
                             Schopenhauer, Johanna

                                   Die Tante

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                              Johanna Schopenhauer

                                   Die Tante

                                   Ein Roman

 Even so it was with me, when I was young:
 It is the show and seal of nature's truth,
 Where love's strong passion is impress'd in youth:
 By our remenbrances of days foregone,
 Such were our faults; - or then we thougt them none.
 SHAKESPEARES All's well that ends well.
                                                               Act I. Scene III.

                                  Erster Band


Babet und Agathe, zwei sehr hbsche Mdchen von sechszehn und siebenzehn Jahren,
saen an einem rauhen Herbstabende, in der trbseligsten Stimmung von der Welt,
ganz allein bei einander. Drauen peitschte der Sturm mit lautem Geprassel Regen
und Hagel gegen das Fenster des Kabinets, und im Nebenzimmer lag ihre todtkranke
Verwandte Vicktorine, die einzige Tochter des reichen Handelsherrn Kleeborn, der
seit dem frhen Tode ihrer Eltern sich als der Bruder ihrer Mutter der armen
verwaiseten Kinder vterlich annahm.
    Wenn sie auch der Kranken wegen sich nicht htten Zwang anthun mssen, so
war doch ohnehin, den beiden Mdchen nicht so zu Muthe, da sie wie sonst htten
mit einander um die Wette plaudern mgen; denn seit Jahr und Tag, das heit,
seit sie aus der Pensionsanstalt in das Haus ihres Oheims kamen, waren ihnen zum
erstenmale zwei tdtlich lange Wochen ohne Ball, ohne Theater, ohne irgend eine
Art von Gesellschaft, langsam vorber geschlichen. Daher wuten sie auch gar
nichts ordentliches zu reden; am liebsten wren sie aus lauter Langerweile
gleich zu Bette gegangen, obgleich es eben erst Abend ward; aber das ging auch
nicht an, denn es war an ihnen die Reihe, diese Nacht bei der kranken Kusine zu
wachen. Es schmte sich nur eine vor der andern, sonst htte jede sich gern in
einen Winkel hingesetzt, und nach Herzenslust drauf los geweint, so beklommen
war ihnen zu Muthe.
    Nachdem sie eine feine Weile so trbseelig da gesessen hatten, begannen sie
so leise als mglich auf den Fuspitzen nebeneinander in dem kleinen Zimmer
umher zu schleichen, bis Babet sehr nachdenklich am Fenster stehen blieb, den
zierlichen Finger an die hbsche Nase legte, und nach einer kleinen Pause mit
fast heroischem Anstande ausrief: richtig! der Schwarze! so da Agathe
darber, der draussen herrschenden Dunkelheit vergessend, mit dem Kpfchen
neugierig gegen das Fenster fuhr. Die Scheiben klirrten, Agathe klagte
weinerlich: Das war recht malizis von dir! und rieb sich die schmerzende
Stirn. Ich weis gar nicht was du darunter suchst, setzte sie hinzu. Und ich
weis gar nicht was es dich angeht, erwiederte Babet. So? und hast du mir nicht
gesagt? eiferte Agathe. Babet meinte, das htte sie eben nicht, und nun gieng
der Zwist wieder los, gerade wie gestern Abend, da sich beide blos fr die
Langeweile recht tchtig mit einander herumgestritten hatten.
    Manch heisses Thrnchen war schon von beiden Seiten geflossen, als Babet
endlich heraus schluchzte: es ist doch zu arg, da man nun nicht einmal mehr
berlegen darf, was man morgen in der Kirche fr einen Huth aufsetzen will
Was? Huth aufsetzen? fragte, schnell sich erheiternd, Agathe, liebste Babet!
ich meinte wahrhaftig, du shest draussen den Schwarzen, ach du weist ja, wen
wir so nennen; den hbschen Lieutenant meinte ich!
    Die unwiederstehlichste Lust zum Lachen hemmte jetzt aufs schnellste den
Ergu der Thrnen bei beiden Mdchen; vergebens tnte gleich einem nahenden
Gewitter, das warnende Husten der alten franzsischen Mamsell aus dem
Krankenzimmer zu ihnen herber; sie waren nicht im Stande sich zu fassen. Das
Lachen hrte nicht auf, selbst als die Mamsell ein sehr ernsthaftes: fi donc,
mes enfants! zur halbgeffneten Thre hereinflsterte; sie stopften sich zwar
die kleinen Batisttcher in den niedlichen Mund, aber es half wenig. Endlich
schmiegten sich alle beide in des Onkels groen Lehnstuhl hinein, und legten,
noch immer kichernd, die Lockenkpfchen dicht aneinander.
    Nach und nach war es jetzt im Zimmer beinah ganz dunkel geworden, denn man
hatte vergessen ihnen Licht zu bringen; dazu orgelte der Wind im Kamin, und
pfiff in schneidenden Tnen durch die langen Gnge des weitluftigen Hauses, so
da den Mdchen, trotz dem Lachen, ein kleines Grauen anwandelte. Sie mochten
sich weder regen, noch einander loslassen, und fiengen daher lieber an von ihren
Herzensangelegenheiten mit einander zu plaudern; denn dieses war so recht ein
Stndchen dazu.
    Sage einmal, flsterte Agathe, geht er denn in die Kirche, wenn du den
schwarzen Huth aufsetzest? Ei bewahre! antwortete Babet, aber er wartet ja
alle Sonntage mit den Andern an der Kirchthre, um die Damen zu sehen, die
hineingehen; mich grt er dann immer ganz absonderlich, den schwarzen Huth
kennt er aber noch gar nicht an mir, weil der noch neu ist, und er kleidet mich
doch am besten, wie du weit. Ach Gott! nun habe ich den armen Theodor schon
seit acht Tagen nicht gesehen! setzte Babet mit einem recht klglichen Seufzer
hinzu, wren nur die Ferien nicht so schnell vorber! wie lange wird es whren,
so mu er wieder nach Gttingen! Das alberne Studiren! Ach und nun ist Montag
die neue groe Oper und Dinstag Ball im Kassino! Was hilft es mir nun, da ich
zum ersten Walzer, zur zwoten Quadrille und zum Kotillion mit ihm engagirt bin?
Da haben sie nun alle mich so beneidet! und nun bin ich doch so unglcklich!
    Ach ja! es ist eine rechte Noth, seufzte Agathe, und darum will ich mich
auch niemals verlieben, all' mein Lebtage nicht. Ich dchte gar! rief lachend
Babet, willst du eine alte Jungfer werden wie die Tante? Ach die adliche
Tante, sprich nur nicht von der! erwiederte Agathe ganz rgerlich. Ich wollte
die se wo der Pfeffer wchst, oder wo sie bis jezt gesessen hat. Der Onkel
htte auch nicht nthig gehabt, sie Vicktorinen wegen zu verschreiben, die
htten wir wohl ohne ihre Hlfe gepflegt, und wre auch wohl so gesund geworden.
Ich kenne zwar die Tante noch gar nicht. Ich auch nicht, fiel Babet ein,
aber sie ist mir doch auch eben so fatal als dir. Gieb nur Acht, wie die uns
wird behofmeistern wollen, als wenn wir nicht schon mit der Mamsell Noth genug
htten. Und eigentlich ist sie nicht einmal unsere rechte Tante, denn unsere
Mutter war doch die leibliche Schwester des Onkels Kleeborn, sie aber ist nur
die Schwester seiner seeligen Frau, und obendrein eine Nonne oder so etwas.
    Stiftsdame ist sie, fiel Agathe belehrend ein, doch wir wollen schon
sehen, wie wir mit ihr fertig werden, fuhr sie fort, la uns jezt nur wieder
auf den Schwarzen kommen. Siehst du, ich thue nur so, als ob ich Theil an ihm
nhme, denn man mu in der Welt alles mitmachen, aber ich heurathe ihn nicht,
wenn er auch um mich anhlt, das kann ich dir auf Ehre versichern. Hiermit
lehnte sich Agathe sehr gravittisch in den Lehnstuhl zurck, und that dabei so
ernsthaft, da Babet wieder laut auflachen mute. Kennst du ihn denn so gut?
fragte diese. Bewahre! war die Antwort, ich meinte nur, wenn ich ihn kennte,
und eigentlich kenne ich ihn doch. Du weit, wie oft wir mit einander getanzt
haben, und er ist auch schon zweimal hier nebenan bei Obristens zum Besuch
gewesen, da habe ich jedes Wort gehrt was er gesagt hat, und ich kann dich
versichern, es war alles sehr vernnftig, du kannst es mir glauben. Warst du
denn bei Obristens zum Besuch? Das hast du mir ja noch gar nicht erzhlt,
fragte Babet. Ach nein, antwortete Agathe, ich hatte nur wegen des
Geldbeutels, den ich dem Onkel zu Weihnachten hckeln will, mit Amelie
nothwendig zu sprechen, und da stand ich ein wenig hinter der Thre. Ja so!
erwiederte Babet bedchtig, nun ich wollte, mein Theodor machte jezt nur auch
bald ein Ende, und sprche mit dem Onkel. Eigentlich hat er auf Ostern
ausstudirt, Pfingsten kann er sich examiniren lassen, dann wird er auf Johanni
angestellt - und heurathet dich auf Michaeli, das geht ja alles Quartalweise
bei dir, fiel Babet lachend ein.
    Das Frulein Tante kommt! rief jezt ein vorbereilender Bediente ins
Kabinet hinein, und beide Mdchen nahmen sich schnell zusammen, um der
Gefrchteten entgegen zu gehen.

Sie fanden die Ankommende noch auf der, mit Marmor getfelten Hausflur, von
vorleuchtenden Bedienten umgeben, welche sie in die fr sie bereiteten Zimmer
fhren wollten. Es war eine hohe, schlanke, Ehrfurcht gebietende Gestalt, die in
dem schwarzen, knapp anschlieenden Reisekleide, mit dem schwarzen
Spitzenschleier ber dem dicht anliegenden, weissen Hubchen wirklich ein
ziemlich nonnenartiges Ansehen hatte. Die edlen, etwas scharf gezeichneten Zge
des blassen Gesichts trugen noch unverkennbare Spuren ehemaliger seltner
Schnheit; die leicht beweglichen feinen Lippen des noch immer schnen Mundes
bezeichneten, wie bei Andern das Auge, jede vorbergehende Empfindung mit einem
ganz eigenthmlichen Ausdrucke. Die groen hellblauen Augen hingegen schienen
auf den ersten Anblick beinahe farblos und unbedeutend, doch wenn sie, whrend
die Tante sprach, sich belebten, so drang eine solche innere Lebensgluth aus
ihnen hervor, da man sie fr ungewhnlich schn anerkennen mute. Es lag etwas
Sdlich-schwrmendes im Aufschlage dieser, noch immer von langen dunkeln Wimpern
beschatteten Augen, das an jene herrlichen Darstellungen der Mater dolorosa
erinnerte, wie wir sie noch in alten Kirchen zuweilen sehen.
    Uebrigens schien die Tante kaum funfzig Jahre zu zhlen, obgleich sie fast
zehn Jahre lter war. Die Hand der Zeit hatte die etwas stolze Haltung des hohen
Wuchses nicht gebeugt, und das noch immer weiche blonde Haar zeigte nur fast
unmerkbare Spuren von Reife des Alters. Die ganze Erscheinung dieser Dame
stellte sich als eine jener begnstigten Ausnahmen dar, welche die Zeit zuweilen
nur mit mildem schonenden Hauche zu berhren wagt, um ein seltenes Meisterwerk
der Natur so spt als mglich verblhen zu lassen.
    So hatten weder Agathe noch Babet sich die Tante gedacht. Sie begrten sie
ngstlich verlegen, und zogen dann so ehrfurchtsvoll hinter ihr drein, um sie in
ihre Zimmer zu begleiten, als wre sie eine Knigin. Obgleich Beide nur noch vor
wenigen Minuten sehr vorlaut ber sie abgesprochen hatten, so waren sie jetzt
doch so befangen, da sie nur verstohlen es wagten, den prfenden Blick zu ihr
und zu einem sehr jungen, sehr schnen und sehr bleichen Mdchen zu erheben,
das, sichtbar ermattet, auf ihren Arm sich stzte.
    Der Onkel ist nicht zu Hause, wir wollen ihn aber gleich holen lassen,
stotterte Agathe. Er ist im Kassino, wo er alle Abend sein Parthiechen macht
und gewhnlich erst nach Mitternacht zu Hause kommt, setzte Babet, sich
ermuthigend, hinzu. Dort lat ihn in Ruhe, ich bitte, ich werde morgen ihn
sehen, sprach die Tante sehr freundlich, fr jezt wnsche ich nun Mamsell
Virnot zu sprechen, um genau zu erfahren, wie es mit unsrer Vicktorine steht.
Euch aber, liebe Nichten - denn das seid ihr doch, denke ich? Ach ja, Babet
und Agathe, riefen beide Mdchen im Chor. Nun denn, liebe Babet und liebe
Agathe, euch beiden empfehle ich hier meine Pflegetochter, sie heit Angelika.
Ich bitte euch nicht, sie zu lieben, denn das findet sich gewi von selbst,
nehmt euch nur frs erste ihrer freundlich an, und helft dem armen, reisemden
Kinde zur Ruhe zu kommen.

Mitternacht war lngst vorber; Vicktorine lag leise athmend im tiefen
Schlummer, von dem der noch spt sie besuchende Arzt die heilsamsten Folgen
gehofft hatte. Auch Agathe und Babet waren schon vor ein paar Stunden zu Bette
geschickt worden, denn die Tante, welche sich von der heutigen sehr kurzen
Tagereise gar nicht ermdet fhlte, hatte darauf bestanden, an ihrer Stelle bei
der Kranken zu wachen. Die Jugend, sprach sie zu ihrer alten Freundin Virnot,
indem sie fr die beiden schlfrigen Kinder vorbat, die Jugend bedarf zum
Gedeihen des Schlafes, wie die erblhende Pflanze den erquickenden Thau. Anders
ist es mit uns, deren Lebenstag sich schon dem Untergange zuneigt, da wird die
Natur selbst gengsamer, und lehrt uns, mit den Stunden haushalten, die uns
vielleicht nur noch sehr sparsam zugezhlt sind.
    So sa sie denn jezt in dem, an das Krankenzimmer stoenden Kabinette, in
dem nehmlichen Lehnstuhle, in welchem vor ein paar Stunden Babet und Agathe
einander ihren Liebeskummer geklagt hatten, und ihr gegenber, die beim Schein
der verdsterten Lampe emsig strickende Franzsin. Die Thre des Nebenzimmers
stand offen, keine Bewegung der Kranken konnte ihren Wchterinnen entgehen, doch
sie schlief fest und ruhig.
    Gute Virnot, hob die Tante das leise flsternde Gesprch an, liebe alte
treue Freundin, ich mu diese ersten Augenblicke ungestrten Beisammenseyns
benutzen, um Ihnen fr die unsgliche Liebe zu danken, mit der Sie meiner armen
Vicktorine sich annehmen.
    Ach das liebe Kind! erwiederte freudig die Franzsin, es ist ja, als wre
es das meine. Je l'ai vu natre; diese Arme haben sie von ihrer Kindheit an
getragen; wie sollte ich sie nicht lieben? c'est un coeur excellent, ein wenig
heftig, ein wenig hochfahrend zuweilen, doch das macht die Jugend; der Grund ist
vortrefflich, c'est le vrai portrait de feu Madame sa mre. Wenn ich dagegen
Babet und Agathe mit ihr vergleiche! ach Ihro Hochwrden! ces chers Enfants sind
ein paar malizise kleine Kreaturen.
    Nicht doch, gute Virnot, fiel die Tante lchelnd ein, unartig mgen sie
wohl zuweilen seyn, das gebe ich zu, aber nicht boshaft, denn die Jugend ist
dies selten oder nie. Doch lassen Sie uns jezt lieber von unsrer Vicktorine
sprechen. Es sind nun zwlf Jahre, da ich weder sie noch ihren Vater gesehen
habe, und ich stehe da mitten unter den Meinen, gleich einer Fremden. Dennoch
hngt jezt mein ganzes Herz an dem theuern Ebenbilde meiner frh zur Ruhe
gegangenen Schwester, das ich als sechsjhriges Kind verlassen habe, und jezt
als achtzehnjhrige Jungfrau wieder finde.
    Und wie sie sich entwickelt hat, cette chre petite Victorine, rief die
Guvernante. Belle comme le jour, Madame, je vous assure. In gesunden Tagen war
keine von unsern jungen Demoiselles ihr zu vergleichen, sie war die Krone von
allen, und jezt, hlas!
    Sie wird es wieder, gute Virnot, trstete die Tante; doch diese seufzte, 
ah Madame! ich frchte, der Arzt wird fr unsre Vicktorine nur wenig thun
knnen, denn was sie heilen soll, ist in keiner Apotheke zu finden. Htte sie
mir nur vertraut, aber da hat sie geschwiegen und geweint, und geweint und
geschwiegen, und nun liegt sie da.
    Liebe Virnot, wie Sie mich erschrecken! rief die Tante, ich beschwre
Sie, sagen Sie mir alles, was Sie von dem geliebten Kinde wissen oder vermuthen,
es sei noch so wenig, noch so unbestimmt. Es ist durchaus nothwendig, da ich
einigermaen vorbereitet sei, ehe ich es versuche, Vicktorinens Vertrauen mir zu
gewinnen. Ich hoffe, sie wird zu mir ein Herz fassen, sie wird mich um ihrer
Mutter willen lieben, obgleich sie mich nur aus den Briefen kennt, die wir
bisher, selten genug, mit einander gewechselt haben. Leider war ich stets mit
Vicktorinens Umgebungen zu wenig bekannt, um auf das Gemth meiner Nichte
entscheidend wirken zu knnen. Nur Sie kenne ich in diesem Hause, liebe Virnot,
und die Treue, welche Sie so viele Jahre hindurch meiner Schwester und ihrem
Kinde bewiesen, alle andern sind mir fremd, sogar Vicktorinens Vater; wir sind
in geistiger Hinsicht einander nie nher gekommen. Liebe zu dem einzigen Kinde
meiner Schwester konnte allein mich bewegen, seinen dringenden Bitten
nachzugeben und die geliebte Einsamkeit meines Stiftes mit dem Leben in dieser
geruschvollen Stadt auf einige Zeit zu vertauschen.
    Et Dieu en soit lou mille fois, rief die ehrliche Virnot; denn dieses
haus bedarf jezt mehr als je an seiner Spitze einer Dame, wie Ihro Hochwrden
Gnaden sind, und unsre junge Demoiselle einer Leitung, wie Sie allein ihr
gewhren knnen. Ich war ja von jeher nur ihre Bonne. Zwar obgleich ich nicht in
Frankreich selbst, sondern nur in der franzsischen Kolonie zu Berlin geboren
bin, franzsisch hat sie dennoch von mir gelernt. Madame, elle parle comme une
petite parisienne, sie hat so ganz den chten Accent in ihrer Gewalt, eh bien,
das sind Gaben von Gott. Dabei hat sie ein gewisses maintien, gewisse Manieren,
wie eine kleine Prinzessin. Das alles ist aber doch nicht genug, maintenant
qu'elle est une grande Demoiselle, kann ich das liebe Kind doch nicht mehr
berall hinbegleiten, berdem liegt die ganze Haushaltung auf mir, und so ist es
allerdings ein groes Glck, da Ihro Hochwrden Gnaden sich der Noth annehmen
wollen.
    Lassen Sie mich vor allen Dingen Sie bitten, liebe Virnot, mich mit dem
Titel zu verschonen, den ich auerhalb meines Stiftes, und besonders hier, bel
angebracht finde; und nun machen Sie mich mit der Noth bekannt, welcher
abzuhelfen, hier meine einzige Sorge sein soll; sprach die Tante.
    Eh bien donc, Madame, vous le voulez, erwiederte die Franzsin, nahm die
Brille ab, legte ihr Strickzeug zusammen, und rckte im Sessel sich zurecht,
dann fuhr sie folgendermaen fort. Au fond, glaube ich, liegt die Schuld wohl
grtentheils am cher Papa. Herr Kleeborn ist zwar ein sehr braver Mann, der
sein Kind liebt, wie ein rechtlicher Vater soll und mu. Er lt es Vicktorinen
an nichts fehlen, er hlt ihr die theuersten maitres, in allem, was eine solche
junge Demoiselle zu lernen hat, sein Haus ist das brillianteste in der Stadt.
Ach Ihro Gnaden knnen gar nicht glauben, wie ich mich tummeln mu, bei den
ewigen Feten, die wir geben; denn obgleich wir Bedienten die Menge haben, liegt
doch alles auf der alten Virnot, mais je le fais de bon coeur. Ja, was ich sagen
wollte, um wieder auf unsern Text zu kommen, ja, und eine Garderobe hat unsre
jeune Demoiselle, comme une petite Reine, je vous assure, Schmuck und alles, was
dazu gehrt.
    Nun das alles will indessen nicht viel sagen, Herr Kleeborn besizt ein
frstliches Vermgen, Alle an der Brse ziehen den Huth vor ihm ab, und so kann
er den Aufwand wohl ertragen. Mais, Madame, entre nous soit dit, das ist nicht
immer so gewesen. Es kam einmal eine Zeit, nicht lange vor dem Ableben unsrer
seligen Dame, es mgen zehn Jahre und drber sein, das war eine sehr bse Zeit,
in der die Sttzen von Europa wankten, wie Herr Kleeborn zu sagen pflegt, wenn
jetzt die Rede darauf kommt. Ein eigener Unglcksstern mu damals ber der
Handelswelt aufgegangen sein, denn, figurez vous, Madame, in Amsterdam, in
London, berall in den bedeutendsten Handelsstdten fielen die grten Huser.
Ueberall herrschte Mistrauen, plus de confiance, plus de crdit, nulle part.
Jeder Tag brachte neue Hiobsposten, und Herr Kleeborn ward immer so bleich, wie
hier mein Tuch, ehe er die Briefe, welche an ihn einliefen, im Zimmer von Madame
erbrach; denn da trug er sie damals immer hin, weil er sich nicht mehr getraute,
sie im Komtoir im Beisein seiner Leute zu erffnen. Wahrscheinlich frchtete er,
sich zur Unzeit zu verrathen, wenn etwa bse Nachrichten kmen. Nun die blieben
denn auch nicht aus, und Herr Kleeborn sah sich au bord d'un prcipice, wie man
zu sagen pflegt. Er war zwar nicht ruinirt, aber er gerieth doch, pour le moment
, in sehr dringende Verlegenheit, und nur baares Geld konnte ihn retten, wenn er
nicht, wie damals so viele andere, seine Zahlungen suspendiren wollte. Le pauvre
homme! Der bloe Gedanke an einen solchen Schritt sezte ihn in Verzweiflung.
Meine arme Dame hat in jenen Tagen recht viel mit ihm ausgestanden, denn nur ihr
allein vertraute er alles. Ah! comme elle en a pleur!
    Meine arme Schwester! mir hat sie das alles verschwiegen! seufzte die
Tante. Das glaube ich, erwiederte die Bonne, denn sie klagte nie; aber sie
hat seitdem wenig frohe Stunden mehr gehabt. Um den Herrn zu trsten, bat sie
ihn mit Thrnen, sich an ihre reiche Verwandte zu wenden, die sollten ihm
helfen. Sie schrieb selbst an den Herrn Grosonkel, der die weitluftigen
Herrschaften in Schlesien besitzt. Auch an alle andere begterte Mitglieder der
Hochadeligen Familie wandten sich beide in dieser Noth, Herr Kleeborn sowohl als
Madame; Namen und Reichthmer der hohen Herrschaften sind Ihro Gnaden gewis
besser bekannt als mir, mais - hier stockte die gutmthige Erzhlerin, als
scheue sie sich weiter zu sprechen, doch ihre Zuhrerin lies nicht ab mit
Bitten, bis sie sich entschlo weiter fortzufahren.
    Enfin, Madame, vous le voulez ainsi, fieng sie abermals an, und so mu
ich denn leider bekennen, da eine abschlgige Antwort der andern folgte, und
waren sie auch nicht alle mit dem feinsten mnagement abgefat. Den Zustand
meiner beklagenswerthen Dame unter diesen Umstnden, mag ich Ihro Gnaden nicht
beschreiben, die Verzweiflung ihres Gemals blieb indessen immer ihr grter
Kummer, an sich dachte sie wenig. Leider aber verschonte sie auch Herr Kleeborn
nicht mit Vorwrfen ber das Benehmen ihrer Verwandten, et cependant, Dieu le
sait, la pauvre chre femme n'en pouvait rien! Sie trug alles mit der grten
Freundlichkeit, aber ich denke immer, jeder Tag in jener Zeit war ein Nagel zu
ihrem Sarg.
    Die gute Alte brach bei diesen Worten in Thrnen aus, auch ihre Zuhrerin
weinte, endlich nahm die Bonne wieder das Wort. Ah, Madame, seufzte sie, nous
avons bien souffert. Endlich kam Hlfe, wo es der Herr am wenigsten erwartet
htte; ein reiches Amsterdammer Haus, welches schon mit seinem Vater in grossen
Verbindungen gestanden hatte, an das er sich aber nicht hatte wenden mgen, weil
es ebenfalls bei allen diesen Schlgen nicht verschont geblieben war, schickte
Herrn Kleeborn aus eignem Antriebe grosse Summen ein, gab ihm offnen Kredit, zu
einer Zeit da der Bruder dem Bruder nicht mehr vertrauen durfte. Herr Kleeborn
war nun durch den Edelmuth seiner Handelsfreunde gerettet, er blieb ein
wohlbehaltner Mann, und gieng wie ein Knig, mit erhobnem Haupte an der Brse
einher, doch meine arme Dame litt darum nicht weniger, denn er warf von diesem
Augenblick an einen gewaltigen Ha, nicht nur auf ihre Familie, sondern auf die
ganze Noblesse. Er sprach unablssig davon, wie thricht die Brgerlichen wren,
die sich mit Adelichen verbnden, und versicherte, da er seine Vicktorine -
lieber Gott, la pauvre petite war damals kaum sieben Jahre alt! - da er sie,
sage ich, nie einem andern als einem Kaufmann geben wrde. Der wahre Kaufmann,
pflegte er zu sagen, hat den achtungswerthesten, ntzlichsten und darum
ehrenvollsten Stand erwhlt. Er allein verbindet beide Hemisphren, sein
scharfer Blick entdeckt jeden Mangel in den entferntesten Lndern, und auf
seinen Wink eilen reichbeladene Schiffe von einem Pole zum andern, um diesem
Bedrfnis abzuhelfen. Sein Wort, sein Befehl gelten in der neuen Welt wie in der
alten, und ein Federzug von ihm sezt hundert Meilen von ihm Millionen Goldes und
tausend fleissige Hnde in Bewegung. Ne vous tonnez pas, Madame, da ich dies
alles Ihnen so hersagen kann, ich habe die ganze Tirade so viel Hundertmal, fast
immer in den nehmlichen Worten wiederholen gehrt, da ich sie endlich wohl
auswendig behalten mute. Am Ende dieser Rede sezte Herr Kleeborn gewhnlich
hinzu, lassen Sie einmal einen Reichsgrafen, einen Freiherrn, oder welchen
Ihrer edlen Verwandten Sie wollen, es versuchen, Madame, was im Auslande mehr
gilt, Ihr uralter, Name, Ihr tausendjhriger Stammbaum, oder meine simple keine
funfzig Jahre alte Firma, Martin Nikolaus Kleeborn, von meiner eignen Hand
geschrieben. Kaiser und Knige nehmen zu uns ihre Zuflucht, wir mssen allen
helfen, aber wenn wir Hlfe brauchen, und sie thrichter Weise bei andern als
bei unsers gleichen suchen.... Damit ging denn das alte Lied wieder los, et
Madame pleurait! Freilich kam es mir vor, als ob der Herr in der Hauptsache
nicht ganz Unrecht haben mochte, aber wozu diese ewigen krnkenden Rptitions
gegen meine unschuldige Dame? Aussi en avait elle le coeur navr, obgleich sie
nie litt, da ich nur ein Wort darber sprach. Sie ward endlich dabei des Lebens
immer mder und mder, bis sie nach etwa sechs Monaten sich hinlegte und
entschlief. Dieu aye piti de son ame!
    Eh bien, nahm nach kurzer Pause mit, vor innerer Rhrung noch bebender
Stimme, die Bonne wieder das Wort, eh bien, nun war es an dem Herrn zu weinen,
und das hat er denn auch redlich gethan, denn er liebte meine seelige Dame
demohnerachtet. Sein Gewissen mochte ihm anfangs wohl manch bses Stndlein
machen, wenn er der lezten Zeit gedachte die sie mit ihm verlebt hatte. Doch im
Gewhle der Geschfte gieng das bald vorber. Einige glckliche
Handelsconjuncturen traten bald darauf ein; so nennen sie es nehmlich an der
Brse, wenn sie mit ihren Spekulationen viel Geld verdienen. Herr Kleeborn ward
mit jedem Jahre immer reicher und reicher, und zulezt der Millionr der er jezt
ist. Wrend Herr Kleeborn sein Hauswesen immer prchtiger einrichtete, wuchs
ebenfalls unsre Vicktorine, seine einzige Erbin, zur schnsten Demoiselle in der
Stadt heran. Da gab es bei uns Blle, Concerts, Assembles, Thatres de Socit;
alle angesehenen Fremde, von jedem Range und Stande, sans distinction, fanden
dabei Zutritt, et notre chre petite Victorine war wie eine kleine Knigin, au
beau milieu de tout cela.
    Armes Kind! seufzte die Tante. Ja wohl! stimmte die Bonne mit ein, so
ganz allein, dans ce tourbillon, ohne eine chre Maman sie zu souteniren!
Indessen mu ich ihr zum Ruhm nachsagen, da tausend andre junge Demoiselles
sich an ihrem Pltz ganz anders benommen haben wrden; da ist Mademoiselle Babet
par exemple, mais passons l-dessus. Unsre Vicktorine war immer artig und
freundlich gegen jedermann, immer sans prtentions. Die Freier blieben denn auch
nicht lange aus; manche mochten wohl les beaux yeux de la Cassette de son pre
mit in Anschlag bringen, enfin, das ist so der Welt Lauf. Genug Grafen und
Barone haben sich um unsre petite Demoiselle beworben, man spricht sogar von
einem nahen Verwandten der apanagirten Linie eines regierenden frstlichen
Hauses, mais cela reste entre nous.
    Da Herr Kleeborn an dem Succs seiner schnen Tochter ungemeine Freude
hatte, war wohl ganz natrlich, indessen wies er doch alle die vornehmen
Parthien, die sich ihr darboten, zwar sehr hflich, aber doch auch zugleich sehr
bestimmt zurck.
    Er blieb dabei, ihre Hand nur einem Kaufmanne, wie er selbst einer ist,
geben zu wollen, und jezt Ihro Gnaden, nous voil arriv au point, jezt sind wir
an dem Punkte, will ich sagen - wie denn? fragte ein wenig ungeduldig die
Tante, an welchem Punkte? - Nun an dem Punkte, war die Antwort, von
welchem, wie ich glaube die Krankheit Vicktorinens ausgeht. Und gebe Gott, da
ich irre, da meine Ahnung nicht in Erfllung gehe, mais j'ai un pressentiment
bien triste au fond du coeur. Ich frchte, sie fhlt eine unglckliche Passion
fr einen der groen vornehmen Herrn, die sich vergeblich um ihre Hand bewarben.
Und wenn der cher papa so fortfhrt wie er angefangen hat, so kann sie wie ihre
pauvre chre maman ... Fassen Sie Muth, gute Virnot, fiel die Tante ein,
frchten Sie nicht gleich das Aergste; ein junges Herz bricht nicht so leicht,
weil es immer und gern an der Hofnung hlt, und die lt uns so nicht
untergehen. Sagen Sie mir nur vor allen Dingen, kennen Sie den Mann, von dem Sie
glauben knnten - Hlas non! ich kenne niemand, seufzte die Bonne. Wenn
Socit da ist, fuhr sie nach einem kleinen Bedenken mit ihrer gewohnten
Redseeligkeit fort, so komme ich nie in den Salon, da habe ich im Hause genug
zu thun, c'est la mer  boire. Wahrhaftig, Ihro Gnaden, es thte Noth, da ich
hundert Augen htte und Flgel dazu. Ich glaube es wohl, liebe Virnot,
erwiederte die Tante, doch sprechen wir von Vicktorinen.
    Ah Madame, fieng die Bonne wieder an, que voulez vous, que je vous en dise
? Ich weis nichts weiter, als da der Papa vor einiger Zeit sie in sein Kabinet
rufen lie. Das wunderte mich eben nicht, denn es ist so seine Gewohnheit, wenn
er einen neuen Freyer abgewiesen hat, damit Vicktorine doch wisse, wie sie in
Zukunft ihr Benehmen gegen den Monsieur en question einrichten soll. Sie blieben
wohl eine Stunde bei einander, das war noch nie geschehen. Endlich kam sie
zurck in ihr Zimmer, mais grand Dieu! dans quel tat! Bleich wie eine
Sterbende, sag' ich Ihnen, hlas! sie sah in dem Augenblick ihrer pauvre maman
so hnlich! Sie schlang ihre beiden lieben schnen Arme um meinen alten Nacken,
und weinte so klglich, wie noch nie seit dem Tode ihrer Mutter. Ich weinte mit,
ich wute zwar nicht, worber? aber wie konnte ich anders? la pauvre petite me
peroit le coeur. Ich versuchte endlich ihr zuzureden, so gut ich es konnte in
meiner Unwissenheit von dem, was zwischen ihr und ihrem Vater vorgegangen war,
mais, du lieber Gott, was konnte das helfen? Sie hrte nicht einmal auf mich.
Dabei war sie so heftig, ihre Augen blitzten so wild, ihre Bewegungen waren so
gars, ich vergieng bald vor Angst, und wute nicht, quoi faire. Bald weinte
sie, bald stie sie Klagen und Reden aus, die ich zwar nicht verstand, die ich
aber doch nicht anders auslegen kann, que comme j'ai eu l'honneur de le dire 
Madame. Das whrte einige Zeit, sie wankte gleich einem Schatten umher, schrieb
viel, weinte noch mehr, bis ein heftiges Fieber ihr Kraft und Besinnung raubte.
Seitdem liegt sie da, comme Madame l'a trouve.
    Heute war ein entscheidender Tag, und der Arzt zufrieden; le bon Dieu en
soit bni mille fois. Ich denke, die Gegenwart der chre Tante wird das beste
Cordial fr die arme Kranke sein. Wenn sie nur reden wollte! Reden bleibt doch
immer der beste Trost!
    Unerachtet der groen Theilnahme, mit welcher die Tante der guten alten
sprachseeligen Franzsin zugehrt hatte, konnte sie dennoch bei dieser ihrer
lezten Bemerkung ein leichtes Lcheln kaum unterdrcken. Indessen brach der Tag
an, die Tante gieng um auszuruhen, und Vicktorine erwachte bald darauf mit allen
Anzeigen einer nahen Genesung.

Von nun an verlies die Tante Vicktorinen so wenig als mglich. Denn obgleich der
Arzt diese fr vllig ausser aller Gefahr erklrt hatte, so bedurfte die arme
Kranke jezt dennoch einer weit aufmerksamern Pflege als damals, wo sie in
dumpfer Bewutlosigkeit am Scheidewege zwischen Tod und Leben dalag. Nach der
Versicherung des Arztes konnte jede, selbst die freudigste Gemthsbewegung ihr
einen, wahrscheinlich tdtlichen Rckfall zuziehen; daher war es der Tante
angelegentlichste Sorge, die ununterbrochendste Ruhe in ihrer Nhe zu erhalten
und sogar jedes einigermassen interessante, oder auch nur anhaltende Gesprch
mit ihr zu vermeiden.
    Auch Angelika umschwebte fast unhrbar, gleich einem freundlichen
Schutzgeist, das Lager der Kranken, und ohne dabei jemals durch sich bereilende
polternde Hast lstig zu werden, suchte sie jeden Wunsch in ihren Augen zu
lesen, um ihn gelassen und zuvorkommend zu erfllen, ehe er noch ausgesprochen
ward. Lieben und athmen waren gleichbedeutend fr dieses, nur zu zart besaitete
Wesen, aus dessen tiefster Brust jeder Ton des Schmerzes einen wehmthig
verhallenden Nachklang hervor rief, und der Name Angelika htte fr sie erfunden
werden mssen, wenn er nicht schon da gewesen wre, so genau stimmte er zu ihrem
Aeussern wie zu ihrem Innern.
    Von ihrer frhsten Kindheit an hatte der armen Angelika die Freude fast nie
anders als in fremden Augen gelchelt. An ihrer Wiege wachte nicht mtterliche
Liebe, denn ihr Eintritt in das Leben gab der Mutter den Tod und vereinigte
diese wieder mit dem geliebten, ihr einige Wochen frher vorangegangenen Gatten.
Die erste Sorge fr das ganz verwaiste Kind fiel also bezahlten Aufsehern zu.
Denn Angelika ward, weit entfernt von allen ihren Verwandten, in einer kleinen
Stadt, in der Nhe des Rheins geboren, wo ihre Eltern sich erst wenige Monate
vorher niedergelassen hatten. Niemand beinahe hatte diese dort anders als dem
Namen nach gekannt, selbst der Vormund des armen Kindes wute wenig von ihnen,
und nur der allgemeine Ruf, der diesem braven Manne das Zeugni strenger
Rechtlichkeit gab, hatte Angelikas sterbende Mutter bewogen, ihr ganz verlassnes
Neugebohrnes seinem Schutz zu empfehlen. Mit dem besten Willen von der Welt
wute er indessen fr sein armes Mndel nichts besseres zu thun, als es fr ein
geringes Kostgeld der Pflege einer, ihm als redlich bekannten Frau zu bergeben,
und indessen den nicht sehr bedeutenden Nachla der Eltern Angelikas so
vortheilhaft als mglich fr sie zu verwalten.
    Angelika erreichte ihr achtes Jahr, ohne da es ihr bei der Frau, der sie
anvertraut war, besonders wohl oder bel ergangen wre, und nun beschlo ihr
Vormund, sie nach Frankreich in eine Erziehungsanstalt zu bringen. Denn er
fhlte eine unendliche Vorliebe fr dieses Land, in welchem er seine eigene
Jugend verlebt hatte, und war fest berzeugt, da ein mittelloses Frulein wie
Angelika sich nur dort die nthigen Talente erwerben knne, um einst als
Guvernante frstlicher Kinder, oder als Gesellschafterin einer Dame von hohem
Stande ihr Fortkommen in der Welt zu finden.
    Die weltberhmten Erziehungsanstalten in und um Paris waren freilich fr die
sehr beschrnkten Vermgensumstnde Angelikas viel zu kostbar, doch ein in
Angouleme wohnender Jugendfreund ihres Vormundes empfahl diesem ein in jener
Stadt bestehendes Institut dieser Art nicht nur als sehr wohlfeil, sondern auch
als ganz vorzglich. Der Vormund freute sich hier einen so vortreflichen Ausweg
fr sein Mndel gefunden zu haben, und entschlo sich um so eher, es dorthin zu
schicken, da sich zuflliger Weise eine vorzglich gute Gelegenheit ihm darbot,
die Kleine in sicherer Begleitung hinzuschaffen.
    So mute denn die arme Waise fern vom Vaterlande, in einer der abschreckend
schmuzigsten, traurigsten Stdte des sdlichen Frankreichs den schnen, nie
wiederkehrenden Frhling ihres Lebens unter Menschen verleben, denen sie fremd
blieb, selbst nachdem sie es gelernt hatte, deren Sprache zu verstehen. In dem
Hause, dem sie anvertraut wurde, war alles klsterlicher Zwang, sogar das
Vergngen. Ueber eine ziemlich bedeutende Anzahl aus allen Ecken der Welt, sogar
aus Amerika dort zusammengekommner junger Mdchen, herrschten drei bis vier
Unterguvernantinnen, gleich strengen Zuchtmeisterinnen, und diese selbst standen
wiederum unter dem gewaltigen Scepter einer Vorgesezten, die sich fast wie eine
Gottheit von ihren Untergebenen sclavisch verehren lies. Die Zglinge waren
mehrentheils alle durch Alter, Vaterland, Sprache, Talent und Gemthsart
wesentlich von einander verschieden, und wurden dennoch vollkommen gleich
behandelt; alle waren strengen, ngstlichen Formen unterworfen, die einzig
erdacht zu sein schienen, jede frohe Regung eines jugendlichen Gemths zu
ersticken.
    Die arme Angelika glich hier vollkommen dem Epheu, der, in einen engen
Scherben verpflanzt, mhseelig fortvegetirt, und vergebens die schlanken Zweige
nach allen Seiten hinstreckt, um einen Gegenstand zu finden, den er liebend
umfassen knnte. Ein einziges, ihr namenlos bleibendes Gefhl unendlicher
Sehnsucht bemchtigte sich ihres ganzen Wesens, aber sie fand nicht einmal eine
Seele, die es der Mhe werth gehalten htte, sich von ihr lieben zu lassen. Sie
hatte Jugendgenossen, aber keine Jugendfreundin, und berhaupt niemanden in der
weiten Welt, zu dem sie htte sagen knnen: Dir gehre ich an; oder der auch nur
theilnehmend sich ihr zugeneigt htte.
    Die Zeit vergeht indessen dem Glcklichen wie dem Unglcklichen, und so flog
sie denn auch an Angelika vorber, und nahm deren freudenarme Kindheit mit sich
fort. Wie auf einsamer Alpe die, im nakten Felsen drftig wurzelnde Pflanze oft
schner ihr Haupt erhebt, als ihre im Garten sorgsam gepflegte, glcklichere
Schwester, so wuchs auch die Verlassne unter Entbehrungen aller Art und Uebung
sehr herber Pflichten, mit ihrem vereinsamten Herzen, nicht minder schn zur
Jungfrau heran als eine Glckliche. Sie hatte das Wort Liebe nie anders als im
religisen Sinn gehrt, nie einen Roman gesehen, viel weniger gelesen; sie war
nie im Theater gewesen, sah keinen Mann ausser den Lehrern in ihrem Institut,
und diese waren alle in ihrem mhseeligen Berufe grau geworden, dankten Gott,
wenn die Stunde schlug, die ihnen das Ende ihres peinlichen Tagewerks
verkndete. Und dennoch schwebte vor dem innern Sinne der armen Angelika ein
namenloses Ideal, das ihre stille Fantasie mit den herrlichsten Eigenschaften zu
schmcken wute. Es verschnte, im Wachen wie im Schlummer ihren Traum, es lieh
der ihr ganz unbekannten Welt einen zauberischen Glanz und lehrte dem einsamen
Mdchen mitten im Zwange seiner verarmten Jugend, alles Entzcken der
ungemessensten Aufopferung, der zartesten Anhnglichkeit, ja die ganze
unendliche Seeligkeit zweier, Liebe um Liebe hingebender Wesen vorahnend
empfinden.
    Als Angelika ihr sechzehntes Jahr erreicht hatte, entschlo sich ihr
Vormund, sie selbst aus Angouleme abzuholen, um sie nach dem nrdlichen
Deutschland, in das Haus eines nahen Verwandten ihres verstorbenen Vaters zu
geleiten, der es endlich fr gut gefunden hatte, der Existenz seiner Nichte sich
zu erinnern. In der Familie desselben sollte sie denn noch ein Jahr lang
verweilen, um deutsche Sprache und Sitte zu lernen, ehe sie eine Hofdamenstelle
bei einer einsam lebenden verwittweten Frstin antrte, zu welcher ihre
Verwandten ihr indessen die Anwartschaft zu verschaffen bemht gewesen waren.
Angelika zitterte vor banger Freude als sie das Haus betrat, in welchem sie zum
erstenmal in ihrem Leben Personen finden sollte, die ihren Namen trugen, und an
deren Theilnahme sie Anspruch zu haben glaubte. Sie war so fest entschlossen,
sie innigst zu lieben; doch auch hier kam gleich beim Empfange ihrem, von
heisser Sehnsucht erfllten Gemthe, die klteste Berechnung steifer
Frmlichkeiten entgegen, so da sie davor zusammenschrack, wie die Sensitive
wenn der kalte Hauch des Nordwindes ber sie hinfhrt.
    Angelika empfand gleich in der ersten Stunde, welche sie unter ihren
Verwandten verlebte, da sie durch Sprache und Anstand, sogar durch ihre
Kleidung ihnen hchstens ein Gegenstand der Duldung, doch nie der Liebe werden
knne. Sie stand mitten unter ihnen wie eine Fremde, denn sie schien durch diese
Aeusserlichkeiten einem Volke anzugehren, gegen dessen, alles zertretenden
Uebermuth gerade in jenem Momente sich jedes deutsche Herz emprte, jeder
waffenfhige Arm sich erhob.
    Indessen war Angelika trotz dem ussern Scheine, den man ihr ohne ihr Zuthun
aufgedrungen hatte, dennoch sehr weit davon entfernt, Frankreich zu lieben, von
dem sie nichts weiter kannte, als die alte dstre Stadt, und in dieser das Haus,
wo sie ihre erste Jugendzeit in trbseeliger Beschrnktheit hingeschmachtet
hatte. Denn alles brige war ihr sogar bis auf den Namen davon fremd geblieben.
    Sie hatte immer mit heisser Sehnsucht, diesem Grundtone ihres Daseins, an
ihrem Vaterlande festgehalten, dessen Bild ihr noch aus ihren Kinderjahren
vorschwebte, verherrlicht durch jenen Zauberglanz, mit welchem Entfernung und
Entbehren jeden Gegenstand schmcken.
    Sie war sogar heimlich bemht gewesen, ihre Muttersprache nicht ganz zu
vergessen, und hatte, gleich einem werthen Heiligthume, ein paar kleine
Kinderbchelchen sorgfltig aufbewahrt, die sie aus ihrer Geburtsstadt mit sich
nach Frankreich gebracht. So lange sie in dem Erziehungsinstitute war, las sie
in mancher einsamen Viertelstunde sich selbst aus diesen Bchern laut vor, um
nur die sssen vaterlndischen Tne zu hren, und sezte dieses sogar dann noch
fort, als der Inhalt ihrer rmlichen Bibliothek ihrem hher entwickelten Geiste
schon lngst nicht mehr zusagen konnte.
    So vorbereitet war es ihr nicht schwer, ihrer Muttersprache bald wieder ganz
mchtig zu werden. Das ihr bis jezt unbekannte Familienleben im Hause ihrer
Verwandten, die herzlichere Sitte ihres Volkes, der Genu der Natur in einer
schnen Gegend, den sie seit ihrer ersten Kindheit entbehren mute, alles dieses
vereint, machte ihr Vaterland ihr unendlich theuer, aber sie mute es auch
lieben wie sie es liebte, um mit ihrem sanften weichen Gemthe das Gefhl des
Nazionalhasses zu ertragen, welches damals, unzertrennlich von der
Vaterlandsliebe, neben dieser herzog, und sich in allen ihren Umgebungen auf das
deutlichste aussprach.
    Angelikas Rckkehr ins Vaterland fiel in jene unvergesliche Zeit, in der ein
neu erwachter Heldengeist jede deutsche Brust beseelte. Ein frischer Jugendhauch
wehte durch die neu belebte Welt, die so lange unter dem Druck eines Einzigen
geseufzet hatte; jedes Herz klopfte in frommer Hoffnung und von allen Seiten
eilte Deutschlands streitbare Jugend herbei, und fand bei der gastlichsten
Aufnahme in jedem Hause die eben verlassne Heimath wieder.
    Auf diese Weise kam auch Ferdinand von Klarenau in das Haus des Barons
Sternwald, - so hies Angelikas Oheim, bei welchem diese jezt lebte, - und in dem
einzigen Wesen, das ihr jemals beim ersten Anblicke liebend und vertrauend
entgegengetreten war, glaubte das sehnsuchtsvolle Gemth des so lange
vereinsamten Mdchens jezt das Urbild ihres Jugendideals gefunden zu haben.
Alles zeigte sich ihr von nun an in verschnerndem Lichte, und die Welt erblhte
ihr in nie gesehener Pracht an Ferdinands Hand, denn er war Jngling, Dichter,
und Krieger fr Vaterland und Recht. Der freudige Enthusiasmus, der ihn
beseelte, theilte auch ihr sich mit; ihr Leben schien ihr jezt erst zu beginnen,
und jeder ihrer Athemzge war ein stilles Dankgebet fr die unendliche
Seeligkeit, welche ihr, der Freude ungewohntes Herz kaum zu tragen vermochte.
    Da auch die ussern Verhltnisse die Liebenden begnstigten, so schied
Ferdinand aus der geliebten Nhe seiner Angelika als ihr, von ihren Verwandten
anerkannter, verlobter Brutigam. Bei seiner Zurckkunft aus dem Felde sollte
ihre Hand den Lohn der Tapferkeit ihm reichen, und die hohe, schne
Siegeshoffnung, die aus seinen Augen ihr entgegen stralte, erhob auch sie ber
den Schmerz der Scheidestunde, und fhrte diese linde und leise an Beiden
vorber. Ferdinand gieng nun fr die Geliebte zu streiten, Angelika blieb, um
fr ihn zu beten.
    Als er gieng, kam kein Gedanke daran in das Herz der Armen, da er gegangen
sein knne, um nie wiederzukehren, und doch war es so. Er hatte den Ltzowschen
Jgern sich zugesellt, und fand mit diesen seinen tapfern Gesellen im
schndlichsten Verrathe den Untergang. Wie er geendet hatte? wute keiner genau
zu berichten; aber er war verschwunden, spurlos, rettungslos, wie so Viele, die
mit ihm kmpften und fielen.
    Gleich einer verstummten Nachtigall, wenn der Frhling dahin ist, so
klagelos, so einsam blieb Angelika zurck. Ihr ganzes Dasein war von nun an nur
ein leises Ach; sie gieng ganz still umher, sie war unendlich freundlich gegen
Alle, sie athmete wie sonst, doch jeder Schlag ihres Herzens war ein nie
endendes Sterben. Oft dnkte ihr, als msse sie gegen einen bangen Traum
ankmpfen, dann bat sie Gott mit Thrnen: er mge sie erwachen lassen; denn sie
konnte an die Wahrheit ihres Elends nicht glauben, bis das heftiger
wiederkehrende Weh im Innersten ihrer Brust, sie von neuem fhlen lie, da es
dennoch so sei, wie es war.
    Ihre im Grunde gutmthigen Verwandten thaten zwar nach ihrer Art alles, was
sie vermochten um die Arme zu trsten, doch mit dem besten Willen von der Welt
verwundeten sie oft, wo sie zu heilen gedachten. Sie fhrten sie endlich nach
Pyrmont in der Hoffnung, da das Gewhl des Badelebens sie zerstreuen wrde,
aber sie verflochten sich bald selbst so gewaltig in das allgemeine Treiben der
Gesellschaft, da sie gar nicht bemerken konnten, wie Angelika immer bleicher
und stiller ward, je lauter und bunter es in ihrer Nhe zugieng.
    Doch gerade hier erbarmte sich endlich ein guter Engel der Leidenden, und
fhrte ihr in Vicktorinens Tante, der Stiftsdame Anna von Falkenhayn, den
einzigen Trost zu, der auf Erden fr sie noch zu finden war, den Trost einer
weisen, wahrhaft theilnehmenden Freundin. Das allgemeine Mitleid, welches die
interessante Erscheinung des bleichen trauernden Mdchens jedem einflte, der
es sah, lsete sich in Annas edlem Gemthe gar bald in wahrhaft mtterliche
Zuneigung auf, und Angelika erwiederte diese Liebe mit all der Innigkeit, welche
von jeher die Lust und die Quaal ihres Lebens gewesen war.
    Obgleich Angelika in ihrer stillen Demuth sich nie die leiseste Andeutung
von Unzufriedenheit mit ihrer ussern Lage erlaubte, so sah das Frulein Anna
von Falkenhayn doch nur zu bald ein, da die Umgebungen, in welchen ihre junge
Freundin leben mute, einem gebrochenen Herzen durchaus nicht wohlthun konnten.
Schon die Art bewies dies, mit der Angelikas Verwandte sich ber das harte
Geschick ausliessen, welches diese zarte Pflanze so tief gebeugt hatte. Die
Bereitwilligkeit, mit der sie nicht nur das Frulein, sondern sonst auch noch
jedermann, der darnach fragte, zum Vertrauten in dieser Angelegenheit machten,
hatte in der That etwas beleidigendes, obgleich sie selbst dieses weder fhlten,
noch wollten; denn sie waren wirklich wohlmeinend und wnschten der armen
Angelika zu helfen, nur war sie ihnen von jeher zu ferne geblieben, um von ihnen
verstanden zu werden. Endlich entschlo sich Anna von Falkenhayn, vom innigsten
Mitleid durchdrungen, zu erbitten, was Angelikas Verwandte ihr mit tausend
Freuden gewhrten, um so mehr, da bei der Gemthsstimmung des armen Mdchens und
dessen mit jedem Tage tiefer sinkenden Lebenskraft, ohnehin an die
Hofdamenstelle nicht mehr gedacht werden durfte. Und so zog sie denn mit ihrer
lteren Freundin in deren Heimath, und ward von Letzterer als die Tochter ihres
Herzens mit unaussprechlicher Zartheit gepflegt und gewartet wie eine kranke
Blume, die man gern wieder aufrichten mchte.
    Anna gewann, nach Art aller edlen Frauen, die Leidende immer lieber, je mehr
sie fr sie that, und Angelikas Leben hieng dagegen einzig an der wohlthuenden
Gegenwart ihrer Beschtzerin. Die Mglichkeit, auch nur wenige Monate fern von
dieser leben zu knnen, war ihr undenkbar, und so wurde denn das geliebte Kind
bei dem Besuch im Kleebornischen Hause Annas Begleiterin, und theilte freudig
mit ihr die liebende Sorge fr Vicktorinen.

Nicht nur Vicktorine, deren Genesung mit jedem neuen Tage neue erfreuliche
Fortschritte machte, sondern auch alle brige Mitglieder der Hausgenossenschaft,
empfanden das Wohlthuende der, Ruhe und Ordnung wieder herstellenden Gegenwart
der Tante. Die gute alte Virnot wanderte wieder ganz wohlgemuth in gewohnter
Geschftigkeit Trepp' auf, Treppe nieder, ihr Schlsselkrbchen in der Hand, und
fhrte in Kche und Speisekammer das Regiment ber die zahlreiche, weibliche
Dienerschaft.
    Auch Babet und Agathe seegneten ihres Theils die Tante und Angelika, weil
diese beiden sie der steten Gegenwart in der beengenden Luft des Krankenzimmers
berhoben. Die guten Kinder durften jezt doch wenigstens am Fenster die
Vorbergehenden mustern, und da gab es denn einstweilen manches zu besprechen,
mitunter auch manchen interessanten Gru zu erwiedern, denn der schwarze
Lieutnant und der blonde Theodor schienen tglich in der Nhe des Kleebornschen
Hauses viel zu thun zu haben. Dieser Umstand und die Ueberlegungen, welche man
in Hoffnung auf nahe bessre Zeiten, hinsichtlich der Wintergarderobe anzustellen
fr nthig fand, gaben unversiegbaren Stoff zur Unterhaltung, so da frs erste
unter den Beiden von Streit oder bler Laune nicht mehr die Rede sein durfte.
    Nur Herr Kleeborn selbst, der alles angewendet hatte, seiner Schwgerin
Gegenwart sich zu gewinnen, nur er allein fhlte sich jezt durch dieselbe
einigermaen gedrckt, ohne dieses jedoch jemals sich selbst gestehen zu wollen.
Die fast bertriebne Zartheit, mit der sie die grte Anspruchslosigkeit, die
strengste Diskrezion in allen huslichen Verhltnissen beobachtete, ihre
mitunter ein wenig altmodisch sich ussernde Vorliebe fr Schicklichkeit und
Anstand selbst im engsten Familienleben, machten ihn oft etwas beklommen und
verlegen, wenn er der Tante gegenber sich befand. Es entgieng ihm nicht, wie
sie allein durch ihre Persnlichkeit nicht nur das ganze Haus, sondern sogar ihn
selbst beherrschte, ohne doch jemals irgend etwas, einem Befehl Aehnliches
auszusprechen. Alles richtete sich nach ihren Blicken, und jedem, vom Herrn an
bis zu dem Geringsten der Dienenden, war es so zu Muthe, als drfte dieses gar
nicht anders sein.
    Es ist das verfluchte adlige Vornehmthun, dachte Herr Kleeborn, oder gab
sich vielmehr Mhe es zu denken und im Ganzen half ihm dies wenig, denn er
gewann dennoch nicht den Muth, mit ihr von Dingen zu reden, ber die sie noch
nicht Lust hatte ihn zu hren. Ihr Wunsch war, Vicktorinen erst genauer kennen
zu lernen, ehe sie sich auf die Absichten einlie, welche ihr Vater mit dieser
etwa haben mochte; Herr Kleeborn hingegen, der die Krankheit seiner Tochter fr
gar nicht so bedeutend hielt, hatte Vicktorinens Pflege eigentlich nur als
Vorwand zur dringenden Einladung seiner Schwgerin gebraucht; seine eigentliche
Absicht dabei war aber, durch die Tante auf Vicktorinen zu wirken, und sie in
Gte seinem Willen geneigter zu stimmen. Indessen hielt er ihre Gegenwart
nebenher fr hchst nthig, um durch dieselbe den Glanz und die Wrde der vielen
Feste zu erhhen, welche Vicktorinens Genesung sowohl, als die zu hoffende
Erfllung seiner Plne mit ihr, bald herbeifhren muten. Denn nchst dem
Gelderwerb liebte Herr Kleeborn nichts so sehr als Glanz und Pracht in seinen
Umgebungen; gern wetteiferte er hierin mit den Vornehmsten, und unerachtet
seiner laut erklrten Geringschtzung des angebornen Adels, that er sich dennoch
in seinem Innern nicht wenig darauf zu gute, eine Dame von dem Range und Ansehen
des Fruleins von Falkenhayn unter seine nchsten Verwandten zhlen zu drfen.
Er betrachtete oft mit innerm Behagen ihre majesttische Gestalt, den, jede
ihrer Bewegungen bezeichnenden vornehmen Anstand und freute sich im voraus auf
den Augenblick, wo sie in dem schnen Ordenskleide ihres Stiftes mit dem grossen
diamantnen Kreuze, das sie als Prbstin desselben trug, in seinem Hause die
Honneurs machen wrde. Uebrigens trstete er sich mit dem Glauben, da
aufgeschoben nicht aufgehoben sei, er hoffte, da nach Vicktorinens vlliger
Genesung sich schon ein gnstiger Augenblick finden wrde, um die Tante fr sich
zu gewinnen, und berlie sich tglich in vollkommner Gemthsruhe den gewohnten
Erholungen nach vollbrachter Arbeit, die er jezt ausser seinem Hause aufsuchen
mute, da ihm das Innere desselben in seinem durch Vicktorinens Krankheit
verdeten Zustande wenig Freuden darbieten konnte.

Der helle Sonnenschein eines heitern klaren Herbstmorgens, an welchem Vicktorine
sich auffallend wohl befand, hatte die Tante mit ihrer Angelika hinaus ins Freie
gelockt. Mller, der alte Buchhalter, stand eben in der Hausthre, als beide von
ihrem Spaziergange zurckkehrten, und die Tante beeilte ihre Schritte, um dem
Greise, den sie seit ihrer Ankunft im Kleebornischen Hause noch nicht gesehen,
ein paar freundliche Worte sagen zu knnen. Sie kannte ihn schon lange und ehrte
ihn als einen treuen vieljhrigen Diener des Hauses ihres Schwagers, bei dessen
Vater er schon in Ehre und Ansehen gestanden hatte. Als die Damen nher traten,
gieng ein junger Mann mit ehrerbietigem Gren an ihnen vorber, der bis dahin
mit Herrn Mller in anscheinend eifrigem Gesprch begriffen gewesen war. Sein
Anblick schien der Tante auf eigne Weise aufzufallen, sie sah sichtbar befangen,
ihm eine Weile nach, und war sogar etwas bleicher als gewhnlich, als sie die
zum Hause fhrenden Stufen hinauf stieg, so da Herr Mller sie von einem
pltzlichen Unwohlsein ergriffen glaubte, und ihr entgegen eilte, um sie in das
zum Empfange der Fremden bestimmte Eintrittszimmer neben dem Komtoir zu fhren.
Dort sezte sich die Tante zwar gleich, erklrte aber dabei, da sie sich
vollkommen wohl befinde, nur habe sie am Krankenbette ihrer Nichte sich der
freien Luft entwhnt, die heut, unerachtet des hellen Sonnenscheins,
ungewhnlich scharf sei. Beruhigt gieng Angelika zu Vicktorinen hinauf, whrend
die Tante noch unten blieb, um mit Herrn Mller ein paar Minuten zu plaudern.
    Wer war der junge Mann? fragte sie einigermassen eifrig, so wie Angelika die
Thre hinter sich angezogen hatte. Herr Mller besann sich eine Weile, denn er
verstand sie nicht gleich. Der junge Holm, der eben bei mir war, meinen Ihro
Gnaden den? erwiederte er ihr endlich, ja das ist ein recht lieber,
gutherziger junger Mensch. Seit unser Frulein Vicktorine krank ist, versumt er
nie, alle Tage zweimal zu mir in mein Kabinet zu kommen, um sich nach ihrem
Befinden zu erkundigen, denn von mir erhlt er doch immer umstndlichern Bericht
als von den Bedienten. Nun gottlob heute konnte ich ihm recht viel Gutes sagen,
er war auch darber recht erfreut.
    Also wohl ein sehr genauer Freund des Hauses? fragte die Tante.
    Das nun wohl nicht, war die Antwort, denn der junge Herr Holm ist noch
gar nicht selbst etablirt, und auch sonst eben nicht von Familie, Ihro Gnaden.
Niemand wute, was man aus seinem seeligen Vater machen sollte, denn der war
zwar ein Gelehrter, aber weder Jurist noch Mediziner. Er wohnte mit diesem
seinem einzigen Sohne lange Jahre hindurch in der Vorstadt, niemand hat ihn
sonderlich gekannt, denn er fhrte ein sehr eingezogenes Leben. Ja du lieber
Gott, es ist hier ein sehr theuer Pflaster, und wer nicht reich ist, thut am
besten sich ganz still zu verhalten.
    Ist der Vater lange tod? fragte die Tante wieder, mit sichtbarem Antheil.
    Seit drei Jahren ungefhr, erwiederte Herr Mller. Der alte Holm soll
aber brigens ein recht grundgelehrter Mann gewesen sein, sezte er hinzu, sehr
bewandert in der Mathematik und in fremden Sprachen, auch soll er ein Lexicon
oder so etwas im Druck herausgegeben haben. Nun, der Sohn artet dem Vater nach,
man sagt, er habe auf der Universitt seine Zeit sehr gewissenhaft angewendet.
Das wird ihm denn nun auch freilich in seinem jetzigen Stande recht gut zu
statten kommen, denn in unsern Tagen kann der Kaufmann nie zu viel wissen, und
das Gelehrtsein, oder wenigstens Gelehrtthun ist unter unsern jungen Herrn
obendrein Mode.
    Der junge Mann war also nicht von jeher zum Kaufmann bestimmt? fragte die
Tante mit steigendem Interesse.
    Ei was wollte er! erwiederte der Buchhalter, nein Ihro Gnaden, der junge
Holm ist Doctor Juris, er hat ordentlich studirt. Erst vor kaum anderthalb
Jahren hat er umgesattelt, und was das sonderbarste ist, niemand hat frher die
mindeste Neigung zum Kaufmannsstande an ihm bemerkt, das ist so ganz mit
einemmal von selbst gekommen. Aber da sieht man recht, wie der Mensch alles
kann, was er ernstlich will. Vor zwei Jahren wute der junge Holm noch keinen
Kurs zu berechnen, nicht einmal einen Wechsel ordentlich auszustellen, von
Waarenkenntnis war bei ihm vollends gar nicht die Rede, und jezt ist er der
Herren Fischer et Compagnie rechte Hand. Geben Ihro Gnaden nur Acht, der macht
gewis noch sein Glck in der Welt. Die Tante, in immer tieferes Nachdenken
versinkend, schien auf die lezten Worte des freundlichen Greises kaum zu hren,
weshalb dieser denn auch mit gewohnter Ehrerbietung stille schwieg, bis sie, wie
aus einem Traume erwachend, die Bemerkung hinwarf, da der junge Holm doch wohl
fters an den Gesellschaften hier im Hause Antheil nehmen msse, da ihn die
Ereignisse in demselben so zu interessiren schienen.
    Ins Komtoir kommt er zwar oft in Geschften, seit er den Kaufmannsstand
erwhlt hat, erwiederte Herr Mller, sonst aber nie ins Haus, da ich wte,
ausser ein paarmal bei Konzerten, denn er singt einen herrlichen Tenor. Da er
sich aber so fleissig nach der Gesundheit unsers Fruleins erkundigt, ist
dennoch ganz natrlich, da er sie doch einigermassen kennt, die halbe Stadt thut
ja dasselbe. Sehen, Ihro Gnaden, hier liegt der Zettel, mit den Namen derer, die
nur diesen Morgen nachgefragt haben. Zwei volle Bogen, man kann die Hlfte kaum
lesen, denn die Bedienten schreiben meistens so schlecht, da es eine Schande
ist. Aber hier sind doch einige zierliche Handschriften, denn die jungen Herren
haben fast alle eigenhndig ihre Namen angeschrieben, weil sie gewhnlich selbst
kommen, sich nach des Fruleins Befinden zu erkundigen. Sehen Ihro Gnaden, Sir
Robert Beverley, John Simpson Esquire, Comte de Beauchamp, Graf Nordhausen,
Baron Engestrm, lauter Fremde die an uns addressirt sind.
    Angelikas blondes Lockenkpfchen, das diese, ber dem langen Ausbleiben der
Tante besorgt, zur Thre herein steckte, machte jezt der Unterhaltung ein Ende.
    Anna begab sich zu Vicktorinen, sie fand diese auf ihrem Sopha, von einer
Schaar junger, sie besuchender Mdchen umlagert, unter denen auch Babet und
Agathe nicht fehlten. Alle sprachen zugleich, denn es war von gar interessanten
Gegenstnden die Rede, denen aber die Tante keinen Antheil abzugewinnen wute.
Sie sezte sich daher in ihren Lehnstuhl in der fernsten Ecke des Zimmers. Ihre
Gedanken flogen zurck in eine lngst dahin geschwundene Vergangenheit, deren
Abglanz in diesem Augenblick in ungewohnter Klarheit sie umschwebte. So zaubert
ein einziger heller Sonnenblick uns oft mitten im Winter den Frhling mit allen
seinen lngst in Staub versunknen Blthen herbei. Anna gab dem
schmerzlich-schnen Traume mit ganzer Seele sich hin; sie forschte nicht weiter,
was gerade jezt ihn herbeigerufen haben knne? sie versank immer tiefer in sich
selbst, und achtete wenig auf das, was in dem jugendlichen Kreise, in ihrer Nhe
laut genug abgehandelt ward.
    Die Mdchen zhlten indessen die Blle, welche sie in den nchsten Wochen zu
hoffen hatten, und jezt waren die Tnzer an der Reihe. Mit denen sieht es
windig aus, seufzte Babet, wenn nicht etwa der Himmel ein Einsehen hat und
frische Zufuhr uns einsendet. Leider ja, stimmte Amelie, die Tochter des
benachbarten Obristen, in diese Klage ein, Theodor geht morgen fort, und auch
Baron Sillborn reist nach Wien. Und Lieutenant Horsten hat nur noch vierzehn
Tage Urlaub, rief Lilli dazwischen. So whrte das Herber und Hinbersprechen
noch eine feine Weile fort, der Gegenstand des Gesprchs beschftigte alle, so
da keine dabei auf Vicktorinen Acht gab, bis die eben ins Zimmer tretende
Angelika durch einen Schrei des Entsezens sie darauf aufmerksam machte, da die
Arme bleich und starr gleich einer Todten in ihre Kien zurck gesunken dalag.
    Der Aufruhr, der jezt entstand, ist nicht zu beschreiben. Die Mdchen liefen
vor Angst wie sinnlos durch einander, der Schellenzug ri von dem gewaltigen
Sturmluten; laut schreiend, bon Dieu! qu'est il donc arriv  ma pauvre petite
, strzte die Bonne herein, und dieser folgte, zum Glck bald, der schnell
herbeigerufne Arzt. Vicktorinens bewutloser Zustand, den die vielen, ohne Wahl
und Zweck angewandten Mittel nur verschlimmerten, ohne da die vor Schrecken
selbst halb todte Tante dem Unheil hatte steuern knnen, wich endlich seinen
vernnftigern Anordnungen. Jezt aber hob der wackre Mann auch eine tchtige
Strafpredigt an, whrend welcher sich indessen die fremden Mdchen ganz in der
Stille fortschlichen; er schrieb Vicktorinens Zufall einzig dem lrmenden
Besuche zu, und empfahl nochmals die ungestrteste Ruhe und Stille in der Nhe
der Kranken. Babet und Agathe wurden gnzlich aus dem Zimmer derselben verbannt,
jeder fremde Besuch hoch verpnt, und nur Angelika, fr deren stilles Betragen
sich die Tante verbrgte, erhielt die Erlaubnis nach wie vor die Sorge fr
Vicktorinens Pflege mit ihrer geliebten Wohlthterin zu theilen.

Es war schon spter Abend, und die Tante sa ganz allein an Vicktorinens Bette,
als diese aus ihrem unruhigen Schlummer auffahrend, die Vorhnge zurckschlug,
und mit ngstlicher Hast im ganzen Zimmer umher sah.
    Tante! flsterte sie leise und beklommen, Tante, sind wir allein? werden
wir es bleiben? Die Tante versicherte sie dessen, und bat sie, nur ruhig sich
zu verhalten. Ruhig! ruhig! erwiederte Vicktorine mit ungewohnter Heftigkeit,
gebieten sie doch auch dem Sturm, der eben heulend das Haus umtobt, da er
ruhig sei, oder dem Meere, oder der Flamme, die verzehrend wthet. Kind,
geliebtes Kind, unterbrach die Tante sie du richtest dich und mich und uns
alle zu Grunde, wenn du so fortfhrst! komm, sei mein gutes Mdchen, lege dich
wieder, sei geduldig und ich verspreche dir - - Was? - rief Vicktorine was
knnen sie mir versprechen fr mein Leben, Tante, fr die Ruhe meines Lebens,
fr all' mein Glck auf Erden, und vielleicht auch dort! Nein Sie mssen mich
hren, Sie mssen jezt mich hren, in dieser Minute, wenn Sie mich nicht wollen
wahnsinnig werden lassen. Sie werden mich hren, Sie werden mich retten, denn
Sie sind ja die einzige Schwester meiner lieben, lieben Mutter! Schwer und
einzeln rollten groe Thrnen aus Vicktorinens weit offnen starren Augen ber
die glhenden Wangen, auf die krampfhaft zitternde Brust hinab, die Tante hielt
schmeichelnd sie umfat und bat sie in den zrtlichsten Worten nur jetzt sich zu
schonen. Ich will dich ja hren, ich will ja alles thun, ich will dich retten,
dir helfen, fr dich nur leben sprach sie, ich bin ja nur deinetwegen hier,
aber halte dich jezt nur ruhig, damit du Krfte gewinnst, spterhin, Morgen
vielleicht - - Spterhin ist zu spt, rief Vicktorine mit immer steigender
Heftigkeit spterhin, wenn alles vorber ist, was fr Trost, was fr Hlfe
knnen Sie mir dann gewhren, wenn Gott selbst das Geschehene nicht mehr
ungeschehen machen kann. Nein jezt, jezt in dieser Stunde. Vergebens suchte die
Tante durch Erinnerung an das Verbot des Arztes sie zum Schweigen, zur Schonung
ihrer Krfte, zu bewegen. Was weis der Arzt, der berkluge Thor! was wissen sie
Alle, rief Vicktorine, Sie sehen es ja Tante, sie mssen es sehen, ich habe
Kraft, aber Schweigen in dieser Stunde vernichtet mich; diese grnzenlose Angst
kann ich nicht verschliessen, sie zersprengt mir die Brust; Sie mssen mich
hren, wenn Sie vom Untergange mich retten wollen.
    Vicktorinens immer heieres Bitten, die zunehmende Fieberglut, die aus ihren
Augen blizte, bewogen endlich die Tante, sich mit ihr auf Bedingungen
einzulassen, um sie nur einigermassen zu beruhigen. So sprich denn, meine
Vicktorine, bat sie schmeichelnd, sage mir, was ich in diesem Augenblick thun
soll um dich zu beruhigen. Ich will es vollbringen, wenn es zu vollbringen ist,
doch was ich nicht jezt gleich wissen mu, das spare fr eine bessre Stunde auf,
wenn du ruhiger, krftiger bist, nur unter dieser Bedingung will ich es wagen,
des Arztes Gebot zu berschreiten und dich reden zu lassen.
    Wohlan denn, rief Vicktorine, lassen Sie den alten Mller herauf kommen,
hier herauf, ins Nebenzimmer dort, und die Thre mu offen stehen, und flstern
Sie nicht etwa mit ihm, ich mu alles hren, jedes Wort, das Sie miteinander
sprechen; ich will nicht getuscht sein. Was denn Vicktorine, was willst du
wissen? fragte die Tante. Ob er nach Odessa geht, o Gott! o Gott! er ist
vielleicht schon fort! rief laut jammernd Vicktorine.
    Die Tante erschrack heftig, denn sie glaubte jezt in der That, zum wenigsten
eine in fieberhaften Trumen Verlorne vor sich zu haben. So besinne dich doch,
so fasse dich doch, Liebe, redete sie Vicktorinen begtigend zu; was willst du
mit Odessa? was soll der gute alte Mller dort? -
    Wer spricht von dem! rief zrnend Vicktorine, Raimund, Tante, Raimund
Holm geht nach Odessa, ist vielleicht schon dort! hrten Sie es denn nicht? Es
klang doch so laut! so furchtbar! mir war, als ob die Decke des Zimmers sich in
dem Momente zusammen brechend ber mich herabsenkte, und Sie hrten es nicht?
Luzie sprach es aus, als die Mdchen ihre Tnzer aufzhlten; der beste von
allen, sprach sie, Holm geht heut oder morgen nach Odessa ab.
    Die Tante blickte jezt mit unbeschreiblicher Wehmuth auf das arme Mdchen
hin, das in wilder Angst sie anstarrte, dann das Gesicht verhllend, er ist
fort! er ist fort! auf ewig fort! in herzzerschneidenden Klagetnen wimmerte.
Holm ist nicht fort, sprach jezt die Tante, nachdem sie mhsam ihre gewohnte
heitre Fassung wieder errungen hatte, ich habe ihn kurz vor deiner Ohnmacht
heut Vormittags gesehen, als er bei Mllern sich nach deinem Befinden
erkundigte. Der gute Alte hat mich nachher lange von ihm unterhalten, von seinen
lobenswerthen Eigenschaften, von seinen Aussichten in die Zukunft. Odessa ward
dabei gar nicht erwhnt und Mller htte nicht davon geschwiegen, wenn die ganze
Reise nicht ein Mhrchen wre. Wer wird auch in dieser Jahreszeit, bei
einbrechendem Winter nur daran denken so etwas zu unternehmen! Vicktorine
richtete sich im Bette auf, sie sah der Tante lange und forschend ins Gesicht,
dann ergriff sie ihre Hnde und drckte sie fest an ihr hrbar klopfendes Herz,
an ihre heissen Augen, sie bewegte die zitternden Lippen, aber, von ihrem Gefhl
berwltigt, vermochte sie es nicht, nur einen Laut hervor zu bringen.
    Du liebes Ebenbild meiner Schwester, sprach die Tante sehr bewegt, du
sollst mich immer nicht nur mild und theilnehmend, sondern auch wahr finden.
Armes, armes, Kind! Beruhige dich fr jezt, ich will es auch. Wir wollen Krfte
sammeln, denn wir werden beide sie brauchen.
    Ich weis es Tante, erwiederte ihr die jezt zwar minder heftige, aber doch
noch immer sehr aufgeregte Vicktorine, ich weis es. Auch was Ihnen selbst
vielleicht noch unbekannt blieb, ist mir es nicht mehr, denn ich weis, warum man
Sie, gerade Sie zu mir gerufen hat. Ich kenne Sie nur wenig, liebe Tante, doch
weit ich mehr, als ich es sagen kann, mich hingezogen fhle, Sie gleich einer
zweiten Mutter zu ehren und zu lieben, so wage ich es, Sie, bittend, zu warnen.
Unternehmen Sie es nicht, zu versuchen, was man von Ihnen fordern wird, denn,
ich sage es Ihnen im voraus, Sie und mein Vater knnen zwar das Herz mir
brechen, aber nie mich verleiten, der treuen, alles opfernden Liebe unwrdig zu
lohnen. Wollen Sie mir nicht glauben, meine Bitte nicht erfllen, nun wohlan,
dann versuchen Sie Ihre Ueberredungsknste, die ganze wunderbare Macht, die
Ihnen gegeben ward ber die Gemther Anderer zu herrschen. Mich sollen Sie
standhaft finden, nie sollen Sie mich verleiten, die Stimme zu ersticken, die in
mir laut ber Recht und Unrecht entscheidet.
    Die Tante erwiederte der noch immer unnatrlich Aufgeregten nur wenig, und
in den mildesten Ausdrcken, und so gelang es ihr endlich, sie nach und nach
einigermassen zu besnftigen. Was ihr indessen Vicktorine an diesem Abend und in
den nchst folgenden Tagen nur stckweise, oft von Gefhlsergiessungen der
Erzhlerin, zuweilen von Gegenbemerkungen der Tante unterbrochen, mittheilen
konnte, findet der Leser im folgenden Abschnitt in zusammenhngender Form.

Raimund Holm war der Sohn eines Mannes dem wohl anzusehen war, da whrend eines
nicht sehr langen Lebens die Welt ihm oft und vielfach wehe gethan haben mochte.
Mehr noch als sein frh ergrautes Haar und seine augenscheinlich, durch langen
und herben Gram verdsterten Zge, bezeigte dies die tiefe Abgeschiedenheit,
welche er mit einer Art Aengstlichkeit aufsuchte, und die Scheu, mit der er
alles floh, was nur von ferne dahin abzwecken konnte, ihn aus seiner
Verborgenheit ans Licht zu ziehen.
    Der Vielerfahrne kannte das Leben zu gut, um nicht zu wissen, da man in
einer grossen volkreichen Stadt weit unbemerkter und einsamer nach eigenem Plane
sein Dasein hinbringen kann, als in einem kleinen Orte, oder selbst auf dem
Lande. Denn in Stdtchen und Drfern zieht jeder neue Ankmmling die
Aufmerksamkeit der Nachbarn auf sich, und jeder gilt fr einen bemerkenswerthen
Sonderling, der nicht genau so leben mag, wie alle Uebrige um ihn her. Raimunds
Vater whlte deshalb lieber eine grosse berhmte Handelsstadt zu seinem
Wohnorte, wo er einige zwanzig Jahre hindurch bis an seinen Tod, ein von aller
Gesellschaft, fast von aller Bekanntschaft abgesondertes Leben fhrte, gleich
weit entfernt von Drftigkeit und Ueberflu. Seine feinern Sitten und
Lebensgewohnheiten, eine gewisse Eleganz in seinem Aeussern, - die niemand, auch
in der tiefsten Einsamkeit ablegen kann, der sie von Jugend auf sich aneignete,
- verriethen indessen, da er die Welt kannte die er floh, und da er sogar in
ihrem Umgange seine erste Bildung erhalten haben mute.
    Durch frhe Gewhnung theilte er auch seinem Sohn diese Eigenschaften mit,
und gab ihm dadurch gewissermassen einen Freibrief fr den knftigen Eintritt in
die Gesellschaft, den viele entbehren, die in der Einsamkeit aufwuchsen, und
dessen Mangel dennoch, selbst bei sonst ausgezeichneten und hochbegabten
Menschen, die in dieser Hinsicht meistens unerbittliche Welt selten zu bersehen
pflegt.
    Des Knaben Erziehung, den er als ganz unmndiges Kind mit sich gebracht
hatte, war das einzige Geschft des Vaters; Kunst und Litteratur die Freude und
der Schmuck seines Lebens. Raimund wuchs heran, unter frhlichen muthigen
Spielgesellen der frhlichste und muthigste von allen, denn sein Vater, der kein
Glck der Jugend ihn entbehren lassen mochte, versumte es nicht, neben dem
huslichen Unterrichte, den er ihm selbst ertheilte, ihn auch die ffentliche
Schule besuchen zu lassen. Ueberhaupt war er weit entfernt von dem Gedanken,
seinen Sohn nur fr ein kontemplatives Leben, in steter Entfernung von der Welt,
erziehen zu wollen, obgleich er ein solches am frh einbrechenden Abend seines
Lebens fr sich selbst erwhlt hatte. Er wnschte vielmehr ein ntzliches und
thtiges Mitglied der Gesellschaft aus ihm zu bilden. Denn wie man erst nach
vollbrachter Arbeit den vollen Genu der Ruhe lernen kann, so lernt man auch nur
nach langem Treiben im Gewirre der Welt den hohen Werth der Einsamkeit erst
recht empfinden. Dies wute Raimunds Vater aus eigner Erfahrung.
    Des Knaben beglckte Kindheit zog, gleich einem Frhlingstraum, an ihm
vorber und unvermerkt kam so die Zeit herbei, in welcher er zum erstenmale
seinen Vater verlassen sollte, um die Universitt zu beziehen.
    Nichts stellt den Jngling am Anfang seines ersten Ausflugs in die Welt so
fest, so sicher, so krftig in diese hin, als die frhere Erziehung an der Seite
eines edlen, durch Geist und Gemth ausgezeichneten Vaters, der, ohne berhmt zu
sein, dennoch durch Lehre und Beispiel ihm stets gegenwrtig bleibt, und zu
dessen Bilde er sich flchtet, wenn er im Gedrnge der ihm neuen Verhltnisse
des Lebens Rath und Hlfe bedarf. Ein durch den Vater berhmt gewordner Name ist
hingegen beim ersten Eintritte in die Welt wohl eher ein Hindernis zu nennen,
denn diese hngt stets am Klange des Worts. Und so wie der schuldlose Sohn eines
als unwrdig bekannten Mannes, unerachtet seines eignen Werths und seiner
Unschuld, dennoch stets mit tausend Vorurtheilen und Widerwrtigkeiten zu
kmpfen hat, die einzig um seines Namens willen sich berall ihm entgegen
stellen, so tritt auch dem, der sein Leben einem grossen berhmten Vater
verdankt, ein Vorurtheil andrer Art in den Weg. Man verlangt von einem solchen,
da er besser und geistreicher sei, als alle andere seines Gleichen, und zwingt
dadurch oft eine gewisse Unsicherheit in sein Wesen hinein, die ihm, mit einem
andern Namen geboren, stets ferne geblieben wre.
    Raimund hatte das Glck, auch in dieser Hinsicht ganz frei und ungehindert
da zu stehen. Mit der von seinem Vater ihm mitgetheilten Ruhe alter Erfahrung
zog er in blhender rstiger Jugend aus, ein reiner Jngling an Seele und Leib,
und kehrte zur bestimmten Zeit eben so ins Vaterhaus wieder zurck. Im klaren
Bewutsein seines Zwecks hatte er die Universittsjahre wohl angewendet, doch
der Rath seines Vaters bewog ihn, sich einstweilen noch ernstlicher auf das
thtige Leben vorzubereiten, theils durch stille Fortsetzung seines Strebens in
wissenschaftlicher Hinsicht, theils indem er mit der geselligen Welt sich nher
bekannt zu machen suchte, ehe er es wagte, in ihr als Geschftsmann ffentlich
aufzutreten. Er knpfte auf den Rath seines Vaters manche erfreuliche
Bekanntschaft in der Stadt an, besuchte Gesellschaften, Blle, das Theater,
kehrte aber jeden Abend mit gewohnter Liebe und Treue zu seinem Vater zurck. So
strebte er, dessen krnkelndes Alter durch Erzhlungen aus jenem bunten Treiben
zu erheitern, das der Greis seit mehr als fnf und zwanzig Jahren nicht mehr
sah, und das er dennoch in den Beschreibungen des Jnglings als wenig verndert
wieder erkannte. Anfangs schien es, als ob Raimunds Vater in diesem genureichen
Beisammenleben mit seinem Sohne gewissermassen begnne, neue Jugendkraft wieder
zu gewinnen; doch leider war dieser freudenverkndende Schein nur das lezte
Aufflackern der Lampe vor dem vlligen Erlschen. Die lngst in den Strmen des
Lebens erschpften Krfte brachen in dieser heitern Stille bald gnzlich
zusammen, und Raimund blieb verwaiset und verlassen am Grabe seines Vaters
zurck, ehe noch das zu seiner vlligen Ausbildung bestimmte Jahr vorber war.
    Dieser Verlust hatte in Raimunds ussrer Lage nichts verndert, denn bei
gewohnter Mssigkeit sicherte ihm das hinterlassne vterliche Vermgen zwar
keine glnzende, aber dennoch eine vllig unabhngige Existenz. Dagegen fhlte
er in seinem Innern nun die schmerzlichste Oede. Er hatte fr niemanden mehr zu
sorgen, niemanden mehr zu erfreuen, keinen einzigen Vertrauten seiner Gedanken
und Empfindungen. Und gerade in jener weichen sehnschtigen Stimmung, in die uns
ein Verlust, wie der seine, so leicht versezt, und der wir so gern nachgeben,
trat Vicktorinens glnzend schne Erscheinung zuerst ihm entgegen.
    Der berhmteste Musicklehrer der Stadt hatte nach Zelters preiswrdigem
Beispiel einen Singverein errichtet, der sich wchentlich ein paarmal
versammlete, und in dem fast alle, die sich dazu eigneten, eifrig Theil nahmen.
Raimund, dessen schne Tenor-Stimme dem Stifter der Gesellschaft lngst bekannt
war, durfte nicht dabei fehlen, und auch Vicktorine behauptete mit Necht den
Rang der ersten Sngerin unter den Damen. Da der erste Tenor und der erste
Sopran durch ihr Talent einander nher gebracht wurden, war wohl ganz natrlich;
es fehlte Beiden nicht an Anlssen, sich gegenseitig, auch ber andere als blos
musikalische Gegenstnde auszusprechen, und dabei den inneren Reichthum ihres
Geistes vor einander zu entfalten. Raimund hatte schon frher Vicktorinen
zuweilen gesehen und ihre seltene Schnheit bewundert, doch der im Kleebornschen
Hause herrschende grosse Ton hielt bis dahin den stolzbescheidenen Jngling
davon ab, Zutritt in demselben zu suchen. Und auch jezt, bei nherer
Bekanntschaft mit Vicktorinen, vermied er es noch immer, den Schein von
Zudringlichkeit dadurch auf sich fallen zu lassen, obgleich Vicktorinens
jugendlich schne Gestalt, der dunkle Feuerstrahl ihrer Augen ihm fter als
sonst in wachen Trumen vorschwebte, und der seelenvolle Ton ihrer hellen,
glockenreinen Stimme hallte immer noch lange in seiner tiefsten Brust wieder,
wenn er schon lngst den Singverein verlassen hatte.
    Ein glnzender Ball, zu dem auch Raimund geladen war, bot diesem indessen
einige Zeit nach Errichtung des Singvereins Gelegenheit, Vicktorinen zum
erstenmal im vollen Glanze zu erblicken. Schon bei ihrem Eintritte in den Saal
hrte er jenes leise Flstern der Bewunderung, den hchsten Triumph der
Schnheit, ihr entgegen rauschen, so wie die Wipfel des Waldes sich flsternd
regen wenn die Sonne aufgehen will. Dieser schmeichelhafte Ton begleitete sie
durch die lange Reihe der grtentheils schon versammelten Gesellschaft, so wie
sie durch den Saal hingieng und verkndete in ihr schon im Voraus die Knigin
des Festes.
    Raimunds Blick hieng unabwendbar an ihr und belauschte jede ihrer
Bewegungen. Noch nie war ihm ein weibliches Wesen von so blendendem Reitze
erschienen; ja er glaubte Vicktorinen selbst so zauberisch schn noch nie
gesehen zu haben. Ihr sehr reicher Anzug trug, bei aller darin herrschender
Pracht, dennoch das Geprge edler kunstloser Einfachheit. Jugendliche Freude
leuchtete aus ihren Augen, aus dem sssen Lcheln des lieblichen Mundes und
verschnte sie unbeschreiblich. So stand sie in hchster Unbefangenheit da,
mitten im dichten Kreise ihrer Bewunderer, lachte mit Diesem, scherzte mit
Jenem, und betrug sich vllig wie Jemand welcher der Huldigungen zu gewohnt ist,
um darauf noch grossen Werth legen zu knnen. Alle, die sich durch nhere
Bekanntschaft nur einigermassen dazu berechtiget glaubten, drngten sich in ihre
Nhe; die elegantesten jungen Herren nahten sich ihr ehrerbietig, als wre sie
eine Frstin, um einen Tanz von ihr zu erbitten, und jeder beneidete den
Glcklichen, dem sie einen zusagte. Sogar die andern Mdchen suchten eine Ehre
darin, mit Vicktorinen vertraut zu erscheinen, denn es fiel keiner ein, mit ihr
wetteifern zu wollen, und alle liebten sie wegen ihrer anspruchslosen, immer
gleichen Freundlichkeit.
    Raimund sah aus einiger Entfernung dem Gedrnge um Vicktorinen zu, und das
Herz that ihm dabei weh, er wute nicht warum? Er versuchte es, dieses bange
Gefhl sich als Mitleid mit dem holden Wesen auszudeuten, das, so umgauckelt, am
Ende doch wohl zu Grunde gehen msse; doch fhlte er bei alle dem auch die
Unmglichkeit, ihr den ihr gebhrenden Tribut der Bewunderung zu versagen.
    Der Tanz begann, und gleich einer Gttin, von ihren Nymfen gefolgt, schwebte
Vicktorine am Arm eines fremden Prinzen, der sich unter den anwesenden Gsten
befand, dem glnzenden Reigen voran. Alle tanzten, nur ein einziges Mdchen
blieb unaufgefordert an ihrem Platze; ein junges bldes Kind, das niemand
kannte, und dessen beinahe zu einfacher, etwas altmodischer Putz schon von
Manchen bespttelt worden war, weil er gegen die Eleganz der brigen Tnzerinnen
gar zu auffallend abstach. In der peinlichsten Stellung, mit hochglhenden
Wangen, sa die Verlassene da, mit der noch niemand eine Silbe gesprochen hatte;
aus den unschuldigen Augen strahlte das glhendste Verlangen, an der allgemeinen
Jugendlust ebenfalls Antheil nehmen zu knnen, und zugleich zuckte ngstliche
Verlegenheit um den kindlichen Mund, als ob die Arme sich bemhe Thrnen zurck
zu drngen, die das Gefhl des Zurckgesetztwerdens ihr eben auszupressen im
Begriff war.
    Raimund nahm an diesen und einigen folgenden Tnzen nicht Theil. In eine
Ecke des Zimmers hingelehnt, verfolgte er jede Bewegung Vicktorinens mit seinen
Blicken, und sah zu seinem Erstaunen, wie diese gleich in der ersten Pause dem
unbekannten Mdchen sich nahte, ein Gesprch mit der augenscheinlich Verlegnen
anknpfte, sich eine kleine Weile zu ihr hinsezte, dann, wieder aufstehend,
ihren Arm ergriff, und einigemal mit ihr im Saal' auf und abgieng. Im Gewhle
der Gesellschaft verlor er indessen beide bald aus dem Gesicht, und schon begann
der bse Argwohn sich in seinem Gemthe zu regen: als ob Vicktorine, im
bermuthe des Bewustseins ihrer alles besiegenden Schnheit, mit dem
unscheinbaren Mdchen vielleicht ein unwrdiges Spiel treibe und es als Folie
mit sich herumfhre, um dadurch den Glanz ihrer eignen Erscheinung zu erhhen.
Da rief pltzlich eine sanfte Stimme seinen Namen und weckte ihn aus seinen
Trumereien. Er fuhr auf, blickte um sich und dicht neben ihm stand Vicktorine
und sah ihn freundlich bittend an.
    Ich mchte Sie wohl um einen Ritterdienst ansprechen, denn Sie sehen mir
ganz darnach aus, als ob Sie mir ihn nicht abschlagen wrden, sagte sie mit
unbeschreiblicher Anmuth, aber doch ein wenig errthend. Ich mchte Sie
bitten, fuhr sie fort, den nchsten Tanz mit jener jungen Dame zu tanzen, die
eben mit mir durch den Saal gieng. Sie ist der Gesellschaft unbekannt, und
unsere jungen Herren sind smmtlich unartig genug, sie dies empfinden zu
lassen.
    Raimunds frohes Erstaunen bei dieser unerwarteten Anrede erlaubte ihm nicht
viel Worte zu machen. Er eilte, vor allen Vicktorinens Wunsch zu erfllen, und
nahte sich ihr dann wieder, um von ihr zu erfahren, wer das junge Mdchen sei,
dessen sie so eifrig sich annahm.
    Ich kenne sie eben so wenig als Sie sie kennen, gab Vicktorine ihm ruhig
und einfach zur Antwort. Indessen sie ist hier fremd, und da ich sie so ganz
verlassen da sitzen sah, kam mir der Gedanke: wie mir zu Muthe sein wrde, wenn
mir einmal etwas hnliches wiederfhre. Da war es denn doch natrlich, da ich
nicht eher ruhen konnte, bis ich sie tanzen sah.
    Aber wie war es mglich, da Sie, gerade Sie mein Frulein, sich eine
solche Mglichkeit nur denken konnten? fragte Raimund.
    Und warum sollte ich dies nicht knnen? erwiederte ihm Vicktorine. Jene
alte menschliche Sitte, dem Fremdling freundlich entgegen zu treten, weil
Fremdsein doch wenigstens fr den Moment eine Art Unglck ist, kam lngst aus
der Mode, und da knnte es doch geschehen, da ich an einem Orte, wo ich ganz
unbekannt wre, eben so verlassen da sitzen mte als dieses arme Kind. Zu
meiner grossen Freude werde ich indessen eben gewahr, da man sie zum nchsten
Tanze wieder auffordert, und nun tanze ich selbst mit verdoppelter Lust, da der
Anblick der kleinen Verlassenen mich nicht mehr qult. Die Sie gar nicht
kennen? fragte Holm. Die ich gar nicht kenne. Mu man denn alle Leute kennen?
erwiederte Vicktorine lachend, und hpfte mit ihrem Tnzer davon, der in diesem
Augenblick herantrat, um sie zum eben beginnenden Tanze abzuholen.
    Nachdem letzterer vollendet war, setzte sich Vicktorine hin um auszuruhen,
und Raimund nahte ihr von neuem. Ich mchte wohl einmal, und wre es auch nur
fr eine einzige Stunde, Sie sein, mein Frulein, sprach er lchelnd, es ist
wohl ein verwegner Wunsch, aber ich kann ihn nicht unterdrcken. Ich mchte
wissen, wie jemanden zu Muthe ist, der in der Gewisheit auftritt, mit jedem
Lcheln, jedem Blick, Freude und Bewunderung um sich her zu verbreiten.
    Sind Sie nicht kindisch! rief Vicktorine, recht herzlich lachend. Das
wre ja ein Bewustsein, wie es hchstens eine Prinzessin haben knnte, der man
von Jugend auf solch albernes Zeug in den Kopf gesezt hat. Unser einem fllt so
etwas gar nicht ein.
    Frulein, Sie sind zu bescheiden, und wenn ich drfte, so sezte ich gerne
hinzu: Sie sind auch in diesem Augenblicke nicht recht aufrichtig gegen sich
selbst. Denn wie knnte Ihnen der Eindruck entgehen, den Sie durch ihr blosses
Erscheinen berall hervorbringen! sprach Raimund.
    Ich bin nicht halb so bescheiden als Sie es vielleicht denken, erwiederte
Vicktorine mit einer sehr geflligen Zutraulichkeit in ihrem Wesen. Ich wre
aber doch eine gar zu alberne Thrin, fuhr sie fort, wenn ich nicht merkte,
wie viel, oder eigentlich wie wenig von dem, was Sie die allgemeine Bewunderung
nennen, ich mir selbst zuzuschreiben habe. Ich weis recht gut da ich ziemlich
hlich und sogar etwas unangenehm sein knnte, ohne da das Betragen der
Gesellschaft gegen mich sonderlich dadurch abgendert wrde, wenn alles brige
meiner Existenz, was nicht Ich ist, nur so bliebe wie es ist. Dies sage ich mir
recht oft, um hbsch in der Demuth zu bleiben, sezte sie mit einem angenehmen
Lcheln hinzu, und eilte mit ihrem sich nahenden Tnzer wieder fort.
    Raimund blickte mit einem nie zuvor gekannten Gefhl ihr nach. Ihre
Schnheit, ihr Geist, ihr musikalisches Talent hatten ihn schon oft zu lebhafter
Bewunderung hingerissen; doch die Gte, die chte Bescheidenheit, die
liebenswrdige Offenheit und Einfachheit ihres Wesens, die er gerade an diesem
Abend an ihr entdeckte, wo sie einen Triumph feierte, der tausend andre
schwindlich gemacht htte, zeigten sie ihm im fast berirdischen Lichte. Den
ganzen brigen Abend hindurch blieb er in ihrer Nhe, er bat sie um einen Tanz,
den sie ihm gleich und gern gewhrte, und schwebte an ihrer Seite, wie von
Himmelsflgeln getragen, in nie gekannter Seeligkeit durch den Saal. Bei Tische,
wo nur die Damen saen und die Herren sie bedienten, blieb er ihr gegenber
hinter dem Stuhle des jungen Mdchens stehen, das sie in Schutz genommen hatte.
Durch Vicktorinens Beispiel dazu bewogen, suchte er das noch immer von der
brigen Gesellschaft ziemlich vernachlssigte Wesen durch die feinste
Aufmerksamkeit ber dessen Verlassenheit zu trsten. Vicktorine lohnte ihm dies
von Zeit zu Zeit mit einem freundlichen Lcheln, oder durch ein paar queer ber
den Tisch hin ihm zugesprochne Worte, whrend sie mit unabnderlichem, an Stolz
grnzenden Gleichmuthe die Huldigungen der jungen Herren hinnahm, die den
fremden Prinzen in ihrer Mitte, sich schaarenweise hinter ihrem Stuhle drngten,
mit einander wetteifernd um die Ehre, ihr zuweilen einen Teller oder ein Gla
Wasser reichen zu drfen.
    Im seeligsten Taumel kehrte Raimund vom Balle nach Hause; ihm war die ganze
Nacht hindurch, als schwebe er noch immer in einer bezauberten Welt. Er sah
Vicktorinen wieder und wieder, sie behandelte ihn von nun an gleich einem alten
Bekannten, dem man ohne ngstlichen Rckhalt sich zeigt wie man ist. Jedes
Wiedersehen lie ihn tief in das Innere eines reinen Gemths voll Liebe und
Milde blicken, jedes enthllte ihm neue Beweise eines von Natur hellen lebhaften
Geistes, reich begabt mit den gnstigsten Anlagen, stets bereit, alles Gute,
Hohe und Treffliche in sich aufzunehmen. Die Heftigkeit, zu welcher das
Ungewohntsein jedes Widerspruchs sie zuweilen hinri, die an Eigensinn grnzende
Festigkeit, mit der sie hielt was sie einmal ergriffen, und achtlos
durchzusetzen suchte, was sie fr recht und gut anerkannte, konnte er freilich
an ihr nicht entdecken, weil sich ihm dazu keine Gelegenheit bot.
    Raimund sah nun in Vicktorinen das Wesen in entzckend blhender
Jugendflle, lebend und athmend vor sich stehen, das bis jezt nur, gleich einem
unerreichbaren Traumbilde, seiner jugendlichen Fantasie vorgeschwebt hatte. Er
fhlte sich ihr zu eigen frs ganze Leben, um so mehr, da er, ohne zu
geckenhafter Einbildung herabzusinken, es sich nach wenigen Tagen nicht mehr
verbergen konnte, da auch Vicktorine ihn ebenfalls vor allen Andern
auszeichnete. Ihr ssses Errthen, das freudige Aufstrahlen ihrer Augen, wenn er
sich nahte, das ihr ganz ungewohnte weiche Beben der Stimme, wenn sie ihn
anredete, tausend kleine Zge in ihrem Benehmen, viel zu zart fr jede
Beschreibung, verkndeten ihm sein Glck lange ehe es ausgesprochen ward. Doch
auch diese Stunde, die hchste Blthe des Lebens, blieb nicht aus; aber wie sie
herbeigefhrt ward, was er sprach, was Vicktorine antwortete, wute diese der
Tante selbst nicht ausfhrlich zu vertrauen. Die Glcklichen hatten fast wortlos
einander verstanden, fast wortlos hatten sie den Bund der Treue frs ganze Leben
geschlossen.
    Das hchste ihm denkbare Ziel des Glckes so nahe vor Augen, beschlo
Raimund jezt, ohne Aufschub die Kenntnisse, die er sich erworben, im
brgerlichen Leben thtig geltend zu machen, und dann bei Vicktorinens Vater um
ihre Hand zu werben. Freilich war Kleeborns Abneigung, sie einem andern, als
einem Kaufmanne zu geben, zu stadtkundig geworden, als da Raimund nichts davon
htte erfahren sollen; doch Vicktorine war berzeugt, oder wollte es sein, da
ihr Vater unter diesem Vorwande nur die Antrge ihrer adlichen Verehrer zu
entfernen gesucht habe, weil er nur gegen diese stets einen unbesiegbaren
Widerwillen laut aussprach, ohne dabei der andern brgerlichen Stnde zu
erwhnen. Raimund glaubte Vicktorinen gerne, denn was glaubt hoffende Liebe
nicht? In der freien Re chsstadt, in welcher sie lebten, konnte Raimund auf dem
Wege, den er einzuschlagen gedachte, zu den hchsten Ehrenstellen gelangen, und
er durfte um so eher hoffen alles zu erreichen, was er in dieser Hinsicht
wnschen konnte, da er keine bedeutende Mitbewerber um sich sah, die ihm den
Preis streitig gemacht htten. Freilich stand das Ziel, das er zu erreichen
streben wollte, ihm noch fern, doch beide, er und Vicktorine, waren nicht nur
jung genug um die Zeit ihrer vlligen Vereinigung ruhig abwarten zu knnen,
sondern auch zu seelig in der Gegenwart, um ber diese nicht gern die Zukunft zu
vergessen. Und berdem, welcher Glckliche gieng nicht jedem Wechsel seines
Zustandes mit einem heimlichen Bangen entgegen, selbst wenn diese Vernderung zu
noch Hherem zu fhren verheit!
    Bei alle dem verhehlte Raimund es sich nicht, da sein kleines Vermgen
gegen den frstlichen Reichthum, der Vicktorinen einst zufallen sollte, durchaus
nicht in Anschlag gebracht werden knne; doch sein heller reiner Sinn war weit
ber jene edelmthig sein wollende Armseeligkeit erhaben, die nicht minder
ngstlich berechnend als der Eigennutz, das Geld der Geliebten wgt und zhlt,
und es hher stellt als ihre Liebe, um nur, wre es auch auf Kosten ihres
Glckes, mit romanhaft grosmthiger Entsagung prunken zu knnen.
    Vicktorine war sein, sie selbst hatte sich ihm gegeben; auch arm htte er
sie nicht weniger geliebt, und so konnte die Goldmasse, die einst als Eigenthum
ihr zufallen sollte, den Werth dieses Geschenks in seinen Augen weder erhhen
noch sein Necht daran vermindern. Auch fhlte er in sich Kraft, Muth und Talent
mehr als hinlnglich, um die Geliebte seines Herzens in jedem Falle nicht nur
vor Mangel zu schtzen, sondern ihr auch alles zu verschaffen, was man zu einem
bequemen, ehrenvollen Leben bedarf. Wie die Welt ihn beurtheilen knne? kam ihm
dabei gar nicht in den Sinn, und wenn er auch daran gedacht htte, sein Vater
hatte ihm gelehrt, auf das Gesprch der Leute nicht mehr Werth zu legen, als es
verdient, ihm durchaus nie ein entscheidendes Urtheil ber seine Handlungen
einzurumen, wenn es das Glck eines ganzen Lebens galt.
    Whrend Raimund zum Eintritt in das thtige Leben eines Geschftsmannes die
ernstlichsten Vorkehrungen traf, fate Vicktorine ihrer Seits den Entschlu, ihm
diesen Schritt dadurch zu erleichtern, da sie ihrer Beider Hoffnung so sicher
zu stellen suchte als mglich. Niemand wute bis jezt um ihre Liebe, denn sie
hatte keine einzige jener Vertrauten, die im gewhnlichen Laufe der Dinge in der
Mdchenwelt eben so unentbehrlich sind, als auf dem franzsischen Theater.
Vicktorine hatte nie jenes Bedrfni gekannt, von sich und ihren Gefhlen
unablssig zu reden oder gar lange Briefe darber zu schreiben, welches so Viele
verlockt, wa hre oder eingebildete Liebesgeschichten an- und auszuspinnen, um
nur in den Augen ihrer Vertrauten als die Heldin eines kleinen Romans zu
glnzen. Hingegen war aber auch ihrem offnen Gemth alles Heimlichthun durchaus
verhat, und sie beschlo daher, die erste schickliche Gelegenheit zu ergreifen,
um ihrem Vater das stille Geheimni ihres Herzens zu entdecken, und ihn im
Voraus durch Bitten und Grnde fr ihre Liebe zu gewinnen.
    Der ihr fr dieses Gestndni gnstig scheinende Moment blieb nicht lange
aus. Sie war mit ihrem Vater allein, und fand ihn in einer sehr freundlichen
Stimmung, doch ihr Vertrauen ward leider ganz gegen ihre Erwartung erwiedert.
    So! du hast Romane gelesen, mein Kind, und sie sind dir, wie ich sehe,
schlecht bekommen antwortete ihr Herr Kleeborn, sobald er nur erst begriff was
sie meinte, und dies mit einer Art ironischer Gelassenheit, die Vicktorinen,
gleich einem Dolchstiche, wehe that. Doch das thut nichts, es wird sich schon
wieder geben, denn du bist noch jung und kannst noch vieles lernen, fuhr er im
nemlichen Tone fort. Du wirst schon mit der Zeit einsehen, sezte er hinzu,
da die Welt anders aussieht, als es in deinen Bchern steht. Indessen du magst
dies bald begreifen, oder spt, oder auch gar nicht, so prge dir wenigstens
fest in den Sinn, da dein Vater nie auf den thrichten Einfall kommen kann,
seine der ganzen Welt rhmlichst bekannte Firma mit seinem Tode erlschen zu
lassen, und sein einziges Kind nebst allem, was er mit Mhe und Sorge erworben
hat, einem Federhelden zu bergeben, der ein so betrchtliches Vermgen weder zu
verwalten noch zusammen zu halten weis.
    Vicktorine wollte hier das Wort nehmen, doch ihr Vater lies sie nicht dazu
kommen. Schlage dir diese und hnliche Grillen gnzlich aus dem Sinne,
Vicktorine, rief er mit zornfunkelndem Blick, vor dem die Erschrockene
verstummen mute. Ich warne dich, auf nichts eigensinnig zu bestehen, fuhr er
fort, denn es hilft dir nichts, ich fordre Gehorsam. Es steht fest wie die
Sonne, da kein Baron, kein Graf, selbst kein Prinz mein Schwiegersohn wird,
aber auch kein Schulfuchs, sondern ein tchtiger Mann meines Standes, des ersten
glcklichsten und ehrenvollsten in der Welt, weil er der ntzlichste ist.
Uebrigens hast du vergessen, mir den Namen deines Seladons zu nennen. Schweige,
ich verlange auch nicht, ihn zu erfahren, weil es mir gleichgltig ist, wie ein
arroganter Thor heissen mag. Du weit jezt meinen Willen; geh' und richte dich
darnach.
    Die eisige Klte, mit welcher Herr Kleeborn dieses Urtheil aussprach, und
die vollkommenste Gleichgltigkeit gegen dessen sichtbaren Eindruck auf das
Gemth seiner Tochter, mit welcher er dieser sich zu entfernen winkte,
berzeugten Vicktorinen nur zu sehr von dem Vergeblichen jedes Versuches, den
strengen Richter zu erweichen. Ueberdem war es ihr in diesem Augenblick'
unmglich, noch lnger in seiner Gegenwart zu verweilen, so ergriffen fhlte sie
sich von der ganz unerwarteten Aufnahme, die ihr herzliches Vertrauen gefunden
hatte.
    Mit unbeschreiblich-schmerzhaftem Erschrecken ward sie jezt den von ihr nie
zuvor geahneten Ernst des Schicksals der Menschen gewahr, das nie vergit, auch
seinen Gnstlingen Dornen unter die Rosen zu streuen, die scheinbar den Weg
bedecken. Bis jezt war jeder Wunsch, selbst jede schnell vorbergehende
Mdchenlaune der Verwhnten in Erfllung gegangen, nichts war ihr jemals
verwehrt oder abgeschlagen worden, und nun preten Schmerz, Zorn und bange
Furcht vor der Zukunft ihr heibrennende Thrnen aus den Augen, die bis diese
Stunde nur freudiges Lcheln oder Thrnen des Mitleids gekannt hatten.
    Jezt erst fhlte sie ganz, was Raimund ihr war; sie hatte ihn sogar nie
zuvor so innig geliebt, als in diesem Moment, wo sie zum erstenmale die
Mglichkeit sich dachte, von ihm getrennt werden zu knnen. Ihre Thrnen
trockneten, indem sie sich gelobte, der unbeugsamen Gewalt ihr starkes Herz voll
Liebe und ihren festen feurigen Muth entgegen zu stellen. Endlich ergriff sie
ohne weiteres Bedenken die Feder, um dem Geliebten das zwischen ihr und ihrem
Vater Vorgegangene umstndlich und offen darzustellen. Ihre Worte trugen das
Geprge einer leidenschaftlichen Gluth, welche ihr bis jezt stets fremd
geblieben war, und die ein zuvor von ihr nie gekanntes Gefhl erlittnen Unrechts
in ihr entzndet hatte. Sie dachte nicht daran, ihre Worte zu whlen, sie ward
immer begeisterter, je lnger sie schrieb, und zulezt schien ihr nichts
ausdrucksvoll und glhend genug, um nur dem Freunde ihres Herzens Vertrauen in
ihre Liebe und Treue einzuflssen, ihn im voraus ber alles das zu trsten, was
ihrem Glcke sich entgegen stellen knnte und ihm den starken Muth mitzutheilen,
von dem sie sich selbst in diesem Momente durchdrungen fhlte.
    Ich bin dein, Raimund, schrieb sie nach vollendeter Erzhlung des Vorgangs
zwischen ihr und ihrem Vater; ich bin dein und bleibe es und wrst du weit ber
dem Meer, und leuchteten dir in einem andern Welttheil andre Sterne als mir, und
gienge dir in dem Augenblick fern von mir die Sonne auf, in welchem ich sie
sinken sehe. Die Mitternacht wrde dann auch mein Morgen sein, den Tag wrde ich
vertrumen, und nur in der Nacht leben, wenn ich wte da du des Lichtes dich
freutest und deiner Vicktorine liebend gedchtest. Habe nur Vertrauen zu mir,
denn nichts kann von dir mich wenden, nicht Bitten, nicht Drohen, nicht die
Macht der Zeit, viel weniger die sterbliche Gewalt.
    O knnte ich diese goldnen Ketten abstreifen, die ich jezt so herzlich
verachte. Knnte ich mit dir in verborgener Mittelmssigkeit leben, fr dich
arbeiten und entbehren! Du denkst vielleicht, deine vom Glck verwhnte
Vicktorine spreche nur so leichthin von Entbehrungen, die sie nicht kennt, ohne
einen Begriff damit zu verbinden; aber glaube mir, mein Freund, ich weis was ich
damit sage. Ich weis wohl, da anfangs mir verzognem Kinde Drftigkeit scheinen
wrde, was Andre als seltnen Ueberflu hoch halten; ich weis, da meine
Erziehung mir leider schwere Fesseln angelegt hat, und da ich gewissermassen
von neuem leben lernen mte, wenn ich aus dem Gleise hinaustrte, an welches
ich von meiner Geburt an gewohnt bin. Ich leugne das Opfer nicht ab, das ich
damit brchte, aber bedenke auch, welches unnennbare Wonnegefhl es sein mte,
durch irgend ein Opfer und wre es das hchste, die Seeligkeit zu erringen, an
der Hand des Geliebten durchs Leben zu gehen! Durch dich, mit dir immer hher zu
streben zum Urquell alles Guten und Wahren und Schnen!
    Ich bin nicht fr den Schmerz gebohren, das weis ich seit heute, da ich
zuerst ihn empfand; er erdrckt mich, er vernichtet mich, und nur im
Sonnenscheine des Glcks kann alles das Gute, welches in mir, wie in jedem
lebenden Geschpfe liegt, zur vollen Blthe sich entfalten. Und wo ist Glck fr
mich als bei Dir?
    Doch fahre hin, schner Traum vor dem was sein knnte, ich mu Dir
entsagen, denn ich darf meinen Vater nicht ohne seine Einwilligung verlassen,
wenn ich Raimunds und des Glckes werth bleiben will, dem ich so nah zu sein
hoffte, und das jezt in so ungemessner Ferne vor mir steht. Ich werde meinem
Vater gehorchen wie ich that seit ich lebe, mit heissen, bittern Thrnen
schreibe ich dies nieder, doch ohne Kampf mit mir selbst. Ich werde seinen
Wnschen entgegen eilen, und jeder seiner Winke sei mir Befehl, in allem, wo er
mir gebieten darf. Ach alles, alles will ich thun, alles, alles leiden,
hingeben, entbehren, nur Dich zu lieben, wolle er mir nicht verwehren, er darf
es nicht, er kann es nicht, so wenig als er mir verbiethen kann zu athmen. Die
Hand, die meines Herzens Schlag schuf und erhlt, legte auch den Keim dieser
Liebe gleich bei seinem Entstehen in dies nehmliche Herz; mein Dasein ist mit
dem Deinen innigst verflochten, es lt sich nicht losreissen, dies nur
versuchen, hie sndigen, es wre geistiger Selbstmord, darum bin und bleibe ich
dein, nahe oder ferne, gleich viel.
    Whrend ich Dir schreibe, Geliebter! kam Trost in meine Seele. Wie konnte
es anders sein, Du warst ja bei mir und ich fhlte Deine liebende Nhe! Raimund,
noch blht uns die Gegenwart, wir werden uns sehen, uns sprechen wie zuvor, und
sind durch gemeinschaftliche Sorge nur noch inniger vereint. Mein Vater hat mir
nicht geboten, den Umgang mit Dir aufzuheben, er kennt nicht einmal den Namen
des Mannes, dem seine Tochter auf ewig angehrt, anfangs lies er mir nicht Zeit
ihn zu nennen, spter hielt er es nicht der Mhe werth, darnach zu fragen. So
leichthin behandelt er das Herz, das Glck seines Kindes! Doch auch hierin liegt
Trost; ich darf den Vater nun noch nicht grausam schelten, denn er weis ja
nicht, was er mir thut; vielleicht wre er sonst milder, er hat mich ja immer
geliebt?
    Es war der erste Brief, den Vicktorine jemals an Raimund geschrieben hatte,
und sie sendete ihn verborgen in einem Pakete Musikalien an ihn ab, ohne dadurch
Argwohn zu erregen; denn der Singverein veranlate oft solche Sendungen.
    Da Raimund das Schreiben erhalten habe, war nicht zu bezweifeln, doch viele
Tage vergiengen, ohne da er ihr antwortete. Vergebens hoffte Vicktorine im
Singverein ihn zu treffen, vergebens suchte ihr Auge ihn auf der Promenade, im
Konzert, im Theater, er fehlte berall, wo sie sonst gewohnt war, wenigstens aus
der Ferne seinen Gru zu erwiedern. Sie vergieng beinahe vor innrer Unruhe;
tausend, immer abentheuerlicher werdende Besorgnisse drngten sich ihr auf und
fllten ihre Fantasie mit Schreckbildern. Und doch war jeder Versuch, aus dieser
bengstigten Lage zu kommen, ihr unmglich, denn es fehlte ihr der Muth, nur
Raimunds Namen zu nennen, vielweniger mochte sie es wagen, bei Bekannten nach
ihm sich zu erkundigen. Endlich nach mehreren, in unaussprechlicher Bangigkeit
verlebten Tagen erhielt auch sie ein Paket Musikalien, sie erbrach es mit
zitternder Hand, es enthielt das, wonach sie so lange sich gesehnt, einen Brief
des Geliebten. Raimund schrieb:
    Du, meine Vicktorine! Du, deren schne Seele so wahr, so glhend es
empfindet, welche Seeligkeit es sei, der Liebe alles zu opfern, freue Dich mit
Deinem Freunde, da er der Glckliche ist, dem die strenge Pflicht erlaubt, was
sie Dir verbietet.
    Ja, ich habe im festen, heiligen Vertrauen auf Dich alles von mir geworfen;
meine Aussichten fr die Zukunft, meine Plne, die ganze bisherige Tendenz
meines Lebens; sogar meiner Unabhngigkeit habe ich, fr einige Zeit wenigstens,
entsagt, um nur die Hoffnung mir zu gewinnen, Dich mir einst erwerben zu knnen;
denn - seit zwei Tagen arbeite ich im Komtoir des Kommerzienraths Fischer,
dessen Sohn, wie Du weist, einer meiner Universittsfreunde ist.
    Du erbleichst, Dein schnes Auge fllen Thrnen und bange Furcht bemeistert
sich Deiner, indem Du dieses liesest. Fasse Muth, meine Vicktorine, zage nicht,
zweifle auch nicht; ich habe den Schritt, den ich that, wohl berlegt. Um dieses
zu knnen, vermied ich es sogar in diesen Tagen, Dich zu sehen, denn ich wollte
den wichtigen Kampf mit mir ganz allein in ungestrter Stille auskmpfen; ich
schrieb Dir nicht, bis ich, mit mir selbst vllig einig, Dir sagen konnte: das
habe ich gethan, statt Dir zu melden: das gedenke ich zu thun. Ich bin nicht
minder offen als Du; ich werde es gegen Dich immer so sein, und darum will ich
nicht einmal das Dir verhehlen, da auch ich nicht ohne Schmerz von allem
Gewohnten mich losreissen und die von meinem Vater fr mich gewhlte Bahn
verlassen konnte, um mich in das Gewirre und Getreibe einer Welt zu werfen, die
nie die meine war. Doch glaube mir: ich bin unfhig, je zu bereuen, was ich nur
nach vielfacher Ueberlegung unternahm, und werde gewi von nun an alle Pflichten
des an sich ehrenwerthen Standes erfllen, den ich selbst mir erwhlte, ja den
ich mir erwhlen mute, um gegen mich selbst gerecht zu sein.
    Theure Vicktorine, ich habe mich in dieser Zeit sehr strenge geprft, ich
bin mit mir selbst offen zu Werke gegangen, was so schwer ist; denn wen tuscht
man lieber und leichter, als sich selbst? Auch Dich will ich nicht tuschen, und
so gestehe ich Dir offen, da ich jezt weis: ich knnte ohne Dich das Leben zwar
tragen, aber ich fhle auch, da ich mich alsdann dazu anschicken mte, wie zu
einer nchtlichen Winterreise ohne Wrme und Licht, denn Du, Vicktorine, bist
die Sonne meines Daseins, das ich ohne Dich kraftlos, in Dunkelheit hinschleppen
mte. Darum schilt mich nicht, da ich that was ich mute; beneide mich auch
nicht, da ich durfte was Du nicht darfst, und vor allem, tadle Deinen Vater
nicht, dessen wohlgemeinter, und im rechten Lichte gesehen, auch wohl motivirter
Wille mir es mglich machte, Dir durch mehr als Worte zu zeigen was Du mir
bist.
    Kann es Dich beruhigen, und ich hoffe es wird es, so vernimm, da ich schon
jezt einsehe, wie ich zu meinem jezigen Berufe, bei meinen, freilich zu anderm
Zwecke erworbnen Kenntnissen nicht viel mehr brauchen werde als Gewhnung und
dabei Aneignung des ihm eigenthmlichen, mechanischen Theils desselben, den
gewhnlich Knaben in frher Jugend schon erlernen. Alles dies dnkt mir indessen
zum Theil nicht schwer zu begreifen, zum Theil werde ich dessen berhoben. Was
dem Knaben als Zentnerlast erscheint, ist ja berdem dem reifen Manne ein Spiel.
Und wre es auch anders, was kann mir lstig dnken, wenn ich den Blick dem
Ziele zuwende, zu dem ich strebe.
    Leidvoll und Freudvoll versank Vicktorine in sich selbst, als sie dieses
las. Das Opfer, welches Raimund ihr gebracht, erfllte ihr Gemth nicht mit
Liebe, nicht mit Bewunderung, aber mit einem aus beiden zusammengesezten
namenlosen Gefhl: als sie ihr Wesen so ganz mit dem seinen verschlungen, da
nur Tod sie von ihm reissen knne. Die Liebenden sahen sich wieder; ihr erstes
Wiedersehen war ein schmerzlich-entzckender Augenblick; auch ward ihnen von nun
an nur selten das Glck, mehr, als Blicke oder ein paar flchtig hingeworfene
Worte mit einander wechseln zu knnen; denn Beide fhlten jezt mehr wie je die
Nothwendigkeit, ihr Geheimni den Augen der neugierigen Welt zu verbergen. Sie
vermieden deshalb auf das gewissenhafteste jede Unvorsichtigkeit in ihrem
Betragen, durch die das Heiligthum ihrer Herzen unberufnen Beobachtern htte
verrathen werden knnen.
    So vergieng ihnen ein Jahr und drber in der Seeligkeit des reinsten
Bewustseins vertrauensvoller inniger Liebe. Das jungen Holm rasch ausgefhrter
Entschlu war bei seinem Alter, bei seinen Kenntnissen in einem andern Fache,
bei seinen Aussichten in eine ihm offen stehende ehrenvolle Zukunft zu
beispiellos, als da er nicht selbst in dieser groen Stadt dadurch htte
Aufsehen erregen sollen. Anfangs war darber, als ber eine groe Thorheit viel
gesprochen und gespttelt worden, spterhin aber begann Raimund, sich ganz auf
eine entgegengesezte Weise bemerkbar zu machen. Man fhlte sich gezwungen, die
Leichtigkeit zu bewundern, mit welcher der Neuling Schwierigkeiten berwand, die
denen unberwindlich geschienen hatten, welche, von Jugend auf zum
Kaufmannsstande erzogen, es fr unmglich hielten, sich ohne diesen Vortheil in
Geschften solcher Art zurecht finden zu knnen. Raimunds sehr ausgebreitete
Kenntnis fremder Sprachen, die Geschicklichkeit, mit der er den bedeutendsten
Theil der Korrespondenz seines Hauses zu fhren wute, und mehr noch als alles
dies, der Scharfblick und die Berechnung der Umstnde, durch welche er dasselbe
zu einigen sehr vortheilhaft ausfallenden Spekulazionen veranlat hatte,
erwarben ihm allgemeine Achtung an der Brse. Man wute, da er ohne alle
Belohnung an Gelde im Fischerschen Komtoir arbeite, aber die angesehnsten Huser
htten gern um jeden Preis einen solchen Gehlfen sich erworben, der, ohne die
Lehrjahre berstanden zu haben, gleich als Meister auftrat. Jeder profezeyete in
ihm einen knftigen Stern erster Gre in der handelnden Welt, wenn das Glck
ihn nur so begnstigen wolle, als seine Kenntnisse und sein Flei es verdienten.
Sogar Herr Kleeborn erwhnte seiner einigemal ber Tische, und mit grossem Lobe.
Vicktorine getraute sich dabei kaum, die Augen von ihrem Teller zu erheben, und
ihr laut pochendes Herz wollte vor banger Freude zerspringen, denn ein ganz
eignes schlaues Lcheln ihres Vaters, indem er den Namen Holm auffallend
betonte, verrieth ihr nicht nur seine Bekanntschaft mit ihrem Geheimni, sondern
sie glaubte auch mit Sicherheit, Plne zu ihrem knftigen Glck darin lesen zu
drfen.
    Ganz unbefangen und ahnungslos folgte sie daher dem Ruf ihres Vaters, als
dieser sie, wie er zuweilen that, zu sich in sein Kabinet beschied. Hchstens
erwartete sie wieder einmal von einem abgewiesenen Heurathsantrage hren zu
mssen, und sie erschrack daher schon ein wenig, als Herr Kleeborn mit ganz
sonderbarer, etwas feierlicher Freundlichkeit ihr entgegen trat, ihre Hand
ergriff, und sie nthigte, sich zu ihm auf das Sofa zu setzen.
    Vicktorine, begann er nach einer kleinen Pause, seine wahrscheinlich
vorher einstudirte Rede, Vicktorine, Du bist mein einziges Kind, und Du weist,
wie es von jeher mein hchster Wunsch war, Dein wahres Glck nach bester
Einsicht und Kraft zu begrnden. Viele Jahre hindurch habe ich Tag und Nacht fr
Dich gesorgt und gearbeitet, darum ist es jezt an Dir, mich fr alle meine Sorge
und Mhe zu belohnen. Nun, ich mu es Dir zum Ruhm nachsagen, Du warst ein
folgsames Kind, und hast Dir nie die mindeste Einwendung gegen meinen Willen
erlaubt, wenn ich Antrge abwies, die ich fr Dich als unpassend erkannte, indem
ich mit meinem wohlerworbnen Golde weder alte Adelsbriefe auffrischen, noch
verschuldete Gter einlsen lassen mag. Nun! des Vaters Seegen erbaut den
Kindern Huser, und auch meiner hat Dir eins gebaut, denn ich habe Dich rufen
lassen, um Dir anzukndigen, da Du endlich die Braut eines wrdigen Mannes
meines Standes bist, eines Kaufmanns recht nach meinem Herzen, der - - -
    Herr Holm ist im Komtoir, rief jezt Jemand zur Thr herein. Herr Holm!
wiederholte Kleeborn nachdenklich fr sich hin, Vicktorine bebte an allen
Gliedern. Es ist gut so, und vielleicht um so besser, sezte jezt Kleeborn nach
kurzem Ueberlegen halblaut hinzu; dann wandte er sich zu Vicktorinen: Geschfte
gehen allem vor, mein Kind wie Du weist, doch Du bleibst hier, es ist gleich
abgethan, und wir sprechen hernach weiter. Lassen Sie den jungen Holm nur
herein treten, sagte er zu dem, der ihn gemeldet hatte. Dieser gieng sogleich,
den Befehl zu vollstrecken und nach wenig Sekunden stand Raimund vor
Vicktorinen. Sein erster Blick fiel auf sie, er sah sie fast besinnungslos da
sitzen und errthete sichtbar, doch suchte er sich schnell wieder zu fassen, und
richtete wirklich seinen Auftrag an Herrn Kleeborn mit mglichster Klarheit aus;
anfangs freilich mit etwas unsicherer, nach und nach aber mit immer fester
werdender Stimme. Es war von einer sehr bedeutenden Unternehmung die Rede, zu
welcher Holm den Plan entworfen hatte, und zu deren Ausfhrung Herr Kleeborn mit
dem Herrn Fischer zusammentreten wollte. Er gieng darber mit Raimunden in sehr
weitluftige Unterhandlungen ein, lobte mehrmals die helle, bestimmte Ansicht
des jungen Mannes, und betrug sich im Ganzen so freundlich und hflich gegen
ihn, da Vicktorine sich nicht nur allmhlig von ihrer Ueberraschung erholte,
sondern sogar begann, in ihrem Gemthe den khnsten Hoffnungen Raum zu geben.
    Der Gegenstand des Gesprchs der Beiden war nun erschpft und Holm machte
Miene sich entfernen zu wollen, doch Kleeborn hielt ihn fest. Ehe Sie gehen,
lieber Herr Holm, sprach er, will ich Ihnen doch einen Beweis meiner Achtung
fr Ihre Person geben; Sie sollen der erste sein, der meiner Tochter als der
Braut des Sir Charles Wissmann seinen Glckwunsch bringt. Ihr Brutigam ist
hollndischer Konsul in London und der Sohn des berhmten Amsterdammer Hauses
dieses Namens, das Ihnen gewis rhmlichst bekannt sein wird. Seit mehr als zehn
Jahren bin ich diesem Hause so hoch verpflichtet, da ich nur auf diese Weise
meine Schuld einigermaen abtragen kann.
    Raimund stand jezt unbeweglich und bleich gleich einer Marmorbste da. Es
war ihm als ob bei dieser unerwarteten Anrede die Sinne ihm vergiengen; auch
Vicktorine starrte mit gefalteten bebenden Hnden und mit weit offnen Augen
athemlos vor sich hin. Sie sprang vom Sofa auf. Vater! rief sie, Vater, was
soll dieser grausame Scherz? Die Stimme versagte ihr, sie verstummte,
sichtbarlich zitternd vor innerer ngstlicher Bewegung.
    Scherz, mein Kind? erwiederte Kleeborn mit erzwungnem Gleichmuth, ei! ei!
Vicktorine, seit wenn kennst Du mich denn von dieser spashaften Seite? Da ich
mit ernsten Dingen nicht gewohnt bin zu scherzen, knntest Du doch wissen. Frage
nur hier Herrn Holm, das Haus Deines Schwiegervaters in Amsterdam ist ihm gewis
bekannt.
    Sie scherzen nicht? Vater, rief jezt Vicktorine, sich und alles in ihrer
Verzweiflung vergessend. Sie scherzen nicht? Und dieser frchterliche Hohn - o
Vater! ich habe Ihnen ja nichts verschwiegen, Sie konnten mein Herz - -
Kleeborn unterbrach sie. Mdchenherzen sind Modeartikel, auf die kein
vernnftiger und gewis kein solider Mann sich einlt, erwiederte er ihr, noch
immer sehr gleichmthig. Uebrigens, sezte er hinzu, will ich hoffen, da Dein
Herz kein rebellisches, sondern ein gehorsames Herz ist, wie es sich fr meine
Tochter ziemt. Von Deinen Gestndnissen aber, die Du mir gemacht haben willst,
weis ich kein Wort, und auch Du thust am besten, sie ebenfalls zu vergessen.
    Vater, o mein Vater, rief Vicktorine ngstlich flehend, Sie wuten um
meine Liebe. Hren Sie auf, mich auf diese Weise zu ngstigen, ich habe Ihnen ja
nichts verborgen, und wenn Sie auch Grnde vielleicht hatten, den Namen des
Mannes, den ich liebe, nicht von mir nennen hren zu wollen, so konnten Sie ihn
aus Raimunds seltnem Entschlu doch errathen; ja Sie haben ihn errathen;
besinnen Sie sich doch, lieber Vater, Sie haben ihn errathen - - Das ich nicht
wte, fiel Kleeborn, noch immer sehr kalt und gelassen ein, ich gab mich nie
sonderlich mit Rthseln ab, doch weis ich lange, da junge Mdchen sich mit
eingebildeten Liebesgeschichten die Zeit vertreiben, wenn es mit den Puppen
nicht mehr recht fort will, denn jedes Alter will sein Spielwerk. Doch, Du
Vicktorine, solltest die Kinderschuhe endlich ausgetreten haben, und ich bitte,
da es von heute an geschehe, wenns nicht schon geschehen ist.
    Mit hochfliegender Brust, bleich und stumm vor Entsetzen, stand Vicktorine
im gewaltsamen Kampfe ihres Innern da, whrend ihr Vater sich jezt vornehm
hflich an Raimund wandte. Von Ihnen, Herr Holm, sprach er zu diesem, und von
Ihrem Verstande hege ich eine zu gute Meinung, als da ich nicht glauben drfte,
da Sie von jeher eingesehen haben werden wie weder Ihre jetzige Lage, noch Ihre
derzeitigen Vermgensumstnde Sie fr jezt berechtigen knnen, auf die Hand
eines Mdchens, wie die einzige Tochter von Martin Nicolaus Kleeborn eines ist,
Ansprche zu machen. Hier wollte Raimund antworten, doch der Alte lies ihn
nicht zum Worte. Ich will Sie mit dieser meiner Aeusserung keinesweges
zurcksetzen, lieber Herr Holm, sprach er noch immer in ziemlich hflichem
Tone; im Gegentheil, ich kenne Sie als einen sehr soliden und geschickten
jungen Mann, der einst gewis noch in der Welt sein Glck machen wird. Viele
haben mit weit Wenigerm angefangen als Sie und sind jezt Millionre. Ihr Glck
blht noch, und wenn ich in Zukunft Ihnen irgendwo dienen kann, soll es gern
geschehen, denn ich helfe gern jungen Leuten fort. Aber fr jezt - nun Sie
wissen es ja auch, knftig ist nicht heut, und man pflckt nicht Blthen sondern
Frchte.
    Raimund hatte allmhlig whrend dieses Vorganges seine Fassung wieder
errungen. Je lnger Kleeborn sprach, je hher richtete er sich aus seiner
vorigen, durch Schrecken und Verlegenheit gebeugten Stellung wieder empor, so
da er zulezt mit fast kniglichem Anstande vor seinem Widersacher stand, und
ihm so fest ins Auge sah, da Kleeborn jezt seinerseits dadurch in einige
Verlegenheit gerieth und unwillkhrlich das Gesicht von ihm abwandte.
    Ich weis, wer und was ich bin, und es bedarf keiner Erinnerung von Ihnen,
Herr Kleeborn, um mich in den mir gebhrenden Schranken zu halten, erwiederte
Raimund jezt, zwar mit gemssigtem, aber dennoch sehr festem, ernsten Tone. Ja,
ich gestehe es, fuhr er fort, und ich bin stolz darauf, es Ihnen und der
ganzen Welt zu bekennen, da ich Vicktorinen mehr liebe als mich, als mein
Glck, als mein Leben. Doch verstehen Sie mich recht, nur sie liebe ich, nur
nach ihrem Besitze strebe ich, nicht nach dem Vermgen ihres Vaters, dessen ich
Gottlob nicht zu meinem Glcke bedarf.
    Ich habe Sie ausreden lassen, und erbitte mir die nmliche Geflligkeit
jezt von Ihnen, setzte Raimund hinzu, da er bemerkte, da der Alte ihm etwas
erwiedern wollte. Es kann Ihnen nicht unbekannt sein, fuhr er fort, da, wre
ich dem Stande getreu geblieben, zu dem ich erzogen ward, ich die sichre
Aussicht hatte, Ihrer Tochter mit meiner Hand ein vielleicht glnzendes, oder
doch gewis ein unabhngiges und ehrenvolles Loos bieten zu knnen. Doch ich
verlies diese Bahn, um auf eine Weise zu dem hchsten Ziele meiner Wnsche zu
gelangen, die auch Ihnen gefallen, und sogar mit der Zeit Ihnen ntzlich werden
knnte. Ich wnschte, dem Vater Vicktorinens durch ein nicht unbedeutendes Opfer
meine Liebe zu seiner Tochter zu beweisen, und zugleich durch meinen
angestrengtesten Flei ihm spterhin ein sorgloses, mhloses Alter....
    So? Ey das ist ja recht schn und lobenswerth, fiel Kleeborn jezt noch
immer ein wenig verlegen ein, - denn das edle feste Benehmen des jungen Mannes
imponirte ihm doch einigermassen, und berdem mochten auch Rcksichten auf das
eben gesprochene, wichtige Geschft ihn bewegen, denselben mit einiger Schonung
zu behandeln. Ja sehen Sie fuhr er daher ziemlich freundlich fort, das ist
wie gesagt recht lobenswerth und schn. Nun Sie werden es mir gewis noch selbst
einst verdanken, da ich so gleichsam die unschuldige Ursache war, Sie auf den
rechten Weg zu bringen, denn Sie sind zum Kaufmann geboren. Und wie gesagt, wenn
ich gleich Ihre Offerte wegen meiner Tochter diesmal nicht annehmen kann, so bin
ich doch stets geneigt, Ihnen in Zukunft mit meinem guten Rath' oder auch sonst
zu dienen, denn wir bleiben doch gute Freunde, da ich von Ihrer
Rechtschaffenheit hoffe, da Sie nicht hinter meinem Rcken etwas unternehmen
werden, um mein einziges Kind zum Ungehorsam zu verleiten.
    Holm, ohne ihm zu antworten, wandte sich Vicktorinen zu, die, einer
Sterbenden hnlich, in der leidenschaftlichsten Bewegung vergebens nach Athem
rang. Theures, unaussprechlich geliebtes Wesen, sprach er, und drckte ihre
Hand an sein hochschlagendes Herz, Vicktorine, Du Licht meiner Augen, Du Leben
meines Lebens, zrne mir nicht, da ich jezt Deine Freiheit Dir wieder gebe; ich
wollte Dich verdienen, doch erschleichen will ich Dich nicht; entscheide ber
Dich selbst und, wenn Du es vermagst, so folge dem Willen Deines Vaters; la den
Gedanken an mein knftiges Geschick auf Deinen Entschlu keinen Einflu haben.
Dein Glck ist das meine, Dein Bild kann mir niemand rauben, und eine Zukunft
giebt es nicht mehr fr dieses Herz, das hinfort nur in der Vergangenheit lebt.
Ich bleibe Dein, denn ich kann nicht anders, doch Du - - -
    Raimund! Raimund! schrie Vicktorine mit konvulsivischer Heftigkeit laut
auf; sie strzte zum erstenmal sich in seine Arme, an seine Brust, sie umschlang
seinen Nacken mit furchtbarer Angstgeberde, und sank dann vor ihrem Vater
nieder, dessen Knie sie fest umklammerte. Vater! rief sie, knnen Sie mich,
Ihr einziges Kind so sehen und nicht sich erbarmen! knnen Sie diesen edelsten
der Menschen hren und nicht an Ihre Brust ihn schlieen, und nicht Gott danken,
da er ihr Sohn sein will!
    Romanenheldin! Komediantin! solche Theaterpossen gehen an mir verloren,
rief der Vater bleich vor Zorn, mit bebenden Lippen, indem er sich los zu machen
strebte. Also auf du und du? bei Gott das geht weit! Steh' auf! Steh' auf
Vicktorine, Du bist und bleibst Charles Wissmanns Braut, denn ich gab mein Wort,
und werde es Deiner Narrheit zu gefallen nicht zum erstenmal in meinem Leben
brechen. Und Sie junger Herr - -
    Vollenden Sie nicht, was Sie sagen wollen! Hren Sie erst meine Erklrung
auch, sprach Raimund mit so festem mnnlichen Ton, da Kleeborn sich bewogen
fhlte, ihm nachzugeben. Da ich nach diesem nicht mehr daran denken kann, Sie
durch Bitten erweichen zu wollen, werden Sie mir zutrauen, da ich mein Glck
nicht erschleichen will, wiederhole ich Ihnen nochmals.
    Sie werden also hinfort nicht suchen, meine Tochter heimlich zu sehen? Sie
wollen ihr nicht schreiben? in Summa, Sie geben alle Ihre Ansprche auf?
    Ich habe keine Ansprche als an ihr Herz, und nur Vicktorine darf hier
entscheiden, erwiederte Raimund.
    Ich bin Du, Du bist ich, rief Vicktorine berlaut und umschlang ihn
nochmals. Lassen Sie mich, mein Vater, sprach sie mit so wild blitzenden
Augen, als dieser eine Bewegung machte, sie von Raimund los zu reissen, da er
erschrocken von ihrer Heftigkeit, zurck fuhr. Hre mich, Gott, was ich in
Gegenwart meines Vaters gelobe, rief sie, und hob wie zu einem Eidschwur ihre
rechte Hand empor. Ich schwre Treue, unverbrchliche Treue diesem Mann. So wie
nichts ihn je aus meinem Herzen reissen kann, so soll nichts je mich bewegen,
meine Hand einem Andern zu geben. Und nun lebe wohl, sprach sie, in die hchste
Weichheit bergehend, lebe wohl, mein Glck, meine Jugend, meine Seeligkeit auf
Erden! Raimund ich bin Dein und bleibe es, darum versprich fr mich was Du
willst, ich werde es halten, denn Du bist meine Seele, meine Tugend, Du bist
alles! Meineid wirst Du auf mich nicht laden wollen, hauchte sie noch in
gebrochenen Tnen hin, und sank wie aufgelst, in seinen Armen zusammen.
    Vicktorine, o meine Vicktorine! war alles, was Raimund aus gepreter Brust
hervor seufzen konnte, und Thrnen glnzten in seinen Augen, indem er sie aus
seinen Armen auf das Sofa niedersinken lies, ihre Hand behielt er fest in der
seinen, indem er ihrem Vater sich zuwandte, der jezt, schumend beinah, in
unthtigem Zorn, dabei stand.
    Sie hrten die Erklrung Ihrer Tochter, sprach Raimund mit edlem Anstand'
und gemssigtem Ton; Ich habe hier nach Vicktorinens Willen fr uns beide zu
handeln, und so nehmen Sie denn unser beider heiliges Versprechen, da wir nicht
suchen wollen, uns heimlich weder zu sehen noch zu schreiben, so lange Sie es
uns verbieten, denn ich hoffe, da Ihre Behandlung Vicktorinens mir nicht zur
Pflicht machen wird, der Geliebten zu Hlfe zu eilen. Wollen Sie noch mehr?
Ihr sollt euch trennen, schrie Kleeborn, fast unverstndlich vor Wuth.
    Wir trennen uns, bis ein gnstigeres Geschick uns vereint, hier oder dort!
sprach Raimund mit glnzenden Augen. Fest, aber wehmthig setzte er noch hinzu.
Sein Sie ruhig, alter Mann, wir sind beide nicht fhig Sie zu betrgen. Dann
kte er noch einmal Vicktorinens leblose Hand. Lebe wohl, lebe wohl, auf lange
Zeit! rief er aus, und verlie das Zimmer.

Und so ist es noch in diesem Augenblick, Tante, sprach Vicktorine am Ende
ihrer Erzhlung. Wir haben Wort gehalten, wir sehen uns nicht, wir schreiben
uns nicht, aber die Luft, die mich umweht, bringt mir seinen Gru, und die
Sterne am Himmel sind unsre Vertrauten, denn sie leuchten mir und ihm, ich lese
in ihnen, da er meiner gedenkt, der Abglanz seiner Blicke stralt mir aus ihnen
entgegen, das kann mein Vater doch nicht hindern? Nein so weit reicht nicht
seine Gewalt; aber auch eben so wenig soll sie dahin reichen, mich zwingen zu
knnen, jenem Verhassten meine Hand zu geben, und so auf mein bis jezt
schuldloses Gemth die Snde des Meineids zu laden. O Tante, sagen Sie ihm nur
dieses, wenden Sie Ihre Ueberredungskraft nur dazu an, ihn hiervon zu
berzeugen, damit er aufhre, mich zu zwingen, ihm widerspenstig und
pflichtvergessen zu erscheinen, whrend ich doch nur thue, was ich mu. O nehmen
Sie gtig uns Verlassene in Ihren Schutz! setzte Vicktorine kindlich flehend
hinzu.
    Glaubst Du wirklich, es bedrfe Deiner Bitten, damit ich alles, was in
meinen Krften steht, zu Deinem Besten versuche? erwiederte freundlich die
Tante. Das Nthigste wre freilich erst, auszumitteln, was eigentlich Dein
Bestes erfordert, und vor allen Dir beizustehen, damit Du Gewalt genug ber Dich
gewinnst, um jene Heftigkeit zu mssigen, die spt oder frh Dich ins Verderben
strzen mu.
    Tante, liebe Tante, fiel Vicktorine ihr ein, ich bin von Natur nicht
heftig, ich war in Raimunds Nhe stets sanft und mild und lenksam wie ein Kind.
Aber hier gilt es mehr als mein Leben! Gewis wenn wir nicht frherem Untergange
bestimmt sind, so kommt einst die Zeit, die mich und Raimund hier noch vereint,
denn wir beide sind nur zusammen, nur eins durch das andere, alles was wir sein
knnen! Nehmen Sie mir ihn, und Sie rauben mir nicht nur mein ganzes Erdenglck,
Sie rauben mir das Gefhl des Rechts, der Tugend, Sie machen mich zu einem
Nichts, und in mir, o mein Gott! rief sie mit unendlicher schmerzhafter
Geberde, o mein Gott, in meinem armen unbedeutenden Ich zerstrt ihr das grosse
schne Herz meines Freundes! Wer knnte diesen Mord euch vergeben! setzte sie
mit strmenden Augen hinzu und verbarg laut weinend ihr Gesicht.
    In diesem Moment trat Angelika hinein, doch da sie die Beiden so bewegt sah,
entfernte sie sich sogleich wieder, um durch ihre Gegenwart nicht strend zu
werden. Die Tante sah schweigend ihr nach. Und wie willst Du denn diese milde
liebliche Erscheinung Dir erklren, Vicktorine, fragte sie endlich; darfst Du
Deinen Schmerz dem Ihren gleich stellen? und lebt sie nicht? lchelt sie nicht
zuweilen!? und siehst Du nicht sogar in allen ihrem Thun zarte Keime eines
neuen, nur anders gestellten Lebens erblhen? Ach liebes Kind, Glck und Unglck
gehen an uns vorber, nur das Recht, die Pflicht bestehen, und was diese uns
gebieten, lt sich erfllen. Die Kraft dazu kommt uns, wir wissen nicht wie,
obgleich wir es ahnen, und die Bessern unter uns hebt der Schmerz ber sich
selbst: und veredelt sie, statt sie nieder zu drcken.
    Tante rief Vicktorine, um Gotteswillen, nennen Sie Angelikas armes Dasein
Leben? sind denn die Keime neuen Lebens, wie Sie sie nennen, etwas anders, als
nimmer aufblhende Knospen, die zu einer Todtenkrone sich flechten wollen?
Knnen Sie so irren? Haben Sie nie gelebt? nie geliebt?
    Doch wohl vielleicht! erwiederte die Tante mit einem leisen Seufzer, und
brach fr diesen Abend das Gesprch ab.

Zu aller ihrer Freunde hchsten Erstaunen, erholte sich Vicktorine unglaublich
schnell von dem letzten Sto, den ihre Gesundheit erlitten hatte.
    Man schrieb dieses halbe Wunder zwar dem Arzte zu, doch eigentlich war es
die Tante, die den Grund dazu legte, theils indem sie der Kranken durch Herrn
Mller die beruhigende Gewisheit zu verschaffen wute, da von Raimunds Reise
nach Odessa nie ernstlich die Rede gewesen sei, theils indem sie den schweren
Druck gewaltsam erzwungnen Schweigens von ihr nahm, und ihr erlaubte, alle
Gefhle ihres, von Angst und Liebe berstrmenden Herzens vor ihr auszuschtten.
Im Genu ihrer freudigen Jugend hatte Vicktorine bis jezt keiner Vertrauten
bedurft, und folglich auch keine gefunden, aber sie war auch dabei vom Schicksal
zu verwhnt worden, um den Schmerz ebenfalls allein tragen zu knnen. So hatte
einzig das gewaltsame Zurckdrngen des sie allmchtig beherrschenden Gefhls
des Kummers, der Sorge um den Geliebten, sie an den Rand des Grabes gebracht.
Jezt aber fand sie in der Tante, was weder die gute, doch beschrnkte Virnot,
noch eine ihrer Jugendgespielen ihr hatten sein knnen: eine weise,
theilnehmende Freundin, die zwar weit davon entfernt blieb, ihr Benehmen
durchaus zu billigen, und dieses sogar mit eindringendem Ernst zuweilen
usserte, die aber doch gern und gelassen sie anhrte. Und fr dieses
leidenschaftliche Gemth war das schon eine grosse Erleichterung.
    Uebrigens bte die Tante durch ihre bloe Gegenwart eine Art magnetischer
Kraft an Vicktorinen, die in der That wunderbar und seltsam genug war. Sie
widersprach ihr wenig, sie fragte noch weniger, sie hrte sie meistens nur an.
Aber der ernste, durchdringende Blick ihres klaren Auges entflammte Vicktorinen
zu immer festeren Beschlssen; dem stummen Widerspruch, den sie oft in den Zgen
ihrer Vertrauten zu lesen glaubte, stellte sie ihre geheimsten Gedanken, ihr
verborgenstes Empfinden laut entgegen und so lernte sie erst durch dieses, mit
unsichtbarer Gewalt erprete Vertrauen sich und ihr Herz klar erkennen, indem
sie dadurch ber vieles erst zum deutlichen Bewutsein gelangte, was bis dahin
nur wortlos ihrem innern Sinne vorgeschwebt hatte.
    So kehrte denn nach und nach das gewohnte Leben in den huslichen Kreis des
Kleebornschen Hauses wieder zurck, und der Herr desselben begann schon, dem
Zeitpunct freudig entgegen zu sehen, in welchem Ueberflu, Pracht und rauschende
Gesellschaften seine weiten Sle wieder fllen wrden. Er kam jezt jeden Abend
auf eine Stunde in das Wohnzimmer, wo die Tante mit anmuthiger Sitte und
gewohnter Heiterkeit am Theetische waltete, um welchen sich schon zuweilen
einige vertraute Freunde versammeln durften; er sah mit Vergngen, wie auf
Vicktorinens bleichen Wangen die Farbe der Genesung allmhlig wieder erblhte,
und ihr so lange verdunkeltes Auge wieder im helleren Glanze zu strahlen begann.
Nun, nun, murmelte er dann fr sich hin, es geht wie ich dachte, mit der Zeit
wird sich alles geben, und eilte seelenvergngt dem Spieltische zu, an welchem
seine Freunde ihn erwarteten.
    Eines Abends, an welchem Vicktorine sich auffallend wohl befand, sprach er
kurz ehe er fortgieng sehr viel von einem glnzenden Feste, mit welchem er
nchstens die vllige Genesung seiner Tochter zu feiern gedachte, und Babet und
Agathe arbeiteten dabei wie nach dem Tackt' an einem neuen Ballputze, den sie
nach Angabe der Tante fr sich verfertigten. Der Himmel hieng ihnen dabei voll,
lauter Walzer spielenden Geigen, und sie sahen schon im Geiste die kleinen
Fschen unter der dicken blumenreichen Garnirung des kurzen Kleidchens zierliche
Triller schlagen.
    Angelika ging indessen in liebenswrdiger Geschftigkeit ab und zu, und
suchte jedem, besonders der Tante, nach ihrer Weise etwas Angenehmes zu
erzeigen. Der stille Schmerz verklrte dies holdseelige Wesen immer mehr und
mehr, und machte es immer freundlicher. Jeder, sogar Herr Kleeborn, fhlte sich
von dem eigenthmlichen Wohlwollen, das Angelika Allen bezeigte, zu ihr gezogen,
und empfand gleichsam die Verpflichtung, ihr verlornes Glck durch verdoppelte
Liebe ihr zu ersetzen, so weit dies mglich war. Das dankbare Gemth des
stillen, freundlichen Mdchens ffnete sich natrlicherweise gern dem trstenden
Einflue dieser berall ihm entgegen kommenden Neigung, und es fate wieder
Freude am Leben, doch nicht am eignen. In dieses sah Angelika vollkommen, wie in
ein fremdes hinein, es war ihr, als gienge sie sich selbst nichts mehr an; nur
im Schmerz oder in der Freude Anderer fhlte sie noch ihr irdisches Dasein und
daher war es ihr sehnlichster Wunsch, nur Vicktorinen wieder froh und glcklich
zu sehen, deren lebensreiche Natur weder Schmerz noch Entsagung zu tragen wute.
    Bald nach Herrn Kleeborns Entfernung ergriff die Tante ein Buch, wie sie
jeden Abend zu thun pflegte, um mit ihrer wohlthuenden sonoren Stimme den jungen
Mdchen etwas vorzulesen. Sie war Meisterin in dieser Kunst, und die Wahl, die
sie unter den vorzglichsten Dichtern unserer Zeit zu treffen wute, bezweckte
vor allem, das Gemth ihrer beiden Lieblinge zu beschwichtigen, indem sie den
eignen Schmerz im verklrten Lichte der Poesie ihnen zeigte. So ffnete sie
zugleich die jungen Herzen jenem beseeligenden Einflue der Kunst, der ihre
Lieblinge weit ber irdisches Geschick erhebt, und allein uns lehrt, in stiller
Thtigkeit und dennoch duldend, es zu besiegen, und in der eignen Brust einen
Himmel uns zu erbauen, den keine Erdenmacht verhllen darf.
    Agathe und Babet, die nur den Augenblick mit Ungeduld erwartet hatten, in
welchem die Tante ermdet das Buch wieder hinlegen wrde, benutzten jezt diesen,
um in ihr Zimmer zu eilen, und sich dort fr das erzwungne beschwerliche
Schweigen whrend der Lektre zu entschdigen, Angelika hingegen holte auf der
Tante bittenden Wink ihre Harfe herbei, und hauchte mit ssser leiser Stimme
folgendes Lied in den Klang der goldenen Saiten. Sie hatte in einer schnen
wehmthigen Stunde, bald nachdem Ferdinand zur Armee gegangen war, es selbst
gedichtet, und Worte und Melodie waren zugleich entstanden.


                                 Angelikas Lied

Bricht an der Tag mit seinen hellen Lichtern,
So flcht' ich meiner Liebe heil'gen Schein
Vor all' der bunten, lauten Menge schchtern
In meines Herzens tief verschlonen Schrein;
Dort ruht er ungesehen, glht verborgen,
Bis da der Abend kommt; dies ist sein Morgen.

Denn, wenn nun dieser zieht die grauen Schatten,
Das Licht sich nach und nach in Dunkel bricht
Bis es im letzten Strahle mu vermatten,
Wenn Nacht sich um die weiten Himmel flicht,
Dann znde ich im allertiefsten Herzen
Ganz still mir an der stillen Liebe Kerzen.

Sie leuchten freudig mir in meiner Zelle,
Aus herrlicher Vergangenheit herauf;
Sie zeigen auch im Dunkel Hoffnungshelle
Mir meiner Zukunft unenthllten Lauf;
Sie glnzen - gehn die mden Augen schlafen -
Als Pharus in des Traumes Wunderhafen.

Und diese lichten Trume sollen blhen
So lang des Lebens Traum mich noch umfngt;
Sie sollen treu auch dahin mit mir ziehen
Wo man zum langen Schlaf' mich eingesenkt.
Nein! Diese Flammen knnen nicht vergehen;
An ihnen zndet sich das Auferstehen.

Thrnen glnzten in den Augen der Zuhrerinnen, als die Sngerin verstummte,
doch ihre Augen blieben klar, ihre Zge heiter, indem sie aufstand und
schweigend die Harfe wieder hinaus trug.
    Sobald sie das Zimmer verlassen hatte, warf sich Vicktorine mit
berstrmendem Gefhl' in Annas Arme. Tante, rief sie, glauben Sie es nur,
ich fhle die stille Lehre, die Sie durch die Gegenwart dieses schon
halbverklrten Engels mir geben wollen, aber kann denn die junge Tanne sich
schmiegen und beugen wie der Epheu? liebe, gtige Frau, ich leide in Ihrer Seele
wenn ich Ihre Zukunft mir denke, denn ich sehe es, Sie wollen zu der Hhe mich
fhren, auf welcher Angelika, erhoben in ihrer Demuth, schon steht, und Sie
werden zu meinem frhen Grabe mich hinleiten!
    In Thrnen schwimmend, verbarg sie jezt ihr Gesicht am Busen der Tante, die,
schmeichelnd und liebkosend, sie aufzurichten strebte. Meine Vicktorine,
sprach sie, mein geliebtes Kind, glaubst Du denn, ich wisse nicht, wie Schmerz
oder Freude auf Jeden, seiner eignen Natur nach, verschieden wirken mu? oder
denkst Du, ich wre ungerecht genug, Allen Alles zuzumuthen? da doch das Maa
und die Art unsrer Kraft so verschieden sind? Nur knnen wir dieses Maa nicht
eher erkennen, bis wir erprobt haben, wie weit es reicht. Und deshalb thut es
mir immer weh, und macht mich sogar zuweilen unmuthig, was es nicht sollte, wenn
ich sagen hre: das kann ich nicht, das ist mir unmglich. Ach, wir knnen
tausendmal mehr, als unsre feigherzige Trgheit uns eingestehen mag, wenn es uns
nur mit dem Wollen ein rechter Ernst ist! Ich spreche aus Erfahrung, liebes
Kind! oder denkst Du wirklich, weil ich jezt alt bin, ich habe nie jugendlich
gefhlt, nie jugendlich gelitten, wie Du oder Angelika.?
    Ach Tante, ich glaube es wohl, erwiederte seufzend Vicktorine, aber Ihre
Jugendzeit war anders und besser als die unsere, und auch das Mdchenleben, in
allen seinen Anforderungen und Begebnissen, war gewi himmelweit von dem unsern
verschieden. Daher kann ich mir recht wohl denken, da auch Sie fhlten wie wir,
aber ich kann nimmermehr glauben, da der Schmerz so gewaltsam zerstrend Ihnen
nah getreten sei. Seit Sie jung waren, hat sich alles anders gestaltet, und auch
wir sind ganz anders ins Leben hingestellt als Sie es waren. Bei Ihnen war Ruhe
und Ordnung; wir aber schiffen auf bewegtem Meer, jauchzend werden wir von der
hohen Brandung zum Hafen getragen, oder finden, von ihr zerschmettert, am
nchsten Felsenriff' unser und unsrer Hoffnungen Grab. Jedes Lebensschiff ist
jezt das Spiel der Windesbraut der Zeit, jede Bewegung ist Kampf.
    Die Form mag sich freilich, seit ich jung war, sehr verndert haben,
erwiederte die Tante, aber das innere Wesen der Dinge verndert sich nie, und
der Glaube ist kindisch, wenn gleich ziemlich allgemein, da die Welt, weil wir
sie betreten, sich durchaus umgestalten mute. Vicktorine schwieg errthend,
und jene fuhr, sehr ernst werdend zu reden fort, indem sie auch Angelikas Hand
ergriff, welche inzwischen wieder in das Zimmer gekommen war. Kinder, sprach
Tante Anna, ich bin nicht daran gewhnt, viel von mir selbst zu reden, aber ich
liebe Euch mtterlich und habe es in diesen Tagen recht ernstlich bei mir selbst
berlegt: ob ich nicht wohl daran thte wenn ich Euch auch meine Jugend
erzhlte. Ich glaube, da Dein Muth, meine Angelika, vielleicht gestrkt und
erhht wird, wenn Du an meinem Beispiele siehst, da es ein noch herberes Leid
geben kann als das Deine, und da es dennoch mglich sei es zu tragen und dabei
zu leben. Und Du, meine Vicktorine, kannst vielleicht lernen, da die Liebe in
Deinem jungen Herzen noch nicht das hchste Werk des alten Meisters ist, nicht
die einzige Axe, um die fr Dich die Welt sich drehen mu, und da das, was Du
dein Unglck nennst, nicht eine Art von Adelsbrief ist, der vor Andern Dich
auszeichnet; denn wir alle wurden geboren zu lieben, zu leiden, und am Ende in
stiller, frommer Ergebung unser wahres Glck zu finden. Den ersten Abend, an
welchem wir Drei ruhig und allein bei einander sind, denke ich dieser ernsten
Unterhaltung zu weihen, obgleich ich vielleicht nicht ganz gleichgltig und ohne
Schmerz daran gehen werde, so manchen lngst besiegten bsen Tag noch einmal in
der Erinnerung zu durchleben.

Hre Babet, fragte Agathe ihre Schwester, Abends beim Auskleiden, wie gefllt
dir Angelika? Ach, geh' mir mit der, die ist mir viel zu mattherzig,
erwiederte Babet verdrslich. Ja es ist wohl wahr, viel Leben hat das arme Ding
freilich nicht, erwiederte Agathe mit einem kleinen Achselzucken, aber gut mu
man ihr doch sein. Sieh nur, was fr ein groes Stck sie mir, whrend dem
Vorlesen, an meiner Garnirung weiter half.
    Die Tante hat doch wirklich viel Geschmack, setzte Agathe nach einer
kleinen Pause hinzu, whrend welcher sie das neue Kleid wohlgefllig
betrachtete; und sie ist dir auch noch sonst gar nicht so bel als wir anfangs
meinten. Denk nur, sie weis alles von mir und dem Lieutnant, und dabei ist das
das wunderlichste, da ich ihr das meiste selbst erzhlt habe; ich begreife noch
bis diese Stunde nicht, wie ich dazu gekommen bin.
    So? und was sagte sie denn dazu? fragte Babet ganz trbseelig, denn sie
berlas eben zum dreissigsten male des blonden Theodors Abschiedskarte, die sie
vorhin im Wohnzimmer heimlich vom Spiegel mit weggenommen hatte.
    Ach, es war recht wunderlich, erwiederte Agathe, sie lachte und sagte:
nun mit diesem Herzchen hat es wohl frs erste keine Noth, das nimmt es wohl
noch mit einem ganzen Dutzend hbscher Blond- und Schwarz-Kpfe auf. War das
nicht recht frivol gesprochen von einer so alten Person? Hernach aber ward sie
auch wieder mit einemmale ganz ernsthaft, und gab mir gute Lehren, und sagte mir
allerlei darber, wie ich mich gegen den Schwarzen zu benehmen habe.
    So hat sie Dich doch am Ende recht ausgescholten; murmelte Babet vor sich
hin.
    Gescholten? Ach nein, nicht sehr, nur ein ganz klein bischen, antwortete
Agathe, und Du wirst es kaum glauben, aber es ist doch wahr, sie hat mir ganz
von selbst versprochen, da er zu der ersten Gesellschaft gebeten werden soll
die wir geben, und das geht auch recht gut an, denn Visite hat er beim Onkel
gemacht, ich habe selbst die Karte gesehen. Und dann soll er auch mich zu Tische
fhren und neben mir sitzen drfen, aber dafr mute ich ihr auch versprechen,
ihr nichts von dem zu verheimlichen was unter uns vorgeht.
    Und das hast Du auch gethan? fragte Babet. Das wohl nicht, war die
Antwort, ich habe ihr natrlicherweise gesagt, da ich ihr unmglich ein jedes
Wort wiederklatschen knne, was wir beide miteinander reden, und damit war sie
denn auch zufrieden. Sie lachte wieder recht von Herzen, und meinte denn, da
sie das auch gar nicht zu wissen verlange. Ich soll ihr nur nichts vorstzlich
verschweigen, und vor allen Dingen ihr gerade das sagen, wobei mir einfiele, da
ich es nicht gern sagen will. Das habe ich ihr denn endlich auch versprochen,
denn ich denke, das kann mir doch einmal ntzlich sein, da sie es doch so gut
mit mir meint. Es ist mir auch selbst sogar lieb, da ich doch jezt jemand
Vernnftiges habe, mit dem ich alles berlegen kann, und der mir guten Rath
giebt.
    O du dummes Kind, dann ist ja bei der ganzen Geschichte keine Freude mehr!
seufzte die trauernde Babet, sezte sich verdrslich mit ihrer Karte in eine
Ecke, Theodor und die Seeligkeit des letzten Kottillions fielen ihr wieder ein,
und sie weinte bitterlich wohl eine Viertelstunde lang, bis sie zulezt darber
vor Betrbnis einschlief.

Wenige Tage spter wurde eine neue berhmte Oper gegeben, und Babet und Agathe
erhielten die Erlaubnis, der ersten Vorstellung derselben unter dem Schutze der
Mamsell Virnot beizuwohnen. Seit Vicktorinens Krankheit hatten sie dieser Freude
entbehrt, also lange genug, um ihr jezt mit Entzcken entgegen zu gehen, und so
war denn der einsam ruhige Abend fr die versprochne Lebensgeschichte der Tante
gewonnen.
    Im Zimmer herrschte mehrere Minuten lang eine fast andchtige Stille, welche
weder Angelika, noch Vicktorine unterbrechen mochte; die Tante sah so wehmthig
feierlich aus, indem sie sich, ohne ein Wort zu sprechen, in ihren Armstuhl
niederlies. Deshalb verstummten auch beide Mdchen, und mochten aus Zartgefhl
es gar nicht wagen, sie durch Worte oder Blicke an ein Versprechen zu erinnern,
dessen Erfllung ihr, wie sie selbst gestanden hatte, schmerzlich sein mute.
Doch es bedurfte bei ihr keiner Mahnung, denn nach einer kleinen Pause nahm sie,
wenn gleich sichtbar beglommen, von selbst das Wort.
    Das ruhige Beieinandersein des heutigen Abends wollen wir benutzen, wie ich
es Euch verheissen habe, sprach sie; aber mir ist doch sonderbar dabei zu
Muthe, wahrscheinlich, weil ich nie gewohnt war, von mir selbst viel zu reden.
    Ich wute von jeher zu viel von der Welt, als da ich htte wnschen knnen
da sie viel von mir wissen mge und so seid Ihr denn die ersten, denen ich je
von mir und der Geschichte meines Lebens Rechenschaft ablege. Meine Erzhlung
wird indessen doch lang sein, denn mein Leben war's. Es war doch auch mitunter
recht de, recht schmerzenvoll, recht arm! sezte die Tante, von ihrer
Erinnerung unwillkhrlich fortgerissen, hinzu, und sah dabei so trbe und
schweigend vor sich hin, wie man einem bei sinkender Dmmerung sich entfernenden
Gegenstande nachblickt.
    Angelika rckte ihr leise nher, Vicktorine, heftig wie gewhnlich, schlo
sie in ihre Arme und rief, indem sie mit besorgter Theilnahme ihr ins Gesicht
sah: Tante, liebe Tante, wenn es Sie schmerzt - doch diese wehrte sie
freundlich von sich ab.
    Nicht doch, sprach sie, und wre es auch! Ihr beide seid ja meine
geliebten Tchter, und Mutterliebe achtet keiner Schmerzen. Es liegt doch auch
wieder gewissermassen etwas Erfreuliches in dem Gefhle, mit welchem wir am Ende
einer langen gefahrvollen Bahn den zurckgelegten Weg noch einmal berschauen,
und die, welche ihn erst antreten wollen, durch unsre mhsam erworbne Erfahrung
zu leiten suchen, sezte die Tante nach einer kleinen Pause mit geflligem, wenn
gleich anfangs etwas erzwungnem Lcheln hinzu. Was ich Euch erzhlen will, ist
brigens kein erheiterndes Mhrchen, wie es fr Euern jugendlichen Sinn sich
passen mchte, aber mhrchenhaft wird es Euch doch wohl zuweilen vorkommen, wenn
Ihr die verfallne Gestalt der alten Tante anseht und sie dabei von jenem Zauber
sprechen hrt, dessen Nachhall ihr noch immer nicht verklungen ist. Von jenem
Zauber, fuhr die Tante mit feuriger Beredsamkeit fort, von jenem Zauber, der
bis in mein sptes Alter im Innern mich jung, im Aeussern mich krftig erhielt;
der alle Hyroglifen des Lebens am Ende mir herrlich auflste, der, wenn gleich
erst spt, im Schmerz, wie in der Freude, das hohe Geschenk eines Lebens mich
recht wrdigen lehrte, in welchem Gott uns die Liebe zur Begleiterin gab, die am
Ende unsers Tagewerks freundlich mild, wie der Abendstern bei sinkender Nacht,
uns zur Ruhesttte leuchtet, um uns beim Erwachen wieder zu empfangen.
    Vicktorine und Angelika blickten gerhrt auf die Tante. Indem diese so
sprach, schien sie vor ihren Augen hher, schner, jugendlicher zu werden, denn
der erhebende Ausdruck vollkommner, seeliger Ruhe nach langer mhvoller
Pilgerfahrt, verbreitete seinen verklrenden Zauberschein ber ihre ganze
Gestalt, so da die Mdchen sie kaum wieder erkannten. Wie sie damals, mag
vielleicht ein seeliger Geist die eben verlassne Erde und die geliebten Menschen
auf ihr, noch einmal berschauen, eh' er den hhern Flug vollends aufwrts, der
ewigen Heimath zuwendet.
    Es ist wunderbar, wie gro und breit und gewaltig die Kluft zwischen ehmals
und jezt sich in diesem Momente vor mir ausbreitet, indem ich zurckblicke in
meine Vergangenheit, fuhr die Tante nach einer kleinen Pause sehr ernsthaft und
nachsinnend fort. Es wird in der That fast nthig, da ich einen Anlauf nehme,
wie jeder gern thut, der im Begriffe steht einen grossen Sprung zu wagen; denn
wahrlich! es ist ein Riesensatz von dieser Stunde an, bis zu der, in welcher ich
mein funfzehntes Jahr antrat. Da ich auch einmal will funfzehn Jahre alt
gewesen sein, kommt Euch wahrscheinlich schon ein wenig sonderbar und
unglaublich vor, sezte sie lchelnd hinzu, aber gewi, ich war es doch
wirklich, obgleich mir dies selbst jezt wie ein Traum dnken will. Euch wird es
einst nicht besser gehn, liebe Kinder, freilich wird dann der Hgel, unter dem
ich ruhen werde, schon seit langen Jahren eingesunken sein, aber die Zeit kommt
doch, und es wird euch auch dann ebenfalls scheinen, als habe sie dennoch Euch
bereilt. Deshalb wollen wir aber fr jezt der Eilenden nicht weiter vorgreifen,
denn sie holt uns ohnedem schnell genug ein.
    Seid ruhig, Kinder, sprach die Tante, als beide Mdchen mit einem
unendlich wehmthigen Gefhl' ihre Hnde ergriffen, und sie kten; seid ruhig,
und lat Euch nicht so von Andeutungen und Bildern erschrecken, welchen man in
meinem Alter nur gar zu gern nachhngt, und denen man auch in dem Eurigen nie,
wenigstens nicht geflissentlich, aus dem Wege gehen sollte. Und nun bitte ich
Euch, strt mich im Verfolg meiner Erzhlung so wenig als mglich durch Einreden
jeder Art, und lat mich frs erste den bewuten Anlauf zum Anfange derselben
nehmen, indem ich Euch ein Bild unsers huslichen und geselligen Lebens leicht
hinskizzire, so wie es damals bestand, als ich vor einigen und vierzig Jahren
aus der Kinderstube in die Mdchenwelt eingefhrt wurde.
    In jener, Euch so ferne liegenden Zeit war das Leben von Euresgleichen
beides, reicher, und rmer als das Eure. Aermer, unendlich rmer an Willkhr und
Freiheit; an Ueberflu und Mannigfaltigkeit der Vergngungen reicher; viel
reicher an wahrem reinen Genu; denn eben jener Ueberflu, dessen Ihr Euch
rhmt, ermdet am Ende, und die Seltenheit war ja von jeher die beste Wrze
unsrer Freuden.
    Dieses Lob meiner Zeit kommt Euch etwas sofistisch vor? nun so werdet Ihr
doch wenigstens gewi einen zweiten Vorzug fr voll gelten lassen, den Eure
Grosmtter vor Euch voraus hatten, und von dem, wie die Welt jezt steht, fast
keine Spur brig geblieben ist; ich meine hiermit jene allgemeine, zarte
Aufmerksamkeit, jene an Ehrfurcht grnzende Hochachtung, jene, an die Zeiten
alter Chevallerie erinnernde und aus diesen abstammende, ehrerbietige
Galanterie, welche damals von allen gebildeten Mnnern unserem Geschlechte
gezollt ward. Wenn wir einmal in der Gesellschaft erschienen, was freilich weit
seltner geschah als jezt, so traten wir gleich kleinen Frstinnen einher, von
einem Gefolge umgeben, das jedem unsrer Wnsche mit zuvorkommendem Eifer
entgegen flog. Mit Euch, Ihr guten Kinder, dnken sich die jetzigen Mnner
wenigstens auf gleichem Fu, und glauben damit schon ein Uebriges fr Euch
gethan zu haben. Daran aber seid Ihr selbst schuld, denn Ihr habt Euch auf
glattem Boden neben sie hingestellt. Ich mchte uns, in unserem damaligen
Verhltni zur mnnlichen Welt am liebsten mit seltnen Blumen vergleichen, die
mit Sorgfalt in einem verschlossnen Gewchshaus' aufbewahrt werden, zu denen man
deshalb gern Zutritt zu erhalten sucht, und sie in der Nhe zu bewundern
wnscht. Ihr aber wachst und blht in der Freiheit, vielleicht nur um so ppiger
und schner, aber Ihr steht in einem, aller Welt offnen, lustigen Garten, in
welchem man ohne Rckhalt Euch nahen darf. Was man aber tglich mhelos sehen
kann, verliert am Ende den hchsten Reitz, den der Neuheit; man gewhnt sich
bald genug, achtlos daran vorber zu wandeln, und leider geht darber manche
kstliche Pflanze unbemerkt zu Grunde, oder wird wohl gar im Gedrnge zerknickt
und zertreten.
    Indessen will ich nicht ableugnen, da wir Euch um eure jetzige grere
Freiheit wahrscheinlich wrden beneidet haben, wenn wir uns eine solche nur
recht lebhaft htten denken knnen. Das war aber bei unsern beschrnkteren
Begriffen vom Leben und unsrer, durch unser Verhltni herbeigefhrten
furchtsamen Bescheidenheit nicht wohl mglich. Auch mu ich gestehen, da wir
einen groen Theil unsrer damaligen vornehmen Grandezza mit unsglichem
schmerzlichem Zwange, mit hohen Abstzen an den Schuhen, mit breiten steifen
Fischbeinrcken, mit Harnisch hnlichen Schnrbrsten theuer genug erkaufen
muten. Im vollkommensten Gegensatze mit dem jezt blichen, war unser Anzug
hauptschlich darauf berechnet, unsre Gestalt bis zum unkenntlichen zu maskiren.
Jede von uns war ein wandelndes Rthsel, von der Spitze des kleinen, mit
Flittern gestickten Atlas-Kothurns, welchen blitzende Steinschnallen noch
verherrlichten, bis zu dem Wipfel des hochaufgethrmten Haarschmucks, der
obendrein den ganzen Tag ber unsre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, weil jeder
Luftzug, jede zu rasche Bewegung des Kopfes dem zarten Puderreif' Untergang
drohte. Der zrtlichste Liebhaber konnte nicht einmal in jener Zeit ber die
Farbe der Haare seiner Schnen zu einiger Gewisheit gelangen, denn der gelbe
Puder machte die Braune der Blonden ganz hnlich. Die Kleine hob sich
vermittelst hherer Abstze an den Schuhen zur mittleren Grsse hinauf, und die
Wespenartig zusammengeschnrte Taille, die in unbegreifliche Breite ausgehenden
Fischbein Rcke gaben Allen die nmliche Form, aus welcher kein sterbliches Auge
die wahre menschliche Gestalt heraus finden konnte.
    Ihr lacht ber die wunderliche Figur, die wir spielten? Ich glaube, ich
mte selbst lachen, wenn ich mich noch einmal in meinem damaligen Putz'
erblicken sollte, und doch galten die Schnen unter uns deshalb nicht fr minder
schn, und die Hslichen gewannen noch bei dieser allgemeinen Vermummung, denn
sie giengen in der Maske mit durch, die sich obendrein auf das vollkommenste
dazu eignete, kleine Mngel zu verbergen.
    Ein sehr karackteristisches Unterscheidungszeichen jener Zeit bestand auch
darin, da wir Alle damals Zeit hatten, zu Allem was uns oblag oder was wir
unternehmen wollten zu vollbringen. Die jezt so allgemeine Klage ber Mangel
derselben hrte ich in meiner Jugend fast nie, und der ganz einfache Grund
hiervon war der, da wir viel mehr zu Hause blieben als die jezige Generazion.
Morgenbesuche und Morgenpromenaden waren etwas so Ungewhnliches, da ich wohl
darauf wetten mchte, meine Mutter sei nicht dreimal in ihrem Leben Vormittags
ausgegangen, ausser in die Kirche. Indessen mchte ich diese grssre
Huslichkeit meinem Zeitalter nicht ganz zur Tugend anrechnen, eine gewisse
unbeholfne Steifheit der Sitten und Gewohnheiten hatte auch Theil daran. Man
scheute nichts so sehr, als Bekannten, sogar Freunden sich und sein Haus anders
als im vollen Putze zu zeigen. Ein unerwarteter Besuch, der uns im Hauskleide
oder bei huslichen Beschftigungen berraschte, erregte gewhnlich eben so viel
Verwunderung als Unmuth, und nur eine sehr wichtige Veranlassung konnte einem
solchen Ueberfalle zur Entschuldigung dienen.
    Da wir, ohne gegen alle Regeln des Anstandes zu sndigen, weder im Theater,
noch auf der Promenade, noch berhaupt an einem ffentlichen Orte ohne einen
mnnlichen Begleiter erscheinen durften, diente auch gar sehr dazu, uns das
Ausgehen zu erschweren. Denn obgleich zu dieser Gewohnheit die zum Dienste der
Damen allzeit bereitwillige Galanterie der Mnner wahrscheinlich den ersten
Anla gegeben haben mochte, so waren doch die unter ihnen, von welchen wir uns
anstndigerweise eskortiren lassen konnten, nicht immer mssig, zuweilen auch
nicht gefllig genug, um stets zur Hand zu sein, wenn wir ihrer bedurften.
Uebrigens spreche ich hier nur von den Frauen; junge Mdchen sezten keinen Fu
auf die Strasse, als unter dem Schutz' ihrer Mtter.
    Alles, alles, was uns umgab, Lebloses und Belebtes, strebte damals zu einem
gewissen formellen Wesen hin, welches gegen die jetzige zwanglose Lebensweise
sehr wundersam absticht. Bei den fein geschnitzten und  quatre couleurs
vergoldeten sehr zerbrechlichen Sthlen unsrer Putzzimmer, war an kein Anlehnen
zu denken; die zu den Sthlen passenden schmalen Kanapees hatten nur die
Aehnlichkeit mit unsern jezigen damals noch ganz unbekannten Sofas, da sie, wie
diese, als Ehrenplatz manchen Rangstreit unter den Damen veranlaten, brigens
boten sie durchaus keine Bequemlichkeit fr die jezt so beliebte liegende
Stellung, die damals in gesunden Tagen etwas Unerhrtes war.
    Auch weis ich nicht, wie man diese mit dem ganzen damaligen Anzuge, dem
Reifrocke der gepuderten Frisur htte vereinigen knnen; wir hielten uns gerade,
wie ich noch immer aus alter Gewohnheit thue, und ohne es weiter unbequem zu
finden.
    Mit dieser krperlich geraden Haltung hieng aber auch, sogar im engsten
Familienkreise, ein sehr genaues Beobachten der einmal angenommenen
Hflichkeitsregeln gegen seines Gleichen, und der abgemessensten Ehrfurcht gegen
Hhere zusammen, die ich jezt, ich mag es nicht leugnen, zuweilen recht
schmerzlich vermisse, weil die jetzige Welt dergleichen als steifes
berflssiges Zeremoniell heut zu Tage verachtet. Die zierliche, vom Tanzmeister
zu diesem Zweck erlernte Verneigung an der Thre, mit der ich tglich meine
Eltern zuerst begrte, ehe ich nher trat und jedem von ihnen besonders mit
feierlicher Ehrerbietung den guten Morgen bot, wrde jezt freilich lcherlich
erscheinen; doch der Mensch ist ein Kind der Gewohnheit, und wem man am Morgen
so ehrfurchtsvoll sich nhert, gegen den wird man schwerlich im Laufe des Tages
bis zum heftigsten Widerspruch' oder zu andern Unziemlichkeiten sich vergessen,
wie doch jezt von Kindern gegen ihre Eltern nur zu oft geschieht. Die Eltern
nach jetziger Art Du zu nennen, htte damals gewi fr eine Art von Blasphemie
gegolten, nur bei ganz kleinen Kindern hchstens ward dieses geduldet, und doch
wurden Vater und Mutter gewis nicht weniger geliebt, als jezt. Ich hieng an den
meinigen mit so liebevollem reinem Vertrauen, da ich unmglich glauben kann,
der jezt zwischen Eltern und Kindern herrschende Ton vollkommener Gleichheit
htte dieses Gefhl erhhen knnen; wohl aber kann ich es nicht ableugnen, da
er in einigen Fllen und mit gewissen Modulazionen mich jezt oft verletzt.
    Mein Vater lebte eine lange Reihe von Jahren hindurch in dieser freien
Reichsstadt als kniglich ***scher Resident in Ehre und Ansehen. Als der jngere
Sohn einer sehr alten Familie, in welcher das Majoratsrecht galt, war er nicht
reich, um so weniger, da auch meine Mutter ihm kein bedeutendes Vermgen
zugebracht hatte. Die Einknfte meiner Eltern, verbunden mit der Besoldung
meines Vaters, reichten daher nur eben hin, um bei Sparsamkeit und Ordnung mit
Anstand davon leben zu knnen; freilich aber gehrte vor funfzig bis sechzig
Jahren weit weniger dazu als heut zu Tage. Damals herrschte, selbst in den
reichsten Husern dieser Stadt eine gewisse frugale Mssigkeit, die man jezt
vielleicht Geitz und Mesquinerie schelten wrde; tausend Erfindungen des Luxus,
welche wir ohne Bedenken dem Unentbehrlichen zuzhlen, waren in jener Zeit
vllig unbekannt; man wohnte weit enger zusammengedrngt, man brauchte viel
weniger Bedienung und hatte durchaus keine kostspieligen Fantasien zu
befriedigen.
    Bei alle dem aber hielt man dennoch viel auf eine gewisse solide, wenn
gleich etwas schwerfllige Pracht, in der Kleidung sowohl, als in allen brigen
Umgebungen. Wenigstens zweimal im Jahre mute der im alltglichen Leben sehr
mig besetzte Tisch unter der Last des schweren Silbergeschirres, der
kostbarsten Weine, der ausgesuchtesten Speisen, sich seufzend beugen, und so
viele Gste, als der Saal nur zu fassen vermochte, saen im feierlichsten Putze,
starrend von Gold und Edelsteinen, um ihn her, alle von dem sorgsamen Herrn des
Hauses nach Rang und Wrden auf das gewissenhafteste geordnet. Dieser sowohl,
als seine Frau sahen bei einem solchen Feste wie Leute aus, die einer an sich
ehrenvollen, aber doch nicht ganz leichten Pflicht sich so gut als mglich zu
entledigen suchen, und auch die Gesichter der Gste zeigten im Ganzen mehr den
Ausdruck einer hflichen Resignazion, als den des Vergngens; denn an einer
dreistndigen Sitzung an der Tafel vermochten doch nur sehr wenige sich wirklich
zu erfreuen. Eigentlich war aber auch von geselligen Vergngungen bei einer
solchen formellen Abspeisung nie sonderlich die Rede; niemand machte Ansprche
daran und im Ganzen gieng es sehr still dabei her. Die Frauen beobachteten
alles, zhlten Schsseln und Assietten, und berlegten, wie sie bei ihrem eignen
nchsten Gastmahle deren noch ein paar mehr anbringen knnten; die Mnner assen,
tranken, und liessen gegen das Ende der Mahlzeit ihren Witz in Ausbringung
schalkhafter Gesundheiten leuchten. Alle aber, die Wirthe wie die Gste, dankten
Gott, wenn wieder einmal ein solches Vergngen berstanden war.
    So sah es zu jener Zeit mit dem geselligen Vergngen bei uns aus. Freilich
hatte mein Vater im Auslande, besonders in Frankreich, eine leichtere und
genusreichere Lebensweise kennen gelernt, doch er fhlte die Verpflichtung, sich
nach den Gebruchen des Ortes zu richten, in welchem er eine
gastlich-freundliche Aufnahme fand; berdem war er auch zu vernnftig, um gegen
den Strom schwimmen zu wollen, was damals noch mit ganz besonderer Schwierigkeit
verbunden war. Die Welt war gegen Sonderlinge und Neuerungsschtige bei weitem
nicht so tolerant als jezt, wo in jedem Winkel und auf jeder Schulbank
Weltverbesserer mit grandiosen Ansichten sitzen, die alle ihr glubiges Publikum
finden. Jener Ausspruch: Du Narr willst klger sein als wir! mit welchem die
ungebildeten Brder von Gellerts tanzenden Bren diesen aus ihrer Mitte
vertrieben, war damals noch in voller Kraft und ganz an der Tagesordnung.
    Mein Vater lie es sich also gar nicht beikommen, an der Lebensweise seiner
Freunde und Bekannten das mindeste abndern zu wollen; er nahm an ihren Festen
willigen Antheil, aber er hthete sich zugleich gar sehr davor, sich mit den
reichen Handelsherren, in deren Mitte er lebte, in einen Wettstreit einzulassen,
bei dem er entweder mit Schande bestehen, oder sich und die Seinen zu Grunde
richten mute. Daher versammelte er in seinem Hause und an seinem mit
anstndiger Mssigkeit besezten Tische nur immer eine kleine Anzahl mit Auswahl
zusammengebetener Gste und das seltne Talent meiner Mutter, mit sehr Wenigem
viel hervorzubringen, machte es uns leicht, diese kleinen Gastmahle ziemlich oft
zu wiederholen. Die Ordnungsliebe der theuren Frau, der Scharfblick mit dem sie
Alles von ihr mit Sorgfalt Aufbewahrte stets am rechten Orte zu benutzen
verstand, gaben bei mglichster Ersparni unserem Haushalte das Ansehen einer
damals hier noch unbekannten Eleganz. Zwar nannte man unsre Lebensweise wohl
zuweilen vornehm, aber man verzieh sie uns doch, weil man das Bewutsein dabei
behielt, uns an Reichthum und Pracht zu bertreffen. Man lebte sogar recht gern
mit uns, weil meine Eltern mit dem Ausdrucke des herzlichsten Wohlwollens chte
Hflichkeit und jenen feinen geselligen Tackt verbanden, der uns lehrt, alles zu
meiden, was auch den Geringsten in der Gesellschaft verletzen knnte und jedes
so zu verstehen wie es gemeint ward. Mein Vater hatte sich diese Eigenschaften
frher im Leben mit der Welt erworben, meiner wahrhaft liebenswrdigen
anspruchslosen Mutter waren sie angeboren, und so erfreuten sich beide lange
Jahre hindurch der Achtung und Liebe eines, aus ziemlich heterogenen Gestalten
zusammengesetzten Kreises, dessen Mittelpunct sie waren, ohne je nach dieser
Ehre gestrebt zu haben.
    Zwlf Jahre hindurch blieb ich das einzige Kind meiner Eltern, und geno im
Uebermaae alles Glck und Unglck eines solchen, bis deine Mutter, liebe
Vicktorine, geboren ward. Ich war von der Natur, sowohl geistig als krperlich
mit den glcklichsten Anlagen ausgestattet, und meine Eltern sorgten auf das
angelegentlichste fr die fernere Ausbildung derselben; ja ich darf wohl sagen,
da mein Vater, ganz gegen seine sonstige Art, verschwenderisch wurde, sobald es
darauf ankam, irgend ein in mir schlummerndes Talent an das Licht zu rufen. So
sorgsam er sonst alle neue fortlaufende Ausgaben vorher berechnete, so ernstlich
er jede nicht durchaus nothwendige vermied, so sparte er doch nichts, um mir die
ersten Lehrer in allem zu verschaffen wozu ich Lust oder Anlagen zeigte. Man
hielt mir ganz gegen die damalige Gewohnheit, keine franzsische Gouvernante,
ich ward auch in keiner Pensionsanstalt erzogen, denn meine Mutter hatte gegen
beide Erziehungsmethoden einen unberwindlichen Widerwillen, doch meine Eltern
ersetzten dies berschwenglich durch die treue Aufmerksamkeit, mit der sie
selbst ber den Unterricht ihres Lieblings wachten.
    So machte ich denn in frher Jugend nicht ganz unbedeutende Fortschritte in
der Musick, im Zeichnen und Miniaturmalen, in allem, worin nach der Meinung der
jetzigen Zeit ein Mdchen unterrichtet werden mu, und schritt damit weit ber
die Grnze der damals gewhnlichen Begriffe von weiblicher Erziehung hinaus.
Diese drehte sich in einem weit engern Kreise herum, und die Kunstbungen eines
Mdchens jener Zeit beschrnkten sich gewhnlich auf ein paar leidlich
hergeklimperte Polonaisen, ein paar mhseelig durchgezeichnete Stickmuster
hchstens auf ein ngstlich getuschtes Landschftchen nach irgend einem
Kupferstiche. Die mir angeborne Leichtigkeit, mit der ich fremde Sprachen
erlernte, bewog unter andern meinen Vater, mir auch in der englischen und
italienischen Sprache selbst Unterricht zu ertheilen. Franzsisch war ohnehin
unsre tgliche Haussprache; sobald wir unter uns allein waren, sprachen wir
keine andere, denn dies war damals fast in allen adlichen Familien so der
Gebrauch. Mein Vater zog diese Sprache jeder andern vor, weil von ihr zu seiner
Zeit nicht nur seine, sondern auch die geistige Bildung aller derer ausgieng,
die sich nicht geradezu dem eigentlichen Gelehrtenstande widmen wollten, und die
klassischen Schriftsteller der Franzosen blieben ihm zeitlebens die liebsten,
ich knnte wohl sagen, die einzigen, die er las. Von der deutschen schnen
Litteratur hatte er in seiner Jugend nur wenig kennen gelernt, und dies wenige
war ihm nicht erfreulich gewesen, wie es denn auch in jener, trben
Gottschedischen Zeit einem Geiste wie dem seinigen nicht zusagen konnte. Daher
blieb ihm ein unberwindliches Vorurtheil gegen alle deutsche Schriftsteller,
besonders gegen die deutschen Poeten, welches er mit fast allen damals lebenden,
gebildeten Mnnern theilte, die darin dem Beispiele Knigs Friedrichs des
zweiten folgten. Auch ich lernte deshalb erst spt die Schtze meines eigenen
Volcks kennen, obgleich um die Zeit, da ich geboren ward, schon die
hellstrahlende Morgenrthe am deutschen Kunsthimmel den glorreichen Tag
verkndete, der jezt uns leuchtet.
    Mehr als aller meiner brigen guten Anlagen erfreute sich mein Vater jenes
unserm Geschlechte eignen leichten Auffassungsvermgens, mit dessen Hlfe wir
spielend errathen, was die Mnner mhsam erlernen, und durch welches ich
besonders mich auszeichnete.
    Diese den Frauen ganz eigenthmliche Gabe knnte uns fast verleiten, an
gute, oder doch wenigstens gut gelaunte Feen zu glauben, die ihren Lieblingen
schon in der Wiege eine ganz eigne Gewandtheit verleihen, welche sie fhig
macht, von allem fr sie passenden Wissenswerthen sich wenigstens die
schimmernde Oberflche anzueignen. Ohne tiefer ins Reich der Wissenschaften
einzudringen, oder auch nur eindringen zu wollen, umschwrmen diese vor andern
Begnstigten auf leichtem Fittig die Blthen und lassen den Mnnern gern das
mhsame Geschft, im Schweise ihres Angesichts den Wurzeln nachzugraben. Auch
sind sie nicht nur fhig, sich zu freuen, wenn kluge Mnner reden, weil sie
verstehen wie sie's meinen, sondern sie wagen es zuweilen im scherzenden
Uebermuth, mit glcklicher Keckheit sich neben diese klugen Mnner hinzustellen,
und sie durch die ihnen beiwohnende Zauberkraft mitunter selbst ein wenig irre
zu machen.
    Diese geistige Geschmeidigkeit ist aber dennoch fr die, welche sie
besitzen, beiweitem nicht gefahrlos, und sollte nach meiner jetzigen Ansicht
wohl eher in Schranken gehalten, als gebt und bewundert werden. Doch mein Vater
war hierin andrer Meinung. Ihm galt anspruchslose, heitre Liebenswrdigkeit zu
Hause wie in der Welt fr eine der ersten Eigenschaften meines Geschlechts; er
hielt dafr, da wir, um zu dieser zu gelangen, wohl einer hheren
Geistesbildung, aber durchaus keiner Gelehrsamkeit bedrften, die er geneigt
war, eher fr ein Hindernis anzusehen. Daher belchelte er mit wahrer Lust meine
kleinen wissenschaftlichen Scharlatanerien und lies mich gewhren.
    Whrend meine geistige Entwickelung auf diese Weise meinen Vater ergzte und
beschftigte, sorgte meine gute trefliche Mutter auf seinen Antrieb dafr, mir
durch frhe Gewhnung die mglichste Unabhngigkeit von allen jenen
unbedeutenden Kleinigkeiten zu verschaffen, die so oft den ausgezeichnetsten
Frauen qulende Fesseln anlegen. So wie ich heranwuchs, brachte sie durch Lehre
und Beispiel mich dahin, da ich weder des Schneiders, noch der Putzmacherin
bedurfte. Selbst die Kammerjungfer und den Friseur lernte ich im Fall der Noth
entbehren, und das war damals keine Kleinigkeit.
    Auf diese Weise glaubte mein Vater, geistig und krperlich am besten fr
meine Zukunft mich auszustatten, mge diese mich nun in die Welt fhren, oder in
die Einsamkeit meines Stiftes. Denn schon damals trug ich dieses Ordenskreuz,
als Geschenk einer frstlichen Pathe, bei welcher meine Grosmutter einst Hofdame
gewesen war, und es gab meinem Vater keine geringe Beruhigung, mich dadurch
gegen die Strme des Lebens einigermassen gesichert zu wissen.
    So blhte ich denn allmhlig heran, im schnsten Verhltnisse zu meinen
Eltern, gleich glcklich in der ussern, wie in meiner mir selbst geschaffnen
innern Welt; denn auch diese fehlte mir nicht. Lesen war damals zwar nicht das
unentbehrliche Bedrfnis jedes Alters, jedes Geschlechts und jedes Standes, was
es jezt ist. Die Mtter muten sogar noch zuweilen ihre Tchter ermahnen,
endlich einmal ein Buch in die Hand zu nehmen, statt da sie in unsern jetzigen
Tagen ber das viele Lesen sich ereifern, und es nicht ganz mit Unrecht einen
geschftigen Mssiggang schelten. Indessen habe ich doch ziemlich frh
angefangen, Romane zu lesen. Mein Vater verbot es mir nicht, wie er denn
berhaupt vom Verbieten nicht viel hielt, aber er bewachte doch die Wahl meiner
Lektre, und hthete mich besonders vor den franzsischen Romanen jener Zeit,
deren verderbliche Tendenz, unerachtet seiner Vorliebe fr ihre Verfasser, er
sich dennoch nicht verbarg.
    Indessen war es in meiner Jugend weit schwerer als jezt, sich eine
unterhaltende Lektre zu verschaffen. Lesbare, deutsche Romane fanden sich fast
eben so selten, als Leihbibliotheken, die man kaum dem Namen nach kannte. Man
behalf sich damals aus Noth wie jezt aus Wahl mit Uebersetzungen aus dem
Englischen, und ich erinnere mich noch lebhaft des Entzckens, mit welchem ich
im Schranke der Mutter einer meiner Gespielinnen eine lange Reihe Bcher
entdeckte, die unter dem Titel einer Landbibliothek eine Anzahl solcher
bersetzten Romane vereinigte.
    Hier lernte ich denn unzhlige Lords und Ladies, Sirs und Misses kennen,
deren Thaten und Leiden mit der, den Romanschreibern jener Nazion noch bis diese
Stunde eignen Breite und Weitschweifigkeit uns bis auf die geringsten Details
vorgefhrt wurden, sogar bis auf die Farbe des Kleides, welches die Heldin oder
der Held bei wichtigen Gelegenheiten trugen. Vor allem aber wurden die
Hochzeitkleider nicht nur des endlich beglckten Brautpaars, sondern auch die
der vornehmsten anwesenden Gste nie vergessen. Ich las das alles mit einer
Wonne, von der ihr Uebersttigten keinen Begriff haben knnt, denn ich war nicht
unbeschrnkt wie ihr im Gebrauch meiner Zeit. Hatte ich ein solches bndereiches
Werk vollendet, so war mir so einsam zu Muthe, als sei ein sehr lieber
interessanter, lange da gewesener Besuch wieder abgereist.
    Ich freute mich die ganze Woche hindurch auf den Sonntag Nachmittag, wo ich
meinem Lieblingsgenusse mich am ungestrtesten hingeben durfte, und obgleich ich
vor Ungeduld nach der Entwicklung brannte, so las ich doch immer langsamer, wenn
ich sah, da der Band zum Ende sich neigte, um mir dadurch die Freude zu
verlngern.
    Richardsons Romane entzckten mich ganz unbeschreiblich, gerade wegen ihrer
Weitschweifigkeit, obgleich ich dem Tugendspiegel Sir Charles Grandison keinen
sonderlichen Geschmack abgewinnen konnte und der brillante Bsewicht Lovelace
mir tausendmal besser gefiel. Jezt sehe ich wohl ein, da gerade die Werke
dieses berhmten Schriftstellers sich sehr schlecht dazu eigneten, einem kaum
zwlfjhrigen Mdchen in die Hnde gegeben zu werden, aber sie hatten einmal die
allgemeine Stimme fr sich. War doch sogar in England die mehr als zweideutige
Pamela dem Volke von der Kanzel als Erbauungsbuch angepriesen worden. Ueberdem
verlies mein Vater sich auf meine Unschuld, und das mit Recht; er war berzeugt,
da ich in meiner glcklichen Unbefangenheit das fr mich Unpassende entweder
bersehen, oder nicht verstehen wrde, und seine Erwartung trog ihn nicht.
    Meine jugendliche, oder vielmehr kindische Fantasie blieb indessen bei alle
diesem nicht mssig. Mein Kopf war voll von Entfhrungen, Maskeraden, gewaltsam
erzwungner Trauungen, diesen Apparat der damaligen englischen Romanschreiber,
die eben wie jezt ihre jngern Brder, sich immer gern wiederholten und alles so
ziemlich ber einen Leisten formten. Das alles suchte ich nun in Gedanken mir
selbst anzupassen; mein Held war ein Ungeheuer von Tugend, Tapferkeit, Edelmuth
und Liebenswrdigkeit, Grandison und Lovelace in einer Person. Ich selbst war
eine hchst gefhrliche Schnheit, die in steter Angst vor den Verfolgungen
ihrer wthenden Anbeter lebte. Bei alle dem aber blieb ich ein gutes Kind,
lernte meine Lexionen, strickte meine Strmpfe, nhte meine Wsche, half meiner
Mutter im Hauswesen, und niemand sah mir an, welche Wunder in meinem Kpfchen
herumspuckten.
    Jenes fantastische Spielwerk war nur eine Ergtzlichkeit in mssigen
Stunden; mein Held hatte noch gar keine Gestalt und konnte keine haben, denn ich
wute keine ihm zu geben. Da ich noch nicht confirmirt war, so durfte ich noch
nicht in der Welt erscheinen und kannte daher nur wenige junge Mnner, die aber,
welche ich kannte, gefielen mir nicht, hauptschlich wohl, weil sie von mir noch
keine Notiz nahmen.
    Die empfindsame Siegwarts-Periode, die bald darauf eintrat, gieng ziemlich
spurlos an mir vorber. Zwar versuchte ich es ebenfalls, Vergimeinnicht zu
pflcken, und mit dem bleichen Monde einen Verkehr anzuspinnen, und das gieng
auch in so weit recht gut von statten; nur die Leiden machten mir Noth. Ich
wute dem blassen Freunde nichts zu klagen und war zu gesund und ehrlich, um mit
Glck dergleichen erfinden zu knnen. Daher gab ich die ganze Sache bald auf und
ward aus einer pinselnden deutschen Romanheldin wieder eine stolze, englische
Schnheit.
    Einen weit grssern Eindruck als Siegwart machten auf mich Sophiens Reisen
von Memel nach Sachsen, die auch um jene Zeit erschienen. Die theologischen
Abhandlungen und Contraversen, welche dieses Buch enthielt, berschlug ich, das
versteht sich von selbst; aber es belustigte mich sehr, zum erstenmal' in meinem
Leben gute alte Bekannte in meinen Bchern zu finden. Die englischen Lords und
Ladies waren mir niemals wie recht lebendige Personen vorgekommen, obgleich ich
es nicht ableugnen mag, da sie mir vielleicht nur deshalb um so interessanter
erschienen, weil meine Fantasie um so freier mit ihnen schalten und walten
durfte. Die Herren Puff und Consorten hingegen sah ich zuweilen am Tische meiner
Eltern, und gleich Oelenschlgers Correggio, da er das erste niederlndische
Bild erblickt, gerieth ich darber in freudige Verwunderung, da man auch so
etwas malen knne.
    Endlich stand ich in meinem vierzehnten Jahre, nahe an der Grnze des
jungfrulichen Alters; da trbte zum erstenmal die schwere Hand des Unglcks
mein frhliches sorgloses Dasein. Ich verlor meine gute, liebe, herrliche
Mutter, gerade in dem Zeitpuncte, da ich ihrer milden leitenden Hand am
nthigsten bedurft htte. Sie entschlief sanft und still wie sie lebte. Es
raubte sie uns ein schleichendes Uebel, das seit der Geburt meiner Schwester
langsam und fast unmerkbar verzehrend, an ihrem Leben genagt hatte, bis sie ohne
Klage in sich zusammensank, whrend wir uns mit den schnsten Hoffnungen ihrer
nahen vollkommnen Genesung schmeichelten. Ausser mir vor Schrecken und Schmerz
stand ich, ein halbes Kind noch, an ihrem Sarge, in dem nehmlichen Saale, wo wir
vor wenig Tagen noch so froh mit ihr gewesen waren, und dessen ringsum
schwarzbekleidete Wnde ich jezt kaum wieder erkannte. Ich hielt mein armes
kleines Schwesterchen auf dem Arme, das in kindlicher Unschuld die vielen
Lichter anlchelte, welche zum leztenmal die theure bleiche verstummte Gestalt
beleuchteten. Neben mir stand mein trostloser Vater; zum erstenmale sah ich die
Thrnen eines Mannes, es war mir unbeschreiblich furchtbar, ihn laut weinen zu
sehen; wie ein unnatrliches Wunder kam es mir vor und all' mein Blut erstarrte
mir in den Adern. Ohnehin eignete sich der ganze Trauerapparat jener Zeit auf
das vollkommenste dazu, den innern zerreissenden Schmerz durch die ussere
Erscheinung bis zum Unertrglichen zu steigern. Nicht nur der Vater und wir
Kinder, auch alle Bedienten des Hauses waren in schwarzen Krepp gehllt, den
langnachschleppenden Schleier, die breite schwarze Schneppenbinde, die nur das
Gesicht frei lies, durfte ich whrend der ersten Wochen sogar nicht im Hause
ablegen. Bis nach dem Begrbnistage waren alle Fenster des Hauses dicht
verschlossen, Wohnzimmer, Treppen und Vorsaal schwarz umhangen, und die schwarz
gekleideten Leute alle schlichen mit unhrbarem Tritt, Gespenstern gleich, durch
die dstre Dmmerung. So wollte es nicht nur unser Schmerz, so wollte es auch
die damalige Sitte.
    Ach und wenn ich mitten in dieser dstern Pracht das bleiche liebe Gesicht
meiner Mutter im Sarge ansah! wie war das Bild des Todes so furchtbar vor meine
junge Seele getreten, ich wollte vor Schmerz und Grauen dabei vergehen, ich
meinte, nie wieder froh werden zu knnen und ward es doch; denn die Macht der
Zeit berwindet alles, besonders wenn Jugend sie unterstzt. Ich mu sogar
bekennen, da ich frher wieder ruhig und heiter ward, als ich mir selbst es
gestehen mochte: ich sei es.
    Auch mein Vater gewann bald Fassung genug, um seinen Verlust zu ertragen,
obgleich er nie lernte ihn zu verschmerzen, denn er hatte meine Mutter unendlich
lieb gehabt. Sie selbst mit ihrem reinen weichen Herzen, mit ihrem klaren
bescheidnen Sinne war, nach Art der bessern Frauen jener Zeit, stets nur der
anmuthigste Nachhall seines freieren krftigeren Wesens. Ihr Gemal war ihre
sichtbare Gottheit auf Erden. Mein Mann hat es gesagt, oder: der Herr hat es
befohlen, galten ihr, ersteres in der Gesellschaft, das zweite im Hause, fr
Grnde und Aussprche gegen die, ihrer Meinung nach, kein Vernnftiger etwas
einwenden konnte. Und dennoch war sie fern von jeder sklavischen
Unterwrfigkeit; es war nur ihrem liebenden Herzen unmglich, sich etwas Hheres
und Besseres zu denken, als ihren Gatten.
    Alle Sorgfalt und Liebe meines Vaters ward von nun an mir doppelt und
dreifach zugewendet. Mein kleines Schwesterchen konnte er nur mit stiller
Wehmuth betrachten. Es blieb im Hause unter der Aufsicht einer alten Wrterin.
Diese hatte auch meine hlflose Kindheit einst gepflegt, und sich durch
vierundzwanzig jhrige treue Dienste das Recht erworben, als ein Mitglied
unserer Familie betrachtet zu werden, dem es zuweilen erlaubt wurde, bei
bedeutenden Angelegenheiten derselben ein Wort mit zu reden.
    Meine Konfirmazion war durch den Tod meiner Mutter auf einige Monate
hinausgeschoben worden und dieser bedeutende Schritt ins Leben wurde, abgesehen
von jeder andern hheren Ansicht desselben, in meinem jetzigen verlassnen und
verwaiseten Zustande doppelt wichtig fr mich. Denn von jenem Moment an ward ich
nicht nur als ein selbststndiges Mitglied der Gesellschaft betrachtet, ich trat
auch zugleich an die Spitze unseres nicht unbedeutenden Haushalts und nahm die
Verpflichtung auf mich, hier nach Krften die Stelle meiner verewigten Mutter zu
ersetzen.
    Seit ich die Heftigkeit des ersten Schmerzes ber den Verlust meiner Mutter
berwunden hatte, war mir das Unersetzliche derselben nie wieder so
herzzerreissend aufgefallen, als in dem Augenblick, da ich nach jener religisen
Feierlichkeit zuerst wieder unser vereinsamtes Haus betrat. Ich sehnte mich ganz
unbeschreiblich nach einem Paar mich umfangender Arme, nach einem Herzen, an das
ich mit vollem Vertrauen das meine legen knnte, aber ich blieb einsam. Ich
befand mich in einer ganz eignen nie zuvor gekannten Stimmung des Gemths.
Dieses war bewegt von der heiligen Handlung, von der ich eben zurck kam, aber
es war nicht in seinen Tiefen ergriffen, es war nicht erwrmt. Der flchtige,
wenn gleich heftige Eindruck, den der heutige Tag auf mich gemacht hatte, mute
sogar bald einer eignen Art von Eitelkeit Raum geben, denn ich begann sehr
selbstgefllig das eben berstandne ffentliche Examen mir wieder zurck zu
rufen, bei dem ich allen Andern mich berlegen gezeigt hatte. Denn bei keinem
einzigen der biblischen Sprche, die ich auswendig lernen mute, um durch sie
die Glaubenslehren zu beweisen, welche meine Lippen bekennten, hatte mir mein
Gedchtnis den Dienst versagt; doch leider war auch kein einziger von ihnen bis
in mein Herz gedrungen, denn chte Frmmigkeit war mir von Jugend auf, selbst
dem Begriffe nach, fremd geblieben. Als bloes Gedchtniswerk hatte ich Religion
gelernt, wie ich auch Geographie und Geschichte lernte; ihr Geist hatte nie mich
durchdrungen, und nie, so lange ich lebte, hatte ich, ausser der Kirche die man
zuweilen aus Gewohnheit noch besuchte, von Gott reden gehrt.
    Liebe Kinder, wundert Euch nicht ber dieses Bekenntnis, sondern beklagt
mich, da meine Jugend leider in jene kalte trostlose Zeit fiel, in der man
begann sich der Religion zu schmen. Von jeher bahnte ja Uebertreibung einer
andern Uebertreibung ganz entgegengesezter Art den Weg, und so drang denn auch
pltzlich aus der dstern Nacht des kurz zuvor herrschenden krassesten
Aberglaubens, das grelle Flackerlicht des trostlosesten Unglaubens hervor, den
man damals Aufklrung nannte. Was war dabei wohl natrlicher, als da die vom
schnellen Uebergange aus dem Dunkel zu jenem kalten Nordschein geblendete Menge
einen andern Irrweg einschlug, als den eben verlassnen, ohne zu ahnen, da es
einen richtigern Pfad geben knne?
    Die geistreichsten Mnner jener Zeit, mit ihnen mein Vater, lieen von
Voltaires kaltem, aber glnzendem Witze sich hinreissen, der das Heiligste mit
dem Unheiligsten zugleich schonungslos verspottete. Eine furchtbare Erkltung
der Gemther nahm immer mehr und mehr berhand, und Voltaires Anhnger rhmten
sich laut: keine Religion, als die eines rechtlichen Mannes anzuerkennen; la
religion d'un honnte homme, wie sie es nannten. Leider gehrte auch mein Vater
zu diesen.
    Meine wahrhaft fromme, in stiller Einfachheit erzogene Mutter schwieg zu
alle dem aus Ergebenheit gegen meinen Vater, dessen Ansichten sie nie
widersprach; sie konnte dies um so eher, da man sie ungestrt ihren stillen Weg
gehen lies. Denn es war Grundsatz jener Aufgeklrten, die Weiber und das Volk
bei dem, was sie Irrthmer nannten, so lange zu lassen, als diese darin
verharren wollten. In Hinsicht auf mich, trstete sich meine Mutter damit, da
ich den gehrigen Religionsunterricht tglich von einem Kandidaten erhielt, und
fr ihre Person begngte sie sich mit der ihr gelassenen Freiheit, sich ganz
still zu entfernen, wenn der franzsirende Witz der Gesellschafter meines Vaters
gegen Dinge, die ihr heilig waren, zu hoch ansprudelte.
    So trat ich denn als ein recht armes verlassnes Kind ins erweiterte Leben,
ohne die Leitung einer verehrten Mutter und ohne den Trost jenes, ber das
Irdische und jeden Schmerz desselben uns erhebenden Gefhls, den das Bewutsein
uns gewhrt, da wir unter dem Schutze und der Leitung eines mchtigen, gtigen,
unbegreiflichen Wesens stehen, an welches ich leider nie dachte, obwohl ich im
Herzen daran glauben mute. Denn ich war nicht irreligis, ich war nur gar
nichts, weil kein Ton um mich her mein armes erstarrtes Herz erweckte und das
darin schlummernde Gute ins Leben rief.
    Jezt, da ich eine fast sechzigjhrige Matrone bin, werdet Ihr es mir
hoffentlich nicht als Eitelkeit auslegen, wenn ich unumwunden gestehe, da ich
vor undenklich langer Zeit sehr schn war. Der Form nach zeigst Du, meine
Vicktorine, mir im Spiegel der Erinnerung einigermassen mein Bild; nur zrne
nicht, wenn ich behaupte, da mein langes weiches blondes Haar noch reicher und
seidner war, als dein braunes; mein milderstrahlendes blaues Auge vielleicht
noch ausdrucksvoller als Dein dunkles, meine Farbe noch blendender als die
Deine, mein Wuchs voller und hher. Genug, ich zeichnete mich, trotz aller
Verkrppelungen der damaligen Mode, vor allen meinen Jugendgespielinnen sehr
auffallend aus. Seht mich nur recht darauf an, lieben Kinder: so vergeht Glanz
und Ehre der Welt.
    Mein gtiger Vater fieng jezt an, nicht nur sein Kind mit einiger Eitelkeit
zu betrachten, sondern auch mit einem gewissen Stolze, dessen kleine Vorzge an
das Licht zu ziehen, dem nur die vterliche Liebe zur Entschuldigung dienen
konnte. Er hatte meine sanfte anspruchslose Mutter unendlich lieb gehabt, er war
an ihrer Seite und durch sie unbeschreiblich glcklich gewesen, und doch lie er
von jener Eitelkeit sich verleiten, mich ganz zum Widerspiele dessen ausbilden
zu wollen, was sie gewesen war. In seiner Erinnerung wachte wiederum der
Frhling seines Lebens auf, den er in Paris, zum Theil in den Salons jener
geistreichen Frauen zugebracht hatte, welche zu seiner Zeit als Ton angebende
Regentinnen von ihrem Lehnstuhl' aus, in halb Europa die Geister beherrschten.
Madame du Deffant, die geistreiche L'Espinasse, Madame de Tencin, und so viele
andere, die damals durch Geist, Witz, Talent und Liebenswrdigkeit ein eignes
geistiges Reich mitten im frivolsten Treiben eines immer tiefer sinkenden Volkes
errichteten, wer kennt nicht jezt noch ihre Namen? Mein Vater hatte an den
Strahlen ihres Geistes gerade in der Zeit sich gesonnt, in der die von
jugendlichem Enthusiasm erfllte Brust so leicht und gern jedem schmeichelnden
Eindruck sich hingiebt; er hatte sich in den tiefsten Tiefen seines Gemths so
manche herrliche Erinnerung an sie aufbewahrt, welche die vterliche Liebe ihn
jezt mit dem Wesen seiner Tochter verwechseln lies, und so verfhrte er sich
selbst zu dem Plan', alles daran zu setzen, um mich zu einer, jenen berhmten
Damen hnlichen Erscheinung umzubilden, wenn ich gleich bestimmt schien, in
einem weit beschrnkteren Kreise zu glnzen. Wenigstens wollte er mir durch
Lektre und mndlichen Unterricht eine ber jedes Vorurtheil erhabene Richtung
geben, und machte dies von nun an zum Hauptgeschfte seines Lebens. Meine
natrlichen Anlagen, vereint mit einer Eitelkeit, welche durch die meines Vaters
neu belebt ward und die man in meiner Lage verzeihlich finden wird, unterstzten
ihn bei diesem Unternehmen so krftig, da ich in der That nach wenigen Jahren
als eine sehr blendende Erscheinung da stand, und durch alle glnzende
Eigenschaften eines fr die grosse Welt gebildeten Geistes, durch Witz und
schnelle Urtheilskraft nicht minderes Aufsehen erregte, als durch meine, zu
immer hherer Schnheit erblhende ussere Gestalt.
    Mdchen und Frauen, mit denen ich bis dahin noch Umgang gehabt hatte,
suchten zwar jezt meine Nhe weniger, mieden sie vielleicht gar, weil sie
anfiengen sie drckend zu empfinden; doch ich achtete dies wenig, denn auch mir
war das Beisammensein im gewohnten Kreise nach und nach langweilig geworden.
Nach dem Tode meiner Mutter hatte ohnedem unsre Lebensweise sich, ganz
unmerklich, vllig anders gestaltet. Unser Umgang mit so vielen der ersten und
angesehensten Familien der Stadt, den ich Euch so eben beschrieben habe, hatte
ganz allmhlig von selbst aufgehrt, ungefhr wie die Schwingungen des
Perpendikels einer ins Stocken gerathenen Uhr, die doch nie so ganz mit
einemmal' abbrechen.
    Wenn viel Zuhausebleiben huslich leben heit, so lebten wir in der That
weit huslicher als da meine Mutter noch mit uns war, denn wir giengen fast nie
aus, dafr aber versammelten wir tglich einen, zwar nicht sehr ausgedehnten,
aber erwhlten Kreis geistreicher Mnner in unserm Hause. Eine nicht ganz
unbedeutende Erbschaft, die meinem Vater unerwartet zugefallen war, machte es
uns mglich, dies mit zierlicher Eleganz thun zu knnen, gleich weit entfernt
von Ueberflu und ngstlicher Sparsamkeit. Knstler, Gelehrte, interessante
Mnner aus jedem Fach, deren diese Stadt noch in diesem Augenblick weit mehrere
verbirgt, als man gewhnlich glaubt, waren als tgliche Gste uns stets
willkommen. Viele Fremde schlossen sich diesem Kreise an, ja es hielt sich fast
kein Einziger von einiger Bedeutung lnger als einen Tag in der Stadt auf, ohne
bei uns Zutritt zu suchen. Auch an fremden Knstlern fast von allen Nazionen
fehlte es nicht, die zum Theil durch uns bekannter zu werden hofften, und gern
und willig unseren geselligen Abenden durch ihr Talent einen neuen Reiz
gewhrten.
    Ich hatte mich unterdessen dabei gewhnt, die Honneurs von meines Vaters
Hause mit einer Leichtigkeit, einem Anstande zu machen, welche diesen ber allen
Ausdruck erfreuten. Alle unsere Gste lobten mich um die Wette, viele
behaupteten geradezu, da ich an jedem Hofe, sogar in Paris, Aufsehen und
Bewunderung erregen msse. Mir schwindelte das junge Kpfchen bei diesem Lobe,
doch vor allem beglckte es mich um meines Vaters willen, an dem ich jezt mit
ungemessner Liebe hieng. Sein stilles Entzcken ber mein seltnes Gelingen in
der Gesellschaft entgieng meinem Scharfblicke nicht, und ich bemerkte recht
wohl, wie sein freudig-glnzendes Auge heimlich-triumfirend jede meiner
Bewegungen verfolgte. Wenn ich, was oft genug geschah, furchtlos die Stimme
erhob, und in gewhlten schn geordneten Phrasen meine entscheidende Meinung
ber irgend einen eben besprochenen Gegenstand der schnen Litteratur an den Tag
legte, so war es mein Vater allemal, der zuerst die Aufmerksamkeit der
Anwesenden mir zuzuwenden suchte. Er hrte mir theilnehmender zu, als alle
Andere, wenn ich ber irgend einen Satz der damals herrschenden philosophirenden
Moral, oder gar der Politik aburtheilte, welche letztere schon damals Freiheit
und Gleichheit zu predigen anfieng. Mit beiflligem Lcheln lohnte er es mir,
wenn ich mit leichtem stechendem Witz Ungereimtheiten schonungslos verfolgte,
oder mich in einen geistreichen Wettkampf einlies, bei dem ich gewhnlich den
Sieg davon trug. Meine seltne Gewandheit des Geistes gab mir in solchen Fllen
zwar oft eine Art von Ueberlegenheit, doch fterer noch mochte ich wohl diesen
Sieg der damals noch blichen Hflichkeit meiner Gegner verdanken, die nach
alter Art zu galant waren, um ihn im Ernst' einer Dame streitig machen zu
wollen.
    So sah ich denn in blhender, unerfahrner Jugend von einer Schaar von
Mnnern mich umgeben, die mir alle, ohne Unterschied des Standes oder der Jahre,
den Hof machten, jeglicher nach seiner Weise. Ich thronte, gleich einer kleinen
Knigin, ohne Nebenbuhlerinnen in ihrer Mitte, denn meine Schwester war noch zu
jung, um in unsern Abendgesellschaften zu erscheinen, und meine weiblichen
Bekannten hatten sich nach und nach alle gnzlich von mir zurckgezogen. Ich
vermite sie eben so wenig als ihr Wegbleiben aus unserm Hause mich befremdete,
denn ich wute von meinem Vater, da meine Vorbilder, die tonangebenden Damen in
Paris, zu ihrer Zeit eben so allein mitten in dem Mnnerkreise da gestanden als
ich jezt.
    Die Stelle, welche mein Vater unter den Diplomaten dieser Stadt einnahm,
machte es mir freilich bei seltnen festlichen Gelegenheiten zuweilen zur
Pflicht, in grssern, aus beiden Geschlechtern zusammengesetzten Gesellschaften
zu erscheinen, aber auch in dieser behauptete ich meinen Platz. Ich war hier zu
laut und zu allgemein als die Erste in jeder Hinsicht anerkannt, als da es
einer andern htte einfallen knnen, mir diesen Rang streitig machen zu wollen.
Sobald ich ausser dem Hause erschien, umgaben mich die vornehmsten meiner
Verehrer gleich einer Wagenburg, und die, welche nicht bis zu mir
hindurchdringen konnten, sonnten sich von ferne in meinen Strahlen.
    In aller Unschuld ward ich auf diese Weise recht kokett, wenn nehmlich
Kokettsein so viel heit, als ohne Unterschied allen gefallen wollen. Ich wollte
dies in der That, aber doch nur, weil ich keinen Mann gesehen hatte, dem ich in
meinem Herzen vor allen seines Gleichen htte den Vorrang einrumen knnen.
Alle, die ich kannte, galten mir gleich, aber ich betrachtete sie auch alle wie
Unterthanen, von denen mir keiner rebellisch werden, oder gar einer andern Fahne
sich zuwenden durfte. Mein eigentlichstes Streben war doch nur, meinem Vater zu
gefallen, nicht nur weil er mein Vater, sondern weil er zugleich der edelste
geistreichste Mann war, den ich kannte. Ihm anzugehren, die Freude dieses
Greises zu sein, war mein Stolz, und seine mit jedem Tage zunehmende Liebe zu
mir mein einziges Glck. Das Bild seiner Jugend, wie ich mir es dachte, wurde
mein Ideal, und ich schlug mehrere Heirathsantrge aus, weil alle diese Mnner,
die sich um mich bewarben, meinem Vater zu unhnlich waren, als da ich einen
von ihnen htte der Ehre werth halten knnen, sein Sohn zu heissen. Diese jungen
Herren, welche sich um mich her drngten, erschienen mir eigentlich alle in
einem etwas klglichen Lichte. Es entgieng mir nicht, da nur eine noch
ungemessenere Eitelkeit als meine eigne sie an den Stufen meines Thrones
versammle; deshalb achtete ich sie im Grunde zu wenig, um auf ihre Huldigungen
grossen Werth legen zu knnen; aber es belustigte mich, wenn ich ihre Thorheit
zu meiner Unterhaltung benutzte, und sie wie Marionetten behandelte, denen ich
nach Belieben Leben und Bewegung verlieh.
    Die Zeit vergieng, aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate, aus Monaten
Jahre, ohne da ich es sonderlich gewahr ward, und so hatte ich eben mein zwei
und zwanzigstes Jahr vollendet, als mitten in der schnsten Frhlingszeit alle
Welt hier in eine halb ngstliche, halb freudige Spannung gerieth, deren
unschuldige Ursache die regierende Herzogin von P. war. Diese Frstin sollte auf
ihrer Durchreise nach einem Bade mit ihren beiden Prinzessinnen in kurzem bei
uns eintreffen, und hatte beschlossen, einige Tage in unserer Stadt zu
verweilen, um die Merkwrdigkeiten und vor allem die schnen Umgebungen
derselben kennen zu lernen.
    Vor vierzig Jahren war das Reisen mit weit grssern Beschwerden verbunden
als jezt, wo es einer lustigen Spazierfarth immer hnlicher wird. Gute Gasthfe
waren selten, leidliche Wege noch seltner und Kunststrassen am allerseltensten.
Daher blieb fast jeder, der nicht reisen mute, gern zu Hause, und besonders
waren reisende Knige und Frsten damals eine seltene Erscheinung.
    Alle Fenster in den Strassen, durch welche ein gekrntes Haupt fahren
sollte, wurden deshalb lange im voraus in Beschlag genommen, die neugierige
Menge drngte sich Kopf an Kopf in dichten Reihen um die frstlichen Wagen her,
und alte Leute, denen in ihrer Jugend das Glck zum Theil worden war, einen
Kaiser oder Knig von ferne zu sehen, erzhlten noch Kindern und Kindeskindern
davon als von einem merkwrdigen Ereignisse ihres Lebens.
    Die blosse Durchreise der Herzogin wre also schon hinreichend gewesen um
die ganze Stadt in Bewegung zu bringen, aber nun wollte sie sogar drei Tage in
unsrer Mitte verweilen, und glnzende Feste sollten diese Zeit ausfllen, deren
Erfindung denen, welche sie anzuordnen hatten, nicht wenig Kopfbrechens
verursachte. Der berall immer steigende Luxus hatte freilich seit den lezten
zehn Jahren auch in dieser Stadt sehr zugenommen, und nach und nach war manche
bedeutende Abnderung in der frher gewohnt gewesenen Lebensweise der Einwohner
derselben entstanden; doch die Idee von Hoffesten lag den freien Reichsstdtern
noch immer zu fern, als da sie sich sogleich darin htten finden knnen.
    Whrend die Mnner mit Zuziehung meines Vaters darber rathschlagten, wie
sie die Frstin gehrig empfangen und unterhalten knnten, waren die Damen ihrer
Seits mit Vorbereitung ihres Putzes zu dieser feierlichen Gelegenheit nicht
minder beschftigt. Ich allein blieb vielleicht die Mssigste in der ganzen
Stadt, denn die Sucht auf diese Weise glnzen zu wollen, gehrte nie zu meinen
Fehlern. Im stolzen Bewustsein meiner Vorzge suchte ich vielmehr stets etwas
darin, meine von Silberflor, Flittern und Edelsteinen strahlenden
Nebenbuhlerinnen im einfach zierlichen Gewande dennoch zu verdunkeln, und ich
nahm mir vor, auch diesmal meiner alten Gewohnheit treu zu bleiben. Bei alle dem
aber klopfte mir doch das Herz bei dem Gedanken, einer Frstin vorgestellt zu
werden. Wre es ein Knig, oder selbst ein Kaiser gewesen, ich hatte zwar auch
noch keinen gesehen, aber ich wre wahrscheinlich ruhiger dabei geblieben, denn
Kaiser und Knige sind Mnner und gegen solche wute ich mich zu benehmen. Ich
durfte sogar hoffen, ihnen eben so wenig zu misfallen, als andern Mnnern; aber
eine Frstin, und vollends gar eine junge Prinzessin! Der blosse Gedanke an ein
solches, mir so hnliches, und doch wieder auch so unhnliches Wesen flte, wie
etwas Uebernatrliches, mir eine Art ngstlicher Scheu ein. Ich zerbrach mir
vergebens den Kopf um zu ersinnen, wie einer so von Jugend auf in einer ganz
andern Sphre und mit ganz verschiedenen Ansichten aufgewachsenen Prinzessin die
Welt und die Verhltnisse des Lebens, erscheinen knnten, zu denen eine solche
Frstin eigentlich gar nicht gehrt, und denen sie denn doch auch wieder in
gewisser Hinsicht eben so unterworfen ist als jedes andre Mdchen.
    Der grosse Tag kam endlich heran, die Frstin auch, und ich ward in der
Reihe der ersten Damen der Stadt ihr vorgestellt. Ich fhlte mich bei dieser
ganz einfachen Zeremonie so befangen wie nie zuvor in meinem Leben, und rgerte
mich dabei innerlich ber mich selbst, weil es mir durchaus nicht gelingen
wollte, dieses ngstliche Gefhl abzuschtteln. Die Herzogin, eine schne hohe
Frau von mtterlichem Ansehen, war die Huld und Freundlichkeit selbst; sie war
weit einfacher gekleidet als wir alle und weder Schmuck noch Orden verriethen
ihren hohen Stand. Mit jener Leichtigkeit, welche von Jugend an den Frstinnen
eingelehrt wird, wandte sie sich an alle Damen der Reihe nach und wute jeder
etwas angenehmes zu sagen. Mich beehrte sie besonders mit freundlichen Fragen
nach einigen meiner Verwandten, die sie in frhern Zeiten gekannt hatte, und ich
antwortete ihr so gut ich es konnte; doch meine Stimme bebte dabei, meine Wangen
glhten und meine Augen hafteten unabwendbar am Boden. Unerachtet aller
mglichen frstlichen Herablassung, imponirte mir die hohe, ber das ganze Wesen
der Herzogin verbreitete, ihr ganz eigenthmliche Wrde, und ihre
Kornblumenfarbenen Augen, so mild sie stralten, schienen mir bis in das Innerste
meiner Brust dringen zu wollen. Es mochten wohl schon oft solche verlegne
Figuren wie ich damals eine war, vor ihr gestanden haben, denn sie schien meinen
Zustand zu begreifen und suchte, mitleidig, ihm dadurch abzuhelfen, da sie mich
ihren beiden Tchtern, zwei therisch-zarten Gestalten zufhrte. Besonders war
die jngste, Prinzessin Mathilde, ein Kind von zwlf Jahren, beinahe
unkrperlich wie eine Silphide.
    Ich fhlte die Absicht der Frstin und schmte mich innerlich meines
albernen Betragens nur noch mehr, indessen gelangte ich nach und nach durch das
Gesprch mit den jungen Damen doch wieder zu leidlicher Fassung, obgleich ich
von meiner gewohnten Sicherheit noch immer weit entfernt blieb.
    Ich wagte es doch wenigstens, wieder aufzusehen, fuhr aber gleich wieder
erschrocken zusammen, denn mein erster Blick fiel in das mit gespannter
Aufmerksamkeit auf mich gerichtete Auge eines dicht hinter der Herzogin
stehenden jungen Mannes. Er wandte, fast unmerklich errthend, den Blick von mir
ab, so wie der meinige ihn traf, und auch ich schlug die Augen wieder nieder,
aber ich fhlte, wie meine Wangen vor dem Strahle seines Blicks in dunkelem
Purpur erglhten. Als ich mich nach einer kleinen Weile unbemerkt wute, sah ich
doch verstohlen wieder hin; es war eine hohe edle Gestalt mit einem sehr
ausdrucksvollen schnen ernsten Gesichte. Sein durchaus ruhiger, bescheidener
und doch vornehmer Anstand verkndeten in ihm den Mann von Welt und feiner
Bildung; ich sah von ihm auf meine zahlreichen, den Saal fllenden Bewunderer,
nie hatten sie mir weniger gefallen; alle standen in ehrerbietiger Ferne,
einige, noch verlegener als ich, drckten sich an den Wnden herum. Ich wnschte
in diesem Augenblick nichts sehnlicher. als zu erfahren, wer der interessante
Fremde sei. Aber wo htte ich den Muth hernehmen wollen darnach zu fragen; ich
war mit einemmal ein bldes bescheidnes Kind geworden, und ich kannte mich
selbst nicht wieder in dieser Umwandlung.
    Der Nachmittag war bestimmt, die Herzogin an einige der schnsten Puncte der
Umgegend zu fhren und sie selbst hatte die Gnade, mich zur Begleitung ihrer
Tchter einzuladen. Ich fuhr mit den Prinzessinnen und ihrer Hofmeisterin in
einem offenen Wagen, der Fremde ritt neben dem der Herzogin her. Er schien so an
ihre Nhe gefesselt, da er sich von ihr durchaus nicht entfernen durfte,
indessen hatte ich doch das Vergngen, ihn von weitem zu beobachten. Seine
schne Gestalt zeigte sich mir zu Pferde auf das allervortheilhafteste, denn es
ist ja eine sehr alte Bemerkung, da fr die Mnner das Pferd das ist, was fr
uns der Tanzsaal, um darauf krperliche Vorzge im gnstigsten Lichte geltend zu
machen. Mit stiller Freude wurde ich gewahr, da er sich nach uns umsah, so oft
sich die Gelegenheit dazu bot. Ich bemerkte es jedesmal, wenn es geschah, mochte
aber um so weniger es wagen, nach seinem Namen zu fragen.
    Eine elegante und ausgesuchte Kollazion erwartete die Herzogin nach
vollendeter Spazierfahrt, in einem der schnsten Grten in der Nhe der Stadt,
und ein brillantes, von einem in diesem Fache berhmten Knstler dirigirtes
Feuerwerk sollte mit sinkender Nacht die Freuden dieses Tages beschliessen. Fr
die Herzogin war zu diesem Zweck dicht am Hause eine grosse, mit einem seidnen
Baldachin bedeckte Estrade erbaut worden. Einige Stufen fhrten von dieser
Estrade in den Garten hinunter, und vom Hause aus gelangte man, ebenfalls einige
Stufen hinab, durch drei der grossen, bis an den Fuboden reichenden Fenster des
in der ersten Etage befindlichen Speisesaals, auf die fr die Herzogin und die
Damen bestimmten Pltze. Ich fand den meinigen unfern den Prinzessinnen, am Ende
der zweiten Reihe von Sthlen. Das Feuerwerk begann, die laue Sommernacht schien
fr ein Vergngen dieser Art eigends geschaffen zu sein. Dunkle Wolken bedeckten
den Horizont, ohne doch mit wahrem Regen zu drohen, und das in bunten feurigen
Farben stets wechselnde lustige Strahlenspiel zeigte sich auf diesem dunkeln
Hintergrunde, in feenhafter Zauberpracht. Der Anblick der zahllosen geputzten
Zuschauer, welche im Garten, um die Estrade her gruppirt, theils sassen, theils
standen, erhhte den Reitz des magischen Schauspiels, indem alle die vielen
Kpfe sich bald im hellsten Lichte zeigten, bald zurcktretend in das
geheimnivolle Dunkel der Nacht, wieder verschwanden. Das ganze Feuerwerk gieng
zur Freude aller Anwesenden ganz vortrefflich von statten; schon zeigte sich die
letzte glnzendste Dekorazion, ein im hellsten Brillantfeuer strahlender
Sulentempel. Ein feuriger Adler flog zu einem der obern Fenster des Hauses
hinaus ber die Estrade weg, um die an dem Tempel angebrachten Namenzge der
hohen Herrschaften anzuznden, alles war in gespannter froher Erwartung. Doch
ehe der Adler noch die Mitte seiner Bahn erreichte, ri einer der Drhte
entzwei, an welchen er schwebte, der feurige Klumpen prallte sinkend zurck,
gerade auf den Platz zu, wo die Herzogin sa. Er setzte die seidene Drapperie
des Baldachins in Brand, verwundete ein paar Damen und fiel dann mitten in der
Estrade zu Boden, wo er, dampfend und zischend und prasselnd, Angst und Gefahr
um sich her verbreitete.
    Von dem Tumulte, dem Geschrei, dem Entsetzen der Unordnung, worin sich jezt
alles auflste, kann Euch keine menschliche Zunge einen Begriff geben. Man mu
so etwas mit erlebt haben, um es sich vorstellen zu knnen. Alle Rcksichten
waren im Moment vergessen, jeder dachte nur an sich und die Seinen. Die, welche
auf der Estrade sich befanden, strmten schreiend durcheinander, den in den
Speisesaal fhrenden Zugngen zu. Jeder rief mit berlauter Stimme die Namen der
Seinen, die er im Gedrnge zu verlieren frchtete, und alle vermehrten im
panischen Schrecken die allgemeine Unordnung und die erst aus dieser
hervorgehende Gefahr, welcher ein einziger besonnener Mann htte zuvorkommen
knnen. Mit einem Griffe, der die glimmenden Drapperien herunter gerissen, mit
einem Futritt, der den Funken sprhenden Adler in den Garten hinab geschleudert
htte, wre alles gethan gewesen. doch daran war jezt nicht mehr zu denken. Die
leichten Latten, welche rings um die Estrade eine Art Balustrade gebildet
hatten, wurden von denen zertrmmert, die aus dem Garten hinauf diese
erkletterten, um ihren oben befindlichen Frauen und Tchtern zu Hlfe zu kommen;
die Sthle wurden umgeworfen, einige der Fliehenden fielen ber diese, oder ber
die zu dem Hause hinauffhrenden Stufen, andere stiegen ber die Gefallenen weg.
Die Herzogin war zum Glck gleich im ersten Augenblick ins Haus geflchtet, zwei
Sekunden spter waren schon alle drei Eingnge zu diesem von der ihr
nachdringenden Menge verstopft, niemand konnte weder rckwrts, noch vorwrts,
und alles das geschah unter durchdringendem betubendem Geschrei, innerhalb
weniger Minuten, ich mchte sagen, in weit krzerer Zeit, als ich gebraucht
habe, Euch von diesem Unfalle zu erzhlen.
    Ich selbst behielt zum Glcke kaltes Blut genug, um das Nichtige der
gefrchteten und das Bedeutende der aus dieser Furcht entstehenden Gefahr
einzusehen, und war deshalb auch so besonnen, da ich mich nicht, wie die
Uebrigen, dem Hause zu zuflchtete. Ich wollte lieber durch einen raschen Sprung
seitwrts von der gar nicht hohen Estrade, in das weiche Gras, mich in den
dunkeln menschenleeren Theil des mir aus frherer Zeit sehr wohl bekannten
Gartens flchten, um dort das Ende alles dieses Lrmens ruhig abzuwarten. Indem
ich aber mein Kleid zusammennahm und mich anschickte herunter zu springen,
fhlte ich mit sanfter Gewalt meine Knie umfat; erschrocken sah ich nieder und
traute meinen eigenen Augen kaum, als ich die arme kleine Prinzessin Mathilde
erblickte, die, unfhig sich zu helfen, zwischen den umgeworfenen Sthlen, auf
dem Fuboden der Estrade lag, und, krampfhaft zitternd, mich fest umschlungen
hielt. Das arme Kind war gleich anfangs im ersten Schrecke von seiner Mutter
abgekommen, es war ber die Sthle hingefallen, niemand hatte dies gesehen, und
da mehreren Personen oblag, fr die Prinzessin zu sorgen, so hatte sich
eigentlich in der Verwirrung niemand um sie bekmmert, indem jedes sie bei den
Andern in Sicherheit glaubte. So war sie denn wirklich der Gefahr ausgesetzt
geblieben, im Gedrnge erstickt oder ertreten werden zu knnen.
    Ohne langes Bedenken nahm ich die zarte Kleine auf, kniete am Rande der
Estrade hin, und lie sie mit mglichster Behutsamkeit langsam hinunter in das
Gras sinken, dann sprang ich selbst ihr nach; das Getmmel und Geschrei oben
nahm zu und das Kind lag wie besinnungslos zu meinen Fssen. Eben wollte ich
versuchen, es mit Hlfe meines Flakons mit Eau de Luce wieder zu sich selbst zu
bringen, als ein frchterliches, lange anhaltendes Knallen mich selbst jezt auf
das heftigste erschreckte. Ein Feuerregen umsprhte mich im Nu, Hunderte von
feurigen Schlangen flogen zischend und prasselnd nach allen Richtungen durch die
Luft, und verbreiteten eine hchst ngstliche Helle, die momentan wieder mit
dicker Finsternis abwechselte. Eine grosse Menge zerstreut liegender Raketen,
welche zu einer gewaltigen Girandole vereint, den Schlu des Feuerwerks hatten
verherrlichen sollen, war durch ein Versehen in Brand gerathen. Vermuthlich
hatte der Feuerwerker selbst ber die, wahrscheinlich nicht ohne seine Schuld
entstandene Verwirrung den Kopf verloren, und so konnte denn dieses zweite
Unglck durch die vielen, mit Fackeln zum Aufsuchen ihrer Herrschaften
herumlaufenden Bedienten leicht entstehen. Durch das immer wilder werdende
Geschrei ber mir, durch das Knallen der Raketen, durch den fortwhrenden
Funkenregen, und die rings um uns niederfallenden brennenden Raketenstcke, war
ich jezt selbst so ngstlich geworden, da ich in Gefahr stand, ebenfalls die
Besinnung zu verlieren; doch suchte ich mich zu fassen so gut ich konnte. Ich
nahm das noch immer halb ohnmchtige Kind in meine Arme, es schien mir in der
Angst federleicht. Mir kam der Gedanke, in einen, vom Schauplatze der Verwirrung
ziemlich entfernten, mir wohl bekannten Gartensaal uns beide einstweilen in
Sicherheit zu bringen; denn schon fielen kalte einzelne Regentropfen herab und
der nchtliche Himmel hllte sich in immer schwrzeres Dunkel. Selbst zitternd
vor Furcht, trat ich daher jezt mit meiner Brde den Weg nach jenem Gartensaal
an, und beeilte meine Schritte so gut ich es konnte. Ich hatte das Kind schon
eine ziemliche Strecke weit fortgetragen, als Angst und Eile mich ein paar
Stufen vergessen liessen, die auf meinem Wege lagen und zu einer niedriger
liegenden Terrasse hinabfhrten, ber die ich mute. Ich glitt aus, fiel, mit
dem Kinde auf meinen Armen, die kleine Treppe hinab, und fhlte, nach wenigen
Minuten, zu meinem unaussprechlichen Schrecken, die Unmglichkeit aufzustehen
und weiter zu gehen.
    Im Garten war es jezt sehr dunkel und todtenstill. Das Feuerwerk hatte
ausgetobt, und nur wie aus weiter Ferne tnte das die Estrade noch immer
umwogende Getse zu mir herber. Der Regen begann mchtiger hernieder zu
rauschen und weckte die kleine Prinzessin aus ihrer Ohnmacht. Sie zitterte an
allen Gliedern wie ein Espenlaub, doch freute es sie, sich in meinen Armen zu
finden. Frulein, bat sie unter heien Thrnen, liebes Frulein, so stehen
Sie doch auf, da wir zu meiner Mutter kommen, und da sie sah, da ich nicht
aufzustehen vermochte, erhob sie ein lautes klgliches Geschrei nach Hlfe.
    Vergebens versuchte ich alles, sie zu beschwichtigen, sie lies sich nicht
beruhigen und zitterte dabei immer strker mit konvulsivischer Heftigkeit. Ich
versicherte sie, da alle Gefahr vorber sei, da der Schmerz in meinem Fue
sich bald geben wrde, da ich den Weg kenne und sie sicher nach Hause bringen
wrde, alles war vergebens. Sie schrie immer lauter und ngstlicher, und ich
hrte dabei die Zhne des armen Kindes vor Angst und Furcht an einander
schlagen. Der traurige Zustand der Kleinen gieng mir durch die Seele. Eure
Shawls kannte man damals noch nicht, so ri ich dann meine Zirkassienne, eine
Art Oberkleid, das damals Mode war, herunter, um das arme Prinzechen in den
starken seidenen Stoff zu hllen und es nur einigermassen vor dem immer dichter
fallenden Regen zu schtzen. Dankbar schlang das Kind die zarten schwachen
Aermchen um meinen Hals, verbarg leise weinend und schluchzend das Kpfchen an
meine Schulter, und schrie dann wieder berlaut mit verdoppelter Heftigkeit nach
Hlfe. Jezt fieng ich an, um uns Beide recht ernstlich besorgt zu werden. Die
unnatrliche Heftigkeit der Prinzessin Mathilde ngstigte mich unbeschreiblich,
die Schmerzen in meinen Fen nahmen mit jeder Minute zu und wurden fast
unleidlich; dazu durchnte der immer dichter fallende Regen uns beide,
besonders aber mich bis auf die Haut. Ihr knnt also denken, wie froh ich war,
als ich endlich an der Taxusecke, welche die Terrasse einfate, auf welcher ich
lag, den Wiederschein eines Lichtes erblickte. Auch die Prinzessin ward mit mir
zugleich diesen Hoffnungsstrahl gewahr, sie stand auf, wandte sich nach der
Richtung, von wo das Licht zu kommen schien, und rief mit einemmal laut jubelnd:
Leuen, lieber Leuen, hieher, hier unten ist Mathilde, hier ist auch das
Frulein, geschwind' uns zu Hlfe, hieher!
    Das Gebsch ber mir rauschte, ein Mann sprang von der obern Terrasse zu uns
hinab, und beim Schein einer Laterne, die er trug, und die er augenscheinlich
irgendwo an einem Hause heruntergerissen haben mute, erkannte ich den Begleiter
der Herzogin.
    Gottlob, da ich Sie finde, Prinzessin! sprach er ganz ausser Athem; wir
glaubten alle, Sie schon zu Hause zu finden, und die Herzogin ist jezt
Ihretwegen in der qulendsten Todesangst. Kommen Sie, wir mssen eilen, erlauben
Sie, da ich Sie bis an den Wagen trage, damit wir schneller fortkommen.
    Nein, nein, nein, nein, rief abwehrend die Kleine, sehen Sie doch nur hier,
das arme liebe Frulein Falkenhayn. Sie hat den Fu gebrochen, weil sie mich
forttrug. Ach Gott! ach Gott, sie stirbt; sehen Sie, wie sie mit einemmal bleich
wird; sie stirbt ganz gewi, wenn sie nicht gleich Hlfe bekommt. Das arme Kind
brach von neuem in Thrnen aus, warf sich mir, wie ich so da lag, um den Hals;
der Fremde aber, der jezt erst meiner gewahr ward, stand, sichtbar erschrocken,
dabei, und schien in der ersten Ueberraschung vergebens nach Worten zu suchen.
    Es ist lange nicht so arg, als die Prinzessin es glaubt, erwiederte ich,
und suchte, unerachtet des ungeheuern Schmerzes in meinem Fue, ein Lcheln zu
erzwingen. Ich bin ausgeglitten, ich habe mir den Fu verstaucht, vielleicht ein
wenig verrenkt, aber gebrochen nicht, hoffe ich. Die paar Schritte bis zum Wagen
denk' ich recht gut gehen zu knnen, sprach ich, und bemhte mich, vom Boden
aufzustehen. Herr von Leuen untersttzte mich, auch die arme kleine Mathilde
strengte mitleidig alle ihre schwachen Krfte an, mir zu helfen; doch der
Schmerz ward zu heftig, und ich sank mit einem kaum zu unterdrckenden Wehelaut
zurck in das Gras.
    Es geht nicht, sprach ich, meinen Schmerz mglichst verbergend, es geht
nicht. Haben Sie nur die Gte, Herr von Leuen, die Prinzessin an den Wagen zu
bringen, und mir dann Hlfe zu senden.
    Nein, nein, nein, rief Mathilde abermals, und umschlang mich, mich fest
umklammernd, als wolle man mit Gewalt sie von mir reissen. Nein, Leuen, ich thue
es nicht, mag werden was da will, ich kann ja meine gute liebe Beschtzerin hier
nicht so allein liegen lassen.
    Auch ich kann mich nicht dazu entschliessen, erwiederte von Leuen mit
bewegter Stimme. Aber was fangen wir an, der Regen wird immer heftiger; was
sollen wir thun?
    In diesem Augenblick' erblickte er durch das Gebsch in ziemlicher Ferne
Leute mit Fackeln, welche vermuthlich noch immer die Prinzessin suchten. Er rief
so laut er es konnte ihnen zu, doch Wind und Regen rauschten, niemand hrte ihn,
die Lichter entfernten sich wieder und verloren sich zuletzt ganz. Sie
aufzusuchen erlaubte die Prinzessin Herrn von Leuen nicht; sie hielt ihn unter
Thrnen und Bitten fest, und niemand kam zu uns, da man nicht vermuthen konnte,
uns in diesem ganz abgelegenen Theile des Gartens zu finden.
    Wenn die Prinzessin gehen knnte, es sind kaum hundert Schritte bis dahin,
wo ich den Wagen errufen kann, fieng Leuen jezt ein wenig verlegen an.
    O ich kann! ich kann! rief das zitternde Kind, mir fehlt nichts, gar nichts,
helfen Sie nur, lieber Leuen, helfen Sie nur dem Frulein. Geben Sie mir die
Laterne, ich will sie schon tragen, und nehmen Sie das Frulein und tragen Sie
sie auf den Armen, wie sie mich getragen hat.
    Die Prinzessin hat Recht; ich bitte, vertrauen Sie sich mir, sprach jezt
Leuen, und obgleich seine merklich zitternde Stimme dabei von innerer
Verlegenheit zeugte, so hob er doch, ohne meine Antwort abzuwarten, und ehe ich
mich dessen versehen konnte, mit starkem Arme mich empor. Mir vergiengen dabei
fast die Sinne, aber was konnte ich thun? Wie ein Kind lag ich in seinen Armen,
an seine Brust gedrckt; sein Athem wehte an meiner Wange, ich hrte jeden
Schlag seines Herzens. Ein unnennbares nie gefhltes Vertrauen zu dem fremden
Manne, dessen Namen ich kaum kannte, kam in dem Augenblick' in meine Seele, und
Thrnen entquollen meinen Augen, ssse Thrnen, die ich weinte, ich wute nicht
warum. Er bemerkte mein stilles Weinen. Sie leiden sehr! flsterte er mit
unbeschreiblich sanfter wohlthuender Stimme mir zu, und ich sah beim Schein der
Laterne, welche die Prinzessin trug, da ein feuchter Schimmer auch sein schnes
Auge verklrte. Ich vermochte es nicht, seine Frage zu beantworten.
    Wir kamen nur sehr langsam vorwrts, denn die arme kleine Mathilde konnte
kaum fort, und auch Herr von Leuen eilte nicht, und konnte es auch wohl nicht
unter der schweren Last, die er trug.
    Endlich ward aber doch der Wagen erreicht, unser Beschtzer setzte sich
neben mich, um mich zu untersttzen und, so viel dies mglich war, die Stsse
des Wagens zu mindern, der, seinem Befehl zu Folge, meinetwegen sehr langsam
fahren mute. Mathilde setzte sich mir gegenber, und bestand darauf, meinen
kranken Fu auf ihrem Schooe zu halten. Dabei plapperte sie in einem fort mit
der frohen Geschwtzigkeit eines Kindes, das sich freut, einer grossen Gefahr
entronnen zu sein, und berzeugt ist, etwas hchst Merkwrdiges erlebt zu haben.
Sie war bei dem ganzen Vorgange nicht so bewustlos gewesen als ich gedacht
hatte, denn sie erzhlte sehr umstndlich, wie ich sie von der Estrade hinunter
gelassen habe, und dann ihr nachgesprungen sei, wie ich sie dann weiter
getragen, und wie ich zuletzt mein eignes Kleid mir abgerissen habe, um sie in
die Schleppe desselben einzuhllen. Als sie diesen Umstand erwhnte, ward ich
erst beim Scheine der, den Wagen umgebenden Fackeln den zerstrten Zustand
meiner Kleidung gewahr, und alles Blut meines Herzens stieg mir ins Gesicht.
Leuen, dessen glnzende Augen bis jezt in einem fort auf mir geruht hatten,
bemerkte mein Errthen, auch er wurde roth, wandte den Blick und vermied es von
nun an, mich wieder anzusehen bis der Wagen vor dem Hause der Herzogin hielt.
    Leicht wie ein Vogel, mit hellem Freudengeschrei flog Prinzessin Mathilde
zum Wagen hinaus, die Treppe hinauf in die Arme ihrer Mutter. Ich verlangte zu
meinem Vater gebracht zu werden, doch in demselben Augenblicke kam er selbst an
den Wagen, und schlo mit liebender Sorge mich in seine Arme. Seine Gesundheit
erlaubte ihm nicht mehr, sich der Abendluft auszusetzen, deshalb war er bei dem
Feuerwerke nicht gegenwrtig gewesen; doch als das ins Fabelhafte vergrsserte
Gercht von dem dabei vorgefallenen Unheil ihm zu Ohren kam, und ich noch immer
fort ausblieb, trieb ihn Besorgni um mich zur Herzogin, wo er mich zu finden
hoffte. Beide theilten nun mit einander die Angst um das Schicksal ihrer Kinder
und die Sorge fr deren Rettung. Alle Leute, deren sie habhaft werden konnten,
wurden ausgeschickt uns zu suchen, doch keiner von allen kam auf den Einfall,
uns da zu vermuthen, wo wir uns befanden. Nur Herr von Leuen, der brigens die
Lokalitt des Gartens gar nicht kannte, ward durch ein glckliches Ungefhr zu
unserer Hlfe herbei gefhrt. Das sonderbarste war, da niemand begreifen
wollte, wie die Prinzessin Mathilde in diese Verlegenheit htte gerathen knnen.
Und doch war nichts natrlicher. Es ist ja das Schicksal aller, fr deren
Bedienung Viele zu sorgen haben, da sie bei wichtigen unerwarteten Ereignissen
gerade am ersten vernachlssigt werden, weil sich stets einer ihrer Diener auf
die Pnktlichkeit des andern verlt.
    Whrend die Herzogin sich des Wiedersehens ihres vermiten Kindes erfreute,
ward ich in einem ihrer Zimmer auf ein Ruhebette getragen, denn sie wollte es
durchaus nicht erlauben, da ich in diesem leidenden Zustande in die, von der
ihrigen ziemlich weit entfernten Wohnung meines Vaters gebracht wrde. Gleich
darauf kam sie selbst zu mir, um unter heissen Thrnen des Dankes mich fr die
Rettung ihrer Tochter zu umarmen. Sie bertrieb sowohl die Gefahr, in welcher
die Prinzessin geschwebt, als die Bewunderung dessen, was ich fr sie gethan
hatte, nach der gewohnten Art aller Grossen, die sich nur selten in die
kleineren Unflle des Lebens zu finden wissen, obgleich sie schweres Unglck oft
mit einem Muthe ertragen, der den unsern beschmt. Die Herzogin nannte mich
einen, von Gott zu ihrem Schutze gesendeten Engel, und war so unerschpflich im
Lobe meines Muthes, meiner Besonnenheit, meiner Selbstopferung, da ich zuletzt
anfieng, mich recht herzlich vor mir selbst zu schmen. Denn was war es denn am
Ende, was man so bis in die Wolken erhob? Was hatte ich denn Grosses gethan? Ich
hatte Besonnenheit genug gehabt, einigermassen mit Verstand fr meine eigene
Person zu sorgen, und war dabei nicht unmenschlich genug gewesen, ein schwaches
liebenswrdiges Kind hlflos zu verlassen.
    So wie die Herzogin hinaus gieng, fiengen alle im Zimmer Gegenwrtige, von
der Hofmeisterin der Prinzessin bis zum Garderobenmdchen hinab, an, auch ihren
Theils meinen Edelmuth in noch bertriebneren Ausdrcken als ihre Frstin bis in
die Wolken zu erheben. Alle erzhlten einander zugleich die Wunder, die ich
gethan, so da ich der Sache endlich recht berdrssig ward, und es versuchte,
ihnen meine eigne Ansicht des Vorganges mitzutheilen. Allein ich predigte tauben
Ohren. Man ergo sich jezt sogar in berlaute Bewunderung meiner Bescheidenheit.
Ich schwieg zuletzt, lies geduldig alles ber mich ergehen, und fand bald, da
dies der beste Weg sei, die ungestmen Nachbeter ihrer Frstin endlich zum
Schweigen zu bringen.
    Inzwischen untersuchte der Leibarzt der Herzogin meinen beschdigten Fu. Er
war, wie ich es vermuthet hatte, nicht gebrochen, aber verrenkt und stark
geschwollen. Der Arzt versprach meine vllige Wiederherstellung innerhalb
weniger Tage, nur machte er dabei das vollkommenstruhige Verhalten zur
unabllichen Bedingung. So war denn um so weniger an meine Rckkehr in das Haus
meines Vaters zu denken, da obendrein die Herzogin sehr ernstlich darauf
bestand, mich unter ihren Augen verpflegen zu lassen.
    Ein leichtes Erkltungsfieber, welches Prinzessin Mathilde von unserem
nchtlichen Abentheuer davon getragen, zwang ohnehin die Herzogin, ihren
hiesigen Aufenthalt auf unbestimmte Zeit zu verlngern, besonders da auch ihre
eigne Gesundheit von der heftigen Gemthsbewegung jenes Abends gelitten hatte.
Sie fhlte sich matt und erschpft, oder brauchte dies auch vielleicht nur zum
Vorwande, um allen anderweitigen Festen auszuweichen, die man ihretwegen noch
anordnen wollte.
    Auch meine eigne Genesung machte weit langsamere Fortschritte, als der Arzt
anfangs gehofft hatte; so blieb ich denn zwei volle Wochen hindurch in der Nhe
der Herzogin, und diese Zeit ward zu einem Lichtpunct in meinem Leben, dessen
Abglanz noch jezt das Dunkel meiner alten Tage erhellt. Wie durch einen
Zauberschlag sah ich mich in eine, mir ganz neue Existenz versezt, alle meine
Begriffe von mir und vom Leben erhielten eine andere Richtung, alles, was mich
bis dahin theils ergzt, theils geblendet hatte, war, fr den Moment wenigstens,
wie vor meinen Augen verschwunden. Ohnerachtet der herablassenden Gte der
Frstin, fhlte ich mich doch in jeder Hinsicht ihr viel zu untergeordnet, als
da es mir htte einfallen knnen, meine gewhnliche glnzende Rolle in ihrem
Beisein fortspielen zu wollen. Auch die ernste stille, beinahe furchtsame
Bescheidenheit der ltern Prinzessin Ludovika, die nur wenige Jahre jnger als
ich war, flte mir eine Zurckhaltung ein, die ich sonst nicht kannte. Nicht
etwa, da ich ein verstelltes Betragen angenommen htte, um in diesen Umgebungen
anders zu erscheinen wie ich war, nein! ich blieb offen und unverstellt wie
immer, aus Charakter, nicht aus Tugend; aber ich folgte nur meiner gewohnten
Art, mich vom Augenblicke und von meinen Umgebungen hinreissen zu lassen. Mit
der kleinen Mathilde, die leidenschaftlich an mir hieng, ward ich eben sowohl
zum spielenden jauchzenden Kinde, als ich in Gegenwart der Herzogin und der
Prinzessin Ludovika mir die bescheidne Haltung und das anspruchslose Betragen
aneignete, durch welches diese Damen sich auszeichneten. Kein einziger meiner
Verehrer htte in dieser Umwandlung mich als Die wieder erkannt, die ich noch am
Morgen vor dem Feuerwerke war, und doch bin ich berzeugt, nie wahrhaft
liebenswrdiger gewesen zu sein, als whrend meines Aufenthalts in diesem Hause.
Ich fhlte das wohl und freute mich darber, aber ich war leider noch nicht klug
genug, um mir daraus fr mein knftiges Leben eine Lehre zu nehmen.
    Das Reisegefolge der Herzogin war so klein als der hohe Rang dieser Frstin
es nur immer erlauben mochte. Ausser dem, zur Bedienung nothwendigen Personal,
bestand es nur aus einer Hofdame, die mit der Herzogin von Jugend auf zusammen
gelebt hatte, aus der Hofmeisterin der Prinzessinnen, einem Kavalier und dem
Leibarzte. Ersterer, Baron Reineck, ein Mann von mittlerem Alter, langte erst am
Morgen nach dem Feuerwerke bei seiner Frstin an. Ein ganz unerwarteter Zufall
hatte ihm unterwegs eine geliebte, seit vielen Jahren nicht gesehene Schwester
entgegen gefhrt, und die Herzogin erlaubte ihm gern, ein paar Tage mit dieser
zuzubringen, um so eher, da Herr von Leuen, den sie zufllig an dem nehmlichen
Orte traf, sich erbot, den Dienst seines Freundes Reineck whrend dessen
Abwesenheit zu versehen. Diesen jungen Mann fhrte sein Weg ohnehin dem
nehmlichen Ziele zu, da er Geschfte halber einige Zeit in unsrer Stadt zu
verweilen gedachte; die Frstin hatte ihn schon whrend des vergangenen Winters,
den er zum Theil in ihrer Residenz verlebte, als einen sehr angenehmen
Gesellschafter kennen gelernt, und sie war mit der Aussicht, ihn einige Tage zum
Begleiter zu haben, vollkommen zufrieden. Auch jezt nach der Rckkehr des Barons
Reineck erlaubte sie ihm nicht, eine andere Wohnung als die ihrige zu beziehen,
und er mute, ihrer Einladung zufolge, nach wie vor, zu den unsrigen gehren.
Ich darf mich dieses Ausdrucks wohl bedienen, denn auch ich ward in jener
glcklichen Zeit dem kleinen Kreise der Herzogin zugezhlt.
    Wir alle, die wir zu diesem gehrten, versammelten uns jeden Abend im Zimmer
der Frstin, das um diese Zeit unter dem Vorwande des Unwohlseins der kleinen
Prinzessin Mathilde, allen andern Besuchen verschlossen blieb. Welche Abende
waren das! Wie ungeduldig erwartete ich jedesmal die Stunde, wo die Herzogin von
der Tafel zurckkam, zu der sie tglich einige der Ersten der Stadt einladen
lies. Mit welcher Freude sah ich jedesmal die beiden himmellangen Heiducken in
ihrer damals blichen theatralisch-bunten Tracht in meinem Zimmer erscheinen, um
mich in meinem Ruhebette zu ihrer Herrin herber zu tragen.
    Die feinste Sitte war in diesem kleinen Abendzirkel vorherrschend, und
dennoch blieb aller Zwang, jede von den Grossen dieser Erde sonst unzertrennlich
geglaubte Etikette daraus verbannt. Es war der schnste Kommentar zu Tasso's
freilich damals noch nicht niedergeschriebenem Ausspruch: Willst Du genau
erfahren, was sich ziemt, so frage nur bei edlen Frauen an. Jeder von uns trug
nach seiner Weise durch Scherz und Ernst, durch Kunst und Talent zur
Unterhaltung bei, die Herzogin selbst aber schwebte ber dem Ganzen gleich einem
milden, alles belebenden Genius. Nie, weder frher noch spter, sah ich eine
Frau, die mit so anspruchsloser Grazie das Gesprch stets so zu lenken wute,
da Alle Freude daran hatten; nie sah ich eine, welche die schwere Kunst
zuzuhren so verstanden htte, wie sie. Sie war die erklrteste Feindin aller
jener geselligen Neckereien, die so leicht in bittere Persnlichkeiten ausarten,
und doch hatte der ungefesselteste Witz freies Spiel, so lange er nur ergtzen
und nicht verwunden wollte. Niemand durfte in ihrer Nhe sich zurckgesezt
fhlen, niemand bedrckt, niemand in seinen Rechten oder auch nur in seinen
Empfindungen gekrnkt.
    Ich staunte meine hohe Meisterin an; sie war so himmelweit von jenen
berhmten Frauen in Paris verschieden, die mein Vater als Muster aller
weiblichen Vollkommenheit mir so oft beschrieben und angepriesen hatte. Zum
erstenmal kam eine Ahnung davon in meine Seele, da Jugend, Schnheit, Geist,
blendender Witz und die Gabe, ber jeden Stoff interessant reden zu knnen, noch
lange nicht alles sind, was wir bedrfen, um liebenswrdig und allgeliebt zu
seyn, und da man mit weit weniger brillantnen Eigenschaften dennoch weit
sicherer und dauernder dieses Ziel erreiche, wenn Herzensgte, chtes Wohlwollen
und anspruchlose Natrlichkeit aus unserm ganzen Wesen denen entgegen leuchten,
die uns nahen.
    Bernhard von Leuen stand in unserem kleinen geselligen Verein, als Seele
desselben, der Herzogin wrdig zur Seite. Man sah, er war ein Mann, der,
unerachtet seiner Jugend, fest und sicher seinen Weg gieng, ohne je, gleich
einem Irrenden, bald nach diesem, bald nach jenem zu greifen. Unerachtet seiner
sehr vortheilhaften ussern Bildung und brigen bedeutenden Vorzgen, lag in
seinem Benehmen nicht die leiseste Spur eines Bestrebens, auffallen oder glnzen
zu wollen. Der Grundton seines Wesens schien vielmehr eine gewisse ernste Ruhe
zu sein, die ihm nie erlaubte, sich irgendwo vorzudrngen; er lies lieber alles
an sich kommen, und gieng niemals, auch nur um einen halben Schritt, der
Bewunderung entgegen. Hflich gegen alle, besonders gegen Damen, blieb er doch
stets von dem mitunter etwas faden Tone der damaligen jungen und alten Herren
entfernt, und erzeugte uns die Ehre oder die Gerechtigkeit, uns wie vernnftige
Wesen und nicht wie Kinder zu behandeln. Ohne geradezu witzig zu sein, war er
die Zierde jeder bedeutenden Unterhaltung, denn er besa die herrlichste Gabe
des Worts, die mir je vorgekommen. So oft irgend ein hohes den Menschen ehrendes
Gefhl ihn dazu begeisterte, ri der ihm eigne Zauber seiner Ueberredungskraft
auch den Kltesten hin. Jeder fhlte, da das Unwiderstehliche derselben nicht
allein in der sorgsamen Wahl seiner Worte, und nicht in der eigenthmlichen
Schnheit des vollen reinen Tons seiner Stimme lag; es lag weit tiefer, denn was
er sagte, war nicht blos das Erzeugni seines hellen Verstandes, es kam recht
aus dem Grunde seines schnen Herzens und mute darum wieder zum Herzen gehen.
Er war viel gereist; das Schnste und Erhabenste, was diese Erde trgt, hatte er
gesehen; ein guter Genius hatte ihn gelehrt, es sich anzueignen fr die
Erweiterung seiner Kenntnisse sowohl, als frs praktische Leben, und man sah es
ihm an, da er wohl wute, was die Welt von ihm und er von der Welt zu fordern
habe.
    Scheltet mich nicht, da mein altes Herz sich noch jugendlich warm im Lobe
meines Freundes, vielleicht zu wortreich, ergiet. Er war so wie ich ihn Euch
beschreibe, ich sah nie seinesgleichen und werde es nie wieder sehen. Wenn er
uns vorlas, was, dem Wunsch der Herzogin gems, tglich wenigstens eine Stunde
lang geschah, wie hieng ich und wie hiengen wir alle dann mit ganzer Seele an
seinen Lippen, an dem Ausdrucke seines edlen Gesichts. Durch ihn zuerst lernte
ich deutsche Poesie und jenen hohen Wohllaut kennen, dessen unsere, von mir so
lange verkannte Sprache fhig ist. Ihr habt nicht vergessen, da ich bis dahin
durch meinen Vater, ausser einigen italienischen und englischen Klassikern, nur
hauptschlich die franzsische Litteratur kennen gelernt hatte. Fast alle unsere
deutschen Schriftsteller waren mir fremd geblieben, vor allen, die damals aus
langer tiefer Nacht glorreich entstehende Poesie meines Vaterlandes. Die
Herzogin sowohl, als Bernhard von Leuen, genossen meine freudige Ueberraschung
mit jener wohlwollenden und wohlthuenden Empfindung, mit der wir einen Freund
zum erstenmal' an den schnsten Punct einer uns lngst bekannten reitzenden
Gegend fhren, oder ihn vor ein ihm noch unbekannt gebliebenes herrliches
Kunstwerk hinstellen, und in seinem Entzcken den Moment noch einmal durchleben,
in welchem auch wir zum erstenmal' an der Stelle standen, wo er jezt steht.
    Das alles ist dahin! und mit einem sehr trben Gefhle der Wandelbarkeit,
des menschlichen Sinnes und aller Grsse und alles Ruhms auf Erden, mu ich es
erleben, da das Wirken jener Mnner, deren Namen ewig unser Stolz sein sollte,
eigentlich schon jezt an ihren undankbaren Enkeln verloren geht. Wie lange wird
es dauern, so ist es ganz vergessen und verschollen, whrend wir aus Modesucht
und Misverstand Handwerksburschen-Lieder aufsuchen und sie als Meisterwerke
bewundern und sammeln. Wer in der jezigen leselustigen jungen Welt kennt noch
Kleists Frhling anders, als hchstens vom Hrensagen, whrend jeder nur halb
gebildete Englnder seinen Thomson beinahe auswendig weis, dessen Andenken neue
Auflagen seiner Werke alljhrlich erneuern. Sinkt nicht sogar Klopstock, der vor
wenigen Jahren noch unter uns lebte, allmhlig der Vergessenheit zu? Man nennt
ihn noch zuweilen aus Gewohnheit, oder aus einer Art von Piett, aber wie Viele
in der jungen Welt kennen mehr von ihm als den Namen? So ists mit Hagedorn, mit
Utz, mit Cronegk, mit Haller, mit Hlty, mit so vielen, die der Auslnder zu
unsrer Schande bald besser kennen wird, als wir, whrend wir mit wahrem
Heishunger auf die neuen Erzeugnisse der Zeit, auf Tagebltter und Taschenbcher
uns werfen, die schon beim Entstehen den Keim der Vergnglichkeit in sich
tragen, und auch nicht einmal verlangen, lnger zu leben als der Augenblick,
durch den und fr den sie entstanden.
    Mit einem ganz unnennbaren Gefhle hrte ich einzelne Gesnge aus Klopstocks
damals unlngst zuerst erschienenem Messias vorlesen, und die Bemerkungen von
Leuen und der Herzogin ber das eben Gehrte ergriffen mich nicht weniger
wunderbar. So war ich es nicht gewohnt, dieser heiligen Gegenstnde erwhnen zu
hren; vieles schien mir sogar unverstndlich, sowohl was sie sagten, als was
vorgelesen ward, und doch ergriff mich dabei eine mir selbst unerklrliche, nie
zuvor von mir gekannte Rhrung. Oft fhlte ich mich ber mich selbst erhoben,
und zum erstenmale drang ein erwrmender Strahl jenes Lichtes in mein Gemth,
das jezt der Trost meines Alters ist; indem es die dunkle Bahn sanft erleuchtet,
die ich bald werde zu wandeln haben.
    So sehr mein Geist und mein Gemth durch alles dieses angeregt und
angesprochen wurde, so mu ich indessen doch gestehen, da ich nach Mdchenart
es dennoch nicht unterlassen konnte, das innige Wohlgefallen zu bemerken, mit
dem Bernhards Auge auf mir ruhte, so oft er sich unbeachtet glaubte. Ich sah es
recht gut, wie er alle die schnsten, zartesten, ergreifendsten Stellen der
Poeten, welche er besonders liebte und deshalb auswendig wute, gerade mir
allein durch Blick und Ton zuzueignen schien. Wre mir hiebei noch irgend ein
Zweifel brig geblieben, so htte manch heimliches Lcheln der Anwesenden,
manche leicht hingeworfene Bemerkung mich in meinen Beobachtungen bestrken
mssen. Er war durchaus kein homme aux petits soins, und doch konnte nichts
Zarteres erdacht werden, als die. tausend kleinen, fast unmerklichen
Aufmerksamkeiten, welche er mir stndlich erwies. Wie oft sah ich ihn
erbleichen, wenn zuweilen der Schmerz in meinem Fue pltzlich auf ein paar
Minuten wiederkehrte, und ich mit einem nicht zu unterdrckenden Wehelaut
zusammenzuckte! Jene wahrsagende Stimme, die schon seit Anbeginn der Welt in
jedem Mdchenherzen wohnt und bis ans Ende der Tage darin wohnen wird, sagte
auch mir: ich sei geliebt, hei geliebt von dem seltensten edelsten Manne, vor
welchem alle meine brigen Anbeter und Bewunderer sammt und sonders in traurige
Unbedeutenheit zusammensanken. Auch Bernhard las in meinem Herzen, und ich
versuchte es zwar nicht, ihm dieses zu wehren, aber ich gestand mir auch nicht,
da ich es ihm erlaube; sondern ich lies es gleichsam wie achtlos geschehen.
Beide waren wir nun berglcklich im seeligsten Empfinden des ersten, leisen,
zarten Verstehens zweier in eins zerfliessender Gemther. Wir fhlten es wohl,
wir wuten es wohl, was wir eins dem andern waren, aber um die Welt htten wir
es noch nicht aussprechen mgen, denn die erste Liebe lernt nicht sobald Worte
finden und kann sie auch entbehren.
    O wr' ich lnger in diesem Verhltnisse geblieben. Wie ganz anders htte
mein Leben sich gewendet. Doch die Prinzessin Mathilde genas wieder, die
Herzogin sezte ihre Reise weiter fort und ich kehrte nach zwei kurzen, mit
Flgelschnelle an mir vorber geeilten Wochen, vllig hergestellt, in das Haus
meines Vaters, zu meinen alten Umgebungen, zu meiner gewohnten Lebensweise
zurck.
    Mir war, als erwache ich aus einem langen schnen Traume, doch auch dies
Erwachen hatte sein Angenehmes, und ich weinte nicht wie Kaliban, um wieder
einzuschlafen. Hatte ich doch auch in manchen Stunden die Trennung von meinem
Vater und vielleicht auch eine gewisse Abhngigkeit vom Willen Anderer, deren
ich nicht gewohnt war, wenn nicht schmerzlich, doch wenigstens unbequem gefhlt;
und war Er doch zurck geblieben, um, wie er gleich anfangs es angekndigt
hatte, einige Geschfte hier abzumachen. Bernhard von Leuen lies sich bei meinem
Vater einfhren, dessen Bekanntschaft er schon frher bei der Herzogin gemacht
hatte, und von nun an besuchte er fast tglich unser Haus.
    Der gewohnte Kreis unsrer Hausfreunde und Bekannten empfieng mich mit lautem
Jubel und tiefer Verehrung in seiner Mitte, als wre ich eine Knigin, die nach
langer Abwesenheit in ihre Staaten wieder zurckkehrt. Der Ton in unserem Hause
hatte sich whrend meiner kurzen Entfernung aus demselben nicht im mindesten
verndert. Franzsirende Witzeleien, dreistes, oft zugleich auch unbefugtes
Absprechen ber jeden Gegenstand, rcksichtloses, unbarmherziges Verspotten,
wenn nicht des Heiligsten selbst, doch dessen, was vielen fr heilig gilt, war
bei uns, nach wie vor, an der Tagesordnung. Stundenlang konnte die lebhafteste
Unterhaltung sich um ein Nichts herumdrehen, hingegen besprachen auch zuweilen
besser unterrichtete Mnner, an deren Spitze mein Vater stand, sich klar und
verstndig, belehrend und grndlich ber viele der bedeutendsten Gegenstnde des
Lebens, der Kunst, der Wissenschaft. Die mehresten unter dem jngern Theile der
Gesellschaft zogen sich von diesen Gesprchen verstummend zurck, nur Bernhard
nahm stets mit hherem Interesse Theil daran. Ich hingegen mischte nach alter
Gewohnheit mich in alles, es mochte Ernst sein oder Scherz, und fand oft ein
ganz eignes Vergngen darin, alles launenhaft durch einander zu wirren. Denn
leider trat die alte Gewohnheit des Lebens bald wieder in ihre Rechte; jeder Tag
drngte die Erinnerung an jene bessere, nur zu kurze Zeit, die ich bei der
Herzogin verlebt hatte, mehr in den Schatten zurck, und in den alten Umgebungen
ward ich selbst wieder nur zu schnell, was ich frher gewesen war.
    Es wird Euch unglaublich dnken, wenn ich Euch sage, da ich mit heimlicher
Freude das Erschrecken bemerkte, mit welchem von Leuen mich im vterlichen Hause
so ganz verschieden von dem fand, was ich in der Nhe und den Umgebungen der
Frstin gewesen war. Doch leider war ich thricht und verwhnt genug, die
sichtbare Bewegung, in die er bei dieser Entdeckung getieth, fr ein Zeichen
bewundernder Ueberraschung anzusehen, und mein Betragen ward von nun an mit
jedem Tage bermthiger und kecker. Neben der Freude an meines Vaters Beifall
ri theils die berlaute Bewunderung unsers Kreises mich hin, theils wollte ich
vor Bernhards Augen recht glnzend und liebenswrdig mich zeigen, und so berbot
ich denn mit jedem Tage mich selbst bis zur hchsten Anstrengung meiner
geistigen Krfte. Ich witzelte mit Jenem, neckte mich mit diesem, entschied
berall, oft ber Dinge, von denen ich nichts wissen konnte, und lachte mich
selbst zuerst aus, wenn ich dabei in grobe Irrthmer verfiel, was wohl zuweilen
vorkam.
    Ich war nicht verblendet genug, den tiefen leidenschaftlichen Schmerz zu
bersehen, der jezt Bernhards schne Zge nur zu oft umdsterte, doch ein paar
an ihn gerichtete freundliche Worte, wenn er sich dessen am wenigsten versah,
ein unbedeutender Vorzug, den ich unerbeten und zuvorkommend ihm vor den
Uebrigen einrumte, verfehlten es nie, diesen schmerzlichen Ausdruck seines
Gesichts in den der innigsten Liebe umzuwandeln. So glaubte ich, in seinem
momentanen Trbsinne nur die Wirkung einer Eifersucht zu sehen, die mir nicht
anders als schmeichelhaft sein konnte. Ich fhlte, wie er mit ganzer Seele an
mir hieng, und hatte eine wahrhaft kindische Freude daran, ihn nach Belieben an
einem seidenen Faden flattern zu lassen. Ich glaubte weder, da er diese leichte
Fessel zerreissen, noch da sie ihm drckend werden knne, denn er schien sie so
gern zu tragen, und ich hatte keine Mutter, keinen Freund; gtig und weise
genug, um mich aufmerksam darauf zu machen, wie sehr dieser Misbrauch der
Gewalt, die ein freundliches Geschick mir ber das edelste Gemth gegeben,
seiner und meiner unwrdig sei.
    Indessen verband ich mit diesem wunderlichen Betragen auch noch ganz
insgeheim die Absicht, meinem Freunde dadurch mehr gesellige Leichtigkeit
anzubilden, das Einzige, was ihm in meinen Augen noch zur Vollkommenheit fehlte.
Bei dem grosartigeren, ernster gehaltenen Tone, der in den Umgebungen der
Herzogin vorherrschend war, hatte ich an ihm nicht das geringste auszusetzen
gefunden; doch in meinem eigenen Kreise erschien er mir jezt oft nicht gewandt
genug, und ich war zuweilen in meinem Herzen recht trostlos darber, wenn ich
ihn in dieser Hinsicht von brigens ganz unbedeutenden Gesellen bertroffen zu
sehen glaubte. Ich selbst war ja vor allen Dingen brillant, und alles, was zu
mir gehren wollte, mute es auch sein.
    Bernhard schien indessen wenig geneigt, sich hierin meinen Wnschen zu
fgen, und dem wesenlosen Schimmer nachzujagen, den ich an ihm vermite. Wie er
von jeher gewesen, so blieb er, und wenn die Gecken um ihn her ihr loses Spiel
ihm ein wenig zu nahe trieben, so wute er, schroff und imponirend genug, sich
vor ihren Augen zu erheben, um sie in gehriger Entfernung von sich abzuhalten.
Dies war es nun wohl nicht, was ich eigentlich gewollt hatte, doch konnte es
mich nicht verdriessen; ich ward nur heimlich um so stolzer auf meinen Freund.
Bernhard bemerkte meine Zufriedenheit in solchen Augenblicken, wenn gleich ich
sie mir selbst kaum gestand, und diese Entdeckung gab ihm sogar einst den Muth,
einen gnstigen Augenblick zu benutzen, um mir ber das Schaale und Zwecklose
unsers Treibens recht ernstliche und eindringende Vorstellungen zu machen. Wie
knnen Sie, theures Frulein, sprach er zu mir, wie knnen Sie, die Sie so reich
begabt sind, an der geistigen Armuth dieser Leute Freude finden? Wie ist es
mglich, da der Wirbel dieser Geselligkeit Sie so hinreit? Ich selbst, glauben
Sie es nur, ich selbst knnte in diesem nichtigen Treiben, dem Sie viel zu
nachsichtig sich hingeben, Sie verkennen, wenn jene ersten schnen Tage, die ich
in Ihrer Nhe verlebte, mir nicht noch in zu heller Glorie vorschwebten. Nie
werde ich jener Zeit vergessen, lassen Sie sie wiederkehren, Sie knnen es,
sobald Sie es wollen, sein Sie nur wieder Sie selbst!
    Das bin ich allemal, erwiederte ich ihm lachend, ein frhliches Geschpf,
das wohl zuweilen recht ernsthaft sein mag, das sich aber auch herzlich gerne
amsirt, und zum Amsiren schicken die Thoren sich am besten.
    Sich amsirt, wiederholte Leuen, ein ganz klein wenig erbittert, was heit
denn amsiren? Das Leben zu vergessen suchen, von den Tagen einen dem andern, in
nichts sagendem und nichts wollendem Spiel so rasch als mglich nachjagen, damit
nur von Keinem eine Spur brig bleibe, damit man nur gar nicht zur Besinnung
komme. O Frulein, Sie, die Sie so glcklich sein knnten, indem Sie andere
beglcken, rief er mit hohem Errthen; hingerissen von seinem Gefhl, und
ergriff dabei meine Hand. Theure, theure Anna, mgen Sie des Lebens immer, immer
sich freuen, das Kstlichste, das es bieten kann, mge es zu Ihrem Ergtzen
stets bereit sein; mchten alle Ihre Tage eine ununterbrochene Kette Ihrer
wrdigen Freuden werden und - hier stockte er ein wenig, dann sezte er in
gelassenem Tone hinzu: doch amsiren? Liebes Frulein, berlassen Sie diesen
nchternen Rausch allen denen, die nicht minder tief unter Ihnen stehen, als
jene Menschen, denen Sie es erlauben, Sie, ihrer Unbedeutenheit unerachtet, zu
umflattern.
    Sehen Sie, von Leuen, erwiederte ich freundlich, wenn gleich innerlich nicht
ganz zufrieden, sehen Sie, indem Sie auf das unschuldige Amsiren schelten, sind
Sie selbst hchst amsant, denn Sie nehmen fr Ernst, was gar nicht so gemeint
ist, und eben das ist ja erst der rechte Spa. Werden Sie denn nie lernen, Ihre
Freunde auch unter der Maske zu erkennen?
    Aber wenn sie tagtglich immer und ewig in der Maske einher gehen?
erwiederte er.
    Ich fiel ihm rasch ein. Im Karneval thut man das, und die Jugend ist das
Karneval des Lebens. Sein Sie doch zufrieden, da Sie zu den sehr Wenigen
gezhlt werden, in deren Nhe man die Maske gern und recht oft ein wenig lftet.
Und nun, Herr Griesgram, kommen Sie an den Flgel, mir Amiets Klagen von unserem
Lieblinge Kleist zu akkompagniren. Ich verspreche Ihnen dagegen, den ganzen
Abend recht artig zu sein, wenn nehmlich nichts dazwischen kommt, das mich
anderes Sinnes machen knnte. Bernhard folgte mir willig, mit jenen aus Liebe
und Zorn zusammengeseztem Ausdrucke in seinen Zgen, den wir so gern als den
sichersten Beweis unserer unumschrnkten Herrschaft anzusehen uns gewhnen, und
ich sang heimlich triumphirend ihm vor: Sie fliehet fort, es ist um mich
geschehen, ein weiter Raum trennt Lalage von mir.
    Von nun an fielen beinahe alle Tage hnliche Scenen zwischen uns beiden vor,
die von Leuen oft ziemlich knstlich herbeizufhren wute. Oft sah ich das offne
Gestndnis seiner Liebe auf seinen Lippen schweben, mein Herz klopfte ihm
entgegen, aber ein ganz eignes Gemisch von Stolz, Verlegenheit und mdchenhafter
Scheu, verbunden mit dem lebendigsten Bewustsein dessen, was ich selbst fr ihn
empfand, bewogen mich jedesmal, ihm auf irgend eine Art zu entgehen, und wre es
auch nur durch die erste beste Posse gewesen, die mir eben durch den Sinn fuhr.
Mein Vater freute sich unserer gegenseitigen, tglich wachsenden Neigung zu
einander, die seinem Scharfblicke nicht entgieng; doch hielt er es fr das
Gerathenste, nichts, weder dafr noch dagegen, zu unternehmen.
    In unserem geselligen Kreise begann man um diese Zeit ebenfalls, mich als
die Braut des Herrn von Leuen zu betrachten, obgleich ich jede darauf
hinzielende Anspielung nur mit einem stolzen Lcheln beantwortete. Uebrigens
hrte ich alles an, was man ber diesen Gegenstand sagen mochte, ohne sonderlich
weiter darber zu denken.
    Meine Zukunft breitete sich unabsehbar vor mir aus, ich war glcklich in der
Gegenwart, der Augenblick erfllte mich so ganz, da ich alles gehen lies, wie
es gieng, ohne Sorge und ohne Vorbedacht.
    Bernhards mit jedem Tage zunehmender Ernst, verbunden mit manchem andern
Zuge in seinem Benehmen htte bei einzelnen Gelegenheiten mir wohl einen grossen
Kampf in seinem Gemthe andeuten knnen, doch ich bemerkte nichts davon, oder
glaubte nicht daran, und so kam dann der verhngnisvolle Abend herbei, der ber
meine Zukunft entschied, ohne da ich Verblendete seine Nhe vorahnend empfunden
htte.
    Ist es denn nicht immer so? Spielen wir nicht immer, achtlos wie Kinder, am
Rande eines Abgrundes, whrend wir der Hand ausweichen oder sie wohl gar unsanft
zurckstossen, die uns vor dem Fall bewahren mchte, weil sie nicht vermeiden
kann, uns zuweilen etwas unsanft zu ergreifen.
    Unsre gewohnte Gesellschaft war eben eines Abends zahlreicher als gewhnlich
versammelt, und das sehr animirte Gesprch drehte sich rasch um einen
Gegenstand, welcher damals die ganze hiesige elegante Welt auf das
allerlebhafteste beschftigte. Es galt einem, nach mehrjhrigem Aufenthalte im
Auslande eben wieder in der Heimath frisch angelangten jungen Manne. Er hatte
sich lange in Paris, sogar auch ein paar Monate in Rom aufgehalten, und eignete
sich folglich auf das vollkommenste dazu, in seiner Vaterstadt den Ton
anzugeben, was damals fr Seinesgleichen weit leichter war als jezt. In unseren
Tagen geht alle Welt auf Reisen, und dies macht uns gegen Weitgereiste viel
gleichgltiger, die in meiner Jugend weit mehr galten. Wer Paris, diese damals
allgemein anerkannte Knigin aller Stdte, gesehen hatte, erhielt schon allein
dadurch ein gewaltiges Uebergewicht in der Gesellschaft, und wer nun vollends in
Rom gewesen war und vom Pantoffel des Papstes etwas zu erzhlen wute, den
betrachtete man sogar mit einer eignen Art von ehrfurchtsvoller Scheu als Einen,
der Grosses unternommen und vollbracht hatte.
    Der junge Wiesenau, so hie der Vielgereiste, benuzte im vollsten Mae den
Vorzug, den dieses Vorurtheil seiner Zeitgenossen ihm gewhrte. Nichts von
allem, was er bei uns antraf, konnte, so wie es eben war, vor seinen Augen Gnade
finden; er verdammte alles, nannte alles lcherlich, zum Erbarmen, Ekipagen und
Hausgerth, Kleidung und Frisur. Dafr aber war er auch eben so unerschpflich
als bereitwillig im Angeben der neuesten Pariser Moden, und gieng dabei in die
kleinsten Details ein, ohne zu ermden. Unsre smmtlichen jungen Herren wollten
verzwifeln, weil die, Tag und Nacht arbeitenden Handwerker mit aller mglichen
Anstrengung dennoch nicht im Stande waren, alles gleich so herbei zu zaubern,
wie Wiesenau es hatte; denn der Scepter der Mode regierte vor dreiig bis
vierzig Jahren weit despotischer als jezt, und wer im Schnitte der Kleidung oder
in der Form seiner Umgebungen nur im geringsten von ihrem neuesten Gesetze
abwich, der durfte kaum es wagen, sich sehen zu lassen, wenn er nicht schon
frher auf Eleganz und Modernitt Verzicht geleistet hatte.
    Da auch unter den Damen dies gereiste Wunder gewaltiges Aufsehen erregen
mute, versteht sich wohl von selbst. Glckseelig war die, mit der Herr von
Wiesenau sich unterhielt, noch glckseeliger die, welche auf einige Stunden den
leichten Schmetterling zu fesseln wute. Am allerglckseeligsten aber achtete
man einige wenige Beneidenswerthe, denen er eine von ihm mitgebrachte grosse,
mit mehreren Anzgen versehene Pariser Modepuppe mittheilte, von der Art, wie
sie damals alle Monate von Paris aus an die bedeutendsten Hfe von Europa
versendet wurden, und nach deren Muster die von Wiesenau dazu Auserwhlten sich
durch Anzug und Kopfputz fast bis zum Unkenntlichen umgestalteten.
    Uebrigens galt dieser junge Mann nicht nur im Aeussern fr die Krone aller
eleganten Modernitt, er wurde auch allgemein als der witzigste,
liebenswrdigste, zierlichste Petitmaitre bewundert, den man seit wenigstens
funfzig Jahren gesehen. Jedermann trug sich mit allerliebsten Anekdoten und
witzigen Einfllen von ihm herum; nur von Leuen, der ihn frher im Auslande
angetroffen hatte, wollte mit dem allgemeinen Chor der Bewunderer des jungen
Herrn nicht recht bereinstimmen. Er erklrte ihn fr einen faden, dreisten
Gecken, den man selbst in den grossen Stdten, welche er besucht hatte, sehr oft
zur Zielscheibe des Witzes misbraucht habe, und der nichts weiter verstehe, als
auswendig gelernte Melodien Dompfaffenartig abzuleiern.
    Ich selbst, die ich den Helden des Tages noch gar nicht gesehen hatte, war
in Hinsicht auf ihn ziemlich unpartheyisch gesinnt. Da mir an seiner Modepuppe
nichts lag, so hatte er fr mich weit weniger Anziehendes, als fr andere meines
Gleichen. Nach allem, was ich von ihm hrte, und da ich ohnehin immer gern eine
Oppositionsparthey bildete, war ich in meinem Herzen vielmehr geneigt, die
Meinung des Herrn von Leuen in Hinsicht auf ihn anzunehmen. Doch er war in dem
Augenblick Mode, er war brillant, das lies sich nicht abstreiten, und so
beschlo ich denn, ihn frs erste an meinen Siegeswagen ein wenig mitziehen zu
lassen, sobald sich nur die Gelegenheit dazu fnde. Diese fand sich, noch ehe
ich es erwarten konnte, am nehmlichen Abend, denn einer unsrer Hausfreunde
fhrte an demselben den Vielbesprochnen bei uns ein.
    Nur vom Theater aus knnt Ihr, lieben Kinder, jezt eine Idee, und noch dazu
nur eine hchst unvollkommene, von dem bekommen, was ein Stutzer jener Zeit
eigentlich war; denn, Gottlob, in der Wirklichkeit ist diese Art gnzlich bei
uns ausgegangen. Ich wnsche meiner Nachwelt Glck zu diesem Verluste, denn,
obgleich ich das, was an die Stelle jener Karikaturen getreten ist, eben so
wenig unbedingt loben mag, so ist doch die Thorheit der jezigen Zeit weniger
erniedrigend, wenn gleich vielleicht nicht minder gro. Kaum konnte ich selbst
des Lachens mich enthalten, als die verdrehte, gezierte parfmirte Figur des
Allbewunderten zuerst, mit unnachahmlicher Grazie tief sich bckend, mir die
Hand kte und dabei mit seinen  la Marchal gepuderten ailes de pigeon nahe an
meinem Knie vorber streifte; denn in dieser Uebertreibung hatte ich noch keinen
gesehen. Doch das Mnnchen hatte in Paris schwatzen gelernt, es hatte mitunter
Einflle, die gar nicht bel waren, und besa obendrein jenen bermthigen Ton
oberflchlicher, keine Schonung kennender Persiflage, in die ich nur allzugut
einzugehen wute. So kam es an jenem Abende nur zu bald dahin, da wir beide in
der Gesellschaft die Wortfhrer machten, denen der Chor der brigen in
abgemessnen Pausen Beifall zuzurufen und zuzulachen sich begngte.
    Das Gesprch nahm bald eine Wendung, die, wie ich selbst es mir nicht
verbergen konnte, meinem Freunde durchaus verhat war; doch in meinem Uebermuthe
lies ich darum nicht davon ab, sondern wetteiferte mit dem neuen Ankmmling in
unbarmherziger Verspottung alles dessen, was zufolge der damaligen modernen
Aufklrung, die franzsirenden Schngeister Vorurtheil nannten; daneben aber
ward auch manches abwesende Mitglied der Gesellschaft bei dieser Gelegenheit von
unsern Pfeilen nicht verschont.
    Erlat es mir, meine Lieben, Euch die nheren Details eines Gesprchs zu
geben, das ich noch immer nur mit tiefem Schmerz Euch wiederholen knnte und das
ich so gern vergsse, ohne da es mir bis diesen Augenblick htte gelingen
wollen, es aus meinem Gedchtnisse zu tilgen.
    Die gespannteste Aufmerksamkeit unserer Zuhrer, nur dann und wann von
schallendem Gelchter unterbrochen, lohnte unser Bestreben zu glnzen; selbst
mein Vater hrte lchelnd und wohlgefllig uns zu, whrend Bernhard immer
ernster und schweigsamer ward. Ich sah den verhaltnen Unwillen in seinen dunklen
Augen blitzen, ich las den stummen Schmerz ber mein Betragen in seinen Zgen,
aber es fiel mir nicht ein, ihn deshalb zu schonen. Meine unseelige Eitelkeit
verleitete mich zu dem Versuche, trotz seiner Unzufriedenheit mit mir, seine
Bewunderung durch eben das zu ertrotzen, was diese Unzufriedenheit in ihm rege
machte, und so trieb ich es immer rger, bis er nicht mehr im Stande war es zu
ertragen.
    Ich sa in einer Ecke neben dem Kamin, dieses, der Kaminschirm und ein
kleiner Tisch, der seitwrts vor mir stand, sonderten mich ein wenig von der
Gesellschaft ab, die mir gegenber einen Halbkreis bildete. Bernhard fand
indessen doch einen Weg, ziemlich unbemerkt hinter meinen Armstuhl zu gelangen,
und ber die Rcklehne desselben gebeugt, mir die Bitte zuzuflstern, diese
wunderliche Unterhaltung doch endlich abzubrechen. Doch vergebens! ich gab mir
im Gegentheil das Ansehen, ihn gar nicht zu verstehen. Jezt wurden seine Bitten
immer dringender, sie gestalteten sich endlich zu Warnungen um, und hingerissen
von der Gluth der Leidenschaft, von seinem emprten Gemthe und dem Schmerze des
Augenblicks, mischte er endlich, ganz ohne es zu wollen, das so lange
zurckgehaltne Gestndnis der glhendsten innigsten Liebe in das dringendste
Flehen um Rckkehr zu mir selbst und meiner bessern Natur.
    Dieser Moment war der hchste Triumph meines Lebens. Jezt hatte ich, was zu
erhalten, meine khnsten Einbildungen kaum ertrumen konnten. Er, Bernhard von
Leuen, mute, mitten im Zorn' ber mich, den stolzen Sinn vor mir beugen, und
meine Siegergewalt anerkennen. Doch auch mein Herz wallte in heisser Liebe ihm
entgegen, ich htte die Welt darum hingeben mgen, um in diesem Moment
unbelauscht ihm alles gestehen zu drfen, was ich dachte und empfand, und doch
trieb mich ein unberwindlicher Uebermuth, eine wirklich dmonische Lust an
seiner Quaal, das verhate Spiel noch immer nicht aufzugeben. Ich war mir ja
bewut, diese Quaalen jeden Augenblick in Entzcken umwandeln zu knnen.
    Innerlich zu aufgeregt, um genau zu wissen, was ich that, erschien ich jezt
wirklich glnzender, an geistreichen Einfllen unerschpflicher, als je, und
Bernhard stand da, bleich und stumm. Kein guter Engel gab es mir in die Seele,
aufzuhren, weil es noch Zeit sei; es war vielmehr, als sei ich, zur Strafe
meines Uebermuthes, den dunkeln, unheilbrtenden Mchten anheim gefallen, von
denen man glauben knnte, da sie jene kleine Zuflligkeiten leiten, die oft
eben so unerwartet als zerstrend in unser Leben treten.
    Solch ein Zufall war es gewi, der, ich weis bis diese Stunde nicht wie es
geschah, die Pfeile unseres Witzes gegen Bernhard selbst wendete. In der Art von
Bewustlosigkeit, in die mein Benehmen ihn versezt hatte, gaben vielleicht ein
paar unbedachte Worte, die er hinwarf, den ersten, wirklich nicht gesuchten
Anla dazu. Doch er war zu erschttert, zu aufgeregt in den tiefsten Tiefen
seines Gemthes, als da er es vermocht htte, wie sonst wohl geschah, den
Angriff auf seine Gegner zurckprallen zu lassen. Das kalte Spiel widerte seinem
glhenden Herzen zu sehr an, als da er mit Glck daran htte Antheil nehmen
knnen. Er versuchte zwar, sich zu vertheidigen, aber er verwirrte sich in dem
Versuch, und fand zum erstenmale nicht das passende Wort fr das, was er sagen
wollte. Ich sah es, seine Verwirrung erhhte das Gefhl meines Triumphes,
hingerissen von der bermthigsten Freude, war ich unbesonnen genug, einen
seiner Ausdrcke aufzunehmen, dem eine lcherliche Seite sich abgewinnen lies.
    Bernhard sah mich an und schwieg ganz fassungslos. Den Blick vergesse ich
nie.
    Jezt entstand pltzlich eine allgemeine, unendlich peinliche Stille um mich
her. Ich glaubte zu fhlen, da man in ihm mich schonen wolle, ich verga, da
wahrscheinlich keiner der Anwesenden Lust haben konnte, den Scherz gegen den so
oft Beneideten fortzusetzen, dessen Ueberlegenheit ein jeder von ihnen oft genug
erfahren hatte, um sie zu scheuen. Ich blickte auf und mein bser Dmon zeigte
mir, wie ein heimlich triumphirendes Lcheln auf allen diesen Gesichtern mir
entgegen grinste, und er allein stand, der gewohnten Waffen beraubt, mitten
unter dem, mir in diesem Moment unbeschreiblich verhaten Haufen, der sich das
Ansehen gab, ihn mitleidig schonen zu wollen,
    Jezt begann ich in meinem Gemthe seinetwegen ganz entsetzlich zu leiden; in
diesem furchtbaren Moment, da mir war, als msse ich mich seiner schmen, fhlte
ich zuerst recht tief und eindringend, was er mir war, und mit welch'
unbegrnzter Liebe ich an ihm hieng.
    In bodenloser Verwirrung, in namenloser Quaal, bermthig und gedemthiget
zugleich, rastlos getrieben von einer ganz unerklrlichen, an Verzweiflung
grnzenden grausamen Lust - sprach ich noch ein paar Worte.
    Lautschallendes, nicht zu unterdrckendes Gelchter aller Umstehenden folgte
diesen Worten, und mit unbeschreiblichem Schmerze traf der schneidend-gellende
Ton dieses Lachens mein Ohr - denn es galt meinem einzigen, in diesem
Augenblicke mit fast wahnsinniger Leidenschaft geliebten Freunde, und ich selbst
hatte ihn dem Spotte dieser Menschen blosgestellt.
    Bernhard stand auf und pltzlich verstummte alles wieder. Er trat vor mir
hin, blickte noch einmal mir ins Auge, ergriff meine Hand, die er kte, und
schied ohne ein Wort zu sagen, aus dem Kreise, in welchem mit einemmale eine
Todtenstille entstand. Mit vernichtender Gewalt trat jezt der Schmerz in meine
Seele; meine Besinnung war hin; ich knnte sagen: mein Leben stand einen
Augenblick still. Dann klopften alle meine Pulse mir zu, du hast ihn verloren,
ihn und dich, auf ewig, durch eigne Schuld.
    Angelika, Vicktorine, kennt ihr einen Schmerz, der diesem gleichen mag?
    Ich wute nicht mehr, was ich that; mechanisch ergriff ich eine kleine, aber
sehr schne Potpourri-Vase von Porzellan, die auf einem kleinen Tische neben mir
stand, sie entglitt meinen Hnden, ob durch mein Versehen, ob ich sie, vom
dumpfen Instinct getrieben, fallen lies, um so die allgemeine Aufmerksamkeit von
mir abzulenken, ist mir nie recht klar gewesen. Letzteres war wenigstens die
scheinbare Folge davon, denn ber alle Anwesende mute eine dunkle Ahnung des
vorgefallenen Unheils gekommen sein, und deshalb waren alle froh, die Gedanken
davon abzuziehen.
    Mein Erbleichen, mein zitterndes Schwanken, hatte nun doch eine sichtbare
Ursache gewonnen, und die Gesellschaft war aus der stummen Verlegenheit, in der
sie bis jezt dagestanden, glcklich wieder gerettet. Das Betrachten des zu
meinen Fssen zerschmettert daliegenden Amors, der auf der Vase gemalt gewesen
war, das Bedauern ber seine Vernichtung gab zu unzhligen galanten Bemerkungen
und witzigen Einfllen Anla, von denen manches Einzelne, trotz seiner
Albernheit, mir tief in das Herz schnitt. Indessen hatte durch diesen halben
Zufall die Unterhaltung doch eine andere Wendung genommen und ich ward dadurch
in den Stand gesetzt, mir fr den brigen Theil dieses entsetzlichen Abends die
nthige Fassung wieder zu erringen.
    Jezt lat es fr heute genug sein! sezte die Tante mit leiserer Stimme
hinzu, indem sie aus ihrem Armstuhl sich langsam erhob. Sie kte die in Thrnen
zerflieenden Mdchen auf die Stirn und heftete lange und bedeutend den
seelenvollen Blick ihrer hellen Augen auf beide; man sah, sie wollte noch etwas
sagen, wozu die Stimme ihr versagte; dann wandte sie sich freundlich, gieng
langsam hinaus, winkte, ihr nicht zu folgen, und kam den Abend nicht wieder zum
Vorschein.

Anna von Falkenhayn, treu ihrer vieljhrigen Gewohnheit, sa am Morgen nach
diesem Abend schon um sieben Uhr vllig angekleidet in ihrem Armstuhl, obgleich
es im Kleebornschen Hause, das in dieser Hinsicht von andern grossen Husern der
Stadt keine Ausnahme machte, kaum anfieng, Tag zu werden.
    Ihr Auge war trbe, ihr Herz war schwer von tausend wehmthigen und
schmerzlichen Erinnerungen. Das blasse Gesicht auf die durchsichtig zarte Hand
gestzt, strebte sie schon lange vergebens ihre Aufmerksamkeit dem vor ihr
aufgeschlagen da liegenden Buche zuzuwenden, um mit dessen Hlfe den Nachhall
aller der trben und schnen Stunden endlich wieder verklingen zu lassen, den
sie selbst am gestrigen Abend aufs neue in ihrem Gemthe hervorgerufen. Daher
war es ihr zwar eine unerwartete, aber durchaus keine angenehme Ueberraschung,
als ihr Kammermdchen ihr einen drauen stehenden Fremden meldete, der dringend
um Zutritt bei ihr bat. Sie fhlte sich um so mehr abgeneigt, den ihr zu so
ungewhnlicher Zeit zugedachten Besuch zu empfangen, da sie das Mdchen
vergebens um seinen Namen befragte. Der junge Herr, erwiederte dieses, sieht
so vornehm in die Welt hinein, da ich unmglich zu ihm sagen konnte, mit wem
habe ich die Ehre zu sprechen?
    Mismuthig und verstimmt, war Anna von Falkenhayn schon im Begriff, den ihr
etwas berlstig scheinenden Fremden um einen Besuch zu gelegenerer Zeit bitten
zu lassen; doch der pltzliche Gedanke, da es gerade wegen der so ungewhnlich
gewhlten Stunde hier wohl auf mehr als auf eine bloe Visite abgesehen sei,
hielt sie davon ab, und um nicht einer Laune zu gefallen, vielleicht eine
Gelegenheit zu verlieren, andern hlfreich erscheinen zu knnen, so befahl sie
den Fremden hereinzufhren. Er trat ein, und mit einem ihr selbst unerklrlichen
Erschrecken erkannte sie in ihm gleich auf den ersten Anblick den Geliebten
ihrer Vicktorine.
    So sonderbar verlegen und errthend, als diese Beide, mag wohl nicht leicht
beim ersten Zusammentreffen ein Paar einander gegenber gestanden haben, von dem
die Dame wenigstens zweimal so alt war als der Herr. Indessen whrte diese
wunderliche Befangenheit nicht lange; Tante Anna hatte zu viel Gewalt ber sich
selbst, um sich nicht schnell von ihr loswinden zu knnen, und nach wenigen
Minuten saen daher sie und Raimund wie ein Paar alte Bekannte ganz traulich
einander gegenber.
    Raimund entschuldigte seinen, gegen alle Regeln der Konvenienz streitenden
frhen Besuch, zuvrderst mit seines alten Freundes Mller Versicherung, da es
bei der Hochwrdigen Frau wenigstens zwei Stunden eher Tag werde, als im brigen
Hause; nchstdem aber mit dem nicht zu unterdrckenden Wunsch sie ungestrt, und
wo mglich auch unbemerkt sehen zu drfen. Ziemlich verlegen wollte er jezt es
versuchen, zur Erklrung seines eigentlichen Anliegens zu schreiten, doch die
zuvorkommende Gte seiner Zuhrerin erleichterte ihm dieses dadurch ungemein,
da sie ihm deutlich merken lie, wie Vicktorine sie schon lngst zur Vertrauten
des stillen Geheimnisses ihrer Liebe eingeweiht habe. So ward denn das Gesprch
zwischen beiden sehr bald von jeder beengenden Rcksicht befreit, und sie
unterhielten sich ohne weitern Zwang, mit gegenseitigem Vertrauen, von dem was
in diesem Augenblick ihrem Herzen am nchsten lag.
    Vollkommen ermuthiget durch ihre wrdevolle Freundlichkeit, erklrte Raimund
jezt der Tante, wie ein Antrag der Herren Fischer, den er ohne Vicktorinens
Beistimmung weder ablehnen noch annehmen knne, ihn hauptschlich bewogen habe
sie um ihre Vermittelung zu ersuchen. Es war von einer langen, mit manchen
bedeutenden Gefahren verbundnen Seereise die Rede, die er nach dem Wunsch jener
Herren unternehmen sollte, um in einem fremden Welttheile eine sehr wichtige,
groen Gewinn versprechende Unternehmung persnlich zu leiten. Unter den
vortheilhaftesten Bedingungen sollte bei seiner hoffentlich glcklichen Heimkehr
ein bedeutender Antheil an der Handlung dieses sehr geachteten Hauses der Lohn
seiner Bemhungen werden. Sobald ich den ersten Zorn berwunden hatte, den
Herrn Kleeborns Benehmen in mir aufregen mute, sezte Raimund hinzu, nachdem er
der Tante sowohl die Gefahren als den Vortheil erklrt hatte, welche bei dieser
Unternehmung fr ihn persnlich zu erwarten standen; sobald ich den ersten Zorn
berwunden hatte, das heit, sobald ich wieder meiner Sinne mchtig war, denn
mehr bedurfte es nicht, so stand auch der Entschlu felsenfest in mir,
unerachtet des ersten Fehlschlagens aller meiner Wnsche, dennoch auf der einmal
angetretnen Bahn zu beharren. Der Mann darf ja nicht sich selbst zum Spiel des
Zufalls machen, er soll ja nicht blindlings umhertappen, bald ergreifen, bald
wieder loslassen, wie Lust und Laune ihn treiben. Er soll vielmehr festhalten an
dem was er einmal unternommen, um so doch wenigstens die nie wiederkehrende Zeit
aus dem Schiffbruch seiner Hoffnungen zu retten.
    Es freut mich herzlich, Sie so festen Sinnes zu finden, erwiederte Tante
Anna, denn auch Vicktorine, - o gewi, unterbrach Raimund sie, ich kenne
meine Vicktorine, und nie kann der Schatten eines Zweifels an dieses edle Wesen
meinen Blick umdstern. Ich wei es, Vicktorine hlt unabwendbar fest an mir,
und jener Fremde, den Herr Kleeborn ihr aufdringen mchte, wird nie ihre Hand
erhalten. Aber auch mir wird sie nie angehren, so lange ihr Vater lebt, um es
zu verbieten; denn sie bleibt ihrer Pflicht nicht minder treu als ihrer Liebe.
Und so werden wir beide wahrscheinlich in langer nie erfllter Sehnsucht unser
Leben vertrauern, wenn nicht ein guter Engel unser Geschick freundlicher wendet.
Wie das geschehen knnte, sehe ich Bldsichtiger freilich noch nicht ab, sezte
Raimund mit einem leisen Seufzer und getrbten Blicke hinzu.
    Anna von Falkenhayn schien nun einmal zur milden Trsterin aller, die ihr
nahten, ausersehen zu seyn, und so versuchte sie es denn auch gern, und nicht
ohne Gelingen, ihren neuen jungen Freund mit dem Leben und insbesondere mit
seinem eignen Geschick zu vershnen. Es mute indessen noch manches sehr
ernstlich beleuchtet und erwogen werden, ehe man zu einem festen Entschlu in
Hinsicht auf die ihm vorgeschlagene Reise kommen konnte, und Raimund kehrte
deshalb noch mehreremal, und immer in der Frhstunde, zur Tante zurck. Ihre
Nhe sowohl als ihre Persnlichkeit bten auf ihn einen ganz wunderbaren Zauber.
Er fhlte sich unwiderstehlich zu der seltnen Frau hingezogen, die wie das
verbindende Element des Lebens zwischen ihm und Vicktorinen stand. Wenn sie so
freundlich ihm zusprach, mute er dabei stets an seinen Vater denken, denn so
wie sie, hatte, seit er diesen verloren, nie wieder jemand zu ihm gesprochen.
    Vor Allem aber erfllte ihn ein ganz eignes Gefhl ser fast schauerlicher
Wehmuth, wenn er sie dabei ansah, und nun in den alternden Zgen des bleichen
ernsten Gesichtes die unverkennbarste Aehnlichkeit mit seiner reizenden in
voller Jugendpracht blhenden Geliebten entdeckte. Ihm war dann als lfte die
Zukunft den dunkeln Schleier und blicke ernst und geheimnivoll ihn an, whrend
der eilende vernichtende Schritt der Zeit hrbar ihn umrauschte, und ihn
ermahnte, das Leben und die Jugend festzuhalten, ehe sie auf immer entschwinden.
    Auch der Tante ward der junge Mann immer lieber und lieber, je fter sie ihn
sah, doch nicht etwa weil sie das Innere seines Gemths dabei nher kennen
lernte. Man mchte sagen, sie empfand dies nur, gleich dem Eigenen, und sie
beurtheilte ihn daher wie Frauen gewhnlich zu urtheilen pflegen, mit dem Herzen
und nicht mit dem Kopf; was bei der ungemeinen Klarheit ihres Geistes freilich
ein seltner Fall war. Alles an ihm, seine ganze Art zu sein, seine Sprache, sein
Benehmen, Alles erschien ihr wie der begleitende Ton zu der Melodie ihres
innersten Lebens, und war ihr deshalb befreundet und kam ihr wie lngst bekannt
vor.
    Endlich, meine edle theure Beschtzerin, endlich mu ich doch dazu kommen,
einen Entschlu in Hinsicht auf meine Reise zu fassen, schrieb Raimund der
Tante eines Morgens, an welchem er abgehalten worden zu ihr zu gehen. Die Zeit
drngt mich, fuhr er fort, und ich kann es nicht lnger auf eine ehrenvolle
Art vermeiden, meinen Freunden, die mir zu meinem knftigen Fortkommen so
wohlwollend die Hand bieten, eine gengende Antwort zu ertheilen. Ich habe die
ruhige Stille dieser Nacht darauf verwendet, Alles nochmals ernstlich
durchzudenken. Der Antrag der Herren Fischer ffnet mir die Aussicht auf ein
vllig unabhngiges, sogar auf ein glnzendes Loos, das ich wenigstens nach dem
Ableben ihres Vaters Vicktorinen werde bieten knnen, selbst wenn dieser den
Entschlu fate, sie, im Fall sie die Meine wird, vllig zu enterben. Vielleicht
wird er auch jezt weniger eigensinnig auf die Verbindung mit dem Sohne seines
Handelsfreundes bestehen, sobald er mich in der Ferne wei, und Vicktorinen
glckt es wahrscheinlich um so eher, sich von den Fesseln loszuwinden, mit denen
ihr Vater sie umstricken mchte. Fr meine persnliche Wohlfahrt bangt mir
brigens nicht, Vicktorinens Gebet wird mir ein schtzender Engel werden, der
jede Gefahr von mir wendet, mit der Menschen oder die Elemente mir drohen
knnten.
    Und so bitte ich Sie denn nur, Hochwrdige Frau, bringen Sie mir
Vicktorinens Erlaubnis zu gehen, und das bald! Der erste Tag der Reise ist ja
auch der erste, der uns der Heimkehr nher fhrt. Und wer kann wissen, ob es
nicht whrend meiner Abwesenheit dem schtzenden Genius unsrer Liebe in Ihrer
wrdigen Gestalt gelingt, Alles indessen zu unserm Besten zu wenden.
    Unerachtet sie den Grnden ihres jungen Freundes nichts entgegenzustellen
wute, unternahm es die Tante doch nur mit innerem Widerstreben Raimunds Wunsch
zu erfllen; sie erschrack beinahe, als Vicktorine weit leichter und gefater,
als sie es htte erwarten knnen, zu der Entfernung des Geliebten ihre
Einwilligung gab. Eigentlich war Vicktorinens lebhafter Geist das ganz
Einfrmige ihres Unglcks, das Qulende des Gefhls dem Geliebten zugleich so
nahe und so fern zu sein, allmhlig so unertrglich geworden, da jede
Abnderung ihrer Lage ihr dagegen wie Gewinn erscheinen mute. Ihre glhende
stets vorwrts strebende Fantasie fand in dem Alltagsleben eines Geschftsmannes
keinen einzigen Punct, von dem aus sie das Bild des Geliebten, der ihr nicht
nahen durfte, festhalten konnte. Wo sollten ihre Gedanken ihn suchen? an der
Brse? am Schreibepult? im alltglichen Verkehr mit der handelnden Welt und
ihren Gehlfen? Nein, Tante, rief Vicktorine, er mag gehen! Mein Seegen, mein
Gebet, meine Wnsche begleiten ihn berall und unablssig. Es ist jezt nicht wie
damals, da ich glaubte, da er aus berspanntem Edelmuth auf immer nach Odessa
fliehen wolle. Er scheidet zwar, doch er entflieht mir nicht. Er geht, wohin die
Pflicht die er auf sich genommen ihn ruft, aber er geht um vielleicht
glcklicher wiederzukehren. Tausend Meilen oder tausend Schritte sind in unserer
Lage das nemliche. Raimund wird in der Ferne mir sogar nher gerckt erscheinen,
denn lieber will ich ihn mir doch vorstellen, wie er auf dem Verdeck seines die
mchtigen Wogen durchschneidenden Schiffes, unter dem tiefblauen Sternenhimmel
des Sdens meiner gedenkt, lieber soll mein Geist in fremden Stdten, im Gewhl
des Ankommens oder der Abreise ihn suchen, als hier in der weiten farb- und
formlosen Oede des aller-alltglichsten Lebens, in welcher Alles vor meinen
Blicken verschwimmt.
    Nur Eines forderte Vicktorine mit ihrer gewohnten Festigkeit noch, und
Raimund stimmte mit ihr berein, sobald er ihre Entscheidung vernommen, und
dieses Eine war eine Abschiedsstunde mit Bewilligung des Vaters, unter den Augen
der Tante, dieses milden Schutzgeistes ihres Lebens wie ihrer Liebe. Vergebens
erschpfte sich Anna in Grnden und Bitten, um die Liebenden zu bewegen, sich
selbst diese bittre Stunde zu ersparen. Sie wurde nicht nur berstimmt, sie
mute sogar unternehmen, Herrn Kleeborns Erlaubni zu dieser Zusammenkunft zu
erhalten, denn Raimunds Beredsamkeit bte eine unwiderstehliche Gewalt ber sie
aus.
    Zwingen Sie mich nicht, bat er, zwingen Sie mich ja nicht, dem Schmerz
wie ein Feiger aus dem Wege zu gehen, denn alles Umgehen ist meiner Natur
durchaus zuwider und mir im Innersten der Seele verhat. Was mir auch begegnen
mag, ich will ihm fest und gerade ins Auge sehen, und wr' es mein Untergang. So
viele wnschen sich einen schnellen Tod, ich habe von Kindheit auf ihn gescheut.
Wenn ich einst vom Leben scheide, so wnsche ich, da es mit Bewutsein
geschehe, mein brechendes Auge soll sich noch einmal dankend zu der Sonne, zu
den Sternen erheben, die so lange mir leuchteten. Und so will ich auch jezt, ehe
ich gehe, um vielleicht nie wiederzukehren, so will ich auch jezt noch einmal in
Vicktorinens liebetreue Augen blicken, in diese Sonnen meines bessern Daseins.
Wer weis denn, ob sie je mir wieder leuchten werden, denn meine Reise ist weit,
und mancherlei Gefahren werden Unheil drohend mir entgegen treten.

Der junge Holm geht in diesen Tagen nach England und von dort nach Westindien,
wie ich fr gewis hre, sprach die Tante zu Herrn Kleeborn im gleichgltigsten
Ton, den sie nur bei dieser Gelegenheit aufzubringen vermochte. Eigentlich
dachte sie nur auf diese Weise ein Gesprch mit ihm anzuknpfen, das zur
Erfllung ihres Versprechens leiten konnte, um dessen Vollbringung sie sich eben
in nicht geringer Verlegenheit befand, doch Kleeborn fuhr sichtbar erschrocken
zusammen, als er sie so ganz gelassen den Namen nennen hrte, den er bis jezt
noch gar nicht den Muth gehabt hatte, in ihrer Gegenwart auszusprechen. Er
starrte in sprachloser Verwunderung sie an, und veranlate sie dadurch das
Gesagte nochmals zu wiederholen. Holm! rief er jezt fast jauchzend vor
Freuden, der junge Holm aus dem Hause der Herren Fischer et Compagnie? Nun
Glck auf die Reise! Nein, Frulein Schwester, eine bere Nachricht konnten Sie
mir im Leben nicht bringen; und wenn Sie mir gesagt htten, da ich das groe
Loos in der englischen Lotterie gewonnen habe, es knnte mehr mich nicht
erfreuen! Denn ber huslichen Frieden und das Glck meines einzigen Kindes geht
mir doch nichts in der Welt. Aber was sind Sie eine kluge Dame! Ja ja, ich habe
es immer gesagt und gedacht, Sie sind eine Dame, die die Welt kennt. Ich
zerbreche mir den Kopf wie ich die verfluchte Geschichte Ihnen schicklich
beibringen will, Sie verstehen ja wohl was ich meine, nun und inzwischen gehen
Sie so ganz in der Stille hin, wissen Alles, lenken Alles, und fhren Alles zum
Besten. Nun nun, jezt wird sich Alles ja wohl mit der Zeit geben, wenn erst
dieser Stein des Anstosses aus dem Wege kommt. Vicktorine wird ja Vernunft
annehmen, besonders wenn Sie, Frulein Schwester - Die Tante unterbrach ihn, um
nicht mehr hren zu mssen als ihr lieb war. Ich habe Herrn Holm erlaubt, in
meiner Gegenwart von Vicktorinen Abschied zu nehmen, sprach sie in dem
nehmlichen gleichgltigen Ton als vorher, und zugleich mit so gelaner fester
Zuversicht, da Herr Kleeborn darber ganz stutzig ward, und nicht gleich wute,
was er ihr antworten knne. Die Sicherheit, mit der sie sprach, als knne das
gar nicht anders sein, verbunden mit der ehrerbietigen Zurckhaltung, welche
ihre Gegenwart ihm einflte, erlaubten ihm nicht ihr geradezu zu widersprechen,
besonders da sie ihm eben eine so gute Nachricht mitgetheilt hatte. Und doch
fhlte er auch eine grosse Abneigung, seine Einwilligung zu dieser Zusammenkunft
der Liebenden ausdrcklich zu geben, wenn er gleich innerlich gewi war, da es
die lezte sein wrde.
    Nach kurzem Bedenken fand er indessen einen Mittelweg, indem er that als
habe er die lezten Worte der Tante vllig berhrt. Ende gut alles gut und
Einmal ist keinmal, brummte er endlich halb leise vor sich hin, als er nach
einer kleinen Pause gewahr ward, da seine Schwgerin nicht fr gut fand, noch
einige Bewegungsgrnde hinzuzusetzen, die er denn Gelegenheit gehabt htte zu
bestreiten; und damit gieng er ohne weiteres zum Zimmer hinaus in sein Komtoir.
    Anna freute sich des leichten Sieges, und war dabei billig genug, nicht mehr
zu fordern als sie eben bedurfte, denn sie glaubte, mit dieser stummen
Bewilligung knne sie vllig zufrieden sein, und sie ohne alles Bedenken
benutzen.
    Der Morgen des zu Raimunds Abreise bestimmten Tages brach endlich an, und
die Liebenden sahen in den lezten Minuten vor dieser sich wieder, denn so hatten
beide es gewollt. Doch welch ein Wiedersehen war das! Wiederfinden und Trennung,
Seeligkeit des Himmels und unaussprechlich tiefes Leiden, drngten auf der
Spitze eines einzigen kurzen Augenblicks sich zusammen. So grnzen in dem
Stunden-Dasein der Ephemere die erste Regung des Lebens und das Erstarren des
Todes enge an einander.
    Seelig und trostlos, ohne Worte und doch unendlich beredt, hielten Raimund
und Vicktorine sich umfangen bis die Stunde der Trennung schlug. Die Tante hrte
den Ton der Glocke, die sie verkndete, sie hatte so lange in sich versunken da
gesessen, jezt richtete sie sich auf und ihr Blick fiel zuerst auf Raimund. Ein
die Wolken durchbrechender schwacher Sonnenstrahl verklrte in diesem Augenblick
die schmerzlich bewegten Zge seines edeln Gesichts; Anna fuhr wie von einem
gewaltsamen Schmerz pltzlich ergriffen schaudernd zusammen, und ihre Hand
zuckte unwillkhrlich nach ihrem Herzen, whrend ihr Auge mit einem
unbeschreiblichen Ausdruck an Raimunds trber Gestalt hieng. Ein halb
unterdrckter Schmerzenslaut drngte sich ihr aus tiefster Brust herauf, sie
schwankte erbleichend und drohte zu sinken. Erschrocken eilten Vicktorine und
Raimund sie zu untersttzen und sie aufs Sofa zu geleiten, doch sie erholte sich
noch frher, indem ein Strom von Thrnen ihrem bangebeklommnen Herzen
Erleichterung zu gewhren schien.
    Jezt drckte Raimund noch einmal die vereinten Hnde beider ihm so theuren
Wesen an seine brennenden Lippen, an seine hochschlagende Brust, und entfernte
sich dann schnell. Sie sahen die geliebte Gestalt durch die Thre verschwinden,
die sich in langer Zeit nicht, vielleicht nie wieder, ihr ffnen sollte.
Raimunds Schritte tnten den langen Corridor entlang, immer schwcher, immer
mehr aus der Ferne. Vicktorine ohne einen Laut von sich zu geben, horchte dem
Ton bis er sich ganz verlor, dann warf sie sich in die geffneten Arme, an die
treue Brust, die fast eben so bewegt als ihre eigene, mit nicht minder heftigem
Schmerz zu ringen schien.

Das Schreckbild einer weiten gefahrvollen Reise des Geliebten, das vor wenigen
Wochen Vicktorinen fast zu Tode gengstigt hatte, war jezt zur Wirklichkeit
geworden. So, sagt man, glauben die Perser, da jedes ausgesprochne Wort zu
einem geisterartigen Wesen sich umwandle, welches unablig so lange die Welt
bis an die Pforten des Paradieses durchstreife, bis es zur That sich gestaltet
habe.
    Indessen war es doch merkwrdig, wie Vicktorine diesen wahrhaften Schmerz
mit weit grerer Fassung ertrug, als jenen ertrumten, der sein Vorbild gewesen
war. Da sie mit Bewutsein, aus freiem Willen, ihn auf sich genommen,
erleichterte ihn ihr vielleicht nicht minder, als die innige Theilnahme ihrer
mtterlichen Freundin; vor allem aber erhob die Hoffnung einer aus diesem Opfer
entspringenden glcklicheren Zukunft sie ber sich selbst, und wiegte die oft
bis zur Ungeduld sich steigernde Sehnsucht wieder zur Ruhe ein, von der sie in
einsamen Stunden nur gar zu oft sich ergriffen fhlte. Ihr krperliches Befinden
bedurfte jezt keiner besonderen Pflege mehr, doch ihr Gemth bedurfte der
zartesten Schonung, und diese fand sie nur bei der Tante und ihrer Angelika.
    In den stillen geruschlosen Abendstunden, welche Babet und Agathe jezt
ftrer als sonst auer dem Hause, bei ihren Freundinnen, zubringen durften, gab
die Tante den Bitten ihrer beiden Lieblinge gerne nach, und nahm den Faden der
Geschichte ihres Lebens dort wieder auf, wo sie am ersten Abende ihn hatte
fallen lassen. Wir geben ihre Erzhlung so viel mglich mit ihren eignen Worten,
doch ohne der Zwischenreden ihrer Zuhrerinnen oder der mitunter eintretenden
Strungen und Pausen weiter zu erwhnen.




              Fortsetzung der frheren Lebensgeschichte der Tante.


Schwer und undurchdringlich in ihrer Finsternis lastete die Nacht nach jenem
furchtbaren Abende auf mir, sprach Anna von Falkenhayn im Verfolg ihrer
Erzhlung. Sie schien nimmer enden zu wollen und meine brennend heien
thrnenlosen Augen erstarrten an ihrer von keinem Stern erhellten Dunkelheit,
ohne da es mir mglich gewesen wre auch nur Minuten lang in trstendem
Selbstvergessen sie zu schlieen. Es war die erste Nacht, die ich gefoltert von
innern Vorwrfen durchwachte, ihr dsterer Schatten hat sich ber mein ganzes
Leben verbreitet und ist nie wieder ganz aus demselben verschwunden. Unzhlige
trbe schlaflose Nchte sind seitdem dieser ersten gefolgt, doch gottlob keine
so ganz trostlose als diese, denn nie war ich wieder so durchaus mit mir selbst
zerfallen wie damals.
    Vergebens strebte ich an dem sonst mir eignen Stolz mich wieder
aufzurichten, vergebens wollte ich eine Thrin mich schelten und die Last leicht
zu nehmen suchen, die mich zu erdrcken drohte. Die glhendste Liebe sprach laut
in meinem Herzen, jeder Schlag desselben erhhte das Gefhl der bittersten, an
Selbstverachtung grnzenden Reue, und mein ehemaliges eitles Bewutsein
verschwand unter der angestrengtesten Bemhung es fest zu halten.
    Endlich kam der Tag; jedem auch dem unglcklichsten Wesen pflegt er
wenigstens fr einen kurzen Moment Muth und Trost zu bringen, und auch ich
begann jezt zu hoffen, Bernhard knne so nicht auf immer von mir geschieden
sein, oder ich suchte es vielmehr mir selbst wahrscheinlich zu machen, da ich
diese Hoffnung noch hege.
    Ich stand auf um nur so schnell als mglich jedes nchtliche Grauen
abzustreifen, doch der erste Blick in meinen Spiegel flte mir neues Entsetzen
ein, so schattenhnlich, so bleich und zerstrt trat mein Bild aus ihm mir
entgegen. Zum erstenmal in meinem Leben sah ich mich gezwungen, jene kleinen
Toilettenknste zu ben, die ich bis jezt immer mit Verachtung verschmht hatte,
denn ich war zwar fest entschlossen, dem Mann, den ich liebte, mit edler
Freimthigkeit entgegen zu treten, ich wollte ohne Rckhalt und wahr mein ganzes
Herz ihm erffnen, sogar, im Fall dies nthig wrde, zum Bekenntnis des Gefhls
meiner bermthigen Thorheit mich herablassen; aber zu deutlich in meinem
Gesichte lesen, was in meinem Gemth indessen vorgegangen war, das sollte
Bernhard denn doch auch nicht.
    Der Morgen vergieng grtentheils ber dieser Beschftigung, die ich um mich
selbst zu tuschen so zgernd als mglich betrieb. Auch spterhin noch wandte
ich alles an, um nur nicht zu bemerken, wie weit der Tag schon vorgerckt, und
da die Stunde lngst vorber sei, in der Bernhard sonst zu kommen pflegte, mein
armes Herz schlug aber immer voller und schwerer. Endlich brachte man mir eine
nur mit seinem Namen bezeichnete Abschiedskarte, und meinem Vater ein
versiegeltes Billet, in welchem Bernhard in ziemlich allgemeinen Ausdrcken fr
alle bisher ihm gewhrte Beweise seines Wohlwollens dankte, und auf unbestimmte
Zeit Abschied nahm, ohne jedoch das Ziel seiner Reise dabei zu erwhnen. Mein
Vater vermied es mich anzusehen, indem er das Billet, so wie er es still fr
sich gelesen, mir hinreichte, und nie hat mich etwas tiefer und demthigender
gekrnkt.
    Ich zog mich bald darauf unter dem gewi nicht ganz ersonnenen Vorwande
krperlichen Uebelbefindens in mein Zimmer zurck, und verlebte dort ganz allein
ein paar stille einsame Tage; denn ich bedurfte dieser gar sehr, um nur
einigermaen mich mit mir selbst zu berathen. Nur fort von hier! war das einzige
Ziel meiner Gedanken; denn die Gesellschaft wieder zu sehen, in der ich Bernhard
vermissen sollte, schien mir unmglich zu sein. Doch wohin sollte ich mich
wenden? ich hatte keine Freundin, sogar nicht einmal eine Bekannte meines
Geschlechts, die mir in dieser Verlegenheit Schutz und Obdach htte gewhren
knnen oder wollen; sie waren alle vor dem blendenden Glanz entwichen, mit dem
meine Eitelkeit mich bis dahin umgab. Einen Augenblick dachte ich zwar daran,
zur Herzogin von P** zu reisen, die beim Abschiede mich mit einer Einladung auf
unbestimmte Zeit beehrt hatte; aber wer konnte mir dafr stehen, da nicht auch
Bernhard mit seinem wunden Herzen zu ihr geflohen sei? War es in diesem Fall
schicklich, oder auch nur verstndig, den Verdacht auf mich zu laden, als sei
ich absichtlich ihm gefolgt? Und gesezt ich fnde alles dort wie sonst, nur ihn
nicht, wie wollte ich das ertragen! wie alle die Fragen nach ihm! wie sollte ich
tglich und stndlich von ihm reden, ihn preisen hren, ohne zu verzweifeln.
    Je lnger ich ber meine Lage nachdachte, je hoffnungsloser erschien sie
mir, so da ich zulezt wahres Mitleid mit mir selbst empfand. Ich konnte nicht
fortleben wie ich bis jezt es gethan, das allein war mir deutlich. Das gewohnte
schaale Treiben, das ihn, das Bernhard mir verscheucht hatte, widerte jezt mich
unbeschreiblich an, doch wie sollte ich hinaustreten ohne lcherlich zu werden,
was mir herber dnkte als selbst der Tod? Meinem Vater, meinem geliebten Vater
konnte ich es doch unmglich zumuthen, meinetwegen Gesellschaften und
Gewohnheiten zu entsagen, die Jahre lang seine einzige Freude gewesen waren.
    So war denn jeder Ausweg mir verschlossen und ich verzehrte mich vergeblich
in fruchtlosem Nachsinnen, wie ich es anfangen knne, die Welt zu verlassen, die
noch vor wenigen Tagen, als der Schauplatz meines Triumphs, mir unentbehrlich
schien und die mir jezt so frchterlich war. Wahrscheinlich wre meine
Gesundheit diesem Zustande endlich unterlegen, wenn er lnger gedauert htte,
doch ganz unvermuthet, wie ein vom Himmel gesendeter Bote des Friedens, kam jezt
ein Brief, der aller meiner Verlegenheit ein Ende machte. Ich las ihn mit
Entzcken und wre doch nur noch vor wenig Tagen trostlos gewesen, wenn ich
damals ihn empfangen htte. Er enthielt nichts anders als eine auf Befehl der
Prbstin meines Stiftes an mich gerichtete Aufforderung, doch endlich das von
mir schon zu lange umgangene Gesez zu erfllen, das mir seit ich mndig war die
Verbindlichkeit auferlegte, jhrlich wenigstens einige Monate im Stifte zu
verleben; dabei versicherte man mich, da man mir keine fernere Verzgerung
dieser Verpflichtung nachsehen knne, indem dieses schon zu lange geschehen sei.
    Mit kaum zu unterdrckender Freude theilte ich dieses Schreiben meinem Vater
mit, und zugleich meinen Entschlu, die Verbindlichkeit, zu der man mich
aufforderte, sobald als mglich zu erfllen. Der gute Vater widersprach mir
nicht, er eilte sogar, alle nthigen Anstalten zu meiner schnellen Abreise zu
treffen, aber er war dabei so still, so recht im Herzen traurig, da es mir
durch die Seele gieng. In jedem seiner Blicke, aus seinem ganzen Benehmen gegen
mich, sah ich deutlich, da er nicht nur alles, was in mir vorgieng, errathen
hatte, sondern da auch bange Zweifel in ihm aufstiegen, ob er denn auch
wirklich, durch die ausgezeichnete Erziehung, die er mir gegeben, mein wahres
Glck begrndet habe. Diese Besorgnis, die denn doch wohl in jedem Fall zu spt
kam, beugte sichtlich ihn nieder, denn wenige sind stark genug, wenn ein
Lieblingsplan mislingt, nur die Absicht, nicht den Erfolg, sich zuzurechnen, und
nicht zu vergessen, da wir in unsrer Beschrnkung uns damit beruhigen sollten,
nur das Beste gewollt zu haben, wenn gleich die Freude des Gelingens uns versagt
blieb.
    Froh, als entrnne ich einem Gefngnis, verlies ich endlich an einem trben
Herbstmorgen zum erstenmal das vterliche Haus, um mich mit meinem Schmerz in
die Einsamkeit eines mir ganz fremden Aufenthaltes zu flchten. Karoline, meine
damals zwlfjhrige Schwester, war nach dem Wunsch meines Vaters meine liebe
Begleiterin auf der Reise. Unser Weg gieng durch eine reiche ppig-fruchtbare
Gegend, die aber wie so manche reizende Mdchengestalt durchaus der Jugend des
Jahres bedurfte, um zu gefallen. Jezt im Sptherbst, wo der Wind kalt und
schneidend ber Stoppelfelder wehte, und im sprlichen gelben Laub der Bume
schauerlich rauschte, jezt hatte alles, was ich erblickte, ein dstres
unfreundliches Ansehen, ohne die kleinste Spur frherer Anmuth. Mit nicht zu
unterdrckender Aengstlichkeit klammerte meine arme kleine Karoline sich an mich
an, als wir endlich mit einbrechendem Abend durch das dunkle niedrige Gewlbe
des Thores fuhren, welches den Eingang zu einem ehemaligen Kloster bildete, das
jezt einem Theil der Stiftsdamen zur Wohnung diente. Mich selbst sogar kam ein
kleiner Schauder an, als wir durch den schon halbdunkeln langen Kreuzgang
wanderten, an dessen uerstem Ende die mir bestimmten Zimmer lagen.
    Wir kamen auf diesem Wege an mehreren niedrig gewlbten Thren vorbei, die
in die ehemaligen Klosterzellen zu fhren schienen. Hinter einer derselben hrte
ich im Vorbeigehen laute weibliche Stimmen, wie im heftigen Streit; hinter
andern schmetterten Kanarienvgel, heisere Mpschen bellten, und Kakadus und
Papageien kreischten dazwischen mit widrigem Geschrei.
    Karoline hielt mich immer ngstlicher am Arm, auch unser Kammermdchen
drngte sich so nahe als mglich an uns an, und blickte ganz verschchtert in
alle Ecken, bis eine Thre ganz hnlich denen, an welchen wir vorbeigekommen,
aufgeschlossen ward. Wir standen jezt vor meinem geffneten Wohnzimmer; die
Abendsonne, schon ganz unten am Rande des Horizonts, durchbrach in diesem Moment
die schwere graue Wolkendecke, welche den ganzen Tag ber sie verhllt hatte,
und leuchtete uns durch die purpurrothen Bltter der das Fenster umrankenden
wilden Rebe freundlich ins Gesicht; die hpfenden Schatten der Zweige spielten
lustig auf der blagrnen Wand, alles sah freundlich und bequem aus, so da wir
mit neuem Muth den erquickenden Sonnenstrahl wie ein Zeichen von guter
Vorbedeutung annahmen.
    Die kleine Wohnung war fr uns gerumig genug; mit sehr wenigem konnte sie
recht whnlich und behaglich eingerichtet werden, und Karoline gieng mit unserm
Mdchen so eifrig an das Auspacken und Anordnen, als kme es darauf an, uns
gleich auf der Stelle hier fr eine ganze Lebenszeit huslich niederzulassen.
Ich aber suchte indessen den einsamsten Winkel auf, um mich ungestrt in mich
selbst zu versenken.
    Die Einsamkeit, in der ich von nun an mehrere Monate zubrachte, war in der
That klsterlich zu nennen, und stach fast gewaltsam gegen mein ehemaliges Leben
ab. Mein Gefhl glich in der ersten Zeit jenem beklemmenden Streben nach
Besinnung, wie es uns nach einer berstandnen groen Gefahr oft noch lange
bengstigt; doch nach und nach ward mein Gemth wieder ruhiger und ich blickte
mit klarerem Sinn um mich her.
    Mit dem aufrichtigsten Willen auch gegen mich selbst nicht nur wahr, sondern
auch gerecht zu sein, berschaute ich meine Vergangenheit wie meine Zukunft, und
wandte Alles daran, um aus diesem, einem Stillstand hnlichen Ruhepunct meines
Lebens die ersprieslichsten Folgen zu ziehen.
    Da keine Zeit, keine Macht der Umstnde Bernhards Bild je aus meinem Herzen
reien knne, fhlte ich schon damals mit voller Ueberzeugung, es mute von nun
an ewig darin wohnen wie in einem stillen Heiligthum. Je deutlicher ich das
Unrecht einsah, das ich frevelnd an mir selbst uns beiden zugefgt hatte, desto
inniger wandte all mein Trachten und Sinnen sich dem schwer beleidigten Freunde
zu, um so fester nahm ich mir vor, mich ber mich selbst zu erheben, um seiner
wrdiger zu werden. Ich gelobte mir, mich als ihm allein angehrig zu
betrachten, selbst wenn ich nie ihn wieder sehen sollte, alles brige wollte ich
dem Schicksal getrost berlassen. Heimlich und stille lebte indessen doch die
Hoffnung in mir, da ein gnstiger Stern, oder vielmehr sein eignes Herz, ihn
mir wieder zufhren msse - und dann - ach ich wagte es nicht ber dieses dann
hinaus zu denken.
    Meine nchsten Umgebungen berlieen mich in ziemlich ungestrter Ruhe mir
selbst.
    Ich widmete regelmig dem Unterricht meiner Karoline einige Stunden des
Tages; die brige Zeit brachte das liebenswrdige Kind grtentheils bei einer
benachbarten Familie zu, in welcher sie nicht nur an den Tchtern des Hauses
Gespielinnen ihres Alters fand, sondern auch noch auerdem alle Annehmlichkeiten
eines in ruhiger Huslichkeit hingebrachten stillen Familienlebens kennen und
lieben lernte. Ich selbst blieb beinah immer allein in meinem Zimmer, die
jngern Stiftsdamen waren fast alle abwesend, um den nahenden Winter bei ihren
Verwandten zuzubringen, die zurckgebliebenen von den ltern Damen bekmmerten
sich wenig um mich. Sobald nur die erste Neubegier mich zu sehen gestillt war,
welche meine unerwartet schnelle Ankunft erregt hatte, so kehrten alle recht
gern zu ihren gewohnten Vergngungen, zu ihren Kaffeevisiten, Triett und
l'Hombreparthien wieder zurck, ohne mir es weiter zu verargen, da ich keine
Lust bezeigte, daran Theil zu nehmen.
    So beschrnkte sich denn zulezt mein Umgang im Stifte fast einzig auf die
Prbstin, einer gebornen Stiftsgrfin von ***. Sie war aus einem der ltesten
und edelsten Huser in Deutschland, aber ihr innerer Adel hob sie noch weit ber
den ihr angebornen Rang und Stand. Ein unheilbares langsam und schmerzlich sie
verzehrendes Uebel hielt sie schon Jahre lang fast immer an ihr Lager gefesselt.
Ihr schweres Leiden zog mich zuerst zu ihr hin, doch ihre cht-christliche
Demuth, die fromme Ergebung in den Willen Gottes, mit der sie ohne Klage, ja
fast freudig alles trug, was ihr auferlegt ward, erweckten, wie ich sie nher
kennen lernte, mein innigstes bewunderndes Mitgefhl. Auch ich war so glcklich,
mir sehr bald ihre herzlichste Zuneigung zu erwerben, da sie in jeder
schmerzensfreien Stunde mich um sich zu haben wnschte. Ihr Gesprch, die
Bcher, grtentheils religisen Inhalts, die ich ihr vorlas, vor allem aber das
wahrhaft groe Beispiel dieser Frommen, ihr festes kindliches Vertrauen auf Gott
gewann den wohlthuendsten Einflu auf mein Gemth, in eben dem Grade wie frher
die kurze Bekanntschaft mit der Herzogin von P*** auf die hhere und
angemessenere Bildung meines Geistes eingewirkt hatte.
    Nie kann ich es dankbar genug erkennen, da die Hand, die mein Leben
leitete, mich so zur rechten Zeit diesen beiden edlen Frauen zufhrte; von denen
die eine in gewisser Hinsicht vollendete, was die andere begonnen hatte, denn
alles, was ich spter geworden bin, alles, was mir in dem Labyrinthe des Lebens
Trost und Licht verlieh, verdanke ich hauptschlich ihnen.
    Leidende erkennen einander schnell, und auch meine neuerworbne edle Freundin
fhlte gar bald, da auch ich nicht glcklich sei, obgleich ich mir eben so
wenig eine Klage als sie sich eine Frage erlaubte. Der eigne Schmerz machte sie
scharfsichtig genug, um in meinem Herzen wie in einem offnen Buche zu lesen, und
sie benutzte den Einflu, den sie auf dasselbe gewonnen, um mit leiser linder
Hand und wahrhaft mtterlicher Sorge dem vom Himmel gesandten Lichte mich
zuzufhren, das auch die Nacht ihrer eignen Leiden zu erhellen vermochte. Ich
lernte von ihr Glauben und Hoffen, selbst wenn jeder irdische Trost und jedes
irdische Glck vor unserm enttuschten Blicke im Nichts zerflattern.
    Mit bereichertem erhobnen Gemth, mit mhsam erworbnem aber desto festerem
Muth, und mit dem treu gemeinten Torsatz, dem Schein nie wieder das kleinste
Opfer zu bringen, verlie ich endlich nach einem Aufenthalte von acht Monaten
die mir so lieb gewordne Einsamkeit. Ich eilte zu meinem Vater zurck, dessen
sehr schwankender Gesundheitszustand jezt mehr als jemals der Pflege seiner
Kinder bedurfte.
    Nchst der Sorge fr die Erhaltung und Erheiterung des ehrwrdigen Greises,
den ich leider weit schwcher wieder fand, als ich gefrchtet hatte, war jezt
Karolinens fernere Bildung das Hauptgeschft meines Lebens. Ihre schne
Jugendblthe drang jezt immer lieblicher sich entfaltend aus der Knospe der
Kindheit mchtig hervor, und ihr Anblick erfreute nicht nur ihren Vater, sondern
auch jeden, der ihr nahte. Ich fand zu meiner groen Beruhigung, da whrend
meiner Abwesenheit, in der Lebensweise unsers Hauses, eine bedeutende
Vernderung vorgegangen sei. Mein Vater hatte bei seiner zunehmenden
Krnklichkeit den groen Kreis, der sich sonst bei uns zu versammeln pflegte,
unmglich zusammenhalten knnen, da in mir die Wirthin des Hauses ihm fehlte, um
die Honneurs desselben zu machen. Die Gesellschaft hatte sich also bis auf
wenige unserer ltern Freunde allmhlig von selbst aufgelst; ein kleinerer
gewhlter Kreis, der sich ebenfalls alle Abende um meinen Vater versammelte, war
an ihre Stelle getreten; denn dieser war von Jugend auf der Geselligkeit zu
gewohnt, um ihr, selbst in seinem jetzigen hohen Alter, gnzlich entsagen zu
knnen.
    Die Unterhaltung in diesen kleinen Abendgesellschaften war freilich von dem
vormals bei uns herrschenden brillanten Ton himmelweit verschieden, doch ich
selbst war ja auch in der Zwischenzeit ein anderes Wesen geworden, und daher
sehr damit zufrieden, auch ein anderes Leben fhren zu knnen. Der Gedanke an
meinen hoffentlich nicht auf immer verlornen Freund fllte jede Lcke in meinem
jetzigen Dasein; oft erweckte ich mich selbst, aus schnen Trumen von einer
glcklichern Zeit, in der ich uns beiden alles zu vergten hoffte, was wir durch
meine Schuld erlitten; nur sah ich freilich noch nicht ein, welcher glckliche
Zufall diese Zeit herbeifhren drfe, und verlor mich dann wieder aufs neue im
Reich der Mglichkeiten.
    Meine gnzliche Unwissenheit in Hinsicht auf alles, was auf Bernhards
gegenwrtigen Aufenthalt und sein Ergehen Bezug hatte, begann indessen doch mit
jedem Tage schmerzlicher mich zu betrben. Seit er uns verlie, war er fr mich
wie von der Erde weggehaucht und nie hatte ich nur seinen Namen wieder nennen
hren. Mir selbst band ein sehr natrliches Gefhl die Zunge, wenn ich es einmal
unternehmen wollte, nach ihm zu fragen; aber auch mein Vater erwhnte seiner so
wenig, als ob er nie ihn gekannt htte; theils wohl aus Schonung fr mich, doch
mehr vielleicht noch aus Verdru ber uns beide.
    Obgleich wir die Zahl der uns tglich Besuchenden sehr beschrnkt hatten, so
stand doch unser Haus nach wie vor durchreisenden Fremden noch immer
gastfreundlich offen. Meines Vaters groe und vielfltige Verbindungen im
Auslande schickten uns sehr oft Reisende aus fernen Gegenden zu, und so
empfingen wir fast tglich manchen mitunter recht interessanten Besuch, dessen
flchtige Gegenwart unsrer einfrmigen Huslichkeit Leben und Wechsel verlieh.
    Eines Abends, es mochte wohl beinahe ein Jahr seit Bernhards Entfernung
vergangen sein, hatte auf diese Weise der Zufall mehrere Fremde bei uns
versammelt, von denen einige durch ihre angenehme Unterhaltungsgabe dem Gesprch
einen rascheren Umschwung zu geben wuten. Besonders zeichnete sich einer unter
ihnen durch die etwas kurz absprechende Art aus, mit der er Paradoxen einzig
deshalb nachzujagen schien, um durch deren Behauptung, wenn nicht die ganze
Welt, doch wenigstens den kleinen Theil derselben, der ihm eben zuhrte, in
Erstaunen und Bewunderung zu versetzen. Dieser streitbare Held war aber bei alle
dem weit weniger unangenehm und berlstig, als man nach dieser Beschreibung
glauben knnte. Er schien nicht bsartig, er hatte das Wort in seiner Gewalt, er
zeigte mitunter recht viel Witz und Humor, und war dabei gewandt genug, sobald
er gewahr ward, da er es zu weit getrieben, sich gleich auf der Stelle abmerken
zu lassen, wie es ihm mit seinen Behauptungen eigentlich gar kein rechter Ernst
sei. Man sah deutlich, da es hauptschlich ihm nur um den Lrm zu thun war, den
seine Redensarten herbei fhrten; er glich hierin einem Kinde, das mit dem Munde
den Trommelschlag berlaut nachzuahmen sucht, ohne sich weiter etwas dabei zu
denken, und so war es denn unmglich, ihm zu zrnen, obgleich er es mitunter
recht arg machte.
    Ich weis nicht, wie es zugieng, da gegen das Ende des Abends das Gesprch
sich zulezt um ausgezeichnet edle, mit bedeutenden Aufopferungen vollbrachte
Handlungen drehte, von denen beinahe jeder der Anwesenden ein paar Beispiele,
zum Theil mit groem Wortaufwande, der Gesellschaft zum Besten gab. Nichts ist
ansteckender, und zugleich dem guten Geist der Konversazion verderblicher, als
diese Lust zu erzhlen, die gewhnlich alle ergreift, sobald nur einer den Ton
dazu angiebt; und doch ist auch nichts seltner als die Gabe, eine gute
Geschichte gut vortragen zu knnen. Auch an jenem Abende hatten wir nur zu oft
Gelegenheit, die Wahrheit dieser Bemerkung besttigt zu finden, und zulezt kam
sogar einer der unbarmherzigsten Erzhler an die Reihe; einer von der Art, die
nie das Ende der Geschichte finden kann, weil sie bei jedem Wort immer sich
selbst wiederholt, um das schon Gesagte noch zu verbessern.
    Lothario, so lat mich den streitschtigen Fremden nennen, dessen
eigentlichen Namen ich nie recht erfahren habe, weil ich nur dies einemal ihn
sah, Lothario lie eine Weile den gewaltigen Wortschwall ziemlich gelassen an
sich vorber gehen, in welchem jener Grosmuth und Dankbarkeit und Edelmuth
durcheinander wirrte; doch endlich ri ihm die Geduld, besonders da er in unser
Aller verlngerten Gesichtern Ueberdru und Langeweile in deutlichen Zgen lesen
mochte. Er sprang auf; geht mir, rief er, in fast klglichem Ton, indem er auf
eine hchst komische Weise die Hnde faltete, geht mir, ich bitte euch um
Gotteswillen! geht mir mit euern verwnschten Tugenden, die beim Lichte besehen
nichts sind als Affektazion, Eitelkeit oder wohl gar Ungerechtigkeit, denn die
kann man auch an sich selbst ben. Der Mensch trachte doch nur ja vor allen
Dingen frs erste gegen sich, wie gegen andere gerecht zu sein, ehe er es sich
beikommen lt, Grosmuth ben zu wollen, sezte Lothario sehr ernsthaft hinzu.
Was wir Grosmuth nennen, ist gewhnlich nur verkleideter Uebermuth, gerecht sein
aber ist jedem unerlliche Pflicht, und wem es ein rechter Ernst ist, diese
vollkommen und berall auszuben, der wird wahrscheinlich lange vorher zu seinen
Vtern versammelt werden, ehe er bis zur Erlaubnis grosmthig sein zu drfen
sich durchgearbeitet hat.
    Mit der Dankbarkeit kommt mir nur vollends gar nicht, rief Lothario fast
berlaut, als mehrere Stimmen dieses Wort nannten, indem sie gegen ihn sich
erhoben. Die Dankbarkeit ist eigentlich nichts weiter, als eine schlechte
Gewohnheit, fuhr er fort, eigentlich und unter gewissen Modifikazionen knnte
man sogar ein Laster sie nennen. Wer von andern sie fordert, ist, um ihn nicht
noch jemanden schlimmern zu vergleichen, wenigstens eine Art Sklavenhndler, der
mit einer miserablen Geflligkeit oder mit ein wenig lumpigen Goldes, die Seele
dessen, dem er nach seiner Meinung wohlthat, sich auf ewig erkauft zu haben
meint; der aber, der sich einem andern auf immer zu eigen giebt, weil dieser ihm
einmal irgendwo aus der Flamme half, der ist aufs hflichste benannt, wenigstens
ein Schwachkopf, weil er nicht fhlt, da jeder, der eine honette That
vollbringt, schon in der Freude daran seinen Lohn dahin nahm.
    Lothario's Worte machten einen unbeschreiblich traurigen Eindruck auf mich,
denn sie erinnerten mich lebhaft an eine Zeit, an welche ich jezt nur mit sehr
bitterer Empfindung denken konnte, in der auch ich, um genial zu erscheinen,
hnliche aus Wahrheit und Trug zusammengesezte Meinungen aufstellte und eifrig
vertheidigte. Indessen erhob sich fast alle Welt gegen ihn, und er hatte alle
Hnde voll zu thun, um jedem, der ihn angriff, gebhrend Rede zu stehen. Ohne
eigentlich in beleidigende Heftigkeit auszuarten, ward das Disputiren immer
lauter und lebhafter, zulezt blieb man bei dem Satz stehen, den alle bekmpften
und den Lothario gewandt genug zu behaupten suchte: da es eben so strflich und
unrecht sei, aus Partheilichkeit fr andere das eigne Glck zum Opfer zu
bringen, als wenn man um des eignen Nutzens willen andre zu bevortheilen suche.
    Wohlan denn! rief Lothario endlich aus, da er in Gefahr stand, mit seiner
Stimme durch den immer mehr berhand nehmenden Lrmen nicht mehr durchdringen zu
knnen. Wohlan, ich fordre das Wort! Beinahe ein jeder hat ein Geschichtchen
erzhlt, nur ich nicht. Ich bitte um die Erlaubnis, ein einziges Beispiel
aufstellen zu drfen, welches meine Behauptung erlutern soll; denn es scheint
mir, als wolle man nicht recht verstehen, wie ich es meine. Das Frulein hier
mag dann den Streit entscheiden, in schwierigen Fllen vertraue ich immer gern
dem reinen Sinn der Frauen, die ohne viel zu grbeln recht gut wissen, was
Recht, was Unrecht sei, weil sie es fhlen.
    Es war einmal, fieng Lothario jezt an, da alle schwiegen um ihn anzuhren,
es war einmal ein junger Mann, gesund an Leib und Seele, dabei gut, verstndig
unterrichtet, durch das Gerusch der groen Welt nicht verwhnt, und doch
bekannt genug damit, um sich nicht wieder darnach zu sehnen. Genug, ein Mann,
wie er sein mu, um den durch lange Vernachligung tief gesunknen Zustand
ziemlich weitluftiger Familiengter wieder zu heben, die ihm als dem ltesten
Sohn seines Vaters, nach dessen unlngst erfolgtem Ableben zugefallen waren.
    Der junge Majorats-Herr ward zwar bisher von Familienverhltnissen und
mancherlei andern Rcksichten, abgehalten sich viel um sein Eigenthum zu
bekmmern, doch endlich langt er, nach vieljhriger Abwesenheit und
mannichfachen Reisen, ganz unvermuthet auf seinem ziemlich verfallnen
Stammschlosse an, mit dem Vorsatz von nun an der Verbesserung des Zustandes
seiner armen verwilderten Bauern, und seiner eigenen nicht weniger
vernachligten Besitzungen, sich ausschlieend zu weihen. Sehr berrascht durch
dessen Gegenwart, trifft er dort seinen einzigen um mehrere Jahre jngern Bruder
an, den er wunderlicher Weise noch gar nicht kannte, und mit dem er bis jezt
auch fast in keiner Verbindung gestanden hatte.
    Dieser junge eben mndig gewordne Mann hatte einzig deshalb seinen
bisherigen Aufenthalt verlassen, um sich in seines ltern Bruders Arme zu
werfen. Er war der Sohn einer zweiten Gemalin, des Vaters der beiden Brder, von
der sich dieser nach einer sehr kurzen unzufriednen Ehe getrennt hatte, und
lebte von seiner frhesten Kindheit an in Rom, dem Geburtsorte seiner Mutter, wo
er in einem Kloster in ihrer Nhe zum geistlichen Stande erzogen ward.
    Durch die Bemhungen eines sehr mchtigen Oheims mtterlicher Seite, der als
Prlat vom ersten Range, und Liebling des heiligen Vaters, fast alles erreichen
konnte, was er wollte, erhielt er indessen schon in seiner Kindheit, ganz gegen
Gesetz und Regel, die Anwartschaft auf eine Komthurei des Maltheserordens, und
war jezt im Begriff diese anzutreten und zugleich das Ordensgelbde abzulegen.
    Die Lage des jungen Herrn war also nichts weniger als beklagenswerth, indem
er statt der Tonsur das Maltheserkreuz erhalten sollte, und eigentlich htte er
sich glcklich preisen knnen, aber unglcklicherweise war er verliebt, zum
Sterben verliebt! oder bildete sich vielleicht nur ein es zu sein. Ein
wunderschnes zum Reichsein erzognes und dabei blutarmes Frulein war die Dame
seines Herzens, deren Eltern ihrer Schnheit wegen gewaltig hoch mit ihr hinaus
wollten, so wie sie selbst auch, und mit der folglich an ein glckliches
Httenleben gar nicht zu denken war. Ueberhaupt sollten Verliebte an dergleichen
nie denken, wenn sie nicht von Jugend auf daran gewhnt sind. Doch dies
nebenher.
    Da der junge Herr also lieber heurathen als Maltheser werden wollte, war
wohl natrlich, und da er seinem Bruder Tag und Nacht seine Liebesklagen
vorjammerte, war es auch. Was thut nun der ltere Bruder? statt dem jungen
angehenden Ritter vernnftig zuzureden, lt er sich durch die Pinseleien
desselben so weichherzig machen, da er gar nicht einmal recht untersucht, ob
diese Liebe cht und vernnftig sei. Er spielt lieber den Gromthigen; er tritt
alle Rechte seiner Erstgeburt und mit diesen alle seine Besitzungen dem jngern
Bruder ab, um ihm dadurch sein Liebchen zu erkaufen, und nimmt an dessen Stelle
das Maltheserkreuz und die Komthurei, wozu ihm des Jngern geistlicher Oheim in
Rom mit tausend Freuden behlflich ist; freilich fand dieser, aus tausend
Grnden, seine Rechnung dabei, wenn er auf diese Weise dem Sohn seiner Schwester
zu den reichen Besitzungen verhalf. Die Welt nun nennt diese Handlung
gromthig, ich nenne sie nicht nur verrckt, sondern auch hchst ungerecht
gegen sich und die armen Unterthanen, die von der Natur an den ltern Bruder
gewiesen waren, um aus ihrem jetzigen unglckseeligen Zustand zu kommen. In
seinem gromthigen Paroxismus berantwortete dieser sie nun einem verliebten
Knaben, dessen mnchische Erziehung ihn unfhig gemacht hat, fr die armen Leute
zu sorgen, und der sich vermuthlich eben so wenig um das bekmmern wird, was
hier Noth ist, als seine Vorfahren es seit den lezten hundert Jahren gethan
haben.
    Entscheiden Sie nun, mein Frulein, ob meine Ansicht die rechte sei, sezte
Lothario jezt mit einer Verbeugung gegen mich hinzu. Uebrigens habe ich die
Geschichte nicht etwa ersonnen; vor einigen Monaten wohnte ich als Zeuge der
feierlichen Uebergabe der Gter bei. Vielleicht kennen sogar einige in der
Gesellschaft den Gromuths-Helden. Er heit Bernhard von Leuen, und hat sich wie
ich hre auch hier eine Zeitlang aufgehalten. Um das Maa seiner Thorheit voll
zu machen, gieng er, da ich ihn verlie, nach Venedig, um sich von da nach
Valetta einzuschiffen; dort mu er jezt lngst angelangt sein; er war Willens,
wenigstens einige Jahre in jenem Hauptsitz seines Ordens zu verweilen.
    Alle Anwesenden beinahe hatten Bernhard von Leuen gekannt, und der Antheil,
den Lothario's Erzhlung erregte, war so gro und strmisch, da die
Streitfrage, welche dieselbe herbeigefhrt hatte, zum Glck darber nicht weiter
zur Sprache kam.
    Wie dankte ich Gott, als ich nach dieser Scene mit mir und meinem Schmerz
mich endlich ohne Zeugen befand! Alles, woran ich seit Bernhard mich verlie
unablssig gearbeitet hatte, das ganze aus Sehnsucht und Hoffnung knstlich
zusammengesetzte Gebude meiner Ruhe war nun mit einem Schlage zerstrt. Mir
war, als brche erst jezt der Schmerz mit allen seinen vernichtenden Folgen
gewaltsam auf mich ein, und ich war von neuem unglcklicher, als ich es je zuvor
gewesen. Deutlich sah ich ein, wie nun jede Hoffnung mglicher Vershnung,
mglicher Vergtung meines Unrechts, sogar die des Wiedersehens, mir auf immer
verloren sei. Ich schauderte vor mir selbst, als htte ich ein Verbrechen
begangen, denn ich war es ja, die jene unseelige Reise veranlate, auf der er
den Bruder kennen lernte. Der Schmerz um mich hatte die schne Klarheit seines
Geistes zerstrt, und ihn zu jenem raschen, vielleicht fr das Glck seines
Bruders nicht einmal nothwendigen Schritte getrieben, der ihn nun aus seinem
Vaterlande verbannte, der seine ganze Zukunft umgestaltete, ihn seines
Eigenthums beraubte, und ihn ohne Frieden und ohne Freude hinaus in die Irre
sandte.
    O lat mich nicht weiter davon sprechen, damit nicht der Geist jener
quaalvollen Zeit von neuem ber mich komme! Lat mich euch nicht vorrechnen, wie
viele endlose Tage, Wochen, Jahre, einander folgten, ohne da ein einziger Tag
mir trstlichere Kunde von ihm gebracht htte!
    Die Zeit vergieng unter dem Bemhen ruhig und glcklich zu scheinen, um
meines Vaters willen. Der ehrwrdige Greis neigte sich immer tiefer dem Grabe
zu, whrend meine schne blhende Schwester immer liebenswrdiger sich
entwickelte. Sein Blick ruhte oft mit dem Ausdruck tiefer Sorge auf dem holden
Wesen, das in jugendlicher Freudigkeit ihn umflatterte, und wandte sich dann
gleichsam bittend mir zu. Es schmerzte mich tief, aber ich durfte diese
bittenden Blicke nicht verstehen. Denn wie wre es mir mglich gewesen, unter
den zum Theil sehr achtungswerthen Mnnern, die sich damals um meine Hand
bewarben, einen zu whlen, whrend die Erinnerung an Bernhard, die Sorge um ihn,
die Reue ber eine nie wiederkehrende Vergangenheit, noch immer meine ganze
Seele erfllten! Mein gtiger Vater schonte mich deshalb nicht minder, weil wir
nie ber diesen Gegenstand ein Wort mit einander gewechselt hatten; er las
deshalb nicht minder deutlich in meinem Herzen und erlaubte sich auch nicht die
kleinste Andeutung seines Wunsches, mich vor seinem Tode an der Seite eines
edlen Gatten versorgt, und dadurch auch die Zukunft meiner Schwester gesichert
zu sehen. Nie kam ein hierauf Bezug habendes Wort ber seine Lippen, aber auch
ich wute, was in seinem Gemthe vorgieng, und die Quaal meines Daseins ward
dadurch noch erhht, da ich nicht gewhren konnte, was er so innig zum Besten
seiner Kinder wnschte.
    Die ganz unerwartet sich erklrende Neigung Deines Vaters, Vicktorine, zu
meiner damals kaum funfzehnjhrigen Schwester, machte wider alles Verhoffen
unserer Sorge um das liebe Kind ein pltzliches frhliches Ende.
    Kleeborn war der einzige Sohn eines der angesehensten Handelsherren der
Stadt, welcher von jeher der treueste geliebteste Freund meines Vaters gewesen
war. Er hatte so eben die sogenannte groe Tour durch beinahe ganz Europa
zurckgelegt, welche man damals zur Vollendung der Erziehung eines jungen Mannes
seiner Art fr unentbehrlich hielt, und er kehrte jezt heim, um eine Gattin zu
whlen und sich dann in seinem Geburtsorte huslich niederzulassen. Meiner sehr
schnen Schwester frhliches einfaches Wesen zog auch ihn an, wie jeden, der sie
sah, und bestimmte ihn vielleicht um so mehr in seiner Wahl, da seine
Bekanntschaft mit den Damen des Auslandes wahrscheinlich von der Art gewesen
war, da er den Werth einer solchen Gefhrtin des Lebens durch den Kontrast mit
jenen um so hher zu schtzen gelernt hatte. Karolinens bis jezt ganz frei
gebliebenes Herz war stets bereit, Liebe um Liebe zu geben. Sie war noch bei
weitem zu jung, um das Wichtige des Schrittes, den sie zu thun aufgefordert
ward, in seinem ganzen Umfange zu fhlen, und so gab sie ohne Widerstreben sogar
frhlich ihr Jawort zu dieser Verbindung, da sie sah, welche Freude sie dadurch
ihrem Vater bereitete.
    Diesem sowohl als dem alten Kleeborn war die Aussicht, das Band der zwischen
beiden so lange bestandenen Freundschaft durch die Verbindung ihrer Kinder noch
enger knpfen zu knnen, zu erwnscht, als da irgend ein auf Geburt oder
Vermgen Bezug habendes Vorurtheil bei einem von beiden htten zur Sprache
kommen knnen. Beide fhrten voll der freudigsten Aussichten auf eine glckliche
Zukunft die Verlobten sobald als mglich am Altar einander zu. Die Augen meines
Vaters strahlten whrend der feierlichen Handlung in ungewohntem Glanz; seine
ganze Gestalt glich der eines seeligen Verklrten; ach nur zu bald sollte er
wirklich zu ihnen gezhlt werden und in das Land einziehen, wo die Sorgen
verstummen und keine Thrnen mehr sind! Wir alle weinten drei Tage spter an
seinem Sarge. Schonend und freundlich hatte der milde Genius des Todes die
Fackel umgekehrt, und den geliebten Greis schmerzlos im ruhigen Schlummer seiner
Vollendung zugefhrt.
    Ich eilte vom Grabe des Vaters in die mir im Schmerz so lieb gewordene
Einsamkeit meines Stiftes zurck, wo das schwache Lebenslicht meiner edlen
Freundin, noch immer kmpfend mit dem vlligen Erlschen, trbe und schwankend
fortbrannte. Ich wollte nicht mit meinem Gram zwischen dem neuvermhlten Paar
und dem frhlich leuchtenden Glcksstern ihrer jugendlichen Liebe verdsternd
eintreten, und war auch berdem der Ruhe hchst bedrftig. Ohne da man mich im
eigentlichsten Sinne krank nennen konnte, ward doch das leise Hinsinken meiner
durch den Schmerz um meinen Vater noch mehr untergrabenen krperlichen Krfte
jezt so sichtbar, da selbst unser Arzt eine einfachere Lebensweise in
lndlicher Ruhe auf das Dringendste anempfehlen zu mssen glaubte.
    Aeuern Frieden fand ich in meiner stillen Wohnung, auch frommen
wohlgemeinten Trost an der Seite meiner jezt fast ganz verklrten Freundin. Doch
der Schmerz, dem ich nirgend entfliehen konnte, wohnte in meinem Herzen und
nagte leise und heimlich an meinem Leben.
    Einige Wochen nach meiner Ankunft sa ich in frher Morgenstunde allein mit
mir selbst, versunken in schmerzlichem Nachdenken, aus welchem Rebecke, meine
alte Wrterin, durch die ihr ungewohnte Hast, mit welcher sie die Thre aufri,
mich aufschreckte. Die treue Seele hieng mit mtterlicher Liebe an mir sowohl
als an meiner Schwester, weil sie von unserer Geburt an uns gewartet und
gepflegt hatte. Deshalb hatte sie auch, ungeachtet ihres weit vorgerckten
Alters, es sich nicht nehmen lassen, mich in meine Einsamkeit zu begleiten, weil
ich, wie sie behauptete, wieder gepflegt werden msse, und niemand das besser
verstnde als sie. Frulein Annettchen, rief sie jezt ganz athemlos, denn so
nannte sie mich noch immer von meiner Kindheit her, Frulein Annettchen, wen
denken Sie, da ich eben gesprochen habe, er gieng im Klostergarten spazieren.
Herr von Leuen! Er kannte mich gleich wieder, und hatte eine Freude! er hat mich
recht ber Sie und Ihr Befinden ausgefragt, ich mute Ihre Fenster ihm zeigen.
Die wilde Rebe mit den schnen rothen Blttern hat ihm recht gefallen, er hat
sie in eins weg betrachtet und gelobt.
    Guter Gott! wie vermchte ich das Gefhl Euch zu schildern, mit dem ich
gleich einer aus bangem Todesschlaf Erwachenden diese Botschaft vernahm! Ich
drckte die gute Alte an meine Brust, ich lachte und weinte in beinahe
wahnsinniger Freude. Ich kniete hin und dankte Gott mit lauter Stimme, da
Bernhard noch mein gedenke.
    Dann versank ich aufs neue in tdtliche Sorge, und ermahnte die gute
Rebecke, sich doch ja recht zu bedenken, ob sie sich nicht in der Person geirrt
haben knne. Ich lie aufs genaueste mir beschreiben wie er aussah; ich fragte
hundertmal, ob er auch gewi kommen werde; ich konnte es mir noch immer nicht
denken, da er da sei, meinetwegen da sei, da ich ihn wiedersehen solle.
    Rebecke war unermdlich in Wiederholung des mir schon tausendmal Gesagten.
Nie, nie habe ich seitdem die treue wieder von mir gelassen; dankbar habe ich
kindlich sie Jahre lang gepflegt, bis sie lebensmde in einem sehr hohen Alter
in meinen Armen entschlief. Stets dachte ich daran, da sie es war, die zuerst
mir sagte, Bernhard von Leuen ist wieder da.
    Nach wenigen Stunden kam er selbst. Ich sah ihn wirklich wieder. Lieben
Kinder, ich bin sehr alt und viele viele Jahre liegen zwischen dieser Stunde und
jenem Augenblick; doch wenn ich seiner gedenke, so ist mir noch als lege sich
mein ergrautes Haar wieder in hellschimmernden Locken um meine Stirn, als
berhre mich ein Lebensstrahl von dort oben, und gebe meine Jugend mir wieder.
Wie schn stand ihm die Freude, mich so blhend wieder zu finden, denn in diesem
seeligen Moment lieh das Entzcken meiner sonst verfallnen Gestalt aufs neue den
Anschein der Gesundheit und frbte meine bleichen Wangen mit ihrem rosigen
Schein.
    Bernhard sagte mir, er habe in meiner Vaterstadt vernommen, da ich an einer
wahrscheinlich unheilbaren Auszehrung leide; er gestand mir, da er die Sorge um
mich nicht lnger habe tragen knnen, da er einzig gekommen sei, mich zu sehen,
wre es auch nur aus der Ferne. Alles dieses sagte er mir abgebrochen in
mglichst kurzen Worten, seine Seele war in seinen Augen. Wir beide sprachen
berhaupt nur wenig bei dieser ersten Zusammenkunft, wir konnten nicht reden,
wir konnten nichts als uns freuen, uns beiden war in diesem Moment als sei nie
eine betrbende Vergangenheit da gewesen.
    Am folgenden Morgen kam er wieder, doch neue Zweifel schienen in ihm
erwacht, denn trbe und verschlossen stand er vor mir. Ich ertrug diese
Vernderung in seinem Betragen mit Gelassenheit und stiller Ergebung, denn ich
wute, ich hatte dies verdient, ich hatte muthwillig sein Zutrauen verscherzt.
Doch ich blieb mir gleich, ich dachte und wollte nichts, als offen und
unverstellt, ohne List und ohne Hinterhalt mich ihm zeigen wie ich war, so viel
ich dies konnte, ohne der Wrde meines Geschlechts etwas zu vergeben, und
dadurch seine Achtung aufs neue, wenn gleich auf andre Weise, zu verscherzen.
    Am dritten Tage kam er um Abschied zu nehmen. Ich fhrte ihn zur Prbstin,
die durch ungewhnliches Leiden entkrftet nicht im Stande gewesen war, ihn
frher zu sehen. Auch jezt fhlte sie sich noch sehr unwohl, und nur meine
dringenden Bitten hatten sie vermocht, meinen Freund bei sich zu empfangen.
    Mir lag unendlich viel daran, mir auf diese Weise wenigstens den Trost zu
erwerben, zuweilen, wenn er nun ganz von mir geschieden sein wrde, seinen Namen
nennen, von ihm reden zu hren, wre es auch im gleichgltigsten Ton; ach und
ganz gleichgltig konnte niemand von ihm sprechen, der ihn kannte, das wute ich
wohl.
    Ein unerwartetes Geschft, welches die Prbstin, krank wie sie war, nicht
selbst berichtigen konnte, und das sie mir deshalb auftrug, zwang mich fast in
derselben Minute, ihr Zimmer wieder zu verlassen, in welcher ich Bernhard bei
ihr einfhrte. Es hielt beinah eine Stunde lang mich fest, bei meiner
Zurckkunft fand ich Bernhard wider mein Erwarten noch bei meiner Freundin, doch
sein ganzes Wesen erschien mir auffallend anders als zuvor. Eine ihm sonst
fremde Hastigkeit in seinen Bewegungen, das ungewohnte Feuer seiner Augen, der
mir nur zu wohl bekannte Zug schmerzlicher Rhrung um seine Lippen, alles sagte
mir, da etwas Ungewhnliches in ihm vorgegangen sein msse, seit ich das Zimmer
verlie. Die Prbstin lag zwar bleich und erschpft auf ihrem Ruhebette, aber
sie lchelte wie eine Seelige mir entgegen, indem sie mich zu sich winkte, mit
leiser Stimme mich bat, den Herrn von Leuen fortzufhren, und sie deshalb mit
ihrer krankhaften Schwche bei ihm zu entschuldigen.
    Bernhard folgte mir mit auffallender Eile, da ich ihm zum Fortgehen winkte.
Sein Arm zitterte, indem er mich die Treppe hinab fhrte, er war augenscheinlich
in heftiger innerer Bewegung, doch ob in einer schmerzlichen oder freudigen,
konnte ich noch immer nicht entscheiden.
    Kaum war ich mit ihm in meinem Zimmer allein, als der so lange in seiner
Brust mhsam verhaltne Sturm losbrach. Anna, theure wiedergefundne Anna! rief
er, und betrachtete mich, wie man ein lange schmerzlich vermites Kleinod
betrachtet, mit zusammengeschlagnen Hnden und mit Augen, aus denen das reinste
Entzcken leuchtete. Ja, Sie sind es, fuhr er mit tief bewegter Stimme fort, Sie
sind, was sie immer waren, edel und rein und gut wie ein Engel des Himmels. Ohne
zu wissen, was sie that, hat Ihre Freundin den Schleier zerrissen, der Sie so
lange mir verhllte, indem sie mit alle der dankbaren innigen Liebe von Ihnen
sprach, die sie mit so hohem Rechte fr Sie empfindet. Anna, ich kenne jezt Ihr
ganzes engelreines Leben, von dem Augenblick an, da ich Unseeliger aus Ihrer
Nhe entfloh. Ich kann fast sagen, ich wei wie Sie jede Viertelstunde jener
langen, langen Zeit zugebracht haben. Was Ihr erstes Wiedersehen in diesen Tagen
mich ahnen lie, wogegen ich Verblendeter so lange mich strubte, alles das ist
in dieser Stunde zur klarsten Gewiheit mir geworden und ich bin zugleich der
Seeligste und Unseeligste auf Erden!
    Lieben Kinder, was soll ich euch noch viel von dem Gesprch zweier in Wonne
und Schmerz Verlorner erzhlen. Bernhard bekannte mir wie er mit tief
verwundetem Gemth, ohne Plan, unfhig sogar einen zu ergreifen, auf seinem
Schlosse angelangt sei, wo er seinen Bruder ringend mit wilder Verzweifelung
antraf. Alles was Lothario grell und widerwrtig dargestellt hatte, sah ich jezt
durch tausend Umstnde gemildert, im schnen Licht der edelsten Aufopferung,
durch die er einem liebenden Paar das Glck, das ihm selbst auf ewig
hoffnungslos aus seinem Leben gerissen schien, erkaufen wollte. In Maltha konnte
ich nicht lnger weilen, sprach er zu mir, eine nicht zu bekmpfende Sehnsucht,
hnlich dem Heimweh der Schweitzer, hatte mich ergriffen. Ich mute wieder fort,
ich vermochte es nicht, dieses Dasein, in welchem kein Ton aus Ihrem Leben mein
Ohr erreichte, lnger zu ertragen. Ich nahm Urlaub und ging nach Deutschland
zurck, um mir nur die Gewiheit zu verschaffen, da Sie lebten, da Sie
glcklich wren. So meinte ich es wenigstens, doch als ich nun wieder mit Ihnen
dieselbe Luft athmete, gengte mir dieses nicht mehr; ich mute Sie auch sehen.
Anna, wie habe ich Sie wieder gefunden! wie so ganz gleich dem, was Sie in
meinen glcklichsten Trumen immer waren!
    Leider war auch das Entzcken des gegenwrtigen Augenblicks nichts weiter,
als ein flchtiger Traum von Seeligkeit des Himmels, der nur zu frh der herben
Wirklichkeit weichen mute; denn so wie der erste freudige Rausch nachlies, kam
auch die Ahnung ber uns, da wir uns nur gefunden htten um uns wieder zu
verlieren, da nichts uns bleiben knne, als der feste Glauben, einander stets
werth gewesen zu sein und es von neuem ewig zu bleiben. Meine Liebe hatte mein
Herz gro gemacht und meinen Muth erhht, ich vermochte es ber mich, dem
Geliebten alles zu gestehen und jedes Unrecht ihm abzubitten. Mein ganzes Herz,
alle Tiefen meines Gemths enthllte ich seinem liebenden Blick. Auch er klagte
sich an, und ich geno die Seeligkeit ihm ebenfalls vergeben zu knnen, wie er
mir vergab.
    Als wir gelassner wurden, suchten wir unsre Zukunft und unsre jetzige Lage
so klar als mglich zu berschauen, um zu entdecken ob nirgend Rettung fr uns
sei, ob denn auch gewi jede Hoffnung verloren wre das einmal verscherzte Glck
uns wieder zu gewinnen; doch ach! wir muten, wenn gleich mit tiefem Schmerz,
einander gestehen da wir beide, jeder auf seine Weise, alle Mglichkeit einer
nhern Verbindung auf immer von uns gewiesen hatten. Bernhard war katholisch,
ich hatte dies frher nicht gewut, obgleich er nie ein Geheimni daraus machte;
denn in meiner damaligen grnzenlosen Gleichgltigkeit gegen alles was auf
Religion Bezug hatte, hielt ich es nie der Mhe werth, mich um dergleichen zu
bekmmern.
    Als Katholik hatte sich Bernhard lebenslnglich dem ehelosen Stande geweiht,
indem er das Maltheser Kreuz annahm. Zwar konnte der Pabst sein Ordensgelbde
lsen, und es wre vielleicht nicht schwer geworden diese Gunst von ihm zu
erhalten, doch dann verlor Bernhard auch die Einknfte seiner Komthurey und war,
bis auf eine nicht sehr bedeutende Leibrente, die er sich vorbehalten hatte,
ganz arm. Sein Bruder, dem er alles brige was er einst besa, abgetreten, war
selbst beim besten Willen nicht fhig, ihm Beistand zu gewhren, denn bei der
verschwenderischen Lebensweise zu der seine junge, an Pracht und Wohlleben
gewhnte Gemalin ihn verfhrte, war er selbst oft in Verlegenheit und genthigt
Schulden zu machen, indem er die Einknfte seiner ohnehin sehr gesunknen
Besitzungen auf Jahre hinaus verpfndete.
    Mich, die protestantische Stiftsdame, band zwar kein Gelbde, aber auch mir
hatte mein Vater wenig hinterlassen, obgleich die Einknfte meines kleinen
Kapitals, verbunden mit denen meiner Prbende, fr mich hinreichend waren um
anstndig davon leben zu knnen. Bernhard schauderte vor dem Gedanken, an seiner
Hand mich, die Heigeliebte, vielleicht in einen bodenlosen Abgrund von Sorgen
und Mangel hinabzuziehen, und so blieb uns denn nichts brig, als Entsagung.
Mein Freund war darber der Verzweiflung nahe, denn er betrachtete unser
trauriges Loos als die Folge einer sonst ganz gegen seinen Karakter streitenden
Uebereilung, zu der sein damals von allen Seiten schmerzlich bestrmtes Gefhl
ihn hingerissen hatte, und die traurige Gewiheit, da sein Bruder an der Seite
der so theuer erkauften Gattin das gehoffte Glck bei weitem nicht gefunden
habe, raubte ihm vollends jeden Trost. Doch ich, die ich einen weit herbern
Schmerz gekannt, ich war beglckt, wenn gleich unter Thrnen. Ich wandte alles
an, um auch meinem Freunde die wehmthige Ruhe mitzutheilen, die seit dieser
unvergelichen Stunde mich nie wieder ganz verlassen hat; doch leider widerstand
sein Kummer lange Zeit allen meinen Bitten und Vorstellungen.
    Bernhard, sprach ich zu ihm, glauben Sie mir, von heute an trage ich nicht
nur resignirt, sondern auch mit stiller Freude diese Strafe meines frheren
Leichtsinns. Von nun an ist mein ganzes Leben einzig dem beseeligenden
Bewustsein geweiht, Ihnen anzugehren, und wie auch unser Schicksal sich wenden
mag, und wenn wir auch nie wieder wie heute neben einander stehen, wenn ich nach
der schmerzlichen Trennung, die uns so nahe bevorsteht, auch nie wieder die
geliebte Gestalt meines Freundes wiedersehen soll, so bin und bleibe ich doch in
unwandelbarer Treue Ihnen zu eigen und werde nie eines andern sein. Denn wir
sind eins auf ewig, und das Gelbde das Sie bindet, fesselt auch mich.
    Bernhard erschrack auf das Heftigste, da er diesen Entschlu von mir
vernahm; beinahe kniend flehte er mich an, davon abzustehen. Sie wissen nicht
Anna, rief er, Sie wissen nicht zu welchem Opfer Ihr Edelmuth Sie verleiten
will. Noch blht Ihnen das Leben und die nie wiederkehrende Jugend, o
verschleudern Sie nicht beide um eines Unglcklichen willen, der gestraft werden
mu, weil er an Sie nicht glauben wollte und im blinden Wahn sich selbst Fesseln
schmiedete, die er jezt nicht mehr zerreien darf. Theure Anna, denken Sie von
heute an ich sei gestorben, tragen Sie mein Andenken wie das eines einst
geliebten Todten in Ihrem reinen treuen Gemth, erinnern Sie sich meiner mit
stiller Wehmuth wenn Sie glcklich sind, mehr darf und kann ich nicht wollen,
aber versprechen Sie mir wenigstens, das Glck um meinetwillen nicht von sich zu
stoen, wenn es in einer Ihrer wrdigen Gestalt sich Ihnen naht, und das wird es
gewi und bald. Ich bin ja der Welt und dem Glck schon abgestorben, ich bin ja
eigentlich nichts weiter mehr als der Leichenstein dessen, was ich einst war.
    Sein inniges Flehen, die Thrne die sein schnes Auge umdunkelte, rhrten
mich tief in der Seele, weil er es war der so bat, nicht weil die Grnde die er
anfhrte meinen Vorsatz erschttert htten. Ich weinte mit ihm, aber ich blieb
fest auf meinem Sinn. Und so schieden wir wieder noch am nmlichen Abende von
einander, auf lange, lange Zeit. Denn Bernhards Rckkehr nach Maltha stand
unabnderlich fest.
    Ich blieb wieder einsam zurck, doch wie ganz anders war alles gegen ehedem.
Bernhards Briefe, obgleich die weite Entfernung sie selten genug machte, wurden
von nun an das eigentliche Element meines Lebens, meine ganze Existenz drehte
sich einzig um ihren Empfang und um die Freude sie zu beantworten. Jeder neue
Jahrestag, den wir so weit von einander entfernt erlebten, fand uns fester
verbunden, denn unser ganzes Dasein verzweigte sich, durch die schriftliche
Mittheilung aller unsrer innern und uern Begebnisse auf das wunderbarste in
einander, und wenn je zwei Menschen eins genannt zu werden verdienten, so waren
wir es.
    Zuweilen trennte ich mich auf einige Monate von der mir so lieb gewordnen
Einsamkeit, um meine im Gewhl der Welt lebende Schwester zu besuchen, doch
immer kehrte ich voll heier Sehnsucht zu ihr wieder zurck, sobald ich dies nur
konnte ohne Karolinen wehe zu thun. Wenn ich dann bei meiner Heimkehr die alten
Thrme meiner klsterlichen Wohnung wieder von Ferne erblickte, so klopfte mir
das Herz in ungestmer Freude, beinahe als wre ich gewi, ihn dort wieder zu
finden, fr den und in dem ich einzig noch lebte; denn ich kannte keine Freude
als die Beschftigung mit ihm, der ich mich nirgend so ungestrt ergeben konnte.
Die Welt verga mich allmhlig wie sie alles bald vergit, und so fhrte ich ein
paar Jahre hindurch ein ernstes ruhiges, ich knnte sogar sagen, ein glckliches
Leben, von wenigen gekannt, von keinem beneidet.
    In wilden Kmpfen wogte indessen die Welt. Die franzsische Revolution war
ausgebrochen, und alles, alles, sowohl im Reich der Ideen als der Wirklichkeit,
nherte sich einer furchtbar gewaltsamen Umwlzung, welcher nur wenige sich ganz
zu entziehen vermochten. Auch mein Freund hielt es nicht lnger aus, dem allen
nur aus der Ferne zuzusehen, er konnte das ruhige stille Leben nicht weiter
fortfhren, das bei dem gewaltigen Treiben im brigen Theil von Europa, ihm wie
Unthtigkeit vorkam, und er wandte alles an, um sich wenigstens auf einige Zeit
davon loszumachen.
    Er kam zurck ins Vaterland; vor allem eilte er mich wieder in meiner
Einsamkeit aufzusuchen, und wir feierten zum zweitenmal mit entzckender, wenn
gleich wehmthiger Freude, das Fest des Wiedersehens. Dann zog er wieder fort,
hinaus in die wildbewegte Welt, um ihr Treiben mit eigenen Augen und in der Nhe
zu beobachten. Der trgerische Schimmer chter Freiheit und hoher Brgertugend,
den anfangs die Revolution um sich verbreitete, hatte bei ihrem ersten
Erscheinen die edelste Jugend aller Lnder verblendet, und auch Bernhard fhlte
sich in der Ferne vom allgemeinen Taumel ergriffen; doch in der Nhe verschwand
das Truggebilde gar bald, vor dem richtigen Scharfblick, mit dem die Natur ihn
reichlich begabt hatte.
    Die verbndeten Mchte standen jezt auf, um mit vereinter Kraft die
vielkpfige Hyder der wildesten Anarchie in der Geburt zu ersticken, und auch
mein Freund gesellte ihrem Heere sich zu, und theilte mit edlen Genossen alles
Unheil jener trben verhngnivollen Zeit.
    Tief betrbt eilte er nach dem so traurig beendeten Feldzuge zu mir zurck.
Er suchte und fand Trost und Beruhigung bei mir, dem einzigen Wesen dem er in
der Welt noch angehrte; dann wandte er sich wieder ab, um in einen
ausgebreiteteren Wirkungskreis zu treten, den die Gnade eines groen Monarchen
ihm bot, welchem er wrend jenes merkwrdigen Krieges glcklich genug gewesen
war, nher bekannt zu werden. Seine Ordenspflicht, wenn gleich nicht sein
Gelbde, wurden in der Zeit so gut wie vernichtet oder doch aufgehoben, denn
auch Maltha fiel durch Feigheit und schndlichen Verrath in die Hnde der
allgemeinen Weltruber. Vllig frei von dieser Seite begann jezt Bernhard ein
sehr bedeutendes, ich darf wohl sagen, ein gewaltiges groes Leben zu fhren, zu
dessen Frderung er seine vielfachen Verbindungen mit ausgezeichneten und
mchtigen Zeitgenossen sehr glcklich zu benutzen wute. Uebrigens bahnten auch
sein Geist, seine wissenschaftliche Bildung, seine Lebenserfahrung, das
Einnehmende seiner persnlichen Erscheinung berall ihm den Weg.
    Auch in meiner uern Lage war indessen eine bedeutende Vernderung
vorgegangen. Nach langem Kampfe endlich von seinen irdischen schmerzlichen
Banden entfesselt, hatte der edle reine Geist meiner Freundin der ewigen Heimath
sich zugeschwungen. Seit Jahren mute ich unter ihrer Aufsicht alle Pflichten,
die ihr als Prbstin des Stiftes oblagen, fr sie verwalten, indem ihre groe
Krnklichkeit ihr nicht mehr erlaubte, dies selbst zu thun. Gegen mein Erwarten
und ohne mein Zuthun, ward ich nach ihrem Tode erwhlt, als ihre Nachfolgerin
ganz an ihre Stelle zu treten und der mir dadurch zufallende Antheil an der
Verwaltung der dem Stift angehrenden weitluftigen Gter, ffnete mir ein
weites Feld zur Uebung aller meiner geistigen Kraft, und bot mir tausendfache
Gelegenheit, Gutes zu wirken.
    Mein Freund lebte indessen als auswrtiger Gesandte seines Monarchen,
abwechselnd an mehreren, zum Theil weit entfernten Hfen, und der blendende
Glanz der ihn in seinem jezigen Wirkungskreis umgab, verhllte ihn mir oft. Doch
immer blieb er mein auch in der Ferne, immer war ich, und nur ich, die Vertraute
seiner Plne, seiner Ansichten, seiner Handlungen, ich darf sagen jedes
Gedankens seiner Seele, und zuweilen gelang es mir sogar durch meinen Rath
sowohl als auch auf andere Weise ihm nzlich zu werden.
    Die stete, mitunter thtige Theilnahme an Dingen, die gewhnlich weit auer
dem Bereich des Frauenkreises liegen, gab mir mit der Zeit eine bei meinem
Geschlechte ungewhnliche Festigkeit des Sinnes, und eine ganz andre Art von
Bildung, als es die meiner Umgebungen war. Mit meiner innern Kraft wuchs auch
meine Gewalt ber das Gemth der meisten die mit mir in irgend eine Art von
Berhrung kamen; ich fhrte ein sehr thtiges Leben, das den heilsamsten Einflu
auf meine Gesundheit hatte, und ich darf sagen, ich habe in der langen Zeit
manches Gute zu Stande gebracht. Und warum sollte ich es nicht auch euch
gestehen, da ich Viele und zu ihrem Besten beherrscht habe, die angezogen von
meiner Art das Leben zu nehmen sich vertrauungsvoll mir ergaben? Doch mein
Freund bewahrte mich vor jedem Uebermuth, denn ich war und blieb stets nur das
Echo seines Wesens wie seines Lebens.
    Nach einigen Jahren kehrte Bernhard aus dem Auslande zurck, um in der Nhe
des Monarchen dem er diente, eine sehr bedeutende Stelle zu bekleiden. Wir sahen
uns wieder, wir trennten uns von neuem und kehrten wieder zu einander zurck,
oft und vielfach im Laufe des Lebens; doch immer fanden wir einander in
unvernderter alter Treue wieder, genau so wie wir uns verlassen hatten. Auch
brachte ich jezt zuweilen mehrere Monate in Bernhards glnzender Nhe zu, wenn
seine Geschfte ihm nicht erlaubten, mich zur gewohnten Zeit in meiner
Einsamkeit aufzusuchen.
    Bernhard war jezt wieder reich, es lag in seiner Gewalt sein Gelbde lsen
zu lassen, um mir fr den Rest unsers Lebens die Hand zu bieten, und gerne htte
er auch vor der Welt bekannt, da sein Dasein in allem Wechsel seines Geschicks
stets einzig mir geweiht gewesen sei. Doch wir beide waren indessen alt
geworden; es fehlte uns der Muth zu einem raschen Entschlu, und eine seltsame
Scheu, von welcher keines von uns sich genaue Rechenschaft abzulegen vermochte,
hinderte uns an unserm so lange bestandnen, so lange uns beglckenden
Verhltni, etwas abzundern. So vergieng uns wieder ein Jahr nach dem andern,
indessen htten wir wahrscheinlich doch noch dem bei jeder neuen Trennung
lebhafter gefhlten Wunsch nachgegeben, in ungestrtem Beisammensein das Ende
unsrer Tage vereint abzuwarten - da trat der Tod zwischen uns.
    Bernhard starb ferne von mir, in der Schweiz, wohin Geschfte seines Herrn
ihn gerufen hatten. Mein tiefer Schmerz zog mich hin an sein Grab, dort fand ich
Thrnen und in diesen die erste Erleichterung fr meine im bittersten Weh
erstarrte Brust.
    Der Anblick der unbeschreiblich groen Natur in jenem wundervollen Lande,
lste zuerst das eiserne Band, welches mir bis zum Erdrcken das Herz
zusammenprete, und ich glaubte unaufhaltsam mein Leben auf dem Hgel ausweinen
zu mssen, der die geliebte Gestalt mir auf immer entzog. Mein erstarrtes Herz
ward wieder weich, mein Auge hob sich wieder fromm hoffend mit Ergebung, zu dem
Allwaltenden hinauf, der dort auf seinen ewigen Bergen im riesengroen Bilde der
Natur sich den Sterblichen nher offenbaret. Ich blieb lange genug in der
Schweiz, um noch Bernhards Todestag an seinem Grabe zu feiern; das sind nun acht
Jahre - eben heute.

Vite! vite mes enfans, geschwinde ans Fenster! Ciel de Dieu quel train! rief
Mamsell Virnot, indem sie den Kopf zur halbgeffneten Thre des Wohnzimmers
hinein steckte, ihn aber auch sogleich wieder zurckzog und davon eilte. Babet
und Agathe saen eben ganz allein am Kamin, mit ihrer Nharbeit emsig
beschftigt. Agathe nach ihrer hastigen Art, warf im Aufspringen den groen
Stickrahmen ber den Haufen, verwickelte sich in die Fden der weit ber den
Fuboden sich verbreitenden Seidenrollen, zerri alles ohne sich weiter darum zu
kmmern, und eilte das Fenster aufzumachen; denn der immer nher schmetternde
Klang vieler unter einander wetteifernder Posthrner lockte sie
unwiederstehlich. Auch Babet gesellte sich zu ihr, und beide Mdchen sahen nun
mit frhlicher Neubegier und weit vorgestrecktem Halse dem nahenden Zuge von
Reisenden in gespannter Erwartung entgegen.
    Fenster zu! donnerte Herr Kleeborn, der eben ins Zimmer trat. Seid ihr
von Sinnen, bei dieser Klte? wollt ihr die Strae heitzen? und da liegen auch
alle eure Siebensachen auf dem Fuboden umher! Das ist mir eine feine
Wirthschaft. Ach Onkelchen, rief Babet, ohne den Kopf nach ihm umzuwenden,
machen Sie nur geschwinde die Thre zu, damit es nicht so grlich zieht. Und
schelten Sie nicht so, sezte Agathe hinzu, indem sie lchelnd ihm winkte.
Kommen Sie lieber selbst und helfen uns zusehen, es langen Bereuter an! Warum
nicht gar Bereuter, sprach Babet mit verchtlichem Achselzucken, die werden
auch im Hotel d'Angleterre logiren! Vornehme Herrschaften sind's!
    Der durch das Geplapper der Mdchen wirklich selbst schaulustig gewordne
Onkel trat indessen hinter sie, um selbst ber ihre Kpfe wegzusehen, und auch
die Tante, mit Vicktorinen und Angelika, die Herrn Kleeborn ins Zimmer gefolgt
waren, lieen von dem zunehmenden Getse auf der Strae sich in das zweite
Fenster locken.
    Sie erblickten das ganze dem Kleebornschen Hause schrge gegenber liegende
Hotel d'Angleterre in der allergeschftigsten Bewegung. Von dem Heere seiner
Kellner umgeben, stand sogar der sonst sehr vornehm gesinnte Gastwirth in der
dritten Posizion vor der Thre seines Hauses, zu den allertiefsten Bcklingen
bereit, und das smmtliche Personal schaute mit erwartungsvollen Gesichtern nach
der Seite der Strae hin, von wo der Klang der Posthrner immer lauter und
lustiger nher kam. Zur Freude der zahlreich versammelten Straenjugend fhrte
ein eben vom Pferde gestiegener fantastisch bunt gekleideter Jokey sein
dampfendes Thier mit der grten Gelassenheit in der engen volkreichen Strae
auf und ab, um es verkhlen zu lassen, whrend die Hausknechte sich gewaltig
abarbeiteten, um einen mit vier Postpferden bespannten, und mit allerlei
wunderlich geformten Koffern und Mantelscken hochbeladnen Packwagen in die
Remise zu schaffen. Dieser Packwagen schien augenscheinlich zu einem sehr
eleganten ebenfalls vierspnnigen Reisewagen zu gehren, der durch dessen
Entfernung erst Platz gewann, vor dem Hotel anzufahren. Zwei junge elegant
gekleidete Mnner saen darin, hinten auf einem zu diesem Zweck eingerichteten
bequemen Sitz ein Bedienter, vorn auf dem Bock ein glnzender Jger und ein in
grellen Farben geputzter Negerknabe. Das sind sie, flsterten die Mdchen
einander zu, und stieen sich nur mit dem Ellenbogen an, ohne einander
anzusehen; denn die Fremden, denen der Wirth selbst in tiefster Unterthnigkeit
aus dem Wagen half, nahmen alle ihre Aufmerksamkeit in Beschlag. Ce sont des
Mylords anglais, rief die alte Virnot von unten zum Fenster hinauf, denn auch
sie hatte sich von der Neugier in die Hausthre locken lassen.
    Ein junger reisender Prinz oder Graf mit seinem Hofmeister, sprach
hingegen Herr Kleeborn mit groer Zuversicht und war schon im Begriff die
Mdchen vom Fenster wegzujagen und dieses zuzumachen; doch unterlie er es noch
einstweilen, da er zu seiner Verwunderung gewahr ward, da die eben
ausgestiegnen Fremden sich nicht ins Haus fhren lieen, sondern nebst dem
Wirth, den Kellnern und den Bedienten vor demselben stehen blieben, als ob sie
auf noch jemanden warten mten. Zugleich ragten in einiger Entfernung mehrere
Pferdekpfe und Reuter ber die zahlreichen Hupter der Zuschauer empor, die im
Vorbeigehen, wie das bei solchen Gelegenheiten in groen und in kleinen Stdten
immer geschieht, auf der Strae stehen geblieben waren.
    Hre der Rechte kommt noch, glaube ich, flsterte Babet Agathen zu, wohl
gar ein Knig, und das sind nur seine Minister. Ach la mich! erwiederte
Agathe, sieh lieber auf die Pferde, die dort kommen. Die haben ordentlich
Mtzen mit Ohren auf, und Ueberrcke an, und rothe Brillen auf der Nase. Gewi
sind's am Ende doch Bereuter, jubelte die Kleine, und klatschte vor Freuden in
die Hnde. Das wre nun ganz herrlich! es sind so lange keine da gewesen.
    Drei in grauen roth verbrmten Ueberzgen von oben bis unten dicht verhllte
Pferde nahten jetzt von zwei reitenden Stallbedienten gefhrt, ein stattlicher
in einem modernen dunkelfarbigen Ueberrock gekleideter Mann ritt nebenher.
Siehst du, da ich Recht habe? frohlockte Agathe, das ist der Herr der
Truppe, und dort im letzten Wagen sitzen wohl die Damen, die zu ihr gehren.
Nicht wahr, Onkelchen, es sind Bereuter? fragte sie, indem sie sich diesem
lchelnd zuwendete. Fast sieht es mir selbst so aus, erwiederte Kleeborn.
Dann ist es wahrscheinlich Tourniaire, der Mann ist reich, wie man sagt, aber
wundern thut es mich doch, da er hier im ersten Hotel der Stadt absteigt, mit
all' den Leuten und Pferden. Das wird ein schnes Geld kosten.
    Nun? wer hat nun Recht? rief jetzt Babet, und bog sich so weit als mglich
zum Fenster hinaus. Wo siehst Du Damen? Der Knig oder der Prinz kommt dort
erst selbst in dem wunderschnen groen Wagen. Nein, es ist eine Dame in
Herrenkleidern, eiferte Agathe, die Bereuterinnen reisen immer so; Du siehst es
ja, sie hat den Hund bei sich, und den Affen; die sollen gewi im Feuerwerk ihre
Knste machen, wie ich das in der Zeitung beschrieben gelesen habe. Die zahmen
Hirsche sehe ich noch nicht, die kommen gewi noch nach, mit dem Uebrigen.
Allerliebster bester Onkel, den ersten Tag, wenn die Leute spielen, mssen wir
hin! und wie glcklich! nun sehen wir sie alle Tage zweimal mit Musik Parade
reiten, wenn sie ausziehen, und wenn sie wiederkommen.
    Langsam, wegen der ziemlich engen mit Fugngern erfllten Strae, obgleich
mit sechs Postpferden bespannt, nahte jetzt ein wirklich sehr schner
zurckgeschlagener Landauer Wagen, ohne alle Bedienten darauf. Ein einziger
junger Mann sa oder lag vielmehr in der allernachlssigsten Stellung in einer
Ecke desselben so bequem hingestreckt, als befnde er sich zu Hause auf seinem
Sofa. Ein prchtiger Pelz von sonderbarem Schnitt verhllte ihn bis an die
Ohren, und eine grne Staubbrille, die er trug, lieh seinem blassen, doch nicht
unangenehmen Gesicht etwas grauenhaft-gespensterartiges; dabei studirte er mit
der grten Aufmerksamkeit ein Zeitungsblatt, das er in der Hand hielt, ohne nur
einmal den Blick davon zu wenden. Neben ihm hatte ein groer schner getiegerter
Hund seinen Platz, und indem dieser die Vorderpfoten auf die Schultern seines
Herrn gelegt hatte, kuckte er so emsig und ehrbar mit in die Zeitung hinein, als
ob er etwas davon verstnde. Auf dem Rcksitz des Wagens stand ein zierliches
mit vergoldetem Gitterwerk geschmcktes Huschen, doch sein an einer langen
Kette in demselben befestigter Bewohner, ein kleiner langgeschwnzter Affe, sa
oben auf dem Dache seiner Wohnung, wies den mit lautem Jubel den Wagen
umschwrmenden Straenbuben die Zhne, und warf ihnen alle Ueberbleibsel seiner
unterweges gehaltnen Mahlzeiten an die Kpfe, ohne da sich sein Herr dadurch im
mindesten in der Lektre stren lies, bis der Wagen vor dem Hotel d'Angleterre
hielt.
    Langsam, als erwache er eben vom sen Schlummer, stieg der Reisende jetzt
aus dem Wagen, pfiff seinem Hunde, der ihm auf den Fersen nachfolgte, winkte dem
Neger, ihm den Affen nachzutragen, und ging mit stolzem Schritt in den Gasthof
hinein, ohne den Wirth und dessen Komplimente nur eines Blickes zu wrdigen.
Alle folgten ihm ehrerbietigst, der Wirth, die Bedienten, die Kellner, zuletzt
auch die beiden kurz zuvor angekommnen Fremden. Die Pferde wurden fortgefhrt,
die Zuschauer zerstreuten sich, Herr Kleeborn schlo sorgfltig das Fenster, und
das ganze Schauspiel hatte einstweilen sein Ende erreicht.
    Wie Du Dich nun einmal wieder blamirt hast mit Deinen Bereutern, sprach
Babet jezt zu Agathen; das kommt davon, da Du immer alles besser wissen willst
als andre Leute. Aber wer sagt uns denn gewi, da es keine sind, erwiederte
ziemlich kleinlaut Agathe, es knnen doch noch Bereuter sein, aber recht
vornehme, die gradezu aus London hergeritten kommen. Quer ber das
mittellndische Meer zu Pferde? nun Du weit es recht, rief spttisch lchelnd
Babet. Stille, stille, um Gotteswillen, sprach Herr Kleeborn dazwischen, euer
Herr Kandidat mchte auch an Deinen geografischen Kenntnissen wenig Freude
haben, wenn er so Dich reden hrte. So viel ist indessen gewi, Bereuter sind
das nun einmal nicht. Sollte einer von den englischen Prinzen? - Doch die sind
ja alle viel lter. Ich wei was ich thue, ich schicke den Johann hinber.
    Der von seinem Herrn aufs Recognosciren sogleich ausgesandte Bediente kehrte
indessen erst zurck, als Kleeborn und die Seinen sich schon eine ziemliche
Weile um den reich besetzten Frhstcktisch versammelt hatten, den in groen
Handelsstdten das bis in den spten Abend hinausgeschobne Mittagsmahl zu einer
Stunde einfhrte, die in andern Orten schon lngst dem Nachmittage angehrt. Man
hatte schon lange dem Abgesandten ungeduldig entgegen gesehen, denn die Neugier
plagte eigentlich den guten Onkel nicht weniger stark als seine Nichten, doch
die Nachrichten, welche Johann mitbrachte, waren bei weitem nicht befriedigend.
Etwas sehr vornehmes msse es sein, so viel hatte der Wirth gesagt, weiter aber
wute dieser noch von nichts, als da die ganze Bel-Etage seines Hauses auf
mehrere Wochen in Beschlag genommen worden sei, und da die in derselben bereits
wohnenden Fremden alle ber Hals und Kopf andere Zimmer beziehen mten, was
denn natrlicher Weise ohne groen Molest nicht abgehe. Uebrigens, erzhlte
Johann weiter, brigens gienge alles im Hotel drunter und drber, und Koch,
Kellner und Stubenmdchen liefen insgesammt mit den Kpfen gegeneinander, um die
Fremden nebst ihrer Dienerschaft zu befriedigen, indem alle tausenderlei auf
einmal verlangten, und jeder etwas anderes.
    Agathe und Babet hatten sich indessen dem Fenster wieder genhert, denn der
Affe sa drben auch auf der Fensterbank, und eine Menge Leute war aufs neue vor
dem Hause versammelt, um die Grimassen des possierlichen kleinen Thieres zu
belachen. Du! flsterte Agathe, indem sie halb auf den Knien, halb auf einem
umgestlpten Fuschemelchen sitzend, ihren Stickrahmen wieder in Ordnung zu
bringen suchte, Du! hre! vielleicht ist es der Knig von Heidi oder wie er
heit, der die schsische Mamsell heurathen soll, wie man sagt, und der jetzt
kommt, um seine Braut abzuholen. Ach wenn er doch den Grafen Limonade oder
Schokolade bei sich htte! Dummes Kind, die sind ja alle gestorben, belehrte
sie Babet. Ach wie kann ich von allen Leuten wissen, ob sie leben oder todt
sind, erwiederte Agathe, und setzte ergrimmt einer ihr entfliehenden
Seidenrolle nach.
    Soviel ist gewi, sprach nun Babet mit groer Ueberlegung, nachdem Agathe
sich wieder zu ihr gesetzt hatte, soviel ist gewi, der Fremde hat zuverlssig
und auf jeden Fall Addressen an uns, und denn mu doch der Onkel ihm zu Ehren
einen Ball geben, das ist wohl das wenigste, was er fr einen solchen Herrn thun
kann. Nun Gottlob! rief Agathe und klopfte freudig in die kleinen Hnde,
Gottlob, dann kommt doch wieder einmal Leben ins Haus. Ja, sprach Babet,
aber das sage ich Dir, den rosenfarbnen Crepon zieh ich nicht an, die lange
Schmidt hat wieder gerade so ein Kleid. Mein neuer Blonden-Tll mu dazu fertig
werden und Du mut mir dabei helfen.
    
    Wenn es ein Prinz wre, so recht ein wirklicher Prinz! sprach Agathe sehr
bedenklich; mein Lebtage habe ich noch keinen so recht in der Nhe gesehen. Und
wenn er nun gar mit mir tanzte! Freilich mu er mit uns tanzen, wir sind ja
die Damen vom Hause, verbesserte Babet sie. Schade nur, da mein Theodor nicht
dabei ist, der kme gewi vor Eifersucht von Sinnen, wenn er ansehen mte, wie
mir der Prinz die Cour macht! Ich ngstige mich todt, wenn er mit mir tanzt,
rief Agathe, der tanzt gewi nichts als Franaisen, wre nur Monsieur Michaud
wieder da, da man die Pas ein wenig einben knnte. Ist's ein Englnder, so
tanzt er nur Ekossaisen, aber walzen wird er leider nicht knnen, setzte Babet
hinzu.
    Pas de Zphyr, rief jezt Agathe, indem sie vor dem groen Spiegel mit
hochaufgenommenen Rckchen ihre Pas einzuben versuchte, tour de bras, en
avant! Tournez! rigadon, rief die sich zu ihr gesellende Babet, allons, tour
de poule.
    Tour de Gans, die pat fr euch am besten, rief Herr Kleeborn lachend
dazwischen, indem er den beiden Kindern mit Vergngen zusah; denn sie waren in
diesem Augenblick wirklich allerliebst. Herr Gott, Onkel, der Fremde kommt
gerade ins Haus! rief jetzt Agathe, die eben einen Blick aufs Fenster geworfen
hatte. Es ist ja der Rechte nicht, eiferte Babet. Wie kannst Du das so genau
wissen, erwiederte Agathe. Allerliebstes, bestes Onkelchen, setzte sie
schmeichelnd hinzu, thun Sie mir den allereinzigsten Gefallen und lassen ihn
hier hereinkommen, ich mchte ihn gar zu gerne in der Nhe sehen. Babet
vereinigte ihr Bitten mit dem ihrer Schwester, und der Onkel, der sich eben bei
seltner guter Laune befand, that was die Kinder von ihm verlangten.
    Herr Wilkinson aus London, so hatte der Fremde sich melden lassen, Herr
Wilkinson trat herein, und alle erkannten in ihm sogleich einen der beiden
Fremden, die in dem ersten Wagen angelangt waren. Es war ein hbscher nach der
allerneuesten englischen Mode gekleideter junger Mann, der in der geffneten
Thre sich sehr zierlich mit allen fnf Fingern der linken Hand in das
Himmelanstrubende Haar fuhr, whrend er mit der rechten den Huth abnahm, erst
die Damen, dann den Herrn des Hauses mit einem sehr graziosen Kopfnicken
begrte und zuletzt zwar mit etwas auslndischem Accent, aber doch in sehr
verstndlichem Deutsch seine Rede anhob.
    Sir Charles Wimann trug mir auf ihn den Damen und Herren Kleeborn
hochachtungsvoll zu empfehlen - Wimann, rief Kleeborn ganz entzckt, und
schttelte dem Neuangekommnen recht krftig die Hand. - Wimann, ei lieber Herr
Wilkinson so sein Sie mir doch tausendmal willkommen! Warum ist er denn nicht
gleich bei mir abgestiegen, ich habe ihn doch eingeladen und seine Zimmer stehen
bereit. Babet, geh mein Kind, Mamsell Virnot soll aufschlieen und einheizen
lassen. - Babet stie Agathen an da diese gehen solle, doch keine von beiden
bewegte sich von der Stelle, denn keine hatte Lust den Gegenstand ihrer
Aufmerksamkeit aus den Augen zu verlieren.
    Bemhen Sie das Frulein ja nicht, bat Wilkinson indessen, Sir Charles
wnscht die Familie nicht zu derangiren, und da wir ziemlich viel Platz
brauchen - Ich habe Raum genug fr alles, erwiederte Kleeborn;
wahrscheinlich sind Sie des jungen Wimanns Reisegefhrte. Nun auch fr Sie ist
Platz genug da, und Sie sollen mir ebenfalls ein recht werther Gast sein, lieber
Herr Wilkinson. Vier Zimmer stehen bereit, damit werden die beiden jungen Herren
schon auskommen. Also der junge Mann, der neben Ihnen sa - denn wir sahen Sie
vor dem Hotel aussteigen, mssen Sie wissen, - der junge Mann also ist der Sohn
meines alten Freundes? Ey, ey, wer htte das denken knnen! Nun, nun, und Sie?
wahrscheinlich ebenfalls Kaufmann? Sie haben Recht, das ist der erste Stand der
Welt.
    Verzeihen Sie, erwiederte der Fremde mit sehr gemenem Ton, verzeihen
Sie, mein Herr, ich habe das Vergngen, dem Sir Charles in der Qualitt eines
Sekretrs attaschirt zu sein, der junge Mensch aber, den ich neben mir im Wagen
hatte, dient ihm als sein Homme de Chambre. Eigentlich gehrte auch er auf den
Bock, doch auf Reisen, das wissen Sie gewi, darf man dergleichen so genau nicht
nehmen, und berdem ist Marcellin seinem Herrn so treu ergeben, da ihm schon
deshalb manches nachgesehen wird. Ein halb gepfiffnes, halb geseufztes sehr
gedehntes So war Kleeborns erste Antwort, dann setzte er nach einer ziemlichen
Pause mit etwas verlngertem Gesicht hinzu, also ist Wimann nicht da? kommt
auch vielleicht heute nicht? Verzeihen Sie, erwiederte Wilkinson abermals,
Sie erwhnten vorhin, da Sie uns vor dem Hotel aussteigen gesehen haben, nun
Sir Charles Landauer folgte dicht hinter meiner Batarde. Wie? das also? hm
hm, erwiederte Kleeborn mit steigender aber nicht sehr frhlicher Verwunderung;
und die Pferde - Beim Himmel es sind herrliche Thiere! fiel Wilkinson ein,
wie Sie gewi unerachtet der Decken bemerkt haben werden. Vor allem der
Lichtbraune, Sir Charles eignes Leibpferd. Das muthige Thier lt sich aber auch
von keinem regieren, ausgenommen von seinem Herrn und unserm Stallmeister. Es
stammt in gerader Linie von des Herzogs von Bedford berhmten Hector ab. Orion
war sein Vater, der fnfmal in Newmarket den Sieg davon trug; die Mutter war
Lord Ashfords Molly, die beim letzten Pferderennen in Epsom - Sehen Sie
einmal! Mit diesem Ausruf unterbrach Kleeborn in ziemlicher Verwirrung den
pltzlich beredt gewordnen Sekretr, der eben im besten Zuge war ihn auf das
umstndlichste mit den Stammbumen und allen Heldenthaten der Pferde seines
knftigen Schwiegersohnes bekannt zu machen. Ey, ey, sehen Sie einmal - nun und
Herr Wimann? Sir Charles, erwiederte Wilkinson, Sir Charles hat mir
aufgetragen Ihnen und der Familie seine glckliche Ankunft zu melden. Durch eine
eigenhndige Note von ihm wre dies freilich besser und schicklicher geschehen.
Doch Domingo hat den Schlssel zu seines Herrn Schreibekassette verlegt, und so
sieht dieser sich genthigt, Sie durch mich zu bitten, da Sie den ihm
aufgezwungnen groen Versto gegen die Regel freundlich entschuldigen mgen;
gewi nur die Noth konnte ihn dazu veranlassen, denn die Schreibmaterialien,
welche der Wirth herbeibrachte, wurden leider smmtlich total unbrauchbar
befunden. Das wundert mich, der Mann ist doch sonst so ordentlich, erwiederte
Kleeborn. Total unbrauchbar, auf Ehre, wiederholte Wilkinson.
    Uebrigens, sezte er hinzu, brigens bittet Sir Charles um die Erlaubni
sich Ihnen und den Damen noch heute Abend nach dem Mittagsessen vorstellen zu
drfen. Er wnscht nur zuvor die Reisekleider abzuwerfen und sich von der
Ermdung ein wenig zu erholen. Denn wir sind gewohnt sehr schnell zu reisen und
die Wege hier herum sind frchterlich schlecht.
    Beladen mit Hflichkeitsbezeugungen aller Art verlies der Sekretr endlich
das Zimmer und Herr Kleeborn gewann nun Zeit, sich von dem Erstaunen ber alles
was er vernommen ein wenig zu erholen. Sein Gesicht glich einem Apriltage; in
diesem Augenblick glnzte es im hellsten Sonnenschein der Freude, im nchsten
schwebten dunkle nahen Sturm verkndende Wolken des Unmuths darber hin. Leise
pfeifend schritt er aus einer Ecke des Zimmers in die andere, wie er immer zu
thun pflegte, wenn irgend etwas ihn aus der Fassung gebracht hatte. Alle brigen
im Zimmer schienen ebenfalls mehr oder weniger gespannt zu seyn. Babet und
Agathe standen wie versteinert da, denn der Prinz und der Sekretr, Sir Charles
und die Bereuter, wogten mit groem Tumult in ihren Kpfen herum. Angelika, die
an allem bisher Vorgegangenen wenig Theilnahme bezeigte, schlich sich jezt leise
zu Vicktorinen hin, und ber die Lehne ihres Stuhls gebeugt, betrachtete sie die
geliebte Freundin mit dem Ausdruck inniger und zugleich sorgenvoller Liebe;
hingegen Vicktorine selbst, obgleich auffallend bleicher als sonst, sa mit
stolz erhabnem Nacken und blitzenden Augen neben der Tante, wie jemand der einem
nahen schweren Kampf muthig entgegensieht. Um Anna's feine Lippen schwebte
indessen ein fast unmerkliches ein wenig spttisches Lcheln, whrend ihr klares
Auge jede Bewegung von Vicktorinens Vater verfolgte. Dieser ma noch ein paarmal
mit groen Schritten das Zimmer, blieb dann pltzlich vor Vicktorinen stehen als
ob er etwas sagen wollte, kehrte eben so pltzlich wieder um, und begann von
neuem seine Promenade. Dabei herrschte eine Todtenstille, die niemand der
Anwesenden zu unterbrechen wagen mochte.
    Hm, ja, fing Kleeborn endlich halb fr sich, halb zu den andern an, hm,
ja einen Sekretr braucht er als hollndischer Konsul in London, obgleich auf
Reisen sollte ich meynen - nun die Zeiten haben sich sehr gendert seit ich jung
war. Freilich ich bin so nicht gereist, doch wie gesagt, andre Zeiten andre
Sitten, und wer einen Rckhalt hat wie dieser junge Mann, der kann - hm. Nun
folgte wieder eine neue Pause und eine neue Promenade, dann blieb der Alte
abermals vor seiner Tochter stehen. Vicktorine, begann er, Du hast vernommen
wer angekommen ist, wen wir erwarten wollte ich sagen. Darum dchte ich, mein
Kind, Du benutztest noch die Zeit vor Tische um dich ein wenig zu putzen.
Onkelchen, das sollten wir ja wohl auch, rief Babet mit ihrem hellen Stimmchen
dazwischen. Seid Ihr auch noch da? fuhr Kleeborn sie an, das knnt Ihr halten
wie Ihr wollt, wer denkt an Euch! Leise wie eine Maus schlich Babet jetzt ber
den Teppich weg der Thre zu, winkte Agathen und beide Mdchen verschwanden.
Auch Angelika folgte ihnen, zufolge einem von der Tante erhaltenen Wink sich
ebenfalls zu entfernen.
    Frulein Schwester, hob Kleeborn jetzt an, indem er sich zu der Tante
setzte und ihre Hand ergriff, liebes Frulein Schwester, Sie sind eine sehr
kluge Dame, das wei ich, und Sie werden mich daher verstehen wie billig. Dieser
junge Mann, den wir vor einer Stunde, freilich mit ziemlich auffallendem Prunk,
dort drben ankommen sahen, ist wie ich nun wei der Sohn eines der ersten
Huser in Amsterdam, dessen Reichthmer ihn allerdings berechtigen mehr Aufwand
zu machen als tausend andere nicht drfen. Und ich mu es in einiger Hinsicht
sogar loben, da er beflissen ist gerade hier sich recht glnzend zu zeigen.
Ihrer bekannten groen Einsicht wird es nicht entgehen wie ich dieses meyne,
doch zur Sache. Der alte Wimann hat vor zehn Jahren, da alle Welt mich verlies,
Freunde und Verwandte - ja Frulein Schwester, Verwandte, auf die ich rechnen zu
drfen wohl befugt war, mein Blut kocht noch wenn ich daran gedenke, doch Sie
sind unschuldig daran, Sie knnen nichts dafr - Genug Frulein Schwester, der
Vater dieses jungen Mannes hat mir damals mehr als das Leben gerettet - selbst
du Vicktorine verdankst ihm - doch Basta, es ist gottlob alles vorber und mit
Ehren berstanden. So viel ist indessen gewi, ohne meinen alten Amsterdammer
Freund wren wir alle nicht wo wir sind, und ich selbst vielleicht lngst - doch
wie gesagt das ist vorbei. Was aber der Vater an mir that will ich dem Sohne
vergelten, das steht so fest wie das Wort eines ehrlichen Mannes es stellen
kann, und da es die Pflicht meines einzigen Kindes sey mir dabei zu helfen,
wird wohl niemand mir abstreiten - und darum geh, Vicktorine, dich umzukleiden.
    Ich will es thun, wenn Sie durchaus es verlangen, erwiederte Vicktorine,
mit bewegterer Stimme als dieser Befehl ihres Vaters es zu erfordern schien,
ich will es thun, aber erlauben Sie mir zu bemerken, da ich die Ueberzeugung
habe, gerade so wie ich hier bin jeden Besuch mit Anstand annehmen zu drfen.
Und obgleich ich bereit bin den Sohn eines Freundes, den Sie so hoch stellen,
mit aller der Zuvorkommenheit zu empfangen, die mir als Ihre Tochter ziemt, so
sehe ich doch nicht recht ein warum ich gerade mit ihm in diesem Punkt eine
Ausnahme machen soll. Eine Ausnahme! zrnte Kleeborn. Ja mein Vater, eine
Ausnahme, erwiederte Vicktorine bescheiden, aber fest. Ich bitte Sie recht
kindlich, vergessen Sie eben so wenig die Vergangenheit, als ich meine Pflicht
gegen Sie je vergessen werde. Mein Wort mu mir nicht minder heilig seyn als
Ihnen das Ihre, denn ich bin Ihre Tochter, und ich werde dem Sohne Ihres
Freundes die Achtung, die ich als solchem ihm schuldig bin, hauptschlich
dadurch beweisen, da ich ihn keinen Augenblick ber mich selbst, ber mein
Herz, ber meine Lage, ber meinen unabnderlichen Entschlu in Zweifel lasse,
sobald er mich in den Fall setzt, mich gegen ihn erklren zu mssen. Ihnen, mein
Vater, ist alles dies kein Geheimni mehr, daher bitte ich Sie - Vicktorine,
schrie Kleeborn, und sprang mit von Wuth entstellten Zgen auf - da trat die
Tante beschwichtigend zwischen Vater und Tochter. Seid Ihr nicht wunderliche
Leute! rief sie lchelnd. Ich sehe jetzt sehr wohl ein, wovon unter Euch
beiden eigentlich die Rede ist; aber denkst Du denn, Vicktorine, da ein junger
Mann von Welt wie dieser, sich gleich in der ersten Stunde wie ein
Hochzeitbitter vom Dorfe vor Dich hinstellen und seinen Spruch anheben wird? Und
Sie lieber Herr Bruder, Sie sehen es wohl ein, da Vicktorine noch wie eine kaum
vom Tode Genesene betrachtet werden mu. Kranke Kinder werden berdem immer ein
wenig verzogen und brauchen hinterher viele Nachsicht. Daher bitte ich, lassen
Sie der Zeit doch ihre Rechte, wir werden ja sehen - Ja, ja, Sie sprechen sehr
vernnftig Frulein Schwester, erwiederte Kleeborn, augenscheinlich von ihren
Worten beruhigt, Sie haben recht, die Zeit, die Zeit allein wirkt Wunder, und
mit der Zeit giebt sich alles, alles, alles findet sich mit der Zeit.
    Mit diesem seinem liebsten und gewhnlichsten Trost verlies der alte Herr
das Zimmer, und eilte der Brse zu, welche er ber die Begebenheiten dieses
Vormittages zum erstenmal in seinem Leben fast vergessen htte.

Schon war das spte, diesmal ziemlich stumm eingenommene Mittagsmahl im
Kleebornschen Hause lngst vorber und der Abend rckte mit starken Schritten
der Nacht entgegen. Die lange Reihe der Fenster des ersten Stocks im Hotel d'
Angleterre schimmerte in fast blendender Erleuchtung, als wrde dort ein groes
Fest gefeiert, whrend Kleeborn in seinem Hause noch immer und mit steigender
Ungeduld in dem zum Empfange der Fremden bestimmten Zimmer auf und abgehend, den
ihm angekndigten Besuch vergebens erwartete. So wollte ich doch! rief er mit
dem Fue stampfend, als die Glocke zehn schlug, doch in diesem Augenblick ward
die Thre aufgerissen, Sir Charles, wie aus dem allerneuesten Modejournal heraus
geschnitten, trat ein und die Freude ber seine Gegenwart verscheuchte
blitzschnell von der Stirne des alten Herrn jede Spur des vorigen Unmuthes.
    Ein halbes Stndchen verging beiden unter gegenseitigen Mittheilungen, ehe
sie sich dessen versahen. Doch nun ergriff Herr Kleeborn den Arm seines jungen
Freundes, um ihn in das Wohnzimmer seiner Familie zu fhren. Schon waren sie
oben auf dem Vorsaal angelangt, da strmte der alte Mller hinter ihnen drein
die Treppe hinauf, Herr Kleeborn ein Wort! rief er athemlos, eben kommt eine
Stafette an Sie; vermuthlich die lange erwartete Nachricht von - Ey der
Tausend! rief Kleeborn ganz entzckt, indem er stille stand. Bester Herr
Wimann, sprach er nach kurzem Bedenken, Sie verzeihen mir gewi; in zehn
Minuten bin ich wieder bei Ihnen. Nur hier herein unterdessen, Sie finden hier
meine Tochter. Mit diesen Worten ffnete er eine Thre, schob ohne sich viel
umzusehen den jungen Mann ins Wohnzimmer hinein, und eilte, den Kopf voll von
dem ihn unten erwartenden Geschft, zurck in sein Komtoir.

Ohnerachtet der mglichst groen, aus der vortheilhaftesten Meinung von sich
selbst entspringenden Sicherheit, die ihm eigen war, fhlte Sir Charles sich,
wenn gleich vielleicht nicht verlegen, dennoch wenigstens etwas genirt, als er
auf so seltsame Weise der ihm bestimmten Braut entgegen geschoben ward. Doch die
junge Dame, die er ganz allein im Zimmer antraf, empfing ihn mit so
berraschender Freundlichkeit, da davor jede Anwandlung dieses ihm sonst ganz
fremden Gefhls, wie Nebel vor der Sonne zerrann. Die Art, mit der man durch
zwei schnell auf einander folgende Knixe seinen ersten Gru erwiederte, die
beiden Grbchen mitten in den Pfirsichwangen des etwas verschmt ihn
anlchelnden Gesichtchens, und vollends die zuvorkommende Pantomime, mit der man
ihn, ohne ein verstndliches Wort hervorbringen zu knnen, zum Sitzen im Sopha
nthigte; alles dieses war weit mehr, als es bedurfte, um einen jungen Mann
seiner Art wieder zum gewohnten Selbstgefhle zu verhelfen. Mit aller grazisen
Nachlssigkeit eines cht englischen Dandys im grten Styl warf er sich daher
auf den ersten Wink der Schnen neben ihr in eine Sophaecke hin, und betrachtete
sie, ohne sich dabei den mindesten Zwang anzuthun, durch seine Brille vom
schildkrotenem Kamme, der auf ihren Scheitel die reiche Flle der lichtbraunen
glnzenden Zpfe und Locken zusammenhielt, bis zu der Spitze des netten,
verlegen spielenden Fchens, das die Konturen der groen Rosen auf dem
Futeppich nachzuzeichnen versuchte. Die zwischen den frischen, etwas
aufgeworfnen Lippen hervorglnzenden Perlzhnchen, die schelmisch-lchelnden
Augen, das allerliebste Stumpfnschen, der schwanenweie Hals, die runden
Aermchen mit den kleinen Hnden voller Grbchen, kurz das ganze, wie aus Rosen
und Schnee zusammengesetzte, runde und dabei doch zierliche Figrchen, gefiel
ihm ausnehmend wohl, und immer besser, je lnger er hinsah. Endlich wagte es
auch seine Nachbarin, den scheuen Blick, dann und wann zu ihm zu erheben.
Freilich lies sie ihn anfangs gleich wieder sinken, doch das gab sich allmhlig;
sie gewann sogar bald Muth genug um mit naiver Koketterie alle ihre kleinen
Knste vor ihm spielen zu lassen, und that alles mgliche, um sich ihm im
vortheilhaftesten Lichte zu zeigen. Da sie instinctartig fhlen mochte, da
dieses nicht ohne Erfolg geschah, so waren beide in kurzer Zeit mit sich sowohl,
als miteinander, auf das Vollkommenste zufrieden, und vermiten nicht im
mindesten die Gegenwart des Herrn Kleeborn, der sie eigentlich einander htte
vorstellen sollen. Freilich drehte sich anfangs das Gesprch nur
schneckenartig-langsam um Wege und Wetter und um das Ermdende einer langen
Reise im Winter, doch fhlten beide durchaus keine Langeweile dabei. Als nun
vollends die herrlichen Pferde des Sir Charles erwhnt wurden, so gewann auch
die Unterhaltung einen lebhafteren Gang, denn man kam auf die natrlichste Weise
von der Welt von diesen zu dem allerliebsten Affen, dem interessanten
Reisegefhrten seines Herrn. Sir Charles erzhlte einige lustige Anekdoten, in
welchen sein Koko die Hauptrolle spielte; das hbsche Kind mute ber diese
Geschichtchen lachen, und da ihr das ganz allerliebst stand, so erzhlte Sir
Charles immer mehr, und seine Zuhrerin lachte immer herzlicher. Beide dachten
gar nicht daran, dieser Unterhaltung mde zu werden, und Sir Charles wrde
gewi, wer wei wie lange, noch da geblieben seyn, ohne da es ihm eingefallen
wre, fortgehen zu wollen. Doch nach einem halben Stndchen schickte Herr
Kleeborn hinauf, lies sein Nichtwiedererscheinen fr diesen Abend durch
unerwartete wichtige Geschfte entschuldigen, die ihn bis tief in die Nacht
hinein in seinem Komtoir festzuhalten drohten, und dies war nun freilich ein
Zeichen zum Aufbruch, dem Sir Charles, wenn gleich ungern, dennoch Folge zu
leisten, nicht umhin konnte.
    Schn ist sie eigentlich nicht, meine Braut, aber verteufelt hbsch,
murmelte er vor sich hin, als er hchst zufrieden, ohne eine Ahnung davon, da
er sich in der Person geirrt haben knne, quer ber die Strae hinging, um sich
in seine Wohnung zu begeben. Nach englischer Sitte hatte er im Laufe des
Gesprchs Herrn Kleeborn stets nur bei seinem Namen genannt und ihn nie als den
Vater der jungen Dame, zu der er sprach, nher bezeichnet. In Babets Plan - denn
da es diese und nicht Vicktorine war, die er im Wohnzimmer antraf, hat man
gewi lngst errathen - in Babets Plan also, konnte diese Verwechselung freilich
nicht liegen, als sie ganz allein im Wohnzimmer blieb, nachdem Anna, Agathe und
Vicktorine des langen Wartens mde, sich aus demselben zurckzogen. Es war ihr
nur verdrlich gewesen, sich so um nichts und wieder nichts geputzt zu haben,
deshalb beschlo sie bei sich selbst und ohne ein Wort davon zu sagen, es doch
noch ein wenig abzuwarten, ob der Fremde nicht noch kommen sollte, dessen
Ankunft am Morgen ihre ganze Neubegier bis zum Peinlichen erregt hatte. Als er
nun wirklich da war, und vollends sie fr Vicktorinen hielt, was sie sehr bald
bemerkte, schwieg sie anfangs, weil sie in der Verlegenheit nicht wute wie sie
sich ihm zu erkennen geben sollte; doch dieses verlegene Schweigen verwandelte
sich mit der Zeit in ein absichtliches, da sie das Wohlgefallen entdeckte, mit
welchem der junge Mann sie betrachtete. Hat er mich doch nicht nach meinem
Namen gefragt, dachte sie, und wenn ich ihm nun besser gefalle als Vicktorine,
ists meine Schuld? Es wre doch albern von mir, wenn ich ihn gleich zurckwiese,
und am Ende thue ich wohl noch gar Vicktorinen einen Gefallen, denn die scheint
ganz etwas anderes im Kopfe zu haben als diesen Sir Charles, den Papa ihr gern
zuweisen mchte, wie ich wohl merke.
    Voll von der Eroberung, die sie so ganz unverhofft noch am spten Abend
gemacht zu haben glaubte, eilte Babet, gleich nachdem Sir Charles fortgegangen
war, zu ihrer Schwester, um ihr dies wichtige Ereigni mitzutheilen; doch Agathe
war schon im Einschlafen begriffen, und bezeigte wenig Theilnahme. Geh' mir,
sprach sie endlich, da Babet gar nicht aufhren wollte davon zu reden, geh' mir
mit deinem Englnder. Wenn es kein Prinz und kein Bereuter ist, so verlange ich
gar nichts von ihm zu wissen. Und nimm es mir nicht bel, aber ich kann es von
Dir auch nicht loben, da Du Dich gleich so mit dem wildfremden Manne einlt,
ohne auch nur ein bischen an deinen Theodor zu denken. Ich knnte so nicht seyn,
und wenn er sich sechs Brillen bereinander aufsetzte. Und nun gute Nacht.
    In Babets Kpfchen, wie in ihrem Herzen, wogte es indessen viel zu bunt
durch einander, als da sie sich so htte zufrieden geben knnen. Sie bedurfte
durchaus gleich auf der Stelle einer Vertrauten, und schlich sich also, spt wie
es war, zu Vicktorinen, die sie freilich noch wachend fand. Aber zu ihrem groen
Schrecken traf sie auch die Tante noch bei ihr an. Indessen fate sie sich
schnell und war obendrein listig genug, ihr Zusammentreffen mit Sir Charles und
da er sie fr Vicktorinen angesehen habe, als einen lustigen Scherz jetzt zu
erzhlen; doch statt des gehofften Beifalls erhielt sie von der Tante nur einen
sehr ernsten Verweis ber ihren unvorsichtigen Leichtsinn, und wurde noch
obendrein gefragt: was sie denn morgen anzufangen gedenke, wenn Sir Charles die
wirkliche Vicktorine sehen und so den ihm gespielten Betrug entdecken wrde?
Babet machte sich ohne Antwort ganz trbselig wieder davon, denn dieses war ihr
in der Freude ihres Herzens noch gar nicht eingefallen.
    Halb rgerlich, halb ngstlich, denn der Tante letzte Bemerkung hatte sie
schwer getroffen, wollte Babet eben wieder den Weg nach ihrem Zimmer
eingeschlagen, da hrte sie auf dem Gange Angelikas Harfentne durch die stille
Nacht. Das Bedrfni, von dem zu reden, was ihr in diesem Augenblick auf dem
Herzen lastete, war zu gro, es trieb sie daher auch noch zu dieser hin, so
wenig sie brigens auch sonst gewohnt war mit der ernsten Angelika nach
Mdchenart vertraulich zu verkehren. Im Grunde, dachte sie, ist Angelika doch
ein gutes Kind und auch verstndig, vielleicht kann sie mir rathen, was ich
morgen anfangen soll, um nicht vor allen Leuten gar zu beschmt da zu stehen.
Doch die arme Babet war einmal dazu bestimmt, an diesem Abend durchaus keine
Theilnahme finden zu knnen. Das blasse Gesicht auf die Harfe gelehnt, schien
Angelika dem raschen Plaudern zwar mit ihrer gewohnten stillen Freundlichkeit
zuzuhren; aber es ging beinahe ganz unverstndlich an ihr vorber. Mhsam und
vergebens suchte sie ihren schwermthigen Trumen sich zu entreien, denen sie
in der Einsamkeit der Nacht sich so gerne berlie; sie vermochte es nicht
einmal, den Sinn von Babets Worten zu fassen, und antwortete ihr so unpassend
und abgebrochen, da diese die Geduld dabei verlor und endlich fortging, um mit
ihrem Kopfkissen, dem einzigen Vertrauten, der ihr noch blieb, sich besser zu
berathen.
    Babet verband eigentlich mit einer sehr lebendigen Phantasie ein eiskaltes
Gemth, wie sich denn das im Leben oft genug zusammen findet. Noch nie war ein
wahrhaft ernster Gedanke in ihr aufgekommen, aber sie hatte in ihrer
Pensionsanstalt schon ganze Leihbibliotheken erschpft. Langeweile und das
Bedrfni einer Abwechselung in ihrem einfrmigen Leben hatten damals die Lust,
Romane zu lesen, bis zu einer Art von Leidenschaft in ihr gesteigert, und die
kleinen Rnke, welche sie anwenden mute, um diese ihre Lieblingsneigung ganz
unbemerkt zu befriedigen, erhhte ihre Freude betrchtlich daran. So kam sie
denn, den Kopf voll von den abentheuerlichsten Geschichten, als ein nun
erwachsenes Mdchen, in das glnzende Haus ihres Oheims, und da aus der Sucht,
Romane und nichts als Romane lesen zu wollen, gewhnlich auch die, dergleichen
zu spielen, entspringt, so sehnte sich Babet jetzt nur vor allem darnach, recht
bald zu erleben, was sie oft mit dem innigsten Antheile gelesen hatte. All' ihr
Sinnen und Trachten ging nur darauf hin, als die Heldin einer Liebesgeschichte
zu glnzen. Der Student Theodor war zuflliger Weise der Erste, der ihr beim
Eintritt in die Welt mehr als gewhnliche Aufmerksamkeit bezeigte, und was war
daher natrlicher, als da sie sogleich in diesem ihren Helden gefunden zu haben
whnte. Es fiel ihr gar nicht ein, da der ebenfalls sehr junge Mann, um nicht
ganz mssig zu seyn, nach Art der Mehrsten seines Alters, sie whrend seines
Aufenthaltes in ihrer Nhe zur Dame seines Herzens erwhlt haben knne; sie
dachte weiter gar nicht darber nach, sondern begann im Gegentheil sogleich,
einen Roman mit ihm zu spielen, der, so viel Redens sie davon auch gegen Agathen
machte, dennoch nur in ihrem Kpfchen seine Existenz fand. Alles ging
vortrefflich, so lange die Ferien dauerten, doch diese zogen vorber, Theodor
kehrte nach Gttingen zurck, und der Roman hatte ein Ende. Babet wute nicht
einmal, ob sie den Geliebten jemals wieder sehen wrde, aber er hatte ihr eine
noch aufgeregtere Phantasie und eine sehr fhlbare Oede in ihrem Leben
hinterlassen, die sie mit jedem Tage mimuthiger stimmten. Sie suchte zwar noch
eine Zeit lang sich mit einer eingebildeten Trauer um den Entfernten
hinzuhalten, doch dieses ermdete sie sehr bald; sie bedurfte eines neuen
Gegenstandes, um wieder zu einiger Zufriedenheit zu gelangen, und so war ihr Sir
Charles in diesem Augenblick eine hchst willkommene Erscheinung. Auch trugen
der ihn umgebende Glanz und die Hoffnung, als Siegerin neben der ihr sonst
berall weit vorgezognen Vicktorine in die Schranken zu treten, nicht wenig dazu
bei, ihrer Eitelkeit zu schmeicheln, indem zugleich das Fremdartige seiner
Umgebungen sowohl, als seiner Persnlichkeit, ihre Phantasie auf alle Weise in
Anspruch nahm.
    Sir Charles Gestalt eignete sich brigens ganz vortrefflich dazu, auf ein
Mdchen wie Babet den angenehmsten Eindruck zu machen. Man konnte ihn eigentlich
einen schnen Mann nennen, obgleich sein ganzes Wesen auf jenen Ueberdru am
Leben hindeutete, den wir in unsern Tagen aus dem frhen, keine Migung
kennenden Genu aller Freuden desselben nur zu oft in der blhendsten Jugendzeit
entstehen sehen. Das Erschlaffte in den regelmigen Zgen seines wirklich
angenehmen Gesichts, das unnatrlich Matte in seiner Haltung, dem er durch
angenommene modische Gleichgltigkeit gegen Alles auer sich noch nachzuhelfen
strebte, gaben ihm in Babets Augen ein hchst interessantes Ansehen, und machten
ihn den Helden aus ihren Romanen vollkommen hnlich.
    In dieser ersten schlaflosen Nacht ihres Lebens dachte sie so lange an ihn
und wiederholte sich so lange jedes seiner Worte, jeden seiner Blicke, deren
Unbescheidenheit sie nicht gefhlt hatte, bis sie berzeugt war, nicht nur ihn
zu lieben, sondern auch auf ihn den tiefsten gnstigsten Eindruck gemacht zu
haben. Da er, nicht ohne ihr Zuthun, sie fr Vicktorinen gehalten habe,
erschien ihr zuletzt in einem so romantischen Lichte, da sie sich alle
Bemerkungen der Tante darber aus dem Sinne schlug, die sie kurz vorher so
ngstlich gemacht hatten. Sie berzeugte sich zuletzt sogar, bei der morgen zu
erwartenden Entdeckung in seinen Augen nur gewinnen zu knnen, und wandte sich
nun ihrer Garderobe zu, die sie in Gedanken eine vollstndige Reve passiren
lies, um fr den kommenden groen Tag das Schicklichste daraus zu whlen, bis
sie endlich bei fast anbrechenden Morgen ruhig einschlief, um von Sir Charles
und dem neuen Rosa-Kleide zu trumen.

                                  Zweiter Band


Schon seit wenigstens einer Stunde erwartete die zahlreich versammelte
Gesellschaft, welche Herr Kleeborn am folgenden Tage zu einem glnzenden
Mittagsmahle eingeladen, einzig nur noch den Helden des Festes, Sir Charles, der
immer noch ausblieb. Die alte Virnot wandelte unablssig in jener, allen guten
Hausfrauen bei hnlichen Fllen wohlbekannten Verzweiflung, zwischen Speisesaal
und Kche auf und ab, und war nahe daran, bittere Thrnen zu vergieen ber das
Milingen, welches durch diese Verzgerung ihren herrlichsten Vorbereitungen
drohte. Herr Kleeborn sah alle fnf Minuten nach der Uhr, und die Tante
erschpfte vergebens ihre Unterhaltungsgabe, um den Gsten dieses peinliche
Erwarten minder auffallend zu machen. Endlich schlug es sieben Uhr, die
Flgelthren flogen auf und Sir Charles trat, gefolgt von seinem Secretr, mit
so vornehm-nachlssigem Anstande in den Saal, da Herr Kleeborn wirklich den
Muth verlor, ihm, wie er es sich doch vorgenommen, seinen Verdru ber die
versptete Erscheinung merken zu lassen. Sir Charles begrte den Herrn des
Hauses nur mit einer stummen Verbeugung, und ging dann, die ganze brige
Gesellschaft bersehend, gerade auf Babet los, die, schn geputzt, aber doch
ziemlich verlegen, am entgegengesetzten Ende des Saales stand.
    Doch Herr Kleeborn ergriff auf halbem Wege seinen Arm. Hier, Herr Wimann,
sprach er, hier steht meine Tochter, neben ihrer Tante der hochwrdigen Frau
Prbstin von Falkenhayn. Sir Charles stutzte, wie Jeder, dem etwas ganz
Unerwartetes entgegen kommt; die wrdige Gestalt der Tante machte indessen auch
auf ihn den Eindruck, den sie Allen gab; begrte sie ehrerbietig, und wandte
sich dann zu Vicktorinen, die im reichsten Schmucke, wie ihr Vater es verlangt
hatte, stolz und hoch, gleich einer Knigin, dastand, und ihn vornehm kalt mit
einer sehr abgemenen Verneigung empfing. Sir Charles Verwunderung stieg
sichtbar.
    Ihr ltestes Frulein Tochter? fragte er endlich Herrn Kleeborn. Meine
einzige, war die Antwort. Sie wissen es ja, ich habe nur dies eine Kind, und
Sie haben ja auch meine Vicktorine schon gestern Abend gesehen. Oder etwa
nicht?
    Sir Charles war wirklich fr den Augenblick um eine Antwort verlegen, doch
ein Blick auf Babet, die sich indessen dicht hinter die Tante zu schleichen
gewut hatte, setzte den gebten Weltmann schnell ins Klare: denn Babet hob, wie
in hchster Angst, ihr Auge bittend zu ihm auf, schlug es aber auch gleich
wieder nieder, whrend die glhendste Purpurrthe ihren Hals und Gesicht
bergo.
    Zwar glitt bei dieser Entdeckung ein leichtes, halb spttisches Lcheln ber
Sir Charles Zge hin, aber er fhlte dennoch, da er hier etwas zu schonen habe,
und murmelte daher nur einige unverstndliche Worte, die Herr Kleeborn zum Glck
nicht beachtete, weil eben die Thre des Speisesaals aufging, und die
Gesellschaft sich hineinbegab.
    Ich verga es gestern, da Aurora immer der Sonne voranzuschreiten pflegt,
flsterte Sir Charles Vicktorinen zu, indem er ihr den Arm bot; doch Vicktorine
erwiederte ihm keine Sylbe, stumm und kalt lie sie sich von ihm an die Tafel
fhren, und so verlor auch er die Lust, das Gesprch fortzusetzen und schwieg
halbbeleidigt, whrend Babet Gott dankte, da die Sache noch so leidlich
abgelaufen war.
    Bei festlichen Mahlzeiten, wie diese, pflegt gewhnlich anfangs in der
Gesellschaft eine allgemeine Stille einzutreten, und Sir Charles benutzte diese
Zeit, um die ihm wirklich bestimmte Braut, die in aller der grazisen
Schroffheit, deren sie, sobald sie es wollte, fhig war, an seiner Seite sa,
mit der gleich einer jungen Rose blhenden Babet zu vergleichen. Letztere hatte
es knstlich genug so einzurichten gewut, da sie ihm schrg gegenber ihren
Platz fand. Er konnte es sich zwar nicht verhehlen, da diese neben Vicktorinens
blendender Schnheit zu einem artigen Zfchen herabsank, aber sie gefiel ihm
darum nicht minder. Ja, es wandelte ihn sogar eine Art von innerlichem Aerger
darber an, da sie die Rechte nicht sey, besonders da seine Nachbarin alles,
was er sagte, nur mit hflicher, aber desto zurckstoender Klte aufnahm,
whrend jene nicht nur mit angestrengter Aufmerksamkeit jedes seiner Worte
belauschte und mit der holdseeligsten Freundlichkeit belchelte, sondern es auch
brigens an schmachtenden Blicken, bedeutendem Errthen und hnlichen Zeichen
der Theilnahme nicht fehlen lie.
    Gegen die Mitte der Mahlzeit belebte sich das Gesprch und ward allgemeiner;
zugleich begann auch Herr Kleeborn, sich queer ber den Tisch hin bei Sir
Charles nach mehreren seiner alten Freunde in London zu erkundigen, und ihn ber
ihr persnliches Befinden und ihre huslichen Zustnde zu befragen. Doch er
erhielt nur wenige und sehr unbefriedigende Antworten, zuletzt gar die mit
vornehmer Klte sehr lakonisch hingeworfene Versicherung, da Sir Charles alle
diese Herren zwar im Geschftswege dem Namen nach kenne, aber keinesweges sonst
noch mit einem von ihnen in persnlicher Verbindung stehe.
    Herr Kleeborn schwieg, sichtbar verstimmt, und auch Sir Charles blieb von
nun an stumm und verschlossen, bis einer der anwesenden Fremden seiner schnen
Pferde erwhnte, die dieser mit Bewunderung im Stalle gesehen hatte. Nun ward er
mit einemmal nicht minder lebendig, als gestern sein treuer Wilkinson bei der
nehmlichen Veranlassung es geworden war. Er unterhielt die ganze Tafel mit
Erzhlungen von englischen Wettrennen und von den bei diesen, auf unglaubliche
Weise gewonnenen oder verlornen, bedeutenden Summen. Dazwischen berief er sich
immer auf Wilkinson, der nie ermangelte, der Geschichte noch irgend etwas
zuzusetzen, um sie noch wunderbarer und merkwrdiger erscheinen zu lassen. Von
den Pferden ging er zu den Festen und Assembleen der vornehmen Welt in London
ber. Von diesen kam er auf die dortige italienische Oper, und den besondern
Verdienst der berhmtesten Sngerinnen und Tnzerinnen. Ein unaufhaltsamer Strom
von Beredsamkeit flo von seinen Lippen, indem er seiner vertrautesten Freunde
in London dabei erwhnte, lauter Lords, Counts und Viscounts. Kein einziger
plebejer Name entschlpfte ihm, vor allem aber pries er die Herrlichkeiten von
Brighton, und sprach mit wahrer Begeisterung von den Freuden, die er dort in der
unmittelbaren Nhe des Prinz Regenten selbst wollte genossen haben.
    Kleeborns Unmuth stieg sichtbarlich bei den Rodomontaden des jungen Mannes;
man sah es ihm an, da er auf irgend eine Weise ihm Luft machen mute, und ein
eignes Gefhl von Unbehaglichkeit bemchtigte sich dabei allmhlig der ganzen
Gesellschaft. Erlauben Sie mir eine Frage, fing er endlich an, Sie sprechen
immer, als wren Sie ein geborner Englnder, und doch als der Sohn meines sehr
verehrten Freundes, Jan Peter Wimann in Amsterdam, sind Sie so viel ich wei
ein Hollnder.
    Ei freilich, ist der alte Herr mein Papa, fiel Sir Charles halb lachend
ihm ein, denn das viele Reden und der dazwischen reichlich genossne Burgunder
schien ihn jetzt ungewhnlich belebt zu haben, freilich ist der alte Herr mein
Papa, den die halbe Welt als eine der bedeutendsten Figuren an der Amsterdamer
Brse kennt. Deshalb aber habe ich dennoch die Ehre ein so chter Britte zu seyn
als irgend einer, der innerhalb des Glockenschalles von Bowchurch geboren ward.
Ich knnte sogar mit der Zeit Lordmajor von London werden, so gut als der Beste
in der City, wenn es mir nur mglich wre, im Kohlendampfe dieses schmutzigen,
schachernden Theils von London zu leben. Aber ich ziehe es vor, unter meines
Gleichen im Westende der Stadt zu wohnen, obgleich ich freilich mein Comptoir in
der Nhe der Brse haben mu. Ich scheue den weiten Weg nicht, wenn meine
Gegenwart dort nthig ist. In ein paar Stunden lt sich bekanntlich vieles
abthun, und meine braven Pferde bringen mich so schnell hin und zurck, da ich
oft schon wieder zu Hause bin, noch ehe es bei meinen eleganten Nachbaren Tag
wird.
    Des Alten Gesicht legte sich in immer ernstere Falten, so da die Tante
anfing, einen frmlichen Ausbruch des in ihm aufsteigenden Gewitters zu
befrchten, was ihrem feinen Gefhl fr Schicklichkeit unertrglich gewesen
wre, selbst wenn dadurch Vicktorine von Sir Charles Ansprchen auf immer htte
befreit werden knnen. Denn alles, was die feinste Grenze des Anstandes im
mindesten verletzen konnte, war ihr durch lange Gewohnheit so widerwrtig, da
sie sich oft wie von einem Fieber ergriffen fhlte, sobald sie nur ahnete: es
knne so etwas, selbst von ihr brigens vllig gleichgltigen Personen, in ihrem
Beiseyn geschehen. Daher trat sie auch hier gleich ins Mittel, und um nur den
alten Herrn nicht zum Wort kommen zu lassen, bat sie Sir Charles, ihr doch zu
erklren, wie man zugleich ein Englnder und ein Hollnder seyn knne?
    Das kann in der That niemand seyn, und ich bin es auch nicht, erwiederte
Sir Charles, denn wie gesagt, ich habe die Ehre einzig Grobrittanien
anzugehren, und dieses verdanke ich meiner Mutter, die aber dennoch auch nur
eine chte, in Rotterdam geborne Hollnderin war. Die gute Dame hatte aber die
Geflligkeit mich auf einem englischen Westindienfahrer das Licht der Welt zum
erstenmal erblicken zu lassen; und sie wissen gewi alle, da ich dadurch so
vollkommen nazionalisirt bin, als wre ich von englischen Eltern mitten in
London geboren.
    Das war ja fr Sie ein ungemein gnstiger Zufall, erwiederte ein alter
Herr aus der Gesellschaft, den Sir Charles wundersame Erscheinung hchlich zu
amusiren schien.
    Freilich, freilich, erwiederte dieser, aber es hat auch seine
melancholische Seite, denn meine Mutter mute das Geschenk, das sie mir machte,
mit dem eignen Leben bezahlen. Sie war eben auf der Rckreise von Jamaika
begriffen, wohin sie meinen Vater begleitet hatte, und diese war durch tausend
ungnstige Zuflligkeiten beinah bis ins Unglaubliche verlngert worden. Seit
sechs und zwanzig Jahren ruht sie nun unter Korallenfelsen im Grunde des
atlantischen Meeres, und es war meinem Vater so schmerzlich, sie hinabsenken zu
sehen, da er mich in meiner Kindheit gar nicht um sich haben mochte und mich
deshalb in England lies, als er nach Amsterdam zurckkehrte. Doch erlauben Sie
mir, Madame, setzte Sir Charles, zur Tante gewendet hinzu, erlauben Sie mir
nach englischer Sitte ein Glas Champagner mit Ihnen zu trinken, um diese
trbseligen Erinnerungen wieder hinunter zu splen, die man bei der Tafel am
wenigsten aufkommen lassen sollte.
    Die Tante versicherte sehr kalt, sie trnke niemals Champagner, Sir Charles
leerte seine Glas, und nahm, noch aufgeregter als zuvor, abermals das Wort. Der
sicherste Beweis, da ich in meinem Vaterlande als chter Englnder anerkannt
werde, sprach er, ist der, da ich im vorigen Jahre in Brighton die Ehre
hatte, die ritterliche Wrde zu empfangen, deren in Altengland kein Auslnder
fhig ist. And now, um mit Sir John Falstaff witzigen Andenkens zu reden, can
make any Jane a Lady1, die ihre Hand mir reichen mag. Eine allgemeine Pause
entstand jetzt, denn viele mochten schon das Verhltni ahnen, in welchem Sir
Charles zu dem gastlichen Hause stand, das alle ehrten. Seine letzte
Ungezogenheit, neben dem herzlosen Uebermuth, mit welchem er seiner verstorbenen
Mutter erwhnt hatte, berhrte Jedermann auf eine hchst unangenehme Weise, und
diese allgemeine Verstimmung fhrte bald darauf das Aufheben der Tafel herbei.
    Nur ein einziges Paar hatte nichts von allem Vorgegangenen bemerkt, und dies
war Agathe und der neben ihr sitzende uns schon bekannte Schwarze. Ihr selbst
kam seine ganz unverhoffte Gegenwart so unglaublich vor, da sie oft zu trumen
frchtete. Sie hatte weder von seiner ebenfalls am gestrigen Abend erfolgten
Ankunft, noch von der Visite, die er am Morgen dem Onkel abstattete, das
Mindeste vernommen, und freute sich nur, ungemein vernnftig gewesen zu seyn, da
sie ihn unter den Gsten ihres Oheims fand, denn sie hatte bei seinem Anblick
nicht laut aufgeschrien.
    Der junge Mann war indessen vom Lieutenant zum Rittmeister emporgestiegen
und lag nun mit seiner Schwadron in einem nahen Stdtchen in Garnison. Er mute
seiner jungen Nachbarin unendlich viel zu berichten haben, denn whrend der
ganzen Mahlzeit flsterte er unaufhrlich mit ihr, doch fhrte er ganz allein
nur das Wort, indem Agathe mit niedergeschlagenen Augen und glhenden Wangen,
ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit, nur eine aufmerksame Zuhrerin abgab.
Zuweilen wagte sie es ganz heimlich und schchtern, zur Tante hinber zu sehen,
wandte sich aber noch tiefer errthend gleich wieder ab, wenn sie dem klaren
scharfsehenden Auge derselben auf halbem Wege begegnete.
    Whrend der Kaffee herumgereicht ward, wagte sie es aber endlich doch, sich
in Annas Nhe zu drngen. Ach Tante! flsterte sie ihr zu, ach Tante, was
hab' ich Ihnen alles zu sagen! Wirklich? erwiederte diese lchelnd, und wenn
ich dir nun sage, da ich ohnehin schon alles wei? Herr Gott! Sie haben's
gehrt, und folglich die andern alle auch! rief Agathe gewaltig erschrocken.
Das habe ich wohl gedacht, das kommt von der Unbesonnenheit her. Beruhige
Dich, meine besonnene Agathe, erwiederte freundlich die Tante, und streichelte
ihr die glhende Wange, beruhige Dich, denn ich hrte mit den Augen, und die
Kunst versteht nicht jedermann.

Die Gesellschaft hatte sich zu spt versammelt, um nicht auch sehr spt wieder
auseinander zu gehen, daher war fr diesen Abend unter den Mitgliedern der
Kleebornschen Familie an keine vertrauliche Mittheilung ber alles Vorgegangene
zu denken. Doch am folgenden Vormittage suchte der alte Kleeborn die Tante in
ihrem eignen Zimmer auf, was seit dem Tage ihrer Ankunft nicht wieder der Fall
gewesen war, und also auf Ungewhnliches deutete. Frulein Schwester, rief er
noch in der Thre mit einem sehr heitern Gesicht ihr entgegen, Frulein
Schwester, wenns Glck gut ist, und Sie es so meynen wie ich, so haben wir zwei
Brute im Hause, und knnen an einem Tage zwei Hochzeiten ausrichten. So eben
hat der Rittmeister Horst um Agathen bei mir angehalten. Der junge Soldat geht
rasch zu Werke wie Sie sehen, aber dabei auch rechtlich, nach der alten Art, wie
sichs gehrt, und das mu ich loben. Er hat nicht erst, wie ein gewisser Andrer,
den ich nicht nennen mag, und von dem auch hoffentlich nie wieder die Rede seyn
wird, mit dem Mdchen hinter meinem Rcken einen Liebeshandel angesponnen,
sondern geht gleich vor die rechte Thre. Ich liebe freilich das Militair eben
nicht besonders, ich wrde auch Vicktorinen an keine Uniform weggeben, und
steckte selbst ein General darin. Doch mit Agathen ist das ein Anderes, obgleich
das Kind ein hbsches Vermgen besitzt.
    Die Tante erwhnte Agathens groe Jugend.
    Freilich ist das Mdchen noch blut jung, kaum siebzehn Jahr alt, doch jung
gefreit hat keinem gereut, erwiederte Kleeborn. Auch ist der junge Horst
nichts weniger als arm, er ist der Sohn eines wohlhabenden, mir wohl bekannten
Kaufmanns in Stettin, und sein ltester Bruder setzt die Handlung fort; so wre
denn von dieser Seite die Parthie gar nicht ungleich. In seinem Stande kann er
es auch noch einmal hoch genug bringen, denn da er sich brav gehalten, beweist
nicht nur sein eisernes Kreuz, sondern auch sein schnelles Avancement. Ich habe
ihn also in Gottes Namen auf morgen frh wiederbestellt, denn er mu den Abend
wieder fort, und wenn Agathe brigens nicht abgeneigt wre, so dchte ich - doch
thue ich nichts ohne Ihren Rath, denn Sie sind eine ungemein kluge Dame, daher
bitte ich Sie jetzt, mir diesen zu ertheilen, und mir zu sagen, was ich den
jungen Menschen morgen antworten soll.
    Die Tante fand dieses alles zwar ungemein bereilt, um so mehr, da Agathens
knftiges Glck ihr sehr am Herzen lag, denn sie hatte dieses natrliche,
gutmthige Wesen recht mtterlich lieb gewonnen, aber sie sah auch ein, wie
wnschenswerth es sey, die Kleine sobald als mglich von Babets verlockender
Gesellschaft und zugleich aus dem Hause des Oheims zu entfernen, wo sie ohne
alle Aufsicht, mitten im Gerusche eines sehr glnzenden Lebens, tausend
Gefahren ausgesetzt bleiben mute. Dem alten Herrn zu rathen, unternahm sie aber
deshalb doch nicht; denn sie wute wohl, da er wie fast Alle, nur um Rath frug,
um dennoch seiner eigenen Ansicht zu folgen; aber sie versprach, was er
eigentlich nur von ihr gewollt hatte, nehmlich Agathens Herz zu erforschen. Doch
verlangte sie noch zuvor eine Unterredung unter vier Augen mit dem jungen Horst,
die Herr Kleeborn auch einzuleiten suchen wollte. Sie hoffte, in dieser doch den
Mann etwas nher kennen zu lernen, an dessen Hand sie nicht ohne Bangen ein
unverdorbenes liebes Kind dem Ernste des Lebens in so frher Jugend entgegen
gehen sehen konnte.
    Kleeborn brachte das Gesprch jetzt auf den jungen Wimann, und zu Annas
Erstaunen schien seine gestrige Unzufriedenheit mit diesem ber Nacht vllig
verschwunden zu seyn. Freilich ist er nicht ganz so, wie ich es erwartete, und
es wre mir auch recht lieb, wenn manches anders wre, sprach er. Das
frstliche Ansehen, das er sich zu geben sucht, gefllt mir eben so wenig, als
sein ewiges Prahlen mit vornehmen Freunden. Wir sind denn doch auch was wir
sind. Auch kann ich es nicht loben, da er sich gewissermaen schmt, ein
Kaufmann zu heien, und der Aufwand, den er treibt, ist denn doch etwas zu
auffallend. Aber er ist noch jung, und Verstand kommt nicht vor Jahren. Ich war
auch einmal so ein Springinsfeld. Freilich trieb ich es nicht so arg, aber Sie
wissen es selbst, Frulein Schwester, vor dreiig Jahren waren auch andere
Zeiten und andere Sitten, und wenn man Hausvater wird, so legen sich die stolzen
Wellen gewhnlich von selbst.
    Ich mag es nicht verhehlen, erwiederte Anna, der ungemessene Uebermuth
des jungen Mannes hat mich tief emprt. Obendrein scheint er mir vllig
gemthlos, und ich gebe es Ihnen recht ernstlich zu bedenken, ob Vicktorine an
der Seite eines solchen Mannes je hoffen kann, ein frohes Leben zu fhren, und
ob sie je mit ihm die Unflle wird heitern Muths ertragen knnen, die auch dem
Glcklichsten drohen.
    Das giebt sich alles, Frulein Schwester, fiel Kleeborn ein. Was Sie von
seinem Uebermuth erwhnen, gebe ich zu. Sie sehen, ich bin billig, was wahr ist,
lasse ich gelten. Das ist aber Jugendart und vergeht, wenn man lter wird,
besonders bei den Hollndern, denn ein solcher ist er doch, trotz seines
englischen Ritterthums. In Holland frgt man sogar sprichwrtlich von jedem
jungen Manne: hat er geraset oder will er erst rasen? Das wird dort wie die
Kinderblattern angesehen, die auch ein jeder gehabt haben mu, und ein
verstndiger Vater whlt immer lieber Einen, der schon einige tolle Streiche
gemacht hat, als Einen, der von Jugend auf still und vernnftig war; denn bei
letzterem steht zu befrchten, da der Paroxismus in der Ehe nachkommen knnte.
Wimann ist jetzt mitten in demselben begriffen, wir wollen das abwarten. Ich
will darum auch auf keine Weise die Erklrung zwischen ihm und Vicktorinen zu
beschleunigen suchen; mag er sich erst die Hrner noch ein wenig ablaufen. Sie
bleiben einander doch gewi, das lt sich nicht ndern, denn die Parthie ist
fr beide zu vortheilhaft, und wir Vter gaben einander unser Wort darauf, das
noch keiner von uns jemals gebrochen hat.
    In diesem Augenblick trat Vicktorine ins Zimmer, und ihr Vater wandte sich
sogleich an sie. Hre, Vicktorinchen, sprach er, thue mir den Gefallen und
la das Gesichterschneiden, es hilft Dir zu nichts, und Du weit, ich kann es
nicht leiden. Du thust am besten, wenn Du Dich mit guter Art in Dinge fgst, die
sich nicht abndern lassen. Ich frage nicht einmal, ob Wimann Dir gefllt? aber
ich rathe Dir freundschaftlich, ihn Dir gefallen zu lassen, denn er wird Dein
Mann, das ist nun einmal gewi. Wir Vter werden unser Wort nicht brechen, weil
unsere Kinder beide, jedes auf seine Weise, vor der Hand noch ein Paar Narren
sind, die nicht wissen, was sie wollen. Lieber Vater, sing Vicktorine bittend
an; doch dieser lie sie nicht weiter reden.
    Hilft nichts! hilft nichts! rief er, was seyn mu, mu seyn, und Du bist
deshalb doch Wimanns Braut. Indessen braucht das vor der Hand noch Niemand zu
wissen als wir. Daher verlange ich einstweilen auch nur, da Du es blo im
Herzen seyn sollst, ohne den uern Schein davon anzunehmen, der kommt zeitig
genug. Fr jetzt betrage Dich nur freundlich und anstndig gegen Deinen
Brutigam, das kommt Dir hernach in der Ehe zu gut. Uebrigens warte alles in
Gelassenheit ab, gieb Dir weder durch zu groe Freundschaft, noch auf andere
Weise das Ansehen, als ob Du Dir von ihm eine Erklrung vermuthetest, denn das
schickt sich nicht fr eine Tochter von mir. Die Erklrung wird nicht
ausbleiben, das versichre ich Dir. Nun, bis auf einen Punkt, der hoffentlich
jetzt auf ewig vergessen seyn soll, bin ich ja immer mit Dir zufrieden gewesen,
Du hast Dich ja stets so betragen, da ich Ehre und Freude davon hatte, Du wirst
auch jetzt Deinen alten Vater nicht krnken wollen; ich habe ja sonst nichts in
der Welt, das mir recht am Herzen lge als Dich. Glaube mir, mein Kind, ich bin
nur auf Dein Glck bedacht und Du wirst es mir gewi noch einmal danken, wenn Du
dies jetzt auch noch nicht einsiehst. Die Jugend ist blind, aber wir Alten sind
dafr da, um sie zum Besten zu leiten. Und nicht wahr, Du wirst nicht ferner
widerstreben? Meine gute dankbare Vicktorine wird mir auf meine alten Tage dafr
Freude machen wollen, da ich in meinen jungen Tagen stets nur fr sie arbeitete
und sorgte? Der pltzlich ganz ungewhnlich weich gewordne Alte streichelte bei
diesen Worten Vicktorinens erbleichende Wange, und verlie dann in sichtbarer
Bewegung das Zimmer, whrend Vicktorine in Thrnen ausbrach.
    Tante! rief sie, gtige liebe Tante, dieses ist hrter als alles! Ich
kann, ich kann in der Treue nie wanken noch weichen, aber wie soll ich fest
bleiben, wenn mein Vater so zu mir spricht! Wohin ich auch blicken mag, ich sehe
nur meinen Untergang.
    Raimund erliegt vielleicht in diesem Augenblick dem Kampf mit dem wilden
Elemente, auf dem er schwebt, um einem Lande entgegen zu eilen, in welchem der
Tod, in Blumenduft verhllt, ihn erwartet! einem Lande, wo Tausende vor ihm
schon beim ersten Schritte Vernichtung einathmeten! Doch bewahrt ihn auch sein
Engel mitten in allen Gefahren und fhrt ihn sicher in die Heimath zurck, mich
findet er nicht mehr, dies sagt mir ein Gefhl, dem ich umsonst zu widerstreben
versuche.
    Vicktorine, wie bist Du pltzlich so muthlos, und gerade jetzt, wo alles
sich vereint, um Deinem Hoffen neues Leben zu gewhren? sprach Tante Anna.
    Ach liebe, liebe Tante, erwiederte Vicktorine, meine Kraft ist erschpft,
und mir wre wahrlich am besten, wenn ich zur Ruhe ging, wo aller Kampf ein Ende
hat. So lange mein Vater mich hart und streng seinem Willen beugen wollte, so
lange hatte ich den Muth, ihm zu widerstehen und der Stimme meines Herzens zu
folgen, die hier laut ber Recht und Unrecht entscheidet. Und warlich, seit ich
den herzlosen, kindisch eitlen, eingebildeten Thoren sah, dem ich bestimmt bin,
seitdem fhle ich noch tiefer als zuvor, da ich sogar um meines Vaters willen
hier nicht nachgeben darf; ich drfte es nicht, selbst wenn ich Raimund nie
zuvor erblickt htte, denn mein Vater mte ja seine grauen Haare in Kummer und
Reue dereinst zu Grabe tragen, wenn er spterhin das unausbleibliche Elend mit
ansh', das er jetzt, freilich in der besten Absicht, seinem Kinde an der Seite
dieses Mannes bereiten mchte. Tante, ich flehe Sie an, reizen Sie den Vater
wieder zum Zorne gegen mich auf, so entsetzlich mir dieser auch einst erschien,
er allein hat mich aufrecht erhalten, das fhle ich jetzt. Dem gtigen, dem
bittenden Vater kann ich nur mit verschlossener, auf ewig verstummter Lippe
widerstreben.
    Anna fhlte unaussprechliches Mitleid fr die arme Vicktorine, deren
gegenwrtige Stimmung ihr bei diesem Charakter sehr begreiflich war. Sie wandte
alles an, um die Klagende wieder zu beruhigen. Glaube mir, sprach sie, Dein
Zustand ist nicht halb so hoffnungslos, als er es in Deiner jezzigen trben
Stimmung Dir erscheint. Halte Dich nur aufrecht, und erschpfe nicht Deine Kraft
in nutzloser Klage und ungestmer Heftigkeit. Der letzte Befehl Deines Vaters
stellt es Dir ja frei, die zu erwartende Erklrung des Dir bestimmten Brutigams
durch kluges Benehmen so lange als mglich zu verzgern, denn Dein Vater selbst
wnscht nicht sie fr jetzt zu beschleunigen. Du kannst es, ohne dabei im
mindesten den uern Anstand gegen Sir Charles zu verletzen, wenn Du nur klug
und vorsichtig zu Werke gehst, und ich wette, da der Eigendnkel des
wunderlichen Menschen Dir die Rolle, die Du zu spielen hast, noch obendrein sehr
erleichtern wird. Mich hat lange nichts so herzlich gefreut als seine
abgeschmackte Erscheinung, die so ganz das Widerspiel von dem ist, was Dein
Vater erwartete. Ich will Dein Hoffen von der Zukunft nicht zu hoch steigern,
ich will fr jetzt Dich nur darauf aufmerksam machen, da Du Zeit gewonnen hast,
und da es nur von Dir abhngen wird, diese mit Verstand zu benutzen. La Dich
von ihrem Strome treiben, mein Kind, er fhrt Dich sicher zum Hafen.
    Zum Hafen! zum Hafen der ewigen Ruhe! rief Vicktorine mit berstrmenden
Augen.
    Dort landen wir einst Alle! erwiederte die Tante und trocknete ihr
liebkosend die Thrnen ab. Dort landen wir einst Alle, aber bis dahin, meine
Vicktorine, sollen wir dem Beispiele des erfahrnen Schiffers folgen, der beim
Wthen des Sturmes nicht klagend den tobenden Abgrund anstarrt, der ihn zu
verschlingen droht, sondern mit frommem Muth und weiser Thtigkeit sich an das
Steuerruder stellt, jeden gnstigen Umstand mit Klugheit benutzt, um sich durch
Klippen und Brandung zu winden, und so zuletzt dennoch die Fahrt glcklich
beendet. Darum bitte ich Dich, meine Vicktorine, grble nicht ber das, was Du
dein Unglck nennst, wende lieber den Blick davon ab, denn es wchst vor unsern
Augen bengstigend zur Riesengestalt an, je lnger wir es betrachten.
    Ich wei es wohl, setzte die Tante lchelnd hinzu, als Vicktorine durch
ihr mildes Zureden wieder ruhiger ward, ich wei es wohl, so lange wir jung
sind, lieben wir alle den Schmerz und geben uns gern mit einer Art von Wollust
ihm hin. Aber das sollten wir nicht, denn er gewinnt dadurch die Macht, seine
jede Lebenskraft lhmende Gewalt an uns zu ben. Ihr aber, weit davon entfernt,
ihm widerstehen zu wollen, Ihr habt ja nicht einmal an der groen oder kleinen
Plage genug, die ohnehin jeder Tag mit sich bringt, sondern Ihr bewahrt Euch
sogar das Andenken alter verjhrter Schmerzen haushlterisch auf, um es zu
bestimmten Zeiten wieder hervorzuholen, und Euch an solch' ein marinirtes
Unglck zu halten, wenn eben kein frisches vorhanden ist.
    Der wunderliche Vergleich zwang Vicktorinen, ohnerachtet ihrer nassen Augen,
ein Lcheln ab, doch wandte sie nichts dagegen ein, und die Tante fuhr fort zu
reden. Wenn wir lter werden, sprach sie, geben wir gewhnlich dieses
gefhrliche Spiel mit unserm innern Frieden von selbst auf. Darum aber sind wir
Alten auch heut zu Tage gewhnlich weit heiterer als unsere jungen Tchter. Wir
ertragen Schmerz und Verlust mit einer ruhigen Ergebung, welche die Jugend sich
gewhnt hat als eine durch die Jahre herbeigefhrte Stumpfheit des Gefhles zu
verschmhen. Doch auch hierin pflegt sie oft zu irren. Was Ihr an uns
Gefhllosigkeit scheltet, ist meistens die Frucht gereifter Erfahrung. Diese
lehrt uns glauben und hoffen, da wir alle nur verlieren, um Hheres zu
gewinnen, und da jedes, auch das bitterste Scheiden, auf Wiederfinden deutet,
sey es nun hier oder dort.

Vicktorine und die Tante wurden bald darauf in das Wohnzimmer abgerufen, wo Sir
Charles den Damen einen Morgenbesuch abzustatten wnschte; und so wenig sie auch
in diesem Augenblicke zur Frhlichkeit gestimmt seyn mochten, so konnten sie
sich dennoch kaum enthalten, laut auf zu lachen, als sie die wunderliche Gruppe
erblickten, die sie dort vorfanden.
    Mit einem vllig nichtssagenden Gesicht, wie zwischen Schlafen und Wachen,
sa, oder lag vielmehr Sir Charles in einem Armstuhle nachlssig hingestreckt;
neben ihm aufrecht sitzend sein groer Hund, dem er mit der rechten Hand die
Ohren kraute, und auf seiner linken Schulter sa Koko, der Affe. Dazu hatte er
einen hellblauen leinenen Kittel an, zwar von etwas feinerem Stoffe, doch
brigens ganz so, wie ihn die franzsischen Bauern oder auch die brabanter
Fuhrleute tragen. Damals versuchten erst wenige tonangebende Elegants in Paris
diese Mode als Morgenneglige der Herren aufzubringen, aber bis nach Deutschland
war sie bis dahin noch nicht durchgedrungen, und mute daher doppelt auffallend
erscheinen. Domingo, der Negerknabe, stand auf das Schnste geputzt in einem
feuerfarbnen Gewande, das mit seinem schwarzen Gesicht den seltsamsten Kontrast
bildete, in ehrerbietigster Stellung an der Thre, und hielt eine lange Kette
von fein polirtem glnzenden Stahl, deren anderes Ende an Kokos Halsband
befestigt war.
    Dicht vor Sir Charles stand Babet und reichte mit gezierter Aengstlichkeit
dem Affen einzelne in Papier gewickelte Bonbons, die dieser unter tausend
Grimassen verzehrte, und jedesmal der Geberin, zum Dank dafr, das Papier an den
Kopf warf, worber diese, laut kichernd, sich halb tod lachen zu mssen
versicherte. Sir Charles sah dem kindischen Spiel mit ungemeiner Leutseligkeit
gelassen zu, doch nicht so Herr Kleeborn. Dieser stand mit dem Rcken an das
Fenster gelehnt und blickte mit einem sehr finstern Gesicht, auf welchem rger
und Hflichkeit sichtbar miteinander im Kampfe lagen, auf das seltsame Trio,
whrend die neben ihm sitzende Agathe, ganz verschchtert und kleinlaut, es kaum
wagen mochte, die Augen von ihrer Arbeit aufzuschlagen. Man sah deutlich, sie
hatte etwas auf dem Herzen, das sie verhinderte, Babets und Kokos lustigem
Treiben die Theilnahme zu schenken, die sie in einer andern Stimmung gewi nicht
ermangelt htte, dabei zu bezeigen.
    Verzeihung, sprach Sir Charles, indem er die Tante und Vicktorinen
hereintreten sah, und sich langsam von seinem Armstuhl erhob, Verzeihung meine
Damen, da ich es wagte diese meine Reisegefhrten hier einzufhren, aber
Frulein Babet uerte gestern den lebhaften Wunsch, deren nhere Bekanntschaft
zu machen. Ach und Koko ist so allerliebst! rief Babet dazwischen, und
versuchte es, den noch immer auf der Schulter seines Herrn sitzenden Affen zu
streicheln. Doch dieser war eben nicht aufgelegt, Spa zu verstehen, er wies ihr
Ngel und Zhne, und stie dabei ein so unangenehmes gellendes Geschrei aus, da
Babet sehr erschrocken zurckfuhr.
    Fi-donc, Koko, lallte lchelnd Sir Charles mit groer Gelassenheit.
Domingo, bringe den unartigen Kleinen nach Hause. Doch der Kleine hatte noch
keine Lust hiezu, er bi um sich, zerraufte seinem Herrn die Haare und sprang
zuletzt auf Kleeborn los, so schnell, da Domingo kaum Zeit gewann, ihn von
diesem abzuhalten, indem er die Kette krzer fate. Der arme Neger hatte
wirklich viel Mhe, sich des aufgebrachten Thieres zu bemchtigen, und mute es
sich gefallen lassen, tchtig zerkratzt zu werden, whrend er es in einem sehr
zierlichen Pelzmantel von blauem Sammet einwickelte, um es darin ber die Strae
zu tragen. Der groe Hund folgte auf Sir Charles Wink ihm von selbst aus dem
Zimmer, und dieser sank nun, als wre er von der kleinen Anstrengung hchst
ermdet, in seine vorige bequeme Stellung zurck. Solche wilde Bestien! rief
jetzt Herr Kleeborn, sehr erfreut, dem so lange mhsam verhaltenen Aerger
endlich Luft machen zu knnen, solche wilde Bestien! den Hals sollte man ihnen
umdrehen. Was fr Freude kann man davon haben, sie um sich zu dulden! Hunde la
ich allenfalls noch gelten, Pferde auch, denn die sind doch ntzlich, aber wilde
Thiere aus den afrikanischen Wldern -
    Ach, die Welt ist so zahm! fiel Sir Charles ihm sehr gelassen ein; das
Leben ist so einschlfernd! setzte er mit gedehntem, halb ghnenden Tone hinzu,
wahrhaftig, ohne meinen kleinen Freund aus den afrikanischen Wldern, wie Sie
ihn nennen, wte ich kaum, wie ich es ertragen sollte. Was man sieht, was man
hrt, was man geniet, hat man schon so viele Tausendmal gehrt, gesehen und
genossen! Koko ist noch der Einzige unter allen meinen Bekannten, der mich
zuweilen durch seine Genialitt berrascht; denn er thut gewhnlich, was ich
nicht will, oder wenigstens doch nicht von ihm erwarte. Mungo, mein Hund, ist
schon ein halber Mensch und daher viel langweiliger; er ist ehrlich,
niedertrchtig, und nach seiner Art auch hflich; ich dulde ihn nur wegen seiner
Anhnglichkeit und weil ich mich nicht damit bemhen mag, ihn wegzugeben. Ich
wollte, er wrde mir einmal gestohlen, aber er kme doch wieder.
    Die Tante sah deutlich, wie Kleeborn durch dieses Geschwtz immer
verdrlicher gemacht wurde, und um dem Gesprch eine andere Wendung zu geben,
suchte sie es auf des jungen Mannes Reisen, besonders in Frankreich und Italien
zu leiten. Dieser, von ihr dazu aufgemuntert, begann jetzt zu erzhlen, und zwar
nicht ohne Geist, aber er ghnte dabei oft durch die Nase, machte lange Pausen,
verlor den Faden, so da er nicht mehr wute, wovon er zuletzt gesprochen hatte
und betrug sich vollkommen wie einer, der nur spricht, um nicht vollends
einzuschlafen. Alles Sehenswerthe, alles bedeutend Merkwrdige hatte er in den
Lndern gesehen, die er durchreist war. Nichts war ihm entgangen, aber auch
nichts hatte seine Erwartung befriedigt, am wenigsten das, was alle andere
Reisende mit Bewunderung erfllte. Dabei sprach er viel von antiken und anderen
Kunstwerken, die er in Italien an sich gekauft hatte; vieles, das den Transport
nicht gar zu sehr erschwerte, versicherte er mit sich zu fhren, und erbat sich
zugleich die Erlaubni, es den Damen gelegentlich zeigen zu drfen.
    Es wird mir einigermaen selbst lieb seyn, alle diese Dinge einmal wieder
zu sehen, denn seit ich sie acquirirte, habe ich mich nicht wieder darum
bekmmert, sprach er; mein Secretair hat sie unter seiner Aufsicht. Mich
interessirten sie nur, so lange ich sie nicht besa, wegen der Freude, sie
andern wegkaufen zu knnen, die ebenfalls nach ihrem Besitze strebten. Ich
betrachte das wie eine Art von Entschdigung fr die Freuden der Jagd, die ich
in jenem Lande entbehren mute und die langnasigen rmischen Cicerones kamen mir
dabei wie treffliche Sprhunde vor. brigens mgen diese Herren mich wohl
mitunter ziemlich ruchlos betrogen haben, aber ich scheute die Mhe dieses zu
merken, und lie sie lieber machen was sie wollten. Im Grunde ist es doch ein
thrigtes Beginnen, sein schnes Geld fr altes rostiges Eisenwerk und
zerbrochenen Marmor wegzugeben, doch was thut man nicht aus Langeweile! und die
athmet man in Italien, besonders in Rom, mit der Luft ein.
    Das Gesprch wandte sich zuflligerweise auf Manufakturen und ihre
Erzeugnisse. Sir Charles gab auch hier, wie berall, seinem angeblichen
Vaterlande, England, den Vorzug, aber er wute doch auch ber manches von dieser
Art, was er in andern Lndern gesehen, ziemlich bestimmte Auskunft zu geben und
beantwortete einige Fragen des alten Kleeborn zu dessen groer Zufriedenheit, so
da dieser allmhlig wieder vllig mit ihm ausgeshnt schien, und die
afrikanischen Thiere darber verga. Unter andern rhmte er die
Korallenschleiferei in Marseille, und zog dabei ein Schmuckkstchen unter seinem
Kittel hervor, welches er als Beweis der hohen Vollkommenheit ihrer Produkte
Vicktorinen berreichte, die bis jetzt an dem Gesprch nur schweigenden Antheil
genommen hatte. Es enthielt einen sehr vollstndigen Damenschmuck von ausgesucht
schnen geschliffenen Korallen, dessen grter Werth aber in der auerordentlich
eleganten Fassung derselben bestand.
    Vicktorine und die Tante betrachteten und lobten den schimmernden Putz mehr
aus Hflichkeit, als aus wirklichem Wohlgefallen daran, doch Babet, die sich
gleich sehr geschftig herbeidrngte, wurde nicht mde, jedes einzelne Stck
desselben berlaut bis in die Wolken zu erheben. Der herrliche Kamm! rief sie,
ach und das ganz einzige allerliebste Jeannetten-Kreuz! und nun vollends die
kstlichen Ohrringe! Nein, darber geht doch nichts in der Welt! Sie trieb
dieses so lange und so laut, bis Vicktorine sich ihrer schmte und alles wieder
in das Kstchen hineinpackte.
    Sir Charles ergriff gerade diesen Moment, um aufzustehen und Vicktorine, da
sie ihn im Begriffe sah sich fortzubewegen, bat ihn, seinen Schmuck nicht zu
vergessen. Meinen Schmuck? fragte er mit dem unbefangensten Gesichte von der
Welt, und da sie ihm das jetzt wieder geordnete Kstchen hinreichte, ging er so
weit, zu behaupten, es sey nicht das seine, sondern Vicktorinens.
    Nun, in der That, erwiederte Vicktorine mit etwas spttischem Lcheln,
Sie sind fr einen so jungen Herrn entweder sehr zerstreut, oder Sie verstehen
die schwere Kunst aus dem Grunde, mit einem sehr ernsthaftem Gesicht zu
scherzen, indem Sie sich stellen, als ob Sie Ihr Eigenthum nicht anerkennen
wollten. -
    Ich versichre Sie mein Frulein - fing Sir Charles an, doch Vicktorine
unterbrach ihn.
    Ich bitte, sprach sie sehr stolz, sehr ernst, aber zugleich auch sehr
hflich, ich bitte Sie, geben Sie sich nicht weiter Mhe, das kleine Versehen
zu entschuldigen; ich bin ohnehin vollkommen berzeugt, da Sie nur zerstreut
waren, denn es kann mir doch unmglich in den Sinn kommen, da Sie fhig wren,
in diesem Hause, auf diese Art Scherz treiben zu wollen, und noch weniger, da
es Ihnen einfallen knnte, einem Mdchen wie ich bin, ein Geschenk anzubieten.
    Sir Charles nahm jetzt anscheinend gleichgltig sein Kstchen zurck, doch
innerlich kochte der Zorn, den Vicktorinens stolzes Benehmen in ihm aufregte.
    Vater, ich berufe mich auf Sie selbst, konnte ich anders? ich, Ihre
Tochter? sprach Vicktorine, sobald Sir Charles zur Thre hinaus war, und ehe
noch Kleeborn das zornige Wort aussprechen konnte, das auf seinen Lippen
schwebte.
    Der Alte mochte auf diese Frage nicht gefat seyn, die ihn an die
Verhaltungsregeln erinnerte, welche er selbst Vicktorinen eben gegeben, und
wute daher nicht gleich, was er ihr antworten solle; er schttelte daher nur
den Kopf und begab sich fort, ohne eine Silbe zu erwiedern; aber zufrieden war
er weder mit Vicktorinen, noch mit Sir Charles.

Sir Charles lief indessen, gleich einem Wthenden, in seinem eignen Zimmer auf
und ab, und zwar weit schneller, als man es ihm zutrauen konnte, wenn man ihm
nur im gewhnlichen Leben sah. Die stolze Thrin! rief er aus, geberdet sie
sich nicht, als wre sie Knigin von Spanien, und es thte Noth, da man auf den
Knien zu ihr heranrutschte? Wre sie nur nicht Kleeborns Tochter! Der
Kammerdiener Marcellin, sein Vertrauter, versuchte es zwar, seinen Herrn zu
besnftigen, doch lange umsonst. Endlich gab er ihm zu bedenken, ob es denn zur
Abwechselung so bel wre, auch einmal eine Sprde zur Vernunft zu bringen,
besonders wenn man sie zu heurathen denke, und Sir Charles, der indessen
ausgetobt hatte, fing an, seinen Grnden Gehr zu geben.
    Freilich, erwiederte er, es liegt etwas pikantes in ihrem Benehmen und
berdem ist sie wunderschn, und der Hochmuth steht ihr nicht bel, das mu ich
ihr lassen. Nun, wir wollen unser Heil versuchen, es wre schade, wenn die
Weisheit unsrer Papas bei dieser Gelegenheit zur Thorheit wrde; die alten
Knaben haben diesmal zu klug speculirt. Es sey! Diese Donna Diana verlangt einen
Don Cesar, wie ich merke. Va! sie soll ihn in mir finden. Wir wollen sehen, ob
das Trotzkpfchen sich nicht bndigen lt.
    Um diesen Plan sogleich zur Ausfhrung zu bringen, ging er noch am nmlichen
Abende um die Theezeit in das Kleebornsche Haus hinber und betrug sich gegen
Vicktorinen und gegen Alle, als wre gar nichts vorgefallen, das ihm unangenehm
berhrt htte. Er war sogar ungewhnlich aufmerksam und gesprchig, besonders
gegen Babet, und suchte auf eine recht angenehme Art zur Unterhaltung des
zahlreichen Kreises junger Mdchen beizutragen, welche als Babets und Agathens
Freundinnen sich dort versammelt hatten, eigentlich wohl nur, um den Fremden zu
sehen, dessen seltsames Wesen schon anfing, Aufsehen zu erregen.
    Der Abend neigte sich bereits zum Ende, als Sir Charles noch eine neue Art
von Lottospiel in Vorschlag brachte, welchem die Tante sich nicht wohl
entgegensetzen konnte, indem alle brigen, auer Vicktorinen, ihm mit lauter
Freude ihren Beifall schenkten. Um nicht wunderlich zu erscheinen, mute sie es
daher geschehen lassen, da Domingo einen groen Korb voll jener unbedeutenden,
bunt bemalten Spielereien herbeibrachte, die jedermann unter dem Namen von
Attrappen kennt, welche bei Weihnachts-oder Geburtstags-Geschenken sehr oft zur
Verhllung irgend einer artigen Kleinigkeit dienen mssen.
    Das Spiel ging vor sich, Sir Charles wute es mit groer Feinheit zu leiten,
und benahm sich sehr artig dabei; am Ende hatte jede der Anwesenden ein
Krbchen, eine Frucht, ein Vogelnest, oder eine hnliche, aus Pappe gebildete
zierliche Kleinigkeit gewonnen, deren Inhalt warscheinlich bedeutender war, als
ihre Aussenseite. Doch da die Tante und Vicktorine ihren Gewinnst weglegten,
ohne ihn nher zu untersuchen, so folgten auch die Uebrigen diesem Beispiel,
weil sie meynten, es schickte sich nicht anders. Nur Babet konnte ihre Neubegier
nicht zhmen, und versuchte es, den groen Ananas, der ihr zu Theil worden war,
ein klein wenig zu ffnen, ein fast unsichtbarer Wink von Seiten des Sir
Charles, der ihr bei ihrer steten Aufmerksamkeit auf diesen nicht entgehen
konnte, bewog sie indessen, sogleich wieder davon abzustehen.
    Der ganze Korallenschmuck nebst einer betrchtlichen Anzahl hnlicher zum
Theil kostbarer Kleinigkeiten war auf diese Weise ganz unmerklich in der
Gesellschaft vertheilt worden; nur Vicktorine fand das Kstchen so sie gewonnen
mit Bonbons gefllt, was sie als einen Vorzug betrachtete, obgleich Sir Charles
sie dadurch zu krnken gemeint hatte; der Tante aber war eine kleine, von einem
italienischen Knstler sehr brav in Wasserfarben gemalte Ansicht des Vesuvs
zugetheilt, mit der sie ebenfalls vollkommen zufrieden war, und dabei bemerkte,
da Sir Charles es sehr wohl verstnde, die Linie des Schicklichen nicht zu
verletzen, sobald er sich nur die Mhe geben wollte, sie zu bercksichtigen.
    Doch nichts glich Babets strmischem Entzcken, als sie Abends in ihrem
Zimmer nicht nur den Kamm, sondern auch die Ohrringe und sogar auch das
Kreuzchen, die sie am Morgen so sehnschtig betrachtet hatte, in ihrer Ananas
fand. Sie schrie vor Freuden laut auf, und hohlte dann sogleich alle Lichter
herbei, deren sie habhaft werden konnte, um sich im Spiegel, mit diesen
Herrlichkeiten geschmckt, von allen Seiten und nach allen Richtungen hin zu
bewundern. Sie erzhlte dabei so ausfhrlich und mit so groem Triumph, wie
geschickt Sir Charles es angefangen habe, um ihr absichtlich diesen gewi
grten Gewinnst in die Hnde zu spielen, da Agathe sie zuletzt bitten mute,
doch endlich einmal davon aufzuhren.
    Ich habe ganz andere wichtigere Dinge zu berlegen, seufzte die Kleine,
und sttzte dabei sehr nachdenklich das sorgenschwere Lockenkpfchen auf die
runde weie Hand; ich mag nicht einmal nachsehen was in dem Spargelbunde
steckt, das ich gewonnen habe, da liegt es noch unberhrt, denn ach! Babet,
denke Dir um Gotteswillen, morgen um diese Zeit soll ich schon eine Braut seyn!
    Du? fragte Babet voller Erstaunen, Du schlfst wohl schon und sprichst
halb im Traum?
    Ach nein, bewahre, erwiederte Agathe, ich denke nicht an Schlafen. Stell'
Dir nur vor, Horst hat heute frh beim Onkel ordentlich um mich angehalten, er
hat es mir gestern ber Tische schon gesagt, da er es wollte, und er hat auch
dem Onkel recht wohl gefallen. Hernach ist er wohl anderthalb Stunden lang mit
der Tante allein in ihrem Zimmer geblieben, und er hat auch ihr recht wohl
gefallen, besonders, sagt sie, wegen seines ehrlichen und aufrichtigen Wesens,
und weil er mich so lieb hat. Nun und hernach hat die Tante auch mich ins Verhr
genommen, und dabei ging es scharf her, das kannst Du nur glauben, nun und
hernach - ach Gott! rief sie halbweinend, und hernach soll ich morgen frh das
Jawort geben; der Onkel will es nicht anders, und der Schwarze will auch nicht
lnger warten, und ich habe noch in meinem Leben keinen Menschen ein Jawort
gegeben, und ich wei gar nicht wie ich das anfangen werde. Ach wre morgen doch
erst vorber; ich ngstige mich so, Du kannst es gar nicht glauben!
    Hre, erwiederte Babet mit einem sehr altklugen Gesicht, wre ich wie Du,
und frchtete ich mich so, ich gbe das Jawort nicht und liee ihn ohne solches
abziehen. Solch' eine frmliche Heurathsgeschichte knnte mir nun gar nicht
gefallen. Das ist ja wie, als der Grovater die Gromutter nahm. Es ist viel
hbscher, wenn die Leute sagen, die ist noch so jung, und hat doch schon einem
Rittmeister den Korb gegeben, denn bekannt mu so etwas doch werden -
    Das wre doch recht schlecht von mir, fiel Agathe ein, und ich mte mich
doch schmen, wenn ich ihn dafr, da er mich lieb hat, ins Gerede bringen
wollte. Und dann, Du weist es ja, mir hat der Schwarze schon lange viel besser
als alle Andere gefallen. Wenn ich nur das Jawort nicht geben mte! Nun, der
liebe Gott wird mir helfen, und der Mensch kann viel berstehen.
    Meinetwegen thu' was Du willst, erwiederte jetzt Babet, etwas pikirt, und
denke nur nicht etwa, da ich mich rgre, weil Du eher Braut wirst als ich,
obgleich ich dreizehn und einen halben Monat lter bin als Du. Glck zu, Frau
Rittmeisterin, ich denke hher hinaus, und wer wei, ob ich Dich dennoch nicht
einhole. Man kann zwar nicht im Voraus so genau bestimmen, wie alle Dinge kommen
werden, aber ich wei was ich wei, und gieb nur Acht, es wird sich noch alles
ganz anders machen, als die Leute es sich jetzt denken.

Dem mit altreichsstdtischer Frmlichkeit in Gegenwart des Onkels und der Tante
ausgesprochnen Jawort, mit welchem am folgenden Morgen Agathe unter gewaltigem
Herzklopfen den Rittmeister beglckte, folgte bald die feierliche Verlobung des
jungen Paares, und Agathe ward die allerreizendste kleine Braut, die man sich
denken kann. Anfangs war sie freilich noch sehr schchtern und ngstlich, sie
kam sogar ganz von selbst auf den Gedanken, da sie den Mann doch eigentlich
sehr wenig kenne, mit dem sie ihr ganzes Leben hindurch Freude und Leid theilen
wollte. Doch Horsts treue herzliche Liebe gab ihr bald die jugendliche
Frhlichkeit wieder, die ihr zuerst das Herz des junges Kriegers gewonnen hatte.
Der ihr angeborne Muthwille kam wieder auf, und sie verstand es in kurzer Zeit
vortrefflich, ihren Rittmeister, der sich dies mit tausend Freuden gefallen
lie, auf gut militrisch zu kommandiren. Nebenher trieb sie den ganzen Tag ber
ihre gewohnten Kinderpossen, obgleich sie auch wieder dazwischen die zahlreichen
Gratulationsvisiten von Freunden und Verwandten mit unendlicher Gravitt
anzunehmen wute. Das ganze Kleebornsche Haus erhielt durch sie einen Anstrich
von heiterer Frhlichkeit, die sonst nicht immer darin einheimisch gewesen war,
aber die Nhe einer jungen glcklichen Braut besitzt eine eigne, alles belebende
Kraft, und selbst die Aeltesten fhlen sich in ihr gleichsam verjngt; sie
gleicht dem Frhlinge, bei dessen ersten Erscheinen sogar die alte halb
abgestorbne Eiche mit jugendlichem Grn sich kleidet und sich ihren Sprlingen
gleichstellt.
    Von nun an wandte die Tante alle Liebe und Sorge, deren sie in so hohem
Grade fhig war, der jungen Braut in verdoppeltem Maae zu, indem sie in dieser
bei tausend Anlssen, welche ihr neues Verhltni herbeifhrte, ein hchst
glckliches Naturell entdeckte, das nur geringer Nachhlfe und einer Leitung
bedurfte, um sich schnell recht erfreulich zu entwickeln. Horst war in seinen
Anforderungen an die knftige Gefhrtin seines Lebens sehr mig; er selbst
machte bei einem gesunden hellen Verstande dennoch nur wenig Ansprche an hhere
geistige Bildung, und forderte deshalb auch nichts weiter von seiner jungen
Braut, als ein treues liebendes Gemth, heitern Sinn und nie wankendes
Vertrauen. Dieses alles fand er in ihr, er war der Mann dazu, es sich zu
erhalten, und so schien denn die glckliche Zukunft des neuverlobten Paares sich
mit jedem, Tage fester zu stellen.
    In dem alten Kleeborn war indessen die Lust an dem ehemaligen Glanz seines
gastfreien Hauses von neuem erwacht, und die weiten Sle desselben muten von
neuem fast tglich von rauschenden Festen widerhallen, denen das junge Brautpaar
zum Vorwande diente, obgleich es dabei eigentlich darauf abgesehen war,
Vicktorinen und Sir Charles einander nher zu bringen.
    Horsts einfacher Sinn htte ihn dem allen zwar gern aus dem Wege gefhrt,
doch da man ihn jetzt schon als einen nahen Verwandten betrachten konnte, so
entdeckte ihm Herr Kleeborn das Verhltni, in welchem seiner Meynung nach jene
Beiden zu einander standen, und er war dafr gefllig genug, sich einstweilen
eine Lebensweise gefallen zu lassen, die ihm eigentlich wenig zusagte. Zum Glck
gewann er dabei seine Agathe nur um so lieber, da er sah, wie sie mitten im
glnzendsten Gewhle dennoch mit ganzer Seele nur an ihn hing, und sobald sich
die Gelegenheit dazu bot, fr eine einsame Stunde an seiner Seite gern andern
Freuden entsagte.
    In diesem nur selten unterbrochenen Taumel des Vergngens verging der grte
Theil des Winters und der Frhling nahte bereits, ohne da sich Kleeborn dennoch
durch alle seine kostbaren Anstalten der Vollendung seiner Wnsche nur um einen
Schritt nher gebracht sah. Obendrein ward mit der Zeit die halbe Stadt in seine
Plne eingeweiht, so gern er diese noch eine Weile verborgen gehalten htte, und
es fehlte nicht an Anspielung darauf, die er freilich nur schweigend, hchstens
durch ein schlaues Lcheln beantwortete, die ihm aber doch eigentlich sehr
unangenehm waren.
    In bedeutenden Handelsstdten wird freilich das Leben etwas liberaler
betrieben, als selbst in mancher groen Residenz, denn in letzterer sind
gewhnlich die Stnde viel strenger von einander gesondert, und die groe Stadt
zerfllt dadurch in unzhlige kleine. In groen Handelsstdten hingegen, wo Alle
einander mehr oder weniger gleich stehen, und nur der grere oder geringere
Reichthum der Familien einigen Unterschied bildet, ist dieses weit weniger der
Fall, besonders wenn sie zugleich Seestdte sind. Selbst das ganz vom
Gewhnlichen Abweichende fllt dort schon darum weit weniger auf, weil die aus
allen Ecken der Welt zustrmenden Fremden den Augenpunkt der Bewohner einer
solchen Stadt erweitern und das Fremdartige ihnen dadurch zum Bekannten wird,
weil es beinahe tglich vorkommt. Da es indessen aber wohl keinen Ort in der
Welt giebt, aus welchem die Lust, ber Andere zu reden, vllig verbannt wre, so
machte auch Vicktorinens Geburtsstadt von dieser Regel keine Ausnahme, und man
mu gestehen, da Sir Charles ihren Bewohnern berreichen Stoff zur Unterhaltung
freiwillig lieferte.
    Sein langer Aufenthalt im theuersten Gasthofe, in welchem er mit seiner
zahlreichen Dienerschaft frstlichen Aufwand trieb, konnte schon an und fr sich
unmglich ganz unbemerkt bleiben; er wandte aber auch berdem geflissentlich
alle Mittel an, die ihm zu Gebote standen, um die allgemeine Aufmerksamkeit
tglich von neuem auf sich zu richten, nicht nur durch seine und seiner
Dienerschaft auffallende Kleidung, sondern auch durch sein ganzes briges
Betragen.
    Bald stellte er mit seinen schnen Pferden ein ffentliches Wettrennen nach
englischer Art an, welches die halbe Stadt herbeizog; bald regierte er als ein
chter Pferdebndiger, mit eigener Hand, und auch im uern einem Kutscher
hnlich gekleidet, seine vier muthigen Rosse vom Kutschbock aus, und fuhr so
seinen im Wagen sitzenden Kammerdiener auf den besuchtesten Promenaden
spazieren. Ein Paar Mal lie sogar Babet sich von ihm auf diese Weise im Triumph
herumfahren, und neben ihr sa denn in Todesangst mit kaum zu unterdrckendem
Angstgeschrei die arme alte Virnot. Denn Vicktorine weigerte sich, unter dem
Vorwande unberwindlicher Furcht, Babet auf solchen Fahrten zu begleiten, und
ihr Vater, dem bei dem wilden Treiben selbst nicht wohl zu Muthe war, mochte sie
nicht zwingen, diese Furcht zu besiegen. Ein andermal lud Sir Charles alle Welt
zu einem Tanz-Frhstck ein, das um drei Uhr Nachmittags anfing und gegen
Mitternacht endete, oder gab um acht Uhr Abends ein groes Mittagsessen, zu
welchem die seltensten Leckerbissen aus fernen Landen verschrieben und alle
Treibhuser mehrere Meilen in der Runde geplndert werden muten, um den
Speisesaal mitten im Winter zu einem blhenden Frhlingsgarten umzuschaffen. So
brachte fast jeder Tag etwas Neues und bot zur Unterhaltung auf Kosten des
Fremden frischen Stoff dar. Am wenigsten war man aber geneigt, ihm sein Benehmen
in der Gesellschaft zu verzeihen. Die Trgheit und Gleichgltigkeit, die er so
gern zur Schau trug, die anscheinend geflissentliche Verletzung der
allergewhnlichsten Regeln der Hflichkeit, die er sich gelegentlich zu Schulden
kommen lie, machten ihn durchaus nicht beliebt, oft aber zum Gegenstand des
Spottes, ohne da seine gewohnte Apathie ihm erlaubt htte, Notiz davon zu
nehmen. So sah man ihn zum Beispiel einst in einem sehr besuchten ffentlichen
Concert, wo es durchaus an Platz fehlte, in einer der vordersten Reihen seine
gewohnte Lieblingsstellung ber zwei Sthle hingelehnt beibehalten, obgleich
mehrere Damen um und neben ihn standen, bis es ihm endlich nach einer halben
Stunde beliebte, mitten in einer Cadenz des Virtuosen, whrend man bei der
allgemeinen Stille eine Stecknadel htte fallen hren knnen, sich mit
ziemlichen Gerusche in die Hhe zu richten, den Damen seine Pltze zu
berlassen und dabei auszusehen, als erwache er eben aus einem tiefen Traume.
    Alles dieses mifiel dem alten Kleeborn gar sehr und machte ihn zuweilen
recht mimuthig, vor allem aber verdro es ihm, da es noch immer zwischen Sir
Charles und Vicktorinen zu keiner frmlichen Erklrung kommen wollte. Es sah
sogar zuweilen aus, als erwarte jener, da der erste Antrag zu einer nhern
Verbindung von Seiten des Vaters seiner Braut an ihn gelangen solle: doch
dagegen strubte sich dessen Stolz, und so blieb Alles wie es war. Zwar meynte
Kleeborn, Sir Charles frmliches Anhalten um Vicktorinens Hand sey eigentlich
nur eine bloe Formalitt, da zwischen ihm und dem alten Wimann, was ihm die
Hauptsache war, schon lngst verabredet wurde, aber er sah diese Formalitt doch
als durchaus nothwendig an. Auch wrde er ihre Verzgerung kaum so lange
ertragen haben, wenn nicht zuweilen der Gedanke ihn getrstet htte, da Sir
Charles sie absichtlich verschiebe, um Vicktorinen mit der Zeit seinen Wnschen
geneigter zu stimmen, als sie jetzt es zu seyn bezeigte. So wartete er denn in
wunderlicher Selbsttuschung von einem Tage zum andern, ohne eigentlich recht
gewahr zu werden, wie aus diesen Tagen Wochen und zuletzt sogar Monate
entstanden, die dennoch nicht die geringste Vernderung in der Lage der Dinge
herbeifhrten.
    Inzwischen erwartete aber auch Babet tglich, und mit nicht minderer
Gewiheit als ihr Oheim, eine Erklrung hnlicher Art von Seiten des Sir
Charles, die gewi allen Hoffnungen des alten Herrn mit einemmal ein Ende
gemacht htte; und die Nachgiebigkeit, mit der dieser die Launen seines
erwhlten Schwiegersohnes ertrug, war in der That nicht weniger zu bewundern,
als seine Verblendung gegen Dinge, die dicht unter seinen Augen vorgingen.
    Babets Einbildung war freilig sehr geschftig, doch mu man auch gestehen,
da Sir Charles sich gegen sie auf eine Weise betrug, welche sich ganz dazu
eignete, in dem eitlen unerfahrenen Mdchen die schmeichelhaftesten Erwartungen
zu erregen; besonders war dies der Fall, wenn er sich von Andern unbemerkt
glauben konnte. Der Eindruck, den ihre frische Jugendblthe im ersten Augenblick
ihres Zusammentreffens auf ihn gemacht hatte, war nicht so ganz oberflchlich,
da nicht ihre zuvorkommende Freundlichkeit und ihre, ihm oft ganz
unbegreifliche Naivett diesen tglich htten erneuern und ihn bewegen sollen,
ihr gegenber, alle jene kleinen Knste mnnlicher Koketterie zu ben, die
seinesgleichen stets zu Gebote stehen. Er bildete sich sogar ein, nach einem
sehr wohldurchdachten Plane dabei zu handeln, indem er glaubte, Vicktorinens
Eifersucht erregen und die Stolze demthigen zu wollen, whrend es doch
eigentlich nur Langeweile und das Bedrfni einer kleinen Intrike war, die ihn
zu diesem Benehmen bewogen. Demohngeachtet stand aber der Vorsatz in ihm fest,
sich hier auf keinem Fall zu einer Unvorsichtigkeit hinreien zu lassen, die fr
ihn die unangenehmsten Folgen nach sich ziehen konnte. Daher suchte er vor allem
sich stets so unbestimmt als mglich gegen Babet zu uern und trachtete
hauptschlich darnach, das Spiel so in seiner Hand zu behalten, da er es
aufgeben knne, sobald er wolle. Er sprach sich daher selten in Worten aus, weit
fter durch Blicke, und htete sich sorgsam vor allem, was ihn vor der Welt
ernstlich kompromittiren knnte. Babet hingegen benahm sich auf ganz
entgegengesetzte Weise, und setzte ihn dadurch oft in nicht geringe
Verlegenheit. Ihr lag vor allen Dingen daran, der Welt zu zeigen, welch' eine
Eroberung sie auf Vicktorinens Kosten gemacht habe. Der stille Triumph war ihr
nicht genug, sie verlangte einen ffentlichen, und beging dahei unzhlige, oft
recht knstlich berechnete Unvorsichtigkeiten, durch die sie weit mehr errathen
lie, als sie eigentlich zu verbergen hatte. Denn sie strebte hauptschlich nur
nach dem Vergngen, sich von ihren zahlreichen Freundinnen necken, mitunter auch
wohl ein wenig beneiden zu lassen, und beides gelang ihr. Bei solchen
Gelegenheiten pflegte sie dann Vicktorinen mit wirklich beleidigendem Mitleide
zu betrachten, whrend diese nichts sehnlicher wnschte, als das Spiel sich in
Ernst verwandeln zu sehen. Ihre edlere, aller Hinterlist abgeneigte Natur und
auch Babets mitunter recht unartiges Betragen, hielten sie freilich davon
zurck, hier die Mittlerin machen zu wollen, aber sie that wenigstens alles, was
in ihren Krften stand, um nichts von dem zu sehen, worauf Babet sie aufmerksam
machen wollte, und so wenigstens auf keine Weise dem anscheinenden Verstndnisse
jener Beiden in den Weg zu treten.
    brigens war Babet so berzeugt, da Sir Charles bis zum Sterben in sie
verliebt sey, da sein bisheriges Vermeiden einer frmlichen Erklrung dieser
Leidenschaft ihr auch nicht die mindeste Unruhe verursachte; sie war im
Gegentheil unerschpflich im Bemhen, tglich neue Grnde dafr zu ersinnen.
Hatte er ihr doch gesagt, da sie unbeschreiblich schn und reizend sey, und was
noch mehr war, hatte er sie sogar nicht einigemal seine bezaubernde Lady Betty
genannt? was konnte das anders heien, als da er sie liebe, und sie folglich
durch eine Heirath mit ihm zu einer englischen Lady erheben wolle. Eine Lady!
sie wute selbst nicht, was sie sich darunter dachte, aber es kam ihr doch ber
alle Maen romantisch vor, eine englische Lady zu seyn.
    Da dem im langen Leben mit der Welt gebten Scharfblick der Tante von allem
diesen nichts entgehen konnte, war wohl natrlich, aber sie kannte auch Babet
genau genug, um zu wissen, da hier jede, selbst eine mit der grten Schonung
ausgesprochene Warnung, wohl manches verschlimmern, jedoch nichts verbessern
knnte. Deshalb begngte sie sich damit, jeden ihrer Schritte treulich zu
beobachten, und sie brigens ihren Weg gehen zu lassen. Sie stellte sie einer
Nachtwandlerin gleich, die man nicht anrufen darf, wenn man sie nicht dem
Abgrunde zu treiben will, aber sie versumte es deshalb dennoch nicht, den
Abgrund sorgsam zu umstellen, um sie im Falle der Noth gewaltsam zurckhalten zu
knnen. Da brigens der Schmerz getuschter Liebe der knftigen Ruhe eines
Mdchens, wie Babet, nie gefhrlich werden knne, davon war sie ebenfalls auf
das Vollkommenste berzeugt; indessen hoffte sie viel fr sie von der heilsamen
Erschtterung des gewi nicht fernen Moments ihres Erwachens aus dem selbst
geschaffnen Traume, und nahm sich fest vor, diesen alsdann recht krftig zum
Besten des verblendeten eitlen Kindes zu benutzen.

In diesem von mehreren Seiten hchst gespannten Verhltnisse war schon eine
ziemliche Zeit vergangen, whrend welcher Allen, die nur die uere Seite des
Lebens in dieser Familie kannten, sie fr hchst glcklich halten muten, als
Vicktorine eines Morgens die Tante in einem ganz ungewohnten Zustande in ihrem
Zimmer allein fand. Ihre Hand hielt einen Brief oder vielmehr ein Packet, dessen
noch versiegelter Umschlag sie mit tiefen Schmerz, ja fast mit dem Ausdruck
geheimen Grauens betrachtete, und alles an ihr deutete auf eine gewaltsame
Bewegung in ihrem Innern, ber welche sie nicht Herr zu werden vermochte.
Erschrocken eilte Vicktorine auf sie zu, doch der erste Blick auf den Brief in
Annas Hnden machte auch auf sie den tiefsten Eindruck.
    Tante! rief sie fast athemlos, ffnen sie den Brief, ffnen sie ihn
schnell, mein Gott! wie konnte sein Anblick Sie so erschrecken! er ist ja von
ihm.
    Von ihm! wiederholte Anna mit bebender, klangloser Stimme und immer noch
hielt sie den Brief fest in ihrer Hand und starrte ihn regungslos mit erloschnen
Augen an, bis Vicktorine ihn ihr sanft entzog, das Siegel erbrach und ihn offen
wieder in ihre Hnde zurck gab.
    Der Brief ist von Raimund! rief sie kennen Sie denn seine Schriftzge
nicht mehr? er ist von ihm, ich darf ihn nicht lesen, doch Sie - um Gotteswillen
welche schwarze, furchtbare Ahnung hat bei seinem Anblicke sich Ihrer
bemeistert! sie ergreift auch mich; mir bebt das Herz in unbestimmter
entsetzlicher Angst. Lesen Sie, o lesen Sie! damit ich nur dieser bangen Quaal
entrissen werde. Lassen Sie das Unheil ber mich hereinbrechen, es kann in der
Nhe so furchtbar nicht seyn als es jetzt schwarz und drohend vor meiner Seele
steht. Denn Raimund lebt ja - oder wre dieser Brief nach seinem - Vicktorine
erbleichte vor dem Gedanken, der sich jetzt ihr aufdrang, und den sie
auszusprechen nicht wagte.
    Anna hatte sich indessen mit sichtbarer Anstrengung in so weit wieder
gefat, um den Innhalt des aus mehreren engbeschriebnen Bogen bestehenden
Packets flchtig berschauen zu knnen, und jetzt war es an ihr, die bleiche
zitternde Vicktorine zu beruhigen.
    Der Brief ist von Raimund, sprach sie hochaufathmend, jetzt erkenne ich
die Hand. Auf der Adresse konnte ich es nicht, die ist franzsisch geschrieben,
das sah ich von ihm nie. Sieh her Vicktorine, schrieb er auch das? setzte sie
hinzu, indem sie Vicktorinen den Umschlag hinreichte, und ist auch dieses sein
gewohntes Siegel?
    Gewi! gewi! rief Vicktorine, aber der Brief? lebt Raimund? ist er
gesund?
    Die Tante las jetzt die letzte Seite des Briefes mit mehr Aufmerksamkeit,
als die gewaltsame Bewegung, in der sie sich befunden, es ihr vorhin erlaubt
hatte, whrend Vicktorine, neben ihr hinkniend, den starren Blick auf sie
richtete, als wollte sie den Abglanz von Raimunds Worten in ihren Zgen lesen.
Er lebt, er ist gesund, er war im Begriff sich zu seiner fernen Reise
einzuschiffen; der Brief ward von ihm vor etwa vierzehn Tagen in Toulon auf die
Post gegeben. Jetzt schwimmt Raimund wahrscheinlich schon dem Ziele seiner
Bestimmung zu. Darf ich mehr Dir sagen? fragte Anna, indem sie die Bltter des
Briefs wieder ordnete.
    Nein, o nein! rief Vicktorine, von den Knien sich erhebend, nein, das
Wort, welches Raimund in meinem Namen meinem Vater gab, ist mir heilig, ich darf
es auf keine Weise umgehen. Auch nicht mittelbar will ich mich mit ihm in
schriftliche Verbindung setzen. Und was brauch ich mehr zu wissen, als da er
lebt. Dieses kleine Wort sagt mir ja alles. Tante! ich lasse Sie mit seinem
Briefe allein, ich gehe, um jeder Versuchung zu entfliehen. Ach, Tante! mir ist
jetzt wie damals, wenn er am frhen Morgen zu Ihnen ging; wissen Sie es noch?
Wie horchte ich dann auf seine Schritte; unter tausenden htte ich sie wieder
erkannt. Ich horchte und horchte, bis am Ende der langen Gallerie Ihre Thre
sich ihm ffnete. Wie sehnlich trieb es mich dann oft auch die meinige nur
einmal zu ffnen, nur einmal einen kurzen Augenblick ihn zu sehen! aber ich
widerstand der Versuchung, wie ich auch jetzt ihr widerstehe. Ich gehe, liebe
Tante, sprach sie, indem sie der Thre sich zuwandte, ich gehe und lasse Sie
mit ihm allein. Doch in Ihren lieben Augen darf ich hernach doch lesen? setzte
sie wieder umkehrend hinzu, das darf ich doch? Fragen erlaube ich mir nicht,
aber das darf ich doch? und mich freuen, wenn ich lauter Gutes und Liebes darin
lese? Ich kann ja nicht anders, liebe Tante. Und nun nehmen Sie Ihren Brief,
lesen Sie ihn ja recht, alles was darin steht, er ist so lang, aber ich bitte,
lesen Sie ihn zweimal, zweimal wenigstens. Ach ich lernte ihn so gern
auswendig.
    Die Tante mute endlich die Schwtzerin mit sanfter Gewalt von sich treiben,
die immer gehen zu wollen versicherte, und immer blieb. Dann schlo sie sich in
ihrem Zimmer ein, lie niemanden vor sich, und, was noch nie geschehen war, sie
erschien sogar Mittags nicht bei Tische. So blieb sie den grten Theil des
Tages fr sich allein, den sie mit emsigem Durchsuchen und Ordnen vieler Briefe
und Papiere hinbrachte, bis sie gegen Abend Vicktorinen und Angelika zu sich
beschied.

Heftig wie immer, mit nicht unterdrckender Angst, strzte Vicktorine auf den
ersten Ruf in das Zimmer der Tante, und da ihr diese mit freundlichem Blick
entgegen lchelte, so ging sie auch eben so lebhaft von der bngsten Sorge,
welche sie den ganzen Tag ber geqult hatte, zur berauschendsten Freude ber.
    Wie ein glckliches Kind sich an den Busen der Mutter wirft, wenn es am
Weinachtsabende durch die noch verschlossene Thre schon die Lichterchen des
lang ersehnten Baums blinken sieht, so warf sich Vicktorine in die Arme der
Tante.
    Nicht wahr? flsterte sie schmeichelnd, alles ist gut, alles ist recht
gut, und Ihre bange Ahnung beim ersten Anblicke des Briefs besttigt sich
nicht?
    Alles ist gut! erwiederte die Tante merklich bewegt, alles ist gut, und
wird hoffentlich noch sehr gut werden. Damit drckte sie das geliebte Kind fest
an ihr Herz, und zog auch Angelika in ihre Arme, die jetzt ebenfalls dicht neben
ihr stand und sie mit leuchtendem Blicke betrachtete.
    Anna! rief Angelika aus, Anna, wie schn sind Sie in diesem Augenblick!
es ist als ob ein eigner Strahl himmlischer Verklrung Sie umleuchtete; Sie
sehen aus wie an jenem unvergelichen Abende, da Sie zuerst den Namen Bernhard
uns nannten. Sieh' sie doch nur an, Vicktorine, ist es nicht, als ob unser
Schutzengel in sichtbarer Gestalt vor uns stnde?
    Es ist so, erwiederte Vicktorine, indem sie tief und forschend in Annas
helle Augen sah, es ist so, aber ich sehe hier eine groe Thrne blinken, ich
sehe um ihren Mund das Zucken innerer Rhrung, die sie umsonst hinwegzulcheln
sich bemht. Angelika, unser Schutzengel trauert ber uns! und so ist denn doch
nicht alles gut. Liebe, liebe Tante, o reden Sie, was wollen Sie uns verknden?
    Nichts Unglckliches, wahrlich nicht! erwiederte Anna, es wird sogar
hoffentlich zum Guten fhren, doch fr den Augenblick wird es auch Euch
betrben, wie es mich betrbt, denn ich mu Euch verlassen, wenn gleich nicht
auf lange.
    Die Mdchen starrten sie erbleichend an, und vermochten keine Sylbe zu
erwiedern: Ungern, sehr ungern, meine Vicktorine, lasse ich Dich in der
drckenden Lage allein, in der Du so sehr meines Trostes bedarfst, fuhr Anna
fort, und auch von Dir, meine Angelika, setzte sie, noch weicher werdend,
hinzu, auch von Dir mich zu trennen, ist mir sehr schmerzlich; ich werde Deine
gewohnte liebe Nhe sehr, sehr vermissen, mein Kind, mein Liebes! Sie schlo
Angelika in ihre Arme, und die Thrne, die schon lange in ihrem Auge gezittert
hatte, schimmerte jetzt wie ein Diamant in den blonden Locken des immer bleicher
werdenden Mdchens. Alle schwiegen.
    Nein! es ist nicht, es darf nicht seyn! rief endlich Vicktorine. Es ist
so, es mu so seyn! erwiederte Anna, sanft, aber bestimmt. Doch fragt mich
nicht, warum? denn diese Frage darf ich Euch noch nicht beantworten, ergebt Euch
drein, wie ich mich drein ergebe, in wenigen Monaten, vielleicht in wenigen
Wochen schon, kehre ich wieder.
    Und ich bleibe verlassen zurck und mag untergehen; wen kmmert das? rief
fast zrnend Vicktorine.
    Dir bleibt Raimunds Angedenken und Deine Liebe; ist das nicht genug? Dir
bleibt auch Angelika, wie Du ihr bleibst, erwiederte die Tante mit mildem
Ernst. Und bliebe sie Dir auch nicht; nur der ist verlassen, der sich selbst
verlt. Die Bahn liegt klar und bestimmt vor Dir, die Du zu gehen hast, es ist
Deine Schuld, wenn Du von ihr abweichst. Mich ruft ein wichtiges Geschft, das
Niemand ausfhren kann, als ich allein. Ich kehre mit gewohnter Liebe zu Euch
zurck, sobald ich vollendet habe, was mir jetzt obliegt, und unser Wiedersehen
wird freudig und glcklich seyn, dies sagt mir eine innere Stimme, die im Laufe
meines Lebens mich selten irre fhrte.
    Und so darf ich denn nicht wissen, was Sie abruft, in einer Zeit, da nur
Ihre Gegenwart mich aufrecht erhlt! Es mu durchaus auch mir verborgen
bleiben! rief die immer noch sehr aufgeregte Vicktorine. Liebe Tante, ich bin
kein Kind mehr, dem man die bittere Arznei in Zucker einwickeln mu, ich kann
das Herbste mit Fassung tragen, ich habe dies bewiesen, aber wenn ich es soll,
so mu ich aber auch berzeugt seyn, da -
    Und welcher Uberzeugung bedarfst Du denn noch, um mir zu vertrauen?
erwiederte Anna jetzt sehr ernsthaft; bin ich noch nicht weiter mit Dir? bedarf
es, damit Du mir Glauben schenkst, noch weitluftigere Erklrungen unter uns,
die ich vermeiden will, wie Du siehst? Glaubst Du, ich handle nur aus Eigensinn
so, und nicht weil ich berzeugt bin, so handeln zu mssen?
    O Tante! Sie sind strenge aber auch gerecht! rief jetzt Vicktorine mit
berstrmenden Augen. Ja, theure Frau, ich will, ich mu unbedingt Ihnen
vertrauen, ich thue es mit reinem festen Glauben. Doch ist es' meine Schuld,
wenn eine finstere Ahnung mich empfinden lt, wie tief Raimund in alles dieses
verflochten ist? Nur jener Brief, der auch Sie diesen Morgen durch seinen bloen
Anblick schaudern machte, nur er kann Sie zu diesem unerwarteten Entschlusse
bewogen haben. Raimund droht irgend ein Unheil, das Sie abwehren wollen, oder er
ist vielleicht dem Unglck schon verfallen, und Sie wollen retten, wo vielleicht
keine Rettung mehr ist.
    Vicktorine! rief wehmthig lchelnd die Tante, und drohte ihr mit
aufgehobenen Fingern.
    Vicktorine verstummte errthend.
    Nicht wahr, Du und Raimund und eure Liebe sind alles, fuhr Anna fort, und
Niemand als Euch Beiden kann etwas begegnen, das der Rede werth wre? Gutes,
liebes Kind, ich mchte nie Dir wehe thun, am wenigsten in dieser Stunde, doch
der Jugend-Dnkel, der Dich wie alle Deinesgleichen verleitete, Euch weit
entfernt von allen brigen auf eine ganz besondere Stufe zu stellen, und alles
auf Euch zu beziehen, kann ich selbst jetzt nicht loben; er zieht ja zu traurige
Folgen nach sich fr Euer knftiges Leben. Du weinst, Vicktorine? weine nicht,
und nimm wenigstens den Trost von mir an, den einzigen, den ich Dir geben kann,
da, tuschte ich mich auch in der Hoffnung des glcklichen Erfolgs dessen, was
ich jetzt zu unternehmen im Begriffe bin, dennoch Deine und Raimunds Lage
dadurch nicht im mindesten anders gestellt werden kann, als sie jetzt steht. Und
nun la Dir meine Angelika noch einmal empfohlen seyn; Du liebst sie wie eine
Schwester, pflege und schone ihrer, wie Du sie liebst. Auch Dir meine Angelika
empfehle ich meine Vicktorine, bleibe ihr mit Deinen still ergebenen frommen
Sinn stets zur Seite, verlasse sie nie. Und wenn der Geist des Unmuths sich in
ihr zu regen beginnt, was, whrend ich nicht da bin ihn zu bannen, wohl fters
noch als sonst geschehen mchte, dann, meine Angelika, dann suche Deine milde
Liebe ihn zu besnftigen. Lat mich so Euch wieder finden, setzte sie mit in
Thrnen glnzenden Augen hinzu, indem sie beide Mdchen eines in des andern Arme
legte. Denkt meiner in Liebe, doch nicht in Sorge. Schreiben werde ich selten,
nur wenn es nthig werden sollte. Eure Briefe sendet unter meiner Adresse mir in
mein Stift, ich werde sie sicher erhalten, aber ich bitte Euch, schreibt auch
Ihr mir nur, wenn Ihr mir wirklich etwas zu sagen habt, das ich wissen mu. Wenn
ich nichts von Euch hre, werde ich denken, es gehe Euch gut, thut Ihr ein
Gleiches, wenn Ihr von mir nichts vernehmt. Vicktorine schwamm in Thrnen bei
diesem feierlichen Abschiede, doch Angelikas Auge blieb trocken, denn sie weinte
schon lange nicht mehr. Sie warf sich nur mit flehender Geberde an den Busen der
Tante, und hob schchtern den bittenden Blick zu ihr empor.
    Mein theures Kind, mein geliebtes holdes Leben, sprach Anna sehr gerhrt,
ich verstehe Deine stumme Sprache, sie trifft mir schmerzlich in das Herz. Aber
ich kann auch Dir nur erwiedern, was ich auf Vicktorinens laute Klagen
antwortete; es mu so seyn, ich mu auch von Dir auf einige Zeit mich trennen.
Ich darf Dich nicht mit mir nehmen. Wollen wir denn beide zugleich die arme
Vicktorine verlassen?
    Angelika richtete sich auf, und reichte in schweigender Wehmuth, mit einem
unendlich schmerzlichen Lcheln, Vicktorinen die Hand.
    Ich werde schnell reisen, weit schneller als Deine der ungestrtesten Ruhe
bedrfende Gesundheit es ertragen knnte, setzte Anna jetzt gefater hinzu, ich
werde sogar die mondhellen Nchte benutzen. Das Geschft, dem ich zueile, wird
alle meine Zeit in Anspruch nehmen, Deine mir sonst so liebe Gegenwart, meine
Angelika, wrde mir nur qulend werden, weil ich Dich durchaus vernachlssigen
mte. So denke ich Dich gesnder und gestrkter hier wieder zu finden, als ich
Dich zurckzubringen hoffen drfte, wenn ich mir es erlaubte, meinem Wunsche zu
folgen und Dich mit mir zu nehmen.
    Angelika beugte sich schweigend ber die Hand ihrer geliebten Wohlthterin,
und nur ein leiser Seufzer drngte sich unhrbar aus der tiefsten Tiefe ihrer
Brust herauf.

Sobald die Mdchen sie verlassen hatten, befahl Anna, auch den Rittmeister Horst
zu rufen, um den whrend ihrer Abwesenheit auf das Betragen der Schwester seiner
Braut aufmerksam zu machen, denn auch diese hielt sie ihrer liebenden Vorsorge
nicht unwerth, so weit Babet auch fr jetzt davon entfernt seyn mochte, es
dankbar zu erkennen und durch kindliches Vertrauen zu erwiedern. Daher wnschte
sie wenigstens, in Agathens knftigen Gatten dem leichtsinnigen Mdchen einen
brderlichen Freund zu hinterlassen, der an ihrer Stelle ber die Unvorsichtige
wachte, um sie vor groen Fehltritten zu bewahren.
    Die Nachricht von der Tante nahen Abreise betrbte auch den wackern jungen
Mann, der sie nicht minder liebte und ehrte als alle, die ihr nahten. Er hrte
sehr aufmerksam, was sie in Hinsicht auf Sir Charles und Babet ihm zu sagen fr
gut fand, gab ihr aber zugleich zu erkennen, da auch ihm das Betragen dieser
Beiden lngst sehr unangenehm aufgefallen sey, und da er, wie wohl vergebens,
es sogar versucht habe, Babet zu warnen.
    Ich mochte wohl freilich dabei, sprach er, meine Worte nicht ganz genau
abgewogen haben, denn das ist nun einmal nicht meine Sache, aber ich bin dafr
auch schlecht genug angekommen. Herr Gott, wie hat Sie mich abgefhrt! Am
liebsten htte ich den jungen Herrn in die Lehre genommen, doch aus Schonung fr
eine Familie, deren Gte ich so viel verdanke, wollte ich es vermeiden,
Zwiespalt zu stiften; denn ich wei ja, auf welchem Fue der Fremde hier im
Hause eigentlich steht. Ich verlie mich deshalb lieber auf Sie, gndige Tante!
denn ich sah wohl, wie Sie berall ein wachsames Auge hielten. Jetzt aber wollen
Sie leider fort; nun reisen Sie mit Gott, hochwrdige Frau! wenn es denn nicht
anders seyn kann. Ich will ihr Gebot erfllen so gut ich es vermag, und was mir
vielleicht an welterfahrner Klugheit dazu abgeht, soll meine treue Wachsamkeit
ersetzen. Warnen werde ich nicht mehr, das bestrkt Babet nur in ihrem
Eigensinne und wre auf jeden Fall in den Wind gesprochen, aber finden soll sie
mich berall, wo sie mich nicht gern sehen wird, und sie mte es weit klger
anfangen, als es in ihren Krften stehen mag, wenn sie mich hinter das Licht
fhren wollte.
    Babet ist sehr schlau, erwiederte die Tante. Thut nichts, sie findet in
mir ihren Mann, fiel der Rittmeister ihr lchelnd ein. Sie haben mir da
freilich einen etwas gefhrlichen Vorposten anvertraut, hochwrdige Frau, aber
das ist nun einmal Husarendienst, und ich will ihn schon mit Ehren behaupten,
sorgen Sie nicht.
    Ich traue Ihnen das Beste zu, sprach Anna, aber Eines bitte ich nur nicht
zu vergessen; Sie drfen weder drein hauen noch drein schieen nach Husarenart.
    Ei Gott bewahre, wo denken die gndige Tante hin, erwiederte Horst, recht
herzlich lachend, ich werde ja nicht. Dem Sir Charles soll kein einziges seiner
parfmirten Hrchen gekrmmt werden, wenn er es nicht selbst mit Gewalt an mich
bringt, und darnach sieht er mir nicht aus. Aber gndige Tante, da wir doch nun
einmal so vertraulich mit einander sprechen, so mchte ich nur Eines noch Sie
fragen, was mir schon lange recht schwer auf dem Herzen liegt. Ist es denn wahr,
und ist es denn wirklich Herrn Kleeborns und auch Ihr Wille, da unsre
engelschne und engelgute Vicktorine diesem Strohmanne, diesem englisirten
Seekalbe, das mir im Grunde der Seele so zuwider ist wie ich es auszudrcken
nicht vermag, da sie, sage ich, diesem Menschen auf Gnade und Ungnade
ausgeliefert werden soll? Und knnen Sie es vor Gott und Ihrem Gewissen
verantworten, wenn Sie das leiden?
    Horst war whrend dieser Rede ganz roth im Gesichte geworden, und die Tante
freute sich herzlich an dem wohlgemeynten Eifer des jungen Mannes, dessen
redliches Gemth sie lngst erkannte, und den sie gern als ein sehr achtbares
Mitglied der Familie betrachtete. Ohne jedoch zuviel von Vicktorinens Geheimni
zu verrathen, lie sie ihm daher jetzt deutlich merken, da diese schon lngst
eine andere, wrdigere Wahl getroffen habe, und gewi durch offenen Widerstand
sich dem Elend entziehen wrde, welches ihr an Sir Charles Hand drohe, wenn
nicht frher vielleicht noch irgend ein glcklicher Zufall sie von ihm befreie.
    Die hchste Zufriedenheit leuchtete aus des Rittmeisters ehrlichen Augen,
whrend Anna ihm noch auf das Eindringendste die strengste Verschwiegenheit ber
diese Angelegenheit gebot. Lassen Sie auch meine arme Vicktorine whrend meiner
Abwesenheit Ihrem Schutz empfohlen seyn, setzte sie noch hinzu. So wie ich Sir
Charles Betragen ansehe, hoffe ich, da nichts geschehen soll, was Vicktorinen
auf's uerste treiben knnte, whrend ich nicht da bin, um mich ihrer
anzunehmen. Doch wrde Vicktorine gezwungen, der offnen Gewalt ihren festen Muth
entgegen zu stellen, dann, lieber Horst, dann stehen Sie ihr bei an meiner
Statt. Kleeborn ist nicht bsartiger Natur, doch sein Eigensinn macht ihn in der
ersten Hitze zu allem fhig, besonders wenn sein eigenes Interesse dabei mit ins
Spiel kommt, wie eben hier. Er liebt seine Tochter von Herzen, doch Reichthum
ist in seinen Augen das Hchste auf Erden, und so knnte er wohl dahin kommen,
Vicktorinens wahres Glck ohne Schonung zu vernichten, und dabei dennoch
berzeugt zu bleiben, er handle als ein redlicher Vater, der sein verblendetes
widerspenstiges Kind sogar mit Gewalt glcklich zu machen suche.
    Lassen Sie mich vor allen Dingen Ihre liebe schne Hand kssen, da Sie
mich jetzt durch Ihr Vertrauen erst recht zu Ihrem Verwandten eingeweiht haben,
erwiederte der Rittmeister, und seyn Sie brigens unbesorgt, Vicktorine ist von
heute an meine Schwester. Mir ist das Herz jetzt federleicht, denn nun wei ich
gewi und mchte mit Leib und Leben mich dafr verbrgen, da der Hans Hasenfu
mein Vetter nicht wird, und hoffentlich auch nicht mein Schwager. Lassen Sie
mich nur machen, ich will erst meiner Sache ganz sicher seyn, ehe ich etwas
verrathe, aber Sie sollen Freude an mir erleben.
    Horst, wenn Sie eine Unvorsichtigkeit begingen! rief die einigermaen
ngstlich gewordene Tante. Ei bewahre, erwiederte dieser, doch eine honette
Kriegslist ist nicht verboten, und die verlangt ja an und fr sich schon, da
man Vorsicht bt. Verlassen Sie sich in Gottes Namen auf einen ehrlichen
Husaren, der Ihr Zutrauen zu schzzen wei, und es deshalb auch verdienen will,
und reisen Sie ohne weitere Sorge. Vicktorine hat in jedem Fall einen Beistand
an mir, der selbst in Noth und Tod zur Seite bleibt, das brige findet sich.
Geben Sie Acht, sie wird erlst und ich bin ihr Ritter.
    So? sprach Agathe, welche in diesem Augenblick den Kopf zur Thr
hineinsteckte, um sich nach ihrem Rittmeister umzusehen, den sie ungern lange
vermite. Nun, da mu ich mich ja auch wohl nach einem andern Ritter umsehen?
setzte sie hinzu, indem sie vollends hineintrat. Denn Niemand kann, wie
bekannt, zweien Herren dienen, und vollends zweien Damen, das geht nun gar nicht
an.
    Die Lustigkeit, mit der sie diese Worte sprach, ging indessen sehr bald in
tiefe Betrbni ber, da sie von der nahen Abreise der Tante Kunde erhielt. Ach
la mich, sprach sie zu Horst, der es versuchen wollte, sie zu trsten, la
mich, Du weit nicht, was wir alle Beide an ihr verlieren. Mich verlt mein
guter Engel, wenn sie von mir geht. Wer soll mir dann nun zum Guten rathen, und
wer mich schelten, wenn ich dummes Zeug mache? Ach! und wer wird mich nun am
Hochzeitstage so hbsch anziehen, wie sie es allein nur kann. Sehen Sie, Tante,
Sie haben es mir von Anfang an versprochen, und nun lassen Sie mich doch im
Stich, und das sage ich Ihnen, wenn Sie mir den Brautkranz nicht aufsetzen, so
mag ich lieber gar nicht getraut werden. Die hellen Thrnen liefen ihr bei
diesen Worten ber das kindlich-rosige Gesicht.
    Anna trstete sie liebkosend, so gut sie es vermochte. Ich lasse Dich auf
keinem Fall im Stich', liebe Agathe, sprach sie lchelnd, trockne nur Deine
Thrnen. Ich verspreche es Dir, ich putze Dich auf das Schnste am
Hochzeitstage, ich setze Dir mit eigener Hand den Kranz auf, und sollte ich in
der letzten Stunde vor der Trauung erst ankommen, ich komme, darauf gebe ich Dir
mein Wort, Du kennst mich ja, und weit, ich pflege es nicht zu brechen. Doch
alles Zureden half nur wenig, Agathe kte zwar schmeichelnd die Hnde der
Tante, aber sie ward den ganzen Abend ber nicht wieder froh, und die Thrnen
traten ihr in die Augen, so wie sie die geliebte Frau nur ansah.
    Kleeborn wendete wenig ein, als die nahe Abreise der Tante auch ihm
angekndigt ward, obgleich er sie nicht gern sah, denn das Wort wichtige
Geschfte war eine Zauberformel fr ihn, die unwiderstehliche Gewalt an ihm
bte, daher lie er sie willig gehen, und bat sie, nur recht bald wieder zu
kommen.
    Anna hatte sich jeden weitern Abschied ernstlich verboten, und so regte
sich, auer den Bedienten, Niemand im Hause, als am folgenden Morgen ihr
Reisewagen in der frhesten Dmmerung vorfuhr, den sie allein mit ihrer
Kammerjungfer bestieg. Vicktorine barg, laut weinend, ihr Gesicht in ihre Decke,
als sie ihn fortrollen hrte, und fhlte mit unnennbarer Angst sich so einsam
und verlassen, wie nie zuvor in ihrem Leben. Auch Angelika ehrte das Gebot ihrer
Wohlthterin und blieb in der letzten Stunde von ihr entfernt, aber sie war doch
aufgestanden, und lauschte durch die Fenstervorhnge, um die theure Gestalt nur
noch einmal zu sehen.
    Du gehst, sprach sie leise, mit gefaltenen Hnden und zum Himmel gewandtem
Blicke, Du gehst und mein Auge sieht Dich wohl nie wieder; mge Gottes Seegen
Dich begleiten, wohin Du Dich wendest, und mge keine Ahnung davon in Deine
Seele kommen, wie leicht und wie schnell, indessen Du fern von mir bist, die
Nacht hereinbrechen kann, die mich Dir auf immer verbirgt! Finde bald wieder ein
Wesen, dem Du so wohlthtig erscheinen kannst, als Du mir es warst, damit Dir
keine Lcke in Deinem schnen Leben fhlbar werde, wenn ich nun dahin bin, und
mgen nur sanfte, keine bitteren Thrnen um die arme Angelika Deine lieben Augen
fllen, wenn Du am Morgen, wo Du heimkehrst, mich suchest und nicht mehr
findest!

Raimund deutete der Tante in seinem Briefe zuerst nur ganz in der Krze die
Stdte und Lnder an, welche er besucht hatte, seit er von ihr und Vicktorinen
scheiden mute. Er meldete ihr, wie er in London nur wenige Wochen verweilte und
dann von Dower nach Calais berschiffte. Das ganze schne Frankreich, das wohl
mit Recht der Garten von Europa genannt zu werden verdient, durchzog er beinahe
der Lnge nach, um von dort nach Marseille zu gelangen.
    In den bedeutendsten franzsischen Stdten, durch welche ihn sein Weg
fhrte, mute er bald lngere, bald krzere Zeit verweilen, um manches
verworrene, mitunter auch wohl bedeutenden Verlust drohende Geschft seines
Hauses zu ordnen. Das Glck war ihm dabei gnstig gewesen, er hatte zugleich
einige neue, seinem Hause Vortheil versprechende Verbindungen anzuknpfen
gewut, und so war der, unter diesem glcklichen Himmelsstrich ohnehin so kurze
Winter an ihm endlich vorber gezogen.
    Stille, stille mein Herz, schrieb Raimund weiter, stille mein Herz,
sprach ich oft ganz leise zu mir selbst, wenn die Ungeduld ber das unruhige,
mitunter auch ziemlich schlechte Treiben der Leute um mich her sich gar zu
ungestm in mir regen wollte; warte nur bis es Nacht wird und die Welt zur Ruhe
geht, dann kmmt Deine Zeit. Und war denn nun endlich mein mhseliges Tagewerk
vollbracht, dann, hochwrdige Frau, dann eilte ich meinen einsamen vier Wnden
mit einer Sehnsucht zu, als erwarte ich dort mit Gewiheit einen recht lieben
Besuch zu finden, der mich fr den ganzen langen Tag entschdigen sollte.
    Ich kann Ihnen das freudige Gefhl nicht beschreiben, mit dem ich an meinen
Schreibtisch flog, wenn es nun endlich still um mich geworden war, wenn ich nun
Ihnen und Vicktorinen alles erzhlte, was mich den Tag ber erfreut, alles was
ich gedacht, alles was ich gesehen hatte. Die schnen Gegenden, durch die mein
Weg mich fhrte, die groen berbleibsel einer gigantischen Vorwelt, deren man
in dem sdlichen Theile von Frankreich so viele noch antrifft; alles zeichnete
ich auf, regellos, ungeordnet, aber treu; und wenn ich endlich aus Ermdung die
Feder niederlegen mute, so war mir zu Muthe, als sey ich bei Ihnen gewesen, bei
Ihnen und bei dem Leben meines Lebens, das ich an Ihrer Seite so sicher mir
denke, als es das Kind im Arme der Mutter ist.
    Und doch, warum sollte ich es Ihnen verhehlen wollen? es ergreift mich
zuweilen ein Gefhl des Verlassenseyns, wie es nur der arme Verbannte empfinden
mag, der in Sibiriens eisigen Wsten sein trostloses Daseyn zwischen Leben und
Erstarren kmmerlich fristen mu, weit geschieden von der schnen Sonne, die in
bessern Tagen und glcklichern Zonen ihm leuchtete. Warum soll ich Ihnen nicht
bekennen, es steht oft so schmerzlich klar und lebendig vor meinem Geiste, da
ich es kaum zu ertragen wei, wie unbegreiflich lange ich nun schon von Ihnen
und Vicktorinen geschieden bin; so ganz getrennt, da auch nicht das leiseste
Zeichen ihres Andenkens, kaum Ihres Daseyns mich erreicht. Und dennoch kann ich
es nicht lassen, immer von neuem den trben Blick der noch trbern Zukunft
zuzuwenden, und, zerrissen von Sehnsucht und Ungeduld, zur Erhhung meiner
eigenen Qual, die Zahl der langen, unabsehbar langen Reihe von Tagen im Voraus
zu berechnen, die ich alle noch in dieser frchterlichen Abgeschiedenheit werde
durchleben mssen.
    Sie sind so mild, Sie zrnen gewi keinem, der Ihnen vertrauend naht, und
so will ich diesem Gestndnisse auch noch das hinzufgen: es gesellt sich zu
jenen Qualen oft ein sehr herbes Gefhl der Reue, der bittersten Reue darber,
da ich es nie wagte eine Bitte auszusprechen, welche mir in Ihrer Nhe stets
auf den Lippen schwebte, die heie innige Bitte: doch zuweilen, sey es auch noch
so selten, in noch so wenigen Zeilen, mir von Sich und Vicktorinen Nachricht zu
ertheilen. Ich durfte diese Bitte nicht wagen, weil ich Vicktorinens erzrnten
Vater einst versprach, jeder Mittheilung zwischen uns beiden auf unbestimmte
Zeit zu entsagen. Die berzeugung, da auch Vicktorine mich ermahnen wrde,
dieses Versprechen in keiner Art zu verletzen, bestrkte mich in meinem
Schweigen. Denn sind wir nicht Eins? Mu nicht jedes Gefhl, das in mir laut
wird, auch in ihrem Herzen wiederhallen. Wenn ich aber indessen wieder bedachte,
da mich dennoch in Hinsicht auf Sie, hochwrdige Frau! kein Versprechen binde,
dann freilich, dann verlor ich doch zuweilen die fein gezogene Linie aus dem
Gesichte, die einzig bestimmen konnte, was hier erlaubt sey? was nicht? Sie soll
entscheiden, beschlo ich endlich, sie selbst, Anna von Falkenhayn. Hlt sie es
fr erlaubt, so wird sie gewi aus eigenem Antriebe mich auffordern, ihr zu
schreiben, und sich auch erbieten, mir von Vicktorinen Nachricht zu geben.
    Wie oft, hochwrdige Frau, wie oft lauschte ich damals, als ich noch an
jedem Morgen Ihrer wohlthuenden Nhe mich erfreuen durfte, der Erfllung dieses
sehnlichsten Wunsches, mit bangbewegtem Herzensschlag entgegen! Wie oft glaubte
ich ihr ganz nahe zu seyn, wenn Sie so mtterlich theilnehmend ber die nahe
lange Trennung mit mir sprachen! Irrte ich wirklich, wenn ich in jener Zeit auch
in Ihren Augen zuweilen den Wunsch zu lesen glaubte, dem armen Scheidenden, der
all' sein Hoffen einzig auf Sie gestellt hatte, auch aus der Ferne ein Wort des
Trostes sagen zu drfen? Doch Sie schwiegen immer, unabnderlich! Und so ergab
ich mich endlich nicht nur darein, den einzigen Trost zu entbehren, welchen nur
Sie mir gewhren konnten, sondern ich beschlo auch sogar, Ihnen selbst nie zu
schreiben, um mir die hoffnungslose Qual des Erwartens einer Antwort zu
ersparen.
    Ohnerachtet dieses festen Entschlusses wage ich es aber doch heute nicht
nur freien Muthes Ihnen zu schreiben, sondern auch schon jetzt mein Tagebuch
Ihren Hnden zu bergeben, was ich eigentlich erst spter in einer glcklichern
Zeit zu thun gedachte, denn ein ber allen Ausdruck erhabenes, aber zugleich
auch hchst schauerliches Ereigni, hat vor kurzem mich von der Nothwendigkeit
berzeugt, vorher mein Haus zu bestellen, ehe ich den Weg betrete, den ich zu
wandeln habe. Und so bergebe ich denn, hochwrdige Frau, im reinsten Vertrauen
auf Ihre nachsichtige Milde meinen letzten Willen Ihren Hnden, ehe ich Europa
verlasse; oder vielmehr, ich gestehe Ihnen, da ich dieses zum Theil schon
frher gethan habe, ohne da Sie darum wuten.
    Sie erinnern sich unstreitig einer kleinen Schatulle, die ich kurz vor
meiner Abreise Ihnen mit der Bitte bergab, sie mir aufzubewahren; ich fge
diesem Briefe den Schlssel zu derselben bei, den ich, berwltigt vom Schmerze
der Abschiedsstunde, Ihnen zu berreichen vergas. Das kleine Behltni
verschliet in sicheren Papieren mein ganzes vterliches Erbtheil und zugleich
auch eine Abschrift meines gerichtlich niedergelegten Testamentes, durch welches
alles, was ich besitze, nach meinem Tode Vicktorinens Eigenthum wird. Gegen die
Reichthmer, welche das theure Wesen dereinst von seinem Vater zu erwarten hat,
mu zwar alles, was ich geben kann, nur als hchst unbedeutend erscheinen, aber
es ist dennoch genug, um Vicktorinen ber den Zwang des Lebens zu erheben, der
auf ihrem Geschlechte weit schwerer lastet als auf dem unsern. Mein kleines
Vermchtni kann sie vielleicht einst von der harten Nothwendigkeit retten, ihre
Neigung jenem Zwange opfern, sich Pflichten aufbrden lassen zu mssen, deren
Erfllung sie stets als ein stilles Unrecht empfinden wrde, und der Gedanke ist
mir unbeschreiblich trstlich, selbst wenn ich nicht mehr bin, der Geliebten das
hchste Gut, die Freiheit ihres Gemths, auf diese Weise sichern zu knnen.
Meine letzte Bitte, bis wir uns wiedersehen, ist fr jetzt, da Sie, hochwrdige
Frau, dieses Kstchen erffnen und mein Tagebuch denen darin schon befindlichen
Papieren beilegen.
    Sollte ich nicht wieder kehren, so wird Herr Kleeborn hoffentlich nichts
dagegen haben, da dieses letzte Denkmahl des trben Daseyns eines Menschen, der
dann seinen Plnen nicht weiter hinderlich seyn kann, in Vicktorinens Hnden
komme. Ich war bei ihr, als ich es niederschrieb, und vielleicht wird es mir
vergnnt, sie trstend zu umschweben, wenn sie einsam, oder an Ihrer Seite mit
trbem Blicke diese Ergieungen des treuliebenden Herzens berschaut, das nur
ihr zu eigen war, so lange der warme Strom des Lebens Regung ihm lieh.
    Auch das Kstchen, in welchem ich meine ganze Habe niederlegte, gehrt
Vicktorinen, wenn ich nicht mehr bin, und ich bitte die Geliebte, es
hochzuhalten, um meines Vaters willen, denn es war ihm werth. So lange der
theure Greis noch unter uns wandelte, durfte keine fremde Hand es berhren und
sein brechendes Auge erstarrte in dessen Anblick. Noch denke ich mit tiefem
Schmerze daran, wie ich es ihm zum letztenmal hinreichen mute; ich sah
deutlich, wie er mit sichtbar peinlicher Anstrengung sich bemhte, mir etwas
darber zu sagen, doch der Schlagflu, dessen Wiederholung ihm tdlich ward,
hatte gleich im ersten Anfange seines pltzlichen Erkrankens ihn der Sprache und
zugleich der Kraft zum Schreiben beraubt.
    Nach seinem Ableben fand ich bei der sorgfltigsten Untersuchung nichts
weiter in der Schatulle, als die, unser Vermgen betreffenden Dokumente, welche
bis diesen Augenblick noch darin aufbewahrt liegen. Und so mu ich denn glauben,
da nur das Kstchen selbst fr ihn als Andenken einer frheren Zeit hohen Werth
hatte, denn der Gedanke an Gold und irrdische Habe konnte unmglich diesen
reinen edlen Geist noch in der letzten Scheidestunde bis zu diesem Grade
beunruhigen. So lange ich denken kann, sah ich den geliebten Vater sehr oft im
schmerzlichen Kampfe mit wahrscheinlich recht trben Erinnerungen aus seinem
frheren Leben, und dieses bestrkt mich in meinen Muthmaungen von dem
Kstchen. Indessen mochte ich es nie wagen, die seltnen Augenblicke, in denen er
eines kurzen Vergessens sich erfreute, durch unzeitiges Forschen zu
unterbrechen, und so ist mir alles fremd geblieben, was auf seine
Jugendgeschichte Bezug haben mochte. Mein eignes Daseyn ist mir sogar
gewissermaen ein Rthsel, dessen Auflsung mir indessen wenig Sorge macht. Seit
mein Vater nicht mehr ist, kenne ich niemand, der durch Bande des Bluts mir
verwandt wre, und sogar das Land, aus dem ich eigentlich stamme, ist mir
unbekannt. Denn aus einzelnen uerungen, die zuweilen meinem Vater
entschlpften, mute ich beinahe vermuthen, da er kein Deutscher sey, obgleich
er der Sitte und Sprache dieses Landes vollkommen mchtig war, und auch mich
darin erzog.
    Die Bitte: Vicktorinen einstweilen sowohl die Verfgungen, die ich einer
ungewissen Zukunft wegen treffen zu mssen glaubte, als berhaupt den ganzen
Inhalt dieses Briefes zu verschweigen, wre gewi berflssig.
    Sagen Sie dem geliebten Wesen nur, da ich lebe, und der Erfllung meiner
Pflicht freudigen Muthes entgegen gehe. Dieses ist erlaubt, und mehr braucht es
zwischen uns beiden nicht. Und nun vergnnen Sie mir, noch ehe ich von Ihnen
scheide, mein Tagebuch zu ergnzen, indem ich Ihnen die Ereignisse dieser
letzten Tage mittheile. Ich wei, da diese auf vielfache Weise Ihr Mitgefhl in
Anspruch nehmen werden, um so mehr, da in Ihnen die Veranlassung zu diesem
Schreiben und meiner frher ausgesprochenen Bitte liegt.
    Ich will mich, hochwrdige Frau! nicht weitluftig darber verbreiten, wie
wenig erfreulich und unter welchem Drange, mitunter recht unangenehmer
Geschfte, ich meine Zeit in Marseille hinbringen mute. Meine einzige Erholung
nach jedem mhsam durchkmpften Tagewerk war Abends ein Spaziergang, sobald die
Sonne sich dem Untergange zuneigte, und am liebsten wallfahrtete ich dann auf
ziemlich steilem Pfade dem Gipfel eines, nicht zu weit von der Stadt entfernten
Berges zu, um mich dort an der, um diese Stunde vom Meer herrberwehenden Khle
und der herrlichen Aussicht zu erquicken. Gleich einer Mauerkrone schmckte hier
eine alte Zitadelle mit ihren von Wind und Wetter gebrunten Zinnen und Thrmen
den nackten Scheitel des fnfhundert Fu hoch ber dem Meer stolz und khn sich
erhebenden Felsens, und bildet mit dem dunkeln Blau des darber sich
hinwlbenden Himmels den wunderbarsten Contrast, den ich tglich mit neuer Lust
betrachtete. Ganz in ihrer Nhe hat frommer Glaube schon seit undenklicher Zeit
eine Kapelle hingebaut, in welcher die heilige Jungfrau unter dem Namen notre
Dame de la Garde verehrt wird, und sowohl die Festung als der Felsen selbst
werden in der Umgegend nach diesem kleinen Tempel benannt. Wenn ich diese
Kapelle besuchte, so ergriff mich sowohl ihre Bestimmung als ihre Lage auf
unbeschreiblich rhrende Weise. Von der hervorragendsten Stelle des Felsens
winkt sie dem scheidenden Schiffe den letzten Gru aus der Heimath noch lange
nach, wenn der brige Theil der Kste seinem Auge schon entschwunden ist, und
dem Wiederkehrenden leuchtet sie zuerst entgegen, wie ein aus den Wogen
auftauchender, Freude und Wiedersehen verkndender Stern, ehe noch das Land
selbst seinem Auge sichtbar werden kann. Das sonst als wunderthtig hier
verehrte Gnadenbild von gediegenem Silber ward freilich schon damals, als
frevelnde Hnde jedes Heiligthum ungestraft antasten durften, von den
Krmagnolen entfhrt; aber der alte fromme Glaube haftet doch noch an der
Stelle, die es einst heiligte. Die Seefahrer empfehlen sich vertrauensvoll dem
Schutz der notre Dame de la Garde, wenn sie den Hafen verlassen, und rings umher
an den Wnden hngen zahllose Dankopfer von denen, die ihrem Beistande Errettung
aus der Sklaverei der Barbaren, oder Erhaltung mitten in der drohendsten Gefahr
schuldig zu seyn glauben. Morgens und Abends eilen Frauen und Mdchen aus der
Umgegend hieher die fr ein geliebtes Leben zittern, das im Kampf mit dem wilden
Elemente begriffen ist, welches sich hier unabsehbar wie die Ewigkeit vor dem
geblendeten Auge ausbreitet. Sie schmcken den kleinen Altar mit frischen Blumen
und geweihten Kerzen, und kehren hoffnungsvoll und beruhigt zu ihrem Tagewerk
zurck, wenn sie im brnstigen Gebet den geliebten Mann der mchtigen notre Dame
de la Garde empfohlen haben. Wie oft stand ich da, gedachte Vicktorinens und
suchte in den lndlichen Gestalten irgend eine hnlichkeit mit dem geliebten
Wesen aufzufinden, dessen reines inniges Gebet vielleicht in der nehmlichen
Stunde fr mich zum Himmel aufstieg, bis auch mich mein Gefhl neben die
Beterinnen am Fue des kleinen rmlichen Altares hinzog, wenn gleich mein Glaube
keiner heiligen Vermittler zwischen mir und Gott bedarf.
    Am lngsten und liebsten aber pflegte ich hier auf der Terrasse dicht vor
der kleinen Zitadelle zu verweilen, von welcher aus sich eine wahrhaft
unermeliche Aussicht vor mir ausbreitete, die ich bis jetzt noch keiner andern
zu vergleichen weis. Land und Meer, die groe lebensreiche Stadt mit ihrem
Gewhl, von dem kein Ton bis hier hinaufgelangt, die malerisch geformten Felsen,
der Hafen mit seinen vielen fremdartigen, in ihrer Bauart so verschiedenen
Schiffen und Fahrzeugen aller Art, die viel tausend kleinen Bastiden ringsumher,
welche gleich leuchtenden weien Punkten hervorglnzen aus ihrem
Myrthengestruch, ihren Olivenbumen, ihren Pinien; alles dieses zusammen
gewhrt hier beim Untergange der Sonne ein Bild, dessen Darstellung weder Pinsel
noch Feder unternehmen darf. Und doch fhlt sich Jeder zu dem Versuche
hingerissen und ich selbst mu jetzt gewaltsam mich davon abwenden.
    Hieher, hochwrdige Frau! wallfahrtete ich auch noch am letzten Abende, den
ich vor meiner Abreise nach Toulon in Marseille zuzubringen gedachte.
Arbeitsmde, geistig erschpft von tausend kleinen neckenden Widerwrtigkeiten,
die ich des Tages ber zu bekmpfen gehabt hatte, machte ich mich etwas spter
als gewhnlich auf den Weg. Die Sonne war schon dem Untergange nahe, und ich
bemerkte es kaum, da ein dnner durchsichtiger Schleier den sonst ewig heitern
Himmel wie mit einem Flor zu bedecken begann. Der Weg kam mir ungewhnlich lang
vor, der Felsen schien mir steiler als je, kein Lftchen wehte mir Khlung zu,
wie sonst immer um diese Stunde, wo der Seewind sich aus dem Meere erhebt; eine
fr diese Jahreszeit sehr drckende Schwle erschwerte mir das Athmen, und ich
empfand eine so ungewohnte lhmende Mattigkeit, da ich recht froh war, den
Felsen endlich erstiegen zu haben.
    Ich eilte sogleich der Terrasse zu, um noch einmal an der kstlichen
Aussicht mich zu erfreuen, ehe es dunkel ward, denn unter diesem Himmelsstrich
ist die Zeit der Dmmerung so kurz, da die Nacht gleich nach dem Sinken der
Sonne ihre Rechte geltend zu machen beginnt. Zugleich wollte ich von dem alten
Invaliden Abschied nehmen, der hier oben als Wchter angestellt ist und so lange
der Tag whrt, jedes am Horizonte auftauchende Seegel vermittelst eines groen
Fernrohrs beobachtet, um dessen Ankunft sogleich der Stadt durch Signale kund zu
thun, sobald sich nur die Flagge des ankommenden Schiffes erkennen lt.
    Zwischen mir und dem alten wackern Graukopfe war whrend meiner ftern
Besuche hier oben eine Art freundlichen Verkehrs entstanden, von dem ich ihm ein
kleines Andenken zurckzulassen wnschte. Ich hatte gewissermaen sein Herz
gewonnen, weil ich ihm freundlich zuhrte, wenn er mir mit der, alten Franzosen
so eignen Redseligkeit, von seiner Jugendzeit erzhlte, die er gleich allen
Greisen der jetzigen weit vorzog, von der vormals unter dem unglcklichen Ludwig
in Versailles herrschenden Pracht und von der Schnheit und Huld seiner noch
unglcklicheren Knigin, die er sogar einmal gesprochen zu haben versicherte,
als er eben im Park von Versailles Schildwache stand.
    Der gute Alte pflegte mich sonst immer mit so lauter Freude zu empfangen,
als es die alt franzsiche Hflichkeit ihm nur erlauben mochte, doch heute war
auch dieses anders wie sonst. Kehrt um Herr! rief er mir schon von weitem zu,
sobald er mich ansichtig ward, geht zurck, um Gotteswillen was wollt Ihr heute
hier oben? Ein frchterliches Unwetter zieht herauf, und Ihr habt von Glck zu
sagen, wenn Ihr noch vor dessen vlligem Ausbruche die Stadt erreicht.
    Ich begriff den alten Regnand anfangs nicht, die Luft war vollkommen still,
kein Hlmchen regte sich; nur der Schleier, der jetzt den ganzen Himmel
bedeckte, verdichtete sich unmerklich, aber schnell, und ber dem Meere hin
stiegen weigraue, zackige Wolkengebilde auf. Doch pltzlich vernderte sich
alles. Mit wildem ngstlichem Geschrei flog jetzt auf einmal ein unzhlbares
Heer groer und kleiner Wasservgel von allen Seiten dem Ufer zu, und suchte mit
bangem Geflatter sich in die Hhlen und Spalten der Felsen zu verbergen. Nahe am
Strande war das Meer noch still, es war, als ob seine helle, jetzt blagraue
Flche nur innerlich erzitterte, ohne jedoch eigentlich Wellen zu bilden, doch
weiterhin in der offnen See thrmte es sich schon Haus hoch, und ein dumpfes
schauerliches Getse stieg immer lauter und grausenvoller aus der entsetzlichen
Tiefe zu uns herauf.
    Wie kurz vorher die Mven und das brige Geflgel dem schtzenden Strande
zugeeilt waren, so sah ich jetzt auf den Wogen unzhliche kleine schwarze Punkte
in ngstlicher Eile ihm zustreben, lauter Fischernachen, die mit Anstrengung
aller Krfte das Land zu erreichen suchten. Einer davon schlug nahe am Ufer um,
aber die rstigen Fischer retteten sich schwimmend. In einiger Entfernung
wandten sich ein Paar groe Schiffe mit vollen Seegeln durch die kleinen Nachen
durch; wie ein Paar Schwne theilten sie in stiller Majestt die schumenden
Wogen und erreichten glcklich den nahen Hafen, ehe der Sturm mit seinem
vernichtenden Fittig sie ereilen konnte.
    Die Luft war am Ufer still, aber das bange Grausen, das auf der ganzen
Natur ruhte, hatte auch mich ergriffen, und ich stand da und blickte, unfhig
mich abzuwenden, den kommenden Schrecken entgegen. Mein alter Freund sa
indessen unbeweglich, wie fest gebannt, vor seinem Fernrohr, und obgleich die
hereinbrechende Dunkelheit ihm nicht mehr erlauben mochte, weit zu sehen, so
starrte er dennoch mit unverkennbarer Angst in die Wasserwste hinaus, wo der
Kampf der Elemente sich immer wilder erhob. Von mir nahm er dabei keine Notiz,
nur da er, ohne es vielleicht selbst zu wissen, da er es that, mich dann und
wann ermahnte, heimzukehren so lange es noch Zeit sey.
    Heulend, pfeifend, brllend, mit grlichem Tosen brach jetzt der Sturm
los, und das Meer antwortete ihm. Bergehoch, mit weiem, hell durch die
Dmmerung leuchtenden Perlenschaume gekrnt, thrmte sich am Ufer die Brandung
auf, brach am Felsen in sich zusammen, erhob im Momente sich von neuem, und
unabsehbar tief ghnte der schwarze furchtbare Abgrund zwischen den immer von
neuem wieder erstehenden Wogen. So weit das Auge reichte, siedete das Meer in
unbeschreiblicher Wuth, strzten auf der unermelichen Flche Berge ber Berge
ineinander. Blitze fuhren daher und die ganze Atmosphre stand in Flammen,
Donner und Meer brllten um die Wette. Der jetzt ganz schwarze Himmel schien
sich in das Meer versenken zu wollen, die gewaltigen Wogen thrmten gegen ihn
sich an, als wollten sie, gleich ergrimmten Titanen, mit ihm kmpfen, und der
Fels, auf dem ich stand, schien in seiner Grundfeste zu erbeben.
    Dichte Finsterni bedeckte die grausenvolle Scene und erhhte ihre
Schrecken. Jetzt zerrissen Blitze von allen Seiten die schwarze Wolkendecke, und
bei der, einige Sekunden lang anhaltenden und nach jedesmaligem Verschwinden
schnell wiederkehrenden blendenden Helle, entdeckte mein scharfes Auge in nicht
zu groer Entfernung einen dunklern Gegenstand, den eine Woge der andern im
grlichen Spiele zuwarf, der uns bald nher gerollt ward, bald weiter sich
entfernte, bald auf drohender Hhe schwebte, bald tief hinab dem entsetzlichen
Abgrund zugeschleudert wurde. Es war ein Schiff, allmchtiger Gott! ein Schiff!
Wie klein ist alles Menschenwerk gegen die unermeliche Natur! Und was sind wir,
die wir uns rhmen, die Elemente unserem Dienste zu unterjochen!
    Jetzt begann der Regen in groen schweren einzelnen Tropfen niederzufallen;
beim Scheine der Blitze glnzten diese wie Feuerfunken. Mir kam es nicht in den
Sinn, ein schtzendes Dach aufzusuchen, es war mir als gbe es keinen Schutz
mehr in der Welt vor dieser vernichtenden Gewalt der Natur. Von Ehrfurcht
durchschauert in den tiefsten Tiefen meines Gemths fhlte ich mich in der
unmittelbaren Gegenwart des Herrn der Welt und ich vermochte es nicht einen
andern Gedanken zu fassen, als seine unbegreifliche Gre und die arme
Endlichkeit alles irdischen Beginnens.
    Kommt herein, Herr, verschmht meine arme Htte nicht, Ihr werdet unter
meinem Dache wenigstens im Trocknen seyn, sprach jetzt mein alter Invalide, und
zog mich mit hflicher Gewalt seiner kleinen, ganz in der Nhe befindlichen
Wohnung zu. Ich sage es Euch vorher, ich habe Euch gewarnt, Herr, aber da war
kein Gehr, schalt er recht vterlich, whrend er in seinem rmlichen Stbchen
den durchnten Rock mir auszog und ihn an das Kamin hing, in welchem er mit
einigen Bndeln trockner Weinreben und ein Paar dicht belaubten Zweige der
immergrnen Eiche, die hier einheimisch ist, ein hellaufloderndes Feuer
anzndete.
    Ich bin das gewohnt, brummte er whrend dieser Beschftigung nach seiner
gutmthigen Weise fort; einem alten Soldaten schadet so etwas nicht leicht,
aber Ihr, junger Herr, ich sage Euch, ihr knnt eine Brustentzndung davon
tragen. Folgt mir nur wenigstens diesmal, und nehmt einen Tropfen von meinem
guten Curaao, das wird Euch wohl thun.
    Ich that alles, was der Alte wollte, lie ihn ungestrt um mich herum sein
Wesen treiben, und horchte nur auf den Sturm, der immer furchtbarer die Htte
umtobte. Pltzlich vernahm ich, mitten durch den wilden Aufruhr der Elemente,
einen von diesen sich unterscheidenden Schall wie von einer, in nicht gar zu
weiter Entfernung gelsten Kanone, gleich darauf noch einen, und wieder einen. 
Notre Dame de la Garde nehme der armen Seelen sich in Gnaden an! die werden den
Morgen schwerlich wiedersehen, seufzte, recht innerlich betrbt, der Alte.
Habt Ihr es gehrt, Herr? das waren Nothschsse. Wohl mag das arme Schiff in
groer Noth schweben, aber da ist bei Menschen keine Hlfe. Bei diesem Wetter
wagt kein Lootse sich hinaus.
    Ich will hin! rief ich, und griff nach meinem am Feuer hngenden Rock, ich
will hinunter, sagt mir wo finde ich die Lootsen, ich will ihnen Gold bieten,
vielleicht -
    Bleibt, sage ich Euch, bleibt! erwiederte der Greis, indem er mich fest
hielt, ich sage Euch, btet Ihr auch Millionen, hier ist nichts zu thun. Die
Lootsen wohnen weit von hier, nahe am Hafen, es sind brave Leute darunter, die
ihr Leben nicht achten, wenn Hlfe mglich ist. In dieser Nacht aber wre jeder
Versuch an das Schiff zu gelangen wirklich Tollheit, und knnte nur zum
Untergange fhren. Solchen Sturm hat niemand seit Menschengedenken erlebt! Ich
kenne das Schiff wohl, ich glaube da es sogar Lootsen am Bord hat, denn seit
mehreren Stunden sah ich unter groer Besorgni zu, wie es auf der Hhe lavirte.
Es ist der Phnix, ein braves Schiff, eines der schnsten und grten von
Marseille. Aber so viel ich durch das Fernrohr sehen konnte, hat es whrend
dieser Reise durch frhere Strme schweren Schaden erlitten, denn es konnte sich
nicht recht regieren. Sonst htte es wohl eben so gut noch den Hafen erreicht,
wie die Syrene und der Merkur, die Ihr vorhin kurz vor dem vollen Ausbruche des
Unwetters einlaufen saht. Horch! sie schieen wieder - und wieder - arme Leute!
arme Leute! mgen Gott und die Heiligen sie trsten. So dicht vor dem Hafen! es
ist ein grausames Geschick.
    Die Thre flog jezt weit auf, und hereinstrzte mit der Geberde einer
Verzweiflenden ein junges Mdchen, von dem ich mich erinnerte, es sehr oft in
der Kapelle beten gesehen zu haben. Wild flog ihr langes rabenschwarzes Haar um
das todtenbleiche Gesicht, ihre Kleider waren durchnt, sie wollte reden, aber
der Athem fehlte ihr.
    Suzon, Mamsell Suzon, barmherziger Gott wo kommt Ihr her in dieser
Schreckensnacht! rief der Alte und schlug voller Entsetzen beide Hnde
zusammen.
    Die Lampe, die Leuchte, Eure Laterne Vater Regnaud - stammelte das arme
Mdchen, ich mu hinab an den Strand, hrt Ihr das ngstliche Nothschieen denn
nicht? - ich will hin, ihnen mu Hlfe werden - sie mssen gerettet - ihre Knie
brachen bei diesen Worten unter ihr zusammen. Vater Regnaud hielt sie im Fallen
auf, sie zitterte konvulsivisch, aber sie verlor nicht das Bewutseyn. Wir
standen ihr bei, so gut wir es vermochten, der Alte trug sie in seinen
gepolsterten Sorgstuhl neben dem Kamin, rieb ihr die Schlfe mit gebranntem
Wasser und versuchte es, ihr ein Paar Tropfen davon einzuflen. Armes, armes
Kind! seufzte er dazwischen, und eine Thrne zitterte in seinen grauen Wimpern.
Die Unglckselige! in dieser Nacht den Felsen zu erklimmen, es ist unglaublich!
Betet, Mamsell Suzon, betet zu Gott und unsrer lieben Frau fr die armen Leute,
sie sind in Gotteshand, hofft auf ihn.
    Gebt mir die Laterne, erwiederte Suzon mit wildem, fast wahnsinnigem Blick,
ich sage Euch, ich mu hinab an den Strand! Sie wollte aufstehen, doch sie
vermochte es nicht, sie sank halb ohnmchtig zurck in den Stuhl, und ihre Augen
fielen von selbst zu, wie die einer Todmden. Ich habe gebetet, so betet
niemand wieder, sprach sie leise und immer leiser, notre Dame de la Garde -
ich wute, er kme heut, Euer Signal - sie sagtens mir in der Stadt - sechs
Stunden lag ich am Fue ihres Altars, sie hat mein Gelbde angenommen, sie
winkte mir - ich mu hinab, ich rette ihn, notre Dame de la Garde -
    Die arme Suzon sprach die letzten Worte halb im Traume, ihr Kpfchen sank
zurck, ein eignes Lcheln glitt ber das bleiche Gesicht hin, die an das
Stuhlkissen gedrckte Wange rthete sich ein wenig, sie athmete leiser und
ohnerachtet der innern furchtbaren Angst machte die erschpfte Natur ihre Rechte
geltend, indem sie dem armen Kinde kurzes Vergessen aller Noth gewhrte.
    Sie schlft, flsterte der Alte, und schlug ein Kreuz ber die
Schlummernde, dann wollte er auf die Terrasse hinaus, sich umzusehen und ich
begleitete ihn. Der Regen hatte aufgehrt, der Sturm tobte frchterlicher als
zuvor, kaum da ich seiner Macht widerstehen konnte und mich aufrecht erhielt.
Unaufhrliche Blitze gossen noch immer Strme von Feuer ber das siedende Meer
aus und noch deutlicher als zuvor erblickten wir bei ihrem Leuchten das
unglckliche Schiff, ringend mit dem Untergange. Dunkle undurchdringliche
Grabesnacht umgab uns gleich darauf wieder, und durch die dichte Finsterni
leuchteten einzelne kleine schnell wieder verschwindende Funken zu uns auf; es
war das Aufblitzen der Kanonen, durch deren unaufhrliches Abfeuern die
verzweifelnde Mannschaft des Phnix noch immer menschliche Hlfe herbeizurufen
strebte, aber der Schall verschwand unhrbar und ungehrt in dem furchtbaren
Aufruhr der Natur.
    Ich konnte mich nicht entschlieen, zurck in die Htte zu gehen, und auch
der Alte blieb drauen, wahrscheinlich um Suzons herzzerreienden Anblick
auszuweichen. Noch immer bestrmte ich ihn mit Bitten und Fragen, um Mittel und
Wege, dem augenscheinlich dem Untergange geweihten Schiffe zur Hlfe zu kommen,
aber er wies mich unabnderlich ab, wie man ein Kind abweist, das Unmgliches
verlangt, obschon das Herz des mit allen diesen Schrecken lngst vertrauten
Greises fr die unglckliche Suzon blutete.
    Er sagte mir, sie sey seine Pathe, die Tochter eines armen Fischers, aus
einem kleinen Drfchen nahe am Fue des Felsens von notre Dame de la Garde; das
schnste, sittsamste, anmuthigste Mdchen weit und breit umher, von Jugend auf
bei Alt und Jung beliebt. Antoine, seit langer Zeit ihr Verlobter, war als
Matrose mit dem Phnix ausgegangen, sobald er heimkehrte, sollte die Hochzeit
seyn und nun - dem alten Mann brach die Stimme vor innerer Bewegung, er
vermochte nichts weiter hinzuzusetzen.
    Ich dachte an Vicktorinen und - ach! hochwrdige Frau! lassen Sie mich, was
ferner sich mit der Unglcklichen begab, was mir das Herz zerri, indem es mit
einem Entsetzen mich erfllte, das immer von neuem wiederkehrt, so oft ich daran
denke - lassen Sie mich das alles nur noch mit wenigen kurzen Worten andeuten,
um Ihrer und meiner zu schonen.
    Wir kehrten in die Htte zurck und - fanden Suzon nicht mehr. Sie war
erwacht, und hatte sich hinter unserem Rcken hinausgeschlichen. Das furchtbare
Brausen des Sturms, das wilde Toben der Wogen, bei dem wir nur mhsam, dicht
zusammen gedrngt, uns einander verstndlich machen konnten - wir hatten ihr
Fortgehen nicht bemerkt!
    Wir riefen Hlfe herbei, die wenigen Invaliden, welche die Zitadelle
bewohnen, vereinten sich mit uns, der Fels, der Weg zur Stadt, die Kapelle,
alles ward durchsucht, obgleich die Schrecknisse dieser entsetzlichen Nacht die
Nachforschungen eben so gefhrlich als mhsam machten, - alles war umsonst und
Suzon blieb verloren!
    Der Morgen graute, das Gewitter verzog, der Sturm legte sich, doch das
erzrnte Meer siedete noch immer in innerlicher entsetzlicher Wuth, und die
schumende Brandung tobte weit ber ihre sonst gewohnte Grnze am Ufer hin. Da
ging endlich die Sonne auf, hell und heiter, als leuchte ihr Strahl nur
Glcklichen, die smaragdnen Wellen erglnzten, sie hoben wie im feyerlichen Tanz
die schaumgekrnten Hupter in unbeschreiblicher Pracht, und warfen im wilden
Spiele die dunkeln Trmmer des gescheiterten Schiffes einander zu, ein trauriges
Zeichen ihres Triumphs ber zerbrechliches Menschenwerk.
    Wie ich zurck nach Marseille und in meine Wohnung gelangt bin, wei ich
kaum. Das in allen seinem Schrecken ber allen Ausdruck erhaben groe Schauspiel
dieser unvergelichen Nacht, Suzon, Vicktorine, alles dieses vereint, drngte
sich auf dem Wege in meiner Phantasie zu einem einzigen gewaltigen Bilde
zusammen.
    Es war mir unmglich, Marseille, wie ich es mir frher vorgenommen hatte,
schon an diesem Tage zu verlassen, ohne vorher ber das Geschick der armen Suzon
und der Mannschaft des so nah' am Hafen gescheiterten Schiffes zu einiger
Gewiheit gelangt zu seyn. Alle, alle hatten wahrscheinlich im Zorn des emprten
Elements den Untergang gefunden.
    Als am zweiten Morgen nach jener Schreckensnacht das wieder beruhigte Meer
sich in seine alten Schranken zurckzog und die wilde Brandung sich legte,
fanden die Fischer mehrere Todte, welche die Wogen dem mtterlichen Boden wieder
zugeworfen hatten. Antoine war der erste unter diesen; unfern dem Wohnorte
seiner Braut lag er auf einer kleinen Erhhung, halb bedeckt noch von den
Wellen, die einzeln ber ihn hinschlugen, und neben ihm seine bis in den Tod
getreue Suzon. Kalt, erstarrt, durchnt, als htte sie mit ihm die Gefahren des
Schiffbruchs getheilt, hielt sie ihn noch immer fest umschlungen, und keine
Gewalt vermochte die Liebenden im Tode zu trennen, denen Vereinigung im Leben
nicht beschieden war.
    Die Unglckliche! Nachdem sie aus der Htte des guten Regnaud entfloh,
stieg sie, wie man jetzt vermuthet, einen Fupfad hinab, der schnurgerade ans
Ufer fhrt. Niemand begreift, wie dieses Wagestck ihr in dieser entsetzlichen
Nacht gelungen seyn kann, denn nur selten mag einer der khnsten Bewohner dieser
Kste den fast senkrecht steilen Weg bei hellem Sonnenscheine zu erklimmen.
Wahrscheinlich fand sie zuerst beim grauenden Morgen den geliebten Todten, noch
umsplt von der Brandung, die ihn ans Ufer warf, und ihn wieder mit
hinabzureien drohete. Die erschpften Krfte der Armen vermochten nicht, ihn
vollends an das Ufer zu ziehen, und so sank sie neben ihm hin und fand selbst
den Tod in dem Bestreben, ihren Geliebten wieder ins Leben zurckzurufen. Es ist
ein Geschick, ber das sich weiter nichts sagen lt; hier bleibt nichts brig,
als schweigend in Ehrfurcht zu verstummen.
    Am zweiten Tage, ehe ich den Weg nach Toulon antrat, ging ich hinaus, um
das Meer noch einmal zu sehen, doch den Felsen von notre Dame de la Garde mochte
ich nicht wieder besteigen. Glnzend wie ein Spiegel, kaum gekruselt von leicht
dahin tanzenden Wellen, lag es vor mir, keine Spur mehr von der furchtbaren
Emprung, in der ich es vor kaum acht und vierzig Stunden gesehen hatte. Sinnend
verweilte ich lange in seinem Anschauen, alle Schrecknisse jener Nacht gingen
nochmals an meinem Geiste vorber, und ich fate hier zuerst den Entschlu,
welchen ich jetzt ausfhre, indem ich diese Bltter und den Schlssel zu dem
Kstchen Ihnen, hochwrdige Frau, bersende.
    Mein Muth blieb indessen ungebeugt, und ich darf sagen, was ich sah und
erlebte, hat ihn vielmehr neu gestrkt, obgleich das harte Geschick der armen
Suzon und ihres Geliebten mich noch immer mit tiefer wehmthiger Trauer erfllt!
Drohen doch berall tausend Gefahren dem armen Leben des Sterblichen, selbst
mitten im Kreise der Seinen, auf festem Boden, im sichern Hause. Ist doch die
Erde ein weites Grab wie das Meer und jeder Athemzug ein unerforschtes Wunder,
das unser Leben von einer Secunde zur andern fristet. Wahrlich, wir mten
entweder immer verzagen, oder immer vertrauen, und ich whle mir das letztere.
    Am nmlichen Tage noch trat ich meine kleine Reise nach Toulon an; ich
suchte und fand neue Lebenskraft im Betrachten dieser, von allem mir Gewohnten
so ganz abweichenden Pracht der Natur und es gelang mir nach und nach, mich von
den dstern Bildern loszureien, die noch immer auf meine Phantasie eindrangen.
    Alles ist hier anders wie bei uns und doch unendlich reizend; keine Spur
jener anmuthigen Frische, die in den schnen Thlern am Ufer der Elbe, des
Rheins, der Donau, uns mit so unbeschreiblichem Wohlbehagen erfllt. Weit und
breit ist nur wenig Grnes zu entdecken, die Olivenbume, die in den
Steinklften wurzeln, der Tymian, der Lavendel, alle die viel tausende Kruter,
die, wie ein Teppig, sich ber die Felsen hinbreiten, zeigen meistens nur ein
einfrmiges Graublau, welches das dunkle, ans Schwarze grnzende Grn der
malerischen Pinie nur selten unterbricht, aber ein sberauschender Duft steigt
Abends und Morgens aus ihnen auf. Der Oleander, der Rosmarin wachsen hier, mit
der Myrthe vereint, zum hohen baumartigen Strauch heran. Die Tazette, der
Goldlack, alle die vielen Blumen, die wir im Norden mhsam pflegen, gedeihen
hier in der Wildni weit ppiger als in unsern Treibhusern. Myriaden von
Cikaden klingeln wie mit Silberglckchen vom Morgen zum Abend ihr eintniges
Lied und die malerisch gestalteten Felsen erglhen im Sonnenschein in einer
Farbenpracht, die wir im Norden nicht kennen.
    Da ich erst spt gegen Mittag ausgereist war, so konnte ich Toulon nicht in
Einem Tage erreichen, sondern mute in Cujes, einem kleinen, mitten in einem
Felsenkessel liegenden Orte bernachten; dafr ritt ich aber auch schon mit
Sonnenaufgang wieder aus, von meinem Bedienten und einem Postillion begleitet,
der uns zum Wegweiser diente. Unsere Strae fhrte uns anfangs durch ein
wunderschnes Felsenthal, am Ufer eines lustig rauschenden Bergwassers hin, dem
von den Hhen eine Menge kleiner silberhellen Quellen zustrzten, als eilten
sie, sich mit ihm zum frhlichen Tanz durch das schne Land hin zu vereinen. Wo
nur ein urbares Pltzchen sich findet, wachsen hier Mandelbume, Maulbeerbume
und Reben zwischen dem Gestein; unzhlige Blumen biegen sich neugierig vor, als
wollten sie in dem klaren Gewsser sich spiegeln und alles grnt und blht in
ppiger Frhlingskraft. Doch dieses whrte nicht lange, die Felsen erhoben sich
khner, das klare Strmchen verwandelte sich in einen scheltend und strmend,
zwischen engen Ufern daher rollenden Giesbach, und alles um uns gewann einen
dsteren, wilderen Charakter, bis zuletzt jede Spur von Vegetation hinter uns
zurckblieb und das enge schauerliche Thal von Oliulles uns aufnahm. In frheren
Zeiten, selbst whrend der Revolution, war es als der Aufenthalt gefhrlicher
Ruberhorden berchtigt, und auch jetzt hatte man uns ermahnt, es nicht
unbewaffnet zu durchziehen. Denn der vieljhrige Krieg hat die Menschen
verwildert, und viele, die whrend desselben heranwuchsen und kein anderes
Handwerk als Raub und Plnderung in fernen Lndern erlernten, ben dieses jetzt
nothgedrungen im eigenen Vaterlande aus, besonders wo sie, gerade wie in diesem
Thal, einen Ort finden, der von der Natur selbst zum Schauplatz dunkler Thaten
bestimmt scheint.
    Nie sah ich eine furchtbarere Einde! Ein wild verworrenes Labyrinth
grausenerregender Klfte und Hhlen ffnet sich zu beiden Seiten der dicht am
Bergstrom sich hinwindenden Strae und bietet dem Ruber berall sichere
Zuflucht und Mittel zu entkommen. Zuweilen treten die berhangenden Felsen so
nahe zusammen, da kaum ein schmaler Himmelsstreif dem Wandrer sichtbar bleibt,
und kein belebender Sonnenstrahl in die schauerliche Dmmerung hinabzudringen
vermag. Hier verstummt alles Leben, kein Vogel singt in dieser furchtbaren
Wste, aus der selbst die gengsame Cikade entflieht, weil auch kein armes
Hlmchen dem trocknen harten Steine mehr entspriet.
    Tief in mich selbst versunken, ritt ich eine kleine Strecke voraus, dem
einsamen dunkeln Pfad' entlang, whrend mein Bedienter mit dem Postillion etwas
zurckblieb, um sich von diesen Mordgeschichten erzhlen zu lassen, deren
Schauplatz er gerade in die Gegend hin verlegte, in welcher wir uns befanden.
Meinem ehrlichen Dubois strubte sich dabei das Haar himmelan, aber er horchte
dennoch mit einem Interesse darauf, welches auch gebildetere Naturen, als die
seine, nie ganz zu verlugnen vermgen, und verlangte immer nach einer zweiten
furchterregenden Erzhlung, wenn die erste eben zum Schlusse gekommen war.
    So gelangte ich, anscheinend ganz allein, zu einer Stelle im Thal, wo sich
die Felsen dem Auge so wunderbar in einander schieben, da der rckwrts
Schauende eben so wenig begreift, wo er hergekommen ist, als man absehen kann,
wo es hinaus will, wenn man den Blick vorwrts wendet. Und gerade in diesem
ringsum von steilen Felsenwnden eingeschlossenen Platze sah ich pltzlich in
geringer Entfernung aus einer der Seitenklfte zwei mit starken Kntteln
bewaffnete Mnner hervorspringen, deren verwildertes Ansehen das traurige
Gewerbe nur zu deutlich bezeichnete, welches sie hier treiben mochten.
    Wo hinaus? rief mir der Eine zu, der mir am nchsten stand, und suchte
meinem Pferde in den Zgel zu fallen, whrend der Andere im gestreckten Laufe
herbei eilte. Ich hatte indessen im Augenblicke, als ich ihrer ansichtig ward,
eines meiner Terzerole hervorgezogen, und feuerte es nur ber ihre Kpfe ab,
denn warum sollte ich die armen Teufel zu verletzen suchen? Der Schall
vertausendfltigte sich bis ins Unendliche zwischen diesen Felsenmassen, und was
ich dadurch beabsichtigte, war auch im nchsten Augenblick erreicht, denn der
Postillion und Dubois bogen um die Ecke; die Ruber flohen in ihre Schlupfwinkel
zurck, sobald sie dieser Beiden gewahr wurden, und verschwanden blitzschnell
vor unsern Augen.
    Herr, das waren bse Gste! rief der Postillion, lat uns eilen, damit
wir diese verwnschten Ruberwinkel in den Rcken bekommen. Ich lie mir den
Rath gefallen und nun ging es eine Weile so schnell vorwrts, als der, bald
steil sich erhebende, bald dem Abgrunde sich zusenkende Weg es nur erlauben
wollte. Die Felsen zogen sich in immer wunderbarer sich gestaltende, dstere
Klfte zusammen. Pltzlich sprang mein Pferd um die Seite; ich suchte die
Ursache seines Scheuwerdens und ward mit Entsetzen einen fast ganz entkleideten
wahrscheinlich ermordeten Menschen gewahr, der, halb verborgen, in einer
Felsenschlucht unfern dem Wege lag. Schnell sprang ich vom Pferde, um zu
untersuchen, ob noch Leben in ihm sey? Dubois Angst stieg zwar bis zum
Lcherlichen bei diesem Verweilen an einem so berchtigten Orte, und auch der
Postillion wre gern vorwrts geeilt, doch ich achtete nicht darauf, und da ich
beiden in der nchsten Minute die Versicherung ertheilen konnte, da der
Beraubte nicht todt, sondern nur von einem Schlage auf den Kopf betubt sey, so
waren sie auch sogleich bereit, mir in dem Bemhen, ihn wieder ins Leben zu
bringen, beizustehen. Aller Wahrscheinlichkeit nach war der Unglckliche den
nehmlichen Rubern in die Hnde gefallen, denen wir kurz vorher begegneten;
Dubois und der Postillion besprachen dieses mit einander sehr weitluftig, indem
sie sich um ihn beschftigten und zogen daraus den trstlichen Schlu, da die
Ruber deshalb wohl schwerlich sobald sich wieder hieher zurckwagen wrden.
    Mit welcher Freude ich endlich die erste Regung des wiederkehrenden Lebens
in dem Verwundeten wahrnahm, vermag ich nicht zu beschreiben. Nie zuvor hatte
ich gefhlt, was es heit, ein Menschenleben gerettet zu haben, und ich schrie
beinahe laut auf vor Entzcken, als sein Auge sich dem Lichte ffnete. Freilich
sank er bald darauf, halb ohnmchtig wieder zurck, doch gelang es uns deshalb
vielleicht um so besser, die nthigen Vorkehrungen zu treffen, um ihn mit uns zu
fhren, ohne ihm zu groe Schmerzen zu verursachen.
    Langsam schritt unser kleine Zug jetzt vorwrts, bis wir den nicht mehr
sehr entfernten Ausgang des Thals erreichten. Tausend Gedanken und Empfindungen
wogten indessen in meinem Gemth; Suzon und ihr schmerzliches Geschick standen
von neuem vor meinem Geist, und die Ueberzeugung da nur der Untergang jenes
holden liebenden Wesens mich in der rechten Stunde zur Rettung dieses jungen
Mannes herbeigefhrt habe, erfllte mich mit unaussprechlich tiefer Wehmuth.
Denn nur um von Suzon noch Kunde zu erhalten, war ich spter von Marseille
ausgereist, als ich zuerst es mir vorgesetzt hatte.
    So geht das Leben durch Nacht zum Licht! aus Untergang erwchst neues
Entstehen, wie am Horizonte des gestirnten Himmels ein neues Sternbild glorreich
sich erhebt, wenn andere nach vollbrachtem Laufe hinabsinken. Die anscheinend
unbedeutendste unsrer Handlungen zieht oft eine Kette von Folgen nach sich, bei
deren Betrachtung uns, wenn wir den Blick rckwrts wenden, geheimnivolle
Schauer aus einer unsichtbaren Welt entgegen wehen. Da ich zu belgewhlter
Zeit einen Spaziergang unternahm, daran hing, allem menschlichen Absehen nach,
das Leben dieses jungen Mannes, nebst allen den nicht zu berechnenden Folgen,
die aus seiner Erhaltung, nicht nur fr ihn, sondern fr alle die entstehen
knnen, welche mit ihm schon in Verbindung sind oder noch im Laufe der Jahre mit
ihm in Verbindung kommen werden. Wie ernst ist das Leben und wie wichtig
zugleich, wie abhngig von allem was wir Zufall zu nennen wagen! Man darf
darber nicht zuviel grbeln, aber wie soll man es anfangen, sich dieser
Gedanken zu entschlagen, wenn die Veranlassung dazu sich auf solche Weise uns
entgegen drngt!
    Der Anblick der unaussprechlich reizenden Gegend, welche dicht vor jenem
Felsenthal mir berraschend entgegen leuchtete, entri mich jenen vielleicht zu
ernsten Betrachtungen.
    Ich gebe zu, da der Kontrast mit der eben verlassenen Wste nicht wenig
dazu beigetragen haben mag, mir alles, was ich nun erblickte, in feenartigen
Zauberglanze zu zeigen, doch fr den Moment war mir wirklich, als sey ich
pltzlich aus den Schlnden des Tartarus in Elisium versetzt, da ich im Drfchen
Oliulles zum erstenmal in meinem Leben die lndlichen Htten von Orangenbumen
umgeben sah, aus denen Hunderte von Nachtigallen uns entgegen sangen, und deren
immer grne, im herrlichsten Blthenschmucke prangende Zweige zugleich unter der
schweren Last goldner Frchte sich beugten.
    Unser Postillion war glcklicher Weise aus diesem Drfchen gebrtig, und so
ward es uns nicht schwer, unsern Verwundeten hier einstweilen auf leidliche
Weise unterzubringen, bis fr dessen fernere Verpflegung besser gesorgt werden
konnte. Ich lie meinen Dubois bei ihm zurck, und ritt so schnell als mglich
dem jetzt nicht mehr weit entfernten Toulon zu, von wo ich sogleich einen
Wundarzt und eine Snfte nach Oliulles absandte. Am nchsten Tage hatte ich
schon die Freude, den Unglcklichen in meinem Gasthofe anlangen zu sehen, wo ich
fr seine Verpflegung selbst Sorge tragen kann. Bis jetzt liegt er uerst
schwach, beinahe regungslos da, doch seine Wunden sind an sich nicht
gefhrlicher Art, und der Arzt hofft mit Gewiheit, er werde genesen. Diese
Hoffnung sttzt sich hauptschlich auf die innere Kraft einer jugendlichen
unverdorbenen Natur, welche freilich durch mannigfaches Leiden, vielleicht sogar
durch harte schwere Arbeit, untergraben zu seyn scheint, bei sorgsamer Pflege
steht aber zu erwarten, da sie bald wieder die Oberhand ber Fieber und Schmerz
gewinnen werde.
    Im Ganzem ist mir dieser noch sehr junge Mann eine hchst rthselhafte
Erscheinung. Seine verfallne abgemagerte Gestalt, seine, wenn gleich fein
geformten, dennoch hart gewordnen Hnde voller Schwlen scheinen freilich zu
beweisen, da ihn bis jetzt das Leben nicht sanft bettete, und doch liegt ein
gewisses unbeschreibliches Etwas in seiner sehr edlen Gestalt und mehr noch in
seinem Benehmen, sobald er nur einen Augenblick seiner Besinnung mchtig wird,
welches darauf hindeutet, da er den gebildeten Stnden angehrt, die wir die
Hheren zu nennen gewohnt sind.
    Der Arzt verbietet ihm zu sprechen, was seine eigne Schwche ihm ohnehin
kaum erlauben mchte; er liegt die grte Zeit des Tages in einem, an
Bewutlosigkeit grnzenden Hinbrten fast ohne ein Zeichen des Lebens, und da
die Ruber ihm alles, was er bei sich fhren mochte, nahmen, so blieb mir
nichts, was mich in meinen Vermuthungen ber seine frheren Verhltnisse leiten
knnte. Gleichwohl ahnet mir zuweilen, er sey vielleicht ein Deutscher und
dieser Gedanke erhht meine Freude ber seine Rettung um ein Groes. Freilich
haben Luft und Sonne sein Gesicht gebrunt, so, da er sich in dieser Hinsicht
durchaus nicht von den Eingebornen des Landes unterscheidet, doch seine Locken
sind blond, und einigemal glaubte ich deutlich zu hren, wie er, o mein Gott!
seufzte, wenn seine Wunden ihm strker schmerzen mochten.
    Morgen kehre ich nach Marseille zurck, denn die Geschfte, welche mich
dort erwarten, erlauben mir nicht, nur noch einen Tag lnger in Toulon zu
verweilen. Der Unfall meines Unbekannten hat indessen die Wachsamkeit der
hiesigen Polizei nun belebt, Gensd'armes durchstreifen das Thal von Oliulles
nach allen Richtungen hin, und die groe Strae wenigstens ist in diesem
Augenblick vollkommen sicher.
    Mein Unbekannter bleibt indessen unter dem Schutze eines wackern Deutschen,
Namens Weiler, dem Chef eines hiesigen bedeutenden Handelshauses zurck. Denn wo
wre eine bedeutende Stadt in Europa, in der man nicht Deutsche antrfe? Auch
der Arzt ist einer, wie so viele der geachtetsten Aerzte in Frankreich. Beide
ahnen mit mir in dem Unbekannten einen Landsmann, und pflegen deshalb seiner um
so mehr mit wahrhaft brderlicher Theilnahme. Weiler ist sogar entschlossen, ihn
in sein Haus aufzunehmen, sobald der Gesundheitszustand des Kranken dieses
erlaubt. So weis ich ihn denn gut versorgt und kann leichten Muthes von ihm
scheiden; ich lasse ihm meine Adresse und die meines Hauses zurck und Herr
Weiler will sich mit mir vereinen, um ihm die Heimkehr zu den Seinen auf jede
Weise zu erleichtern. Und nun leben Sie wohl, hochwrdige Frau, Sie werden jetzt
in langer, langer Zeit nicht wieder von mir hren, aber ich weis, Sie vergessen
meiner dennoch nicht. Lebe wohl, Geliebte! Vicktorine! Du schnes holdes Licht
meines Lebens! Lebe wohl mein Vaterland! Europa, lebe wohl! Mein Schiff liegt im
Hafen vor Marseille zur Abfahrt bereit. Es ist ein trefflicher Seegler, der
Kapitain ein erfahrner verstndiger Seemann. Die Strme der Tag- und
Nachtgleiche sind vorber, und alles weissagt mir eine schnelle glckliche
Fahrt.
    Mein Herz schlgt hoch in Freude, da ich nun endlich dem mir gesetzten
Ziele zueilen darf; die Hoffnung des schnsten Wiedersehens winkt mir durch den
Schleier, der die ferne Zukunft verhllt; was ich auf Erden noch zu ordnen
hatte, ist jetzt geordnet, und so rufe ich frischen Muthes aus voller Brust:
Glck auf!

Schon das wohlbekannte Wappen, mit welchem dieser Brief gesiegelt war, hatte
wahrscheinlich nicht wenig dazu beigetragen, in den Augen der Tante die
Aehnlichkeit der Schriftzge auf der Adresse, mit den ihr unvergelichen, einer
lngst zu Staub eingesunknen geliebten Hand zu erhhen. Als sie nun vollends
auch den kleinen goldnen Schlssel aus seiner Verhllung wickelte, welcher in
dem Briefe lag, strahlte ihr ein zweiter heller Lichtschein aus ihrer fernsten
Vergangenheit so blendend entgegen, da sie darber das Bewutseyn der Gegenwart
verlor. Ihre zitternde Hand vermochte es kaum, den Schlssel fest zu halten; sie
betrachtete ihn genauer; er war es, unverkennbar derselbe! Sie drckte beinahe
unwillkhrlich auf eine oben am Griffe angebrachte Rosette, diese wich noch wie
ehemals dem leisen Drucke und schob sich zurck. Anna glaubte zu trumen.
    In unbeschreiblicher Bewegung brachte sie jetzt auch das Kstchen herbei,
welches Raimund ihrer Bewahrung anvertraut hatte. Ohne es genauer zu betrachten,
hatte sie es damals weggestellt, und htte nicht Raimund jetzt durch sein
Schreiben sie dazu berechtiget, so wrde sie es ihm gewi bei seiner Rckkunft
ganz unberhrt wieder gegeben haben, ohne da es ihr je eingefallen wre, die
Chatulle aus der Verhllung zu ziehen, die solche von allen Seiten dicht umgab.
Mit strahlenden Augen, mit einem Gefhle ohne Namen, erkannte Anna auf den
ersten Blick jetzt das aus seinem Futterale gehobene Kstchen fr das nmliche,
welches einst Bernhard von Leuen als ein von seiner Mutter ererbtes
Familienkleinod mit der grten Sorgfalt aufbewahrte. Wie oft hatte sie die
alte, mit Gold knstlich eingelegte Arbeit, alle die unendlich feinen Blumen und
in einander verschlungnen Zge mit ihm bewundert, die das Elfenbein schmckten,
aus welchem die Aussenseite dieses kostbaren Behltnisses bestand! Sie versuchte
es, mit dem zierlichen Schlssel zu ffnen, das Schlo wich, das Kstchen sprang
auf und leuchtend wie sonst, glnzte die Silberplatte ihr entgegen, welche das
Innere desselben oben und unten und von allen Seiten bedeckte.
    Alle die seeligen Stunden, welche sie im entzckenden Gefhle des ersten
Aufkeimens reiner jugendlicher Liebe bei der Herzogin von P*** mit Bernhard
durchlebte, gingen bei diesem Anblick wieder an ihr vorber, und weit drngten
sie die Gegenwart zurck. Anna glaubte wieder Bernhards leisen Tritt zu hren,
als schliche er herbei, als wolle er, wie er einst im frhlichen Scherz gethan,
ber ihre Schulter blicken, um in dem kleinen Raume der hellspiegelnden Flche
sein Bild mit dem ihrigen zu vereinen.
    Wunderbar durch sich selbst getuscht, glaubte sie das Wehen seiner Nhe zu
empfinden, unwillkrlich warf sie einen Blick in das Innere des Kstchens - doch
ach! nicht das Bild des Geliebten, nicht das ihrer eignen lngst entschwundnen
Jugendblthe lchelte ihr daraus entgegen - sie erblickte nichts weiter als ihre
jetzige gealterte Gestalt. Ergriffen von der unnennbaren und doch so
menschlichen Trauer um den versunknen Frhling ihres Lebens, bedeckte sie bei
diesem Anblick ihr Gesicht mit beiden Hnden, und sank mit einem kaum zu
unterdrckenden Schrei des Entsetzens in ihren Armstuhl zurck, als habe erst in
diesem Moment eine feindliche Gewalt ihre Jugendherrlichkeit mit einem Schlage
zerstrt. Was sie gelitten, was sie verloren, alle lngst verjhrten Schmerzen,
die sie im Laufe ihres Lebens gefhlt und berwunden, drangen jetzt mit
unsglicher, neubelebter Gewalt auf sie ein; das Gefhl des Alters berwltigte
sie pltzlich mit seiner ganzen Trostlosigkeit, ihr starkes Gemth unterlag dem
Schmerze ber den entsetzlichen Unterschied zwischen jetzt und damals, als diese
nmliche Platte das leztemal ihr Bild ihr gezeigt hatte, und sie brach in bittre
heie Thrnen aus, wie sie nie wieder sie weinen zu mssen gehofft hatte.
    Wir alle, Mnner und Frauen, wrden fhlen, wie Anna damals empfand, drfte
das Alter uns so pltzlich nahen, als der Tod, zu unserem Heile es darf; aber
die, ihre Kinder immer schonende Natur fhrt uns glcklicherweise in leisen
Uebergngen, von Stufe zu Stufe dem Ziele unmerklich nher, das der blhendsten
Schnheit, wie der unverwstlichsten Jugendkraft, unvermeidlich, wenn gleich
meistens unbeachtet gegenber steht.
    Annas lang gebte Gewalt ber sich selbst gab ihr indessen bald wieder Kraft
genug, um den Inhalt des Kstchens nher zu untersuchen. Sie fand darin alles
wie Raimund es ihr geschrieben hatte, eine versiegelte Abschrift seines letzten
Willens, und die, sein nicht ganz unbetrchtliches Vermgen betreffenden
Documente. Sie nahm alles dieses heraus und bereitete sich nun, die verborgenen
Fcher des Kstchens zu ffnen, von deren Daseyn Raimund nichts wute, und die
auch ihr verborgen geblieben wren, wenn nicht Bernhard von Leuen sie einst
zuflliger Weise damit bekannt gemacht htte. Dabei war sie berzeugt, da
Raimunds Vater seinem Sohne das Daseyn dieser Fcher noch zu entdecken gewnscht
hatte und da nur das schmerzliche Gefhl, dieses nicht mehr zu vermgen, die
letzten Stunden des sterbenden Greises beunruhigt haben mochte. Uebrigens konnte
in dem kleinen Behltnisse diese verborgenen Fcher niemand ahnen, der nicht in
das Geheimni eingeweiht war. Denn die mit Gold eingelegte Arbeit, welche die
elfenbeinerne Aussenseite fast ber und ber bedeckte, nebst den sehr massiv
scheinenden silbernen Platten im Innern desselben waren mehr als hinlnglich, um
die Dicke und Schwere des Deckels und Bodens vollkommen zu motiviren.
    Abermals schob jetzt Anna am Griff des Schlssels die Rosette zurck, welche
einen kleinen Magnet verbarg, dessen Kraft ein fast unsichtbares, im Innern des
Kstchens angebrachtes sthlernes Knpfchen beseitigte und beide, im Deckel und
im Boden angebrachte Silberplatten sprangen im nmlichen Momente auf, so wie sie
die dadurch jetzt sichtbar gewordne Feder berhrte.
    Mehrere Papiere, grtentheils Briefe, fllten, zierlich zusammengefaltet,
beide, so lange verborgen gebliebene Fcher des Kstchens aus.
    Anna heftete den trben Blick lange darauf, ohne da sie es wagte, die
Papiere zu berhren, denn ihr scharfes Auge erkannte sogleich in einigen von
diesen Bernhard von Leuens Schriftzge, und ihr war, als wolle der bleiche,
lngst geschlossene Mund des Todten noch einmal sich ffnen um ihr freundlichen
Gru aus einem hheren Leben zu senden, und ihr wirklich zu entdecken, was ihrem
ahnenden Gemthe schon lngst, wenn gleich dunkel und unbestimmt, vorgeschwebt
hatte.
    Mitten unter den Papieren schimmerte eine kleine Kapsel ihr entgegen; mit
zitternder Hand ergriff und ffnete sie diese, und fand darin einen Ring mit
Bernhards Bildni. Die edlen Zge, das seelenvolle Auge, im kleinsten Raum aufs
treuste wieder gegeben, ganz so, wie sie zum erstenmal ihn sah, leuchteten ihr
in blhender Jugendfrische entgegen, von blitzenden Diamanten umgeben. Sogar das
Kleid schien dasselbe, welches Bernhard von Leuen bei jenem der Herzogin von
P*** zu Ehren gegebnen Feuerwerk trug. Das dunkle Behltni, welches das schne
Miniaturbild so lange aufbewahrte, hatte die Farben vor dem Verbleichen
geschtzt, sie strahlten noch im ursprnglichem Glanze, und Anna erkannte mit
erhhter Wehmuth die Arbeit eines ehemals berhmten, jetzt ebenfalls schon
lngst entschlafnen Knstlers darin, der vor langen Jahren zu den Hausfreunden
ihres Vaters gehrt hatte. Sie betrachtete das Kleinod genauer, und
unwiderstehlich drang sich ihr die Ueberzeugung auf, da dieser Ring ihr zum
Brautgeschenk bestimmt gewesen sey, ehe ein unseeliges Miverstehen Bernhard von
ihr entfernte; denn ihr eigner Namenszug mit dem des Geliebten zierlich
verschlungen, war der innern Seite desselben eingegraben. Jener wilde Schmerz,
den sie so eben mhsam niedergekmpft hatte, erwachte bei dieser Entdeckung
nicht wieder, wohl aber bemeisterte sich ihrer ein tiefes Gefhl inniger
Wehmuth, dem sie ohne Widerstand mit schmerzlicher Freude sich hingab. Sie zog
ein Gemlde Bernhards hervor, welches sie nie von sich lies, und das ihn so
darstellte, wie er war, als er zum letztenmal von ihr Abschied nahm; sie
verglich die Greisengestalt mit dem lebenathmenden Bilde seiner Jugend. Noch
einmal mute jener silberne Spiegel auch ihre eigne verblichne Gestalt ihr
zeigen, und tief ergriffen von der Flchtigkeit des Traums, den wir Leben
nennen, vermochte sie es jetzt, die wohlthtige Hand dankend zu preisen, die
auch sie dem Ziele so nahe gefhrt hatte, wo, wie ihr frommes Hoffen ihr
verhie, Bernhard schon lange ihrer harrte.
    Endlich gewann Anna es auch ber sich, den Inhalt der so lange verborgen
gebliebnen Papiere zu untersuchen und diese wehmthig ernste Beschftigung gab
sie allmhlig sich selbst ganz wieder zurck. Sie fhlte inniger als je zuvor
die Verpflichtung, hier thtig zu werden fr das knftige Wohl des abwesenden
Raimund, den sie von nun an, als von Bernhard selbst ihrer Vorsorge empfohlen,
betrachten mute. Deshalb las sie alles, was sie in den verborgenen Fchern
vorfand, mit mglichster Aufmerksamkeit und wandte alle Kraft ihres Gemthes
daran, um die mannichfachen Empfindungen zu unterdrcken, welche bei dieser
Beschftigung aufs neue ihre gewohnte Fassung zu zersthren drohten.
    Was sie vorfand, berzeugte sie von dem Berufe und der Mglichkeit, hier fr
Bernhard selbst eintreten, und unsglich viel Gutes, die geliebte Asche und den
theuren, ihr nie verklungnen Namen Ehrendes bewirken zu knnen. Von neuem
erwachte in ihr die lange Gewohnheit, sich des Wohles Andrer thtig anzunehmen;
alles brige von sich weisend, berlie sie sich einzig dem ernsten Ueberlegen,
was hier am ersten zu ergreifen sey, und kam auf diese Weise sehr bald zu dem
Entschlusse, die Reise zu unternehmen, welche sie, wie frher erwhnt ward, am
folgenden Morgen wirklich antrat.

Nach der Abreise der Tante blieb Anfangs im Kleebornschen Hause alles so
ziemlich unverndert, wenigstens dem uern Anschein nach. Innerlich wurde der
alte Herr freilich mit jedem Tage verdrlicher, und Angelika und Vicktorine
empfanden die tiefe Sehnsucht nach der entfernten mtterlichen Freundin immer
schmerzlicher. Feste und Lustbarkeiten gingen aber demohnerachtet nicht nur
ihren gewohnten Gang, sondern, wie das beim Schlu der Winterfreuden gewhnlich
der Fall ist, sie drngten sich in und bereinander bis zum Ueberdrusse der
meisten daran Theilnehmenden. Denn bekanntlich vermag es keiner, der in einem
solchen Strudel von Geselligkeit befangen ist, sich ihm in dem Augenblicke zu
entziehen, da er seiner mde wird, sondern jeder mu noch eine Weile im
gewohnten Kreise sich fortdrehen, wenn gleich ohne Lust und ohne Freude daran,
so wie zu rasche Tnzer noch einige Minuten, nachdem die Violinen verstummten,
unwillkhrlich fortwalzen mssen.
    Nach einem glnzenden Balle, der bis zum Anbruch des Tages gewhrt hatte,
befand sich die ganze Kleebornsche Familie eines Vormittags bei dem sehr
verspteten Frhstck nach althergebrachter Gewohnheit versammelt. Alle waren
mde und lebenssatt, und jeder Einzelne, sogar Babet, labte sich mit stillem
Wohlbehagen an der Hoffnung, da heute wahrscheinlich ein Ruhetag seyn und
bleiben wrde. Da trat wider alles Erwarten Sir Charles herein, um sich nach dem
Befinden der Damen zu erkundigen und fragte zugleich an: ob er das Glck haben
knne, sie den Abend in das Theater zu begleiten, indem eine neue Oper zum
erstenmal gegeben werden solle, von der man groe Erwartungen hege.
    Alle blickten voll Erstaunen auf ihn, denn seit langer Zeit hatte man ihn
weder zu einer so frhen Tageszeit noch so auffallend zuvorkommend gesehen.
Vicktorine erklrte sich indessen doch fr zu ermdet, um nicht das
Zuhausebleiben der Oper vorzuziehen. Agathe stimmte ihr bei, und auf Babets
Meynung, da man gerade im Theater am aller besten ausruhen knne, wurde gar
nicht geachtet, denn auch der alte Kleeborn wollte von der neuen Oper nichts
wissen, sondern lud Sir Charles ein, den Abend lieber einmal mit ihm und den
Seinen im engsten Familienkreise zuzubringen.
    Ich knnte einer so angenehmen Einladung nicht widerstehen, und wenn ich
auch ein weit greres Vergngen deshalb aufopfern mte, als ich daran finde,
deutsche Musik, von deutschen Kehlen abhaspeln zu hren, erwiederte Sir
Charles, der heut einmal durchaus seinen hflichen Tag zu haben schien. Ich
komme gewi, setzte er hinzu, obgleich ich es eigentlich nicht sollte; denn
ich mu es nur gestehen, da ich alle diese Zeit her meine Geschfte ganz
unerlaubt vernachlssigt habe. Unter manchen andern blen Gewohnheiten besitze
ich leider auch die, immer nur ruckweise arbeiten zu knnen. Mein Schreibtisch
seufzt unter der Last wichtiger Depeschen, die ich lngst ausfertigen sollte,
der vielen Geschftsbriefe, die alle unbeantwortet daliegen, mag ich nicht
einmal erwhnen. Wilkinson sitzt schon seit sechs Stunden wie angemauert an
seinem Pulte, denn ich mu Morgen vor Tagesanbruch zwei Stafetten abfertigen,
des heutigen Posttags nicht einmal zu gedenken. Indessen da ich ohnehin
entschlossen war, die Nacht durch zu arbeiten, im Fall die Damen sich heute fr
das Theater bestimmt htten, so kann ich nun um so eher dieses kleine Opfer dem
unweit grern Vergngen darbringen mit Ihnen allein - - -
    Kleeborn hielt es nicht lnger aus, er mute hier den Redner unterbrechen,
und dabei leuchtete ihm die helle Freude aus den Augen, denn nie zuvor hatte er
den jungen Mann so ernsthaft von Geschften reden hren. Auer sich vor
Vergngen darber, begann er jetzt auf das eifrigste, ihn zu ermahnen und zu
bitten, doch ja seiner kostbaren Gesundheit zu schonen, und diese gefhrlichen
Nachtwachen zu meiden, welche jene sicher und unwiederbringlich zersthren
mten. Er versicherte, da er untrstlich seyn wrde, wenn Sir Charles darauf
bestnde, ihm die Ruhe dieser Nacht aufzuopfern, und so entstand zwischen Beiden
eine Art von edelmthigem Wettstreite, in welchem Sir Charles durchaus die
Erlaubni forderte, den Abend mit der Familie allein zu bringen zu drfen, und
der Alte eben so hartnckig dabei blieb, ihm solche auf die freundlichste Weise
von der Welt zu versagen. Es whrte ziemlich lange bis Sir Charles endlich fr
gut fand, sich fr berwunden zu erklren. Nun so sey es denn! seufzte er, und
verbeugte sich nicht ohne Anmuth, in komischer Trostlosigkeit, gegen alle in die
Runde; ich gehe, ich armer Verbannter! Aber weil es denn nun einmal so seyn mu
und ich Sie alle heute nicht sehen darf, so will ich auch gar nichts sehen, als
den Wilkinson und seine verwnschten Schreibereien. Ich schliee mich von Stunde
an in meinem Kabinette ein, bleibe darin bis Morgen frh, unzugnglich wie eine
Auster. Nichts soll mich herauslocken und kme die Catalani selbst vor meine
Thre, um mit ihrer Syrenenstimme dieses Wunder zu bewirken.
    Sir Charles entfernte sich und Horst folgte ihm auf dem Fue nach, denn ohne
ein Wort darin zu reden, war dieser ein Zeuge des ganzen Vorganges gewesen. Er
entschuldigte jetzt ebenfalls sein Nichtwiedererscheinen fr diesen Tag mit
wichtigen Geschften; doch Kleeborn achtete kaum darauf, so entzckt war er von
Sir Charles heutigem Betragen, er wurde nicht mde es zu preisen und die
erfreulichsten Schlsse fr die Zukunft daraus zu ziehen, wodurch denn die
Unterhaltung eine fr Vicktorinen durchaus nicht erfreuliche Wendung gewann.
    Langweilig war der Tag an ihnen allen vorber geschlichen, wie solche Tage
es gewhnlich pflegen. Die Theaterstunde nahte heran, und Kleeborn berlegte
eben, ob es nicht dennoch klger gewesen wre, den fr Arbeit und Vergngen
gleich verdorbnen Abend vollends im Schauspiel gemchlich zu verghnen, als der
Rittmeister Horst ganz unerwartet hereintrat, und mit ihm die Tochter seines
Majors, eine Freundin Agathens. Diesem neuen Ankmmling zu Ehren ward nun auf
des Rittmeisters besonderem Antrieb sogleich beschlossen, dennoch ins Theater zu
fahren, obgleich die eigentliche Stunde dazu schon beinahe vorber war. Der alte
Kleeborn schien wahrhaft erfreut, einen Anla gefunden zu haben, der ihn
bestimmen konnte, seinen frher gefaten Entschlu abzundern, besonders da
Horst ihm vertraute, das Frulein Natalie sey nur wegen der neuen Oper und in
Hoffnung auf einen Platz in der Kleebornschen Loge zur Stadt gekommen; denn wie
viele alte Herren seiner Art, bezeigte er sich noch immer gerne galant gegen
Damen. Babet und Agathe waren ebenfalls sehr zufrieden damit, und nur Vicktorine
uerte den lebhaften Wunsch, bei ihrer Angelika bleiben zu drfen, deren
schwache Nerven ihr ein Vergngen dieser Art nur selten erlaubten. Horst
erschrack sichtbar da er dieses vernahm, und fing an, mit solchem Ernst auf ihr
Mitgehen zu dringen, da selbst Angelika sich dadurch bewogen fhlte, ihre
Bitten mit den Seinen zu vereinen. Da Vicktorine sich noch weigerte, stiegen
diese Bitten beinahe bis zum ngstlichen Flehen, und nahmen nach und nach einen
so seltsamen Ton an, da Vicktorine endlich, gezwungen, ihm nachgab. Der Werth,
den er auf eine, ihr so unbedeutend scheinende Geflligkeit von ihrer Seite zu
legen schien, kam ihr indessen doch halb lcherlich vor, und sie konnte es nicht
unterlassen, ihn ein wenig damit zu necken; doch als sie ihn dabei genauer ins
Auge fate, erschrack sie beinahe ber den Ausdruck feierlichen Ernstes in
seinen Mienen, den er vergebens unter dem Scheine heitrer Unbefangenheit zu
verbergen suchte. Es berlief sie dabei ein heimliches Grausen, das sie sich
selbst eben so wenig zu erklren wute, als das sonderbare Benehmen ihres sonst
immer heitern Freundes, so da sie darber endlich in eine Art ngstlicher
Befangenheit gerieth und nun mehr, als alle die Andern eilte, um nur recht bald
in den Wagen und in ihre Loge zu gelangen.
    Die Oper war angegangen und in dem fast berfllten Hause herrschte die
grte Stille unter den Zuschauern. Daher war es wohl natrlich, da die
versptete, nicht ganz geruschlose Ankunft so vieler Damen fr den Augenblick
einige Aufmerksamkeit erregen mute. Doch diese Aufmerksamkeit schien sich gar
nicht wieder der Bhne zuwenden zu wollen, selbst nachdem die unschuldigen
Sthrerinnen der allgemeinen Ruhe schon lngst ihre Pltze eingenommen hatten.
Aus allen Ecken waren bewaffnete und unbewaffnete, bekannte und unbekannte Augen
auf sie gerichtet, ein tausendstimmiges Zischeln und Flstern ging durch Logen
und Parterre, und erfllte das Haus mit einem seltsamen unheimlichen Gerusch,
bei dem fast Niemand mehr das, was auf dem Theater vorging, zu beachten schien.
Kleeborn selbst wurde auf die unter den Zuschauern herrschende Unruhe
aufmerksam; er hatte sich bis jetzt mit einem Bekannten im Hintergrunde der Loge
aufgehalten, doch nun trat er vor, und beugte sich weit ber die Brstung
derselben hinaus, um die Veranlassung dieser seltsamen Erscheinung zu entdecken,
die er weit entfernt war, in seiner Nhe zu suchen. Sorgfltig musterte er die
Logenreihen mit seinem Opernglase, whrend das Flstern und Lorgniren von allen
Seiten zunahm. Doch wer beschreibt sein Erstaunen, als er in einer Loge sich
gerade gegenber eine einzelne junge Dame gewahr wurde, welche durch ihren
kostbaren, aber etwas fantastisch berladnen Anzug sich nicht minder
auszeichnete, als durch ihre wirklich blendende Schnheit, und dicht hinter ihr,
in seiner gewohnten nachlssigen Stellung ber mehrere Sthle hingegossen, den
Rcken dem Theater zugewendet - Sir Charles - der ohne weiter auf die Oper noch
auf das Publikum zu achten, sich einzig damit zu beschftigen schien, die Blumen
in dem trkischen Shawl seiner schnen Nachbarin sorgfltig zu zhlen.
    Ueber den Anblick dieser Gruppe verga der alte Herr die noch immer nicht
abnehmende Unruhe im Publikum, denn es fiel ihm nicht ein, diese mit jener in
Verbindung zu setzen. Er bemhte sich nur zu errathen: wer wohl die Dame seyn
knne, die es heute vermocht hatte, seinen zuknftigen Schwiegersohn aus dem
wohlverschlonen Kabinette hervorzulocken. Eine Fremde mute es seyn, davon war
er fest berzeugt, nicht nur wegen ihrer auffallenden Kleidung, sondern
hauptschlich, weil keine Einheimische einen solchen Versto gegen die allgemein
angenommene Sitte begehen konnte, sich ganz allein von einem jungen Manne ins
Theater begleiten zu lassen. Es that ihm leid um die arme Person, die aus
Unbekanntschaft mit der Gewohnheit des Orts sich vielleicht Unannehmlichkeiten
aussetzen konnte, und er war schon im Begriff hinber zu gehen und sie mit ihrem
Begleiter in seine eigne Loge abzuholen, als er noch einmal im Hause sich umsah,
und nun erst zu seinem groen Erschrecken gewahr ward, wie alle seine nheren
und entfernten Bekannten eigentlich nur ihn zum Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit
machten. Einige sahen mit besorgter Theilnahme ihn an, andre trugen den
hmischen Triumph der Schadenfreude im lchelnden Gesicht, die meisten
betrachteten ihn mit dem starren Blick neugieriger Erwartung dessen, was
zunchst geschehen wrde. Nur das Paar ihm gegenber schien seiner nicht gewahr
zu werden. Die schne Dame hatte alle ihre Aufmerksamkeit der Oper zugewendet,
und von Sir Charles war es schwer zu entscheiden, ob er schlafe oder wache.
    Kleeborn trat sogleich in den Hintergrund der Loge zurck, um mit dem
Rittmeister Horst, der, an eine Sule gelehnt, mit angestrengter Aufmerksamkeit
den ernsten Blick auf jenes Paar geheftet hielt, ber diese seltsame Erscheinung
zu sprechen; doch indem klopfte ihm jemand auf die Schulter und eine bekannte
Stimme bot ihm einen freundlichen guten Abend.
    In groen Stdten trifft man hufig auf Hagestolze von mittleren Jahren, die
in allen sogenannten guten Husern Eingang finden und berall sind, einzig, weil
sie den Leuten wei zu machen wissen, da sie berall hingehren. Diese Herren
reden ber alles, sind immer mit gutem Rathe bei der Hand, spielen hohes oder
niedriges Spiel, wie man will um berall hinzupassen, und ben unter der Maske
treuherzigen Freimuths eine Art von arroganter Vormundschaft ber Jung und Alt,
indem sie sich bei allen Gelegenheiten zum Vertrauten aufdringen. Und alles dies
nur um sich ihren freien Platz am Tische, im Theater oder bei Landparthien zu
sichern. Ein solcher war Doctor Erning, der eben den Vater Kleeborn begrt
hatte.
    Nun was sagen sie zu dem neuen Kometen, der an unserem Horizonte
aufgestiegen ist? Wie gefllt Ihnen die schne Rosabelle? fragte Erning, gleich
nach der ersten Begrung.
    Kleeborn war noch zu befangen, um des Doctors Meynung gleich zu verstehen.
Rosabella, wiederholte er ganz tonlos und unwillkhrlich.
    Nun ja, Rosabella, oder auch Rosaspina, erwiederte Erning lachend, denn so
viel ist wohl gewi, der alte Papa drben in Holland wird sie wenigstens lieber
fr einen Dornenstrauch als fr eine Rose erklren, denn das liebe Shnchen mag
bei ihr viel Wolle sitzen lassen. Aber schn ist sie doch, das mu man ihr
lassen, nicht wahr?
    Ich verstehe Sie nicht, erwiederte Kleeborn mit erzwungner Klte, obgleich
auf seinem Gesichte deutlich zu lesen war, da er eben anfange, alles recht gut
zu verstehen.
    Nun das mu ich sagen! rief Erning, Sie allein sollten nicht wissen, was
die ganze Stadt seit drei Wochen weis! denn so lange ist es, seit er sie durch
seinen Kammerdiener von Paris abholen lie, weil er wahrscheinlich nicht Lust
hatte, sie dort lnger auf seine Kosten leben zu lassen. Er hat sie in der
Vorstadt im Weiischen Gartenhause einlogirt, wo sie sich Frau Grfin nennen
lt. Sie sehen, ich bin von allem genau unterrichtet, also spielen Sie nicht
lnger den Geheimnivollen gegen mich. Bei den kleinen Dejeunees, die er dort
uns jungen Leuten en petite comit zuweilen giebt, knnen Sie Papachen freilich
nicht seyn, aber exquisit sind sie, delizis auf Ehre. Er versteht so etwas
anzuordnen, das mu der Neid ihm lassen. Wre nur nicht immer auch der Knig
Pharao mit dabei! das verdammte hohe Spiel, ich kann es nun einmal fr den Tod
nicht leiden. Doch mit den Wlfen mu man heulen, und er - -
    Er! und er! und immer er! was fr ein er? fuhr Kleeborn jetzt im hchsten
Aerger auf. Doch Erning, dem er zu laut ward, zog ihn schnell in den Logengang
hinaus und wandte nun alles an, ihn zu beschwichtigen, um dadurch noch greres
Aufsehen zu vermeiden.
    Zrnen Sie nicht so, lieber alter Freund, wenigstens nicht auf mich, der es
wahrhaft gut mit Ihnen meynt, sprach er, was ist es denn weiter?
Jugendstreiche, die haben wir alle gemacht.
    Herr! rief Kleeborn, immer aufgebrachter, von was, von wessen
Jugendstreichen ist hier denn die Rede? - -
    Wahrhaftig, Sie wissen von nichts? fiel Erning ihm ein; nein, wie konnte
ich das vermuthen, da ich den jungen Mann tglich in Ihrem Hause sah, in welchem
er gewissermaen zu Ihrer Familie zu gehren schien. Bis jetzt war ich fest
berzeugt, da Sie alles absichtlich ignorirten, da es aber so steht, und Sie
die Sache so hoch nehmen - mit Kltschereien befasse ich mich nicht, das weis
jedermann, aber erfahren mssen Sie es doch, es ist einmal der Sohn Ihres besten
Freundes, und wer kann wissen, was fr Sie sonst noch wichtiges darum und daran
hngt. Nun so hren Sie denn, ich will Ihnen den ganzen Verlauf der Sache
erzhlen.
    Kleeborn mute sich gewaltsam zusammennehmen, um dieses, tropfenweise ihm
zugetheilte Gift nur mit einiger Fassung sich aufdringen zu lassen, doch zum
Glck traten jetzt einige seiner bewhrteren Freunde aus den benachbarten Logen
hinzu, die das nicht ganz leise mit Erning gepflogene Gesprch zum Theil mit
angehrt hatten, und diese bekrftigten durch ihr ganz unzweideutiges Zeugni
Ernings Erzhlung, bei deren Anhren der alte Kleeborn sich jetzt dem
ungemessensten Zorne berlie. Auch Horst hatte sich dem kleinen Kreise
zugesellt, und da der tief emprte, schwer beleidigte Alte darauf bestand,
sogleich nach Hause zu eilen, nahm der Rittmeister sich nur eben Zeit, die
Damen, die seiner sehr richtigen Ansicht nach, ruhig in der Loge verharren
muten, dem Schutze des Doctor Erning zu empfehlen, zu dessen Ehrenmtern
dergleichen Auftrge ohnehin gehrten. Dann eilte er dem alten Herrn nach, um
ihn wo mglich von gewaltsamen Schritten zurckzuhalten.
    Whrend dieser Vorgnge wollte der Zufall, da Sir Charles einmal die Augen
der Kleebornschen Loge zuwendete, und zu seiner Ehre mssen wir bekennen, da er
wie vernichtet dastand, als er die Gesellschaft in derselben erblickte, und
zugleich das spttische Lcheln gewahr wurde, welches auf seine Kosten die
Gesichter seiner zahlreich versammelten Bekannten verklrte. Mit einem Gefhle
ohne Namen glaubte er sich verhhnt und absichtlich belauscht. Er sah sich schon
zum Stadtmhrchen geworden und zwar auf eine, derjenigen ganz entgegengesetzte
Weise, die seiner Eitelkeit sonst so schmeichelhaft gednkt hatte. Sein erster
Entschlu war, die Sptter mit eiserner Stirne zu braviren, doch einem paar
tausend Menschen gegenber ist das ein schwieriges Unternehmen. Er richtete sich
zwar hoch empor, und stellte sich an den, am hellsten beleuchteten Platz in der
Loge, aber nach einigen Augenblicken wurde ihm diese Lage doch so unertrglich,
da er seiner Dame den Arm bot und ohne auf ihren Wunsch, das Ende der Oper
abzuwarten, zu achten, das Schauspielhaus mit ihr verlies.
    Vicktorine bewhrte bei dieser Gelegenheit abermals die oft gerhmte Kraft
ihres Karakters, indem sie, wenn gleich mit groer innerer Anstrengung, im
Aeuern so ruhig als mglich sich zeigte. Besorgni, Freude, Mitleid mit der
Krnkung, die ihr Vater erleiden mute, Furcht vor der nchsten Stunde, in der
sie ihn wiedersehen sollte, wogten in ihrem Gemthe und regten die Ahnung einer
nahen bedeutenden Wendung ihres Geschicks in ihr auf. Die Art mit welcher der
Rittmeister Horst sie diesen Abend zum Besuche des Theaters beinahe gezwungen
hatte, machte ihr den Antheil, den er an diesem seltsamen Zusammentreffen haben
mochte, nur zu deutlich, und sie wute nicht, ob sie ihm denselben verdanken,
oder ihn darber tadeln sollte. Dazwischen qulte sie Ernings Zudringlichkeit,
mit der dieser ein Gesprch anzuknpfen versuchte, in welchem er zu erforschen
gedachte, welchen Eindruck Sir Charles Betragen auf sie gemacht habe. Es ward
ihr nicht leicht, den unverschmten Frager auf wrdige und doch nicht
beleidigende Weise in den, ihm gebhrenden Schranken fest zu halten. Um ihm zu
entgehen, suchte sie der Oper alle die Aufmerksamkeit, wenigstens scheinbar
zuzuwenden, welche Agathe und das Frulein Natalie ihr wirklich schenkten.
    Die aus allen ihren Himmeln hinabgestrzte Babet zeigte bei weitem nicht so
viel Fassung, sondern spielte eine sehr trbseelige Rolle. Unter dem Vorwande
unleidlicher Kopfschmerzen hatte sie sich in den Hintergrund der Loge
zurckgezogen, wo ihrem feinem Ohr beinahe keine Silbe von dem Gesprche ihres
Oheims mit dem Doctor Erning entging. Helle Thrnen, welche sie umsonst zu
verhehlen suchte, rollten ihr dabei ber die hochroth erglhenden Wangen herab,
und fielen auf das Kreuzchen von Korallen, das sie auf der Brust trug, das
traurige Denkmal schner Stunden.

Das Unternehmen, sich eine Rosabella in die nmliche Stadt nachkommen zu lassen,
in welcher man die reiche, schne, von Verehrern umlagerte Erbin eines sehr
Ehrliebenden und dabei auf den Ruf seines Hauses mit Recht stolzen Mannes zu
heirathen gedenkt, grnzt so sehr an das Abentheuerliche, da man es selbst
einem so verschrobnen Karakter, wie den des Sir Charles, kaum zutrauen kann,
ohne ihn zugleich fr wenigstens halb wahnwitzig zu erklren. Und doch hatte ihn
zu diesem Schritte nur hauptschlich die Langeweile verleitet, welche
Vicktorinens abgemessenes Betragen und Babets, ihm aus tausend Grnden tglich
lstiger werdendes Hingeben in ihm erregten. Daneben beleidigte die Verzgerung
seiner Vermhlung mit Vicktorinen seinen Stolz auf die empfindlichste Weise, und
doch erlaubte eben dieser Stolz ihm nicht, die nthigen Schritte zu thun, welche
einzig diese Verbindung herbeifhren konnten. Auch das Leben in einem zwar
glnzenden, aber doch sittlich beschrnktem Kreise des hheren Mittelstandes kam
seinen verwhnten Sinnen allmhlig so schaal und abgestanden vor, da er es ohne
anderweitige Zerstreuung nicht lnger ertragen zu knnen glaubte. Und so lies er
sich wirklich von allen diesen zu einer Handlung verleiten, welcher nicht einmal
die heftigste Leidenschaft htte zur Entschuldigung dienen knnen. Diese war
indessen durchaus nicht im Spiele, denn Sir Charles hatte Zeitlebens weder die
schne Rosabella, noch irgend ein sterbliches Wesen auer sich selbst geliebt.
Nur die unseelige Neigung, sich stets glnzend zu zeigen und durch Reichthum und
persnliche Vorzge alle Andern zu berbieten, hatten ihn bestimmt, um jeden
Preis eine Verbindung mit einer Person anzuknpfen, welche whrend seines langen
Aufenthalts in Paris als eine seltsame und merkwrdige Erscheinung groes
Aufsehen erregte.
    Vielleicht war noch nie ein Mdchen dieser Art auf einen so sonderbaren
Standpunkt in ihrer Welt hingerathen, als eben Rosabella, in dem Augenblicke, da
Sir Charles ihre Bekanntschaft machte. Ihre wirklich blendende Schnheit erregte
berall das grte Aufsehen; im gewhnlichen Leben bezauberte sie alle, die ihr
nahten und war stets von Mnnern jedes Alters umgeben, welche ihr die hchste
Bewunderung zollten. Doch auf dem groen Operntheater, wo sie unter den
Tnzerinnen einen sehr untergeordneten Rang einnahm, herrschte ein seltnes
Migeschick ber sie. Sobald sie die verhngnivollen Bretter betrat, wollte ihr
auch das Unbedeutendste nicht gelingen, sie stand, von aller der ihr sonst
eignen Grazie verlassen, wie unkenntlich da, und trotz der angestrengtesten
Bemhungen war es ihr unmglich, auf der Bhne sich nur als den Schatten von dem
zu zeigen, was sie auer derselben wirklich war. Daher wurde ihr jedesmaliges
Auftreten gleichsam das Signal zu einem ganz eignen Kampf unter den Zuschauern;
die verhltnimig doch immer nur kleine Zahl ihrer persnlichen Verehrer
suchte durch lauten Beifall ihren Muth zu erhhn, whrend das groe, durch die
Leistungen der, in diesem Fach bedeutendsten Knstler verwhnte Publikum jeden
ihrer milungnen Versuche unbarmherzig rgte. Der Partheigeist, der in Paris bei
jeder Gelegenheit erwacht, versumte nicht, auch hier sich thtig zu bezeigen,
und unglcklicher Weise fr die arme Rosabelle war ihre Parthei gewhnlich die
schwchste und erlitt schmhliche Niederlagen.
    Morgens vergttert, Abends ausgepfiffen, fhrte Rosabella zwischen der
stillen Bewunderung ihrer Verehrer im Hause und dem lauten Tadel des Publikums
im Theater, ein wahrhaft trostloses Leben, und so nahm sie Sir Charles Erbieten
an, sie in eine andere Lage zu versetzen. Ein ihr von ihm ausgesetztes
bedeutendes Jahrgeld half ihr seine, bald darauf erfolgende Abreise nach
Deutschland mit groer Fassung ertragen, aber ihr Herz sehnte sich ewig im
Stillen nach den verhngnivollen Brettern zurck, die an Allen, welche einmal
sie betraten, eine eigne, nie zu lsende Zauberkraft ben. Das magische Wort
Kabale, dieser mchtige Trost aller schlechten Schauspieler und
Schauspielerinnen, trstete auch Rosabellen ber ihr bisheriges Mislingen und
sie folgte daher mit Entzcken dem von Sir Charles an sie abgeschickten
Kammerdiener nach Deutschland, indem sie hoffte, auf den vornehmsten Bhnen
dieses, ihr durchaus fremden Landes als Gastspielerin zu glnzen, und in der
Ferne als eine der ersten Tnzerinnen die Lorbeeren zu erndten, welche ihr
undankbares Vaterland ihr versagte, indem es, ihrer Meynung nach, ihren Werth
absichtlich verkenne.
    Sir Charles dachte indessen gar nicht daran, diese ihre Hoffnung zu erfllen
und sie ffentlich auftreten zu lassen, im Gegentheil waren fr ihn die tausend
kleinen Rnke und Knste, die er anwenden mute, um ihr Daseyn zu verbergen,
gerade das interessanteste. Rosabella mute es sich daher gleich bei ihrer
Ankunft gefallen lassen, in einem ganz abgelegenen, wenn gleich sehr elegant
eingerichteten Gartenhause in tiefer Verborgenheit ein durchaus eingezognes
Leben zu fhren, welches ihr gleich in den ersten Tagen die peinlichste
Langeweile verursachte. Es whrte nicht lange, so ghnte sie mit Sir Charles um
die Wette, und dieser wute, um dem verdrlichen Zustande ein Ende zu machen,
keinen bessern Rath, als da er nach und nach einige seiner nheren Bekannten
bei ihr einfhrte. Rosabella wurde in diesem kleinen Kreise freilich fr eine
polnische Grfin ausgegeben, welche, durch Familienrcksichten dazu bewogen,
eine Zeit lang in tiefer Verborgenheit zu leben wnschte, aber ihr eigentliches
Verhltni zu Sir Charles blieb deshalb doch niemanden ein Geheimni, um so
weniger, als seine ungemene Eitelkeit ihn selbst dazu brachte, es oft sehr
deutlich errathen zu lassen. Ohne da er etwas davon ahnete, ging die Geschichte
der schnen Rosabella gar bald wie ein Lauffeuer von Ohr zu Ohr, die halbe Stadt
wute darum, bewunderte die seltne Frechheit des jungen Mannes und war auf den
Ausgang begierig; nur Kleeborn hrte nichts davon, weil niemand der Erste seyn
mochte, ihn davon zu unterrichten, und weil wir auch das, was uns zunchst
betrifft, gewhnlich zuletzt zu erfahren pflegen.
    Das hohe Spiel, welches Sir Charles in diesem kleinen Kreise seiner
Vertrauten einfhrte, gewhrte zwar ihm einige Zerstreuung, da aber Rosabella
keinen Theil daran nahm, so gerieth sie bald in die verdrlichste Laune, in die
ein so verwhntes Wesen nur gerathen kann. Um doch einen Zeitvertreib zu haben,
fing sie an, ihren Beschtzer mit tausend Eiferschteleien zu qulen, besonders
in Hinsicht auf seine Braut, die er immer, um sie nur einigermaen zu beruhigen,
als ein wahres Fratzenbild ihr beschrieb. Endlich verlangte sie sogar, durch den
Augenschein sich zu berzeugen, da jene wirklich so hlich sey, als man sie
ihr darstellte, und es gelang ihr, Sir Charles zu dem Versprechen zu bewegen,
sie einmal ins Theater zu fhren, um ihr Vicktorinen von ferne zu zeigen.
    Dieser verhngnivolle Abend, an welchem die neue Oper gegeben ward, schien
Sir Charles zur Erfllung eines Versprechens, an welches er zu seinem groen
Ueberdrusse tglich gemahnt ward, ganz auserlesen zu seyn, denn das Gesprch am
Morgen hatte ihn fest berzeugt, es werde niemand aus dem Kleebornschen Hause
das Theater besuchen. Er fhrte also die Schne wirklich hinein, bezeichnete ihr
das hlichste junge Mdchen, dessen er in den ersten Rang Logen ansichtig
werden konnte, als die ihm bestimmte Braut, und ergtzte sich heimlich an der
Wirkung seiner wohl ausgesonnenen List, bis der Anblick der wahren Vicktorine
ihn in einen Abgrund von Zorn und Verlegenheit strzte, in welchem er die sonst
gewohnte Fassung vllig verlor.
    Er schumte beinahe vor Wuth, indem er Rosabella den Arm bot und sie, ohne
auf ihre Gegenrede zu hren, die Logentreppe mehr hinabri, als da er sie
gefhrt htte. Unten hob er sie wie im Fluge in seinen Wagen und befahl, sie in
ihre Wohnung zurck zu fhren. Im heftigsten Kampfe mit sich selbst lief er nun
noch einigemale unter den Arkaden vor dem Schauspielhause auf und ab, um zu
berlegen, ob es rathsam sey, den Erfolg dieser Begebenheit ruhig abzuwarten,
oder gleich jetzt zu dem alten Kleeborn zu gehen, ihm entweder wegen des
niedrigen Belauerns seiner Schritte zur Rede zu stellen, oder auch, - nachdem
nun die Stimmung wre, in der er ihn treffen wrde - zu suchen, auf eine gute
Art allen Verdacht von sich abzuwenden.
    Rosabella fuhr inzwischen nach Hause, ohne recht zu wissen wie ihr geschehen
sey, und suchte nur zu begreifen, warum sie die Oper nicht hatte bis ans Ende
sehen drfen, was sie recht von Herzen bedauerte. Ihre Hoffnung, auf deutschen
Theatern als ein Stern erster Gre zu glnzen, war durch den Anblick einiger
Statistinnen sehr hoch gestiegen, welche an diesem Abend auf ziemlich
ungeschickte Weise durch ganz gewhnliche Tnze das fehlende Ballet zu ersetzen
gesucht hatten, und Rosabella, fest berzeugt, da man in Deutschland nichts
besseres kenne, wiegte sich eben in goldenen Trumen von ihrem knftigen
theatralischen Glanz, als Sir Charles, noch immer wie ein Wthender, zu ihr
hineinstrzte, sie mit Vorwrfen und Drohungen berhufte, ihr befahl, auf der
Stelle zur Abreise sich zu bereiten, und dann wieder in der nchsten Minute ihr
verbot, sich nur vom Platze zu bewegen.
    Rosabella hrte und sah ihm eine Weile ganz verschchtert zu und war dabei
in nicht geringer Angst, denn sie frchtete wirklich, da ein pltzlicher Unfall
ihn seines Verstandes beraubt habe. Doch als mitten im Zorne die Erklrung der
Ursache desselben ihm entschlpfte, und er sogar ihr verrieth, wie er sie zu
tuschen gemeynt habe, da hielt die lebhafte Franzsin sich nicht lnger. Die
verzweiflungsvolle Lage ihres Geliebten erschien ihr mit einemmal in einem so
komischen Lichte, da sie darber in lautes Gelchter ausbrach, welches immer
unaufhaltsamer wurde, je mehr Sir Charles sich darber erzrnte. Selbst nachdem
er beim Fortgehen die Thre so unsanft hinter sich zugeschlagen hatte, da das
ganze Haus davon erbebte, lachte Rosabella noch immer fort, und es whrte sehr
lange, ehe sie sich wieder einigermaen zu fassen vermochte.

Der Rittmeister erwartete indessen Vicktorinen an der Thre ihres vterlichen
Hauses und trug die Zitternde in der Freude seines ehrlichen Herzens beinahe die
Treppe hinauf, ohne diesesmal um seine Agathe sich zu bekmmern. Horst!
flsterte Vicktorine, athemlos vor Furcht, den erzrnten Vater unter die Augen
zu treten, - Horst was haben sie angestellt!
    Befreit habe ich Sie, Kusinchen, mein der Tante gegebenes Wort habe ich
gelset, erwiederte er ihr jubelnd, indem er sie ins Wohnzimmer fhrte, wo sie
zu ihrer groen Beruhigung niemanden antraf als Angelika, die ihr freudig
entgegeneilte.
    Du bist befreit, meine Vicktorine, ich hoffe Du bist es und wirst es
bleiben, sprach Angelika und drckte sie liebevoll an ihr Herz. Anna wird,
wenn sie heimkehrt, den Trost haben, ihren Liebling frhlicher, hoffnungsreicher
wieder zu finden, als sie ihn verlie, ihre Thrnen werden schneller versiegen
wenn sie - O Vicktorine, setzte sie schnell abbrechend hinzu, ich selbst bin
in diesem Augenblicke so seelig, so innig erfreut, vor allem darber, da die
schwere Wahl von Dir genommen ist, dem Vater widerstreben zu mssen, oder die
heilige Treue zu verletzen.
    Vicktorinens Augen flossen vor Wehmuth ber, indem sie die Freundin
betrachtete, die jetzt pltzlich sehr bleich werdend, in ihre Arme sank, und mit
dem Abglanz des Himmels im fast brechenden Blick, zu ihr hinauf sah. Die Arme
war unglcklicher Weise Zeuge eines sehr strmischen Auftritts zwischen Horst
und dem alten Kleeborn gewesen, als beide aus dem Theater nach Hause kamen;
Schrecken und Furcht hatten sie dabei weit gewaltsamer ergriffen, als ihre
schwachen Krfte es zu tragen vermochten und obgleich Horst die erste freie
Minute benutzte, um sie zu beruhigen, so vermochte sie es dennoch nur mit der
grten Anstrengung, bis zu Vicktorinens Heimkehr sich aufrecht zu erhalten.
    Freundlich wie immer eilte Agathe augenblicklich herbei, sie zu
untersttzen. La mich das mde Kind zur Ruhe bringen, sprach sie, indem sie
sorgsam sie fortfhrte, berlat sie ruhig meiner Pflege, ich wanke und weiche
die ganze Nacht nicht von ihr. Horst mag indessen hier der Verkndiger seiner
eignen Thaten seyn und den Dank der Dame sich abfordern, der er sich zum Ritter
geweiht hat, setzte sie im Herausgehen mit dem ihr eignen schalkhaften Lcheln
hinzu.
    Ist es nicht, als she man eine geknickte Lilie an eine vollblhende
Zentifolie gelehnt? sprach Horst, indem er den beiden Mdchen nachblickte. Und
Sie, Kusinchen! setzte er hinzu, indem er sich zu Vicktorinen wandte, die ihrem
so lange zusammengepreten Herzen noch immer in Thrnen Luft machte, Sie kommen
mir auch gerade wie eine vom Platzregen durchnte Nachtigal vor, die es gar
nicht glauben mag, da die Sonne wieder scheinen wird, obgleich sie schon durch
die Wolken bricht. Gott mag wissen, wie ich heute zu poetischen Vergleichen
komme, aber ein Wunder ist es nicht, wenn ich am Ende selbst, unter so seltsamen
Leuten auch anfange, etwas seltsam zu werden. Habe ich mich doch wie ein Kind
auf den Jubel gefreut, der heute Abend hier unter uns laut werden sollte, und
nun wird die Eine ohnmchtig und ich bekomme darber meine Braut, die einzige
recht vernnftige Person unter uns, diesen Abend nicht wieder zu sehen. Die
Andre, die vor Allen Ursache hat froh zu seyn, will hier auf den Sopha in
Thrnen zerflieen, und unsre kleine Babet dort drben sitzt in einem Eckchen
zusammengedrckt und hat Migrne. Ist das die neue gebildete Art sich zu freuen,
so bleibe ich bei der alten, die mir weit besser gefllt.
    Babet, welche bis jetzt schwer seufzend da sa und bald ihre Ohrringe
anfhlte, bald den Kamm, den sie aus ihren Locken gezogen hatte, mit trben
Blicken betrachtete, sprang jetzt auf, ergriff ein Licht, schleuderte auf Horst
den wthendsten Blick, den ihre hbschen blauen Augen nur aufzubringen
vermochten, und verlies mit einem halb trotzigen halb weinerlichen Gute Nacht!
das Zimmer, Vicktorine aber reichte mit bittend freundlicher Gebehrde dem
Rittmeister die schne Hand hin, ohne vor innerer Bewegung ein Wort
hervorbringen zu knnen.
    Gute, liebe Vicktorine! sprach Horst, indem er freundlich ihre Hand
ergriff, ich wei wohl, da ein junges Mdchen die Ereignisse des Lebens mit
ganz andern Augen ansieht als ein Husar, ich habe alle mgliche Ehrfurcht vor
dem feineren Gefhle der Frauen und werde es nie wissentlich verletzen, aber
jetzt wollte ich doch, sie sprchen zu mir, denn mir wird wahrhaftig allmhlig
zu Muthe, als htte ich ein bses Gewissen, und ich habe es doch mit Allen,
besonders mit Ihnen recht gut gemeynt, obgleich es mir jetzt vorkommen will, als
htte ich es Ihnen nicht recht gemacht. Ich bitte Sie, mir zu vergeben, wenn es
so ist, obgleich ich nicht begreife wie es damit zugegangen seyn kann.
    Glauben Sie mir, erwiederte jetzt Vicktorine, indem sie mit gewaltsamer
Anstrengung sich zusammennahm, glauben Sie mir, ich fhle, was ich Ihnen ewig
zu verdanken haben werde, aber, guter treuer Freund! verargen Sie es mir nicht,
da ich fr jetzt mich noch nicht so freuen kann wie ich sollte; lassen Sie mir
Zeit, mich selbst wieder zu finden. Alles ist mir wie ein Traum, Sie und
Angelika sagen: ich sey befreit. Bin ich es denn? wird mein Vater - Ach, mein
Vater! wie bangt mir vor seinem Wiedersehen! und doch sehne ich mich darnach!
    Heut, erwiederte Horst, werden Sie ihn nicht sehen, er wird die halbe
Nacht hindurch auf seinem Comtoir vollauf zu thun haben, um den alten Mller,
den Sie, liebe Vicktorine, weit mehr zu verdanken haben, als Sie wohl glauben,
mit allen Nthigen zu seiner Reise nach Amsterdam auszursten.
    Mller reist nach Amsterdam! rief die erstaunte Vicktorine.
    Noch vor Tagesanbruch und obendrein mit Kurierpferden, antwortete Horst.
Er geht, um den alten Wimann, dem er persnlich bekannt ist, ber das Benehmen
seines Sohnes weit besser mndlich ins Klare zu setzen, als dieses durch Briefe
geschehen knnte. Der alte Herr, der ein sehr wackrer Mann seyn soll, wird gewi
selbst einsehen, da man unter diesen Umstnden Herrn Kleeborn nicht
beschuldigen kann, er nhme sein Wort zurck, wenn er die Verbindung zwischen
Ihnen und Sir Charles wie aufgelset betrachtet, indem dieser whrend seines
langen Aufenthaltes bei uns noch nicht den geringsten Schritt gethan hat, um ihn
an die Erfllung desselben zu erinnern und sich berdem so betragen, da dieser
Bruch, als durchaus von seiner Seite herrhrend, betrachtet werden mu. Glauben
Sie nun, da es mit Ihrer Befreiung Ernst sey?
    Vicktorine vermochte nur durch freudig bejahende Zeichen zu antworten und
winkte ihm, fortzufahren.
    Auf diese Weise, sprach Horst, wird Ihr Vater der Sorge enthoben, seinem
alten Freunde wortbrchig zu erscheinen, und hoffentlich wird auch keine
Abnderung in ihrem, durch die Zeit geheiligten, Beiden Ehre und Vortheil
bringenden Verhltni entstehen. Der gute alte Mller, der Ihnen wie Ihrem
ganzen Hause mit unsglicher Treue und Liebe ergeben ist, war der Erste, der
diesen Vorschlag in Anregung brachte, als er den Zorn und zugleich die
Verlegenheit Ihres Vaters sah. Denn ich rief ihn mir zur Hlfe und durfte es, da
ich wohl weis, in welchem Grade er das Vertrauen seines Herrn durch mehr als
dreiigjhrige Dienste sich erworben hat. Ich wnsche, Sie htten gesehen, wie
die Augen des alten Mannes glnzten, indem er versicherte, da er, trotz seiner
Jahre, die Beschwerden der Reise gern auf sich nehmen und wenn es seyn mte
Leib und Leben daran setzen wolle, um nur das liebe Frulein Vicktorine vor
einer Verbindung zu bewahren, der er immer mit schweren Herzen entgegengesehen
habe. Sogar Herr Kleeborn selbst drckte gerhrt ihm die Hand. Ich kann Ihnen
den Trost geben, da der Schmerz Ihres Vaters ber das Fehlschlagen eines lange
gehegten Lieblingsplans sich seit der Aussicht, seinen alten Freund nicht
dadurch zu verlieren, sehr gemildert hat. Er hat mir sogar gedankt, da ich,
wenn gleich, wie er glaubt ohne es zu ahnen, die Veranlassung gegeben habe, ihn
von der Gegenwart eines Menschen zu befreien, dessen immer unleidlicher
werdender Uebermuth ihm tglich unertrglicher wurde, und der nur heute Morgen
durch die niedrigste Heuchelei sich ihm zum erstenmal in einem gnstigeren
Lichte zu zeigen wute.
    Also ist es wirklich wahr, und ich bin aller Qual und Sorge, jeder Furcht
vor der nchsten Stunde, die oft mich fast zu Boden drckte, berhoben, sprach
Vicktorine hochaufathmend. Wie kann ich je dieses Ihnen verdanken, denn da Sie
absichtlich die Katastrophe dieses Abends herbeifhrten, werden Sie mir nicht
ableugnen wollen. Und doch! ich ehre Ihren geraden Sinn zu sehr, um auch gegen
Sie nicht ganz offen zu seyn, selbst mit Gefahr, Ihnen undankbar zu erscheinen.
Lieber guter Horst, mute es denn gerade auf diese Weise geschehen? konnten Sie
meinem Vater nicht diese Aufsehen erregende Scene ersparen, die sein Stolz, und
das mit Recht, sehr krnkend empfinden mu; war es nicht mglich, ihm auf
sanftere Weise ber den Unwerth dieses Menschen die Augen zu ffnen?
    So sind die Mdchen, erwiederte Horst lachend, tragt sie auf den Hnden
bis Rom, und setzt sie am Thore etwas unsanft nieder, und ihr werdet gescholten.
Doch Sie sind wenigstens so billig, mich nicht wie einen Spion ungehrt zu
verdammen, sondern wollen erst ordentlich Kriegsrecht ber mich halten. So hren
Sie denn meine Vertheidigung.
    Frs erste will ich nicht lugnen, da ich heut jeden Schritt unsers
gemeinschaftlichen Feindes den ganzen Tag ber bewachte, denn sein gar zu
schmiegsames Betragen an diesem Morgen zeigte mir deutlich, da er etwas im
Schilde fhre. Ich will nicht lugnen, da Frulein Natalie ohne mich an die
heutige Oper schwerlich gedacht haben wrde, und da ich es fr eine erlaubte
Kriegslist hielt, durch sie das Zusammentreffen im Theater herbeizufhren, von
dem ich fest berzeugt war, da es so enden mute, wie, gottlob! geschehen ist.
Schon lange wartete ich auf eine solche Gelegenheit, Herrn Kleeborn ber das
unsittliche Leben seines erkohrnen Schwiegersohns die Augen zu ffnen. Die
Ankunft der Tnzerin war mir schon einige Tage vor der Abreise der Tante bekannt
geworden, und ich stand eben im Begriff, auch sie davon zu benachrichtigen, als
ihr pltzlicher Abschied uns alle berraschte. Warum sollte ich die letzten
Augenblicke, welche die wrdige Dame in unserem Kreise zubrachte, durch eine
solche Nachricht beunruhigen, da ich berzeugt war, alles ohne ihre Hlfe an den
Tag bringen zu knnen, besonders da sie mir noch in den letzten Stunden die Ehre
erzeigte, mich zum Beschtzer ihrer geliebten Vicktorine zu ernennen?
    Aber, lieber Freund, konnten Sie denn nicht - -
    Ihrem Vater alles erzhlen, nicht wahr? fiel Horst ein. Fr mein Leben
gern htte ich das gethan, aber wer stand mir denn dafr, da Herr Kleeborn mir
glauben, da es jenem listigen Menschen nicht gelingen wrde, sich wei zu
brennen, und dem alten Herrn ein X fr ein U zu machen? Denn wer in der Welt
zweifelt nicht gern so lange als mglich an einer Wahrheit, die seinen liebsten
Wnschen widerspricht? Am Ende konnte dadurch vielleicht die ffentliche
Erklrung Ihrer Verbindung nur noch beschleunigt werden. Solchen Kmpfen durfte
ich Sie nicht aussetzen, ich mute den Augenschein unwiderleglich fr uns
sprechen lassen, und den sichersten Weg whlen, wenn gleich er nicht der
angenehmste war.
    Ich fhle wie sehr Sie Recht haben, und doch kann ich nicht umhin, die
Krnkung, die mein Vater erduldet hat, schmerzlich zu empfinden. Was sagte er
denn, wie benahm er sich? sprach Vicktorine.
    Danken Sie Gott, da Sie nichts davon gesehen und gehrt haben, erwiederte
der Nittmeister, und verlangen Sie nicht, es genauer zu erfahren. Da der Papa
anfangs sehr wild war, knnen Sie sich leicht denken; Sie kennen seine heftige,
alles Widerspruchs ungewohnte Natur. Es war ein Glck, da ich ihn nicht aus den
Augen lies, sonst wre er hingegangen, den Sir Charles zur Rede zu stellen, und
daraus htte doch nur sehr Unfreundliches entstehen knnen. Es dauerte lange,
ehe ich ihn bereden konnte davon abzustehen. Endlich willigte er ein, als ich
ihm vorstellte, da Sie doch noch nicht frmlich versprochen wren, und daher
ein solcher Schritt von Seiten Ihres Vaters Sie nur erniedrigen knne. Am
schwersten wurde es mir, ihn ber die ffentliche Beschimpfung zu beruhigen die
er erlitten zu haben glaubte, und ihm begreiflich zu machen, da niemand
beschimpft sey, als Sir Charles selbst: Zum Glck, kam Mller bald dazu, und
half mir den aufgebrachten alten Herrn nach und nach in einem Grade besnftigen,
wie ich es selbst sobald nicht erwartet htte.
    Was wird nun zunchst geschehen? rief Vicktorine noch immer sehr
beklommen. Wie werde ich morgen meinem Vater finden? Wie wird Sir Charles sich
ferner gegen uns benehmen? Ach wre die Tante mir zur Seite, ohne Sie irre ich
wie verloren und weis nicht was ich ergreifen soll.
    Ich wollte auch, sie wre bei uns, die wrdige liebe Dame, erwiederte
Horst, wenn ich gleich vielleicht Ihnen diesmal in Ihrem Geiste rathen kann.
Geduld und Kurage, glauben Sie mir, Kusinchen, damit kommt man in der Welt
berall durch und die Tante selbst vermchte es nicht, Ihnen etwas besseres zu
empfehlen. Von dem fremden Narren werden Sie hoffentlich nichts mehr hren oder
sehen, denn ich wte doch nicht, wie er, trotz seiner Frechheit es anfangen
wollte, nach einem so ffentlichen Scandale sich noch hier im Hause zu zeigen.
Und im hchsten Nothfall ist Horst auch noch bei der Hand. Beim Papa wird wohl
schlecht Wetter im Kalender stehen, aber wenn das nun auch einige Tage oder
Wochen hindurch whrte - -
    Alles, alles will ich mit der kindlichsten Unterwerfung ertragen, fiel
Vicktorine lebhaft ein. Ich weis ja, welch ein lang gehegter Lieblingsplan ihm
zu Grunde gegangen ist. Wie sollte ich da nicht alles thun, um meinem Vater zu
beweisen, da ich mit wahrem Schmerze mein Glck auf Kosten seiner Zufriedenheit
erkauft sehe:
    So ist's Recht, sprach Horst, die Tante selbst knnte nicht vernnftiger
Ihnen rathen. Bleiben Sie dabei, Kusinchen, und lassen Sie fr das Uebrige den
lieben Gott sorgen.

Alle Fenster der Hauptetage im Hotel d'Angleterre standen am folgenden Morgen
weit offen, und man sah deutlich das geschftige Walten der Besen und
Borstwische im Innern der Zimmer, denn Sir Charles und sein ganzes Gefolge waren
ber Nacht so vollkommen daraus verschwunden, wie die bunten Bilder einer
Laterna-Magika von einer weien Wand, wenn Licht herein gebracht wird. Keine
Spur war von dem ganzen lustigen Treiben brig geblieben, nur ein geschftiger
Lohnbedienter galoppirte noch durch die Straen, um in den angesehensten Husern
der Stadt die zierlichsten mit Sir Charles Namen und p. p. c. bezeichneten
Karten auszutheilen, und auch bei Herrn Kleeborn wurde eine ganze Hand voll
derselben abgegeben.
    So hatte denn auch fr diesesmal der zweite Roman der schmerzlich betrbten
Babet sein Ende erreicht, ohne da ihr weiter etwas davon brig geblieben wre,
als ein solches buntpapiernes, mit goldnem Rande verziertes Denkmal seeliger
Tuschungen, und sie unterlies auch diesesmal nicht, es reichlich mit ihren
Thrnen zu benetzen, ehe sie es zu Theodors Abschiedskarte legte.
    Nach reiflicher Ueberlegung hatte Sir Charles am vorigen Abend es denn doch
aufgegeben, Herrn Kleeborn ber sein Erscheinen im Theater zur Rede zu stellen,
wie er es anfangs willens gewesen war. Wilkinson und der Kammerdiener, seine
beide Vertrauten, fhlten so gut als er selbst, da dabei wenig Ehre zu erlangen
seyn wrde; sie riethen ihm daher nach Krften davon ab, und brachten ihn lieber
auf den Gedanken, pltzlich die Stadt zu verlassen, um sich auf diese Weise in
den Augen des Publikums das Ansehen zu geben, als habe er absichtlich eine
Verbindung auf eine so beleidigende Weise abgebrochen, die er, ihrer uern
Vortheile willen, doch im Grunde seines Herzens sehr ungern aufgab und gern
wieder angeknpft htte, wenn dieses nur einigermaen als mglich ihm erschienen
wre.
    Auch die sogenannte polnische Grfin verschwand mit ihm um die nmliche
Stunde aus ihrer Wohnung, doch scheint sie sich bald darauf von ihm getrennt zu
haben, denn nach wenigen Wochen las man in ffentlichen Blttern von ihrem
Auftreten als Tnzerin auf einigen der grten Theater in Deutschland, wo sie
indessen auch nicht die erwartete Anerkennung ihres Talents gefunden zu haben
schien.
    Vicktorine hatte freilich noch eine harte Scene mit ihrem Vater zu bestehen,
der sie, was lange nicht geschehen war, in sein Kabinet rufen lies, um ihr
anzukndigen, da ihre Verbindung mit Sir Charles vllig aufgehoben sey. Er
unterlies es nicht, sie dabei mit Vorwrfen ber ihr wohlberechnetes kaltes
Benehmen gegen diesen zu berhufen, welches, wie er ihr Schuld gab, den jungen
Mann angereizt habe, sie sowohl als ihren Vater absichtlich zu beleidigen.
Vicktorine trug alles mit Geduld, wie sie es sich vorgenommen hatte, und wagte
es sogar nicht auch nur eine Silbe ihm entgegen zu stellen, als er sie zuletzt
warnte, sich ja nicht durch diesen Vorfall nur um einen halben Schritt einer
Verbindung mit dem jungen Holm nher gebracht zu glauben. Er redete sich selbst
immer tiefer in seinen Zorn hinein, je lnger er sprach und die demthige
Ergebenheit, mit der sie alles ber sich ergehen lies, brachte ihn immer mehr
auf, bis er sie endlich entlies, weil er nichts mehr zu sagen wute und sich
obendrein heiser gesprochen hatte.
    Die Art, mit der viele der geachtetsten Mnner der Stadt gegen Herrn
Kleeborn Sir Charles letztes Bekragen erwhnten, trug viel dazu bei, ihn
heiterer zu stimmen, und wenigstens den Wahn einer durch dasselbe erlittenen
Beschimpfung ihm zu benehmen, aber dennoch vergingen viele Wochen, ehe er es
ber sich gewinnen konnte, Vicktorinen mit gewohnter Freundlichkeit zu begegnen.
Geschah dieses ja einmal in einem Augengenblicke des Vergessens, so suchte er
gewi im nchsten dieses Versehen durch verdoppelte Hrte wieder zu verbessern.
    Vicktorine blieb sich in ihrem Betragen immer gleich, und suchte durch die
kindlichste Ergebung, und nie ermdende Aufmerksamkeit auf jeden seiner Wnsche,
das Herz des Vaters sich wieder zu gewinnen, aber es fielen dennoch tglich neue
unangenehme Scenen vor, bei denen niemand mehr litt als die arme Angelika. Liebe
und Ruhe waren das Element ihres Daseyns und der zarte Faden, an dem ihr Leben
noch schwebte, erzitterte oft im allerschmerzlichsten Mitgefhle bei jeder
stillen Thrne, jedem leisen Seufzer ihrer Vicktorine. Fr den eignen Schmerz
hatte sie keine Thrnen mehr, sie liebte ihn sogar, denn er erschien ihr jetzt
wie ein Engel des Lichts, der sie der Vollendung immer nher fhrte, doch bei
dem Anblicke des getrbten Frhlings ihrer in voller Jugendherrlichkeit
blhenden Freundin ffnete sich von neuem diese Quelle, und stieg oft mit
stechendem Schmerze, wie aus der tiefsten Tiefe ihrer Brust, in das verklrte
Auge, das lange schon im Vorgefhl der nahen Himmelsseeligkeit nur zu lcheln
gewohnt war.

Inhalt einiger der Papiere, welche Anna von Falkenhayn in den verborgenen
Fchern des elfenbeinernen Kstchens fand.

 Bernhard von Leuen an seinen Bruder Albert von Leuen. Gleich nach des Erstern
                   Ankunft auf der Insel Maltha geschrieben.

Um Dir, guter Albert! meinen letzten Abschiedsgru zu senden, benutze ich die
Rckkehr des Schiffes, das mich mit dem gnstigsten Winde wie im Fluge von
Venedig hierher brachte. In dem freudigen Rausche der jetzt Dich beseeliget,
hast Du, Glcklicher! hoffentlich lngst schon die einzige Tuschung
verschmerzt, welche ich mir jemals gegen Dich erlaubte, indem ich nicht, wie ich
Dich glauben lies, von der kleinen Reise nach St*** nochmals zu Dir
zurckkehrte. Warum sollte auch meine ernste, trbe Gestalt sich nochmals in das
Paradies Eurer jungen Liebe sthrend eindrngen wollen? Wer selbst nicht
glcklich ist, meide ja die Gesellschaft der Glcklichen, seine Gegenwart ist
unheilbringend, sie wirft erkltende Schatten in die frisch aufgehende Blthe
des Lebens; denn wer dieser sich recht erfreuen soll, der darf nie daran
erinnert werden, wie leicht alles anders seyn knnte, und wie oft zwischen
Morgen und Abend eines einzigen Tages die unerwartete Entscheidung eines ganzen
Menschenlebens liegt.
    Die Kluft zwischen mir und meinem Vaterlande ist jetzt sehr bedeutend, und
meine Ruhe, das einzige Gut nach welchem ich streben kann, erfordert, da ich
alles meide, was jene Kluft mir auch nur scheinbar verkleinern knnte. Ich habe
viel zu vergessen und wem es damit wahrer Ernst ist, der hthe sich vor dem
Schreiben, denn die Feder ist in dieser Hinsicht die gefhrlichste Vertraute.
Daher wirst auch Du sogar nur selten Nachricht von mir empfangen, und vielleicht
gehen Jahre darber hin. Was knnte ich Dir auch von mir zu melden haben? Die
Geschichte meines Lebens ist hoffentlich abgeschlossen, und was ich ber Dich
und Deine Verhltnisse Dir sagen knnte, wrde doch nichts anders seyn, als
Wiederholung der ernsten Bitten und Ermahnungen, die ich Dir whrend unsers
kurzen Beisammenlebens unaufhrlich an das Herz legte. Selbst schon dieser Brief
kann beinahe nichts anders als jene Wiederholungen enthalten; bewahre ihn wohl,
lies ihn zuweilen wenn Du nach mir und meinem Rathe Dich sehnst, und mge Dir
dann seyn, als hrtest Du nochmals die warnende Stimme des von der Natur Dir
zugegebenen Freundes, der Dich und Dein Glck im Herzen trgt und tragen wird,
wenn gleich seine gegenwrtige Stimmung ihm nicht erlaubt, Dir aus der Ferne oft
ein Zeichen davon zu senden.
    Vor Allem la mich die dringendste meiner Bitten Dir nochmals vortragen, die
Bitte: nie, unter keinen Umstnden die stille Burg unserer Vter mit einem
andern Wohnorte zu vertauschen. Wer, wie Du, das hohe Glck reiner Liebe, die
Krone des Lebens errungen hat, der strebe doch ja nach Einsamkeit mit der
Geliebten; nur in dieser kann es wachsen und dauernd bestehen, so wie die
Alpenrose sich auch nur im reinen Aether ihrer hohen einsamen Berge in all'
ihrer Pracht entfalten kann. Albert! bange Sorge um Dich bewegt mein Gemth. O
fliehe die Welt, wenn Du Dein Glck Dir rein bewahren willst! la Dich von ihrem
Flitterglanze nicht verlocken. Du kennst sie nicht, Du weit nicht, Du ahnest
nicht, wie die edelste Natur, das Meisterwerk des hohen Schpfers, in jenem
glnzenden Gewhle hinabgezogen, entwrdigt werden kann. Ich aber habe es
erfahren! Du und Luise, ihr einfachen, frhlichen, harmlosen Kinder, was wolltet
ihr dort? Wie knntet ihr beide in Eurer glcklichen Unbefangenheit jemals
ungestraft es wagen, Euch jenem schlpfrigen Pfade anzuvertrauen, der selbst den
Erfahrnen, von Jugend auf mit ihm Bekannten Verderben und Untergang droht.
    Du wirst auf der Burg unserer Vter mit Deiner Luise Dich zwar einsam, doch
nicht allein befinden, denn Hunderte gehren zu Euch, die durch Deine Geburt von
der Natur an Dich gewiesen wurden und jetzt hoffend zu Dir hinaufblicken, Du
selbst hast freilich im Laufe Deines jungen Lebens noch nichts verbrechen, guter
Albert, aber bei aller Deiner Schuldlosigkeit hast Du dennoch vieles gut zu
machen, was in frhern Zeiten Deine Vorfahren verschuldeten, ob gezwungen oder
freiwillig? gilt hier gleich. Betrachte in den Drfern, die zu Deinen
Besitzungen gehren, die armen verfallnen Htten, den elenden Zustand ihrer mehr
als zur Hlfte verwilderten Bewohner; dieser Anblick wird Dich besser ber das
was Dir obliegt belehren, als Worte es vermchten. Nie wird Langeweile Dir
nahen, weil es Dir an Beschftigung nie fehlen kann, wenn Du mit redlichem Eifer
die Plne zur Verbesserung des Zustandes Deiner Gter auszufhren suchst, die
ich Dir vor meiner Abreise zum Theil schriftlich vorlegte; auch Luise wird in
heiter verstndiger Thtigkeit Dir zur Seite als Deine Gehlfin sich beglckt
fhlen, und sich nach andern Freuden niemals sehnen.
    Ein Name wie der Deine, von Ahn zu Ahn Jahrhunderte hindurch ehrenvoll bis
auf Dich herabgefhrt, ist ein Kleinod, dessen Werth Du nie zu hoch anschlagen
kannst, wenn Du dabei die heiligen Verpflichtungen nicht aus den Augen
verlierst, welche diese unverdiente Gunst des Schicksals Dir auferlegt.
Erinnerst Du Dich noch, wie uns Beiden das Herz aufging, als wir Hand in Hand in
der, dem Andenken unsrer Vorfahren gewidmeten Gallerie standen und die lange
Reihe ehrwrdiger Gestalten betrachteten, welche vor uns in diesen Rumen
walteten? Und doch war der erste unter ihnen, er, der einzige, welcher keine
Ahnen aufzuzhlen hatte, bei weitem der Grte. Denn viel ehrenvoller ist es,
der Grnder eines kraftvollen herrlichen Stammes zu seyn, als sich, durch das
Verdienst edler Vorfahren gehoben, auf schon gebahntem Wege gemchlich durch die
Welt helfen zu lassen.
    Doch Dir, mein Bruder! erffnet sich eine Aussicht, die Ehrenkrone unsers
Stammvaters mit ihm einst theilen zu knnen. Zwar bist Du der letzte unsers
alten edlen Namens, doch hoffentlich wird er wieder neues Leben gewinnen, und Du
stehst einst in der Mitte zwischen der langen Reihe unsrer Vorfahren und einer
zahlreich erblhenden, bis in die spteste Zeit hinab reichenden
Nachkommenschaft. Du kannst es erringen, da einst Deine Urenkel und die Deiner
Unterthanen, vorzglich vor Deinem Bilde gern bewundernd verweilen und da der
Vater, indem er dem Sohne es zeigt, zu ihm spreche: neige dich ehrfurchtsvoll
vor diesem Albert, er verlieh dem zu seiner Zeit fast ganz gesunknem Hause der
von Leuen neues Leben, er allein erhob es wieder zu seinem ursprnglichen
Glanze, indem er Freude und Wohlhabenheit bis in unsre Htten verbreitete und
durch Thtigkeit, Umsicht und weise Sparsamkeit wieder aufbaute, was eine
verworrene, unheilbringende, kriegerische Zeit zerstrt hatte.
    Doch glaube nicht, da ich verkenne, auf welch' ein schweres Unternehmen ich
hier hindeute; oft schon, mein theurer Bruder, wenn Du vergebens nach Dir
gengenden Worten suchtest, um Deine grnzenlose Dankbarkeit mir auszudrcken,
fiel es mir schwer aufs Herz, da ich durch die Uebertragung der Rechte meiner
Erstgeburt Dir weniger als Nichts gewhrte, wenn Du nicht selbst mit rastlosem
Eifer Dein Leben daran setzen willst, um Dein Besitzthum wieder zu dem zu
erheben, was es vor den Verwstungen des siebenjhrigen Krieges, und der aus den
langen Abwesenheiten seiner Eigenthmer entstehenden Verwahrlosung gewesen ist.
Einem edlen freien Geiste wird es unendlich leichter, Neues zu schaffen, als
Verworrenes, Zerstrtes wieder zu ordnen und aufzurichten. Es wollte mir daher
oft unbillig erscheinen, da ich Dir, dem Knabenalter kaum Entwachsenen, eine so
schwere Aufgabe aufbrden konnte, und einzig die Ueberzeugung, da ich durch
diese Handlung nur der Zeit um einige Jahre zuvoreile, konnte mich darber
beruhigen. Nach dem gewhnlichen Laufe der Natur wren Dir, dem um viele Jahre
jngern Bruder, dennoch die Verpflichtungen einst zugefallen, die Du, von mir
veranlat, schon jetzt bernimmst. Als geistlicher Ritter httest Du ihnen noch
weniger gengen knnen, unser alter edler Name wre mit Dir erloschen und das
Eigenthum unsrer Vter, die Sorge fr das Glck derer, die seit undenklicher
Zeit vom Vater auf den Sohn gewohnt waren, dem Schutz eines von Leuen anvertraut
zu seyn, wre fremden Hnden zugefallen. Da sey Gott vor, da ich dies zugeben
solle, wenn ich es ndern kann.
    Ich, mein Albert! ich bin vom Schicksal unabwendbar bestimmt, einsam zu
leben und zu sterben, ich mte es, und wrst Du nie geboren. Sahst Du niemals
einen Baum, stark und fest dem uern Anschein nach, aber an der eigentlichen
Wurzel seines Lebens nagt ein heimlicher Wurm, er kann noch eine Weile
fortgrnen, doch der Raum um ihn her bleibt ewig de, und in seinem kalten
Schatten sprot kein junges Leben wieder auf. Sahst Du je einen solchen Baum? Er
war das Bild Deines Bruders. Frage mich nicht weiter, ich kann und will keine
Deiner Fragen ber diesen Punct beantworten, aber glaube mir, wenn ich mit dem
tiefen Ernst eines auf den Tod Verwundeten Dir sage: es ist so.
    La diesen Ausspruch Dich nicht zu sehr um meinetwillen betrben, denn ich
habe einst auch gelebt, ein kurzes aber schnes, vom seeligsten Traume
hochbeglcktes Leben, doch jetzt ist es dahin. Fr andere kann ich noch wirken,
so lange die Sonne mir scheint, fr mich nicht mehr, denn ich habe keinen Wunsch
mehr auf Erden, alles, alles ist vorbei. Da ich aber, indem ich that, was ich
fr Recht und nthig erkannte, zugleich Dein und Luisens Glck erbauen durfte,
das ist die letzte Gunst, welche das Geschick mir gewhrte; ich achte sie um so
hher, je weniger ich mir noch einer solchen im Laufe meines Lebens gewrtig
war.
    Sorge auch brigens nicht um mich; zwar bin ich bis heut' hier vllig fremd
geblieben und wei Dir ber die hiesige Zustnde nichts mitzutheilen, doch Raum
fr Thtigkeit giebt es berall. Ich brauche nur diesen noch, auch hier werde
ich ihn entdecken und denke, so mich ganz leidlich von einem Tage zum andern
hinber zu helfen.
    Zugleich mit diesem Briefe wird das Dir wohlbekannte Kstchen von Elfenbein
Dir eingehndigt werden, welches lange Jahre hindurch in unsrer Familie
hochgehalten und bewahrt wurde. Ich sende es Dir zurck, weil es hier dereinst
sehr leicht in fremde Hnde fallen knnte; bewahre es wohl und lasse es nie von
Dir, behalte es zu meinem Andenken, wenn es Dir dadurch vielleicht lieber werden
sollte. Du findest es mit einigen Kleinigkeiten an Schmuck und Seltenheiten
angefllt, wie dieses Land sie bietet. Uebergieb diese Deiner Luise in meinem
Namen; sie sind an sich beinahe ohne Werth, doch ich hoffe, Luise wird um
meinetwillen sie nicht verschmhen.
    Den Ring mit meinem Bildni, den Du jenen Dingen beigefgt findest, bestimme
ich Dir, denn ich wei, es wird Dich freuen, eine so treue Kopie meiner Zge zu
besitzen, doch trage ihn nie an Deiner Hand, und lass' auch Deine Luise dieses
nie thun. Eine der schmerzlichsten Erinnerungen knpft sich fr mich an den
Anblick dieses Ringes; er darf nie zum Schmucke dienen, da er die Hand nicht
schmcken durfte, fr die er ursprnglich bestimmt war. Und nun lebe wohl! Gott
erhalte Dir Dein jetziges Glck und segne Dich mit Kraft und Muth und Ausdauer
fr die Bahn, welche Du zu gehen hast.

 Albert von Leuen an seinen Bruder Bernhard, achtzehn Jahre spter geschrieben.

Wenn Du diese Schriftzge erblickst, mein edler schwer beleidigter Bernhard, so
hat die alles ausgleichende Hand des Todes den Mden wirklich zur Ruhe geleitet,
den Du schon vor langen Jahren zu den Verstorbenen zhltest. Dem Lebenden
mutest Du zrnen, weil er, schwach und verblendet, den Pfad nicht zu halten
wute, den Du so weise als liebevoll ihm bezeichnet hattest; dem Todtgeglaubten
hast Du vergeben, dies fhlte er wohl, darum mochte er Dir nie wieder nahen, im
Laufe des trben Daseyns, das er in tiefer Verborgenheit auf Erden noch
fortfhrte, und wahrscheinlich einige Jahre hindurch noch fortfhren wird.
    Da Du aber dem Bruder gern ein willig Ohr leihen wirst, wenn er, gleichsam
aus seinem Grabe herauf, Dir am Ende seiner Bahn Rechenschaft ablegen will,
davon bin ich eben so berzeugt, als da dieses Bekenntni seiner Verirrungen
wie seiner Leiden ein menschliches Herz bei Dir finden wird; denn auch sie waren
menschlich. Kein Verbrechen lastet auf Deinem armen Albert, das glaube fest; der
immer wache innere Richter giebt ihm das Zeugni, da sein Streben zum Bessern
stets redlich war, wenn er gleich leider weder von der Natur noch durch seine
Erziehung sich dazu eignete, das zu werden, was Deinem hheren Geiste aus ihm zu
bilden mglich schien.
    Und nun lass' mich noch einmal in meinem Leben wie der Bruder zum Bruder aus
vollem Herzen zu Dir reden. Der letzte Ruhepunkt, den ich auf Erden zu finden
bestimmt war, ist erreicht. Mein Pilgerstab hngt ber dem kleinen Altar meiner
Laren, und soll nicht wieder herabgenommen werden, bis er zur Gruft mich
begleitet. Doch jetzt lebe ich noch, und ein unwiderstehliches Gefhl drngt
mich zu Dir. Ich, der Verwaiste, Verlassene - durch Schuld oder Unglck, nenne
es wie Du willst - von allem was mir einst lieb war Verbannte, ich werfe mich an
Deine Brust, um Dir zu klagen, wie ich irrte und wie die Strafe jedem meiner
Irrthmer auf der Ferse folgte.
    Ich mu Dir auch mittheilen was mir gelang, was mich erfreute, und welche
Aussicht auf eine, alles ausgleichende Zukunft sich mir erffnet, indem doch
eine Hoffnung mir frhlich erblht, eine von den vielen, die ich in eitle
Truggebilde sich auflsen sah.

Es wird nthig diesen Brief hier zu unterbrechen, um dem, was Albert seinem
Bruder aus seinem sptern Leben mittheilt, eine kurze Uebersicht der frhern
Ereignisse desselben einzuschalten, die Albert, als Bernharden vollkommen
bekannt, bergehen mute. Zugleich wird dem Leser einiges wieder ins Gedchtni
zurckgerufen, was schon vorlufig nur flchtig erwhnt ist.
    Albert wurde bekanntlich in Rom, dem Geburtsorte seiner Mutter, zum
geistlichen Stande erzogen, dem er bei den sehr gesunkenen Verhltnissen seines
Hauses ohnehin gewidmet worden wre, selbst wenn seine Eltern sich nicht nach
einer kurzen, hchst unglcklichen Ehe wieder von einander getrennt htten. Doch
berdem ffnete der mchtige Schutz eines Oheims seiner Mutter dem Knaben eine
der allerglnzendsten Aussichten auf der fr ihn gewhlten Bahn, denn als
Kardinal und erklrter Liebling des damaligen Pabstes bte dieser eine fast
unumschrnkte Gewalt in seinem Wirkungskreise aus. Zwar lies er als ein sehr
frommer, den Vorschriften seiner Kirche streng ergebener Geistliche sich nur
selten einen Mibrauch seiner Macht zu schulden kommen, dem Nepotismus jedoch,
dieser allgemeinen Erbsnde der hheren rmischen Geistlichkeit, vermochte er
nicht zu widerstehen und so benutzte er zu Gunsten seines Groneffen dem ihm
verliehenen Einflu, indem er, mit Umgehung aller Ordensregeln, dem Knaben fast
noch in der Wiege die Anwartschaft auf eine bedeutende Komthurey des
Maltheserordens zu verschaffen wute, welche Andre durch jahrelange Anstrengung
im Dienste des Ordens sich erst erwerben mssen.
    Sobald der Knabe weiblicher Pflege einigermaen entbehren konnte, ward er
von seinem vornehmen Beschtzer der mtterlichen Aufsicht entzogen und dem Pater
Jeronimo bergeben, einem sehr gelehrten Benediktiner, der seine eigne Jugend
stets in klsterlicher Einsamkeit zugebracht hatte, und mit frommer Scheu die
ihm ganz unbekannte Welt als einen Sndenpfuhl betrachtete. Letzterem nicht
nahen zu mssen, hielt er fr das grte Glck auf Erden.
    Albert wuchs an der Seite dieses Greises in so tiefer Einsamkeit auf, als
wre er mit ihm durch einen Zauberspruch in die Thebaische Wste versetzt
worden. Er sah beinah nichts und kannte nichts als seinen Lehrer, seine Bcher
und die vier engen Wnde einer Zelle im Kloster oder des kleinen Zimmers im
Pallaste seines Oheims, welche er gemeinschaftlich mit seinem Lehrer bewohnte.
Denn Pater Jeronimo theilte seine Zeit zwischen dem Kloster und dem Kardinal,
der ihn zu seinem Allmosenier ernannt hatte und ihn hauptschlich deshalb auch
zu Alberts Erzieher erwhlte, um den Knaben weniger aus den Augen verlieren zu
mssen.
    Albert konnte sich nicht nach Genssen und Freuden sehnen, die er selbst dem
Namen nach nicht kannte, aber wie alle von der Natur nicht ganz verwahrlosete
Kinder, drstete er nach Beschftigung, jemehr er heran wuchs, und Jeronimo
benutzte dieses, um ihn so frh als mglich in das Reich der Wissenschaften
einzufhren, dem er selbst alles Glck seines stillen einfrmigen Lebens
verdankte. Das Talent und die unermdliche Wibegierde des Knaben entzckte
seinen Lehrer; er brachte es bald dahin, die klassischen Schriftsteller Roms und
Griechenlands mit ihm in ihrer Ursprache lesen zu knnen. Zu ihren Dichtern
sogar ging er ber, ohne da es dem in kindlicher Unbefangenheit grau gewordnen
Alten einfiel, mit welchen Ahnungen eines, von dem seinen ganz verschiedenen,
genureichen Lebens diese den Knaben erfllen muten, welcher zum Jngling
heranreifte. Whrend Pater Jeronimo mit trockner Schulgelehrsamkeit seinem
Zglinge die technischen Schnheiten eines seiner Lieblingsdichter auseinander
setzte, oder in Vergleichung der verschiedenen Lesarten irgend einer dunklen
Stelle sich vertiefte, fhrte die jugendliche Phantasie den scheinbar
Aufmerksamen auf Adlersflgeln weit weg in ein magisches Land, wo alles ihn
entzckte und nichts ihm deutlich war, am wenigsten seine Wnsche und
Hoffnungen.
    Indessen wurde Albert unter der Leitung seines Lehrers dennoch grundgelehrt.
In Athen, im alten Rom, in der Geschichte der Vlker, unter den Sternbildern des
nchtlichen Himmels, war er vollkommen zu Hause, doch von den Verhltnissen des
wirklichen praktischen Lebens wute er in seinem zwanzigsten Lebensjahre weit
weniger, als ein gewhnlicher Knabe von acht Jahren. Der Kardinal war indessen
mit der geistigen Ausbildung seines Groneffen vollkommen zufrieden, das brige,
meynte er, wrde zu seiner Zeit schon von selbst sich finden, und er trug kein
Bedenken, als Albert das dazu erforderliche Alter erreicht hatte, ihm
anzukndigen, da er zur Reise nach Maltha sich bereit halten solle.
    Alberts Mutter war whrend dieser Zeit in einem Kloster gestorben, dem sie,
um den Himmel mit den Verirrungen ihres Lebens zu vershnen, ihr ganzes Vermgen
hinterlie. Ihr Sohn war nun einzig aus die Gromuth des Kardinals angewiesen,
der ihn auch sehr freigebig mit allem versah, was er zu seiner Reise bedurfte,
ihm sogar erlaubte, durch Deutschland zu gehen und sich in Triest einzuschiffen,
weil Albert sehnlichst darnach verlangte, seinen nie gesehenen Bruder kennen zu
lernen.
    Die Reise selbst, auf die sich Albert, wenn gleich nicht ohne heimliches
Bangen, sehr gefreut hatte, erfllte in der Wirklichkeit durchaus nicht seine
Erwartungen, besonders nachdem er die Alpen im Rcken hatte. Das laute Treiben
und Lrmen der im Schweie ihres Angesichts arbeitenden Menschen, die Noth der
Armen, besonders aber die ihm barbarisch klingenden Tne einer ihm vllig
unverstndlichen Sprache, machten auf ihn den widrigsten Eindruck. Alles was er
sah und hrte, kontrastirte so sehr mit seinen goldenen Trumen, da er einem
vertrauten Kammerdiener seines Oheims, welchen ihn dieser zum Begleiter
mitgegeben hatte, alle Besorgungen der Reise berlie, und nur aus dem Wagen
stieg, um nchtlich zu ruhen.
    Durch diese Art zu reisen geschah es denn, da er auf seinem vterlichen
Schlosse eben so unbekannt mit der Welt und den Menschen anlangte, wie er von
Rom ausgegangen war. Wer ihn sah und hrte htte glauben knnen, es habe ihn ein
Wolkenwagen durch die Lfte gefhrt, ohne je die Erde zu berhren.
    Er traf seinen Bruder nicht auf Leuenstein, man wute nicht einmal mit
Gewiheit zu sagen, wo sich dieser jetzt aufhielt, und der arme Albert fhlte
sich bei dieser Nachricht so verlassen, wie nie zuvor in seinem Leben. Das
einzige Erfreuliche fr ihn war, da er mit dem im Schlosse wohnenden Justiziar
sich in franzsischer Sprache leidlich verstndigen konnte, und da dieser sich
ziemlich bereitwillig zeigte, einstweilen fr die Bequemlichkeit des jungen
Herrn zu sorgen, bis Bernhard von Leuen von der Ankunft seines Bruders
benachrichtigt werden konnte.
    Der alte Kammerdiener Giovanno eilte sobald als mglich seiner schnen
Heimath wieder zu, ohne auf Alberts Bitten zu achten, denn es schien dem
verwhnten Sdlnder unmglich, zwischen den hohen, Waldbewachsnen Bergen lnger
zu verweilen, in deren Mitte Schlo Leuenstein auf einer bedeutenden Anhhe lag.
    Albert war nun mit einemmale von allen seinen gewohnten Umgebungen getrennt,
ohne auch nur den kleinsten Ersatz fr diese gefunden zu haben. Die so lange
ersehnte Freiheit, welche ihm jetzt im vollsten Maae zutheil geworden war,
bengstigte den klsterlich erzogenen Jngling statt ihn zu erfreuen, und ihm
war ungefhr so zu Muthe, wie es einem Kanarienvogel seyn mag, der dem Kfig, in
dem er aufwuchs, unbedachtsam entschlpfte, und nun wie verloren mit ungebtem
Flgelschlage ber Wiesen und Grten ngstlich flattert. Die Welt kam ihm so
weit und so unheimlich vor, da er einige Tage dazu brauchte, ehe er nur zu dem
Entschlusse kommen konnte, das Schlo zu verlassen und einsame Wanderungen in
den romantisch schnen Umgebungen desselben anzustellen. Der Anblick der freien
Natur, den er frher beinah nie genossen hatte, verfehlte indessen nicht, auf
ihn den tiefsten Eindruck zu machen; er befreundete sich gar bald mit ihr, denn
in ihr fand er zuerst seine Dichter wieder, und seine frische Jugendphantasie
wute beide zu einem entzckenden Ganzen zu vereinen. Liebeglhend drckte
Albert Bume und Blumen an seiner mit ser, namenloser Wehmuth erfllten Brust,
ward nicht mde die Nympfe Echo zu wecken, rief der Dryas, ihm aus den Wipfeln
ihrer hohen Buchen nur einmal zu erscheinen, und trieb dieses phantastische
Spiel bis die sinkende Nacht ihn zwischen die alten dunkeln Mauern seiner
vterlichen Burg wieder zurckbannte.
    In ziemlich weiter Entfernung von dieser war er eines Morgens nicht lange
nach seiner Ankunft, seinen Virgil in der Hand, auf einem ihm noch unbekannten
Pfad gerathen, der zwischen hohen Gestruchen am Saume eines, von einem kleinen
See begrnzten Waldes hinfhrte, als ein ngstliches Rufen um Hlfe ihn
pltzlich aus seinen wachen Trumen aufschreckte. Es schien vom See herzukommen,
Albert theilte blitzschnell das diesen ihm verbergende Gestruch, um an das Ufer
zu gelangen, und stand im nchsten Momente geblendet vor einer
Gttererscheinung.
    Galathea mit ihren Gespielinnen! war sein erster Gedanke, als er vier schne
junge Mdchen kaum zwanzig Schritte vom Ufer in einem kleinen Kahne sitzen sah.
Doch bald ward er von ihrer irrdischen Natur berzeugt, denn so wie sie seiner
ansichtig wurden, streckten sie alle unter ngstlichen Klagetnen die runden
weien Arme ihm entgegen. Ihnen war das Ruder entglitten, das sie ohnehin
schwerlich zu fhren wuten. Die armen Kinder glaubten wegen einer nicht weit
davon liegenden Mhle sich in der dringendsten Todesgefahr zu befinden, obgleich
der spiegelhelle, von keinem Lftchen gekruselte See gerade an dieser Stelle
sehr flach war, und der Kahn eigentlich auf dem Sande schon fest sa.
    Albert hatte zwar noch nie Gelegenheit gehabt, den Umfang seiner physischen
Krfte kennen zu lernen, oder sich durch Behendigkeit und Besonnenheit aus
irgend einer Verlegenheit zu ziehen, aber er bedachte sich dennoch keinen
Augenblick, sich muthig den Fluthen anzuvertrauen, die ihm kaum bis ber die
Fuknchel reichten. Dann ergriff er einen hinter dem Kahn herschwimmenden
Strick, der inwendig befestigt, diesen am Ufer anzubinden wahrscheinlich gedient
hatte, und zog das Fahrzeug sammt seiner reizenden Last etwas nher ans Land;
endlich suchte er groe Steine zusammen, um den schnen Kindern eine Brcke zu
bauen, und so gelang es seinem Bemhen, sie alle ziemlich trocknen Fues ans
Land zu bringen.
    Kaum fhlten sie festen Boden unter sich, so begannen die vier Mdchen alle
zugleich, ihrem Erretter mit vielem Wortaufwande und groem Eifer ihre
Dankbarkeit bezeigen zu wollen, doch leider verstand Albert keine Silbe von dem
was sie sagten und er htte dieses auch nicht gekonnt, selbst wenn er der
deutschen Sprache vollkommen mchtig gewesen wre, denn seine Seele, alle seine
Sinne waren in seinen dunkel flammenden Augen, und von der Hand aus, die zum
erstenmal in seinem Leben eine Mdchenhand berhrt hatte, strmte ein nie
gekanntes verzehrendes Feuer durch sein ganzes Wesen hin. Erglhend und
erbleichend stammelte er einige italienische Worte und verging fast in
unerwartetem Entzcken, als Luise, die jngste unter den vier Schwestern, ihm in
der nmlichen Sprache antwortete. Zum erstenmal, seit der alte Giovanno ihn
verlassen hatte, trafen die sen gewohnten Tne wieder sein Ohr und von Lippen,
die selbst der fehlerhaften Aussprache einen ganz eigenthmlichen Reiz zu
verleihen wuten. Auch die brigen Mdchen suchten nun in der Geschwindigkeit
das wenige Italienische zusammen, das sie hauptschlich aus Opernarien erlernt
hatten, um mit dem schnen schwarzgelockten Jngling eine Art von Konversation
anzuknpfen.
    Albert befand sich wie im Traume; so vielem Zauber vermochte er nicht zu
widerstehen, um so weniger, da es ihm gar nicht einmal in den Sinn kam, dieses
zu wollen. Entzckt, betubt, kaum seiner selbst sich bewut, wandelte er an
Luisens Seite durch die schattigen Sternalleen des parkhnlich ausgehauenen
Waldes und stand, ehe er sich dessen versah, vor einer zahlreichen, unter den
Sulen eines sehr schnen modernen Landhauses versammelten Gesellschaft. Scheu
wie ein Reh, wre er gern zurck in das Gebsch geflohen, aber da war an kein
Entrinnen zu denken.
    Die Mdchen hatten unterwegs seinen Namen von ihm erforscht und stellten ihn
unter diesem ihren Eltern vor, indem sie zugleich recht ausfhrlich die groe
Gefahr, aus welcher der junge Fremde sie errettet hatte, erzhlten, solche bis
zum Schauderhaften vergrerten und nicht unterlieen, Alberts bei dieser
Gelegenheit bewiesenen Heldenmuth bis in die Wolken zu erheben. Dies mute
einigen der Anwesenden ein leichtes sarkastisches Lcheln entlocken, denn der
sehr verlegene Held dieser groen Begebenheit stand, trotz der berstandenen
Wassersnoth, in vollkommen trockner Kleidung da.
    Baron Steinau und seine Gemalin, die Eigenthmer des Schlosses, ermangelten
inde nicht, auf die freundlichste Weise von der Welt ber die groe
Verwegenheit ihrer Tchter zu schelten, und deren noch immer verstummenden
Erretter mit Danksagungen und Lobsprchen zu berhufen, von denen dieser in der
Angst seines Herzens keine Silbe verstand. Da Baron Steinau schon frher von
Alberts isolirter Lage auf dem jetzt den Leuenstein gehrt hatte, so lud er ihn
in sehr flieendem Italienisch und auf die einnehmendste Weise ein, bis zur
Ankunft des ltern Herrn von Leuen bei ihm als seinem nchsten Guthsnachbar zu
verweilen, und sich ohne allen Zwang als ein Mitglied seiner Familie zu
betrachten.
    Albert htte aus Mangel an Bekanntschaft mit den Formen des geselligen
Lebens gar nicht gewut, wie er es anfangen knne, um eine solche Einladung von
sich zu weisen, selbst wenn er dazu geneigt gewesen wre, aber er begriff schon
jetzt gar nicht mehr die Mglichkeit zu leben, ohne die holde Luise zu sehen.
Tief errthend verbeugte er sich vor dem Baron, ohne weiter ein Wort
hervorbringen zu knnen, und so wurden von dieser Stunde an seine Umgebungen,
sein Empfinden, seine Gedanken, ja sein ganzes Leben auf eine Weise umgestaltet,
die ihm selbst bis zum Unglaublichen wunderbar geschienen htte, wenn es ihm nur
mglich gewesen wre, auf einen einzigen Augenblick aus dem ewigen
Freudentaumel, in welchem er schwebte, zur Rckkehr in sich selbst zu erwachen.
    Das Haus des Barons Steinau war in der ganzen Umgegend bei weitem das
glnzendste auf viele Meilen in der Runde; die Familie desselben bestand auer
den vier Tchtern noch aus zwei Shnen, von denen der lteste, ein vollkommen
fr die Welt gebildeter junger Mann, mit Albert in gleichem Alter war. Auch der
verlobte Brutigam der ltesten Tochter war zugegen, und nchstdem vergrerten
noch mehrere fr den ganzen Sommer eingeladene Gste beiderlei Geschlechts die
Gesellschaft.
    Die Unterhaltung, in welcher der feinste gesellige Ton vorherrschte, wurde
gewhnlich in franzsischer Sprache gefhrt, in welcher auch Albert sich
auszudrcken verstand, doch sprachen Mehrere in dem Zirkel seine Muttersprache
und die Tchter des Hauses, vor allen Luise, beeiferten sich, ihm deutsch zu
lehren, wobei er im kurzen die auffallendsten Fortschritte machte. Alle, vom
Herrn des Hauses, bis zum geringsten der Diener begegneten ihm mit der grten
Aufmerksamkeit, jedes Mitglied der Gesellschaft suchte auf das freundlichste,
seinem Mangel an geselliger Gewandheit zu Hlfe zu kommen. Die ltern Herrn und
Damen nannten ihn lchelnd l'Ingnu, und die anmuthige Naivett mit welcher der
Jngling in die ihm so neue Welt hinein sah, flte ihrer Seltenheit wegen Allen
ein gewisses Interesse fr ihn ein, und machte Jedermann ihm geneigt.
    So von Allen begnstigt, so freundlich angezogen von allen Seiten, lebte und
athmete Albert doch nur in Luisens Gegenwart allein. Der Funke der glhendsten
Leidenschaft, den ihr erster Anblick in seinem Gemthe geweckt hatte, schlug
bald zur hell lodernden, nicht mehr zu erstickenden Flamme auf. Alles um ihn her
trug bei, sie zu nhren und zu vergrern, besonders der ihm ganz neue Anblick
des traulichen Verhltnisses zwischen Konstanzen, der ltesten Schwester, und
ihrem verlobten Brutigam. Die mchtige Leidenschaft, die aus Alberts Augen
blitzte, in jeder seiner Handlungen, jedem seiner Worte unverkennbar sich
aussprach, konnte nicht verfehlen, auf das junge Herz der kaum funfzehnjhrigen
Luise den tiefsten Eindruck zu machen und bald war sie selbst berzeugt, nicht
minder heftig zu lieben, als sie geliebt wurde. Ihre Eltern, denen dieses unter
ihren Augen sich entspinnende Verhltni unmglich entgehen konnte, thaten
ihrerseits wenigstens keinen Schritt, um strend dazwischen zu treten. Sie
wuten wenig mehr von Alberts persnlicher Lage, als da es der jngere Bruder
sey und alles, was der allgemeine Ruf von dem ltern verkndete, bestrkte sie
in der Hoffnung, da dieser sich gewi geneigt finden lassen wrde, Alberts
Glck auf jede Weise zu frdern. Da sie sich berdem die innere Zerrttung ihres
Vermgens nicht fglich lnger selbst verbergen konnten, die mit einer
Lebensweise entstanden war, welche die Krfte ihres Vermgens weit berstieg, so
mute jede Aussicht zur Versorgung einer ihrer Tchter ihnen unter diesen
Umstnden doppelt willkommen seyn.
    Nach mehreren Wochen, welche Albert im gastlichen Hause des Barons Steinau
verlebt hatte, langte endlich Bernhard, gleich nach seiner Flucht von der
verkannten Geliebten auf Leuenstein an, ohne eine Ahnung von des Bruders Nhe zu
haben; denn sowohl die Briefe aus Rom, welche Alberten anmelden sollten, als die
Boten, welche von dem Justiziar zu Leuenstein ausgeschickt worden waren, hatten
durch ein eigenes Zusammentreffen mehrerer Zuflligkeiten ihn verfehlt.
    Bernhards sehr trbe Stimmung erlaubte ihm nicht, Alberten persnlich in dem
ihm ganz fremden Kreise des Barons Steinau aufzusuchen; er begngte sich, ihm
seinen Wagen zu schicken um ihn zu sich holen zu lassen, und dieses war fr den
armen Albert ein allerdings sehr gnstiger Zufall. Denn die Verzweiflung, mit
welcher dieser die frher sehnlichst herbei gewnschte Nachricht von der Ankunft
seines Bruders so anhrte, als wrde sein eigenes Todesurtheil ihm verkndet,
htte gewi auf Bernhards, damals ohnehin sehr hart verletztes Gemth, den
traurigsten Eindruck machen mssen. Bleich, zitternd, verstummend im tiefsten
Schmerz bestieg Albert endlich den Wagen, und sein Zustand whrend der kurzen
Fahrt war in der That bedauernswrdig zu nennen. Doch seine Quaal stieg bis zum
Unertrglichen als er auf Leuenstein angelangt war, und nun den Blick fest an
den Boden geheftet, vor dem hohen edlen Manne stand, dem er angehrte, ohne ihn
je gesehen oder auch nur seine Persnlichkeit sich deutlich gedacht zu haben. Er
fhlte sich erdrckt von Bernhards Nhe, welche das Ende seines kurzen Glcks
ihm verkndete; er konnte nicht reden, kaum athmen, und es bedurfte aller der
milden Ueberredungskraft, die Bernhard in so hohem Grade besa, um den fast
Vernichteten anfangs nur einiges Vertrauen einzuflen. Doch dieses wuchs von
Minute zu Minute, sobald Albert es nur einmal ber sich gewann, die Augen zu dem
Bruder aufzuschlagen, der mit unendlicher Liebe und Milde im Blick und Herzen,
ihm mit offenen Armen gegenber stand, und der Brust voll eigener Quaalen
verga, ber dem Bemhen den Zagenden aufzurichten. Mit berstrmenden Augen
warf Albert sich jetzt in diese Arme, an diese Brust, und das Gestndni seiner
hoffnungslosen Leiden, seiner Verzweiflung, ergo sich unaufhaltsam ber seine
Lippen mit jener Gewalt der hinreiendsten Beredsamkeit, die unwiderstehlich das
Herz trifft, weil sie tief und wahr aus dem Herzen kommt.
    Nie konnte Bernhards Gemth einem Bekenntnisse dieser Art empfnglicher
seyn, als gerade in diesem Augenblick, wo alle Hoffnung auf eigenes Lebensglck
ihm verschwunden war. Alberts und Luisens traurige Lage erregte sein inniges
Mitgegefhl und forderte ihn unwiderstehlich zur Errettung des in der Blthe der
Jugend hoffnungslos untergehenden Paares auf. Was er nach einigen Tagen
reiflicher Ueberlegung zu diesem Zwecke mit der edelsten Aufopferung seiner
selbst beschlo, ist dem Leser bekannt, und da nicht bloes, in Schwche
ausartendes Mitleid zu diesem Entschlusse ihn bewog, da andre sehr ernste
Ansichten dabei mit vorwalteten, beweist sein oben angefhrtes Schreiben aus
Maltha. Alberts reines Gemth, sein vielseitig, wenn gleich noch nicht fr das
praktische Leben gebildeter Geist, wurden bald mit hoher Freude von seinem
Bruder anerkannt; Bernhard benutzte jede Stunde, um, so viel es die Krze der
Zeit erlaubte, seinen Albert zu den Geschften vorzubereiten, welche knftig ihm
obliegen wrden; diesen hingegen hob der innigste Wunsch, dem edlen Bruder seine
Dankbarkeit auszudrcken, weit ber sich selbst empor und verlieh ihm eine
frher nie gekannte krftige Regsamkeit. Er gelobte mit Entzcken, sein Leben
zwischen seiner Luise und der Erfllung der Wnsche seines Bruders zu theilen;
er hrte mit nie ermdender Aufmerksamkeit auf dessen belehrenden Rath, warf
sich mit dem schnen Eifer unverdorbener Jugend in die ihm vorgezeichnete Bahn,
und begann mit so viel Ernst, so vieler Anstrengung sie zu verfolgen, da
Bernhard die schnsten Hoffnungen einer ihn und Alle beglckenden Zukunft daraus
schpfen mute. Auch das dankbare Gefhl, mit dem Luise in Bernhard den Grnder
ihres ganzen Lebensglckes verehrte, lt sich nicht in Worte fassen; sie
versprach gleichfalls seinen Rath in allem so zu folgen, als wre es der Befehl
eines zu ihrem Heile vom Himmel herabgestiegenen hheren Wesens. Bernhard war in
ihren Augen ein Halbgott, zu dem sie nur mit staunender Bewunderung seiner Gre
hinauf sah, Albert ein Sterblicher; sie fhlte, da sie sich jenem nur mit
scheuer Ehrfurcht nahen drfe, diesen liebte sie herzlich mit allen seinen
Mngeln; doch lt sich nicht ableugnen, da ihr letztere nie sichtbarer
erschienen, als wenn er der hohen edlen Gestalt seines Bruder gegenber stand.
    Die Vermhlung des jungen Paares ward in Luisens vterlichem Hause sehr
glnzend gefeiert, doch Bernhard mochte mit seinem zerrissenen Gemth kein Zeuge
davon seyn; ohne frmlichen Abschied begab er sich einige Tage frher auf den
Weg zu seiner Bestimmung, und Albert und Luise blieben ganz allein in ihrer
weitlufigen alten Burg. Der in gebrgigen Gegenden gewhnlich frher
eintretende Herbst scheuchte bald darauf alle Gutsnachbare in die Stadt; auch
Baron Steinau mit den Seinen kehrte zum Schauplatz seiner gewohnten
Winterfreuden zurck; Albert aber hielt standhaft an das seinem Bruder
geleistete Versprechen, Leuenstein nicht zu verlassen, und auch Luise, die im
Rausche der ersten jungen Liebe den Winteraufenthalt auf dem Lande sehr
romantisch fand, stimmte freudig ihm bei. Monate vergingen und Albert schwebte
noch immer wonnetrunken in einem Meer von Seeligkeit, nur in der Liebe seiner
Luise war er seines Daseyns sich bewut, jede Stunde schien ihm wie aus seinem
Leben gerissen, die er auer dem Bereich ihres seelenvollen Auges, ihres
anmuthigen Lchelns zubringen mute; er sah, er dachte nichts als sie, und alles
andere rings um ihn her war fr ihn so gut als verloren.
    Bernhards Schreiben aus Maltha rttelte ihn zuerst aus seinen sen Trumen
wieder auf; ein leiser Ausdruck der Unzufriedenheit schien ihm ber die edlen
schnen Zge seines Wohlthters zu schweben, als er den Ring mit dem Portrt des
Bruders betrachtete, und das dunkle Errthen eines nicht ganz freien Bewutseyns
glhte dabei auf Alberts Wangen. Gewaltsam nahm er sich jetzt zusammen, indem er
nochmals sich gelobte, jedes Bedingni der ihm gewordenen Seeligkeit zu
erfllen, um die Erwartungen des edlen Schpfers seines Glckes in keiner
Hinsicht zu tuschen; leider aber fand er jetzt bei dem ersten Versuche, sich
der Verbesserung seines jetzigen Eigenthums anzunehmen, Schwierigkeiten, die er,
durch Bernhards Nhe gehoben, sich so gro nimmer gedacht htte. Er verstand es
zwar, die Bahnen der Kometen zu berechnen und die Lsung keiner noch so
verwickelten Aufgabe der hhern Mathematik war ihm zu schwer, aber ihn
schwindelte vor den bogenlangen, wahrscheinlich nicht ohne Absicht verworrenen
Rechnungen und Tabellen, welche seine Beamten ihm vorlegten, und die
Unmglichkeit sich da hindurch zu finden, schlug seinen Muth fhlbar nieder.
    Mit der praktischen Oeconomie ging es ihm nicht besser; er las mit
unerhrtem Eifer alles, was ber diesen Gegenstand geschrieben ward, der gerade
in dieser Zeit anfing viele der ersten Kpfe, besonders in England zu
beschftigen; doch alle zum Theil sehr kostspieligen Versuche, die er nach jenen
Vorschriften anstellte, fielen unglcklich aus, theils weil sie am unrechten
Platz angewendet wurden, theils weil man sie nicht mit der gebhrenden
Aufmerksamkeit auszufhren suchte.
    Seine groe Unerfahrenheit, verbunden mit seinem Mangel an Menschenkenntni,
verleitete ihn auch zu unzhligen Migriffen anderer Art. Er wandte oft seine
ganze Aufmerksamkeit Gegenstnden zu, die an sich wenig bedeuteten und lies
darber das Wichtigere aus der Acht; er entdeckte und bestrafte kleine
Betrgereien und bersah die grbsten Unterschleife, welche dicht unter seinen
Augen vorgingen. Weder sein Migeschick, noch seine eigene Unfhigkeit, am
allerwenigsten das aus beiden hervorgehende traurige Resultat, konnte ihm lange
verborgen bleiben, und alles dieses vereint beugte ihn tief. Sein ihm
angeborner, durch die klsterliche Erziehung noch mehr ausgebildeter Hang zur
Schwermuth erwachte von neuem und er wurde mit jedem Tage trber und
mimuthiger. Die arme Luise begann unter diesen Umstnden gar bald sich heimlich
nach dem frhlichen Leben in dem heitern Hause ihrer Eltern zurck zu sehnen,
denn der Abstand war gar zu gro. Sie seufzte oft recht schmerzlich aus tiefster
Brust, wenn sie mit aller ihrer Liebenswrdigkeit dem armen Albert kein Lcheln
mehr abzugewinnen vermochte, und ihr sonst immer klares Auge fllten Thrnen,
wenn er mit trbem Blick sie an seine gramerfllte Brust drckte, statt, wie
sonst, sich mit ihr des Lebens in der schnen, sonnenhellen Welt heiteren Sinnes
zu freuen.
    Albert sah den Kummer der noch immer Heigeliebten, und fhlte mit
unnennbarem Weh, da es nicht in seiner Macht stand, ihn vllig zu heben;
indessen wollte er es doch versuchen, ihn wenigstens einigermaen zu zerstreuen.
Er bemhte sich ihre kleinen Wnsche zu erforschen, um durch deren Erfllung ihr
Leben zu erheitern. Sie liebte die zierliche Eleganz der huslichen Umgebungen,
an die sie in ihrer Eltern Hause von Jugend auf gewhnt worden war, und Albert
berraschte sie freudig mit manchem Geschenk dieser Art. Doch jedes von diesen
machte wieder andre Dinge nothwendig, weil es zu dem von alten Zeiten her
vorhandenen Gerthe nicht pate; Albert sah sich dadurch unmerklich zu sehr
bedeutenden Ausgaben verleitet, denn nach und nach wurde das ganze Schlo mit
modernem Hausgerthe versehen, welches mit groen Kosten aus der ziemlich
entfernten Residenz herbeigeschaft werden mute. Das neue Ameublement erforderte
auch eine neue Einrichtung der Zimmer; Tapezirer, Maler, Handwerker aller Art
wurden verschrieben, berall ward gehmmert, vergoldet, gemalt, bis das von
Auen noch immer uralte Schlo von innen einem Feenpallaste glich, aus dem
beinahe jede Spur seiner frhern ehrwrdigen Alterthmlichkeit verschwunden war.
    Alberts Blick trbte sich oft und sein Herz war ihm schwer, wenn er diese,
so ganz auer Bernhards Plnen liegende Umwandlung betrachtete, doch Luise
lchelte wieder, laut schallte ihr Gesang durch das Haus, wenn sie in
liebenswrdiger Geschftigkeit von einem Zimmer zum andern eilte, um dieses oder
jenes Neue anzuordnen; es war ihm unmglich, den Himmel dieses geliebten Wesens
von neuem zu trben, er freute sich ihrer Freude und trug Sorge und Kummer gern
allein.
    Die tiefe Einsamkeit, in der Luise an der Seite eines stets in Geschften
sich abmhenden Gatten lebte, machte es allerdings wnschenswerth, ihr eine
erheiternde Gesellschaft gewhren zu knnen, und Albert selbst fiel zuerst auf
den Gedanken, einige ihrer Jugendfreundinnen einzeln und abwechselnd zu ihr
einzuladen. Diesen folgten bald mehrere Besuche, Luisens Eltern versumten nicht
nach und nach alle ihre Bekannten in dem Hause ihrer Tochter einzufhren, und
Albert sah sich bald von dem Gerusche der groen Welt in seinem eignen Schlosse
umringt, das nie aufzusuchen er seinem Bruder feierlich gelobt hatte. Jeder
Gedanke an husliche Stille verschwand vor dem immer mehr sich vergrernden
Schwarme von Besuchenden, die oft wochenlang auf Leuenstein verweilten; Luisens
Eltern trugen alles dazu bei, den Ton in Alberts Hause immer hher zu steigern,
ohne da Albert den Muth hatte, sich diesem Unheil zu widersetzen. Er frchtete
Luisen dadurch zu betrben, die ihre Eltern zrtlich liebte und in deren Seele
keine Ahnung davon kam, da Baron Steinau es sehr angenehm und bequem finde, bei
seiner Tochter eine Lebensweise fortfhren zu knnen, an welche er gewhnt war
und die er selbst im eignen Hause nicht lnger ausfhrbar zu machen vermochte.
    Ein zahlloses Heer franzsischer Emigranten berschwemmte um diese Zeit
Deutschland und wute mit seiner tiefen Verdorbenheit, seiner Frivolitt, seiner
Anmaung, aber auch mit seinem unbertrefflichen Talent fr die feinste
Geselligkeit sich berall Eingang zu verschaffen. Auch Alberts Schlo wurde von
dieser allgemeinen Landplage nicht verschont, denn Baron Steinau hatte seinem
unbesonnenen Betrogen dadurch die Krone aufgesetzt, da er einige dieser
gefhrlichen Gste als ihm besonders lieb gewordene Hausfreunde bei seinen
Kindern einfhrte, und berall, wo es nur einem einzigen Emigranten gelungen war
festen Fu zu fassen, folgten bald mehrere nach, die mit unbeschreiblicher
Gewandheit in kurzer Zeit dort unumschrnkt zu herrschen wuten, wo sie zuerst
als unglckliche Verbannte mitleidige Aufnahme fanden. Vom Morgen bis zum Abend
mute Albert jetzt seine junge schne Luise von Marquis und Vicomtes umschwrmt
sehen, welche das ganze Schlo umkehrten, um alles auf den Ton der elegantesten
Zirkel von Paris oder Versailles umzustimmen. Ihn selbst aber schienen sie wie
einen Fremden zu betrachten, dessen dstre Aussenseite freilich sehr schlecht
hieher passe, den man aber dulden msse und nicht ganz degoutiren drfe, weil er
doch einmal der Gemahl der Dame vom Hause sey. Bei der ihm zur zweiten Natur
gewordenen Anspruchslosigkeit verlor Albert in diesen Umgebungen das wenige
Selbstvertrauen gnzlich, das er noch besa; er fhlte sich ungewandt und
unbeholfen in der Mitte dieser glnzenden Fremdlinge, die nichts hatten und
nichts achteten als den uern Schein; er konnte es sich nicht ableugnen, da
diese ihn selbst in den Augen seiner Luise verdunkelten und verdunkeln muten;
er glaubte zu sehen wie Luisens Herz sich immer mehr von ihm abwende, und ward
leider immer weniger liebenswrdig, je mehr die Ueberzeugung, nicht mehr geliebt
zu seyn, in seiner Seele sich festsetzte, wie das leider immer zu geschehen
pflegt.
    Es braucht wohl nicht besonders erwhnt zu werden, da Alberts husliche
Lage nicht urpltzlich, sondern allmhlig whrend dem Laufe mehrerer Jahre diese
traurige Umwandlung erlitt. Luise hatte ihm whrend dieser Zeit mehrere Kinder
geboren, von denen nur das lteste, ein Knabe von etwa fnf Jahren, am Leben
blieb; ein jngerer war erst wenige Wochen alt, als Bernhard zum zweitenmal von
Maltha nach Deutschland zurckkehrte, um sich zu der Armee der alliirten Mchte
zu begeben, welche zu jener Zeit im Begriff stand, den Feldzug gegen die
franzsischen Demokraten zu erffnen. Damals, wie Bernhard ein Jahr nach seiner
Flucht nach Maltha zurck eilte, um seine heigeliebte Anna noch einmal wieder
zu sehen, als ihm in ihrer Rhe die frher ungeahnete Gre des Opfers klar
wurde, durch welches er, viel zu voreilig fr die ganze Seeligkeit seines eignen
Lebens, das Glck seines jngern Bruders erkauft hatte, da vermochte er es nicht
ber sich, durch den Anblick des jungen glcklichen Paares den eignen Schmerz
noch zu erhhen.
    Die Zeit hatte diesen Schmerz zwar nicht gemildert, aber Bernhard war durch
sie gewhnt worden, ihn mit Fassung zu tragen und so entschlo er sich, einen
ziemlich bedeutenden Umweg nicht zu achten, um auf seinem Wege zur Armee den
Bruder und die Burg seiner Vter noch einmal zu begren, ehe er den groen
Kampfplatz betrat, von welchem nicht wiederzukehren vielen Tausenden bestimmt
war.
    Als Bernhard die Grnze seiner ehemaligen Besitzungen betrat, bemerkte er
zuerst mit steigendem Unmuthe, wie schonungslos die Axt noch vor kurzem in den
herrlichen Waldungen gewthet hatte, welche von jeher den grten Schatz
derselben ausmachten. Jahrhunderte hindurch, mitten im wildesten Drange der
Zeiten, hatte keiner seiner Vorfahren es gewagt, sie so frevelhaft anzutasten,
weil alle sie als eine nie versiegende Quelle von Wohlhabenheit betrachteten,
die durchaus verlangte, sorgsam gepflegt und verstndig benutzt zu werden. Sein
Unmuth vermehrte sich, indem er weiter ritt und berall den fruchtbarsten Boden
unverantwortlich vernachlssigt sah. Doch als Schaaren halb nackter, hungernder
Kinder ihn in den Drfern bettelnd verfolgten, als er aus den elendsten Htten,
die je ihm vorgekommen waren, bleiche Jammergestalten scheu hervorlauschen sah
oder wilde zigeunerartige Gesichter, die, mit dem Geprge dumpfer Rohheit
bezeichnet, ihn anstarrten, da hielt er sich nicht mehr, der edelste Zorn
schwellte seine schmerzlich bewegte Brust und flammte aus seinen dunkel
blitzenden Augen.
    Albert! rief er beinahe laut, Albert, leichtsinniger Knabe, hltst du so
dein Gelbde? lohnst du mir so fr ein Opfer, dessen wahren Werth niemand
ermessen kann, und das von nun an durch deine Schuld wie ein entehrender Flecken
auf meinem Leben haften mu! Er ritt langsamer, um sich nur einigermaen wieder
zu bemeistern, ehe er das Schlo erreichte; sein Blick wurde immer dstrer, je
nher er ihm kam; doch wer beschreibt sein schmerzliches Erstaunen, als er nun
das Innere der Burg seiner Vter betrat. Er schritt durch die lange Gallerie
hindurch, von deren Wnden die ehrwrdigen Gestalten seiner Ahnen sonst auf ihn
herabzublicken schienen. Diese waren nicht mehr dort, er sah die ihm so
unaussprechlich theuren Bilder durch Spiegel, Vergoldungen, blitzende Girandolen
und allen Flitter der damaligen Mode verdrngt; sie selbst waren, wenn sie noch
existirten, wahrscheinlich in irgend einem dstern abgelegenen Winkel des
Schlosses hin verbannt.
    Glhend vom edelsten gerechtesten Zorn, der je in einer menschlichen Brust
entbrannte, nahte er dem kerzenhellen groen Saal, aus welchem eine lustige
Janitscharen-Musik ihm entgegen schallte. Hoch und furchtbar wie ein zrnender
Apoll blieb Bernhard am Eingange desselben stehen, sein Auge flammte, seine
Brust hob sich gewaltsam, indem er die im Walzer sich drehenden Tnzer
berschaute, um Albert und Luise unter ihnen aufzufinden. Niemand achtete auf
ihn, niemand bemerkte ihn, denn er hatte seine Ankunft vorher nicht gemeldet,
weil er seinen Bruder freudig zu berraschen gehofft hatte. Da umschlangen ihn
pltzlich zwei zitternde Arme, als wolle jemand zu seinen Fen in den Staub
sinken; es war Albert.
    Bernhard heftete schweigend den finstern Blick auf ihn, und die in
gnzlicher Muthlosigkeit eingesunkene Gestalt des Armen, der Ausdruck tiefen
unheilbaren Grams in seinen Zgen, entwaffneten Bernhards Zorn im Augenblick. Er
drckte den unglcklichen Bruder an seine feste mnnliche Brust. Albert, mein
armer Albert! sprach er mit dem weichen Ton des tiefsten Mitleids, was ist mit
Dir geschehen? Albert vermochte nicht zu antworten.
    Jetzt kam auch Luise herbei, um ihren Wohlthter mit unverstellter Freude zu
begren; sie war ganz unbefangen, denn sie hatte keine Ahnung davon, da
Bernhard hier irgend Grund zur Unzufriedenheit finden knne. Sie hatten ja ihr
Wort gehalten, denn sie waren, wie er es verlangt, auf Leuenstein geblieben, und
Albert mhte sich Tag und Nacht bei seinen Geschften ab. So ging ihrer Meynung
nach alles ganz vortrefflich, denn leider verband Albert mit seinen brigen
Schwchen auch noch die, Luisen ber die wahren Ursachen seines Kummers nie
aufzuklren, um sie in ihrer Freude nicht zu stren.
    Bernhard war jetzt vollkommen Herr seines emprten Gefhles geworden; er
erwiederte Luisens Gru so freundlich, als es ihm in diesem Augenbicke mglich
war, denn er wollte sie nicht ohne Noth verwunden, und war billig genug, aus
ihrer frohen Unbefangenheit zu schlieen, da sie wenigstens nicht absichtlich
die Zerstrerin aller seiner Plne fr ihr und seines Bruder Glck geworden war.
Er sah ein, da sie einem Kinde glich, welches spielend den verzehrenden
Feuerbrand in die vollen Scheuern seiner Eltern wirft, ohne zu wissen was es
thut.
    Am folgenden Tage beobachtete er Luisen aufmerksamer, und seinem im Leben
gebten Blick ward es nicht schwer, dieses offene jugendliche Wesen ganz zu
durchschauen. Er sah, wie Luise als Gattin ihre Pflicht dadurch auf das
vollkommenste zu erfllen glaubte, da sie ihrem Albert im alltglichsten Sinne
des Wortes die unverbrchlichste Treue bewahrte und brigens ihm bei seiner
Schwermuth, die sie Verdrlichkeit nannte, gern so viel als mglich aus dem
Wege ging, um ihn nicht durch ihr frhliches Wesen zu reizen oder zu verletzen.
Da sich in der ewigen Zerstreuung, in der sie jetzt lebte, ihr Herz von ihm
gewendet habe, schien sie selbst kaum zu wissen. Uebrigens hielt sie sich in der
Verwaltung ihres Hauswesens fr eine treffliche Wirthin, weil sie es an nichts
fehlen lies, um selbst die verwhntesten ihrer Gste zu befriedigen, und ein
stiller Triumph strahlte aus ihren Augen, wenn irgend einer derselben berlaut
versicherte, bei ihr wre alles delizis, tout comme  Paris. Ihr ltestes Kind,
ein Knabe von etwa fnf Jahren, ward von ihr wie ein Spielzeug betrachtet, das
sie zu nicht geringer Unbequemlichkeit der Gesellschaft fast nie von ihrer Seite
lies. Das ganze Haus frchtete die Ungezogenheit des kleinen Plagegeistes, nur
die Franzosen nicht. Diese ftterten ihn mit Bonbon, nannten ihn un charmant
petit Lutin, lachten ber seine Unarten und halfen ihm neue ersinnen, alles pour
faire rire Madame sa mre. Das jngste Kind kam noch gar nicht in Betracht, es
war erst wenige Wochen alt und im Grunde besser versorgt, als alles Uebrige im
Hause, denn es hatte eine ausgezeichnet gute Amme, die es recht mtterlich
liebte und pflegte.
    Bernhard vermochte nicht ohne den tiefsten Schmerz den fast hoffnungslosen
Verfall des huslichen Glcks zu berschauen, das er so felsenfest gegrndet zu
haben vermeynte. Sein Zorn, der sich bei manchen Anlssen stets von neuem wieder
in ihm regte, ls'te sich jedesmal in tiefes Mitleid auf, wenn er seinen Bruder
sah und hrte. Unaufgefordert ergriff dieser die erste vertrauliche Stunde, um
ihn ganz unumwunden zu gestehen, wie er Leben und Glck in zweckloser, keine
Ruhe kennender Thtigkeit zersplittern, und unerachtet seines angestrengtesten
Bemhens die auf seinen Gtern ruhende Schuldenlast vermehrt habe, statt sie zu
vermindern. Ich wei, Bernhard, sprach er, Du bist gerecht, Du wirst meiner
Versicherung glauben, da dieses glnzende Elend, in welchem ich leben mu, mir
noch nie auch nur einen genureichen Augenblick gewhrt hat. Aber durfte ich
meiner Luise etwas versagen, das ihr durch meine Schuld getrbtes Daseyn
erheitern kann? Ich fhle es, meine Liebe kann sie nicht mehr beglcken, ich
sehe das liebliche Wesen an meiner Seite in Mimuth vergehen, das, hingerissen
von meiner wilden Leidenschaftlichkeit, mich zu lieben glaubte und so in
jugendlicher Unerfahrenheit sich mir opferte. Tglich fhle ich, bitter
bereuend, wie so ganz verschieden sich ihr Daseyn an der Seite eines andern
Mannes gestaltet htte. Luise bedarf einer festen leitenden Hand, um sich zum
Vortrefflichsten zu erheben, und ich bin unfhig, sie ihr zu reichen. Was bin
ich? ein durch seine frhere mnchische Erziehung fr das Leben auf ewig
Verdorbener. Nie htte ich es wagen sollen, an mein von Grund aus verfehltes
Daseyn das Glck Anderer knpfen zu wollen, nie htte ich, von Liebe bethrt,
mich in Luisens schnes Jugendleben eindrngen mssen! schweigend und duldend
htte ich bleiben sollen was ich halb schon war, ein dunkler, einsamer Mnch.
Luise wre dann glcklich und frei; das Erbtheil unserer Vter, dessen ich
unwerth bin, wre in Deinen Hnden wieder geworden was es frher gewesen ist und
ich - unbeweint und vergessen in meiner stillen Gruft, ruhte ich schon lngst
von aller der Sehnsucht, von allen den Schmerzen aus, die ich in reiner
verschwiegener Brust getragen htte, bis sie mich hinabzogen. Die Palme des
ewigen Friedens wre dort oben schon lngst der hohe Lohn meiner Entsagung auf
Erden!
    Bernhard hrte seinen Bruder ohne alle Unterbrechung schweigend an; seine
Klagen drangen bis in die tiefsten Tiefen seines Gemths, denn sie waren ihm nur
der laut werdende Nachhall leiser Vorwrfe, die schon ohnehin zu oft und zu
schmerzlich in seinem Innern sich regten. Indessen gewann er es doch ber sich,
den Muth des tiefgebeugten Bruders durch ernstes mnnliches Zureden frs erste
wieder zu erheben und dann ernstlich auf Mittel zu sinnen, um wieder gut zu
machen, was noch gut zu machen mglich sey.
    Vor allen Dingen suchte Bernhard jetzt Luisens Eltern ohne groe Umschweife
von der eigentlichen Lage Alberts zu unterrichten, und legte es ihnen sehr fest
und bestimmt ans Herz, wie es ihre Pflicht sey, durch Rath und Beispiel ihre
Kinder auf den rechten Weg zu ihrem Glcke zurckzuleiten, statt sie zu neuen
grern Verirrungen zu veranlassen, die endlich ihren gnzlichen Untergang
herbeifhren mten. Doch er fand nur halbes Gehr.
    Steinau und seine Frau waren von jeher gewohnt, ber alles Unangenehme
leicht hinweg zu schlpfen, und Bernhards sehr ernste Vorstellungen schienen
ihnen deshalb, wenn nicht beleidigend, doch wenigstens sehr unbequem. Sie
suchten ihnen daher fr den Augenblick zu entgehen und erfanden noch am
nmlichen Abend einen Vorwand, um zur Stadt zurckzukehren, wo sie jetzt fr
immer ihren Wohnsitz aufgeschlagen hatten; denn ihr eigenes Gut war schon lngst
in den Hnden ihrer Glubiger und wurde zu deren Besten administrirt.
    Einige der Gste, die mit ihnen gekommen waren, begleiteten sie, die brigen
folgten ihnen am andern Tage; denn Allen war gleich beim ersten Anblick des
ernst umherblickenden Malthesers unheimlich zu Muthe geworden. Selbst die
Emigranten bequemten sich, Bernhards ziemlich deutlich ausgedrckte Wnsche zu
verstehen und ihm einige ruhige Tage in der Mitte der Seinen zu gewhren. Und so
war denn die lange vermite Ruhe auf Leuenstein wieder eingekehrt und Bernhard
hatte Raum gewonnen, den Schleier so schonend als mglich zu heben, der Luisen
gegen ihr eigenes und ihres Gatten Wohl verblendete.
    Luise hrte den ernsten Warner mit grerer Fassung an als er es erwartet
htte, denn der Eindruck seines frhern Edelmuths war noch bei weitem nicht in
ihrem Gemthe erloschen. Bernhards Bild schwebte ihr noch immer, selbst whrend
seiner Abwesenheit, als das Ideal aller mnnlichen Liebenswrdigkeit, Hoheit und
Wrde vor, sie gedachte seiner nie ohne Bewunderung und Verehrung, und nur die
strahlende Hhe, auf welcher ihr dankbares Gefhl ihn stellte, hatte vielleicht
frher das Aufkeimen einer weit zartern innigern Liebe in ihrem Herzen erstickt,
als sie je fr Albert empfunden hatte.
    Ueberdem war Luise jetzt kaum ein und zwanzig Jahre alt, und in diesem Alter
pflegt eine an sich gutgeartete Natur sich nicht leicht gegen die warnende
Stimme eines, als wohlwollend anerkannten Freundes zu verhrten.
    Sanft weinend aber willig gelobte sie daher, dem Rath ihres edlen und weisen
Beschtzers nach besten Krften zu folgen und von der ihr von ihm
vorgezeichneten Bahn zum stillen huslichen Glck sich hinfort so wenig als
mglich wieder abzuwenden. Bernhard wagte zwar nicht, diesem Versprechen
unbedingten Glauben zu schenken, aber er war dennoch wenigstens von ihrem guten
Willen berzeugt. Zum zweitenmal legte er in dieser Stunde ihre Hand in die
seines Bruders, drckte beide mit glnzenden Augen an seine von tausend
verschiedenen Empfindungen bestrmte Brust, und wandte sich dann von ihnen, um
seine treue Sorge fr ihre glcklichere Zukunft fortzusetzen. Die unabnderlich
vorher bestimmte Krze seines Aufenthalts hatte ihn gleich bei seiner Ankunft
auf Leuenstein abgehalten, den Zustand der hchst verworrenen Angelegenheiten
seines Bruders genauer zu untersuchen, aber er hatte in seinem Herzen
beschlossen, diesem einen erfahrnen wohlgesinnten Freund zuzufhren, der eben so
geschickt als willig sey, sich seiner anzunehmen.
    Seine Wahl war dabei auf den Baron Meinau, einer seiner frheren
Jugendfreunde gefallen, der seit wenigen Jahren ein miges, nur wenige Stunden
von Leuenstein entferntes Landgut bewohnte, dessen ursprnglichen Werth er, nach
dem Urtheil aller in diesem Fache Erfahrnen, durch Flei und wohl angewandte
konomische Kenntnisse whrend der kurzen Zeit fast verdoppelt hatte. Zu diesem
fhrte Bernhard am letzten Tage seines Aufenthalts in der Burg seiner Vter
Albert und Luisen, und schon auf dem Wege fielen ihm die blhenden Felder, die
ppigen Wiesen, die freundlichen Drfer auf, welche Meinaus Besitzungen vor
andern der Nachbarschaft auszeichneten.
    Sein alter Freund erkannte ihn sogleich und empfing ihn mit offenen Armen
und ungeheuchelter Freude; auch Albert und Luise fanden die freundlichste
Aufnahme, und whrend Frau von Meinau Luisen mit jener anspruchlosen
Zuvorkommenheit zu unterhalten suchte, welche sogleich die Herzen gewinnt, fand
Bernhard Gelegenheit, dem Baron Meinau in Alberts Beiseyn das wichtige Anliegen
zu erffnen, das ihm besonders am Herzen lag. Er hatte frher Gelegenheit
gehabt, diesem sehr bedeutende Dienste zu leisten, und obgleich er es selbst
lngst vergessen zu haben schien, so ergriff Meinau doch mit herzlicher Freude
die Gelegenheit, die so ganz unerwartet sich ihm bot, um Bernhard durch mehr als
Worte zu beweisen, da er jener Vergangenheit noch immer dankbar gedchte. Er
zeigte sich daher sehr bereitwillig, alle Zeit, die er von seinen eigenen
Geschften abmigen knne, Alberten zu widmen, und versprach diesen berall
durch Rath und That, so viel er dieses vermchte, zu untersttzen.
    Mit sehr erleichtertem Herzen kehrte Bernhard, Albert und Luise nach
Leuenstein zurck und brachten noch einige Stunden im traulichen Gesprche zu,
bis der Morgen graute. Dann drckte Bernhard noch einmal seine Lieben an sein
Herz, entfernte sich stumm und warf sich auf sein bereit stehendes Pferd, um nun
endlich seiner ernsten Bestimmung entgegen zu eilen.
    Gleich nach Bernhards Abreise bemhte sich Baron Meinau, das seinem Freunde
gegebene Wort im vollsten Sinne desselben zu erfllen, doch leider stellte ihm
die berall in Alberts Angelegenheiten herrschende Verwirrung Schwierigkeiten
dabei entgegen, die er so gro sich nimmer gedacht hatte. Er wandte jede seiner
freien Stunden daran, nur frs erste den Betrag der auf den von Leuenschen
Gtern ruhenden Schuldenlast zu erforschen, aber es whrte sehr lange, ehe er
nur damit zu Stande kommen konnte, und endlich ward er mit Schrecken gewahr, da
die von Albert in der letzten Zeit aufgenommenen Summen dessen eigne
unvollkommene Angabe derselben um mehr als die Hlfte berstiegen. Ueberdem
mute diese Schuld sich mit jedem Jahre betrchtlich vermehren, wenn man nicht
bald Mittel und Wege fand, einige bsartige Wucherer zu befriedigen, denen
Albert theils aus Unerfahrenheit, theils verleitet durch den Rath seines
gewissenlosen Justiziars, in die Hnde gefallen war.
    Meinau sah fr den Augenblick keine Mglichkeit, die dazu nthigen sehr
bedeutenden Summen aufzubringen; er konnte es nicht unterlassen, seine daraus
entstehende Besorgni gegen Albert zu uern, und obgleich er dabei so schonend
als mglich verfuhr, so drckte er damit doch den Stachel der Reue immer tiefer
in das Herz des Armen, das durch die tglich steigende Gewiheit von Luisens
Gleichgltigkeit ohnehin schmerzlich verwundet war, so da Meinau alle Mhe
hatte, seinen Muth nur etwas zu erheben und ihn durch freundliche Trostgrnde
vor gnzlicher Hoffnungslosigkeit zu bewahren.
    Whrend der weise wohlmeynende Freund, welchen Bernhard seinen Bruder
geschenkt hatte, sich so thtig fr dessen Wohl bemhte, fhlte auch seine
Gattin sich von ihrem Herzen gezogen ihm zu helfen: denn diese wirklich
liebenswerthe Frau war zu gewohnt, ihrem Gatten in allem hlfreich zur Seite zu
stehen, als da sie dieses nicht auch in einer Angelegenheit htte versuchen
sollen, die ihm so sehr am Herzen zu liegen schien. Sie begann daher ganz
unvermerkt Luisens sich anzunehmen, gegen die sie mit ihren acht und zwanzig bis
dreiig Jahren sich ohnehin recht matronenartig vorkam. Halb scherzend, halb im
Ernst suchte sie die junge Frau zu bewegen, der Verwaltung des innern
Hausstandes sich mehr als sonst anzunehmen, und da sie ihr hierin berall mit
dem besten Beispiele voranging, so lernte Luise auch bald, wenigstens in der
Gegenwart ihrer neuen Freundin, sich ihrer bisherigen Nachlssigkeit zu schmen.
    Luise konnte es sich nicht verhehlen, da Frau von Meinau mit nicht
geringern Ansprchen an das Leben in die Welt getreten sey als sie selbst, auch
sie hatte vor ihrer Vermhlung im Hause ihrer reichen angesehenen Eltern in der
Residenz und sogar am Hofe mitten in den glnzendsten Zirkeln gelebt, deren
schnste Zierde sie war; sie hatte Talente und berhaupt eine weitumfassende
geistige Bildung sich erworben, welche Luise nicht besa und klagte dennoch nie
ber die Einsamkeit des Landlebens und stand dennoch mit nie ermdender
Thtigkeit ihrem Hauswesen und der Erziehung ihrer Kinder vor, ohne je damit
prunken zu wollen. Wenn sie Abends an ihrem schnen Wiener Pianoforte, dem
einzigen glnzenden Hausgerth das sie besa, ihre Zuhrer bezauberte, oder im
kleinen Kreise ihrer Bekannten am Theetisch die Seele der Unterhaltung war, so
merkte niemand es ihr an, wie sie den Tag ber in ihrem Haushalte sich
beschftigt hatte und oft selbst mit Hand anlegte, wenn ihr dieses nthig zu
werden schien.
    Ein zweites Verdienst um Luisen, welches diese ihr noch inniger verdankte,
erwarb Frau von Meinau sich dadurch, da auf ihre Veranlassung das Leben auf dem
Lande sich im Laufe der lnger werdenden Abende weit freundlicher gestaltete,
als Luise erwartet hatte. Keine Woche verging, in der nicht beide Familien
wechselseitig einander mehreremale besuchten. Einige Prediger und Beamte aus der
Nachbarschaft, Leute von deren Existenz Luise bis jetzt gar keine Notiz genommen
hatte, vergrerten zuweilen mit ihren, zum Theil recht gebildeten Frauen und
Tchtern den kleinen Kreis. Musik, gemeinschaftliches Lesen oder erheiterndes
Gesprch fllten die langen Abende aus. Luise verga sehr oft in diesen
anspruchslosen Umgebungen der frheren rauschenden Freuden und entzckte Alle
durch ihre jugendliche Heiterkeit. Doch leider kehrte freilich die alte Leere
wieder in ihr Herz zurck, sobald sie einige Tage mit Albert allein ohne andre
Gesellschaft verleben mute. Dann vermochte sie es nicht ber sich, ihre
Unzufriedenheit mit ihrer jetzigen Lage ihm zu verbergen, und der arme Albert
flchtete sich gewhnlich in sein einsames Zimmer, um sich dort ungestrt und
ohne Zeugen dem bittern Schmerze zu berlassen, der verzehrend und langsam an
seinem Leben nagte.
    So mochten denn, wechselnd zwischen gute und bse, einige Monate seit
Bernhards Abreise hingegangen seyn, als eines Morgens einige Landleute sich auf
Leuenstein meldeten, um ber die Verwstungen zu klagen, die ein wilder Eber auf
ihren Feldern anrichtete. Schon seit geraumer Zeit waren alle Thiere dieser Art
in jenen Gegenden ausgerottet worden, und die Erscheinung eines einzelnen, das
sich wahrscheinlich aus einem andern fernen Gebiete hinber verirrt hatte,
setzte gerade ihrer Seltenheit wegen die Leute in um so grere Angst. Meinau
war eben zugegen und rieth eine groe allgemeine Jagd anzustellen; die ganze
Nachbarschaft ward aufgeboten, um das Thier zu erlegen. Alle zogen am frhsten
Morgen des folgenden Tages mit Hunden und Jgern, begleitet von frhlicher
Jagdmusik, von Leuenstein aus in den herbstlich gefrbten Wald, an dessen
Zweigen nur einzelne Bltter noch gelb und rthlich im Sonnenschein spielten.
    Der Mittag nahte heran; Luise hatte mit Hlfe ihrer Freundin alles zum
Empfange der wahrscheinlich sehr ermdeten Jger vorbereitet, und beide Frauen
saen nun mit ihrer Arbeit an einem Fenster, von welchem sie die in den Wald
ausgehauene lange Allee berschauen konnten, durch die jene zurckkommen muten.
- Horch! rief Luise, hrst Du Hallalli blasen? die Jagd ist aus, sie mssen
bald hier seyn.
    Frau von Meinau ffnete das Fenster. In der That, sprach sie, ich hre
Hrnergetne aus der Ferne. Und wie mild und erquickend die Luft vom Tannenwalde
herberweht! komm Luise, der Tag ist zu schn um ihn ganz im Zimmer zu verleben;
lass' uns den Mnnern bis zu dem runden Platze entgegen gehen, wo alle die
Alleen sich kreuzen; dort knnen wir sie unmglich verfehlen.
    Beide Frauen wandelten nun Arm in Arm durch den Garten dem Walde zu, und
hatten den bestimmten Platz bald erreicht, an welchem sie zu verweilen
beschlossen. Frau von Meinau vertiefte sich rechts ins Gestruch, um von den
Zweigen einer jungen, noch mit allen ihren Blttern prangenden Eiche einen Kranz
fr den Sieger zu flechten; Luise blieb mitten auf dem Platz stehen, und sah
einem Eichhrnchen zu, das sich mit lustigen Sprngen von einem der hohen, im
Sonnenstrahl erglhenden Tannenwipfel zum andern schwang. Hundegebell und
Hrnergetn schallten aus der Ferne, die Jagd schien nher zu kommen, ein Schu
fiel und wenige Augenblicke darauf knisterte und rasselte es ungefhr dreiig
Schritte vor Luisen im Gestruch zur linken Hand; der durch eine leichte Wunde
zur entsetzlichsten Wuth aufgereizte Eber brach hervor und rannte, schumend vor
Schmerz und Zorn, gerade auf die Wehrlose zu. Sie wollte seitwrts zu ihrer
Freundin fliehen, ihr Fu verwickelte sich in Brombeerranken, die ber ihren Weg
sich ausbreiteten, sie fiel und verlor das Bewutseyn. Der Eber eilte noch immer
auf sie zu, schon war er nur wenige Schritte noch von ihr entfernt, sie
rettungslos dem greuelvollsten Tode verfallen, als ein Reuter im gestrecktesten
Galopp aus einer Seitenallee, welche nach Meinaus Besitzungen fhrte, sich
zwischen sie und das wthende Thier warf.
    Der Eber wandte nun seine Wuth gegen diesen neuen Ankmmling, der nur, mit
einer Reitgerte bewaffnet, ihr nichts entgegensetzen konnte. Im Nu verwundeten
die furchtbaren Hauer des Ungeheuers das edle durch gewaltiges Spornen ohnehin
sehr wild gewordene Pferd, dies bumte und berschlug sich mit seinem Reiter,
der unter dasselbe zu liegen kam. Glcklicherweise war ein Theil der Jagd
indessen herbeigekommen, zwei gewaltige Saufnger packten den Eber noch gerade
im rechten Augenblick, da er seine Wuth an den Unglcklichen auslassen wollte;
sie zwangen ihn, sich gegen sie zu wenden, und ein glcklicher Sto von Meinaus
starker Hand machte bald darauf dem Kampfe ein Ende.
    Auch Albert kam jetzt herbei, und sah mit unaussprechlichem Entsetzen sein
geliebtes Weib bleich und starr wie eine Todte am Boden liegen; er rief
tausendmal berlaut Luisens Namen, warf sich neben sie hin mit der Geberde an
Wahnsinn grnzender Verzweiflung, und vor Schrecken vllig unfhig, ihr die
kleinste Hlfe zu leisten, verlangte er nur mit ihr zu sterben.
    Indem eilte auch Frau von Meinau bleich und zitternd herbei. Sie hatte aus
der Ferne in Todesangst zugesehen. Selbst kaum im Stande, sich aufrecht zu
erhalten, wollte sie die Freundin untersttzen, welche eben anfing, sich von
selbst zu erholen, doch indem sie sich zu ihr beugte, fiel ihr Blick auf Luisens
Befreier. Diesen hatten die Jger unterdessen unter seinem Pferde hervorgezogen
und er sa mit Blut bedeckt geduldig da, den Rcken an einen Baum gelehnt, von
ihm zu Hlfe Eilenden umringt.
    Oskar, schrie sie mit dem tonlosen Schrei des hchsten Entsetzens. Oskar,
o stirb nicht, stirb nicht mein Bruder ohne mich! Sie warf sich neben ihm in
das mit seinem Blute benetzte Gras, zerri ihr Kleid, um die Kopfwunde zu
verbinden, aus der das Blut sein Gesicht berstrmte, umschlang ihn mit ihren
Armen und zuckte erschrocken zusammen, da sie gewahrte, wie weh die leiseste
Berhrung ihm that, whrend er mit halberstorbener Lippe sie zu beruhigen suchte
und ihr versicherte, da er sich durchaus nicht gefhrlich verwundet fhle.
    Die Scene, welche jetzt erfolgte, lt sich nicht beschreiben. Freude,
Schmerz, Erstaunen, Dankbarkeit, bewegten jede Brust und uerten sich auf
tausendfltige Weise. Luise hatte sich indessen vollkommen wieder erholt, stumm
und bleich wie eine Bildsule kniete sie mit gefaltenen Hnden neben dem
Verwundeten, den starren Blick so fest auf ihn geheftet, als wre auer ihm die
ganze Welt ihr verschwunden. Albert lag zu seinen Fen, Thrnen berstrmten
sein Gesicht. Engel, zur Rettung eines Engels vom Himmel gesandt, sprach er,
wie soll ich Dir danken! wie Dich nur nennen, der, selbst wehrlos, mit
unerhrtem Heldenmuthe sich fr eine ihm ganz Unbekannte dem grlichsten Tode
entgegenstrzte! - Ich sah Frauen in Gefahr, da galt kein Bedenken, ich konnte
nicht anders, erwiederte Oskar mit schmerzlichem Lcheln und kaum hrbarem Ton.
    Die Jger hatten indessen unter Meinaus Leitung aus Tannenzweigen eine Art
von Trage zusammengezimmert und mit weichem Moose bedeckt, auf welche der
Verwundete freilich unter groen Schmerzen gelegt ward, um ihn nach Leuenstein
zu bringen. Alle Mnner wetteiferten untereinander, ihn abwechselnd auf den
Schultern zu tragen, Luise und Frau von Meinau gingen neben her, ihn zu
untersttzen; so kam langsam, einem Leichenbegngnisse hnlich, der Zug im
Schlosse an, der am Morgen unter Hrnerschall frhlich ausgegangen war.
    Zum Glck konnte Oskar sogleich die nthige rztliche Hlfe erhalten, denn
Meinau hatte Besonnenheit genug gehabt, um gleich im ersten Augenblick einen
reitenden Boten nach einem ziemlich geschickten Wundarzte, der in der Nhe
wohnte, auszuschicken. Diesen fanden die Ankommenden schon im Schlosse vor und
sein Ausspruch nach dem ersten Verbande gab wenigstens Beruhigung. Weder die
Kopfwunde noch die brigen Verletzungen, die Oskar beim Sturze mit dem Pferde
erlitten, drohten die mindeste Gefahr fr sein Leben; doch freilich war der
linke Arm zerbrochen, der rechte verrenkt, die Schmerzen welche er litt waren
gro, und Monate muten wahrscheinlich darber hingehen, ehe es ihm mglich
werden durfte, das Schlo zu verlassen, um sich zu seiner Schwester zu begeben.
    Dieser, wenn gleich an sich traurige, doch auch in andrer Hinsicht
trstliche Ausspruch eines als geschickt anerkannten Arztes, beruhigte Alle;
selbst Frau von Meinau verga einigermaen ber die Erhaltung ihrer Freundin den
Schmerz, den geliebten Bruder nach jahrelanger Trennung so wieder finden zu
mssen; nur Albert wollte es kaum wagen in seinem Herzen der Hoffnung Raum zu
gewhren. Die Grlichkeit der Gefahr, in welcher er seine Luise gesehen hatte,
schwebte unabllich in furchtbarer Deutlichkeit vor seiner aufgeregten
Phantasie, sein eignes Leben schien ihm jetzt an dem ihres heldenmthigen
Befreiers zu hngen, und er wute sich vor den entsetzlichen Bildern, die ihn
stndlich verfolgten, nicht anders zu retten, als da er, stets bedacht fr
Oskars Erhaltung zu sorgen, auch Luisen ermahnte, der Erfllung dieser heiligen
Pflicht sich ausschlielich zu weihen.
    In Luisens weicher Seele steigerte sich nur zu leicht der Enthusiasmus der
Dankbarkeit bis zur Leidenschaft hinauf, ja man knnte sagen, da diese die
einzige Leidenschaft sey, welche sie bis dahin wahr und wirklich empfunden
hatte. Bernhard erweckte sie zuerst in ihr, aber seine hhere Natur hielt sie
ab, ihn anders als aus der Ferne zu verehren. Oskar hingegen stand ihr weit
nher und da er als Kranker stets ihres Beistandes bedurfte, machte ihn ihr mit
jedem Tage noch werther. Sie verlie ihn so selten als mglich und wachte ber
ihn wie eine Mutter ber den Liebling ihres Herzens. So lange er durch den
Verband gehindert wurde, sich seiner Hnde bedienen zu knnen, suchte sie mit
unglaublicher Aufmerksamkeit auch den kleinsten seiner Wnsche zuvorzukommen,
und hiedurch sowohl als durch tausend andere Zuflligkeiten, wie sie das
husliche Leben mit sich fhrt, entstand zwischen beiden ein zartes, namenloses
Verhltni, dem sie sich hingaben, ohne weiter darber zu denken. Ueberdem wurde
Frau von Meinau durch ihre huslichen Pflichten oft abgehalten, sich der Pflege
ihres Bruders so anzunehmen, wie sie es wohl gewnscht htte, und so blieb diese
Sorge Luisen grtentheils allein berlassen.
    Oskars ungeschwchte Jugendkraft befrderte seine Genesung; er durfte weit
frher als man gehofft hatte es wagen, sein Lager und bald auch sein Zimmer zu
verlassen und entwickelte nun auch im huslichen Beisammenseyn die
liebenswrdigsten Eigenschaften. Schon seine mnnlich schne Gestalt mute auf
den ersten Anblick fr ihn einnehmen. Die zwar nicht regelmig schnen, aber
ausdruckvollen Zge seines sehr angenehmen Gesichts waren der treuste Spiegel
jeder Regung seines Gemths, dabei trug sein ganzes Wesen einen Anstrich von
Ritterlichkeit, der ihm auerordentlich gut stand, und sich besonders in der
zartesten Achtung gegen Frauen uerte. Lebhaft und leicht erregbaren Geistes,
ri er alles unwiderstehlich mit sich fort, wenn er in seiner schnen
wohlklingenden Sprache ber irgend einen Gegenstand, der ihn innig ergriffen
hatte, mit dem Enthusiasmus eines Begeisterten sich uerte. Mit einem sehr
angenehmen sonoren Organ verband er das seltene Talent ein ausgezeichnet guter
Vorleser zu seyn, oft auch begleitete seine rhrende, gerade ans Herz dringende
Tenorstimme Luisens ziemlich mittelmiges Spiel auf der Guitarre, die er selbst
zwar meisterhaft zu behandeln wute, aber mit seinem noch immer gelhmten Arme
nicht zu berhren wagte. Abends erzhlte er zuweilen Luisens ltestem Knaben
wundersame Mhrchen, die den sonst ewig Unruhigen festbannten und denen selbst
die Mutter gern zuhrte.
    So verstand er es auf die verschiedenste Weise, sich selbst zu Andrer Freude
zu vervielfltigen und allein durch seine Gegenwart den Geist innerer
Unzufriedenheit und Langerweile aus diesem Hause zu bannen, der bis dahin den
Frieden desselben so oft getrbt hatte.
    Mit immer steigender Zufriedenheit bemerkte Albert den wohlthtigen Einflu
der Gegenwart seines neuen Freundes auf die Gemthsstimmung seiner Luise. Nie
fand er sie mehr in stillen Thrnen, wie wohl sonst oft geschehen war, nie
klagte sie mehr ber die in Leuenstein herrschende Einsamkeit, kein Zeichen der
Unzufriedenheit entschlpfte ihr, wenn ihr arbeitsmder Gatte Abends mit
anscheinendem Mangel an Theilnahme ihr zur Seite sa. Albert sah sie jetzt immer
heiter, immer freundlich, mit Augen aus denen Jugend, Gesundheit und kindliche
Freude am Leben strahlten. Sie erschien ihrem Gatten vllig so, wie er zuerst im
Hause ihrer Eltern sie sah, auch sein Herz ward ihm leichter und ein Nachgefhl
der zu schnell entschwundnen Seeligkeit der ersten Tage ihrer Vereinigung gab
auch ihm einen Theil seiner entflohnen Heiterkeit wieder zurck.
    Da Oskar es war, der diese glckliche Vernderung seines huslichen
Zustandes herbeifhrte, fand Albert eben so natrlich, als Luisens Betragen
gegen diesen. Ihre grenzenlose Dankbarkeit, ihre Art diese zu uern, machten
ihm die Geliebte nur noch werther, denn er war berzeugt, da nie genug fr den
geschehen knne, der ihm das hchste Kleinod seines Daseyns mit Gefahr des
eignen Lebens erhalten hatte. Oskar stand neben Bernhard in Alberts Herzen; was
dieser ihm schenkte hatte jener ihm erhalten; er fhlte dabei, da Oskars
Liebenswrdigkeit ihn angezogen haben wrde, selbst wenn er ihm nicht alles zu
verdanken htte und war stolz darauf, ihn berall als den Mittelpunkt des Lebens
in seinem Hause betrachtet zu wissen.
    Nie kam dabei das niederdrckende Gefhl des Zurckgesetztwerdens in Alberts
Seele, das ihn so oft der Verzweiflung nahe gebracht hatte, als noch die Fremden
in seinem Eigenthume herrschten; denn niemals zeigte Oskar nur eine Spur des
Uebermuths, durch welchem jene sich auszeichneten; nie suchte er sich
hervorzudrngen und in seinem ganzen Wesen ward auch nicht die mindeste Ahnung
der seltnen Eigenschaften sichtbar, die ihn vor Tausenden auszeichneten, ohne
da er den hohen Standpunkt zu bemerken schien, auf welchen Alle ihn stellten.
    Der Winter hatte sich indessen sehr frh und mit fast beispielloser Hrte
eingestellt; kaum durften vllig Gesunde es ungestraft wagen, sich im Freien der
grimmigen Klte auszusetzen, und der Arzt wiederholte tglich, da Oskar
durchaus noch nicht daran denken knne Leuenstein zu verlassen, so lange der
scharfe Frost anhielt. Wie gro mute daher Alberts Erstaunen seyn, als Oskar
gerade am kltesten Tage, den man bis dahin gehabt hatte, mit der Bitte in sein
Zimmer trat, ihn sogleich zum Baron Meinau fahren zu lassen, weil er bei diesem
einige Zeit zu verweilen Willens sey.
    Alberts erster Gedanke war, da bei seinen Freunden irgend ein Unglck
vorgefallen seyn msse; er betrachtete Oskar genauer, whrend dieser ihm
versicherte, da dieses keinesweges der Fall sey; er sah ihn ungewhnlich
bleich, alle Zge seines Gesichts deuteten auf eine heftige Bewegung in seinem
Innern; sein sonst immer heiteres Auge glnzte im feuchten Schimmer
zurckgedrngter Thrnen und seine Lippe zuckte schmerzlich, indem er in kaum
verstndlichen Worten die eben ausgesprochene Bitte um Pferde und Wagen nochmals
wiederholte.
    Albert vermochte nicht, ihm zu antworten, er strengte alle seine
Geisteskrfte an um zu errathen, was seinen Freund so heftig ergriffen und ihn
zu dem Entschlusse bewogen haben knne, so pltzlich von Leuenstein sich zu
entfernen. Er erinnerte sich, da Oskars ungewohnter Trbsinn ihm schon seit
einigen Tagen aufgefallen sey, da er bemerkt habe, wie dieser fterer als sonst
die Einsamkeit gesucht und besonders Luisen absichtlich zu meiden schien, und
nun glaubte er mit einemmal den Schlssel zu dessen jetzigen rthselhaften
Benehmen gefunden zu haben.
    Ich sehe wie es ist, Freund Oskar, ich, der ich in meinem Leben nichts
errathe, ich durchschaue Sie dennoch diesesmal, rief Albert mit freundlichem
Lcheln und ergriff Oskars Hand, die in der seinen zuckte. Da Oskar immer
bleicher ward und sich kaum noch aufrecht zu halten vermochte, bemerkte Albert
nicht, sondern fuhr aus der Flle seines liebenden argwohnlosen Gemths zu reden
fort. Es darf nicht seyn, sprach er recht herzlich bittend, Sie drfen uns
noch nicht verlassen und auf diese Weise nun vollends gar nicht. Was zwischen
Ihnen und meiner Luise vorgefallen seyn mag, verlange ich nicht zu wissen, aber
das weis ich, da Sie es nicht auf diese Weise aufnehmen wrden, wenn Sie das
liebenswrdige Geschpf so kennten als ich. Ich mchte sogar keine der kleinen
Launen meiner Luise an ihr vermissen, denn sie ist doch ein Engel der Gte. Ich
gehe zu ihr, sie selbst wird eilen, alles wieder gut zu machen, sie selbst wird
Sie bitten uns nicht zu verlassen, ich weis, da knnen Sie unmglich
widerstehen.
    Albert eilte zu Luisen, ehe Oskar so viel Fassung gewann, ihn daran hindern
zu knnen. Er fand sie auf ihrem Sofa in Thrnen. Bei seinem Eintritt verhllte
sie ihr Gesicht und unterdrckte nur halb einen Schrei des schmerzlichsten
Erschreckens.
    Du weit es also schon, ich sehe es, sprach Albert, er will fort, in
dieser entsetzlichen Klte, die ihm den Tod geben kann. Das darf nicht seyn,
nicht war Luise? Nur Du kannst es hindern. Komm, liebe Luise, sey gut, vergi
was zwischen Euch vorgefallen seyn mag, und hilf mir ihn erbitten. Bezwinge
diese kleine Aufwallung, mein geliebtes Weib, denke: er ist der Retter unseres
Lebens, ein freundliches Wort von Dir und alles ist wieder gut; komm meine
Luise. Albert wollte ihre Hand fassen, doch sie entri sie ihm mit ungewohnter
Heftigkeit, drckte laut schluchzend das Gesicht noch tiefer in die Sofakissen
hinein und winkte ihm, abwehrend, fortzugehen.
    O ber die groen erwachsenen Kinder! rief Albert halb entrstet, halb
traurig, indem er Oskar wieder aufsuchte; er fand ihn vertieft in schmerzlicher
Betrachtung vor Luisens Bste stehen und begann nun, ihn mit Bitten zu
bestrmen, ein Paar Menschen nicht zu verlassen, die in ihm ihren Schutzengel
entfliehen shen. Alles was unbegrnzte Dankbarkeit, tiefgefhlte Hochachtung,
innige Freundschaft und der heieste Wunsch des Gelingens nur eingeben knnen,
brachte er mit jener unwiderstehlichen Beredsamkeit vor, die ihm stets eigen
war, sobald er von den Regungen seines tiefen Gemthes sich hinreien lies. Er
beschwor Oskar bei allem, was ihm heilig sey, Luisens vorbergehenden, gewi nur
aus Krnklichkeit entstandenen Unmuth nicht so schwer an ihm und ihr zu ahnden.
Er versicherte ihm, da sie gewi mit Entzcken dem sich ihr wieder zuwendenden
Freunde entgegen eilen und alles daran setzen wrde, um nur den heldenmthigen
Retter ihres Lebens zum Verzeihen und zum Vergessen zu bewegen.
    Was auch Oskar ihm einzuwenden versuchte, alles war verloren. Albert hrte
nicht darauf und ward immer wrmer, immer unwiderstehlicher, je lnger er
sprach, so da Oskar endlich die Unmglichkeit fhlte, sich hier lnger in den
Schranken zu halten, die er sich gesetzt hatte, um seinen edlen Freund zu
schonen.
    Albert! la ab von mir, ich beschwre Dich, rief er zuletzt in hchster
Spannung, hingerissen von seinem Gefhl, la ab von mir, und hre auch mich, Du
unerbittlicher Feind Deiner Selbst. Edle, argwohnlose, kindlich reine Seele!
setzte er unendlich weich hinzu, hre mich endlich an. Ich kann Dich betrben,
aber betrgen kann ich Dich nicht. Und mte ich Dein schnes Gemth noch tiefer
verwunden, ich kann gegen Dich dennoch nicht unwahr seyn. So erfahre denn durch
mich, wovon kein Gedanke in Deine ahnungsfreie Seele kam, ich liebe Luise, Deine
Luise, Dein Weib! ich liebe sie mit verzehrender Gluth, ich lebe, ich athme nur
in dieser Liebe, die ihr erster Anblick in mir entflammte, und die ich dennoch
zu spt mit unsglichem Schrecken erkannte. Albert, ich kmpfe seit vier Tagen
den frchterlichsten Kampf mit mir selbst, umsonst, ich liebe nur sie, ich kann
nichts denken, nichts fhlen als diese Liebe. Trennung ist Tod. Ich beschlo zu
bleiben, mein Geheimni in tiefster Brust zu begraben. Ich unseeliger Thor, wie
konnte ich ihr zu verbergen hoffen, was mir selbst jetzt offenbar war! Ein
unglckseeliger Zufall entri mir diesen Morgen ein Gestndni, das mich - -
Luise wei alles! Albert, bestehst Du noch darauf mich hier fest halten zu
wollen?
    Albert stand regungslos wie eine Bildsule. Luise wei Alles, sagst Du,
Alles! - Und sie? hauchte er fast unhrbar, mit kaum bewegter Lippe. Und sie?
wiederholte er dringender, und sein Auge suchte mit dem Ausdruck
unaussprechlicher Angst in Oskars Zgen zu lesen.
    Lass' mich fliehen, drnge selbst mich ber Deine Schwelle, rief Oskar in
wilder Verzweiflung. Verbanne mich! lass' mich elend seyn aber schuldlos;
drnge mich mit Gewalt fort! fort! fort! um Luisenswillen, um Deinetwillen, fort
von hier, verstoe mich, verbanne mich. Seine noch nicht ganz
wiederhergestellten Krfte verlieen ihn, er sank in einen Sessel und verhllte
mit beiden Hnden sein Gesicht.
    Albert betrachtete ihn eine Weile schweigend und ging dann einigemal mit
immer fester werdendem Schritte im Zimmer auf und ab. Dann stand er wieder vor
Oskar still und ergriff dessen fast leblose Hand. Als sey ein neuerer, hherer
Geist ber ihn gekommen, so verndert, so erhaben war in diesem Augenblick
Alberts Haltung, seine ganze Gestalt; sein Auge strahlte in hoher Verklrung,
wie das Auge eines Sterbenden im letzten Momente des scheidenden Lebens, welcher
der Erde nicht mehr angehrt. Nie zuvor sah er seinem Bruder Bernhard so
hnlich.
    Oskar, fing er mit kaum merklich bewegter Stimme und sehr gemigtem Tone
an, lieber Oskar, Sie hatten Recht, ich sehe ein, es ist gut da Sie noch heute
Ihre Schwester besuchen, und es soll meine angelegentlichste Sorge seyn, da
dieses ohne Gefahr fr Ihre Gesundheit geschehen knne. Mein edler,
hochgeliebter Freund, wir brauchen beide Zeit, um uns selbst wieder zu finden,
aber glauben Sie mir nur, alles wird sich ordnen, wir werden beide ruhiger
werden und Sie kehren gewi einst und bald in froherer glcklicherer Stimmung
nach Leuenstein zurck. Oskar, Sie wrdigten mich eines ungemessenen Vertrauens,
wo Tausende an Ihrer Stelle - doch es wre Beleidigung Sie nur mit jenen zu
vergleichen. Wir beide haben in dieser schmerzlich schnen Stunde einander
erkannt, auf ewig. Sie wissen jetzt, da ich Ihres edlen Vertrauens nicht
unwerth bin, geben Sie mir den letzten Beweis davon, da Sie dies glauben, indem
Sie nur eine Frage noch mir offen und ohne Rckhalt beantworten. Wei auer mir
noch jemand, wei Meinau oder Ihre Schwester - - - Guter Gott, wie wre dies
mglich! rief Oskar, wie knnte ich Andern gestehen was ich mir selbst kaum
gestand!
    Nun dann, erwiederte Albert, indem er Oskars Hand an seine Brust drckte,
nun dann, so gewhre mir noch die Bitte, auch ferner gegen alle zu schweigen
und Deiner Schwester Haus nicht zu verlassen, bis wir beide in der Stimmung
sind, mit gefatem Muth zu berlegen, welch' ein Entschlu hier zu fassen steht,
der uns allen die entwichene Ruhe wiederzugeben vermag. Wir alle drei sind
reines Herzens; es wird ein Ausweg sich entdecken lassen, wir haben nichts zu
befrchten als in zweckloser Uebereilung die, so uns lieb sind, zu verwunden.
Lass' dies uns vermeiden und mgen dann Gott, Zeit und der unbestechbare
Richter, den jeder von uns im Busen trgt, ber alles Andere entscheiden.
    Alberts seltene, wie durch hhere Eingebung ber ihn gekommene
Geistesstrke, welche in des noch tiefer gebeugten Oskars Gegenwart seinen Muth
erhob, und ihn in dieser erschtternden Scene aufrecht erhielt, brach zusammen,
so wie er sich wieder in seinem einsamen Zimmer allein sah. Er hrte den Wagen
aus dem Schlohofe fortrollen, in welchem Oskar sich entfernte, ohne Luisen
wieder gesehen zu haben, und ihm war, als gingen die Rder desselben zermalmend
ber seine Brust hinweg.
    Dort fhrt er hin, rief Albert, bermannt vom Schmerze des Augenblicks,
dort fhrt er hin, er, dessen Leben ich beraubte, noch eh' ich ihn sah, und mit
ihm verlt das ganze Glck des geliebtesten Wesens auf Erden unser verdetes
Haus. Niemand bleibt der armen Luise als ich, den sie schon lange nicht mehr
liebt, den sie nie lieben konnte, den sie jetzt hassen, verabscheuen mu, seit
sie den Einzigen gefunden hat, der ohne mein unseeliges dazwischentraten ihr
Leben zu einer Kette von Seeligkeit umgewandelt htte! Ich bleibe, um tglich,
stndlich den Vorwurf ihres Unglcks, ihr tiefes Leiden in ihren Augen zu lesen!
Ich Unseeliger habe zwei Wesen getrennt, die der Himmel selbst fr einander
bestimmte. Und was habe ich mir gewonnen? Unaussprechlichen Jammer, ewige Reue.
Oskar und Luise! wo giebt es ein Paar, diesem zu vergleichen? Sie htten sich
gefunden, sie muten sich finden. Ohne mich blhte jetzt Luise in unentweihter
voller Jugendpracht ihm entgegen, doch ich, selbstschtig und grausam, benutzte
die jugendliche Unerfahrenheit des kindlich lieblichen Geschpfs; ich zerstrte
in der Knospe die Blume, nun wird sie an meiner Seite dahin welken! O, lge ich
ruhig und still in meinem Grabe! Noch wre es nicht zu spt, beiden lacht noch
das Leben im Jugendglanz, beide knnten vereint noch glcklich mit einander
seyn. Bernhards edler Wille wrde dennoch erfllt, ich habe Shne, unser alter
edler-Name wird in ihnen fortblhen, und sie wrden unter Oskars Pflege den
Unglcklichen nicht vermissen, der ihnen nichts geben konnte als das Leben.
    Ergriffen von diesem Gedanken, gefoltert von unbeschreiblichen Quaalen, sank
Albert auf die Knie und betete mit Innbrunst um augenblicklichen Tod, den
freiwillig zu whlen fromme Ueberzeugung ihn abhielt. So glhend, so ernstlich
wie er, hat vielleicht kein zum Sterben Verurtheilter jemals um Leben gefleht.
Dann sprang er wieder auf, tausend Entschlsse, tausend Gedanken, tausend
Mglichkeiten durchkreuzten sich verwirrend in seinem Gemthe und brachten ihn
dem Wahnsinn nah. Nichts ward ihm klar als die Nothwendigkeit, Luisen ihre
Freiheit wieder zu geben, und mit dieser die Anwartschaft auf eine glckliche
Zukunft an Oskars Seite. Vergebens strengte er sich an, um eine Mglichkeit zu
entdecken dieses vollbringen zu knnen. Scheidung war hier kein Ausweg, denn
Luise bekannte sich so wie er selbst zur katholischen Kirche, und diese
gestattet in einem solchen Falle keine zweite Verbindung, so lange der erste
Gatte noch lebt. Auch der selbst verschuldete traurige Zustand seines Vermgens
und seiner von Bernharden ihm anvertrauten Gter fiel ihm ein und erhhte seine
Quaal wie seine Unentschlossenheit. So verbrachte er die Stunden des Tages in
nutzlosem frchterlichem Kampfe mit sich selbst, bis die frhe Abenddmmerung
hereinbrach. Gott! rief er endlich in wilder Verzweiflung aus und warf sich
mit gerungenen Hnden abermals auf den Boden hin, Gott, Du siehst meinen
Jammer! die Bahn liegt vor mir, die ich gehen mu, klar und deutlich berschaue
ich sie, aber der Zugang zu ihr bleibt mir ein nie zu lsendes Rthsel.
Erleuchte mich! ich habe niemand auf Erden, der in dieser furchtbaren Nacht der
Verwirrung die Hand mir bieten knnte, ich habe niemand als Dich! Erhre das
bange Flehen Deines verzweiflenden Geschpfs, rufe mich ab aus diesem Labirinthe
von Leiden, oder sende mir ein sichtbares Zeichen Deiner Gnade, das mir zum
Fhrer diene in dieser Wste des Lebens.
    In diesem Moment ffnete sich die Thre, Albert sprang erschrocken auf. Es
war nur einer seiner Diener, der Licht brachte und zugleich ein
schwarzgesiegeltes ziemlich starkes Briefpacket ihm berreichte, welches so eben
der Bote von der nchsten Post abgegeben hatte. Mechanisch nahm Albert es an und
ffnete es, eigentlich nur, um dem Bedienten, der noch einige Augenblicke im
Zimmer beschftigt blieb, seinen heftig bewegten Zustand zu verbergen. Doch
einzelne Worte zogen dennoch seine Aufmerksamkeit an, indem er die in dem Packet
enthaltenen Papiere ohne eigentlich zu lesen nur flchtig berschaute. Er zwang
sich aufmerksamer zu lesen, und der Inhalt derselben fesselte ihn endlich ganz.
Als er vollendet hatte, rieselte Todesklte ihm den Nacken hinab, sein Haar
strubte sich und die Hand zitterte konvulsivisch, in welcher er die Papiere
hoch empor hob. Du hast mich erhrt! rief er bleich wie ein Sterbender, den
starren Blick zum Himmel gerichtet, Du hast das Zeichen mir gegeben, das ich
vielleicht an Deiner Gnade frevelnd mir erflehte. Ich beuge mich tief in den
Staub vor Dir, ich folge zitternd aber willig dem Wink Deiner allmchtigen Hand.
Nimm das Opfer gndig an, seegne Luise und Oskar!
    Das Packet, welches Albert gerade in diesem Moment erhielt und das seine
aufgeregte Phantasie so wunderbar ergriff, enthielt die Nachricht von dem im
hohen Alter erfolgtem Absterben des Kardinals, seines Grooheims und zugleich
die Abschrift von dessen letzten Willen. Der fromme Greis hatte eine Hlfte
seines wirklich frstlichen Vermgens der Kirche zu wohlthtigen Stiftungen
hinterlassen, die zweite Hlfte desselben in reiche Legate unter seine Freunde,
Verwandte und alte treue Diener vertheilt. Albert war mit einem reichen
Vermchtnisse bedacht worden, das beinahe dreimal so viel betrug als die Summe,
welche nach Meinaus Berechnung nthig war, um alle seine Schulden zu tilgen.
    Eine Anweisung war dem Briefe beigefgt, gegen welche er den vollen Betrag
des Vermchtnisses bei einem der ersten Handelshuser in St*** erheben konnte,
sobald er sich als der, dem es bestimmt war, legitimirte.
    Mit jener an Todesklte grnzenden Fassung, die dem auf den Fluthen des
Lebens Mdegetriebenen das Ansehen scheinbarer Ruhe gewhrt, setzte Albert sich
hin, um an Luisen zu schreiben, die unter dem Vorwande groer Nervenschwche an
diesem Tage niemanden vor sich lies. Er meldete ihr, da ein dringendes Geschft
ihn zwinge, morgen in aller Frhe nach St*** zu reisen. Sie lies ihm mndlich
zurcksagen, da sie sich zu schwach fhle, um ihn noch vor seiner Abreise zu
sehen, da sie hoffe, er wrde nicht lange ausbleiben und ihn bitte, das jngste
Kind nebst seiner Wrterin bis B** mitzunehmen, wo ihre Eltern wohnten, indem
eine sehr bsartige Blatterepidemie anfange, unten im Dorfe und in der Umgegend
Ueberhand zu gewinnen und sie daher wnsche, den Kleinen bei den Groeltern in
Sicherheit zu wissen. Albert hrte von diesem allen nur, da Luise ihn nicht
wiedersehen wolle.
    Die Nacht ward zum Theil unter dem Einpacken der zu seiner Legitimation
nothwendigen Papiere hingebracht. Sein Herz lag tod und schwer in seiner Brust
und keine Thrne kam in seine heibrennenden Augen. Noch einmal zog er durch
alle Zimmer seines Schlosses, wie ein rastloser Geist, der weder im Himmel noch
auf Erden eine bleibende Sttte findet. Der Morgen dmmerte, leise ffnete
Albert die Thre zu Luisens Zimmer, sie schlummerte sanft und hrte ihn nicht.
Noch einmal betrachtete er die holde Gestalt, wie sie in jugendlicher Anmuth,
aufgelst in sem Vergessen dalag. Tief und schmerzlich, in blutigen Zgen
prgte das geliebte Bild sich ihm ins gemarterte Herz fr eine Ewigkeit ein. Er
wagte es nur, eine ihrer Locken zu kssen, um sie nicht zu wecken und ri sich
dann von ihr los, wie ein Verzweifelnder vom Leben scheidet. Im Wagen versank er
anfangs in dumpfes starres Hinbrten und ward es gar nicht gewahr, da die
Wrterin, seinen schlummernden Knaben auf dem Schoo, ihm gegenber sa. Doch
als ein flammendes Lichtmeer sich ber Erde und Himmel ergo, und die spt
aufgehende Sonne in ihrer winterlichen Pracht Bume und Felder mit blitzenden
Rubinen bersete, da wachte auch das Kind auf und streckte, laut jauchzend fr
Freude, dem Vater die kleinen Arme liebkosend entgegen. Ein Strom von Thrnen
strzte jetzt aus Alberts Augen und erleichterte sein bis zum zerspringen
zusammengedrcktes Herz. Er nahm das zarte kleine Wesen in seine Arme, das sich
in dem, vor jedem Eindringen der Klte sorgfltig geschtzten Wagen sehr
behaglich fhlte, und in seiner wortlosen Sprache seine Freude auszudrcken
strebte.
    Dich habe ich noch! rief Albert; doch noch ein Wesen das zu mir gehrt!
Dich gab ein Gott mir zum Troste mit in die verdete Welt. Und willst Du immer
mir bleiben? Willst Du mich niemals verlassen? Das Kind schlang lchelnd ihm
beide Aermchen um den Nacken. Es war zu viel fr sein Herz, er gab es der
Wrterin zurck und weinte laut.
    Ohne Plan fr sich selbst war Albert in die Welt hinausgezogen, nur des
Entschlusses sich bewut, von allem was ihm theuer war zu scheiden. Doch der
Anblick seines Kindes gab ihn sich selbst wieder zurck. In dem rastlosen
kummervollen Leben das er bis jetzt gefhrt hatte, war ihm wenig Raum fr die
Beschftigung mit seinen Kindern geblieben und oft waren ganze Wochen vergangen,
ohne da er sie zu Gesichte bekam. Doch jetzt beim Anblicke dieses wirklich sehr
schnen muntern Knaben, der so ganz unerwartet sein Reisegefhrte geworden war,
regte sich die Vaterliebe mchtig in ihm und erwrmte wohlthtig sein fast
erstorbenes Gemth. Die Reise kam ihm nach dem heftigen Kampfe, der ihr
voranging, wie Ausruhen vor und es gelang ihm, sich im Laufe derselben zu
sammeln und eine Ansicht dessen zu gewinnen, was jetzt fr ihn am nchsten zu
ergreifen sey.
    So wie sie B**, dem Wohnorte von Luisens Eltern sich nherten, kndigte er
der treuen Renate an, da er willens sey durch diese Stadt gerade durchzufahren
und sie mit dem Knaben noch weiter mit sich zu nehmen. Die gute Frau war damit
auerordentlich zufrieden, indem die Reise dem Kleinen sehr wohl zu bekommen
schien und sie sich berdem von dem Aufenthalt bei der Frau Gromama nicht viel
versprach, die gerade gegen diesen ihren jngsten Enkel niemals groe Liebe
bezeigt hatte.
    Nach wenigen Tagen langten die Reisenden glcklich in St*** an, wo Albert
zuerst darauf bedacht war, das reiche Geschenk seines erblichenen Wohlthters
sich auszahlen zu lassen, was ohne alle Schwierigkeiten vollbracht wurde. Dann
setzte er unter den gehrigen Formalitten seinen letzten Willen auf und legte
ihn gerichtlich nieder, nachdem er eine Abschrift davon nehmen lies, die er an
seinen Freund Meinau zu senden Willens war. In diesem Testamente bertrug er dem
Baron Meinau die Vormundschaft ber seinen ltesten in Leuenstein
zurckgelassenen Sohn, und bestimmte ein Drittheil der Einknfte seiner Gter
fr die Erziehung desselben, zwei Drittheile aber, nebst der Wohnung in
Leuenstein berlies er seiner Gattin auf Lebenslang, sogar, wie er ausdrcklich
hinzusetzte, im Fall sie sich zum zweitenmale vermhlen sollte.
    Dem Baron Meinau sandte er, nebst der Abschrift dieses Testaments, eine
unumschrnkte Vollmacht fr die Zeit in welcher er selbst abwesend wre;
zugleich bermachte er ihm die Hlfte der von seinem Oheim ererbten Summe, bat
seinen edlen Freund, diese nach bestem Wissen zur Verbesserung seiner
Besitzungen anzuwenden, benachrichtigte ihn von dem Absterben des Kardinals und
trug ihm zugleich auf, Luisen zu melden, da er nach Italien zu gehen gedenke,
um dort das Grab des vterlichen Beschtzers seiner Jugend zu besuchen. Er bat
sie, ihm zu verzeihen, da er seinen Sohn mit sich auf die Reise nhme, indem
das Kind ihm jetzt zu lieb geworden wre, als da es ihm unmglich sey, sich von
ihm zu trennen. Der zweiten Hlfte der so unverhofft ererbten Summe erwhnte
Albert in diesem Briefe nicht, denn diese glaubte er, mit Recht ausschlieend
als sein Eigenthum und als das knftige Erbtheil seines jngern Sohnes
betrachten zu knnen; aber er empfahl nochmals seine Luise in den dringendsten,
rhrendsten Ausdrcken dem Schutze seines Freundes und bat ihn zugleich, Oskar
seiner unvernderten Liebe und Dankbarkeit zu versichern und ihm zu sagen, da
er fest darauf rechne, ihn bei seiner Heimkehr noch in der Nachbarschaft von
Leuenstein anzutreffen.
    Der Brief ward versiegelt und abgeschickt, und Albert fhlte sich von diesem
Augenblick an von seiner ganzen Existenz, von allen ihren Freuden und
Hoffnungen, von allen ihren Schmerzen und Sorgen auf ewig geschieden, ein
heimathloser Wanderer auf Erden. Die Ueberzeugung, jetzt einzig an sich selbst
gewiesen zu seyn, ohne eine Seele die ihm nahe genug geblieben wre, um ihm auf
seinem ferneren Wege eine leitende Hand zu reichen, gab ihm eine
Selbststndigkeit, die er sich nie zugetrauet htte. Er glich einem Kinde,
welches gehen lernt und immer weniger schwankend vorwrts schreitet, sobald es
sich nur einmal entschlieen konnte, die Gegenstnde loszulassen, an die es bis
dahin sich ngstlich angeklammert hielt.
    Alberts Hauptsorge war jetzt, sein Daseyn Allen, die frher ihn gekannt
hatten, zu verbergen, um sowohl vor den Augen der Welt als derer, die durch
engere Bande an ihn gefesselt waren, spurlos zu verschwinden. Unerachtet seiner
bisherigen Unerfahrenheit in allem, was zum practischen Leben gehrt, gelang es
ihm, dieses auf die zweckmigste Weise auszufhren. Den einzigen Bedienten, der
ihn von Leuenstein aus begleitet hatte, schickte er in St*** unter einem wohl
ersonnenen Vorwande zurck, ehe er noch selbst diese Stadt verlie, um angeblich
die Reise nach Rom anzutreten. Unterwegs wandte er sich in gerad
entgegengesetzter Richtung von dem Wege ab, von dem man glauben mute, da er
ihn genommen habe; mit groer Vorsicht verwandelte er seinen alten adlichen
Namen, sobald er dieses sicher und unbemerkt wagen durfte, in einem unbekannten
brgerlichen und eilte nun, so schnell er konnte, der von Leuenstein
entferntesten Gegend in Deutschland zu, das er nicht ohne Noth zu verlassen
entschlossen war.
    Die treue Renata, die er, so viel dies schicklich und mglich war, in einen
Theil seines Geheimnisses einweihte, lie sich leicht bewegen, durch einen
heiligen Eid zum ewigen Verschweigen seines wahren Namens und Standes sich zu
verbinden, da er ihr gelobte, sie nie von dem Kinde zu trennen, an dem sie mit
wahrhaft mtterlicher Zrtlichkeit hing, und das von nun an fr das ihre gelten
sollte.
    Je weiter Albert von dem ehemaligen Schauplatz seines Wirkens und Lebens
sich entfernte, je besser gelang es ihm, seine Zukunft in seinem Gemthe zu
ordnen. Seine frhere, nie ganz erstickte Liebe zur Wissenschaft erwachte
wieder, berdem fhlte er, da nur anhaltende ernste Beschftigung ihn auf die
Lnge vor Wahnsinn und Verzweiflung bewahren knne, und so beschlo er alles
anzuwenden, um sich noch so viel mglich die Kenntnisse zu erwerben, die ihm
mangelten, um spterhin seinen Sohn zu einem wrdigen, ntzlichen Mitgliede der
menschlichen Gesellschaft zu bilden und ihn vor den Fehltritten zu bewahren, zu
denen seine Unerfahrenheit im Leben ihn selbst verleitet hatte.
    Sobald er weit genug sich von Leuenstein entfernt glaubte, miethete er daher
Frau Renata in einem artigen, mitten in einer der reizendsten Gegenden belegenen
Landhause ein, wo er sie fr eine ihm nah verwandte Wittwe ausgab, welche mit
ihrem einzigen Kinde in lndlicher Stille zu leben wnsche. Er selbst aber bezog
eine damals sehr berhmte, einige Meilen von jenem Landhause entfernte
protestantische Universitt, wo er frmlich seine Studien begann, die ihm durch
die unter Pater Jeronimos Leitung erhaltene klassische Erziehung sehr
erleichtert wurden. Seine Erscheinung fiel an diesem Orte niemanden auf, denn
man war es in jener Zeit mehr gewohnt als jetzt, Jnglinge erst im reiferen
Alter die Universitt beziehen zu sehen; berdem hatte Albert eben erst sein
sechs und zwanzigstes Jahr zurckgelegt und sah weit jnger aus, als er
eigentlich war.
    Da er beinahe alle Gesellschaft und besonders ffentliche Orte mied, so
wurde seine Existenz kaum bemerkt. Seine einzige Erholung nach wochenlanger
Arbeit schrnkte sich auf einen Besuch bei seinem Sohne ein, der unter Renatas
treuer Pflege recht munter und krftig heranwuchs.
    In Leuenstein hatte man indessen, wenige Monate nach Alberts Entfernung in
der Zeitung die Nachricht gelesen, da an der italienischen Kste ein Schiff
sammt der ganzen Mannschaft und allen darauf befindlich gewesenen Passagieren zu
Grunde gegangen sey. Dabei wurde besonders das Schicksal eines Baron Albert von
Leuen mit Bedauern erwhnt, der sich mit seinem Sohne und dessen Wrterin in
Triest eingeschifft hatte, um dem noch sehr jungen unmndigen Kinde den
Uebergang ber die Alpen zu ersparen, und der nun sammt diesen auf so traurige
Weise ebenfalls den Tod in den Wellen gefunden hatte.
    Welchen schmerzlichen Eindruck diese Nachricht sowohl auf Luisen als Oskar
und den Baron Meinau machen mute, ist leicht zu erachten, doch nichts gleicht
Alberts tiefem Seelenleiden, als er bald darauf sich im Namen seiner Frau und
seines Freundes Meinau in allen Zeitungen auf das dringendste aufgefordert sah,
von seinem Leben und seinem jetzigen Aufenthalte Nachricht zu geben, indem man
immer noch hoffe, da jenes Gercht von seinem Untergange ungegrndet gewesen
sey. Diese Aufforderungen wurden mehrere Monate hindurch immer rhrender und
erschtternder wchentlich wiederholt, und der schwere Kampf zwischen Alberts
noch immer unbesiegten treuen Liebe und dem Glauben, da die Heigeliebte nur
durch seinen anscheinenden Tod das ihr von jeher bestimmt gewesene Glck finden
knne, erhob sich denn jedesmal von neuem in seinem Gemthe. Die Stimme der
Gattin und des Freundes lockten ihn mit unaussprechlicher Lieblichkeit aus der
Ferne, oft war er nahe daran, den Schritt zurckzuthun, durch welchen er
Heimath, Namen, ja seine ganze Existenz auf Erden freiwillig hingab, um nur
Luise wahrhaft glcklich zu wissen, aber er hielt dennoch fest an der einmal
gewonnenen Ueberzeugung: hier standhaft bleiben zu mssen, um nicht aus schnder
Eigenliebe sowohl an Luisen als an dem edlen Retter ihres Lebens unwrdig zu
handeln.
    Diese qulenden Nachklnge aus seinem vergangenen Leben hrten endlich auf;
doch nun erschien ein volles Jahr nach seiner Abreise von Leuenstein ein Aufruf
andrer Art, der ihn von Gerichtswegen ermahnte, sich binnen Jahresfrist zu
melden, widrigenfalls er fr todt erklrt und seiner Gattin die Erlaubni
ertheilt werden wrde zur zweiten Ehe zu schreiten. Albert schwieg und meldete
sich nicht, aber noch schmerzlicher als zuvor fhlte er sich tief in der Seele
verwundet, obgleich er nichts anders bezweckt und erwartet hatte. Noch
gewaltsamer traf ihn die, Freunden und Verwandten gewidmete Ankndigung von
Oskars und Luisens Vermhlung, die er nach Ablauf des ihm gesetzten Termins
ebenfalls in den Zeitungen las. Sie schien ihm der letzte Todessto alles seines
Hoffens auf Erden, und dennoch hatte er gewhnt, seine Rechnung mit dem Leben
ganz abgeschlossen zu haben.
    Tief erschttert sank er aufs Krankenbette, wo er mehrere Wochen hindurch in
wohlthtigen Fieberphantasien alles verga, nur nicht seine Liebe. Als er
endlich wieder zum Leben erwachte, schien es ihm selbst, er gehre schon zu den
Todten. Wie ein abgeschiedener Geist berschaute er noch einmal mit jener sen
wehmthigen Ruhe, die jedes Genesen nach schwerer Krankheit begleitet, den
kurzen aber dornenvollen Pfad seiner Vergangenheit, und segnete nun das
Geschick, das, indem es ihn aus der Welt stie, ihm dennoch einen geliebten
theuren Zweck seines knftigen Daseyns mit in die Verborgenheit gab, zu der er
sich von nun an verurtheilt sah. Nochmals gelobte er sich, denselben mit treuem
Eifer sich zu weihen und in Zukunft nur dem Kinde zu leben, das lchelnd wie ein
trstender Engel an seinem Lager stand; das letzte Band das ihn noch an das
Leben fesselte und ihn bewog, es muthig zu tragen.
    Nachdem Albert vier Jahre auf der Universitt verlebt hatte, sah er die
Nothwendigkeit ein, ernstlich darauf zu denken sich endlich einen bleibenden
Wohnort zu whlen, als pltzlich Frau Renata erkrankte und durch ihren bald
darauf erfolgten Tod ihn bestimmte, diesen Entschlu zu beschleunigen. Albert
weinte schmerzlich bittre Thrnen am Grabe der treuen Pflegerin seines Sohnes;
sie war die Einzige, die noch zuweilen Luisens Namen ihm nannte, und er fhlte
sich nun durch ihren Verlust noch mehr verwaiset, als je zuvor. Er ermannte sich
indessen wieder, nahm seinen Knaben, der jetzt beinahe fnf Jahre alt, der
weiblichen Pflege allenfalls entbehren konnte, und trat mit ihm, von einem
einzigen Diener begleitet eine Reise an, um irgendwo in Deutschland einen Ort
aufzufinden, in welchem er zwar in tiefer Verborgenheit, doch dem grern
Wirkungskreise der Welt nahe genug leben knne, um seinen Sohn die
Unbekanntschaft mit ihr zu ersparen, die der einzige Grund seines verfehlten
Daseyns und aller seiner frhern Leiden gewesen war.




 Beschlu des oben abgebrochenen Briefes von Albert an seinen Bruder Bernhard.


In dieser groen lebensreichen Handelsstadt, in welcher ich nun schon seit zwlf
Jahren einheimisch bin, denke ich auch den Rest meiner Tage vollends
abzuspinnen, so lange es Gott gefllt.
    Wenn aber nun wirklich meine letzte Thrne geweint, mein letzter Seufzer
verhallt ist, und ich vom Fiebertraum des Lebens nun endlich unter dem
Rasenhgel ausruhe, den ich unfern meiner bescheidenen Wohnung im duftigen
Schatten einer uralten Linde mir lngst zum letzten Asyl erwhlt habe, dann,
mein Bruder, mein hochgeliebter Bernhard, dann wird ein Dir unbekannter Jngling
vor Dich hintreten und Du wirst whnen, Dich selbst durch ein Wunder wieder in
neu erblhter Jugend zu sehen. Nimm ihn in Deine Arme, an Dein Herz, denn dieser
Jngling ist mein Sohn, ist Dein Neffe Bernhard Raimund von Leuen. Vergnnt es
die ewige Weisheit, welche das unsichtbare Reich dort drben, wie hier unten das
sichtbare allmchtig beherrscht, so umschwebt in jener heiligen Stunde mein
entfesselter Geist Euch, theure Beide! und Du fhlst das Wehen seiner,
unbegreifliche aber gewisse Seligkeit verkndenden Nhe. Von jenem Augenblicke
an lege ich die Bestimmung des knftigen Geschicks meines Raimunds in Deine
Hnde, des einzigen Wesens, das mein sonst so freudenarmes Daseyn durch einen
Hoffnungsstrahl zu erheitern vermochte. Raimund entwickelt schon jetzt mit jedem
Tage die treffendste Aehnlichkeit mit Dir, mein Bernhard, und tuscht mich nicht
die Liebe des Vaters zum Sohne, die so oft und gern unsern Blick verblendet, so
ist es nicht nur die edle schne Gestalt, die er von Dir ererbte, sondern es
glht auch ein unsterblicher Funken Deines Geistes in seinem Innern und in
seiner Brust schlgt ein Herz, dem Deinen gleich. Liebe mich in ihm, wie ich
Dich in ihm immer geliebt habe. Ach sein Anblick allein erleichterte mir den
herben Schmerz unserer hoffnungslosen Trennung, und wenn er sprach, drang mir in
seiner Stimme der milde trstende Ton der Deinen tief ins Herz, der Stimme, die
nie, nie wieder hren zu drfen mein trauriges Loos auf Erden ist.
    Mein Sohn bringt das elfenbeinerne Kstchen Dir wieder zurck, das Du von
Maltha aus an mich sandtest. In den nur Dir und mir bekannten geheimen Fchern
desselben lege ich diese letzten Bekenntnisse eines schon lngst der Welt
Abgestorbenen nieder, nebst allem was einst dazu dienen kann, meinem Sohne das
Anrecht an den alten edlen Namen zu erhalten, den seine Geburt ihm verlieh. Er
selbst kennt sich bis jetzt nur als Raimund Holm, und Dir mein Bruder bleibt es
berlassen zu entscheiden: ob er jemals erfahren soll, welch einem ehrwrdigen
Stamme er entsprossen ist, oder ob er noch ferner nur auf sich selbst
zurckgewiesen, als der Sohn eines unbekannten dunkeln Brgers, fr den er sich
hlt, die Bahn verfolgen soll, fr die ich ihn erzogen habe. Auch auf ihr kann
er einst als ein geachtetes, ntzliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft
sich Ehre, Ansehn und alles, was man im gewhnlichen Leben Glck nennt,
erwerben; es wird ihm dieses sogar leichter gelingen knnen, als es dem nicht
reichen, jngsten Sohne eines alten adlichen Hauses gelingen knnte.
    Noch ein Bekenntni bin ich Dir schuldig und warum sollte ich lnger
anstehen, es Dir freimthig abzulegen? Ich habe meinen Sohn im Glauben der
Kirche erzogen, die seines Vaters Hause jetzt am nchsten steht. Raimund ist
Protestant, ich selbst bin es in meinem Herzen schon seit ich die Universitt
verlie, obgleich ich nie ffentlich zu jener Kirche berging. In meinem
jetzigen Wohnorte konnte kein ueres Bedingni zu einem solchen Schritte mich
zwingen, gegen den ich immer eine Abneigung fhlte, und warum sollte der Mensch
das Heiligste was er hat, seinen Glauben, ohne Noth und ohne Beruf den Augen der
Welt darlegen wollen? Dich aber, mein Bruder! und Deinen milden
vorurtheilsfreien Sinn kenne ich zu gut, um zu frchten da Du mir zrnen
knntest, weil ich hier von der Bahn unsrer Vter und auch von der Deinen
abgewichen bin. Du traust mir gewi zu, da nur wahre innere Ueberzeugung mich
bestimmen konnte, und Du wirst auch meinen Raimund nicht weniger lieben, weil
sein Vater bei dessen Erziehung dieser Ueberzeugung gefolgt ist.
    Ob Du aber aus Familienrcksichten es nun nicht gerathner finden wirst,
Raimund, den ersten Protestanten in unserem Hause, in der Dunkelheit seines
brgerlichen Namens verharren zu lassen, darber vermag ich, aus Unbekanntschaft
mit den Grnden, die dabei vorwalten knnten, nicht zu entscheiden. Du wirst wie
immer das Beste zu whlen wissen und ich berlasse Dich hierin mit der
vollkommensten Ruhe Deiner freien Wahl, denn ich wei, da Raimunds wahres Glck
nicht von der Vernderung seines Namens abhngig ist. Nur Deiner Liebe bedarf
er, wenn er nun ohne mich allein in der Welt steht, nur diese entziehe ihm
nicht, und mge er immer, wenn Du es so willst, dem sen Wahn berlassen
bleiben, da er sie nur Deinem Herzen verdanke und nie erfahren, da in diesem
auch die Stimme, des Bluts fr ihn spreche.
    Indessen knnten aber doch einst Zustnde eintreten, die Dich bestimmten
Raimund als den, der er seiner Geburt nach ist, in der Welt auftreten zu lassen.
Ist dieses jemals der Fall, so beschwre ich Dich, mein Bruder, bei allem was
Dir heilig ist, bei Deiner knftigen Ruhe, bei Deiner Hoffnung auf eine seelige
Zukunft: gieb nie zu, nie, unter keiner Bedingung, da dies geschehe so lange
seine Mutter noch lebt. Was wrde aus Luisen, was aus Oskar werden, wenn sie von
der Verlngerung meines traurigen Daseyns Kunde bekmen! und wie knnte dieses
ihnen dann noch verborgen bleiben, wenn Raimund wieder ans Licht trte? Nein,
nein, lasse sie bis an ihr Ende in dem Wahne verharren der sie beseeligt, den
ich mit meinem Leben ihnen erkaufte. Alles, alles was ich erstrebte, Luisens
innrer Friede, das ganze Glck ihres Daseyns wren bei einer solchen Entdeckung
auf immer verloren. Raimunds Wiedererstehen bte seiner Mutter keinen Ersatz, er
war nie das Kind ihrer Liebe, die sich einzig auf ihren Erstgebornen beschrnkte
und ihre Thrnen um ihn, wie die um mich - sind lngst schon getrocknet.
    Ich habe vollendet und scheide jetzt von Dir. Bald, mir sagt es ein
unbezwingliches Vorgefhl meines nahen Scheidens aus dieser Welt, bald, recht
bald werden diese Bltter in Deinen Hnden seyn. La keine bittre Thrne des
Schmerzes sie netzen, halte fest an der trstenden Gewiheit: da sobald Dein
Auge auf ihnen ruht, Dein armer lange verbannter Albert endlich durch Nacht und
Dunkel zu der ewigen lichthellen Heimath den Weg fand, wo er freudig Deiner
harret, um Dich nie wieder zu verlieren. Die Liebe aber, die dann in Deiner
Brust aufs neue gewi fr ihn erwachen wird, beglcke seinen Sohn; sie ist das
herrlichste Erbtheil, das sein Vater ihm hinterlassen konnte. Feire zuweilen mit
ihm das Andenken Deines Bruders und freue Dich, da dieser endlich hinber
gelangt ist, ins Land der ewigen Ruhe.
                                                               Albert von Leuen.

Alberts Hoffnung hatte ihn abermals getuscht, er mute noch den groen Schmerz
erfahren, seinen Bruder Bernhard zu berleben, ohne an dessen Grabe weinen zu
knnen. Alle verjhrten Schmerzen seines verarmten Lebens erwachten in ihm von
neuem bei dieser Todesnachricht; jeder seiner Tage bildete von nun an ein Glied
der langen Kette trber Erinnerungen, die Muth und Athem raubend, ihn immer
fester umschlang bis an sein Grab.
    Es ist schwer zu errathen, was er whrend seiner brigen Lebenszeit bei
dieser traurigen Vernderung der Dinge mit den Papieren beabsichtigte, welche er
in den elfenbeinernen Kstchen niedergelegt hatte! Sie zu vernichten verhinderte
ihn wahrscheinlich jenes heimliche Grauen, das wohl ein jeder bei hnlichen,
wenn gleich vielleicht minder wichtigen Gelegenheiten schon empfand. Denn das
geschriebene Wort steht auer uns und sieht gar fremd und wundersam uns an, als
ob Geister die todten Zge bewachten und mit unsichtbarer Gewalt die Hand
fesselten, die schon zum Zerstren gehoben ward. Aus einigen, in Alberts Nachla
vorgefundenen Papieren scheint hervorzugehen, da er zuweilen Willens war, sich
das Kstchen mit ins Grab geben zu lassen, aus andern aber, da er mit dem
Gedanken umging, es an einem sicheren Orte zu deponiren und dabei einen weit
entfernten Zeitpunct, den Luise aller Wahrscheinlichkeit nach nicht erleben
konnte, zu bestimmen, in welchem Raimund es zurcknehmen und erffnen sollte. So
viel ist indessen gewi, da der Tod ihn bereilte, eh' er hierber mit sich
selbst einig geworden war, und da der fr Raimund so wichtige Inhalt desselben
diesem wahrscheinlich auf immer ein Geheimni geblieben wre, wenn nicht Anna
zuflligerweise ihn entdeckt htte.
    Auch Luise berlebte Bernhard nicht lange, den sie noch immer dankbar
verehrte; sie starb wenige Monate spter als ihr erster Gemahl, an den Folgen
einer heftigen Erkltung. Oskar, der jetzt an Leuenstein keine Ansprche mehr
hatte, verlie diese Gegend, um in weiter Ferne Vergessenheit eines Glcks zu
suchen, dessen er sich nie mit vollem Genusse und ganz reinem Bewutseyn hatte
erfreuen knnen. Denn Alberts bleiche trbe Gestalt stieg oft vor seinem innern
Sinne auf, und der Gedanke, durch das unzeitige Bekenntni seiner Liebe zu
Luisen den frhen Untergang dieser edlen, nur zu weichen Natur herbeigefhrt zu
haben, drang sich ihm bei jedem Anlasse auf und lie nie ganz von ihm ab.
    Leo Bernhard, Alberts ltester Sohn und Meinaus Zgling, blieb also vor der
Hand der einzige anerkannte Eigenthmer der weitluftigen Besitzungen, die unter
der Aufsicht seines trefflichen Vormundes und mit Hlfe der betrchtlichen
Summen, welche Albert diesem bermacht hatte, wieder in den blhendsten Zustand
versetzt worden waren. Meinau hatte whrend seiner langen Vormundschaft mit mehr
als vterlicher Sorgfalt ber die Erziehung des ihm anvertrauten Mndels
gewacht, doch kein ganz glcklicher wenn gleich auch kein ganz niederschlagender
Erfolg lohnte sein edles Bemhen. Leo war im Aeuern wie im Innern ganz das
Ebenbild seiner Mutter, er besa die ihr eigene Liebenswrdigkeit und Grazie,
aber auch die ihr eigene Indolenz, die es ihr von jeher unmglich gemacht hatte,
sich ernst und anhaltend zu beschftigen. Vergebens strebte Meinau diesem
Characterzuge seines Mndels entgegen, Leo blieb wie er war, aber er schenkte
wenigstens seinem edlen Pflegevater das innigste Vertrauen, und hing an ihm mit
wahrhaft kindlicher Liebe.
    Niemals, selbst nachdem er schon seit mehreren Jahren mndig geworden war,
konnte Leo zu dem Entschlusse kommen, sich vom Baron Meinau unabhngig zu
betrachten und die Verwaltung seines Eigenthums selbst zu bernehmen. So oft
dieser nur Miene machte, ihm von der Fhrung seiner langen Vormundschaft
Rechnung ablegen zu wollen, strmte Leo mit den dringendsten Bitten auf ihn ein,
mit solch einer Zumuthung ihn zu verschonen, wenigstens bis dahin, wo er von
einer groen Reise ins Ausland zurckgekehrt seyn wrde, die er nchstens zu
unternehmen Willens sey.
    Diese Reise aber ward durch die bergroe Zrtlichkeit seiner Mutter von
einem Jahre zum andern verschoben, und Meinau fuhr indessen fort, sich der
Verwaltung der Gter anzunehmen, obgleich sein zunehmendes Alter ihm dieses
Geschft ziemlich zu erschweren begann.
    Eigentlich mochte er wohl selbst gewissermaen sich davor frchten, das, was
er so mhsam erbaut und eben dieser Mhe wegen lieb gewonnen hatte, unter der
Leitung eines gutmthigen Schwchlings wieder zu Grunde gehen sehen zu mssen.
    Indessen schien ein vernichtender Geist ber dem Hause der von Leuen zu
walten und es dem Untergange zufhren zu wollen, denn auch Leo berlebte nicht
lange den Tod seiner Mutter. Der Tag, an dem er seine immer aufgeschobene Reise
wirklich antreten wollte, war bestimmt; eine groe Jagd, zu der die ganze
Nachbarschaft eingeladen wurde, sollte den Vorabend derselben feiern.
Hrnergetn und Hundegebell tnten lustig durch den Wald, wie an jenem
verhngnivollen Tage, an welchem Oskar Luisen von der Wuth des wilden Ebers
errettet hatte; doch die allgemein herrschende Freude ward auch diesesmal, und
auf noch schrecklichere Weise in Trauer und Angst umgewandelt. Ein unglcklicher
Fehlschu von der Hand eines seiner Jugendfreunde gab dem armen Leo
augenblicklichen Tod; er fiel lautlos beinahe auf der nmlichen Stelle, wo seine
Mutter einst in Todesgefahr geschwebt hatte.
    So schien denn nun wirklich der traurige Fall eintreten zu wollen, den
Bernhard vorahnend gefrchtet und durch die Vermhlung seines Bruders abzuwenden
gehofft hatte. Der Stamm der von Leuen war anscheinend ausgestorben und die
jetzt im blhendsten Zustande sich befindenden groen Besitzungen desselben
standen, in Folge uralter Familienvertrge, im Begriff, einem weit entfernten
Zweige desselben zuzufallen, der einen ganz andern Namen fhrte, in einem ganz
andern Theile von Deutschland wohnte und mit den ehemaligen Eigenthmern des
Schlosses Leuenstein nie in persnlicher Verbindung gestanden hatte. Auch wrde
die Uebergabe der Gter in kurzem erfolgt seyn, wenn nicht Baron Meinau, dieser
treuste Freund seiner Freunde, sich dem krftig entgegengesetzt htte.
    Alberts Andenken war nie in Meinaus Herzen erloschen; eine leise Ahnung
hatte stets ihn davon abgehalten, der Nachricht von dessem Untergange auf dem
Meere unbedingten Glauben zu schenken.
    Spterhin erreichten ihn dunkle Gerchte von Leuten, die den
Verlorengeglaubten bald hier bald da in fernen Stdten begegnet seyn wollten und
bestrkten ihn in seinem Zweifel an Alberts Tode. Als Oskar, der Bruder seiner
Frau, ihm in einer vertrauten Stunde den Inhalt seiner letzten Unterredung mit
Albert entdeckte, als endlich Luisens leidenschaftliche Neigung fr den Retter
ihres Lebens sich immer deutlicher offenbarte, da gerieth Meinau, bei seiner
genauen Kenntni von Alberts Character, sogar auf Vermuthungen, die ihn das mehr
als heldenmthige Benehmen desselben und dessen Beweggrnde, beinahe ganz der
Wahrheit gem errathen lieen. Er versuchte daher in ffentlichen Blttern, dem
einzigen Wege dazu der ihm offen stand, den allzu Gromthigen durch dringendes
Bitten zur Heimkehr zu bewegen. Alles blieb indessen vergebens, Albert schien
durchaus bei seinem einmal gefaten Entschlusse verharren zu wollen, und Meinau
hielt sich zuletzt in seinem Gewissen fr verpflichtet, ihn nicht weiter auf
seinem Wege zu stren. Er schwieg also ebenfalls und setzte sich Oskars und
Luisens Vermhlung nicht entgegen, weil er berzeugt war, dadurch am sichersten
in dem hohen Sinn seines edlen Freundes einzugehen, den er bewundernd verehren
mute.
    Jetzt aber waren die nun alle dahin, welche Albert durch sein Verschwinden
zu beglcken gedacht hatte. Auer dem weit entfernten Oskar lebte niemand mehr,
dessen Ruhe durch das Wiedererscheinen des Verschwundenen htte gestrt werden
knnen, und keine Rcksichten waren noch vorhanden, welche den Baron Meinau
abhalten konnten alles anzuwenden, um das von ihm redlich verwaltete Eigenthum
seines Freundes so lange vor fremden Hnden zu bewahren, als er selbst nicht von
dem Tode des rechtmigen Eigners berzeugt wre. Die Zeitung, welche den
Schiffbruch gemeldet, hatte nur hchst unbestimmte Nachricht von diesem gegeben,
nicht einmal den Namen des Schiffes genannt; und obgleich Albert seit langen
Jahren fr todt geachtet wurde, so lie sich wenigstens die Mglichkeit nicht
abstreiten, da sein damals unmndiger Sohn beim Schiffbruch gerettet und noch
am Leben sey. Meinau entschlo sich daher, gleich nach dem Tode seines
unglcklichen Mndels zu einer Reise in die Residenz, um dort der hchsten
Behrde seine Zweifel an dem vlligen Erlschen dieses Hauses vorzulegen.
    Meinau war persnlich in jener Stadt sehr geachtet, es fehlte ihm nicht an
bedeutenden Verbindungen und auch das Haus der von Leuen stand dort von jeher im
hohen Ansehen. Selbst der Frst hatte nicht ohne Schmerz von dessen Erlschen
gehrt. Meinau erhielt also ohne groe Schwierigkeiten den Aufschub der
Uebergabe der Gter den er verlangte, bis er von dem Leben oder Sterben Alberts
und seines Sohnes gengendere Beweise einziehen knne. Zugleich wurde ihm von
hoher Hand die einstweilige Verwaltung der von Leuenschen Besitzungen abermals
bertragen, weil man bei seiner allgemein anerkannten Redlichkeit und Einsicht
berzeugt war, da sich niemand besser dazu eigne.
    Alberts Name erschien jetzt abermals, vereint mit dem seines Sohnes, in
allen ffentlichen Blttern, selbst in denen des Auslandes. Raimund las
unzhligemal die Nachricht von denen im Schlosse Leuenstein so schnell auf
einander gefolgten Todesfllen, ohne zu ahnen, da hier von seiner Mutter und
seinem Bruder die Rede sey. Noch weniger kam ein Gedanke daran in seine Seele,
da er selbst der Bernhard Raimund von Leuen seyn knne, der so dringend
aufgefordert wurde, von seinem Leben und Aufenthalte Nachricht zu ertheilen.
    Auf Meinaus Veranlassung wurden indessen auch in Triest, wo Alberts Schiff
ausgelaufen, und an der Kste, wo es gescheitert seyn sollte, die genaueste
Nachfrage angestellt. Die weite Entfernung der Oertlichkeiten, die vielen Jahre,
die verstrichen waren, seit jenes Unglck sich ereignet haben sollte,
erschwerten jeden Schritt und es verging eine lange Zeit, ohne da man nur
irgend eine Auskunft erhalten konnte. Eben so wurde auch den Personen vergeblich
nachgeforscht, die bald nach Alberts Verschwinden ihm im Auslande begegnet seyn
wollten. Nirgends war eine Spur von dem zu finden, was man suchte, aber man
stie auch auf keinen neuen Beweis fr Alberts und Raimunds Untergang.
Undurchdringliches Dunkel ruhte ber Beider Geschick.
    Durch ein sonderbares Zusammentreffen der Umstnde war aber auch der nchste
Agnat der von Leuen verschollen und wurde ebenfalls allgemein fr verstorben
gehalten, ohne da seine Erben gltige Beweise seines Ablebens beibringen
konnten. Er war whrend des Befreiungskrieges nach einem Gefechte vermit
worden, aber niemand hatte ihn fallen sehen, niemand ihn auf der Wahlstatt unter
den Todten gefunden. Auch nach diesem wurde daher in allen Zeitungen Nachfrage
gehalten und auf das dringendste um Nachricht von seinem Tode oder Leben
gebeten, doch seine Erben waren in ihren Nachforschungen um nichts glcklicher
als Baron Meinau in den seinigen. So gingen ein paar Jahre hin, whrend denen in
dieser wichtigen und verwickelten Sache nichts entschieden wurde. Baron Meinau
freute sich dieses Aufschubs und benutzte ihn nach besten Krften; doch als
fortwhrend keine Aussicht fr die Erfllung seiner Wnsche sich zeigen wollte,
so begann freilich seine Hoffnung allgemach sehr zu sinken und Ahnungen stiegen
in seinem Gemthe auf, die ihn muthles zu machen drohten.
    Wie freudig mute ihn daher ein Kurier berraschen, der aus dem Stifte von
Anna von Falkenhayn an ihn abgesandt, ihm von ihr die Nachricht berbrachte, da
Bernhard Raimund von Leuen aufgefunden und noch am Leben sey; da er zwar fr
den Augenblick sich in einem fremden Welttheile befinde, jedoch hoffentlich bald
wieder nach Europa zurckkehren werde. Rasch wie ein Jngling, trotz seiner
siebenzig Jahre und seiner Silberlocken, warf sich Baron Meinau augenblicklich
in den Reisewagen, um zu ihr, die ihm eine so frohe Botschaft sandte, hinzueilen
und sich von den nhern Umstnden ihrer Entdeckung unterrichten zu lassen. Zwar
hatte er Anna noch nie gesehen, aber aus seines entschlafenen Freundes Bernhards
Briefen kannte er sie genugsam, um sie innig zu verehren und von ihrer
Theilnahme an dem Hause von Leuen fest berzeugt zu seyn. Auch Anna ehrte und
liebte in ihm den treuen Freund ihres Verklrten, sie wute da dieser ihm bis
an seinen Tod stets das unbedingteste Vertrauen geschenkt hatte, und sah ihn und
seine nhere Bekanntschaft deshalb mit verdoppelter Freude entgegen.
    So wie Meinau in Annas Wohnorte angelangt war, eilte diese ihm den Inhalt
des elfenbeinernen Kstchens vorzulegen und zu seiner grten Freude fand er
darin Beweise fr Raimunds Ansprche, welche ihm unwiderleglich scheinen muten.
Sogar das Taufzeugni desselben fehlte nicht, denn Albert hatte in der Nacht, da
er von Leuenstein sich auf immer entfernte, dieses zuflliger Weise unter den
Documenten mitgenommen, die er damals zu seiner Legitimation als Erbe des
Kardinals brauchte. Der Baron und Anna brachten miteinander einige Tage in
Berathschlagungen zu ber die Schritte, welche sie whrend Raimunds Abwesenheit
zur Vertheidigung seiner Rechte gemeinschaftlich thun wollten. Auch die Beweise
fr seine Geburt wurden dabei nochmals ernstlich erwogen und genau untersucht.
Meinau konnte nicht umhin, den seltnen Geist, den gebten Scharfblick zu
bewundern, welchen Anna bei dieser Gelegenheit an den Tag legte. Die
Leichtigkeit, mit welcher sie bei einem Geschfte, das so weit auer dem
gewohnten Bereich der Frauen lag, das Verworrenste zu durchschauen vermochte,
setzte ihn oft in Erstaunen, doch noch weit inniger fhlte er sich bewegt, wenn
der Gedanke an Bernhard sie lebhafter ergriff und sie fr den Augenblick weit
weg von dem Gegenstande, der Beide beschftigte, in das dmmernde Reich der
Erinnerung zurckfhrte. Dann feierte er mit ihr in mancher schnen ernsten
Stunde das Andenken des hochgeliebten Freundes, dessen Bild auch er noch immer
im treuen Herzen bewahrte. Beide tauschten gegen einander manchen schnen Zug
aus seinem Leben aus, und das Gesprch schien nimmer enden zu wollen, bis sie
verstummend, vom Gefhle inniger Wehmuth berwltigt, von einander scheiden
muten und Anna sich in ihr einsames Kabinet zurckzog, um ungesehen zu weinen.
    Meinau rstete sich endlich zur Abreise in die Residenz, wohin Anna ihm auf
einige Tage zu folgen versprach; denn fr den Augenblick hielten ihre eignen
Verpflichtungen sie ab, sich wieder auf lange Zeit von ihrem Stifte zu
entfernen. Sie war bereit, sobald dieses nthig wrde, als Zeuge fr Raimund
aufzutreten und die wichtigen Verbindungen, in denen sie selbst mit dem
regierenden Frstenhause stand, konnten allerdings, wenigstens zur
Beschleunigung beitragen.
    Uebrigens war sie um ihre Lieben im Kleebornschen Hause unbesorgt. Angelikas
Briefe zeugten von ungewohnter Heiterkeit, und Vicktorine, das wute sie,
bedurfte seit der Entfernung des Sir Charles fr den Augenblick ihrer Gegenwart
nicht, obgleich diese ber der Tante lange Abwesenheit die bittersten Klagen
fhrte und sie auf das dringendste beschwor, bald wieder zu ihr zurckzukehren.
Die Tante kannte die heftige Natur dieses ihres Lieblings zu gut, um nicht den
Entschlu zu fassen, die Entdeckung von Raimunds wahrem Stande und Namen
Vicktorinen bis zur vlligen Entscheidung seiner Angelegenheiten zu
verschweigen. Und dieses war ein Grund mehr, um frs erste deren Nhe zu meiden;
denn sie fhlte wohl, da es ihr sehr schwer fallen wrde, den unablssigen
Fragen und Bitten des geliebten Kindes zu widerstehen.

Fast mchte ich auf meine alte Tage anfangen, recht modern aberglubig zu
werden, rief Meinau der Tante entgegen, als er in ihr Zimmer trat, um sich vor
seiner Abreise in die Residenz bei ihr zu beurlauben. Ich kann es mir beinahe
nicht aus dem Sinne bringen, da es der Schutzgeist des von Leuenschen Hauses
gewesen sey, der mich inspirirte die Rechte eines Unsichtbargewordenen zu
verfechten, welcher, nach dem Urtheil fast aller vernnftigen Leute, nur in
meiner Einbildung noch existiren konnte. Auch war es gewi nur dieser schtzende
Genius, der Ihnen zugleich so ganz zur rechten Zeit das elfenbeinerne Kstchen
in die Hnde spielte. Ihre wichtige Entdeckung htte nur um einige Wochen sich
verspten drfen und ich befnde mich jetzt in nicht geringer Verlegenheit. Denn
wunderbarer Weise ist auch Raimunds nchster, lange vermiter Agnat in diesen
Tagen wieder von den Todten erstanden. So eben erhielt ich die Nachricht davon,
die zum Glck uns jetzt ziemlich gleichgltig seyn kann. Ich hoffe, er soll
keinen Proze gegen uns anstellen wollen, und thut er es ja - nun so ist das
jetzt desto schlimmer fr ihn.
    Wir leben doch in einer wunderlichen Zeit, erwiederte Anna. Ich habe
schon oft daran gedacht, da es den Romanschreibern in unsern Tagen gar nicht
schwer fallen kann, die seltsamsten Verwickelungen zu ersinnen, ohne Furcht der
Wahrscheinlichkeit damit zu nahe zu treten. Denn Verlorengehen und Wiederkommen,
fr Tod gehalten werden und Wiederauferstehen sind vollkommen an der
Tagesordnung in der jetzigen Welt.
    Freilich, antwortete Meinau, freilich ist die Zeit vorbei, in der man von
Tausenden nur mit Gellert sagen durfte: er lebte, nahm ein Weib und starb, um
ihren ganzen Lebenslauf beschrieben zu haben. Auch der Unbedeutendste hat in den
letzten Jahren etwas erlebt das des Erzhlens werth ist. Man mu leider nur zu
viel davon hren und lesen.
    Setzen Sie hinzu, sprach Anna, da auch die Meisten mehr Stdte und
Lnder gesehen haben, als ihre Groeltern nur recht zu benennen wuten. Wer
selbst nie auf Reisen ging, hatte wenigstens zwischen seinen vier Pfhlen
berflssige Gelegenheit, die Bewohner der entferntesten Lnder kennen zu
lernen. Die Welt kommt mir darber als recht enge geworden vor, denn Rom,
Moskau, London, Paris, Petersburg scheinen uns beinahe dicht vor der Thre zu
liegen und wir haben uns gewhnt, die Bewohner dieser Stdte fast wie
Gevattersleute und Nachbarskinder anzusehen.
    Jetzt wre es die rechte Zeit fr den Kosmopolitismus, der in unsrer Jugend
so Mode war wie vor kurzem die deutschen Rcke, erwiederte Meinau, aber von
der groen Weltansicht mag niemand mehr etwas wissen, auch sie ist aus der Mode
gekommen. Jeder will sich nur auf das Nchste, nur auf seine Landsmannschaft
beschrnken! Doch lassen wir die Welt zusehen, wie sie mit sich selbst fertig
wird und erlauben Sie mir fr jetzt, Ihnen ganz in der Krze die Abentheuer des
zuletzt Wiedererstandenen mitzutheilen, von denen dessen Oheim mir Nachricht
giebt. Sie sind an sich seltsam genug, und knnen wohl einiges Interesse fr den
armen Klarenau erwecken, gegen dem wir alle beide doch einen kleinen Widerwillen
fhlen, welchen er wahrscheinlich nicht verdient.
    Die Tante willigte freundlich ein, indem sie bemerkte, da sie sich
allerdings ein wenig geneigt fhle, es dem jungen Manne bel zu nehmen, da er
sich beikommen lasse noch am Leben zu seyn, und Meinau fing seine Erzhlung an:
    Da Klarenau, sprach er, sich den Ltzowschen Jgern zugesellte, um gegen
den allgemeinen Feind zu Felde zu ziehen, ist Ihnen vielleicht bekannt. Gewi
aber haben Sie es eben so wenig wie ich selbst vergessen, auf welche unwrdige
und emprende Weise diese tapfern Verfechter des Vaterlands von dessen Feinden
fr Ruberbanden erklrt, und mitten im Waffenstillstande berfallen, ja sogar
grten Theils vernichtet wurden. Klarenau wollte gleich beim ersten Allarm des
Ueberfalls sich auf sein Pferd schwingen, der Sattel war in der Eile nicht recht
befestigt worden, das sehr muthige Thier bumte sich, er fiel, brach ein Bein,
blieb in dem allgemeinen Tumult unbemerkt liegen und gerieth vllig wehrlos in
die Gefangenschaft der Feinde, ohne an der Seite seiner tapfern Kampfgenossen
sich einen ehrenvollen Tod oder Befreiung erfechten zu knnen.
    Mehrere Monate hindurch wurde er als Kriegsgefangener von einem Lazarethe
ins andere geschleppt, ohne da sein Leben dem unbeschreiblichen Elende erlegen
wre, das er dulden mute. Er war zu noch grerem aufgespart. Sein Fu heilte
bei der schlechtesten Behandlung halb durch ein Wunder und er nebst mehreren
seiner Unglcksgefhrten wurden zuletzt nach Frankreich in die Gefangenschaft
abgefhrt. Von den Mihandlungen, der Noth, dem grlichen Hohn, kurz von allem,
was diese Beklagenswerthen auf dem langen Wege durch ein feindliches Land
ertragen muten, schweige ich, um Sie nicht zu wehmthig zu stimmen, meine
Geschichte wird ohnedem noch traurig genug. Die mehrsten Gefangenen starben
unterwegs, wo sie in Gefngnisse, in Zuchthusern eingeschlossen wurden, so
lange sie nicht wandern muten; nur einige wenige, und Klarenau unter diesen,
langten an ihrem frchterlichen Bestimmungsort, dem Arsenal von Toulon an, in
welchem viele tausende von Galeerensclaven jeden Tag die Sonne anklagen, da sie
ber solche Gruel aufgehen mag.
    In diesen Aufenthaltsort fr schwere Verbrecher wurden damals mehrere
deutsche Gefangene gesendet, denn man nannte sie Ruber, Brigands, eben weil sie
ihr Vaterland von Rubern zu befreien aufgestanden waren.
    Solch unermelich hartes Loos traf auch Klarenau. Gehllt in elende Lumpen,
den kahlgeschornen Kopf mit der rothen platten Mtze bedeckt, die den
Galeerensclaven bezeichnet, wurde hier der unglckliche Jngling von seinen
Landsleuten sogleich getrennt.
    Alle Galeerensclaven werden gewhnlich zu zweien und zweien vermittelst
einer langen Kette aneinander geschmiedet, und auch er erhielt einen
abscheuerregenden Missethter auf diese Weise zum Gefhrten, von dem er jetzt
Tag und Nacht unzertrennlich blieb. Trocknes hartes Brod, Wasser, hchstens eine
elende Wassersuppe, ist die einzige Nahrung jener Unglcklichen, sie war auch
die seine und bei dieser mute er Arbeiten verrichten, wie man sie kaum einem
Lastthiere aufbrden sollte. Jedem seiner schrecklichen Tage folgte eine noch
weit furchtbarere Nacht in dem untern Raume einer der Galeeren, denen alle diese
Gefangene jeden Abend zugetrieben werden. In diesem dstern Aufenthalt, den die
Hlle kaum an Grlichkeit bertreffen kann, mute Klarenau, um nchtlich zu
ruhen, mit seinem entsetzlichen Gefhrten eine hlzerne enge Bank theilen,
zusammengeschichtet mit mehreren Hunderten von Elenden, die hinabgesunken zu
dumpfer Thierheit oder schaamloser Frechheit - - - hochwrdige Frau, es sind
beinahe vierzig Jahre da ich in meiner Jugend als neugieriger Reisender auch in
diesen Abgrund aller Greuel einen Blick geworfen habe, und noch steht das Bild
davon unauslschlich in meiner Seele. Ihre Phantasie mag ich nicht damit
beflecken, genug ich bin berzeugt, da die wegen der Behandlung ihrer
Christensclaven so bel berchtigten Raubnester an der afrikanischen Kste,
nichts entsetzlicheres aufzuweisen haben knnen.
    Klarenau sank eines Tages unter einer schweren Last, die ihm aufgebrdet
worden war, ohnmchtig zusammen, denn seine Krfte waren vllig erschpft. Er
wurde fr krank erklrt und in eines der fr die Galeerensclaven bestimmten
Lazarethe abgefhrt, einen dumpfen, dstern, grabhnlichen Kerker. Monate lang
schmachtete er hier zwischen Leben und Sterben. Paris wurde indessen erobert,
Deutschlands Befreiung war erfochten, die Kriegsgefangenen wurden losgegeben, er
erfuhr nichts von alle dem und war vergessen. Die wenigen seiner
Leidensgefhrten, die in ihrem tiefen Elende diesen groen Tag erlebten,
gedachten bei ihrer Befreiung seiner nicht mehr, oder zhlten auch ihn zu den
Todten, den sie seit ihrem ersten Eintritt in diesen Schreckensort nicht wieder
sahen.
    Abermals genas Klarenau, unerachtet alles Mangels und Elends, in seinem
traurigen Verpflegungsorte. Er wurde wieder an das Tageslicht gelassen, und
mute jetzt denen im Arsenal arbeitenden Handwerkern zur Hand gehen, da man ihn
fr schwere Arbeiten untauglich fand. Doch blieb er immer noch in Ketten und
allnchtlich erwartete ihn noch immer die schreckliche Ruhesttte in der
Galeere. Wer er sey, warum er hierher gefhrt worden, hatten seine durch den
tglichen Anblick des hchsten menschlichen Jammers bis zur vollkommensten
Gleichgltigkeit verhrteten Aufseher lngst vergessen oder es nie erfahren.
Keine Seele wandte theilnehmend sich ihm zu, und so blieb alles Groe und
Herrliche ihm verborgen, was whrend seines Aufenthalts im Lazareth die halbe
Welt in einen Taumel von freudigem Entzcken versetzt hatte. Hoffnungslos
schleppte er noch lange Zeit sein trauriges Daseyn und seine Ketten von einem
Tage zum andern, ehe auch ihm die Stunde der Befreiung schlug.
    Doch endlich kam sie heran. Einer der angesehensten Beamten, der ber die
groen hydraulischen Arbeiten im Arsenal die Aufsicht fhrte, begegnete ihm
eines Tages zuflliger Weise. Die Gestalt des Unglcklichen fiel ihm auf, er
redete ihn an und erfuhr mit wahrem Entsetzen, wer er sey und wie schuldlos er
leide. Der menschenfreundliche Mann eilte sogleich in die Stadt, um die
Entdeckung anzuzeigen, da noch ein Kriegsgefangener, vergessen, auf der Galeere
schmachte, und er brachte es wirklich dahin, da Klarenau schon am folgenden
Tage die Jahrelang entbehrte Freiheit wieder erhielt. Sein gtiger Befreier
versah ihn nicht nur mit der nthigen Kleidung, sondern auch mit einer kleinen
Summe Geldes, die Klarenau zu ersetzen versprach, sobald er die Heimath wieder
erreicht habe. Schnell, als glhe der Weg ihm unter den Sohlen, floh er nun
durch Toulon durch, hinaus ins Freie, um nur die Thrme dieser ihm entsetzlichen
Stadt nicht lnger sehen zu mssen, zu denen er aus seinem tiefen Elende so oft
hoffnungslos hinaufgeblickt hatte. Denn ehe er sie aus dem Gesichte verlor,
konnte er nicht mit voller Seele an seine wiedererlangte Freiheit glauben.
    Seine Krfte, die dem frchterlichsten Unglcke widerstanden hatten,
erlagen dem freudigen Gefhle, mit dem er sich endlich am Ufer des Meeres, frei
wie ein Vogel in der Luft, wiederfand. Mitleidige Fischer nahmen den bis zum
umsinken Ermatteten in ihre kleine, von Olivenbume umschattete Htte auf, die
unerachtet des darin vorherrschenden sdlichen Schmutzes ihm ein Paradies zu
seyn dnkte. Er sah sich genthigt, mehrere Monate bei diesen guten Leuten zu
verweilen, ehe er sich genugsam erholt hatte, um die weite Reise in das nun
befreite Vaterland antreten zu knnen. In dieser Zeit schrieb er mehrere Briefe
an seine Verwandte in Deutschland. Die Fischer nahmen sie mit, wenn sie ihre
Fische nach Toulon zum Markte trugen, und versprachen sie dort auf die Post zu
geben; denn ihn selbst hielt ein unberwindlicher Abscheu davon zurck, sich dem
Schauplatze seines unvergelichen Elendes wieder zu nhern, das sich noch immer,
so wie er die Augen schlo, in den allergrlichsten Traumbildern ihm erneuerte.
Wahrscheinlich aber mssen seine Hausleute mit dem Bestellen der Briefe nicht
recht umzugehen gewut haben, denn kein einziger hat je den Ort seiner
Bestimmung erreicht.
    Klarenaus abgeschorne Locken waren indessen wieder gewachsen, seine
Gesundheit erstarkte bei der gesnderen Kost und in der alles belebenden
Seeluft, die mit erquickenden Dften beladen ihn umwehte. Mde des Wartens, da
noch immer keine Antwort auf seine Briefe kam, ergriff er endlich den Wanderstab
und machte sich zu Fu auf den Weg, ohne zu wissen wie er, selbst bei dieser
wohlfeilen Art zu reisen, mit den wenigen Franken auskommen werde, die er von
dem durch seinen gromthigen Befreier ihm vorgestreckten Gelde noch brig
behalten hatte. Er verlie sich dabei auf das Glck, das seit kurzem sich ihm
wieder zuwenden zu wollen schien. Es war ihm auch gnstig, wenn gleich es ihm
zuerst diese Gunst ein wenig unsanft bewies.
    Der Wanderer war noch nicht weit von Toulon auf dem Wege nach Marseille
fortgeschritten, als er sich pltzlich in einer als unsicher berchtigten Gegend
von Rubern umringt sah; ein Schlag auf den Kopf streckte ihn bewutlos hin,
rein ausgeplndert blieb er regungslos liegen, whrend die Ruber, die ihn fr
getdtet halten muten, mit seiner wenigen Habe entflohen. Wahrscheinlich wre
er nie wieder zum Leben erwacht, wenn nicht ein junger deutscher Kaufmann, der
zufllig des Weges reisete - - -
    Ihn mitleidig aufgenommen htte, fiel hier Anna ein, die so lange mit
immer steigender Aufmerksamkeit zugehrt hatte. Dieser Samariter, fuhr sie
fort, ohne durch Meinaus Erstaunen sich sthren zu lassen, dieser mitleidige
Samariter lie den Verwundeten frs erste nach dem nahen Drfchen Oliulles und
dann nach Toulon ins Maltheserkreuz tragen, wo er selbst abgestiegen war. Dort
pflegte er seiner mit groer Sorgfalt, bis er selbst nach einigen Tagen wieder
abreisen mute; bei seiner Abreise bergab er ihn einem sehr angesehenen wackern
in Toulon etablirten deutschen Kaufmann, Namens Weiler, in dessen Familie der
Arme ebenfalls mit Herzlichkeit aufgenommen und mit der grten Aufmerksamkeit
verpflegt wurde, bis er vllig genesen, ausgerstet mit Geld und Empfehlungen -
- -
    Hochwrdige Frau! unterbrach Meinau sie jetzt, der sich in seiner
Verwunderung nicht lnger migen konnte.
    Raimund war es! rief Anna, helle Freudenthrnen im Auge und ohne ihm
weiter zum Worte kommen zu lassen. Raimund Holm, Raimund Bernhard von Leuen!
Sie eilte jetzt, dessen Brief herbeizuholen, und dem Baron die auf dieses
Ereigni Bezug habende Stelle daraus mitzutheilen.
    Nun wahrhaftig, das kommt immer besser! rief Meinau jetzt frhlich aus,
als Anna zu lesen aufgehrt hatte. So wre denn der Roman vllig fertig, nur
etwas Liebe mu noch hinein, die findet sich. Der gehrige Edelmuth wird auch am
Ende nicht ausbleiben, denn hoffentlich wird doch Klarenau nicht mit dem
Erretter seines Lebens einen Proce anfangen wollen, um diesen um sein
rechtmig ererbtes Eigenthum zu bringen; und so wren wir ja mit einemmale
aller Furcht vor Streit und Aerger entledigt.

Der Aufenthalt in Kleeborns sehr schnem Landhause, das er whrend der
Sommerzeit mit den Seinen gewhnlich zu bewohnen pflegte, gewhrte den beiden
Freundinnen Angelika und Vicktorine wenigstens ein ruhigeres Daseyn, als das
Leben in der Stadt ihnen bieten konnte. An jedem schnen Abende wandelten sie
Arm in Arm auf der hohen Terrasse vor dem Hause auf und nieder, bis die sinkende
Nacht die weite Aussicht ber Strom und Land und Meer mit ihrem dunkeln Schleier
verhllte.
    Sehnsuchtsvoll blickte Vicktorine dem majesttischen Laufe der mchtigen
Schiffe nach, wenn sie auf dem prchtigen breiten Strome, der dicht am Garten
vorberflo, mit geschwellten, von Abendschein gertheten Seegeln dem lange
ersehnten Hafen zueilten. Dann wandte sie seufzend das umdsterte Auge der
dmmernden Ferne zu, wo der Strom dem Meere sich vereint, bis es' in Thrnen
berflo und Himmel und Erde und Meer in eins ihr verschwammen.
    Angelika betrachtete vor allem gerne den tiefblauen Himmel, wenn an ihm ein
Stern nach dem andern auftauchte. Auch ihrer mden Brust entrang sich dann manch
leiser Seufzer, und ein trbes Lcheln schwebte um die bleiche Wange und den
lieblichen festgeschlossenen Mund, der keiner Klage sich mehr ffnete. Beide
Freundinnen suchten die Heimath ihrer Liebe auf, die eine dort oben, im
glnzenden geheimnivollen Reiche, von Tausenden im ewigen Sphrentanz einander
umkreisenden fernen Sonnen; die andere zwar noch auf der grnenden blhenden
Erde, aber weit, weit weg, jenseits der immer bewegten Wogen, die, wie der
nchtliche Himmel, dem Sterblichen ein Bild der Unendlichkeit sind.
    Agathe umflatterte zuweilen die Beiden, so wie ein leichter luftiger
Schmetterling frhlich die rothe und die weie Rose umtanzt, welche die Kunst
des Grtners einem einzigen Stocke entblhen lies. Aber sie wute doch dabei die
zu schonen, welche nicht so glcklich waren als sie selbst, und hthete sich
sorgsam davor, sie durch unzeitig angebrachten Scherz zu verletzen. Ihr
Lieblingspltzchen im Garten war eine kleine Anhhe, von der sie den Weg
bersehen konnte, welchen Horst gewhnlich kam, wenn er sie besuchen wollte.
Mehr als zehnmal des Tages erstieg sie diese, sogar wenn sie wute da er heute
unmglich kommen knne, und war er nun da, so schalt sie ihn tapfer aus, denn er
fing gewhnlich an, die Tage und Wochen zu berechnen, die bis zu dem im Herbst
angesetzten Hochzeitstage noch vergehen muten. Die Kleine pflegte bei solchen
Gelegenheiten sich gewaltig zu ereifern, was ihr indessen nach ihres Brutigams
Urtheil recht allerliebst stand, der daher auch nie unterlie, sie zum Zorne zu
reizen.
    Ich habe es Dir schon tausendmal gesagt, sprach sie einst, da das eine
ganz alberne und unntze Rechnung ist. Wie kann ich denn heurathen ohne die
Tante und wer kann vorher wissen, wenn die kommen wird. Da sie mir den Kranz
aufsetzt und keine andere, das steht nun einmal fest; doch wo sie jetzt stecken
mag, wissen die Gtter. Sie schreibt ja nur alle Jubeljahre einmal. Kommen aber
wird sie und zur rechten Zeit auch, darauf verlasse Dich, denn sie hat es mir
versprochen. Wir knnen schon warten bis sie Zeit dazu hat, denke ich; ein Paar
Wochen oder Monate sind ja keine Ewigkeit.
    Whrend dieses Streites hatte Vicktorine ein Zeitungsblatt ergriffen das
zufllig dalag, und studirte es sehr emsig und zwar nach chter Mdchenart nur
die letzte Seite desselben, denn um politische Angelegenheiten bekmmerte sie
sich nach geschlossenem Frieden nur wenig. Doch seit Raimunds Entfernung
interessirten sie die Schiffsnachrichten ungemein, die gewhnlich am Ende der
Zeitungen neben den brigen Bekanntmachungen ihren Platz finden.
    Meine gute liebe Agathe, sprach Vicktorine jetzt, indem sie das Blatt
niederlegte und die kleine Braut recht herzlich umarmte, liebes, liebes Kind,
glaube mir, wir sind beide vergessen. Ich wei jetzt, da wichtigere Dinge,
Ereignisse, die ihr weit nher am Herzen liegen, die Tante so beschftigen, da
wir die Hoffnung aufgeben mssen, sie sobald wiederzusehen. Flechte Dir selbst
Deinen Kranz und drcke ihn Dir schnell in die Locken, ehe der Sturm ihn Dir
entfhrt. Baue in Zukunft auf niemand als auf Gott und auf Dich selbst.
    Und das alles steht da in der Zeitung! rief Agathe voller Erstaunen.
    Und obendrein in einer uralten, sieh' nur selbst, vom siebenzehnten April,
setzte Horst lchelnd hinzu, der indessen das Blatt aufgenommen hatte. Er fing
nun an, es leise zu durchlaufen. Schiffe angekommen - ausgelaufen - wir bitten
um stille Theilnahme - murmelte er lesend. Unsre gestern gefeierte Verbindung
- ja wer erst so weit wre! - einem gesunden Mdchen beschenkt - Hm! da finde
ich doch auf Ehre nichts. Doch halt, da ganz unten steht noch etwas mit
lateinischen Lettern, das wird es seyn. Mit lauter Stimme las er nun eine jener
an Albert und Raimund von Leuen gerichteten Aufforderungen, Nachricht von ihrem
Leben und Aufenthalt zu geben, welche Baron Meinau in allen Zeitungen hatte
einrcken lassen. Der Inhalt derselben schien ihm aufzufallen, denn er las sie
noch ein paar mal vor sich mit groer Aufmerksamkeit durch, ehe er das Blatt
wieder hinlegte.
    Ich verstehe Sie noch immer nicht, liebe Vicktorine, sprach er endlich.
Da es mehr Leute in der Welt giebt, die Raimund getauft sind, ist lngst
bekannt, das Einzige auffallende dabei ist nur, da auch der Vorname des Vaters
zutrifft. Vor ein paar Tagen habe ich diesen auf dem Denkmal gelesen, das sein
Sohn ihm auf seinem Grabe hat errichten lassen, und dessen schne einfache Form
mir im Vorbergehen auffiel. Die Leute sagen: der alte Holm sey ein sonderbarer,
sehr ernsthafter Mann gewesen, der etwas eignes, geheimnivolles in seinem Wesen
gehabt habe. Aber mein Gott, Kusinchen, wie bleich Sie werden! habe ich Ihre
eignen Gedanken nicht getroffen, so ist ja alles was ich sagte nur ein
wunderlicher Einfall, auf den Sie gewissermaen mich selbst gebracht haben.
    Vicktorine antwortete wenig, das Gesprch nahm eine andere Wendung, Horst
entfernte sich bald darauf, um nach Hause zu reiten, und Agathe begleitete ihn,
um ihn zu Pferde steigen zu sehen.
    Angelika, rief Vicktorine, sobald sie mit dieser allein war, liebe
Angelika, welchen Sturm hat dieser Scherz in mir aufgeregt. Mehr als Scherz
konnte Horst mit dem, was er sagte, nicht meynen; da er die Geschichte der Tante
nicht kennt, so fielen ihm nur die Vornamen derer, welche gesucht werden, und
nicht der Name von Leuen auf. Und doch hat er, ohne es zu beabsichtigen, mich in
ein Meer von Zweifeln gestrzt. Ahnungen erstehen in mir, denen meine Vernunft
sich vergebens widersetzt. Dieses Blatt ist vom siebenzehnten April. Am
nmlichen Tage erhielt die Tante Raimunds Brief, am nmlichen Tage kndigte sie
uns ihre schon auf den nchsten Morgen bestimmte Abreise an. War es dieses
Blatt, in welchem die Verwandte Ihres Bernhard gesucht werden, oder war es der
Brief, was sie zu jenem schnellen Entschlusse bewog? oder errieth Horst, ohne es
zu ahnen, die Wahrheit, und Brief und Blatt wirkten vereint zum nmlichen
Zwecke? Ist Raimund der, den man sucht, - und tausend frher nicht beachtete
Umstnde drngen sich mir jetzt entgegen, um mich in dieser Ahnung zu bestrken,
- ist er ein Edelmann, so wird mein Vater bei seinen uns bekannten Grundstzen
um so weniger in unsre Verbindung einwilligen wollen, und ist er es nicht, und
kehrt er glcklich zu mir zurck, wer wird uns dann in Schutz nehmen, wenn Anna
es nicht thut? wer bei meinem Vater uns so vertreten, wie sie allein es kann?
Sie bleibt uns fern, Anna wird den Bruder, den Neffen ihres Bernhards
wiederfinden, die ihrem Herzen weit nher stehen als wir. Wir sind vergessen!
    Armes, liebes, unruhiges Herz, wie sinnreich bist Du, zu Deiner eigenen
Quaal! unterbrach sie Angelika. Anna vergit Dich nicht, das glaube fest. Wie
konnte nur je in Deinem eignen treuen Gemth ein so frevelhafter Gedanke
aufkommen?
    Jeder Trost, den Angelika aufbringen konnte, ging indessen an Vicktorinen
verloren, denn zufolge ihrer ungeduldigen Natur konnte diese eher alles andere
ertragen als Ungewiheit. Die Tante war ihr von jeher der sichtbare Schutzgeist
ihrer Liebe gewesen, von ihrer Gegenwart untersttzt, war Vicktorine fhig zu
hoffen; doch nun war nicht nur sie, sondern zugleich mit ihr jede Spur von
Raimunds jetzigem Leben ihr verschwunden, und sie fand eine Art grausamer Freude
darin, sich ihrem Kummer und jeder Besorglichkeit ohne Schonung gegen sich
selbst hinzugeben. Auch die gegenwrtige Stimmung ihres Vaters trug in dieser
Zeit nicht wenig dazu bei, sie in Angst und Unruhe zu versetzen. Dieser war
freilich weit milder und freundlicher gegen sie geworden, als er es bald nach
der Auflsung ihres Verhltnisses zu Sir Charles gewesen war; die Liebe zu
seinem einzigen Kinde schien nicht nur in dem Gemthe des Alten wieder erwacht,
sondern sie uerte sich zuweilen ganz eigen, auf eine Weise, die bei seiner
gewohnten Heftigkeit um so rhrender erschien, je mehr sie gegen die rauhe
Behandlung abstach, die Vicktorine frher von ihm zu erdulden gehabt hatte. Eben
diese Vernderung in seinem Wesen, deren Grund sie vergebens zu errathen suchte,
erweckte aber in Vicktorinens, dem Vater kindlich ergebenem Gemthe Besorgnisse,
die nicht ganz ungegrndet zu seyn schienen.
    Kleeborn war viel bleicher und dabei viel stiller als sonst, auch oft in
Gedanken versunken und dabei recht von Herzen betrbt. Der alte Mller kehrte
noch immer nicht von Amsterdam zurck und Vicktorine glaubte zu bemerken, da
ihres Vaters trbe Stimmung mit der verlngerten Abwesenheit desselben in
Zusammenhang stnde; doch aus leicht zu errathenden Grnden vermied sie es,
hierber eine Frage zu wagen.

Die drckendste Schwle hatte einen ganzen langen Sommertag hindurch auf der
Natur gelastet, schwere Ungewitter stiegen im Laufe desselben aus allen
Himmelsgegenden auf und standen, oft kmpfend, einander gegenber. Die hohen
Linden vor dem Hause beugten sich krachend vor des Sturmes Gewalt, vom
schwarzumzogenen Himmel strzten Wolkenbrchen hnliche Regenstrme herab, gelbe
Blitze umspielten die hohen Wipfel der uralten Bume, und die Erde schien in
ihren Vesten vor der lauten Stimme des Donners zu erzittern. Dann ward es wieder
Friede in der Natur, die kmpfenden Elemente schienen vershnt bis neue
Wolkengebrge sich aufthrmten, neue Donner diese zerrissen und der eben
beendete Kampf sich noch furchtbarer von neuem entflammte.
    Doch die Strahlen der dem Untergange sich nahenden Sonne zertheilten endlich
den Wolkenschleier, der sie fast den ganzen Tag ber verhllt hatte.
Zurckgerollt zu beiden Seiten, bildete er ein hochgewlbtes, in den glhendsten
Farben prangendes Flammenthor, in dessen Mitte die Siegerin sich langsam dem
Horizonte zuneigte. Jede einzelne Woge des breiten majesttisch hinrollenden
Stromes prangte in goldigem Purpur, Myriaden zerstreuter Edelsteine blitzten auf
der grnen Erde, jedes Blatt, jede Blume, jeder Grashalm glnzte in mehr als
kniglicher Pracht, berauschende Dfte entstrmten den blhenden Orangenbumen
auf der Terrasse, den Levkoyenbeeten, den dunkeln Nachtviolen, und drben im
Osten strahlten drei Regenbogen dicht neben einander, in so hoher seltner
Farbenpracht, da man nicht unterscheiden konnte, welcher der Abglanz des andern
sey. Es war als wollten sie mit jenem westlichen, immer glhender sich wlbenden
Thore wetteifern, unter welchem die Sonne immer tiefer sich senkte.
    O welch ein Abend! sprach tiefaufathmend Angelika, indem sie, auf
Vicktorinens Arm gelehnt, unter die hohen Sulen vor dem Hause hinaustrat. La
mich hier Luft schpfen, ich habe den Tag ber ihrer so wenig gehabt, die Brust
war mir so enge. La mich jetzt in langen Zgen die balsamisch erquickende Khle
trinken.
    Sorgsam fhrte Vicktorine die aetherisch verklrte Gestalt einem bequemen
Sitze unter den Sulen zu und nahm schweigend ihr zur Seite Platz. In Andacht
und stiller Bewunderung versunken, blickten beide eine Weile hinaus in die
wundervolle Pracht, welche sie umgab.
    Siehst Du im Osten den Bogen des Friedens? der ewigen Hoffnung? sprach
endlich Angelika, und tuscht mein Auge mich vielleicht - es thut es jetzt
zuweilen - oder sind es wirklich ihrer drei?
    Es sind ihrer drei, erwiederte Vicktorine, die jetzt mit immer steigender
Besorgni den ungewhnlich strahlenden Glanz der Augen ihrer Freundin gewahr
wurde, welche den ganzen Tag ber von der schwlen Luft sehr bedrckt gewesen
war.
    Es sind wirklich ihrer drei, wiederholte Anlika. Wunderbar! nie zuvor
habe ich diese seltne Pracht gesehen. Und dort die Sonne! Liebe Vicktorine,
welch ein Bild meines kurzen Lebens war dieser Tag. Immer mute ich daran
denken. Zuerst der trbe beklemmende Morgen. Dann die kurzen Sonnenblicke, der
Regen, das Ungewitter, und nun die kstliche himmlische Ruhe dieses
glanzerfllten Abends! Sieh', Liebe, ist es nicht als wolle dort im Westen der
Himmel sich ffnen, und uns einen Blick in das Reich seiner Herrlichkeit
gewhren? und die untergehende Sonne, will sie uns nicht nach Osten hinweisen,
wo sie noch immer wieder aufgehen wird, wenn sie mir schon lange nicht mehr
leuchtet? Nach dem Osten, den sie jetzt, indem sie von uns Abschied nimmt, so
berherrlich mit dem trstlichen Bilde schmckt, das Gott einst der vor seinem
Zorne zagenden Erde gab, und dem Menschen dabei zu hoffen gebot. Und nun kommt
bald die milde ernste Nacht mit ihren Sternen am Himmel heraufgezogen. Dann
schlummern wir in Frieden - und trumen auch wohl.
    Sprich nicht so viel, meine Angelika, bat Vicktorine, komm, Liebe, komm
ins Haus, Du bist matt und erschpft.
    O nein! o nein! rief Angelika mit ungewohnter Lebhaftigkeit. Mir ist
wohl, unbeschreiblich wohl, mir ist wie noch nie in meinem Leben. Sey nicht
besorgt um mich, setzte sie schmeichelnd hinzu, indem sie Vicktorinens
Aengstlichkeit bemerkte. Meynst Du, ich sehe nicht was jetzt Dein liebes Herz
beklemmt? Aber lass' Dir nicht bangen, wenn nun jetzt wohl bald auch mein Abend
kommt; bangt es mir doch auch nicht, und mge er nur diesem Abende so gleichen,
wie mein Leben diesem Tage glich. Ich habe noch nie mit Dir davon gesprochen,
doch heute geht mir in Wonne das Herz auf. Bringe der geliebten Anna meinen
letzten Gru und meine gute Nacht, wenn es so weit seyn wird. Sage ihr, da ich
mich nicht gefrchtet habe allein einzuschlafen, sage ihr, da ich beim
Entschlummern mich nicht nach ihr gesehnt habe, denn ich kenne keine Sehnsucht
mehr auf Erden. Aber ich freue mich, da ihre Abwesenheit den einzigen Schmerz
mildern wird, den ich mir bewut bin, ihr jemals gegeben zu haben. Sage ihr auch
noch, da ich sie dort jubelnd empfangen werde, denn wahrscheinlich ist sie die
erste unter meinen Lieben, die mir nachfolgen wird.
    Angelika, Du zerreiest mir das Herz, rief Vicktorine, und sank vor ihr
hin, und verbarg das von Thrnen berstrmte Gesicht in ihrem Schooe.
    Liebes, liebes Herz, was bewegt Dich denn so? sprach Angelika und strebte
liebkosend, Vicktorinen zum Wiederaufstehen zu bewegen Was frchtest Du denn
heut? Ich sage Dir ja und gewi es ist so, mir ist in diesem Augenblick so
unaussprechlich wohl, wie noch nie in meinem Leben. Ich fhle wie von
Engelsflgeln mich gehoben, als wre die Last des Lebens schon von mir genommen,
als brauche ich gar nicht mehr zu athmen, so leicht ist es mir in der Brust, die
mir den ganzen Tag ber so enge war. Kannst Du denn wirklich mir nicht wnschen,
da mir immer so seyn mge? kannst Du, Du Herz voll Liebe, Dich freuen, wenn ich
noch lange jeden Athemzug mit stechendem Schmerz erringen mu, kannst Du es mir
mignnen da ich nun bald dort, dort - - -
    Angelika verstummte und sah s lchelnd mit trumerischen Blick in die
goldene Abendpracht hinaus; Vicktorine weinte still und von ihr unbemerkt, ihr
zur Seite.
    Es ist seltsam, fing Angelika nach einer kleinen Pause wieder an, oder
ist Dir vielleicht auch so? Mir ist als mste ich etwas hier erwarten - jemanden
- als stnde etwas Groes, Erfreuliches, mir ganz nahe bevor, als - Horch! rief
sie, pltzlich von ihrem Sitze sich erhebend, horch! hrst Du nicht? Hrst Du
die Stimme?
    Ich hre nichts, erwiederte Vicktorine, aber Du machst mir
unaussprechlich bange; komm liebe Angelika, komm hinein, die Abendluft mu Dir
schaden.
    Wunderliches Kind, rief Angelika ein wenig heftig, ich sage Dir ja, mir
ist wohl. Aber den Wagen hrst Du doch?
    Nein - doch ja - antwortete Vicktorine, es ist als kme ein Wagen ganz
von ferne den Hgel herab. Aber Du weist, von hieraus knnen wir die Landstrae
nicht sehen, so nahe sie auch am Garten vorbeigeht. Jetzt hre ich das Fahren
deutlicher, komm ins Haus, im vorderen Salon, da knnen wir - -
    O nein, o nein, rief Angelika sie festhaltend. Wieder! - die Stimme! o
mein Gott! Hrst Du die Stimme denn nicht? ganz nahe. Die Stimme, die ich nie
wieder zu hren meynte. Ganz deutlich - hrst Du? hrst Du?
    Es ist mein Vater, erwiederte Vicktorine. Jetzt hre ich es recht gut,
der Wagen fhrt in den Hof. Was kann so spt noch ihn aus der Stadt herfhren?
und heut' am Posttage, da pflegt er nie zu kommen.
    Hrst Du die Tritte nicht? nher und immer nher - und wieder die Stimme!
flsterte athemlos und zitternd Angelika. Stille, stille, - die Tritte - die
Stimme - sein Gang, seine Stimme!
    Es ist der Vater, sprach Vicktorine.
    Ich bringe Euch einen Fremden, der nach der Tante fragt, sagte Kleeborn,
indem er aus dem Hause hervortrat. Es schien ihm viel daran gelegen, ihren
Aufenthalt auf der Stelle zu erfahren, er hat sie in ihrem Stifte aufgesucht und
nicht gefunden. Du, Vicktorine, als ihre fleiige Correspondentin, kannst ihm
die beste Auskunft geben. Der Abend machte sich schn, die Post hatte nicht viel
gebracht, da entschlo ich mich kurz, und fuhr noch mit ihm hinaus.
    Whrend Kleeborn so sprach, trat eine schlanke blasse Gestalt hinter den
Sulen hervor. Des Fremden erster Blick fiel auf Angelika. Weit vorgebogen
errthend, erbleichend, im schnellsten Wechsel, mit starr auf ihm gehefteten
Auge, hielt diese sich zitternd an der Bank fest, von der sie eben aufgestanden
war.
    Alle Stufen die vom Hause hinabfhrten mit Blitzesschnelle berspringend,
stand der Fremde im nchsten Momente dicht vor ihr. Ohne Laut, ohne sich zu
regen, betrachteten beide einander, all' ihr Leben war in diesem Blick!
Angelika! rief der Fremde, und, fest umschlungen, sanken beide, eins in den
Arm des andern auf die Knie. Angelika schien ohnmchtig zu werden. Der Fremde
hielt sie in seinen Armen, als wolle er nimmer und nimmer sie lassen.
    O tragt sie hinein! rief Vicktorine mit gerungenen Hnden in tdlicher
Angst. Sie stirbt! sie stirbt! o tragt sie ins Haus.
    Kleeborn trat jetzt hinzu und nahm die leichte Last in seine starken Arme.
Der Fremde erhob sich mit ihr, aber er lie sie nicht los. Der sehr bewegte Alte
trug sie mit der grten Sorgfalt ins Haus und legte sie auf einen Sofa. Sie lag
da wie ein schlafender Engel, keine Spur von Schmerz in den schnen Zgen.
Ferdinand von Klarenau, er war der Fremde, kniete neben ihr, wechselnd im
Ausdruck furchtbarer Angst und entzckender Freude hielt er sprachlos den Blick
auf sie geheftet.
    Sie regt sich, sie schlgt die Augen auf! rief Vicktorine.
    Der letzte Strahl der sinkenden Sonne umflo in diesem Augenblicke
Ferdinanden und verklrte ihn wunderbar. Angelika betrachtete ihn mit festem
ernsten Blick. Todesengel, flsterte sie, schner ernster Bote, kommst Du
mich abzurufen in dieser geliebten Gestalt?
    Angelika, Du lebst! ich lebe! wir haben uns wieder und knnen glcklich
noch seyn, rief Ferdinand und drckte sie an seine ungestm wogende Brust.
    Ferdinand! rief Angelika fast berlaut. Mein, mein Ferdinand, ja Du bist
es, ja Du lebst. Sie richtete sich auf, sie legte das schne todtenbleiche
Gesicht auf seine Schulter, sie umschlang seinen Nacken, fest, fest, mit beiden
Armen. Du lebst Ferdinand, Du lebst! Die Wonne - o nein sie tdtet uns nicht -
nein, nein, niemand stirbt vor Freude - nein man stirbt vor Freude nicht -
Ferdinand! hauchte sie zuletzt fast unhrbar. Ihr Haupt sank tiefer, ihre Arme
hielten ihn noch immer.
    Sie wird wieder ohnmchtig, rief Vicktorine, und legte mit Hlfe ihres
Vaters sie in die Sofakissen zurck. Vicktorine versuchte alle Mittel, die ihr
zu Gebote standen, um Angelika ins Leben zu rufen; Kleeborn eilte hinaus, um den
Wagen nach einem Arzte auszuschicken.
    Erwache, Angelika, erwache! rief Ferdinand mit furchtbarem Tone in
Todesangst.
    Angelika erwachte nie wieder.

Der unglckliche Klarenau war, so wie er Deutschlands Grnze erreichte, zu
Angelikas Oheim, dem Baron Sternwald hingeeilt, bei dem er die Geliebte noch zu
finden hoffte. Die schlecht verhehlte Verlegenheit, mit der er dort empfangen
ward, schien ihm gleich auf nichts Gutes zu deuten; sie entsprang indessen doch
nur aus dem beschmenden Gefhle der Nachlssigkeit, mit der man sich seit
langer Zeit um das Geschick einer so nahen Verwandten gar nicht weiter bekmmert
hatte. Es whrte lange, ehe man unter einem Haufen alter Papiere die Adresse der
Prbstin von Falkenhayn auffinden konnte, bei der, wie man versicherte, Angelika
sich in diesem Augenblick nur zum Besuche aufhielt. Klarenaus liebevolle
Ungeduld lie ihm nicht Zeit, das unwrdige Benehmen von Angelikas Verwandten
weiter zu ahnden, er eilte unaufhaltsam den Wohnort der jetzigen Beschtzerin
seiner Geliebten aufzusuchen, doch leider fand er Anna nicht daheim, sie war
gerade in dieser Zeit in der Residenz, um Raimunds Angelegenheiten zu frdern.
    Der einzige Bediente, den Klarenau in ihrer Wohnung zu Gesicht bekam, wute
ihm den Ort nicht mit Bestimmtheit zu nennen, wohin sie gereist sey. Er meinte
sie wrde wohl nach ** zu ihrem Schwager, dem reichen Herrn Kleeborn gegangen
seyn, denn sein Kamerad, der lange mit ihr dort gewesen sey, habe ihm gesagt,
da sie versprochen habe, im Sommer zur Hochzeit einer ihrer Nichten
wiederzukommen. Von Angelika wute der Bediente gar nichts zu sagen, er war erst
seit kurzen in Annas Dienst, und hatte jene weder gesehen noch von ihr gehrt.
Die Ungeduld, welche Klarenau immer vorwrts zu eilen trieb, ward heftiger; bse
Ahnungen kamen hinzu, und so hielt er sich nicht damit auf, an einem Orte, mit
dessen Einrichtungen er vllig unbekannt war, nhere Nachrichten einziehen zu
wollen. Er schrieb sich Kleeborns Namen auf und reiste Tag und Nacht bis er **
erreichte.
    Der fernere traurige Erfolg seiner Nachforschungen ist dem Leser bekannt.
Nach Angelika hatte er Herrn Kleeborn gar nicht gefragt, denn die Mglichkeit,
sie hier zu finden, fiel ihm nicht ein, und Kleeborn war schon zu gewohnt, sie
als ein Mitglied seiner Familie zu betrachten, als da es ihm htte in den Sinn
kommen knnen, ihrer besonders zu erwhnen.
    In unentweihter Schnheit, lchelnd wie ein schlummerndes Kind, mit dem die
Engel spielen, lag Angelika von Rosen umgeben, in ihrem Sarge. Tag und Nacht
blieb Ferdinand ihr zur Seite, so lange die holde Gestalt noch die Erde
schmckte. Er folgte ihr in stummer Trauer, als sie endlich nach einem ihrer
Lieblingspltze, in einen abgelegenen Theil des Gartens, getragen ward. Unter
jungem Rosengebsch und uralten Cypressen hatte ihr Kleeborn hier, auf
Vicktorinens instndiges Bitten, die letzte Ruhesttte bereiten lassen.
Ferdinand blieb die Nacht hindurch allein an ihrem Hgel. Am folgenden Tage
bezog er ein kleines Haus, dicht neben demselben, das sonst wegen seiner
herrlichen Aussicht zuweilen zu lndlichen Festen gedient hatte, und das
Kleeborn ihm willig einrumte. Dort wohnte Klarenau von nun an in ungestrter
Einsamkeit, er fhlte seine in den unerhrten Strmen seines Lebens erschpften
Krfte mit jedem Morgen tiefer sinken, und freute sich der ihm immer nher
tretenden Hoffnung, bald neben der Geliebten auszuruhen. Sein Schmerz gewann
dadurch jenen stillen rhrenden Ausdruck, der, weit entfernt von Bitterkeit und
Hadern mit Gott und der Welt, auf ein fromm ergebenes Gemth deutet. Er floh die
Gesellschaft, doch nicht die Menschen; oft sa er Stundenlang mit Vicktorinen an
Angelikas Hgel und lie sich von dem schnen Zusammenleben der beiden
Freundinnen erzhlen, oder er sprach zu Vicktorinen von Raimund und seiner
Errettung durch diesen, und von dem sehnlichen Wunsche, ihn noch einmal im Leben
zu sehen, dessen Gestalt nur wie ein dunkles Traumbild aus seinen
Fieberphantasien ihm vorschwebte. Den wackern Horst und dessen frhliche Braut
sah er ebenfalls gern und freute sich des frisch erblhenden Lebens dieser
Beiden; sogar der alte Kleeborn war ihm lieb geworden, denn dieser fhlte das
tiefste Mitleid fr den Armen und trat immer so leise an ihn heran, als befnde
er sich in einer Kirche.
    So ward er allen ein lieber milder Gefhrte, und jeder ehrte seinen Schmerz,
weil er auf so edle Weise ihn zu tragen wute und niemanden durch denselben
lstig fiel. Sie besuchten ihn gern an seinem stillen Hgel, zwischen dessen
dunklen Cypressen sich unter seiner Leitung ein groes einfaches Kreuz von
weiem Marmor erhob. Nur Babet ging ihm aus dem Wege, aber sie lie es dennoch
an schnen rhrenden Redensarten nicht fehlen, wenn sie so glcklich war, durch
Erzhlung seiner traurigen Geschichte die Aufmerksamkeit der Gesellschaft sich
zuwenden zu knnen.
    Horst hatte den schweren Auftrag erhalten, der Tante den Verlust ihrer
Angelika zu melden, denn Vicktorine vermochte es in den ersten Tagen nicht die
Feder zu fhren. Er suchte auf die schonendste Weise ihr die traurige Nachricht
zu verknden, aber Annas Herz blutete dennoch bei dieser Botschaft aus tausend
Wunden.
    Mein ses Kind! meine holde weie Rose! ach warum mute ich fern von Dir
seyn, als Du das schne Haupt zum ewigen Schlummer neigtest, schrieb Anna in
ihrer Antwort an den Rittmeister. Jetzt erst verstehe ich, was mich immer so
vorahnend ergriff, wenn ich den Namen Klarenau nennen hrte. Immer mute ich
denn aufzufinden suchen, wo ich frher ihn gehrt, was mir ihn merkwrdig
gemacht haben knne, und doch kam ich nie darber zum klaren Bewutseyn. Ganze
Nchte hindurch hat dieser Name mich verfolgt, jetzt wei ich, da Baron von
Sternwald ihn mir einmal genannt hat, als er Angelikas hartes Geschick mir
vertraute. Sie selbst nannte den Geliebten nie so, sie sprach immer nur von
Ferdinand, und war von seinem Untergange so fest berzeugt, da auch in mir kein
Zweifel daran aufkommen konnte. Htte man mir in dieser Zeit, da ich wegen einer
Angelegenheit, in die auch ich verwickelt bin, ihn oft nennen hrte, nur ein
einzigesmal als Ferdinand von Klarenau ihn bezeichnet, und dabei die lange Reihe
seiner brigen Vornamen weggelassen, die mich irre machten, ich glaube, da mein
Gedchtni wieder erwacht wre. Dann htte ich die arme Angelika auf das Glck
vorbereiten knnen, das ihr so nahe bevorstand, und die berraschende Freude
htte das weiche, nur an Leiden gewohnte Herz nicht gebrochen. Angelika lebte
noch - ach wahrscheinlich doch nur, um einige Wochen oder Monate spter die Welt
mit bangem Widerstreben, im harten Kampfe zu verlassen, die Ferdinands Liebe ihr
erst zum Paradiese umgewandelt htte!
    O meine Angelika! im hchsten Lichtpunkt Deines sonst immer trben Lebens,
dem kein zweiter in solcher Herrlichkeit folgen kann, schlang Dein reiner Geist
sich hinauf, Dein Herz brach in Wonne! Wer mchte nicht sterben wie Du?
    Nach dem, was Sie, lieber Horst, von des armen Klarenau jetzigem Zustande
mir schreiben, und dem, was ich sonst noch von seinem frhern Geschicke erfuhr,
darf er hoffen, nicht lange mehr ber den Hgel zu trauern, unter dem das Leben
seines Lebens ruht. Seine Leiden whrend der frchterlichen Gefangenschaft, in
der er Jahre lang schmachtete, muten seine Lebenskraft ohne Rettung
untergraben.
    Ach, ich weine um meine Angelika und dennoch fiel ihr auch in dieser
Hinsicht ein glckliches Loos.
    Du weiche sanfte Seele, wie httest Du es tragen wollen, den Geliebten
zweimal zu berleben.

Der Winter kam heran, doch weder Bitten noch Vorstellungen vermochten es, den
armen Klarenau zu bewegen, sich von seinem Cypressenhgel und der kleinen
Wohnung in der Nhe desselben zu trennen; seine Freunde muten sich
entschlieen, ihn einsam zurckzulassen, als sie ihr Haus in der Stadt wieder
bezogen.
    Agathens Hochzeit war durch den Tod der von allen betrauerten Angelika
verschoben worden, selbst Horst hatte sich mit guter Art darin ergeben, denn die
ihm eigne Gutmthigkeit erlaubte ihm nicht, in der Nhe eines so Unglcklichen,
wie Klarenau, ein frhliches Fest zu begehen. Jetzt aber wurde, zu Anfange des
Winters, der feierliche Tag von Herrn Kleeborn unwiderruflich bestimmt, so viel
auch Agathe dagegen einwenden mochte, die durchaus erst die Ankunft der Tante
abwarten wollte.
    Selbst am Hochzeitsmorgen war indessen Agathe noch fest berzeugt, da Anna
sich zur rechten Zeit einstellen werde; denn, sagte sie, sie hat es einmal
versprochen und den Tag wei sie auch. Glaubt mir nur, sie kommt gewi und daher
knnt ihr es mit dem Anziehen noch immer anstehen lassen, ihr versteht es doch
alle nicht wie sie, und wenn die Tante mich heute nicht anziehen soll, so
braucht meinetwegen gar nichts daraus zu werden, heute.
    Jedoch die Zeit verging, die Stunde der Trauung rckte immer nher, das um
Agathen versammelte Heer der Jugendfreundinnen, das nicht minder zahlreiche der
Kammerjungfern wurde immer dringender in seinen Ermahnungen. Schon griff Babet
mit sauerser Miene zu den Myrthen, um den Kranz daraus zu flechten und Agathe
wurde recht ngstlich und betrbt, weil niemand mehr auf sie hren wollte. Da
erscholl mit einemmal ein lautes Freudengeschrei von allen Lippen, alles
schwirrte im frhlichsten Aufruhr durcheinander, denn die Tante stand pltzlich
mitten unter ihnen. Sprachlos fr Freude und Schmerz lag Vicktorine in ihren
Armen, Agathe lachte und weinte in einem Athem und erdrckte die geliebte Frau
beinahe mit ihren Liebkosungen.
    Anna war mild und freundlich wie immer, sie begrte alle mit gewohnter
Anmuth, doch ihr sonst helles Auge war von Wehmuth getrbt, sie wollte Angelika
nicht erwhnen, um die junge Braut nicht zur Traurigkeit zu stimmen, aber es
wurde ihr sehr schwer zu verbergen, wie schmerzlich sie in diesem frohen
jugendlichen Kreise ihren stillen Liebling vermisse.
    Wer hatte nun Recht? jubelte Agathe, als die Tante wirklich anfing, das
ihr bertragene Amt zu verwalten; aber da wollte niemand mir Glauben schenken,
nicht einmal Vicktorine. Niemand hier kennt Sie so gut als ich, liebe Tante,
denn Sie sehen es selbst, niemand baut so fest auf Sie als Ihre Agathe. Knnte
ich Ihnen nur sagen wie lieb ich Sie habe, aber wo die Zeit dazu hernehmen? Erst
anziehen, dann getraut werden, dann Ball bis zum hellen lichten Morgen. Ich
mache mir heute nicht viel aus dem Tanzen, aber der Onkel und Mamsell Virnot
lassen sich das nun einmal nicht nehmen. Und hernach entfhrt mich der Schwarze
auf der Stelle nach B**. Wie werde ich das alles nur berstehen? Getraut werden
ist doch gar zu erschrecklich, schluchzte sie zuletzt, und die hellen Thrnen
rollten ihr dabei aus den unschuldigen Kinderaugen.
    Anna sprach ihr Muth ein und band ihr dabei ihr Hochzeitsgeschenk, eine
Schnur der schnsten Perlen, um den runden weien Hals. Agathe war gleich wieder
das frhliche Kind, welches seiner Freude kein Ende wute, weil die Tante ihr
etwas mitgebracht hatte. Die Perlen sind kstlich, aber meinetwegen knnten es
rmische Glasperlen seyn, sie wren mir nicht minder lieb, rief sie einmal ber
das andere.
    Und ich Arme? was bringen Sie mir? flsterte leise schmeichelnd
Vicktorine.
    Hoffnung und auch sonst noch Manches, antwortete Anna ziemlich ernsthaft.
Du hast aber an mir und meiner Liebe gezweifelt, Vicktorine, darfst Du es
lugnen? Vicktorine kte errthend mit zitternder Lippe ihre Hand. Darum mut
Du warten bis morgen, heut ist Agathe die Knigin des Tages, setzte Anna
freundlicher hinzu.
    Das Fest verging, wie solche Feste es pflegen, unter Weinen und Lachen. Der
Ball, von dem Kleeborn sich wirklich nicht hatte abbringen lassen wollen,
whrte, bis mit grauendem Morgen der Wagen vorfuhr, der das junge Paar nach
Horsts jetzigem Wohnorte bringen sollte. Anna, nebst einem groen Theil der
brigen Gesellschaft begleitete die in Thrnen schwimmende Agathe und den
hocherfreuten Brutigam bis an denselben.
    Ich bin recht froh darber, sprach Anna zu Kleeborn, nachdem der Wagen
fort war, da die jungen Leute den vernnftigen Entschlu gefat haben,
sogleich in ihre Huslichkeit einzuziehen, statt nach der neuesten Mode, sobald
sie getraut waren, auf Reisen zu gehen. Die Freude am Wirthshausleben und die
Sucht dem Glck auf der Poststrae nachjagen zu wollen, gewinnt jetzt unter
allen Stnden nur zu sehr die Ueberhand; wenn das so fortgeht, so glaube ich,
da nach funfzig Jahren niemand mehr einer eigenen Wohnung bedrfen wird, alles
wird immer von Ort zu Ort ziehen, wie die wandernden Tartaren.
    Ach, es geht doch nichts ber das Reisen, rief ein junges Mdchen, welches
diese Bemerkung mit anhrte und die Thrme seiner Vaterstadt noch nie aus dem
Gesichte verloren hatte.
    Nichts als die Freude sich wieder zu Hause zu finden, erwiederte Anna,
aber um dieses zu fhlen mu man freilich erst gereist seyn.

Kleeborn benutzte die erste ruhige Stunde des folgenden Tages zu einer ernsten
vertrauten Unterredung mit der Tante, deren unerwartete Ankunft auch ihm sehr
willkommen war.
    Ich habe Sie immer als eine ungemein kluge verstndige Dame verehrt, hob
er an, jetzt aber mu ich mehr wie jemals Ihre tiefe Einsicht bewundern. Was
wre jetzt aus Vicktorinen geworden, wenn nicht nach Ihrem Rath die Verlobung
meiner Tochter mit dem nichtswrdigen Sir Charles sich so verzgert htte! Ich
habe von unserem Mller die traurigsten Nachrichten aus Amsterdam erhalten; mein
alter wrdiger Freund Wimann ist nicht mehr, er ist vor Kummer gestorben. Dem
Alten gingen bei diesen Worten die Augen ber, er nahm sich aber zusammen, um
der Tante den Inhalt von Mllers Berichten mitzutheilen.
    Von jeher hatte Sir Charles seinen kaufmnnischen Geschften mit der
grten Nachlssigkeit vorgestanden und sie fremden Hnden meistens bertragen.
Da aber sein Etablissement in London als ein Nebenzweig des sehr geachteten
Hauses seines Vaters in Amsterdam galt, so war das eine Zeit lang so
hingegangen, ohne ihm in der ffentlichen Meynung sonderlich zu schaden. Whrend
der letzten Jahre, die er auf dem festen Lande zubrachte, hatte indessen sein
Hang zur Verschwendung eine an Wahnsinn grnzende Hhe erreicht, er trieb mehr
als frstlichen Aufwand, und forderte zu diesem immer betrchtlichere Summen.
Niemand konnte besser berechnen wohin dieses am Ende fhren msse, als sein
erster Handlungsdiener, und dieser, um die gehoffte Erndte nicht zu verlieren,
benutzte den ersten gnstigen Augenblick, und machte mit allem Gelde, dessen er
habhaft werden konnte, bei Zeiten sich aus dem Staube, indem er zugleich alles
brige dem Zufall berlie. Die nchste Folge davon war, da Sir Charles
Zahlungen pltzlich eingestellt werden muten und sein Vater, der diese
Nachricht ganz unvorbereitet erhielt, sank darber, von einem Schlagflu
getroffen, auf das Sterbebette hin.
    Mller fand ihn schon sprachlos und ohne Bewutseyn, das er auch bis an
seinen Tod nicht wieder erhielt.
    Es war dem unglcklichen Alten zwar nicht verborgen geblieben, da sein
Sohn ziemlich wild in die Welt hineinlebe und viel Geld brauche, aber er hatte
keine Ahnung davon gehabt, da dieses so weit gehen knne, um dessen vlligen
Untergang und vielleicht auch den seines Vaters herbeizufhren. Sein pltzlicher
Tod, die enge Verbindung, in der er mit dem Hause seines Sohnes stand, fhrte in
seinen eigenen Angelegenheiten eine Verwirrung herbei, deren vernichtende Folgen
nur durch schleuniges Hinzutreten seiner Freunde abgewendet werden konnten,
namentlich des alten Mller, der sich hier sogleich fr Herrn Kleeborn thtig
bewies. Sir Charles lie whrend der Zeit nichts von sich sehen und hren, er
schien von der Erde wie weggehaucht, aber es ging ein Gercht, da er whrend
des Sommers in Spaa und Aachen, unter einem andern Namen, als Spieler von
Handwerk aufgetreten sey.
    Ach, liebes Frulein Schwester, setzte Kleeborn dieser Erzhlung hinzu,
ich bleibe zwar bei alle dem wohlbehalten, aber ich werde doch, von schweren
Sorgen gedrckt, in mein Grab gehen. Auf meinem wohlerworbenen Gute mu nach dem
Glauben unsrer Vorfahren der Seegen ruhen, denn kein unrecht gewonnener Thaler
ist dabei, aber wem soll man heut zu Tage noch vertrauen? Wem werde ich mein
Kind und die Frucht meiner vieljhrigen Arbeit einst hinterlassen? Wer soll den
Namen ehrenvoll fortfhren, den ich mit Gottes Hlfe und redlichem Fleie mir in
der Handelswelt erworben habe, und auf den ich eben so viel halte, als ein
Edelmann mit sechzehn Ahnen nur auf den seinen halten kann?
    Die Tante wollte ihm einigen Trost geben, aber er war nicht in der Stimmung,
darauf zu hren.
    Seit ich alles dieses erlebte, fuhr er fort, habe ich schon zuweilen
daran gedacht, noch bei meinen Lebzeiten alles aufzugeben, mir Gter zu kaufen
und auf dem Lande meine Tage zu beschlieen. Aber ich wei, da die Ruhe mich
tdten wrde. Mein Leben ist Arbeit und Arbeit ist mein Leben, Arbeit die ich
verstehe und liebe. Und soll ich denn selbst einreien was ich selbst erbaute?
soll ich mein eigner Leichenstein werden? Es ist unmglich, ich kann es nicht.
Wre Vicktorine ein Sohn, ich htte ihn anders erzogen, als der gute aber
schwache Wimann seinen Taugenichts, und mir wre geholfen; doch auch so ist und
bleibt sie meine einzige Hoffnung auf Erden.
    Sie wird diese Hoffnung erfllen, zweifeln Sie nicht daran, erwiederte
Anna. Nur darf der Mensch dem Glcke die Gestalt nie vorschreiben wollen, in
der es ihm erscheinen soll, sonst ruft er leicht sein Unglck herbei. Indessen
habe auch ich etwas wichtiges Ihnen mitzutheilen, wozu ich mir Gehr von Ihnen
erbitte. Doch zrnen Sie nicht, da ich gleich anfangs einen Ihnen verhaten
Namen nennen mu, der junge Holm - - -
    Weder er, noch sein Name sind mir verhat, fiel Kleeborn ein. Der junge
Holm hat sich in der kurzen Zeit zu einem auerordentlich geschickten und
ehrenwerthen Kaufmann ausgebildet. Er ist vor einigen Tagen in Amsterdam
eingetroffen, schreibt Mller mir, er tritt dort recht verstndig fr die Herren
Fischer ein, die mit dem Wimannschen Hause fast eben so tief verwickelt sind
als ich selbst, und seiner Leitung verdanken wir es grtentheils, da der Name
meines alten Freundes nicht noch im Grabe mit Schande bedeckt wird. Wie es aber
zugehet, da er eher als sein Schiff nach Europa zurckgekehrt ist, wei ich
nicht.
    Anna gerieth bei der Nachricht, da Raimund schon in Amsterdam wre, in
nicht geringes Erstaunen, doch sie barg dieses so gut sie konnte, und herzlich
froh ber die gute Meynung welche Kleeborn eben geuert hatte, war sie im
Begriffe das angefangene Gesprch fortzusetzen.
    Verzeihen Sie, Frulein Schwester, da ich Ihnen abermals in die Rede
falle, unterbrach Kleeborn sie von neuem. Aber ich glaube zu sehen wo Sie
hinaus wollen, und da mu ich Ihnen zuvorkommen. Der junge Holm kann nie mein
Schwiegersohn werden, das mute ich Ihnen sagen, ehe Sie weiter gehen. Ich
gestehe es ein, da er ein junger Mann ist, dessen auerordentliche
Geschicklichkeit in seinem Fache den Mangel an hinreichendem Vermgen allenfalls
aufwiegen knnte, aber er ist der Associ der Herren Fischer, sobald er zu Hause
wieder anlangt. Mein Schwiegersohn mu meine Geschfte und meinen Namen nach
meinem Tode fortfhren. Mit Wimann war es so, der wre mit der Zeit hier an
meine Stelle getreten, fr dessen Londonner Etablissement war schon ein Andrer
bestimmt, ich und das Haus in Amsterdam - ach es war ein schner groer Plan,
ich darf gar nicht daran denken. Nun es ist vorbei! - Da ich aber einer
kindischen Liebesgeschichte zu Gefallen so unrechtlich handeln sollte, den
Herren Fischer ihren besten Arbeiter abspenstig zu machen, der sich obendrein in
ihrem Hause gebildet hat, das werden Sie doch gewi dem alten Kleeborn nicht
zumuthen wollen, der Ihnen wohl zuweilen wie ein wunderlicher Kautz vorkommen
mag, der aber doch dabei immer auf Ehre hlt, trotz dem ersten Edelmann.
    Hren Sie mich aber endlich einmal an, lieber Kleeborn, was ich Ihnen zu
sagen habe ist ganz andrer Art als Sie wohl vermuthen, sprach Anna, indem sie
ein groes Packet Papiere vor sich auf den Tisch hinlegte. Kleeborns gewohnte
Ehrfurcht vor allem, was einem Geschfte hnlich sah, bewog ihn, bei diesem
Anblicke ihr alle Aufmerksamkeit zu schenken, die sie nur verlangen konnte; er
unterbrach sie nicht ein einzigesmal, whrend sie Alberts und dessen Sohnes
Geschichte ihm theils erzhlte, theils durch Vorlesung einzelner Stellen aus den
vor ihr liegenden Papieren ihm deutlicher machte. Zuletzt legte sie ihm noch
eine Abschrift der Anerkennungs-Urkunde des Lehnhofes vor, durch welche Raimund
Holm als der letzte Zweig der von Leuen in den Besitz des Erbtheils seiner Vter
eingesetzt ward, und einen Anschlag seiner jetzt ganz schuldenfreien Gter.
    Sie sehen wohl ein, sprach Anna lchelnd, whrend Kleeborn die ihm
vorgelegten Documente sehr aufmerksam durchging, Sie sehen wohl ein, da jetzt
von des jungen von Leuen Verbindlichkeiten gegen Herrn Fischer nicht mehr die
Rede seyn kann, und auch, da bei dessen noch immer bestehender treuen Liebe zu
Ihrer Tochter kein niedriger Eigennutz im Spiele ist; um so weniger, da das von
seinem Vater ererbte Vermgen des jungen Mannes bedeutender ist, als Sie wohl
glauben, und ich mich auch jetzt in meinem Gewissen fr verpflichtet halte, ihn
zum Erben des grten Theils meiner Habe einzusetzen. Sie wissen, ich bin
wohlhabend, aber ich verdanke dies einem Vermchtnisse des ltern Herrn von
Leuen, der damals nicht wute, da sein Bruder, der Vater dieses Raimunds, noch
am Leben sey, welcher sonst dessen natrlicher Erbe gewesen wre.
    Ich sehe, Frulein Schwester, erwiederte Kleeborn recht freundlich, da
Sie mir hier eine Parthie fr meine Tochter anbieten, die alles weit bertrifft,
was ich jemals fr das Mdchen erwarten konnte. Und dennoch bin ich gezwungen,
sie zurckzuweisen.
    Anna erschrack gewaltig ber diese deutlich ausgesprochene Erklrung, doch
Kleeborn fuhr ganz gelassen fort zu reden. Von allem dem Merkwrdigen, was ich
heute von Ihnen vernommen habe, hat nichts einen tiefern Eindruck auf mich
gemacht, als der Brief jenes Herrn Bernhard von Leuen, der ein sehr respektabler
Mann gewesen seyn mu. Was er von den Verpflichtungen schreibt, die von solchen
groen Besitzungen unzertrennlich sind, hat meinen vollkommensten Beifall. Was
indessen damals dem Vater galt, mu jetzt dem Sohne gelten, er kann nicht mehr
daran denken, Kaufmann bleiben zu wollen. Wenn er rechtlich handeln will, darf
er um Vicktorinens willen den ihn angebornen Pflichten nicht entsagen. Zwischen
dem Gutsbesitzer und dem Kaufmann darf er sich nicht theilen wollen, denn dieser
besonders erfordert einen ganzen Mann, namentlich in unsern Tagen, wo alles auf
die Spitze gestellt wird.
    Aber, lieber Herr Bruder, so bedenken Sie doch das Glck Ihres einzigen
Kindes! rief Anna.
    Glauben Sie nicht, fuhr Kleeborn fort, der einmal ins Reden gekommen war,
glauben Sie nicht, da ich aus blinder Anhnglichkeit an meinen gewi nicht
ungegrndeten Widerwillen gegen Verbindungen Adliger mit Brgerlichen hier so
entscheidend spreche. Keine Regel ohne Ausnahme, pflege ich immer zu sagen, und
wre Vicktorine nicht meine einzige Erbin, nun so - aber wie die Sache steht ist
es unmglich. Was der alte Herr von Leuen in seinem Briefe ber die Erhaltung
seines alten edlen Namens schreibt, ist mir ebenfalls wie aus der Seele
gesprochen. Zwar habe ich keine Gallerie von Ahnenbildern aufzuweisen, ich wei
kaum, wer der Vater meines Grovaters war, aber was nicht ist, kann werden;
warum sollte nach hundert oder zweihundert Jahren eine rechtliche brgerliche
Familie nicht auch mit Stolz auf ihre Vorfahren zurck sehen knnen? Wir haben
schon der Beispiele. Ich will der Stammvater meines Hauses seyn, so gut als der
erste von Leuen es der des seinigen war, den Ihr verstorbener Freund mit Recht
ber alle seine Nachfolger erhebt, und der vielleicht von seinem Eltervater
weniger wute als ich von dem meinen. Mein Name, meine Firma drfen nicht
untergehen. Vicktorine mu sich darin ergeben.
    Einem Namen, einem bloen Schalle soll die Arme geopfert werden! rief
Anna, hingerissen von ihrem Gefhl, auch wohl ein wenig vom Zorne gegen sich
selbst, weil sie, ohne es zu denken, dem alten Kleeborn die Waffen in die Hnde
gegeben hatte, die er jetzt ganz unerwartet gegen sie wandte.
    Handelten denn nicht in tausend hnlichen Fllen Ihre Standesgenossen eben
so? erwiederte Kleeborn ebenfalls etwas gereizt. Vicktorine aber wird nicht
geopfert, Frulein Schwester. Ich denke Kleeborns Tochter soll auch ferner noch
unter Vielen die Wahl haben, wie sie bis jetzt sie gehabt hat, und ich will
nichts weiter, als diese Wahl verstndig zu leiten suchen, wie es dem Vater von
Rechtswegen zukommt.
    Anna fhlte, da heftiger Widerspruch den Alten leicht dahin bringen knnte
ein Wort auszusprechen, welches er, wie sie ihn kannte, hernach nimmermehr
zurckgenommen htte. Sie unterdrckte daher den eignen Unmuth, den seine
letzten Reden in ihr erweckten.
    Ich rume Ihnen ein, sprach sie, da sich fr Ihre Ansicht vieles sagen
lt, ich bin auch weit davon entfernt, das Gefhl zu tadeln das Sie zu diesen
bestimmte. Aber ich bin auch Ihnen und den Ihrigen zu nahe verwandt und zu
herzlich zugethan, als da ich Sie nicht ebenfalls darauf aufmerksam machen
sollte, wie leicht und auf welche traurige Weise Sie dennoch das Ziel verfehlen
knnen, da Sie sich gesetzt haben. Vicktorinens Liebe gehrt nicht zu jenen
phantastischen Einbildungen, mit denen junge Mdchen ihres Alters sich zuweilen
selbst zu tuschen pflegen. Sie sehen sie alle Tage, darum fllt Ihnen die
Vernderung in ihrem Aeussern nicht auf, ich aber bin bei meiner Ankunft darber
erschrocken; sie ist ja nur noch der Schatten von dem, was sie war. Denken Sie
an die arme Angelika.
    Sagte ich es doch immer! rief Kleeborn sichtbar beunruhigt. Sie hat sich
noch bei weitem nicht von ihrer letzten schweren Krankheit erholt. Sie sollte
diesen Sommer nach Pyrmont, aber sie wollte nicht, das eigensinnige Ding. Jetzt
soll aber doch auch gleich der Arzt gerufen werden!
    Lieen Sie ihn nicht auch zur armen Angelika rufen? sprach Anna, mute er
nicht auf Ihren Antrieb Monate lang alle seine Kunst anwenden um sie am Leben zu
erhalten? und was hat es geholfen? Zeitlebens werde ich die vterliche Sorge und
Freundlichkeit dankbar erkennen, die Sie dem lieben Kinde erwiesen haben? aber
Sie haben dennoch ihr langsames Erlschen mit ansehen mssen. Angelika starb
unter ihren Augen am gebrochenen Herzen, ich frchte: Vicktorine ist auf gutem
Wege ihr zu folgen, wenn Sie nicht bei Zeiten der Arzt werden, der ihr allein
helfen kann.
    Es ist entsetzlich! rief Kleeborn. Sonst war doch die verdammte Krankheit
mit dem gebrochnen Herzen nur in England zu Hause. Unsre Mdchen sind gar nicht
wie ihre Mtter, die weinten ihr Gesetzchen, wenn es nicht nach ihren Willen
ging und lebten darum doch flott weg.
    Anna seufzte recht aus tiefem Herzensgrunde, der Seufzer galt dem Andenken
ihrer Schwester.
    Ich mu Ihnen nur gestehen, sprach Kleeborn immer unruhiger werdend, da
seit dem Tode der guten Angelika mir schon zuweilen ein hnlicher Gedanke durch
den Kopf geflogen ist, wenn ich meine Vicktorine so bla und so betrbt sah. Es
hat mir schon manchen Kummer gemacht, versichre ich Sie. Ich will ihr ja aber
Zeit lassen, ich will in nichts sie bereilen. Sie ist ja kaum in den Zwanzigen
und war immer kerngesund. Nicht wahr? Sie denken auch, da sie sich wieder
erholen wird?
    Anna regte sich nicht und antwortete keine Silbe. Kleeborn fing an, mit
groen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen, wie er immer that, wenn er ber
irgend etwas mit sich selbst nicht einig werden konnte. Dann stand er vor der
Tante still. Frulein Schwester, hob er an, es gbe vielleicht einen Ausweg.
Sie sind eine Dame, der ein Mann wohl etwas vertrauen darf. Ich habe Ihnen etwas
zu bekennen, das vielleicht - Sie sind - ich bin - ja wie gesagt, es wre
mglich, da ein Ausweg sich fnde, wenn Sie, wenn Vicktorine, wollte ich sagen
- oder vielmehr wenn der junge Holm - Ach Gott, es geht doch nicht. Ihnen gerade
kann ich es gar nicht sagen, denn - ich will es mir noch besser berlegen, und
Sie sollen davon hren, nur jetzt nicht. Hiermit verlie Kleeborn das Zimmer,
und Anna blieb in der qulendsten Ungewiheit zurck. Ein eben ankommender Brief
aus Amsterdam erklrte ihr das Rthsel von Raimunds unerwarteter frher Rckkehr
nach Europa. Horst hatte diese veranlat; jener Zeitungsartikel, den er zu
Anfange des Sommers in Kleeborns Gartenhause las, hatte einen weit tiefern
Eindruck auf ihn gemacht, als er sich damals merken lassen mochte. Er fhlte
sich bewogen seinen und Raimunds Freund, den jngern Herrn Fischer, aufzusuchen,
um mit diesen sich darber zu besprechen. Zuflligerweise hatte Anna von
Falkenhayn so eben ein starkes Packet zur weitern Befrderung an Raimund
eingesandt, und zugleich die Herren Fischer in einem besondern Schreiben
gebeten, diesen sobald als mglich nach Europa zurckzurufen, weil eine wichtige
Familienangelegenheit seine baldige Gegenwart erforderlich mache. Dieser Brief,
der Zeitungsartikel, die Bewegung, in die Vicktorine ber diesen gerathen war,
wute Horsts natrlicher Scharfsinn so gut mit einander zu kombiniren, da er
dadurch der Wahrheit ziemlich nahe auf die Spur gerieth. Er beschlo, von seinen
Vermuthungen gegen Vicktorine nichts zu uern, aber seine Bitten und
Vorstellungen bewogen Herrn Fischer, an Raimund zu schreiben, da er, wenn er
dieses zu seinem eignen Besten fr nthig hielt, die erste Gelegenheit zu seiner
Rckkehr benutzen und die gnzliche Beendigung seines dortigen, von ihm sehr
glcklich eingeleiteten Geschftes einem zuverlssigen Manne bertragen mge,
den man zum Gehlfen ihm mitgegeben hatte.
    Ein nach Amsterdam bestimmtes Schiff lag eben in jenem Hafen seegelfertig.
Raimund schiffte auf diesem sich augenblicklich ein, und kam nach einer sehr
kurzen glcklichen Reise gerade zur rechten Zeit in Amsterdam an, um bei
Berichtigung der Wimannschen Angelegenheiten sich durch wohlangewandte
Thtigkeit seinen wohlwollenden Freunden dankbar zu beweisen.
    Glhende, kein Wanken kennende Liebe zu Vicktorinen, innige, wahrhaft
kindliche Neigung und Dankbarkeit gegen Anna, sprachen laut aus jeder Zeile in
Raimunds Brief, doch die Wendung, die das Geschick whrend seiner Abwesenheit
mit ihm genommen hatte, schien ihn mehr in Erstaunen zu versetzen, als ihn zu
beglcken. In dem, was er bei dieser Gelegenheit aus seiner Eltern frherem
Leben erfahren mute, so schonend Anna es ihm auch beigebracht hatte, lag
dennoch unendlich viel Schmerzliches und Erschtterndes; die Ungewiheit,
welchen Einflu diese Vernderung seiner Lage auf das knftige Gelingen seiner
sehnlichsten Wnsche haben knne, kam dazu und so war es ihm unmglich, der
Freude sogleich in seinem Herzen Raum zu gewhren.
    Auch Vicktorine wurde mehr traurig als erfreut, da Anna ihren unablssigen
Bitten und Forschen endlich nachgab, und ihr alles, sogar Raimunds unerwartete
Wiederkehr entdeckte. Ihn allen Gefahren einer weiten Seereise glcklich
entronnen zu wissen, war ihr freilich ein sehr groer Trost, aber so ungeduldig
sie frher die Entscheidung ihres Geschicks herbeigewnscht hatte, so ngstlich
bebte sie jetzt ihr entgegen, da sie glauben mute ihn ganz nahe gegenber zu
stehen. Hoffnung war alles, was die Tante ihr zum Troste geben konnte, aber wir
sind nie weniger geneigt, diese zu fassen, als in dem wichtigen Augenblick, wo
alles auf dem Spiele steht. Anna selbst war von dem Schmerz ber den Verlust
ihrer Angelika zu ergriffen, als da sie fhig gewesen wre, Vicktorine krftig
wie sonst aufrecht zu erhalten. Ihre einzige, wenn gleich heimliche Freude war
an diesem Tage, da Vicktorine sehr bleich und mit trben Augen bei Tische
erschien, und da Kleeborn darber Essen und Trinken verga, mit kaum zu
verhehlender Aengstlichkeit sie betrachtete, und dann ganz gegen seine gewohnte
Art stumm und in sich gekehrt da sa.

Zu der Tante nicht geringem Erstaunen lie Doctor Erning sich am frhen Morgen
des nchsten Tages bei ihr melden; sie war seiner Besuche nicht gewohnt, denn
sie hatte sich stets davor gehthet, mit ihm in nhere Verbindung zu gerathen,
daher war sie auch jetzt willens ihn abweisen zu lassen; doch das ist kein
Leichtes bei einem Manne seiner Art. Er sah sie durch die Spalte der halb
geffneten Thre in ihrem Armstuhle vllig angekleidet sitzen, und dieses war
ihm genug, um sogleich in ihr Zimmer zu dringen, ohne ihre Erlaubni dazu vorher
abzuwarten.
    Ich komme als geheimer Geschftstrger, rief er gleich beim Eintreten dem
sehr ernsten Empfange entgegen, der aus ihren Augen ihm zu drohen schien, eine
Dame wie Sie, hochwrdige Frau, wei gewi, da diese berall das Vorrecht
haben, sich ungestraft etwas berlstig zu bezeigen.
    So mchte ich mir aber doch vorher Ihr Creditiv ausbitten, ehe wir zur
Conferenz schreiten, erwiederte Anna mit sehr gemess'nem Ton.
    Das liegt schon in der Natur der Sache, antwortete Erning, ohne sich
dadurch irren zu lassen. Kleeborn schickt mich in der bewuten
Heirathsangelegenheit an Sie ab, hochwrdige Frau. Sie wundern sich darber? Ja,
das ist nun einmal hier zu Lande nicht anders, ohne Erning kann nichts in
Ordnung gebracht werden, er mu jung und alt aus der Klemme helfen. Die ehrliche
Haut thut es auch gern.
    Ich kann aber doch nicht umhin zu glauben, da ich mit Herrn Kleeborn so
stehe, da er Ihnen heute diese Mhe htte fglich ersparen knnen, erwiederte
Anna etwas vornehm.
    Erning fand fr gut, dieses nicht zu bemerken. Ja, sehen Sie, sprach er,
das hat so sein ganz eignes Bewandni; Kleeborn hat ein ziemlich wunderliches
Bekenntni Ihnen abzulegen und frchtet sich, wenn er dieses in Person wagen
wollte, auf seine alten Tage ein wenig albern vor Ihnen dazustehen. Wie das
eigentlich zusammen hngt, sollen Sie gleich erfahren, wenn Sie mir erlauben
wollen mich zu setzen.
    Erning setzte sich, und - doch damit er dem Leser nicht eben so lstig
falle, als er es der Tante war, mchte es rathsam seyn das, was er bei ihr
anzubringen hatte, mit Weglassung seiner eignen Art und Worte in der Krze
zusammen, zu fassen.
    Der Hauptpunct davon war die Entdeckung, da ein auer der Ehe geborner Sohn
des alten Kleeborns am Leben sey, um dessen Daseyn nur wenige Vertraute wuten;
da zu diesen auch Erning gehrte war natrlich, denn diesem blieb so leicht
nichts verborgen, was in dem weiten Kreise seiner Bekanntschaften vorgehen
mochte. Der junge Vanderbrugge, so hatte Kleeborn seinen Sohn nach dessen Mutter
genannt, war um mehrere Jahre lter als Vicktorine, und stets in Holland, wo er
geboren, geblieben; seine Mutter, eine Hollnderin, starb bald nach seiner
Geburt. Dieser Umstand hatte seinem Vater es sehr leicht gemacht, das Daseyn
dieses Kindes verborgen zu halten, aber der frhe Tod des gutmthigen, wenn
gleich schwachen Geschpfs, welches ihm das Leben gegeben hatte, machte diesem
dennoch viele Jahre hindurch manche trbe Stunde. Und als spterhin alle ihm in
rechtmiger Ehe gebornen Shne nach und nach meistens noch in der Wiege
hinwegstarben, und endlich nur die einzige Tochter Vicktorine, die
Jngstgeborne, am Leben blieb, so war Kleeborn oft geneigt, dieses Unglck als
ein Verhngni der strafenden Gerechtigkeit des Himmels anzusehen, der so auf
die empfindlichste Weise den Tod jenes armen Mdchens an ihm rchen wollte.
    Um gut zu machen, was noch gut zu machen mglich sey, nahm Kleeborn sich
vor, fr das Kind, das er ffentlich nicht anerkennen durfte, wenigstens
vterliche Sorge zu tragen. Der alte Wimann, sein erprobter vieljhriger
Freund, war auch in dieser Angelegenheit sein Vertrauter gewesen, er hatte ber
die erste Erziehung des Kleinen die Aufsicht gefhrt und nahm ihn, da er
heranwuchs auf Kleeborns Antrieb in sein Comtoir auf, wo er sich alle Mhe gab,
einen tchtigen und geschickten Kaufmann aus ihm zu bilden. Der beste Erfolg
lohnte ihm dafr, er sowohl, als Kleeborn, hatten ihre Freude an den Knaben und
als er vllig erwachsen war, beschlossen beide ihn mit der Zeit in London an Sir
Charles Stelle zu setzen, um auf diese Weise ihm eine recht gnstige Aussicht
fr seine Zukunft zu sichern.
    Das gnzliche Fehlschlagen jenes Planes trug viel zu Kleeborns Verdru ber
die Auflsung der zwischen Vicktorinen und Sir Charles beabsichtigten Verbindung
bei, und der bald nach diesem eintretende Tod des alten Wimann, nebst allen
daraus entspringenden beln Folgen, vermehrten auch in dieser Hinsicht seinen
Kummer und seine Sorge.
    Mller unterlie es nie, in jedem Briefe die lobenswerthen Eigenschaften des
jungen Vanderbrugge auf das rhmlichste zu erwhnen, und Kleeborn wurde dadurch
zugleich erfreut und gekrnkt. Sein vterliches Gefhl zog ihn zu dem Sohne hin,
der in rechtmiger Ehe erzeugt, sein Trost und seine Freude geworden wre, und
es schmerzte ihn tief in der Seele, da er ihn jetzt dennoch verleugnen msse.
So entstand ein ewiger, nie sich lsender Zwiespalt in seinem Gemth und fhrte
endlich auch jene Vernderung in seinem Aeuern herbei, ber die Vicktorine sich
frher so betrbt und gengstiget hatte.
    Bei dieser Verworrenheit in seinem Innern war es in der That ein Glck fr
den alten Kleeborn, da Anna die Besorgni, Vicktorinen, gleich der armen
Angelika, hinsterben zu sehen, in ihm zu erregen gewut hatte, denn nur diese
brachte ihn dahin, endlich einen bestimmten Entschlu fassen zu knnen.
    Der Gedanke an die Mglichkeit, seinen Sohn legitimiren zu lassen, den er
bis dahin immer von sich gewiesen hatte, so oft er auch in ihm aufstieg, fing
an, mehr Wahrscheinlichkeit fr ihn zu gewinnen. Der Anschlag von Raimunds
Gtern, den er mit groer Aufmerksamkeit durchgegangen hatte, berzeugte ihn,
da es an der Seite eines solchen Gatten Vicktorinen, selbst wenn ihr Vater sie
vllig enterbte, dennoch an nichts von alle dem fehlen knne, was seiner Ansicht
nach unumgnglich zu einem glcklichen Leben gehrte, an Reichthum, Ansehen und
Glanz. Um ganz sicher zu gehen lie er den Doctor Erning rufen, um mit diesem
seinen vieljhrigen Vertrauten, nochmals alles reiflich zu berlegen, und so kam
er endlich zu dem Entschlusse, der Tante Vorschlge thun zu lassen, welche sie
so freudig berraschten, da sie anfangs sehr geneigt war, sie fr eine
sinnreiche Erfindung des Doctors Erning zu halten. Kleeborn erbot sich,
Vicktorinen seine Zustimmung zu ihrer Verbindung mit Raimund nicht lnger zu
versagen, wenn sie dagegen mit guter Art darein willigen wolle, den jungen
Vanderbrugge als ihren Bruder zu betrachten, den er Willens war, in aller Form
zu adoptiren, und ihm nicht nur seinen Namen, sondern auch nach seinem Tode die
Handlung und die Hlfte seines Vermgens zu hinterlassen. Nchstdem sollte
Vicktorine sich auch anheischig machen, ihr vterliches Erbtheil der Handlung
nie zu entziehen, und sich mit den Zinsen zu begngen. Um sie aber dafr zu
entschdigen, wnschte er, da Anna sich bereit finden lasse, sie an Raimunds
Stelle zur Erbin einzusetzen, dessen gegrndete Ansprche Kleeborn zwar nicht
ableugnete, aber dennoch glaubte, da dieser zu Gunsten Vicktorinens ihnen
entsagen knne, ohne damit ein zu groes Opfer zu bringen.
    Anna fand diese Bedingungen so billig und verstndig, da sie keinen
Augenblick anstand, sie fr sich und im Namen ihrer Schtzlinge dankbar und
freudig anzunehmen. Unerbeten gab sie obendrein die Versicherung, niemanden,
sogar nicht Raimund und Vicktorinen zu entdecken, wie nahe Kleeborns adoptirter
Sohn diesem eigentlich verwandt sey, und so ging Doctor Erning, triumphirend und
mit Ruhm bedeckt, davon, um von dem Gelingen seiner Unterhandlungen Bericht
abzustatten. Innerlich bedauerte er es nur, nicht mehr Schwierigkeiten dabei
vorgefunden zu haben, um sein Verdienst bei deren Besiegung gehrig geltend
machen zu knnen.
    Die Geschichte neigt sich zum Ende, denn von glcklichen Menschen lt sich
eben so wenig erzhlen, als von einer Seereise, auf welcher man, weder durch
Strme noch andre Widerwrtigkeiten belstigt, den erwnschten Haven in
Sicherheit und Ruhe erreichte. Mller, Raimund und Vanderbrugge langten nach
wenigen Tagen zusammen im Kleebornschen Hause an, und wurden alle drei mit
ungeheucheltem Wohlwollen von dem alten Herrn empfangen. Der freudige Taumel,
von dem Raimund und Vicktorine bei der, alle ihre Hoffnungen bertreffenden
Entwickelung ihres Geschicks sich ergriffen fhlten, der laute Jubel des wackern
Horst und seiner Agathe, der Tante ernste, stille, an Wehmuth grnzende Freude,
alles dieses lt sich besser und leichter nachempfinden als beschreiben.
    Die ersten Frhlingstage fhrten in ihrer von tausend schnen Hoffnungen
duftenden Reihe auch den Tag herbei, an welchem die Tante einer zweiten, mit
jungen Rosen um die Wette blhenden glcklichen Braut, den Myrthenkranz in die
Locken flocht. Sie und alle zum Kleebornschen Hause Gehrende begleiteten das
neuvermhlte Paar nach Leuenstein, wo Meinau mit unsglicher Freude schon lange
vorher alle Anstalten zum festlichsten Empfange getroffen hatte.
    Schon lngst war jener unpassende Flitterputz vllig unscheinbar geworden,
mit welchem vor langen Jahren das, durch seine Bauart und sein Alterthum
ehrwrdige Schlo auf Luisens Veranstaltung mehr entheiligt als geschmckt
worden. Baron Meinau hatte bei Zeiten dafr gesorgt, diese verblichenen
Ueberreste wegrumen zu lassen, sobald nur Raimunds Ansprche an das Erbtheil
seiner Vter unwiderleglich erwiesen waren; denn er frchtete durch ihren
Anblick in Annas Gemthe sowohl, als in dem des jetzigen Besitzers zu traurige
Erinnerungen zu wecken. Seine, in ihren Silberlocken noch immer liebenswrdige
Gattin half ihm bei dem Geschfte die hohen, altvterlichen Sle und Zimmer auf
wrdige Weise wieder bewohnbar herzustellen.
    Mit feinem Takt' und richtigem Sinne fr das wahrhaft Schne wuten beide
jede Verzierung, jedes Gerthe so zu whlen, da nirgend ein schreiender
Contrast hervortrat, weder mit der Alterthmlichkeit des Gebudes, noch mit der
Modernitt des jungen Paares, das es bewohnen sollte. Alles Bunte, alles zu
Glnzende wurde mit der grten Sorgfalt vermieden, und die vorherrschenden
einfachen Formen der Gegenstnde brachten berall den wohlthuendsten Eindruck
hervor.
    Jedes Stck des Ameublements schien genau fr die Stelle gemacht, die es
einnahm, und doch traf man nirgend auf Versuche, gothisches Schnitzwerk
nachzuknsteln, oder durch Nachahmung der schweren, nicht von der Stelle zu
bewegenden Unbehlflichkeit des Hausgerthes unsrer Altvter den Geist einer
lngst ergrauten Vorzeit wieder herauf bannen zu wollen.
    Vor allem aber wurde die lange Reihe der Ahnenbilder aus ihrem
Verbannungsorte wieder hervorgesucht, und in ihre alten Rechte eingesetzt. In
passenden Rahmen, von hundertjhrigem Staube gereinigt, blickten sie von den
hohen Wnden des ursprnglich ihnen geweihten Saales seegnend und freundlich auf
das junge Paar herab, mit welchem Leben, Liebe und Freude in die lange verdeten
Mauern wieder eingezogen waren.

Seit jenen, das Glck so Vieler begrndendem Tage hat das Schicksal der
mehrsten, in diese Erzhlung verflochtenen Personen keine bedeutende oder doch
wenigstens keine schmerzliche Vernderung erlitten. Agathe und Horst sind noch
immer froh und glcklich und gut wie Kinder, und Horst fhlt dabei nur die
einzige Sorge, da seine kleine Frau, die er auf den Hnden trgt, ihm nicht vor
der Zeit zu vernnftig werden mge.
    Auch der alte Kleeborn ist sehr glcklich in seinem Sohne, dessen Kenntnisse
und Betragen alle Wnsche und Erwartungen des Vaters noch bertreffen. Der junge
Mann nimmt sich der Geschfte seines Hauses mit so vielem Geschick und Eifer an,
da der Alte dadurch Zeit gewinnt, seine Kinder auf Leuenstein zuweilen zu
besuchen. Alles, was er dort sieht und hrt, gefllt ihm ungemein, wrde ihm
aber noch weit besser gefallen, wenn er dabei nur auch die Brse regelmig
besuchen knnte. So aber treibt die Sehnsucht nach dem gewohnten Gewhl im
Verlauf weniger Tage ihn stets wieder in die Heimath zurck.
    Babet ist seit einigen Wochen die verlobte Braut des jungen Kleeborn, doch
mit der Geschichte dieser ihrer Liebe liee keine Octavseite sich anfllen. Es
ging dabei so ganz prosaisch zu, wie bei jeder Parthie, welche allen dabei
interessirten Personen konvenirt; was sich darber sagen liee, steht alles auf
der Karte, mit welcher das junge Paar Freunden und Verwandten seine
bevorstehende Verbindung ankndigte. Babet ist jedoch ber den Mangel aller
romantischen Begebenheiten bei dieser ihrer hoffentlich letzten Liebesgeschichte
auf das vollkommenste dadurch getrstet, da sie in Hinsicht auf Haus, Landsitz,
Equipage und der Anzahl ihrer trkischen Shawls keiner Dame in der ganzen Stadt
wird nachstehen drfen. Da der junge Kleeborn bei groer Gutmthigkeit auch viel
Festigkeit des Karakters und einen natrlich richtigen, durchaus nicht
ungebildeten Verstand besitzt, so steht zu hoffen, da diese Ehe so ausfallen
werde, wie die mehrsten. Sie wird vermuthlich gerade kein Himmel auf Erden, aber
doch auch keine Hlle seyn.
    Da Anna gleich nach ihrer Ankunft im Kleebornschen Hause es nicht versumt
hatte, den armen verwaiseten Klarenau am Grabe ihrer Angelika aufzusuchen, da
sie, so lange sie in seiner Nhe verweilte, alle die Zeit ihm schenkte, welche
sie nicht der Sorge fr Ratmund und Vicktorinen zuwenden mute, bedurfte wohl
nicht noch besonders erwhnt zu werden.
    Damals brachte ihre Gegenwart den ersten, wahrhaft wohlthuenden Trost in das
Herz des Unglcklichen. Der Anblick Raimunds, welchen er sogleich als seinen
Retter wieder erkannte, die Ueberzeugung, da Vicktorine, die treue geliebte
Freundin seiner Verklrten, an der Seite dieses Mannes einer hchst beglckten
Zukunft entgegen gehe, erweckte wieder die erste freudige Regung in seinem
Gemthe. Es fiel ihm nicht ein, mit dem Geschicke hadern zu wollen, weil es fr
Andere Rosen blhen lie, von denen er nur die Dornen auf seinem Pfade
angetroffen hatte; doch weder die dringendsten Bitten, noch ernste Vorstellungen
konnten ihn bewegen, seine Einsamkeit zu verlassen und dem glcklichen Paare
nach Leuenstein zu folgen.
    Hier ist meine Heimath, und sie ffnet sich mir bald! war alles, was er
den Freunden erwiederte, indem er auf das von jungen Rosen ppig umblhte
Marmorkreuz hinwie, das aus dem dunklen Schatten von Cypressen hell
hervorleuchtete. Seine verfallne Gestalt, das wunderbare Glnzen seiner Augen
besttigte nur zu sehr die Wahrheit dessen, was er aussprach, und Raimund und
Vicktorine lieen, tief gerhrt, endlich davon ab, ihn mit ihren Bitten noch
lnger zu verfolgen.
    Jetzt ruht auch er, der in Wsten des Lebens mde getriebene Pilger unter
dem Kreuze, im Schatten der Rosen und Cypressen. Der Name Angelika bezeichnete
den letzten Hauch seines Lebens, und sein brechendes Auge strahlte im Abglanze
der ihm nahenden Himmelsseeligkeit, als er in den Armen des treuen Horst zum
ewigen Schlummer es schlo.
    Die Tante trat bald nach Vicktorinens Vermhlung von dem Schauplatze ihrer
vieljhrigen Thtigkeit ab, auf welchem nur das Bedrfni, alle ihr verliehene
Talente und Krfte ntzlich und ehrenvoll zu ben, sie so lange festgehalten
hatte. Von den Damen des Stifts an, denen sie lange Jahre hindurch eine milde
weise Freundin und Beratherin gewesen war, bis zu dem geringsten ihrer
Untergebenen herab, vernahmen alle mit ungeheucheltem Schmerze ihren Entschlu,
das Stift und die Stelle zu verlassen, die sie bisher in demselben ehrenvoll und
zu aller Zufriedenheit bekleidet hatte; doch keine wagte es, ein Unrecht darin
zu finden, da sie in den letzten Jahren eines, grtentheils in Sorge um
Anderer Wohl hingebrachten Lebens, von den Mhen desselben endlich auszuruhen
wnsche.
    Noch einmal wandte sie allen ihren Einflu daran, eine ihrer wrdige
Nachfolgerin an ihrer Stelle als Prbstin gewhlt zu sehen, die sich ganz dazu
eigne, ihren Verlust minder fhlbar zu machen; dann schied sie unter den lauten
Klagen derer, welche sie zurcklie und folgte ihrem Herzen, das sie nach
Leuenstein zu den Kindern ihrer Wahl mchtig hinzog.
    Mit einem seltsam aus Wonne und Weh zusammengesetztem Gefhle nherte sich
Anna den alterthmlichen Mauern, in deren weiten Rumen sie einst bestimmt
gewesen war, an Bernhards Seite als Herrin zu walten, und der Traum ihres Lebens
zog noch einmal in lichten Bildern an ihrer Seele vorber. Die hohen Wipfel der
uralten Eichen, unter deren weit hingebreiteten Schatten Bernhard als Kind
gespielt hatte, schienen ihr seinen Gru zuzurauschen; in ahnendem Schauen
fhlte sie seine geistige Nhe berall, im Hauche der Lfte, im Dufte der
blhenden Linden; jeder ferne Laut klang ihr, als riefe er sie bei Namen, und
berall in den weiten dmmernden Slen glaubte sie die geliebte Gestalt
hervortreten zu sehen. Das ganze Schlo war ihr ein dem Andenken geweihter
Tempel, mit frommer Freude und tief gefhlter Dankbarkeit preiset sie das
Geschick, das ihr erlaubte, die letzten Tage ihres Lebens in ungestrter Ruhe an
dieser heiligen Sttte zu weilen, wo Bernhards Wiege einst stand. Was ihrem
eignen Leben versagt ward, was whrend ihrer Jugendzeit nur in schnen
Traumgebilden ihr vorschweben durfte, alles das sieht die Tante jetzt in dem
geliebten Paare sich zur seltensten Wirklichkeit gestalten, zu dessen Wohles
Begrndung sich vor kurzem die Stimme geliebter Todten gleichsam noch aus dem
Grabe erheben mute. Vicktorine und Raimund stehen vor ihr wie das Spiegelbild
ihrer eignen Blthenzeit; beide entwickeln auch im Aeuern und unter ihren Augen
eine, jeden Tag sich auffallender zeigende Aehnlichkeit mit dem, was sie selbst
und der edle Bernhard von Leuen einst waren, und im Anblicke des jugendlichen
Paares versunken, fhlt Anna oft Vergangenheit und Gegenwart vor ihrem Geiste in
eins zerflieen.
    Zwar naht auch ihr die ernste Zukunft unaufhaltsam, von deren Geheimnissen
noch kein Sterblicher Kunde erhielt, aber sie naht ihr so leise, mit so langsam
schonendem Fluge, da niemand von ihren Lieben und sie selbst kaum dieses
Herannahen gewahr wird.
    Unverndert im Aeuern wie im Innern sieht Anna ihr ohne Grauen entgegen,
und so ziehen ihr liebend und geliebt, beglckend und beglckt, von den Tagen
einer nach den andern im Genusse vollkommner Ruhe vorber.
    Die Jugend darf im Morgenstrahle der Hoffnung sich sonnen, spricht sie oft
zu ihren Kindern, der Mittag gehrt der Gegenwart; im rauschenden Drange der
Begebenheiten, bald sengend hei, bald sanft erwrmend, bald in Wonne, bald in
Quaal, geht er auch im Laufe unsers Lebens, wie in dem eines einzelnen Tages so
schnell an uns vorber, da wir im raschen Wechsel kaum aufzuathmen vermgen;
doch der milde, sanfte, erquickende Abend ist die Zeit der Alten, denn er allein
ist der Erinnerung heilig. Und so wie die sinkende Sonne selbst die dstern
Tannen mit einer goldnen Glorie verklrt und in rosigen Schimmer sie kleidet, so
wei auch die Erinnerung alle die Wetterwolken, welche unsern Lebensmittag
umstrmten, mit goldigen Purpurlichtern zu erhellen. Den Dornen, die einst uns
verwundeten, raubt sie mit milder Hand ihren Stachel; wir fhlen die Schmerzen
nicht mehr, wohl aber die Freude, diese einst berwunden und muthig getragen zu
haben.

                                    Funoten


1 Ich kann jede Hanne zur Lady erheben.

