
                                 Huber, Therese

                                  Ellen Percy

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                                 Therese Huber

                                  Ellen Percy

                        oder Erziehung durch Schicksale

                                    Vorwort

Mein Verleger frchtet vielleicht, da er in dieser Erzhlung kein Product fr
die Leihbibliotheken, kein Bchelchen fr Toiletten und Theetische herausgibt.
Die Mittel, jene zum Ankauf zu ermuthigen, kenne ich nicht; sind es Recensionen,
so brauche ich nur zu wnschen, da Ellen Percy von den edelsten unsrer
Recensenten beurtheilt werde - und so viel Selbstberwindung es uns Recensirten
kosten mag, mssen wir doch gestehen, da es deren gibt und geben kann - um auch
diesen, trotz seinem ernsten Titel, empfohlen zu werden. Was aber den Theil
meiner Landsmnninnen betrifft, die beim Putz- und Theetisch lesen, so versichre
ich Herrn Brockhaus zuversichtlich, fr sie ist meine Ellen Percy gemacht. Ich
wei, da eine groe Zahl, ja die Mehrzahl meines Geschlechts in der glnzenden
Welt (gaudy World nennt sie der ernste Young), sich nach ernsten Gedanken,
trstenden Ansichten, erhabnen Hoffnungen sehnt; ich habe vielfach erfahren, wie
die anscheinend Leichtgesinnte, im einzelnen Gesprch festgehalten, erfreut,
erweckt ward, wenn ich zufllig einen geistigen Funken in ihr entzndet hatte,
wie mir manches Gesichtchen unter seinem Blumenkranz, manche ltere Frau im
Assembleeputz freundlicher zuwinkte, wenn ich Tags zuvor ein wahres, oft ernstes
Wort zu ihr gesagt hatte. Diesem Theil meiner Landsmnninnen habe ich Ellen
Percy vorzglich bestimmt. Ich stelle ihnen ein gedankenlos eitles, unbesonnen
selbstschtiges, vom Glck verzognes Geschpf dar, das, ohne alle
Widerstandskraft im Unglck, ohne alle Fertigkeit zum Erwerb, in Armuth
verfllt, aber durch Unglck und Armuth zur Entwicklung seiner moralischen und
krperlichen Anlagen gefhrt, zu innerm Frieden und gesellschaftlichem Wohlstand
gelangt. Ihr Leichtsinn verletzt nie die Schaam, der Schmerz um ihre Thorheit
wird nie winselnde Reue, ihre Frmmigkeit bleibt von Kopfhngerei fern, ihre
Armuth ist nie ein unthtiges Versinken in widrige Hlflosigkeit. - Ellen ist
eine edle Natur, die durch harte Schicksale gebildet wird und Andre lehrt, wie
sie Schicksale benutzen sollen.
    Meinen Stoff nahm ich aus einem ltern englischen Roman in drei ansehnlichen
Bnden. Ich mute sie nicht nur verkrzen, sondern ich fate ihren Inhalt in
mein Gemth auf und erzhlte ihn, meist ohne das Original vor Augen zu haben, in
der Empfindungsweise eines deutschen Gemths. So hoffe ich manchem lieben
weiblichen Wesen Freude gemacht zu haben, und wnschte nur, da es mir gelungen
seyn mchte, meiner Erzhlung auch die Vollendung im Styl und in der Sprache zu
geben, die zu einem guten Buche so nothwendig ist.
                                                                  Therese Huber.

                                  Erster Theil


Selbstschilderung kann sich nie einer absoluten Wahrheit rhmen. Nicht die
Gegenstnde, wie sie waren, sondern wie sie mir erschienen und auf mich wirkten,
stelle ich dar. Aber diese Wahrheit reicht auch hin, da die Folge der
Vorstellungen im Gemthe und ihr Einflu auf die Handlungen den Werth einer
Selbstschilderung und ihren Nutzen fr Andere bestimmt. Ermuntere ich eine und
die andre meiner Schwestern bei der Selbsterziehung, die sie sich, bei der
Erziehung, die sie ihren Kindern geben soll, die Klippen zu meiden zwischen
denen mein Lebensschiff kaum dem Untergang entging, so ist es einerlei, ob diese
Klippen in Wahrheit diese oder jene Linien bezeichneten, wenn ich nur mit
redlichem Geist sie darstelle, wie sie mir vorkamen. Mit diesem redlichen Geiste
erzhle ich, wie mich Thorheit ins Unglck strtzte, und die auch in der
Thorheit nie verlorne Reinheit des Willens durch bessre Erkenntni aus Unglck
mich gerettet hat.
    Mein Grovater gehrte zu der alten, geschichtlich verehrten Familie der
Percy's; als jngrer Sohn eines jngern Zweigs derselben war er noch glcklich,
nach seiner Heirath mit einem Mdchen ohne allen Namen, die ihm den Ha seiner
vornehmen Verwandten zuzog, durch eine kleine Pfarre vor gnzlichem Mangel
geschtzt zu seyn. Doch dieser rmliche Schutz rettete nach seinem frhen Tode
seine Wittwe und Waisen nicht vor drckender Armuth, und die Percy's mogten
nicht ungern sehen, da ein nicht ebenbrtiger Zweig ihres erhabnen Stammes in
Vergessenheit untergehe; denn sie lieen meiner Gromutter keine Untersttzung
angedeihen. Diese Umstnde legten wohl den Grund zu meines Vaters Verachtung
gegen Geburtsvorrechte, die seinen Vater so unbillig drckten, und zu hoher
Schtzung eigner Kraft, durch welche er sich, beim Anfang meiner Geschichte, zu
einem der Directoren der ostindischen Compagnie emporgearbeitet hatte. Er ist
daher auch der Einzige seines Geschlechts, mit dem ich je in Verhltnissen
gestanden, und Keiner desselben ward mir bekannt, der mich bewogen htte, ihn
zum Wohlthter, zum Vorbild, oder zum Freunde zu erwerben. Mein Vater war ein
stark gebauter, brunlicher Mann, mit lebendigem Auge, scharf gezeichneten
Runzeln im Augenwinkel und buschichen Braunen. Sein Mund hatte einen arglistigen
Zug, der wahrscheinlich schuld daran war, da ihn das Lcheln mikleidete;
allein da er dieses sehr selten that, war das nicht strend, um so mehr, da ich
ihn nur in einem Alter kannte, dem ein gewisser Ernst zukmmt, das er aber mit
Rstigkeit trug. Meine Mutter war ganz andrer Natur: ein zartes, gefhlvolles
Wesen, deren wehmthiges Lcheln bewies, da ihre Krfte zum Wohlthun dem
liebevollen, glnzenden Blick ihrer Augen nie gengten. Ach! noch sehe ich sie,
wenn sie ihre Hand segnend auf mein Haupt legte und mehr flehend wie vertrauend
emporblickte! Sie war sich bewut, da alle ihre Hingebung nicht ausreichte,
mich zu erziehen, und fand doch zuletzt immer wieder ihren Trost in der
Ueberzeugung vor Gott, sich gnzlich hingegeben zu haben. Ich wei nicht, ob ich
die Unbndigkeit meines Charakters von frhster Kindheit an einer natrlichen
Anlage, oder frh begangnen Fehlern in der Behandlung meiner Wrterin
zuschreiben soll? Genug, da Heftigkeit, Eigenwille, Stolz meine Erziehung vom
ersten Augenblick an erschwerten. Die milde Stimmung meiner Mutter verleitete
sie zu dem irrigen Schlu, da Vermeidung jedes Widerspruchs mich der
Widersetzlichkeit entheben wrde, bis die reifende Vernunft, meinen Willen
regelnd, ihm Herrschaft ber meine Leidenschaften verliehe. Ohne einen
Verstandesschlu lehrte mich nun die Erfahrung das Mittel, jeden meiner
fantastischen Einflle durchzusetzen. Ich weinte bei dem ersten Hinderni und
weinte fort, bis ich das Gewnschte erhielt. Nach meiner Mutter verderblichem
Grundsatz, konnte nur die Unmglichkeit sich mir in den Weg stellen, und wo
diese eintrat, kaufte sie durch berwiegenden Ersatz meine Verzeihung fr ihr
Gesetz; glcklich, wenn mein Eigensinn meiner Fantasie nur erlaubte, in einen
solchen Handel zu willigen. Eine Tugend entwickelte diese vllige Abwesenheit
des Widerspruchs: eine unverbrchliche Wahrhaftigkeit meiner Gesinnungen und
Gefhle; sie ward mir Bedrfni gegen mich selbst und gedieh bei reifendem
Verstande zu dem Grundsatz, dem ich zuerst die Entwickelung alles Guten zu
verdanken hatte.
    Ungezgelt in meinen kindischen Wnschen, stets angehrt bei meinen
kindischen Reden, konnte es nicht fehlen, da mir hier und da Worte
entschlpften, welche die Vorliebe meiner Mutter und die Schmeichelei meiner
Wrterin zu witzigen Einfllen stempelten. Sie wurden den Gsten meiner Mutter
wiedererzhlt, ihre unbedachtsame Bewunderung steigerte den Begriff, den ich von
meiner eignen Wichtigkeit hatte, und reizte mich ganz unvermeidlich, das Talent
schneller und witziger Antworten, welches in unserm Geschlecht sich so leicht
der Bewunderung zu erfreuen hat, zu entwickeln. Meine Mutter konnte sich nicht
enthalten, auch meinen Vater mit meinen Witzfunken bekannt zu machen. Sein
ernstes Gesicht erheiterte sich bei solchen Erzhlungen, und, abgespannt von
seinen Rechnungsbersichten, konnte er wohl bei seiner Rckkehr am Abend sagen:
Fanny, la mir einen recht guten Bissen zum Abendessen reichen und erhalte
Ellen guter Laune, so will ich heute nicht in Club gehen. - Seine Absicht wurde
aber nicht immer erreicht. Meine Mutter that zwar ihr Bestes; mir ging es aber
wie vielen ausgebildeten Leuten, denen sich ihr Witz versagt, wenn sie zur
Unterhaltung aufgefordert werden: ich machte ihm Langeweile und ward weinend zu
Bett geschickt. Gefiel ihm aber mein Geschwtz, so sagte er etwa: Was hilft ihr
das? Ja, wre sie ein Knabe, so sollte sie mir Parlamentsglied werden; aber was
hilft ihr als Mdchen der Verstand? - Ich hoffe, sagte meine Mutter schchtern,
er soll sie glcklicher machen. - Pah, rief mein Vater, mit
zweimalhunderttausend Pfund braucht sie kein anderes Glck, als sich von frh
bis Abend die Zeit zu vertreiben. - Ich hrte diese und manche hnliche Rede mit
an, und es bildete sich in meinem Kopfe eine feste Verbindung zwischen den
Begriffen von Zeitvertreib und Glck, zwischen Beschftigung und Elend, die den
Grund zu tausend Irrthmern legte.
    Also der Mittelpunct der Bemhung und Sorge eines ganzen Hauses, war meine
Zufriedenheit je lnger je mehr getrbt. In dem Maae, wie die Zahl meiner
Begriffe zunahm, stieg die Zahl meiner Wnsche, die Beharrlichkeit meines
Willens und die Unmglichkeit der Gewhrung. Die Mannichfaltigkeit meiner
Gensse gebar schon in Kinderjahren hie und da die Empfindung der Leere, welche
den Satten verfolgt; die Untrglichkeit, welche ich meinen Aussprchen beima,
die Herrschsucht, die ich bte, vereinzelte mich unter meinen Gespielinnen. Von
meinem berlegnen Werth berzeugt, schien mir ihre Abneigung eine Rebellion
gegen das Recht und die Gerechtigkeit, die ich ihren guten Eigenschaften, meiner
Wahrheitsliebe gem, widerfahren lie, und indem ich mir diese auch zur Tugend
anrechnete, vermehrte sie meinen Stolz. Nach und nach empfand mein Vater das
Nachtheilige in meiner Entwicklung, und er widersetzte sich irgend einem meiner
Einflle mit einer Entschiedenheit als glte es einen Krieg auf Tod und Leben.
Allein nach einer Stunde, einem Tag, ja einer Woche, durch die ich Bitten,
Weinen, Schmollen fortgesetzt hatte, gewhrte er in einem Anfall von Zorn, was
er bis dahin standhaft verweigert hatte; der Sieg war mein, und sein Schwche
versprach mir, da ein jeder anderer auf eben dem Wege zu erkmpfen sey. Meine
gute Mutter, der jeder Miton in der Auenwelt die Seele zerri, suchte jeder
solchen Widersetzlichkeit von Seiten meines Vaters zuvorzukommen; hatte sie
einmal begonnen, so trieb ihre Schchternheit sie an, durch verdoppelte Milde
gegen mich meinen Eigensinn zu entwaffnen, und war die Krisis herbeigekommen, so
befriedigte sie schnell meine Wnsche, um deren Gegenstand nicht eine neue
Wichtigkeit zu verleihen. Sie mogte oft die endlichen Folgen meiner
Verkehrtheiten ahnen; sie bemhte sich oft mein junges Herz zu Gott zu erheben,
allein auch bei diesem heiligsten Mittel der Bildung verfehlte sie den Weg. Sie
lehrte mich nur immer Gott danken fr die Vorzge, die er mir verliehen, aber
machte mich nicht aufmerksam auf die, welche so viele meiner rmern Mitgeschpfe
vor mir voraushatten, und durch deren Erwerbung ich allein zu Gotteskinde werden
konnte.
    Endlich war der Augenblick gekommen, wo mein Eigensinn mir eine herbe Strafe
bereiten sollte. Ich hatte eben mein neuntes Jahr vollendet, als eine Bekannte
meiner Mutter mir eine Einladung sandte, das Schauspiel in ihrer Loge zu
besuchen. Eine Erkltung mit Halsweh verbunden hatte mich seit einigen Tagen ins
Zimmer gebannt, und dieser Umstand bewog meine Mutter, mich zu Hause zu
behalten; unglcklicherweise war die Botschaft in meiner Gegenwart ausgerichtet,
und das bestimmteste Verlangen ins Schauspiel zu gehen war die Folge. Meine
Mutter wendete vernnftige Vorstellungen an, ich beantwortete sie mit ungestmen
Bitten, sie wies sie mit entschdigenden Versprechen ab, ich setzte ihnen lautes
Weinen entgegen. - Sorge um meine Gesundheit gab diesesmal meiner Mutter Muth zu
beharren, sie befahl meiner Wrterin, mich zu entfernen. - Nun brach meine
Unbndigkeit los; ich wehrte mich und erhitzte mich bis zur convulsivischen
Heftigkeit, als mein Vater, der dazu kam, die Geduld verlor und zu meiner Mutter
sagte: Das Schreien kann ihrem Hals gefhrlicher werden, wie funfzig
Schauspiele. - So wthend ich war, bemerkte ich doch, da meiner Mutter diese
Aeuerung mifiel. Mein Vater, der sein Unrecht fhlen mogte, half sich damit,
sie anzuklagen, da ihre Behandlung an meiner Unart schuld sey; sie erwiederte
seufzend, da ich zu meinem eignen Wohl gebndigt werden mte, worauf er
nachlig sagte: Pah! bei einem Weibe ist ein Bischen Widerspruchsgeist recht
ntzlich, ein Spruch, durch den mancher rohe Ehemann die milde Gte seiner
Gattin belohnt. - Dieses Gesprch war fr mich nicht verloren; ich schrie noch
ausgelassener, wie vorher, bis mein Vater, aus aller Fassung gebracht, mir
zurief: Nun du unbndiges, ausgelassen unartiges Ding, so thu, was du willst,
und hr auf zu lrmen. - Jetzt hatte ich, was ich wollte, lie mich schnell
anziehen und ging ins Theater.
    Doch die Folgen waren schrecklich. Kaum war ich wieder nach Haus gekommen,
so verfiel ich in ein heftiges Fieber; lange bedrohte mich der Tod. Meine
Mutter, meine geliebte, engelgute Mutter, die allein die Empfindung der Liebe in
mir erweckte, deren Milde bei aller meiner Unbndigkeit den Begriff von Tugend
in mir wach erhielt, deren unaussprechliche Gte doch eine Ahnung von Gewissen
in mir begrndete, wich nicht von meinem Lager. Sie opferte ihre Gesundheit auf,
um mein Leben zu erhalten. Ich gena; aber nach einigen Monaten war die Abnahme
ihrer Krfte unverkennbar, nur ich allein verstand deren drohende Bedeutung
nicht; und doch - wenn ich sie von meinem endlosen Geschwtz, meinen lrmenden
Spielen gnzlich erschpft sah, konnte mich der Anblick so ergreifen, da ich
unbewut meine jauchzende Stimme zu sanften Tnen herabstimmte und auf den Zehen
um ihren Sopha einherschlich. Auch das lngste Menschenleben kann nicht das
Andenken der himmlischen Freundlichkeit schwchen, mit der sie diese kleinen
Beweise meiner Achtsamkeit aufnahm. Bald wurde mein bestndiger Aufenthalt in
ihrem Zimmer tglich auf wenige Stunden eingeschrnkt, dann brachte man mich nur
noch frh zu ihr, wo ihre Krfte in einiger Spannung waren, und Abends, um ihren
Segen zu empfangen, und endlich - verflossen drei Tage, in denen mir ihr Anblick
gnzlich entzogen blieb. Ungeduldig hatte ich sie zu sehen begehrt, leichtsinnig
hatte ich mich durch nichtige Kurzweil davon abwenden lassen, als mir der Befehl
gemeldet ward, zu ihr zu kommen. Mit kindischer Frhlichkeit sprang ich in ihr
Zimmer. Doch wie schnell verstummte meine Freude, da mich meine Mutter mit laut
ausbrechendem Weinen in ihre schwachen Arme schlo, mehrmals versuchte sie zu
sprechen, aber ihre Wehmuth verhinderte sie. Da trat ein fremder, ernsthafter
Mann, der aufmerksam auf sie blickend am Bette stand, herzu und wollte mich, mit
der Bemerkung: die Kranke schade sich von ihr wegnehmen. Die Furcht, mich
fortfhren zu sehen, belebte meiner Mutter schwindende Krfte, sie sagte mit
gebrochner, schwacher Stimme: Komm, meine Ellen, komm, falte deine kleinen
Hnde und bitte Gott, da wir uns wiedersehen mgen! Ich verstand den Sinn
ihrer Worte nicht, aber wie ich sonst, wenn sie mich beten lie, zu thun gewohnt
war, kniete ich nieder, legte meine gefalteten Hnde auf ihre Knie und betete:
Guter Gott, la mich meine Mutter wiedersehen! Zweimal lie sie mich diese Worte
wiederholen, legte dann ihre gefalteten Hnde auf mein Haupt und gab mir mit
innigen, heien Gebeten, in leisem Geflster ihren letzten Segen. Nur eine der
Bitten, die sie in diesem Augenblick zu Gott sprach, ist in meinem Gedchtni
geblieben; anfangs aus Verwundrung, weil ihr Sinn mir unbegreiflich war,
spterhin ward sie durch die Umstnde mit unwiderstehlichem Nachdruck in mir
aufgefrischt: Sey, o mein Gott! betete sie, gtiger, wie ihre irdischen
Verwandten, sey ihr ein Vater, wenn du gleich durch Zchtigung dich also
erweisest! - Noch Manches sagte sie, das mein Leichtsinn bald verga, bis ihr
erneutes Schluchzen den fremden Mann wieder herbeizog, um mich zu entfernen,
welches ich mir denn auch, von der Traurigkeit des Auftritts ermdet, ziemlich
gern gefallen lie. Noch einmal drckte sie mich an ihr Herz; wie die Thre
hinter mir sich zuschlo, hrte ich noch einmal den leisen Schrei ihres
Schmerzens, und auf ewig war fr mich ihre Stimme verhallt.
    Den folgenden Tag bat ich umsonst, meine Mutter zu sehen. Noch einen, und
die Leute eilten traurig und geschftig um mich her, die Dienstboten sahen mich
verstrt und mitleidig an, ein und der andre weilte mit einem Ausruf des
Bedauerns bei meinen kindischen Spielen. Ein Augenblick von langer Weile brachte
mich darauf, meinen Willen, zu meiner Mutter gebracht zu werden, bestimmt
durchzusetzen. Meine Wrterin suchte mich abzuweisen, mit Zgern entdeckte sie
mir die traurige Wahrheit; allein gewohnt, durch Tuschung jeder Art
beschwichtigt zu werden, wollte ich ihr gar nicht glauben, bis ihr betrbtes
Gesicht mich aufmerksam machte, worauf ich ihrer Obhut entsprang und ungestm zu
dem Zimmer meiner Mutter entfloh.
    Ihre Thr, die sonst bei meinem ersten Zuruf aufsprang, blieb verschlossen,
allein der Schlssel stack im Schlo, und auf meinen Versuch lie sie sich
ffnen. Alles hatte sich hier seit meiner letzten Anwesenheit sonderbar
verndert: still, leer, aufgerumt, unheimlich kam es mir vor. Ihre Bettvorhnge
waren zurckgebunden, ihr Lager sorgfltig geordnet, und doch schien sie unter
dem leichten Tuche zu ruhen. Ich zog es hastig hinweg, ihr blasses Antlitz bot
sich mir dar. - Mutter, Mutter, wach auf! rief ich, erschrocken, da ihr Lcheln
mich nicht empfing; ich legte meine Hand an das liebe Gesicht, das ihrem
Schmeicheln noch nie widerstanden, - es war kalt, wie Marmor; aber noch immer
den Tod nicht erkennend stieg ich auf das Bett und schlo das fhllose
Todtenbild in meine Arme. - Da scheuchte ein Schreckensgeschrei mich empor - es
war meine Wrterin, die mir nachgefolgt war, und der Abscheu, mit dem sie mich
am starren Busen der Mutter erblickte, belehrte mich endlich von meinem Unglck.
Mein Schmerz kannte keine Grenzen; der Eigensinn, der mich auf jedem meiner
Einflle beharren machte, wies auch jetzt jeden Versuch ab, mich von der Todten
zu entfernen. Mein Geschrei versammelte die ganze Familie, es zog zuletzt auch
meinen Vater herbei, der mich mit Gewalt in mein Zimmer zu tragen gebot.
    Die Natur forderte endlich Erholung von einem so ausgelassenen Schmerz, und
ein tiefer Schlaf gewhrte sie ihr bald. Am nchsten Morgen erregte zwar die
erwachende Erinnerung aufs neue mein Klaggeschrei, allein es ward schwcher und
schwcher. Der Anblick der Trauerkleidung zerstreute mich auch, und bald kehrte
meine Traurigkeit nur anfallsweise zurck. Die Stellen, wo ich sonst meine gute
Mutter zu sehen gewohnt war, konnten wohl noch oft schmerzvoll ihr Andenken
erneuern; nur mit Widerwillen lie ich mich in das Gesellschaftszimmer fhren,
wo nun Niemand mehr fr meinen Zeitvertreib sorgte; und zog meine ungefllige
Laune mir Vorwrfe zu, so lehnte ich mein Gesicht mit lauten Klagen auf das
Polster, wo sie ehemals ihren Sitz hatte. Mein Vater fand diese Schmerzausbrche
bei der Erholungszeit, die er sich der tiefen Trauer wegen Anstands halber im
Ostindischen Hause auf vierzehn Tage verschafft hatte, sehr strend. Da mit
meiner guten Mutter Tod der einzige Einflu, der meine Halsstarrigkeit zu beugen
vermogte, dahin war, ward er tglich mit Klagen ber meinen Uebermuth belstigt.
Anfangs versuchte er sein Ansehn bei mir geltend zu machen, allein da ihm dieses
gnzlich milang, beschlo er mich in eine der vornehmsten Erziehungsanstalten
zu thun. Da er gar nicht darauf Anspruch machte, in das Geheimni der feinsten
Erziehung eingeweiht zu seyn, berlie er diesen Gegenstand unumschrnkt dem
Walten der Madame Dupr, der Directorin des Instituts; seine einzige Erinnerung
war nur die, keine Kosten dabei zu sparen. - Und diese hat man redlich
beobachtet. Ich verlie das jetzt mir so traurige Vaterhaus ohne groe
Betrbni; die Aussicht, fortan mit Gespielinnen meines Alters zu leben, berwog
die ngstliche Erwartung, in Zukunft unter fremder Aufsicht zu stehen.
    
    Mein Empfang in dem Institute war schmeichelhaft; kaum den Aufseherinnen
vorgestellt, hrte ich die eine derselben zu der andern sagen: welche reizende
Gespielin sie fr Lady Marie du Bourgh seyn wird! - Gewi! antwortete die andre,
ein paar liebenswrdige Kinder! - Die erste sah mich prfend an und erwiederte
Etwas, wovon ich nur die Worte: nicht zu vergleichen verstand. Das Gesprch
ward fortgesetzt, ich hrte aber nur die, welche ich schon fr meine
Widersacherin hielt, emphatisch die Ausdrcke sagen: ein vornehmes Ansehen -
Zartheit - adeliches Wesen; und das whrte so fort, bis nach kurzer Zeit Lady
Marie ins Zimmer trat. Ich konnte ber die Zusammenstellung, die man von uns
beiden gemacht hatte, nur geschmeichelt seyn, denn sie war das liebreizendste
Kind, das ich jemals gesehen. Die Damen riefen sie herbei, uns mit einander
bekannt zu machen - sie verweigerte anfangs, unter dem Vorwand, sich von dem
Schneider einen Ueberrock anpassen zu lassen, zu gehorchen, nur nach einem
strengen Befehl von meiner Vertheidigerin trat sie mit schmollendem Munde herzu.
Die Aufseherin schien absichtlich ihre Ungeduld auf's uerste zu steigern,
indem sie es ihr lange unmglich machte, das Zimmer zu verlassen. Wir muten
gegenseitig unser Alter aufsagen. - Lady Marie war zwei Jahre lter, wie ich;
wir muten uns gegeneinander messen - ich war etwas grer, wie sie. - Mit Groll
verlie sie endlich das Zimmer. Ich sah sie erst in der Schule wieder, wo wir in
derselben Classe dieselben Aufgaben hatten. - Mein Bestreben ber sie zu siegen
war aufgeregt, die ble Laune zerstreute sie, so ward am Ende der Lehrstunden
meine Arbeit gelobt, die ihre getadelt; und was als edler Wettstreit zu unsrer
Bildung htte benutzt werden sollen, streute in unsere Herzen den Samen
unwrdiger Empfindungen aus.
    Nachdem die Lehrstunden geschlossen waren, berlie man uns einiger
Erholung, wo ich dann aus Stolz und Schchternheit ganz vereinzelt von meinem
Sitz aus die sich willkrlich bildenden frhlichen Haufen meiner Gespielinnen
betrachtete. Lady Marie flsterte eine Zeit lang mit ein paar ihrer Vertrautern,
dann ging sie, wie von ungefhr, nahe an mir vorbei und fragte hochmthig: Ich
bitte, Mi Percy, gehren Sie zu des Herzogs von Northumberland Familie? - Nein,
antwortete ich. - Zu welchen Percy's gehren Sie denn? - Mein Vater ist ein
reicher ostindischer Kaufmann in Bloomberry square, erwiederte ich, berzeugt,
da ich mich durch diese Nachricht sehr wichtig machen wrde; allein ganz im
Gegentheil fragte Lady Marie weiter: Nun wer war denn Ihr Grovater? denn einen
Grovater mssen Sie doch gehabt haben? - Dabei sah sie, fr ihren Einfall Lob
rntend, um sich her. Ich war aber wirklich in dem Fall, von meinem Grovater
gar nichts zu wissen; aus Verdru und Einfalt sagte ich: Ich wei nicht, wer er
war, doch ein Herzog kann er nicht gewesen seyn, denn ich hrte meinen Vater oft
sagen, er habe bei seinem Eintritt in die Welt nicht fnf Schillinge gehabt. -
Die kleinen Mdchen hielten noch einige lose Reden, die mich ziemlich
aufbrachten, bis Lady Marie mir endlich noch ins Gesicht sah und ein unmiges
Gelchter begann. Jetzt war meine Fassung zu Ende. - Mit viel mehr Muth als
Zierlichkeit versetzte ich ihr die derbste Ohrfeige, ber welche meine Gegnerin
in ein unmiges Geschrei ausbrach, inde ihre Gespielinnen starr von Erstaunen
und Schrecken umherstanden. Man kann sich denken, was fr ein Auflauf entstand!
Lady Mariens Unart ward zwar getadelt, allein fr meine rauhe
Selbstvertheidigung sollte ich um Verzeihung bitten; das verweigerte ich
hartnckig, und nach den heftigsten Auftritten wurde ich zum Einsperren
abgefhrt. Drei Tage lang beharrte ich in meinem Entschlu; am vierten trieb
mich Langeweile und Einsamkeit, der Aufseherin, die sich gleich bei meinem
Eintritt in das Haus zu meinen Gunsten erklrt hatte, einen Vergleich
anzubieten. Ich forderte, Lady Marie solle sich fr ihre Unverschmtheit
entschuldigen, so wolle ich mein Unrecht wegen der ertheilten Ohrfeige bekennen.
Allein die Reihe, eigensinnig zu seyn, war jetzt an Lady Marie. So ging der
fnfte Tag hin, nach welchem man mir, die Haft als Strafe anrechnend, mich ohne
alle Bedingung in Freiheit setzte. Von der Zeit an war die entschiedenste
Abneigung zwischen Lady Marie und mir ausgesprochen; nach und nach theilte sie
die ganze Pension; alle unsre Gespielinnen muten es mit einer oder der andern
von uns beiden halten, - eine Trennung, wie die der Whigs und Torys fand statt.
    Die letzte meiner Gefhrtinnen, die sich fr meine Partei erklrte, war Mi
Julie Arnold, die Tochter eines krzlich verstorbnen Seeassecuranz-Mklers. Da
der gute Mann sich selbst nicht im Stande sah, seiner Familie Glanz zu geben,
grndete er seine Hoffnung auf die Zukunft seines einzigen Sohnes. Um es diesem
zu erleichtern, vermachte er ihm, zum Nachtheil seiner Tochter, fast sein
gnzliches, ziemlich ansehnliches Vermgen. Der junge Arnold, welchem die Sorge
fr seine Schwester dennoch oblag, hielt es frs beste, ihr durch eine glnzende
Erziehung Ansprche an eine gute Versorgung zu verschaffen, und in dieser
Absicht kam sie in unsre Pension. Die Natur hatte diesem Mdchen alle
Eigenschaften zugetheilt, die zum Emporkommen durch Abhngigkeit erforderlich
sind: Biegsamkeit des Charakters, Leichtigkeit im Umgang, ein Talent sich
unbefangen anzustellen, keck zu schmeicheln, ein ungezwungnes Betragen, ein
kaltes Herz und dabei nur gerade so viel ure Annehmlichkeit, wie dazu gehrt,
nirgend zu mifallen und doch nie Eifersucht auf sich zu ziehen; das waren die
Bestandtheile ihres Wesens. Schon als Kind drngte sie sich unter die
vornehmeren Gespielinnen, man liebte sie nicht allgemein, wollte sie aber einer
Einzelnen gefallen, so gelang es ihr gewi. Diese Julie schwankte lange zwischen
mir und Lady Marie; ja wie es gegen die Vacanz zuging, und diese sie einlud, sie
auf das Landgut ihres Vaters, des Herzogs von C., zu begleiten, sprach sie sich
eine Zeit lang gnzlich zu ihren Gunsten aus; allein wenige Tage vor der
bestimmten Abreise lie Laune Lady Marie pltzlich eine Begleiterin ihres
Standes whlen, und von nun an war Mi Julie mein treuer Bundesgeno. Von meinem
ersten Denken an gewohnt, Alles mit Heftigkeit zu erfassen, ward meine Liebe zu
ihr bald ausschlieend. Wir halfen uns gegenseitig in allen Vorfllen: ich trug
ihr Neuigkeiten zu, und sie mir Confect, ich machte ihre Aufstze, und sie half
mir bei meinem Putz; doch der grere Vortheil blieb auf meiner Seite; meine
ungezhmte Offenherzigkeit, auf die frhe Gewohnheit, Alles sagen zu drfen und
fr nichts gestraft zu werden gegrndet, zog mir bei den knstlichen
Verhltnissen der Pensionswelt bestndige Unannehmlichkeiten zu; kam es dann zur
Anklage und ich stand auf dem Puncte, mich geduldig der Strafe zu unterwerfen,
so wute Julie durch einen unerwarteten Flug ihrer Einbildungskraft den
Sachbestand in ein andres Licht zu stellen, so da ich der Strafe entging. Htte
sie ihre List fr eine Andere verwandt, so wrde ich sie vielleicht richtig zu
beurtheilen gewut haben, allein fr mich gebt, erregte sie anfangs meine
Dankbarkeit und endlich meine Bewunderung.
    Sieben Jahre meines Lebens gingen darauf hin, alle die schimmernden Talente
zu erlernen, welche die glnzende Gesellschaft als einzige Vorzge erkennt. Fr
keines bezeigte ich so viel Anlage, wie fr die Tonkunst; keines entwickelte ich
auch mit so vielem Flei, wozu mir der Wunsch, Lady Marie zu bertreffen,
Beharrlichkeit gab. Sieben Stunden des Tages, die ich unausgesetzt darauf
verwendete, brachten mich dahin, im Spiel auf dem Flgel und im Gesang so
vollkommen zu werden, wie Tonknstler, die von der Gunst des Publicums abhngen,
zu seyn sich bestreben. - Sieben Stunden des Tages hatte ich der Musik gewidmet,
inde nicht einmal der Gedanke in mir aufgestiegen war, da es Seelenkrfte
gbe, deren Entwicklung mein Wohl fr Zeit und Ewigkeit begrndete. - Nach und
nach erwachte das Verlangen in mir, in eine Welt zu treten, in der ich mir bei
meinen Vorzgen so vielen Beifall versprach. Da ich reich war, wute ich, da
ich hbsch war, vermuthete ich - ungeduldig erwartete ich den Augenblick, den
Scepter der Schnheit, fr den ich mich bestimmt hielt, zu schwingen. In dem
Sommer, wo ich mein sechzehntes Jahr beschlo, verlie Lady Marie unser
Institut, um ihre Mutter, die Herzogin von C., nach einigen Badeorten zu
begleiten. Die Nachrichten, welche sie ihren Vertrauten von der Herrlichkeit
ihrer neuen Lebensweise gab, vermehrten den Eifer, mit dem ich in meinen Vater
drang, mich zu sich zu nehmen, solchergestalt, da der nchste Winter zu meiner
Entlassung aus der Pension festgesetzt ward.
    Mein Vater nahm bei meiner Rckkehr in sein Haus eine gnzliche Aenderung
seiner Lebensweise vor. Seit zwanzig Jahren hatte er, die kurze Ruhezeit nach
meiner Mutter Tode ausgenommen, seine Tage auf der Brse oder in dem
ostindischen Hause zugebracht. Der Freitag und Samstag, die er auf seiner Villa
in Richmond verlebte, unterbrachen allein seine Geschfte; nun er mich aber an
die Spitze seines Haushalts stellte, bergab er den grten Theil seiner
Handelsgeschfte, sich einen ansehnlichen Theil des Gewinnstes vorbehaltend,
einem jungen Kaufmann, und den Besitz der Mue mit dem Genu derselben
verwechselnd, nahm er sich vor, fortan sein Leben zu genieen. In den
Weihnachtsfeiertagen verlie ich meine Pension, von Mi Julie Arnold, die ich
mir auf einige Wochen zur Gesellschafterin ausgebeten hatte, begleitet. Ihre
Pensionszeit war mit der meinigen zugleich geschlossen, und diese Einladung ihr,
bei der Unsicherheit ihrer Verhltnisse, sehr gelegen. Mein Vater empfing mich
in Richmond, wo wir den eigentlichen Eintritt der Wintervergngungen abwarten
sollten. Zu meiner Ueberraschung fand ich eine zweite Gesellschafterin vor,
deren Persnlichkeit mit meinen Planen von glnzender Zukunft nicht so gut
bereinzustimmen schien, wie die meiner jungen Gefhrtin. Dieses war Mi
Elisabeth Mortimer, eine vertraute Jugendfreundin meiner theuern Mutter, die
durch rauhe Schicksale belehrt, ihren Geist zu einer Reinheit, ihr Herz zu einer
Frmmigkeit gebildet hatte, die ich damals gar nicht zu begreifen im Stande war.
Eines Versprechens eingedenk, das sie meiner Mutter einst gegeben: den Ruf, mir
ntzlich zu seyn, wenn mein Vater ihn einst an sie ergehen lassen wrde, nicht
auszuschlagen, verlie sie ihre ruhige Htte in der Nhe von Greenwich, in der
sie fromm und wohlthtig lebte, glcklich bei dem Gedanken, ihre Sorge fr mich
sey ein Band, das sie mit der geliebten Todten jenseit des Grabes vereinte. Noch
jetzt glht meine Wange vor Schaam bei dem Gestndni, da ich ihre Liebe mit
unwrdigem Muthwillen erwiederte. Ihre einfachen Sitten waren der Gegenstand
unsers heimlichen Gespttes, ihre Frmmigkeit nannten wir Methodisterei, ihre
wrdige Matronenkleidung schien uns allen Begriffen des feinen Tons zu
widerstreben, und wie wir hrten, da sie in ihrer stillen Heimath jeden Abend
im Gebet mit ihrer treuen Dienstmagd - der sie jetzt auch ihren kleinen Haushalt
bergeben hatte - beschlo, nahmen wir uns fest vor, uns der Einfhrung einer
solchen aberglubischen Sitte, im Fall sie diese versuchen mchte, zu
widersetzen. Doch dazu zeigte sie nicht die geringste Neigung, berhaupt legte
sie uns in keiner Hinsicht Zwang auf; es schien, als sey sie von der siegenden
Wahrheit ihrer Denkart so berzeugt, da sie einzig die Wirkung der Zeit auf
unsern Verstand, und ihres milden Beispiels auf unsre Gewohnheiten abzuwarten
gedachte. Ihr angenehmes Betragen wandelte bald unser Mibehagen an ihrem Beruf
in minder gehssige Empfindungen um; allein weit entfernt, Mi Mortimers Werth
schtzen zu knnen, machten wir sie zum Gegenstand unsrer kindischen Possen. Da
wir ihr leicht anzuregendes Mitleid wahrgenommen hatten, erfanden wir
Unglcksflle, durch deren Erzhlung sie augenblicklich zu Hlfleistungen
aufgefordert, Meilen weit durch den Schnee ging, um den Leidenden Linderung zu
bringen; wir versteckten ihre Andachtsbcher, entwendeten ihr Kinderkleidung und
Wsche, welche sie fr Arme bereit hielt, und klebten Karikaturen in ihren
Kirchstuhl. Ich wei nicht, ob sie je errieth, da wir es waren, denen sie diese
unwrdigen Scherze zuzuschreiben htte; nie wenigstens richtete sie einen
Vorwurf an uns; sie ertrug sie mit sanfter Wrde, ein mitleidiges Lcheln war
alles, was sie sich erlaubte; und ward sie einmal durch einen unsrer
bermthigen Streiche in wirkliche Verlegenheit gesetzt, so war sie die Erste,
herzlich ber ihre eigne Lage zu lachen. Dieser verchtliche Leichtsinn
kurzweilte uns lange Zeit, bis ein sehr ernster Vorfall mich so erschtterte,
da ich, ohne Mi Juliens festere Beharrlichkeit, wahrscheinlich meinen
unwrdigen Muthwillen auf immer eingestellt htte.
    Wir wurden eines Tages zu einem benachbarten Gutsbesitzer gebeten, einem
Wittwer mit ein paar ausgelassnen Shnen und leichtsinnigen Tchtern, Mi
Arnolds vorgezognen Bekannten. Mein Vater war anderweitig versagt und bat Mi
Mortimer, uns zu begleiten; das war aber uns nicht gelegen, wir hatten eine
lrmende Abendlustbarkeit vor, bei der uns dieser wrdigen Frau Gegenwart
strte, und versuchten alle Mittel, ihr den Besuch zu verleiden. Wir gossen ihr
eine Tasse Thee auf ihr bestes Seidenkleid - sie bemerkte sanftmthig, da ein
schlechteres ihr dieselben Dienste leisten wrde; wir drangen in sie, Confituren
zu genieen, in Hoffnung, da sie ihr ein so heftiges Zahnweh erregen sollten,
da es sie am Mitgehen verhindern mte - sie versagte sich dieselben. Wir
erzhlten eine grliche Rubergeschichte, die auf dem vorhabenden Wege gestern
geschehen seyn sollte; sie meinte: um so weniger wrden die Ruber sich heute
auf demselben Wege betreten lassen. Nun ergriff ich ein andres Mittel - ich
beredete den Kutscher, vorzugeben, da die Berline einer Ausbesserung bedrfe,
allein mein Vater entschied kurz und gut, da wir mit Mi Mortimer oder gar
nicht gehen sollten. - Es ward also beschlossen, ich mte sie im Curricle
fahren, und Mi Arnold nebst einem jungen Herrn von denen, die sich schon um die
reiche Mi Percy zu versammeln anfingen, sollten uns zu Pferde begleiten. Jetzt
glaubte ich die schnste Gelegenheit zu haben, meinen Muthwillen zu ben. Ich
kannte die Furchtsamkeit der wackern Mi Mortimer; sobald wir daher meinem
Vater, der uns vom Fenster nachsah, aus den Augen waren, gab ich unsern
Begleitern zu Pferd ein Zeichen, und hin ging es in fliegendem Galopp.
Schadenfroh sah ich Mi Mortimer erbleichen und ngstlich auf den Weg sehen; wie
sie aber mit der sanftesten Anmuth sagte: Liebe Mi Ellen, wr's nicht besser,
etwas vorsichtiger zu seyn? konnte ich ihr nicht widerstehen, ich wollte die
Pferde anhalten; in diesem Augenblick ritt uns aber unser junger Begleiter vor
und gab meinen Pferden im Vorbeisprengen einen Peitschenhieb. - Nun trotzten die
aufgereizten Thiere meiner Anstrengung sie zu halten, sie sprengten davon, und
nach wenigen Secunden rannten sie eine anstndig gekleidete Frau, die nicht
schnell genug ber den Weg eilen konnte, zu Boden. Von der Schuld des Mordes
rettete mich ein Fremder, der aus der Nhe herbeieilte und mit starkem Arme die
Zgel ergriff. Die Pferde rckten das leichte Fuhrwerk widerstrebend zurck und
warfen es um. Erschrocken eilte uns der Fremde zu Hlfe, inde unsre Begleiter,
in tollem Muthe voransprengend, gar nichts von dieser Begebenheit bemerkten. Wir
waren beide nicht verletzt, und Mi Mortimer, sobald sie wieder aufrecht stand,
eilte mit dem Fremden zu der ohne Besinnung im Wege liegenden Frau. Ich stand
bewegungslos, meinen Blick auf ihre Bemhungen, sie zum Leben zu bringen,
geheftet - endlich schlug sie die Augen auf - eine Zentnerlast fiel mir vom
Herzen. Ich brach in Thrnen aus, allein mein Stolz bewog mich, sie zu verbergen
und mit dem Schein stolzer Fassung meine Befehle bei dem Aufrichten unsers
verunglckten Fahrzeugs zu geben. Nach wenigen Minuten war die mihandelte Frau
im Stande, sich, von Mi Mortimer und dem Fremden untersttzt, in ihre nur
funfzig Schritt entfernte Htte zu begeben. Sie war nicht wesentlich verwundet;
die Pferde waren, ohne sie zu berhren, ber sie hinweggesetzt; nur der
Schrecken und der Fall hatte die Arme des Bewutseyns beraubt. Wie Mi Mortimer
nach einer sehr kleinen Weile zurckkam, schlug sie mir vor, unsre Lustpartie
auf zugeben und zurckzukehren. Die Furcht, den Tag mit ihr allein zubringen zu
mssen, bewog mich, auf die Fortsetzung unsers Weges zu dringen; indem sie dem
Fremden uns zu begleiten erlaubte, willigte sie ein zu Fue weiter zu gehen.
Schmollend ging ich neben ihnen her und hatte alle Mue, unsern Begleiter, den
mir Mi Mortimer als ihren alten Bekannten, Herrn Maitland, vorstellte, zu
beobachten. Er besa eine athletisch groe Gestalt, wenig Anmuth, ziemlich
regelmige Zge und das glanzvollste Auge, das ich je sah. Hbsch zu seyn,
verhinderte ihn eine gewisse gutgebildete Breitschultrigkeit, die wir Englnder
unsern schottischen Nachbarn gern Schuld geben. Sein Lcheln war hchst anmuthig
und zeigte die schnsten Zhne, allein der Ernst schien ihm gewhnlicher; seine
Stimme war voll, mnnlich und sanft; an seiner Sprache - doch er sprach nicht
viel - wrde ich, wenn sie gleich etwas Fremdes hatte, nicht den Schottlnder
erkannt haben, und diese Sprache war edel, krftig, zuweilen zierlich, sie
borgte aber von seinen Bewegungen keinen Beistand, denn diese blieben ruhig und
kalt. Vielleicht war es aus gewohnter Abneigung, mit Fremden zu sprechen,
vielleicht entfernte ihn auch das nachtheilige Licht von mir, in dem ich mich
gezeigt hatte; genug, da er, einzig Mi Mortimer unterhaltend, sich mit mir
nicht mehr beschftigte, als die strengste Hflichkeit ihm gebot, und dadurch
mir, die ich darauf rechnete, die Huldigung jedes Mannes zu gewinnen, auf's
hchste mifiel.
    Bei unserm Eintritt in Herrn Vancouvers Hause umringten uns die jungen Leute
mit lautem Jauchzen, vor allen Mi Julie, die mich triumphirend um den Preis der
mit ihr eingegangenen Wette, wer zuerst ankommen wrde, erinnerte. Ich warf ihr
verdrielich und mit einem harten Vorwurf ber unsern Unfall, den ich ihrem
Voraneilen zuschrieb, meinen Geldbeutel hin, sie beschuldigte ihren Begleiter,
Beide stritten zusammen ber ihren Antheil an dem Vorfall, und der Tag ging in
solcher Verstimmung hin, da ich froh war, die Stunde der Abreise eintreten zu
sehen. Mein Herz war viel zu ungebildet, um Unrecht einzugestehen, und die
Langmuth, mit der Mi Mortimer mir jeden Vorwurf ersparte, erwrmte es nicht.
Doch am Abend, wie ich dem ehrwrdigen Mdchen gute Nacht wnschte, entwischten
mir die Worte: Gott sey Dank, da der Tag vorber ist! - Sie ergriff mit einer
Wrme, die sie mir noch nie gezeigt hatte, meine Hand und sagte: Schenken Sie
mir morgen eine Stunde, liebe Ellen, ich will sorgen, da sie Ihnen angenehmer
verfliee. Ich wute ihr fr ihre Nachsicht keinen Dank, denn ich hatte mirs
mit Hlfe der Mi Arnold nun einmal in den Kopf gesetzt, da sie kein Recht
habe, mich zu meistern; allein ihr Wesen war bei dieser Bitte so mild, so
einnehmend, da ich hflich ihrer Einladung zu folgen versprach. Nach dem
Frhstck, als Mi Arnold, einige Kauflden zu besuchen, in die Stadt fuhr,
forderte mich Mi Mortimer zu einem Spaziergang auf. Nach der Richtung des Wegs,
den sie einschlug, errieth ich sogleich, da sie mich zu der Htte der Frau
fhrte, welche meine Thorheit gestern in so augenscheinliche Lebensgefahr
gebracht hatte; nur die Schaam hielt mich ab, auf der Stelle umzukehren, und mit
einer bittern Empfindung, mich von einer Tugendlehre bedroht zu sehen, trat ich
in das Haus. Ich fand es nicht rmlich noch trostbedrftig; einige Bcher,
reinliches Gerth, die grte Sauberkeit zeugten von einem geordneten
hinreichenden Hausstand. Meine Begleiterin unterhielt sich mit der Matrone, die
am Feuerheerd mit Spinnen beschftigt war; und um meine Verlegenheit zu
verbergen, nahm ich die Liebkosungen eines Windspiels an, das bequem auf einem
gepolsterten Stuhl der Hausfrau gegenber gelegen, bald nach unserm Eintritt
herabgesprungen war und sich mir genaht hatte. Anfangs beschnupperte es mich
nachdenklich, blickte mich an, wedelte mit dem Schwanz, dann setzte es seine
Vorderfe auf meine Knie und gab seine herzliche Freude zu verstehen. Mir
selbst schien das Thier auch nicht unbekannt, ich freute mich seiner
Freundlichkeit, die auch von den beiden Frauen bemerkt ward. Ich habe Ihnen Mi
Percy mitgebracht, sprach jetzt Mi Mortimer, zu der Alten gewendet. Diese rief
aber mit freudigem Erstaunen: Mi Percy? O da hat das treue Thier die Tochter
seiner Herrin besser wiedererkannt, wie ich! - Guter Fidele, du sahst sie doch
auch nicht mehr seit ... Hier verstummte ihre Stimme in Thrnen, und bei dem
Namen meiner Mutter zu wrmern Gefhlen erwacht, fragte ich nun mit Theilnahme
nach der Bewandni, die es mit diesem Hunde htte, dessen ich mich von der
letzten Lebenszeit meiner Mutter her jetzt wieder entsann. Frau Wells, die
Bewohnerin dieser Htte, war einst von der geliebten Verklrten, die ihre
wohlthtigen Handlungen mit reiner evangelischer Demuth der Welt entzog, aus der
bittersten Armuth gerettet worden. Sie hatte ihr Arbeit verschafft, sie hatte
wchentlich mehreremale einige Stunden in ihrer Htte zugebracht, um ihren
Tchtern Kleider machen und Tamburstickerei zu lehren; und so hatten diese drei
Menschen es ihr zu danken, da ihnen der Segen des Fleies ein hinreichendes
Auskommen verschaffte. Fidele war von meiner Mutter in ihrem letzten Lebensjahr
als ein besonders schnes ganz junges Thierchen angenommen worden; ich erinnerte
mich, wie er, vielleicht durch Einwirkung der Stille ihres Krankenzimmers und
ihrer steten sanften Gegenwart, schon damals wegen seiner leisen Sprnge und
milden Lustigkeit bewundert ward. Dennoch setzte ich mirs in den Kopf, mich vor
dem beweglichen Geschpf zu frchten, was meinem Vater, dem mein Geschrei bei
seinem Anblick verhat war, nach meiner Mutter Tod bewog, ihn zu entfernen. In
der Ueberzeugung, ihn am besten bei der Frau Wells zu versorgen, deren
Anhnglichkeit an die Verewigte ihm bekannt war, ward Fidele ihr bergeben, und
die Liebe, mit der sie ihn gepflegt hatte, bewies, wie theuer meiner Mutter
Andenken ihr war. Ich hrte mit Beschmung ihrer Erzhlung zu. Wie erschien ich
dieser Frau neben dem, was meine Mutter fr sie gethan hatte! Mir ward das Herz
nicht leichter, wie wir bald darauf den Heimweg antraten, sondern mein Gefhl
trieb mich, unter dem Vorwand, mein Taschentuch vergessen zu haben,
zurckzugehen und Frau Wells, indem ich ihr meinen Geldbeutel anbot, schchtern
um die Rckgabe des Hundes zu bitten. Sie gestand mir ein Recht auf Fidele, als
ehemaliges Eigenthum meiner Mutter, zu und versprach ihn mir durch ihre Tochter
zu senden, allein mein Geld wies sie zu meiner groen Beschmung zurck.
    Wie ich wieder zu Mi Mortimer zurckkam, machte sie einige Bemerkungen ber
die Verdienste meiner Mutter, die ich fhllos genug gewesen wre, in einem
andern Augenblick als einen stillschweigenden Vorwurf meines Unwerths
belzunehmen, in diesem Moment war aber die schlimme Rinde meines Herzens
gespalten, ich hrte sie mit Seufzen an, bat sie aber nach wenigen Minuten, mich
heute nicht weiter mit diesen Gegenstnden zu unterhalten, weil sie mich schon
ganz trbsinnig gemacht htten. Vielleicht wrde der wehmthig verwundernde
Blick meiner wrdigen Begleiterin noch lnger auf meinem Antlitz geruht haben,
htte nicht Herr Maitland, der eben an dem Gartenhag abstieg, unsre Unterredung
unterbrochen. Er wollte sich auch nach dem Befinden der Frau Wells erkundigen;
wie er aber hrte, da ihr Unfall ohne alle Folgen geblieben sey, gab er sein
Pferd seinem Reitknecht und begleitete uns, oder vielmehr Mi Mortimer - denn
mit mir sprach er nur grade so viel, wie die Hflichkeit aufs strengste fordern
kann - nach Hause. Mein Vater stand an der Thre des Parks; so wie Herr Maitland
sich nahte, kam er ihm einige Schritte entgegen, reichte ihm die Hand und
bewillkommte ihn mit einer Achtung, die ich ihn noch gegen Niemand bezeigen sah.
Noch erstaunter, wie ber diese Begrung, hrte ich, da er ihn zum Mittagessen
einlud, welches Herr Maitland auch nach einiger Weigerung annahm. Ich kann mich
wirklich nicht erinnern, ob ich whrend der Mahlzeit auf seine Gesprche im
geringsten gemerkt habe. Nach Tisch, whrend er sich mit meinem Vater und Mi
Mortimer unterhielt, fhrte ich am andern Ende des Zimmers, recht wie die
ungezogne Jugend es sich herausnimmt, mit Mi Arnold und dem jungen Vancouvers
ein Gesprch, das eben so laut wie gehaltlos, mehr wie einmal, obgleich
vergebens, meines Vaters Ermahnungen auf sich zog. Mi Mortimer suchte unsern
Verein zu stren, indem sie mehrmals die Rede an mich richtete; allein ich
antwortete ihr so kurz, theilnahmelos und zerstreut, da ihre Absicht nicht
erreicht ward.
    Nachdem sich unsre Gste entfernt hatten, stellte sich mein Vater mit sehr
ernstem Gesicht vor das Caminfeuer und sprach, seinen strengen Blick auf mich,
die in einem fernen Fenster stand, gerichtet: Mi Percy, Ihr heutiges Betragen
hat mir mifallen. Ich habe Ihnen die Wirthin eines reichen Hauses zu machen
aufgetragen und wnsche, da Sie es fr Ihre Pflicht halten, meine Gste gut zu
behandeln - alle meine Gste. - Eine allgemeine Stille herrschte, und mein
Vater verlie das Zimmer. Nun brachen meine Klagen aus. Mi Julie untersttzte
mich und wagte es, meines Vaters Forderung lcherlich zu finden. Mi Mortimer
sprach in ganz verschiedenem Tone; sie bewies mir alles Ernstes, da er ein
Recht zu ihr habe, besonders aber, wenn es einen Mann von Herrn Maitlands Werth
betrfe, sey sie hchst billig. Ich lachte eben so hhnisch wie bermthig auf.
Von Herrn Maitlands Werth? Mein Vater und Mi Mortimer wnschen wohl gar, da es
mir gelingen mchte, des Gliedermannes Eroberung zu machen! rief ich aus. - Mi
Julie bewunderte meinen Einfall mit lautem Gelchter. Herrn Maitlands
Eroberung? wiederholte Mi Mortimer und sah mir mit ruhigem Ernst ins Gesicht;
nein, wahrlich, liebes Kind, so weit versteigen sich meine Erwartungen nicht;
Herrn Maitland! rief sie nochmals, indem sie, wie im Selbstgesprch, auf ihr
Strickzeug sah, nein, das wr' ein abgeschmackter Einfall.
    Bei diesen Worten fhlte sich meine Eitelkeit gekrnkt. Ich bildete mir ein,
Herr Maitland wrde doch nicht der erste Hagestolz seyn, der eine
siebzehnjhrige Erbin unterjochte, und es entstand die Lust in mir, meine Macht
zu versuchen. Bei Herrn Maitlands nchstem Besuch bemhte ich mich ihn in ein
Gesprch zu ziehen; es gelang mir sehr gut; allein ich nahm nach einer halben
Stunde wahr, da ich in dieser ganzen Zeit weder Unsinn gesagt, noch dessen
gehrt hatte. Ein zweiter Versuch lief eben so ab; - um seine Aufmerksamkeit zu
fesseln, mute ich vernnftig seyn. - Nach einem dritten, der nicht besser
gelang, gab ich meine Bemhungen auf, berzeugt, da Herr Maitland gar keiner
Anerkennung von Liebenswrdigkeit, noch einiges Einflusses derselben auf sein
Herz fhig sey. Dessen ungeachtet schritt unsre Bekanntschaft fort; wenn es mir
an andern Gesellschaftern gebrach, konnte ich eine halbe Stunde ganz angenehm
mit ihm verplaudern. Er war gelehrt, es fehlte ihm nie an Gegenstnden seiner
stets ernsten Unterhaltung; sein Ausdruck war oft spruchreich und ward durch
seine leise, ruhige Stimme noch anziehender. Seine Steifheit, mit der er zu viel
Hflichkeit verband, als da sie wie Stolz htte aussehen knnen, und zu viel
festes Wesen, um durch sie schchtern zu scheinen, nahm den Charakter
nationeller Zurckhaltung an, und seine Bekannten waren ihr nicht mehr
abgeneigt, wenn sie ihn vermocht hatten, sie gegen Einen von ihnen abzulegen.
Mich schmeichelte es nicht wenig, da ich bemerkte, da sie sich gegen mich
verlor, inde er sie gegen Mi Arnold fortsetzte, um so mehr, da sein ganzes
Wesen mir den Begriff strenger Redlichkeit, die von keinem uern Vorzug gebeugt
wurde, einflte. Diese mir ertheilte Auszeichnung ward hingegen von dem Vorzug,
den er fortwhrend Mi Mortimer erzeigte, vllig aufgewogen, ja mein
Bewundrungshunger war so gro, da ich mich durch diesen Vorzug, obschon Herr
Maitland ber dreiig Jahr alt schien, zu Zeiten wirklich geqult fand.
    Seine Besuche wurden gegen das Ende unsers Aufenthalts in Sedly Park
hufiger; allein weder seine Gesellschaft, noch die mehrerer anderer, mir viel
wohlgeflligerer Mnner, konnte meine Ungeduld, in die Stadt einzuziehen,
vermindern. Endlich hrte ich, da Lady Maria de Burgh schon jetzt als die
herrschende Schnheit des Winters anerkannt sey. Ich stand bei Anhrung dieser
Nachricht eben vor einem groen Spiegel; mit einem zuversichtlichen Blick auf
meine Gestalt gedachte ich der Miniaturreize meiner Nebenbuhlerin und flog zu
meinem Vater, ihn um die Beschleunigung seiner Abreise zu bitten. Er hatte sie
aber schon auf den vierzehnten Jenner angesetzt, und bis dahin mute ich meine
Ungeduld zhmen.
    Ein glnzender Ball bei der Grfin *** sollte mich endlich in die groe Welt
einfhren. Nach einer lang besprochenen Wahl, ob mein Putz an diesem wichtigen
Abend reich oder einfach, leicht oder prchtig seyn sollte, bestimmten mich die
kostbaren Diamanten meiner Mutter, die mein Vater, mit manchen neuen
vervollstndigt, aufs glnzendste hatte fassen lassen, und die gnstige Meinung,
die ich von der Hhe meines Wuchses besa, das Letztere zu whlen. Strahlend von
Juwelen, Jugend und Erwartung, trat ich zur Stunde des Balls in das
Besuchzimmer, wo nebst mehrern Herrn, die sich an mein Gefolg zu reihen
gedachten, Herr Maitland mich als mein Begleiter erwartete. Allgemeiner Beifall
empfing mich; allein er gngte mir nicht, bis ich Herrn Maitland, den Mi Julie
auf die Schnheit meiner Juwelen aufmerksam machte, sagen hrte: wer Mi Percy
erblickt, wird ihre Juwelen nicht mehr bemerken. Ich war unfein und keck genug,
diese gar nicht an mich gerichteten Worte aufzufassen, und rief: Sehr verbunden,
Herr Maitland! Eine Schmeichelei von Ihnen ist etwas so Seltnes, wie ein Knigin
Annens Pence, der, ohne mehr werth zu seyn, als ein andrer, einzig ist, weil sie
nur Einmal prgen lie. - Der Pence war nicht zum Umlauf bestimmt, antwortete
er trocken, er fiel aber einem Kind in die Hand, das ihn nicht fr sich zu
behalten verstand. - Das Wort Kind mute mich heute, wo ich zum ersten Mal
als erwachsenes Mdchen in die groe Welt zu treten im Begriff war, ganz
besonders krnken. Thrnen traten mir in die Augen, und mit sehr herabgestimmtem
Muth stieg ich mit Mi Arnold und meinem strengen Mahner in den Wagen. Mit dem
Ausruf der Bewunderung, der mir beim Eintritt in die gedrngtvollen Sle
entgegentnte, kehrte mein Leichtsinn zurck, ich verlie auf das
unverbindlichste Herrn Maitlands Arm, um mich von einem meiner geflligern
Bekannten zu einem Stuhle fhren zu lassen, und vermied, nach Jenem, der finster
und nachdenkend neben mir Platz genommen hatte, mich umzusehen. Nach einigen
Minuten, in denen mich der Glanz und die Frhlichkeit des Schauspiels um mich
her vllig zerstreut hatten, theilte sich das Gedrnge, und ich erblickte Lady
Marie, die mit Sylphen-Leichtigkeit die Reihen durchflog. Nie hatte sich ihre
zarte Gestalt so vortheilhaft gezeigt, wie in der leichten, weien, schn
drappirten Hlle, die sie umgab; ihr goldnes Haar, schmucklos in Locken und
Flechten geordnet, bildete die schnste Kopfform. - Ich ward zweifelhaft, ob
meine Juwelen der vortheilhafteste Putz seyn, den ich htte whlen knnen. Nach
beendigtem Tanz schritt die Lady auf einen Stuhl zu, den in demselben Augenblick
ein sehr schner junger Mann mit zierlicher Grobheit einnahm und, nachlssig
ihre Rede anhrend, sein schnes Bein betrachtete, seine Finger ein paarmal
durch sein, mit anmuthiger Nachlssigkeit gelocktes Haar zog und sich dann, in
eine bequeme Stellung zurechtgerckt, umhersah. Jetzt fielen seine Augen auf
mich; lebhaft sagte er seiner Nachbarin einige Worte, die sie mit einem
verchtlichen Aufwerfen des Kopfes beantwortete, er sprang auf, schien in einem
augenblicklichen Wortwechsel mit ihr, und sie lie sich dann, halb wider Willen,
von ihm auf mich zufhren. Nach einigen sehr kalten Worten von Wiedererkennen
sagte sie, mir ihren Begleiter vorstellend: Mein Bruder, Lord Friedrich de
Burgh, und wendete uns, ohne Mi Juliens demthige Begrung mit einem Blick zu
beehren, den Rcken. Diese krnkende Vernachlssigung war mir ein Ruf, die
Beschtzerin zu spielen. Ich fate sogleich Mi Juliens Arm und ging, von Lord
Friedrich begleitet, im Saal umher.
    Unter seinen modigen Mitgesellen konnte Lord Friedrich noch fr kurzweilig
und mute fr einen der hbschesten angesehen werden. Ich nahm an Lady Mariens
Blicken wahr, da seine Aufmerksamkeit auf mich ihr im hchsten Grade mifiel,
und machte mir ein Fest daraus, durch die kleinen Knste, die Eitelkeit uns
lehrt, ihn neben mir festzuhalten. Nach einiger Zeit forderte er mich zu einem
Walzer auf; dieser Tanz ward dazumal noch fr eine kaum gebhrliche Dreistigkeit
gehalten; ich weigerte mich lange, allein ein hhnisch mibilligender Blick, den
Lady Marie eben auf ihren lebhaft in mich dringenden Bruder warf, bethrte mich,
und ohne es eigentlich beschlossen zu haben, stand ich mit ihm mitten im Saale.
Alles wich zurck, ich sah Aller Augen auf mich gerichtet, ein lhmendes Gefhl
von Schaam ergo sich durch meine Sinne, allein es war zu spt; in unseeligem
Wirbel flog ich dahin, das oft unfein ausgedrckte Lob der Mnner betubte meine
schmerzhafte Verwirrung, ich drang mir selbst die Ueberzeugung auf, der Tanz sey
fr mich schuldlos, und zwang mich, einen freien Blick auf die Umstehenden zu
werfen. Da trafen meine Augen auf Herrn Maitland, dessen Blick mit Mifallen und
unendlicher Wehmuth mich betrachtete. O ich sah nie ein Auge, das so stechendes
Mifallen auszudrcken im Stande war! Ich ward bis zur Ohnmacht von ihm
getroffen und eilte, mich durch den Haufen drngend, in den fernsten Winkel des
Saals. Ein Kreis von Beileidbezeugenden - denn man hielt meine pltzliche
Beendigung des Tanzes fr eine Unplichkeit - versammelte sich um mich; Herr
Maitland nahte sich gesetzt und fragte: ob ich mich nach Haus zu begeben
gesonnen sey? - Aufgebracht ber die Strung, mit der er meine Thorheit
erschreckt, beleidigt ber die Gleichgltigkeit, mit welcher er der Umstehenden
Sorge gar nicht zu theilen wrdigte, antwortete ich nachlssig: daran wr' in
den nchsten Paar Stunden gar nicht zu denken, und schlenderte an Lord
Friedrichs Arm den Saal hinab. Endlich um fnf Uhr, erschpft von der
Anstrengung, frhlich zu scheinen, inde Heiterkeit fern von mir war, von Lrm
und von Thorheit bersttigt, verlie ich den Ball. Herr Maitland fhrte mich
bis an den Wagen, wo er ernst und kalt seinen Abschied nahm. Oede in Kopf und
Herzen, so mde, da ich meinem schlaftrunknen Kammermdchen kaum, mich
auszukleiden, Zeit lie, ohne einen Gedanken an den Allwaltenden, dem ich von
jedem meiner Tage Rechenschaft zu geben bereit seyn sollte, eilte ich in mein
Bett.
    Von da an war mein Leben ein fortwhrender Kreislauf von Gesellschaft und
Putz. Gedankenlos eilte ich von Kauflden zu Morgenbesuchen, dann zu
Ausstellungen, Versteigerungen, Assemblees, Schauspielen und Bllen, ohne da
Herrn Maitlands ernste Winke, seine bangen mitleidsvollen Blicke, oder Mi
Mortimers bestimmtere Bemhungen mich strten. Anfangs suchte diese weise
Freundin mich durch angenehme Zirkel und geistvolle Gesellschaft, die sie bei
sich versammelte, von dem lrmenden Gedrnge abzuhalten; allein ich hatte den
Becher der Thorheit getrunken, der sanfterer Heiterkeit schien mir schaal. Sie
machte mir Vorstellungen, sie redete zu meiner Vernunft, zu meinem Herzen - sie
waren beide betubt. Ich hatte die Keckheit, ihr zu sagen, da, wenn nach sechs
Wochen etwa alle meine Einladungen zu Ende wren, ich einmal an einem regnigen
Sonntag ihre Lectionen anzuhren bereit sey. Noch jetzt erstaune ich ber ihre
Langmuth bei meiner Unverschmtheit - allein sie sah meine Thorheit aus dem
Standpunct eines hhern Wesens an - die Aussicht auf die Strafe, die ihr drohte,
schmolz allen Zorn in Mitleid dahin. Wie sie einsah, da sie nichts ber mich
vermchte, suchte sie den Beistand meines Vaters zu gewinnen; allein dieser war
selbst ber meine glanzvolle Erscheinung in der groen Welt etwas geschmeichelt.
Er theilte die Menschen in zwei Classen: die eine, welche Reichthum erwirbt, die
andere, die ihn geniet. Ich gehrte zu der letztern, und er glaubte nicht, mich
darin hindern zu mssen. Es schmeichelte ihn, wenn der Morning Chronicle den
Glanz meiner Diamanten auf dem Ball der Grfin nur dem meiner Augen nachsetzte;
er lchelte behaglich, wenn ein andrer Paragraph von der Bewerbung des jungen
Herzogs von D. um meine Hand sprach. Wirklich begnstigte er mehrere Bewerber
aus den vornehmsten Husern, bis sie ihm ernstliche Antrge machen lieen; dann
schlug er sie, mit der Forderung eines unerschwinglichen Wittwenbedings nieder
und wiederholte fters, da er gar nicht gesonnen sey, einem Burschen sein
Vermgen zuzuwenden, der sich am Ende unterstehen knnte seinen Schwiegervater
zu miachten. Ich blieb bei diesen Verhandlungen ganz ungerhrt. Meine
Aussichten schienen mir so glnzend, und mein Hang zum Vergngen war so gro,
da ich an keine Heirath dachte. Fiel es mir hier und da einmal auf, da mein
Vater sehr annehmliche Vorschlge zurckwies, so regte sich wohl der Gedanke in
mir, er knne sich Herrn Maitland, den er mit der ausgezeichnetsten Achtung zu
behandeln fortfuhr, zu seinem Schwiegersohn ausersehen haben. Leichtsinnig
lachte ich dann bei der Vorstellung des Triumphs, diesen unbesiegbaren Starrkopf
ausschlagen zu knnen.
    Ohne da einer meiner Freiwerber mich anzog, oder einer meiner noch viel
zahlreicheren Bewundrer mir Neigung einflte, fand Lord Friedrich Mittel, mich
am mehrsten mit sich zu beschftigen. Er war der modigste Mann, ich strebte
darnach, die Schnheit des Tages zu seyn; aber noch mehr freute es mich, Lady
Marie durch seine Beflissenheit, allenthalben an meiner Seite zu erscheinen,
Galle zu erregen. In erster Rcksicht schmeichelte es meiner Eitelkeit, von
manchem eiferschtigen Gecken, von manchem neidischen Mdchen ber meine
verabredete Verbindung mit ihm mit heuchlerischer Theilnahme oder bitterm Spott
sprechen zu hren, und die frh entkeimte, in jedem Verhltni angewachsne
Feindseligkeit zwischen Lady Marie und mir vermochte mich, keinen Schritt zu
thun, um unser Verhltni zu stren. Dieses war indessen einzig auf Eitelkeit
gegrndet; er uerte keine ernstere Absicht, und es wre mir leid gewesen,
htte er es gethan, denn so sehr er Modeheld war, so wenig hatte er einen
Eindruck auf mein Herz gemacht.
    Allein mit einer Heirath ists, wie mit der Snde: wenn man sich oft daran zu
denken erlaubt, stumpft sich der Schrecken davor ab. Am mehrsten trug Mi
Juliens Bemhung bei, mich nach und nach an den Gedanken, da es mit Lord
Friedrich einst dahin kommen knnte, zu gewhnen. Da sie nun einmal den Platz
meiner Gesellschafterin eingenommen hatte und meinen Charakter sehr richtig
beurtheilen mochte, mute sie es auch fr sich fr einen gnstigen Umstand
halten, wenn ich einen glnzenden Rang in der Gesellschaft erhielt. Sie suchte
mir in vielfach wiederholten Gesprchen bald die Ernstlichkeit von Lord
Friedrichs Neigung zu beweisen, bald durch Aufregung meiner Eitelkeit oder
meiner Feindseligkeit gegen Lady Marie mich zu Fortsetzung meiner Koketterie
gegen ihn zu bewegen. Mi Mortimer, welche uns selten in Gesellschaft
begleitete, in dieser selbst durch die jetzt so bliche Trennung der Jugend von
Personen reifen Alters meinen Leichtsinn nicht beobachten konnte, blieb ber
mein Verhltni zu Lord Friedrich in vlliger Unwissenheit. Wirklich edle
Menschen, selbst wenn die gesellschaftlichen Verhltnisse sie unvermeidlich mit
der Gemeinheit zusammenbringen, bleiben von ihr unberhrt, denn sie sucht sich
selbst, instinctartig, von ihnen zu entfernen. Es gehrt ein Grad Dummheit oder
eine bestimmte bse Absicht dazu, solche edle Menschen mit bsartigem Geschwtz
zu belstigen. Eine solche Dummheit vermochte endlich ein ziemlich
untergeordnetes Mitglied meiner glnzenden Cirkel - denn Reichthum, Jugendglanz
und die Auszeichnungen meiner vornehmen Anbeter hatten mich in Gesellschaften
eingefhrt, in die meines Vaters Stand mir in gewhnlichen Verhltnissen keinen
Zutritt gesichert haben wrde - eine solche Dummheit vermochte eine ltliche
Wittwe, mit aller Heuchelei von Theilnahme und Entschuldigungen, bei einem
Besuch, den sie Mi Mortimer machte, diese von Lord Friedrichs geflissentlicher
Beschftigung mit mir und den Vermuthungen, die man darauf grndete, zu
unterrichten. Ich berraschte sie am Schlu ihrer Mittheilung und nahm, nach
ihrer bald darauf erfolgten Entfernung, die schmerzliche Gemthsbewegung wahr,
in welche ihre Nachricht Mi Mortimer versetzt hatte. Der milde, unendlich
theilnehmende Ausdruck ihres Gesichts berraschte mein Gefhl, ich fragte mit
Wrme nach der Ursach ihrer Bekmmerni; allein da ich an ihrer Antwort
wahrnahm, da es sich um eine Ermahnung handle, fand ich Mittel, ihrem Gesprch,
unter einem geringfgigen Vorwand, sogleich zu entschlpfen. Die nchstfolgenden
Tage vermied ich sehr geschickt, ihr Gelegenheit zum Wiederaufnehmen des
Gegenstandes zu lassen; allein eine kleine Unplichkeit, die mir das Zimmer zu
hten gebot, gab mich bald darauf in ihre Hand.
    Ein zuflliger Blick in den Spiegel zeigte mir zu meinem unaussprechlichen
Schrecken, wie auffallend drei Tage leichten Fiebers mich entstellt hatten. Ich
uerte meine Empfindungen in leichtsinnig verdrielichem Ton, und, ehe ich mirs
versah, zog Rede und Antwort eine Unterredung herbei, in welcher Mi Mortimer
mich eben so weise wie gefhlvoll auf die Gefahr aufmerksam machte, zu der mein
Leichtsinn mich hinri. Ich glaubte sie so wie mich mit der Versicherung, da
ich an gar keine Heirath dchte, zu beruhigen. Sie warnte mich darauf mit dem
Beispiel so manchen Mdchens, die durch die Sorglosigkeit, mit der sie eines
Mannes Bewerbung gestattete, sich endlich gefesselt gefunden htte. Mit
unwrdiger Gemthlosigkeit wagte ichs nun, zu behaupten, es sey ja am Ende auch
ganz gleichgltig, ob ich Lord Friedrich heirathe oder einen Andern; und da er
Geld, ich aber einen Rang brauchte, wre ja dieser Plan gar nicht so schlimm.
Ohne von dem Uebermuth, mit dem ich ihrer sanften Weisheit mein gehaltloses
Geschwtz entgegensetzte, entrstet zu werden, stellte sie mir mit zunehmender
Wrme, mit einer Innigkeit, die eine selbst mir auffallende Jugendblthe ber
ihre blassen Wangen verbreitete, die Unhaltbarkeit meiner Lebensansichten fr
sptere Jahre, ihre Gefahr fr die einst nachfolgende Ewigkeit vor. Erschttert
von ihrer Rede und jeder ernsten Rhrung abgeneigt, eilte ich der vortrefflichen
Freundin unbedingt zu versprechen, nie Lord Friedrich meine Hand zu geben. Sie
dankte mir und htte noch mehr gesagt; allein Mi Julie strmte eben ins Zimmer
herein und brachte mir ein Pckchen, das im Vorzimmer gelegen, und dessen Inhalt
sie mich mit Neugier entwickeln sah. Was ists? - rief sie dringend. - Ein Billet
von Lord Friedrich, und zwar Karten zu Lady St. Edwards Maskenball am fnften
Mai. - Mi Arnold sprang voll Freude im Zimmer umher: o das ist herrlich! das
ist gttlich! und wir sind diesen Tag noch nicht versagt. - Ich blickte verlegen
und mimuthig auf die Karten, das eben statt gehabte Gesprch dmpfte meine
Freude. Mi Mortimer drehte ngstlich ihre Nharbeit in den Hnden und fragte
mich endlich schchtern, ob ich die Karten anzunehmen gedchte. - Nun, das
versteht sich! rief Mi Julie vorlaut. - Warum sollte ich nicht? fragte ich. -
Mi Mortimer, ohne sich je an Mi Arnold zu richten, so ungeziemend diese sich
auch in das Gesprch einmischte, suchte nun mit schchterner Sanftheit und
unerschtterlicher Geduld mir begreiflich zu machen, da die Gattung dieser
Lustbarkeit, so wenig wie die Art des Zutritts, den wir dazu erhalten, von
vernnftigen Leuten gut geheien werden knnte. Nachdem ich meine Antworten -
denn Gegengrnde konnte ich sie nicht nennen - erschpft, endete ich, wie alle
ungezogene Menschen, mit einer Unverschmtheit, indem ich sie trotzig fragte:
wer ihr das Recht gbe, mich zu meistern und zu drngen? - Helle Thrnen brachen
aus ihren Augen. Ihre Mutter gab es mir, Ellen, rief sie mit vom Schmerz
erstickter Stimme, Ihre Mutter, die von unsrer langjhrigen, erprobten
Freundschaft der heiligen Erfllung meines ihr gegebenen Versprechens
entgegensah. So lange Sie vor meinen Augen leben, Ellen, mu ich Sie vor
unwrdigen Thorheiten hten, oder Ihrer Mutter Andenken wrde mich wie ein bses
Gewissen verfolgen.
    Ueberwltigt durch diesen Ernst, drangen auch mir Thrnen in die Augen,
schnell raffte ich die Einladungskarten zusammen, schlo ein entschuldigendes
Wort an Lord Friedrich bei und bat Julien, die mir mit der grten Bestrzung
zusah, ohne den Muth meiner bestimmten Bewegungen zu hindern, dem Bedienten zu
klingeln. Geben Sie mir den Brief, sagte sie gleichgltig, ich gehe doch die
Treppe hinab und kann ihm den Weg ersparen, nahm mir ihn ab und verlie das
Zimmer.
    Mi Mortimer, deren Thrnen noch flossen, ergriff meine Hand, drckte sie
mit ihren beiden und sah mich mit einem Blick an, der die Wildheit selbst
menschlich gemacht htte. Ich fhlte mich erleichtert durch die Entsagung, die
ich gebt; aber mein elender Stolz erstarrte mich vor dem Gefhl der Liebe, ich
hatte die Hrte, meine Hand zurckzuziehen und kalt und hochmthig das Zimmer zu
verlassen.
    Doch, was thue ich? Wird mich denn nicht die Welt verachten, der ich diese
Gestndnisse mache? Werden meine Leser nicht diese Bltter mit Abscheu von sich
werfen? Mgen sie! Ich kann dennoch einem von ihnen ein Beispiel zur Besserung
seyn - und dann vergesse doch keiner, da Abscheu vor dem Bsen noch nicht
Tugend ist, und gedenke auch, da ich nur dann ganz verloren gewesen wre, wenn
ich schon eine klare Erkenntni des Bessern gehabt htte - mein Verstand war
wirklich noch in der Dunkelheit des Irrthums befangen.
    Die Selbstberwindung eines so lieblosen Herzens war nicht geeignet, den
Geist zu bekrftigen. Sobald ich mich mit Mi Arnold allein befand, ward es ihr
unschwer, meine Einbildungskraft mit den lebhaftesten Bildern des Vergngens,
dem ich entsagt hatte, anzufllen. Sie stachelte meinen Stolz, indem sie meine
Nachgiebigkeit gegen Mi Mortimer als die schchterne Unterwerfung eines
Schulkindes schilderte, und brachte mich bald dahin, die Zurcksendung der
Einladungskarten aufs bitterste zu bereuen. Wenn wir sie nun aber wieder haben
knnten? fragte Julie mit schalkhaftem Lcheln. Unmglich! rief ich, nie wrde
ich Lord Friedrich darum bitten. - Wenn ich sie aber gar nicht fortgeschickt
htte, theure Ellen, sondern in der Ueberzeugung, da so ein abgeschmacktes
Beginnen Sie gereuen msse, Ihnen das Pckchen abnahm, um es - sie nahm es aus
ihrem Arbeitskstchen - hier zu verwahren? -
    Ich war wie vernichtet. Ein achtjhriger Umgang mit Mi Arnold hatte mich
noch nicht verleitet, meine gewohnte Wahrhaftigkeit, - die eigentlich nur
furchtloser Trotz war, meine Handlungen nicht zu verbergen - abgelegt zu haben.
Der Schritt, den Mi Julie gethan hatte, schien meine innre Freiheit unleidlich
zu verletzen, ich erstarrte vor der Demthigung, die mir fremde Schuld zuziehen
knnte. Julie bemerkte die Unruhe meiner Gedanken, obschon deren Gegenstand ihr
fremd seyn mochte; mit der einnehmendsten Schmeichelei stellte sie mir vor, wie
sie nur um meinetwillen gehandelt habe, wie sie gern allen Tadel auf sich nehmen
wolle, um mir ein meinen Ansprchen so angemessenes, so unschuldiges Vergngen
zu verschaffen - allein jetzt ward der zutrauenvolle, dankbar glnzende Blick,
mit dem Mi Mortimer fr das Hinwegsenden der Einladungskarten meine Hand
drckte, mein Schutzgeist, ich konnte ihr Lob meiner Wahrhaftigkeit, das sie mir
noch vor so kurzem gegeben, nicht zu Schanden machen und gewann noch einmal den
Sieg ber mich, die Karten mit eigner Hand dem Bedienten zum Forttragen zu
bergeben.
    Nun war mein Herz wirklich leicht, wirklich stolz. Ich vergab Mi Mortimer
meine Fehlschlagung, dem Maskenball beizuwohnen; mein Abend, obschon einsamer,
wie gewhnlich, weil ich mich noch als Kranke behandeln mute, verflo in der
heitersten Laune, und mein Schlaf ward von freundlichen Trumen umgaukelt. Mich
wandelte wohl im Verlauf des Tags die Lust an, Mi Mortimer meinen zweiten, da
er nicht durch Trotz herbeigefhrt ward, viel reinern Triumph ber eine
Maskeradesehnsucht mitzutheilen; allein ich konnte es nicht thun, ohne meine
Freundin, die nur um meinetwillen sich dem Tadel ausgesetzt hatte,
bloszustellen, und gebot mir Schweigen.
    Schon whrend meines Streites mit Mi Arnold hatte mir der Gedanke an Herrn
Maitlands Meinung ber diesen Maskenball vorgeschwebt und vielleicht, mir
unbewut, meinen Entschlu befrdert. Jetzt wnschte ich, da er kommen mchte,
und befahl dem Bedienten, von allen Besuchen ihm allein Zutritt zu gestatten, -
ich machte mir selbst glauben, nur weil mein Krankenanzug und meine Blsse
seinem stoischen Muth ohnehin gleichgltig seyn mten, ingeheim wnschte ich
aber seinen Beifall fr meine Selbstverleugnung zu rnten. Doch erwartete ich
ihn diesen Abend vergeblich; erst den folgenden stellte er sich ein, und kaum
hatte er Platz genommen, so rhmte ihm Mi Mortimer mit der zartesten Vorliebe
der Freundschaft meine Entsagung. Ich blickte verstohlen ihn an. - Sobald er,
wovon die Rede sey, vernommen, verbreitete sich ein Freudeschimmer ber sein
Gesicht: Mir ducht, sagte er, dafr sind wir Mi Percy keinen Dank schuldig,
sie hat gewi mehr Freude empfunden, Ihrer Bitte zu willfahren, als zwanzig
Maskenblle ihr gegeben htten. - Nicht eben das! rief ich, mir wrde eine
Maskerade die grte Freude von der Welt machen. - Sie wollen also durchaus
einiges Verdienst bei diesem Opfer haben? fragte Herr Maitland mit leichtem
Scherz, setzte sich mit anmuthiger Vertraulichkeit neben mich auf den Sopha und
errterte mit einem Witz, der stets an die Empfindung anstreifte, den Werth
meiner Entsagung. Im Verlauf des Gesprchs gebrauchte ich auch den Ausdruck von
geziemendem Stolz. Er fragte mich darauf, was ich unter dieser schnen
Redensart verstehe. Nachdem ich vergeblich versucht hatte sie zu erklren, sagte
ich muthwillig: geziemender Stolz sey das Gefhl, welches mich abgeneigt mache,
je als eine geduldige Magd mich vor der Herrschsucht des Mannes zu beugen; ein
Gefhl, welches mir stets den Muth eines unabhngigen Geistes erhalten solle,
ohne welchen das Daseyn mir nichts werth sey. - Fern sey es von mir, Ihnen
diesen zu rauben, sprach Herr Maitland, anfangs mit Lcheln, das aber, noch
whrend er redete, einer ernsten Theilnahme Platz machte. Allein, welchen Werth
knnte nicht dann dieses Daseyn gewinnen, wenn Mi Percy die reichen Gaben, mit
denen die Natur sie berschttete, und die doch nur ein Darlehn sind, aufs beste
anzuwenden bedacht wre? Was wrde sie dann erst seyn? - Alles, was Ihre
wrmsten Freunde von Ihnen wnschen knnten. Sie wrden vielleicht dann nicht
mehr die Bewunderung aller Gecken begehren, sie vielleicht erlangen; allein die
innigste Hingabe derer, die weiter blicken, als auf ein schnes Gesicht, - die
wr' Ihren gewi. Die Wrme, mit der Herr Maitland sprach, war seiner
Gewohnheit so entgegen, sein Blick, ohnehin so durchdringend, strahlte mit so
auerordentlichem Glanz, da sich mein Auge vor ihm senkte, und glhende Rthe
meine Wange umzog. Gewi nur diesem Manne konnte es gelingen, meinen Uebermuth
zu beugen; allein ich war so befremdet ber meine Unterwrfigkeit, da die
Widerrede mir versagte, und der unerwartete Eintritt meines Vaters mir als eine
wahre Erleichterung erschien.
    Sein Gesicht kndigte mir an, da ein besondrer Gegenstand ihn mehr lebhaft
als wohlthtig beschftige. Er schritt rasch ein paarmal im Zimmer hin und her,
stellte sich dann vor das Camin und rief mir zu: Endlich werde ich des
Ueberlaufs um Ihretwillen mde, Mi Percy. - Um meinetwillen, lieber Vater? was
will man von mir? - Von Ihnen ziemlich wenig, aber von mir bei dergleichen
Gelegenheit mein Geld. - Verzeihen Sie, Herr Maitland, sagte er, sich gegen ihn
wendend, da ich Sie mit Familiensachen unterhalte. - Wer will gelegentlich
meiner mein Geld? fragte ich sorglos. - Lord Friedrich de Burgh, der zweite
Sohn des Herzogs von C. Seine Gnaden waren heute frh bei mir und haben mir die
bestimmtesten Vorschlge gemacht. - Herr Maitland hatte im Ernst seiner letzten
Worte meine Hand ergriffen und sie, meinem Vater zuhrend, in einer Art
Zerstreuung noch immer gehalten; bei dem Namen Lord Friedrichs lie er sie mit
einem unsanften Druck los, ich blickte auf, um den Ausdruck seines Gesichts zu
sehen, allein er hatte sich abgewendet und schien sorglos in einem Buch, das auf
dem Nhtisch lag, zu blttern. Mein Vater erzhlte nun weitlufig, wie der
Herzog bei seiner Bewerbung die Ehre einer Verbindung mit seinem Hause, die
Aussicht auf die Herzogskrone, welche die hinfllige Gesundheit seines ltesten
Sohns Lord Friedrich versprche, nicht habe anzudeuten vergessen, wie es aber so
ziemlich am Tage lge, da mein Heirathsgut ein groer Bewegungsgrund bei seiner
Einwilligung in seines Sohnes Wnsche gewesen sey. Hier hielt mein Vater inne
und blickte mich fragend an, als erwarte er, da ich doch einige Neugier nach
der Entscheidung, die er in der Sache gegeben, bezeigen sollte. Ich spielte aber
sorglos mit meinem Armband und lie mich auf nichts ein. Herr Percy nahm also
wieder das Wort und erzhlte mit Triumph, wie unbedenklich er den Herzog
abgewiesen habe. Zweitausend Pfund Witthum habe er geboten - eine schne
Herrlichkeit fr ein Mdchen, das Hunderttausende Mitgift hat und noch doppelt
so viel zu erwarten! Und dafr, schlo er, soll ich einen Schnapphahn in mein
Haus aufnehmen, den ich herausfttern, dem ich alles, bis auf den Rock, mit dem
er den Gecken spielt, anschaffen mte, damit er und seine bankerotte Familie
mich und mein Mdchen ber die Schulter ansehe? Nein wahrlich, dafr hat kein
wackrer Mann in England sein Vermgen gesammelt. Wie, Maitland? - Wahrlich
nein, nicht nach Ihrer noch nach meiner Ansicht, antwortete Herr Maitland
gezwungen. - Aber der groe Mann ist auch in einen Zorn gerathen, er schmt
sich seiner Vorschlge und wnscht sie geheimgehalten. Gewilich, ich werde sie
nicht verknden! Alle Welt wei, da ich viel vortheilhaftere Vorschlge fr
meine Tochter verwarf.
    Also er will, die Sache soll verschwiegen bleiben? fragte ich hastig; da
knnten sie ja seine Tchter vielleicht nicht einmal erfahren. - Sie sehen sie
demnach als gnzlich beendigt an? sagte mein Vater zu mir, ohne auf meine Worte
zu achten. - Gewi! rief ich; wte ich nur, wie ich machte, da sie Lady Maria
erfhre. - Vertrauen Sie sie einer recht innigen Freundin, sagte Herr Maitland
sehr trocken; sagen Sie mir aber nur, warum es Ihnen so am Herzen liegt, da
Lady Maria sie erfhrt? - Weil sie sich ganz grenzenlos darber rgern wird;
die Tochter eines bloen Kaufmanns, welche dem Enkel des hundert und funfzigsten
de Burgh einen Korb gibt! das wird ihr alle Kanten und Schnheitsmittel
verleiden! - Ich war von diesem Gedanken so entzckt, da ich erst nach einer
Weile bemerkte, wie Herr Maitland bis ans Ende des Sophas von mir gewichen war
und ganz erblat in finsterm Nachdenken den Kopf auf die Hand sttzte. Gleich
darauf nahm er von Mi Mortimer Abschied, doch in dem Augenblick, wo er zur Thr
schritt, kam die Kammerfrau dieser und meldete ihr, Frau Wells wnsche sie einen
Augenblick zu sehen. Mi Mortimer bat ihn, seine Schutzbefohlne noch zu
begren; er willigte ein, aber mein Vater begab sich mit der Bemerkung hinweg:
Wenn die Frau Geld will, Mi Mortimer, so lassen Sie's mir sagen, ich habe den
Leuten immer das Ihrige geschickt und bin ihnen nichts schuldig.
    Anfangs war die gute Frau bestrzt, ihre Wohlthterin nicht allein zu
finden, sie schien sich nicht zum Reden ermuthigen zu knnen. Doch Herr
Maitland, dem es nun einmal gegeben war, sich alle Herzen zu erschlieen, that
ihr einige Fragen, die ihre Zuversicht zurckriefen. Geld wollte diese wackre
Frau nun eben nicht, aber Etwas, das der Arme eben so oft braucht, aber seltner
fordert: guten Rath wnschte sie von Mi Mortimer zu hren wegen einer
Liebschaft ihrer Tochter Sally. Sie ward von einem jungen Handwerksmann zur Ehe
begehrt; sein Gewerb und Sally's Nadel konnten des jungen Ehepaars tglichen
Unterhalt sichern; allein zur Hauseinrichtung war nichts da, sie mute mit
Schulden angefangen werden, und das, meinte Frau Wells, setzte sie auf immer
zurck. Nun habe sie den Liebenden gerathen, ein paar Jhrchen zu warten, recht
fleiig zu seyn und recht zu sparen, bis sie das Nthige zusammengebracht
htten. Die jungen Leute denken aber, wenn man sich liebe, brauche man wenig,
sagte sie, zu mir gewendet - ach, sie haben das Armseyn vergessen, seit Ihre
verehrte Mutter mir zu sicherm Erwerbe verhalf! Das wei Niemand, was Armseyn
ist, als der es erfahren hat, wie ich. Manches Leiden kann man sich auf
Augenblicke aus dem Sinne schlagen, aber harte Schuldner, frierende, hungrige
Kinder - ach, die lassen uns die Armuth keinen Augenblick vergessen! - Meine
Bitte ist nun, da Mi Mortimer meiner Sally zureden mchte, meinem Rathe zu
folgen und nach ein paar Jahren, in denen sie gewi vierzig oder funfzig Pfund
zusammensparen knnten, mit meinem Segen ihre Ehe anzutreten. - Wie? rief ich,
den Schlu ihrer Rede gar nicht anhrend, mit vierzig oder funfzig Pfund ist die
Sache abgethan? Die kann ich ihr ja sogleich von meinem Monatsgelde geben, denn
gewi habe ich so viel brig. - Ellen, was fllt Ihnen ein? rief Mi Arnold, die
seit einer Weile ins Zimmer getreten war, Sie wollen doch nicht funfzig Pfund
auf einmal hingeben? - Warum nicht? Ich brauche das Geld nicht, und sollte ich,
so gibt mir Papa einen Vorschu. - Anfangs bot ich mein Geld in gutmthiger
Ueberraschung an, erst Mi Arnolds Widerspruch lie mich ein Verdienst in meiner
Handlung entdecken, und dafr den Lohn in Herrn Maitlands Blicken zu finden,
suchte ich ihn nun auf. - Aber sein Auge schenkte meiner Freigebigkeit keinen
Beifall, die nicht aus Grundstzen entsprang, die kein Opfer auflegte, keine
Entsagung gebot. Mit ruhigem Mitleid blickte er mich an, als wolle er sagen: Du
armes Geschpf, selbst dein Gutes hat keinen moralischen Halt! - Frau Wells
grbelte nicht ber die Quelle meiner Gromuth, sie dankte mit inniger Rhrung,
nahm sie aber nicht an, weil Sally und Robert ihres Eheglcks sichrer wren,
wenn sie ein paar Jahr gearbeitet und gespart htten, um es zu erlangen, und
weil die Gewohnheit von Geduld und Flei ihnen mehr frommen wrde, wie mein
Gold. - Der belohnende Blick, den ich in Maitlands Auge gesucht hatte,
bestrahlte jetzt Frau Wells; er verhie ihr Segen fr diese Denkart, allein drei
Jahre, meinte er, sey eine zu lange Prfung; sie solle die Liebenden ein Jahr
lang nach ihrem Ziele hinarbeiten lassen, und was an dessen Schlu noch an der
nthigen Summe fehle, lege er dann hinzu. Frau Wells dankte innig, aber ohne
Erniedrigung; ich knnte, sagte sie darauf sich zu mir wendend, Sally am
wirksamsten bei ihrer Absicht untersttzen: das junge Mdchen arbeite gut, es
fehle ihr nur an neuen Mustern und Kunden unter vornehmen Leuten; wenn ich mich
aber herablassen wollte, sie fr mich arbeiten zu lassen, so wrden bald die
elegantesten Damen ihr zu thun geben. - So wie ich der wackern Frau Meinung
verstand, gerieth ich in die peinlichste Verlegenheit. Wie konnte ich mich
entschlieen, ein Kleid anzulegen, das nicht die erste Modeschneiderin der
Hauptstadt gemacht hatte? - Aber Frau Wells bat so schchtern, so ernst! Wie
sollt ich's ihr abschlagen? Mi Arnold lie mir Zeit, mich zu sammeln, denn noch
ehe die wackre Frau ganz ausgesprochen, rief sie: Behte uns Gott, ehrliche
Frau, Mi Percy soll doch kein Ding anziehen, wie Ihre Tochter sie
zusammenflickt? Ehe die ein Muster fnde, zge es ja alles Lumpengesindel durch
die Hnde! - Ich wollte nicht zudringlich seyn, nahm Frau Wells hocherrthend
das Wort; ich meinte, wenn Mi Percy die Gte htte, Sally anzuweisen. - O liebe
Frau Wells, sagte ich besnftigend, dessen wre ich nicht fhig, ich verstehe
nichts davon; aber ich will Sally empfehlen, berall wo ich Arbeit fr sie
hoffen kann. Liebe Mi Mortimer, Sie geben ihr zuerst welche! - Das kann sie,
sagte Herr Maitland trocken, sie kann den Zauber eines modigen Rockschnittes
entbehren.
    Mistri Mortimer erfuhr spterhin, da Herr Maitland in den nchsten Tagen
die Summe, welche Sally bei ihrer Hochzeit ausgezahlt werden sollte, gerichtlich
niedergelegt hatte. Das junge Mdchen lie sich von meiner ehrwrdigen Freundin
zur freudigen Nachgiebigkeit in der Mutter Rath bewegen, und das Glck dieser
Menschen war gesichert. - Ich verga schnell meine werthlose Gromuth; sie glich
dem unstten Schimmer des wogenden Meeres, inde Mi Mortimers und Maitlands
Menschenliebe belebend, thtig, allverbreitet, wie der Sonnenstrahl, wirkte.
    Sobald meine Unplichkeit vorber war, begann ich meinen Kreislauf von
Lustbarkeiten von neuem. Mein erster Ausgang war ein Konzert und Souper, das
Lady G. einem kleinen Freundeskreis von vier und funfzig Personen gab. Gleich
bei meinem Eintritt erblickte ich Lord Friedrich, der neben seiner Schwester,
Lady Auguste und Lord Glendowr stand. Lady Marie machte ihn mit spttischem
Gelchter meine Anwesenheit bemerken; er wendete den Kopf nicht einmal zu mir;
ich durchblickte Lady Mariens Absicht und setzte alle kleine Mittel der
Gefallkunst in Thtigkeit, um ihr Lord Friedrich zu entreien - doch alles
umsonst, bis die Frau vom Hause mich zu einer Bravour-Arie aufforderte, zu der
ich mich meiner Fhigkeit bewut war; nach ihren ersten Tnen, welche die
Gesellschaft in die tiefste Stille gezaubert hatten, nahte sich Lord Friedrich
der Lady G., die bewundernd neben mir stand. - Mein Herz schlug hrbar ber
meinen Triumph, meine Stimme schien von der Begeisterung getragen - da hrte
ich, wie er sich bei der Wirthin, nthiger Geschfte wegen, entschuldigte, und
sah, wie er aus der Gesellschaft verschwand. Meine Fassung reichte kaum aus, die
Arie zu beenden; unter dem Gerusche des Beifalls gewann ich Zeit, meine Lage zu
bersehen, und da ich, wie alle eitle Weiber, lieber Anmaung abwehrte, als
Vernachlssigung ertrug, beschlo ich meine Empfindlichkeit zu verbergen. Bald
war mein Plan entworfen; durch eine geschickte Wendung bewog ich Lord Glendowr,
Lady Maria's erklrten Bewunderer, mir einen Augenblick Aufmerksamkeit zu
verleihen, und fesselte ihn dann so vollstndig, da er den ganzen Abend nicht
mehr meine Seite verlie. Wahrlich, der armselige Triumph war theuer erkauft; er
verdammte mich, drei tdtlich langweilige Stunden mit anscheinender
Lebhaftigkeit dem Geschwtz des einfltigsten Sterblichen zuzuhren. Eine
Anstrengung, von der ich mde und von innerm Zwiespalte erschpft endlich nach
Haus eilte.
    Das nothwendige Geschft, das Lord Friedrich aus der Gesellschaft gerufen,
war eine Spielpartie, in welcher er zweitausend Pfund verloren hatte. Mi Arnold
sprach mit dem zrtlichsten Mitleid von ihm und gebrauchte ihren Einflu ber
meine Schwche so wohl, da sie mich endlich beredete: die Verzweiflung, sein
Gesuch bei meinem Vater gnzlich fehlschlagen zu sehen, habe ihn zu dieser
Thorheit gebracht. In gewissem Sinne hatte sie recht. Geld mute er sich
verschaffen; wie es ihm durch Eroberung meiner Mitgift nicht gelungen war,
versuchte er es mit den Karten - allein diese Entdeckung zu machen, war ich viel
zu sehr in Selbstbetruge befangen. Es schmeichelte meiner Eitelkeit, eines
Mannes Leidenschaft also aufgeregt zu haben, und mein Zorn ber seine
Vernachlssigung war, wie ich ihn den folgenden Abend bei Mistri Clermont fand,
beinahe verraucht.
    Die Zimmer waren so voll, da ich mich gleich beim Eintritt von Mi Arnold
getrennt sah und erst nach einigen Minuten sie, im ernsten Gesprch mit Lord
Friedrich begriffen, wiederfand. Befremdet trat ich ihnen nher und hrte ihn
sagen: Da wrde ich eine sehr einfltige Figur machen. - Die Sache ist
unmglich, antwortete Mi Arnold, er hat auf der Welt keinen Verwandten, als
... hier erblickte sie mich, schwieg und errthete. Doch ich hatte keine Zeit,
Bemerkungen zu machen, denn Lord Friedrich ergriff meine Hand und uerte seinen
Unmuth ber seine von meinem Vater erlittene Fehlschlagung in einem Ton, dem
mein Selbstgefhl, welches ich gegen Herrn Maitland als Richtschnur meines
Betragens aufgestellt, kalte Verachtung htte entgegensetzen sollen. Doch Lady
Marie, die ihren Bruder bewachte, nherte sich schnell, um ihn zu einem
Zeitvertreib abzurufen, den er durch Kartenknste Lady Auguste zu verschaffen,
versprochen hatte; das war genug, mich ber meine weibliche Wrde zu verblenden,
ich setzte mein Gesprch mit Lord Friedrich fort, lie mich auf einen
nebenanstehenden Stuhl nieder, er nahm seinen Platz neben mir und schlug seiner
Schwester ab, sie an Lady Augustens Spieltisch zu begleiten. In der
Unterhaltung, welche nun folgte, wurden die zurckgesendeten Einladungskarten
nicht vergessen. Er scherzte ber meine Weigerung und drang darauf, die
eigentliche Ursache derselben zu wissen; aus Verlegenheit sagte ich ihm, da ich
Anstand nhme, mich in die Gesellschaft einer Dame zu drngen, der ich nicht
vorgestellt sey. Bei diesen Worten sprang er auf, um mir Lady St. Edmond, welche
sich auch in der Gesellschaft befand und, wie er sagte, seit langer Zeit mich
kennen zu lernen wnsche, zuzufhren. Sogleich kehrte er mit einer Dame zurck,
deren glnzende Erscheinung und liebenswrdige Gestalt, wenn sie gleich ber die
Jugendjahre hinaus war, den angenehmsten Eindruck machte. Ihre gemthvolle
Hflichkeit, ihr ungezwungnes Betragen, ihre Schmeichelreden bezauberten mich,
ich blieb den ganzen Abend ihre Gefhrtin und nahm das Versprechen ihres Besuchs
auf den folgenden Morgen mit der grten Freudigkeit an.
    Sie erfllte dieses Versprechen und war im vertraulichen Geschwtz am Camin
noch hinreiender, wie im Gerusch des Salons, obgleich ihre Reize beim
Tageslicht weniger vortheilhaft erschienen. Im Verlauf des Gesprchs warf sie
mir auf die schmeichelhafteste Weise meine Weigerung vor, ihren Ball - wie sie
sich ausdrckte - durch meine Gegenwart glnzender zu machen. Ich war redlich
gesonnen bei meinem Entschlu, nicht dabei zu erscheinen, zu beharren, allein
Mi Arnold wute meine Grnde bald zu entkrften, bald, indem sie meine
Nachgiebigkeit gegen Mi Mortimers Wunsch als kindische Folgsamkeit darstellte,
meine Eitelkeit zu reizen, so da ich das Anerbieten der Lady St. Edmond, uns
nochmals Karten zu senden, nicht abzulehnen den Muth hatte.
    Kaum hatte sie mich mit den einnehmendsten Liebkosungen verlassen, so trat
Mi Mortimer ein und mute den ersten strmischen Ergu der Freude ber meine
neue Bekanntschaft vernehmen. Sie that es mit bedchtiger Ruhe und der
gleichgltigen Bemerkung: sie habe gehrt, da Lady St. Edmond sehr
liebenswrdig sey. Noch mehr durch ihre Fassung, die ich fr Abneigung gegen
meinen neuen Gtzen hielt, erhitzt, hufte ich Lobsprche auf Lobsprche und
fgte den Wunsch, mit so einer Freundin meine Tage zu verleben, hinzu. Mi
Mortimer erinnerte mich an die Nothwendigkeit, neue Verbindungen nur allmhlig
zu knpfen. - Ich nannte das Kaltherzigkeit. - Sie deutete darauf, da Lady St.
Edmonds Ruf von der Art sey, diese Behutsamkeit einem jungen Mdchen sehr nthig
zu machen. - Nun war mein Stolz emprt; ich wollte mich den Regeln allgemeiner
Klugheit nicht unterwerfen; bermthig erklrte ich alles, was die Welt ber
meine neue Freundin urtheilen mchte, fr Verleumdung, und einer solchen
Verleumdung Gehr zu geben, fr die elendste Schwche. Mit Engelmilde setzte mir
darauf Mi Mortimer den Unterschied auseinander, der darin lge, ein altes
Freundes-Verhltni wegen Beschuldigungen des ffentlichen Rufes aufzulsen,
oder neue solche Verhltnisse mit einer Person von beflecktem Rufe zu knpfen.
Das Erstere knnte Ehre und Menschlichkeit in manchen Fllen verbieten, das
Andere sey gewagt und fr eine Person meines Alters und Geschlechtes vllig zu
verwerfen. Diese Ansicht war so einleuchtend, da ich mit all meinem Uebermuth
nicht sogleich eine Widerlegung bereit hatte. Mi Mortimer, viel zu edel, um
sich der Besttigung meiner Niederlage in meinem Stillschweigen zu erfreuen,
verlie ungesumt das Gemach.
    Der Gedanke an den verfhrerischen Maskenball zerstreute mich bald von dem
unangenehmen Eindruck, den diese Unterredung zurcklie. Fest entschlossen, ihm
zu entsagen, erlaubte ich mir um so unbedachter, mich an der Vorstellung seines
Glanzes zu weiden. Ich dachte mir die Pracht meiner trkischen Maske, die
Anmuth, die sie meiner Gestalt verleihen mte, die Bewunderung, die ich
erregen, die witzigen Antworten, die ich ertheilen wrde - doch vor allem
beschftigte sich meine Einbildungskraft mit dem Vergngen, den ganzen Abend an
Lady St. Edmonds Seite zu seyn. Zu gewohnt, meine Interessen mit Mi Arnold zu
theilen, wurden meine eiteln Trume Gegenstand unsers nchsten Gesprchs, und es
ward ihr leicht, da durch Lady St. Edmonds persnliche Einladung der Hauptgrund
der Weigerung, der in Lord Friedrichs Dazwischenkunft bestanden hatte, gehoben
war, mich zu bereden, da es meinem Vater allein zukomme, ber das Annehmen oder
Ausschlagen der Einladung zu entscheiden. Der Ausweg war meinem Gewissen
willkommen, allein es war noch zu schchtern; den Vorschlag meinem Vater selbst
zu thun, fehlte es mir an Muth. Mi Arnold bot sich ungebeten zu der
Unterhandlung an, diese glckte ohne die geringste Schwierigkeit; mein Vater,
durch seine Unkunde der feinern Gesetze des weiblichen Anstandes, da meine gute
Mutter nie in der groen Welt gelebt hatte, und durch seine Eitelkeit, die an
den vornehmen Bekanntschaften seiner Tochter Gefallen fand, irre geleitet,
tadelte Mi Mortimers Ansicht und befahl mir ohne weitres Nachdenken, der
Einladung Lady St. Edmonds zu folgen. Nun war der Pflicht genug gethan; aber die
Umstnde erheischten es doch, Mi Mortimer die Vernderung meines Entschlusses
mitzutheilen, und das schien mir noch schwieriger, als das Gesuch an meinen
Vater. Mi Arnold versuchte mir deutlich zu machen, da zu Vermeidung aller
Unannehmlichkeiten fr beide Theile nichts leichter sey, als dem wrdigen
Mdchen unsern Besuch des Maskenballs gnzlich zu verschweigen. Sie kenne unsre
Einladungen nicht, es sey sehr leicht, an dem Ballabend eine andere Gesellschaft
zu besuchen, dann spter unsern Anzug zu ndern, um noch immer frh genug, bei
Lady St. Edmond zu erscheinen. Meine ganze Seele emprte sich gegen diesen
furchtsamen Betrug; fast htte mich dieser Vorschlag ber Juliens gefhrlichen
Einflu aufmerksam gemacht, allein sie wute bei der ersten Aeuerung meines
Mifallens mich mit Thrnen und Liebkosungen zu berzeugen, da nur der innige
Wunsch, mir den Genu dieses Ballabends zu verschaffen, sie leite. Sie bot mir
an, ihre Karte Mi Mortimer abzutreten, so alle Hindernisse zu heben und mir den
sichersten Beweis ihrer uneigenntzigen Freundschaft zu geben. Mein schwaches
Herz, der Liebe bedrftig und der Schmeichelei gewhnt, lie sich leicht
beschwichtigen, und als Ersatz fr das meiner Freundin gethane Unrecht, gab ich
ihr sogar bis dahin nach, da wir, um Mi Mortimers Mibilligung so viel wie
mglich zu entgehen, sie erst am Ballabend selbst, im Augenblick unsrer Abfahrt,
mit meinem vernderten Entschlu bekannt machen wollten.
    Mi Mortimers Ermahnungen zum Trotz, setzte ich meine Bekanntschaft mit Lady
St. Edmond fort. Ich zog zwar einige Erkundigung ber sie ein; ihr Erfolg
stellte meinen neuen Liebling als eine Frau dar, die sich mit groem Glck und
Vortheil dem Hazardspiel ergbe und ber einen Punct ihres Betragens solcher
Fehltritte wegen verdchtig werde, die es besser sey nicht zu erwhnen. Die
Heftigkeit, mit der ich Lady St. Edmond unschuldig zu finden wnschte, bewog
mich, die ffentliche Meinung als eine Despotin zu betrachten, der zu
widerstehen, mich meine Eitelkeit aufreizte; meine Zuneigung fr sie gewann
durch meine Absicht, ihr dadurch ntzlich zu seyn, neue Strke, so wie auch
meine Bewunderung ihrer liebenswrdigen Eigenschaften dadurch anwuchs. Wirklich
war aber ihr Betragen gegen mich so anziehend, ja so bezaubernd durch Geist und
gemthvolles Wesen, da ich noch jetzt, nach Verflu manches Jahres und mancher
gemachten Erfahrung, berzeugt bin, ihr Wohlgefallen an mir war nicht ganz
erlogen. Ich habe selten ein so verhrtetes Herz gefunden, da es nicht,
wenigstens vorbergehend, durch die redliche Gefhlswrme der Jugend gerhrt
worden wre. Ich vermochte auch gar keine Ursache zu entdecken, die sie, mir zu
heucheln bewegen knnte; auch fr die Beschuldigung ihrer Liebe zum Spiel fand
ich, in ihrem Verhltni zu mir, keinen Beweis; sie veranlate mich nur ein
einzigesmal die Karten zu nehmen, und da war ich im Gewinnen. Mi Mortimer fuhr
inde fort mich zu warnen und auf ihrer beln Meinung von dem Gegenstand meiner
Vorliebe zu beharren, so da ich den Ausdruck meiner Bewunderung aus
Widerspruchsgeist noch erhhte. Ein prophetischer Ausspruch meiner Warnerin
prgte sich meinem Gedchtni besonders ein, weil er mit einer Strenge abgefat
war, wie ich sie bei keiner andern Gelegenheit aus Mi Mortimers sanftem Munde
vernahm. Ich hatte Lady St. Edmond meine Zauberin genannt; diesen Ausdruck
fate sie auf und sagte: Zauberin? ja das ist sie, denn sie zieht Sie in einen
Kreis, den nichts Gutes oder Heiliges betritt; wollen Sie ihr dahin folgen, so
bieten Sie allen guten Engeln Lebewohl. Die Guten werden Sie einer nach dem
andern verlassen, und Ihnen kein Gefhrte bleiben als der Ihre Irrthmer
benutzen will, oder Ihren Untergang befrdern.
    Es ist sehr sonderbar, da Wesen, die so wie wir, alles von der Zukunft
erwarten, sie oft da sorglos bersehen, wo sie uns so sichern Rath gewhren
knnte. Wird man es glauben knnen, da ich von derselben Unterredung weg, in
welcher Mi Mortimer jene ernsten Worte zu mir sprach, in einer Versteigerung,
wo die ganze Londner Welt sich einfand, an der Seite Lady St. Edmond erschien? -
Man verkaufte den Nachla einer hchst modigen Frau, unter dem sich alles kleine
Gerth, Zimmer-Aufputz und Luxus-Spielwerke befanden, die das Bedrfni des
Knstlers erfindet, um die Uebersttigung des Reichen zu neuer Besitzes-Begier
zu reizen. Jedes Mitglied der Modewelt ward von der Begierde sein Geld und seine
Zeit zu vergeuden, oder doch seine Neugierde zu weiden, dahin gefhrt. Lord
Friedrich, seiner schnen Cousine bestndiger Begleiter, war uns zur Seite, so
wie er berhaupt, seit mein Vater seine Bewerbung zurckgewiesen, mir seine
Aufmerksamkeit noch viel eifriger bezeugte wie vorher. Mi Arnold glaubte es aus
dem Grund zu erklren, da er seine Beflissenheit gegen mich, nun sie gar keine
Absicht mehr haben knnte, auch gar nicht mehr zu verbergen brauche, indem unser
Verhltni beiderseitig eine unschdliche Koketterie bleiben mte. Diese
Erklrung beruhigte mich nicht, weil sie aber meiner Eitelkeit freies Feld bot,
lie ich sie als hinreichend gelten. Es waren schon eine Menge kostbarer
Spielwerke verkauft, whrend das Gesicht mancher gegenwrtigen Dame, durch
Begehrlichkeit, Neid, Fehlschlagung, mehr oder weniger entstellt, mich fast so
sehr als der Anblick der glnzenden Gerthschaften beschftigte. Endlich fiel
mir der mignstige Ausdruck einer betagten, hagern Frau, die ihre Augen auf
eine runde, blhende Gestalt richtete, welche ein eben erstandnes sehr schnes
Porzellangef wohlgefllig betrachtete, so lebhaft auf, da ich meinen
Bleistift hervorzog, um sie als Karrikatur zu entwerfen. Noch war ich damit
beschftigt, als ein allgemeiner Ausruf der Bewunderung meine Blicke auf ein
Toilettenkstchen von Schildpatte mit goldnen Verzierungen zog, das eben zum
Verkauf ausgeboten wurde. Dieses Kstchen war ein Meisterstck an Vollendung der
Arbeit, an Reichthum und Zierlichkeit der Verzierungen. In einem Moment ward ich
vom Zuschauer bei dieser Scene der Thorheit, eine handelnde Person, ich fand in
der Versicherung des Ausrufers: da die funfzig Pfund fr die es angeschlagen
sey, nicht ein Drittel seines Werthes betrgen, eine Rechtfertigung meiner
unwiderstehlichen Lust es zu besitzen, und that ein Gebot. Die Besitzeslust
welche mich ergriffen, wirkte auch auf Andere, man steigerte den Preis bis zu
siebenzig Pfund. Nun stockte der Wetteifer einen Augenblick; dieser schien mir
gnstig, ich bot noch einmal - allein ich hatte mich geirrt; jetzt trat eine
ltliche, widrige Dame mit mir in Wettstreit, mit spottender, fast
geringschtzender Klte trieb sie mich hinauf, bis fr hundert und funfzig Pfund
sie mir das Spielwerk berlie. - Ich hielt meinen neuen Besitz in den Hnden,
ich geno die Glckwnsche, die neidischen Blicke, die bewundernden Ausrufungen
der Umstehenden, als mir die Nothwendigkeit, meinen Kauf zu bezahlen aufs Herz
fiel. Den Versteigerungs-Gesetzen gem, mute dieses baar geschehen, und ich
hatte aufs hchste zwanzig Guineen in meinem Beutel. Mit einer Verlegenheit, die
alles was ich bisher in dieser Art erfuhr, bertraf, wendete ich mich, kaum
hrbar an Lady St. Edmond mit der Bitte um ein Darlehn, das ich gewi war ihr
gleich nach meiner Nachhausekunft erstatten zu knnen. Ich meinte sicher noch
einen groen Theil meines Monatgeldes in meinem Schreibtisch zu haben; reichte
dieses nicht hin, so rechnete ich auf einen Vorschu von meinem Vater, und war
auch berzeugt bei Mi Arnold Untersttzung zu finden, denn vor kurzer Zeit sah
ich, da sie Gold in Hnden hatte, und theilte auch meine letzte monatliche
Rente mit ihr. Lady St. Edmond hrte meine Bitte mit der grten Geflligkeit,
bezeigte mir aber das innigste Bedauern, auch nicht einen Schilling in ihrem
Beutel zu haben, da sie gar nicht einzukaufen gesonnen gewesen sey. Zugleich
rief sie Lord Friedrich herbei, um mir den nthigen Vorschu zu machen. So
leichtsinnig ich war, so sehr Irrthum und Thorheit mich umfing, schauderte ich
doch vor dem Gedanken Lord Friedrichs Schuldnerin zu werden. Ich weigerte mich
darber mit ihm einzugehen und blickte umher, um mich an eine andre Bekannte zu
wenden. Ein reiches junges Frauenzimmer, die ich oft sah, schien mir die
geschickteste, mich aus meiner Verlegenheit zu reien; ich stellte sie ihr vor,
sie wies mich aber mit der Versicherung zurck, da ihr nur eine Guinee, sie in
Versteigerungen zu verwenden, zu Gebot stehe. - Aber Sie boten ja auch auf das
Kstchen, rief ich verwundert. - O das that ich zum Zeitvertreib. Was sollte
ich mit diesem kostbaren Dinge machen? Das kaufen nur Leute, die alle Taschen
voll Geld haben. - Lady St. Edmond verlachte mich ohne Schonung ber meine
Ziererei gegen Lord Friedrichs Anerbieten; die Nothwendigkeit zu bezahlen drang
sich mir auf, und ehe ich mirs versah war Lord Friedrichs Gold in meinen Hnden.
- Doch stellte er mirs auf so eine bescheidne, anstndige Art zu, die es bewies,
da ein Modeheld bei Gelegenheit dennoch hflich zu seyn im Stande ist. Sobald
ich seine Banknote angenommen, fragte ich ihn scherzend: welche Sicherheit er
von mir fr die Rckzahlung verlange? Er fate meine Hand und zog mir tndelnd
einen Ring von wenigem Werth mit den Worten vom Finger: Das ist mein Pfand.
Glauben Sie aber nicht, da ich es fr ein paar armseelige Guineen zurckzugeben
gedenke! Sie knnen es sobald Sie wollen bei einer schicklichen Gelegenheit
eintauschen. - Der Scherz mifiel mir, aber um ihm keine Wichtigkeit zu geben,
und seine Bedeutsamkeit nicht berlegend, lie ich ihn im Besitze des Rings.
    Wie ich mit meinem, durch so bittre Verlegenheit erworbenen, Schatz nach
Hause kam, untersuchte ich meinen Geldvorrath, und fand zu meinem Erstaunen, da
neun bis zehn Pfund alles sey, was er enthielt. Mir war es rthselhaft, wohin
mein Geld gekommen seyn knnte; aber da ich ein hnliches Erstaunen bei meinem
Vater voraussetzen mute, wenn ich ihn um Vorschu ersuchte, wendete ich mich
zuvrderst mit meinem Gesuch an meine Freundin Mi Julie. Mit einem Ergu von
Bedauerni und Selbst-Anklage, erklrte sie mir, kaum einige Guineen zu
besitzen; sie habe zwar baar Geld in Hnden gehabt, allein bei ihrem letzten
Besuch bei ihrem Bruder habe sie ihn in einer Verlegenheit gefunden, und gut,
wie ich bin, waren ihre Worte, half ich ihm aus, indem ich mir eine Freude
daraus machte, ihm diesen Beweis von der Gromuth meiner edlen, hochherzigen
Freundin gegen ihre Julie geben zu knnen. Am Ende des Monats zahlt er mirs
zurck, und da Lord Friedrich so lange warte, ist ja das Gleichgltigste von
der Welt. - Der Meinung war ich nicht; meine nchste Absicht ging ernstlich
dahin, mich an meinen Vater zu wenden, allein Mi Arnold machte mich aufmerksam,
da ich dieses nicht knnte, ohne ihm mein gesellschaftliches Verhltni zu Lord
Friedrich zu verrathen, sie stellte mir die Unannehmlichkeiten, die ein Verbot
von seiner Seite mir zuziehen knnte, so fhlbar vor, sie bewies mir so klar,
da der Schritt bei der Sicherheit, in wenig Tagen zahlen zu knnen, so unnthig
sey, ja da mir meines Vaters Aushlfe im uersten Fall immer zu Gebot stnde -
so da ich, zwar ngstlich und ungewi, ihm die Sache zu verhehlen, einwilligte.
- Mge doch hier jeder meiner Leser, der noch am Eingang seiner Lebensbahn
steht, meinen warnenden Zuruf hren: jede seiner Handlungen, die er vor seinem
natrlichen Verstand, wer er seyn mag, zu verhehlen sucht, mit scharfem Blick zu
untersuchen! Ist diese Handlung wichtig, so verlasse er sich nicht auf sein
eignes Urtheil ber sie; ist sie geringfgig, so hte er sich, da Verhehlen sie
nicht zu drckender Wichtigkeit anwachsen mache! Ein schchternes Gemth
verliert, indem es sich durch diese heimlichen Pfade durchwindet, die sichre
Haltung des reinen Bewutseyns; ein khnes, stolzes, wie das meinige war, dem
die Anerkennung von Irrthum, von Bedrfni nach Beistand so schwer wird, erfat
mit einer Eigenmacht, die in ihrer Kraft noch nicht wie etwas Schlechtes
aussieht, diesen Ausweg, Vorwurf zu vermeiden, und der frohe Muth der Wahrheit
ist fr dasselbe dahin.
    Fr dieses Mal war Mi Arnold mit ihrem Sieg ber meinen besten Willen
zufrieden. Wie ein guter Feldherr, begngte sie sich, den eroberten Posten zu
sichern. Erst am folgenden Morgen fragte sie mich nachlssig: ob ich an Lord
Friedrich einige Worte zur Entschuldigung geschrieben. - Ich verneinte es und
setzte hinzu: da es mir ungeschickt schiene. - Wenn Sie nicht schrieben, meinen
Sie? fragte Julie, gewi wre das ungeschickt. Auerdem sollten Sie gar keine
Gelegenheit zu schreiben aus den Hnden lassen; denn es besitzt Niemand in dem
Grade, wie Sie, die Grazie des Styls, der Wendung in einem Billet. - Der dunkle
Begriff von Unziemlichkeit, ein solches Billet zu schreiben, der mich bis dahin
beschftigt hatte, verschwand vor dieser Schmeichelei; ich schrieb, ich erhielt
eine Antwort, die mich in die Nothwendigkeit versetzte, meinem Liebhaber - denn
Lord Friedrich als solchen zu betrachten, hatte ich nun stillschweigend
eingewilligt - nicht ohne einige Zeilen zu lassen; Briefe, Sonette, Episteln in
Versen flogen hin und her und nahmen bald den Gang eines geregelten
Briefwechsels an. Mi Mortimer durfte von diesem allen nichts ahnen, und das
Unrecht nimmt so schnell von unsrer Seele Besitz, da mich die Geschicklichkeit,
mit der wir unsere geheime Kurzweil verbargen, mir bald zu einem eignen
Vergngen gereichte.
    Der Maskenball rckte indessen nher, mein Sultaninnenputz beschftigte mich
so lebhaft, da ich wenig auf die gewhnlichen Umgebungen Achtung gab; nur auf
Mi Mortimer wendete sich, durch Gewissensunruhe angetrieben, zuweilen mein
Blick. Ich bemerkte, da sie leidend aussah; zwar war ihre Gesundheit immer sehr
zart, allein in dieser Zeit fielen mir ihre krankhafte Farbe, ihre tief
liegenden Augen und ein schmerzlicher Zug ihrer bleichen Lippen um so
ngstlicher auf, als ihr Blick, der oft traurig auf mir ruhte, mein Unrecht zu
errathen schien. Sie befreite mich selbst von dieser Sorge, indem sie mir
freundlich klagte, da mein Vater ihr abschlage, eine kleine Gesellschaft fr
den fnften Mai zu veranstalten, wie sie mir am Abend des Maskenballs
ertrglicher die Zeit zu verkrzen gewnscht htte. O Ellen, unterbrach sie sich
selbst, wie hnlich sehen Sie Ihrer guten Mutter, wenn Sie errthen! - Da mchte
ich immer errthen, antwortete ich, denn ich mchte Niemandem lieber hnlich
sehen, wie ihr. - Nun, liebe Ellen, wenn Sie nicht eitel seyn wollen, so will
ich Ihnen sagen, da Sie eine noch wesentlichere Aehnlichkeit mit ihr haben. Sie
sind, gleich ihr, fhig, Ihre liebsten Wnsche Ihren Freunden zum Opfer zu
bringen. - Diese Worte berwltigten mich, von meinem bsen Gewissen berrascht
rief ich: Sie mir hnlich! O ein Engel des Lichts knnte eben so gut einem
schwarzen, brtenden ... hier fhlte ich, da ich mich verrieth, und hielt inne.
Mi Mortimer blickte mich mit einem so sanften, zutrauenvollen Lcheln an, bei
dessen Erinnerung ich jedesmal mich selbst verabscheue; liebe Ellen, sagte sie
dabei, wenn ich Ihr Beichtiger seyn soll, so mssen Sie mir Ihre Snden auch
hbsch vertrauen, sonst besitze ich ja, wie Herr Maitland es nennt, eine
Sinecure. - Ja wahrlich, das sollte ich! erwiederte ich ruhiger, sollte nie
wieder etwas Unrechtes thun, ohne es Jemand anzuvertrauen. Aber die Leute haben
keine gute Art, mir meine Fehler vorzuhalten, sie machen mich zornig. Mi Julie
hlt mir oft meine Fehler vor, aber sie macht mich nie bs. - Nun, liebe Ellen,
versuchen Sie es einmal mit mir, ich will Ihnen absichtlich gewi nichts
Verletzendes sagen. An Geschicklichkeit will ich mich zwar nicht rhmen mit Mi
Arnold zu wetteifern, aber an herzlicher Zuneigung gewi. Sie haben ein Recht zu
meiner Nachsicht, das kein Irrthum von Ihrer Seite Ihnen raubt, um so mehr, da
ich berzeugt bin, da Sie sich nie zu Hinterlist und Schlechtigkeit herablassen
werden. - Ein Herz, das sich von den Worten gemibrauchten Vertrauens nicht
getroffen fhlte, mte gnzlich verhrtet seyn. Ich flog zu Mi Arnold, um ihr
meinen festen Entschlu anzukndigen, Mi Mortimer sogleich unser
Maskeradengeheimni mitzutheilen; allein der Schneider mit einer Menge
Schachteln, Paketen und meinem Maskenanzug erwartete mich in meinem Zimmer, eine
Stunde, die ber dem Anpassen desselben hinging, khlte meinen reuigen Eifer
dergestalt ab, da es Mi Julie leicht gelang, mir zu beweisen, wie es in jeder
Rcksicht besser sey, bei unsrer ersten Abrede zu bleiben.
    Wie oft, ja wie fast immerdar, sind meine schnsten Gefhle, ehe sie noch zu
Handlungen wurden, dahin geschwunden! Gefhle mssen ja ihrer Natur nach
vergnglich seyn! Nur lange Uebung gibt unsrer Vernunft die Herrschaft, sie
nicht als den Beweggrund unsrer Handlungen zuzulassen, sondern nur als den
milden Vermittler zwischen der Strenge des allgemeinen Gesetzes und seiner
Anwendung auf Andre.
    Endlich kam der lang ersehnte fnfte Mai. Die Putzmacherin hatte mir mein
Maskenkleid schon am frhen Morgen versprochen, doch sie hielt nicht Wort; meine
Ungeduld ward den ganzen Vormittag auf die Probe gestellt, und erst um zwei Uhr
erhielt ich diesen Schatz. Voll Begierde, die Wirkung meines Putzes auf meine
Gestalt zu beobachten, eilte ich in mein Cabinet; vor Mi Mortimers Ueberfall
war ich sicher, sie hatte sich zu einer Berathung mit ihrem Arzt eingeschlossen;
aber auch Mi Juliens Gegenwart war mir bei dem Probespiel meiner Eitelkeit zur
Last, ich verriegelte meine Thr, und meine glnzende Verwandlung ward ohne alle
Zeugen begonnen. Schon stand ich eine lange Weile vor dem Spiegel und versuchte
jede Stellung, welche meine Gestalt oder meinen Putz am vortheilhaftesten
herausheben konnte, als ich eine Unruhe auf der Treppe vernahm, ein ngstliches
Geflster, dessen Ursach zu erfahren, ich unbesonnen meine Thr ffnete. Mein
erster Blick fiel auf Mi Mortimer, die dem Anschein nach leblos von einigen
Bedienten die Treppe herauf in ihr Zimmer getragen ward. Ich eilte ihr nach.
Meine unzusammenhngenden Fragen belehrten mich, da meine ehrwrdige Freundin
sich nach dem Abschied ihres Arztes pltzlich nicht wohl befunden und in dem
Moment, wo sein Wagen fortrollte, leblos zu Boden gesunken war. Ich hatte mich
des Gedankens an Andrer Weh, des Anblicks fremder Leiden so entwhnt, da ich,
von Schrecken erstarrt, gar keines klaren Gedankens, noch weniger der geringsten
Hlfleistung fhig war. Eine Dienstbotin, ein Miethling, brachte durch ihre
Sorgfalt die Freundin meiner Mutter, meine einzige wahre Freundin, zum Leben
zurck. So wie sie ihre Augen ffnete, erinnerte ich mich meiner thrichten, von
allem um die Ohnmchtige versammelten Hausgesinde schon lange angestaunten
Kleidung. Ich zog mich schnell hinter die breite Gestalt der Haushlterin
zurck, und sobald ich der Kranken liebe Stimme gehrt hatte, die herzlich
dankend fr die geleistete Hlfe nun allein zu seyn wnschte, eilte ich in mein
Cabinet, mich meines Flitterstaates zu entkleiden. Nachdem ich mich in meinen
gewhnlichen Anzug geworfen hatte, schlich ich leise an Mi Mortimers Thr; ich
horchte; alles war still; ein wilder Schrecken ergriff mich, ich frchtete das
Entsetzlichste; aber das menschliche Gefhl obsiegte, ich trat ein - und
erblickte die Leidende auf ihren Knien, ihr Antlitz von Thrnen benetzt, ihre
Hnde betend zum Himmel erhoben. Diese Stellung war mir nicht fremd - meine
Mutter hatte mich vor Gott die Knie zu beugen gelehrt, ja ich hatte die
Gewohnheit, am Abend und Morgen gedankenlos eine Gebetformel zu plappern,
beibehalten; allein der Aufflug der Seele zum Thron der Gnade, der aus Mi
Mortimers Antlitz sprach, die Erhebung zum Ueberirdischen in der hinflligen,
dem Tod geweihten Erdenform ergriff mich mit unnennbarem Entsetzen, ich zog die
Betende in meinen Armen empor und beschwor sie, mir zu sagen, welches Unglck
ihr widerfahren sey. - Kein Unglck, meine Ellen, sprach sie, sanft meine
Liebkosung erwiedernd. Ich bin ein armes schwaches Geschpf, dem es noch nicht
gelungen ist, sich Gottes Willen mit Aufopferung seines irdischen Seyns zu
unterwerfen. Ich habe mich seiner Vaterhand in mancher groen Angelegenheit
gebeugt, und nun emprt sich mein schwacher Geist bei der Furcht vor
krperlichen Leiden. - Ich erfuhr nun, da ein lang empfundnes, lang
verschwiegnes Uebel sich endlich so furchtbar entwickelt habe, da sie nicht
hoffen drfe, ihr Leben anders, als vermge einer sehr schmerzhaften, gewagten
Operation zu erhalten. Die Erwartung des peinigenden Schmerzes erschtterte
ihren zarten Krper, sie rang mit Ernst, ihrer Vernunft den Sieg ber die
widerspenstige Natur zu verschaffen. Anfangs ergriff mich der hohe Flug ihrer
frommen Begeisterung, aber bald empfand ich dabei die Unbehaglichkeit, welche
uns bei warmen Empfindungen, die wir nicht zu theilen fhig sind, befllt. Unter
dem Vorwand, da sie Ruhe bedrfe, beredete ich sie, sich niederzulegen, und
verlie ihr Zimmer.
    Noch vor vier Monaten wrde ich nicht fhig gewesen seyn, eine Nacht auf dem
Ball zuzubringen, in welcher der letzte von meines Vaters Dienern gefhrlich
krank gewesen wre, und jetzt stand ich an, mich bei dem bedenklichen Zustand
der Freundin meiner Mutter und meiner Freundin einem solchen Zeitvertreibe zu
entsagen. Gewohnt, Mi Arnold in jeder Angelegenheit zu meiner Vertrauten zu
machen, theilte ich ihr meine Zweifel mit. Sie bewies mir, da mein Opfer Mi
Mortimer von gar keinem Nutzen sey, da sie gar keines Beistandes bedrfe, und
in diesem Fall der meine ihr nicht so ntzlich sey, wie die Sorgfalt ihres
Dienstmdchens; ja sie machte es sogar zu einer Finanzsache, so eine ungeheure
Summe, wie mein Anzug gekostet hatte, nicht vergeblich ausgegeben zu haben.
Meine Thorheit war ihre Bundsgenossin, also ward ihr der Sieg leicht, und es
blieb nur der drohende Augenblick noch zu berstehen, der Kranken unsre Absicht,
rcksichtlich des Maskenballs, bei unserm Weggehen zu erklren. Wir gestanden
uns gegenseitig nicht, da wir hofften, Mi Mortimer wrde ihrer Unplichkeit
wegen ihr Schlafzimmer gar nicht verlassen, und dann jede Erklrung unnthig
seyn. Wie unser Putz angelegt war, begaben wir uns in das Besuchzimmer, den
Wagen zu erwarten. In meiner Seele befand sich keine Spur der Sorglosigkeit,
welche ein Fest, wie das, welchem wir entgegengingen, anziehend machen kann. Ich
uerte gegen Mi Arnold noch einmal meinen Wunsch, lieber Mi Mortimer in ihrem
Schlafzimmer aufzusuchen, als ohne ihr Wissen das Haus zu verlassen. Wir
stritten uns noch ber diesen Gegenstand, als meine wrdige Freundin unerwartet
eintrat. Sie sah bla und hinfllig aus, kam aber mit ihrem gewhnlichen leisen,
raschen Schritte auf uns zu. Bei ihrem ersten Anblick zog ich mich unwillkrlich
hinter Mi Arnold zurck. Die Snde macht uns jetzt noch so einfltig, wie unser
erster Vater im Paradiese, als er schuldig wurde, es war. Auf diese Weise fiel
ihr nur Mi Arnold ins Auge, und sie rief freundlich: Sie sind ja wie zum Siege
gerstet! Nie sah ich etwas so anmuthig Fantastisches, wie diesen Anzug. -
Jetzt erblickte sie aber mich, und die Wahrheit ward ihr pltzlich klar, denn
sie fuhr zurck und wechselte die Farbe. - Eine Todtenstille erfolgte; ich
blickte stumm zu Boden. Julie fand zuerst die Sprache wieder, sie sagte
nachlssig: Herr Percy hat uns eine Stunde auszugehen erlaubt. - Ja, setzte
ich zgernd hinzu, der Vater erlaubte es uns, und wir bleiben nur eine kleine
Weile. - Schchtern blickte ich sie an und fand sie so bla, wie den Tod. Mi
Mortimer, rief ich, auf sie zueilend, zrnen Sie nicht zu sehr! - Mi Percy,
sagte sie mit leiser, mhseeliger Stimme, ich mate mir eine Herrschaft ber
Sie an, diese Gelegenheit nthigte Sie um so weniger, mich zu .... Sie hielt
das wohlverdiente Wort zurck, aber mein Gewissen ersetzte es. Ich versicherte
sie nun, ich rief Mi Arnold zum Zeugen, da es nie meine Absicht gewesen sey,
ohne ihr Wissen auf den Ball zu gehen. Mi Mortimer antwortete sanft, gtig,
aber mit unverkennbar tiefem Schmerz: Am wenigsten heute, an dem letzten Tage
- so sagte sie, und ihre Gemthsbewegung benahm ihr die Stimme. Ich sah nur
diese, der Sinn ihrer Worte entging mir in der Heftigkeit streitender
Empfindungen, und wenn gleich die bessern in diesem Augenblick aufgeregt waren,
behielt doch der Leichtsinn den Sieg, und wir fuhren zum Ball.
    Bei der Stimmung in der ich mich befand, ward ich beim Eintritt in den Saal
wirklich betubt; ich hielt mhselig den Gedanken fest, mich Lady St. Edmond,
die als Wirthin keine Maske trug, zu entdecken und nicht mehr von ihrer Seite zu
gehen. Doch wie ich mich ihr nahen wollte, trat eine Sultans-Maske auf mich zu
und sprach mich als eine Fremde an. Auf den ersten Blick erkannte ich Lord
Friedrich; da ich die Wahl seiner Kleidung, in Verbindung mit der meinen,
unmglich fr Zufall halten knnte, erschreckte mich der Gedanke, mein
Geheimni, das niemand wie Mi Arnold bekannt gewesen war, verrathen zu sehen.
Die Eitelkeit in einem angenommenen Charakter zu sprechen, bewog mich aber doch
dem Sultan gleichfalls als Fremde zu antworten. In wenigen Momenten hatten wir
uns in ein nichtsbedeutendes Gesprch verwickelt, und wie ich mich umsah, war
Lady St. Edmond von ihrem Platze verschwunden. Hastig begann ich sie zu suchen,
der Sultan blieb mir zur Seite, hielt meine Schritte auf und lenkte mich durch
seine Bemerkungen ber manchen meiner Bekannten, den er mich unter der Maske
entdecken lie, wobei er sich wirklich sehr kurzweiliger Wendungen bediente, von
meinem Zweck ab. Unser thrichtes Gesprch war bald so ungezwungen geworden, da
wir uns gegenseitig, einander nicht fremd zu seyn, gestanden. Ich fand den Ton,
in welchem mir Lord Friedrich dieses Gestndni machte, nicht sehr ehrerbietig;
anstatt ihn aber durch Klte abzuwehren, begegnete ich ihm durch eine witzige
Antwort. In dem Augenblick, wo ich sie gesagt, hrte ich nahe bei meinem Ohr
eine leise Stimme, die zu mir sprach: Seyn Sie vorsichtig; Sie bedrfen es. -
Bestrtzt sah ich mich um, erblickte aber nur gleichgltige schwarze Domino's in
gleichgltiger Stellung, so da ich die gehrten Worte fr eine Tuschung meiner
gereizten Fantasie hielt; doch aber sehr froh war, in diesem Augenblick Lady St.
Edmond zu finden. Sie schien meinen Unmuth, sie nicht frher erreicht zu haben,
nicht sehr zu theilen, berhufte mich aber dermaen mit Schmeicheleien, da
meine gute Laune zurckkehrte, und ich anfing das bunte Gewirre um mich her mit
Heiterkeit zu betrachten. Der Raum, wo getanzt ward, war einen Augenblick leer,
und sogleich schlug mir Lord Friedrich vor, einen Tanz aufzufhren, der von der
Nationalitt der Trken nichts wie den Ausdruck sinnlicher Leidenschaft hatte,
der ihn der Modewelt auf unsern Theatern empfahl. Ich erinnerte mich an den
unseligen Walzer, der mir am Tag meines Eintritts in die groe Welt so bittre
Empfindungen erregt hatte, lehnte den Vorschlag bestimmt ab, bot mich aber an,
ihm zu jedem andern Tanze meine Hand zu geben. Lady St. Edmond machte mir
begreiflich, da es in einer Charaktermaske hchst geschmacklos seyn wrde, in
einem andern als mit ihr bereinstimmendem Tanz aufzutreten, da ich also den
Tanz des Serails auffhren, oder gar nicht tanzen mte. - Und ich tanzte so
schn! und ich war so gewohnt Beifall fr mein Tanzen zu rnten! Ich hatte vor
meinem Spiegel so sicher auf Beifall gerechnet! - Lord Friedrich bestrkte Lady
St. Edmonds Schlubemerkung: wie ich doch nicht glauben knnte, da sie mich in
ihrem Hause, vor ihren Augen, zu etwas Unziemlichem auffordern wrde, mit den
ausgelassensten Schmeicheleien, und so befand ich mich mit ihm, von einem
dichten Kreis von Zuschauern umgeben, ehe ich meinen Entschlu eigentlich
gendert hatte, mitten im Saal stehen. Mein Herz zitterte vor der Thorheit, die
ich beging. Heil, o Heil des allen Vlkern, sobald sie die erste Stufe der
Bildung gewonnen haben, allgemeinen Gesetzes, welches unser Geschlecht der
Meinung unterwirft! Schamlosigkeit kann sie verachten, hhere Pflichten knnen
uns berechtigen sie zu beseitigen, allein fr die Mehrzahl der Weiber, die bei
einem wenig umfassenden Beruf gern das Aussergewhnliche mit Lebhaftigkeit
ergreifen, ist die Meinung wie der Vorposten der Tugend; sie gibt dem Nachdenken
Zeit, sich gegen den Feind zu bewaffnen. Dieser Vorposten fehlte mir jetzt.
Unverlarvt htte ich es nie gewagt, mich den Blicken der mir unbekannten Menge
auszusetzen, in meinem Flitterstaat, meinen schamglhenden Wangen von der Larve
bedeckt, hrtete ich mich bald gegen das Unziemliche meines Auftretens ab, und
die Schchternheit, die meine Bewegungen dennoch beibehielten, mochte dem
Charakter des Tanzes fr die Zuschauer einen besondern Reiz geben, bei dessen
Namen sich heute mein Bewutseyn emprt.
    Nach Beendigung des Tanzes, eilte ich unter dem Beifallsruf der Menge zu
Lady St. Edmond zurck; allein sie hatte ihren Platz verlassen; Mi Arnold
erwartete mich, im Gesprch mit einem Bekannten begriffen. Sogleich begannen wir
die Hausfrau zu suchen. Im Vorbeigehen bei einem Tisch, mit Erfrischungen
besetzt, griff ich, vom Tanz, von der Larve und von dem Gedrnge erhitzt, nach
einem Glas Eis; Lord Friedrich entzog es heftig meiner Hand, erinnerte mich an
die Folgen einer so gefhrlichen Erquickung und reichte mir einen Becher
schumenden Champagner. Trink wenig; der Becher enthlt Gift! hrte ich die
vorige Stimme mir zuflstern. Herrn Maitlands Bild gesellte sich zu dem
Schrecken, der mich bei diesen Worten berlief. Ich blickte um mich; unter einem
Haufen schwarzer Domino's stand mir einer derselben nahe, allein mit der
gleichgltigsten Haltung ergriff er eben ein Glas Punsch, und seine kleine,
unansehnliche Gestalt lie auch keinen Gedanken an jenes Mannes hohen krftigen
Wuchs aufkommen. Da es mir gar nicht einfiel, den Worten der Maske eine
sinnbildliche Deutung zu geben, hielt ich sie fr einen unzeitigen Scherz und
leerte mit nchlssigem Lcheln das Glas. Die Wirkung des Weins war bei der
schon bestehenden Aufregung meiner Lebensgeister augenblicklich; meine
Lustigkeit stieg bis zur Spannung, ich wanderte lachend, schwatzend, Mi Julie
und ihren Begleiter ohne Unterschied mit in das Gesprch ziehend, immer in der
Absicht, Lady St. Edmond aufzusuchen, von einem Zimmer zu dem andern. Ehe ich
mir es versah, gelangten wir ganz am Ende der Gesellschaftszimmer in ein Gemach,
das, wie ich mir nachmals zu erinnern glaubte, Lord Friedrich erst ffnete; es
war so glnzend wie die brigen erleuchtet und mit einem wohlbesetzten
Trinktisch verziert, doch die wohlthtige Khle der Luft bewies, da der Haufen
es noch nicht angefllt hatte. Mein Begleiter fhrte mich zu einem Sopha, wir
setzten unser Gesprch fort; durch die offne Thr sah ich die Bewegung der
Gste, und, obschon getrennt von der Menge, fiel mir die unmittelbare
Nothwendigkeit, diesen angenehmen Ort zu verlassen, nicht auf. Lord Friedrichs
Gesprch ward zrtlicher und dringender, endlich hatte er die Keckheit, mir mit
klaren Worten eine Reise nach Schottland vorzuschlagen. Ich nenne es Keckheit;
bedarf die ein Mann gegen ein armes Mdchen, das durch den Leichtsinn, mit dem
es alle Schutzwachen des Zartgefhls, eine nach der andern, entlie, dessen
Achtung erstickte und ihm die Zuversicht, wagen zu drfen, aufdrang? - Ich
beantwortete seinen thrichten Antrag mit erknstelter Heiterkeit und blickte
auf, um Mi Julie wieder an unserm Gesprche Theil nehmen zu lassen, als ich zu
meinem Schrecken wahrnahm, da sie und ihr Begleiter sich nicht mehr im Zimmer
befanden. Bei meinem lebhaften Aufblicken umschlang mich Lord Friedrich mit
schmeichelnden Worten, als die, wahrscheinlich von Mi Julie bei ihrem Weggehen
angelehnte Thr des Gesellschaftszimmers aufgestoen ward, und Lady Maria du
Burgh mit einer andern Dame, denen mein warnender Domino auf dem Fue folgte,
herein trat. Mit einem Lcheln, in dem Ha und Verachtung wetteiferten, rief
Lady Maria: Wir stren ein Rendezvous und wendete sich, auf mich deutend, zu
den Umstehenden. Ich glaubte die Vernichtung ergiff mich und drckte mich in den
Sopha zurck; Lord Friedrich aber sprang auf und sagte mit einem heftigen Fluch
zu seiner Schwester: htte eine von euch den tausendsten Theil von Mi Percy's
Reizen, so knnte sich ein Mann auch bei euch vergessen; aber dafr seyd ihr
sicher. - Verzeihen Sie mir, Mi Percy, rief er dann zu mir gewendet, verzeihen
Sie mir, oder ich bin der unglcklichste Mensch! - In diesem Augenblick
vershnte mich keine Schmeichelei, selbst nicht wenn sie auf Lady Maria's Kosten
gemacht wurde; ich versuchte es, einige beiende Worte zu erwiedern; aber meine
peinliche Empfindungen berwltigten mich dergestalt, da Thrnen sie
erstickten. Ich trocknete sie schnell und eilte, von Lord Friedrich wie von
meinem Schatten verfolgt, in den Tanzsaal zurck, wo es mir auch gar nicht
schwer ward, Lady St. Edmond zu finden. Mit einiger Lebhaftigkeit warf ich ihr
vor, meine Hoffnung, den Abend an ihrer Seite hinbringen zu drfen, durch ihr
Verschwinden vereitelt zu haben, und drang darauf, den Ball jetzt zu verlassen.
Sie bewies mir mit den anmuthigsten Schmeicheleien, da ihre Pflicht als Wirthin
sie genthigt htte ihren Platz mehrmals zu verndern, widersetzte sich aber
meinem Begehren, mich nach Hause zu begeben, nicht beharrlich, sondern erlaubte
Lord Friedrich nach meinem Wagen zu senden. Ueber das angenehme Gesprch, mit
welchem diese geschickte Frau mich nun zu fesseln wute, bemerkte ich kaum, da
Lord Friedrich eine ganz ungeziemend lange Zeit, um meinen Wagen herbei rufen zu
lassen, ausblieb. Ich sah mich endlich nach ihm um, als mein unbekannter Warner
sich nochmals zu mir herabbeugte und eindringend sagte: Verblendetes Mdchen!
wohin willst du gehen? - Nach Hause, wo ich schon lngst gerne wre. - Du
wirst nicht nach Hause kommen, der Wagen, den du erwartest, fhrt dich nach
Schottland. - Ich fuhr erschrocken empor, die Uebereinstimmung dieser Warnung
mit Lord Friedrichs verwegner Zumuthung schien mir mehr wie ein Ungefhr, aber
in eben diesem Augenblick trat Mi Arnold mit dem Lord herbei, und der Letzte
meldete mir auf die ungezwungenste Weise, da mich mein Wagen erwartete. Ein
augenblickliches Nachdenken hatte mir indessen das Abenteuerliche von meines
Warners Verdacht deutlich gemacht. Ich sah die Unmglichkeit ein, von meines
Vaters Kutscher und Bedienten nach Schottland gefhrt zu werden, nahm Lord
Friedrichs Arm und eilte aus der Gesellschaft. Schon stand ich mit dem Fu auf
dem Kutschentritt, als ich bemerkte, da ich nicht meines Vaters Wagen vor mir
hatte. Erschrocken trat ich zurck und lie mich auch von Lord Friedrichs
Bedeuten: da mein Wagen des ungeheuern Gedrngs wegen in einer Stunde noch
nicht vorfahren knnte, er deshalb mir den seinen anbte, nicht beruhigen,
sondern begab mich wieder in das Vorhaus. Noch einmal stand mein Warner neben
mir und erbot sich, mich sicher zu meinem Wagen zu geleiten, oder ihn, wenn ich
einen Augenblick verweilen wollte, heranfahren zu lassen. Lord Friedrich
versuchte einen hohen Ton anzunehmen; der Domino antwortete sehr khl, aber auf
eine Art, die des Lords bses Gewissen zu seinem Bundsgenossen machte. Ich zog
vor, den Wagen zu erwarten, die Maske befahl einem sehr sauber gekleideten
Bedienten ohne Livree, ihn zu suchen, dieser hatte ihn auch nach wenig Minuten
gefunden; ich stieg mit Mi Arnold ein und erlaubte dem Domino gern mich bis an
meines Vaters Haus zu begleiten. Unterwegs versuchte ich zu erfahren, wer mein
Beschtzer sey; er wies jede Frage zurck, sagte aber mit einfacher Offenheit:
er habe von Jemand, dem mein Wohl am Herzen liege, den Auftrag gehabt, mich an
diesem Abend vor Schaden zu hten. Auf keine andre Erklrung lie er sich ein,
sondern beharrte in einem einsylbigen Ernst, der mir von dem Zeugen meiner
Thorheit hchst demthigend war. Unsre Ankunft zu Haus beendete dieses peinliche
Beisammenseyn. Der Unbekannte hatte seinen Wagen nachfahren lassen, und sobald
mir die Hausthr geffnet ward, fuhr er davon.
    Mi Arnold schien geneigt, sich wortreich ber die Vorflle dieses Abends zu
verbreiten; dem widersetzten sich aber meine peinigenden Empfindungen. Ich
wollte ihr eben eine gute Nacht wnschen, als der Diener hereintrat, um mir ein,
in Briefform zusammengelegtes Papier, welches er auf dem Boden des Wagens
gefunden hatte, zu bergeben. Neugierig drngte sich Mi Arnold herbei, sicher
in ihm Aufschlu ber unsern Unbekannten zu finden; aber ich behielt es gefaltet
in der Hand und ging in mein Schlafzimmer.
    Das war also das Fest, von dem ich mir das hchste Vergngen versprochen,
dem ich einige der besten Gefhle meines Busens geopfert, fr das ich Pflichten
verletzt, und das mir, ohne die Dazwischenkunft meines Unbekannten vielleicht
die Ruhe meines Lebens gekostet htte! Tief betrbt hielt ich jenes Blatt in
meiner Hand. Da mich das Verlangen spornte, zu entdecken, wer sich meiner
angenommen, war verzeihlich, aber da dieses nach und nach in eine so
leichtsinnige Neugier berging, die mich fhig machte, endlich dieses offenbar
nicht mir bestimmte Billet zu lesen, bedeckt noch heute meine Wange mit Scham. -
Es war mit Herrn Maitlands Namen unterschrieben und enthielt in sehr einfachen
Ausdrcken die Bitte an einen Freund, dem Maskenball der Lady St. Edmond
beizuwohnen, und mich auf ihm nicht aus den Augen zu lassen, weil er Verdacht
habe, da meine Unerfahrenheit mich schlechten Menschen in die Hnde geben
mchte. Die wichtige Angelegenheit, schrieb er, die am morgenden Tage mich
unter die Vertreter unsers Volkes ruft, erfordert diese Nacht mein Nachdenken
und meinen Flei. Ich zeigte Ihnen Mi Percy in einer Gesellschaft; sollte die
Larve sie Ihnen unkenntlich machen, so merken Sie nur auf Stellung und Gang.
Niemand hat sie so edel wie sie; oder geben Sie auf ihren Arm Achtung, der mir
noch vor wenigen Tagen, da sie ihn um ihres Vaters Schultern legte, von
unvergleicher Schnheit schien. Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, da mich
dieses junge Frauenzimmer um Mi Mortimers willen Theilnahme einflt, doch in
wie hohem Grade dieses der Fall ist, beweist der Freundschaftsdienst, den ich
von Ihnen fordere.
    Verschwunden war meine Demthigung, meine Zerknirschung; ich jauchzte
innerlich fr Freude, diesem kalten, stolzen, berweisen Mann Unruhe gemacht zu
haben, ich glaubte mich fr alle meine Fehlschlagungen entschdigt, da ich
erfuhr, da er meine Reize anzuerkennen gezwungen sey. Einen Gecken zu
unterjochen, welch ein geringer Sieg! - Allein, den Mann, der bisher allein mir
Scheu eingeflt, in meinen Ketten zu sehen, erschien mir als ein unendlicher
Triumph! - Ich wollte ihn verfolgen, ich wollte ihn mir sichern und mein
thriges Herz schlug bei dem Gedanken, Herrn Maitland elend in seiner
Knechtschaft zu erblicken.
    Doch so widersprechende Empfindungen hatten meine Krfte erschpft. Die
peinliche Mattigkeit, die mich befiel, fhrte weniger angenehme Bilder vor meine
Fantasie zurck, und ich sehnte mich, diesen unwrdigen Tag mit dem
gedankenlosen Zustand des Schlafes zu vertauschen.
    Wie ich am folgenden Morgen in das Frhstckszimmer trat, war Mi Mortimer,
in Reisekleidern, der erste Gegenstand, dem meine Blicke begegneten. Unerachtet
unsers letzten so herzlichen Gesprchs, schien mir ihre Abreise in diesem
Augenblick doch ein Vorwurf meines Betragens, der meine Eigenliebe beleidigte.
Ich that, als wenn ich diesen Umstand gar nicht bemerkte, und setzte mich in
mrrischem Stillschweigen an den Theetisch. Keins sprach ein Wort, das Frhstck
ward in der widrigsten Stimmung genossen. Ich suchte mich zu berreden, da Mi
Mortimers Empfindlichkeit sehr ungereimt sey; mein Vater zog seine Stirn in
immer furchtbarere Falten, Mi Arnold rckte unruhig auf ihrem Sessel und Mi
Mortimer beugte sich ber ihre unberhrte Chocolatentasse, verstohlen die
Thrnen abtrocknend, die ihren Augen entrollten. - Es bleibt doch Unrecht, da
Sie darauf bestehen fortzugehen, ehe ich jemand anders fr Ellen gefunden habe,
sagte endlich mein Vater mit ausbrechendem Verdru. Diese Worte, wohl noch mehr
die Art, wie er sie vorbrachte, reizten Mi Mortimer zu einer ungewhnlichen
Bestimmtheit in dem Ton ihrer Antwort: So lange ich Mi Percy ntzlich seyn zu
knnen hoffen durfte, zweifelte ich gern an der Nothwendigkeit sie zu verlassen,
seit man aber Verheimlichung gegen mich braucht, ist diese Hoffnung dahin. Auch
kenne ich nun den Zustand meiner Gesundheit. Auerdem erklrt der Arzt, da
jeder Aufschub die Hoffnung der Heilung vermindert. - Nun! ein jeder wei am
besten, was er thut! erwiederte mein Vater; allein um ihrer Gesundheit willen
sollten Sie nicht nthig finden mein Haus zu verlassen. Mein Hauswundarzt wrde
Sie behandelt, die Cur Ihnen nichts gekostet haben, und Sie htten doch bei mir
mehr Bequemlichkeit als in Ihrer engen Wohnung gefunden. - Ich zweifle nicht
an Ihrer Gromuth, sagte Mi Mortimer kopfschttelnd, allein schon der Name:
Heimath, wiegt manchen Mangel auf, besonders fr den Kranken und Sterbenden. -
Diese Worte und die Ankunft ihres Reisewagens trieb mich an ein Fenster, aus dem
ich eifrig hinausschaute, als sey ich mir der Gegenstnde vor meinen Augen
bewut. Nachdem Mi Mortimer von meinem Vater Abschied genommen, trat sie zu
mir, ergriff meine Hand und sagte mit milder, herzlicher Stimme: Ellen, sollen
wir nicht als Freunde scheiden? - Ich htte die Welt hingegeben, wre es mir in
diesem Augenblick mglich gewesen einen gleichgltigen Ton aus meiner Kehle zu
bringen! es wollte nicht gelingen, Thrnen erstickten mich, aber mein gottloser
Stolz trieb mich an sie zu verbergen; ich lehnte mich, ohne zu antworten, aus
dem Fenster. - Vielleicht sehen wir uns noch wieder, Ellen, nahm Mi Mortimer
nach einer Pause, noch immer meine Hand haltend, mit gebrochner Stimme von neuem
das Wort, jetzt, ich wei es, nutzt es nichts, wenn ich Ihnen sage, da Sie sich
auf ein gebrochnes Rohr sttzen; doch wenn es Ihnen einst das Herz verwundet hat
1, dann, Ellen, vergessen Sie nicht, da ich stets bereit bin mit Ihnen zu
weinen, Sie zu trsten. - Ihrer Mutter Andenken macht es mir ewig zur geliebten
Pflicht. - Ich konnte nicht antworten! - nicht, in meines Vaters, in Mi
Arnolds Gegenwart, die bittern Empfindungen, die mich zerrissen, offenbaren. -
Ja ich war elend genug, meine Hand aus der ihren loszureien, und entfloh in ein
einsames Zimmer. - Doch welchen Ort hatte ich gewhlt! - Es war meiner Mutter
Schlafcabinet - bis zu meiner Rckkehr aus der Pension war es in seinem
unvernderten Zustand geblieben, hatte es auf meine dringende Bitte keine
Vernderung erfahren, jetzt trieb der Anblick der, ihr Andenken zurckrufenden,
Umgebungen meinen Schmerz aufs hchste. Hier stand noch ihr Lehnstuhl, wo ich so
oft, vor ihr kniend, ihren Abendsegen empfing, dort ihr Nhkstchen, aus dem ich
die farbigen Seiden zum Spiel herausnahm, das Tischchen, auf dem sie mir Blumen
malte - der Fuschemel, auf dem ich an ihrem Bett hinaufstieg, wie ich zum
letztenmal ihre Leiche umarmte. - - O Mutter, Mutter! rief ich, an diesem Bett
auf meine Knie sinkend, du wardst mir entrissen, und die Freundin, die
Rathgeberin, die du mir lieest, treibt meine hartherzige Thorheit krank und
sterbend aus dem Hause! - Eine Weile schluchzte ich, den Kopf auf die Polster
gelehnt, als Fidel leise an mich hinaufsprang und mit seinen Liebkosungen mich
zu trsten bemht schien. Ein pltzlicher Gedanke ri mich auf: ich bin nicht
wrdig, dachte ich, dieses Thier zu pflegen, dessen Treue die meine zum Errthen
zwingt; Mi Mortimer gebhrt sein Besitz, an mir ist ja doch alle Liebe
verloren. - Ich nahm den Hund auf den Arm und eilte nach der Thr, ihn zu Mi
Mortimer in den Wagen zu bringen, als ich Mi Arnolds nichtssagende Stimme
vernahm, welche der Abreisenden, die eben die Treppe herabstieg, eine
gleichgltige Abschiedsformel zurief. - Vor dieser konnte ich mich jetzt nicht
sehen lassen - ich schellte hastig und befahl dem eintretenden Bedienten, Fidel
in Mi Mortimers Wagen zu setzen, mit der Bitte ihn zu verpflegen, da er mir
hchst lstig zu werden anfinge. - So konnte ich mich, sogar bei dieser Handlung
der Selbstbestrafung, nicht entschlieen, meine wahren Empfindungen zu zeigen.
    Doch der Schmerz, mit dem ich jetzt kmpfte, war berhaupt nicht der
gttliche Schmerz, der niemand gereut; er war das peinigende Gefhl ber die
Folgen meiner Thorheiten, nicht die Einsicht in ihre strafbare Gre. Nicht
Entschlu zur Besserung folgte ihm, sondern sehr bald die Bemhung ihn
abzuschtteln, mich zu zerstreuen, und zu diesem Zweck forderte ich meinen
Wagen, um den gewhnlichen Kreislauf meiner Morgenbesuche zu beginnen. An Mi
Arnolds Begleitung gewohnt, suchte ich sie auch diesesmal, ehe ich in den Wagen
stieg, und wunderte mich, sie ohne mein Vorwissen ausgegangen zu finden; weil
nun der vornehmste Gegenstand, der in meiner Einbildungskraft arbeitete, die
Furcht vor dem Mibrauch war, den Lady Marie von der Wahrnehmung meiner Thorheit
in der vergangenen Nacht machen wrde, befahl ich, zur Lady St. Edmond zu
fahren, da ich von dieser zuerst Aufklrung und Beruhigung ber diesen
bengstigenden Gegenstand erwarten konnte. Wie ich zu ihrer Thr kam, schien
mich der Bediente am Aussteigen verhindern zu wollen; doch da ich im Anfahren
bemerkte, da eine Miethkutsche, die schon vor der Thr hielt, meinem Wagen
hatte Platz machen mssen, war ich berzeugt, sie zu Hause zu finden, und trat
in das Haus. Zu meinem Befremden ward ich aber in ein Hinterzimmer gefhrt, wo
mich Lady St. Edmond erst nach einigen Minuten aufsuchte, dann aber mit ganz
besondrer Herzlichkeit sich entschuldigte, da ein Geschftsmann sie, mich zu
vernachlssigen, genthigt habe. Wir gingen nun in ihr Cabinet, und sie
schmeichelte bald jede Sorge ber die Vorgnge der gestrigen Nacht aus meinem
Gemth. Bei der Frage, wie nur der unbekannte Domino auf den Verdacht einer
Entfhrung htte kommen knnen? rief sie nach einigem Nachdenken mit der
Lebhaftigkeit einer Person, die eine erwnschte Auflsung findet: Ach gewi
lie Lord Friedrich den Wagen, in welchem er heute frh nach Lincoln abreisen
wollte, gleich vor meine Thr kommen, um vom Balle dahin abzufahren. Davon
wollen wir uns sogleich Gewiheit verschaffen. - Mit diesen Worten eilte sie
aus dem Zimmer, um einen ihrer Leute abzusenden, da er sich, ob der Lord
wirklich abgegangen sey, erkundige. Ohne an den Gegenstand, den ich in die Hand
nahm, zu denken, bersah ich einen Haufen Visitenkarten, die vor mir auf dem
Tisch lagen, bis mir eine mit Mi Arnolds Namen auffiel; sehr flchtig mit
Bleistift geschrieben, standen die Worte auf ihr: Ich bitte nur um fnf Minuten
Gehr, ich habe etwas ganz besonderes zu sagen. Sehr befremdet ber den
dringenden Ton einer Bitte, deren Wichtigkeit ich mir gar nicht erklren konnte,
hielt ich Lady St. Edmond bei ihrer Rckkehr die Karte hin und fragte: was hatte
denn Mi Julie fr ein wichtiges Geschft? - Die Dame gerieth in sichtbare
Verlegenheit, behauptete aber, sich der Sache gar nicht mehr zu erinnern - es
sey wegen eines Huts, eines Federbuschs gewesen. - Halb berzeugte sie mich,
halb wute sie mich von dem Gegenstand zu entfernen, und in der Zwischenzeit kam
der Bediente mit der Nachricht zurck: man habe Lord Friedrich diese Nacht gar
nicht zu Hause gesehen, indem er von dem Ball nach Lincoln abgereist sey. Nun
konnte ich billigerweise keinen Verdacht mehr nhren und nahm ziemlich erheitert
von der Lady Abschied. In einer der Straen, durch welche mich mein weiterer Weg
fhrte, war ein schwerer Kohlenwagen umgefallen, der die mir entgegen kommenden
Fuhrwerke, eines nach dem andern, behutsam vorbeizufahren nthigte, inde das
meine abwarten mute, bis ein leerer Raum ihm fortzufahren gestatte. Aus
derselben Nothwendigkeit hielt jetzt eine Miethkutsche neben mir, die ich
sogleich fr dieselbe erkannte, welche mir vor Lady St. Edmonds Thr Platz
gemacht hatte. Es war ein ehemaliger Herrschaftswagen, an dem man das mir
bekannte Wappen noch nicht bermalt hatte. Ich blickte in den Wagen und erkannte
Mi Arnold darin, die sich anfangs zu verbergen suchte, dann aber, freundlich
winkend, mich sie in mein Fuhrwerk aufzunehmen bat. Ich that das sogleich;
allein meine Empfindung war in so hohem Grad aufgeweckt, da unser Gesprch sich
sehr bald in eine Errterung ber meine Anklagpuncte verwandelte. Dergleichen
Erklrungen zwischen einem offnen, zutrauenden, und einem kalten, berechnenden
Charakter knnen nicht zur Ergrndung der Wahrheit ausschlagen. Mi Arnold gab
dem Gesprch bald eine Wendung, die mich gegen sie in Nachtheil setzte, sie
bewies mir die Grundlosigkeit meines Verdachts, und einmal von meinem Unrecht
gegen sie berzeugt, ri mich mein heftiges Wesen hin, durch den vollen Ergu
meines Vertrauens mein Vergehen gegen die Freundschaft zu ben.
    Einen Auftritt heftiger Empfindung, einen Ergu schner Gefhle hatte ich
nun gehabt; aber ach, der lie keinen Frieden in meiner Seele zurck! Der leere
Platz, wo Mi Mortimer beim Mittagessen gesessen, qulte mich mit Vorwrfen, und
ich eilte in die Oper, in drei Gesellschaften, um mich von allem Nachdenken zu
zerstreuen. Endlich war der Abend vorber, beim Eintritt in mein Schlafzimmer
berbrachte man mir einen Brief von Mi Mortimer, denn sie hatte befohlen mir
erst am Abend, wenn ich mich fr die Nacht zurckgezogen htte, ihn zu
bergeben. Mit einer hchst schmerzlichen Empfindung nahm ich ihn in die Hand,
ich war ermattet von dem freudenlosen Schwindel des Tages und wute zuverlssig,
da alles, was dieser Brief enthielt, mir den Schlu desselben nur noch
peinlicher machen knnte. Ich hatte mich geirrt! Mit aller Milde ihres
liebevollen Herzens, aber mit dem Ernst einer Christin, die in der Erfllung
ihrer Pflicht keine Schchternheit kennt, ging sie mein Betragen durch, legte
mir nochmals alle ihre Grnde vor, mich vor Lady St. Edmonds Umgang zu warnen,
und gestand mir, da sie meinem Vater angerathen habe, Mi Arnold nicht weiter
um die Verlngerung ihres Aufenthalts zu bitten, weil sie ihre Gegenwart meinem
Wohl fr sehr nachtheilig halte. Die Beweggrnde, die sie mir darlegte, um mich
zu einer Vernderung meiner Ansicht des Lebens zu bewegen, erschtterten meinen
Leichtsinn; sie zeigte mir, was ich oft, was ich heute so tief fhlte: da all'
mein Flitterstaat, da alle Befriedigung meiner Eitelkeit mir kein wahres Glck
gewhre. Ich weinte laut bei der innigen Bitte meiner beleidigten Freundin: Gott
zu suchen, so lang es noch Zeit sey, durch Migkeit, Rechtschaffenheit und ein
frommes Gemth.
    Schlaflos verging mir die Nacht; und obschon ich die folgenden Tage meine
gewohnte Lebensweise nicht unterbrach, war mein Gemth doch an jedem Abend -
denn keine andere Einsamkeit lie mir meine zerstreute Lebensweise zu - mit dem
Inhalt von Mi Mortimers Briefe beschftigt. Ich fhlte die Nothwendigkeit,
etwas an mir zu bessern, doch womit ich anfangen sollte, wurde mir nicht klar.
Rechtschaffenheit schien mir gar keine Tugend meines Standes; sie schien mir nur
fr arme Leute gemacht. Der, ohne Andern etwas zu entziehen, seine Wnsche zu
befriedigen im Stande ist, konnte meiner Meinung nach nicht in den Fall kommen,
gegen die Rechtschaffenheit zu fehlen. Einst fromm zu werden, war ich sehr fest
entschlossen; doch jetzt hielt ich die Uebungen und Entsagungen, aus welchen ich
die Frmmigkeit bestehend glaubte, meinem Alter nicht fr angemessen. Migkeit
schien mir die Tugend, mit der ich anzufangen beschlo. Ich malte mir die
Einschrnkungen aus, die ich in meinem Putz zu machen gedachte, ich nahm mir
vor, weniger Vergngungsorte zu besuchen und - auer der Genugthuung, die diese
Lebensbesserung Mi Mortimer geben sollte, mute sie, das wute ich, auch Herrn
Maitland gefallen. Diese Rcksicht schien mir das Verdienst meines Entschlusses
gar nicht zu schmlern; denn der enthusiastische Beifall, welchen die ganze
Nation seit dieses Mannes ffentlichem Auftreten ihm zollte, hatte meiner
Eitelkeit seine Meinung so wichtig gemacht, da ich mit Entzcken daran dachte,
sie zu gewinnen.
    Herr Maitland, der bisher in unbekannter Zurckgezogenheit alle Pflichten
eines guten Brgers erfllte, hatte auf Wegen, wo sein Gewinn zahlreichen Armen
die Wohlthat des reichlichen Erwerbs gab, sein Vermgen vergrert und dieses
Vermgen angewendet, Talente zu untersttzen, arme Schuldner zu befreien,
ntzliche Unternehmungen zu befrdern. - Aber unbekannt, woher die Wohlthaten
kamen, konnten die Untersttzten, die Geretteten, nicht einmal in ihrem
Dankgebet seinen Namen vor Gott stammeln. Doch jetzt ward die groe Frage ber
die Sklaverei der Neger in dem Parlamente errtert, und nun brach Maitland die
Stille, in der er so manches Jahr lang gewirkt, und obschon selbst ein
Theilnehmer an dem westindischen Handel, also bei der Aufrechthaltung des
Sklavenhandels betheiligt, stand er dawider auf und sprach mit einer
Beredsamkeit gegen dieses Schandmaal christlicher Cultur, welche auch die
Kltesten erwrmte, die Gleichgltigsten zur Aufmerksamkeit hinri. Britannien
wnschte sich Glck zu dem Brger, der die Zierde seines Volkssenats genannt
ward, das Ausland beneidete das Volk, in welchem eines einzelnen Mannes Tugend
Raum fand so mchtig zu wirken, und seine Bekanntschaft wurde von den Edelsten
und Grten der Hauptstadt gesucht. Und diesen Mann gedachte ich durch die
kleinen Knste der Eitelkeit unter mein Joch zu beugen, ihn, dessen
Ueberlegenheit ber alle Mnner ich so lebhaft erkannte, wollte ich den mich
umflatternden Gecken gleich sehn! - Statt, wie ich bei Mi Mortimers Abreise
besorgt hatte, sich aus unserm Hause zurckzuziehen, waren seine Besuche
hufiger, als zuvor; er kam gewhnlich, ehe er ins Parlament fuhr, bei uns zum
Frhstck, und wenn die Abendsitzungen der Kammer ausgesetzt wurden, verlebte er
diese Stunden mit uns. Ich setzte jetzt alle Mittel, seine gnstige Meinung von
mir zu erhhen, in Bewegung, aber sein Betragen blieb sich ohne Abweichung
gleich; er beschftigte sich selten ausschlieend mit mir, und wenn es geschah,
so war es mit einem Ernst, der an Strenge zu grenzen schien; sein Blick ruhte
wohl oft auf mir, aber ich nahm nichts von dem Beifall darin wahr, der mir
Gelingen versprochen htte, im Gegentheil lag eine Wehmuth, eine Trauer in
seinen glnzenden Augen, die ein bngliches Gefhl von Selbsttadel in mir
aufriefen. Doch da mein Leben keinen wrdigen Zweck hatte, konnten dunkle
Gefhle seine Anwendung nicht veredeln. Von Mi Arnold in den zahlreichen
Stunden unsers migen Geschwtzes stets aufs neue angespornt, mein Geschlecht,
wie sie es nannte, an diesem stolzen Mann zu rchen, versuchte ich es, seine
Empfindung durch dieselben Vorzge zu rhren, die er in jenem, von mir auf eine
so unredliche Weise gelesenen Brief, an mir gerhmt hatte. Ich fhrte mit der
unwrdigen Kunst der Gefallsucht Gelegenheiten herbei, meinen Gang, meine
Haltung vor seinen Augen zur Schau zu stellen; ich suchte ihm meinen Arm unter
den gnstigsten Umstnden zu zeigen, ich brachte in jedem Gesprch meine
kunstlose Einfalt, meine krftige Originalitt an - das waren alles Zge, mit
denen er mich gegen meinen unbekannten Warner vom Maskenball geschildert hatte.
- Allein das Fremdartige, was diese Absichtlichkeit in mein Betragen brachte,
arbeitete meinem Zwecke gnzlich entgegen. Anfangs sah er mir mit Befremden zu,
bald aber bezeigte er mir durch den Ueberdru, mit dem er sich von mir ab zu dem
gleichgltigsten Mitglied der Gesellschaft wendete, wie peinlich meine Knste
auf ihn wirkten. Mi Arnold, die in alle meine Thorheiten mit gewohnter
Theilnahme einzugehen fortfuhr, brachte mich endlich auf den Gedanken, da nur
noch eine Probe, seine Gesinnung zu ergrnden, brig bliebe: - ich msse
versuchen ihn zur Eifersucht zu reizen, und nach mancher Ueberlegung schien uns
Lord Friedrich zu dieser Probe am besten geschickt.
    Mylord hatte zwar, seit der milungenen Unterhandlung seines Vaters seine
Besuche bei mir eingestellt und meiner Weigrung, sie wieder zu erlauben,
gehorcht; allein ich wute sehr wohl, da es nur eines Winkes bedurfte, um ihn
zurckzurufen; diesen erhielt er, und es konnte nicht fehlen, da er zu gleicher
Zeit mit Herrn Maitland, wiewohl durch meine Veranstaltung nicht in den Stunden,
wo mein Vater gegenwrtig war, bei mir zusammentreffen mute. Nun begann ich
augenblicklich die elendsten Kunstgriffe eitler Qulsucht in Bewegung zu setzen.
Ich zeichnete Lord Friedrich durch jede Zuvorkommung aus, flsterte mit ihm,
ohne ihm etwas Geheimes zu sagen, lachte, ohne einen Gegenstand dazu, machte
Anspielungen auf nichtswrdige Kleinigkeiten, denen ich nie Werth beigelegt
hatte. Obgleich Mi Arnold beauftragt war, die Wirkung dieser unedlen Posse auf
Herrn Maitland zu beobachten, unterlie ich nicht einige Seitenblicke auf ihn zu
werfen - ich glaubte ihn erblassen zu sehen, allein meinen Triumph zu
vergewissern, gnnte er mir keine Zeit, denn ohne meiner Thorheit mit einem
Worte Einhalt zu thun, nahm er nach einer Viertelstunde einen sehr frostigen
Abschied. Mi Arnold versicherte mich, da sie bei diesem ganzen Auftritt auch
nicht die mindeste Regung von Eifersucht auf seinem Gesicht wahrgenommen htte,
allein da ein jeder Empfnglichkeit fr feinere Gefhle so fhiger Mann, wie
er, wahrscheinlich mehr wie einmal dem Feuer dieser peinlichen Leidenschaft
ausgesetzt werden mte, bevor sie ihm ans Herz drnge - und so versumte ich
kein Zusammentreffen der beiden Mnner, ohne mein unedles Spiel zu wiederholen.
Alle meine Mhe war vergebens; Herrn Maitlands Gleichmuth blieb unerschttert,
nur seine Heiterkeit schien sich zu trben, und der Ernst seines Auges stand zu
meiner Qual wie ein Zauberspiegel vor mir, der mir meine eigne Gestalt als
Verzerrung zurckwarf. Mein Vater machte dieser unwrdigen Komdie ein Ende,
indem er mir eines Morgens in der Stellung, mit dem Ton, in dem er seine
bedeutendsten Ermahnungen zu geben pflegte, den Befehl ertheilte, Lord
Friedrichs Besuche fortan nicht mehr zu gestatten. Herr Maitland, setzte er
hinzu, versichert mich zwar, da dein Herz an dieser Bekanntschaft keinen Theil
nimmt, - welches ein solcher Geck auch wenig verdiente - ich finde es aber nach
dem, was zwischen mir und seinem Vater vorfiel, nicht dem Anstand gem, ihn in
meinem Hause zu empfangen.
    Also nicht einmal den Verdacht, da ich Lord Friedrich einen Vorzug
gewhrte, gelang mir in Herrn Maitland zu erwecken. Nun gab ich meinen Plan und
meine Hoffnungen auf, und um den innern Schmerz dabei zu betuben, machte ich
mir selbst wei, und Mi Arnold bemhte sich mich darin zu bestrken, da ein
gefhlloser Mensch wie Herr Maitland meiner Bemhung nicht werth sey.
    Seit ich Mi Mortimers Brief las, hatte ich oftmals den Vorsatz gefat, sie
in ihrer Einsamkeit zu besuchen. Jeden Tag wurde ich durch eine lngst
verabredete, oder nicht abzulehnende Einladung daran verhindert. Jetzt fhlte
ich eine Leere in meinem Herzen, die mir sogar Trauer und Schmerz wnschenswerth
machte. Der nchste Tag nach dem, an welchem ich meines Vaters Zeugni ber
Herrn Maitlands scharfen Blick in mein Herz erhalten hatte, war ein Sonntag, und
ich beschlo ihn, dem strengsten Gesetze gem, zu einem guten Werke - einem
Besuch bei Mi Mortimer zu verwenden.
    Es war ein schner sonnenheller Morgen, an dem ich mich auf den Weg machte.
Die Natur hatte den ganzen Reichthum des Sommers enthllt und besa nur noch die
Frische des Frhlings. Der Schatten der Bume malte sich dunkel auf dem ppigen
Rasen, die Fluthen der Themse trugen zahllose Fahrzeuge, die zum Theil vor Anker
liegend, sich in ihrem elastischen Elemente wiegten, zum Theil vom sanften
Lufthauch getrieben, ihre schneeweien Segel, von dem blendenden Licht
bestrahlt, majesttisch dahinglitten. Mi Mortimers Wohnung lag nur eine kleine
Stunde von der Stadt entfernt; in meiner Kindheit hatte ich sie oft mit meiner
Mutter besucht, und noch bestand der Eindruck, der durch die pnctliche Ordnung
in ihrem Garten, den Ueberflu der schnsten Blumen, die sorgfltig gepflegten
Gelnder an ihren Fenstern sich mir damals einprgte. Die Vernderung in den
Umgebungen ihres kleinen Huschens fiel mir jetzt auf. Die Blumenbeete waren
verwildert, der ehedem so sorgfltig gereinigte Weg von dem Hag zur Hausthr,
bis auf einen schmalen Pfad mit Gras berwachsen, und die Rankengewchse, welche
sich ehedem wohlgeordnet ber der Pforte und den Fenstern gewlbt, hingen
verworren herab, wie Thrnenweiden von einem Grabmal. Eine ehrbare Person in
reinlicher lndlicher Kleidung ffnete mir die Thr, geleitete mich die Treppe
hinauf und trat, mich anzumelden, vor mir in das Zimmer.
    O willkommen, tausendmal willkommen! hrte ich Mi Mortimer rufen, und ich
eilte dem Dienstmdchen nach. - Ach, ich rechnete wohl, sie verndert zu sehen,
aber so, wie ich sie fand, hatte ich mir sie nicht gedacht. - Eine schwache
Rthe flog ber ihr Gesicht, um dem Ansehen einer verklrten Unkrperlichkeit
Platz zu machen. - Ihr Auge, das sonst so mild schimmerte, strahlte in krankem
Feuer, ihre Hand, die sie nach der meinigen ausstreckte, glhte und war so wei
und so abgezehrt, da das Licht wie durch Alabaster sie zu durchstrmen schien,
inde jede kleine Ader sich in mattem Blau auf ihr hinschlngelte. Und dennoch
drckten diese verstrten Zge nur Heiterkeit und Gte aus, dennoch tnte in
dieser matten Stimme der Wohlklang der Liebe. Auf meine Frage nach ihrer
Gesundheit sagte sie mit wehmthigem Lcheln: Ich glaube, ich werde noch eine
Weile der Erde zur Last seyn mssen. Die Aerzte sagen, die augenblickliche
Gefahr sey vorber, und wie ich dafr innig Gott dankte, setzte sie hinzu:
Gottes Wille geschehe! Ich hoffte eine Zeitlang dem Himmel so nahe zu seyn,
vermeinte nicht auf das strmische Meer zurck geworfen zu werden. Doch wie es
Gott gefllt. - Die Rinde der Eitelkeit und Selbstsucht meines Herzens war
durch ihren Anblick, durch ihre Worte gesprengt, ich sprach von meiner Hoffnung,
sie bald in meines Vaters Landgut zu Richmont ihre gnzliche Wiederherstellung
abwarten zu sehen. Sie wies diese Aussicht nicht ab, sprach aber mit Entzcken
von einer andern, einer berirdischen Genesung. Es ist gut, dachte ich, da die,
so keine Freude mehr in diesem Leben haben, sich an der Aussicht auf ein andres
erfreuen. Damals dachte ich nicht, wie bald ich selbst erfahren sollte, da sich
uns diese Aussicht beim Verlust aller irdischen Freuden nicht so unfehlbar
darbietet, da unser Blick im Genu dieser Freuden schon auf sie gerichtet
gewesen seyn mu, um nach ihrer Flucht in ihr Ersatz zu finden. Ich hatte zwei
Stunden mit meiner wrdigen Freundin zugebracht, in denen sie sich zu Zeiten
einer liebenswrdigen Munterkeit berlie. In so einem Moment wagte ich es Herrn
Maitland zu nennen; ich uerte meine Verwunderung, da er nach ihrem Austritt
aus unserm Hause dennoch fortfhre, es fleiig zu besuchen. So wie mein durch
Mi Mortimers Anblick aufgeregtes Gefhl sich beruhigte, nahm meine gewhnliche
Gedankenreihe ihren Gang, und ich hoffte durch Mi Mortimer einige Aufklrung
ber Herrn Maitlands Gesinnungen zu erhalten. Ihr Lcheln bei meiner Frage
schien von Bedeutung, aber Barbara verhinderte sie zu sprechen, indem sie sehr
schne Frchte und feinen Wein auftrug, mit dem, wie meine Freundin mir sagte,
sie reichlich versehen wrde von einer Hand, die sie wohl errathen knnte, die
den Dank aber ablehne. Ein sanftes Klopfen an der Hausthr lenkte Mi Mortimer
zu meinem groen Verdru abermals von der Beantwortung meiner Frage ab. Barbara
kam ehrerbietig herein, Herrn Maitland zu melden, der schon zum dritten Mal
eingesprochen hatte, ohne Zutritt zu erhalten. Ihre Gnaden sollten ihn doch
nicht wieder abweisen, sagte die treue Dienerin, sich tief verneigend, der
ehrenwerthe Herr hat sein Pferd schon an den Zaun gebunden und hofft sicher,
vorgelassen zu werden. Gut, weil Sie bei mir sind, meinen guten Ruf zu
verbrgen, mag es drum seyn, sagte Mi Mortimer mit sanftem Lcheln, fhr' ihn
herein. - Sie wollte zu seinem Empfang aufstehen, war aber sichtlich zu
schwach, da ich sie in meinen Armen aufrecht halten mute. Wie Herr Maitland
mich erblickte, leuchtete die freudigste Ueberraschung aus seinen Augen. Mi
Percy! war alles, was er sagte, aber ich htte diese Worte und den Blick, mit
dem er sie begleitete, nicht gegen die Schmeichelei der ganzen Welt vertauscht.
In diesem Augenblick war mein gefallschtiger Sinn von der Nhe der einfachen
Liebe und Frmmigkeit gefesselt. Mi Mortimer bot ihm von den aufgetragenen
Frchten an, wobei sie einen Wink fallen lie, der ihre Vermuthung, da er der
Geber derselben seyn mchte, andeutete. Eine flchtige Rthe zeigte, da er
verrathen war; er nahm sie aber mit der Bemerkung an, da sie nach einem langen
Fuweg in der Sonnenhitze eine willkommene Erquickung gewhrten. Sie beharren
darauf, an einem Sonntag Ihre Pferde nicht zu gebrauchen? fragte Mi Mortimer.
- Meine Geschfte fordern es selten, und das Vergngen Mi Mortimer zu
besuchen, ist mit einem Spaziergang um einen sehr wohlthtigen Preis erkauft,
antwortete er mit einfachem Ernst. In dieser Stimmung verflog eine Stunde, ohne
da von der Welt Thun und Treiben die Rede war. Nur einmal klagte Herr Maitland,
da seine Hoffnung, das Loos der Sklaven zu mildern, vergeblich gewesen sey.
Ich frchte aber, setzte er hinzu, ich bedurfte dieser Belehrung. Warum lassen
wir Menschen uns beikommen, unserm obersten Herrn allein vorschreiben zu wollen,
zu welchen Diensten er uns brauchen soll? - O diese Lehre bedarf Niemand so
sehr, wie ich! rief Mi Mortimer; wie oft fhle ich mich zum Murren versucht,
bei der Aussicht, vielleicht noch Jahre lang in diesem ganz nutzlosen Zustand
hinzuleben! - Nennen Sie ihn nicht nutzlos, sagte Maitland, und der Glanz
seiner Augen wurde von einer Thrne gedmpft, nennen Sie einen Zustand nicht
nutzlos, in welchem Sie durch Muth und Milde Andern den Weg zum Himmel zeigen,
indem Sie ihn gehen! Bedenken Sie, da Gottes Gte wohl herrlich erscheint, wenn
er seine Menschen beglckt; aber ungleich mchtiger noch, wenn sein Geist, indem
er ihnen alle Glcksgter entzogen hat, ihren Geist freudig erhlt. - Wie
konnte ich unempfindlich bleiben bei einer Ansicht der Dinge, die Maitlands
starke Seele durchdrang, und die schwache Leidende, deren hinwelkende Gestalt
ich umfate, ber Leben und Welt emporhob. Ich fhlte in diesem Augenblick eine
unaussprechliche Sehnsucht, ihren Seelen nachzustreben in ihrem erhabnen Flug,
und im Gefhl meiner Unfhigkeit sagte ich leise unter Thrnen, mein Antlitz an
Mi Mortimers Schulter gelehnt: Beten Sie fr mich! beten Sie, da, wenn ich
einst krank und sterbend bin, Ihr Gott mich segnen mge, wie er nun Sie segnet!
- Ich wei nicht, was meine Freundin mir antwortete, meine ganze Aufmerksamkeit
war auf Maitlands Handlung gerichtet. Er legte seine Hand auf mein Haupt,
blickte auf mich, dann zum Himmel, mit einem Ausdruck, der alle groe, erhabne
Empfindungen vereinigend, ihm etwas wahrhaft Ueberirdisches gab - er sprach
nicht, aber welche Beredtsamkeit htte je diese Stille ersetzt? -
    Was htte denn geschehen mssen, um den Eindruck dieser heiligen Stunde in
meinem Herzen fruchtbringend zu machen? Ach, so schlecht bereitet war der Boden,
da Mi Mortimer selbst das Gedeihen des zarten Keimes verdarb. Beim Abschied
sagte sie mir, gewi mit der Hoffnung meines knftigen Glcks beschftigt, in
zrtlicher Zuversicht ins Ohr: Nun wei ich, warum Herr Maitland so oft nach
Bloomsbury square kommt, und mit diesen Worten war mein eingeschlferter
Leichtsinn erweckt! - Die einfachste Hflichkeit forderte mich auf, Herrn
Maitland zur Rckkehr in die Stadt meinen Wagen anzubieten; er nahm ihn an, und
wie ich mich pltzlich ihm gegenber sitzen sah, nahm ein thriges Bild nach dem
andern von meinem wankelmthigen Sinne Besitz. Eine Zeit lang hrte ich meinem
freundlichen Gefhrten sogar theilnehmend zu, der nur von Mi Mortimer sprach,
bald gab ich aber der Unterhaltung eine so herausfordernde Wendung, da er, um
seine Selbstbeherrschung zu behaupten, ganz natrlich dazu kam, mich als
weiserer Freund wegen meines Verhltnisses zu Lord Friedrich zu warnen. Ich wies
seine Vorstellung mit erknstelter Heiterkeit zurck; mit gut gelauntem Scherz
wollte er tiefer in den Gegenstand eingehen, als mich meine absichtliche und
natrliche Lebhaftigkeit hinri, ihm, meine Hand auf den Mund legend, das
Sprechen zu verbieten. Maitland ergriff sie und drckte sie an seine Lippen,
lie sie dann schnell los, und nun saen wir beide, bestrzt und verwirrt
einander gegenber. Nach einer peinlichen Stille rief Maitland, mehr im
Selbstgesprch als an mich gerichtet: Sie mochte mich trotz meiner selbst dahin
bringen, den Gecken zu spielen, und dann blieb er, den Kopf auf die Hand
gesttzt aus dem Wagen blickend, in finsterm Stillschweigen vor mir sitzen.
Meines Triumphs ber Maitlands Gleichgltigkeit war ich nun gewi, allein da
ich seinen stolzen Geist deshalb nicht unterjocht hatte, war sichtbar. Ohne
einen klaren Begriff von der Wrde des Mannes zu haben, ahnete ich, da sie
meinem Plane im Wege stehe, und ohne mir erklren zu knnen, welche Gefahr mich
bedrohe, fand ich keinen Muth in mir unser Stillschweigen hinwegzuscherzen.
    Sobald wir London erreicht, bat Herr Mattland um Erlaubni, aussteigen zu
drfen und nahm kalt und kurz seinen Abschied. Die Gewiheit von Maitlands
Neigung war mir nun geworden. Mit bermthigem Stolz trachtete ich jetzt
darnach, von diesem Mann, den ich noch keiner Thorheit erliegen sah, das
Gestndni seiner Schwche zu hren und zwischen Hoffnung und Furcht die Qualen
leiden zu sehen, welche ich thriger Weise fr die schmeichelhafteste Huldigung
meiner Reize ansah. Mi Arnold reizte meine Beharrlichkeit, meinen stoischen
Liebhaber bis dahin zu treiben, durch stets rckkehrende Zweifel: ob seinem
Betragen auch wirklich der Sinn, den ich ihm gab, beigelegt werden knnte? und
bei der Begier, mit der ich sie berzeugen und meinen Triumph vervollstndigen
wollte, gelang es ihrer List, meine Einwilligung in alle ihre Vorschlge zu
erhalten. Sie beharrte bei der Behauptung, da nur die drohendste Furcht mich zu
verlieren, einen Mann, der so eiferschtig sey, sich selbst zu beherrschen, wie
Herr Maitland, zu einem bestimmten Schritt mich zu gewinnen vermgen knnte. In
ihm die Besorgni zu erregen, da ich in Gefahr stehe, Lord Friedrichs
Vorschlgen Gehr zu geben, schien ihr dazu am besten geschickt. Ich war selbst
durch die Fehler meiner Erziehung zur Aufrichtigkeit gewhnt worden, und so oft
ich seit einiger Zeit durch Umwege zu meinen Zwecken zu gelangen suchte, hatte
der Gegenstand meiner Begierde mich hingerissen, aber mein Gefhl nie gegen ihre
Strafbarkeit verhrtet. Auch jetzt emprte sich dieses Gefhl gegen den
Gedanken, Herrn Maitland glauben zu machen, da Lord Friedrich meine Liebe
gewonnen habe, und heftig weigerte ich mich, diesen Plan ins Werk zu stellen.
Mi Julie bewies mir sogleich, da dieses nicht ihre Absicht sey, im Gegentheil
wrde sie, wenn ich's ihr berlie, Herrn Maitland einen Wink zu geben, das
Verhltni so darstellen, als habe meine Unbefangenheit mich in Verlegenheiten
verwickelt, bei denen ich durch edle Aufopferung meiner selbst zu ben
entschlossen sey - und, weit entfernt Sie zu tadeln, schlo Mi Julie, wird er
Ihre Denkart bewundern mssen. - Bewundern! Herr Maitland wrde mich bewundern
mssen! An diesem Gedanken scheiterte der letzte Rest meiner Gewissenhaftigkeit.
Doch gestand ich mit Angst zu, da meine dienstfertige Freundin Herrn Maitland
bei seinem nchsten Besuch empfangen und ihre Hinterlist ins Werk setzen sollte.
    Herr Maitland lie mir Zeit, bessere Entschlsse zu fassen; es verliefen
acht Tage, ohne da er in unserm Hause erschien. Allein Mi Arnold sorgte dafr,
da meine Begierde, diesen stolzen Mann das Bekenntni seiner Schwche ablegen
zu sehen, nicht erkaltete, und indem sie meinen Sieg ausmalte, schwebten
leichte, undeutliche Gestalten einer edlern Art im Hintergrund meiner Fantasie,
Gestalten, denen sie, nur an Eitelkeit gewhnt, keine bestimmte Umrisse zu geben
vermochte, ich darf aber hoffen, sie deuteten auf die Sehnsucht, in der Neigung,
die ich, sobald ich ihr Gestndni empfangen, zu verhhnen gesonnen war, eine
Zuflucht gegen mich selbst zu finden.
    Nachdem dieser Gegenstand tglich unser Gesprch beschftigt hatte,
berraschte uns endlich Herrn Maitlands Besuch, wie wir uns abermals ber diesen
Gegenstand unterhielten. Mi Arnold sah ihn an der Anfahrt absteigen und bewog
mich durch die dringendsten Grnde, ihr seinen Empfang zu berlassen. Mit einer
Vorempfindung unendlichen Wehs erwartete ich den Ausgang dieses Gesprchs, mehr
wie einmal stellte mir meine Eitelkeit unsern Plan als gelungen, Maitland als
gefesselten Sklaven zu meinen Fen vor, aber schnell wich dieses thrige
Gaukelspiel, und eine gestaltlose Furcht lie mich auf die undeutlichen Tne
ngstlich horchen, die von dem Besuchzimmer heraufschallten. Jetzt hrte ich die
Thr ffnen und sah Herrn Maitland mit raschen Schritten, ohne einen Blick
zurckzuwerfen, ber die Anfahrt gehen und zwischen den Hecken verschwinden. Was
haben Sie bewirkt? rief ich, athemlos in das Besuchzimmer tretend, wo die
Unterredung Statt gefunden hatte. - Mi Arnold fuhr bei meinem Eintritt auf, sie
schien in unangenehm zerstreuter Stimmung, doch fate sie sich sogleich und
begann einen weitluftigen Bericht ber ihre Unterhaltung mit Herrn Maitland,
aus dem sichtlich hervorging, wie widerwillig er sich mit ihr, gegen die er
seine Abneigung nie verhehlt hatte, in ein Gesprch ber mich eingelassen hatte,
wie heftig er anfangs durch ihre Aeuerung, da ich meine Freiheit fr verwirkt
halte, erschttert gewesen sey, aber bald mit Stolz behauptet habe, wie er eine
solche Nachricht von meinen eignen Lippen erwarte und dann meinen Entschlu gut
heien mte. Gereizt durch seinen Unglauben, durch seine stolze Zuversicht,
fuhr Mi Arnold fort, ergriff ich nun das letzte Mittel ihn zu berzeugen: ich
entdeckte ihm - - Was? um Gottes willen, was? rief ich ungeduldig und
ngstlich, da ich Mi Julie errthen und stottern sah. - Nun ich entdeckte ihm,
da ein kleines Darlehn, welches Sie Lord Friedrich abzutragen htten, Sie in
die Nothwendigkeit setzte, seine Antrge zu begnstigen. - Ich hrte den Schlu
ihrer Rede nicht mehr an. In der schrecklichsten Emprung meiner Gefhle warf
ich meiner unvorsichtigen Freundin ein Gestndni vor, das mir nothwendig
Maitlands Achtung entreien mute. Julie erschrack ber meinen heftigen Schmerz,
sie entschuldigte sich mit Thrnen, im Eifer, mir zu dienen, dieses unselige
Gestndni abgelegt zu haben, - und dennoch bedurfte es dessen um auf seinen
Starrsinn zu wirken, sagte sie weiter; htten Sie ihn gesehen wie er bleich,
zitternd, um Athem kmpfend im Zimmer umherschritt, Sie wrden eingestanden
haben, da er nur also zu berwltigen sey. - Ich kannte diesen festen Mann zu
gut, um diese Darstellung nicht fr bertrieben zu halten, allein da er
peinlich leiden mute bei dieser Entdeckung meiner Thorheit, dessen war ich
gewi. Und was sagte er? fragte ich endlich vor Angst. - Er wollte sogleich zu
Ihnen, wollte Sie sprechen ... Nun? warum ging er denn fort? - Ich mute diese
Frage mehrmals wiederholen, ehe Mi Arnold sie verstand. Er besann sich, wollte
sich erst fassen, und wird in einer Stunde zurckkehren war endlich ihre
Antwort.
    Ehe diese Stunde verflossen war, hatte sich mein Unwille ber Mi Julie zum
Theil durch ihre Liebkosungen, zum Theil von einer neuen mich beschftigenden
Furcht, gelegt. Ich besorgte, Herr Maitland mchte es fr Pflicht der
Freundschaft halten, meinen Vater mit meiner Schuld an Lord Friedrich bekannt zu
machen, ich wnschte ngstlich, dieses zu verhindern; aber Maitland um
Verschwiegenheit zu bitten, verbot mir mein Stolz. Wie er zu mir eintrat, war
meine Verlegenheit nicht geringer wie die seine, obwohl ein unbefangener
Beobachter in mir den Kampf ohnmchtigen Stolzes, in ihm den Streit des tiefsten
Schmerzes mit dem festen Sinn des Rechtschaffnen gelesen haben wrde.
    Bei seinen ersten Worten waren seine Empfindungen noch zu strmisch, um
ihnen gewohnte Deutlichkeit zu geben, doch, in Selbstbeherrschung gebt, ging er
nach wenigen Momenten mit Zartheit und Gte in die Errterung des Gegenstandes
ein, der ihn zu mir gefhrt hatte. Da er meine Abneigung, mich meinem Vater zu
entdecken, vernahm, bat er mich auf das ehrerbietigste, mir die Summe, welche
ich Lord Friedrich schuldig war, vorstrecken zu drfen. Auf meine bestimmte
Weigerung schlug er Mi Mortimer als Mittelsperson vor; aber auch dieses lehnte
ich ab, und durch die innige Rhrung in seinem Ausdruck meines Sieges ber sein
Herz, durch die Ehrerbietung seines Betragens meiner Herrschaft ber seinen
Willen immer sichrer, gewann mein Leichtsinn immer mehr die Oberhand ber die
mich bisher folternden peinlichen Gefhle, und mit rcksichtslosen Kunstgriffen
war ich bemht, das Gesprch auf den Punct zu bringen, wo Herr Maitland einer
Erklrung nicht wrde entgehen knnen. Der nchste Gegenstand unserer
Unterredung machte mir das leicht. Sie betraf Lord Friedrichs Bewerbung; ich
uerte mit emprendem Leichtsinn, da jede Wahl gleichgltig sey, da bei der
meinen die Liebe noch immer ausgeschlossen seyn wrde. - Er hoffe, das solle
nicht der Fall seyn, bemerkte Herr Maitland mit erzwungener Fassung. - Er wird
es, fuhr ich Leichtsinn nachffend fort, denn wem kann meine Hand endlich
zufallen? Von den Mnnern die sich um mich drngen, will der eine Theil ein
Spielwerk, an das er sein Geld hnge, der andre Theil, mein Geld, um es an seine
Spielwerke zu hngen. Wie wre der eine und der andere im Stand, mein Herz zu
schtzen? Ja, htte ich einen Mann gefunden, fhig der Freund meiner Jugend zu
seyn, das wenige Gute in mir zu entwickeln, meine Fehler zu ertragen und zu
bessern, einen Mann den ich geliebt htte, weil er meine Achtung gewonnen, so
wrde ich ihm vielleicht meine lebhafte, herzliche Freundschaft geschenkt
haben. Diese ganze Rede war eine eingelernte Rolle, allein in ihr lag der Kern
meines bessern Sinnes, und gegen das Ende zu nahm die wahrste Rhrung in meiner
Seele Platz. Maitland sa mir gegenber, den Arm auf ein zwischen uns stehendes
Tischchen gelehnt; whrend ich sprach, hatte ich nicht den Muth ihn anzusehen,
jetzt nahm ich aber wahr, da der starke Mann zusammenzuckte, und der leichte
Tisch von dem Zittern seines Arms bebte. Pltzlich fiel mir die Schilderung ein,
die mir Mi Arnold von seinem Zustand, bei ihrer Entdeckung meiner Schuld an
Lord Friedrich, gemacht; ich sah mich meines Siegs ber Maitlands Herz gewi,
meine guten Regungen verflogen, und ich blickte auf, um seine Fassung zu
ersphen.
    Sein Auge schien mit seinen scharfen Blicken bis ins Innerste meiner Seele
zu forschen; seine Wangen glhten, doch nur einen Moment. - Todtenblsse
verdrngte dieses Roth, er fate zitternd meine Hand, kmpfte einen Augenblick
nach der Kraft zu sprechen und sagte endlich, meine Hand gleichsam von sich
werfend, im Ton des ernstesten Vorwurfs: Ellen, wie knnen Sie, da Sie Ihre
Gewalt ber mich wahrnehmen, wie knnen Sie! ... Andere mchten meine Schwche
verachten, ich selbst verachte sie - aber Ihnen, Ihnen htte sie heilig seyn
sollen.
    Wie soll ich mir selbst den Vorgang in meinem Innern erklren? Nun hatte ich
also meinen Zweck erreicht, ich hatte Maitland das Gestndni seiner Niederlage
entrissen; allein weit entfernt mich meines Sieges zu erfreuen, fhlte ich mich
durch den Vorwurf, den seine Worte enthielten, aufs tiefste verwundet. Sein
Mifallen bte die Kraft des bsen Gewissens ber mich, und ich war so
erschttert, da ich, unfhig meine Fassung zu finden, mein Haupt nicht
aufzuheben vermochte. Herr Maitland stand einige Augenblicke gedankenvoll und
schweigend; dann sagte er mit halb erstickter Stimme: Nein, nicht jetzt ...
schenken Sie mir morgen einige Momente; es werden die letzten seyn. Und ehe es
mir mglich war, ein Wort ber die Lippen zu bringen, hatte er sich entfernt.
    Wie eine Verbrecherin, schlich ich in mein Zimmer, wo Selbstvorwrfe, Zorn
gegen Mi Arnold und eine unklare Furcht vor den Folgen von Herrn Maitlands
Unwillen mich peinlich beschftigten. Mein Triumph ber den Sieg meiner Reize
gewann nur nach und nach Raum in meinen Betrachtungen, ja ich mute das Andenken
an alle meine Bemhungen, diesen Sieg zu erreichen, zurckrufen, um den
Entschlu, mich nie vor einem stolzen Liebhaber zu demthigen, zu erneuern. Mag
er seine Fesseln brechen, wenn er kann, rief ich endlich mit neu erwachtem
Uebermuth - denn noch war mein Leichtsinn nicht fhig, den Verlust Herrn
Maitlands als Freund zu ermessen, er hatte ihn nur als Sklav zu sehen gestrebt.
    Herr Maitland lie sich am folgenden Morgen nicht erwarten, aber seine
Fassung war von der des vorigen Abends gnzlich verschieden. Sie drckte Ruhe,
Selbstherrschaft, Wrde aus. Er begann ohne Verlegenheit, sich fr schuldig zu
erkennen, indem er sich ein paar Mal von seinem Gefhl htte hinreien lassen,
und glaubte mir Erklrung darber geben zu mssen. Gekrnkt durch seine
Selbstbeherrschung, gab ich ihm einige leichtsinnige Antworten und nahm dann,
wie er auf seinem Ernst beharrte, mit nachlssigem Wesen meine Nharbeit in die
Hand, als suche ich durch sie das mangelnde Interesse seiner Unterhaltung zu
ersetzen. Flt es Ihnen gar keine Neugier ein, Ellen, nahm Herr Maitland das
Wort, zu erfahren, wie Sie ein Herz, das Sie mit treuer Neigung zu umfassen
wohl geschickt gewesen wre, gewonnen, und wie Sie es verloren haben? Ist es
auch nicht um meinetwillen, so knnte es Ihnen doch vielleicht einst ntzen,
wenn von einem Mann, fr den auch Sie empfinden, die Rede ist. - Ich hoffe, so
schlimm wird mir es ja nicht gehen, die Liebeslaune irgend eines Mannes je zu
beklagen. - Hier war von keiner Liebeslaune die Rede, nahm Herr Maitland von
neuem mit Ernst das Wort. Sie waren meine erste Liebe, und Ihre Wohlfahrt wird
mir zrtlichen, innigen Antheil einflen, noch lange nachdem meine
gegenwrtigen schmerzlichen Empfindungen erloschen sind. Allein ich mu fliehen,
ehe ich die Kraft verliere, dem zu entsagen, dessen Besitz mich unendlich elend
gemacht htte. - Sicher, mein Herr, dieses Elend wrde ich Ihnen ersparen,
sagte ich mit schwellendem Stolz, denn auf diese Sprache hatte ich von Seiten
eines Liebhabers nicht gerechnet. - Ellen, das ist kindisch. Zrnen Sie, weil
ich Ihnen die Langeweile vergeblicher Bewerbung erspare? Wenn ich Sie mit
Schmerz verlassen sollte, mten Sie die Vorzge wieder besitzen, die mich
zuerst an Ihnen bezauberten; denn nicht Ihre Schnheit gewann Ihnen mein Herz.
Ich hatte Sie oft gesehen und war kalt geblieben. Es war Ihre kindliche Einfalt,
Ihre gnzliche Absichtslosigkeit, Ihr vllig durchsichtiges Gemth, wie ich es
nennen mu, um die Leichtigkeit auszudrcken, mit der ich Ihre Empfindungen
errieth, die mich gewannen. Wenn ich ermattet von Arbeit war, krank von der
Herzlosigkeit der Menschen, so kam ich zu Ihnen und dachte ... Nun ists ja Eins,
was. - Herr Maitland hielt inne; mein beres Gefhl siegte, ich begriff, da
ich seine Achtung verloren hatte, und Thrnen fllten mein Auge. Allein die
Furcht, er mchte meinen, da ich den Verlust seiner stoischen Liebe bedaure,
zwangen sie in mein stolzes Herz zurck. Er fuhr fort: Ich nahm aber bald wahr,
da unsre Wnsche, unsre Bestrebungen nicht bereinstimmten, da sie das
husliche Glck stren mten. Nach dem dreiigsten Jahr sieht ein Mann wohl
ein, da nach dem Entzcken des Liebhabers der Gatte eine lange Reihe von Jahren
vor sich hat, wo er entweder seine Sorgen und Freuden mit seinem Weibe theilen,
oder die Unterwerfung der Abhngigkeit von ihr fordern mu. Das Letztere knnte
ich nie. - Ihre Wnsche htten mich jeden Augenblick verletzt, und - seine
Stimmung ward immer feierlicher - wie knnte der, welcher einen Freund sucht,
den erwhlen, der seine Beschftigung fr lstig hlt, seine Freuden fr
Hirngespinnste, seine Hoffnungen fr einen Traum? - Nein, Ellen, die Gattin
eines Christen mu mehr seyn, als das Spielwerk seiner migen Stunden, sie mu
sein Mitgeno seyn bei der Arbeit, beim Gebet. - Mein Stolz emprte sich immer
mehr. Genug, mein Herr, sagte ich, ich bin hinlnglich von meiner
Unfhigkeit, eine Wrde, nach der ich nie Verlangen trug, zu bekleiden,
berzeugt. - Das glaube ich Ihnen, Mi Percy, und das shnt mich mit meinem
Opfer aus. Vermindern Sie es also nicht durch diese Verachtung! Es bedarf ihrer
nicht, um mich zu berzeugen, da Sie nicht ohne eifrige Bewerbung gewonnen
werden knnen - ich versuchte diese, versuchte sie, bis mich meine Schwche
berraschte - und nun ist es gerade noch Zeit, zu entfliehen; deshalb reise ich
in vierzehn Tagen nach Westindien ab. -
    Mir war es, als versnke die Erde unter meinen Fen. - Da Herr Maitland
unsern Familienkreis meiden wrde, darauf war ich gefat; aber Westindien! -
Nach Westindien? wiederholte ich kaum hrbar. - Ja. Ich habe dort Geschfte.
Doch schon zu lange sprach ich von mir selbst. Da der Fall eintritt, wo es recht
ist, da die rechte Hand die linke abhaue, so ists besser, der Streich sey
geschehen. Nur, noch eine Bitte liegt mir am Herzen ... Er zgerte; ich hatte
nicht die Kraft, zu fragen, was ich zu vernehmen so begierig war. Maitland fate
meine Hand. Ellen, sagte er mit Innigkeit, ewig theure Ellen, mancher trbe
Gedanke wird, wenn wir weit getrennt sind, Sie belasten; ich bitte, vertrauen
Sie diese Mi Mortimer und bergeben ihr dann dieses Pckchen! - Ich begriff,
da es die Mittel enthielt, die Schuld an Lord Friedrich zu tilgen, ich lehnte
das Anerbieten ab, versicherte, da diese Schuld keine Eile habe, da sie kein
Geheimni sey, da ich sie wegen eines Spielwerks eingegangen wre ... doch,
meine heftige Bewegung wahrnehmend, beherrschte ich mich schnell und bat ihn mit
neu erwachendem Stolz, Mi Mortimer bei ihrer Krnklichkeit nicht mit dieser
Kleinigkeit zu belstigen. Er suchte mich zu widerlegen; da er aber meine
Beharrlichkeit bemerkte, rief er: So ists Zeit, zu enden. Leben Sie wohl,
Ellen! Aller Segen ... Hier versagte ihm seine Stimme; er warf einen Blick auf
mich. - O nie, nie verschwand dieser Blick vor meinem Gedchtni, und ber den
Schmerz, der um seinen Mund zuckte, glitt ein Lcheln, wie ein Sonnenblick ber
die sturmgeschlagne Flur. Ich wendete mich ab, und er verschwand.
    Ich erlebte, wie alle Welt mich verlie, ich wanderte heimlos in fremden
Straen, ich sah mich mit den Unseligsten des Menschengeschlechts in dem Ort des
Grausens eingesperrt, aber den Schmerz fhlte ich niemals wieder, der mich
ergriff, da ich wieder in das Zimmer hinblickte und Maitland nicht mehr fand.
Mi Mortimers Worte tnten in mein Ohr: Die Guten und Weisen werden Sie
verlassen. - O sie haben mich verlassen, und ich bin freundlos, allein! rief
ich zur Erde sinkend und verbarg mein Haupt auf dem Platz, auf dem Maitland
gesessen hatte.
    Nach diesen Aeuerungen wird man nun glauben, da mein Herz wirklich einen
tiefen Eindruck empfangen htte. - Das war aber keineswegs der Fall. Herr
Maitland hatte meine Eitelkeit gereizt, er hatte meine Neugier erregt, sein
Gesprch hatte mich angezogen, ich fand in der Unterhaltung mit ihm den Genu,
geistige Fhigkeiten in mir zu entdecken, die in dem flachen Geschwtz meiner
andern Bekannten nicht angeregt wurden, ich besa eine Art kindlichen Vertrauens
in seine Gte, sein Charakter flte mir eine tiefe Achtung ein - was mich bei
seiner Abreise so heftig schmerzte, war die Gewiheit, seine Achtung verloren zu
haben, von ihm durchschaut worden zu seyn, es war die Bekmmerni, des Rckhalts
seiner Gte, der Ueberzeugung von seinem Schutz, die unklar aber fest in meiner
Seele ruhte, beraubt zu seyn. Leider blieb dieser Eindruck so wenig wirksam, da
ich schon nach einigen Stunden mit gewohntem Leichtsinn mit Lord Friedrich
liebugelte, und nach wenigen Tagen, whrend der ich das Andenken an Maitlands
Abschied als etwas Schmerzliches vermieden hatte, seiner kaum mehr gedachte.
    Der Befehl meines Vaters rcksichtlich der Besuche des Lords in seinem
Hause, war keineswegs befolgt worden; er stellte sich tglich daselbst ein, ich
begegnete ihm in dem grten Theil meiner Gesellschaften, am hufigsten traf ich
ihn bei Lady St. Edmond, deren Umgang ich, weil er mir mehr, als jeder andre
schmeichelte, noch immer am hufigsten aufsuchte. Meine angenehmsten Stunden
brachte ich bei ihr in einem kleinen Zimmerchen zu, in welchem Kunst, Luxus und
Geschmack erschpft waren, um den eigensinnigsten Forderungen eine Genge zu
leisten. Die mildesten und frohesten Farben verschmolzen sich an den Wand- und
Fensterbekleidungen, einige ppige Landschaften, von Meisterhand gemalt, die
schnsten Vasen, die zierlichsten Divans machten diesen kleinen Raum zu einem
Feenaufenthalt, den Abends Alabasterlampen mit Mondlicht erhellten, zu dem aber
ein groes Fenster das Tageslicht nur durch die Verzweigung der schnsten,
duftenden Blthenpflanzen zulie. Ein herrliches Pianoforte, eine eben so
vortreffliche Harfe, eine kleine Sammlung Dichter vollendeten den Aufputz dieses
Cabinets. Nie ward es von einem Bedienten betreten; der wenige Dienst, den man
darin verlangte, ward von einer leichtfigen, rosenwangigen Zofe besorgt. Hier
war Lord Friedrich meistens der Dritte in unserer Gesellschaft, Lady St. Edmond
behandelte mich wie eine vertraute Freundin, ich empfand nicht die mindeste
Scheu gegen sie, und so blieb es seiner Klugheit berlassen, diese unbedachten
Zusammenknfte zu benutzen. Ohne da er meinem Herzen lieber geworden wre, als
im Anfang unserer Bekanntschaft, wute er sich durch die Sprache der verliebten
Schmeichelei meiner Aufmerksamkeit je mehr und mehr zu bemchtigen; ich hatte
mich an das eitle Spiel kleiner Gefallknste, Zwiste, Nachgeben, Gebieten,
Beherrschen gewhnt, und wenn ich hier und da durch irgend einen Zug in Lord
Friedrichs Betragen gewarnt, aufmerksam wurde, beruhigte ich mich selbst mit der
Ueberzeugung, da zwischen mir und einem Mann, dessen Bewerbung mein Vater
unbedingt abgewiesen, nicht die Rede von einem nhern Verhltnisse seyn knnte.
Eines Morgens, den ich, wie so oft geschah, bei Lady St. Edmond in obenerwhntem
Cabinette in Gesellschaft Lord Friedrichs zubrachte, ward sie eines Geschftes
wegen abgerufen, und der Lord benutzte unser Alleinseyn, um mit unerwartetem
Ernst mir seine Leidenschaft zu erklren. Ich suchte, wie schon frher bei
weniger dringendem Geschwtz dieser Art, durch witzige Einflle abzuwehren;
allein er vernderte seinen Angriff und stellte mir sehr ernstlich das Recht
vor, welches mein Betragen ihm gegeben htte, Hoffnungen zu hegen. Dieser
Vorwurf erschreckte mich auf eine sonderbare Weise, er gab mir augenblicklich
ein Bewutseyn meiner Schuld, aber zugleich eine entschiedne Abneigung gegen den
Mann, der Rechte an mich geltend machen wollte. In der grten Angst, aber mit
eben so groer Wahrhaftigkeit gestand ich ihm, da, seit mein Vater sich
bestimmt gegen seine Bewerbung erklrt, ich ihn von allen Mnnern fr den
gehalten htte, mit dem es am gleichgltigsten wre, sich zu unterhalten, und,
in ihm eine hnliche Ansicht voraussetzend, wre mir es nie eingefallen, in
seinen Reden einen ernsthaften Sinn zu suchen. Mit Heftigkeit klagte er mich
jetzt an, ihm in den Augen der Welt Hoffnungen gegeben zu haben, die nun seine
Ehre in Gefahr brchten, in unsern nhern Verhltnissen Vorschlge nicht
unwiederruflich verworfen zu haben, die nur die Liebe genehmigt. - Diese
Vorwrfe riefen mir jenen unseligen Maskenball zurck, wo der Leichtsinn meines
Betragens den Lord damals zu dem Vorschlag einer Entfhrung nach Schottland
veranlassen konnte; zugleich hatte mir aber Herrn Maitlands Charakter die
Gewohnheit erhalten, dem Wort Ehre, in dem Munde eines Mannes einen hhern
Werth beizulegen, als der Gebrauch der Modewelt ihm ertheilt. Ich schauderte vor
dem Gedanken, Lord Friedrichs Ehre durch meine gefallschtige Laune Anfllen
ausgesetzt zu haben, und fand deshalb nicht den Muth in mir, seine flehenden
Bitten, ihm noch jetzt nach Schottland zu folgen, so wie ich htte thun sollen,
abzuschlagen. Ich lie mich auf Grnde meiner Weigerung ein: meines Vaters
bestimmte Abneigung gegen eine Verbindung mit dem Lord war der erste, und wenn
meine Denkart klar und mein Sinn edel gewesen wre, htten die abgedroschnen und
herzlosen Grnde, mit denen er das vterliche Ansehen zu schwchen suchte, mir
den Unwerth des Mannes und die Gefahr, mich ihm anzuvertrauen, ins hellste Licht
stellen mssen. Aber er bewies mir, da meine persnlichen Vorzge allein mich
emancipirten, da meines Vaters Weigerung meine Rechte schmlerten, da
allgemeine Regeln einen hhern Geist nicht bnden, und mein Vater nach dem
ersten Aufbrausen seines Unwillens einer Verbindung, die in jeder Rcksicht
angemessen sey, seinen Beifall nicht versagen wrde. - Diese Schmeichelreden
beschwichtigten meine Unruhe, aber dennoch empfand ich eine groe Erleichterung,
als Lady St. Edmonds Rckkehr dem Gesprch ein Ende machte.
    Ohne eine entschiedene Neigung fr den Mann, dem ich die tgliche
Gelegenheit, meine Schwche zu benutzen, zugestanden hatte, ohne einen klaren
moralischen Sinn, welcher mir einen deutlichen Begriff von den Bedingungen zu
meinem wahren Glck geben konnte, theilte ich Mi Arnold meine Verlegenheit mit
und bat Lady Edmond um Rath. Die Erstere schien blos Theilnahme, Mitgefhl zu
zeigen, und bewies mir doch, da, bei dem nachtheiligen Eindruck, den Lady
Maria's Darstellung meiner Thorheit am Ballabend gegen mich erregt, eine Heirath
mit Lord Friedrich der sicherste und fr mich der schmeichelhafteste Weg sey,
meine Unruhe zu beendigen. Lady St. Edmond fand Mittel, mir in einer Wolke von
Weihrauch ber meine Vorzge, meine Empfindungsart, meinen Geist zu beweisen,
da ich mich in den Fall gesetzt htte, wo nur meine Heirath mit Lord Friedrich
mein Betragen zu rechtfertigen im Stande sey.
    Whrend es mir so von allen Seiten an einer weisen Einwirkung gebrach, da
mein thricht eitles Herz sich vor der einzig rettenden, der meiner verehrten
Mi Mortimer, frchtete, weil es sich bewut war, dort keine Schmeicheleien,
keinen in Lob gehllten Tadel, sondern strenge Mahnung an die Pflicht zu hren,
versumte Lord Friedrich nicht, bei jeder Gelegenheit die Sprache der
Leidenschaft gegen mich zu fhren. Eines Tags fand ihn mein Vater zu meinen
Fen, in einer feurigen Rede begriffen. Im Gefhl seines verletzten Hausrechts,
da er sich seine Besuche verbeten, mit der Erbitterung, die ihm Einer aus der
verhaten Kaste erregen mute, der in dem zarten Punct der vterlichen Gewalt
seinen Absichten zu widerstreben suchte, verabschiedete er ihn mit mehr
Bestimmtheit, wie gutem Ton. Der Auftritt war emprend fr mich, weil mein
Vater, inde vier starke Lakaien an der Saalthr standen, sein Hausrecht gegen
den einzelnen Mann bertrieb; er war hchst erschtternd, weil ich den ernsten
Mann noch nie so von Zorn bermannt gesehen hatte. Wie Lord Friedrich das Zimmer
verlie, stie mein Vater die Thr mit einem gewaltigen Futritt zu, nahte sich
mir heftig, fate gewaltsam meine Hand und rief: Hattet Ihr vergessen, Ellen
Percy, da diesem Glcksjger mein Haus verschlossen seyn sollte? Fortan
geschehe das nicht wieder! Ich kann Euch dreimalhunderttausend Pfund
hinterlassen und arbeite an einem Project, die Summe zu verdoppeln; aber Euer
ltester Sohn soll John Percy heien, und eben so seines Sohnes Sohn, und Ihr
sollt keinen unverschmten aristokratischen Bettler heirathen, der sich
unterstehen mchte, den Mann, dem er sein Daseyn zu verdanken htte, ber die
Schultern anzusehen. Gott verdamme mich, wenn ich das je zugebe! Versteht Ihr
mich, Ellen Percy? - Bei diesen Worten schttelte er meine Hand und schleuderte
sie so gewaltsam von sich, da ich wankend mich an einem Stuhl halten mute,
inde er zornglhend das Zimmer verlie.
    In der Jugendzeit, wo Mangel an erduldeten Leiden uns Muth gibt, und die
Einfachheit unsrer Verhltnisse unsre Urtheilskraft noch gar nicht geprft hat,
kann ein besser geordnetes Gemth, wie das meine, durch Heftigkeit zum
Widerstand gereizt werden. Mir erschien meines Vaters Betragen so despotisch,
da es mich aufforderte, alle Rechte der Natur fr mich geltend zu machen.
Ungewohnt, mein Betragen tadeln, noch weniger, meiner Neigung Verbote auflegen
zu sehen, suchte ich zu meines Vaters Widerwillen gegen eine Heirath mit Lord
Friedrich nun eine besondre Ursache und fand sie durch die Bedingung erklrt,
unter welcher er meine Hand zu vergeben gedachte. Einem Mann ohne Namen wollte
er mich geben, einem untergeordneten, nchternen, anspruchbaren Geschpf, dem
sein Geld erst zu einem Daseyn verhelfen sollte - und in dem Mae, wie ich mir
sein Bild ausmalte, befestigte sich der Entschlu, gegen diese Gefahr mich zu
schtzen. Bis dahin hatte ich die Weise, wie ich dieses thun wollte, nicht
beschlossen, ja nicht berlegt; ein nichtsbedeutender Zufall mute sie
bestimmen.
    Whrend der Mahlzeit erwhnte Mi Arnold eines glnzenden Frhstcks, zu dem
uns Lady B. auf den folgenden Morgen eingeladen habe. Mein Vater erklrte, da
ich weder bei diesem Frhstck, noch in irgend einer andern Gesellschaft
erscheinen solle, bevor ich ihm nicht feierlich angelobt, mit Lord Friedrich
keine Art von Verkehr mehr fortzusetzen. So mu ich zu Hause bleiben, sagte
ich mit trotziger Entschlossenheit, denn nach dem Frhstck ist ein Ball, und
ich habe mit Lord Friedrich zu tanzen versprochen. - Nun so genieen Sie Ihr
Frhstck zu Haus, Mi Percy; ich hoffe, es soll so gut wie Lady B. ihres seyn.
- Mein Verdru bei diesem Ausspruch meines Vaters war nicht gering; denn ein
gestickter Morgenanzug, um den Lady Maria in Handel gestanden, und den ich durch
einen bermigen Preis ihr entzogen hatte, sollte heute ihren Neid erregen.
Aber mein Widerwille, meinen Vater durch eine Bitte zu besnftigen, war viel
grer, wie dieser Verdru. Mi Arnold half dem Einen und dem Andern ab. Ihr
Einflu bei meinem Vater hatte seit Mi Mortimers Entfernung so zugenommen, da
es ihr auch bei dieser Gelegenheit nicht schwer fiel, seine Erlaubni
rcksichtlich des Frhstcks zu erhalten; allein ein bestimmter Befehl, fortan
jedem Verkehr mit Lord Friedrich unbedingt zu entsagen, verhinderte mich, Freude
darber zu empfinden.
    Den folgenden Morgen beim Familienfrhstck - denn meine Einladung bei Lady
B. verhinderte diese Familienmahlzeit nicht - erhielt mein Vater einen Brief,
den er mit sichtlicher Bestrzung las und, seine Theetasse unberhrt
hinstellend, augenblicklich das Zimmer und gleich darauf das Haus verlie. Sein
Benehmen ngstigte mich, auch Mi Arnold schien es mit Unruhe zu bemerken,
allein die Stunde des Ankleidens war da, und so berlie ich mich, ohne des
Vorgangs wieder zu gedenken, dem Wirbel des Tags. Das Frhstcksfest verlief wie
alle solche Feste: mit der Larve der Freude, mit leeren Kpfen, mit Herzen, die
oft von Neid und Bitterkeit erfllt, also schlimmer, wie leer sind. Es war seit
jenem Abend des Maskenballs das erste Mal, da ich Lady Maria begegnete; der
Anblick meines, ihrer Eitelkeit entzogenen Kleides konnte nicht dazu beitragen,
ihr das Andenken jenes Abends in einem mildern Lichte erscheinen zu lassen, und
so war ihr jede Gelegenheit mich zu demthigen willkommen. Sie fand sie bei
Veranlassung eines Tanzes, in welchem sie mich von meinem Platze verdrngte.
Lord Friedrich, der mein Partner war, suchte die Sache beizulegen, allein die
Umstehenden waren wenig geneigt, ihm behlflich zu seyn, so da ich tief
gekrnkt den Reigen verlie. Lord Friedrich fhrte mich auf meinen Platz zurck,
er nahm den Augenblick wahr, mir den Vortheil zu zeigen, den ein einziges Wort
mir ber Lady Maria geben knnte; und was seine leidenschaftlichen Bitten nicht
vermocht hatten, bewirkte der gekrnkte Stolz - ich willigte ein, mit Lord
Friedrich nach Schottland zu fliehen.
    Um allen Verdacht zu vermeiden, ward verabredet, da wir Lady St. Edmond ins
Vertrauen ziehen wollten; sie solle mich am folgenden Morgen in ihrem Wagen bis
Barnet fhren, wo mich mein knftiger Ehemann in Empfang nehmen wrde; Mi
Arnold gedachte ich den Plan zu verschweigen, denn sie hatte mich vor wenigen
Tagen mit weisem Kopfschtteln gebeten: im Fall ich je in eine Entfhrung
willigte, mchte ich sie mit dem Geheimni verschonen, da sie es fr ihre
Pflicht halten knnte, meinen Vater davon zu unterrichten. Von dem Augenblick
an, wo ich das unselige Versprechen gegeben hatte, schien mir die Gesellschaft
um mich her, der Saal, die Musik wie in einem undeutlichen Nebel zu schwimmen.
Mein Gemth war so erschttert, da ich mir wie aus mir selbst herausgetreten
vorkam; Lord Friedrichs anscheinendes Entzcken hatte keinen Sinn fr mich, ich
sah die Dinge sich um mich drehen, ohne ihre Absicht und Bedeutung fassen zu
knnen, so wie im Sonnenschein die Mcken vor unsern Augen schweben, ohne da
wir ihre Gestalten zu unterscheiden vermgen. Vergeblich warf ich mich in das
Gerusch der Gesellschaft, suchte Gesprch, versammelte die Mnner durch mein
Geschwtz, entfernte die Weiber durch Jener Beifall - das gegebne Versprechen
stand zwischen mir und der Auenwelt, es trieb mich nach Hause, und vor dem
Gedanken schaudernd, da mir dann erst jenes Schreckbild recht nahe treten
wrde, war ich doch die Letzte unter denen, die in spter Nacht die leer
gewordenen Sle verlieen.
    Nach einer schlaflosen, der peinlichsten Unentschlossenheit dahingegebenen
Nacht fand ich erst gegen Morgen einige Augenblicke unruhigen Schlummers;
dennoch stand ich sehr frh auf, machte die nthigsten Vorbereitungen zu meiner
vorhabenden Reise und versuchte ein paar Zeilen an meinen Vater zu schreiben.
Sie sollten ihn meiner kindlichen Liebe versichern, ohne mein Vorhaben zu
verrathen. Aber wie unfhig war ich zu diesem Geschft! Zehnmal setzte ich
einige Zeilen zusammen, die mir nicht gengten, zerri das Geschriebne und
beschlo endlich, diese Absicht erst dann, wenn mein Vorhaben ausgefhrt sey, zu
erfllen. Sobald die Frhstcksstunde geschlagen hatte, begab ich mich aus
meinem Zimmer, eifrig die letzte Gelegenheit, meinen Vater zu sehen, ergreifend
und zitternd, ihm mit diesem Bewutseyn unter die Augen treten zu sollen. An der
Thr des Frhstckszimmers verlie mich fast der Muth; ich horchte auf seine
Stimme, und wie alles stille war, frchtete ich mich vor seinem Schweigen,
seinem mir begegnenden Blick. Die Aufmerksamkeit eines Bedienten, den mein
Zgern zu befremden schien, bestimmte mich endlich, die Thre zu ffnen;
schchtern blickte ich nach meines Vaters gewhnlichem Sitz - er war leer. Eine
Last fiel mir vom Herzen. Wo ist mein Vater? fragte ich den Diener. - Er ging
aus und hat hinterlassen, da er nicht zum Frhstck zurckkehren werde, war
die Antwort. Das war mir eine ungewohnte Erscheinung! - Das Frhstck war die
Vereinigungsstunde der Familie, die meinen Vater immer herbeigezogen hatte;
sollte er sie heute versumen, so mute ich ohne einen Blick des Segens
hinwegscheiden, heute besonders, nachdem ich bei unserm letzten Zusammenseyn
seinen Unwillen erregt hatte. Das konnte ich nicht ertragen, und der Vorsatz,
mein Vorhaben aufzugeben, keimte in meinem Herzen. Ehe er aber zu einem festen
Entschlu gereift war, hielt Lady St. Edmonds Wagen vor dem Hause. Ich eilte sie
zu empfangen, fhrte sie bei Seite und beschwor sie, wenigstens heute, den
einzigen Tag, meine Reise zu verschieben; meines Vaters Abwesenheit mache es mir
unmglich, das Haus zu verlassen. Sie schalt meine Schwche, sie bewies mir, da
grade diese Abwesenheit mir die Gefahr mich zu verrathen erspare, und wie bald
ich ihn, da sie an seiner schnellen Vershnung gar nicht zweifle, wieder sehen
wrde; sie stellte mir das Unrecht vor, das ich an Lord Friedrich begehe, die
Gefahr, einen so leidenschaftlichen Liebhaber aufs Aeuerste zu treiben. - Durch
ihre Beredsamkeit gewonnen, zeigte sich mir mein Vorhaben von einer andern
Seite, als die, welche mich bisher beschftigt hatte, und mein Schwanken
benutzend, ri mich Lady St. Edmond mit sich fort. Noch eilte ich vorher zu der
Freundin meiner Jugend, um ihr, da sie keinen Theil an meinem Geheimni nehmen
durfte, ein zweideutiges Lebewohl zu sagen. Julie! rief ich, ihre Hand
drckend, ich entferne mich auf kurze Zeit. Vermit mich mein Vater, so
ersetzen Sie mich bei ihm. O Julie, wenn Sie mich je geliebt, so bezeigen Sie
ihm die kindliche Ehrfurcht, die - ich ihm schuldig gewesen wre! - Meine
zitternde Stimme, mein bewegtes Gemth htten mich Mi Arnold verrathen mssen;
allein sie war entschlossen, ein Geheimni nicht zu entdecken, das ihr zu wissen
nachtheilig werden konnte. Nachlssig sagte sie mir Lebewohl, und kein Lcheln
des Wohlwollens war im Augenblick des Scheidens von ihrer Jugendfreundin auf
ihrem Antlitz sichtbar.
    In einer vlligen Betubung aller meiner Gefhle fuhr ich vom Hause ab; wie
ich meiner wieder deutlich bewut ward, befand ich mich schon in ganz fremden
Umgebungen, die ich nicht mit meiner Vergangenheit reimen konnte, die mir meine
Zukunft nicht errathen lieen. Lady St. Edmond verwendete ihr freundlichstes
Geschwtz, um meine Aufmerksamkeit auf angenehme Gegenstnde zu lenken; sie
drang mir das Versprechen ab, gleich nach erhaltner kirchlicher Einsegnung
meiner Ehe in ihrem Hause eine Zuflucht zu suchen, schilderte mir die
Annehmlichkeit meiner knftigen Verhltnisse, wenn ich, wie es mir gar nicht
fehlen knnte, die verschiednen Glieder der Familie du Burgh fr mich gewonnen,
und wie die Vershnung mit meinem Vater, die ebenso wenig Schwierigkeit haben
wrde, dann meine Beruhigung vollenden msse. Es gelang ihr, mein Gemth zu
beruhigen, so da ich bei unsrer Ankunft in Barnet meine gewhnliche
Geistesheiterkeit grtentheils wieder gewonnen hatte. Wie der Wagen anhielt,
und ich den Mann, dem ich mein ganzes Lebensheil zu bergeben gesonnen war, zu
meinem Empfang bereit zu erblicken erwartete, drckte ich mich mit
unwillkrlichem Grausen in den Winkel des Wagens zurck und lie meine
Begleiterin vor mir aussteigen. Da ich nur ihre Stimme hrte, die mich
nachzukommen bat, raffte ich mich auf, ich folgte ihr in ein Zimmer, ich hrte,
wie sie ihrem Bedienten auftrug, nach Lord Friedrich zu fragen; doch seine
Antwort: er sey noch nicht angekommen, vernderte nur meine Lage, sie
verbesserte sie nicht. Ich beantwortete Lady St. Edmonds zuversichtliche
Bemerkung: da er unverzglich, da er in fnf Minuten eintreffen werde, mit
einem spottenden Lachen. Die fnf Minuten gingen hin, auch zehn und lngere
Zeit. In grter Unruhe sa meine Begleiterin am Fenster, blickte der Strae
entlang und hoffte bei jedem Hufschlag, bei jedem Rollen eines Wagens, es msse
der Erwartete seyn; ich schien gleichgltig den groen Ochsen von Durham und
Godolphins Araberpferd, deren Abbildungen an der Wand hingen, zu betrachten,
inde meine Begleiterin mit zunehmender Unruhe alles aufbot, um Entschuldigungen
wegen ihres Neffen Verweilen zu ersinnen. Eine Stunde mochte in dieser Spannung
verflossen seyn, als ich auf eine ihrer Aeuerungen erwiederte: Suchen Sie doch
weiter keine Ursache, Mylady, Mylord hat unsere Verabredung vergessen, und somit
verhindert uns nichts, nach der Stadt zurckzukehren, welches ich Sie dringend
bitte unverzglich zu thun. Sie widerstand mir zwar, bat mich, noch eine kleine
Weile zu warten, weil sie gewi sey, nur die unseligsten Ursachen knnten Lord
Friedrich zurckhalten; doch forderte sie einige Erfrischungen und befahl, ihre
Pferde zum Einspannen zu bereiten. Ueber diesen Anstalten ging abermals gegen
eine Stunde dahin; ich erklrte nun, wenn Mylady nicht sogleich abfhre, so
wrde ich Post nehmen und unverzglich allein zurckkehren. Dieses bewog sie,
anspannen zu lassen, aber ehe es geschehen war, sprengte ein Reiter vor das
Haus, ich hrte ihn nach Lady St. Edmond fragen, und bevor diese die Thr des
Zimmers erreicht hatte, trat ein Reitknecht Lord Friedrichs herein, gab ihr
einen Brief und begab sich schweigend hinweg. Endlich werden wir erfahren!
rief Mylady, indem sie den Brief erbrach. - Doch bei den ersten Worten fuhr sie
betroffen zusammen, und wie ich mit erzwungner Gleichgltigkeit und kalter
Verachtung fragte, was die Ursache von meines Liebhabers Abtrnnigkeit sey,
stammelte sie unzusammenhngende Entschuldigungen ber das unangenehme Geschft,
ein Unglcksbote seyn zu mssen. - Dieses auf Lord Friedrichs Untreue deutend,
bat ich sie mit bitterm Gelchter, sich darber zu trsten, indem diese wohl das
geringste Unglck meines Lebens seyn wrde ... Nein, Mi Percy, nicht diese,
nahm sie etwas beleidigt das Wort, aber Ihr Vater hat ... fassen Sie sich! es
ist Ihrem Vater ... Mehr erlaubte ihr meine Bestrzung und Ungeduld nicht zu
sagen. Mit dem Ausruf: was hat mein Vater? zog ich ihr hastig den Brief aus
der Hand und las Folgendes von seinem Inhalt - denn diesen Brief hat der Zufall,
gleichsam wie ein Denkmal vom Wendepunct meines Schicksals, mich aufbewahren
lassen:
    Theure St. Edmond! Mit dem Percy hat der Teufel sein Spiel gehabt. Er
speculirte wie ein Narr und verlor nah an eine Million. Durch den glcklichsten
Zufall von der Welt erfuhr ich es in dem Augenblick, wo ich nach Barnet abfahren
wollte; ich mute der Sache erst gewi seyn, ehe ich Sie benachrichtigte, und so
wurde der Bote versptet. Ich gehe nun unverzglich darauf aus, die Darnel zu
beschwatzen. Das ist ein verdammter Tausch, denn die Percy ist das hbscheste
Mdchen in London; aber wie's nun steht, htte ich mir das Gehirn eingeschossen,
wre ich mit ihr bis Schottland gelangt. Suchen Sie das Mdchen zu beruhigen,
wie es gehen will! Gut ist sie mir doch, und wenn ich das hliche Shpchen
heirathe, habe ich auf Trost zu denken. Ich mu eilen mir die Darnel zu sichern,
und sobald das in Richtigkeit ist, soll es Ihnen an den fnftausend Pfunden
nicht fehlen.
    Das Erstaunen, mit dem ich diesen Brief las, ward von der Furcht ber meines
Vaters Unfall zurckgedrngt. Ich hatte nie einen Gedanken an die Mglichkeit
des Verlustes unsers Wohlstandes gehegt; bei der Sicherheit, mit der ich meinen
Vater seine Geschfte behandeln sah, schien mir eine unglckliche Speculation
ganz unmglich; seine erst vorgestern geuerte Zuversicht, sein Vermgen in
kurzem verdoppelt zu sehen, galt mir fr eine untrgliche Zusage - ich hoffte,
da irgend ein falsches Gercht Lord Friedrichs Habsucht irre gefhrt habe. Doch
der weitere Inhalt dieses Schreibens emprte mein Innerstes; wohl war das ein
glcklicher Zufall, der mich vor dem Elende, einem solchen Verworfnen zu
gehren, befreit hat! rief ich laut und verweigerte Lady St. Edmond das Blatt,
nach welchem sie ihre Hand ausstreckte. Nein, dieses Blatt bewahre ich auf als
Zeugni der niedrigsten Verfhrung, deren sich je ein Mann zum Verderben eines
thrichten Mdchens bediente. Jetzt, Mylady, werden Sie doch durch nichts mehr
zur Stadt zurckzukehren verhindert? - Lady St. Edmond schien sehr
herabgestimmt, ohne Einwurf folgte sie mir an den Wagen, und stumm traten wir
unsern Rckweg an. Der Inhalt des Briefs ward mir immer klarer, ich verstand
nun, welchen schndlichen Antheil meine Begleiterin an dem ganzen Vorgang
genommen, ich berhufte sie mit Vorwrfen, ich fhlte tief den Schmerz
verrathner Freundschaft, mibrauchten Vertrauens. Nach und nach wendete sich
aber meine Aufmerksamkeit auf meines Vaters Lage; ich erinnerte mich jetzt des
Briefs, welchen er, wie ich ihn das letzte Mal sah, mit so offenbarer Bestrzung
gelesen, andre Umstnde stellten sich mir gleichfalls in einem bedeutenden
Lichte dar und vermehrten meine Angst. Sie nahm mit jedem Augenblick zu, der
Anblick der Strae, wo sein Haus lag, benahm mir den Athem, und wie der Wagen
hielt, vernahm ich kaum Lady St. Edmonds Entschuldigung, mich nicht hinein zu
begleiten. Kaum vermochte ich aus dem Wagen zu steigen, und mit zitternden
Knieen trat ich in die langsam auf mein Klopfen sich ffnende Thr. Hat mein
Vater nach mir gefragt? rief ich dem Diener entgegen. - Nein, Ihre Gnaden. -
Ist er zu Hause? - Er ist - er ist zu Hause, aber ... Der Mensch schwieg,
furchtbares Entsetzen in seinem Gesicht. - Eine ungeheure, gestaltlose Furcht
ergriff mich, meine Seele erstarrte vor ihr, mein Verstand vermochte nicht ihr
eine Form zu geben, einen Gedanken mit ihr zu verbinden - ich sank besinnungslos
zu Boden.
    O soll ich denn diese Bilder des Schreckens vor meinem Gedchtni wieder
aufrufen? soll ich die Wunden wieder ffnen, die keine Zeit je geheilt? Mu ich
den furchtbaren Weg Schritt vor Schritt verfolgen, der mich endlich bis zur
Grenze des Wahnsinns gefhrt?. - Ich mu; denn mein Schicksal soll Andere vor
dergleichen Schicksal behten. - Zwar wird Wenigen ein so hartes, herbes
aufbewahrt seyn, aber wenn ihr Kopf leichtsinnig ist, wie der meine, ihr Herz
eigenntzig, wie das meine, ihre Fantasie mit Nichtigkeiten angefllt, wie die
meine gewesen ist, so wird ihre Kraft auch einem geringern Unglck nicht
widerstehen. - Deshalb fahre ich in meinen furchtbaren Erinnerungen fort.
    Eine lange Sinnlosigkeit hielt mich umfangen, nur von einzelnen
Schreckbildern meiner Vergangenheit in deutlichen Umrissen unterbrochen. Endlich
erwachte ich aus diesem Zustand, ich befand mich allein in meinem Zimmer; meine
Flucht, meine demthigende Rckkehr, der Verrath an meiner Freundschaft, die
Aussicht auf gnzliches Verderben stieg pltzlich vor meinem Bewutseyn auf.
Alles, alles hat mich verlassen, rief es in meinem Innern, nur bei ihm, der mich
zu lieben nie aufhrte, nur bei meinem Vater werde ich Theilnahme, Verzeihung,
Liebe finden - und sey es in Armuth ... weiter ging meine Vorstellungskraft
nicht; ich sprang vom Bett herab, ich eilte durch die halb dunkelnden Gnge in
meines Vaters Vorzimmer. Wo sonst bei frhem Kerzenschein mehr wie ein Diener
mir die Thren erffnete, war alles einsam und still; hastig trete ich in sein
Cabinet, ein dstrer Abendstrahl leitet meine Blicke zum Sopha - da liegt eine
Gestalt, die ich fr die meines Vaters erkannte; sein Gesicht verhllt, - Blut -
Blut befleckte seine Kleider. - O das zu erzhlen vermag ich nicht! -
    Aus einer langen todhnlichen Ohnmacht erwachte ich zu einem Zustand, der
von Raserei nicht weit entfernt war. Kein Gedanke ward mir klar, keiner rief
mich zu einer Pflicht, zu einer That auf, meine ganze Seelenkraft vermochte sich
nur mit dem Bilde meines Elends zu beschftigen. Wie eine undeutliche Stimme
unter Sturmesgeheul in einzelnen Tnen schallt, wiederholten sich einzelne Worte
meiner vernachlssigten Freundin, meiner theuren Mi Mortimer, in meinem trben
Gedchtni, aber das Sturmesgeheul war mir lieber, und mit einer Art Bitterkeit,
als habe ihre Prophezeiung mein Schicksal herbeigezogen, lie ich diese
schwachen Tne sich nicht zu einem verstndlichen Sinne sammeln. Juliette - die
Freundin meiner Kindheit, die Theilnehmerin all meines Glanzes, meiner Freuden,
sie, glaubte ich, sey es, die mir jetzt Trost geben knnte, und mit der Ahnung,
da es doch eine Abwechslung im Gefhl meines Elends gbe, sah ich mich, da mein
Bewutseyn wieder einige Klarheit erhielt, in ihren Armen. Die ersten Thrnen
erleichterten mein gespanntes Gehirn, ich horchte auf ihre Stimme, die mir
freundliche Worte sagte, und litt es endlich, da sie mich, unter dem Vorwand,
fr meine Angelegenheiten zu sorgen, um bald wiederzukehren, verlie. Ich
verband keinen bestimmten Sinn mit ihren Worten, und ihr lag es nur daran, mir
zu verhehlen, da kalter Eigennutz allein sie zu mir gefhrt, um noch, so lange
es ihr die Umstnde gestatteten, ihr Eigenthum, welches sie durch meines Vaters
Gte gesammelt, aus seiner jammererfllten Behausung zu schaffen.
    Von neuem meiner trostlosen Einsamkeit berlassen, fhlte ich mich durch
Juliens Besuch nur elender, weil er meinen Geisteskrften wieder eine gewisse
Thtigkeit gegeben hatte. Ich nahm wahr, wie in den wenigen Stunden, die seit
dem Umsturz meines Glcks verflossen, alle Verhltnisse um mich her zerfallen
waren. Unsere Dienerschaft ward ohne Rcksicht auf ihren persnlichen Charakter,
wegen ihrer Geschicklichkeit, ihrer Gestalt, hchstens auf Empfehlung gewhlt;
die Bemhung, sie in ihrem Dienst zu bessern Menschen zu machen, fiel uns nie
ein, in den Kreis unsrer Obliegenheiten aufzunehmen; von ihrer Herrschaft hatten
sie nur das Beispiel unbegrenzter Bedrfnisse, gedankenloser Zerstreuung gehabt.
- Was konnte sie an mich binden, da mir die Mittel, ein ungebundnes Leben
fortzusetzen, geraubt waren? Zwei Tage hatten sie zu eigenmchtigen Herren ihrer
Zeit gemacht, so da ich nur mhselig die wenigen Dienste von ihnen erhielt, die
mein hlfloser Zustand erheischte. Noch war keine Stunde nach Juliens Abschied
verflossen, so trat, ohne einen Bedienten im Vorzimmer gefunden zu haben, ein
unbekannter Mann ins Zimmer, der mir andeutete, da es nthig sey, meine
Schrnke zu versiegeln, indem man erfahren, da einige Juwelen von Werth in
meinem Besitz seyen; ich mchte aber vorher die mir nthigen Kleidungs- und
Wschvorrthe herausnehmen. Gewohnt, nur mit der schonendsten Ehrerbietung
behandelt zu werden, mein Zimmer nie von Jemand betreten zu sehen, als der den
Zutritt wie die schmeichelhafteste Gunst zu erkennen verstand, fhlte ich mich
durch den unerwarteten Eintritt dieses Mannes tief verwundet, noch mehr aber
durch sein Geschft, das mir den beleidigendsten Verdacht anzudeuten schien, auf
das heftigste emprt. Htten alle Juwelen Indiens zu meinen Fen gelegen, ich
wrde sie ihm unberhrt, wie alle meine Schlssel, bergeben haben, und durch
diesen traurigen Stolz brachte ich mich um eine Menge kostbarer Kleinigkeiten,
die mir eine geringe Hlfe fr meine nchste Zukunft gewhrt haben knnten. Aber
nach diesem Vorgang war mein Entschlu gefat, ich sah die Nothwendigkeit ein,
meines Vaters Haus zu verlassen, und schrieb Mi Julie einige Zeilen, in denen
ich sie bat, mich sogleich zu sich abzuholen, um ihren jetzigen Aufenthalt zu
theilen. Sie hatte mir hinreichende Grnde anzugeben gewut, warum sie, gleich
nach der schrecklichen Entscheidung von meines Vaters Schicksal, den Befehlen
ihres Bruders, ihres Vormunds, gehorchen und sich in sein Haus begeben mssen.
Jetzt schien mir dieses ein glcklicher Umstand, und die einzige Bedingung, die
ich ihr machte, war die Freiheit, die ich mir vorbehielt, nur sie allein zu
sehen, nie zu irgend einem Umgang, auch nicht dem mit ihres Bruders Familie,
gezwungen zu seyn. Kaum hatte ich das Billet abgeschickt, so sehnte ich mich
ngstlich nach einer Antwort. Der Bediente kam mit dem. Bescheide zurck: Mi
Arnold sey nicht zu Hause. Bisher das verzogne Schooskind des Glcks, war
Warten, Aufopfern, Entsagen mir fremd, und diese erste kleine Fehlschlagung
fhlte ich als ein Unrecht, einen Mangel an Wrme der Freundin, von der ich
nicht vermuthet hatte, da sie in diesem Augenblick nicht zu Hause sey. Wohin
mochte sie gehen, inde ich dem Elend, der Verzweiflung zum Raube ward? Was
konnte sie anziehen, wenn ich sie bedurfte? Wrde ich je sie verlassen haben,
wenn ungleich geringere Uebel ihr meine Gegenwart wnschenswerth gemacht htten?
-
    Mit solchen und viel traurigern Betrachtungen brachte ich die Zeit hin; bei
jedem Gerusch hoffte ich eine Botschaft von ihr, nach jeder Viertelstunde hielt
ich es fr unmglicher, da sie die nchste noch ausbleiben knnte. - Aber die
nchste ging hin und wieder die nchste und der ganze Abend, ohne da eine
Botschaft kam, und die tiefe Nacht, welche meine Hoffnung abschnitt, vermehrte
nur meinen Gram und ward nur durch kurzen ngstlichen Schlummer verkrzt. Der
Tag brach an, ich stand frh auf, um bei Juliens Ankunft gleich bereit zu seyn,
ihr zu folgen. Aber sie kam noch immer nicht; einsam geno ich mein Frhstck,
ich horchte mit verhlltem Gesicht auf die Ankunft ihres Wagens. - Wohin sollte
ich blicken, wo nicht Geister verlornen Glcks mir begegneten? Dort der Platz,
wo Maitland zum letzten Male stand, hier das Fenster, aus dem ich, um Mi
Mortimers Abschiedsgru zu entgehen, halsstarrig blickte, und neben mir der
Platz, wo stets mein Vater gesessen! - Jetzt hrte ich einen Wagen vor das Haus
fahren, ich eilte ihm entgegen, zu sehen. - Es war der Leichenwagen, der meines
Vaters Sarg zu Grabe fahren sollte. -
    Nachdem der Anfall wilden Schmerzes, den dieser Anblick in mir erregt hatte,
vorber war, kehrte die Erwartung von Mi Arnolds Antwort mit peinigender
Ungeduld zurck. Endlich blieb mir nur die Vermuthung, da der Zettel ihr nicht
bergeben worden sey, und ich bereitete mich, einen zweiten zu schreiben, als
anstatt ihrer selbst eine schriftliche Antwort anlangte. Betroffen ber die
Nothwendigkeit, ohne ihren freundlichen Beistand das Haus zu verlassen, gebot
ich mir, auch dazu Muth zu behalten, und eilte die Grnde ihres Verfahrens zu
lesen. - Sie schrieb sehr wortreich und nicht ohne einigen Ausdruck von Liebe:
wie es ihr sehr weh thte, mir sagen zu mssen, da ihr Bruder sich einem nahen
Verhltni zwischen ihr und mir widersetze. Freilich msse sie ihm recht geben,
da ein Mdchen, dessen einziges Gut, so wie bei ihr der Fall sey, in einem
unbescholtnen Ruf bestehe, ihre Freundinnen behutsam whlen solle; leider sey
aber meine Entfhrung bekannt worden - und so msse sie um ihres Bruders willen
meiner Gesellschaft entsagen. Wenn sie nun gleich fr die Zukunft alle uere
Beweise von Anhnglichkeit sich verbitten mte, wrde sie nicht weniger meine
dankbar ergebne Dienerin bleiben.
    Starr, wie ein Todter, blieb ich, nachdem ich diesen Zettel gelesen,
bewegungslos sitzen. - Der Schlag hatte meine Seele gelhmt, er hatte mein
Bewutseyn vertilgt. Ich wei nicht, was den allmligen Uebergang dieses
Zustandes in grenzenlose Verzweiflung in mir bewirkte - vielleicht nur die
Rckkehr physischen Lebens - und Leben mute bei solchen Umstnden Verzweiflung
seyn. Ich warf mich an den Boden, forderte mit wildem Geschrei den Tod heraus,
mich vor einer Welt zu retten, wo Verrath, fhllose Hrte und Eigennutz mich
jeder Mglichkeit zu leben beraubt hatte. Wohl erinnerte ich mich, wie ich dies
allgemeine Verdammungsurtheil ber die Menschen aussprach, da noch ein Geschpf
in meiner Nhe lebe, welches mir einst sagte: Wenn ich je Freundestrost brauche
... - Aber meine Seele war erbittert, ich hate die Menschheit und die
Tugendhaften mit ihr und warf der von aller Welt abgeschiednen, durch Krankheit
an ihre Wohnung gefesselten Mi Mortimer vor, mich noch nicht in den Tagen des
Jammers aufgesucht zu haben, da ich sie doch in den Tagen des Glanzes hartherzig
zurckstie.
    Noch lag ich also in tiefem Schmerz auf den Boden hingestreckt, als derselbe
Mann, der gestern meine Schrnke versiegelte, abermals eintrat. Ich raffte mich
auf; die Stellung, in der er mich fand, der Blick, mit dem ich ihn empfing,
muten ihm Mitleid einflen, denn er brachte sein Gesuch mit dem Ton schonender
Theilnahme, achtungsvoller Behutsamkeit vor. Die Glubiger meines Vaters wollten
zur Aufzeichnung seiner Verlassenschaft schreiten, das Haus sammt allem Gerth
und aller Habseligkeit sollte verkauft werden, und man lie mich bitten, einen
andern Aufenthalt zu whlen. - Also ausgetrieben aus dem Hause, wo meine Mutter
gelebt, wo meine Kindheit gepflegt, wo ich meinen Vater als Herrn herrschen
gesehen, wo er mir der beste, gtigste Vater gewesen war - ausgetrieben, ohne
eine Zuflucht auf Erden! und um die Zuflucht jenseits zu suchen, hatte ich ein
verhrtetes Herz. Ich stie einige bittere Worte gegen die Menschen aus, die
meinen Vater ins Unglck gerissen, die nun wie Ruber in sein Eigenthum zu
theilen sich beeilten. Der Fremde wies mich sanft zurecht, er bat mich, nicht
der Feindseligkeit zuzuschreiben, was einfacher Gesetzesgang sey, und legte
einige Banknoten vor mich hin, welche die Glubiger mir einhndigten, um meine
nchste Einrichtung zu bestreiten. Zugleich bat er mich, einen Freund
herbeizurufen, der meine Sache vertrte, der mir Rath gbe in einer Lage, welche
mich der Fassung, fr mich selbst zu sorgen, offenbar beraubt htte. Einen
Freund! rief ich mit bitterm Hohne, o meine Freunde habe ich geprft und habe
sie so treu befunden, da der drre Buchstabe des Gesetzes, der mir dieses
Almosen zutheilt - ich nahm das Pckchen mit Banknoten in die Hand -
menschlicher mit mir verfhrt, wie sie. - Der Schmerz erstickte meine Worte,
ich warf dem Unbekannten die Banknoten hin. Da, nehmen Sie dieses zurck, ich
werde nicht diese und keine andere Untersttzung gebrauchen. - Der Mann verlie
mich mit Erbarmen im Blick, und so vergiftet war mein Gemth, da ich diesen
Blick aus meinem Gedchtni verdrngte - ich bedurfte die ganze Tiefe des
Jammers, um darin zu versinken.
    Ich befahl, unverzglich einen Miethwagen herbeizuholen, und ohne weiter ein
Wort zu sprechen, ohne einen Auftrag zu hinterlassen, ohne eine andere Regung,
als ein convulsivisches Schaudern, wie ich an meines Vaters offnem, verdetem
Zimmer vorbeiging, verlie ich das Haus und befahl, in eine enge, schmuzige,
abgelegne Strae zu fahren, durch die mich einst mein Kutscher wegen eines
aufgerinen Steinpflasters fhren mute. Die Dunkelheit, das unheimliche Ansehn
der Huser hatte ein Bild in meiner Fantasie zurckgelassen, das sich zu meinem
trostlosen Vorhaben eignete. Dort angekommen, befahl ich dem Miethkutscher, an
dem ersten Hause, wo Zimmer zu vermiethen angeboten wrden, zu halten. Nach
mehreren vergeblichen Nachfragen fand sich ein kleiner schmuziger Laden, aus dem
mir eine anstndig aussehende ltliche Frau entgegentrat, die mir auf meine
Frage versicherte, das einzige Zimmer, das sie vermiethen knne, stehe mir zu
Dienst. Wie sie mich nher ins Auge fate, ward sie bei meinem Anblick bestrzt.
Freilich konnte sie mein Verlangen, ihr Zimmer zu bewohnen, nicht mit meinem
Ansehen reimen. Meine Trauerkleidung war mir von meiner Kammerfrau angelegt
worden, sie war so kostbar, wie diese Tracht es zult. Dieser Umstand und die
Verzweiflung in meinen Zgen machte die Frau stutzen, sie bot mir einen Stuhl an
und ging hinaus, mit dem Kutscher zu sprechen. Ich bemerkte das; es war mir ganz
gleichgltig, eben so die Entschuldigungen der Frau, die mich bei ihrer Rckkehr
versicherte, keinen nachtheiligen Verdacht gehegt zu haben. Bis zum Tod ermdet,
gab ich ihr meinen Beutel in die Hand, - er enthielt den letzten Rest des
Ueberflusses, den ich nie zu berechnen Beruf gefunden hatte; es war eine
armselige Summe fr den, der im Schoose der Ueppigkeit gelebt, aber berzeugt,
da sie lnger wie mein sinkendes Leben dauern wrde, gab ich sie sorglos dahin
und forderte nur, augenblicklich in das mir versprochne Zimmer gefhrt zu
werden. Mhselig schleppte ich mich eine steile, finstre Treppe hinauf und trat
in ein dunkles, enges, dumpfes Gemach; an einer Seite stand in einer Vertiefung
hinter einem geflickten, verblichnen Vorhang ein Bett, dessen mich zu bedienen,
noch vor vier Tagen der hchste Grad von Mdigkeit mich nicht vermocht htte;
jetzt sehnte ich mich, mein brennendes Haupt auf diese elenden Pfhle zu legen,
und hoffte mit Zuversicht, es werde nur kurze Zeit darauf ruhen.
    Endlich war ich allein. Ich empfand eine furchtbare Freude, jetzt alle
Banden, die mich an die Menschen knpften, abgelst zu haben und sicher darauf
rechnen zu knnen, da dieses verlorne Geschpf, sobald es aus dem Winkel, in
den es sich geflchtet, auf den Kirchhof getragen wre, in dem Andenken der
Menschen schnell und gnzlich vergessen seyn wrde. Ein heftiges, mich vllig
betubendes Fieber berwltigte mich, ich rasete nicht, sondern lag in dumpfer
Betubung, welche die gutmeinende, aber rohe Sorgfalt meiner Wirthin und ihrer
Tochter, eines krnklichen, migestalteten, widrigen Geschpfs, oft zu stren
versuchte. Ich erwachte dann, wies ihren Trost, ihre dargebotnen Erquickungen
und eben so die sich vor meine Erinnerung drngenden Bilder der Vergangenheit
von mir und sank in neue Dumpfheit zurck. Meine krperlichen Empfindungen
schmeichelten mir mit nahem Tode; die Gluth, die mich verzehrte, lhmte meine
Krfte bis zur uersten Hlflosigkeit, der bewutlose Dumpfsinn, in dem es mir
gelang, mich zu erhalten, schien mir Vorbote ewigen Schlafs.
    Konnte ich denn aber wirklich in dieser Verhrtung des Herzens, dieser
Gedankenlosigkeit ber das Diesseits und Jenseits aus der Welt gehen wollen?
fiel denn kein Strahl der himmlischen Liebe in meine Seele? - Nein! Die, welche
schmeckten, wie gtig der Herr ist, wenden sich im Unglck mit doppeltem Eifer
zu seiner Gte; ich hatte ihn aber in meinen guten Tagen nie gesucht, darum
konnte ich jetzt den Weg zu ihm nicht finden. So lange mir noch Krfte blieben,
schien mir das Loos, das mich getroffen, ein grausames Unrecht, denn ich hatte
nie die Forderung an mich gemacht, besser zu seyn, wie ich war, hatte also
keinen Begriff davon, weniger Glck zu verdienen, wie bisher das Leben mir
geboten. Seit aber die Krankheit meine Krfte gebrochen hatte, war dieser Trotz
dahin - doch die Ruhe, die ihm folgte, glich der lebenverderbenden Erstarrung
des todten Meers. Tage und Nchte gingen darber hin, deren Wechsel mir beim
unwillkrlichen Erwachen aus meiner Dumpfheit nur durch das tiefere und mindere
Dunkel meines Zimmers merkbar ward. Endlich lie sich meine Wirthin nicht mehr
durch meine strenge Weigerung zu sprechen, zu hren, Nahrung zu nehmen,
abweisen; sie sah meinem Tod entgegen und frchtete die Unannehmlichkeiten, die
es ihr zuziehen knnte, eine Unbekannte ohne fremden Beistand gelassen zu haben,
noch mehr, die Kosten ihrer Beerdigung tragen zu mssen. Wie sie wieder einmal
vergeblich versucht hatte, ihrem Zureden Eingang zu verschaffen, sagte sie mir
ohne Umschweife, da mein ihr bei meiner Ankunft bergebner Geldvorrath
erschpft sey, und ich mir neue Mittel des Unterhalts verschaffen oder mich nach
einer andern Wohnung umsehen msse. Vor acht Tagen noch htte diese Behandlung
meinen Stolz aufs heftigste emprt, jetzt empfand ich sie blos wie eine
schnellere Befrderung zum Grabe und sagte gleichgltig: sobald ich ihre Mhe
nicht mehr bezahlen knnte, wollte ich sie davon freisprechen. Damit war diese
Frau aber nicht befriedigt; sie schlug mir, wie sie schon oft gethan hatte, vor,
meine Freunde von meinem Zustand zu benachrichtigen. Aber da berhrte sie die
eiternde Wunde meines Herzens - ich drckte mein Gesicht in das Kissen und
antwortete nicht mehr. Nun fragte die Wittwe, ob ich denn gar keinen Gegenstand
zum Verkaufen bese, und deutete auf einen Ring, den ich nie von dem Finger
gelegt. Es war das einzige Andenken von meiner Mutter, das ich erhalten. Bis
jetzt war mir der Werth desselben nicht deutlich geworden, ich hatte ihn, seit
ich hier schmachtete, noch niemals bemerkt, doch nun besann ich mich pltzlich,
woher er mir kam, und mit Hrte befahl ich der Frau, zu schweigen, mir zu sagen,
wenn der letzte Schilling meines Geldes ausgegeben sey, wo ich denn lieber auf
der Thrschwelle sterben, als ihr einen Augenblick zur Last fallen wolle.
Beleidigt verlie sie mich und unterbrach den ganzen Tag ber meine Einsamkeit
nicht mehr.
    Erst dieser Vorgang erinnerte mich an das, was mir bisher als das geringere
Uebel entgangen war, an die gnzliche Armuth, die mich bedrohte. Allein, meine
Lebensgeister zu einiger Thtigkeit zu spannen vermochte der Gedanke nicht, im
Gegentheil diente er als neuer Beweis, da ich dem Tode verfallen sey, und davon
berzeugte mich die leidenvolle Unruhe in meinem Innern, der nagende Schmerz in
allen Gebeinen, der sich meiner bemchtigte, die ich beide fr die sichern
Vorboten der Auflsung hielt. Kaum nahm ich wahr, da die Nacht dem qualvollen
Tag gefolgt war; glhende Funken kreuzten vor meinen Augen umher, die Dumpfheit
meines Jammers ging in gnzliche Vergessenheit ber, und die Krisis, die ich fr
den Tod gehalten, lste sich auf in einen heilbringenden Schlaf. Meine
ungeschwchte Jugend hatte gesiegt; die Dumpfheit selbst, welche meine
Verzweiflung bertubte, war vielleicht wohlthtig fr meine Nerven gewesen, die
gnzliche Entuerung von Speise hatte den Gang der Natur ohne Strung gelassen
- genug, ich erwachte mit hellem Bewutseyn meines Unglcks, aber auch meiner
Rettung vor dem sehnlich gewnschten Tod. Der Gedanke, Gott zu danken, erwachte
nicht mit dem rckkehrenden Leben, bittere Angst um die Zukunft nahm von meinem
Gemthe Besitz, und mein noch schwacher Kopf arbeitete angestrengt, einen Weg zu
ersinnen, der mich in einer Welt, die ich so feindselig hatte kennen lernen, zu
einer Freisttte fhrte. Bei diesem Nachsinnen hatte ich gar nicht die Augen
geffnet, um zu sehen, wer so leise in meine Thr trat und sich meinem Bett
nherte, ein lauter Ausruf schmerzlichen Erstaunens schreckte mich auf. - Mi
Mortimer! rief ich, und der Anblick dieser gtigen, verkannten Freundin weckte
Erinnerungen in mir auf, die mein verstocktes Herz mit Fhllosigkeit umeisten.
Sie vermochte nicht zu sprechen, schluchzend hielt sie mich in ihren Armen.
    Mi Mortimer, was wollen Sie hier? fragte ich kalt und machte mich von ihr
los. - Was ich will, Ellen? das ist sehr ungtig, zu fragen, was ich will!
Konnte ich erfahren, da Sie litten, ohne zu Ihnen zu eilen? Kann ich Sie nicht
trsten, oder doch trauern mit Ihnen? - Ich traure nicht und bedarf keinen
Trost. Lassen Sie mich! - Nicht so, mein theures Kind! Es ist Ihnen nicht
auferlegt, fhllos zu seyn. Wir wollen weinen ber die harte Schule, in die Sie
Gott gefhrt, aber nicht an seiner Barmherzigkeit zweifeln. - Barmherzigkeit?
die zeigt er mir nicht. Er hat mich ohne Mitleid zur Erde getreten, und ich will
liegen bleiben, bis diese Erde mich verschliet. - Der Schmerz ber meine
trostlose Seelenstimmung benahm Mi Mortimer lange die Fhigkeit zu sprechen;
dann bat sie mich liebevoll, mehr Milde zu zeigen, und bei meinem Starrsinn rief
sie mit aufgehobnen Hnden gen Himmel: O du Gott des Friedens, senke doch
Sanftheit in dieses Herz, das du gewi zu deinem Tempel geschaffen hast! Ich
vermag hier nichts. - Sie hatte sich halb abgewandt, wie sie dieses Gebet
sprach, aber ich sah ihre weien, abgezehrten Hnde, die sie emporhielt, und
hrte ihre Seufzer, ich erinnerte mich des hinflligen Zustandes, in dem ich sie
das letzte Mal getroffen, ich vermuthete, da sie ihr Krankenzimmer nur
verlassen, um mich aufzusuchen, um mir Hlfe zu bringen. Zu solchen Bemhungen
konnte nur Wohlwollen antreiben; gnzlich verlassen, dem ganzen
Menschengeschlecht unwerth war ich also doch nicht, ich fing an Gte fr mglich
zu halten, aber, noch ohnmchtig gegen das Gift in meiner Seele kmpfend, wies
ich ihr Anerbieten, mich zu sich zu nehmen, oder mich in diesem elenden
Schlupfwinkel zu pflegen, halsstarrig zurck. Mi Mortimer ward innig betrbt,
allein ihr wahrhaft christliches Gemth hatte nicht, um Dankbarkeit zu rnten,
sich zum Liebesdienst erboten; meine Hrte schreckte sie deshalb nicht ab. Wie
ich im Schimmer des Glcks glnzend ihre Liebe abwies, glaubte sie ihr Leben
hher schtzen zu mssen, als die Verpflichtung, ohnmchtiger Zeuge meiner
Thorheit zu seyn; nun vom Blitz des Unheils mein stolzes Haupt gebeugt war,
ertrug sie den Ausbruch meines feindseligen Geistes mit unerschpflicher Geduld.
Da sie sah, da ihre Bitten, ihr in ihre Wohnung zu folgen, so wie die, ihre
Pflege unter meinem traurigen Obdach anzunehmen, vergeblich seyn, lie sie ab
und entfernte sich, ohne mir ein bestimmtes Lebewohl zu sagen. Sie hatte meinen
starren Sinn nicht beugen knnen; allein die Eisrinde meines Herzens war
erschttert, so da ich ihr, wie sie mit schwankendem Schritte mein Zimmer
verlie, sehnsuchtsvoll nachsah.
    Indem sie die Thr ffnete, schlpfte der arme Fidel zu mir herein, er
sprang an mein Bett herauf und drckte mir seine Freude, mich wiederzusehen, mit
eben der stillen Innigkeit aus, die ihn einst meiner Mutter so lieb gemacht
hatte. - Wird es der Seelenforscher begreifen, wird der Moralist mir verzeihen,
da die Liebkosungen dieses treuen Thieres endlich vermochten, was die Stimme
der Freundschaft, die Vorstellungen frommer Vernunft nicht bewerkstelligen
konnten? - Mein starrer Sinn brach bei den Bildern meiner Kindheit, die Fidel
mir herbeirief, die Bitterkeit meines Herzens ward hinweggeschwemmt von den
Thrnen, die ich ber dieses Thier vergo.
    Mi Mortimer blieb nicht lange von mir entfernt, sie brachte mir nach kurzer
Abwesenheit einige Erfrischungen, die meinen Gewohnheiten und dem Bedrfni
meiner jetzigen Schwche angemener waren, wie die ekeln Gemengsel, die mir
meine wohlwollende Wirthin in den ersten Tagen meiner Krankheit angeboten hatte.
Wie sie eintrat, verbarg ich meine Thrnen, aber ihrer erneuerten Bitte, sie in
ihre friedliche Htte zu begleiten, konnte ich nicht mehr widerstehen. Mit einem
erschtternden Gefhl rckkehrenden Seelenlebens - denn ich glaube, da der
Herzensschmerz, welchen ich fhlte, wirklich daher entstand, da die
Lebensgeister die im Jammer vertrockneten Canle wieder zu durchstrmen begannen
- hrte ich ihre sanften Worte an. Sie wolle sich nicht zu meinem Schmerze
drngen, sagte sie, sie wolle mich nicht einmal einladen, um der Mahlzeit willen
mein kleines Zimmer zu verlassen, es wrde ihr gengen, zu wissen, da ich in
ihrer Nhe sey, da ich sie finden knnte, sobald ich ihrer bedrfe. Das
Gestndni meines Unrechts drngte sich auf meine Lippen, allein dieses
Gestndni, das in meinen glcklichen Tagen als Selbstberwindung Werth gehabt
htte, konnte im Munde der Zerschlagnen, Wohlthaten Bedrftigen, wie demthiges
Werben um Vershnung aussehen - ich versagte mir die Seligkeit der Reue und
rief, Mi Mortimers Hnde an meine Brust drckend: Meine einzige, meine beste
Freundin! Und sie, die ganz Liebe, ganz Gromuth war, lie sich mit diesen
Worten gengen.
    Nach wenigen Tagen, in denen mich Mi Mortimer mit der zrtlichsten Sorgfalt
pflegte, fhlte ich meine Krfte so weit hergestellt, da sie es wagte, mich in
ihre Wohnung berzufhren. Es war ein eben so schner Morgen, als an dem Tag, wo
ich ihr meinen ersten Besuch gemacht hatte: eben so glnzend strmte das
Sonnenlicht ber das ppige Grn der Wiesen, eben so schwebten die Schiffe,
deren blendend weie Segel die erquickendsten Lfte schwellten, auf dem
silbernen Strom, nur das dunklere Laub der Bume und die Frbung ihrer Frchte
verrieth die Hhe des Sommers. Meine Freundin versuchte es, mich auf dieses
frhliche, lebendige Schauspiel aufmerksam zu machen, aber es erheiterte mich
nicht - kalt wendete ich mein Auge von ihm ab und dachte, wozu einer Welt, wo
Unrecht, Gram und Leiden ihre Herrschaft verbreitet htten, dieser reizende
Schmuck gegeben seyn mchte. Von allen Siegen der Ergebung in eine hhere
Leitung, eines krftigen Verstandes ber das schwache Gemth ist keiner
lohnender, als wenn wir in jeder Lage fhig sind, das Gute, das uns der
Augenblick bietet, zu genieen. Fr mich, die ich noch immer mit Gott haderte
ber den Weg, den es ihm gefiel mich zu fhren, prangte die Natur umsonst in
ihrer schnsten Pracht, ich stie die Freude von mir, die sie dem ergebnen
Herzen meiner Freundin zu genieen gab. Bei unsrer Ankunft in Mi Mortimers
Wohnung begrte sie mich mit der innigsten Zrtlichkeit als Mitglied ihres
Haushalts, sie fhrte mich sogleich in das mir bestimmte Gemach, das angenehmste
dieses bescheidnen Hauses. Sehr niedliches, wenn gleich hchst einfaches Gerth
bot mir jede Bequemlichkeit dar. Grne Wnde, schneeweie Vorhnge, ausgesuchte
Reinlichkeit verbreiteten Heiterkeit, und der Anblick der umliegenden Grten
durch ein groes mit Jasmin umranktes Fenster wiegte die Seele zur Ruhe ein. Ich
fand eine kleine Zahl wohlausgewhlter Bcher, und in den Schiebfchern eines
Schrankes einen groen Theil meiner Wsche und ntzlichsten Kleidungsstcke,
welche Mi Mortimers Bemhung, von den mit meines Vaters Verlassenschaft
beschftigten Personen zurckzuerhalten, geglckt war. Wie viel ich ihr zu
danken hatte, fhlte ich wohl, aber dadurch ward mir meine Bedrftigkeit nur
fhlbarer, und seufzend folgte ich meiner gromthigen Freundin Ermahnung, der
Ruhe zu pflegen. Ich bedurfte ihrer sehr, fr meinen geschwchten Zustand war
die Ueberfahrt nach der Nhe von Greenwich - und der erste Versuch, dem Leben
wieder anzugehren, eine schwere Ermdung. - Matt sank ich auf das Reinlichkeit
duftende Bett, das nach jenem jmmerlichen Lager, auf dem mich mein Siechthum
festgehalten, als die grte Wohlthat htte erscheinen sollen, und berlie mich
dem Schlaf.
    Der Abend sank, als ich bei den Tnen einer sanften Harmonie erwachte, die
anfnglich wie ein Engelchor in der Luft zu verflieen schienen, bis ich, vllig
vom Schlaf ermuntert, Mi Mortimers fromme Stimme erkannte, die ihr Abendlied
sang. Keine andre Stimme htte die kindliche Dankbarkeit, die siegreiche
Freudigkeit ihrer Seele so ausdrcken knnen, wie die ihre, und so wenig ich
seit dem Umsturz meines Glcks fhig war, Dinge auer mir zu beobachten, zog
doch diese Stimme, wie sie, auf der mildesten Abendluft getragen, zu mir
herauftnte, meine Aufmerksamkeit an. Welchen Schatz besitzt sie denn, dachte
ich bei mir selbst, der sie vor Andern so froh macht? Heute frh hrte ich sie
ihren Morgen mit einem Lobgesang beginnen, und nach einem fr Andrer Wohl in
Mhe verlebten Tag geht sie unter Dankgebet der Nacht entgegen. Gewi, ihr ist
diese glckliche Stimmung angeboren, und auerdem - sie kannte ja nie eine bere
Lage, sie verlor nichts. Wohl ihr, da Armuth und Beschrnkung sie vor dem
Betrug und der Hrte der Menschen bewahrte! - Der Gesang war beendet, die Stille
um mich her berlie mich von neuem meinen qulenden Betrachtungen, und um ihnen
zu entgehen, griff ich nach einem Buche, das neben mir auf dem Tische lag. Es
war meiner Mutter Bibel. Vornan stand ihr Name, von ihrer eignen Hand
geschrieben, dann der Tag meiner Geburt, endlich wurde mein Tauftag mit
folgenden Worten erwhnt: Diesen 11. Jenner 1775 habe ich Gott mein theures
Kind gewidmet. Mge er dieses Opfer annehmen und reinigen, wenn es auch mit
Feuer seyn mte! - Diese Worte erinnerten mich an die nie ganz vergessnen von
meiner Mutter letztem Segen, und ich rief mit innigem Schmerz: O Mutter,
httest du vorausgesehen, wie verzehrend das Feuer seyn sollte, das du zu meiner
Reinigung herabbetetest, du httest nicht so geschrieben, denn dein Herz war
mild gegen einen Jeden, es htte sich ja meiner erbarmt. - Nun schlug ich eine
andre Seite des Buchs auf, welche, wie das Blatt zeigte, oft umgewendet seyn
mute; mein Auge erblickte die unterstrichne Stelle: Knnte wohl eine Mutter
ihren Sugling, den Sohn ihres Schooses vergessen? Ja sie kann es; doch nie
vergesse ich deiner. - Ich erinnerte mich dunkel, diese Worte von meiner Mutter
im Gebet oft gehrt zu haben; damals verband ich keinen Sinn mit ihnen, jetzt
fielen sie mir auf, ich dachte nach, ob denn wohl ein so trostvoller Gedanke,
den so viele Tausende der Millionen fr wahr annhmen, der meiner Mutter
Aufrichtung und Freudigkeit gegeben, ganz ohne Grund seyn knnte. Wenn er aber
gegrndet wre, so wrde ich ja nicht verlassen seyn; warum denn mute ich
erfahren, was nur den Verlassensten bestimmt seyn konnte? Diese Betrachtungen
beschftigten mich durch die ganze schlaflose Nacht. Nach und nach erzeugten sie
aber die Frage in mir: warum, wenn eine vterliche Macht unser Schicksal ordnet,
auch wenn es uns mit Unglck niederdrckt, dennoch ordnet, warum habe ich nicht
gesucht mich dieser Macht gefllig zu machen? warum gedachte ich ihrer nie, da
doch mein ganzes Wohl in ihren Hnden ruhte? - Sobald der Tag anbrach, griff ich
wieder nach dem Buch, das meine Mutter getrstet, und suchte eine Antwort auf
meine Frage und eine Entschuldigung meines Thuns. Die erste fand ich, je mehr
ich las. Ich gewahrte, da mein Leben den Bedingungen, unter welchen Gottes
Friede verheien wird, ganz entgegen gewesen sey; dieses Buch gebot Entsagung
fr sich und Bemhung fr Andre; ich hatte einzig nach Genssen gestrebt und fr
Andre nie das Geringste gethan. Mein leichtsinniger Verstand fragte ein paar
Mal: was verbrgt dir denn, ob diese Vorschriften wirklich den Frieden Gottes
versichern? da Gott wirklich dein Vater seyn wird, wenn du sein Kind bist? Aber
da sprach eine laute Stimme in mir und deutete auf die Schriftstellen, die meine
Mutter getrstet, und auf die Freudigkeit, mit der meine fromme Retterin ber
Armuth, Schmerz und Ansicht des nahen Todes siegte. Sie sagte, da der jetzige
Zustand meiner Seele in seinem unermelichen Jammer mir Ahnungen hheren Glckes
gewhre, als ich im Rausche meiner ehemaligen Freuden niemals gekannt hatte. Ich
las fort und dachte nach und befragte Mi Mortimer, die, ohne mich in dem Gang
meiner Seelen-Entwicklung zu stren, nur antwortete, nie den nothwendig
erfolgenden Fortschritten meines Nachdenkens vorgriff. Doch Ruhe fand ich noch
nicht. Mein Verstand war zu ungebt, und die Erinnerungen an mein vergangnes
Leben zu demthigend, um mich ohne Kampf zu einer klaren Ansicht meiner selbst
kommen zu lassen. Wie ich die Thorheit meines bisherigen Lebens zuerst einsehen
lernte, wollte ich meine Selbstvorwrfe durch Scheingrnde entkrften; deren
Ohnmacht im Innern empfindend, leitete ich oft Gesprche mit Mi Mortimer ein,
welche einzelne Puncte meiner Zweifel erhellen sollten; sie hrte mit
unbeschrnkter Geduld meine seichten und aus Widerstreben gegen eine bessere
Ueberzeugung oft wiederholten Einwrfe an und achtete nicht auf die Unvernunft
einer trostlosen Behauptung, mit der ich jeden Streit, in dem ich mir den Sieg
nicht zuschreiben durfte, beschlo. Mein Dnkel mute endlich unbedingt
eingestehen, da ich bisher ein unwrdiges, gedankenloses Daseyn gefhrt hatte,
und da es wohl Gottes Vaterliebe sey, die mir das Leben erhielt, um mir Zeit zu
besserer Erkenntni zu geben, und mir durch meine Freundin Mittel und Beispiel
zu ihrer Erlangung zusendete. Dem trotzigen Untersuchen folgte ngstliche
Anerkennung - ich wute, da ich den Weg des Rechten verfehlt hatte, ich sah das
Ziel vor mir, aber die Mittel, mich auf der rechten Bahn dahin zu erhalten,
waren mir noch unklar. Kleinliche Gebetsbungen, Buen, Entsagungen, qulten
mich eine Zeit lang, konnten aber im Beisammenleben mit meiner ehrwrdigen
Freundin, deren Frmmigkeit diesen Zwangsmitteln so fremd war, nicht lange
bestehen.
    Mi Mortimer blieb ihrem ersten Versprechen, meinem Aufenthalt bei ihr gar
keinen Zwang aufzulegen, getreu; sie forderte mich nie auf, mein Zimmer zu
verlassen, aber das Zusammenseyn mit ihr ward mir lieber in dem Maas, wie meine
Begriffe ber Leben und Bestimmung sich luterten. Ich fing an ihren
Krankenbesuchen und ihren Andachtsbungen beizuwohnen, ich arbeitete mit ihr an
Kleidungsstcken fr die Armen - aber wie verschieden war noch der Sinn, in dem
sie dieses alles that, von dem meinen! Sie erfllte mit kindlichem Herzen ihren
Beruf, so weit es ihre Krfte erlaubten, das Beste des groen Haushalts ihres
himmlischen Vaters zu befrdern, ich strebte bnglich den gerechten Unwillen
dieses Vaters zu vershnen; sie sprach Dankgebete aus, ich verehrte den
beleidigten Herrn. Die nhere Bekanntschaft, die ich bei den Krankenbesuchen mit
den Armen machte, trug nicht dazu bei, meinen Empfindungen Milde zu geben. Ich
hatte bisher ihren Zustand nur aus Schauspielen und Romanen gekannt, Almosen gab
ich nur von meinem Ueberflu dem Bettelnden, der mein Auge beleidigt, mein Ohr
ermdet hatte, und mit dessen traurigem Anblick ich keinen Begriff, als den des
schnell vergenen Ekels, verband. Nun fand ich unter dieser Menschenclasse
Laster, Schuld, halsstarriges Unrecht, Undankbarkeit, wie unter dem brigen
Menschengeschlecht. Mein Mitleid verlor den Sinn der Liebe, es bedurfte einer
Zeit, um mich zu belehren, da Almosen nicht gegeben werden, um Tugend zu
lohnen, sondern oft um das Laster, welches Folge des uersten Bedrfnisses ist,
zu entfernen; da wir aber nie vernachlssigen sollen, mit gleichem Eifer einen
guten Gedanken in dem Armen zu erwecken, als einem seiner physischen Bedrfnisse
zu steuern. Wie sich mir nach und nach die Ueberzeugung aufdrngte, da so
mancher der Unglcklichen, die meine Freundin, indem sie sich manche
Bequemlichkeit versagte, dem Untergang entri, durch den Leichtsinn, die
Unbilligkeit Reicher, wie ich noch vor kurzem war, in physisches und moralisches
Elend gestrzt wurden, fing ich an mit Schmerz auf die Zeit zu blicken, wo ich
Mittel hatte, so vielen zu helfen, und theilnahmelos vor den Hlfsbedrftigen
vorberging.
    Eines Tages fhrte mich Mi Mortimer in ihr Grtchen hinaus, die warme
Herbstsonne zu genieen; da bemerkte sie ein magres, barfiges kleines Mdchen,
das seine braune Hand durch den Gartenzaun steckte und in echt bergschottischer
Sprache ein Almosen erbat. Meine Freundin fragte nach den Umstnden des Kindes,
dessen Antworten aber durch seine fremde Mundart und groe Schchternheit ganz
unverstndlich wurden. Mi Mortimer nahm mein Anerbieten, lieber selbst die
Wohnung des kleinen Mdchens zu besuchen, um sie in Stand zu setzen, von der
Anwendung ihrer Gabe zu urtheilen, dankbar an, und so folgte ich diesem bis zu
einem elenden Huschen, das in einer der entlegensten Straen von Greenwich lag.
Wie mein Auge in der mich empfangenden Finsterni die Gegenstnde zu
unterscheiden begann, erblickte ich auf einem elenden Lager eine abgemagerte
Gestalt, deren Todtenblsse bei dem Anfall eines furchtbaren Hustens einer
dunkeln Rthe wich, wobei sein glnzendes Auge und unruhiger Blick ein
verzehrendes Fieber verkndigte. Ganz in den mephitischen Dunstkreis des niedern
Zimmers gehllt, sa eine Frau an dem niedern Heerd und bemhte sich das rauhe,
matte Geschrei eines kleinen Kindes zu beschwichtigen. Bei meinem Anblick sprang
sie auf, mir ihren Schemel - den einzigen Sitz in dieser Wohnung, anzubieten,
und der Kranke versuchte mit schottischer Hflichkeit, sich im Bette zu erheben,
um mich zu begren. Unfhig zu dieser Anstrengung, forderte er die Hlfe seiner
Frau, die nach dem kleinen Mdchen, meiner Fhrerin, rief, ihr den Sugling
abzunehmen, damit sie freie Hnde bekme, ihren Gatten zu untersttzen. Der
Gedanke, dem schwachen Mdchen das Kind anvertraut zu sehen, erschreckte mich;
unbedacht bot ich die Arme dar, es selbst zu bernehmen, und freudig berrascht
reichte die Mutter mir es hin, als ich voll Entsetzen seinen Zustand erblickte.
- Es war von Kinderblattern wie mit einer Eiterkruste berdeckt, seine Augen,
seine Nase waren verschwunden, sein Mund nur an den rauhen Klagetnen kenntlich,
in denen er sthnte - ein pestartiger Geruch umgab das elende Wesen - die arme
Mutter hatte ihm, den Vorurtheilen ihres Landes gem, um, wie sie sagte, das
Gift vom Herzen zu treiben, so viele Wrme wie mglich verschafft, sie sich
selbst die nothwendigste Nahrung entzogen, um durch geistige Mittel den Ausbruch
der Blattern zu befrdern. Der Abscheu, den ich gegen das Kind bezeigte, krnkte
sie bitter, sie mahnte mich an die flchtige Dauer der Schnheit, denn auch ihr
Knabe sey vor wenigen Tagen noch lieblich gewesen, und zeigte einen so
anstndigen, vom Elend ungedemthigten Geist, da ich beschmt dastand, Kummer
in der Htte verbreitet zu haben, wohin Trost zu bringen, meine Absicht gewesen.
Es gelang mir, sie zu begtigen. Nach mancher Verstndigung erfuhr ich endlich,
da der wackre Mann ein Schotte sey, der in seinem Vaterlande ganz ertrglich
als Grtner gelebt hatte; die Hoffnung, in England sein Glck zu machen, wo
schottische Grtner gesucht werden, lockte ihn an. Da es ihm nicht gleich
gelang, Arbeit zu finden, gerieth er in groe Bedrngni, bis er es wagte, einen
edeln Landsmann anzusprechen, Herrn Maitland, durch dessen Vorwort Herr Percy
ihn auf seinem Gute zu Richmond als Grtner anstellte. - Bei diesem Namen fuhr
ich zusammen; aber schon zur Vorsicht gewhnt, verrieth ich mich nicht, sondern
fragte, ob sie Mi Percy gekannt htten. Das nicht, sagte die Frau, denn sie
wren den Tag in Dienst getreten, als die Herrschaft in die Stadt zog, und wenn
Mi Percy zu kurzen Besuchen hinausgekommen sey, habe sie so viele bunte und
frhliche Leute um sich gehabt, da ihr keine Zeit geblieben sey, auf armes
Gesinde zu blicken. Aber an ihrem Unglck sey sie doch schuld, denn gegen das
Frhjahr habe sie darauf bestanden, einige schne auslndische Pflanzen
unerllich an einem gewissen Tage, zur Zierde bei einem groen Fest, zur Blthe
gebracht zu sehen. Campell, der den Auftrag erhielt, besorgte sie Tag und Nacht
in dem stark geheizten Wrmehaus; sie htte mehr wie einmal gesagt, wenn er
schweitriefend von da in Hemdrmeln durch Schnee und kalten Nebel zum Essen
gekommen sey: das bringt dir den Tod, du stirbst mit den Blumen, die gegen alle
Natur getrieben werden. So war's gekommen. Sein Athem ward ihm schwer und
schwerer, seine Krfte nahmen ab, aber gearbeitet mute werden; in dem feuchten
Frhling stand er und grub an den nassen Morgen und in den kalten Abenden, und
wie mein Vater ihn nicht mehr lohnen konnte, ward er abgedankt, und nun lag er
auf dem langsamen Todbette, auf dem es seiner selbstschtigen Herrschaft jetzt
an Mitteln gebrach, ihm Erleichterung zu geben.
    Meine Seele litt im furchtbaren Bewutseyn veranlaten unwiederruflichen
Unglcks. Ich fragte, ob Campell einen Arzt habe. - Kopflose Frage! Einen Arzt,
wo es an Mitteln fehlte, sich Nahrung zu verschaffen! Ach, rief Campell,
htte ich nur Mittel, nach Schottland zurckzukehren! dort wrde ich bald
wieder gesund. Die Luft ist dort so rein, man athmet so leicht! - Dahin sollt
ihr gelangen, rief ich lebhaft und reichte ihm meinen Beutel, ohne zu bedenken,
da es nicht mein Eigenthum sey, was ich gab, da ich dieses wenige Geld, wie
alles, was ich geno, meiner Freundin verdanke, die es ihrem Bedrfnisse entzog.
Meine nchste Sorge war um einen Arzt. In einem nahen Kramladen bezeichnete man
mir die Wohnung eines Herrn Sidney, zu der ich eilte; ich fand einen
wohlgebildeten, anstndigen jungen Mann, der mich hflich, aber mit sichtbarer
Befremdung ber meine Erscheinung anhrte. Obgleich ich durch die Erzhlung von
Campells Schicksal schmerzlicher, wie je, an meine vergangne Thorheit erinnert
war, entging mir der gnstige Eindruck nicht, den meine Gestalt auf ihn machte,
ich empfand eine Genugthuung, die ich mir den nchsten Augenblick als eine Snde
vorwarf und, meine Kappe tief ins Gesicht ziehend, ihn auf den Weg zu Campells
Wohnung begleitete. Der Arzt untersuchte den Zustand des Kranken, und mit der
bittersten Seelenpein hrte ich seine mir mit wenigen leisen Worten gegebne
Erklrung, da fr ihn keine Heilung mehr mglich sey. Ich mute an die offne
Thr treten, um nicht niederzusinken unter der Last meines Bewutseyns. Wer ist
dieser Engel? hrte ich Herrn Sidney fragen. - Engel! das leichtsinnige
Geschpf, das zur Mrderin ward! - Ich wollte hinzutreten und durch Nennung
meines Namens allen den Abscheu auf mich ziehen, den ich verdiente, aber der
Muth fehlte mir, und die Worte starben auf meinen Lippen. Der Zustand des Kindes
war weniger hoffnungslos; zweckmigere Behandlung half der Natur die Heftigkeit
des Uebels ertragen, seine Augen ffneten sich wieder dem Lichte, und Leben und
Gesundheit wurden ihm wieder geschenkt. Die Tage seines Vaters waren aber
gezhlt. Wie ich nach kurzer Zeit eines Abends ihm einige Labung darreichte,
sank er zurck und hauchte ohne Todeskampf seinen Geist aus. Jetzt machten mir
die kleinen Kunstfertigkeiten, mit denen ich ehemals wenige mige Augenblicke
ausgefllt hatte, wirkliche Freude. Ich verfertigte mancherlei Kleinigkeiten,
deren Verkauf mir die Mittel verschafften, die Rckreise von Campells
Hinterlanen nach Schottland zu bewerkstelligen.
    So schmerzvoll dieser Vorfall war, trug er doch dazu bei, mich einen
trostvolleren Blick in meine Zukunft werfen zu lassen. Ich hatte die Folgen
meines selbstschtigen Lebens gesehen, hatte aber auch das Glck genossen, einen
kleinen Theil davon wieder gut zu machen. Der Werth meiner Zeit ward mir
anschaulicher. Die Entwicklung meiner geringen Geschicklichkeiten wurden mir
wichtig, jedes kleine Gelingen gab mir Momente von Freude, die - wie jede reine
Freude - je mehr und mehr den Sinn des Dankes zu Gott anzunehmen begann.
    Seit mir Herr Sidney an des armen Campells Krankenbett bekannt geworden war,
hatte er sich die Erlaubni verschafft, Mi Mortimer zu besuchen, und sein
angenehmes Betragen machte ihn zum willkommnen Gaste. Bei wiederholten
Gesprchen zeigte sich eine Denkungsart bei ihm, welche mir bewies, da seine
Grundstze bei aller ihrer Rechtlichkeit nicht aus den religisen Begriffen
entsproten, in welchen ich meine Beruhigungen suchte, in denen sie aber noch
nicht fest genug begrndet waren, um sie ohne Bekehrungseifer behaupten zu
knnen. Ich lie mich in Streitigkeiten mit ihm ein, bei denen ich nicht immer
der siegende, aber nie der nachgebende Theil war; Sidney blieb immer Herr seines
Gleichmuths und brachte mich am meisten um den meinen durch die Herzlichkeit,
mit der er mich versicherte, es sey ihm an der Form des Denkens wenig gelegen,
und er wrde immer ruhiger ber die Mglichkeit, die seine einst fr meine
hinzugeben, wenn er Menschen, wie Mi Mortimer und mich von ihr ihre Tugenden
ableiten she. Ich hielt dieses fr strfliche Gleichgltigkeit gegen religise
Ansichten und machte Mi Mortimer Vorwrfe, da sie, welche doch gewi die gute
Sache viel besser zu vertheidigen vermchte, an unserm Wortwechsel niemals Theil
nahm. Ich frchte, mein kaltes Blut zu verlieren und ihr dadurch zu schaden,
antwortete sie lchelnd. - So wnschten Sie, da ich Ansichten, von deren
Falschheit ich berzeugt bin, scheinbar gut heien soll? - Gar nicht, liebe
Ellen, aber sie nicht bestreiten. Uns Weibern steht es berhaupt besser an, das
Christenthum durch Beispiel, als durch Wortstreit zu lehren, und einem Mann, der
wie Herr Sidney als ein Christ lebt, wird Gott gewi auch die Gnade geben, wie
ein Christ zu denken - das Wie und Wenn mssen wir nicht vorwitzig erzwingen
wollen. - Wie ich etwas khler geworden war, sah ich wohl ein, da Mi Mortimer
recht hatte, und legte mir das Gesetz auf, die Wortkriege mit Herrn Sidney zu
vermeiden - und diese Nachgiebigkeit bestimmte vielleicht den wackern Mann, mir
ernsthafte Antrge zu machen. Eine kurze Zeit lang lieen sie mich
unentschlossen. Es war ein Ausdruck einfacher Wahrheit in ihnen, die sie mir,
welche den Unwerth feuriger Versicherung vor kurzem auf eine so traurige Weise
erfahren hatte, empfehlen mute. Seine Persnlichkeit, seine Sitten, sein Ruf
litten keine Einwendung; ich konnte mir nicht verhehlen, da Mi Mortimers
hinfllige Gesundheit mich mit dem Verlust meiner einzigen irdischen Sttze
bedrohe, und Herrn Sidneys Hand mich dann allen den Leiden entziehen wrde, die
ich auf mich eindringen sah; aber ich liebte nicht, und wenn diese Heirath mich
vor groen Uebeln schtzte, so legte sie mir auch Pflichten auf, die es mir,
ohne Liebe, sehr schwer schien zu erfllen. Meine Vernunft schalt mich, eine als
flchtig geschilderte Empfindung zur Bedingung des dauerndsten
Lebensverhltnisses zu machen; allein sie trat auf die Seite meines Gefhls, wie
sie sich berzeugte, da dieses nicht eitle Vorzge, sondern eine Ueberlegenheit
des Geistes und des Charakters von einem Gatten fordere, um ihm, ohne
Demthigung meiner eignen Vernunft, gehorchen zu knnen. So lautete wirklich das
Resultat meiner ernstlichen Erwgung von Herrn Sidneys Antrag; allein ich war
mir damals bewut und sage es jetzt ohne Hehl, da ein Brief Herrn Maitlands,
den ich gerade whrend meiner Ueberlegung empfing, mir das eigentliche Bedrfni
meines Herzens klar machte, zugleich aber auch meine Ueberzeugung, Herrn
Maitlands Herz verloren zu haben, aufs neue besttigte. Sein Brief enthielt kein
Wort, welches sein ehemaliges Gestndni berhrt htte, aber wohl mnnlich
herzliche Theilnahme an meinem Unglck, zrtliche Sorge fr meine Wohlfahrt. Er
suchte mir, mit einem Vertrauen in meine Kraft, das diese Kraft hob, die
Pflichten und den Gewinn meiner neuen Lage darzulegen, und erinnerte mich, da
Unabhngigkeit des Einzelnen nur durch den Gebrauch eigner Krfte auf einem
sichern Grund gewonnen werden knnte.
    Ich machte Mi Mortimer mit meinem Entschlu, Herrn Sidneys Hand
auszuschlagen, bekannt und erhielt erst nach manchem Einwurf ihren Beifall, mit
dem Zusatz, da sie zuversichtlich hoffe, Gott werde mir einen andern Beschtzer
fr die Zeit der Gefahr senden. - Der mu ich selbst seyn, meine verehrte
Freundin, sagte ich, mich muthiger zeigend, wie ich war. Herr Maitland deutet
mir in seinem Brief an, was die Basis meiner Unabhngigkeit seyn soll. - O
meine gute Ellen, rief Mi Mortimer, indem sie mich sorgenvoll anblickte, die
Sicherheit des Lebens-Unterhalts ist es ja nicht allein, die ein weibliches
Wesen bedarf! Rath und Zuspruch ... Verzeihen Sie mir, theure Freundin,
unterbrach ich sie, diese kann mir Herr Maitland so gut geben, wie ein Gatte,
er bleibt ja nicht ewig jenseit des Meers. - Mi Mortimer seufzte. Ja wenn die
Frau, die er whlt, Ihre Beschtzerin wrde! - Eine Frau? Liebste Mi
Mortimer, warum soll er denn eine Frau whlen? Sie haben einen sonderbaren
Geschmack, Heirathen zu stiften! - Das ist eine Mhe, die ich mir seit einigen
zwanzig Jahren, freilich nur fr andre, gegeben habe, erwiederte sie mit einem
gutmthig spottenden Lcheln und veranlate mich dadurch zum ersten Mal, um die
Erzhlung ihrer frhern Lebensverhltnisse zu bitten. Meiner geliebten Freundin
Andenken ist mit dem Gebet derer, denen sie wohl that, von der Erde
verschwunden, es lebt nur noch in meinem Herzen, aber ihr anspruchloses Leben
ist mit Herrn Maitlands Jugendgeschichte verbunden, und um dieser willen weihe
ich ihr dieses Blatt.
    Mi Mortimer und meine Mutter hatten die Freundschaft, die sie verband, von
ihren Eltern ererbt. Ihre Vter fochten einer an des andern Seite und fanden auf
demselben Schlachtfelde ihren Tod. Beide Wittwen zogen sich in die Einsamkeit
zurck und widmeten sich ganz den ihnen obliegenden Pflichten. Mistri Mortimers
Loos war das leichtere, denn ein kleines vterliches Erbe sicherte ihre einzige
Tochter vor Abhngigkeit; dagegen Mistri Warburton die schwere Aufgabe geworden
war, einen Knaben von hohem Geist und reichen Anlagen mit der Armuth zu
vershnen, und ein zartes, schnes Mdchen durch eine zweckmige Erziehung
gegen die rohen Ansprche einer freudelosen Welt zu bewahren. Des jungen
Warburtons Fortschritte in den Wissenschaften waren der Stolz seiner Lehrer, die
Freude seiner Eltern, als seines Vaters Tod ihn aller Mittel, auf diesem Wege
seine Ausbildung fortzusetzen, beraubte. Mit bitterm Schmerz mute der Jngling
eine Beschftigung suchen, wo die Arbeit des heutigen Tages den Unterhalt des
morgenden sicherte. Tief gebeugt verbarg er dennoch sein Leid, um den Kummer
seiner Mutter nicht zu vergrern; Mi Mortimer, die Gespielin seiner Kindheit,
blieb seine einzige Vertraute, sie theilte seinen Schmerz. Er beweinte eine
Zukunft, die er mit ihr zu theilen gehofft hatte, und sie verhehlte ihm nicht,
da mit seinem Gelingen auch ihr Glck gesichert gewesen wre. In dem
ostindischen Hause, wo er sein freudloses Tagwerk abspann, fand er jedoch einen
Freund, Herrn Maitland, der, obwohl sieben Jahr jnger wie er, anfangs seine
Achtung und dann seine Liebe gewann.
    Maitland war damals fast noch ein Knabe, aber ein groer, krftiger, kecker
Bergschotte; seine Nerven waren durch harte Leibesbungen und rauhe Witterung
gesthlt, seine starke Seele hatte Kraft erworben bei einer Erziehung, welche
keine andre Erholung, als Wechsel der Beschftigung zulie. Er hatte sein
Vaterland auf den Befehl seiner Eltern verlassen, um sich dem Eigensinn eines
Oheims zu fgen, der ihm nur unter dieser Bedingung ein reiches Erbe versprach.
Das Andenken seiner Heimath war ihm unendlich theuer, allein von seinem
Vaterhause sprach er selten; schweigend und zurckhaltend, entging er dem
gemeinen Spott, der sich so gern ber die Anerkennung armer Verwandten auslt.
Er hatte erfahren, wie wenig der stumpfe Sinn der Menge den Eindruck begreifen
kann, den ein Lied voll Einfalt, eine alte Sage von dem Ruhm der Ahnherrn
hervorbringt, nicht wie der arme Bergschotte alle Schtze der Kunst gern
hingegeben htte, um nur noch ein Mal in den Abgrund zu blicken, den kein Fu
vor dem seinen zu erklimmen gewagt, noch einmal die Khle des Thales zu athmen,
wo er nach seinem ersten Jagdabenteuer geruht hatte. Genu und Arbeit hindert
die Neugier; niemand aus der geschftigen Menge, die den Handelslehrling umgab,
fragte nach dessen Jugend-Geschichte, Warburton allein wute, da er ein Opfer
gebracht, dessen Gre gleichgltigen Menschen nicht bekannt gemacht werden
durfte. Maitlands Oheim, der eine sorgfltige Erziehung hochschtzte, bestand
darauf, da sein Neffe sich streng wissenschaftlich ausbildete, und war willens,
ihn im gehrigen Alter die Universitt besuchen zu lassen; bis dahin machte ers
ihm aber zur Pflicht, tglich einige Stunden der Erlernung seines knftigen
Berufs, des Handels, zu widmen. Trotz Maitlands Jugend fand Warburton doch in
ihm den Gefhrten, der ihn vllig verstand; in classischen Sprachen war er fast
so geschickt, wie jener; besa er mehr Einbildungskraft, so hatte Maitland mehr
Schrfe des Geistes und Auffassungsgabe und ertrug mit stiller Verachtung den
Spott seiner Schulgenossen ber seine befremdliche Aussprache. Warburton, dessen
milde Sitten den seinen hnlicher waren, gewann seine Zuneigung, ihr Geschmack
stimmte zusammen, die wenigen Stunden, die er in dem Zahlamt zubringen mute,
unterbrachen auf eine wohlthtige Weise Warburtons drckend einfrmiges
Tagewerk, er horchte mit Entzcken auf Maitlands Beschreibungen seines an
Naturschnheiten so reichen Vaterlandes - sie wurden Freunde, und Warburton
vertraute ihm endlich die Zerstrung seiner Hoffnungen und das harte Loos, seine
erworbnen Kenntnisse unvervollkommnet lassen zu mssen. Maitlands strkere Seele
schlug ein Mittel gegen dieses Uebel vor: er wies seinen Freund an, wie er durch
anhaltendere Arbeit und strengere Sparsamkeit eine Summe sammeln knnte, die ihm
das Besuchen einer Universitt mglich machen wrde. Von diesem Augenblick an
gab er selbst ihm das Beispiel von Arbeitsamkeit und Ersparen, die er ihm
anempfohlen hatte. Er brach seinem Schlaf ab, er entsagte seinen Erholungen, um
fr einen Buchhndler Uebersetzungen zu liefern, er scharrte alles, was er von
seinem Taschengelde erbrigen konnte, wie ein Geizhals zusammen, die Einladungen
seiner Gefhrten lehnte er ab, ihre Anschuldigungen der Knauserei beantwortete
er mit nachlssigem Lcheln; allein wie sie ihn nher kannten, waren wenige von
ihnen so schlecht, ber ihn scherzen, und keiner so khn, seine Verachtung zu
zeigen. - Denn schon damals flte Maitlands ernstes, rechtliches, offnes Wesen
Achtung ein. Nach einer zweijhrigen Beharrlichkeit zu gleichem Zwecke stellte
er seinem Freund die Frucht seiner Selbstverleugnung zu und fhlte sich mehr wie
belohnt, als sich Warburton nun im Stand sah, ihn nach Oxford zu begleiten.
    Wenige Monate vor Warburtons Abreise nach der hohen Schule ward Herr Percy,
schon damals ein sehr reicher Mann, eines Regenschauers wegen genthigt, in
einer Pfarrkirche, wo eben Morgengottesdienst gehalten wurde, Obdach zu suchen.
Francis Warburton war unter den Betenden und zog durch ihre Andacht, Sittsamkeit
und zarte Schnheit seine Aufmerksamkeit auf sich; er lie sich bei ihrer Mutter
einfhren und machte ohne Zgerung seine Antrge. Francis erschrack vor einem
Liebhaber, bei dem die dreiig Jahre, die er mehr zhlte, wie sie, nicht den
grten Einwurf begrndeten; aber er bot die gromthigsten Bedingungen an; die
Mutter befahl nicht, berredete nicht, sie sprach nur einmal von ihres Sohnes
Eduard Bedrngni: htte er einen Freund, der ihn untersttzte, sagte sie, so
wrde er noch der Stolz meiner alten Tage! - Er soll ihn haben, diesen
Freund! rief Francis mit Thrnen und versprach Herrn Percy ihre Hand. - Ihr
Opfer sollte vergeblich seyn. - Warburton sollte nicht der Untersttzung
bedrfen, die Reichthum zu geben vermag, noch der Befrderung, die Reichthum
erkauft: - seine Gesundheit, durch die angestrengte Arbeit in dem Zahlamt
geschwcht, war seinem jetzt freiwilligen Streben nicht mehr gewachsen, aber
unempfindlich gegen die Gefahr, verfolgte er seinen anlockenden Weg, er verwarf
die Warnung der Freundschaft, die ihm die traurigen Folgen voraussagte, und
eines Morgens ward er todt an seinem Schreibtisch gefunden. Ein Aufsatz, durch
welchen er sich die Bahn literarischen Ruhms, brgerlichen Glcks zu ffnen
gehofft hatte, lag soeben vollendet vor ihm auf dem Tisch. -
    Mi Mortimer und ihre Freundin weinten zusammen, meine Mutter fand bald
durch meine Geburt einen Gegenstand der Liebe, welcher die Leere, die ihres
Bruders Tod in ihrem Herzen gelassen hatte, ausfllte. Mi Mortimer erhob ihren
Blick in eine bere Welt; sie suchte hier auf Erden nie wieder ihr Glck.
    Maitland, durch feste Grundstze gesichert, brachte seine Zeit, einzig mit
dem Zweck seines Aufenthalts beschftigt, unangefochten von den Thorheiten
seiner Gefhrten, in Oxford zu. Nachmals besuchte er, um seine Handelskenntnisse
zu vervollkommnen, die grten Handelspltze des festen Landes, machte die
persnliche Bekanntschaft der gebildetsten Mnner daselbst und umfate in seinem
Bestreben alle Zweige der Wissenschaft, welche zu dem Handelsverkehr der Vlker
benutzt werden knnen. Im fnf und zwanzigsten Jahre kam er zurck, um einen
Hauptantheil an einem der grten Handelshuser in Grobritannien zu nehmen; ehe
er dreiig Jahre erreicht hatte, verhalf ihm der Tod seines Oheims zu einer
ehrenwerthen Unabhngigkeit, und seine Handelsgeschfte versprachen ihm ein
Vermgen, das jeden Traum von Reichthum berstieg. Aber Reichthum war nicht
Maitlands Leidenschaft, der geringste Theil seines Einkommens gengte einem Mann
von so einfachem Geschmack, der sich an Migkeit gewhnt hatte und seine
Freuden in der Huslichkeit suchte. Der grte Theil desselben verlief sich in
vielfachen Canlen, gleich unsichtbaren Quellen, deren Daseyn sich nur durch das
ppigere Grn des Bodens verrth. Wie er der Negerhandel anzugreifen beschlo,
ward er einzig von der Ueberzeugung der Wahrheit und des Rechts angetrieben. Da
er selbst groe Besitzungen in Westindien hatte, wrde ihn Eigennutz zu den
Gegnern dieser Unglcklichen gezogen haben. Bei seinem wissenschaftlichen
Nachdenken ber menschliche und Staaten-Verhltnisse hatte er diesen
Menschenhandel als das schmuzigste Schandmaal des Culturzustandes, als den
schndesten Spott des Eigennutzes gegen die Grundwahrheiten des Christenthums
erkannt. Wie seine Bemhungen, dem Elend einer ganzen Classe seiner Mitbrder im
Allgemeinen ein Ende zu machen, fehlschlug, begab er sich auf seine
westindischen Besitzungen, um den Zustand der geringen Zahl, die er selbst
besa, zu verbessern und sich die Kenntnisse ber ihre Verhltnisse zu
verschaffen, die ihm, bei erneutem Kampf fr ihre Rechte, Waffen in die Hand
geben konnten.
    So war Maitland. Gern weilte ich bei seinem Bilde; vielleicht nicht ganz
ohne weibliche Eitelkeit, gewi mit schmerzlicher Erinnerung, da ich einst
fhig seyn konnte, das Herz dieses edelsten Mannes zum Spielwerk meines
Uebermuths machen zu wollen, und mit noch mehr Schmerz, da dieser Uebermuth
mich seiner Achtung beraubt hatte. Obschon ich ihm auf seinen obenerwhnten
Brief antwortete, zeigte er kein Verlangen, den Briefwechsel fortzusetzen,
erwhnte meiner gegen Mi Mortimer nur als einer gemeinschaftlichen Freundin und
sprach von seiner Rckkehr nach England als von einem noch manches Jahr
hinausgeschobnen Entschlu.
    Die Erfahrungen, welche meine Thorheiten mich so schnell rnten lieen,
hatten mich so weise gemacht, da ich meine Pflicht fhlte, Herrn Sidneys
Heirathsantrag, da ich ihn nicht annehmen wollte, bald und unumwunden
zurckzuweisen, so da kein Zweifel ber seine Zukunft ihm blieb. Ohne einigen
Streit in meinem Innern ging es nicht ab. Herr Sidney bot sich mir als ein
angenehmer Gesellschafter dar, an dem meine Einsamkeit keinen Ueberflu besa.
Die Gewohnheit, einen Mann um mich zu haben, den - wohl nicht mehr meine Laune,
aber doch meine Wnsche regierten, ward mir schwer. Doch ich fing an,
Pflichterfllung zur ersten Bedingung meines Friedens zu machen, und stand also
nicht an, dem wackern Mann meinen Entschlu, jetzt noch nicht zu heirathen, zu
erklren. Sidney war ein Mann von gesundem Verstand und festem Sinn; nach
einigem Kampf mit seiner Einsicht und seiner Redlichkeit ward er, da ich ihn
ernstlich berzeugte, da er mir nicht mehr seyn knnte, mein Freund,
solchergestalt, da unser Verkehr durch die Beseitigung seiner Ansprche nicht
einmal eine Vernderung erlitt.
    Das Gegentheil in Herrn Sidneys Betragen wre mir doppelt empfindlich
gewesen, weil seine rztlichen Besuche je mehr und mehr durch Mi Mortimers
zunehmende Leiden zur Nothwendigkeit wurden. Der Zufall fhrte mich darauf, ihm
einst, in Betreff eines Linderungsmittels, welches er ihr verschrieb, einige die
Scheidekunst betreffende Fragen vorzulegen. Er gab mir einen Aufschlu, der
meine Wibegierde reizte; in einem gleichfrmig einsamen Leben ergreift man gern
jedes Mittel, die Interessen zu vermehren, ohne die Gewohnheit zu stren; und so
kam es, da ich sein Anerbieten, mir etwas Chemie zu lehren, freudig annahm. Mi
Mortimer hrte ihm mit Antheil zu, wenn er neben ihrem Krankenstuhl mir die
Geheimnisse der Verwandlung der Substanzen, so weit der Mensch sie der Natur
abgelauscht hat, erklrte, und lchelte freundlich, wenn ich von meinen kleinen
Versuchen mit verbrannten Fingern oder gefrbten Ngeln zurckkam. Mein
Lehrmeister konnte mir sehr wenig Zeit widmen, er wies mich mehr an, allein nach
Fortschritten zu streben, und so gering deren endlicher Erfolg war, lehrte mich
dieses Bestreden doch zum ersten Mal, da der Erwerb von Kenntnissen noch andern
Genu gewhren kann, als den, damit vor Andern zu glnzen.
    Mein ures Leben verflo bei Mi Mortimer in solcher einfrmigen Ruhe, da
ein Jahr und drber dahinging, ohne da ich eine Begebenheit aufzuzeichnen
wte. Mein innres Leben war nicht ohne Wandel zwischen strubender und ergebner
Trauer, je nachdem ich die Vergangenheit empfand, oder die Zukunft berechnete.
Oft berwog das Ermessen von der Gre meines ehemaligen Leichtsinns und den
Folgen, die er gehabt, die Hoffnung, durch regen Eifer frs Gute den versumten
Weg zu dem erhabnen Ziel, das ich nun ins Auge gefat, einzuholen. Oft
unterdrckte auf eine Zeit lang die Aussicht in die de, freudlose Zukunft, die
vor mir lag, in das lange Leben, an dessen Anfang erst meine frhe Jugend stand,
mein Vertrauen zu meinem himmlischen Vater. Wie sich aber auch mein Sinn je
zuweilen trbte, so waren es dennoch nur Sommerwolken, die vor der Sonne
vorberschweben und sich endlich in milden Thrnenregen auflsen - nie mehr
umhllte mich der lichtlose, lebenlose Dunstkreis der herzlosen Thorheit, noch
der furchtbar finstere Sturm, aus dessen Wthen mich meine fromme Freundin
gerettet.
    Doch eben von ihr sollte die nchste Fluth des Schmerzens ber mich
einbrechen. So unerfahren ich in der Krankenpflege war, konnte es mir doch nicht
entgehen, da Mi Mortimers Gesundheitszustand sich verschlimmerte, und zugleich
stieg der Verdacht in mir auf, da sie durch Geldbedrfni zu einer zunehmenden
Sparsamkeit verbunden sey. Ich bemerkte, da sie sich, unter dem Vorwand, kein
Gefallen daran zu finden, manche Erquickung, die der Arzt ihr vorschlug,
versagte, und bald berzeugte mich ein Zufall von der Wahrheit meines traurigen
Verdachts. An einem Tage, wo sie besonders leidend war, kam ihr Anwalt, um mit
ihr zu sprechen; unfhig, seinen Besuch anzunehmen, bat sie mich, ihn zu
verabschieden, und er hatte die Unvorsichtigkeit, mir, die er unterrichtet von
ihren Angelegenheiten glaubte, einen Auftrag an sie zu geben, der mir verrieth,
da ihr ganzes kleines Vermgen durch meines Vaters Untergang verschlungen
worden war. Bei dieser Nachricht glaubte ich vor Schmerz zu erliegen. - In dem
Zeitpunct, wo sie sich der Mittel ihres Lebens-Unterhalts durch meinen Vater
beraubt sah, hatte sie ihre wenige Baarschaft aufgewendet, um mich in meinem
Elende aufzusuchen, hatte meine Zurckweisung ertragen, hatte mich gerettet und
nun ber ein Jahr vor mir ihre Armuth verborgen, hatte sich das Nthige
entzogen, um mir einen Theil meiner verweichlichten Bedrfnisse zu verschaffen.
Fr meine Empfindung gibt es keine Worte, so wie damals es keinen Zgel fr sie
gab. Mit einer verzehrenden Gluth des Schmerzens in meiner Brust - wirklich dem
krperlichen Gefhl nach verzehrend - eilte ich zu meiner Freundin; und wie sehr
ich die Nothwendigkeit einsah, ihr keine Heftigkeit zu zeigen, so bat ich sie
doch mit einem Strom von Thrnen, mir einen Weg suchen zu helfen, auf dem mein
Unterhalt ihr nicht mehr zur Last fiel. Mit Fassung und Engelmilde verweigerte
sie meine Bitte: Ich kann Sie nicht entbehren, meine gtige Ellen, sagte sie,
man verbirgt mir nicht, da ich Ihnen in wenigen Monaten Ihre Freiheit
zurckgeben mu, aber bis dahin, Ellen, bis dahin verlassen Sie mich nicht!
Lassen Sie mich nicht allein sterben! Das war das erste Mal, da der
schreckliche Zeitpunct, den ich mir wohl zuweilen als endlich erfolgend gedacht
hatte, mir so nahe, so unausweichbar gewi vor das Auge gerckt wurde. Mit Mhe
konnte ich der Verzweiflung widerstehen. In mein Zimmer verschlossen, betete ich
nicht, ach, ich bat nur um die Kraft, beten zu knnen, um die Weisheit, nicht in
Aufruhr gegen Gottes Rathschlu zu gerathen; und nur allmhlig besnftigte sich
mein Gefhl so weit, da der feste Wille, Gott zu vertrauen, wieder die Oberhand
erhielt. Ich fhlte die Nothwendigkeit, durch irgend einen Erwerb Mi Mortimer
aller Ausgaben fr mich zu entheben, auf das qulendste, aber bei dem besten
Willen standen mir berall meine fehlerhaften Gewohnheiten im Wege. Ich hatte
mancherlei Modearbeiten gelernt, allein solche Bestrebungen hatten mehr das
Vorzeigen im Gesellschaftskreis als ihre Vollendung zum Zweck. Eine
Geschicktere, wie ich, lie sich bezahlen, um mir eine Stickerei, eine
Nadelarbeit anderer Art in Gang zu bringen, ich setzte sie mit einem
glcklichen, mir angebornen Geschick fort, und nach wenigen Tagen mute jene,
wenn deren Gebrauch eine Bestimmung hatte, sie vollenden, oder sie ward in ein
Schubfach gesteckt und nie wieder berhrt. Die Mhseligkeit des Anfangs, die
Anstrengung der Fortsetzung, die Beharrlichkeit zur Vollendung waren mir sehr
ungewohnt; ich arbeitete mit glhendem Gesicht, ich erweckte mich durch den
Gedanken an meine leidende Freundin zehnmal aus einer Trumerei, whrend der
meine Nadel ruhte, oder scheuchte mich durch diese Erinnerung vom Fenster
zurck, wohin eine Blumenranke, ein Schmetterling mich gelockt und meines
Fleies vergessen gemacht hatte. Und wenn es mir gelungen war, eine kleine Summe
zu erwerben, so verschlang sie das, was ich fr mein persnliches Bedrfni
hielt. Ach, der in Ueppigkeit Erzogne hat den Maasstab fr das Nothwendige
verloren! Ich besa mehr, wie die mehrsten meiner Schwestern, und glaubte, weil
ich allem Schmuck, aller Verzierung entsagt hatte, meine Bedrfnisse aufs
strengste vereinfacht zu haben. War nun meine Kleidung bestritten, so blieb mir
kaum eine Kleinigkeit, um sie fr meine geliebte Kranke zu verwenden. Bei dem
innigen Wunsche, mehr fr sie thun zu knnen, hielt ich meine Augen mehr wie
einmal auf den lieben Ring, das einzige Andenken meiner Mutter, geheftet. Wenn
ich diesen verkaufte, dachte ich dabei, knnte ich lange, lange kleine Zuschsse
in Mi Mortimers Haushalt geben, denn ich glaubte ihn von ansehnlichem Werth;
allein jedes Mal widersetzte sich mein Herz, ich sagte mir selbst, so ein
theures Andenken mte nur der dringendsten Nothwendigkeit aufgeopfert werden,
und diese fhrte endlich ein nichtsbedeutender Umstand herbei. Eines Tages, wie
meine Freundin matt am offnen Fenster sa, trat eine Frau mit einem Korb des
schnsten Obstes davor, den sie von der Strae herein darbot. Mi Mortimer,
welcher der Arzt dessen Genu vorgeschrieben hatte, schien mit einiger Sehnsucht
nach den einladenden Frchten zu sehen, verweigerte aber davon zu kaufen.
Schnell eilte ich zu der Obsthndlerin, suchte die schnsten Frchte aus ihrem
Korb, verwendete den ganzen Erwerb daran, der mir fr einen gemalten Lichtschirm
geworden, und hufte meinen Schatz mit kindischer Freude vor der theuren
Freundin auf. Meine Thrnen flossen vor Freude, einzeln rollten ein paar Tropfen
ber Mi Mortimers bleiche Wangen, mit einem unbeschreiblichen, liebevollen,
wehmthigen Lcheln, das mir deutlich verkndete, sie wolle mir nicht meine
Freude verderben, nahm sie einen Pfirsich, und wie ihre lieben, schwachen Hnde
ihn hielten, sagte ihr gen Himmel gerichteter Blick, da sie Gott danke, der
seinen Menschen solche Labsale geschaffen. In diesem Vorfall schien mir die
dringende Nothwendigkeit, welche den Verkauf meines Ringes bestimmen sollte,
erschienen; ich eilte in der nchsten Stunde nach London, um mein Kleinod einem
Juwelenhndler zu berlassen.

                                 Zweiter Theil


Ungewohnt, in einem ffentlichen Fuhrwerk zu reisen, war ich anfangs, wie ich
mich mit ein paar fremden Menschen in dem Wagen eingeschlossen sah, ber meine
Keckheit erschrocken. Ich zog meinen Hut in's Gesicht, drckte mich, als wrde
mich das ihrem Blicke entziehen, in die Kutschenecke hinein und wagte kaum zu
athmen. Bald gewahrte ich, da sie mich gar nicht beachteten; der kleine Weg
ward ohne Strung fortgesetzt, so da ich nicht mehr die Ueberfahrt, aber die
Ankunft in London frchtete. Die erstere hatte Mi Mortimers Barbara bei meinem
Einsteigen bezahlt, inde ich, gedankenlos fr alles auer dem Zweck meiner
Reise, mich so wenig mit Gelde versehen hatte, da es mir beim Aussteigen an
Mitteln fehlte, einen Miethwagen zu nehmen. Die Noth zwang mich, den Laden des
Kaufmanns, mit dem ich meinen Handel machen wollte, zu Fue aufzusuchen; und
jetzt in einer der volkreichsten Straen von London war ich nun wirklich den
neugierigen Blicken, den kecken Anreden einiger Mnner ausgesetzt und gerieth
darber so auer mir, da ich, wie ich den Laden erreichte, gar nicht wahrnahm
wie ein Wagen mit der du Burgh'schen Livree vor ihm hielt. Er war voll geputzter
vornehmer Leute, aber nur Eine Gestalt zog meine Augen an - meine herzlose
Freundin. - Ich wollte fliehen, mir war's, als she ich eine Schlange, im
Begriff, nach meinem Herzen zu schieen, aber meine Krfte versagten mir, ich
ward so sichtlich ergriffen, da ein Ladenmdchen mir schleunig einen Stuhl bot.
Julie erblickte mich gleichfalls, ihr Gesicht glhte, sie wendete es ab - da
erwachte mein Stolz, ich gebot meinen zitternden Knieen und trat zu dem
Kaufmann, um meinen Handel zu schlieen. Zu meinem schmerzlichen Erstaunen
erfuhr ich von ihm, wie kindisch ich meinen Ring nach dem Werth, den mein Herz
ihm beilegte, geschtzt hatte. Er bot mir fnfundzwanzig Pfund, inde ich auf
die vierfache Summe gerechnet hatte; wohl versuchte ich einige Einwendungen,
aber ich wute aus meinen ehemaligen Besuchen in solchen Lden, da darin kein
Feilschen stattfindet; kummervoll wartete ich auf meine Kaufsumme, als ich auch
Lady Marie wahrnahm, die mit Mi Arnold, welche noch immer ihr Gesicht von mir
abwendete, gesprochen hatte und sich jetzt, unter dem Vorwand, den Kaufmann zu
sprechen, mit kalter Neugier zu mir herandrngte. Ihr Benehmen war so gefhllos,
da es ihr einen Anstrich von Gemeinheit gab, die mir meine sittliche
Ueberlegenheit pltzlich fhlbar machte; ich trat zurck und sagte verchtlich
zu dem Kaufmann: Thun Sie die Geschfte der Dame ab, wenn sie deren wirklich
hat, ich will warten. Lady Maria, die meine scharfe Zunge noch von der Pension
her kannte, zog sich mit einem hochmthigen Kopfaufwerfen zurck, ich erhielt
nach langem Warten meine Auszahlung und wollte forteilen, als Mi Arnold die
Unverschmtheit hatte, zu mir zu treten. Leider war die Zornesgluth, die mich,
nun der Schmerz berwunden war, bermannte, nicht die Gemthsstimmung, welche
mir meine letzte Vergangenheit htte lehren sollen. In den ruhigen Tagen des
Lebens gelingt es uns leicht, unser Selbstbewutseyn rein zu erhalten, aber
nicht weil wir stark, sondern weil die Versuchung schwach ist. Ich erfuhr jetzt,
wie viel mir noch fehlte, um das Gebot segnet eure Feinde erfllen zu knnen.
Ich beantwortete Mi Arnolds ungeschickte Entschuldigung, da sie mich nicht
gleich erkannt habe, mit kaum erhaltner Fassung, und auf ihre Anerbietung, mich
nach Haus zu begleiten, wo sie mir Vielerlei erzhlen knne, inde Lady Maria
und Lord Glendower ihren Hochzeitputz einkauften, mit schneidender Klte, wobei
ich ihr andeutete: ich wohne bei Mi Mortimer, wo sie und Lady Marie, wenn es
ihrem guten Rufe nicht Schaden brchte, eine Entlaufene zu besuchen, mich
auffinden knnten. Hiemit wendete ich ihr den Rcken zu, eilte aus dem Laden und
lie mich von dem ersten Miethwagen, den ich erblickte, nach Hause bringen.
    Unzufrieden mit mir selbst und schchtern ber den Werth meiner Fortschritte
im Guten brachte ich die nchsten Tage zu. Fast htte ich gewnscht, den beiden
Damen, die eine so beschmende Herrschaft ber meinen bessern Willen gebt
hatten, recht bald wieder zu begegnen, um mich wrdiger zu betragen. Diese
Gelegenheit zeigte sich mir nicht, denn von dieser Zeit an blieb mir keine
Freiheit mehr, Mi Mortimers Krankenbett zu verlassen. Vier Monate lang kmpfte
sie mit der Ergebung einer Heiligen gegen die schmerzlichste Zerstrung. Wie
oft, unfhig, ohne fremde Hlfe ihrem Haupt eine andre Lage zu geben, dankte sie
Gott mit leuchtenden Augen fr das Glck, von mir, von ihrer Ellen, diesen
Dienst zu empfangen! Wie oft, wenn ich ihr den Angstschwei von der Stirn
trocknete, flog ein sanftes Lcheln ber ihre blassen Lippen, die sie, jeden
Laut des Schmerzens sich versagend, krampfhaft verschlossen hielt! Schchtern
und schwach, wie die Natur sie bildete, war diese Standhaftigkeit nicht die
Folge von leichtem Ertragen des Uebels, sondern des frommen Zutrauens, da Gott
ihr helfen werde, wo ihr Kraft gebrche; und in diesem Zutrauen bleibt unsre
Kraft auch unerschpflich. Sie sah den Tod als Siegerin, nicht als Besiegte
herannahen, und die Heiterkeit, die whrend ihres Lebens liebenswrdig war,
machte sie im Sterben erhaben.
    Endlich kam der groe Augenblick ihrer Befreiung herbei. Ihre Erziehung fr
ein hheres Daseyn war vollendet, die Rckkehr in das Haus ihres Vaters ward ihr
erffnet. Eines Morgens, nachdem ich nach mancher ganz durchwachten Nacht einige
Stunden geschlafen hatte, eilte ich zu ihr und fand sie von Schmerzen befreit.
Unwissend ber den Ausgang ihres Uebels, glaubte ich thrichterweise, da die
Krisis ihrer Krankheit nun berstanden sey, blickte vorwrts in Jahre einer
heitern Zukunft und theilte ihr meine kindischen Hoffnungen mit. Sie war nicht
gegen ihre Lage verblendet: Theures Kind, sagte sie, warum willst Du mir ein
Leben wnschen, das mir nur Schmerz bietet? Bete doch vielmehr, da mein Tod Dir
zum Vortheil gereiche! Betest Du nicht jeden Morgen: der heutige Tag mge Dir
gesegnet seyn? - Ich hatte mir wohl die Unvermeidlichkeit der mir jetzt so
nahen, unvermeidlichen Trennung gedacht; aber heute, an dem nun eingetretnen
Tage, zwischen dem kein Raum, kein Aufschub mehr war! - Der Schmerz berwltigte
mich, ich warf mich in unaussprechlichem Jammer an der Sterbenden Lager auf
meine Kniee. Ellen, mein Kind, nahm sie wieder sanft trstend das Wort, und
ihre matte Hand suchte mein Haupt aus seiner Verhllung aufzurichten, halte
meinen fesselentbundnen Geist nicht durch Deine Klagen an der Erde zurck!
Knnte mein leidenvolles Daseyn Dir helfen, so htte ich meinen Gott um dessen
Verlngerung gebeten; aber Du brauchst mich nicht mehr. Ich habe es
wahrgenommen, meine Ellen, Du hast das Eine, das Noth thut, gefunden, nun
bedarfst Du meiner gebrechlichen Sttze nicht mehr. Wenn ein ganzer Himmel voll
Glanzes Dir aufgeht, willst Du verzweifeln, wenn ein schwacher, dunkler Strahl
Dir verschwindet?
    Der Arzt, den ich schnell berufen lie, kam nur, um ihre Erwartung zu
bekrftigen. Sie sollte die Sonne nicht wieder aufgehen sehen. Sie bot Jedem,
der mit ihrer Pflege beschftigt gewesen war, ein heitres, liebevolles Lebewohl,
gab Jedem ein Andenken und schickte Alle von sich fort, nur ich und ihre alte
Barbara blieben bei ihr. - Ich habe sie auf meinen Armen gehalten, da sie an's
Licht trat, sagte diese gottergebne Greisin, ich war Zeuge ihres Lebens vor
dem Herrn; es ist hart, da ich ihr Grab erblicken mu und dann allein sterben -
aber Sein Wille geschehe!
    Der Pfarrer des Kirchspiels, wohin ihre Htte gehrte, kam auf ihre Bitte,
mit ihr zu beten. Sehen Sie, meine Ellen, sagte sie, wie der wrdige Mann sich
eine Zeit lang entfernte, das ist das Gttliche unsrer Religion - sie gibt, wie
die Sonne jeder Pflanze die Wrme, die sie ihrer Natur nach gebraucht, so jedem
Menschen, der es treu mit ihr meint, die Art Trost, die er nach seiner
Eigenthmlichkeit bedarf. Der starke Geist im gesunden Krper betet, wie es ihm
Noth thut, und der schwache, wie es ihn trstet, ich endlich, deren Leben halb
schon entflohen ist - ich sammle meine schwindenden Gedanken in den frommen
Worten dieses ehrwrdigen Mannes. - Ellen, es ist, wie wenn ich mich eines
schnes Liedes leichter erinnerte, wenn Ihre liebe Hand die Melodie auf der
Harfe spielte. - O du Engelmilde, die auch im Tod noch bedacht war, die erhabne
Frmmigkeit ihrer Seele, um meiner Schwche willen, menschlich zu schildern!
    Nachdem sie gegen den Abend lange in Mattigkeit gelegen, bat sie mich, ihr
Popens Sterbelied eines Christen herzusagen. Ich kniete an ihrem Bett und that
es. Sie schien die Worte im Innern nachzusprechen, ich blickte sie noch einmal
an, ihr Auge glnzte wie eines Ueberwinders Blick, meine Stimme brach, und wie
eine Trostlose schluchzte ich: O Tod, wo ist dein Sieg! und verhllte mein
Gesicht auf ihrem Deckbett. Sie legte ihre Hand auf mein Haupt, die Hand ward
schwerer und schwerer, sie sank herab auf meine Schulter, ich blickte auf, und
sie lag wie eine Schlafende - denn des Gerechten Tod gleicht dem Schlafe.
    Kein Mann, auch der zartfhlendste nicht, kann den Schmerz ermessen, der
mich niederdrckte, wie ich meiner einzigen Freundin, meiner einzigen irdischen
Sttze den letzten Dienst erwiesen, und ich nun den geliebten Leichnam von
Miethlingshnden in den Sarg einsperren sah, wie ich endlich von der Grabsttte
zurckkehrte und gezwungen war, die Leute aus dem Zimmer, wo sie lebte, die
letzten Spuren ihres Daseyns fortrumen, fortputzen, vertilgen zu sehen. Mnner
mgen unendlich tief den Schmerz fhlen, aber sie verlieren in ihrem Liebsten
nie ihre Sicherheit, ihre Sttze - ja sich selbst - sie knnen hinausstrzen in
die de Welt und im Gedrnge des Lebens, der Gefahr ihrem Daseyn einen Werth
beilegen - das Weib mu hlflos an dem Platz stehen bleiben, wo ihr Lebensglck
von ihr schied, mu in dem Moment, wo sie die Natur den Schrei des Schmerzens
auszustoen treibt, durch die Formen des Anstands sich von einer kalten
Auenwelt die Vergnstigung, leise weinen zu drfen, gewinnen.
    Wenige Tage nach Mi Mortimers Hinscheiden langte ihr natrlicher Erbe an
und eilte durch Erffnung ihres letzten Willens den Bestand ihrer
Hinterlassenschaft zu erfahren. Sie befriedigte ihn sehr wenig, und diese
Fehlschlagung erbitterte ihn vielleicht dergestalt, da er der Verewigten spter
eigenhndig hinzugefgtem, aber nicht gerichtlich besiegeltem Befehl: der alten
Barbara und mir den Genu ihrer Wohnung, so lange es uns gut dnkte, zu
gewhren, keine Folge leistete. Er erklrte mir ohne Rckhalt, da er keine
Verbindlichkeit htte, diese Clausel zu achten, weshalb ich ihm einen Miethzins
zu entrichten oder mir eine andre Wohnung zu suchen habe. Nach dieser Erklrung
brannte mir der Boden unter den Fen - allein wohin sollte ich gehen? Die
Verwandten meines Vaters waren mir stets fremd geblieben, die meiner Mutter
waren mir whrend meines Pensionsaufenthalts fremd geworden, und spterhin hatte
ich sie mit leichtsinnigem Hochmuth von mir entfernt; in dem glnzenden Zirkel,
in welchem ich mich im Taumel der Eitelkeit bewegt hatte, war Keiner, nicht
Einer, der, wie des Unglcks Wogen mich verschlangen, nach mir gefragt htte,
und Keiner, dem ich jetzt zutraute, da er mir Rath und Beistand schenken wrde.
Wie rmlich der Ertrag weiblicher Arbeiten sey, hatte ich schon erfahren; der
einzige Weg, mir ein Unterkommen zu schaffen, schien mir eine Stelle als
Erzieherin zu seyn. An den Kenntnissen, die ein reiches Mdchen braucht, fehlte
es mir nicht: einige Sprachfertigkeit, zierliche Arbeiten des Luxus und der
Fantasie, Musik, grndlicher und ausgebildeter, als man sie gewhnlich antrifft,
das waren meine Mittel des Unterrichts; aber welches waren die der Erziehung? -
Ich wollte erziehen, die kaum den natrlichen Jahren der Kindheit entwachsen,
nur eben Zeit gehabt hatte, zu erfahren, da es mir selbst an Erziehung gefehlt
habe? - Allein diese Erfahrung war ja vielleicht ein Mittel, Andre erziehen zu
knnen, und Gebet und fester Wille sollten das Uebrige ersetzen. Nur nicht in
London, nicht auf dem Schauplatz meines schnell verschwundnen Glanzes wollte ich
in so verschiedner Gestalt auftreten; mir diese Prfung ohne die dringendste
Noth aufzulegen, schien sogar einer geziemenden Wrde im Unglck nicht
angemessen, und mein inneres Gefhl hie diesen Widerwillen gut. Sobald mein
Entschlu gefat war, erffnete ich dem Geistlichen, welcher mit meiner
sterbenden Freundin gebetet hatte, die Bedrngni meiner Lage und meinen Wunsch,
sie auf dem erwhnten Weg zu verbessern. Er ging mit warmer Theilnahme in meine
Verhltnisse ein, erbot sich sogleich, an eine seiner verheiratheten Schwestern
im fernen Norden des Reichs zu schreiben, und lud mich ein, bis ich ein
anstndiges Unterkommen gefunden, in dem Schoos seiner Familie zu verweilen.
    Ein sehr unerwarteter Vorfall sicherte mich, bei meiner gnzlichen
Verarmung, in diesem Zeitpunct vor vlliger Entblsung von Geld. Unter den
Papieren meiner verewigten Freundin fand sich ein an mich berschriebner
versiegelter Brief, er enthielt eine Banknote von dreihundert Pfund und im
Umschlag folgende Worte:
    Meine theure Ellen, brauchen Sie die beiliegende Summe ohne Bedenken und
ohne Nachfrage! Sie gehrt Ihnen, ich hatte nie Ansprche darauf, sie kam in
einer sehr traurigen Stunde in meine Hand, aber aus Furcht, Sie mchten an die
Sterbende nutzlos verschwenden, was der Ueberlebenden einst Noth thun knnte,
richtete ich es so ein, da sie Ihnen erst, wenn alles vorber ist, bergeben
werden kann. Elisabeth Mortimer.
    Ich muthmate sogleich, da diese Summe von Herrn Maitland herkommen mte,
und fast berzeugt, da er jetzt gar keinen andern Antheil mehr an mir nehme,
als den Mitleid mit einer Unglcklichen einflt, konnte mir diese Gabe nur als
eine Wohlthat erscheinen. Es war mir zu schwer, so unweigerlich Almosen zu
empfangen, wenn gleich mein berer Sinn meinem Stolze sagen wollte, da solche
aus der geehrtesten Hand am wenigsten verwunden sollten. In der Hoffnung, da
sich unter Mi Mortimers Papieren eins finden mchte, das mir ber Herrn
Maitlands Denkart in Absicht auf mich irgend eine Spur geben knnte, bat ich den
Erben der Verewigten, mir diese durchsehen zu lassen. - Er vergnnte es mir
gern, aber meine Hoffnung ward betrogen. Eine Menge Briefe von Herrn Maitland
erwhnten meiner nie anders, als im Ton gewhnlicher Hflichkeit, nur in dem
Fragment von einem, zur Hlfte abgerinen, der wahrscheinlich durch ein Versehen
von meiner Freundin nicht ganz vertilgt worden war, fand ich folgende Zeilen:
    Ich will mich durch Ihre Beschreibung von Ihrer jungen Freundin
Vervollkommnung nicht blenden lassen. Indem Sie ihre vortheilhafte Entwicklung
schildern, haben Sie sie vor Augen in den Reizen geistigen Ausdrucks, in den
schnsten Gesichtszgen. Ich wei wohl, wie das kindliche Lcheln ihres Mundes,
der helle Blick unter ihren seidnen Wimpern heraus das Herz besticht. Da ich
mich dessen noch erinnre, nachdem meine Vernunft ihre Herrschaft wiedergewann,
beweist ja die mchtige Wirkung dieser holdseligen Gestalt. Ellen hat warme
Leidenschaften, eine lebhafte Einbildungskraft, ihr Unglck hat sie heftig
erschttern mssen; aber das bringt noch keine Gemthsvernderung hervor. Was
unserm ganzen Leben zur Richtschnur dienen soll, mu nicht auf Krften beruhen,
welche ure Begebenheiten steigern und mindern knnen. Ellens guter Verstand
mu mit ihrem tiefen Gefhl bereinstimmend erkannt haben, da ihr ganzes
irdisches Daseyn zu einem himmlischen fhre, und daher kein Moment desselben
bedeutungslos, keine Handlung gleichgltig sey. Nur dann ist sie sicher - nach
menschlichen Krften - im Wirken fr Andre ihre Bestimmung und ihr wahres Leben
zu finden. - Denn das, verehrte Freundin, ist doch Religion? die Religion, die
in jeder uern Form unsere Wohlfahrt sichert. Doch das darf ich Ihnen nicht
erst sagen, und gibt es eine Lage, welche Ihrer jungen Freundin zu dieser wahren
Religion zu verhelfen vermag, so ist es das Beisammenseyn mit Ihnen, Ihr
Beispiel, das Zeugni, das Ihr Leben von der Wahrheit Ihrer Frmmigkeit ablegt.
Sie sehen wohl, da ich sehr fest entschlossen bin, weise zu bleiben, da ich
mich trotz dem Zauber der Liebenswrdigkeit, der Ihre Freundin umstrahlt, ber
ihre Mngel selbst durch Ihre Lobreden nicht verblenden lasse.
    Die Ausfhrung meiner gegenwrtigen Plane wird mich noch Jahre lang von
Grobritannien fern halten; sonst knnte ich hoffen, ganz von dem Joche befreit,
welches Mi Percy fast gelungen wre mir aufzulegen, fr ihr Glck wachen, zu
ihrer Entwicklung beitragen zu knnen - ich hatte einigen Einflu auf sie. Wre
es einem vernnftigen Wesen geziemend, sich mit Trumen zu beschftigen, ich
knnte trumen ...
    Hier war das Blatt abgerissen, und meine Einbildungskraft konnte sich von
der mglichen Vollendung dieses Redesatzes nicht losreien. - Dieses Bruchstck
berzeugte mich nur von dem, was ich zu meiner schmerzlichen Beschmung je
lnger je mehr einsah: da ich Maitlands ganze Liebe besessen und durch meine
Thorheit beharrlich an ihrer Zerstrung gearbeitet hatte, und da sie endlich an
dem tdtlichsten Gifte - von Schaamrthe glhend, konnte ich es nicht ausdenken
- an Verachtung meiner Handlungsweise erstorben war. - Tief betrbt hatte mich
dieser Brief wohl gemacht, aber den Muth benahm mir meine Betrbni nicht. Ein
schwacher Strahl des Lichts, welches Maitland allein Religion nennen wollte, war
in meiner Seele entglommen, und es gab Augenblicke, wo das Andenken an ihn sich
mit dem an meine verklrte Freundin solchergestalt verschmolz, da mein Schmerz
um ihn, aller Thorheit entwunden, nicht mehr ein irdischer Schmerz war.
    Woher die Banknote kam, blieb mir also ein Geheimni, und wie sicher es mir
schien, da ich sie Herrn Maitlands Frsorge verdankte, verbot mir doch meine
weibliche Wrde, sie ihm zurckzusenden, da ich, ohne allen Beweis fr meine
Voraussetzung, htte aussehen knnen, als suche ich ein Verhltni, das er
offenbar nicht aufrecht erhalten wollte, wieder anzuknpfen. Ich sah deshalb
diese Summe als mein Eigenthum an, und der erste Gebrauch, den ich von ihr
machte, befreite mich von einer Schuld, die, wre mir auch das gnstigste
Schicksal zu Theil geworden, zuerst getilgt werden mute, um mir Seelenruhe zu
geben. Jener beschmende Vorschu, den mir Lord Friedrich in den Tagen meiner
Thorheit gemacht, und den zu tilgen, ich bisher kein Mittel vor mir gesehen
hatte, wurde unverzglich zurckgezahlt; was mir brig blieb, mute ich mit der
treuen alten Barbara theilen, die durch die Hrte von Mi Mortimers Erben nach
einem Leben, das sie ganz dem Dienst ihrer Herrschaft geweiht, sich ohne
Untersttzung befand. Nachdem ich das kleine Denkmal bezahlt hatte, mit dem ich
Mi Mortimers Ruhesttte bezeichnen lie, und mir noch einige nothwendige
Kleidungsstcke gekauft, verlie ich mit dreiig Guineen, als einziger Habe, die
geliebte Htte, wo ich aus dem Abgrund der Verzweiflung zum Vertrauen auf einen
himmlischen Vater wiedergeboren ward, dessen Leitung auf dem finstern Pfade, den
ich vor mir sah, ich mich, wenn nicht mit immer gleicher Heiterkeit, doch mit
festem Vertrauen bergab.
    Es war ein strmischer Winterabend, an dem ich meinen stillen Schutzort
verlie; ich hatte jeden Platz des Hauses, der mir meiner Freundin Gegenwart
zurckrief, noch einmal besucht, hatte den Lehnsessel, wo sie, wenn ihre
Krankheit sie in dem Zimmer festhielt, vom Fenster aus die Gegend und die
untergehende Sonne betrachtete, gegenber gesessen und mir die Worte voll
frommen Sinns, die sie dann sagte, wiederholt; ich hatte vor ihrem Sterbelager
kniend gebetet, und die Flle der Wehmuth hatte mich zu einer Ergebung gestimmt,
die mich bei dem Abschied von der gastfreundlichen Htte aufrecht erhielt. Bei
dem Vorbergehen vor dem Gottesacker kehrte ich daselbst ein, um den einfachen
Stein zu besehen, der seit meinem letzten Besuche daselbst auf meiner Verewigten
Grabhgel aufgestellt ward. Ich fand ihn, wie ich gewnscht, einzig bestimmt,
mir und sptern Verehrern ihres Andenkens nach mir den Rasen anzuzeigen, der sie
deckte. Diese letzte Liebespflicht schien mir das Siegel der Unwiederruflichkeit
auf ihren Verlust zu drcken, so da ich, wie sich die Kirchhofsthr hinter mir
schlo, noch einmal und bittrer den Schmerz empfand, der bei dem Getse der
ersten Erdschollen, die auf Mi Mortimers Sarg herabrollten, mich zerrissen
hatte. Es war schon ziemlich dunkel, wie ich den Pfarrhof erreichte. Mein
schchternes Klopfen ward nicht gleich gehrt, dennoch erwartete man mich in
dieser Stunde, und der Gedemthigte ist sich so lebendig bewut, wie ihm neue
Verletzung erspart werden knnte. Mein Entschlu, bei dem Eintritt in meine neue
Freisttte den ersten Eindruck nicht ber mich entscheiden zu lassen, wurde
wankend, und statt mein Klopfen zu wiederholen, lehnte ich meinen Kopf weinend
an diese Thr, die einzige auf Erden, die mir Aufnahme versprochen, und an die
ich nun vergeblich geklopft hatte. Die Ankunft des Geistlichen endigte dieses
schwchliche Hingegebenseyn in die Nebenumstnde eines harten Looses, welches
ich, im Ganzen, muthig bernommen hatte. Er klopfte heftig an, indem er mich um
Verzeihung bat, durch unerlliche Amtsverrichtungen, mich persnlich in sein
Haus abzuholen, verhindert gewesen zu seyn. Auch auf sein Klopfen ward die Thr
nicht sogleich geffnet, doch man sah Lichter durch die Zimmer tragen, hrte
Thren schlagen, Treppen auf- und ablaufen, endlich ging die Thr auf, und eine
Magd, athemlos vor Eile, leuchtete uns die Treppe hinauf. Ich hoffe, liebe
Mi߫, sagte der Geistliche im Hinaufsteigen, Sie sollen sich, sobald meine gute
Frau ihre Geschfte alle abgethan hat, einheimisch bei uns fhlen. - Diese
Bedingung schreckte mich auf; es wrde mir sehr leid thun, wenn Frau *** durch
meine Gegenwart belstigt wrde, erwiederte ich bestrzt. - Wenn das nur
mglich seyn knnte, dann wre sie recht in ihrem Element! rief mein neuer
Wirth mit etwas erzwungner Heiterkeit und ffnete die Thr des Vorzimmers. Ich
nahm in dem Augenblicke wahr, wie die Hausfrau von einem Stuhl herabstieg, von
dem aus sie eine von der Decke herabhngende Lampe angezndet hatte, sie band
schnell eine farbige Schrze ab, warf sie in einen Winkel und kam mit einem
Schwall von Worten, die mich zu bewillkommnen gemeint waren, auf mich zu. Man
hatte einmal in meiner Gegenwart gesagt, die Pfarrerin sey eine gebildete Frau,
und diese Eigenschaft hatte vorzglich meinen Widerwillen, die Wohlthat ihres
Gatten anzunehmen, vermindert. Unsre Eitelkeit sucht sich bei der
vollstndigsten Ergebung doch noch eine Befriedigung vorzubehalten; indem ich
willig den Vorzgen entsagte, die mir das Schicksal entrissen, glaubte ich bei
einer Frau von Bildung Anklnge gleicher Empfindungen mit den meinen hoffen zu
knnen. Dieser Empfang schien meinen Hoffnungen wenig zu entsprechen. Mich mit
lauter Entschuldigungen ber die Einfachheit ihrer Bewirthung und Voraussetzung
der Flle, welche ich so eben verlassen habe, demthigend, geleitete sie mich in
das Gesellschaftszimmer und drckte mich durch die Unfeinheit, mit der sie ihren
Mann, mir den ersten Platz anzuweisen, erinnerte, zu Boden. Ich hielt es fr
meine Pflicht, ein Gesprch mit ihr zu beginnen, allein ihre gespannte
Aufmerksamkeit auf jedes Gerusch, das aus der nahen Kche zu uns hertnte,
machte sie dazu ganz unfhig, sie wendete den Kopf mit dem Ausdruck der grten
Ungeduld auf die Seite der Thr, rckte auf ihrem Stuhl hin und her, bis ein
Scherbengeklingel von zerbrochnem Porzelan ihr die Fassung entri, und sie, die
Hnde ber dem Kopf zusammenschlagend, aus dem Zimmer lief. Der Pfarrer war
diese Auftritte wahrscheinlich gewohnt, oder wollte durch seine Ruhe das durch
seine Frau gestrte Gleichgewicht wieder herstellen; er rckte, ohne sich stren
zu lassen, seinen Stuhl nher zu mir und begann von einer neuen Flugschrift zu
sprechen. Doch da war's eine Kunst, den Faden des Gesprchs festzuhalten, inde
in der anstoenden Kche Zank, Scheltworte und Befehle abwechselten; endlich
aber griff ein unverkennbarer Ton und das darauf entstehende Geheul des Hundes
des guten Pfarrers Herz an seiner empfindlichen Stelle an, er ward feuerroth,
sprang auf, machte drei rasche Schritte und kehrte dann mit dem fragmentarischen
Selbstgesprch: ein Glck, da die Kinder alle zu Bett sind! sein Gesprch
wieder anzuknpfen, auf seinen Sessel zurck.
    Endlich wurden wir zum Abendessen gerufen. Meine Wirthin suchte mich mit
freundlichen Blicken zu empfangen, aber ihre zuckenden Mundmuskeln verriethen
ihre innere Stimmung, und diese obsiegte auch, indem sie mich bitterlich
beklagte, von alter, zersprungner Fayence essen zu mssen, weil die Dirne da -
sie deutete auf das junge Dienstmdchen, das sichtbar verschchtert uns
aufwartete - ihr so eben drei Dutzend feine Porzelanteller auf Einer Tracht
zerbrochen htte. - Das ist ein groes Glck, mein liebes Weib, bemerkte der
Pfarrer, damit hat sie dir drei Dutzend Zorne erspart, und diesen einen wollen
wir nun beseitigen. - Das war aber nicht in der Gewalt dieses geplagten
Ehemanns, sondern der Unmuth seiner Frau ergo sich in bittere Anschuldigungen
der ungeschickten Magd und Klagen ber die berwltigenden Mhen einer Hausfrau,
der es mit ihren Geschften ein Ernst sey. - Der Eifer, sie zu besorgen, ist
rhmlich, meine Liebe, bemerkte der Gemahl mit behutsamem Ton, doch beurtheile
selbst, ob du nicht fr die wichtigern Erfordernisse mehr Krfte erbrigtest,
wenn Du kleine Verwaltungszweige, wie Frsten zu thun pflegen, deinen Ministern
berlieest! - Dann mchte es in meinem Hause aussehen wie in jener Staaten,
und davor behte mich der Himmel! Sagen Sie selbst, Mi Percy, haben Sie whrend
Mi Mortimers langer Krankheit nicht die Folgen davon erfahren, wenn die Herrin
nicht berall selbst gegenwrtig ist? - Verzeihen Sie, erwiederte ich,
unwillig ber die gleichgltige Veranlassung, durch die sie sich an meiner
Freundin Tod erinnern lie, in Mi Mortimers Hause war so viel Ordnung, so
wenig Ansprche, ein so mildes Regiment, da ich in dieser Rcksicht ihren
traurigen Gesundheitszustand nie angesehn habe. - Sobald ich ausgesprochen
hatte, bereute ich den versteckten Tadel, den meine Worte enthielten; allein der
war an meiner Wirthin verloren, sie sagte, nur zerstreut von dem Ungeschick, mit
welchem das Dienstmdchen eine Schssel aufhob: So? also wird Mi Mortimer wohl
nicht so gar genau haben haushalten mssen ... Ich fand einen Sinn in dieser
Bemerkung, der mich verletzte, hatte aber Klugheit genug, mir die Antwort zu
ersparen und diesem peinlichen Abend durch die Bitte, mir mein Zimmer
anzuweisen, ein Ende zu machen.
    Ach es war nicht das einfache Gemach eines Familienmitglieds, wohin man mich
fhrte, es war ein Putzzimmer, in dem nichts bequemen Gebrauch versprach,
sondern alles nur sorgsames Schonen aufdrang. Doch mde von dem Kummer des Tags
und der Disharmonie des Abends, legte ich mich mit der Hoffnung nieder, da nun
die Anstrengung des Empfangs von Seiten meiner Wirthin berstanden sey, die
folgenden Tage geruschlos in einfacher, huslicher Beschftigung hingehen
wrden; denn so befremdlich mir die Art der Theilnahme an den Geschften war,
begriff ich wohl, da es einer Pfarrfrau sehr zur Ehre gereichen knnte, sie
selbstthtig zu besorgen. Allein meine Rechnung war falsch. So sanft mein Schlaf
war, so frh und unsanft ward er unterbrochen. Fegen, Scheuern, Keifen,
Befehlen, Threnschlagen, Kindergeschrei, durch hrbare Acte der vollziehenden
Gewalt auf kurze Zeit beschwichtigt, bewiesen mir, da meine arme Hausfrau, bei
dem Aufwand aller ihrer Krfte, keine Ordnung, und bei steter Autokratie, keinen
Gehorsam einzufhren vermochte. Die widerstandslose Ergebung des Pfarrers wre
mir verhat geworden, htte ich sie der Fhllosigkeit zuschreiben mssen; allein
ich sah bald, da sie die einzige seiner Individualitt mgliche Art war,
Aergerni zu vermeiden. Sein ltestes Kind war in einer Pension; in den Tagen,
wo ich sein Gast war, brachte er das zweite aus dem Hause und gab mir zu
verstehen, da er die armen Kleinen auf diese Art dem Einflu einer traurigen
Huslichkeit zu entziehen gedenke. Um diese Ausgaben bestreiten zu knnen,
arbeitete er angestrengt fr Buchhndler. - Ich bedauerte und achtete den Mann,
der tgliches Mrtyrerthum zu erleiden, die Kraft besa, die ihm wahrscheinlich
im Anfang seiner Ehe gefehlt hatte, um seiner Gattin fehlerhafte Neigungen zu
zgeln.
    Allein der Aufenthalt in diesem Hause war mir so drckend, da ich mich
berzeugte, die hrteste Dienstbarkeit knnte nicht qulender, als die
Gastfreundschaft von Mistri *** seyn. Die Antwort auf den Brief, den der
Pfarrer an seine Schwester geschrieben, ward daher mit der grten Ungeduld von
mir erwartet und war mir, wie sie eintraf, tausendfach willkommener, da sie
meinem Beschtzer meldete, da sie selbst mich in ihrem Hause aufzunehmen
wnschte, um die Erziehung ihrer einzigen Tochter zu vollenden. Meine
musikalischen Talente hatten mir bei ihr zu besonderer Empfehlung gedient.
Mistri Murray wnschte meine Bedingungen zu erfahren, von denen sie frchtete,
sie mchten ihre Mittel bersteigen, aber sehr geneigt wre, das Aeuerste zu
thun. Der Schwager des Pfarrers war Marineofficier und in diesem Augenblick zur
See. Seine Gattin mit ihren Kindern, einem Sohn und einer Tochter, lebte in
Edinburg, ein Umstand, der zu meiner Befriedigung beitrug, denn so sehr der
wackre Herr Sidney mir zuredete, einen sehr vertheilhaften Platz, den er in
London fr mich gefunden hatte, anzunehmen, beharrte ich auf meinem Abscheu vor
der Gefahr, dort meinen ehemaligen Bekannten zu begegnen. Herr Sidney sowohl wie
der Pfarrer redeten mir zu, meine Abreise nicht auf eine so schwankende Aussicht
hin bei einer so ungnstigen Jahreszeit zu unternehmen, sie stellten mir vor,
da mein Eintritt bei Mistri Murray nur gewinnen knnte, wenn meine
Verhltnisse in ihrem Hause vorher nher bestimmt wrden. - Ueber diesen Umstand
war ich ganz gleichgltig. Die Ungeduld, meine jetzige Lage zu verndern, machte
mich blind gegen alle Unannehmlichkeiten, die eine andre, ganz unbekannte mir
aufdringen knnte, und somit ward meine Abreise beschlossen.
    Der Landweg nach Edinburg war fr meine Mittel zu kostbar, und wie sehr sich
auch meine beiden Rathgeber widersetzten, verdingte ich mich doch auf ein
Handelsschiff und ging, nach einem vierzehntgigen Aufenthalte in dem
Pfarrhause, zur See. Die gewaltsame Steigerung meiner Geistesstrke, mit der ich
meine Abreise betrieben, war in Gefahr, gnzlich zu sinken, wie der Pfarrer und
Herr Sidney, nachdem sie mich an Bord begleitet, in ihrer Barke wieder ans Land
ruderten. In einem feuchten Winternebel sah ich sie von meinem Schiff abstoen,
zuerst wurden mir ihre Zge, dann ihre Gestalten unkenntlich, bald sah ich nur
noch ihre weien Tcher in grauem Nebel wehen, und endlich war der dunkle Punct,
den ihr Nachen auf den Wogen bildete, vor meinen thrnentrben Augen
verschwunden. - Nun fhlte ich mich allein! nun wre ich gern zurckgekehrt in
das Haus, das bei aller seiner unheimlichen Sitte mir jetzt eine Freisttte
schien. Regen und Wind trieben mich vom Verdeck in ein dumpfes Behltni, wo
vierzig Mitreisende, von der ungestmen Bewegung des segelnden Schiffes mehr
oder weniger angegriffen, umher lagen. Auch mich trieb diese unleidliche
Beschwerde, mein Lager zu suchen. - Ich hatte kein zierlicheres erwartet, gab
also meinem Ekel vor dem, was ich fand, nicht nach, sondern strengte alle meine
Krfte an, die auf mich eindringenden unangenehmen Empfindungen zu ertragen. Die
Gesellschaft meiner Gefhrten in ihren bedrngten Umstnden, das Schwanken des
Schiffs, das Geschrei der Seeleute, das Klappern des Tauwerks, das donnernde
Anprallen der Wellen an die Schiffswnde - und endlich, wie der Wind wirklich
zum Sturm anwuchs, das Geschrei und Arbeiten an der Pumpe, die ein entstandenes
Loch unaufhrlich in Bewegung zu halten erforderte - das alles waren Umstnde,
deren Zusammentreffen eine gebtere Reisende wie mich htte angreifen knnen.
Die Reisenden, mit der Seefahrt unbekannt, hielten das mige Unwetter fr einen
weltzertrmmernden Orkan und drckten ihre Todesfurcht mit mehr oder weniger
Heftigkeit aus; ich konnte unsere Gefahr nicht beurtheilen, empfand aber mein
krperliches Leiden so schwer, hatte im Leben so wenig Vortheil zu hoffen, da
mir der Tod wahrscheinlich und willkommen schien. Ich suchte nur meinen Geist zu
bekrftigen, damit der entscheidende Moment mich gerstet finden mchte. Doch
der Sturm legte sich, an Schiffsuntergang war nicht zu denken, aber unser
Fahrzeug war so stark beschdigt, da wir die hollndische Kste, wohin uns der
widrige Wind getrieben hatte, willkommen heien muten und, des Hafens froh, in
Rotterdam ans Land gingen.
    Gnzlich unbekannt mit den Mitteln wie mit der Nothwendigkeit hauszuhalten,
nahm ich ein Zimmer in einem anstndigen Wirthshaus, wo ich sehr eingezogen und
mit sehr ernsten Betrachtungen beschftigt die acht Tage zubrachte, welche unser
Fahrzeug zu seiner Ausbesserung bedurfte. Wie es zur Abreise kam, war ich
hchlich betroffen, durch die Bezahlung meiner Rechnung die ganze mir brige
Baarschaft bis auf zehn Guineen vermindert zu sehen. Dennoch fate ich Muth.
Meine Reise bis Edinburg forderte wenig Kosten mehr, und dort konnte ich mich in
Mistri Murray's Haus bis zum Ablauf des ersten Quartals aller Ausgaben
enthalten. Der erste Theil dieser Aussicht ging in Erfllung. Unsre Ueberfahrt
von der hollndischen Kste nach Edinburg war angenehm und so schnell, da ich
schon nach vierzehn Tagen in dem Hafen einen Miethwagen bestieg, der mich nach
Edinburg fhrte.
    Ich war ber den nun zunchst mir bevorstehenden Augenblick in einer solchen
Spannung, da ich die romantische Lage der Stadt, die Schnheit ihrer Straen
gar nicht bemerkte, sondern zwischen dem innigsten Gebet zu Gott, den Antritt
meines neuen Berufs zu segnen, und den Bildern, welche sich meine
Einbildungskraft von meiner bevorstehenden Lage machte, getheilt war. Ich malte
mir Mistri Murray's Bild bis auf ihre Kleidung, ihre erste Verbeugung aus. O
mchte sie nur in ferner Aehnlichkeit, nur im letzten Nachklang Mi Mortimer
gleichen! seufzte ich aus beklommner Brust. Aber Herr Maitland hatte mir oft
seine Landsmnninnen als gro, krftig, rasch gemalt - das Bild glich Mi
Mortimer nicht, und mir schien es recht frchterlich, eine solche hohe, strenge,
knochenstarke Frau zu erblicken. Inde rollte mein Wagen durch die bei spter
Tageszeit stillen, menschenleeren Straen, mir ward immer bnger, bis er endlich
an einem schnen, aber ganz unerleuchteten Hause stille hielt. Ich schellte, und
athemlos wartete ich, bis die Thre sich ffnete, so da ich den Diener kaum
verstndlich fragte: ob Mi Murray zu Hause sey. - Nein, Ihre Gnaden, sie ist
seit vierzehn Tagen verreist. - Groer Gott! verreist? wohin? - Nach Portsmouth.
Sobald die Nachricht kam, da der Capitain verwundet dort ans Land gestiegen
sey, reiste Mistri Murray mit ihrer Tochter dahin ab. - Und lie sie keine
Briefe fr mich zurck? - Des Bedienten Antwort berzeugte mich, da kein Mensch
meine Ankunft erwartet hatte, ich bersah nun die Folgen meiner bereilten
Abreise und sank halb ohnmchtig vor Schrecken in den Wagen zurck. - Steigen
Sie hier aus, Ihre Gnaden? fragte jetzt der Kutscher. Nein, rief ich, ohne zu
wissen, was nun weiter zu thun mglich sey. - Wohin soll ich Sie denn fhren?
fragte Jener wieder. - Ich antwortete mit einem Thrnenstrom, denn ich wute
keine Thr, die sich mir ffnen, wo Jugend und Armuth Schutz finden knnte. Der
Bediente schien von meiner Betrbni gerhrt; vielleicht, sagte er, hat Mistri
Murray meinem jungen Herrn Auftrge an Sie zurckgelassen. - Ist der Sohn des
Capitains zurckgeblieben? - Ja, Ihre Gnaden, er blieb, um seine Collegien
auszuhren. Er ist jetzt nicht zu Hause, mu aber sogleich heimkommen. Belieben
Sie einzutreten und sich auszuruhen! -
    Mir schien es am besten, diese Einladung anzunehmen, ich zahlte den Kutscher
aus und folgte dem Diener ins Haus. Er fhrte mich in einen artigen Salon, wo
ein erfreuliches Steinkohlenfeuer Helle genug gab, um den Aufputz des Zimmers zu
erkennen. Zierliches Gerth, Bcher auf allen Tischen, eine schne Harfe, Mappen
mit Zeichnungen bewiesen mir das Streben nach Bildung in dessen Bewohnern. Mein
zerschlagner Muth hob sich von neuem, ich untersuchte die Bcher - es waren
meistens juristische Werke, daneben ein sehr zerlesenes Exemplar der neuen
Heloise, ein Tibull - jetzt fiel mir ein groer Stricksack, der am Sopha hing,
in die Augen, er mochte wohl ein halbes Dutzend paar Strmpfe enthalten, sie
guckten obenheraus, und mit ihnen ein Gebetbuch. Die Mappen verriethen die
beginnende Kunstfertigkeit der jungen Mi - ungeheure Blumenstrue in winzigen
Krben, Landschaften mit Schweizerhtten - und berm Kamin ihr Gemlde, in der
Stellung, den Horopipe zu tanzen. Ich betrachtete das alles mit sehr getheilter
Aufmerksamkeit, weil ich von einem Augenblick zum andern den Eintritt Herrn
Henry's erwartete. Endlich hrte ich einen raschen Schritt unter den Fenstern
vorbeigehen; ein Liedchen ward getrllert, und ein nachdrckliches Pochen
verkndigte den Herrn vom Hause. Die Angst schrfte mein Gehr; ich vernahm,
oder glaubte zu vernehmen, da der Bediente meine Ankunft meldete, einige
schnell auf einander folgende Fragen schienen mir Neugier ohne Verlegenheit zu
beweisen, und darauf eilte der Fragende auf den Salon zu. Bei seinem Eintritt
ins Haus war ich aufgesprungen, dann war mirs eingefallen, da ich linkisch
aussehen mte, lie ich mich stehend finden, also setzte ich mich wieder, mein
Herz schlug hrbar, und es bedurfte der mir erst so spt erworbenen Herrschaft
ber meine uern Bewegungen, um bei Herrn Henry's Eintritt mit Fassung zu
erscheinen. Wahrscheinlich hatte die Abenteuerlichkeit meiner Ankunft im Hause,
welche der Bediente dem jungen Menschen berichtet haben mochte, ihm eine
kurzweilige Bekanntschaft versprochen, sein Eintritt hatte wenigstens etwas
Unachtsames, das bei meiner Annherung einem Ausdruck von Erstaunen und
ehrerbietiger Hflichkeit Platz machte. Er besttigte die Aussage des Bedienten:
Mistri Murray hatte gar nicht daran gedacht, da ich mich, bevor eine nhere
Verabredung stattgefunden, auf den Weg machen knnte, und hatte deshalb nicht
die geringsten Anstalten zu meinem Empfange getroffen. Der junge Mann, der bei
ziemlich regelmigen Zgen schne, groe, schwrmerische Augen besa und
keineswegs, wie ich ihn mir vorgestellt, ein tlpischer Schulknabe, sondern ein
schlanker, zierlicher Jngling von achtzehn bis neunzehn Jahren war, suchte mich
zu berzeugen, da nichts natrlicher sey, als seiner Mutter Rckkehr in ihrem
Hause ruhig abzuwarten. So ehrerbietig die Art war, mit welcher er mir diesen
Vorschlag that, lehnte ich ihn dennoch bestimmt ab, bat um die Adresse seiner
Mutter, um ihr meine Ankunft zu melden und um ihre Befehle zu bitten, und
forderte einen Miethwagen, um noch heute Abend ein anstndiges Unterkommen zu
suchen. Rcksichtlich des Erstern sagte er mir, da die Post in dieser halben
Stunde noch abgehe; einen langen Brief zu schreiben, sey daher unmglich, er
wolle dem seinen, der zum Siegeln bereit liege, die Nachricht von meiner Ankunft
und meiner Verlegenheit noch hinzusetzen. Was aber meine Absicht, heute Abend
noch ein Unterkommen zu suchen, betrfe, so wre sie grausam gegen mich, gegen
seine Mutter und gegen ihn selbst. Wodurch, sagte er mit dringend bittendem
Ton, hat meine Mutter verschuldet, da Sie eine rcksichtslose Unfreundlichkeit
in ihr voraussetzen? Wodurch zog ich mir die Weigerung zu, einen Abend nur meine
Gesellschaft zu dulden? Und endlich - und vor allem: wie knnen Sie wagen in
spter Nacht (es hatte wirklich zehn Uhr geschlagen) in einer unbekannten groen
Stadt auf Geradewohl ein Unterkommen zu suchen? - Wahrlich dieser Erinnerung
bedurfte es nicht, um mir meine grausame Lage fhlbar zu machen! Ich hatte mit
uerster Anstrengung bei dieser Errterung einen gefaten Ton zu erhalten
gesucht; bei Herrn Henry's letzter Frage wollten meine Thrnen gewaltsam
hervorbrechen, als der Ton seiner Stimme mir ein so bewegtes Gemth von seiner
Seite verrieth, da ich, aufmerksam auf die Nothwendigkeit, hier meine
Selbstherrschaft zu behalten, meinen Schmerz niederkmpfte und durch meine
Einwilligung, diese Nacht die mir angebotne Gastfreundschaft anzunehmen, dem
Streit ein Ende machte. Herr Henry befahl sogleich und mit einer Freude, die mir
deutlich bewies, welchen Werth er auf meine Einwilligung legte, das
Schlafcabinet seiner Mutter zu meinem Empfang zu bereiten, und der brige Abend
verging in lebhaftem Gesprch ber allgemeine Interessen. Noch nie hatte ich
Gott so herzlich fr ein sanftes Lager gedankt, wie diesen Abend, an dem ich
doch nicht wute, wo ich am folgenden Morgen einen Schutzort finden wrde. Gott
hatte mir heute eine Ruhesttte gegeben, alle meine Verstandeskrfte konnten die
morgende nicht aussinnen; deshalb empfahl ich mich seiner Obhut und berlie
mich der Erholung des Schlafs.
    Herrn Henry's Empfang beim Frhstck war voll Ehrerbietung, aber nicht so
gleichgltig, wie meine Verhltnisse es nthig machten. Wie ich seinen
Morgengru mit der Bitte beantwortete, mir sogleich durch seinen Diener eine
Person anweisen zu lassen, die mir eine Wohnung verschaffen knnte, antwortete
er mit Bekmmerni: wenn ich hartnckig die natrlichste Handlungsweise, die
nahe Rckkehr seiner Mutter, oder ihre wahrscheinliche Bitte, sie in Portsmouth
aufzusuchen, in ihrem Hause abzuwarten verweigerte, so schlge er mir vor, eine
ihrer in Edinburg verheiratheten Schwestern um Rath oder Beistand zu bitten. Das
war ein Lichtstrahl in dem Dunkel, das sich vor meine Aussicht gelagert; ich
widerlegte alle seine wiederholten Bitten um Abnderung meines Beschlusses und
trieb ihn an, gleich nach dem Frhstck diese Tante fr mich um ihren Schutz zu
ersuchen. Er blieb lange aus; ich hatte Zeit, mich dem ngstlichsten Nachdenken
zu berlassen, und wie er zurckkehrte, versicherte er mich, Mistri St. Claire
nicht zu Hause gefunden zu haben. Ich mute mit seinem Versprechen, gegen den
Abend noch einmal zu ihr zu gehen, mich begngen und suchte meine Unruhe durch
Gesprch und Harfenspiel zu zerstreuen. Mein Spiel entzckte den jungen Mann, er
uerte die bitterste Klage ber seiner Mutter Vergelichkeit, fr den mglichen
Fall meiner Ankunft keine Befehle gegeben zu haben. Dann drften Sie unser Haus
nicht verlassen, Mi Percy, dieselben grausamen Ursachen, die Sie jetzt von mir
treiben, gben dem Bruder Ihres Zglings dann ein Recht, Sie zu schtzen. - Ich
wute nun aus Erfahrung, wie nachtheilig es fr unser Geschlecht werden knnte,
Dinge als Scherz aufzunehmen, die einer ernsthaften Deutung fhig sind: ohne auf
diese durch die Art des Vortrags noch bedeutenderen Worte zu antworten, begab
ich mich, um das Gesprch abzubrechen, in mein Zimmer. Wie ich nach einer Weile
wieder in den Saal gehen wollte, hrte ich eine fremde Stimme, die nach Herrn
Henry fragte; dieser trat aber sogleich aus dem Sprechzimmer heraus und rief
lebhaft dem Eintretenden zu: So eben wollte ich zu Dir schicken. Du mut mit
mir zu Mittag essen, ich will Dir die Bekanntschaft eines Engels verschaffen. -
Ein Engel? hier im Hause? - Hier im Hause, meiner Schwester Erzieherin. -
Mit der hltst Du inde Haus? Das wird Deine Mutter ungemein erbaulich finden.
Hat die's so bestellt? - Gott, nein! sie wei nichts von ihr ... Darauf
sprach er leise, ihn von der Treppe hinwegfhrend. Ich wute nun genug, um meine
Unentschlossenheit zu beenden. Gedemthigt, der Gegenstand der Bewunderung von
ein paar Collegienschlern zu seyn, beschlo ich sogleich, ihre Aussicht auf das
Mittagsmahl zu hintergehen. Auf meine Bitte und durch das Geschenk einer halben
Guinee in mein Interesse gezogen, ging die Hausmagd sogleich, mir bei
rechtlichen Leuten eine kleinen Wohnung zu suchen und einen Miethkutscher zu
holen, der mich und mein Gepck augenblicklich dahin abfhre. Sobald beides
erlangt war, begab ich mich in das Besuchzimmer von Herrn Henry, um Abschied zu
nehmen. Er war uerst bestrzt, aber sein junges Gemth hatte noch die
schtzbare Zartheit, die dem Betragen bei halb bewuter Schuld die Sicherheit
raubt. Der Besuch seines Freundes, die Einladung an ihn hatte ihm die
Zuversicht, mit der er noch heute frh mich in seiner Mutter Hause zurckhalten
wollte, vermindert, er bat mich niedergeschlagen, nur so lange zu verziehen, bis
er noch einmal Mistri St. Claire aufgesucht habe. Ich versicherte ihm meine
Absicht, ihr selbst meinen Besuch machen zu wollen, lie mir ihre Adresse geben
und fuhr nach meiner neuen Wohnung ab.
    Mir war wohl, wie ich von meinem kleinen Zimmer, das Wohn- und Schlafsttte
zugleich war, Besitz genommen hatte. Ich fhlte neuen Muth gegen die Auenwelt,
nun ich mir in meinem Innern das Zeugni, recht gethan zu haben, ablegen konnte.
Der einsame Abend ward angewendet, um beim Schein meiner einzigen dnnen Kerze
an Mistri Murray zu schreiben. Lange stritt ich mit mir selbst, was die
Redlichkeit mir gebte, ihr zu sagen. Die Verlegenheit, in die mich ihre
Abwesenheit gesetzt hatte, war meine Schuld, denn sie hatte mich nicht
abzureisen eingeladen, ich hatte also gar keine Ansprche an sie, mute mich ihr
gleichsam von neuem nur anbieten. Dieser Schritt war aber wegen ihres Sohnes
schnell gefaten Wohlgefallens an mir reiflich zu berlegen. Herrn Henry's
Vergaffung war unzweifelhaft, da aber diese bei einem zwanzigjhrigen
Rechtscandidaten nicht als eine dauernde Leidenschaft zu behandeln sey, sagte
mir meine Vernunft, da aber Vorsicht und Anstand verbten, durch meinen
Eintritt in seiner Mutter Haus diese Vergaffung zu unterhalten, ihn von seinen
Studien zu zerstreuen, seinen Eltern Unruhe zu bereiten, sagte mir mein Gewissen
und mein Zartgefhl. - Was war da zu thun? - Der Mutter selbst zu melden, da
ihr Sohn meine Schnheit bewundre, wre eine Albernheit; die Aussicht, in ihre
Familie aufgenommen zu werden - die einzige, die mir in meiner verlassenen Lage
vergnnt war - von mir zu weisen, wre ein Verrath an mir selbst gewesen und
htte Herrn Henry's Gefhlen zu viel Wichtigkeit beigelegt. Ich half mir mit
einem Mittel, das mir jetzt ein bischen jesuitisch scheint, damals aber
Entschlu eines reinen Willens war und mir deshalb auch keine Reue gekostet hat.
Ich beschlo, mich zu Mistri St. Claire zu begeben und ihren Rath zu erbitten;
gewi wrde sie ihrer Schwester ein Wort ber meine Gestalt schreiben, wenn ihr
dieses keine Unruhe ber die Sicherheit von ihres Sohnes Herzen einflte. So
glaubte ich bei der redlichen Absicht, jedes nhere Verhltni mit ihm zu
meiden, die Freisttte, welche mir Mi Murray's Haus versprechen knnte,
annehmen zu drfen. In diesen Gesinnungen verfate ich meinen Brief; ich meldete
auch meinem gtigen Pfarrer meine Ankunft in Edinburg und die Unannehmlichkeit,
die mich daselbst betroffen; und so war die Stunde herbeigekommen, die mich
jetzt ein Bedrfni trieb im Gebet zu Gott und mit Prfung meines eignen Herzens
zuzubringen. Sie gab mir den Seelenfrieden, in dem man vertrauensvoll sich der
Erquickung des Schlafes berlt.
    Frh am folgenden Morgen kam Herr Murray, und drei Stunden verflogen in
lebhaftem Gesprch, wodurch mir aber das Unziemliche meiner Verhltnisse gegen
diesen Jngling nur auffallender wurde. Sobald er mich verlassen hatte, suchte
ich Mistri St. Claire auf. Ich fand eine hagere, lange, ltliche Dame in einem
ziemlich engen, hochlehnigen Armstuhl mit dem Ausnhen eines groblumigten
Musters in Linon beschftigt. Sie lie mich ziemlich weit im Zimmer vortreten,
stand dann auf, wodurch sie sich nothwendig einen Schritt vorwrts bewegen
mute, und wie sie ihre ganze Hhe erreicht hatte, hrte ich den dicken, steifen
Troguet ihres dunkelbraunen Kleides etwas rascheln, woraus ich schlo, da sie
eine Art von Verbeugung gemacht haben mte - sichtbar war sie mir nicht. Herr
Murray hat, wenn ich recht verstanden habe, die Gte gehabt, mich zu melden,
sagte ich schchtern. Die Dame blickte nach einem Stuhl, ich hielt das fr eine
Einladung, mich zu setzen, rckte ihn herbei und nahm Platz. Es ist sehr
unglcklich fr mich, Mistri Murray nicht zu Hause zu finden, nahm ich, da
keine Antwort erfolgte, von neuem das Wort. - Hum ... tnte es ganz dumpf, und
die Stille blieb ununterbrochen. Sie verlie Schottland sehr unerwartet. -
Sehr unerwartet. - Wieder eine Pause. Ich hatte meine Herreise
unglcklicherweise schon angetreten, ehe ich es erfuhr. - Das war schlimm. -
Sie wird doch nicht lange abwesend bleiben? - Davon wei man nichts. -
Vielleicht wnscht sie nicht, da ich ihre Rckkehr erwarte? - Das wei ich
nicht. - Bis diesen Tag hatte ich kalte Abwehr jeder Theilnahme noch nicht
kennen lernen. Ich hatte gewaltsame Unglcksflle erlebt, war in hchst
ngstlichen Verlegenheiten gewesen, aber die drckenden Verletzungen des Gemths
in gemein ruhigen Verhltnissen des Lebens waren mir noch unbekannt. Mein Gemth
hatte sich zu Gott gewendet, aber mein Verkehr mit ihm - da dieser triviale
Ausdruck mir vergnnt sey! - war ein Feiertagsdienst; ich hatte seine Hlfe in
so wichtigen Momenten erfleht, da es mir Entweihung seiner Gre schien, diese
Hlfe bei den Dingen des gewhnlichen Verkehrs zu verlangen. Das war Folge der
noch mangelhaften Erkenntni von dem wahren Werth des Lebens in mir, indem jeder
Augenblick Fortschritt auf derselben Bahn zur Ewigkeit ist. Jetzt kmpfte in
meiner Brust mein ber so unerhrte Theilnahmelosigkeit emprtes Gefhl mit dem
Urtheil meines Verstandes, ihr nur Gleichgltigkeit entgegensetzen zu sollen.
Der Verstand siegte, ich athmete tief und fragte Mistri St. Claire: ob sie mich
nicht, im Fall Mistri Murray meiner Dienste nicht bedrfe, in eine andere
Familie als Erzieherin empfehlen wrde. - Das wird schwer seyn. Die Leute
nehmen keine Fremde. - Die Empfehlung, welche Mistri Murray's Wahl lenkte,
wrde auch hier gelten. - - - Doch wozu dieses Gesprch wiederholen? Ich schied
von dieser Frau ohne die mindeste Hoffnung, durch sie Hlfe zu erlangen. Wie
oft, indem ich meinen Weg einsam nach meiner Wohnung zurck nahm, glaubte ich in
den Gesichtern, die an mir vorbeigingen, bekannte Zge zu entdecken! Ein paar
Mal stockte mein Herz vor Entzcken bei dem raschen Schritt, den eine bekanntere
Gestalt auf mich zu zu nehmen schien. Knnte mir denn Gott nicht einen Retter
senden wollen? fragte ich mich, wenn meine Vernunft meine thrichte Hoffnung
zurechtweisen wollte. - Aber fremd und ohne Theilnahme eilten die Menschen an
mir vorber, und ich kehrte einsam in mein einsames Zimmer zurck. O wer in dem
verlassensten Winkel des Erdbodens nur ein Wesen hat, zu dem er sagen kann: die
Einsamkeit ist s! der wei es nicht, wie freudenlos eine Wohnung ist, in der
wir nicht hoffen drfen, da auch nur eine einzige theilnehmende Seele anklopfen
werde. -
    Ich wute also nun, da die Beantwortung meines Briefs an Mistri Murray
meine letzte Hoffnung entschied, aber auch da jede Rcksicht erfordre, den
Besuchen ihres Sohnes fortan zu entsagen. Man meine doch nicht, da es bei dem
rationellen Standpunct, wohin ich gelangt zu seyn whnte, unmglich ein so
groes Opfer htte seyn knnen, auf die Besuche eines vergafften Studentchens
Verzicht zu thun. Nicht weil er das war, aber weil er das letzte gebildete Wesen
war, durch das ich mit einer Welt, fr die ich gebildet und erzogen wurde,
zusammenhing, kostete es mir ein ernstes Opfer, seine Besuche nicht mehr zu
gestatten. Von nun an brachte ich eine lange Woche in vlliger Einsamkeit zu.
Der Gang in die nahe Kirche war die einzige Gelegenheit, bei welcher ich die
Gasse betrat. Meine Hauswirthin stellte mir den Nachtheil dieser Lebensweise fr
meine Gesundheit vor und bewog mich endlich, meiner Sehnsucht nach Bewegung und
Luft nachgebend, sie eines Tags bei einem Ausgang zu begleiten. Es that mir
unendlich wohl, die freie Luft zu athmen, in grerm Umfang, wie in den engen
Gassen, den Himmel ber mir, die erleuchteten Berge um die Stadt her zu
erblicken. Wie wir nach Haus zurcklenkten, erblickte meine Hausfrau an der Thr
eines Hauses ein scharlachrothes Fhnchen, auf dem mit groen Buchstaben die
Worte standen: Hier wird ausgepfndet. Sie sagte mir, das verkndige einen
Verkauf von Hausgerth, da knne man oft wunderwohlfeile Sachen bekommen, ich
mchte doch ein bischen mit ihr hineintreten. Mir graute vor dem dunkeln
Eingang, allein meine Lage erlaubte mir, nicht sehr schwierig zu seyn, deshalb
folgte ich ihr nach durch einen finstern, schmuzigen Gang eine hohe, steile
Treppe hinauf, auf einen langen Gang, dessen kleine Fenster auf einer Seite
schwarze spitze Giebel erblicken lieen, auf der andern Seite aber mehrere
Thren in Zimmer fhrten, die in eine Menge Wohnungen sehr armer Leute
eingetheilt zu seyn schienen. Das erste Zimmer einer dieser Abtheilung war so
von Leuten angepfropft, da sie auch den Gang vor den Thren besetzt hielten und
es mir unmglich machten, meiner Hausfrau zu folgen. Indem ich wartete, um durch
den Haufen dringen zu knnen, gewahrte ich ein kleines Kind auf den Armen einer
hchst rmlich gekleideten Frau, das mit Wangen, auf denen die schnste
Gesundheitsrthe prangte, aus seinen glnzenden Augen einen schchternen Blick
auf mich warf, dann sein Kpfchen von der Mutter Schultern aufhebend, lchelnd
auf mich hinsah. Seine Mutter aber lehnte, wie es schien, in Kummer versunken,
ihren Kopf an das Fenster. Ich htte sie gern angeredet, aber ihr Schmerz gebot
mir Zurckhaltung, denn ich war ja meiner Mittel, ihr zu helfen, nicht gewi.
Indem kam ein eben so rmlich gekleidetes Weib, wie sie selbst, schlug sie
gutmthig plump auf die Schulter und sagte: Seyd doch gefat! es ist schon
manch einer ausgepfndet worden. - Meine arme Frau, die bei dem derben Gru der
Nachbarin ihre Thrnen getrocknet und sich freundlich aufgerichtet hatte,
verhllte von neuem schluchzend das Gesicht in ihre Schrze. Ich wendete mich
nun an die Nachbarin, um mehr von der Weinenden zu erfahren, und hrte, da
Cecile Graham, so hie die Trauernde, die Frau eines Soldaten sey, der aus der
von jeher den Bergschotten fest eingewurzelten Liebe fr ihr Stammoberhaupt,
sein Heimathsthal verlassen hatte, um der Fahne seines Huptlings zu folgen.
Ungern blieb seine Gattin zurck und nhrte sich seitdem in der Hauptstadt
hinreichend mit ihrem redlichen Flei. Endlich den Tag vor dem Miethsziel, wo
sie alle ihre ersparten Pfennige schon zusammengelegt hatte, um sie den nchsten
Morgen dem Hausherrn zu bringen, brach ein Dieb ihren Kasten auf und raubte ihr
die mhselig gesammelte Summe. Unfhig, sich auf eine andre Weise bezahlt zu
machen, gebrauchte der Hausherr sein Recht, ihre Habseligkeiten zu seiner
Abzahlung zu verkaufen. Und will er dieses arme junge Geschpf freundlos in die
Welt hinausstoen? rief ich mit inniger Theilnahme. Gott verzeihe ihm das! -
Mir mangelts nicht an Freunden, Ihre Gnaden, sagte die Weinende in echt
schottischer Mundart, aber viel weniger rohem Ton, wie ihre Nachbarin, alles
Gewsser des Brearde kann mein Blut nicht von des Lords Verwandtschaft waschen.
- Welches Lords? fragte ich, ber den emphatischen Ausdruck lchelnd. Erdines
selbst, Lady, sein Grovater und meine Urgromutter waren Geschwisterkinder. -
Thut denn der Lord nichts fr seine Verwandten? - Das wrde er, und er ist
nicht der Mann, der den Bittenden ohne Hlfe lt. - Warum wendet Ihr euch
denn nicht an ihn? - Wahrlich, Lady, ich will den Lord nicht belstigen; er
knnte denken, ich meine, er msse mich fttern, weil Jemmy mit Herrn Kenneth
fortgezogen ist - das begreifen Sie. - Was wollt Ihr aber thun? wollt Ihr euch
alles nehmen lassen? - Knnte ich nach den Hochlanden zurck, so wrde alles
andre schon gehen. Ueberflu sind wir nicht gewohnt - ich htte auch alles
hergeben wollen, nur nicht das Stckchen Tuch, das ich, uns hinein zu wickeln,
mit eignen Hnden gesponnen. - Wie Euch hinein wickeln? was soll das
bedeuten? fragte ich, weit entfernt, den Sinn ihrer Worte zu fassen. - Nun ja!
Jemmy und mich einwickeln, mit Erlaub, wenn man uns zur Ruhe trgt. Und ein
hbscher Stckchen Flchsen konnte man nicht sehen. Ihre Gnaden selbst htten
drin ruhen knnen, ja Mi Graham in eigner Person. - Anfangs glaubte ich
wirklich, die gute Frau rede irre, aber bald schmte ich mich meiner
Unfhigkeit, in das Gefhl eines Armen einzugehen. Wie sich die menschlichen
Wnsche auf ein gutes Bahrtuch beschrnken knnten, begriff ich nicht gleich,
aber das Ansehn der Frau sprach fr ihren gesunden Verstand. Ihre klare breite
Stirn und nahe ber die Augen gezognen Braunen, von blitzend lebhaften Augen
begleitet, verriethen khle Klugheit, ihre festen scharfen Zge, ob sie gleich
von der nationalen Backenbreite entstellt wurden, zeichneten sie unter den
gemeinen Gesichtern der umstehenden Weiber aus. Ich fragte sie darauf, wie weit
ihre Heimath entfernt sey. Hrten Sie je von einem Ort, der Glen Enradine
heit? Er mag etwa hundert Meilen und ein Eckchen weiter von hier nach Norden
und Westen hin liegen. - Und so weit wolltet ihr in dieser Jahrszeit reisen?
- Wenn es Gottes Wille wre. Hier und da mte ich, mit Erlaub, wohl guter
Menschen Beistand erbitten. Viel mitzunehmen habe ich nicht. Da das Kind an
meiner Brust und ein Pckchen Tabak, den ich fr meine Mutter gesammelt; mein
Knabe ist derb, Gott segne ihn! der liefe denn auch manchmal ein Stckchen neben
her. - Ich rgerte mich anfangs an dem Almosenbitten, spterhin habe ich's bei
diesem Bergvolk ganz anders ansehn lernen. Unter wahrhaft einfachen Menschen ist
das Hlfebitten des Reisenden ein letzter schner Nachhall alter Vter-Sitte,
der zufolge des Gastes Einkehr ein Segen des Herrn war. Cecile erkannte es nicht
fr das, aber sie trat unbedenklich in die einfachen Menschenrechte zurck, da
wo einfache menschliche Bedrftigkeit sie berwltigte. Warum wendet ihr euch
nicht an's Kirchspiel? fragte ich weiter. - An das Kirchspiel? an die
Armenbchse? Gott wird mich ja davor behten! Kirchspiel! Nein, nein! wie gro
unsre Noth ist, dahin wird sie uns nicht treiben. - Thrnen drangen aus ihren
Augen, sie herzte ihr Kind und rief: Du gutes liebes Thierchen2! eher soll es
dir und deiner Mutter an Dach und Fach fehlen, ehe sie dir diese Schmach
bereite, inde dein Vater so weit weg ist. - Es kostete mir Mhe, die gute Frau
zu berzeugen, da ich sie nicht beleidigen gewollt, da nach den englischen
Sitten die Untersttzung des Kirchspiels gar nichts Entehrendes hat. Jetzt kam
aber eine Nachbarin und meldete ihr, da so eben ihr Stckchen Tuch in Aufstrich
gebracht werden sollte. - Nun in Gottes Namen! rief sie und brach auf's neue
in Thrnen aus, so mgen sie mich denn in die blose Erde legen! - Die
Pfund-Note will ich nicht anbrechen. - Ihr habt also noch Geld? fragte die
Nachbarin. - Ein Pfund, das Jemmy seiner Mutter bestimmte, und das ich ihr noch
nicht habe schicken knnen. - Ich war zu lang an Reichthum gewhnt gewesen, um
Almosen weise zu verwenden, allein die heldenmthige Entsagung, mit der diese
Frau fremdes Eigenthum ehrte, ri mich hin, ich drngte mich in die
Versteigerungsstube, kaufte das Stckchen Leinwand, brachte es Cecilen zurck
und erinnerte mich erst jetzt, da ich, ohne ihr einen wesentlichen Dienst
geleistet zu haben, ein fr mich hchst empfindliches Opfer gebracht hatte. Die
Zeit, wo ich Beifall gab, wenn eine schne Empfindung meine Seele erhoben hatte,
war vorber, daher legte ich meinem Eifer, Cecilens Wunsch zu befriedigen,
keinen Werth bei; ich htte mit eben dem Gelde ihre Lage wirklich erleichtern
knnen; - und sollte ich das nun versumen? Diese Mutter mit ihrem Sugling auf
den Armen, so fern von ihrer Heimath, schien mir so viel rmer, als ich, da es
mir grausam bednkt htte, ihr nicht zu helfen. - Ich kaufte ihr nothwendigstes
Hausgerth fr sie zurck, verschaffte ihr ein Unterkommen, in dem sie eine
mildere Jahreszeit abwarten konnte, und kam nun so arm nach Hause, da mir nur
krglich noch fr eine Woche Lebensunterhalt brig blieb.
    Ich habe bemerkt, da es nicht die Erinnerung an gute Handlungen ist, die
uns in trben Tagen Muth gibt. Denn wenn wir in ruhigen Stunden unsre besten
Handlungen genau berlegen, so bleibt wohl keine brig, die aus vllig reinen
Beweggrnden geschehen wre, wenn auch im Augenblick selbst ein schner
Enthusiasmus uns erhoben htte. Wenn unsre Weisheit, oder was einerlei ist,
unsre Kraft wankt, so ist ein bedingungsloses Vertrauen in das hchste Wesen,
mit dem Bewutseyn, das Gute gewollt, wenn auch nicht erreicht zu haben, unsre
sicherste Sttze. Das erfuhr ich jetzt in den Tagen, die noch bis zur Ankunft
von Mistri Murray's Antwort auf meinen Brief vergingen, und noch mehr, wie
diese mir sagte, da sie, durch des Capitains wankende Gesundheit gezwungen, ihm
mit ihrer Tochter in ein wrmeres Klima zu folgen, meiner Dienste gar nicht mehr
bedrfe. Sie beklagte meine vergebliche Reise und verwies mich zu weiterer
Befrderung an ihre Schwester, Mistri St. Claire. Anfangs verwarf ich diese
Schutzempfehlung auf das unwilligste; das Andenken des herzlosen Empfangs dieser
Frau war mir noch zu neu; aber was sollte ich thun? Freund- und geldlos, wie ich
war, mute ich meinen Widerwillen bekmpfen und sie nochmals aufsuchen.
Wahrlich, sie hatte sich nicht gendert, und der uerste Grad der Hlflosigkeit
hatte mich wohl zu grerer Nachgiebigkeit entschlossen, aber nicht fhllos
gemacht. Mit eben der unerschtterlichen Theilnahmlosigkeit, wie das vorige Mal,
erklrte sie mir ihre Abneigung, sich meiner anzunehmen, eben so die
Unwahrscheinlichkeit, da es mir gelingen knnte, ein Unterkommen zu finden, und
schlo damit, da, zu meinen Freunden zurckzukehren, fr mich wohl das Beste
seyn wrde. - Wenn das mglich wre, sagte ich, indem mir die Thrnen in die
Augen stiegen, so wrde ich Sie wohl nie mit meinem Besuche beschwert haben. -
Hm! so fehlt es Ihnen wohl an Reisegeld? - Gern htte ich diese bermthige
Frage mit aufwallendem Stolze beantwortet, aber ich war von der Heftigkeit
meiner Empfindungen der Stimme beraubt. - Ich mag fremden Leuten zwar nichts
vorschieen, da aber meine Schwester in die Sache verwickelt ist, so gebe ich
Ihnen hier fnf Pfund, mit denen Sie Ihre Reise bis London bestreiten knnen.
    So lange ber ein Jahr hatte ich nun gearbeitet, meinen Stolz zu
beherrschen, und jedes Mal, da er angegriffen ward, hatte er noch meiner
Vernunft die Herrschaft erschwert. So wie sonst die Zuversicht auf meine
eingebildeten Vorzge mich in meinem thrichten Wahn auf eine hhere Wesenstufe
gestellt hatte, so fhlte ich jetzt dieser fhllosen Frau gegenber mich in der
Wrde meines Unglcks gekrnkt; der Sturm meiner Empfindung brachte mein Blut in
so eine heftige Wallung, da ein heftiges Nasebluten mir vielleicht ein
gefhrlicheres Uebel ersparte. Unfhig zu jeder Ueberlegung, eilte ich aus
Mistri St. Clairens Zimmer und kam erst in der freien Luft wieder zur Besinnung
zurck. Die gutmthige Neugier des Edinburger Volks setzte mich in eine neue
Verwirrung: Mnner und Weiber versammelten sich zahlreich um mich, boten mir
Hlfe an und thaten Fragen ber die vermuthliche Ursache meines Zufalls. Ich
flchtete in den einzigen sich in der Nhe befindlichen Laden und eilte, sobald
sich die Menge verlaufen hatte, nach Hause. Es bedurfte nur des gleichern
Schlags meines gengsteten Herzens, um mir die Unziemlichkeit, ja das Unrecht
meines Betragens einsehen zu lassen. Ich behandelte mich selbst wie ein krankes
Kind, dem man die Veranlassung, sich zu schaden, ganz aus dem Weg rumt; ich
drngte alle meine persnlichen Empfindungen jetzt zurck und fragte mich ganz
einfach, ob, die Widrigkeit ihrer uern Erscheinung abgerechnet, Mistri St.
Claire meine Vorwrfe denn wirklich verdiene. Sie, die ich fr eine fhllose
Frau hielt, hatte die gemeine Pflicht der Menschlichkeit gegen mich erfllt, ich
aber, die nach einer hhern Bildung strebte, hatte das Beispiel unsers
erhabensten Lehrers sehr schlecht gegen sie beobachtet. Gedemthigt in meinen
Augen durch meine Schuld, nicht durch Mistri St. Clairens Mihandlung, eilte
ich den Schritt zu thun, den Menschenliebe und Klugheit gebot; ich entschuldigte
in einigen Zeilen an Mistri Murray's Schwester mein strrisches Betragen,
begrndete aber die verweigerte Annahme ihres Geschenks auf eine Art, die nicht
ganz von dem Gefhl frei war, das meinen Busen in ihrer Gegenwart geschwellt
hatte - doch das rachschtig bittre Gefhl, das mich in jenem Augenblick
emprte, war aus meiner Seele gewichen. Ist nun einer und der andre unter meinen
Lesern, der in diesem Wechsel der Empfindung noch keine Selbstherrschaft in
meinem Urtheil ber Mistri St. Claire, keine evangelische Milde erkennen will,
den warne ich, da er durch berlegnere Siege ber sein individuelles Gefhl
nicht in geistigen Hochmuth, durch vorgebliche Feindesliebe nicht zu
heuchlerischer Bemntelung seiner innern Gehssigkeit hingerissen werde.
    Da es nun durchaus nothwendig geworden war, Mittel zu meinem Lebensunterhalt
zu suchen, so beschftigte ich mich mit der Verfertigung einiger artigen
Kleinigkeiten, wie ich sie whrend meines Aufenthalts bei Mi Mortimer, zwar mit
wenig Vortheil, aber doch mit einigem Erwerb verkauft hatte; allein leider war
damals in Edinburg noch keine Verkaufsanstalt fr weibliche Betriebsamkeit
erffnet. Jetzt verlie mich mein froher Muth. Ich zweifelte keinen Augenblick
an Gottes Frsorge, ich rief mir die Gelegenheiten zurck, wo sie mich aus
drohenden Uebeln errettet hatte, aber mein Kopf schmerzte mir von vergeblichem
Sinnen, auf welchem Wege Auskunft aus meinem Elend zu finden sey, bis
Thrnenstrme seine Spannung erleichterten. In einem solchen Augenblick hrte
ich eines Morgens Herrn Murray bei meinen Hausleuten nach mir fragen. Es waren
nun Wochen vergangen, ohne da der Anblick eines theilnehmenden Wesens mich
erinnert hatte, mein Wohl oder Wehe knne noch irgend Jemandes Aufmerksamkeit
erregen; eben so lange hatte ich den Austausch vernnftiger Gedanken, ja den
Laut gebildeter Stimmen entbehrt. Mit klopfendem Herzen zwang ich mich demnach,
das meiner Hausfrau gegebne Gebot, diesen jungen Mann abzuweisen, erfllen zu
lassen; aber freilich empfand ich dabei einen Kummer, den der Gegenstand an und
fr sich selbst nicht hervorrief und nicht verdiente. Indem ich, meine Gedanken
zu zerstreuen, trostlos in meinem kleinen Zimmer umherschaute, erblickte ich
mein eignes Bild in dem kleinen Glase, das ber meiner einzigen Wschcommode
hing: es zeigte mir eine so zerschlagne Geistergestalt, da ich froh war, nicht
so vor meines Bewunderers Augen erschienen zu seyn. Jedes junge Geschpf, das,
einst blhend und bewundert, durch frhes Unglck sich vor der Zeit verblhen
sah, kann wohl nicht dem bittersten Schmerz entgehen; aber mir, die ehemals in
dieser Bewundrung ihr ganzes Glck gefunden, mir, deren Gefhle, so lange in
eiteln Bestrebungen unangeregt geblieben, jetzt erst sich zur edlern Thtigkeit
entwickelten, mir war's vielleicht zu verzeihen, wenn ich meine erloschnen
Augen, meine erblaten Wangen fr einen grausamen Raub ansah, den das Schicksal
an mir beging.
    Das einzige menschliche Wesen, das ich jetzt zuweilen aufsuchte, war Cecile
Graham mit ihren blhenden Kindern. Wie ich den Ekel vor der Unordnung und dem
Schmuz ihrer Wohnung berwunden hatte, fand ich bei ihr so viel Zeitvertreib,
wie in den meisten zierlichen Gesellschaften. Ich studirte den Menschen in ihr.
Sie war ein Gemisch von gesunder Vernunft und Aberglauben, augenblicklichem
Geize und herzlicher Freigebigkeit, scharfsinnigem Beobachtungsgeist und
romantischer Fantasie. Alles, was sie sah und hrte, erinnerte sie an eine alte
Begebenheit irgend eines tapfern Grahams, oder an die Einwirkung eines
Gespenstes oder einer Elfe. Das Andenken an Maitland, dem mancher meiner
Augenblicke geweiht war, brachte mich auf den Gedanken, von Cecile die Gaelische
Mundart zu erlernen. Mich selbst verspottend, dachte ich mir seine
Ueberraschung, wenn ich ihn einst wiedershe und ihn in seiner Landessprache -
von der ich freilich nicht wute, ob er sie noch verstehe - begren knnte.
Inde Cecile an ihrem Spinnrade sa, lie ich mir alle mglichen Gegenstnde von
ihr benennen und schrieb mit einem ungeheuern Aufwand von Selbstlautern die
Aussprache auf. Cecile, welche keinen Begriff hatte, da eine Arbeit ihren Lohn
in sich selbst haben knnte, war sehr neugierig, meine Absicht bei dieser
Anstrengung zu erfahren; doch fragte sie mich nicht unmittelbar darum, sondern
suchte mich durch Umschweife auszufragen. Sie wollen wohl selbst in's Hochland
gehen? fragte sie mich einst mit ihrem hellen durchdringenden Blick. Ich
versicherte sie, das falle mir nicht ein. Sie knnten einen braven Mann nehmen,
der Sie dahin brchte, sagte Cecile weiter und setzte mit einer Andacht, als
habe sie mir die hchste irdische Glckseligkeit gewnscht, hinzu: und das gebe
Gott! - Ich danke, Cecile, ich habe aber keine Aussicht dazu. - Das knnen
Sie nicht sagen. War doch Lady Eredine selbst - mit Erlaub - nichts Bessers, als
eine Sdlnderin. - Ich mute lachen, denn Cecile sagte ihr Erlaub nur, wenn
sie etwas Unanstndiges zu entschuldigen zu haben glaubte. - Wie kam der Lord
zu so einer Frau? fragte ich. - Es war des Himmels Wille: er konnte, sie nicht
lassen, und Herrn Kenneth ist's, wenn er leben bleibt, wie's Gott gefallen mge!
auch vorbehalten, eine Landsmnnin von Ihnen zu freien. - Habt Ihr Ahnungen,
Cecile, da Ihr wit, was Herrn Kenneth bevorsteht? - Nein, Lady, ich sah nie
etwas Ungewhnliches; aber wir haben in unsrer Gegend einen Spruch, der sagt:
Eine Rehkuh, die aus der Fremde kam, das beste Lager in Glen Eredine nahm, und
der weiseste Mann in Killifoildich, und das ist Donald Macjan, sagte mir, die
schnste Sachsen-Blume wrde in der Halle von Castell Eredine grnen und
blhen. - Das ist eine hbsche Weissagung. Da sollte ich lieber gleich nach
Eredine gehen, mein Glck zu versuchen. - Darber ist gar nicht zu lachen,
fuhr Cecile ernsthaft fort. Niemand wei, wo ihm sein Glck blhen wird. Herr
Henry selbst knnte Sie whlen, wenn er wte, welche gute Dame Sie sind. -
Dieser Herr Heinrich aber war Cecilens Held; sie rumte zwar Herrn Kenneth, als
dem ltesten Sohn, die erste Stelle in ihrer Ehrerbietung ein, allein ihre
herzliche Liebe war Heinrich geweiht. Sie hatte mir so viel von ihm, seiner
frhlichen Kindheit, seinem Muth, seiner Abhrtung auf Jagd, bei Seestrmen und
allen Gefahren erzhlt, da er mir wie ein alter Bekannter vorkam, und ich, auf
Cecilens Wort, alles Gute und Groe von ihm erwartete. Allein dieser ihr Abgott
besuchte seine Heimath nur zufllig und verstohlen. Die Ursache, warum ein
Bergschotte, dem das Feuer seines eignen Heerdes flammte, dem ein betagter Vater
jedesmal mit Sehnsucht entgegen sah, in der Fremde lebte, wollte mir Cecile
anfangs nicht deutlich erzhlen; wie sie aber meine Theilnahme an ihrem jungen
Laird gehrig erprobt zu haben glaubte, gab sie mir folgenden Bericht.
    In der Michaelsmesse mag es gegen zwanzig Jahr seyn, erzhlte sie, als
Leute vom Clan Alpine, der, mit Erlaub, nicht viel taugte, die Khe von Glen
Eredine hinwegtrieben, alle, sogar Lady Eredines eigne Kuh, die nach der Lady
selbst Lady Eredine hie. Sie knnen denken, ob die Erediner das ruhig mit
ansahen. Herr Kenneth hielt sich des Studirens wegen in der Stadt auf, deshalb
war's nicht seine Schuld, da er nicht fr uns focht, aber Herr Henry, er sollte
eben auch dahin abgehen, der bat so lange und so dringend, da ihm der Lord
endlich seinen Willen lie. Donald Macjan stand beim Abschied zunchst an des
Lairds Lehnstuhl: Knabe, sagte er und legte seine Hand auf Henry's Kopf, du
wirst Glen Eredine keine Schande machen und nicht mit leeren Hnden heimkehren.
Dabei wandte er Donald einen Blick zu, als wollte er sagen: Du bleibst ihm zur
Seite; und Donald sagte mir, ihm habe sein Herz hoch geschlagen, und er habe
gedacht: zu kleinen Stckchen sollen sie mich hacken, ehe ich einen Zoll von ihm
weiche. - Da zogen sie aus: Donald und noch drei, weil Herr Henry sagte, er
wolle nur, was er brauche, denn so klug war er, wenn gleich fast noch ein Kind.
Er zog nun der Spur des Viehes nach, durch Moor und Haide, wie ein gemachter
Mann nur gekonnt htte. Augen hatte er, wie ein Adler, und machte den ganzen Tag
keine Rast, auch nur, um einen Bissen Brod in den Mund zu stecken, obschon seine
Zhne damals lnger waren, wie sein Bart; Nachts wickelte er sich in seinen
Plaid und legte sich mit den Andern auf den Boden, wie es mancher wackre Laird
that, als die Gasthfe und Kutschen und dergleichen Htscheleien noch nicht
Sitte waren.
    Gut; frh war er vor den Rehen schon wach, und wie er beim Morgendmmern von
Bouoghrin herabsteigt, sind die Erediner Khe, Lady Eredine an ihrer Spitze, das
Erste, was er sieht. Neil Roy, Calum Dubh und ein paar Andre, die, mit Erlaub,
eben so wenig nutz waren, hteten sie, und mancher Andre mochte etwa in den
Bschen versteckt seyn. Damals waren's ble Zeiten. Die rothen Soldaten waren
kurz vorher eingebrochen und hatten unsern Mnnern ihre Wehren genommen, so da
der, welcher geboren war, Schwerter, Schilde und Dolche zu besitzen, genug, um
den ganzen Glen Eredine zu bewaffnen, keine Waffe in seiner Hand hielt, als den
Haselstock, den er von seiner Hecke geschnitten. Aber ein Graham, Lady, packt
seinen Feind, wenn ihm der Tod auch schon die Finger lhmt. Herr Heinrich stand,
wie's ihm zukam, vornan und gebot Neil Roy, das Vieh friedlich wieder
herauszugeben. Aber dieser Schelm, mit Erlaub, war so frech, des Lairds Sohn zu
antworten, was er genommen htte, wolle er behalten. - Wenn Du's im Stande bist!
sagte Herr Heinrich, und Neil schlug vor, es sollten die fnf Erediner sich fnf
seiner Leute aussuchen und mit ihnen kmpfen. Topp! rief Herr Heinrich, ich
whle Dich, und Schmach dem Erediner, der nicht den strksten Feind whlt! - O
Lady, wenn Sie hrten, was Donald von diesem Kampf sagt, das Blut wrde in Ihren
Adern erstarren! Herr Heinrich hielt sich so tapfer, da Neil, ungeduldig, dem
Ding gar kein Ende zu sehen, seinen Dolch zog, um ihn in unsers lieben Lammes
gutes Herz zu stoen; doch er fuhr ihm nur ganz leicht in den Arm. Wie aber
Donald ihn bluten sah, lie er seinen Gegner, sprang dem Neil an die Kehle und
wrgte ihn mit beiden Hnden, bis er den Dolch fallen lie, wobei Calum Dubh
immer auf ihn losschlug, wie auf eine Korngarbe; allein daran kehrte Donald sich
nicht, bis Herr Heinrich aus Edelmuth ihm befahl, ihn loszulassen, wobei er ihm
mit eigner Hand vom Boden aufhalf und den Dolch so weit fort in die Haide
hineinwarf, da ihn niemand mehr fand. Die beiden andern Alpiner lagen am Boden,
die Erediner hatten also gewonnen und eilten zu dem Vieh. Der eine rief: Lady
Eredine! der andre: Duh Voiach (schwarze Schne), und die guten Thiere erkannten
ihre Stimmen und sprangen ihnen nach. Aber Herr Henry suchte zuerst Janet
Donalachs Kuh heraus, weil sie einer Wittwe gehrte und vier Kinderchen von ihr
ernhrt wurden, aber alle andre kamen auch nach Haus, Huf und Horn, wie Herr
Heinrich zugesagt hatte, und keiner der Alpiner durfte sich rhren, denn Neil
hatte versprochen, nur fnf gegen fnf sollten kmpfen.
    Aber, Cecile, was hat denn das mit Herrn Heinrichs Verbannung aus der
Heimath zu thun? - Das? ei nun! die Sdlands-Sherifs, die sich in alles
mischen zu mssen glauben, so da sie den Distelflocken nachspren, wohin sie
der Wind trgt, meinten, da es auch zu ihrem Amt gehre, zu fragen, warum die
Alpiner mit Glen Eredine gefochten. Da muten die rothen Soldaten Neil Roy und
Calum Dubh beim Kopf nehmen, und die wurden auf Stirling Castle gebracht, und
nun hie es, man wrde Herrn Heinrich auch abholen. Lady Eredine hatte aber
immer gewnscht, dieser solle fremde Lnder bereisen; da lag sie dem Lord so
lange an, bis er es erlaubte. Um nun nicht schwren zu mssen und damit
Menschenleben zu wagen, verlie Herr Heinrich lieber Freunde und Mitgeborne und
Alle, die gern den Boden gekt htten, wo sein Fu geschritten. O wehe mir!
entweder erinnre ich mich noch des Tags, oder ich habe mir's so lange erzhlen
lassen, bis mir zu Sinn geworden ist, als htte ich's gesehen: denn mir ist's,
als wte ich's noch, wie meine Mutter mich auf ihre Arme nahm und das Thal
hinab ihn begleitete; Jung und Alt ging mit ihm, und der Pfeifer voraus spielte
das Klaglied. Keiner konnte sprechen, meine Mutter konnte ihm kein Lebewohl
sagen, sie ging und ging, bis sie nicht mehr fortkonnte, und dann sah sie ihm
nach und segnete ihn und weinte. Und die Suglinge, die diesen Tag auf den Armen
getragen wurden, waren, wie er das erste Mal wieder nach Glen Eredine
zurckkehrte, schon auf den Beinen und liefen ihm auf eben dem Wege mit
Freuderuf entgegen. - Was ward denn mit den beiden Gefangenen? - Loslassen
muten sie die. Meinen Sie, ein echter Schotte wrde schwren, damit ein
Sdlnder-Sherif sein Mthchen khlen mge? Zwei Erediner versteckten sich
lange, um dem Zeugni zu entgehen, Donald und Duncan Bane antworteten so listig,
da der Sdlnder nichts daraus machen konnte. Da ward Neil frei, und in
derselben Nacht - was aber, wie Donald sagte, kein wackrer Erediner gutheien
konnte, - trieb er vier von des Sherifs eignen Khen in Glen Eredines Triften,
um Herrn Heinrich damit zu ehren, aber der alte Laird schickte sie zurck, als
haben sie sich allein dahin verlaufen.
    Diese Erzhlung und zwanzig andre, in welchen Herr Henry immer als Held
auftrat, vermehrten meine Theilnahme an einem Volksstamm, dessen Charakter durch
zwanzigjhrige Unterdrckung seine Hauptzge noch beibehalten hatte. Man entri
ihm seine Volkstracht, man nahm ihm seine Waffen, die ihm als Schmuck und Wehr
gleich theuer waren, - ist es zu verwundern, wenn diese beeintrchtigten
Menschen ihre Sicherheit in der Flucht, ihre Strke im Betrug suchten?
    Doch der sorgenvolle Arme ist selten sehr neugierig, und wie theilnehmend
ich auch Cecilens Geschichte anhrte, war mein Geist doch noch lebhafter mit der
mir drohenden Noth beschftigt. Ich hatte schon eine, fr meine gnzlich
erschpfte Baarschaft, sehr ansehnliche Summe daran gewendet, in ffentlichen
Blttern meine Dienste als Lehrerin der Jugend anzubieten. Wahrscheinlich
schenkten die Edinburger einer unbekannten Fremden kein Vertrauen. Mein Versuch
blieb ohne Erfolg; nun entschlo ich mich zu dem schwersten Schritt, zu dem bis
jetzt die Noth mich genthigt, ich sammelte mir aus den Zeitungen die Anzeige
der verschiednen weiblichen Lehranstalten der Stadt und ging eines Morgens im
kalten Winterfroste aus, von Haus zu Haus meine Dienste anzubieten. In dem einen
waren die Lehrerinnen schon berzhlig, in einem andern bestellte man mich auf
ein ander Mal, in einem dritten nahm man keine so jungen Lehrerinnen an, und so
kam ich nach einer langen Wanderung hungrig und erfroren in mein des Zimmer
zurck, wo ich bei der Gluth meiner letzten Kohlen und einem rmlichen Mahl Gott
anflehte, mir den Dank fr die Wohlthat zu lehren, da ich heute noch nicht ohne
Feuerung, nicht ohne Nahrung sey. O das ist ein gewaltsamer Zustand, der von
wahrer Ergebung noch fern ist! - Aber das junge Leben, das noch auf tausend
Wegen zum Glck gelangen zu knnen sich bewut ist, kmpft mit allen Krften
gegen den Gedanken, nur zur Entsagung bestimmt zu seyn. Im Alter ist das
leichter, da verlieren sich die Wege einer nach dem andern, und der einzige
letzte, den wir noch wallen mssen, fhrt sicher zum Ziele. Schon hatte ich
durch Cecilens Beihlfe in der grten Heimlichkeit einige meiner aus London
mitgebrachten Kleidungsstcke verkaufen lassen, um meiner Hausfrau ihre Miethe
zu bezahlen, und berechnete ngstlich die Zeit der abnehmenden Winterklte, um
dann irgendwo in einem Landstdtchen bei einer ehrbaren Familie die huslichen
Dienste zu bernehmen; eine Aufgabe, zu der ich in der rauhen Jahreszeit bei
meinen bisherigen Gewohnheiten die physische Mglichkeit nicht einsah. Unter
diesen Umstnden kam eines Morgens meine Hausfrau zu mir herein, setzte sich
ohne Rcksichten, denn zu diesen hielt sie sich gegen ihre arme Hausgenossin
nicht verpflichtet, recht breit auf einen Sessel und erklrte mir, sie habe
gehrt, da ich eigentlich in der Absicht ins Land gekommen sey, in einem
reichen Hause Erzieherin zu werden; nun habe sie eine Schwester, die als
Stubenmdchen bei Mistri Boswell diene, einer so reichen Dame, wie nur eine;
der habe sie meine artige Person und sittsames Wesen gerhmt und die saubern
Arbeiten, die sie mich machen gesehen, und die habe mich ihrer Herrschaft
vorgeschlagen, um Mi Jessy, ihr elfjhriges Tchterchen, zu erziehen. Mistri
Boswell sey auch nicht ganz abgeneigt, und so sollte ich doch ja unverzglich
nach George Square gehen, mein Glck zu versuchen. Also einer solchen
Empfehlung sollte ich meine Versorgung endlich zu verdanken haben? dachte ich
mit schmerzlichem Lcheln. Das ist der Lohn des stolzen Sinnes, der sich lieber
in die unfreundliche Fremde begab, als Gefahr laufen wollte, in seiner Heimath
vor den Augen seiner Bekannten dienstbar zu werden! Doch diesen Betrachtungen
nachzuhngen, hatte ich nicht Zeit; ich sah die Nothwendigkeit, die sich mir
darbietende Aussicht zu verfolgen, und machte mich unverzglich nach George
Square auf den Weg.
    Es war noch bei guter Zeit, ich hatte mein rmliches Frhstck eben erst
genossen, meine eigne Einsicht htte mich belehren sollen, da die reiche Frau
noch im Bette seyn wrde. Dennoch kehrte ich bei dem Bescheid, um ein Uhr
wiederzukommen, mit gesunknem Muth nach Hause zurck. Um ein Uhr erhielt ich
denn wirklich Zutritt. Man fhrte mich in ein artig aufgeputztes Zimmer, wo mich
Mistri Boswell, halb sitzend halb liegend, auf einem zierlichen Sopha empfing.
Ein mageres, eckiges Gesicht, mit einer aufgestlpten Nase und schwarzen Augen,
machte, da sie auf den ersten Blick gescheidt aussah, allein ihr gerade
eingeschnittner Mund, ihre borstigen Augenbraunen, ihre niedrige, gedrckte
Stirn zeigten beim zweiten den Irrthum. Sie vertrieb sich mit ihrer Tochter,
einem schnen lockigen Kinde, die Zeit vor einem groen Schmuckkstchen, aus dem
sie Armbnder, Halsketten, Ringe hervornahm und sich und die Kleine so damit
behing, da sie wie Sdseeinsel- Prinzessinnen aussahen. An der
Wohlgeflligkeit, mit der sie sich in dem seitwrts hngenden Spiegel beschaute,
war es sichtbar, da diese Beschftigung zu ihrer sowohl wie zu Jessy's Kurzweil
gereichte. Ich stellte mich ihr bescheiden als die Person vor, welche ihr als
Erzieherin ihrer Tochter empfohlen sey. Sie stand nicht auf, beantwortete auch
meine Rede nur mit einer Verziehung des Mundes, die sie fr ein Lcheln hielt,
wovon jene aber auch nicht die fernste Aehnlichkeit hatte: es war eine
Verlngerung der Mundwinkel, von welcher Herz und Auge keine Notiz nahmen. Nach
einer ziemlichen Pause sagte sie zu dem Kinde: Jessy, meine Liebe, geh zur
Campel und sage ihr, sie soll mir mein Riechflschchen suchen, und hilf ihr
dabei. - Nein, nicht ich, rief die Kleine in heulendem Ton, ich wei wohl,
da Du dein Riechflschchen nicht brauchst, Du willst mich nur fortschicken, um
wegen der garstigen Hofmeisterin zu sprechen. - Nicht doch, Herzchen! geh nur!
ich nehme Dich auch mit mir in der Kutsche spazieren, und wir kaufen eine neue
Puppe, eine groe groe mit blauen Augen. - Du hast mir schon einmal eine
versprochen, wenn ich das O schriebe und hast sie mir doch nicht gegeben. Jetzt
wirst Du's eben so wenig thun. - Da ist mir gut in die Hnde gearbeitet, dachte
ich. Mutter und Kind stritten sich fort, bis Letzteres seinen Willen behielt und
die Mutter mir, nun in Jessy's Gegenwart, meine Geschicklichkeit abfragte. Das
Pianoforte, Singen, alle Wissenschaften zusammen sollten gelehrt werden; mir
ward aber, ehe der Katalog zu Ende war, die Antwort erspart, denn Jessy, die
mich von allen Seiten betrachtet hatte, fragte: Sie sind doch nicht selbst die
Hofmeisterin? oder ja? - Ich hoffe es zu werden, liebes Kind. - Ich dachte,
Sie wren ein hliches, grmliches, altes Ding. Sind Sie grmlich? Sie? -
Nein, ich hoffe nicht. - Ei, ich glaube, Sie sind lustig und freundlich. -
Mistri Boswell warf mir einen listigen Blick zu, der ihre Zufriedenheit
ausdrcken sollte. Nun, Liebchen, von der hbschen Lady mchtest Du doch Musik
und allerhand Dinge lernen? sagte sie zur Tochter. - Ich will nichts lernen,
gar nichts; aber spielen soll sie mit mir und mich mit dem garstigen
Buchstabirbuch nicht qulen. - Nun, sie soll Dich nicht qulen. Mi Percy, wie
viel Jahrgeld erwarten Sie? - Das bleibe Ihnen und Herrn Boswell berlassen!
Achtungswrdiger Schutz ist fr mich die erste Rcksicht. - Gewi, Schutz ist
eine wichtige Sache, bemerkte die Dame und schien sich dann lange von dieser
Verstandesanstrengung erholen zu mssen. - Ich hatte whrend dem das Glck,
Jessy's Gunst durch meine Unterhaltung so sehr zu gewinnen, da sie bei ihrer
Mutter nchster Frage: wenn ich meinen neuen Beruf antreten wrde, durchaus von
keinem Aufschub hren wollte, sondern so lange weinte und trotzte, bis ich
denselben Abend noch wiederzukommen versprach.
    Durch ein unglckliches Schicksal nehmen meistens gerade diejenigen
Ehemnner die Zgel des Hausregiments, welche am wenigsten sie zu fhren
geschickt sind. Eine Frau von Grundstzen weist dieses Vorrecht von sich, eine
vernnftige Frau sucht sich die Nothwendigkeit, das Regiment zu fhren, selbst
zu verhehlen. Die innige Liebe des Weibes ist viel beglckter durch
Unterwrfigkeit, als durch Herrschaft; und gegen den berlegnen Geist der Frauen
ist die mnnliche Eifersucht schon hinlnglich bewaffnet. Mistri Boswell ward
durch keine dieser Ursachen verhindert, ihren Mann am Leitseil zu halten. Das
wunderte mich nicht weiter, aber ich konnte lange nicht begreifen, warum sich's
der Gatte gefallen lie, denn er war kein einfltiger Mann. Ich erklrte mir's
endlich als die Folge seines langen Aufenthalts in den Kolonien, wo er, von
aller gebildeten Gesellschaft entfernt, bei wenigen Geschften, gar keinen
literarischen Hlfsquellen, einzig auf den Umgang seiner Frau beschrnkt gewesen
war. Sie hatte dagegen ein Herrschermittel, das im huslichen Leben, obgleich
ganz negativ, so mchtig ist, da ihm, meines Bednkens, noch kein Ehemann
widerstanden hat. Er flieht, oder unterwirft sich. - Sie schmollte mit einer von
mir bis dahin nicht fr mglich gehaltnen Hartnckigkeit, die allen Bitten,
allem Nachgeben widerstand. Auerdem war sie in ihrer ersten Jugend
wahrscheinlich hbsch gewesen - das ist freilich ein vorbergehendes Mittel der
Gewalt, allein ein sehr wenig rhriger Mann macht sich aus der einmal gefaten
Bewunderung seiner Frau eine Gewohnheit, die es ihm bequem ist nicht zu ndern.
Wo aber die Herrschaft fehlschlagen konnte, bediente sich Mistri Boswell der
List: ihr war jedes Mittel willkommen, Kind, Gesinde, ein Jeder, der sich wollte
brauchen lassen, ward gebraucht. Dagegen wendete Kind, Gesinde und wer sich
diese Mhe geben wollte, gegen sie die einzigen Waffen, an denen sie zugnglich
war: Verleumdung und Schmeichelei, und hatte sie nicht eben die Laune,
Festigkeit zeigen zu wollen, so widerstand sie diesen selten. Schon am ersten
Abend, den ich in ihrem Hause verlebte, lernte ich ihre Eigenheiten kennen.
Wollen Sie morgen Jessy ihre erste franzsische Stunde geben? fragte sie mich
mit dem verbindlichsten Lcheln, das sie aufbringen konnte. Ich sollte denken,
meine Theure, sagte Herr Boswell, nicht im Ton eines Oberherrn, wenn es Dir
gefllig wre, mchte es vielleicht besser seyn, das Kind lernte erst seine
Muttersprache. - Die kann sie immer noch lernen antwortete die Dame, indem
ihr Lcheln verschwand. - - Meinst Du aber nicht, sie sollte lieber mit dem
beginnen, was am nothwendigsten ist? - Wir knnen Mi Percy ihre Zeit nicht
mit Englisch lehren verlieren lassen, sagte sie, ohne den Gatten eines Blickes
zu wrdigen. Dieser bedurfte einige Secunden, seinen Muth zu sammeln, dann fing
er mit sanftem Ton an: Ich glaube, Mi Percy wird nie ihre Zeit fr verloren
halten, wenn sie unserm Kinde irgend etwas, das Du ihm ntzlich glaubst, lehrt.
Mistri Boswell drehte alle Ringe an ihren Fingern herum und sagte nach einer
langen Pause, ohne eine Muskel ihres Gesichts zu bewegen: Man braucht das Kind
nur lesen zu hren. - Doch Mi Percy's Sprache und Ausdrcke sind so
unvergleichlich gebildet ... Hier unterbrach er sich, von Anzeichen, die mir
noch unbekannt waren, in Zaum gehalten, und die Dame sprach kein Wort mehr, hob
ihre Augen nicht mehr auf. Endlich, wie ich mich zur Schlafenszeit hinwegbegeben
wollte, sagte ich, im innern Gefhl, da es dem Vater zustehe, ber den
Unterricht seines Kindes zu entscheiden, zu Herrn Boswell: Soll ich morgen mit
Mi Jessy die englische Sprachlehre anfangen? - Wie Sie's fr's Beste halten
... wie es Ihnen gefllt, antwortete er zgernd und warf seiner Frau einen
schchternen, fragenden Blick zu, auf den sie aber keineswegs zu achten
wrdigte. Nun begleitete ich sie bis an ihr Schlafzimmer, wo sie mich zu meiner
Befremdung hineinzog und schnell hinter sich zuschlo, so da Herr Boswell auf
dem Vorplatz zurckblieb. Sie setzte sich bequem nieder und erzhlte mir von
Negersclaven, Goldstaub und Elephantenzhnen. Nach einer Weile bat der Gemahl
sehr freundlich um Einla; sie that gar nicht, als wenn sie ihn hrte. Bei einem
zweiten Gesuch von seiner Seite sagte ich, ihr gute Nacht wnschend: Ich
frchte, Herrn Boswell im Wege zu seyn. - O seyn Sie ruhig! rief sie, den
Kopf schttelnd mit einem listig seyn sollenden Blick. Da sie den Thrschlssel
in ihre Tasche gesteckt hatte, hing ich von ihrer Willkr ab, und sie schwatzte
unbefangen fort, bis der arme Herr Boswell, seiner vergeblichen Bitten mde, von
seinem eignen Schlafzimmer fortging, um in irgend einem andern Gemach eine
Schlafsttte zu suchen. Sobald sie seines endlichen Rckzuges gewi war, schlo
sie mir die Thr auf und wnschte mir eine gute Nacht. Whrend vier Tagen gelang
es Herrn Boswell auf keine Weise, weder Blick noch Wort von ihr zu erlangen. Er
willigte in ihren Unterrichtsplan fr das Kind - ihr Sinn war nicht zu wenden.
Endlich am fnften Morgen gab sie ihm die erste noch sehr mrrische Antwort auf
eine seiner Fragen, und ehe ich mich's versah, war die Vershnung vollendet,
deren Beweggrund von ihrer Seite, wie ich spter erfuhr, Geldbedrfni war. -
Sie machte mich sehr bald bekannt mit vielen ihrer kleinen Knste, den Fehlern
ihres Gatten, den Familienzwistigkeiten, den Mitteln, Mi Jessy zu gngeln,
ihren Mann zu hintergehen, das Gesinde zu belauschen. Ich konnte die
Nothwendigkeit dieser elenden Listen nie begreifen; allein es liegt in jeder
Verstandesbung eine Art von Genu, diese Kniffe aber waren die einzige Art, wie
Mistri Boswell den ihrigen zu ben vermochte. Dieser Charakter flte mir
peinlichen Ekel ein, in einem Grade, den ich kaum zu unterdrcken im Stande war.
Ich glaube, es ist leichter, Beleidigungen zu vergeben, als fortwhrend Milde
gegen einen Menschen zu ben, der unsern Verstand so wie unser moralisches
Gefhl verletzt, und diese Milde ist dennoch nicht weniger eine heilige Pflicht
der besonnenen Menschlichkeit, wie jene. Am wehesten that mir Mistri Boswells
Bsartigkeit dann, wenn sie auf meinen Zgling Einflu ben mute. Aus
Eifersucht ber des Kindes Neigung zu mir, oder vielleicht aus bloser
Gewohnheit, krumme Wege zu gehen, fhrte sie die Kleine zu Heimlichkeiten an,
die der Mutter Thorheit oder des Kindes Einfalt mir immer verriethen. Bald waren
es Vergnstigungen irgend einer Art, die ihr streng verboten wurden, der
Hofmeisterin wissen zu lassen, oder sie lie eine vernachlssigte Aufgabe
heimlich von Jemand anders an des Kindesstelle verrichten; war die Kleine ber
einen von mir erhaltnen Verweis betrbt, so gab sie ihr Zuckerbrod und befahl,
ehe sie mir nahe kme, den Mund wohl auszusplen, damit ich es nicht wahrnhme.
Nur die harte Nothwendigkeit, unter der ich seufzte, konnte mich vermgen, in
diesem Hause zu bleiben. Mein Gefhl emprte sich um so heftiger gegen diese
elenden Kunstgriffe, weil mir mein Zgling sehr lieb ward. Die Tochter so einer
Mutter mute mig, verschlagen, selbstwillig seyn, allein dabei war Jessy
anmuthig, gescheidt und von einer kindlichen Innigkeit, die allen Verkehrtheiten
ihrer Erziehung widerstanden hatte. Dieser letzten Eigenschaft ist nie zu
widerstehen, am wenigsten konnte ich's, die auer diesem Kinde keinen Menschen
hatte, der mir Liebe erwies. Ohne Jessy wre dieses Haus eine Einde fr mich
gewesen. Mit Mistri Boswell war kein Gesprch zu fhren, sie las nicht, sie
beschftigte sich nicht, also fand keine gemeinschaftliche Zeitanwendung
zwischen uns statt; sie dachte nicht, also konnten wir keine Ideen auswechseln;
sie war einzig mit sich beschftigt, es fand also keine Sympathie zwischen uns
statt. Ihre Unart und Laune hatte Freunde und Bekannte von ihrem Tische
gescheucht, nur ein paar arme alte Verwandtinnen, die fr ihre Unterthnigkeit
zum Essen bleiben durften, kamen in's Haus. Herrn Boswells Aufmerksamkeit auch
nur im geringsten Maae auf sich zu ziehen, war, wie ich bald erfuhr, eine
unverzeihliche Unthat - auf diese Weise blieb ich in diesem Hause so fremd, wie
ich den Tag meines Eintritts gewesen war. Welche strenge Schule mute ich
durchwandern! Das einzige Geschpf, an das ich ein vernnftiges Wort richten
konnte, das einzige, fr das ich Liebe empfinden konnte, war ein Kind, das man
nicht meiner Einwirkung berlie; mein Unterhalt hing von einem vllig
verchtlichen Wesen ab - aber ich war jetzt so weit zur Selbsterkenntni
gekommen, da ich fhlte, wie ich gerade durch diese schweren Obliegenheiten am
besten zur Beherrschung meines noch immer aufstrebenden Stolzes gelangen knnte,
und ich wiederholte mir tglich das Versprechen, geduldig abzuwarten, bis die
Vorsehung mir eine trstlichere Aussicht erffnete.
    Der einzige Genu, den ich in meiner rmlichen Einsamkeit gehabt hatte,
meine Besuche bei Cecile Graham, waren mir in meiner neuen Lage unmglich. Jessy
konnte ich nicht mit dahin nehmen, und so lange allein auszugehen, war mir nicht
vergnnt; so ward denn auch mein Erlernen der Gaelischen Sprache aufgegeben, und
ich mute, mit niedergeschlagenem Herzen, dennoch lcheln, da mir darum die
Mglichkeit, Herrn Maitland wiederzusehen, entfernter schien, weil ich dieses
Band zwischen ihm und mir zerreien mute. Endlich einmal an einem Tag, wo
Mistri Boswell Jessy mit sich genommen hatte, um ihr Spielzeug zu kaufen, nahm
ich die Zeit wahr, zu Cecilen zu gehen. Ich fand sie beschftigt, auf dem
einzigen hlzernen Stuhl, den sie besa, Haferkuchen zu kneten, denn ihr Tisch
lag so voll von den verschiedensten Dingen, da sie darauf keinen Platz hatte.
Bei meinem Eintritt warf sie den Teig bei Seite, zog einen zerrinen Strumpf von
einem quer ber die Stube gezognen Strick, stubte damit den Stuhl ab und bat
mich, zu sitzen. Ich entschuldigte mich, da ich sie strte. O das thut gar
nichts! rief sie, ich bin gewi, Sie bringen immer Glck, und ich dachte
schon, ich wrde Sie nie wiedersehen. - Warum besuchtet Ihr mich nicht?
fragte ich. - Ja, Lady, ich war an Ihrer Thr eines Tags, wo man sagte, Sie
wren ausgegangen; ich kam dann zwei oder dreimal wieder hin und setzte mich mit
den Kindern auf die Stufen und meinte immer, Sie sollten aus der Thr treten -
aber es ward mir nicht so gut. - Warum liet Ihr mich nicht rufen? - Liebe
Lady, sagte Cecile mit einem Lcheln stolzer Demuth, die Leute htten Wunder
denken knnen, warum ich Sie sprechen wollte. Aber viel habe ich an Sie gedacht.
Man sagt: des Fremdlings Odem ist kalt; aber gewi, Sie knnen mir glauben, mein
Herz ist fr Sie warm gewesen, seit ich Sie zuerst sah. - Ich glaube es,
Cecile; es gibt nicht viele Herzen, wie das Eure. - Das letzte Mal, wie ich
Euch sah, Lady, wart Ihr bleich wie ein Schneeglckchen, so da ich meinte, es
knne Euch ein bser Blick getroffen haben. - Verdirbt ein bser Blick andrer
Haut, als dessen, der ihn haben mag? fragte ich unglubig. - Ein bser Blick
kann einen Stein spalten, sagt man in Glen Eredine, antwortete mit ernstem
Kopfschtteln Cecile. Wenn Sie es aber annehmen wollten, so htte ich wohl
etwas, das Sie gegen alles Unheil schtzen knnte. Sie suchte nun lange in
ihrem Bettstroh und fand endlich etwas, das ungefhr wie ein Feuerstein aussah.
Wenn Sie dieses in Ihren Unterrocksbund nhen wollen, sagte sie mir ihn
darreichend, kann Niemand Ihnen mehr schaden. - Dank, liebe Cecile! aber wenn
ich Euch den Schatz nehme, kann er Euch ja fehlen. - O mein Herzblttchen!
(Kalb meines Herzens, ist der Gaelische Ausdruck) rief Cecile innig, es ist
meine Pflicht, alles fr Euch zu thun, und gewhrt mir Gott erst, wieder nach
Glen Eredine zu kommen, so werde ich vielleicht mehr knnen. Ich mute
innerlich lachen ber den Stellvertreter der Vorsehung, mit dem mich diese gute
Seele beschenkt hatte, dachte aber doch, da er immer so wirksam, wie jede andre
menschliche Weisheit, zu wirken vermchte; da aber ein Versuch, Cecilens
Aberglauben zu bestreiten, ihr Vertrauen zu mir htte erschttern knnen, nahm
ich ihren Elfen-Pfeil, wie sie den Stein nannte, dankbar auf, und fragte sie
dagegen, wenn sie nach ihrer Heimath abzureisen gedchte. - Ich wei nicht,
antwortete sie seufzend, das Wetter ist klar und schn, und ich sehne mich nach
Haus; aber ... sehen Sie ... ich frchte, es mchte Jemmy nicht lieb seyn, wenn
er mich in Eredine wte. - Wie wre das mglich? - Ich wei nicht,
antwortete sie halb lchelnd und blickte vor sich hin, dann tief seufzend und an
ihrem Schrzenband drehend, sehen Sie, Lady, ich habe einen Freund in Glen
Eredine, ich ... ich ... - Um so besser, Cecile, das kann Euch nicht vom
Nachhausegehen abhalten. - Ja, ich will sagen ... einen Junggesellen, ... den
ich htte freien sollen, wenn es also beschlossen gewesen wre. Nun seufzte sie
wieder. - Sollte Euch Euer Mann nicht trauen, Cecile? - Augenblicklich war
ihre Verlegenheit verschwunden, sie sah mir fest in's Gesicht und sagte: Nein,
Lady, so schlecht werde ich nimmermehr von ihm denken, so verkehrt ist er nicht.
Aber er knnte meinen, dort wrde mir das Herz schwer seyn, so lange er so weit
weg ist - denn leider ist der arme Junge nie mehr recht bei sich, seitdem der
Vater mich dem Jemmy zur Frau gab - ach er will sich nicht abwehren lassen,
immer nach mir zu sehen und mit dem kleinen Kenneth da (ihrem Knaben) zu spielen
und unsre Khe Abends nach Hause zu treiben, und seit der Vater starb, lt er
sich nicht hindern, meiner Mutter den Torf zu stechen, obgleich ich nie mehr ein
Wort zu ihm sprach, weder Gutes noch Bses, seit dem Tag ... - Hier fuhr sie
mit ihrem Aermel ber ihre Augen und setzte dann leise hinzu: Nun, es war
Gottes Wille, und der fhrt alles zum Besten. - Aber wart Ihr denn nicht ein
bischen hartherzig, da Ihr so einen treuen Liebhaber verliet? - O Gott,
Lady, was konnte ich thun? Ich sah wohl, da er nicht fr mich passe. Seine
Eltern sind nur Fremde, mit Erlaub, und ich, wenn ich's gleich selbst sage, bin
mit den besten Familien im Lande verwandt. Da begreifen Sie ja, da es mein
Vater nie zugeben konnte. - Und Ihr gehorchtet Euerm Vater, gute Cecile?
sagte ich, tief beschmt ber das pflichtgeme Betragen dieser ungebildeten
Frau, in Vergleich mit meinem eignen Benehmen. - Ach, Lady, ich war ja sein
Kind, antwortete Cecile, auerdem wute ich, Robert war mir nicht bestimmt;
das wute ich - wohl wute ich das. - Sie wiederholte diesen Satz auf alle
Weise, inde ich ber meinen unseligen Ungehorsam nachsann, denn Cecile htte
lieber zehnmal dasselbe gesagt, als dann, wenn sie die Unterhaltung bernommen,
eine Lcke im Gesprch entstehen zu lassen. Wie erfuhrt Ihr denn, da Robert
Euch nicht zum Gatten bestimmt sey? - Das will ich Ihnen sagen, antwortete
Cecile mit leiserer Stimme, wir haben in Glen Eredine einen Seher, der war sehr
bestrtzt, wie er mich im Geiste ganz deutlich an Jemmy's linker Seite stehen
sah. Zuerst frh, dann immer weiter im Tag hinein - da hatte er keine Ruhe, bis
er es mir gesagt hatte. Wie ich's aber erfuhr, fiel ich vor Schrecken nieder,
als trfe mich ein Blitzstrahl, denn ich verstand wohl, was das bedeute. Aber
wir knnen keiner unserm Loose entgehen. Nicht da ich klagen wollte, denn Jemmy
ist ein guter Gatte, und ich habe es gut bei ihm gehabt. - Das verdientet Ihr,
Cecile. Eine gehorsame Tochter wird stets ein wackres Weib. - Grade das sagte
Mi Graham, wie sie mir das erste Mal das Tuch um den Kopf band (das Abzeichen
der Ehefrauen, welches sie den Morgen nach dem Hochzeittag anlegen). Sie that es
mit eigner Hand; ja wirklich! und wie sie mich schluchzen sah, als stiee es mir
das Herz ab, legte sie mir ihren Arm um den Hals und sagte, als sey ich ihres
Gleichen gewesen: Liebe Cecile! sagte sie. Ach diese zwei Worte waren mir
lieber, als aller Hausrath, den sie mir so reichlich schenkte. Aber anfangs
ging's mir doch hart, und es mochte nie eine betrbtere Hochzeit in Glen Eredine
gefeiert worden seyn, obschon Herr Heinrich selbst Brautfhrer war; denn, sehen
Sie, er ist Jemmy's Milchbruder. - Sie erzhlte mir nun weiter: Herr Heinrich,
den Robert unendlich gedauert, habe ihm, sobald Jemmy's Werbung genehmigt
worden, auf ein entferntes Gut geschickt und durch Auftrge dort festgehalten;
allein in der Unruhe seines Gemths verlie der arme Bursche seinen angewiesnen
Aufenthalt, irrte im Lande umher und kam gerade an Cecilens Hochzeittag nach
Glen Eredine zurck. Cecile war so bewegt bei dieser Erinnrung, da ich nur
durch viele Fragen den Gang der Begebenheit erfuhr. An jenem Hochzeitmorgen
bewirthete die Braut ihre Verwandten mit einem Frhstck, bei welchem der Laird
selbst gegenwrtig war. Das Mahl war reichlich und, nach meiner guten
Bergschottin Meinung, sehr ausgesucht schmackhaft; auf ihn folgte der Tanz, und
Cecile sagte: ich tanzte mit den Uebrigen, wenn mir gleich, mit Erlaub, das
Herz sehr weh that, und ich manchmal dachte: o glte der Tanz doch meinem
Leichenfest3! Darauf kamen die Freunde des Brutigams, ein Haufe frhlicher
Bursche und Mdchen; Cecile begrte sie, bot ihnen Erfrischungen und wendete
sich dann jammervoll ab, wie ein Gefangner, der mit Festigkeit sein
Todesurtheil empfangen hat. Endlich verkndigten Flintenschsse die Ankunft des
Brutigams, und die Braut mute ihm entgegen gehen. Der Wind htte mich
fortwehen knnen wie drres Laub, sagte Cecile, ich war so kraftlos; - aber
Mi Graham untersttzte mich mit ihrem eignen Arm, Jemmy und ich knnten doch
glcklich seyn, sagte sie mit tiefem Seufzer, - aber gewi, der Ort, wo wir
zusammenkamen, war ein Unglcksort. Gerade wo der Weg nach Dorchthalla
hinabfhrt, da wo Kenneth Roy, des Lairds Grovater, etwas sah, dem er zu seinem
Unglck nachging; denn es fhrte ihn ber Felsen hin zu einem furchtbaren
Abgrund, wo er zerschmettert werden mute, und wre er von Eisen gewesen. Nie
scheint die Sonne dahin, wo er niederstrzte, und das Wasser ist schwarz. - Nun
da, an der Stelle bekam uns Jemmy zu Gesicht; da eilte er nun, wie es unsre
Sitte mit sich bringt, auf uns zu, mich zu begren. - - O den Gru vergesse ich
nie! - Cecile schauderte mit Entsetzen im Blick, dann sprach sie weiter: Er
nahm seine Mtze ab, um, mit Erlaub, von meinem Munde zu nehmen, was ihm vorher
noch nie gestattet ward, als, - o, ich werde es nie vergessen! - eine Stimme,
ganz wie wenn es keines Menschen Stimme wr', aus der Hhe herabschallte:
Cecile, Cecile! Und wie ich aufblickte, stand Robert da, wo der Adler sein Nest
baut, und setzte den Fu fest, als wolle er eben herabspringen. - Rettetet Ihr
ihn? rief ich ergriffen. - O Lady, ich htte ihn nicht retten knnen, und wr'
er vor meine Fe niedergesprungen. Ich konnte nur meine Augen bedecken, und
meine Hnde falteten sich so fest, da die Ngel mich blutig rissen. - Gott im
Himmel! rief ich, htte ihn keiner retten knnen? - Keiner hatte Macht,
etwas zu thun, auer Herr Heinrich, der stets bereit ist, das Gute zu thun. Der
rief mit einer Stimme, vor der die Felsen erzitterten, und die ihn ansahen,
bemerkten, wie aus seinen Augen, mit denen er nach Robert aufblickte, das
wirkliche Feuer strahlte und er Robert zurckwinkte. - Und der arme Bursche war
nicht so fhllos, da er seinen Befehl mikannt htte, denn der ist noch nicht
geboren, der ihm widersteht. Und da flog Herr Heinrich um den Berg hinum und
kletterte den Fels hinauf wie ein Reh und beredete Robert, mit ihm in das Schlo
zu kommen, und da behielt er ihn, weil er zur Arbeit nicht mehr zu brauchen war.
Nicht da er widerspnstig wre, auer wenn es ihn gerade befllt. - Da ist ein
Thlchen, wo wir als Kinder Blumenkrnze zu binden pflegten; in dem darf kein
Kind keine Blumen mehr brechen, und seit der Wetterstrahl dort die groe Eiche
zersplitterte, sitzt er manchmal an Sommertagen darunter und nennt sie den armen
Robert.
    Cecilens Erzhlung hatte mich so lange aufgehalten, da ich von meiner
Wanderung etwas spter, wie Mistri Boswell von ihrer Ausfahrt zurckkam,
weshalb diese mich mit einer Menge verfnglicher Fragen wegen meines langen
Auenbleibens heimsuchte. Ich machte sie sehr unbefangen damit bekannt, fand
aber bei ihr keinen rechten Glauben, wie denn Personen, die selbst immer mit
kleinen Mitteln zu ihren kleinen Zwecken umgehen, nicht begreifen knnen, da
Andre weder Vertraute noch Geheimni bedrfen. Wie ich an ihrem bedeutenden
Lcheln wahrnahm, da sie meinen einfachen Worten nicht traute, brach ich mit
Unmuth ab und erregte schon damit einigermaen ihre ble Laune - doch htten
sich diese Wolken vielleicht noch verzogen, aber eine ernstere Veranlassung zum
Unwillen fhrte Jessy durch eine kindische Spielerei herbei. Indem sie in
Gegenwart ihrer beiden Eltern mich liebkoste und mit mir spielte, fiel es ihr
ein, meinen breiten Haarkamm herauszuziehen, wodurch mein damals recht schnes
Haar in reichen Locken und Flechten herabrollte. Vielleicht nur, um die Unart
des kleinen Mdchens zu entschuldigen, drckte Herr Boswell durch einen lauten
Ausruf seine Bewunderung ber diese Lockenflle aus und beging damit wirklich
eine Unfeinheit, da seine Frau gerade in diesem Stck von der Natur besonders
vernachlssigt war. Mistri Boswell erbleichte vor Zorn und rchte sich durch
die Bemerkung, da es mir auch Mhe genug kosten mchte, sie so schn zu
erhalten. Leider gelang es ihr einigermaen; denn dieser Vorwurf, an meinem Haar
zu knsteln, brachte mich so weit auf, da ich lachend versicherte: das sey etwa
das einzig Hbsche an meinem Haar, da es mir gar keine Arbeit koste. Wie ich
das Wort ausgesprochen, fiel mir erst ein, da sie jeden Abend ihrer armen
Kammerfrau ber das Haarwickeln eine bse Stunde machte, und ich wunderte mich
nicht, wie sie, in drohendem Stillschweigen eine ganze Stunde vor sich
hinblickend, ihr Taschentuch zusammendrehte. Zu meiner Befremdung ging aber
dieser Anfall vorber, und sie war den Abend ber gesprchig und freundlich. Am
folgenden Morgen, wie ich nach den Lectionen Jessy um mich her spielen lie,
bemchtigte sich die Kleine einer Scheere und fuhr damit, indem sie meine in's
Gesicht hngenden Locken abschneiden zu wollen schien, so nahe an meinen Augen
hin, da ich sie in meinem gewhnlichen herzlichen Ton bat, dieses gefhrliche
Spiel zu unterlassen. Sie sah mich eine Weile mit sonderbarem Ausdruck an, legte
dann ihre Arme um meinen Nacken und fragte leise: wrde es Ihnen denn wirklich
leid thun, wenn ich Ihnen die niedlichen Lckchen abschnitte? - Das denke
ich! sagte ich lchelnd und setzte in halber Selbstbetrachtung hinzu,
vielleicht mehr, wie die Sache verdient. - Nun so will ich's auch nicht thun,
und wrde mir's zehnmal geheien. - Jessy, um Gottes willen, wer knnte Ihnen
das heien? rief ich, berrascht von der Mglichkeit, die ich im Hintergrunde
erblickte. - Das sage ich nicht, wenn Sie mir nicht versprechen ... Nein,
liebe Jessy, unterbrach ich sie, sagen Sie's mir nicht, wenn Sie Ihr Wort
gaben, zu schweigen, allein versprechen Sie mir, nie wieder so hinterlistig
Schaden zu thun. Ich war von der Gottlosigkeit dieser Behandlung von einer
Mutter gegen ihr eignes Kind so erschttert, da ich mit Thrnen und inniger
Herzlichkeit, ohne mich bei diesem Anla aufzuhalten, die Kleine ber die
Strafbarkeit der Schadenfreude unterrichtete. Da mein Zgling mich noch niemals
in diesem Grade bewegt gesehen hatte, wirkte Mistri Boswells Anschlag ihrer
Absicht ganz entgegen. Statt das Kind von mir abzuwenden, fate ein lebhaftes
Gefhl von Reue in ihr Platz, und es liebte mich von der Stunde an mit doppelter
Herzlichkeit. Ohne den moralischen Abscheu, der mich antrieb, zuerst die Gefahr
des Unrechts von meinem Zgling zu entfernen, htte mich vielleicht meine
Heftigkeit hingerissen, so da ich unverzglich zu Mistri Boswell geeilt wre,
ihr das gefhrliche Beispiel, das sie ihrem Kinde gbe, vorzuwerfen und meinen
Abschied zu fordern; allein die guten Lehren, die ich Jessy gab, verhalfen mir
zu der gehrigen Ruhe, um meinen nchsten Schritt zu bedenken. Ich sah wohl ein,
da mich nicht die Hoffnung, diese Frau zu bessern, ihr Vorwrfe zu machen,
antreiben knnte; einzig das Gefhl von Rechtlichkeit in meinen Obliegenheiten
gegen ihr Kind verband mich, ihr zu sagen: Euer Thun fhrt euer Kind zum
Bsen. Andrerseits war ich mir mit Betrbni bewut, da ich nicht in der Lage
sey, ohne die uerste Nothwendigkeit meine Verhltnisse aufzugeben. Ich hatte
keine andre Zuflucht, als dieses unfreundliche Haus. Mistri Boswell sah keine
Gesellschaft, ich hatte keine Bekanntschaft gemacht, jenseits ihrer Hausthr war
ich heute so verlassen, wie am Tage meiner Ankunft im Lande. Diese Betrachtungen
gaben mir die Fassung, meine Vorstellungen an Mistri Boswell sehr hflich, wenn
gleich sehr ernst einzukleiden. Ihre Wirkung war, wie ich sie vermuthet hatte.
Die moralische Seite der Sache entging ihr ganz, und wie ich ihr bemerklich
machte, da Jessy die Hinterlisten, die sie ihr lehrte, einst gegen sie selbst
gebrauchen knnte, sagte sie sorglos: An meinen Haaren wre mir wenig gelegen;
sind ja ohnehin jetzt Percken in der Mode. Sobald sich Eigensinn mit Dummheit
paart, mu Bosheit daraus hervorgehen, und, diese Ursach und Wirkung bersehend,
suchte ich das Gesprch zu beenden, entschlossen, Jessy, so viel es mein
vereinzelter Einflu erlaubte, sorgfltig zu bilden und ihre Mutter ihrer eignen
Verkehrtheit zu berlassen.
    Vielleicht wre es mir nicht gelungen, diese unangenehme Unterredung so bald
zu beendigen, htte nicht Herrn Boswells Eintritt der Leidenschaftlichkeit der
Dame eine andre Wendung gegeben. Er schien von einem ungewhnlich lebhaften
Interesse bewegt, setzte sich neben seine Gattin auf den Sopha, berhufte sie
mit Schmeicheleien und, wie er glaubte einen gnstigen Eingang gefunden zu
haben, erzhlte er, da er heute einen alten Schulkameraden, den er seit zwanzig
Jahren nicht gesehen, wiedergefunden und rechte Lust htte, mit ihm zu Mittag zu
essen. Mistri Boswell sagte nichts, sah aber verneinend aus; ihr Mann schwieg
eine Weile, dann fing er seine Kriegslisten wieder an, und dieses Mal glckte es
ihm besser, denn er fiel darauf, ihr Morgenhubchen, in dem sie sehr hbsch zu
seyn glaubte, zu bewundern. Sie beglckte ihn mit einem beiflligen Lcheln. Nun
hielt er den Zeitpunct fr gnstig und sagte: Ich mchte recht gern mit dem
armen Tom Hamilton zu Mittag essen! - Lirum, larum. Das stnde mir an!
antwortete sie im Ton einer schnippischen Magd. Wozu braucht es doch wohl das?
- Nun, Liebe! Wir haben uns ja in zwanzig Jahren nicht gesehen und mchten gern
von vergangnen Zeiten sprechen - - ich hab's ihm halb und halb schon zugesagt.
- Thorheit! rief die Lady mit gebietendem Ton. Der arme Eheherr rckte
seufzend seinen Stuhl an's Camin und zeichnete nachdenkend Figuren in die Asche.
Ob diese Beschftigung seinen Muth strkte, wei ich nicht, genug, er sagte nach
einer Weile halb leise zu mir: Wenn Sie meiner Frau Gesellschaft leisten
wollen, habe ich rechte Lust mit meinem Freund zu speisen. - Das thun Sie doch
ja! der Herr fhrt ja den Hausschlssel, wie das alte Sprichwort sagt - und
dabei verfuhr ich freilich nicht mit der Vorsicht, die ich dem Hausfrieden und
meinen Verhltnissen schuldig war; der Unwille ber die unwrdige
Unterwrfigkeit des Eheherrn ri mich hin. Herr Boswell schien den Muth des
Augenblicks benutzen zu wollen, er eilte zum Zimmer hinaus, doch schon drauen
steckte. er den Kopf noch einmal in die Thr und rief mit erknstelter
Heiterkeit: Auf Wiedersehen, Liebste! ich speise mit Hamilton. - Herr
Boswell! rief die Dame mit erblassenden Lippen; aber er war fort, und sie
verfiel in ihr Schmollen, das einige Stunden lang und whrend des Mittagsessens
durch nichts unterbrochen werden konnte. Anfangs hatte ich mich mehrmals bemht,
sie durch Gesprch zu zerstreuen, da ich aber weder Antwort noch Gegenrede von
ihr erhielt, fand ich es bald fr angemener, sie sich selbst zu berlassen und
setzte meine Beschftigungen allein und mit dem Kinde, gerade als sey sie nicht
gegenwrtig, fort. Sie glaubte mich durch allerlei Strung rgern zu knnen,
stie mir das Tintefa um, trat dem armen Fidel auf die Pfote, klapperte,
whrend ich den Flgel spielte, mit Schubladen und Schlsseln. - Statt mich
empfindlich zu zeigen, bewies ich ihr, mit aufbringend guter Laune, da mir
dieses Alles keinen Abbruch thue, und brachte es vielleicht durch diesen
Muthwillen dahin, da sie ihren Racheplan nderte, oder fr's erste ihren Gatten
allein zu dessen Gegenstand ersah. Der arme Mann kam ziemlich spt, und
offenbar, durch andre Mittel noch, als des Schulkameraden Gesellschaft,
aufgeregten Lebensgeistern, nach Hause. Er sagte seiner Frau einen treuherzigen
guten Abend; wie sie ihn aber mit einer sehr unanstndigen, auf sein Aussehen
gegrndeten Bemerkung zurck wies, setzte er sich neben mich, meine
Freundlichkeit auf eine Weise preisend, die Mistri Boswell nothwendig erbittern
mute. Ich sah das voraus und eilte aus dem Zimmer. Aus der wthenden
Heftigkeit, mit welcher ich sie aber beim Herausgehen ihre Schelle anziehen und
gleich darauf Herrn Boswell fluchend von seinem Bedienten in sein Zimmer fhren
hrte, mute ich vermuthen, da der Auftritt zwischen den beiden Eheleuten ein
sehr unangenehmens Ende genommen hatte.
    Mehrere Tage setzte Mistri Boswell ihr Schmollen nun ganz systematisch
fort. Sie blickte nicht auf, nahm an keinem Gesprch Antheil und fgte noch ein
paar andre ungewhnlichere Kunstgriffe hinzu: Sie hielt ihr Taschentuch fleiig
vor die Augen, als suche sie Thrnen zu stillen, und verweigerte jede Speise mit
einem Ausdruck von Ekel, der uns armen gesunden Leuten unsre Elust, als die
roheste Befriedigung eines schlechten Bedrfnisses, vorwarf. Was an ihren
Thrnen sey, erfuhr ich sehr bald; denn da sie bald wahrnahm, da mich ihr Spiel
nicht tuschte, ersparte sie sich die Mhe, es in meiner Gegenwart fortzusetzen
und nahm es nur bei Herrn Boswells Eintritt wieder vor. Ob aber der Zorn nicht
wirklich ihre Elust verdorben, blieb mir eine Zeitlang zweifelhaft. Nach
einigen Tagen, in denen der bengstigte Ehemann jedes Mittel, ihr Rede
abzugewinnen und durch die niedlichsten, ihr heimlich zubereiteten Leckerbissen
ihre Elust zu reizen vergeblich versucht hatte, kam er auf den Einfall, bei
einem Zuckerbcker in eigner Person eine Auswahl der zierlichsten Waaren zu
kaufen. Er kannte seiner Gattin Vorliebe fr solche Nschereien, suchte sie
deshalb, schwer bepackt, mit einigem Selbstvertrauen in ihrem Ankleidezimmer
auf, und neben ihm schlpfte Fidel, weil er mich darin witterte, herein. Mit der
schmeichelhaftesten Einladung hufte der gutmthige Gatte berzuckerte
Pomeranzenschalen, Quittenschnitze und Zuckerbrtchen vor seiner Herrin aus. Ich
war auf dem Punct, ber die groen Kinder, die sich durch Bonbon vershnen
wollten, zu lachen, als Fidel unter einem Tischumhang ein tchtiges Stck
Rinderbraten hervorzog, den die Dame wahrscheinlich bei meinem Eintritt dahin
geflchtet gehabt hatte. Nun vermochte ich nicht mehr das Lachen zu
unterdrcken. Doch die Bosheit des einen, die Schwche des andern Theils war mir
zu verchtlich, um meinen Zgling davon Zeuge seyn zu lassen; ich nahm Jessy bei
der Hand, um sie aus dem Zimmer zu fhren, als ich Mistri Boswell den
Feuerhaken ergreifen sah, um den armen Fidel, der seine Beute auf meinen Befehl
sogleich hatte fahren lassen, damit zu verfolgen. Hier verlie mich meine
Fassung. Ich ergriff ihren Arm und sagte strenge: Mistri Boswell, erniedrigen
Sie sich nicht selbst! - So wthend sie war, wirkte doch meine entschlossene
Bewegung; sie senkte den Arm und lie den Hund unverletzt mit mir das Zimmer
verlassen. Von diesem Augenblick an war aber das arme Thier der Gegenstand ihrer
Verfolgung; sie verjagte ihn, wo er ihr begegnen mochte, und gab mir durch die
Herzlosigkeit, mit der sie ihn aus dem Zimmer stie, manchen Stich ins Herz. In
meinen Verhltnissen ward mir die Nothwendigkeit klar, diesen Gegenstand des
Aergernisses zu entfernen; aber mein Stolz widersetzte sich so gut wie mein
Gefhl, ich fand eine knechtische Nachgiebigkeit darin, meinen treuen
Kindheitsgefhrten einer unbilligen Leidenschaft zu opfern. - Doch bald zog der
arme Fidel selbst sein Schicksal herbei Eines Tags unterstand er sich, vor der
Thr des Ezimmers zu liegen und seine ehrlichen Vorderpfoten der daher
schreitenden Mistri Boswell recht eigentlich zum Opfer zu bieten. Sie benutzte
seine Stellung, trat ihm unbarmherzig auf dieselben, und Fidel bi sie sehr
unsanft ins Bein. Ihr Geschrei bertraf ihren Schmerz und die Wichtigkeit der
Wunde; aber von nun an war ihr Ansuchen, den Hund aus dem Hause zu schaffen,
gerecht, und ich dachte mit widerspenstig schwerem Herzen darauf, mich darein zu
fgen. Ich wute keine Zuflucht fr ihn, wie Cecilens arme Behausung; von ihr
allein konnte ich einige Gte fr meinen alten Gespielen hoffen, wenigstens bis
zu ihrer Abreise ins Hochland war er bei ihr versorgt, und weiter, wie auf die
nchste Zukunft, wagte ich nicht mehr zu denken. Wollte meine jugendliche
Fantasie ihren Flug weiter wagen, so stieg die Erinnerung aller meiner
zertrmmerten Aussichten vor mir auf, und statt zu Planen und Hoffnungen,
schwang sich mein Geist auf ihren Fittigen im Gebet zu dem einzigen Beschtzer,
von dem ich Hlfe zu erwarten hatte, empor. Ich schickte mich den nchsten
Morgen an, meinen armen Liebling zu Cecile Graham zu fhren. Jessy, welche meine
Absicht auszugehen bemerkte, bat, mich begleiten zu drfen, und da ihr
wiederholtes Verlangen nicht bei mir fruchtete, gerieth sie, was ihr jetzt
selten und gegen mich seit langer Zeit gar nicht mehr geschehen war, in einen
der Anflle von lautem Weinen, das ihr die Gewhrung ihrer Bitten, von Seiten
ihrer Mutter, zu verschaffen pflegte. Auch dieses Mal erreichte sie ihren Zweck;
denn obgleich ich Mistri Boswell einige Gegenvorstellungen machte, ertheilte
ihr diese doch die Erlaubni, mit mir zu gehen. Der Mutter stand es zu, ber ihr
Kind zu verfgen, ich war daher im Begriff, mich mit Jessy auf den Weg zu
machen, als mir Fidel, die Veranlassung dieser ganzen Begebenheit, fehlte. Seine
Abwesenheit war so etwas seltnes, da Bediente und Kchin mit mir suchten und
riefen; um aber Jessy's Ungeduld zu vermeiden, beschlo ich fr's erste Cecilen
ihren neuen Kostgnger anzukndigen, worauf sie ihn selbst abholen konnte, und
lie ihn zurck. Bei meiner Ankunft an der Thr meiner guten Hochlnderin ward
ich schmerzlich berrascht, diese offen und die ganze rmliche Wohnung leer und
verdet zu finden. Mir schien es unbegreiflich, wie sie hatte, ohne Abschied von
mir zu nehmen, die Stadt verlassen knnen; es mute mir als einen Beweis ihrer
geringen Anhnglichkeit an mich gelten, weshalb ich mit thrnenden Augen in den
berucherten engen Mauern umhersah, von denen ich mir, wie ich nun glaubte,
flschlich eingebildet hatte, da sie ein, mir ergebnes Wesen bewohnt htte. Um
doch einige Nachricht von Cecilens Schicksal zu erhalten, klopfte ich an die
nchste, auf demselben Gange gelegne Thr. Man antwortete mir nicht; ich ffnete
sie, ward aber von einem so furchtbaren Qualm unreiner Dnste angefallen, da
ich Jessy befahl, auf dem Gange zu warten, bis ich meine Nachfrage gemacht. Ich
trat darauf ins Zimmer; das wenige Licht, welches das mit Lumpen verhangne
Fenster gewhrte, lie mich erst spt ein Bett in einem Winkel erblicken, an
dessen Inhaber, ein junges Weib, ich meine Frage um die Zeit von ihrer Nachbarin
Abreise richtete. Da ich nur ein undeutliches Sthnen zur Antwort erhielt, bewog
mich ein unbedachtes Mitleid nher zu treten, und mit Schrecken bemerkte ich in
der Kranken die irren Blicke, die ngstliche Gesichtsrthe des heftigsten
Fiebers. Ich erinnerte mich, Herrn Boswells Hausarzt von ansteckenden
Nervenfiebern, die unter der rmern Classe hufig wren, sprechen gehrt zu
haben, wendete mich also schnell ab - doch jetzt erblickte ich Jessy, die,
meinem Gebot ungehorsam, mir ins Zimmer nachgefolgt war und mit kindischer
Neugier sich neben mich hindrngte, um die Kranke recht genau ins Auge zu
fassen. Ich zog sie schnell hinweg und rief eine jetzt eintretende Verwandte
oder Wrterin auf den Gang hinaus, um mir ber Cecile Grahams Abreise einige
Nachweisung zu geben. Eigne Noth, wenn sie recht dringend ist, stumpft
ungebildete Menschen fr fremdes Interesse ab. Die Frau wute mir gar nichts von
ihrer Nachbarin zu sagen, als da sie, kurz ehe ihre Base das Fieber bekommen,
abgereist sey. Mit inniger Wehmuth ber Cecilens leichtsinnige Trennung von mir
und bange Sorgen ber die Folgen, welche dieser unvorsichtige Krankenbesuch auf
meinen Zgling haben knnte, eilte ich nach Hause und erffnete sogleich Mistri
Boswell den Vorfall mit der dringenden Bitte, ihren Hausarzt um
Vorkehrungsmittel fr die Kleine zu ersuchen. Ich dachte so wenig an meine eigne
Gefahr, da ich bereit war, den Unwillen der Mutter ber die Gefahr ihres Kindes
unbedingt ber mich ergehen zu lassen; allein zu meinem erstaunen beschftigte
diese sie gar nicht, sondern, nur fr ihre persnliche Sicherheit sorgend,
sprang sie, sobald sie meine Erzhlung vernommen hatte, mich abwehrend zurck,
rief ihrer Kammerfrau, um ihr Essig zum Waschen und Ruchern zu bringen und bat
mich um Gotteswillen, nebst Jessy ihr doch ja nicht zu nahe zu kommen. Eine so
heidnische Aengstlichkeit emprte mein Gefhl; ich verhie ihr, den Rest des
Tags mit ihrer Tochter nicht mehr von meinem Zimmer zu kommen und eilte dahin.
Vor meiner Thr lag Fidele lang ausgestreckt, in sonderbar starrer Stellung.
Verwundert, ihn nicht bei meiner Ankunft frohlocken zu sehen, rief ich seinen
Namen. Er suchte den Kopf aufzuheben, ffnete noch einmal seine geschwollnen
Augen, wedelte mit dem Schwanz und verschied. Seine Stellung, seine vor dem Tod
erstarrten Glieder, die Umstnde, unter denen dieser Vorfall statt fand
verriethen mir dessen Ursach und Urheber. Dennoch suchte ich meine Fassung zu
behalten; ich rief den Kutscher herbei, der beim ersten Anblick des Leichnams
ihm das Vergiftetseyn ansah; ich befragte ihn und die brigen Dienstleute auf
ihr Gewissen, ob ihnen etwas von Fideles Schicksal bekannt sey? Sie versicherten
alle mibilligend, da der Hund Keinem im Wege gewesen und sein Tod wohl mehr
gemeint sey, mich zu krnken, als das arme Thier bei Seite zu schaffen. Diese
allgemeine Meinung vermehrte meine Ueberzeugung von Mistri Boswells
rachschtiger That. Mit der moralischen Ueberzeugung, da es ein Verrath am
Guten sey, eine solche feige Grausamkeit stillschweigend zu dulden, und da die
Abhngigkeit von einer Frau, die verchtlich genug dchte, ihrer Rache ein
unschuldiges Thier zu opfern, schwerer sey wie jedes Loos, das mich treffen
knnte, begab ich mich in Mistri Boswells Zimmer, um ihr meine Denkart ber
diese Handelsweise zu erklren. Es ist eine peinliche Aufgabe, den Seelenzustand
eines schlechten Menschen zu beobachten. - Mich dauerte diese Frau wegen des
Schreckens, der sie bei meiner unbestimmten Anklage ber die Todesart meines
Hundes ergriff. Die Furcht vor der Rge des Unrechts, selbst wenn sie mit gar
keiner Strafe verbunden werden kann, ist wohl die letzte Stimme des Rechts in
des Schuldigen Busen. Ihr Erbleichen, ihre Versicherung, da es niemanden
einfallen knnte, ein unschdliches Thier, das eines Andern Eigenthum sey, zu
tdten, htte mich fast in die Nothwendigkeit gesetzt, meine Sache unausgemacht
zu lassen, als ich beobachtete, da Mistri Boswell mit einer gewissen
Vorstzlichkeit ihr Taschentuch auf ein vor ihr am Boden liegendes Papier fallen
lie und dann es aufzuheben bemht war. Ich kam ihr zuvor, griff aber zugleich
nach dem Papier und las auf den ersten Blick die nach Apothekerart geschriebne
Ueberschrift, Arsenik. - Dieser Beweis einer That, fr die mirs bisher ganz an
materiellen Beweisen gefehlt hatte, benahm mir alle Klugheit, ich warf ihr mit
dem Ausdruck der tiefsten Verachtung den elenden Tod meines Hundes vor und
setzte hinzu, da ich, berzeugt durch mein angestrengtestes Bemhen, ihrem
schlechten Beispiel bei ihrer Tochter nicht entgegen wirken zu knnen, sie bte,
dieselbe wieder aus meinen Hnden zu nehmen und mich zu entlassen. Mit diesen
Worten eilte ich von ihr hinweg.
    Es bedurfte nur weniger Minuten, um mir den Umfang des Opfers, das ich
meinem Gefhl fr Recht gebracht hatte, zu ermessen. Ich besa weder Geld, noch
Freunde, noch die Tchtigkeit harte Dienstarbeit zu verrichten, und das schwere
Loos, was mich erwartete, war nicht Gottes heilige Fhrung, es war die Folge
meines leidenschaftlichen Willens. Meine Ungeduld, Andrer Unart zu tragen,
schlo mich jetzt aus dem letzten Verkehr, das mir noch mit Menschen brig
geblieben war, aus; und indem ich selbst so wenig Duldsamkeit erwiesen hatte,
konnte mein Vertrauen in die meiner Brder nicht gro seyn. So demthigend meine
Selbsterkenntni und so trostlos meine Aussicht war, hielt mich mein stolzer
Sinn dennoch aufrecht. Meine einzige Untersttzung war das erste Quartal meines
Jahrgehalts von Seiten Mistri Boswell; es war jetzt vllig verflossen und ich
konnte an dessen Auszahlung, so gering die Summe auch seyn mochte, nicht
zweifeln. Seit ich es bei meinem ersten Besuch in diesem Hause Mistri Boswell
berlassen hatte, den Lohn meiner Bemhungen zu bestimmen, war dieser Punct nie
mehr erwhnt worden; Schchternheit, Stolz, Nachlssigkeit und Ekel, durch einen
Handlohn meine Knechtschaft zu beurkunden, hatten mich eines um das andre einen
Schritt zu thun verhindert. Jetzt drang die Noth, und ich bat Mistri Boswell
noch an demselben Tag, mit mir zu rechnen. Sie antwortete mit anscheinendem
Befremden: da sie dieses nie fr nthig gehalten, da sie bei meinem Eintritt
in ihr Haus verstanden habe, es sey mir nur um einen anstndigen Schutz zu thun,
und keineswegs gesonnen sey von dieser Ansicht zu weichen. Meine Fehlschlagung
bei dieser Aeuerung war so schmerzlich, mein Unwille so bitter, da ich das
Gesprch fallen lie und den Entschlu fate, Herrn Boswell als Vater und
Hausherr mit meinen Ansprchen bekannt zu machen. Sobald ich ihn zu Hause wute,
begab ich mich in sein Zimmer. Sein Schrecken bei meiner Erffnung war
unbeschreiblich; er sprach von meiner Absicht, seiner Tochter Erziehung
aufzugeben, wie von dem bittersten Unglck, das ihn treffen knnte, und wendete
die dringendsten Bitten an, meinen Entschlu zu ndern. Mit einer Schonung, die
aus seiner angewohnten Furcht vor seiner Gattin entstand, gestand er die
Nothwendigkeit fr Jessy's knftiges Wohl ein, ihr andre Lehren, ein andres
Beispiel, wie das seiner Mutter, vor Augen zu stellen, und, sagte er, nachdem
mich neben meinem brigen harten Loos die Sorge um das Wohl meines Kindes nicht
mehr drckte, athmete ich seit ihrer Geburt zum erstenmal leichter auf, weil ich
sie in Hnden sah, die alle meine Wnsche bertrafen. Ich kann daher um keinen
Preis in Ihr Begehren willigen; ich kann es fr Sie selbst nicht recht heien,
darauf zu bestehen. Ich bestand aber doch darauf. Die zahme Anerkennung seiner
elenden Schwche gegen ein bses Weib emprte mich und bewies mir, wie ich, auf
vterliches Ansehen mich berufen knnend, in keinem Falle hoffen drfte, durch
meine Sorgfalt allein Jessy gegen ihrer Mutter Einflu zu bewahren. Mit groer
Betrbni stand er endlich von seinen Bitten um mein Bleiben ab und versprach
meiner anerkannt gerechten Geldforderung, sobald es ihm mglich sey, ber eine
solche Summe, ohne Zwiespalt mit seiner Frau, zu verfgen, aufs vollstndigste
zu gengen. Doch zu diesem Zweck beschwor er mich, noch einige Tage in seinem
Hause zu verweilen, wobei ich zugleich Mittel finden wrde, selbst mit mehr
Besonnenheit ber meine Zukunft zu verfgen.
    Ach zu diesem so dringenden Geschft blieb mir keine Zeit! nachdem ich die
ersten vier und zwanzig Stunden nach jenem unglcklichen Besuch in Cecilens
verlaner Wohnung in erfolglosem Nachsinnen ber meine Lage zugebracht hatte,
klagte Jessy ber Kopfweh und Schmerz in allen Gliedern; gegen den Abend brannte
ihr Kpfchen in trockner Gluth, und noch einmal vier und zwanzig Stunden, so
hatte sich das gefhrlichste Nervenfieber, als Folge der Ansteckung an dem Bette
des armen Weibes erklrt. Mistri Boswell gerieth in eine Angst, die an
Verrcktheit grenzte. Sie berief alles, was sie von Aerzten erfragen konnte,
lie Wahrsagerinnen kommen, um den Ausgang der Krankheit zu ersphen,
Segensprecherinnen, um ihr Zimmer, die Treppe, die Wege im Haus, welche sie
tglich gehen mute, zu besprechen, allein ihr Kind sah sie nicht wieder; dieses
wurde mit mir und seiner Wrterin in das entlegenste Zimmer gebannt, niemand,
der mit uns verkehrte, durfte ihr nahen, und ihr Gatte erhielt das strengste
Verbot unser Zimmer je zu betreten. Doch das Vatergefhl war in ihm zu mchtig,
um sich solcher herzlosen Vorsicht zu fgen; da es ihm Tags ber nicht vergnnt
war, sich unbemerkt fortzustehlen, brachte er die Hlfte der Nacht an dem
Krankenbett seines Kindes zu und theilte meine Sorgfalt fr sie mit einer
Beharrlichkeit, der ich diesen charakterlosen Mann nicht fhig gehalten htte.
Doch meine kleine Kranke war gleich fhllos gegen seine Zrtlichkeit, wie gegen
seine Sorge; ihre Liebe fr mich schien ihr einzig noch briges Gefhl; auch fr
sie war ihr kein willkrlicher Ausdruck geblieben, doch meine Nhe war es, die
sie ruhig erhielt, meine Stimme, die den dichten Nebel, der ihr Bewutseyn
umfangen hielt, hinlnglich zerstreute, um dann und wann auf ihren Ruf ihr
trbes Auge zu ffnen und ausdruckslos auf mich hinzustarren. Unter diesen
Umstnden war es nicht mehr mglich dieses Haus zu verlassen. Ich kam nicht mehr
von ihrer Seite, und wenn ich, vom Wachen erschpft, einen Augenblick der
Ermattung erlag, ruhte mein Haupt auf demselben Kissen, wie das der halb
entseelten Kranken. Meine Sorgfalt gewann Herrn Boswells Dankbarkeit in einem
Grade, den der traurige Vergleich zwischen der Hingabe einer Fremden und der
selbstschtigen Vorsicht einer Mutter wohl erhhen mute. In einer der Nchte,
wo das Uebel auf dem hchsten Punct schwebte, bewog ich ihn, sich gegen den
Morgen zur Ruh zu begeben; wie er vor der Thr des Zimmers, bis wohin ich unter
der Versicherung, ihm am Morgen sogleich Nachricht von der Kranken zu geben, ihn
begleitet hatte, Abschied nahm, ergriff den sonst schwerflligen Mann das Gefhl
der Verpflichtung, die er mir zu haben glaubte, er fate meine beiden Hnde und,
sie festhaltend, drckte er mit dem Ausruf: Gott lohne Dir frommen Mdchen
deine Liebe! seine Lippen auf meine Stirn. In demselben Augenblick gewahrte ich
Mistri Boswell, die ihres Gatten nchtliche Abwesenheit aus seinem Schlafzimmer
mute wahrgenommen haben und jetzt im nachlssigsten Nachtkleide an der Thr des
Vorzimmers uns belauschte. Erstarrt von Schrecken und Erwartung der kommenden
Dinge, blieb ich stehen; sie aber fuhr wie eine Furie auf uns zu und rief mit
bebenden Lippen: Schn! o schn! nun habe ich genug gesehen! aber ich werde
nicht so thrig seyn dergleichen zu leiden. Nein, das werde ich nicht. - Bei
diesen schimpflichen Worten sah ich mich um Schutz nach Herrn Boswell um, allein
sein unmnnlich furchtsamer Ausdruck ergrimmte mich so, da meine Fassung
zurckkehrte. Mit Stolz und Verachtung rief ich ihr zu: Was wollen Sie nicht
dulden, gndige Frau? Ihre eignen thrigen Trume? Das wrde ich Ihnen rathen.
- Feig und ungeschickt wie sie war, erlosch ihre Heftigkeit vor meiner festen
Rede, allein ihr Gift strmte fort, mit wankender Stimme sagte sie: Ich gedenke
mit Ihnen keine Worte zu wechseln, allein ich bitte Sie, Mi Percy, mein Haus
friedlich zu verlassen und nicht durch Ihr Bleiben andrer Leute Ehemnner ...
Hier verlie mich selbst der Wunsch, gefat zu erscheinen, ich rief mit
erstickter Stimme: Wenn ich nicht frchtete mehr zu sagen, wie einer Christin
geziemt, so wrde ich Ihnen antworten - und mit diesen Worten eilte ich in das
Krankenzimmer zurck, wohin sie, wie ich wute, mir nicht folgen wrde.
    Hier blieb ich in das schmerzlichste Nachdenken vertieft. Mein Gefhl
weigerte sich, eine Stunde lnger in diesem Hause zu bleiben, alles was mich
jenseits desselben erwarten konnte, war mir in Vergleich des Unrechts, was mich
hier getroffen hatte, ertrglich; ich trotzte jedem fernern Geschick, Gott
vertrauend, aber nicht als meinem leitenden Vater, sondern als Bundsgenossen
meines Zorns. Die Gegenwart der Krankenwrterin, die mit hhnischem Spott die
Wuth der leidenschaftlichen Frau belachte, traf wie Pfeile mein Herz, denn ich
begriff, da eine Andre ihres Gleichen eben so ber meine Rolle bei diesem
Vorfall zu lachen sich erfrechen knnte. Die Stelle brannte unter meinen Fen -
aber sollte ich die bleiche Kranke, die vor mir da lag, ein Bild des nahen
Todes, verlassen? Ihr erloschnes Auge fesselte mich, ihr kurzes Athmen hielt
mich zurck. - Ich drngte alle meine persnlichen Empfindungen in mein
schwellendes Herz zurck und beschlo, bis zur Entscheidung von Jessys Schicksal
meinen Platz in ihrem Krankenzimmer nicht zu verlassen. - War es denn reine
Liebe zu Jessy, die mich bewog? - Nein! - diese Liebe war da, und rein, und mehr
wie sie: Liebe fr meine bei ihr bernommene Pflicht. Allein der Trieb, durch
meine heldenmthige Aufopferung Mistri Boswell noch mehr ins Unrecht zu setzen,
wirkte auch, und so hat das Evangelium recht, wenn es zu beten lehrt: Ich bin
ein unntzer Knecht und mangle des Ruhms, den ich haben sollte.
    Der Arzt verkndigte mir noch denselben Tag, da mein Beruf an dem
Krankenbett bald entschieden werden wrde. Er verhie nach den vorhandnen
Anzeichen eine sicher eintretende Krisis, die ber Tod und Leben entscheidend
seyn mute. Ich bat ihn, den Eltern der Kranken diese ngstliche Erwartung zu
ersparen, und versprach ihm, bis diese wichtige Stunde vorber sey, mich keinen
Augenblick von dem Bette des Kindes zu entfernen. Der Tag verging in banger
Stille. Mistri Boswell lie nichts von sich hren, sie mute Mittel gefunden
haben ihren Gatten zu entfernen, denn auch er lie sich nicht im Krankenzimmer
sehen. Ich war froh, auf diese Weise alles Widerspruchs und aller Heftigkeit
berhoben zu seyn; die verdorbne Luft, welche ich nun so lange Zeit athmete,
hatte mein Blut entzndet, meine Glieder waren matt und schwer, meine Augen
wurden vom Licht schmerzlich angegriffen, ich war unruhig und hatte doch mich zu
bewegen keine Kraft. Stndlich nahm mein Uebelbefinden zu. Der Arzt, wie er
seinen Abendbesuch machte, erschrak ber meine wilden Blicke und rieth mir
augenblicklich zur Ruhe zu gehen, allein ich hatte beschlossen erst Jessy's
Schicksal entschieden zu sehen, was dann geschehen wrde, schwebte vor meiner
glhenden Stirn wie ein Bild des ruhigen Grabes.
    Endlich stellte sich die schicksalsvolle Stunde ein. Ein tiefer Schlaf sank
auf die Kranke herab, allmhlig erschlafften die gespannten Zge in zwanglose
Schlaffheit, die Haut, welche die Hitze gedrrt hatte, schien sich auszufllen,
ihre Schmutzfarbe wandelte sich in krankes Wei das aber wieder Leben verrieth,
denn groe Schweitropfen sammelten sich auf dem Antlitz, das keiner Todtenlarve
mehr glich. Kaum athmend, sa ich neben dem Bett und starrte betend dieses
Wunder an. - Betend ohne Sinn, denn mein Kopf, schon von der Krankheit
eingenommen, hatte nur fr die eine Vorstellung: Jessy's Genesung, noch Raum.
Jetzt schlug sie die Augen auf. Matt aber mit liebevollem Ausdruck richtete sich
ihr Blick auf mich, und mein Name, leise gelispelt, war das Pfand ihres
zurckgekehrten Bewutseyns. Kaum nahm ich mir die Zeit, das Kind zu beruhigen,
die Wrterin an ihr Bett zu setzen, dann flog ich zu Herrn Boswell, ihm die
beglckende Nachricht zu bringen. Er war in seinem Ankleidezimmer, ich trat ein
und erzhlte - ich wei nicht wie. - Gott sey Dank! rief er, und vermochte nicht
mehr, sondern brach in Thrnen aus; dann segnete er mich dafr, da ich sein
Kind gerettet, wie er meinte, und dann eilte er mit mir aus dem Zimmer, die
Genesende zu sehen. Bei unserm Austritt aus seiner Thr begegneten wir Mistri
Boswell, die, bleich vor Wuth, sich nicht entbldete, meinen Besuch in ihres
Gatten Zimmer auf das pbelhafteste zu erklren. Ich rief, nicht zornig, aber
erstarrt vor dem Miton zwischen des Vaters Dankgebet und der Mutter Lsterung:
Weib, ich meldete Deinem Gatten, da Gott Euer Kind errettet hat. - Was sie
aber antwortete, vernahm ich nicht, ich verstand nur, da sie mir augenblicklich
ihr Haus zu verlassen gebot. Hier verlie Herrn Boswell die angewohnte
Schlaffheit seines Betragens, um einem Anfall von unwrdiger Heftigkeit Platz zu
machen; er fate seiner Gattin Arm, rief einige donnernde Worte, die ich mir
nicht erinnre, warf sie zur Seite und eilte in der Kranken Gemach. - Die Frau
erregte mein inniges Mitleid, aber meine Krfte sanken so schnell, da ich
nicht, was ich gern wollte, ihr zu sagen im Stande war. Ich gehe, ich gehe,
gleich gehe ich, sprach ich stammelnd, wankte nach meinem Zimmer und sank ohne
Besinnung zu Boden.
    Eine sonderbare Betubung bemchtigte sich nun meiner. Schwarze Schatten,
von blutrothen Lichtstreifen durchkreuzt, schwammen vor meinem Blick,
abscheuliche Gespenster wimmelten um mich her, und eines von ihnen, das
scheulichste, legte seine glhende Hand an meine Stirn. Dann folgte eine dunkle
Hoffnung, da alles nur ein schrecklicher Traum sey, aus dem ich bald erwachen
wrde, ich strebte mich aufzurichten, diesen Traum abzuschtteln - doch
pltzlich sah ich mich am Rand eines Abgrunds liegen und mute froh seyn, mich
fest an die glhenden Felsen schmiegen, jede Bewegung, bei deren geringster ich
nothwendig herabstrzen mute, zu vermeiden. Doch noch einmal war ich mir
bewut, da diese Schrecken nur in Tuschung bestnden. Ich glaubte mein Zimmer
zu erkennen, ich war mir bewut, da es bestimmte Gegenstnde gbe, an die ich
denken sollte; doch, anstatt sie zu finden, drngten Larven und Tne sich um
mich, und der Gedanke, den Verstand verloren zu haben, schnitt furchtbar durch
mein Gehirn. Nach einer Zeit, die ich nicht ermessen konnte, glaubte ich eine
Gestalt sich mir nahen zu sehen, die ich fr meine Mutter oder Mi Mortimer
hielt. Ich rief sie, sie nahte sich mir, ergriff mich aber unsanft, hllte mich
in ein rauhes dunkles Gewand, das ich fr mein Leichentuch hielt, und bergab
mich zwei finstern Gespenstern, die mich auf ein Rad legten, das sich im Wirbel
umherdrehte, bis ich alles Gefhl und Bewutseyn des Schmerzes selbst
verlierend, dem Elend dahingegeben war.
    Der erste Eindruck, von dem ich mir wieder Rechenschaft zu geben vermochte,
war der Ton rauher, miklingender Stimmen, die mich aus einem tiefen, schweren
Schlummer zu wecken schienen. Ich ffnete meine Augen und befand mich in dichter
Finsterni. Mhselig hob ich mein Haupt empor und empfand eine scharfe
Nachtluft, die in ein kleines Fenster zu meinen Fen, doch hoch an der Wand,
hereinstrmte. Die Nacht war dunkel, doch unterschied ich endlich, da es mit
eisernen Gittern verwahrt sey. Bin ich denn in einem Gefngni? fragte ich
mich bestrzt? aber Schwche senkte mein Haupt wieder nieder und ich dachte:
mag es auch ein Gefngni seyn! fr die wenigen Momente, die ich noch zu leben
habe, ist das einerlei. Ich schlo meine Augen und meine noch immer trben
Gedanken erhoben sich sehnsuchtsvoll zu der Welt, die mir in glcklichen Tagen
so fremd war und mit der mich auch die Prfung des Unglcks noch wenig vertraut
gemacht hatte. Nicht lange so vernahm ich eine weibliche Stimme, die im Ton der
sanftesten Klage zu singen begann; dann lebhafter fortfahrend, unglckliche
Liebe besang, bis sie von einer ersterbenden Cadenz zum Gesprchston bergehend,
in unzusammenhngenden Reden die Verwirrung ihrer Begriffe offenbarte, und sich
selbst in die wildeste Heftigkeit hinein schwatzend, in die stille Nacht hinein
rief. Endlich schien der Ton einer fernen Glocke ihre wandernden Gedanken in
einen bestimmten Jammer zusammen zu fassen; denn sie rief ngstlich: sie luten,
sie luten! und verstummte in herzbrechendem Schluchzen. - In einem Tollhaus!
sagte ich mit selbst und mein Blut erstarrte vor Schrecken; aber er dauerte nur
einen Moment. Und wenn auch? jenseits der Pforte an der ich stehe, ist der
Verrckte und der tiefste Philosoph seiner Fesseln entledigt. - O wr ich ihr
wirklich so nahe gewesen dieser Pforte, welche beschmende Rechenschaft htte
ich dem Hausherrn von dem Geschft, das er mir bertragen, geben mssen! Heil,
da seine Welt so gro ist, um jedem Schler Hoffnung zu geben, da er in ihr
irgendwo Raum zur Belehrung, zur Besserung finden werde! Doch in diesem
Augenblick wurden mir diese Betrachtungen nicht klar; mein Geist war mit meinem
Krper so geschwcht, da meine Todeserwartung sehr bald in tiefen, aber dieses
Mal in einen natrlichen Schlaf berging.
    Bei meinem auf ihn folgenden Erwachen, war es heller Tag. Ich konnte nun
meinen Aufenthalt bersehen. Ich befand mich in einer Art von Zelle, eben nur
lang genug fr mein niedriges Bett, die nackten Wnde waren mit zahllosen
albernen Sprchen beschrieben, aber durch sie hin hatte eine meiner
unglcklichen Vorgngerinnen einen Namen, der vielleicht die Veranlassung ihres
Elendes war, in jeder Richtung mit den zrtlichsten Beinamen geschrieben. Nie
kann ich diesen Namen vergessen, so unbekannt mir der blieb, der ihn trug, der
ihn schrieb; denn wenn ich in der erdrckenden Unthtigkeit meiner Einkerkerung
alle diese Sprche hundert Mal gelesen hatte, kehrte meine Aufmerksamkeit auf
ihn zurck. Indem ich noch meine Umgebungen betrachtete, hrte ich einen festen
Schritt meiner Thr nahen, den Schlssel im Schlo sich umwenden, und ein Mann
mit einem strengen dunkelgefrbten Gesicht trat herein. Er bot mir einige Speise
der rmlichsten Art. Mein krankhafter Ekel bewog mich, sie schnell von mir zu
wehren; darauf reichte er mir einen Trank von Milch und Wasser, den ich mit
Begierde verschluckte und soweit es meine Schwche gestattete, dafr dankte. Des
Mannes strenger Blick milderte sich ein wenig. Ihr seyd heute frh etwas
besser? fragte er. - Ich werde es bald seyn, erwiederte ich mit schwachem
Lcheln. Er wendete sich um fortzugehen, als mich der Gedanke ergriff, da ich
nach meiner Auflsung, die ich fr unfehlbar sich nahend ansah, diesem Manne,
vielleicht seinen noch roheren Gehlfen, berlassen seyn knnte; ich bot alle
meine Krfte auf, rief ihn zurck und bat: wenn es mit mir aus ist, so bittet
doch - aus Barmherzigkeit! bittet irgend ein frmmes Frauenzimmer, da sie fr
meinen Leichnam sorge! Ich war von gutem Stande und bin keiner Unanstndigkeit
gewohnt. - Der Mann versprach ohne Schwierigkeit mir zu gengen und ermunterte
mich dadurch noch mehr zu bitten. Ich habe einen Freund, dem mchtet Ihr doch
auch schreiben! - Warum nicht, wie heit er? fragte er eifrig. - Herr
Maitland, der reiche indische Kaufmann. Schreibt ihm Ellen Percy sey hier
gestorben und habe seiner mit Achtung und Dankbarkeit gedacht. - Der Wrter sah
mich einen Augenblick mit Erstaunen an, dann lchelte er unglubig und ging mit
den sorglos ausgesprochnen Worten: ja, ja, ich werde es besorgen aus der
Zelle.
    Meine zitternde Hoffnung, meine freudige Zuversicht eines heran nahenden
Todes, ward diesen ganzen Tag von nichts als dem Eintritt des Wrters, der mir
zu bestimmten Stunden Nahrung brachte, unterbrochen. Eine ruhige Nacht strkte
meine Krfte so merklich, da den folgenden Tag, mit der Mglichkeit zu leben,
auch die Freude am Leben zurckkehrte. Mit dieser Freude ward aber auch das
schreckliche Bewutseyn meiner Lage in mir klar. Ich begriff, da Irrthum oder
Bosheit die Bewutlosigkeit meines, von Jessy geerbten Fiebers fr einen Zustand
angesehen hatte, der mich in die Classe der Unglcklichen, welche diese Anstalt
bewohnten, beigesellen mute. Welche helfende Hand wrde sich aber, wenn Bosheit
mich hier festhielt, meiner erbarmen? Kein lebendes Wesen entbehrte mich von
allen, die mich jemals gekannt; Niemand fand eine Lcke, da wo ich meinen Platz
in der Gesellschaft besessen; wer sollte nach mir forschen? wer an mir, an der
aus den Lebenden ausgestrichnen, Barmherzigkeit ben wollen? - Meine
Unerfahrenheit gab mir keine Mglichkeit an, mir einen Ausgang aus diesem
furchtbaren Aufenthalt zu verschaffen. Monate lang hier zu bleiben, Jahre lang
vielleicht, war ein Gedanke, vor dem ich meinen schwachen Kopf hten mute, denn
er drohte mich den Unglcklichen gleich zu stellen, deren herzzerreiende
Stimmen die Stille der Nacht mir hie und da zutrug. Sobald mein Wrter am
zweiten Tage zu mir eintrat, empfing ich ihn mit der Frage: warum ich mich in
dieser Anstalt, zu der mein Zustand mich keineswegs eigne, befinde? Herr und
Mistri Boswell, sagte ich, wissen beide, da mich das Fieber bei der
Krankenpflege ihrer Tochter befiel. - Ja, ja, das wissen sie, antwortete er
besnftigend. - Warum haben sie mich denn hierher geschickt? - Ja, fr was
halten Sie denn dieses Haus? sagte der Mann nach einigem Nachsinnen. Denken
Sie denn es sey ein Irrenhaus? Es ist eine Krankenanstalt fr Kranke Ihrer Art.
- Jetzt nahm ich wahr, da er mich glaubte als eine Verrckte beruhigen zu
mssen. Ich bat ihn dringend, er solle sich auf alle Weise von den sehr gesunden
Zustand meines Gehirns berzeugen und mich aus dem Hause entlassen. Er versprach
mir, da dieses, sobald es mein Zustand erlaubte, geschehen sollte. Um meine
Krfte bald herzustellen, sey es aber nothwendig, mich ruhig zu halten, und mir
die unntzen Gedanken aus dem Sinn zu schlagen. So schaudervoll dieser
unbestimmte Aufschub meiner Wnsche war, mute ich dem Mann doch rcksichtlich
der Nothwendigkeit durch Ruhe Genesung zu erstreben, recht geben. Ich erbat sie
innig von Gott, und wendete mein Gemth mit unendlicher Anstrengung von der
Hoffnung der Befreiung aus diesem frchterlichen Aufenthalt, die meine nchste
Zukunft beglcken sollte, zu der Vergangenheit hin, die durch Thorheit,
Eigensinn und Unglck mich in diese schreckliche Lage gebracht hatte. Das
Nachdenken whrend der nun folgenden Tage reifte meinen Geist mehr, wie Jahre
des Glckes htten thun knnen. Mein letztes Unglck hatte meinen stolzen Sinn
vllig gebrochen; ich hatte die Vergnglichkeit jedes Erdengutes erfahren, mein
letzter Gtze war der Vorzug, den mir mein Verstand ber Mistri Boswell gegeben
und der Uebergang weniger Minuten von Gesundheit zu Krankheit, hatte diesen
Verstand in eine Verfassung gesetzt, die mich den Bewohnern eines Irrenhauses
gleichstellte. Wenn ich, statt des Unwillens, mit dem ich der dummen
Leidenschaftlichkeit dieser Frau trotzte, mit wahrer Ueberlegenheit des Geistes
und Milde des Gemths sie behandelt htte, wrde der ganze Gang der Begebenheit
verschieden gewesen, Jessy's Krankheit vielleicht vermieden, und ich nie in
dieses frchterliche Gewahrsam gekommen seyn. Mit allen diesen Betrachtungen
kehrte wirkliche Ergebung in mein Gemth zurck und durch sie strkten sich
meine Krfte. Ich war wieder fhig das Bett zu verlassen und den engen Raum
meines Kmmerchens zu durchschreiten und lag meinem Wrter tglich dringender
an, mir meine Freiheit zu geben. Er verwies mich immer kaltbltig auf das
unleugbare Bewutseyn meiner Schwche, berief sich aber endlich auf den nchsten
Besuch des Arztes dieser Anstalt, der ber meinen Aufenthalt entscheiden wrde.
Von nun an sah ich tglich diesem Besuch, als meiner Rettungsstunde, entgegen.
Whrend die Zeit mit bleiernem Schritte dahin schlich, hatte ich einen
Gegenstand ausfindig gemacht, der mir einen Wechsel der Beobachtung, in dem
Fortschritt seines Zustandes, darbot. Dieses war ein Schwalbennest, welches
seine Bewohner in dem Mauerwinkel meines Zellenfensters erbaut hatten. Ich ward
mit dem Thun und Lassen derselben aufs innigste vertraut, sah sie aus- und
einfliegen, ihren Jungen Futter bringen, und frhlich im Sonnenschein die Mauern
umkreisen. Whrend die Alten, Nahrung zu suchen auen waren, kamen die Jungen
einer nach dem andern an die Oeffnung des Nestes und riefen in mein Gefngni
hinein, ich sprach zu ihnen hinauf und sie antworteten mir wieder. Ich sah sie
wachsen und gedeihen und mir schien es oft, als wr unser Schicksal verwandt,
und die Vgelchen wrden von ihren Eltern zu ihrem ersten Fluge zu eben der Zeit
gefhrt werden, wenn mein Kerker sich ffnen wrde. Eines Morgens verkndigte
mir mein Wrter den lang ersehnten Besuch des Arztes, und beantwortete meine
zuversichtliche Hoffnung, auf sein unfehlbares Zeugni sogleich in Freiheit
gesetzt zu werden, mit geflligem Zustimmen. Meine schwachen Nerven geriethen
bei dieser Aussicht in ungeregelte Spannung. Mit Mhe hielt ich mich zurck dem
Mann freudetrunken die Hnde zu kssen, aber auf meine Knie sank ich und
strmte, noch in seinem Beiseyn, mein Dankgefhl zu Gott aus. Der Mann sah mich
aufmerksam an und verlie kopfschttelnd das Gemach. Ich ahnte, da meine
Heftigkeit seiner Meinung von der Gesundheit meines Kopfes nicht sehr gnstig
gewesen war, und suchte mich durch die Beobachtung meiner kleinen gefiederten
Freunde zu zerstreuen. Jetzt bemerkte ich, da ein heftiges Sturmwetter
heranzog. Bald sauste der Wind an den Mauern her und der Regen schlug an das
Fenster. Die Eltern der jungen Brut steckten die Kpfchen aus dem Nest,
gleichsam um das Wetter zu beobachten; ein paar Mal schlpften sie heraus,
versuchten die Flgel zu lften, aber der Luftstrom trieb sie zurck; sie
setzten sich mit gestrubtem Gefieder aufs Gitter, schttelten den Regen von den
Fittichen und krochen wieder in ihr Nest. Um die gewhnliche Zeit trat der
Wchter wieder bei mir ein. Wenn kommt der Arzt? fragte ich ngstlich. - Bei
dem Sturm doch nicht? erwiederte jener verdrielich, er reit ja die Ziegel
vom Dach. - In diesem Augenblick rollten wirklich Ziegel herab; ich blickte zum
Fenster und rief: Ach! das Nest reit los! o helft, helft mir es retten! mit
diesen Worten deutete ich an das Fenster hin, und auf mein Bett steigend,
bemhte ich mich mit meiner Hand an das Fenster zu reichen, um den leichten
Anbau zu sichern. Es war zu spt; ein neuer Windsto ergriff ihn und schleuderte
ihn herab, indem die Alten, dem unsichern Schlupfwinkel entfliehend, vom Sturm
niedergetrieben, mit ngstlichem Geschrei gegen den Boden flatterten. Meine
Schwche verrieth sich freilich durch den Eindruck, den dieser nichtsbedeutende
Zufall auf mich machte. Ach, dem Unglcklichen, der von der Theilnahme seiner
Mitgeschpfe keinen Trost erhlt, wird die theilnahmlose Natur zum Propheten und
Wahrsager. Dieser Sturm an dem Tage meines ersehntesten Glckes hatte mich schon
geqult, das Verderben dieser kleinen Geschpfe, deren ersten Flug meine, jedes
fremden Gegenstandes beraubte Einbildungskraft, so lange als Symbol meiner
Befreiung angesehen hatte, brachte mich zur Verzweiflung. Ich rang die Hnde und
brach in ein convulsivisches Weinen aus. Nun, da seht Ihr, da Ihr nicht fhig
seyd das Haus zu verlassen, sagte mein Wrter, der mir bedenklich zugesehen
hatte, mit rechthaberischem Ton, wie wrde es Euch gehen wenn Ihr Euch bei
andern Leuten auch so thricht wolltet anstellen, und hiermit verlie er das
Zimmer. - Die Einsicht der furchtbaren Folgen schnell bersehend, welche dieses
Mannes Bericht an den Arzt, ber meinen Mangel an Fassung, hervorbringen knnte,
gab mir Selbstbeherrschung zurck; ich warf mir die Verirrung meiner Fantasie
vor, die mit einer Art von Aberglauben in den unzusammenhngendsten Dingen,
Beweisgrnde fr die Leitung meines Schicksals aufgesucht, da es mein besserer
Sinn so oft schon glubig in die Hnde eines gtigen Vaters im Himmel gelegt
hatte. Mit vielem Kampfe gelang es mir, bei dem Eintritt des Arztes in einer
ruhigen Stimmung zu seyn. Er befragte mich sehr sorgfltig um meine Gesundheit,
dann sagte er zu dem Wrter: Herr Schmid, ich wiederhole Ihnen was ich bei dem
Eintritt dieses Frauenzimmers gesagt: ihr Uebel eignet sich keineswegs fr die
Behandlung dieses Hauses. - O was das anbetrifft, antwortete der Wrter mit
zuversichtlichem Wesen, so htten Sie noch heute Morgen sehen sollen, welchen
Auftritt ich wegen eines albernen Schwalbennestes mit ihr hatte. - Den will
ich dem Herrn erzhlen, nahm ich das Wort, bitte Sie aber um Entschuldigung,
Sie mit meiner krnklichen Empfindlichkeit belstigt zu haben. Statt der
Geschichte des zertrmmerten Nestes erzhlte ich aber dem Arzt mit so bndigem
Zusammenhang, wie mir immer mglich war, die Veranlassung meiner Krankheit und
die Umstnde, denen ich mein Einsperren zuschrieb. Der Arzt hrte mich
aufmerksam an, that dann viele Fragen, um sich des Zusammenhangs meiner Begriffe
zu versichern, und fragte endlich: ob ich ihm gestattete, bei Herrn Boswell
meinetwegen Erkundigungen anzustellen. - Von Herzen gern, wenn Sie keinen
andern Weg kennen, sich von meinen gerechten Ansprchen an meine Freilassung zu
berzeugen. Auerdem wnschte ich Herrn Boswells husliches Unglck nicht durch
die Kenntni von seiner Frau Verbrechen zu vermehren. - Der wackre Mann blieb
noch lange bei mir, unterhielt mich von mancherlei Gegenstnden, um meine
Geistesfassung zu beobachten, widerlegte durch die Bemerkungen, welche ich
selbst ber des Wrters Anschuldigung von Ueberspannung machte, die falschen
Ansichten, die der Mann von meinem Zustand hatte, und am Schlu der Unterredung
- - o Entzcken, das keine Ausdrcke beschreiben! - unterzeichnete er das
Zeugni meiner Entlassung aus dem Institute. -
    Ich wute nicht, wo ich nun ein Obdach finden sollte, ich mute frchten,
da meine wiedergeschenkte Freiheit mich der Dienstbarkeit, dem Hunger, dem
Elend entgegenfhren wrde - aber ich war frei! - und so wie der Gedanke an
Gottes Schutz in meinem Kerker mein einziger Trost gewesen war, so dnkte mir,
drauen in der Freiheit sey mir sein Schutz noch gewisser. Ach, ist es dem, der
nach langem Sehnen den Gegenstand seiner innigen Wnsche erhlt, wohl zu
verdenken, wenn er ihn mit der hchsten Schne herausschmckt? Seine Brder,
seine Mitgenossen des wandelbaren Erdenlooses, drfen ihn darum wenigstens nicht
verwerfen.
    Die Ordnung des Hauses wollte, da Mistri Boswell, auf deren Antrag ich
eingesperrt worden war, von meiner Freilassung, von meiner Wiederherstellung
unterrichtet seyn sollte. Der Arzt nahm das Mitrauen wahr, mit dem ich diese
Nachricht empfing, sendete daher sogleich einen Boten zu ihr ab und erwartete
seine Rckkehr in meiner Zelle. Dieser brachte die Nachricht, da Herrn Boswells
Haus unbewohnt und verschlossen sey, indem die ganze Familie sich aufs Land
begeben habe. Gut, sagte der menschenfreundliche Mann, das hlt Sie nicht
auf. Mistri Boswell empfange die Anzeige nach ihrer Rckkehr. Die Furcht, ihre
Unthat bekannt machen zu sehen, wird sie den Mangel an Frmlichkeit wohl
bersehen machen. Ich nahm daraus ab, da diese Frau durch die Furcht einer
Entdeckung aus der Stadt getrieben worden; ihre Abneigung gegen das Landleben
war mir bekannt, sie hatte, um unter keinem Vorwand dazu beredet werden zu
knnen, Herrn Boswells Vorschlge zu Verbesserungen seines Landhauses stets
abgelehnt. - Doch meines Schweigens ber ihren an mir begangnen unmenschlichen
Verrath konnte sie gewi seyn. Ich traute meinem eignen Gefhl noch zu wenig, um
entscheiden zu knnen, ob Gerechtigkeit oder Rache mich leiten wrde, indem ich
mich ber jenen beklagte, nahm deshalb den Entschlu, frs erste die Begebenheit
dieser letzten Wochen gegen niemand zu erwhnen. Man hndigte mir bei meinem
Austritt aus dem Hause einige Bndel mit allem dem Wsch- und Kleidervorrath
aus, die ich in Mistri Boswells Hause besessen hatte, sie waren bei meiner
Ueberkunft in das Irrenhaus abgegeben und mir treulich aufbewahrt worden. Es war
so wenig, was dieser Vorrath enthielt, aber der Erbe der reichsten
Verlassenschaft kann nicht froher auf seine Schtze blicken, als ich auf diese
geringen Habseligkeiten, die mir fr die nchste Zeit Reinlichkeit und ehrbaren
Anstand zusicherten.
    Wie ich endlich das Haus verlie und dessen Thore hinter mir zufielen, wie
der Trger, der mein kleines Gepck trug, mich fragte, wohin ich zu gehen
gedchte, schien mir das alles ein Traum. Diese Frage, die mir meinen verlanen
Zustand aufdringen mute, wie er sie zum ersten Mal that, fllte mich mit
Entzcken; im nchsten Augenblick machte sie mich stutzig; wie der Mann sie aber
wiederholte, hatte ich meinen Entschlu gefat und wies ihn wohlgemuth an, mich
zu meiner ehemaligen Hauswirthin, Frau Millner, zu fhren. Sie empfing mich sehr
kalt, sie antwortete kaum auf meine Frage: ob mein ehemaliges Zimmer offen sey,
und auf meine Bitte, wenn sie mir dieses nicht geben knnte, doch eine andre
anstndige Wohnung fr mich aufzufinden, brach ihre Beredtsamkeit los. Ich mute
hren, wie sie ihre Schwester, indem sie mich an Mistri Boswell empfohlen, in
die Gefahr, verabschiedet zu werden, gebracht, und da es kein Mensch Mistri
Boswell htte verdenken knnen, mich aus dem Hause zu schaffen, nachdem ich so
ein Unglck, wie Mistri Jessys und ihres Vaters Krankheit, in die Familie
gebracht htte. Also ward Herr Boswell auch angesteckt? rief ich bestrzt.
Gewi! und das ganze Haus wre krank geworden, htte man Sie nicht entfernt.
Bei dem Anblick meiner aufrichtigen Theilnahme milderte sich meiner Hausfrau
Betragen. Ich war zu glcklich gestimmt, um mich durch die erste
Unannehmlichkeit niederschlagen zu lassen; und da es ihr auch ganz angenehm war,
ihr Zimmer wieder zu vermiethen, so ward unser Vertrag bald erneut, und ich
befand mich wieder im Besitz meiner ehemaligen Wohnung.
    Wie ich sie das erste Mal bezog, schien sie mir so drftig, so klein; und
jetzt mute ich mir doch eingestehen, da die wenigen Schillinge, die ich in
meinem Gepck, als letzten Rest meiner kleinen Baarschaft, gefunden, nicht
hinreichten, diese Wohnung lange zu bezahlen. Mein rechtlicher Anspruch an den
mir von Herrn Boswell versprochnen Quartal-Gehalt war die einzige mir
offenstehende Aussicht, eine kleine Summe zur Deckung meiner nchsten
Bedrfnisse zu erhalten. Der Schritt ward mir unendlich schwer, aber ich lernte
je mehr und mehr mich der Nothwendigkeit beugen und schrieb Jessys Vater, ohne
der letzten Vergangenheit zu erwhnen, mein Gesuch, wobei ich ihn von dem Ort,
wohin er das Geld zu senden habe, unterrichtete. Ich hoffte wenig, und doch
waren die Tage, die ohne Antwort verflossen, sehr lang, und die allmlig
eintretende Ueberzeugung, da man meinen Brief verhindert hatte, in Herrn
Boswells Hnde zu kommen, sehr bitter. Indessen machte ich jeden Versuch, mir
Arbeit und Erwerb zu verschaffen. Ich erkundigte mich nach Mistri Murray - sie
war noch immer im Auslande, und ihr Sohn war ihr dahin gefolgt; ihre
unliebenswrdige Schwester befand sich, so wie der grte Theil der wohlhabenden
Bewohner Edinburgs, auf dem Lande; denn in der schnen Jahrszeit ist das, was
von London nur als Redensart gilt, in Edinburg im eigentlichen Sinne wahr: die
Stadt ist dann leer. Dieser Umstand mochte meinem Nachsuchen ebenso ungnstig
seyn, wie mein gnzlicher Mangel an Bekanntschaft und Empfehlung. In vornehmern
Husern fehlte mir diese, und in Brgerhusern mochte meine wieder aufblhende
Jugend und mein Ansehen, das mich auch in meiner bescheidnen Kleidung vor der
Volksclasse auszeichnete. Mitrauen erregen.
    Eines Tags sah ich hinter dem Fenster eines Kaufladens einige kleine
Handarbeiten, wie ich sie in meinen bessern Tagen verfertigt. Ich trat hinein
und bot dem Kaufmann an, ihm hnliche zu liefern. Er schien sehr wenig Vertrauen
in meine Geschicklichkeit zu setzen, versprach mir aber doch, wenn ich selbst
das Material dazu hergeben wollte und sie ihm gefielen, dieselben zu kaufen. So
gering diese Geflligkeit war, konnte ich doch meine erste Hoffnung an sie
knpfen und ging freudig nach Hause. Meine Lage forderte dringend eine
gnstigere Wendung; ich hatte nur eine Woche von meinen wenigen Schillingen
gelebt, und bei der strengsten Sparsamkeit gingen sie zu Ende. Meine Miethe
sollte heute auch bezahlt werden, und es blieb mir kein Mittel, als ein Stck
meines kleinen Kleidervorraths zu verkaufen. Lange sann ich nach, wie ich dieses
schwere Opfer zu meinem grten Vortheil bringen knnte. Wenn ich fr den Erl
meiner Habseligkeit Material zu den Arbeiten anschaffte, die mir der Kaufmann
abzunehmen versprochen hatte, so konnte ich mich in den Stand setzen, nicht
allein Frau Millner zu bezahlen, sondern auch fr meinen knftigen Unterhalt zu
sorgen. Allein hatte ich, so lange ich ihr meinen Miethzins schuldig war, das
Recht, ber einen Theil meines Besitzes auf eine andre Weise zu verfgen? Sollte
ich die Nachsicht einer Person in Anspruch nehmen, die ich nur mit Mhe
nthigte, mich mit Achtung zu behandeln? Nach langem schmerzlichen Bedenken
berwand ich meinen aufghrenden Stolz, bat Frau Millner, in mein Zimmer zu
kommen, und legte ihr meine Lage vor. Ich kann Ihnen den Miethzins noch diese
Woche bezahlen, aber dann nicht mehr, wenn Sie mir nicht auf einige Tage Credit
geben, schlo ich meinen Vortrag. Sie sah mich verwundert an, denn nie vorher
hatte ich mit ihr von meiner Lage oder meinen Verhltnissen gesprochen. Nach
einigen Fragen, durch die sie sich ber meine Plane noch mehr verstndigen
wollte, und die ich nicht zurckweisen durfte, sagte sie: Nein, ich will Ihnen
nicht weh thun. Bezahlen Sie mir die Hlfte der Miethe und versuchen Sie mit der
andern Ihr Glck. - Dieser Punct war also gewonnen; jetzt kam es darauf an, das
Geld herbeizuschaffen, und zu diesem Ende nahm ich mein kleines Pckchen, um es
dahin zu tragen, wohin die Noth mir schon frher den Weg gezeigt hatte. Der
elende Winkel, in welchem der Trdler und Pfandverleiher seinen Laden
aufgeschlagen hatte, erfllte mich mit Ekel. Es war ein trber, regniger Tag;
vielleicht war dieser Umstand daran schuld, da mir dieser Ort heute so
schauerlich vorkam; vielleicht hatte mein Fieber mich reizbarer gemacht, meine
drftige Nahrung mich geschwcht, genug, da ich mit Zittern und Zagen mein
Geschft begann. Einige schmuzige, zerlumpte Weiber, anscheinend aus der
niedrigsten Volksclasse, standen vor dem Zahltisch, der mit Kleidungsstcken und
Wsche von sehr schlechtem Ansehen bedeckt war; in rauhen, rohen Tnen
feilschten sie, schrieen, bettelten, und Noth, Ungeduld oder Arglist verzog ihre
garstigen Gesichter. Ich schlo schleunig meinen Handel und wollte wieder
hinwegeilen, als ich beim Heraustreten eine Stimme vernahm, die, weniger
mitnend wie die andern, traurig und halb leise dem Trdler ein dringendes
Gesuch vorzutragen schien. Sie sprach meine Landessprache, und dieser Ton traf
wie Freundes Stimme mein Ohr. Das Gesicht der Sprechenden war von mir
abgewendet, auch zum Theil mit einem Mantel verhllt, an dem noch einige Fetzen
eines ehemaligen Besatzes zu sehen waren; mit dem einen Arm, der so abgezehrt
war, da die farblose Haut jeden Knochen bezeichnete, hielt oder schleppte sie
vielmehr ein krnkliches Kind. Sie begann noch einmal zu bitten: O Herr, wenn
es nur einige Schillinge seyn knnten! - Nicht einen. Ihr habt schon viel mehr
erhalten, wie das Kleid werth ist, sagte der Mann mit unbarmherzigem Ton. -
Nun so helfe mir Gott! so mu ich verhungern! rief die Frau und schritt neben
mir aus der Thr. Jetzt konnte ich ihre Zge unterscheiden, und wie verndert
sie auch waren, erkannte ich Julie Arnold. Ich rief ihren Namen, und mit ihm
trat ihre ehemalige Lieblosigkeit vor mein Gedchtni. Starr vor Entsetzen sah
ich sie einige Augenblicke an - ein Bild des Jammers! Krankheit, Mangel, Gram
war in ihre Zge eingegraben! - Ich erinnerte mich ihrer Blthe, unsrer
Kinderjahre und schlang meine Arme um ihren Hals. Lange konnten wir beide nicht
sprechen; sie vermochte es zuerst: Ellen, sagte sie mit hohler, tonloser
Stimme, Sie sind schrecklich gercht! - Jetzt erinnerte ich mich der
Verwnschung, die ich damals, wie sie mich verleugnete, in der Tiefe meiner Noth
gegen sie ausgestoen, und nun ich sie so viel elender sah, als ich jemals
gewesen, schien ich mir durch ihren Zustand gestraft. Wie ich meine Augen zu ihr
aufhob, blickte sie mit Schaamrthe auf mich hin und sagte: Nicht wahr, mit mir
ist, seit Sie mich nicht sahen, eine traurige Vernderung vorgegangen? -
Lassen Sie uns nur hier fortgehen, liebe Julie, dort sollen Sie mir erzhlen,
was Ihnen widerfuhr, antwortete ich, indem ich ihr meinen Arm bot. Sie nahm ihn
mit einem Blick der Verwunderung; gewi, Ellen, sagte sie, Sie mssen sich
schmen, mit mir in meinem gegenwrtigen Aufzug durch die Strae zu gehen. - O
Julie, kann ich in diesem Moment an Ihren Aufzug denken? rief ich, im Herzen
gekrnkt ber ihre kleinliche Bemerkung, und fhrte sie schweigend mit mir fort.
Meine Wohnung war weit weg, ihre Krfte reichten kaum zu dem Weg hin, sie blieb
mehrmals stehen, um Athem zu schpfen. Da mir jetzt beifiel, da ich ihr das
Kind abnehmen mte, streckte ich meine Arme nach ihm aus, konnte mich aber von
dem Verdacht, der mich in diesem Augenblick ergriff, nicht einer Bewegung
erwehren, die ihr nicht entging. Eine noch tiefere Rthe berzog ihre
schwindschtig gefrbte Wange, und sie sagte mit einem festen Blick in mein
Auge: Nein, Mi Percy, nein! es ist kein Kind der Snde. - Mein Herz war nun
um vieles erleichtert, ich umfate das Kind, und wir setzten unsern Weg fort.
Endlich erreichten wir das Haus. Meine Wirthsleute warfen belwollende Blicke
auf den Gast, den ich zu mir einfhrte. Ich beachtete sie nicht, brachte Mi
Arnold in mein Zimmer und theilte alles mit ihr, was sich von Nahrungsmitteln
vorfand. Sie a wie eine Hungrige, aber kaum gesttigt, begann sie ihrem
Gesprch die kleinliche Wendung zu geben, die es mir in alten Zeiten so
gefhrlich gemacht hatte. Sie bemerkte, da die Zeit, in welcher sie mich nicht
gesehen - wenn sie mich verndert - meiner Schnheit nur Zuwachs gegeben,
besonders durch die zartere Farbe, welche mein Fieber mir zurckgelassen hatte.
- Doch, Julie, werden Sie mich in einem Punct verndert finden. Ich habe alle
Freude an Schmeicheleien verloren - aber von denen soll auch gar nicht mehr die
Rede seyn. Jetzt erzhlen Sie mir, warum ich Sie so weit von der Heimath
entfernt finde, so ... erzhlen Sie mir alles, was Sie drckt! -
    Julie schien dazu gar nicht abgeneigt. Sie sagte: ihre vertraute
Bekanntschaft mit Lady St. Edmond htte sie nothwendig Lady Maria de Burgh
nhern mssen, denn diese Dame, sagte die Arme, indem ein wohlgeflliges
Lcheln um ihren blassen Mund spielte, verlor, nachdem wir kaum ein paar Mal
zusammen gekommen waren, ihr Vorurtheil gegen mich. Dazu gehrt nun wenig, denn
sie ist eine solche Thrin, da sie nie recht wei, was sie will. - Ich
erinnerte mich mit Schaamrthe der Zeit, wo Julie mit einer solchen Bemerkung
mir Wohlgefallen erregen konnte, schwieg aber und lie sie forterzhlen, wie
Lady Marie sich dergestalt an ihren Umgang gewhnt habe, da sie in sie
gedrungen, als Gesellschafterin bei ihr zu leben. Damals bewarb sich Lord
Glendower um Lady Maria oder vielmehr, sagte Mi Arnold, die Dame hoffte
ngstlich, da er sich bewerben wrde. Ich sah aber bald sehr deutlich, da er,
bei gleichen Umstnden, mich bei weitem vorgezogen htte. Hier hielt sie inne,
als habe sie einen Einwurf von mir erwartet; wie ich schwieg, fuhr sie fort:
Sie wissen wohl, Ellen, da ich nicht in der Lage war, eine glnzende
Versorgung von mir weisen zu knnen, ich hatte auch keine Art von
Verbindlichkeit gegen Lady Marie, die mich, ihr mein Glck aufzuopfern, htte
vermgen knnen. - Glck? rief ich, mich des unwrdigen Charakters dieses
Mannes erinnernd. - Nun, nennen Sie es, wie Sie wollen, erwiederte Mi Arnold,
in Vergleich der Abhngigkeit, in der ich leben mute, sey es von meinem
Bruder, sey es von Fremden, war es ein Glck; und ... nach mancherlei Vorgngen,
die mir klar bewiesen, da mir gar nichts Beres zu thun brig blieb, entfloh
ich mit Lord Glendower nach Schottland. - O Julie! Lord Glendower war ja sein
eigner Herr, er konnte ja heirathen, wen er wollte. - Je nun, er wnschte es
also. Und Sie wissen wohl, Ellen, wenn man liebt ... - Nein, Julie, das wei
ich nicht; allein ich habe durch meine eigne Thorheit das Recht verloren, Ihnen
ber diesen Gegenstand Bemerkungen zu machen. Fahren Sie fort! - Wie wir
hierher kamen, nahm ich leider wahr, da er mich in der Gesellschaft nicht
einfhren wollte, und da ich vor ihren Augen straffllig erschien. Ich
durchschaute bald Mylords abscheulichen Plan. Zeugen konnte ich nicht gegen ihn
aufstellen, aber ich hatte mich nach den schottischen Gesetzen ber die Ehe
erkundigt, und da weigerte ich mich, mit Lord Glendower die geringste
Gemeinschaft zu haben, bis er nicht wenigstens die Leute, in deren Hause wir
wohnten, beredet htte, da ich seine rechtmige Frau sey; nachher brachte ich
es auch dahin, da er mir ein Billet sendete, an Lady Glendower berschrieben;
dessen Inhalt hatte gar keinen Werth, mir reichte aber die Ueberschrift aus. Ich
war nun bemht, die Leute um uns her aufmersam zu machen, da er mich wie seine
Gattin behandelte, und in Schottland ist das mehr werth, als zehn Trauscheine.
Ein solcher will ja auch gar nichts sagen: was ein Paar unzertrennlich
verbindet, ist eine Ehe vor Gott und Menschen. Nicht wahr, Ellen? - Wohl, arme
Julie! sagte ich, zwischen Mitleid und Widerwillen getheilt, dazu gehrt aber,
da beide Theile fest entschlossen sind, sich unwiderruflich zu verbinden. -
Mi Arnold schlug einen Augenblick die Augen nieder, dann fuhr sie mit
Zuversicht fort: Nun ich diesen Punct gewonnen hatte, weigerte ich mich nicht,
ihm nach einem Landhaus, das er in den Hochlanden gemiethet hatte, zu folgen.
Dort verweilten wir einige Monate und langweilten uns von ganzem Herzen. Im
Winter kamen wir wieder hierher, und Glendower sprach davon, nach London zu
gehen. Ich konnte ihn nicht begleiten und mochte es auch wirklich nicht. Der
Mensch hatte sich dem Trunk in hohem Grade ergeben. Er lie mich also zurck,
mit dem Versprechen, nach meiner Entbindung wiederzukommen. Aber er war nicht
zwei Monate fort, so las ich in den Zeitungen, da er sich mit Lady Maria
vermhlt habe. Die Nachricht traf mich wie ein Donnerschlag. Aus Schrecken kam
ich zu frh nieder und war gefhrlich krank. Dennoch dictirte ich Briefe an
Glendower und Lady Maria, in denen ich mein Recht darthat und erklrte, im Fall
man es nicht beachtete, die Gesetze zu Hlfe rufen zu wollen. Ich schrieb oft,
ehe ich eine Antwort erlangen konnte; endlich hatte Glendower die Frechheit,
alle meine Ansprche an ihn abzuleugnen; er war sogar so grausam, zu behaupten:
die Zeit, wo mein armer kleiner Knabe geboren ward, widerlege zum Theil meine
Anklage. Bis dahin hatte Julie mit einem emprend gleichgltigen Ton erzhlt,
jetzt brach sie aber in Thrnen aus, drckte das Kind an ihre Brust und rief
recht innig: Und so wahr mir Gott helfe, der Knabe ist Glendowers Sohn und, wie
ich ernstlich glaube, sein einziger rechtmiger Erbe. Knnte ich ihn in seine
Rechte eingesetzt sehen, so forderte ich weiter nichts. Sie bemeisterte bald
ihre Rhrung und erzhlte weiter. Lord Glendower, ber die Mihelligkeiten
aufgebracht, die ihre Forderung zwischen ihm und seiner Gemahlin erregt hatte,
versagte ihr Untersttzung; sie wendete sich an ihren Bruder, der ihr sehr
zornig antwortete: da er genug fr sie gethan habe, da er ihr eine Erziehung
geben lie, die sie in Stand gesetzt hatte, sich mit Ehren durchzuhelfen, nun
aber weiter keine Verbindlichkeiten gegen sie zu haben glaubte. Zugleich
schickte er ihr dreiig Pfund, die sie zu irgend einem kleinen Handel anlegen
sollte. Dieses Geld reichte eben nur hin, sie aus dem Schuldgefngni zu
befreien. Sie behielt nichts brig, verkaufte ihre Habseligkeiten, eine nach der
andern, und war nun zu der gnzlichsten Entblung herunter gebracht. Dazu kam
noch ihre wankende Gesundheit - dieser erschpfende Husten, sagte sie, und
diese Schwche, obgleich ich wei, da sie von gar keiner Bedeutung sind. - Bei
diesen Worten konnte ich mich eines Schauders nicht enthalten. Abzehrung blickte
aus ihren tief liegenden Augen, sprach aus der dunklen, abgeschnittenen Rthe
ihrer hohlen Wangen. - Warum sehen Sie mich so erschrocken an, Ellen? rief sie
unwillig, ich bin nicht so krank, wie ich aussehe. - Gewi nicht, gute
Julie! sagte ich und versuchte zu lcheln.
    Es war jetzt fast dunkel geworden; der Ort, wo Julie in der letzten Zeit
Unterkunft gefunden hatte, war weit entlegen, ich dachte darauf, sie diese Nacht
bei mir zu behalten, als Frau Millner den Kopf in die Thre steckte und mich
ziemlich unverbindlich aus dem Zimmer rief, um mit mir zu sprechen. Da es mir
ahnte, wovon die Rede seyn wrde, suchte ich die Unterhandlung vor dem Ohr
meines unglcklichen Gastes zu verbergen. Meine Hausfrau warf mir mit
pbelhaftem Unwillen vor, eine Landstreicherin in ihr Haus eingefhrt zu haben,
die sie nicht darin zu dulden gedchte. Ich stellte ihr mit Fassung vor, da
diese Wohnung, so lange ich sie gemiethet habe, mein sey, und es von mir
abhinge, ein unglckliches Frauenzimmer, die keineswegs von niedrigem Stande
sey, bei mir zu beherbergen. Mit diesen Worten wendete ich ihr den Rcken und
kehrte in mein Zimmer zurck. Zornig eilte die Frau hinter mir drein; wenn das
Ihre Zuversicht ist, rief sie bermthig, so ist die Sache bald geendigt: Sie
zahlen mir sogleich den rckstndigen Zins, oder rumen das Haus augenblicklich,
ohne durch dergleichen Gesindel dessen guten Ruf zu beflecken. Da ich, unfhig,
meine Fassung aufrecht zu erhalten, nicht sogleich antwortete, wendete sich Frau
Millner an Mi Arnold und befahl ihr, das Haus zu verlassen. Diese mochte wohl
leider schon oft der Hrte solcher Menschen nur Flehen entgegen zu setzen gehabt
haben, denn sie bat wimmernd: Erbarmt euch doch! ich habe ja nicht Krfte, um
nach Hause zu gehen. Mir schnitt diese Erniedrigung ins Herz; ich rief ihr zu,
sich nicht wegzuwerfen, sondern in meiner Begleitung sich sogleich auf den Weg
nach ihrer Wohnung zu machen. Bei diesen Worten zog ich meinen Beutel heraus,
zhlte nochmals die kleine Summe, welche ich aus meinem Kleide gelst hatte, und
warf Frau Millner ihren Miethzins auf den Tisch. Zu meinem Erstaunen fuhr Mi
Arnold whrend dessen fort, mit Frau Millner um die Erlaubni, bei mir bleiben
zu drfen, mit einer Beharrlichkeit zu bitten, die mich emprte und mir erst im
Verfolg erklrlich ward. Ohne auf die Hausfrau zu hren, die bei dem Anblick
meines Geldes sehr besnftigt ward und mir versicherte, ihre Wohnung sey mir
nicht verweigert, wenn die Hausordnung ihr gleich auferlegte, sie Fremden zu
verschlieen, ergriff ich Mi Arnolds Arm und zog sie mit mir fort. Sie folgte
mir widerwillig und erschwerte sich selbst den Weg durch vergebliche Klagen ber
ihre Unfhigkeit, dessen Ziel zu erreichen. Es war Abend, ich zitterte vor der
Aussicht, diesen langen Weg im Dunkeln allein zurckkehren zu mssen, ich
zitterte, in der Gesellschaft meiner unglcklichen Gefhrtin der Rohheit der
Vorbergehenden ausgesetzt zu seyn. Jedes Mal, da sie, nach Athem ringend,
stehen blieb, war mir bang, die Aufmerksamkeit der Vorbergehenden auf uns zu
ziehen; ich sprach ihr Muth ein und erlag fast selbst beim Fortschreiten unter
ihrer Last, da sie sich kraftlos auf mich lehnte, und der des armen Kindes, das
wimmernd auf meiner Schulter lag.
    Endlich hatten wir Mi Arnolds Wohnung erreicht. Sie befand sich in den
Mansarden eines Hauses, dessen verschiedne Stockwerke jedes fr zwei Familien
eingerichtet schien, also insofern viel besser, als Cecilens Wohnung, gewesen
war, die mit einer ganzen Kolonie auf demselben Boden gewohnt hatte. Julie
klopfte zgernd, ein schmuziges, armseliges Weib ffnete behutsam, und ihr
stellte mich Mi Arnold vor als ein Frauenzimmer, das ... Ich verstand, da sie
mich ihr als Miethsfrau vorschlagen wollte; allein das Weib hrte sie gar nicht
an, sondern berschttete sie mit Schimpfreden, aus denen mir klar ward, da die
Unglckliche schon lange bei ihr Schulden gemacht, und dann schlo sie die Thr
mit erschtterndem Lrm vor uns zu. Starr von Schrecken, wendete ich mich zu
meiner Begleiterin, die von Jammer berwltigt, auf die Stufen der Treppe
gesunken war und kaum vernehmlich mir zurief: O Ellen, bitten Sie fr mich,
bitten Sie! denn ich kann mich nicht weiter fortschleppen. - Ich klopfte von
neuem an die Thr, entschlossen, mich der ganzen Hrte der Hausfrau auszusetzen,
um nur ein Obdach fr meine unglckliche Gefhrtin zu erhalten; allein es war
vergeblich, sie ffnete sich nicht.
    Es blieb mir nun nichts mehr brig, als Julie zu ermuthigen, da sie noch
einmal den Weg zu Frau Millner zurck machen mchte, berzeugt, da diese Frau,
nun sie bezahlt war, mir nicht versagen wrde, diese eine Nacht eine
Unglckliche zu beherbergen; allein die Erschpfung des Krpers hatte sich auch
der Seele mitgetheilt, Julie war keines Entschlusses fhig, sondern wimmerte
hlflos: ich kann nicht weiter; gehen Sie, verlassen Sie mich! ich verlie Sie
ja, wie das Unglck ber Sie einbrach, thun Sie, was ich an Ihnen verdient
habe! - Diese schrecklichen Worte gaben mir einen bernatrlichen Muth. -
Uebernatrlich; denn Gott senkte ihn in der Gestalt des Glaubens in mein Herz.
Ich wute keinen Ausweg aus dem Abgrund der Hlflosigkeit, in dem ich mich
versunken sah, weder fr das zerschlagne Geschpf, das sich vor mir am Boden
krmmte, noch fr das weinende Kind, das vor Hunger oder Furcht auf meinen Armen
bebte. Aber mit einer Zuversicht, als hrte ich den Fu des Retters sich nahen,
rief ich: Nein, Julie, ich verlasse Sie nicht, und hlflos, wie wir sind,
wollen wir nicht verzweifeln, sondern zu Gott beten, da er sich unser erbarme.
- Die Arme war dieses Aufflugs des Geistes nicht fhig, sie antwortete mir nur
durch dumpfe Klagtne, aber das Kind fester in meine Arme schlieend, wendete
ich mich ab und bat Gott mit unaussprechlicher Inbrunst, uns eine Hlfe zu
senden.
    Der Schall eines die Treppe heraufsteigenden schwerflligen Schrittes
schreckte mich jetzt auf. Ich beschwor Mi Arnold mit leiser Stimme, ihren
Jammer zu migen, damit man uns nicht des letzten Obdachs, welches dieser
Treppengang uns vielleicht fr diese Nacht gewhren knnte, beraubte. Doch
umsonst, sie fuhr fort zu sthnen; doch ward ich, ber die herannahende Person
ruhiger, da ich unerachtet der Dunkelheit, sie fr ein Frauenzimmer erkannte.
Sie ging ber den Vorplatz und klopfte an die jener, von wo man Mi Arnold so
unbarmherzig abgewiesen hatte, anstoende Thr, dann kehrte sie zu meiner
Gefhrtin zurck und fragte, was ihr fehle. - Sie ist fremd, sie ist krank,
sagte ich, mich ihr nhernd, und der einzige Ort, wo sie diese Nacht Obdach
finden knnte, ist zu weit, als da sie ihn zu erreichen im Stande wre. -
Jetzt ffnete sich die Thr, ein junges Mdchen trat mit einer Lampe heraus,
mehrere freundliche Gesichter begrten die heimkehrende Mutter, ich erblickte
durch die offne Thr die gewhnliche Helle eines Caminfeuers in einer
reinlichen, wenn gleich sehr beschrnkten Wohnung. - Ach, wie beneidenswerth kam
mir diese Frau vor! Ich betrachtete sie, die Lamve beleuchtete sie, ihre Zge
schienen mir bekannt - sie war die Wittwe des armen Grtners, der in Greenwich
in meinem Beiseyn starb. - Sie sprach mitleidig mit Mi Arnold, da zog sie das
kleine Mdchen beim Aermel und sagte leise: Mutter, die sieht der guten
englischen Dame hnlich. Die Frau richtete ihre Blicke auf mich, konnte ihren
Augen nicht trauen und rief: Nein, das ist gar nicht mglich. - Es ist nur zu
mglich, liebe Frau Campell, sagte ich, das wandelbare Schicksal hat mich nun
zum Fremdling im Lande gemacht. - So sind Sie es wirklich? rief die Wittwe
mit frhlichem Lcheln. Gott segne Sie! Sie werden mir nie ein Fremdling seyn;
treten Sie ein und ruhen Sie aus! und wenn Sie fr die arme kranke Person kein
Unterkommen wissen, so sagen Sie ihr, da sie auch herein komme! -
    Nur der einsame Wandrer, der, in Feindes Land gerathen, unerwartet eine
gastfreie Htte sich erffnen sieht, kann begreifen, mit welcher Freude ich
diese Einladung annahm. Ich hob Julien vom Boden auf, fhrte sie in Frau
Campells Zimmer und dankte Gott fr die Zuflucht, die er uns so unverhofft
bereitet hatte. Wir befanden uns in einem Gemach, das zugleich als Kche und
Wohnzimmer diente; unsre Wirthin rckte einen groen gepolsterten Armstuhl an
das Feuer und lud mich ein, darin Platz zu nehmen. Julie, die vor Mattigkeit
ganz zusammensinkend neben mir stand, zog zuerst meine Aufmerksamkeit auf sich.
Der Platz gebhrt meiner kranken Freundin, liebe Frau Campell4, sagte ich, die
Arme zu ihm leitend, Lady Glendower ist vielleicht einstens im Stand, Ihre
Gastfreundschaft zu erkennen. - Ich wollte meiner armen Gefhrtin durch diese
Anerkennung ihrer Verhltnisse wohlthun, wollte aber auch meine eigne Lage, die
mich in einer so traurigen Gesellschaft aufgefhrt hatte, in ein beres Licht
setzen. Mein Verstand hatte recht, meine Jugend und Vereinzelung bedurfte
Beweggrnde, um so ein Verhltni begreiflich zu machen, allein meine Eitelkeit
mochte doch dabei nicht ohne alle Theilnahme seyn. Sobald ich Julie unter diesem
Namen eingefhrt hatte, ward es mir leichter, bei Frau Campell anzufragen, ob
sie dieselbe nicht aufnehmen knnte. Die gute Frau war sehr froh, mir dienen zu
knnen, und das kleine Mdchen, dessen Schchternheit allen meinen Versuchen,
die Bekanntschaft mit ihr zu erneuern, widerstanden hatte, bot nun ihrer Mutter
leise an, ihr Bett der Fremden zu berlassen. Das war aber gar nicht nthig.
Seit Frau Campell durch meine Beihlfe in ihre Heimath zurckgekehrt war, hatte
es ihr, da sie eine geschickte Wscherin war, nie an Erwerb gefehlt. Seit kurzem
hatte ihr Bruder, ein wandernder Krmer, der Wittwer geworden war, sie gebeten,
jetzt ihm hauszuhalten, und da dieser, auf mehrere Wochen abwesend war, bot sie
Julien den Gebrauch seines Zimmers an.
    Nun fr meine Gefhrtin gesorgt war, fing ich an wegen meines eignen
Unterkommens bange zu werden. Mitternacht war beinahe herangekommen; ich war
fast eine Stunde von Frau Millners Wohnung entfernt; und ob ich gleich diese
rohe Frau jetzt bezahlt hatte, so konnte ich doch nicht ganz sicher rechnen, von
ihr aufgenommen zu werden. Doch mir blieb keine Wahl. Die Bitte, auch bei meiner
guten Wittwe zu bernachten, schien mir zu anmaend; ich frchtete damit ihre
Gutwilligkeit gegen die arme Julie zu schwchen. Doch mich in dieser Nachtzeit
allein auf die Strae zu wagen, schien mir unmglich, und so bat ich Frau
Campell, mich bis zu meiner Wohnung zu begleiten. Sobald Julie meine Absicht
fortzugehen wahrnahm, berfiel sie der unbillige Gedanke, da ich sie mchte
verlassen und nicht wiederkehren wollen. Anfangs suchte sie durch die
ngstlichsten Bitten, wie ich diesen aber vernnftige Vorstellungen
entgegensetzte, durch das ungestmste Flehen mich davon zurckzuhalten. Die
Nacht rckte unter diesem Streite fort, ich frchtete, da die Heftigkeit der
Unglcklichen in meiner Abwesenheit ihre neue Hausfrau ermden knnte, und erbot
mich endlich, den Rest der Nacht an ihrem Bette zu wachen. Unsre gute Wirthin
berlie alles meiner Willkr und fhrte uns sogleich unter den wiederholtesten
Entschuldigungen, uns nicht besser bedienen zu knnen, in das uns bestimmte
Zimmer ein. Ach sie wute nicht, da es bei weitem das zierlichste war, welches
ich mir aus eignen Mitteln zu verschaffen je fhig gewesen! Es war freilich
niedrig, mit dunkeln, wollnen Tapeten behangen, aber mit gutem Hausrath und
einem Bette versehen, dessen reine Wsche dem ekelsten Geschmack gengt htte.
Julie lie mich ohne Widerstand fr ihr armes Kind sorgen, das vielleicht seit
mehrern Tagen nicht so vollstndig, wie heute, gesttigt, reinlich gewaschen,
und in einen reinen Bettberzug, den ich von Frau Campell entlehnt, warm
eingewickelt, zu den Fen seiner Mutter ruhig fortschlief.
    Whrend sich meine arme Gefhrtin einem unruhigen, doch dem Anscheine nach
tiefen Schlaf ununterbrochen berlie, berdachte ich meine Lage. Sie war durch
die Verhltnisse, in welche ich nun mit Julie gerathen war, furchtbar
verschlimmert worden; doch die Verbindlichkeit, diese Unglckliche der
Verwilderung und dem Elende zu entreien, war mir so heilig, da mir kein
Gedanke aufstieg, so lange sie so hlflos sey, mich von ihr zu trennen. Ich war
gesund, ich hatte Thtigkeit und ein unbeflecktes Gewissen. Mit demuthvoller
Dankbarkeit zu Gott erkannte ich diese Vorzge als Aufforderung und Mittel, fr
meine hlflose Kranke zu sorgen. Dieser Mittel waren sehr wenig: frs Erste
zeigte sich der Erwerb, ber welchen ich mich gestern mit dem Kaufmann
verabredet hatte, und diesen wollte ich Julien vorschlagen mit mir zu theilen.
Ich erinnerte mich, da ihre bewegliche Fantasie ehemals eine besondre
Leichtigkeit gehabt hatte, zierliche Spielwerke zu erfinden, und hoffte sogar,
da diese Gattung von Arbeit, indem sie ihrem Geschmack angemessen wre, zu
ihrer Ermunterung beitragen sollte. Die Gegenwart des armen Kindes, das sie mir
zubrachte, bekmmerte mich nicht sehr; die herzliche Freundlichkeit, mit der
Frau Campells Bruderskinder mit ihm gespielt hatten, und die Hoffnung, welche
mir sein gesunder Schlaf gab, es bei hinreichender Nahrung und Pflege bald
erstarken zu sehen, halfen mir ein ganz leidliches Bild von unserm Leben
entwerfen, wenn ich Frau Campell, mich gleichfalls in ihr Zimmer aufzunehmen,
bewegen knnte. Eine andre Weise, Julien zu untersttzen, konnte ich nicht
ersinnen. Was ich ihr allmlig von meinem Erwerb mittheilen konnte, wrde nicht
hingereicht haben, sie zu unterhalten, und meinen ernsten Zweck, ihr Kind wohl
verpflegt zu sehen, konnte ich damit gar nicht erreichen; denn nach allem, was
ich von der Unglcklichen vernahm, ward es mir klar, da ihre Mutterliebe nicht
von der Art war, ihre Thtigkeit, selbst da, wo ihre Krfte hinreichten, fr ihr
Kind zu verwenden.
    Sobald ich es in der Kche meiner guten Wittwe laut werden hrte, begab ich
mich zu ihr und trug ihr mein Anliegen vor. Da sie den lebhaften Wunsch hatte,
mich zu verbinden, und ihr Bruder noch geraume Zeit abwesend bleiben sollte,
wurden wir sehr bald des Handels einig. Meine nchste Sorge war nun, meine
wenigen Habseligkeiten von Frau Millner abzuholen. Julie hatte nichts dagegen,
doch entging mir eine gewisse Unruhe nicht, die sie bei meinem Weggehen befiel,
und wie ich schon das Zimmer verlassen hatte, rief sie mich zurck und reichte
mir ihr Kind, mit der Bitte, es mitzunehmen, weil sie heute nicht im Stande sey
es in die freie Luft zu bringen. Ich durchschaute sie sogleich. Sie wollte mir
das arme Geschpf als ein unvermeidliches Hinderni, von ihr entfernt zu
bleiben, aufdringen. Dieses Mitrauen nach dem, was ich gestern fr sie gethan,
in dem Augenblick, wo sie Zeugin meiner Abrede fr alles, was zu ihrem Besten
gethan werden konnte, gewesen war, erfllte mich mit Abneigung. Ich war im
Begriff, sie lebhaft zurckzuweisen, aber ein Blick auf ihr entstelltes Gesicht,
ihre hinfllige Gestalt entwaffnete mich: ich stellte ihr die Unbilligkeit ihres
Verdachts vor, suchte sie von dem Bedrfni zu berzeugen, das mich antrieb,
Gottes Gebot gem gegen sie meine Pflichten zu erfllen, und eilte meinem
Geschfte nach. Sobald ich mein kleines Gepck von Frau Millner fortgeschafft
hatte, kaufte ich von dem wenigen mir brigen Gelde zuerst die unentbehrlichen
Bedrfnisse fr den gegenwrtigen Tag und dann Stoffe zur Verfertigung der
Kstchen, Beutelchen und Nadelkistchen, die ich bei dem Kaufmann anzubringen
hoffte. Sobald mein kleiner Haushalt besorgt war, machte ich mich an die Arbeit.
Ach es ist unendlich peinlich, mit recht schwerem Herzen eine Beschftigung zu
treiben, die uns wohl einstens zum Spiel der Fantasie, zur Ausfllung miger
Augenblicke gedient hat! Indem ich die bunten Fleckchen zusammensetzte, die
fantastischen Figrchen malte, beneidete ich manchmal Frau Campells kleine
Marthe, die an ein paar groben Soldaten-Socken strickte, und noch mehr den
Kohlentrger, der, seines tglichen Gewinnes sicher, unter seiner Last
schweigen, oder ein lustiges Stckchen pfeifen konnte, je nachdem es ihm gefiel.
Allein die Noth mute hier der begeisternde Genius seyn, und das fromme
Bewutseyn, unter Gottes Segen zu arbeiten, machte es mir alle Tage leichter.
Juliens Hlfe war sehr nichtsbedeutend bei meinem Geschft. Das Unglck hatte in
ihr keine Krfte entwickelt, und krperliche Schwche wrde ihr jetzt die
Ausfhrung mit festem Willen sehr erschwert haben. Sie fing manche Arbeit an,
unterbrach sie hundertmal und warf sie endlich mit Ekel bei Seite. Ich mute
froh seyn, wenn ich Mittel fand, eine und die andre Unternehmung zu beenden; oft
sah ich mit Bekmmerni die eingekauften Stoffe vergeudet, ohne irgend einen
Vortheil daraus ziehen zu knnen. Da ich vor meinem Gewissen die Pflicht
bernommen hatte, fr diese Unglckliche zu sorgen, erlaubte ich mir nicht die
kleinste Ermahnung, ihre blen Gewohnheiten zu berwinden; allein die
Unzufriedenheit, welche Miggang und Beschrnkung nach sich ziehen, blieb bei
ihr nicht aus und ward durch die ihrer Krankheit eigenthmliche bse Laune
vermehrt. Gegen mich lie sie dieselbe nicht aus, aber das war ein bittrer
Zwang, den sie sich auflegte; denn so zart ich sie behandelte, hielt sie sich
doch oft fr verletzt und konnte sich der Ueberzeugung dann nie erwehren, da
ich sie fr ihr frheres Verfahren gegen mich ben lassen wolle. Bald gesellte
sich zu dieser beln Laune eine traurige Unzufriedenheit mit der einfachen Kost,
welche mein geringer Verdienst anzuschaffen hinreichte. Ihre kranke Elust
sehnte sich tglich nach einer andern Nahrung, von der sie jedes Mal
Erleichterung, wenn nicht gar Heilung hoffte. Ich entzog mir das Nothwendige, um
ihr das Mgliche von diesen ertrumten Leckerbissen zu verschaffen, allein ihr
bloer Anblick flte ihr meistens schon wieder Ekel ein.
    Ich hatte sie oft an die Nothwendigkeit erinnert, die Rechte ihres kleinen
Knabens durch eine gesetzliche Aussage vor einem Advocaten zu sichern. Da sie
dieser Schritt an die Feierlichkeit eines Testaments erinnerte, weigerte sie
sich bestndig ihn zu thun, versichernd, da es, sobald sie ganz hergestellt
wre, ihr erstes Geschft seyn sollte. Nun war sie schon seit einer geraumen
Zeit nicht mehr fhig, das Zimmer zu verlassen. Ich nahm wohl wahr, da sie sehr
gern einen Miethwagen zu einer Spazierfahrt htte haben mgen, allein meine
Mittel litten das nicht; und so weh es mir that, beharrte ich ihre Winke nicht
zu verstehen. List und Langeweile gaben ihr endlich ein, die Schritte, die sie
zum Besten ihres Kindes thun sollte, zur Befriedigung ihrer Sehnsucht nach einer
Spazierfahrt zu benutzen. Sie kndigte mir an, da sie einen Wagen haben msse,
um endlich ihre Geschfte bei einem Advocaten zu besorgen. Es war ein nakhler
Tag nach einem heftigen Gewitter; ich stellte ihr die beln Folgen vor, die es
fr ihre Gesundheit haben knnte, wenn sie, die der Luft jetzt entwhnt sey,
grade heute sich ihr aussetzte. Ihre Antwort legte mir durch die dienstbare
Demuth, mit der sie oft, um meinen Widerspruch zu entkrften, meiner
Wohlthaten erwhnte, Stillschweigen auf; ich wendete also den Erwerb zweier
eifrig in Arbeit hingebrachten Abende darauf, ihr einen Miethwagen
herbeizuschaffen, und war doch herzlich froh, wie sie mit der schriftlichen
Begutachtung des Rechtsgelehrten zurckkam, da ihre Beweisgrnde sie sehr wohl
in Stand setzten, eine Klage gegen Lord Glendower zum Besten ihres Sohnes zu
fhren. Doch diese Ausfahrt zog alle die Uebel nach sich, welche ich fr die
arme Kranke gefrchtet hatte. Ihr Husten und ihr Fieber nahmen in einem
furchtbaren Grade zu, und zugleich ihre fantastisch umherschweifende Elust, die
bei ihrem zunehmenden Leiden in der Befriedigung eines jeden neuen Einfalls ein
Labsal erwartete. Zu allen diesen Bedrngnissen gesellte sich jetzt noch die
Erklrung des Kaufmanns, der mir bisher meine Arbeiten bezahlt hatte: da ich
sie wohlfeiler geben msse, als bisher, weil sich zu wenige Kufer dafr fnden.
- Wohlfeiler, wie bisher, wo ihr Lohn kaum meine dringendsten Bedrfnisse
gedeckt hatte! - Das war, ohne zum Hungerleiden gebracht zu werden, nicht
mglich. Wie unmglich es sey, einen andern Erwerb zu finden, hatte ich aus
eigner Erfahrung gelernt; wenn dieser mir gebrach, war ich dem Verderben
dahingegeben. Bei den Obliegenheiten, die ich gegen Julie bernommen, war es mir
sogar unmglich geworden, einen Dienst als Stubenmagd zu suchen; denn wer sollte
sie pflegen? wer ihren armen Knaben, an den das innigste Wohlwollen mich band?
Unentschlossen und trostlos wandelte ich nach Hause. Der Abend brach ein, ich
fand Julie eingeschlafen und blieb, ihren kleinen Sohn durch leisen Gesang still
erhaltend, an dem Fenster sitzen. Der Mond spiegelte sich mit mattem Strahl in
den groen blauen Augen des blassen, sanften Kindes, es sah so vertrauend und
doch so wehmthig zu diesem Nachtgestirn auf, das so oft meine Thrnen
beleuchtet hatte. Auch jetzt flossen sie langsam und einzeln ber meine
angstglhenden Wangen. Ach in solchen Stunden gehen die Geister unsrer Snden
vor uns vorber! Ich hatte nun zu viel gelernt, um mich gegen meinen
himmlischen Vater zu empren, und die Erinnerung meiner frhern Thorheiten
verwies mich auf das dringende Bedrfni der strengen Schicksalsschule, in der
ich mich befunden. Das war ein trauriger, muthloser Abend! Doch er ging vorber
und die Stunde kam, wo es dem mit Gott befreundeten Gemth tglich durch den
Gang der Natur, so nahe, so berzeugend nahe gelegt wird, da sein Schicksal in
einer hhern Hand ruht. Sollten wir ohne diesen Gedanken uns je der sen
Hlflosigkeit des Schlafes hingeben drfen? Erneut er uns nicht jeden Abend den
Beweis, da wir durch die Natur unsers Daseyns genthigt sind, einen so groen
Theil unsers Daseyns hindurch ihm widerstandslos zu vertrauen, und sollte nicht
jeden Morgen mit unserm Bewutseyn der Gedanke erwachen, da eine hhere Hand
uns geschtzt hat? - Hlflos und rathlos warf ich mich diesen Abend mit
unbedingter Zuversicht an Gottes Vaterherz und erwachte am Morgen mit gestrktem
Muth und dem heiligen Vorsatz, heute jeden, auch den bittersten Schritt zu thun,
um mich aus meiner Noth zu erheben.
    Das einzige Mittel, das ich zum vortheilhaftern Verkauf meiner Arbeiten und
vielleicht zu sicheren Bestellungen hatte ersinnen knnen, war, die Geflligkeit
unsrer Hausfrau anzusprechen, da sie solche in den Husern, wo sie ihr Beruf
hinfhrte, anbieten mchte. Dieser Entschlu kostete mir unaussprechlich viel.
Frau Campell war bisher keineswegs von meiner Lage unterrichtet; nicht da ich
mich schmte, arm zu seyn, oder um des Unterhalts willen zu arbeiten - ich htte
mich fr glcklich gehalten, htte ich, so wie diese wackre Frau, auf Wochen
hinaus gewut, wer mir meine redliche Anstrengung bezahlen wollte; aber dieses
Anbieten bunten Spielwerks, das der vernnftige Tagelhner ohnehin mit
Geringschtzung als ein Bedrfni des migen Reichen ansehen mu, schien mir
dem Betteln so hnlich zu seyn, da ich frchtete, Frau Campells Meinung von mir
wrde dadurch leiden. Schwer lie sich mein widerspenstiges Herz beschwichtigen,
und mit einem Herzklopfen, das mir den Athem benahm, bat ich meine gtige
Wittwe, den Auftrag zu bernehmen. Sie war herzlich geneigt dazu, that mir eine
Menge Fragen ber den Gebrauch, den Preis der Waare, die mehr ihren guten
Willen, als ihre Fassungskraft bewiesen und mich an Cecile Graham erinnerten,
deren natrlicher Scharfsinn mir gewi diese peinlichen Einzelnheiten erspart
htte. Schlielich band ich ihr aufs dringendste ein, in ihrem Ausbieten der
Waaren nicht zudringlich zu seyn und meinen Namen streng zu verschweigen.
    Den ersten Tag brachte sie meine armen Knsteleien, ohne ein Stck verkauft
zu haben, zurck, und ich mute sie, um fr den heutigen Tag leben zu knnen, um
einen sehr herabgesetzten Preis meinem ehemaligen Kaufmann berlassen. Den
zweiten Tag glckte es besser: sie verkaufte ein kleines gemaltes Krbchen
theurer, als ich es angeschlagen hatte, ja sie berbrachte mir zugleich von
Seiten der Kuferin die Bestellung, ein ganzes Dutzend Caminfcher zu
verfertigen. Man wnschte sie so niedlich wie mglich, ohne mir einen Preis
vorzuschreiben; die Dame machte mir nur die einzige Bedingung, da ich selbst zu
ihr kommen mchte, um die Arbeit mit ihr zu verabreden. Diese war mir sehr
peinlich; in der Lage, wo ich mich befand, konnte ich sie aber nicht abschlagen.
Die arme Julie war ber unser gutes Glck kindisch entzckt. O nun bekomme ich
das Glas Burgunder, um das ich Sie schon zwei Tage lang vergeblich gebeten! -
Seit zwei Tagen weigerte sie sich hartnckig, unsre einfache, doch leichte
Nahrung zu genieen, und klagte Tag und Nacht, da sie vergeblich nach dem
einzigen Labsal lechze, welches ihrem kranken Krper Krfte zu geben vermchte.
Bei dem Fieber, das sie verzehrte, bei dem Husten, der ihr ganzes Wesen
erschtterte, konnte Burgunder kein angemener Genu fr sie seyn; mein weniges
Geld reichte auch nicht hin, ihn zu kaufen, und wenn ich diese Ausgabe erzwungen
htte, war ich gewohnt, da kranker Ekel ihr jede noch so ersehnte Befriedigung,
sobald sie ihr gewhrt wurde, widrig machte. Nothgedrungen und aus Ueberlegung
hatte ich ihrem Verlangen nach diesem Glas Burgunder widerstanden und sagte auch
jetzt: Liebe Julie, wir mssen auf etwas Anderes zu Ihrer Labung denken. Alles
Geld, das wir besitzen, reicht, wenn wir die morgen an Frau Campell zu
bezahlende Miethe abziehen, nicht hin, Burgunder zu kaufen. - Frau Campell
kann warten; die braucht das Geld nicht so dringend. - Liebe Freundin, wenn
man jeden Tag nur fr den Tag erwirbt, kann man nicht Schulden machen; man hat
kein Recht dazu, weil der Tag, wo man bezahlen knnte, vielleicht nie
herbeikommt. - O so eine kleine Schuld! aber ich wei wohl, ich habe nicht das
Recht, solche Opfer von Ihnen zu verlangen. Ich habe es nicht um Sie verdient;
aber um meines armen Kindes willen, das ohnehin bald eine Waise werden mu ...
Hier unterbrach sie sich selbst und weinte fort. Mir zersprang fast das Herz vor
Wehmuth und Unwillen. Der letzte, weil ich aus hundertfacher Beobachtung wute,
da sie nie an den Tod dachte, und der traurige Schlu ihrer Rede nur mich
erweichen sollte. Fest entschlossen, auf meiner wohlbegrndeten Weigerung zu
bestehen, begab ich mich, ohne ihr zu antworten, hinweg. Nachdem ich ein paar
Stunden, an Frau Campells Kchenfenster sitzend, gearbeitet hatte, kehrte ich in
mein Zimmer zurck, wo ich zu meinem Befremden Julie an der Thr begegnete, die
mir entgegen rief: Ach, ich dachte, Sie kmen nie wieder! Wo ist der Wein? -
Liebe Julie, antwortete ich, untrstlich ber ihre Beharrlichkeit, ich kann
Ihrer Forderung nicht gengen.
    Sie hatte sich eingebildet, mich berredet zu haben; die Fehlschlagung
brachte sie jetzt dergestalt auf, da sie durch das Weinen in einen Anfall von
Husten gerieth, der endlich einen Brustkrampf erregte, wodurch ihr Leben
augenscheinlich zu erlschen bedroht war. Frau Campell, die glcklicher Weise zu
Hause war, holte einen Apothekergesellen herbei, dem es gelang, durch einige
Opiate den Krampf zu stillen; eine tdtliche Schwche folgte ihm, die nach
kurzer Zeit jedoch in einen ruhigen Schlaf berging. Whrend ich die Nacht an
ihrem Bette verwachte, dachte ich mit Schauder an die Vorwrfe, die ich mir
wrde gemacht haben, wenn Julie in diesem durch meine Schuld veranlaten Anfall
den Tod gefunden htte. Mein Verfahren konnte ich nicht tadeln, es war die
Frucht eines schweren Siegs der Vernunft ber meine Weichheit; allein die
schnelle Hlfe, welche des Doctors, wie ihn meine Wittwe nannte, einfache
Arznei gewhrt hatte, machte mir die Nothwendigkeit einleuchtend, rztliche
Hlfe fr die arme Kranke zu suchen. Bisher hatte ich geglaubt, meine geringe
Einsicht in ihr Uebel knne mich hinlnglich bei dessen Behandlung leiten;
allein jetzt war mir die Mglichkeit ihres Todes, bevor sie ihre Gefahr
eingestehe, bevor sie ihre Gedanken zu der groen Verwandlung gesammelt, nahe
getreten, und ich dankte Gott fr die Aussicht, durch die mir aufgetragne Arbeit
einen hinlnglichen Erwerb hoffen zu drfen, um sogleich einen Arzt fr Julie zu
bestellen. Diese Betrachtungen hatten meine Abneigung gegen den mir
bevorstehenden Besuch gnzlich vertilgt, so da ich mich, zwar sehr schchtern,
aber freudiges Muthes auf den Weg gemacht htte, wre mir nicht eine neue
qulende Nothwendigkeit klar geworden. Die aufgetragne Arbeit sollte mir einen
reichern Gewinn geben, allein sie erforderte auch lngere Zeit, und mein
Bedrfni verlangte einen tglichen Zuschu; ich sah mich also nothgedrungen,
von meiner neuen Wohlthterin einen Theil der Bezahlung imvoraus zu erbitten, um
so mehr, da ich Stoff zu dieser Arbeit einkaufen mute - eine unerschwingliche
Ausgabe in meinem Verhltni. Doch da mir meine Vernunft sagte, da ein groer
Theil Arbeiterinnen in diesem Fall seyn drften, und eine solche Forderung mit
Almosenheischen nichts gemein htte, berwand ich meine Scheu und trat ziemlich
gefat in das Haus. Man wies mich zu einer ltlichen Frau von sehr angenehmem
Aeuern; der angemene Ernst in ihrer Kleidung, ihre Haltung forderten die ihrem
Alter gebhrende Ehrerbietung, wobei doch die Gte und Heiterkeit ihres Wesens
die Jugend anziehen mute. Sie empfing mich mehr wie hflich und begann sogleich
ein Gesprch mit mir, dem sie eine so leichte Wendung zu geben wute, da ich
alle Verlegenheit ablegte. Bald nahm ich wahr, da der gnstige Eindruck
gegenseitig sey, was mich nicht weiter wunderte, da die Dame mir einen Wink gab,
da die gute Wittwe Campell ihr in der Dankbarkeit ihres redlichen Herzens von
mir erzhlt hatte. Erst nach einem langen Gesprch kam sie auf die schonendste
Weise auf meine Arbeit zu sprechen, verabredete die Darstellungen, welche ich
auf den Fchern anbringen sollte, mit so viel Geist wie Geschmack, und gab mir
sehr verbindlich zu verstehen, da ich den Preis ganz nach meiner Mhe ansetzen
sollte. Jetzt war nun der Augenblick gekommen, wo ich mein Gesuch anbringen
sollte; aber eben darum, weil mich diese Frau nach so langer, langer Zeit wieder
auf den Platz gesetzt hatte, fr den meine ehemalige Bildung mich bestimmte,
fand ichs um so schwerer, auch sogleich wieder zu der Rolle der Geldbedrftigen
herabzusinken. Der Muth verlie mich, ich ward stumm und zerstreut, meine Zunge
versagte mir ihren Dienst - aber dann fiel mir Juliens elender Zustand ein, die
Nothwendigkeit, mir selbst Mittel zur Arbeit zu verschaffen, und ich stammelte:
ich htte wohl um eine Gunst zu bitten ... aber mehr hervorzubringen, war mir
unmglich. Die edle Frau sah mir fragend ins Gesicht, fate meine Hand und
sagte: Ich wnschte, Sie shen mich als eine alte Bekannte an; mir ists
wirklich zu Sinn, als habe ich Sie schon in der Wiege gekannt. - Vor so viel
Gte schwand meine Widerspenstigkeit; ja, rief ich mit hervordringenden
Thrnen, Sie sind gtig, ich sehe, Sie sind es; und ich sollte nicht diese
Zurckhaltung fhlen ... ich sollte gestehen, da mich die uerste
Nothwendigkeit antreibt ... Hier schwieg ich wieder; aber die Dame hatte ihren
Geldbeutel schon in der Hand: Ich sollte Ihnen schmlen, rief sie freundlich,
denn Sie flen mir den Verdacht ein, zu denen zu gehren, die Gottes Gte nur
dann erkennen wollen, wenn er sie unmittelbar in ihre eignen Hnde legt. - Der
Vorwurf that mir weh. Ich fand die Sprache wieder und sagte ihr, worin
eigentlich meine Forderung bestanden htte; aber im Sprechen erkannte ich, da
ihr Vorwurf doch einigen Grund htte, und setzte hinzu: Doch schmlen Sie nur,
ich habe es einigermaen verdient, denn mir fehlt immer noch die Demuth, mit der
jede Gabe Gottes von einem armen Geschpf, das sie so oft nicht verdient hat,
angenommen werden sollte. Die Dame schien meine Art und Weise ganz zu
verstehen: sie gab mir nun so viel und auf die Bedingungen, wie ich es wollte,
ohne mir mehr aufzudringen. Bei meinem Abschied fragte sie nach meinem Namen,
den ihr Frau Campell, meinem Verbot zufolge, nicht genannt hatte. Ich errthete
ber meine immer wieder auftauchende Eitelkeit und sagte: Es war wieder eine
Schwche von mir, ihn zu verschweigen. Ich wei, Ellen Percy ist dadurch nicht
beschimpft, da sie durch ihre Arbeit ihren Unterhalt erwirbt. - Percy! rief
die Dame, als wenn sie sich pltzlich an etwas erinnerte. Aber Frau Campell
sagte, Sie htten in Schottland gar keine Bekanntschaften. - Kaum die
allerentfernteste. - So knnen Sie es doch nicht seyn, von der sie sprachen -
sagte sie wie im Selbstgesprch, indem sie sich zu ihrem Schreibtisch wendete,
wo offne Briefe lagen, gleichsam als deute sie auf den Inhalt. Gern htte ich um
eine Erklrung gebeten; allein da die Dame nichts hinzusetzte, war ich zu
schchtern und begab mich, sehr neugierig, hinweg. Htte ich Zeit gehabt, so
mchte ich mich wohl mit Errathen und Luftschlssern beschftigt haben; von
diesem Zeitvertreib hatte mich aber die ernste Wirklichkeit ziemlich geheilt,
und jetzt forderte mich Juliens Zustand auf, mich mit ganz andern Dingen zu
beschftigen. Da ich einen Arzt fr sie zu Rathe zu ziehen gedachte, fiel mir
der Mann ein, der in meinem frchterlichen Verwahrsam sich meiner so thtig
angenommen, und, durch sein Betragen gegen mich von seiner Menschlichkeit
berzeugt, lie ich ihn um einen Besuch bitten. Er kam ungesumt, freute sich
ohne viele Worte ber meine blhende Gesundheit und ging sogleich auf den Zweck
seiner Einladung los. Whrend er Julie befragte, beobachtete ich ihn wohl und
nahm wahr, da er ihren Zustand fr hoffnungslos hielt; inde sie mit dem
traurigsten Selbstbetrug ihm die Beobachtungen, die er selbst machte, abstritt.
Er verlie sie, ohne eine Verordnung zu machen. Ich folgte ihm aus der Thr und
fragte, ihn aufhaltend: Haben Sie mir gar keine Anweisung fr die Kranke zu
geben? - Gar keine, als sie treiben zu lassen, was sie noch freut. In weniger
wie einer Woche ist es mit ihr vorber. - Kaum hatte er diese frchterlichen
Worte ausgesprochen, so hrte ich einen schweren Fall, und wie ich in das Zimmer
zurckflog, lag Julie besinnungslos am Boden. Sie hatte aus des Doctors Betragen
und meinem Eifer, ihn zu begleiten, Verdacht geschpft, hatte die Thr leise
geffnet und unser Gesprch leise behorcht. Das ber ihr Leben ausgesprochne
Urtheil hatte sie der Besinnung beraubt; mhselig brachten wir sie ins Leben
zurck. Ach, sie begrte es mit dem wehklagenden Geschrei: ich soll sterben,
ich soll sterben! und alles Zureden, allen Trost von sich weisend, wiederholte
sie, deren armer Kopf nun weiter keinen Gedanken zu fassen fhig war,
unaufhrlich diese Worte, bis die erliegende Natur ihr in einem unruhigen
Schlummer Stillschweigen gebot.
    Auch mir war heute der Schlaf eine willkommene Wohlthat, so da mein letzter
Gedanke, ehe er mich in se Vergessenheit hllte, ein herzlicher Dank war, da
der kleine Knabe heute nicht, wie es wohl oft der Fall war, durch sein Weinen
meine wenigen Ruhestunden verkrzte. Bei meinem Erwachen fand ich Julie so
still, und sie lag so unbeweglich, da ich mich mit Aengstlichkeit ihrer
Athemzge versicherte. Zu meinem Erstaunen schien sie, ohne mich zu rufen, schon
eine Weile gewacht zu haben. Sobald sie mich aber erblickte, fragte sie mit
einer Art Gleichgltigkeit: Hat denn der Doctor *** den Ruf eines geschickten
Mannes? Er schien von meiner Krankheit gar nichts wahrzunehmen, als was ich ihm
selbst sagte, und das miverstand er dennoch ganz und gar. - Die
Beharrlichkeit, mit der sie auf ihrer Selbsttuschung bestand, war mir unendlich
schmerzlich; ich wiederholte meine gute Meinung von des Arztes Geschicklichkeit
und setzte hinzu, da sein Urtheil eigentlich aber gar nichts bestimme. Wenn sie
das, was ihr vor ihrem Ende zu thun brig bliebe, gewissenhaft vollbringe, sey
es ja ziemlich gleichgltig, ob er dieses fern oder nahe hielt. Sie schwieg eine
Weile, dann sagte sie mit einem tiefen Seufzer: Sie haben recht. Kommen Sie
neben mein Bett, ich will Ihnen einen Brief an meinen Bruder dictiren. Ich
willfahrte ihr, sobald es mein kleiner Haushalt vergnnte, und darauf sagte sie
mir einen Brief in die Feder, ber dessen Klarheit und Zweckmigkeit ich
erstaunte. Sie nannte und bezeichnete die Personen, welche in ihrer Sache zu
ihren Gunsten Zeugni geben konnten, und nahm Herrn Arnolds herrschende
Leidenschaft hchst geschickt in Anspruch, indem sie ihm begreiflich machte, da
er, sobald die Legitimitt von seinem Neffen erwiesen sey, als Oheim und
natrlicher Vormund, nach Lord Glendowers Tode mit der Verwaltung des gnzlichen
Vermgens von fnfundzwanzig tausend Pfund Einknften beauftragt werden msse.
Mit unruhigem Rckblick auf mich selbst sah ich hier ein neues Beispiel, wie
klar wir Andrer Fehler einsehen, inde wir ber die unsern in steter Tuschung
verbleiben. Ich hoffte, da sie die Krfte, welche ihr ein erquickender Schlaf
schien gegeben zu haben, nun auch zu einem noch viel ernstern Geschft, als die
zeitliche Wohlfahrt ihres Kindes zu begrnden, anwenden wrde; ich hoffte, sie
wrde ihrem Bruder ber dessen Erziehung etwas sagen, wrde einen krftigern
Zuspruch, wie den meinen, ber ihre nchste groe Zukunft verlangen; - aber die
flchtige Helle ihres Geistes war schon vorber; ehe der Brief noch geschlossen
ward, schweiften ihre Gedanken ab, und ein halb trumender Zustand machte sie zu
jedem Nachdenken unfhig.
    Meine nchste Beschftigung war nun, die Zeichnungen zu meiner mir
aufgetragnen Arbeit zu entwerfen. Leider war Frau Campells Tchterchen heute
durch Hausarbeit verhindert, mit dem kleinen Glendower zu spielen, es blieb mir
daher nichts brig, als ihn mit der einen Hand auf meinen Knien zu halten, ein
Krbchen mit den bunten Abschnitzeln meiner Arbeit vor ihm, in welcher er
unruhig umherwhlte, inde ich mit der andern Hand den ersten Entwurf zu meinen
Zeichnungen versuchte. In diesem Augenblick ffnete sich leise die Thr, und die
Dame, bei der ich mich gestern vorgestellt hatte, trat mit einer jngern ein,
die auf den ersten Anblick meine Aufmerksamkeit fesselte. Sie hatte eine
majesttische, im schnsten Ebenma gebildete Gestalt; ihre Haut, wenn gleich
von der Farbe, die sich zu braunem Haar paart, war durchsichtig, und wenn gleich
fr die krnkelnde Zartheit einer londner Schnen zu hoch gefrbt, gewann sie
durch das Roth der Gesundheit ihrer Wangen. Ihre schwarzen, etwas grade
gezeichneten Augenbraunen lagen nahe ber so dunkeln, leuchtenden Augen, da
ihre eigentliche Farbe nicht zu unterscheiden war, und fr die Weie ihrer Zhne
war das alte poetische Bild orientalischer Perlen zu matt. Die Lieblichkeit
ihres Lchelns wre eben so schwer zu schildern. Wahr ist es, sie konnte neben
einer zartgebauten Nymphe etwas zu breitschultrig aussehen, aber ihre Formen
waren hchst weiblich, ihre Bewegungen mild und behende. Sobald sie ihre
Begleiterin als Charlotte Graham eingefhrt hatte, erinnerten mich ihre Zge an
meine gute Cecile; sie glichen sich, wie der rohe Entwurf einer Bste zu ihrer
ausgefhrten Vollendung; auch im Ausdruck fand dieser auffallende Unterschied
statt. Cecilens ihrer war ernst, durchdringend und, fr eine so junge Frau, fast
streng; Mi Grahams Gesicht war heiter, offen, lebendig, beide aber drckten die
Art Scharfsinn aus, welche die Worte dessen, der da redet, bis zu ihrer Quelle
verfolgt.
    Mi Grahams tiefe Trauerkleider und eine trbe Wolke, die zuweilen ber ihr
frhliches Gesicht zog, bedeuteten mich, da irgend ein Todesfall die Familie
betroffen haben mute. Ihr Betragen benahm aber auch den Schchternsten alle
Verlegenheit. Es war gebildet, aber nicht modig; hflich, doch nicht geknstelt;
gtig, ohne den mindesten Anschein von Herablassung; allein in ihrer Haltung,
ihren Bewegungen, vor allem in ihrem Gang drckte sich eine Hoheit aus, die es
bewie, da sie sich nie von der Gegenwart eines Obern gedrckt fhlte und wohl
zu gewhren, aber nicht zu bitten gewohnt war. Diese Eindrcke machte mir die
erste Viertelstunde von Mi Grahams Bekanntschaft. Was mir Cecile von ihr gesagt
hatte, war ganz geeignet gewesen, ihr meine Bewunderung zu erwerben; allein die
unaussprechliche Melodie ihrer Stimme erwarb ihr mit den ersten Worten, die sie
mit einer etwas fremden, ihr Vaterland hchst angenehm bezeichnenden Aussprache
zu mir sagte, mein Herz. Wenn Sie uns entschuldigen, im Fall wir Ihnen lstig
sind, sprach sie, so ist mein Gewissen beruhigt; denn ich bin berzeugt, Sie
sind es mit der ich mein Geschft abthun soll; denn zwei Personen knnen meiner
Beschreibung nicht hnlich sehen. - Sie werden sich erinnern, sagte ihre
Begleiterin, indem sie ber meine erstaunten, fragenden Blicke lchelte, da
ich gestern einer Freundin gegen Sie erwhnte, die ein Frauenzimmer Ihres Namens
aufgesucht htte. Wir drfen nun hoffen, solches in Ihnen gefunden zu haben, und
damit mu manche zudringliche Frage entschuldigt werden. - Ich bedarf nur eine
beantwortet zu erhalten, sagte Mi Graham. Sagen Sie mir nur, wer Ihre Eltern
waren? - Dieses sagte ich ohne den geringsten Rckhalt. Gut, nahm Mi Graham
wieder das Wort, in diesem Fall habe ich die Freude, Ihnen eine angenehme
kleine Nachricht zu bringen. Mein Bruder war so glcklich, eine Ihrem Vater
schuldige Summe einzutreiben; der Schuldner zahlte sie nur unter der Bedingung
aus, da die Hlfte davon in Ihre Hnde gegeben, und nur die Hlfte der Masse
zugewendet werden sollte. Die Sache ist nun gerichtlich abgethan, und Sir
William Sorbes wird Ihnen funfzehn hundert Pfund auszahlen. - Kaum wird man mir
glauben, da diese Nachricht mir anfangs keine groe Freude machte. Ach, das
kommt nun zu spt! dachte ich, meine Blicke auf die arme Julie heftend, die aus
dem Hintergrund des Zimmers diesen Vorgang mit dumpfer Gleichgltigkeit zusah.
Doch mein zweiter Gedanke belehrte mich, da ich undankbar gegen Gott und meine
Wohlthter sey, und ich drckte Mi Graham meine Erkenntlichkeit aus. Sie
versicherte mich dagegen auf die liebenswrdigste Weise, da meine Bekanntschaft
sie schon weit ber den Werth des kleinen geleisteten Dienstes belohnt habe, und
kam meinen weitern Danksagungen durch die Fortsetzung ihres Gesprchs zuvor.
Mein Bruder, sagte sie, konnte Ihre Spur nur bis zu Mi Mortimer und von da
nach Edinburg verfolgen, hier verlor er sie, und da er zu entfernt war,
Nachforschungen anzustellen, trug er sie mir auf, und mir war in meinem Geschft
eine Ihrer und meiner sehr dankbaren Schtzlinge, die gute Cecile Graham,
behlflich. Sie wies mich an die Boswells; die wollten aber nichts von Ihnen
wissen. Mittlerweile kam ich vor wenigen Tagen in die Stadt, ohne zu wissen,
welche Wege ich einschlagen sollte, aber fest entschlossen, nicht, ehe ich Sie
gefunden, Glen Eredine wiederzusehen - Wre es mglich, da ich solch eine
gromthige Theilnahme bei Fremden erregt haben sollte? - Nennen Sie mich
Fremde, wenn Sie wollen, wenn mir der Name nur einen freundlichen Empfang bei
Ihnen verschafft. Doch mein Bruder mu Sie persnlich gekannt haben, wenigstens
mit Ihrem Vater in sehr genauen Verhltnissen gewesen seyn, denn er beschrieb
mir Ihre Person. - Ja, ja, nahm die ltere Dame mit gutmthigem Scherze das
Wort, die schwarzen Wimpern und das Grbchen in den Wangen. - - - Das Lcheln
htte Sie mir doch noch leichter verrathen, unterbrach sie Mi Graham. - Wenn
ich die Ehre haben sollte, Herrn Kenneth, den ich jedoch nur aus Cecilens
Erzhlung gekannt zu haben glaube, wiederzusehen, kann er Ihnen selbst sagen, ob
ich seinem Gemlde gleiche, antwortete ich, ebenso verlegen wie geschmeichelt.
Mi Grahams Heiterkeit erlosch, und eine Thrne fllte ihr Auge. Ich suchte mir
diese sonderbare Erscheinung zu erklren und dachte, da Herr Kenneth selbst der
Schuldner gewesen und seitdem verstorben sey, weshalb meine Hoffnung, ihn
wiederzusehen, der liebenden Schwester so weh thue. Diese fate sich aber bald
wieder und fragte: Sie erinnern sich also nicht, einen Bruder von mir zu Ihres
Vaters Lebzeiten gesehen zu haben? - Ich war beschmt. War Herr Kenneth ein
Geschftsmann gewesen, der meiner Eitelkeit nicht besonders gehuldigt, so konnte
er sich sehr wohl unter den vielen Gsten meines Vaters befunden haben, ohne da
ich ihn je bemerkt hatte. Gut, rief Mi Graham, da sie meine Verlegenheit
bemerkte, ich will dafr sorgen, da Sie mich nicht also vergessen; - und
jetzt wendete sie das Gesprch auf Cecile, ihre Landsleute und den Unterschied
zwischen den Hochlndern und den Einwohnern der Ebene. Wenn gleich ihre
Unterhaltung ber diesen, wie ber jeden andern Gegenstand, keine besondere
Geistesbildung bewies, so verrieth sie doch einen natrlichen Scharfsinn, eine
so schnelle und scharfe Beobachtungsgabe, wie ich sie sehr selten angetroffen
habe. Ihr Besuch nahm ein Ende, ohne da ich begreifen konnte, wie er zwei
Stunden gedauert habe. Die langentbehrte Wohlthat eines freundschaftlichen
Austausches von Gedanken und Gefhlen hatte mich so entzckt, da das
unerwartete Glck, welches sie mir verkndet, mich, so lange sie gegenwrtig
war, wenig beschftigte.
    Doch die Gelegenheit, es anzuerkennen, stand mir nahe genug. Juliens Zustand
war jetzt so hlflos geworden, da ihre Pflege und die Aufsicht auf ihr armes
Kind, obgleich ich nun in. der ltesten Campell eine Art Wrterin fr dasselbe
bezahlte, mir sehr wenige Zeit zu arbeiten lie. Die Kranke war so abgemagert,
da Bewegung und Stilleliegen ihr gleich schmerzhaft bednkten; meine ngstliche
Unruhe war das einzige Gefhl, das der Tod noch nicht in ihr vertilgt hatte; so
wie ein kindisches Bewutseyn ihrer Abhngigkeit von mir die letzte ihrer
menschlichen Empfindungen zu seyn schien. Die Furcht vor dem Tode war in
stumpfer Unterwrfigkeit unter die Nothwendigkeit untergegangen, und so sah ich
sie gleich unbedrftig und unfhig, die groe Stunde, der sie entgegen ging,
wrdig zu bestehen, vor meinen Augen verschmachten. Mit tiefer Wehmuth und
unaussprechlichem Danke zu Gott sa ich Tage und Nchte an diesem jammervollen
Todbette. Ich war mit dieser Sterbenden jung und thricht gewesen, mich hatte
eine Vaterhand aus dem Strom des Verderbens gerettet, auf den Wogen des Unglcks
getragen, und ich fhlte tief in meinem Herzen: weinen konnte ich noch viel,
fehlen noch oft, aber so sterben, so trost- und hoffnungleer sterben wrde ich
nie. Dann sann ich nach, was denn mein Verdienst sey, da ich nicht von jenem
Tage an, wo mich meine Verkehrtheit in Lord Friedrichs Hnde bergab, gesunken
und zu Grunde gegangen sey, wie meine unglckliche Gespielin, und gedachte der
Demthigung, die mich damals traf, und des Jammers, der ihr folgte, mit tiefem,
innigem Dank. - Denn wahrscheinlich hatten sie mich gerettet. Diese Tage lehrten
mich, welchen Schatz ich an Charlotte Graham gewonnen hatte. Durch mein
Schicksal verschchtert, wehrte ich mich anfangs vor der Anziehungskraft ihres
Wesens und sagte mir oft: um eine wahre Freundin zu seyn, bedarf es mehr, wie
dieses liebenswrdige Aeuere. Aber nun, da sie tglich Gesellschaften, in denen
Beifall und Freude sie erwarteten, hintansetzte, um die Abende in meiner
rmlichen Wohnung die Pflege einer Sterbenden zu theilen, ward mir ihre Milde,
ihre Geduld, ihre Frmmigkeit klar, und wir knpften eine Freundschaft, die
gewi nur der Tod zu scheiden vermag. Sie fhlte viel zu zart, um mich, so lange
Julie meiner bedurfte, zu einer Vernderung meiner Lage zu bewegen; allein mein
Besuch in Glen Eredine ward als eine so ausgemachte Sache angenommen, da sie
mich schon wie eine Bewohnerin von ihres Vaters Hause ansah. Sie machte die
Eintheilung unsrer Zeit fr jede Stunde des Tags; unsre wissenschaftlichen
Uebungen, unsre Lustwanderungen wurden verabredet; alles, was sie beschftigte,
fhrte sie auf Glen Eredine zurck; sie beschrieb mir die Naturscenen, die ich
zeichnen sollte, den Felsen, wo der Widerhall meiner Harfe sollte antworten; und
wenn sie selbst sich auf ihren unabllichen Trumereien ber ihr Heimathsthal
berraschte, rief sie mit einem glnzenden Blick zum Himmel: ach, es ist ja
auch nirgend so schn! und legte die gefalteten Hnde auf die Brust.
    Bei diesem nur ihren edeln Landsleuten eigenen Enthusiasmus fr ihr Land,
bei der innigen Ehrfurcht, mit der Mi Graham von ihrem Vater sprach, der, wie
sie gestand, durch ihre Abwesenheit eine peinliche Leere empfnde, konnte ich
nicht begreifen, was sie in Edinburg festhielt. Geschfte schienen es nicht zu
seyn, denn nie hrte ich solche von ihr erwhnen, und Lustbarkeiten fesselten
sie nicht, denn sie brachte ihre meiste Zeit in meiner kummervollen Wohnung zu.
Endlich aber war unsre traurige Aufgabe gelst. Mit kaum merklicher Stufenfolge
sank Julie aus einem matten Schlummer in die Arme des Todes. Ich fhlte ihren
unterbrochnen Puls, bewachte ihre seltneren Athemzge; allein ihr Leben schwand
so leise, da mir der Augenblick seiner Flucht nicht bemerklich ward. Ich
erfllte die letzte Pflicht der Freundschaft an ihr, ich bereitete sie mit
frommen Hnden und mancher Thrne der Wehmuth zu ihrem Uebergang ins Grab, ins
unbeweinte Grab - denn meine Thrnen galten ihrem Leben, nicht ihrem Tode - und
ihr armer Knabe sah neugierig zu, wie die Mnner den ungeschmckten Sarg aus dem
Zimmer entfernten.
    Zwei Tage nach ihrem Tode empfing ich von ihrem Bruder die Versicherung, die
Rechte von Lord Glendowers Erben vertheidigen zu wollen, zugleich auch die
Anweisung, das Kind nach dem Tode seiner Mutter zu ihm nach London zu senden.
Die Trennung von ihm ward mir unendlich schwer, ja ohne Mi Grahams klare
Ansicht der Dinge, htte ich mich vielleicht von meinem weichen Herzen bewegen
lassen, ihn seinem natrlichen Beschtzer zu entziehen. Sie bewies mir aber, da
des Knaben Wohl und meine weibliche Wrde mir nicht erlaube, ihn in meinen
Hnden zu behalten, da sein Oheim eben das fr ihn thun wrde, was mir zu thun
mglich sey: er wrde ihn in eine gute Pension thun. Sie hatte recht, aber mir
schien meine Liebe ein Gewicht, das kein Vernunftgrund aufwiegen knnte. Dennoch
erkannte ich die ihrigen an, ich beredete meine gute Frau Campell, gegen eine
angemessene Belohnung meinen armen kleinen Liebling selbst nach London zu
bringen. Seine Rechte wurden anerkannt; und da Lord Glendower von Lady Maria nie
Kinder erhielt, wurden Juliens Sohn alle die Vortheile des Glcks eingerumt,
die seine arme Mutter vergeblich um den Preis ihres Lebens hatte zu erlangen
gestrebt.
    Nun mich keine unerlliche Obliegenheit mehr fesselte, gab ich Mi Grahams
Bitten nach und ward ihre tgliche Gefhrtin. Edinburg mit seinen historischen
Merkwrdigkeiten und seinen Umgebungen, voll der erhabensten Schnheiten der
Natur, beschftigte mich nun auf die anziehendste Weise, unsre Morgen waren den
mannichfaltigsten Wanderungen geweiht, und die Abende in Gesellschaften
zugebracht, in denen ich, ohne auerordentliche Vorzge, alle Annehmlichkeiten
vereint fand. Viel feine Sitten, also keine Sonderbarkeiten; allgemeine Bildung,
also keine Pedanterei; viel guten Geschmack, also keine auffallenden
Einzelnheiten. Von Mi Graham eingefhrt, fand ich berall den
schmeichelhaftesten Empfang, und die arme Fremde, der es nicht gelingen wollte,
Arbeit zu ihrem tglichen Unterhalt zu finden, ward nun, da sie ihren Beitrag
zur Kurzweil miger Stunden gab, von allen Seiten aufgesucht und bewundert. Nun
sah ich mich wieder in der Lage, meinen alten Fehlern Raum zu vergnnen. Wohl
nirgends hat weibliche Schnheit so groe Geltung wie in der Hauptstadt von
Schottland. Mi Grahams hohe Gestalt und meine Schlankheit, traten als neue
Erscheinungen auf und fanden warme Bewunderer, doch mein Geschmack an diesen
Huldigungen war vorber; mir war bei dieser meiner Rckkehr in die Gesellschaft
eine Schchternheit vor meiner eignen Schwche geblieben, die mir Wachsamkeit
gegen mich selbst gebot. Ein genugthuenderes Vergngen, wie der Beifall der
Mnner, gab mir Charlottens edle Uneigenntzigkeit in der getheilten Bewunderung
der Menge; sie erfreute sich des kleinen Gewichtes, das meine Waagschaale
niederdrckte - es entstand aus den sieben Jahren frischerer Jugend, die ich vor
ihr voraus hatte. - Es gingen andre sieben Jahre vorber, und dann gebhrte ihr
der Kranz der Schnheit, denn ihre Zge, von dem Zauber nie alternden Geistes
beseelt, trotzten dem Einflu der Zeit.
    Seit Juliens Tod war es zwischen uns ausgemacht worden, da ich Mi
Charlotte nach Glen Eredine begleiten wrde; mein Aufenthalt in Edinburg gefiel
mir aber so wohl, da ich nicht sehr ungeduldig auf unsere Abreise drang, um so
weniger, da meine Freundin, so sehnsuchtsvoll ihre Blicke nach ihren Bergen
gerichtet waren, sie doch tglich verschob. Eines Abends, wie wir die Sonne von
einer der romantischen Felshhen um Edinburg untergehen sahen, blickte sie
begeistert nach Westen und rief: Ach, sie sinkt hinter Benarde hinab! - Man
sollte glauben, Charlotte, sagte ich lchelnd, Sie htten nicht weit von
Benarde Jemand bestellt, der mit Ihnen diese letzten Strahlen zugleich begren
sollte. - Das ist ein empfindsamer Einfall, rief sie lachend, den knnten
Sie gar nicht haben, htten Sie nicht selbst schon solche fantastische
Rendezvous gehabt. Gestehen Sie, Ellen, Sie haben geliebt! - Ich? nein, ich
habe nicht. - Kind, sehen Sie nicht so unschuldig aus! Warten Sie nur, bis Sie
Bruder Heinrich kennen lernen! Dann wollen wir sehen, wie es um die
Unverletzbarkeit Ihres Herzens aussehen wird. - Grade wie jetzt. Htte die
gefhrdet werden knnen, so wre es schon vorlngst geschehen. - Das wre?
Was, liebe Ellen, hat Sie denn so unverletzbar gemacht? - Die Neigung eines
der edelsten und weisesten der Menschen, meine Freundin. Ich hatte einst das
Schicksal, die Aufmerksamkeit Ihres Landsmanns, des gromthigen, beredten
Maitland auf mich zu ziehen. - Mi Graham schreckte auf, antwortete aber nicht.
Kannten Sie ihn? fragte ich, sie ansehend. - Hohe Rthe deckte ihr Gesicht;
ja, ja, ich kannte ihn, sagte sie zgernd und schien in tiefe Gedanken zu
sinken. Wir schwiegen eine Weile. Charlottens Fassung schien mir ein Geheimni
zu verrathen, in das mein Schicksal verflochten war. Es konnte mich nicht
befremden, da Maitland mit Mi Graham zusammengetroffen, und da er in ihr alle
die Vorzge gefunden, die sein mnnlicher Geist suchte und einst gtevoll sich
bemhen wollte, in mir zu entwickeln. Es kostete mir einen schweren, aber nur
kurzen Kampf, meinen unausgebildeten, aber im lebendigen Keim stets noch in
meinem Busen schlummernden Hoffnungen zu entsagen. Aber die Vernunft gebot es;
die Entsagung gelang, doch dem Schmerz um sie gebot ich nur augenblickliches
Schweigen; er sollte mir jetzt die Selbstherrschaft nicht rauben. Jetzt bedurfte
ich es, den freimthigen Verkehr zwischen mir und Charlotten wiederherzustellen;
es war mir unleidlich peinigend, neben der Freundin, die mich mit beispielloser
Gromuth behandelt hatte, in diesem Augenblick so abgeschieden zu stehen. Den
Uebergang zu finden, ward mir schwer, denn trotz der Freimthigkeit in
Charlottens Betragen, hatte meine Vertraulichkeit mit ihr Grenzen; wenn sie
einmal einen Punct angedeutet hatte, den sie nicht berhrt haben wollte, so
getraute ich mich nie mehr ihm zu nahen. Wir wanderten noch stumm neben
einander, als sie sagte: Ellen, Sie sind beleidigt, denn ich that Ihnen eine
Frage, die sich selbst die vertrauteste Freundin versagen soll. - Nicht doch,
liebste Charlotte, Sie drfen alles fragen; ich will Ihnen gern ... - Nein,
nein! solche Fragen sollen nicht gethan und nicht beantwortet werden. Ist eine
Liebe glcklich, so gesteht sie der Liebende gern; ist sie unglcklich, so ist
ihr Gestndni eine Herabwrdigung, die kein Mensch von dem andern fordern
darf. - Gott! sollte das dein Loos seyn, dachte ich, so soll dein edles Herz
wenigstens durch mich nicht leiden, du sollst wissen, da ich dir nicht im Wege
bin. Mit glhenden Wangen und klopfendem Herzen nahm ich wieder das Wort:
Charlotte, sagte ich, Sie mssen meine Beichte anhren, sie ist sehr
demthigend, wenn gleich nicht in der Art, die Sie bezeichnen. Ich mu Herrn
Maitland die Gerechtigkeit widerfahren lassen, da er mich nie in den Fall
setzte, ihn ausschlagen zu knnen. Er sah ein, da ich zu seiner Gattin nicht
geschickt war, und in demselben Augenblick, wo er seine Schwachheit eingestand,
entsagte er ihr auf immer. Sehen Sie nicht unglubig aus, Charlotte! Weder ein
hbsches Gesicht, noch ein groes Vermgen, wie ich damals besa, konnten Herrn
Maitland verleiten, seine Hand einem herz- und gedankenlosen ... Doch seitdem
habe ich mich verndert, sehr verndert. Aber wahrlich, Charlotte, ich stehe
Niemandem im Wege, der Maitland so glcklich machen mge, wie ich .... - Ich
mute innehalten, und Mi Graham ersparte mir das Ende meiner Rede, indem sie
meine Hand liebevoll drckte und sich dann mit einem eben vorbeigehenden
Bekannten unterhielt.
    Von dieser Zeit an sprach sie, so offen sie sich ber alle Gegenstnde
auslie, nie mehr von Maitland, und sie gewann dadurch an Achtung bei mir; denn
sie bewies damit, nach meiner Ansicht, sowohl ihre Herrschaft ber ihre eigne
Empfindung, als ihre Schonung fr Andere. Jedesmal, wenn ich Charlotte
beobachtete, ward es mir rthselhafter, wie Maitland nicht mit ihr sympathetisch
empfinden mute. Alle Anlagen, die sich in ihm zu dem Mann ausgebildet hatten,
den sein Vaterland ehrte, der seine Freunde beglckte, hatten sich in Charlotten
als weibliche Tugenden entwickelt, die sie zur Fhrung des Hauswesens, zum
erfreuenden Mittelpunct des gesellschaftlichen Kreises geschickt machten. Ein
Gegenstand, der ihr Gesprch um so hufiger betraf, war ihr Bruder Heinrich, der
mit ihr in dem innigsten Verhltni zu stehen schien. Da mir aus Cecilens
abenteuerlicher Erzhlung ein Zweifel aufgestiegen war, ob die Veranlassung
seiner frhern Auswanderung nicht nachtheiliger fr ihn und seine Angehrigen
gewesen seyn mchte, wie der Familienstolz der Hochlnderin eingestehen konnte,
war ich zu schchtern, ber seinen Aufenthalt im Auslande, seine Schicksale,
nachzufragen; da ich in Glen Eredine alle diese Umstnde zu erfahren hoffte,
begngte ich mich auch immer mit dem, was mir Charlotte zu sagen fr gut fand;
und wenn ich Herrn Heinrich htte schildern sollen, so wre er als
funfzehnjhriger Knabe dagestanden, wie er in Plaid gewickelt und den
Knotenstock in der Hand, von Bouoghrin herabsteigend, die Khe von Glen Eredine
wiedergewann. Da dieses Bild nicht mehr zu dem Heinrich, aus dessen Briefen mir
Charlotte oft vorlas, pate, bekmmerte mich wenig. Er schrieb ihr wie ein
Freund dem Freunde, und doch mit der Zartheit, welche die Verschiedenheit des
Geschlechts dem Mann von Gefhl zur Pflicht macht. Sie war seine
Almosenpflegerin, und so wenig er seit langen Jahren in seinem Thale gelebt
hatte, kannte er jeden Clansmann und bestimmte ihm die Gabe, die ihm ntzen
konnte. Das Ansehen, der Ton, in dem er sie behandelte, hatten etwas
Patriarchalisches, und oft, das gestehe ich, konnte ich seine Befehle nicht mit
den englischen Begriffen von persnlicher Unabhngigkeit vereinigen. Was er
gebot, athmete Uneigenntzigkeit und gerechtes Urtheil, er sprach, wie ein
unumschrnkter Frst, und handelte, wie ein gtiger Vater. Da Charlotte durch
seine Auftrge in den Angelegenheiten des Clans in die verschiedensten
Verhltnisse verwickelt ward, und dabei das Schlo ihres Vaters durch die
herzlichste Gastfreundlichkeit einer Menge Besucher stets offen stand, schien
mir der Aufenthalt daselbst die entgegengesetztesten Beschftigungen zu
vereinigen, und sehr begierig, dieses alles mit eignen Augen zu sehen, hrte ich
es sehr gern, wie mir Charlotte endlich den Tag unserer Abreise verkndete.
    An einem schnen Septembermorgen machten wir uns auf den Weg. Obgleich ich
mich an der Seite des Wesens befand, das mir auf Erden das geliebteste war,
konnte ich Edinburg doch nicht ohne eine dankbare Thrne verlassen. Ich hatte
dort die furchtbarsten Bedrngnisse erlebt, mein Geist war dort gereift, mein
Herz gereinigt, und in der letzten Zeit hatte ich dort zum ersten Mal die
Freuden der guten Gesellschaft, ohne den thrichten Flitter der groen Welt,
genossen.
    Whrend dem ersten Tag unsrer Reise kamen wir durch ein so reiches, ebnes
Land, da ich, htte nicht ein dunkel gefrbter Streif den westlichen Horizont
bezeichnet, wrde geglaubt haben, in England zu seyn. Ich bewunderte diese
Gegend nach meinem englischen Mastab von einem schnen Lande. O wenn Sie erst
mein Thal werden sehen und meine felsigen Hgel! rief Charlotte und sah auf den
dunkelnden Wolkenstreif hin, der alle die Herrlichkeit deckte. Gegen den Abend
fing sich dieser Streif an in Hgelformen zu vertheilen, wo graue Felsen die
Hhen, und tiefe Schatten die Thler ahnen lieen. Am folgenden Morgen waren
alle Umgebungen verndert; Kornfelder und Laubbume hatten einfrmigen Haiden
Platz gemacht, hier und da von Schaaftriften unterbrochen, oder da, wo ein Bach
durch sie hinflo, durch das Grn, welches an seinen Ufern entspro. Nur selten
erblickte man kleine Birkenhufchen, gewhnlich drei und drei, deren bebendes
Laub in der stillen Oede flsterte. Wenn wir langsam die steilen Hhen
hinangefahren waren, bot uns die Aussicht eben so eine Haide, wie wir sie unten
verlassen hatten, und stiegen wir in eine kleine Senkung hinab, so war es, um
sogleich noch viel hher zu klimmen. Endlich in einem engen Thal, das uns reich
und einladend empfing, zeigten sich menschliche Wohnungen; die Kleidung der
Einwohner bedeutete uns, da wir die Hochlande erreicht hatten. Mein nie
erobertes Land! nannte es Charlotte. Wie der Rmer die kleinen Menschen in
Staub getreten hatte, trieb ihn die Tapferkeit unsrer Vter hinter seine Mauern
zurck. Willkommen, meine Ellen, in dem Hochland, wo nie ein Freund einen
Verrther, und nie ein Feind einen Feigling fand! - setzte sie, meine Hand
schttelnd, hinzu, inde ich, noch ungewhnt an diese rauhe Natur, etwas
verwundert ihr hochherziges Entzcken mit den uns umgebenden Naturschnheiten
zusammenstellte.
    Allein noch waren wir fast eine Tagereise von Charlottens Heimathsthal
entfernt. Die Berge wurden steiler, die Thler bekleideten sich mit reicherem
Grn, als Charlotte auf einige Gebude zeigte, den Ort, wo wir sollten zu Mittag
speisen und unsern Reisewagen mit einem andern Fuhrwerk vertauschen, weil jener
auf den uns nun bevorstehenden Wegen nicht weiter fortzukommen vermochte. Dieser
Gasthof war noch einer der besten; die aus Steinen und Rasen zusammengefgten
Mauern waren so niedrig, da ich von dem auf ihnen ruhenden Dach ohne Mhe die
schnsten Glockenblumen pflckte; berhaupt bot dieses, mit Moos und
Schlingpflanzen bedeckt, von Herbstblumen einzeln durchwebt, einen hchst
malerischen Anblick dar. Der Schornstein bestand aus einem alten Fa, dessen
abgesprungene Reifen mit dicken, aus Haidegras gedrehten Bndern ersetzt waren.
Dennoch zeichnete sich dieser Gasthof vor den ihn umgebenden Htten durch ein
Glasfenster an der einen Seite der Thr und ein Schild an der andern aus. Auf
diesem war eine Flasche nebst einem Glas gemalt, und mit groen, erst krzlich
erneuten gelben Buchstaben auf schwarzem Grunde, las man:

Jeder Pilger ist willkommen,
Mag er kommen oder gehn.
Will er in dies Wirthshaus gehn,
Wird er freundlich aufgenommen.

Kaum hatten wir die Hausthr erreicht, so fuhr ein solcher Schwarm von Kindern
heraus, da es mir rthselhaft war, wie sie darin hatten herbergen knnen. Da
sie alle barfu waren, wunderte mich, da ich von dieser Landessitte schon
unterrichtet war, nicht mehr besonders, und ihr briger Anzug war mehr
abgeschmackt, als rmlich. Selbst der kleinste Knabe trug schon die kriegerische
Mtze der Bergschotten, ihr Tartan oder kurzer Rock war an einem scharlachrothen
oder blauen Kittel befestigt und auf dem Rcken zugeschnrt, als wollte man
diesen Naturkindern die Versuchung ersparen, sich dessen eigenmchtig zu
entledigen; den Mdchen zeigte die Sitte in diesem Stck mehr Vertrauen, denn
ihr Oberkleid, das in einer weiten Jacke, oder einem Stck farbigen, um die
Schulter geworfenen Tuch bestand, war unter dem Kinn, vermittelst einer groen
metallnen Nadel oder hlzernem Pflock zugehalten. Dieser abgeschmackte Anblick
ward durch den unpassenden Ernst ihres Benehmens noch erhht. Sie sahen vielmehr
ehrbaren alten Familiengemlden, wie lebend jugendlichen Geschpfen hnlich.
Schweigend und sich neigend sahen uns die Mdchen vorbergehen, und die Knaben,
ihre Mtze in der Hand haltend, blickten uns ehrenvest nach. Die Htte war in
zwei Theile geschieden, deren einer, wie ich bald durch den Rauch unterschied,
mit Bauern, die um einen Haufen glhender Kohlen, auf dem Fuboden gelagert,
angefllt war; Mi Graham und ich begaben uns in den andern, als Staatszimmer
geachteten, Theil. Man mochte, um ihn uns einzurumen, erst so eben die Gste
herausgeschickt haben, denn auf dem gestampften Lehmboden und auf dem eichnen
Tische lagen noch die Kserinden, Gerstenkuchen und angeschnittnen Zwiebeln, um
kleine Landseen von Whisky gestreut. Die gute Wirthin hob aber diesen kleinen
Uebelstand zu ihrer vlligen Beruhigung, indem sie mit dem Zipfel ihrer Schrze
ber den Tisch hinfuhr und mit sichtbarer Freude wahrnahm, wie sogleich der
Haushund und ein paar Hhner den Boden von den nahrhaften Resten suberten.
Whrend dem begann sie mit Mi Graham ein Gesprch, in welchem sie alle mgliche
Fragen anbrachte, nur nicht die, welche ich bei meinem Eintritt in jeden Gasthof
von jeher zuerst gehrt hatte: was wir zum Mittagsessen verlangten. Allein das
wre auch eine zwecklose Frage gewesen, denn auf unser Nachforschen erfuhren
wir, da alle Mglichkeiten auf eine alte Henne beschrnkt waren. Alsobald
erschien eine rstige Buerin mit rothen, bis an die Knie nackten Beinen und
bloem Kopf, dessen Haar nur mit einem blauen Zwirnband aufgeknpft war; sie
legte Reisig in den Camin - denn mit diesem war das Gemach versehen - kniete am
Boden, fate ihr kurzes Rckchen mit beiden Hnden und fachte aufs geschickteste
die Flamme an. Jetzt trat auch unser Wirth in seiner eigenthmlichen
Landestracht ein. Zu meinem Erstaunen reichte er Mi Graham seine Hand zum
freundschaftlichen Gru, setzte sich ohne Umstnde zwischen uns nieder und
begann ein politisches Gesprch Eben so emprt ber seine Unverschmtheit als
ber die Hflichkeit, mit welcher Mi Graham sie duldete, suchte ich jener durch
meine Bitte um ein Glas Wasser ein Ende zu machen. Ohne sich zu rhren, trug er
der Magd mein Verlangen auf und setzte seine Unterredung fort. Sobald ich dazu
kommen konnte, warf ich Charlotten ihre nachsichtige Gutmthigkeit vor; sie sah
mich aber verwundert an und sagte: Nun? was sollte ich denn thun? Es ist ein
vernnftiger Mann und ein Gentleman dazu. - Gentleman! rief ich spottend. -
Und warum das nicht? Er ist meines Vaters Vetter im dritten Glied und mit der
besten Familie in Perthshire verwandt. - Es war offenbar, da Mi Graham und
ich mit dem Worte Gentleman einen verschiedenen Sinn verbanden. Vermge seiner
Vorfahren mute ich aber dennoch diesem Gentleman Platz an unserm Etisch
gestatten. Unsre unglckliche Henne hatte ein groes Stck frischen Lachs zur
Begleitung, von welchem Mi Graham mich bat, um unsrer Wirthin willen zu kosten.
Gegen das Ende der Mahlzeit schob die Wirthin eine groe hlzerne Bettstatt von
der Wand, ffnete einen Mauerschrank und nahm einen groen Kse nebst einem Topf
gesalzner Butter heraus, welches beides sie vor uns auf den Tisch stellte; dazu
brachte sie uns frische Haferkuchen, die auf der wollnen Decke des besagten
Betts zum Abkhlen ausgebreitet gewesen waren. Ich mochte meinen Ekel nicht
sorgfltig genug verbergen, denn die junge Buerin sagte sogleich: Es ist
einzig, um sie reinlich zu erhalten; denn man ist nirgend sicher, da nicht
Rutropfen herabfallen, als unter dem Betthimmel - das Bett hatte oben eine
Bretterdecke, die vor Alters Betthimmel hie.
    Unerachtet dieser Entschuldigung hatte mich ein solcher Widerwille
ergriffen, da ich sehr froh war, unsre Pferde ankommen zu hren, und mit
Verlangen an die Thr lief, um die uns vom Schlo Eredine entgegengeschickte
Begleitung zu sehen. Sie bestand in drei kleinen Pferden, zwei fr Mi Graham
und mich, und das dritte zum Fortbringen unsers Gepcks. Das letzte war,
ungefhr wie ein Zigeuneresel, auf jeder Seite mit einem Korbe versehen, die
beide mittels ein paar Stricken ber seinen Rcken gehngt waren. Ein Packknecht
stopfte Mi Grahams Mantelsack in den einen, und wie er wahrnahm, da der meine
fr den gegenberhngenden zu leicht sey, fllte er den brigen Raum mit einigen
Torfklsen aus, um das Gleichgewicht zu erzwecken. Auer diesem Packknecht waren
wir eine jede mit einer Art Laufer versehen, der neben den Pferden herlief und
die Obliegenheit hatte, sie bei beschwerlichen Stellen zu fhren; endlich
erblickte ich noch ein halbes Dutzend derbe Hochlnder, die ohne eine andre
Verbindlichkeit, als die Liebe zu ihrem Huptling, diese vierzehn Meilen zu Fu
hergekommen waren, seine Tochter ins Vaterhaus zurck zu geleiten.
    Also gerstet, zogen wir aus. Unsre Begleiter schienen ohne alle Anstrengung
Schritt mit den Pferden zu halten, und mit ihnen allen unterhielt sich
gelegentlich Mi Graham in ihrer Landessprache, sie antworteten ihr bereitwillig
und ohne alle Scheu, doch keiner sprach sie unaufgefordert an, noch willigte je
einer von ihnen ein, so lange sie mit ihm sprach, sein Haupt zu bedecken.
Heinrichs Name ward so oft in allen diesen Gesprchen genannt, da ich sehr
neugierig wurde, deren Gegenstand zu erfahren. Obschon ich mit Charlottens Hlfe
mein Erlernen des Gaelischen fortgesetzt hatte, war es mir doch zu wenig
gelufig, um diese Landleute zu verstehen, und Charlotte fing an ber meine
Fragen um ihren Bruder so listig zu lachen, da ich sie um einen Aufschlu zu
bitten Bedenken trug. Endlich konnte ichs aber doch nicht lassen; ich sah so
unbefangen wie mglich aus und fragte: Charlotte, von was spricht der Knecht
mit solchem Eifer? - Mein Freund Kenneth, antwortete sie mit Nachdruck,
erinnert mich daran, wie Heinrich einst seiner Amme Schaafe aus dem Schnee
rettete. Fragen Sie ihn selbst, er spricht englisch. Kenneth! die arme Mi Percy
kann kein Gaelisch; erzhlt ihr die Geschichte auf Englisch! Fr euern Freund
Heinrich sprecht ihr ja gern ein gutes Wort. - Der Mann grte ehrerbietig,
doch ohne den Rcken zu beugen, und sagte: wenn er hier wre, bedrfte er
keines Andern, um einer jungen Dame ein gut Wort fr sich zu sagen. Darauf
erzhlte er sehr umstndlich, wie Heinrich und er die felsige Seite des Benarde
hinangestiegen seyen, um beim tiefsten Schnee von einem Felsen, mitten in einem
rundum eingeschlonen Abgrund, die Schaafe eines Httenbewohners nach Hause zu
holen. - Ist euch denn in den Hochlanden das Leben um einige wenige Schaafe
feil? fragte ich. - Meint Ihr nicht, Lady, da ich das Recht hatte, fr meiner
Mutter kleine Heerde das Leben zu wagen? Und das wit Ihr wohl, da es mir nicht
zukam, dem jungen Herrn es zu verbieten. Sein Leben! Alle Schaafe in Argyll
wren nicht kostbar genug, um ein Haar seines Hauptes zu erkaufen. - Darauf
wendete er sich zu meinem eigentlichen Begleiter und sagte mit groem Ausdruck
eine gaelische Phrase, die ich ihn bat mir zu bersetzen, sie besagte: Ein Mann
kann seinen Freund lieben, aber sein Pflegbruder ist ein Theil seines Herzens.
Meine Mutter, nahm Kenneth wieder das Wort, wrde an jenem Tage, htte Herr
Heinrich mich nicht begleitet, das liebste Lamm ihrer Heerde verloren haben. Die
Klte packte mich, ich wollte mit Gewalt einen Augenblick schlummern, das litt
er nicht; aber frder zu gehen, war ich zu betubt; da zog er mich, er trug, er
schleppte mich - ich wei nicht, wie er mich groen Kerl die Felsen hinan mit
sich fortbrachte; wie ich aber meine Augen wieder ffnete, sah ich meine Mutter
vor mir, die rief: Er hat mir die Sttze meines Alters gerettet. - Nun, Gott
segne es ihm um ihretwillen! ohne seine Hlfe htte eine fremde Hand ihr Grab
mit Rasen bedeckt. Kenneth hatte seiner Lady Befehl erfllt, jetzt zog er sich
wieder bescheiden zurck, als gebhre es ihm nicht, die Aufmerksamkeit zu
fesseln.
    Wahrlich, Charlotte, rief ich bewegt, Sie sind die glcklichste Schwester in
der Welt! Wie innig wird dieser Ihr Bruder geliebt! Aber wie glcklich ist auch
eine Lebensweise, bei welcher der Mensch noch dem Menschen so nahe steht! So
eine treue Anhnglichkeit hatte ich bisher nur in Romanen gekannt. - Charlotte
sah mich mit ausdrucksvollem Erstaunen an; sie mochte eben so wenig mich
beschuldigen wollen, da ich nie verstanden htte, wahre Anhnglichkeit
aufzuspren, noch meine Landsleute, da sie nicht fhig seyen, dergleichen fr
einander zu empfinden. Wie sollten denn Heinrich und seine Freunde einander
vergessen knnen? sagte sie nach einer Pause, in der ihr Blick einen
nachsinnenden Ausdruck annahm, als suche sie sich meine Unwissenheit in der
Sache der bessern Menschheit zu erklren. Unsre herzliche Lebensweise mag wohl
dazu beitragen, diese Gefhle zu erhalten, und in Heinrichs Seele, wo alles
Schne doppelt krftig ist, glhten sie auch wohl vorzglich lebendig. Ich
erinnre mich unter andern, da er in einem Zeitpunct seines Lebens, wo
Fehlschlagung und Arbeit ihn sehr schwer belasteten, mir auftrug, seiner alten
Amme ein neues Bett verfertigen zu lassen. - Er mochte in seinen schlaflosen
Nchten sich erinnert haben, da das Lager der Alten nicht zum beten seyn
mge. - Das Letzte setzte sie, seine Wohlthtigkeit sich selbst erklrend,
lchelnd hinzu. - Wie konnte aber Ihr Bruder, wie konnten Ihre Eltern zugeben,
da ein bloses Vorurtheil ihn vom Vaterland entfernte? Er konnte doch unmglich
im Ernste sich ein Gewissen daraus machen, gegen einen wirklichen Ruber, einen
Taugenichts, der sein Leben sogar angriff, zu zeugen. - Doch wohl! Neil Roy
war ein Gentleman und in mancher Rcksicht ein wackrer Mann. Auerdem, wenn die
Bestrafung mit dem Vergehen in gar keinem Verhltni steht, ist es widrig, zu
ihr beizutragen. Dennoch ist es nicht diese Begebenheit allein, die Heinrich in
die Fremde trieb. Cecile hat Sie nicht ganz gut unterrichtet. Sie wissen, meine
Mutter war eine Fremde, und obschon eine der allerwrdigsten Frauen, war es doch
natrlich, da sie ein gnstiges Vorurtheil fr ihr Vaterland behielt; mein
Vater wollte Heinrich eine Pachtung geben. oder ihn zum Geistlichen machen,
welches meiner Mutter aber ebenso schrecklich vorkam, als wolle man ihn lebendig
begraben. Allein ohne die Geschichte mit Neil Roy wrde sie es doch haben ber
sich ergehen lassen mssen; diese gab ihr aber Mittel, den Vater zu bereden, da
er ihn fortschickte. Heinrich ward demnach ein Friedensopfer fr meiner Mutter
Verwandten, die seit ihrer Heirath mit einem hochlnder Rebellen, wie sie meinen
edeln Vater zu nennen beliebten, keinen Verkehr mehr mit ihr hatten gestatten
wollen. O Ellen, oft drckt es mir schwer das Herz, da Heinrich diesen
Menschen, die meinen Vater von oben herab anzusehen wagten, die geringste
Verbindlichkeit gehabt haben soll! Doch was auch geschehen mag, Heinrich kann
nimmer seinen Gehorsam gegen seine Eltern bereuen.
    Mi Graham sprach so unbesorgt, als sen wir im verschlonen Zimmer; denn
sobald unser Gefolge wahrnahm, da wir, unsre Pferde nebeneinander haltend, ein
Gesprch begonnen hatten, hielt es sich in einer so ehrerbietigen Entfernung,
da keiner uns vernehmen konnte. Jetzt nahten sich aber unsre Stallmeister,
faten unsre Pferde am Zgel, und, indem die andern Mnner, vor uns hergehend,
die groen Steine aus dem Wege rumten, fhrten sie uns um den Vorsprung eines
sehr steilen Hgels herum. Unwillkrlich hefteten sich meine Augen auf die tiefe
Schlucht im Grunde des Thales neben dem Wege. Ich sah, da ein falscher Schritt
meines Pferdes mich einige Hundert Fu in sie hinabschleudern mute. Die goldnen
Wolken, die im Westen schwammen, erhellten unsern Pfad, die Schlucht aber lag in
tiefes Dunkel gehllt. Die Hochlandswege waren mir noch fremd, und dieser
ngstigte mich so sehr, da ich gegen meinen Fhrer den Wunsch abzusteigen
uerte. In diesem Augenblick rief Charlotte mit einer Stimme des Entzckens,
als habe sie eine lngst ersehnte Erscheinung begrt: Benarde! Ich blickte
erschrocken auf und sah zwischen mir und dem glhenden Sonnenuntergang sich ein
hohes Felsenhaupt erheben, inde bluliche Dnste von seinen Abhngen in das
Thal herabflossen.
    Jetzt wand sich unser Weg rund um den Berg abwrts. Reich in allen Farben
des Herbstes, von dem Abendschimmer gemildert, zeigte sich Glen Eredine unserm
Blick. Charlotte sprach kein Wort, wie eine Betende - und sie mochte wohl beten
- kreuzte sie ihre Hnde ber die Brust und blickte begeistert zum Himmel.
Ergriffen von dem Schauspiel um mich her, mochte ich nicht diese Stille
unterbrechen. Zu unsern Fen lag ein See, unbeweglich, als htte nie ein
Lftchen seine Gewsser gekruselt, alles war still, wie die Erde, bevor
Lebendiges sie bewohnte, nur ein groer Adler schwebte majesttisch in gleichem
Fluge entlang dem Thal; der Osten war noch immer vom Abendwiederschein erhellt,
aber der Benarde zeichnete dunkel seiner Felsen Gipfel auf dem ruhigen See; an
dessen einer Seite schimmerten die weilichen Mauern des alten Castells, und
hinter ihnen in einem geschtzten Thal schwebte der bluliche Rauch aus den
Htten des Dorfs, deren bewachsne Dcher in der allgemeinen Schattirung der
Landschaft versanken.
    Unser Weg ging bergab, und der Wald entzog uns die Aussicht. Anfangs
erstanden Birken zwischen den drren Felsenritzen, dann streckten Krppeleichen
ihre starken Wurzeln aus dem jugendlich grnen Moos, allmlig lie sich der
Ahorn und die Buche erblicken, die, sich endlich in schattige Gnge ordnend, den
Weg zum Schlo, aber auch in Nebenalleen zu niederern Wohnungen zeigten. Zu
beiden Seiten kamen wir an mehreren derselben vorbei; ihre Bewohner eilten
heraus, Charlotten zu bewillkommnen. Kein Geschrei, kein zudringliches Gren
strte die Stille der Umgebung; selbst die Kinder bckten ihre glhenden
Gesichtchen nieder und blickten nur seitwrts, ob ihre Lady sie nicht bershe.
Eine Art natrliche Brcke, eine Landzunge vielmehr, fhrte endlich zu dem
Felsen, auf welchem das Schlo Eredine lag. Ich gestehe, da Cecilens
Erzhlungen und das Entzcken, mit dem Charlotte von diesem Sitz ihrer Vorfahren
sprach, mir ein andres Bild von diesem Ort hatte auffassen lassen, als ich in
der Wirklichkeit fand. Ein viereckiger Thurm mit einem gewlbten Eingang war
alles, was von der ehemaligen Veste noch vorhanden war; ihm schlossen sich eine
Reihe neuerer Gebude an mit steilen Dchern und Fenstern, die durch die
Beleuchtung im Innern ihre gemeinen Formen sichtbar machten und von der
Einrichtung der Wohnung kein gnstiges Vorurtheil erweckten. Raum mute aber
darin seyn, denn wie wir anlangten, strmten wenigstens dreiig Menschen,
verschiedenen Alters und Geschlechts, uns entgegen. Der ihnen allen
voranschritt, htte meine Aufmerksamkeit erregt, htte ich ihn auch nicht an
Charlottens Freudenruf fr ihren Vater erkannt. Das Alter hatte weder auf seinen
festen Schritt noch die erhabne Haltung seines krftigen Krpers gewirkt, sein
Auge glnzte noch, seine Wangen glhten von Leben, nur die Silberlocken, welche
unter seiner Mtze herabhingen, verriethen, da er weit ber die Jahre der
Jugend hinausgerckt sey. Seine Kleidung zeichnete sich nur durch die Lnge und
Schnheit der Federn seiner Kopfbedeckung aus, brigens trug er den
scharlachrothen und blauen Tartan seines Clans. Er begrte mich mit einem Ku,
erst auf die eine, dann auf die andre Wange, zum Willkommen in Eredine, eben so
ungezwungen und fast so herzlich, wie er seinen Liebling Charlotte begrt
hatte; dann gab er einer jeden von uns einen Arm und fhrte uns in seine
Behausung ein. Das Zimmer, wo wir eintraten, war ein groes getfeltes Gemach,
mit tiefen Fensterpltzen und mit Wandschrnken versehen; ein Camin, so gro,
da er ein kleines Zimmerchen htte vorstellen knnen, verbreitete jedoch durch
sein flammendes Holzfeuer in diesen dunkeln Wnden eine frhliche Helle; noch
mehr aber, wie dieses, luden die heitern, wohlwollenden Gesichter aller seiner
Bewohner zu dem vertraulichsten Wohlbehagen ein. Meine Gegenwart legte so
wenigen Zwang auf, ich war in Eredine so willkommen, Charlotte und alle
Hausgenossen weihten mich so schnell in die freundlichen Sitten dieses Hauses
ein, da ich, bevor acht Tage vergingen, so heimisch daselbst war, als wre ich
von Kindheit an gar nichts anders gewohnt.
    Charlotte, die bestndig bemht war, das Gefhl, schwesterliche Rechte mit
ihr gemeinsam zu haben, in mir zu erregen, bat mich, ihr Gemach, unter dem
Vorwand, da es das modigste sey, mit ihr zu theilen. Da ich Sie in unsre Berge
entfhrte, ists wohl billig, sagte sie, da ich Sie vor Ihnen schtze;
Heinrich hat mir aber meine Zimmer so veranglisirt, da kein wahrhaft
hochlndisches Gespenst den Fu hineinsetzen mag. Es war wirklich eine hchst
angenehme Wohnung; sie enthielt alles Gerth, zu dem uns damals der Luxus
gewhnt hatte, was aber noch besser war, eine Sammlung vortrefflicher Bcher,
einen vollstndigen Apparat zum Zeichnen und Malen, und einen reichen Vorrath
der schnsten Wollen- und Seiden-Garne zu Stickarbeiten jeder Art. Neben unserm
gemeinschaftlichen Wohn- und Schlafzimmer befand sich ein drittes kleineres
Gemach, wo eigentlich die Bcher aufgestellt waren, mit einem Schreibtisch an
einem Fenster, dessen Aussicht ber den See reichte - dieses wies mir meine
gtige Freundin als mein besondres Eigenthum an.
    Wie wir uns zur Nachtruhe auf unser Zimmer begaben, umfate mich Charlotte
und sagte: Liebe Ellen, ich mu Sie um eine Vorsicht bitten, ja um eine Gunst,
die mir vielen Werth hat. - Ich antwortete, wie mein von Dankbarkeit fast zu
berflltes Herz mir gebot. - Nun, liebe Ellen, vermeiden Sie sorgfltig, in
meines Vaters Gegenwart je den Namen eines Mannes zu nennen ... eines Mannes,
den wir beide kennen ... Herrn Maitlands Name? half ich ihr ein. - Ihn;
nennen Sie ihn nie vor meinem Vater! - Gewi, nie. Meine Charlotte mu
triftige Grnde haben, um gegen ihren Vater solche Vorsicht zu gebrauchen. -
Ja sie sind triftig, antwortete Charlotte nachdenkend. Vielleicht werden Sie
selbst sie einst dafr erkennen. Ich mchte gern kein Geheimni vor Ihnen haben,
meine Ellen, von diesem hngt aber jetzt mein ganzes Lebensglck ab. - Genug,
Charlotte! Ich brauche weiter nichts zu wissen. Nur das lassen Sie mich nochmals
wiederholen: Herr Maitland ist mir gar nichts, gar nichts, als der beste der
Menschen, der uneigenntzigste Freund, ein Freund, der von aller meiner
Unwrdigkeit sich nicht abschrecken lie ... O Charlotte, wenn Ihr Vater seinen
Werth kennte ... Ich hielt inne, denn ich fhlte, wie die Lebhaftigkeit meiner
Gefhle mich hinri. Ein sanftes Lcheln spielte um Charlottens schnen Mund,
als wenn eine schmeichelhafte Hoffnung sich in ihr Herz sthle; allein meine
Hand drckend, wendete sie sich, ohne die Unterredung fortzusetzen, von mir ab.
    In den Tagen des Elends, wenn mein Nachsinnen fr den Unterhalt des
folgenden Tags keine Auskunft hatte finden knnen, neben dem beklommnen Aechzen
von Juliens Krankenbett, von dem Weinen ihres unruhigen Knabens unterbrochen,
hatte der Schlaf mein Auge geschlossen, sobald mein Haupt ein, oft recht hartes,
Kissen gefunden. Jetzt ruhte ich nun unter dem Dache des Frommen, in dem Schutz
der Freundschaft, morgen einen frhlichen Tag, heitre Umgebungen erwartend, und
der Schlummer wollte sich lange mir nicht nahen. Es war der Hoffnungslosen
leichter geworden, bei dem dichtesten Dunkel ihres Schicksals, sich am Abend
eines ermdenden, sorgenvollen Tages blindlings in ihres Vaters Arme zu
verbergen, als der jetzt dem Sturm Entronnenen, die neuen Bilder, die dmmernden
Aussichten, die mglichen Glcksflle zu ordnen, die ihre Einbildungskraft ihr
vorgaukelte. Endlich verflossen die sich kreuzenden Gedanken in dem einzig
klaren Bewutseyn von Dank gegen Gott und der flehenden Bitte, mir den rechten
Pfad zu zeigen in Glen Eredinens gastfreiem Thale, wie er mich ihn in dem
freundlosen Edinburg, wohl auf verwundend rauhem Wege, gefhrt hatte.
    Das Frhstck des nchsten Tages verwirklichte mir das Bild dieses Mahls,
wie es Reisende in Schottland oft beschrieben haben. Eine Menge nahrhafter
Speisen, mit Sauberkeit und Ordnung aufgestellt, deckten den Tisch. Eredine, so
ward hier, wie ich wahrnahm, Charlottens Vater genannt, wies mir meinen Platz
neben sich in einem groen, mit hoher Rcklehne versehenen Armsessel an und
belud meinen Teller mit den verschiedensten Speisen. Meine beschmte Bitte,
meiner Unfhigkeit zu schonen, schien ihm doch endlich zu Herzen zu gehen, er
blickte auf mich herab, als auf das wahre Bild von den Shnen kleiner
Menschen, und sagte lchelnd: wenn Ihnen das ein Ueberflu scheint, was htten
Sie dann zu einem Frhstck zu der Zeit meiner Jugend gedacht! - Sobald das
Mahl beendigt war, bernahm Charlotte wieder die Fhrung des Haushalts, mit dem
in ihrer Abwesenheit eine von ihren zahlreichen Cousinen beauftragt gewesen war.
Um mir das Gefhl des Daheimseyns recht einzuprgen, bertrug sie mir einen
bestimmten Antheil an ihrem Geschft, und obschon die Zahl der eigentlichen
Hausgenossen seit Menschen-Gedenken nicht kleiner gewesen war, wie jetzt, hatten
wir dennoch genug zu thun. Die alten Lehnsgebruche, wo ein groer Theil der
Verwandten unter den Augen ihres Stammhauptes lebte, waren abgeschafft; Eredine
hatte drei ltere Schwestern berlebt, die fast ein Jahrhundert lang das Haus,
wo sie geboren wurden, bewohnt hatten; nachdem zwei seiner jngern Brder durch
eine dreiigjhrige Landesverweisung ihre Anhnglichkeit an ihren erblichen
Frsten gebt hatten, kamen sie zurck, um ihren Staub zu dem Staub ihrer Vter
zu fgen; sein ltester Sohn war vor wenigen Monaten, ein Raub des ungesunden
Himmelsstrichs, in Westindien gestorben, und der jngste lebte, wie ich gesagt
habe, seit vielen Jahren im Bann. Jetzt bestand nun die Familie einzig aus
Eredine, seiner Tochter und mir, vier mnnlichen und sieben weiblichen
Bedienten, Charlottens Amme, einem blinden Weibe, das, weil es sonst nichts zu
arbeiten vermochte, die Strumpfstrickerin fr das ganze Haus war und daneben
durch ihr seltnes Gedchtni und pathetisches Erzhlen alter Familiengeschichten
noch die Stelle des ehemaligen Barden ersetzte. Auerdem waren noch zwei kleine
Mdchen, eine gebrechliche und eine krnkliche, und drei Knaben, von denen zwei,
weil sie Waisen waren, der dritte als Enkel von des Lairds ltestem Diener,
unterhalten wurden. Endlich mu ich noch Robert Goraich, Cecilens armen
wahnsinnigen Liebhaber, erwhnen; dieser zumte, wenn es seine Laune gerade mit
sich brachte, Herrn Heinrichs alten Schimmel auf, wanderte in allen Kirchen der
Grafschaft umher, oder sa stumm betrachtend unter der vom Blitzstrahl
zerschmetterten Eiche.
    Doch das waren nicht die einzigen Gste an Eredines wirthlichem Tisch:
mehrere greise Alten beiderlei Geschlechts, denen er in dieser Absicht in der
nchsten Umgebung des Schlosses hatte Htten bauen lassen, Laufbuben, Schaaf-,
Kuh-, Gnse- Hirten, Bettler und Wanderer, alles fand Aufnahme und Nahrung und
zahlte mit Ehrerbietung und Segen. - Und das alles bestritt der Laird mit einem
Einkommen von nicht viel mehr als tausend Pfunden des Jahrs.
    In der ersten Zeit nach unserer Ankunft kamen zahlreiche Bekannte und
Nachbarinnen, Mi Graham zu besuchen, und eine der ersten war die wackre Cecile,
die, mich mit Freudenthrnen begrend, ausrief: Ich sagte Euch wohl, da Ihr
nicht wtet, wo Euch ein Stern aufgehen knnte; und nun sehet, nun seyd Ihr
nach Schlo Eredine gekommen. Ich habe es prophezeit und ich prophezeie noch
mehr; aber nicht eher, bevor es Zeit ist. - Auf meine Frage nach ihrem Gatten
erzhlte sie mir, da er krank und dienstunfhig verabschiedet worden sey; doch
ngstige sie das nicht, sie habe ihm einen Krug Wasser aus der heiligen Quelle
von Breadalbane geholt, das ihm gewi helfen werde. Nur das thue ihm weh, da er
nicht im Stande sey des Lairds Sichelfest beizuwohnen, wovon sie jedoch Mi
Graham nichts sagen mchte; denn, sehet Ihr, er verlor seine Gesundheit, indem
er Herrn Kenneth auch in seiner Krankheit nicht verlie.
    In den nchsten Tagen fand das Herbstfest, dessen Cecile erwhnt hatte,
statt. Bei Tages Anbruch weckte mich ein gellender Dudelsack unter unserm
Fenster, und wie ich aus dem Bett sprang, um seine Absicht zu erforschen, sah
ich einen Haufen von mehr wie hundert Mnnern und Weibern vor dem Hause
versammelt. Es waren die Pchter von Eredine, die zur Frohnde heute des Lairds
Korn schneiden sollten. - Doch nie sah ich bei einem Freudenfest so viel wahre
Frhlichkeit, wie bei dieser lohnlosen Arbeit. Das Mhen dauerte den ganzen Tag,
nach dem Tact der sich ablsenden Dudelsackpfeifer, aber weder die Arbeit noch
die Pfeife that dem Scherzen der Jngern, dem Erzhlen der Alten einigen
Eintrag; Eredine kam oft, um sich unter die Arbeiter zu mischen, mit den Alten
zu schwatzen, mit den Jungen zu scherzen, und wo er erschien, fgte sich
Ehrerbietung in die freudenvolle Aufnahme des Lairds. Alles, was Krfte hatte,
war zur Arbeit geschickt; Charlotte und ich, von der alten Amme und der blinden
Strickerin untersttzt, muten die Kche fr alle diese Gste besorgen - und das
war keine kleine Arbeit, so einfach die Kost auch seyn mochte, die ihre gesunde
Elust befriedigte.
    Da es, wie mir Charlotte gesagt hatte, Sitte war, solche Feste mit Tanz zu
beschlieen, begab ich mich in der Zeit, wo die Tnzer versammelt seyn konnten,
an den Platz, der, wie ich glaubte, zu der Lustbarkeit bestimmt war. Ein mit
groen Bumen umgebner Rasenplatz im Hintergrund des Kchengartens war mir als
solcher genannt; allein zu meiner Verwunderung war er ganz einsam, nur ein
krnklicher, abgezehrter Mann, der ber seinem Tartan einen verblichnen
Soldatenrock trug, stand traurig, an den Stamm eines Baumes gelehnt. Da ich
glaubte, mich in dem Orte geirrt zu haben, fragte ich diesen Mann, wo heute
getanzt wrde. Glaubt Ihr denn, Lady, antwortete er halb unwillig, da heute
hier getanzt werden soll? Ich hoffe, so roh ist kein Erediner, da er hier
tanzen wolle, so lange Eredines bestes Blut noch nicht im Grabe erkaltet ist. -
Er deutete, wie mir klar war, auf Herrn Kenneths vor kurzem erfolgten Tod, und
ich bewunderte dieses zarte Anstandsgefhl, diese innige Anhnglichkeit in
Leuten, die wir fr Wilde zu halten so geneigt sind. Schon wollte ich mich mit
dem Mann in ein Gesprch einlassen, als Charlotte sich nahte. Theilnehmend
erzhlte ich ihr, was mir eben begegnet sey. Sie war nicht verwundert, aber
gerhrt; das erwartete ich, sagte sie, armer Jamie! es htte ihm das Herz
gebrochen, htte man heute auf diesem Rasen getanzt. Hier war vor fnfundzwanzig
Jahren sein und meiner Brder Spielplatz; und er schleicht alle Abende, wenn die
Sonne ihn bescheint, hierher und lebt eine Stunde in seiner frohesten
Erinnerung. O, der Mann hat viel fr meinen Bruder gethan! Wie er hrte, da
Kenneth ins Ausland beordert sey, verlie er Weib und Kind und wanderte zu Fu
quer durch Irland bis zum Hafen, wo sein Regiment sich einschiffte. Er lie sich
anwerben und folgte ihm nach Westindien nach, und wie meinen Bruder die
schreckliche Krankheit befiel, bei welcher kein Wrter ausdauern mag, verlie er
sein Bett weder bei Tag noch bei Nacht; schon selbst von ihr ergriffen, folgte
er ihm zur Gruft, und wie die Grabbegleiter von der gifthauchenden Stelle
forteilten, blieb er dort liegen und weinte auf dem Hgel, der das Haupt des
Edelsten barg. Ach es ruht in fremder Erde und unsre Thrnen netzten sie nie! -
    So oft ich mit Charlotten von ihrem Bruder gesprochen hatte, war dieses die
erste Klage, die ich von ihr hrte. Ihr erschien das Andenken an ihre Todten
vielmehr wie ein heiteres Bild. Sie sprach mit persnlicher Theilnahme von Lady
Eredines Freude beim Empfang ihres Sohnes und beschftigte sich mit ihnen, ganz
wie mit lebenden Personen, deren Empfindung man in der weitesten Entfernung
dennoch mit Innigkeit theilt.
    In kurzer Zeit war ich in Eredine so eingewohnt, als gehrte ich schon
lngst zu der Familie. Meine gtige Charlotte fand bald Mittel, es mich als
meinen gegenwrtigen Wohnort ansehen zu machen; sie fhlte in meiner Seele, da
ich mich ntzlich mache, sey zu meiner Befriedigung durchaus nothwendig;
wahrscheinlich vielmehr in der Absicht, mir dieses zu gewhren, als weil es ihr
sehr darum zu thun war, Musik zu lernen, verwendete sie sich alles Ernstes auf
die Erlernung der Harfe. Bisher hatte sie es in der Tonkunst nicht weiter
gebracht, als einige schottische Liederchen auf einem alten Clavier, das sich im
Schlosse vorfand, zu klimpern; jetzt langte aber eine herrliche Harfe an, die
Herrn Heinrichs unermdete Theilnahme an seiner Schwester Wnschen, sobald er
ihre neue Kunstanstrengung erfahren, in London hatte kaufen lassen. Nun ward
recht ernstlich gelernt, und Charlotte lohnte meinen Unterricht mit der
beharrlichsten Mhe, mich in Besitz der gaelischen Sprache zu setzen. Es glckte
mir so sehr, da ich den Beifall aller Schlobewohner rntete, und die Landleute
mich bald eben so freundlich begrten, als gehrte ich in ihr Thal. Am mehrsten
freute sich aber der alte Laird meiner sprachkundigen Fortschritte; besonders
wenn ich gaelische Liederchen sang, rief er entzckt: sie singt fast so gut,
wie meine liebe selige Mutter. Mge es wei um ihre Seele her seyn!5 Nur
sollte sie statt des ungeschickten groen Dinges (der Harfe), die leichte,
weiblich niedliche Clarsaeh (eine Art Mandoline) im Arm halten, aber die
verdammten Hannoveraner haben sie, wie sie Glen Eredine plnderten, verbrannt!
-
    Die Musik, so lieb sie mir war, nahm aber doch jetzt einen ganz andern Platz
in der Anwendung meiner Zeit ein, als ehemals, wo sie die einzige Beschftigung
war, die mir Putz und Gesellschaft ersetzte. Es hatte sich jetzt in meiner Seele
die Ueberzeugung entwickelt, da jeder Moment unsers Lebens in Arbeit und Lust,
ein vernnftiges, wohlthtiges oder frommes Andenken zurcklassen msse. Bald
nahm ich wahr, da diese Ansicht, welche ich anfangs mit etwas Aengstlichkeit
befolgte, keine heitere Benutzung der Lebenszeit strte; denn Heiterkeit
entsprote nur auf dem Wege der Pflicht, und diese fhrte mich Hand in Hand mit
dem Glck derer, die neben mir schritten. Ich begriff immer mehr, da die
Blthen des geistigen Lebens jedem Genu entsprieen, der unsrer Menschennatur
zugetheilt ist, wenn wir ihn als geistige Wesen, nicht nur mit der rohern Hlfte
unsrer Krfte genieen. Kaum kann es je einen glcklichern, vielleicht keinen
frhlichern Kreis gegeben haben, als der das Caminfeuer von Eredine umgab.
    Ich hatte manche Woche in diesem glcklichen Kreis verlebt, als Charlotte
eines Tags athemlos vor Entzcken zu mir hereinstrzte und mir zurief: Er
kommt, theure Ellen, er kommt! Er will alles aufgeben, seine Gewohnheiten, seine
Plane, er gibt ihnen ihren Tand zurck und kehrt zu seinen Vtern heim - heim zu
uns allen! - Wer? Heinrich? Heinrich kommt zurck? Wenn? - Jetzt, bald, in
einer Woche. Ach, wenn diese Woche vorber wre! - Sie konnte nicht an einem
Orte bleiben, die Freude trieb sie fort, und ich eilte ihr nach zu ihrem Vater.
Der Greis schlo uns beide in seine Arme: Gott lasse mich, rief er, nur noch
diese Woche berleben, und dann, dann ...! - Er zgerte, halb beschmt ber
seine Rhrung. Ich sorge zuweilen, fing er wieder an, als sprche er nun von
etwas anderm, ich sorge, meine Augen sind angegriffen, ich will sie in der Luft
strken. - Und damit ging er auf den Weg nach Edinburg aus, als knne er schon
heute hoffen, seinem Sohn zu begegnen, und von heut an kehrte er unzhlige Mal
auf diesen Weg zurck. Zunchst bemhte er sich nun jeden Ruhepunct seiner Reise
zu berechnen, er glaubte die Stunde seiner Ankunft bestimmen zu knnen, und
machte eine endlose Menge Zubereitungen zu seinem Empfang. Hatte er sich dann
recht mde gewirthschaftet, so setzte er sich auf seinen groen eichnen
Armsessel, kreuzte die Arme, sann nach, und ein seliges Lcheln spielte ber
sein Gesicht. Er hat doch von jeher die Sdleute nicht gehat, rief er einst
im Selbstgesprch aus, obschon in ihm selbst kein sdlndischer Blutstropfen
war. Hat er den krauspfotigen Hund seiner Mutter doch auch immer gern gehabt,
und ich selbst mochte doch die Sachsen nicht leiden. - Ich war im Begriff, an
meinem Stickrahmen laut aufzulachen, als mir eine Ahnung ber die Bedeutung
seines Ideengangs einfiel, die mich mit Beschmung zurckhielt.
    Heinrichs Ankunft konnte mir in keiner Rcksicht gleichgltig seyn. Seit ich
erfahren hatte, da ich ihm, nicht Kenneth, die Rckzahlung der meinem
verewigten Vater gehrigen Summe schuldig war, hatte ich ein Gefhl persnlicher
Dankbarkeit gegen den Mann, in dem ich den Mittelpunct der Liebe und Achtung
dieses ganzen Thales kennen lernen sollte. Aber seit Cecilens prophetischer Wink
von dem Glck, was meiner in Glen Eredine warten knnte, so schn in Erfllung
gegangen war, da ich mich auf das unerwartetste als Tochter eines Hauses
aufgenommen sah, dessen Name mir vor einem Jahre noch ganz fremd war - seitdem
machte Heinrichs Name einen tiefen Eindruck auf mich. Ich mochte mir ihn nicht
erklren und rechtfertigte ihn doch mit meinem traurigen Schicksal. Arm und
freundlos, wie ich war, konnte ich das Wohl meiner Zukunft einzig durch Gottes
mir unbekannte Fgung erwarten. Da nun Liebe, Glck durch Liebe, ein Bndni aus
Liebe dieser versagt schien, war es mein ngstlicher Wunsch, einem Mann vertraut
zu werden, gegen den Achtung und Gehorsam jede zrtlichere Neigung meines
Herzens ersetzte. Lieben sollte dieses Herz nie. Nachdem es Maitlands Neigung
verscherzt hatte, waren Ergebenheit und Pflicht die fortan ihm geziemenden
Schranken.
    Schchtern, aber von Herzen, theilte ich die allgemeine Freude und half bei
der allgemeinen Thtigkeit, die Heinrichs Ankunft im Schlosse verbreitete. Jede
Hausmagd wollte sein Zimmer putzen, die Spinnerinnen besangen bei dem Schnurren
ihrer Spindeln in selbst erfundnen Liedern seine Rckkehr. Die Knechte schossen
Rehbcke, Rothwild und Auerhhne genug, um eine hungrige Einquartierung zu
speisen. Charlottens Amme erzhlte mir zahllose Zge aus Heinrichs Kindheit, die
blinde Strickerin rhmte mit Salbung, wie er sie die Wiese entlang zu dem
Tanzplatz gefhrt - nur Robert Goraich, Cecile's unglcklicher Liebhaber, war
der Einzige, dessen Freude sich nicht in frhlichem Taumel verkndigte. Bei
einer einsamen Wanderung, wie ich sie so gern in der Nhe des Hauses machte,
setzte ich mich einst auf einen meiner Lieblingspltze, einen Felsen, der ber
dem See hing, und trumte von einem fantastischen Freundschaftsbund, der noch
einst zwischen Charlotte, Maitland, Heinrich und mir bestehen knnte; da sah ich
den armen Robert daherkommen, dem Heinrichs alter Klepper so vertraulich wie ein
Hund folgte. Er blieb mir gegenber stehen, sah mir mit ernster Freundlichkeit
ins Gesicht und sagte leise: Sie sagen, Ihr wret ihm bestimmt; so mge Gott
Euer Antlitz erfreuen! nehmt ihn in Frieden! - Robert war nicht der Erste in
Glen Eredine, der mir diese Zukunft prophezeite. Aber heute traf mich diese Rede
so tief, da ich, besonders gegen diesen armen Mann, mein Gefhl unter einem
Scherz zu verbergen suchte. Wohl gut, lieber Robert; rief ich, aber um des
Anstandes willen kann ich mich doch nicht so schnell dazu entschlieen. - O
doch! entschlieet Euch schnell, denn der Mensch wei nicht, was morgen
geschieht! sagte er ernst und legte seine Hand bittend auf meinen Arm. Wie
wrde es ihm seyn, wenn er Euch mte die Wiese entlang und durch den Wald hin
gehen sehen, eines andern Mannes Sohn auf dem Arm! - Dabei zeigte er auf den
Weg hin zu Cecile's Htte. Dann fuhr er, sich ganz vergessend, in seiner
Landessprache fort: Da wrde ihm alles gleichgltig werden, seine schne goldne
Uhr und die Parks und die Stdte von Eredine. - Alles wre ihm nichts mehr gegen
die bloe Luft, die ihm von ihr herber weht. - Doch, Robert, unterbrach ich
sein jammervolles Selbstgesprch, wrdet Ihrs denn leiden mgen, wenn eine
schsische Lady auf dem Schlosse hauste? - Wenn es also beschlossen wre, wie
knnte man da murren? Und es knnte ja sehr gut seyn. Verget Ihr nur, da Ihr
eine Stiefmutter seyd, wir wollen gewi nicht daran denken.
    Wie ich nach Hause kam, sagte man mir, da Cecile im Schlosse gewesen, um
Arznei fr ihren sterbenskranken Gatten zu erbitten. Sobald sie hrte, welche
frohe Veranlassung den Schlobewohnern Arbeit gbe, hatte sie sich enthalten,
Mi Graham zu sprechen, um ihre Freude durch ihr trauriges Anliegen nicht zu
trben, und war unverrichteter Sache wieder fortgegangen. Sobald aber Charlotte
von ihrem Besuche hrte, willigte sie in meinen Vorschlag, ihr am Abend, was sie
bedrfen knnte, selbst zu berbringen.
    Cecile empfing uns an der Hausthr und fhrte uns unter tausend
Glckwnschen in ihr Prunkzimmer - denn in Glen Eredine konnte es dafr gelten.
Es hatte Fenster und Sessel und einen Tisch, ein Wandbret mit buntgemalten
Steinkrgen und Tellern, auf denen fromme und lose Sprchelchen zu lesen waren;
wir verlangten aber Jemmy in seiner Krankenstube zu sehen, worin uns sein gutes
Weib nach den hflichsten Entschuldigungen willfahrte. Dieses bescheidnere
Gemach war von dem vorigen durch eine Breterwand getrennt, das Bett stand in
einer Art von Verschlag, der brige Raum hatte das Dach zur Decke, ein Loch in
diesem zum Rauchfang und ein Fenster von vier kleinen Scheiben, um es zu
erhellen. Der Feuerplatz in der Mitte des Gemachs unter der Oeffnung des Daches
war allein gepflastert, der Zimmerboden selbst bestand aus gestampfter Erde. Auf
ihm lag Torf, Kchengerth und Wasserzober umher. Cecile's ltester Knabe, ein
vierjhriger, mit Tartane und Helmmtze bekleideter Caledonier, wenn es je einen
gab, sa neben einem jungen Hammel, mit dem er friedlich einen Haferkuchen
theilte, der jngste, viel sorgloser bekleidet, stritt sich mit dem Hahn um die
Reste eines Mehlbreis in einem schwarzen eisernen Topf. Cecile ri sie beide vom
Boden auf und befahl ihnen, die feinen Frauen zu gren, und schalt sie aus, da
sie sitzen blieben, wenn die Edeln im Lande sie besuchten. Diesen Grundsatz
lehrte sie durch Beispiel, denn nichts konnte sie bewegen, sich in unsrer
Gegenwart zu setzen. Mi Graham fragte den blassen, stillen Kranken freundlich,
wie es ihm ginge. - O Sie sind gut, also zu fragen, antwortete Cecile statt
seiner; er kann nicht besser werden, und kaum schlechter, als er schon ist. -
Die Fassung, mit welcher diese Frau in des Kranken Gegenwart ber seinen
hoffnungslosen Zustand sprach, emprte mich. Ich zitterte vor dem Eindruck, den
diese Herzlosigkeit auf den armen Kranken machen mte. Dieser sagte aber mit
heitrer Stimme: Das Uebel will seine Zeit haben; aber wir drfen hoffen, da es
nicht mehr lange dauern kann. - Dieser fromme Muth nthigte mich, den
trstenden Zuspruch, zu dem ich mich gerstet hatte, in Beifall zu verndern.
Ja ich hoffe, ich bin bereit zu scheiden, antwortete Jemmy; zuweilen habe ich
mich wohl davor gefrchtet, zu andern Zeiten bin ich aber auch recht gefat. -
Jetzt berstrmten seiner Gattin Augen. Wahrlich, Lady, rief sie, er braucht
sich auch nicht zu frchten; denn er war lebelang ein guter Christ, wie nur
einer, und ein guter Ehemann war er auch; und er braucht nicht zu sorgen, da
ihm nicht so eine feierliche Leichenbestattung werden sollte, wie irgend einem,
fr den man ein Grab grub - und das haben wir grtentheils Ihnen zu danken, Mi
Percy, und dafr segne Sie Gott und gebe Ihnen einst ebenfalls einen
friedenvollen Tod! Ja, Jemmy, und wir mssen Gott danken, da du nicht nackt
eingescharrt wirst, unter Fremden und Heiden und allem Abschaum der Erde. -
Nein, James, nahm jetzt Mi Graham das Wort, unter Fremden sollt Ihr nicht
liegen. Ihr sollt den Platz haben, der Euerm Pflegbruder bestimmt war, und Euer
Grabstein soll sein Denkmal seyn und dessen, was Ihr fr ihn gethan. - Ein
Freudenstrahl leuchtete ber des Sterbenden Gesicht. Er wollte ihr danken, aber
von Schwche und Wehmuth verstummt, bewegte er nur seine Lippen; Cecile aber
weinte laut und lchelte auch und verneigte sich fr diese trstliche Zusage.
Charlotte aber fuhr fort: Und wenn Ihr meinen Bruder wiederseht, James, so
grt ihn und sagt, da es mein einziger Kummer ist, seinem Staube gar keine
Ehre zu erweisen, ihn so weit, weit entfernt begraben zu sehen! -
    In diesem Augenblick lie eine zufllige Vernderung meiner Stellung mich
durch das Fenster einen Menschen erblicken, der sich halb hinter eine alte Esche
ganz nah an dem Fenster verbarg. Jetzt kam er einen Schritt nher, und ich
erkannte, da es Robert Goraich war; er lehnte sich an den Baumstamm und blickte
aufmerksam auf das Fenster, seine Arme hingen leblos herab, seine ganze Gestalt
bewies die gnzliche Abwesenheit seiner Gedanken. Ich war im Begriff, Charlotte
auf diese Erscheinung aufmerksam zu machen, als ein lauter Schrei des jngsten
Kindes, das Cecile so eben auf die Arme genommen hatte, unser sonderbares
Gesprch unterbrach. Cecile entschuldigte seine Unart und suchte, ihn auf den
Armen wiegend, durch den summenden Gesang zu beschwichtigen, mit dem Wrterinnen
die Kinder einzuschlfern pflegen. Dazwischen trstete sie das Kind gaelisch und
entschuldigte sich bei uns auf englisch; zugleich bemerkte ich, da sie in ihrem
Gesang und ihrer Zusprache oft die Worte: geh, geh zur Ruh! aussprach, wobei
sie das Kind weit von sich weghielt, als wollte sie es von sich legen. Nach und
nach ging ihr Gesumm und ihr Gesang in wirkliche Worte ber, die bald so
deutlich wurden, da ich sie, trotz meiner wenigen Kenntni des Gaelischen,
vllig verstand. Dieser Gesang hatte etwas unaussprechlich Ergreifendes, - es
war eine Leidensklage, wenn es je eine gab. Da ich sogleich nach meiner
Nachhausekunft den Sinn der Worte aufschrieb, setze ich sie hier her.

Geh zur Ruh, gehe nun!
Schmerzlich sind mir deine Klagen,
Und des Vaters Zorn, Geliebter, weckest du;
Geh zur Ruh!

Meine Liebe schenkt' ich dir,
Doch nun nehm' ich dich vom Busen -
Da mein Leiden ende, geh in Frieden du;
Geh zur Ruh!

Klage nicht mehr, la mir Frieden!
Bis nach langer Nacht am Morgen
Freudig wir uns wiedersehn, geh du,
Geh zur Ruh!

Mir konnte der doppelte Sinn dieses Gesanges, da ich Robert Goraich vor Augen
hatte, nicht entgehen, und weder der arme James, noch Mi Graham konnten
Verdacht daraus schpfen; allein die Kunst in dieser Frau Benehmen erregten
einen so lebhaften Unwillen in mir, da ich, sobald wir die Htte verlassen
hatten, ihn meiner Freundin zu verstehen gab. Anstatt ihn zu theilen, antwortete
sie sehr ruhig: Ich wei, da Cecile sehr viel Klugheit und Geistesgegenwart
besitzt. - Ich behauptete, die Geschicklichkeit, durch welche es dieser Frau
gelungen sey, vor unsern und ihres sterbenden Ehemanns Augen mit ihrem Liebhaber
zu verkehren, verdiene den Namen von Rnkeschmiederei. Charlotte sah mich
erschrocken und hchst mibilligend an. Der Verdacht, da eine Gattin fhig seyn
knnte, unter diesen Umstnden aus pflichtwidrigen Bewegungsgrnden zu handeln,
erfllte sie mit Abscheu. Wie? rief sie, Sie knnten muthmaen? Sie knnten
voraussetzen, da ein Weib alle Schaam also zu vergessen vermchte, da sie ihre
Kinder knnte zu Landstreichern machen wollen? ihren Namen mit der Schmach
bedecken wollen, die Erste in Glen Eredine zu seyn, die ihren Stamm je befleckt?
O nein, nein! lieber wrde Cecile sich unterm Benarde begraben! O nein! eher
stiege Robert, so verrckt er ist, selbst in die Gruft! Nein, Mi Percy, was
Ihnen auch die brige Welt fr Beispiele aufgestellt hat, in Glen Eredine werden
Sie solche Abscheulichkeit nicht finden. - Ich schwieg beschmt - denn selbst
wenn sich Charlotte ber die Tugenden der Erediner geirrt htte, so wre so ein
Irrthum schon der Hochachtung werth.
    Jetzt schlich Robert eine Weile schweigend hinter uns her, endlich sagte er
bittend zu Mi Graham: Wollt Ihr nicht so gut seyn, ihr zu sagen: sie soll mich
nur drei Garben fr sie dreschen lassen? Ich verspreche, so wahr ich lebe, ihrer
Httenthr nicht zu nahen; ich will in der Scheune bleiben und sie keineswegs
plagen. - Es wre ja thricht, Robert, Euch also fr eine Frau zu mhen, die
Euch gar nicht ansieht. - Ich wei wohl, da ich thricht bin, antwortete der
arme Mensch mit einem wehmthigen Lcheln. Nach einigem Stillschweigen, indem er
ehrerbietig hinter uns herging, wiederholte er seine Bitte, und noch einmal, und
noch einmal, weil er die Abwehr immer vergessen zu haben schien. Nur andre
Ursachen setzte er zu seiner Dienstleistung hinzu: damit die Frau kann ihren
Kleinen pflegen, sagte er einmal, und damit sie nicht in der Nacht zu dreschen
braucht - ach, Schlafen thut so gut! - Nun, so schlaft Ihr, guter Robert!
entgegnete Charlotte. Er blickte mit irrem Lcheln vor sich hin: Ich schlafe
nicht mehr, rief er leise und geduldig. O Charlotte, sagte ich und ergriff
bittend meiner Freundin Hand, ich habe Robert und Ihr Thal beurtheilt, wie die
elende Welt, in der ich aufwuchs. Verzeiht ihr beide! nur ein tugendhaftes Weib
kann so eine bescheidne Liebe einflen. - So ist's, meine Ellen. Schlaffe
Moral und ungeordnete Sinne sind nie der Boden, aus dem eine ernste, dauernde
Leidenschaft erwchst. - Schweigend und ernst ging sie nun neben mir her.
    Endlich erschien der Tag, der so sehnsuchtsvolle Hoffnungen erfllen sollte.
Alle Stunden waren gezhlt worden; den Abend, wo Heinrich das erste Nachtlager
auf schottischem Boden halten sollte, ging sein greiser Vater mit einer Art
Feierlichkeit in sein Schlafzimmer - sein Sohn betrat diesen Boden heute auch;
und endlich sprach er, Charlotten und mich beim Schlafengehn umarmend: morgen
um diese Zeit! - und sein Blick suchte den Himmel, als das Einzige, was er noch
Hheres, wie Heinrich, erkenne. Auerdem aber war seine Freude seit ihrem ersten
Ausbruch still; doch sah man, da er mit keinem andern Gegenstand beschftigt
war; auch an alles, was er aus der Vergangenheit erwhnte, hing er eine
Bemerkung, die ihn betraf: damals war Heinrich noch ein Kind, oder: Heinrich
hatte eben sein erstes Hochwild geschossen; und so waren Heinrichs Lebensstufen
sein Kalender. Dazwischen drckte er von Zeit zu Zeit Charlottens und meine
Hnde mit glnzend glckwnschendem Blick. Bis Aberfoyl ihm entgegen zu reiten,
war sein herzlicher Wunsch, er hatte nur einigen Zweifel, ob sich das mit seiner
vterlichen Wrde vertrage; doch Heinrich ist ja nie ein verzogner Knabe
gewesen, bemerkte er, und sonach entschlo er sich zu dem Ritt.
    An dem groen Tage war die ganze Familie schon beim Morgengrauen munter. Wen
ich zuerst erblickte, war Eredine, in voller National-Kleidung, mit jugendlichem
Schritt im Hof umherschreitend. Charlotte, heute gilt's ein derbes Frhstck,
rief er, an den Tisch sich setzend, der geschftigen Tochter zu, wer zehn
Stunden reiten will, darf nicht nchtern bleiben; und mit diesen Worten langte
er frhlich zum Glase. Der Laird hatte beschlossen, ohne andre Begleitung mit
seinem Hausgesinde allein fortzureiten, allein der alte Sackpfeifer wute sich
auf andre Weise zu entschdigen. Er zog, den Grahams Aufruf pfeifend, durch
das ganze Thal, aus allen Htten schlossen sich alle mnnliche Bewohner ihm an,
und mit diesem zahlreichen Zug rckten sie gegen Aberfoyl vor. Die Weiber des
ganzen Clans blieben in der Bezeigung ihrer Theilnahme nicht zurck: von frh an
kamen die Hausmtter, still und ehrbar brachten sie, was ihr Vorrath an
Schinken, Eiern, Geflgel ihnen darbot, zum freundlichen Gru߫ und kehrten
ruhig in ihre Wohnung zurck. Der Tag schien uns von endloser Lnge. Charlotte
war stumm und ruhelos; sie wollte nhen - es gelang nicht; sie nahm ein Buch -
es war vergebens; sie ging wieder und immer wieder in ihres Bruders Zimmer um
sich zu berzeugen, da dort nichts fehle - aber eigentlich nur, um von dort aus
dem Fenster zu schauen, da der uerste Punct der Aberfoyl-Strae dort zu sehen
war. Endlich fing sie an zu sorgen, ob er auch heute ankommen mge, und zrnte
mir fast, wie ich die Mglichkeit des Gegentheils zugeben mute. Gegen den Abend
stellte sie sich an das Fenster und blickte, zuweilen ihre Augen trocknend,
bewegungslos in die dunkelnde Ferne. Der Abend sank und verkndete eine frostige
Nacht. Charlotte zog mich mit sich vor das Schlothor; alles war still; endlich
bellte fern im Thale ein Hund; ich hre die Pfeife! rief Charlotte und fate
meinen Arm. Ich horchte; leise schwirrte der Ton, erstarb und tnte wieder, nach
und nach ward er bis zur Deutlichkeit stark. Grahams Kriegslied, der Hufschlag
der Rosse, der Futritt der Menge, die Stimmen der Menschen wurden deutlich. - -
Charlotte flog den Weg hinab, kehrte um und rief: Nein, vor dieser Menge kann
ich ihn nicht empfangen! und eilte zurck in das Haus.
    Ich erblickte durch das Dunkel die zwei stattlichen Gestalten der
Huptlinge, die am Thor von ihren Pferden gestiegen waren und sich jetzt zu Fu
dem Schlosse nherten, und begab mich in das Zimmer, besorgt, dieses erste
Wiedersehen zu stren; aber bald eilten die Schritte herbei, ich hrte meinen
Namen, die Thr flog auf, und Maitland stand vor mir - - -
    Wie ich am Schlu eines glcklichen, von dem Vater und Charlotten in stillem
Rausch der Freude, die zum Gebet wird, hingebrachten Abends endlich mit meiner
Freundin allein war, machte ich ihr Vorwrfe, meinen Irrthum ber Heinrich und
Maitland vorstzlich genhrt und mich dadurch zu Gestndnissen verleitet zu
haben, die mich jetzt in ihre Hand gben. Wohl erkannte ich das Glck an, von
diesem verehrten Mann im Schoose seiner Familie, als dem Liebling seiner
Geliebtesten, wiedergefunden zu werden, nachdem er mich einst im Wirbel der
Thorheit zurcklie. Ich war deshalb weit entfernt, mir mdchenhafte Ziererei zu
erlauben; aber ich suchte meiner Freundin zu beweisen, da sie mein Vertrauen
durch die falsche Rolle, die sie dem vorgeblichen Maissand aufgetragen hatte,
gemibraucht zu haben schien. Anfangs lachte die in ihr Glck verlorne
Charlotte, bald legte sie mir aber die Grnde, durch die sie ihr Betragen
gerechtfertigt hielt, vor Augen. Nach dem, was ich von Ihnen wute, sagte sie,
konnte ich nicht hoffen, da sie sich wrden von meinem Bruder Ihr Geld
zurckzahlen lassen; sobald ich Sie aber gesehen und liebgewonnen hatte, begriff
ich meines Bruders Schicksal und verstand seine Theilnahme an Ihnen. Auch da
Sie Maitlands Schwester nie Ihr Vertrauen wrden geschenkt haben, wurde mir
klar; und Sie zu mir zu ziehen und an mich zu fesseln, war doch mein Wunsch - es
war mein Wunsch, Sie unter meines Vaters Augen zu bringen, und es ist alles
gelungen, wie ich gewollt habe, und nun werde ich fr meinen Bruder keinen
Schritt weiter thun. - Es war so viel Edelmuth in den Bewegungsgrnden ihrer
Handlungsweise, es war eine so khne Offenheit in diesem Bekenntni lang
fortgesetzter Heimlichkeit, da mein Unwille verstummte; mein natrlicher
Abscheu vor Hinterlist und Larve hielt mich aber von einer gnzlichen Vershnung
zurck. Ich sprach von der Unvorsichtigkeit einer Intrigue, die einzig durch den
Umstand gesichert war, da Maitlands Name nicht im Schlosse genannt wurde. O
nein! rief Charlotte; dieser gemeine Krmername ist im Schlosse kaum bekannt.
Mein sdlnder Oheim machte es den Graham zur Bedingung, ihn zu tragen - und
wahrlich! Eredine konnte den Namen seines Schwagers nicht verachten; aber nie
ward Heinrich so genannt, mein Vater berschrieb nie seine Briefe mit ihm - und
Gott sey Dank! er hat ihn nicht in sein Vaterland zurckgebracht, er ist
Heinrich Graham, wie seine Mutter ihn geboren. Nicht, Ellen, als wenn ich den
Handelsstand verachtete - davor bewahrt mich mein Bruder, der zwanzig Jahr ihn
durch seine Betriebsamkeit ehrte - jeder Erwerb verdient Achtung, aber mir
ducht, ein Edelmann sollte ihn denen berlassen, die Geld bedrfen, um sich
Auszeichnung zu verschaffen. - Nun mute ich lcheln ber die hochgeborne
Schottin, die dem handelfhrenden Sdlnder Hohn sprach und eines
handelfhrenden Sdlnders Tochter aus dem Abgrund der Armuth gerettet hatte, um
sie in die Heimath der Grahams zu verpflanzen. Und whrend meines Lchelns und
Nachdenkens hatte sich der Schlaf auf Charlottens Augen gesenkt.
    Ich stand frh auf, und es war mir lieb, da Charlotte noch frher an ihre
Geschfte gegangen war. Mein Gemth war sehr bewegt. Meine alte Schwachheit war
aber nicht gnzlich unterjocht, denn, mit den ernstesten Betrachtungen im Kopf,
mit berwltigenden Gefhlen im Herzen, blickte ich mehr wie einmal in den
Spiegel und war mir bewut, da Ellen Percy in der schmucklosen Hauskleidung
Maitlands Augen nicht minder gefallen drfe, wie Ellen in der ersten
Jugendblthe und im Flitterstaate des Luxus und der Mode. Wie ich in das Zimmer
trat, war die Familie schon beim Frhstck versammelt. Maitland fhrte mich an
einen Stuhl und setzte sich mit den Worten: ich mu zwischen meinen beiden
Schwestern sitzen, zwischen mir und Charlotte. Die Gte seines Betragens frbte
meine Wangen bei der Erinnerung, wie unverzeihlich ich ihn bei unsrer ehemaligen
Trennung behandelt, mit hoher Schaamrthe; aber er behandelte mich so
achtungsvoll, der Kreis dieser Menschen war so einfach und liebend, da ich in
ihrer Freundschaft das Pfand meiner Veredlung las und mich bald so unbefangen in
Maitlands Gegenwart bewegte, als htte er mir nichts zu verzeihen. Der Tag
verflo, ohne da ein bittres Andenken ihn verdunkelte; dieser und mancher andre
nach ihm. Fortschreitende Arbeiten war ihr Beruf, vereintes Lesen und Gesprche
ihre Erholung, vollendete Arbeiten ihre Feste. Eredine brachte trotz seines
hohen Alters, wie ein wahrer Nordlandsheld, mit seinem edeln Sohn die Vormittage
auf der Jagd hin. Charlotte und ich hatten genug zu thun, um nach unsrer
Hausarbeit in allen Familien von Glen Eredine unsern Beruf als
Kinderlehrerinnen, Rathgeberinnen und Krankenpflegerinnen zu erfllen. Welche
zahl- und endlose Familiengeschichten mute ich anhren! Da war keine Htte im
Thal, deren Ahnherrn und gegenwrtiger Mitglieder Schicksal mir nicht mit den
geringsten Umstnden anvertraut, und in vielen Fllen noch ein prophetischer
Blick in ihre Zukunft vergnnt wurde. Unsre Abende waren entzckend. Wenn der
alte Vater sich aus seinem beeisten Plaid gewickelt, Maitland die Windspiele in
ihre Htte geschmeichelt hatte, und wir alle um das Caminfeuer saen - der
rstige Jger wind nun der feine Gesellschafter der dankbaren Schwestern, er
las, erzhlte, lie sich abstreiten, belehrte, und der verehrte Alte hrte zu
oder nickte bei dem Glck seiner Kinder mit seligem Lcheln ein und wachte unter
ihrem lebendigen Geschwtz mit noch seligerm wieder auf. Wie oft, in dieser
glcklichen Zeit, war ich erstaunt, Maitland je fr kalt und frmlich gehalten
zu haben! Sein ernster und nach Wirksamkeit strebender Geist fhlte sich
freilich bei zweckmiger Zeitanwendung am wohlsten, aber in einem geluterten
Herzen, wie das seine, wird die Freude zum Gottesdienst, und also versagt es
sich derselben nie. Wir scherzten, wie glckliche Kinder, und im Kreis
jugendlicher Nachbarn konnte der reife Mann oft noch wie ein frhlicher Jngling
erscheinen.
    Der Frhling brach an, und nie, seit der Frhling Edens erglhte, konnte
diese Jahrszeit zauberischer seyn. Seine Farben waren so mild, seine Lfte so
balsamisch, so rein, sein Mondlicht so friedlich! Nie werde ich die kstliche
Khlung vergessen, die eines Tags in einem leichten Regenschauer herabthaute und
den ruhigen See mit zitternden Lichtpuncten bedeckte. - Ich stand mit Graham -
denn mit diesem Namen, den sein Land segnet und die Freunde des Rechts und der
Wahrheit verehren, mu ich doch endlich den unlieben Namen Maitland vertauschen;
ich stand mit Charlotte und Graham schutzsuchend unter einer Fichte, kein Laut
ward gehrt, als das Rieseln der Tropfen im See und dann und wann der Ruf eines
fernen Wasservogels. Wie oft, wachend und schlafend, habe ich hiervon
getrumt! sagte Graham leise, als wollte er die Stille nicht stren, und noch
jetzt ist mir, was mich umgibt, wie ein Traum. Diese tiefe Ruhe! Jeder Schatten
liegt noch auf eben der Bucht, auf eben dem Abhange, wie damals, wenn ich so oft
dastand und erstaunte, wie die unermeliche Tiefe des Wassers die grenzenlose
Hhe des Himmels also abbilden knne. Und nun nach meiner langen Verbannung so
vereint zu seyn mit allem, was mir am theuersten ist, seine Nhe zu empfinden -
- Ich fhlte mich pltzlich unendlich beklommen. Ich glaubte seit einiger Zeit
hoffen zu drfen, das Schicksal habe meine Erziehung durch Unglck beendigt und
wolle sie nun durch friedliches Glck, so weit es Menschen vergnnt ist,
vollenden. Da ich mir nur in Vereinigung mit den Geliebten, die jetzt mich
umgaben, Glck denken konnte, leugnete ich mir nicht; aber dieses Glck von Gott
zu erbitten, hatte ich mir in jungfrulicher Zucht und kindlicher Ergebung immer
versagt. Heinrichs Worte sagten deutlicher, wie je, was mich nicht mehr
berraschen konnte; denn das freudenreiche Beisammenseyn eines ganzen Winters
hatte mir bewiesen, was ich jetzt in einem bestimmtern Sinn, mit der
Ueberraschung der ersten Liebe vernahm. Unwillkrlich trat ich einen Schritt von
Graham zurck, und sein ernst auf mich gehefteter Blick konnte mir meine
Unbefangenheit nicht wiedergeben.
    Den folgenden Tag kam ich von einem Gang in das Dorf zurck und wollte eben
in das gemeinschaftliche Zimmer treten, als ich durch die angelehnte Thr
Grahams Stimme in dem festen, bestimmten Ton hrte, wie er ihn nur bei Dingen,
die seinem Herzen sehr nahe waren, zu gebrauchen pflegte. Ist es so, verstand
ich jetzt deutlich, so geh' ich morgen fort, und hier mu sich alles
verndern. - Fort? morgen fort? und ohne einen Gedanken an mich? oder dieses
verndern drckte den vernichtendsten Gedanken aus. Halb entseelt wankte ich
auf mein Zimmer zu; Charlotte begegnete mir auf der Treppe - heil'ger Gott, was
ist Ihnen geschehen? rief sie bei meinem Anblick. Ich eilte neben ihr vorbei
und verschlo mich in mein Zimmer. Ich war nicht mehr das ungestme, seine
Wnsche ertrotzende Geschpf, ich wollte aufrichtig, was Gott wolle, ertragen;
aber in diesem Augenblick vermochte ich nichts, als mir zu gebieten: ruhig,
armes Herz! - und nichts zu beschlieen, so lange es das nicht war. Doch
Charlotten, die so flehend um Einla bat, mute ich die Thr ffnen, ich mute
zum Thee herabgehen, und wie sie alle so zutraulich mir anriethen, zur
Erleichterung des von mir vorgeschtzten Kopfschmerzens ins Freie zu gehen,
mute ich Graham und Charlotte an das Seeufer begleiten. Heinrich bot mir seinen
Arm, ich mute ihn wohl annehmen, aber fern von ihm ging ich und sttzte mich
nicht. Er fragte so theilnehmend nach meinem Befinden, er sprach so zrtlich,
achtungsvoll mit mir, da meine - Angst mehr, als meine Zurckhaltung - wich,
und ich zwar mit Herzklopfen, aber ohne thrichte Heftigkeit vernahm, da
Charlotte uns anwies, unsern Weg allein fortzusetzen, weil sie in einer
benachbarten Htte einen Krankenbesuch abzulegen gedenke. Er fhrte mich auf ein
kleines schattiges Thal zu; ich versuchte anfangs mit Lebhaftigkeit zu
schwatzen, aber es gelang mir nicht; halb beschmt, da ich versucht hatte
unwahr zu seyn, versank ich in ein Stillschweigen, das Graham nicht strte; nur
hie und da theilten wir uns eine Bemerkung mit, die gleichgltige Vorgnge
betraf. In einem Augenblick, wo ich mich zufllig umsah, fiel mir die Schnheit
der Aussicht auf, die uns jetzt am Ausgang des kleinen Thals durch ein paar
Felsabhnge den See im Sonnenglanz zeigte. O, weilen wir hier und blicken
zurck! rief ich, meinen Begleiter aufhaltend. Ja, antwortete Graham mit
einem leichten Lcheln, weilen wir hier und blicken einen Augenblick rckwrts!
vielleicht fr lange, lange Zeit zum letzten Mal! Kommen Sie, Mi Percy, lassen
Sie mir den lieben Arm! lehnen Sie sich auf mich, wie sonst! lassen Sie mich
glcklich seyn, so lange ich darf! - Er schwieg, aber mein Mund war verstummt;
ich htte kein Wort ber meine Lippen bringen knnen. - Graham begann von neuem:
Dieser Abend, diese Stunde vielleicht kann diese reiche, herrliche Natur fr
mich in ewige Trauer kleiden, oder ihre Schnheit ber allen Wechsel erheben.
Ehe wir heute scheiden, Ellen, mu ich endlich erfahren, ob es meinem Leben nie
verliehen seyn soll, Pflicht und Glckseligkeit zu verbinden. Sie wissen, Ellen,
wie lange - Sie begreifen aber nicht, wie zrtlich ich Sie geliebt habe. Der
Mann wird Herr seiner Gefhle, aber diese Herrschaft kostet ihm dennoch sein
Glck. Wenn ich Sie nun so innig liebte, wie Irrthum Sie entstellte, wie
Gleichgltigkeit und Uebermuth mich von Ihnen zurckwies, was mu ich jetzt
empfinden, da Sie alles in sich vereinen, was den Mann im Weibe entzcken mu!
Mich jetzt von Ihnen trennen - jetzt, Ellen, da hier jeder Gegenstand Sie mir
zurckruft! - O Ellen, dazu verurtheilen Sie mich nicht! Kann meine Liebe dich
gewinnen, kann meine Bestndigkeit dir Zutrauen geben, kann dein unschuldiges
Herz sich mit dem Glck befriedigen, das ich dir hier biete, kann eines greisen
Vaters Segen - Der starke Mann wollte vor der Geliebten nicht in Thrnen
ausbrechen, darum schwieg er mit zitternden Lippen. - Ich fand aber jetzt Kraft,
wahr zu seyn, und Worte, es zu uern; Heinrich, sprach ich, sagen Sie mir,
was Sie wnschen! deuten Sie mir an, was Sie glcklich macht! ich darf es Ihnen
versprechen. - Das sprach ich, glaub' ich, wenigstens verstand er mich recht.
Er verstand, da ich nicht mehr das thricht herzlose Geschpf war, das der
Beifall eines Gecken ber die Verdienste eines edeln Mannes verblendete, nicht
das gedankenlose Wesen, dessen Wnsche und Bestrebungen sich um die flchtigsten
Tuschungen des Augenblicks drngten. Er erkannte das kindlich dankbare Herz,
das vom Schicksal erzogen, ertragen, lieben und genieen gelernt hatte. Ellen
war nun wrdig, an seiner Hand in ein beres Daseyn zu pilgern, war fhig, die
Blumen des Weges zu pflcken, dessen Strme zu bestehen.
    Ich bin nun schon manches Jahr ein glckliches Weib; und nie seit dieser
Zeit habe ich Schlo Eredine verlassen, noch es zu verlassen gewnscht. Graham
ist noch immer gewissermaen mein Liebhaber, und wenn mir gleich von Ellen
Percys Muthwillen immer noch ein kleiner Anstrich blieb, gestehe ich doch mit
stolzklopfendem Herzen, da er mir theurer ist, wie je, und ich stolzer, wie je,
auf den Mann blicke, den Alle verehren, und der mich als die geliebte Mutter
seiner Kinder begrt.
    Noch immer leben wir unter den Augen unsers ehrwrdigen Vaters, noch immer
theilt unsre Charlotte seine Liebe und unser Glck Wir sehen Wechsel in diesem
seligen Leben voraus, allein wir kennen ein noch seligeres - und diesem gehen
wir mit der Zuversicht entgegen, wie wir im Schimmer der Abendrthe, der Sonne
nachblickend, freudig denken: bis morgen! - und ihres schneren Aufgehens gewi
sind.

                                    Funoten


1 Aus Youngs Nachtgedanken.

2 Der Gaelische Ausdruck heit: Du lieber Hund.

3 Noch vor wenigen Jahren wurden die Begrbnifeierlichkeiten in den Hochlanden
mit Tnzen beschlossen.

4 Ellen Percy hatte fr Juliens Lage eine Ansicht, die wir, unsrer Ansicht der
Ehe gem, nicht theilen knnen. Sie hielt Julie fr Glendowers gesetzliche
Gattin und das Kind fr seinen rechtmigen Erben, wie spterhin die Gesetze
dasselbe auch zu seyn erklrten.

5 Schottische Redensart.

