmal auf meiner grand
tour in einem deutschen Lndchen. Der Weg war schlecht, die Pferde womglich
noch schlechter. Ich lie endlich durch meinen Reisebegleiter, der deutsch reden
konnte, den Postillon fragen, was denn sein Herr, der Postmeister, denke, da er
uns so miserable Pferde vorspanne? Der Postillon antwortete: Was das Post- und
das Stallwesen anbelangt, so denkt mein Herr nichts.
    Wir waren verwundert ber diese Antwort, und mein Begleiter, dem das
Gesprch Spa machte, fragte, was sein Herr denn anderes zu denken habe? Er
schreibt! war die kurze Antwort des Kerls. Wie? Briefverzeichnisse, Postkarten?
Ei, behte, sagt er, Bcher, gelehrte Bcher. ber das Postwesen? fragten wir
weiter. Nein, meinte er; Verse macht mein Herr, Verse, oft so breit als meine
fnf Finger und so lang als mein Arm! und klatsch! klatsch! hieb er auf die
mageren Brder des Pegasus und trabte mit uns auf dem stoenden Steinweg, da es
uns in der Seele wehe tat. God damn! sagte mein Begleiter, wenn der Herr
Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie sein Schwager auf diesen
Kleppern, so wird er holperigte Verse zutage frdern! Und auf Ehre, meine
Herren, ich habe mich auf der nchsten Station erkundigt, dieser Postmeister ist
ein Dichter, und wie Sie, Mr. Garnmacher, ein groer Kritiker.
    Ich wei, wen Sie meinen, erwiderte der Deutsche mit etwas unmutiger
Miene, und Ihre Erzhlung soll wohl ein Stich auf mich sein, weil ich
eigentlich auch nicht fr dieses Gebiet der Literatur erzogen worden. brigens
mu ich Ihnen sagen, Mylord, in Ihrem kalten, systematischen, nach Gesetzen
ngstlich zugeschnittenen Land, mchte etwas dergleichen auffallen, aber bei uns
zulande ist das was anderes. Da kann jeder in die Literatur hineinpfuschen, wann
und wie er will, und es gibt kein Gesetz, da einem verbte, etwas Miserables
drucken zu lassen, wenn er nur einen Verleger findet. Bei den Kritikern und
Poeten meines Vaterlandes ist nicht nur in Hinsicht auf die Phantasie, die
schne romantische Zeit des Mittelalters, nein, wir sind, und ich rechne mich
ohne Scheu dazu, samt und sonders edle Rauhritter, die einander die Blumen der
Poesie abjagen und in unsere Verliese schleppen, wir ben das Faustrecht auf
heldenmtige Weise, und halten literarische Wegelagerungen gegen den reich
beladenen Krmer und Juden. Die Poesie ist bei uns eine Gemeindewiese, auf
welcher jedes Vieh umherspazieren, und Blumen und Gras fressen kann nach
Belieben.
    Herr von Garnmacker, unterbrach ihn der Marquis de Lasulot; ich wrde
Ihre Geschichte erstaunlich hbsch und anziehend finden, wenn sie nur nicht so
langweilig wre. Wenn Sie so fortmachen, so erzhlen Sie uns achtundvierzig
Stunden in einem fort. Ich schlage daher vor, wir verschieben den Rest und
unsere eigenen Lebenslufe auf ein andermal, und gehen jetzt auf die
Hllenpromenade, um die schne Welt zu sehen!
    Sie haben recht, sagte der Lord, indem er aufstand und mir ein
Sixpencestck zuwarf, der Herr von Garnmacher wei auf unterhaltende Weise
einzuschlfern. Brechen wir auf; ich bin neugierig, ob wohl viele Bekannte aus
der Stadt hier sind?
    Wie? rief der junge Deutsche nicht ohne berraschung, Sie wollen also
nicht hren, wie ich mich in Berlin bei den Herren vom Mhlendamm zu einem
Elegant perfektionierte? Sie wollen nicht hren, wie ich einen Liebeshandel mit
einer Prinzessin hatte, und auf welche elendigliche Weise ich endlich verstorben
bin? Oh, meine Herren, meine Geschichte fngt jetzt erst an, interessant zu
werden.
    Sie knnen recht haben, erwiderte ihm der Lord mit vornehmem Lcheln,
aber wir finden, da uns die Abwechslung mehr Freude macht. Begleiten Sie uns;
vielleicht sehen wir einige Figuren aus Ihrem Vaterland, die Sie uns zeigen
knnen.
    Nein, wirklich! ich bin gespannt auf Ihre Geschichte, sagte der Marquis
lachend, aber nur jetzt nicht. Es ist jetzt die Zeit, wo die Welt promeniert,
und um keinen Preis, selbst nicht um Ihre interessante Erzhlung mchte ich
diese Stunde versumen. Gehen wir.
    Gut, antwortete der deutsche Stutzer, resigniert und ohne beleidigt zu
scheinen. Ich begleite Sie; auch so ist mir Ihre werte Gesellschaft sehr
angenehm, denn es ist fr einen Deutschen immer eine groe Ehre, sich an einen
Franzosen oder gar an einen Englnder anschlieen zu knnen.
    Lachend gingen die beiden voran, der Baron folgte, und ich vernderte
schnell mein Kostm, um diese merkwrdigen Subjekte auf ihren Wanderungen zu
verfolgen, denn ich hatte gerade nichts Besseres zu tun.
    Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleich - es ist mglich, da
Klima und Sitten eines anderen Landes eine kleine Vernderung in manchem
hervorbringe; aber lasset nur eine Stunde lang Landsleute zusammen sprechen, der
Nationalcharakter wird sich nicht verleugnen, wird mehr und mehr sich wieder
hervorheben und deutlicher werden. So kommt es, da dieser Geburtstag meiner
lieben Gromutter mir Stoff zu tausend Reflexionen gibt, denn selbst im
Fegfeuer, wenn diesen Leutchen nur ein Tag vergnnt ist, findet sich Gleiches zu
Gleichem, und es spricht und lacht, und geht und liebt wie im Prater, wie auf
der Chaussee d'Antin oder im Palais Royal, wie Unter den Linden, oder wie in
.........
    Welchen Anblick gewhrte diese hllische Promenade! Die Stutzer aller
Jahrhunderte, die Kurtisanen und Merveilleuses aller Zeiten; Theologen aller
Konfessionen, Juristen aller Staaten, Financiers von Paris bis Konstantinopel,
von Wien bis London; und sie alle in Streit ber ihre Angelegenheiten, und sie
alle mit dem ewigen Refrain: Zu unserer Zeit, ja! zu unserer Zeit war es doch
anders! Aber ach, meine Stutzer kamen zu spt auf die Promenade, kaum da noch
Baron von Garnmacher einen jungen Dresdner Dichter umarmen, und einer Berliner
Sngerin sein Vergngen ausdrcken konnte, ihre Bekanntschaft hier zu erneuern!
Der edle junge Herr hatte durch seine Erzhlung die Promenadezeit verkmmert,
und die groe Welt strmte schon zum Theater.

                          3. Das Theater im Fegefeuer


Man wundert sich vielleicht ber ein Theater im Fegefeuer? Freilich ist es weder
Opera buffa noch seria, weder Trauer- noch Lustspiel; ich habe zwar
Schauspieldichter, Snger, Akteurs und Aktricen, Tnzer und Tnzerinnen genug;
aber wie knnte man ein so gemischtes Publikum mit einem dieser Stcke
unterhalten? Liee ich von Zacharias Werner eine schauerlich - tragi - komisch -
historisch - romantisch - heroische Komdie auffhren - wie wrden sich
Franzosen und Italiener langweilen, um von den Russen, die mehr das Trauerspiel
und Mordszenen lieben, gar nicht zu sprechen. Wollte ich mir von Kotzebue ein
Lustspiel schreiben lassen, etwa Die Kleinstdter in der Hlle, wie wrde man
ber verdorbenen Geschmack schimpfen! Daher habe ich eine andere Einrichtung
gestroffen.
    Mein Theater spielt groe pantomimische Stcke; welche wunderbarerweise
nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft zum Gegenstand haben; aber mit
Recht. Die Vergangenheit, ihr ganzes Leben liegt abgeschlossen hinter diesen
armen Seelen. Selten bekmmt eine einen Erlaubnisschein als revenant die Erde um
Mitternacht besuchen zu drfen. Denn was ntzt es mir, was frommt es dem irren
Geist einer eiferschtigen Frau, zum Lager ihres Mannes zurckzukehren? was
ntzt es dem Mann, der sich schon um eine zweite umgetan, wenn durch die Gardine
dringt -

Eine kalte weie Hand,
wen erblickt er? seine Wilhelmine,
die im Sterbekleide vor ihm stand?

Was kann es dem Teufel, was einer ausgeleerten herzoglichen Kasse helfen, wenn
der Finanzminister, der sich aus Verzweiflung mit dem Federmesser die Kehle
abschnitt, allnchtlich ins Departement schleicht, angetan mit demselben
Schlafrock, in welchem er zu arbeiten pflegte, schlurfend auf alten Pantoffeln
und die Feder hinter dem Ohr; zu was dient es, wenn er seufzend vor die Akten
sitzt, und mit glhendem Auge seinen Rest immer noch einmal wieder berechnet?
    Was kann es dem frstlichen Keller helfen, wenn der Schlokfer, den ich in
einer bsen Stunde abgeholt, durch einen Kellerhals herniederfhrt, und mit
krampfhaft gekrmmtem Finger an den Fssern anpocht, die er bestohlen? Zu
welchem Zweck soll ich den General entlassen, wenn oben der Zapfenstreich ertnt
und die Hrner zur Ruhe blasen? zu was den Stutzer, um zu sehen, ob sein
bezahltes Liebchen auf frische Rechnung liebt? Zwar sie alle, ich gestehe es,
sie alle wrden sich unglcklicher fhlen, knnten sie sehen, wie schnell man
sie vergessen hat, es wre eine Schrfung der Strafe, wie etwa ein Knig, als
ihm ein Urteil zu lebenslnglicher Zuchthausstrafe vorgelegt wurde, noch sechs
Jahre lnger unterschrieb, weil er den Mann hate. Aber sie wrden mir auf der
andern Seite so viel verwirrtes Zeug mit herabbringen, wrden mir manchen fromm
zu machen suchen, wie der reiche Mann im Evangelium, der zu Lebzeiten so viel
getrunken, da er in der Hlle Wasser trinken wollte - ich habe darin zu viele
Erfahrungen gemacht, und kann es in neuern Zeiten, wo ohnedies die Missionarien
und andere Mystiker, genug tun, nicht mehr erlauben. Daher kommt es, da es in
diesen Tagen wenig mehr in den Husern, desto mehr aber in den Kpfen spukt.
    Um nun den Seelen im Fegefeuer dennoch Nachrichten ber die Zukunft zu
geben, lasse ich an Festtagen einige erhebliche Stcke von meiner hllischen
Bande auffhren. Auf dem heutigen Zettel war angezeigt:

                         Mit allerhchster Bewilligung.
                           Heute als am Geburtsfeste
                      Der Gromutter, diabolischen Hoheit.
                       Einige Szenen aus dem Jahr 1826.
                           Pantomimische Vorstellung
                                        
                         mit Begleitung des Orchesters.
                   Die Musik ist aus Mozarts, Haydns, Glucks
                   und anderen Meisterwerken zusammengesucht
                                  von Rossini.

(Bemerkungen an das Publikum.) Da gegenwrtig sehr viele allerhchste Personen
und hoher Adel hier sind, so wird gebeten, die ersten Ranglogen den Hoheiten,
Durchlauchten und Ministern bis zum Grafen abwrts inklusive, die zweite Galerie
der Ritterschaft samt Frauen bis zum Lieutenant abwrts zu berlassen.

             Die Direktion des infernal. Hof- und Nationaltheaters.

Das Publikum drngte sich mit Ungestm nach dem Haus. Ich bot mich den drei
jungen Herren als Cicerone an, und fhrte sie glcklich durch das Gedrnge ins
Parkett; obgleich der Lord ohne Anstand auf die erste, der Marquis und der
deutsche Baron auf die zweite Loge htten eintreten drfen. Diese drei Subjekte
fanden es aber amsanter, von ihrem niederen Standpunkt aus Logen und Parterre
zu lorgnettieren. Wie mancher Ausruf des freudigen Staunens entschlpfte ihnen,
wenn sie wieder auf ein bekanntes Gesicht trafen. Besonders Garnmacher schien
vor Erstaunen nicht zu sich selbst kommen zu knnen. Nein, ist es mglich!
rief er wiederholt aus; ist es mglich? Sehen Sie, Marquis; jener Herr dort
oben in der zweiten Galerie rechts, mit den roten Augen, er spricht mit einer
bleichen jungen Dam; dieser starb in Berlin im Geruch der Heiligkeit, und soll
auch hier sein an diesem unheiligen Ort? und jene Dame, mit welcher er spricht,
wie oft habe ich sie gesehen und gesprochen! Sie war eine liebenswrdige fromme
Schwrmerin, ging lieber in die Dreifaltigkeitskirche als auf den Ball - sie
starb, und wir alle glaubten, sie werde sogleich in den dritten Himmel schweben,
und jetzt sitzt sie hier im Fegefeuer! Zwar wollte man behaupten, sie sei in
Tplitz an einem heimlichen Wochenbett verschieden, aber wer ihren frommen
Lebenslauf gesehen, wer konnte das glauben? -
    Ha! die Nase von Frankreich! rief auf einmal der Baron mit Ekstase.
Heiliger Ludwig, auch Ihr, auch Ihr unter Euren verlorenen Kindern? Ha! und
ihr, ihr verdammten Kutten, die ihr mein schnes Vaterland in die Kapuze stecken
wollet. Sehen Sie, Mylord, jene hlichen, kriechenden Menschen? Sehen Sie dort
- das sind berhmte Missionre, die uns glauben machen wollten, sie seien
frmmer als wir. Dem Teufel sei es gedankt, da er diese Schweine auch zu sich
versammelt hat.
    Oh, mein Herr, sagte ich, das htten Sie nicht ntig gehabt bis ins
Theater sich zu bemhen, um diese Leutchen zu sehen. Sie zeigen sich zwar nicht
gerne auf den Promenaden, weil selbst in der Hlle nichts Erbrmlicheres zu sein
pflegt, als ein entlarvter Heuchler; aber im Caf de Congrgation wimmelt es von
diesen Herren. Vom Kardinal bis zum schlechten Pater; Sie knnen manche heilige
Bekanntschaft dort machen.
    Mein Herr, Sie scheinen bekannt hier, erwiderte Mylord; sagen Sie doch,
wer sind diese ernsten Mnner in Uniform nebenan? Sie unterhalten sich lebhaft,
und doch sehe ich sie nicht lcheln. Sind es Englnder?
    Verzeihen Sie, antwortete ich, es sind Soldaten und Offiziers von der
alten Garde, die sich mit einigen Preuen ber den letzten Feldzug besprechen.
    Alle drei schienen erstaunt ber dieses Zusammentreffen, und wollten mehr
fragen, aber der Kapellmeister hob den Stab, und die Trompeten und Pauken der
Rossinischen Ouvertre schmetterten in das volle Haus. Es war die herrliche
Ouvertre aus Il maestro ladro, die Rossini auf sich selbst gedichtet hat, und
das Publikum war entzckt ber die schnen Anklnge aus der Musik aller Lnder
und Zeiten, und jedes fand seinen Lieblingsmeister, seine Lieblingsarie in dem
herrlich komponierten Stck. Ich halte auch auer der Gazza ladra den Maestro
ladro fr sein Bestes, weil er darin seine Tendenz und seine knstlerische
Gewandtheit im Komponieren ganz ausgesprochen hat. Die Ouvertre endete mit dem
ergreifenden Schlu von Mozarts Don Juan, dem man zur Vermehrung der Rhrung,
einen Nachsatz von Pauken, Trommeln und Trompeten angehngt hatte und - der
Vorhang flog auf.
    Man sah einen Saal der Brsenhalle von London. ngstlich drngten sich Juden
und Christen durcheinander; in malerischen Gruppen standen Geldmkler, groe und
kleine Kaufleute, und steigerten die Papiere. Nachdem diese Introduktion einige
Zeitlang gedauert hatte, kamen in sonderbaren Sprngen und Kapriolen zwei
Kuriere hereingetanzt. Allgemeine Spannung; die Depeschen werden in einem Pas de
deux entsiegelt, die Nachrichten mitgeteilt. In diesem Augenblick erscheint mein
erster Solotnzer, das Haus Goldsmith vorstellend, in der Szene. Seine Mienen,
seine Haltung drcken Verzweiflung aus; man sieht, seine Fonds sind erschpft,
sein Beutel leer, er mu seine Zahlungen einstellen. Ein Chor von Juden und
Christen dringen auf ihn ein, um sich bezahlt zu machen. Er fleht, er bittet,
seine Gebrdensprache ist bezaubernd - es hilft nichts. Da raffte er sich
verzweiflungsvoll auf; er tanzte ein Solo voll Ernst und Majestt; wie ein
gefallener Knig ist er noch im Unglck gro, seine Sprnge reichen zu einer
immensen Hhe und mit einem prachtvollen Futriller fllt das Haus Goldsmith in
London. Komisch war es nun anzusehen, wie das Chor der englischen, deutschen und
franzsischen Huser vorgestellt von den Herren vom Corps de Ballet diesen Fall
weiter fortsetzten. Sie wankten knstlich und fielen noch knstlicher, besonders
exzellierten hiebei einige Berliner Brseknstler, die durch ihre ungemeine
Kunst einen wahrhaft tragischen Effekt hervorbrachten, und allgemeine Sensation
im Parterre erregten.
    Pltzlich ging die lamentable Brsenmusik in einen Triumphmarsch ber; die
herrliche Passage aus der Italienerin in Algier: Heil dem groen Kaimakan
ertnte; ein glnzender Zug von Christensklaven, Goldbarren und Schsseln mit
gemnztem Gold tragend, tanzten aufs Theater. Es war wie wenn in der Hungersnot
ein Wagen mit Brot in eine ausgehungerte Stadt kommt. Man denkt nicht daran, da
der spekulative Kopf, der das Brot herbeischaffte, nichts als ein gemeiner
Wucherer ist, der den Hunger bentzt und sein Brot zu ungeheuren Preisen
losschlgt; man denkt nicht daran, man verehrt ihn als den Retter, als den
schtzenden Schild in der Not. So auch hier. Die gefallenen Huser richteten
sich mit Grazie empor, sie schienen Hoffnung zu schpfen, sie schienen den
Messias der Brse zu erwarten. Er kam. Acht Finanzminister berhmter Knige und
Kaiser trugen auf ihren Schultern eine Art von Triumphwagen, der die
transparente Inschrift: Seid umschlungen Millionen trug. Ein Herr mit einer
pikanten, morgenlndischen Physiognomie, wohlbeleibt, und von etwas schwammigem
Ansehen, sa in dem Wagen, und stellte den Triumphator vor.
    Mit ungemeinem Applaus wurde er begrt, als er von den Schultern der
Minister herab auf den Boden stieg. Das ist Rothschild! es lebe Rothschild!
schrie man in den ersten Ranglogen und klatschte und rief Bravo, da das Haus
zitterte. Es war mein erster Grotesktnzer, der diese schwierige Rolle
meisterhaft durchfhrte; besonders als er mit dem englischen, sterreichischen,
preuischen und franzsischen Ministerium einen Cosaque tanzte, bertraf er sich
selbst. Rothschild gab in einer komischen Solopartie seinem Reich, der Brse,
den Frieden, und der erste Akt der groen Pantomime endigte sich mit einem
brillanten Schluchor, in welchem er frmlich gekrnt und zu einem allerhchsten
cher Cousin gemacht wurde.
    Als der Vorhang gefallen war, lie sich Mylord ziemlich ungndig ber diese
Szene aus. Es war zu erwarten, sagte er, da diese Menschen bedeutenden
Einflu auf die Kurse bekommen werden, aber da auf der Brse von London ein
solcher Skandal vorfallen werde, im Jahr I826, das ist unglaublich!
    Mein Herr! erwiderte der Marquis lachend, unglaublich finde ich es nicht.
Bei den Menschen ist alles mglich, und warum sollte nicht einer, wenn er auch
im Judenquartier zu Frankfurt das Licht der Welt erblickte, durch Kombination so
weit kommen, da er Kaiser und Knige in seinen Sack stecken kann?
    Aber England, Alt-England! ich bitte Sie, rief der Lord schmerzlich. Ihr
Frankreich, Ihr Deutschland hat von jeher nach jeder Pfeife tanzen mssen! Aber
God damn! das englische Ministerium mit diesem Hephep einen Cosaque tanzen zu
sehen; oh! es ist schmerzlich!
    Ja, ja! sprach Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn, sehr ruhig; es
wird und mu so kommen. Freilich, ein bedeutender Unterschied zwischen 1826 und
der Zeit des Knigs David.
    Das finde ich nicht, antwortete der Marquis, im Gegenteil, Sie sehen ja,
welch groen Einflu die Juden auf die Zeit gewinnen!
    Und dennoch finde ich einen bedeutenden Unterschied, erwiderte der
Deutsche. Damals, mein Herr, hatten alle Juden nur einen Knig, jetzt aber
haben alle Knige nur einen Juden.
    Wenn Sie so wollen, ja. Aber neugierig bin ich doch, was fr eine Szene uns
der Teufel jetzt geben wird. Ich wollte wetten, Frankreich oder Italien kommt
ans Brett.
    Ich denke, Deutschland, erwiderte Garnmacher; ich wenigstens mchte wohl
wissen, wie es im Jahr 1826 oder 1830 in Deutschland sein wird. Als ich die Erde
verlie, war die Konstellation sonderbar. Es roch in meinem Vaterland wie in
einer Pulverkammer, bevor sie in die Luft fliegt. Die Lunte glhte, und man roch
sie allerorten. Die feinsten diplomatischen Nasen machten sich weit und lang, um
diesen geheimnisvollen Duft einzuziehen und zu erraten, woher der Wind komme.
Meinen Sie nicht auch, es msse bedeutende Vernderungen geben?
    Es wird heien - auch in diesem Jahr, ist es geblieben wie es war,
antwortete ich dem guten Deutschen. Um eine Lunte auszulschen, bedarf es keine
groe Knste. Man wird bleiben wie man war, man wird hchstens um einige
Prozente weiser vom Rathaus kommen. Sie wollen Ihr Vaterland in die Szene
gesetzt sehen, um zu erfahren, wie es Anno 1826 dort aussieht? Armer Herr! da
mte ich ja zuvor noch fragen, was fr ein Landsmann Sie sind.
    Wie verstehen Sie das? fragte der Baron unmutig.
    Nun? was knnte man Ihnen denn Allgemeines und Nationelles vorspielen, da
Sie keine Nation sind? Sind Sie ein Bayer, so mte man Ihnen zeigen, wie man
dort noch immer das alte ehrliche Bier, nur nach neuen Rezepten braut; sind Sie
Wrttemberger, so knnten Sie erfahren, wie man die Landstnde whlte. Sind sie
ein Rheinpreue und drckt Sie der Schuh, so lassen Sie sich den eigenen Fu
operieren, denn an dem Normalschuh darf nichts gendert werden. Sind Sie ein
Hesse, so trinken Sie ganz ruhig ihren Doppelkmmel zum Butterbrot, aber denken
Sie nichts, nicht einmal ob es in der letzten Woche schn war und in der
nchsten regnen wird; sind Sie ein Brandenburger, so machen Sie, da Ihnen die
Haare zu Berg stehen, und hungern Sie, bis Sie eine schne Taille bekommen - -
    Herr, Sie sind des Teufels! fuhr der Baron auf; wollen Sie uns alles
Nationalgefhl absprechen? Wollen sie -
    Stille! Sie sehen, der Vorhang geht wieder in die Hhe! rief der Marquis;
wie, was sehe ich? das ist ja das Portal von Notre Dame! das finde ich
sonderbar. Wenn man von Frankreich etwas in die Szene setzen will, warum gibt
man uns kein Vaudeville, warum nicht den Kampf der Kammer.
    Die Glocken von Notre Dame ertnten in feierlichen Klngen. Chorgesang und
das Murmeln kirchlicher Gebete nherte sich, und eine lange Prozession,
angefhrt von den Missionren, betrat die Bhne. Da sah man knigliche Hoheiten
und Frsten mit den Mienen zerknirschter Snder, den Rosenkranz in der Hand,
einherschleichen; da sah man Damen des ersten Ranges, die schnen Augen gen
Himmel gerichtet, die  la Madonna gekmmten Haare mit wohlriechender Asche
bestreut, die niedlichen Fchen blo und bar in dem Staube wandelnd. Das
Publikum staunte; man schien seinen Augen nicht zu trauen, wenn man die Herzogin
D-s, die Comtesse de M-u, die Frstin T-d im Kostm einer Benden zur Kirche
wandeln sah. Doch, als Offiziere der alten Armee, nicht mit Adlern, sondern mit
heiligen Fahnen in der Hand, hereinwankten, als sogar ein Mann in der reichen
Uniform der Marschlle, den Degen an der Seite, die Kerze in der Hand und
Gebetbcher unter dem Arm, ber die Szene ging, da wandte sich der Marquis ab,
die Soldaten der alten Garde an unserer Seite, ballten die Fuste und riefen
Verwnschungen aus, und wer wei, was meinen Acteurs geschehen wre, htte man
faule pfel oder Steine in der Nhe gehabt. Das hohe Portal von Notre Dame hatte
endlich die Prozession aufgenommen, und nur der Schlu ging noch ber die Szene.
Es war ein Affe, der eine Kerze in der Hand, und unter dem Arm eine Vulgata
trug; man hatte ihm einen ungeheuren Rosenkranz als Zaum um den Hals gelegt, an
welchem ihn zwei Missionre wie ein Kalb fhrten. Sooft er aus dem ruhigen
Prozessionsschritt in wunderliche Seitensprnge fallen wollte, wurde er mit
einer Kapuzinergeiel gezchtigt, und schrie dann, um seine Zuchtmeister zu
vershnen: Vive le bon Dieu! vive la croix! So brachten sie ihn endlich mit
groer Mhe zur Kirche, Orgel und Chorgesang erscholl, und der Vorhang fiel.
    Haben Sie nun Genugtuung? sagte der Marquis zu dem Lord; was ist Ihr
Skandal auf der Brse gegen diesen kirchlichen Unfug? o mein Frankreich, mein
armes Frankreich!
    Es ist wahr, antwortete Mylord sehr ernst, indem er dem Franzosen die Hand
drckte; Sie sind zu beklagen. Aber ich glaube nicht an diese tollen Possen;
Frankreich kann nicht so tief sinken, um sich so unter den Pantoffel zu begeben.
Frankreich, das Land des guten Geschmacks, der frhlichen Sitten, der feinen
Lebensart, Frankreich sollte schon im Jahr 1826 vergessen haben, da es einst
der gesunden Vernunft Tempel erbaute, und den Jesuiten die Kutte ausklopfte?
Nicht mglich, es ist ein Blendwerk der Hlle!
    Das mchte doch nicht so sicher sein, sagte ich. Das Vaterland des Herrn
Marquis gefiel sich von jeher in Kontrasten; wenn einmal der Jesuitismus dort
zur Mode wird, mchte ich fr nichts stehen.
    Aber was wollten sie nur mit dem Affen in Notre Dame? fragte der Baron,
was hat denn dieses Tier zu bedeuten.
    Das ist, wie ich von der Theaterdirektion vernahm, der Affe Jocko, der
sonst diese Leute im Theater belustigte. Jetzt ist er wohl auch von den
Missionren bekehrt worden, und wenn er, wie man aus seinen Seitensprngen
schlieen knnte, ein Protestant ist, so werden sie ihn wohl in der Kirche
taufen.
    God damn! was Sie sagen; doch Sie scheinen mit der Theaterdirektion
bekannt; sagen Sie uns, was noch aufgefhrt wird; wenn es nichts Interessantes
ist, so denke ich, gehen wir weiter, denn ich finde diese Pantomimen etwas
langweilig.
    Es kommt nur noch ein Akt, der mehr allgemeines Interesse hat, antwortete
ich; es wird nmlich ein diplomatisches Diner aufgefhrt, das der Reis-Effendi
den Gesandten hoher Mchte gibt. Das Siegesfest der Festung Missolunghi
vorstellend. Es werden dabei Ragouts aus Griechenohren, Pastetchen von
Philhellenennasen aufgetischt. Das Hauptstck der Tafel macht ein Rostbeuf von
dem griechischen Patriarchen, den sie lebendig gerstet haben, und zum Beschlu
wird ein kleiner Ball gegeben, den ein besternter Staatsmann, so alt er sein
mag, mit der schnsten Griechensklavin aus dem Harem seiner muhamedanischen
Majestt erffnet.
    Ei! rief der Marquis; was, wollen wir diese Schande der Menschheit sehen.
Ihre Londner Brse war lcherlich, die Prozession gemein und dumm, aber diese
ekelhafte Erbrmlichkeit, ich kann sie nicht ansehen! Kommet, meine Freunde; wir
wollen lieber noch die Geschichte des Herrn von Garnmacher hren, so langweilig
sie ist, als dieses diplomatische Diner betrachten!
    Der Lord und der deutsche Baron willigten ein. Sie standen auf, und
verlieen mein Theater, und der Lord sah, als er heraustrat, mit einem derben
Fluche zurck, und rief:
    Wahrlich, es steht schlimm mit der Zukunft von 1826!

                             Ende des zweiten Teils

                                    Funoten


1 Was der Satan hier ernsthaft und gelehrt spricht, er gebrdet sich beinahe wie
ein junger Kandidat der Theologie, der seine erste Predigt drucken lt!
                                                           Anm. d. Herausgebers.

2 Diesen Auszug habe ich nicht finden knnen, es mte denn die Einleitung zum
Besuch bei Goethe sein.

3 Ganz in der Eile nimmt sich der Herausgeber die Freiheit, den Aufri des
Boudoirs dieser protestantischen Nonne, wie er sich ihn denkt, hier beizufgen;
im Fenster stehen Blumen, in der Ecke ein Betpult mit einem gueisernen
Kruzifix; eine Gitarre ist notwendiges Requisit, wenn auch die Eigentmerin
hchstens O Sanctissima darauf spielen kann; ein Heiligenbild ber dem Sofa,
ein mit Flor verhngtes Bild des Verstorbenen oder Ungetreuen von etzlichem
sinnigem Efeu umrankt; sie selbst in weiem oder aschgrauem Kostm, an der Wand
ein Spiegel.

4 Satan scheint hier zwischen Freifrulein und anderen Frulein zu
unterscheiden, unter jenen versteht er die von gutem Adel, unter letzteren die,
welche man sonst Jungfer oder Mamsell heit; ich finde brigens, den Unterschied
auf diese Art zu bezeichnen, sehr unpassend; denn man wird mir zugeben, da die
brgerlichen Frulein oft ebenso frei in ihren Sitten und Betragen sind, als die
echten.

5 Frau von Wollau will wahrscheinlich sagen, nach dem Ziel der Veredlung -
                                                                 Der Herausgeber

6 Gehen Sie doch! meinen Sie denn, ich glaube daran?

7 Die Fortsetzung dieser Novelle findet sich im zweiten Teile.
                                                                 Der Herausgeber

8 Man erlaube mir hier eine kleine Anmerkung: Wenn ich nicht irre, so ertappt
man hier den Satan auf einer grern Eitelkeit, als man ihm fast zutrauen
sollte; gewi hat ihn nichts anderes gegen jenen verehrten Dichter aufgebracht,
als da er ihn mit etwas lebhaften Farben als hlich darstellt; diese Bemerkung
wird um so wahrscheinlicher, wenn man sich erinnert, da er oben in dem zweiten
Abschnitt selbst gesteht, da durch seine Inkarnation einige Eitelkeit in ihn
gefahren sein; Meister Urian gibt sich brigens durch den bertriebenen Eifer,
mit welchem er seine Migestalt rgt, eine Ble, die ihm nicht htte beigehen
sollen.

9 Jean Paul. Flegeljahre.

10 Romane von Cramer. (Der Herausgeber)

11 Die Mglichkeit einer solchen Verwechslung beweist ein Fall, der sich vor
einigen Monaten in Ravensburg im Wrttembergischen zutrug. Zwei Zwillingsbrder
sahen sich tuschend hnlich. Der eine ttete einen Mann und floh. Er wute, da
sein Bruder, der in Bregenz in einem sterreichischen Regiment diente,
desertiert war. Der Mrder wandte sich dorthin, zeigte sich in der Gegend, lie
sich als Deserteur gefangen nehmen und viermal Spieruten jagen. Er diente
einige Zeit in der Stelle seines Bruders, bis der Betrug durch einen Zufall
entdeckt wurde.

